Robert des Schiffsjungen Fahrten und Abenteuer auf der deutschen Handels- und Kriegsflotte.

Erstes Kapitel

Zu Hause

In dem holsteinischen Flecken Pinneberg stand vor Jahren am Ufer der Pinnau das kleine einstöckige Häuschen des alten Schneidermeisters Kroll. Ein Gemüsegarten erstreckte sich vom Hof bis zum Wasser herab, und mehrere baufällige Scheunen beherbergten unter ihren moosbewachsenen Ziegeldächern allerlei solche Tiere, welche auf dem Lande die meisten Leute selbst zu halten und zu schlachten pflegen, nämlich Schweine, Hühner und Tauben; außerdem aber auch noch zu anderweitigen Wirtschaftszwecken eine Kuh und zwei Ziegen. Daneben fand sich ein Holzstall, ein Heuboden, eine Geschirrkammer und ein kleiner ausgemauerter Raum, den einige zehn bis zwölf Kaninchen bewohnten. Diese letzteren gehörten Robert, dem fünfzehnjährigen Sohn des Meisters, der überhaupt als Oberaufseher und Proviantmeister für die sämtlichen Bewohner des Hofes von seinem Vater angestellt worden war, obgleich er freilich dies Amt nicht immer zur Zufriedenheit des Alten verwaltete. Manches Mal, besonders an Sommerabenden, brüllte, grunzte und piepste es in den Ställen jämmerlich durcheinander, bis denn der Meister mit der Brille auf der Nase herauskam und in all die leeren Futtertröge schaute. »Daß Gott erbarm, wo steckt wieder der Junge? Auf und davon, sobald die Feierabendglocke geschlagen hat, anstatt sich noch in Haus und Hof nützlich zu machen, noch einen Schilling extra zu verdienen, oder wenigstens ein gutes Buch zu lesen. Der schwimmt irgendwo auf der Aue oder auf dem Mühlteich, das ist nur allzu gewiß, und wenn es mir nicht gelingt, ihn zahm zu machen, so wird er ein Vagabund, ein Taugenichts. Daß Gott erbarm!«

Und kopfschüttelnd versorgte der Alte die Tiere, kopfschüttelnd nähte er wieder Fleck nach Fleck auf die beschädigten Kleidungsstücke der Ortsbewohner und überlegte zum hundertsten Male, womit er seinen einzigen Sohn zur Vernunft bringen solle. Robert war ein so kluger Junge, konnte alles spielend vollenden, was andern die größte Mühe verursachte, aber er hatte »seinen eigenen Kopf«, wie der Vater seufzend dachte, und er verachtete heimlich das Schneiderhandwerk, zu dem er doch auf jeden Fall erzogen werden sollte. Ja, er verachtete es, er warf Schere und Bügeleisen in den Winkel, sobald das irgend möglich war, und lief – daß Gott erbarm! dachte der Alte, – lieber mit einem Loch im Ärmel herum, als daß er sich's fein säuberlich zugenäht hätte.

Meister Kroll ließ die Hand mit der Nähnadel in den Schoß sinken und schaute vom Tisch herab ganz trübsinnig auf die Straße hinaus. »Könnte es so schön haben,« murmelte er vor sich hin, »könnte so warm sitzen und will durchaus in die weite Welt laufen, um sich erst einmal mürbe machen zu lassen und auszuprobieren, wie fremder Leute Brot schmeckt. Soll aber nichts daraus werden, so wahr ich Hans Fürchtegott Kroll heiße. Den einen Jungen besitze ich nur, das Häuschen ist schuldenfreies Eigentum und die Kundschaft nährt ihren Mann, also was will der Robert weiter? Nicht dem hundertsten wird's so aufgeschüsselt, daß er nur den Löffel hineinzutauchen braucht. Was sagst du dazu, Mutter?«

Die alte Frau fuhr mit der Schürze über die Augen. »Es kommt nichts danach, Vater, du kannst ihn nur halten, bis er ausgelernt hat, dann geht er zur See.«

Der Alte nickte vor sich hin. »Hat dir's wohl schon alles anvertraut, nicht wahr, Frau?« brummte er, »aber daraus wird nichts. Einen Zunftzwang gibt es nicht mehr, zu wandern braucht er nicht und damit basta.«

Die Mutter schwieg klüglich, um nicht ihren Mann nur noch mehr aufzubringen und dadurch dem Jungen zu schaden. Sie machte diesem vielmehr, wenn er spät nach Hause kam, allerlei heimliche Zeichen, daß er nur ganz still ins Bett kriechen und sich gar nichts merken lassen solle.

»Der Junge muß sich doch am Abend ein bißchen austoben,« dachte sie. »Er ist ja noch ein Kind, das vergißt der Alte nur.«

Sie nahm sich auch, wenn es irgend möglich war, der Tiere an und verschwieg es dem Vater, wenn Robert heimlich fortgelaufen war. »Er mag einmal durchaus nicht sitzen,« überredete sie sich, »und den einzigen Jungen habe ich nur. Warum soll er beständig arbeiten, als wären wir arme Leute, die das Brot trocken essen müssen? Laß ihn nur laufen.«

Das war aber eine törichte Liebe, und die schlimmen Folgen zeigten sich bald. Der Vater schlug den Jungen mehr als er verdiente, die Mutter dagegen half ihm, sich durch fortwährende kleine Lügen diesen Bestrafungen zu entziehen, und Robert selbst wurde immer trotziger, immer ungehorsamer.

»Ich will kein Schneider werden,« erklärte er eines Tages dem Alten rund heraus, »ich habe dazu keine Lust. Das Schifferhandwerk ist auch ein ehrliches Gewerbe, nicht schlechter als sonst eines, und gerade danach steht mein Sinn. Ich möchte mehr von der Welt sehen als nur das kleine Pinneberg.«

Der Meister schüttelte den Kopf. »Ist alles dummes Zeug,« versetzte er. »Sollst in die Kundschaft hereinwachsen, dies Häuschen übernehmen und – beliebt's Gott! eines Tages von hier aus begraben werden, wie schon mein Großvater selig und mein Vater von hier aus begraben worden sind. Sie waren Schneider vom Vater auf den Sohn, und du wirst's auch, du bekommst den Platz auf diesem Tisch, sobald ich einmal unterm Grünen liege. Dabei bleibt's, verstanden?«

Robert weinte bitterlich. »Ich seh's aber gar nicht ein!« schluchzte er.

»Ich desto besser. Bleibe im Lande und nähre dich redlich! heißt der alte Spruch. Wer's nicht getan hat, der mußte es bitter zu seinem Schaden erfahren.«

Robert hob plötzlich den Kopf. »Wenn aber jeder in seinem Lande geblieben wäre, dann sähe doch die Welt ganz anders aus!« rief er. »Christoph Columbus und –«

»Ach laß doch die greulichen Heiden. Es hilft dir alles nichts, die Krolls sind von jeher Schneider gewesen und du wirst's auch. Da, diese Naht nähst du mir mit einem sauberen Steppstich. Finde ich einen Tadel daran, so schmeckst du den Stock, und nun den Mund gehalten, wenn ich bitten darf. Lehrjungen plappern nicht während der Arbeitsstunden.«

Robert mußte sich fügen, aber in seiner Seele wuchs das Verlangen nach Erlösung aus diesen Verhältnissen immer stärker. Hier bleiben fürs ganze Leben, nie etwas anderes sehen als den engen Hof und die enge Straße, das war schrecklich. Der Vater erlaubte gar kein Vergnügen, keine Erholung, er gestattete ihm nicht ein einziges Mal, mit der Eisenbahn nach Hamburg zu fahren oder in Gesellschaft anderer Knaben eine Fußreise zu machen. »Das alles kostet Geld und Zeit,« war die Antwort, welche er seinem Sohne gab. »Was willst du in Hamburg? Da stehen Häuser und laufen Menschen wie hier. Der Taler wäre ganz umsonst ausgegeben.«

Robert senkte mutlos den Kopf, »Und die Schiffe und die Elbe?« fragte er kleinlaut. »Das ist doch sehenswert.«

Der Alte wich und wankte nicht. »War mir allezeit ein Greuel, das Matrosenwesen,« antwortete er. »Die Kerle fluchen und trinken und sind Verschwender von Profession. Hat so einer seine Heuer empfangen, dann geht es darauf los, als könnte die Geschichte gar kein Ende nehmen. In die Sparkasse wandert kein Schilling.«

So endete jeder Versuch, etwas mehr Freiheit zu erringen, und Robert wurde endlich ganz stumm. Er grollte seinem Vater, daher sprach er nicht mit ihm.

Um diese Zeit machte er eine Bekanntschaft, die für seine ganze Zukunft von schwerwiegender Bedeutung werden sollte. Der Seilermeister, dessen Bahn an den Krollschen Garten stieß, hatte einen neuen Gesellen in Arbeit genommen, und Georg, so hieß er, suchte sehr bald den Umgang des verdrießlichen Schneiderlehrlings.

Nur um wenige Jahre älter als Robert, hatte er von der Welt schon ein gutes Stück gesehen, war als Schiffsjunge in fremden Ländern gewesen und kannte alles, was zum Seewesen und -Unwesen gehört, auf das allergenaueste. Kein Wunder also, daß sich Robert auf das beste mit ihm befreundete.

Zuerst sprachen die beiden nur über den Zaun hinweg, dann aber schlüpfte Georg hindurch, und auf dem Heuboden entspann sich die lebhafteste Unterhaltung. Robert horchte dem, was ihm der Seiler erzählte, wie einer Verkündigung. Endlich, endlich hatte er gefunden, was er suchte, endlich durfte er alle diese Dinge kennen lernen, nach denen seine Seele dürstete. Selbst an die Bootsfahrten auf dem Mühlenteich dachte er nicht mehr, sondern verbrachte jede freie Stunde neben dem neuen Kameraden auf dem Heuboden oder im Holzstall. Georg mußte fortwährend erzählen.

Der schlaue Bursche wußte sehr bald seinen Vorteil wahrzunehmen. »Willst du eine Zigarre?« fragte er einmal, »oder ist dir eine Pfeife lieber?«

Robert errötete. »Ich – ich habe noch nie geraucht!« stammelte er.

»Was? nicht geraucht?« lachte der andere. »Darfst's wohl nicht, kleiner Junge, was? Gibt dir der Alte noch Schläge?«

Robert sah zur Seite. »Oh nicht doch,« versetzte er, »wohin denkst du? Und das Rauchen verbietet der Vater auch nicht, ich – habe schon manche Zigarre verdampft, aber –«

»Ha, ha, ha, und vor zwei Minuten

sagtest du das Gegenteil, Bürschchen. Dich haben sie aber schön in der Zucht.«

»Gib her!« rief Robert, gereizt durch den Spott des anderen. »Gib her! Und verböte es meinetwegen der Vater, so würde ich mich doch nicht daran kehren.«

»Das meine ich aber auch. Wie alt bist du eigentlich, Junge?«

»Bald sechzehn,« versetzte Robert. »Du brauchst mich übrigens gar nicht ›Junge‹ zu nennen, Georg. Ich bin fast so alt, wie du selbst.«

Der Seiler lächelte überlegen. »Wirst ja noch wie ein kleines Kind behandelt, mein Bester,« sagte er, »daher kommt's wohl. Ich glaube, du mußt um Erlaubnis fragen, wenn du nießen willst. Na, da war ich dir ein anderer Kerl!«

»So,« fragte Robert, mannhaft gegen den Tabaksdampf kämpfend, »und wie fingst du die Geschichte an? Warst du bereits Schiffsjunge?«

»Natürlich. Ach, das ist ein Herrenleben, sage ich dir. Es geht nichts über die See. Sollte ich so wie du auf dem Tisch sitzen und immer mit der Nadel in die Lappen hineinbohren, das Ware mir was rechtes. Weiberarbeit und weiter nichts, – ich danke dafür!«

Robert hatte große Lust zu weinen. Die Beschäftigung, welche ihm von seinem Vater aufgedrängt wurde, erschien ihm in diesem Augenblick wie eine Art Schande.

»Ja, du hast gut reden,« seufzte er. »Aber was soll ich machen? Mein Alter läßt mich nicht los, so oft ich ihn auch bitte.«

»So mußt du einfach fortlaufen,« sagte gleichgültig der Seiler.

Robert erschrak heftig. Noch war er nicht verdorben genug, um einen solchen Gedanken in seiner Seele Wurzel fassen zu lassen. »Das wäre ja Sünde!« stammelte er.

Der Seiler lachte spöttisch. »So bleib hier,« gab er zurück, »und bete das Vaterunser, ehe du einschläfst. Ich würd's auch tun.«

Robert verbiß das Unwohlsein, welches ihm die Zigarre verursachte. Um keinen Preis hätte er dem anderen eingestanden, daß ihn dies männliche Vergnügen jämmerlich über den Haufen zu werfen drohte. »Warum verspottest du mich immer?« fragte er. »Lieber erzähle mir von deinen Reisen.«

Der Seiler gähnte. »Die Kehle wird einem trocken dabei,« antwortete er. »Hat dein Alter nirgends einen Schluck hinter seinen Flicken und Lappen verborgen?«

»Branntwein?« fragte Robert, »den trinkt er nie.«

»Gott, welch ein Muster von einem Manne. Ihr seid ja die reinen Mucker!«

Robert erhob sich, etwas schwankend, aus dem Heu. »Bier haben wir,« sagte er. »Ich will dir eine Flasche holen.«

»Du!« rief ihm Georg nach, »bring auch einen Bissen Brot mit und ein Stück Speck oder dergleichen. Deine Alte hat ja natürlich die Speisekammer voll.«

Robert winkte ihm. »Pst, – laß es doch niemand hören.«

Dann aber schlich er fort und gelangte durch eine zerbrochene Scheibe in den kleinen Vorratskeller. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er eine Bierflasche und ein tüchtiges Stück Schinken an sich nahm. Das war gestohlen, sein Gewissen sagte es ihm laut genug.

Jeden Augenblick glaubte er den schlürfenden Schritt des Vaters zu hören. Und nannte nicht dort jemand seinen Namen – »Robert!«

Er horchte. So bestimmt hatte er's geglaubt.

Aber alles blieb still.

Leise wie ein Dieb kroch Robert wieder durch das Fenster in den Hof hinauf und brachte seinem Freunde das Verlangte. »Da, nun iß,« sagte er, »und dann erzähle. Warum bist du überhaupt vom Seewesen abgegangen?«

Der Seiler setzte die Flasche erst wieder auf den Fußboden, als sich kein Tropfen mehr darin befand. »Warum?« wiederholte er. »Hm, ich habe einmal das Bein gebrochen, – bin aus dem Mast gefallen und kann daher nicht mehr klettern.«

Robert zertrat heimlich die Zigarre mit dem Fuß. Er konnte es nicht ertragen, länger zu rauchen, aber dennoch empörte sich sein falscher Stolz gegen das Eingeständnis dieser Schwäche. »Aus dem Mast gefallen?« wiederholte er. »Binden sich denn die Seeleute nicht fest da oben?«

Der Seiler wollte sich ausschütten vor Lachen. »Festbinden!« rief er, »das ist köstlich. Nein, du, sie machen sich's noch bequemer, will ich dir sagen, die Mutter muß mit an Bord und auf dem Verdeck die Schürze ausbreiten, dahinein fällt der Junge, wenn er das Gleichgewicht verliert.«

Robert errötete. Das und so vieles andere waren Anspielungen auf seine abhängige Lage und auf den strengen Gehorsam, welchen der Vater von ihm forderte; er fühlte es mit dem ganzen Groll, der so leicht ein junges Herz erfaßt, wenn seine ersten unreifen Freiheitsbestrebungen keine Geltung erlangen können.

»Du bist glücklich,« sagte er, »kannst tun und lassen, was dir beliebt. Aber ich muß ein Schneider werden, weil es der Vater durchaus will. Wenn er nur erfährt, daß ich einmal auf dem Mühlenteich gefahren bin, so gibt es schon – –«

»Kopfnüsse!« ergänzte gleichmütig der andere. »Kann ich mir genau denken, du kleine Unschuld. Aber warum fährst du nicht in der Nacht? Eben jetzt haben wir die günstigste Jahreszeit dazu. Wahrhaftig, ich möchte einmal an des Müllers Segelboot meine Kunst wieder üben.«

Roberts Herz klopfte ungestüm. Wie dreist war Georg, wie leicht schien das alles, wenn man ihn so sprechen hörte. An das Segelboot des reichen Müllers hatte er selbst noch nicht einmal zu denken gewagt. Das lag ja mit einer Kette und einem Hängeschloß befestigt an dem zierlichen, über das Wasser hinausgebauten Gartenhaus, es war das Eigentum fremder Leute, wie konnte man also davon sprechen, als dürfe nur der erste beste hingehen und es zu seinem Vergnügen besteigen?

»Ja,« sagte er ganz verwirrt, »aber das ist nicht erlaubt!«

»Ach, dummes Zeug. Was schadet es den Planken, wenn wir einmal ein wenig darauf herumtrampeln? Du glaubst gar nicht, wie angenehm es ist, bei stillem Wetter im Boot zu liegen und sich von den Wellen schaukeln zu lassen.«

»Das weiß ich!« rief mit glänzenden Augen der Knabe. »O es ist ein Vergnügen wie kein anderes. Der Kahn des Holzhändlers da oben an der Eisenbahn ist mir von den Leuten erlaubt worden, weil ich ihnen kleine Gefälligkeiten leiste, und da fahre ich denn häufig nach Feierabend quer über den Teich. Freilich, der Vater darf's nicht wissen.«

Georg kaute noch an dem mitgebrachten Schinken. »Der platte, schwerfällige Kahn,« sagte er verächtlich »der Klotz, an welchem man sich die Arme lahm rudern muß. Nein, mein Junge, was erst große Anstrengung kostet, das ist kein Vergnügen mehr. Ein Segelboot stiegt wie eine Möwe über das Wasser, aber dein Kahn gleicht einem Schubkarren, der dir Schweiß und Flüche auspreßt. Versuch erst einmal den Unterschied.«

Robert war bereits halb besiegt. »Meinst du, daß es ginge?« fragte er. »Das Boot ist angeschlossen, glaube ich.«

»Nun, dafür hat man krumme Nägel. Wir wollen ja nicht stehlen.«

»Freilich, freilich,« murmelte Robert. »Wie komme ich nur aus dem Hause, daß es die Eltern nicht merken? Den Schlüssel darf ich auf keinen Fall nehmen.«

»Ist ja auch gar nicht nötig, du Hasenherz. Die Hoftür hat jedenfalls einen Riegel, und den zieht man leise zurück, das ist das Ganze. Die Alten schnarchen ruhig weiter.«

»Ja,« rief Robert, »aber dann stände das Haus offen!«

»Nun, und was schadet das weiter? Schätze werden in dem alten Rumpelkasten nicht verborgen sein, denke ich.«

Robert lächelte. »Schätze wohl nicht, du, aber ein Paar hundert Taler hat der Alte doch im Schrank. Er bringt es immer erst zur Sparkasse, wenn das Tausend voll ist, so alle zwei oder drei Jahre.«

Georg hatte aufmerksam zugehört. »Sieh, sieh,« versetzte er, »also ein Krösus im kleinen. Ja, die Schneider sind kluge Leute und sparsam dazu.

Es tranken ihrer neunzig, und neunmalhundertneunzig –
Aus einem Fingerhut!«

Robert seufzte. »Die Schneider sind doch überall verachtet,« sagte er. »Ich mag keiner werden, und wenn es auch noch so viel Geld abwirft.«

Georg nickte. »Wäre auch schade um einen so strammen, kräftigen Burschen wie du bist,« meinte er. »Gott, wenn ich dich als Leichtmatrosen denke, – du könntest es in ein paar Jahren zum Kapitän bringen. Und ein solcher ist ein König im kleinen.«

Robert fuhr mit der Rückseite der Hand über die Augen. »Es hilft mir ja doch zu nichts,« stammelte er. »Ich darf nicht fort.«

»Ach, Unsinn. Komm nur erst einmal mit mir auf den Mühlenteich hinaus, dann wird dir der Mut schon wachsen. Wie wäre es, wenn wir morgen die Geschichte versuchten? Du legst dich um neun Uhr in deine Koje und schnarchst wie ein Bär, bis du merkst, daß die Alten ihr Vaterunser heruntergeleiert haben und sanftselig von ihren Sparkassenbüchern träumen, dann schlüpfst du zur Hoftür hinaus, aber nicht ohne ein wenig Mundvorrat, das sage ich dir. Gute Kost ist immer die Hauptsache.«

Robert fühlte, wie mächtig ihn die Versuchung ergriff. Was wäre es denn auch weiter? Die Söhne des Müllers durften nach getaner Arbeit im Boot fahren, soviel sie wollten, er hatte es oft gesehen und auch dem Vater vorgehalten, wenn ihm dieser jedes Vergnügen versagte; dann schüttelte der Alte ärgerlich den Kopf. »Der Müller ist ein reicher Mann,« antwortete er, »hat Geld und Gut die Fülle, da kann er es schon treiben, wie es ihm gefällt. Du aber bist armer Leute Kind und mußt Pfennig auf Pfennig legen. Ich hab's auch so gemacht.«

Es war dem Knaben, als höre er die warnende Stimme des alten Vaters, aber doch konnte sein Herz nicht widerstehen. »Ich komme, Georg,« flüsterte er, unwillkürlich leise sprechend, als fürchte er sich vor dem Verbotenen. »Wo treffen wir uns?«

»Hm, ich denke am Mühlenteich. Du kennst ja jedenfalls im Garten des Müllers die Gelegenheit, nicht wahr? Hast da manchen Apfel und manche Pflaume erwischt.«

Robert schüttelte den Kopf. »Ich bin dort gewesen,« antwortete er, »aber mit den Söhnen des Müllers. Früchte gestohlen habe ich nie.«

Georg lachte. »Dann weißt du noch gar nicht, wie sie schmecken,« sagte er in leichtfertigem Tone. »Aber komm nur hin, kleiner Tugendprinz, und bring mir von demselben Schinken ein tüchtiges Stück mit. Deine würdige Frau Mutter hat dies verstorbene Borstvieh außerordentlich schmackhaft zubereitet.«

Robert versprach es, und dann trennten sich die beiden Genossen. Während der Seiler zufrieden lächelnd seine Herberge aufsuchte, kroch unser junger Freund, an allen Gliedern wie gelähmt, mit brennender Zunge und schwerem Kopf zunächst wieder in den Vorratskeller hinunter, um dort die leere Flasche an ihren Ort zu stellen, und dann ging er schleunigst zu Bett. So unwohl hatte er sich noch nie im Leben gefühlt. Es war ihm als wolle die Stirn zerspringen vor Schmerz.

Am folgenden Morgen hatte er Ränder um die Augen und sah ganz blaß aus. Das Essen flößte ihm Widerwillen ein. Dennoch aber arbeitete er den Tag über mit besonderem Fleiß, um nur keinen Verdacht auf sich zu lenken, und ging früh wieder in sein Bett.

O wie lang wurde dieser Abend! Der Vater hatte noch spät eine fertige Arbeit auszutragen, und die Mutter knetete das Brot, Gott weiß wie lange. Es schien dem ungeduldigen Robert, als sei ein Jahr vergangen, seit er sich unter die heißen Federn legte. Zehnmal war er im Begriff wieder aufzustehen, aber immer hinderte ihn die Furcht, sich dadurch verdächtig zu machen. Sein böses Gewissen ließ ihn vor jedem Geräusch erzittern.

Aber alles nimmt ein Ende, auch der längste und der langweiligste Abend. Endlich war der Teig fertig und der Vater wieder nach Hause gekommen, endlich das Licht ausgelöscht und in der anstoßenden Kammer die Eltern zur Ruhe gegangen. Nur noch wenige Worte wurden gewechselt, dann schliefen die arbeitsmüden Menschen, dann regte sich im ganzen kleinen Räume kein Laut mehr. Robert konnte geräuschlos aus dem Bett und in die Kleider schlüpfen.

Seine Stiefeln behielt er in der Hand. Nur noch geschwinde wieder den Keller aufgesucht – heute schon viel gleichgültiger als gestern, – dann zog er den Riegel von der Hoftür. Auf seinen Wangen brannte das Rot der Furcht und der Beschämung. Sollte er wirklich fortgehen, die ahnungslosen schlafenden Eltern keck betrügen, ihr Hab und Gut preisgeben, ihr Verbot übertreten? – Noch auf der Schwelle zögerte er. »Kein guter Sohn tut das!« flüsterte die Stimme des Gewissens.

Ja, aber wie wird Georg lachen, wie wird er mich morgen verspotten, dachte der Knabe. Ich hör's schon, daß er sich lustig macht. »Bist kein Kerl, du kleiner Schneider, hast keinen Mut. Geh, nähe zahme Stiche und laß dir von den Alten die Lehren der Weisheit und Tugend vorpredigen, bis du ganz dumm geworden bist. Die Schafsköpfe leben am längsten.«

Er murmelte eine Entschuldigung, als stände Georg mit seinem mageren, blassen Gesicht und dem höhnischen Blick im Mondlicht unmittelbar vor ihm. Nein, nein, so feige und unzuverlässig konnte er sich nicht zeigen. Hingehen mußte er.

Mit drei Sätzen war die Hecke des Nachbargartens überklettert, Flaschen und Mundvorrat hindurchgeschoben, und nun ging's in eiligem Laufe weiter. Der schlurfende Schritt des einzigen alten Nachtwächters, sein Stolpern über das schlechte, unebene Pflaster waren schon von weitem zu hören, – er konnte einer Begegnung leicht ausweichen. In weniger als einer Viertelstunde hatte er die Gruppe hoher alter Linden erreicht, unter deren Schatten der Eingang zum Garten des Müllers sich befand.

Georg trat ihm plötzlich von der Seite entgegen, so daß er erschrak.

»Ach, – du bist's,« flüsterte er. »Ich dachte schon der Müller –«

»Paßte hier auf, um mich gottlosen Sünder ans Messer zu liefern, nicht wahr?« lachte der Seiler. »Bist du aber ein Hasenfuß, Prinz vom Bügeleisen. Na, komm nur; im Garten ist niemand, ich habe ihn schon ausgekundschaftet.«

Die beiden durchschritten den langen Kiesgang und kamen an ein kleines chinesisches Gartenhaus, dessen Tür verschlossen war. Robert wandte sich bedauernd zu seinem Gefährten. »Was nun?« fragte er.

Der Seiler suchte in allen Taschen. »Wirst's gleich sehen,« versetzte er. »So mußt du die Sache anfassen! – Das ist keine Hexerei.«

Er hatte ohne viele Mühe das Schloß geöffnet, noch ehe Robert eine Einwendung erheben konnte. Mit pochendem Herzen folgte ihm dieser in den kleinen offenen Raum, an dessen Treppe das Segelboot auf dem Wasser lag. Heller Mondschein überflutete den breiten Teich und seine hübschen, von grünen Wiesen umrahmten Ufer; weiße Schwäne segelten langsam vorüber.

Georg wandte sich blinzelnd zu seinem jüngeren Gefährten. »Wie angenehm ist es doch, ein reicher Mann zu sein, nicht wahr, Robert?« fragte er. »Aber der Einfältige, der Schüchterne wird es nie im Leben. Sieh, wie oft hast du schon im stillen die Söhne des Müllers um ihr hübsches Segelboot beneidet, aber hingehen und dir's nehmen, das wagtest du nicht. Jetzt fahren wir und kehren uns nicht daran, wer das Ding bezahlte, – so macht es der Kluge überall.«

»Aha, ein hübsches Fahrzeug,« fuhr er fort, »verteufelt nett. Alles so fein gemalt und sauber gehalten, man sollte meinen, daß es richtige Teerjacken wären, die es unter Händen haben. Wahrhaftig, auch ein Flaschenkorb! Prosit, Müller!«

Er trank ein paar Schluck von dem Branntwein, der sich vorfand, und öffnete dann das Schloß des kleinen Bootes, alles mit einer Sicherheit, als sei er der rechtmäßige Eigentümer dieser Dinge. Robert folgte ihm, und dann stießen sie ab, nachdem der Seiler vorerst das aufgerollt Segel »gesetzt«, d. h. es an dem einzigen Mast des Fahrzeuges »aufgehißt« hatte. Er schien so recht in seinem Elemente zu sein; das Vergnügen lachte aus seinen Gesichtszügen.

»Schau her, Landratte,« rief er, »lerne ein Boot bedienen. Da oben sitzt die »Rolle« oder »Scheibe« und an dieser ist das Tau befestigt, worauf unser Großsegel »fährt«. Es heißt »Fall«, dies Stückchen Seilerarbeit, und der höchste Punkt des Mastes heißt »Topp«. Die Stange, welche in der oberen, dem Maste gegenüberstehenden Ecke des Segels in einer Tauöse, »Kausche«, befestigt ist, und welche unten am Mast in einem beweglichen Tauring steht, heißt das »Spriet« und dient dazu, das Segel straff zu ziehen, damit es den Wind besser aufzufangen vermag. Hast du deinen Herrn und Meister begriffen, kleiner Gelbschnabel?«

Robert horchte fast andächtig. Sein Herz hüpfte vor Freude, wie man zu sagen pflegt. Unter sich den blauen Spiegel des Teiches und über sich das weiße bauschende Segel, – er glaubte, daß es auf der Welt kein größeres Vergnügen geben könne. Vergessen war der Ungehorsam, das Verbrechen, fremder Leute Schlösser gewaltsam geöffnet zu haben und die Gefahr einer etwaigen Entdeckung. Robert empfand nur die Seligkeit, in einem wirklichen Schiff, wie er es nannte, fahren zu dürfen. Langsam glitt das Boot über die Wellen dahin.

»Du bist ja ganz stumm geworden,« lachte der Seiler. »Hast am Ende noch gar nie die Planken eines Schiffes betreten?«

»Ach,« seufzte Robert, »nie eins gesehen sogar.«

»Unmöglich! du bist doch gewiß oft in Hamburg gewesen?«

»Noch nie. Vater gibt keinen Pfennig unnötig aus.«

Georg zog verächtlich die Schultern empor. »Dein Alter ist ein Narr,« sagte er, »aber du bist ein dreifacher, mein Söhnchen. Paß nur auf, die Gelegenheit zu einem Abstecher nach Hamburg soll sehr bald kommen. – Hast du etwas zu leben mitgebracht?«

Robert reichte dem Freunde das Bier und die Speisen. »Sind alle Boote so eingerichtet wie dieses?« fragte er. »Ach, das Segeln ist doch ganz etwas anderes als das Rudern.«

»Habe ich dir's nicht gleich gesagt, Däumling? Aber das Ei will immer klüger sein als die Henne. Was wirst du erst für Augen machen, wenn wir uns einmal auf einem Dampfer befinden.«

»Wie sind die eingerichtet?« fragte begierig der Knabe.

Georg lachte laut. »Wie tief ist das Meer bei Grönland, mein Junge? Ebensogut könnte ich das auf Stecknadelbreite angeben als ohne weiteres beantworten, wie Dampfschiffe eingerichtet sind. Sehr verschieden, das ist vorerst alles, was du zu wissen brauchst. Immer langsam voran, daß der Pinneberger Schneider nachfolgen kann. Wollen jetzt einmal bei den Booten stehen bleiben und ihre Unterschiede kennen lernen. Da gibt es z.B. solche, welche kein Spriet haben, sondern an deren oberem Rande eine Stange befestigt ist, die man »Raa« nennt. Die Leine heißt in diesem Fall »Lißleine« und jedes Segel ist mit dicken Tauen umsäumt, hier »Segellicke« genannt. So gibt es ein »Oberlick«, »Unterlick«, »Meßlick« und »Achterlick«. Wo ihrer zweie eine Ecke bilden, ist eine eiserne oder messingene Kausche eingenäht. Die untere Ecke am Mast heißt der »Hals« des Segels, die andere, gegenüberstehende, die »Schoote«. Bei sehr großen Segeln werden in den Kauschen dieser Ecken Flaschenzüge, »Blöcke« genannt, befestigt und Taue in dieselben hineingeleitet. Letztere heißen »Läufer«. Die Blöcke sind entweder einscheibige, zwei- oder dreischeibige Flaschenzüge, je nachdem sie weniger oder mehr die Last vermindern oder die Zugkraft erhöhen sollen. Sie werden immer nur paarweise verwendet und heißen dann »Taljen« – nach ihrer bestimmten Stelle »Halstalje«, »Schootentalje« u.s.w.«

»Mein Gott,« unterbrach der Knabe, als Georg einen Augenblick schwieg, »wie kannst du das alles im Kopfe behalten?«

Der Seiler zog aus der Brusttasche seiner Jacke eine kleine Flasche hervor und tat einen tüchtigen Zug. Dann reichte er Robert den Rest. »Trink's aus, mein Junge,« sagte er.

Unser Freund hielt verlegen das Fläschchen in der Hand. »Branntwein?« fragte er.

»Natürlich, es ist kein Gift, du kleine Unschuld. Hast wohl gar noch niemals ein Paar Tropfen über die Zunge laufen lassen?«

Robert umging die Antwort, indem er das gebotene Getränk eilends verschluckte. Es schmeckte ihm schlecht, aber er fühlte sehr bald eine angenehme Wirkung, so etwas wie ein Wachsen und Dehnen aller Kräfte, eine Unternehmungslust, die ihn nie vorher in dem Maße beseelt hatte.

»Ich möchte, daß das Amerika wäre oder Afrika,« sagte er, auf die bewaldeten Ufer deutend, »und daß dort Wilde hausten, die wir bekämpfen oder überlisten würden. Hast du wohl schon wirkliche Schwarze gesehen, Georg?«

»Gesehen?« lachte dieser. »Das ist nicht schlecht, wahrhaftig. Ich bin dir über ein Jahr lang als Feuermann auf den Red- River-Dampfern gefahren, mit lauter Negern als Schiffsmannschaft.«

Roberts Augen glänzten. »Habt ihr da Abenteuer erlebt, du?«

»Mit den Schwarzen? Das sind urgemütliche Kerle, sage ich dir. Wenn ihre Arbeit getan ist, so balgen sie sich wie die Kinder und stoßen mit den eisenharten Köpfen zum Spaß wie die Ziegenböcke gegeneinander. Einmal, als bei einer großen Überschwemmung alle Holzlager weggespült waren und auch in den durchnäßten Wäldern kein brauchbares Feuerungsmaterial aufgetrieben werden konnte, nahmen wir zum Ersatz desselben die Fenzriegel der Farmen, und unsere Neger mußten, so oft der Vorrat zur Neige ging, ans Land, um wieder Nachschub herbeizuschaffen. Das war überaus komisch.

»Denke z.B., daß unser harmloses kleines Gehölz der Urwald wäre, von himmelhohen Stämmen gebildet, von Unterholz und Schlingpflanzen in eine grüne, unentwirrbare Wildnis verwandelt und von zahlreichen Tieren bevölkert. Affen und Papageien in den Wipfeln, zuweilen ein brauner Bär mit seiner Familie am Ufer, zuweilen ein schwerfälliger Alligator, der so schnell es ihm seine kurzen, unbehilflichen Beine erlauben, die Flucht ergreift; dazu alle Arten von kleineren Tierchen, alle möglichen Stimmen, alles erdenkliche Geräusch. An passenden Stellen entzündeten wir riesige Feuer, um das Gesindel aus unserer Nähe zu vertreiben, und dann mußten die Neger in das Wasser hinein, an einzelnen Punkten sogar bis unter die Arme. Sie jauchzten dabei vor Vergnügen und trugen auf ihren Schultern größere Lasten, als sie ein Weißer auf ebener Erde fortbringen könnte.«

Robert legte den Arm über die Augen. Er weinte glühende Tränen.

»Erzähle mir lieber gar nichts mehr, Georg,« schluchzte er. »Solche Abenteuer möchte ich erleben, die ganze weite Welt sehen, namentlich wilde Tiere und wilde Menschen, – aber ich soll ja ein Schneider werden, der nur an Sparpfennige denkt und der immer die langweiligen Stiche machen muß. Am liebsten möchte ich sterben, Georg.«

Der Seiler pfiff spöttisch durch die Zähne. »Daß du ein Narr wärest, Kamerad, dir den blassen Tod herbeizuwünschen. Lieber halte dich doch an das warme Leben und erobere es mit Gewalt, wenn andere dir's mit Gewalt aus den Händen reißen wollen. In Hamburg gibt es Kapitäne genug, die einen solchen Jungen, wie du bist, an Bord nehmen, ohne viel nach Papieren oder der Erlaubnis des Herrn Vaters zu fragen. Weil sich so ein alter Schneidermeister in den Kopf gesetzt hat, daß sein Sohn notwendig auch mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzen und allerlei Flicken zusammenstoppeln müsse, darum ist die Welt noch nirgends mit Brettern vernagelt. Laß du mich nur machen.«

Robert fühlte sehr wohl, daß es unkindlich und unzart von ihm war, Reden, die seinen Vater beleidigten, mit anzuhören, aber er leugnete sich selbst diese Empfindung. Georg hatte ja recht, der Alte mißhandelte sein eigenes Kind.

»Es sind schon viele Jungen auf- und davongegangen, weil es ihnen in der Heimat nicht mehr gefiel,« fuhr der Seiler fort. »Ich selbst hab's ja so gemacht!«

Robert fuhr auf. »Du?« fragte er ganz erstaunt.

»Natürlich, ich und kein anderer. Meine Mutter war eine Milchhändlerin, die mich an jedem Morgen vor ihren Karren spannte, bis mir das Ding nicht mehr gefiel. Da ging ich durch die Lappen, – wer wollte mir's verdenken? Zum Hund fühlte ich mich nicht geschaffen,«

Robert saß da mit heißer Stirn und unruhigen Gedanken. Seine Blicke schweiften sehnsüchtig über das Wasser und den dunklen Wald dahin; es war ihm, als ob aus dem wehenden Schilf und dem Dickicht zu seiner Linken leise, flüsternde Stimmen ihn lockten. »Weiter, weiter hinaus in die schöne freie Welt, in die Ferne, wo sich Wunder vollziehen, während hier alles im Schneckengang kriecht und ohne Abwechselung langweilig dahinschleppt.«

»Laß uns umbiegen, Georg,« seufzte er, »wieder unter der Eisenbahnbrücke dahinfahren und dann die Ufer links vom Mühlteich berühren. Da sind kleine Inseln, wo wir Schuljungen oft Krieg spielten und denen wir Namen gaben. Ich war immer der König.«

Georg musterte die Umgebung. »Vor allen Dingen müssen sich Eure Majestät die Landratten-Bezeichnungen abgewöhnen,« versetzte er. »Vom Umbiegen weiß der Seemann nichts, und mit einem Segelboote so ohne weiteres einen andern Kurs einschlagen, das kann er auch nicht. Die verschiedenen Arten der Fortbewegung nennt man erstens, wie wir es bisher taten, »vor dem Wind segeln«, wenn dieser nämlich ganz von hinten, zweitens »bei dem Winde«, wenn dieser von der Seite weht, »mit halbem Wind« oder »Backstagswind«, wenn er halb von hinten, halb von der Seite kommt, und »kreuzen« oder »lavieren«, wenn er entgegenweht, wobei man sein Ziel natürlich auf geradem Wege nicht erreichen kann, sondern unter Beschreibung stumpfer oder mindestens doch rechter Winkel von einem Ufer zum andern fahren muß. Bei dem Verfahren, welches du soeben in richtiger Fuhrmannssprache »umbiegen« genannt, heißt es: »Das Boot geht über Stag« oder »wendet«, und das Kommando lautet: »Klar zum Wenden!« dann, wenn alle Schooten bedient sind: »Wenden!«

Er hatte während dieser Auseinandersetzung die erforderlichen Handgriffe kunstgerecht ausgeführt, und jetzt tanzte das schlanke Fahrzeug wie ein Schwan auf den Fluten. Robert verfolgte mit fast zärtlichen Blicken jede Bewegung seines Freundes.

»Wie heißt diese Stange mit den beiden Eisenringen, Georg?« fragte er.

»Das Bugspriet, mein Junge. Das Segel, welches zuweilen an demselben befestigt wird, ist dreieckig, während unser Großsegel viereckig ist. Das erstere nennt man »Klüver«, dessen untere Ecke, der Hals, ist auf dem Bugspriet befestigt, und die obere Ecke enthält das »Fall«.

Robert beobachtete sorgfältig die veränderte Stellung des Segels. »Georg,« rief er, »jetzt fahren wir ›bei dem Wind‹, nicht wahr?«

» All right, Sir,« lachte der Seiler. »Wahrhaftig, du bist zum Seemann geboren. Gib doch noch einmal die Flasche da aus dem Kasten herüber. Der Müller wird ja nicht arm werden, wenn ich in seinem Kognak dein Wohl trinke.«

Robert gehorchte widerstrebend, nur um in seines Freundes Augen als ein ganzer Mann dazustehen. Georg machte sich ja aus solchen Kleinigkeiten nichts, also durfte er nicht weniger mutig erscheinen als dieser.

Der Seiler hielt die Flasche gegen das Licht. »Wird gar nicht bemerkt,« sagte er, »und darauf kommt im Leben alles an. Auf die Kapitänsepauletten für dich, Kleiner.«

Robert verbarg aufatmend die Flasche, nachdem der andere getrunken. Obwohl niemand zugegen war, so schien es ihm doch, als sähen tausend Augen den Diebstahl. – Jetzt hatte das Boot den eigentlichen Mühlenteich wieder erreicht, und Georg hielt sich links, wo verschiedene kleine Inseln, grünen Punkten gleich, im ruhigen Wasser lagen. Durch alle diese einzelnen Arme des Teiches kreuzte und schwamm das Fahrzeug wie ein leichter Vogel, während der Seiler fortwährend von seinen Reisen erzählte und den lauschenden Knaben so gut zu fesseln wußte, daß dieser tief seufzte, als der Garten des Müllers wieder erreicht war.

»Du fährst noch manchesmal mit mir, nicht wahr, Georg?« fragte er.

»So oft du willst, mein Junge. Bin ja selbst eine ebenso eingefleischte Amphibie wie du. Aber für heute müssen wir es genug sein lassen, glaube ich. Mitternacht ist vorüber, und bald wird's heller Tag werden.«

Die beiden brachten nun das Segel wieder in seine vorige Lage, schlossen das Boot an den Eisenring der Treppe und versperrten auch die vordere Tür. Dann schlichen sie durch den Garten auf die Straße hinaus.

»Geh du allein,« flüsterte Georg, »und ich auch. Wenn dann einer gesehen wird, so ist doch wenigstens der andere geborgen. Gute Nacht.«

»Gute Nacht!« gab Robert zurück. »Und tausend Dank, Georg.«

«Hat nichts zu sagen,« lachte dieser. »Aber du, hör doch, wenn einmal deine Alte ein bißchen zu essen im Küchenschranke hat, dann denk an mich. Was Warmes bekomme ich nie.«

Robert stand vor Erstaunen still. »Nie ein Mittagsessen?« wiederholte er. »Aber du verdienst ja doch wöchentlich dein bestimmtes Geld.«

Der andere zuckte die Achseln, »Fürs Verhungern zu viel und fürs Sattessen zu wenig,« antwortete er. »Ich bin ja noch ein Anfänger bei dem edlen Krebshandwerk, mußt du wissen. Es tut eben alles der gebrochene Fuß, sonst wäre ich längst Steuermann.«

»Du Armer!« rief gerührt der Knabe. »Ich will gewiß für dich tun, was ich kann und werde dir auch in Zukunft deine Kleider sticken. Der ›Schneider‹ soll doch zu etwas nützen.«

»Es tranken ihrer neunzig und neunmalhundert neunundneunzig aus einem Fingerhut!« – summte Georg, und dann winkte er im Halbdunkel der Linden noch einen lachenden Abschiedsgruß. Robert war jetzt allein. Schnell die Flaschen aufgerafft, einen letzten Blick zum Teich hinüber, eine Rundschau, ob auch alles im tiefen Schlafe liege, und nun Fersengeld gegeben. Husch, husch, über den Bahnkörper, vorbei am hohen alten Gefängnis, auf leichten Sohlen durch die Straße, an deren fernem Ende erst der Nachtwächter daherklapperte, und dann in des Seilers Garten gekrochen.

Gottlob, gottlob, nichts regte sich. Jetzt stand er auf dem Hofplatz seines elterlichen Hauses und probierte die Tür, – sie war offen. Pikas, der Spitz, kroch ihm wedelnd entgegen, alles atmete so tiefen Frieden, war so ganz ungestört, ganz wie immer, daß es dem Knaben mit jeder Minute leichter ums Herz wurde. Er warf Stiefel, Mütze und Jacke von sich, dann schlich er an die angelehnte Tür zur Schlafkammer seiner Eltern und sah hinein. Die beiden alten Leute schliefen fest.

Robert lächelte, als er jetzt den Riegel der Hoftür vorlegte. Welche unnötigen Sorgen hatte er sich gemacht, wieviele »Wenn« und »Aber« in seinem Kopfe herumgewälzt, bevor er es zum erstenmal wagte, wie ein freier selbständiger Mensch nach Belieben zu kommen und zu gehen. Georg verspottete ihn wirklich nicht mit Unrecht, das begriff er erst in diesem Augenblick, aber mit gleicher Sicherheit beschloß er auch, daß das fernerhin nicht mehr so bleiben dürfe.

»Ich will kein ›Mucker‹ werden, wie Georg sagt, keiner, der Branntwein und Zigarren nur dem Namen nach kennt. Andere Lehrjungen haben auch ihre freien Stunden; ich nehme also nur, was mir als mein gutes Recht zusteht.«

Er kroch in sein Bett und träumte in verworrenem Durcheinander von Segeln und Booten, von erbrochenen Schlössern und leeren Flaschen. Am folgenden Morgen hatte er zwar so eine Art von unheimlichem Gefühl, als müßte das Geheimnis der Nacht auf seiner Stirn zu lesen sein, aber das verzog sich auch bald wieder. Robert sollte es erfahren, daß der erste Schritt auf dem Wege des Unrechtes zu immer weiterem Fortgehen zwingt, und daß man nicht stillstehen kann, ohne zu fallen, wenn die Bahn einmal schlüpfrig geworden ist.

Gegen Mittag schaute Georg verstohlen durch die Lücke im Zaun. »Hast du etwas zu essen, mein Kleiner?«

Robert schob hindurch, was er unbemerkt bei Seite hatte bringen können, und so ging es fort während der folgenden Tage. Er bestahl seine Mutter, um sich die Freundschaft des ehemaligen Matrosen zu erhalten und um namentlich mit demselben bei jedem günstigen Wetter auf dem Wasser zu fahren. Der Gedanke, daß das Boot dem Müller gehörte, daß die Benutzung desselben ein Unrecht sei, – war längst vergessen.

Die beiden Kameraden sprachen nur noch darüber, wie es einzurichten sei, hinter dem Rücken des alten Schneiders einen Abstecher nach Hamburg machen zu können. Robert brannte vor Begierde, wirkliche Schiffe und Schiffswerften zu sehen. »Wenn ich nur Geld hätte!« seufzte er.

Der Seiler schien diesen Ausruf erwartet zu haben. »Besitzest du keinen ›Spartopf‹, Kleiner?« fragte er. »Alle wohlerzogenen Kinder führen einen solchen.«

Dieser Ton reizte jedesmal den ganzen Trotz des Knaben, Er wollte nicht wie ein kleines Kind behandelt sein. »Ich habe Geld,« antwortete er, »aber den Schlüssel zum Spartopf gibt mir der Vater nicht. An jedem Weihnachten wird der Inhalt auf die Sparkasse getragen und für mich angelegt.«

Georg lachte. »Daß dich!« rief er, »also bist du ein reicher Mann trotz Rothschild. Weißt du aber, daß ich es von deinem Alten mindestens sonderbar finde, dir die Verfügung über dein Eigentum zu entziehen? Ich wenigstens ließe es mir nicht gefallen.«

Robert errötete. »Aber was soll ich dabei tun?« fragte er kleinlaut.

»Hm, Notwehr ist erlaubt. Hat er deine Sparbüchse, so halte du dich an seinen Geldkasten. Wo er steckt, das wirst du ja wissen.«

Roberts Herz pochte schneller. »Freilich weiß ich das,« antwortete er, »aber –«

»Nun und das kleine Instrument, welches über eigensinnige Schlösser hinweghilft, kennst du ja, Freund. Hier ist's.«

Robert wehrte mit erhobenen Händen. »Du,« stammelte er, »das kann ich doch nicht tun. Es ist ja des Vaters Geld, und nähme ich's, so wäre es gestohlen.«

Der Seiler steckte gelassen den Dietrich wieder in die Tasche. »Bleib bei deinen Ansichten, Kleiner,« sagte er, »ich habe nichts dagegen. Aber sag doch einmal, für wen spart und geizt denn eigentlich dein Alter? Wem wird künftig alles gehören, was er zusammenstichelt?«

Robert machte bei dieser Frage seines Freundes ein sehr vergnügliches Gesicht. »Mir natürlich,« antwortete er. »Ich bin ja das einzige Kind meiner Eltern,«

Georg nickte leicht. »Siehst du,« sagte er, »es ist alles dein rechtmäßiges Eigentum, aber trotzdem bist du zu verschüchtert, noch zu sehr unmündiges Kind, um dir darauf den richtigen Vers machen zu können. Du läßt dich willig knechten, es ist einmal deine Natur so.«

Und nachdem er achselzuckend das gesagt hatte, sprach er von etwas anderem, um den Stachel in der Wunde fortwühlen zu lassen. Er wußte, daß Robert an seiner empfindlichsten Stelle getroffen worden war. Wirklich vergingen auch nur wenige Tage, bis der Sohn des alten Schneiders auf allerlei Umwegen wieder zu dem Geldkasten seines Vaters zurückkehrte.

»Höre mal, du, sollte es keine so große Sünde sein, wenn ich's täte?«

Der Seiler sah ihn mit dem unschuldigsten Gesichte an. »Was, mein Bürschchen?«

Robert wandte sich errötend ab. »Nun, du weißt doch, – mit dem Gelde!« stammelte er.

»Ach! – das hatte ich längst vergessen. Du meintest ja, es sei ein Diebstahl, also tu's um des Himmels willen nicht.«

Robert zerzupfte unmutig die Halme, auf welchen er lag. »Aber man kann doch davon sprechen,« versetzte er. »Du sagtest, es sei mein gutes Recht, aus dem Geldkasten des Vaters das herauszunehmen, was er mir vorenthält, indem ich nie zu dem Inhalt der Sparbüchse gelangen kann. Glaubst du das wirklich, Georg, oder hast du es nur so hingeworfen?«

Der Seiler lächelte. »Kleine Unschuld,« versetzte er halb spöttisch, »das ist eine komische Frage, – ob dein Eigentum in der Tat dein Eigentum ist. Sechs oder acht Taler wirst du wohl im Spartopf haben, und über die mußt du allezeit frei verfügen können, denke ich. Ob es nun gerade dieselben Münzen find oder andere, was verschlägt das? Es handelt sich ja um den Wert, nicht um das Geldstück, und mehr als jene acht Taler brauchst du ja immerhin nicht aus dem Kasten zu nehmen.«

Robert warf stolz den Kopf zurück. »Oho, du, – so etwa sechsundzwanzig habe ich ganz gewiß drin,« sagte er. »Ich bekomme immer das neue, blanke Geld, was sich hier und da vorfindet, außerdem zum Geburtstag, und wenn ich den herrschaftlichen Kunden das Zeug bringe, auch wohl hier und da ein Trinkgeld. Das wandert alles in die Sparbüchse.«

»Ha, ha, ha,« lachte der Seiler, »und mittlerweile hast du keinen Pfennig, über den dir das Verfügungsrecht zustände. Weshalb, in des Himmels Namen, lieferst du denn die Trinkgelder an den Alten ab, du dummer Geselle?«

Robert stutzte. Er hatte immer gefühlt und angenommen, daß das so sein müsse, sich aber über das »Warum« nie Rechenschaft abgelegt. Jetzt, unter dem Einfluß von Georgs Blicken, hielt er sein früheres kindliches Betragen für albern.

»Du hast recht!« sagte er zögernd. »Wahrhaftig, ich glaube, daß es kein so großes Verbrechen wäre, aus dem Geldkasten einige Taler herauszunehmen. Wir brauchen ja nur wenig.«

Der Seiler zog die Stirn in krause Falten. »Hm,« machte er, »wie man's nehmen will. Die Groschen fliegen nur so, kann ich dir sagen.« »So laß uns denn einen ganzen Taler verbrauchen!« rief ungestüm der Knabe.

»Einen? – Unter fünf ist nicht daran zu denken.«

Robert erschrak, aber das Verlangen, die Elbe und wirkliche Schiffe zu sehen, ließ sich nicht mehr unterdrücken. »So nehme ich fünf,« entschied er nach kurzem Bedenken. »Aber wie fangen wir es denn überhaupt an, unbemerkt von hier fortzukommen?«

»Das ist kinderleicht, mein guter Junge. Dein Vater reist in ein paar Tagen zum Elmshörner Jahrmarkt, um dort seinen Bruder zu treffen, der mit Schusterwaren aus dem Oldenburgischen herüberkommt. Ist er erst einmal fort, so haben wir freie Hand. Deine Mutter verrät nichts.«

Roberts Augen leuchteten. »Wie du dir alles ausdenken kannst,« rief er. »Das wäre mir, glaube ich, gar nicht eingefallen.«

»Weil du dir die strenge Herrschaft deines Alten so gutmütig gefallen läßt, Junge. Einen eigenen Willen kennst du ja im Grunde nicht einmal.«

Robert wechselte schnell den Gegenstand des Gespräches. »Du, wollen wir nach Hamburg fahren oder zu Fuß gehen?« fragte er.

»Natürlich fahren. Der Böse hole ein Vergnügen, wobei man sich müde und lahm laufen muß. Überdies hätte ich dazu keine Stiefel. Ach, es ist ein jämmerliches Leben so auf dem Trocknen, wo man bald dieses und bald jenes Kleidungsstück anschaffen muß, – mit leeren Händen natürlich. An Bord braucht der Seemann das blaue Wollenzeug und ein wenig Leinenwäsche, damit Punktum.«

Robert sah mitleidig auf das blasse, kränkliche Gesicht seines Freundes und auf die zerfetzten Schuhe, welche derselbe trug. »Ob ich fünf Taler aus dem Kasten nehme oder acht,« dachte er, »das bleibt sich im Grunde ganz gleich. Zurückerstatten werde ich dem Vater alles und zwar von meinen Trinkgeldern. Georg hat ganz recht, – ich bin früher ein dummer Junge gewesen.«

Er sprach nicht weiter von der Sache, aber er beschloß, für seinen Freund ein Paar neue Stiefel zu kaufen, und fühlte sich in diesem Gedanken ganz glücklich. Georg war ja doch, wie er glaubte, der einzige Mensch, welcher es wirklich gut mit ihm meinte.

»Du verrätst aber nichts!« bat er ihn, »darauf muß ich mich verlassen können.«

»Wie auf das Amen in der Kirche!« nickte Georg, »obwohl die Geschichte gar nichts auf sich hat. Ich sollte nur in deiner Stelle sein, Wetter noch einmal, der Alte würde Mores lernen. Kein Meister darf seinen Lehrjungen prügeln, also auch deiner nicht!«

Robert errötete. »Aber er ist ja mein Vater, Georg, nicht allein mein Meister!«

»Das ist gleichviel. Du bist konfirmiert und in der Lehre, gerade so gut wie irgend ein anderer. Er kann dich ja nur fortschicken, sich von dir lossagen, Besseres verlangst du nicht, glaube ich.«

Robert seufzte tief. »Ach, wenn er das tun wollte!«

»Siehst du, Kleiner! Laß dir alle Gewissensbisse vergehen, sie sind wirklich unnötig. Nähe und stopfe mit wahrer Andacht, bis der Alte nach Elmshorn unter Segel geht, sei recht freundlich und gehorsam, damit er keinen Verdacht faßt, und wir werden einen angenehmen Tag verleben, das verspreche ich dir. Du sollst es nicht bereuen, ein paar Taler geopfert zu haben.«

»Wann ist Elmshörner Markt?« fragte begierig der Knabe.

»Nächsten Mittwoch. Ich weiß, daß dein Alter am Dienstag abreist und am Donnerstag zurückkommt, also haben wir den ganzen Mittwoch für uns.«

»Noch vier Tage!« seufzte Robert. »Ach, wäre es erst so weit.«

»Das kommt alles, eines nach dem anderen,« tröstete Georg. »Bleib du nur recht fleißig, und laß uns lieber während der ganzen Zeit nicht mehr miteinander sprechen, außer wenn du mir mittags ein paar Bissen durch den Zaun schiebst. Dann fährt der Alte ab und hält das heilige Grab für wohl verwahrt, indes wir uns gütlich tun. Gar zu gestrenge Herren werden betrogen, das ist der Welt Lauf.«

Robert sah ein, daß sein geschmeidiger Freund einen klugen Rat gegeben hatte, und obgleich es ihm sehr schwer wurde, hielt er sich doch bis zur Abreise des Alten ganz von dem Seiler fern und arbeitete auch tapfer darauf los, so daß ihn der Vater sogar lobte, was selten oder nie geschah. »Bist doch richtiges Schneiderblut!« murmelte er, mit innigem Vergnügen eine Naht betrachtend, welche sein Sohn und Lehrjunge soeben vollendet hatte, »kannst es noch weit bringen in der Welt, wenn du nur keine Raupen im Kopfe duldest. Vielleicht erleb' ich's ja gar, daß der Herr Branddirektor oder der Herr Bürgermeister, Gestrengen, bei dir ihre neuen Kleider bestellen, und das wäre eine Auszeichnung, welcher die Krolls bis jetzt nicht würdig befunden worden. Vor allen Dingen laß dich nur nie verleiten, irgend einem Verein beizutreten oder gar das neuerfundene Ding, die Nähmaschine, im Hause zu dulden. Als ob der liebe Herrgott an den zwei Händen nicht ›Maschine‹ genug geschenkt hätte, wenn einer sie nur richtig brauchen will. All solcher moderner Firlefanz und Dudeldum ist mir ein Greuel, hat auch nie zum Segen geführt, das weiß ich gewiß. Wie es mein Großvater und mein Vater gemacht haben, so mache ich's wieder und damit basta,«

Der brave alte Mann sah nicht, wie sein Sohn errötete, als er ihn lobte. Robert fühlte jedes Wort gleich einer Beschämung, einem bitteren Vorwurf. Er war fast im Begriff, dem Vater um den Hals zu fallen, ihm alles zu gestehen und ihn um Gotteswillen zu bitten »Vergib mir!« – aber dann mußte er ja zugleich den Freund verraten und mußte den Ausflug nach Hamburg aufgeben! – Nein, nein, das konnte er nicht. Die weichere Regung, das letzte Mahnen seines guten Engels wurde gewaltsam erstickt, und der Alte traf alle Vorbereitungen zur Abreise, ohne zu ahnen, welche Pläne sein Sohn im Kopfe wälzte. Er bestellte und ordnete alles, wie wenn er mindestens ein Jahr lang ausbleiben wolle. »Mutter, vergiß das nicht, Mutter, behalte, was ich sage, und Mutter, hier auf diesen Kasten gib acht, du weißt, was darin steckt!« so klang es den ganzen Tag. Der Vater verdarb sich selbst die Freude der kleinen Reise, weil er Berge von Sorgen vorsätzlich erschaffte und alles von der schwersten Seite ansah. Robert hätte lachen mögen, als er den dicken Winterrock und das ungeheure Bündel sah, welches der Alte für die beiden Tage im schönsten Oktoberwetter mit sich herumschleppte. Er dachte an die Spottlieder seines Freundes und errötete für seinen Vater. Nein, unmöglich konnte er das Leben so auffassen, wie es dieser tat; er wollte frei sein und genießen, aber nicht wie ein Sklave an der Kette nur immer gewisse vorsichtige Schritte gehn und einmal sterben, ohne je gelebt zu haben.

Endlich war der Alte nach Gott weiß wie vielen Ermahnungen und dreimaligem Umkehren glücklich zum Bahnhof gelangt, und Robert sah mit erleichtertem Herzen dem Zuge nach, wie er am Mühlenteich vorüber ins weite dampfte. Der Vater hatte davon keinen Genuß, weil er, anstatt sich der selten vergönnten Muße zu freuen, vielmehr seiner ganzen Natur nach die schwärzesten Bilder entwerfen und die schlimmsten Möglichkeiten als wahrscheinlich ansehen würde. Ob Mutter auch die Schweine gehörig versorgen, ob der Junge keinen Unfug machen, und ob das Haus nicht niederbrennen wird! – Man hat es zwar versichert, aber die Police könnte doch auch in den Flammen verloren gehen, und dann gäbe es ungeheure Weitläufigkeiten! –

Robert hüpfte durch das Gehölz nach Haufe. Mochte sich sein Vater mit Grillen plagen so viel er wollte, das konnte ihn selbst nicht hindern, das eigene Schicksal nach Belieben einzurichten. Er wußte gewiß, mit welchem Entzücken er morgen nach der anderen Seite davon fahren würde. Ach, hätte doch Georg zu Fuß gehen wollen, dann brauchte man nicht bis um halb neun Uhr früh zu warten, sondern konnte um fünf schon unterwegs sein. Aber das ließ sich nun nicht mehr ändern, und die Hauptsache mußte überhaupt erst getan werden, bevor der ganze Plan einen sichern Boden besaß. Noch steckte das Geld im wohlverschlossenen Kasten.

Robert besah pochenden Herzens den kleinen Dietrich, welchen ihm Georg neulich ohne weitere Bemerkungen überreicht hatte. Ein Ruck und jeder Widerstand war besiegt.

»Mein ist alles,« dachte der verführte Knabe, »ich nehme nur, was mir gehört.«

Er wartete, bis die Mutter in den Stall hinausging, um die Kuh zu melken. Dann öffnete er mit schnellem Griff den altmodischen Eckschrank, welcher des Vaters Blechkasten mit Geld und Papieren enthielt. Jetzt nur noch der letzte Schritt – dann war die Reise gesichert.

Er schlich zum Küchenfenster und blickte, vorsichtig hinter dem Vorhang versteckt, hinaus in den offenen Stall. Die Mutter begann erst ihr Geschäft, nachdem sie das wohlgepflegte Tier mit frischem Futter versorgt hatte; sie rückte gerade jetzt den kleinen, kreiselförmigen Bock zurecht. Warum hätte sie sich auch beeilen, wie hätte sie denken sollen, daß ihr einziges Kind im Begriff war, mit dem Diebsinstrument die Kasse des Vaters zu erbrechen!

Durch den Zaun sah im letzten Tagesschimmer das blasse Gesicht des Seilers. Georg winkte leicht mit der Rechten.

Robert nickte heiß errötend. Es war ihm, als sähe der andere sein Zaudern. Schnell entschlossen eilte er in das Wohnzimmer, öffnete den Kasten und griff hinein. Seine Sparbüchse stand auch darin – wie schwer fühlte sie sich an! – aber das war zu weitläufig, er hatte keine Zeit zu verlieren. »Ob ich diese Taler nehme oder jene,« dachte er, »das ist ja gleichviel.« Eins – zwei – drei –

Die Münzen klirrten in seiner zitternden Hand, er gab daher das Zählen auf und griff nur noch einmal hinein, dann schloß er den Kasten. Das Geraubte war schnell in der Tasche verborgen worden.

Robert hatte nur halbes Bewußtsein; er handelte wie im Traum ohne viel zu überlegen. Pfeifend schlenderte er in den Hof, wo immer noch der Seiler am Zaune stand, und winkte hinüber. »Komm!« flüsterte er.

Georg verschwand und erschien in der nächsten Minute an einer Lücke hinter dem Hühnerstall. »Schnell,« raunte Robert, ihm die gestohlenen Taler zusteckend, »da verbirg es, bei mir könnte es gefunden werden.«

Der Seiler versteckte mit der größten Geschwindigkeit, was ihm sein junger Freund darbot. »Wieviel ist es?« fragte er.

»Das weiß ich nicht, aber genug wird's sein, auch zu Stiefeln für dich. Kaufe dir welche und komme später wieder hierher.«

Der Seiler nickte nur, dann verschwand er geräuschlos, während Robert sich am Hühnerstall zu schaffen machte. Als nach einiger Zeit die Mutter zu ihm kam, erschreckte sie sein blasses Gesicht, »fehlt dir etwas?« war die bange Frage.

Robert wußte kaum, was er antwortete. »Ich habe Kopfschmerz,« sagte er.

»Nun, so leg dich ins Bett, Kind,« ermahnte die besorgte Frau. »Der Vater läßt dich zu viel sitzen,« fuhr sie fort, »du hast nicht Bewegung, nicht Luft genug.«

Robert ergriff begierig die gute Gelegenheit. »Das ist es ja gerade, Mutter,« schmeichelte er, »und darum fühle ich mich auch nicht mehr so wohl wie früher. Ach, wenn du mir einen rechten Gefallen tun wolltest – – –«

Er zögerte absichtlich und sah nur mit seinen fieberhaft glänzenden Augen in das Gesicht der Mutter. »Aber du erlaubst es doch nicht,« fügte er bei.

»Nun,« lächelte die alte Frau, »erst laß einmal hören, was du auf dem Herzen hast.«

»Nur ganz wenig,« bat der Knabe, »einen einzigen freien Tag, – morgen. Was mir der Vater zu tun hingelegt hat, das mache ich fertig, du kannst es mir glauben.«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Wieder den ganzen Tag auf dem Wasser liegen, nicht wahr? Das geht nimmer, Junge. Was sollte ich dem Vater sagen, wenn ein Unglück geschähe?«

»Ich denke nicht an den Mühlenteich,« rief hastig der Knabe. »Nur ein bißchen herumstreifen wollte ich, weiter nichts.«

»Auch nicht den Kahn des Holzhändlers besteigen?« forschte die Mutter.

»Ganz gewiß nicht.«

»Nun, dann lauf. Mußt aber vor Nacht zurück sein, das sage ich dir.«

Wer war froher als Robert? Kaum ließ er sich Zeit, dem Seiler noch durch die Hecke ein paar Worte zuzuflüstern, dann ging es an die Vorbereitungen zur Reise. Die Stiefel blank gebürstet, den Konfirmationsanzug von jedem Stäubchen gesäubert und das Weißeste Hemde hervorgesucht, – auch das Taschentuch durfte nicht vergessen werden. Aber einen Stich durchs Herz gab es ihm doch, als er die Mutter an dem geringen Wirtschaftsgelde zählen und rechnen sah, bis sie ihm endlich vier Groschen in die Hand drückte. »Da, nimm's hin, mein Junge,« sagte sie gutmütig lächelnd, »und kaufe dir einen guten Bissen dafür. Ich komme schon zurecht, bis der Vater wieder hier ist.«

Robert wurde dunkelrot vor Scham, dennoch aber drängte es ihn unwiderstehlich, gerade jetzt von dem Geldkasten des Vaters zu sprechen. Er wußte nicht weshalb, aber er mußte es tun. »Du hast ja die ganze Kasse zu Gebote,« sagte er mit möglichst sorglosem Tone, »wie könntest du also in Verlegenheit kommen, Mutter?«

Die alte Frau nahm ihre Brille ab und sah ihn voll Erstaunen an. »Du meinst das Geld des Vaters, Robert? – Wie dürfte ich das ohne seine Einwilligung berühren!«

»O,« murmelte etwas fassungslos der Knabe, »warum denn nicht? Was dem Vater gehört, das ist ja auch dein Eigentum, Mutter.«

»Freilich,« nickte die Alte, »aber Vater ist doch der Herr im Hause, und was er mir anvertraut, das muß ich heilig halten. Billige Wünsche versagt er mir nie.«

Robert seufzte. »Mir versagt er alle, Mutter. Ich wollte, daß mit ihm so gut umzugehen wäre wie mit dir, dann –«

Er stockte. Das, was er im Begriff war, hinzuzufügen, durfte ja niemand wissen, aber er gab seiner Mutter einen herzhaften Kuß und schlich sich dann zu Bette um heimlich zu weinen. Er wußte selbst nicht weshalb, aber die Tränen kamen so von ungefähr, und das Vergnügen des andern Tages schien ihm, nun er dicht davor stand, nicht mehr halb so verlockend wie früher.

Am andern Morgen gingen er und Georg in aller Frühe fort, um erst auf der nächsten Station, dem benachbarten Testorf, den Eisenbahnzug zu besteigen. Da war denn freilich im hellen Sonnenlicht und während der Fahrt nach Altona aller Kleinmut des vergangenen Abends total vergessen. Robert hatte nie eine Reise gemacht, sich nie in einem Eisenbahnwagen befunden und überhaupt vom Leben noch nichts gesehen als nur das kleine Pinneberg; er war daher vor Entzücken ganz außer sich. Seine Fragen nahmen kein Ende, besonders als man sich der Stadt näherte. Er wollte alles sehen, alles wissen.

»Du, Georg, wo ist denn hier die Elbe? Wo sind die Schiffe?« fragte er.

Der Seiler zog den Geschwätzigen so schnell als möglich in die nächste Straße hinein. »Erst will ich mir einmal Stiefel kaufen,« antwortete er. »Und höre, Junge, du darfst hier nicht so laut sprechen, alle Menschen sehen nach dir.«

Robert stolperte jeden Augenblick über seine eigenen Füße. Er konnte sich an all dem Ungewohnten, Großartigen gar nicht sattsehen. Jeder Omnibus, jedes Schaufenster erregte seine Neugier im höchsten Maße.

Als Georg die neuen Stiefel gekauft hatte, ging es hinab zur Hafengegend. Der Seiler spielte immer den Kassenmeister. »Du, es waren im ganzen neun Taler,« sagte er mit einem prüfenden Blick auf Roberts glühendes Gesicht, »kannst du dich dessen erinnern?«

Der Knabe schüttelte den Kopf. »Das ist ja gleichgültig, Georg,« antwortete er, »wenn nur genug übrig bleibt, um uns für diesen Tag zu sättigen. Ach – da sehe ich die Elbe!«

Georg nickte. »Wir haben Glück, mein Junge. Gestern ist das preußische Kanonenboot »Blitz« bei Neumühlen vor Anker gegangen – dahin wollen wir zuerst.«

Robert jubelte laut. »Der »Blitz« – ach Georg, der »Blitz«! welcher damals bei der Insel Föhr den Dänen die ganze kleine Flottille wegnahm, an dessen Bord sich Kapitän Hammer als Gefangener stellte? Und dieses Schiff sollen wir besehen dürfen? Unmöglich.«

Georg lachte. »Er ist derselbe »Blitz«, sagte er, »und wir werden an Bord gelangen, verlaß dich darauf. Das Ding ist sehenswert.«

Robert antwortete nicht mehr, aber er hatte die größte Lust, in den belebten Straßen der Hafengegend einen echt dörflichen Trab anzuschlagen, um nur desto eher das Wasser zu erreichen. Der Seiler hielt ihn lachend am Arm. »Du, du, wir müssen uns vorerst einen Mann von der Besatzung des Kanonenbootes aufpicken,« sagte er. »So ohne weiteres an Bord kommen, das geht nicht.«

Robert stand vor Schreck plötzlich still. »Aber wenn wir keinen finden, Georg!«

»Ach, dummes Zeug! Was keinen Dienst hat, das nimmt Urlaub und besieht sich die Stadt,« sagte er. »Hab's ja selbst überall so gemacht.«

Die beiden wanderten weiter, und wirklich sollte sich Georgs Prophezeiung schon sehr bald erfüllen. Vor der offenen Tür eines Wirtshauses mit dem Schilde »Zur Seemannsheimat« saßen zwei Matrosen in Marineuniform mit den blanken Knöpfen auf ihren blauen Jacken und den keck in den Nacken geschobenen Mützen, deren flatternde Seidenbänder die goldenen Buchstaben »Königliche Marine« trugen. Die viereckigen, weißumsäumten Kragen und der halbentblößte Hals dieser jungen Leute gefielen Robert ganz außerordentlich.

»Du,« flüsterte er, »du, – was sind das für ein Paar?«

Der Seiler sah hinüber. »Aha, da wäre ja, was wir suchen,« rief er. »Komm, laß uns einstweilen Anker werfen; durstig bin ich auch schon.«

Er zog seinen jüngeren Gefährten mit sich in die offene Tür des Wirtshauses hinein und bestellte zwei Gläser Bier. Es war dem Knaben wie ein Traum, besonders als ihn der Kellner mit »Herr« anredete. Er in einem Wirtshause, – das schien ja unerhört.

Die Bekanntschaft mit den beiden Matrosen war bald gemacht, und einer derselben erklärte sich bereit, die neuen Freunde an Bord zu führen.

»Unser Leutnant ist auf Urlaub,« fügte er hinzu, »aber der Obersteuermann erlaubt schon, daß ich euch das Ding zeige. Die feine Welt von Hamburg-Altona kommt ja doch späterhin in Schwärmen an Bord, also warum solltet ihr's nicht tun?«

Er schob das Priemchen von einer Backe in die andere und musterte halb lachend unseren jungen Freund.

»Du bist ja verflucht fein getakelt,« sagte er, »ordentlich in Kneifzange, Schraube und mit Leesegeln auf beiden Seiten!«

Robert errötete wie ein Mädchen. Obwohl er nur ahnen konnte, daß der Matrose mit diesen Kunstausdrücken den schwarzen Rock, den Hut und die Vatermörder zu bezeichnen beliebte, so fühlte er doch den Spott und antwortete keck, daß er auch Seemannskleider tragen werde, wenn erst für ihn ein Schiff gefunden sei.

Der Matrose lachte. »Hast's Maul an der rechten Stelle,« sagte er gutmütig. »Na, komm nur mit, ich will dir den »Blitz« zeigen.«

Die drei wanderten also zum Fischmarkt hinab, und hier nahm der Matrose eine Jolle, die bald zwischen Milchewern, Schuten mit Früchten und Gemüsen, sowie Kohlenschiffen und Booten aller Art den Weg nach Neumühlen hinaus einschlug. Robert war ganz Auge und Ohr. Sobald eines der vielen Elbdampfschiffe, wie sie diese Gegend fast unausgesetzt passieren, an der Jolle vorüberkam, jubelte er laut vor Vergnügen, sehr zum Ergötzen des Matrosen, der über seine naiven Ausrufungen nicht genug lachen konnte. Die Jolle tanzte im Wellenschlage der Dampfschiffe, die Oktobersonne sandte auf all das bunte, bewegte Treiben des Stromes ihre hellsten Strahlen herab, und das Herz des Knaben schlug in grenzenloser Freude.

Hier ein Blankeneser Dampfer, der eine Gesellschaft hinausbeförderte in die Lust und die Freiheit des Herbsttages. An Bord Gesang und Musik, Grüßen mit Taschentüchern und Hüten – dort eines der großen Hamburg-Amerikanischen Postdampfschiffe, die »Hammonia«. Hier bot sich ein ganz anderes Bild dem Auge dar. Die sich über die Schanzkleidung des Schiffes herabneigten, lachten und sangen nicht, sondern sahen aus abgehärmten, sonnenbraunen Gesichtern unruhig und zweifelnd zur Küste hinüber, – Auswanderer, denen in Amerika die letzten Hoffnungen zerschellt waren, und die nun wieder nach Deutschland zurückkamen, verarmt an allem, selbst an Mut und Kräften. Das Schiff kroch langsam durch die blauen Fluten dahin.

Ihm entgegen kam aus dem Hafen ein anderes, und – »o Himmel, was ist das? – zwei Schiffe mittels eines langen, starken Taues aneinander gebunden und noch dazu das kleinere voran. Wie unsinnig! Sollen die so zusammen das Weltmeer durchsegeln?«

Der Matrose wollte sich ausschütten vor Lachen. »Junge, du bist Geld wert!« rief er. »Wahrhaftig, ich glaube, du hast dein Klößedorf noch niemals verlassen.«

Robert behielt immer jene beiden Schiffe im Auge. »Das habe ich auch nicht,« versetzte er, »aber einmal muß das erste Mal sein und anstatt mich zu verspotten, könnten Sie mir wohl sagen, was das da bedeutet.«

Der Matrose nickte. »Na, dann paß auf, Landratte,« sagte er. »Der Kleine ist ein sogenannter Schlepper, welcher die aussegelnden Kauffahrteischiffe aus der Elbe herausbringt oder »bugsiert« – dergleichen kannst du zehnmal an einem Tage sehen. Dort kommt schon wieder ein Gespann und dort das dritte!«

Roberts Blicke flogen von einem zum andern. Wie schwimmende Häuser erschienen ihm diese großen Schiffe, wie bevorzugte Geschöpfe die Matrosen, welche er im Segelwerk herumklettern sah. »Georg,« fragte er halblaut, »hast du auch so – da ganz oben gesessen?«

»Natürlich, Kleiner. Auch Seine Königliche Hoheit Prinz Adalbert von Preußen hat das getan, ehe er Admiral wurde. Praktisch lernen muß jeder.«

Robert seufzte tief. »Ach, du sagst ›muß‹, Georg, und ich denke es mir als das schönste Vergnügen von der Welt. Sich so oben im Segelwerk zu schaukeln, alles sehen zu können und auf seine eigenen Kräfte angewiesen zu sein, das ist doch ganz etwas anderes, als –«

»Den Ziegenbock zu reiten,« ergänzte äußerst ernsthaft der Matrose, indem er aus einem Augenwinkel dem Seiler vertraulich zublinzelte. »Du hast ja doch jedenfalls deinen Rock selbst genäht, nicht wahr, junges Deutschland?«

Robert errötete tief. »Woher wissen Sie – – –«

»Ach, das sieht man an den Füßen,« kicherte der Matrose, »sie legen sich immer übereinander, weißt du. Na und warum wolltest du denn von der Nähnadel zur Ruderpinne übergehen, mein Kleiner? Wird dir nicht bange bei dem Gedanken an die See?«

Robert lächelte verächtlich. »Bange?« wiederholte er. »Was ist das?«

»Schau, wie der junge Hahn kräht! – Na, du wirst der Teerjacke nicht entgehen, mein Junge, scheinst gerade für das Salzwasser geboren zu sein. Und nun sieh einmal dorthin, – das ist der »Blitz!«

Robert folgte der ausgestreckten Hand des Matrosen und konnte dann einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. »Das da?« rief er. »Aber es ist ja ein kleines, unscheinbares Ding!«

Der Matrose lächelte wohlgefällig. »Unscheinbar!« wiederholte er, »unscheinbar, du kleiner Gelbschnabel? Und doch hat sich das »Ding« in den flachen Gewässern bei der Insel Föhr einmal fast dreihundert Fuß weit mit voller Maschinenkraft durch den Sand gewühlt, um Anno 64 im dänischen Krieg den Kapitän Hammer zu fangen; doch ist es so solide gebaut, daß kein Splitter davonfliegt, wenn es in voller Fahrt auf den Grund läuft. Hätte es das nicht gekonnt, so würde sich Kapitän Hammer niemals ergeben haben, weil ja schon am folgenden Tage die Waffenruhe begann. Aber unser Kapitänleutnant wußte, was sein Fahrzeug wert war.«

Die Jolle hatte sich mittlerweile dem ankernden Kanonenboot so weit genähert, daß der Matrose die Treppe desselben ergreifen und dem Führer andeuten konnte, wie er die kleine tanzende Nußschale einstweilen befestigen solle. Dann stiegen alle an Bord.

Robert berührte Georgs Arm. »Du,« flüsterte er, etwas eingeschüchtert durch die letzte Zurechtweisung des Matrosen, »du, zeige mir alles und nenne die Namen.«

Georg nickte. »Du kannst es doch nicht im Kopf behalten, Kleiner.«

»Dann schreib' ich mir's auf,« versetzte hartnäckig der Knabe. »Ein Kriegsschiff sehe ich ja sobald nicht wieder.«

Der Matrose war inzwischen fortgegangen, um die Erlaubnis des den Befehl führenden Obersteuermannes einzuholen, und als er nach bereitwilliger Erteilung derselben zurückkam, begann die Wanderung durch das Schiff. Wie weiß und sauber waren alle Fußböden gewaschen, wie schön das Holzwerk in Farbe gehalten, – Robert konnte es nicht genug bewundern. Nach außen hin glänzten die Wände im tiefsten Schwarz, während nur ein weißer breiter Streif um das ganze Fahrzeug herumlief und die fein gebogene Form der »Regeling« scharf begrenzte. Die Innenseite, in der Seemannssprache das »Schanzkleid« genannt, war schneeweiß, die Kanonenpforten feuerrot und alles auf das feinste lackiert.

Es befanden sich zwei Vierundzwanzigpfünder an Bord, und der Matrose erklärte dem lautlos horchenden Knaben, daß diese recht wohl imstande seien, eine Panzerplatte von fünf bis sechs Zoll zu durchschlagen. »Es braucht freilich zwölf Pfund Pulver,« setzte er hinzu, »aber dann geht's auch wie geschmiert. Die Dänen haben's bei Helgoland empfinden müssen, denke ich.«

Roberts Augen leuchteten. »Waren Sie mit dort?« fragte er.

»Will ich meinen! – Was die Hannemänner dem »Radetzky« zufügten, das haben wir an dem »Niels Juel« redlich wieder abgetragen. Immer so: Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden! Zuletzt konnten wir einander vor Pulverdampf kaum noch sehen.«

Der Knabe drängte sich immer näher an seinen freundlichen Lehrmeister heran. »Dürfen Sie mir auch zeigen, wie eine Kanone bedient wird?« fragte er verlegen.

»Natürlich!« lachte der gutmütige Bursche. »Schau her, so wird's gemacht.«

Er zog eine Kanone, sie an der Lafette ergreifend, mit Aufbietung aller seiner Kräfte zurück, nahm den »Wischer« – eine Stange, an deren einem Ende eine von Borsten angefertigte runde Bürste sich befand, wahrend das andere einen hölzernen Kolben zum Hineinstoßen der Granate aufwies – und fuhr damit in das Rohr hinein, brachte zum Schein die »Kartusche« – in der Sprache der Artilleristen die Patrone – an ihren Ort, stieß mit dem Ladestock nach, zog das Geschütz mit den »Seitentaljen«, wie die Flaschenzüge an beiden Seiten der Lafette genannt werden, wieder nahe an die Pforte heran, richtete das Rohr vermittelst der »Richtschraube«, steckte eine «Schlagröhre« in das Zündloch, befahl sich selber »Feuer«, und zog ab.

Robert hatte mit einem fast andächtigen Gefühl zugesehen. »Ich will auf die Marine,« sagte er unwillkürlich, »ich will Seemann und Soldat zugleich werden, wenn ich auch vorerst auf einem Handelsschiff anfangen muß, – zur Marine will ich doch.« Der Matrose schlug ihn ermunternd auf die Schulter. »Bleib dabei, mein Junge,« antwortete er, »Der Seemann muß geboren werden; lernen läßt sich die Vorliebe für das Wasser einmal nicht und vergessen auch nicht. Ich halt es keine vier Wochen am Lande aus, ohne ganz verflucht trübsinnig zu werden. Wenn so der richtige Nordost die Häuser umheult, dann kriegt man ja allemal die Angst, daß das alte Gemäuer mit der ganzen Takelage herunterkommt und einem Nase und Ohren zerschlägt. Auf See ist man doch sicher.«

Robert fand trotz aller Vorliebe für das nasse Element diese letztere Logik etwas sehr stark, aber er widersprach nicht, sondern bat, ihm auch die übrigen Einrichtungen zu zeigen und namentlich die verschiedenen Benennungen der Masten und Segel klar zu machen. »Ich möchte heut schon alles lernen,« gestand er, »am liebsten gleich hier bleiben.«

Der Matrose sah nach Georg, welcher inzwischen mit mehreren anderen Leuten von der Besatzung ein Gespräch angeknüpft hatte. »Du,« sagte er, »ich glaube, es wäre für dich wahrhaftig das beste, wenn du hier bleiben könntest. Das Galgengesicht da will mir durchaus nicht gefallen.«

Robert errötete stark. Der ehrliche Pommer mit seinen blauen, treuherzigen Augen und dem gutmütigen Gesicht sah freilich ganz anders aus, als der schmächtige, blasse Georg, aber dafür lebte jener auch einen guten, bequemen Tag, während dieser kaum das trockene Brot besaß. Robert mußte doch den unglücklichen Freund in Schutz nehmen.

»Georg ist ein ehrlicher Mensch,« sagte er, »nur geht's ihm schlecht, und daher sieht er verkommen aus.«

Der Matrose schüttelte den Kopf. »Hm, hm,« brummte er, »seine Flagge deutet aber auf nichts Gutes, mein Junge, – ist eine wahre Piratenflagge, kann ich dir sagen. Wissen deine Eltern, daß du mit ihm unterwegs bist?«

Robert sah zur Seite. »Die kennen ihn gar nicht,« stammelte er.

»Das dachte ich mir schon. Na, laß du dich von ihm in kein unrechtes Fahrwasser steuern, kleiner Kerl, darauf kommt's allein an. Hast ja den Kompaß da drinnen in der Brust, und der weist allemal auf den richtigen Kurs, wenn du nur genau acht gibst. Jetzt geh mit mir, ich werde dir ein wenig von diesen Masten und Segeln erzählen.«

Robert folgte nur zu gern der Aufforderung seines neuen Bekannten.

Das Gespräch war ihm bereits äußerst peinlich geworden, um so mehr, da er recht wohl wußte, zu wie vielem Ungehorsam ihn Georg schon verleitet hatte. Was würde dieser ehrliche, gutmütige Schiffer gesagt haben, wenn er ihm die Geschichte von des Vaters Geldkasten erzählt hätte! –

Sein Herz klopfte lebhaft, als der Matrose den Unterricht begann. Er hörte nur halb, was derselbe ihm vortrug.

»Siehst du,« erläuterte der Pommer, »das da ist der »Fock- oder Vormast«, der mittlere der »Großmast« und der dritte der »Kreuz- oder Besanmast«. Alle drei sind auf gleiche Weise getakelt und alle Einzelteile tragen die Bezeichnung desjenigen Mastes, zu welchem sie gehören. Dadurch wird die Sache ungemein erleichtert. Bis zum ersten Absatz, den du da oben siehst, den wir den »Mars« nennen – bei euch Landratten der »Mastkorb!« – heißt jeder Mast der »Untermast«, dann folgt die »Marsstenge« und darauf die »Bramstenge«. Die starken Taue, welche auf beiden Seiten der Untermasten herabreichen, sich unten auseinanderspreizen und an den Wänden des Schiffes befestigt sind, heißen »Wanten«, diejenigen aber, welche von den Masten nach vorne hin gespannt sind, nennt man »Stage«. Die Querstangen, woran die Segel befestigt werden, heißen »Raaen«. Jede derselben hat ihr besonderes Tauwerk. Worin die »Raa« hängt, ist der »Hanger«, womit sie an dem betreffenden Mast oder der Stenge gehalten wird, das »Reck«, womit sie auf- und herabgezogen wird, das »Fall«. Die Taue, wodurch sie schräg, ein Ende nach unten, das andere nach oben, geheißt wird, nennt man »Topwanten«, diejenige, wodurch sie in wagerechter Lage gedreht wird, aber die »Brassen«, Wanten und Stage nennt man das »stehende«, die Takelage der Raaen und Segel das »laufende Gut«. Das vordere Rundholz am Buge des Schiffes heißt das »Bugspriet« und das darauf liegende der »Klüverbaum«. Von letzterem gehen nach beiden Seiten die »Klüverbackstage« und nach oben bis zu den Stengen das »Bram- und Stengenstag« sowie die »Klüverleiter«, woran die dreieckig geformten Klüversegel fahren.«

Es brauste vor Roberts Ohren. »Das ist sinnverwirrend,« gestand er.

Der Matrose lachte. »Hast du genug, Kleiner, soll ich aufhören?« fragte er.

»Nein, nein, – es kehrt mir später alles ins Gedächtnis zurück.

Nur für den Augenblick wollte es mich verwirren! Bitte, fahren Sie fort.«

»Na, dann wollen wir das Garn weiter spinnen, mein Junge. Also die unteren, größten Segel heißen »Untersegel«, die darauf folgenden »Marssegel« und die noch höheren »Bramsegel«, während die letzten hoch oben in der Spitze oder vielmehr an den Stengen die »Oberbramsegel« genannt werden. Die Takelage jedes Mastes erhält nach ihm die Vorbezeichnung »Groß«, »Vor« und »Kreuz«. – Was nun noch die beiden Seiten des Schiffes anbetrifft, so heißt diejenige, von welcher der Wind kommt, die »Luvseite«, während die entgegengesetzte die »Leeseite« genannt wird.

»An den Marssegeln von oben nach unten befinden sich vier Querabteilungen, jede mit einer Reihe dicht nebeneinander hängender Bindfaden versehen, welche die »Reffbändsel« heißen und dazu dienen, bei starkem Winde die Marssegel zu verkleinern. Das nennt man »reffen« oder »Reffe einstecken«. Sind alle vier eingesteckt, so sagt man, das Schiff liegt mit gerefften Marssegeln. Zum Aufholen oder Wegnehmen der Segel dienen die »Geitaue«, d. s. »Bocktaljen«, welche von den Schooten bis unter die Mitte der Raaen reichen. Den gleichen Dienst versehen auch die »Bauch-« und »Stockgordinge«.

»So, mein kleiner Mann, da hätten wir nun alles. Jetzt brummt es im Kopfe wie ein Bienenschwarm, nicht wahr? Aber ich will dir sagen, daß du die Geschichte leichter im Gedächtnis behältst, nachdem du sie schon einmal gehört, und daß darum dieser kleine Vorschmack dir in der Stunde des wirklichen Lernens zugute kommen wird. Steht dein Entschluß, ein Seemann zu werden, schon ganz fest, Junge?«

Robert seufzte. »Ach, wenn mich der Vater nur fortließe?« quoll es zaghaft über seine Lippen. »Aber er tut es nicht.«

Der Matrose schob die Mütze in den Nacken und die Hände in die Taschen. »Das tut er nicht, dein Alter? Warum denn nicht?«

»Weil die Krolls alle Schneider gewesen sind!«

Der Seemann machte ein äußerst bedenkliches Gesicht. »Du,« sagte er, »das ist schlimm. Das ist eine richtige Klippe, woran der beste Segler scheitern kann. Siehst du, mein Vater war ein Schiffer und mein Großvater auch, – ich glaube bis zu Adams Zeiten; wenigstens bis hinauf zu dem ersten Mann, der sich in seiner Großmutter Backtrog hinauswagte auf das Wasser, haben sie alle die blaue See gepflügt, und es wäre ja gar nicht menschenmöglich, daß einer von ihnen eine Landratte würde. Fünf Brüder habe ich, aber alle sind Seeleute,«

Roberts Augen füllten sich mit Tränen. »Ach,« seufzte er, »wie traurig.«

Der Matrose spuckte mit großer Kraft sein Priemchen über Bord. »Aber da sollen doch hunderttausend Teufel dreinschlagen,« rief er, »wenn das nicht zu ändern wäre. Meine Brüder und ich, wir wollten Seeleute werden, während du die Nähnadel und das Bügeleisen verabscheust! Sieh, das mußt du deinem Alten nur richtig einlöffeln, dann wird er schon klein beigeben, denke ich.«

Robert schüttelte den Kopf. »Ich hab's oft versucht.« antwortete er, »aber nichts ausgerichtet. Was fange ich nur an, um meinen Lieblingswunsch in Erfüllung gehen zu sehen?«

Der Matrose heftete auf den Knaben einen langen, ernsten Blick. »Lauf nicht bei Nacht und Nebel davon, Junge,« sagte er, »das bringt kein Glück. Der zähe alte Kerl ist immer dein Vater, mußt du bedenken, aber schlag einmal vor ihm auf den Tisch, daß die Schere aus Angst zusammenklappt und sag: ›Ich will kein solcher Stichelant und Lappenbohrer werden, solch ein richtiges altes Weib, das den ganzen Tag in der Stube hockt und einen krummen Buckel kriegt von all dem Nähen, ich bin ein Kerl und will hinaus auf die See!‹ – was denkst du, würde er dir wohl antworten?«

Robert sah zur Seite. Er kannte genau die Art und Weise, in welcher sein Vater auf unziemliche Reden des Sohnes zu erwidern Pflegte, aber er wollte davon lieber nicht sprechen, sondern schüttelte nur stumm den Kopf.

Der Matrose Pfiff durch die Zähne. »Hat am Ende gar noch ein »Endje« in Bereitschaft, dieser wütende Schneider,« sagte er. »Na, heule nur nicht, du; was kommen soll, das kommt doch, und wenn einer keinen Wagen kriegen kann, so nimmt er mit der Speiche fürlieb, wie sie bei mir zu Lande sagen. Du mußt deine drei Lehrjahre herunternähen, und dann gehst du auf und davon. Offen am hellen Mittag nimmst du Abschied, das kann dir der Alte nicht wehren.«

Robert wechselte erschreckend die Farbe. »Noch drei Jahre,« stammelte er.

»Die vergehen auch, mein Söhnchen. Und ich will dir was sagen, du kannst dich schon während derselben für deinen zukünftigen Beruf ausbilden, wenn dir's wirklich Ernst ist mit dem Seewesen. Komm, ich hab ein Spielzeug für dich!«

»Ein Spielzeug?«

Ungläubig folgte der Knabe dem Voranschreitenden in das »Logis«, d. h. die Kammer, welche als Schlafstelle der Matrosen dient, und wo jeder seine Schiffskiste besitzt. Er sah sich vorher noch flüchtig nach Georg um, aber dieser war in so lebhafter Unterhaltung begriffen, daß er ihn gar nicht bemerkte. Er konnte ohne Unfreundlichkeit seinen Gönner begleiten.

Unter Deck setzte sich der Matrose auf eine Schiffskiste und öffnete dann die andere mittels eines Schlüssels, den er aus der Tasche nahm. »Nun sieh einmal her,« sagte er, »was ist das? Hallo Junge, kannst du auch dergleichen schnitzen?«

Er hob mit spitzen Fingern aus einem Blechkasten ein ganz kleines Schiffchen hervor, das bei voller Takelage etwa nur acht Zoll lang und von der entsprechenden Höhe war. »Das habe ich gemacht,« setzte er voll Stolz hinzu.

»Sie? – Aber wie denn? Womit?«

Der Pommer klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers auf den Blechkasten. »Darin ist das Gerät,« sagte er »und auch das Buch, woraus ich die Geschichte

gelernt habe. Willst du's einmal sehen?«

Robert faltete vor lauter Entzücken die Hände. »O bitte,« sagte er, »bitte! Sind denn in dem Buch auch Bilder?«

»Natürlich. Sehen muß der Mensch, was er begreifen soll. Das Lesen allein macht ja rappelköpfisch. Na, komm nur her und schau hinein.«

Robert setzte sich zu ihm auf die Kiste, wo dann beide andächtig in das Buch blickten. Zeichnungen aller Schiffsteile waren hier zu finden, und je weiter der Matrose Blatt um Blatt entfaltete, desto freudiger glänzte Roberts Auge. Zuerst nur mittels einiger Grundstriche die ungefähre Form des Fahrzeuges angedeutet, hier als Längen-, dort als Querdurchschnitt, oder »Spantenriß«, wie der Pommer sagte, dann weiter bis zum deutlich erkennbaren gediegenen Kiel, auf dem sich nur allmählich der Rumpf erhob. Immer verwickelter wurde das Ganze, immer mehr Einzelbilder folgten; in alle Balkenlagen, alle Verbindungen und Fugen des Schiffes konnte man sehen, alles, was dem Knaben unverständlich blieb, erläuterte ihm in seiner derben, aber klargefaßten Redeweise der Seemann. Wie lachte er, wenn Robert eine plötzliche Bemerkung dazwischenwarf, oder, wie er sich ausdrückte, »seinen Senf dazugab«, in welch harmlosem Vergnügen verstrich da unten den beiden die Zeit. »Nun sieht's aus wie ein Fisch,« rief einmal der Knabe, und sein Freund versetzte ganz ernsthaft: »Gewiß tut's das, junges Deutschland! Von der Gestalt des Fisches hat der Mensch die Bauart seiner schwimmenden Fahrzeuge entlehnt. Alle Weisheit stammt aus der Natur!«

»Weiter!« drängte Robert, »da sind noch mehr Bilder. Wenn mich Georg rufen sollte, muß ich ja fort.«

Der Pommer sah herausfordernd nach der Gegend der Treppe hinüber. »Wenn Georg kommt, so gebe ich ihm eins hinter die Ohren,« sagte er. »Mag den Nußknacker nicht leiden!«

Und dann ging es wieder an das Buch. Abbildung neunundzwanzig zeigte schon einen hübschen Fortschritt. »Nun ist's eine Wiege!« rief Robert. »Aha und hier gibt es die Abbildungen ganz fertiger Schiffe: Fregatte, Dreimaster, Brigg, Schoner und Kutter. Was ist nun das, welches Sie nachgemacht haben?« setzte er hinzu.

»Modelliert« heißt es, mein Bürschchen. Sieh her, worauf paßt das Ding?«

Robert verglich Schiffchen und Bild, aber nur einen Augenblick fast. Dann hatte er es herausgefunden. »Eine Fregatte!« rief er, »ein Vollschiff unter allen Segeln!«

»Bravo!« rief der Pommer. »Hat's gut gemacht, hat's gut gemacht, drum wird er auch nicht ausgelacht!« –

»Sieh, das Buch und das Gerät will ich dir schenken, Kerlchen. Einen Klotz von Ellern- oder Lindenholz wird dir ja leicht jeder Tischler geben und ein paar Leinwandfetzen deine Frau Mutter, dann aber kannst du dir mit Hilfe dieser Anweisungen ein ganzes Schiff von Grund aus selbst herstellen, jeden Namen, jede Einzelheit und jede, auch die geringste Kleinigkeit genau kennen lernen, bevor du Kajüttsjunge wirst. Das nennen die Leute »theoretisch« gebildet, und es taugt den Teufel nichts, wenn einer damit auf seiner Bodenkammer sitzen bleibt, ohne die Sache auch praktisch auf dem blauen Meer zu studieren, aber es kann ganz prächtig für die Seemannslaufbahn vorbereiten und auch an und für sich angenehm unterhalten. In New York kannte ich ganze Gesellschaften von jungen Leuten, die sich ihre kleinen Boote von Grund auf selbst zimmerten und dann Wettfahrten damit anstellten. Na – willst du's haben?«

Robert war stumm vor Vergnügen. Er sah nur in das gutmütige Gesicht des Matrosen, und dieser lachte zufrieden. »Nimm's hin,« sagte er, »und lerne daraus, so gut du kannst. Wenn die Feierabendglocke schlägt, so wird dir dein Alter nicht wehren, daß du ein bißchen Schiffsbaukunst betreibst, denke ich. Fließt denn in dem verwünschten Dorf, wo du wohnst, gar kein Gewässer für das zukünftige Fahrzeug?«

Jetzt lachte Robert und erzählte nun seinem Kameraden von den kleinen Reisen im Segelboot und von Georgs früheren Seefahrten, die ihm dieser so verlockend geschildert. Er gestand auch, daß der Abstecher nach Hamburg ein heimlicher sei und erwartete mit Herzklopfen, was der Matrose dazu sagen werde. Merkwürdig genug wünschte er lebhaft, von diesem Manne nicht getadelt zu sein, – das war so ganz etwas anderes als mit Georg.

Um den breiten Mund des Pommern zuckte ein Lächeln. »Recht ist's nicht,« sagte er, sich hinter den Ohren kratzend, »durchaus nicht, aber einmal ist keinmal, wollen wir denken. Was hast du denn für den Rest des Tages noch vor?«

Robert dachte plötzlich wieder an den Freund, welchen er so treulos verlassen. »Ja, – was Georg meint,« versetzte er. »Ich bin noch nie hier gewesen.«

»Hm, dann halte dich nur von der Flasche fern, und wenn du Geld bei dir hast, so laß dich zu keinem Würfel- oder Kartenspiel verleiten. Geh auch nicht mit in die Hamburger Matrosenschenken, ich rate es dir.«

Robert sah mit seinen hellen Augen fragend empor. »Warum denn nicht?« meinte er.

»Weil du noch ein dummer Junge bist, und weil mancher von diesen Schlafbasen oder Wirten ein ganz geriebener Kerl ist, der –«

»Aber das verstehst du nicht,« brach er ab. »Willst du einmal eine Stelle als Kajüttsjunge haben, so wendest du dich an den Kapitän selbst, aber nicht an solche Zwischenhändler, die zuweilen freilich sehr brave Geschäftsleute sind, zuweilen aber auch Spitzbuben, die man kielholen müßte, bis sie das Luftschnappen vergessen hätten. Davon brauchst du deinem liebenswürdigen Kumpan mit den Eulenaugen nichts zu sagen, Bürschchen, aber glaub es mir, daß ich's aus Erfahrung weiß.«

Robert steckte seufzend Buch und Kasten in die Tasche. »Ach,« sagte er, »bis dahin ist's weit. Wer kann wissen, ob es jemals geschieht?«

»Aber jetzt muß ich mich beeilen,« setzte er hinzu. »Georg wird nicht begreifen, wo ich bleibe.«

Er dankte noch herzlich dem Matrosen für das schöne Geschenk und dann gingen die beiden wieder hinauf an Deck, wo inzwischen der wachhabende Unteroffizier mehrere Segel hatte »anschlagen« d. h. an den Raaen hatte befestigen lassen, um sie bei dem schönen Wetter zu lüften. Für unsern jungen Freund war dies Manöver wieder ein Gegenstand seiner höchsten Neugier. Er sah sofort, daß jedes Segel am oberen Rande kleine Ösen von starkem Bindfaden mit Leder besetzt aufzuweisen hatte und erfuhr auf seine leise Frage auch von dem Matrosen den Namen derselben nämlich »Gaten«. Durch diese Löcher werden dünne Seile gezogen, und vermittelst derer das Segel an einer auf der Vorderseite der Raaen befestigten Eisenstange angebunden. Die letztere hieß, wie Robert hörte, das »Hücksteg«.

Er blickte um sich und gewahrte den Seiler, welcher schon ungeduldig wartete. Georg winkte ihm, aber ohne näher heranzukommen; es schien, als teile er den Widerwillen des Matrosen, wenigstens wartete er ruhig, bis Robert zu ihm kam. Diesem wurde der Abschied von dem redlichen Pommer schwer genug. Er gab ihm wohl dreimal nacheinander die Hand und dankte immer wieder für das lehrreiche Buch und das zierliche, allerliebste Arbeitsgerät. »Ich will's recht in Ehren halten,« versprach er, »und tüchtig daraus lernen.«

»Bravo, mein Junge,« versetzte der Matrose. »Wer weiß, wo wir uns noch einmal im Leben begegnen. Vielleicht bin ich dein Bootsmann, wenn du für den Flottendienst eingezogen wirst. Und nun leb wohl! Trau aber nicht zu viel dem Schuhu da, – ich mag ihn nicht.«

Er winkte verstohlen mit den Augen zu Georg hinüber und entließ mit mehrmaligem herzlichen Händedruck den Knaben, der jetzt neben seinem Begleiter in der Jolle Platz nahm. Der Pommer sah vom Bord des »Blitz« den beiden nach. »Davonlaufen wird er doch,« dachte er, »und in eine schwere Schule rennt er blindlings hinein, hm, hm, Bürschchen, dir steht noch manches Ach und Weh bevor, aber das ist einmal dein Schicksal und nichts daran zu ändern.«

Die beiden im Boote sprachen mittlerweile leise miteinander. »Na, was hattest du denn so Geheimnisvolles unter Deck zu schaffen?« fragte etwas ärgerlich der Seiler, »Bliebst ja eine halbe Ewigkeit da unten, – und was ist denn das hier?«

Robert zeigte ihm Buch und Kasten. Georg besah es mit prüfendem Blick. »Das leidet ja dein Alter nimmer,« sagte er, »du erlebst höchstens, daß er dir's vor der Nase wegnimmt und daß du einmal wieder so recht den kleinen Jungen spielst, das Kind, welches Schläge bekommt. Gib den Trödelkram her, ich will's für dich verkaufen.«

Aber Robert schüttelte den Kopf, »Laß mich's behalten, Georg,« antwortete er, »der freundliche Matrose würde es sehr undankbar finden, wollte ich sein Geschenk für wenige Groschen verkaufen, – meinst du nicht auch?«

»Ach dummes Zeug, er sieht's ja nicht.«

»Das ist gleichviel, Georg, ich – ich müßte doch immer denken, er sähe es. Was soll ich auch mit dem Gelde?«

Der Seiler antwortete nicht. Diese Frage klang ihm offenbar ärgerlich. »Wollen wir nun eine Schiffswerft? befahren?« änderte er ohne Übergang das Gespräch.

Robert jubelte laut. »Gewiß, gewiß, – ach Georg, welch ein schöner Tag ist das!«

»Weil wir Geld haben!« konnte sich dieser nicht enthalten, mit Beziehung zu antworten. »Nach Steinwärder!« befahl er dem Jollenführer, und schon sehr bald landete man an der kleinen angebauten Elbinsel, welche, dem Hafen gegenüber liegend, einen so großartigen Anblick darbietet, wie derselbe übereinstimmenden Urteilen nach nur in Amerika wiederzufinden ist und zwar in New York, dessen Hafen ähnliche Verhältnisse zeigt. Die Schiffe aller Völker, die Gesichter aller Rassen, vom kohlschwarzen Sohne Äthiopiens durch alle Schattierungen von braun und gelb des Malaien, Mulatten, Chinesen und Mongolen, bis herab zu dem blonden Engländer oder Schweden, – die Fahnen und Wimpel in jeder erdenklichen Farbe, zahllos die Luft erfüllend, das Rufen und Sprechen in fremder Mundart, der Anblick dieser unübersehbaren Reihen ankernder Schiffe, alles zusammen überwältigte den Knaben, so daß er stumm dasaß. Welche wunderlichen Namen trugen die verschiedenen Fahrzeuge, wie seltsam und geheimnisvoll erschienen die geschnitzten Figuren am Bug derselben. Hier ein Greis mit Krone und Dreizack und langherabwallendem weißen Barte, dort der Oberkörper einer Frau in den Fischschweif auslaufend und hier gar ein greulicher Götze, dort wieder ein Tierbild – –

Es glitt vorüber an der Seele, an den Sinnen des Knaben, nur einen Gesamteindruck zurücklassend, den des Entzückens. Hier begann mit mächtigem Zauber für ihn das Leben, hier öffnete ihm die Welt, von der er bisher nur geträumt, ihre winkenden Arme, hier hörte er den Pulsschlag ihres Herzens. Das war es, was er ersehnte, dem jeder Gedanke zustrebte, was er nicht vergessen konnte, so oft auch die Eltern, die Vettern und Basen daheim in Pinneberg ihm eindringlich vorgestellt, daß das Schifferwesen ein Greuel sei, nur ausgedacht, um Mütter zu ängstigen und Söhne von Türken oder Menschenfressern elendiglich auffressen und umbringen zu lassen.

Er verschlang mit den Augen jeden neuen Gegenstand, er schwieg im Gefühl einer grenzenlosen Seligkeit, und als ihn Georg aufforderte aus dem Boot zu steigen, da tat er es wie im Traume. Seine Sinne waren berauscht.

»Komm,« lächelte der Seiler, »du zeigst ja ganz den Neuling, Junge, das Dorfkind, welches noch nie etwas anderes gesehen hat, als seine heimischen Gänseweiden. Hier ist die Seemannsschule, und hier die Werft der »Hamburg-Amerikanischen Dampfschiffahrts- Aktiengesellschaft«, wo freilich im Augenblick kein neuer Bau stattzufinden scheint. Aber weiter hinauf kommt die weltbekannte Firma Godeffroy mit ihrer großartigen Werft für Handelsschiffe. Aha, da liegt ein neuer prächtiger Dreimaster, dessen Stapellauf wohl nächster Tage vor sich gehen wird. Wollen doch versuchen, ob man für Geld und gute Worte das Ding besehen kann.«

Die beiden gingen an den verschiedenen offenen Arbeitsschuppen vorüber, und Robert sah in natürlicher Größe eine Menge solcher halbvollendeter Einzelteile von Schiffen, solcher Modelle und Anfänge, wie sie das Buch des Matrosen aufwies. Besonders ein halbfertiger kleiner Kutter zog ihn lebhaft an. Das Ding sah aus wie ein Gerippe von Holz, und die in seinem Innern arbeitenden Zimmerleute klopften im Takte des lustigen Liedes, das sie bei ihrer Arbeit sangen. Er wäre schon gern hier geblieben, um zu beobachten und zu bewundern, aber Georg hatte mittlerweile den Parlier der Werft gebeten, das neue Schiff besehen zu dürfen, und so kletterten denn beide junge Leute die Leiter hinauf, um an Bord zu gelangen.

Alle Türen, alle Luken waren geöffnet, um die Sonnenstrahlen recht hereindringen und den frischen Lack trocknen zu lassen. Das Fahrzeug sollte schon binnen vierzehn Tagen seine erste Reise über das Weltmeer antreten.

»Das hier ist die Kapitänskajütte,« erläuterte der Parlier, auf ein mäßig großes Zimmer deutend, dessen Decke sehr niedrig schien und durch dessen am Fußboden befestigten Tisch der Mast in schräger Stellung mitten hindurch lief. Der war aber hier nicht bloß mit Ölfarbe gestrichen, wie draußen an Deck, sondern hübsch mit Mahagoni belegt und als Träger einiger schwebender Blumengestelle eingerichtet. Dazu gab es ein behagliches Sofa und an beiden Seiten des Tisches gepolsterte Bänke, wohingegen sämtliche Wände aus beweglichem Fachwerk bestanden und große Schränke hinter ihren Türen verbargen. Den Boden bedeckte ein Strohteppich in bunten Farben, so daß das Ganze wohnlich und nett aussah, wie die Häuslichkeit eines gutgestellten Mannes. Robert hatte sich nicht träumen lassen, welche Behaglichkeit eine solche Schiffskajütte entwickeln könne.

»Das hier ist die Schlafstelle,« fuhr der Parlier fort, »denn ein Zimmer kann man's wohl kaum noch nennen. Aber der Raum muß eben gespart werden. Nur das Bett, an der Wand befestigt, mit hoher Seitenlehne, ein Tisch und ein Bücherschrank mehr findet sich hier nicht vor; gegenüber von demselben, ganz ähnlich eingerichtet, liegt die Steuermannskajütte, und das Ganze wird mittels dieser Tür vollständig abgeschlossen.«

»Willst doch wohl am Ende auch Schiffer werden?« lächelte der Parlier. »Sieh, mein Söhnchen, dort ist das »Logis«. Wollen's gleich näher besehen.«

Er führte seine Gäste am großen Mast vorüber nach dem Vorderteil des Schiffes, und hier sah Robert den wenig einladenden Raum, in welchem die Matrosen ihre freien Stunden verbringen. Eine enge schmale Koje, so niedrig, daß der darin sitzende Mann kaum Platz behalt sich ganz auszustrecken und doch nicht mit der Stirn an die Decke zu stoßen, die Schiffskiste als Stuhl und ein tannener Tisch, – das ist alles, was »Jan Maat« (die scherzhafte Bezeichnung für alle Matrosen) an Freiheit und Eigentum besitzt, so lange er das blaue Meer durchschifft.

Aber Robert fand es schön, er sehnte sich immer mehr nach dem Seeleben, je genauer er es kennen lernte. Auf dem Tisch sitzen und nähen, auch nach gemessenen Stunden, und als Schlafplatz das Bett im Winkel der Vordiele, – war denn das nicht noch viel schrecklicher als die halbe Gefangenschaft eines Schiffes?

O, er wäre am liebsten gleich hier geblieben, hatte sich als Kajüttsjunge »anmustern« lassen und die erste Reise des jungen Fahrzeuges mitgemacht. Sein Herz klopfte ungestüm, als der Parlier in eine andere Tür hineindeutete. »Das da ist die Kombüse,« sagte er, »und diese eisernen Kräne, welche ihr hier seht, die Pumpen. Wollen wir nun auch in den »Raum« hinabsteigen?«

Das geschah und Robert meinte, es sei unten so ziemlich wie in einem Grabe. Er freute sich, als ihm die goldene Sonne wieder ins Gesicht schien. »Aber wenn das alles ganz mit Ladung gefüllt ist,« fragte er, »wie untersucht man denn, ob auch das Schiff etwa einen Leck bekommen hat?«

Georg und der Parlier lächelten. »Die Decksluken werden vor der Abreise »kalfatert«, erläuterte ersterer, »d. h. womöglich wasserdicht verschlossen und während der ganzen Fahrt nicht wieder geöffnet. Erst in dem betreffenden Hafen kommt ein Angestellter der Reederei mit dem Wasserschout an Bord, und beide bezeugen schriftlich dem Kapitän den Zustand, in welchem sie die Luken vorgefunden. Nur wenn dieser ein ganz vorschriftsmäßiger ist, trifft den Führer des Schiffes für die etwaige Beschädigung der Kaufmannsgüter im Raum keinerlei Verantwortung. Den Wasserstand dagegen untersucht man täglich zweimal mittels der Pumpen, wobei sich bis auf einige Linien feststellen läßt, wieviel von dem nassen Elemente unbefugterweise in das Schiff eingedrungen ist. Man nennt dies Verfahren »Peilen«.

Der Zimmermann sah sinnend über das Flußbett dahin. »Es ist schrecklich, wenn so ein Leck in das Schiff kommt,« sagte er, »unheimlich über die Maßen, weil man den Feind nicht ins Auge fassen, ihm nicht offen begegnen kann. Ich hab's einmal erlebt, sechs Tagereisen vor dem Hafen von Kalkutta. Da stieg das Wasser so schnell, daß alle Arbeit auf Deck liegen blieb, daß nicht mehr gekocht und nicht mehr geschlafen wurde, weil wir nur unablässig pumpen mußten, um das nackte Leben zu retten. Wenn einer von der Mannschaft umfiel wie ein Toter, dann sprang ein anderer an seine Stelle, wortlos, ohne einen Blick auf den Röchelnden, Verendenden, ohne Rücksicht auf die eigenen zerfetzten Hände. Es war gräßlich, – wir brachten das Schiff nach Kalkutta, aber von unseren dreizehn Leuten lebten nur noch vier, die übrigen sind in ihren Kojen oder an Deck vor Erschöpfung gestorben, ohne daß wir uns um sie bekümmern konnten. Wenn das Wasser im Schiffsraum steigt, sobald nur zwei Minuten die Arbeit an den Pumpen eingestellt wird, dann ist das so, als stände der Leibhaftige mit ausgestreckten Krallen hinter einem, und man vergäße es wohl, wenn auch der eigene Bruder ein paar Schritte weit davon im Sterben läge. Nun – gottlob passiert das nicht alle Tage.«

Robert hatte atemlos zugehört. »Waren Sie längere Zeit hindurch Seemann?« fragte er.

Der Parlier nickte. »So kleine sechzehn Jahre,« antwortete er. »Da lernt man den Herrn Neptun kennen, wie er lächelt und wie er grollt.«

Robert hatte noch eine Frage auf dem Herzen, das sah der Alte und ermunterte ihn freundlich, dieselbe auszusprechen. »Na,« sagte er, »was wolltest du wissen, Junge, ob ich den fliegenden Holländer gesehen habe und den Klabautermann, oder das berühmte Meerweib, welches sie hier auf St. Pauli jedem gläubigen Binnenländer für zwei Schilling bereitwilligst zeigen, – das aber aus Werg und Kitt zusammengeflickt ist, wie ich dir zum Schutz deiner Kasse nur gleich mitteilen will.«

Robert schüttelte den Kopf. »Das meine ich nicht,« sagte er schüchtern, »aber ob es wohl im Meere noch unbekannte Tiere gibt, große, – fürchterliche, die man in den naturgeschichtlichen Werken gar nicht aufgeführt findet.«

Der alte Zimmermann spielte mit der Hand an einer Leine, welche gerade vor ihm in der Luft hing. »Ja, ja,« sagte er, »darauf sollte ich eigentlich gar nicht antworten. Das Erzählen ist billig, wenn niemand die Geschichte widerlegen kann. Aber dennoch – ich habe so etwas Ähnliches erlebt.«

»Ach,« rief Robert, ungestüm die Hand erhebend, »ach, so erzählen Sie's doch.«

Der Zimmermann nickte. »Ich will's wohl tun,« versetzte er, »nur fehlt eigentlich der Sache die Pointe, d. h. die Erklärung, aber wahr ist sie, darauf kann ich einen Eid leisten. Wir befanden uns im Atlantischen Ozean und trieben bei fast völliger Windstille langsam dahin. Ich hatte gerade die Wache am Steuerruder, so etwa um fünf Uhr morgens, da erhielt plötzlich das Schiff einen Stoß, daß ich beinahe gefallen wäre, und daß alles an Bord aus dem Schlaf auffuhr. Zugleich rumorte es und tobte in dem stillen Wasser; weiße Schaumblasen kräuselten sich am Bug, während die Wellen nur langsam wieder zerrannen. Wir sahen uns mit bangen Gesichtern an, und dann ging's an ein Untersuchen. Es wurde alle Stunden gepeilt, aber kein Tropfen Wasser war in das Schiff hineingekommen. Erst als dasselbe später zum Zweck einer gründlichen Ausbesserung mit dem Kiel nach oben auf der Werft lag, da sah ich, was jenen Stoß verursacht hatte. In dem gekupferten Boden steckte bis zur Länge von sechs Zoll ein Horn von der Dicke eines starken Männerarmes. Dasselbe war abgebrochen und vielleicht hatte der rasende Schmerz dieses Augenblicks das unbekannte Tier, welches den Angriff auf unser Schiff versucht, zu so starken Bewegungen veranlaßt, daß sich die Wellen ringsumher aufbäumten. Jedenfalls muß es ein riesenhaftes Geschöpf gewesen sein, das einen so fühlbaren Anprall verursachen und den Boden des Schiffes sechs Zoll weit durchbohren konnte. Der Kapitän hat das Horn später überall gezeigt und bei vielen Männern der Wissenschaft angefragt, aber niemand kannte es.« 

Robert berührte leise den Arm des Alten. »Haben Sie es?« fragte er mit leuchtenden Augen. »Ich möchte es unbeschreiblich gern sehen.«

Der Zimmermann schüttelte den Kopf. »Es ist in England geblieben,« sagte er bedauernd. »Da ich dir aber diesen Wunsch nicht erfüllen kann, so nimmst du dafür vielleicht eine kleine Wanderung durch unsere Maschinensäle an, mein Junge. Ich will dir ein eisernes Schiff zeigen, das ist mehr wert als ein solcher Kitzel für die bloße Neugierde. Den Grund des Meeres werden wir nicht erforschen, so wenig wie den Mittelpunkt der Erde oder das Treiben auf den Himmelskörpern. Aber die Welt, in der wir leben und die uns Brot geben soll, müssen wir möglichst genau kennen lernen, namentlich in derjenigen Richtung, auf welche uns unser Lebensberuf hinweist. Kannst ja vielleicht auf hoher See, viele hundert Meilen von der bewohnten Erde entfernt, dereinst solchem tiefseeischen Ungeheuer begegnen, wie damals in der stillen Morgenstunde unser Fahrzeug anrannte, – wer weiß? Willst du jetzt das eiserne Schiff sehen?«

Robert glaubte, daß ihn der Zimmermann necken wolle. »So dumm bin ich nun freilich nicht mehr,« versetzte er. »Wie könnte denn Eisen schwimmen?«

Der Alte und auch Georg lachten herzlich. »Komm du nur mit,« meinte ersterer, »wenn du auch ein recht kluges Bürschchen bist, – zu lernen findet sich doch noch immer etwas.«

Robert fühlte, daß er errötete. Ob es doch möglich war, daß Eisen schwämme? – Schleunigst folgte er den beiden anderen und kam nun mit ihnen an einen schmalen Arm der Elbe, wo ein eben vollendetes kleines Dampfschiff lag, ein Schraubenschiff und ganz von Eisen, in blaugrauer Farbe gemalt, mit schlanken, gefälligen Linien. Der Knabe sah deutlich die einzelnen Eisenplatten und deren Vernietungen. Die Säume der oberen Platten griffen über die darunter befindlichen, deren Dicke höchstens zwei Linien betragen mochte.

»Ach,« rief Robert, »also es schwimmt, weil es so dünne Platten hat? Ja freilich –«

»Das wußtest du nicht!« lachte der Alte. »Na, mein Söhnchen, gib dich gefangen. Es ist nicht das letzte Mal, wo du deine Unwissenheit eingestehen mußt. Und was die dünnen Platten betrifft, so habe ich schon Schiffe mit zolldicken Platten gesehen, wie denn unsere jetzigen Panzerfregatten sogar mit einer Eisenkleidung von acht Zoll Stärke umgürtet sind und doch vortrefflich schwimmen. Und weshalb das möglich ist, will ich dir genau auseinandersetzen. Jeder Körper, er sei welcher Art er wolle, schwimmt überhaupt nur dann im Wasser, wenn sein Gewicht kleiner ist, als das der Wassermenge, welche er zur Seite drückt. Ob ich also das hölzerne Schiff mit Eisen belade, oder ganz aus letzterem Stoff ein Fahrzeug herstelle, das muß sich in seinen Folgen vollkommen gleich bleiben.«

Robert hatte aufmerksam zugehört. »Das habe ich verstanden!« rief er fröhlich. »Wenn man doch nur ein wenig nachdenkt und sich eine Sache in ihren Einzelheiten vor Augen führt, dann scheint alles einfacher und selbstverständlicher.«

»Siehst du!« nickte lächelnd der Alte. »Das ist das große Geheimnis alles Lernens. Nicht in sich hineinreden lassen muß der Mensch, sondern mit offenen Augen sehen und selbst denken, sonst bleibt das Ganze nur oberflächlicher Natur und wird nie vielen Nutzen stiften können. Jetzt geht mit, wir wollen auch das Innere besehen.«

Man stieg, nachdem die Laufbrücke passiert war, eine hübsche gewundene Treppe hinab, und nun erblickte Robert den Dampfkessel. Ein langes, dickes Rohr, sorgfältig mit Hanf umwickelt (der Wärme wegen) ging von dem Kessel aus und teilte sich in zwei Arme, deren jeder in einen gußeisernen Zylinder mündete, dem er den im Kessel erzeugten Dampf mitteilte.

Der Zimmermann blickte zu dem Maschinisten hinüber, sagte freundlich »mit Erlaubnis!« und nahm dann von einem dieser Zylinder den Deckel herab, so daß der Kolben sichtbar wurde, auf welchen der Dampf seine unmittelbare Wirkung übt, indem er bald über ihm, bald unter ihm in den Zylinder hineinströmt und daher die fortwährende Bewegung verursacht. Fest verbunden mit diesem Kolben war eine Kolbenstange, welche in »Führungen« oder »Kulissen« ging und die mit einem Gelenk versehene »Prügelstange« aufnahm. Letztere war mit den »Kurbeln« oder »Krummzapfen« durch einen »Kreuzkopf« verbunden und übersetzte die hin- und hergehende Bewegung des Kolbens in eine drehende, indem die Krummzapfen auf der »Schraubenwelle« einsetzten, diese mitnahmen und so die außerhalb des Schiffes befindliche Schraube in Gang brachten.

Robert begriff das alles weit leichter als er es für möglich gehalten und folgte mit großem Interesse jetzt auch seinen Begleitern durch die Maschinensäle. Es war fast vier Uhr nachmittags, als sich die beiden Wanderer nach einem herzlichen Abschied von dem alten Parlier durch die Dampffähre wieder hinüberschaffen ließen nach Hamburg. Robert meinte etwas kleinlaut, daß er sich vor diesen Häusermassen wirklich fürchte. Es sei ja, als bleibe für Menschen gar kein Platz mehr.

Georg zog ihn am Arm mit sich fort, den Baumwall entlang bis zu den Vorsetzen. »Ich bin fast ohnmächtig vor Hunger,« sagte er. »Laß uns nur erst einmal das Wirtshaus erreichen, welches ich suche. Hier herum muß es sein.«

Er überflog spähenden Blickes die vielen Wirtschaftsschilder, und schien dann den Gegenstand seiner Wünsche entdeckt zu haben. »Aha, da wäre ja der Fliegende Holländer!« sagte er. »Komm nur, daß wir jetzt erst ein wenig essen.«

Er führte den Knaben in eine niedere, unsaubere Schenkstube, deren Besitzer hinter dem Schenktisch stand und die Groggläser füllte, welche ein kleiner Kellnerbursche unablässig den spielenden und rauchenden Matrosen zutrug. Das Zimmer war Kopf an Kopf von Gästen besetzt, und Würfel und Karten gingen aus einer Hand in die andere. Man hörte das überlaute Lachen, die Flüche und die Ausrufungen in fremden Sprachen, welche von solchen Gelagen unzertrennlich zu sein pflegen. Spanier, Engländer und Schwarze saßen hier, in verworrenstem Kauderwelsch durcheinander schreiend neben den Hamburgern, die in breitem Platt mit ihren Kameraden sich unterhielten. Alles sang und lachte, fluchte und lärmte.

Der Wirt war ein untersetzter Mann mit kurzem, dicken Hals und riesenstarken Armen, die in schmutzigen Hemdärmeln steckten. Auf borstigen, fuchsroten Haaren saß im Nacken eine schmierige Mütze, und das Auge lag lauernd in einer blutunterlaufenen tiefen Höhlung, gewissermaßen versteckt.

»Sieh da, auch mal wieder da?« redete er Georg an. »Wen bringst du mir da, mein Junge? Auch ein Früchtchen von deiner Art oder eine junge, unschuldige Landratte, die Seewasser kosten will? Da, fangt erst mit einem Glase Genever an« … und damit bot er Georg das Glas mit dem brennenden Getränk, welches Robert mit Widerwillen ausschlug.

Der Seiler winkte dem Wirt verstohlen mit den Augen. »Ein Freund von mir, dem ich Hamburg zeigen will; bei Euch wollen wir einstweilen einen Imbiß zu uns nehmen.«

Damit bestellte er bei dem Kellner zwei Portionen Beefsteak mit Kartoffeln und zwei Seidel Bier, was auch sehr bald erschien und worüber sich unsere Freunde mit dem ganzen Appetit der Jugend hermachten. Als sie gesättigt waren, drängte Robert zum Fortgehen. Der Matrose vom »Blitz« hatte gewiß recht, wenn er ihn vor dieser Art Schenken eindringlich warnte, denn was er sah, das konnte ihm durchaus nicht gefallen, und vor dem Wirt empfand er eine Art von unwiderstehlichem Schauder.

Es ist einer von denen, die »gekielholt« werden müßten, dachte er.

Georg stand auf und knöpfte den Rock zu. »Bleib noch einen Augenblick sitzen,« sagte er, »ich möchte mit dem Wirt noch ein paar Worte sprechen. Der Mann ist ein alter Freund von mir.«

Robert machte große Augen. »Der?« sagte er.

»Nun und warum nicht?« fragte mit ungewohnter Schärfe der Seiler. »Ein solcher Wirt kann nicht mit Manschetten und Lackstiefeln einhergehen wie ein großer Herr. Er muß häufig genug die streitenden Gäste eigenhändig auseinanderbringen und dazu immerwährend die Gläser spülen. – Peter Volland ist ein kreuzbraver Mann, sage ich dir.«

Und mit diesen Worten entfernte sich Georg, um hinter dem überschwemmten Schenktisch den Wirt aufzusuchen. Robert sah, daß die beiden einander wie alte Bekannte begrüßten und daß die Worte seines Freundes den stämmigen Schenkwirt äußerst angenehm zu berühren schienen. Ein wiederholtes Kopfnicken, eine Handbewegung und der ganze Ausdruck des Gesichtes sagten deutlich, als habe er es laut ausgerufen: »Ja! Jawohl, ganz gewiß.«

Dann folgte, halb versteckt hinter einer großen braunen Kruke, eine Fingerbewegung, – die des Zählens. Jetzt nickte Georg, und die beiden Vertrauten sagten sich Lebewohl. Der Seiler kam wieder in das Schenkzimmer.

»So,« rief er, »nun laß uns gehen, Kleiner. Jetzt sollst du auf dem Wege zum Altonaer Bahnhof noch die Läden der Schiffs- Viktualienhändler kennen lernen. Paß nur auf, es beginnt gleich hier in der Nähe.«

»Was hattest du mit dem Wirt?« fragte Robert. »Ihr beide spracht und gebärdetet euch ja, als hättet ihr einen Handel abgeschlossen.«

Der Seiler lachte etwas gezwungen. «Einen Handel? dummes Zeug, Junge. Sieh her, – hast du schon einmal solche Ankerketten gesehen und solches Ölzeug?« –

Er zog seinen Schützling von Schaufenster zu Schaufenster und ließ ihn alle diese Anhäufungen von Schiffshandwerkzeug bewundern. Der ganze Weg neben der Hafenmauer führt an solchen Läden und solchen Werkstätten vorüber, die mit dem Seewesen in unmittelbarer Berührung stehen, nämlich außer den zahllosen Matrosenschenken und großartigen Auswandererhäusern die Niederlagen der Anker- und Kettenschmiede, Tauwerks-, Teer- und Farbenhandlungen, die Werkstätten der Blockdreher und Segelmacher, die Läden mit Schiffsviktualien, Auswandererbedürfnissen, des Schiffszwiebacks und Ölzeugs, dann die Geschäfte der Makler, Agenten und Ballastlieferanten und hundert andere Einzelheiten des Seewesens mehr.

An der unbebauten, dem Strome zugekehrten Seite der Straße befinden sich viele alte hölzerne, nach holländischer Art erbaute Kräne und Winden, ebenso die derartigen, meistens eisernen Einrichtungen der Neuzeit, dann führen Treppen in kurzen Zwischenräumen hinunter an das Wasser, und an schweren Ketten liegen die zahlreichen Jollen, welche hier zwischen den Schiffen und dem Lande einen ununterbrochenen Verkehr herstellen. In der Straße selbst wogt es von Hafenarbeitern und Seeleuten jeglichen Standes, jeglicher Rasse und jeglichen Himmelsstriches, von Ewerführern, Schauerleuten, Jollenführern, Gehilfen und Agenten der Schiffshändler, der Makler und Angestellten solcher Geschäfte, die mit dem Seewesen in irgend einer Beziehung stehen. Hier spricht man alle Sprachen, hier kennt man alle Münzen der Welt. Hart an den Vorsetzen liegen Torf- und Kartoffelewer von der Unterelbe, welche einen bedeutenden Teil des Bedarfs an diesen Artikeln in die Stadt bringen. Überall lebt und webt auf jedem Fußbreit der schmalen Straße das geschäftige Treiben einer Hafenstadt, überall regt sich die Seele Hamburgs, der Handel nach sämtlichen Gegenden der Welt.

Es war für den Seiler keine geringe Aufgabe, seinen jungen Schützling vorwärts zu bringen. Zwanzigmal blieb er stehen, um dieses oder jenes zu bewundern, um eine Unterhaltung anzuknüpfen oder eine neugierige Frage zu stellen. Er wollte alles sehen, alles wissen und nur, als ihm Georg außerhalb des Tores, in der Vorstadt St. Pauli, das Seemannshaus zeigte, wurde er einigermaßen abgelenkt. Es brannten jetzt schon überall die Gaslaternen, und der Anblick dieser Gegend erhielt dadurch neue, überraschende Reize. Auf einer beträchtlichen Anhöhe, dem schönsten Punkt von ganz Hamburg erbaut, gleicht das Krankenhaus für Seeleute in seiner großartigen Anlage fast einer mittelalterlichen Zwingburg. Es bildet mit seiner dem Hafen zugekehrten Fronte einen wahrhaft großartigen Anblick, und Robert vermochte sich von demselben kaum loszureißen. »Wie viele Seeleute mögen dort Unterkommen finden?« fragte er, in Staunen verloren. »Das ist ja ein riesiger Bau.« Georg nickte. »Es ist Raum für zwölfhundert Gesunde und dreihundert Kranke vorhanden,« antwortete er. »Aber nun heißt es rechtsum kehrt! wir müssen eilen, den Altonaer Bahnhof zu erreichen.«

Nur sehr ungern trennte sich der Knabe von der Wasserseite Hamburgs und folgte seufzend dem voranschreitenden Freunde durch die Vorstadt St. Pauli wieder zurück nach Altona. »Nun haben wir aber auch alles gesehen!« sagte er mit Genugtuung.

Der Seiler lächelte halb spöttisch. »Und das Museum, mein Junge, und der Zoologische Garten und die kleinen Alsterdampfschiffe, die wie ein Puppenspielzeug über das Wasser fahren? – Aber ich denke, wir machen noch manche kleine Reise zusammen,« setzte er hinzu. »Wenn die Geschichte nur nicht so gewaltig teuer wäre.«

»Was hat uns der Tag gekostet?« fragte Robert.

»Hm, wenn wir wieder in Pinneberg angelangt sind, so ist die Tasche leer. Aber du hast ja noch Vorrat in der Sparbüchse.«

Robert antwortete nicht. Seine Seele mußte die vielgestaltigen Eindrücke dieses Tages erst in sich verarbeiten, bevor irgend etwas anderes seine Aufmerksamkeit fesseln konnte. Unterwegs im Wagen legte er die heiße Hand auf Georgs Arm. »Laß uns gleich, wenn der Zug anhält, wieder umkehren,« sagte er, »ich kann es doch nicht ertragen – nun erst recht nicht.«

Der Seiler zuckte die Achseln. »Hättest besser zugreifen sollen,« flüsterte er, Daumen und Zeigesinger mit bedeutsamem Blick gegeneinander reibend. »Ohne Moses und die Propheten kann man in der Welt keinen Schritt vorwärts kommen.«

Robert sprach kein Wort mehr, aber er ging, nachdem er auf Umwegen nach Hause geschlichen, sogleich ins Bett, ohne vorher zu essen oder seiner Mutter irgend etwas zu erzählen. Er wollte nur ungestört an das, was er gesehen hatte, denken.

Am folgenden Tage mußte die Arbeit, welche der Vater für seinen Sohn und Lehrling zurückgelassen, in aller Eile fertig gemacht werden, aber es fielen diesmal glühende Tränen darauf. »Wenn mich so alle diese kräftigen Männer sehen könnten,« dachte er, »die Glücklichen, welche in Wind und Wetter draußen ihre Arme brauchen und schwere Lasten regieren dürfen, indes ich die Nähnadel halten muß! o es ist zu traurig.«

Der Alte fand auch, als er nach seiner Rückkehr jeden Stich musterte, die Arbeit grundschlecht und sparte daher nicht mit Zurechtweisungen, ebenso beschränkte er zur Strafe die freie Zeit des Knaben, so daß dieser nur höchst selten mit Georg einmal vertraulich sprechen, oder gar an dem Holzklotz, welchen er sich heimlich in einen Winkel des Heubodens geschafft, ein paar Minuten meißeln konnte.

Das Buch des Matrosen vom »Blitz« gab über alles eine so genaue Auskunft, war so verständlich und belehrend geschrieben, daß es gar keine Kunst mehr schien, nach diesen Anweisungen selbst ein kleines Schiff herzustellen. Robert hatte sich in seinem Versteck eine ordentliche Werkstelle eingerichtet, denn die Mutter verriet ja nichts, und der Vater kam nie dort hinauf seiner Luftbeklemmung wegen, das wußte der Knabe aus Erfahrung. Zwar schüttelte Frau Kroll den Kopf und meinte, das werde noch einmal ein Unglück geben, wenn es der Vater erfahren sollte, aber Robert kehrte sich nicht daran. In seinem natürlichen Beschützer und Freund sah er ja schon langst den Feind, dessen er sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu erwehren suchte. Und Georg schürte das Feuer, wo er konnte. Robert lieferte jetzt kein empfangenes Trinkgeld mehr ab, stahl für seinen Freund aus der Speisekammer der Mutter alles Genießbare und hatte auch schon mehrere Male wieder mit Hilfe von Georgs Nachschlüssel den Geldkasten des Vaters bestohlen, oder von seinem »Eigentum« ein Paar Taler verbraucht, wie es der Seiler nannte. Alles das verursachte ihm kaum Gewissensbisse. Wenn der Alte gewollt hätte wie er, wenn er kein Tyrann gewesen wäre, so würde es ja nie geschehen sein, aber durch diese Halsstarrigkeit, diese Ungerechtigkeit trug er ja an allem selbst die Schuld.

Schalt er, so hieß es: »ich will ja doch kein Schneider werden. Hab' ich ausgelernt, so gehe ich auf und davon.«

Natürlich zog nach solchen Auftritten der Vater die Zügel nur immer straffer, und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Sohne wurde immer schlechter. Robert hatte jetzt, als das Wetter anfing kalt zu werden, den Schiffbau oben in der Ecke des Heubodens so weit vollendet, daß er notwendig mehrere Kleinigkeiten einkaufen mußte, um weiter arbeiten zu können, aber es fand sich dazu leider kein Geld, und auch der Seiler erklärte, keines zu besitzen.

»Nimm's doch, wo du weißt, daß es liegt,« sagte er höhnisch.

Aber Robert schüttelte den Kopf. »Was ich in der Sparbüchse hatte, ist verbraucht,« antwortete er, »und das übrige gehört mir nicht.«

Dabei blieb es. Georg sah zu seinem größten Verdruß, daß Robert nicht umzustimmen war, aber er verbarg die Täuschung und half über alle entstehenden kleinen Verlegenheiten des Baues so gut als möglich hinweg. Man konnte jetzt das zukünftige Schiff schon ganz deutlich erkennen.

Da traf es sich, daß Robert an einem Sonntage ausgeschickt wurde, um in einem ziemlich entfernten Dorfe Arbeit abzuliefern, und als er zurückkam, sah er die Mutter bitterlich weinend auf dem Herd sitzen. Nichts Gutes ahnend, fragte er sie nach dem Grunde ihrer Tränen.

»Geh du nur fort,« flüsterte ängstlich die alte Frau, »laß dich beim Vater fürs erste gar nicht sehen. Er ist furchtbar erzürnt.«

Der Knabe wurde purpurrot vor Aufregung. »Hat er mein Schiff gefunden, Mutter?« stammelten kaum vernehmlich die bebenden Lippen.

Die Alte nickte unter ihrer vorgehaltenen Schürze. »Ja! – Ach ja!«

Robert flog zum Heuboden. Er schlug vor Entsetzen die Hände zusammen. Alles fort, das Buch, das Gerät, die Hobelbank, welche er sich mit Georgs Hilfe so sinnreich und kunstvoll selbst gebaut, und namentlich sein geliebtes halbfertiges Schiffchen, der beste Schatz, den er auf Erden sein eigen genannt.

Wo mochte es der erzürnte Vater gelassen haben?

Dieser letztere schreckliche Gedanke brachte sein Blut in Wallung. Wenn das Schiff – sein »Blitz« zerstört wäre!

Er sprang wieder in den Hof hinab und stürmte an der weinenden, händeringenden Mutter vorüber in das Wohnzimmer. Nun einmal alles entdeckt war, konnte ihm ja weder Zögern noch Leugnen helfen.

Der Alte stand kerzengerade mitten in dem kleinen Raum, und neben ihm auf dem Tische lag ein schlankes, wie es schien, eben erst aus der Haselnußhecke geschnittenes Stöckchen. Roberts ganze Einrichtung mit allem, was dazu gehörte, stand und lag auf dem Fußboden. Der alte Schneidermeister sah aus wie ein Toter.

Seine und seines Sohnes Augen begegneten einander in festem, langen Blick. Der Starrsinn und die unbeugsame Art des Vaters fanden ihren Widerhall in dem Knaben, der blaß aber unbeirrt vor dem erzürnten Manne stehen blieb. Minutenlang lag auf der Umgebung ein drückendes Schweigen, das nur durch die leisen, bittenden Worte der Mutter zuweilen unterbrochen wurde, dann aber streckte der Meister die Hand aus. »Wem gehört das da?« fragte er, auf Roberts Schiff deutend, den Knaben.

»Mir, Vater, und ich will es auch behalten.«

»Still. Von wem hast du das Buch und das Gerät bekommen?«

Robert hatte sich auf diese Frage bereits vorbereitet. Die Lüge flößte ihm ja schon längst keinen Widerwillen mehr ein. »Von Georg,« versetzte er ruhig.

»Das ist nicht wahr!« brauste der Alte auf. »Solch ein Bettelbube, den der Nachbar Seiler nur um Gotteswillen und weil's ihm so traurig geht, überhaupt in Arbeit behält, der kann nichts verschenken. Gestehe, woher du es hast.«

»Von Georg. Und willst du mir nicht glauben, so laß es, darum bekümmere ich mich nicht.«

Der Schneider stutzte und ließ die Hand sinken. »Ich denke wohl, daß du die Wahrheit sprichst,« sagte er nach einer Pause, »denn so dreist lügen könnte doch mein Sohn nicht. Ich wenigstens hab' es mein Lebtag nicht gekonnt.«

Robert ertrug mit äußerlicher Ruhe den Blick, welcher diese Worte seines Vaters begleitete. In ihm gärte und stürmte es, aber der Trotz hielt jede Rührung in Schranken. Er schwieg, ohne sich von der Stelle zu bewegen.

»Wer hat dir die Spielerei erlaubt?« fuhr Meister Kroll fort. »Du wußtest, welches Unrecht du begingst, sonst würdest du aus der Sache kein Geheimnis gemacht haben. Du wolltest mit bestimmter Absicht deinen Vater betrügen, nicht wahr?«

»Ich wollte dir das Schiff nicht zeigen. Wenn du darin einen Betrug erkennst, so kann ich es nicht ändern,«

Der Alte nickte. »Ich weiß nun genug,« sagte er kalt. »Trage das Ding in die Küche, alles, auch das Buch.«

»Vater!« – –

»Gehorche!« rief rot vor Zorn der Alte. »Willst du deinem Vater den Gehorsam aufkündigen, ungeratener Bube?«

In diesem Augenblick erschien die Mutter. Ohne ein Wort zu sprechen, ergriff sie die verschiedenen Gegenstände und trug sie hinaus auf den Herd. Robert sah ihr zu, unfähig jetzt einen Entschluß zu fassen. Sollte er das Äußerste tun, die Hand erheben, um seiner Mutter das geliebte kleine Schiff gewaltsam zu entreißen? – Er konnte es nicht, aber er folgte wie im Traum der alten Frau und sah starren Blickes auf den gefährdeten Schatz. Der Vater wollte ihn vernichten, das schien unzweifelhaft.

Und wirklich betrat Meister Kroll die Küche. Er handelte keineswegs im Zorn, sondern wohlüberlegt und mit der größten Ruhe; er machte aus der ganzen Sache ein förmliches Strafgericht. Zuerst warf seine Hand das Buch in die Flammen, und dann ergriff er das Beil und das Schiffchen.

Robert stieß einen lauten Schrei aus. »Vater, Vater, ich bitte dich,« rief er, außerstande, noch in diesem verhängnisvollen Augenblick zu schweigen, »ich bitte dich, laß mir das Schiff. Es ist meine einzige Freude.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Gerade darum,« versetzte er nachdrücklich. »Liebtest du dein Fach, und wärest du ein fleißiger, gehorsamer Lehrjunge, so würde ich dir recht gern für deine Freistunden eine harmlose Spielerei gestatten. Hier aber handelt es sich um viel Ernsteres, und die Strafe soll so tief ins Herz treffen, daß du sie nie wieder vergißt.«

Er hob die schwere Axt – es war dem Knaben, als würde er selbst getroffen – und der Schlag fiel dröhnend in den fertigen Rumpf des Schiffchens. Ein klaffender Spalt hatte es der Länge nach getrennt.

Robert wandte sich ab. Seine Fäuste waren geballt, seine Lippen zuckten und aus den Augen brachen heiße Tränen, aber er beherrschte sich doch – er versuchte keine Gegenwehr.

Die Trümmer des zerstörten Baues flogen ins Feuer, die übrigen Holzstücke in den Winkel, und das Gerät packte der Alte auf den Schrank. »Das war eins,« sagte er, »und nun geh ins Zimmer, Junge. Wir sprechen uns weiter.«

Robert gehorchte schweigend. Mochte der Vater tun oder lassen, was er wollte, das schien jetzt nach dem Verlust des Schiffchens und des Buches ganz gleichgültig, wenigstens glaubte es der Knabe, aber er sollte sich dennoch täuschen.

Meister Kroll rief auch die Mutter in das Zimmer. »Nun höre,« wandte er sich an seinen Sohn, »was ich dir mitzuteilen habe. Nach meiner ursprünglichen Absicht solltest du in drei Jahren zum Gesellen gemacht und vom Lehrling losgesprochen werden, aber dieser Wohltat hast du dich unwürdig gezeigt. Deine Lehrjahre sollen erst verstrichen sein, wenn du neunzehn zählst, – sie sind auf vier erhöht worden. So, das sagte dir der Meister in mir, und nun kommt der Vater. Zieh die Jacke aus.«

Der Knabe hatte wie ein Gerichteter die schrecklichen Worte des Alten über sich daherbrausen lassen, fast unfähig, den neuen Schlag in seiner ganzen Schwere sogleich zu fühlen, – jetzt aber richtete er sich plötzlich auf. Alles Blut schoß ihm ins Gesicht.

»Vater, du willst mich schlagen?« preßte er hervor.

»Gewiß will ich das, wie es von Gottes- und Rechtswegen meine Pflicht ist. Zieh die Jacke aus,«

Robert trat hastig zurück. »Du darfst mich nicht schlagen, Vater,« rief er außer sich, »du darfst es auf keinen Fall, denn ich bin konfirmiert. Tu es nicht, Vater.«

Aber der Alte zog ihn mit einem einzigen Griff zu sich. »Ist es schon so weit gekommen,« grollte er, »will der junge Hahn gegen Gott und Menschen krähen, was? – Ich sollte meinen Buben nicht mehr züchtigen dürfen, nur weil er kein Fibelschütz mehr ist? Wehre dich gegen deinen Vater, du Taugenichts, wenn du den Mut dazu findest.«

Die Schläge fielen schwer und dicht auf den Rücken des Knaben. Robert fühlte etwas wie eine Erstarrung, einen wahren Todesschmerz, aber dennoch ertrug er die Bestrafung, ohne seine Kräfte denen des Vaters entgegenzusetzen; nur wußte er ganz gewiß, daß jetzt ein fester Entschluß zur Reife gekommen war, – daß diese Stunde zwischen ihm und dem Vater das letzte Band zerschnitten. Mochte doch der Meister seinem Lehrling drohen, soviel er wollte, mochte er die Zeit der Erlösung in Gedanken hinausschieben, so weit er Lust hatte – Robert lächelte nur.

Er sprach auch keine Silbe, als der Vater den Stock in die Ecke warf und ihm sagte, daß er nun gehen könne. Er hörte es kaum.

Als aber der Abend kam, schlich er sich hinaus und suchte seinen Freund. Schluchzend vor Gram und Zorn hing er an dem Hals des Seilers und stammelte in abgebrochenen Lauten die Geschichte dieses Tages. Auch ohne die tiefe Dunkelheit ringsumher wäre er zu erregt gewesen, um Georgs triumphierendes, zufriedenes Lächeln bemerken zu können. »Ich will fort,« schloß er seinen Bericht, »jetzt um jeden Preis und lieber heute als morgen. Georg hilf mir, daß ich ein Schiff bekomme.«

Der Seiler zuckte die Achseln. »Nichts leichter als das,« antwortete er, »nur mußt du Geld schaffen. Ich besitze gar nichts.«

Robert nickte. »Es ist gut,« sagte er, »ich will's tun. Der Vater sieht mich nie im Leben wieder, also kann er wohl für seinen Sohn das letzte Opfer bringen. Wie viel brauche ich?«

»Hm, je mehr, desto besser. Greif nur tüchtig hinein, denn das Seezeug kostet schweres Geld. Einstweilen werde ich Erkundigungen einziehen, wenn ein Schiff ausläuft, welches dich brauchen kann.«

Der Knabe erschrak. »Bei Peter Volland?« fragte er.

»Bei demselben. Er kennt alle Kapitäne und alle Agenten, zudem ist er mein bester Freund, der gewiß für dich tun wird, was in seiner Macht steht. Dein Entschluß ist also bestimmt gefaßt, mein Kleiner?«

»Ganz bestimmt,« erklärte Robert. »Würdest du dir solche Behandlung gefallen lassen, Georg? – ich glaube kaum.«

Der Seiler lachte spöttisch. »Wahrhaftig nicht,« versetzte er. »Ich wäre schon längst auf und davongegangen, – aber du hattest ja dazu nie den Mut.«

Robert ballte im Andenken der erlittenen Schmach noch jetzt die Faust. »Ich habe Mut,« flüsterte er, »besorge du nur ein Schiff, hörst du?«

Der Seiler versprach, noch selbigen Tages an den Hamburger Schlafbas zu schreiben, und wirklich brachte er auch nach kurzer Zeit einen Brief, in welchem Peter Volland mitteilte, daß das holländische Schiff »Antje Marie« zur Abfahrt bereit im Hafen liege. »Kapitän van Swieten sucht gerade einen Jungen,« setzte er hinzu, »und wenn dein Freund zur rechten Zeit eintrifft, so kann er die Stelle bekommen.«

Robert jubelte laut. »Aber du gehst mit, Georg,« bat er, »du zeigst mir die notwendigsten Wege und hilfst beim Einkaufen, nicht wahr?«

Der Seiler nickte. »Kannst dich darauf verlassen, Junge. Sei du nur guten Mutes, jetzt ist dein Glück gemacht, wenn du nämlich das Geld erst im Besitz hast.«

»O – darum sorge nicht. Morgen abend ist bei meiner Tante Christine eine Geburtstagsfeier und dahin begeben sich die Alten. Ich habe mithin Zeit genug, den Kasten zu öffnen.«

»Nimm so etwa sechzig Taler,« rief Georg. »Das brauchst du ganz gewiß.«

Robert nickte und arbeitete dann während des folgenden Tages Seite an Seite mit dem Vater, ohne ein Wort zu sprechen. Meister Kroll hatte ihm gesagt, daß er erst wie ein gutes Kind um Verzeihung bitten müsse, und dagegen sträubte sich sein Trotz. »Ich bin mir keiner Schuld bewußt,« dachte er, »warum sollte ich also nachgeben.«

Der Tag schien endlos, aber einmal neigte er sich doch, und aufatmend sah Robert die Eltern im festlichen Putz fortgehen. Der Vater sprach ja nicht mit ihm, – nur die Mutter hatte leise zum Guten geredet und gebeten, daß er nicht davonlaufe, sondern hübsch auf alles acht geben möge.

Und nun war er allein. Aber noch wachte alles auf der Straße und in der Nachbarschaft, noch konnte er den Raub nicht vollführen, es wagte es kaum, daran zu denken. Seine Hand fütterte die Tiere im Hofe, gab der Kuh das Heu und den Schweinen ihre wenig appetitliche Brühe aus Küchenabfällen und Schrot. Es war ihm ganz eigen zu Mute, nur halb froh, das wußte er gewiß. In den wenigen Worten »zum letzten Male« – liegt ja immer ein herzbeklemmendes Etwas, und wenn gar das Gewissen in banger Unruhe vor der Zukunft warnt, so ist es doppelt schwer, der nahen Entscheidung mit festem Mute entgegen zu gehen. Robert glaubte, daß die Tiere noch niemals so zutraulich gegen ihn gewesen, daß er die enge kleine Heimat seiner Eltern noch nie so lieb gehabt wie an diesem Abend. Er streichelte Pikas, den alten zottigen Hund, und kraute die Köpfe der Ziegen, – Träne um Träne fiel über sein Gesicht herab.

Er wollte fort, der Entschluß schwankte keinen Augenblick; ihn lockte mit tausend Stimmen die weite Reise draußen auf dem Ozean, aber – dennoch – –

Er erschrak, als Georgs Schatten seine Stirn streifte. »Hast du's?« fragte der Seiler.

Robert schüttelte sich wie im Fieberfrost. Er reichte dem andern das Diebeswerkzeug, welches er in der Tasche getragen und wandte schaudernd den Blick. »Du,« sagte er, »mir ist das alles anvertraut, ich soll es vor Spitzbuben behüten, – da kann ich unmöglich den Kasten selbst erbrechen. Tu du es für mich.«

Der Seiler horchte hoch auf. Jähe Röte überflog sein blasses Gesicht, seine Augen funkelten. »Ich?« sagte er. »Aber mir gehört ja das Geld nicht.«

»Einerlei. Ich – na, in Gottes Namen nenne mich feige, Georg, aber ich habe den Mut nicht. Ich kann kein Geld stehlen. Das frühere war mein Eigentum.«

Der Seiler lachte leise. »Bist ein Kind,« versetzte er spöttelnd, als sich Robert mit lautem Schluchzen zu Boden warf und das glühende Gesicht in des Hundes Fell verbarg, »bist ein Muttersöhnchen, das sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet. Aber sei es denn, – ich will hingehen und die sechzig Taler nehmen. Ist vorn an der Straße die Tür verschlossen?«

»Ja. Auch die Läden habe ich vorgelegt.«

»Das war richtig. So paß nur hier gut auf, daß niemand kommt.«

Die schlanke Gestalt schlüpfte ins Haus, und Robert horchte atemlos. Wenn jetzt jemand klopfte, – wenn zufällig die Eltern zurückkämen!

Der Angstschweiß drang aus allen seinen Poren. Er stand auf dem Sprung, sich bei dem ersten Laut über den Zaun hinweg ins Freie zu retten. Mußte denn nicht jeder sehen können, daß er ein Verbrecher war, daß er, der Hüter, den Dieb in das Haus eingelassen? –

Schleichende Schritte kamen über den Hof. Georg sah im Mondschein noch bleicher aus, als sonst gewöhnlich. Er war verwirrt, er schien zu zittern.

»Da,« raunte er, aus seiner Mütze die blanken Taler in Roberts Hände schüttend, »da. Es ist doch ein eigen Ding, – und man wird ein Hasenfuß dabei.«

Robert schob das Geld zurück. »Behalte es,« antwortete er. »Du sollst ja für mich einkaufen, und ich mag's nicht anrühren.«

»War niemand in der Nähe?« flüsterte Georg.

»Kein Mensch. Also morgen abend um halb sieben Uhr fahren wir nach Altona?«

Der Seiler wog das Geld in der Hand. »Hm,« meinte er, »diesmal müssen wir uns zum Marschieren bequemen. Man könnte uns sehen, und die Geschichte wäre verraten. Bist du erst einmal bei Peter Volland, so laß sie dich nur suchen, dann hat's keine Not mehr.«

Robert strich das verworrene Haar aus der Stirn. Er bekämpfte mit Mühe die Bewegung, welche ihn durchzitterte. »Du,« sagte er, »das ist so, wie es der Lehrer in der Schule erzählte, weißt du, von dem großen Ferdinand Cortez, der hinter sich die Schiffe verbrannte! Damals habe ich's gar nicht so recht verstanden, aber nun ist mir alles klar geworden. Und ich bin gerade in der gleichen Lage, nur daß ich nicht andere vorwärts treibe, sondern mich selbst. – Wir gehen also zuverlässig um sechs Uhr abends von hier fort?«

»Was mich anbelangt, ja!« versetzte Georg.

»Und mich, verlaß dich darauf.«

Der Seiler kroch durch die Hecke, und Robert ging mit zaghaften Schritten in das Schlafzimmer. Mußte es denn nicht an dem Schrank zu sehen sein, daß ihn diebische Hände geöffnet? Mußten nicht alle die stummen Zeugen der schlechten, ehrlosen Tat sich anklagend gegen den Sohn erheben, der seines Vaters Geld gestohlen?

Ein scheuer Blick streifte die Umgebung, selbst nach etwaigen Fußspuren suchte Roberts böses Gewissen, und geängstigt kroch er im Finstern zu Bett, aber ohne die Augen schließen zu können. Vielleicht, wenn er einschlief, kam ja der Vater, suchte zufällig in dem eisernen Kasten irgend ein Papier und entdeckte alles. Er durfte nicht ruhen, – seine eigene Sicherheit gebot ihm zu wachen.

Die Eltern kamen ziemlich spät nach Hause, und Robert fühlte hinter den gesenkten Wimpern einen schwachen Lichtschein, der sein Auge traf. Meister Kroll schützte das Licht mit der Rechten, als er sich über den regungslosen Knaben herabbeugte. Dieser hörte einen unterdrückten schmerzlichen Seufzer seines Vaters.

»Mutter,« sagte der Alte, »es ist doch eigentümlich. Nun habe ich seit acht Tagen kein Wort mehr mit dem Jungen gesprochen, aber das rührt ihn nicht, Robert ist verstockt, er fühlt für seine Eltern keine Liebe.«

Der Lichtschein erlosch, und unser junger Freund biß in das Bettkissen, um nicht laut zu weinen. O wäre er erst weit, weit fort von hier, damit diese schrecklichen Qualen aufhörten. Sein Herz klopfte ungestüm und Fieberhitze brannte in seinem Blut. Er hatte sich die Sache so leicht gedacht, so herrlich und beglückend, jetzt dagegen fühlte er es wie eine Zentnerlast auf dem Gewissen.

Was die Mutter antwortete, das hörte er nicht. Halb von wirren Träumen geschreckt, halb unruhig wachend verbrachte er die Nacht. Jetzt endlich war ja der letzte Morgen angebrochen, und nur nach Stunden zählte es, bis die Erlösung schlug. Er kleidete sich in seinen besten Anzug, steckte Kleinigkeiten, welche ihm besonders lieb waren, in die Tasche und nahm ein Buch, scheinbar um zu lesen, in Wirklichkeit aber, um gedankenlos über die Blätter hinweg ins Leere zu sehen. Wenn ihn doch der Vater nur einmal angeredet hätte, nur eine, ob auch noch so geringfügige Bemerkung gemacht, dann war es eine Art von Abschied, eine halbe Versöhnung, aber es geschah nichts dergleichen. Stunde um Stunde verstrich; es schlug eins, zwei, man trank Kaffee und der Alte las die Zeitung wie gewöhnlich, die Mutter saß im Sonntagsstaat strickend am Fenster, und die Uhr hinter dem Ofen tickte eintönig. Drei, – vier – fünf – jetzt mußte der Entschluß gefaßt werden.

»Darf ich ein bißchen fortgehen?« fragte halblaut der Knabe.

Meister Kroll blickte auf. »Du fragst, als hättest du während der Woche deine Pflicht getan, und dich wie ein gutes Kind betragen,« antwortete er langsam und nachdrücklich. »Glaubst du in der Tat ein Vergnügen verdient zu haben?«

Robert schwieg. Er fühlte den alten Trotz mit neuer Gewalt erwachen. Warum mußte der Vater jeden Augenblick benutzen, um Moral zu predigen, warum konnte in seiner Gegenwart keine Freude, keine Freiheit ordentlich gedeihen? Es drückte wie ein Alp, das ernste, grübelnde Wesen des Alten, der von den Wünschen und den Neigungen eines Knabenherzens nichts mehr zu wissen schien, ja, der das alles vielleicht nie im Leben gekannt hatte.

Eine Pause verging, dann erhob sich Meister Kroll vom Sitz, »Deine Tante Christine erkundigte sich gestern, warum wir dich nicht mitgebracht,« sagte er, »und nachdem ich ihr die Gründe auseinandergesetzt, stimmte sie mir vollkommen bei. Dennoch aber schickt sie dir, damit du von ihrem Geburtstage nicht vergessen seiest, diesen Taler, den ich in deine Sparbüchse stecken werde. Natürlich gehst du hin und dankst geziemend.«

Er suchte in der Tasche den Schlüssel zum Schrank und schloß auf. Jetzt zeigte sich der eiserne Kasten im Hintergrunde desselben.

Robert stand wie gelähmt. Es brauste vor seinen Ohren, seine Hände sanken schlaff herab, und alles Blut war aus seinen Wangen gewichen. Jetzt schwebte die Entdeckung unmittelbar über dem Schuldigen, jetzt sah der Vater die leere Sparbüchse und vielleicht gar auch den Raub, welcher an seinem Gelde begangen worden war – –

Noch eine Minute, dann hatte er den Kasten geöffnet – –

Roberts Kniee zitterten. Er war halb bewußtlos.

Da wandte sich der Alte. »Es ist gleichviel,« sagte er, den Schrank wieder verschließend, »ich habe meinen Schlüssel in dem andern Rock stecken lassen. Der Taler gehört dir, du weißt es jetzt. Und nun geh meinetwegen, aber um zehn Uhr bist du zu Hause, das laß dir gesagt sein.«

Er vertiefte sich wieder in die Zeitung und bemerkte daher nicht, daß Robert gleich einem Betrunkenen aus dem Zimmer schwankte. Alles drehte sich vor den Augen des mißleiteten Knaben, überall wohin er blickte, sah er den offenen Geldschrank, – wie von Furien gepeitscht entfloh er dem elterlichen Hause.

Die Gefahr war ihm so nahe gewesen, so furchtbar nahe, daß er sich fast betäubt fühlte. Also das sollte der Abschied sein? –

Aber einerlei. Nur fort, fort. Der Boden brannte ihm unter den Füßen.

Er ging dem Seiler bis an dessen Wohnung entgegen und traf ihn gerade, als er mit einem ziemlich großen Bündel unter dem Arm auf die Straße heraustrat. In der Hand hielt er einen derben Knotenstock.

»Aha,« sagte er gutgelaunt, »da bist du ja. Weshalb läufst du denn bis hierher an das Ende von Krähwinkel? Wir müssen ja auf diese Weise an eurem Hause wieder vorüber.«

Robert trieb zur Eile. »Das tut nichts,« antwortete er. »Aber weshalb siehst du so reisefertig aus? Was soll das schwere Bündel?«

»Das laß dich nicht kümmern, mein Junge. Es sind nur ein paar entbehrliche Kleidungsstücke darin, die ich in Hamburg verkaufen will.«

Er trat an Roberts Seite, und die beiden durchschritten nun schweigend den stillen Flecken, dessen ganzes Leben sich in die vier oder fünf Tanzsäle am Wege zusammendrängte. Auf dem entgegengesetzten Bürgersteige gehend, sah Robert jetzt zum letztenmal sein elterliches Haus. Durch die herzförmig ausgeschnittenen Fensterläden schimmerte das Licht, und Pikas saß vor der Tür. Schweifwedelnd näherte er sich in Sprüngen seinem jungen Gebieter.

Der Knabe beugte sich herab, um die Liebkosungen des einstigen Spielkameraden und Kindheitsgefährten zärtlich zurückzugeben. Es wurde ihm weich, so seltsam weich ums Herz. Wollte Pikas warnen? Wollte er ihm erzählen von dem silberhaarigen Vater, der drinnen im Zimmer den Kopf auf die Hand legte und seufzend fragte: »Mutter, wie kann doch ein Kind so verhärtet sein?« – Die Stirn des Knaben und die Schnauze des Hundes berührten einander. »Leb wohl, Pikas,« flüsterte Robert, »leb wohl, altes Tier!« –

Aber doch hielt er den Hund fest, doch tönte ihm sein leises Winseln wie das Weinen einer Menschenstimme. Er konnte sich von dem Lichtschimmer hinter den Fensterläden nicht losreißen, konnte den Tränen nicht wehren, die über das heiße Gesicht herabliefen.

Da zupfte ihn Georg am Ärmel. »Du, soll der Alte heraus kommen – mit dem Bambus natürlich! – und dir eine neue Tracht Schläge aufmessen?« fragte er.

Robert fuhr auf. Ein ungeduldiger Ruck der Hand schleuderte die Tränen aus den Augen. Er streckte den Arm befehlend gegen das Haus. »Geh fort, Pikas!« sagte er, seine Stimme zur Festigkeit zwingend, »geh fort!«

Der Hund senkte den Kopf und trabte mit langsamen Schritten über die Straße. Vor dem Hause stand er still und sah bittend zurück.

Robert riß sich gewaltsam los. Ein halblautes »kusch!« befahl dem treuen Freunde sich zu legen, und dann wanderten die beiden jungen Leute beschleunigten Schrittes in das Dunkel des Novemberabends hinein. Noch einige wenige Häuser, noch hier und da ein Gruß aus bekanntem Munde, und hinter ihnen lag das kleine friedliche Heimatsörtchen. Der Wind fuhr über die Stoppeln und rauschte in den laublosen Zweigen der uralten Eichen am Wege; graue Wolkenschatten huschten wie Gespenster über den Himmel dahin. »Es ist kalt,« raunte Georg, »knöpfe den Rock zu.«

Aber die Worte klangen, als hätten ihm die Zähne im Munde geklappert.

Es war nach Mitternacht, und in Peter Vollands Schenke drängten sich Kopf an Kopf die Gäste. Der Sonntag wird ja so gern bis in den lichten Morgen hinein ausgedehnt, und so ging es auch hier, obschon sich die Folgen des Gelages bei mehreren der Zecher bereits allzu deutlich zeigten. Diejenigen Matrosen, welche auf den Bänken in festem Schlaf lagen, waren noch die am wenigsten lästigen, dahingegen tobten solche, die durch das Übermaß des Branntweins in streitlustige Laune versetzt wurden, so ziemlich wie die Wilden im Zimmer herum. Das Schreien, Singen und Fluchen in allen Mundarten war betäubend.

Besonders ein Spanier, den die übrigen »Gallego« nannten, tat es im Trinken und Lärmen der ganzen Schar zuvor. Er war ein mittelgroßer magerer Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit kohlschwarzem, lang herunterhängendem Haar, schwarzen tückischen Augen und einem wachsgelben Gesicht. Sobald sich seine »Munkejacke« (der blaue Schifferanzug von Düffel) zufällig öffnete, sah man in der Brusttasche den Griff eines kleinen Dolches.

Dieser Mann war offenbar betrunken, aber nicht in der Weise des deutschen Matrosen. Während »Jan Maat« seiner gehobenen Laune die Zügel schießen läßt und alles und alle in den Kreis der eigenen ungeheuren Heiterkeit hineinziehen möchte, wird der Südländer meistens zanksüchtig, so auch Gallego, dem die Rauflust aus den tiefliegenden Augen blitzte.

Er und ein Malaie, dem auch bereits zu viel Rum über die Lippen geflossen sein mochte, standen einander wie die Kampfhähne gegenüber, während ein Teil der Gäste bemüht war, den Streit zu schlichten, und wieder andere fortwährend hetzten.

Peter Volland schien alles das nicht zu sehen und nicht zu hören. Bis die blanken Klingen in der Luft funkelten,pflegte er sich in nichts zu mischen, dann aber begann seine Tätigkeit, die meist in dem unausbleiblichen Hinauswerfen beider Parteien bestand. So weit war es indessen jetzt noch nicht gekommen, und Peter wartete ruhig seine Zeit ab.

Gallego saß gegen die Wand zurückgelehnt und sang mit herausforderndem Tone ein spanisches Trinklied, während der Malaie leise vor sich hinmurmelte. An demselben Tisch spielten mehrere andere das beliebte »Sechsundsechzig«.

Peter Volland sprach eben in der Ecke des Zimmers mit zwei Neuangekommenen, unseren Freunden Robert und Georg. Er hatte sie sehr herzlich begrüßt und dann unaufgefordert eine Flasche Wein herbeigebracht. Seine breite, nicht eben übermäßig sauber gehaltene Hand tätschelte den Kopf des Knaben. »Also du willst zur See gehen, mein Kleiner?« sagte er, »das ist brav von dir. Kein freieres und männlicheres Geschäft als das des Schiffers. Na, trink nur erst einmal und iß tüchtig, dann werde ich euch beiden eine Koje anweisen, und morgen kannst du bei Kapitän van Swieten anmustern.«

Robert sah in das Gesicht des Wirtes. Er fühlte wieder dasselbe Grauen von damals, »Haben Sie schon mit ihm gesprochen?« fragte er zaghaft.

»Freilich, mein Junge. Die »Antje Marie« geht nach Cuba unter Segel, und nur der Posten des Kajüttsjungen ist noch unbesetzt. Du sollst ihn haben und zwar auf meine Verwendung hin. Ich sage dir, ein besserer Kapitän als Gerret van Swieten hat noch nie die Decksplanken eines Schiffes betreten. Er ist eine Seele von einem Mann.«

»Liegt die Galliote hier in der Nähe?« fragte Georg.

»Hinten beim Grasbrook,« war die Antwort.

Dann ließ der Wirt seine beiden jungen Gäste mit der Flasche und dem reichlich aufgetragenen Mahl allein. Die erzürnten Matrosen am anderen Tisch schienen sich für den Augenblick beruhigt zu haben, und Robert gewann Zeit, ein wenig Rundschau zu halten. Wie war das alles so ganz anders als in der Heimat! Pfützen von Bier, Branntwein und allen möglichen sonstigen Getränken bedeckten den Schenktisch sowie den Fußboden, die Decke war fast verräuchert und Vorhänge fehlten gänzlich. Zu diesen sämtlichen unangenehmen Eigenschaften der Örtlichkeit gesellte sich noch der Geruch von Speisen und Getränken, der Dunst der nassen, vom Regen durchweichten Munkejacken und der Qualm zahlloser Zigarren, – kurz, es war eine höchst ungemütliche, für den Neuling geradezu abstoßende Lage. Robert wandte sich an Georg.

»Du, laß uns schlafen!« flüsterte er. »Es gefällt mir hier sehr schlecht.« Der Seiler zuckte die Achseln. »Daran mußt du dich von jetzt an gewöhnen,« versetzte er. »Bessere als diese Gesellschaft wird dir nicht zuteil werden.«

»Aber die Matrosen sind doch nicht immer betrunken, Georg? Sieh den Spanier, wie er die Augen rollt und die Fäuste ballt.«

Georg lachte. »So laß ihn doch, Junge. Das gibt gleich eine regelrechte Keilerei, – aha, da bricht es schon los.«

Und wirklich funkelte Gallegos Messer über den Köpfen der übrigen. Wenigstens ein Dutzend Matrosen waren von ihren Stühlen aufgesprungen, die Düffeljacke des Malaien flog unter den Tisch und seine muskulösen Arme streckten sich. Er knirschte eine Herausforderung, deren Wortlaut niemand verstand, die aber ihrem Sinne nach nicht zweifelhaft war.

Ein stummes, wütendes Ringen begann. Der Spanier war zu betrunken, um das kurze Dolchmesser gebrauchen zu können; es schwebte, von der Eisenfaust des Malaien gehalten, fast immer in der Luft, während sein Besitzer, blutüberströmt, sich unter den Stößen und Schlägen des anderen auf dem Fußboden wälzte. Gallegos Augen, haßerfüllt, wie im Wahnwitz glänzend, hingen an jeder Bewegung des überlegenen Gegners. Nur eine Sekunde, eine einzige unachtsame Wendung, und der Dolch würde seinen Weg in das Herz des Malaien nicht verfehlen, davon waren alle überzeugt.

Sie umstanden in lautlosem Schweigen das kämpfende Paar. Niemand rührte eine Hand, um sie zu trennen.

Da ertönte durch die Stille ein vernehmliches Klopfen. »Hallo!« rief es von draußen, »aufgemacht!«

»Die Polizei!« raunte mit kreidebleichen Lippen Peter Volland. »Schnell, Gallego, – und auch ihr beide, schnell!«

Die letztere Aufforderung galt unseren Bekannten. Der Wirt sah bedeutsamen Blickes zu dem Seiler hinüber, und dieser zog im Fluge den Knaben mit sich durch eine Hintertür des Schenkzimmers in einen dunklen Raum hinein. »Es ist zu deiner Sicherheit,« flüsterte er. »Schweig ganz still!«

Robert gehorchte den erhaltenen Weisungen, obgleich ihn der wilde Auftritt heftig erschreckte. Er sah noch, gleich einer blauen Flamme, das Dolchmesser des Spaniers sich erheben, und hörte dann ein dumpfes Röcheln. Ehe er sich über irgend eine Einzelheit des Geschehenen deutliche Rechenschaft zu geben vermochte, schleppten zehn kräftige Arme den widerstandslosen Gallego in die dunkle Küche hinein, die Tür wurde verschlossen und dann dem immer lauter werdenden Klopfen Folge gegeben.

Robert und Georg beobachteten durch die Spalten eines verschobenen Vorhanges alles, was sich in der Schenke entwickelte. Neben ihnen, auf dem Fußboden, lag der Spanier, schwer atmend und leise murmelnd, aber regungslos.

Robert sah alles dieses nur mit halbem Bewußtsein, wie man die Gestalten eines Traumes an sich vorüberziehen sieht.

In seinem Blute schwimmend lag vorn der Malaie, bei dem zwei Polizisten standen, und der noch trotz des langen und tiefen Stiches durch den Oberarm fortwährend Flüche hervorsprudelte. Peter Volland erklärte, daß er von dem ganzen Streit nichts wisse, sondern im Keller beschäftigt gewesen sei und das Klopfen erst nach geschehener Tat gehört habe.

Die beiden Polizisten schienen zu wissen, daß keiner dieser Matrosen die Kameraden verraten werde; sie begnügten sich daher, den Verwundeten in ihre Mitte zu nehmen und ihn zur nächsten Wache zu bringen, freilich nicht ohne vorher die Namen der Anwesenden vorgemerkt zu haben. Als sich die Tür hinter ihnen und dem knirschenden Malaien schloß, atmete Peter Volland erleichtert auf. Er begab sich jetzt zu dem Spanier, mit welchem er in dessen Sprache lange und eindringlich flüsterte. Die Folge war, daß sich der Messerheld aus einer Hintertür hinausführen ließ, nachdem ihm zuvor Hände und Kleider gereinigt worden, und er auch seine Waffe wieder eingesteckt hatte. Der Wirt klopfte zurückkehrend Roberts Achsel.

»Hast dich erschrocken, Kleiner?« fragte er. »Das kommt zuweilen vor, man kann beim besten Willen die Hitzköpfe nicht zur Ruhe bringen, ehe Blut geflossen ist. Na, dort stehen eure Betten, – kriecht hinein, Kinder.«

Die Schenkstube hatte sich schon während dieser Unterhaltung geleert, jetzt wurde das Gas ausgedreht und alles war dunkel. Robert klammerte sich angstvoll an den Arm des Seilers. »Verlaß mich nicht!« bat er.

»Dummes Zeug,« versetzte Georg. »Wie bald wirst du selbst in die Notwendigkeit geraten, dich einmal gehörig schlagen zu müssen! Aber sei jetzt ruhig und laß uns ausschlafen. Wir haben morgen noch viel zu laufen.«

Robert verstummte. Es schien ihm, als sei Georg durchaus ein anderer geworden. Unfreundlich und kurz angebunden, ließ er nur wenig mit sich sprechen. – Der Knabe suchte schweigend das Bett und lag sehr bald, trotz der ungeheuren Aufregung, in welcher er sich befand, in festem Schlaf. Während der vorherigen Nacht hatte er ja kein Auge geschlossen und konnte daher der Müdigkeit nicht widerstehen, obwohl er viel lieber wach geblieben wäre.

Es schlug acht Uhr vom Kirchturm, bevor er am folgenden Morgen erwachte. Nachdem er sich aus schweren Träumen ermuntert hatte, galt sein erster Blick dem Genossen, aber kaum traute er seinen Augen, kaum erstickte er einen lauten Schrei, – das Bett war unberührt, und von Georg keine Spur zu sehen.

Einen Augenblick fühlte er es wie plötzliche Lähmung aller Glieder. Was nun? War es möglich, daß ihn der Seiler ohne Geld oder Schutz irgend einer Art heimlich verlassen? – Er sprang auf und kleidete sich schneller als je im Leben an; dann eilte er in die Schenkstube, wo eine grämliche alte Frau den Fußboden scheuerte, während Peter Volland auf zwei Stühlen lag und die Zeitung las. Sein Gesicht zeigte, daß er schon zu dieser frühen Stunde der Branntweinflasche zugesprochen haben mußte.

»Guten Morgen,« stammelte Robert, noch unter dem vollen Eindruck des erhaltenen Schrecks. »Bitte, sagen Sie mir, wo sich Georg befindet,«

Der Wirt blickte auf. Ein halb spöttisches, halb gutmütiges Lächeln umspielte seine Lippen. »Georg?« wiederholte er, »Georg? – Ach, der Wolfram! nun, der wird eben ausgegangen sein, mein Kleiner, ich weiß es nicht. Margaret, gib dem Jungen ein Frühstück!« wandte er sich an die schmutzige Hüterin seines Heimwesens.

Robert hob angstvoll die Hand empor. »Aber ich habe kein Geld!« rief er. »Georg trug alles bei sich und – der ist fort. Er hat nicht hier geschlafen?«

Peter Volland zuckte die Achseln. »Meine Gäste sind keine Gefangenen,« versetzte er, »sie können kommen und gehen, wie es ihnen beliebt. Das Geld laß dich nicht kümmern, Junge, sondern iß und trink nach Belieben, Wolfram wird schon zurückkommen.«

Diese Zuversicht belebte in etwas den gesunkenen Mut des Knaben. Er genoß mit dem Appetit seiner sechzehn Jahre, was ihm die alte Margarete vorsetzte, Kaffee, Brot und Eier, nur als ihn Peter Volland fragte, ob er auch einen kleinen »Magenwärmer« wünsche, schüttelte er errötend den Kopf.

Der Wirt lachte. »Sollst es schon kennen lernen,« sagte er. »Die Seeluft zehrt –sogar bis hier in die Elbe hinein. Margaret, gib die Geneverflasche.«

Er nahm das dargebotene Gefäß und trank, ohne erst ein Glas zu brauchen, mit langen Zügen. »So,« sagte er, »das hält Leib und Seele zusammen. Und nun, mein Junge, wenn du satt bist – iß übrigens, so lange du Hunger hast! – dann wollen wir deine Ausrüstung besorgen. Die »Antje Marie« sticht um drei Uhr nachmittags in See, und daher müssen wir eilen.«

»Um drei?« – Robert wurde blaß wie der Tod. »Ich bin verloren,« rief er, »ich – –«

Der Wirt schien durchaus nicht erstaunt. »Nun?« lächelte er, »nun? Was haben wir denn, Kleiner? – Immer ruhig Blut, das ist die Hauptsache.«

»O,« schluchzte der Knabe, »Sie wissen es doch, ich besitze kein Geld! Georg hat alles.«

Der Wirt erhob sich schwerfällig aus seiner liegenden Stellung. »Dieser Wolfram,« sagte er in neckendem Tone, »dieser Teufelskerl. Ich will ihm den Kopf waschen, wenn er hier wieder vor Anker geht. Na, heule nur nicht, Kleiner. Ich habe noch so manches Stück Matrosengarderobe, das mir als Pfand zurückgelassen worden ist, dahinein wollen wir dich stecken. Komm mit mir, hörst du!«

Er ging voran, und Robert folgte ihm in ein halbdunkles, auf einen engen, wüsten Hof hinausgehendes Zimmer, wo alle möglichen Gegenstände übereinander geschichtet und gestapelt herumlagen. Munkejacken, Mützen, Lackhüte, Stiefeln, Seekisten, Tauwerk und Tabaksrollen, alles türmte sich bunt und regellos bis zur Decke.

Peter Volland stemmte beide Hände in die Seiten. »Nun such, Junge,« sagte er, »irgend etwas wird dir wohl passen, und wenn's ein bißchen zu groß ist, so mußt du eben hineinwachsen. Auch eine Kiste kannst du dir nehmen und Wollenzeug, überhaupt was nötig ist, um erst einmal den Bauernjungen abzustreifen. Packe dir alles sogleich zusammen, damit wir's in die Jolle schaffen, und dann komm wieder zu mir. Deinen schwarzen Anzug kannst du mir in Verwahrung geben.«

Mit diesen Worten entfernte er sich, und Robert stand allein, ziemlich ratlos vor all dem Gerümpel, welches ihn umgab. Draußen auf dem Hof ein großer Haufe von Scherben, Bierfässern, Flaschen, alten Körben und Packlisten, – hier drinnen das wenig einladende Durcheinander von Garderobestücken, in denen Motten und Schimmel nach Herzenslust hausten, so war seine augenblickliche Umgebung beschaffen. Aber zögern durfte er nicht, dies Bewußtsein drängte sich allen anderen Empfindungen voran. Es war ihm, als werde er verfolgt, als müsse in jedem Augenblick die Entdeckung über ihn hereinbrechen.

Das passende Leinen- und Wollenzeug war bald gefunden, ebenso ein Paar Stiefel, aber die Munkejacken erwiesen sich sämtlich als viel zu groß. »Was hilft's,« dachte Robert, mit prüfenden Blicken die kleinste messend, »ich muß hier ein Stück herausnehmen und dort die Ärmel kürzen. Dann geht es prächtig.«

Er ließ sich heimlich von der mürrischen Margarete eine Nähnadel und etwas Zwirn geben, dann setzte er sich in der Nähe des Fensters auf eine umgekehrte Kiste und nähte tapfer darauf los. Während der ersten Viertelstunde dachte er nur an die Freude jetzt schon so bald am Ziel aller seiner Wünsche angelangt zu sein, dann aber kam langsam ein sonderbares Gefühl über das junge Herz. War es nicht eigentümlich, – ja, mehr als eigentümlich – daß er am Anfang der neuen Laufbahn, gleichsam in den ersten Augenblicken derselben, gerade das tun mußte, was er so bitter haßte, nämlich schneidern?

Sein Gesicht überzog sich mit Purpurröte, unwillkürlich ließ er die Hände sinken. Wenn in diesem Augenblick der alte Vater das Zimmer betreten hätte, er würde sich ihm, von innerem Drange getrieben, zu Füßen geworfen haben – – – –

Aber es war nur Peter Vollands rotes Gesicht, das sich über ihn herabneigte. »Was Teufel, da sitzt ja der künftige Nelson und näht wie ein echter, gerechter Meister Fips!« lachte er. »Junge, was ist das?«

Robert wandte sich voll Verlegenheit ab. »O,« stammelte er, »die Jacke war ein bißchen groß, – aber nun geht es schon. Man muß sich nur zu helfen wissen.«

Der Wirt lachte noch immer, »Und alles schon gepackt,« sagte er, »das ist recht. Wenn du die Jacke fertig hast, wollen wir unsere Reise antreten,«

Robert blickte zögernd auf. »Ist Georg gekommen?« fragte er.

»Hab' ihn nicht gesehen! aber wir brauchen ihn auch keineswegs. Was willst du an Bord mit Geld? Wenn dich Kapitän van Swieten leiden mag, hast du in Cuba Herrentage, Geld und Freiheit so viel du brauchst. Mußt ihm nur recht zur Hand gehen, das ist die Hauptsache.«

Robert versprach, seine Pflichten so pünktlich als er vermöchte zu erfüllen, und dann fragte er, welche Waren die »Antje Marie« nach der Havana zu bringen bestimmt sei?

Peter Vollands verschmitztes Gesicht lächelte schlau. »Welche Waren?« wiederholte er. »Hm, hm, – Mehl und Pökelfleisch, auch eine Partie Bielefelder Leinen, mein Junge. Außerdem nimmt der Kapitän in dem spanischen Hafen Ferrol noch seine Weine ein. Die »Antje Marie« hat eine Menge von verschiebbaren Planken, einen Kohlenraum mit doppeltem Boden und Kajüttenschränke, wo niemand dieselben suchen sollte. Darum braucht auch der alte van Swieten nur zuverlässige Leute, weißt du!«

Er blinzelte vertraulich zu Robert hinüber, mochte indessen wohl erkennen, daß ihn dieser durchaus nicht verstand, und beendete die Unterhaltung, indem er nochmals zur Eile antrieb. Wirklich hatte der Knabe schon gegen zwei Uhr nachmittags seine Arbeit vollendet, die Jacke saß wie angegossen. Der schwarze Anzug wanderte in den Kleiderschrank des Wirtes. Robert seufzte tief, als er sein Eigentum dahingab. Was würden Vater und Mutter gesagt haben, wenn sie das gewußt hätten? – Der alte Meister Kroll war nie im Leben jemand etwas schuldig gewesen, hatte nirgend ein Stück seines Besitzes verpfändet oder aus Not verkauft, – wie schrecklich würde es ihn also getroffen haben, von dem einzigen Sohn dergleichen zu hören!

Aber das war wieder die Geschichte des Ferdinand Cortez, seines Lieblingshelden. Er hatte wie jener die Schiffe hinter sich verbrannt. –

Die Seekiste wurde in die Jolle gesetzt, Peter Volland ließ sich schwerfällig auf eines der Mittelbretter gleiten und Robert sprang nach. »Zur Antje Marie!« sagte der Wirt, und dann fuhr Robert wieder denselben Weg, welchen er an jenem Tage seines ersten Ausfluges schon einmal gefahren, – nur nicht so leicht war heute sein Herz als damals. Es klopfte schneller und schneller, je näher man an die holländische Galliote herankam.

»Dort liegt das Schiff,« sagte endlich der Wirt, »und ein Schlepper ist wahrhaftig schon vorgespannt. Man scheint nur auf uns gewartet zu haben.«

Die Jolle glitt seitlängs unter dem Bug der Galliote dahin, und von Bord streckte sich ein grauer Kopf den Ankommenden entgegen.

»Endlich!« sagte in breitem Deutsch eine Männerstimme, »Noch zehn Minuten, Volland, und ich hätte die Treppe einziehen lassen.«

Er winkte einem Matrosen, der die Seekiste an Bord befördern half, die Jolle wurde befestigt und unsere Freunde bestiegen das Deck. »Guten Tag, van Swieten,« sagte der Wirt, »da bringe ich den neuen Jungen. Steht er dir an?«

Der Holländer musterte mit langem Blick die hübsche Erscheinung des Knaben. »Bist ein Hamburger Kind, Junge?« fragte er.

»Nein, Herr Kapitän,« antwortete dieser, »ich bin vom Lande, aber –«

Der Holländer hob die Hand. »Weiß schon,« schmunzelte er, »weiß schon. Frage nach nichts, als was mich und mein Schiff angeht. Kann keinen feinen Herrn an Bord gebrauchen, und auch keinen Mucker und Haarspalter, der erst allen Dingen auf den Grund sehen will. Meine Leute müssen fixe Seebären sein und aufs Wort gehorchen, willst du das?«

»Ja, Herr Kapitän.«

»Den »Herrn« kannst du weglassen. Aber ich denke wohl, daß ich dich nehme, obgleich die Binnenländer auf See verflucht selten ihren Mann stehen, namentlich die Preußen. Hoffentlich bist du keiner?«

»Doch, Herr Kapitän, ich bin aus dem Holsteinischen.«

»Dann taugst du nichts. Die Preußen taugen samt und sonders nichts.«

Robert sah empor. »Oho, das ist zu viel gesagt,« versetzte er keck. »Auch König Wilhelm, der uns von den Dänen losgeschlagen, ist ein Preuße, und doch der beste Mann auf der Welt.«

Jetzt lachte der Holländer. »Art steckt drin, Volland,« schmunzelte er. »Ich behalte den jungen Schlingel und damit basta.«

Der Wirt schüttelte die dargereichte Hand seines Freundes, als habe er hierdurch für Robert den Pakt endgültig abgeschlossen. »Jetzt bist du Kajüttsjunge auf der »Antje Marie«, wandte er sich an den Knaben, »und ich hoffe, daß du meiner Empfehlung Ehre machen wirst. Wenn du wieder nach Hamburg kommst, so denke ich, besuchst du mich.«

Er verabschiedete sich bei diesen Worten von dem Holländer und machte Miene, das Schiff zu verlassen, da zupfte ihn Robert am Arm. »Bekomme ich nicht ein Anmusterungsbuch?« fragte er, »und muß nicht beim Wasserschout mein Name –«

Peter Volland blinzelte ihm zu. »Hast du Papiere, junger Schlingel?« brummte er. «Soll dich die Polizei in Glückstadt abfangen und wieder nach Pinneberg spedieren, he?«

Robert erbleichte bis in die Lippen. Er selbst hatte sich rechtlos gemacht.

»Den Anker herauf!« kommandierte Kapitän van Swieten, und gleichzeitig ertönte auf dem Schleppdampfer ein gellender Pfiff.

Der Wirt grüßte noch von der Jolle herauf, die Treppe wurde eingeholt, die Ankerketten rasselten und das Schiff begann sich leise zu regen – –

Zur selben Stunde saß in Pinneberg der alte Schneider im Lehnstuhl und starrte wie geistesabwesend vor sich hin. Er hörte nicht, daß ihn die schluchzende Frau auf alle Weise zu trösten suchte. Sein Gesicht, seine Hände waren eiskalt.

»Vater,« bat sie ihn plötzlich, »Vater, sprich ein gutes Wort. Unser Sohn –«

Da sah er sie an. »Wir haben keinen Sohn, Mutter,« kam es tonlos über seine Lippen. »Ein Dieb kann nie mein Sohn sein. Schau her! –»

Er öffnete den Kasten und ließ die entsetzte Frau hineinblicken. »Es ist alles fort,« sagte er dumpf, »unser Geld, meine Uhr, deine paar Schmucksachen, Mutter, – deine Brautgeschenke, du unglückliche Frau, und unser Kind, unser eigenes – hat es gestohlen!«

Laut aufschluchzend in untragbarem Jammer verbarg der alte Mann das Gesicht in beide Hände. – –

Zweites Kapitel

An Bord der Antje Marie

Die Matrosen liefen geschäftig an Deck hin und her, der kleine Dampfer arbeitete sich mit voller Maschinenkraft durch das Wasser, und die Galliote folgte gehorsam allen Bewegungen, welche er ihr vorschrieb. An Bord kommandierte der Lotse, denn obgleich das Schiff schon mehrere Tage vorher vollständig seeklar gemacht worden war, so unterwarf man doch jetzt jede Einzelheit einer nochmaligen genauen Prüfung. Verschiedene Wanten wurden nachgesetzt, die Befestigung des großen Bootes, das immer mitten auf dem Verdeck vor dem Großmast steht, untersucht, und die Segel auf den Raaen so weit gelöst, daß sie auf Kommando sofort gesetzt werden konnten.

Robert stand unweit des Matrosenlogis und sah hinter sich den Hafen von Hamburg allmählich verschwinden; dann folgte die Vorstadt St. Pauli mit dem ragenden Seemannshause auf ihrer höchsten Höhe und endlich Altona, dessen Hafenverhältnisse neben denjenigen Hamburgs als kaum nennenswert erscheinen. Und nun passierte die Galliote das reizende Neumühlen mit dem einzigen Schlosse, welches die Umgebung beider Städte aufzuweisen hat, dem Wohnsitz der Familie Donner, deren Schiffe alle Meere durchpflügen. Hier hatte im Vorherbst der »Blitz« gelegen, hier hatte damals die Sonne ein so bezaubernd schönes Landschaftsbild beschienen, und heute kräuselte ein tüchtiger Ostwind die Wellen am Bug zu weißem Schaum, heute pfiff es schneidend kalt durch das Segelwerk, und am Lande huschten in den Gärten die welken Blätter wie Gespenster wirbelnd durcheinander.

Niemand kümmerte sich um den Jungen, dessen Herz die widerstreitendsten Gefühle bewegten. Dort das schwindende Land, Holsteins schöne Küste, das waren des Cortez brennende Schiffe, und der sie in Flammen gesetzt, empfand alles, was vor Zeiten des tapferen Spaniers Brust durchwogt haben mochte, – ein Hochgefühl des errungenen Sieges und daneben eine tiefe Wehmut, so gedachte er der Kluft, die ihn von seiner Vergangenheit vielleicht für immer trennte.

Starr heftete der Knabe die Blicke auf das Ufer. Teufelsbrück, Blankenese, das Feuerschiff, – alles glitt schneller und schneller vorüber. Immer breiter wurde die Elbe, ja selbst schon einige »Dünung« ließ sich spüren, und Robert stand noch ganz in Gedanken versunken, da legte sich eine Hand auf seine Schulter.

»Nun, mein Bürschchen, was treibst du hier?« fragte eine Männerstimme.

Robert fuhr auf. Der das sagte, war ein älterer Mann von mindestens fünfzig Lebensjahren, mit schwermütigem, kränklichem Gesicht und großen, tiefliegenden Augen, die jedoch freundlich und gütig auf den Knaben herabsahen. »Fühlst du Reue, Kind?« fragte der sonderbare Mann, »möchtest du lieber wieder zurück nach Hause? – Bei Glückstadt ist's noch möglich.«

»Mohr!« rief in diesem Augenblick die Stimme des Kapitäns von der Kajüttentür herüber, »Mohr, – mach keine Dummheiten, hörst du.«

Der Alte wandte sich ab. »Der Montag,« flüsterte er mit einem unterdrückten Seufzer, »der Montag. Es wäre so schade um das junge Blut!«

Robert hatte inzwischen Zeit gefunden, die gestellte Frage ganz zu verstehen. »Ich fühle durchaus keine Reue,« antwortete er lebhaft, »und ich will Seemann werden um jeden Preis. Aber – was ist denn mit dem Montag?« setzte er neugierig hinzu.

Der Seemann schüttelte leicht den grauen Kopf. »Er bringt kein Glück,« antwortete er, »die bösen Mächte heften sich an seine Fersen. Man soll nichts am Montag beginnen.«

Kapitän van Swieten kam breitspurig über das Deck gegangen. »Junge,« sagte er, »geh in die Kajütte und wasche das Kaffeegeschirr, hörst du. Nachher soll dir der Steuermann deine Obliegenheiten genau aufzählen, damit du sie ein für allemal kennen lernst.«

Die Worte wurden sehr freundlich, aber so bestimmt gesprochen, daß Robert die Absicht des Kapitäns, ihn von dem alten Matrosen zu trennen, klar durchschaute. Aber warum das? der Mann mit den weißen Haaren und den ernsten Augen hatte ihm so sehr gefallen.

Er begab sich, nicht ohne einige Mühe gehend, in die Kajütte und begann das Kaffeegeschirr zu reinigen. Während dieser Beschäftigung erschien der Steuermann, dessen mürrisches Gesicht dem Knaben von vornherein Furcht einflößte, und dessen roter Bart fast an eine Mähne erinnerte.

Nachdem er mit barschem Tone den neuen Kajüttsjungen nach Namen und Herkunft gefragt, sagte er stirnrunzelnd:

»Du scheinst mir eine sehr vorlaute »Back« zu haben, das soll aber bald anders werden. Deine Arbeit ist vorläufig die eines Bedienten. Du hast die Kapitänskajütte und auch die meinige rein zu halten, Stiefel zu putzen, Kleider auszuklopfen und bei Tisch zu bedienen. Alles Geschirr befindet sich in deiner Obhut, und was du zerschlägst, das mußt du von deiner Heuer bezahlen. Deine Koje, wo du schläfst, werde ich dir späterhin zeigen. Über derselben befindet sich ein Wandschrank, und – aber geh nur gleich mit mir,« unterbrach er seinen eigenen Satz, – »du sollst den Schrank sehen, damit dir meine Befehle verständlicher werden.«

Er führte den Knaben zum Vorderteil des Schiffes und gab ihm einen kleinen Schlüssel. »Mach auf!« herrschte er, eine Tür bezeichnend, und fuhr dann, als der Befehl vollzogen worden, in seiner Erläuterung fort. »Hier steht das Geschirr, jedes in einem bestimmten Loche, um es vor dem Fallen zu sichern, und darunter befinden sich drei kleine Schubladen für des Kapitäns wöchentlichen Bedarf an Kaffee, Tee und Zucker. Das wird dir vom Untersteuermann an jedem Sonnabend zugewogen und damit mußt du auskommen. Ertappe ich dich bei einer Näscherei, so schmeckst du das Tauende.«

Robert errötete und erbleichte abwechselnd. Wie im Fluge kam ihm die Erinnerung an das gestohlene Geld, von welchem er freilich keinen Groschen für sich erhalten, um dessen Entwendung er aber doch gewußt, die er begünstigt hatte. Außerstande, zu antworten, schwieg er und ließ den Obersteuermann seinen Vortrag beenden.

»In jedem Matrosen siehst du deinen Vorgesetzten,« fuhr dieser fort, »und unterstehst dich nicht, eine vorlaute oder trotzige Antwort zu geben. Wenn der Kapitän nach dir klingelt, erscheinst du sofort mit der Mütze in der Hand und trittst bis zur Hälfte in die Kajütte hinein, darauf sagst du: »Was beliebt, Herr Kapitän?« – Wenn ich selbst dich rufe, so antwortest du gar nicht, sondern hörst nur, was ich befehle. Auf jeden Ungehorsam folgt eine Lektion mit dem Tauende, das merke dir hauptsächlich. Und jetzt geh an Deck, um mit anzufassen, wenn die Segel gesetzt werden.«

Er entfernte sich aus dem Logis, in dessen Nähe der Kapitän mit langsamen Schritten auf- und abgegangen war, offenbar um die Unterhaltung zwischen ihm und Robert deutlich zu hören. Jetzt winkte er dem Obersteuermann, welcher ihn in die Kajütte begleitete.

Kapitän van Swieten nahm aus dem Schrank eine Flasche, aus der er trank, und die er dann dem anderen anbot. »Renefier,« sagte er, »warum hast du den neuen Jungen so hart angelassen? Ich will die gewöhnlichen Schiffsgesetze auf meiner Galliote nicht eingeführt wissen, kann sie nicht brauchen, das habe ich dir schon oft gesagt. Ein Verräter untergräbt uns die ganze Zukunft, und du selbst weißt doch am besten, welche goldene Früchte das Geschäft trägt,«

Der Obersteuermann zuckte verdrießlich die Achseln. »Die Galliote ist nicht so ganz allein dein Eigentum, van Swieten,« antwortete er, »das vergiß nicht. Oder willst du mir im nächsten Hafen mein Anteil herauszahlen und dir einen anderen Steuermann suchen? Du selbst kannst kein Schiff über den Ozean führen, das weißt du.«

Der Kapitän wurde blaß vor Ärger, »Wenn du annimmst, daß ich's weiß, Renefier, so war ja deine Erinnerung überflüssig,« sagte er. »Was hast du davon, den Herrn zu spielen und vielleicht einen dummen Jungen gelegentlich durchzuprügeln?«

Des Steuermanns Augen blitzten. »Was ich davon habe, van Swieten?« wiederholte er. »Den nötigen Respekt bei der Mannschaft, daß du es nur weißt. Es geht auf der »Antje Marie« zu, als hätte ein Weib das Kommando. Komme ich nicht heute, so komme ich doch morgen. Das ärgert mich in die Seele hinein.«

Der Kapitän trank wieder. »Ta! Ta!« sagte er, »das ist dummes Zeug, Renefier, daran änderst du nichts mehr. Wir sind eine Welt für uns, wir bilden eine geschlossene Gesellschaft, deren einzelne Mitglieder untereinander vor allen Dingen gute Freunde sein müssen, – das geht aber nicht bloß vermittelst des Tauendes, mein Bester. Frißt der Schlingel ein paar Pfund Zucker, so tu, als hättest du es nicht gesehen und gibt er eine naseweise Antwort, so lache darüber, dann gefällt ihm das Leben an Bord und er ist treu. Zehn bis zwanzig Stück echte Spitzen im Hafen von Havana glücklich den Augen der Spürhunde entzogen, ein paar Kisten Champagner mit Geschick an Land gebracht, und er mag so viel Geschirr zerschlagen, wie er Lust hat. Ich sage dir, du sparst Pfennige, indes du Taler über Bord wirfst, oder glaubst du, daß sich der Bengel in strenger Zucht halten läßt, um später gehorsam wie ein Pudel die gefährliche Arbeit für unsere Rechnung willig auszuführen? – Ich mache die Reise zum sechzehnten Male und bin bei allen meinen Leuten beliebt; willst du, der erst seit acht Tagen die Planken des Schiffes beschreitet, mir Lehren geben?«

Der Obersteuermann nahm die Mütze ab und kratzte sich hinter dem Ohr.

»Wollte auch, ich hätte es nimmer getan,« brummte er. »Wie ist das Deck gescheuert und wie sind die Kojen gelüftet, wie ist der Proviant verstaut? Daß Gott erbarm!«

Van Swieten lächelte überlegen. »Kleinigkeiten,« schmunzelte er, »nichtsbedeutende Nebensachen. Jeder dieser Matrosen ist treu, weil es sein Vorteil heischt, und weil er weiß, daß ihm der Dienst auf der »Antje Marie« mehr einbringt, als er jemals mit Scheuern und Schruppen auf irgend einem andern Fahrzeug erwerben kann. Das ist's, was wir brauchen.«

Der Obersteuermann schwieg und ärgerte sich im stillen. Hätte er ahnen können, was im Logis die Leute flüsterten, so würde ihm vollends die Galle ins Blut getreten sein. »Du,« sagte einer, »wie gefällt dir der neue »Vater Grausen?« (Spitzname für den ersten Steuermann,) »Gestrenge Herren regieren nicht lange!« versetzte ein anderer.

»Der braucht einmal eine Sturzsee!« meinte der dritte. »So dreißig Fuß hoch aus dem Mast, – das kühlt den Eifer.«

Die übrigen lachten. »Wer weiß? Wenn er das Maul zu voll nimmt, regnet es vielleicht einmal unvermutet hinein.«

Robert hörte das alles mit heimlichem Erstaunen. Er hatte sich Georgs Schilderungen zufolge das Seeleben viel strenger und beschwerlicher gedacht als es hier zu sein schien. Die buntgewürfelte Gesellschaft der Matrosen besaß offenbar von Mannszucht und militärischem Gehorsam nur sehr schwache Begriffe; es war mehr so eine Art lustiger Zechkameradschaft, denn auch mehr als eine Flasche Rum und Branntwein sah Robert von Hand zu Hand gehen, obwohl ihm sein Freund häufig gesagt hatte, daß dergleichen nur ausnahmsweise und in geringen Mengen vom Steuermann verteilt werde.

Freilich, sobald an Deck ein Kommando ertönte, änderte sich wie durch einen Zauberschlag das nachlässige Wesen der Leute. Einer suchte es im Laufen und Klettern dem anderen zuvorzutun, einer war noch schneller, noch gewandter als der andere. Robert wurde, als er sich beeiferte mit Hand anzulegen, von den Matrosen mehrfach beiseite gedrängt, und einmal fiel er, – er wußte nicht, ob aus Versehen oder infolge einer kleinen Neckerei – sogar mit seiner ganzen Länge auf das Verdeck, als die Leute plötzlich ein Tau, an welchem er noch aus Leibeskräften riß, wie auf Verabredung losließen. Ein lautes Gelächter und der Ruf »Ahe, unser ›Schmierdieb‹ ist schon seetoll!« brachten ihn indessen schnell genug wieder auf die Füße.

Der Wind bauschte die Segel, das Schlepptau wurde vom Dampfer losgemacht und an Bord der Galliote geholt; unter dem lustigen Gesang der Matrosen glitt das Schiff durch die Fluten dahin. Der Lotse ließ sich vor Helgoland von einem kreuzenden Kutter an Bord nehmen, und jetzt erhielt Kapitän van Swieten das Kommando. Es wurden noch mehr Segel gesetzt und die Geschwindigkeit der »Antje Marie« auf neun Knoten geloggt. »Loggen« nennt man nämlich die Vorrichtung, mittels welcher ausgemessen wird, wieviel Seemeilen ein Fahrzeug in einer Stunde zurücklegt. Ein dreieckiges, zolldickes Brettchen ist in seinem Mittelpunkt an einer dünnen Schnur befestigt und diese durch Knoten in bestimmte Längen von je fünfundzwanzig Fuß geteilt. Die Schnur besteht zuerst aus einem »Vorlauf« ohne Knoten, und zwar um dem in das Wasser geworfenen Brettchen Zeit zu lassen, seine richtige Lage einzunehmen; eine der Seiten ist mit Blei benagelt, so daß das kleine Instrument immer aufrecht im Wasser steht, wahrend es durch die fortschreitende Bewegung des Schiffes nur in ganz geringem Grade mit vorwärts gerissen wird. Die dadurch entstehende Differenz läßt sich unschwer berechnen uud wieder ausgleichen.

Legt nun beispielsweise ein Schiff in einer Stunde eine Seemeile zurück (gleich 1/4 deutscher Meile), so läuft es in einer Viertelminute den zweihundertvierzigsten Teil einer Seemeile (oder fünfundzwanzig Fuß), da diese sechstausend Fuß mißt. Wenn geloggt wird, so benutzt man zur Zeitbestimmung die Sanduhr, zwei Trichter von Glas, welche mit ihren Spitzen verbunden sind. Einer derselben ist mit ganz gleichkörnigem Sande gefüllt, dessen Menge so abgemessen sein muß, daß sich dieselbe nach fünfzehn Sekunden in den untenstehenden Trichter entleert hat. Die Anzahl der Knoten an der Leine, welche in diesen fünfzehn Sekunden durch die Hand des loggenden Matrosen geschlüpft sind und von diesem gezählt werden, gleicht genau derjenigen der Seemeilen, die das Schiff in einer Stunde durcheilt.

Die Praxis hat ergeben, daß man, um die durch das Nachschleifen des Loggbrettes entstandene geringe Unordnung wieder auszugleichen, in der Schnur den Knoten eine Entfernung von nur dreiundzwanzig Fuß geben und die Sanduhr auf vierzehn Sekunden einrichten muß.

Die Galliote legte also neun Seemeilen in der Stunde zurück und hatte daher die Insel Helgoland schon sehr bald im blauen Duft weit hinter sich gelassen. Es war völlig dunkel, als Robert fühlte, daß sich seiner ein ganz eigentümliches Unbehagen mehr und mehr bemächtigte. Das starke Auf- und Niederstampfen des Schiffes, die schiefe Lage nach der Leeseite erregten ihm Übelkeit. Seine Nase schien spitz geworden, die Lippen farblos und das Gesicht fast grünlich. Er saß auf seiner Kiste, von der er emportaumelte, als zufällig der mürrische Obersteuermann vorüberging. Er wollte schnell nach irgend einer Beschäftigung greifen, sank aber machtlos zurück und konnte nur einen angstvollen Blick zu dem gestrengen Vorgesetzten hinübersenden. Das Schiff, die Masten, das Meer, alles schien sich mit ihm in rasender Geschwindigkeit zu drehen, während die Kehle wie zugeschnürt war, und ein Krampf den Magen erfaßte.

»Seetoll«, brummte Renefier. »Geh auf Deck an die frische Luft, aber zuvor trink aus dieser Flasche einen tüchtigen Schluck Rum, das tut dir gut.«

Robert gehorchte mit vieler Mühe, aber sowie das scharfe Getränk herunter war, stürzte er zur Kajüttentür hinaus, beugte sich über Bord, und – –

O das tat ihm wohl, aber im Anfange glaubte er, daß es der Tod sei, welcher ihn so entsetzlich würgte und die Eingeweide fast zerriß. Er hatte nur halbes Bewußtsein, als ihn zwei Arme von hinten umschlangen und sanft emporhoben. Der alte Matrose war es, der Mann mit den schwermütigen, freundlichen Augen, und voll Mitleid trug er den Knaben in dessen Koje, wo Robert sofort einschlief, um erst mitten in der Nacht zu erwachen. Die Seekrankheit in ihrer

ganzen Stärke hatte ihn ergriffen. Diese eigentümliche, dem gesunden Körper niemals schädliche Krankheit entsteht bei den meisten, welche bisher auf dem Lande gelebt, in den ersten Stunden ihres Aufenthaltes zur See und ist die unmittelbare Folge der rastlos schaukelnden Bewegung des Schiffes, welches noch dazu fast immer nach einer Seite hinüberliegt. Wahrscheinlich teilen die Gehirnnerven zunächst dem Magen und den Verdauungswerkzeugen die erhaltene Störung mit, und dadurch entsteht später jenes furchtbar quälende Unwohlsein, das sich erst wieder hebt, wenn der ganze Inhalt des Magens entleert ist, und die Würgebewegungen desselben nur noch einen weißlichen Schleim absondern.

Es gibt Menschen, welche nie seekrank werden, während andere das Übel nur einmal durchleben müssen und ganz besonders Auserwählte jedesmal, so oft sie ein Schiff betreten, dem Meere ihren Zoll darbringen.

Robert ertrug die Sache verhältnismäßig leicht, hauptsächlich weil ihn die rege Vorliebe für das Seewesen über alle Schwierigkeiten hinwegsehen ließ. Er verspürte schon am folgenden Morgen einen wahren Heißhunger und schlich sich in die Kombüse, um etwas Genießbares zu erlangen. Der Koch reichte ihm auch sogleich ein tüchtiges Stück Pökelfleisch mit dem Überrest des Schwarzbrotes, das noch von Hamburg her an Bord war.

Robert hätte aber das Dargebotene vor Schreck fast zu Boden fallen lassen, als er dem Manne ins Gesicht sah. Das war Gallego, der Spanier, welcher vorgestern abend in Peter Vollands Schenke den Malaien verwundet, und den der Wirt so sorgfältig in Sicherheit brachte, bevor er den Polizisten die Tür öffnete. Der Knabe stand jetzt verwirrt und sprachlos vor dem rohen Patron, dessen braunes Gesicht, zerschunden und mit Pflastern bedeckt, noch die deutlichsten Spuren des Kampfes aufwies.

Sonderbarerweise war indessen der Koch gegen ihn sehr zuvorkommend, bot ihm alles mögliche, worüber er verfügen konnte, und riet ihm dringend, etwas Magenbittern zu trinken, wobei er lebhaft bedauerte, selbst von diesem unschätzbaren Stoff leider nichts zu besitzen. »Laß dir vom Untersteuermann etwas geben, mein Junge,« setzte er hinzu, »und dann kannst du mir immerhin ein paar Tropfen zukommen lassen. Bei diesem kalten Wind ist's ein wahres Labsal, weißt du, – ich mache es mit Fleisch und Kaffee wieder gut.« Robert wagte es nicht, den Spanier zu erzürnen, daher tat er, wie ihm geheißen worden, und Gallego stürzte den Branntwein auf einen Zug in die durstige Kehle hinab. Wahrscheinlich hatte er kein Geld mehr gehabt, um sich einige Flaschen Rum oder Genever vom Lande aus mitzunehmen. »Wir müssen gute Freunde werden,« raunte er mit vertraulichem Blinzeln dem Knaben zu. »Ich mag dich leiden, Kleiner.«

Aber Robert teilte diese Vorliebe durchaus nicht. Er ging dem Koch aus dem Wege, so viel als irgend möglich war, und sprach nur mit ihm, wenn er mittags seine »Back« zum Füllen überreichte. Die dicke Erbssuppe wurde dann auf der Seekiste sitzend verzehrt, wobei jeder Mann den Napf zwischen seinen Knieen hielt. Robert erfuhr hier, daß alle Matrosen ihre Spitznamen hatten, weshalb er sich denn auch nicht mehr wunderte, von der ganzen Mannschaft »Schmierdieb« genannt zu werden. Außer ihm gab es einen »Speckesser«, einen »Rotfuchs«, »kleinen und großen Russen«, eine »Klappmütze« und so weiter. Den alten Matrosen, seinen Freund Mohr, hörte er den »Geisterseher« nennen.

An diesen Mann schloß er sich ganz besonders an, und von ihm lernte er die Einrichtung des Schiffes gesprächsweise kennen. Seine Fahrten mit dem Segelboot, und die Erläuterungen, welche ihm der Matrose vom »Blitz« gegeben, erleichterten zwar wesentlich das Verständnis des Ganzen, aber dennoch gab es so vieles, das er jetzt erst zum erstenmal sah. Und Mohr unterrichtete den Knaben, belehrte ihn und plauderte mit ihm, wo sich dazu die Zeit fand.

»Der Vorderteil des Schiffes heißt der »Bug«, sagte er, »und hier befinden sich auch »Klüsen«, d. h. auf jeder Seite des Buges durch die Schiffswände gehende Röhren von Gußeisen, in denen die Ankerketten fahren. Diese letzteren werden aufgewunden vermittelst einer Vorrichtung, welche, wenn sie wagerecht liegt, »Pumpspill«, und wenn sie senkrecht steht, »Gangspill« genannt wird. Auf Kauffahrteischiffen hat man meistens erstere, auf Kriegsschiffen letztere Einrichtung. Im Buge ist außerdem gewöhnlich noch eine kleine Überdachung, die »Back« genannt, welche dazu dient, den Vorderteil des Schiffes gegen hohen Seegang zu schützen, und zugleich dem dort befindlichen Matrosen, der die »Ausguckwache« hat, einen erhöhten Sitz zu gewähren.

»Im Buge, unter und auf der Back, enden alle Taue, durch welche die Vorsegel, d. h. die dreieckigen Klüversegel, regiert werden. Diese Taue, zum laufenden Gut gehörig, befestigt oder »belegt« man an »Klampen«. Das betreffende Kommando heißt dann »Belege das Ende!« oder »Hole an dem Ende!« oder »das Ende belege auf Backbord!« Dies letztere z. B. enthielte den Befehl, ein Tau auf derjenigen Seite des Schiffes, welche vom Bug aus gesehen rechts liegt, zu befestigen.«

Robert begriff ohne Mühe diese Kleinigkeiten. »Aber was bedeutet es,« unterbrach er, »wenn der Steuermann fragt: Alles klar?«

»Das heißt,« antwortete der Alte, »ob alles in Ordnung, alles vorbereitet ist, um irgend ein Segelmanöver auszuführen. Macht klar Deck! z. B. ist, alle Tauenden an ihren bestimmten Plätzen aufzurollen, so daß nicht allein alles ordentlich aussieht, sondern auch zum sofortigen Gebrauche bereit ist. Du weißt ja, mein Junge, Ordnung ist das halbe Leben.«

Robert seufzte heimlich. Wie manche Tracht Schläge hatte er zu Hause erhalten, bestens begleitet und verschärft durch diesen alten, dem Kinderherzen so schwer zugänglichen Spruch! –

Aber das war nur eine flüchtige Erinnerung. Die Gegenwart fesselte ja Geist und Sinn mit tausend Banden. »Was ist ein Taljereep?« fragte er weiter.

»Taljen, mein Junge, müßtest du eigentlich schon kennen, aber zur Vorsicht will ich dir die Sache nochmals klar machen. Taljen sind also zwei Blöcke mit einem Tauende darin, dem »Läufer«. Ihr Zweck ist es, die Zugkraft zu verstärken, und »Taljereep« dient auch zu nichts anderem, nur daß hier keine Blöcke verwendet werden. Das Taljereep ist ein Tauende, durch welches man ein anderes feststehendes Tau stramm zieht oder »setzt, holt«. Zum Beispiel laufen die Wanten an den Masten sowohl auf der Backbord- wie auf der Steuerbordseite des Schiffes um runde Holzkloben, »Jungfern« genannt, und an diesen befinden sich drei Löcher, durch welche man das Taljereep holt, um mittels der Wanten den Mast zu stützen. Ebenso werden die Haltetaue durch Taljereepen straff geholt.«

»Jetzt zum Hinterschiff,« drängte Robert, und der Alte folgte lächelnd dem Ungestüm seines Schützlings. »Die Erhöhung, worunter die Kajütte liegt,« begann er den zweiten Vortrag, »heißt das »Quarterdeck« oder auch »Quarter« allein. Das Hinterschiff ist ausschließlich der Aufenthalt des Kapitäns und der Steuerleute, – wir Matrosen dürfen es nur auf ausdrücklichen Befehl betreten. Eine Haupteinrichtung des Schiffes ist hier das Steuerruder, seemännisch das »Ruder« genannt. Im Kopfe desselben steckt eine eiserne Stange, die »Ruderpinne«. Das Steuerrad tritt mit derselben in Verbindung durch eine lange Kette, die sich ihrerseits um die Walze des Rades herumwickelt und durch dessen Drehungen den Lauf des Schiffes lenkt. Bei gutem Wetter steht ein Matrose am Ruder, bei schlechtem aber deren zwei.«

Robert hatte mehrere Male Miene gemacht, den Alten zu unterbrechen, jetzt endlich platzte er heraus mit der Frage, die ihm schon längst auf dem Herzen gelegen. »Steuert denn nicht der Steuermann selbst das Schiff?«

Der Alte streichelte das glühende Gesicht, welches so vertrauensvoll zu ihm empor sah. »Der Steuermann sieht während seiner Wache nach dem Kompaß,« belehrte er, »und beobachtet in dieser Weise, ob der Matrose am Ruder den richtigen Kurs innehält. Ist dieser z. B. Nord-Nord-West, wie wir jetzt laufen, so muß die Spitze der Kompaßrose, welche Nord-Nord-West zeigt, immer in der Mittellinie des Schiffes liegen, weicht sie aber nach rechts oder links ab, so muß so lange an dem Rade gedreht werden, bis sie wieder richtig zeigt,«

Robert nickte. »Noch eins!« bat er, »von Ihnen höre ich ja alles ohne die unleidlichen Neckereien, welche die Matrosen nun einmal beharrlich für Witz halten und immer wieder anbringen. – »Aufluven, in den Wind luven«, heißt: das Schiff mit dem Vorderteil in den Wind drehen, nicht wahr? aber was ist »Backlegen?«

»Backlegen heißt: die Fahrt des Schiffes hemmen. Zu diesem Zweck erleiden die Segel am Fockmast keinerlei Veränderung, am Großmast aber braßt man die Raaen so herum, daß der Wind auf sie von vornherein einwirken muß, dadurch treibt er mit derselben Kraft das Schiff nach hinten, wie er es durch die Vordersegel nach vorn treibt. Es entsteht also eine Gegenwirkung, ein Gleichgewicht der streitenden Kräfte, und das Fahrzeug bleibt regungslos liegen. Man wendet dies Manöver an, wenn ein Boot herabgelassen werden soll, oder wenn die Kapitäne zweier einander begegnenden Schiffe zusammen sprechen wollen, was wir »Preien« nennen.«

»Aber jetzt müssen wir uns trennen,« setzte er hinzu. »Ein anderes Mal mehr davon. Und höre noch, Junge, – wenn dich der Koch verleiten will, ihm von des Kapitäns Rum zu geben, so tue es nicht, Kind, das Unrecht bringt keinen Frieden.«

Robert senkte vor den milden Augen des Alten das errötende Gesicht. »Ich will es nicht tun, gewiß nicht, Onkel Mohr!« sagte er »zuverlässig.«

Der Matrose seufzte unhörbar, »Wirst auch nicht unversucht bleiben,« murmelte er, »wirst auch kämpfen müssen, wie alle, alle, und vielleicht fallen – o so tief – ins Bodenlose –«

Seine Augen sahen starr über das Meer, leise schüttelte er den Kopf. »Sollst mein Erbe werden,« flüsterte er, »sollst haben, was ich besitze, weil du mich »Onkel« genannt hast, weil mir dein unschuldiges Herz Vertrauen und Liebe entgegenbringt. Du bist noch ein Kind, – ein ahnungsloses Kind – und du bist seit Jahrzehnten der erste, welcher mich mit der Bezeichnung eines verwandtschaftlichen, menschlichen Bandes anredete. Hab Dank, Kind, – hab Dank! –« Er glitt mit der wetterharten Hand über Roberts Scheitel, und ging langsam davon, seinen Beschäftigungen nach. Mit den übrigen Leuten sprach er wenig, obgleich keiner sein Mütchen an ihm zu kühlen suchte, sondern vielmehr alle eine gewisse Scheu vor ihm an den Tag legten. Er war von der ganzen Besatzung des Schiffes derjenige, welcher am längsten mit demselben gefahren, und Kapitän van Swieten behandelte ihn fast wie einen gleichgestellten Freund. Irgend ein Geheimnis mußte aber doch den »Geisterseher« umgeben, und irgend ein Geheimnis umgab überhaupt das ganze Schiff – Robert fühlte es mehr, als er es hätte beweisen können.

Es blieb ihm auch nur wenig Zeit, an anderes als an seine Arbeiten zu denken. Man war in den englischen Kanal eingelaufen, und dieses Fahrwasser ist bekanntlich für den Seemann eines der allergefährlichsten. Es gibt viele Kapitäne, welche während der Reise durch den Kanal nur von Zeit zu Zeit in vollem Anzug auf dem Sofa einen Augenblick schlafen, sonst aber immer selbst an Deck sind, um alles mit eigenen Augen zu überwachen.

Auch Kapitän van Swieten und sein Obersteuermann verdoppelten ihre gewöhnliche Vorsicht, namentlich da sich bei Einbruch der Nacht das Schiff in dichten Nebel hüllte. Die grüne und rote Laterne wurden auf beiden Seiten in die Wanten gesetzt und eine weiße Laterne in den Vortop. Der Untersteuermann, seines besonders scharfen Auges wegen der »Fernkieker« genannt, verbrachte fast die ganze Zeit neben dem Matrosen auf dem Ausguck, und der Obersteuermann ging fortwährend an Deck von einer Seite zur andern, um ein vorübersegelndes Schiff rechtzeitig zu bemerken.

Die Matrosen haßten ihn heimlich. »Wenn er sich wohl einmal selbst vorbeilaufen wird?« fragten sie untereinander. »Der hat ja den Teufel im Leibe.«

Aber doch war diese Vorsicht nur allzu gerechtfertigt. Robert sah, wie nacheinander mehrere Schiffe in nächster Nähe rechts und links an der »Antje Marie« vorüber liefen, so nahe, daß zwischen dem einen und dem andern Fahrzeug nur wenige Schritte Entfernung lagen. Im Nebel gesehen nahmen diese Schiffe wahrhaft riesige Größen an, lautlos glitten sie durch die schwarzen Fluten dahin, Nachtgespenstern gleich, jedes den Tod an Bord tragend, den lauernden, den geheimnisvollen, dessen Ernte beginnt, wenn zwei unglückliche Schiffe mit voller Kraft gegeneinander stoßen, wenn sich die Panzerbrust des einen in den Rumpf des andern bohrt und nur noch ein eintöniges, gurgelndes Geräusch – ein letztes Sterberöcheln – die Stelle bezeichnet, wo vor wenigen Minuten der ragende Bau die Wellen zerteilte, welche jetzt ihre Arme ausbreiten und begierig das Opfer hinabziehen in den bodenlosen Schlund.

Der Obersteuermann trat in die Kajütte. »Ist kein Nebelhorn an Bord, van Swieten?« fragte er.

Der Kapitän nickte, »Doch, Renefier. Hier im Schrank muß es liegen. Such nur, – es ist entweder da, wo meine Kleider hängen oder bei den Notsegeln. Finden wirst du es!«

Der Steuermann warf ärgerlich durcheinander, was ihm zwischen die Finger kam. Seine Füße stampften vor Ungeduld den Boden. »Eine Teufelswirtschaft,« brummte er. »Im dichtesten Nebel das Horn nicht finden.Da soll doch – –«

Er brach ab, weil die Tuba, auf dem Boden des Kleiderschrankes, unter Stiefeln und Tauenden vergraben, endlich zum Vorschein kam. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, eilte er fort und drückte das Instrument dem nächsten besten Matrosen in die Hand. »Alle zwei Minuten!« befahl er. »Aha, dort wird es auch schon auf anderen Schiffen lebendig.«

Und wirklich erschallten über das ruhige Wasser her von rechts und links die klagenden, langgezogenen Töne. Es lief kalt an Roberts Rücken herab, als er das sonderbare Konzert mit anhörte. Wie Warnungsstimmen aus einer anderen Welt klangen diese bald nahen, bald fernher kommenden Rufe. Sie wirkten auf das Gemüt des Knaben geradezu erschütternd.

»Geschieht es häufig, daß zwei Schiffe zusammenstoßen?« fragte er flüsternd einen der Matrosen, welcher neben ihm stand.

Dieser nickte. »Sehr oft sogar«, bestätigte er. »Mancher Mutter Sohn versinkt so ohne Kampf und Gegenwehr, ohne Hoffnung oder Trost in die grundlose Tiefe. Ich selbst bin einmal nahe daran gewesen – auf Haaresbreite, möchte ich sagen. Das war in der Nordsee und der Nebel so dicht, daß wir am Großmast das Bugspriet nicht sehen konnten. Plötzlich ertönte ein furchtbares Krachen – im Nu waren wir an Deck, aber da sank schon das Fahrzeug unter unsern Füßen; und das Wasser lief durch einen gewaltigen Leck herein. Ich weiß von dem ganzen Vorfall nur noch soviel, daß ich halb besinnungslos ein über mir erscheinendes Tau ergriff. Es war das Bugstag des anderen Schiffes; ich hielt mich mit allen Kräften daran fest und wurde auch schon nach wenigen Augenblicken durch ein Schlingtau an Bord geholt. Es war eine englische Brigg, welche am hellen Tage das Unglück veranlaßt hatte. Sie legte sich back, setzte ein Boot aus und versuchte es, auch die übrige Mannschaft des sinkenden Fahrzeuges zu retten, aber nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen, war alles zu spät. Vor unsern Augen verschwanden die Mastspitzen, als das Boot den Wasserspiegel berührte.«

Robert fühlte doch ein unbesiegliches Grauen. Er ging auch dann nicht zu Bette, als seine Wache abgelöst wurde, sondern blieb an Deck und horchte und spähte in den Nebel hinaus. Mit der Gewalt der Elemente zu kämpfen, dachte er sich groß und herrlich, aber so bei stillem Wetter im tiefen Dunkel übersegelt zu werden, der Gedanke machte ihn frösteln.

Gegen Mitternacht wurde der Wind etwas stärker, und sogar einzelne heftige Stöße fuhren durch das Takelwerk. »Alle Hände an Deck!« erschallte die Stimme des Obersteuermanns, und die vor kaum einer Stunde zur Koje gegangene Wache mußte aus den warmen Decken wieder heraus und in der kalten Herbstnacht ihre beschwerliche Arbeit verrichten.

»Zwei Reffe in die Marssegel!«

Einer dem andern voran stürmte die Mannschaft in die Wanten hinauf, und jeder beeiferte sich, der erste zu sein. Selbst Gallego und der Kochsmaat, ebenso der Zimmermann, die während des gewöhnlichen Laufes der Dinge nur an Deck arbeiteten, mußten mit hinauf, so daß bloß die »Bramgäste« von diesem gefährlichen Dienst verschont blieben. Sie bedienten an Deck die Fallen und Brassen. Da bei der geringen Anzahl von Leuten nur immer ein Mast zur Zeit vorgenommen werden konnte, so mußte man, ehe der Wind seine volle Gewalt entfaltet hatte, schon die Segel klein machen.

Es blieb indessen alles ruhig, und am Morgen strahlte bei scharfer Kälte die hellste Sonne vom Himmel herab. Robert sah wieder, wenn auch nur als ferne dunkle Umrisse, die Küsten des festen Landes, er sah unzählige Fischerboote, die in größerer oder geringerer Nähe wie Nußschalen auf dem Wasser schwammen, und erlebte dann etwas, was ihn höchlichst interessierte. Einer der Matrosen, welcher erst in Hamburg an Bord gekommen, schrieb auf seiner Kiste einen Brief und steckte dann denselben in eine leere Weinflasche, die er zu diesem Zweck vorher gereinigt hatte. Zwei englische Schillinge folgten dem Papier, und dann erhob sich der Mann, um den Kapitän um etwas Siegellack zu bitten.

Roberts Blicke waren neugierig jeder Bewegung gefolgt. »Was tun Sie da?« fragte er unwillkürlich. »Wollen Sie die Flasche ins Meer werfen?«

»Beinahe!« lächelte der Mann. »Aber hast du vielleicht auch ein paar Worte an die Deinigen zu bestellen, so spute dich. Zehn Minuten will ich noch warten, und Papier ist hier.«

Robert ließ sich das nicht zweimal sagen, er ergriff mit Freuden die Gelegenheit, seine alten Eltern zu beruhigen und um Verzeihung zu bitten. Die Feder flog förmlich über das Papier, indes zufällig der Kapitän in die Nähe der Tür kam und den Knaben schreiben sah. Eilig ging er zur Kajütte zurück. –

Als dann der Matrose um etwas Siegellack bat, empfing er diesen sehr leutselig. »Holt nur ein Boot an,« versetzte er, »ich habe auch geschrieben und will die Flasche schon verschließen.«

Der Mann entfernte sich, aber kaum war er fort, als van Swieten mit einer langen Schere Roberts Brief aus der Flasche zog und in seinem Taschenbuch verbarg. »Besser so,« murmelte er, »Gott weiß, welche Namen der Bengel nennt. Könnte mir am Ende den preußischen Konsul auf den Hals hetzen! – Nein, nein, besser so!«

Der Matrose hatte indessen sein Taschentuch an eine Stange gebunden und mit dieser einfachen Flagge dem nächsten entgegen kommenden Boote ein Zeichen gegeben. Das emporgehaltene Ruder brachte Antwort, worauf sehr bald das kleine Fahrzeug in einiger Entfernung von der »Antje Marie« über die Wellen tanzte und dann fast unter den Bug herankam. Die an eine Leine befestigte Flasche wurde ins Meer geworfen, von den Fischern aufgefangen und im Vorratkasten des Bootes untergebracht. Noch ein Gruß von beiden Seiten, dann war die kurze Begegnung vorüber.

»Und diese Briefe werden wirklich auf die Post gegeben?« fragte Robert.

»Jedesmal!« versetzte der Matrose. »Das Geld ist nicht immer in ganz sicheren Händen – häufig wandert der Brief unfrankiert zum Schalter, und die lieben Angehörigen müssen das Porto selbst bezahlen, aber vernichtet oder unterschlagen wird kein Schreiben. Auch der ärmste Fischer würde solchen Betrug verschmähen.«

Robert sah mit leichtem Herzen dem Boote nach. Zum erstenmal seit langer Zeit empfand er eine wirklich reine Freude. Jetzt würden seine Eltern erfahren, wohin sich ihr einziges Kind gewendet, sie konnten beruhigt in die Zukunft blicken, und mußten doch auch verzeihen, wo er so innig, so beredt um ihre Vergebung gesteht! – Es war ihm wie zum lauten Jubeln. Seinen glühendsten Wunsch, das eine große Ziel seines Lebens hatte er erreicht, und wenn nun noch die Wiederaussöhnung mit den Eltern hinzukam, so war alles gut.

Ach, er ahnte ja nicht, daß unterdessen der Kapitän in aller Gemütsruhe seinen Brief an einem Licht verbrannte. Er handhabte mit wahrem Eifer den Scheuerbesen, welcher ihm den Weg zur Kapitänswürde bahnen sollte, und plauderte dann in der Freiwache mit dem alten Mohr, der ihn fortwährend unterrichtete. Jetzt näherte man sich auch schon dem Atlantischen Meere, der Wind wurde stetiger und der Kurs mußte etwas südlicher genommen werden. Robert hatte gegen Mittag mit zwei Leichtmatrosen das Bramsegel zu setzen und kam dabei ebenso schnell in die Wanten hinauf wie seine erfahreneren Genossen. Es waren ihm während der kurzen Zeit die »Seebeine« schon ganz nett gewachsen, und nur das »Schlingern,« d.h. das Werfen des Schiffes von einer Seite zur andern, machte ihm noch einige Beschwerde. Bei den großen Schwingungsbogen, welche da oben die Bramstenge in der Luft beschrieb, hieß es dann tapfer mit den Händen festhalten und sicher in den Pferden stehen, sonst geht's nach unten, und zerschmetterte Glieder oder gar der Tod sind die Folgen. Das Großbramsegel war am ehesten gesetzt, und als die drei wieder an Deck kamen, erhielten sie sogar von dem mürrischen Obersteuermann ein Lob.

Am Abend kam indessen eine Geschichte vor, die unseres Freundes gute Laune sehr ins Schwanken brachte. Man hatte jetzt das offene Meer erreicht und es herrschte eine Kälte, die das Spritzwasser an Deck binnen wenigen Augenblicken zu Eis gefrieren ließ. Der Kapitän und der Obersteuermann unterhielten sich in holländischer Sprache sehr lebhaft miteinander, dann rief ersterer durch das offenstehende Fenster der Kajütte: »Robert, bringe mir mein Nachtglas!«

Der Knabe beeilte sich, einen »steifen« Grog zu mischen und denselben seinem Gebieter zu bringen, in der besten Meinung, den an jedem Abend üblichen Nachttrunk heute einmal auf dem Verdeck reichen zu sollen; aber o weh! – Van Swieten bemerkte das unterdrückte Lachen der Mannschaft, und da er seine eigene Schoßsünde nur zu wohl kannte, ärgerte ihn der Vorfall

nicht wenig. Ein blauer Fleck an Roberts Oberarm gab später von diesem ersten Verstoß unseres Helden ein redendes Zeugnis, aber nebenbei hatte er auch die Genugtuung, das Grogglas bereits geleert zu sehen, als er einige Augenblicke später den wirklich verlangten Gegenstand, das Nachtfernrohr, dem Kapitän überbrachte. Von der Mannschaft glaubte ihm kein einziger, daß dieser Irrtum in der Tat ein unabsichtlicher gewesen, und zu seinem Erstaunen sah er, wie ihn der ärgerliche Zwischenfall in ihrer Achtung gehoben. »Das sind so Jungenstreiche,« hieß es, »wir haben's ja selbst nicht besser gemacht, und der »Alte« säuft wirklich wie ein Schwamm.«

Die Kälte stieg mittlerweile fortwährend, und Renefier sprach gegen den Kapitän seine Ansicht dahin aus, daß Eisberge im Ansegeln begriffen sein müßten. Van Swieten meinte dasselbe, weshalb früh am nächsten Morgen ein Matrose in den Mars des Fockmastes geschickt werden mußte, um scharfen Ausguck zu halten.

Als die Dämmerung in den neuen Tag überging und die ersten Sonnenstrahlen das Meer mit rosigen Lichtern spielend vergoldeten, ertönte vom Mars der Ruf: »Eisberge voraus auf Backbord!« Die ganze Mannschaft stürzte an Deck, der Kapitän und der Obersteuermann gingen auf das Kajüttsdeck, und auch Robert drängte sich vor, um das nie geahnte Schauspiel in atemloser Spannung mit anzusehen.

Gegen Nordwesten erschienen hoch oben in der Luft, diamantenen Brücken gleich, von tiefdunklen Klüften durchschnitten, prächtig glühende, in Regenbogenfarben blitzende Spitzen, seltsam geformt, hier wie ein ganzer brennender Wald, dort wie ein einsamer, vom Abendrot überglänzter Fels, und wieder an dritter Stelle wie ein ragender Dom mit Kreuz und Kuppel. Blau und purpurn, violett und weiß, verschwammen und spielten die Farben, gleich den Bildern der Zauberlaternen wechselten die Gestalten. Je höher die Sonne am Himmel emporstieg, desto tiefer herab auf den Meeresspiegel fielen die glänzenden Lichter, desto blendender wuchsen und schwollen die rubinfarbenen Massen, bis endlich, als das große Tagesgestirn mit seiner leuchtenden Scheibe das ganze weite Meer in Gold und Purpur tauchte, einige Hunderte von Eisbergen in ihrer ganzen Pracht, bis zu dreihundert Fuß hoch, majestätisch langsam vor dem Winde treibend, erschienen.

Wohl alle diese erfahrenen und sogar meistens alten Seeleute hatten ein derartiges Schauspiel schon mehr als einmal gesehen, aber dennoch standen sie sämtlich regungslos, lautlos, im Anschauen versunken. Nur Robert konnte nicht schweigen. Das jugendliche Herz muß sich mitteilen um jeden Preis,

Er suchte verstohlen die Hand seines alten Freundes. »Wie schön!« flüsterte er, »ach, wie schön! – Solche Pracht spendet doch nur die Natur!« –

Der Alte nickte sehr ernst. »Mach deinen Frieden mit Gott, Kind,« sagte er leise. »Wenn so zwei von diesen Riesen das Schiff in ihre Mitte nehmen, dann kracht es einmal, schnell verschwindend, durch die Morgenluft, – schauerlich schnell – und die Riesendiamanten segeln weiter – auf dem Meere schwimmen Splitter« – –

Die dunkeln Augen des »Geistersehers« blickten wie im Traum, wie in eine körperlose Welt. Sein weißes Haar flatterte im Winde. »Laß mich's allein sein, Vater im Himmel,« murmelte er, »mich allein, nicht das unschuldige Blut um meiner Sünde willen! Laß es vorübergehn!« –

Gallego legte von hinten die Hand auf Roberts Achsel. »Der Alte hat seinen schwarzen Tag,« murmelte er, »bekümmere dich um ihn nicht. Du, geh in die Kajütte und hole mir ein paar Tropfen Rum, – jetzt merkt es keiner.«

Robert antwortete nur durch einen einzigen Blick, der den Elenden zurückscheuchte. Was mochte es sein, das die Seele des alten Matrosen so mächtig bewegte, das seine Aufmerksamkeit von der wirklichen Welt fast ganz ablenkte? – –

Aber zu Betrachtungen war jetzt keine Zeit. Das Kommando des Obersteuermanns ertönte, und das Schiff wurde erst in den Wind geluvt, dann back gelegt. Nur auf diese Weise konnte man hoffen, mit heiler Haut an der gefahrdrohenden Nachbarschaft vorüberzukommen.

Plötzlich entstand unter den kristallenen Riesen ein donnerähnliches Krachen und Prasseln; man sah, wie einige der vielzackigen Häupter sich neigten, plötzlich umfielen, sich gegenseitig zertrümmerten und die Fluten im Umstürzen himmelhoch emporspritzten, wie aus tausend Springbrunnen zugleich.

Dann entstand eine verhältnismäßige Ruhe, und nach wenigen Stunden war das prachtvolle Schauspiel gänzlich vorüber.

Diese im Atlantischen Ozean so oft angetroffenen Eisberge sind gleichsam Kinder der großen Gletscher, welche von Grönlands Hochgebirge bis ins Meer hineinragen. Sie können, namentlich bei Nacht oder Nebel, den Schiffen außerordentlich gefährlich werden.

Die gedachten grönländischen Gletscher schieben ihre Eismassen allmählich in das Wasser hinein, dieses letztere, wärmer als die Luft, unterhöhlt den Fuß des Berges so lange, bis dessen oberer Teil dem Gesetz der Schwere folgt, vom Gletscher abbricht und kopfüber in das Meer stürzt. So dem Spiel des Windes und der Wellen preisgegeben, treiben die Massen in dem großen Ozean, der herrschenden nördlichen Windrichtung folgend, gegen Süden, wo sie allmählich von unten zerschmelzen, ihren Schwerpunkt verlieren und stürzend in tausend Trümmer zersplittern.

Der alte Matrose nahm den Hut vom Kopf und sah über das Meer dahin. Robert wagte es nicht, ihn zu stören, aber als die beiden später allein waren, da fragte er: »Onkel Mohr, was dachtest du vorhin, als wir die Eisberge sahen? Du machtest so sonderbare Augen.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Noch nicht,« versetzte er. »Das gehört mit zu meinem Nachlaß. Wenn mir hinter Ferrol sind, dann sollst du es erfahren. Diese Reise ist meine letzte.«

Der Knabe erschrak. »Du willst das Seeleben verlassen, Onkel Mohr?« fragte er. »Aber ob du es aushalten wirst am Lande?«

Der Matrose lächelte. »Ich gehe nicht an Land, Kind, – das große Seemannsgrab nimmt mich auf, die Nixenschleier werden mein Leichentuch. Ich sterbe.«

»Du? – Aber weshalb glaubst du das?«

»Still. Das erzähle ich dir zur rechten Zeit. Für heute wollen wir Fische fangen.«

Der Knabe fuhr auf. »Wo?« rief er. »Wie ist das möglich?«

»Siehst du nicht, daß uns fortwährend Fische aller Art begegnen?« fragte der Alte. »Besonders die kleinen Delphine, oder »Tümmler« und »Schweinfische« genannt, sind in Menge vorhanden. Sie schmecken vortrefflich, wie du bald erfahren wirst.« Gallego mußte nun ein kleines Stück Fleisch hergeben, das am Angelhaken befestigt wurde, um mit demselben auf dem Wasser zu treiben. An Stelle des Stockes diente eine Leine, die man von der Rolle ablaufen ließ und an Deck festhielt. Plötzlich zuckte es stark, so daß die Bewegung einen großen Fisch zu verraten schien. Zwei Matrosen sprangen hinzu, und mit vereinten Kräften zogen die drei Männer das zappelnde Tier bis unter den Bug des Schiffes. Hier wurde ihm eine Schlinge um den Kopf geworfen, hinter die Kiemen gehakt und nun der Fang an Bord geholt. Auf Deck hieb Gallego zunächst dem heftig schlagenden Fisch den Schwanz ab, und dann wurde das sieben Fuß große Tier mittels eines Schlages auf den Kopf getötet. Nachdem die Eingeweide entfernt, ließ der Koch das Blut ablaufen, wusch das Fleisch und zerlegte es in verschiedene Stücke. Der Rücken, mit Salz und Pfeffer eingerieben, wanderte in die Kombüse, um sogleich wie Roastbeef gebraten und dann von Kapitän und Mannschaft mit gleich großem Appetit verspeist zu werden. Auch weniger wohlschmeckende Gerichte würden auf hoher See schon willkommen sein, nur weil sie eine Abwechselung bieten. Der beständige Genuß von Pökelfleisch ist nämlich nicht die kleinste Plage des Seemannslebens; er ermüdet und erfordert zu seiner Verdauung eine kräftige Natur, hauptsächlich weil der Kreislauf derjenigen Gerichte, welche in beständiger Reihenfolge wiederkehren, ein so äußerst beschränkter ist. Jeder Tag hat seinen bestimmten Küchenzettel, von dem man nur notgedrungen

abweicht, nur dann, wenn der Mundvorrat aus irgend welchen Gründen nicht mehr ausreicht und die Rationen verkürzt werden müssen. Es kann also für den Matrosen auf alle Fälle nur schlechter, nie aber besser werden. Wie oft saß Robert gleich der übrigen Mannschaft mit seiner Schüssel auf der Kiste und würgte mühsam die schlimme Kost hinunter! –

Was dem Matrosen fast in aller Herren Länder gesetzlich zusteht, ist ein Pfund Pökelrindfleisch dreimal wöchentlich, dann ein halbes Pfund Pökelschweinefleisch viermal und als Zutaten abwechselnd an jedem Tage weiße und graue Erbsen, weiße Bohnen, Reis und Graupen, Kartoffeln, so lange sie vorreichen. Die großen Massen dieser dem Menschen gewohnheitsmäßig so unentbehrlichen Frucht können nämlich einerseits in dem beschränkten Raum des Schiffes nicht untergebracht werden und ebensowenig auch die Seeluft vertragen. Man nimmt daher nur für eine oder zwei Wochen Vorrat mit.

Einmal während der sieben Tage gibt es auch Klöße mit Pflaumen und dann und wann »Labskausch«, ein Gericht aus Fleischresten, das, ganz klein geschnitten, mit zerstampften Kartoffeln, Zwiebeln und Pfeffer tüchtig geschmort, sehr gut schmeckt.

Im Hafen wird natürlich die Sache anders. Jeder Kapitän sorgt alsdann für frisches Gemüse und Fleisch, schon um die Leute gesund und willig zu erhalten.

An Getränken gibt es Kaffee, Tee, Branntwein, Rum und Wasser, welches in eisernen »Tanks« oder in gewöhnlichen Fässern mitgenommen wird. Davon erhält jeder Matrose drei Quart täglich, Kaffee am Morgen und am Nachmittag einen »Kumpen« oder »Beul« voll. Tee und Grog nach dem Ermessen des Kapitäns, Branntwein 1/16 Quart pro Mann und Tag. Das Brot ist Schiffszwieback, wovon der Mann täglich ein Pfund erhält, außerdem vier Lot Butter. Kapitän und Steuermann haben einen etwas besseren Tisch, aber im ganzen müssen auch sie sich den Unbequemlichkeiten des Seelebens fügen.

Eingemachte Gemüse, Fleischextrakt, kondensierte Milch und Wein bringen freilich in das tägliche Einerlei die gewünschte Abwechselung hinein, aber gleichwohl essen die meisten Kapitäne mit von der Kost der Leute, und wäre es nur, um den Koch zu überwachen.

Ist aber auf diese Weise das Leben des Seemannes ein sehr einfaches, so ist es anderseits auch für den von Haus aus kräftigen Körper

ein sehr gesundes. Robert wurde von Tag zu Tag stärker und gewandter; er lernte alle Beschwerden ertragen, alle Mühseligkeiten überwinden und den Dienst immer besser kennen.

Als der spanische Hafen Ferrol erreicht war, ging er mit den übrigen in der fremden Stadt so keck spazieren, wie nur irgend einer. Die alte Munkejacke aus Peter Vollands Hinterzimmer hatte ihm Kapitän van Swieten gegen einen neuen glänzenden Schifferanzug vertauscht, aber Geld bekam er nicht in die Hand, und ebensowenig durfte er allein von Bord gehen. Es war immer einer der älteren Matrosen, welcher ihn begleitete.

»Onkel Mohr,« fragte er eines Tages seinen alten Freund, »wann wirst du denn endlich Urlaub nehmen, um die Stadt zu besehen?«

Der Matrose schüttelte den Kopf. »Nie, mein Junge.«

»Und warum nicht?« forschte Robert.

»Weil mein Fuß überhaupt die Erde nicht wieder betreten soll.«

Der Knabe schwieg, dann aber sah er treuherzig in das Gesicht des Alten. »Onkel Mohr, gehört auch das mit zu deiner Geschichte?«

Der Greis beugte sich über den jugendlichen Scheitel seines Schützlings. »Hinter Ferrol,« murmelte er, »wenn die Fahrt fast zu Ende geht, wenn – die Stunde schlägt!« – –

Drittes Kapitel

Der Schiffbruch

Die Stadt war verlassen, das Ufer allmählich den Blicken entschwunden, und die »Antje Marie« durchpflügte wieder das Meer. Jetzt umfächelten südliche Lüfte die heißen Stirnen der Matrosen, und an Bord regte sich ein geheimnisvolles Leben.

Robert sollte erfahren, was Peter Bolland meinte, als er von den doppelten Böden und verschiebbaren Planken des Schiffes sprach.

Man hatte feine Weine eingenommen und verschiedene sonstige Waren. Das alles befand sich teils in der Kajütte des Kapitäns, teils in dem Logis aufgestapelt, während noch unzählige teuere Waren aus den Schränken und Kisten der Kajütte hervorkamen, um dann anderweitig untergebracht zu werden. Das ganze Schiff glich einer großen Jahrmarktsbude, in der alles Mögliche ausgebreitet daliegt, um die Schaulust der Käufer zu reizen.

Hier flandrischer Samt von prachtvoller Beschaffenheit, dort Brüsseler Teppiche, Mechelner Spitzen und die Seidenwaren Frankreichs. Feiner Battist, Stickereien und Schleier wechselten mit den teuersten Sorten des echten Champagners und Burgunders, mit Blumenzwiebeln von Harlem und den Ölgemälden alter berühmter Meister.

Und nun begann die »Verstauung« aller dieser Dinge. »Hast du es noch nicht gewußt?« fragte der alte Mohr. »Wir betreiben als Hauptverdienst den Schmuggelhandel, aber laß du dich dazu nicht brauchen, Kind. Wenn sie dich abfassen, so wirst du bestraft, und es kommt in deine Schiffspapiere. Ist auch außerdem kein redliches Geschäft.«

»Was sollte ich denn dabei tun?« fragte erstaunt der Knabe.

»Hm, die zollpflichtige Ware an Land bringen, entweder eine Bootsladung bei Nacht und Nebel den Helfershelfern zuführen, oder einzelnes an deinem Körper in die Stadt schaffen. Dafür gibt es freie Tage und ein paar Taler Heuer mehr, aber es ist doch nichts Gutes, und du solltest dich lieber davon entfernt halten.«

»Onkel Mohr,« fragte nach einer Pause der Knabe, »tust du es auch nicht?«

Der Alte strich mit der Hand durch das weiße Haar. »Ich, Kind? – Ja, ich tue es, obwohl ich das Land nicht betrete, aber mit mir ist es ein anderes, als mit dir. Ich will schon sorgen, daß du frei ausgehst. Im Augenblick mußt du freilich Hand anlegen, das läßt sich nicht ändern.«

Kapitän van Swieten erschien an Deck. Der alte Holländer in seiner altfränkischen, kaum seemännischen Tracht ließ sich selten ohne sein Glas Grog sehen, gewöhnlich erglänzte sein breites Gesicht von schnapsseliger Röte. Er ließ durch den Untersteuermann jedem von den Leuten eine Flasche Wein verabreichen, auch Robert erhielt die seinige, obwohl er nicht so recht wußte, was er mit dem unbekannten Stoff anfangen sollte.

»So, Kinder,« schmunzelte der Kapitän, »nun macht euch dran. Zuerst die Flaschen verstaut. Das andere, der bunte Krimskrams für Frauenputz findet schon leichter seinen Platz. Also weg mit den Kohlen, damit wir fertig sind, ehe Cuba in Sicht ist.«

Ein beifälliges Murmeln der Matrosen antwortete dem »Alten«. Die Champagnerpfropfen knallten in die sengende Mittagshitze hinein, und die geleerten Flaschen flogen den tanzenden Korken nach ins Meer, nur der Obersteuermann sah äußerst verdrießlich in das weinrote, behäbige Gesicht des Kapitäns. »Hättest auch nicht jedem Kerl eine ganze Flasche schenken sollen,« brummte er. »Ein Glas voll wäre genug gewesen.«

Van Swieten blinzelte vertraulich. »Die Steinkohlen fallen dann aber so verteufelt leicht – oder schwer, wenn du willst – einmal unversehens an die unrechte Stelle, und meistens gerade dahin, wo Champagner liegt,« schmunzelte er. »Kennst das nicht, Renefier, und überdies bin ich auch der Kapitän, wie du weißt, kann auf meinem Schiffe schalten und walten, wie mir gut dünkt. Die Pfennigfuchserei ist mir ein Greuel, daher habe ich überall, wohin ich komme, gute Freunde, das solltest du bedenken.«

Der Obersteuermann nickte grimmig. »Bis zur Havana, van Swieten, dann trennen wir uns,« sagte er. »Ich bin kein dummer Junge, der sich mit einer Schattenherrschaft begnügt.«

Van Swieten zuckte die Achseln. »Das ist deine Sache, Renefier. Vorerst brauche ich nun alle Hände, um die Steinkohlen fortzuschaffen.«

Das geschah, und die Matrosen schaufelten abwechselnd, bis die ganze Masse entfernt war, um darunter eine Luke erscheinen zu lassen, unter welcher wieder ein hübsches, ellentiefes Versteck zu tage kam. Mit lustigem, durch den Schaumwein nicht wenig belebten Gesang packten dann die Leute, von Hand zu Hand arbeitend, sorgfältig die Champagnerflaschen auf das Heu in den Verschlag, und als alles gefüllt war, wurden in sämtliche entstandene Lücken die Blumenzwiebeln verstreut, so daß jeder Fußbreit Raum benutzt war. Nachdem schließlich der Kohlenvorrat die Luke wieder verdeckte, besichtigte van Swieten das Ganze und schmunzelte sehr vergnügt. »Nun laßt die Spürnasen kommen,« sagte er, »mir soll's recht sein. Sind schon seit sechzehn Jahren daran vorübergelaufen, also werden sie es wohl auch diesmal tun.«

Dann kamen die Spitzen und Teppiche an die Reihe. Hier ließ sich ein Brett verschieben und dort eines, hier war ein verborgenes Schränkchen und weiterhin sogar mehrere. Tausende von Talern hätten nicht ausgereicht, um den Wert aller dieser versteckten Gegenstände bar zu bezahlen, – Robert erstaunte heimlich, als er sah, wie planmäßig die Sache betrieben wurde. Jetzt erst begriff er, weshalb damals Peter Bolland, der Wirt der Hamburger Matrosenschenke, so eifrig besorgt war, den betrunkenen Koch der Verhaftung zu entziehen. Van Swieten konnte ja für die Bedienung seines Schiffes nur vertraute Leute brauchen und wäre in der größten Verlegenheit gewesen, sobald er ohne den Spanier hätte absegeln müssen. Und das wußte auch Georg, der falsche Freund, als er ihn dem Heuerbas überlieferte, das war alles verabredete Sache, und er, Robert, der Geprellte. Doch tat's ihm nicht leid. In Cuba fand sich gewiß ein anderes Schiff, auf das er übergehen konnte, um in strengere aber ehrlichere Verhältnisse zu gelangen, – wenn nur der alte Mohr nicht gewesen wäre! Den wollte er so ungern verlassen.

Seine Blicke suchten ihn. Der Greis lag inmitten bunter Seidenstoffe auf den Knieen und packte ein Stück nach dem andern in den Verschlag, der an der Hinterwand der Kajütte angebracht war. Das meiste hatte jetzt schon Platz gefunden,

Robert gesellte sich zu dem Alten. »Onkel,« fragte er leise, »wie lange haben wir noch bis nach Cuba?«

»So acht Tage!« versetzte der Matrose. »Warum fragst du mich, Kind?«

Robert errötete. »O – ich meine nur so,« antwortete er verlegen.

Der Alte sah ihn an. »Dir gefällt das nicht,« sagte er nach einer Pause, »und du hast recht, mein Junge. Man soll ja auch dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Willst du in der Havana von Bord gehen?«

»Mit dir, Onkel!« rief der Knabe. «Gehst du nicht, so bleibe ich auch. Du bist von allen der einzige, welchen ich liebgewonnen habe.«

Mohr erhob sich, nachdem er die letzte Planke wieder eingefügt, von seinen Knieen. »Ich habe dich auch lieb,« antwortete er, »und darum sollst du fort, Kind. Brauchst ja von dem, was du hier gesehen, keinem Menschen zu erzählen, weil es nicht dein Geheimnis ist, und weil überhaupt der Verräter immer eine ganz jämmerliche Rolle spielt. Aber um keinen Preis darfst du hier einrosten, vielleicht gar selbst ein Schmuggelhändler werden, und später noch Ärgeres, – nein, nein, die Mannschaft der »Antje Marie« ist für dich kein gutes Beispiel, du mußt von hier fort, und ich helfe dir dazu,«

»Wird bei jeder Reise geschmuggelt?« fragte nach einer Pause der Knabe.

»Immer. Das Geschäft ist jetzt jedoch sehr verschlechtert. In früheren Jahren, als wir den aufständischen Chinesen Waffen und Schießbedarf zubrachten, war es bedeutend besser. Damals verdienten wir Geld wie Heu, – der Kapitän wenigstens. Ich selbst habe nie mehr genommen, als ein Matrose für seine Arbeit überall bekommt.«

»Gar nichts von den Extravergütungen für das Schmuggeln, Onkel?« »Gar nichts, aber trotzdem besitze ich ein hübsches Sümmchen, und das soll dir gehören, mein Junge. Laß dich nach Hamburg hin anmustern, reise nach Hause und hole dir den Segen deines Vaters, das ist es, was ich wünsche, was du mir versprechen mußt. Sieh, wenn du einwilligst, wenn du gelobst, vor dem beleidigten Vater die Kniee zu beugen und dein Gewissen reinzuwaschen in den Tränen, die seine Verzeihung erflehen, dann – – hat sich so ein Stückchen Bestimmung erfüllt, dann würde ich glauben, auch für mich eine sehr gute Botschaft gehört zu haben. Die letzte auf Erden, Kind; willst du sie mir bringen, willst du nach Hause reisen und dich mit dem Vater versöhnen, ehe du wieder zur See gehst?«

Robert fühlte, wie ihm das Herz schlug. Recht hatte der Alte, aber dennoch – wenn ihn sein Vater nicht wieder fortließ? Wenn er abermals gezwungen wurde, auf dem Tisch zu sitzen und zu nähen?

Der Matrose las den Gedanken von seiner Stirn, »Kannst ja schon in Liverpool oder Havre schreiben,« setzte er hinzu. »Aber denke nicht, daß der Vater hart sein würde, unmöglich könnte er es, wenn du freiwillig zurückkehrst.«

In Roberts Augen schimmerte es feucht. »Ich möchte tun, wie du sagst, Onkel Mohr,« flüsterte er. «Ich möchte, daß die Eltern ganz mit mir einverstanden wären, aber – weglaufen müßte ich zum zweitenmal, wenn sie unerbittlich blieben.«

Der Alte lächelte. »Komm mit,« winkte er. »Ich will dir zeigen, daß meine Worte mehr als ein leerer Schall sind. Du sollst dein Erbteil sehen.«

Er ließ den Knaben in die Schiffskiste blicken, wo sich allerdings eine stattliche Anzahl holländischer und spanischer Münzen vorfand. »Das alles ist dein,« sagte er leise, »aber du tust damit, wie ich dich gebeten, nicht wahr, Kind? Es kommt der Tag, wo du mir für unser heutiges Gespräch im Herzen dankst, darauf verlasse dich.«

Robert gab gerührt und mit dem festen Vorsatz, es zu halten, das verlangte Versprechen. Dann reichte ihm der Alte die Flasche Champagner, welche er selbst bei der Verteilung heute bekommen. »Trink es in den nächsten Tagen, mein Junge,« sagte er freundlich.

»Und du, Onkel Mohr,« fragte der Knabe, dem das unbekannte schäumende Getränk ganz außerordentlich gefallen, »warum trinkst du nicht?«

Der seltsame Mann schüttelte den Kopf. »Ich nehme nie Wein oder Spirituosen zu mir,« antwortete er. »Laß dir's gut schmecken, Kind.«

Und dann ging er fort, wie das so seine Gewohnheit war, wenn ihm ein Gespräch peinlich zu werden schien. Robert hatte längst erkannt, daß irgend ein großes Unglück die Seele des Alten so verdüstert haben müsse, aber er wagte nicht, nochmals danach zu fragen. Mohr würde ja ohne Zweifel Wort halten und ihm alles freiwillig erzählen.

Die Waren hatten jetzt fast sämtlich ihr Unterkommen gefunden und während der folgenden Tage mußte das ganze Schiff von oben bis unten gescheuert werden. Der Obersteuermann wetterte und fluchte an Deck umher, als wolle er alles wieder einholen, was während der ganzen Reise an unumschränkter Herrschergewalt für ihn verloren gegangen war. Die Matrosen murrten so laut, daß es sogar der Kapitän bemerkte, und ein fast vollständiger Bruch zwischen den beiden war die Folge dieser Erörterungen.

Van Swieten hatte, wie das sehr häufig geschah, zu viel getrunken. Er befand sich daher in streitlustiger Laune und wollte vor allen Dingen sein Ansehen als Führer des Schiffes gewahrt wissen. Ihm gehörte die »Antje Marie«, er war Herr an Bord, und niemand durfte ihm widersprechen. »Geh in deine Kajütte, Renefier,« rief er mit lauter Stimme dem Obersteuermann zu. »Geh und schlafe oder tue, was dir beliebt. Deines Postens bist du entsetzt, – du paßt mit deinen Unteroffiziersgelüsten nicht auf mein Schiff und noch weniger für meine Leute.«

Der Steuermann wurde blaß wie eine Wand, aber er beherrschte sich doch und verließ schweigend das Deck, nur als der Kapitän im Vorraum der Kajütte nahe an ihm vorüberging, fragte er leise: »Van Swieten, hast du deine Worte wohl überlegt? Hast du an meiner Statt einen Mann zur Verfügung, der die Monddistanz aufnehmen kann, und der es versteht, eine Höhenberechnung aufzustellen? – Besinne dich, ehe es zu spät ist.«

Der Kapitän schlug mit der Hand in die Luft. »Unsinn,« versetzte er, »das kann ich alles selbst, und der Untersteuermann kann es auch. Ich habe ihm bereits deinen Posten übertragen, und du sollst dich in nichts mehr mischen, hörst du. Ich brauche willige Kerle, die vor dem Teufel nicht bange sind und die den Taler gern verdienen, ohne lange zu fragen, womit, aber keine Scheuerweiber, die an nichts als an Sand und Seife denken.«

Der Obersteuermann zog sich sehr verletzt zurück, und der Kapitän ging in seine Kajütte, um den letzten Rest des Bewußtseins mit Grog hinunterzuspülen. Der zweite Steuermann, eingedenk des eben Erlebten, und überhaupt eine weniger tatkräftige Natur, ließ nichts vom Befehlshaber durchblicken, so daß an Bord vollständige Unordnung Platz griff. Nur die notwendigsten Arbeiten wurden vorgenommen, sonst aber lagen die Leute in ihren Kojen und spannen wechselweise ein »Garn«, wie man auf der See das Erzählen einer Geschichte zu nennen Pflegt. Das Wetter blieb günstig, der Wind schwach und die Sterne sichtbar, es ereignete sich also nichts Bemerkenswertes.

Nur Mohr schüttelte den Kopf. »Noch ein Tag und noch eine Nacht,« murmelte er, »dann müssen wir den Hafen erreicht haben! – Seltsam, seltsam!«

»Mohr,« sagte ein anderer, »gib auch einmal etwas zum besten! Wahrhaftig, du hast von deiner Vergangenheit noch nie gesprochen, niemals ein Garn gesponnen, also tue es jetzt.«

Der Alte sah über das Wasser, und sein tiefliegendes Auge glühte fast unheimlich. »Ich hätte heute abend ein Garn gesponnen, auch ohne eure Aufforderung, Kameraden,« versetzte er. »Aber ob ihr meine Geschichte unterhaltend finden werdet, das steht dahin.«

Die andern lagerten sich im Kreise, und die kurzen Pfeifen wurden in Brand gesetzt. Auf dem Meere schwamm hell der weiße Mondglanz, und oben am Himmel schimmerten in südlicher Klarheit die Sterne.

Die Tür des Logis war weit offen gelassen, laue, schmeichelnde Lüfte umspielten die wetterbraunen Gesichter der Matrosen.

Mohr zog den Knaben mehr zu sich heran. »Morgen mit dem Frühesten sehen wir die blauen Berge von Cuba aus der Ferne wie Schatten auftauchen,« sagte er, »morgen scheint für mich die letzte Sonne, – darum hört alle, was ich euch zu erzählen habe, nehmt mein Beispiel zu Herzen.«

Niemand widersprach ihm. Sie kannten ja alle den Geisterseher, der oft in dunkeln Nächten so unheimliche, angstvolle Worte murmelte, der sich im Schlaf von einer Seite zur andern warf, und träumend schluchzen konnte wie ein geängstigtes Kind.

»Der Klabautermann sitzt auf seiner Brust und drückt ihn,« hatten dann wohl einige, heimlich schaudernd, gesagt, während andere den Kopf schüttelten. »Die Nachtmahr ist es, das bleiche Gespenst, sie will mit ihm würfeln um sein Herzblut, und er kann sich ihrer nicht erwehren.« – –

Sie kannten ihn, darum widersprach keiner.

Mohr senkte den Kopf in die hohle Hand. »Ich war zur Zeit meiner zwanziger Jahre ein kecker, übermütiger Geselle,« begann er seine Geschichte, »ein Bursche, der sich weder vor Gott noch vor dem Teufel fürchtete und seine Tage dahinlebte wie einer, der da meint, daß Jugend und Gesundheit ewig dauern, nur um den Becher der Vergnügungen in vollen Zügen zu genießen und von einer tollen Lustbarkeit zur andern zu eilen.

Das Seeleben gefiel mir nachgerade nicht mehr, weil die Zeit der Arbeit und der Entbehrungen lang war, die Freudentage im Hafen aber sehr kurz, und namentlich, weil ich an Bord gehorchen mußte wie ein Schuljunge. Das verstand ich gerade am allerwenigsten, das erregte immer meinen Jähzorn und stürzte mich in viele Verlegenheiten. Einmal habe ich dem Kapitän, der mir ein verweisendes Wort sagte, eine Ohrfeige gegeben, und dafür als Meuterer die ganze Reise in Eisen gelegen, aber alles das konnte mich nicht zur Besinnung bringen. Ich sagte also dem Seeleben Valet und legte mich einstweilen in meines Vaters Haus vor Anker. Der Alte war Wirt, lebte mit einer ebenso bejahrten und mürrischen Schwester ganz allein und sah mich höchst ungern kommen. Einen erwachsenen Sohn zu füttern, der noch obendrein jeden Augenblick mit den Gästen Streit anfing und es meistens vorzog, die seinen Weine oder Kognaks selbst auszutrinken, anstatt die Bezahlenden unter glatten Worten damit zu bedienen, das behagte ihm nur äußerst wenig.

Hätte ich Flaschen spülen, Kegel aufsetzen und Bier abzapfen wollen, hätte ich bei der alten Base den Küchenjungen gespielt und ihrem Schoßhündchen geschmeichelt, dann wäre alles gut abgelaufen, so aber wurde das Verhältnis zwischen mir und meinen Angehörigen immer schlechter, bis ich zuletzt den ganzen Tag auf der Bank lag und rauchte oder trank, mit mir selbst und der Welt gleich sehr zerfallen.

Sollte ich nachgeben? Wieder ein Schiff suchen, mich von meinen Kameraden auslachen lassen, und der Base, die den Alten aufhetzte, das Feld räumen? Es wurmte mich, nur daran zu denken, aber dennoch konnte auch der gegenwärtige Zustand keine Dauer haben. Es mußte über kurz oder lang anders werden, das sah ich wohl, namentlich da mir der Vater niemals Geld geben wollte. ›Es ist genug, daß ich einen Taugenichts ernähre und vor dem Büttel bewahre‹ sagte er mir einmal. ›Du solltest dich schämen, von deinem alten Vater noch Geld zu verlangen. Ich gebe dir nichts und wenn du keinen Rock mehr anzuziehen hast, keine Stiefel an den Füßen.‹

Damals zerschlug ich in meiner wilden Wut alles, was sich meinen Fäusten darbot, die Flaschen und Gläser, die Fensterscheiben und die Rohrstühle, ich tobte wie ein wildes Tier im Käfig und ging erst fort als kein heiles Stück mehr zu finden war. Drei Tage lang trieb ich mich umher, aß rohe Feldfrüchte, hungerte und schlief hinter den Zäunen, dann kehrte ich zurück, um nicht ins Gefängnis geworfen zu werden, aber es war ein elendes Leben, das ich führte, mir selbst zur Last. Der Alte sagte nichts; er mochte einen ähnlichen Auftritt wie den soeben geschilderten befürchten und ließ mich daher tun und treiben, was ich wollte. Die Base machte es ebenso, sie ging im weiten Bogen um mich herum und nahm ihr Hündchen auf den Arm, sobald ich im Zimmer erschien. Das verdroß mich heimlich viel mehr, als hätten mir die beiden das Leben täglich zur Hölle gemacht; ich wurde so grimmig, so verbissen, – o ich kann euch nicht schildern, wie sehr. Du knüpfst dich auf, dachte ich bei mir, dann hat das Leiden ein Ende. Gerade vor der Kammertür der Base, damit sie sich erschreckt.

Den Nagel schlug ich auch richtig in die Mauer hinein, aber weiter kam es nicht. Das Leben ist doch so ein eigen Ding, man verschenkt es mit prahlenden

Worten, aber in der Tat hält man's doch fest, es mag noch so elend sein.

Um diese Zeit, gerade an meinem Geburtstage, kam einmal ein Jude in die Schenke, der mit allerlei Kleinigkeiten, unter anderem auch mit Lotterielosen handelte. Ich lag wie gewöhnlich auf der Bank hinterm Ofen, heute wilder und ingrimmiger gelaunt als jemals vorher. Es war ja mein Geburtstag, aber kein Mensch hatte davon Notiz genommen, niemand hatte mir ein freundliches Wort, einen Glückwunsch gesagt, obwohl ich wußte, daß der Alte die Bedeutung des Tages ganz genau kannte. Das ärgerte mich über alle Maßen. Ich dachte wieder an den Nagel neben der Kammertür der Base.

Da trat der Jude zu mir und hielt zwischen den Fingern ein schmutziges, zerknittertes Blatt. ›Kauft der Herr kein Los?‹ fragte er schmeichelnd. ›Gerade das letzte, also das Glückslos, weil man immer das beste bis zuletzt aufhebt, – Nummer 26!‹

Es durchrieselte mich sonderbar. Heute an meinem Geburtstage wurde mir das Los angeboten, dessen Nummer die Zahl meiner Jahre angab. Wie eigentümlich!

Ich stand auf und zeigte das Papier dem Alten. ›Vielleicht ist es ein Wink des Schicksals,‹ flüsterte ich. ›Das Glück will mir die Hand bieten.‹

Er zuckte die Achseln und wusch emsig seine Gläser, ohne zu antworten. Das kribbelte mich schon, weil es die anderen Gäste sahen.

Der Jude schlich mir nach. ›Sie sollten es nehmen,‹ drängte er. ›Die Ziehung ist schon in vierzehn Tagen und die Nummer bringt Glück. Hab einmal auf sechsundzwanzig das große Los in meine Kollekte gebracht. Wäre doch herrlich, so viel Geld, nicht wahr?‹

Mir stieg das Blut heiß zu Kopf. ›Vater,‹ sagte ich mit lauter Stimme, ›seid so gut und leiht mir die paar Taler, ich will das Ding da kaufen.‹

Der Alte zögerte. Er murmelte einiges, was ich nicht verstand, aber er griff endlich doch in die Kassenschublade und zählte das verlangte Geld auf den Tisch, alles ohne ein Wort zu sprechen. Ich flößte ihm Furcht ein, das war ganz sicher.

Er und ich, wir sprachen von der Sache nicht weiter, und das Los blieb in meiner Tasche. Die vierzehn Tage vergingen wie alle vorherigen, ich las und trank, rauchte oder schlief und ärgerte mich fortwährend. An den Gewinn dachte ich schon längst nicht mehr.

Da erschien eines Abends der Jude, als gerade das ganze Gastzimmer Kopf an Kopf gefüllt war. Er winkte mir schweigend, ihm zu folgen. ›Gewonnen,‹ flüsterte er, als wir draußen vor der Tür standen, ›gewonnen! Ich hab's Geld mitgebracht. Wieviel lassen Sie mich verdienen, wenn ich es gleich auszahle?‹ Hinter uns erschien in diesem Augenblick wie ein schwarzer Schatten der Alte. ›Was gibt's?‹ fragte er, hat das Los gewonnen?‹

Der Jude hob warnend den Finger. ›Pst!‹ flüsterte er, ›nicht so laut, die anderen merken es. Das schöne Geld könnte gestohlen werden. Es ist eine große – große Summe, und ich bin ein geschlagener Mann, wenn mich Diebe überfallen. Nachher wollen wir das alles besprechen, wenn die Gäste fort sind.‹

Er schlüpfte voran in das Zimmer, und ich folgte ihm, halb berauscht vor Entzücken. Also endlich sollte meine Erlösungsstunde schlagen, endlich sollte ich nach so langer trüber Zeit der Entbehrung wieder Geld besitzen, viel Geld, wie der Jude gesagt hatte! – ach, dieses Hochgefühl, welches mich durchströmte, diese gewaltige Freude. Ich trank und trank, bis mir die Adern an der Stirn zu schwellen begannen, und meine Augen die Gegenstände ringsumher nicht mehr mit Sicherheit zu unterscheiden vermochten.

Ich wollte das öde Dorf verlassen und mit dem schnell erworbenen Reichtum in eine größere Stadt ziehen, um ohne Mühe durch Leihgeschäfte immer mehr Geld zu erwerben, ich schmiedete Pläne über Pläne, und in allen spielte mein Vermögen die Hauptrolle.

Karten und Würfel gingen von Hand zu Hand, ich trank und verlor Summe nach Summe, aber ich lachte darüber. Was konnte mir die Handvoll Taler gelten, da ich ja reich war!

Aber wieviel es nur sein mochte? – Heute blieben auch die Gäste länger als jemals. Heiße Ungeduld brannte in allen meinen Adern. Mitternacht war vorüber, als endlich die letzten halbtrunkenen Bauern davon taumelten. Jetzt befanden sich außer mir selbst nur noch mein Vater und der Jude im Schenkzimmer. Die Base saß nickend in der Küche.

Wir neigten uns beide gegen den Hebräer. ›Wie viel ist's?‹ fragte flüsternd der Alte und: ›wieviel ist's?‹ wiederholte ich zitternd vor Begier.

Der Jude sah von einem zum andern. ›Ihrer zwanzigtausend harte Taler,‹ raunte er. ›Hab's ja gesagt, die Sechsundzwanzig ist eine Glücksnummer. Was soll ich haben, wenn ich das Geld gleich auszahle anstatt in sechs Wochen?‹

Mir flirrte und flunkerte es vor den Augen ›Tausend Taler!‹ rief ich ungestüm. ›Das ist fürstlich bezahlt, sollte ich meinen, also zähl das Geld heraus, Itzig.‹ Da legte sich eine Hand auf meine Achsel. ›Sachte, sachte‹ rief der Alte, ›was geht es dich an, wieviel ich dem Juden geben will?‹

›Du?‹

Ich starrte ihn an, unfähig, mehr als das eine Wort herauszubringen.

›Natürlich‹ beharrte er, ›das Geld ist mein, ich habe das Los bezahlt und kann zehn Zeugen bringen, daß ich die Wahrheit rede.‹

Ein heißer Strom rann durch alle meine Adern. ›Mir hast du das Geld geliehen,‹ schrie ich, ›und du kannst es zurückerhalten, sobald mir das Geld ausbezahlt worden. Gib her, Itzig, hier hast du das Los und tausend Taler sind dein.‹

Der Jude erhaschte im Fluge den Papierstreifen. Ein solches Trinkgeld bot ihm ganz gewiß niemand, am wenigsten aber der habsüchtige Alte, daher stand er ganz auf meiner Seite und begann hastig die Kassenscheine auf den Tisch zu zählen. Dann entfernte er sich so rasch ihn die Füße trugen.

Der Vater legte seine Hand auf das Geld. ›Mein ist's,‹ raunte er, ›und ich lasse nicht davon. Ergib dich im Guten, oder –‹

Ich sah ihm aus nächster Nähe ins Auge. ›Oder?‹ zischte ich.

›Du wanderst morgen ins Gefängnis. Ich habe das Los bezahlt, ich bin hier im Dorfe ein ansässiger Mann, ich betreibe ein ehrliches Handwerk, du aber bist ein Tagedieb und Herumtreiber, der jetzt auch noch seinen alten Vater bestehlen Will!‹

Die Habsucht mußte ihn völlig verblenden, mir so drohend gegenüberzutreten. Ein Schein nach dem andern verschwand in seinen Taschen.

Und da, Kameraden, da war's um mich geschehen. Er hatte das Wort »stehlen« ausgesprochen, hatte meine Ehre tödlich gekränkt, unheilbar – – –

Ich ergriff einen schweren Hammer, der zufällig auf dem Tische lag – – –«

Der alte Matrose hielt einen Augenblick inne. Kalter Schweiß perlte von seiner Stirn, die Stimme klang kaum verständlich –

Unter den Leuten herrschte Totenstille – – –

»Vor meinen Blicken erschien alles rot, wie zuckende Blitze, in Blut getaucht.« fuhr nach einer Pause der Erzähler fort. »Ich weiß nur noch, daß mir die völlige Besinnung erst später zurückkehrte. Und da war ich nüchtern auf einen Schlag.

Vor mir am Boden lag mit gespaltenem Schädel mein Vater, und seine gebrochenen Augen schienen starr zu dem Mörder emporzusehen.

Langsam rann das Blut über die Kassenscheine, welche er im Fallen mit sich vom Tisch gerissen.

Alles war totenstill um mich herum, kein Laut unterbrach die Mitternachtsstunde des entlegenen Hauses, nur ein eintöniges leises Geräusch hörte ich, ganz leise wie das Ticken einer Uhr. Es waren Blutstropfen, welche langsam über die Stufen der Kellertreppe hinabliefen und deren Fall in mir ein eisiges Grauen wachrief. Das Licht brannte allmählich herab, knisterte und zuckte noch ein paarmal hoch empor, dann erlosch es gänzlich.

Ich rührte kein Glied. Wie gelähmt, wie erstarrt saß ich da. »Mörder!« schien es in mir zu flüstern, und »Mörder« rings in der stillen Luft, bis mich ein fast wahnwitziger Schauder ergriff. Ich mußte fort von hier, ehe es Tag geworden, ich konnte um keinen Preis noch einmal in dieses gebrochene Auge sehen.

Stunde nach Stunde verrann. Der Tag rückte näher, die Hähne im Dorfe begannen zu krähen, Hunde bellten und hier und da knarrten Wagenräder. Jetzt galt es vom Sitz aufzustehen.

Ich machte keine Bewegung, atmete kaum, – da drang durch die Fensterläden ein erster schwacher Schimmer, – er streifte die dunkle stille Gestalt am Boden. –

Schaudernd raffte ich mich auf und schlich zur Tür, immer verfolgt von dem Blick der toten Augen. Wohin sich mein Fuß wandte, da begegnete mir der schreckliche Anblick, Ich öffnete die Tür und trat hinaus ins Freie, in den Gottesfrieden der Sommerfrühe – – O Kameraden, möchte keiner unter euch je empfinden müssen, was ich damals empfand. Ich fühlte das Kainszeichen auf meiner Stirn brennen, fühlte den Fluch des Ewigen über mir in der stillen Morgenluft und stürzte davon, wie einst die ersten Menschen aus dem Paradiese.« – –

»Onkel Mohr,« flüsterte der Knabe, sich innig an den Alten schmiegend, »du Armer!«

Und auch die übrigen waren ernst und still. Selbst diese rohe Schar, zusammengewürfelt aus aller Herren Ländern, sittlich verwahrlost in der steten Ausübung eines widerrechtlichen Berufes, selbst dieser Auswurf des heiteren harmlosen Matrosenvolkes war tief ergriffen von dem furchtbaren Schicksal des Genossen, dessen silberweißes Haar sich heute noch beugte unter der Last einer Erinnerung, die sein ganzes Leben vergiftet hatte.

Nur Gallego, der Unselige, der Sklave des geißelschwingenden Lasters, das Herz und Seele der ihm Verfallenen zu Asche versengt – Gallego schlich ungesehen im Dunkel des Logis zu Roberts Koje und stahl die Champagnerflasche, mit der er sich in die Kombüse begab und mit gierigen Zügen den perlenden Schaumwein hinunterstürzte.

Niemand achtete seiner. In den Seelen aller widerhallte das schauerliche Selbstbekenntnis des Greises, dessen Wesen jetzt erst anfing verständlich zu werden. Darum das Flüstern im Schlafe, darum das leise stehende: »Sieh mich nicht an, o aus Barmherzigkeit, sieh mich nicht an!« – wie es die Matrosen so oft von ihm gehört.

»Fahre fort,« bat eine Stimme. »Dein Garn ist noch nicht abgelaufen.«

Der Alte hatte indessen das heiße Gesicht des Knaben liebkosend gestreichelt; jetzt erhob er den Kopf und warf das Haar in den Nacken zurück. »Nein,« sagte er, »mein Garn ist nicht abgelaufen, da habt ihr recht. Aber ich will euch alles erzählen. Hört zu!

Ich besah beim ersten Tageslicht mein eigenes Antlitz in einem Bach, der am Wege vorüberfloß, – es war mir ja heimlich, als stände darauf die Untat verzeichnet, und dann, als ich Haar und Bart ein wenig geordnet, wanderte ich unaufhaltsam bis nach Bremen, das etwa drei Meilen weit von meiner Heimat entfernt lag und wo mich jeder Schlafbas kannte. Ein Schiff zu bekommen hielt nicht schwer, und schon nach vier oder fünf Tagen war ich auf einem amerikanischen Dreimaster in völliger Sicherheit.

Wir hatten Passagiere an Bord, Frauen und unschuldige Kinder; es gab viele Unterhaltung, manches Neue, manches Ungewohnte, kurz, ich erholte mich in verhältnismäßig kurzer Zeit von dem erlittenen Schrecken derartig, daß ich anfing, mich für weit mehr unglücklich als schuldig zu halten, und daß ich mir eifrig die beste Seite der Sache nach oben zu kehren suchte. Noch war meine Seele nicht demütig geworden, noch die Reue nicht echt, – es mußte schlimmer kommen, ehe ich aus dem Trotz und dem Eigenwillen aufgerüttelt wurde,«

Unter den Zuhörern entstand ein unwillkürliches Murmeln. »Schlimmer?« fragten einige leise Stimmen. »Unmöglich!«

»Schlimmer!« bestätigte der Alte. »Um meiner Sünde willen sind Hunderte dem Tode zum Opfer gefallen, haben Mütter ihre kleinen Kinder sterben sehen, haben brechende Herzen ihre letzte Hoffnung dahingegeben und sind tausend glühende Tränen geweint worden. Wißt ihr's nicht, daß das Schiff, an dessen Bord ein Mörder, ein heimlich unentdeckter Mörder weilt, – dem Verderben geweiht ist? Wißt ihr nicht, daß es dem Ahasver des Meeres, dem fliegenden Holländer, entgegentreibt und von seinem weißen Kiel in den Grund gebohrt wird?«

Der alte Matrose hatte sich erhoben, die Augen glühten wie in halbem Wahnsinn, die Hände streckten sich aus, als wollten sie einen unsichtbaren Feind bekämpfen. Seine Brust keuchte schwer, sein Gesicht war totenblaß.

Die andern begütigten ihn. »Das ist ein Aberglaube, Mohr,« sagten sie. »Du bist so lange an Bord der ›Antje-Marie‹ und sie ist nie dem gespenstischen Schiffer begegnet, also beruhige dich doch.«

Der Alte lächelte. »Die Antje-Marie?« wiederholte er sinnend. »Das ist ein anderes, Kameraden. Wir stehlen dem Staate den Zoll, wir fahren auf der breiten Straße, die dem Abgrund zuführt, da braucht es keiner besonderen Schuldverschreibung an den Bösen, sie ist ohnehin schon vorhanden, und dennoch – was da kommen wird, das wissen wir ja heute nicht. Ich will euch aber erzählen, was mit der ›Seemöwe‹ geschah, an deren Bord ich Dienste genommen hatte.

Laßt mich also ausreden.«

Die Matrosen waren jedoch zu erregt, um schweigen zu können. »Hast du ihn gesehen, den fliegenden Holländer?« fragten sie.

Mohr nickte. »Ich habe ihn gesehen, – von Angesicht zu Angesicht – er erhob gegen mich die Knochenhand – er winkte mir!«

»Pah, Unsinn, Geisterseher, du hast geträumt, dich drückte der Alp.«

»So laß doch den Alten sein Garn spinnen. Erzähle, erzähle, wie ging es der Seemöwe?«

Mohr bekämpfte den Schauder, welchen er noch jetzt in der Erinnerung empfand. »Wir waren am Kap der guten Hoffnung,« begann er, »und das Wetter hielt sich merkwürdig gut. Trotzdem aber ließ der Kapitän alle Vorsichtsmaßregeln wahrnehmen, und schon bei dem ersten Regen des Windes mußten wir bis auf die Sturmsegel jeden Fetzen Leinwand hereinholen. Man kann ja, wie ihr wißt, in jenen Breiten dem Frieden niemals trauen.

Es war abends um elf Uhr, als ich abgelöst wurde und mit den Maaten zur Koje gehen konnte, aber der schwülen Luft wegen blieben wir alle lieber noch ein bißchen bei offenen Türen sitzen. Es hatten sich auch, obgleich das strenge verboten war, mehrere von den Zwischendeckspassagieren zu uns gesellt, und wir würfelten auf unseren Schiffskisten. ›Hier herum ist es ja wohl, wo der fliegende Holländer sein Wesen treibt,‹ meinte einer der Auswanderer, ›ich hätte nicht übel Lust, dem alten Burschen zu begegnen. Wer ein gutes Gewissen besitzt, der braucht die Geister nicht zu fürchten.‹ – Solche und andere Reden flogen hinüber und herüber. Meine Kameraden nahmen es dem Auswanderer krumm, daß er die bösen Gewalten des Meeres herausforderte, aber ich lachte dazwischen. ›Laßt doch das Geisterschiff kommen. Wer das Herz auf dem rechten Fleck hat, der trinkt mit dem alten Van der Decken Brüderschaft. Auf du und du, alter Kamerad,‹ rief ich übermütig in die Nacht hinaus, meine Ration Rum hinunterstürzend, und die Flasche in weitem Bogen über Deck schleudernd.›Prosit, alter Knabe!‹

Das Wasser spritzte hoch empor – über dem Schiff in der Luft erklang es wie ein spöttisches langgedehntes Lachen. He, he, he, – und dann noch einmal, he, he, he –

Die Gesichter um mich herum wurden leichenblaß und auch über meinen Rücken lief es heimlich eiskalt herab bis in die Fußspitzen, aber ich ließ mir nichts merken, sondern antwortete mit halber Stimme auf das gespenstische Lachen in der Luft:

›Schon Möwen! – wir befinden uns also nur wenige Meilen von der Küste.‹

Der Auswanderer, welcher vorhin so großen Mut an den Tag gelegt hatte, sah jetzt aus wie ein durchgeschnittener Käse. ›Sollte es wirklich eine Möwe gewesen sein?‹ flüsterte er.

›Natürlich? Haben Sie jemals gehört, daß die Geister lachen?‹

›Wie der Wind heult!‹ schauderte er.

›Kriechen Sie zur Koje, Mann, – Sie haben doch Furcht trotz des guten Gewissens.‹

Er sah mich grollend an. Vielleicht beleidigte ihn mein herausforderndes Wesen, vielleicht durchschaute er es und las auf dem Grunde des Herzens die verborgene Unruhe.

›Und Sie haben doch kein gutes Gewissen trotz Ihrer prahlenden Worte,‹ sagte er.

Ich sprang auf, die Fäuste geballt, die Augen rollend, – ganz derselbe unbändige, wilde Geselle, der ich immer gewesen, ich hätte vielleicht in diesem Augenblick einen zweiten Mord begangen, wenn nicht das Kommando des Kapitäns wie ein Blitz aus heiterer Luft dazwischen gefahren wäre.

›Alle Mann an Deck. Die Marssegel gerefft.‹

Wir hatten nicht beachtet, daß es über uns und unter uns schauerlich lebendig geworden war. Der Wind fegte über die weißen Wogenkämme daher und schleuderte spielend ganze Berge von Wasser in die Luft empor. Es zischte, brodelte und gärte um den Bug der Seemöwe herum, wie ich es nie vorher gehört; es ächzte im Takelwerk und knarrte in den Masten, während gelbe Blitze in immer schnellerer Reihenfolge aus den schwarzen Wolkenmassen Hervorschossen und der Donner seine brüllende Stimme über den Ozean dahinsandte.

Mehr und mehr wuchs der Sturm, hoch und höher ging die See. Der Kapitän ließ die Zwischendecksluken schließen, weil uns die angsterfüllten Menschen am Arbeiten verhinderten, aber das Zwangsmittel half nur für kurze Zeit. Von innen sprengte die Kraft der Verzweiflung das Eisen, unaufhaltsam ergoß sich der Strom halberstickter, jammernder, betender und schreiender Auswanderer auf das Verdeck.

Es war eine gräßliche Szene. Die Stimme des Kapitäns übertönte zuweilen das Brausen der Elemente, aber was er sprach, das ging verloren. Da galt kein Kommando mehr, da waren alle Bande der Ordnung und des Gehorsams auf einmal gerissen, da schrie jeder, und niemand hörte. Wilde Flüche mischten sich mit dem herzerschütternden Jammern der Frauen, den Angstrufen der Kinder und den laut hervorgestammelten Gebeten. Einige sangen Sterbelieder, andere sprachen mit lauter Stimme Worte voll Liebe und Zärtlichkeit zu ihren viele Hunderte von Meilen entfernten Angehörigen, sie nahmen von denselben Abschied und baten sie, ihnen zu vergeben, was jemals Unfriedliches oder Unversöhnliches geschehen sei.

Hier lag eine Mutter auf ihren Knieen und hielt in schützenden Armen die Kinder, deren kleine Gesichter sich angstvoll an ihrer Brust verbargen, dort segnete ein Greis im weißen Haar zum letztenmal die geliebten Seinen, während an der Tür der Kapitänskajütte ein Priester mit lauter Stimme die Barmherzigkeit Gottes anrief. Glühende Gebete flossen von seinen Lippen, andächtig mit gefalteten Händen lauschte ihm eine kleine Anzahl Gläubiger.

Und von dritter Stelle nahten zügellose schwankende Gestalten, Einzelne Männer hatten den Mundvorratsraum aufgesucht, die Schlösser erbrochen und die Rumfässer hervorgezogen. In den Gesang der Todgefaßten, in die Gebete der Frommen hinein tönte ihr trunkenes Lästern.

Mehr und mehr wuchs der Sturm, hoch und höher ging die See.

Hier oder dort zerriß ein heller Schrei auf Sekunden die Luft. Die Stelle, wo noch kurz zuvor ein Mensch gestanden, war leer. Aufgehört hatte Singen, Toben und Beten, aufgehört das Kommando und der Gehorsam, – die Vernichtung war hereingebrochen.

›Dieser hat's getan!‹ grollten die Stimmen meiner Kameraden, und kreidebleiche bebende Lippen nannten mich flüsternd den Bösen, der das Schiff ins Unglück gestürzt. Augen voll Zorn blickten mir entgegen, geballte Fäuste und wilde Verwünschungen bedrohten mich.

›Er hat das Gespenst des Meeres herbeigerufen! Er hat mit dem fliegenden Holländer Brüderschaft getrunken! –‹

›Werft ihn vom Bord, den Verfluchten! –‹

Tageshelle umgab uns auf allen Seiten, das Schiff war nur noch ein Wrack ohne Masten, unaufhaltsam gingen die Wellen über Deck und spülten mit sich hinab in den bodenlosen Schoß, was zu schwach war, ihrem Toben Widerstand zu leisten.

He, he, he, lachte hoch oben in der Luft die Möwe. He, he, he. –

Aber ihr triumphierendes Schreien wurde übertönt, ihr Hohnlachen erstickt in einem Ruf des Entsetzens, der allem, was noch atmete, die Haare zu Berge trieb.

Ich sah nach vorn, weil sämtliche übrige es taten und – was ich dort erblickte, das sieht auch der Vermessenste nicht, ohne auf seine Kniee zu sinken und das göttliche Erbarmen vom Himmel herabzuflehen.

Über die schwarzen, grün und violett gegipfelten Wogenkämme kam das Geisterschiff daher, gerade auf die Seemöwe los. Schneeweiß vom Kiel bis zu den Mastspitzen, war es unter vollen Segeln und dennoch regte sich an Bord kein Stückchen Leinen, dennoch schaukelte oder stampfte es nicht, sondern glitt, von unsichtbarer Macht getrieben, in pfeilschneller Fahrt und schnurgerader Richtung vorwärts, näher, immer näher an uns heran. Auf dem Großmast glühte und funkelte, bläulich angehaucht, in majestätischer Höhe das Sankt Elmsfeuer, weißes Licht ging von den Segeln aus, und in den Raaen arbeiteten die weißen Todesgestalten der sechs Matrosen. Alle mit Leichentüchern angetan standen sie auf den Köpfen im Takelwerk, während Kapitän Van der Decken am Großmast lehnte und aus hohlen Totenaugen zu mir herübersah.

Ha. – zu mir!

Ich schrie vor Entsetzen. Dieser Blick! – hatte ich ihn nicht einmal schon gesehen?

Meine Besinnung drohte zu schwinden. Da hob das Gespenst die rechte Hand und winkte mir. – – –

Ganz nahe war das Geisterschiff herangekommen; Auge in Auge stand ich dem fliegenden Holländer gegenüber. Wie ein kalter Schatten streifte es mein Gesicht.

Als ich zu mir kam, lag ich in der Koje eines französischen Schiffes und wurde von barmherzigen Menschen freundlich gepflegt. Kaum wagte ich die bange Frage nach den Genossen dieser Unglücksfahrt, – ich wußte die Antwort vorher. Von allem, was auf der Seemöwe gelebt, von mehr als fünfhundert Menschen war ich der einzige Gerettete. Die Matrosen des französischen Schiffes hatten mich anscheinend leblos aus dem Wasser aufgefischt, als die Wellen meinen Körper bis unter den Bug trieben.« – –

Der alte Mann schwieg und trocknete mit dem Tuche die Schweißtropfen von seiner Stirn. »Ich war der Einzige,« wiederholte er nach einer Pause, »den das Meer ausspie, den der Tod verschmähte. Ich mußte leben, um zu wissen, welches Opfer meine Sünde gefordert, an wie vielen Unschuldigen gerächt worden war, was ich verbrach.

Aber seitdem wurde aus mir ein anderer Mensch. Ich ging an Bord der »Antje-Marie«, die damals ihre erste Reise antrat, und leistete mir selbst einen heiligen Eid, nie wieder in die Gesellschaft ehrlicher schuldloser Menschen zurückzukehren, nie wieder das feste Land der Erde zu betreten, und in dieser Weise, allen Rechten, allen Freuden entsagend, losgerissen von allem was das Herz beglückt und das Leben verschönert – den ungeheuren Frevel zu büßen.

So sind dreißig lange Jahre dahingegangen. Ich war ein lebendiggestorbener Mensch, aber ruhig in mir durch das Bewußtsein tiefer Reue. Da, während der letzten Nacht im Hamburger Hafen, hatte ich einen seltsamen Traum. Die »Antje-Marie« trieb auf hoher See im hellsten Sonnenschein langsam dahin. Der Wind war still, die Luft warm und das weite Meer wie ein glänzender mattbewegter Spiegel. Ich stand am Ruder, das Herz voll Frieden und Ruhe, wie es in vielen, vielen Jahren nicht gewesen, so ganz glücklich, ganz als ob ein schönes langersehntes Siel erreicht, da – nahte aus der Ferne das Geisterschiff des fliegenden Holländers. Aber es erschreckte mich nicht, meine Pulsschläge blieben ruhig, meine Augen sahen den Alten am Großmast, ohne sich abzuwenden von dem Entsetzlichen. – –

Das weiße Schiff kam heran, immer näher und näher, es segelte lautlos über die »Antje-Marie« hinweg und ich fühlte, wie wir langsam zu Grunde gingen, tiefer und tiefer in das blaue Wellenbett hinein. Ich schloß die Augen – und ließ mich träumend von den weichen Armen der Wogen zur Ruhe schaukeln, – – Am andern Morgen sagte mir der Kapitän, daß wir bei Eintritt der Flut in See gehen würden, und nun wußte ich genug. Es tut nicht gut, an einem Montag auszulaufen, zumal nach einem so bedeutsamen Traum. Diese Reise ist meine letzte! Noch vordem wir den Hafen von Havana erreicht haben, noch vordem sich der nächste Tag neigt, bin ich ein toter Mann und eben deshalb erzähle ich euch meine Geschichte, um jeden einzelnen zu warnen. Bittet Gott, daß er euch den Frieden des Gewissens erhalte, das höchste Gut des Menschen!«

Niemand antwortete ihm, nur Robert drückte in tiefer Rührung seine Hand. Er verstand ja jetzt, weshalb ihn der alte Mann so eindringlich gebeten, nach Hause zu reisen und die Verzeihung des Vaters zu erstehen, er freute sich, dem einsamen Herzen des Unglücklichen wirklich teuer geworden zu sein.

»Du stirbst nicht, Onkel Mohr,« sagte er zuversichtlich. »Im Gegenteil, nun du alles einmal von der Seele herunter gesprochen hast, wird dir leichter und besser zu Mute werden.«

Der Alte nahm den Kopf des Knaben zwischen seine beiden Hände und küßte Roberts jugendliche Stirn. »Leb wohl, Kind,« sagte er feierlich, »leb wohl, du hast mich mit dem Leben wieder ausgesöhnt, hast noch einen letzten warmen Sonnenschimmer von Liebe und Vertrauen wieder aus der Gemeinschaft der Menschen zu mir, dem Ausgestoßenen, herübergebracht. Sei gesegnet!« – Ein lauter Ausruf des Obersteuermanns unterbrach die Stille, welche den Worten des alten Matrosen gefolgt war.

»Alle Mann an Deck! Klar zum Wenden!« schrie Renefier, wie außer sich das Ruder ergreifend, in vergeblichem Bemühen, die Galliote dem Winde gerade entgegen zu drehen. Der Mann am Steuer, zufällig sein erbittertster

Gegner, wollte dem Befehl des abgesetzten Gewalthabers nicht gehorchen und verteidigte mit beiden Fäusten den Platz, auf welchen ihn des Kapitäns Anweisung gestellt. »Rufen Sie den Kapitän hierher!« schrie er. »Auf dem vorgeschriebenen Kurs zeigt sich keine Gefahr, also gehorche ich Ihnen nicht.« Der Obersteuermann mußte indessen seiner Sache sehr gewiß sein, und mußte auch jeden Augenblick für kostbar halten, denn er kehrte sich plötzlich von dem widerspenstigen Matrosen ab und wendete das Schiff mit flaggendem Topsegel, indem er die Hauptbrasse schießen ließ. Dann befahl er der Mannschaft, das große Segel zu reffen, aber – keiner wollte gehorchen. Was hatte den sonst so ruhigen und besonnenen Obersteuermann jählings aus der Fassung gebracht? Das Meer und der Wind waren still, keine Gefahr weit und breit, – was focht ihn an?

Er selbst zerraufte sich das Haar wie ein Wahnwitziger. »Van Swieten!« schrie er. »Van Swieten, komm um Gotteswillen herauf.

In zwanzig Minuten sind wir alle des Todes, wenn deine Leute nicht gehorchen.«

Ein unwillkürliches Erschrecken packte die Herzen der Matrosen. Nur Mohr stand aufrecht mit gekreuzten Armen. »Es kommt!« sagte er leise, »es kommt! –Herr, sei den Unschuldigen gnädig!«

Robert stürzte an ihm vorüber zur Kajüttentür, die er aufriß. »Herr Kapitän! – Herr Kapitän! – Sie müssen an Deck kommen.«

Van Swieten war wie gewöhnlich halb betrunken und fuhr aus dem ahnungslosesten Schlummer empor. »Zum Teufel, Junge was schreist du hier? Willst du das Tauende schmecken?«

»Van Swieten!« rief abermals der Obersteuermann, »komm und gib mir das Kommando zurück, oder wir sind alle verloren. Das Schiff steuert in voller Fahrt den Cubariffen entgegen. Komm um Gottes willen!«

Van Swieten taumelte an Deck. »Was sagst du da, Renefier? Geh in deine Kajütte und kümmere dich um nichts. Wo ist der zweite Steuermann?«

Der Gerufene erschien mit bleichem Gesicht und ängstlichem Wesen. Er verteidigte sich nicht, als ihn der Obersteuermann bei beiden Schultern packte und derb schüttelte,

»Hast du die Monddistanz aufgenommen, Bursche? Kannst du sie überhaupt aufnehmen? – Wo ist deine Höhenberechnung?«

Die Zähne des jungen Menschen schlugen hörbar gegeneinander. »Ich weiß es nicht,« stammelte er, »ich – ich verließ mich auf den Herrn Kapitän.«

»Da haben wir's! – Van Swieten, siehst du jetzt, was deine Gewaltmaßregel angerichtet hat? Wir alle sind verloren,«

Da tönte ein halb erstickter Ruf vom Ausguck her. »Scharf angeholt!« schrie der Matrose. »Brandungsfelsen dicht am Bug!«

»Nieder mit dem Steuer!« gebot Renefier, dessen Geistesgegenwart ihn nie verließ. »Nieder mit dem Steuer!«

Der Befehl wurde befolgt, aber die Galliote verlor die Kraft der Fortbewegung, streifte, durch den Stoß erschüttert, einen schaumbedeckten Felsen und lief mit dem Hinterteil auf ein Riff, wo sie überall von sieben Faden Wasser umgeben war.

Jetzt herrschte allgemeine Bestürzung. Die Segel flatterten um die knarrenden Masten, die Taue rissen und peitschten umher, die Brandung heulte, der Rumpf dröhnte, die Leute schrieen. Da rief van Swieten, wahrscheinlich nur um sich ein Ansehen zu geben, mit lauter Stimme: »Den Anker los!« – der verderblichste Befehl, welcher überhaupt gegeben werden konnte.

Buganker und Teianker schossen herab, so daß sich das Fahrzeug vor ihnen drehte und plötzlich stillstand. Niemand dachte daran, die Segel zu reffen und so das Ungestüm der über Deck rasenden Sturzwellen zu vermindern.

Niemand sah es, daß die Stelle, an welcher noch kurz zuvor der alte Matrose gestanden, leer war.

»Renefier,« sagte mit unsicherer Stimme van Swieten, »ich bitte dich in Gegenwart aller meiner Leute um Verzeihung. Du hast das Kommando auf dem Schiff!«

Der mürrische Holländer antwortete keine Silbe, aber er ergriff sofort die Zügel des Kommandos. Sämtliche Segel wurden gerefft und die Anker aufgewunden, um das heftige Stampfen des Schiffes zu verhindern. Dann, nachdem der Tag angebrochen, ließ Renefier ein Boot bemannen und untersuchte selbst den Zustand der Dinge. Die Galliote war mit der Flut über den äußeren Saum des Riffes hinausgekommen und mehr als einen halben Fuß tief in die Zacken der Korallen eingedrungen.

Totenstille herrschte an Bord, nachdem das Vernichtungsurteil gesprochen. Van Swieten, unfähig, den Schlag zu ertragen, barg das Gesicht in beiden Händen. Er weinte.

»Peilt die Pumpen!« tönte Renesiers ruhiges Kommando.

»Vier Zoll Wasser im Schiff!« meldete nach kurzer Pause der Zimmermann.

Der Obersteuermann erbleichte. Es war also in den Boden der Galliote ein Leck gekommen und die eigentliche Ladung derselben, Mehl und Fleisch, auf jeden Fall rettungslos verloren.

»Vier Mann an die Pumpen!« gebot er. »Das große Boot herunter!

Alle seine Befehle wurden jetzt mit unglaublicher Eile vollzogen. Es gab für die Mannschaft der gestrandeten Galliote nur noch eine einzige Hoffnung auf Hilfe und Erlösung aus dieser schrecklichen Lage, nämlich eine Insel, die in der ganzen Schönheit tropischer Gegenden unweit des Riffes aus dem Meere hervorragte.

Das unglückliche Schiff lag fast im Schatten derselben. Wenn es möglich war, dorthin wenigstens die kostbaren Schmuggelwaren zu flüchten, so ging doch nicht alles verloren und so konnte man hoffen, mehr als das nackte Leben zu retten. Ein anderes Fahrzeug zu erwarten wäre vergeblich gewesen, da ja kein besonnener Kapitän der gefährlichen Stelle nahe genug kommen würde, um die Galliote zu sehen.

»Auf, van Swieten!« ermunterte Renefier, »nimm fünf oder sechs Mann und untersuche die Insel. Wenn sich irgend ein Schutz daselbst vorfindet, so müssen wir mit dem Boot unsere Ladung hinüberschaffen und dann die »Antje-Marie« ihrem Schicksal überlassen. Je früher wir anfangen, desto mehr wird gerettet werden.«

Der Kapitän sah aus wie ein Bild der Verzweiflung. Gerade auf diese Reise hatte er so große Hoffnung gesetzt, gerade diesmal hatte er fast sein ganzes flüssiges Vermögen zum Ankauf der kostbarsten Waren verwendet, um auf einen Schlag Tausende zu verdienen. Freunde und Helfershelfer, alle gut bezahlt, hatten ihm in Hamburg, in Holland, in Spanien und auf Cuba die Wege geebnet, hatten ihm in die Hände gearbeitet und das ganze Unternehmen gesichert, – jetzt war alles dahin.

»Mein Schiff!« ächzte er, »mein Schiff!«

»Das ist verloren!« sagte düster der Obersteuermann. »Ergib dich, van Swieten, und rette, was noch von der Ladung geborgen werden kann.«

Der Kapitän taumelte auf. Es sah aus, als sei der gutmütige, immer lächelnde Mann binnen wenigen Stunden ein Greis geworden. Die Augen lagen wie erloschen in ihren Höhlen, die Haut war welk und aschfahl, die Hände zitterten leise.

»Wo ist Mohr?« fragte er halblaut.

Die Matrosen schwiegen, nur Robert war unfähig, den Kummer um den alten Freund zu verbergen. Ein lautes Schluchzen beantwortete die gestellte Frage.

Van Swieten nahm die Mütze vom Kopf. »Wenn du ein paar Hände frei hast, Renefier, so laß die Flagge für ihn halbstock vom Mast wehen,« sagte er nach einer Pause. »Gib seinem Andenken die Ehre, welche wir der Leiche erwiesen hätten, wenn Mohr in unserer Mitte gestorben wäre. Die »Antje-Marie« ist ja leckgelegt auf immer.«

Und sei es im bitteren Bewußtsein des erlittenen schweren Schadens, sei es in der Erinnerung an den Gefährten eines halben Menschenlebens, der nun dahin war, ohne Abschied und auf ewig, – van Swietens Stimme brach, als er die letzten trostlosen Worte aussprach. Er ging in die Kajütte und schloß sich ein.

Vier Mann wurden bestimmt, die Insel zu untersuchen.

Robert drängte sich herzu, als die Leute das Boot bestiegen. Von Wache und Ablösung war ja nicht mehr die Rede, – er sah flehentlich in das finstere Gesicht des Obersteuermannes.

Renefier nickte stumm. Er hielt nur besser als der durch Alter und Trunk um seine geistige Widerstandskraft gekommene Kapitän dem Unglück stand, im innersten Herzen aber empfand er die gleiche Verzweiflung. Sein Auge folgte dem Boote, wie es etwa einem Sarge gefolgt wäre, trüben und hoffnungslosen Blickes.

Die fünf Abgesandten landeten nach kurzer Fahrt an einer seichten Stelle, wo sich das Boot bequem an überhängende Baumstämme binden ließ. Ein wahres Paradies öffnete sich ihren Blicken, ein Fleck Erde, so schön und malerisch, wie ihn keiner der Männer je gesehen, wie er Roberts Seele vollständig entzückte. Palmen ragten zum Himmel empor, prachtvolle Blüten rankten sich um ihre schlanken Stämme, unzählige Vögel wiegten sich in den Zweigen

»Wie wundervoll, ach wie wundervoll!« rief unser Freund.

»Hm,« meinte einer der Matrosen, »das ginge schon an, wenn nur nicht vielleicht hinter den nächsten Bäumen so eine Bestie lauert, die uns gefälligst als Frühstück über den Schnabel zu nehmen beliebt. Das würde ich mir verbitten.«

Robert lachte. Er hatte den naturgeschichtlichen Unterricht seines alten Pinneberger Rektors noch zu treu im Gedächtnis bewahrt, um auf Cuba oder den Inseln, die es umgeben, Raubtiere zu fürchten. »Hier gibt es keine Bestien,« antwortete er, »nur etliche Skorpionen und Taranteln, die aber nicht so gefährlich sind, wie man es meistens von ihnen behauptet, und außerdem in den Sümpfen viele Krokodile.«

»Daß dich! Was der Schmierdieb alles weiß! Ist's wahr, Junge, kann man sich darauf verlassen? sonst holen wir uns doch lieber vom Schiff ein paar Gewehre.«

»Ist nicht nötig, Speckesser. Laß uns nur getrost vordringen und ausspüren, wo sich ein Versteck findet. Aha, eine Quelle hätten wir schon.«

»Schmierdieb!« rief ein anderer, »schau her, was ist das? Ein Kürbis, glaube ich.«

Robert pflückte eine der reifsten Früchte und biß mit dem ganzen Entzücken seines Alters hinein. »Ach,« rief er, »das schmeckt aber anders als Erbsen und Speck! – es ist eine Ananas, sage ich euch, in Europa die teuerste Frucht, welche es gibt.«

Jetzt machten sich die Matrosen darüber her. »Schmierdieb, du sollst Professor heißen,« erklärte der »große Russe.« »Deine Gelehrsamkeit hat uns zu diesem Leckerbissen verholfen und dafür müssen wir dich belohnen.«

»Wollen aber doch den Kameraden welche mitbringen!« rief kauend der Speckesser. »Ach Gott, hätte man so eine Schiffsladung von den Dingen, die hier wild wachsen, und säße damit in Hamburg, wie schön wäre das!«

»Nichts auf Erden ist vollkommen,« schaltete der vierte ein. »Laßt uns jetzt aber nur eilen, damit Vater Grausen bei Laune bleibt. Zu sagen hat er uns freilich nicht viel mehr, und an eine richtige Heuer ist auch schwerlich zu denken,«

»Vorwärts!« mahnte Robert, dem bei der Erinnerung an das Schiff und an den toten verlorenen Freund die Ananas nicht mehr schmeckte. »Vorwärts. Zu viel von den frischen Früchten dürfen wir nicht essen, sonst gibt es böse Folgen. Das Klima ist nicht sonderlich gesund, am wenigsten für uns Nordländer.«

Die Leute lachten und setzten sich wieder in Marsch. Robert schnitt mit dem Taschenmesser hier und da ein Stückchen Baumrinde herunter. »Um den Rückweg zu finden,« wie er meinte.

»Bravo, Professor! denkst wohl an das Märchen von Hänsel und Gretel, die Erbsen auf den Pfad streuten, als sie sich heimlich in den Wald begaben, wo die Hexe wohnte!«

»Und die nachher von den Vögeln gefressen waren!«

»Ach,« sagte ein anderer, und blieb stehen, um mit langem Blick über das Meer dahinzusehen, »ach, sprecht nur nicht von den deutschen Märchen, das macht das Herz traurig. Ich habe ja auch zu Hause solche Hänsel und Gretel, die nach dem Vater ausschauen, daß er ihnen Brot bringe. Wenn wir nun niemals von hier erlöst würden, oder wenn wir mit ganz leeren Händen irgendwo an Land kämen, ohne Geld, ohne Kleidungsstücke, ohne Heuer!« –

Keiner der anderen antwortete ihm, aber die ursprüngliche gute Laune war verscheucht, selbst in der Seele des Knaben. Er ging voran durch das blühende, duftende Gewirre von Pflanzen und Blumen, über den schwellenden Rasen und das weiche grüne Moos – ganz still geworden, seit der Matrose von Deutschland sprach. Jetzt war's zu Hause Abend, die Lichter wurden ausgelöscht, – die alte Mutter betete vielleicht in diesem Augenblick, daß Gott ihr Kind beschützen möge, daß er es erhalte und vor Gefahren behüte. – –

Lautlos gingen die Schiffskameraden weiter. Jeder einzelne hatte ja daheim seine Lieben, jeder fragte sich, ob er sie in diesem Leben wiedersehen werde.

So waren sie etwa eine Viertelstunde gegangen, als sich der Boden zu erhöhen begann und die Vegetation minder üppig erschien. Dafür aber entdeckten die Kundschafter einen überhängenden, ziemlich breiten Felsvorsprung, auf dessen Kuppe das Moos in langen Flechten wucherte, und der unter seiner Decke für die kostbare Ladung des gestrandeten Schiffes einen hinlänglichen Schutz zu bieten schien. Von allen Seiten offen, besaß die Stelle nur ein Dach, aber das war auch alles was man brauchte, und sofort wurde der Rückweg angetreten. Jetzt hob sich die Stimmung der Leute. An Bord lagerte Mundvorrat für viele Wochen, für Monate sogar, und wenn einige Tage lang an dem überhängenden Felsen gezimmert wurde, so gab derselbe gegen den Regen hinlänglichen Schutz. Einmal mußte ja auch ein Schiff des Weges kommen.

»Holla Jungens,« rief der große Russe, »nun laßt uns nur alle Segel einsetzen, daß wir die Ladung erst einmal hier verstauen. Den Mundvorrat voran.«

»Frisches Wasser fließt an unserem künftigen Hotel unmittelbar vorüber,« sagte der Speckesser, »wir werden also Herrentage haben, namentlich wenn auch ein bißchen Jagd betrieben werden kann. Diese weißen und blauen Vögel scheinen mir zum Fasanengeschlecht zu gehören.«

»Und Fische gibt es von allen Sorten!« setzte Robert hinzu. »Wenn wir nur erst den schweren Mundvorrat hier hätten. Sechs Mann müssen ja ununterbrochen bei den Pumpen bleiben.«

»Der Zimmermann soll Flöße zusammenschlagen, dann geht's.«

Man hatte sich der Küste wieder genähert, und plötzlich legte Robert stillstehend den Arm auf des Speckessers Schulter.

»Was ist das? – Ein fremdes Boot am Schiff!«

Alle spähten durch die Gebüsche. Wirklich lag seitwärts der Galliote ein großes Fischerboot, und auf dem Verdeck standen mehrere Männer in roten Flanelljacken. Van Swieten sowohl als Renefier waren mit den Leuten in eifrigem Gespräch begriffen.

»Nun schlage doch Gott den Teufel tot!« rief der Speckesser. »Wo kommen die Kerle her?«

»Wer sind sie und was wollen sie auf der Galliote? Das scheint mir viel wichtiger.«

»Ob wir uns zu der Beratung melden?«

»Na – und wollten wir etwa die Kameraden im Stich lassen?«

Ohne länger zu zögern drangen die fünf zu ihrem Boote vor und ruderten so schnell als möglich an das gestrandete Schiff hinan. Als sie das Deck betraten, gab ihnen Renefier heimlich ein Zeichen zu schweigen, worauf der Speckesser in gleichgültigem Tone sagte: »Wir haben Wasser gefunden, Herr Obersteuermann.«

»Es ist gut. Ich werde später die weiteren Befehle geben.«

Dann setzte er seine Unterhaltung mit

den Fischern wieder fort. Robert verstand natürlich davon keine Silbe, aber später erfuhr er durch den Kapitän selbst, um was es sich handelte. Die Fischer hatten angefragt, welche Ladung im Raum der Galliote verstaut sei und was man bezahlen wolle, im Fall sie vermittelst ihrer Bark, die an einer entfernten Insel vor Anker lag, sämtliche Waren nach der Havana befördern würden.

Van Swieten besann sich nicht lange. Sein Plan war sehr bald gemacht. Er bewies durch die Schiffspapiere, daß sich Mehl und Fleisch an Bord befanden, daß er also bei einer so wenig wertvollen Ladung für den angebotenen Transport höchstens zweihundert Dollar zahlen könne. Darauf gingen die Fischer nach einigem Handeln ein und versprachen, am folgenden Morgen mit ihrer Bark zur Stelle zu sein.

Nachdem die beiderseitigen Bedingungen zu Papier gebracht, entfernten sich die Spanier, unter deren Flanelljacken jeder Windzug die langen dolchartigen Messer zeigte.

Van Swieten hatte kaum die nötigen Abschiedsgrüße gewechselt, als er sich händereibend zu den Matrosen wendete. »Kinder,« sagte ersagte er, »das geht bei allem Unglück noch besser als ich dachte. Nun zeigt, daß ihr Kerle seid und es soll euer Schade nicht werden. Wir müssen sämtliche wertvolle Waren hier auf der Insel unterbringen, um sie den Blicken der Strander zu entziehen, sonst fordern die Kerle mindestens das Sechsfache der bedungenen Überfahrt. Bin ich erst einmal in der Havana, so habe ich Freunde genug, um die Sachen hinüberzuschaffen.«

Die Abgesandten berichteten nun was sie gefunden hatten, und sowohl van Swieten als auch Renefier schienen mit dem Stande der Dinge verhältnismäßig zufrieden. Es wurden in größter Eile Vorbereitungen getroffen, um die Schmuggelwaren am Lande zu verstecken.

Von den vierzehn Männern an Bord der Galliote mußten sechs die beiden Boote mit dem erforderlichen Mundvorrat, mit Werkzeugen und Geräten aller Art beladen, dann, nachdem diese Dinge hinübeigeschafft, folgten die Waren, und ehe der Abend hereinbrach, hatten die Matrosen fast alles geborgen, was dem Kapitän besonders wertvoll oder wichtig erschien.

»Morgen mit Tagesanbruch fahren wir noch einmal,« bestimmte der Kapitän, »und dann bleiben dreie von euch auf der Insel als Wache zurück. Wer dazu Lust hat, mag sich melden. Ich verpflichte mich, euch binnen acht Tagen abzuholen und gebe Mundvorrat und Wein so viel ihr wollt, nur dürft ihr das Versteck der Waren an niemand verraten, sondern müßt, wenn euch die Fischer aufspüren sollten, irgend ein Märchen erfinden. Nun, wer will's sein?«

Robert trat mit der Mütze in der Hand vor. Seine Augen baten so beredt, so eindringlich, daß wirklich die halblaut gestammelten Worte gar nicht nötig gewesen wären. »Ach, lassen Sie mich die beiden Matrosen begleiten, Herr Kapitän, bitte lassen Sie mich mitgehen!«

Van Swieten lächelte. »Meinetwegen, du Schlingel. Willst gern ein bißchen Robinson spielen, nicht wahr? Na, lauf denn mit. In der Havana finden wir uns, so Gott will, auf einem neuen Schiff wieder zusammen, wenn's auch nicht die arme brave »Antje-Marie« ist, und wenn wir auch den alten Geisterseher nicht mehr in unserer Mitte haben. Gott geb ihm die ewige Ruhe, Amen!«

Dann wurden die beiden zum Bleiben auf der Insel bestimmten Matrosen ausgewählt; Mohrs Seekiste kam als Roberts Eigentum in die Kapitänskajütte, um mit den Sachen des Schiffseigentümers zunächst der Gefahr entzogen zu werden, man peilte nochmals, und fand, daß sich das Wasser im Raum nicht vermehrt hatte – dann ging die Mannschaft zur Koje.

Robert schlief nicht. Zu viel Verschiedenes stürmte auf ihn ein, zu viele Gedanken, frohe und wehmütige, beschäftigten seinen Geist. Die acht Tage auf der Insel sollten ihm zu einem einzigen Freudentage werden! – Wie diese Hoffnung alles erfüllte, was er sich jemals Märchenhaftes und Abenteuerliches gedacht! In Pinneberg betrieben ja schon die größeren Knaben der Rektorklasse so gern allerei Räuberspiele und derartiges; sie bekriegten einander auf den Inseln im Mühlenteich und in der Aue, wobei Robert jedesmal der Anführer war, – ach, aber was sagte das gegen die Freude, in einer wirklichen Wildnis zu leben, in unbekannte Gegenden vorzudringen und Neues, immer Neues zu sehen?

Sein Herz hüpfte vor Freude, und wäre es nicht des alten Mohr Bild gewesen, das zuweilen wie ein Schatten in die Helle hineintrat, so würde der Knabe heimlich den Schiffbruch der Galliote als ein sehr frohes Ereignis bezeichnet haben. Aber die Erinnerung an den verlorenen Freund kam immer wieder zurück, mischte sich in jede Hoffnung, jede Freude – er konnte sie nicht bannen, so oft er es versuchte.

Wo jetzt die Leiche sich befinden mochte? Vielleicht von Fischen gefressen, vielleicht treibend im weiten Weltmeer, sanft geschaukelt von den Wellen, die seine zweite Heimat gewesen.

Roberts Augen feuchteten sich, als er des Alten gedachte. Ja sein Wunsch sollte erfüllt werden, schon in der Havana wollte er nach Hamburg anmustern und mit den Ersparnissen des unglücklichen ruhelosen Vatermörders in das Elternhaus zurückkehren, ein reuiges Kind, das Vergebung sucht, das seine Schuld bekennt und um Vergebung bittet. Er wollte später von Mohrs Erbe die Steuermannskunst erlernen, ja, und wenn er dereinst ein Schiff besaß, so sollte es »der Geisterseher« heißen, zum Andenken an den lieben verlorenen Freund.

Seine heißen Augen schlossen sich. Leise spielten die Bilder des Traumes hinüber in das Gebiet des Erlebten, Wahn und Wirklichkeit verschlangen und verzweigten sich wie bunte Einzelheiten ein und desselben Bildes zum unentwirrbaren Ganzen.

Wunderbar ruhig und still war die Tropennacht. Kein Hauch, keine Welle bewegte das blaue sternengestickte Wasser. Hoch oben am Himmel erglänzte in leuchtender Pracht der Vollmond, und unten im Meer spiegelte sich sein Helles lächelndes Rund. Es schläfert ein, solches Alleinsein in einsamer lauer Sternennacht, es lastet auf allen Sinnen zugleich und nimmt die Seele gefangen.

Träumte Robert oder wachte er, als ihm schien, daß sich das Deck mit bewaffneten Männern anfüllte, daß ein Ringen und Stampfen, ein Ächzen und Fluchen die Stille der Mitternachtsstunde unterbrach? – –

War es Wirklichkeit, daß er die Männer an den Pumpen gebunden und gefesselt auf Deck liegen sah und daß die fremden Gestalten ihre Arbeit übernommen hatten, während andere den Kapitän und den Obersteuermann zwangsweise in ein Boot schleppten?

Ein Schein zerriß die Schleier des Traumes. Robert fuhr auf und sah hart neben sich das braune, bärtige Gesicht eines der Fischer. Noch war er selbst nicht bemerkt worden, daher riet ihm die Klugheit, sich vollkommen regungslos zu halten. Was konnte der Überfall bedeuten?

Nur zu bald sollte ihm indessen das Rätsel gelöst werden. Er hörte, wie van Swieten und Renefier in deutscher Sprache miteinander verhandelten. »Die Schurken,« knirschte der Kapitän, »die verfluchten, vermaledeiten Schurken!«

Renefier seufzte. »Du bist schuld an allem!« gab er zurück. Ein lautes Rufen der Spanier übertönte diese Unterhaltung.

Sie schnatterten durcheinander und begannen im Logis und in der Kajütte zu suchen.

Robert horchte angestrengt.

»Der Junge ist's, den sie nicht finden können,« sagte van Swieten. »Ich wollte wünschen, daß er entkäme.«

Es rann heiß und kalt durch Roberts Adern. Auf dem Bündel alter Segel, das er sich hinter der Kombüse zum Lager eingerichtet, war er bis jetzt den Blicken der Räuber entgangen, aber wie lange währte es, bis man ihn entdeckt hatte und mit den Genossen, an allen Gliedern gefesselt, in das Boot schaffte?

Hier galt kein Zaudern. Auf der Insel fand sich alles, was man für mehrere Wochen zum Lebensunterhalt brauchte, an Bord dagegen wartete seiner die Gefangenschaft einer Verbrecherbande, und sehr wahrscheinlich sogar der Tod. Robert schauderte.

Schnell entschlossen ergriff er ein starkes Tau, zog es durch einen eisernen Ring der Schanzkleidung und ließ sich geräuschlos daran hinabgleiten in das Wasser Dann holte er, um seine Flucht gänzlich zu verbergen, das Tau schleunigst ein und schwamm in langen Zügen durch die blaue Flut.

Er konnte es ja. Daheim in Pinneberg hatte er sich's eingeübt, und hier im fernen Westindien sollte es ihm das Leben retten. Kein Auge entdeckte ihn, keiner der Räuber ahnte, daß neben ihrem Boote eines der Opfer schändlichsten Verrates schwimmend in wenigen Minuten die kurze Strecke bis zum Lande durchmaß.

Sie stießen ab, als der Knabe das Ufer erkletterte. Durchnäßt bis auf die Haut, allein in der pfadlosen Wildnis, zitternd vor Schwäche und Anstrengung, sah Robert die Genossen der Unglücksfahrt als Gefangene davonschleppen, während auf dem verlassenen Schiff die Piraten das Kommando ergriffen hatten und den Inhalt des Raumes als ihr Eigentum in Besitz nahmen.

Van Swieten wollte nur betrügen, jene raubten mit kecker Faust. Das Recht des Stärkeren vollzog an dem unglücklichen Kapitän und seiner Mannschaft eine schauerliche Wiedervergeltung des Schicksals.

Als Robert den letzten Schatten des Bootes aus den Augen verloren, sank er, von der Aufregung betäubt, ohnmächtig zu Boden.

Viertes Kapitel

Robinsonleben

Die Nacht verging, und die Räuber arbeiteten emsig. Sie schafften von der Ladung so viel heraus, daß gegen Morgen ihre Bark die »Antje-Marie« ins Schlepptau nehmen und das fast leergewordene Fahrzeug mit sich davonführen konnte.

Als die Sonne hoch am Himmel stand, war von dem gestrandeten Schiff, so weit das Auge reichte, nichts zu sehen.

Robert erhob sich und nahm alle seine Kräfte zusammen. Jetzt war er allein, niemand konnte ihm raten oder helfen, niemand hörte ihn, er mochte rufen so oft er wollte. Im Anfang erdrückte ihn der trostlose Gedanke, machte ihn unfähig seine Lage ruhig zu überblicken oder für die nächste Zukunft irgend einen Entschluß zu fassen, dann aber raffte er sich auf, um wenigstens etwas zu genießen. Der Magen verlangte gebieterisch seine Rechte.

Langsamen Schrittes wanderte unser Freund an der Küste dahin. Es war ihm, als könne er dem Meere nicht den Rücken kehren, als sei er ganz verlassen, ganz unglücklich, wenn erst das dichte Gebüsch ihn umgab. Und vielleicht – vielleicht nahte ja auch ein Schiff.

Wie sich der Abgebrannte nicht trennen kann von der Stätte seines einstigen Besitzes, wie der Mensch bei dem plötzlichen Hereinbrechen eines schweren Schicksals nicht zu glauben vermag, daß wirklich das Entsetzliche geschehen, so sträubte sich Robert, die blauen Wellen aus den Augen zu verlieren.

Wer sollte ihn auffinden, wer ihn erlösen aus der Gefangenschaft der weltabgeschiedenen Insel, wenn nicht das Meer und seine Bewohner, die Schiffe?

Er ging weiter und weiter, aber nichts zeigte sich dem suchenden Blick. Die Küste wurde immer klippenreicher, der Pflanzenwuchs spärlicher und der Sand unwegsamer, je weiter er vordrang; auch der Hunger quälte ihn von Viertelstunde zu Viertelstunde stärker, und der Durst vertrocknete seine Kehle. Zahlreiche Möwen kreuzten über dem Wasser in der heißen Luft, Krebse und Krabben bewegten sich am Ufer, sonst war alles öde und totenstill.

Robert fühlte es, er mußte jetzt essen oder er würde ohnmächtig werden. Schnell entschlossen wandte er sich und ging zurück zu jenem ersten Ankerplatz des Bootes, um von dort aus die Stelle zu erreichen,

wo er Wasser und Nahrungsmittel finden konnte. Wohnten die Räuber auf dieser Insel und hatten sie die Niederlage der Strandgüter bereits entdeckt, so war alles verloren, aber Robert ergab sich in das Unvermeidliche. Er hatte alle Hoffnung fallen lassen.

Mit brennendem Kopfe beugte er sich über den Quell, welchen er bereits entdeckt hatte, und trank in langen, durstigen Zügen. Neues Leben rieselte durch alle seine Adern. Er wusch erst Gesicht und Hände, dann, von dem Plätschern und Murmeln des klaren Baches verlockt, warf er die leinenen Kleider von sich und sprang ins Wasser, um zu baden.

Es war, als ob das kühle im Schatten undurchdringlicher Gebüsche dahinfließende Naß ihn von einem Teil seiner Sorgen und Befürchtungen befreie. Er schwamm bald auf dem Rücken treibend, bald mit den zahlreichen langbeinigen Wasserspinnen lustig um die Wette, obwohl dabei der Hunger freilich nur immer grimmiger in seinen Eingeweiden zu toben begann. Aber das schadete ja nicht; er besaß Mundvorrat genug, um den knurrenden Gesellen zu befriedigen, und daher gab er sich dem Vergnügen des Badens erst einmal ungestört hin. Dann schüttelte er den Staub aus seinen Kleidern, rieb und reinigte dieselben so gut als möglich und sprang neu gestärkt auf dem gestern bezeichneten Pfade durch das Gebüsch dahin, um zu dem Stapelplatz der Waren zu gelangen.

Etwas schlug ihm aber doch das Herz, als er näher kam. Wenn vor ihm die Räuber eine Rundschau gehalten und alles weggenommen hatten? –

Dann konnte er Melonen essen, Ananas, rohe Krabben und verschiedene kleine Beeren, die an den Gebüschen wuchsen, ebenso die mehlige, süßlich schmeckende Banane, – weiter blieb ihm nichts übrig. Wenn sich der Magen gegen diese Kost sträubte, so kamen Krankheit und Tod und deckten mit schwarzen Schatten alles zu, Vergangenheit und Zukunft.

Er schlich und lauschte, er spähte durch die Zweige, angstvoll und hoffend zugleich.

Gottlob, gottlob, hier war kein Mensch gewesen. Alles lag und stand, wie es gestern die Matrosen übereinander gestapelt hatten; ein tiefer, durch kein Geräusch, keine Lebensnähe irgend einer Art unterbrochener Friede ruhte auf der ganzen Umgebung.

Robert nahm mit erleichtertem Herzen von seiner künftigen Wohnung Besitz. Er mußte sich einrichten, mußte sich der Verhältnisse ganz bewußt werden und wie ein Geizhals den vorhandenen Vorrat zu Rate halten, das fühlte er klar.

Aber freilich, noch hatte es keine Not. Da waren Erbsen, Reis, Bohnen, Pökelfleisch, Speck und ein Haufen von Mehl. Ferner fand er mehrere Angeln, einen Spaten, ein Fäßchen Salz; eine kleine Kiste mit Zündhölzern und Kochgerät jeder Form, also schien für den Magen ausgiebig gesorgt. Bei näherer Umschau entdeckte er noch eine Kiste mit Schiffsbrot, und als seine Zähne tapfer das harte Gebäck zermalmten, wunderte er sich, wie ausgezeichnet es mundete. Ein tüchtiges Stück Speck, eine halbe Ananas und ein Glas Wein vollendeten das sonderbar zusammengesetzte Frühstück, dann stützte unser Freund den Kopf in die Hand und fing an nachzudenken.

Wo mochten jetzt die Kameraden sein? Lebten sie überhaupt noch?

Wahrscheinlich lagen alle diese Hände, welche gestern hier für ihn, den einzig Überlebenden, die Stätte bereitet hatten, jetzt mit Fesseln umwunden tief auf dem Boden des Meeres, wahrscheinlich hatten die rauhen, aber doch meist so gutmütigen warmen Herzen schon längst aufgehört zu schlagen. Sie waren alle dahin, die Männer, in deren Mitte er die Heimat verlassen.

Ganz, ganz allein hatte ihn das Schicksal dem Strande der unbewohnten Insel zugeführt, ganz allein war er zurückgeblieben ohne einen Freund, einen Menschen, mit dem er sprechen konnte. Unwillkürlich öffneten sich bei diesem Gedanken seine Lippen und ein einziges Wort drängte sich aus dem innersten Herzen hervor – – »Pinneberg!«

Fast erschrak er. Kein Ohr, das ihn hörte, kein lebendes Wesen, das ihn verstand. Allein, furchtbar allein in der Wildnis! – –

So hatte er die alten Eltern zurückgelassen, so verließ ihn die Menschheit.

Er sprang auf und trat ins Freie. Krank durfte er nicht werden, dann war alles verloren. Er mußte sich wieder an den Strand begeben und über das endlose Meer hinwegsehen, darin lag seine einzige Rettung. Es graute ihn, so oft er das Gebüsch und die aufgestapelten Vorräte erblickte. Wenn das alles verzehrt war und noch kein Schiff ihn bemerkt hatte, was dann?

Er ergriff eine große rote Wollendecke und wickelte dieselbe zusammen. Zwischen zwei Bäumen am Ufer ausgespannt diente vielleicht diese Flagge als Notzeichen, führte sie ein Schiff an die Küste, welches ihn aufnahm.

Er dachte nicht daran, daß auch die Räuber auf solche Weise sein Versteck finden und ihn plötzlich überfallen konnten. Der Eindruck des Verlassenseins lähmte noch allzusehr die Tätigkeit aller Geisteskräfte. Beladen mit der Decke, einem großen Stück Segeltuch, einer Trosse Garn und etwas Mundvorrat machte er sich auf den Weg, um nach kurzer Abwesenheit den Strand wieder zu erreichen. Das wellenreiche brandende Meer war doch nicht so entsetzlich einsam wie der schweigende, von heißer, regungsloser Luft durchhauchte Wald.

Aber er ging diesmal einen andern Weg. Anstatt sich ganz links zu halten, bog er rechts ab und brauchte etwas mehr Zeit, bevor er an das Ufer gelangte. Hier spülten die Fluten in tiefe Einschnitte des Bodens hinein, und die Gegend wurde mit jedem Schritt entzückender. War dort an der entgegengesetzten Seite der Insel das Meer von großartiger, überwältigender Schönheit, sprudelte und zischte es in ruhelosem Anprall geheimer unterirdischer Kräfte gegen die schaumbespülten Felsbänke und brach donnernd den gewaltigen Wogenschwall an höherbelegener Küste, – so spielte es hier murmelnd und flüsternd, einem stillen träumenden See gleich, an blumenbedeckten Ufern, unter dem Schatten uralter, tief herabhängender Baumzweige, rings umsäumt von grünen Matten und weiten duftenden Blütenfeldern.

Schmale Landzungen liefen zu beiden Seiten, keck und langgestreckt sich dehnend, bis tief in das Meer hinaus, daher war's so still und feierlich am Rande des Wassers, daher verloren sich die letzten Wellen des Ozeans hier unter Blumen zu leisem heimlichem Plätschern.

Robert sah empor. Über dem schmalen Einschnitt, in dessen Tiefe die Fluten so blau und silbern erglänzten, wölbten sich verschlungene Ranken zur Kuppel. Einzelne Sonnenstrahlen durchzitterten das dichte Gewinde, leichter, spielender Süd bewegte die weißen und purpurnen Blüten, Vogelstimmen schmetterten im Chor.

Robert ging leisen Schrittes über den Rasen dahin. Es war ihm wie in einer Kirche, wie damals, als er zu Rellingen, in dem weltabgelegenen kleinen Heimatsdörfchen vor dem Altare stand und feierlich eingesegnet wurde. Der Prediger hatte ihn gefragt, ob er des heutigen Tages eingedenk bleiben und ein guter, wahrhaftiger und ehrlicher Mensch bleiben wolle. –

Sonderbar, auch diese Baumwipfel, diese hüpfenden Sonnenstrahlen, diese Urwaldsstille schienen dasselbe zu fragen. Robert legte das Gesicht an den schlanken Stamm einer Palme und umfaßte das Holz, als sei es ein lebendes fühlendes Wesen gleich ihm. Er dachte an Mohr, an den toten geliebten Freund, dessen Auge und mildes Lächeln er im Traum und im Wachen vor sich sah. Armer, alter Mann, wie glücklich war dein Sterben gegen das deiner gemordeten Kameraden!

Robert erinnerte sich so lebhaft des Toten, daß er ihn in der Tat zu erblicken glaubte. Dort unten, wo die Schatten tiefer fielen, im grünen Blattwerk der Schlingpflanzen, von Orangen und Palmen überragt – – – war es nicht des alten Freundes ernstes und doch so liebes Antlitz, war es nicht Mohr, der da zu schlummern schien, friedlich, still nach vollbrachtem Tagewerk? – Roberts Kniee zitterten. Er bog das Gebüsch zur Seite und schlich näher, pochenden Herzens, leise als beträte er einen Tempel.

Seine Hände falteten sich unbewußt. Der Sonnenstrahl über ihm im Laubgewinde durchdrang golden und rosig das Grün, er glitt wie eine kosende Hand über das weiße Haar und die Stirn des Toten. – –

Heller und heller verbreitete sich sein Schimmer. Einer Verklärung gleich umleuchtete er das Haupt des Dulders, dessen tiefe innige Reue ihm längst den Sieg, den Frieden erstritten.

Ja, es war Mohr, dessen Leiche der Tod an die Muttererde versöhnend und verzeihend zurückgab, nachdem der Lebende in freiwilliger Selbstverbannung nur einer nie endenden Buße und Reue sich gewidmet, nachdem er um seiner Sünde willen die Menschen geflohen, ein neuer Kain, dessen eigenes Bewußtsein ihn gerichtet.

Robert trat ganz nahe an die Leiche heran und zog dann dieselbe mit Aufbietung aller seiner Kräfte völlig auf den Strand. Er sah voll Rührung in das stille Antlitz des Verlornen; ein Gefühl, als sei er nicht mehr so ganz verlassen und allein, bemächtigte sich seines Herzens. Nun konnte er von dem einstigen Freunde Abschied nehmen, nun wußte er, wohin die letzten irdischen Überreste desselben gekommen, das tat ihm wohl und griff zugleich wie mit gewaltiger Hand in die tiefsten Tiefen der Seele.

Robert hatte nie eine Leiche gesehen. Er kannte nur von Hörensagen jenes Etwas, das uns unwiderstehlich packt, sobald das stillgewordene, bleiche Antlitz unseren Blicken begegnet. Es ist eine ernste, eindringliche Sprache, die der stumme Mund dem Lebenden predigt, es ist erschütternd und läuternd zugleich, den Menschen, welchen wir herzlich und innig geliebt haben, nun so regungslos, so kalt und tot vor uns daliegen zu sehen.

Robert handelte wie unter dem Einfluß einer höheren zwingenden Gewalt. Er wusch und reinigte zuerst das Gesicht seines alten Freundes von Blättern und Fasernwerk, dann legte er den Kopf auf ein Polster aus dichtem blühendem Moos und faltete des Toten Hände.

Obwohl er nie mit angesehen, wie man eine Leiche bettet, so sagte ihm doch das natürliche Gefühl, was hier im Augenblick passend und der Würde des Toten angemessen sei.

Nach dreißig Jahren zum erstenmal wieder am Lande, auf dem festen Boden der Erde, die ihn genährt und erzogen, aber nur – um ein Grab zu finden.

Des alten Mannes Geschichte zog jetzt erst ihrem geistigen Inhalt nach an den Blicken des Knaben vorüber. Bisher hatte zu viel Wirkliches, Gegenwärtiges seine Aufmerksamkeit und seine Tätigkeit abgelenkt; er hatte den gebieterischen Anforderungen des Augenblickes nachleben müssen und konnte daher die schrecklich unterbrochene Erzählung seines Freundes nicht voll in sich aufnehmen. Jetzt erst kam ihm die Erinnerung und mit ihr das Verständnis ganz zurück. Was mochte Mohr gelitten haben!

Er streichelte das eiskalte Gesicht, er sprach in Gedanken mit dem teueren alten Manne und vergaß während dieser stillen Feier des letzten Abschiedes, daß es eine pfadlose, unbewohnte Insel im Weltmeer war, wo er an der Seite des Toten so ganz allein in der tropischen Schönheit der Natur dasaß und Träne um Träne aus den Augen wischte.

Er verstand jetzt, weshalb sich der Alte zu ihm so besonders hingezogen gefühlt haben mochte, er sah mit hellerem Blick in seine und in die eigene Vergangenheit. Ernster wurden die Gedanken, welche ihn bewegten, immer klarer die Erkenntnis seines Fehltrittes.

Vielleicht sah er Vater und Mutter niemals auf Erden wieder, vielleicht war der Wind, welcher spielend die Zweige und das Wasser bewegte, auch über ihre Gräber dahingeweht, – sie hatten es nicht vergessen, nicht ertragen können, daß ihr einziges Kind so lieblos gehandelt. Und dann – ja dann war er ihr Mörder, wie der alte Mann, dem ein einziger Augenblick der Leidenschaft die Waffe zum tödlichen Schlage in die Hand gedrückt.

Stille um ihn herum, und so lautes, so angstvolles Pochen in der eigenen Brust! – er atmete kaum. Der Gedanke war schrecklich.

Und ohne zu wissen was er tat, ohne zu wollen oder zu überlegen, beugte Robert die Kniee. Sein Herz suchte den, der nie das Vaterauge schließt, und schluchzend betete er: »O Gott im Himmel, gib, daß das nicht geschehe!«

Die Sonne stand schon im Zenith, – es wurde Zeit, das schwierige Werk zu beginnen. Robert entkleidete mit leiser Hand den Toten, wusch ihn und hüllte ihn in die Tücher, welche er zu ganz anderem Zweck mitgebracht. Dann ging er auf kürzestem Wege zu seiner Niederlassung und holte einen Spaten,

um das Grab zu graben.

Die Arbeit war nicht leicht, aber Robert hätte um keinen Preis den entseelten Körper seines alten Freundes unbeerdigt gelassen. Er grub und grub, bis sich das Tagesgestirn neigte und bis ihm die Hände bluteten, dann legte er mit großer Anstrengung, so gut es ging, die Leiche in ihr letztes Bett. Das Grauen mutig überwindend, sprang er in die Grube hinein und brachte den Körper in die richtige Lage. Noch einmal suchte seine Hand unter den verhüllenden Decken die eiskalte Rechte des Toten. »Schlafe wohl, Mohr, ruhe sanft, lieber alter Freund!«

Und dann begann er das Grab zu füllen.

Kein Gefolge betete und kein Priester sprach an der stillen Ruhestätte unter rauschenden Palmen und Mangos, aber die letzten Sonnenstrahlen spielten und glitten bis in die finstere Tiefe und ein Chor von Waldvögeln sang in den Zweigen.

Immer mehr umhüllte Dämmerung die Stätte, immer leiser wurde das Singen, bis endlich nur noch ein einziger Vogel, von Blättern verborgen, mit seiner hellen Stimme das Geräusch der fallenden Erdschollen begleitete.

Robert hielt zuweilen inne und horchte. Brachte ihm der kleine gefiederte Bote eine Antwort aus Himmels Höhen? – – Es klang so jubelnd, so siegesfroh und innig, es atmete solch tiefen Frieden, solche stille wehmütige Ruhe.

Schaufel nach Schaufel fiel die Erde in das Grab, und endlich war es gefüllt. Robert wünschte sehnlichst, irgend ein Andenken, ein Erinnerungszeichen anzubringen, aber nach längerem Überlegen ließ er den Plan fallen. Kamen die Räuber an den Strand, so konnten sie durch den Anblick des frischen Grabes sehr leicht veranlaßt werden, die ganze Insel zu durchsuchen, und was noch weit schlimmer war, sie konnten das Grab selbst durchwühlen, um sein Geheimnis zu erforschen. Nein, ein Kreuz durfte Robert nicht befestigen, er sah es ein.

Seine Füße traten die aufgeworfene Erde herunter und dann legte er Moos auf die Stelle. Für ihn selbst bedurfte es ja keines Erkennungszeichens.

Noch immer sang in den Orangenblättern der kleine Tröster. Robert konnte sich nur mit Widerstreben entschließen, den Heimweg anzutreten, aber doch fühlte er, daß diese ernsten Stunden in ihm eine Ruhe, eine Sicherheit gereift, die er vordem nicht besessen. Es galt, dem Sturm die Stirn zu bieten, und er wollte nicht zagen, nicht wanken.

Mit einem letzten Abschiedsblick, einem Gruß von Seele zu Seele verließ er die geweihte Stätte. Es rauschte in den Zweigen, an ihm vorüber flog ein Vogel und stieg singend höher und höher empor in die stille Abendluft.

Robert übersetzte die süßen Klänge in zwei Silben: Ade! – Ade! –

Er ging langsam durch das Gebüsch nach Hause, oft nur mit Mühe die eingeknickten oder quer über den Weg gelegten Zweige wiederfindend, an denen er sich vorwärts tastete! Es war fast dunkel, als er im Hintergrunde der Höhle aus den vorrätigen Wolldecken und Segeln ein Lager herstellte und sich darauf ausstreckte, um sogleich in tiefen Schlummer zu versinken.

Am folgenden Morgen begann er sich einzurichten und einen festen Tagesplan zu entwerfen. Der Müßiggang war ihm ebensowohl ein Greuel, als anderseits auch die Arbeiten, welche ihm zunächst oblagen, ganz unerläßlich waren, daher stand er schon beizeiten auf und machte sich daran, erst einmal Ordnung zu schaffen. Selbst der drückende Ernst seiner Lage, die Befürchtungen und Sorgen, welche ihn von allen Seiten bestürmten, konnten es den gut erzogenen Knaben nicht vergessen lassen, daß die ganze kleine Höhle einem Trödelmarkt glich, und daß er wie ein Seiltänzer hüpfen und springen mußte, um von einer Stelle zur andern zu gelangen. Das ging nicht. In solcher Umgebung würde ja der Kleinmut notwendig die Seele unterjocht und gänzlicher Trübsinn auch die Gesundheit untergraben haben. Bevor er seine Lage überdachte und seinen Tag, den Verhältnissen gemäß, einteilte, wollte er erst das Wohnhaus gemütlich herrichten, erst Ordnung schaffen und aufräumen. Wie lange er die Gastfreundschaft dieser Insel noch in Anspruch nehmen mußte, das ließ sich ja nicht voraussehen, vielleicht war es für lange, lange Zeit, und so gut er konnte, dachte sich der Knabe auf den schlimmsten Fall vorzubereiten.

Mohrs Beispiel stand in hellem Glanze vor seiner Seele, Was hatte nicht dieser unglückliche, immer einsame, immer seinen düsteren Erinnerungen überlassene Mann mit wahrhaft unerschütterlichem Mute so lange ertragen.

Robert sprach in Gedanken mit ihm. Er wußte, was Mohr gesagt haben würde. »Du bist einmal in die schwierige Lage ohne dein Verschulden hineingeraten, mein Junge, nun ertrage das Übel wie ein Mann und kehre dir sorgfältig die beste Seite nach oben. Darin liegt der Schwerpunkt aller Lebensweisheit, die sicherste und untrüglichste Anwartschaft auf Glück und Gelingen. Rüttele nicht fortwährend an den Verhältnissen, in der eitlen Hoffnung, dir dieselben dienstbar zu machen, sondern sei im Gegenteil bemüht, dich selbst mit ganzer Seele dem Bestehenden anzupassen, – dann wird der Sieg nicht ausbleiben.«

Mohr hatte während so mancher Freiwache, wenn die übrigen würfelten und Karten spielten, mit dem Knaben über dergleichen ernste Fragen gesprochen, hatte so manches goldene Korn der Erfahrung und des Nachdenkens unvermerkt in Roberts empfängliche Seele gepflanzt, und diese Aussaat trug schon jetzt ihre Früchte. Ein kurzer Rundblick genügte, um den jungen Einsiedler über seine nächsten Pflichten ins Klare zu bringen. Nachdem er gefrühstückt und für das spätere Mittagsessen ein gehöriges Stück Pökelfleisch in kaltes Wasser gelegt, begann er die Kisten mit Manufakturwaren auszupacken und von den Brettern derselben eine feste Wand herzustellen. Nägel und anderes Gerät besaß er in Fülle, ebenso Bindgarn und Segeltuch, daher war die Sache gar nicht so schwierig, namentlich weil weder Kälte noch kräftige Feinde von dem inneren Raume ausgeschlossen zu werden brauchten, sondern nur der Regen und allenfalls die Insekten. Robert zimmerte unverdrossen und übernagelte alle Fugen

mit langen Streifen geteerten Segeltuchs; dann machte er auf gleiche Weise eine Tür, die indessen nur kriechend zu passieren war und außerordentlich vorsichtig behandelt werden mußte, weil ihr der nötige Eisenbeschlag fehlte.

Vor Mittag hatte er diese Arbeit beendet und konnte sich nun als Besitzer eines kleinen, lichtlosen, aber gegen Wind und Wetter geschützten Raumes betrachten.

Sinnend und ausruhend saß er vor dem brodelnden Kochtopfe, legte sein Gesicht in beide Hände und wartete auf das Fertigwerden des selbstbereiteten Mahles, über das er sich dann mit regem Appetite hermachte. Nachdem er gegessen, wählte er sorgfältig aus dem ganzen Vorrat dasjenige heraus, was gegen etwaige Feuchtigkeit zunächst und am notwendigsten geschützt werden mußte, nämlich Waffen und Pulver, die hochwichtigen Zündhölzer, das Salz nebst Zucker und Kaffee. Alles dieses brachte er in die Höhle, bedeckte es zum Überfluß mit mehreren Segeltüchern und baute dann für die Lebensmittel einen zweiten kleineren Verschlag, den er mit seinen Vorräten gänzlich anfüllte und außerdem mittels großer Steine für etwaige Angriffe hungriger Tiere unzugänglich machte. Das Fleisch in der Tonne bedeckte er mit einem Haufen frischer grüner Zweige, um es möglichst lange genießbar zu erhalten. So war gegen Abend für das Unerläßlichste einstweilen gesorgt, und als sich Robert noch aus Moos und Decken ein prachtvolles Lager hergestellt, setzte er sich vor seiner Hütte auf eine übrig gebliebene Kiste und überließ sich seinen Gedanken.

Er wollte fortan die erste Hälfte jedes Tages den häuslichen Arbeiten widmen und während der zweiten am Meeresufer Ausguck halten oder die Insel ringsumher untersuchen, um zu erkennen, wie groß sie sei, welche Früchte sie trug und was sich von der Jagd erwarten ließ, ebenso wollte er fischen und Krebse fangen, da doch sein Fleischvorrat schon sehr bald der Hitze erliegen würde. Er untersuchte auch das Kistchen mit Pulver und Blei und überzeugte sich, daß für wenigstens hundert Schüsse gesorgt war.

Nur eins beunruhigte ihn. Sollte er am Strande ein Notsignal befestigen oder nicht? – Die spanischen Bukaniere, ohne Zweifel Räuber von Handwerk, die unter der Maske harmloser Fischer die gefährlichsten Eigenschaften verbargen, diese kecken Frevler wohnten jedenfalls in der Nähe und mußten schon sehr bald seine Flagge bemerken. Was dann geschah, mochte Gott wissen, oder vielmehr, es ließ sich mit ziemlicher Gewißheit voraussehen. Robert wurde ohne weiteres den gemordeten Kameraden von der »Antje- Marie« in die Ewigkeit nachgeschickt.

Und doch war für ihn auch wieder dieses gefährliche Notzeichen die einzige Hoffnung, von der Insel erlöst zu werden. Hier landete kein Schiff, hierher kam niemand freiwillig, das wußte er nur allzu gewiß. Freilich, wenn er eine der höchsten Königspalmen erkletterte – und er hatte es bereits versucht, es gab schlanke Stämme, die er umfassen konnte – dann ließ sich das Zeichen noch immer geben, sobald ein Schiff in die Nähe kam. Es fanden sich unter den Waffen zwei sechsläufige Revolver, mittels derer jedenfalls die Aufmerksamkeit vorüberfahrender Schiffer leicht zu erwecken war; das tröstete ihn sehr.

Nachdem er den Entschluß, von einer Notflagge abzusehen, einmal in sich festgestellt hatte, wurde ihm leichter ums Herz. Er wußte nun, was jeder Tag bringen werde, und nahm sich vor, schon morgen einen größeren Ausflug zu machen. Vorher aber wählte er in nächster Nähe seiner Hütte einen jungen Baum mit schlankem Stamme, und in diesen schnitt er zwei tiefe Kerben, um zu wissen und täglich festzustellen, wie lange er auf der Insel zugebracht. Einen anderen als diesen von Robinson Crusoe

erfundenen Kalender besaß er ja nicht, aber es ging auch mit den Kerben ganz gut. Kam kein Schiff bevor die Narben verwachsen waren, dann wehte längst der schwüle Tropenwind über die Stelle, wo er gestorben. – –

Während der Nacht fiel ein starker Regen, der unseren jungen Freund ermahnte, sich einen größeren Vorrat von Brennholz ins Trockene zu bringen. Er sammelte alle Splitter der gestrigen Zimmerarbeit und verwendete außerdem einen Teil des Vormittags, um aus dem Innern der dichten undurchdringlichen Gebüsche mit Beihilfe seiner Axt das trockene Holz hervorzuziehen. Nachdem er in dieser Weise einen hübschen Vorrat unter das Felsendach gebracht, baute er daneben die Küche oder vielmehr den Herd aus Steinen und Felstrümmern, die am Ufer reichlich vorhanden waren. Der Bach gab köstliches frisches Wasser; Bananen und Ananas wucherten überall, er brauchte daher lange Zeit für seinen Unterhalt keine Sorge zu tragen.

Indem er es auf den folgenden Tag verschob, die kostbaren Seidenstoffe und Teppiche des Kapitäns wieder zu verpacken, stapelte er fürs erste nur die Kisten mit Wein und Champagner draußen vor der Höhle übereinander, da ja diese durch den Regen nicht verdorben werden konnten, und dann traf er die Vorbereitungen zu seinem beabsichtigten größeren Ausfluge um die Insel.

Schwere, bis an die Kniee reichende Seestiefel hatten die Matrosen für alle Fälle mit hierhergebracht, aber er besaß nichts, was einer Tasche oder einem bequemen Korbe auch nur im mindesten ähnlich gesehen hätte. Seinen Mundvorrat mußte er daher in ein Bündel knoten und dieses auf den Rücken befestigen. Er steckte eine Pistole in die Brusttasche, ein kleines Handbeil in den Gürtel und schnitt sich aus dem Gebüsch einen tüchtigen Knüttel. So ausgerüstet trat er seine Entdeckungsreise an, diesmal nach der entgegengesetzten Seite der Insel, d.h. über den Punkt der kleinen Ansiedelung hinaus.

Er fand, daß das Unterholz dichter und dichter, der Pflanzenwuchs immer üppiger wurde, je weiter er sich von dem Strande entfernte. Die Landschaft prangte im reichsten Schmuck tropischer Schönheit, während eine Unzahl von buntgefiederten Singvögeln oft in gänzlicher Unkenntnis der Gefahr so traulich nahe herankam, daß Robert glaubte, die Tierchen mit der Hand greifen zu können.

Er bezeichnete rechts und links durch tüchtige Hiebe seinen Weg und fühlte ordentlich das Verlangen nach einem kleinen Abenteuer. Die Pflanzen, welche er sah, interessierten ihn alle höchlichst, da er ja aus der Naturgeschichte ihre Abzeichen genau kannte und wußte, daß diese breitblätterige, zu Tausenden den Boden bedeckende Staude der Tabak sei, und daß dort die Indigopflanze blühte, und weiterhin der Kakao. Er pflückte die reifen Orangen vom Baume, bewunderte die Schoten des grünen Kaffees und machte endlich bei einer besonders schönen Stelle Halt, um ein wenig zu rasten und etwas Schiffszwieback zu essen. War er nicht in diesem Augenblick ein zweiter Christoph Kolumbus, der ja Cuba vor Zeiten entdeckte und mit seiner widerstrebenden Mannschaft durchforschte? – Wie schnell sich doch im Menschenleben die Verhältnisse ändern! Vor kaum vier Monaten noch in dem kleinen unbekannten Pinneberg ein kleiner unbekannter Schneiderlehrling, und nun ein Ansiedler auf dem klassischen Boden, der einst des unglücklichen Genuesen Namen unsterblich gemacht hatte. Roberts Herz schlug höher. Wie oft, ach wie oft hatte er sich in die Lage seines Lieblingshelden so lebhaft hineingedacht, daß er Schritt um Schritt den Wanderzügen desselben folgte und träumend miterlebte, was jener gelitten. Jetzt stand er auf dem Fleck Erde, den Kolumbus betreten, jetzt blühte um ihn herum die südliche Pracht welche er in Gedanken so oft gesehen, jetzt rauschten Palmen über seinem Haupte und dehnten sich weite Ebenen, in deren Tiefe vielleicht der stolze tatkräftige Entdecker mit dem Unverstande, der Dummheit, mit allen Feinden der äußeren Natur und des Menschentrotzes gerungen hatte.

War es nicht auch einiger Entbehrungen, einiger Sorgen und Kämpfe wert, sich für das ganze künftige Leben eine solche Erinnerung bewahrt zu haben? – Gewiß, er wollte sich mutig zeigen und wenn es das Schicksal beschlossen hatte, auch mutig sterben.

In fast heiterer Stimmung setzte er seinen Weg fort. Was jetzt den Boden bedeckte, war Zuckerrohr, und daher schien einige Vorsicht geboten. In der Nähe dieser Pflanze, die auf ganz trockenen Feldern nicht so leicht wild wächst, befindet sich meistens ein Sumpf, ein stehendes oder verschlammtes Wasser irgend einer Art, und diese Bayous, wie sie der Amerikaner zu nennen pflegt, beherbergen das Krokodil, den fürchterlichen Feind des Menschen.

Robert wußte, daß auf den Antillen das Orinokokrokodil zu Hause ist und daß dieses in der Umgebung seines sumpfigen Aufenthaltes kleine Streifzüge zu machen liebt, – Vergnügungen, denen nicht selten sogar Menschen und größere Haustiere zum Opfer fallen; er ging daher Schritt um Schritt weiter und suchte erst einmal das Wasser, welches er in nächster Nähe vermutete. Wirklich sollte ihn die gehegte Erwartung nicht täuschen. Zu seiner Rechten dehnte sich ein schwarzer, mit Schlamm und Moos eingefaßter See, dessen Oberfläche träge im Sonnenschein dalag und grünlich überzogen, von Wasserpflanzen bedeckt, einen widerwärtigen Modergeruch aushauchte.

Frösche quakten in der Tiefe der überhängenden Dickichte, kleine Schlangen glitten wie blitzende Streifen durch das Moos, und die lästigen Moskitos waren hier zahlreicher als an irgend einem anderen Punkte der Insel.

Robert ging weiter, jetzt den Rand des verschlammten Sees als Richtschnur nehmend und sorgfältig die Umgebung musternd. Nur zuweilen stand zwischen den Stämmen des Zuckerrohres ein einzelner Baum, sonst war die Gegend flach, obwohl nicht minder schön als der Wald. Es blühte in allen Farben, namentlich am Rande des Sumpfes, wo purpurne Blüten an langen Ranken auf dem Boden dahinkrochen und zu dem eintönigen Grau des trockenen Schlammes einen lebhaften Gegensatz bildeten.

Auch Wasservögel schienen hier ihre Heimat gesucht zu haben; wenigstens sah Robert einige ganz junge wollige Tierchen durch das Gewirre von Pflanzenresten, dürrem Reisig und lebenden Gewächsen behend dahinschlüpfen.

Robert ließ sich leise auf die Kniee nieder. Wie niedlich wäre es gewesen, in der Höhle, wo er so ganz allein lebte, einen kleinen Kameraden zu besitzen, ein Vögelchen, das nach und nach vertraulich wurde, aus seiner Hand fraß und auf seine Stimme hörte. Er konnte ihm aus einer der Kisten ein Wohnhäuschen herstellen, konnte es täglich mit Würmern und Brotkrumen füttern.

Das Verlangen beherrschte ihn vollständig. Er beugte sich über den Rand des Sumpfes und streckte behutsam die Hand aus …

Hinter ihm ertönte in diesem Augenblick ein zischender Laut, halb Schnaufen, halb wie das hörbare Schnarchen eines schlafenden Hundes. Die Gebüsche krachten leise.

Robert fuhr auf, als habe ihn ein Schuß getroffen. Er drehte sich gedankenschnell nach jener Stelle, von wo der Laut gekommen – –

Hinter ihm, kaum zwei Schritte weit entfernt, lag am Boden zwischen den Zuckerrohrpflanzen ein Krokodil von etwa zwölf Fuß Länge und mit aufgesperrtem Rachen, dessen natürliche Häßlichkeit noch durch die kleinen raublustigen Augen mit ihren drei übereinander befindlichen Lidern bedeutend verstärkt wurde.

Das Tier schoß im gleichen Moment vorwärts, als Robert, dessen Geistesgegenwart ihn die Gefahr der Lage vollständig überblicken ließ, einen Seitensprung machte. Er wußte, daß die Krokodile am Lande feige und unbehilflich sind, namentlich daß sie sich, des kurzen Halses wegen, nur sehr schwer zu drehen vermögen, aber dennoch blieb immerhin seine Lage bedenklich genug, da ihn zur Rechten der Sumpf am Entrinnen verhinderte, und zur Linken das dichtstehende Zuckerrohr. Ohne die Blicke von seinem greulichen Widersacher zu entfernen, arbeitete er sich rückwärts in das Gebüsch hinein, unwillkürlich seinen Knüttel wie zum Schütze vorstreckend, wobei ihm Hände und Kleider nicht wenig zerfetzt wurden, und wohin ihm die Bestie so schnell als es ihre kurzen Beine erlaubten watschelnd folgte. Auf freier Bahn wäre es unserem Freunde ein Leichtes gewesen, durch eilige Flucht der Gefahr zu entrinnen, ebenso hätte er auch schießen können, wenn nur die Pistole nicht vorher erst hätte geladen werden müssen; dazu aber blieb ihm keine Zeit.

So lange seine Kräfte vorhielten ging alles gut, als jedoch die Stamme des Zuckerrohres anfingen, stärker und umfangreicher zu werden, als sie dem Andrängen seiner Schultern nicht selten einen unbesiegbaren Widerstand entgegensetzten, begann sich die Entfernung zwischen ihm und dem Krokodil langsam zu verringern. Er fühlte, wie sich kalter Schweiß auf seiner Stirn sammelte und wie ihm die Füße den Dienst versagten.

Hätte er nur einen Baum erreichen können! Etwas Mundvorrat, Schiffszwieback und Fleisch besaß er noch, auch die Pistole, um das Tier zu erschrecken, – er mußte also vielleicht die Nacht in den stachlichen Zweigen des Baumes verbringen und das Krokodil auf diese Weise aushungern, indem er es zwang, andere Beute zu suchen. Aber freilich, noch war kein rettender Stamm in der Nähe. – –

Es begann vor seinen Blicken zu kreisen, sich rot zu färben und in verschwommenen Umrissen zu erscheinen. Seine Schläfen klopften, und in seinen Ohren klang es wie das Brausen des empörten Meeres. – –

Es geht zu Ende! dachte er. Gott im Himmel, erbarme dich meiner, ich kann nicht mehr vorwärts! – –

Das Schnaufen des Raubtieres erklang in seiner unmittelbaren Nähe, er sah kaum noch deutlich, was um ihn herum vorging, da – stieß er plötzlich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm und jauchzte laut auf vor Freude.

Den Stock, welchen er immer noch unwillkürlich festgehalten hatte, mit Aufbietung seiner letzten Kräfte dem Untier in den geöffneten Rachen schleudernd, flog er, nur zwei Schritt vor seinem Verfolger, blitzschnell in die Zweige des Mango hinauf. Es war zu seinem Glück ein uralter Baum, dessen Äste, bis tief zum Boden herabreichend, die nötige Stärke besaßen, um ihn tragen zu können. Seine Hände bluteten, seine Kleider hingen in Fetzen herab und seine Mütze lag unten zwischen dem Zuckerrohr, aber er selbst befand sich vorläufig in Sicherheit.

Mit beiden Armen den Stamm umklammernd, schloß er die Augen und ließ erst seine Brust wieder zu ruhigem Atmen zurückkehren, bevor er sich nach dem getäuschten Tier umsah. Eine Frucht des Mangobaumes, die unmittelbar in der Nähe hing und deren Saft er begierig einsog, brachte in sein heißes Blut einige Abkühlung. Er trocknete sich die Stirn und blickte hinab. Das Krokodil lag neben dem Baum.

Robert öffnete die Jacke und ließ den Wind unter das schweißdurchnäßte Wollhemd dringen, er glaubte fast ersticken zu müssen, obgleich jetzt die hauptsächlichste Gefahr vorüber war. Das Krokodil blieb vielleicht zufällig in der Nähe, doch jagte es nicht mit Überlegung, wie andere am Lande lebende Raubtiere, sondern zog sich in seinen Sumpf zurück, wenn es das Opfer nicht mehr sah. Wenigstens erinnerte sich Robert keiner anders lautenden Erzählung von den Eigenschaften dieser Bestie, daher hoffte er, daß sich der schwerfällige Feind jetzt nach kurzer Rast auf die Beine machen werde.

Von oben herab zu schießen wäre völlig nutzlos gewesen, da eine Kugel an dem Panzer des Tieres abprallen würde wie an glattem Stahl. Nur wenn der Schuß in das Auge traf, konnte er töten.

Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, die riesige Eidechse rührte sich nicht vom Fleck. Sei es aus Absicht, sei es aus Zufall, die träge, riesige Masse blieb in guter Ruhe unter dem Baume liegen und ließ sich die heißen Sonnenstrahlen auf den Kopf scheinen.

Robert fühlte, daß die knorrigen Äste des Baumes keineswegs ein angenehmes Ruhekissen waren und daß seine Glieder anfingen zu schmerzen. Er zog die Pistole hervor, lud sie und drückte ab, dem Feinde gerade auf den Rücken, aber ebenso gut hätte er ein paar Blätter hinunterwerfen können. Das Tier nahm von dem Knall und von der Kugel durchaus keine Notiz.

Robert begann zu klettern, um wenigstens nicht fortwährend von den Baumzweigen gedrückt zu werden. Er schwang sich in die höchste erreichbare Spitze und bombardierte das Tier mit einer wahren Flut von harten, halbreifen Früchten, die er ihm alle geschickt auf den Kopf warf, aber ohne die gehoffte Wirkung zu erzielen. Der Schlammbewohner beachtete ihn beharrlich nicht.

Robert mußte sich mit dem Gedanken, hier für die Nacht Quartier zu nehmen, endlich wohl oder übel befreunden. Nur mit dem Schlafen sah es übel aus, da er nichts besaß, um sich festzubinden. Aber diese Nacht konnte ja nicht ewig dauern, also frisch dem Ungemach die Stirn geboten. Er zog seinen Mundvorrat aus dem Tuch hervor und fand den Zwieback als eine Art von Pulver, das Fleisch aber plattgedrückt wie einen Pfannenkuchen. Jetzt lachte er laut. Seine Berührungen mit den Stämmen des Zuckerrohres hatten die Verwüstung angerichtet und von dem ganzen Mundvorrat war nur sehr wenig in genießbarem Zustande erhalten. Er aß die größten Brocken und das Beste vom Fleisch, um dann den Rest auf die Schnauze des Belagerers zu schütten.

Dieser schien zu schlafen, er rührte kein Glied.

Und so kam die Nacht heran. Starker rauschte der Wind in den Palmen und Mangos, dunkler und immer dunkler wurde es ringsumher, ein leiser Regen fiel auf die dichten Blätter und tröpfelte dann mit hörbarem Fall zu Boden – Robert war nun ein Gefangener, der an Flucht nicht mehr denken durfte.

Er nahm das Tuch, in welchem er bisher den Mundvorrat getragen hatte, und prüfte dessen Stärke. Dann band er wenigstens einen Arm an den nächsten Zweig, um durch den Fall, wenn er etwa dennoch einschlafen sollte, rechtzeitig geweckt zu werden. So erwartete er die Nacht und so senkte sie sich tiefer und immer tiefer herab. Die Regenwolken verdeckten den Mond, Finsternis hüllte mit schwarzem Gewände alle Gegenstände in ihre undurchdringlichen Schatten, nur die Stimmen der Natur erfüllten zuweilen den schweigenden Wald. Ein Klatschen des Wassers, ein vorüberhuschender Vogel, ein Knistern und Brechen im Unterholz oder gar ein leichter, schnell erstickter Angstschrei, das war alles, was Robert hörte.

Er dachte an Pinneberg, an die Eltern und an Mohr, seinen lieben alten Freund, dessen Grab er morgen mit dem frühesten besuchen wollte. Das Geld, welches der sonderbare Mann während eines halben Menschenlebens zusammengespart und ihm selbst vermacht hatte, war mit allem übrigen von den Räubern gestohlen worden, Robert konnte also nicht mehr daran denken, sogleich nach Hause zu reisen und sich mit den Eltern zu versöhnen. Sollte er als Bettler, ohne einen Groschen im Besitz, ohne Kleider oder irgend etwas, das sein war, wieder in das Vaterhaus zurückkehren und bitten: Nehmet mich auf, ich bin hungrig und komme, um von euch Brot zu erhalten?

Nein, dagegen sträubte sich sein Stolz. Er wollte vom nächsten Hafen aus einen langen reuigen Brief schreiben, wollte alles erzählen, was er erlebt hatte, namentlich diese letzte Gefangenschaft auf der verödeten Insel und den Verlust des Geldes, – damit mußten sich die Eltern vor der Hand begnügen. Er dachte so lebhaft an die Heimat, an das kleine niedere Wohnzimmer und die sauberen Möbel, daß er fast glaubte, alle diese Dinge vor sich zu sehen. War es das Rauschen des Regens, so stetig wiederkehrend und eintönig, oder sprach dort seine alte Mutter zu ihm? Ja gewiß, sie tröstete ihn des Schmerzes wegen, der seine Glieder quälte, sie legte die Hand auf ihres Sohnes Stirn und flüsterte Worte voll Liebe.

Es wunderte ihn, daß sie so plötzlich hier auf der entlegenen Insel bei ihm stand, er begriff nicht, wie sie den Argusaugen der Räuber entgangen war und daß ihr das Krokodil kein Leides getan, er wußte auch, wie notwendig es sei zu wachen und sich das volle Bewußtsein zu erhalten, aber trotzdem konnte er doch die Liebkosungen seiner Mutter zurückgeben und den Kopf an ihre Brust lehnen, wie er es als Kind so oft getan.

»Mutter,« flüsterte er, »der Vater irrt sich, wenn er meint, daß ich euch nicht lieb habe, gewiß, er irrt sich. Aber ich wollte ja so gern hinaus in die weite Welt – – das war es.«

Und in den Blättern spielte der Wind, rauschte der Regen, – Robert hörte, wie seine alte Mutter leise sagte: »Wir haben dir alles, alles vergeben!« – –

Die Sonne schien hell und lachend auf sein erstauntes Gesicht herab, als Robert am folgenden Morgen erwachte. Er blickte um sich, steif am ganzen Körper vor Schmerz, aber neugestärkt durch den festen, gesunden Schlaf von wenigstens fünf Stunden. Wie der Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung an das letzte Erlebnis seines wechselreichen Daseins, er sah durch die Zweige herab auf den Boden und prüfte sorgfältig die Umgebung.

Das Krokodil war verschwunden.

Unser Freund atmete tief auf. Jetzt galt es, den günstigen Moment zu benutzen und schleunigst Fersengeld zu geben, bevor der Feind möglicherweise wiederkehrte. Er bewohnte höchst wahrscheinlich den Sumpf zur Linken und konnte sich zu einem Morgenspaziergang veranlaßt fühlen, also mußte Robert auf seiner Hut bleiben.

Er kletterte unter grimmigen Schmerzen vom Baume herab und machte etwa vier Fuß über dem Erdboden auf einigen stärkeren Ästen Halt, um erst die Pistole zu laden. Pulver und Blei hatte er vorsichtigerweise schon in Erwartung des Regens durch eine Blechkapsel vor aller Fährlichkeit beschützt und auch um den Revolver sein Taschentuch gebunden. Beides war in bester Ordnung, daher konnte er es getrost wagen, mit gespanntem Hahn und steter Sorgfalt den Rückweg aus der Umgebung des Sumpfes anzutreten. Schritt vor Schritt gehend drang er, nachdem er seine durchnäßte Mütze wiedergefunden, durch das gestern niedergetretene Dickicht vor und kam bis an jene Stelle, wo er den kleinen Vogel hatte greifen wollen.

Das Ufer war hier sehr breit und senkte sich nur ganz allmählich bis zum Wasser herab. Von der Vogelfamilie sah Robert keine Spur, auch die Ranken schienen an mehreren Punkten gewaltsam zerrissen, und eine tiefe Erdfurche ging von oben bis an den grünschillernden Tümpel herab. Das Krokodil war ohne Zweifel an dieser Stelle ins Wasser gekrochen.

Robert faßte die Waffe fester. Im Besitz von vier Schüssen konnte er das Ungeheuer an sich herankommen lassen; er fühlte daher keine Furcht mehr.

Als er etwa zehn Schritte weit gegangen war, bewegten sich vor ihm auf halber Höhe des Uferrandes die sonnenverbrannten Halme und raubgierige Augen starrten unserem jungen Freunde entgegen. Das Krokodil, jedenfalls soeben gesättigt durch eine reichliche Fischmahlzeit, lag in den Sonnenstrahlen und dehnte die schuppigen Glieder. Es mochte in diesem Augenblicke nicht aufgelegt sein, sich zu erheben und nach weiterer Beute zu spähen, – nur die Augen glitzerten mordlustig und die Kinnladen bewegten sich leise.

Robert zögerte nicht lange. Er sandte, unmittelbar vor der Bestie stehend, seine vier kleinen Revolverkugeln in rascher Folge durch die Augen des Tieres in das Gehirn desselben und tötete es fast auf der Stelle. Der Körper zuckte noch einige Male, der Schwanz schlug in die Luft und die lippenlosen Kiefer bewegten sich im letzten Kampfe, dann waren die Augen gebrochen.

Ein Gefühl des Stolzes schwellte Roberts Brust. Da lag das riesige Tier, von seiner Hand getötet, – er hatte ein Krokodil besiegt! Wie schade, daß sich die Trophäe nicht aufbewahren ließ. Aber so gern er auch den Rückenpanzer abgelöst und mitgenommen hätte, davon mußte er doch absehen. Nachdem ihn ein Schlag mit dem Beil auf die Schnauze überzeugt, daß alles Leben entflohen sei, wagte er sich näher heran und besah das erlegte Ungeheuer. Der Panzer, aus gekielten Schildern zusammengefügt, war hart wie Eisen, so hart, daß Robert auch nicht die geringste Spur seiner gestrigen Pistolenkugel auffinden konnte. Die Zunge fand er, nachdem ihm das Beil den Zugang geöffnet, ihrer ganzen Länge nach festgewachsen und Ohren und Nasenlöcher mit verschließbaren Klappen versehen. Am Unterkiefer saßen Drüsen, die einen durchdringenden moschusartigen Geruch ausströmten.

Robert trennte sich nur höchst ungern von der Hoffnung, irgend ein Andenken seiner ersten Heldentat mit nach Hause nehmen zu können, aber er mußte doch endlich den Gedanken aufgeben und den Weg zur Niederlassung weiter verfolgen. Nachdem er noch einen ziemlich großen Vogel erlegt, ging er durch das taufrische, köstlich duftende Holz unangefochten dahin, bis seine derzeitige Wohnstätte vor ihm lag.

Aber wie war der leinene Anzug zerfetzt und zerrissen, wie viel Flecke hatte er bekommen! Robert seufzte, als er sich auf sein Lager streckte und jedes Stück einzeln untersuchte. Endlich schüttelte er den Kopf. Auch wenn ihm Nadel und Faden zu Gebote gestanden hätten, so wäre hier alle Schneiderkunst verschwendet gewesen, aber dennoch mußte er der Moskitos wegen heile Kleider um jeden Preis besitzen. Zwar befand sich Segeltuch in genügender Menge unter den mitgebrachten Sachen, aber keine Schere, keine Nähnadel und kein Zwirn. Letzteren hätte er freilich aus aufgelöstem Tauwerk zur Not herstellen können, aber die Nadel!

Wie sie sich an ihm rächte durch ihre Abwesenheit, die tückische kleine Nähnadel!

Er begann seufzend den geschossenen Vogel zu rupfen, nahm ihn aus und briet ihn mit einigen Speckschnitten im Kochkessel. Dann schälte er Kartoffeln, die zu dem frischen Braten eine sehr annehmbare Beigabe bildeten, pflückte sich einige Ananas und tafelte im Freien vor seinem hölzernen Palaste wie ein König. Das Jagdglück von heute morgen, die gute Mahlzeit und die weite Fußwanderung hatten ihn in vortreffliche Stimmung versetzt, die nur durch den Gedanken an Jacke und Hose einigermaßen getrübt wurde. Wenn das seine Mutter gesehen hätte, sie, bei der alles in wahrhaft holländischer Sauberkeit glänzte!

Er mußte lächeln, als er das dachte. Waschen ließ sich auch nichts, da er keine Seife besaß. Kopfschüttelnd räumte er die Überbleibsel der Mahlzeit in eine zu diesem Zweck bestimmte Kiste und machte sich dann ans Werk, eine Angel herzustellen. Haken und Schnüre besaß er glücklicherweise, es fehlte also nur der Stock und diesen lieferte das nächste Gebüsch in beliebiger Größe.

Robert befestigte sein neues Jagdgerät, nachdem er die Angelschnur mit einem tüchtigen Stück Pöckelfleisch daran in das Wasser versenkt, an einem Baume und holte nun nach, was durch die unfreiwillige Abwesenheit von Haus und Hof inzwischen versäumt worden war. Er schnitt in den Palmstamm die dritte Kerbe, legte frisches Pökelfleisch ins Wasser, bedeckte die Tonne mit neugepflückten Zweigen und räumte die Seidenwaren in ihre Kisten. Jetzt hatte er alles geordnet, sogar den innern Raum seines Schlafzimmers von Unkraut und Gras gereinigt und mittels eines ausgespannten Segeltuches ein Sonnendach hergestellt. Zufrieden blickte er um sich. »Ich kann nun die meisten Stunden des Tages am Strande zubringen,« dachte er, »und das ist für mich die Hauptsache.«

Dann, nachdem alle Arbeiten des kleinen Hausstandes besorgt waren, legte er sich an das Ufergras und sah nach seiner Angel. Es hatte noch kein Fisch angebissen, daher konnte Robert fürs erste ein wenig ausruhen. Wenn nur die lästigen Moskitos nicht gewesen wären!

Sie drangen überall unter die zerrissenen Kleider und setzten sich keck auf das Gesicht unseres Freundes. Das letztere war noch erträglich, aber daß er so zerlumpt und mit Flecken übersäet einhergehen mußte, ärgerte ihn sehr.

Eine Nähnadel! – Ein Königreich für eine Nähnadel!

Und dann fiel ihm Georgs Schelmenlied wieder ein: »Es tranken ihrer neunzig und neunmalneunundneunzig aus einem Fingerhut.« –

Wie hatte ihn Georg betrogen, wie listig seine Arglosigkeit benutzt, um ihn in die Falle zu locken. Noch glaubte er zu hören, was der Matrose vom »Blitz« damals sagte: »Das ist ein Galgengesicht, und du solltest dich von ihm fernhalten, mein Junge!« –

Er seufzte tief und ließ sich dabei von den Moskitos so lange stechen, bis er aussah, als hätte seine Haut soeben das Scharlachfieber überstanden. Die kleinen geflügelten Unholde prickelten ihm das Sprichwort: »Wer nicht hören will, der muß fühlen,« heute recht empfindlich ins Gedächtnis hinein. Er wollte gerade aufstehen und eine Handvoll grüner Blätter zerquetschen, um sich mit dem Safte derselben einzureiben, als plötzlich die Angelschnur in Bewegung geriet und unter dem Wasser verschwand.

Robert sprang eiligst auf die Füße. Er zog vorsichtig einen Fisch von wenigstens fünf Pfund Schwere ans Land und freute sich königlich der gelungenen Jagd. Den wollte er heute abend verspeisen und dann von allen möglichen Resten der vergangenen Mahlzeiten einmal wieder Labskausch braten. Wenn nur irgend ein Beleuchtungsmittel vorhanden gewesen wäre, wenn die Matrosen nur an ein einziges Faß Öl gedacht hätten, – aber da mußte er alle Hoffnung aufgeben. Sobald die Sonne unterging, hieß es wie bei den Hühnern zu Bett! –

Er schuppte den Fisch, nahm ihn aus und legte die Stücke, wie er es von seiner Mutter oft gesehen, in Salzwasser, dann wanderte er fort, um am Strande nach einem Schiffe auszuspähen. Die nach der Havana bestimmten Fahrzeuge konnten zwar unmöglich hierher kommen, aber doch vielleicht ein Fischerboot, ein Schiff, das kreuzen mußte, das Wasser einnehmen wollte oder gar ein Zollschiff, wenn es überhaupt dergleichen gab.

Er nahm die Pistole wieder mit sich, ebenso eine Decke, und ging zum Meeresufer hinab, um einen vollständigen Ausguck einzurichten. Vorher aber besuchte er das Grab seines alten Freundes, den einzigen Ort, welcher ihm teuer und wert war, gewissermaßen das letzte Bindeglied zwischen ihm selbst und der übrigen Menschheit.

Die Mooshalme hatten sich bereits wieder erhoben und in der gelockerten Erde neue Wurzeln geschlagen. Noch wenige Tage, dann überspannte das grüne Netz wie vordem den Boden, und kein Auge sah, daß hier ein müdes Herz den stillen Grabesfrieden gefunden hatte; Mohrs letzte Ruhestätte war vor allen entweihenden Angriffen gesichert.

Robert brach eine purpurne Kaktusblüte vom Stiel und legte sie auf die Stelle, welche das liebe, freundliche Gesicht des Alten bedeckte, dann ging er fort, um seine Seewarte im kleinen einzurichten. – Die Palmen am Ufer waren höher als die Mangobäume, aber der Sitz in ersteren auf die Dauer zu beschwerlich. Robert, als geübter Turner und erfahrener Kletterer, schwang sich zwar mit Leichtigkeit bis in die Krone der schlanken Stämme hinauf, aber er mußte alsdann Hände und Füße gebrauchen, um sich festzuhalten, und konnte auch dies nur für kürzere Zeit. Der astreiche Mango dagegen gestattete in seinem dichten Laubwerk einen bequemen Sitz, weshalb Robert nach längerer Überlegung beschloß, hier Posto zu fassen. Er hieb mit seinem Messer in die Zweige und Blätter eine größere Lücke hinein, so daß der Blick auf den Ozean vollständig frei wurde, und suchte dann einen Platz zum Sitzen, den er von allen Seiten säuberte. Hier konnten ihn die Sonnenstrahlen nicht erreichen, hier hatte er für sich die Möglichkeit freier Bewegung und Umschau nach rechts und links, während er außerdem in den höher gelegenen Zweigen mit leichter Mühe ein Versteck fand, sobald etwa der Piraten wegen ein solches erforderlich werden sollte. Hier saß Robert nun mit einer Flagge versehen, die er sich aus einer Stange und einem daran befestigten Segel gefertigt hatte.

Die abgehauenen Zweige und Blätter warf er sorgfältig in das Meer, um von seiner Arbeit keinerlei Spur zurückzulassen, dann badete er an der Küste, wo ihn salziger Schaum wie ein Sturzbad überflutete. Schon der bloße Anblick des Meeres, der frische Hauch, welchen es ausströmte, belebten und kräftigten seinen Mut. Er wünschte trotz aller Gefahr nichts sehnlicher, als daß die Hütte näher am Ufer läge, damit er das geliebte Element täglich und stündlich vor Augen hätte. Wohl zehnmal sprang er wieder zurück in die klare, durchsichtige Flut, oder schwamm eine Strecke weit hinaus, und ließ sich auf dem Rücken treiben, bis die Sonne zum Abschied mahnte.

Noch ein letzter Blick aus der Höhe des Mangobaumes, sehnsuchtsvoll nach allen Richtungen entsandt, noch das mitgebrachte Notzeichen oben in den Zweigen versteckt, und dann ging es heimwärts durch den grünen Wald.

Die ganze Atmosphäre glühte und die Sonnenscheibe hatte sich mit grauen Wolkenschleiern umhüllt. Einzelne Windstöße fuhren durch den Wald, allmählich verstummte der Gesang der Vögel, und schwere Tropfen fielen in Pausen geräuschvoll auf die Blätter. Robert beeilte sich, vor Ausbruch des Gewitters seinen Fisch zu kochen und die übrig gebliebenen Kartoffeln in Speck zu braten. Er hatte kaum die Geräte vom Feuer genommen, als das Unwetter mit aller Kraft losbrach. Sturm und Donner heulten um die Wette, der Regen schlug klatschend auf das Laubwerk herab, und rote zuckende Blitze erhellten die Umgebung. Robert glaubte, nie vor diesem Tage ein Gewitter erlebt zu haben, so sehr überstieg das, was er sah und hörte, alles bisher Gekannte. Ein Schauer von unreifen Früchten hagelte ins Gras, krachend stürzten ganze Bäume, und hier und da schlug der Blitz in besonders hohe Stämme, die dann bis zum Fußboden herab zersplitterten. Robert verzehrte eiligst seine Mahlzeit und wollte sich unter den Schutz der Höhle zurückziehen, da – als er die Tür öffnete, trieb ihm auf hochgehenden Fluten das Moos der Lagerstätte entgegen, während die Decken, triefend von Nässe, im Winkel lagen.

Einen Augenblick lang stand unser Freund starr vor Entsetzen. Wenn das Salz und die Zündhölzer vom Wasser vernichtet worden waren! – –

Über seine Stiefel rann der Strom ins Freie, bis endlich nur noch ein wenig Schlamm in der Höhle zurückblieb. Robert stand noch immer unbeweglich, von diesem neuen Schlage wie betäubt. Erst langsam erholte er sich hinreichend, um hineinzukriechen und die gefährdeten Gegenstände untersuchen zu können. Gottlob, bis in diesen versteckten Winkel waren die Regenfluten nicht gedrungen, – er fand seine kostbarsten Güter unversehrt.

Für sich selbst blieb ihm freilich nur ein Ausweg, nämlich der, auf mehreren leeren Kisten ohne Decken oder irgend einen Schutz die Nacht zu verbringen. Aber das sollte ihm nicht wieder geschehen. Die ganze Wetterseite der Wohnung mußte durch einen starken Erdwall vor dem Eindringen des Regens geschützt werden, und schon mit Tagesanbruch wollte er diese neue Arbeit beginnen.

Bis auf die Haut durchnäßt streckte er sich zum Schlafen aus. Draußen tobte fort und fort der Donner, zischte Blitz nach Blitz, drangen sprühende Schauer von kalten Tropfen in die Höhle hinein. Der Sturm schwoll zum wahren Orkan, dessen Stöße wie tiefe Orgelklänge, bald brausend und gewaltig, bald langgezogen und klagend die Luft zerrissen. Es war jener Aufruhr der Elemente, den nur die südlichen Gegenden kennen und der häufig bis zu einem Grade anschwillt, welcher den Nordländer an das Hereinbrechen des jüngsten Tages gemahnt.

Ein schlecht befestigtes Brett wurde von der Gewalt des Sturmes hinausgerissen, mit wütendem Anprall fuhr der nächste Stoß in die Hütte hinein und brachte ganze Fluten von Regen auf nassen Fittichen mit sich. Es war jetzt in dem engen Raume womöglich noch ungemütlicher und trostloser als draußen; Robert erhob sich, um ins Freie zu kriechen, wo doch die Luft etwas weniger dumpf und erstickend zu sein versprach. Unter dem Wetterdach stehend kreuzte er die Arme wie jemand, der höheren Gewalten weicht, unfähig, die eigenen Kräfte mit denen des stärkeren Gegners zu messen.

Tief dunkle, undurchdringliche Nacht umgab ihn, der Boden war weich und schlüpfrig, der Sturm raubte im Freien den Lungen die Fähigkeit zu atmen. –

Da, durch das Gebrüll des Donners und der empörten Luftmassen klang ein Ton, der in seiner kurzen Schärfe deutlich verriet, daß ihn nicht die Elemente hervorgebracht, – vom Ozean herüber scholl es bis hierher in den ächzenden, knarrenden Wald und berührte wie plötzliches Feuer die Sinne des einsamen Knaben.

Ein Schuß! – Ein Kanonenschuß! – –

Er hatte es deutlich gehört; Zittern rann durch alle seine Glieder, das Herz schlug zum Zerspringen, – er lauschte atemlos.

Noch dachte er nicht, noch gab er sich von dem erhaltenen Eindruck keine vollständige Rechenschaft, aber er lauschte maschinenmäßig, wie zuweilen in Augenblicken höchster quälendster Aufregung der Mensch gleichsam nur mit dem Sinne lebt, nur sieht und hört ohne zu begreifen.

Und da kam es zum zweiten-, zum drittenmal. Es waren Kanonenschüsse, – es war ein Schiff, das sich in Not befand.

Fieberhitze rann durch alle Adern des Knaben. Er mußte hinaus an den Strand, mußte diesem unglücklichen Fahrzeuge ein Zeichen geben, – er wollte um jeden Preis die Schiffer von seiner Anwesenheit benachrichtigen, und sollte er schwimmend zu ihnen gelangen.

Das alles durchzuckte seine Seele, drängte sich ihm gewissermaßen auf, ohne eine bestimmte Form anzunehmen, und mechanisch tastete er nach dem Ausgang des Gewölbes. So oft ein Blitz die Umgebung erhellte, wurde es dem Knaben möglich, einige Schritte weit zu gehen, dann aber versperrten Bäume den Weg oder zeigten ihm verschlungene Ranken, daß er die Richtung zum Ufer im Dunkel verfehlt hatte. O wie glühend, wie verzweiflungsvoll wünschte er das Tageslicht herbei, wie bedeckte sich vor Ungeduld seine Stirn mit großen Schweißtropfen, wenn ihn ein erneuerter heftiger Anprall des Sturmes zwang, sich an einen schützenden Stamm zu klammern.

Rechts und links lagen herabgerissene Zweige, ja zuweilen ganze Bäume dann und wann quer über den Weg geschleudert, an anderen Orten mit ihren laubreichen Kronen den engen Fußpfad vollständig versperrend. Immer schneller und schneller folgten einander die Blitze, fast ununterbrochen krachte der Donner, und in jede Pause hinein dröhnten die Notschüsse des bedrohten Schiffes.

Robert kämpfte mit der Kraft der Verzweiflung, um an den Strand zu kommen. Schritt vor Schritt vorwärts dringend brauchte er wenigstens eine Stunde, ehe der Weg von zwanzig Minuten zurückgelegt war. Zerschunden im Gesicht, mit blutenden Händen und fieberheißem, brennendem Kopfe sah er endlich die freie Fläche vor dem Meere und dann das bewegte Wasser selbst. Brandend, zischend und kochend, den weißen Schaum turmhoch emporschleudernd, brach sich die See an der klippenreichen Küste. Welle nach Welle überspülte das Ufer, hoch in der Luft kreischten flügelschlagend die Möwen, pfeifend und heulend kam der Sturm über den Ozean daher.

Robert hielt beide Hände vor die Augen. Am Rande der Brandung spähte er, den nächsten Blitz erwartend, hinaus auf die tobende, in ihren tiefsten Tiefen erregte See. Ein neuer Kanonenschuß zeigte ihm die Richtung, in welcher das Schiff lag.

Und dann zuckte aus den schwarzen Wolken der elektrische Strahl herab – dann sah er für Augenblicke das Fahrzeug. Es war ein großes Schiff, im Sturm fast ohne Segel und von den Wellen wie ein Ball von einer Seite zur anderen geworfen. Jeden Augenblick konnte es der Sturm mit voller Gewalt auf den Strand treiben.

Die Schiffer glaubten vielleicht sich in der Nähe einer bewohnten Insel zu befinden, aber selbst wenn ein Boot zur Stelle gewesen wäre, so hätte es in dem schweren Wetter unmöglich auslaufen können. Die Wellen gingen haushoch.

Robert schwang in ohnmächtigem Kampf gegen das Toben der Elemente sein Tuch. Vielleicht betete drüben auf dem gefährdeten Schiff kein Herz so innig, so glühend zum Himmel wie das seine. So nahe vor sich die Erlösung aus der Gefangenschaft, so nahe in der grauenvollen Nacht ihm, dem Einsamen, die Menschen, aus deren Mitte ihn ein schlimmes Geschick verbannt! Er glaubte es nicht ertragen zu können, wenn diese Hoffnung getäuscht werden würde.

Bald sah er bei dem Scheine der Blitze das Schiff in größerer und bald in geringerer Entfernung vom Lande, endlich so weit hinaus auf dem Meere, daß er nur noch die Umrisse erkannte. In jeder Pause des Donners hielt er beide Hände vor den Mund und rief, so laut es ihm möglich war, den Seemannsruf »Schiff ahoi!« – in die Nacht hinaus, aber ohne selbst eine Antwort zu erwarten. Der schwache Ton konnte in dem Wüten der Elemente nicht bis zu den Ohren der Schiffer gelangen.

Allmählich verstummten draußen auf dem Meere die Kanonenschüsse und allmählich verminderte sich die Wucht des Sturmes. Blitz und Donner wurden schwächer, der Regen hatte nachgelassen, einzelne Sterne zeigten sich am Himmel.

Robert lauschte voll Verzweiflung. Allein in der undurchdringlichen Finsternis, überwältigte ihn der Schmerz so sehr, daß er weinte. Noch lange Stunden mußten vergehen, bevor ihm der neue Tag gestattete, auf das Wasser hinauszublicken, – aber gab es alsdann für ihn noch eine Hoffnung, das Schiff an der alten Stelle wieder vorzufinden? Ach, er wußte ja nur zu wohl, daß der Kapitän den ersten günstigen Augenblick benutzen werde, um von der gefahrdrohenden Küste fort und in das offene Meer zurückzukommen.

Erschöpft an allen Kräften warf er sich auf den durchnäßten Sand und wiederholte nur von Zeit zu Zeit jenen langanhaltenden Ausruf, mit welchem sich Seeleute anzureden pflegen, aber immer ganz vergeblich. Seine Ungeduld wuchs von Viertelstunde zu Viertelstunde. Wie lang, wie endlos lang war die Nacht! –

Er versuchte zu schlafen, aber es mißlang gänzlich. Selbst nicht einmal ein Halbschlummer, der sonst dem Wartenden, Einsamen so leicht naht, erlöste ihn auf Augenblicke von der Qual der Ungeduld. Er ging, als endlich jene Totenstille, die auf heftige Ausbrüche zu folgen pflegt, ihn rings umgab, rastlos am Ufer auf und ab. Jetzt lag das ungestüme Meer wie ein wildes Kind, das sich müde getobt und das nun sanft schlummert, ganz lautlos und fast unbeweglich, als bereue es sein zorniges Wüten. Die Luft war abgekühlt, die letzten Tropfen von den Zweigen gefallen und der Wind vollständig zur Ruhe gegangen. Nichts regte sich in der stillen Sternennacht.

Robert strengte sich an, mit den Blicken das Dunkel zu durchdringen, er überredete sich, ein Licht, einen weißen Streifen zu sehen, und schloß die Augen, um sich zu vergewissern, ob ihn keine Einbildung täuschte. Aber dann, wenn er wieder aufsah, begegnete dem forschenden Blick die alte Nacht, – er mußte seufzend erkennen, daß ihn ein Blendwerk der eigenen überreizten Sinne getäuscht hatte.

Und auf die Nacht folgte endlich graue Morgendämmerung. Nebel und Schatten, hier Heller, dort tiefer, wogten und lagerten sich über dem Wasser, spielten in allen Formen, täuschten das Auge und schienen wie neckende Geister das ruhelose Herz des Knaben nur noch ärger foltern zu wollen.

Sah er nicht dort im halben Dunkel das Schiff mit ragenden Masten und weißen flatternden Segeln? Sah er es nicht hart an der Küste, fast so nahe, daß es die Stimme erreichen konnte?

Er rief laut, so laut, – es drohte ihm die Brust zu sprengen. Aber keine Antwort schallte herüber, kein Zeichen verriet, daß in der Nähe Menschen lebten. Und die Nebel verzogen sich, zerflatterten; das, was eben noch ein Schiff gewesen, erschien nun als Turm, als riesiges, vorsündflutliches Fabeltier, als Bergspitze mit wallenden Baumkronen. –

Hundert Gestalten formten die fliehenden Schatten, tiefe Täler öffneten sich dem Blick und hohe unzugängliche Zinnen schauten von beiden Seiten herein – Robert starrte unverwandt in das Chaos, immer noch hoffend, noch festhaltend an dem Gedanken der Erlösung. Was er, als Nacht und Sturm jede Mitteilung verhinderten, so nahe an der Küste gesehen, das rettende Schiff, – sollte es am Morgen im hellen Sonnenglanz, wo ein einziger Blick genügte, um ihn aus der schrecklichen Einsamkeit zu befreien, nun zu weit entfernt sein, viel zu weit für jede Verständigung? –

Es war ja unmöglich, ganz unmöglich! –

Und heller und heller wurden die Nebelmassen, mehr und mehr nahte der junge Tag. Es glitt wie ein kühler Hauch durch die regenschweren Blätter, einzelne Tierstimmen erhoben sich, und gelbe und rote Wolkenränder umsäumten den Horizont.

Roberts Zähne schlugen gegeneinander. Jetzt kam die Entscheidung.

Er erkletterte den Baum, aus dessen Krone sich das Meer weithin überblicken ließ. Nun teilten sich die Schatten, ein goldener Streif schoß plötzlich hervor, andere folgten, und die ganze blaue leicht bewegte Wasserfläche lag glänzend im Lichte des jungen Tages. Weit aus der Ferne, kaum noch erkennbar, schimmerten die vollentfalteten Segel des Schiffes.

Robert stieß einen herzzerreißenden Schrei aus. Er sah das Fahrzeug, er erkannte es deutlich, aber es gab für ihn kein Mittel, sich der Mannschaft bemerklich zu machen. Seine Blicke folgten den weißen verschwindenden Segeln, bis ihm die Augen schmerzten und er verzweifelt den Kopf in die hohle Hand stützte.

Nach langer Pause, als er über das Meer dahinsah, war auch der letzte weiße Punkt versunken. Nur das Wasser dehnte sich in blauer Unendlichkeit vor seinen Blicken.

Fünftes Kapitel

Todesnot und Rettung

Wie trostlos war der heutige Heimweg gegen den von gestern. Damals konnte er hoffen, eine weiche Lagerstätte und eine wohlgefüllte Vorratskammer anzutreffen, er besaß bei aller Verlassenheit, bei allen Gefahren seines unsichern Schicksals doch ein Heimwesen, ein Zuhause, das ihm gehörte und wo er wohnte, jetzt dagegen mußte er fürchten, nur noch eine Stätte schrecklichster Verwüstung wieder vorzufinden. Alle Zuversicht, aller Mut war dahin. Ach, wenn es Tag gewesen wäre, als jenes Schiff so nahe an der Küste auf den Wellen lag, oder wenn er es nie, nie gesehen hätte!

Unempfänglich für die frische neuerblühte Schönheit der Natur, für den doppelt süßen Hauch der Blumen und den jubilierenden Wettgesang der Vögel ging er langsam durch den Wald. Was seiner harrte, das wußte er ja nur allzu wohl.

Und der trostlose Gedanke sollte ihn nicht täuschen. Als er sich der Höhle näherte, sah er schon von weitem den ganzen Umfang des

angerichteten Schadens. Fast alle Planken waren aus ihren Fugen gerissen, der Herd umgestürzt, die Kochgeräte unter Schlamm vergraben und – als das Schlimmste–die Lebensmittel durchnäßt.

Der kleine Bach, sonst wie ein klarer blauer Spiegel, sanft murmelnd und plätschernd, schoß heute mit wildem Ungestüm, seine Ufer überflutend dahin, und wälzte gelbe, schlammige Wellen dem Meere entgegen. Abgebrochene Zweige, Blätter und Halme aller Art trieben auf der Oberfläche.

Jetzt freilich schien die Sonne heiß und freundlich vom Himmel herab, aber auf ein Bild der entsetzlichsten Verwüstung. Robert stand an einem Baume und sah starren Blickes in die Verwirrung hinein. Wo sollte er nun beginnen, um wieder ein geordnetes Heimwesen herzustellen, was konnte er tun, diesem triefenden, schlammüberzogenen Durcheinander, diesen durchweichten Vorräten und dem ungenießbaren Trinkwasser gegenüber?

Vor der Hand gab es zum Frühstück nur Wein und eine Ananas, die er auch erst aus einem Bette von Schlamm herausgraben mußte, bevor sie sich pflücken ließ. Aber das tat nach der Anstrengung und Aufregung der letzten Nacht, bei ganz durchnäßten Kleidern und tiefster Hoffnungslosigkeit des Gemütes gar nicht wohl, er fühlte ein Frösteln, als die kalte Frucht in seinen Magen gelangte. Hätte er nur ein wenig Wasser gehabt, um Kaffee kochen zu können! Aber dieser mißfarbige Schlamm war nicht trinkbar; er mußte vor der Hand jeden derartigen Gedanken aufgeben.

Nachdem ein Teil der Ananas verzehrt und ein Glas Wein dazu getrunken war, machte sich Robert daran, seine Lebensmittel zu untersuchen. Die Sacke mit Hülsenfrüchten hatten zwar unter Dach gelegen, aber der hereindringende Sprühregen war doch stark genug gewesen, sie zu durchnässen. Besonders das Brot und die Kartoffeln mußten als halb verloren angesehen werden. Robert warf den größten Teil ohne weiteres fort und suchte dann nach einigen trocken gebliebenen Brettern, die er in die Sonne legte und darauf den Rest sorgfältig ausbreitete. Ebenso machte er es mit den wollenen Decken, die sämtlich von Wasser und Schlamm durchdrungen waren.

Dann begann er seine Wände auszubessern. Nägel und Werkzeug standen ihm hinreichend zu Gebote, daher war diese Arbeit bald vollendet, aber ohne das Herz des unglücklichen Knaben in etwas wieder ermutigen zu können. Wenn in der nächsten Nacht ein neues Gewitter kam, so hatte er ja doch umsonst gearbeitet, – das drückte ihn fast zu Boden.

Um aber jedenfalls alles aufzubieten, was er zu seiner Sicherung tun konnte, ergriff Robert den Spaten und begann hinter der Bretterwand einen festen Erdwall herzustellen, den er außerdem noch mit größeren Steinen dichter und schwerer einstampfte. Das ging nun freilich langsam vonstatten, aber es versprach doch ein tüchtiges, seinen Zweck erfüllendes Werk zu werden, daher blieb Robert unverdrossen den ganzen Tag hindurch beim Schaufeln und Niederpressen, so daß gegen Abend ein schräger Erdwall vom Boden bis zu dem niederen Felsendach hinausragte. Jetzt konnte der Regen kommen; er würde wenigstens nicht eindringen können, bevor die Decken in Sicherheit gebracht waren.

Diese selbst hatte die Sonne vollständig getrocknet, aber sie knisterten unter den Fingern und entsandten große Staubwolken, so oft er sie schüttelte; auch der Fußboden war noch naß, und an frisches Moos war natürlich gar nicht zu denken. Robert klopfte so lange mit einem dünnen Stöckchen darauf los, bis wenigstens die getrocknete Erde herausgefallen war, dann legte er die Decken und sich selbst auf zwei leere Kisten, wo er, so gut es eben ging, zu schlafen suchte.

Während des ganzen Tages hatte er nur Wein und Früchte genossen, daher freute es ihn sehr, am folgenden Morgen den Bach so ziemlich zu seiner früheren Klarheit zurückgekehrt zu sehen. Er wusch eiligst die Kochgeschirre, suchte das sonnigste Plätzchen und holte von dem in der Höhle versteckt gewesenen Brennholz einen Arm voll herbei, um Feuer anzumachen.

Die lustigen Flammen und endlich gar der kräftige Kaffee gaben ihm einigermaßen Mut und Zuversicht wieder zurück, nichtsdestoweniger saß es wie ein heimliches Frösteln oder Schaudern in allen seinen Gliedern; er tat die notwendigen Arbeiten fast gedankenlos, als gehe ihn das nicht persönlich an, und oftmals ertappte er sich auf einem unwillkürlichen Horchen. Seit jene Kanonenschüsse über den mitternächtigen Wald daherrollten, war Robert ein anderer Mensch geworden. Die grausame Täuschung ließ sich nicht wieder verschmerzen.

Er untersuchte, nachdem das übrige getrocknet war, jetzt auch seine Fleischtonnen. Aus der einen, welche das bedeutend empfindlichere Schweinefleisch enthielt, quoll ihm ein Duft entgegen, der alle weitere Mühe überflüssig machte. Er versenkte das ganze Fäßchen in die Grube, woraus er den Bedarf für seinen Erdwall entnommen und überschüttete es mit einer mehrere Fuß hohen Schicht von Lehm, dann setzte er die Untersuchung fort. Das Rindfleisch war noch wohl erhalten, ebenso der Speck.

Robert säuberte nun das Innere seiner Wohnung von den Überbleibseln des Schlammes und sammelte dann Moos, um es zu trocknen. Bei dieser Gelegenheit erblickte er zufällig die ganz vergessenen Überreste seiner Fischmahlzeit. Freilich konnte von diesem Gemengsel kein Labskausch mehr gebraten werden, aber ein anderer Gedanke tauchte plötzlich in ihm auf. Diese langen spitzen Gräten – sollten sie sich nicht zu Nähnadeln gebrauchen lassen?

Sein Anzug war ja kaum noch ein solcher zu nennen. Nur Fetzen und Lumpen hingen noch von seinen Schultern herab. Er ergriff schleunigst das Rückengerüst des Fisches und prüfte die Stärke der Gräten. Sie waren fest genug, um jedes Zeug durchbohren zu können, aber es ließ sich an ihnen kein Faden befestigen. Robert sann nach, bis ihm einfiel, mit der Gräte in ein ganz dünnes, leichtes Stück Holz hineinzubohren und auf diese Weise ein Öhr herzustellen, das dem einer Nadel an Verwendbarkeit glich. Er breitete das gesammelte Moos auf Segeltüchern im Sonnenschein aus und machte sich dann daran, mit seinem Taschenmesser ein Stückchen Holz ganz platt zu schneiden. Er wollte erst das kleine Loch hineinbohren und späterhin der Nadel ihre Form geben, damit nicht etwa ein plötzlicher Spalt die stundenlange Mühe jählings zu nichte machen könne.

Das Essen hatte ihm am Mittag nur halb so gut als sonst geschmeckt; ausgehen oder jagen wollte er heute nicht, und vor dem Anblick des Meeres empfand er, seit es ihn kürzlich so arg betrogen, eine Art von Grauen, daher widmete er seine ganze Zeit der Nähnadel, welche ihm zu einem neuen Anzug verhelfen sollte. Das Durchbohren des Holzes erwies sich indessen als keineswegs leicht; Gräte nach Gräte zerbrach, und Robert wurde immer ärgerlicher. Dann aber kam ihm ein glücklicher Gedanke, den er auch sofort ausführte. Die ursprünglich gehegte Absicht, das Holz zu bohren, gab er auf und schnitt anstatt dessen die stärkste Gräte mit dem Messer aus der Reihe der übrigen heraus. Nun legte er ein ganz spitzes Hölzchen zum Feuer und ließ es heiß werden. Die Flammen ausblasend, drückte er das glühende Ende auf die obere Seite der Fischgräte und siehe da, – ein leichtes Zischen bewies, daß eine Wunde entstanden sein müßte. Wie oft hatte er in dieser Weise seine Mutter ein Fischbeinstäbchen durchbohren sehen, und waren denn die Gräten von anderem Stoff als jenes? – Freilich nahm die Mutter dazu eine Haarnadel und hatte also ein bedeutend besseres Werkzeug als er, aber mit den kleinen Splittern des sehr harten Holzes ging es zur Not auch, obgleich weit schwerer und in viel längerer Frist.

Robert blieb geduldig. Er wendete von Zeit zu Zeit das feuchte Moos und warf das getrocknete in eine Kiste, dann arbeitete er weiter an dem winzig kleinen Nadelöhr, das doch zu seiner Herstellung einer so großen Mühe und Beharrlichkeit bedurfte. Heimlich dachte er dabei der vielen bitteren Verwünschungen, die er vor Zeiten auf alles, was Nähnadel hieß, herabgerufen. Ob das Schicksal die törichten Worte gehört hatte? Ob er gerade dafür zur Strafe jetzt so unermüdlich das Stück Holz in seiner Hand zuspitzen, ins Feuer stecken und wieder zuspitzen mußte, immerfort – ohne Rast und Aufenthalt?

Er schloß ermüdet die Augen. Es war ihm alles so gleichgültig geworden, so fremd; er arbeitete nur, um nicht müßig dazusitzen.

Und endlich, endlich, als er zum hundertstenmale die Gräte an das Licht hielt, zeigte sich, daß sie durchbohrt war. Ein Gefühl des Stolzes hob Roberts Brust. Wenn er jetzt ohne Kreide, ohne Zwirn und Schere, nur mit einer Fischgräte und zerfasertem Segelgarn einen Anzug herstellte, so war das gewiß ein Werk, welches ihm nicht jeder Schneider

nachmachte. Er mußte unwillkürlich lächeln. Vater und Großvater und Urgroßvater, alle Krolls, so weit sich der Stammbaum der Familie zurückführen ließ, hatten ja mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzend das Leben durchstichelt, aber wie würden sie sich entsetzt haben, und wie würden sich ihre Gebeine noch im Grabe umdrehen, wenn sie sehen müßten, daß der letzte Sproß dieser ansehnlichen Reihe von Schneidern das Handwerk mitten im Urwalde und unter Beihilfe einer Fischgräte fortführte! –

Robert schüttelte das trockene Moos auf die Stelle, wo er zu schlafen pflegte, und räumte seine Decken wieder ein, so daß jetzt wenigstens ein gutes, weiches Lager nicht mehr fehlte. Draußen sah es noch fürchterlich aus; die Zweige geknickt und das Gras zerstampft, der ganze Boden feucht und aufgewühlt, als hätten dort Soldaten exerziert, – aber Robert kümmerte sich nicht darum. Er konnte für heute nicht mehr sehen, daher legte er sich ohne Nachtessen zu Bette und träumte fortwährend von dem Schiff, das im Schlaf und im Wachen seine Gedanken beschäftigte. Er sah sich auf dem Mangobaume sitzen und rund um ihn herum war es heller sonniger Tag. Die Kameraden auf dem stattlichen Dreimaster, der gerade an die Küste herankam, hatten ihn längst bemerkt, sie winkten ihm, sie riefen ihn an und er wollte so schnell als möglich zur Erde klettern. –

Wer aber im Traume fällt, der hat das Gefühl, als weiche unter ihm aller fester Halt, als stürze er ins Bodenlose, der erwacht mit klopfenden Pulsen und Schweißtropfen auf der Stirn, atemlos wie jemand, der lange und anstrengend gelaufen.

Auch Robert fuhr heftig vom Lager empor. »Das Schiff!« murmelte er, »das Schiff!«

Dann aber erkannte er seine Umgebung, atmete die drückende Luft des engen, rings verschlossenen Raumes und taumelte auf, um zu trinken. Die Zunge klebte ihm fest am Gaumen, seine Stirn brannte, Fieberdurst raste in allen seinen Adern.

Er kroch durch die niedere Tür hinaus in den Vorraum und hob das dort stehende Gefäß mit Wasser zum Munde, um zu trinken. Aber wie kalt war der Wind, wie durchschauerte es ihn und trieb ihn zurück unter die schützenden Decken!

Er mußte krank sein, das fühlte er mit unbesieglichem Grauen! – –

Schon wandte er sich, um wieder in die Höhle zu schlüpfen, als zufällig sein Blick in die nächste Umgebung streifte. Er fuhr mit der Hand über die Augen.

Dort, wo das Mondlicht, von Blättern und Zweigen gedämpft, zwischen den hohen Stämmen am Boden spielte, in der Nähe der aufgestapelten Kisten mit Wein, – bewegte sich nicht im Gebüsch eine menschliche Gestalt?

Nur Augenblicke währte die Erscheinung, nur wie ein Schatten glitt sie zwischen dem Grün dahin, aber dennoch, dennoch – –

Ein Schauder durchrieselte Roberts ganzen Körper. Wie gebannt, gelähmt blieb er stehen und starrte unverwandt hinüber. Nein, nein, es war unmöglich, er konnte sich nicht täuschen, er hatte deutlich einen Menschen, einen Mann in Schifferkleidern durch die Zweige schlüpfen sehen. Noch jetzt bewegten sich dieselben, wie nach einer unsanften Berührung.

Roberts geistige und körperliche Kräfte kehrten plötzlich zurück. Er trat auf den freien Platz hinaus und rief mit lauter Stimme:

»Wer ist da?«

Aber nur der Nachtwind antwortete ihm. Kein Laut unterbrach die tiefe Stille.

Robert lauschte, und dann rief er wieder, bis es ihm kalt über den Rücken herabrieselte und er sich selbst für wahnsinnig hielt, bis ihn in der pfadlosen Wildnis die eigene Stimme wie ein unheimliches Etwas erschreckte.

Im dichten Gebüsch zu suchen wäre unmöglich gewesen, da die Dunkelheit jede Flucht begünstigt haben würde, und da sich der Fliehende in nächster Nähe hätte verstecken können, ohne gesehen zu werden. Wer war er überhaupt? – ein Mensch oder ein Gebilde des wachen Traumes, ein Schatten, den die Mondstrahlen neckisch hervorgezaubert? –

Robert wußte es nicht. Er glaubte bestimmt, die Erscheinung gesehen zu haben, aber dennoch, woher sollte sie gekommen sein und warum sollte sie sich verbergen wollen?

Wenn die Piraten den Schlupfwinkel ihres entflohenen Opfers wirklich aufgespürt hätten, so würden sie keinesfalls zögern, sich mit offener Gewalt des Raubes zu versichern und den lästigen Zeugen dieser Unternehmung beiseite zu schaffen. Wen sollten sie auch fürchten? Was sollte sie verhindern, einen wehrlosen Knaben zu töten, nachdem sie bereits eine ganze Schiffsmannschaft hatten verschwinden lassen?

Die Insel war klein, vielleicht eine bis anderthalb Meilen im Durchmesser, und kaum so lang als breit. Robert hatte sich auf seinem letzten Ausfluge völlig überzeugt, daß sich hier keine Ansiedelung vorfand, daß er der einzige Bewohner war, und daß das nächste benachbarte Eiland etwa auf Kanonenschußweite entfernt lag.

Woher sollte also jener Seemann gekommen sein? Ein Unglücklicher, ein Schiffbrüchiger war er ja keinesfalls, da ihm sonst nicht in den Sinn gekommen wäre zu entfliehen.

Robert schüttelte den Kopf. Er hatte so lebhaft an das entschwundene Schiff gedacht, daß sein Auge Gestalten erblickte, die in Wirklichkeit nicht vorhanden waren. Und doch berührte ihn dieser kleine Zwischenfall äußerst unangenehm. Er schob eine Kiste vor die Tür, ehe er sich zum Schlafen hinlegte, und konnte auch dann noch während längerer Zeit kein Auge schließen. Unwillkürlich horchte er, ob nicht irgend ein Geräusch die Wiederkehr des Unbekannten verraten werde, aber alles blieb still wie am ersten Schöpfungstage.

»Hätte ich Pikas hier!« dachte Robert, »hätte ich nur irgend ein lebendes Wesen, und wäre es ein dummes kleines Vögelchen, Aber so ganz allein, das ist schrecklich.«

Er wälzte sich unruhig auf dem heißen Lager und schlief erst gegen Morgen ein. Als dann die Sonne hoch am Himmel stand, machte er sich daran, die ganze nächste Umgebung der Höhle genau zu untersuchen, aber ohne einen besseren Erfolg als am vorigen Abend. Es war keine Spur eines menschlichen Daseins aufzufinden, kein Anzeichen, daß hier jemand über den Weg gegangen.

Robert wanderte bis an den Strand, überblickte das Meer nach allen Richtungen, forschte auch an der Küste des gegenüberliegenden Eilandes mit spähenden Blicken nach einem Schiff oder Boot, aber nichts zeigte sich dem suchenden Auge, keinen Laut vernahm das Ohr.

Robert wandte sich seiner Niederlassung wieder zu. Er war jetzt vollkommen überzeugt, in der verwichenen Nacht nur besonders lebhaft geträumt oder gar gefiebert zu haben und gab seufzend die letzte Hoffnung verloren. Jetzt galt es für den Augenblick sich einen neuen Anzug zu fertigen, daran allein mußte er denken, obgleich es ihm lieber gewesen wäre, sich wieder hinzulegen und in den Tag hineinzuschlafen.

Er wählte aus dem reichlichen Vorrat aller möglichen Stoffe den dunkelsten und haltbarsten aus, dann schnitt er einen langen Streifen Segeltuch, nahm an seiner eigenen Person das Maß und begann nun mit dem Taschenmesser auf einer Kiste zuzuschneiden. Anstatt der Knöpfe würde er Bindfaden verwenden müssen, das ließ sich nicht ändern, und Futter gab es auch nicht. Aber dennoch war alles besser als die Lumpen, welche er jetzt trug, und nachdem die mühevolle Arbeit des Zuschneidens beendet, nahm unser Freund eine Rolle Bindgarn, das er aufdrehte, bis der Faden zum Nähen verwendbar erschien; dann holte er seine künstliche Nadel herbei und fädelte ein.

Aber an das Mittagsessen mußte ja auch gedacht werden, obwohl Robert nur wenig Hunger verspürte. Er machte also Feuer, setzte Fleisch und Bohnen hinzu und teilte gewissenhaft seine Aufmerksamkeit zwischen dem werdenden Gerichte und den werdenden Beinkleidern. Ach, wie das langsam vonstatten ging, wie oft der Faden riß und wie groß die Stiche wurden!

Aber es hielt zusammen, und das war die Hauptsache. Robert behandelte seine Fischgräte, als sei sie ein Diamant von unschätzbarem Werte; er zog sorgsam jeden Faden empor, immer in der Furcht, das mühsam hergestellte Nadelöhr plötzlich zerbrechen zu sehen, er bohrte, wo der Stoff doppelt und dreifach übereinander lag, mit andern rohen Gräten erst ein Loch hinein, bevor der Stich gewagt wurde. Dazwischen legte er Holz zum Feuer, schäumte seine Suppe ab und goß von Zeit zu Zeit etwas Wasser nach, – alles, ohne daran Freude zu haben.

Seine Gedanken umschwebten fortwährend das Schiff, wie er es so nahe an der Küste gesehen, so ganz nahe im gelben Schimmer der Blitze, daß selbst die Menschen klar erkennbar wurden, daß er deutlich den Mann am Steuer und den bei der Kanone unterscheiden konnte. Warum mußte es tiefe Nacht sein, während die Rettung fast mit der Hand zu erreichen war?

Robert stützte müßig den Kopf gegen einen Baumstamm. Er schloß die Augen und wünschte, daß ihn der Tod erlösen möge. Ich bin krank, dachte er, ich werde bald noch elender sein und dann ganz verlassen, ganz allein im menschenleeren Walde sterben! – Wenn es nur nicht allzu langsam geht.

Als er nach einer Pause die Augen öffnete, war das Feuer erloschen, und der Geruch seiner Speisen belehrte ihn, daß es Zeit sei zu essen. Er nahm aber nur einige Löffel voll, dann stellte er das übrige bei Seite und nähte emsig fort, um noch vor Abend das angefangene Kleidungsstück zu beenden. Zum Strande wollte er nicht erst hinabgehen. Weshalb auch? Die Schiffe fuhren vorüber, sobald er fern war, und nur wenn seine Blicke voll Sehnsucht und Verlangen den blauen Ozean um Erlösung zu stehen schienen, – nur dann blieb alles still und leer.

Er begriff nicht mehr, warum er sich mit so großer Mühe den Ausguck auf dem Mangobaum hergestellt, warum er überhaupt irgend etwas anderes getan hatte, als sich hinzulegen und zu sterben. Schon hatten die Erbsen und anderen Hülsenfrüchte einen verdorbenen Geschmack angenommen, schon zeigte sich an der Außenseite der Fässer ein leichter Schimmel, und das Brot ging zur Neige, weil ein so großer Teil davon durch den Regen vernichtet worden war, – der Tod grinste ihm also aus hohlen Augen von allen Seiten entgegen.

Eine sonderbare Angst bemächtigte sich seiner Seele. Ganz ohne Widerstand durfte er sich nicht ergeben, das fühlte er, sonst war es bald um ihn geschehen. Diese Stimmung lähmte alle Kräfte.

Er raffte sich auf und nähte weiter, bis die Dämmerung herabsank. Nun war das Beinkleid fertig, – morgen kam die Jacke daran und dann noch ein neues Wollhemd, um das alte gelegentlich im Bache waschen zu können. Baden mochte Robert nicht, er dachte mit einer Art von Grauen an die Kälte des Wassers.

Während dieser Nacht schlief er besser und befand sich auch am andern Tage leidlich wohl, obgleich er noch immer nicht wieder an den Strand hinabging. Abwechselnd nähend und die entstandene Verwüstung wieder ausgleichend, verbrachte er in einer Art von geistiger Untätigkeit die Stunden, nicht allein während dieses, sondern auch wahrend einer ganzen Reihe weiterer Tage. Der Palmenstamm hatte jetzt bereits achtzehn Kerben aufzuweisen, Brot und Fleisch waren verzehrt, der Rest des Speckes verdorben und die Hülsenfrüchte gänzlich ungenießbar geworden, aber Robert empfand dennoch keinen Mangel. Er lebte nur von Wasser und etwas Wein, ohne jemals Hunger zu fühlen. Seine Kräfte wurden allmählich geringer, seine Nächte immer unruhiger. In dem schwarzen, überall schlotternden und wunderlich geformten Anzuge, blaß und abgemagert, erkannte er kaum sein eigenes Bild, so oft er es im Flusse betrachtete.

Lange Stunden verbrachte er täglich halb schlafend, halb seinen trüben Gedanken zur Beute in den Zweigen des Mangobaumes am Ufer. Zu tun gab es ja für ihn jetzt nichts mehr, und auch die Jagd hatte er vernachlässigt. Warum harmlose Tiere töten, da er sie doch nicht essen konnte?

Seine Blicke schweiften über das Wasser und seine Gedanken verwirrten sich zuweilen unmerklich. Er spähte nach dem Schiff, dessen Erscheinen ihn krank gemacht, er sah im Geiste immer vor sich diese weißen Segel und hörte die rollenden Donner des Geschützes. – –

Zu Hause auf dem Mooslager nahm halbe Betäubung seine Sinne gefangen. Er dachte an die Heimat, an die Kameraden vom Schiff und an jene entsetzliche Nacht, als Mord und Tod auf dem Verdeck der »Antje-Marie« ihre blutigen Häupter erhoben, als er hierher schwamm an diesen gastlichen Strand, der ihm zum Grabe werden sollte. – –

Dreiundzwanzig Kerben zeigte der Stamm. Robert war nicht am Meeresufer gewesen, seine Kräfte hatten für den weiten Weg nicht ausgereicht; er saß vor der Tür seiner Höhle, gegen den Erdwall gelehnt, und hielt die Augen im Halbschlummer geschlossen. Stunde nach Stunde verrann, er scheute sich aufzustehen und blieb in der einmal gewählten bequemen Stellung sitzen. Heute war der Mond hinter Wolken versteckt, kein Strahl erhellte den kleinen freien Platz, aber Roberts Augen hatten sich dergestalt an die Dunkelheit gewöhnt, daß sie jeden Baum, jeden einzelnen Zweig deutlich unterschieden.

Er wachte mit geschlossenen Lidern. Seine Gedanken wanderten. Da rauschte es hinter ihm, wie wenn Gebüsche gestreift und zurückgebogen würden. Ein Schatten fiel über den Rasen.

Robert öffnete die

Augen. Ohne sich zu bewegen, ohne ein Glied zu rühren, sah er hinüber zu der Stelle, von woher jener Laut gekommen.

Der Mann in Schiffertracht stand wieder keine fünf Schritte weit entfernt von ihm. Er hielt in der Hand etwas wie eine Pistole oder ein Arbeitsgerät. Robert war jetzt überzeugt, einen Menschen vor sich zu sehen. Er konnte sich nicht täuschen, – das war ein Mann von Fleisch und Blut, aber kein Fiebergebilde, kein Gaukelspiel neckender Traume.

Er drehte langsam den Kopf. »Im Namen Gottes,« sagte er, »wer Sie auch sein mögen, geben Sie mir eine Antwort!«

Aber noch hatte er die Worte nicht ausgesprochen, als der Unbekannte zwischen den Gebüschen verschwand, lautlos, ohne sich umzusehen, ohne eine Silbe zu antworten, wie er gekommen war. Das alles vollzog sich binnen weniger als einer Minute, ging gedankenschnell vorüber und hinterließ keine andere Spur als die des Schauderns, des Erschreckens in Roberts Seele. War das der Geist eines seiner Kameraden von der »Antje-Marie«? – Wollte ihn der Tote rufen, ihn den übrigen nachholen in das stille Grab? –

Er suchte nicht, forschte nicht, wo die Erscheinung geblieben. Aber ihn dürstete heftig; Hitze und Kälte wechselten in seinen Adern, – er tastete nach dem Wasserbehälter, um zu trinken. Der war leer. Robert hatte es vergessen ihn am Tage neu zu füllen.

Ermattet kroch er in die Höhle und streckte sich auf sein Lager. Zum Bach zu gelangen war in der Finsternis unmöglich, daher mußte er ohne einen kühlenden Trunk einzuschlafen suchen. Jetzt schüttelte heftiges Fieber seine Glieder, er begann irre zu reden und sich mit dem nächtlichen, geheimnisvollen Besucher zu unterhalten. Mohr,« flüsterte er, »alter Onkel Mohr, du bist es, ich sehe dich wohl, und ich weiß, daß du mich zu dir rufen willst in das Grab, welches ich gegraben. Aber warum sprichst du nicht mit mir, lieber Onkel Mohr, – ich möchte so gern, so gern einmal wieder eine menschliche Stimme hören.«

Eine Pause entstand. Robert warf den Kopf von einer Seite zur andern. Er seufzte tief, wie erleichtert. »In Pinneberg bist du gewesen, Onkel Mohr? Und du sagst, daß sie mir nicht zürnen, daß sie mich noch lieb haben und mich wie einen Toten betrauern? – Aber wo blieb denn mein Brief? – Den haben die Fischer verloren, wie ich das Schiff verlor, das große schöne Schiff, welches ich unablässig suche, so lange schon und so sehnsüchtig. Das Meer ist tückisch, es hat mir das eine Fahrzeug geraubt, und es besitzt doch so viele, viele, – warum durfte ich nie das meinige wiederfinden?«

Er schluchzte im Traum, und dann wurde alles still. Das Fieber schüttelte ihn, kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, das Bewußtsein war vollständig dahin. – –

Am nächsten Morgen erwachte er mit dumpfem Kopfschmerz und an allen Gliedern wie zerschlagen. Während der Frühstunden, wenn die gesamte Lebenstätigkeit des menschlichen Körpers am ruhigsten ist, pflegt das Fieber meistens in seiner Heftigkeit nachzulassen, so auch hier, wo Robert mit klarer Besinnung, obgleich schwer krank, sich vom Lager aufrichtete. Er kroch mühsam hinaus ins Freie und schlich, an jedem Baume einen Halt suchend, bis zum Bach, um erst einmal die dürstenden Lippen durch einen frischen Trunk zu kühlen; dann setzte er sich in den Sonnenschein und lehnte den Kopf an die Palme, welche heute den fünfundzwanzigsten Einschnitt hätte erhalten sollen. Er konnte ihn nicht hineinkerben, die Anstrengung wäre zu stark gewesen.

Auch das Gedächtnis hatte sich halb und halb umflort. Er wußte nicht mit Sicherheit, ob ihm von der Erscheinung dieser Nacht nur geträumt, oder ob er dieselbe in der Tat vor sich gesehen hatte. Dort hinten, bei den zehn großen Kisten mit Wein, dort hatte es gestanden, nun schon zweimal, – gewiß, es war der Tod, welcher ihn zu holen kam.

Ein Frösteln schlich durch seine Adern. Selbst die Sonne mit ihren glühenden, versengenden Strahlen konnte ihn nicht mehr erwärmen, – seine Finger waren weiß, wie die einer Leiche, und das unangenehme Zittern wollte gar nicht aufhören.

Ich möchte ein paar Tropfen Wein trinken, dachte er schaudernd, und dann werde ich mich wieder hinlegen, um zu sterben. Die Fingerspitzen sind, glaube ich, schon tot.

Er befühlte mit der rechten Hand die Finger der linken. Beides steif und kalt, dachte er. O, wie ich mich auf den Wein freue!

Er schleppte sich mit Mühe bis zu den Kisten und öffnete die obere. Sie war leer.

Robert griff an seine Stirn. Er hatte nach oberflächlicher Berechnung vielleicht vier Flaschen ausgetrunken, in der Kiste aber befanden sich deren fünfundzwanzig. Wie kam das?

Doch gleichviel. Es kümmerte ihn nicht mehr, ob diese Flaschen vorhanden gewesen oder ob er sich vielleicht in ihrer Anzahl geirrt. Er warf mit Aufbietung aller seiner Kräfte die leere Kiste herab und öffnete die zweite.

Alles leer.

Plötzliche Glut schoß durch Roberts ermatteten Körper. Fieberhaft erregt entfernte er Deckel nach Deckel, bis alle zehn Kisten offen vor ihm dastanden.

Alles leer.

Die Erscheinung, welche er zweimal gerade an dieser Stelle gesehen, war also doch kein Geist, kein Schattenbild gewesen, sondern ein Mensch, der allnächtlich hierherkam, um zu stehlen, ein Dieb, der dem Verschmachtenden die letzte Labung geraubt hatte.

Aber wer? wer?

Es brauste vor den Ohren des Knaben. Seine Sinne verwirrten sich, er glitt an den Kisten langsam zu Boden und blieb bewußtlos liegen.

Es war am Abend des zweiten Tages nach diesem. Heller silberner Mondschein überflutete den Wald und färbte mit weißem Licht die ragenden Wipfel. Auch bis vor den Raum der kleinen Hütte drangen die zitternden Strahlen, spiegelten sich im Bache und gaukelten auf dem Moosboden um die stille Gestalt, welche dort ausgestreckt lag. – – –

So weiß die Stirn und so regungslos der herabgesunkene Arm. War der Tod in heimlicher Mitternachtsstunde gekommen und hatte die Lippen des Knaben mit sanftem Kusse berührt, hatte den Verlassenen auf leisen Schwingen emporgetragen in das Reich des Lichtes? – – –

Fast schien es so. Emsige Käfer und Spinnen krochen über seine Hände, spielend huschte der Wind durch das langgewordene Haar, neugierig wagte sich ein Vögelchen bis an das blasse Gesicht heran, und nahe über ihn hin streiften die Cucullos, die kleinen Feuerfliegen, deren phosphorisches Leuchten auf Augenblicke seine eingefallenen Züge deutlich erkennen ließ, – sie setzten sich auf seine Brust, seine Stirn, sie gaukelten an den geschlossenen Augen vorüber, blendend und prickelnd, – er sah es nicht.

Die Palmen rauschten, die Blumen dufteten im Nachtwind, still, ganz still war es rings um den einsamen Schläfer – – Hatte ihn wirklich der Tod geküßt?

Durch den Wald kamen drei Männer, die neben sich einen vierten mit gebundenen Händen als Gefangenen zu führen schienen. Sie trugen sämtlich Fischerkleider, aber in den Gürteln steckten breite Messer und auf den Schultern lagen kurze Musketen.

»Wirklich,« sagte in spanischer Sprache der Gefangene, »ihr irrt, Kameraden. Ich bin unschuldig an dem Verbrechen, welches mir zur Last gelegt wird, ich weiß von nichts und habe diese Insel nie betreten. Ihr seht ja, daß hier weder Wege noch Stege zu finden sind,«

Einer der Bewaffneten deutete auf die Axthiebe, welche Robert den Bäumen beigebracht. »Mir wollte soeben scheinen, daß hier ganz kürzlich jemand gegangen sein müsse!« antwortete er mit finsterem Tone. »Du tätest besser, zu gestehen, Bursche!«

»Ich habe nichts zu gestehen!« beharrte der andere. »Was hätte es mir auch nützen können, in eurem Boote eine öde unbewohnte Insel aufzusuchen? Diego haßt mich, daher hängt er mir die sinnlose Verleumdung an.«

Der erste Sprecher deutete jetzt auf Fußspuren, welche im Sande völlig erkennbar dalagen, »Was ist das?« fragte er. »Ich glaube, deine Stiefel passen merkwürdig genau hinein, du Scheinheiliger!«

Der Gefangene erschrak sichtlich. »Ach, das ist ein Irrtum, Rafaele,« versetzte er dennoch rasch, »Du bist ungerecht, du willst mich aus eurer Mitte entfernen, und doch habe ich dir nichts zuleide getan. Aber wir müssen uns mehr links halten, – rechts befindet sich ein Sumpf!«

»Ach! – und ich glaubte, du habest die Insel niemals betreten, Bursche?«

Der Gefangene biß sich auf die Lippen. »Caracho!« murmelte er leise.

»Nicht wahr?« lachte der andere. »Da hast du dich schön verschnappt. Aber das schadet nicht weiter. Auf jeden Verrat steht der Tod, und – ein Leben hast du ja nur zu verlieren.«

Der Gefangene erschien im Mondlicht so blaß wie Kreide. »Mehr links!« stammelte er, »mehr links, oder wir geraten in den Sumpf.«

»Der übrigens schon weit hinter uns liegt,« ergänzte kaltblütig Rafaele. »Du mußt wissen, daß wir früher einmal ein Jahr lang auf dieser Insel wohnten, – du Verräter.«

Jetzt schwieg der Gefesselte. Er schien nach dem fehlgeschlagenen Versuch, seine Wächter zu täuschen, sich in das Schicksal, welches ihn erwartete, stumm ergeben zu wollen, wenigstens sprach er nicht weiter, sondern schauderte nur unwillkürlich, als er sich mit seinen Begleitern dicht vor Roberts Ansiedelung befand.

Der andere hatte ihn beobachtet. »Gestehe!« drängte er, »was tatest du hier? Leben Menschen auf dieser Insel?«

Der Gefangene versuchte es, die gefesselten Hände zu falten, »Gnade!« preßte er hervor, »Gnade, und ich will euch alles sagen!«

Der dritte der Männer

ließ in diesem Augenblick einen kurzen Ausruf hören. Gedankenschnell legte er die Muskete schußgerecht.

»Dort ist eine Wohnung!« raunte er.

Der erste packte mit festem Griff die Schulter des Gefangenen. »Jetzt sprich,« zischte er, »oder du sollst mein Messer zwischen den Rippen fühlen, ehe du Zeit hast, ein Vaterunser zu beten. Wer befindet sich in jener Höhle?«

Der Gefesselte zitterte an allen Gliedern. »Ein Knabe,« stammelte er, »bei meiner Seele Seligkeit, ein einzelner Knabe!«

»Und du, was tatest du hier? Ohne Zweifel hinterbrachtest du ihm unsere sämtlichen Geheimnisse, schmiedetest Komplotte mit ihm, und – –«

»Er sah mich nie! – Er ahnt nicht, daß ich jemals in seiner Nähe war.«

»Caracho! – Was wolltest du denn hier?«

Der Elende fiel auf die Kniee und bat um Gnade. »Ich wußte, daß Vorräte von Wein auf dieser Insel lagerten,« stammelte er, »ich nahm ihn, da er niemand gehörte. Das ist alles, Rafaele, ich schwöre es dir, das ist alles!«

Der Fischer schüttelte zweifelnd den Kopf. »Um zu trinken, fuhrst du in jeder Nacht hierher?« fragte er. »Das ist undenkbar.«

»Gnade!« winselte der Gefangene, »Gnade. Es ist so, wie ich sagte.«

Der Fischer stieß den Knieenden verächtlich mit dem Fuße von sich. »Da bleibst du liegen,« herrschte er. Und dann, sich an die beiden übrigen wendend, fragte er leise: »Was habt ihr entdeckt?«

Der eine richtete sich langsam auf. »Es ist, wie der Jammermensch dort behauptet,« nickte er. »Nur ein Knabe und noch dazu ein toter, glaube ich, ist in der Umgebung zu finden.«

Rafaele schien erleichtert aufzuatmen. Wahrscheinlich stimmte es ihn milder, daß offenbar keine Verräterei stattgefunden hatte, und daß also auch keine Gefahr für die Sicherheit seiner eigenen Person zu befürchten war.

Er beugte sich über den leblosen Körper des Knaben und beleuchtete mit einem Streichholz das blasse Gesicht. Ein unmerkliches Zucken ging über die erstarrten Züge. »Das unglückliche Kind lebt!« sagte er nach einer kurzen Pause. »Was beginnen wir mit ihm?«

Beide andere sahen ihn bedeutsam an. »Die Toten plaudern nichts aus!« versetzte dann mit etwas unsicherer Stimme der eine.

»Das ist wahr!« bestätigte der zweite. »Und dennoch – ein Bewußtloser – –«

»Und ein Knabe obendrein!« ergänzte Rafaele. »Bei San Jago, man ist zwar ein Bukanier, man zwingt häufig die Schiffe, ihre Ladung zum Strandgut werden zu lassen, und man stopft das Maul, welches durch sein Geschrei Aufsehen erregen könnte, aber –«

»Das tat nur die Ungerechtigkeit des Schicksals, welches den reichen Leuten alles in den Schoß wirft und dafür die Armen bestiehlt,« fügte mit würdevollem Tone der zweite hinzu. »Wir können einst verantworten, was uns die Notwehr gebietet, denke ich.«

Rafaele, augenscheinlich der Anführer des sauberen Kleeblattes, nickte langsam mit dem Kopfe. »Wir töten keine Kinder,« sagte er. »Wir nehmen diesen Burschen mit uns, und wenn er zum Bewußtsein zurückgekehrt ist, wenn wir erfahren, wieviel von dem Schicksal seiner Genossen er weiß, so wird sich entscheiden, ob er fortleben darf oder nicht.«

»Jetzt bringt mir die Memme dort, den zitternden Feigling,« fügte er, auf den Gefangenen deutend, hinzu. »Wir wollen an Ort und Stelle Gericht halten.

Einige unsanfte Stöße mit dem Kolben beförderten den Gefesselten in die Nähe seiner Richter. Nur ein einziges Wort murmelten die blassen bebenden Lippen: »Gnade!«

»Schweig!« herrschte Rafaele. »Du wirst antworten, wenn ich dich frage, sonst aber keine Silbe sprechen. – Ist dieser Junge von der Besatzung der »Antje-Marie? Und wußtest du, daß er sich auf dieser Insel befand?«

»Ja, ja! – Um der heiligen Jungfrau willen, tötet mich nicht!«

»Sind noch mehr Waren hier, außer dem gestohlenen Wein? Und zu welchem Zweck wurden sie auf die Insel geschafft?«

»Um sie euren Blicken zu entziehen. Es sind ungezählte Massen von kostbaren Seidenstoffen und Spitzen hier verborgen.«

Alle drei Piraten ließen zugleich einen halberstickten Ausruf hören. »Das ist natürlich inzwischen durch den Regen alles verdorben,« meinte Rafaele. »Und du Verräter, du meineidiger Schuft, weshalb verhehltest du uns deine Kenntnis dieses Umstandes?«

»Weil ihr sonst auch den Wein beansprucht und verkauft haben würdet!«

»Tier!« sagte im Tone äußerster Verachtung Rafaele. »Bestie ohne Herz und Gewissen, gleich treulos gegen den Kameraden von deinem Schiffe und gegen die Genossenschaft, zu welcher du im Augenblick zählst. Um zu trinken, um deine schmutzige, erbärmliche Seele zu berauschen, stahlst du uns vielleicht Tausende und verurteiltest gleichzeitig den wehrlosen Knaben, fast einen Monat lang in der Einöde zu leben; du raubtest ihm den Wein, der sein Leben fristen konnte, du fragtest nicht, ob der Unglückliche noch irgend etwas Genießbares besaß, du fühltest kein Erbarmen, als du ihn sterbend zu deinen Füßen sahst, – du trankst nur, trankst! Sprich jetzt, weißt du, was dir bevorsteht?«

Der Unglückliche antwortete nicht. Kalter Schweiß rann über sein Gesicht herab, die gefesselten Hände zuckten und die ausgetrocknete Kehle rang vergeblich nach einem Laut.

»Du hast bei deiner Aufnahme in unsere Gesellschaft den Eid der Treue geschworen,« fuhr Rafaele fort, »du hast gelobt, kein persönliches Eigentum zu besitzen und kein Geheimnis für dich zu behalten – und diese Eide hast du gebrochen. Was erwartet dich also?«

Wieder kam keine Antwort von den Lippen des Gefesselten. Er war auf seine Kniee gesunken, entnervt und kraftlos durch das schreckliche Laster, dem Leib und Seele zugleich verfallen.

»Deiner harrt der Tod!« sagte nachdrücklich Rafaele. »Wir werden dir messen, wie du gemessen hast. Auf, Kameraden, wählt in einiger Entfernung einen schlanken Stamm und bindet den Elenden so, daß er sich nicht zu befreien vermag. Dann sucht, ob noch Wein oder Rum zu finden ist.«

»Dergleichen haben wir bereits entdeckt,« antwortete einer seiner Begleiter. »Hier stehen mehrere kleine Kisten mit Rum, der den Blicken des Liebhabers ganz entgangen sein muß.«

»Gut. So führt aus, was ich euch befahl.«

Die beiden Räuber nahmen den Gefangenen, der wie eine trage Masse in ihren Armen hing, zwischen sich und führten den Widerstandslosen in das nächste Dickicht, wo sie ihn an einer jungen Palme befestigten. Sechsfache Seile umschnürten den Körper, dessen Arme frei blieben, dem aber jede, auch die geringste Bewegung unmöglich gemacht war.

Rafaele nahm aus der Kiste sechs Flaschen Rum, die er neben den Baum stellte. Es folgte jetzt ein ebenso schauerlicher, als in seiner Weise feierlicher Auftritt. Ob auch der verurteilende Richter ein Räuber war und der arme Sünder kein größerer Verbrecher als er selbst, ob auch diese Justiz in Nacht und Waldesdunkel fern von aller menschlichen Gerechtigkeitspflege als Willkürhandlung vollzogen wurde, so erfüllte sich dennoch auch hier ein Spruch der ewigen Gerechtigkeit, so wurde in roher aber gerechter Form eine Ruchlosigkeit bestraft.

»Wie du gemessen hast, so soll dir gemessen werden!« sagte feierlich der Anführer der Räuber, »Wie du deinen hilflosen Kameraden verlassen, so verlassen wir dich; wie du alles verleugnet hast, um zu trinken, so verstoßen wir dich aus unserer Nähe und überliefern dich dem Tode durch das Mittel, welches du selbst gewählt. Trinke bis du stirbst!«

Er hielt inne und prüfte mit Auge und Hand die Festigkeit der Seile. Helles Mondlicht fiel auf die grauenhafte Gruppe der bewaffneten Räuber und des in sich zusammengesunkenen, gefesselten Verräters. Auch hier umflatterten mit den grünen, wie in Smaragdfeuer glühenden Flügeln die Cucullos ein bleiches, totenähnliches Antlitz.

»Hast du noch etwas zu sagen?« fragte Rafaele. »Kein menschliches Ohr wird jemals wieder deine Stimme vernehmen, kein menschliches Auge wird dich sehen, – also sprich, wenn noch irgend ein Bekenntnis deine Seele foltert, wenn es irgend eine Botschaft für dich auszurichten gibt.«

Der Verurteilte sah starren Blickes von einem seiner Henker zum anderen. Die Lippen bewegten sich, aber kein Laut wurde hörbar.

»Auf!« gebot Rafaele. »Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.«

Die drei wandten sich zum Gehen, – da tönte ein heiserer Schrei aus der Brust des Gefesselten. Seine Arme griffen in die leere Luft, ein verzweifeltes Keuchen brach über die aschfahlen Lippen,

»Gnade! – Gnade!«

Keiner der Bukaniere beachtete die entsetzlichen Laute. Sie gingen mit schnellen Schritten zu Roberts Ansiedelung zurück und überließen den Gerichteten der ganzen wahnwitzigen Verzweiflung, welche ihn durchströmte.

Er hatte sich selbst verurteilt, selbst aus den Reihen der Menschen gestrichen, des einen zerstörenden, höllischen Lasters wegen, – Gallego, der Schiffskoch, dem es gelungen war, seine Landsleute für sich zu gewinnen, und anstatt ihr Opfer vielmehr ihr Genosse zu werden; Gallego, der im Leben nur ein Glück kannte: zu trinken, – und der sterben mußte um des Trunkes willen.

Leise schaukelnd glitt das Boot über die Wellen. Ein paar Decken, unter Roberts Kopf gelegt, einige Tropfen Branntwein, ihm mühsam eingeflößt, und außerdem der frische, seine brennende Stirn umspielende Seewind hatten im Verein die fliehenden Lebensgeister zurückgerufen. Er war noch ohne Besinnung, aber die Gedanken begannen sich zu regen und einzelne abgebrochene Worte drangen über seine Lippen.

»Das Schiff? Wo ist das Schiff? – Als ich wieder hinübersah, war es fort. – Soll es niemals – niemals zurückkehren?«

Die drei Bukaniere saßen im tiefsten Schweigen. Sie wagten kaum, ihre Blicke zu erheben, kaum in dies jugendliche, von den Schatten des Todes schon berührte Antlitz zu sehen. Vielleicht war ihnen das Abscheuliche ihres Berufes nie so deutlich vor die Seele geführt worden, als eben durch jene unbewußten Worte des kranken Knaben. Sie mußten glauben, daß er mit dem verlorenen Schiff die Galliote gemeint, und sie wußten es ja nur zu gut, was aus derselben geworden und wie sie das alte, unbrauchbare Fahrzeug auf den Strand gezogen und zu Brennholz zerschlagen hatten.

Es war, als ob sich unter dem Schlamme in den Seelen dieser abgehärteten Verbrecher doch noch ein Etwas befand, das ehemals wahre Männlichkeit gewesen und das unwillkürlich aus langem Schlummer erwachte, als sie diesen halbverhungerten, durch ihre Schuld zum Gerippe abgemagerten und dem Tode überlieferten Knaben erblickten. Sie dachten vielleicht der eigenen schuldlosen Jugend, des langen Weges voll Verbrechen und Sünde, des Müßigganges und des ersten Fehltrittes, die weiter geführt hatten auf abschüssiger Bahn, immer weiter bis zu Raub und Mord. – Es ist ja ein anderes um Kampf und erbittertes Ringen Mann gegen Mann, als um den Blick auf ein wehrloses unglückliches Opfer, dessen brechendes Auge den Frevler vor Gott anzuklagen scheint.

Leise rückte der eine die Decken und leise glättete der andere das Haar über Roberts Stirn. Als man den Strand der größeren Insel erreicht hatte, trugen abwechselnd zwei Männer den Schwerkranken bis zu der hölzernen Hütte, welche die Bande als Wohnstätte benutzte. Hier legten sie ihn auf ein gutes, weiches Lager und bedeckten seine Stirn mit kalten Umschlägen. Der Koch mußte außerdem einen schweißtreibenden Tee zubereiten, welcher dem Patienten dargeboten wurde, so oft er Durst verspürte.

Das war im ganzen wenig heilkünstlerischer Aufwand, aber vielleicht gerade deswegen gelangte die unverdorbene Natur des Knaben am ehesten zu ihrem Rechte. Am neunten Tag nach jener Entdeckung, welche ihn seiner letzten Kräfte beraubte, kam endlich die Krisis, aus der Robert mit vollem Bewußtsein erwachte. Freilich war er so schwach, daß ihm die Lippen zitterten und daß er kaum den Kopf zu drehen vermochte, aber dennoch streifte sein Blick mit grenzenlosem Erstaunen die Umgebung.

Fenster von Glas, Türen mit Schlössern, eine wohleingerichtete Küche mit blankem Geschirr, rauchende, spielende Männer um einen Tisch versammelt, und auf demselben die Überreste einer leckeren Abendmahlzeit, – so bot sich das Innere der Hütte seinen forschenden Augen dar.

Hätten nicht wehende Baumzweige in die offenen Fenster einen Gruß hineingenickt, hätten nicht mehrere Nebengebäude und eine Anzahl großer Hunde das Gegenteil nur zu unverkennbar bezeugt, so würde Robert geglaubt haben, daß er sich noch an Bord der »Antje-Marie« befinde, daß alles, was dazwischenlag, nur ein schrecklicher, beängstigender Traum gewesen. Er versuchte es, sich der letzten Ereignisse deutlich zu erinnern, aber das ermattete Gehirn vertrug noch keine Anstrengung; er schlief nach wenigen Minuten wieder ein.

Als er am folgenden Morgen abermals erwachte, fühlte sich Robert kräftig genug, eine leise, kaum verständliche Frage auszusprechen: »Wo bin ich?«

Zwei der Bukaniere, welche gerade im Zimmer anwesend waren, wandten sich zu ihm. »Gut Freund, Kamerad,« antwortete einer. »Lieg du nur still und erhole dich, armer Kerl.«

Das verstand nun freilich unser Freund, da es in spanischer Sprache gesagt worden war, durchaus nicht, aber der Ton beruhigte ihn. Man hatte auf seine Fragen einen freundlichen Bescheid gegeben, das hörte er wohl.

Der Koch brachte ihm ein reichliches Frühstück, aus gekochten Fischen, Früchten, Reis und Braten bestehend, aber Robert konnte natürlich davon so gut wie gar nichts genießen, er war auch zu gespannt auf eine Erklärung des obschwebenden Geheimnisses, als daß er an irgend etwas anderes, als an diese hätte denken mögen. Die Männer, welche ihn umgaben, erkannte er auf den ersten Blick als die Räuber, unter deren Mörderfäusten seine Kameraden so traurig geendet, aber wie hatten ihn diese aufgefunden, und warum war nicht auch er gemordet worden?

Der Bukanier stellte noch verschiedene Fragen, die Robert weder verstand, noch beantworten konnte; auch Rafaele, der Anführer der Bande, kam und überzeugte sich, daß sein Gast der spanischen Sprache vollkommen unkundig sei, – am folgenden Tage aber erschien er wieder in Begleitung mehrerer anderer, unter denen einer das Deutsche so halb und halb zu radebrechen wußte.

Jetzt begann ein regelrechtes Verhör, bei dessen Verlauf unser Freund wohl fühlte, daß nur seine eigene Vorsicht und Klugheit ihm das Leben retten konnte. Sechs von diesen wildaussehenden, bewaffneten und schwarzbärtigen Filibustiern umstanden sein Lager und beobachteten ihn scharf, während er die gestellten Fragen beantwortete.

»Wann hast du die Galliote verlassen?« hieß es, »und weshalb?«

»Am Mittag,« antwortete Robert, »und auf Befehl des Kapitäns. Wir brachten Waren nach der Insel, wo dreie von uns auf einige Zeit zur Bedeckung bleiben sollten. Meine Kameraden ließen mich allein, um nochmals zu Schiffe zu fahren, aber sie kamen nicht zurück. Ich bitte Sie, liebe Herren, sagen Sie mir, wo sich die »Antje-Marie« gegenwärtig befindet?«

Die Bukaniere traten zusammen. Es entstand ein Murmeln und Beraten, bei dem auf Roberts Stirn der Schweiß in großen Tropfen perlte. Jetzt hing sein Leben an einem einzigen Haar, und überdies fühlte er in der Nähe dieser Verbrecher ein unbesiegliches Grauen. So allein und schutzlos unter Mördern, ihrer Willkür preisgegeben, vielleicht mit der Aussicht, an einen Baum gebunden und erschossen zu werden, oder als eine Art von Sklave für immer hier auf der Insel bleiben zu müssen, – das war mehr als beängstigend. Die großen Bluthunde mit den lechzenden Zungen und den rotunterlaufenen Augen umstanden wie Höllenwächter sein Lager, und die Piraten sprachen noch immer lebhaft in spanischer Mundart.

»Eine Kugel,« sagte der erste, »eine Kugel, Kameraden; das macht die Sache kurz.«

»Aber es ist ein unnötiges Blutvergießen, Danielo. Das Kind hat uns nichts zuleide getan, sein Tod bringt uns keinen Gewinn.«

Danielo pfiff spöttisch. »Und wofür hätte man die Priester?« fragte er, »wofür bezahlt man den Ablaß? Bei San Jago, wir opfern der Kirche genug, denke ich.«

»Aber weshalb sollte der Knabe sterben?«

»Damit er uns nicht verrät!«

»Er ahnt nichts, das hörst du ja. Und überdies sind wir Fischer, die ihren Erlaubnisschein von der Regierung gelöst haben. Jedermann weiß, daß wir hier wohnen, jedermann kennt die Strandgesetze, welche das geborgene, dem Meere entrissene Gut den Bergern zusprechen. Was fürchtest du also?«

»Daß der Schlingel lügt. Ich wollte wetten, ihn auf der Galliote gesehen zu haben. Er weiß genau, daß wir dort waren.«

Rafaele wandte sich wieder zu dem Dolmetscher und ließ durch diesen den Kranken fragen, ob er auf dem Schiff irgend welche fremde Männer gesehen habe. Robert antwortete sogleich der Wahrheit gemäß, daß er von dem Handel, welchen van Swieten mit einigen Fischern abgeschlossen, durch diesen selbst Kenntnis erhalten, und daß die Überführung der Waren auf das Eiland nur bewerkstelligt worden sei, um die Kostbarkeit der Ladung zu verbergen. »Der Kapitän wollte uns in ein paar Tagen nach der Havana abholen,« schloß er seinen Bericht.

»Und du weißt nicht, wohin er gegangen? Du hast das Schiff nicht wiedergesehen?«

»Nein.«

Rafaele wandte sich zu den übrigen. »Kameraden,« sagte er, »unsere Gesetze werden in jedem einzelnen Fall durch Stimmenmehrheit festgestellt, und dies gilt auch für diese Angelegenheit. Wollt ihr es, so wird der Knabe erschossen, ich aber mag damit nichts zu schaffen haben, sondern erkläre ein solches Todesurteil für Mord. Und nun entscheidet!«

Danielo hob die Hand. »Er sterbe,« sagte er mit festem Tone. »Nur die Toten sind ungefährlich, nur

ihrer ist man ganz sicher.«

Aber keiner außer ihm rührte sich. Rafaele war als Anführer zu beliebt und auch zu gefürchtet, um nicht durch seine Stimme die Sache von vornherein entschieden zu haben. Sämtliche Bukaniere schwiegen.

»Danielo,« sagte nach einer Pause der Räuber, »du hörst, daß sich niemand deiner Meinung anschließt. Der Knabe bleibt am Leben und bleibt hier, bis sich Gelegenheit findet, ihn auf ein Schiff zu setzen. Jetzt könnt ihr gehen.«

Die Bukaniere entfernten sich, und Robert blieb mit seinem Wärter, dem Koch, allein zurück, ohne über den Ausgang der Sache irgend etwas erfahren zu haben. Nach und nach aber beruhigte er sich doch, da man ihn fast gar nicht mehr beachtete, sondern ihn der langweiligen, müßigen Wiedergenesung überließ, ohne sich um die Fortschritte derselben zu bekümmern.

Nur Gomez, der Koch

schloß sich ihm allmählich an und lehrte ihn einzelne spanische Worte, die Robert mit deutschen Ausdrücken beantwortete, so daß aus der Unterhaltung dieser beiden ein Kauderwelsch entstand, wie es komischer wohl selten gehört worden ist.

Wenn der blasse, abgemagerte Kranke vor der Tür im Sonnenschein saß und mit langsamen, schwachen Bewegungen für seinen neuen Freund irgend eine kleine Dienstleistung verrichtete – das Gemüse putzte, Früchte schälte oder die Messer schliff – so brachte ihm Gomez heimlich ein gutes Glas Wein und ein gebratenes Huhn oder dergleichen, wobei dann das spanisch-deutsche Wörterbuch um manchen kostbaren Ausdruck bereichert wurde. Indessen die beiden verstanden einander, und das war genug, da sie fast immer allein die Insel bewohnten, Rafaele und seine Leute kamen zuweilen wochenlang nicht nach Hause, zuweilen nur für die Nächte, und wieder an anderen Tagen nur zum Mittagsessen; beständig aber mußte der Koch darauf vorbereitet sein, so oft es verlangt wurde, ein schmackhaftes Mahl herzurichten. Robert fah in einem der Nebengebäude eine Speisekammer, die für einen großstädtischen Gastwirt vollkommen ausgereicht haben würde. Frisches Geflügel, die feinsten Fische, Früchte, Gemüse und Weine, alles war vorhanden. Ganze Fässer voll Butter lagen im Schatten einer Erdhöhlung, ganze geschlachtete Kälber und Ochsen hingen an eisernen Haken. – Die Bukaniere vertauschten den Ertrag ihrer Fischerei im Hafen der Havana gegen anderweitige Lebensmittel und brachten nur dann einige jüdische Händler mit auf die Insel, wenn es solche Geschäfte galt, die im engsten Vertrauen der Käufer und Verkäufer abgeschlossen wurden. Schon längst waren die Seidenstoffe und Spitzen aus Roberts Niederlassung herübergeholt worden, und schon als der Knabe noch ohne Besinnung dalag, hatte man dieselben zu Gelde gemacht.

Er sah keine Überreste des unglücklichen alten Schiffes, und auf seine wiederholten Fragen hieß es, daß dasselbe zu Grunde gegangen sein müsse, niemand wisse davon. Robert war jetzt erst vollkommen überzeugt, daß seine sämtlichen Kameraden ermordet worden seien, aber er hatte Selbstbeherrschung genug, um das nicht öffentlich durchblicken zu lassen und erkundigte sich um desto angelegentlicher nach den Einzelheiten seiner Erlösung von der Insel.

Hätte ihm nicht der Koch den Namen Gallego genannt, so würde er die ganze, halb in Worten, halb durch lebhafte Bewegungen vorgetragene Erzählung kaum begriffen haben, so aber verstand er den inneren Zusammenhang derselben sogleich. Gomez schloß beide Augen, um anzudeuten, daß es dunkel gewesen sei, darauf schlich er unhörbar auf den Fußspitzen bis zu einigen Flaschen, die er eilends ergriff, unter den Arm schob, scheuen Blickes nach allen Seiten sah und dann mit denselben Katzenschritten davonhuschte.

Robert hatte ihn nur zu wohl verstanden. »Gallego,« sagte er, »Antje-Marie, nicht wahr?« – Dann machte er die Pantomime des Trinkens.

Der Koch nickte lebhaft und fuhr in seiner Erzählung fort, indem er mit gerecktem Oberkörper jemand nachzublicken schien. Seine Faust ballte sich. »Caracho!« murmelte er, »Dieb!«

Dann ergriff er ein Seil, stürzte sich auf den Reiserbesen, welcher in stiller Beschaulichkeit an der Tür lehnte, sah ihn mit rollenden Augen an und schnürte ihn gegen einen Pfahl. » Muertos!« rief er, » Muertos!« – und schloß wieder die Augen, um anzuzeigen, daß das Wort so viel als »Tod« bedeute.

Nachdem er sah, daß ihn Robert verstanden, legte er mit bezeichnendem Blick den Finger auf den Mund. » No hablan!« sagte er.

Robert schüttelte den Kopf. Die Kenntnis von dem Aufenthalt Gallegos unter der Bande hatte ihm ja unfehlbar das Leben kosten müssen, daher konnte der verschlagene Gomez vollkommen überzeugt sein, daß er schweigen würde wie das Grab.

Also der wüste Trinker, der Mann, den er schon in Hamburg mit scharfem Messer auf seinen Nebenmenschen hatte eindringen sehen, dieser Elende war es gewesen, der ihn durch das gespenstische, mitternächtliche Erscheinen auf der Insel so sehr erschreckt hatte, der von seiner verzweifelten Lage die genaueste Kenntnis besaß und dennoch aus schmutzigem Eigennutz nichts tat, um ihn zu trösten, ihn zu befreien oder ihm wenigstens beizustehen, als er krank vor seinen Füßen lag.

Robert schauderte. Der Unglückliche war tiefer gefallen, war mehr entmenscht, als selbst die kecken Mörder, welche mit erhobener Waffe ihr Opfer auf einen Schlag töteten.

Aber auch die Strafe war schrecklich gewesen. Robert vergab dem Gerichteten, was er ihm Leides getan und wünschte seiner Seele aufrichtig den ewigen Frieden. Er bat den Koch, an einem freien Tage mit ihm hinüber zu fahren nach der anderen Insel, die er aus mehr als einem Grunde vor seinem Abschied von dieser Gegend noch einmal wiederzusehen wünschte. Anfangs weigerte sich Gomez aus Furcht vor der Rache der übrigen, die immer noch gegen Robert ein heimliches Mißtrauen hegten, dann aber gab er nach, und als eines Tages die ganze Bande abwesend war, segelte er mit seinem jungen Schützling hinüber. Welch ein eigentümliches Gefühl war es für Robert, die Stätte wiederzusehen, an welcher er so schmerzlich gelitten und so bittere, hoffnungslose Stunden durchlebt hatte. Dort der Sumpf, an dessen Rand Freund Hein mit seiner Sense auf Haaresbreite hinter ihm gestanden; der Mangobaum, dessen Zweige ihm, als er ermattet zu unterliegen drohte, ein gastliches Asyl gewährt, und etwas weiter hin die Stelle, wo er das Krokodil getötet.

Mit Gomez ließ sich zu wenig sprechen, um solche Erinnerungen in Worte zu kleiden. Desto besser aber gelang das, als die kleine Niederlassung erreicht war. Der Koch streichelte voll Mitleid die eingefallenen Wangen des Knaben, und aus dem; was er in seiner lebhaften Sprechweise hervorsprudelte, entnahm Robert deutlich genug, daß er gegen die beiden plumpen Messingtöpfe aus der Kombüse der »Antje-Marie« sowie gegen die leere Tonne, in welcher das Pökelfleisch enthalten gewesen war, die unverhüllteste Nichtachtung ausdrücken wollte. Bei solcher Beköstigung konnte ja keine Gesundheit bestehen,

Robert sah noch einmal in die Höhle hinein, wo er fast einen Monat lang gewohnt hatte, und dann suchte sein Blick den einzigen Gegenstand, welchen er zur Erinnerung an diese Insel mit sich zu nehmen wünschte, die Nähnadel aus einer Fischgräte.

Er hatte längst aus dem reichlichen Vorrat der Flibustier einen neuen, anständigen Matrosenanzug erhalten, aber er wollte doch die Gräte, mit welcher er in höchster Not sich durchgeholfen, für immer verwahren, – ja, er hoffte in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als dies kleine selbstgefertigte Werkzeug dereinst noch seinem Vater zeigen und dem Alten beweisen zu können, daß sich das Krollsche Blut in der Stunde der Gefahr glänzend bewährt, daß es den Schneider dargetan habe, ohne Tisch, ohne Schere, ohne Bügeleisen, – nur mit einer Fischgräte.

Und richtig, da steckte sie. Zwischen zwei Brettern war ein kleiner freier Raum,

wohinein er sie damals gelegt und woselbst sie sich heute noch vorfand. Voll Freude verbarg er seinen Schatz in der Tasche, um dann nach einem letzten Abschiedsblick auf die Umgebung mit Gomez den Baum zu suchen, an welchem Gallego so trostlos geendet hatte.

Es dauerte, da die beiden Wanderer aufs Geratewohl hin das Gebüsch durchstreiften, ziemlich lange, bis die Richtstätte der Flibustier aufgefunden war. Ein schauerlicher Anblick bot sich jetzt dem Knaben und seinem Begleiter dar. An einer Palme, von Seilen umschnürt, stand aufrecht das Gerippe des Verurteilten. Bis auf die Knochen abgenagt von Geiern und Füchsen, weih gebleicht von den sengenden Strahlen der Sonne, – so sahen sie die letzten irdischen Überreste des Verblendeten, der um einer unseligen Leidenschaft willen sein eigener Henker geworden. Sämtliche sechs Flaschen Rum, welche Rafaele in die Nähe des Baumes gelegt, waren bis auf den letzten Tropfen leer, wahrscheinlich also hatte sich Gallego durch den maßlosen Genuß seines Lieblingsgetränkes einen ganz plötzlichen Tod zugezogen.

Stumm sahen die beiden einander an, und dann machte Robert eine halb unwillkürliche Bewegung, die der Spanier sofort mit lebhaften Gebärden beantwortete. Der eine hatte gesagt, »wir sollten doch die Gebeine begraben!« und der andere fragte, »aber womit? Einen Spaten haben wir ja nicht!«

Robert lief zurück zu seiner Höhle, um zum zweitenmal, seit ihn das Schicksal an diesen Strand geworfen hatte, den Spaten in die Hand zu nehmen und ein Grab zu graben. Die Flibustier hatten ja alles Gerat, was sich vorfand, unbeachtet liegen lassen.

Als er zurückkam, ergriff Gomez sofort das plumpe Werkzeug und sagte wieder mit seinen ausdrucksvollen Gebärden ganz verständlich, »gib her, armer Schelm, du hast ja keine Kräfte!«

Robert war sehr damit zufrieden. Er wünschte ohnehin für den letzten Besuch an Mohrs Grabe keinen Zeugen und entfernte sich daher, während Gomez grub, auf dem bekannten Wege, um zum Meeresufer zu gelangen. Als er hier das letzte Mal nach Hause oder an den Strand hinabging, war es im halben Fieber, in stumpfer frageloser Ergebung dem Unvermeidlichen gegenüber, – jetzt dagegen mit neuer Hoffnung, neuem Mute für die Zukunft. Ließen ihn die Räuber nicht gutwillig fort, so würde sich ja die Gelegenheit zur Flucht früher oder später finden. Er fühlte das Leben in seinen Adern täglich neu erstarken und gab nichts verloren.

Die Rettung von dieser Insel im Augenblicke der höchsten Gefahr, als Tod und Genesung mit gleicher Schwere einander bekämpften, – diese Rettung war ja fast ein Wunder zu nennen. Er fühlte die ganze volle Dankbarkeit gegen das Schicksal erst hier, wo er am verzweifeltsten gerungen hatte, wo jenes Schiff, das er in der Gewitternacht so nahe am Strande gesehen, seinen Blicken entschwunden war und ihn krank als eine Beute des heftigsten Nervenfiebers zurückgelassen hatte.

Ein Gesangbuchvers, den er vom Chor der kleinen heimatlichen Dorfkirche herab so oft mit seiner klaren Stimme angestimmt hatte, ein alter, vergessener Vers siel ihm hier am Ufer der entlegenen Infel plötzlich wieder ein, und er summte ihn halblaut vor sich hin, inniger und wärmer als jemals, seit er die Wahrheit desselben so tief empfunden:

Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.

Er glaubte nie die Schönheit der Natur so entzückend gesehen zu haben als heute, wo er nach langer, schwerer Krankheit den ersten Ausflug machte. Fast heiter gestimmt, obwohl seine Schritte einem Grabe zugelenkt waren, ging er vorwärts, um der letzten Schlummerstätte des alten Freundes ein Lebewohl zu sagen. Dort grünte und blühte es in allen Farben, dort murmelte das Wasser am überhangenden Ufer und warf spielend leichte Wellen an den blumigen Strand. Robert hatte Mühe, die Stelle wiederzufinden, so üppig war während der zwei Monate die Pflanzenwelt überall vorgedrungen. Aber er wußte doch, wo das müde Herz in Staub zerfiel, und von da pflückte er eine kleine weiße Blume, die zu der Fischgräte in das Taschenbuch wanderte, welches ihm Gomez geschenkt.

Der war gewiß schon ganz ermüdet und wunderte sich, daß ihm sein Gefährte so gar keinen Beistand leistete. Robert sah noch einmal zurück in das kleine Paradies dieser Stätte, der schönsten auf der Insel, er sah noch einmal über das Meer, und dann kehrte er sich ab, wehmütig und hoffnungsfroh zugleich. – Der gutmütige Gomez hatte, als er wieder bei ihm anlangte, das Gerippe des Gerichteten bereits mit einer leichten Erdschicht bedeckt, und so war denn der kleine Ausflug für diesmal beendet. Man fuhr zurück zu der Niederlassung der Räuber, wo Gomez vor allen Dingen eine tüchtige Mahlzeit auf den Tisch brachte. Robert hatte überhaupt nie in seinem Leben bessere Tage gehabt als gerade jetzt. Er wurde zu keiner bestimmten Arbeit gezwungen, sondern half nur, wo es anging, dem Koch und Pflegte den wohleingerichteten Garten, in welchem die Bande alles baute, was zur Vervollständigung einer seinen Küche dient. Außer den bekannten Gewürzkräutern und Gemüsen gab es dort Liebesäpfel, spanischen Pfeffer, Champignons, Pfefferminze und dergleichen mehr. Auch die Ananas und die Banane wuchsen in Fülle, ebenso hielten sich die Flibustier einen stark bevölkerten Hühnerhof, einige Schweine und Kühe. Nur Pferde hatte man nicht, weil eben keine Felder beackert wurden.

Robert war sozusagen der Herr und Gebieter aller dieser reichlichen Schatze eines bequemen, schwelgerischen Lebens. Die Flibustier kümmerten sich um ihr Heimwesen fast gar nicht und um den Verbleib der Eßwaren noch viel weniger. Sie schafften nur den Proviant in Massen herbei, während die Verwendung desselben dem Koch überlassen blieb. Auf ein anstrengendes, gefährliches Tagewerk sollte ein üppiges Mahl und ein guter Trunk folgen, das war es, was sie wollten und wofür sie lebten.

Die Speisekammer stand fortwährend offen, die Früchte wuchsen in überschwenglicher Fülle, die Weinfässer lagen in einer Art von Erdhöhlung, welche nie verschlossen wurde, und Arbeit gab es fast gar nicht. Robert konnte glauben, in das Schlaraffenland des Märchens versetzt worden zu sein, er mußte dies Leben ein verführerisches nennen, aber dennoch dürfen wir zu seiner Ehre sagen, daß er keinen Augenblick das Verlangen trug, der Bande anzugehören.

Auch hier inmitten des Reichtums, des Genusses überschlich ihn die Sehnsucht nach dem blauen Meere, auch hier, wo ihm niemand befahl, niemand seine Absichten, seine Wünsche durchkreuzte oder gar unfreundlich mit ihm sprach, – beengten der Wald und die hölzernen Wände des Hauses ihm das Herz. Er dachte täglich und stündlich an den Augenblick, welcher ein Schiff hierherführen und ihn befreien sollte.

Warum ihn wohl die Fischer noch immer hier behielten? Er begriff es nicht und fragte einmal den Koch danach. Gomez wiegte mit schlauem Lächeln den Kopf. Er setzte den Zeigefinger auf Roberts Brust. »Bukanier!« sagte er.

Der Knabe errötete tief. »Ich? – niemals, Gomez,«

Der Koch zuckte die Achseln. »Roberto Bukanier,« wiederholte er, » no hablan andere Bukaniere!«

Jetzt begriff unser Freund die Meinung des Spaniers. »Ich soll erst an den Verbrechen der Räuber teilnehmen, damit denselben mein Schweigen sicher ist?« fragte er in dem eigentümlichen Kauderwelsch, das sich die beiden geschaffen. »War's so ausgeklügelt, Gomez?«

Der Koch nickte lebhaft. »Ja!« rief er, »ja!«

»Und ich sage nein!« versetzte entschieden der Knabe. »Mein gutes Gewissen sollte ich für immer dahin geben, um dieser Seeräuber willen? – Oho, das geht nicht so leicht, wie ihr denkt, edle Herren, und wenn ihr auch eurer zwanzig einem einzigen Jungen gegenübersteht. Zum Verbrecher lasse ich mich nicht machen.«

Er begab sich wieder an seine Gartenarbeit, die allerdings nicht von der Notwendigkeit diktiert war, die er aber begonnen hatte, um dem Müßiggang zu entfliehen. Er konnte nicht wie die trägen Südländer ganze Stunden lang mit halbgeschlossenen Augen auf einer Matte liegen und dem Herrgott den Tag abstehlen, daher grub er zierliche Beete, wo sonst alles wie Kohl und Rüben durcheinander wuchs, oder er machte den Hühnern eine hölzerne Einfriedigung, damit sie nicht in den Garten gelangten, und räumte die Vorratskammer auf.

Gomez, obwohl ein vortrefflicher Koch und ein guter, harmloser Mensch, war doch keineswegs reinlich oder der Ordnung sehr ergeben, daher fand Robert immer Arbeit in Fülle. Außerdem schoß er gelegentlich einige Vögel, fischte und stickte auch wohl des Kochs Kleidungsstücke, so daß jetzt seine Tage in arbeitsamer Beschaulichkeit dahinflössen. Heimlich aber beobachtete er fortwährend das geliebte Meer und seufzte, wenn wieder der Abend hereinbrach, ohne daß sich ein Schiff der Insel genähert hätte.

Die Bukaniere nahmen von seinem Dasein nicht die geringste Notiz. Vielleicht wollten sie ihm das arbeitslose und schwelgerische Leben erst ganz zur Gewohnheit werden lassen, damit er sich von selbst nachgiebig zeigen sollte, wenn sie ihm die Wahl stellen würden, entweder für immer in ihre Reihen überzugehen oder zu der harten Arbeit des Matrosen zurückzukehren. Sie ließen ihn wie eines der Haustiere an ihrem Tische essen und unter ihrem Dache schlafen, ohne sich um ihn zu bekümmern.

Da sah er eines Tages, daß zu ganz ungewohnter Stunde die Räuber mit allen Anzeichen der Eile und Bestürzung heimkehrten, daß sie den Koch herbeiriefen und laut miteinander sprachen. Robert fühlte, wie ihm das Herz gegen die Rippen pochte. Was war geschehen?

Er schlich sich an den Koch heran und fragte ihn; aber was dieser antwortete, das lag zu weit außerhalb des Gesichtskreises täglicher Angelegenheiten, – er verstand ihn diesmal nicht.

Da rief ihn der, welcher etwas deutsch sprach, zu sich heran. »Du,« sagte er, »es kommt morgen ein Abgesandter der cubanischen Regierung hierher, um die Inseln zu besichtigen, nach versteckten Waren zu forschen und überhaupt seine verdammte Fuchsnase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. Der Böse hole ihn! – Du aber unterstehst dich nicht, diesem Manne oder seinen Begleitern vor Augen zu kommen, und jetzt legst du Hand ans Werk, unsere Vorräte in ein Versteck zu schaffen, wohin dieser Spürhund nicht gelangen kann. Es ist alles mit schwerer Arbeit redlich verdient,« schloß er, »aber die verfluchten Söldlinge der Regierung, diese Blutsauger und Menschenschinder brauchen nicht zu wissen, daß wir uns in besseren Sachen als nur in Bananen und Fischen satt essen können, sonst werden gleich die Steuern erhöht, so daß ein rechtschaffener Kerl keinen Piaster mehr für sich behält. Wenn du nicht gehorchst, Bursche, dann – – «

Ein bezeichnender Blick und ein Griff an das kurze Gewehr vervollständigten diese geharnischte Rede. Robert sah wohl, daß bitterer Ernst derselben zu Grunde lag, und daß er Folge leisten müsse, wenn nicht ein wohlgezielter Büchsenschuß ihn unversehens treffen sollte. Er begab sich also zu dem Koch, um von diesem nähere Aufträge zu erhalten.

Ein Boot wurde auf den Strand gezogen und mit den Vorräten der Speisekammer angefüllt, dann ruderten es zwei Räuber in einen kleinen Fluß, dessen Windungen und Krümmungen unter dichtem Gebüsch den, Männern nicht gestatteten, in ihrem Fahrzeuge aufrecht zu stehen. Knieend oder gar liegend brachten sie mit äußerster Anstrengung, meistens durch Schieben und Ziehen das Boot vorwärts, aber dafür waren auch ihre kostbaren Schätze sicher verborgen. Nur ein Eingeweihter konnte den Lauf dieses schlangenartig gewundenen Baches verfolgen, und nur wer sein Eigentum vor den Blicken anderer bewahren wollte, konnte sich entschließen, in diese Wildnis vorzudringen. Robert mußte im Laufe des Tages mehr als einmal die beschwerliche Fahrt mitmachen und sowohl Eßwaren als auch die besseren Möbel der gemeinschaftlichen Wohnung, Schießbedarf und Waffen unter dem undurchdringlichen Gebüsch verbergen helfen. Alles, was nicht mit dem Fischereigewerbe in Zusammenhang stand, wurde an den Ufern des verborgenen Baches sicher versteckt, so daß sehr bald die ganze Umgebung den Charakter der äußersten Armut angenommen hatte. In der großen Vorratskammer lagen Segel, Netze und Taue, im Wohnzimmer befand sich nur noch ein hölzerner Tisch und ein paar rohe Bänke, während die guten Betten des anstoßenden Gemaches durch Haufen von Seegras ersetzt waren.

Die Räuber fischten emsig, so daß die Abgesandten der Regierung einige Tage später unter zahllosen Schnüren mit zum Trocknen aufgehängten Meeresbewohnern ihren Weg verfolgen mußten. Sie fanden das Frühstück auf dem Tisch, aber nur in Gestalt einer Bananenmahlzeit und einiger frischgekochter Schuppenträger, die sie auf Rafaeles höfliche Einladung hin mit der ganzen Bande verzehrten. Robert erhielt in einem Versteck des Hofes zwar seinen Anteil, aber er wagte es doch nicht, sich blicken zu lassen. Sehnsuchtsvoll das hübsche Fahrzeug der Beamten mit den Augen verschlingend, saß er hinter einem aufgestapelten Haufen von Brennholz und fühlte solchen Schmerz, daß es ihm unmöglich war, auch nur einen Bissen zu genießen.

Manchesmal stand er auf dem Punkt, mit festen Schritten über den Hof zu gehen und gerade vor den Beamten hinzutreten, geradeaus im Namen der Gerechtigkeit zu verlangen, daß ihn dieser von der Insel und von der aufgedrungenen Nähe der Bukaniere befreie. Das Mittel schien so einfach, es lag so nahe, aber gleichwohl zögerte Robert es auszuführen. Wenn ihn der Spanier nicht verstand oder wenn er von den Flibustiern bestochen worden war, gewisse Dinge weder zu hören noch zu sehen?

Nein, nein, Robert mußte sich ergeben, mußte wieder, nachdem drinnen im Wohnzimmer das Gaukelspiel ein Ende gefunden und Rafaeles Erlaubnisschein zur Fischerei von dem Beamten erneuert worden war, die weißen wallenden Segel sich entfalten und im Abendsonnenschein den Strand verlassen sehen. Das Herz wurde ihm so schwer, so schwer, wie seit langem nicht, die Augen füllten sich mit brennenden Tränen, kaum konnte er ein heraufquellendes Schluchzen gewaltsam unterdrücken.

Lieber, viel lieber hätte er das harte Schiffsbrot gegessen und die schwere Arbeit des Seemanns willig ertragen, als daß er hier unter Verbrechern wie ein Schlemmer lebte, ja er meinte sogar, daß selbst der Tod besser sei als dieser entwürdigende Zustand. Aber dennoch gab es kein Mittel zu seiner Befreiung; er sah das Schiff sich entfernen, weiter und immer weiter, – alle Hoffnung war fürs erste wieder dahin.

Gomez kam und sah ihn freundlich tröstend an. Er allein verstand den Seelenzustand des Knaben, der von seinem bösen Schicksal in so beschwerende Verhältnisse geworfen worden war, er allein empfand ein gewisses rohes Mitleiden und suchte dasselbe durch reichliche Weinspenden zu betätigen. Die Bukaniere ihrerseits tranken zur Feier des Tages so lange, bis sie sämtlich besinnungslos unter den Tischen lagen.

Die Ankunft des Beamten war schon seit mehreren Monaten vorausgesehen und gefürchtet worden, daher atmeten jetzt alle auf, nachdem sich das drohende Unwetter schadlos verzogen, und während der nächstfolgenden Zeit herrschte unter der Bande die fröhlichste Stimmung. Es vergingen acht Wochen, in denen für Robert kein Tag anders verstrich als seine Vorgänger, – dann aber fiel wie ein Blitz aus heiterer Luft ein ungeahntes Ereignis in dies Stilleben hinein und änderte auf einen Schlag alles.

An jenem Felsen, welcher auch der unglücklichen Galliote so verderblich geworden war, strandete ein französisches Vollschiff, das zwar bei dieser Katastrophe keinen Leck erhielt, aber doch nicht ohne die Beihilfe eines anderen Fahrzeuges wieder loskommen konnte. Der Kapitän ließ daher die Notflagge aufhissen, und unter den Flibustiern herrschte die größte Aufregung.

Vom Bord des Franzosen erglänzte nicht allein eine sehr achtunggebietende Messingkanone, sondern die Mannschaft sah auch nicht danach aus, als ob es ganz leicht sei, mit ihr fertig zu werden. Vielleicht war der Kapitän auf alles vorbereitet, da er seine Leute bewaffnet hatte und drei Vierteile der gesamten Anzahl beständig an Deck hielt.

Ein offener Angriff wurde von seiten der Räuber überhaupt niemals vollführt, aber auch im Finstern, auch heimlich, wie der Luchs oder die feige Hyäne ihre Opfer beschleichen, ließ sich hier nur schwerlich etwas ausrichten. Nebenher drohte noch ein anderer Umstand den Filibustiern diesmal ihre Beute streitig zu machen.

Am unteren Ende der Insel lebte nämlich noch eine zweite Gesellschaft ehrenwerter Fischer, die auch den gestrandeten Fahrzeugen zur Hilfe zu eilen pflegte und die sogar im gegenwärtigen

Falle das Notzeichen des Franzosen noch etwas früher bemerkt hatte, als Rafaele und seine Bundesbrüder.

Es entstand ein Wettrudern, welches damit endete, daß das Boot der Gegenpartei um zwei Minuten früher unter dem Bug des Franzosen anlegte. Bachicho, so hieß der Anführer der zweiten Bande, hatte also das Spiel gewonnen und konnte, wenn sich weiter nichts erreichen ließ, doch immerhin den französischen Kapitän für die zu leistende Hilfe nach Möglichkeit schrauben. Rafaele dahingegen mußte mit seinen Leuten unverrichteter Sache wieder abziehen.

Das spanische Blut wallte heiß zum Hirn empor, und die Hand griff nach dem Messer. Nur einer ganz kurzen Beratung bedurfte es, um einstimmig festzustellen, daß mit dieser Niederlage die Sache selbst noch nicht zum Austrag gekommen sei. Das große Boot wurde instand gesetzt, die Segel befestigt, Haufen von Schießbedarf an Bord gebracht und im Gebüsch am Strande ein Aufpasser zurückgelassen.

Gegen die Dämmerung hin verkündete dieser, daß sich das kleine Boot mit den beiden Unterhändlern vom Bord des Franzosen wieder entfernt habe, und nun bestiegen zehn Bukaniere unter Anführung Rafaeles das größere Fahrzeug, um im Schutz der beginnenden Finsternis zur entgegengesetzten Seite der Insel zu fahren und dort den Feinden alle und jede Verbindung mit dem gestrandeten Schiffe abzuschneiden.

Robert sah diese Vorbereitungen, aber ohne ihren Zusammenhang ganz zu begreifen; er wandte sich an den Koch, welcher mit gespannter Aufmerksamkeit den Verlauf der Dinge beobachtet hatte. Es war jetzt gänzlich dunkel und von dem französischen Schiff herüber dröhnten Signalschüsse. Der Kapitän schien ungeduldig geworden zu sein, da nunmehr, nachdem sich vorher zwei Parteien um den Sieg gestritten, die ersehnte Hilfe ganz ausblieb.

»Gomez,« fragte der Knabe, »was bedeutet das? Wird da unten gekämpft?«

Seine Handbewegung verständigte den Koch, dessen lebhaftes Gebärdenspiel ihm sofort Auskunft gab. Gomez führte gewaltige Hiebe in die Luft, legte an, kniff ein Auge zu und rief »Puff!« – Dann deutete er in die Gegend des gestrandeten Schiffes. »Pilot!« raunte er, »Pilot – Havana. Rafaele, Gomez, Pilot! Andere Bukaniere no, no!«

Seine Hand durchschnitt wagrecht die leere Luft, um anzudeuten, daß keiner der übrigen Räuber imstande sei, ein Schiff nach dem Hafen von Havana zu steuern.

Robert hatte sofort begriffen. »Gomez,« flüsterte er mit halber Stimme, und nachdem ihn ein schneller Rundblick überzeugt, daß kein Lauscher in der Nähe sei, »Gomez, das Schiff braucht also, um in den Hafen zu gelangen einen Mann, der das Fahrwasser genau kennt, und kann einen solchen auf gewöhnlichem Wege nicht erreichen, weil bis hierher die Lotsenschoner nicht kommen? Ist es so?«

»Ja!« nickte der Koch, dem Roberts Deutsch, das ohnehin mit etlichen spanischen Worten verbrämt war, ganz verständlich klang. »Ja!«

Robert legte beide Hände auf die Schultern des schwarzbärtigen Küchenbeherrschers mit den blinzelnden Augen und der harmlosen Seele. »Gomez,« bat er, während seine Stimme vor Erregung heiser klang, »Gomez, nimm mich mit dir!«

Der Spanier mochte sehen, um was ihn sein Schützling bat. » Mi figlio«, sagte er kopfschüttelnd, und mit bedauerndem zärtlichem Tone, » mi figlio, – kann nein tun, no, no! Rafaele so – – «

Und dann ergriff er seinen Kopf und zerrte an demselben, als wolle er ihn herabreißen, ohne Zweifel um anzudeuten, daß ihn der Herr und Gebieter dieser Insel zur Strafe für solchen Verrat unter allen Umständen töten werde.

Robert ließ seufzend die Arme sinken. Gomez hatte nur allzusehr die Wahrheit gesprochen, das wußte er wohl, und doch gab es ihm einen Stich ins Herz. »Aber das Schiff sitzt ja fest,« sagte er nach einer Pause, »wie soll es ohne den Beistand eines anderen Fahrzeuges von der Klippe loskommen?«

Gomez steckte blitzschnell seine zehn Finger in die Luft und dann wieder zweie derselben. Darauf vollführte er mit beiden Armen emsig schaufelnde Bewegungen, als backe er ein Brot und rolle und schiebe den Teig im Trog umher.

»Du meinst, daß um zwölf Uhr nachts die Flut kommt und das Schiff flott macht?« fragte unser Freund.

Der Koch nickte. »Nur Pilot! Pilot!« wiederholte er.

Robert sah sehnsüchtig über das Wasser dahin. »Rafaele wird selbst gehen,« antwortete er nach einer Pause.

Der Koch zuckte die Achseln. » Quien sabe?« murmelte er.

Und wirklich sollte sich die Befürchtung, welche er im stillen gehegt haben mochte, nur zu bald erfüllen. Das kleinere, dem großen nachgefolgte Boot der Flibustier kam zurück und brachte mehrere Verwundete, unter anderen auch den Anführer selbst. Während ein verstärkter Ersatz aus der Anzahl der noch Vorhandenen schleunigst entsandt wurde, berief Rafaele den Koch, der zugleich als Heilkünstler aushalf, zu sich. Gomez verband die Stichwunde im Arm, den Streifschuß am Hals und den Hieb, der einen Finger fast ganz von der Hand getrennt hatte, dabei aber sprach der Verwundete fortwährend, und als endlich die Unterhaltung zu Ende war, kehrte Gomez mit schlauem Blinzeln in die Küche zurück.

»Ich Pilot!« raunte er. »Havana!«

Robert erbleichte. »Du?« stammelte er.

»St! St! – Roberto so?«

Er machte die Bewegungen des Schwimmens.

Der Knabe nickte eifrigst. »Natürlich, Gomez, natürlich. Ich kann schwimmen und kann es aushalten so lange wie nur ein Mensch, der sich damit das Leben retten will.«

»St! – St! – Aber Haifische?« flüsterte Gomez und riß den Mund sperrangelweit auf. »Haifische so!« – Dabei schnappte er fürchterlich und sah, den ganzen Oberkörper wiegend, mit bedauernden Blicken auf seinen jungen Freund.

Robert lächelte mit bleichen Lippen. Er fühlte, wie ihm ein Schauder über den Rücken herabrann. »Das tut nichts, Gomez,« antwortete er, »ich habe ja den Weg von jener Klippe bis zum Strande schon einmal schwimmend zurückgelegt.«

Gomez pfiff leise. Seine beiden Hände stellten sich stach nebeneinander in die leere Luft und dann trennte er sie um das Sechsfache des ursprünglichen Raumes. »So!« sagte er, »und so!«

Robert nickte. »Ich weiß, daß die Entfernung zwischen dieser Insel und dem Schiffe bedeutend größer ist als die andere,« sagte er, »aber ich setze alles an alles. Entweder gerettet oder tot, – einen Mittelweg gibt es nicht.«

Das hatte nun zwar der brave Gomez keineswegs verstanden, aber er erriet den Sinn, und seine durch Blicke und Bewegungen gegebenen Ratschläge zeigten dem Knaben, wie er es anfangen müsse, bis zum äußersten Vorsprung der Insel sich durchzuschleichen und dann auf kürzestem Wege schwimmend bis zum Schiffe zu kommen. Er sagte ihm, daß zwei andere Bukaniere ihn begleiten würden, um das Boot zurückzurudern, und daß er, Gomez, daher erst von dem französischen Schiffe aus für ihn sorgen könne. Zuguterletzt wiederholte er noch sein bedenkliches »Haifisch! – Haifisch!« –

Aber Robert hatte genug gehört, um einen ganz festen Entschluß zu fassen. Er tat zwar in der Küche seine gewöhnlichen Arbeiten, brachte dem fluchenden Anführer einen kühlenden Trunk und blieb absichtlich im Wohnzimmer zurück, als das Boot mit drei Bukanieren vom Lande abstieß, Rafaele hatte also gesehen, daß er zu dieser Zeit nahe bei seinem Bette stand und konnte später, wenn die Flucht gelang, dem braven Gomez keine Vorwürfe machen.

Dann aber, nachdem er noch einige Winke seines Gebieters befolgt, suchte er mit fieberhafter Hast den Weg über den weißen, sandigen Strand bis zur letzten Klippe der Insel. Keinen Blick sandte er rückwärts, kein Bedenken ließ er in sich aufkommen. Jetzt lag die Freiheit offen und verheißend vor ihm, jetzt oder nie hieß die Losung.

Der Strand war vom Mondlicht hell überglänzt, und auch auf dem Meer lag es wie flüssiges Silber. Weiße Schaumperlen rollten in stärkerem Anprall gegen den Kies, wie geschaukelt hoben sich die Wogen. In einer Viertelstunde mußte die Flut diese ganze Gegend bis an den Waldsaum unter Wasser gesetzt haben.

Robert sah das Boot. Es schoß wie ein Pfeil durch die Wellen dahin und war in der Ferne nur noch als ein dunkler Punkt bemerkbar. – Er hatte für die Ausführung seines Entschlusses keine Zeit mehr zu verlieren.

Noch ein tieferer Atemzug, dann warf er Jacke und Stiefel von sich, nahm das Taschenbuch mit seinen beiden einzigen Andenken an diese Insel, die Fischgräte und die Blume von Mohrs Grabe zwischen die Zähne, – dann sprang er in das Wasser, tauchte ein paarmal unter, um sich der Erfrischung und Abkühlung so recht bewußt zu werden, und schwamm nun, so schnell er konnte, in der Richtung zum Schiff.

Aber die Entfernung war weit, und er wußte, daß es in dieser Gegend zahllose Haifische gab. Wie oft hatten die Bukaniere vom Strande aus einen geschossen, um das Fleisch, wie Beefsteak gebraten, zu verspeisen, wie oft hatte er selbst an solchen Mahlzeiten teilgenommen. Jetzt konnte nur allzuleicht das Gegenteil eintreten – der Gedanke war gräßlich.

Aber noch sah er nichts Verdächtiges. Nur die blauen und silbernen Wogen umgaben ihn wie ein weites, weiches Bette, schienen sich an seine Glieder zu schmiegen, und wie spielende belebte Wesen vor ihm zu fliehen. Es erfüllte ihn mit stolzer heimlicher Freude, unter sich bergestief die unergründliche Wassermasse und um sich die unbegrenzte Freiheit zu wissen. Er liebte es, mit den Elementen zu ringen, er fühlte sich glücklich in dem Gedanken, selbst wollen und selbst handeln zu dürfen, unbekümmert um die Meinung anderer. Eine Bootsfahrt wäre etwas ganz Alltägliches, morgen Vergessenes gewesen, – diese Schwimmfahrt dagegen mußte ihm ihrer Gefahr und abenteuerlichen Seltenheit wegen ewig im Gedächtnis bleiben.

Noch sah er nichts. Der Mond schien hell herab, nah und näher kamen die schwarzen Umrisse des Schiffes, – in einiger Entfernung fuhr langsam das Boot mit den beiden Bukanieren zur Insel zurück. Jetzt würde man in wenigen Minuten dort seinen Namen rufen, ihn suchen, Verdacht fassen …

Der Gedanke trieb zur Eile. Immer schneller durchschnitten die kräftigen Arme das Wasser, mit immer stärkerem Anprall schlugen die Wellen an Roberts Brust. Er hatte jetzt das Schiff bis auf einige zwanzig Schritt Entfernung erreicht. Deutlich zeigten sich an Deck die Gestalten mehrerer Männer, – er sah, wie sich Gomez mit halbem Leibe über die Schanzkleidung beugte.

»Schiff ahoi!« rief er laut, in ausbrechendem Jubel. »Hier bin ich, Freund!«

Aber das letzte Wort blieb ihm fast in der Kehle stecken. Was regte sich dort, rechts von ihm, und plätscherte leise, was ragte mit halbem Leibe rundlich und aschgrau über die Oberfläche der blauen, glitzernden Meereswellen empor?

Ein häßlicher Kopf tauchte auf, ein bogenförmiges Maul öffnete sich, – im Mondlicht schimmerten sechs Reihen sägenartig gezackter, nach hinten gebogener Zähne – –

Noch tiefer neigte sich Gomez über die Schanzkleidung herab. –

Robert tauchte schnell wie der Blitz und kam fast unter dem Bug des französischen Schiffes wieder an die Oberfläche. In diesem Augenblick krachte ein Schuß langhallend über das Wasser dahin; zu Bergen türmten sich hoch aufgespritzt die Wogen, weißer Gischt schlug an die Wände des Fahrzeuges, angstvolle Stimmen riefen »Schnell! Schnell!«

Robert erfaßte das Tau, welches ihm zugeworfen wurde. Wie eine Katze kletterte er daran empor, rückwärts blickend, ob auch der gräßliche Widersacher ihn verfolge. Das Meer war rings von Blut bedeckt, purpurn kräuselten sich die Wellen, – das todverwundete Tier, rasend vor Schmerz und Wut, erhob sich mit letzter Kraft zum Sprunge – –

Scharfe Zähne packten und ritzten den nackten Fuß unseres Freundes. Er verdoppelte seine Anstrengungen, um dem drohenden Verderben zu entrinnen.

Da griffen kräftige Arme unter seine Schultern. Gomez hob mit raschem Schwunge den Halbermatteten an Deck. » Amigo«,sagte er, schwankend zwischen Rührung und Freude, » mi Amigo« – doch Haifisch! Gomez gerettet Roberto!«

Der Knabe schlang beide Arme um den Hals des Koches und küßte dessen bärtige Lippen. Was er sagte und was Gomez dagegen mit der Eilfertigkeit des Südländers hervorsprudelte, das verstanden sie beide nicht, aber ihre Herzen fühlten es.

Der französische Kapitän mußte von dem Zusammenhang der Dinge bereits unterrichtet sein, denn er schenkte mitleidig dem ganz durchnäßten und nur mit Hemd und Hose bekleideten Gaste einen Anzug aus seiner eigenen Garderobe, ebenso ließ er ihm Branntwein und Fleisch geben.

Gomez lachte mit Augen und Mund. Obgleich der Genosse von Räubern und keineswegs gewillt, dies Leben mit einem anderen, besseren zu vertauschen, war er dennoch gutmütig wie ein Kind. Daß er den Hai erschossen, machte ihm außerordentliches Vergnügen.

Seine und Roberts Unterhaltung wurde aber sehr bald gestört. In allen Fugen des Schiffes kam es wie ein Knarren und Ächzen, unter dem Kiel regte sich's, und dann entstand ein plötzlicher Ruck, ein Schaukeln und Wiegen, das die ganze Mannschaft aufatmen ließ.

Die »Blume von Frankreich« war flott, und der Lotse konnte sein Amt antreten.

Robert warf die neugeschenkte Mütze hoch in die Luft. Sein Jauchzen, sein ungestümes Entzücken entlockte allen Zuschauern ein Lächeln, das halb von der Rührung hervorgerufen war.

Als sich das Schiff mit frischem Wind von der Insel entfernte, als Gomez, obwohl er seit längerer Zeit nur noch den Kochlöffel geschwungen, jetzt auf dem Halbdeck stand und in ruhig befehlendem Tone seine Kommandos gab, da packte es den Knaben wie eine Art von Trunkenheit. Was gesprochen wurde, das verstand er nicht, aber dennoch war er bei der Ausführung einer der ersten. In die Masten hinauf ging es, als hätte er den ebenen Erdboden unter den Füßen, und von oben herab jubelte er ein wonniges befreites Lebewohl den verschwindenden Ufern zurück.

Wie ferne Schatten zogen die Erlebnisse der letzten vier Monate an seiner Seele vorüber, wie die wechselnden Bilder eines Traumes all die Stunden voll Todesqual und bitterer, hoffnungsloser Verzweiflung. Er achtete ihrer nicht mehr, er versenkte in ewiges Vergessen das Leid welches ihn getroffen, um dieses Freiheitsjubels, dieser Seligkeit willen – – –

Und doch! – das helle Auge wird feucht und das Lächeln um die jugendlichen Lippen schmilzt hin in stille Wehmut. Dorthin, wo das Meer wie ein Silberstreif die vorspringende Landzunge umsäumt, wo die Palmen rauschen und die Blumen schöner blühen, trägt der spielende Abendwind einen leisen Abschiedsgruß.

Schlaf wohl im einsamen Grabe, Mohr, mein lieber alter Freund. Schlaf wohl, du Befreiter, Erlöster.

Die »Blume von Frankreich« lag wohlbehalten im Hafen der Havana vor Anker, und schon ehe noch der neue Tag angebrochen, hatten Gomez und Robert das Schiff verlassen; ersterer um sich an derjenigen Stelle des Hafens einzufinden, wo gewöhnlich die Bukaniere landeten und ihre Fische feilboten, letzterer um sich den Nachforschungen Rafaeles zu entziehen. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Räuberhäuptling alles aufbieten würde, den Entflohenen wieder einzufangen und zum Zweck seiner eigenen Sicherheit zu töten, daher mußte Robert so rasch als möglich an Bord eines anderen Schiffes zu gelangen suchen.

Gomez schüttelte bedenklich den Kopf. Auf einem Segelschiff so schnell angemustert zu werden, hielt schwer, und ein solches zu finden, das gleich abfahren wollte, natürlich noch viel schwerer. Aber von hier fort mußte sein » figlio«, sein » amigo« und » hermano«, wie der brave Koch abwechselnd den Knaben nannte, und daher durfte er es einmal nicht so ganz genau nehmen, mußte sich mit einem Dampfer begnügen und –

Gomez schaufelte in der Luft. » Mi figlo, es nicht anders gehen.«

Robert lachte über das komische Gesicht, in welchem sich Schlauheit und Bedauern so sonderbar vermischten. »Das schadet ja nicht, alter Knabe,« sagte er gut gelaunt, »aber weißt du von einem Dampfschiffskapitän, der mich mitnehmen würde?«

Gomez pfiff leise. Dann antwortete er in seiner Weise, daß an Heizern immer Mangel sei und wanderte mit dem Knaben zu einer Art von Fähr- oder Gasthaus, wo schon um diese Zeit ein reges Leben herrschte, oder wo dasselbe eigentlich überhaupt niemals erlosch. Hier schien er bekannt zu sein, denn dieser und jener nickte ihm zu, und endlich sprach er eifrig mit einem Manne, der in seinem Äußeren den »Jan Maat«, d. h. den deutschen Matrosen auf den ersten Blick verriet. Dieser sah zu Robert hinüber und nickte, indem er ein paar spanische Worte sprach, worauf Gomez den Knaben aufforderte, in der Gesellschaft zu bleiben, bis er selbst wiederkommen werde. Das » no hablan!« wurde noch flüsternd beigefügt, und dann verschwand er.

Robert begriff unschwer, daß ihm in dem Matrosen ein Beschützer erworben war, und um so mehr fühlte er sich verpflichtet, über die Lebensweise der Flibustier durchaus zu schweigen, ja sogar womöglich lieber nicht von seinem Aufenthalt auf der Insel zu erzählen. Das sollte ihm sehr leicht

werden, da der Seemann nur ein Paar gleichgültige Fragen hinwarf, ihm das Grogglas zuschob und dann in den Halbschlummer zurückfiel, aus welchem ihn Gomez geweckt hatte. Dieser kam auch sehr bald wieder und führte seinen Schützling auf ein Dampfschiff, wo alles deutsch sprach und wo man binnen wenigen Stunden in See zu gehen beabsichtigte.

Der Kapitän versprach für die etwa zehn- bis vierzehntägige Reise nach New York dem jugendlichen Heizer einen Lohn von acht Dollar, und man war sehr bald handelseinig. Beim Abschied von dem braven Gomez steckte dieser noch in aller Geschwindigkeit seinem Schützling ein paar spanische Goldmünzen in die Hand und wünschte ihm alles mögliche Gute. Sein » addio, mi figlio!« war mit ziemlich unsicherer Stimme gesprochen, und auch Robert drückte wiederholt die Hand des Mannes, der ihn in schwerer Krankheit treulich gepflegt, und dessen fester Arm ihm das Leben gerettet hatte.

Addio,Addio!– –

Robert sah ihm nach, so lange seine Gestalt auf der Hafenmauer dem Blicke erreichbar blieb. Wenn auch ein bürgerlich Verfemter und Ausgestoßener, hatte doch der Spanier ein warmes Herz, und das sicherte ihm die dankbare Zuneigung des Knaben. – – –

Nach kaum zwei Stunden verließ der Dampfer den Hafen, und Robert stand mit der Schaufel in der Hand vor der glühenden Feuerstätte, um jetzt ein sehr saures Stückchen Brot zu essen, das ihm im Anfang nach dem Schlaraffenleben auf der paradiesischen Insel zwar nicht so recht munden wollte, das er aber doch trotz blutender, mit Schwielen bedeckter Hände und schlafloser Nächte dem Aufenthalt unter Spitzbuben tausendfältig vorzog.

Sechstes Kapitel

In New York

Von einer kurzen, glücklich verlaufenen Dampfschiffsreise und namentlich von dem, was während derselben ein Heizer erlebt, läßt sich nicht viel Interessantes berichten, wir beginnen daher aufs neue, nachdem sich der Dampfer im Hafen von New York vor Anker gelegt hatte und Robert entlassen worden war. Zwar gab sich der Kapitän alle mögliche Mühe ihn wieder anzumustern und am liebsten ganz für sich zu gewinnen, aber unser Freund schlug das Anerbieten rund ab.

Immer schwarz berußt da unten im glühend heißen Maschinenraum zu stehen und nur von Zeit zu Zeit Kohlen in das Höllenfeuer zu schütten, – daran konnte er kein Gefallen finden. Hoch oben in den Mastspitzen, an Deck im sausenden Nordsturm, wo Menschenkräfte ein Nichts werden, das liebte er, das war sein Leben und dahin sehnte er sich zurück. Der Freiheitsdrang seiner Seele, verschärft durch vierzehntägige Gefangenschaft im Maschinenraum des Dampfschiffs, brach mit voller Macht hervor, als ihm der Mastenwald im Hafen von New York zum erstenmal vor die Augen trat.

Jetzt erst war sein Wunsch erfüllt, jetzt befand er sich in der weiten Welt und sah und staunte, ohne gleich alle diese einzelnen Eindrücke ganz in sich verarbeiten zu können. Was ihm besonders auffiel, waren die riesigen, amerikanischen Flußdampfer mit den drei Stockwerk hoch übereinander gebauten Verdecken, den dreißig Fuß im Durchmesser haltenden Schaufelrädern und dem vierhundert Fuß langen Schiffsrumpf. Daneben lagen die großen Chinafahrer, diese Riesensegelschiffe, gegen welche die »Blume von Frankreich« wie eine Nußschale erschien. Die Unterraa eines dieser gewaltigen Fahrzeuge hätte schon für das französische Schiff als Mastbaum dienen können.

Auf den Dämmen an der Hafenmauer sah er dasselbe Treiben wie auf dem Baumwall in Hamburg, nur ebenfalls in bedeutend erweitertem Umfange und außerdem malerisch belebt durch die verschiedenen Nationaltrachten der Farbigen in allen Abstufungen, der Chinesen und Orientalen. In Hamburg hatte er diese Gesichtszüge und diese Rasseneigentümlichkeiten schon kennen gelernt, aber doch nur unter dem alltäglichen Gewande der Schiffer, jetzt dagegen sah er den Chinesen mit langem Zopf, spitzen Schnabelschuhen, den Türken mit Turban und buntem Kaftan, sah den Armenier im langen dunkelbraunen Rock und den Japanesen mit seiner hellen, weiten, auf große Hitze berechneten Kleidung. Alle diese Leute suchten und fanden Arbeit, schlossen und lösten neue oder ältere Verbindungen, sprachen in babylonischer Verwirrung gruppenweise durcheinander und verrichteten namentlich solche Arbeiten, die nur im Hafen stattfinden; sie löschten und beluden die Schiffe und waren an den Kränen und Landungsplätzen beschäftigt.

Überhaupt hatte unser junger Freund von der Großartigkeit der amerikanischen Einrichtungen bis jetzt noch keinen Begriff gehabt. Wie staunte er, als er z. B. schwebende, von Brückenpfeilern getragene Eisenbahnen sah, deren Wagen über dem Schiffe Halt machten, worauf sich eine Klappe öffnete, und durch dieselbe der Inhalt – meistens Weizen – in den Raum geschüttet wurde.

An anderer Stelle hob ein eiserner Kran spielend die schwersten Lasten aus dem Raum heraus. Riesige Ketten, jede mit einem armesdicken Haken versehen, fuhren rasselnd in die Tiefe und wurden dort an der Kiste oder Tonne, welche heraufzubefördern war, festgelegt. Dann auf ein gegebenes Zeichen drehte ein Mann die Handhabe der Walze und die Last hob sich federleicht empor, worauf wieder ein anderes Rad den ganzen, über zwanzig Fuß hohen und eben so breiten eisernen Kran um seine eigene Achse drehte, so daß nun die Tonne über dem bereitstehenden Wagen in der Luft schwebte und nachdem ein Druck die nötige Senkung veranlaßt, nur von den Ketten gelöst zu werden brauchte.

Was zehn kräftige Männer kaum in einer Viertelstunde vollbracht hätten, das wurde hier durch das Ineinandergreifen der technischen Einrichtungen spielend in wenigen Minuten getan.

Robert ging langsam, um alles zu sehen, alles zu beobachten, namentlich aber, um das Hochgefühl der Freiheit so recht in langen Zügen zu genießen. In seiner Tasche klapperten die Dollar, und unter seiner Mütze wirbelte es von den Plänen und Hoffnungen einer goldenen Zukunft. Jetzt erst konnte er tun oder lassen, was ihm beliebte, konnte seinen Wunsch nach Abenteuern vollständig befriedigen und von Pol zu Pol die ganze Erde kennen lernen. Er war nun bald ein volles Jahr von Hause entfernt und hatte das siebzehnte Lebensjahr beinahe zurückgelegt; seine besten Freunde hatten in dem lang aufgeschossenen, von der südlichen Sonne braun gefärbten Burschen mit dem ersten dunklen Schatten auf der Oberlippe und dem ganzen gereifteren Aussehen wohl kaum das Kindergesicht aus Milch und Blut, welches er vor Jahresfrist noch aufweisen konnte, wiedererkannt. Auch die Stimme hatte den Übergang vom Knaben zum Jüngling so ziemlich vollbracht, und die Schultern waren breiter geworden, mit einen Worte, unser Freund hatte sich, wie man zu sagen pflegt, stattlich herausgemacht, und der Gedanke, nach Hamburg zurückzukehren, erschien ihm unleidlich. Ja, wenn er das Geld seines alten Freundes in der Tasche gehabt hätte! – Aber mit leeren Händen vor den Vater treten? – Nein und tausendmal nein. Erst mußte er es zu etwas bringen, dann sollten die Pinneberger Augen machen und sich zuflüstern: »Der Robert Kroll ist doch ein Teufelskerl, hat richtig draußen in der Welt das große Los gewonnen.«

Dieser Gedanke schmeichelte ihm sehr, obwohl er dabei doch einiges Herzklopfen verspürte. Er wußte, daß das, was er wünschte, nicht das war, was er unter allen Umständen hätte tun müssen, nämlich seine alten Eltern um Verzeihung bitten und sich mit ihnen aussöhnen. Er wußte auch, wie ganz anders er in der Einsamkeit der unbewohnten Insel darüber gedacht hatte, aber – der Hang zu Abenteuern und ungewöhnlichen Erlebnissen riß ihn mit sich fort. Das Gewissen ist ja so leicht zum Schweigen gebracht, und Ausreden findet der Mensch für seine eigene Torheit in Fülle. Aber eben so sicher folgt auch auf jeden Irrtum die notwendige und eben durch ihn selbst hervorgebrachte Strafe. Auch Robert sollte –

Doch greifen wir nicht vor.

Er schlenderte im neuen hübschen Seemannsanzuge am Hafen einher und rauchte eine Zigarre, deren Dampf ihm schon längst kein Unbehagen mehr einflößte. So etwa fünf oder sechs Tage lang konnte er von seinem kleinen Schatz noch zehren, und bis dahin würde sich ja eine Heuer finden, womöglich nach unbewohnten, wilden Gestaden, wie sie z. B. die afrikanische Küste vielfach darbietet, wo in Palma und Lagos die Ansiedelungen der Weißen zwischen den Bambushütten der Eingebornen stehen, wo man mit kleinen Muscheln anstatt mit Geld bezahlt und die südliche Natur in ihrer ganzen Ursprünglichkeit kennen lernen kann. Er wollte sich überhaupt nur für eine Reise heuern lassen, um ganz sein eigener Herr zu bleiben. So sehr, wie jetzt, wo er die schwere Zeit hinter sich hatte, war ihm die Reiselust, die Freiheitsschwärmerei noch niemals zu Kopf gestiegen.

Das reine, gute Herz blieb freilich davon unberührt. Er schrieb an die alten Eltern einen so kindlichen Brief, wie ihn jemals ein liebevoller, gehorsamer Sohn geschrieben hat, und wie er ungekünstelt aus seiner innersten Seele hervorquoll. Dann brachte er das umfangreiche Schreiben, welches natürlich die Erzählung alles Erlebten als Hauptsache enthielt, selbst zur Post und begann aufs neue die Musterung am Hafen. Jedes Segel erregte ja seine Aufmerksamkeit, jede Welle begrüßte er mit lächelndem Auge.

Man trifft ja zuweilen im Leben Naturen, die auf ein bestimmtes Ziel ihrer ganzen Anlage nach gebieterisch hingewiesen sind, und die auch nur diesem einen Gedanken treu bleiben können. Dazu gehörte mit seiner ganzen Leidenschaft für das Seewesen unser Freund.

Er saß auf einer zwischen zwei Steinen schwebenden Kette und beobachtete das Verladen eines Chinafahrers, als sich ihm wie zufällig ein Mann näherte, der in englischer Sprache um etwas Feuer bat. Robert hatte durch seinen Aufenthalt unter den Matrosen der Galliote und des Dampfschiffs diese Sprache oberflächlich gelernt, daher reichte er sofort dem Fremden die Zigarre. Aber das Kraut, welches der andere rauchte, mußte wohl nicht besonders viel wert sein, denn das Feuer verlöschte immer wieder, ohne gezündet zu haben.

Der Fremde bat endlich um einen Augenblick Verzug und warf die Zigarre fort, während er eine andere aus der Brusttasche nahm. »Wahrer Schund, was mir der Gauner da gegeben hat!« brummte er in deutscher Sprache.

Robert lächelte. »Sollten wir zufällig Landsleute sein, mein Herr?«

»Ach, Sie sind ein Deutscher?«

»Aus der Nähe von Hamburg, ja!«

Der Unbekannte streckte mit der Miene eines angenehm Überraschten die Hand aus. »Das trifft sich ja allerliebst,« sagte er zuvorkommend. »Auch ich bin ein Hamburger.«

Robert berührte, nachdem er die dargebotene Rechte kräftigst geschüttelt, seine Mütze und rückte etwas beiseite, um auf der Kette dem Fremden neben sich Platz zu machen, dann, als beide Zigarren lustig den blauen Dampf emporwirbelten, folgte erst ein allgemeines Gespräch, das jedoch der Unbekannte schon sehr bald und sehr geschickt auf Roberts persönliche Angelegenheiten hinüberzuspielen wußte.

»Sie sind, wie ich sehe, ein Seemann?« fragte er. »Schon Vollmatrose?«

Robert lachte. »Strenge genommen bin ich noch Junge,« antwortete er, »aber vielleicht gelingt es mir ja, eine Heuer als Leichtmatrose zu erlangen. Leisten kann ich's.«

»Das läßt sich denken. Sie sehen aus, wie ein kräftiger junger Mann von zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren.«

Robert errötete ein wenig. Noch hatte ihn niemand »Sie« genannt, und viel weniger war er wie ein erwachsener Mann behandelt worden. – Wirklich, dieser Fremde gefiel ihm außerordentlich. »Ich zähle aber doch erst siebzehn Jahre,« antwortete er bescheiden. »Um eine Stelle als Leichtmatrose zu erlangen, muß ich schon großes Glück haben.«

Herr Hastedt, wie sich der Fremde nannte, lächelte mit einer Art von Gönnermiene. »So wissen Sie nicht, mein junger Freund, daß an tüchtigen Seeleuten immer Mangel ist?« fragte er. »Zwanzig Heuer für eine, und wenn Sie heute noch anmustern wollen. Die Kapitäne suchen ihre Mannschaft mit der Laterne zusammen,«

Robert wußte nun zwar, daß diese Behauptung nicht ohne einigen Grund war, aber völlig so leicht hatte er sich die Sache denn doch nicht gedacht, überhaupt wollte er bei seiner zweiten Wahl vorsichtiger zu Werke gehen und erst alles genau kennen lernen, ehe er den Handel abschloß.

»Hm, hm,« versetzte er, mit der Absicht, seine Unerfahrenheit möglichst zu verbergen, »gute Schiffe haben wohl immer Besatzung genug. Es ist mehr der Ausschuß, welcher, wie Sie sagen, mit der Laterne suchen muß.«

Um die Mundwinkel des Fremden zuckte verhaltenes Lächeln, das er aber sogleich zu unterdrücken wußte. »Doch nicht, mein werter Landsmann,« gab er kopfschüttelnd zurück, »wirklich nicht. Versuchen Sie es und die Erfahrung wird lehren, daß ich recht habe. Selbstverständlich,« fuhr er scharf betonend fort, »dürfen Sie dabei diejenigen Schiffe nicht mitrechnen, zu denen sich die Matrosen drängen, wie die Fliegen um den Honigtopf. Sie wissen, welche ich meine.«

»Natürlich,« beeilte sich Robert zu antworten, »natürlich. Hauptsächlich sind dies wohl –«

»Die Walfischfahrer,« ergänzte der Fremde, unbefangen nickend, »Ich sehe, Sie haben sich ein hübsches Verständnis Ihres Faches schon erworben, mein junger Freund. Ja, ja, die Walfischfahrer sind glückliche Leute. Immer Jagd, anregende Beschäftigung, sehr gutes Leben und Geld wie Heu. Aber freilich, da anzukommen hält schwer.«

Roberts Herz schlug im geheimen wie ein Hammer. Er ahnte von diesen Verhältnissen nicht das geringste, hatte sich über Walfischfahrer und Walfischjagd nur oberflächlich unterrichtet, aber das durfte er ja nicht veraten, und doch brannte er vor Begierde, gerade auf ein solches Schiff zu kommen. Selbst wenn er nicht gewünscht hätte, möglichst viel Geld zu verdienen, so würde ihn die Sache selbst unwiderstehlich verlockt haben.

Seine Miene blieb indessen ruhig, und auch Herr Hastedt sah so gleichmütig über den Hafen dahin, als sei nur vom Wetter die Rede gewesen. »Ich kenne manchen, der auf zwei oder drei Fahrten zum reichen Mann wurde,« setzte er hinzu.

Robert nickte. »Ja, ja, das habe ich auch schon gehört. Die Heuer sind glänzend, und –«

Wieder fiel ihm der Fremde ins Wort. »Und so ein Anteil an der Beute ist auch nicht zu verachten, da haben Sie sehr recht, mein Herr. Überhaupt arbeitet man williger und lieber, wenn es zum eigenen, als wenn es zum Nutzen anderer geschieht. Davon kann sich auch der beste Mensch nicht freisprechen.«

Robert hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Einen Anteil der Beute erhielten also die Matrosen auf den Walfischfahrern, sie waren gewissermaßen ihre eigenen Herren und arbeiteten in Teilung. O wer das Glück hätte, auf ein solches Schiff zu kommen!

Aber er wollte sich nichts merken lassen, nicht den Neuling verraten. »Ja,« sagte er leichthin, »es war auch schon gelegentlich meine Absicht, eine solche Reise mitzumachen, aber das muß sich zufällig treffen. Gerade auf diesem Gebiete besitze ich keine Bekanntschaften.«

Herr Hastedt blies den Dampf der Zigarre in Wolken von sich. »Ich wüßte im Augenblick auch nicht,« sagte er bedauernd. »Aber wie wäre es, wenn wir ein Glas Bier miteinander trinken würden?«

Robert willigte ein und die beiden neuen Bekannten schlenderten durch die Straßen bis zu einem Wirtshaus, welches nicht eben als Sammelplatz ausgesuchter Gesellschaft zu dienen schien. Das Schild war verräuchert und schwarz, die Fenster blind von Staub und das Innere selbst in allen Stücken dieses wenig einladenden Äußern würdig. Dennoch aber drängten sich die Gäste Kopf an Kopf, obwohl freilich Robert keinen einzigen Matrosen oder eine sonst zum Seeleben in irgend einer Beziehung stehende Persönlichkeit erblickte.

Die Schenke lag in einer Nebenstraße, und ihre Gäste bestanden aus Bürgern ziemlich niederer Klasse,

Herr Hastedt bestellte für sich und seinen Gefährten das Bier, dann nahmen die beiden an einem Nebentisch Platz, ohne sich in die Unterhaltung der übrigen zu mischen. Alle möglichen deutschen Mundarten klangen zu ihnen herüber, besonders die Hessen und Nassauer waren sehr stark vertreten, ebenso die Württemberger, deren »Schwäbeln« Robert durchaus nicht verstand. Unter diesen biederen Landsleuten, Schustern und Schneidern – insgesamt Auswanderer der ärmsten Sorte – befand sich ein schon bejahrter Mann, dessen Kupfernase den Trinker verriet und dessen Erzählungen die Zuhörer außerordentlich zu ergötzen schienen.

»Geben Sie noch ein paar Geschichten zum besten, Herr Kapitän,« hieß es. »Wirklich, man sollte es kaum glauben, daß ein Mann dem Tode oft so nahe gewesen und so oft entronnen sein kann, wie Sie.«

»Mer gruselt sich so scheene derbei!« sagte ein zweiter, dessen Sperlingsfigur und schäbig-eleganter Rock den Schneider deutlich verriet. »Schießen Se los, Herr Gabedän!«

Der Geschmeichelte lächelte nach allen Seiten und tat dann einen gewaltigen Zug aus dem vor ihm stehenden Grogglase. »Auf Ihr Spezielles! wie wir Studenten zu sagen pflegten,« nickte er dem Schneider hinüber. »Ich war nämlich auch einmal, bevor ich zur See ging, daheim in Göttingen Student, bis mir die Bücherfresserei zu langweilig wurde und ich auf und davon lief. Mein älterer Bruder hatte eben sein Schiff zur Walfischjagd ausgerüstet, also eins – zwei – drei – plätscherte ich im Eismeer.«

Bei dem Worte »Walfischjagd« hatte Robert unwillkürlich seinen Begleiter angesehen, aber dieser zuckte leicht die Achseln, als wolle er sagen: »der Kerl lügt ja!« –

Am anderen Tische ging indessen die Unterhaltung auf das lebhafteste fort. »Sage euch, solche Fahrt macht Spaß und ist das Merkwürdigste, was man erleben kann,« rief der als Kapitän Angeredete. »Ich bin einmal in Sibirien schiffbrüchig geworden und mußte monatelang am Lande leben. Es war hinter Tobolsk, ganz in der Nähe der Behringsstraße, nur noch drei Meilen vom Mond entfernt.«

Einer der Zuhörer hüpfte vor Erregung auf dem Sitz empor. »Vom Mond?« wiederholte er. »Das ist ja wohl nicht möglich.«

Kapitän Witt, so nannte sich der Brave, nickte mit dem ernsthaftesten Gesicht. »Wie ich Ihnen sage, meine Herrschaften. In dieser Gegend neigt sich der Himmel zur Erde herab, müssen Sie wissen, es ist eben die Stelle, wo beide zusammentreffen, am Rande der Welt, wo alles dunkel wird und man nicht weiter kommen kann, weil man sonst ins Bodenlose plumpsen würde. Wenn sich der Mond auf seiner Wanderung gelegentlich in diese Sackgasse verläuft, so ist er der Erde auf drei Meilen Entfernung nahe, und wir wären fast einmal hinaufmarschiert, um den grinsenden Alten zu begrüßen, aber es ist ein unbehagliches Gefühl, so ganz in die Enge zu geraten und sich von der Erde zu entfernen. Man weiß nicht, wie das da oben eingerichtet ist und wohin die Fahrt geht.«

Die ganze Zuhörerschaft hatte andächtig gelauscht, und erst als Kapitän Witt schwieg, atmeten die Beherztesten wieder auf. »Gott, was man nicht alles erfährt!« sagte einer. »Da lebt man so seinen Tag herunter und denkt an nichts Böses, indes andere den Mond von Angesicht zu Angesicht sahen. Wie groß war er denn, so aus der Nähe betrachtet, wohl?«

»O, ein ganz anständiger Kerl, sage ich Ihnen. Ich bin einmal vier Stunden lang mit der Uhr in der Hand unter ihm daher marschiert und hatte noch nicht die Hälfte seines Durchmessers erreicht. Ein Schritt hier auf der Erde macht zehn Meilen im Mond, müssen Sie wissen.«

»Zehn Meilen!« echote die Versammlung. »Aber um des Himmels willen, wie erfährt man denn solche Dinge?«

Kapitän Witt trank sich neue Begeisterung aus dem Glase, welches inzwischen mehr als einmal gefüllt worden war. »Dazu haben wir unsere Instrumente,« antwortete er mit der Miene eines vortragenden Gelehrten. »Es läßt sich alles auf Schritt und Zoll berechnen.«

»O Herrjemine! Herrjemine!«

»Aber wie lebt man denn in diesen Gegenden?« fragte wieder einer aus der Zuhörerschaft. »Was zieht man an und was ißt man?«

Der Erzähler fuhr mit dem Rücken seiner Hand über den Mund. »Die Kleidung ist sehr einfach,« versetzte er. »Ein Gewand von Pelz, das den ganzen Körper bedeckt, wird im Winter mit dem Haar nach innen und im Sommer nach außen getragen. Es ist daher einmal zu heiß und das andere Mal zu kühl, aber davon wissen die Russen nichts. Man findet überhaupt nirgends so abgehärtete und rohe Naturen wie eben hier. Den Kohl essen die Leutchen roh und als Leckerbissen dazu eine Talgkerze.«

Die Ausdrücke des Abscheues und des Entsetzens machten um den Tisch ihre Runde. Auch Robert und Herr Hastedt sahen einander lächelnd an.

»Es ist erstaunlich, was sich diese Landratten aufbinden lassen!« flüsterte der letztere.

»Glauben Sie überhaupt, daß der Mann jemals im Eismeer gewesen ist?« fragte Robert.

»I Gott bewahre. Er hat nie ein Schiff unter den Füßen gehabt. Solche Tagediebe werden von den Wirten freigehalten, weil sie die Gäste durch ihre Aufschneidereien zum Bleiben und zum Trinken veranlassen.«

»Hören Sie nur, jetzt fängt er wieder an,«

Die Biergläser der beiden klangen leise aneinander. »Auf eine gute Heuer für Sie!« flüsterte Herr Hastedt, und dann horchte man um des Spaßes willen nach dem anderen Tische hinüber.

»Von einer Jagd im Eismeere sollte ich Ihnen erzählen, meine Herrschaften?« ertönte des Kapitäns heisere Stimme. »Well! das können Sie haben. Seehunde, Walrosse, Eisbären, Moschusochsen, Rentiere, Füchse, weiße Hasen, Schneehühner, – alles ist von meiner Hand mittels Kugel oder Harpune in die Ewigkeit befördert worden. Welches Abenteuer ziehen Sie vor?«

Die biederen Landleute und Handwerker bestellten massenhafte Neuanschaffungen von Bier, bevor sie noch näher zusammenrückten und sich endlich für das gruseligste Erlebnis des vielgereisten Berichterstatters entschieden.

Dieser räusperte sich, ehe er neuerdings die Stimme erhob »Nehmen wir also das Walroß,« sagte er. »Die Bestie wird gegen zwanzig Fuß lang und mindestens zwanzig Zentner schwer. Ihre Haut hat eine Dicke von dreiviertel Zoll, Sie können daher glauben, daß dieselbe einen kugelfesten Panzer bildet. Und diese Häßlichkeit, sage ich Ihnen! Große Klotzaugen ohne Lider, drei Fuß lange Zähne von einem elfenbeinartigen Horn, und der Rachen umgeben von Borsten, die mindestens so dick sind wie Stricknadeln. Mit diesem teuflischen Aussehen verbindet das Tier eine Stimme, deren Brüllen, Bellen und Pusten auch den herzhaftesten Mann zu erschüttern vermag. Sage Ihnen, ich fürchte mich vor dem leibhaftigen Satan nicht, wenn er nur in fester, körperlicher Gestalt vor mir erscheint, so daß sich seine und meine Kräfte miteinander messen können, aber – diese Ungeheuer haben doch manches Mal das Blut in meinen Adern zu Eis erstarrt. Wenn man so auf dem sechs Fuß starken Eise wie auf dem sicheren Erdboden einhergeht, und von unten her taucht plötzlich ein derartiger Höllenhund empor, um uns die Fangzähne, mit Schlingpflanzen, Seegras und den Überresten erlegter Fische bestens verziert, in den Leib zu jagen, da danke ich für das Vergnügen. Das ist des Spaßes etwas zu viel.«

»Sechs Fuß Eis?« wiederholten ungläubige Stimmen. »Die kann das Walroß durchbrechen?«

»Ach – wie gar nichts. Das gibt ein kurzes Geprassel, vor Ihren Füßen entsteht plötzlich ein Loch, das schwarze Wasser im Grunde desselben schäumt und zischt und mein liebenswürdiges Ungeheuer mit den langen Zähnen klimmt ganz gemütlich empor, um sich über Sie herzumachen, – sehen Sie, das ist die Walroßjagd!«

»Puh! – und dergleichen haben Sie erlebt? sind vielleicht selbst in der Lage gewesen, mit diesen gräßlichen Geschöpfen kämpfen zu müssen?«

»Das will ich meinen. Unser Schiff lag ziemlich von der Küste entfernt, an einer Stelle, die für den Fang der Walrosse sehr geeignet war, aber wir hatten das Unglück gehabt, bei einem plötzlichen Sturm mehrere Fleischfässer zu verlieren und mußten daher soviel als möglich am Lande jagen, um den Ausfall zu decken. Na, das ging auch ganz nach Wunsch, denn die Rentiere sind dort sehr zahlreich, aber eines schönen Tages verfehlten wir den Rückweg und schoben unseren mit vier Stück erlegten Tieren beladenen Handschlitten unglücklicherweise in das Schlampeis hinein, so daß uns der Boden fortwährend unter den Füßen brach, Es ging in dieser Weise nicht vorwärts, das sahen wir nur zu bald und ließen daher den Schlitten, nachdem wir ihn auf eine feste Stelle gehoben, stehen, um ihn später mit dem Boot wieder an Bord zu holen. Aber kaum war die mühevolle Arbeit beendet, als unmittelbar vor uns mehrere Walrosse das Eis durchschnitten und ihre angenehme Gegenwart durch ein satanisches Gebrüll zu erkennen gaben. Wir wie der Blitz über das Eis davongelaufen, – es war, als sei uns der böse Feind auf den Fersen. Wortlos ohne Verabredung, ohne Zeitverlust rannten wir vorwärts, aber das führte zu nichts, weil die schlauen Bestien tauchten, unter dem Eise schwammen und alle Augenblicke rechts oder links von uns wie böse Geister aus dem Boden hervorbrachen. Unwillkürlich verteilten wir uns, um die Feinde irre zu leiten, und das Manöver gelang über Erwarten gut. Unbeschädigt kamen alle an die Boote, aber – der Schlitten war zurückgelassen, und ohne diesen konnten wir durchaus nichts anfangen. Ihn später an Bord zu holen war unerläßlich.

Nachdem wir uns also durch eine gehörige Mahlzeit neu gestärkt und tüchtig bewaffnet hatten, besetzten wir die Boote mit je vier Mann und einem Harpunierer, nahmen Büchsen, Messer und Mundvorrat mit uns und wollten jetzt aus Rache und einmal erweckter Jagdlust unserseits die Walrosse verfolgen.

Gedacht, getan. Die Fahrzeuge glitten am Rande des festen Eises dahin, bis zu der Stelle, welche wir als den Lagerplatz des borstigen Völkchens kannten. Durch die Glaser bemerkten wir auch wirklich eine ganze schlafende Herde, aber außerdem auch den Wächter, der regelmäßig, wie bei vielen andern Tiergattungen auch ausgestellt wird, um bei herannahender Gefahr ein Warnungszeichen zu geben.

Das kurze Gebrüll erschallte, und die Herde stürzte sich schon in einer Entfernung von wenigstens fünfzig Schritt Hals über Kopf in das Wasser, aber – ihrer vier Stück schwammen uns geradewegs, wie zur Herausforderung, entgegen. Unser Harpunierer, neben mir im Vorderteil des ersten Bootes stehend, erwartete festen Fußes die Ungeheuer, und als das vorderste herankam, stieß er ihm die Harpune mit voller Macht in den Körper.

Und nun folgte eine greuliche Szene. Die Bestie sank schwer verwundet ins Wasser zurück, aber sie erhob sich nach kurzer Pause, um ein anhaltendes, wildes Geheul auszustoßen. Das mag eine Art von Hilferuf oder Kriegsgeschrei gewesen sein, denn jetzt tauchten plötzlich die borstigen Teufel an zehn Stellen zugleich empor, sämtlich das eine Boot umzingelnd, von welchem aus ihr Kamerad verwundet worden war.

Für uns galt es nur noch, das nackte Leben zu retten. Wir alle stachen, schossen, schlugen und schleuderten mit jedem Gerät, das uns in die Hände kam. Dennoch aber wäre es um fünf unerschrockene Männer sehr bald geschehen gewesen! – Eines der Ungeheuer schob den riesenhaften Körper gerade unter den Kiel des Bootes, hob dasselbe hoch empor, so daß es zu schwanken schien, daß wir fast den Halt verloren, und« – – –

»Hören Sie auf!« riefen schaudernd die lauschenden Auswanderer, denen sich das Haar auf dem Kopfe bereits zu sträuben begann. »Das kann ja kein Pferd ertragen.«

Auch unsere beiden Freunde sahen einander an. »Sollte er nicht trotz alledem ein Seemann gewesen sein?« fragte Robert. »Sollte er nicht diese Jagd wirklich erlebt haben?«

Herr Hastedt zuckte die Achseln. »Ich kann mich irren,« raunte er. »Manchmal will es mir selbst so scheinen. Doch lassen Sie uns hören, wie er aus der verfänglichen Stellung auf dem Rücken eines Walrosses wieder herauskam. Der Wirt versorgt ihn schon mit einem frischen Grog.«

»Weiter! weiter!« drängten einige unter den Zuhörern. »Der Kapitän sitzt ja gesund und wohlbehalten in unserer Mitte, also was braucht es da für Heulen und Zähneklappern? – Nur vorwärts, alter Schwede!«

Der Kapitän tat einen tiefen Zug. »Das Boot schwebte also gleichsam,« fuhr er fort, »schien zu zittern und wohl gar fallen zu wollen, – zwei riesige, weiße Hauer bogen sich von unten herauf über den Rand, ein Schreckensruf aus aller Munde zerriß die Luft. Das Fahrzeug lag jetzt dergestalt auf einer Seite, daß das Wasser hineinzulaufen begann, immer stärker schob und drängte die schnaufende Bestie unter dem Kiel.

Da richtete ich mich auf, raffte alle meine Kräfte zusammen und holte aus zum Axthieb, der einen Stein hätte zermalmen müssen. Richtig – das Walroß trieb mit gespaltenem Schädel tot aus der Oberfläche des Wassers! – –

Es war aber auch in der zwölften Stunde, wie man zu sagen pflegt. Noch eine Minute länger und wir alle hätten im Meer gelegen, den Ungeheuern zur sicheren Beute. Als die übrigen Boote herankamen, fand sich, daß wir während des kurzen, erbitterten Kampfes die Anzahl von neun Walrossen harpuniert, getötet und verwundet hatten. Die Fahrzeuge schwammen buchstäblich in Blut, das Wasser war ringsumher bedeckt mit sterbenden Tieren, und noch viel Mühe mußte aufgewendet werden, um die riesigen Körper, bevor das Leben ganz entflohen war, mit Seilen einzufangen und am Boot zu befestigen.

Die Schlacht war wild, die Gefahr groß gewesen, aber dennoch hatten wir bei dieser Jagd nicht allein unsern Schlitten geborgen, sondern erbeuteten auch außer den Häuten und Zähnen noch neun Tonnen Tran. Ja, ja, wenn man so an seine Jugend zurückdenkt und wie schön damals das Leben war, welche Kräfte noch Leib und Seele besaßen, – man könnte ganz wehmütig werden. Jetzt spalte ich längst schon keinen Walroßschädel mehr!«

Es schimmerte etwas wie echte Trauer in den Augen des Kapitäns, als er diese letzten Worte sprach. »Die Zeit auf meines Bruders Schiff da oben im Polareis war die reichste, glücklichste, welche ich durchlebt habe,« fuhr er fort. »So lange ich ein junger, kräftiger Mann war, konnten nur Kampf und Mühsal mich entzücken; ich habe oft gedacht, daß bei stets gutem Wind und Hellem Sonnenschein der Teufel ein Schiffer werden möchte, aber nicht ich. Sich hindurchringen, mit allen Naturkräften wetteifern, List an List setzen und besiegen, was sich feindlich entgegenstellt, – das allein ist Leben.«

Robert hatte sich unwillkürlich vorgebeugt. Auf seinen Wangen glühte höheres Rot, seine Augen blitzten und seine Brust hob sich schneller. Was dort der alternde Mann mit dem Feuer langvergangener Tage aussprach, das war ja sein eigenes Glaubensbekenntnis, das fühlte er mit jedem Pulsschlage nach. Nur kein tatloses Dahinleben, kein dumpfes Versinken in enge Grenzen des Gewohnten, des Alltäglichen, nur kein Scheindasein ohne Kampf und Sieg!

Er nahm sein Glas und ging zu dem alten Kapitän, um mit ihm anzustoßen. Wie ihm der Mut dazu so plötzlich wuchs, das begriff er selbst nicht, aber es war geschehen, fast ehe er es noch ganz ausgedacht. »Ihr Wohlsein, Kapitän!« sagte er freundlich. »Wer so viel erlebt hat wie Sie, der darf füglich zufrieden auf seine Jugend zurückblicken.«

Anscheinend sehr angenehm überrascht, erhob sich der Erzähler und tat gründlichen Bescheid, indem er keinen Tropfen auf dem Boden des Glases zurückließ. Seine und Hastedts Blicke begegneten sich dabei wie zufällig und nur auf Augenblicke, aber doch schien es, als hätten beide sich einander ein geheimes Zeichen gegeben. Während sich dieser gleichgültig zum Fenster wandte, schüttelte jener mit gewinnender Herzlichkeit die Hand unseres jungen Freundes. »Ein Landsmann,« sagte er, »und ein lustiger Seewolf obendrein, was? Freut mich ungemein, Ihre werte Bekanntschaft gemacht zu haben!«

Robert lächelte errötend. »Sie erzählen so sehr launig und anregend!« sagte er mit einiger Verlegenheit. »Folgt nicht noch ein bißchen mehr?«

Der Kapitän blinzelte ihm vertraulich zu, als wolle er sagen »Diese Esel müssen es faustdick erhalten, bevor sie die Geschichte so recht nach ihrem Geschmack finden. Ich lüge ihnen natürlich die Haut voll, daß der Dampf davonzieht.«

Laut sagte er aber mit ermunterndem Lächeln: »Ich muß mich also jetzt verteufelt in acht nehmen, da einer vom Handwerk zugegen ist, nicht wahr? – Sie werden mir gehörig auf die Finger passen, ob ich auch in das Garn ein paar kleine Flunkereien hineinspinne?«

Robert lachte mit. »Immer zu!« versetzte er. »Ging die nächste Reise vielleicht an den Südpol und von da zur Sonne empor?«

Kapitän Witt blinzelte noch stärker. »Sie Tausendsappermenter,« sagte er, »also Sie haben mir die Geschichte nicht geglaubt? – Aber das beweist nur, daß Sie ihre schätzenswerte Nase nicht in jede Windrichtung gesteckt haben, oder – waren Sie bereits in Sibirien?«

Robert schüttelte den Kopf. »Leider nicht,« antwortete er. »Sehen möchte ich allerdings gern die ganze Erde, aber das läßt sich wohl schwer verwirklichen.«

»Hm, hm, Sie haben ja noch ein hübsches Stückchen Weges vor sich, können manchen Knoten segeln und manchen Strand begrüßen, junger Brausekopf. Aber Sie gefallen mir, wenn auch das Ei ein bißchen klüger sein möchte als die Henne, – in diesem Fall freilich als der Hahn. Setzen Sie sich zu uns, und rufen Sie auch Ihren Begleiter herbei.«

Herr Hastedt näherte sich mit artiger Begrüßung, worauf denn der alte Seemann, nachdem der Platzwechsel vollzogen und neues Bier herbeigeschafft worden war, den Faden seiner Erzählung wieder aufnahm.

»Den Eisbären kennen Sie alle aus persönlicher Anschauung, nicht wahr, meine Herrschaften?« fragte er. »Sie haben ihn in den Menagerien und zoologischen Gärten häufig gesehen, aber dennoch ist er in der Freiheit ein Geschöpf, welches mit dem scheublickenden Gefangenen eines engen, unzulänglichen Kerkers nur wenig Ähnlichkeit besitzt.

Zur Zeit seiner höchsten Kraftentwickelung vereinigt er mit der Stärke des Löwen die Hinterlist des Tigers und schwimmt dabei wie ein Fisch. Einmal hätte mich solche Bestie doch beinahe erwischt und mir den Garaus gemacht; ich kam wirklich nur mit genauer Not davon. Wir hatten nämlich an Bord nichts zu tun, Sonntag war's ohnehin, und daher ging ich am Lande ein wenig spazieren, um mir die Großartigkeit dieser eingefrornen, gleichsam toten, ewig unter Eis begrabenen Natur aus nächster Nähe zu betrachten. Nichts Böses ahnend, die brennende Zigarre im Munde und die Hände in den Taschen des Pelzrockes wandere ich so dahin, etwa zweitausend Schritt vom Schiff entfernt. Was sie jetzt in der Heimat beginnen mögen? denke ich und werde so ein bißchen wehmütig, als ich mir das Bild des Elternhauses deutlich vor die Seele führe. Die blinde Großmutter im Lehnstuhl am Ofen, der Vater mit kurzer Pfeife die Zeitungen lesend und Mutter und Schwestern am Herd beschäftigt. Alles ist so behäbig und nett, die Blumen blühen am Fenster, die Nachbarn grüßen herein, und das Zimmer wird von dem Ofen angenehm durchwärmt. – Herrgott, denke ich, könntest du auf ein paar Stündchen da hinüberspringen, dich einmal wieder recht gehörig an frischem Fleisch und Gemüse satt essen und von dem alten Kachelofen gründlich auftauen lassen, – das wäre so was! Aber so gut wird dir's nicht, mein Junge, du sitzest am seinen Nordpol und bewunderst Eisblöcke, mehr ist für den Augenblick nicht zu haben.

Und wie ich gerade bei diesem trüben Schlußsatz meiner Gedankenrede ein bißchen stärker seufze,

legen sich mir von hinten ein paar Tatzen auf die Schultern, daß ich den freundnachbarlichen Gruß wahrhaftig gleich mit einem Kniefall beantworten muß. Ehe ich mich aber recht besinnen kann, packen scharfe Zähne meinen Kopf – der glücklicherweise von der Natur mit einer recht ansehnlichen Rundung bedacht worden ist, und den außerdem die festgebundene Pelzkappe beschützte, so daß das Maul des riesigen weißen Räubers nicht groß genug war, um gehörig in das Fleisch hineinbeißen zu können. Dennoch aber schleppt er mich fort – unaufhaltsam – wie eine Windsbraut – über Stock und Stein – über Eis und Gletscher, während ich schreie, Kinder, na, – jeder unter euch kann sich vorstellen, wie!

Meine Fäuste bearbeiten das zottige Fell, und meine Kehle springt fast von der unnatürlichen Anstrengung, aber Petz bekümmert sich um nichts, er segelt vorwärts wie eine Fregatte unter vollem Leinen, immer hast du nicht gesehen, hier über einen Eisblock, wo meine armen Beine den Hopser mitmachen müssen, daß ich schier glaube, sie gehören mir gar nicht mehr, – und dort durch einen Tümpel Schlampeis, daß das Wasser wie eine Schlange über meinen Leib kriecht, – Gott im Himmel, das war eine Fahrt, wovon drei auf den Tod gehen. Trotzdem aber verlor ich das Bewußtsein nicht, sondern sagte mir, daß ich den Zähnen der Bestie unrettbar verfallen fei, wenn dieselbe erst einmal mit mir die freie offene Eisbahn erreicht habe. Dann konnte kein Mensch mehr mit dem eingebornen Beherrscher der Polargegenden um die Wette laufen, und ich wurde verzehrt wie ein Seehund oder ein Fisch. Bis also Petz an das Meer gelangte, hatte ich noch Hoffnung von meinen Kameraden gehört zu werden, – ich schrie, daß mir das Blut aus Mund und Nase stürzte.

Na, sie haben es ja denn auch vernommen und die, denen damals bei der Walroßjagd mein Axthieb das Leben rettete, haben den Bären mit Feuerbränden aus der Kombüse und mit Schießgewehren so tapfer verfolgt und von der freien Fläche so beharrlich abgeschnitten, daß er schließlich, um sein eigenes Leben zu retten, mich fallen lassen mußte. Des letzten Endes des Trauerspieles erinnere ich mich nicht mehr, sondern lag wie ein Toter auf dem Schnee und ließ mich von einem Teile meiner Kameraden an Bord schleppen, während die andere Hälfte den Bären jagte. Als ich zur Besinnung kam, trieb das Blut in meiner Koje; Kopf und Hals waren von den Zähnen der Bestie zerfleischt, Arme und Beine an den scharfen Eissplittern zerschnitten, und die Haut von den Fingern fast ganz abgeschält.

Nun, dafür halfen Eis und Pflaster. Ich konnte schon nach acht Tagen das Fell des erlegten Bären von den Füßen herabziehen und machte mir daraus, nachdem ich es gereinigt und mit Alaun gerieben, ein paar Strümpfe, die wärmsten, welche ich jemals besessen habe. Haare und Klauen blieben daran, also konnte ich auf dem blanken Eise laufen wie der beste Schlittschuhkünstler.«

Ein Murmeln um den Tisch gab das Erstaunen der Zuhörer zu erkennen. Kapitän Witt trank und blinzelte hinter dem Glase zu Robert herüber, als wolle er sagen: hast du gehört?

»Mehr, Herr Kapitän, mehr!« rief dieser, dem die ganze Begegnung den größten Spaß machte, und der heimlich noch immer hoffte, auch etwas von der Walfischjagd zu hören. »Sie blieben stehen bei den Strümpfen aus Eisbärenfell.«

Der Erzähler strich den Schnurrbart. »Im Gegenteil, mein junger Freund, ich lief auf diesen Strümpfen höchst geschwinde davon,« lächelte er. »Habe sogar einen lebenden Fuchs mit bloßen Händen gefangen und in den Käfig gesteckt nur zur Kurzweil. Wir stellten den kleinen Kerl in seiner Falle neben dem Schiff auf einen Eisblock, hatten aber nicht bedacht, daß die Nähe der Kombüse den Block allmählich schmelzen müsse, und so fiel denn eines Tages der ganze Bau mit Geprassel in sich zusammen. Reineke schaute verdutzt durch die plötzlich entstandene Lücke auf das Eisfeld hinaus und rannte dann mit gestrecktem Schweif in rasender Eile davon. Wir lachten zu sehr, um ihn aufhalten zu können. – Diese vielen Füchse, weiße, graue und blaue, sind indessen für die Mannschaft des Grönlandfahrers oft eine große Last, da sie in Mondscheinnächten oder beim Nordlicht so anhaltend bellen, daß an keinen Schlaf zu denken ist.«

Herr Hastedt sah verstohlen zu seinem Begleiter hinüber. »Der alte Bursche ist doch im Eismeer gewesen,« flüsterte er. »Hatte es wirklich nicht gedacht, aber diese Einzelheiten überzeugen mich. Nun, wie steht's, Herr Kroll, machen wir noch einen kleinen Spaziergang zusammen?«

Robert schob ihm die Flasche zu. »Bleiben Sie doch!« antwortete er. »Wir sitzen ja ganz gemütlich beieinander.«

Aber der Deutsch-Amerikaner hatte nach der Uhr gesehen und schüttelte jetzt den Kopf. »Bedaure wirklich, Herr Kroll, es ist mir rein unmöglich. Time is money! wissen Sie, mein Bester. Freut mich, Ihre angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben! – Kapitän, ich empfehle mich Ihnen!«

Er reichte den beiden die Hand, und Robert hörte auch, daß zwischen ihm und dem Erzähler noch einige englische Worte gewechselt wurden, schnell und leise, – er achtete nicht darauf – dann bezahlte Herr Hastedt das Bier, grüßte nochmals mit der Hand und entfernte sich.

»Vielleicht sehe ich Sie morgen oder übermorgen an dieser Stelle wieder!« rief er noch von der Tür her zurück.

»Das hoffe ich, mein Herr. Es ist dann an mir, Sie zu bewirten!« versetzte Robert.

Er verschwand, und unser junger Freund setzte sich wieder in die Reihe der übrigen. Er hatte schon mehr Bier und Kognak getrunken, als ihm dienlich war, ein ganz fremdes Gefühl des Übermutes und der Sorglosigkeit beherrschte seinen Geist. Heute zum erstenmal wurde er in einer Gesellschaft von Männern als vollwichtig mitgezählt, er trank und sprach wie diese, er hatte den »Jungen«, den Untergeordneten und Unmündigen, gänzlich abgeschüttelt. O seliges, dreimal seliges Freiheitsgefühl, jetzt erst war er aus Ketten und Banden erlöst, jetzt hatte ihm niemand mehr etwas zu befehlen.

Sein Blick streifte herausfordernd die plaudernde Tafelrunde. »Still!« rief er, mit zwei Fingern auf die Tischplatte schlagend. »Still! der Kapitän will von seinen Erlebnissen auf der Walfischjagd erzählen.«

Die übrigen schwiegen, aber Witt schüttelte den Kopf. »Für diesmal nicht mehr,« antwortete er. »Ich habe nur den einen Zug mitgemacht, und der endete, als wir den Wal jagten, so traurig, so bös, daß mich die Erinnerung noch heute schmerzt. Mein Bruder verlor dabei das Leben und unser schönes Schiff ging in Splitter. Dergleichen stimmt trübe.«

Roberts Augen glänzten vor Begier, die Geschichte zu erfahren. »Kapitän,« sagte er, sich halb über den Tisch neigend, »so müssen Sie nicht sprechen. Habe ich eine Gefahr hinter mir, dann sehne ich mich nach der nächstfolgenden; ist ein Kampf beendet, so denke ich an den zweiten. Glauben Sie's nur, auch ich habe trotz meiner Jugend schon böse Stunden durchlebt und dem Tode mehr als einmal ins Auge gesehen!«

Der Kapitän horchte auf. »Sie?« sagte er. »Alle Wetter, das möchte ich genauer erfahren!«

Sein Wink veranlaßte den Kellner, Roberts Glas aufs neue zu füllen, ohne daß dieser es besonders bemerkte. Auch durch die übrigen aufgefordert, begann er eine Schilderung seiner Erlebnisse und redete und trank sich in einen Rausch hinein, der seine Wangen erglühen und seine Bewegungen unsicher werden ließ.

Besonders Kapitän Witt flocht Bemerkungen ein, die alle dazu dienten, das Selbstgefühl und die Lust an abenteuerlichen Fahrten in Roberts Seele nur noch immer mehr zu stärken. Er schlug zuletzt mit der Faust auf den Tisch und schwur, noch die ganze Welt umsegeln zu wollen.

Der Kapitän streckte den Arm aus. »Keinen solchen Schwur,« sagte er finster. »Dergleichen tut nicht gut, – die Schicksalsmächte hören es und fangen den vermessenen Sterblichen in seinen eigenen Schlingen.«

Robert lachte. »Ich bin nicht abergläubisch!« rief er. »Das kommt erst mit dem Alter. Haben Sie solche Geschichte von einem Schwur, den die bösen Gewalten gehört, mitgemacht, Kapitän? Nein, nicht wahr? Nur Ihre Frau Großmutter hat's erzählt, und die hatte es von einer Base, denke ich!«

Ein stummes Kopfschütteln beantwortete die dreiste Rede. Der Erzähler malte mit dem Zeigefinger in dem verschütteten Bier auf der Tischplatte und sprach keine Silbe, – nur Robert vermochte nicht zu schweigen. »War es vielleicht die Geschichte von dem zersplitterten Schiff Ihres Bruders, Kapitän?« forschte er. »War es das?«

Witt blickte auf. Der Ernst in seinen Zügen war unerkünstelt, das Beben seiner Lippen unwillkürlich. »Ja!« antwortete er langsam und deutlich. »Ja, es war der vermessene, gotteslästerliche Schwur, welcher Schiff und Mannschaft den Untergang bereitete. Es war mein Bruder, der sich im Eigensinn hoch und teuer vermaß und den der Tod ereilte, als er seines Sieges gewiß zu sein glaubte.«

Robert stand auf. »Das muß ein tapferer, unerschrockener Mann gewesen sein,« rief er, »ein braver Schiffer, dessen Andenken in Ehren bleiben soll. Stoßen Sie an, Kapitän!«

Der alte Witt nickte und tat Bescheid. »Ich will's erzählen,« sagte er nach einer Pause. »Solchem jungen Brausekopf und Heißsporn kann es gar nicht schaden, einmal eine tüchtige Lehre zu erhalten. Also hören Sie zu, meine Herrschaften, obgleich die Geschichte traurig genug ist.

Wir befanden uns im nördlichen Eismeer und jagten den Wal, hatten aber nur sehr wenig Glück gehabt, nur kleine, unbedeutende Ausbeute an Walrossen oder Seehunden gemacht und keinen größeren Walfisch gesehen. Die Mannschaft murrte auch, daß es zu kalt sei um an Deck arbeiten zu können, daß wir umkehren müßten und daß sie feste Heuer verlange, wenn der Kapitän noch immer an dieser äußersten Grenze der Eisregion verweilen wolle.

Mein Bruder war aber ein Trotzkopf sondergleichen. ›Ich habe noch Mundvorrat für zweihundert Tage an Bord,‹ fügte er mir einmal in einer vertraulichen Stunde, ›mein Schiff ist fest und meine Leute sind gesund, – wer weiß, ob es nicht mir bestimmt ist, daß seit Jahrhunderten vergeblich gesuchte und von vielen sogar geleugnete offene Polarmeer zu erreichen. Wer weiß, ob ich nicht an den Nordpol gelange, Wilhelm, und dann – wäre ich der bedeutendste, am häufigsten genannte und am meisten bewunderte Mann meiner Zeit geworden! Die Leute müssen sich fügen, wie ich will.‹

Bei solchen Reden schüttelte ich wohl den Kopf und malte ihm das Bedenkliche der Sache, aber im innersten Herzen verlockte mich der Gedanke ebensosehr wie ihn selbst. Und wenn unser Schiffstagebuch auch nur einen Breitegrad mehr aufwies, als ihn bislang ein anderes Fahrzeug erreicht hatte, so war das immerhin der Mühe wert, nur nicht für die Leute, welche keinen Ehrgeiz besaßen, sondern Geld verdienen wollten. Über den eigentlichen Strich der Walfischjagd aber waren wir hinaus, das wußten alle.

›In acht Tagen haben wir kein Schiff mehr gesehen!‹ hieß es. ›Man muß umkehren oder man friert plötzlich ein und kann elend verhungern.‹

›Hat keine Not!‹ tröstete mein Bruder. ›Es ist Mundvorrat im Raum, wir jagen mehr frisches Fleisch als wir verzehren können und für den Wasserbedarf sorgt überreichlich der Schnee, für das Brennmaterial die ungeheuren Massen von Treibholz. Was wollt ihr also?‹

Bei derartigen Gelegenheiten mußte der Untersteuermann ein Paar Flaschen Branntwein herausgeben, und so hielten wir die Leute hin, während das Schiff den achtzigsten Breitegrad beinahe erreicht hatte. Da kam uns ein anderes Fahrzeug in Sicht.

Jetzt kehrte den Matrosen der gesunkene Mut zurück, und als vollends der Däne, denn ein solcher war es, mit uns Seite an Seite lag, da ging die Geschichte vortrefflich, obwohl mein Bruder den Zufall heimlich verwünschte. An Bord des »Kong Frederik« waren nämlich die Blattern ausgebrochen, Kapitän und Steuermann gestorben, und der Untersteuermann nicht erfahren genug, um bei so schwierigen Verhältnissen die Lenkung des Schiffes allein zu übernehmen. Der »Kong Frederik« war verschlagen worden, und sein flaumbärtiger Führer bat uns vom Himmel zur Erde um einen Mann, der es verstände, das Schiff wieder nach Europa zu bringen.

Nun, das konnten wir tun, da uns zufällig mehr Kräfte zu Gebote standen, als für unsere Zwecke erforderlich waren, aber mein Bruder, rasch entschlossen und tatkräftig wie immer, verabredete, ehe wir uns trennten, mit dem jungen Dänen eine Art von Tauschhandel. Die beiderseitigen Matrosen sollten gefragt werden, wer lieber auf dem »Kong Frederik« unverweilt nach Hause zu gelangen wünsche oder auf unserem eigenen Schiff in diesen Breiten noch länger kreuzen wolle. Am folgenden Morgen sollte die Übersiedelung stattfinden.

Ich hatte am Abend dieses Tages mit meinem Bruder eine längere und sehr ernste Unterredung. Sein Gesicht strahlte vor Freude. ›Wilhelm,‹ sagte er, ›das Schicksal ist mir gewogen, ich bekomme lauter neue Matrosen. Die Dänen sind überhaupt ein tolldreistes, kühnes Volk, sie fürchten sich vor dem leibhaftigen Satan nicht, und ganz besonders diese Mannschaft gefällt mir. Es sind lauter Seeländer, die Schwarzköpfe vom alten Asenstamm, die Kerle mit den Eisenfäusten und dem eisernen Sinn. Solche brauche ich, alter Junge! – Ja, wenn es mir gelänge, das Polarmeer zu erreichen, wenn ich Zeit genug behielte, in das ewige Eis des Nordpols meinen Namen wie in Granit zu hauen, dann wollte ich gern sterben. Hundert Jahre – tausend Jahre nach mir käme vielleicht ein anderer dorthin und läse es, – ich hätte nicht gelebt, ohne auch für die Jahrbücher der Geschichte unsterblich geworden zu sein.‹

Ich konnte diese Begeisterung nur halb verstehen. Zehn Jahre jünger als er, liebte ich das Leben noch mehr als den Ruhm, und – das sah er vielleicht. ›Du sollst mich nicht begleiten, Wilhelm,‹ sagte er, ›du gehst mit dem »Kong Frederik« nach Hause, und wäre es nur, um unseren Eltern wenigstens einen Sohn zu erhalten. Ich bekomme Leute genug, – die Kerle haben sämtlich vor dem Unglücksschiff, auf welchem der Tod seine Ernte gehalten, einen heillosen Respekt. Sie verlassen es lieber heute als morgen; du gehst mit meinen Einfaltspinseln, die zu verhungern fürchten, an ihre Stelle über.‹

Ich sprang beleidigt auf. ›Johannes,‹ rief ich, ›das darfst du nicht verlangen, mich nicht feige oder unmännlich nennen! Ich bleibe wo du bist und teile dein Los.‹

Aber er schüttelte den Kopf. ›Ich will es nicht!‹ erklärte er. ›Du bist kein Seemann, Wilhelm, bist in die Musterrolle nicht eingeschrieben und noch nicht einmal mündig. Der Vater hat dich mir mitgegeben, um den Herrn Studenten ein wenig zahm zu machen, wie du weißt, also – kann ich Gehorsam verlangen.‹

Mein Blut begann zu kochen. ›War das im Ernst gesagt, das vom Gehorsam, Johannes?‹ fragte ich, zitternd vor Zorn.

Sein Blick, sein Ton entwaffneten mich. ›Nein,‹ versetzte er, ›das Wort war schlecht gewählt, mein Junge. Aber du tust mir's zu Liebe, ich weiß es.‹

Dagegen konnte ich nichts machen. ›Johannes,‹ sagte ich, ›noch an einer letzten Hoffnung festhaltend, laß uns das Schicksal fragen und seine Stimme den Streit schlichten. In alten Zeiten wurde alles durch Gottesurteil entschieden, warum nicht auch jetzt noch?‹

Er lächelte. ›Nur zu,‹ antwortete er. ›Aber woher willst du das Orakel nehmen?‹

Ich flog zu meiner Kiste und holte die Würfel hervor. ›Einfach genug, Johannes,‹ rief ich. ›Wer die wenigsten Augen wirft, der ergibt sich. Soll das gelten?‹

Mein Bruder nickte. ›Du bist leichtsinnig, Wilhelm,‹ antwortete er mit ernstem Tone. ›Du willst einen Zufall über dein ganzes ferneres Glück entscheiden lassen, anstatt der Stimme der Vernunft Gehör zu geben.‹

Aber ich hielt die Würfel bereits in der Hand. ›Einerlei Johannes, – soll es gelten?‹

Er beugte sich vor. ›Meinetwegen denn. Wir wollen es als ein Gottesurteil nehmen! – Gib her die Würfel.‹

Ich reichte ihm die klappernden Dinger und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit jede seiner Bewegungen. Wer hätte wohl gedacht, daß hier Leben und Tod an einem einzigen Auge hingen! – –

Seine Hand ließ die Würfel fallen, so daß einer auf den Fußboden der Kajütte rollte. ›Nimm das Licht!‹ rief er hastig, ›sieh nach, aber laß die Augenzahl,

welche nach oben liegt, so bleiben, wie sie ist.‹

Ich nahm ein Streichholz und beleuchtete den Boden. ›Etwas abergläubisch bist du aber selbst, Johannes!‹ sagte ich, mit klopfendem Herzen den Würfel suchend. ›Aha, dort liegt er, und die sechs ist geworfen. Wo befindet sich der andere?‹

›Hier,‹ antwortete er und hob die Hand empor. ›Ich habe ihn festgehalten.‹

›Auch sechs!‹ rief ich bestürzt, während er laut und fröhlich lachte. So war die Frage also zu meinen Ungunsten entschieden.

Und dabei blieb es. Ich bereitete mich mit schwerem Herzen darauf vor, das Schiff zu verlassen und mit dem Dänen nach Europa zurückzukehren. Während der ganzen letzten Nacht gingen wir beide nicht zu Bette, mein Bruder und ich, sondern er schrieb Briefe an Eltern und Freunde, oder wir besprachen noch so vieles, was sich bei dieser ganz unvermuteten Trennung hoch oben im Eismeer unseren Seelen aufdrängte. Vorn im Matrosenlogis war es eben so lebendig. Die Dänen vom anderen Schiff überboten sich in den ihrem Nationalcharakter anklebenden Prahlereien, und mehr als einmal hörte ich die Bemerkung, daß es ihnen gerade erwünscht sei, eine Reise bis zum Polarmeer mitzumachen. ›Unser Volk hat Amerika entdeckt, längst vordem Kolumbus geboren,‹ hieß es, ›wir nannten es »Wiinland« und besaßen daselbst ausgedehnte Königreiche. Die Dänen und Norweger sind die wahren Entdecker Amerikas, – warum sollten sie nicht den Weg zum Nordpol finden?‹

Und dann klangen die Gläser aneinander. Auf dem »Kong Frederik« hatten sich alle Bande der Ordnung gelöst. Die Leute holten ohne zu fragen ein Fäßchen Rum herüber, und man zechte bis nach Mitternacht.

Inzwischen hatte sich der Wind bedeutend verstärkt, es herrschte eine fast unerträgliche Kälte, und als der Tag anbrach, sahen wir in einiger Entfernung vor uns schwimmende Eisblöcke von so riesiger Ausdehnung, wie sie uns vorher nie zu Gesicht gekommen waren. Es schienen erstarrte Gebirge, Gletscher, die bis zum Himmel ragten, deren Formen und äußere Umrisse den Eindruck des Großartigen, Gewaltigen bei uns hervorbrachten.

Ihrer zwei, die beiden größten, trieben in einer Entfernung von etwa einer halben Meile nebeneinander her.

Ich verstand vom Seewesen damals noch nicht viel, aber dennoch ließen mich diese beiden Ungetüme heimlich erbleichen. ›Johannes,‹ sagte ich, ›ist nicht gerade das der Kurs, den du steuern wolltest? – Natürlich muß dein Plan jetzt fallen.‹

Aber er schüttelte den Kopf. ›Mein Plan fällt nicht, Wilhelm. Der Wind ist günstiger als je, – ich wage die Sache.‹

›Johannes! – du wolltest zwischen den Eisbergen deinen Weg suchen?‹

›Ja. Sie können mich auch im Atlantischen Ozean zermalmen, wenn das mein Los werden soll. Hier heißt die Sache ein tollkühnes Wagestück, dort ist sie unvermeidlich und überfällt vielleicht den hasenherzigsten Kapitän auf der kurzen Reise zwischen Hamburg und New York. – Ich will den Versuch wagen.‹

Wenn er in diesem Tone sprach, dann ließ sich mit ihm nichts machen, aber ich hoffte noch, daß sich die Mannschaft weigern würde, und als der Umzug bewerkstelligt war, raunte ich unserem auf das dänische Schiff übergehenden Steuermann die Geschichte ins Ohr. Er erschrak offenbar sehr.

›Kapitän,‹ hörte ich ihn sagen, ›die Sache geht schief. Das müssen Sie aufgeben.‹

›Bei diesem Wind?‹ rief mein Bruder. ›Nimmermehr tue ich es, Steuermann. Haben wir während der ganzen letzten Wochen solchen Wind gehabt?‹

›Das nicht, Kapitän. Es ist in dieser Beziehung allerdings ein sehr günstiger Augenblick für die Weiterreise nach Norden, wenn nicht eben jene Eisblöcke – –‹

Johannes kehrte sich plötzlich gegen uns beide herum. Sein Lieblingsgedanke beherrschte ihn vollständig. ›Und wenn ich bis zum jüngsten Tage zwischen diesen Eisblöcken kreuzen müßte, so gebe ich meinen Plan nicht auf!‹ rief er mit flammenden Blicken. ›Ich will hindurch um jeden Preis!‹

Der Steuermann schwieg. Er reichte seinem bisherigen Vorgesetzten die Hand und wünschte ihm Abschied nehmend eine glückliche Fahrt. Dann ging er auf den »Kong Frederik« hinüber, um das Kommando des Schiffes anzutreten.

Ich mußte wider Willen folgen. Der Augenblick der Trennung ließ sich nicht länger hinausschieben, da das dänische Schiff aus Mangel an Mundvorrat und Mannschaft so schleunig als möglich den Heimweg antreten wollte. Jetzt berührten sich unsere Hände, unsere Lippen zum letztenmal. ›Johannes,‹ bat ich innig, ›laß mich bei dir bleiben.‹

Aber er schob mich fort. ›Nein, nein, Kind, du machst mich nicht irre. Geh und grüße zu Hause die Eltern. Vielleicht komme ich ja glücklich und – berühmt zu euch zurück. Das Schiff ist mein Eigentum, die Leute folgen freiwillig, und zudem hast du meinen Schwur gehört. – Ich kann nicht anders, will nicht anders handeln. Behüt dich Gott, Wilhelm, und – nun geh.‹

Noch eine Umarmung, noch ein fester Händedruck, und dann wurden die Planken weggenommen, die Befehle auf beiden Schiffen gegeben und ausgeführt, die erforderlichen Veränderungen an den Segeln und dem Ruder gleichzeitig vorgenommen. Während der »Kong Frederik« nur schwerfällig, gleichsam kriechend seinen Weg gegen den immer stärker anschwellenden Wind zu verfolgen suchte, flog meines Bruders unglückliches Schiff wie eine weiße Möwe über den Ozean dahin. Es war eine schreckliche Stunde! –

Von Minute zu Minute verstärkten sich die Windstöße. Die Eisberge taumelten und neigten sich gleich Berauschten, sie stießen mit Donnergepolter gegeneinander, sie trennten sich auf bedeutendere Entfernungen und drängten dann wieder ganz nahe Seite an Seite.

Meines Bruders Schiff war jetzt mitten zwischen ihnen. Es tanzte vor dem Wind, es gehorchte jeder Bewegung des Ruders, schien der drohenden Gefahr zu spotten. –

›Ein tolles Stück!‹ raunte der Steuermann. ›Ein halber Wahnsinn, und dennoch – fünf Minuten solcher Fahrt bringen ihn hindurch.‹

Mir stockte das Blut. Ich konnte kaum sprechen. ›Denken Sie, daß es gelingt, Steuermann?‹ fragte ich.

Ein Schrei von seinen Lippen antwortete mir. Er streckte nur die Hand aus.

Zwei der schwimmenden Ungeheuer waren von rechts und links an das Schiff herangekommen. Wie eine Nußschale lag es zwischen den riesigen Eismassen auf dem Wasser, – nahe und näher rückten die eisenharten, spiegelglatten Wände. – –

›Johannes!‹ rief ich unwillkürlich, obgleich er viel zu weit entfernt war, um meine Stimme hören zu können, ›Johannes!‹ – –

Noch in diesem Augenblick schwebt mir das Entsetzliche vor, als sei es gestern geschehen. Ein Windstoß trieb die Eisberge gegeneinander, ein Krachen wie von stürzenden Welten erschütterte die Luft, das Meer zischte und schlug hohe Wellen, dann – glitten die Massen zur Seite, spielend, als sei nun ihre furchtbare Aufgabe vollbracht. – –

Der Raum zwischen den beiden Eisriesen war leer, nur Trümmer und Splitter bedeckten die Oberfläche des Wassers. – –

Meines unglücklichen Bruders vermessener Schwur hatte sich buchstäblich erfüllt. Er kreuzt bis zum jüngsten Tage zwischen den Eisbergen des Nordmeeres.«

Der Erzähler hatte geendet, und auf seinen Zügen las man, daß wenigstens diese traurige Geschichte nicht erfunden war. Alles schwieg achtungsvoll, um die schmerzliche Erinnerung des Alten ungestört verhallen zu lassen, selbst Robert war stiller und etwas nüchterner geworden. – Mochte auch Kapitän Witt seit einer Reihe von Jahren schon ein Gewohnheitstrinker und Wirtshausläufer sein, – diese Stunde voll Entsetzen und tiefster Erschütterung hatte er wirklich durchlebt, und wer weiß, vielleicht war ja mit dem geliebten älteren Bruder für ihn der Führer und Freund verloren, vielleicht hatte das untergegangene Schiff sein ganzes Erbteil mit sich in den bodenlosen Schlund hinabgezogen und ihn gezwungen, als Kajüttswächter eine neue schwere Laufbahn zu ergreifen.

Die Verhältnisse bestimmen ja nur zu leicht den Menschen. –

Der Alte erhob sich trotz seiner ansehnlichen Leistungen auf dem Gebiete des Grogs dennoch ohne ein Zeichen von Trunkenheit. »Das ist's«, nickte er, »was ich von den übereilten Schwüren sagen wollte. Sie tun niemals gut. Und nun, ihr Herren, – auf Wiedersehen.«

Er ergriff seinen Hut, um sich zu entfernen, – Robert eilte ihm nach. »Kapitän«, bat er, »lassen Sie uns noch eine Strecke Weges miteinander gehen. Ich suche eine Heuer, habe nichts zu versäumen, also möchte ich gern ein wenig plaudern. Wissen Sie kein Schiff für mich?«

Der Alte stand lächelnd still. »Geraden Weges ins Eismeer hinein, nicht wahr?«

»Offen gestanden, ja. Ich habe mir die tropische Sonne auf den Kopf scheinen lassen, habe Palmen rauschen hören und die ganze Pracht des Südens gesehen, – jetzt drängt es mich, den Nordpol kennen zu lernen. Ewiger Schnee, Gebirge von Eis, – das sind Sachen, die nirgends verlockender erscheinen als da, wo man das Gegenteil bereits von Angesicht zu Angesicht gesehen. Bin ich aus dem Eismeer zurück, so mache ich vielleicht eine Landreise, klettere auf die höchsten Gebirge und in die tiefsten Täler, oder – –«

»Ich komme von der sibirischen Küste nie zurück!« ergänzte trocken der Alte.

»Möglich. Aber dann habe ich, bis meine Todesstunde schlug, gelebt, – was ich leben nenne!« versetzte unser Freund.

»Also, um die Sache kurz zu machen, Sie hätten gern eine Heuer als Leichtmatrose auf einem Walfischfahrer?«

»Ja, Kapitän. Aber es soll schwer daran zu kommen sein, wie ich höre.«

Der Alte ging eine Strecke weit neben seinem jugendlichen Begleiter, ohne zu sprechen, dann legte er plötzlich die Hand schwer auf dessen Achsel. »Junge«, sagte er, »wenn das nun alles ein verfluchter Schwindel wäre, wenn die Nordlandfahrer für Geld und gute Worte keine Besatzung zusammenfinden könnten, ja, und wenn Herr Hastedt ein ›Schlepper‹ wäre, ein abgefeimter amerikanischer Gauner, der an dir ein paar Dollar zu verdienen hofft, he? Was würdest du dann sagen?«

Robert schwieg anfänglich vor Erstaunen. »Das verstehe ich nicht«, antwortete er endlich.

»Well, so will ich dir's auseinandersetzen, denn du dauerst mich, um deiner frischen Jugend und Unerfahrenheit willen. Siehst du, kein Matrose heuert gern auf einem Grönlandfahrer, weil die Strapazen der Reise doppelt sind, weil, wenn ein Unglück geschieht, die Küste keinen Schutz bietet, weil sich die Gefahren häufen, Hunger und Frost das Schiff umlauern und der Gewinn vielleicht ganz ausbleibt. Wolltest du alle diesem trotzen, junger Schlingel?«

Robert kämpfte mit sich, ehe er antwortete. Also sein liebenswürdiger Landsmann, Herr Hastedt, hatte ihn gründlich hinters Licht geführt, und er war ihm wie ein erzdummer Junge, ein ganz »Grüner« ins Garn gelaufen? Alles Blut schoß in seine Wangen, der Eigensinn raubte ihm das Nachdenken. Niemand sollte erfahren, daß er getäuscht worden war.

»Ich trotze alle dem!« rief er. »Die Mühen und Gefahren kann ich mir natürlich lebhaft vorstellen, die Kälte und die Beschwerden zwischen starren Eisklumpen lassen sich ohne besonders rege Einbildungskraft denken, aber hochinteressant muß die Sache dennoch sein!«

Der Alte nickte. »Das ist sie auf jeden Fall. Unvergleichlich, unbezahlbar in ihrer Weise, aber kein sicheres Geschäft, nichts Nützliches, außer wenn das Glück besonders günstig ist. Dann freilich regnet es Geld, da die Mannschaft außer ihrer Heuer von vier Dollar monatlich auch ein Sechstel des Reingewinnes zu beanspruchen hat. Im Durchschnitt wird aber der gewöhnliche Matrosenverdienst nicht überschritten, und alle solche Annehmlichkeiten, die das Seeleben anderweitig bietet, fallen weg. – Jetzt überlege dir die Geschichte, du Tollkopf. Schlaf darauf, wie man in Deutschland zu sagen pflegt. Ich habe dir die reine, ungeschminkte Wahrheit berichtet, und was du tust, das tust du auf eigene Rechnung und Gefahr.«

Robert schlug herzhaft in die Hand, welche ihm der Kapitän darbot. »Ich will es!« rief er. »Ihre Schilderungen haben meinen Entschluß unwiderruflich gemacht. Aber vor allen Dingen gehört dazu ein Schiff, das nach Grönland fährt. Wissen Sie ein solches?«

Der Kapitän deutete mit der Rechten auf den Hafen hinaus. »Alle diese schwarzen Schiffe mit hohem Bord und mehreren Booten sind Grönlandsfahrer,« sagte er. »Das dritte in der Reihe wird schon binnen wenigen Tagen die Reise nach dem Eismeer antreten; der Kapitän ist ein persönlicher Bekannter von mir. Jetzt aber will ich mit dem ganzen Plan nichts mehr zu schaffen haben, Bursche. Du bist gerade ein solcher Charakter, wie es mein Bruder war, und – ich mag dich nicht in den Tod schicken.«

Robert errötete. »In den Tod?« wiederholte er.

»Ja. Wenn von der Wasserseite der dänischen Herzogtümer, aus Holstein oder Schleswig, vor Zeiten die Jugend des Dorfes hinauszog auf den Walfischfang, dann wurde an jedem Sonntag von der Kanzel herab für die Bedrohten gebetet. Jeder Name wurde genannt, für jeden sprach der Geistliche eine Fürbitte, – das erwäge wohl, junger Freund!«

Er nickte und ging dann fort, ohne sich umzusehen. In ihm, dem tiefgesunkenen Gefährten des »Schleppers« von Handwerk, dem Manne, der für freie Zeche in den verachteten Lagerbierkneipen des Matrosenviertels von New York die Gäste unterhielt, – in ihm hatte das hübsche, offene Gesicht seines jungen Landsmannes doch so viel Ehrgefühl wieder erweckt, daß er wenigstens den Sündenlohn verschmähte. Wenn Robert jetzt in das Bierhaus und in Hastedts Gesellschaft zurückkehrte, so war er gewarnt und mußte seine Haut zu Markte tragen.

»Ein aufgeweckter, liebenswürdiger Bursche,« dachte er, »schade um das junge Blut, schade! – Ach, wer wieder siebzehn Jahre alt wäre! – wer noch einmal von vorn anfangen könnte!«

Und kopfschüttelnd lenkte er in den nächsten Keller, um für ein Beefsteak und ein Glas Grog sein Garn wieder weiterzuspinnen.

Siebentes Kapitel

Auf dem Walfischfang

Robert hatte seinen Rausch verschlafen, aber keineswegs den abenteuerlichen Plan aufgegeben. Obgleich er sehr wohl wußte, daß es eine Unklugheit war, sich so dem ungewissen Schicksal anzuvertrauen, konnte er doch dem Verlangen nach neuen Erlebnissen nicht widerstehen. »Ich bin frei,« dachte er, »frei wie der Vogel in der Luft, niemand darf mir meinen Weg vorzeichnen, niemand darf mir Gesetze geben und Beschränkungen auferlegen, also weshalb sollte ich zögern, das zu tun, was mir am besten gefällt? – Ob ich einige Jahre früher oder später als gemachter Mann nach Pinneberg zurückkehre, daran liegt nichts. Erst will ich mir die Welt besehen.«

Er ging zum Hafen hinab mit dem Vorsatz, ohne weiteres an das von dem alten Witt bezeichnete Schiff zu fahren und sich von dem Kapitän heuern zu lassen, – da legte sich plötzlich von hinten eine Hand auf seine Schulter, Herr Hastedt grüßte verbindlichst.

»Freut mich, daß ich Sie wiedersehe!« sagte er. »Noch keine Heuer angenommen?«

Roberts Plan war im Augenblick fertig. »Warte,« dachte er, »dich will ich bezahlen, Schurke. Zwar könnte ich dich auf der Stelle meine Fäuste fühlen lassen, aber das wäre nicht empfindlich genug. Du sollst es verlernen, deine Landsleute zu betrügen.«

Er wandte sich äußerst freundlich zu ihm. »Noch keine Heuer angenommen, Herr Hastedt! Ich denke immer, ob nicht das Glück so günstig wäre, mir eine Fahrt in das Eismeer zu vergönnen.«

Herr Hastedt bot eine Zigarre und sagte dann: »Ja, ja, nach dem Eismeer, dahin, wo es Taler regnet wie Schneeflocken. Ich glaube es Ihnen wohl, und – hm, ich hätte auch vielleicht eine Aussicht für Sie. Die Sache ging mir beständig im Kopfe herum, man nimmt teil an einem so liebenswürdigen jungen Landsmann, und da ich doch als Agent aller möglichen Geschäftshäuser fast die ganze Stadt kenne, so habe ich mich nach einer Heuer für Sie umgesehen. Ist Ihnen die Geschichte etwa fünf Dollar wert, so können Sie einen Platz als Jungmatrose erhalten, – natürlich durch meine Vermittelung.«

»Ach, das wäre mir außerordentlich lieb!« rief unser Freund. »Da hätte ich ja rechtes Glück gehabt, als wir einander begegneten.«

»Sie wollen also die fünf Dollar daran wenden? – Ich bekomme dieselben nicht, natürlich könnte mir's nie einfallen, von Ihnen Geld zu nehmen, aber ein Bekannter, welcher derartige Geschäfte betreibt, – wissen Sie!«

Robert lächelte eigentümlich. »Mir ist die Heuer mehr als fünf Dollar wert,« sagte er, ohne die gestellte Frage geradezu zu beantworten. »Lassen Sie uns sogleich jenen Geschäftsmann aufsuchen, Herr Hastedt.«

»Well!« rief dieser. »Ohnehin ist Eile nötig, da das Schiff zur Abfahrt bereit liegt. Wenn Sie kein bares Geld mehr im Besitz haben sollten, Herr Kroll, so kann die Bezahlung immerhin warten, bis Sie an Bord gehen. Es gibt dann fünf Dollar Handgeld.«

Robert nickte äußerst zufrieden. »Das paßt mir gerade,« versetzte er. »Meine letzten paar Kröten muß ich notwendig daran wenden, um mir Wollenzeug anzuschaffen. Wo wohnt denn der betreffende Herr?«

»O, der ist leicht gefunden. Er hat einen Lagerbiersalon (so heißen in New York die gewöhnlichen Schenken) hier auf dem Kai, so eine Art von Börse, wo er Geschäfte abschließt und seine Kunden empfängt. Kommen Sie nur mit mir.«

Die beiden gingen in ein nahegelegenes Wirtshaus, wo wirklich der erwartete Zwischenhändler bei einem Glase Grog die Zeitungen las. Er sah ziemlich schäbig aus und sprach das Deutsche ebenso geläufig wie unser Freund selbst. Offenbar hatte er diesen und seinen Begleiter erwartet, das konnte Robert nur allzu wohl bemerken.

»Euch will ich die Suppe versalzen,« dachte er. »Wartet nur, Gauner. Und nebenbei sollt ihr auch nicht die Genugtuung haben, mich für angeführt zu halten. Nur Geduld, die Strafe entgeht euch keinesfalls.«

Er ließ sich dem schäbigen Herrn vorstellen und hörte noch einiges über schlechte Geschäfte, riesigen Zudrang der Matrosen zu Fahrten nach dem Eismeer und Ähnliches, dann erklärte Herr Hastedt, daß seine Zeit durchaus gemessen sei, wünschte sich nochmals Glück, dem liebenswürdigen Landsmann einen Dienst geleistet zu haben und verschwand, nachdem er noch mit dem anderen einige bezeichnende Blicke und Flüsterworte gewechselt hatte.

Jetzt begaben sich die beiden Zurückgebliebenen zum Hafen, und Robert bemerkte, daß es das dritte Schiff war, wohin der Deutschamerikaner die Jolle rudern ließ. »Also ganz geschäftsmäßig wird das betrieben,« dachte er. »Dieses Fahrzeug soll zuerst auslaufen, ihm werden also die ersten »Dummen« zugeführt. Na – wartet!«

Er kletterte gewandt an Bord und half dem ängstlichen Agenten, der sich mit beiden Händen an seine Rockschöße klammerte, lachend über die Schanzkleidung, dann sah er sich das Schiff an. Ein einziger Rundblick zeigte ihm die größte Ordnung und mustergültigste Sauberkeit; es war alles auf das zweckmäßigste eingerichtet, alles bestens erhalten und in gutem baulichen Zustande. Nur riesig hoch schienen ihm die Masten! – dort die Oberbramraa schwebte ja wahrhaftig beinahe in den Wolken.

»Gott, da hinauf zu müssen!« sagte schaudernd der Agent. »Brr!«

Robert lachte. Ihm hüpfte ja das Herz vor Freude, als er wieder ein Schiff unter den Füßen fühlte. »Wollen Sie einmal sehen, wie es gemacht wird?« rief er, – und im nächsten Augenblick flog er wie ein Vogel an den Tauen hinauf. »Ach, das lohnt aber der Mühe! – Kommen Sie mir nach, Herr so und so, Sie glauben nicht, welche Aussicht ich hier genieße!« –

»Scheußlich! Scheußlich!«

Der mitleidige Mann schloß die Augen, als sich Robert ziemlich rücksichtslos wieder herunterplumsen ließ und katzengleich auf die Fußspitzen sprang. »Aber wenn nun das Schiff schaukelt und auf der Seite liegt,« sagte er voll Entsetzen, »wie machen Sie es dann?«

Roberts Augen leuchteten. »Dann wird es erst ein Hochgenuß!« versetzte er, »dann spannt es alle Kräfte des Körpers und der Seele, dann ist es der Sieg des Menschen über die rohe Gewalt der Elemente, der Sieg des Turners über eine Aufgabe, welche nicht zu den leichtesten gehört. Wenn das Schiff schlingert und stampft, wenn der Sturm heult und der Regen die Augen blendet – dann beginnt erst der Genuß, dann hat die Sache ihren wahren Reiz!«

»Gott segne meine Seele, – welche Vermessenheit!«

Inzwischen war der Obersteuermann an Deck gekommen und hatte sich den fixen, schlankgewachsenen Burschen mit unverkennbarem Wohlgefallen betrachtet. Solche Leute waren es, welche ihm noch fehlten.

Der Agent sprach leise mit ihm, indes sich Robert, nachdem er die Mütze in die Hand genommen, bescheiden zur Seite hielt, und dann, als eine Art von Personalverhör begann, freimütig antwortete. Der Obersteuermann nickte sehr zufrieden. »Wir werden etwa zehn bis zwölf Monate ausbleiben,« fuhr er fort. »Wollen Sie für die ganze Reise heuern und zwar mit fünf Dollar Handgeld, vier Dollar Monatslohn und Teilhaberschaft an einem Sechstel vom Reingewinn, so schreiben Sie Ihren Namen in diese Musterrolle. Das Geld beim Eintritt in den Dienst.«

Robert spürte, wie ihm das Herz schlug. Es war, als fühle er jetzt erst die ganze Schwere des unklugen Streiches, als höre er, daß ihm Mohr zuflüsterte: »Tu's nicht, tu's nicht, – die Reue kommt nach.«

Aber dann schwebte wieder die verlockende Seite der Sache vor seinem geistigen Auge. Nein, nein, er mußte auch das ewige Eis sehen, mußte wissen und erfahren, wie man sich mit dem Erfrieren abfindet, nachdem ihm die Tropensonne fast das Hirn versengt, als er fiebernd und todesmatt im Sande lag. –

Er schrieb mit festen Zügen seinen Namen in das Register; Robert Eduard Kroll, Leichtmatrose. – So, jetzt rollte die Kugel, jetzt konnte er nicht mehr zurück und wollte es auch nicht. Das Seewesen war ja im allgemeinen für ihn etwas anderes als für andere, da er nicht bloß einen Erwerbszweig daraus machte, sondern seiner Leidenschaft, seinem innersten Berufe folgte. Die meisten Matrosen wollten etwas Erkleckliches vor sich bringen, um dann in späteren Jahren am Lande ein kleines Geschäft gründen zu können, – er selbst wollte die Welt sehen und seiner Neigung nachleben. –

Der Obersteuermann nahm die Musterrolle zurück und befahl dem neuen Leichtmatrosen, übermorgen früh um sieben Uhr an Bord zu sein. Dann war er entlassen.

Der Agent gelangte wieder mit Ächzen und Seufzen die Treppe hinab. Er schüttelte sich, als er, auf der Ufermauer stehend, nach dem schwarzen Koloß zurückblickte. »Der ›Vogel Greif‹ heißt das Ding,« sagte er. »Wahrlich, ich wollte am festen Lande ein Karrenschieber werden, bevor mich solcher Vogel greifen dürfte! Aber die Neigungen sind ja verschieden, Herr Kroll, nicht wahr? Kann ich Ihnen mit Bezug auf Ihre Einkäufe noch in irgend einer Weise dienen, so gebieten Sie über mich.«

Robert dankte ablehnend. »Vergessen Sie nur nicht, zur bestimmten Zeit an Bord des ›Vogel Greif‹ zu erscheinen!« mahnte er. »Es ist der Auszahlung wegen.«

Der schäbige Herr grüßte äußerst verbindlich. »Werde nicht ermangeln, bester Herr, verlassen Sie sich darauf. Werde mich pünktlich einstellen!«

Die beiden trennten sich und unser Freund verwendete nun die nächsten Stunden, um sich für das nordische Klima auszusteuern. Derbes Wollenzeug, schwere Seestiefel und doppelte Röcke, dazu Fausthandschuhe und wollene Strümpfe, alles wurde zusammengekauft, oder als schon vorhanden in der Seekiste säuberlich geordnet, denn Robert gehörte bei allen seinen Fehlern doch durchaus nicht zu denen, welche das Geld, sobald es in ihrer Tasche klingt, auch wieder sinnlos verschwenden. Er war ein eigensinniger, leidenschaftlicher und vielleicht auch etwas eitler Bursche, aber er liebte die Ordnung, erschien immer wie aus dem Ei geschält und hielt das Seinige zu Rate, wie ihn denn auch die heimliche Schurkerei des Herrn Hastedt und des Agenten im innersten Herzen empörte. Deutsche Landsleute, arme, unwissende Auswanderer zu verraten und zu verkaufen, deutsche Brüder in der Ferne zu betrügen, dachte er voll Entrüstung, o pfui, wie schändlich! Aber wartet, Halunken, ich werde euch einen Denkzettel geben, an dem ihr länger als bis morgen zu kauen haben sollt!

Er bezahlte in der Frühe des zur Abreise bestimmten Tages seine Rechnung beim Schlafbas, nahm die Kiste auf die Schulter und ging mit der schweren Bürde seelenvergnügt zum Hafen hinunter.

Jetzt begann das neue Leben. Nicht mehr Junge, nicht mehr du angeredet und von den älteren Genossen gehänselt, nicht mehr zu den Arbeiten einer Scheuerfrau verwendet, und neben allem diesen die Aussicht auf Abenteuer über Abenteuer! – Wer war glücklicher als er, wem schien die Sonne so hell wie ihm? – –

An Bord sah er etwa fünfundzwanzig bis dreißig sehr verschiedene Gesichter, schwarze, braune, gelbe und weiße bis zu dem halb ängstlichen, halb verlegenen Auswanderer, der vielleicht von Beruf ein Schuster oder Schneider war, und der ein halbes Menschenleben hindurch die Nähnadel regiert hatte, um dann den Verlockungen des »Schleppers« nachzugeben und sich für den Walfischfang ködern zu lassen.

Eine Gruppe dieser letzteren stand flüsternd und scheu aus Vorderdeck beisammen. Erst wenn die ganze Mannschaft vollzählig und die Musterrolle verlesen war, gab es Handgeld, und erst dann konnte der schäbige Agent dort hinten bei der Kombüse, der ganz abgesondert an der Schanzkleidung lehnte und alles scharf beobachtete, seinen Sündenlohn erhalten. Noch fehlten zwei Geworbene, wie Robert zufällig hörte, daher begrüßte er nur flüchtig den Agenten und setzte sich auf seine Seekiste, um den Augenblick der Auszahlung zu erwarten.

Als die beiden letzten Auswanderer, – arme Hessen, die von weinenden Frauen und Kindern bis an die Jolle begleitet wurden – das Deck betreten hatten, verlas der Obersteuermann die Musterrolle und gab dann jedem einzelnen das versprochene Handgeld. Robert sah die Farbigen und diejenigen, deren Äußeres befahrene Seeleute verriet, mit den empfangenen Papierdollar zum Logis zurückkehren, –- es waren nur jene anderen, welche dem Agenten das Geld als Maklergebühr zu überliefern hatten.

Der Schäbige drängte sich schmunzelnd vor.

Roberts Augen funkelten. Er trat bis hart an den Deutschamerikaner heran und zwang ihn mittels eines festes Griffes, ihm in einer entlegenen Ecke Gehör zu schenken.

»Sieh mich an, Spitzbube,« sagte er leise, »gib acht, was ich dir jetzt mitteilen werde, und was du deinem würdigen Genossen, Herrn Hastedt, von mir bestellen kannst. Ihr seid beide ein paar Erzhalunken, die ihre bedrängten Landsleute in die Falle locken und an ein ungewisses, wo nicht gar erbärmliches Schicksal verkaufen wollt. Ihr spiegelt den oft von Hunger und Elend ausgemergelten, schwindsüchtigen Leuten goldene Berge vor, während sie in der Tat das letzte verlieren und den Rest ihrer Gesundheit zusetzen. Glaubt nicht, daß ihr mich betört hättet! – ich wollte aus anderen Gründen die Reise mitmachen, – aber die dort, die Unglücklichen mit den hohlen Augen und kraftlosen Gliedern, das sind eure Opfer, ihr Hyänen in Menschengestalt. Und jetzt sprich, du Schuft, willst du dich schleunigst entfernen, ohne auch nur einen einzigen Cent erhalten zu haben, oder willst du, daß ich laut meine Worte wiederhole? – Dann sei Gott deinem Rücken gnädig!«

Der Agent stand käsebleich vor dem erregten jungen Menschen. »Herr Kroll,« sagte er, »ich weiß nicht! – Sie verlangen Dinge, die –«

Robert ließ den Arm los. »Aha, du willst also nicht nachgeben? Du hoffst vielleicht auf den Beistand der Schiffsoffiziere? – Aber bei Gott, du sollst erfahren, wie bereitwillig Jan Maat dem Seelenverkäufer seinen Lohn auszahlt. Ein Wort, und –«

Der Agent sprach nicht, machte keine Bewegung, die auf Widerstand gedeutet hätte, sondern verschwand so eilig, daß seine Fähigkeit im Erklettern von Schiffstreppen diesmal eine ganz außerordentliche genannt werden mußte. Robert sah sein mehr als keckes, gewagtes Spiel vollständig gelungen, er hatte wieder einmal einer Gefahr getrotzt und den Sieg behalten, – er war voll stolzer Freude.

Wenn der mit Kapitän und Obersteuermann unter einer Decke spielende Agent die Hilfe der beiden ersteren ernstlich angerufen hätte, so würde Robert nicht ohne Strafe davongekommen sein, aber er wußte und rechnete darauf, daß der Schuldige dazu nie den Mut finden würde, daß das böse Gewissen auch feige und erbärmlich macht, daher wagte er die Sache.

Als der Schäbige in seiner Jolle so schleunig davonfuhr, ohne sich auch nur noch ein einziges Mal umzusehen, da entstand im Kreise der übrigen ein erstauntes Murmeln, und endlich wurde Robert von allen Seiten gefragt, was er mit dem Manne verhandelt habe.

Unser Freund hütete sich indessen weislich, die Wahrheit zu bekennen. Er überließ es den Leuten, mit ihrer Verwunderung fertig zu werden, so gut sie eben konnten. Nur eins begriff er nicht. Was wollte der Kapitän mit diesen Jammergestalten?

Aber ihn kümmerte das nicht, namentlich da zur Bedienung für den »Vogel Greif« augenscheinlich eine genügende Anzahl von Matrosen vorhanden war. Der Kapitän befand sich noch an Land, konnte aber in jeder Minute kommen, und dann mußten die Anker gelichtet werden. Der kleine Schleppdampfer, welcher das Segelschiff aus dem Hafen bringen sollte, lag schon vorgespannt, und alles an Bord war zum Aufbruch gerüstet.

Als endlich der Befehlshaber an Deck erschien, wurden die zum Auslaufen nötigen Vorbereitungen getroffen, und Robert konnte seinen neuen Gebieter von Angesicht zu Angesicht mustern, obwohl Kapitän Wright keinen der Matrosen zu bemerken schien, sondern ohne Gruß oder Blick in die Kajütte ging und selbst mit dem Obersteuermann nur einige wenige Worte wechselte. Robert sah, daß dieser letztere in beinahe militärischer Haltung verharrte, und daß er wiederholentlich die Hand an die Mütze legte, – alles Dinge, welche man auf der ›Antje-Marie‹ nicht gekannt hatte und die einen sehr strengen Vorgesetzten verrieten.

Er sah auch ganz wie ein solcher aus, dieser Amerikaner mit dem hohen Wuchs und den breiten, muskulösen Schultern. Sein Gesicht war regelmäßig, aber kalt, seine Augen grau und scharfblickend, Haar und Bart fuchsrot.

Wie bei so vielen Grönlandsfahrern gehörte auch in diesem Fall das Schiff nicht etwa einem Reeder, sondern dem Kapitän selbst, der vielleicht fremdes Geld darin stecken hatte, dem aber doch keinerlei Vorschriften mit auf die Reise gegeben wurden. Thomas Wright war auf dem ›Vogel Greif‹ wie auf einer Insel im Weltmeer der unumschränkte Herr und König.

Bald nachdem er die Tür der Kajütte hinter sich geschlossen, erschien auch der Lotse, und jetzt erzitterte das Schiff in seinen Grundfesten, um fünf Minuten später den Hafen verlassen zu haben.

Der Lotse erinnerte zuweilen den Mann am Steuer an den richtigen Kurs im Kielwasser des Dampfers, sonst war die Mannschaft unbeschäftigt, bis der Befehl gegeben wurde, die Marssegel zu lösen und alles für den Augenblick vorzubereiten, wo der »Vogel Greif« seine Schwingen entfalten würde, um mittels derselben das Meer zu durchfliegen.

Robert als Leichtmatrose hatte mit mehreren anderen die Oberbramsegel zu bedienen, und war, als kaum das von dem Lotsen in Form eines höflichen Ersuchens dem Obersteuermann zugegangene Kommando ertönte, der erste oben in den Wanten. Freilich fühlte er etwas Erschöpfung und glaubte, als er die ungewohnte Höhe erklettert hatte, fast in den Wolken zu sein.

Den Hafen und die Stadt mit ihren großartigen Bauten, ihren Türmen und gewaltigen Häusermassen sah er jetzt wie die Figuren eines Jahrmarktes und mußte schnell auf seine Bändsel blicken, um nicht vom Schwindel ergriffen zu werden.

Nachdem alle Segel gelöst, konnten sich die Leute wieder für eine Zeitlang in das Logis begeben, um ihre mitgebrachten Sachen zu ordnen und die erste Tagesmahlzeit in Empfang zu nehmen. Das war gegen die auf der »Antje-Marie« verabreichten Lebensmittel ein fühlbarer Unterschied, namentlich da es Zucker und Branntwein überhaupt gar nicht gab. – Die Hessen bedankten sich bestens für alles, was sie erhielten, während die Seeleute große Augen machten und manches halblaute » damn it« der Hoffnung auf einen tüchtigen Schluck Rum bei ihrem Zerflattern das Geleit gab. Robert vermißte den Branntwein nicht als etwas, dessen er bereits bedurft hätte, aber er sagte sich von vornherein, daß die unweise Sparsamkeit des Kapitäns auf einen herrischen Gebieter, einen starrsinnigen, habsüchtigen Charakter schließen lasse, und das mißfiel ihm. Wer für eine Handvoll Dollar das herkömmliche Recht der Matrosen so durchaus verletzen konnte, der war gewiß kein guter Mensch – und unser Freund mit seiner leidenschaftlichen Natur haßte alles Unedle, Kleinliche bis zur Verachtung.

»Das wird ihm eingetränkt,« dachte er. »Nun, mich trifft der Verlust am wenigsten schwer. Dieser Höllenfürst Branntwein soll an mir wahrlich nie einen Sklaven bekommen.«

Während er die Koje, das Logis und die Kombüse besichtigte, hatte das Schiff bei Sandy Hook die Haltetaue des Dampfers gelöst, dieser letztere war seitab davongegangen und nun erscholl an Deck das Kommando des Lotsen: »Braßt voll, hinten!« –

Robert tat wieder seine Schuldigkeit; der Kurs wurde östlich genommen und nach einer Stunde voller Fahrt bei allen Segeln erschien in der Ferne der Lotsenschoner, welcher an dieser Stelle fortwährend kreuzt, um von den Schiffen, sobald das offene Fahrwasser erreicht ist, die Lotsenkapitäne wieder an Bord zu nehmen.

Der Obersteuermann benachrichtigte den Schiffsführer, und dieser kam an Deck, um mit prüfendem Blick den Stand der Dinge zu mustern. Dann zog er die Brieftasche hervor und nahm ein bedrucktes Papier, welches er unterzeichnete und dem Lotsen überreichte. »Eine Anweisung auf meinen Bankier in New York, Sir. Ich nehme nie bares Geld mit an Bord.«

Der Lotse sah sehr erstaunt aus. »Kein bares Geld, Kapitän? Aber es können doch Fälle eintreten, wo man es notwendig braucht. In fremden Häfen –«

»Ich laufe keinen an, Sir.«

Der Lotse zuckte die Achseln. »Well. Kapitän, Sie können natürlich tun, was Ihnen beliebt. Ich würde freilich lieber auf alle Fälle gerüstet sein wollen, namentlich bei einer Fahrt in das Eismeer. – Lassen Sie gefälligst das Schiff backlegen, Sir,« wandte er sich an den Obersteuermann.

Während dieser die vorgeschriebene Bewegung ausführen ließ, hatten die Schiffsjungen den Ölrock und die lederne Tasche des Lotsen in ein herabgelassenes Boot befördert und hatte der Kapitän dem scheidenden Gaste noch ein Glas Sherry vorgesetzt. Dann wurde das kleine Boot, nachdem es die wenigen Schritte bis zum Schoner zurückgelegt, wieder eingeholt und der ›Vogel Greif‹ setzte seine Reise fort. – –

Es ging alles am Schnürchen, alles wie auf einem Kriegsschiff, das bemerkte Robert schon während der nächstfolgenden Tage. An Deck wurde kein lautes Gespräch, kein Gesang gestattet, aber auch an den Mahlzeiten gegeizt, als seien Schiffsbrot und Speck die teuersten Besitztümer, und mit den Überbleibseln des vorigen Tages die nächste Mahlzeit womöglich wieder eingeschränkt.

Der Untersteuermann sah alles. »Morris,« hieß es bei einer Gelegenheit, »Ihr habt gestern Euer Fleisch nicht verzehrt, und Ihr, Sheppard, ließet die Klöße stehen. Das ist Unordnung, – ihr dürft das Eigentum des Kapitäns nicht verschwenden. Was übrig bleibt, das gebt dem Koch zurück!«

Gegen solche Ansprüche erhoben sich manche halblaute Einreden. »Wenn Eure Klöße wirklich Klöße wären, so würde ich sie auch gegessen haben,« brummte Sheppard, »aber Mehl und Wasser tun's nimmer allein, Sir, das gibt kleine Kanonenkugeln, weil kein Tröpfchen Fett in den Teig gekommen ist.«

Der Untersteuermann schüttelte den Kopf. »Ihr seid ein sehr anspruchsvoller Bursche, Sheppard,« versetzte er. »Wo blieben denn die geschmähten Klöße?«

»Ja, da müßt Ihr die Haifische fragen, Sir!«

Ein halbunterdrücktes Lachen folgte auf diese letztere Antwort. »Ich weiß, wo sie sind,« nickte Morris, – »bei meinem Fleisch, welches zufällig ein Knochen war. Ich entschädige mich für diesen Ausfall durch Aufzählung aller Branntweinrationen, die uns seit Beginn der Reise vorenthalten worden sind.«

Der Untersteuermann mochte annehmen, daß jetzt die Unterredung vernünftigerweise zum Abschluß neige. Jan Maat fühlt sich durch schlechte Küche in seinen heiligsten Empfindungen verletzt, das wußte er und fürchtete mit Recht, daß ein verstärkter Druck vielleicht einen Ausbruch herbeiführen möge. Wenn er aber auch für diesen Tag schwieg, so folgten doch viele Tage und viele ähnliche Auftritte. Es wurde unter dem besten Wetter immer stetig Ost- Nord-Ost gesteuert und Robert konnte nicht umhin, dem Kapitän das Zeugnis eines vortrefflichen Schiffers zu geben. Thomas Wright hielt seine Wache so gut wie der letzte Kajüttsjunge, d. h. er ließ sich durch den Obersteuermann pünktlich alle vier Stunden wecken und machte persönlich eine Runde, um den Stand der Dinge bis ins kleinste hinein selbst zu beurteilen. Als man in die Nähe von New-Foundlandsbanken kam, schlief er nur für Augenblicke auf dem Sofa und ging dann auf der gefährlichsten Stelle während der ganzen Nacht auf dem Verdeck von einer Seite zur anderen, um auszuspähen.

»Ein ganzer Mann!« dachte Robert. »Ich möchte so einer werden, aber kein Leuteschinder, wie dieser. Er ist ein Geizhals durch und durch.«

Der unzufriedene Sheppard, welcher, neben ihm auf seiner Kiste sitzend, vielleicht beim Anblick des rastlosen Kapitäns das gleiche dachte, – stieß mit dem Ellbogen in Roberts Seite. »Du,« sagte er, »heuerst du zum zweitenmal auf dem ›Vogel Greif‹?«

»Wieso das? Ich fahre überhaupt auf keinem Schiffe zum zweitenmal, denke ich.«

»Oho! – das Meer sieht sich überall ähnlich, mein Bursche, und vom Lande kriegt man ja doch verdammt wenig zu sehen. Wo es gute ›Asche‹ setzt,« hier machte er die Fingerbewegung des Zahlens – »da wirft unsereins Anker.«

Robert ließ den letzteren Ausspruch unbeantwortet. »Warum fragst du also?« sagte er.

»Na – wegen der Verpflegung. Komm erst einmal in die Breiten, wo es fünfzehn Grad Kälte gibt, und habe dann einen leeren Magen, der noch obendrein niemals einen Tropfen Branntwein erhalt, da sollst du die Geschichte schon unbequem finden.«

Robert zuckte die Achseln. »Der Kapitän ißt was wir bekommen,« antwortete er. »Es wird für ihn nichts anderes gekocht, also was willst du?«

Aber der Amerikaner gab nicht nach. »Gerade das ist eine Schande,« sagte er eifrig. »Man muß die Vorgesetzten auch gehörig achten können, wenn's gut gehen soll. Dieser aber würde immer nur Furcht einflößen, d. h. mir nicht. Ich hielt ihm lieber heute als morgen eine Faust unter die Nase.«

Robert lachte. »Tu's nicht, Kamerad. Er antwortet dir unverzüglich mit Kettenarrest, darauf darfst du dich fest verlassen. Und vielleicht gibt's ja weiterhin auch Branntwein.«

»Den Teufel gibt es. Der ›Vogel Greif‹ behält keinen Mann länger als für die eine Reise, während welcher der Geprellte nicht vom Bord kann, nachher gehen alle. Es ist auf dem ganzen Schiff nicht einer, der vor der letzten Ausfahrt schon dagewesen wäre. Auf welche Weise bist du eigentlich hierhergeraten, wo doch meistens nur – –, du weißt schon, was ich meine.«

Aber an Roberts erstauntem Gesicht sah er nur zu wohl, daß dieser in der Tat nicht wußte, um welche vertrauliche Mitteilung es sich hier möglicherweise handeln könne. »Nun, nun,« setzte er rasch hinzu, »man hat ja verschiedene Gründe. Die deinigen in allen Ehren. Bist ja überhaupt noch zu jung, um schon einmal drüben gewesen sein zu können.«

»Wo drüben?«

»Im Sing-Sing! (das Zuchthaus des Staates New York.) Zu unseren Zeiten des Matrosenmangels heuert ja niemand, dessen Papiere ganz sauber sind, auf einem Grönlandsfahrer. Aber wenn man einmal von den verdammten Tintenklexern ins schwarze Buch geschrieben ist, dann hält es auch schwer, einen guten Kapitän zu finden.«

Robert lachte, diesmal jedoch etwas gezwungen. »Nein,« versetzte er, »das waren wirklich

meine Gründe nicht. Aber, – vergib, ich will dich nicht beleidigen – aber bist denn du – –?«

Sheppard nickte. »Ja.« seufzte er, »leider. Aber denke nicht, daß ich ein Dieb oder ein Straßenräuber gewesen wäre. Es ging nur einmal unglücklicherweise eine Pistole los, im Streit natürlich, – na, und die traf einen anderen vor die Stirn. So kommt es im Leben.«

Robert bewahrte seine äußere Ruhe, obwohl ihm das Herz heftig schlug. Er war unter den Bukanieren der westindischen Insel früh zum Mann herangereift, daher erschrak er nicht so heftig, wie dies im Beginn seiner Reise der Fall gewesen wäre, trotzdem aber blieb er sich des unangenehmen Eindruckes doch wohl bewußt. Neben ihm saß also wieder einmal ein Mörder und vielleicht befanden sich unter der übrigen Mannschaft noch mehrere, die auch keine bessere Vergangenheit aufzuweisen hatten.

Das Blut stieg ihm heiß zu Kopf. Hätte er diese Einzelheiten vorher gekannt!

»Nun,« fuhr Sheppard fort, »du bist mir auf meine frühere Frage noch die Antwort schuldig. Was führte dich hieher?«

Robert raffte sich gewaltsam auf. »O,« sagte er, »ich wollte die Welt kennen lernen, weiter nichts.«

Der Amerikaner rückte ihm näher. »Halten wir zusammen, du,« fragte er.

»In allem, was recht ist, ja.«

»Du bist ein Schlauberger!« lächelte der andere. »Aber ich meine auch nur das, was recht ist, verlaß dich darauf.«

»Dann sind wir gute Kameraden.«

Die Unterhaltung wurde hier durch andere unterbrochen und es vergingen mehrere Tage, ohne daß Robert wieder mit dem Amerikaner sprach. Man hatte jetzt die gefahrdrohenden Banken hinter sich, so daß gerade nördlich in das Atlantische Meer hineingesteuert wurde. – Die sämtlichen Hessen und Nassauer mußten, da sie zu Seediensten untauglich waren, das Schiff scheuern, Kartoffeln schälen, Geräte reinigen und was dergleichen untergeordnete Arbeiten mehr waren, also blieben die Leichtmatrosen von diesen unangenehmen Beigaben ganz verschont. Robert konnte manche freie Stunde dazu verwenden, einige gute Bücher, welche ihm der Untersteuermann lieh, zu lesen, um dadurch seine geistige Ausbildung zu fördern. Während die übrigen würfelten oder mit in den Taschen geballten Fäusten auf den Kapitän schimpften, vertiefte er sich in Werke über Länder- und Völkerkunde, oder er studierte die englische Sprache, welche er längst geläufig redete, auch ihrem inneren Wesen nach und zwar, um nicht bloß die Matrosenausdrücke, sondern ebenso die Schriftsprache kennen zu lernen.

Kam er bei solchen Streifzügen in die verschiedenen Gebiete der Naturwissenschaften auch einmal an ein Kapitel über das Pflanzen- und Tierleben in den nordischen Gegenden, so hüpfte ihm das Herz vor Freude und er vergaß sowohl die schlechte Gesellschaft, in welcher er sich befand, als auch die mageren Mahlzeiten aus der Kombüse. Das alles würde er nun bald sehen, bald von Angesicht zu Angesicht kennen lernen; immer weiter hinauf in das Atlantische Meer eilte der »Vogel Greif«, immer kälter wehte es durch das Takelwerk, bis endlich die Türen fest verschlossen gehalten und die Spaziergänge an Deck auf das Unentbehrlichste beschränkt wurden.

Die Insel Jan Mayen war erreicht, Robert sah Scharen von Seehunden auf den Eisfeldern liegen und erwartete, daß jetzt eine aufregende Jagd beginnen müsse, aber diese Hoffnung sollte nicht allein ihm, sondern auch in ganz anderer Beziehung den übrigen fehlschlagen. Der Kapitän erklärte, keine Seehunde fangen zu wollen.

Die Leute sahen einander an. »Gebt acht,« raunte Sheppard, »er will bis nach Nowaja Semlja hinauf, um den Wal zu hetzen. Diese Fische sind jetzt so selten geworden, daß man bis an solche entlegene Küsten vordringen muß, um sie zu treffen. Es wird kaum Tag geworden sein, wenn wir in der Eiswüste anlangen.«

Mehrere andere, besonders die Hessen, hörten bedenklich zu. »Kaum Tag, Sheppard, wie meinst du das?«

Der Amerikaner lächelte ärgerlich. »Gerade so, wie ich es sagte, Maaten. Auf Nowaja Semlja herrscht von Oktober bis Anfang März eine ununterbrochene Nacht. In diesen Breiten kann kein Mensch leben, ja, das Innere der Insel ist völlig so unbekannt und unerforscht, wie das Innere von Afrika.«

Die biederen Schuster und Schneider schüttelten sich vor Grauen. »Jesus,« fragte einer, »ist's denn auf dem Meere auch Nacht?«

Ein Gelächter der Seeleute antwortete ihm. »Nun,« tröstete Sheppard, »es wird ja Mitte März werden, bis wir im besten Falle da oben angelangt sind, wenn – – –« hier machte er mit langsamem Rundblick auf die übrigen eine Kunstpause, »wenn wir überhaupt gestatten, daß das Schiff so weit gegen die Eisschranke vordringt.«

Robert antwortete mit einem bedeutsamen Wink. »Sheppard,« sagte er, »wäge deine Worte, Mann.«

Der Amerikaner zuckte die Achseln. »Ich meine nur so, Robert,« versetzte er. »Dürften wir alle wie ich, dann würde bei Jan Mayen der Seehund, welcher in ungewöhnlicher Anzahl vorhanden war, gejagt, nicht aber bei solcher Kost, wie wir sie bekommen, blindlings auf die Eisschranke losgesteuert.«

Mehrere andere umdrängten den Sprecher. »Was meinst du mit diesem Worte, Sheppard?« fragten sie. »Gibt es denn eine Grenze, wo das Wasser aufhört flüssig zu sein, wo, wie man zu sagen pflegt, gleichsam die Welt mit Brettern vernagelt ist?«

Sheppard nickte. »Ich bin 1864 mit Nordenskiöld an dieser angenehmen Stelle gewesen,« sagte er, »und weiß wie es tut. Da müßt ihr euch außerhalb des heizbaren Raumes das Getränk so in den Mund schütten, daß eure Lippen von dem Gefäß nicht berührt werden. Die Kälte ist dermaßen stark, daß das Metall die Haut zu verbrennen scheint.«

»O Jesus! Jesus! – davon sprach in New York der Agent keine Silbe.«

Der Amerikaner lachte spöttisch. »Das glaube ich euch, Leute. Würde auch verdammt schlecht als Empfehlung gepaßt haben, denke ich.«

Robert schwieg. Er hatte über die Erlebnisse verschiedener Forscher zu viel gelesen, um nicht zu wissen, daß Sheppard die Wahrheit sprach, aber einesteils schreckte ihn der Gedanke an bevorstehende Mühseligkeiten nicht besonders zurück, und andernteils fand er es nicht rätlich, die Stimmung der Leute so zu beeinflussen. Was half es, wenn ein halblautes Murren entstand und einige Verführte in Eisen gelegt wurden?

Aber Sheppard gab nicht nach. »Wenn wir nur ganz einig wären,« fuhr er fort, »dann ließe sich die Sache so leicht machen. Man erklärt im höflichsten Tone von der Welt dem Kapitän, daß er entweder umkehren oder die ganze Arbeit allein verrichten müsse. Da wird ihm die Wahl sehr vereinfacht, sollte ich meinen!«

Robert sah in Sheppards düster erregtes Gesicht. »Das ist eine Seite von der Sache,« sagte er möglichst unbefangen, »aber es gibt auch noch eine zweite. Wenn wir das Mißgeschick hätten, einem amerikanischen Kriegsschiff zu begegnen, so könnte es uns passieren, daß wir sämtlich mit einer Kanonenkugel unter den Füßen an die Raa gehängt würden. Hast du das bedacht, als dein schnelles Wort gesprochen wurde, Kamerad?«

»Pah, ein Kriegsschiff kommt nicht hierher. Und überdies – sterben müssen wir doch, wenn an Nowaja Semlja ohne Branntwein gejagt werden soll. Ich will lieber an der Unterraa hängen als verhungern und erfrieren zugleich.«

»Ich auch!« antworteten mehrere Stimmen.

»Hört,« meinte Morris, nachdem eine drückende Pause vergangen, »ich hätte euch etwas Vernünftiges vorzuschlagen. Sagt aber vorher eins! Weiß jemand, ob auch wirklich Branntwein an Bord ist? Denn sonst helfen ja alle Worte zu nichts.«

Wenigstens zehn bis zwölf Männer riefen einstimmig: »Es ist genug vorhanden! Wir haben mehrere Fässer voll gesehen.«

»Well,« nickte Morris, »dann schickt in aller Güte eine Deputation an den Kapitän ab, und laßt ihn durch diese um eine kleine tägliche Ration bitten. Wir werden ja daraus sehen, wie er gesonnen ist.«

Sheppard kräuselte spöttisch die Lippen. »Versucht es,« antwortete er kurz. »Beugt den Nacken und er wird nicht verfehlen, darauf zu treten. Zeigt, daß ihr Sklaven seid, und er wird euch mit der Peitsche drohen. Übrigens – wer wollte denn zu ihm gehen und um etwas bitten?«

»Ich!« – »Und ich!« – »Wir auch!« so scholl es von allen Seiten.

Sheppard kreuzte die Arme. »Zu dem rothaarigen Judas? Hütet euch vor den Gezeichneten! steht in der Bibel.«

Roberts Blicke suchten wieder die des Matrosen. »Sheppard, kannst du im Ernst so ungerecht sein, einen Mann um der zufälligen Farbe seines Haares willen als schlechten Charakter bezeichnen zu wollen?«

Sheppard lachte. »Die Bibel tut's ja, nicht ich,« antwortete er. »Übrigens scheinst du als Seemann deinen Beruf ein wenig verfehlt zu haben, mein Kleiner. Hättest lieber ein Geistlicher werden sollen. Der Reverend Kroll hätte gewiß auf die Herzen seiner Zuhörer einen gewaltigen Eindruck hervorgebracht.«

Robert errötete, aber er blieb ruhig. »Das ist möglich, Sheppard. Mir war aber das Seeleben doch lieber, namentlich weil ich – die Beschwerden desselben nicht eben sehr hoch anschlage. Nehmt mich gefälligst aus, wenn ihr im Namen der Mannschaft um Rum bittet.«

Des Amerikaners Augen blitzten. »Du bist wahrlich für deine siebzehn Jahre ein kecker Gesell,« sagte er. »Aber warte doch ein wenig, bis du das letzte Wort sprichst. Ich habe noch eine Trumpfkarte auszuspielen, die auch dich stutzig machen wird, mein Junge.«

Robert bewahrte seine kühle Haltung. »So laß hören, Sheppard,« sagte er.

Der Matrose sah von einem zum anderen. Er schien sich an der angstvollen Spannung aller dieser Gesichter heimlich zu freuen. »Vernehmt also,« begann er, »daß an Bord ein Würgengel sein Haupt erhebt, – daß eine furchtbare Geißel uns bedroht! – Im Logis liegt einer der Männer krank und elend darnieder, – er hat den Skorbut!«

Sheppard sprach mit jenem halblauten, bedeutsamen Tone, der in entscheidenden Augenblicken so sehr geeignet ist, den Hörer zu erschrecken. Er machte zwischen seinen Worten mehr als eine Pause, um die Wirkung des Gesagten zu erhöhen.

Allgemeine Stille folgte dem Ausspruch. Jeder fühlte zentnerschwer das Gewicht desselben, mehr als einer wurde bleich bis in die Lippen.

»Steckt das an?« fragte endlich zagend einer der Hessen.

»Wie die Pest!« antwortete Sheppard. »Voraussichtlich wird kein Mann auf dem ganzen Schiffe verschont bleiben, und warum das? – Weil der Kapitän den Branntwein und den Zucker und das Texasfleisch samt Sauerkraut an uns gespart hat, weil er uns zwingt, in unnatürlicher Kälte zu leben, und die Niedergeschlagenheit, welche unausbleiblich auf solche Zustände folgt, ihren schlimmen Einfluß geltend machen zu lassen. Alle diese Ungehörigkeiten erzeugen den Skorbut, und daher müssen wir umkehren, ehe es zu spät ist.«

Man sah jetzt, wie die Aufregung stieg. Einzelne Gruppen flüsterten, und das Für und Wider wurde lebhaft erwogen. »Aber wenn er nicht will, durchaus nicht will?« fragten die Zaghaftesten.

»Er muß, wenn wir wollen!«

»Der verfluchte Agent!« hieß es jetzt. »Der Betrüger, welcher uns ins Unglück gestürzt hat. Kanntest du ihn persönlich, Robert? – Du sprachst bei der Abreise so eifrig mit ihm, daß er darüber ganz vergaß, die Maklergebühr von uns zu erheben.«

Robert lächelte. »Ja,« sagte er gedehnt, »das vergaß er, – vielleicht ein wenig durch meine Beihilfe. Ich fand es schon arg genug, daß er euch auf einen Grönlandsfahrer gelockt und glaubte ihn hierfür einer besonderen Belohnung nicht würdig.«

Sheppard hatte voll Erstaunen zugehört. Jetzt schlug er derb auf Roberts Schulter. »Das war brav von dir, Junge,« sagte er lebhaft. »Wie fingst du es an?«

»Nun – ich versprach ihm eine Tracht Prügel. Das ist sehr einfach.«

»Teufelskerl!« lachte der Amerikaner. »Und wer solche Haare auf den Zähnen hat, wie du, der will sich gegen seine Kameraden mit einem Leuteschinder von Kapitän verbünden?«

»Durchaus nicht. Aber ich finde, daß Männer dem Ungemach trotzen müßten, daß ihr nur des vernachlässigten Magens wegen nicht kleinmütig werden dürftet. Hat einer von der Mannschaft den Skorbut, so ist das schlimm, aber die Behauptung, daß wir alle ihn bekommen, scheint doch wahrhaftig ein starkes Wagnis.«

»Das ist es nicht. Die Krankheit steckt an, sage ich euch!«

Robert schüttelte den Kopf. Er ging, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, in die Koje des Kranken, und fragte ihn freundlich, ob er etwas zur Linderung seiner Schmerzen beitragen könne, aber der arme Schelm hörte ihn kaum. »Etwas Säuerliches,« flüsterte er halb verständlich, ach, »etwas Säuerliches zu trinken.«

Roberts gutes Herz empörte sich in diesem Augenblick gegen die Härte des Kapitäns vielleicht noch mehr, als bei den übrigen der Fall gewesen war. Alle anderen dachten an sich selbst, er dagegen dachte an den hilflosen Kranken.

»Ich will versuchen, was ich für Euch tun kann!« tröstete er und blieb dann vor der Tür des Volkslogis überlegend stehen. Eine schneidende Kälte fuhr ihm entgegen, der Schnee wirbelte um seinen Kopf, und der Atem stockte ihm fast in der Kehle. Wie Eisbären, beschneit und von oben bis unten in ihre Munkejacken geknöpft, sahen die wachthabenden Matrosen aus.

Robert blickte über das Schiff weg zur Tür der Kajütte. Ob ich geradeswegs zu ihm gehe und ihm die Sache vorstelle? dachte er. Ich darf es freilich eigentlich nicht, es ist gegen alle Schiffsgesetze, aber wenn noch ein Funke von Menschenliebe in seiner Seele zurückgeblieben ist, so muß er mir verzeihen und den Kranken besser verpflegen.

Der Obersteuermann, welcher gerade Wache hatte, ging in diesem Augenblick nahe an unserem Freunde vorüber. Es schien, als enthalte sein musternder Blick eine stumme Frage, als habe er halb und halb die Absicht stehen zu bleiben.

Robert berührte leicht mit der Hand die Mütze. »Herr Obersteuermann?« fragte er, »wissen Sie, daß einer der Matrosen krank liegt?«

Der Angeredete gab stirnrunzelnd den Blick seines Untergebenen zurück. »Ja,« versetzte er kurz. »Und was kümmert das Euch, wenn man fragen darf?«

»Alles, Herr Obersteuermann. Für den Kranken wie für die gesamte Besatzung des Schiffes. Der Matrose hat den Skorbut.«

Mr. Pikes, der Obersteuermann, sah flüchtig hinüber zur Kajütte, als fürchte er, daß möglicherweise drinnen das schlimme Wort gehört sein könne. »Still!« raunte er in barschem, befehlendem Tone. »Wo hinein mischt Ihr Euch? – Das ist kein Skorbut und auch der Kranke ist nur einer dieser faulen hessischen Brotfresser, welche der Kapitän umsonst füttert, bis später die gefangenen Fische zerhackt und ausgebraten werden. Für diese Weiberarbeiten erhält die Bande den vollen Matrosenlohn, und dann reißt sie noch das unverschämte Maul weit auf. Kümmert Euch nicht um den Patron, Kroll, ich rate Euch Gutes.«

Aber Robert schüttelte den Kopf. Sein alter Trotz, so stark genährt, seit er unter den Räubern lebte und dort das Dasein von der dunkelsten Seite kennen lernte, – brach wieder mit Macht hervor. »Herr Obersteuermann,« antwortete er, »das ist gleichviel, wer von der Mannschaft erkrankt. Keiner darf ohne Pflege bleiben. Wollen Sie den Kapitän bitten, sich des Mannes anzunehmen? Weiß er überhaupt, daß der Skorbut ausgebrochen ist?«

Mr. Pikes stampfte mit dem Fuß. »Woher wißt Ihr es?« rief er.

»Von Sheppard, der die Erscheinungen dieser Krankheit zu kennen behauptet. Ich selbst sah noch soeben den unglücklichen Menschen vor Durst fast verschmachten. Es wird doch an Bord eine Apotheke befindlich sein?«

Mr. Pikes antwortete darauf nicht. »Geht ins Logis, Kroll,« sagte er. »Das ist alles meine Sache, nicht aber die Eure.«

»Sie wollen also dem Kapitän keine Mitteilung machen, Herr Obersteuermann? Dann geschieht es von anderer Seite, verlassen Sie sich darauf.«

»Ah! – Drohungen?«

»Keineswegs. Ich will nur Sheppard und den übrigen das sagen, was ich soeben von Ihnen hörte, Mr. Pikes. Dann begibt sich eine Deputation der Matrosen zum Kapitän und vertritt bei diesem die Sache des kranken Kameraden. Ich hoffe, daß Sie hierin keinen Verstoß gegen die Schiffsgesetze entdecken können.«

Der Obersteuermann, ein Amerikaner von gleichem Holze wie der Kapitän, d. h. geldgierig, herzlos, grausam und mutig bis zur Tollkühnheit, – der Obersteuermann sah mit aufeinander gepreßten Zähnen in das hübsche, frische Gesicht des hochaufgeschossenen Burschen. Er hatte mit dem geübten Blick vieljähriger Erfahrung schon längst den Stand der Dinge erkannt und wußte, daß es nur eines einzigen Fünkchens bedurfte, um das Pulverfaß in die Luft zu sprengen. Er selbst mußte auf der Seite des Kapitäns stehen aber wem zuletzt der Sieg bleiben würde, daran schien denn freilich kein Zweifel denkbar.

»Sprecht nicht vom Skorbut!« sagte er leichthin. »Der Kranke wird natürlich in Behandlung genommen werden, aber wozu gleich Lärm schlagen? Ich will den Kapitän benachrichtigen.«

Robert griff wieder an seine Mütze, und der Obersteuermann sah ihm, als er in das Logis zurückging, heimlich knirschend nach. »Was bis jetzt auf allen Schiffen gelungen ist,« dachte er grimmig, »das mußte gerade hier fehlschlagen. Es war mir unmöglich, unter den Matrosen verschiedene Parteien zu bilden, ich konnte keinen einzigen auf meine, das heißt auf die Seite des Kapitäns bringen. Aber weshalb entzieht er auch den Kerlen ihre beste Lebensfreude, warum knausert er um ein paar Dollar für Grog? – Verdammt, daß ich ihm jetzt die Geschichte melden muß.«

Er zögerte noch so lange als möglich und ging erst, nachdem seine Wache abgelaufen, zum Kapitän in die Kajütte, wo er sagte, daß sich einer der Hessen krank gemeldet habe.

Thomas Wright blickte auf. »Was ist's, Mr. Pikes?«

Dieser zuckte die Achseln. »Kommen Sie selbst hinüber, Herr Kapitän. Faulheit scheint es nicht zu sein. Der Mann hat volles Bewußtsein, aber die Lippen sind blau, das Gesicht leichenblaß und die Augen zurückgesunken. Er klagt über Gliederreißen.«

Der Kapitän zog die Mundwinkel herab. Er fuhr über die Stirn, wie um eine plötzlich entstandene Hitze zu verscheuchen. »Es ist gut«, sagte er rasch. »Ich komme.«

Und fünf Minuten später erschien er im Logis, wo ihn ein unheimliches Schweigen empfing. Der Obersteuermann begleitete seinen Vorgesetzten und führte ihn an die Koje des Kranken. »Hier, Herr Kapitän. Der Mann ist offenbar leidend.«

Thomas Wright beugte sich über den Unglücklichen und untersuchte sorgfältig dessen Zahnfleisch. Mit einem leisen » damn him!« richtete er seine stattliche Gestalt wieder empor. »Es soll sogleich im Raum zwischen den Fässern ein Lager hergestellt werden,« befahl er, »und dorthin bringt ihr, mit dem nötigen Bettzeug versehen, den Kranken. Der Koch soll ihm Pflaumen so zubereiten, daß er sie trinken kann, außerdem muß ihm der Mund dreimal täglich mit Löffelkrautspiritus ausgewaschen werden. Macht fort, daß ihr hinunterkommt, und friert ihn, so legt eine Wärmflasche an seine Füße. Das ganze Logis wird sofort mit Karbolessig gescheuert.«

Er sprach die Worte in festem, befehlendem Ton, er war so vollständig der Herr und Gebieter, daß niemand daran dachte, sich dieser grausamen Anordnung zu widersetzen. Begleitet von einem: »Sehr wohl, Herr Kapitän,« – des Obersteuermannes verließ er das Logis.

Der Kranke kümmerte sich um nichts. Leise wimmernd lag er da.

Sheppard war der erste, welcher wieder Worte fand. »Habt ihr nun den Beweis?« raunte er. »Es ist Skorbut, und der arme Teufel soll da hinunter in die Eisluft, um so schnell als möglich zu – sterben.«

»Nun, nun,« begütigte ein anderer. »So arg braucht man's ja nicht gleich anzusehen. Es geschieht, um uns zu beschützen.«

Sheppard zuckte die Achseln. »In drei Tagen haben wir ein Leichenbegängnis, Maaten,« sagte er. »Bis dahin aber werden auch schon mehr Leute erkrankt sein, paßt nur auf, was ich prophezeie. Wer zwanzig Jahre lang zur See fuhr, der kennt die Geschichte.«

Morris spuckte ingrimmig den Kautabak auf den Fußboden. »Ist es nicht schmählich,« flüsterte er, »daß der Kapitän durchaus Walfische jagen will? Alle diese Eisinseln, an denen wir vorüber kommen, sind voll von Walrossen, die Seehunde gar nicht zu zählen, – aber nein, der Kapitän hat es nur auf Walfische abgesehen.«

»Ich weiß weshalb,« fuhr Sheppard fort. »Dies ist seine letzte Reise. Er will dann den ›Vogel Greif‹ verkaufen und in New York Häuserspekulant werden. Vorher aber soll noch ein guter Fang von Spermfischen das beste dabei tun, wie man zu sagen pflegt. Diese Gattung liefert ja den teuren Walrat für Kirchenlichter, also ist eine Ladung voll solchen Fettes ein kleines Vermögen für sich allein. Daß wir darunter leiden, den filzigen Kapitän reich zu machen, daß vielleicht ein Dutzend von uns um seinetwillen darauf gehen muß, – was fragt er danach?«

Während dieser Unterredung hatten mehrere Matrosen den Kranken aufgenommen, in Wolldecken gehüllt und hinuntergetragen in den Raum, wo er auf altem Segeltuch gebettet wurde. Die Luft war hier schrecklich. Über einer Ladung von Ballast lagen die leeren zur Aufnahme des Tranes bestimmten Fässer, welche einen so abscheulichen Geruch aushauchten, daß es fast unmöglich war, in ihrer Nähe zu atmen. Dazu kam die Kälte des unbeschützten, unter der Oberfläche des Wassers befindlichen Raumes, die feuchte Schwere der eingeschlossenen Luft und die beständige Dunkelheit, welche durch keinen Strahl des Tageslichtes unterbrochen wurde. Hier von einer Krankheit zu genesen schien ganz unmöglich.

Nachdem der Umzug des bedauernswürdigen Menschen beendet war, wurden die Hessen befehligt, das Volkslogis von oben bis unten zu reinigen. Die Matrosen von der Freiwache halfen unaufgefordert, und es schien fast, als ob in den Gemütern die Ruhe wieder einigermaßen hergestellt sei, da brachte ein Zwischenfall neuen erhöhten Grimm. Einer der Auswanderer wollte die Luke öffnen und zu seinem kranken Genossen in den Raum hinabklettern, um aus barmherziger Nächstenliebe nach ihm zu sehen, aber der Obersteuermann vertrat ihm rasch den Weg. »Niemand darf dahin!« befahl er. »Der Kapitän hat es verboten.«

Eine Einrede wurde nicht gewagt, dennoch machte die Sache den allerschlechtesten Eindruck, und Sheppard verfehlte nicht, das Feuer zu schüren. »Der da unten krepiert wie ein Hund,« sagte er, »und nach ihm kommen andere. Vielleicht wandern wir alle in den Raum hinab, um dann in ein paar Tagen den Haifischen vorgesetzt zu werden. Ihr wollt's ja nicht besser haben.«

»Es ist zu gewagt!« meinten einige. »Wir schreiben heute den letzten Februar,« sagten andere, »in wenigen Tagen muß ja unser Ziel erreicht sein, in jedem Augenblick kann sich die erste Walfischherde zeigen, – warum also ein Wagnis gewissermaßen in der zwölften Stunde noch?«

Dabei blieb es, und die Leute taten nach wie vor ihre Arbeit, aber unter einem Schweigen, einem drückenden Ernst, den der Kapitän offenbar sehr wohl bemerkte. Es hatte gewiß seine bestimmten Gründe, als er befahl, die Harpunen hervorzuholen, instand zu setzen und mit Leinen zu versehen. Ebenso ließ er größere Stücke Fleisch kochen und mit Schiffsbrot und Wasser in Körbe packen, damit alles bereit sei, die Boote zu besteigen, wenn sich ein Walfisch zeigen sollte.

Es kam indessen keiner. Walrosse und Pinguinen auf allen Eisschollen, träge Seehunde, die sich im kümmerlichen Sonnenschein ausruhten, Eisbären, die ihre furchtbaren Pranken gegen das Schiff erhoben, weiße Füchse und Robben, alles war zahlreich vertreten, aber weit und breit von Walfischen nichts zu sehen. –

Der Kranke im Raum mußte noch leben, da keine Bestattung angeordnet war, aber keiner seiner Gefährten hörte etwas von ihm. In aller Stille waren auch drei weitere Hessen hinuntergeschafft, worden, und zwei andere klagten heimlich über Gliederschmerzen, aber sie flehten die übrigen an, davon dem Obersteuermann nichts zu sagen, das schreckliche Gefängnis unter Deck war ja schlimmer als selbst der Tod.

Am Abend des vierten Tages ließ der Kapitän sämtliche Harpunen in seine Kajütte bringen. Er selbst, der Obersteuermann und die beiden Untersteuerleute standen vielleicht nicht ganz zufällig hart nebeneinander, als der Befehl gegeben wurde, zwei Stücke Segeltuch, sowie zwei Trossen Bindgarn bereit zu halten und an zwei Brettern kleine Säcke mit Steinkohlen zu befestigen.

Totenstille folgte den Worten. Sheppard streckte verstohlen zwei Finger aus. Zwei Leichen! sagten langsam wandernd seine Blicke.

Und jeder hatte die schauerliche Deutung verstanden. Der Befehl mußte lauter und nachdrücklicher wiederholt werden, bevor er Gehör fand.

Es war ganz klare, heitere Luft, natürlich unter schneidender Kälte, da man sich dem 75. Grad nördlicher Breite nahe befand. Eisschollen, unabsehbar wie weite Länderstrecken, dehnten sich rechts und links, Eisberge segelten in majestätischer Pracht, nickend und winkend von fernher vorüber, eine blutrote Sonne, Kälte verheißend und machtlos, sank gegen den Horizont herab, fast gänzliche Windstille lag über der eingefrorenen Welt.

Der Obersteuermann befahl vier Matrosen, in den Raum hinabzusteigen und die Leichen, in ihre Decken gehüllt, heraufzutragen. Als zu diesem Zweck die Luken geöffnet wurden, ertönten aus dem Innern des Schiffes schwache, wimmernde Laute, die einen Stein hätten rühren müssen. Die unglücklichen Kranken baten um Gottes willen, sie in freier Luft, unter Menschen und wie Menschen sterben zu lassen, aber nicht in dem gräßlichen, lichtlosen, von Pesthauch erfüllten Raum.

»Erbarmen! Erbarmen!« jammerte es. »Um Jesu willen Erbarmen!«

Wie ein Mann drangen die Matrosen bis zur großen Luke vor. Ohne eine Frage, eine Erklärung wollten sie die sterbenden Opfer an Deck bringen, – da ertönte des Kapitäns Stimme. »Die Kranken bleiben im Raum! – Holt die Leichen!«

Ein Schrei der Entrüstung antwortete ihm. »Das ist Barbarei!« rief Sheppard. »Auf, Maaten, das läßt sich kein redlicher Mann gefallen.«

Der Kapitän hatte sich blitzschnell zur Kajütte gewandt und stand dann vor dem ganzen erbitterten Haufen seiner Leute, ehe noch einer Zeit behielt, sich zu entschließen. In der Rechten hielt er die blitzende Harpune.

»Der erste, welcher ohne meinen Befehl in den Raum hinabsteigt, hat das Eisen im Leibe!« sagte er so kaltblütig, als habe er die gleichgültigste Maßregel angeordnet. »Vier Mann vor! Ihr da und ihr!«

Er bezeichnete die Männer, welche nach seinem Willen die Toten heraufschaffen sollten, mit ausgestreckter Hand. »Macht fort!« setzte er hinzu.

»Erbarmen, ach Erbarmen!« wimmerte es unten. »Gott im Himmel, vergib uns unsere Sünden, erlöse uns vom Übel.« –

Robert drängte sich vor. Sein ganzes Gesicht war leichenblaß.

»Herr Kapitän,« rief er außer sich, »Sie versuchen Gott!«

Sheppard jauchzte. »Hast du endlich genug, Kamerad? – Auf, laßt uns die Kranken herholen, selbst wenn dafür einer von uns harpuniert werden sollte, wie eine wilde Bestie. Es ist gewiß, daß alsdann der Mörder von den übrigen in Stücke zerrissen wird.«

Wilde Blicke und wilde Ausrufungen antworteten von allen Seiten. »Herr Kapitän,« rief Robert, »ich bin der, dem Sie gedroht haben, der erste, welcher hinabsteigt. Ich setze das Leben ein für meine Überzeugung des Rechten.«

Er betrat die Leiter und kletterte in den Raum, während Thomas Wright, rasend vor Zorn, die schreckliche Waffe durch die Luft schleuderte.

Das alles geschah im Laufe weniger Minuten.

Sheppard, der ununterbrochen den Blick des Kapitäns verfolgt, hob im gleichen Augenblick, als dieser schleuderte, eine lange Stange, welche er schon vorher ergriffen. Die Harpune, kräftig getroffen, flog wie vom Bogen geschnellt durch das Takelwerk und weit hinaus in das stille, eisglitzernde Wasser. Eben so hurtig hatten drei oder vier Matrosen vor der Tür der Kajütte Posto gefaßt.

Der Kapitän und seine drei Getreuen behielten nur die Wahl, entweder ihre Sache verloren zu geben oder sich mit der Überzahl der vorhandenen Gegner in einen Faustkampf einzulassen. Es war Mr. Pikes, der Obersteuermann, welcher den schäumenden Kapitän an beiden Schultern ergriff und ihn verhinderte, sich auf Sheppard zu stürzen.

»Ruhig, um Gottes willen, ruhig!« mahnte er. »Noch ist kein Verbrechen geschehen, noch läßt sich alles gütlich ausgleichen. Herr Kapitän, versprechen Sie den Leuten Gehör, damit vorerst die Leichenbestattung vollzogen werden kann. Wollten wir denn unsere verstorbenen Gefährten ohne alle Feierlichkeit, im Tumult über Bord werfen?«

Sheppard lachte. »Die Harpunen heraus, oder wir weichen keinen Schritt.«

»Holt sie!« gebot Mr. Pikes, der für den halb besinnungslosen Kapitän zu handeln schien. »Dann aber gebt Ruhe.«

Sheppard und Morris betraten die Kajütte, um die schweren, mit Widerhaken versehenen Wurfgeschosse, die in der Hand eines geschickten Schleuderers so verhängnisvoll werden können, in das Volkslogis hinüberzubringen. Ersterer nahm auch die beiden in einem Blechkasten befindlichen Revolver des Kapitäns an sich.

Als die beiden Männer das Deck betraten, sahen sie, wie Robert mit mehreren andern die Kranken heraufschaffte. Beide lagen im Sterben, aber dankten dennoch durch rührende Blicke und halblaute Worte ihren Erlösern.

Eifrige Hände hatten inzwischen die Toten eingehüllt und auf ihrem letzten mit einer Last von Kohlen beschwerten Lager befestigt.

»Herr Obersteuermann,« sagte ruhig Sheppard, »wollen Sie das Schiff beilegen lassen?«

Mr. Pikes antwortete ihm keine Silbe. Er beredete den Kapitän, sich mit möglichster Fassung in das Unabänderliche zu fügen und scheinbar nachzugeben. »Über kurz oder lang bietet sich die Gelegenheit zu einem Handstreich!« setzte er flüsternd hinzu, »wir lassen dann die Rädelsführer in Eisen legen und haben gewonnenes Spiel. Gehen Sie jetzt in die Kajütte.«

Thomas Wright mochte das Richtige dieses Rates erkennen, oder er war vielleicht vor ersticktem Zorne unfähig sich zu fassen, genug, er gehorchte wie ein Kind, und nachdem er sich entfernt, gab der Obersteuermann die erforderlichen Befehle, das Schiff beizulegen. Als der »Vogel Greif« mit weitausgespannten Flügeln wie eine Möwe auf dem Wasser lag, regungslos und von den Sonnenstrahlen rosig überhaucht, da traten alle diese wetterharten Männer, diese rauhen, zügellosen und zum großen Teil sittlich verlorenen Burschen still und ernst an den Schiffsrand. Trotz der Kälte waren ihre Stirnen unbedeckt, trotz des bedeutungsschweren, entscheidenden Augenblickes waren ihre Seelen von feierlicher Stimmung erfaßt.

Heute wurden zwei Opfer aus ihrer Mitte dem unergründlichen Schoße des Ozeans überliefert, – nach wenigen Stunden sollten zwei weitere den vorangegangenen folgen und vielleicht stand in kürzester Frist auch ihnen selbst das gleiche Schicksal bevor. Mangel und Kälte und Mutlosigkeit, diese drei furchtbaren Geißeln der Armen und Elenden, hatten sich an Bord des Unglücksschiffes zu einem einzigen Dämon vereinigt, zu einer Pest, die, in seltener Stärke auftretend, vielleicht den »Vogel Greif« seiner sämtlichen Bewohner berauben und ihn führerlos und verloren als Wrack an Grönlands unwirtbare Küste schleudern würde. Niemand konnte voraussehen, wie bald ihn die Seuche ereilen und dem Tode in die gierig geöffneten Arme werfen würde. –

Es ist aber eine sehr ernste Sache, es greift in das tiefste Herz hinein und weckt die Erinnerungen aus fernster Vergangenheit, – so in ein Grab zu blicken, gleichviel ob dasselbe in schwarzer Erde gegraben, oder ob es blaue, glitzernde Wogen sind, die den Toten umfangen und betten sollen. Ja, es rührt und bewegt vielleicht noch stärker, dies Versenken in die kalte Flut, welche den Leichnam schaukeln und wiegen wird, anstatt ihm ein stilles Plätzchen zu gewähren; welche ihn vielleicht meilenweit entführt, ohne ein einziges Erinnerungszeichen, ohne ein Merkmal der Stätte, wo die letzten irdischen Überreste dem Posaunenschall des jüngsten Tages entgegenharren.

Es ist etwas unendlich Wehmütiges, Ergreifendes, ein Seemannsbegräbnis.

Ernst und still waren die beiden Leichen aufgehoben und halb über den Schiffsrand hinausgelegt. Langsam, feierlich schwebte das Sternenbanner der Vereinigten Staaten am Großmast bis zu halber Höhe dreimal empor und dreimal wieder herab, – letzte Grüße, letztes Lebewohl für die, welche aus dem Kreise der Kameraden geschieden.

Und dann trat Robert vor. Das hübsche Gesicht des noch nicht ganz achtzehnjährigen jungen Menschen war blaß vor innerer Bewegung. »Maaten,« sagte er, »unser Kapitän ist nicht erschienen, um für die Toten, wie üblich, ein Gebet zu sprechen. So laßt es mich an seiner Stelle tun, da doch die beiden Verstorbenen meine Landsleute waren, arme deutsche Auswanderer, denen eine Gesellschaft von Seelenverkäufern auch noch das Letzte raubte, was sie ihr eigen nannten, Gesundheit und Leben. Laßt mich Gott bitten, daß bald dem schändlichen Treiben dieser Schurken ein Ende gemacht werde, um der vielen Betörten willen, die in ihre Hände fallen, und daß er diesen Unglücklichen, ihren Opfern, eine selige Auferstehung schenken möge. Amen!«

Alle hielten die Mützen in der Hand, auf allen Gesichtern lag trüber, schwerer Ernst. Die doppelt bedeutsame Stunde übte ihr volles Gewicht.

»Los!« befahl halblaut der Obersteuermann.

So weit als möglich streckten sich die Arme, ein letzter Blick, ein Gedanke wie ein Segenswunsch, und das Meer spritzte seine Tropfen über die starke, gewölbte Brust des »Vogel Greif«, leichte Wellen umspielten den schlanken Kiel – –

Unaufhaltsam zur Tiefe zog das mitgesandte schwere Gewicht die Toten.

»Braßt voll, hinten!« ertönte die feste Stimme des Obersteuermanns.

Jeder der Matrosen tat seine Schuldigkeit, die Raaen flogen herum und das Schiff setzte langsam den vorigen Kurs fort, – dann aber scharten sich alle vor der Tür der Kajütte. Sheppard ergriff das Wort.

»Wir bitten den Kapitän, uns jetzt anhören zu wollen,« sagte er.

Mr. Pikes nahm seine ruhigste Miene an. »Bleibt vernünftig, Leute,« antwortete er in überredendem Tone. »Ein schnelles Wort ist bald ausgesprochen, wie ihr alle wißt, aber es wird häufig mit Muße bereut. Der Kapitän wollte aus Fürsorge euretwegen die jedenfalls rettungslos verlorenen Kranken im Raume lassen, um die Gefahr der Ansteckung nach Kräften zu bekämpfen. Ihr habt die Sterbenden eigenmächtig in das Logis heraufgetragen und müßt nun die Folgen auf euch nehmen. Was wollt ihr noch mehr?«

Sheppard lächelte spöttisch. »Eine Kleinigkeit, Herr Obersteuermann,« versetzte er. »Wir verlangen, daß das Ruder gedreht werde. Wir wollen in solchen Breiten, wo Menschen zu leben gewohnt sind, unsere Arbeit verrichten, wir hätten auch bei gehöriger Kost und namentlich den gewohnten Branntweinrationen die Fahrt bis nach Nowaja Semlja unweigerlich fortgesetzt, aber elendig umkommen, damit der Kapitän an unserm Fleisch und Blut eine Handvoll Dollar spart, das wollen wir nicht. Noch sind uns keine Walfische begegnet, und wer weiß, ob das späterhin geschieht – vielleicht, wenn der Skorbut die ganze Jagd unmöglich gemacht hat. Also müssen wir umkehren.«

Mr. Pikes blieb ganz gelassen. »Umkehren, nachdem noch kein Cent verdient worden ist, Leute? Umkehren in dem Augenblick, wo vielleicht goldene Berge euer warten? Jede Stunde kann den Gewinn bringen, jeder Augenblick kann Walfische in Scharen an unser Schiff führen.«

Sheppard schüttelte den Kopf. »Oder auch den Tod für uns alle,« sagte er düster. »Wir sind entschlossen, umzukehren; wir wollen den Kapitän zwingen, seinen Kurs zu ändern. Gebt Raum Sir, oder es geht nicht gut!«

Mr. Pikes ließ seine Blicke von einem zum andern schweifen. »Das ist Meuterei!« sagte er mit ernstem, mahnendem Tone. »Habt ihr die Folgen reiflich erwogen, Leute?«

»Ganz reiflich. Der Kapitän und alle Offiziere müssen vor dem Hafen von New York einen Eid schwören, von dem Vorgefallenen mit niemand zu sprechen, oder – keiner sieht das Land wieder. Wir sind uns unserer Rechte und unseres Entschlusses vollkommen bewußt.«

Der Obersteuermann trat zur Seite. »So versucht euer Heil, Leute. Kommt als Bettler, vielleicht krank und elend nach New York zurück, werft wie die Tollhäusler den eigenen Vorteil von euch, und ruiniert einen braven Mann, da die Gelegenheit günstig ist. Ich wasche meine Hände.«

Er drehte sich heimlich knirschend ab. Sheppard streckte die Hand aus, um den Türdrücker der Kajütte zu ergreifen – – –

Da ertönte vom Vorderschiff her ein lauter, fast jubelnder Ruf. Der Mann am Ausguck verließ seinen Posten und kam zu den übrigen gestürzt.

»Die Fische! – Die Fische!«

Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte das Wort die erregten Herzen. Als hätten alle miteinander nur eine Seele, nur einen Gedanken, so folgten die Blicke der Richtung, welche jener Matrose mit ausgestrecktem Arm beschrieb. Vergessen schien der wilde, trotzige Entschluß offenbarer Meuterei, vergessen die Todesangst vor dem Feinde, welcher an Bord seine schwarzen Krallen gegen alles was lebte erhob, vergessen der Groll und das Rachegelüst, – untergegangen in der plötzlichen Hoffnung auf Gewinn.

»Die Fische!« jauchzten zwanzig Stimmen, »die Fische!«

Mr. Pikes atmete auf wie ein Halbertrunkener, den eine unerwartete Hilfe dem nassen Grabe entriß. Er erfaßte im Augenblick seinen Vorteil, er zögerte keinen Augenblick, ihn zu ergreifen.

Ohne den Kapitän zu fragen, befahl er, die Boote herabzulassen und die Körbe mit Lebensmitteln hineinzusetzen. Dann wandte er sich zu Sheppard. »Holt die Harpunen, Maat, – Ihr habt sie in Verwahrung, so viel ich weiß.«

Der Amerikaner übersah düsteren Blickes das Drängen und Treiben der anderen. Niemand beachtete ihn, niemand kümmerte sich um das Verhängnis, welches im entscheidenden Augenblick den Sieg in die Hände des Gegners hinüberspielte. Gewinn – Geld – das war es, was den Leuten vorschwebte, was sie, einer den andern zurückdrängend, an die Boote trieb.

Sheppard kreuzte die Arme. »Holt die Harpunen, Mr. Pikes,« sagte er, »und gebt der wilden Bestie dort, dem Kapitän, die schwerste in die Hand, damit er sein Mordgelüst befriedigen kann. Die Menge ist es nie und nirgends wert, daß sich ein ehrlicher Kerl um ihretwillen aufopfert – ich hab's bitter genug in diesem Augenblick erfahren müssen.«

Der Obersteuermann ließ die Harpunen verteilen und gab selbst eine solche in Sheppards Hand. »Geht mit, Mann,« ermunterte er, »kühlt Euer heißes Blut auf der Jagd. Und dort, seht hin, eine Möweninsel! Taufende von Eiern, ungezählte frische Braten, – macht, daß Ihr fortkommt. Das Vorgefallene ist vergessen, ich schwöre es Euch in des Kapitäns Namen.«

Sheppard lächelte spöttisch. »Wir sind Todfeinde, Sir,« sagte er, »und jeder würde dem andern das Genick brechen, wenn es ihm möglich wäre. Sucht keinen Schleier darüber zu werfen! – Wessen Stunde zuerst schlagt, der packt das Glück beim Schopf.«

Er hob spielend die schwere Harpune zwischen zwei Fingern empor und als der Obersteuermann unwillkürlich zurücktrat, lachte er laut. »Ich bin kein Meuchelmörder, Mr. Pikes, aber ebenso wenig fürchte ich auch einen ehrlichen Kampf, bei dem es Blut absetzt. Das merkt Euch. Die da frei herumlaufen und wie vornehme Herren behandelt werden, das sind oft größere Schurken, als die armen Teufel hinter den Eisengittern des Sing-Sing.«

Er sprang in das letzte Boot, daß die Wellen spritzten, und Mr. Pikes murmelte hinterdrein einige Worte, welche halb wie eine Verwünschung, halb wie ein Ausruf des Spottes erklangen. Dann überblickte er das ruhige Meer.

Die Fische waren in großer Anzahl dem Schiffe immer näher gekommen. Wie Rauchsäulen stiegen geräuschvoll die weißen Wasserstrahlen aus den Nüstern der gewaltigen Tiere empor. Wenigstens dreißig Fische schwammen dem »Vogel Greif« entgegen.

»Das kam zur rechten Zeit!« dachte erleichterten Herzens der Obersteuermann. »Jetzt einige glückliche Züge, etwas Jagdgewinn und wir haben die Meute in unsern Händen. Die beiden Anführer Sheppard und Kroll werden bei nächster Gelegenheit in Eisen gelegt, und wenn einmal diese Hitzköpfe beseitigt sind, so zittert die übrige Kanaille vor einer ungeladenen Pistole.«

Er drehte sich um und klopfte an des Kapitäns Tür, aber niemand antwortete ihm. Konnte Thomas Wright in solchem Augenblick schlafen? Unmöglich!

Er klopfte noch einmal. Wieder keine Antwort. – Einer unbewußten Furcht nachgebend öffnete er die Tür und sah den Kapitän ohne Besinnung auf dem Fußboden liegen. Der furchtbare Blutandrang hatte dem jähzornigen Manne eine tiefe Ohnmacht zugezogen.

Mr. Pikes behielt seine ganze Geistesgegenwart. Er schlug dem Kapitän eine Ader und legte ihm Eis auf die Stirn, ohne irgend jemand zur Hilfe zu rufen. Dann, als das Bewußtsein des Kranken zurückkehrte, teilte er ihm die Nachricht von dem Erscheinen der Walfische mit und hatte die Genugtuung, seinen Vorgesetzten ebenso überrascht, so beglückt zu sehen, wie es vordem die Mannschaft gewesen war. »Sind alle fort?« fragte, sich gewaltsam sammelnd, der Kapitän. » Haben die Frevler endlich Ruhe gegeben? Sind sie in Ketten gelegt worden?«

Mr. Pikes erzählte in kurzer, klarer Schilderung das Vorgefallene und kam dann mit seinem Vorgesetzten dahin überein, es gänzlich totzuschweigen. Kapitän und Mannschaft des Schiffes, hoch oben auf dem 75. Grad nördlicher Breite, verlassen von aller Welt, gewissermaßen der menschlichen Gesellschaft entrückt und in unbekannte, unwirtliche Gegenden voller Gefahren versetzt – Kapitän und Mannschaft eines solchen Schiffes waren zu sehr aufeinander angewiesen, sich selbst zu sehr gegenseitige Lebensbedingung, um nicht den Frieden um jeden Preis erkaufen zu müssen. Später wenn man in bewohnte Gegenden zurückkam, wenn man anderen Schiffen begegnete oder vielleicht irgend einen Handstreich vollführen konnte, dann – –

Die Blicke des Kapitäns und des Obersteuermannes trafen sich. Sie hatten einander vollkommen verstanden.

Und dann begaben sich die beiden auf das Verdeck. Weder von den Walfischen noch von den Booten war das Allergeringste zu sehen.

Der Mann am Ruder gab die Richtung, welche die Jäger genommen, als nördlich an, und das Schiff segelte sogleich diesen Kurs. Kapitän Wright ging in brennender Ungeduld fortwährend rastlos auf und ab; er konnte es sich kaum versagen, mit dem letzten noch übrig gebliebenen Boote die Jäger zu begleiten und persönlich an der Verfolgung teilzunehmen, aber die Sonne sank ins Meer herab, ohne daß auf der glitzernden eisigen Fläche desselben das mindeste zu entdecken gewesen wäre. Selbst der ruhige Mr. Pikes zeigte auf seiner Stirn mehrere Falten.

Wo nur die Leute blieben! – Es waren auf dem Schiff außer den beiden obersten Offizieren nur noch vier Mann, – mit diesen allein den Hafen von New York jemals wieder zu erreichen, war eine Unmöglichkeit.

»Lassen Sie alle fünf Minuten einen Kanonenschuß lösen,« gebot der Kapitän, »und dazwischen eine Rakete steigen.«

Mr. Pikes wiederholte den Befehl, aber durch das Ergebnis desselben sollte die Unruhe womöglich nur noch vermehrt werden. Der Schuß widerhallte in hundertfachem Echo; die Rakete, blaue und goldene Lichter über das Meer ausgießend, zeigte den erstarrten Blicken der Männer fast im gleichen Augenblick die Lösung dieses Rätsels: Eisberge umgaben von allen Seiten das schwer bedrohte Schiff.

Es war, nachdem der Widerhall verklungen, totenstill auf dem Verdeck. Nur aus den Kojen der Kranken und Sterbenden drang leises Wimmern herüber – – –

»Wir müssen das Schiff backlegen,« entschied nach einer Pause der Kapitän. »Mir scheint, daß sich der Wind etwas erhoben hat und außerdem wissen wir nicht, welchen Kurs die Boote steuern. Es ist nicht unmöglich, daß unsere beiderseitige Fahrt gerade auseinandergeht.«

Mr. Pikes griff an die Mütze. »In diesem Fall würden wir beide genötigt sein, persönlich Hand ans Werk zu legen, Herr Kapitän,« sagte er.

»Das tut nichts, Sir. Man hat es ja schon oft getan.«

Und Thomas Wright erkletterte trotz des verwundeten Armes die Masten, um mit dem Obersteuermann und den übrigen vier Leuten das erforderliche Segelmanöver auszuführen. Fortwährend krachten die Schüsse und erglänzten die Raketen und Leuchtkugeln, aber niemand beantwortete die Zeichen, niemand gab Kunde von den Verschollenen.

Ein Eisberg, hoch wie ein Haus, schwamm so hart an dem Schiff vorüber, daß es knirschte und rauschte, daß Splitter davonflogen, – Möwen glitten mit schwerem Schlag durch die Luft, der Sturmvogel umkreiste das Takelwerk und stieß eigentümliche, kurze, wie ein Signal klingende Töne aus, – niemand kam.

Da endlich, gegen Mitternacht, durchdrang ein Laut die tiefe Finsternis. Ein langgezogenes »Ahoi! Ahoi!« scholl deutlich zu den beiden horchenden Offizieren herüber, und beide sprangen hocherfreut von ihren Sitzen auf. Die Leuchtkugeln folgten einander in ununterbrochener Reihe, die Zurufe wurden erwidert und das Feuer in allen Öfen geschürt. Welch ein Fang war wohl jetzt gemacht worden, welcher Gewinn stand in Aussicht – wie neu ermutigt und zur Einigkeit mit ihren Vorgesetzten, zum Gehorsam zurückgekehrt waren wohl alle diese trotzigen und verzagten Menschen?

»Herr Kapitän,« sagte bescheiden der Obersteuermann, »sollte es nicht gut sein, wenn in diesem Augenblick Branntweinrationen verteilt würden?«

Thomas Wright schüttelte den Kopf. »Damit die Kerle glauben, daß sie mir Furcht eingeflößt haben, Mr. Pikes? – Arbeiten sollen sie, und die Pistolen kommen nicht mehr aus meinem Gürtel. Überdies ist nichts zu fürchten, wo klingende Belohnung in Aussicht steht.«

Er ging bis zum Fallreep den Ankommenden entgegen und beugte sich vor, um zu sehen, wie groß die Ausbeute gewesen. »Hallo, Maaten,« rief er, ganz gegen seine Gewohnheit gesprächig, »was bringt ihr denn?«

Ein leises Lachen antwortete. Das war Sheppards Stimme, aber er sprach kein Wort.

»Nun.« ermahnte Robert, »so sprich doch, Mensch!«

»Tu du es. Ich würde den Schuft am liebsten mittels der Harpune anreden.«

»Nun, Jungens,« fragte noch einmal der Kapitän, »was habt ihr gefangen?«

»Nichts, Sir!« antwortete durch die tiefe Stille unser Freund. »Wir haben die Walfische, nachdem unsere Boote ziemlich weit vom Schiff entfernt waren, aus den Augen verloren und trotz aller Bemühungen nicht wieder auffinden können.«

»So hat also keine Jagd stattgefunden?«

»Keine, Herr Kapitän.«

Thomas Wright erschrak, aber ohne sich den Leuten gegenüber das Gefühl merken zu lassen. »Schadet ja nicht!« rief er mit ermunterndem Tone. »Wenn erst einmal der Fisch in der Nähe ist, so trifft man ihn bald genug wieder. Morgen wird die Jagd neu beginnen und dann glücklicher sein!«

Er ging in die Kajütte, um sich von dem empfundenen Ärger einigermaßen zu erholen, indes die Matrosen halberfroren, müde bis zum Umsinken das Logis aufsuchten. Sheppards erster Blick galt den Kojen der Kranken.

»Beide eiskalt!« flüsterte er in Roberts Ohr. »Gestorben wie ihre Vorgänger, allein und ohne Pflege! – Hörst du den Sturmvogel?

Seine Stimme bringt Unglück; er ist ein Warner, der nur verfluchte, dem Untergang geweihte Fahrzeuge umkreist.«

Robert lächelte gezwungen. Er dachte zurück an die Erzählung seines alten Freundes und wie hoch oben in der Luft die Möwe lachte, als jener, von tollem Frevelmut getrieben, den fliegenden Holländer herbeirief. »So schicke dem Schreier ein Lot Blei durch die Brust, dann schweigt er gewiß!« antwortete er.

Sheppard hob erschreckend die Hand. »Um des Himmels willen nicht! Wer den Sturmvogel tötet, der zieht das Verhängnis auf sich herab. Gib nur acht, – wir sehen keinen Fisch wieder, wir gehen in dieser unwirtlichen Gegend elend zu Grunde, auch ohne solche Gewalttat.«

Robert antwortete nicht, und die beiden krochen so schnell als möglich unter ihre Wolldecken, um wenigstens die erstarrten Glieder einigermaßen aufzutauen. Am folgenden Morgen waren wieder zwei Matrosen unfähig aufzustehen, obgleich bei ihnen, den abgehärteten Seeleuten, die Krankheit nicht so heftig auftrat, wie bei den unglücklichen hessischen Auswanderern. Sie mußten sich krank melden, aber sie baten flehentlich die übrigen, zu verhindern, das sie in den Raum geschafft würden.

Sheppard nickte, – sonst gab keiner ein Zeichen, daß er das angstvolle Flehen verstanden. Robert, welcher gerade Ausguckwache hatte, war nicht zugegen.

Der Kapitän versuchte indessen keinerlei Zwangsmaßregeln. Er gab den noch vorrätigen Löffelkrautspiritus heraus, ließ Pflaumen abkochen und bewilligte den Kranken etwas Zucker, im übrigen kümmerte er sich um sie nicht. Auch das Begräbnis der beiden in letzter Nacht Gestorbenen wurde auf seine Anordnung so sehr als nur möglich beschleunigt, damit, wenn sich Fische zeigen sollten, dieselben unverzüglich verfolgt werden könnten.

»Heute haben wir einen hellen, trockenen Tag, Jungens,« sagte er, »da kann es uns gar nicht fehlen. Paßt nur auf, sobald sich das Blasen der Fische bemerkbar macht!«

Er ließ auch zur Vorsicht die großen Trankessel und mehrere Fässer an Deck bringen. Gegen Robert und Sheppard veränderte er keine Miene.

Es mochte vielleicht um neun Uhr morgens sein, als der Ausgucker dasselbe Zeichen gab wie gestern. »Die Fische! Die Fische!«

Zwischen den Eisriesen, welche im stillen Wasser überall majestätisch dahinsegelten und langsam der schwachen Windrichtung folgten, zeigten sich die blasenden Walfische. Es war ein eben so schönes als anregendes Schauspiel, der goldene Sonnenschein, welcher die Eisriesen umspielte und mit tausend diamantenen Tropfen überglänzte, – die emporgeschleuderten Wasserstrahlen aus den Nüstern der Ungeheuer, und das stille, beinahe unbewegte Meer mit seinen zahllosen treibenden, größeren und kleineren Eisschollen. Man konnte begreifen, daß sich die Jagdlust aller dieser Männer bis zum Taumel steigerte.

In zehn Minuten stießen die Boote ab. Das des Kapitäns enthielt außer ihm selbst noch unseren jungen Freund und drei Matrosen. In atemloser Eile ging es den blasenden Fischen entgegen.

Thomas Wright stand aufrecht mit der Harpune in der Hand. Sein rotes Haar schien phosphorisch zu leuchten, sein Auge glühte, seine Wangen von seemännischem Braun waren rotdurchschimmert. Eine starke, wilde Leidenschaftlichkeit sprach aus jeder Bewegung.

Nahe und näher kamen die Boote den Fischen. Schon sah man die mit Moos und Schlingpflanzen überwachsenen, von Muscheln, Wassermäusen, Spinnen und Käfern bewohnten breiten Rücken der riesenhaften Tiere deutlich durch das kristallklare Wasser schimmern, schon erwarteten zwanzig Arme den Augenblick, um die tödliche Waffe in das Fleisch des Opfers zu versenken, da – hörte das Blasen auf, das Wasser beruhigte sich, die grünen, inselgleichen Erhöhungen über der Oberfläche verschwanden, und von den Fischen war nichts mehr zu sehen.

Ganz wie am Tage vorher entzogen sie sich den Blicken der Fänger, als eben die Jagd beginnen sollte. Thomas Wright wurde blaß bis in die Lippen.

»Ihnen nach!« rief er finster grollend. »Sie können nicht weit sein, und ich will unter keiner Bedingung ohne Beute zum Schiff zurück.«

Sein Eifer hatte die übrigen angesteckt. Alles ruderte um die Wette, alles überbot sich, zwischen den Eisschollen hindurchzusteuern und die Fährte der entflohenen Tiere zu verfolgen, aber – ohne jeglichen Nutzen. Weit und breit war kein Fisch zu sehen.

»Wir müssen uns geirrt haben!« rief der Kapitän. »Um jene Eisblöcke herum, zwei Boote in gleicher Linie! Dort werden sie sein.«

Ob er sich und die andern betrog, der Himmel mochte es wissen. Sein ganzes Gesicht war aschfahl, als auch hinter dem bezeichneten Eisberge kein Walfisch gefunden wurde, » Damn it,« rief er, »steckt denn der Böse in den Bestien?«

Sheppard und Morris wechselten einen höhnischen Blick. »Der Sturmvogel!« raunte ersterer. »Hast du ihn gestern gehört?«

Und als wolle das Verhängnis seine Worte bestätigen, so zeigte sich in diesem Augenblick der Warner hoch oben in der Luft, und blieb lange flügelschlagend gerade über den Köpfen der Leute gleichsam stehen. Sein Schrei, heftig und ruckartig, tönte weit hinaus.

Thomas Wright blickte wild empor. »Verfluchter

Vogel, was willst du?« rief er zähneknirschend, während seine Hand die kurze Kugelbüchse ergriff. »Da – nimm das?«

Der Schuß krachte, und das getroffene Tier stürzte unmittelbar neben dem Boote des Kapitäns in das Meer. Nur der rechte Flügel war hart neben dem Körper abgetrennt worden, daher lebte es, und setzte, heftig um sich schlagend, sein Geschrei in verstärktem Maße fort. Die Augen sahen dem Kapitän voll ins Gesicht, der Schnabel hatte sich gegen ihn geöffnet.

»Der Wahnsinnige,« flüsterte Sheppard, »er selbst hält über sich Gericht.«

Von allen Booten waren stumme, erschreckte Zuschauer nur mit diesem Vorgang beschäftigt. Alles sah auf den Kapitän, der blind vor Zorn vorwärts stürzte und offenbar den Vogel mit bloßer Faust erwürgen wollte, denn er griff so heftig und unvorsichtig über den Bootsrand hinaus, daß er das Gleichgewicht verlor und kopfüber ins Wasser fiel.

Die Eisschollen, neben dem Boote treibend, gerieten in verstärkte Bewegung, schlossen sich über- und nebeneinander, schaukelten in den blau oder grünschillernden Fluten – von Thomas Wright war keine Spur zu sehen.

Totenstille herrschte einen Augenblick lang in der ganzem Umgebung. Unsicher suchten einander angstvolle, schadenfrohe oder erschreckte Blicke. Sheppard hob das Ruder, welches er in der Hand hielt, wie um zu sagen – »Wer ihn auftauchen sieht, der schlage zu!«

Aber nur einen Augenblick währte der Druck auf allen diesen Seelen. Dann war Robert ohne Zeitverlust, ohne eine andere Erwägung, als daß vor ihm ein Mensch in der Gefahr schwebe zu ertrinken, dem Kapitän nachgesprungen und wie eine Ente in das Eiswasser hinabgetaucht.

Sheppard ließ das Ruder fallen. »Wie schade, wenn um dieses Schurken willen der brave Junge verunglücken sollte!« rief er.

Morris schüttelte den Kopf. »Die beiden sind verloren!« meinte er.

Es schien indessen, als sollte die schlimme Befürchtung vor der Hand noch nicht eintreffen. Roberts Kopf kam in einiger Entfernung vom Boote über der Oberfläche zum Vorschein und bald danach auch der des Kapitäns, obwohl letzterer besinnungslos schien. »Hilfe! Hilfe!« rief mit lauter Stimme unser junger Freund. »Kommt, so rasch ihr könnt, hierher.«

Ohne Zögern wurden alle Ruder eingesetzt und schon nach weniger als einer Minute nahm das vorderste Boot die beiden Verunglückten an Bord. Robert war völlig unversehrt, aber der Kapitän blutete aus mehreren Kopfwunden, namentlich jedoch aus der Wunde am Arm, deren Verband sich gelöst hatte und die nun ganze Ströme des roten Lebenssaftes über die Bootsplanken dahinsandte. Thomas Wright öffnete wohl zuweilen die Augen, ohne indes anderes als verworrene Worte zu sprechen. Er litt offenbar an epileptischen oder ähnlichen Zufällen, deren Einwirkung sich vielleicht gerade in Augenblicken größerer Erregung zu äußern pflegte.

Robert preßte, nachdem er den Rockärmel aufgeschnitten, Daumen und Zeigefinger über die verletzte Ader. Dann band er mit Hilfe einiger anderer um den ganzen Arm ein festgedrehtes Tuch. Ohne daß weiter gesprochen worden wäre, kehrte die kleine Flottille zum Schiff zurück.

Im Wasser schrie fortwährend der angeschossene Sturmvogel. Als das letzte Boot an Bord geheißt worden, sahen alle in der Ferne die speienden Fische.

Am folgenden Morgen und an noch vielen anderen wiederholten sich die Ereignisse der letzen beiden Tage. Mann nach Mann erkrankten die Matrosen, Leiche nach Leiche wurde in das Meer versenkt und immer trüber gestaltete sich die Stimmung der Leute.

Der »Vogel Greif« kreuzte auf und ab, verfolgte zuweilen nach dieser, zuweilen nach jener Richtung meilenweit die Spur der Fische und kämpfte beharrlich gegen Wind und Wetter, immer noch nach der Absicht des starrsinnigen Kapitäns bestimmt, unter jeder Bedingung mit einer reichen Ausbeute heimzukehren.

Es war, als hätten sich geheimnisvolle Mächte verschworen, an jedem neuen Tage Scharen von Fischen in die Nähe des Schiffes zu führen, immer wieder die Hoffnungen der Leute zu erregen und dennoch dieselben eben so häufig auf das grausamste zu täuschen. Manche von den Matrosen weigerten sich bereits, diese schreckliche Jagd mitzumachen, sie blieben zur Bedienung des Schiffes zurück und sahen dann den übrigen nach, wie sie in rasendem Eifer die Boote vorwärts trieben, um den blasenden Tieren näher zu kommen, und wie dann im Augenblick, wo die Harpunen geschwungen werden sollten, – die Fische verschwanden.

»Geht das mit rechten Dingen zu?« fragte einer den anderen.

Ein Kopfschütteln war die Antwort. »Ich glaub's nimmer, und ich weiß auch wohl, woran die Sache liegt. Der Kapitän ist es, welcher dem Schiffe Unglück bringt.«

»Pst!« warnte der erste. »Du redest dich um deinen Hals, Maat.«

»Ach, was ich viel auf den herzlosen Patron gebe! – Sag doch, bist du kürzlich unten im Raum gewesen?«

Der andere schüttelte sich. »Du, seit wir die armen Kerle da unten ächzen und um eine ruhige Sterbestunde bitten hörten,« antwortete er, – »brr! ich gehe nicht hin.«

Sein Kamerad neigte sich noch dichter zu ihm. »Du,« raunte er, »die da unten ächzen noch. Glaub es, oder glaub es nicht, aber wenn dich der Steuermann hinunterschickt, so sprich vorher ein Gebet, denn ich sage dir, daß es im Raum nicht geheuer ist. War auch eine Schändlichkeit sondergleichen, die armen Kerle in der Pestluft ersticken zu lassen.«

Eine Pause verging, dann spuckte der erste den Kautabak über Bord und nickte geheimnisvoll. »Daran liegt's auch, daß wir keine Fische fangen,« flüsterte er. »Der Wüterich konnte ja nicht einmal dem unschuldigen Vogel das Leben schenken.«

»Sheppard sagt, er möchte gern in New York ein Häuserspekulant werden, so ein Wucherer und Kehlabschneider, der den Leuten das letzte wegnimmt und sich mit fremdem Blute mästet, wenn er wirklich jemals seine Heimat wiedersieht!«

»Ja, wenn! – Da hast du recht, Maat. Sieh, die Boote kommen schon zurück, es ist kein Zweifel, daß über Schiff und Besatzung ein Fluch ausgesprochen worden. Wäre der Mörder vom Bord, so sollte es schon anders vorwärts gehen.«

»Pst! laß das den Sheppard nicht hören. Er dürstet ohnehin schon längst nach dem Blute unseres Peinigers. Was kommen soll, das kommt doch!«

Die Unterhaltung wurde hier durch das Erscheinen der Boote gestört. Nur noch zwölf Matrosen, der Obersteuermann und der Kapitän befanden sich auf dem »Vogel Greif,« die übrigen waren der schrecklichen Pest erlegen, während noch zwei andere, der eine Untersteuermann und ein Matrose, krank umherschlichen.

Die Stimmung war eine äußerst gedrückte, obwohl Sheppards unausgesetzte Hetzereien jetzt selten mehr ein geneigtes Ohr fanden. Der Gedanke, nur mit elf anderen den Gewinn einer vollen Ladung zu erzielen, der Gedanke, vielleicht durch diese einzige Reise wohlhabend zu werden, berauschte jedes Gemüt. Die sehnlichst erhoffte Jagd konnte ja nicht immer täuschen! Speiende Fische zeigten sich überall, kamen bis auf fünfzig Schritt an das Schiff heran, folterten in der Nacht durch ihr Blasen die aufgeregten Männer und schwammen in langen Zügen an den Eisbergen vorüber – sie mußten doch einmal gefangen werden können!

Und dann malte sich jeder das Bild weiter aus. Vier- bis fünfhundert Dollar würden auf seinen Anteil fallen, er brachte vielleicht ein kleines Vermögen mit nach Hause! – Nein, nein, jetzt nicht schwankend werden, nicht unverrichteter Sache heimkehren! Morgen hatte man möglicherweise schon den ersten Fisch an der Harpune, – mit Tagesanbruch kam das langersehnte Glück! – –

Sheppard nickte, wenn ihm derartige Einwendungen entgegengehalten wurden. »Well, also glaubt ihr, daß das Glück dem verfluchten Schiff nahen kann?« fragte er. »Die hier von den Haifischen verzehrt worden sind, deren Gebeine im ewigen Eis begraben liegen, – die haben ihren Mörder bei Gott verklagt und um derer willen wird der ›Vogel Greif‹ wenn ihr nicht endlich zur Einsicht kommt, hier mit Mann und Maus zu Grunde gehen. Jetzt sind wir vier Monate lang unterwegs, – woher soll wohl der Mundvorrat genommen werden, um uns wieder nach New York zu bringen? Und wenn auch noch der Obersteuermann stirbt, wie wollen wir es machen, mit so geringer Mannschaft das Schiff zu bedienen?«

»Sieh doch nicht so schwarz!« hieß es dann. »Der erste Maat ist ja ganz gesund.«

»Heute noch!« versetzte der Amerikaner. »Aber wißt ihr, was morgen geschieht?«

»Morgen fangen wir vielleicht den ersten Wal!«

Sheppard lachte spöttisch. »Denkt an mich, – ihr fangt ihn nie!«

Die beiden Matrosen, deren Gespräch wir neulich belauscht, nickten finster. Für heute schwiegen sie noch, aber bei der nächsten Gelegenheit traten sie offen auf Sheppards Seite. »So kann die Sache nicht länger gehen,« sagte der eine. »Wenn nur die größere Hälfte der Mannschaft mit uns wäre, dann ließe sich noch etwas hoffen, aber unter den augenblicklichen Verhältnissen steuert die Geschichte in den Abgrund, das ist sicher.«

»Morris steht zu uns!« flüsterte Sheppard. »Wollen wir einen Handstreich wagen?«

Der eine Matrose hob den Arm, wie zum Schlage. »Du meinst so?« fragte er bedeutsam.

»Ja,« antwortete kurz und kalt der Amerikaner. »Wenn es darauf ankommt, ob vierzehn Menschen zu Grunde gehen sollen oder ob einer ins Gras beißt, so kann, deucht mich, die Entscheidung nicht zweifelhaft sein.«

Jetzt war das Eis gebrochen und die vier Verbündeten hielten heimlichen Rat, wie der verbrecherische Plan am leichtesten auszuführen sei. »Wenn wir nur den verwegenen Kroll zu uns herüberziehen könnten,« meinte der eine, »das wäre schön. Dieser Bursche fürchtet sich vor dem leibhaftigen Satan nicht!«

Sheppard schüttelte den Kopf. »Aber ebensowenig willigt er in das, was er nun einmal einen Mord nennen würde!« versetzte er. »Laßt ihn ganz aus dem Spiel, – er ist gerade der Rechte hinzugehen und den Kapitän zu warnen. Hat er ihn doch neulich mit Gefahr seines eigenen Lebens aus dem Wasser gezogen.«

»Laßt ihn ganz beiseite,« meinte auch Morris. »Wir vier können es gut allein, und wenn einmal der rothaarige Judas den Haifischen vorgeworfen ist, so kommt das Schiff aus dem Bann los. Wir fangen Fische. bis die Ladung voll ist, und sind wohlhabende Leute. Der Obersteuermann muß nach unserer Pfeife tanzen.«

Die vier Verbrecher reichten einander die Hände. »Heute noch?« fragte Sheppard.

»Je eher, desto besser, denke ich. Der Kapitän muß jetzt Wache halten, so gut wie irgend einer von uns, also überfallen wir ihn, während Mr. Pikes schläft.«

»Ganz gut. Das geschieht am besten zwischen zwölf und ein Uhr mitternachts, weil dann die ermüdeten Leute im festen Schlummer liegen und also der Kapitän keine rechtzeitige Hilfe herbeiholen kann. Eins nur beunruhigt mich.«

»Was denn?« fragte Morris.

»Daß wir nach dem Tode des Kapitäns nur einen Steuerkundigen an Bord haben. Der zweite Steuermann lebt zwar noch, aber er kann es nicht mehr lange machen. Wir wären also verloren, wenn Mr. Pikes das Geringste zustieße!«

Morris zuckte die Achseln. »Das muß gewagt werden,« sagte er.

»Und das soll es,« nickte Sheppard. »Also um Mitternacht.«

Sie gaben sich noch einmal das Versprechen gegenseitiger Treue, dann ging jeder einzelne seiner Arbeit nach. An diesem Tage wurde nicht versucht, auf die Walfische zu jagen, obwohl sich dieselben ebenso zahlreich wie sonst in der Nähe des Schiffes zeigten. Kapitän Wright stand an der Schanzkleidung und sah düsteren Blickes über das Meer hinweg. Wie war der Mann verändert!

Dunkle Ringe umgaben seine Augen, fahles Grau bedeckte das früher so braune, frische Gesicht, und wie gebrochen war die ganze markige Haltung. »Heute ist Montag,« dachte er, »und an diesem Tage soll man keine Entschlüsse fassen, nichts anfangen und nichts vollenden, aber morgen – morgen will ich noch einmal diese unheimliche, schreckliche Jagd beginnen, will auf den Ausgang derselben mein Schicksal bauen! Wird wieder keiner dieser gespenstischen Fische gefangen, so kehre ich um und begnüge mich mit Robben und Walrossen. Damn it! – es ist die schwerste Stunde meines Lebens, wo ich befehlen muß, das Ruder zu wenden und wo mir diese Satansbrut ins Gesicht lachen darf.«

Seine Zähne preßten sich knirschend aufeinander. »Ich kann mein Ziel noch nicht erreichen,« dachte er, »kann nach den schweren Verlusten dieser Unglücksfahrt das Seeleben noch nicht aufgeben. Der Böse hole die verwünschten Bestien, welche mich an der Nase herumführen.«

Er sah nach allen Seiten und seine bleichen Lippen zuckten vor Erregung. »Vier – sechs – zehn Fische!« murmelte er, »und dort noch einer, und dort, aber was nützt es mir, sie zu verfolgen? – O der Wahnsinn könnte mich erfassen, so oft ich daran denke!«

Seine Blicke schweiften wie im halben Irrsinn über das Wasser. »Der dort kommt immer näher,« dachte er, »immer näher! er fordert mich heraus – ob ich das Boot aussetzen lasse und ganz allein die Jagd beginne? Wahrhaftig, das Tier schwimmt bis unter den Bug des Schiffes! Es ist ein Riese seiner Art, wenigstens sechzig Fuß lang und mit welchem Umfang! – ob er eine Art von Anführer, ein Walfischkönig wäre – ob ich ihm eine Musketenkugel in den Kopf jage, nur um ihn zu töten, aus Haß, aus unversöhnlichem Haß?« – –

Er schlich auf den Zehenspitzen zur Kajütte, als könne das Geräusch seiner Tritte den Fisch verscheuchen und nahm von der Wand die doppelläufige Muskete. Aber als er zwei Minuten später zu der verlassenen Stelle zurückkehrte, scholl ein heiseres halblautes Gelächter über das Verdeck.

»Schon den Gedanken lesen diese Teufelssöhne aus dem Hirn heraus!« knirschte er. »Nur der Absicht bedarf es und sie verschwinden! – Ich möchte mich ins Meer stürzen und die Bestien auf dem untersten Grund suchen, und sie mit den bloßen Fäusten anfallen!« –

Er warf das Gewehr von sich. Seine Augen funkelten wie die eines Tigers, seine Nägel gruben sich in das eigene Fleisch, bis rotes Blut die Hände überrieselte.

»Ich wollte, daß mich der deutsche Bursche nimmer gerettet hätte,« dachte er in bitterem, maßlosem Groll. »Was nützt es zu leben, wenn der Einsatz verloren ist? – Diese Meuterer werden mir von morgen an offenen Hohn sprechen!«

Er verbarg das Gesicht auf Augenblicke hinter der vorgehaltenen Hand. Niemand sollte sehen, daß es in seinen Zügen arbeitete, wie die rasendste Verzweiflung. – –

Und weiter und weiter lief der Zeiger des Chronometers, mehr und mehr neigte sich der Abend, »Morgen noch!« dachte der aufgeregte Mann, »morgen noch, und dann – gebe ich das Spiel verloren.«

Er wanderte an Deck auf und ab, bis um acht Uhr abends seine Wache, zu der auch Robert gehörte, abgelöst wurde, und er sich in der Kajütte auf das Sofa strecken konnte. Wirre Bilder umgaukelten die erhitzten Sinne. Bald sah er seine vierzehn toten Matrosen, wie sie ihn aus hohlen Leichengesichtern anstarrten und kläglich um Erlösung aus dem dumpfigen Räume sichten, wie sie ihm zunickten und die Knochenhände erhoben: »Das kam alles von deinem unmenschlichen Geize, von der Härte, mit welcher du uns die notwendigsten Lebensbedingungen entzogst, nur weil wir dir wehrlos überliefert waren, weil uns die Möglichkeit fehlte, das Gesetz gegen dich anzurufen!« – –

Und wieder an anderer Stelle lachten die Töten. »Merkst du nichts? – Wir rächen uns da, wo es dich am empfindlichsten straft, an deinem Geldbeutel; wir machen mit den Fischen gemeinsame Sache und zwingen dich zu dem, was du aus Menschlichkeit, um sterbender und leidender Unglücklicher willen, nicht tun wolltest!« –

Im Traume wälzte sich der gefolterte Mann unruhig von einer Seite zur andern. Er erwachte endlich in Schweiß gebadet, zuckend an allen Gliedern. Nur langsam aus dem heftigen Anfall sich erholend, rief er die Gegenwart in sein Gedächtnis zurück. Ja, ja, er hörte es, das Blasen der Fische rings ums Schiff, er hörte es mit einem Ingrimm, den zu beschreiben keine Feder vermöchte.

»Diese Qual muß ein Ende haben,« dachte er, »oder es ist mein Tod.«

Als ihn Mr. Pikes weckte, hatte er keinen Augenblick ruhig geschlafen. Fieber glühte in allen seinen Adern, seine Hände zitterten. »Es ist gut, Sir,« sagte er, »ich komme gleich. Alles in Ordnung, nicht wahr?«

Der Obersteuermann griff an die Mütze. »Alles beim alten, Herr Kapitän,« antwortete er doppelsinnig.

Thomas Wright unterdrückte einen Seufzer. »Ich verstehe Sie sehr wohl, Mr. Pikes,« begann er wieder, »und ich weiß auch, daß Sie recht haben. Morgen mit Einbruch der Dunkelheit wird das Steuer gewendet, wenn nicht – – die Jagd begonnen hat.«

Der Obersteuermann trat seinem Vorgesetzten einen Schritt näher. »Herr Kapitän,« sagte er, »wenn es möglich wäre, einen Einfluß auf Ihre Entschlüsse auszuüben, so würde ich dringend raten: Lassen Sie uns schon heute, schon in dieser Stunde umkehren! – Auf den Gesichtern der Leute liegt nichts Gutes!«

Thomas Wright schüttelte den Kopf. »Heute, am Montag. Sir? Ich kann es nicht, und ich muß auch noch den morgigen Tag haben, um meine Frage an das Schicksal erst stellen, um seine Antwort erhalten zu können. Morgen soll noch eine Jagd gehalten werden, eine letzte, angestrengte Jagd, und das Ergebnis derselben soll als Urteilsspruch gelten. Fangen wir auch nur einen Fisch, ja, haben wir auch nur mit einem solchen einen Kampf zu bestehen, so bleibe ich noch, andernfalls – –«

Eine Handbewegung vollendete den Satz. – »Haben Sie übrigens an der Mannschaft irgend welche besonderen Merkmale beobachtet, Sir?« setzte er hinzu.

Der Obersteuermann zuckte die Achseln. »Nichts, dem ich einen bestimmten Namen beilegen könnte, Herr Kapitän, aber dennoch – ich weiß nicht – –«

Der Kapitän reichte ihm die Hand. »Gut, gut, gut, Mr. Pikes,« sagte er freundlich. »Sie erfüllen Ihre Pflicht im ausgedehntesten Maße und zu meiner vollen Zufriedenheit. Das soll Ihnen nicht unbelohnt bleiben. Was Ihre Vermutungen betrifft, so wäre es wohl das beste, wenn wir beide bis morgen abend nicht mehr zu Bette gingen, damit keiner von uns den Meuterern allein gegenübersteht. Was denken Sie davon, Sir?«

»Ich bin vollständig Ihrer Meinung, Herr Kapitän. Doch dürfen wir die Leute nicht aufmerksam machen. Also bleibe ich bei halbangelehnter Türe in der Kajütte, bis etwa im unglücklichsten Falle meine Gegenwart an Deck notwendig wird.«

Thomas Wright nickte. »Well,« sagte er, »ich werde gleich erscheinen.«

Der Steuermann zog sich zurück, und zwei Minuten später hatte der Kapitän seine Wache übernommen. Robert stand am Ruder, als er das Deck betrat.

Der schwache Wind der letzten Tage war in vollkommene Windstille übergegangen. Die Segel hingen schlaff herab, das Meer glich in seiner Unbeweglichkeit einer schwarzen, nur von einzelnen Lichtstrahlen überglänzten Decke, deren Stille und Einförmigkeit die Seele bedrückte. Kein Laut ringsumher unterbrach das Einerlei.

Kapitän Wright blickte musternd zu den Wolken empor. Eine tiefschwarze, breite Bank, nach oben von grauen Streifen umsäumt, stand regungslos wie ein Fels am nördlichen Himmelsgewölbe. – »Aha,« murmelte der Seemann, »ich dachte es wohl. Diese Ruhe konnte nur ein Vorbote sein.«

Er ließ die leichten Segel wegnehmen und beobachtete dann den dunkeln Horizont. Über der Wolkenbank erhob sich allmählich ein breiter, scharf begrenzter Lichtbogen, der in steter, wellenförmiger Bewegung hier zu wachsen und dort in sich zu verschwinden schien. Die Mitte dieser Erhöhung von schönstem, prachtvollstem Rot nahm plötzlich eine glänzendere, durchsichtigere Färbung an, es entstand eine Feuerkugel, aus welcher in schneller, blendender Reihenfolge einzelne blitzartige Strahlen Hervorschossen, die nun stärker und immer stärker die schwarze, untere Bank durchdrangen. Sich nach allen Himmelsgegenden ausdehnend, flatternd wie ein windbewegtes Band, sich krümmend in plötzlichen, anmutigen Bogenwindungen gleich einer Schlange, so erschienen diese purpurnen, lichtdurchschimmerten Streifen an ihren äußersten Spitzen bald in grünem, bald in blauem oder gelbem Farbenglanz. Ein eigentümliches zischendes Geräusch, ein Knattern und Rollen wie von zerplatzendem Feuerwerk begleitete diese Naturerscheinung, deren höchster Glanz nur an den beiden Polen der Erde in voller Pracht beobachtet wird.

Das Nordlicht, in unseren Breiten ein dunkler und ein rötlicher, am Himmel feststehender Streif, dem besondere Schönheit nicht beigemessen werden kann, bietet in den Polarregionen als entweder »Südliche Aurora« oder als »Nordlicht« ein so wundervolles, so entzückendes Schauspiel, wie es keine Feder zu beschreiben, keine Phantasie zu erfinden vermag.

Auf dem Meere hundert und aberhundert Eisschollen und zwischen diesen die Eisfelsen mit ihren oft acht und zehn Fuß langen Zapfen, die neben» und übereinander den ganzen Bau wie Erker und Türmchen, Vorsprünge und Säulen umgeben. Wilde weiße und schwarze Vögel horsten auf den Zinnen dieser märchenhaften Burgen; langes Schilf und Schlingkraut, wie es nirgends so gedeiht als hier im Umkreis des ewigen Eises, hat sich tief unten auf dem Boden des Ozeans gleich einer immergrünen Wiese ausgebreitet, es ist mit tausend Armen emporgewachsen und ergreift im Fluge den Fuß des schwimmenden Felsens, der dann die ganze kleine Welt von Fasern und Gestechten aus ihren Angeln hebt und sie spielend mit dem Rechte des Stärkeren entführt.

Über die treibenden Schollen springend und im gewaltigen Ansatz hinwegstürmend eilt der weiße, beutegierige Wolf, und mit furchtbaren Tatzen sich anklammernd steht horchend der Eisbär.

Über alle diese Geschöpfe, über Lebendes und Totes ergießt das Nordlicht seinen roten Zauberschein. Was am Tage nur Eis war, das ist jetzt ein Palast aus Rubinen und Smaragden, das schwimmt in flüssigem Silber und glänzt mit vergoldeten, seltsam geformten Kuppen und Zinnen.

Schatten fallen in die Tiefen, sie mit gesättigtem Purpur füllend, helle Lichter umspielen die Gipfel, und rauschend und grollend tönt aus den Wolken die Stimme des Ewigen. Wie eine Botschaft von Pol zu Pol zittert langhallend der donnerähnliche Ton über das Firmament dahin.

Muß nicht das enge, staubgeborene Menschenherz in solcher Weihestunde der göttlichen Offenbarung den Sündenbann von sich abstreifen, muß nicht Anbetung das Gemüt erfüllen und die Seele mit sich ausdehnen, allem Schönen offen, allem Großen und Erhabenen entgegen? – Können Haß und Rache und kleinliche Gewinnsucht ihre Häupter erheben in solcher Wundernacht?– –

Verhülle dein Antlitz, guter Engel der Menschheit! Es gibt eherne Stirnen, die dein Liebesblick nicht rührt, es gibt Herzen, an die dein Finger vergeblich pocht! – –

Du wendest dich ab und eine nur, aber eine furchtbar-heilige, ernste Antwort schwebt auf deinen Lippen. – –

»Alle Schuld rächt sich auf Erden.«

Eine halbe Stunde mochte vergangen sein. Noch stand das Nordlicht am Horizont und noch schlief der Wind wie zuvor. Kapitän Wright lehnte mit gekreuzten Armen an der Kombüse und beobachtete die Naturerscheinung, welche selbst er, der vieljährige Grönlandsfahrer, in so seltener Pracht noch niemals gesehen. Vielleicht hatte er, seinen Gedanken überlassen, im Augenblick ganz vergessen, daß ihn aufrührerische und erbitterte Matrosen umgaben, vielleicht war er zu furchtlos, zu unerschrocken, um überall sorgfältig nach Verrat und Gefahr zu spähen, genug, er bemerkte nicht, daß zwischen der Kombüse und dem Volkslogis mehrere dunkle Gestalten am Boden kauerten und daß zuweilen ein leises, kaum vernehmbares Flüstern die Nacht durchdrang. Seine Augen suchten in den Segeln nach dem ersten, stärkeren Luftzuge, und seine Ohren vernahmen mit stillem Ingrimm das ferne Geräusch der blasenden Walfische.

Er stand unbeweglich gegen die Wand der Kombüse gelehnt.

»Damn him!« flüsterte hinter ihm, von dem Geräusch der Nordlichts übertönt, Sheppard, »wie lange will er uns noch den Rücken kehren?«

»So gib ihm den Stich zwischen die Schultern!« raunte Morris. »Vier Zoll kaltes Eisen schmecken auch da nach dem Tode.«

»Wenn es erst sitzt!« nickte Sheppard. »Mir ist der Hals lieber.«

»Pah!« meinte einer der Deutschen, »wozu überhaupt die Heimlichkeit? Freunde hat er nicht, und sich gegen uns alle wehren kann er ebensowenig.«

»Das freilich nicht, aber Freunde dürfte er doch finden. Zum Beispiel Kroll! Wo steckt der?«

»Pst! Er hat die Wache am Ruder. Hört zu, Leute, ich will in dem Augenblick, wo sich der Kapitän zufällig hierherwendet, ihm den Stich in die Brust versetzen, – dann aber müßt ihr anderen mir beistehen. Morris schießt die Pistole gegen ihn ab, damit er ganz sicher genug hat, du, August, verriegelst die Tür der Kajütte, und du, Emil, wirfst dich denen entgegen, die etwa an Deck stürzen und Miene machen, ihm beizustehen. Vor allen Dingen aber, – das laßt euch um eures eigenen Heils willen gesagt sein! – vor allen Dingen ist die Person des Steuermanns unverletzlich. Wir spielen um hohen Einsatz, wenn wir mitten im Eismeer den einen der beiden vorhandenen Steuerkundigen töten, das wißt ihr alle, und darum bedenkt wohl, was ich euch sage. Mr. Pikes ist selbst in einem etwa eintretenden Kampfe unverletzlich.«

Die Verbündeten gaben leise ihre Zustimmung zu erkennen, und dann warteten alle, bis sich der Kapitän aus seiner jetzigen Stellung entfernen würde.

Dieser Augenblick kam schnell genug. Ein weißlicher Schaum kräuselte empor an dem glockenförmigen Bug des »Vogel Greif«, ein kalter Hauch wehte über die Stirnen der Männer, und ein leiser, pfeifender Ton durchfuhr das Takelwerk. Die Himmelserscheinung war, wie das in diesen Breiten häufig der Fall zu sein pflegt, ein Vorläufer des Sturmes gewesen.

Kapitän Wright ging mit langsamen Schritten über das Deck. »Da hätte ich höchst wahrscheinlich schon den Ausspruch des Schicksals,« dachte er. »Morgen wird es mir kaum möglich werden, mit der geringen Anzahl von Leuten die nötigen Segelmanöver auszuführen, viel weniger kann ich an eine erfolgreiche Jagd denken, Damn it, das Verhängnis ist gegen mich!«

Diese Worte – ein Fluch – sollten seine letzten sein. Er hatte sich im Rückwärtsgehen der Kombüse wieder genähert, und diesen Augenblick benutzte Sheppard, um wie eine Tigerkatze vorzuspringen und ihm das Messer bis ans Heft in die Brust zu stoßen. Ein wilder, gellender Schrei aus dem Munde des tödlich Getroffenen weckte im gleichen Augenblick die ganze Mannschaft.

Morris, der erhaltenen Anweisung getreu, erhob die Pistole, um auf den noch im Sterben ringenden Kapitän zu schießen, als von der Kajütte her Mr. Pikes, bewaffnet und voll angekleidet, dem Kampfplatz zustürzte.

»Schurken,« rief er. »Feige Schurken, ihr –«

Weiter kam er nicht. Der Schuß krachte und ins Herz getroffen stürzte Mr. Pikes neben dem sterbenden Kapitän auf das Deck. Ströme von Blut liefen über die Planken, – noch wenige Augenblicke eines starren, wortlosen Entsetzens, dann waren beide Verwundete verschieden.

Der erste, welcher sich aufraffte, war Sheppard. »Unglücklicher,« rief er, »was hast du getan? – Jetzt sind wir samt und sonders verloren.«

Morris stand totenbleich. Seine Hände zitterten, sein Auge rollte wild. »Ich habe geschossen,« antwortete er mit heiserer Stimme, »wie du es befahlst, Sheppard. Kann ich dafür, wenn mir ein anderer, als der, dem die Kugel galt, in den Weg läuft?«

Niemand widersprach ihm. Bleiche, entsetzte Gesichter sahen einander an; der tödliche Schreck lag auf den Zügen aller. Die Frage »Was nun?« drängte sich unwillkürlich jedem einzelnen auf.

Auch Robert sah von einem zum andern. Da trafen sich seine und Sheppards Blicke. »Was willst du?« rief mit steigender Wut der Amerikaner. »Mich einen Mörder nennen, uns alle ans Messer liefern, wenn das Schiff jemals einen Hafen wiedersieht, nicht wahr? – Geh fort, hole ein Rumfaß, ich befehle es dir.«

»Sheppard, im Angesichte der Leichen willst du trinken?«

Der Amerikaner lachte. »Auf diesem Schiff regiert der Teufel,« rief er. »Es wird bald genug als Wrack am Strande liegen, also laßt uns die paar Tage genießen, so gut es geht. Den Rum her, sage ich.«

Zwei von der Mannschaft, begierig und unbändig wie er selbst, waren bereits in den Vorratsraum hinabgestiegen, hatten die Tür mit Axtschlägen geöffnet und schleppten jetzt eines der Branntweinfässer herbei. Um keine Zeit zu verlieren, schlug man auch hier den Boden heraus, so daß sich Blut und Branntwein auf dem Verdeck miteinander mischten. Dann begann das Gelage.

Nachdem die Leute während vier Monaten das gewohnte und dem amerikanischen Matrosen geradezu unentbehrliche Labsal des Branntweins an jedem neuen Tage vermißt hatten, stürzten sie jetzt wie die wilden Tiere darüber her, so daß schon nach einer Viertelstunde die Augen glühten und die Zungen stammelten. Einmal in den doppelten Rausch der Seele und des Körpers hineingeraten, schreckten sie vor keiner Abscheulichkeit mehr zurück.

»Faßt an!« gebot Sheppard. »Über Bord mit den Toten!«

Ein rohes Lachen antwortete ihm. »Eins, zwei, – – drei!«

Das Wasser spritzte hoch empor, das Meer zog weite Kreise, und ein Hai, der dem Schiff schon längere Zeit hindurch gefolgt war; öffnete gierig das Maul mit den sechs Reihen nach innen gebogener, sägenförmig ausgefeilter Zähne – – – noch einmal wiederholte sich die barbarische Bestattung, dann wurde notdürftig das Blut abgewaschen und fortgetrunken, bis alle Teilnehmer des empörenden Gelages unfähig waren, auch nur noch die Hände aufzuheben.

Ihrer fünf lagen regungslos an Deck und hätten unbedingt erfrieren müssen, wenn nicht die Mehrzahl der übrigen barmherzig genug gewesen wäre, sie in das Logis zu schleppen. Als die wilden Stimmen verhallt waren, hielten jene Besonnenen einen verzweifelten Kriegsrat.

Einige rangen im bittersten Schmerz die Hände, andere stießen Verwünschungen aus und baten laut die Vorsehung, diesen entsetzlichen Frevel zu ahnden. »Was soll aus uns werden?« fragten die Mutlosesten. »Dieser Sheppard wird jetzt wie ein Teufel an Bord regieren und uns alle, sobald es ihm gefällt, dem Kapitän nachschicken.«

»Morgen haben wir Sturm!« warf ein anderer ein. »Es ist gleichgültig, was wir wünschen und was wir beschließen, – das Schiff wird ein Wrack sein, ehe noch die nächste Nacht vergeht. Sheppard muß unsere Seelen vor Gott verantworten, – uns rettet nichts.«

Eine unheimliche Stille folgte dieser nur zu wahren Auseinandersetzung, dann fuhr der Sprecher fort: »Ist einer unter euch, welcher etwas Steuerkunde versteht?«

Alle schüttelten die Köpfe. »Aber der zweite Steuermann lebt ja noch!« rief plötzlich Robert.

Man eilte zu seiner Koje. Der Mann war noch warm, aber – vor einer Viertelstunde etwa gestorben.

»Es nützt nichts!« sagte dumpf der Matrose. »Wir sind verloren. Hört ihr, wie es durch das Takelwerk heult?«

Wirklich pfiff und ächzte der Wind in den Segeln. Das Schiff flog wie eine Möwe durch die Wellen dahin. Niemand beobachtete den Kurs, niemand befahl und niemand gehorchte. Bange Todesstille herrschte in dem kleinen Kreise.

»Wäre nur Sheppard erst einmal nüchtern,« meinte Robert. »Er versteht vielleicht das Notdürftigste, da er es war, welcher die ganze Sache leitete.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, und ebenso gewiß ist es auch, daß Sheppard nicht mehr nüchtern werden wird, bis seine Seele zur Hölle fährt. Du kennst diese Sorte von Seeleuten nicht, – sie sind wilde Bestien, wenn der Branntwein ihre Sinne umnebelt. Sheppard hätte bei täglichen, mäßigen Rationen seine Arbeit treu erfüllt und wäre vernünftig geblieben, bei vollen Fässern aber wird aus ihm ein Teufel, der alles Menschtum verlacht. Er trinkt, trinkt – und geht bewußtlos mit den letzten zerschellenden Planken des ›Vogel Greif‹ in die Tiefe. Uns zieht er nach sich, das ist das Schlimme.«

Roberts Augen glühten. »So laßt uns jetzt gleich die Fässer an Deck rollen,« rief er, »und laßt das fluchwürdige Gebräu aus den Speigaten laufen. Dann bleibt Sheppard nüchtern, ob er will oder nicht.«

Der Kamerad lächelte. »Willst du ihm sagen, daß du es warst, der den Branntwein verschüttete?« fragte er.

»Ja. Weshalb nicht?«

»Weil er dich auf dem Fleck totschlagen würde, mein Freund!«

»Das ist wahr!« sagte eine andere Stimme. »Wir können es nicht tun. Alles, was uns übrig bleibt, ist – Gott um Gnade zu bitten. Wüßten wir wenigstens, wo wir im Augenblick sind und ob eine Küste in der Nähe ist.«

Der erste Matrose nickte. »Das glaube ich euch sagen zu können, Maaten. Die letzten Wale, welche ich gestern abend gesehen, waren Breitnasen, – eine Gattung, die man an der nördlichsten Küste von Lappland vorfindet. Dort also müssen wir sein.«

Robert atmete auf. »Lappland!« wiederholte er, »das ist immer noch besser als Grönland oder gar Nowaja-Semlja, die beide gegen ihre Eismeergrenzen hin ganz unbewohnt sind. Werden wir an die Küste geworfen und kommen mit dem Leben davon, so ist doch einige Aussicht, daß uns ein Stamm der Wanderlappen begegnet, – daß wir zu Menschen gelangen.«

Die übrigen seufzten. »Welch einen Mut du besitzest, Kamerad! Als ob man daran denken dürfte, lebend den Strand zu erreichen.«

Roberts frisches Gesicht sah aus, wie die verkörperte Jugendkraft und Zuversicht. »Maaten,« sagte er, »das ist nicht der Weg, der zum Ziele führt. Wir müssen der vielen Schiffbrüchigen denken, die schon gut an das Land kamen, und müssen alle unsere Tatkraft einsetzen, um den Tod aus dem Felde zu schlagen. Jeder Augenblick kann das Schiff an den Klippen zerschellen, darum laßt uns gerüstet sein. Einer muß an den Ausguck. Wen wählt ihr dazu?«

Der frühere Sprecher reichte ihm die Hand. »Geh du selbst, mein Junge. Dein Herz und deine Augen sind frisch, geh du! An Rettung ist nicht zu denken, aber warne doch bei Zeiten, daß man im letzten Augenblick ein Vaterunser spricht und wenigstens selig von hinnen scheidet. Ist das eine unerhörte Sache, so mit den Händen in der Tasche zuzusehen, wie ein schönes Schiff auf den Strand gesetzt wird, ohne daß man's ändern könnte. Hätte nicht der arme Kerl, der Kapitän, noch im letzten Augenblick seines Lebens die kleinen Segel bergen lassen, so wäre schon kein Fetzen mehr vorhanden.«

Robert hörte nicht auf das, was die Mutlosen sprachen. Er kletterte trotz des wilden Wetters so gelassen über den Schiffsrand hinaus und an den Strickleitern empor, als sei es der schönste Sommerabend, und als wolle er da oben im Mars den ersten Frühapfel brechen, um ein kleines Naschgelüst zu befriedigen.

Der Wind flog durch sein dichtes Haar, riß und rüttelte an den schwachen Strängen, denen er sich so sorglos anvertraute, bog die Raaen unter seinen Füßen und peitschte das lose Takelwerk hoch oben am Messingknauf, den die Strafwache putzen muß, und an dem er selbst so manchesmal gehangen hatte, aus reiner Lust am gefährlichen, übermütigen Spiel, an einer Hand vielleicht und ohne alle dienstliche Veranlassung.

Er atmete tief auf und sah ringsumher, so gut es die herrschende Finsternis gestattete. Nichts als weißer, schäumender Gischt, haushohe Wellen und schwarze, gähnende Abgründe zeigten sich dem Blick.

»Jetzt sterben?« dachte er. »Unmöglich, das kann Gott nicht wollen. Ich glaube, daß ich mich retten werde und vielleicht die anderen dazu. Dann gibt es eine Wanderschaft durch die Eiswüsten. Rentierblut oder gar Tran als Nahrung, Kampf mit Bären und Wölfen, meilenweite Einsamkeit in Schnee und Kälte, – dann heißt es, jeden Augenblick, um das Dasein zu ringen und ihm jeden Zollbreit Bodens abzulisten. Mag es schwer werden, mögen die Hände bluten und die Füße den Dienst versagen, ich will's aushalten, aber – nur nicht sterben!«

Er schlug die Arme umeinander und hielt scharfe Wacht, bis der Morgen dämmerte, aber keine Küste zeigte sich seinem forschenden Blick. In unaufhaltsamer Fahrt stürmte der »Vogel Greif« durch die Wogen dahin.

Als es heller Tag geworden, kam der Neger, um Roberts Wache zu übernehmen. Drinnen in der Kajütte brannte ein behagliches Feuer, ebenso war Kaffee gekocht worden und etwas kaltes Fleisch hervorgesucht. Die fünf Berauschten vom gestrigen Abend taumelten und krochen überall umher, um sich mühsam der letzten Vergangenheit zu erinnern und dann wieder an die Branntweinfässer zurückzukehren. Vergeblich war Roberts Mühen und Bitten, vergeblich seine eindringlichsten Vorstellungen. Sheppard brummte einen Fluch. »Wer kann gegen das Geschick,« sagte er, »wer kann mit dem Teufel rechten? Das Schiff ist ihm verfallen, seit jener verruchte Mörder, den nun die Haifische gefressen haben – den Sturmvogel erschoß. Da hilft nichts, also laßt uns lustig sterben, wenn doch einmal gestorben sein muß.«

Robert gab indessen die Sache noch nicht auf. »Sheppard,« sagte er, »willst du nicht lieber Hand ans Werk legen, um uns allen zu helfen, als dich sinnlos zu betrinken und vielleicht aus dem tierischen Rausche nie wieder zu erwachen?«

»Geh zum Teufel mit deinem Geplärr!«

Und das zweite Rumfaß wurde in die Kapitänskajütte geschleppt, wüste Gassenhauer wurden angestimmt und fortgezecht und fortgejubelt, bis tiefe Stille eintrat, – bis da unten in dem kleinen, gemütlichen Raum wieder fünf leblose Körper auf den Dielen lagen wie gestern.

Indessen, auch die übrigen hatten keineswegs die Hände in den Schoß gelegt, sondern getan, was sich im Augenblick tun ließ. Man spannte schwere Seile quer über das Verdeck, um für die notwendigsten Bewegungen auf demselben einen einigermaßen festen Anhalt zu besitzen, dann wurden auch die großen Segel eingezogen und auf diese Weise die Fahrt des steuerlosen Schiffes etwas ermäßigt. Da sich kein Kurs verfolgen und kein Segelmanöver ausführen ließ, so kam es ja einzig und allein darauf an, der Strömung zu folgen und das Weitere abzuwarten.

Der Wind schwoll gegen Mittag immer stärker an. Das Barometer fiel plötzlich sehr tief und der Orkan brach los, so daß sich das Schiff mit kahlen Masten ganz auf die Seite legte. Nachdem es eben so schnell in seine frühere Stellung zurückgefallen, setzte es die Fahrt in unheimlicher Eile fort, wohin, das wußte freilich niemand. Der Druck des Windes war so groß, daß er keine hohe See mehr aufkommen ließ, sondern alles Wasser gleich in Schaum verwandelte.

Und durch das Toben der Elemente klang ein Schrei, wie ihn der Mensch nur in

höchster Todesnot ausstößt, wie er schrecklich und tief erschütternd aus der Brust des Mannes erst dann hervordringt, wenn Verzweiflung das Herz packt und halber Wahnwitz die Sinne umflort.

»Land! – Land! Gott im Himmel, das ist die Küste!«

Zwischen den aufgespannten Seilen hielten sich mühsam die Matrosen aufrecht. Aller Augen starrten auf die verhängnisvollen Eisblöcke, welche sich dort in einer Entfernung von tausend Schritten so riesig und unbeweglich empuitürmten. Ja, unbeweglich! Das schwamm nicht, das stand trotzig im Sturm und streckte seine letzten Ausläufer bis hinab in das brodelnde, zischende Meer, dessen Wellen es zuweilen hoch überspülten und für den Augenblick ganz in ihrem Schöße vergruben.

Wie ein Pfeil schoß das Schiff geradewegs der Brandung entgegen. Noch einige Minuten, und es mußte, zu tausend Trümmern zerschellt, in Splittern auf den empörten Wogen treiben.

Der alte Neger stand zufällig zwischen den Haltetauen neben Robert. »Jetzt ist es vorbei,« sagte er. »Der Tod breitet die Arme aus.«

»Noch nicht!« rief mit Aufbietung aller seiner Kräfte Robert, »noch nicht, Mongo! Es ist noch Hoffnung, so lange das Leben währt.«

Fast im gleichen Augenblick stand das Schiff in einer fürchterlichen Brandung und stieß mit solcher Heftigkeit auf den Grund, daß der Stoß die ganze kleine Besatzung zu Boden warf.

Die Masten drehten sich knarrend, schwankten und stürzten gleichzeitig über Bord, das ganze Hinterdeck wurde wie ein Federball fortgeschleudert, für Sekunden sahen Roberts entsetzte Blicke die Leichengesichter Sheppards und seiner Genossen, dann kam die Katastrophe.

Ein unheimlicher, donnerähnlicher Krach spaltete das Schiff von einem Ende zum anderen, weiße Sturzseen gingen darüber hin, Robert fühlte sich emporgehoben, vom Wirbel fortgerissen und geblendet von den rauschenden Fluten. –

Dann verlor er die Besinnung.

Achtes Kapitel

Im hohen Norden

Kennt ihr das Märchen von der Entstehung Norwegens? Laßt's euch erzählen.

Als Gott der Herr die Welt erschaffen und alles ringsumher geordnet hatte, da blickte er zufrieden auf das vollendete Werk. Plötzlich aber wurde sein Nachsinnen gewaltsam gestört durch den Fall eines ungeheueren Felsblockes, der in das Meer stürzte. Empor blickend gewahrte der Schöpfer den Teufel, wie er hohnlachend dem gewichtigen, von seiner Hand geschleuderten Körper nachschaute. »Die Achse des neu entstandenen Erdballes soll brechen!« rief Luzifer, »der ganze Bau soll in Trümmer fallen, weil ich ihn hasse!«

Aber Gottes Liebe war stärker als der Grimm des Bösen. Zwar schwankte der Erdball und drehte sich, in seinen Grundfesten erschüttert, um die eigene Achse, aber des Herrn Hand gab dem Felsblock einen Halt im Meer und sein Herz erbarmte sich des toten, starren. Er segnete die wildzerrissenen, schwarzen, überall wie unheimliche Riesen aus dem Ozean auftauchenden Berge und streute in die tiefen Täler den letzten Rest übriggebliebener Erde. Aber ach! er begann mit diesem Werke der Barmherzigkeit im Süden, wo alsbald Fruchtbäume und grüne Matten und goldene Ährenfelder aufsproßten. – er behielt für den Norden kein Körnchen Erde zurück.

Dennoch belebte des Weltenschöpfers Segen auch die kahlen, toten Felsen. Keine Blume blüht dort, keine Frucht reift und kein Vogel singt, aber in die ewigstarren Eisfelder setzte Gott ein Geschöpf, das. halb Kuh, halb Hirsch. mit Milch und Butter, Blut, Fleisch, Fell und Sehnen die Menschen vor dem Hungertode bewahrt, – das Renntier. Und alle Ströme, alle Seen und Flüsse, das Meer und die Morde füllte er mit Legionen von Fischen, und in die Herzen der Bewohner pflanzte er mit mildem Erbarmen jene Vaterlandsliebe, die auch den unfruchtbarsten Felsgrat zur trauten Heimat macht, die alles vergißt um der teuren Stätte willen, wo einst die Wiege gestanden und wo das Grab gegraben werden wird.

Das ist Norwegen, das ist die Natur der Schöpfung und der Menschen hoch oben unter dem siebzigsten Breitengrade, wo der Walfisch und der Eisbär zu den Bewohnern zählen.

Abwechselnd schwarz und mit Eis überzogen ragen die Felsspitzen vom Meer bis zu den Wolken in hundertfachen Absätzen hoch und immer höher empor. Hier schlug die Brandung, grünlich schillernd, weißschäumend und gewaltig wie ein wildes Urweltsgeschöpf donnernd im sprungartigen Anprall gegen einen Felsen, der seit dem ersten Schöpfungstage die granitne Brust flach und unbewehrt dem Toben des Ozeans darbietet, der wie ein Kaiser im wallenden Mantel von Schnee und Eissplittern stolz über seine Vasallen dahinblickt, dessen Haupt die Sonnenstrahlen gekrönt, seit sich das erste junge Morgenrot aus der Urnacht löste.

Dort stürzten die Wellen, einander überholend, zurückdrängend, einander an unsichtbaren Klippen zerschellend, wie von Feinden getrieben, in regelloser Flucht durch die schwarzen, steinernen Säulen, unter deren Bogen ein heimliches Echo wohnt, das spottend seit Jahrtausenden jeden Laut zurückwirft, – hier wälzte sich ein breiter Wasserarm zwischen himmelhohen Steinwänden, und dort kroch ein blauer Streif wie eine geschmeidige Schlange in den schmalen Spalt hinein, um zu verschwinden und vielleicht weiter hin im tiefen Tale als Gießbach brausend und zischend herabzustürzen auf den Fuß des Felsengebirges.

Wie die Ruinen und halb verkohlten Überreste einer durch Feuersbrunst zerstörten Riesenstadt, so ragten die zerrissenen, vielgespaltenen und vielgeformten Felsgipfel aus dem Meere hervor, wie ein starrer, himmelaufstrebender Gürtel von Granit umgaben sie terrassenförmig das Land. Und über den höchsten Spitzen erglänzten schneebedeckt, unnahbar und ehrfurchtgebietend die fernen Häupter der Riesenberge, blauverhüllt vom Duft, von Wolkenschleiern umschlossen, vom Zauber der Sage geheiligt. – –

Die Sonne schien hell herab, das Meer lag ruhig wie ein schlummernder Riese, die Möwen schwebten mit Weißen Flügeln über das Wasser dahin, und hoch oben in der reinen, eiskalten Luft zog ein Adler seine Bahn – –

Er neigte sich tiefer und tiefer herab, er spähte mit seitwärts gewandtem Kopfe und zog immer engere, kleinere Kreise – –

Was da unten die gaukelnden Wellen spielend emporheben und wieder mit Schaumarmen in die Tiefe zu locken scheinen, was sie bald der Küste zuführen wollten und bald von derselben entfernten, das weiße, stille Menschenantlitz mit der klaffenden Stirnwunde und den geschlossenen Augen, – war es ein willkommener Fund, eine Beute für die kreischende Brut im unzugänglichen Felsennest?

Tiefer senkte sich der Raubvogel, noch tiefer – – –

So bleich die Lippen, so reglos die ganze Gestalt – der da auf den Fluten treibt, ist tot – –

Noch wenige Armeslängen und der Adler packt mit scharfem Schnabel seine Beute. Schon schwebt er unmittelbar über dem Körper des Leblosen –

Da fliegt ein schweres Holzstück sausend durch die Luft, das Raubtier stößt einen Schrei des Entsetzens aus und taumelt empor in eiliger Flucht – –

Schwarze Arme teilen die Flut, ein Negerantlitz beugt sich mitleidsvoll über den toten Knaben, und kräftige Hände tragen ihn an den Strand, auf das Bette von Felsen und Schnee.

Mongo, der alte Matrose, schüttelte den Kopf.

»Wenig Hoffnung,« denkt er, »aber doch will ich's versuchen, doch alles mögliche tun, bevor ich den armen Jungen seinem Schicksal überlasse!«

Und er entblößt die Brust des Bewegungslosen, er reibt mit Schnee die starren Glieder, er walkt den ganzen Körper, wie der Bäcker den Teig, damit das verschluckte Wasser herauslaufe, er haucht den eigenen Atem zwischen die kalten Lippen –

Und endlich, endlich, nach langer, unermüdlicher Anstrengung hört er den schwachen Seufzer, der das zurückkehrende Leben verkündet. Ein Freudenstrahl überstiegt das schwarze Gesicht.

»Wo bin ich? – Wo sind die übrigen?«

Robert griff mit beiden Händen in den Schnee, wie um sich zu halten, um sich zu überzeugen, daß er wache. Seine Augen forschten gespannt in den Zügen des Negers. »Mongo,« fragte er »wo ist der ›Vogel Greif‹?«

Der Schwarze schüttelte den Kopf. »Frage die Wellen, Bob, frage den Sturm. Jedes hat ein Teilchen davongetragen.«

Robert erhob sich auf die Ellbogen. In diesem Augenblick war selbst sein Trotz, sein unversieglicher Mut gebrochen. Wo noch vor kurzem das schwere, stattliche Fahrzeug gelegen, da dehnten sich die Wogen in blauer Unendlichkeit, wo ihn ein sicheres, festes Dach vor Sturm und Schnee beschützt, da spielte der Wind, über Eiswüsten streichend, mit kaltem Umfangen durch sein Haar, um seine Glieder.

»Mongo,« flüsterte er, »sind wir die einzigen Geretteten?«

»Ja, Bob. Als ich zur Besinnung kam, da war alles fort, alles dahin, nur ein paar Trümmer schwammen auf den Wellen, und weiterhin zwischen Klippen sah ich dich. Das übrige weißt du. – Ich fürchte, wir sind dem Tode des Ertrinkens nur entgangen, um dem des Verhungerns anheimzufallen,« setzte er hinzu.

Robert erhob sich mit schmerzenden Gliedern und versuchte es, einige Schritte zu gehen. »Nichts ist verloren, nichts ist verfallen, Mongo,« antwortete er, eine Zuversicht heuchelnd, die er in Wirklichkeit nicht besaß. »Auf, wir müssen in den Klippen nachsuchen, ob irgendwo ein Vorratsfaß oder einige Waffen an das Ufer gespült sind. Es waren Kisten voll von Säbeln und Pistolen an Bord.«

Mongo lächelte ungläubig. »Was wolltest du damit, Bob?

Der junge Abenteurer richtete sich immer straffer empor. »Gegen Feinde uns wehren, Mongo, und Beute machen, damit wir essen können. Laß uns suchen.«

Der Neger war zwar nicht überzeugt, aber er erhob sich doch und begann mit Robert die Klippen zu durchstreifen. Bretter, Bohlen und Planken, Stücke von den Kajüttenmöbeln, Segeltuch und hundert andere Kleinigkeiten trieben auf den Fluten, aber es war nichts zu finden, das mit einer Waffe oder etwas Genießbarem die mindeste Ähnlichkeit gehabt hätte.

Stunde nach Stunde verging, die beiden emsigen Sucher stillten den nagenden Hunger mit etwas Schnee, den sie im Munde schmelzen ließen, sie trösteten sich gegenseitig und durchstöberten unermüdlich jede Felsspalte, immer in der Hoffnung, doch noch irgend etwas Brauchbares zu finden. »Vielleicht hier,« rief Robert, so oft er in eine neue Vertiefung hinabsah, »es muß uns doch endlich gelingen.«

Aber nichts zeigte sich den forschenden Augen. Langsam brach die Dämmerung herein. Stern nach Stern erschien am Himmel, der Mond erhob sich in festen, klaren Umrissen, aber nicht der geringste Erfolg krönte die Bemühungen so vieler Stunden. Unsere beiden Schiffbrüchigen sahen einander fragend an.

»Was nun, Bob?« sagte kopfschüttelnd der Neger.

»Erst einmal fort von hier!« versetzte munter der andere. »Vielleicht lebt hinter den nächsten Bergen ein Stamm der Küstenlappen, und wenn wir diesen erreicht haben, so ist wenigstens das Leben gerettet. Der Winter hat ausgetobt, Mongo, das Ärgste ist überstanden, daher laß uns kämpfen, so lange wir atmen.«

Der Schwarze antwortete nicht. Er ging an Roberts Seite landeinwärts über Klippen und Vorsprünge, durch Schluchten und Täler, bis sie auf einen verhältnismäßig flacheren Landstrich trafen, wo sich bequemer Fuß fassen ließ und wo die Kälte weit geringer erschien, da hier der eisige, von Norden kommende Hauch des Meeres keinen Eingang fand. Beide hatten sich zum möglichsten Schutz gegen Raubtiere mit Trümmern von Schiffsplanken bewaffnet und wanderten Seite an Seite schweigend dahin.

Mond und Sterne verbreiteten einen so hellen Schein, daß nur in den Schluchten der Felsen die Nacht ihr schauerliches Recht geltend machen konnte. Zuweilen krächzte ein Raubvogel oder strich mit scheuer Hast ein weißer Hase vorüber, sonst war alles still.

Robert beobachtete Schritt um Schritt die Pflanzenwelt, auf welche er trat. Daß hier in dieser nördlichen Zone nichts Genießbares wuchs, wußte er freilich sehr wohl, aber das war es auch nicht, was er suchte, sondern seine Aufmerksamkeit galt einem ganz anderen Gegenstände.

An diesen Küstenstrichen nistet auf flachem Boden in den Ranken der kümmerlichen Pflanzen, namentlich der wollblättrigen Weide, der große Eistaucher, dessen Eier, denen unserer Gänse gleich, in niederen Nestern ausgebrütet werden. Robert hatte gelesen, daß mit diesen Nestern zuweilen ganze Morgen Landes bedeckt sind, und daher war seine Hoffnung, wenigstens einige Vogelfamilien aufzufinden, durchaus nicht ganz unbegründet. Sein Blick durchdrang suchend das Halbdunkel, er haftete an jedem kleinen Gebüsch, das sich bis zur Höhe von zwei oder höchstens drei Fuß über den Boden erhob, und bewunderte die unabsehbaren Strecken der Renntierflechte, deren filzartiges Gewebe mattgrün und bräunlich den Felsboden überzog.

Die wollblättrige Weide fand sich in reichem Flor. Sie besitzt eine Länge von zehn bis zwölf Fuß, welche indessen nicht als Stamm emporstrebt, sondern in der Weise einer Schlingpflanze am Boden dahinkriecht. Robert wußte, daß in der Umgebung dieser Gewächse auch der Eistaucher zu finden fei, und vergnügt erhob er sich von den Knieen, um seinem Gefährten Mut einzusprechen.

»Auf, Mongo,« sagte er, »jetzt werden wir Eier speisen. Gib nur acht, bald ist der Tisch für uns gedeckt.«

Der Neger seufzte schmerzlich. »Mich friert,« entgegnete er. »Es ist für den Sohn der heißesten Zone schrecklich, unter Eis und Felsen zu sterben!«

»Stille, Mongo, wer denkt daran! Du mußt besseren Mut fassen. Alter!«

Und Robert versuchte es, den Schwarzen ins Plaudern zu bringen. Das würde seine Seele auffrischen, ihn ermuntern, ihn neu beleben und die Wanderung durch Hunger und Kälte erträglicher machen. »Erzähle mir einmal, wo du geboren bist, alter Seewolf,« fuhr er fort. »Natürlich in Afrika, wo die Sonne am stärksten brennt.«

Der Schwarze nickte. Er schien sich stolzer zu erheben, schien sicherer zu gehen und mit festerem Tone zu sprechen. »Wer ich bin?« fragte er, halb traurig, halb triumphierend, »wer ich bin? – der rechtmäßige König von Dahomey, mein Junge.«

Robert lachte, daß wenigstens sechs verschiedene Felsenechos lustig den Klang zurückwarfen, als ergebe sich ringsumher eine ganze zahlreiche Gesellschaft der ungezügeltsten Heiterkeit. »Du ein

König?« wiederholte er. »Alle tausend Donnerwetter, da muß ja ein gewöhnlicher Sterblicher wenigstens zehn Schritte hinter dir gehen und dich Majestät nennen!«

Der Neger lachte gutmütig mit. »Du junger Spitzbube,« schmunzelte er, »du übermütiger Schlingel. Aber was ich gesagt habe, ist buchstäblich wahr.«

»Nun,« rief unser Freund, »und wie kamst du denn von deinem Bambusthron in die Munkejacke hinein?«

Der alte Matrose schauderte, halb vor Kälte, halb in der Erinnerung an das, was er vor dieser Unglücksfahrt im Leben schon erlitten. »Ich wurde mit Hunderten meiner Brüder als Sklave nach Nordamerika verkauft,« antwortete er.

»Als Sklave?« wiederholte aufhorchend unser Freund. »Du armer Mongo, wie kam das? – Erzähle doch von deinen Schicksalen! Wenn wir den Ernst und die Gefahren des Augenblickes vergessen, so werden wir die Wanderung weit leichter ertragen.«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Die Wanderung ohne Ziel!« sagte er düster.

»Das weißt du ja noch nicht, Mongo. Erzähle inzwischen, wie es aussieht in dem königlichen Paläste in Dahomey, welche Sitten dort herrschen, was man speist und wie die Leibgarde zusammengesetzt ist. Kennt man überhaupt bei deinem Stamm Gesetz und Rechte?«

Der alte Neger schwieg längere Zeit. »Rechte?« sagte er dann. »Nein, Bob, das Volk hat keine, kennt und wünscht keine Rechte, nur der König herrscht nach Laune und Willkür gemeinschaftlich mit den Priestern, die zwischen ihm und seinen Untertanen als Vermittler stehen. Siehst du mein Junge, ich bin jetzt seit länger als dreißig Jahren ein Christ wie du, ich verabscheue natürlich die Grausamkeit und die zügellose Wildheit meines Volkes, aber dennoch geht mir das Herz weit auf, wenn ich an Afrika zurückdenke.

Die Stadt, wo ich geboren wurde, heißt Abomey, und das königliche Haus meines Vaters war eine große, breite Halle aus Bambusstäben und Lehm, mit einem Dache von Segeltuch. Zahme Strauße gingen majestätisch nickend auf und ab, junge Panther spielten mit mir im Sande, und die zahlreichen Sklaven waren meine Pferde, auf deren Rücken ich spazieren ritt, so oft es mir beliebte. Ich trug, als das Königskind von Dahomey, an meinem Körper nur Seide und, goldene Spangen, ich spielte mit den Schädeln erschlagener Feinde und schoß zur Kurzweil die auf Stangen gesteckten Köpfe hingerichteter Untertanen mit dem hölzernen Bogen herab.

Ach, Bob, du kennst Afrika nicht, das Paradies der Erde, den Zaubergarten, wo Blüte und Frucht an einem Zweige winken, wo nie die Natur das Feierkleid ablegt, wo ihre Schönheit ewig ist. Knospender Frühling, lachender Sommer und segensschwerer Herbst, alles zugleich, alles ganz und überreichlich, sinnenberauschend! – ach, du kennst Afrika nicht.

Die Bananen, die Tomaten, die Palmen in allen ihren Arten, die Melonen, Ananas, Feigen und Orangen, die Trauben und Granatäpfel, – sie wachsen deiner pflückenden Hand entgegen, ohne daß du zu säen oder das Feld zu bestellen brauchst; die Bambusstäbe liefern dir das Dach, unter welchem du ruhst, das Meer ist dein Badeplatz, die Sonne dein Feuer. Du bedarfst als Kleidung nur jenes Feigenblattes unserer ersten Voreltern, du kennst keine Arbeit, keine Mühe und Sorgen; das Leben ist überall Genuß, nirgends ein Kampf. – Ach, es grämt mich doch, so in der Eiswüste enden zu sollen, – es grauet mir vor dem Norden mit seinem Frost und Sturm!«

Robert schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich liebe den Norden, alter Mongo!« versetzte er, »ich liebe das Feste, Stolze, Großartige, – ich will säen, mit Schweiß und Mühe säen, bevor ich ernte, ich will nichts geschenkt haben, sondern alles erringen, verdienen, durch Kampf und Sieg dem Leben abtrotzen. Siehst du, Exkönig vom Schlaraffenland, wenn jetzt ein gedeckter Tisch hier am Wege stände, dann könnte wohl der Einfältigste sich dazu setzen und die guten Dinge übern Schnabel nehmen, nicht wahr? – Aber schau her, es gehört schon ein bißchen Geduld und Verständnis dazu, aus diesen kleinen Brustfedern, welche hier und da auf dem Boden liegen, auf den Strich zu schließen, den der Eisvogel bewohnt. Gib nur acht, ich finde bald die Nester, und dann schmeckt das mühsam Erworbene besser, als hätte es der Zufall hergeweht. – Horch, schrie nicht dort ein Vogel?«

Der Neger faßte den Stock fester in die Hand. »Ein Tier war es jedenfalls!« versetzte er.

Robert schlich auf den Zehenspitzen um die nächste Biegung des felsigen Weges herum und dann ertönte ein heller Jubelschrei, dem sich ein Kreischen, Flattern und Piepsen von zahlreichen Vogelstimmen beigesellte. »Hurra, Mongo, Hurra! Wenigstens tausend Nester, wenigstens dreitausend große Eier!« rief Robert. »Jetzt laß uns essen, und wenn jemals ein Abendbrot besser geschmeckt hat, als dieses aus rohen Eidottern und etwas Natureis, so will ich nicht – Robert heißen. Lappland soll leben!«

Er schleuderte, nachdem er das erste Ei getrunken, die zerbrochene Schale hoch in die Luft und machte sich über das zweite her. Der Neger folgte seinem Beispiel, so daß während der nächsten Minuten das Gespräch völlig stockte. Wenn eine der aufgeschreckten angstvollen Vögelmütter zu nahe herankam, so mußte der Stock aushelfen, und endlich sahen die beiden Schmausenden einander gesättigt ins Auge.

»Fühlst du jetzt neue Kräfte, Mongo?«

»Du bist ein Schlingel. Ich habe dir's ja schon früher gesagt.«

Robert lachte. »Wer schweigt oder die Antwort umgeht, der hat zugestimmt, wie du weißt, Alter. Jetzt nehmen wir noch ein paar Eier mit uns – aus jedem Nest eins, der armen Mütter wegen – und dann weiter. Ein Labetrunk glitzert ja in jeder Felsspalte.«

Er ging voran, eine lustige Seemannsmelodie pfeifend. »Komm, Mongo,« fuhr er fort, »rasch nach Afrika, dort ist's gemütlicher als hier in Lappland. Du hast mir den Palast beschrieben und deine Spielgefährten, zweibeinige sowohl als Vierfüßler; jetzt sei so gut, ein wenig von der Leibgarde zu sprechen. Gibt es Soldaten bei euch?«

Der Neger lächelte, daß seine weißen Zähne hervorschimmerten. »Amazonen, mein Junge, ein reguläres Korps von Weibern,« versetzte er. »Damit führte mein Vater Krieg und hat viele Schlachten siegreich gewonnen. Die tapferen Frauen sind, wie alle Einwohner des Königreichs, bis zum Gürtel unbekleidet, tragen aber an allen Gelenken, in Nase und Ohren Massen von Zieraten, Ketten und Spangen, Knöpfe, Glasperlen und Federschmuck. Sie führen als Waffe einen kurzen Hirschfänger, den sie mit großer Geschicklichkeit zu handhaben wissen. Ihre Musik besteht aus Trommel und Pfeife.

Wenn indessen die alljährlichen Menschenopfer beginnen, so tritt erst diese eigentümliche Garde in ihre wahre Bedeutung. Der dazu bestimmte Tag fällt nach christlicher Rechnung auf den sechsten Mai, und die Feier selbst ist wahrhaft bestialischer Natur. Hast du starke Nerven, Bob, um das anhören zu können?«

Unser Freund nickte lebhaft. »Gewiß, Mongo, da es keine Erfindungen, keine Bilder einer rohen Phantasie sind, die du mir erzählen willst, sondern ein Stück Völkerkunde, etwas wirklich Vorhandenes, so laß mich alles erfahren. Die Opfer eines heidnischen Volkes können überhaupt nicht anders als nur scheußlich und von empörender Natur gedacht werden, glaube ich.«

Der Neger seufzte. »Ja, du hast recht, Bob,« antwortete er, »scheußlich ist alles das. Aber da es dein Wunsch ist, diese Dinge kennen zu lernen, so höre weiter. Jenes Fest, von dem ich dir berichtete, wird zu Ehren Abomas, der großen Abgottsschlange, gefeiert, und zwar folgendermaßen. Der König, mein Vater, eröffnet in Person den Zug. Seine Kleidung besteht aus weiten türkischen Hosen, gelben Maroquinstiefeln, eine Unzahl verschiedenfarbiger seidener Hals- und Leibbinden und einem Dreimaster mit wallenden Straußenfedern. Ihn umgeben seine weiblichen Gardisten in einer Anzahl von etwa zweihundert gänzlich verwilderter, blutdürstiger Geschöpfe, und nun beginnt das eigentliche Opfer.

Etwas von dem mit farbiger Seide und metallenen Zieraten reichgeschmückten Thron entfernt harren hinter einer dornigen Hecke vielleicht fünfzig bis sechzig Gefangene, die schon vorher zum Tode verurteilt waren und die nun durch die Amazonen bis an den Thronsessel geschleppt werden. Bluttriefend, zerfetzt an allen Gliedern kehren diese entmenschten Furien mit ihren Opfern über die tausend spitzen Stacheln der Hecke zum Richtplatz zurück, und nun entreißt der König der ersten, welche ihm ihren Sklaven zu Füßen legt, das Schwert, um damit auf einen Schlag das Haupt des Unglücklichen vom Rumpfe zu trennen.

Ist erst einmal Blut geflossen, so beginnt eine Szene, wie sie grauenhafter nicht gedacht werden kann, wie sie sich nicht erzählen läßt, ohne den tiefsten Abscheu zu wecken. Es scheint, als ob sich eine Art von Wahnsinn des Gehirnes bemächtigt, als ob die Grenze zwischen Mensch und Tier für den Augenblick niedergerissen worden sei. Fünf Tage lang dauert das Morden, wobei die Amazonen zuletzt das warme Blut ihrer Opfer mit Branntwein vermischen und es trinken, während der gräßlich Verstümmelte noch lebend zusteht. Am sechsten Tage, nachdem Massen von Sklaven getötet worden sind, kehrt alles zur gewohnten Ruhe zurück.«

Robert hatte schweigend angehört, was der Alte erzählte. »Das übersteigt freilich alles Glaubliche,« sagte er, als jener schwieg. »Ich begreife nicht, wie sich ein Volk von seinem Herrscher dergleichen gefallen lassen kann. Ist dies das einzige Opfer, welches stattfindet?«

Der Schwarze verneinte. »Es gibt noch eine zweite heilige Schlange, Daboy genannt, und diese fordert das Opfer einer einzigen, aber der schönsten Jungfrau des Landes. Alljährlich am ersten November erläßt der König einen Befehl, daß sein Injumann oder Oberpriester die Runde macht, um das unglückliche Mädchen, welches getötet werden soll, auszuwählen. Während dieser Stunden darf kein Untertan das Haus verlassen, denn wer etwa dem Priester begegnen würde, der wäre des Todes schuldig. Das dumme, irregeleitete Volk verlöscht sogar aus Furcht gesehen zu werden, sein Feuer in den Hütten.

Um Mitternacht verläßt der Injumann einen geweihten Hain, dessen Betretung allen nicht zur geistlichen Brüderschaft gehörenden Negern auf das strengste untersagt ist. Seine Kleidung besteht aus einem langen, von schwarzem Pelz angefertigten Gewande, das wie ein Frauenrock bis auf den Fußboden herabfällt. Eine eben solche Kapuze bedeckt den Kopf, welcher mit dieser mächtigen, spitz zulaufenden und übermäßig großen Haube genau wie die Schnauze eines Bären aussieht, – die Hände stecken in Tigertatzen und vor dem Gesicht befindet sich eine ganz weiße Maske mit überlanger spitzer Nase.«

»Ha, ha, ha,« lachte Robert, außerstande, seine Heiterkeit länger im Zaum zu halten. »Der reine Polichinell, wie ich ihn in Hamburg habe auf der Straße reiten sehen, mit einem großen Knittel bewaffnet und von eben solchem Äußeren. Das ist darauf berechnet, den dummen Schwarzen Respekt einzuflößen! Nimm's nicht übel, Mongo, aber darüber mußte ich wirklich lachen.«

Der Alte gab ihm einen scherzhaften Schlag auf die Schulter. »Tu dir keinen Zwang an, mein Junge,« sagte er gutmütig. »Ich weiß ja selbst sehr wohl, daß nicht anderes dahinter steckt und daß der Injumann meines Vaters ein großer Spitzbube war, ein Gauner, der seinen Vorteil kannte und zu erfassen verstand. Er besaß auch, um für alle Fälle gerüstet zu bleiben, ein Gefolge von zehn Priestern, die ähnlich gekleidet waren und die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten. Diese schreckliche Schar findet auf ihrem Wege jede Tür weit geöffnet, um nach dem schönsten Mädchen spähen zu können, sobald sich aber der greuliche Lärm, den alle elf einer Art von Tuba oder Trompete ohne die mindeste Übereinstimmung entlocken, von weitem hören läßt, fallen sämtliche Einwohner auf ihre Kniee und verbergen das Gesicht im Sande. Wer es nicht täte, dessen Kopf wäre verwirkt.

So zieht der Injumann bis zum nächstfolgenden Morgen durch die Straßen umher, indem er auch zur Befestigung seines Ansehens von Zeit zu Zeit in einer Hütte ein paar Menschen ermordet und mit Anbruch der Dämmerung plötzlich das erkorene Opfer packt, um es in den geheiligten Hain zu schleppen. Während er das zitternde Mädchen entführt, müssen die Eltern und sonstigen Angehörigen das Gesicht wie alle übrigen im Sande verbergen und dürfen durch keine Bewegung, keinen Laut verraten, daß sie überhaupt von dem ganzen Vorgang Kenntnis besitzen. Auch am folgenden Tage scheint kein Glied der Familie das junge Mädchen zu vermissen, wenn nicht etwa gar, wie das häufig geschieht, Vater und Mutter mit der Ehre prahlen, welche ihnen durch die Wahl des Injumann zuteil geworden.

Am dritten Tage versammelt sich das ganze Volk und mit ihm der König, am Ufer eines Flusses. Greuliche Musik begrüßt den Herrscher, das Opfer wird herbeigeführt und der Injumann, jetzt in gewöhnlicher Kleidung, naht von anderer Seite. Das Gesicht sowie der ganze Körper des unglücklichen Wesens sind bis zu den Fußspitzen herab mit Kreide dick bestrichen, so daß es selbst den Eltern unmöglich werden würde, ihr Kind zu erkennen. Langsamen, gemessenen Schrittes bewegt sich das bebende Opfer bis zu einer Bank, an welcher es in liegender Stellung befestigt wird. Der Injumann nimmt neben ihm seinen Platz und scheint mit emporgewandten Blicken auf das Volk den Segen der Gottheit herabzuflehen, worauf nach einem einzigen Schwertstreich der Kopf des Schlachtopfers in den Fluß hinabrollt. Der blutende Körper wird sorgfältig unter dem höchsten Baume auf eine Matte gelegt, wo er bleiben soll, bis ihn die Göttin Daboy in das Land der Ruhe tragt. Tatsächlich aber –«

»Bringen ihn die Priester schon in der nächsten Nacht bei Seite, um dann dem Volke von einem Wunder erzählen zu können, nicht wahr?« fragte Robert.

»So ist es, Bob!« versetzte der Neger. »Aber trotz aller dieser Abscheulichkeiten, trotzdem, daß ich unmöglich unter meinen Landsleuten noch leben und diese Greuel wieder mitmachen könnte, – liebe ich Afrika. Unter seiner Sonne möchte ich begraben liegen, seine Erde wäre mein letztes Bett und das Rauschen seiner Palmen mein Grabgesang. Es ist seltsam, aber je älter ich werde, desto heftiger packt mich das Heimweh.«

Robert seufzte für sich. Die ganze öde, vollständig tote, versteinerte Umgebung war wohl dazu angetan, die Sehnsucht nach trauten, gemütlichen Räumen, die Erinnerung an Liebe und Glück als eine Art von Schmerz erscheinen zu lassen. »Es ist doch nichts im Leben vollkommen,« dachte unser junger Freund, »alles will teuer bezahlt sein durch ein Opfer, das gebracht werden muß, ehe man es erringt.«

Und während er sich diesem Gedanken hingab, erschien vor den Blicken seiner Seele die ehrwürdige Gestalt der alten Mutter, wie sie strickend im Lederstuhl saß und ihn tröstete, wenn irgend ein Kinderleid seine Augen mit Tränen füllte, »Hat alles im Leben eine gute und eine schlimme Seite, mein Robert,« konnte sie dann wohl sagen. »Du darfst nie auf ungeteilte Freude hoffen, wenn du nicht die bitterste Täuschung erleiden willst. – Das eine, was man will, und das andere, was man muß! – so heißt es allemal.«

Stumm ging er neben seinem Gefährten eine lange Zeit dahin, bis er endlich leise fragte: »Und du warst nie wieder in deiner Heimat, Mongo?«

»Nie!« antwortete der Neger. »Nachdem ich dreißig Jahre lang Sklave gewesen, hatte ich von dem Christentum und dem Segen bürgerlicher Gesittung zuviel gesehen und die Barbarei meiner Väter zu sehr verabscheuen gelernt, um jemals wieder in Afrika leben zu können, am wenigsten als König von Dahomey, dessen Thron aus den Schädeln Erschlagener aufgebaut ist, dessen Füße die Köpfe von Sklaven als Schemel benutzen und der alljährlich diese grauenvollen Opfer begehen muß. Ich bleibe meiner Heimat fern, – eben um des Heimatgefühles willen, so seltsam das auch klingen mag.«

Robert verstand den Alten vollkommen, und ernste Gedanken wälzten sich hinter seiner jugendlichen Stirn. Wie vieles hatte er schon erkannt und wie manchen Irrtum eingesehen, obgleich doch erst anderthalb Jahre seit Beginn seiner Irrfahrten verstrichen waren! – Er dachte an den strengen, unbeugsamen Vater in diesem Augenblick mit einer Art von Rührung. Der Alte hatte wohl gewußt, wie schwer es ist, sich den Weg durch das Leben selbst zu bahnen, er wollte keineswegs sein eigenes, launenhaftes Gelüst zur Geltung bringen, wenn er des Sohnes Geschick in feste Grenzen bannte, sondern er hoffte und wünschte, dem einzigen, innig geliebten Kinde einen sicheren Hafen zu bereiten, wo ihn die Wogen des Lebens nur in leisem, gemäßigtem Anprall erreichen konnten, er wollte mit vollen Händen geben, anstatt, wie Robert geglaubt, in willkürlicher Grausamkeit rauben.

In den Augen des jungen Matrosen schimmerte es feucht, er legte den Arm um des Negers Schultern. »Du, Mongo, wollen wir da hinauf klettern, hoch hinauf, wo der Felsgrat über den Abgrund hängt – und uns hinunterstürzen? Dann hat all der Zwiespalt, innerer und äußerer, ein schnelles Ende.«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Du Wildfang, du Heißblut, wie der Augenblick mit dir durchgeht gleich einem feurigen Renner, der Peitsche und Zügel abgeworfen hat! Bist du es etwa jetzt, dem die Beschwerden der Wanderung zu groß werden?«

Robert errötete tief. »Wahrlich nicht, Mongo,« rief er, »aber du hattest mich mit deiner Erzählung ganz rappelköpfisch gemacht. Warum kann man's denn nicht zusammenfassen und festhalten, all das verschiedene Besitztum des Lebens? Warum ist das Gelingen so schwer und so unsicher? – Sieh, wenn ich ein Schneider geblieben wäre, fein still und bescheiden, anspruchslos, die Mütze in der Hand und den Buckel krumm, dann hätte ich können ein gemachter Mann werden, der sich in vier engen Pfählen die Welt träumt, Taler auf Taler legt und endlich stirbt wie eine Pflanze, die der Herbst verweht – und wenn du nach Dahomey zurückkehren wolltest, so könntest du gar ein König sein; – aber nun sag mir, warum es uns, gerade uns, von innen heraus forttreibt, da wo das Glück unserer wartet! Kannst du das Rätsel lösen, Alter?«

Der Schwarze wiegte bedächtig den Kopf. »Kalkuliere, ich kann es,« sagte er freundlich lächelnd. »Der Mensch soll sich überwinden lernen, das ist's.«

Robert schüttelte sich. »Du, dergleichen beklemmt die Brust!« antwortete er. »Paß auf, ich muß einmal einen Schrei ausstoßen, daß sich die alten Berge wundern, sonst ersticke ich!«

Er blieb stehen und streckte beide Arme aus, wie um seinen Lungen den weitesten Spielraum zu verschaffen. Dann wiederhallten die düsteren Bergesschluchten von einem langgedehnten Schrei, der als Echo noch minutenlang, erst stärker und immer schwächer werdend, in der Ferne nachklang. – Unwillkürlich horchten die beiden Wanderer, als müsse doch eine Antwort erfolgen, als müsse der Ton seine Bestimmung erreicht haben und seinen Zweck erfüllen.

Aber ringsumher schwieg alles. Die versteinerte Natur zeigte in der Felsenbrust keinen Atem, – der Wind fuhr kalt über kalte Höhen daher, sonst kein Laut, keine Lebensnähe.

Die beiden setzten ihren Weg fort. Immermehr ging es bergan, immer steiler wurde der Pfad, immer spärlicher der Pflanzenwuchs. Endlich begann der Boden zu knistern und zu krachen, – das Eis war hier nicht geschmolzen, sondern bedeckte als harte Schicht den Felsen. Nur langsam vermochten die Wanderer vorzudringen.

Am Himmel erlosch Stern nach Stern, die kalte Luft schnitt förmlich in die Lungen der beiden und raubte ihnen fast alle Kräfte. Gesprochen wurde nicht mehr.

Der Neger berührte Roberts Schulter. »Dort hinter dem Felsblock,« sagte er mit matter Stimme, – »laß uns einen Augenblick rasten. Du bist jung, Freund, aber meine Glieder versagen fast den Dienst.«

Robert nickte stumm. Er ließ den Alten sich setzen und bot ihm das letzte Ei, welches von vorhin übrig geblieben war. »Erhole dich, Mongo,« sagte er. »Ich glaube, daß dort die Sonne aufgeht, – wir werden also wenigstens bald sehen können, in welcher Umgebung wir uns befinden.«

Er erkletterte den höchsten Gipfel und beobachtete von hier aus das allmähliche Heraufziehen des Tagesgestirnes. Erst gelblich und dann in leichtes Rot übergehend, spielten breite Säume an den Wolkenrändern, Feuerschlangen ähnlich, die weiter kriechend an Fülle zunahmen und deren Licht langsam anfing, nach unten hin die Gipfel und ragenden Felskämme zu erhellen, während noch die Schluchten im tiefsten Dunkel dalagen.

Spitze nach Spitze trat scharf hervor, hier wie ein Kirchturm, schlank und vereinzelt, dort wie ein knieendes Weib, vom weiten faltigen Mantel umhüllt, und dort wieder wie eine mittelalterliche Ritterburg mit Zinnen und Türmen und hohem Söller – –

Tiefer, in jeder Minute tiefer, dringen die goldenen Sonnenstrahlen. Überall Zacken an Zacken, wohin das Auge blickt, überall Erz und Stein, wie gemeißelt die ganze Umgebung. Nur ein Adlerpaar schwebt fern am Wolkensaum dem Tagesgestirn entgegen, sonst ist es, als liege der Hauch des Todes über dieser hehren granitnen Welt. Kein Baum, kein Tier, keine Menschenwohnung, ja nicht einmal ein grünes Blatt erinnert an das Leben, wie es doch überall durch die Adern der Schöpfung pulst – –

Jetzt stand die Sonne hoch am Himmel. Robert wandte sich, um rückwärts zu blicken, und nun atmete er auf. Was dort im Tale so blau und silbern erglänzte, das war das Meer, das war seine geliebte – seine vergötterte Welt. Er breitete die Arme aus, wie in sehnsüchtigem Umfangen. »Zweimal hast du mich treulos verlassen, falscher Ozean,« dachte er, »und doch liebe ich dich, doch will ich alles daransetzen, wieder zu dir zurückzukehren. Ach, hätte ich ein Boot, das schlechteste, kleinste von allen, ich führe hinaus, bis mir ein Schiff oder eine Ansiedelung zwischen den Klippen begegnen würde, – ich wäre freier, kräftiger, als hier unter den starren Felsen!« – –

Er hob sich auf die Zehenspitzen und überschaute das wallende Element, so weit sein Auge trug, dann aber, nachdem er sich überzeugt, daß kein Schiff in der Nähe befindlich, ging er zurück zu seinem alten Kameraden, der noch immer den Kopf an die Felswand lehnte und ihn mit trübem Lächeln empfing. Robert sah mitleidig, wie grau das früher so glänzende Schwarz des Negers geworden und wie hinfällig seine Haltung.

»Auf, Mongo,« sagte er ermunternd, »hier können wir nicht bleiben, Freund, du weißt es, so gern ich dich auch schonen möchte. Sieh, das dort ist das Eismeer, also die Nordgrenze von Lappland, mithin führt der Weg durch diesen Engpaß, dem Meere gerade gegenüberliegend, nach Süden. Wir müssen ihn verfolgen, Freund, damit uns Wanderlappen begegnen, denen wir uns auf ihrem Zuge nach den Lofoten anschließen können. Auf, Mongo!«

Der Schwarze erhob sich nickend. »Du hast recht, Bob,« antwortete er, »obwohl ich doch nicht glaube, daß es uns etwas nützen wird. Aber vorerst, mein junger Freund – es ist, wie du dich ohne Zweifel erinnerst, Sonntag heute!«

Er nahm das Taschentuch, welches er an Stelle der verlorenen Mütze um den Kopf gewunden, herab, und Robert tat ein gleiches. So standen die beiden einander in jeder Beziehung so ungleichen Leidensgefährten mit entblößten Häuptern und sahen vom Felsen herab stumm in das schweigende, steinerne Tal zu ihren Füßen. Vielleicht dachten sie kaum ganz bewußt, dachten keine Worte, keine Gebete, aber dennoch hörten ihre Seelen ein Klingen wie vom Kirchenglocken, doch wendeten sich ihre Blicke langsam zur Sonne, und ein stiller, tiefer Friede kam über beide.

Unter dem blauen, weitgespannten Himmelszelt lag ja auch diese verlassene Küste, von Gottes Sonne erwärmt wurden ja auch hier ihre erstarrten Glieder, und wie einst der glühende Sand der Tropen sein Opfer herausgeben mußte, so konnten auch die Felsen des eisigen Nordens nach höherem Willen bestimmt sein, das Leben zu erhalten, dessen Ziel nicht erreicht war. – –

Robert lächelte dem Alten entgegen. »Komm,« sagte er, »nun geht's bergab. Das wird dir leichter werden.«

Mongo antwortete nicht. Nachdem die bunten Turbane geordnet worden waren, schritten beide Wandrer durch einen schmalen Felsenpaß, dessen beide Seiten sich zuweilen über ihren Köpfen berührten, in das Tal hinab und sahen nun eine unermeßliche Ebene vor sich ausgebreitet. Die Vegetation zeigte hier wieder Unmassen von Renntierflechten, aber auch schon einige kleine verkrüppelte Gebüsche, welche Robert als Kiefern erkannte, obgleich noch jegliches grüne Blatt fehlte. Er suchte zu seinem heimlichen Bedauern vergebens unter allen Ranken nach Vogelnestern, – es fand sich kein einziges.

»Mongo,« erinnerte er, »du bist gestern mit deiner Erzählung im Rückstand geblieben. Wie gerietest du in die Sklaverei der Amerikaner, Freund?«

»Durch den Krieg,« versetzte der Neger. »Ich zählte vielleicht vierzehn Jahre, als uns ein feindlicher Stamm überfiel und in einer einzigen Schlacht zu Grunde richtete. Mit etwa vierzig oder fünfzig anderen Gefangenen, Männern und Frauen, wurde ich nach Lagos geschleppt, wo ein Sklavenschiff bereit lag, uns nach Südamerika zu bringen.«

Robert horchte hoch auf. »Mongo, du sagst ein ›Sklavenschiff?‹ – gab es denn ehemals Fahrzeuge, welche für den Menschenhandel ganz besonders eingerichtet waren?«

Der Schwarze nickte. »Freilich, mein Junge. Die Kostbarkeit der Ware erforderte eine sehr sorgfältige Behandlung derselben, weshalb auch kein Fahrzeug der gesamten Handelsmarine eine solche Sauberkeit, Ordnung und Zierlichkeit aufzuweisen hatte, wie dies bei den Sklavenschiffen der Fall war. An jedem Morgen mußte das Verdeck eines solchen Schiffes mit Sand und Steinen abgekratzt werden, dann ließ der Kapitän alle einzelnen Sklaven an sich vorüber gehen und bewachte selbst die regelmäßigen Mahlzeiten seiner lebendigen Fracht. Es gab auch täglich Rum, um den Skorbut zu verhüten, aber von irgend einer Freiheit, von Menschenrechten konnte natürlich keine Rede sein.«

Robert horchte atemlos. Er vergaß Hunger und Einsamkeit, um der ganzen herben Entrüstung seiner Seele Luft zu machen. »Also zu solchen schändlichen Zwecken fanden sich Seeleute?« rief er. »Sie ließen sich Wohl gar für ihr Stillschweigen bezahlen?«

»Das will ich meinen, Bob. Die Matrosen eines Sklavenschiffes müssen Henkersdienste tun und dürfen daher keine zartfühlenderen oder hochsinnigeren Naturen sein, als es diese Mörder von Beruf gewöhnlich sind. Zuerst wird an Bord des Schiffes der Sklave vollständig entkleidet und das Haar glatt abrasiert, dann bringt man die Männer in den Raum und die Weiber in die Kajütte, während sämtliche Kinder auf dem Verdeck bleiben, wo ihnen als einziger Schutz gegen das Wetter ein Stück Segeltuch gewährt wird. Ihrer zehn essen die Unglücklichen aus einer Schüssel, und zwar immer dasjenige Gericht, welches der Stamm im freien Zustande als tägliche Speise zu genießen pflegte, ein Brei aus Reis, Mehl, Yamswurzeln oder Bohnen.

Um die ungleiche Verteilung zu vermeiden, muß das ganze Verfahren nach dem von einem Matrosen gegebenen Zeichen vor sich gehen. Bei dem ersten Wink dürfen die Schwarzen zugreifen und bei dem zweiten schlucken. So wiederholt sich das Verfahren, bis alle gesättigt sind. Es kommen aber auch Fälle vor, wo sich einzelne in der Absicht des Selbstmordes weigern, irgend eine Speise zu genießen, und diese werden dann scharf beobachtet. Meldet der Aufpasser, daß die Krankheit erfunden ist, so beeilt man sich, den scheinbar verlorenen Appetit durch die neunschwänzige Katze wieder herzustellen, scheint aber der Sklave tatsächlich leidend zu sein, so kommt er auf die Krankenliste, d. h. man hängt ihm eine Schnur mit einem Knopf um den Hals und schickt ihn in das Vorderkastell.

Wenn alle gegessen haben, so müssen sie die Hände und das Gesicht in Seewasser waschen, außerdem reinigt man ihnen dreimal wöchentlich das Innere des Mundes mit Weinessig, ebenso werden die Männer rasiert und allen die Nägel abgeschnitten, weil sie fast fortwährend, namentlich des Nachts, miteinander kämpfen.«

Robert hob fragend den Blick. »Aber weshalb, Mongo? Diese Männer hätten einig sein müssen, alle für einen und einer für alle, dann wäre es ihren Peinigern weniger leicht geworden, sie zu knechten!«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Sie waren damals, vor nahezu vierzig Jahren, nicht viel besser als Tiere,« antwortete er, »sie ließen sich mißhandeln, ohne mehr als einige seltene, von Mischlingen angefachte Aufstände zu wagen – Männer konnte man diese entnervten Geschöpfe nicht nennen, obgleich Rachsucht und Grausamkeit in jedem einzelnen schlummerten. Wie sie vor dem Injumann ihrer Heimat die Gesichter im Sande verborgen, so beugten sie vor den Weißen das Haupt und ließen sich zur Schlachtbank führen gleich zahmen Schafen oder Gänsen, die dem Todesstreich wehrlos entgegengehen.«

Robert klopfte vertraulich die Achsel des Alten. »Armer Mongo,« sagte er, »und alle diese Leiden hast auch du erduldet?«

Der Neger lächelte. » Diese, mein Bob? O ich sage dir, daß es nichts war, mich auf dem Sklavenschiff allnächtlich zu halber Länge zusammen zu krümmen, des beschränkten Raumes wegen, daß es nichts war, mich mit dem Eisenring um den Hals an die Decksplanken schließen zu lassen und am Tage mit noch einem andern Unglücksgefährten zusammen an eine fußlange Eisenstange geschmiedet zu sein, die es weder ihm noch mir erlaubte, eine schnelle, unvorhergesehene Bewegung zu machen, – nichts gegen das was ich späterhin erlebte.«

»Ach,« rief Robert, »nachdem du verkauft worden warst, Mongo?«

»Ja, Kind, zu jener Zeit. Als junger Bursche in deinem Alter, kräftig, sorglos, unbekümmert um die Zukunft, ertrug ich alle Mühseligkeiten des ungewohnten Lebens, ohne mir viel daraus zu machen, wechselte oft meine Herren, weil immer hohe Preise für mich bezahlt wurden, und erwarb mir überall Freunde, – aber späterhin kam das Unglück. Glaubst du wohl, Bob, daß ich vier Kinder besitze, – auch einen Jungen in deinem Alter! – und daß sie mir samt meiner Frau aus dem Hause weg verkauft wurden, während ich machtlos zusehen mußte, wie man sie fortschleppte, die armen Unglücklichen, Hilflosen!«

Robert stand still. Seine Augen flammten im Zorne. »Mongo!« sagte er, »Mongo! und du schlugst nicht alles tot, was dir in den Weg kam? Du ließest dir die Deinigen rauben, ohne sie zu verteidigen?«

Der Neger seufzte. »Mein Bob, das kennst du nicht!« versetzte er. »Mit mir litten noch sechzehn andere brave Männer das gleiche Schicksal, und selbst unser Gebieter, ein guter, menschenfreundlicher Herr, ging an diesem Tage blaß und traurig umher, aber er konnte nicht anders handeln als er tat, die bestehenden Verhältnisse zwangen ihn zu der unvermeidlichen Grausamkeit, welche seinem Herzen ganz fern lag. Ich würde ihm heute noch die Hand drücken, wenn er mir begegnen sollte.«

»Mongo, dem Manne, der dir Frau und Kinder verkaufte?«

»Ja, Bob, ja. Es geht im Leben nirgends mit dem Kopf durch die Wand, das habe ich dir schon so häufig gesagt, – der Mensch muß es lernen, sich in das Unabänderliche zu fügen.«

»Sieh,« fuhr er fort, »wir lebten auf einer Farm, etwa zehn Meilen von New Orleans entfernt, und unser Gebieter behandelte uns gut, vielleicht zu gut sogar, er achtete in seinem Sklaven den Mitmenschen und war der menschenfreundlichste, liebenswürdigste Grundbesitzer der ganzen Umgebung. Jeder Neger hatte seine Hütte und sein Gärtchen, jeder durfte es wagen, frei und offen mit der Herrschaft über alles das zu sprechen, was er wünschte und worüber er sich mit Recht beklagen zu können glaubte – aber eben deshalb war auch dieser gütige und gerechte Mann von allen benachbarten Farmern gehaßt. Als ein paar Jahre des Mißwachses und verschiedener Überschwemmungen ihn in Geldverlegenheiten brachten, da fand er alle Türen verschlossen, bis endlich ein Wucherer ihn in die Krallen bekam und das schöne Grundstück mit sämtlichem toten Inventar gegen eine Fabrik in der Stadt vertauschte. Was half also alle Trauer, alle Verzweiflung, – das lebende Inventar, nämlich die Sklaven, mußte unter den Hammer, um die Umzugskosten und die der ersten Einrichtung zu decken. Wir Männer waren für die Fabrikarbeit bestimmt, aber mit den Frauen und Kindern konnte die Herrschaft in der Stadt nichts anfangen, also diese wurden verauktioniert. O, mein Bob – das war ein fürchterlicher Tag, und mehr als einmal habe ich während dieser Stunden im innersten Herzen gedacht, daß es eine schreckliche, aber gerechte Wiedervergeltung sei für die Menschenopfer von Dahomey!

Was meine Väter durch zahllose Menschenalter ihren Untertanen zugefügt, das wurde jetzt gerächt – es war zum Sterben traurig, Bob, aber doch noch besser, als wäre ich regierender König geworden und hätte das Leid über andere Herzen gebracht! –

Unser Gebieter berief uns alle zu sich. Er war so blaß wie eine frischgetünchte Wand, als er das schreckliche Urteil ausgesprochen hatte. ›Ihr wißt es, Leute,‹ sagt er, ›ich kann nicht anders. Wollte in Gottes Namen Konkurs erklären und als Squatter im Urwalde neu wieder anfangen, wenn ich damit so viele Familien vor Leid und Unglück bewahren könnte, aber was würde das nützen? Meine Gläubiger verkaufen euch doch.‹

Niemand antwortete ihm, denn da war kein einziger, der nicht gewußt hätte, daß der arme Herr die Wahrheit sprach. Einen Eigentümer mußte damals der Sklave haben, so gut wie jedes Haustier, jeder Gegenstand irgend jemand gehören muß. Es erhob sich keine Stimme, kein Widerspruch, nur ein verhaltenes Schluchzen bemerkten wir, – das kam von einem, der mit seiner alten Mutter zusammen lebte und der es nicht ertragen konnte, ruhig an den Verkauf der gebrechlichen Greisin zu denken. Unser Herr legte seine Hand über die schmerzende Stirn. ›Wenn ihr mich tötet,‹ sagte er, ›wenn ihr mich nicht lebend aus eurer Mitte laßt, – so kann ich das begreifen.‹

Und da tat es mir im Herzen leid um den unglücklichen Mann, Bob. Ich ging zu ihm, der immer gütig und freundlich gewesen, und gab ihm die Hand, ein Mensch dem andern. Und alle meine Brüder taten dasselbe.«

»Mongo, Mongo, – ich hätte ihn zwischen meinen Fäusten erwürgt!«

Der Neger sah ruhig in das glänzende Auge seines jungen Gefährten. »Weil du noch keine Besonnenheit erworben hast, mein Bob, weil du bis jetzt nur das für wahr und echt hältst, was sich wie ein Wirbelsturm Bahn bricht,« antwortete er. »Glaub mir, ich fühlte es tief genug, als sich mein Weib und meine Kinder zum letztenmal an mich hingen, aber ich trug das für mich allein, Bob, ich machte weder den Meinigen, noch dem armen Herrn das Herz schwerer, als es ohnehin schon war.«

Robert verstummte vor dieser Seelengröße des armen, unwissenden Schwarzen. Er ist mehr Fürst, als er selbst ahnt, dachte unser junger Heißsporn, solche Gesinnung muß man wahrhaft königlich nennen.

»Hast du die Deinen nie wiedergesehen, Mongo?« fragte er nach einer Pause.

»Meine älteren Söhne!« versetzte der Neger. »Sie haben mich, als später der Bürgerkrieg ausbrach, aufgesucht und dann Seite an Seite mit mir für die Freiheit des schwarzen Volkes gekämpft. Sind beide an einem Tage gefallen, die armen Jungen – ich selbst habe sie begraben.«

»Armer Mongo! – Und deine anderen Kinder, deine Frau?«

»Der Jüngste lebt. Ich sagte ja, er ist in deinem Alter und fährt zur See wie wir. Von meiner Frau und Tochter habe ich nie wieder gehört. Sie sind damals nach Matanzas verkauft und meinen Nachforschungen ganz entrückt worden.«

»Aber Mongo, wie ist es einem Menschen möglich, das alles so ruhig zu ertragen? Wahrhaftig, ich an deiner Stelle hätte –«

Der Neger lächelte. »Nun, kleiner Bob, was hättest du?«

»Ich weiß es nicht!« gestand unser Freund. »Aber gewiß ist es, daß ich niemals lernen werde, ein Unglück, etwas, das sich meinen Absichten gerade in den Weg stellt, mit Ruhe oder gar mit heiterer Ergebung zu tragen.«

Mongo sah ihn gutmütig spottend an. »Wollen's noch nicht aufgeben,« antwortete er. »Die Zeit ändert vieles und macht aus jungen Brauseköpfen ernste, verständige Männer. Wir müßten freilich erst einmal wieder aus diesen Einöden heraus und unter Menschen sein, bevor es überhaupt möglich ist, an irgend etwas anderes zu denken. Findest du nicht, daß der Boden fortwährend an Festigkeit zu verlieren scheint?«

Robert erschrak. »Mongo,« stammelte er, »du hast recht. Was bedeutet das?«

Der Neger blickte sorgenvoll über die endlose Niederung hinweg. »Es ist ein Sumpf in der Nähe!« versetzte er. »Wir wandern ihm entgegen, fürchte ich.«

»Mein Gott, – was soll dann aus uns werden?«

Der Neger schwieg, und beide gingen vorwärts, ohne auf etwas anderes zu achten, oder an anderes zu denken als nur an den Augenblick mit seiner drohenden Gefahr. Immer unsicherer wurde das Erdreich unter ihren Füßen, bis endlich die zähe Masse das fernere Vordringen unmöglich machte. Robert schleuderte einen Stein etwa zwanzig Schritte weit hinaus und schon dort spritzte der Schlamm hoch empor.

Was nun? dachte er unwillkürlich.

Mongo prüfte bedächtig beide Seiten des langgestreckten Tales. Zur Linken die ununterbrochene Felsenkette mit himmelhohen Spitzen, zur Rechten niedere Anhöhen, vielfach zerklüftet und unwegsam, aber doch die einzige Aussicht auf einen festen Fußpfad, der sich wenigstens betreten ließ, ohne tückisch, plötzlich unter den Schritten der Wandernden zu versinken und mit schwarzen Armen die Ahnungslosen hinabzuziehen in die schaurige Tiefe.

»Dorthin müssen wir uns wenden!« sagte er. »Es ist vergebens, fürchte ich, aber dennoch – laß uns das letzte versuchen.«

»Wie mich der Durst quält!« seufzte Robert. »Was gäbe ich um eine Handvoll von dem Schnee, der dort oben liegt!«

»Mir wäre ein Fuhrwerk lieber,« meinte mit dem Versuch zu scherzen der Neger. »Die alten Beine wollen nicht so recht weiter, namentlich wenn einer ein Seemann ist, der immer nur im Vorderschiff wie auf einer Präsentierschüssel einherschreitet, ohne die Kräfte anders als mit den Fäusten zu üben.«

Während dieser Unterhaltung suchten die beiden Verirrten den Rand des Sumpfes, um auf kürzestem Wege in das jenseitige Felsengebirge hinüberzugelangen. Ihre Richtung verlor dadurch den südlichen Strich und wurde etwas westlich, aber das ließ sich nicht ändern, weil eben durchaus keine Wahl blieb. Nach stundenlangem Klettern, Überspringen und Ausbiegen war endlich der Zugang jenes anderen Felsenlabyrinthes erreicht, und unsere Wanderer drangen abermals vor, ohne zu wissen wohin.

Der Hunger quälte beide, die Mattigkeit des Negers wurde immer größer und die Beschwerden des Weges von Viertelstunde zu Viertelstunde unerträglicher. Zuweilen öffnete sich unter den Füßen der Pilger plötzlich die Erde, und ein Felsspalt, ins Bodenlose hinabgähnend, zeigte sich den erschreckten Blicken, zuweilen schoß springend und stäubend ein Gießbach rechts oder links über die Klippen herab, fast erreichbar den dürstenden Lippen, nur auf Fußbreite von denselben getrennt, aber durch eine Kluft von schwindelnder Tiefe, über die kein Steg dahinführte. Robert beugte sich halb verzweifelt vor, so weit es ihm irgend möglich war, er suchte mit den Händen die silberklaren Tropfen zu erfassen, er schwebte fast mit halbem Leibe über der schwarzen Tiefe, aber ganz vergeblich. Der Wasserstaub feuchtete sein Gesicht, während er vor Durst gerade durch den Anblick des ersehnten Labsals fast rasend wurde.

»Es ist vergeblich,« seufzte er. »Laß uns weitergehen, Mongo, ich kann den Bach nicht sehen, ich sterbe beinahe vor Durst.«

Der Alte richtete sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung wieder auf. »Daß dich nach dem kalten Wasser so verlangt,« murmelte er, »ich begreife es nicht. Mir wäre ein bißchen Wärme viel lieber. Hu, wie kalt ist es hier oben.«

Wieder ging es vorwärts, ohne daß weiter gesprochen wurde. Es schien, als sei die Lage zu ernst, zu unerträglich, um noch eine Unterhaltung zu gestatten. Nur zuweilen hustete der Schwarze, wenn ein neuer Windstoß, kälter als die früheren, über den Höhenkamm daherzog.

Die Sonne begann hinter den entfernteren Bergen zu versinken. Robert dachte mit innerem Grauen an den Einbruch der Nacht und an die Notwendigkeit, diese langen, düsteren Stunden frierend und hungernd auf den Steinen zu verbringen. Ihn schwindelte bereits, sein Kopf schmerzte, und die Neigung, zu schlafen um jeden Preis, wurde immer stärker. Er hatte die Augen schließen und alles um sich herum vergessen mögen.

»Wärme!« ächzte Mongo, »ach Wärme! Ich kann nicht weiter.«

»Wasser, Wasser, – meine Zunge klebt am Gaumen.«

»Laß uns eine Stelle suchen, wo wir sitzen können,« flüsterte matt der Neger. »Meine Füße tragen mich nicht weiter. Oder nein, Bob, geh du allein vorwärts, geh mit Gottes bestem Segen, mein Kind und überlaß mich dem Tode, der schon seine Arme nach mir ausstreckt. Du sollst nicht bei mir bleiben, hörst du.«

Robert schüttelte den Kopf. »Nimmer, Mungo, nimmer. Ehe ich dich verlasse, sterben wir miteinander. Still, still, keine Macht der Welt ändert diesen Entschluß.«

Der Alte blieb erschöpft mitten im Wege stehen. »Wie plötzlich das hereinbricht,« murmelte er. »Ich kann unmöglich weiter gehen, Bob.«

Robert zog den Arm des Negers unter den seinen. »Dort sehe ich eine Art von Vorsprung oder Plattform,« sagte er, »komm, Mongo, stütze dich auf mich. Wir wollen langsam hingehen.«

Schritt vor Schritt den taumelnden alten Mann führend, gelangte er an eine Art von Terrasse oder natürlicher Bank, vor welcher sich ein breiter Felsspalt dehnte. Was hinter diesem letzteren lag, das war ein schwarzer verwitterter Fels mit zahllosen Schluchten und Höhlungen, deren tiefes Dunkel den Wandernden unheimlich entgegengähnte.

Robert kümmerte sich nicht mehr um die nächste Umgebung. Er selbst war weit entkräfteter, als er dem Alten zugestehen wollte, und auf seinen Augenlidern lastete es wie Blei. »Das ist der Tod,« dachte er. »Hunger und Kälte drohen das Leben zu besiegen. O es wäre schrecklich, über alle Begriffe schrecklich, hier zwischen nackten Felsen zu sterben, erfrierend, verschmachtend, von aller Welt verlassen – den Raubtieren zur Beute.«

Mongo legte die todkalte Rechte auf seines jungen Freundes Achsel. »Bob,« sagte er noch einmal, »Bob, geh fort. Du mußt leben so lange als möglich, weil du jung bist, um deiner Zukunft, deiner Eltern willen. Geh, weshalb willst du mich sterben sehen?

– Noch bist du nicht hungrig genug, um mein Blut trinken zu können, – geh! – geh! –«

Robert schluchzte ohne es zu wissen, aus Schwäche. »Dein Blut, Mongo? Großer Gott, sprich nicht so schreckliche Worte! – Ich sterbe mit dir, oder wir –«

Er unterbrach sich plötzlich selbst. »Mongo, was ist das? – Ein Schatten, der sich bewegt, dort, – dort!«

Seine ausgestreckte Hand deutete auf den gegenüberliegenden Felsen. »Sieh, Mongo, ich bitte dich, sieh!«

Der Neger öffnete gleichgültig die Augen. Ein matter, seelenloser Blick streifte die bezeichnete Richtung. »Wo, Bob? Ich sehe nichts!«

Im nächsten Augenblick sanken die Wimpern bereits schwer wieder herab, das Leben schien mit schnellen Schritten zu entfliehen. Seine Lippen bebten wie die eines bewußtlosen Fieberkranken.

Roberts Herz klopfte mit verdoppelten Schlägen. Dort drüben bewegte sich ohne Zweifel ein lebendes Wesen. Schatten zuckten auf und verschwanden, er sah es deutlich – und er sah sogar noch mehr, – den Kopf eines Tieres mit geöffnetem Maule und lechzender Zunge, – er hörte heiseres Schnaufen –

»Mongo, Mongo, ein Wolf!«

Er konnte sich um den Alten nicht mehr bekümmern. Langsam erschien jetzt hinter der Felsenecke jenseits der breiten Kluft die hagere, langgestreckte Gestalt des Raubtieres. Der dicke, unförmliche Kopf, die falschen, schiefstehenden Augen, namentlich aber die heiße, rote Zunge verrieten den schlauen Feind, welcher nur vom äußersten Hunger getrieben werden kann, einen lebenden Menschen anzufallen, der dann aber auch alles an alles setzt und unerbittlich sein Opfer verfolgt, bis er es ergriffen und überwältigt hat.

Das Tier mußte halb verhungert sein, denn es bestand fast nur noch aus Haut und Knochen. Das fahlgelbe, ins Weißliche spielende Fell hing ihm schlottrig um die Rippen, und der lange, behaarte Schweif schleppte am Boden.

Fast schien es, als sei das Tier im Begriff zum Sprunge anzusetzen, dann aber zog es sich plötzlich zurück, wie im Bedenken, ob für die weite Entfernung seine Kraft ausreichen werde. Eine Art von kurzem, dem Gebell des Hundes ähnlichem Kläffen ausstoßend, beobachtete es die beiden unerwarteten Gäste seines Felsengebietes, die Menschen inmitten einer grauenvollen Wildnis.

Robert hatte alle seine Geistesgegenwart beisammen. Er maß in Gedanken die Breite der Kluft und fragte sich, ob der Angriff wahrscheinlich sei. – Wenn das Tier glücklich herüberkam, dann war er verloren, dann gab es gegen diese fürchterlichen Zähne keine Waffen.

Freilich, er hätte fliehen können, aber dann mußte er den hilflosen Alten im Stiche lassen. Kein Zweifel kam in seine Seele. »Nie, nie, und wenn ich in der nächsten Minute von den Fangzähnen der Bestie in Stücke zerrissen werde!«

Fast schien es, als sei dieser Gedanke prophetisch. Der Wolf trat auf den äußersten Rand des Felsens, setzte Vorder- und Hinterfüße so nahe als nur möglich nebeneinander und duckte sich zum gewaltigen Sprung. Ihn trieb augenscheinlich der nagende Hunger, selbst das Verzweifeltste zu unternehmen, um nur überhaupt für die knurrenden Eingeweide etwas zu erlangen.

Robert wurde immer ruhiger, je naher der entscheidende Augenblick herankam. Er wußte, was einzig ihm übrig blieb, wenn der Wolf den Sprung wagte, und er war entschlossen, sein eigenes und Mongos Leben so teuer als nur möglich zu verkaufen.

Seine Fäuste waren geballt, sein Auge begegnete dem Blick des Raubtieres.

Da erhob sich der Wolf, wie es schien zögernd, mit innerem Widerstreben zum Sprunge. Im nächsten Augenblick schwebte die dürre, gelbe Gestalt über dem Abgrund in der Luft.

Das war es, worauf Robert gewartet. Mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte warf er die linke Faust der Bestie entgegen, während er selbst sich mit der Rechten an den Felsen klammerte. Hätte der Wolf mit Krallen oder Zähnen die jenseitige Grenze seines Standpunktes erreichen können, so würden auch selbst die vereinten Kräfte mehrerer Männer ihn von dort nicht wieder vertrieben haben, wogegen bei dem übermäßig weiten Sprung, den er wagte, schon der Stoß von Roberts Faust genügte, um ihn das Gleichgewicht verlieren zu lassen.

Sekundenlang drehte sich, mit allen Gliedern arbeitend und ringend, das große Tier in der Luft, dann stürzte es mit dumpfem Poltern, hier und da aufschlagend oder an die Wände streifend, hinab in das Bodenlose. Robert hörte ein kurzes Ächzen, einige röchelnde Töne, – und darauf wurde alles still.

Seine Hand wischte von der Stirn den Schweiß, welcher trotz des eisigkalten Windes in großen Tropfen daraufstand. Er fühlte daß er taumelte, daß seine Blicke unsicher wurden. Und was war das? – Was strömte warm über die linke Hand herab?

Blut! – Ganze Ströme von Blut. Eine tiefe Fleischwunde zog sich über die obere Fläche der Hand dahin, vielleicht von den scharfen Felszacken gerissen, vielleicht von den Zähnen der wutschnaubenden Bestie.

Unser junger Freund sah sich rasch nach dem Alten um. Was hatte vorhin der Neger gesagt: »Mein Blut möchtest du ja doch nicht trinken!« Das fiel ihm jetzt plötzlich wieder ein. Vielleicht ließ sich durch den roten, warmen Saft das fliehende Leben des Verhungernden zurückhalten, vielleicht konnte Mongo noch schlucken und sich erholen.

Er trat zu dem Betäubten, legte dessen Kopf in seinen rechten Arm und ließ von der Wunde der linken Hand das Blut auf die halbgeschlossenen Lippen träufeln. Schon bei den ersten Tropfen sah er, wie Mongo begierig sog, aber offenbar ohne das Bewußtsein dessen, was um ihn herum geschah.

»Es ist gut,« dachte Robert, »daß mich der Wolf ein wenig schrammte. So hat dieser arme alte Bursche doch ein letztes Labsal erhalten, bis seine Seele davoneilt, ihrer ewigen Bestimmung entgegen. Wir werden beide hinüberschlummern, er und ich, und schlafend erfrieren. Aber doch freut mich's, daß ich den Wolf tötete, – es muß gräßlich sein, lebend von Zähnen und Krallen zerrissen zu werden.«

Er ließ, nachdem die Wunde ausgeblutet, den Kopf des Negers sanft gegen die Felsenlehne zurücksinken und suchte selbst eine etwas bequemere Stellung. Mongos Lippen bewegten sich. »Das war gut,« murmelte er, »ach, so warm. Nun möchte ich schlafen.«

Robert lächelte, während sein Herz vor Wehmut schwoll. Er nahm in Gedanken Abschied von allen, die er liebte. Morgen mit Tagesanbruch würde das Leben entflohen sein, er fühlte es, und der nächste Wolf, welcher dann des Weges kam, konnte zwei Leichen verzehren. –

Ein Schauer überrieselte ihn. Gab es denn keine, – keine Rettung?

Aber nein, es war alles verloren. Schon der Versuch, aufzustehen und einige Schritte zu gehen, mißlang vollständig. Sobald er sich erhob, drehten die Felsen und Klüfte, ja selbst die Sterne am Himmel sich im Kreise herum – –

Und dabei fühlte er weder Frost noch Hunger, nur eine unbeschreibliche Mattigkeit, ein Verlangen nach Schlaf, das fast bis zur Betäubung gesteigert war. Er schloß die Augen und faltete die Hände. »Vater im Himmel, dir befehle ich meine Seele, – vergib mir meine Schuld und laß mich – selig auferstehn –«

Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er fühlte sich wie auf Flaum gebettet, wie getragen, er glaubte schon in einer besseren Welt zu atmen, und aller Druck war von seiner Brust genommen. Tönten nicht dort durch die hehre Stille des Abends leise Glöckchen? Bewegte sich's nicht wie dunkle Schatten durch den Felsenpaß zur Seite des Abhanges?

Ein halblauter Anruf durchdrang die Luft. Wie Gespenster verschwanden die nächtlichen Gestalten, – ein leises Knacken wurde rings in den Felsspalten gehört.

Robert lächelte. Er wußte es jetzt, ihm hatte von der ganzen grauenvollen Wanderung durch die Steinwüste nur geträumt, – er war nicht einsam, nicht verlassen, sondern Menschen beugten sich über ihn, faßten seine Hände und redeten in fremder Sprache. Er wurde aufgehoben, ein scharfer Geruch drang in seine Nase und heiß wie fließendes Feuer lief Branntwein durch seine Kehle hinab.

Aus flüchtige Augenblicke erwachte er ganz. Im Sternenschein sah er kleine, dunkelhäutige und seltsam in Renntierfelle gekleidete Menschen um sich herum versammelt, er hörte, daß sie miteinander sprachen und fühlte die Wärme des eingeflößten Branntweins alle seine Adern durchrieseln.

»Das sind wandernde Lappen,« dachte er voll Entzücken, »gottlob! – gottlob!«

Und dann war er außerstande, länger dem Schlafe zu widerstehen. – –

Als er erwachte, strahlte die Sonne hell vom Himmel herab. Ein Dach aus Renntierfellen wölbte sich über seinem Kopfe, Felle lagen unter ihm und auf ihm, während sich Mongo an seiner Seite wohlgebettet eines festen Schlafes erfreute. Der Alte atmete ruhig, seine Farbe war nicht mehr so grau, sein ganzes Aussehen besser.

Robert schob die Felle zurück und erhob sich, um mehr zu erfahren. Als er durch eine Spalte der Zelttücher hinaustrat ins Freie, da drohten zwar die Füße noch stark mit offener Widersetzlichkeit, aber er überwand diese Schwäche und blickte um sich. Ein vollständiges Zeltlager der Wanderlappen zeigte sich seinen Blicken. Überall waren auf starke Pfähle die Renntierfelle gespannt, überall wimmelte es von den braunen Gestalten, die hin- und herliefen, um auf heißen Steinen ihre Mehlkuchen zu backen, die Renntiere zu beaufsichtigen oder zu melken, und die, welche den belebenden Saft bereits verabfolgt, hinunterzutreiben in das Tal, wo Renntierflechte und Moos wuchsen, das sich die klugen Geschöpfe selbst aufsuchten.

Nur ein mächtiges, großes Tier, ein Sechzehnender mit mehreren Glöckchen um den schlanken Hals, stand festgebunden neben einem Zelt, das etwas größer war als die übrigen. Dieses Renn (wie es die Lappen nennen) schien ausnahmsweise und gegen alle sonstige Gewohnheit als Reittier zu dienen, denn auf seinem breiten Rücken lag ein Sattel aus Leder und Wollenzeug. An den Zeltstangen hingen Zügel, Peitsche und verschiedene Geräte, während alles den äußeren Anschein der größten Armut aufwies. Die Kleidung schien bei Männern und Frauen gleich; sie bestand überall aus einem langen Pelzrock, der enge Beinkleider von demselben Stoff erkennen ließ. Dazu kam eine spitze mit Federn geschmückte Mütze und sogenannte »Komager«, d. h. selbstgefertigte plumpe Stiefel aus Renntierleder. Eine kurze Pfeife sah Robert fast zwischen aller Lippen.

Er behielt vollständig Zeit zu dieser Umschau, da sich niemand besonders um ihn bekümmerte, sondern jeder vollauf mit dem Frühstück beschäftigt schien. Eine alte Frau, abschreckend häßlich und braun wie eine Indianerin, hockte neben einem flachen Fels, auf welchem helles Feuer loderte. Sie rührte in dem darüber hängenden eisernen Kessel und sang mit tiefem Kehltone ein Lied, dessen schwermütige Weise zu der ganzen verödeten Umgebung vortrefflich paßte. Als letztes Wort jedes Verses hörte Robert immer einen und denselben Namen »Jubinal!« –

»Das wird die Zauberin des Stammes sein,« dachte er. »Die heilt Kranke und bespricht das Vieh und liest in den Sternen. Vielleicht gehört ihr gar dieses prachtvolle Renntier mit seinen klugen Augen.«

Er streichelte den braunen Rücken, indes ihn die Alte heimlich beobachtend ansah. Dann stand sie auf und brachte ihm einen hölzernen Napf voll dampfender Milchsuppe samt Löffel. Ihre Gebärden luden ihn ein sich zu setzen und zuzulangen.

Robert übersah den schwärzlichen Rand der Schüssel und den plumpen Löffel von äußerst zweifelhafter Sauberkeit; er atmete mit wahrem Entzücken den Duft der frischen Milch. Aber das wollte er nicht allein genießen, sondern Mongo sollte es mit ihm teilen.

Er nickte lebhaften Dank und machte Miene, in das Zelt zurückzukehren, als ihn die Alte am Arm festhielt. Ihre Handbewegungen zeigten ihm, daß für seinen Begleiter noch reichlich Suppe vorhanden sei, er möge nur getrost essen.

Und so setzte er sich denn auf ein Felsstück, um das sonderbare Mahl zu beginnen. Einige der braunen Gebirgssöhne brachten ihm heiße Mehlkuchen, die er vielleicht zu Hause in Pinneberg kaum für Pickas gut genug gefunden hätte, die ihm aber, erfroren und halb verhungert wie er war, ganz köstlich mundeten.

Das Mütterchen am Herd füllte mit stillem Lächeln zum zweitenmal den großen Napf und freute sich sichtlich, als auch diese Portion hinter Roberts Lippen verschwand.

Was sie sagte klang so entschieden wie ein »Nun wirst du's aushalten, mein Söhnchen!« daß er den Sinn deutlich heraushörte und mitlachte. Seine Kräfte waren jetzt so ziemlich zurückgekehrt, sein Mut und die Neigung für abenteuerliche Erlebnisse hatten ihre Spannkraft vollständig wiedergefunden. Er ging von einer Gruppe zur anderen, versuchte überall vergeblichem deutscher oder englischer Sprache eine Unterhaltung anzuknüpfen und ließ sich endlich eine jener kurzen, verräucherten Pfeifen anbieten, die von allen geraucht wurden.

Nachdem er die Glieder der wandernden Familie einzeln begrüßt, ging er in sein Zelt zurück und sah nach dem Neger, den er schlafend verlassen. Mongo lag mit offenen Augen da und schien zu glauben, daß er träume. Ein Dach über ihm, warme Felle um ihn herum – er begriff nicht, was das alles bedeuten könne.

»Bob!« murmelte er. »Bob, wo sind wir?«

Robert lachte. »Noch auf derselben Stelle von gestern, Alter,« versetzte er fröhlich. »Die Geister des Gebirges haben uns alles Nötige hergebracht und stehen auch ferner zu unserer Verfügung. Soll ich sie dir zeigen?«

Mongo richtete sich mühsam auf. »Du sitzest bereits wieder auf dem hohen Pferd, Spitzbube,« sagte er gutmütig lächelnd. »Leih mir für ein paar Züge die Pfeife, hörst du!«

Unser Freund gab sofort das zweifelhafte Labsal dem Alten, und dieser rauchte tüchtig darauf los. »Ach,« sagte er, »das wärmt, – das tut wohl!«

Und als er eine Zeitlang wie im Nachsinnen dagelegen, indes der heiße Rauch sein Gesicht umspielte, heftete er plötzlich auf Robert einen fragenden Blick. »Du,« sagte er, »Bob, was war das gestern, was hast du mir zu trinken gegeben? Es rief mich von den Pforten des Todes wieder ins Leben zurück! – War es Branntwein aus den Flaschen der Lappen?«

Robert errötete. »Ich glaube wohl, Mongo!« versicherte er.

Da sah dieser die große, klaffende Wunde an seines jungen Gefährten Hand. »Bob,« rief er, »Bob, du sprichst die Unwahrheit, – du hast mich dein Blut trinken lassen, du guter Kerl!«

Unser Freund lachte. »Mach um Gotteswillen keine Heldentat daraus,« versetzte er in heiterem Tone. »Der Wolf hatte das Loch gerissen, also konnte ich dir wohl den angenehmen Trunk in den Mund laufen lassen! Brr! ich sollte dich eigentlich um Verzeihung bitten, Schwarzer!«

Der Neger reichte ihm matt die Hand. »Du bist ein braver, seelenguter Junge, mein Bob,« sagte er gerührt, »und wenn mein Leben auch nur das eines alten Niggers ist, – gerettet hast du's doch. Während dich die Wunde brannte, während du selbst dürstend und leidend dastandest, dachte deine Menschenliebe noch an mich, der ich dein Blut trinken konnte. Sei gesegnet dafür, du Schlingel mit dem ungestümen Sinn und dem warmen Herzen!«

Robert schüttelte die dargebotene Hand. »Und so weiter!« lachte er. »Jetzt steh nur auf, Alter und stütze dich auf mich, daß du hinauskommst in den Frühstückssalon von Felsen mit blauer Wolkendecke darüber. Draußen wächst eine warme Milchsuppe, sage ich dir, daß dein Magen verborgene Schleusen auftut und mehr vertilgen kann, als sonst in vier Mahlzeiten!«

Er half dem Alten sich zu erheben und führte ihn dann in die Sonne, wo er zitternd auf den nächsten Sitz zurücksank. »Hat mich doch verteufelt angegriffen, Bob,« murmelte er. »Bin wahrhaftig ganz hin!«

Robert sprang zurück und brachte einige Felle, die er dem Alten über die Schultern legte, und dann erschien auch das braune Weib mit der Holzschale, deren Inhalt den Neger neu belebte. Er schlürfte in langen, behaglichen Zügen. »Du,« sagte er endlich, »hat sich der Häuptling schon gezeigt, oder sahst du ihn noch nicht?«

«Welcher Häuptling, Mongo?«

»Nun, einen Anführer wird der Stamm doch haben, Kind. Und in diesem Zelt hier wohnt er.«

Seine ausgestreckte Rechte deutete auf das größere und etwas sorgfältiger hergerichtete Zelt, welches schon früher unserem Freunde aufgefallen war. »Das ist der Priester oder Anführer,« setzte er hinzu. »Dort hinter den Fellen steckt er, das kannst du mir glauben.«

»So locke ihn heraus, Mongo.«

Der Neger lächelte. »Wie leicht du umspringst mit solcher braunen Majestät, Bursche. Und nebenbei – wer kann sich in seiner Sprache verständlich machen?«

»Ja, da steckt der Knoten. Ich hoffte, daß diese braven Schmutzfinken dänisch reden würden, dann hätte ich zur Not antworten können, aber es muß mehr russisch sein, was sie zu Tage fördern, – dem Grunzen ihrer Renntiere nicht unähnlich.«

»Du junger Taugenichts, wie dir der Kamm schwillt, sobald es einigermaßen leidlich geht! – Und ich habe dich doch gestern abend beten hören – du dachtest vielleicht laut, als es schien, daß alles verloren sei.«

Robert drohte errötend dem Alten mit dem Zeigefinger. »Nun,« sagte er, »darf denn ein tüchtiger Kerl nicht mehr in der Not seinen Herrgott anrufen, ohne von solch einem bösartigen, hinterlistigen Mongo gleich belauscht zu werden? Du Erzschelm stelltest dich schlafend, um mich den Wolf allein töten zu lassen, jetzt weiß ich's.«

Der Neger sah fragend von seiner Suppenschüssel auf. »Den Wolf, Bob? Ich denke, du hast die Geschichte nur geträumt!«

»Den Geier auch!« lachte Robert. »Die blutgierige Bestie liegt dort drüben im Abgrund, und hier meine Hand zeigt die Spuren des Kampfes.«

Er hob die Wunde empor, so daß Mongo heftig erschrak. »Nun, nun,« rief er, »und damit läufst du so ruhig umher, als sei es ein Mückenstich. Aber warte, die braune Hexe dort wird gewiß irgend eine Salbe besitzen, oder ich müßte mich auf solche kluge Mütterchen nicht verstehn.«

Er erhob sich und ging langsamen Schrittes, noch schwankend wie ein Linienschiff unter vollen Segeln, auf den Herd zu und setzte sich dort neben die Alte, mit der er ein pantomimisches Gespräch anknüpfte. Freilich redeten beide, aber das konnte nicht gezählt werden, da keines das andere verstand, und dennoch mußte Mongo seinen Zweck erreicht haben, denn das Mütterchen humpelte fort, um aus einem der Zelte einen alten verrosteten Blechnapf herbeizuholen, den sie alsdann von einer dichten Staubschicht befreite, einige Splitter und Steine herauswarf, und darauf mit einem Messer den Inhalt auf ein weiches Lederläppchen strich.

»Komm her, Bob!« rief der Neger. »Laß dir die Hand verbinden!«

Robert näherte sich gehorsam. »Weiß Gott,« dachte er, »wie sich die beiden alten Menschen verständigt haben. Es muß schon so eine Art von Verwandtschaft sein, welche die braune Schmutzhexe und mein schwarzer Freund gegenseitig fühlen, anders könnte ich mir die Sache nicht erklären.«

Er ging aber doch hin und spürte auch schon sehr bald die angenehme Wirkung der Salbe. Das Brennen an den Rändern der Wunde hörte auf, die straffgespannte Haut wurde wieder weich und die Röte begann zu sinken. Mongo erklärte, daß jetzt die Sache ohne Gefahr sei. »Und wo haben wir nun den erlegten Wolf?« fragte er. »Der Bursche muß doch diesen guten Leuten sein Fell abtreten, wenn die Kluft nur einigermaßen zugänglich ist.«

Robert eilte zu der Stelle, welche ihm vom gestrigen Abend her noch deutlich erinnerlich war, und blickte in den sonnenbeleuchteten Abgrund hinab. »Da unten liegt der Räuber,« rief er, »du kannst ihn von hier aus deutlich sehen, Mongo, aber heraufholen läßt er sich nicht. In den zackigen Spalt hinein würde kein Mensch gelangen.«

Mongo lächelte. »Kein Weißer, mein Bob, aber diese Söhne der gebirgigen Wildnis verstehen das anders. Gib nur acht, was du erleben wirst.«

Er winkte einen der Lappen zu sich heran und zeigte ihm in seiner Gebärdensprache das erlegte Tier, sowie den jungen Weißen als glücklichen Besieger desselben. Der Renntierjäger schien kaum seinen Augen zu trauen. »Mit der bloßen Faust?« fragten die erstaunten Mienen. Robert nickte lachend. Er deutete in den Abgrund hinab und schüttelte den Kopf, als wolle er sagen: »Aber dorthin führt doch kein Weg?«

Der Lappe pfiff durch die Zähne. Dann besprach er sich mit einigen anderen, die neugierig herbeikamen und lebhaft durcheinander redeten. Der ganze Trupp machte sich an die Untersuchung der Felsschlucht, um zu erspähen, ob nicht ein Weg hinabführe auf den untersten Grund, aber hier war alle Mühe vergebens, – man mußte von oben hineinsteigen, oder man kam niemals dahin.

Robert bat die Leute, das Wagnis aufzugeben, fand jedoch damit nicht das geringste Gehör. Im Gegenteil, einer der gewandtesten Bursche ließ sich von den übrigen ein festes Seil um den Leib schnüren, das drei Männer in ihren Händen hielten, und kletterte dann, versehen mit einem langen, unten zugespitzten Alpenstock, von Klippe zu Klippe in die Schlucht hinein. Mehr als einmal verloren seine Füße den festen Halt, so daß er plötzlich über der schwindelnden Tiefe in freier Luft am Seil schwebte, aber ohne ein Zeichen von Hast oder Unruhe suchte er die nächste Spitze, welche ihm gestattete, darauf zu treten, ohne alle Besorgnis vertraute er den sehnigen Armen seiner Brüder, die oben das Seil hielten, und gelangte so allmählich von Stufe zu Stufe immer tiefer hinab. In der Mitte des Weges verengerte sich der Spalt dermaßen, daß es unmöglich schien, hier eine freie Bewegung auszuführen. Während der tollkühne Jäger halben Leibes in dem engen Gange stand, vermochte er nicht zu sehen, wohin seine Füße traten, sondern suchte tastend mit den Zehenspitzen nach einem erreichbaren Halt.

Oben schwieg alles. Robert und Mongo sahen einander an. »Was wird er jetzt tun?« dachten beide, ohne jedoch auch nur ein einziges Wort zu sprechen.

Der Lappe rief in seinen tiefen Kehltönen einige kurze Silben herauf, und sogleich ließen die drei Männer, welche ihn trugen, langsam Zoll um Zoll das Seil in die Tiefe hinab, bis endlich aus dem Schacht ein neuer Zuruf verkündete, daß unten der Jäger wieder festen Fuß gefaßt. Er hatte sich, frei am Seil hängend, furchtlos von den Fäusten der Obenstehenden durch dm Engpaß tragen lassen und konnte jetzt wieder klettern.

Robert klatschte unwillkürlich in die Hände. Das war mehr, als selbst ein tüchtiger Seemann, der im Toben der Elemente außenbords die Strickleitern erklettert, zu leisten vermag. Diese Ruhe, diese tollkühne Sicherheit flößten ihm hohe Achtung ein. Obgleich jedenfalls der Lappe dort unten weder lesen noch schreiben konnte, obgleich er nie in einem festen Hause gewohnt oder die Sitten wohlerzogener Menschen kennen gelernt hatte, so waren doch seine körperlichen Fähigkeiten bei weitem besser ausgebildet, als dies im Schoße der Zivilisation jemals zu geschehen pflegt. Robert bewunderte diese kaltblütige Unerschrockenheit, welche ihm ja immer als höchste Tugend des Mannes galt.

»Bravo!« rief er. »Bravo!«

Die Lappen beachteten diese Beifallsbezeugung nicht im geringsten. Sie hielten höchstwahrscheinlich die ganze Sache für ein sehr alltägliches Ereignis, und dachten nur an die Wolfshaut, welche sie um jeden Preis an sich bringen wollten. Vom Grunde der Schlucht herauf tönten jetzt wieder einige Worte, denen ein sofortiges Nachgeben des Seiles folgte. Während einer der Männer dasselbe in Händen behielt, liefen die beiden anderen fort, um ein zweites ähnliches herbeizuholen, welches alsdann auf den Felsboden der Schlucht herabgelassen wurde. Nachdem der untenstehende Jäger dies Seil an dem Körper des toten Wolfes befestigt, ließ er sich in derselben Weise wie er hinuntergekommen war auch wieder heraufbefördern, und dann machten sich alle vier darüber her, mit vereinten Kräften den Wolf heraufzuziehen.

»Siehst du!« sagte Mongo. »Ich wußte es wohl. So verbringen diese Leute das ganze Leben. Immer in Gefahr, immer auf der Jagd, kletternd und springend, die gesunden Glieder aufs Spiel setzend und den Tod verachtend, – das ist ihr Beruf. Im Sommer fangen sie auf unzugänglichen Klippen und in tief versteckten Felsenhöhlen die jungen Möwen, die Alken und Schwimmvögel, im Winter jagen sie das Renn, und zu allen Jahreszeiten kämpfen sie mit den großen Raubtieren, um doch für diese unausgesetzten Mühen und Beschwerden kaum so viel zu erringen, daß sie sich an jedem Tage satt essen können. Das ist der strenge, geizige Norden.«

Roberts Augen leuchteten. »Aber er erzieht Männer, Mongo!« versetzte er. »Im Süden eilt der Mensch von Genuß zu Genuß, die Erde gibt ihm freiwillig alles, was er gebraucht, und erschlafft ihn daher ebensowohl, wie sie ihn übermütig macht. Denke an die Menschenopfer von Dahomey, Alter, und frage dich, ob sie hier im Norden unter Männern wie diese möglich wären?«

Mongo wiegte den Kopf. »Hm, hm,« antwortete er. »Menschen werden nicht mehr abgeschlachtet, das ist sicher, aber dennoch –«

»Nun, Mongo, dennoch?« –

Der Neger hob die Hand. »Ich weiß nichts Bestimmtes,« versetzte er, »möchte indessen behaupten, daß doch diese Leute noch Heiden sind. Es gibt so kleine Zeichen dafür.«

Robert schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich, Alter. Seit länger als hundert Jahren sind die letzten Lappen zum Christentum bekehrt, werden getauft und konfirmiert wie nur irgend ein anderer schwedischer oder norwegischer Untertan.«

Mongo lachte. »Das wohl, mein Bob, das wohl. Sie zahlen auch Steuern und sind doch Wilde, ebenso lassen sie ihre Kinder taufen und beten doch zu Pakal und Jubinal. Ich bin im Leben gar zu oft zu Trondjhem gewesen und habe selbst mit Leuten gesprochen, die das Innere von Finnmarken bereist hatten. Dorthin gehen noch heute die Missionare ebensowohl wie nach Grönland oder Afrika.« –

Die Lappen hatten mittlerweile den toten Wolf heraufgezogen und über den Rand des Abgrundes auf die feste Erde gelegt. Das Tier war ein Riese seiner Art, fast vier Fuß lang, und mit Zähnen, die auch dem Mutigsten Furcht einflößen konnten.

»Armer Kerl!« lachte Robert, »du hofftest, halb verhungert wie du warst, auf einen fetten Braten und fandest dagegen den Tod.«

Mongo nickte. »Ging es Sheppard und Morris besser als diesem unvernünftigen Tier?« fragte er. »Sie wollten Gewalt an die Stelle des Rechts treten lassen und mußten mit ihrem eigenen Leben die Zeche bezahlen. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.«

»Die Unglücklichen!« schauderte Robert. »Sahst du ihre Leichen, Mongo?«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Ich sah einen Hai, Bob, wie er mit grünlich schillerndem Rücken, einem glänzenden Streifen gleich, das Wasser durchschnitt und die Trümmer des gestrandeten Schiffes umschwamm. Ein Delphin glitt an ihm vorüber, ohne daß er es bemerkte, – er mußte also wohl sehr gesättigt sein.« – –

Robert antwortete nicht. Seine Blicke bewunderten die schnellen Handgriffe, mit denen der Wolf des Pelzes entkleidet und der Sehnen und Därme beraubt wurde. Als die unbrauchbaren Überreste ohne lange Umstände wieder in den Felsspalt zurückgeworfen waren, hing bald die ganze Beute an ausgespannten Seilen und ließ sich von dem scharfen Nordost vollständig austrocknen. Die Lappen gingen in den Zelten ihren verschiedenen Arbeiten nach, machten Holzschnitzwaren, verfertigten aus Renntiersehnen einen groben Zwirn und strickten Handschuhe. Die Frauen webten einen braunen Wollenstoff, aus welchem die Sommerkleider bestehen, und das alte Mütterchen kochte auf den Steinen des Herdes zum Mittagsmahl ein Stück gedörrtes Renntierfleisch, dem Zwiebeln und verschiedene Wurzeln zugesetzt wurden.

Noch immer hatte sich die Tür jenes stattlichen Zeltes nicht geöffnet.

Robert und Mongo machten sich auf, um die Ausdehnung und die nächste Umgebung des Lappenlagers in Augenschein zu nehmen. Da sie mit keinem der Männer sprechen konnten, so mußte die Verständigung über ferneres Beieinanderbleiben von selbst erfolgen. Gutmütig und harmlos, wie die armen Leute waren, schien das offenbar ihrerseits als eine ganz zweifellos ausgemachte Sache zu gelten.

Mongo sah vor einem der Zelte einen Lappen mit der Handschuhstrickerei beschäftigt auf einem Stein sitzen. Das luftige Gebäude lag etwas abseits von den übrigen, war ganz schmucklos und niedrig, dabei auch hinsichtlich der Sauberkeit noch mehr vernachlässigt, als alles, was diese Menschen umgab. Es schien als Stall zu dienen, denn aus dem Innern des kleinen Raumes drang das lustige Krähen einer Hahnenstimme bis weit in das Gebirge hinaus.

Mongo lächelte eigentümlich. »Komm,« sagte er, »laß uns einmal in dies Zelt hineinsehen. Alle anderen wurden ja unseren Blicken geöffnet, warum also dies nicht?«

Er ging mit Robert bis an die Wand aus Fellen und wäre im nächsten Augenblick eingedrungen, wenn nicht der Lappe plötzlich den Arm ausgestreckt hätte. Ein verständliches Kopfschütteln zeigte seine Weigerung, dem Begehr der Fremden Folge zu leisten. In diesem Augenblick krähte der Hahn zum zweitenmal, wobei ersichtlich der langgezogene Ton den Lappen zu erschrecken schien. Er zuckte und sah mißtrauisch empor.

Ein ungeduldiger Laut, verbunden mit dem gebieterischen Ausstrecken des Zeigefingers, machten es unseren Freunden zur Pflicht, ihre Absicht sofort aufzugeben und einen anderen Weg einzuschlagen. Mongo hatte auch alles erfahren, was er wissen wollte. »Dort werden die Opfertiere gefangen gehalten,« sagte er. »Glaub mir, der Stamm hätte sich nie so weit nach Norden hinauf verirrt, wenn nicht die Reise mit einem geheimen Zweck verbunden wäre. Diese christlich getauften und konfirmierten norwegischen Untertanen wollen einen heidnischen Götzendienst verrichten, deshalb sind sie hier.«

»O Mongo, du träumst!«

»Nichts weniger als das, mein Junge. Die Regierung verfolgt und bestraft natürlich solche Ausschreitungen, aber dennoch kann sie dieselben nicht unterdrücken, sondern nur aus dem Bereich ihrer Blicke verbannen. Hier, wo kein Dorf und keine Ansiedelung mehr steht, wo kein Baum oder Strauch wächst und kein Mensch seinen Wohnsitz aufschlagen könnte, – hier hört das Gesetz auf, ein Gesetz zu sein. Die »Saita«, d. h. der Tempel oder Opferstein Jubinals, ist in dieser unwegsamen Wüste vor allen Blicken, allen Entheiligungen und Beobachtungen wirksam beschützt. Das Opfer kann vollzogen werden, ohne die heidnische Schar straffällig zu machen, und eben deshalb wandert der Stamm auf seinem Wege zum Meer über dies wüste Gestein. Gib nur acht, wir werden die »Saita« sehr bald finden.«

Robert konnte nicht glauben, was der Neger sagte. »Aber Mongo,« wandte er ein, »wie wäre das möglich? Bedenke doch den steten Verkehr der Lappen mit den Norwegern, ihren Küstenhandel, ihre Besuche auf den Märkten von Bergen und Trondjhem! Sie sind längst schon keine Wilden mehr.«

Mongo schüttelte den Kopf. »Lappen und Lappen,« antwortete er, »das ist bedeutend verschieden. Während die Grenznachbarn des »Norrlandes« am Lyngenfjord schon beinahe als gewöhnliche norwegische Ansiedler und Viehzüchter gelten können, sind die nomadischen Stämme in den Wildnissen an der Polargrenze wieder ein ganz anderer Menschenschlag, der zu den Samojeden und Kirgisen in weit näherer Verwandtschaft steht als zu den Weißen. Du mußt bedenken, daß Norwegen von einem Ende zum anderen gemessen seine dreihundert Meilen lang ist.«

Robert nickte. »Das wußte ich nun freilich auch, Mongo,« antwortete er. »Aber woher hast du alle diese Einzelheiten erfahren?«

»Kind, ich bin seit länger als fünf Jahren ein Walfischfänger. Was soll ein solcher alter Mensch machen? In den Fabriken und Reitställen wollen die Leute einen vollkräftigen Arbeiter haben, und in den vornehmen Häusern einen jungen, gewandten Diener, – also blieb mir nichts übrig, als auf Grönlandsfahrern den Tran auszubraten, dafür taugt jeder, der nur Augen und Hände besitzt.«

»Und nun gib acht,« fuhr er fort, »dort hockt wieder eine Lappe mit kurzer Pfeife und hölzernen Stricknadeln zwischen den Fingern. Es ist die Saita, welche er bewacht.«

Mongo versuchte nicht, sich diesem zweiten Hüter bemerklich zu machen. Robert und er wandten sich seitwärts, um die ziemlich hohe Felsspitze von hinten zu überschauen. »Siehst du,« flüsterte der Neger, »dort wimmelt es von eingegrabenen Figuren und Zeichen. Das sind sogenannte ›Runensprüche‹, die aus der vorchristlichen Zeit herstammen.«

»Die will ich in der Nähe sehen!« versicherte Robert, »und müßte ich zu diesem Zweck länger als der ganze Stamm hier an Ort und Stelle bleiben. Mongo, wer hat dir das alles erzählt?«

Der Schwarze lächelte. »Bin fast sechzig Jahre alt, du Heißsporn, das vergiß nicht. Wenn einer von dieser Anzahl von Jahren gegen zwei Drittel in guten Häusern gelebt hat, viel mit Missionaren verkehrte und im allgemeinen an der Geschichte der farbigen Völkerstämme außerordentlichen Anteil nahm, so ist es kein Wunder, daß er ihre Religionsübungen, oder besser gesagt, ihren Götzendienst, genau studiert hat. Ich könnte dir voraussagen, wie lange die Lappen noch bleiben und – was dort im Innern der Felsenhöhle am letzten Abend ihres Hierseins vollzogen werden wird.«

Robert zitterte vor Neugier. »Nun, Mongo, und –?«

»Willst du es nicht lieber selbst ansehen?« lächelte der Neger.

»Gewiß. Aber wird man uns zulassen?«

»Wahrlich, nein!« lachte Mongo. »Komm, laß uns einen Zugang suchen, der von anderer Seite hinausführt. Dieser braune Geselle mit seiner rührenden Einfalt zeigt uns ja, daß hier die ›Saita‹ liegen muß.«

Die beiden Abenteurer umgingen spähend den Felsen, dessen Rückwand sich in ein Gewirre von Klippen und Schluchten verlor, den aber doch eine ziemlich breite Kluft von seiner Nachbarschaft derartig trennte, daß wenigstens kein Mensch ohne weiteres hinübergelangen konnte. Desto besser ließ sich freilich der ganze obere Raum von hier aus frei überblicken, namentlich da die hinteren Zacken und Spitzen bedeutend höher lagen als der vordere glatte Felskegel. Mongo und Robert sahen eine Art von flachem, den Boden um etwa drei Fuß überragendem natürlichen Sockel von Granit, den indessen Menschenhände geformt und abgeschliffen haben mußten, vielleicht vor tausend Jahren schon, da sich die Runensprüche als halb verwischt und zerschlissen zeigten. – In der Mitte des flachen Steines war alles schwarz überkohlt.

»Siehst du,« flüsterte Mongo, »darum die beschwerliche Reise in den höchsten Norden hinauf, wo nicht einmal Brennmaterial zu haben ist, wo die Renntiere halb verhungern und Greise und Kinder vor Kälte umkommen. Wenn der Vollmond hoch am Himmel steht, wird hier das Opferfest gefeiert.«

»Und dazu, meinst du, dient der Hahn, welcher in jener verschlossenen Hütte krähte?«

»Ein Pferd, ein Hahn und ein Habicht,« entgegnete Mongo. »Das Pferd wird hier der äußeren Verhältnisse wegen durch ein Renn ersetzt, höchstwahrscheinlich ein ganz weißes, was man sehr selten findet. Früher nahm man, anstatt dieser Tiere, Menschen, so z.B. für das große jährliche Sühnopfer deren neunundzwanzig mit einer eben so starken Anzahl von Tieren.«

»Aber das muß doch in der vorchristlichen Zeit gewesen sein, Mongo?«

»Natürlich. Die letzten Überreste dieser Greuel aber haben sich hier in der Wildnis zum Teil noch erhalten, wenn auch nur unter dem Deckmantel der gänzlichen Weltabgelegenheit und nur an Tieren verübt.«

»Mongo, hast du selbst jemals dergleichen mit angesehen?«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Außerhalb meiner Heimat nicht, Bob. Aber ich will dir Gelegenheit geben, deine Neugier zu befriedigen, indem ich das Zelt behüte und niemand hineinlasse, angeblich weil du krank seiest, – indes hier auf diesem Felsen deine Augen die Geheimnisse Jubinals und seiner Anhänger erforschen mögen. Nur laß dich nicht abfassen, Junge, sonst könnten deine Gebeine nur allzuschnell denen des Hahns und des Habichts nachwandern müssen.«

Robert lachte lustig. »Ich ein lappländisches Opfertier,« rief er. »O du lieber Gott, wenn das mein Alter gehört hätte, bei grundsätzlich alles, was außerhalb Europas liegt, für greulich heidnisches Unwesen erklärt.«

Mongo lachte mit. »Jetzt komm nur,« sagte er, »wir müssen uns doch unseren schmutzigen Gastfreunden wieder zugesellen und versuchen, ihre Arbeiten zu teilen. Auch könnte es keineswegs schaden, wenn uns ein Stück Renntierfleisch zwischen die Zähne geriete.«

Sie gingen zu den Zelten zurück, und hier sah Robert, wie mehrere Frauen beschäftigt waren, aus einem groben, selbstgewebten Stoff die verschiedensten Kleidungsstücke zuzuschneiden. Er lachte so lustig, daß die Lappländerinnen voll Erstaunen aufblickten.

»Du, Mongo,« rief er, »habe ich dir nicht die Fischgräte gezeigt, mit welcher ich mir auf meiner kubanischen Insel einen Anzug nähte? – Das war ein Lehrlingsjahr des fahrenden Schneiders, und jetzt kommt das zweite. Hochverehrte, in Schmutz getauchte, mit Tran gesalbte, mit Zwiebeln parfümierte und ohne Kenntnis der Seife oder des Handtuches herangewachsene Beherrscherin der Renntierzone,« wandte er sich dann an die rauchende, und aus kleinen, rötlichen Schlitzaugen verwundert dreinschauende Frau, »wollen Sie mir huldreichst gestatten, die Schere aus Ihren braunen Pfoten zu entwenden und Ihrer eingefrorenen Phantasie durch die Kenntnisse des deutschen Kleiderkünstlers zu Hilfe zu kommen? – Ich bin heute »Tailleur« aus Laune.«

Er nahm mit zierlichem Griff und der ernsthaftesten Miene von der Welt die Schere und begann zu Mongos großem Ergötzen den unförmlichen, sackartigen Rock der Lappländerin in ein hübsches, glattsitzendes Kleidungsstück zu verwandeln. Als er es mit großen Stichen zufammengeheftet hatte, überreichte er es der Eigentümerin, die ihm begierig auf die Finger sah und offenbar nicht erwarten konnte, den neuen Schmuck ihren Gevatterinnen zu zeigen. Sobald sie den Rock in der Hand hielt, eilte sie fort, und das Durcheinander von Frauenstimmen zeigte nur zu bald, welches Aufsehen Roberts Kunst erregt hatte. Von allen Seiten kamen die Weiber mit großen Zeugballen herbei.

»Da hast du's!« rief laut lachend der Neger. »Jetzt ist dein Urteil gesprochen, vorwitziger Bursch! Du bist nun – –«

»Leibschneider der Zwerge!« ergänzte Robert. »Hurra, das deutsche Märchen ist Wirklichkeit geworden.«

Und der nächsten herantretenden Lappländerin mit gewandter Verbeugung den Wollenstoff abnehmend, schmetterte er mit heller Stimme das bekannte Schneiderlied über die Felskuppen dahin: »Es tranken ihrer neunzig und neunmalneunundneunzig aus einem Fingerhut.« – »Hut!« riefen die Echos, »Hut!« und ganz leise, kaum vernehmbar widerhallend, in der Ferne »Hut!«

Mongo sah mit stillem Vergnügen das hübsche, lebensfrohe Gesicht und die schlanke, ebenmäßige Gestalt Roberts. »Ist ein prächtiger Kerl,« dachte er, »hat ein Herz wie ein Kind, und Mut wie ein Löwe. Jetzt sitzt er doch bei der Nähnadel, als sei er ein eingefleischter Schneider, und gestern abend hat er mit derselben Faust einen Wolf erlegt.«

Robert blinzelte ihm zu. »Weißt du, was ich im Grunde erreichen will?« fragte er. »Eine Mütze für dich und mich, Mongo. Die Taschentücher sind doch auf die Dauer unbequem. Aus diesen Abfällen aber stelle ich uns beiden ein paar tadellose Kopfbedeckungen her.«

Mongo nickte. »Soll mir sehr angenehm sein, junger Spitzbube. Kannst mich vielleicht als Altgesellen verwenden?«

»Tut mir leid, Tranbrater. Die Nähnadel ist kein Rührlöffel. Aber geh fort und stibitze mir irgendwo eine Pfeife, wenn du kannst. Diese braunen Heiden rauchen freilich Moos anstatt Tabak, glaube ich, aber in der Not frißt der Teufel Fliegen, wie du weißt. Ich möchte nicht gerne mit erfrorener Nase wieder nach Pinneberg zurückkehren.«

Mongo lachte. »Wie kommt es, daß wir so vortrefflich bei Laune sind?« fragte er.

»Hm, ich denke, weil wir nur noch wie durch ein Wunder dem Leben erhalten blieben, Alter. Am Rande der Vernichtung lernt man den Wert des Daseins erst kennen. – Schau her, das wird für deine Wolle die neue Zier. Sollen auch Ohrenklappen daran kommen?«

»Wenn du so viel Stoff auf die Seite bringen kannst, ja. Ich will einstweilen Pfeifen besorgen.«

Mongo humpelte davon und verständigte sich abermals durch Gebärden mit der Alten, die ihm zu ein Paar Pfeifen verhalf, deren eine er dem nähenden Robert zwischen die Lippen schob. »Jetzt werde ich mich nach etwas Feuchtem, Gebranntem umsehen,« fügte er hinzu. »Es ist außerordentlich frisch hier oben.«

»Du solltest unter deine Felle kriechen,« riet Robert. »Das Klima sagt dir offenbar nicht zu.«

»Nun, nun – dir vielleicht, Monsieur Naseweis?«

»Naserot, willst du sagen, Bester. Ich befinde mich übrigens ganz vortrefflich.«

»Schlingel.« – –

Und mit diesem lachend gesprochenen Worte entfernte sich der Alte, während Robert zurückblieb, von den Frauen wie von einer Herde aufgescheuchter Gänse umschnattert. Er hatte sehr bald eine tüchtige Anzahl von Röcken zugeschnitten und nähte dann tapfer darauf los, um für seinen alten Freund noch vor Anbruch der Nacht die warme Mütze fertig zu machen. Bei dieser Arbeit behielt er das Zelt des Häuptlings immer im Auge, aber ohne das Mindeste zu entdecken. Als die braune Alte das Fleischgericht für gar hielt, trug sie eine Schüssel voll davon bis vor die Tür aus Fellen und entfernte sich wieder, ohne hineingesehen oder gesprochen zu haben.

Robert beobachtete verstohlen diesen kleinen Vorgang. Was würde jetzt geschehen?

Da kam hinter den Fellen eine braune Hand zum Vorschein. Leise wurde der Holznapf nach innen gezogen.

»Sieh, du Schlingel,« dachte belustigt unser Freund. »Da sitzest du im Trocknen und pflegst die faule Haut, indes deine betörten Brüder arbeiten. Kann mir schon denken, wie die Gaukelei eingefädelt wird, – du betest und rufst Jubinals Gnade auf deinen Stamm herab, als würdige Vorbereitung für das Opferfest, nicht wahr? In der Tat aber läßt du dir's wohl sein, und hast keineswegs vergessen, eine tüchtige Flasche voll Branntwein in die geweihte Einsamkeit mit hineinzunehmen. – Will aber die Geschichte mit ansehen um jeden Preis.«

Er stand auf und näherte sich mit bittenden Gebärden der Alten am Feuer. Obgleich die Wunde, welche ihm der Wolf gerissen, auf dem Rücken seiner Hand befindlich war, so schmerzte sie ihn doch bei der Näharbeit sehr stark, und daher hoffte er auf ein wenig Salbe, die ihm das Mütterchen auch bereitwilligst verabfolgte. Ein Gericht Fleisch mit Zwiebeln erhielt er nebenbei.

»Wozu diese Leute eigentlich ihre Wohnungen haben,« dachte er. »Alles geschieht im Freien, essen, arbeiten, plaudern, kochen. Die Hütte ist nur Schlafstätte.«

Er verspeiste nicht ohne einiges Widerstreben das vorgesetzte Gericht und half dann gutmütig der Alten, die Menge von hölzernen Löffeln und Schüsseln wieder abzuwaschen. Handtücher gab es nicht, sondern jeder Napf wurde umgestülpt, und damit war alles getan, was die Reinlichkeitsbedürfnisse des Stammes erforderten.

Nachdem Robert die Mütze für den Alten vollendet, war es bereits dunkel geworden, und mehrere von den Männern gingen in die Ebene hinab, um die Renntiere herbei zu treiben. Fast alle kamen auf den bekannten schrillen Pfiff ihrer Hüter freiwillig daher getrabt und ließen sich melken, diejenigen aber, welche das Zeichen des Hirten unbeachtet ließen, wurden mit einem langen ledernen Lasso eingefangen. Robert zahlte über hundert Köpfe, darunter mindestens dreißig milchgebende Kühe, natürlich aber zu dieser Jahreszeit keine Kälber. Die ganze Herde wurde, nachdem sie gezählt worden war, ohne weiteres für die Nacht sich selber überlassen. Diese Tiere, eben so anhänglich als klug, bedürfen des Zwanges nicht, sondern folgen wie Hunde ihrem Herrn.

Nur das Reittier blieb gefesselt. Jedenfalls gehörte es dem Zauberer, der hinter seinen Zeltwänden kürzlich einen so gesunden Appetit entwickelt hatte. Robert lachte, so oft er sich der Hand erinnerte, welche den schätzbaren Napf sorgfältig in Sicherheit brachte, wahrend jedenfalls der ganze Stamm gläubig annahm, daß mit dem Inhalt des Geschirres den Göttern ein Opfer bereitet werde. Er freute sich auf den Anblick des letzteren dermaßen, daß ihm die nächste Nacht nur von Feuer und krähenden Hähnen träumte. So merkwürdig hatte er sich die Reise an den Nordpol auch in seinen kühnsten Erwartungen nicht gedacht, solches Schauspiel hatte er im Lichte des neunzehnten Jahrhunderts auch nicht einmal für möglich gehalten.

Am nächsten Morgen war seine erste Frage: »Mongo, worauf warten die braunen Gesellen, ehe sie ihre Zauberkünste beginnen?«

Der Neger kroch behaglich tiefer in die warmen Felle hinein. »Auf den Vollmond, du ungeduldiger Mensch,« sagte er. »Für heute geschieht noch nichts.«

Und so wurde es tatsächlich. Der zweite Tag verging wie der erste, Robert entwickelte seine Schneiderkünste, beobachtete das verschlossene Zelt und rauchte jenes geheimnisvolle Etwas, das er heute im höchsten Grimm gegen Mongo für Abschnitzel von Kohl oder Rüben erklärte. Die neue Mütze saß ihm keck auf einem Ohr, die großen Seestiefel hatten frischen Tranglanz erhalten und die zerrissene Jacke war mit Renntierzwirn ausgebessert worden. Beide Hände in den Taschen stand er vor dem Alten.

»Mongo, du bist in diesem Augenblick mein Spiegel!« sagte er. »Wie sehe ich aus?«

»Hm! – Wie einer, der noch manchen Klapps bekommt, ehe aus ihm ein vernünftiger Mensch wird.«

Robert lachte. »Paß auf den Mond, Schwarzer,« antwortete er. »Ich hätte große Lust, mir von einem dieser braunen Kerle ein Gewehr zu leihen und ein wenig auf die Jagd zu gehen. Länger als zwei Tage halte ich es bei der Nähnadel nicht aus.«

Mongo schüttelte den Kopf. »Und wenn du dich verirrst, Bursche?«

»Hat keine Not. Ich bin vor Anbruch der Nacht zurück. Aber Mongo, gib gut acht auf den Stand des Mondes, hörst du! Und noch eins, besorge mir durch deine braune Freundin ein Gewehr, Alter. Du und sie, ihr seid ja doch Vertraute, nicht wahr?«

»Sehr vertraut!« nickte der Neger. »Sie schenkt mir die größte Zwiebel aus dem Topf, und ich zerhacke ihr dafür das Brennholz. Dann zeigen wir uns gegenseitig, wie an den Handgelenken und in den Schultern die Gicht reißt, oder wir schaudern miteinander, wenn der Ostwind über die Berggipfel pfeift. Ja, – es ist ein entzückendes Dasein, das Leben unter dem fünfundsiebzigsten Grad nördlicher Breite.«

Robert streckte sich lang aus und warf die Arme hoch empor. »Dieser prächtige Norden,« rief er lachend, »diese Musik des Ostwindes! – Geh, Alter, geh, schmeichle mir eine Schießwaffe heraus, Gewehr oder Bogen, wenn es nur etwas ist.«

Und Mongo ging. Robert lehnte sich an den nächsten Felsen, um zu lachen, als er sah, wie der Neger das Küchenbeil nahm und es auf die Alte anlegte, um ihr seinen Wunsch begreiflich zu machen. Sie verstand sofort das Gesagte, hinkte zu einem der jungen Männer und redete mit ihm lange hin und her. Der Lappe schien zuerst das Gesuch rund abschlagen zu wollen, später aber erhob er sich und brachte mit verdrossenem Wesen eine alte Jagdflinte herbei. Der nötige Schießbedarf hing in einem kleinen Lederbeutel daran.

So ausgerüstet wanderte Robert davon. Die Luft war klar und ruhig, der Himmel blau und die Sonne heute wärmer als je vorher. An den Strand konnte unser junger Freund nicht gelangen, da dieser viel zu weit entfernt war, er mußte sich also mit einem Ausflug in die höchsten Gebirgsgegenden begnügen. Vielleicht sah er ja von dort aus in weiter Ferne das blaue, geliebte Meer, vielleicht konnte er einen Gedankengruß hinübersenden zu weißen Segeln, die langsam im Sonnenglanz dahin glitten. – –

Das Gewehr auf der Schulter ging er pfeifend weiter. Längst hatte er sich in einem Berggipfel von sonderbarer, tierähnlicher Gestalt eine Art von Wegweiser erschaffen, der ihn nicht irreleiten konnte. Sobald er das Bild in gerader Richtung vor sich sah oder demselben genau den Rücken kehrte, befand er sich dem Lappenlager gegenüber, – also mutig vorwärts in die Wildnis hinein, lustig das deutsche Lied den nordischen Felskuppen zugesungen und mit dem Echo um die Wette den Kehrreim wiederholt:

»Es zogen drei Jäger wohl auf die Birsch,
Trara! Trara!
Sie wollten erjagen den weißen Hirsch,
Trara! Trara!«

Und wie ein Chor sang das Echo »Trara! – Trara!« –

Robert lief, bis die Lungen den Dienst versagten, er kletterte über die unwegsamsten Pässe und sprang wie ein Seiltänzer von Klippe zu Klippe, nur um seinem Übermut die Zügel schießen zu lassen. Immer höher und höher hinauf trugen ihn die flinken Füße, immer weiter entfernte er sich von den Zelten der Lappen. Es war aber auch zu verlockend schön hier oben – wie in einem Tempel fast. Überall hohe Säulen, regelmäßig und großartig von der Hand der Natur zum gewaltigen Bau vereint. Hohe Bogen schwangen sich von Kuppe zu Kuppe, gedämpft fiel das Sonnenlicht in den mittleren, freien Raum und brausend wie Orgelton sang der Ost seine gehaltenen Melodien.

»Warum nicht hier oben die Saita Jubinals?« dachte er. »Kann es denn eine noch schönere Stelle geben?«

Er sah ringsumher. Kein Baum, kein Strauch, keine Spur des Lebens und doch großartig das Ganze, doch erhebend und packend zugleich der Eindruck, den es hervorbrachte. Langsam wanderte er durch das Schiff dieser natürlichen Kirche, an deren entgegengesetzter Seite ein Wasserfall mit donnerähnlichem Tosen zwischen die zerklüfteten Felsen hinabstürzte. Schäumend, Silbertropfen spritzend und ringsumher alles mit seinem Gischt umhüllend, siel die blaue Flut auf das Gestein herab. Spitze Zacken ragten daraus hervor, aber kein Zeichen verriet, wo die angesammelte Wassermasse einen Abzugskanal gefunden. Ewig sich füllend, ewig trinkend aus dem unerschöpflichen Born, der von oben herab sich ergoß, blieb dennoch das Felsental nur ein Durchgang, der keinen Tropfen des bewegten Wassers in seinem Schoße zurückbehielt.

Robert blickte staunend hinab. Wohin gelangten diese schäumenden Massen? – –

Da sah er eine kleine weiße Möwe mit grauem, perlartigem Federmantel, wie sie kreischend von oben herab in den Felsspalt mehr taumelte als flog. Die ausgebreiteten Flügel glänzten von schimmernden, unzähligen Wassertropfen, die roten Füßchen suchten auf dem, von immer neuen Sturzwellen überschütteten Gestein vergeblich einen festen Halt, und das Köpfchen duckte sich, wie in der Wahrnehmung einer Gefahr.

Im gleichen Augenblick gewahrte auch unser Freund den. Räuber, der das kleine, scheue Tierchen verfolgte. Ein riesiger Seeadler schoß herab, an der Möwe vorüber und fast in das Wasser hinein. Er hielt sich mit den scharfen Fängen auf einer vorspringenden Klippe und schien eine Weile außer Fassung, weil er sein Opfer in blinder Eile verfehlt hatte.

Die Möwe schwebte hoch in der Luft, ehe sich ihr Verfolger des Raubes versichern konnte.

Alle Jagdlust erwachte in Roberts Seele, als er den Adler so nahe bei seinem eigenen Versteck aus den Klippen sitzen sah. Gegen drei Fuß lang, von frischem Braun mit milchweißem Kopf und Hals, sowie mit hervorstehendem ganz weißem Schwanz, war der König der Lüfte ein besonders großes, sehr schönes Tier, dessen stolze Haltung und feuriges Auge ihm ein wahrhaft vornehmes, fürstliches Aussehen gaben.

Er saß auf der vorspringenden Klippe und bog den schlanken Hals, um der entfliehenden Möwe nachzusehen, dann breitete er die Flügel aus, zornig wie es schien, mit wilden Gebärden und so weit es ihm möglich war.

Robert hielt den Atem an. Über sieben Fuß mochte das Tier messen, wenn von einer äußersten Spitze zur andern gerechnet wurde, – gleich einem Riesenbildwerk, unbeweglich wie der Granit ringsumher saß es auf der schmalen Felszacke. Die Wassertropfen schleuderten spielend einen Perlenregen über das braune Gefieder herab, voll Zorn blickte das Auge der entkommenen Möwe nach.

Robert hob das schon im Beginn seiner Wanderung geladene Gewehr. Sollte er die Todesbotschaft entsenden?

Fast war es ein Mord. Das Fleisch des Adlers konnte nicht gegessen werden, – sein Leben in der pfadlosen Steinwüste schadete niemand. Mit welchem Recht durfte er die schlanke, gewölbte Brust durchbohren?

Da schien es, als wolle sich der Adler erheben und den Flug durch die Lüfte weiter verfolgen. Robert besann sich nicht länger, – es lockte ihn zu unwiderstehlich. Der Schuß krachte in zehnfaltigem Bergesecho, der Pulverdampf schwebte über der Kluft und neugierigen Blickes sah der junge Schütze hinab. Die Klippe war leer.

Er trat bis an den äußersten Rand und beugte sich vor, um besser in den sprudelnden Gischt hineinschauen zu können. An den unteren Zacken und Klippen mußte ja das getroffene Tier hängen geblieben sein, da es auf der kreisenden, schaumbedeckten Oberfläche nicht zu erblicken war. Wenigstens einige Federn, einige Blutspuren mußte er finden.

Aber ob er seine Augen noch so sehr anstrengte, ob er zwischen jede Klippe blickte und zehnmal die ganze Umgebung musternd überflog, – es zeigte sich nichts. Dahin, wo das Wasser blieb, war auch der Vogel gekommen, auf geheimnisvolle, unerklärliche Weise verschwanden beide, ohne eine Spur ihres Daseins in der zerklüfteten, verwitterten Umgebung zurückzulassen.

Robert sah kopfschüttelnd an der andern Seite des Berges herab. Er befand sich in einer Höhe von mindestens zweihundert Fuß über dem Talkessel, welcher in den Sumpf ausmündete. Vielleicht ließ sich also auf halbem Wege, in der Mitte und am Fuße des Berges, diesem seltsamen, wie ein mitternächtlicher Spuk verschwindenden Wasserfall noch weiter nachforschen. Gedacht, getan; unser junger Wagehals suchte vorsichtig kletternd einen Pfad an der ziemlich steil abfallenden Gebirgswand, deren vielfache Vorsprünge, Ecken und Plattformen seinen Füßen als Stützpunkte dienten. Ehe er tiefer eindrang, überzeugte er sich von der Möglichkeit des Rückweges, ehe er das ganze Gewicht seines Körpers auf der Fußspitze ruhen ließ, prüfte er die Haltbarkeit des Steines, auf welchen er trat. So Schritt für Schritt hinabsteigend, sah er immer unter sich, nie aber zur Seite des Weges und auf diese Weise verlor er die eingeschlagene Richtung vollständig aus den Augen. Hinter ihm, vor ihm, rechts und links türmte sich das Gebirge, überall führten stufenartige Abhänge in die Tiefe, immer mehr verloren die Sonnenstrahlen an Licht und Wärme, immer weniger Zutritt fand der Wind, und fast bis zur Unerträglichkeit steigerte sich die herrschende Kälte.

Robert bemerkte davon nichts. Seine Tollkühnheit riß ihn über alle Schranken dahin. Er wollte den erlegten Adler wiederfinden, wollte wissen, wohin das unterirdische Wasser gelangte und wie tief hinab in den Schoß der Erde ihn dieser Weg führen werde, daher kletterte er rüstig weiter, immer im Glauben, daß es leicht sein müsse, wieder hinaufzusteigen, sobald er Lust habe. Das ging ja von Stufe zu Stufe, bequem wie eine Treppe und gewiß tausendmal besser als in den schaukelnden Wanten des Schiffes.

Tiefer, immer tiefer kletterte er hinab. Dämmerung umgab seinen Blick, der Wind schwieg ganz, die Luft war kalt wie Eis.

Und jetzt stand er auf festem Boden. Vor ihm wölbte sich eine enge, finstere Halle, von granitnem Bogen überdacht, mit flachem, ebenem Fußwege. Wahrend das Innere dieser Felsenhöhle fast nächtlich dunkel erschien, zeigte am äußersten Ende derselben ein goldener Lichtschimmer, daß dort die Sonne ungehindert von oben herab ihre Strahlen entsenden konnte. Robert hielt das wieder geladene Gewehr schußgerecht in der Hand und drang mutig vor.

Die Grotte besaß nur geringe Ausdehnung. Schon nach zehn bis zwölf Schritten erweiterte sie sich bedeutend, das Tageslicht fiel voll herein und eine Art von scharfkantiger Brüstung erhob sich unmittelbar vor Roberts Füßen. Der Weg war hier plötzlich zu Ende.

Das Schauspiel aber, welches sich jetzt den Blicken des jungen Mannes darbot, war schöner und prachtvoller als alles bisher Gesehene. In einer Tiefe von vielleicht zwanzig bis dreißig Fuß lag zwischen den Felsen ein blauer See, dessen Oberfläche, glatt und regungslos wie ein Spiegel, nie vom Windhauch berührt schien, nie in zornigen Wellen gebebt hatte, nie von einem lebenden Wesen bewohnt war. Anscheinend unergründlich tief, bis ins innerste Mark der alten Erde dringend, vielleicht seine verzweigten Adern meilenweit unter dem Gebirge erstreckend, lag das Wasser gleich einem samtnen Teppich, und von allen Seiten hoben sich aus dem blauen Schoße die Felsen empor, hier in schlanken, anmutigen Formen aufsteigend, dort verworren und wild, als hatten die alten Götter der Sagenzeit im Kampfe Trümmer auf Trümmer geschleudert, als hätte die Erde unter ihren Fußtritten gebebt und wäre in tausend Scherben zerfallen, die nun als kraußverflochtenes Gewirre über- und nebeneinander lagen. Vorspringende Altane streckten sich plötzlich aus der Mauer heraus und spiegelten ihre gefälligen Formen in der darunter liegenden Flut, stumpfe Kegel hoben die wenig schönen Häupter zu Hunderten aus dem zackigen Gestein empor und umgaben eine Säule, die schlank und schmucklos wie ein Kirchturm zum Himmel ragte.

Das war eine Welt für sich, das schien nicht mehr der Erde anzugehören, – das belastete fast die sterbliche Brust.

Bis an den oberen Rand dieses tiefen, mit Wasser gefüllten Tales konnte kein menschlicher Fuß gelangen. Robert wußte, welche Bergspitze es war und daß er heute schon vergeblich gesucht hatte, sie zu erklimmen. Er befand sich im Schoße der uralten Steinriesen, in geheimnisvoller, tiefverborgener Mitte, aus der kein Ton empordrang zur Oberwelt.

Was jeden anderen erschreckt haben würde, das erfüllte ihn mit stolzer Freude. Er hob den Lauf des Gewehres langsam empor und zielte auf die schlanke Turmspitze. Wie hier im eingeschlossenen Räume der Schuß krachen mußte! – –

Und dann wälzte sich der donnerähnliche Schall an den Wänden dahin. Wie betäubender Lärm aus zehn, – zwanzig Geschützen, kaum zu ertragen, so krachte es und rollte und hallte wider. Die höchste Spitze derselben, ein Stückchen wie ein kleiner Stein, war herabgeschossen und fiel plötzlich in das stille, blaue Wasser. An den Wänden spielten kleine, weiße Schaumwellen, während inmitten des Sees die zitternden unregelmäßigen Kreise immer größer und größer wurden. Nach wenigen Minuten war alles so still wie zuvor.

Robert lud das Gewehr und hing es an dem Lederriemen wieder über seine Schulter, dann, nach einem letzten, bewundernden Rückblick, suchte er durch die Grotte den Rückweg. Erst jetzt fiel ihm ein, daß er weder den Adler, noch den weiteren Lauf des Wasserfalles gesehen hatte. Es mußte also mitten in dem Gewirre von Klippen, entweder zur Rechten oder zur Linken, auf halber Höhe des oberen Bergsturzes noch einen Zwischenraum geben, durch welchen das Wasser langsam fließend in den See gelangte und wo auch der Adler hängen geblieben war.

Diesen wollte er finden.

Vor dem ziemlich dunkeln Ausgang der Höhle erhoben sich so viele Stufen und Zacken, daß es auch einem mit der Örtlichkeit vollkommen vertrauten Besucher auf den ersten Blick unmöglich gewesen wäre, hier diejenigen herauszufinden, welche ihm vorhin als Treppe gedient hatten. Robert sah hinauf. Von allen Seiten Schluchten und Kuppen, Spalten und Engpässe, – hoch oben in weiter Ferne hier oder da ein Streifen des blauen Himmels, aber bei alle dem kein Zeichen des Weges, der ihn hierher geführt.

Noch schlug sein Herz so ruhig wie immer, aber trotzdem begann er die einzelnen Stufen des Gesteines der Reihe nach mit den Augen in Verbindung zu bringen und zu berechnen, welcher Pfad ganz bis nach oben fortgesetzt sei. Vergebens! Dieser mündete nach rechts, jener nach links, der dritte lief in eine steile, ganz glatte Wand, und der vierte zeigte Unterbrechungen, über welche kein menschlicher Fuß hätte hinwegspringen können. Robert fragte sich umsonst, wie er durch dieses Gewirre überhaupt bis auf den Boden der Schlucht hinabgelangt sei.

Aber gleichviel. Die Sache mußte auf gutes Glück hin versucht werden. Er kletterte mit der Hast der Aufregung an den nächsten Spalten empor und fühlte bald den Wind wieder um seine Stirn spielen. Jedenfalls war er höher herausgedrungen, das gab ihm neuen Mut.

Von Zeit zu Zeit prüfte er die Entfernung des Tageslichtes von seinem augenblicklichen Standpunkt. Sonderbar, – sie blieb immer die gleiche.

Wo er sich jetzt befand, war er auch vorhin nicht gewesen, dessen erinnerte er sich deutlich.

Die Zacken hörten auf und eine Art von Rinne oder Durchgang führte tiefer in den Fels hinein. Zugleich hörte Robert ein starkes Rauschen und Stürzen wie von Wasser. Ganz in seiner Nähe plätscherte es, aber gleichwohl sah er nichts. Vorsichtig weitergehend suchte er überall die Spuren des verlorenen Weges, wobei er jedoch mit leisem Grauen bemerkte, daß sich die Rinne, in welcher er vordrang, allmählich senkte.

Er kehrte um bis zu der Stelle, wo das starke Rauschen hörbar gewesen. Es tönte ununterbrochen hinter der Felswand fort, aber dennoch ließ sich kein Tropfen Wasser erspähen, dennoch war das Gestein überall vollkommen trocken und fest.

»Vielleicht,« dachte Robert, »führt dieser ausgehöhlte Pfad mit leichter Mühe bis auf den flachen Erdboden herab. Man muß es versuchen.«

Er ging weiter, bis nach einer Wanderung von fünf Minuten der Paß sich dermaßen verengte, daß er kaum noch ein Durchschlüpfen gestattete. Robert kroch vorwärts, – er maß mit sorgenvollem Blick die Höhe bis zum Erscheinen des Tageslichtes.

Aber hier erschrak er doch so sehr, daß es kalt über seinen Rücken herablief. Was er sah, war die zierliche, schlanke Spitze des turmartigen Felsens, – er befand sich sonach bedeutend unter dem Spiegel des Sees.

Einen Augenblick lang stockte das Blut in seinen Adern. Kalter Schweiß brach hervor, und seine Kniee versagten den Dienst. Das geheimnisvolle, unterirdische Wasser hatte ihn verlockt, den Zauberberg zu betreten und aus seinen verschlungenen Irrgängen den Rückweg zur Sonne, zu den Menschen vergeblich zu suchen. –

Kindheitsmärchen flatterten wie zerrissene Nebelschleier vor seinen geistigen Blicken, er dachte an Rübezahl, an den Leibschneider der Zwerge, an »Schneewittchen über den Bergen, bei den sieben Zwergen,« an den Kobold Rumpelstilzchen und all die anderen Gestalten, deren Abenteuer er so begierig gelesen, an deren Stelle er sich tausendmal gewünscht und die nicht wenig dazu beigetragen hatten, seine Phantasie, seine Wanderlust so ungewöhnlich stark zu entfalten.

Jetzt war er so ein verzauberter, gefangener Sterblicher, der dem Bann des Hexenmeisters nicht früh genug aus dem Wege ging, und hinter dessen Schritten sich die Felsen, gehorsam ihrem Herrn, leise aneinander schoben, so daß er nimmer wieder an die Oberfläche gelangte, – nimmer zurück zu den Seinen.

Ein Schauder überlief ihn. Der stille, bergestiefe See hoch über seinem Haupte, – das war eigen beklemmend und seltsam. – –

Sollte er rückwärts gehen oder vordringen?

Er entschied sich für letzteres. Vielleicht, flüsterte die Hoffnung, liegt der Ausgang ganz nahe, – vielleicht sind es nur noch wenige Schritte bis zur flachen Erde.

Und fast schien es, als sei diese Vermutung die richtige gewesen. Der schmale Schacht lief aus in ein freies, weites Tal. Robert sah sich plötzlich von dem Druck der umgebenden engen Felsmassen erlöst und jubelte laut heraus.

Aber als er näher herankam, – was war das?

Kleine Wasserlachen, glitzernd im Schein der untergehenden Sonne, hatten sich hier und da gebildet, kleine Vertiefungen waren mit bläulichem Schlamm überzogen, – ein unangenehmer Geruch wie von Schimmel und Moder erfüllte die Luft.

Robert wollte nicht glauben, was sich seinen Sinnen gebieterisch aufdrängte. Er setzte den Fuß auf die schwarze glatte Flache, – aber er tat es zögernd, vorsichtig.

Eine kleine Lache bildete sich, wo seine Sohle flüchtig geruht. Robert taumelte zurück vor Schreck – es war ein Sumpf, an dessen Rand die Felsspalte ausmündete.

Eine Art von Betäubung faßte die Sinne des jungen Mannes. Jetzt mußte er den ganzen, beschwerlichen Weg bis zur Oberfläche des festen Landes noch einmal machen, mußte wieder suchen und messen, mußte neuen Täuschungen entgegengehen.

Aber sollte sich denn der Sumpf durchaus nicht durchschreiten lassen? – Es war doch schrecklich, so ganz nahe an dem ersehnten Ziel zu stehen und es nicht erreichen zu können, nur weil der Boden unter den Füßen so tückisch versank. –

Er versuchte es noch einmal. Umsonst, ganz umsonst. Wenn er fester auftrat, so spritzte ihm das schlammige Naß entgegen.

Halb verzweifelt entschloß er sich umzukehren. Ihm graute vor dem Rauschen des unsichtbaren Wassers: er eilte so schnell als möglich an dieser Stelle vorüber und atmete auf, als er sie hinter sich hatte.

Weiter, immer weiter hinein in das vielzackige Wirrnis. Roberts Hände bluteten bereits, aber dennoch ließ er nicht ab, den früheren Pfad zu suchen. Da oben am Himmel erlosch merklich das goldene Tageslicht, – er mußte eilen, wenn ihn nicht die Nacht in diesem Felsengrabe überraschen sollte. Wieder hatte er einen Gipfel erklettert und hielt Umschau.

Keine Verbindung mit den höhergelegenen Spitzen, kein Pfad, der von einer Kuppe zur andern geführt hätte.

Robert preßte die Lippen zusammen. Er dachte nicht mehr, rechnete oder beobachtete nicht mehr. Alle seine Pulse hämmerten, zehnmal machte er denselben Weg, zehnmal kam er im Kreislauf an den eben verlassenen Ort zurück. – –

Alle Schüsse bis auf einen, den er für den Fall eines Angriffes bewahrte, sandte er in die Luft empor, um möglicherweise den Lappen ein Zeichen zu geben, niemand antwortete, niemand hatte ihn gehört.

Von Zeit zu Zeit machte er kurze Rast. Die Schläfen hämmerten von andrängendem Blut, Hände und Füße schmerzten heftig, die Lungen atmeten schwer. Wie lange noch und er würde ermattet zurücksinken, unfähig, länger diesen ebenso fruchtlosen, als gewaltigen Anstrengungen zu trotzen.

Aber solche Augenblicke der Erholung waren kurz. Getrieben von innerer Unruhe sprang er schon nach wenigen Minuten vom Felsensitz wieder auf und begann mit schwindenden Kräften den erneuten Kampf.

Und dann kam ein Augenblick, wo er sich für verloren hielt. Ein Felsblock, welcher nur lose gelegen haben mußte, – vielleicht vom Blitz einmal aus größerer Höhe herabgestürzt – ein schwerer, platter Felsblock rollte unter seinen Füßen in eine tiefe Kluft hinein und riß ihn unwiderstehlich mit sich fort. Robert schloß die Augen; er konnte nichts tun, um sich zu retten, und erwartete daher widerstandslos den letzten, vernichtenden Schlag. Auf dem Rücken liegend, das Gewehr in beiden Händen, glitt er auf dem großen Stein in die Tiefe hinab.

Aber diesmal sollte ihm kein Schade geschehen. Als der Block auf Klippen und Spitzen einen Halt gefunden, konnte sich Robert unversehrt von seinem harten Sitz erheben; er war tüchtig durchgerüttelt und hatte die Kniee geschunden, im übrigen jedoch schien der plötzliche Sturz keine schlimmen Folgen gehabt zu haben.

Robert überblickte wieder die Gegend. Es war kaum mehr Tag und keine Zeit zu verlieren, wenn er noch einen Versuch machen wollte, das Lager der Lappen vor Einbruch vollständiger Dunkelheit zu erreichen. Vorsichtig stieg er am nächsten Felsgrat wieder empor.

Und da – o Glück! Da rauschte der Wasserfall in seiner unmittelbaren Nähe, da stand er wieder in dem tempelartigen Raum, von wo aus er vor drei langen, fürchterlichen Stunden die Wanderung in das Innere des Berges unternommen.

Jetzt erst vergönnte er sich eine längere Rast, um aufzuatmen. Der Rückweg war gesichert, die Zeit, wo ihn Mongo erwarten mußte, noch nicht überschritten, und die Richtung des Lappenlagers leicht gefunden. Zwischen den Bergen, wo die Zelte standen, brannte ein Feuer, das durch die Dämmerung erkennbar herüberschimmerte.

Robert trocknete den Schweiß von der Stirn. Ein Gefühl, als habe er vermessen gehandelt und abermals Gott herausgefordert, bemächtigte sich seiner Seele. Wie wunderbar hatte ihn der fallende Stein gerade in dem Augenblick, wo er sich verloren wähnte, gerettet! – Wie wunderbar fügte es sich, daß er gerade dahin gleiten mußte, wo er über die unübersteigliche Kluft zur Brücke wurde, auf der Roberts Füße mit Sicherheit ruhen konnten!

»Ich will vorsichtiger werden,« dachte unser junger Freund, »und – ich will dem Alten von der ganzen Geschichte kein Wort erzählen. Wenn ich zu ungestüm vorwärts ging, so habe ich auch ein paar böse Stunden dafür erlitten, deshalb kümmert es keinen, als nur den lieben Herrgott und mich selbst.«

Er machte sich auf den Heimweg, ohne die ernste Stimmung abschütteln zu können. Solche Stunden, wie die im Schoße verschlungener und pfadloser Gebirge, solche Stunden voll Einsamkeit und steter Todesnähe hinterlassen in dem aufgeschreckten Herzen ihre Spuren, die nicht so ganz leicht wieder verwischt werden.

Als Robert mit langsamen Schritten die äußere Umgebung des Lagers betrat, kam ihm Mongo entgegen. »Pst, mein Bob, sprich mit niemand,« flüsterte er. »laß mich nur das Gewehr abgeben und geh du gleich in unser Zelt. Wenn mich nicht alle Zeichen trügen, so wird in dieser Nacht das Opferfest gefeiert werden, wahrscheinlich beschleunigt um unserer Nähe willen. Ich habe so meine Beobachtungen gemacht.«

Robert fühlte sich von den Worten des Alten ganz eigentümlich berührt. Gerade in dieser Nacht einer so wunderbaren Rettung aus höchster Not sollte er also einem Gottesdienst beiwohnen, der, wenn auch immerhin nur heidnisches Zauberwesen, doch der Verehrung des Ewigen galt! – Er konnte nicht mehr lachen, als er des bevorstehenden Schauspiels dachte.

»Heute, Mongo?« stammelte er. »Das kommt früher, als du erwartetest.«

Der Neger rieb fröstelnd die Hände. »Schadet ja nicht, mein Bob,« versetzte er. »Um so eher machen wir uns auf nach dem Süden, – nach Bergen, wo sich für uns beide schon eine Heuer finden wird.«

Über Roberts Gesicht flog plötzlicher Purpur. »Eine Heuer!« wiederholte er, »ach, Mongo, wenn wir erst wieder Schiffsplanken unter den Füßen fühlen!«

»Will mich auch von Herzen freuen, sobald es heißt: Anker herauf!« versetzte der Alte. »Aber jetzt geh du nur in unser Zelt, mein Junge.«

Robert verschwand, und der Neger brachte das Gewehr zurück, wofür er einige Mehlkuchen und einen Napf mit Milch von der alten Frau eintauschte. Robert fühlte indessen durchaus keine Eßlust, sondern konnte noch immer den erhaltenen mächtigen Eindruck nicht wieder verbannen, so daß endlich Mongo die veränderte Stimmung seines jungen Freundes bemerken mußte. »Hast du eigentlich nichts geschossen, Junge?« fragte er. »Das Gewehr war doch mehr als einmal zu hören.«

Unser Freund errötete stark. »Ich habe einen Adler erlegt, Mongo, ein prachtvolles Tier, aber – der Körper fiel zwischen die Klippen, ich konnte ihn nicht erreichen.«

»So wollen wir morgen, wenn dazu noch Zeit bleibt, miteinander hingehen, Bob. Es wäre doch hübsch, als Andenken an diese Eiswüste einen Adlerflügel mitzunehmen.«

Robert schüttelte den Kopf. »Ich habe es versucht, Mongo, – dahin, wo das tote Tier liegt, führt kein Weg. Überall feste granitne Wände, Jahrtausende altes Gestein, und doch rauscht in nächster Nähe der unsichtbare Wasserfall. Weißt du, ich glaube, daß viele dieser Felsen hohl oder doch von Einschnitten durchkreuzt sind.«

Der Alte nickte. »Natürlich. Bob, woher kämen sonst die Sagen und Märchen von den Bewohnern unterirdischer Felshöhlen? – Hier zu Lande hausen die »Trollen« in jedem Gebirge.«

In Roberts Seele stammte bei diesen Worten des Negers der alte trotzige Übermut auf Augenblicke heiß empor. »Mit noch zwölf oder zwanzig tüchtigen Männern, mit Leitern und Stricken und Lebensmitteln versehen, möchte ich die Geheimnisse dieser Felsen ergründen,« rief er, »möchte mir den Durchgang erzwingen, wo sie ihn verweigern, und überall auf den Grund sehen!«

Mongo lächelte freundlich, wie das gereifte Alter gegenüber dem jugendlichen Ungestüm zu lächeln Pflegt. »Überall mein Bob?« wiederholte er, »glaubst du das wirklich? Denkst du, daß dir vorbehalten sei, was Tausende vergeblich mit ihren besten Kräften erprobten?«

Roberts Herz klopfte heftig. »Und warum nicht, Mongo? Einer kann nur der erste sein, das mußt du zugeben. Wenn vielleicht tausend Jahre vor meiner Geburt schon ein verzweifelter, ruheloser Forscher das Rauschen dieses unsichtbaren Falles hörte, und rechts und links, oben und unten, in allen Spalten, allen Klüften das versteckte Wasser suchte, wenn Fieber seine Adern durchströmte und wenn er zehnmal vergeblich dem Tode trotzte, um das Geheimnis zu durchdringen, – ist es darum gesagt, daß kein Sterblicher mehr Glück haben soll als er?«

Mongo beugte sich in der Dunkelheit des Zeltes weit vor und beleuchtete mit der kurzen Pfeife das blasse Gesicht des anderen. »Und glaubst du,« fragte er langsam betonend, »daß es ein so großer Gewinn sein würde, das Innere dieses einen Felsens kennen zu lernen? – Tausende bleiben unerforscht, Rätsel reiht sich an Rätsel, indes du alt wirst, mein Bob, indes andere dir vorauseilen und ernten, wo du säetest. Denk an die Nordpolfahrer, an ihre ungeheuren Anstrengungen bis herab auf unsere Tage. Keiner hat das Ziel erreicht, keiner wird es erreichen, aber viele hundert brave Männer wurden ein Opfer ihres Wissensdurstes, – sie starben, sozusagen an den Pforten des Schöpfungsgeheimnisses, das zu durchdringen dem Menschen nicht bestimmt ist; sie starben mit der verhängnisvollen unerfüllbaren Sehnsucht, einen Schleier zu heben, der ihren Händen entrückt wurde, als sie ihn zu erfassen glaubten.«

Roberts Augen glühten im inneren Feuer. »So wolltest du sagen, daß das Leben zu viel wert wäre, um es für die Ergründung verborgener Tiefen der Natur und des Wissens daranzusetzen, Mongo? Sollten tüchtige Männer, so lange noch ein Fleck Erde unbekannt und unerforscht daliegt, die Hände müßig falten und denken: vielleicht hätte ich bei der Sache meinen persönlichen Schaden?«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Nein,« antwortete er, »nein, gewiß nicht, mein Bob. Aber es ist ein Unterschied zwischen besonnener Forschung und dem Ungestüm, der Gott versucht, indem er alle Schranken niederreißt und kecklich sagt: Ich will!«

Robert schob den hölzernen Napf zur Seite und warf sich der Länge nach auf die Renntierfelle. »Mongo,« seufzte er, »und doch gibt es auf Erden keine größere Seligkeit, als im Bewußtsein feiner Kraft sagen zu können: Ich will!«

Er wiederholte wie in einer Art von Rausch die letzten Worte: »Ich will!«

Eine Pause des Schweigens verging, dann fragte plötzlich der Alte: »Kennst du die Geschichte vom König Belsazar, mein Junge?«

»Nein. Was war's mit ihm, Mongo?«

»Nun, er lebte herrlich und in Freuden, ohne sich um göttliche oder menschliche Gesetze zu bekümmern, nur wie er wollte, und eines Tages sogar, als er erhitzt vom Wein seines Übermutes kein Ende mehr wußte, da schrieb er an die Wand des Saales die kecken Worte »Jehovah, dir künd' ich auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon.« – Aber was geschah plötzlich, indes seine Schranzen und Speichellecker Beifall klatschten? Eine Hand erschien an der Mauer und verwischte die Schrift, nicht einmal, sondern immer wieder, so oft der König den frevlen Ausspruch erneuerte.

Noch in derselben Nacht ermordeten bestochene Diener den Tyrannen.«

»Sieh, mein Bob,« fuhr der Alte fort, »das paßt auf dich und paßt auch wieder nicht. Du bist ein braver Kerl, aber ein Tollkopf, der das Eisen biegen und mit dem Leben spielen möchte. Die unheimliche Hand, welche dem Belsazar Halt gebot, täte auch dir manchmal gut.«

Robert antwortete nichts. Hatte der kluge, alte Mann mit dem schwarzen Gesicht und dem weißen Haar doch tiefer gesehen, als er ihm verstatten wollte? Hatte er in seinem Herzen die verborgene Unruhe gelesen?

Fast schien es so, denn Mongo kam auf das Gespräch nicht wieder zurück. Er sah durch die Spalten der Felle und prüfte ringsum die stille Umgebung. »Es ist Zeit, Junge,« flüsterte er dann. »Mach, daß du hinkommst, schleiche dich vorsichtig auf dem Nebenwege zum Felsen und laß mich sorgen, daß niemand hier eindringt. Die Kerle sind alle verschwunden.«

Robert erhob sich hastig vom Lager. »Auf Wiedersehn!« gab er zurück. »Das Opfer möchte ich um keinen Preis verfehlen.«

Mongo legte die Hand auf seinen Arm. »Aber wenn sie dich entdecken sollten, Bob – du kennst mich! Sobald ich dich rufen höre, antwortet dir das Kriegsgeschrei von Dahomey, und dein Freund kommt mit dem Holzbeil seiner liebenswürdigen Vertrauten, welches er zu diesem Zweck schon in Sicherheit brachte. Dort unter den Fellen liegt es.«

Robert lachte. »Bist ein Querkopf, Alter,« fügte er, »ein richtiger Moralprediger, aber das Herz hast du auf dem rechten Fleck und ich glaube die Faust auch. Möchte mich mit dir, trotz deiner sechzig, nicht erzürnen.«

Der Neger schmunzelte zufrieden. »Kalkuliere, daß du recht hast, Junge. Und war doch vor Mangel und Kälte schon fast umgekommen, wäre längst ein toter Mann, wenn mich nicht dein warmes, junges Blut am Leben erhalten hätte!«

Robert knöpfte die Jacke von oben bis unten übereinander. »Das stimmt, Mongo, aber wo wäre ich, wenn mich nicht dein schwarzer Arm aus dem Wasser gezogen hätte?«

»Im Haifischmagen, junger Spitzbube. Mach, daß du fortkommst.«

Sie trennten sich lachend, und Robert schlich davon; um auf Umwegen an jenen Felsen zu gelangen, von wo aus man die Opferstätte bequem überblicken konnte. Als er näher herankam, zeigte es sich, daß der ganze Stamm mit Ausnahme seiner weiblichen Angehörigen bereits versammelt war, und daß auf dem Felsen, der zur Feier dieses seltsamen Gottesdienstes ausersehen worden, schon ein helles Feuer brannte.

Die Beleuchtung war an diesem Abend nur gerade hell genug, um die benachbarten Zinnen und Kuppen in dunklen Umrissen von dem herrschenden Dämmergrau der späten Stunde abzuzeichnen. Wie ebenso viele Riesenwächter, Ungeheuer aus der Fabelzeit, erhoben rings die alten Berge ihre Häupter, von Wolken verschleiert stand inmitten seines Sternengefolges der Mond am Himmel, und zu Füßen des Opfersteines, neben jenen Runensprüchen ferner Jahrhunderte, scharten sich die dunklen, pelzbekleideten Söhne der Wildnis, um mit entblößten Stirnen ehrfurchtsvoll schweigend ihre Andacht zu verrichten.

Wahrscheinlich hatte der größere Teil derselben daheim im Winterquartier in der kleinen, hölzernen Kirche aus der Hand des wandernden Missionars die Christentaufe und später den Segen der Konfirmation empfangen, aber dennoch betete das Herz zu Jubinal, wie es die Voreltern getan und wie es dem ersten Erwachen des Kindes von Vater und Mutter schon heimlich eingeprägt worden war. Die Christen, d.h. die Skandinavier, hatten Schritt um Schritt das Gebiet der Ureinwohner erobert und sie zurückgetrieben in die unwegsame Steinwüste, sie geknechtet und verachtet, – wie konnte also ihre aufgedrängte Religion die gekränkten Herzen für sich gewinnen?

Heimlich waren es Jubinal und Tiermer, Storjunkar und Peime, die sie auch selbst in den schmucklosen Tempeln verehrten, welche ihnen die Regierung zu Stockholm in ihre Dörfer hineinbauen ließ.

Robert konnte sich bis an die äußerste Brüstung vorwagen und alles überblicken, ohne selbst gesehen zu werden. Das erste was er bemerkte, waren die für das Opfer ausersehenen Tiere, ein weißes Renntierkalb, ein Habicht und ein Hahn, ersteres von einem der Lappen am Seil gehalten und letztere in Körben aus Weidengeflecht. Auch der Zauberer war zugegen, nur konnte ihm Robert seiner Stellung wegen nicht ins Gesicht sehen, sondern gewahrte nur eine Gestalt, die sich in nichts von der der übrigen Männer unterschied, weißes spärliches Haar und ein langes Gewand, das, mit schwarzen Pelzstreifen besetzt, aus dem Fell eines Eisbären gefertigt schien. Den Kopf bedeckte eine übergroße, spitze Mütze, aus Federn und Bast künstlich geflochten und mit Muscheln geschmückt.

In der Hand trug dieser Mann ein großes, blitzendes Messer.

Vor ihm loderte jetzt das von mächtigen Holzblöcken unterhaltene Feuer hoch empor, während er selbst in unbeweglichem Stillschweigen verharrte, und erst nachdem er offenbar ein stummes Gebet beendet, plötzlich das Messer auf den nächsten Felsen legte, um sich mit erhobenen Händen einer bestimmten Stelle in der Steinwand zu nähern. Ein kräftiger Griff schob zwei der kleineren Blöcke langsam zur Seite, – es zeigte sich eine hinter denselben verborgene, finstere Kluft.

Sobald die Sterne wichen, waren sämtliche Lappen auf ihre Kniee gesunken und hatten das Gesicht in den Händen verborgen, als fürchteten sie die körperliche Nähe eines höheren, allmächtigen Wesens, das vielleicht imstande war, sie durch einen einzigen Blick zu töten oder ihre verborgensten Sünden auf der Stirn zu lesen.

Der Zauberer nahm aus dem dunklen Raume eine seltsam geformte, steinerne Puppe von der Größe eines sechsjährigen Kindes und nur den Rumpf darstellend, ohne Arme oder Beine. Uralt, verwittert und grau, war die Gestalt plump behauen, mit einem Kopf, der ohne Hals in gleicher Breite der Schultern aus dem Körper herauswuchs. Das Gesicht zeigte sich abschreckend häßlich, während in der Gegend der rechten Achselhöhle aus dem armlosen Rumpf ein kleiner, stumpfer Hammer hervorragte.

Diesen Götzen setzte der Opfernde mit allen Zeichen der höchsten Ehrfurcht und Vorsicht auf die Mitte der Tischplatte. Dann, nachdem er lange stumm in das häßliche Antlitz gesehen, erhob er den Blick und sprach laut zu den Versammelten einige Worte, die Robert natürlich nicht verstand, die aber offenbar andeuten sollten, daß sich Jubinal in gnädiger Stimmung befinde und daß es seine Verehrer wagen dürften, ihr Antlitz zu erheben.

Robert bemerkte auch sehr bald, wie einer nach dem anderen schüchtern emporsah, wie sich diese, in stündlicher Todesgefahr aufgewachsenen, stündlich mit allen Schrecken der Wildnis ringenden Männer scheu aneinander drängten, wie sie kaum zu atmen, kaum die Köpfe zu erheben wagten, weil eine unförmliche Steinpuppe vor ihnen auf dem Felsentisch stand.

Dann griff der Zauberer zu dem blanken Messer. Ein Wink brachte die Opfertiere in seine Nähe. Zuerst schnitt er dem weißen Kälbchen die Stirnhaare ab, ebenso dem Hahn und dem Habicht die kleinen Federn über den Augen, darauf warf er alle diese Dinge in das Feuer, welches sie knisternd verzehrte.

Hierauf zog er aus den Taschen seines weiten Gewandes eine Handvoll Gerstenkörner und bestreute mit denselben alle drei Tiere, worauf dann das Abschlachten seinen Anfang nahm. Eine Kufe von Holz stand bereit, das Blut aufzufangen, mehrere Männer hielten die zuckenden Glieder der Opfer, und nach wenigen Minuten war dieser vorbereitende Teil des Festes lautlos vorübergegangen.

Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht. Er hatte bis jetzt nichts gesehen, was ihm irgend wie feierlich erschienen wäre; auch den nächstfolgenden Brauch fand er eher widerwärtig als erhebend. Der Zauberer nahm das Holzgefäß mit dem angesammelten Blute und begann ringsumher sowohl den Opferstein als auch den Fußboden und die greuliche Figur zu bespritzen. Bot letztere ohnehin schon einen sehr gräßlichen Anblick, so wurde sie durch die sofort gerinnenden schwärzlichen Tropfen wahrhaft abschreckend. Robert begriff nicht, wie es möglich sei, ein so unschönes Bild anzubeten.

Von diesem Augenblick an wurde indessen die Sache etwas erträglicher. Der Zauberer nahm aus dem Fleisch der getöteten Tiere die Lebern, Herzen und Lungen heraus, dann warf er alles übrige in die Flammen, während er dazu mit lauter Stimme ein Gebet sprach. Dichter, schwarzer Rauch wälzte sich in die Nachtluft empor, Massen von Funken wirbelten auf und ein nahes Echo warf den Schall zurück. –

Noch während die Knochen langsam verkohlten, während der Zauberer immerfort betete, steckte er die herausgenommenen Teile der Opfertiere an einen Spieß, den er über dem verglimmenden Feuer langsam drehte. Von Zeit zu Zeit übergoß er das Fleisch mit einigen stark duftenden Tropfen aus einer kleinen Flasche. Der Geruch, welcher sich entwickelte, war angenehm, aber fast betäubend, Robert konnte sich nicht erinnern, denselben schon früher irgendwo kennen gelernt zu haben.

Und dann begann eine Feierlichkeit, die durchaus dem christlichen Abendmahl glich. Die gebratenen Herzen, Lungen und Lebern wurden in ebenso viele Stückchen zerschnitten als Andächtige gegenwärtig waren, und darauf eine mit Stroh umflochtene Flasche hervorgeholt, die dem Geruch nach einen starken, alten Wein enthalten mußte.

Der Zauberer nahm seinen Platz neben dem Götzenbilde und hielt in einer Hand eine Schüssel mit den Fleischstücken, in der anderen die große Flasche. Auf ein gegebenes Zeichen bewegte sich der erste, dem Eingang zu dieser offenen Kapelle am nächsten stehende Lappe mit scheuem, langsamem Schritt bis vor den Opferstein, wo er demütig und mit auf der Brust gekreuzten Armen das Steinbild begrüßte, um dann von der Platte des Zauberers einen Bissen und aus der Steinflasche einen Schluck zu erhalten. Ihm nach folgte der zweite und so in ununterbrochener Reihe alle Anwesenden.

Während dieser Handlung wurde kein Wort gesprochen, keine einzige unnötige Bewegung gemacht. Schweigend, wie er gekommen, trat jeder Lappe wieder an seinen Platz zurück, und eben in diesem Ernst, dieser strengen Feierlichkeit lag etwas Erhebendes. Das Feuer war fast erloschen, nur zuweilen knisterten und flammten rote Brände noch plötzlich empor, sonst aber versank nach und nach der Holzstoß in graue, stäubende Asche, der Rauch lichtete sich, die Umrisse der dunklen Gestalten verschwammen allmählich und nur jener feine, durchdringende Duft blieb in der Atmosphäre zurück.

Robert fühlte sich tiefer ergriffen, als er selbst es für möglich gehalten. Unwillkürlich erinnerte er sich des Tages, wo er in der Dorfkirche zu Rellingen das Abendmahl empfangen. Wenn auch jenes christliche Sakrament und dieses heidnische Opfer der armen unwissenden Lappen aus ganz verschiedenen Anschauungen entsprangen, beide waren der äußere Eindruck der Religion, des allen Menschenherzen gemeinsamen Bedürfnisses, sich an eine höhere, unbeirrbare Macht schutzsuchend zu lehnen.

Was aber dem jugendlichen Mute, der unschuldigen Unbefangenheit unseres Freundes bisher ganz entgangen war, das lernte er hier in der Wildnis kennen, die geistige und nicht bloß äußerliche Bedeutung eines Gottesdienstes. Allsonntäglich war er früher mit Vater und Mutter zur Kirche gegangen, ohne Widerrede freilich und ohne leichtfertige Gedanken, aber doch auch nur gewohnheitsmäßig, während ihm durchaus nichts gefehlt haben würde, wenn jede Religionsübung unterblieben wäre. Die armen, ungebildeten Hirten dagegen brauchten für die bevorstehenden Käufe und Verkäufe, für den Fischfang und die Reise nach dem Süden vor allen Dingen den Segen und den Beistand Jubinals, sie pilgerten meilenweit durch Wüste und Sumpf, um auf den alten, geweihten Steinen ihrer Vorväter das Opfer darzubringen und ihre Gebete mit denen des Zauberers zu vereinigen. – Es wurde still in seiner Seele, als er daran dachte, und wieder fielen ihm Mongos Worte ein: ›Hüte dich vor dem ungestümen: Ich will!‹ –

Der Gottesdienst des braunen Völkchens war jetzt beendet. Die Steinpuppe wurde hinter den beiden beweglichen Felsblöcken verborgen, die Asche in alle vier Winde verstreut und das hölzerne Gefäß, sowie Schüssel, Messer und Flasche einem der Männer überantwortet. Stillschweigend, wie sie gekommen waren, entfernten sich die Lappen.

Robert hatte im Augenblick ganz vergessen, daß ihn bei etwaiger Entdeckung der Tod mit unbedingter Sicherheit ereilen würde. Sorglos sprang er, nachdem der letzte der Andächtigen verschwunden war, bis an den Fuß des geweihten Felsens, um jetzt, wo kein Hüter mehr im Wege stand, die Örtlichkeit genauer zu besichtigen, namentlich aber das merkwürdige Götzenbild aus nächster Nähe zu betrachten.

Mit der Hand an den verschiebbaren Blöcken hielt er indessen plötzlich inne. War es redlich und zartfühlend gehandelt, hinter dem Rücken der Eigentümer das wohlverwahrte Behältnis zu erbrechen und durch bloße Neugierde zu entweihen, was jene für heilig hielten? – Durfte er da eindringen, wo man ihm den Zutritt unbedingt verweigert haben würde?

Das Bedenken währte nur kurze Zeit, dann hatte Roberts besseres Selbst einen guten Kampf gekämpft, er wandte sich und suchte die Hütte, in der Mongo rauchend saß. »Du,« sagte er nach einer Pause, »das war kein Hokuspokus, wie ich erwartet hatte.«

»Sicherlich nicht, mein Bob. Ich möchte überhaupt keines Volkes Religion mit dieser Bezeichnung verunglimpfen. Eins ist in allen Irrtümern immer wahr, nämlich der Glaube an ein höheres Wesen, – und in dem Einen ist alles enthalten.«

Robert antwortete nicht, nur nach einer Pause sagte er leise »Gute Nacht!« –

Zum erstenmal im Leben empfand er jene ruhige Freude, welche uns die Selbstüberwindung zu gewähren pflegt. Er hatte, obgleich erfüllt von dem Verlangen, das Götzenbild in Händen zu halten, doch freiwillig entsagt, um die Rechte anderer nicht zu verletzen. – Im Traume erschien ihm Mohrs Bild, und der Alte lächelte freundlich. ›Denk immer an mein Schicksal, Kind‹ hörte er ihn flüstern, ›und beherrsche das heiße Blut. Ich kann, was ich muß, das ist das höchste Ziel.‹

Am nächsten Morgen begann mit Tagesanbruch die Zurüstung zum Aufbruch. Als Robert und Mongo aus dem Zelt hervorkrochen, war unten im Tale schon rege Tätigkeit entfaltet. Die Lasttiere standen gekoppelt, die übrigen hatte man mit Glocken versehen, und mehrere Treiber, mit Stöcken und Lassos in den Händen, waren so aufgestellt, daß sie die zusammengetriebenen Tiere erfolgreich an jeder Flucht verhindern konnten.

Wo das Zelt des Zauberers gestanden, da wehte jetzt der Wind über die kahle Fläche. Es war abgebrochen und jede Spur beseitigt, ebenso fand sich unter den Lappen kein einziger, den Robert als jenen eisgrauen Oberpriester der letzten Nacht hätte wieder erkennen können. Alle Männer beschäftigten sich mit dem Abbruch des Lagers oder packten die Renntiere und trugen zusammen, was sie selbst auf ihren eigenen Rücken durch die Wüste schaffen mußten.

Auch ein Wagen, halb Schlitten halb Karre, mit zwei tüchtigen Renntieren bespannt und mit einem ledernen Schutzdach versehen, wurde hervorgezogen; da hinein setzte man die kleinen Kinder und die alten Frauen, sowie etwaige Kranke, während alle übrigen auf ihren eigenen Füßen den Weg über sechzig bis achtzig Meilen zurücklegen mußten. Robert und Mongo halfen überall, so daß gegen neun Uhr morgens, nachdem das Frühstück eingenommen, die kleine Karawane ihren Zug beginnen konnte. Vierzig bepackte Renntiere, alle am Leitseil eines Führers oder einer Führerin, wanderten, zu zwei und zwei gekoppelt, mit der Sicherheit kletternder Ziegen über die Gebirge dahin, obgleich ihre Last keineswegs leicht war. Die Zelte, die Decken, das Brennmaterial, Kochgerät und alle zum Verkauf angefertigten Waren, sowie die gesammelten Pelze lagen auf ihren breiten, geduldigen Rücken, und doch mußten sie, wenn die Stunde der Mahlzeit schlug, sich die spärliche Kost aus Renntierflechten selbst zusammensuchen, mußten sogar stellenweise den Schnee aufscharren, ehe sie zu ihrer Nahrung gelangen konnten.

Die braune Alte verteilte dann warme Milch und Mehlkuchen sowie etwas Fleisch, das zu diesem Zwecke vorher gekocht worden war; der ganze Stamm lagerte sich um den Wagen, und mitten in der Wildnis wurde ein fröhliches Mahl gehalten. Bei solchen Gelegenheiten sah Robert auch den Zauberer, der auf seinem großen gezähmten Renn den Zug eröffnete und dem alle eine gewisse Ehrfurcht bezeugten. Er war offenbar der Eigentümer der Renntierherde, während sich andere ärmere Familien ihm dienend angeschlossen hatten und gegen bestimmtes Entgelt in seiner Begleitung nach den Lofoten zogen.

Die Lappen sind auf solches Zusammenhalten gebieterisch angewiesen, da ihre unüberwindliche Abneigung gegen feste Wohnsitze, und die Unmöglichkeit der Bodenkultur anderseits, sie zum Nomadenleben zwingen, während doch alljährlich durch die Weißen ihr Grund und Boden geschmälert wird, ihre Weideplätze verschwinden und ihre Freiheit immer mehr Beschränkung erleidet. Es ergeht ihnen wie den Indianern Nordamerikas, – langsam aber sicher sterben sie aus. Einstweilen fliehen sie höher und höher hinauf in den unwegsamen Norden, wird ihnen von Jahr zu Jahr die Möglichkeit zu leben schwerer gemacht und müssen sie sich zu großen Familien zusammentun, um bestehen zu können.

Robert wußte seiner Wanderlust keine Grenzen. Die ganze Sache erschien ihm wie der Zug der Israeliten durch die Wüste, dem gelobten Lande entgegen. Jetzt gab es keine Gefahr mehr, sondern nur Beschwerden, und diese machten ihm trotz Mongos Seufzen und Brummen inniges Vergnügen. »Siehst du dies Gebirge?« konnte er sagen. »Da hinüber möchte ich klettern, Alter!«

»So lauf, daß dir die Knochen knacken, du unkluger Geselle. Als ob es noch nicht schlimm genug wäre, durch Sümpfe und über steinige Hügel hinweg zu pilgern!«

Robert lachte. »So sei nicht so unwirsch, Schwarzer. Es ist ja bereits bedeutend wärmer und an geschützten Stellen wächst ab und zu ein Bäumchen. Noch vierzehn Tage, dann haben wir die Weideplätze der reichen Lappenfürsten vor uns, dann folgt noch ein kurzer Aufenthalt in den Lofoten und mit erster Gelegenheit geht es nach Bergen oder Trondjhem, wo immer um diese Zeit eine Menge von Schiffen angetroffen wird. Es gelingt uns ja vortrefflich, Alter.«

»O ausgezeichnet! Nur daß die Sohlen bluten und der Rücken schmerzt. O Jemine, ein Seemann, der meilenweit zu Fuß gehen muß, das ist ja schrecklich.«

Robert unterdrückte einen Seufzer. »Freilich, Mongo,« antwortete er, »wenn wir ein Boot besäßen und Wasser, um darauf zu schwimmen, das wäre angenehmer.«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Ein Schiff, Bob, ein Schiff!« rief er lebhaft. »Wie schrecklich und verhängnisvoll es werden kann, nur Wasser und ein Boot zu besitzen, das läßt du dir nicht träumen. Nein, nein, da lob ich mir noch das feste Land, wenn es auch ein bißchen steinig ist und die Füße zerreißt.«

Robert trat näher an des Alten Seite. »Du,« sagte er, »hast du solch eine Bootfahrt erlebt? – Spinne ein Garn, Exkönig von Dahomey, das hilft dir über die Fußschmerzen hinweg.«

»Meinst du, Schlingel? Ich denke, es ist dazu auch noch früh genug, wenn wir uns abends zur Erholung auf den harten Steinboden strecken.«

Und dabei blieb es. Als die beiden, vom tüchtigen Marsch ermüdet, sich unter ihren Fellen zur Ruhe legten und sich rauchend und plaudernd die Zeit bis zum Einschlafen vertrieben, da erzählte Mongo von seiner verhängnisvollen Bootfahrt.

»Es war auf einem Passagierschiff,« sagte er, »einer Bremer Bark, die Auswanderer nach Australien bringen sollte. Es befand sich darunter auch die Familie eines wohlhabenden Kaufmanns, welcher nach Sidney übersiedeln wollte, bei dem aber unterwegs eine schwere Brustkrankheit zum Ausbruch kam. – Wir hatten eine ausgezeichnete Fahrt und befanden uns bereits im Indischen Ozean. Noch heute weiß ich nicht, wie die Geschichte entstand, aber plötzlich in der Nacht ertönte aus dem Zwischendeck der Ruf: ›Feuer! – Feuer!‹ Du kannst dir die Verwirrung denken, Bob, beschreiben läßt sich das gar nicht. Die Frauen kreischten oder wurden mitten auf dem Deck ohnmächtig, so daß man die armen, hilflosen Geschöpfe wie kleine Kinder forttragen mußte, die Männer kamen fassungslos die Treppe heraufgestürzt und jammerten angesichts des Feuers und des Wassers über ihr schreckliches Schicksal, die Kinder schluchzten, weil sie alle Erwachsenen in Tränen und Aufregung sahen, und das Schiffsvolk endlich arbeitete mit der Hast der Todesangst an den Booten, um diese ins Wasser hinabzulassen und mit dem nötigen Mundvorrat zu versehen. Wir hatten in anbetracht der vielen Menschen eine große Gig und noch drei weitere Boote zur Verfügung, aber was wollte das sagen, wo wenigstens achtzig Personen Platz finden oder mit dem brennenden Schiff in die Tiefe versinken mußten?

Und diese Erkenntnis verbreitete sich unter allen Anwesenden auf das schnellste. In Todesangst drängte sich jeder an die Schanzkleidung, um in das nächste Boot hinab zu springen. Solche Stunden bringen ja auch den Besten außer Fassung und zerstören alle möglichen menschlichen Bande. Da kennt der, hinter dem der Knochenmann die Arme ausstreckt, keinen Freund und keinen Bruder mehr, da stößt er vielleicht den, welchen er noch vor einer Stunde sein Liebstes nannte, mitleidslos zurück, um selbst dem Verfolger zu entrinnen.

Aber unser Kapitän war ein richtiger Mann, ein Kerl, der den Kopf oben behielt auch im stärksten Sturm, und dessen eiserner Wille immer Gehör fand. Er trat mit dem geladenen Revolver unter die erregte Menge.

›Ruhig, Leute,‹ rief er gebieterisch aus, ›noch bin ich der Befehlshaber auf diesem Schiffe und verlange Gehorsam. Obersteuermann, nehmen Sie einen der drei Schiffsjungen, vier Matrosen und sechs von den Passagieren in die Gig. Hier, diesen Herrn mit den beiden Damen und drei Kindern. Gott befohlen, Roland, – kommen Sie glücklich an die nächste Insel.‹ –

Er drückte die Hand des ersten Maaten, der ihm einige leise Worte zuflüsterte, worauf unser braver Kapitän mit einem Kopfschütteln antwortete. Dann wurden vier Mann ausgewählt – darunter ich – der heulende Junge mit Rippenstößen ermuntert und die Passagiere in das Boot hinunter befördert. Mein Bub, das war ein schrecklicher Auftritt. Der Kapitän hatte sich in der Eile verzählt und nur drei Kinder gerechnet, es klammerten sich aber deren vier laut jammernd an die Kleider der Mutter, welche natürlich kein einziges Kind zurücklassen wollte. Da half nichts, der Kapitän mußte nachgeben, obgleich schon die Anzahl von zwölf Personen für unsere Gig eine viel zu große war. Wir stießen so schnell als nur möglich von dem brennenden Schiffe ab, indes der Kapitän mit gespanntem Revolver dem Nachdrängen der Geängstigten wehrte. Ohne diese kaltblütige Entschlossenheit unseres Führers hätten sich zwanzig Menschen zumal in das kleine Fahrzeug gestürzt und es rettungslos untersinken lassen.

So sahen wir denn in augenblicklicher Sicherheit vor dem Tode aus einiger Entfernung zu dem unglücklichen, brennenden Schiff hinüber und konnten beobachten, wie der Kapitän auch die drei kleineren Boote bemannte. In jedes ein Steuerkundiger, ein Matrose, ein Junge und fünf Passagiere, immer Frauen und Kinder zuerst. Als das letzte Boot im Begriff war abzustoßen, wurde der mutige Mann, welcher an sich selbst keinen Augenblick gedacht hatte, von der Mehrzahl der Verzweifelten zurückgeworfen und wenigstens ein Dutzend Männer sprangen über die Schanzkleidung in das Boot hinein. Natürlich entstand ein Getümmel, ein Schreien und Drohen, zuletzt ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens, und dann sank das Fahrzeug vor unseren Augen pfeilschnell in die Tiefe, um bald darauf kieloberst wieder emporzukommen. Einzelne der Ertrinkenden tauchten noch ein paarmal aus dem Wasser hervor, griffen mit den Armen wild über die Oberfläche hinaus und brachten rings das Meer in schnellere Bewegung, – dann wurde es still um das Schiff herum, nur noch einige Matrosen schwammen zu dem gekenterten Boote, richteten es auf und nahmen die Plätze ihrer verunglückten, dem blinden Wahnwitz der Passagiere geopferten Kameraden ein. Der Wind wurde indessen stärker, er blies mit kurzen Stößen in die bereits zum Teil brennenden Segel und trieb so das steuerlose Schiff vor sich her, während die rote, höllische Glut alles in ihren weiten Feuermantel hüllte. Der Kapitän stand mit verschränkten Armen am Heck und grüßte noch einmal zu uns herüber, dann entschwand das Schiff unseren Blicken. Es sauste in fürchterlicher Fahrt, wie von bösen Geistern getrieben, dahin, – wir sahen die brennenden Masten stürzen, einen Augenblick lang verbreitete sich Tageshelle und dann erlosch plötzlich alles. Die See war unaufhaltsam über ihre Beute dahingegangen.

Wir konnten uns dem Mitgefühl für die unglücklichen Kameraden nicht lange ungestört hingeben, denn unsere eigene Lage war bedenklich genug. Die Gig mochte etwa zweiundzwanzig Fuß lang sein und vier Fuß breit, denkt man sich also diesen Raum von so vielen Personen, darunter Frauen und Kinder, eingenommen, dann wird einem der Ernst der Lage vollständig klar. Überdies waren auch die Matrosen von Anfang an mutlos, weil an unser Boot die Unglückszahl ihre schlimmen Fäden geknüpft hatte. Dreizehn Personen! wie konnte das gut gehen?

Ärgerliche Blicke verfolgten das kleinste Kind der Frau, welche sich zu einer Trennung von demselben durchaus nicht hatte verstehen können. Ein Murren durchlief den Kreis der Seeleute. ›Eines ist an Bord zu viel!‹ sagten sie ziemlich ohne Scheu.

Roland, unser Steuermann, ließ aber dergleichen nicht aufkommen, er stellte sofort einen Mann an das Ruder, einen anderen an den Ausguck und den Jungen an das Wasserschaufeln, so daß die beginnende Meuterei im Keime erstickt wurde. Freilich hatte die arme Mutter wohl verstanden, daß man ihr Kind verwünschte, und ein krampfhaftes Schluchzen war die Folge dieser Wahrnehmung. Sie ihrerseits hielt jetzt durch diese Herzlosigkeit der Matrosen das kleine Geschöpf für gefährdet und fiel von einer Ohnmacht in die andere. Nun stelle dir die Geschichte vor, Bob, ein hustender Papa, der seine Isländisch-Moos-Bonbons hinter das verhüllende Wollentuch schiebt, eine alte Großmama, die vor Angst und Schrecken kaum noch ihr Bewußtsein behält, die ohnmächtige junge Frau, das schreiende Baby und drei andere unruhige, krabbelnde Kinder, – dazu ein Seegang, daß uns die Wellen nur immer so in die Gig hineinstürzten und der Junge nicht so viel ausschaufeln konnte, als in derselben Zeit wieder zurückrauschte. Lieber Gott, die Lage der armen Frau war schrecklich, ich habe sie von Herzen bedauert. Dabei war kein trockener Faden an uns allen, die armen Kinder standen bis an die Kniee im Wasser, und jede neue See überschüttete sie mit einem Sprühregen.

Die Schiffsordnung wurde genau innegehalten, der Mundvorrat regelmäßig verteilt und das Wasser so sparsam als möglich verbraucht, aber dennoch schien die Stunde, wo wir alle vor Hunger und Durst umkommen mußten, mit ziemlicher Gewißheit vorauszusehen. Vierzehn lange Tage hatten wir schon in dem gebrechlichen, kleinen Fahrzeug auf hoher See verbracht, die Frauen und Kinder lagen im Fieber, der Schwindsüchtige hustete sich fast zu Tode, aber noch war uns kein Schiff, keine Küste begegnet, und das Wasser in den Fässern begann zu schwinden.

Die Matrosen murrten wieder: ›Dreizehn an Bord! wir treiben wie der fliegende Holländer rastlos über den Ozean dahin und finden kein Land bis in alle Ewigkeit.‹

Roland verbot solche Worte, aber heimlich wurden sie doch geflüstert, nur daß die arme Mutter sie nicht mehr hörte. Ein Fieber hatte ihre Sinne ergriffen, sie lag im heftigsten Delirium, und mußte offenbar immer mit den Schreckensszenen der Feuersnacht beschäftigt sein, denn alle ihre verworrenen Reden bekundeten die Seelenangst, welche sie im Fieberwahn fortwährend wieder durchlebte.

Am fünfzehnten Tage besaßen wir nur noch einige wenige Stücke Brot und keinen Tropfen Wasser mehr, aber – es gab auch eine Person in dem verlassenen, verschlagenen Boote weniger. Die kranke Frau war ihren Leiden erlegen, ohne das verlorene Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Auch der Säugling lag verschmachtend in den Armen seiner stumpfsinnigen Großmutter, die immer noch bei jeder stärkeren Bewegung des Bootes ein ›Ach, du allerhöchster Gott!« nicht unterdrücken konnte. Mein lebenlang werde ich die Leidensgestalt dieser Greisin nicht vergessen, wie sie so wochenlang vor mir da saß, unveränderlich mit dem weißseidenen Hute und dem grauen Kleide, auf dessen Schleppe die Matrosen bei jeder Bewegung traten. Die arme Alte war wie ein Steinbild, sie schien an ihren Platz gewachsen, und selbst als wir die Leiche ihrer Schwiegertochter so schonend als möglich über Bord setzten, indem wir derselben als Geleit ein leeres Wasserfaß mit in die Tiefe hinabgaben, – selbst in diesem Augenblick liefen nur die großen Tränen über das runzelvolle, ganz weiße Gesicht herab, aber sie schluchzte nicht und rührte kein Glied.

Am nächstfolgenden Tage starb auch das Kleine.

Wir waren jetzt an Bord nur noch unserer elf, aber doch schwebte nach wie vor ein Unstern über dem Boote. Unsere Zungen klebten am Gaumen, unsere Lippen wurden schwärzlich und aufgesprungen, unsere Kräfte, schon erschöpft durch den Mangel an Nahrung, drohten uns zu verlassen. Wir erwarteten in einer Art dumpfer Verzweiflung den Tod, die kleinen Kinder schliefen fast immer.

Da, eines frühen Morgens – ich werde den Augenblick nie im Leben wieder vergessen – erhob sich der Matrose am Ausguck plötzlich auf die Fußspitzen. ›Land!‹ rief er mit schwacher, aber vor Entzücken schluchzender Stimme, ›Land!‹

Alles taumelte auf. Unser Steuermann versuchte ein Hurra, das ihm in der Kehle stecken blieb, der Junge fuhr mit beiden Knöcheln seiner Daumen in die Augen, und der hustende Schwindsüchtige fragte in heiserem Tone: ›Ist es das Festland von Australien?‹

Er dachte nur an sich, und trotz seiner schrecklichen Krankheit, die ihn mit einem so sicheren Verderben bedrohte, war Rettung aus der augenblicklichen Gefahr doch der einzige Gedanke, den er fassen konnte, alles andere war ihm gleichgültig.

Die alte Großmutter rührte sich nicht. Sie hatte höchstwahrscheinlich den Ausruf des Matrosen nicht einmal verstanden.

Und doch wiederholten alle von Zeit zu Zeit das erlösende, glückbringende Wort: ›Land! – Land!‹ –

Alle Blicke hingen an dem grünen, baumreichen Ufer, an den immer naher und näher aus dem Wasser hervortretenden Umrissen der Küste. Es grünte und blühte in allen Farben, hohe Wipfel rauschten im Morgenwind, Kletterpflanzen schlangen ihren Arm von Zweig zu Zweig, bunte Vögel, namentlich Papageien, wiegten sich in den Laubkronen, und hier oder da lugte ein Affe aus dem Gebüsch. Dazu die goldenen Sonnenstrahlen und die heitere, gewürzige Luft, die Aussicht auf Wasser, vielleicht auch auf frische Früchte. – kurz, wir waren in einer Art von Taumel.

›Ist es Australien?‹ krächzte wieder der unglückliche Kranke.

Roland war der einzige, welcher vollkommen ruhig blieb und auch jetzt noch die Ordnung aufrecht erhielt. ›Es ist eine Insel, mein Herr,‹ versetzte er, ›wo unser Aufenthalt nicht von Dauer sein kann, weil auf diesen Gebieten Wilde hausen, und zwar ein sehr bösartiger, grausamer Stamm, dessen vergiftete Pfeile auch bei dem geringsten Streifschuß töten.‹

Der Herr erschrak sehr.›Mein Gott, ich gehe gar nicht an Land.‹ stammelte er.

›Das ist auch keineswegs erforderlich,‹ versetzte Roland lächelnd.

Die Küste war inzwischen erreicht, und wir sahen Kokospalmen mit reifen Früchten behangen, Bananen und Feigen. Unser Jubel kannte keine Grenzen.

Ich sage dir, Bob, das ging wie auf Flügeln, bis die reifen Nüsse angebohrt waren und jeder von uns diesen natürlichen Becher an die Lippen setzte. Der alten Frau und den armen kleinen kranken Kindern flößte ich die Labung ein, obschon es bei den letzteren nicht viel mehr nützte, als sie vor dem Ende noch einmal zu erquicken, aber ich dachte immer so lebhaft an meine eigenen Würmchen, die auch einst so schutzlos, fremder Gnade überlassen, in die Welt hinausgestoßen worden waren, und darum erbarmte ich mich der Verlassenen. Ihrem Vater konnten wir trotz alles Zuredens keine Kokosmilch aufdrängen. ›Das reizt den Husten,‹ antwortete er, ›Nüsse sind sehr schädlich.‹

Und dann, nachdem der erste Heißhunger gestillt war, schafften wir Vorräte in das Boot. Zwei Mann gingen mit geladenen Gewehren tiefer in die Wildnis hinein und suchten einen Quell, indes zwei andere die nächststehende, schlanke Palme in aller Eile fällten und die Früchte an Bord brachten. Auch Bananen und Feigen rafften wir zusammen, so viel sich tragen ließ, dann nahm unser Steuermann mit dem Oktanten genau die Sonnenhöhe, zeigte uns auf der Karte, wo wir waren, und nachdem die beiden vorhandenen Fässer mit wundervollem, frischem Wasser gefüllt waren, wollten wir eben vom Lande abstoßen, als uns aus den nächsten Büschen das Kriegsgeschrei der Malaien entgegenschallte und ein Hagel von Pfeilen rechts und links das Wasser durchbohrte. Die halbnackten, gelben Gestalten, die häßlichen Gesichter und das wütende Geschrei übten im ersten Augenblick ihre Wirkung, so daß wir nicht rechtzeitig genug vom Lande abstießen, um einem zweiten Hagel hölzerner Pfeile zu entgehen, obwohl wieder keiner traf. Nur ein einziger bohrte sich in den weißen Hut der Dame, die ihn ärgerlich ergriff und über Bord warf.

Zugleich aber stürzten sich sechs oder zehn Wilde in das Wasser und schwammen aus allen Kräften dem Boote nach, offenbar um es mit der Übermacht ihrer Fäuste zu erobern, der schwindsüchtige Herr stieß einen lauten Schrei aus.

›Leute, Leute, um des Himmels willen, erschlagt die Räuber,‹ rief er.

Unsere Matrosen machten auch wirklich Miene, die Lenkung des Bootes gänzlich fallen zu lassen und den Kampf mit den Malaien aufzunehmen, aber Roland verhinderte rechtzeitig dies tolle Wagnis, welches unfehlbar den Untergang aller im Boot Befindlichen hatte herbeiführen müssen. Auch selbst im Fall eines vollständigen Sieges über die Schwimmenden wäre ja der Anprall vergifteter Pfeile für uns der sichere Tod gewesen.

Seine Befehle, mit festem Tone gegeben, brachten das kleine Fahrzeug in noch schnelleren Flug, und bald hatten wir die Freude, sowohl die schwimmenden Wilden, als auch ihre Geschosse weit hinter uns zurückbleiben zu sehen. Nur das teuflische Kriegsgeschrei gellte uns in ohnmächtiger Wut über den Ozean nach.

Wir hatten aber doch wieder auf mindestens acht Tage Mundvorrat und Wasser, daher verspotteten wir aus sicherer Entfernung die wütenden Gelben und sangen ihnen Spottlieder zu oder warfen Kokosschalen nach den auf und ab tauchenden Köpfen. Der Kranke hustete, daß es in jedem Augenblick schien, als müsse die eingefallene Brust springen.

Und so fuhren wir auf gutes Glück hin weiter. Tag um Tag verging, eine Kokosnuß nach der anderen wurde zersägt, wir alle waren krank von der unverdaulichen Nahrung, und ehe eine Woche seit jenem Besuch auf der Insel verflossen war, starben die unglücklichen kleinen Kinder aus Mangel an passender Pflege vor unseren Augen hin, ohne daß wir die Mittel besaßen, sie zu retten. Am neunten Tage hatten wir wieder keinen Tropfen Wasser mehr und lagen bei fast völliger Windstille in Verzweiflung auf dem Boden des Fahrzeuges.

Nur Roland behielt den festen, unerschütterlichen Mut. Er zeigte uns auf der Karte, wo sich das Boot befand und daß wir dem kleinen Hafen von Plangei auf Sumatra ganz nahe sein müßten, ja, daß das Land in jedem Augenblick sichtbar werden könne, aber – seine Worte machten keinen Eindruck. Mit schmerzendem Kopfe, trockener Zunge und dem Tuben des Fiebers in allen Adern ist es dem Menschen unmöglich, andere als sinnliche Wahrnehmungen zu machen. Wir dachten nicht mehr, sondern gaben uns ohne Gegenwehr der tiefsten Mutlosigkeit hin.

Es wurde Nacht, die See ging hoch und höher, der Sturm entfesselte seine weißen Schwingen und noch einmal erbarmte sich Gott der Verschmachtenden, – Ströme von Regen sielen herab auf unsere brennenden Stirnen, wir konnten trinken, trinken!

Mein Bob, du ahnst nicht, was es heißt, langsam zu verdursten. Die schwerste Krankheit, der heftigste Schmerz sind dagegen Kinderspiel.

Roland nickte sehr zufrieden. ›Jetzt gebt acht, Leute,‹ rief er. ›Es zieht ein Gewitter herauf, und wo die Blitze herabfahren, da ist Land.‹

Neu erfrischt und belebt hoben sich alle Köpfe. Wir waren bis auf die Haut durchnäßt, unsere Füße standen bis über die Knöchel im blanken Wasser, aber das ließ sich doch immer noch weit besser ertragen als vorher der quälende Durst. Neugierig sahen wir unserem derzeitigen Schiffsführer über die Schulter, als er in der Dunkelheit einen noch dunkleren Punkt bezeichnete ›Ich möchte wetten, daß dort das Ufer liegt!‹ rief er.

Wir strengten unsere Augen an und rieten hin und her, bis plötzlich der erste, gelbe Blitz über den Horizont dahinlief und gedankenschnell herabzuckte, dann jubelte der Steuermann ein lautes Hurra.

›Seht ihr's, Kinder, seht ihr's Dort ist Land.‹

›Wissen Sie das gewiß, Herr?‹ fragte einer der Matrosen.

›So gewiß, wie man überhaupt derartige Regeln aufstellen kann,‹ versetzte Roland. ›Nur ausnahmsweise schlägt der Blitz in der Nähe des Landes ins Wasser. Aber für diesen Fall befürchte ich nichts, da der elektrische Funke immer die gleiche Richtung verfolgt. Vor uns ist Land!‹

Diese sichere Überzeugung verfehlte ihre Wirkung keineswegs, obwohl eine neue schwere Sorge die Kräfte aller in Anspruch nahm. Wir hatten auf schwankem Boote, ohne mehr als ein einziges Segel und ohne eine Notspiere den andrängenden heftigen Gewittersturm zu bestehen, oder wir ertranken im Angesicht der Küste. Es fragte sich jetzt, welche von beiden Möglichkeiten über die andere den Sieg davontragen würde.

Blitz und Donner rasten immer stärker, der Sturm heulte und der Regen floß in Strömen herab, aber doch waren wir voll retteten Passagiere des verbrannten Schiffes an das bremensche Konsulat abzuliefern und zu Protokoll zu geben, was im Boote geschehen war, seit es schutzlos den Ozean durchpflügte. Von den drei kleinen Booten, die mit uns zugleich abstießen, hatten wir ja, wie ich zu erzählen vergaß, nie etwas wiedergesehen.«

Robert hatte mit lebhaftem Interesse diese Schilderung des Alten angehört und bei den letzten Worten desselben erschrak er. »Und ihr erfuhrt auch später nichts, Mongo?« fragte er voll Teilnahme.

»Doch!« nickte der Neger. »Ein aus der Sundastraße kommendes Schiff hat die vier treibenden, gekenterten Boote aufgefischt und eingeliefert. Sie trugen sämtlich den Namen ›Susanna,‹ erwiesen sich also dadurch als die zu der verbrannten Bark gehörigen kleinen Rettungsboote, – aber von den Insassen war keiner erhalten geblieben. Gottes Wege sind unerforschlich, mein Bob. So viel junges, blühendes Leben raffte die Vernichtung in wenigen Stunden dahin, und zwei Menschen, die dem Tode bereits bedingungslos verfallen waren, blieben für den Augenblick unversehrt. Wir brachten sowohl die blödsinnige alte Frau, als auch den kranken Mann wohlbehalten nach Padang, wo sie der Konsul in Empfang nahm und mit dem nächsten Dampfer nach Hause schickte. Wir Seeleute erhielten die Heuer ausbezahlt, man sammelte für uns und tat alles Mögliche, um uns die Leiden dieser schrecklichen Reise vergessen zu machen, dennoch aber wird mir jede Einzelheit derselben ewig im Gedächtnis bleiben. Was wir wahrend der Dauer jener Unglücksfahrt ertragen, das spottet aller Schilderung und laßt sich fürchterlicher nicht denken.«

Robert zog seine Decke über die Schultern herauf. »Ich glaube es dir, Mongo,« nickte er. »Die Tatlosigkeit, die enge Gefangenschaft auf so kleinem Raume muß ganz entsetzlich gewesen sein. Ich wäre gewiß –«

»Nun?« fragte nach einer Pause der Alte.

»Nichts. Mongo. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, mein Söhnchen.«

Die beiden schliefen Seite an Seite unter den warmen Renntierfellen, bis am nächsten Morgen das gewohnte Zeichen, eine Art von Kuhhorn, mit seinen melancholischen Brummtönen zur Weiterreise mahnte. Fort ging es über Berge und Täler, und mit jedem neuen Sonnenschein entfaltete sich alles ringsumher zum Erwachen, zum Leben. Der Boden verlor die Felsbildung, der Wind hörte auf, Kälte und Regen mit sich zu führen, die Umgebung begann zu grünen und zu blühen, während der Baumwuchs von Meile zu Meile erstarkte. Es gab jetzt schon Kiefern, Birken und schlanke Tannen, weiterhin sogar einige kleine Eichen, es wurde wärmer, als die Wandernden im Interesse ihrer Lungen eigentlich wünschten, und dann zuletzt kam der Tag, wo man bei dem großen Lappenlager am Fuße des Kilpis angelangt war. Die Maalself stürzte vom hohen, stumpfen Kegel mit donnerndem Rauschen in ihr steinernes Bette herab, die Abhänge des himmelhohen Felsens erhoben sich kantig und zackig in düsterer Majestät bis zu den Wolken fast empor, und hohe Bäume ragten im Schmuck des jungen Grün aus dem tiefen Tale herauf. Hier war jeder fußbreit Boden das fruchtbarste Ackerland, hier bedeckte ein ununterbrochener samtner Rasen die Erde, und wohin das Auge traf, da begegneten ihm käuende oder bequem ausgestreckte Renntiere, die sämtlich mit Glocken versehen waren und deren weitgedehnten Futterplatz man sorgfältig eingefriedigt hatte.

Zur Seite des Wasserfalles an einer besonders geschützten Stelle erhoben sich die Wohngebäude, die Stall- und Arbeitsräume der Lappen, alles nur riesige Zelte, mit vier Stämmen in der Erde befestigt und durch Pflöcke gehalten, aber von geteertem oder geöltem Segeltuch und mit der vortrefflichsten Ausstattung versehen. Wie bei dem wandernden Stamme in allen Stücken die bitterste, trostlose Armut zutage trat, so herrschte hier bei den reicheren Verwandten ein offenbarer Wohlstand, welcher sich namentlich in der Kleidung ausprägte. Anstatt der rohen, ungeschlachten Säcke aus Fellen trugen diese Hirten und Hirtinnen das Kostüm der weißen Kolonisten, nämlich die ersteren das blusenartige Jagdhemd mit tuchenen Beinkleidern, großen Lederstiefeln und schwarzem, spitzem Hut, den eine Adlerfeder schwankend überragte, – und die Frauen das braune oder helle Kleid mit langen Flechten und einer breiten schneeweißen Schürze.

Die geöffneten Türen des großen, vorderen Zeltes zeigten im Innern desselben eine vollständig eingerichtete Meierei. Es wurde Butter und Käse bereitet, man scheuerte die blanken Geräte und kochte an einem riesigen Feuer für die ganze große Schar das Mittagsessen.

Roberts Blicke hafteten voll Entzücken an dem lebensfrischen, erheiternden Bilde. Überall reges Treiben und Schaffen, überall Bewegung, Singen und Lachen. Von der nahen See herüber brachten einige Männer ein tüchtiges Gericht Fische, andere schlachteten ein Renntier, und wieder an dritter Stelle unterhandelte ein weißer, behäbiger Herr, offenbar ein Engländer, mit musternden Blicken um den Ankauf des schönsten Tierpaares, das er wahrscheinlich für irgend einen zoologischen Garten bestimmt haben mochte.

Kurz, es hatte hier alles ein durchaus anderes Ansehen als bei den armen Nomaden, die im Winter Handschuhe stricken und Zwirn- und Holzgeräte arbeiten, um dasselbe im Frühling gegen die unentbehrlichsten Lebensmittel und Hausgeräte bei dem Krämerkolonisten einzutauschen, und dennoch trotz aller Mühe ewig dessen Schuldner zu bleiben. Dieser Stamm sprach ein fast reines Dänisch, er trieb bedeutenden Handel und stellte zu den Fischern, welche jahraus jahrein die Lofoten besuchen und Tausende von Silberspezies aus dessen nassen Tiefen hervorholen, eine bedeutende Anzahl seiner Angehörigen.

Der Zauberer verließ, als man den Lagerplatz erreicht hatte, sein Reittier und näherte sich, allen übrigen voran, dem Wohnzelt, das höchst wahrscheinlich einem Anführer oder besonders reichen Manne gehören mochte. Schon sehr bald kam er zurück, begleitet von einem Lappen, der ihm Zeltplätze anwies und der dann die Herde einer Musterung unterwarf. Jedem Tier, welches den übrigen zugesellt wurde, schnitt er ein Zeichen in das Haar, diejenigen aber, deren Alter sie als Milchlieferanten nicht länger tauglich erscheinen ließ, wurden zum Schlachten bestimmt und in einem gesonderten Raum verwahrt. Alles, was Robert sah, deutete auf höchste Ordnung und Wohlhabenheit.

Von ihm selbst und seinem schwarzen Gefährten mußte der Zauberer auch gesprochen haben, da sich der junge Lappe, nachdem er die Tiere besorgt, den beiden näherte und ihnen seine derben, braunen Fäuste darbot.

»Ihr seid willkommen,« sagte er in einer Sprache, die so sehr an die dänische erinnerte, daß ihn Robert sofort verstand. »Bleibt unsere Gäste, so lange es euch beliebt und seid zufrieden mit dem, was wir bieten können, einen redlichen Sinn und einfache Kost. Hier ist niemand reicher als der andere, hier sind keine Herren und keine Diener, sondern jeder findet sein bescheidenes Teil an den Gaben Gottes. Kommt in das Zelt meines Vaters und eßt und trinkt.«

Robert schlug sofort ein. Freilich klang die Rede des jungen Burschen etwas blumenreich und außergewöhnlich, aber doch so vertrauenerweckend, daß er sie dem Neger übersetzte und dann mit ihm in das Zelt ging, wo Renntiermilch, Bärenschinken und eine kalte gebratene Renntierkeule, sowie die bekannten Mehlkuchen den Fremdlingen vorgesetzt wurden. Nach wenigen Stunden schon waren beide mit den neuen Bekannten bestens befreundet, und Helge, der Sohn des alten Stammführers, hatte ihnen versprochen, sie schon morgen nach dem Westfjord mitzunehmen, wo jetzt die getrockneten Fische von den Stangen gehoben und eingeheimst wurden, nachdem sie seit März der Sonne und dem Wind ausgesetzt gewesen.

Für diese letztere Arbeit, sowie für das Verladen und Packen der Ware trafen die Wanderlappen hier ein, indes die Männer von der ersten Reise, dem Märzfischzug, bereits wieder in die Einöde gegangen waren, um dort wahrend der Sommermonate zu ernten, was der kurze Sonnenschein dem Boden abgerungen, um zu jagen und die Stammtiere der zahllosen Renntierherden zu weiden. Ewig unterwegs, lebt ja und stirbt der Lappe auf der Wanderschaft über die Gebirgszacken und Steinbrüche seiner öden Heimat.

Robert sprang vor Vergnügen, während Mongo den ganzen Tag ausruhte und sich von den Strapazen des Spazierganges durch hundert Meilen wieder zu erholen suchte. »Hier sind Lebensmittel im Überfluß,« sagte er, »ich brauche also kein Brennholz zu spalten oder Wasser herbei zu schleppen, wie damals oben in dem verwünschten Gebirge, wo eine Zwiebel schon ein Leckerbissen war und ein Stück gekochtes Leder ein Feiertagsschmaus. Meine alte Freundin sitzt, wie ich sehe, auch den lieben, langen Tag im Sonnenschein ohne zu arbeiten, – ich mache es wie sie.«

Robert lachte und bestieg mit Helge die großen, geduldigen Renntiere, welche sie nach dem Westfjord bringen sollten. Seine Reitkunst war zwar seit Pinneberg nicht mehr geübt worden, so daß er wie ein richtiger Seemann auf dem Rücken des Tieres hing, das heißt wie eine Feuerzange auf dem Rost. Helge lachte unbändig, aber schon nach kurzer Zeit hatte unser junger Freund den anfänglichen Schrecken überwunden, die Hörner des gutmütigen Tieres losgelassen und sich straffer aufgerichtet. »Habe ich doch nie im Leben gehört, daß die Renntiere zum Reiten benutzt werden,« sagte er. »Ich hielt sie nur für milchgebende Kühe, deren Fell und Fleisch man wie das der Rinder verwendet.«

Helge nickte. »Ist auch ganz so wie du sagst, Herr,« antwortete er. »Die gewöhnlichen Renntiere aus den Finnmarken setzen ihren Reiter sogleich ab oder lassen überhaupt solchen Versuch nicht erst zu, aber die von der Halbinsel Kola, eine größere, zahmere Sorte, die indessen selten eingefangen wird, eignet sich zum Reiten ganz besonders. Du kannst ruhig sein, als säßest du auf deiner Mutter Schoß, der Tiermer wird dich nicht abwerfen.«

Robert sah auf. »Tiermer?« wiederholte er, »das Wort habe ich schon häusig gehört. Was bedeutet es?«

Der Lappe sah ihn mißtrauisch an. »Weiß nicht, Herr,« antwortete er kurz. »Ist eben ein Name wie deiner und meiner auch.«

»Du sollst mich nicht Herr nennen, Helge,« rief unser Freund. »Ich heiße Robert, gewöhnlich abgekürzt in Bob!«

Der Lappe neigte lächelnd den Kopf. »Aber du bist ein Weißer,« sagte er, »und du verachtest, wie alle deine Brüder, die armen, schmutzigen Bewohner der Wüste.«

Robert lachte hell auf. »Ich und jemand verachten!« rief er. »Überhaupt tut das kein Deutscher, mußt du wissen, mein lieber Helge. Wir schätzen den Mann nach seinem Verdienst, aber nicht nach seiner Farbe.«

Der junge Lappe seufzte tief. »Dann möchte ich, daß die Finnmarken anstatt an das Norrland lieber an deine Heimat stießen, Bob. Hier haben die Samelads in ihren Nachbarn keine Freunde, sondern sie sind geduldet wie die Tiere der Wüste, da man sie nicht töten darf.«

Robert schwieg. Er dachte an das heidnische Opfer hoch oben auf den Felsspitzen der äußersten Eismeerregion, an das steinerne Götzenbild und die Blutstropfen auf dem abschreckenden Antlitz desselben, er glaubte plötzlich den feinen Wohlgeruch wieder zu atmen und sah die braunen Gestalten, wie sie sich vor dem Bilde Jubinals tief verneigten und dann das sonderbare Abendmahl aus den Herzen der Opfertiere empfingen – –

Dabei hatte er das »Tiermer« gehört, er wußte es jetzt gewiß.

Schweigend ritt er mit seinem Begleiter vorwärts. Der breite Westfjord schimmerte schon von weitem herüber, als er das erste Wort sprach: »Bist du ein Christ, Helge?«

Derselbe mißtrauische Blick von vorhin streifte ihn wieder. »Wir sind alle Christen, Herr,« versetzte der Bursche.

»Auch der Stamm, mit welchem ich hierher kam?«

»Auch dieser. Wo trafst du übrigens meine Brüder?«

»Am Eismeer,« antwortete Robert. »Hoch oben im unwegsamen Gebirge, das der Neger und ich überklettert hatten.«

»So, so. Rastete der Stamm an dieser Stelle?«

»Einige Tage lang. Ich konnte mit niemand sprechen, weiß also nicht, zu welchem Zweck. – Aber sag mir doch,« setzte er in der Absicht, den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln, hinzu, »sag mir doch, wie dein Renntier heißt, Freund Helge.«

Der junge Lappe schien einen Augenblick zu zögern, dann aber heftete er den Blick auf Roberts Gesicht und antwortete ruhig: »Das Tier heißt Jubinal.«

»Jubi –«

Robert ließ den Namen unvollendet. Er besann sich zur rechten Zeit, daß es gefährlich und undankbar zugleich sein würde, die Geheimnisse der armen Nomaden auszuplaudern. »Es kam mir wieder so vor, als hätte ich auch dies Wort schon einmal gehört,« sagte er nur. »Vielleicht heißen viele Tiere so.«

»Sehr viele,« war die einsilbige Antwort.

Wieder stockte das Gespräch, und Robert wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Westfjord zu. Da sah er an langen Stangen am Ufer die Millionen getrockneter Fische in der Luft schweben und überall unter denselben die arbeitenden Männer, welche diese reichliche Beute in Sicherheit brachten.

In den Buchten lagen zu Tausenden die Fischerboote und weiterhin auf freiem Wasser die Jachten, welche den Ertrag des Fanges nach Tromsö bringen. Robert sah voll sehnsüchtigen Entzückens die schlanken Fahrzeuge mit weißem Bug und weißen, glänzenden Segeln. »Helge,« sagte er, »kennst du keinen von allen diesen Kapitänen?«

Der Lappe nickte. »Kenne sie alle, Herr. Sind die Krämer von den Ansiedelungen in den Schluchten und an den Fjords, jeder führt sein eigenes Schiff.«

Robert sah sehr erstaunt aus. »Krämer?« wiederholte er. »Und diese Männer sind zugleich auch Seeleute?«

»Freilich. Seefahrer, Großhändler, Geldbesitzer, Krämer und Viehzüchter, alles zugleich. Hier ist nur der etwas wert, welcher die rauhe Gegend und das rauhe Wetter auf sechserlei Weise auszubeuten versteht. Eine könnte ihn nicht ernähren.«

Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht. »So hat also wohl jede dieser Amphibien, die mit dem Segeltuch und der Krämerschürze zugleich hantieren, ihre Schiffsbesatzung fix und fertig in Knechten und Lehrjungen dastehen!« rief er verächtlich aus.

»Du sagst es, Herr!« antwortete der Lappe.

»Und fremde, wirkliche Matrosen werden nicht geheuert?«

»Auf diesen Jachten, nein. Du mußt dich in Bergen nach einem Schiffer umsehen. Sie sind vorhanden aus aller Herren Länder.«

Robert atmete auf. »Helge, wüßtest du uns bald Gelegenheit dahin?« fragte er den jungen Lappen.

Dieser zuckte die Achseln. »Müssen sehen, Herr.« versetzte er.

Robert begriff nicht, weshalb der junge Mensch plötzlich so verändert und schweigsam erschien. Helge hatte offenbar anfänglich großes Gefallen an ihm gefunden, und jetzt war er fast kalt geworden. Nachdem das Ziel erreicht und die Renntiere an einen Baum gebunden, näherte er sich unserem jungen Freunde. »Du bleibst an meiner Seite, Herr!« sagte er leise, aber im Ton eines Befehls. »Begleite mich, ich habe mit jenen Männern zu sprechen.«

Dabei deutete er mit der Rechten auf eine Gruppe von Lappen, welche auf langen Holzbänken die gedörrten Fische zu einzelnen Haufen schichteten und bei dieser Arbeit laut sangen oder sprachen, während sich der salzige, unangenehme Geruch weithin bemerkbar machte. »Wir reiten in einer Viertelstunde zurück,« fügte er bei.

Robert schüttelte den Kopf. Etwas in ihm sträubte sich gegen diesen Ton. »Ich bleibe am Strande,« versetzte er, »und zwar um womöglich mit einem der Schiffer zu sprechen.«

»Das verbiete ich,« beharrte der Lappe.

»Du? – Mit welchem Rechte?«

»Ich zwinge dich dazu! – Du bist ein Gast im Zelt meines Vaters, du bist ein deutscher Bettler, den die Wellen an unseren Strand warfen, das vergiß nicht.«

Roberts Blut schoß heiß in seine Wangen. Das Wort »Bettler« beraubte ihn wieder einmal aller seiner wenigen Besonnenheit. Ehe sich der Lappe dessen versah, brannte auf seinem Gesicht ein Schlag, der ihn fast zu Boden geworfen hätte. »Nimm das von dem Deutschen!« rief zornig unser Freund. »Und wenn du dich mit mir zu messen wünschest, so komm! Wir werden ja sehen, wessen Muskeln stärker sind, die des Bettlers, oder die des Unverschämten, der da glaubt, für ein Stück Brot, welches er verschenkt, den Empfänger beleidigen zu dürfen.«

Er stand mit blitzenden Augen und geballten Fäusten vor seinem Gegner, der zwar wütend wie ein gereiztes Raubtier dreinschaute, aber dennoch keine Miene machte, die empfangene Ohrfeige zurückzuzahlen. »Bist du auch noch ein Feigling dazu?« rief er.

In diesem Augenblick legte sich von hinten die Hornspitze einer langen Pfeife auf seine Schulter, und als er sich umsah, bemerkte er einen älteren Mann in Schiffertracht, der mit spöttischer Miene den ganzen Auftritt beobachtet hatte.

»Schlagen sich zwei junge Narren auf offener Heerstraße!« sagte er spöttisch lachend.

»Der Lappe hat mich beleidigt!« rief hoch errötend unser Freund. »Er hat mich einen Bettler genannt, weil ich schiffbrüchig an diese Küste geworfen wurde und auf der Wanderung vom Eismeer hierher notgedrungen das Brot der schmutzigen Horde essen mußte. Ist das gut und gerecht, Herr?«

Der Mann antwortete nicht. Seine blauen; klugen Augen forschten in dem Gesicht des Lappen. »Warum tatest du das, Helge?« fragte er.

Es erfolgte indessen von seiten des jungen Renntierhirten keine Auskunft. Seine Züge behielten den düsteren Ausdruck, aber er schwieg vollständig.

Der Norweger lächelte schlau. »Du bist also am Nordkap gestrandet?« wandte er sich zu unserem jungen Freunde. »Als Walfischfänger natürlich? Und da oben trafst du die Lappen?«

»Ja, Herr.«

»Wir kennen hier keine Herren, Bursch. Ich bin der Patron Gulbrandson, damit kannst du auskommen. – Und du, Schlingel,« redete er den anderen an, indes sich der breite Mund zum Grinsen verzog, »du fürchtest, daß dieser schlagfertige junge Recke überall ausplaudern möchte, was höchst wahrscheinlich da oben in der Eiswüste passiert ist, nicht wahr? Oder denkst du, daß deine schmutzigen Gesellen am Nordkap, wo kein Baum wächst und kein Leben gedeiht, – zu Jesus Christus gebetet haben, he?«

Helge sah mit mißtrauischem Blick empor. »Wir sind alle Christen, Patron Gulbrandson,« antwortete er düster.

»Aha! dachte wohl, daß ich den Nagel auf den Kopf getroffen hätte,« lachte der Norweger. »Ist nicht angenehm, für Götzendienerei und Heidenkram vor den Amtmann berufen zu werden und in das Gefängnis zu wandern, wie? Kann mir das lebhaft denken, und kein Jubinal und kein Tiermer schützt davor, wenn's herauskommt. Würdest aber doch nicht hingehen und wie ein altes Weib ausschwatzen, was du gesehen hast, Bursche, ist's nicht so?« wandte er sich an den erstaunten Robert, welcher jetzt erst den Zusammenhang der Dinge vollständig begriff.

Eine Handbewegung antwortete ihm. »Ich weiß nichts!« rief der junge Matrose, »aber wäre es auch der Fall, so brächte mich keine Macht dazu, den Verräter zu spielen. Pfui, solche Erbärmlichkeit. – Das kann nur der vermuten, welcher weiß, daß er es bei nächster Gelegenheit selbst so machen würde.«

Patron Gulbrandson lachte. »Du gefällst mir,« nickte er. »Willst sicherlich eine Heuer annehmen, nicht wahr? Möchtest nach Bergen fahren, denke ich.«

»Ja, ach ja. In das Lager der Lappen gehe ich nicht wieder zurück, und sollte ich hier verhungern müssen. Nehmen Sie mich mit nach Tromsö, Patron.«

Der Norweger rauchte in großen Wolken. »Kennen hier zu Lande gar kein »Sie«, brummte er. »Ist das dänische und deutsche Sitte, wir mögen's nicht. Nennt einer den anderen du und wenn's der Amtmann von Tromsö selber ist. Aber du gefällst mir, Junge, habe dir's ja schon gesagt, ist Mut in dir und eine kecke Art, mag dich leiden, mit einem Wort. – Meine Jacht geht morgen nach Tromsö unter Segel, und wenn du mit willst, so stelle dich ein, ich erlaube es. Aber vorher noch Frieden mit diesem Burschen hier. Der Mensch soll nicht im Zorne scheiden, und wäre es auch von einem gelben, schmutzigen Lappen.«

Da drehte sich Helge plötzlich ab, und rannte wie ein Hase in Sprüngen zu den Renntieren, deren Halfter er durchschnitt und sich auf den Rücken des einen schwang.

Mit einem wilden, gellenden Schrei, raubvogelartig und doch menschlich boshaft, sprengte er in das Gebirge zurück. Wie der Blitz schoß ihm Tiermer, das ledige Renn, auf den Fersen nach.

»Fort ist er!« sagte Olaf Gulbrandson. »Sie sind nicht zu trennen, die drei Gestalten, in welchen sich ausschließlich das Leben der Eiswüste offenbart, die Heidengötter, die Lappen und ihre Renntiere. Sie gehören zusammen, und wenn bis zum jüngsten Tage von unserem Herrn und Heiland gepredigt werden würde.«

Er hatte das mehr für sich als zu seinem jungen Begleiter gesprochen. Jetzt erst sah er, daß Robert mit Leichenblässe dem dahinjagenden Hirten nachblickte. »Nun?« rief er, »was ficht dich an, Junge? Siehst ja aus, wie ein altes Weib, das im Gebirge dem Trollen begegnet ist!«

Robert gab ganz verstört den erstaunten Blick des Patrons zurück. »Leb wohl,« sagte er, »ich muß fort, kann mich nicht länger aufhalten, Patron. Da oben bei den Lappen ist noch ein Gefährte von mir, ein alter Neger, den ich nicht verlassen darf!«

Er wollte forteilen, aber Olaf Gulbrandson hielt ihn am Arm zurück. »Du bist nicht gescheit, Junge,« rief er, »denkst, daß es dir möglich wäre, zu Fuß über die Fjellen zu laufen?«

»Ich muß, und wenn ich erliegen sollte. Sie könnten den Alten ermorden.«

»Pah! das fällt ihnen nicht ein. Sie bewachen ihn, bis er auf einem Schiff sitzt und der Stamm ins Innere des Landes zurückgeht. Wer hieß dich denn auch, ihm von dem Baalsdienst seiner Genossen zu erzählen?«

»Das habe ich nicht getan!« rief lebhaft der Matrose. »Du sollst mir keine solche Unzartheit zutrauen, Patron! Ich wußte noch nicht einmal, was der Lappe dachte, als er schon aus diesem und dem zusammengesetzt hatte, daß ich – Nun, meine Schuld ist es nicht. Aber den Neger muß ich auf freien Füßen sehen, daher kann ich leider von deinem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen, Patron Gulbrandson. Ich danke dir nochmals, und nun laß mich fort, hörst du.«

»Das tu ich nicht. Junge, du läufst in dein Verderben hinein, blind und toll wie ein Verrückter. Zehn Wege öffnen sich hinter den nächsten Felsen deinem Blick, fünf Stunden müßtest du marschieren, auch wenn es dir gelänge, dich zurechtzufinden, also gib den Plan auf. Der Neger wird nicht gemordet, ich, Olaf Gulbrandson, stehe dir dafür.«

Robert schüttelte den Kopf. »Sind die Norweger so treulose Freunde, daß du mir raten kannst, den Gefährten im Stich zu lassen und selbst das Glück für mich allein beim Schopf zu nehmen, indes sein Schicksal von der Großmut einiger Wilden abhängt, – Patron Gulbrandson, sind sie das wirklich?«

Der Schiffer runzelte die Stirn. »Sind alle Grünschnabel in Deutschland so keck, alten Leuten derartige Fragen zu stellen, Bursche?«

Robert wandte sich ab. »Lebewohl, Patron, ich danke dir nochmals für dein freundliches Anerbieten, obgleich ich dasselbe leider nicht annehmen kann. Wenn Mongo und ich hier an Ort und Stelle sind, so wird deine Jacht bereits die Anker gelichtet haben. Glück auf die Fahrt.«

Er grüßte und ging ohne weiteres fort, den Spuren der beiden galoppierenden Renntiere nach. Olaf Gulbrandson schob die Pelzmütze auf den Hinterkopf zurück, rauchte wie ein Fabrikschornstein und sah sprachlos vor sich hin, bis Roberts schlanke Gestalt seinen Blicken zu entschwinden drohte, dann ermannte er sich.

»Hallo, Junge,« rief die gewaltige Stimme, »hast du denn rein den Teufel im Leibe? Ich will dir helfen, dir Leute mitgeben, hörst du? Komm zurück, Schlingel.«

Robert stand unschlüssig still, als er aber den Norweger mit langen Schritten nachsetzen sah, kehrte er um und ging ihm entgegen. »Sprichst du im Ernst, Patron Gulbrandson?« fragte er. »Sonst halte mich nicht auf; es würde zu nichts nützen.«

Der Norweger hatte sich außer Atem gelaufen. »Ich scherze nie, Junge,« antwortete er, »aber am allerwenigsten in ernsthafter Angelegenheit. Du sollst ein paar Kerle haben, die des Weges kundig sind, und Brot und Fleisch auf die Wanderung, sonst könntest du nicht lebend in das Lappenlager kommen. Wart ein bißchen!«

Sein gellender, langgezogener Pfiff rief aus einem der Boote mehrere Männer herbei, welche in ledernen Kleidern, mit schweren Stiefeln und Pelzmützen an Land kamen, begleitet von einer ganz kleinen, länglichen Hundeart, die sie zum Vogelfang zwischen den Klippen verwendeten. Es waren sogenannte »Quäner«, Mischlinge von Lappen und Weißen, also der Natur der Sache nach die glühendsten Feinde der gelben Rasse.

Olaf Gulbrandson schien diese Leute in seinem Lohn und Brot zu haben, denn er befahl ihnen mit kurzen Worten, den nötigen Mundvorrat aufzupacken und den jungen Matrosen in das Lappenlager zu führen. Heimlich flüsterte er dabei noch einige Worte, die Robert nicht verstand.

Die Vogeljäger gingen zu einer Bretterhütte am Strande und kamen dann sehr bald zurück, auf den Schultern eine Art von Lederranzen und in den Händen lange, eisenbeschlagene Stöcke. So gerüstet begaben sie sich mit Robert, nachdem dieser nochmals herzlich gedankt, auf den Weg, und alle dreie marschierten in die Steinwüste hinein.

Patron Gulbrandson sah ihnen mit zufriedenem Lächeln nach. »Ist ein kecker Geselle,« murmelte er, »könnte ein Normann sein, so festen Willen hat er. Wird's durchsetzen, wird den Schwarzen befreien, und sollte es blutige Köpfe kosten.«

Er kehrte zu den arbeitenden Lappen zurück, indes die drei anderen ohne viele Worte fürbaß gingen. Auch die Quäner waren überzeugt, daß dem Neger kein Leid geschehen werde, und diese dreifache Versicherung beruhigte unsern Freund einigermaßen. – Es war finstere Nacht, als er mit seinen beiden Begleitern das Lager der Lappen erreichte.

Die Renntiere grunzten in ihrer eigentümlichen Weise, die Zelte lagen in dunklen Umrissen da, und alles war totenstill. Robert teilte geräuschlos die Vorhänge des luftigen Gebäudes, in welchem er und Mongo während der letzten Nacht geschlafen, er tastete am Boden und untersuchte mit Händen und Füßen den ganzen kleinen Raum.

Vergebens, – es war niemand drinnen.

Ein eisiges Grauen überlief seine Glieder. Wo sollte er jetzt den Alten suchen?

Leise flüsternd teilte er seine Entdeckung den beiden Quänern mit. »Wollen wir Lärm machen, das ganze Lager in Aufruhr bringen, mit Gericht und Geistlichkeit drohen?« fragte er.

Ein Zischen, wie ein halblautes verächtliches Lachen, traf sein Ohr. »Schau her,« versetzte einer der Vogelfänger, »hier ist das Mittel, den Verlorenen aufzufinden, freilich nur, wenn du irgend einen Gegenstand besitzest, der mit ihm in Berührung gekommen ist, den er getragen hat, oder worauf er lag. Gibt es dergleichen?«

Er zog bei diesen Worten die beiden kleinen, wieselähnlichen Hunde aus den Taschen seines weiten Lederrockes hervor und setzte sie sorgfältig auf den Boden. »Sind keine Felle im Zelt?« fragte er. »Das wäre das beste.«

Robert unterdrückte einen Jubellaut. »Hier! Hier!« versetzte er, »aber werden die kleinen Dinger imstande sein, eine Spur zu verfolgen?«

Die Quäner antworteten nicht. Vielleicht hielten sie es unter ihrer Würde, dem unwissenden Fremden über die Eigenschaften der Hündchen einen weiteren Aufschluß zu geben, vielleicht waren sie im allgemeinen sehr schweigsam, wie das bei den tief innerlichen, markigen Naturen des nordischen Stammes häufig getroffen wird. Sie rieben nur mit den Renntierfellen die Schnauzen der beiden kleinen Tiere, dann folgte der leise bestimmte Befehl: »Such, Freia! Such, Thor.«

Die Hunde gehorchten sofort. Sie schnupperten eine Zeitlang am Boden und wandten sich dann wie auf Verabredung dem eingezäunten Platze zu, wo die Renntiere gefangen gehalten wurden. Dort gingen sie spürend und suchend im Kreise herum.

»Sven,« flüsterte einer der Vogeljäger, »gib mir die Flasche. Wir werden noch meilenweit wandern müssen, Sven.«

Der andere reichte das Verlangte. »Weshalb, Steen Norrick?« fragte er.

»Das wirst du sehen, Sven. Aha, da kommt es schon.«

Die Hunde hatten sich wahrend dieser kurzen Unterhaltung in Bewegung gesetzt und trabten, anstatt einem der Zelte vielmehr dem Ausgang des Tales zu. Über eine Viertelstunde lang gingen die drei Männer schweigend den Tieren nach, bis endlich Robert seiner Unruhe nicht länger gebieten konnte. »Ich bitte euch,« sagte er, »wohin soll das führen? Die Hunde laufen auf das Geratewohl ins Gebirge hinein.«

Steen Norrick pfiff leise. »Du kannst vielleicht ein Schiff steuern, oder ein Segel am obersten Top befestigen, Freund,« sagte er, »aber von der Jagd verstehst du nichts. Überlasse es uns. zu beurteilen, was Thor und Freia zu leisten vermögen. Diese Hunde laufen nie zu ihrem Vergnügen in der Welt herum, wie eure Luxushunde tun, sondern sie arbeiten und spüren ihr lebenlang, ganz wie wir selbst. – Nun, was gibt's denn, Freia?«

Die letzteren Worte galten der kleinen Hündin, welche augenscheinlich die Spur verloren hatte, und nun winselnd zurücklief, um dieselbe zu suchen. Aber so oft auch der Faden wieder aufgefunden wurde, – an einer bestimmten Stelle zerriß er immer aufs neue. Es schien unzweifelhaft, daß hier des Negers Füße den Boden verlassen hatten.

Die Vogeljäger teilten sich. Bei dem schwachen Schein des Mondes nahm der eine das Hündchen Thor unter den Arm und ging mit ihm etwa zwölf bis zwanzig Schritte weiter in den Wald hinein, während Sven, der andere, bei Freia blieb und diese in der nächsten Umgebung jener Stelle, wo die Spur aufhörte, weitersuchen ließ.

Robert sah stumm auf das Treiben der beiden riesigen, schweigsamen Männer, die mit ihren derben Gliedern und ihren Hünengestalten den Eindruck der größten Zuversichtlichkeit machten. Er dachte in halber Beschämung an den Patron Gulbrandson. Was wäre wohl aus ihm geworden, wenn sich der erfahrene alte Mann nicht so väterlich des ungestümen jungen Fremdlings angenommen hätte?

Ruhe, predigte er sich selbst, Ruhe! Ich würde lieber das ganze Lappenlager vom Erdboden vertilgt haben, als daß ich die Vorsicht walten ließ. Aber doch ist dies der richtige Weg. Die beiden Jäger sehen nicht aus, als könnten sie etwas Unbesonnenes, Nutzloses anfangen.

Er beobachtete wechselweise die Versuche der Quäner. Während Steen Norrick von Zeit zu Zeit das Hündchen einige Schritte weit vorwärts trug, brachte Sven das seinige an jede Felsspalte, jeden Engpaß und jede Klippe, aber augenscheinlich ohne den geringsten Erfolg, bis endlich der erstere einen halblauten Ruf ertönen ließ. Der Quäner ergriff sogleich den kleinen Spürhund, folgte mit langen Schritten dem Vorangegangenen und überließ es unserm Freunde zu folgen wie er konnte. Der Eifer ihres Berufes hatte offenbar die beiden Vogeljäger ergriffen, daß sie darüber alles andere vergaßen.

»Hast du die Spur gefunden, Steen Norrick?«

Der andere deutete mit der Rechten auf das Zwerghündchen. »Von nun an wird's besser gehen,« sagte er. »Behalte Freia nur im Arm, ich bin meiner Sache sicher.«

Schweigend setzte der kleine Zug seine Wanderung fort, bis nach etwa fünfzig Schritten die gleiche Szene sich wiederholte. Jetzt aber war und blieb die Spur verloren.

Beide Jäger sahen einander, von einem Gedanken ergriffen, ins Auge. »Renntiere!« sagte Sven. »Der Neger sollte reiten und weigerte sich, er fiel herab, wurde weiter geschleift, wieder auf das Renntier gehoben und festgebunden.«

Steen Norrick nickte. »Du sagst es, Sven Böge!« versetzte er. »Gut, so haben wir's leichter.«

Nach diesem Ausspruch pflückten sie sorgfältig das spärliche Moos, welches auf dem Felsboden wuchs, und rieben aufs neue die Schnauzen der beiden Hunde. »Such! Such!«

Thor und Freia folgten jetzt den Spuren der Renntiere. Es ging ohne Unterbrechung talauf, talab, immer weiter, und als gegen Morgen der Boden etwas sumpfig wurde, erkannte man deutlich im Dämmergrau des jungen Tages die Spuren der Hufe, welche sich auf der feuchten, moorigen Erde scharf abgedrückt hatten.

»Wahrhaftig!« rief Robert, »wahrhaftig, eure Hunde behalten recht. Wie habt ihr ihnen die Fähigkeit des Spürens beigebracht und wozu dient sie euch, da ihr nur Vögel jagt?«

Steen Norrick lächelte. »Du fragst viel auf einmal, Fremder,« versetzte er. »Aber wisse, daß die Fähigkeit des Spürens diesen Tieren von der Natur geschenkt wurde; kein Menschenwitz vermöchte das zu lehren. Wir richten sie nur besonders ab auf den Vogelfang, weil sie dazu die passende Größe haben.«

»Wieso das?« fragte neugierig unser Freund.

»Nun, da die Alken und Möwen in Felsritzen ihre Nester bauen, so braucht man diese winzigen Hündchen, um sie aufzuspüren. Wohin kein Menschenfuß gelangt, wohin kein Blick zu dringen vermag, da finden Thor und Freia die brütenden Vögel, denen man dann meistens mit leichter Mühe die Eier wegnehmen kann. In vielen Fällen sind auch die alten Tiere zu erreichen, während man ohne solche Hunde nur selten eins auftreibt.«

Robert staunte schweigend. Immer neue Wunder erschloß ihm die Natur, – wahrlich, Mongo hatte recht, er konnte die Sehnsucht nie stillen, den Becher nie bis zum letzten Tropfen leeren. Und doch fühlte er ein so reges Verlangen, alles kennen zu lernen! –

Weiter ging es, immer weiter, obwohl Roberts Kräfte anfingen nachzulassen. Man war jetzt zehn Stunden ohne Aufenthalt marschiert, und die kleinen Hunde eilten immer noch nebeneinander, mit der Nase am Boden vorwärts. Es schien, als sei bis jetzt an kein Ende dieser aufregenden Wanderung zu denken.

Da hob plötzlich Steen Norrick die Hand. Alle drei Männer standen still.

»Ein Renn!« flüsterte der Vogeljäger, »ich höre deutlich das Grunzen.«

Die beiden andern horchten atemlos. Allen vernehmbar klang jetzt der leise Ton durch die stille Morgenluft zum zweitenmal herüber.

Es konnte keine Täuschung obwalten. Hinter einem Gebüsch befanden sich die Gesuchten.

Steen Norrick legte den Finger auf den Mund. Dann lockte er durch eine Bewegung seiner Hand die beiden Hündchen zu sich heran, reichte jedem aus dem Ranzen ein Stück Fleisch und versenkte sie wieder in seine weiten Rocktaschen.

Dann kamen aus den Brusttaschen der beiden Jäger in aller Stille, ohne Verabredung oder Verzug, zwei doppelläufige Pistolen zum Vorschein. Mit gespanntem Hahn, den schweren Bergstock in der Linken, schlichen die riesigen Nordländer vorwärts, und Robert folgte ihnen.

Helges Stimme tönte sehr bald der kleinen Schar entgegen. Was er aber sprach, das blieb unserm Freunde unverständlich, da es die Mundart der Gebirgslappen war, in der er jedenfalls einen Kameraden anredete. So eifrig auch Robert horchte, den Sinn des Gesagten verstand er nicht.

Desto besser begriffen freilich die Vogeljäger. Sie sahen einander lächelnd an, und dann bückte sich Steen Norrick zu dem viel kleineren Robert herab: »Der gelbe Schurke hat deinen Freund geknebelt und ihm seit seiner eigenen Rückkehr vom Westfjord keine Nahrungsmittel mehr gegeben,« raunte er. »Es ist seine Absicht, den Neger noch eine ganze Tagereise weit in die Wüste zu führen und ihn dort halbverhungert auszusetzen, damit er nie wieder zu den Weißen zurückkehren könne. Jetzt laß mich weiter horchen, aber schweig ganz still!«

Robert bezwang mit unsäglicher Mühe die aufwallende Entrüstung. Er fühlte zu entschieden das Übergewicht der beiden Vogeljäger, als daß er es gewagt hätte, den Anordnungen derselben zu widersprechen, aber vor lauter Ungeduld preßte er inzwischen die Zähne in den Stock, welchen ihm Sven Böge unterwegs geschnitten. »Könnte ich den Schädel dieses Halunken zerschmettern,« dachte er, »ach, könnte ich nur wenigstens laut schreien und mir Luft machen!«

Aber das ging nicht. Die Lappen sprachen fortwährend miteinander, und Steen Norrick horchte angestrengt. »Dachte es wohl,« flüsterte er in Roberts Ohr, »dir war das gleiche Schicksal zugeteilt. Sobald du dich im Lager wieder blicken ließest, wollte man auch dich in die Wüste führen. Kannst deinem Herrgott danken, daß du die Geschichte von den heidnischen Greueln nicht am Feuer der Lappen erzähltest, sonst wärest auch du jetzt auf dem Rücken eines dieser Tiere von der Insel Kola rettungslos in die Steinwüste gebracht worden und keine menschliche Seele hätte dein Verschwinden bemerkt, keine Kunde wäre zu den Deinen über das Meer geflogen, nur der eisige Sturm von den Hochgebirgen konnte dir ein Totenlied singen, Wolf und Adler rauften sich um deine Gebeine. Werde vorsichtiger, Knabe, ehe du die Sitten und Gefahren fremder Länder gegen dich herausforderst!«

Robert antwortete nicht. Dunkle Glut färbte seine Wangen. Das war eine ernste und zugleich milde Lehre, aber sie drang ihm eben ihrer Einfachheit wegen tief ins Herz. Wie nahe schwebte über seinem Haupte das Verderben, und wie schrecklich hatte er den ahnungslosen Neger in die Folgen der eigenen Unbesonnenheit mit hineingezogen! –

Steen Norrick nahm jetzt die Pistole schußgerecht und winkte seinem Begleiter, dasselbe zu tun. Wie ein Gespenst aus dem mitternächtlichen Grabe emporsteigt, lautlos und plötzlich, so standen im nächsten Augenblick die Riesengestalten der beiden Vogeljäger vor den entsetzten Lappen, die, ihrer Sache vollständig sicher, sich ganz bequem in das Moos gelagert hatten und bei Branntwein und reichlichen Speisen eine längere Rast hielten, indes der unglückliche Mongo auf dem Rücken des Renntiers, dermaßen von Seilen umschnürt, daß er kaum zu atmen vermochte, in halber Betäubung dalag. Seinen Bitten um einen Trunk Wasser war mit Hohnlachen geantwortet worden.

Sobald Robert sah, daß die Vogeljäger den Kampf aufnahmen, drang er mit einem laut Hallenden »Hurra Mongo, die Hilfe ist da!« – in das Gebüsch hinein und ohne Verzug bis zu dem gefesselten Freunde. »Sven Böge!« rief er, »Sven Böge, gib mir dein Messer!«

Der Riese trat, ohne die beiden wie versteinert dasitzenden Lappen aus den Augen zu verlieren, näher und überreichte dem jungen Matrosen ein Messer, das bestimmt sein mochte, im Notfall einem Bären den Genickfang zu geben. Robert zerschnitt jubelnd die Seile und half dem Alten, sich des freien Gebrauches seiner Glieder erst einmal wieder völlig zu versichern. Die Branntweinflasche und die gebratene Renntierkeule der Lappen mußten dazu das Ihrige beitragen, obwohl Mongos Hals so zusammengeschnürt war, daß ihm die Sprache anfänglich versagte.

Helge und sein verbrecherischer Gefährte hatten sich inzwischen einigermaßen gesammelt und waren von ihren Sitzen aufgesprungen. »Was wollt ihr, Steen Norrick und Sven Böge?« fragte mit finsterem Blick der Sohn des Lappenhäuptlings, »weshalb bedroht ihr friedliche Jäger? Setzt euch zu uns, und nehmt fürlieb, was wir zu bieten haben.«

Diese Dreistigkeit empörte selbst die ruhigen Nordländer. »Schurken!« rief Sven Böge, während sein Gefährte in heftigem Abscheu auf den Boden spuckte, »elende, gelbe Diebe und Heiden, die ihr seid. Wollt ihr etwa leugnen, diesen Neger hier als Gefangenen in die Wüste geschleppt zu haben, – wollt ihr leugnen, daß oben am Nordkap ein greuliches Zauberwesen betrieben worden ist, ihr Spitzbuben und Heiligtumsschänder?«

»Auf!« befahl Steen Norrick. »Wir bringen euch an Händen und Füßen gefesselt nach der Stadt, angeklagt der Götzendienerei und des Menschenraubes. Da könnt ihr im dunklen Kerker eure Schandtaten bereuen. Wir beide, mein Vetter und Genosse Sven Böge und ich selbst, werden bezeugen, daß ihr alles dieses eingestanden habt, denn wir haben vorhin eure ganze Unterhaltung Wort für Wort mit angehört.«

Diese Worte änderten plötzlich die ganze Lage. Während sich der zweite Lappe auf die Kniee warf und heulend um Gnade flehte, kreuzte Helge die Arme und sah unverwandt in das Gesicht des Vogeljägers. »Geh. Steen Norrick, geh und bringe uns in das Gefängnis, Sohn des weißen Vaters, dessen Weib – deine Mutter, Steen Norrick! – auch aus dem Stamme der Samelads hervorgegangen war. Schände den Herd, an welchem deine Mutter gelebt, schände dein eigenes Mischblut, indem du die Hälfte desselben dem Büttel preisgibst.«

Die Adern auf der Stirn des Nordländers schwollen zu Strängen, seine Augen glühten, seine Fäuste ballten sich, und schon im nächsten Augenblick krachte der Schuß, den indes Sven Böges plötzlicher, geschickt angebrachter Schlag gegen den Lauf der Pistole unschädlich verhallen ließ. Der Vogeljäger war an jener wunden Stelle berührt, die im Herzen des Mannes bei leisester Berührung schon schmerzt, – man hatte ihm den dunklen Fleck seiner Abstammung vorgeworfen und dadurch seinen Zorn auf das heftigste gereizt.

»Laß mich!« knirschte er, mit Sven Böges kräftigen Armen ringend. »Laß mich, der gelbe Hund soll sterben.«

»Steen Norrick,« sagte mit warnender Stimme der andere, »besinne dich! Hast du vergessen, was der Patron Gulbrandson befahl?«

Der Jäger schien zu erschrecken, wenigstens zögerte er. »Willst du dich von diesen schmutzigen Schuften nach Belieben kränken lassen?« schrie er.

»Ein Lappe kann mich nicht beleidigen noch kränken, Steen Norrick.«

»Das sagt der Sohn einer Frau aus dem Blute der Samelads!« murmelte Helge.

»Die Pest über dich!« – –

Und mit diesen Worten stürzte sich der Nordländer auf den Lappen, welchen er unfehlbar zerdrückt haben würde, wenn nicht eine anderweitige Einmischung diesem Vorhaben plötzlich entgegengetreten wäre. Die beiden kleinen Hündchen, durch die ungestümen Bewegungen ihres Trägers in Gefahr gebracht, begannen jämmerlich zu heulen, so daß der Vogeljäger erschrak, als habe ihn eine Schlange gebissen. Den Lappen von sich schleudernd, beschwichtigte er seine Lieblinge, indes Sven Böge mit energischer Handbewegung den zweiten Gelben vom Boden emporzog und ihm befahl, die Tiere aufzuzäumen. Nachdem das geschehen, erhielten Mongo und Robert die Anweisung, sich reisefertig zu halten, und das dritte Renn wurde mit Vorräten beladen, ehe es der Nordländer am Zügel ergriff.

»Komm hierher, Helge!« gebot er.

Der Lappe gehorchte zögernd. Sein Gesicht war vor Zorn und Furcht aschgrau. Sven Böge packte ihn wie einen Warenballen und untersuchte mit seinen großen Händen jede Falte, jede Tasche, ehe er ihn wieder freigab. Nachdem bei dem zweiten Farbigen das gleiche vollführt und auch hier keine Schußwaffen gefunden worden waren, trieb der Jäger die Renntiere zum Aufbruch. »Vorwärts!« gebot er. Und dann sich zu den Lappen wendend, fügte er bei: »Daß ihr euch in gemessener Entfernung haltet, Spitzbuben! Wer sein gelbes Gesicht sehen läßt, den trifft eine Kugel!«

Ein Zungenschlag brachte die Tiere in Bewegung. Robert und Mongo ritten, während die Vogeljäger zu beiden Seiten gingen. Steen Norrick schien sich seines heftigen Zornes einigermaßen zu schämen, denn er biß die Lippen aufeinander und sprach keine Silbe.

Robert klopfte ihm auf die Achsel. »Wie können wir dir jemals genug danken, dir und deinem Vetter?« fragte er. »Ihr habt uns beiden das Leben gerettet.«

Der Nordländer lächelte. »Mach nicht so viele Worte, Fremder,« versetzte er, »oder würdest du in unserer Lage anders gehandelt haben?«

»Nein!« rief mit überzeugender Sicherheit der junge Schiffer, »nein, wahrlich nicht!«

Die Vogeljäger sahen ihn sehr wohlgefällig an. »Nun also!« versetzte Steen Norrick.

Und dann ging es im ersten Sonnengold des Morgens durch das Gebirge dahin. Die eisernen Gestalten der beiden Nordländer schienen von keiner Ermattung, keiner Müdigkeit erfaßt werden zu können. Ebenso straff und so sicher, wie sie vor reichlich zehn Stunden die Wanderung angetreten, marschierten sie auch jetzt noch über den Steinboden dahin, bis gegen Mittag eine Rast gemacht wurde, wobei der vorhandene Mundvorrat den Weg alles Fleisches ging. Robert verließ neu gestärkt sein Reittier, nahm die leeren Ranzen und Körbe auf den Rücken und überredete die Nordländer, jetzt zu reiten. Er selbst ging an Mongos Seite und erzählte diesem, was sich während der Zeit ihrer Trennung zugetragen. Der Neger konnte immer noch kein Wort sprechen, aber er drohte gutmütig mit erhobenem Zeigefinger, als ihm der junge Sausewind erzählte, daß er gegen den Lappen ganz ahnungslos die Namen, »Jubinal« und »Tiermer« als ihm wohlbekannt hingeworfen habe.

Robert errötete wieder. »Ich will vorsichtiger werden, Alter,« sagte er in englischer Sprache, »diese Lehre soll mir nicht verloren gehen.«

»Du junger Spitzbube!« wollte Mongo mit seinem Lieblingsausdrucke antworten, aber es erfolgte nur ein unverständliches Krächzen, so daß alle laut lachten.

In bester Stimmung erreichte der kleine Zug gegen Abend die Uferstrecke des Westfjord, wo gestern diese ganze abenteuerliche Fahrt ihren Anfang genommen. Das Lappenlager hatten die Jäger seitwärts umgangen, so daß keinerlei Streit oder Kampf entstanden war.

Roberts erster Blick galt dem Wasser. Er hob sich auf die Zehenspitzen, wo gestern abend die Wimpel der Jacht im Sonnenschimmer sich bauschten, und – – was er heimlich gehofft, das bestätigte sich. Das hübsche Schiffchen lag noch vor Anker, während Patron Gulbrandson breitspurig und mit der langen Pfeife im Munde auf dem Strandwege stand.

Sein lederfarbenes Gesicht lachte, als er die Ankömmlinge sah. »Halloh!« rief er, »das nenne ich eine gute Hand! Habt drei Renntiere erbeutet und einen Neger. Brr, wird aber das schwarze Menschenkind in der Stadt ein Aufsehen erregen!«

Robert streckte mit überwallender Dankbarkeit dem Alten seine beiden Hände entgegen. »Du hattest recht, Patron Gulbrandson,« sagte er, »und ich bitte dich wegen meiner unüberlegten Worte um Verzeihung!«

Der Norweger schmunzelte. »Konnte mir denken, was inzwischen geschehen ist,« antwortete er, »kenne die gelben Spitzbuben seit vierzig Jahren aus täglichem Verkehr, und weiß was sie wert sind. Feige ist das Volk, hinterlistig und versteckt. Haben wohl Ach und Weh geschrien, als die Quäner des Weges kamen, dachten nicht, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnten?«

Die beiden Vogeljäger erzählten nun alles, was sich zugetragen, und der Patron nickte äußerst zufrieden. »Wolltet gern mit nächster Gelegenheit nach Tromsö, ihr beiden?« fragte er, mit der Pfeifenspitze zugleich auf Robert und den Neger deutend.

Letzterer verstand ihn nicht, aber Robert antwortete an seiner Stelle und sah unwillkürlich dabei voll Sehnsucht hinaus auf den Fjord, wo sich die hübsche Jacht vor ihren Ankerketten schaukelte. »Würdest du deine Güte dahin ausdehnen, uns an Bord des »Heimdal« mitzunehmen, Patron Gulbrandson?« fragte er. »Der amerikanische Konsul in Bergen –«

»Soll sich um seine eigenen Angelegenheiten bekümmern,« schloß brummend der Alte. »Denke wohl, daß Olaf Gulbrandson der Mann ist, um ein paar schiffbrüchigen Seeleuten ein Stücklein Brot zu schenken, ohne daß es ihm jemand wieder in den Schrank zurückliefern müßte. Könnt an Bord gehen, der Schwarze und du, euch vom Steuermann eine richtige Mahlzeit geben lassen und euch in den Hängematten aufs Ohr legen. So, ihr wißt nun Bescheid!«

Er wehrte alle Dankesäußerungen von sich ab und schritt langsam zu den Arbeitern an der Holzbank, wo er einem Lappen befahl, die drei Renntiere wieder in das Lager seiner Brüder zurückzuführen. Dann trat er in die Hütte der beiden Quäner, wo jedenfalls verschiedene Abschlüsse und Rechnungen ins reine gebracht wurden, denn die Jacht hatte ihre volle Ladung an getrockneten Fischen und Federn bereits erhalten, das sahen unsere Freunde, als sie an Bord kamen, auf den ersten Blick. Höchst wahrscheinlich erwartete man nur den Patron, um die Anker zu lichten.

Robert und Mongo verzehrten mit bestem Appetit die seltsame Suppe, welche ihnen der Steuermann vorsetzte, nämlich Hafergrütze mit getrockneten Pflaumen und kleinen Heringen, das norwegische Nationalgericht. Sie lachten dabei heimlich, und der Neger schauderte sogar ein wenig, aber später glich das tüchtige Stück Pökelfleisch mit Klößen alles Befremdliche vollständig wieder aus, obwohl jegliches Gemüse, das hier in der Polarzone den Wert einer seltenen, ausländischen Frucht gehabt hätte, natürlich an Bord des »Heimdal« durchaus fehlte. Man kennt in diesen Breiten nicht einmal den Anbau der Kartoffel, die während des zu kurzen, heißen Sommers lang ins Kraut schießt, aber keine Knollen setzt.

Nach dem Essen taten unsre beiden Abenteurer wie ihnen geheißen worden war: sie suchten die langentbehrte Ruhe und schliefen bald wie die Bären, ohne zu bemerken, daß an Deck die Anker gelichtet wurden, und daß der »Heimdal« durch die blauen Fluten dahinschoß wie ein Delphin, der sich in dem freien, nassen Element nach Herzenslust tummelt.

Erst gegen Morgen erwachte Robert und glaubte zu träumen, als er den Seegang fühlte und die Wellen klatschend an das Schiff schlagen hörte. Er schloß nochmals die Augen, um sich der schmeichelnden Empfindung wieder hinzugeben, und erst als ihm die Erinnerung langsam alle Bilder der letztvergangenen Tage zurückführte, sprang er aus seiner Hängematte heraus, um womöglich an Deck ein wenig zu helfen und die gebotene Gastfreundschaft des »Heimdal« nach Kräften zu vergelten. Er konnte sich auch nicht länger versagen, einmal wieder in die Masten zu klettern und sich da oben in freier Luft vom Wind schaukeln zu lassen.

An Bord des Schiffes befanden sich außer dem Patron und dem Steuermann nur noch drei Matrosen, lauter Hünengestalten, schweigsam wie die Vogeljäger und offenbar ebensowenig wirkliche Seeleute wie ihr Herr und Gebieter selbst. Robert konnte überall ohne Geheiß zugreifen, er fand Arbeit genug für mehr als einen Mann.

Olaf Gulbrandson sah es mit zufriedenem Lächeln, daß sich sein junger Gast nützlich zu machen suchte. »Ist ein gutes Ding, wenn der Mensch den Müßiggang haßt und sich für besser hält als die stumme, vernunftlose Kreatur, die nur genießt, ohne es dem Schöpfer zurückzuzahlen mit tüchtiger, redlicher Arbeit. Sieh, Junge, was du verzehrst, das schenke ich dir, und was du verdienst, das bezahle ich. – Den Schwarzen laß nur in seiner Hängematte bleiben, damit die geschundenen Glieder zu Kräften kommen, ehe er eine neue Heuer annimmt.«

Und so geschah es auch. Robert half an Deck, während der »Heimdal« vier Tage lang durch die Sunde und Fjorde und endlich durch die Straße von Tromsö dahinlief, um am Morgen des fünften an der hölzernen Landungstreppe sich zu vertäuen, wie der Seemannsausdruck heißt.

Während die eingeheimsten Fische und Federn auf ein größeres, nach Bergen bestimmtes Schiff des Patrons verladen wurden, sollte die Jacht zurückfahren und eine neue Partie Salz und Lebensmittel den Arbeitern auf den Lofoten zuführen. Olaf Gulbrandson selbst überwachte in Tromsö den Verlauf der Dinge, aber er wollte nicht wieder an die Fischplätze zurückkehren, sondern persönlich seine Waren in Bergen verkaufen, wie er denn auch längst bei sich beschlossen hatte, Robert und den Neger dorthin mitzunehmen. Mongo half jetzt tüchtig, die Federsäcke und Ballen trockener Fische aus dem Raume herauszubefördern, er hatte sich bestens erholt und konnte sogar nach einer einförmigen Negermelodie ein englisches Lied singen, in dessen Weise die Norweger mit einfielen, ohne zu ahnen, welchen Sinn die Worte hatten.

Robert lachte ausgelassen, so oft er das wunderliche Quartett des Schwarzen und der drei norwegischen Matrosen mit anhörte. Gewandt und flink, wie er war, übersetzte er endlich die Strophen ins Dänische, so daß nun in zwei verschiedenen Sprachen gesungen wurde, was auf Deutsch etwa folgendermaßen lautete:

»Neger auf dem Land – Sehen, das Schiff kommt in,
»Der Kap'tän kommt an Land – Mit der Hand am Kinn.
»Kaufmannsschiff ahoi, Kaufmannsschiff ahoi, –
»Gib die Taler mir.«

Dabei fiel Ballen nach Ballen und Sack nach Sack in den Raum der »Ellen Gulbrandson,« wie das Schiff zu Ehren der verstorbenen Frau des Patrons genannt worden war. Schon nach wenigen Tagen konnte die Reise fortgehen, und zwar nicht wie Robert geglaubt hatte im offenen Meer, sondern durch ein förmliches Labyrinth, einen verschlungenen Irrgarten von Wasserpfaden zwischen den Felsen, von kleinen und großen Seen, Engpässen und Stromschnellen, immer im Angesicht der Küste und in einer Umgebung, die großartiger kaum gedacht werden konnte.

Als das weite Wasserbecken des Hafens, rings umschlossen von einem Halbkreis glatter Felsen, sich den Blicken der Schiffer zeigte, als Robert endlich wieder die Masten von zahlreichen Fahrzeugen aus aller Herren Länder zum Himmel emporragen sah, da hüpfte ihm das Herz vor Vergnügen.

Hier erschien das Leben im Licht seines gewohnten Aussehens. Blumen blühten, Baumwipfel rauschten im Wind, stattliche Gärten und leichte, vornehme Landhäuser schmeichelten dem Auge, indes ferne, weißüberglänzte Berggipfel, die Riesen unter ihren Nachbarn, auch selbst hier noch wie eine ernste Mahnung an die ewig tote Wüste hinter diesem lachenden Paradiese, ihre Häupter erhoben. Hunderte von Menschen zeigten sich auf der Straße, man bemerkte Lastfuhrwerke und die Equipagen reicher Leute, kurz, man war von den letzten Grenzen der Gesittung so recht in den Schoß derselben zurückgekehrt, wie denn auch die Berechnung des Patrons eine durchmessene Strecke von zweihundert Meilen nachwies.

Diesen weiten Weg hatte die »Ellen Gulbrandson« in zwölf Tagen gemacht; alles, was der Patron unternommen, war vom besten Glücke begünstigt worden und daher seine Stimmung eine sehr rosige. Er schlug mit der flachen Hand auf Roberts Schulter und sah ihn wohlgefällig an. »Junge,« sagte er, »bleib in meinem Lohn und Brot, du bist gerade so einer, wie ich es gern habe, kein Rührmichnichtan und Buttermilchsprinz, sondern ein Bursche, der seine Kräfte fühlt und sie gebrauchen will. Schlag ein, Bob! Im Sommer auf der Küstenfahrt zwischen Bergen und den Lofoten, im Winter zu Hause am Baalsfjord, wo meine Speicher stehen und wo die erhandelten Waren an die Fischer verkauft werden. Kannst hineinwachsen in mein Geschäft, Junge, kannst mit der Zeit ein Gaardbesitzer sein, ja, und kannst sogar dermaleinst meine Enkelin heiraten, wenn du ein gemachter Mann bist, der seine Schiffe auf dem Wasser und seine Packhäuser am Lande besitzt. Freilich zählt das Püppchen jetzt erst fünf Jahre, aber es ist auch noch ein weiter Weg vom Leichtmatrosen bis zum selbständigen Patron und Eigentümer.«

Robert hatte anfänglich ernsthaft zugehört, dann aber lachte er laut. Der Gedanke, von seiner einstmaligen Frau zu sprechen, war doch wirklich urkomisch. Wie konnte der vernünftige Kaufmann solche Scherze machen?

»Nimm es um Gottes willen nicht übel, Patron Gulbrandson,« antwortete er endlich, »aber das, was du sagtest, war zu lustig, ich konnte mir nicht helfen.«

Der Alte verzog wohlgefällig den breiten Mund. »So lache doch in Gottes Namen,« versetzte er. »Wer lacht, der sündigt nicht. Aber unser Handel ist fix und fertig, was?«

Robert schüttelte den Kopf. »Kann nicht, Patron,« antwortete er, »kann nicht, und wenn mir's das Leben kosten sollte. Ich bin dir zweifach großen, herzlichen Dank schuldig, ich werde bis zum letzten Atemzuge niemals vergessen, was du mir und dem alten Neger getan, aber mich in ein Haus sperren lassen kann ich nicht.«

»Dummes Zeug das! Alle Menschen leben in Häusern, du auch!«

»Nein, Patron, ich nicht. Laß dir sagen, daß ich der einzige Sohn meiner Eltern bin, daß mir zu Hause in Deutschland ein sicheres, behäbiges Los bereitet war und daß ich heimlich bei dunkler Nacht davonlief, um frei zu sein, um ein Seemann zu werden. Nun weißt du, warum ich nicht mit dir ziehen kann!«

Der Alte schien nicht so recht mit sich im Reinen, ob er hier tadeln oder loben solle, ob ein »du arger Sünder!« oder ein »Verwetterter Kerl!« seinen Empfindungen besseren Ausdruck verleihe. Er wiederholte nur das Wort »Davongelaufen?«

»Ja, Patron Gulbrandson,«

»Mithin willst du also jetzt auf einem Hamburger Schiff heuern, um deine Eltern aufzusuchen und sie geziemend um Verzeihung zu bitten?«

Robert errötete. »Das kann ich noch nicht, Patron,« versetzte er. »Mein Stolz verbietet mir, mit leeren Händen zurückzukommen, und da bisher das Unglück jedesmal wieder verschlang, was ich mit Fleiß zusammengebracht, so muß ich erst einmal eine gute Reise hinter mir und einige hundert Taler in der Tasche haben, bevor ich heimkehre. Wirklich, ich hatte überall Mißgeschick!«

Olaf Gulbrandson hob mahnend den Finger. »So ganz unverdient, Bursche?« fragte er. »Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß dir's wohl ergehe und du lange lebest auf Erden. Hast den guten Satz ganz vergessen, he?«

»Gewiß nicht, Patron, aber – von der See lassen kann ich nimmer.«

Der Alte kehrte sich ab. »Nun, nun,« brummte er, »habe dir nichts zu befehlen, mußt deine eigene Haut zu Markte tragen. Segen wird's niemals bringen, darauf darfst du dich immerhin fest verlassen. Das unrechte Gut gedeiht nicht.«

Als er aber späterhin im Boot an einen der großen amerikanischen Dreimaster heranfuhr, da dachte er doch ganz im stillen: »Schade, daß der Bengel so hartnäckig ist. Ich hätte ihn gern mit mir nach Hause genommen. Ist gute Art darin und kecker, frischer Mut. Schade! – Schade!«

Mit dem Kapitän des Amerikaners verabredete er dann eine Heuer für Robert sowohl wie für den Neger, schenkte jedem einen tüchtigen Anzug und brachte sie in seiner eigenen Jolle an Bord. »Vorher aber schreibst du an deine Eltern,« ermahnte er unseren Freund, »ich selbst will den Brief auf die Post geben.«

Robert gehorchte und schilderte den Seinen alles, was ihm neuerdings begegnet war, ebenso bat er sie, ihm nach San Francisco, seinem nächsten Bestimmungsort, eine Antwort vorauszuschicken. Nachdem er noch das Versprechen baldiger Rückkehr hinzugefügt, schloß er mit der erneuten, herzlichen Versicherung seiner Kindesliebe und der Bitte, ihm den unüberlegten Jugendstreich zu verzeihen.

Patron Gulbrandson versenkte den Brief in die Tasche des weiten Lederrockes, dann zahlte er beiden Seeleuten auf Heller und Pfennig, was sie während der Herreise verdient hatten und schüttelte ihnen zum letztenmal die Hand. »Lebt wohl! Lebt wohl!« –

Mongo dankte ihm wieder und wieder für die Rettung von einem schrecklichen Tode, bat ihn, die beiden Vogeljäger zu grüßen, und es den Sohn des Lappenhäuptlings nicht entgelten zu lassen, daß er ihn so heimtückisch überfallen und in die Wüste geschleppt habe, – – Robert hielt immer noch des Nordländers Rechte. Der Abschied wurde allen schwer. »Könntest ja bei mir bleiben, Junge!« sagte halb grollend, halb wehmütig Olaf Gulbrandson.

Aber unser Freund schüttelte den Kopf. »Es kann nicht sein, Patron!«

»Nun, so behüt dich Gott, Wildfang!«

Die Jolle stieß ab und einige Minuten später war sie im Gewirre der vielen Fahrzeuge den Blicken Roberts auf immer entschwunden.

Zwei Tage später lichtete der »Stern von San Francisco« die Anker, und mit lustigem Matrosengesang begann die neue Fahrt der ungewissen Zukunft des Seemannes entgegen, dem Glücke und dem Gelingen nachstrebend. Was sie bringen wird, das weiß nur Gott.

Neuntes Kapitel

Nach dem Goldland

Der schwere Bergenfahrer, riesig in allen seinen Verhältnissen, ein neues, tüchtiges Schiff mit guter Besatzung und vortrefflicher Einrichtung, hatte einen beträchtlichen Teil seiner Reise bereits zurückgelegt und war ohne Unfall bis zur Grenze des Stillen Ozeans gelangt. Kap Horn befand sich in Sicht.

Robert stand am Großmast und bewunderte das Schauspiel, welches sich im Licht der sinkenden Sonne seinen Blicken darbot. Während er Ähnliches und noch Großartigeres in Norwegen häufig gesehen hatte, war ihm doch die Art und Weise dieser Klippenbildung ganz neu.

Steil und senkrecht, schwarz und vollkommen nackt, ohne eine einzige lebende Pflanze, erhob sich der über zweitausend Fuß hohe Berg aus dem Meer empor und ragte mit seinem düsteren Gipfel fast bis in die blau und violett umsäumten Wolken hinein. Als letzter Ausläufer des Kordillerengebirges, aus Schiefer bestehend und von überwiegend melancholischem, ernsten Eindruck, bildete das Vorgebirge gewissermassen einen Wall gegen den breiten Gürtel von Brandungen und zischenden Schaumwogen, welche das Meer an seine Steinbrust schleuderte.

In weitem Bogen glitt das Schiff an diesem Zauberring vorüber, wo die Nixen des Ozeans mit tausend Armen hinauflangen an die Oberfläche und den Sterblichen zu sich herabziehen auf den Grund von Schilf und Kieseln. In weitem Bogen vermied es den rasenden Strudel, wo weiße Wellenköpfe mit Kronen von Schaum, urweltlichen Fabelgeschöpfen gleich, den Felsen stürmten und zerstäubten und zersplitternd zurücksanken in die blaue Unendlichkeit, aus der sie entstanden. Bei jedem Windstoß aufspringend, eine die andere überkletternd, furchtbare, bergestiefe Täler bildend und wie hohe, unübersteigliche Mauern sich türmend, so glichen die Wogen einem Heere von gewappneten Kämpen, die sich immer neu ergänzen, der eine aus dem Blute des anderen, unbesiegbar, unerschöpflich, wie der Gedanke der Ewigkeit.

Über dem Gipfel des Berges lag es blaugrau, die Luft war verhältnismäßig kalt und mit Nebel erfüllt, alles Zeichen, daß noch vor Einbruch der Nacht ein Sturm zu erwarten sei und daß die nötigsten Vorbereitungen zum Empfang desselben getroffen werden mußten. Robert war jetzt schon erfahrener Seemann genug, um dies selbständig überblicken zu können, er arbeitete emsig an der Befestigung der Boote, der Ersatzspieren und des Zehnpfünders auf dem Vorderdeck, er kletterte wie ein Seiltänzer hin und her, um die Taue auszuspannen, zwischen denen es den kühnen Besiegern des Meeres einzig möglich ist, während eines heftigen Sturmes festen Fuß zu behalten.

Die Segel wurden gerefft, die leichten ganz weggenommen, und an allen Bändseln eine Musterung gehalten, mit einem Worte, überall nachgesehen, ob das Schiff gerüstet sei, den Kampf mit dem gewaltigen Gegner siegreich zu bestehen. Der Obersteuermann ging prüfend von einer Stelle zur anderen.

»Jetzt kommt's bald,« sagte er, wie halb zu sich.

Robert, dessen liebenswürdige Dreistigkeit ihm überall solche kleine Freiheiten sicherte, die sich im Leben nur der ungestraft herausnehmen darf, welcher die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten im hohen Maße besitzt und von dem man weiß, daß er die gebotenen Grenzen des Schicklichen nie überschreitet, – Robert sah sich um. »Woran erkennen Sie das, Steuermann?« fragte er lebhaft.

Der Amerikaner spuckte seinen Tabak in das Meer und schob ein frisches Primchen zwischen die Zähne. Dann deutete er mit der Rechten über das Wasser dahin. »Siehst du diesen schillernden, bald grünlichen, bald weißen Streifen, der wie ein flatterndes Band auf der Oberfläche des Meeres liegt? – Nun, das ist ein Vorbote.«

»Aber die Luft scheint doch noch ganz ruhig, Steuermann.«

Der Alte nickte. »Scheint nur, Bob! Wirst bald das Konzert beginnen hören.«

Und so kam es wirklich. Die Nacht war hereingebrochen, tiefste Finsternis umhüllte das Schiff, am Himmel glänzte kein Stern und durch die Takelage fuhr unheimliches Ächzen. Immer furchtbarer heulte und tobte die Brandung am Felsen, immer stärker wurden die Windstöße und höher die Wogenkämme. Der Schaumstreif hatte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in ganze Berge von Schaum verwandelt.

Der Kapitän, in Ölrock und Südwester, erschien an Deck. Bei Marsfallen und Brassen standen die vom Obersteuermann dorthin befehligten Leute, auch das Großsegel war eingezogen worden und auf dem ganzen Schiff alles fertig, um den schlimmen Gast zu empfangen. Wildes Heulen durchbebte die Luft.

Der Kapitän rückte den Hut tiefer in den Nacken. »Laufen Marssegel!« kommandierte er mit starker Stimme, und dann weiter: »Holt auf Luvbrassen, aus Refftaljen!«

Der Befehl wurde schleunigst ausgeführt, das Schiff legte sich fast gänzlich auf die Seite und flog wie ein Blitz durch die kochenden Fluten. Da ertönte vom Steuerrad her durch die Nacht ein lauter Schreckensschrei. Der Kopf des Ruders war abgesprungen.

Einen Augenblick lang schien es, als sei das Schiff außerstande, dem Druck des Windes zu widerstehen, die Brassen spannten sich, zerplatzten mit lautem, donnerähnlichem Knall und wurden im nächsten Augenblick vom Sturm entführt.

Das Schiff konnte in jeder Sekunde von der Brandung zerschmettert werden.

Der Kapitän war ohne Zweifel kein besonnener Charakter. Er ließ es zum Äußersten kommen, ehe er das letzte, gefährliche Mittel versuchte, – dann aber ermannte er sich.

Keines Menschen Stimme hätte den Tumult der Elemente durchdringen können. Nur Zeichen waren möglich, und diese versammelten alle Matrosen um den Kreuzmast. Dort mußten die noch vorhandenen Segel geborgen werden, oder das Schiff war rettungslos verloren.

Im Logis fand sich niemand mehr. Jeder einzelne hatte ungerufen seine Koje verlassen, um bei der Hand zu sein, wenn Not an den Mann kam. Die Leute wurden gut behandelt, erhielten starke Rationen und täglich Branntwein, daher waren sie zur Stelle wo es galt, sich als tüchtige Menschen zu beweisen.

Das Kreuzsegel konnte zwar nicht gerettet werden, sondern es flog wie ein Fetzen Papier im Sturm den vorangegangenen nach, aber der Zweck des Unternehmens war doch erreicht. Der Stern von San Francisco richtete sich langsam aus seiner gefährlichen Stellung auf, die Zimmerleute konnten das Ruder ausbessern, und das Schiff kam allmählich vor den Wind. Die größte, hauptsächlich durch das unschlüssige Zaudern des Kapitäns herbeigeführte Gefahr schien beseitigt, obwohl der Sturm noch immer forttobte und jeder Mann an Deck bleiben mußte, um für alle Fälle zur Hand zu sein.

»Hast du nun gesehen, wie schnell die Geschichte kam?« fragte der Obersteuermann, nachdem er mit dem Taschentuch das Gesicht abgetrocknet und ein neues Stück Kautabak versorgt hatte. »Ich sagte dir's ja.«

Robert lachte vergnügt. »Das war zur Feier meines Geburtstages, Steuermann. Hätte mir wahrlich nichts Lieberes geschehen können, als so ein tüchtiger Spektakel, der das Blut in Bewegung bringt. Ganz nahe am Tode, – das macht das Leben schön.«

»Bei achtzehn Jahren!« brummte der Alte, halb verdrossen, halb angenehm berührt, wie alle, die mit Roberts frischer und gesunder Natürlichkeit in Berührung kamen. »Na, wenn dein Geburtstag ist, so sollst du auch später eine Extraration haben.«

Robert wandte sich zu dem hinter ihm stehenden Neger. »Und du sollst sie trinken, Mongo!« sagte er. »Das war wieder einmal ein kleines Abenteuer, was?«

In diesem Augenblick tönte durch die Nacht ein Kanonenschuß aus ziemlicher Nähe herüber. Alle horchten auf, wie von einem elektrischen Schlage berührt, alle blickten unwillkürlich in die Richtung des Schalles, obgleich die herrschende Finsternis jedes Sehen unmöglich machte.

Ein Schiff in höchster Not! – –

Das unglücksschwere Wort lief von Mund zu Mund. Aller Herzen schlugen höher. Da folgte vernehmlich ein zweiter Schuß.

Der Obersteuermann war der erste, welcher die Sachlage erfaßt hatte. »Das Schiff treibt uns steuerlos mit dem Wind entgegen,« sagte er. »Der zweite Schuß klang bedeutend näher, und – horch! – dieser noch viel mehr.«

»Steuermann!« rief mit unruhigem Tone der Kapitän, »ist es nicht, als wäre das fremde Schiff genau in unserem Fahrwasser? – Wir können zusammenstoßen.«

»Das verhüte Gott, Sir!« –

Und dann brachten seine ruhigen Kommandoworte den Stern von San Francisco weiter in das Meer hinaus, so daß er gegen den Wind aufkreuzte. Die Kanonenschüsse folgten einander immer schneller, und endlich, nachdem sich der Sturm bedeutend gelegt, wurde auch auf dem Bergenfahrer das Geschütz gelöst, um eine Antwort zu geben.

Ein hundertstimmiger Jubelschrei hallte, alle Herzen erschütternd, über das Meer dahin. Robert ergriff in heftiger Bewegung den Arm des Obersteuermannes.

»Wir müssen helfen, Sir, wir müssen die Boote aussetzen!« rief er.

»Alles zu seiner Zeit, Grünschnabel. Wolltest du mir nichts, dir nichts, in die pfadlose Dunkelheit hinausstürmen, vielleicht an dem bedrohten Schiffe vorbei, vielleicht direkt unter seinen Bug, so daß du übersegelt wärest, ehe sich der Teufel die Schuhe putzt? – Laß nur erst einmal die Leuchtkugeln ihre Schuldigkeit tun.«

Robert gestand sich errötend die Übereilung, welche er begangen. Immer mußten ihn besonnenere Menschen wie ein kleines Kind am Gängelbande halten. Er trat leise zurück und erwartete stumm, was da folgen werde.

Der Steuermann sollte wieder recht behalten. Nach wenigen Minuten schon entfaltete sich ein wundervolles, großartiges Schauspiel. Aus der grabesdunkeln Umgebung des Meeres erhoben sich farbige, meist purpurrote Leuchtkugeln, die in ununterbrochener Reihenfolge einen Schauplatz gräßlicher Verheerung mit ihrem Schimmer überfluteten.

Ohne Masten, ohne Quarterdeck oder irgend einen hervorragenden Gegenstand, lag ein Schiff fast bis zur vollen Höhe seiner Schanzkleidung unter Wasser, in nächster Nähe des Bergenfahrers da. Es trieb kaum noch, weil der Wind eben nichts mehr fand, woran er seinen Grimm hätte erproben können, aber es wurde auch nur noch durch die verzweifelten Anstrengungen der Besatzung etwa drei Fuß hoch über Wasser gehalten. Rastlos arbeiteten die Matrosen an den Pumpen, rastlos folgten einander die Leuchtkugeln und überschütteten mit einem Feuerregen das nächtliche, dunkle Meer.

Es war ein wundervoller, zauberhaft schöner Anblick, die Brandung am Fuße des Vorgebirges, von farbigen Lichtern umstrahlt, hier purpurn, dort azurblau und dann tief violett, – aber niemand fand Zeit oder Ruhe, um sich dem Genuß dieses Schauspiels hingeben zu können. Das bedrängte Schiff heischte die Kräfte und die Besonnenheit aller.

Der unschlüssige Kapitän näherte sich mit blassem Gesicht seinem Untergebenen. «Ein Auswandererschiff,« sagte er, »wo sollen wir alle diese Menschen unterbringen?«

Die Antwort war kurz und bezeichnend. »Wir werden sie nicht alle lebend an Bord bekommen, Sir!«

»Meinen Sie, Steuermann? Aber lassen Sie die Boote herunter. In jedes vier Mann. Ich glaube, das Wasser ist ruhig genug.«

Er verschwand in der Kajütte, und der Steuermann ließ sich zunächst von einem der Matrosen das Sprachrohr bringen. Dann fragte er an, ob man auf dem sinkenden Schiffe noch Feuerwerkskörper genug besitze, um den Rettungsmannschaften die nötige Beleuchtung zu gewähren. Erst als diese Frage bejaht war, wurden die Boote auf das Wasser gesetzt.

Robert stürzte sich, allen voran, gleich in das erste. Er wollte es keinem seiner Kameraden gestatten, bei dem gefährlichen Rettungswerke ihm voranzustehen, sondern womöglich das schwerste und bedeutendste der Sache selbst tun. Der »Stern von San Francisco« lag jetzt back, und das fremde Fahrzeug trieb kaum merklich in einiger Entfernung an seiner Seite.

Der Steuermann beobachtete beim Glanz der Leuchtkugeln, daß es tiefer und tiefer versank, daß die pumpenden Matrosen mit der Hast der Verzweiflung arbeiteten. Ein stummes, leichtes Kopfschütteln, ein Seufzer beantworteten die Gedankenfrage, ob es möglich sein werde, alle diese Unglücklichen zu retten.

Die Boote wurden mittlerweile von den Wellen wie Nußschalen hin und her geschleudert. Es verging eine volle Viertelstunde, bis es dem ersten gelang, an das sinkende Schiff heranzukommen. Jetzt entstand ein stummes, grauenhaftes Ringen. Während zwei Matrosen mit Aufbietung aller ihrer Kräfte bemüht waren, das Boot und den niedern Bord des Schiffes aneinander festzuhalten, wehrte der dritte denjenigen Unglücklichen, welche sich, von Verzweiflung getrieben, jählings in das zur Rettung bereite Fahrzeug hineinstürzen wollten, und der vierte endlich nahm die zum Übersetzen bestimmten Gäste in Empfang. Ein Schmerzensschrei begleitete das abstoßende Boot.

Und so wiederholte sich die gleiche Szene noch achtmal. Sämtliche Männer arbeiteten, daß ihnen der Schweiß in Strömen vom Gesicht lief, sie rangen mit heldenmütiger Ausdauer gegen Wind und Wellen, gegen die natürliche Erschöpfung der Kräfte und die Versuche der Auswanderer, sich gewaltsam des Bootes zu bemächtigen. Sie wurden alle von den Kameraden abgelöst, nur Robert nicht, – er ließ keine Müdigkeit an sich herankommen, weil sein begeistertes, starkes Herz die Menschenpflicht über jede andere, namentlich aber über die Rücksicht auf das eigene Wohl, stellte. Und wo die tatkräftige, mutige Seele so gebietet, da gehorcht ihr in den Stunden großer Aufregung, unter dem Druck schwerwiegender Ereignisse der sterbliche Körper. Robert erlag nicht, bis das Werk in seiner Weise erfüllt war.

In seiner Weise.

Nur zu richtig sollte der Obersteuermann prophezeit haben. Ihrer fünfzig Passagiere von dem verunglückten Schiffe waren unter Gefahr und Anstrengung aller Art an Bord des »Stern von San Francisco« gebracht worden, während trotzdem noch über zweihundert Personen ungeduldig der Erlösung harrten. Im tiefsten Dunkel der Nacht, unter Wehklagen, Geschrei, flehentlichen Bitten und Verwünschungen aller Art vollzog sich das Rettungswerk; deutsche Laute der Verzweiflung und des Jubels, deutsche Gebete, deutsche Flüche schallten an Roberts Ohr und spornten ihn zu immer größerer Anstrengung. Er allein auf dem amerikanischen Schiffe verstand die Sprache, er allein arbeitete für bedrohte Landsleute, daher tat er es allen zuvor.

Und dann kam der letzte Akt des schauerlichen Dramas.

Die Matrosen an den Pumpen erkannten die Unmöglichkeit, noch längeren Aufschub zu erzwingen. Sie berieten einen Augenblick lang im Flüstertone und darauf begannen sie schwimmend den kurzen Weg bis zu dem Bergenfahrer zurückzulegen. Mehr als einen verschlang das wogende Meer, mehr als einen trieb es willenlos dahin und zerschmetterte seinen Körper an der furchtbaren Brandung, aber was war das Schicksal dieser einzelnen gegen alle jene Unglücklichen, über deren Füße jetzt das Wasser kalt und kriechend hinlief? Zwanzig zugleich stürzten sich die Männer an die Pumpen, obgleich keine irdische Macht imstande war, das Unglück aufzuhalten. Mit furchtbarer Schnelligkeit sank das Wrack, – nur noch eine Handbreit überragte es das Wasser.

Ganz zuletzt noch drängte sich ein junger Mann an Roberts Boot heran. Bisher hatte er tapfer geholfen, die Frauen und Kinder voranzuschicken, hatte mit vernünftigem Zuspruch den Andrängenden gewehrt und allen Mut eingesprochen – jetzt dachte er an die eigene Rettung. »Laßt mich hinter eurem Boote schwimmen, Landsleute,« bat er, »ich will niemand einen Platz streitig machen, nur gebt mir ein Tau, daß ich in der Dunkelheit den Weg finde.«

Robert lauschte aufmerksam. Schon ehe der Fremde zu ihm sprach, hatte er geglaubt dessen Stimme zu erkennen, jetzt aber nur um so mehr. Er konnte von dem übermäßig gefüllten, kaum seiner augenblicklichen Last gewachsenen Boote keinen einzigen Platz mehr verschenken, und doch erschütterte ihn die bescheidene, im holsteinischen, heimatlichen Deutsch vorgebrachte Bitte des anderen. »Wirst du dich halten können?« fragte er mitleidig. »Die See geht hoch, und dann – es sind Haifische hier!«

Der Fremde seufzte. »Fängt mich einer, so ist die Sache zu Ende,« sagte er. »Aber um meiner alten Eltern willen muß ich mich zu erhalten suchen, bis es nicht länger geht. Nimm mich mit, Landsmann, ich bitte dich.«

Robert löste von seinem Körper den Ledergürtel, dessen eines Ende er am Bootsrand in einem Eisenring befestigte und das er kaum noch früh genug dem Fremden zuwerfen konnte, um ihn vor dem jähen Sturz in das Meer zu bewahren.

Ein »ich danke dir, Landsmann!« verhallte in den Schreckensäußerungen der nun folgenden Szene. Die Leuchtkugeln versagten in den feuchten Händen, grauenhafte Finsternis umgab rings das bewegte Treiben und nahe an zweihundert Menschen versanken mit dem Schiff, auf welchem sie standen, jammernd und wehklagend in die bodenlose Tiefe.

Auf dem »Stern von San Francisco« begannen jetzt abermals die Raketen und Leuchtkugeln ihren Dienst. Erst nachdem von seiten des untergegangenen Schiffes in dieser Beziehung nichts mehr getan werden konnte, gab der vorsichtige Steuermann den Befehl, die Feuerwerkskörper hervorzuholen und abzubrennen. Man besaß also wieder einiges Licht, konnte hier und da ein menschliches Wesen auf den schäumenden Wellen erkennen und ins Boot ziehen, um es, wenn sich noch Leben vorfand, auf das überfüllte Schiff zu bringen, sonst aber mit einem letzten, unausgesprochenen Gebet wieder zurückzuversenken in das Meer. Man konnte mit langen Stangen die Trümmer untersuchen und an Bord die bleichen, geängstigten Menschen zählen.

Robert taumelte fast, als er seine letzte lebende Fracht abgesetzt und als andere Hände das Boot emporzogen. Er sah wie durch eine Art von Schleier das Segelmanöver, wodurch der »Stern von San Francisco« wieder vor den Wind gebracht wurde, und daß neues Leinen, während der kurzen Rast mit Sorgfalt gesetzt, die Taue zwischen den Masten füllte. Das Schiff verfolgte seinen Weg, nachdem alles geschehen, um dem Tode möglichst viele Opfer zu entreißen; es entfernte sich von der Unglücksstätte, Trümmer und Leichen in seinem Kielwasser zurücklassend, selbst beinahe überladen, einem unsicheren Schicksale entgegengehend, der vielen wegen, die jetzt essen und trinken wollten, wo doch für sie nicht gesorgt worden war, als der Bergenfahrer seine Lebensmittel einnahm.

Es blieb nur eine Zuversicht: daß Kapitän und Mannschaft das Ihrige getan, daß sie auf Gott vertrauen durften, der das Böse straft, aber das Gute tausendfach belohnt.

Als den Frauen und Kindern die Kajütte eingeräumt worden, als die Männer im Logis und auf dem Vorderdeck so gut wie möglich untergebracht waren, als endlich jeder ohne Ausnahme eine Ration Grog erhalten, suchte Robert im Schein der heraufziehenden Morgendämmerung unter allen diesen hingestreckten, teils schlummernden, teils dumpf vor sich hinbrütenden Gestalten den jungen Mann, welchen er zuletzt gerettet.

So von jeder Hoffnung, von Hab und Gut entblößt, dem Erbarmen anderer preisgegeben, hatte ihn das Schicksal zweimal an den fremden Strand geworfen – er empfand jetzt ein inniges Mitleid für den Unglücksgenossen, er freute sich der Möglichkeit, so gewissermaßen an die gütige Vorsehung wieder abtragen zu können, was ihm selbst in der Stunde der Not andere getan, nebenbei aber wollte er auch wissen, wo ihm in früheren Tagen diese Stimme begegnet sei.

Die meisten Geretteten saßen aufrecht oder lagen mit gestütztem Kopfe da, ihren schmerzlichen Grübeleien hingegeben, teils leise weinend, teils zusammen flüsternd oder in starrem, trotzigem Verzweifeln die Hände ringend. Niemand aus dieser ganzen Zahl hatte sein bißchen Eigentum gerettet, vielen dagegen waren von der tückischen Flut ihre Lieben entrissen worden, viele hatten das Teuerste, was sie auf Erden ihr eigen genannt, vor sich sterben sehen müssen, ohne selbst irgend etwas zur Verhütung dieses schweren Geschickes tun zu können, und alle ohne Ausnahme sahen sich ihrer Barschaft, ihrer Papiere, ihrer letzten Aussicht auf ferneres Fortkommen im Goldlande vollständig beraubt.

Wenn sie jetzt im Hafen von San Francisco landeten, so waren sie Bettler, anstatt einer erträumten besseren Zukunft entgegen zu gehen. Kein Wunder also, daß nur auf wenige Stirnen der Schlaf sich lindernd herabgesenkt hatte, daß fast alle diese armen Leute starren Blickes vor sich hin sahen, trostlos und erschüttert bis ins tiefste Herz.

Robert suchte, bis er endlich im Hintergrunde des Logis einen jungen Menschen bemerkte, der auf einer Seekiste saß und das Gesicht in der hohlen Hand verbarg. Dieser mußte es sein, Robert erkannte ihn an dem Anzug, welchen er schon in der Nacht gesehen.

»Landsmann,« sagte er, die Rechte auf des Fremden Schulter legend, »sei nicht so mutlos, Freund, mir ist es schon schlimmer ergangen als dir.«

Der Angeredete hob den Kopf und sah auf. Ein plötzliches Erstaunen, eine angenehme Überraschung malte sich in den Zügen beider junger Leute.

»Gottlieb!« stammelte unser Freund, »Gottlieb! du bist es!«

»Robert Kroll!« versetzte der andere. »Ist es möglich? – Robert, der in ganz Pinneberg für tot gilt! Mein Gott, ich glaube zu träumen.«

Robert erschrak. »Gottlieb,« fragte er, zagend wie vor etwas Verhängnisvollem, »Gottlieb, du kommst also aus unserer Heimat? Sprich, ich bitte dich, leben meine Eltern?«

Der junge Holsteiner nickte. »Sie leben beide, Robert, obwohl dein Vater seit deiner Flucht kränkelt. Er ist in sich gebrochen, der alte Mann.«

Unser Freund erbleichte bis in die Lippen. Es war ihm, als schnürte eine ungesehene Hand seine Kehle zusammen. »Kamen denn meine Briefe nicht nach Pinneberg?« stammelte er endlich.

»Einer, Robert. Von New York aus, wie deine Mutter der meinigen erzählte. Die Leute aber glaubten es nicht, weil so viel Abenteuerliches darin stand, und auch dein Vater wollte von dem Brief nichts wissen. ›Es muß erst ganz anders kommen,‹ hat er gesagt, ›Robert muß als reuiger Sünder in das Elternhaus zurückkehren und seine Mutter und mich auf den Knieen um Verzeihung bitten, so gehört sich's nach Gottes Willen und nach der Vater Brauch und Sitte. Er ist von mir zum Schneider bestimmt, und wenn er nicht gehorchen will, so habe ich keinen Sohn. Der Brief bleibt unbeantwortet.‹«

Robert schüttelte unwillkürlich den Kopf. »Immer noch der alte Starrsinn,« dachte er. »O, wie recht hatte ich, nicht ohne Mittel, die meine Selbständigkeit sichern, nach Pinneberg zurückkehren zu wollen. Um Verzeihung bitten werde ich den Vater, ja, aus Herzensgrund, aber ein Stück Brot lasse ich mir von ihm nicht geben und müßte ich verhungern.«

Er lebte sich voll Trotz in diesen Entschluß hinein, aber dennoch tat's ihm weh, dennoch sah er immer im Geiste das Bild des alten Mannes, wie er krank und traurig einherging. Gerade an seinem Geburtstage, in den Stunden, wo zu Hause die alten Eltern voll Wehmut und Sehnsucht ihres einzigen, verlorenen Kindes gedachten, gerade an diesem Tage kam ihm auf so wunderbare Weise die ernste Mahnung an das, was er gesündigt. Mitten im Weltmeer, in der pfadlosen Wasserwüste mußte ihm der Gespiele seiner Kindheit unvermutet begegnen und die alte Wunde des Herzens plötzlich zum Bluten bringen!

Eine Pause, von Gottlieb durch ernstes Schweigen geehrt, folgte dieser Unterhaltung. Beide junge Leute fühlten zu tief die Bedeutung der Stunde, als daß sie es versucht haben sollten, dieselbe hinwegzuscherzen. Auch der Auswanderer, dem das Meer alles geraubt, stand ja an einem Wendepunkte seiner Zukunft, die jetzt düsterer als früher vor ihm lag.

»Wie kommt es, daß du Europa verlassen, Gottlieb?« fragte endlich Robert, »und wohin ging deine Reise?«

Der andere seufzte tief. »Ich wollte nach Kalifornien, um Gold zu suchen, Robert,« antwortete er tonlos.

»Du? Und ich glaubte immer, daß dir dein Geschäft alles sei, daß du in deines Vaters Kundschaft hineinwachsen möchtest und auf einer und derselben Erdscholle leben und sterben. Du weißt wohl, bei unseren Kriegs- und Räuberspielen im Gehölz machtest du meistens den Zuschauer, aber wenn wir einmal einen Laden errichteten oder bei den kleinen Mädchen in der Puppenwirtschaft zu Gast waren, so fühltest du dich in deinem Fahrwasser.«

Gottlieb nickte. »Du hast ganz richtig gesehen, Robert. Ich wäre nur zu glücklich gewesen, den kleinen Krämerladen meiner Eltern eines Tages auf eigene Rechnung übernehmen zu können, aber das Schicksal wollte es nicht. Wir brannten ab, als das Haus bis unters Dach mit unversicherten Waren gefüllt lag; mein alter Vater wurde schwer krank und erblindete gänzlich. Was sollte ich nun beginnen? Mit dem Gehalt als Gehilfe in anderer Leute Lohn und Brot konnte ich die Eltern nicht ernähren, also mußte ich das Glück auf dem Wege des Zufalls zu erringen suchen. Schon so viele vor mir hatten in den Goldminen Schätze gesammelt – ich wollte es auch. Aber jetzt freilich –«

Die innere Bewegung erstickte des jungen Menschen Stimme. Er fuhr mit der Hand über die Stirne, ehe er weiter sprach. »Jetzt muß ich in San Francisco eine Stelle als Hausknecht oder Kellner suchen,« setzte er endlich seufzend hinzu. »Gott wollte nicht, daß aus mir ein Goldgräber wurde, – ich sehe es ja.«

»Du paßt sicherlich nicht dazu,« warf Robert ein.

»Das fühle ich selbst, aber meine Pflicht steht doch höher als alle Wünsche der Welt. Ich muß mich vergessen lernen und werde es.«

Robert errötete vor den schlichten Worten seines ehemaligen Schulkameraden. Ohne Klage, ohne Sträuben hatte Gottlieb verlassen, was ihm auf Erden das Teuerste war, um sich in die fremde, geräuschvolle, ihm so verhaßte Welt hineinzustürzen, nur weil er in dieser Selbstverleugnung den alten Eltern diente und seine Sohnespflicht treu erfüllte. Das war mehr als er, Robert, jemals hätte über sich gewinnen können.

»O Gottlieb,« sagte er, »wie wunderlich spielt das Leben mit uns Menschen herum. Immer muß man, was man nicht möchte.«

»Ja, wenn man's nur noch gleich ausführen könnte,« versetzte der bescheidene junge Mensch, »dann ginge wohl alles. Aber solche Querstriche, die das Schicksal zieht, solches Unglück macht ganz verzagt.«

Robert klopfte ihm auf die Schulter. Sein großmütiges Herz hatte schon längst beschlossen, den Jugendfreund zu retten. »Mach dir keine Sorgen, Gottlieb,« sagte er, »ich habe genug Geld im Besitz, um dir helfen zu können. Fünfzig Dollar gibt es doch, wenn ich abmustere, und damit kommst du bequem ins Goldland.«

Gottlieb streckte gerührt die Hände aus. »Bist immer noch der alte Robert Kroll!« rief er, »der Gute, der Ungestüme. Bist noch der, welcher sein Butterbrot teilte und für den schuldigen Kameraden die Tracht Prügel hinnahm, ohne zu plaudern. Gott segne dich, Freund!«

»Ach, Paperlapapp, wollen wir nicht gleich lieber Tränen vergießen, du?«

Aber während er die Worte sprach, umarmte er doch in seiner heftigen Weise den anderen, und unter seinen Wimpern schimmerte es feucht. Dann zwang er den unerwartet Gefundenen sich schlafen zu legen, und trat selbst die Morgenwache an, frisch und kräftig wie immer.

So hoch da oben in den Tauen, fast unterm Flaggenknopf, wo es heute viel zu tun gab und wohin er allen voraneilte, da zogen verschiedene Gedanken an seiner Seele vorüber, ernste und heitere, Bilder der Vergangenheit und Hoffnungsträume einer glücklichen Zukunft, – da fühlte er tiefer als je das Gewicht seiner Schuld und nahm sich vor, noch einmal, noch dringender und herzlicher den Vater um Verzeihung zu bitten. »Mag er im Unrecht sein,« dachte unser junger Freund, »mag er im irrtümlichen Eifer mein Glück da gesucht haben, wo es nicht zu finden war, – ich muß ihm alles vergeben, weil er mein Vater ist, und muß ihm das Unrecht, welches ich begangen, kindlich abbitten. Bei der nächsten Reise werde ich Vollmatrose, dann gibt es bessere Heuer und dann kann ich um so leichter eine kleine Summe sammeln, damit mir die Eltern nichts zu schenken brauchen. Mag der Vater unerbittlich bleiben, wenn ich mich ihm zu Füßen werfe, – ich will es doch tun, um meines eigenen Bewußtseins willen.«

Und als er dann, leichter im Herzen durch diesen Entschluß, bei seiner Arbeit mit heller Stimme das »Schleswig-Holstein meerumschlungen« hinausjubelte in die sonnige Morgenfrische, da übertrug sich der Segen seiner freieren, besseren Stimmung auch auf die armen Auswandererfamilien da unten im Schiff. Der sie bei Nacht und Unwetter so gnadenvoll erhalten hatte zu neuem Dasein, der würde ja auch Mittel und Wege finden, das doppelt geschenkte Leben im fremden Lande fristen zu können.

Besonders Gottlieb sang, in Roberts Koje wachend, unhörbar alle die Verse mit. Die unerwartete Begegnung hatte seine Hoffnung neu gehoben, das liebe, vertraute Gesicht des Schulkameraden war ihm wie ein Stern in der Finsternis erschienen, – er fühlte es nicht, daß sich unmerklich seine Wimpern senkten, daß ihn die Klänge des Heimatliedes in Schlummer wiegten.

Golden und glänzend schien die Sonne herab, weiter und weiter zog das Schiff seine Bahn – hinweg über Trümmer und zerschellte Pläne, unaufhaltsam dem wechselnden Leben entgegen. Sorge und Freude, Schmerz und Lust, alles schläft, alles ruht. Die Träne ist versiegt und das Lächeln still, – all die Geretteten schlafen.

In der Kajütte des Kapitäns stand der Obersteuermann und sah sehr ernsten Blickes seinem Vorgesetzten ins Auge. »Wir müssen, Herr Kapitän,« sagte er mit großer Entschiedenheit.

Mr. Barrow strich sich das Haar aus der Stirn, kratzte hinter den Ohren, wiegte den Kopf und war offenbar unschlüssiger als je. »Bis zur Insel Juan Fernandez könnten wir doch vielleicht kommen, Steuermann,« antwortete er endlich.

Dieser schüttelte den Kopf. »Ganz unmöglich, Sir.«

»Auch nicht, wenn die Rationen halbiert werden?«

»Auch dann nicht.«

»Verfluchte Geschichte! Wie soll ich's vor der Reederei verantworten?«

»Daß wir schiffbrüchige Menschen retteten, Sir? Kein Gericht der Welt kann Ihnen Strafe dafür zuerkennen.«

»Aber wenn das Schiff in der Magelhaensstraße zu Grunde geht? Niemand wählt den Weg durch diese Klippen.«

Der Obersteuermann zuckte die Achseln. »Entweder – Oder!« versetzte er. »Wir haben eine Überzahl von sechzig Köpfen an Bord und müssen also folgerichtig in etwa acht Tagen ohne Wasser sein. Befehlen Sie, daß wir weiter segeln, so –«

»Nein, o Himmel nein, das wäre ja noch weit schlimmer. Aber solches Mißgeschick! Die erste Reise als Kapitän und gleich ein Wagnis auf Leben und Tod.«

Der Steuermann schwieg. Was sein Vorgesetzter sagte, war vollkommen richtig, aber die vielen Klagen hätte er sich ersparen können.

»In Gottes Namen denn,« seufzte endlich Mr. Barrow. »Geben Sie die nötigen Befehle, daß wir in die westliche Durchfahrt der Magelhaensstraße hineingelangen. Es wird ja noch gerade früh genug sein.«

»Bis auf eine Stunde, Sir!«

Und der Steuermann betrat erleichterten Herzens das Deck. Er mußte den jugendlichen Kapitän überall da, wo es schnelle Entschlossenheit und praktischen Blick galt, vollständig ins Schlepptau nehmen, das wußte er schon, aber es war ihm immer wieder gleich unangenehm. »Der wird noch schön jammern,« dachte er, »wenn ihm Kindergeschrei in die Ohren klingt, so oft er arbeiten will, und wenn diese zwanzig Weiber in der Kajütte ans Waschen kommen, oder sich untereinander zanken. Na, auch die längste Fahrt hat ein Ende, und das Bewußtsein, sechzig Menschen vom Tode errettet zu haben, ist schon einige Beschwerden wert.«

Er gab der Mannschaft die nötigen Befehle für den veränderten Kurs, und nachdem der Eintritt in die Magelhaensstraße bewerkstelligt worden war, ging es an ein verdoppeltes Arbeiten, um alle die hundert kleinen Schäden der letzten Nacht wieder auszubessern. Das Deck war schmutzig und naß, die schöne weiße Ölfarbe mit den Spuren von hundert Füßen übersäet, die Wanten und Pardunen zum Teil zerrissen, die Türen ausgehängt, die Segel unordentlich verstreut, und die Kombüse, weil fortwährend gekocht worden, in einer heillosen Verwirrung.

Während die jüngere Mannschaft, in den Pferden stehend, oben alle Hände voll zu tun hatte, mußten die älteren Leute an Deck arbeiten, so daß, als sich später Frauen und Kinder zu zeigen begannen, ein buntes Jahrmarktsbild daraus wurde. Es gehörte alle Geduld, alle Ruhe des erfahrenen Seemanns dazu, um hier eine erträgliche Ordnung der Dinge wieder herzustellen.

Wer es weiß, wie beschränkt auf Kauffahrteischiffen der Raum gemessen ist, dem wird eine unerwartete Überzahl von sechzig Köpfen als verhängnisvoll erscheinen, und das war sie auch in der Tat.

Kajütte, Vorderraum, Wandschränke, ja selbst der Gang hinter der Kajütte, jeder Zollbreit Boden war mit altem Segeltuch und Decken belegt, um über vierzig Personen, Frauen und Kindern, als Schlafstelle zu dienen. Das kleine Völkchen ergoß sich jetzt wie ein Bienenschwarm auf das Verdeck, und angstvolle Mütter eilten schreiend nach, mit einem Worte, es war eine neue babylonische Verwirrung hereingebrochen. Zudem sprach die Mannschaft englisch, und die ungeladenen Gäste bestanden sämtlich aus Deutschen, so daß an ein wirkliches Gespräch gar nicht gedacht werden konnte, und daß Robert fast nichts anderes mehr tat als Übersetzen und Befehle vermitteln.

Der Kapitän saß in seiner kleinen Schiffskajütte wie ein gefangener Löwe im Käfig, und so oft eines der Kinder neugierig die Tür öffnete, floh es erschreckt vor der finsteren Miene, welche ihm entgegenblickte. Es war aber auch wirklich zum Haarausreißen, wie Mr. Barrow meinte, man konnte keinen Fuß mehr vor den andern setzen, konnte sein eigenes Wort nicht verstehen und nirgends zu seinem Rechte gelangen.

Zum Glück blieb das Wetter vortrefflich, so daß über das Quarterdeck ein Sonnensegel gezogen und den Frauen befohlen wurde, sich während des Tages dort aufzuhalten. Die Schiffsjungen mußten fortwährend putzen und scheuern, die Kinder blieben auf bestimmte Grenzen angewiesen, und alles ging, nachdem es zur Gewohnheit geworden, leidlich, nur des Steuermanns Stirn umwölkte sich mehr und mehr, je schneller er den Fleischfässern oder den Brotkisten auf den Grund sah.

Was half aber alles Sträuben? Die Decksluken mußten geöffnet und ein Teil der aus trockenem Kabliau bestehenden Ladung verzehrt werden. Alle diese Hungrigen wollten ja leben.

Robert diente als Vermittler, als Adjutant und Dolmetscher. Er schloß während dieser Zeit eine neue und reifere Freundschaft mit dem jungen Auswanderer, den er einst als Knabe gekannt und von dessen Natur die seinige so grundverschieden war. Gottlieb schauderte, so oft er an die Zukunft dachte.

»Das sollen da in den Goldminen lauter Räuber und Totschläger sein,« sagte er einmal. »Ich glaube, sie tragen alle Waffen.«

»Das tut man in ganz Amerika, Freund, und sei es in der volkreichsten Stadt.«

Gottlieb entsetzte sich. »Wie wird mir's ergehen,« seufzte er. »Ich mag gar nicht daran denken. Ja, wenn du bei mir wärst, Robert!«

Unser Freund lachte. »Ich sollte täglich zwölf Stunden lang in der Erde herumwühlen und Goldstaub waschen? Das wäre für meiner Mutter Sohn zu langweilig!«

»O!« seufzte Gottlieb, »langweilig? Das ginge schon an, wenn man nur arbeitet und etwas vor sich bringt. Aber die schlechte Gesellschaft, das Trinken und Raufen, – brr, mir graut davor. Weißt du, ich kann nicht so mit den Leuten fertig werden, wie du. Im Laden ist man höflich und bescheiden, man spricht über dieses oder jenes und kann sich nett sauber halten, – aber da in den Minen soll es ja hergehen wie bei einem Jahrmarkt, wenn die Messer aus den Taschen gezogen werden und einer über den andern stolpert. Denkst du, daß ich mein Glück auf diesem Wege finde, Robert?«

Unser Freund sah die kleine, schwächliche Gestalt seines ehemaligen Schulkameraden, und half sich mit einem: »Nun, warum denn nicht?« über den unangenehmen Gegenstand hinweg. »Gewiß wäre es besser, du hättest einen erfahrenen Freund neben dir, Gottlieb,« setzte er dann hinzu, »aber ich selbst spüre gar keine Lust, der See Lebewohl zu sagen. Will in San Francisco auf einem Hamburger Schiff für Hin- und Herreise heuern, denke ich, so daß vielleicht vier oder acht Tage zum Urlaub nach Pinneberg übrig bleiben. Es ist besser, daß ich bereits gebunden bin, ehe ich dorthin komme, und daß ich mich auch nicht lange aufhalten kann, sonst möchte der Krieg mit meinem Vater nur erst wieder nutzlos beginnen. Genug Geld, um in Pinneberg auf acht Tage im Wirtshaus leben zu können – wenn's not tut – verdiene ich ja während der Heimreise.«

Er seufzte heimlich bei diesem Gedanken. Der Boden brannte ihm, wie man zu sagen pflegt, unter den Füßen, seit er wußte, daß sein alter Vater krank war und vielleicht sterben würde, ohne ihm vorher verziehen zu haben.

Gottlieb wiegte den Kopf. »Da tätest du doch am klügsten, in den Minen ein hübsches kleines Kapital zu sammeln und mit diesem zu den Eltern zurückzukehren,« antwortete er. »Es geht ja schneller, denke ich, als durch die magere Monatsheuer.«

Robert lachte. »Du willst mich ködern, Schelm,« sagte er, »aber das gelingt nicht so leicht. Vor der Hand werde ich mich einstweilen mit an Land schicken lassen, um Wasser einzunehmen. Ich freue mich schon ordentlich auf einen kleinen Spaß mit den Patagoniern.«

»Herr des Himmels, das sind ja Wilde!«

»Natürlich, du friedsame Seele, gerade darum. Möchtest du denn nicht gern einmal so ein Dorf aus Zelten im Naturzustande mit ansehen, Gottlieb.«

»O lieber Himmel, um keinen Preis! Aber du liefst ja dergleichen schon als Knabe nach, Robert. Erinnerst du dich wohl, als einmal im Pinneberger Dorf die Zigeunerbande lagerte?«

»Und ich drei Tage lang die Schule versäumte!« lachte unser Freund. »O diese Hiebe werden in meinem Gedächtnis fortleben, so lange ich lebe. Du warst nicht mit hinauszulocken, weder durch Bitten noch irgend ein anderes Mittel.«

»Nein gewiß nicht. Was sieht man denn auch an schmutzigen, zerlumpten Menschen?«

Robert schüttelte den Kopf. »Du bist eine echte Landratte und ein Stockphilister dazu,« lachte er. »Willst dann also höchstwahrscheinlich nicht mit uns auf die Wasserjagd gehen?«

Gottlieb sah schaudernd zu dem fernen, dunklen Streifen, wo das ersehnte Land mit seinen Quellen und Flüssen lag, hinüber. »Wenn's nicht sein muß, Robert, dann laß mich an Bord bleiben,« versetzte er. »Die Patagonier sind Räuber, haben Pferde und eiserne Waffen.«

»Nun,« rief Robert, »du Hasenfuß, sind wir etwa schlimmer daran?«

»Pferde haben wir doch nicht im Besitz!«

»Um Reißaus zu nehmen, meinst du! – Na, laß es nur gut sein, du kannst in der sicheren Kajütte bleiben. Ich begreife nur nicht, woher du bei dem Untergang eines Schiffes den Mut nahmst, bis zuletzt an Bord auszuharren und den kopflosen Auswanderern einen ruhigen, vernünftigen Widerstand entgegenzusetzen!«

Gottlieb errötete. »Du,« versetzte er, »was gerade notwendig geschehen muß, das kann ich auch und tue es ohne Weigern, aber – nicht gern. Lieber gehe ich meinen Weg in Frieden, so wie früher, als das niedere, alte Haus noch stand und ich von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends hinter dem Ladentische hantierte. Meine Wagschalen waren immer so sauber und Tüten im voraus geklebt auf ein Vierteljahr, – ach, wie gut hatte ich es damals!«

Robert schüttelte den Kopf. »Mein Gott,« dachte er, »mein Gott, warum ist nicht dieser stille, harmlose Freund des Alltagslebens und des täglich wiederkehrenden Einerlei als der Sohn meines Vaters geboren worden, und ich dagegen als der, welcher hinaus mußte in die fremde, verlockende Welt, eben um einer heiligen Pflicht zu genügen? Wie glücklich wären wir dann beide, und wie tief wird der innere Zwiespalt dagegen unter den bestehenden Verhältnissen von beiden stündlich empfunden!«

Er brach die Unterhaltung plötzlich ab. Ihm fiel wieder ein, was Mongo gesagt, da oben in der nordischen Eiswüste unter den Zeltdecken der Lappen. »Daß es der Mensch lerne sich selbst zu überwinden ist der Zweck des Lebens.«

Und er mußte sich eingestehen, daß eigentlich das, wonach die Seele leidenschaftlich verlangt, was alle Wünsche stürmisch begehren, – doch zu leicht ausgeführt wäre, als daß es eine ernste Aufgabe genannt werden könnte.

»Gottlieb und ich wollen einander ergänzen,« dachte er. »Ich glaube, es würde gar nicht schaden, wenn ich ihn auf ein paar Monate in die Minen begleitete. Glückt es mir, mit einem hübschen Vorrat von Goldstaub nach Pinneberg zurückzukehren, so bin ich imstande, ganz als mein eigener Herr aufzutreten, und kann dem Vater zeigen, daß ich auch ohne die Nähnadel immer noch würdig bin, seinen unbescholtenen Namen zu tragen und von ihm Sohn genannt zu werden. Ich will –«

Ein plötzlicher Befehl unterbrach seinen Gedankengang. Die grünen Ufer der Küste waren schneller, als es Robert für möglich gehalten, zu ganzen Wäldern und Gebirgsketten herangewachsen; sie lagen jetzt so nahe, daß für ein demnächstiges Anlaufen schon Vorbereitungen getroffen werden mußten.

Wie schlug sein Herz, als er das Ufer sah. Weiße Kiesel, im Sonnenschein glänzend, dichte Buchenwälder und dazu ein reicher, mannigfaltiger Blumenschmuck, alles erinnerte ihn mehr als jeder andere Strand, den er bis jetzt betreten, an die teure deutsche Heimat. Wie stolz und schön strebten die festen Buchenstämme empor in das Blau des Morgens, wie rauschte es so bekannt und so traut in den Laubkronen – –

Und dazwischen blühten Fuchsien von allen Farben, allen Größen und Schattierungen. Nicht wie bei uns in Deutschland als Sträucher und Zwergpflanzen, sondern als schlanke Bäume, auf deren üppigen Zweigen sich Singvögel wiegten, und die rings mit Tausenden und Abertausenden ihrer glockenförmigen Blüten übersäet waren. Von reinstem Weiß bis zum tiefsten Purpur fanden sich alle verschiedenen Arten vertreten, während der Moosboden des Ufers mit breitblätterigen Schlingpflanzen bedeckt und die ersten Höhenzüge mit einem sanften Grün überhaucht waren.

Auf den Abhängen weidete eine Herde von Guanacos, während mehrere kleine Pekaris die sandigen Stellen der Uferbank aufgewühlt hatten und im Sonnenschein ahnungslos schlummerten.

Alles zusammen bot die Insel mit ihren lebenden und unbelebten Geschöpfen das farbenreiche Bild eines echt ländlichen Aufenthaltes von überwiegend nordischem Charakter. Freilich flatterten zwischen den Gebüschen einige kleine Papageien, aber im allgemeinen fehlte doch der schmeichelnde Reiz des Südens, den Robert durchaus nicht liebte.

Die Buchenkronen, die bekannten, lieben, unter deren Schatten er groß geworden, die grünen wallenden Blatter berauschten sein Herz. Weder auf Kuba noch in Norwegen hatte er diesen Baum angetroffen, war er so an Deutschland gemahnt worden, wie eben hier. Es ging ihm viel zu langsam, bis endlich die Boote auf dem Wasser lagen.

Keiner von der ganzen Besatzung des Schiffes war jemals an dieser Stelle gewesen, keiner wußte, ob und wo hier Quellen zu finden waren, aber an ein längeres Zögern konnte um so weniger gedacht werden, als sich der Wassermangel bereits in den letzten Tagen sehr empfindlich bemerkbar gemacht hatte. Der jugendliche Kapitän gönnte sich weder am Tage noch in der Nacht eine längere Ruhe, sondern spähte beständig bald auf der Karte, bald auf dem Wasser nach Klippen, an denen sein Schiff zerschellen konnte, er fürchtete seit dem Abenteuer mit dem sinkenden Fahrzeug alles mögliche Böse und dachte jetzt sogleich an einen Überfall der Patagonier. »Diese Stamme führen beständig untereinander Krieg,« sagte er seufzend, »sie leben erklärterweise vom Raube, also muß mit der größten Sorgfalt verfahren werden. Zwanzig Mann sollen sich bis an die Zähne bewaffnen und unter jeder Bedingung zusammenhalten, so daß keine Streifpartien in einen Hinterhalt gelockt werden können. Bei der ersten Quelle wird Halt gemacht, und der ganze Ausflug so schnell als nur möglich beendet. Die Schiffsjungen bleiben an Bord.«

Als alle diese Befehle vollzogen worden waren, trat er noch einmal an das Fallreep. »Leute, wagt nichts,« rief er. »Scheint hier kein Wasser zu sein, so findet sich's auf einer andern Insel. Es sind deren leider nur allzuviele vorhanden.«

Der Untersteuermann als Führer der kleinen Truppe antwortete mit einem » All right, Sir,« und dann stießen die Boote ab. Robert sah zu seinem größten Erstaunen, daß Gottlieb mit hineingesprungen war. »Nun,« rief er, »wozu das, Freund? Bleib doch auf dem Schiff, da du an solchen Dingen keinen Gefallen findest.«

Der junge Auswanderer schüttelte den Kopf. »Sprich nicht so laut, Robert,« flüsterte er, errötend wie ein Mädchen. »Alle Leute sehen mich an. Ich will mit dir gehen, weil du mich sonst für feige halten würdest, und das bin ich doch nicht. Wenn es not tut, so stelle ich meinen Mann.«

Unser Freund handhabte kräftig das Ruder. Aus seinen blauen Augen und dem ganzen Ausdruck des sonnenbraunen Gesichtes lachte die kecke Zuversicht der Jugend. »Du bist ein guter Kamerad, Gottlieb,« rief er, »ich will dir deine Treue vergelten, darauf darfst du bauen. Schau hin, sieht das nicht ganz so aus, wie die Inselgruppe und die Gehölze hinter unserem Pinneberger Mühlenteich?«

»Wahrhaftig,« antwortete Gottlieb, »ich dachte in diesem Augenblicke das gleiche.«

Robert hatte sich von seinem Sitz erhoben und zeigte jetzt mit dem Ruder auf die Waldung vor dem Boote. »Weißt du's noch,« rief er jubelnd, »wie wir bei unsern Kriegsfahrten die größte Insel immer Patagonien nannten, und des Müllers Kühe die Patagonier – den schwarzen Stier aber den Kaziken? – Brombeeren, Himbeeren, hauptsächlich Nüsse, das alles war die Beute, und der Ruheplatz unter den Buchen, wo wir regelmäßig ein Feuer anmachten, unser Biwak. Die Gefangenen wurden auf einer ganz kleinen kahlen Insel ausgesetzt, und oft trotz ihrer Bitten am Abend nicht wieder an Bord genommen, wobei –«

»Dann die ganze Geschichte an den Tag kam!« schaltete Gottlieb ein. »Das unbefugte Betreten des fremden Grund und Bodens, das Feuer, die kleine Rache an einem Kameraden, alles wurde dem Rektor hinterbracht und trug seine sauren Früchte.«

»Hast du nicht gesehen!« lachte Robert. »Hätte ich so viele Taler, Gottlieb, wie ich Hiebe bekommen habe, – du könntest dein Haus wieder aufbauen und deine Tüten in Frieden weiterkleben. Aber schadet nicht, die wildesten Jungen werden die tüchtigsten Männer.«

Während dieser kleinen Erinnerungsfeier der beiden Schulkameraden hatte das Boot den Strand erreicht, und Robert sprang an allen vorüber in hohem Bogen auf die Kiesel, über deren glänzendes Weiß ein Schaumwasser dahinbrauste. Er warf die Mütze in die Luft und fing sie wieder auf, unbekümmert um alle Gefahren der Welt.

»Schnell!« rief er. »Der Steuermann ist unser General und wir sind die Landungstruppen. Komm heraus, Kazike von Patagonien, wenn du den Mut hast!«

Das war aber weislich in deutscher Sprache ausgerufen und niemand verstand es, als nur Gottlieb allein. »So sei doch ruhig,« mahnte er, »das sind ja andere Gegner, als die harmlosen Kühe, welche du, damals in die Flucht schlugst.«

»Oho, der gehörnte Kazike war wahrhaftig nicht zu verachten. Er hat einmal mich mit noch drei andern über sein ganzes Gebiet gehetzt, bis wir mehr tot als lebendig in unser Boot plumpsten, und selbst dahin wollte er uns noch nachlaufen. Ich sage dir, der Anblick war urkomisch. Bis an die Brust im Wasser stehend, halb erschreckt, pustend und zornig, das dumme Gesicht uns entgegengestreckt, so brüllte er aus Leibeskräften, während wir ihn verhöhnten, mit dem Ruder stießen und immer nahe vor ihm umherfuhren, bis er endlich Reißaus nahm. Ich muß heute noch lachen, wenn ich daran denke.«

Gottlieb schüttelte den Kopf. » Wie kann man aber auch einen Stier necken!« sagte er. »Du versuchst doch wahrhaftig das Unglaubliche.«

»Ich versuche alles und fürchte nichts. So, jetzt nimm diesen Sarras, da du doch mit dem Gewehr nicht umgehen könntest.«

Der ganze Zug setzte sich in Bewegung. Jeder Mann trug Waffen und außerdem einen Eimer – Pütze genannt – mit der Inschrift: Stern von San Francisco. Ohne ein lautes Wort, ein überflüssiges Geräusch, und in dichtgeschlossener Reihe drangen die Seeleute vor, indes ihnen vom Bord des Schiffes der Kapitän durchs Fernrohr nachblickte, und unruhig wie ein Tiger im Käfig an der Schanzkleidung auf und ab ging.

»Wenn keiner zurückkommt, Steuermann, was beginnen wir?« »Noch ist's ja nicht so schlimm, Sir.«

Dann verstummte auch an Bord das Gespräch und ebenso still wie im Walde die Matrosen, gingen dort die Zurückgebliebenen nebeneinander her. Alle fünf Minuten sah der gefolterte Kapitän auf die Uhr.

Robert und Gottlieb marschierten Seite an Seite, beide entzückt von dem Schatten der Buchen und dem Samt des Rasens, auf welchen sie traten. Seit Jahr und Tag hatte unser Freund keine grüne Landschaft mehr gesehen, keine Blume, keinen Singvogel in den Zweigen. Das alles war ja in Norwegen nur höchst spärlich und vereinzelt vorgekommen, hatte keine so rechte Art gehabt und zeigte fortwährend die Nähe des ewigen Eises. Hier aber gedieh und blühte es auf jedem Zollbreit Bodens, hier duftete es wie deutscher Sommer, und sang und jubilierte zwischen allen Blättern.

Nur von einer Quelle oder einem Fluß zeigte sich nichts.

»Ob wir uns doch in mehrere Abteilungen teilen?« meinte der Steuermann. »Möglicherweise zieht sich dieser Wald Gott weiß wie weit fort, ohne in ein Tal auszumünden. So zwischen den Stämmen können wir auf keine Quellen hoffen.«

»Aber der Alte hat es verboten!« meinte einer.

»Der Alte ist ein Hasenfuß, sage ich euch. Haben wir irgend ein Lärminstrument, eine Pfeife oder dergleichen bei uns?«

Es meldeten sich mehrere, die schon aus Vorsicht eine kleine Zinkflöte mit schrillem, durchdringendem Tone zu sich gesteckt hatten, und dann ließ der Steuermann regelrecht abstimmen, wer für Teilung sei, und wer nicht. »Bedenkt, was ihr tut, Leute,« sagte er, »auf euch selbst fallen die Folgen zurück. Der Kapitän hat uns, da wir in diesem Augenblick nicht auf seinem Schiffe stehen, auch keine Gesetze zu geben; wir sind es, die ihre Haut zu Markt tragen, und wir selbst müssen über unser Handeln entscheiden. Also wie ist es, teilen oder zusammenhalten?«

»Teilen!« klang fast von Mund zu Mund der Bescheid der Matrosen. »Was sollte uns denn auch weiter begegnen? Die Kerle hier herum sind keine Menschenfresser.«

Und dann wurden je fünf Mann mit einer Alarmflöte versehen, man verabredete, daß auf das erste Zeichen alle dem bedrohten Punkte zueilen sollten und daß man sich an dieser Stelle wiedertreffen wolle. Wer Wasser entdeckt hatte, mußte sogleich ein Zeichen geben.

Die vier kleinen Trupps verteilten sich nach allen Himmelsgegenden, und rings umher wurde es stille wie zuvor. In Roberts Zug befand sich Gottlieb als Freiwilliger, daher waren hier im ganzen ihrer sechs Männer versammelt. Der Weg, welchen sie verfolgten, führte augenscheinlich in eine Niederung, da er wenig Baumwuchs zeigte und zuweilen plötzlich tief abfiel, aber dennoch hörte oder sah man keinerlei Gewässer.

Über eine halbe Stunde lang mochten die Matrosen vorwärts gegangen sein, als durch die stille Morgenluft ein ganz unerwarteter Ton zu ihren Ohren drang. In nächster Nahe wieherte ein Pferd. – Im Nu hemmten alle ihre Schritte.

»Es wäre doch hübsch, wenn hier hinter den Bäumen ein Dorf läge!« raunte einer der Seeleute. »Dann sehen wir unser Schiff nicht wieder.«

Robert winkte den übrigen. »Wir müssen uns der Pferde bemächtigen!« flüsterte er. »Haben wir diese und unsere Schußwaffen, so mag der Stamm sein Bestes tun, – er wird nicht verhindern können, daß wir die Sieger bleiben.«

»Wahrhaftig,« meinte der Steuermann, »das ist ein guter Gedanke. Aber wir kommen nur nicht ungesehen so weit heran, um die Tiere ergreifen zu können.«

»Laßt mich als Kundschafter den Weg suchen!« drängte Robert. »Gebt mir die Pfeife, damit ich euch im Notfall benachrichtigen kann und bleibt in der Nähe. Letzteres müßt ihr ohnehin, denn da wo Pferde sind, wohnen gewiß Menschen, und ebenso sicher ist bei den Hütten derselben auch Wasser anzutreffen.«

Die Schlußfolgerung erschien den fünf Männern als so vollkommen richtig, daß niemand dagegen eine Einsprache erhob, nur Gottlieb berührte Roberts Arm und flüsterte halblaut: »Laß mich mit dir gehen, ich bitte dich.«

»Nein, auf keinen Fall. Du bleibst bei den übrigen, hörst du, Gottlieb. Mir macht die Geschichte großen Spaß, – dir wär's ein Opfer.«

Gottlieb schüttelte den Kopf. »So laß mich doch, Robert. Du hast mir das Leben gerettet, also will ich für dich nicht weniger tun.«

Auch Mongo drängte sich an Roberts Seite. »Vier Augen sehen heller als zwei, du junger Spitzbube, daher nimm mich mit dir.«

»Nichts da!« entschied unser Freund. »Setzt euch ins Moos und verzehrt ein Frühstück, damit ihr bei Kräften bleibt. Lebt wohl!«

Seine schlanke Gestalt verschwand zwischen den Bäumen, und die Zurückgebliebenen konnten in der Tat nichts anderes vornehmen, als was er ihnen geraten, eine Rast auf dem schwellenden Moos. Nur zu essen vermochte niemand, und als die fünf eine Flasche mit Rum von Hand zu Hand gehen ließen, da bemerkten sie, daß Gottlieb fehlte. Der junge Auswanderer war heimlich davongeschlichen, ohne daß ihn die anderen beobachtet hätten.

Mongo schmunzelte wohlgefällig. »Er wird sich schon durchschlagen,« sagte er, von Robert sprechend, »mir ist um ihn nicht bange. Habe den Feuerkopf lieb, als wäre er mein eigener Sohn, das könnt ihr glauben, Leute, aber doch laufe ich ihm nicht nach. Er ist vorwitzig, hört auf keinen vernünftigen Rat und hält allemal seine eigene Meinung für die richtige, – das muß er sich noch abgewöhnen. Laßt ihn nur tüchtig in die Klemme geraten.«

Während dieser Worte horchte der alte Mann ganz angestrengt und vermochte keinen Tropfen Rum über die Lippen zu bringen. Immer war es ihm, als höre er in der Ferne Roberts Stimme.

Dieser kroch indessen wie eine Schlange weiter. Noch zeigte sich vor seinen Blicken nichts als das Unterholz und hier oder da eine freie Fläche, dann jedoch wurden letztere häufiger, bis endlich ein tiefes Tal sich offen ausbreitete und mehr als zehn weidende Pferde auf der Ebene erschienen. Zur Seite des grünen saftigen Rasens lagen aber auch etwa zwölf bis zwanzig Zelte aus Fellen, und zahlreiche Kinder jeden Alters spielten an den Ufern eines silbernen Flüßchens, das talwärts über Kiesel und weißen Sand bis zum Meeresufer hinablief.

Robert sah die blaue Fläche der See zwischen den Baumstämmen schimmern; das Dorf lag also unmittelbar am Strande, und das Wasser wäre von der entgegengesetzten Seite her mit leichter Mühe zu erreichen gewesen, während es kaum möglich schien, jetzt bis an den Fluß zu gelangen. Ob er wagen durfte auf den Rasen zu treten und die Pferde vor den Augen ihrer Eigentümer zu entführen?

Zaum und Lederzeug schien hier ein unbekannter Luxus, die Tiere liefen gänzlich fessellos umher, aber sie schienen sehr zahm, da sie den Lockrufen der kleinen, rotbraunen Kinder wie Hunde gehorchten. Robert versuchte ein ähnliches Mittel, aber ohne Erfolg.

Hätte ich doch einen Lasso! dachte er ärgerlich. Und wieder rief er leise, ohne indessen einen günstigeren Erfolg zu erzielen; die Tiere weideten in ungestörter Ruhe fort, die Sonne schien hell vom Himmel herab und die kleinen Kinder spielten ganz wie ihre weißen Altersgenossen mit Kieseln und Sand.

Aber etwas mußte geschehen. Die Zeit verging, die Kameraden warteten, der Kapitän war gewiß schon ganz außer sich, also alles drängte zur Eile.

Robert hielt noch einmal scharfe Umschau. Aus den oberen, spitzzulaufenden Gipfeln der Hütten drang stellenweise ein leichter bläulicher Rauch hervor, auch einige Haustiere, wie Schweine und Hunde, liefen umher, aber kein erwachsener Mensch ließ sich blicken. Vielleicht war der Stamm auf einem Kriegszuge abwesend, und nur ein paar alte Frauen beaufsichtigten die Kinder, – vielleicht glückte es, mit einem geschickten Griff die Pferde zu entführen, und dann hatten die Seeleute das Spiel gewonnen.

Gedacht, getan. Robert trat hinaus auf das freie Feld und näherte sich dem ersten Tier, das ihn ruhig herankommen ließ. Sein Herz schlug höher, als er eine mitgebrachte Leine aus der Tasche hervorzog und sie um den Hals des Pferdes legte. Zu zwei und zwei konnte er die Tiere seinen wartenden Kameraden überliefern und auf diese Weise die Wilden waffenlos machen.

Da tönte aus ziemlicher Entfernung durch die Waldesstille das verabredete Zeichen. Robert horchte. Es waren drei kurze gellende Pfiffe, also Wasser gefunden und der Zweck der ganzen Expedition erreicht. Höchstwahrscheinlich hatten die Kameraden denselben Fluß, nur etwas weiter hinauf, entdeckt und schöpften jetzt den nötigen Bedarf, während sie für die mühevolle Arbeit von Augenblick zu Augenblick den Beistand der übrigen erwarteten.

Von zwei Seiten schallte Antwort, aber Robert schwieg weislich. Der laute Ton hätte ja ganz gewiß alle etwa vorhandene Wilde aus ihren Schlupfwinkeln hervorgelockt. Er schwang sich auf eines der Pferde und wollte eben davonsprengen, als ein lauter, mehrstimmiger Ausruf zu ihm emporschallte. Sich umdrehen und unten zwischen den Hütten eine Anzahl von zehn bis zwölf Patagoniern erblicken, war die Sache eines Augenblicks.

Zugleich wurde das Pferd bei seinem Namen gerufen, machte eine plötzliche Schwenkung und eilte mit dem erschrockenen jungen Menschen geradeswegs in das Dorf hinab. Robert wäre schon nach wenigen Minuten inmitten der Wilden angelangt und von diesen unfehlbar gefangen worden, wenn ihn nicht seine ruhige Geistesgegenwart bewogen hätte, sich noch rechtzeitig ins Gras fallen zu lassen. Mit langen Sätzen sprang er in das Gebüsch hinein.

Die Wilden folgten ihm, zehn an der Zahl. Ihr lautes Kriegsgeschrei mischte sich mit den Tönen der Pfeife und mit den antwortenden Stimmen der Matrosen. Wie wenn der Marder im Taubenschlag erscheint, so geriet binnen wenigen Minuten die ganze stille, friedliche Umgebung in Aufruhr. Von fernher schallten die Pfeifen, Mongo rief mit lautem, angstvollem Tone immerwährend Roberts Namen, die Pferde galoppierten stampfend und schnaubend auf dem Rasen, die Hunde bellten und die Wilden heulten.

Eine Art von Wurfspieß oder Lanze, plump aus Eisen hergestellt, flog haarscharf an Roberts Kopf vorüber, – wenigstens zwanzig Wilde hatten sich nach und nach den ersten Verfolgern zugesellt, und diese ganze heulende und schreiende Menge wälzte sich wie ein Schwarm höllischer Geister dem fliehenden jungen Matrosen nach. Mit Mänteln von Pferdeleder und Schuhen aus der abgestreiften Haut des Pferdefußes, an der noch die Hufe unverändert geblieben, mit greller Malerei im Gesicht und sonderbar heraufgebundenem, mit Federn durchflochtenem Schopf, sahen sie aus wie die leibhaftigen Teufel, während ihr Kriegsgeschrei auch den Beherztesten hätte mit Entsetzen erfüllen müssen.

Roberts Pfeife entsandte in diesen Tumult hinein ihre schrillen Klänge, die vier Matrosen schossen aufs Geratewohl in die Luft, um womöglich den Feind zu erschrecken, und von fernher gaben die Kameraden das Antwortzeichen, kurz, es war ein Lärm, als solle die alte Erde aus den Fugen gehen.

Allen voran sprang Mongo. Im Laufen zielte er und als der Schuß verhallt war, lag einer der Wilden in seinem Blute am Boden. Die übrigen stutzten doch unwillkürlich. Vielleicht erfaßte sie angesichts der halb unbekannten Feuerwaffe ein heimlicher Schreck, vielleicht hatten sie gehofft, nur mit einem Gegner kämpfen zu müssen, und wurden irre, als jetzt die Matrosen von allen Seiten dem Kampfplatze zueilten.

Schuß auf Schuß krachte. Mehr als ein Wilder fiel, mehr als ein Weißer wurde getroffen und immer heftiger kämpften die erbitterten Gegner. Die Patagonier hatten den ersten lähmenden Schreck überwunden, sie schlossen sich fester aneinander, drangen in Massen gegen ihre Widersacher vor und schienen durch den vereinten starken Anprall fast das Übergewicht zu erlangen. Ihre stumpfen, schweren Waffen schlugen empfindliche Wunden, ihre bis zur Höhe von fünfzig Köpfen angewachsene Zahl brachte die Matrosen zum augenblicklichen Weichen:

»Wir müssen fliehen,« rief mit lauter Stimme der Steuermann. »Zieht euch mit vorgehaltenem Gewehr bis an den Strand zurück, Leute, diese Wilden haben keine Kähne.«

Aber der Befehl verhallte ungehört, und schon in der nächsten Viertelstunde wären die Patagonier Herren der Lage gewesen, wenn nicht ein unvorhergesehener Zwischenfall die ganze Sachlage urplötzlich verändert hätte.

Seitwärts vom Kampfplatz ertönte ein gellendes Pfeifen und zugleich das Stampfen einer größeren Anzahl von Pferden. Alle Wilden horchten und hielten im Angriff inne, denn wirklich erschien auch schon in der nächsten Minute das galoppierende, jagende Geschwader von sämtlichen aneinander gekoppelten Pferden, deren erstes ein Reiter am Zaum hielt, während er selbst ein lediges Tier ritt.

Brausend und lärmend verschwand der Zug ebenso schnell wie er gekommen, aber schon der bloße flüchtige Anblick hatte die Wilden von dem Kampf mit den Weißen vollständig abgelenkt. Ihr einziger Reichtum, ihre Tiere, war in Gefahr und dafür ließen sie alles im Stich.

Mit gellendem Geschrei dem einzelnen Reiter und seiner Beute folgend, setzten sie den Pferden in das Unterholz nach, so daß sich unsere Freunde plötzlich allein sahen. Nur der Schwerverwundete lag ächzend auf dem Gras, und mehrere andere hinkten mit zerquetschten oder zerschossenen Gliedern schwerfällig davon.

»Schnell,« rief der Steuermann. »Um Gottes willen, schnell. In fünf Minuten können die roten Teufel zurück sein.«

»Wer war der kecke Reiter?« fragte einer, indes die Schar eilfertig zum Strande zurücklief. »Er hat uns das Leben gerettet, aber höchst wahrscheinlich wird er dafür das seinige hingeben müssen. Wir dürfen ihn nicht im Stich lassen!«

Robert überflog prüfenden Blickes die Reihen. Was er schon während jenes flüchtigen Augenblicks zu sehen geglaubt, das bestätigte sich ihm jetzt. Es war Gottlieb, welcher zu der plötzlichen List gegriffen und der nun den Händen seiner erbarmungslosen Feinde überliefert blieb. Robert stand auf dem Punkt, umzukehren und ihn aufzusuchen.

»Mongo!« rief er, »geh mit mir. Ich kann den armen Burschen nicht umkommen lassen, ohne das Meinige für ihn zu tun.«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Kommt er nicht durch seine Schlauheit davon, so ist für ihn keine Rettung möglich,« sagte er. »Wir alle hätten ins Gras beißen müssen – Aha, der Kapitän hat schon Angst, wie ich höre!«

Ein Kanonenschuß donnerte vom Wasser herüber und die Mannschaft antwortete durch lautes »Schiff ahoi« – nur Robert folgte mit äußerstem Widerstreben. Den armen Gottlieb so zu verlassen, schien ihm Feigheit, und doch mußte er die Unmöglichkeit ihm zu helfen selbst einsehen. Seufzend schüttelte er den Kopf.

Jetzt war der Strand erreicht, und die bei den Booten zurückgebliebenen Leute jubelten laut, als sie ihre verloren geglaubten Kameraden wiedersahen. An Bord ging noch immer der Kapitän wie ein Verzweifelter auf und ab.

Dieselbe Stille von vorhin lag wieder über der ganzen Umgebung. Man konnte meinen, daß das alles ein Traum gewesen, eine plötzliche schreckliche Erscheinung, so schnell war es gekommen und so schnell vorübergegangen. Die Matrosen fragten und erkundigten sich erst jetzt untereinander nach dem eigentlichen Verlaufe des ganzen Unternehmens.

Bei Roberts Hilferuf hatten alle das gefundene Wasser sofort im Stich gelassen und waren zu seiner Unterstützung so schnell als möglich dem Schalle nachgeeilt. Daraus folgte denn jetzt freilich die schlimme Tatsache, daß alle Mühe umsonst und die ganze Fahrt vergeblich gewesen. Niemand hatte auch nur einen Tropfen des ersehnten Stoffes gerettet.

Robert winkte den übrigen. »Laßt das alles gut sein,« sagte er traurig. »Ich habe die Stelle entdeckt, wo wir ganz bequem mit dem Boote so viel Wasser einnehmen können, als nötig ist, aber – das gibt uns nur den armen Gottlieb nicht zurück! – Wo er jetzt sein mag? Vielleicht gemartert und mit teuflischer Bosheit von den Rothäuten zwischen Tod und Leben erhalten!«

Rechts von ihm teilte sich in diesem Augenblick das dichte Gebüsch. Ein Kopf kam zum Vorschein, ein verlegen errötendes Gesicht blickt durch die Zweige und der ganze, schüchterne Gottlieb schlüpfte heraus, völlig unversehrt, aber mit zerrissenem Rock und ohne Mütze.

»Ach,« sagte er, »ihr seid alle da. Das ist wirklich ein Glück.«

Robert glaubte kaum seinen Augen trauen zu dürfen. »Gottlieb!« rief er, »Gottlieb, wie war das möglich? Wie bist du den Wilden entkommen?«

Der bescheidene junge Mensch flüchtete sich, um nicht so angestarrt zu werden, an die Seite seines ehemaligen Schulkameraden und drängte diesen zum schleunigsten Aufbruch. »Laß uns nur eilen, Robert,« sagte er, »das sind wahre Menschenfresser, diese Kupfergesichter.«

»Aber Gottlieb, Gottlieb, wie bist du ihnen entronnen?«

Der junge Pinneberger winkte mit der Hand. »Mach kein solches Aufhebens davon, Robert,« sagte er. »Ich ließ mich, als der ganze Schwarm vom Kampfplatz eine tüchtige Strecke weit fortgelockt war, einfach zu Boden gleiten und verbarg mich im dichten Gebüsch, das ist ja gar nicht der Rede wert – jeder andere hätte es auch getan.«

Robert drückte gerührt die Hand seines anspruchslosen Freundes. Dann übersetzte er das, was Gottlieb berichtet, den Matrosen, und diese gaben ihr Wohlgefallen ebensosehr durch kräftige Schläge auf die Schulter ihres Retters, als durch laute Ausrufungen kund. »Frage ihn doch, wie er eigentlich zu dem guten Gedanken kam, Bob!« drängte der Steuermann.

Robert tat es, und Gottlieb lächelte verlegen. »Ja, siehst du,« antwortete er, »etwas mußte ich doch auch leisten. So einer zum Zuschlagen und Dreinfahren bin ich nicht, also schien es mir das beste, mit List die Feinde von uns fernzuhalten. Ich koppelte die Pferde, nahm sie an die Leine und ritt im sausenden Galopp an euch vorüber, weil ich gleich dachte, daß die Kupfergesichter zunächst ihrem Eigentum nachjagen würden. Das übrige weißt du.«

Robert übersetzte auch diese bescheidenen Worte, und nach erneutem lebhaftem Danke, dem sich Gottlieb errötend zu entziehen suchte, wurde endlich die Einschiffung bewerkstelligt. Der Kapitän raufte sich fast die Haare aus, als er sah, daß mehrere Matrosen für längere Zeit arbeitsunfähig geworden waren. Einer hatte sogar den Arm gebrochen, ein anderer hinkte schwer und der dritte hatte eine tiefe Wunde an der Schulter.

Mr. Barrow war so außer sich, daß der Obersteuermann zum zweitenmal als Alleinherrscher ihn vertreten mußte. Der »Stern von San Francisco« wurde gedreht und an der andern Seite der Insel dem Strande so nahe gebracht, daß seine Kanone bequem die schmale Flußmündung bestreichen konnte. Ein Boot mit sechs Mann fuhr soweit hinauf, als nötig schien, um das Wasser unvermischt zu erhalten, dann füllte man die Tonnen, ohne einen Wilden zu Gesicht zu bekommen. Robert und Gottlieb sahen noch einmal das Dorf von der anderen Seite, ehe die Reise fortgesetzt wurde.

Du,« sagte ersterer, »es wäre dir ja lieb, mich in die Minen mitzunehmen, nicht wahr? – Gut, hier hast du mein Versprechen. Wir wollen wie Brüder zusammenhalten.«

Gottliebs Freude war so groß, daß es ihm nicht gelang, sie zu verheimlichen, obwohl er das Opfer seines Freundes aus Bescheidenheit abzulehnen wünschte. Robert ließ ihn gar nicht erst zu Worte kommen. »Du bist ein guter Kerl,« sagte er, »kannst dich selbst verleugnen um anderer Menschen willen, das macht dich mir so lieb, weil's meine eigene schwache Seite ist.«

»Ach, du närrischer Robert!« –

Mehr wurde über den Gegenstand nicht gesprochen, aber die Sache selbst war fest beschlossen. Die Matrosen schafften so viel Wasser an Bord, als irgend untergebracht werden konnte, und dann ging die Reise weiter. Als das Schiff die vordere, vorspringende Ecke der Insel umsegelte, sahen die Matrosen hinter allen Gebüschen die roten Gesichter der Wilden. Wenigstens ihrer hundert grimmige, kriegerische Gestalten ballten in ohnmächtiger Wut gegen das stolze Fahrzeug die Fäuste, während ein Hagel von Steinwürfen durch das Takelwerk sauste.

»Paßt auf Kinder,« rief der Steuermann, »jetzt sollen es die Halunken haben!«

Er ließ das Ruder so drehen, daß die Kanone den gähnenden Schlund für Augenblicke gegen das Ufer kehrte. Dann krachte der Schuß donnernd und widerhallend durch die stille Morgenluft, natürlich nur blind, aber doch den Wilden zur heilsamen Warnung.

Der Erfolg war so komisch, daß die ganze Schiffsbesatzung mit Einschluß des ängstlichen Kapitäns in ein schallendes Gelächter ausbrach. Am Lande lagen die Rothäute, als habe der Pulverdampf über fünfzig Köpfe zugleich abgemäht, flach und ihrer ganzen Länge nach auf dem Erdboden. Einige verbargen die Gesichter im Sande, so daß der Schopf mit Federn und Schnüren im Wind flatterte, andere lagen auf dem Rücken und wagten nicht, sich umzudrehen.

»Noch eins!« rief belustigt der Steuermann, »noch eins!«

Und wieder krachte der Schuß. Halb schnellten die liegenden Gestalten vom Boden empor, wie im lebhaften Wunsche, zu fliehen, aber das war nur ein leichter Ruck. Die Todesangst hielt alle an ihre Plätze gebannt.

Der Kapitän hatte unterdessen die Verletzten in ärztliche Behandlung genommen, und das Schiff steuerte seinen früheren Kurs weiter. So lange die Matrosen das Ufer überblicken konnten, sahen sie die entsetzten Wilden regungslos wie Leichen daliegen.

»Ganz wie der Pinneberger Stier!« lachte Robert. »Nur daß dieser mit gesenktem Kopfe davonsprengte, während die Rothäute sich mit dem Umfallen begnügen. Wären nicht die armen Kerle verwundet worden, so könnte ich die ganze Geschichte einen guten Spaß nennen!«

»Von dem wir aber doch keine Fortsetzung brauchen,« schaltete der Steuermann ein. »Durch die Magelhaensstraße zu reisen, ist allemal der bitterste Ernst.«

»Sind Sie bereits früher glücklich hindurch gelangt, Mr. Thompson?« fragte Robert.

»Einmal schon, und noch dazu mit Passagieren. Vor etwa zwölf Jahren wanderte ja alles in die Goldminen, um dort das Glück zu suchen.«

Robert winkte heimlich seinem Schulkameraden. »Und doch wohl auch häufig zu finden, Sir, nicht wahr?« fragte er.

»Häufig? – Das eben nicht, mein Junge. Wem ein Gewinn in den Schoß fällt, der pflegt ihn eben so schnell wieder zu vergeuden und noch obendrein auf das gute Glück hin Schulden zu machen. Die ›Digger‹ sind ein leichtlebiges Völkchen.«

Robert lächelte. Er wußte, daß er es verstand, mit seinem Eigentum sparsam und ordentlich umzugehen, und daß er daher zu den wenigen gehören würde, die tatsächlich imstande sind, in den Minen ihr Glück zu machen. »Was gehört eigentlich zur Ausrüstung eines Goldsuchers?« fragte er den Steuermann, dessen Freundlichkeit es gern gestattete, mit ihm zu passender Zeit ein paar überflüssige Worte zu sprechen. »Ist die Geschichte sehr teuer?«

Der Steuermann zuckte die Achseln. »Das kommt darauf an, Bob, oder vielmehr, es geht mit dieser Sache so, wie mit jedem Geschäft, das man anfängt. Je mehr einer hineinstecken kann, desto mehr kommt auch wieder heraus. Also wer Pferd und Karre besitzt, eine entferntere Stelle aufsuchen will und die Sache im großen betreibt, der hat mehr Aussicht für sich, als ein anderer armer Teufel, der sich nur mit Spaten und Hacke daran begibt. Es sind freilich auch solche schon zu Vermögen gekommen, aber wie ich sagte, sie werfen am Sonntag wieder weg, was die mühevolle Arbeit der Woche eintrug.«

Robert und Gottlieb sahen einander verstohlen an, als wollten sie sagen: das passiert uns gewiß nicht! – Dann aber fragte der erstere weiter und lockte aus dem erfahrenen Steuermann so ziemlich alles heraus, was ihm zu wissen nötig war. Die Hauptfrage war freilich die: »Kann ein fleißiger, sparsamer Mann als Goldsucher sein Brot mit ziemlicher Sicherheit zu finden hoffen?«

Der Steuermann nickte. »Mit vollkommener sogar. In den Goldstädten wird mehr Staub auf ebener Erde von den Wäschern verloren, als hinreichen würde, um einen vernünftigen Menschen zu ernähren. Wer täglich seine zehn bis zwölf Stunden arbeiten will, der kann sagen, daß er es bei einigem Glück zum wohlhabenden Mann bringen wird, obgleich vielleicht kaum unter einigen Tausenden jedesmal wirklich einer das erträumte Vermögen findet, welches ihn in den Stand setzt, nach kurzer Mühe als reicher Mann in den Schoß der Zivilisation zurückzukehren. Es gibt nirgends im Leben so viele Wechselfälle, als gerade in den Minenstädten.«

Robert übersetzte das alles seinem Freunde, der sich zwar während des kurzen Beisammenseins schon so viel englisch angeeignet hatte, daß er einigermaßen verstand, was gesprochen wurde, dem aber doch sehr dringend daran lag, gerade hier vollständig auf den Grund zu sehen. Er fand die erhaltene Auskunft äußerst befriedigend und hoffte in seiner bescheidenen Auffassung aller Dinge, daß es ihm doch vielleicht schon bald gelingen werde, monatlich sechzehn bis zwanzig Dollar nach Pinneberg zu senden. »Davon können die Eltern schon leben,« sagte er. »Sie haben ja auch noch etwas Land und ein paar hundert Taler in der Sparkasse.«

Robert sah ihn voll Erstaunen an. »Aber dabei wirst du nie ein kleines Vermögen sammeln, Gottlieb,« versetzte er.

»Wenn ich nicht mehr zu erübrigen vermag, als für meine alten Eltern erforderlich ist, – nein. Aber ich bin auch schon glücklich, sobald mir nur das gelingt.«

»Und du wolltest zu diesem Zweck fortdauernd in den Minen bleiben?«

»So lange es nicht anders geht, ja. Der Gedanke, Vater und Mutter im Armenhause zu wissen, wäre mir viel schrecklicher als alle äußeren Entbehrungen und Strapazen.«

Robert atmete auf, als er diese Worte hörte. Seine Eltern waren ja wohlhabende Leute, er hatte wenigstens nichts getan, das sie um ihre berechtigten Hoffnungen, um den Frieden ihrer alten Tage betrügen konnte. Gottlieb fühlte und handelte besonnener, als er, aber ihn leiteten auch zwingendere Gründe.

»Ich bleibe bei dir, bis du dich hineingelebt hast,« versprach er ihm. »Vier bis fünf Monate kann ich dir immerhin schenken, namentlich da deine Kaltblütigkeit nicht allein das Leben der ganzen Schiffsmannschaft, sondern ganz besonders auch das meinige gerettet hat, wofür ich dir den Dank nicht schuldig bleiben möchte. Wenn ich nur in San Francisco einen Brief aus der Heimat vorfände, – ach, ich wäre zu glücklich.«

»Wie lange reisen wir noch?« fragte Gottlieb.

»Dreißig Tage etwa. Ich wollte, daß sie vorüber wären.«

»Lehre mich Englisch, Robert, und die Zeit vergeht uns beiden schneller.«

Unser Freund seufzte. »Und du, lehre mich Geduld!« versetzte er. – »Aber freilich, etwas besser ist es ja schon geworden, also muß man die Hoffnung nicht aufgeben. Sieh, dort tauchen wieder neue Inselgruppen aus dem Meere hervor.«

Gottlieb stieß ihn heimlich mit dem Ellbogen. »Du, was tut der Steuermann jetzt?« fragte er.

Robert sah hin. »Ach, er lotet, oder mit anderen Worten, er macht Tiefmessungen. Der Kapitän hat also wieder Todesangst, daß wir auflaufen.«

Die beiden traten, da Robert gerade Freiwache hatte und solche Stunden am hellen Mittag nur bei sehr schlechtem Wetter zu verschlafen pflegte, – an die Seite des Obersteuermannes, der mit dem damals erst kürzlich erfundenen Patentlot einen Versuch anstellte. Auch der Kapitän war zugegen, und die Stirn dieses ruhelosen Herrschers zeigte tiefe Falten.

»Steuermann, haben Sie auf etwa 7500 Fuß Tiefe gerechnet?« fragte er. »So viel Wasser müssen wir hier herum vermuten.«

» All right, Sir. Die Leine läuft noch weiter aus.«

Das eigentümlich gestaltete, interessante Lot wurde jetzt über die Schanzkleidung des Schiffes herabgelassen, und Robert und Gottlieb hatten auf diese Weise Gelegenheit, es genau kennen zu lernen. Weder auf der »Antje-Marie« noch auf dem »Vogel Greif« war jemals gelotet worden, unser Freund kannte daher von der Sache so wenig wie irgend einer, und sah voll Vergnügen, wie sich das Verfahren vor seinen Augen entwickelte.

Das Patentlot hatte am äußersten Ende einen kleinen scharfen Spaten, dessen Fläche ein Deckelkästchen bildete. So lange der Steuermann die Leine ablaufen ließ, erklärte er, würde dieser Deckel offen bleiben und sich erst später beim Heraufziehen schließen, um dann diejenige Masse, welche vom Boden des Meeres in das Kästchen gelangt, festzuhalten und an die Oberfläche des Wassers zu befördern. Das schien auf den ersten Blick fast unglaublich, und Robert erwartete mit lebhafter Ungeduld das Ergebnis. Endlich stand die Leine, also war der Grund des Meeres erreicht.

»Wie viel Fuß Leine hatten wir?« fragte schnell der Kapitän.

»7800 Fuß, Sir.«

Ein Seufzer der Erleichterung folgte diesen Worten. »Ach dann ist eine hübsche Tiefe vorhanden!« meinte Mr. Barrow. Und darauf sich an Robert wendend, fügte er hinzu: »Meßt einmal, Kroll, da Ihr Euch doch für die Sache sehr zu interessieren scheint.«

Robert sprang sofort herzu, und während der Obersteuermann mit Hilfe eines Matrosen das Lot wieder heraufzog, maß er die trocken gebliebene Leine. »Sechshundert Fuß, Sir,« meldete er bald danach. »Also eine Tiefe von 7200 Fuß.«

»Ich dachte es wohl,« nickte der Kapitän. »Jetzt nur noch ein günstiges Ergebnis der Untersuchung des Grundes, und ich bin für heute zufrieden,«

Er hatte aber kaum die Worte ausgesprochen, als auch schon ein »O weh!« denselben folgte. Das Kästchen war heraufgezogen, und zeigte, nachdem es geöffnet, daß der Grund des Meeres an dieser Stelle felsig sei, denn auch kein noch so kleines Teilchen Schlamm oder Erde hatte sich festgesetzt, nur einige wenige scharfe und feste Körper befanden sich in dem inneren Raume, und der Kapitän nahm seufzend diese spitzen Zäckchen in die Hand. »Da haben wir's,« sagte er. »Es sind Koralleninseln in der Nähe.«

»Man sieht sie über dem Wasser, Sir!« erlaubte sich der Steuermann zu bemerken. »Viele haben Baumwuchs, alle aber dienen zahllosen anderen Geschöpfen als Wohnung. Solche kleine Welt von Krebsen, Muscheln, Schnecken, Seeigeln, Seesternen und einer Menge Wasserpflanzen macht sich bis zur Höhe der Oberfläche, mindestens aber doch so weit hin sichtbar, daß ihr Dasein in einiger Entfernung deutlich zu erkennen ist.«

Der Kapitän nickte. »Das weiß ich wohl, Steuermann,« antwortete er, »aber um zu sehen braucht man bekanntlich Licht. Wenn unser Schiff in der Nacht auf solche Koralleninsel stößt, ist es verloren.«

Der Steuermann antwortete nicht, aber er gestattete sich zu denken, daß sein Kapitän für einen Stubengelehrten ungleich besser gepaßt haben würde, als für den Lenker eines Schiffes, also für einen Posten, bei dem Tatkraft, Geistesgegenwart und furchtlose Entschlossenheit die notwendigsten Bedingungen sind. Er war froh, als sich Mr. Barrow wieder in seine enge Schlafkajütte zurückgezogen hatte, um auf der Karte und in wenigstens zehn Hilfsbüchern zum hundertstenmal die Eigentümlichkeiten dieses Teiles des Stillen Ozeans genau zu erforschen.

»Herr Obersteuermann,« fragte Robert, »was ist eigentlich eine Koralleninsel?«

»Das werden wir früh genug sehen, mein Junge,« war die Antwort. »Noch vor Abend begegnen uns sicherlich mehrere.«

»Gut aufgepaßt!« rief er dann dem Matrosen am Ausguck zu. »Ihr kennt hoffentlich die Bewegung des Wassers, wo sich Korallenriffe befinden?«

» Well, Sir!« scholl es zurück. »Noch nichts zu sehen.«

Der ganze Tag verging wirklich ohne das geringste Zeichen von Gefahr, und schon erschien wieder an Deck das sorgenvolle Gesicht des Kapitäns, der in jeder Minute seinen Unstern verwünschte, und der jetzt völlig überzeugt war, sogleich bei Beginn der Dunkelheit auf ein verstecktes Riff zu geraten. »Hier herum sind drei Koralleninseln,« seufzte er, »ich habe bis auf eine halbe Meile herausgerechnet, wo wir uns befinden, und bin meiner Sache vollständig sicher.«

Der Steuermann nickte. »Ich wußte es aus Erfahrung, Sir,« versetzte er. »aber nur zwei von diesen Riffen liegen auf unserem Wege, das dritte berühren wir nicht.«

Der Kapitän fuhr mit der Hand durchs Haar und wanderte rastlos auf und ab. »Erst sechzig Menschen mehr an Bord,« dachte er, »alle Bequemlichkeit, alle Ruhe dahin, die halbe Ladung verzehrt, fünf Kerle umsonst gefüttert und bezahlt, – jetzt noch ein paar hundert Dollar Reparaturkosten oder gar ein Grab für Schiff und Mannschaft, wahrhaftig, das heiße ich einen guten Anfang!«

»Korallen in Sicht!« rief in diesem Augenblick vom Ausguck her der Matrose. »Eine langgestreckte Insel an Backbord!«

Gedankenschnell sprang der Kapitän an seine Seite. Gottlob, die gefährliche Stelle lag ein paar hundert Fuß aus dem Fahrwasser des Schiffes. Er konnte ruhig daran vorübersegeln, ohne den Kurs verändern zu müssen.

»Genau beobachten, ob der Lauf des Riffes etwa nach links ausbiegt!« schärfte er dem Matrosen ein. »Oder besser noch, laßt zwei Mann Wache halten. Kroll, Ihr stellt Euch dorthin und paßt auf! – ich glaube, daß Ihr zuverlässig seid, daher wird Euch die verantwortliche Sache übertragen!«

Robert errötete vor Vergnügen. Er wußte, daß ihm dieses Lob von Rechts wegen gebührte, daß er niemals eine ihm anvertraute Pflicht fahrlässig verwaltet oder gar versäumt hatte, und aus diesem Grunde nahm er den Platz am Ausguck wie eine Art von Ehrenposten ein, der ihm doppelte Freude versprach.

Den Blick auf das Wunder der Tiefe gerichtet, sah er über die Schanzkleidung herab ins Meer. Bei fast ganz stiller, regungsloser Luft glitt das Schiff langsam durch die blaue Flut dahin, während hoch oben am Himmel die Sonne ihre letzten Strahlen entsandte und dadurch die klare Durchsichtigkeit des Wassers noch bedeutend erhöhte. Fern vom Lande durchdringt überall der Blick bis zu einer Tiefe von vielleicht zwanzig Fuß die kristallne Oberfläche des Meeres, hier aber begann schon zollhoch unter derselben das Schauspiel, welches Roberts Augen begierig tranken.

Es war eine kleine Welt für sich, dieses Korallenriff in den zwei Millionen Flächenmeilen des Großen Ozeans, ein sogenanntes »Atoll,« das in einer Tiefe von höchstens 120 Fuß unter dem Wasserspiegel begann und bis zur Höhe desselben sich fortsetzte. Robert sah zahllose niedere, schmale Inselchen, alle umschlossen und verbunden durch einen festen, Jahrhunderte alten Wall von Korallengeschlechtern, wo eine Generation nach der anderen sich festgesetzt, abgestorben und nun emporgewachsen, unzähligen Mitgeschöpfen als Wohnstätte und Nahrung diente. Während das Meer in seiner unaufhaltsamen Strömung die Seiten dieser langgedehnten Festung umspülte, bildete im Innern derselben das Wasser jene stillen malerischen Seen, die man zuweilen tief im Binnenlande findet, die durch keine Welle bewegt sind, und die klar wie weißes Glas in ewiger Ruhe daliegen. Mochte vielleicht in wilder stürmischer Novembernacht das Meer seine haushohen Wogen donnernd und brausend darüber hinwälzen, mochte der schäumende Gischt an den Grundfesten der alten Wälle rütteln, – bei stillem Wetter lagen die kleinen Seen inmitten des Ozeans, wie die Oase in der Wüste, unberührt und ruhig da, von einem höchstens zwei Fuß emporragenden Gürtel umschlossen, nicht selten auch nur bis zur Oberfläche des Wassers durch diesen beschützt. Von Insel zu Insel führten Wasserstraßen, Lagunen, wie der Steuermann sagte, und auf manchem dieser festen Punkte hatten sich sogar Pflanzen angesiedelt. Robert sah die Schößlinge des Pandanus, des Brotfruchtbaumes und viele verschiedene Schlinggewächse, deren Samen von Vögeln oder durch den Sturm hierhergeführt worden war. An einer Stelle strebte sogar das schlanke Stämmchen einer Kokospalme zum Licht empor.

Schöner als alles aber stellte sich die Tierwelt dar auf dem breiten zackigen Ring, der das Ganze umgab. Von den Strahlen der Sonne vergoldet, spielten zahllose kleine, in allen möglichen Farben prangende Papageifische zwischen den Zacken der Korallen, während neben und über ihnen hundert andere, teils halb, teils völlig belebte Geschöpfe sich tummelten oder festsitzend ihren Platz behaupteten. Myriaden von Schnecken, besonders das schöne farbenschillernde Meerrohr, krochen langsam daher, ganz kleine Fischchen schossen wie glänzende Streifen dahin, große Wasserspinnen segelten im Zickzack, schwarzbraune Egel und die verschiedensten Muscheln hatten sich angeklammert. Jeder Wassertropfen schien belebt, jeder Fleck des vielzackigen Bodens bewohnt. Und auch der rastlose Krieg der großen Welt auf fester Erde setzte sich im kleinen hier wieder fort. Einer der Papageifische lag tot auf dem Rücken – zehn bis zwölf andere waren emsig bemüht, ihn zu zerfleischen.

Unheimlich langsam, rastlos und einförmig, belebt und doch gefangen, doch ohne das Vermögen der Fortbewegung, reckten sich und streckten tausend Arme die schönen rosenartigen Polypen. Bald hellgelb, bald violett und an dritter Stelle rosenrot, wie weitaufgeblühte Blumen, lagen und hingen die einzelnen seltsamen Geschöpfe, denen alle Tierähnlichkeit fehlt und die doch wirklich leben. Aus dem Mittelpunkt der bunten Kapsel erhoben sich Hunderte von fadendünnen, gliederlosen Strängen, die anstatt des Kopfes ein dunkles Pünktchen aufzuweisen hatten, und alle diese einander sich vollständig gleichenden Arme regten und bewegten sich ohne Aufenthalt wie sehnsüchtige Gefangene, die um jeden Preis dem engen Kerker entfliehen möchten und denen doch starre Eisenstäbe ein ewiges Halt gebieten.

Dazwischen wuchs bald die schwarze, bald die rote Edelkoralle mit ihren fußhohen und fingerdicken Stämmchen, dann folgten weite Strecken der weißen Koralle, und auch sogar ihre wüsten Flächen, ihre Kirchhöfe so zu sagen, schien die unterseeische Inselwelt zu haben. An einzelnen Stellen ragten verkalkte, graue und unbewohnte Zacken etwas aus dem Wasser hervor, Sand und Schlamm füllten die Spalten, vermodertes Schilf lag aufgeschichtet und kein Tier zeigte sich dem Blick. Warum gerade hier alles Leben entflohen, warum die Spitzen der Korallen gebrochen und ihr Werk verdorrt schien – wer könnte das ergründen?

Vielleicht durchschnitt im Sturmgeheul der Herbstnacht ein Schiff diesen uralten Wall und zerstörte mit seinem feindlichen Eindringen das Stillleben der kleinen, harmlosen Welt, vielleicht ragten noch jetzt wie gespenstische Arme aus der Tiefe die Eisentrümmer des versunkenen Fahrzeuges hinein in den Bau der Halbtiere, und vertrieben das Gedeihen, verscheuchten die Gäste, welche nur an vollbesetzter Tafel sich niederzulassen pflegen.

Aber nein! Auch diese grauen, verhärteten Zacken hatten noch ihren Daseinszweck. Die Bohrmuschel, häßlich und farblos wie das Gestein selbst, formte sich mit rastloser, unausgesetzter Tätigkeit bis tief in das Herz der Klippe hinein ihre Gänge. Robert sah die engen, gewundenen Wege zu Hunderten übereinander.

Und so wechselte fortwährend die Landschaft. Bild nach Bild entrollte die unendliche Mannigfaltigkeit des Naturlebens, Bild nach Bild zeigte dem Auge des entzückten Beschauers neue Wunder, neue Beweise von dem verschwenderischen Reichtum der Schöpfung sowohl als von der Sparsamkeit, mit welcher dieselbe jeden Raum und jeden Stoff zu verwerten weiß, daß kein Atom des großen Ganzen unbenutzt bleibt, daß auch das kleinste Würmchen so gewiß und so sicher zu seinem Rechte gelangt, wie auf Erden der reichste Fürst, wie das bedeutendste, anscheinend unentbehrlichste Geschöpf des Daseins.

Es war unserem Freunde, als stehe er in einer Kirche und als sei ihm von Gottes Allmacht nie so vernehmbar gepredigt worden wie in dieser Stunde. Ganz versunken in andächtige Bewunderung sah er hinab über den Schiffsrand.

Noch immer währte das Korallenriff, obgleich schon die Sonne am Himmel zu erlöschen begann und der Abendwind mit kalten Schwingen über das Wasser dahinfuhr. Mehr und mehr verschwammen die Umrisse der unterseeischen Bauten, dunkler und dunkler wurde die Luft.

»Meinst du nicht, daß sich das Riff nach links zu biegen beginnt?« fragte Robert den Matrosen, welcher am Ausguck seine Wache teilte.

»Mich deucht es seit einigen Minuten. Mach lieber die Meldung, Bob!«

Das geschah und der Kapitän erschien sofort an Deck. »Ob ich's nicht gedacht habe!« winkte er dem Steuermann. »Wir müssen das Schiff backlegen und bis Tagesanbruch vor dem Wind treiben.«

Mr. Thompson nickte. »Ist gut, Sir,« antwortete er, »hat aber auch seine Gefahren. Wir können an den Strand geworfen werden.«

»Verdammt! Verdammt! – Steuermann, wozu raten Sie?«

»Ich würde die Sache wagen, namentlich da uns jeder Zeitverlust von größtem Nachteil ist.«

»Der Ladung wegen? Wir können froh sein, wenn das Schiff nur noch Ballast genug behält, um überhaupt segelfähig zu bleiben. Herr des Himmels, womit habe ich diese Heimsuchung verschuldet?«

Der Steuermann stand immer noch wartend da. Es war jetzt vollständig dunkel geworden und ein bestimmter Entschluß notwendig.

»Lassen Sie das Schiff backlegen, Steuermann,« rief endlich halb verzweifelt der Kapitän. »Es gibt eine helle Sternennacht, und ich will lieber diese paar Stunden verlieren, als vielleicht mit voller Fahrt in das Riff hineinlaufen. Um vier Uhr früh ist es Tag.«

» All right, Sir.« –

Und Mr. Thompson gab die notwendigen Befehle, infolge welcher der »Stern von San Francisco« seine rasche Bewegung bis zum sanften Schaukeln mäßigte. Nach einer Stunde erschien am Himmel der Mond und beleuchtete mit weißem Glanze das Meer. Die Strömung trug langsam aber andauernd das Schiff nach rückwärts.

Das Nachtglas des Kapitäns kam keinen Augenblick zur Ruhe. Bald stand Mr. Barrow am Heck und bald hinter der Kombüse, immer spähend, immer auf ein hervorbrechendes Unglück gefaßt, so daß die Leute heimlich lachten.

»Wenn ein anderer das Kommando führt, dann ist der Kapitän ein tüchtiger Seemann,« flüsterte einer der Matrosen. »Ich selbst bin mit ihm gefahren als er noch Steuermann war, und damals merkte man von dieser Unruhe nichts. Seit er selbst ein Schiff besitzt und alle Verantwortung allein trägt, ist er wie ausgetauscht.«

»Nicht zum Seemann geboren!« meinte ein anderer. »Der echte Schiffer wird immer kaltblütiger, je stärker die Gefahr herantritt.«

Der erste zuckte die Achseln. »Das kann sich eben keiner selbst aneignen, du,« versetzte er. »Es liegt im Blute.«

»Ganz gut,« beharrte der zweite, »aber dann muß solcher Mensch ein Schneider werden, nur kein Seemann.«

Robert fühlte, wie das Blut in seine Wangen trat. Er war für letzteren Beruf geboren, und dennoch, – wie erschwerte ihm alles die ergriffene Laufbahn?

»Es ist kein Segen dabei!« dachte er unwillkürlich. »Es war nicht der richtige Weg, auf welchem ich ans Ziel zu gelangen suchte, und daher entstehen überall Hindernisse. Ach, könnte ich nur auf eine Stunde hinüberfliegen nach Pinneberg!« – –

Und dann malte er sich in Gedanken das Bild dieses Wiedersehens. Er hielt in erhobener Hand einen Beutel mit Geld – nicht viel freilich, aber doch ein paar hundert Taler, die ihn unabhängig machten – und er stand wie ein Sieger vor den alten Eltern. »Ihr müßt mir vergeben,« hörte er sich sagen, »ihr müßt euren Irrtum erkennen und einräumen, daß ich meinen Beruf besser zu beurteilen wußte als ihr. Ich habe in Süd und Nord mit dem Tode gerungen, habe mit Menschen und reißenden Tieren gekämpft, ich habe die Elemente bezwungen und meinen unbeugsamen Willen von keiner Macht in den Staub treten lassen, ich bin zweimal schiffbrüchig an die Küste geworfen, ärmer als der ärmste Bettler, – und komme doch als freier Mann zu euch zurück, selbst imstande mir den Tisch zu decken, selbst derjenige, welcher sich den Weg durch das Leben zu bahnen wußte, allen Hindernissen, allen Widersachern zum Trotz. Ihr müßt stolz sein auf euren Sohn und müßt ihm den Knabenstreich vergeben!«

Ach, wie klopfte ihm bei diesen Gedanken das Herz. Er konnte die paar Taler, welche damals Georg aus dem Kasten genommen und freilich dann später selbst gestohlen, ganz, als habe er sie im Wege des Darlehns vom Vater erhalten, diesem wieder auf den Tisch zählen, ja, er konnte auch landesübliche Zinsen bezahlen und noch außerdem von sich sagen: »ich habe dem Jugendfreunde, als er schiffbrüchig zu mir an Bord kam, beigestanden, habe auch sein Schicksal in die Hand zu nehmen und zu begründen gewußt. Erkennt also, daß es ein ungeheurer Irrtum war, mich an die Nähnadel fesseln zu wollen!« – – –

Ein Geräusch auf dem Halbdeck störte ihn aus seinen Träumen. Die Frauen in der Kajütte hatten bemerkt, daß irgend etwas Außergewöhnliches vorging, eine hatte durch ihre Vermutungen und Schlußfolgerungen die Einbildungskraft der anderen nur noch immer mehr erhitzt, zudem sah man den Kapitän fortwährend an Deck und fühlte, daß das Schiff nur trieb, anstatt im Fluge die Wellen zu durchschneiden, – das alles brachte die Gemüter in Aufruhr. Der ganze Strom ergoß sich über das Deck, schreiende Kinder drängten sich den Müttern nach, und aus dem Logis wurden die erstaunten Männer herbeigerufen, um im Notfall ihren schluchzenden Frauen beizustehen.

»Steuermann!« rief Mr. Barrow, »ich bitte Sie, was bedeutet das?«

Robert verließ seine Koje, um ungerufen als Dolmetscher zu dienen. Wo es galt, irgend einem Nebenmenschen zu helfen, da war er immer der erste. »Nun,« fragte er, »was ist geschehen, – warum schlaft ihr nicht?«

Das Händeringen und Weinen kehrte sich jetzt gegen ihn. Er möge nur die Wahrheit sagen, hieß es, jeden Augenblick könne das Schiff versinken oder umfallen, – man sei auf das letzte Stündlein vollkommen gefaßt.

Robert lachte wie ein Narr, und vielleicht gerade dadurch beruhigte er die angstvollen Gemüter am meisten. Seine kurzgefaßten Worte brachten die Frauen ohne viel Federlesens zurück in die Kajütte und zwar so schnell, daß der Kapitän erst nachträglich erfuhr, um was es sich gehandelt hatte. Fortan wurde die Tür zum Halbdeck nach Einbruch der Dunkelheit verschlossen gehalten.

Am frühesten Morgen machte der Kapitän seine Berechnung, und es ergab sich, daß das Schiff etwa vier bis fünf Wegstunden weit zurückgetrieben war. Man konnte also jetzt das gestern passierte Korallenriff und auch noch ein zweites, kleines bei hellem Tageslicht umsegeln und sich auf allen Karten überzeugen, daß jetzt der Weg frei sei. Dennoch aber wachte der Kapitän noch die ganze folgende Nacht, obgleich mehrere Matrosen sahen, daß er zuweilen im rastlosen Auf- und Abwandern mit geschlossenen Augen gegen die Pardunen stieß. Erst als das offene Meer wieder erreicht war, ging auf dem »Stern von San Francisco« alles den gewohnten Gang, und obwohl an einer kleinen, anscheinend unbewohnten Insel nochmals ohne weitere Fährlichkeit Wasser eingenommen werden mußte, so erreichte doch das Schiff nach drei Wochen wohlbehalten den Hafen der kalifornischen Hauptstadt.

Mr. Barrow fand zu seiner großen Erleichterung in den Reedern ebenso besonnene als menschenfreundliche Vorgesetzte, die nicht allein vollkommen guthießen, was er getan hatte, sondern die auch sogar durch ein öffentliches, in den Zeitungen ihrem Kapitän gespendetes Lob die allgemeine Aufmerksamkeit der vielen in San Francisco ansässigen Deutschen den unglücklichen Auswanderern zulenkten, so daß von allen Seiten milde Gaben herbeiflossen und sicherlich mancher lebensmüde Europäer doppelt so viel geschenkt bekam, als ihm bei Kap Horn die Wellen entrissen.

Auch das Abenteuer mit den Wilden ging von Mund zu Mund; die Matrosen des »Stern von San Francisco« wurden die Helden des Tages, man kam an Bord, um sich die Einzelheiten dieses Falles erzählen zu lassen, die Zeitungen brachten den Kampf mit den Patagoniern unter derartigen Übertreibungen, daß Robert in denselben fast gar keinen einzigen Zug des tatsächlichen Bildes wiederfand, kurz, alles vereinigte sich, um den Ausgang dieser Fahrt zu einem unerwartet günstigen zu gestalten, alles verlief nach unseres Freundes Wunsch, – – nur das Hauptsächlichste schlug fehl.

Sein erster Weg, nachdem ihm der Steuermann erlaubt, an Land zu gehen, war zur Post. Vielleicht hatte sich ja doch der Vater bewegen lassen, ihm zu verzeihen, ihm wenigstens einige gute, wohlmeinende Worte zu schreiben, – und wie sehr sehnte er sich danach!

Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er den Postbeamten murmeln hörte: »Kroll! – Kroll! – es muß etwas da sein, das diesen Namen trägt!«

»Aha,« setzte er dann hinzu, »hier ist es schon.«

Und Robert hielt in seiner Hand einen kleinen, plump zusammengebrochenen Brief aus grobem Schreibpapier, ohne Umschlag, mehrere Male gesiegelt und mit einer Adresse von unbekannten Schriftzügen. »An den Herrn Leichtmatrosen Robert Kroll aus Pinneberg, auf dem Schiff »Stern von San Francisco« in Francisco, wenn das Schiff glücklich hinkommt, sonst soll der Brief verbrannt werden.«

Halb lächelte er, als dies seltsame Schriftstück vor seine Augen trat, und halb packte er ihn mit heimlichem Schrecken. Das hatte die Mutter von irgend einer guten Freundin schreiben lassen, er wußte es vorher, – aber warum? – –

Wenn nun der Vater gestorben war?

Kalt durchschauert verließ er das Postgebäude und ging in ein nahegelegenes Wirtshaus, um den Brief zu lesen. So viel Mut als nötig war, um diese ungeschickten Siegel zu brechen, hatte er nicht gebraucht, als in der nordischen Eiswüste der Wolf mit aufgesperrtem Rachen vor ihm stand, – als er aus dem Gebüsch trat angesichts der Wilden.

Erst nach mehreren Minuten vergeblicher Anstrengung gelang es ihm, die unförmlichen Buchstaben zu folgendem Inhalte zusammenzustellen.

Mein geliebter Sohn Robert!

Liese Schmidt, die Tochter unserer alten Brotfrau, deine Schulkameradin, schreibt mir diesen Brief, worin ich dir zunächst unsere herzlichsten Grüße sage, das heißt der Liese ihren und meinen, denn Vater ist so bös, daß man in seiner Gegenwart nicht einmal deinen Namen aussprechen darf. Den letzten Brief, welchen du von Bergen hierhergeschickt, wollte er gar nicht annehmen, und fast wäre derselbe wieder zurückgesandt worden in die weite Welt hinein, wenn ich nicht dem Herrn Postmeister mit vielen Tränen gebeten hätte, mir doch die Botschaft von meinem einzigen Kinde nicht zu entziehen. Erst schwankte er lange und ich bot ihm schon in großer Herzensangst einen ganzen Taler über das geforderte Porto, aber dann ließ er sich doch erweichen, obgleich er das Geld nicht nahm. ›Ich will's tun, liebe Frau,‹ sagte er, ›weil ich die unglückliche Geschichte mit Ihrem nichtsnutzigen Jungen‹ – du darfst es nicht übel aufnehmen, lieber Robert, aber er sagte wirklich so! – ›von früher her kenne und weil ich Sie herzlich bedaure. Man ist ja auch Mensch, nicht bloß Beamter.‹

Siehst du, auf diese Weise erlangte ich deinen Brief, den mir Liese Schmidt vorlas, und bei dem ich Gott vielmals inbrünstig gedankt habe, daß Er Seine treue Hand über dir gehalten in der Stunde der Gefahr. Ich bin auch am nächstfolgenden Tage zur Kirche gegangen und habe ein Achtschillingstück in den Klingelbeutel gesteckt aus großer Herzensfreude. Dein Vater weiß, daß ich den Brief heimlich an mich gebracht, und ebenso alles, was darin stand. Ich erzähle's ihm immer so nebenbei, gerade als hätte ich's in der verwichenen Nacht geträumt, und dann merke ich wohl, wie genau der alte, eigensinnige Mann zuhört, aber weiter darf ich nicht gehen, sonst schneidet er mir das Wort vor dem Munde ab. ›Träume was du willst, Mutter,‹ sagt er, ›und erzähle mir auch alles das, nur sprich nicht von dem Entlaufenen. Ich habe keinen Sohn, das weißt du.‹

So steht es bei uns, mein geliebter Junge, und Vater ist krank dazu. Er grämt sich sehr um dich, und wenn du wiederkommen und deine Lehrzeit nochmals anfangen wolltest, das würde mir eine gar große Freude sein. Du könntest ja wahrlich jetzt genug haben von dem wilden Leben, wo dir doch alle christliche Zucht und Ehrbarkeit mangelt, als da sind: Sonntags Kirchengehen und ein reines Hemde, sowie ein ordentlich rechtschaffenes Essen auf dem Tisch. Wenn ich gar bedenke, daß du einen schwarzen Mohrenmenschen deinen Freund nennst, so bitte ich unsern Herrn und Heiland, dir dies Greuel nicht anzurechnen.

Ferner benachrichtige ich dich, daß Pikas, unser Hund, noch lebt, sowie daß wir von dem Seiler, der dich damals zum Bösen verlockt und hernach verlassen, niemals wieder ein Wort gehört haben. Sonst wüßte ich nichts Neues, und schließe meinen Brief mit der Bitte, doch die nächste Post an mich und nicht an den Vater zu adressieren. Er nimmt von dir nichts an. Viel tausend mal lieber aber wäre mir's, du kämest selbst und söhntest dich aus mit dem Alten. Das Schneiderhandwerk nährt seinen Mann und ist auch gefahrlos und christlich dabei. Liese Schmidt meint dasselbe wie ich, womit wir beide dich herzlich grüßen und dich dem lieben und getreuen Gott vielmals empfehlen.

Deine zärtliche Mutter, Anna Kroll.

Nachschrift. Die Liese Schmidt will so gern auch einmal einen Brief von dir haben, damit sie den Leuten ein bißchen erzählen kann, hauptsächlich schreib uns bald, ob in San Francisco die Menschen alle schwarz sind und ob sie zu Schimpf und Schande ohne Kleider einherlaufen. D. O.

Lange starrte Robert auf das Blatt, und eine ganze Welt verschiedener Empfindungen durchflutete seine Seele. Wie es die Mutter in ihrer rührenden Herzenseinfalt hier ausgedrückt, so dachte und fühlte der starrsinnige Vater, so verkannten die beiden alten Leute das Leben und die Forderungen der Jetztzeit. Was ihnen vor einem halben Jahrhundert von unwissenden bäuerischen Eltern eingeprägt worden war, daran hielten sie beharrlich fest, was außerhalb ihres geistigen Gesichtskreises lag, das leugneten sie einfach ab. Konnte aber er selbst durch irgend ein göttliches oder menschliches Gesetz gewungen werden, sich in dies Gefängnis freiwillig hineinzubegeben und sein eigenes Ich zu verleugnen bis ans Ende?

Nein, und tausendmal nein. Er fühlte sein Gewissen, nachdem er diesen Brief gelesen, sogar bedeutend leichter. Trotz gegen Trotz! Wollte der Vater von dem einzigen Sohne keinen Brief annehmen, wohlan, so sollte er gewiß nicht in die Lage kommen, mit solchen Zuschriften belästigt zu werden. Waren die alten Leute um Zucht und Sitte ihres Sohnes so sehr besorgt, und hielten sie den treuen Mongo für ihn als Gefährten zu schlecht, dann sollten sie bald genug diesen Irrtum erkennen.

Robert biß die Zähne zusammen. O, nur ein wenig Glück in den Minen, nur zwei oder dreihundert Taler reinen Überschuß, und alles war gut. Der »nichtsnutzige« Junge, der verleugnete, beklagte Sohn konnte in das Heimatsstädtchen zurückkehren und den Philistern zeigen, daß sie ihr Wehe! Wehe! ohne allen Grund gerufen. Aber hingehen und mit leeren Händen Buße tun, – nimmer, ob auch der Vater starb, ohne ihm verziehen zu haben. Er hatte es einen Augenblick lang geglaubt, hatte, von Gottliebs plötzlichem Erscheinen heftig gerührt und bewegt, den Gedanken einer Rückkehr, eines Wiederfindens von Herzen für möglich gehalten und sich eingebildet, daß der Vater mit offenen Armen den Sohn willkommen heißen werde, – jetzt war er enttäuscht worden.

Was er zu bitten hatte, das konnte immer nur ein väterlicher Segen sein, aber nie und nimmer eine verzeihende Wiederaufnahme in das frühere Verhältnis. Es schien ihm Wahnsinn, überhaupt daran zu denken, und dennoch blutete sein Herz. Düster vor sich auf das unberührte Bierglas starrend, saß er da und grübelte, fast ohne zu wissen was er dachte, ohne zu bemerken, daß sich mehrere Personen in seine Nähe setzten und ihn fortwährend beobachteten. Erst als ihm jemand die Hand auf die Schulter legte, blickte er empor.

»Nun, Mr. Kroll, erst einen Tag an Land und schon Grillen fangen? Kommen Sie mit mir, ich will Ihnen einen Ort zeigen, wo getanzt und gejubelt wird, das ist besser.«

Robert erkannte einen der Angestellten des Handlungshauses, für welches Kapitän Barrow fuhr, er erwiderte sehr höflich die Anrede des jungen Mannes, dankte ihm auch für seine Freundlichkeit, aber er lehnte doch entschieden das gestellte Anerbieten ab. Sobald der »Stern von San Francisco« den Rest der Fracht gelöscht und das ganze Schiff von oben bis unten gescheuert worden war, gab es Löhnung, und dann hinauf in die Goldminen. Robert erinnerte sich nur allzuwohl dessen, was ihm der Steuermann gesagt, daß nämlich meistens in den Wirtshäusern sofort wieder verschleudert werde, was mit Mühe und Anstrengung erworben sei, – zudem befand er sich auch durchaus nicht in der Stimmung zu tanzen oder zu jubeln, sondern er hätte am liebsten gleich den übrigen Gästen den Rücken gekehrt und wäre davongegangen. Doch das war unmöglich. Seit dem gestrigen Tage hatte sich das Gerücht von dem Kampfe mit den Wilden schon genug verbreitet, um wenigstens in engeren Kreisen Aufsehen zu erregen, und als man jetzt eines so unmittelbar beteiligten Berichterstatters habhaft wurde, kam derselbe ohne eine ausführliche Schilderung des stattgehabten Ereignisses nicht wieder fort.

Man lobte seine Tapferkeit, man hatte um alles in der Welt die Geschichte mit ansehen mögen und fand überhaupt das Seeleben außerordentlich interessant. Robert sah sich von einem ganzen Schwarm neugieriger Zuhörer umgeben, und als er endlich aufbrach, wurde er von allen Seiten bestürmt, doch wo möglich noch am Abend desselben Tages wieder hierherzukommen. Die jungen Leute wollten ihm das Leben und Treiben von San Francisco zeigen, wollten ihn bei ihren Familien einführen und ihn entschädigen für alles das, was er seit seiner Abreise von New York an Entbehrungen und Widerwärtigkeiten erlitten hatte, aber Robert antwortete sehr höflich, daß er als Leichtmatrose jetzt das Schiff ausladen und gründlich scheuern helfen müsse, anstatt zu seinem Vergnügen herumzuschwärmen. Sobald er könne, werde er die erwiesene Artigkeit gebührend zurückzahlen.

Fast neidisch blickten ihm die jungen Kaufleute nach. »Ein hübscher, schlanker Bursch,« meinte einer, »so braun und keck sieht er aus, – wahrhaftig, ich möchte ihm nicht im bösen begegnen.«

»Und doch scheint er Kummer zu haben,« versetzte der zweite. »Als wir kamen, verbarg er einen Brief in der Brusttasche.«

»Überhaupt schien er sehr zerstreut,« bestätigten mehrere.

Und so war es in der Tat. Roberts Verstimmung wuchs, je mehr und je länger er über alles nachgrübelte. Fremde Leute konnten ihn verstehen, fremde Herzen fühlten mit ihm, aber die eigenen Eltern standen dem, was er fühlte und dachte, feindlich gegenüber.

Als er an Bord kam, war Kapitän Barrow in bester Laune. Es hatte sich alles vortrefflich abgewickelt, alles spielend in Ordnung gebracht und beglichen, ja, eine zweite Reise sollte sofort nach Räumung des Schiffes unternommen werden und die Mannschaft konnte im Lohn bleiben, ohne erst abzumustern. Der »Stern von San Francisco« ging nach Hamburg, von wo er eine Ladung feiner Rheinweine abzuholen bestimmt war. Alles an Bord entfaltete die regste Tätigkeit.

Nach Hamburg! – Robert fühlte in der Tasche den Brief seiner Mutter wie Feuer brennen. Vielleicht, wenn er diese Zeilen nicht erhalten, wäre er schon nach wenigen Wochen auf dem Wege zur Heimat gewesen, vielleicht hätte er sogar die Pflicht der Dankbarkeit gegen Gottlieb vergessen, hätte ihm nur das nötige Reisegeld geschenkt und selbst alles verleugnet, um sich mit dem Vater zu versöhnen und seinen Segen zu erwerben. Aber jetzt! – –

Vor dem, der einen Brief voll kindlicher Bitten und Versprechungen nicht einmal wert hielt, ihn anzusehen und sich zu eigen zu machen, sollte er die Kniee beugen?

Nein, der Entschluß stand unwiderruflich fest. Glück auf den Weg »Stern von San Francisco«, ich bin nicht bestimmt dein Los zu teilen.

Er schlug es aus, für die neue Reise zu heuern und ging gar nicht wieder an Land, um kein Geld unnötig auszugeben. Gottlieb erhielt, wie auch die übrigen schiffbrüchigen Auswanderer, so viel geschenkt, daß, als Roberts Heuer bezahlt wurde, die beiden ihre Fahrt in das Goldland antreten konnten. Sämtliche Ausrüstungsgegenstände wollten sie, des teuren Transportes wegen, an Ort und Stelle kaufen, nur den Anzug der Goldgräber, die ungeheuren Kanonenstiefel und den Leibgurt von Leder schafften sie sich sogleich an. Das bare Geld wurde sorgfältig versteckt, und dann nahm Robert von seinen bisherigen Kameraden einen herzlichen Abschied. Nur den Neger sah er nicht.

Auf die Frage nach Mongos Verbleib hieß es, daß auch dieser am vorigen Tage abgemustert habe. Roberts Erstaunen stieg immer mehr. Sollte sich der Alte, nachdem er mit ihm so schwere Stunden geteilt, jetzt ohne ein Wort des Abschieds trennen wollen?

Unbegreiflich! Aber die Zeit drängte, und daher konnte unser Freund keine weiteren Nachforschungen halten. Seufzend kletterte er die Fallreepstreppe hinab. »Leb wohl, du blaues, geliebtes Meer, jetzt soll ich dich monatelang nicht einmal mehr sehen, soll mich Hunderte von Meilen weit ins flache Land begeben und mit Spaten und Axt die Erde durchwühlen.« –

Leb wohl! Leb wohl!

Er sah nicht zurück, sondern bezwang den inneren Kampf um Gottliebs willen. Es ist ja kein Geschenk mehr, keine beglückende Gabe, was mit einem Seufzer dargereicht wird, sondern ein Opfer, welches das Feingefühl des Empfängers zu stark verletzt, um noch gern angenommen zu werden.

Es mußte sein, und Roberts fester Wille unterdrückte erfolgreich jede Mißstimmung. Dem schüchternen Freunde Mut einsprechend führte er ihn zum Bahnhof, wo für die ganze Reise nach den Minenstädten das Billet gelöst wurde. Wenn erst einmal die fremde Welt, welche er jetzt betreten sollte, ihn umgab, wenn er eine geregelte Tätigkeit besaß, so mußte auch seine frühere Zuversicht zurückkehren. Und ging es schlechterdings nicht, konnte er das Leben auf dem Lande unmöglich ertragen, nun, so stand ihm ja der Weg zur nächsten Hafenstadt immer offen. Für den Augenblick galt es den Kopf oben zu behalten, damit womöglich späterhin der Ärger über einen teuren und trotzdem fehlgeschlagenen Versuch nicht das einzige sei, was ihm die neue Laufbahn eingebracht.

Aber daß er Mongo nicht mehr gesehen, tat ihm leid. Der Alte mußte irgend einen ganz besonderen Grund haben, welcher ihn verhinderte, wenigstens ein Abschiedswort zu sprechen.

Das Glockenzeichen ertönte, die Türen wurden geöffnet und unsere Freunde stiegen in den Wagen – da sah ihnen von draußen ein schwarzes, lächelndes Gesicht entgegen, da zeigte sich Mongo im ledernen »Digger«-Anzug, und nach einer halben Minute saß er drinnen neben den beiden überraschten Freunden.

»Du junger Spitzbube, wer soll dich aus der Patsche ziehen, wenn ich es nicht tue? Bist ja ein viel zu großer Sausewind und Wagehals, als daß man dich allein reisen lassen könnte.«

»Aber Scherz beiseite,« setzte er hinzu, »wollt ihr den alten Knaben mitnehmen? Schaden kann's euch nicht, in den Minenstädten einen kundigen Führer zu besitzen.«

Robert fühlte sich neu belebt durch die Nähe des Freundes. Er und auch Gottlieb schlugen bereitwillig ein, als ihnen Mongo die Hand bot. »Wir wollen treu zusammenhalten,« gelobten sich beide, »und es freut uns herzlich, dich an unserer Seite zu wissen.«

»Aber warum teiltest du uns deinen Entschluß nicht schon viel früher mit, alter Geheimniskrämer?« fragte Robert.

Der Neger wiegte das wollige Haupt. »Ich wußte es ja vorher selbst nicht, du Schlingel!« versetzte er. »Die Minen sind es auch keineswegs, welche mich verlocken, sondern nur deine Nähe. Es ist für einen alten Menschen doppelt schrecklich, so ganz allein dazustehen.«

Robert drückte seufzend die schwarze Hand. »Auch für einen jungen, Mongo,« antwortete er, »auch für einen jungen. Das Herz bleibt in der Fremde ganz leer.«

»Hast doch deiner Mutter geantwortet, Junge?« fragte der Neger.

»Freilich. Sie nimmt ja meine Briefe an.«

»Nun, nun, du mußt das nicht mit so großer Bitterkeit betonen. Dein Vater hat wie die Schnecke in ihrem Gehäuse sein lebenlang auf demselben Tisch gesessen, den schon zwei Generationen der Krolls als häuslichen Thron behaupteten, – er kann sich eine andere Möglichkeit einfach nicht denken, daher ist er widerborstig wie ein Igel und quält sich und andere. Oder dächtest du, daß er sich etwa nicht im stillen bitter um dich härmen sollte.«

»Das glaube ich kaum, Mongo.«

»Ach, bah, was weißt du davon? Ein Vater kann nie aufhören sein Kind zu lieben, aber er kann es auf unrichtige Weise kundgeben, das ist freilich wahr.«

»Laß uns über die traurige Angelegenheit nie wieder reden, Mongo,« bat Robert. »Es stehen sich nicht allein Vater und Sohn, sondern zwei Männer gegenüber, bei denen auch das Wort Ehre mitzusprechen hat, und eben dadurch erhält die ganze Sache den gefährlichen Charakter. Ich kann nicht nachgeben wie zur Zeit meiner Schuljahre oder auch später noch, als er mein halbfertiges Schiff mit dem Küchenbeil zerschlug und mich regelrecht durchprügelte.«

Mongo antwortete nicht. Wozu gleich den Anfang der Fahrt mit trüben Erinnerungen oder noch trüberen Zukunftsbefürchtungen vergällen? – Sein junger Freund war aus der knabenhaften Begierde nach Abenteuern längst aufgerüttelt und zum heranreifenden Manne erwacht, er fühlte den Zwiespalt mit dem eigenen Gewissen wie einen scharfen Sporn in der Seele, das schien für den Augenblick vollständig genug.

Mochte er erst lernen, sich nach den Eltern und ihrer Verzeihung als nach dem höchsten Gute zu sehnen, dann würde es Zeit sein, ihm auf den Einwurf vermeintlich beleidigter Ehre zu antworten. Vor der Hand war dergleichen keineswegs nötig.

»Mongo,« fragte nach einer Pause unser Freund, »bist du bereits früher einmal in den Goldminen gewesen? Es schien mir vorhin so.«

Der Schwarze nickte. »Wo wäre ich nicht gewesen, Bob?« fragte er wehmütig. »Überall ohne Heimat, ohne Familie, ohne Glück, da greift man bald nach rechts bald nach links, und sucht eben überall ganz vergebens die Stätte, an der das zu finden wäre, was in uns wohnen muß, wenn es wahrhaft befriedigen soll.«

Robert blies den Dampf seiner Zigarre in die heitere Morgenluft hinaus. Er fühlte sich von der erfrischenden Fahrt durch die Herbstlandschaft, von dem hellen Sonnenglanz und der schönen Umgebung mehr und mehr angeregt. Vielleicht ging es ja jetzt dem Glücke entgegen, jedenfalls aber mußte die kommende Stunde so wie sie sich gab genommen werden, und das Selbstquälen half zu nichts.

»Mongo,« sagte er, »du kennst also das Leben in den Minen aus Erfahrung, kannst uns mit Rat und Tat beistehen?«

»Gewiß, mein Bob. Eben deshalb kam ich ja zu euch.«

Robert übertrug das kleine Gespräch ins Deutsche, und auch Gottlieb freute sich lebhaft, in der Person Mongos einen Freund zur Seite zu haben. »Du gehst doch schon sehr bald wieder fort, Robert,« sagte er.

Dieser errötete. »Weshalb, du? Ich will gleich dir in den Minen das Glück suchen,« versetzte er.

»Möchtest du es finden, Robert!« versetzte innig und mit seinem bescheidenen Wesen der andere. »Möchten wir alle Glück haben!«

Mongo zog aus der Tasche ein gehöriges Paket von Fleisch und Brot, sowie eine Korbflasche, die er den beiden jungen Gefährten darbot. »Auf die Verwirklichung unserer Hoffnungen!« sagte er.

Und alle drei tranken, im Geiste anstoßend.

Der Eisenbahnzug hatte die Station Bandigo hinter sich, und immer schöner, immer prachtvoller wurde die Umgebung. Wälder von Eichen und Buchen, wohl auch von Tannen, säumten die Fahrstraße oder führten das Dampfroß durch ihre düstere Mitte. Zuweilen in grünen Blättermassen gleichsam vergraben, zuweilen am Ufer eines blumigen Sees dahingleitend und dann in weiter Ebene seine Bahn verfolgend, eilte der Zug donnernd und klirrend durch das Land.

Roberts für alles Schöne so empfängliche Herz gab sich den unbekannten Freuden solcher Reise auf das ungeteilteste hin. Wenig abhängig von äußeren Verhältnissen, von Schlaf, Bequemlichkeit und Verpflegung, dafür aber mit glühender Liebe zu allem Neuen, Großartigen und Ungewöhnlichen erfüllt, beobachtete er, während seine beiden Reisegefährten Mittagsruhe hielten, die Landschaft ringsumher und versäumte nicht die kleinsten Einzelheiten derselben. Es war alles anders als zu Hause in Deutschland, wo er freilich nur von Pinneberg nach Altona, also gerade zwanzig Minuten gefahren war, wo er aber doch die Einrichtungen des Bahnwesens häufig gesehen hatte. Wärterhäuschen mit ihren friedlichen Umgebungen und Bewohnern fanden sich nicht, die Stationen waren an manchen Stellen nur hölzerne Schuppen mit hochklingenden Titeln, aber höchst ärmlicher Einrichtung. »Waterloo-Hotel« oder »Vereinigte-Staaten-Hotel« und dergleichen fand sich mehr als einmal, beim Aussteigen jedoch sah Robert nur einige Farbige, ein paar spuckende, Tabak kauende und trinkende Yankees, sowie als ganzen Vorrat an Lebensmitteln ein paar dürre Butterbrote (hier Sandwichs genannt) und ungeheure Mengen von Branntwein, den er nur ungern und mäßig trank. Meistens bezahlte er das scharfe Getränk, um dann am Brunnen seine Reiseflasche mit frischem Wasser zu füllen, und den Fusel stehen zu lassen.

An einer kleinen, ganz am Ausgang eines Waldes liegenden Station fanden unsere Freunde eine Menge von Menschen versammelt. Man sprach und gebärdete sich lebhaft, eine Gruppe von Frauen zeigte sich in großer Unruhe, und verschiedene Männer fluchten in allen möglichen Ausdrücken. Es mußte irgend ein außergewöhnliches Ereignis vorgefallen sein.

Robert sprang voran, ehe noch Mongo und Gottlieb ihm folgen konnten. Im Augenblick interessierte ihn nur das, was dort die Gemüter erregte.

Aber seine Neugierde sollte wenig Befriedigung finden. Ein paar Meilen weit oberhalb der Station war ein Bahnzug entgleist, die Schienen aufgewühlt und zum Teil mit Trümmern bedeckt und für die nächsten Stunden der Verkehr unterbrochen. Es blieb jetzt den Reisenden nur die Wahl, entweder bis zum folgenden Morgen in einigen Holzschuppen, leeren Wagen und Remisen ein Unterkommen zu suchen, oder aber mit der Postkutsche einstweilen die Fahrt fortzusetzen.

Die drei sahen einander an, und was in Roberts Augen begehrlich aufleuchtete, das erkannte der lächelnde Mongo sofort. »Hierbleiben!« neckte er, »hierbleiben, mein Bob. Nicht wahr, du hast jetzt keine Lust, mit zwanzig anderen Passagieren bei Nacht und Nebel in der engen Kutsche davonzufahren? Brr, eine kalte Partie müßte es sein.«

»Und gefährlich!« schaltete Gottlieb halblaut ein. »Es sollen noch Büffelherden hier herum ihren Wohnsitz haben.«

»Und reißende Tiere,« setzte mit besorgtem Gesicht der Neger hinzu, »und blutdürstige Indianer!«

Jetzt verstand Robert, was Mongo wollte, und die beiden lachten vergnügt. »Komm du nur mit,« versicherte der Schwarze dem erstaunten Gottlieb, »es wird dir nichts widerfahren, als nur Zähneklappern. Aber in diesen luftigen Holzställen wäre der Aufenthalt schwerlich angenehmer als dort,« setzte er hinzu.

»Und überdies hätten wir eine ganze Nacht unnütz verloren,« warf Robert ein.

Das half, um den schüchternen jungen Menschen zu bestimmen. Alle drei nahmen im Postwagen Platz – Robert auf dem Bock beim Kutscher – und fort ging es mit einem Gespann von sechs vortrefflichen Pferden in die mondhelle Nacht hinein.

Am Wegesrande zeigten sich bald fortlaufende, tief ausgetretene Geleise, die alle in einer Richtung dahinliefen und die der Kutscher dem fragenden Robert als Büffelspuren bezeichnete. »Wir werden sehr bald die Herden selbst sehen,« setzte er hinzu. »Ist es das erstemal, wo Ihr die Steppe passiert, Sir?«

Robert bejahte, und nun entwarf ihm der Kutscher, dem offenbar diese Unterhaltung auf seinem einsamen Sitz sehr willkommen war, ein ansprechendes Bild der Verhältnisse und des Tierlebens der Umgegend.

»Die Büffel bemerkt Ihr von selbst, Sir,« lächelte er, »aber beseht Euch einstweilen auch die kleinen vierbeinigen Burschen. Das sind Präriehunde.«

Robert beugte sich vom Sitz herab und gewahrte mit regem Interesse eine Anzahl kleiner Geschöpfe von dunkelbrauner Farbe mit weißem Bauchfell. Zum Geschlecht der Hamster gehörend, sind diese Tierchen ein lustiges, harmloses Volk, das in Erdlöchern wohnt, mit vergnügtem »Tschirp! Tschirp!« schweifwedelnd herumspringt und den Menschen gegenüber nicht die geringste Scheu zeigt. Robert wandte sich voll Erstaunen zu seinem redseligen Berichterstatter. »Hunde nennt Ihr diese Tiere?« fragte er.

Der Kutscher zuckte die Achseln. »›Wish-Ton-Wish‹ sagen die Indianer, Sir. Ich weiß nicht, woher der Vergleich mit Hunden entstanden ist.«

Aber Robert hatte schon wieder eine neue Entdeckung gemacht. »Seht doch, seht,« rief er, »vor jedem dieser Erdlöcher sitzt eine kleine Eule!«

» Well, Sir, die Tiere wohnen beieinander, und außerdem auch noch Klapperschlangen, gehörnte Eidechsen und Landschildkröten. Der Wish-Ton-Wish baut die Höhle, und das andere Völkchen nimmt ungebeten Besitz davon; der Wish-Ton-Wish schleppt die Wintervorräte zusammen, und die übrigen verspeisen den Raub, – so geht es oftmals im Leben, Sir.«

Robert seufzte heimlich. Aber hier war keine Gelegenheit, sich in Grübeleien zu versenken. Auf jedem Schritt, bei jeder Drehung der Räder begegneten neue Wunder seinen Blicken. Ein Tier von schmutzig-gelbem, grauschillerndem und langhaarigem Fell, etwas kleiner als ein gewöhnlicher Wolf, mager und mit falschen, feigen Augen umschlich die nächsten Gebüsche. Es blieb in scheuer Entfernung, obgleich es das vorüberrasselnde Gefährt fortdauernd beobachtete.

»Wie heißt dieser widerwärtige Bursche?« fragte Robert.

Der Kutscher schlug in der Richtung des wolfsartigen Tieres kräftig mit der Peitsche durch die Luft, worauf der graue Schatten wie in den Boden hinein verschwand. »Nicht wahr,« rief er grimmig, »das ist ein Schurkengesicht, ein Hungerleider, ein falscher Patron! Sage Euch, Sir, es gibt mir allemal einen Stich durchs Herz, wenn ich solchen Burschen sehe. Vor einiger Zeit stürzte mir mitten auf dem Wege das Handpferd und blieb mit gebrochenem Bein im Sande liegen. Na, da mußte ich es totstechen, Sir, um es zu erlösen, aber das Herz tat mir weh dabei, kann ich versichern. Hatte mit dem braven Bill schon seit dem Jahre 1865 diesen Weg befahren, als noch der Indianerhäuptling Cut-nose mit seiner braunen Horde die Gegend unsicher machte und alle Passagiere den geladenen Revolver fortwährend in der Faust hielten. Aber für den Tod ist kein Kraut gewachsen, Sir, – mußte den alten Bill mit zerschnittener Kehle liegen lassen, hatte ja keine Zeit, ihn zu begraben, und – ich sah nun alle Tage, wenn mich mein Weg vorüberführte, auf seinem armen Körper die Coyotes sitzen und gierig das Fleisch von den Rippen zerren, seitdem hasse ich die Bestien. Ein lebendiges Tier greifen sie nicht an, aber Leichen sind selbst unter der Erde vor ihren Krallen nicht sicher. Sie gleichen an Raubgier und Feigheit ganz den Hyänen.«

Die Postkutsche hatte während dieser langen Erzählung ihren Weg weiter verfolgt, der Coyote kam nicht wieder zum Vorschein, aber noch eine Menge von anderen Tieren bevölkerte die Nacht. Beutelratten trippelten durch das Gras, Schwärme von Kibitzen und Raben segelten durch die Luft, hier und da zeigten sich wunderhübsche braune Antilopen, diese schlanken, rehäugigen, poetischen Geschöpfe, deren Schönheit kaum beschrieben werden kann, die aber gegen den Menschen niemals vertraulich sind, sondern die Flucht ergreifen, sobald nur irgend eine Bewegung ihren Verdacht erregt.

Dazwischen lagen überall am Wege bleichende Tiergerippe, namentlich solche von Büffeln, wie denn auch die Spuren dieser Riesengeschöpfe immer deutlicher aus dem weichen Boden hervortraten, bis zuletzt ihre schwarzbraunen Gestalten erst vereinzelt und dann immer zahlreicher erschienen. Roberts Herz pochte mit schnelleren Schlägen. Wieviel Merkwürdiges, wieviel Schönes erschloß ihm in dieser Nacht die Natur! – –

Seine Seele wurde weich, seine Einbildungskraft trat zurück gegen die Schöpfungsfülle der Wirklichkeit, sein stürmender Eigenwille zerschmolz in Bewunderung und fast furchtsam tauchte der Blick in die mondhelle Unendlichkeit.

Ein Gefühl, das nur die Guten, die Edleren überschleicht, bemächtigte sich seines Innern. Er empfand die Bedeutungslosigkeit des einzelnen gegenüber dem All, – und er empfand tief im erschütterten Herzen die Vermessenheit des einzelnen, sich aufzulehnen gegen Gottes milde und weise Gesetze.

Hätte er doch in diesem Augenblick am Bette seines kranken Vaters knieen und den Kopf in des Greises zitternden Händen verbergen, hätte er doch mit stummen Tränen bitten können »Vergib mir!«

Eine lange Pause der Unterhaltung folgte den letztgesprochenen Worten; beide, der Kutscher und Robert, mochten ernsten Gedanken nachhängen, beide sich des Eindruckes bewußt sein, den die malerische Umgebung hervorbrachte.

»Wißt Ihr, Sir,« begann endlich der Amerikaner, »ich fahre nun seit sechs Jahren und darüber täglich durch diese Gegend, aber so oft ich komme, scheint sie mir neu. Das macht das Großartige, glaube ich, das Wilde, Ursprüngliche. Wenn Meilensteine am Wege ständen, und Straßengräben und Wirtshäuser vorhanden wären, dann käme auch gewiß die Langeweile mit herangezogen, so aber ist alles das in jeder Stunde neu und doch wie ein lieber alter Bekannter, den man freudig begrüßt, wenn er zur Tür hereintritt. Und glaubt Ihr wohl, Sir, daß diese Gegend ihren Dichter hatte? – ich habe ihn selbst gekannt, damals zu Schlitznases Zeiten, der hat die Fahrt mit mir und dem alten Bill, den die Coyotes fraßen, oft gemacht; – wollt Ihr einmal hören, was er schrieb, da auf Eurem Sitz und auf dem Einband eines Buches, das er bei sich trug? Mir hat er's zuerst vorgelesen, nachher aber ist's gedruckt worden.«

Und der Amerikaner, ganz erfüllt von seinem Gegenstande, begann in wenig künstlerischer, aber begeisterter Weise ein einfaches Lied zu singen, das in treffenden Bildern das Leben in den Wäldern und Prärien des Landes schilderte.

Mit einem lustigen Peitschenknall, der das Sechsgespann zu erhöhter Eile antrieb, schloß der brave Rosselenker die letzte Strophe des Gedichtes, das auf seinem Kutschbock geschrieben worden war, und das er sicherlich vielen nachkommenden Reisenden schon vorgetragen hatte. »Seht nur, seht,« rief er, »da sind auch die Buffalos ohne Zahl bereits in nächster Nähe!«

Und wirklich befand sich die Postkutsche jetzt auf dem Weideplatz der schwarzbraunen Hörnerträger. Von allen Seiten stürmten in brausendem Galopp die Tiere heran, ihre Hufe erdröhnten auf dem samtnen Rasen, ihre Nüstern stießen mit Geräusch den Atem aus, ihre kurzen Hörner wühlten die Erde in Wolken herauf. Dicht hinter dem plumpen, unförmlichen Hals erhob sich ein buschiger Höcker, während der Vorderkörper mit der gewaltigen Brust und dem dicken Kopfe zum Hinterteil in keinem richtigen Verhältnis zu stehen schien. Der gewaltige Rumpf und die schlanken, fast zierlichen Beine, die feurigen Augen und der große häßliche Kopf paßten durchaus nicht zu einander.

Robert bemerkte indessen, daß die schwerfälligen, etwa acht Fuß messenden Tiere doch schneller als ein Pferd zu laufen vermochten, namentlich aber, daß ihnen eine wahrhaft riesige Körperkraft innezuwohnen schien. Der Kutscher sagte auch, daß die Büffel zur Landwirtschaft nicht verwendet werden können, weil ihre Wildheit und wahrhaft unberechenbare Kraft aller Schranken spottet. Ihnen ist kein Zaun zu stark, kein Graben zu breit und kein Ackerwagen zu schwer, um nicht seine Trümmer am Wegesrande aufzuhäufen.

Jetzt befand sich die Kutsche mitten in der unübersehbaren Masse der auf ihrer großen Herbstwanderung begriffenen Tiere. Zuweilen mußte im Schritt gefahren, zuweilen ganz innegehalten werden, so dicht umdrängten die Büffel das Gespann und die Räder. Mit lang heraushängender Zunge, vorgestrecktem Hals und krummem Buckel rannten die braunen Riesen scheu an der Postkutsche vorüber, während dagegen die jüngeren Kälber neugierig herankamen und sofort von ihren Müttern wieder zur Herde zurückgeführt wurden. Etwa zwei Stunden Weges fuhr der Wagen durch die endlosen

Massen von Tieren, und erst nachdem mehrere Tausende derselben passiert waren, erschien die Ebene wieder frei. Robert atmete auf, als die Kutsche in schnellere Bewegung geriet. So wenig er sich gefürchtet! hatte, so großartig war doch der Anblick dieser ganzen Szene gewesen, – er schwieg aus Bewunderung.

Dann aber fiel es ihm ein, sich nach seinen Gefährten umzusehen. Das Innere des Wagens war mittels einer Hängelampe trübselig erleuchtet, so daß er in den Reihen der übrigen auch Mongo und Gottlieb leicht erkennen konnte. Der Neger schlief den Schlaf des Gerechten, wobei sich sein Wollenhaupt vertraulich gegen Gottliebs Schulter gelehnt hatte. Dieser dagegen wachte! Seine blauen, gutmütigen Augen sahen mit dem Ausdruck innerster Herzensangst aus dem gegenüberliegenden Fenster, während die rechte Hand den geladenen Revolver schußfertig hielt. Der schüchterne junge Mann wagte es offenbar nicht, sich auf seinem Platz zu bewegen, sondern saß steif, wie eine hölzerne Puppe, indes zuweilen, wenn der Wagen besonders hart stieß, die Rechte mit dem Revolver sich vorsichtig erhob, um Mongos herabgleitenden Kopf ein wenig wieder aufzurichten.

Robert lachte in sich hinein. Das Bild war urkomisch, obwohl es auch sein Rührendes hatte. Gottlieb dachte ja nie an sich, sondern immer nur an andere, er ging willig in jedes neue Verhältnis hinein, aber das Unbehagen und die heimliche Furcht verließen ihn nie, das Bild des kleinen, niederen Krämerladens daheim in Pinneberg schwebte wie die Erinnerung an ein verlorenes Paradies beständig vor seinen geistigen Blicken.

Und doch war dieser gutmütige, harmlose Bursche vielleicht bestimmt, ein langes, wechselvolles Leben hindurch mit äußeren Widerwärtigkeiten zu ringen, und niemals – niemals das Ziel seiner stillen Sehnsucht, einen eng begrenzten, kleinen Wirkungskreis zu erreichen. Aber er ertrug das Unvermeidliche mit Selbstverleugnung und Würde, er war frei von aller Selbstsucht, das machte ihn so liebenswürdig.

Robert wandte sich ab, wie auf etwas Unrechtem ertappt. Ob er jemals so gut, so anspruchslos werden würde wie Gottlieb! –

Er knüpfte das Gespräch mit dem Kutscher wieder an, und beide unterhielten sich, bis es gegen Morgen etwas kälter über die Ebene dahinwehte und an den Wolkenrändern die ersten gelblichen Streifen erschienen. Der Rosselenker reichte seinem jungen Begleiter eine Büffeldecke, in welcher sich dieser gänzlich einhüllte.

»Es gibt heute noch Regen,« sagte er. »Ihr hättet Euch besser mit Plaids und Decken versorgen sollen, Sir.«

Robert lächelte. »Ein Seemann scheut die Nässe nicht,« versetzte er. »Aber weshalb meint Ihr, daß wir bei diesem prachtvollen Wetter Regen zu befürchten hätten?«

Der Kutscher deutete mit dem Peitschenstiel auf die blutrote Scheibe, hinter welcher sich am östlichen Horizont die Sonnenkugel verbarg. »Wißt Ihr nicht, daß diese dunkle Färbung einen nassen Tag verkündet?« fragte er. »Hat Euch Eure vortreffliche Frau Mutter nie gesagt, daß das Morgenrot Wasser in den Brunnen trägt?«

Robert nickte. »Freilich,« antwortete er, »man hat ein solches Sprichwort, aber ich legte wirklich nie viel Gewicht darauf. Und, Freund – wenn Ihr mir die Sache nicht erklären, sondern sie nur einfach behaupten könnt, dann glaube ich auch Euch keineswegs.«

»Seid Ihr aber ein Starrkopf!« lachte der Kutscher. »Ich kann indessen den Beweis führen, Sir. Seht, an jedem Abend senkt und an jedem Morgen hebt sich der Erdendunst, der Stickstoff, welcher unsere Atmosphäre füllt und hinter dem, für unsere Blicke, die Sonne sich verbirgt. Ist von diesem schweren, feuchten Niederschlag nur eine geringe Menge vorhanden, so erscheint das durchscheinende Licht in heller und rosiger Farbe, ist aber die Luft von Dünsten übersättigt, so verhüllt ihre Dichtigkeit gleichsam das Sonnenbild mit dunklerem, tief purpurnem Flor, während anderseits die eingesogene Nässe vermöge ihrer Schwere zur Erde drängt, oder mit anderen Worten, während die straffgespannten Wolken in einem Regenfall ihren Inhalt ergießen. So ist's, Sir, und ich hoffe, daß Ihr jetzt das Sprichwort Eurer Frau Mutter besser verstehen gelernt habt. – Dort hinter den Gebüschen ist übrigens die Station,« setzte er hinzu, »und wenn mich nicht alles trügt, so wird in einer kleinen halben Stunde der Zug von hier abgehen,«

Er bog über eine Lichtung und lenkte in eine holprige Straße, an deren Seiten einige hölzerne Häuser die »Stadt« verkündeten. Vor dem Bahnhofsgebäude hielt nach vierzehnstündiger Fahrt der Wagen.

Robert kletterte vom Bock und öffnete die Tür des inneren Raumes. »Hallo,« rief er, »habt ihr endlich ausgeschlafen, ihr beiden?«

Gottlieb sah ihn an wie einen, der aus naher Todesgefahr noch glücklich errettet wurde. »Ich habe mich um dich so sehr geängstigt,« sagte er. »Wenn nun die entsetzlichen Tiere den Wagen angegriffen hätten?«

Unser Freund lachte. »Dann wärest du ja nicht besser beschützt gewesen, als ich,« antwortete er.

Gottlieb errötete. »Wenn auch, du, aber – ach, es ist doch schrecklich, solches Leben, wo man immer den Tod hinter sich weiß, und jeden Augenblick fürchten muß, daß er zugreift.«

Und seufzend, mit angstvollem Rundblick, kletterte er aus der Tür, um sich dicht an Roberts Seite zu halten. »Laßt uns ins Haus gehen,« bat er, »Mongo erwacht schon.«

Der Neger hatte ausschließlich geschlafen, weder die Schönheit der Umgebung bewundert, noch sich vor ihren Schrecken gefürchtet, sondern von Afrika geträumt, und daß er den Königsthron von Dahomey wieder besteigen solle.

»Du,« sagte er, »mein Bob, ich könnte es doch nicht mehr!«

»Was denn, Alter?«

»Ja so, du hast's nicht mit erlebt, obgleich ich dich immer an meiner Seite sah, das vergaß ich. Aber komm nur herein, mein Junge, damit wir einen tüchtigen Trunk Whiskey erhalten. Mir träumte, ich sei im Königspalaste von Dahomey und man reichte mir Blut aus einem Menschenschädel, – brr! – das war gräßlich.«

Und alle dreie verließen die offene Straße, um sich in das Brettergebäude zu begeben, wo wieder gegen teure Preise der Branntwein und einige schwindsüchtige Butterbrote verabreicht wurden. Aber dem Hungernden erscheint auch das erbärmlichste Mahl noch ein Hochgenuß; der Wirt konnte kaum so viel Vorrat herbeischaffen, als von der durchfrorenen, zusammengerüttelten Reisegesellschaft begehrt wurde, und lange nicht alle Passagiere waren gesättigt, nachdem der schrille Pfiff der Lokomotive zum letztenmal ans Einsteigen gemahnt. »Vorwärts!« rief Robert, »noch zwei Tage und eine Nacht, dann ist unser Ziel erreicht.«

»Dann suchen wir Gold!« fügte mit glänzendem Blick der junge Krämer bei. »Robert, was beginnst du, wenn dir ein tüchtiger Gewinn in den Schoß fällt?«

Unser junger Freund bot treuherzig und lebhaft zugleich dem Jugendgefährten die Hand. »Dann baue ich dir in Pinneberg das herabgebrannte Haus der Eltern wieder auf, Gottlieb,« rief er. »Jeder Nagel, wie du ihn früher gewohnt warst, jedes Brett und jedes Schubfach. Du sollst glauben, daß die ganze Zwischenzeit ein böser Traum gewesen.«

Gottlieb drückte stumm die dargereichte Hand. »Und du, Mongo?« fragte er nach einer längeren Pause, »was tätest du?«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Ich habe einen Sohn,« sagte er, »und wenn die Summe nur klein wäre, so müßte sie für ihn sein, – besäße ich indessen Schätze, dann sollten sie meinen armen Unglücksbrüdern zugute kommen, dann würde ich in Afrika Schulen errichten und das Volk frei machen aus dem Joch der Unwissenheit und des Aberglaubens. Dahomey müßte ein zweites Liberia werden.«

Gottlieb legte die Hand über die Augen und blieb lange stumm. Es schien, als könne er den Gedanken, welcher ihn durchflutete, kaum unausgesprochen ertragen, viel weniger aber demselben Worte verleihen. »Laßt's gut sein,« brachte er endlich hervor, »wenn uns Gott nur soviel Gelingen schenkt, daß wir unser täglich Brot essen und ein paar Taler zurücklegen.«

Robert sprach nicht, aber im innersten Herzen dachte er: »Ich brauche zweihundert Dollar, dann kann ich das blaue Meer wieder aufsuchen und kann im Elternhause als Mann auftreten. – Nur zweihundert Dollar!«

Und der Eisenbahnzug donnerte dahin über Berg und Tal, die mitreisenden Passagiere sangen deutsche Lieder. Die Herbstluft wehte spielend gelbe Blätter in den Wagen, die Herzen schlugen heimlich schneller mit jeder Station, die am Wege zurückblieb.

Nur ein Gedanke erfüllte alle diese Seelen. »Gold! Gold!«

Der Lebensnerv der Menschheit, der Grundpfeiler des Staatenbaues, die Bedingung zum Glücke, – und doch ein Erdenstaub wie Ton und Kiesel, – Gold! – Gold! –

Zehntes Kapitel

In den Minen

Eine Minenstadt in den Golddistrikten von Kalifornien ist etwas so ganz anderes, als irgend ein Ort oder überhaupt ein Wohnsitz zivilisierter Menschen, daß für das Verständnis der nachfolgenden Erzählung notwendigerweise erst einige kleine Ortsschilderungen vorausgehen müssen. Während im gewöhnlichen Leben aus den ersten vorläufigen Einrichtungen das Bestehende, während aus dem Notdürftigen das Bequeme, Stattliche langsam herauswächst und von Jahr zu Jahr mit emsigem Fleiße an der gemeinsamen Wohlfahrt gearbeitet wird, herrscht in der Goldstadt das umgekehrte Verhältnis.

Nicht um zu bleiben und für Kind und Kindeskind eine Heimat zu gründen kommt der Mensch hierher, nicht um den Boden urbar zu machen und zu veredeln arbeitet er, sondern nur um der Erde die tiefverborgenen Schätze zu entreißen, und wenn das geschehen, nach neuer Beute spähend weiterzuziehen. Er wagt, er hofft, anstatt zu wissen, er wandert, anstatt zu wohnen, er setzt alles an alles, anstatt in weiser Mäßigung mit den Kräften des Körpers und der Seele hauszuhalten.

Nach diesem Bilde gestaltet sich auch das äußere Leben. Ein hölzernes Gebäude wird notdürftig zusammengeschlagen, das unentbehrliche Gerät aus Blech und Eisen hineingebracht, ein Bett aus Wollendecken auf dem Fußboden hergerichtet und zum Selbstschutz gegen Diebe die erforderlichen Maßregeln getroffen – dann ist das Heim des Goldsuchers fertig. Seine Familie hat er meist in der nächstgelegenen Stadt zurückgelassen, seine Gesundheit darf er nicht ängstlich in Betracht ziehen, sein Leben muß er stündlich in die Schanze schlagen, aber – wenn ihm das Glück günstig ist, kann er nach kurzer Anstrengung in den Kreis der Zivilisation zurückkehren und als gemachter Mann fortan der Bequemlichkeit, dem Ausruhen leben.

Das Ziel verlockt Tausende; wo einer erliegt, da treten zehn an die leergewordene Stelle, wo einer einen reichen Fund gemacht, da scharen sich Unzählige, um des gleichen Segens teilhaftig zu weiden, aber dennoch gelingt es im großen und ganzen nur wenigen, mit leichter Mühe zu einem beträchtlichen Vermögen zu gelangen.

Man denke sich die Straßen einer solchen Goldstadt keineswegs als regelrecht angelegt, gepflastert oder gar beleuchtet, man glaube nicht, daß Bürgersteige vorhanden sind oder daß Polizeischutz bestände. Von allem diesen findet sich keine Spur. Zwei tiefe Gräben von vier bis sechs Fuß durchschneiden in ihrer ganzen Länge die Straße, und auf den Erdwällen zu beiden Seiten wandelt nach Möglichkeit das Publikum. An starkbelebten und daher plattgetretenen Stellen geht die Sache so ziemlich, wo aber nach der Laune irgend eines Miners ein Quergang etwa bis vor die Türe des nächsten Hauses angelegt worden, wo der Regen sich zum Tümpel angesammelt oder die gehäufte Erde einen Hügel gebildet, da hört einfach die Verbindung auf, und wer hinüber will, der mag selbst auf Mittel und Wege sinnen, wie ihm dies kecke Unternehmen gelinge.

Der Miner bezahlt für jeden Zoll des Wassers, welches ihm bei seiner Arbeit hilft, zwischen zwanzig bis fünfzig Cent, er hat das Recht, überall nach Schätzen zu suchen, er läuft die Gefahr, vielleicht umsonst zu graben und umsonst sein kleines Betriebskapital verschwendet zu haben – alles dieses zusammengenommen macht ihn rücksichtslos und hart; er verfolgt die gelben Körner und wäre es bis unter das einstürzende Haus des nächsten Nachbars, er kümmert sich, wie der Dichter sagt, um keinen, und keiner kümmert sich um ihn. Vielleicht zerstört ihm ja der heute bedrohte Nachbar morgen das eigene Dach, also weshalb sollte er weniger tun?

Und als Schutz gegen die zahllosen Verächter des Gesetzes, welche sich in den Golddistrikten sammeln, dient die Schwere der Faust, die Sicherheit des Auges. Der Amerikaner ist durchweg ein sogenannter self-made-man, d.h. durch eigene Kraft emporgekommener Mann, er braucht die Waffe ohne lange zu zögern, er straft auf dem Fleck und macht sich aus einem Menschenleben blutwenig.

Das alles ist Grundbedingung, ist die alleinige Existenzmöglichkeit in den Minenstädten, wo sich der Auswurf aller Länder sammelt, aber es gereicht der Seele zum Schaden und macht den einzelnen unliebenswürdig, raubt ihm alle edleren Eigenschaften des Charakters und läßt von dem, was er vielleicht früher in besseren Verhältnissen gewesen, wenig oder nichts mehr übrig.

Wo der Revolver im Gürtel steckt und das Einschlagemesser ebensowohl zum Brotschneiden als zum Selbstschutz verwendet wird, da hört der Begriff »Gemütlichkeit« vollständig auf, da stockt so zu sagen das innere geistige Leben, und nur das »Soll und Haben« scheint noch einer wirklichen Beachtung wert.

Die Minenstädte und ihre Bewohner bilden eben Ausnahmen, bei denen kein Maßstab des gewöhnlichen, täglichen Lebens angelegt werden kann.

Auch unsere drei Freunde hatten eine schwere Zeit durchlebt, bevor sie sich einigermaßen in den herrschenden Ton von Lenchi, so hieß die Minenstadt, hineingewöhnten. Dies Gebiet lag fast völlig inmitten der Wildnis, seine Erreichung hatte nach Vollendung der Eisenbahnfahrt noch einer mehrtägigen Reise auf Maultier oder Esel bedurft und stellte sich als der erste Anfang einer bewohnten Kolonie vor. In Idaho, dem ursprünglichen Ziel ihrer Reise, war aber den Goldsuchern gesagt worden, daß Lenchi bedeutend besseren Erfolg verspreche, weshalb sie unter Aufopferung der letzten baren Mittel die nochmalige Wüstenreise unternahmen und erst nach weiteren sechs Tagen an ihrem Bestimmungsorte anlangten.

Robert befand sich so ziemlich in seinem Elemente, aber der arme Gottlieb führte das Dasein eines Märtyrers. Während der ersten Nacht wanderte er ruhelos wie ein irrendes Gespenst durch das hölzerne Haus, in dem alle drei Quartier genommen, jeden Augenblick vor Schreck zusammenfahrend, jeden Augenblick erwartend, daß der Sturm, welcher über die Waldwipfel dahinfegte und sogar durch die zahllosen Spalten der Bretterwände bis in das Haus hineinfuhr, den ganzen luftigen Bau auf seinen Schwingen davontragen und zerschellen werde.

Ein Verwandter des berüchtigten texanischen »Norther«, brauste dieser Sturm, eisige Regentropfen mit sich bringend, unter klagendem, langgehaltenem Heulen durch die Wälder, entwurzelte die uralten Baumriesen und peitschte die Wellen der kleinen Flüsse, daß sie rings ihre Ufer weit überfluteten. Am Himmel ballten sich schwarze Wolken, donnernd bald und bald ächzend zerrissen die Windstöße die Luft, prasselnd fiel der Regen auf das Schindeldach. Erst einzeln, dann immer schneller und stärker drangen die Tropfen bis in den inneren Raum des Holzverschlages, welcher unseren Freunden als Schlafgemach diente. Gottlieb, den das Grauen nicht zur Ruhe kommen ließ, flüchtete mit seinen Decken in einen anderen Winkel, aber auch hier kamen ihm die plätschernden Fluten nach, und mit stiller Verzweiflung setzte er sich endlich auf den Tisch – schlafen konnte er ja doch nicht.

Robert und Mongo waren wirklich ganz verhärtete Seelen. Sie hatten ihn ausgelacht, als er von seinen vielfachen Befürchtungen sprach, und schliefen jetzt ungestört weiter, obgleich der rücksichtslose Regen an ihren Kleidern herabrieselte und von oben in ihre Stiefel hineindrang. Gottlieb saß regungslos auf dem weißen, grobgezimmerten Tisch. Seine Gedanken weilten in dem abgebrannten, kleinen Krämerhause, seine Erinnerung schwelgte in dem Bilde des zierlich aufgeputzten Schaufensters und der blankgescheuerten Gewichte; er wischte von Zeit zu Zeit die Tränen aus den Augen, obwohl kein Laut verriet, daß er sich zum Sterben unglücklich fühlte.

Nur wenn im Walde ein Coyote das wilde Geheul erschallen ließ, wenn ein Raubvogel kreischend über das Dach dahinflog oder ein gehetztes Tier eilends an der dünnen Wand vorbei huschte, fuhr er jählings auf, um zu horchen. Der Schweiß seiner Stirn wurde kalt, der Atem stockte, die Hände hoben sich wie zu einer Beschwörung, bis wieder alles in die frühere Stille zurücksank und des einsamen Träumers Gedanken ihren Faden fast unbewußt fortgesponnen.

Robert und der Neger schliefen. Ersterer nahm, wie wir wissen, die Dinge nie von der schlimmen Seite, und Mongo war zu sehr an den Wechsel des Lebens gewöhnt, als daß ihn irgend etwas hatte um seine Nachtruhe betrügen können. Erst gegen Abend hatte man den Ort erreicht, mit genauer Not ein Unterkommen gefunden und im allgemeinen von den Goldgräbern nur Klagen gehört – man mußte also Leib und Seele stärken, um morgen den Kampf mit einer fremden Welt festen Fußes aufnehmen zu können, und dazu gehört vor allen Dingen ein ruhiger Schlaf.

So viel Lärm und Toben die Hütte umgab, es störte niemand als den armen Gottlieb, der sich in diese halbwilden Verhältnisse durchaus nicht hineinleben konnte, und dessen Einbildungskraft emsig beschäftigt war, sich Schreckensbilder heraufzubeschwören. Bald glaubte er draußen das Schnaufen eines Bären deutlich zu unterscheiden, bald dachte er an die vernichtenden Folgen eines Büffelzuges, der sich natürlich gerade über diese Hütte dahinwälzen würde, und ein anderes Mal glaubte er bereits zu fühlen, wie der Sturm die Wände bog. Es waren Höllenqualen, welche er während dieser ersten Nacht im Goldlande erlitt.

Und als der neue Tag anbrach, da begann die Plage. Es mußten Gummistiefel zu enormen Preisen auf Borg gekauft werden, ebenso Hacke, Mulde und Schaufel. Der jüdische Händler berechnete sich die unverschämtesten Preise, aber unsere Freunde konnten nur noch froh sein, daß er überhaupt die Bezahlung stundete; sie wären ohne ihn vollständig außerstande gewesen, irgend eine Arbeit zu beginnen.

Das Wasser kostete hier in Lenchi kein Geld, aber dafür war es auch, anstatt eines wohleingerichteten, nach Bedarf zu verwendenden Stromes, nichts als ein Gebirgsquell, dessen herabstürzende Arme die Goldwäscher ihren Gängen zuleiteten und sich so das unentbehrliche Element dienstbar machten. Unsere Freunde konnten jetzt wählen, ob es ihnen vorteilhafter schien, selbst eine Mine anzulegen, vielleicht zufällig an ganz goldleerer Stelle, oder ob sie in dem schon als fruchtbar erkannten Gange eines früheren Besitzers die Erlaubnis zum Graben bezahlen sollten. Der jüdische Kaufmann lieh auch Gelder gegen hundert Prozent Zinsen – er bot sogar Summen unaufgefordert an.

»Wir nehmen es!« rief Robert. »Zu verlieren haben wir nichts, also kann der Schade nie auf unserer Seite sein. Daß wir mittellos sind, weiß der Herr ja, er handelt also freiwillig und darf sich später nicht beklagen.«

»Wir nehmen das Geld,« meinte Mongo, »und legen dann selbst unsere eigene Mine an. Wenn der hebräische Schelm nicht wüßte, daß hier das Geld nur aufgehoben zu werden braucht, so würde er uns keinen Cent borgen, darauf verlaßt euch.«

Robert nickte. »Ganz meine Meinung,« setzte er hinzu.

Gottlieb allein schüttelte den Kopf. »Die schweren Zinsen können wir nicht geben,« beteuerte er. »Man sollte lieber den Betrüger anzeigen.«

Mongo lachte freundlich. »Wo denn?« fragte er. »Etwa bei den Tieren des Waldes, oder bei den Goldwäschern, die er vermutlich alle in Händen hält?«

Gottliebs kaufmännische Seele empörte sich immer mehr. »Solche Vampyre,« sagte er heftig, »solche Halsabschneider. Es ist eine Schande, mit ihnen zu verkehren. Wenn ich dem Juden hundert Prozent verspreche, so stehle ich dies Geld meinen Eltern.«

Robert zuckte die Achsel. »Tust du es nicht, Gottlieb, so wirst du vielleicht nie imstande sein,

ihnen einen einzigen Taler zu geben. Was ist nun schlimmer?«

»Ihr seid also entschlossen?« fragte Gottlieb.

»Wir müssen, Kind,« nickte der Neger.

Und noch am selben Tage wurde der Handel abgeschlossen. Zähneknirschend unterschrieb Gottlieb den Wechsel, welcher ihn verpflichtete, nach drei Monaten die Summe von einhundert Dollar an Samuel Ekiwa zurückzuzahlen, wofür ihm die Hälfte dieses Geldes bar geliefert wurde. Ebenso unterhandelten Robert und Mongo. Dann pachteten sie von einem Minenbesitzer das Recht auf gewisse Strecken der Rinne, und die Arbeit begann.

Robert, als der Kräftigste und Entschlossenste, hackte die Erde von den Seiten des Ganges, Mongo warf mit einer großen Eisengabel die Steine heraus, und Gottlieb schüttelte die nasse Erde in einen wiegenähnlichen Kasten mit darunter befindlichem Sieb, das die in Schlamm verwandelte Erde hindurchfließen läßt, während sich die Goldkörner auf einem losen Wollentuch festsetzen.

Gottlieb jubelte laut, als Samuel Ekiwa den Ertrag des ersten Arbeitstages auf zwanzig Dollar abschätzte. Das gab über sechs Dollar für den Mann, während doch der Verbrauch nach seiner Meinung höchstens fünfzehn Groschen deutsches Geld betragen durfte. »Ich wenigstens kann damit reichlich auskommen,« versicherte er, »und wenn – –«

Das Spottlächeln des Hebräers unterbrach den angefangenen Satz. »Sie lassen sich speisen aus dem Store, nicht wahr, Sir?« fragte Ekiwa.

Gottlieb bejahte. »Ein Glas Bier und eine Portion Brot zum Frühstück,« versetzte er, schon von schlimmer Vorahnung erfaßt, »dann ein Mittagessen, Kaffee, und am Abend Tee mit Brot. Das kann höchstens fünfzehn Groschen kosten.«

Der Jude zog seine Schultern bis an die Ohren empor. »Werd' ich Ihnen bemerken die Preise in den Minenstädten,« versetzte er mit halbgeschlossenen Augen und während er an den Fingern zählte. »Da ist das Glas Bier von heute morgen mit einem Vierteldollar, da ist –«

»Um Gottes willen!« unterbrach ihn schreckensbleich der junge Krämer, »was sagen Sie? Das kleine Glas Bier sollte –«

»Einen Vierteldollar kosten, ja,« ergänzte Ekiwa. »Das Brot mit Butter einen halben Dollar, das Mittagessen drei Dollar, das –«

»Barmherziger Gott, ist man denn einer Räuberbande in die Hände gefallen?«

»Das Bier und Brot wie am Morgen,« ergänzte der Jude, »der Kaffee außerdem einen halben Dollar. Was wollen Sie, Sir, man muß alle diese Dinge unmäßig teuer erkaufen, man zahlt für die Fracht allein volle fünfzehn Cent Gold für das Pfund und zwar auf eine Strecke von vierhundert Meilen. Das berechtigt den Verkäufer, in gleicher Weise selbst verdienen zu wollen.«

Gottlieb hatte während dieser Auseinandersetzung bei sich berechnet. Also vier Dollar Zeche für einen Tag, an welchem er keine Zigarre geraucht, kein Stück Käse zum Brot gegessen, keinen Schluck Branntwein getrunken. Vier Dollar! Was blieb ihm von seinen sechs, die er im Geiste schon als ungeheuren Reichtum angesehen, wenn nun auch noch die Kosten für Wohnung, Wäsche und Fußzeug hinzukamen?

»Wie ist es denn mit der Miete?« fragte er ganz ratlos. »Was kosten hier ein Paar neue Stiefel?«

Der Jude zuckte die Achsel. »Miete ist wenig,« versetzte er, »darauf läßt sich kein Geschäft gründen, weil jeder vernünftige Mensch sein Haus selber baut. Stiefel werden zu fünfundzwanzig Dollar abgegeben, Strümpfe zu einem Dollar.«

»Herr des Himmels, das ist unerhört,« ächzte Gottlieb.

Hier mischte sich Robert in das Gespräch. »Ein Haus sollten wir uns bauen, Sir?« fragte er. »Darf man denn das hinstellen, wo es einem gefällt?«

Der Jude nickte. »Hier in Lenchi, ja,« versetzte er. »Das Land gehört der Regierung, das Holz liefert der Wald und das Gerät borgt man. Nur die Nägel müssen Sie von mir kaufen.«

Gottlieb sah auf. »Zu welchem Preise, Sir?«

»Das Stück für einen Vierteldollar, mein junger Freund.«

»Gott erbarme sich. Der Nagel zu acht Pfennig ist in Deutschland der teuerste.«

Der Jude zog ein verdrießliches Gesicht. »Warum sind Sie nicht dort geblieben, wo alles so viel besser und angenehmer ist als hier?« fragte er.

»Lassen Sie uns die Rechnung abschließen, Sir,« ermahnte Robert. »Vier Dollar braucht man den Tag, um sich satt zu essen, einen fünften für Wohnung und sonstige Kleinigkeiten – also behalten Sie den Überschuß zur langsamen Tilgung unseres Wechsels. Aller Anfang ist schwer, das müssen wir bedenken, ehe wir die Verhältnisse ungünstig nennen.«

Der Jude nickte lebhaften Beifall. »Very well!« rief er, »Very well, Sir! Seid gerade der Mann, wie ihn Amerika braucht. Habt Kopf und Fäuste auf der rechten Stelle. Müßt euch zum nächsten Sonntag, wenn nicht gegraben wird, ein Haus bauen, ein paar Decken kaufen und euch Stühle und einen Tisch zimmern. Umgebrochene Baumstämme findet ihr zur Genüge.«

Die beiden andern wandten nichts ein, und so wurde der Handel nach Roberts Sinn zum Abschluß gebracht. Während der ganzen Woche arbeiteten unsere Freunde vom Morgen bis zum Abend, aber ohne doch mehr als achtzehn bis vierundzwanzig Dollar zu verdienen. Sie erhielten sich mithin durch eigene Kraft, konnten jedoch keinen Cent erübrigen und mußten sogar die für den Hausbau erforderlichen Nägel von dem Juden auf Borg kaufen. Dabei aber behielt Robert seinen unzerstörbaren Mut. Er freute sich wie ein Kind auf den Sonntag, wo der Hausbau beginnen sollte, und jubelte laut, als er mit Mongo hinauszog in den blättergrünen Wald, um Pfähle und Balken zu schneiden.

Gottlieb mußte unterdessen den Bauplatz von Gewächsen reinigen, das Gerät borgen und das Eisenwerk für Fenster und Türen, sowie die notwendige Glasscheibe von Samuel Ekiwa einkaufen. »Wir können ihn hier doch nicht brauchen,« hatte Mongo gesagt. »Jeden dürren Ast würde er für eine Klapperschlange halten und jeden Hund für einen heranschleichenden Wolf.«

Robert lachte übermütig. »Komm, Mongo,« rief er, »laß uns zum zweitenmal in die Wildnis vordringen und sehen was sie birgt. Wer in der Wüste den Weg fand, der wird ja wohl auch hier ans Ziel gelangen.«

Und die beiden wanderten fürbaß. Der Herbst färbte das Laub mit gelben und roten Schattierungen, die meisten Blumen waren verblüht, das Moos am Boden zeigte jenes tiefdunkle Grün, welches dem Verdorren vorangeht, und mit kühlerem Hauche wehte es von den Felskuppen herab. Aber dieser Zeitpunkt ist der schönste des ganzen Jahres. Die Sonne vergoldet eine Farbenpracht, wie sie der Frühling nicht aufzuweisen hat, ihre Strahlen erwärmen, ohne zu brennen, ihr Licht fällt gleichsam halbverschleiert aus weißem Gewölk herab, und die Luft ist erfüllt von berauschendem Tannenduft. Der Schritt des Wanderers verhallt wie auf dichtem Teppich, hoch in unerreichbaren Weiten kreist ein schwarzer Punkt, – ein Raubvogel – und in den Zweigen jubiliert ein Sängerchor von tausend Stimmen.

Mongo und Robert wanderten am Ufer eines jener kleinen Flüsse, mit denen das Goldland wie mit einem vielarmigen Netz überspannt ist. Alles war still wie in einem weiten Dom, nur zuweilen schoß irgend ein Tier durch das Gebüsch oder schallte der Kriegsruf des Falken durch das Konzert der gefiederten Sänger. Am Ufer blühte noch das Vergißmeinnicht; die Vogelbeere neigte ihre reifen Früchte an schwankenden Zweigen über das Wasser herein, und hohes Schilf füllte die Buchten. An einer Stelle war eine uralte Eiche, der Länge nach vom Blitz gespalten, quer über das Flüßchen gefallen und bildete solchergestalt eine Brücke, auf welcher Robert mit Vergnügen herüberschritt.

»Erst ein Bad, Mongo,« sagte er, »ich kann nicht widerstehen.«

»So spring hinein, junger Spitzbube, ich werde unterdessen ein paar Bäume aussuchen, die wir als Eckpfähle gebrauchen können.«

Und Mongo begann einige besonders schlanke Tannen für seinen Zweck auszuwählen, dann nahm er die Axt von der Schulter und hieb tapfer hinein. »Du,« sagte er, »das Brettersägen bleibt uns erspart. Der Wirt aus dem Laden, wo wir essen, will uns eine Anzahl alter Packkisten billig überlassen, damit können wir die Wände herstellen. Schindeln für das Dach sind uns zu teuer, wir nehmen Bretter und bewerfen sie mit Erde.«

»Brr!« rief Robert. »Ich kenne das Mittelchen von meiner Kubainsel her. Beim nächsten Regen träufelt dir der Schlamm ins Gesicht.«

»Gut, so müssen wir auf die Jagd gehen, uns Felle zu verschaffen. Das bloße geteerte Segeltuch, wie es die meisten Hütten besitzen, wird sehr bald zu kalt sein.«

Robert sprang ans Ufer, und ließ sich von den Sonnenstrahlen trocknen. »Ja, der Winter,« sagte er bedenklich. »Wenn nun die Quelle, mit deren Wasser wir arbeiten, uns gefrieren sollte, Mongo, was dann?«

»Dann schlagen wir dem Hebräer ein Schnippchen und werden Trapper.«

Robert wiederholte das unbekannte Wort. »Trapper, Mongo, was ist das?«

»Ein wandernder Jäger, mein Bob. Ein Pelz-, Bienen-, Büffel- oder Biberjäger, je nach dem Gebiet, das er durchstreift und nach seinen Lebensgewohnheiten. Diese Männer wohnen nirgends, aber sie haben überall, selbst unter den Indianern, Freunde, kennen die Wildnis wie ihre eigene Tasche und besitzen in Felshöhlen oder sonstigen Verstecken Niederlagen, wo sie die Jagdbeute aufbewahren, bis dieselbe im Herbst und Frühling nach der nächsten Station geschafft und an die reisenden Händler verkauft wird. Für das Geld erwirbt sich der Trapper Waffen, Schießbedarf, lederne Kleider und Stiefel. Sein Dach ist der blaue Himmelsdom, sein Bett das Moos des Waldes, seine Nahrung die erlegten Tiere und eingesammelten Kräuter.«

Robert hatte während dieser Erzählung des Negers die Kleider wieder angelegt und hieb jetzt mit wuchtigen Streichen gegen den zweiten Baum. »Hast du solchen Trapper gekannt, Mongo?« fragte er, als dieser schwieg.

»O, mehr als einen, mein Bob, namentlich in früheren Jahren. Es sind meistens verwegene Kerle, die Gott und den Teufel nicht fürchten, häufig auch Verbrecher, deren Leben verwirkt ist und die sich in die Wälder flüchteten, um dort unter angenommenem Namen dem Strafgericht der Menschen zu entgehen. Freilich gibt es auch kreuzbrave Leute darunter.«

Robert seufzte. »Ich möchte es nicht,« antwortete er nach längerer Pause. »Mongo, wie ich mich nach dem Wasser sehne, davon machst du dir keinen Begriff.«

»Jetzt schon? Das mußt du um Gottliebs willen bekämpfen, mein Bob. Bedenke, was ohne uns aus dem armen Burschen werden sollte.«

Robert lächelte. »Ja, ja, Mongo, ich weiß es und will auch geduldig aushalten. Nur darf ich kein Wasser sehen, das macht mich allemal ganz traurig.«

Mongo behielt keine Zeit, den letzteren Satz zu beantworten. Der Baum, an welchem er arbeitete, neigte sich und mußte vor seinem gänzlichen Falle gestützt werden, um nicht mit der ästereichen Krone in benachbarten Zweigen hängen zu bleiben. Beide Männer strengten ihre Kräfte auf das äußerste an und hatten auch sehr bald die Freude, den ersten Pfeiler des künftigen Hauses zu ihren Füßen liegen zu sehen. Ehe eine Stunde verging, folgte der zweite, die Äste und Kronen wurden abgehauen, die Stämme zusammengebunden und dann setzten sich Mongo und Robert auf die gestürzte Eiche, um vorerst einmal zu frühstücken. Das Brot ohne Butter und das dünne Bier mundeten nach getaner Arbeit vortrefflich, die Unterhaltung drehte sich um den engen Kreis der beiderseitigen Hoffnungen und Befürchtungen, und für das Vergnügen sorgten die vielen Hunderte von Vögeln, welche vertraulich näher kamen, um vor den Füßen der beiden Goldsucher die herabgefallenen Brotkrumen vom Boden aufzupicken.

Aus den nächsten Zweigen lugte ein Eichkätzchen hervor, Frösche quakten im Uferschilf und hier und da glitt eine Schlange durch das Moos.

Robert beobachtete alles. »Ob noch ein Überfall eigentlich wilder Tiere hier denkbar wäre?« fragte er. »Und ob es giftige Schlangen gibt?«

Mongo schüttelte den Kopf. »Vielleicht während der Nacht;« versetzte er, »oder einige fünfzig Meilen hinter den letzten Minen. An Schlangen gibt es nur – aber selten – die Klapperschlange. Wir haben, glaube ich, durchaus nichts zu befürchten und sind ja überdies bis an die Zähne bewaffnet. Kugelbüchse, Revolver, Dolchmesser – das ist wahrhaftig hinreichend, selbst wenn uns ein Wolf oder ein Bär die Ehre erzeigen sollte. Du pflegst ja übrigens diese Sorte mit der bloßen Faust niederzustrecken, junger Spitzbube.«

Robert lachte. »Nicht übertreiben, Mongo,« ermahnte er. »Ich raubte dem ausgehungerten Wolfe auf haarscharfem Felsgrat das Gleichgewicht und er überschlug sich, das ist alles.«

»Ja, ja,« nickte der Neger, »ich weiß schon – mich ließest du dein Blut trinken, du guter Kerl. Die Vergeltung dafür bin ich dir immer noch schuldig.«

»Unsinn! Was ich tat, war Vergeltung. Hattest du mich nicht aus dem Wasser herausgefischt? Und übrigens, geht dergleichen auf Gegenseitigkeit?«

Mongo bot ihm den Rest aus der Bierflasche. »Auf gegenseitige Freundschaft und Treue, ja!« versetzte er freundlich.

In diesem Augenblick tönte ganz aus weiter Ferne ein Hilferuf. Es klang, als wenn jemand in Todesangst alle seine schwindenden Kräfte zusammenraffte und mit versagender Stimme einen einzigen Namen hervorstieß: »Robert! – Robert!«

Unsere beiden Freunde sprangen wie elektrisiert von ihren Sitzen empor. Einer sah den anderen an. »Was war das?«

Und wieder scholl es: »Robert! - Mongo! -«

»Bei Gott, man ruft uns.«

»Das ist Gottlieb,« setzte Robert hinzu. »Was mag er haben?«

»Jedenfalls müssen wir ihm aber doch antworten. Laß uns nur erst genau die Richtung seiner Stimme beobachten.«

Beide horchten, aber schon in den nächsten Minuten wiederholte sich der verzweifelte Schrei, jetzt aber viel näher, so daß sich deutlich erkennen ließ, auf welchem Wege der Flüchtende in den Wald hinein und den vermißten Freunden entgegenlief.

»Laß uns antworten,« rief Robert, und dann legten beide Männer zur Verstärkung des Schalles die Hände vor den Mund. Ein zweistimmiges langgedehntes »Hier!« schreckte alle umherwohnenden Vögel zur eiligen Flucht. Selbst die Frösche ließen ihren Gesang im Augenblick verstummen. Eine Pause des gänzlichen Stillschweigens folgte dem schallenden Ausruf.

»Das hat er gehört!« sagte endlich Mongo. »Aber was in aller Welt kann ihn denn so außer Fassung bringen, – ich begreife es nicht.«

»Vielleicht doch ein wildes Tier!« meinte etwas bedenklich unser Freund. »Wir können uns ja auf alle Fälle vorbereiten.«

Und beide ergriffen die geladenen, bisher gegen einen Baumstamm gelehnten Kugelbüchsen, welche sie schußgerecht in die Hand nahmen. Alles blieb still, kein weiterer Zuruf durchschnitt die Luft, aber in einiger Entfernung knackten und brachen die Gebüsche, als ob sich ein Mensch oder ein Tier gewaltsam hindurchdränge. Auf einzelne Pausen der Ruhe folgte nur desto stärkerer Anprall.

Mongo legte den Finger auf die Lippen. »Pst!« raunte er. »Wir können ja nicht wissen, ob es Gottlieb ist oder vielleicht ein Feind, der ihn verfolgt.«

Dieser Zweifel sollte sich indessen sehr bald lösen. Des jungen Pinnebergers Stimme unterbrach mit lautem Angstschrei die eingetretene Stille, und dann folgte der erneute klägliche Ruf: »Robert! – Mongo! – Wo seid ihr?«

»Hier! Hier!« antworteten beide. »Gottlieb, was fehlt dir?«

»Schießt nicht!« tönte es in größter Herzensangst zurück. »Schießt um des Himmels willen nicht, ich bitte euch!«

Wieder sahen sich Mongo und Robert voll Erstaunen an, was bedeutete das alles?

Jetzt aber hörte man in nächster Nahe die Schritte des jungen Pinnebergers. Eine Minute später und Gottlieb erschien auf der kleinen Lichtung am Flusse, überblickte mit verworrenem Wesen die Umgebung und flog dann unter die Wurzeln des Baumstammes, wo er sich wie ein Dachs zusammenkauerte.

»Rettet euch!« schrie er, »rettet euch! – Ein greuliches Untier verfolgt mich und wird im nächsten Augenblick hier sein. Auf die Bäume, um Gottes willen auf die Bäume!«

Robert unterdrückte mit Mühe die Lachlust, welche ihn überfiel. Er und der Neger sahen nach allen Seiten, ober ohne von einem Ungeheuer das Allergeringste entdecken zu können. »Gottlieb,« rief unser Freund, »so sei doch vernünftig. War es ein Bär, den du gesehen?«

»Ein Bär? Nein, das glaube ich nicht, oder vielmehr ich weiß gewiß, daß es keiner war. Aber um Gottes willen, rettet euch doch.«

»Wie sah denn das Tier aus?« rief ungeduldig der Neger.

»Gräßlich!« tönte es unter den Baumwurzeln. »O Gott, es hat Augen wie Kohlen, ist grau, mit einem furchtbaren Horn bewaffnet, von wahrhaft teuflischem, mörderischem Blick und einer Körperkraft, der die Gebüsche wie welke Halme wichen. Gesehen habe ich es nicht ganz, sondern nur gewissermaßen ruckweise, aber das greuliche Stampfen und Schnaufen klingt mir noch in die Ohren. Gebt nur acht, ihr büßt den Vorwitz mit dem Leben.«

Robert und Mongo wußten nicht mehr, woran sie waren. Auf welches Tier hätte möglicherweise diese seltsame Beschreibung passen können?

»Es hat dich verfolgt, Gottlieb?« fragte Robert.

»Gewiß. Ich ging in den Wald, um euch, nachdem meine Arbeit getan, aufzusuchen und beizubringen, da brach es aus den nächsten Gebüschen heraus, und zwar so nahe, daß mich der glühende Atem streifte, daß ich sekundenlang das entsetzliche Horn an meiner Schulter spürte. Ihr könnt denken, wie schnell ich entfloh, aber dennoch war mir das Untier beständig auf den Fersen. Nur einmal sah ich zurück, – ein Gebüsch war zwischen ihm und mir – aber da erkannte ich eine Riesengestalt, greuliche Augen –«

»Hilf Himmel!« unterbrach er seine Erzählung, »dort kommt es! Rettet euch! – Rettet euch! –«

Und wie der Blitz kroch er bis an den äußersten Saum des Wassers. Robert und Mongo legten ihr Gewehr an die Backe.

Ein Gebüsch in der Nähe des Flusses bewegte sich, als ob der Wind sehr stark wehe. Die Zweige zitterten und krachten, aber kein Tier kam zum Vorschein.

»Mongo,« rief Robert, »leben hier herum Affen?«

»Bist du nicht gescheit, Junge? Gehörnte Affen?«

»Ja – wer weiß denn, was Gottlieb aus reiner Herzensangst gesehen hat.«

Der Neger ging mit vorgehaltenem Gewehr auf den Busch zu. »Ich will erfahren, was dahinter steckt,« sagte er kurz entschlossen.

»Mongo!« schrie Gottlieb, »Mongo, um Gottes willen, nachher bin ich so gut wie dein Mörder. Geh nicht hin, ich bitte dich um alles in der Welt, geh nicht hin!«

Doch der Neger ließ sich nicht irre machen. Er brummte etwas, wobei man das Wort »Hasenfuß« ziemlich deutlich heraushörte, und dann drang er vor.

Im selben Augenblick teilte sich das Gebüsch. Ein Tier von sechs Fuß Länge und fast vier Fuß Höhe sprang mit solchem Anprall dem Schwarzen entgegen, daß dieser kopfüber ins Gras kugelte, während Robert nur durch seine bewunderungswürdige Gelenkigkeit einem gleichen Schicksal entging. Der unvermutete Angreifer stand mit gesenktem Haupte, kampfbereit wie es schien, vor der Stelle, welche noch soeben sein zweites Opfer eingenommen. Gottlieb schrie in übermäßiger Angst, der Neger sah sich halbsitzend voll Verwunderung um, und Robert lachte, als wolle er sich die Brust sprengen, unaufhaltsam, aus Herzensgrund. Das alles geschah im Zeitraum einer einzigen Minute.

Mongo war der erste, welcher wieder sprach. »Nun,« sagte er grämlich und sich den Rücken mit der flachen Hand reibend, »was ist denn das für ein Unsinn?«

Das Tier stieß ein kurzes Schnaufen oder Prusten aus. Es scharrte mit dem Vorderfuß im Grase.

Robert lachte, daß die fernen Berge den lustigen Klang wiederhallend zurückwarfen. »Ein Mufflon!« rief er, – »ein Schafbock! – das ist zum Totlachen!«

Aber die beiden anderen teilten keineswegs diese Heiterkeit. Mongo stand auf und ballte gegen den Hörnertrager die Faust, so daß dieser mit einem plötzlichen Niesen etwas zurückwich: »Warte,« rief er, »du sollst das Vergnügen, mich in den Sand gestreckt zu haben, mit dem Leben büßen.«

Gottlieb war zögernd bis an den Rand der Baumwurzel vorgekrochen. Das Wort Schafbock hatte ihn geärgert, aber dennoch flößten ihm die beiden Hörner immerhin einen heilsamen Schrecken ein. »Robert,« fragte er sehr verwirrt, »hältst du das Tier für gutmütig?«

Unser Freund wischte die Lachtränen aus den Augen. »Gottlieb,« rief er, »hat dich denn nie in Pinneberg ein Schafbock verfolgt? Weißt du nicht, daß die Sorte halb verwegen, halb furchtsam ist? Dieser große Kerl hat spielen wollen, weiter nichts.«

»Spielen?« wiederholte voll Erstaunen der junge Krämer. »Unmöglich!«

»So schau her.«

Und Robert kraute mit der Rechten die Stirn des Bockes, der sogleich seine Fechterstellung aufgab, und zum Zeichen größter Befriedigung leise den Schweif bewegte. »Mongo,« sagte er, »schenke ihm das Leben, Alter!«

Aber der Neger war bös. »Dummes Zeug,« brummte er. »Gib ihm eine Ohrfeige, Bob, damit er fortspringt. Ich mag kein Tier töten, wenn es wie an der Schlachtbank ahnungslos vor mir steht.«

Robert, der wohl erkannte, wie viel das Fleisch und das Fell des Tieres wert seien, tat was Mongo verlangte, und der Bock sprang mit lustigen Sprüngen über die Lichtung dahin. In weniger als zwei Minuten hatte ihn des Negers Kugel zu Boden gestreckt. Durch den Kopf geschossen, war er sofort verendet.

»So,« sagte mit etwas spöttischem Tone der glückliche Schütze, »so, Gottlieb, nun komm hervor, mein Kleiner. Dieses Ungeheuer wäre unschädlich gemacht und vielleicht findest du sogar demnächst Mut genug, das Fell nach Hause zu schleppen. Ich will den Burschen gleich ausweiden.«

Gottlieb kroch ziemlich beschämt aus seinem Versteck hervor. »Ihr müßt es nur nicht allen Leuten erzählen,« bat er. »Wirklich, gegen mich tat der Bock sehr bösartig.«

Unter Roberts erneutem Gelächter begaben sich dann alle drei an die Arbeit. Das Haus sollte vor Abend zum Einzug fertig hergestellt werden, also hatte man keine Zeit zu verlieren, sondern mußte noch mehrere Stämme niederschlagen und darauf in Lenchi den Bau beginnen. Während Mongo kunstgerecht den Bock zerlegte, fällten die beiden anderen einige Tannen, und dann wurden die Stämme bis zum Lagerplatz geschleift. Nach nochmaliger Wanderung hatte man sowohl den Holzbedarf als auch die Fleischteile und das Fell des erlegten Tieres in Sicherheit gebracht. Jetzt sollte das Zimmerhandwerk seinen Anfang nehmen.

Der Boden war bereits von Pflanzen und Steinen gereinigt, die erforderlichen Löcher gegraben und die Packkisten herbeigeschleppt, Gottlieb hatte so fleißig gearbeitet, daß es die beiden anderen in Erstaunen setzte. »Ich begreife nicht,« sagte Robert, »wie sich in ein und derselben Seele die tüchtigsten Eigenschaften und die offenbare Feigheit so eng verbunden vorfinden können.«

Mongo lachte jetzt, indem er sich des komischen Vorfalls von vorhin erinnerte. »Er ist ein richtiger Kleinstädter,« sagte er, »ein Krämer durch und durch. Sich mit Frau Nachbarin geziemend zu unterhalten und allen vorrätigen Mutterwitz ausströmen zu lassen in den Fragen, ob der verlangte Zucker von der süßen Sorte sein solle, ob man Klößemehl oder Pfannkuchenmehl wünsche und was dergleichen kleine Scherze mehr sind, – da stellt er seinen Mann. Ich bin überzeugt, daß er immer bestens die Blechdosen geputzt und den Staub vertilgt hat, aber ein Kerl wie du, junger Spitzbube, steckt nicht darin.«

Robert verbeugte sich komisch-ernsthaft. »Bin dir sehr verbunden, Schwarzer,« versetzte er. »Und nun laß uns die Axt zur Hand nehmen.«

Es hatten sich inzwischen mehrere deutsche Goldgräber um den Bauplatz herum versammelt und besonders den Bock bewundert. Endlich machte einer den Vorschlag, daß man ein tüchtiges Stück des frischen Fleisches sogleich an Ort und Stelle braten solle, daß man ferner für die Beschaffung von Kartoffeln, Mehl, Eiern Butter, Früchten und Branntwein, sowie Kaffee eine Sammlung veranstalten und nach eingenommenem gemeinschaftlichem Mahle mit vereinten Kräften den Hausbau fördern wolle.

»Ich liefere den Bratspieß!« schrie ein riesiger Sachse, »und drehen will ich ihn auch.«

»Von mir könnt ihr Blechteller und Messer erhalten. Auch verstehe ich mich bestens auf die Kuchenbäckerei,« meinte ein anderer.

Der Dritte trommelte mit den Fäusten so lange auf eine Packkiste, bis er sich Gehör verschafft hatte. »Silentium, meine Herrschaften, ich bin ein Zimmermann und führe daher in dieser ehrenwerten Versammlung den Vorsitz. Kochen oder backen ist nicht meine Sache, ebensowenig habe ich Geld oder Hausgerät, aber einen riesigen Appetit auf frischen Braten und einen unlöschbaren Durst daneben. Später will ich den Bau mit diesen meinen Händen allein fertig machen. Was sagt ihr dazu?«

»Angenommen!« rief Robert. »Meine Stimme habt Ihr. Hier sind fünfzig Cent für den Einkauf von Lebensmitteln.«

Der Sachse nahm den formlosen Filz vom Kopf, warf den erhaltenen ersten Beitrag hinein und ging nun von einem zum andern, um überall einzuheimsen. »Ein armer Handwerksbursche,« sagte er, »hat in sechs Wochen keinen warmen Löffel im Leibe gehabt!«

Und Gabe nach Gabe fiel in den Hut. Deutsche Antworten erklangen, wo man gewohnt war, selbst im engsten Kreise immer nur englisch zu sprechen.

»Gott grüß dich Bruder Straubinger,
Freut mir, daß ich dir sehe!«

Auch Goldstücke rollten in den nachgeahmten Klingelbeutel. Jeder dieser Deutschen fühlte das Herz schneller schlagen, als ihm die Klänge der Heimatssprache entgegenschallten. Es kam wie ein plötzlicher Rausch über all die ernsten vielgeprüften Männer, deren Lebenslos sie aus Nord und Süd des weiten Deutschen Reiches hier im fernen Kalifornien zusammengeführt. Einer entzündete ein riesiges Feuer, der andere bereitete den Braten und der dritte schälte die Kartoffeln, während sich der Kuchenbäcker mit aufgestreiften Ärmeln, Messer und Revolver im Gürtel, daran machte, eine Fruchttorte herzustellen. Aus allen Häusern wurden Blechgeschirre herbeigeschleppt, die Packkisten mußten, ehe sie als Wände ihr Dasein beschlossen, vorher der Tischgesellschaft zu Sitzplätzen dienen, und das geteerte Segeltuch, welches die Nässe von dem zukünftigen Dache fernhalten sollte, ließ sich einstweilen vortrefflich als Schutzmittel gegen die Sonnenstrahlen verwenden, kurz alles vereinte sich, um das so schnell veranstaltete Fest zu einem echt deutschen, gemütlichen Beieinander zu gestalten.

Und als der Braten seine lockenden Düfte hinaussandte in die Umgebung, als der Kaffee dampfte und die Torte hellbraun und locker aus dem Blechnapf hervorgegangen war, da klopfte der Zimmermann, welcher bisher müßig im Gras gelegen, wieder auf die nächste Packkiste. Sein tiefer Baß stimmte eine Weise an, die allen bekannt war.

Was ist des Deutschen Vaterland? – –

Und rauschend und brausend fielen über zwanzig Stimmen bei der nächsten Strophe ein in das alte Heimatlied. Mehr als nur gesungen, empfunden im innersten Herzen, jeden Pulsschlag schwellend, strömten die gehaltenen Klänge dahin über den amerikanischen Urwald, und manche Stimme bebte leise, mancher Blick senkte sich, als das Bild der geliebten Heimat emporstieg aus den Nebeln der Erinnerung, als liebe Hände den Wanderern zu winken schienen, und treue Augen sie grüßten von Seele zu Seele, ob auch dazwischen das Weltmeer seine Wogen türmte.

In den vielen Spielhöllen, wo gerade am Sonntag der Verdienst der Woche den Goldgräbern von frechen Gaunern gestohlen wird, in den Tanzsälen, wo wüster Lärm bis zum lichten Morgen erschallt und wo jeder Schluck Branntwein einen Vierteldollar kostet, – verstummte das Geräusch, sanken die Hände mit den Kartenblättern in den Schoß herab, als die ernste Melodie vom Waldsaum herüberklang.

Es war wie ein Gottesdienst unter freiem Himmel, dieser Gesang ohne Kunstvollendung und Formenschönheit, aber aus tief innerstem Herzen.

Und dann hatte der Koch sein Werk vollendet. Kaum vermochte er den Riesenbraten auf die schnell hergestellte Tafel zu heben. Da stand er als wackerer Feldherr, rings umsäumt von Gurken, Kartoffeln, Sauerkohl und Backpflaumen, da schimmerte im Hintergrund die Torte und dampfte der Kaffeekessel. Alles war auf das beste geraten, alles lockte zum Genuß und zur Freude.

Gottlieb zupfte Roberts Ärmel. »Du,« flüsterte er, »erzähl' es diesen Leuten nicht, wie wir zu diesem Braten gekommen sind.«

Robert winkte halb lachend, halb gerührt. »Dummer Kerl, was fällt dir ein?« sagte er.

»Und laß auch den Alten nicht plaudern, du.«

»Ach, Unsinn. Dort ist dein Platz, und nun wollen wir essen.«

Der Braten war zwar sehr schmackhaft, aber er stellte die Kauwerkzeuge der Festteilnehmer auf eine ziemlich harte Probe, was jedoch weiter kein Mißvergnügen, sondern nur einige derbe Scherze hervorrief. Die Goldgräber waren ja nicht verwöhnt und keineswegs an glänzender Tafel bedient, daher wurde auch selbst ein zäher Bissen noch mit gutem Appetit verspeist. Alles übrige war tadellos, die Torte sogar ganz ausgezeichnet, nur das Tischgerät ließ manches zu wünschen übrig.

Adams fünfgezahnte Gabel fand sich am zahlreichsten vor, die Messer der Goldgräber mußten zum Zerlegen dienen und spitze Holzstäbe als Spieße, an denen die Kartoffeln oder das Fleisch zum Munde geführt wurden. Als Dessertteller für die Torte dienten große Blätter, während der duftende Kaffee aus Blechtöpfen getrunken wurde. Schließlich machte eine dickbäuchige Flasche die Runde, und einer gab sie dem andern mit dem deutschen Trinkspruch: Was wir lieben!

Es war drei Uhr nachmittags, als endlich der Hausbau begann. Unter einem Kreuzfeuer von Scherzworten wurden die Kisten in Bretterhaufen verwandelt; man pflanzte die vier Eckpfähle, setzte die Türständer und schlug das Eisen an, darauf nagelten einige ein Fenster zusammen, andere verfertigten die Tür, und ein besonders wohlhabender Hamburger, der schon länger in den Minengegenden gelebt hatte, brachte keuchend unter der schweren Last einen Kochofen, den er feierlich unseren drei Freunden zum Geschenk machte. Die Wände wuchsen unter den vereinten Anstrengungen der Männer zauberhaft schnell empor, das Dach bedeckte sich mit Latten und Brettern, – es fehlte jetzt nur noch der Überzug von Segeltuch, und das Gebäude war vollendet. Diesen Augenblick benutzte der Zimmermann, um auf das Dach zu klettern und mittels einiger Hammerschläge das Publikum zu benachrichtigen, daß er eine Rede halten werde.

»Pst!« hieß es, »er will vom Gerüst fallen, stört ihn nicht.«

»Aber Knüttelverse!« ermahnte einer.

»Die wachsen nicht wild, mein Junge,« tönte es vom Dache herab, »und Treibhäuser für dergleichen fehlen hier gänzlich. Also – Ladies und Gentlemen! –«

»Ladies glänzen durch ihre Abwesenheit,« hieß es wieder.

»Was uns nicht verhindern soll, zuvörderst ihre Gesundheit zu trinken. Ich tue es für euch alle!« setzte er mit komischer Würde hinzu, und nahm einen Schluck aus der mitgebrachten Flasche. »Unsere Mütter und Frauen, unsere Schwestern und Bräute daheim in Deutschland sollen leben! Eins, zwei, drei – Hurra!«

»Und noch einmal – Hurra!«

»Jetzt aber die Rede!« drängte es im Publikum.

Der Zimmermann räusperte sich. »Ein Schafbock war die erste Veranlassung zu diesem Feste,« begann er im Tone eines vortragenden Professors, »wir erheben ihn daher mit Recht zum Schutzpatron des neuerbauten Hauses, um so mehr, als ihm sein Verwandter, der Sternenwidder des Himmelsgewölbes, darauf bereits eine Art von Kalenderanwartschaft gesichert hat. Alles, was hier fernerhin geschieht, stehe unter dem Zeichen des Schafbockes. Mögen die Eigentümer beständig in der Wolle sitzen und von ihren goldenen Errungenschaften gehörig ins Horn stoßen können. Mögen sie von allen Schafsköpfen gemieden und ihnen der Hammelbraten immer nahe sein, möge ihnen das goldene Vlies zu teil werden und Lammesgeduld, wenn sich der Boden als ausgebeutet erweist. Mögen sie niemals Böcke schießen, aber vor Freuden Bocksprünge machen und baldigst ihr Schäfchen ins Trockene bringen, vor allen Dingen aber sich durch keinen Fehlschlag ins Bockshorn jagen lassen.«

Er verneigte sich zierlich und erhob nochmals die Flasche mit dem Rest des vorhandenen Getränkes. Ein Beifallssturm, der dröhnend die Luft zerriß, belohnte seine wohlgesetzte Rede. »Mehr, mehr!« hieß es.

Der Zimmermann schüttelte den Kopf. »Nur eins noch!« versetzte er. »Ein Hoch für unseren König Wilhelm, den Schirmherrn von Deutschland. Mögen seine Tage ausgedehnt werden bis an die letzte Grenze des Maßes, welches Sterblichen bewilligt, möge er in seinem Sohne, dem tapferen Kronprinzen, für Deutschlands Wohl und Ehre weiterleben!«

»Eins, zwei, drei, Hurra!«

Die Flasche, von kräftiger Faust geschleudert, flog nach alter deutscher Sitte über den Kopf des Redners ins Gebüsch hinein und zersplitterte zu tausend Scherben. Nachdem daraus auf des greisen Heldenkönigs Wohl getrunken, durfte das Gefäß keinem andern Zweck mehr dienen.

Mit dem letzten Scheiden der Sonnenstrahlen war das Segeltuch befestigt, Erde darauf geworfen und der Ofen gesetzt, das heißt in die Hinterwand des Hauses ein Loch geschnitten und das Rohr hineingeleitet. Die Eigentümer konnten ihren Umzug bewerkstelligen.

Noch manches Stück Hausgerät wurde von den Goldsuchern freundnachbarlichst gespendet, drei übriggebliebene Kisten ersetzten die Stühle, und einen Tisch versprach der Zimmermann am nächsten Sonntag zusammenzuschlagen.

Als sich die Gesellschaft zum Aufbruch rüstete, erschien Robert mit einer frischen Flasche unter dem Arm. »Jetzt noch die Taufe, meine Herren,« schlug er vor. »Straßen gibt es in Lenchi nicht, Nummern also noch viel weniger, daher scheint es das Beste, jedes Haus mit einem Eigennamen zu versehen. Mongo und Gottlieb, was meint ihr, wollen wir unsere Wohnung Neu-Pinneberg nennen?«

Die beiden andern waren einverstanden und der Zimmermann schrieb sofort mit einem ausgeglühten Feuerbrand den neuen Namen über die Tür, dann verschwand der Inhalt der Flasche, und mit allgemeinem Händeschütteln trennten sich die Genossen des heiteren Festes.

Unsere Freunde trugen aus ihrer bisherigen Wohnung die Schlafdecken und das sonstige bewegliche Eigentum herbei, holten aus der nahen Quelle frisches Wasser, um am folgenden Morgen den Kaffee selbst kochen zu können, und legten sich endlich schlafen, nachdem noch einmal alle Einzelheiten dieses denkwürdigen Tages durchgesprochen waren. Sie waren nun Hauseigentümer, besaßen einen regelmäßigen Betrieb und erfreuten sich der besten Gesundheit, aber dennoch lauerte im Hintergrunde des lachenden Bildes ein Gespenst – der Jude mit dem unbezahlten Wechsel.

Es mußte um jeden Preis ein größerer Verdienst erzielt werden, sonst rückte der eigentliche Zweck dieser ganzen Unternehmung in immer weitere Ferne, und vielleicht brachte der Winter gar einen Stillstand des Betriebes, so daß neue Schulden den alten hinzukamen. Robert wälzte sich schlaflos auf seinem Lager. Schulden! Das Wort erschreckte ihn im innersten Herzen. Darf der ehrliche Mensch Schulden haben?

Zwar wußte Samuel Ekiwa, daß seine Kunden arme Abenteuer waren, zwar hatte er selbst das Geschäft vorgeschlagen, aber dennoch drückte der Gedanke einer Verpflichtung, die Robert nicht umhin konnte, als Ehrensache zu bezeichnen. Er seufzte tief. Wenn nun vielleicht der Jude nur aus Eigennutz zum Hausbau geraten hatte, ja, wenn er sich beizeiten ein Pfandobjekt sichern wollte, um am Verfalltage die Hütte in Besitz zu nehmen, sobald der Wechsel uneingelöst blieb? Es rann heiß über Roberts Körper herab. »Du,« sagte er leise, »Gottlieb, wachst du noch?«

Der junge Krämer fuhr auf. »Bemerktest du etwas Verdächtiges, Robert?«

»Durchaus nicht, Mensch, gib doch endlich einmal auf, in allen Ecken eine nahende Gefahr zu suchen. Ich meine nur, was du – hm, hm, was du so überhaupt von unserer gegenwärtigen Lage denkst, und ob sich dieselbe nicht ein wenig verbessern ließe.«

Gottlieb stützte sich halbliegend auf den Ellbogen. »Ich hatte einen Plan,« flüsterte er, »aber die Sache geht nicht. Es sind nur wenige wohlhabende Goldsucher, die sich aus Ekiwas Händen bereits ganz frei gemacht haben, die meisten hält er an so sicheren Fäden, daß es nur auf ihn ankommt, sie täglich und stündlich zu Bettlern zu machen. Diese Leute arbeiten, um ihrem Quäler Zinsen zu bezahlen, vom Kapital wird kein Cent abgetragen. Ein Zwang, durch die Überzahl schwerer Fäuste verübt, läßt sich also gegen den Spitzbuben nicht ins Werk setzen.«

»Wäre aber auch kaum statthaft zu nennen,« warf Robert ein. »Wir haben freiwillig die Wechsel unterschrieben, und zu dem, was ein Mann unternimmt, muß er im Guten oder Bösen unverbrüchlich stehen.«

Gottlieb schüttelte lebhaft den Kopf. »Jeden Spitzbuben muß man entlarven und womöglich unschädlich zu machen suchen,« rief er. »Aber dieser hier ist ein gewiegter Schlauberger, er zieht von Minenstadt zu Minenstadt mit den ersten Goldsuchern im Lande herum, hält sie an ihren eigenen Fehlern oder ihrer Armut gefangen, und schöpft so überall das Fett von der Suppe. Die Leute sagen, daß er in englischen und deutschen Banken schon Millionen hinterlegt habe, und daß seinesgleichen wie Blutsauger die armen Auswanderer um ihr Letztes betrügt. Hierzulande nennt man solches Verfahren einfach »smart«, lobt es wohl gar noch sehr, empfiehlt derartige Schurken der heranwachsenden Jugend als Vorbilder und liegt vor den Millionären, wenn sie sich in den Hauptstädten blicken lassen, auf den Knieen.«

Robert lachte. »Wie der Kaufmann in dir vorherrscht,« sagte er. »Du fühlst gegen den Auswurf deiner Zunft eine ordentliche Erbitterung.«

Gottlieb ballte die Faust. »Diese glatten Schurken,« knirschte er. »Der ehrliche Mann kann höchstens fünfzehn Prozent im Durchschnitt verdienen, d.h. an einem Artikel vielleicht hundert, aber an anderen gar nichts – die Wucherer dagegen verdienen aller Orten hundert. O du Jemine, wenn mein Vater wüßte, daß ich mit einem Kehlabschneider Geschäfte mache!«

Jetzt kam die Reihe des Seufzens an Robert. Ja, wenn die Lieben in Pinneberg hierherblicken, wenn sie das Lager auf bloßer Erde, die undichten Wände und das ganze nach deutschen Begriffen für einen Pferdestall unzulängliche Gebäude sehen könnten! – –

Es wurde still, ganz still in dem engen Räume. Die Gedanken wanderten und führten unmerklich die Seelen der jungen Leute hinüber in das Gebiet des Traumes. Sie waren zu Hause in Pinneberg, sie erkannten die alten, vertrauten Gegenden, sie sahen die Bilder früherer Tage, und ein fünfter Friede umgaukelte ihre Herzen.– –

Woche auf Woche verging. Die emsigen Goldwäscher verdienten jetzt, wo sie sich in die ganze Art und Weise ihrer neuen Beschäftigung hineingelebt hatten, anstatt der früheren zwanzig Dollar deren vielleicht fünfundzwanzig und mitunter auch dreißig, sie lebten eingezogen wie die Mönche, berechneten jeden Groschen und benutzten jede Stunde, aber dennoch zeigte sich die Zukunft nicht in hellerem Lichte.

Der Wechsel war zwar bezahlt, die Stiefel aber mußten durch neue ersetzt werden, und die alten Kleider reichten für den kälteren Wind, welcher jetzt schon häufig seine Schwingen entfaltete, nicht mehr aus. Nachdem das Unentbehrlichste angeschafft worden, blieb kein Cent, um ihn zurückzulegen, als erster Anfang eines kleinen Kapitals, das die jungen Abenteurer freigemacht hatte. Gottlieb konnte, obwohl er jetzt schon seit sechs Wochen in den Goldminen lebte, doch seinen Eltern nicht das Allergeringste schicken, und Robert hatte keinen Dollar im Kasten, trotzdem daß beide zwölf Stunden lang täglich arbeiteten.

Der Jude sagte, daß ihnen das Glück außerordentlich günstig sei. Mancher müsse jahrelang Schulden auf Schulden häufen und könne endlich nur noch die Zinsen bezahlen. In den Goldstädten gebe es keine sichere Grundlage der Unternehmungen, sondern man müsse eben darauf hoffen, daß »wer wagt, gewinnt.«

Und so wurde unermüdlich fortgearbeitet, zuletzt, nachdem der kürzer gewordene Tag die Dunkelheit um einige Stunden früher zur Herrschaft gelangen ließ, bei dem Scheine eines großen Feuers, das vom Rande der breiten Waschrinne bis in die Tiefe hinab seine roten, zuckenden Lichter warf. Wie Kobolde, wie die Heinzelmännchen des deutschen Märchens erschienen dort unten die düstern Gestalten im blanken, plätschernden Wasser, mit den schweren, bis über die Kniee reichenden Stiefeln und dem knappen Bergmannsanzuge von Leder. Unermüdlich fielen Steine von Mongos Hand geschleudert auf den oberen Rand, unermüdlich hackte Robert und sichtete Gottlieb, aber Woche auf Woche verrann, das ersehnte Glück blieb aus, der große Klumpen Goldes, von dem jeder Wäscher träumt, den er hinter jeder Erdscholle verborgen wähnt – ward nicht gefunden.

Mongo trug nach Feierabend beim Mondschein sorgfältig die herausgeschaufelten Steine bis Neu-Pinneberg und errichtete dort um die hölzernen Wände herum eine Art Schutzwall, bei dem er zwar lediglich an die heraufziehende Winterkälte dachte, den aber Gottlieb mit großem Behagen wachsen sah, weil nach seiner Meinung Schlangen und Kriechtiere von der Wohnung ferngehalten, reißenden Tieren aber der Zugang sehr erschwert werden müsse. »Du solltest uns auch ein Drahtgitter flechten, Alter,« sagte er, »und eine Eisenstange wollen wir quer vor die Tür legen. Wenn es nicht gar so teuer wäre, hätte ich fürs Leben gern einen Hund.«

»Ach, du bist ein Narr, das nimm mir nicht übel. Solltest lieber, um etwas Heldenmut zu bekommen, morgen mit uns auf die Jagd gehen. Das ist Arbeit und Vergnügen zugleich.«

Gottlieb erschrak. »Vergnügen?« wiederholte er. »Ich danke.«

Und dabei blieb es. Der friedliche Sohn Merkurs ließ sich keine Kugelbüchse in die Hand drücken, sondern verschloß, wenn am Sonntag seine Gefährten zur Jagd gingen, sorgfältig die Tür und schrieb bogenlange Briefe, in denen er seinen Eltern auf das genaueste schilderte, wie er lebte, und daß es bis jetzt ganz unmöglich gewesen, auch nur den kleinsten Überschuß zu erzielen. Diesen Zeilen fügte Robert jedesmal eine Einlage bei, und wenn von Gottliebs Familie ein Brief anlangte, so hatte er regelmäßig die Freude, auch von seiner alten Mutter ein Blättchen vorzufinden. Der Vater sei immer noch gesonnen wie früher, hieß es, er wolle von Versöhnung nichts wissen, und verlange namentlich ein reumütiges Geständnis, Robert wisse schon, in welcher Beziehung. Das sei an der ganzen Sache das Ärgste, und wenn dereinst ihr Sohn als Bettler in die Heimat zurückkehre, so müsse man darin Gottes Fügung demütig anerkennen. Aber, fügte die Schreiberin bei, Robert möge nur immerhin kommen, lieber heute als morgen, das lasse sich wohl ausgleichen, und zudem habe sie auch von Bruder Klaus, der ohne Frau und Kind verstorben, kürzlich ein paar hundert Taler geerbt, die täten's schon.

Robert las kopfschüttelnd den Brief zum zweiten und zum drittenmal. Alle diese Anspielungen, diese Hinweise auf etwas noch Schlimmeres als die Flucht aus dem Elternhause, – er verstand sie nicht. Sprach vielleicht seine Mutter von jenen fünfzig oder sechzig Talern, die Georg für ihn aus des Vaters Geldkasten genommen? Dachte der Alte an diese verlorene Summe zuerst und dann an den Sohn, der in jedem Briefe demütig um Vergebung bat, der es geschildert hatte, wie nahe ihm der Tod gewesen und was er erlitten und gekämpft?

Aber er wußte es ja, einen zärtlichen, freundlichen Vater hatte er nie gehabt, sondern nur einen strengen, unerbittlichen Erzieher, dessen bürgerliche Ehre tadellos dastand, der aber auch nichts verzieh, sich keinem Jugendfehler gegenüber duldsam erwies, und namentlich nie in der Seele eines anderen fühlte, nie das eigene Ich dem fremden unterzuordnen vermochte. Alle Bitterkeit des Trotzes überflutete ihn, als er nochmals las, daß es nur Gottes Gerechtigkeit sei, wenn er dereinst als Bettler nach Pinneberg zurückkäme.

Für eine Handvoll Taler also nahezu verwünscht, nahezu der Strafe des Himmels mit einer Art von Frohlocken überantwortet! –

O diese Ungerechtigkeit, diese kleinliche Selbstsucht, der das elende Metall mehr galt als selbst das eigene Kind, als der lebende, reumütige Mensch! –

Robert stampfte vor Ungeduld mit beiden Füßen den Boden. Hätte doch die Goldmine einen einzigen reichen Ertrag geliefert, hätte er heute, in dieser Stunde den Vater bezahlen können, um ihn nicht –

»Gott vergebe mir,« dachte er erschüttert, »aber es war das Wort »verachten«, welches ich aussprechen wollte.«

Und fast mutlos ließ er den Kopf in die Hand sinken. Rings unter seinen Füßen, da wo er bei Nacht das Haupt zur Ruhe bettete, da wo er sein kärgliches Mahl verzehrte, wo er im Schweiße seines Angesichts arbeitete, – überall konnte das Gold liegen, nach dem sich seine Seele wie nach dem ewigen Heile sehnte, aber er fand es nicht, fand es nicht, ob er auch grub und schaufelte bis ihm das Blut aus den Fingern heraussprang. Zuweilen, wenn ihn die innere Heftigkeit überwältigte, fuhr er mitten in der Nacht vom Lager auf, grub im Mondschein an irgend einer beliebigen Stelle mit fast wahnwitziger Hast ein Loch in den Boden und bildete sich ein, daß er den roten Schatz finden müsse, daß es plötzlich wie Blut unter seiner Hacke hervorquellen werde, unaufhaltsam, ein Königreich, ein Paradies der kühnsten, ausschweifendsten Hoffnungen. –

Und wenn dann der graue, nüchterne Wintermorgen mit Hagelschauern und kalten Windstößen als Vorboten langsam aus der Nacht emporstieg, wenn Mongo erschrocken den bleichen, jungen Gefährten hereinholte in das durchwärmte Haus und ihm vorstellte, daß sein Beginnen ein törichtes, daß erst viel, viel tiefer unter der Oberfläche der Erde das Gold gefunden werde, dann schüttelte er trübe den Kopf. »Laß mich, Alter, – ich kann nicht ertragen, daß du davon sprichst.«

Der Neger überredete ihn an jedem Sonntag, wenigstens die Büchse auf die Schulter zu nehmen und mit hinauszugehen in den Wald, wo gerade jetzt bei verhältnismäßiger Kälte das Wild weit eher anzutreffen war als im Sommer. Manches Reh, mancher Hirsch wanderte nach Neu-Pinneberg und wurde von dort aus gegen klingende Münze in den Laden des einzigen Wirtes von Lenchi geschafft, manches Moufflon gab zum Zweck der wärmeren Winterkleidung und der besseren Betten sein wolliges Fell den glücklichen Schützen dahin, mancher Coyote endete das Räuberdasein unter Mongos Kugel, aber dennoch gelang es dem gutmütigen Schwarzen nicht, Roberts trübe Stimmung zu verscheuchen.

Er hatte seine Mutter auf das dringendste um Aufklärung gebeten, hatte sie angefleht, ihm im nächsten Brief mit klaren Worten zu sagen, weshalb der Vater so unversöhnlich sei. »Die erbärmlichen fünfzig Taler können doch unmöglich den Grund eines Zerwürfnisses bilden,« schloß er, »Vater kann nicht aus der kleinen Summe ein Ereignis machen, welches ihn und mich für immer trennt. Ich habe dem wohlhabenden Manne, welcher durch diesen Verlust in keiner Weise wirklich betroffen wurde, das Geld genommen, um erst einmal nach Hamburg zu gelangen, und um es von der nächsten Heuer zurückzuzahlen. Anstatt zu verdienen rettete ich aber während zweier Reisen kaum das nackte Leben, woher sollten also Überschüsse kommen?

Vater braucht mir nicht erst zu sagen, daß es niemandes Recht ist, einem anderen Geld aus dem Kasten zu nehmen, wohl aber erfahre er von mir, daß es ein Buchstaben- und ein höheres Recht gibt, daß der Vater dem bittenden Sohne überall die Hand entgegenstrecken und ihn, je mehr er nach seiner Meinung gestrauchelt, nur um desto fester halten sollte. Doch kann er unbesorgt sein! Ich komme nach Pinneberg nicht eher zurück, bis ich ihm jene Summe mit Zins und Zinseszins auf den Tisch zählen kann, – nicht eher, und ob wir uns in diesem Leben nimmer wiedersehen.« –

Als er den trotzigen, erbitterten Brief abgesandt, kehrte sich sehr bald, wie das allen leidenschaftlichen Menschen zu geschehen pflegt, die scharfe Spitze desselben gegen sein eigenes Herz. Es tat ihm leid, die alte Mutter so gekränkt zu haben, und heimlich fürchtete er, obwohl er sich diese Empfindungen zu leugnen suchte, daß vielleicht gar der Vater inzwischen gestorben, und daß er die bösen Worte über einen Grabhügel dahingerufen habe.

Dem war nicht so, aber was nach langen, einförmigen Monaten die Mutter antwortete, das beruhigte ihn doch keineswegs. Er möge das alles nur ruhen lassen, schrieb die alte Frau, und kam wieder auf das unerwartet geerbte Geld zurück. »Sei nur erst einmal hier, mein Junge, dann schaffen wir schon Rat, obwohl du – ja, Robert, das muß ich dir sagen! – nicht so keck die Wahrheit verleugnen solltest. Aber laß das nur, laß das, wir haben genug zu essen, auch für dich mit, wir wollen dir Zeug und Schuhe geben und das Gewesene vergessen, wenn du den Vater recht demütig um Verzeihung bittest. Die Hauptsache ist: komm!«

Unser Freund schüttelte den Kopf. Nie, dachte er, nie!

Und so verging der Winter, so erschien im grünen Kleide der Frühling, ohne den drei unermüdlichen Goldwäschern einen besseren Erfolg mitzubringen. Sie waren schuldenfrei, hatten gute Kleider und tüchtiges Gerät, aber kein Kapital. Gottlieb wußte jetzt, daß seine alten Eltern ins Armenhaus gezogen waren; er wurde bei dieser Schreckensnachricht schwer krank, und die Freunde mußten anstatt zu arbeiten ihn verpflegen, dann verging eine längere Zeit, während welcher er zwar wiederhergestellt, aber doch noch für jede Anstrengung zu schwach war, und wo also Robert und Mongo nur einen sehr geringen Verdienst erzielen konnten, kurz es schien, als vereinige sich alles, um dem Glücke in den Weg zu treten, um den Unternehmungen der drei Leute täglich ein neues, ungeahntes Hindernis entgegenzusetzen. Während die Natur ringsumher im Feierkleide prangte, gingen unsere Freunde mit blassen Gesichtern einher, und in Neu-Pinneberg hatte sich die Sorge als steter Gast eingebürgert.

Es war an einem Aprilsonntag, als Robert und Mongo im Walde umherstreiften, ohne einen Hirsch aufspüren zu können. Der Ertrag der Jagd war doch immer eine sehr hübsche Zugabe für die Hausstandskasse, daher unterließen es unsere Freunde nie, am Sonntag hinauszuwandern und nach Beute zu spähen. Meistens schossen sie mehr, als sich ohne Hilfe fortbringen ließ, heute aber kehrte ihnen das Glück den Rücken, sie hatten noch kein Tier gesehen und waren doch schon einen tüchtigen Marsch weit von Lenchi entfernt.

»Laß uns Vögel schießen,« schlug Mongo vor. »Besser etwas als gar nichts.«

Robert schüttelte den Kopf. »Wir gehen nach Hause,« sagte er verdrießlich. »Man legt sich ins Bett und schläft, – das ist der höchste Genuß, den das Leben noch bietet.«

»Zu schlafen? Mein Bob, ist es bereits dahin gekommen?«

Unser Freund antwortete nicht, und die beiden schritten eine Zeitlang schweigend nebeneinander her, bis endlich der Neger in der Absicht, seinen jungen Gefährten möglichst aufzuheitern, seine Hand ausstreckte und auf mehrere Insekten deutete, welche sich in den Blüten am Wege schaukelten. »Das sind Bienen,« sagte er, »wollen wir den Baum aufsuchen, in welchem sich das Nest befindet?«

Roberts Anteilnahme an der Natur, überhaupt so rege und warm, erwachte bei diesen Worten plötzlich. »Ein Bienennest?« wiederholte er, »ich sähe es wahrhaftig gern.«

»Nun, so laß uns nur der Flugspur folgen, mein Bob. Vielleicht sind ja auch ein paar Scheiben Honig zu erobern, obgleich jetzt im Frühling nicht viel vorhanden sein kann.«

Die beiden gingen weiter in den Wald hinein und immer zahlreicher wurden auf den Blumen am Wege die einzelnen Bienen. Je tiefer indessen die beiden Jäger gegen das Dickicht vordrangen, desto unruhiger zeigten sich seltsamerweise die kleinen, fleißigen Tierchen. Sie ließen die prachtvollsten Blütensträucher unbeachtet und schwärmten zu Hunderten summend und aufgeregt in der Luft herum. Bei jedem Schritt der Verfolger mehrte sich ihre Anzahl.

Mongo stand kopfschüttelnd still. Er lud nicht allein vorsichtig die Kugelbüchse, sondern auch alle Läufe des Revolvers, und dann lockerte er das große Jagdmesser in der Scheide.

Robert lächelte. »Nun, Alter,« sagte er, »willst du Bienen schießen und das Wild gleich an Ort und Stelle ausweiden?«

Mongo nickte. »Du junger Spitzbube,« sagte er, »tu nur getrost, was du mich tun siehst. Es kann in keinem Fall schaden!«

Robert blieb stehen. »Alter,« rief er, »was ficht dich an?«

Mongo legte den Finger auf die Lippen. »Pst. Bob. Hier in der Nähe befindet sich entweder ein Mensch oder ein größeres Tier,« sagte er. »Die Bienen sind offenbar erschreckt, ihr Eigentum ist bedroht, ihre Sicherheit gefährdet!«

Robert hatte kaum die ersten Worte gehört, als er auch schon eiligst dem Beispiel des erfahrenen Kameraden folgte und seine Waffen instand setzte. »Sollte es ein Bär sein, Mongo?« fragte er halblaut.

»Das vermute ich, Bob. Dieses Tier ist im Frühling äußerst frech und tollkühn, aber sehr listig dabei. Laß uns der Spur nachschleichen, aber sprich nicht,«

Die beiden glitten so geräuschlos als möglich durch das dichte Unterholz dahin, bis eine kleine Waldlichtung plötzlich größere Vorsicht gebot. Auf einem freien, mit üppigem Rasen bedeckten Platz schien hell die Sonne herab, schlanke Bäume erhoben sich zu beiden Seiten, Blumen blühten in bunter Fülle, Schmetterlinge wiegten sich auf allen Zweigen, der kleine, glänzendrote und grünschillernde Kolibri Kaliforniens segelte durch die Luft, und das Schwirren der Bienen schien hier seinen Mittelpunkt gefunden zu haben. Stellenweise hatten sich Tausende zum Knäuel geballt.

Mongo hob warnend die Hand. »Vorsichtig, Bob, hier herum muß es sein.«

Robert fühlte sich ein anderer Mensch. Aller Mut, alle Lebenslust waren plötzlich zurückgekehrt. Ach, wenn es ihm vergönnt sein sollte, eine Bärenjagd mitzumachen. –

»Wir wollen uns für den Augenblick nicht zeigen,« flüsterte Mongo. »Auf die Lichtung hinauszutreten, wäre tollkühn, bis wir den Stand der Dinge genau kennen. Aber dort ist eine kleine Lücke, wie mir scheint, – – ich gehe voran.«

Er schlüpfte über das weiche, jeden Schall dämpfende Gras dahin und spähte durch die Zweige, indes Robert leise nachschlich. Was etwa den alten Freund bedrohen konnte, das wollte er selbstverständlich teilen. Ganz geräuschlos vorwärts dringend, erreichte er, hinter dem Neger stehend, sehr bald dessen Beobachtungspunkt. Mongo winkte mit der Rechten.

»Schau her!« flüsterte er lächelnd.

Robert lugte durch die Zweige, und hätte nicht des Alten Hand so mahnend fest auf seinem Arm gelegen, er würde einen Schrei der Überraschung ausgestoßen haben.

Jenseits der Lichtung, am Saume des Unterholzes stand ein uralter, vielleicht tausendjähriger Baum, dessen unterer Stamm, mehr als halb verfault, eine breite Höhle zeigte. Gelbe, schwammige Auswüchse bedeckten den Zugang des Bienennestes, das sich jedenfalls im Innern der alten Eiche befand, Tausende von summenden Insekten verdunkelten die Luft, und vor dem Baume stand der Störenfried, dessen Erscheinen die fleißigen, kleinen Tierchen aus ihrem Stillleben aufgescheucht hatte.

Ein mittelgroßer Bär von glänzend braunem Fell, fast schwärzlich, mit spitzer Schnauze und schlankem Körper, lehnte auf seinen Vorderpfoten gegen den Baumstamm, während er mittels des Geruchssinnes zu erkennen suchte, ob sich in der unzugänglichen Höhlung vor ihm die ersehnte Beute befinde oder nicht.

Er steckte zu diesem Zweck den ganzen Kopf in das Loch hinein, so daß er für den Augenblick weder hören noch sehen konnte, was um ihn herum vorging.

Mongo schob mit schneller Handbewegung seinen jungen Freund vor die Lücke, an welcher er selbst stand. Die eigene Waffe schußgerecht haltend, keinen Blick von dem Raubtier verwendend, flüsterte er gutmütig: »Schieß, Bob, schieß, aber ziele ihm nach dem Hals, hörst du!«

Robert legte an. Sein Auge glühte, seine Brust hob sich mit schnelleren Atemzügen. Das ganze Hochgefühl des Jagdgenusses beherrschte ihn.

Noch eine halbe Minute, dann krachte der Schuß.

Und nun geschah etwas Unbegreifliches, Verhängnisvolles, etwas, dessen schlimme Folgen nur Mongos Kaltblütigkeit abwandte. Anstatt den Kopf des Bären zu treffen, schlug Roberts Kugel auf halbem Wege mitten in der Luft gegen einen harten Körper, so daß ein plötzlicher, scharfer Laut entstand, ein Zurückfahren von solcher Stärke, daß die Kugel völlig plattgedrückt an des jungen Mannes Seite in das Gebüsch hinein pfiff und von einem Baume aufgefangen zu Boden fiel. Der Schuß selbst verhallte wie der Donner eines schweren Gewitters.

Im gleichen Augenblick wandte der Bär den Kopf, sah einen Augenblick die beiden Jäger an und ließ dann seine Vorderpfoten vom Baume herabgleiten. Er ging den Feinden gerade entgegen.

»Mongo,« schrie Robert, »was war das? – Um Gotteswillen, gib Feuer!«

Die Mahnung war überflüssig. Ohne sich um den Grund der seltsamen Erscheinung weiter zu bekümmern, hatte der Neger vor allen Dingen sein nächstes Ziel ins Auge gefaßt und den ihm zugekehrten Vorderkopf des Bären aufs Korn genommen. Der Schuß krachte und das tödlich getroffene Raubtier wälzte sich auf dem Rasen im letzten Kampfe.

Jetzt erst sah Mongo nach allen Seiten. »Mein Junge,« sagte er, »es ist für das, was soeben geschehen, nur eine Erklärung möglich. Noch ein zweiter Jäger muß mit dir zugleich geschossen haben, und beide Kugeln trafen einander auf ihrem Weg zum Ziel.«

Noch ehe Robert zu antworten vermochte, sollte sich die Richtigkeit dieser Vermutung bestätigen. Über die Lichtung kam schnellen Schrittes ein hochgewachsener, schlanker Mann von etwa fünfzig Jahren. Das braune, ganz bartlose Gesicht, die dunkeln, ernstblickenden Augen, das kurzgeschnittene Haupthaar und die kräftige Haltung dieses Fremden machten den Eindruck eines ehrenhaften, vertrauenerweckenden Charakters, während dagegen die eigentümliche, halb indianische Kleidung den Blick unwillkürlich fesselte.

Auf dem Kopfe trug dieser Mann eine Mütze von Biberfell, mit mehreren Adlerfedern geschmückt. Sein fest anschließender Rock war von Leder, ebenso das Beinkleid, dessen untere Hälfte von Mokassins aus gleichem Stoff eng umschlossen wurde. Diese letzteren, ohne Zweifel eine indianische Arbeit, zeigten sich mit Federn, kleinen Muscheln, den Posen des Stachelschweines und einer Art geschnitzter Knöpfchen ans rotem Seifenstein, reich und seltsam verziert. Tierköpfe, Sternenbilder und Schlangen, alles war über- und nebeneinander in künstlicher Stickerei hergestellt, ebenso hatte der breite Ledergürtel mit daranhängender Scheide eine geschmackvolle Verzierung aus Muscheln und kleinen, flachen Steinen.

An der linken Hüfte des Jägers hing eine Jagdtasche von Otterfell mit darüber geknüpftem Bezug aus Bindgarn. Alles zusammen zeigte den in guten Verhältnissen lebenden Mann.

»Da haben wir's!« rief Mongo. »Ein Trapper!«

Robert wandte sich neugierig der fremden Erscheinung entgegen.

Seine fragenden Blicke schienen das Geheimnis der letzten Minuten so schnell als möglich durchdringen zu wollen. »Haben Sie vorhin geschossen, Sir?« rief er.

Der Pelzjäger neigte leicht zum Gruß das Haupt. »Gottes Frieden mit euch!« sagte eine wohlklingende, tiefe Stimme. »Der Bär ist eure Beute.«

»Aber Sie haben doch auch geschossen?« wiederholte Robert.

Der Trapper sah ihn lächelnd an. »Mein junger Freund hat eine bewegliche Zunge,« sagte er. »War es seine Kugel, welche im Fluge die meinige traf?«

Robert errötete leicht. »Mongo,« rief er, »du hattest also doch recht.«

»Es war nicht anders möglich, mein Kind.«

Der Trapper sah von einem zum anderen. »Wessen Kugel traf gegen die meine?« fragte er zum zweitenmal.

»Ich schoß auf den Bären,« versetzte Robert, »wahrscheinlich mit Ihnen zugleich, Herr! Daß sich die Kugeln begegneten, ist ein merkwürdiger Zufall.«

Der Pelzjäger neigte den Kopf. »Es gibt keinen Zufall, mein junger Freund«, sagte er in seiner halbindianischen Sprachweise. »Der Flug des Vogels wird geleitet von unsichtbarer Hand, der Zug der Wolken ist ein Verkünder des Menschenschicksals. In dem Zusammentreffen der beiden Kugeln redete der große Geist, – zu mir und zu dir.«

Robert fand die Erscheinung des seltsamen Mannes von Augenblick zu Augenblick anziehender. Obgleich seiner Gesichtsbildung nach ein Weißer, war er doch so braun, wie nur irgend ein Indianer des hier heimischen Comanchenstammes, hatte er im Laufe der Jahre den Zögling der Zivilisation fast gänzlich abgestreift und war zurückgekehrt zu jenem Urzustand der Menschheit, welcher den amerikanischen Wilden, soweit er in den warmen und gemäßigten Klimaten lebt, durchweg zu einer anziehenden, von allen übrigen Farbigen grundverschiedenen Erscheinung stempelt. Das stolze, zurückhaltende, verschlossene Wesen dieser Rasse, die edle Haltung und das seltene Vorkommen niederer, gemeiner Eigenschaften haben von jeher unter den Weißen ihren wohlverdienten Beifall geerntet, haben sogar die Dichter und Schriftsteller begeistert, so manche hochpoetische, unvergeßliche Gestalt aus diesen Kreisen der deutschen Jugend vorzuführen und ihr zum Liebling zu machen. Es war wirklich Unkas, der letzte Mohikaner, es war Lederstrumpf und viele andere, an die Robert dachte, als er den hochgewachsenen, braunen Mann vor sich stehen sah.

»Wie meint Ihr das?« fragte er, zwar zum »du« noch nicht ganz ermutigt, aber doch wenigstens das zurückhaltende »Sie« diesem einfachen Naturmenschen gegenüber aufgebend. »Sollte der kleine Vorfall seine tiefere Bedeutung haben können?«

Der Pelzjäger streckte die Hand aus. »Wer kann in die Zukunft sehen?« versetzte er ernst. »Der große Geist redet und seine Kinder horchen. Vielleicht kommt die Stunde, in welcher du meiner bedarfst, – oder ich deiner, – je nachdem. Der ›Jaguar‹ wird kommen, sobald du ihn rufst, er wird an jedem Abend auf dein Zeichen achten und an jedem Morgen die Wolken nach ihrer Sendung fragen.«

Roberts Spannung wuchs mehr und mehr. »Aber Ihr wißt nicht, wer ich bin, nicht wo ich wohne,« verfetzte er.

Der Trapper deutete mit der Rechten in die Gegend des Minenlagers. »Du wohnst in dem Talgrunde, welchen die Weißen Lenchi nennen,« versetzte er, »und du suchst in den Eingeweiden der Erde die gelben Körner, für welche ihr eure Seelen verkauft. Der Jaguar kennt deinen Namen nicht, aber er wird dich finden, wenn ihm der große Geist befiehlt, deinen Wigwam zu suchen.«

Unser Freund nannte seinen Namen und fragte dann, ob die Bezeichnung »Jaguar« nur Scherz sei, oder ob der Trapper wirklich so heiße. »Seid Ihr denn nicht ein Weißer gleich mir?« setzte er hinzu.

Eine Pause folgte dieser Frage. Man sah, daß der Pelzjäger nur ungern antwortete. »Der große Geist liebt seine weißen und roten Kinder mit gleicher Stärke und gleicher Treue,« versetzte er dann. »Der Jaguar ist der Bruder der Comanchen.«

Robert erkannte, daß er nicht weiter fragen dürfe. Mochte sich hinter dem seltsamen Namen des Fremdlings vielleicht ein anderer verbergen, den einst vor einem halben Jahrhundert das weiße, unschuldige Kind in feierlicher Christentaufe erhalten, – heute war der sonnenbraune Mann ein Genosse und Freund der Indianer, heute sprach er vom großen Geiste, anstatt von Gott, aber er fürchtete und verehrte die Gesetze dieses ewigen Vaters, und dadurch wurde der Unterschied ausgeglichen.

»Meine Brüder wollen vor Nacht zurück in die Stadt der Weißen?« fuhr er fort. »Es sind fünf Stunden bis dahin und der Bär ist eine schwere Last.«

Robert dachte jetzt erst wieder des erlegten Tieres, das unter Mongos Händen längst seinen Todeskampf beendet und sein schönes, lockiges Fell hergegeben hatte. Der Neger schnitt die Keulen heraus, während das übrige als ungenießbar den Coyotes überlassen wurde. Er trocknete gerade an einigen breiten Blättern das Messer, als ihn Robert anredete. »Soll ich dir helfen, Alter?«

Mongo lächelte gutmütig. »Jetzt nicht mehr, Schatz,« sagte er mit freundlichem Spott. »Aber schleppen mußt du, daß dir der Buckel kracht.«

Robert lachte. »Ein hübscher Trost für den weiten Marsch,« antwortete er.

Der Jaguar legte die Fingerspitzen auf seine Schultern. »Kennt mein weißer Bruder den Weg über den Brown-Creek?« fragte er.

Mongo und Robert verneinten. »Dann würden wir uns dem Minenlager um mehrere Stunden näher befinden,« versetzte ersterer. »Aber von Lenchi aus ist kein Übergang zu entdecken.«

Der Pelzjäger deutete mit der Rechten nach Norden. »Ich kenne die Stelle, wo der Brown-Creek so schmal ist, daß er durchwatet werden kann,« sagte seine tiefe Stimme. »Wenn mir meine Brüder folgen wollen, so werde ich vorangehen.«

»Das nehmen wir mit bestem Danke an!« rief sehr erfreut der Neger. »Einige Stunden weniger ist für alte Knochen ein äußerst angenehmes Geschenk.«

Auch Robert erklärte sich einverstanden, und nachdem der Trapper schweigend einen Teil des fortzuschaffenden Fleisches auf seine Schultern geladen, gingen alle dreie durch die Abenddämmerung dahin. Es war für unsere beiden Freunde ein eigentümliches Gefühl, sich so in der pfadlosen Wildnis dem völlig unbekannten Führer gewissermaßen mit gebundenen Händen wehrlos zu überliefern. Wenn er die vertrauenden Genossen in einen Hinterhalt locken, wenn er sie vielleicht den Comanchen als Gefangene zuführen und ein reiches Lösegeld erpressen wollte?

Aber nein, nein, dieser Mann konnte keinen Verrat begehen. Robert erstickte den Gedanken eben so schnell, wie er gekommen. Allerdings bewachte sein Blick ziemlich unausgesetzt jede Bewegung des Pelzjägers, aber dennoch beherrschte ihn kein Argwohn, namentlich da Mongo, der gründliche Menschenkenner, so vollkommen ruhig schien.

Allmählich gab er sich sogar dem Eindruck des Augenblickes zwanglos hin. Die wundervolle Ruhe der Frühlingsnacht, das leise, neckende Spiel der windbewegten Zweige auf dem von hellem Mondlicht überfluteten Rasen, der schwere Flügelschlag vorüberhuschender Nachtvögel, das eilige Rascheln aufgescheuchter, kleiner Tiere im Laub, alles zusammen bildete ein entzückendes Ganze.

Auf freien Flächen, wo sich die Schatten in scharfbegrenzten Umrissen abzeichneten, schien der Pelzjäger mit seiner spitzen, reiche verbrämten Kopfbedeckung, mit der hohen, markigen Gestalt und dem enganliegenden Anzuge ein vorweltlicher Riese, wie ihn uns die Märchendichter malen. Er ging leichten Schrittes, schweigsam und aufrecht durch die Wildnis voran, bis endlich nach mehrstündigem Marsche das Ufer des Brown-Creek erreicht war. Nach kurzer Wanderung zur Seite der murmelnden Flut sahen die Reisenden ein dichtes Gebüsch, das sich fast gänzlich über den Wasserspiegel herabneigte. Zugleich schienen Felsen den Lauf des Flusses zu hemmen; eine graue, steile Wand schob sich neben dem Gebüsch querlaufend dahin, und das Plätschern der Wellen war verschwunden.

Der Trapper stand still und suchte mit den Augen eine bestimmte Stelle der Gebirgswand. »Hier ist es,« sagte er. »Meine Brüder mögen mir folgen.«

Mongo und Robert sahen einander zweifelnd an. Mit ziemlich starker Strömung dahinfließend, selbst unter dem verhüllenden Flechtwerk der Gebüsche noch seine achtzehn bis zwanzig Fuß breit, schien der Fluß für einen Fußgänger unmöglich überschreitbar. Und selbst, wenn dies dennoch der Fall gewesen wäre, – wo gab es einen Weg durch die graue, öde Steinmasse?

Aber ein Zögern konnte doppelte Gefahr werden. Jetzt auf dem gewöhnlichen Wege mehr als sieben Stunden von Lenchi entfernt, blieb unseren Freunden nur übrig, dem voranschreitcnden Jäger in die Finsternis des granitnen Walles zu folgen. Robert drängte sich zunächst an des Jaguars Seite. Mongo machte den Beschluß.

Es war eine enge, gewundene Felsspalte, die sich weiterhin zum Gewölbe erhob, durch welche der Pelzjäger seine neuen Freunde führte. Nach wenigen Schritten in tiefer, grabesähnlicher Finsternis schien plötzlich von oben herab der Mond mit schrägem Strahl wieder auf den Weg. Von rechts her fiel das Wasser langsam sickernd durch einen engen Kanal in seinen, für Augenblicke unterbrochenen Lauf zurück, während links in gleicher Weise ein Abzug stattfand. Das Wasser war inmitten dieser natürlichen Höhlung kaum sechs bis acht Zoll tief, so daß es bequem und ohne alle Gefahr durchwatet werden konnte.

Auf der entgegengesetzten Seite mußte ein ziemlich steiler Abhang überklettert werden, und dann war die bekannte Umgebung von Lenchi erreicht. Noch eine Stunde Weges stand den beiden Goldsuchern bevor, bis sie sich in Neu-Pinneberg ausruhen konnten.

Der Trapper ließ den Bärenschinken, welchen er bis jetzt getragen, auf das Moos herabgleiten. »Meine Brüder können von hier aus ohne Führer ihren Wigwam erreichen,« sagte er freundlich. »Der Jaguar wünscht ihnen eine gesegnete Nachtruhe.«

Mongo drückte dankbar des braven Mannes Hand. »Möchten wir bald in der Lage sein, Euch Euren Freundschaftsdienst vergelten zu können, Jaguar,« versetzte er, »und möchten wir Euch unter unserem eigenen Dache als Gast willkommen heißen, bevor noch die Sonne dreimal zur Rüste gegangen. Nehmt unseren besten, herzlichsten Dank.«

Der Pelzjäger bewahrte seine stolze, obwohl liebenswürdige Haltung. Er richtete auch an Robert den gleichen Abschiedswunsch. »Du und ich, wir sehen einander heute nicht zum letztenmal,« sagte er. »Unser Lebensfaden läuft eine Zeitlang vereint.«

Robert hielt die braune Hand des Trappers. »Wann kommst du, um uns zu besuchen?« fragte er.

Der Jaguar deutete mit erhobenem Arm zum Himmel. »Sieh die Wolken,« klang es von seinen Lippen, »sie sind die Propheten und Sendboten des großen Geistes. Von Lenchi nach den Jagdgründen der Comanchen ziehend, immer drei in einer Reihe – gewahrst du sie?«

Robert hätte nicht lachen können. Er nickte stumm.

»Wohlan,« fuhr der Pelzjäger fort, »ehe drei Nächte vergehen, wirst du meiner bedürfen. Der große Geist hat gesprochen.«

Fast kalt überlief es bei diesen Worten den jungen Mann. Die ganze Bekanntschaft, die Art und Weise des Fremdlings hatten etwas so Seltsames, Packendes. Es war unmöglich, das, was der Jaguar mit solcher Bestimmtheit behauptete, als Torheit zu verlachen.

»Versteht es mein weißer Bruder, das Geschrei der Elster nachzuahmen?« fuhr der Jäger fort. Robert lächelte. Schon als zehnjähriger Knabe war er imstande gewesen, die Stimmen sämtlicher ihm bekannter Tiere nachzuahmen. Anstatt aller Antwort klang täuschend ähnlich das Krächzen und Kollern der Elster in die Nacht hinaus.

Der Jaguar neigte das Haupt. »An jedem Abend, wenn die Sonne untergeht, findet mich bei dem Übergang des Brown-Creek dein Ruf,« fuhr er fort. »Dreimal in kurzen Pausen ahmst du die Elster nach, und ich verspreche dir, an deine Seite zu treten.«

Robert drückte seine dargebotene Hand. In mancher Beziehung verriet doch das Wesen des Trappers noch den Weißen. Er gab die Rechte, was kein Indianer tut, er berührte zum Abschied die spitze Mütze.

Robert fühlte sich seltsam berührt. »Ist das, was mir bevorsteht, Gutes oder Böses, Jaguar?« fragte er beklommen.

Der Pelzjäger blickte wieder zum Himmelsdom empor. Er schien von dem Indianerglauben an die weissagende Kraft der Wolken vollständig durchdrungen, »Sieh die drei weißen Inseln im blauen, unendlichen Meer,« versetzte er, – »ein Stern leuchtet hindurch. Er beschützt dein Haupt, er bedeutet dir Segen. Gute Nacht!« –

Die braune Hand zog sich zurück, der Pelzjäger stand mit keckem Sprunge auf dem natürlichen Wall und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Der Nachtwind fuhr über die Stelle, an welcher er gestanden, im Osten dämmerte bereits ein Heller Streif und bis nach Lenchi war noch weit. Schweigend, beide unter dem Eindruck des eben Erlebten, gingen unsere Freunde über die wohlbekannten Wege ins Tal hinab. Es wurde nichts mehr gesprochen, nur vor der Tür von Neu-Pinneberg legte Robert die Hand auf Mongos Achsel.

»Laß die Sache vor der Hand unter uns bleiben, Alter,« flüsterte er. » Gottlieb denkt sonst nichts Geringeres, als daß der Jaguar in nächster Nacht mit einer Indianerhorde geritten kommt, um unsere Skalpe an seinen Gürtel zu bringen.«

Mongo lachte. »Du junger Spitzbube,« antwortete er nur, aber Robert wußte, daß er unbedingt auf seine Verschwiegenheit zählen könne.

Als die beiden das Innere der Hütte betraten, sahen sie den geängstigten Gottlieb, wie er in einer Ecke kauerte und seine Kugelbüchse krampfhaft in beiden Händen hielt. »Mein Gott, wo seid ihr gewesen?« rief er. »Ich glaubte euch längst von wilden Tieren gefressen.«

Robert ließ die Doppellast des Felles und des einen Schinkens auf den Fußboden gleiten. »Beinahe hättest du recht bekommen,« lachte er. »Wir bringen aber den Bären, anstatt ihm zum Fraße zu dienen, vielmehr mit, in der entschiedenen Absicht, seine Keulen demnächst zu verspeisen.«

Gottlieb sprang empor wie von einer Feder geschnellt. »Du hast einen Bären – –«

Mehr konnte er nicht hervorstammeln. Die Kugelbüchse schwankte in seiner Hand wie ein geknickter Halm.

Robert breitete im Mondschein das Fell aus. »Beruhige dich,« sagte er. »Dieser Meister Petz ist nur noch ein Stück Vergangenheit!« –

Und lachend warf er sich auf das Lager, um sogleich von den heutigen Erlebnissen zu träumen. Er sah den Pelzjäger auf der Steinwand, sah die drei weißen Wolken mit dem hellleuchtenden Stern in der Mitte, und hörte wieder die tiefe wohlklingende Stimme: »Ehe drei Nächte vergehen, wirst du meiner bedürfen.« –

Am folgenden Morgen ging Gottlieb zum erstenmal wieder mit hinaus an die Arbeit. Obwohl er nur wenig zu helfen vermochte, wurde doch im ganzen mehr beschafft als während der letzten Wochen, wo er vollständig gefehlt hatte. Der Ertrag war überhaupt ein sehr reichlicher, das Wollentuch blitzte von Gold, und die Stimmung nahm demgemäß einen erneuten, festlichen Aufschwung. Man arbeitete tapfer, um womöglich das Versäumte wieder einzuholen.

Die Jagdbeute wurde mit lebhaftem Beifall begrüßt und mit blanken Dollars bezahlt, alles schien im besten Stande, alles ging nach Wunsch, und Robert dachte heimlich im innersten Herzen, daß doch die Prophezeiung des Trappers nur ein Schattenbild, ein Hirngespinst gewesen sein könne. »Wie sollte ich zwischen heute und morgen in die Lage kommen, dieses fremden Mannes Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen?« fragte er sich. »Es ist fast undenkbar.«

Dennoch aber kamen ihm die Worte des Jaguars nicht mehr aus dem Sinn.

Am dritten Morgen herrschte fast tropische Hitze. Das seltsam unbeständige Klima von Kalifornien schwankt unvermittelt zwischen glühender Hitze und lästiger Kälte, und gerade an diesem Tage schien die Luft vollständig stillzustehen. Kein Hauch träufelte die Blätter auf den Bäumen, kein Vogel sang, und keine Stirn war trocken. Bei regungsloser, glühender Atmosphäre arbeiteten unsere Freunde aber dennoch fortwährend weiter, und fortwährend fiel Gewinn nach Gewinn in ihre Mulde. Bei jedem neuen Axtschlag erschienen mehr glitzernde Punkte in dem losgebröckelten Erdreich, immer näher rückte endlich der ersehnte Erfolg.

Am Abend war das Wollentuch reicher versehen als jemals zuvor.

Robert und Gottlieb jubelten laut. Endlich, endlich schien ihnen die Sonne des Glückes aufgegangen. Endlich fanden die langen, erfolglosen Mühen den schwerverdienten Lohn.

»Noch zwei Monate so wie heute!« dachte unser Freund, »und ich habe die Summe, welche mir fehlt, um meinen Vater zu bezahlen, ich kann von hier abreisen, in San Francisco eine Heuer suchen und nach Pinneberg eilen. O Gott, Gott, wenn es gelänge.«

Und in diesem Augenblick, wo ihm die Erfüllung nahe zu liegen schien, in diesem einsamen Augenblick, wo er mit pochendem Herzen den Goldstaub in der Hand wog, – gestand sich unser trotziger Freund, wie innig, wie glühend er das Wiedersehen ersehnte. Seine Augen glänzten, seine Brust hob sich in schnelleren Atemzügen, – unwillkürlich flüsterte er den Namen der geliebten Heimat. Jeden Fleck Erde wollte er neu und jubelnd begrüßen, jede vertraute Stelle, wo seine Erinnerungen wohnten, wo er als Kind so glücklich gewesen. –

Den kleinen, engen Hof, die alten strohgedeckten Ställe, das Gärtchen und Pikas, den häßlichen Hund, welchen er trotzdem liebte – ach, Wiedersehn, Wiedersehn! Du Zauberwort, wie berückt dein Klang die Herzen, wie machst du sie trunken vor Seligkeit, wie bringst du alles zurück, was auf langer einsamer Irrfahrt der arme, sterbliche Mensch verloren, wie bist du unter allen deinen Millionen von Brüdern dem Himmel am nächsten verwandt!

Robert saß auf der Kiste und träumte den uralten Traum von Menschenglück, dem trügerischen, wandelbaren, – er sah sich in Pinneberg, er ruhte aus am Herzen der Seinen, er küßte voll demütigen Dankes die Erde, auf welcher seine Wiege gestanden. –

Er hörte nicht, daß sich draußen der Wind erhob und einen Schauer von Staub gegen die einzige Scheibe der Hütte warf, daß leise grollend der Donner heraufzog und falber Schein den westlichen Horizont in Flammen setzte. Kein Regentropfen kühlte die unerträgliche Hitze, – nur immer starker rollte es und knatterte und zischte, bis endlich ein Schlag die Luft zerriß, ein Schlag, so furchtbar, als sollte die Welt in Trümmer gehen.

Robert fuhr auf. Den gelben Blitz hatte er gesehen, wie zuweilen in Stunden heftiger Anspannung aller unserer Seelenkräfte die Sinne wahrnehmen, ohne daß wir selbst uns dessen bewußt werden. Jetzt aber floh der Traum, – dieser furchtbare Wetterschlag hatte ihn verscheucht.

Robert wollte vor die Hütte treten und sich nach seinen beiden Genossen umsehen, aber eine solche Sündflut von Staub quoll ihm entgegen, daß er den Plan fallen lassen mußte. Mongo und Gottlieb würden ohnehin jedenfalls bei diesem Wetter im Wirtshaus eine Zuflucht gesucht und gefunden haben.

Er setzte sich wieder an seinen früheren Platz, aber der Faden jener schmeichelnden Träumereien war doch zerrissen. Es trat sogar eine Befürchtung an seine Stelle. Wenn nun morgen der Grund der Waschrinnen so durchweicht war, daß sich nicht arbeiten ließ?

Robert lächelte. »Ich gerate in Gottliebs Fahrstraße!« dachte er.

Und während so sein Blick die vorüberwirbelnden, völlig undurchsichtigen Lawinen von Staub mit einiger Sorge beobachtete, erscholl plötzlich auf der Straße ein Laut, welcher ihm das Blut in den Adern erstarren ließ.

Er sprang auf, er horchte in tiefster Seelenangst, – vielleicht, vielleicht hatte ihn ja sein Gehör doch getäuscht, vielleicht war das Schreckliche nur noch ein Irrtum.

Aber schon nach wenigen Augenblicken sollte er erkennen, daß seine erste Wahrnehmung die richtige gewesen. Noch einmal, noch zehnmal, hundertfältig in jeder Minute, sich von Mund zu Mund fortwälzend und anschwellend zum Verzweiflungsschrei klang es durch das Unwetter dahin.

»Feuer! – Feuer! –«

Die Stadt von Holz und geteertem Segeltuch brannte. Wie einen glühenden höllischen Regen trug der Wirbelwind die Funken über alle diese Dächer dahin.

Eine einzige, leise plätschernde Quelle befand sich nur in der Nähe, man hatte keine Feuerspritze, keine Leitern, keine Noteimer, man rannte in plötzlicher Angst kopflos hin und her, indes der Himmel schwarz und bleigrau in tiefen Wolken herabhing und auch keinen einzigen Regentropfen spendete, – indes das gefräßige Element mit tausend roten Zungen an den ausgedörrten Holzwänden emporleckte, und wachsend in rasender Schnelle bald zum Glutmeer wurde, in dessen Nähe sich nichts Lebendes mehr wagen durfte.

Robert stürzte jetzt hinaus auf die Straße. Alles wirbelte ihm entgegen. Schreiende Frauen und Kinder, Männer, welche ratlos dies und das vorschlugen, ohne einander zu hören, ohne vielleicht selbst zu wissen, was sie sprachen.

Daß es tatsächlich keine Rettung gäbe, sah im innersten Herzen jeder.

Und immer heißer wurde die Luft. Brennbare Stoffe schleuderte der Sturm auf entfernte Dächer, an zehn Stellen loderte es empor, blutrote Gluten färbten den Himmel.

Mongo und Gottlieb stürzten durch den dichten Rauch herbei; wie ein Verzweifelter warf sich der junge Pinneberger auf die Kiste, welche sein ganzes Hab und Gut enthielt. Er weinte laut unbekümmert um die fremden Augen, denen er in dieser Weise das furchtbare Weh seiner Seele preisgab. »Meine Eltern, o meine unglücklichen Eltern! Ich werde sie nie wieder aus dem Armenhause erlösen können!«

Und halb sinnlos vor Schmerz schlug er mit der Stirn gegen die harte Kiste, wie um sich gewaltsam einen Ausweg zu bereiten. Sein Schluchzen klang herzzerreißend.

»Mongo,« fragte verstört unser Freund, »sollte das Feuer bis hierher kommen?«

Der Neger fuhr seufzend durch das Weiße Haar. »Es ist ein Unglück, mein Bob,« versetzte er, »aber wir müssen es eben wie Männer ertragen. In zehn Minuten brennt unsere Heimat, – in zehn Minuten sind wir Bettler, denn auch die Waschrinne wird dermaßen verschüttet werden, daß wochenlange Arbeit notwendig ist, um sie wieder gebrauchsfähig zu machen.«

»Allmächtiger Gott! – und das in einem Augenblick, wo ich so glücklich war, wo ich glaubte und hoffte, daß nun eine neue und bessere Zeit anbrechen werde.«

Der Alte streichelte Roberts erblaßtes Gesicht. Du weißt ja nicht, wozu uns der neue schwere Schlag berufen soll, mein Junge,« tröstete er. »Auch dies Unglück ist Gottes Sendbote, obwohl dir scheinen will, als hätten feindliche Mächte mit uns ein tückisches Spiel getrieben. Komm, Bob, warst ja in schlimmeren Stunden ein ganzer Mann, sei es also auch heute. Hilf mir, unsere Decken und unser Arbeitsgerät bergen.«

Robert fuhr auf. »Du hast recht, Alter,« sagte er. »Ein Mann soll nie verzweifeln. Laß uns tun, was der Augenblick erfordert.«

Der Neger sah zur Feuerstätte hinüber. Nur noch fünf Häuser standen zwischen Neu-Pinneberg und dem zischenden, knisternden Flammenmeer. »Es eilt!« versetzte er voll Schreck. »Da fliegen schon die ganzen brennenden Wollhemden und Röcke aus Samuel Ekiwas Laden auf unser Dach. Arme Hütte, du hattest trotz des vortrefflichen Richtspruches kein Glück.«

Er trat hinein, und Robert folgte ihm. Gottlieb lag noch regungslos mit dem Gesicht auf der Holzkiste.

»Komm, Freund,« drängte Mongo, ihn an der Schulter rüttelnd. »Komm, es ist die höchste Zeit, oder du gerätst in Gefahr zu ersticken.«

Gottlieb antwortete nicht, und erst als auch Robert sein Zureden mit dem des Negers vereinigte, schüttelte er ächzend den Kopf. »Laßt mich, – laßt mich, ich will nicht gerettet werden, ich will sterben. Was nützt mir das Leben, wenn ich ein Bettler bin?«

Aber Mongo verstand die Sache anders. Als der verzweifelte junge Mensch in seine vorige Lage zurücksinken wollte, ergriff er ihn und stellte ihn mehr kräftig als sanft auf die Füße. »Bitte deinen Herrgott um Verzeihung, Bursche,« sagte er strenge, »und da! diese Decken trage hinaus. Spute dich, das Feuer ist dir hart auf den Fersen.«

Er selbst und Robert ergriffen inzwischen die wenigen Einrichtungsstücke, welche in Neu-Pinneberg überhaupt vorhanden waren, Gottlieb wurde ohne weiteres gezwungen, vorwärts zu gehen, und als nach kurzer Frist die Flammen das kleine Gebäude ergriffen, da war es wenigstens leer. Das Hab und Gut der unglücklichen Goldwäscher lag in geringer Entfernung von der Brandstätte auf einem Haufen, während seine Eigentümer stumm zusahen, wie das Dach, welches sie beschützt, krachend einstürzte, und in einer jähen, plötzlich aufwirbelnden Lohe die Wände mit sich ins Verderben riß.

Nach zwei Stunden hatte das verheerende Element die ganze Stadt zerstört. Fliegende, heiße Asche war das einzige, was von allen diesen Hütten, diesen Tanzsälen und Spielhäusern übrig geblieben, dumpfe Verzweiflung lastete auf jedem Herzen, unheimliche Stille hielt die ganze Stätte der Vernichtung in ihrem Bann.

Gegen Morgen fiel der Regen in Strömen herab. Was in Lenchi atmete, das wurde bis auf die Haut durchnäßt, kein Feuer konnte entzündet werden, die Lebensmittel waren verbrannt und als das ärgste, die Waschrinnen, wie Mongo vorausgesagt, vollständig verschüttet. Das Stampfen und Flüchten der Tiere, die eiligen Fußtritte der Menschen hatten hier und da die Erde in den künstlichen Kanal zurückgeworfen, Trümmer aller Art waren hineingefallen, Asche und Stroh bildeten große Haufen. Dazu mußte sich der Gebirgsquell, welcher, aus ziemlicher Höhe herabstürzend, von den Goldwäschern künstlich in die verstopfte Rinne geleitet worden war, jetzt, nachdem ihm der Weg versperrt, eine andere Bahn suchen. Allmählich überflutete daher das Wasser alle Straßen der verbrannten Stadt, wohin der Fuß des Menschen trat, da versank er im Schlamm, und als endlich hinter den dichten Regenwolken die Sonne erschien, beleuchtete sie ein Bild der grauenhaftesten Zerstörung.

Unsere drei Freunde saßen nebeneinander auf einem Baumstamm, den Mongo kürzlich von Ästen und Zweigen befreit, um ihn als Heizungsmaterial zu verwenden. Der Regen fiel plätschernd auf ihre Köpfe herab, die Füße standen im Wasser, und die Hände lagen untätig im Schoße.

Heute war auch Robert mutlos. »Es ist, als gehe das Leben zu Ende,« sagte er. »Man hat keine Wohnung, keine Speise, und was das Schlimmste ist, keine Arbeit.«

»Um so mehr muß man sich bemühen, den Kopf oben zu halten, mein Bob.«

Robert hob beide Hände empor. Vollständig durchnäßt ließen seine Kleider die Tropfen überall herablaufen. »Aber was sollen wir beginnen?« fragte er ganz hoffnungslos. »Es ist alles, alles dahin!«

Mongo sah ihm bedeutsam ins Auge. »Und das sagst du, Bob.«

Unser Freund errötete. Zwar hatte er sich während der langen, schrecklichen Nacht mehr als einmal unwillkürlich der sonderbaren Vorhersage des Pelzjägers erinnert, aber dennoch vermochte er es nicht, die Sache ernst zu nehmen. »Und wenn ich hinginge,« dachte er, »wenn ich den Beistand des Jaguars in Anspruch nähme, – was könnte es mir nützen?«

»Laß uns erst einmal nachforschen, ob nicht an irgend einer Stelle Kaffee gekocht wird,« schlug der Neger vor. »Einige von den Goldwäschern besaßen Petroleumöfen.«

Gottlieb rang mit kläglicher Miene das Wasser aus seiner Mütze, um sie dann, mit tausend Falten verziert, wieder aufzusetzen. »Es gibt hier ja kein Dach mehr!« ächzte er.

Das klang zu tragikomisch, um nicht die beiden anderen trotz der Schwere des Augenblicks dennoch zu belustigen. Mongo lachte. »Auf, mein Bob,« rief er, »wo waren die Verhältnisse schlimmer, hier, inmitten Hunderter, wo die Luft warm, das Trinkwasser im Überfluß vorhanden und der Wald von eßbaren Tieren angefüllt ist, oder – am Eismeer, in der Felsenwüste ohne Baum und Strauch, ohne einen Quell, ohne ein Wild, ganz, ganz allein, von allen Lebenden verlassen! – Sprich, mein Junge, wo war es schlimmer?«

Robert nickte. »Dort, Alter,« versetzte er, »sicherlich dort. Wenn wir aber bei alledem nur erst einmal einen Aufenthalt gefunden hätten, und wenn der entsetzliche Regen aufhören wollte. Das Geschirr rostet, der Schießbedarf wird, oder ist längst unbrauchbar, die Speisevorräte können der allgemeinen Vernichtung unmöglich entgangen sein.«

Gottlieb deutete mit einer leichten Neigung des Kopfes zur Seite. »Dort stolpert Samuel Ekiwa heran!« sagte er. »Was mag der wollen?«

Wirklich kam der kleine Hebräer über die Schutthaufen und Wassertümpel des Weges dahergehüpft wie eine Bachstelze. Auch er triefte von oben bis unten, aber das listige Gesicht zeigte keineswegs Trübsal oder Zerknirschung. Schon von weitem begrüßte er die dreie.

»Nichts gerettet?« rief er, sich umsehend. »Alles dahin? – Mit Erlaubnis!«

Und dann setzte er sich auf das Ende des Baumstammes, wollte in gewohnter Weise die Stirn mit dem Taschentuch trocknen, fand dasselbe aber noch bedeutend durchnäßter als sein Gesicht selbst, und steckte es, nachdem er es ausgerungen, wieder bei. »Was werden die Herren jetzt zunächst beginnen?« fragte er. »Schon ein Plänchen fertig?«

»Haben Sie etwa ein solches, Mr. Ekiwa?« versetzte Robert.

»Vielleicht!« schmunzelte der kleine Mann. »Vielleicht! Zweie machen ein Paar, wie Sie wissen, meine Herren!«

»Gut, so versuchen wir, ob es uns gelingt, eine Einigung zu erzielen.«

Der Kaufmann blinzelte vertraulich. »Zunächst müssen Sie bauen!« sagte er. »Aber es ist in Lenchi kein einziges Brett aufzutreiben, es kann Ihnen niemand helfen, da jeder für sich selbst vollauf zu tun hat. Was denken Sie also anzufangen?«

Robert zuckte die Achseln. »Es ist bald Sommer, und wir werden ein Zelt aufschlagen,« versetzte er.

»Well, Sir, well, sehr richtig. Dachte ganz das Gleiche. Habe einen hübschen Posten geteertes Segeltuch, wovon Sie erhalten können, ebenso Schießbedarf und Kleidungsstücke, Bindgarn, alles was Sie wünschen, was zur neuen Einrichtung erforderlich ist. Wirklich, Sir, ich greife ihnen bestens unter die Arme, meine es mit Ihnen und den beiden anderen Herren wie ein Bruder, können Sie glauben. So viele Abnehmer für die Ware! – Puh, so viele wie Sand am Meer, aber hierher komme ich zuerst, wahrhaftig. Sie müssen schon in der nächsten Nacht wieder unter Dach und Fach schlafen.«

Er nickte bei jedem seiner Worte, und die Regentropfen rannen an der alttestamentlichen Nase regelmäßig wie exerzierende Soldaten nacheinander herab. »Schlagen Sie ein, Sir,« sagte er. »Außer mir besitzt niemand hier in Lenchi das, was Ihnen fehlt.«

»Aber wie haben Sie die brennbaren Stoffe vor dem Feuer bewahren können, Mr. Ekiwa?«

Der Jude schmunzelte. »Eiserne Kisten, Sir, Sicherheitsschlösser, teure Ware, teure Fracht. Aber was tut man nicht, um andern gefällig zu sein, was muß man nicht wagen, um mit Ehren durch die Welt zu kommen?«

Hier streckte Gottlieb die Hand aus. »Mr. Ekiwa,« sagte er, »welche Preise machen Sie in diesem Augenblick für Zeltleinen und Schießbedarf?«

Der Kaufmann zuckte die Achseln. »Teurer als gewöhnlich wird es werden, Sir.«

»Das finde ich begreiflich. Aber wie viel teurer, Mr. Ekiwa?«

»Hm, ich gebe Ihnen den Bedarf an Zelttuch und Bindgarn, für jeden einen neuen Sonntagsanzug, ein paar Hemden und Strümpfe, Schießbedarf, Seife, Wichse, kurz alles was not tut, ich sorge für die Herren wie ein Bruder, bewillige sechs Monate Frist und verlange für diese Hilfe im Augenblick größter Bedrängnis nur einen Wechsel über tausend Dollar, von jedem von Ihnen unterschrieben.«

Gottlieb sprang wie außer sich auf seine Füße. »Ich dachte es wohl!« rief er in höchster Entrüstung, »ich wußte es mit Sicherheit voraus. Herr, Sie sind ein –«

Mongos Hand legte sich ermahnend auf die des jungen Mannes. »Stille, Gottlieb, nicht grob werden, mein Junge. Man sagt leicht ein Wort zu viel, wie du weißt.«

Der Kaufmann nickte wie eine chinesische Pagode. »Mag überhaupt mit diesem Herrn durchaus nichts zu tun haben,« rief er. »Halte ihn für einen ganz grünen, unreifen Burschen, der besser zu Hause geblieben wäre, um sich hinter seiner Frau Mutter zu verstecken und von ihr mit Zwiebacksbrei füttern zu lassen! – Mr. Kroll, was sagen Sie zu meinem Plane?«

Robert erhob sich etwas heftig vom Sitz. »Daß ich in allen Stücken so denke, wie mein Freund, Herr Gottlieb Funke,« versetzte er mit scharfer Betonung des Wortes »Herr«. »Ich für meinen Anteil unterschreibe keinen Wechsel, der mir die Kehle zuschnüren müßte. Zweihundert Dollar, mehr darf das neue Zelt nicht kosten.«

»Keinen Cent mehr!« rief Gottlieb. »Schon das ist ein Sündengeld.«

Der Jude zeigte durch allerhand Gesten seine unverhohlene Nichtachtung. »So schlafen Sie unter freiem Himmel,« rief er, »gehen Sie zu Grunde, wie und wann Sie wollen. Mich kümmert's nicht, von mir bekommen Sie keinen Fetzen Segeltuch.«

Und ohne Gruß und Abschied davonstürzend, ließ er unsere drei Freunde in um so größerer Ratlosigkeit zurück. Mit ihm war gewissermaßen die Brücke zum Wiederanfang unter den Füßen der Wanderer abgebrochen worden, mit der Aussicht auf eine Zukunft ohne Obdach schien die Existenz der drei Abenteurer in ihren Grundfesten erschüttert.

»Was nun?« fragte Robert.

Gottlieb war wieder vollständig in Harnisch geraten. »Einerlei!« rief er. »Lieber sterben, als solche Bedingungen unterschreiben.«

Mongo hob die Hand. »Kinder,« schaltete er ein, »das kommt noch nicht gleich so ganz zum äußersten. Pulver und Blei sind geborgen. Ich habe beides in eine Blechkapsel geschüttet und vor dem Regen mittels eines dichten Brettes behütet. Wir können also zu jeder Zeit einen Braten schießen, – das ist schon etwas, wie ich meine.«

Robert nickte. »Wenn nur nicht unsere Waschrinne verschüttet wäre!« seufzte er.

Mongo sah zu den grauen Wolken empor. »Der Regen scheint noch nicht aufhören zu wollen, mein Bob,« sagte er. »Wir müssen uns erkundigen, was andere beabsichtigen, müssen uns hier nicht so absondern und einander die Sache immer schwerer vorstellen. Kommt nur, Kinder, kommt, wir sprechen erst einmal mit unseren Bekannten.«

Er ging voran und die beiden anderen folgten ihm. Der Anblick aller dieser zerstörten Wohnstätten, dieser Trümmer und verkohlten Balken, über welche das Wasser von oben und unten dahinrauschte, war schrecklich. Jammernde, weinende Frauen saßen an der Stelle, die noch bis vor kurzem ihre irdische Heimat gewesen. Sie schienen sich von diesem Fleck Erde, obwohl er sich von der trostlosen Umgebung in nichts mehr unterschied, doch immer noch nicht trennen zu können, sondern hielten krampfhaft ihre kleinen, erschreckten Kinder in den Armen und schluchzten nur um so heftiger, je eindringlicher sie die Männer zu trösten versuchten.

Aber auch Bilder der Roheit und Zügellosigkeit boten sich den Blicken unserer Freunde. Aus den verschiedenen Wirtschaften und Tanzlokalen hatte man beim Ausbruch des Feuers natürlich zuerst das Wertvollste, die Branntweinfässer, gerettet, und jetzt wurde auf offener Straße das Geschäft fortgesetzt. Stehend tranken die Männer in Strömen das höllische Gift, welches bei jeder Erschöpfung des Körpers oder der Seele so angenehm belebend zu wirken scheint, und das doch nicht allein den Menschen zum Tier herabwürdigt, sondern auch seine Gesundheit vollständig zerstört. Schon in dieser frühen Stunde sah man Berauschte dahertaumeln, sah man ganze Gruppen von Goldwäschern, wie sie sich auf den Trümmern ihrer Häuser gelagert hatten und rohe Gassenhauer absangen, oder je nach Laune die Köpfe blutig schlugen.

Was noch nüchtern war, das schien allen Mut verloren zu haben. Einzelne drückten Roberts Hand oder sprachen ein paar Worte des Bedauerns, der eigenen Ratlosigkeit, andere erklärten, daß sie den vorrätigen Goldstaub verkaufen und alsbald nach einer neuen Minenstadt aufbrechen würden. »Hier in Lenchi mußte man ohnehin schon auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichten,« meinte der Zimmermann, »es gab kein Theater, keine Bücher, keine Zeitungen, ja, nicht einmal Straßenbeleuchtung, und trotzdem war alles brandteuer. Wie wird es aber jetzt erst werden, wo Monate dazu gehören, bis Bretter herbeigeschafft sind, um nur wenigstens wieder feste Wände um sich herum zu fühlen? Ich bleibe nicht, Mr. Kroll! – Wollen Sie mit mir gehen?«

»Noch weiter in die Wildnis hinein?«

»Etwa hundert Meilen, ja.«

Robert schüttelte den Kopf. »Das muß ich mir wahrhaftig erst überlegen,« versetzte er.

Und dann wanderten die drei weiter, um nach Lebensmitteln zu spähen. Der Lehmofen des einzigen Bäckers in der Stadt hatte natürlich von den Flammen nicht erfaßt werden können, daher dampfte hier ein tüchtiger Kaffeekessel, und das warme Gebäck lud zum Genusse ein. Aber alles hatte über Nacht doppelte Preise erhalten: die Tasse Kaffee kostete heute einen halben Dollar und das Brötchen von der Größe einer Semmel nicht viel weniger. Sich mit dem gesunden Appetit der Jugend sattessen, hieß auf den Konkurs lossteuern.

In einer Gruppe sprachen mehrere Männer von dem, was jetzt zuerst vorgenommen werden müsse. Die nötigen Arbeiten zur Wiederherstellung der Waschrinne konnten etwa acht Tage kosten, aber während dieser verdienstlosen Zeit mußte man leben und würde dadurch in drückende Schuldenlast geraten. Was war zu machen, – es gab keinen anderen Ausweg.

Dabei regnete es unaufhörlich und nahezu alle arbeitsfähigen Männer taumelten betrunken einher. Durchnäßt, von Ruß und Asche geschwärzt, von Branntwein gerötet, mit verworrenem Haar, meistens ohne Kopfbedeckung, sahen sie aus wie böse Geister, die der Unterwelt entstiegen, auf Trümmern und Brandstätten ihr Wesen trieben, Dämonen voll wilder Roheit mit gellender Stimme und verglasten Augen. –

Robert versuchte es, sie zu ernüchtern, zu einem gemeinsamen tatkräftigen Vorgehen aufzurütteln, aber ganz vergeblich. Sie verstanden ihn entweder gar nicht, oder sie lachten ihm offen ins Gesicht.

Entmutigt gab er die Sache auf. Wenn nicht ein paar hundert Hände zugriffen, um die Waschrinne, welche jetzt schon vollständig einem Gebirgsbache glich, wieder in ihren früheren Zustand zurückzuversetzen, so blieb alle Arbeit und Mühe des Einzelnen vollständig fruchtlos. Die umhertaumelnden Berauschten machten es den wenigen Besonnenen geradezu unmöglich, irgend etwas zur Verbesserung der gemeinsamen Lage zu unternehmen.

Robert knirschte vor Zorn. »Mongo,« sagte er, »jetzt erst durchschaue ich den Spitzbubenplan des Juden. Er wollte uns zur Annahme seines Vorschlages drängen, bevor wir wußten, wie schwer es sein wird, die Waschrinne wieder instand zu setzen. Wahrhaftig, ich glaube, es ist das beste, uns denen anzuschließen, die von hier fortziehen.«

Der Neger wiegte den Kopf. »Willst du nicht erst einmal heute abend hinausgehen zum Brown-Creek?« fragte er.

Robert lächelte halb ungläubig, halb entschlossen, auch diesen Versuch zu machen. »Mongo,« fragte er, »denkst du im Ernst daran?«

Der Alte zuckte die Achseln. »Das wäre zu viel gesagt, mein Bob, aber – möchtest du das Seltsame dieser ganzen Geschichte ohne weiteres leugnen? Gibt es nicht auch solche Fügungen, die sich unseren sterblichen Sinnen unverhüllt als solche offenbaren? – Ich an deiner Stelle würde den Versuch machen.«

Robert nickte. »Gut,« versetzte er. »Du sollst deinen Willen haben, Alter. Zur Dämmerstunde bin ich am Übergang des Brown- Creek.«

Gottlieb hatte das ganze Gespräch mit angehört, ohne es zu verstehen. Jetzt trat er den beiden andern näher. »Wohin willst du gehen, Robert?« fragte er.

Unser Freund lachte. »Mongo,« rief er, »jetzt muß der Fuchs zum Loche heraus. Erzähle du die sonderbare Geschichte, Alter.«

Aber das war keineswegs eine leichte Aufgabe. Was Robert vorausgesehen, das trat sofort ein. Gottlieb bemühte sich aus allen Kräften, die Sache zu vereiteln. »Die bekannte Kriegslist der Indianer,« rief er, »du bist verloren, wenn du hingehst. Der Bösewicht skalpiert uns, um unter seinen Genossen mit dem Siege über einen Weißen zu prahlen.«

Mongo gebot ihm etwas ärgerlich Schweigen. »Du brauchst ja nicht mitzugehen,« brummte er.

»Aber das will ich unter jeder Bedingung,« rief lebhaft der sonst so schüchterne junge Mensch. »Robert ist hierher mitgegangen, um mich zu beschützen und in die fremde Welt einzuführen, es versteht sich also von selbst, daß ich mich in der Stunde der Gefahr an seine Seite stelle. Mich wird nichts zurückhalten, meiner Überzeugung zu folgen.«

Robert drückte die Hand des ehemaligen Schulgefährten. »Ich danke dir, Gottlieb,« sagte er herzlich. »Du kannst getrost mit hinausgehen an die verabredete Stelle; der Pelzjäger beabsichtigt nichts Böses, dessen bin ich vollkommen sicher.«

Gottlieb schüttelte den Kopf. »Ich durchaus nicht,« seufzte er. »Die Comanchen wissen natürlich schon von dem Unglück, welches Lenchi betroffen, sie kommen in hellen Haufen herangezogen und wollen plündern, morden, von allem was gerettet wurde, Besitz nehmen. Der geheimnisvolle Pelzjäger ist ihr Kundschafter, weiter nichts.«

»Und du bist bei aller deiner Liebenswürdigkeit und Treue ein Hasenherz, Gottlieb, das nimm mir nicht übel, du siehst Gespenster am hellen Tage und malst schwarz in schwarz. Was willst du sagen, wenn der Jaguar auch dich mit größter Freundlichkeit begrüßt?«

»Er soll mich womöglich gar nicht sehen,« gestand Gottlieb. »Ich verstecke mich, so lange du mit ihm verhandelst, und bei der ersten verdächtigen Bewegung schieße ich ihn nieder, das ist alles.«

»Potz Velten, wie tapfer! Aber ich bitte dich um des Himmels willen, den Feldzug nicht eher zu eröffnen, bis du von mir dazu aufgefordert wirst.«

Mongo lachte. »Eben wollte ich dieselbe Bedingung stellen,« fügte er bei. »Denn daß ich mit von der Gesellschaft bin, hast du niemals bezweifelt, mein Bob.«

»Niemals!« wiederholte mit einem Händedruck unser Freund.

Und so machten sich die dreie, nachdem noch für den Rest des vorhandenen Goldstaubes ein kärgliches und schlechtes Mahl eingenommen, frühzeitig auf den Weg, um mit Beginn der Dämmerung am Brown-Creek zu sein.

Die Sonne war hinter den Regenwolken verschwunden, die nassen Zweige schlugen im Abendwind aneinander, und ringsumher war alles still. Nur eine Antilopenherde jagte über die Ebene dahin und ein paar aufgescheuchte Raben flatterten aus den nächsten Büschen.

Mongo legte die Hand auf Roberts Arm. »Du, wir wollen uns in nächster Nähe ein Versteck suchen, Gottlieb und ich,« flüsterte er. »Wozu den Jäger durch Mißtrauen beleidigen?«

Robert nickte. »Das meine ich auch, Alter. »Ist's nicht seltsam – gerade heute, nach drei Tagen, muß ich den sonderbaren Mann aufsuchen!«

Der Neger drückte leise seine Hand. »Schau her,« sagte er, »in diesem dichten Gebüsch wollen wir bleiben, so daß uns der Jaguar nicht entdecken kann, während wir gleichwohl imstande sind, alles zu überblicken. Nur mußt du dich nicht überreden lassen, auf die andere Seite des Flusses zu gehen. Ohne Führer finden wir uns nimmer durch das Steingewirre.«

Robert nickte. » All right, Mongo. Ich bin freilich so überzeugt wie von meinem Dasein, daß der Jaguar ein Freund ist.«

»Ich auch, mein Bob. Indessen – Vorsicht kann niemals schaden. Und jetzt, Gott befohlen! Mach', daß du auf deinen Posten kommst.«

Gottlieb drängte sich vor. »Robert – ich will bei dir bleiben,« bat er, zitternd an allen Gliedern. »Ich kann dich nicht so allein lassen.«

Unser Freund schob ihn mit sanfter Gewalt zurück. »Ich rufe dich, wenn mich die geringste Gefahr bedroht, Gottlieb, ich rechne fest auf deine Wachsamkeit und Treue,« sagte er, »aber jetzt muß ich allein gehen. Was sollte der Jaguar von mir denken, wenn ich es nicht gewagt hätte, ohne Begleitung zu kommen?«

Der andere seufzte. »Du bist so schrecklich dreist,« antwortete er, zog sich dann aber doch an Mongos Seite in das Gebüsch zurück, und blieb mit dem gespannten Revolver, das Herz voll Todesangst und zugleich voll von dem wahnwitzigen Angriffsmute des einmal gereizten Feigen, neben dem Schwarzen stehen, die Blicke fest auf Roberts hohe, schlanke Gestalt gerichtet, die Zähne gewaltsam gegeneinander gepreßt, um das Zittern zu bekämpfen, welches seinen ganzen Körper vom Scheitel bis zur Sohle durchlief.

»Wenn es nun dunkel wird, ehe der Wilde kommt,« raunte er, »und wenn wir den armen Robert nicht mehr sehen können, was dann?«

»Und wenn nun der jüngste Tag in diesem Augenblick hereinbricht, Gottlieb, wenn ein Erdbeben kommen sollte, was dann?«

Der eingeschüchterte Gottlieb wagte kein weiteres Wort. Mongo war nicht besonders geduldig, das wußte er schon aus Erfahrung. Es gab sofort eine tüchtige Lehre, wenn er einmal allzu viele Befürchtungen und Besorgnisse an den Tag legte.

Im Gebüsch wurde also alles still, nur der Wind rauschte in den Zweigen.

Robert ging leichten Schrittes bis an die Steinwand, deren Umrisse im Dämmerlicht klar erkennbar dalagen. Er überflog forschenden Blickes die ganze Umgebung – niemand befand sich in der Nähe; nichts verriet die Gegenwart eines menschlichen Wesens.

Eine Minute später hörten die beiden Versteckten den Ruf der wilden Elster laut hinaustönen in den dämmernden Abend. Nach kurzen Pausen folgte der zweite und der dritte Schrei.

»Jetzt müssen wir genau acht geben,« flüsterte Gottlieb. »Wenn sich mehrere Indianer zeigen, so ist es unsere Pflicht –«

Er unterbrach seinen Satz durch ein leises »Ach, da ist er bereits! – Sieh, Mongo, sieh, ein wahrer Riese, aber doch nur einer!«

Und wirklich war der Trapper schon im nächsten Augenblick dem Rufe seines jungen Verbündeten gefolgt. Er stand auf dem steinernen Vorsprung wie der Geist des Gebirges, wie ein überirdisches, fabelhaftes Wesen. Die spitze Mütze warf ihren Schatten, das gestickte Wehrgehenk blitzte im hellen Licht des scheidenden Tages, die kleinen Zieraten an den Mokassins schwankten vom Wind bewegt, und die ganze hohe Gestalt glich einer jener Marmorfiguren, die, aus Künstlerhand hervorgegangen, uns schöner und vollendeter erscheinen, als selbst die Werke der Natur. Diese breite gewölbte Brust, diese Schultern voll Kraft und Ebenmaß, diese schmale Hüfte, alles verlieh dem geheimnisvollen Manne eine Anziehungskraft, die man am allerwenigsten gerade bei dem Sohne der Wildnis gesucht haben würde.

»Der Jaguar grüßt dich!« sagte die tiefe, klangreiche Stimme. »Er hat seinen Freund an dieser Stelle und zu dieser Stunde erwartet.«

Robert drückte herzlich die Hand des Jägers, welcher mittlerweile von der Steinwand herab und auf das Gras gesprungen war. »Du weißt also schon, welches Unglück mich und ganz Lenchi betroffen hat, Jaguar?« fragte er.

Der Jäger zeigte nach der Gegend des verbrannten Minenlagers hinüber. »Der Jaguar sah die roten Feuergarben, welche den drei weißen Wolken nachzogen,« versetzte er. »Der große Geist hat geredet und seine Söhne werden gehorchen.«

Roberts Hoffnung begann sich wieder zu beleben. Der Jäger sprach mit einer so überzeugenden Sicherheit, daß es doch wirklich schien, als wisse er in diesem Augenblick äußerster Bedrängnis einen guten Rat zu geben oder gar tatsächlich zu helfen. Unser junger Freund legte seufzend die Hand auf seine Schulter. »Jaguar,« sagte er, »kannst du mir beistehen und willst du es? – Ich würde dir's ewig danken.«

Der Trapper lächelte unmerklich. »Ist mein junger Freund in diesem Augenblick mehr geneigt, an die Macht des großen Geistes zu glauben?« fragte er halblaut.

Robert errötete etwas. »Das tat ich wohl immer, Jaguar,« versetzte er. »Aber um so weniger begreiflich erscheint es mir, in welcher Weise du für meine Zukunft sorgen könntest. Sprich, ich bitte dich, was willst du mir raten?«

Der Jäger schüttelte leicht den Kopf. »Das ist nicht so schnell geschehen, mein junger Freund,« antwortete er, »das ist nicht in zwei Worten dargelegt. Überdies wird unter den Söhnen des roten Volkes niemals anders als am Feuer und nach der Mahlzeit Rat gehalten. Rufe deine Freunde, damit sie im Lager des Jaguars mit ihm Salz essen und die Friedenspfeife rauchen.«

Eine dunkle Glut schoß über Roberts hübsches Gesicht. »Meine Freunde?« wiederholte er. »Was willst du damit sagen, Jaguar?«

Der Jäger blickte ihm fest ins Auge. »Redest du mit gespaltener Junge?« fragte er in leise mahnendem Tone.

In Roberts Seele erwachte plötzlich der mannhafte Stolz, welchen er nur auf Augenblicke von der überlegenden Vernunft hatte in den Hintergrund drängen lassen. »Nein, wahrhaftig nicht, Jaguar,« sagte er laut und fest. »Du sollst mich nicht umsonst an das, was ich dir und mir schuldig bin, erinnert haben.«

»Mongo!« rief er dann mit hallender Stimme über die Ebene dahin, »Mongo! Gottlieb! Kommt hierher.«

Der Neger trat sogleich aus dem niederen Gebüsch hervor, und der andere folgte ihm äußerst widerstrebend, hatte aber doch nicht den Mut, sich von der Gesellschaft auszuschließen. »Du, du,« raunte er, eiligst den langen Schritten des Schwarzen nachtrabend, »das klang nicht wie ein Hilferuf.«

»Weshalb denn auch, Bursche? Wer denkt an dergleichen?«

»Nun, nun,« begütigte Gottlieb, »was man so im allgemeinen von den Indianern gelesen hat, das –«

»Pst, spare deine Weisheit für ein anderes Mal. Der Jaguar könnte uns hören, und überdies ist er ein Weißer, wie du selbst, das habe ich dir schon zwanzigmal gesagt.«

»Ich weiß es,« flüsterte Gottlieb, »ich weiß es, aber der Name–« »Sei ruhig, hörst du!«

Und der schüchterne junge Mensch verstummte. Es blieb aber auch zu weiteren Reden keine Zeit mehr. Mongo begrüßte eben den Halbindianer, indem er ihm kräftigst die Hand schüttelte und ihn fragte, ob er schon an dieser Stelle gewartet habe.

Der Trapper bewillkommte auch Gottlieb. »Ist dieser junge Mann euer Freund?« klang es von seinen Lippen. »Wird er euch begleiten?«

»Sobald wir von hier fortgehen, ja.«

»Nun, so kommt denn. Das Feuer im Lager des Jaguars brennt, das Mahl ist bereit und die Pfeife gefüllt. Der Jaguar wußte, daß seine weißen Brüder zu ihm eilen würden, daß er in der Wildnis ihr Führer sein soll, und daß ihn der große Geist gesandt hat, um sie zu beschützen, – er wird tun, wie ihm jener gebot.«

Die hohe Gestalt schwebte auf dem Vorsprung einen Augenblick lang gleichsam über den Köpfen der andern in der Luft, und dann war sie jenseits des Felsens verschwunden. Ohne zu zögern, ohne auch nur rückwärts zu blicken, folgten erst Robert und dann Mongo. Nur Gottlieb schauderte. Eiseskälte lief ihm über den Rücken hinab, seine Haare sträubten sich und seine Zähne schlugen hörbar gegen einander. »Da im Dickicht, jenseits des Wassers, stehen nun ihrer fünfzig oder hundert Comanchen,« dachte er voll Grauen. »Es geht an das Hinmorden und Würgen, als wenn wir Schlachttiere wären, die Skalpe werden herabgerissen, die Körper an den Marterpfahl gebunden und zu den Füßen ein Feuer entzündet.«

Er sandte im Geiste der teuern Heimat und den alten Eltern einen wehmutsvollen Abschiedsgruß, er glaubte seine Kopfhaut am Gürtel dieses greulichen Wilden baumeln zu sehen, und verzweiflungsmutig sprang er den Vorangegangenen nach.

Der Jaguar zog wie in jener Nacht seine Begleiter an der Hand durch das gewundene Felsentor und durch das Wasser, bei welcher Gelegenheit sich Gottlieb nicht enthalten konnte, laut aufzuschreien. »Robert! Robert! – was ist das?«

Unser Freund bemühte sich, ernst zu blicken. »Wir überschreiten den Brown-Creek, Gottlieb,« versetzte er.

»Ach so! – Gott, ich dachte – aber –«

Ein freundschaftlicher Rippenstoß des Negers bewog ihn, seine weiteren Mutmaßungen strengstens unter Verschluß zu halten. Der Übergang war auch jetzt bewerkstelligt und die andere Seite des Flusses erreicht, ohne daß sich den Blicken des geängstigten jungen Menschen etwas Verdächtiges offenbart hätte. Dieselbe Ruhe wie zuvor, dasselbe Rauschen und Flüstern des Windes in den Zweigen, und von fernher ein Schimmer, wie wenn dort Feuer zwischen den Bäumen hervorleuchte. – –

»Robert, Robert, siehst du den teuflischen Glanz dieser Flammen?«

Die unruhige Stimme zitterte so, daß es unseres Freundes Mitleid erregte. Er preßte ungesehen seine Hand. »Ich bitte dich, Gottlieb, sei doch vernünftig. Meinst du denn wirklich, daß Mungo und ich mit aller Gemütsruhe ins Verderben hineinlaufen würden?«

»Also du glaubst nicht an Verrat, Robert? Es lauern dort keine Comanchen hinter den Bäumen?«

»Ach, dummes Zeug!«

Der Jaguar schritt während dieser Unterhaltung voran, und schon sehr bald hatte man einen Felsvorsprung erreicht, wo an geschützter Stelle ein Feuer aus mächtigen Holzblöcken emporloderte. Moosbewachsene und von Büffelfellen überdeckte Sitze bildeten den Hintergrund einer Art Höhle, der nur der Tisch fehlte, um ganz behaglich und wohnlich auszusehen. In einer Ecke lag ein geräucherter Bärenschinken, eine am Spieß gebratene Hirschkeule und eine große Anzahl jener flachen Maiskuchen, »Dampers« genannt, die zwischen zwei heißen Steinen gebacken und warm verzehrt werden.

Eine Flasche und eine eigentümlich geschnitzte Pfeife aus rotem Seifenstein bildeten den Rest der Ausschmückung.

Gottlieb sah das alles auf einen Blick. Besonders die Pfeife brachte ihm wahre Erlösung. »Wenn solch ein brauner Heide mit jemand geraucht hat, dann tut er ihm kein Leides mehr,« dachte er, »das habe ich oft gelesen. – Ach, was würde ich geben, um jetzt in Pinneberg zu sein! Lieber Hausknecht, als dies Leben zwischen Wilden!«

Er beobachtete mit pochendem Herzen jede Bewegung des Jägers. Nachdem die Gäste Platz genommen und sich's nach Möglichkeit bequem gemacht, entzündete der Jaguar die Pfeife, aus welcher er, im Kreise mit den übrigen sitzend, unter tiefstem Schweigen einige Züge tat und sie dann dem Neger, als ältestem Gaste, darreichte. Von diesem kam sie zu Robert und darauf in Gottliebs Hände, der sie dem ernstblickenden Trapper zurückgab.

Nachdem solchergestalt die allen indianischen Stämmen geheiligte Sitte befolgt worden, lud der Jaguar ein, dem aufgetischten Mahle zuzusprechen. Auch hierbei, und während unsere halbverhungerten Freunde den vorgesetzten guten Dingen alle Ehre antaten, wurde vollständiges Schweigen bewahrt; erst als die vier Männer gesättigt waren und zum Beschluß die Flasche rundging, brach der Jäger die Stille, welche den Weißen schon längst beklemmend geworden.

»Haben meine Freunde die Absicht, wieder nach Lenchi zurückzukehren?« fragte er.

Mongo stieß heimlich gegen Roberts Fuß, als wollte er ihm sagen »Antworte du!« – und unser Freund beeilte sich sogleich, den gewünschten Bescheid zu erteilen. »In Lenchi erwarten uns Schulden und Mangel, Jaguar,« seufzte er, »aber dennoch können wir mit leeren Händen an keinen anderen Ort ziehen. Von hier bis Idaho sind hundert Stunden Weges, wie sollten wir die teure Reise über Land bezahlen?«

Der Trapper nickte langsam. »Ich habe für meine Brüder einen Vorschlag,« sagte er.

»Du?« rief mit gespannter Aufmerksamkeit sein Zuhörer. »Du, Jaguar, – und welchen?«

Der Trapper beschrieb mit dem ausgestreckten rechten Arme in der Luft einen Halbkreis. »Der Jaguar kennt das Land zwischen Fels und Meer, den ganzen Strich zwischen Oregon und Mexiko, ganz Kalifornien wie seine eigene Tasche,« versetzte er. »Der Jaguar hat seit dreißig Jahren diese Jagdgründe durchstreift, – er weiß von einer Stelle, wo das gelbe Metall in Körnern zu finden ist und wo es fast unmittelbar unter der Oberfläche liegt, mühelos zu erwerben für den, welcher einmal diese Spur gefunden. Soll euch der Jaguar dorthin führen?«

Alle drei Männer hatten mit angehaltenem Atem die Worte des Pelzjagers verfolgt. Selbst Gottlieb vergaß, als er von Körnern Goldes reden hörte, seine anfängliche Furcht und beugte sich gegen den Halbindianer lebhaft vor. »Wo ist das?« stammelte er, halb entzückt, halb unruhig. »Wo ist das?«

Auch Robert dachte Ähnliches. »Und wo befindet sich diese Stelle, du Freund in der Not?« fragte er den Trapper.

Dieser sah von einem zu anderen. »Weit in den Jagdgründen der Comanchen,« versetzte er, »mehr als zwanzig Tagemärsche von hier.«

»Bei den Wilden also?« rief unbedachtsam der junge Auswanderer.

Der Trapper lächelte. »Bei den Wilden, ja.«

Er winkte den anderen, als sie, offenbar erschreckt von Gottliebs Taktlosigkeit, dieselbe wieder gut zu machen sich bemühten. Es war überhaupt in ihm eine eigentümliche Mischung des Weißen und des Indianers zur zweiten Natur geworden. Während er in Haltung und Sprache ganz den Rothäuten, seinen langjährigen Genossen, glich, während er alle ihre Sitten und Gebräuche, vielleicht ohne es zu wissen, angenommen hatte, bewahrte doch das Gedächtnis in tiefster Tiefe treulich auch die ersten Eindrücke der Kindheit. Er nahm das beleidigende Wort »die Wilden« keineswegs übel auf, sondern sagte freundlich: »Jene Goldschlucht befindet sich am Fuße der Sierra Nevada, im Lande der roten Kinder des großen Geistes!«

Gottlieb senkte etwas beschämt den Kopf. »Ich wollte nichts Beleidigendes sagen,« stammelte er.

»Weiter!« mischte sich Robert in das Gespräch. »Ist dieser Ort bereits als goldhaltig bekannt, Freund Jaguar? Gibt es dort eine Niederlassung?«

Der Trapper schüttelte den Kopf. »Kein Weißer kennt die Stelle, keine Ansiedelung ist weit und breit, – nur die Comanchen haben in diesen friedlichen Tälern ihre Dörfer.«

Roberts Hand legte sich schwer auf die des Pelzjägers. Fest und fragend sah er in das Auge, welches offen dem seinen begegnete. »Jaguar,« sagte er, »mein Freund und ich bedürfen des roten Goldes, wie der Mensch des Lichtes und der Luft bedarf, um zu atmen; wir müssen alles tun, um in den Besitz einer größeren Summe zu gelangen, während gerade jetzt für uns alle Hoffnung verloren scheint. Sprich, Jaguar, werden uns deine Brüder, die Comanchen, in ihren Wohnsitzen dulden? Können wir ungefährdet mit dir in die Wildnis ziehen?«

Der Jäger hob zwei Finger gegen den sternenbedeckten Nachthimmel empor. »Bei dem Namen des großen Geistes über den Wolken, bei der Macht dessen, der zwei Kugeln im freien Raum sich begegnen ließ als Wahrzeichen eines Bundes zwischen seinen Kindern, – du kannst es tun, ohne das mindeste befürchten zu müssen!«

Das war, obwohl verwebt mit jenem poetischen, anmutigen Aberglauben, welcher den Rothäuten als Religion gilt, doch ein beinahe christlicher Eid, und Robert fühlte sich durchdrungen von der Überzeugung, daß er ihm glauben könne.

Langsam erst den einen seiner Gefährten und dann den anderen ansehend, sagte er: »Gut, Jaguar, ich vertraue dir vollständig, und ich bin bereit, dich durch die Steppe zu begleiten.«

Mongo nickte. »Und ebenso ich, Freund Jaguar, wenn du es gestattest,« fügte er bei.

Gottlieb wollte sprechen, aber die heimliche Furcht erstickte ihm das Wort in der Kehle. Er reichte nur, nachdem das auch die anderen getan, dem Jäger die Hand. »Nun ist die Sache abgemacht,« dachte er, »ich kann nicht mehr zurück und das ›Muß‹ hilft tragen. Möchte aber doch um alles in der Welt gern erfahren, wie die Wilden über den Meineid denken.«

Der Jaguar ließ nochmals die Flasche herumgehen. »Wollen meine Brüder vorher noch nach Lenchi zurückkehren?« fragte er.

Robert und Mongo wechselten einen schnellen Blick. »Ich nicht!« sagte deutlich das Achselzucken des Negers, und auch unser Freund hatte keinen Grund, die Stätte ihres langen, vergeblichen Hoffens und mühevollen Schaffens vor Beginn der neuen Wanderung erst noch wiedersehen zu wollen. »Wir sind frei wie die Vögel unter dem Himmel,« antwortete er, »und wenn es auch schwer ist, so ganz allein und verlassen, ohne die natürlichen Bande der Familie im Leben dazustehen, so berauscht doch auch wiederum der Gedanke die Seele, keinen Menschen fragen zu müssen, sondern frei und ungehindert über sein Ich verfügen zu können. Niemand in Lenchi ahnt, daß wir fortgegangen sind, und doch wird uns keiner wiedersehen – so liebe ich es!«

Gottlieb wischte sich die großen Schweißtropfen von der Stirn »Wie du unbändig bist!« seufzte er. »Und was wird aus unseren Decken, unserem Gerät?«

Der Jaguar lächelte. »Mein weißer Bruder soll sanft schlummern,« versetzte er gütig, als spräche er zu einem schüchternen Kinde. »Der Jaguar hat Pelze und Büffelfelle überall am Wege in Höhlen versteckt. Und die Comanchen werden ihm bereitwillig ihre Werkzeuge leihen, um damit das Gold aus dem Boden zu graben, – mein Bruder mag sich vollständig beruhigen.«

Gottlieb sah zaghaft empor. »Soll es denn gleich vorwärts gehen?« fragte er.

»Nur für den Weg von etwa zwei Stunden. Dort befindet sich eine Hütte, in welcher der Jaguar zu übernachten pflegt. Meine Freunde werden von den Anstrengungen der letzten Nacht sehr ermüdet sein.«

»Wirklich!« gestand Mongo, »ich spüre es.«

»So laßt uns aufbrechen,« mahnte Robert. »Frisch gewagt ist halb gewonnen!«

Alle vier Männer ergriffen die Kugelbüchsen, der übriggebliebene Mundvorrat wurde in die Jagdtaschen geschoben, und unter Führung des Trappers ging es in den schweigenden, nächtlichen Wald hinein. Wohl jeder einzelne des kleinen Zuges hatte zu viel mit seinen eigenen Gedanken zu tun, als daß eine wirkliche Unterhaltung aufgekommen wäre.

Ein zweistimmiges starkes Hundegebell war das erste, was nach einigen Stunden scharfen Marsches den Wandernden entgegenscholl und was sogleich Gottliebs Befürchtungen wieder aus ihrem Schlummer erweckte.

»Mein Gott, – Hunde! Sollten Sie sich in der Richtung geirrt haben, Herr Jaguar?«

»Durchaus nicht!« versetzte gutmütig der Trapper. »Meine Freunde werden sogleich erkennen, daß diese treuen Tiere unsere Bundesgenossen sind. Sie bewachen meine Hütte.«

Und indem er zwei Finger in den Mund schob, pfiff der Jäger auf eigentümliche Weise, so daß es weit hinaus schallte in den regennassen Wald. Das Hundegebell verstummte sofort.

Jetzt war Gottlieb für den Augenblick beruhigt, aber doch noch durchaus nicht vollständig. »Du,« raunte er, Roberts Arm berührend, »du, ob die Bestien an der Kette liegen?«

Unser Freund lachte im stillen. »Das ist nicht anzunehmen!« versetzte er, »aber sie gehorchen, wie du siehst, und werden die Begleiter ihres Herrn gewiß nicht auffressen. Du mußt dich übrigens ein wenig aufraffen, bester Gottlieb, mußt etwas männlicher werden. Die Indianer sind ein hervorragend tapferes Volk, – sollen sie dich deiner Furchtsamkeit wegen über die Achseln ansehen?«

Gottlieb seufzte. »Offen gestanden, – das wäre mir ziemlich gleichgültig,« gab er zurück. »Ach du lieber Gott, ich gehe ja nicht wie ihr anderen zum Vergnügen in diese schrecklichen Verhältnisse hinein.«

Robert drückte ihm gerührt die Hand. »Du wirst immer an uns und namentlich an mir die eifrigsten Beschützer finden.« versprach er, »und dann bedenke doch, daß vielleicht jetzt, wo uns das Glück sozusagen in den Schoß fiel, nur wenige Monate erforderlich sind, um dich zum reichen Manne zu machen. Bedenke, wenn du in Pinneberg das kleine, alte Haus wieder aufbauen könntest, und wenn du gewissermaßen imstande wärest, dem blinden Vater das Augenlicht zurückzugeben, indem er alles an der altgewohnten Stelle wiederfände, alles durch das Gefühl erkennen könnte, was ihm jetzt in fremder Umgebung verloren gegangen ist! Dafür mußt du ein Opfer bringen, Gottlieb!«

»Großer Gott, tue ich es denn etwa nicht in diesem Augenblick?«

»Ganz gewiß, Liebster, aber mit innerem Widerstreben. So zieh dir doch auch für eigene Rechnung das Gute, das Nützliche und Angenehme aus der Sache heraus.«

Aber Gottlieb schüttelte den Kopf. »Angenehmes ist nicht darin, Robert.«

»Nicht? – O du eingefleischter Philister. Aber still jetzt, der Trapper schlägt Feuer, wir werden ›zu Hause‹ sein.«

Gottlieb schob sich noch näher an des Freundes Seite. »Ein prächtiges Zuhause,« ächzte er. »Das ist ein großer Maulwurfshaufen, weiter nichts. Und wo die Hunde sein mögen?«

Die Frage sollte ihm im nächsten Augenblick beantwortet werden. Eine niedere Tür knarrte in ihren Angeln, ein Kienspan flammte auf und zwei große Bluthunde umdrängten die Kniee ihres Herrn, seine Hände leckend, schweifwedelnd und mit leisen Schmeichellauten.

Der Trapper stellte gewissermaßen die Menschen und die Tiere einander vor. »Es ist gut, Antilope,« sagte er, »gut, Schlangentöter, – hier begrüßt auch meine Freunde!«

Und die beiden Tiere mit dem furchtbaren Gebiß, die gefährlichen, unbesieglichen Freunde des Menschen, legten sich gehorsam den Fremden zu Füßen. Antilope und Schlangentöter, mit dem Pelzjäger schon durch Jahre verbunden, seine Gefährten, seine Freunde fast, streckten sich auf den Boden, als wollten sie die Herrschaft des Menschen hierdurch anerkennen.

»Und nun ruht aus, mein Freunde,« bat der Trapper, indem er von einem Haufen im Winkel eine Anzahl Büffeldecken nahm und ausbreitete. »Schlaft wie ich es tun werde, und der große Geist behüte eure Nachtruhe.«

»An euren Posten, Antilope und Schlangentöter!«

Die Hunde erhoben sich, um vor der Hütte Wache zu halten, die vier ermüdeten Männer streckten sich auf das schnell bereitete Lager, und bald hatte ein sanfter Schlummer ihre Sinne umhüllt. Selbst Gottlieb schlief, obwohl ihm beständig von abgerissenen Skalpen und Marterpfählen träumte. – –

Am folgenden Morgen begann nach einem kräftigen Frühstück die Reise durch den grünen, taufrischen Wald.

Elftes Kapitel

Bei den Comanchen

Schritt für Schritt der Wanderung unserer vier Freunde zu folgen wäre um so weniger lohnend, als ja eine solche Reise durch Urwald und Prärie der anderen vollständig zu gleichen pflegt und wir bereits Gelegenheit hatten, die Lage im allgemeinen zu schildern. Nur selten konnten die Wanderer eine Strecke weit mit der Postkutsche fahren, meistens mußten sie auf des Schusters Rappen ihre gemessene Anzahl von Meilen zurücklegen, und besonders für Gottlieb war dies äußerst unbehaglich. Er verwünschte während der ersten Tage aus Herzensgrund seine Nachgiebigkeit gegen Roberts verwegene Pläne, er gab zehnmal in einer Stunde das Leben verloren und hoffte auf nichts mehr; aber allmählich gewöhnte er sich, wie dies in der menschlichen Natur liegt, an das Unvermeidliche und fing an ein besserer Kamerad zu werden.

Nachdem er zuerst jedes Rascheln in den Zweigen für das Herannahen eines Bären oder sonstigen Raubtieres erklärt, nachdem er hundertmal geglaubt, das Stampfen der Büffelherde zu bemerken oder auf eine Schlange zu treten, erkannte er endlich das Lächerliche dieser immerwährenden Angst und schwieg wenigstens, bis allmählich die Sache zur Gewohnheit wurde und keine große Aufregung mehr hervorrief.

Robert war geradezu entzückt. Diese Sommernächte unter freiem Himmel, dies Wandern auf taufeuchtem Moos und in erster Morgenfrühe, wenn der Vogelchor erwachte und die Sonne langsam emporstieg aus den Schleiern der Nacht, – es berauschte ihn neu mit jedem Male. Und wie jubelte er, wenn seine Kugel den prächtigen Braten erlegt, wie stolz befestigte er an seiner Mütze die erste Adlerfeder!

Zwar hatte er ja in Norwegen schon früher den königlichen Vogel besiegt, allein der Körper desselben war, wie wir wissen, in den Spalten der Felsschlucht verloren gegangen, – hier aber konnte er seine Jagdbeute aus blauer Höhe herab sich zu Füßen fallen sehen, hier genoß er die volle Freude des glücklichen Schützen.

Und endlich kam auch der Tag, wo der Jaguar erklärte, daß vor Sonnenuntergang das Dorf der Comanchen erreicht sein werde. Gottliebs alte Unruhe überfiel ihn ruckartig noch einmal wieder, aber er hatte Besonnenheit genug, um sie ganz für sich zu behalten. Als der Rauch aus den Hütten der Rothäute zwischen den Gebüschen sichtbar wurde, da fing er an leise zu singen, und Robert und Mongo wechselten verstohlen einen lächelnden Blick. »Immerhin ein Fortschritt,« flüsterte unser Freund, »er jammert mindestens nicht mehr.«

Doch dazu schien auch wirklich keine Veranlassung vorhanden. So friedlich lag das Indianerdorf in der Talmulde, so stolz und ruhig, ganz entgegengesetzt den Wilden auf der Insel der Magelhaensstraße, erschienen die Gestalten der Männer, so anmutig zart die Frauen, daß Robert unwillkürlich staunte. Ihre schwarzen, schlichten Haare mit Perlen und Muscheln durchflochten, bis zu den Knöcheln verhüllt von den Falten eines selbstgewebten leichten Stoffes, schlank und anmutig, trugen diese Frauen entweder in Steinkrügen das Wasser aus dem Quell herbei, oder sie flochten Netze, Jagdtaschen und Körbe, sie stickten Mokassins und buken Maiskuchen zwischen zwei heißen Steinen. Von Männern waren nur wenige zu sehen, während einige Kinder im Sande umherspielten und die ganz kleinen Geschöpfe, welche noch nicht allein zu gehen vermochten, in Körben an den nächsten Bäumen aufgehängt waren.

Überall liefen Haustiere frei umher, Pferde weideten unfern der Hütten, eine Ziegenherde erkletterte die Abhänge.

Die beiden Hunde des Trappers, von ihren Kameraden unten im Dorfe mit lautem Gebell herausgefordert, sprangen voran und machten so gewissermaßen die Meldung von dem Eintreffen der kleinen Karawane, aber obgleich mehrere Indianerinnen die Gäste herankommen sahen, so zeigte doch niemand das geringste Erstaunen, schien niemand die Ankommenden überhaupt zu bemerken.

Der Jaguar schien das voraus gewußt zu haben und keineswegs befremdlich zu finden. »Meine roten Brüder leben gegenwärtig mit allen ihren Nachbarn im Frieden,« sagte er, »sie haben die Streitaxt begraben und wissen daher, daß sie nicht auf ihrer Hut zu sein brauchen. Der rote Mann ist nicht neugierig.«

Roberts Teilnahme war auf das höchste erregt. Welch ein weites Feld für die Befriedigung seiner alles umfassenden Wißbegier, wieviel Neues, Großartiges und Unbekanntes, das sich hier für ihn auftat.

»Jaguar,« fragte er, »hast du im Dorfe eine Hütte? Und bist du eigentlich Familienvater? Erwarten dich zu Hause Frau und Kinder?«

Der Trapper ging lange schweigend an unseres jungen Freundes Seite. »Einen Wigwam hat der Jaguar auch in diesem Dorfe,« versetzte er endlich, »aber – Kinder erwarten ihn nicht darin. Es brennt kein Feuer, das für ihn entzündet worden wäre, es harrt seiner kein zubereitetes Wild oder eine gestopfte Pfeife. Das Weib des Jaguars liegt seit dreißig Jahren im Walde unter den höchsten Bäumen begraben.«

Robert drückte stumm des anderen Hand. Es tat ihm leid, gefragt zu haben, und jetzt änderte er sofort den Gegenstand des Gespräches. Mit der Vergangenheit des Jaguars verknüpfte sich nach seiner Meinung überhaupt ein düsteres Geheimnis, deshalb war es geboten, jede dahin zielende Frage aus Zartgefühl gänzlich zu vermeiden.

»Auch nicht einmal die Kinder drängen sich herzu,« sagte er, »Diese Verschlossenheit muß doch tief im Blute liegen.«

»Nur mich schienen die kleinen Wesen mit ihrer besonderen Aufmerksamkeit zu beehren!« lächelte Mongo. »Einige flüchteten bereits in die Hütten hinein.«

Gottlieb beobachtete, viel dreister geworden, alles was sich seinen Blicken darbot. »Besser als bei den Patagoniern ist's,« versicherte er, »aber doch alles nur lottrig und schlottrig angelegt. Die faulen Kerle sollten, anstatt so auf den Büffelhäuten herumzulungern und zu rauchen, lieber ihren Zelten feste Wände bauen. Ich glaube, man arbeitet hier gar nicht.«

Das alles war aber weislich in deutscher Sprache zutage gefördert, so daß nur Robert es verstand.

»Hast du die roten Schufte gesehen?« flüsterte der erboste junge Pinneberger weiter, »sie lagen hinter jedem Zeltvorhang und ließen sich's wohl sein.«

Robert lachte. »Der Indianer arbeitet nicht,« versetzte er. »Krieg und Jagd sind seine einzigen Beschäftigungen, wahrend dagegen die Frauen das besorgen, was zum Hauswesen gehört. Ich bin sehr neugierig, das merkwürdige Volk kennen zu lernen.«

Gottlieb schüttelte sich. »Diese Malereien auf Brust und Armen sind abscheulich,« versetzte er. »Und wie mag es mit der Reinlichkeit beschaffen sein?«

Robert sah zu den himmelhohen Häuptern der Sierra Nevada empor. »Wie mag es mit dem verheißenen Golde beschaffen sein?« seufzte er. »Es wäre geradezu furchtbar, wenn wir uns darin getäuscht hätten.«

»Und das sagst du? Du, der diesem Wilden alles aufs Wort glaubte?«

»Dies geschieht auch jetzt noch, aber wer weiß, ob der Jaguar die Sache genau kennt, ob es wirklich Gold ist, das hier den Boden durchzieht?«

Gottlieb senkte den Kopf. »Ich mache mich auf alles gefaßt,« versetzte er.

Jetzt wurde das Gespräch der beiden für den Augenblick unterbrochen, denn der Wigwam des Jaguars war erreicht, und dieser ließ seine Gäste eintreten. Niemand von den Dorfbewohnern kümmerte sich um sie.

In dem Zelt von Büffelfellen befand sich durchaus nichts, vielmehr zeigte das üppige Moos des Fußbodens, daß sich dort seit längerer Zeit kein menschliches Wesen mehr aufgehalten habe. Unsere Freunde mußten verschiedene Käferarten und Eidechsen aus ihrer Häuslichkeit aufschrecken, bevor es ihnen gelang, ein Plätzchen zum Ausruhen der ermüdeten Glieder zu finden.

Nachdem er den dreien in dieser Weise seine Hütte zur Verfügung gestellt, entfernte sich der Jaguar, um zunächst für etwas Bequemlichkeit und für Lebensmittel zu sorgen. Die Goldgräber blieben einen Augenblick allein.

»Ein schönes Mauseloch, das hier,« murrte Gottlieb. »Wenn man sicher ist, nicht skalpiert und gemartert zu werden, so macht man mehr Ansprüche, als auf dem glatten Boden auszuruhen, nachdem man einen Spaziergang von zweihundert Meilen zurückgelegt hat. Das ist ja, als sei die ganze Bevölkerung taubstumm.«

Robert lachte. »Vermissest du die Neugier, womit sich in Deutschland sofort alles zusammendrängt, wenn irgend etwas Unerwartetes geschieht?« fragte er.

Gottlieb errötete. »Man spricht doch gern ein Wort, man verkehrt gesellig mit den Nachbarn und hilft einander aus,« brummte er. »Die Leute könnten wohl ein paar Stühle herbringen, finde ich.«

»Wenn sie nun aber selbst keine besitzen?« spöttelte Mongo, »Wenn sie nun entweder stehen oder auf Büffeldecken kauern?«

»O du großer Gott! Und das soll auch unser Los werden?«

»Wir können uns ja ungehindert mit hölzernen Sitzen versorgen, mein Bester. Auf mich macht das alles hier einen sehr guten Eindruck, wie ich offen bekennen muß.«

»Auf mich auch!« rief Robert. »Du bist nur noch allzusehr verwöhnt, Gottlieb, das tut es. Wenn du, wie Mongo und ich. unter den schmutzigen Lappen gelebt hättest, so würde dir dies hübsche, friedliche Dorf schon besser gefallen.«

Der junge Pinneberger senkte seufzend den Kopf. »Ich sehe nur noch gar keine Vorbereitungen für unseren eigentlichen Zweck,« gestand er. »O großer Gott, wann werde ich endlich meinen armen Eltern das erste Geld schicken können? – Hier umgibt uns die offenbare Wildnis, hier hat alle Gesittung, alle Arbeit ein Ende, – Himmel, wie wird es uns ergehen?«

Er legte den Kopf in beide Hände und schwere Tränen fielen durch die Finger herab. »Daß hier so gar keine Anzeichen von Beschäftigung oder Rührigkeit irgend einer Art aufzufinden ist,« bebte es von seinen Lippen, »das lähmt mich förmlich. Und wenn wir wirklich heute Gold aus dem Boden graben, so wird es uns ja aus der unverschlossenen Hütte in nächster Nacht wieder gestohlen.«

Hinter dem Verzweifelten teilten sich die Zeltvorhänge. Der Jaguar erschien, beladen mit Büffelfellen und Lebensmitteln. An seinem Arm hing eine sogenannte Kalebasse (ein ausgehöhlter großer Kürbis) voll frischen Wassers. »Mein junger Freund mag sich beruhigen,« sagte er mit weichem, freundlichem Tone, »alle seine Wünsche sollen erfüllt werden. Das rote Gold im Erdenschoße harrt seiner, und was er findet das gehört ihm allein. Der Indianer bestiehlt keinen Fremdling, welcher in seinen Dörfern weilt.«

»Und nun, meine Freunde, eßt und trinkt!« setzte er hinzu.

Robert und Gottlieb sahen einander etwas fassungslos ins Auge. Verstand der geheimnisvolle Mann, in dessen Hütte sie sich befanden, die deutsche Sprache? – Offenbar hatte er Gottliebs letzte Worte gehört.

Aber nachzufragen wäre unbescheiden gewesen. »Wir danken dir von ganzem Herzen, Jaguar,« rief Robert. »Wir hoffen zuversichtlich, daß uns eine reiche Ausbeute zuteil werde.«

Der Trapper neigte den Kopf, wie er immer tat, um seine Zufriedenheit, seine Beistimmung zu erkennen zu geben. »Der Jaguar wird morgen in aller Frühe die Häuptlinge der Comanchen zusammenrufen,« antwortete er, »und wird mit ihnen und seinen weißen Freunden die Friedenspfeife rauchen. Danach kann die Arbeit im Schoße des Gebirges ihren Anfang nehmen. Das Gold liegt überall.«

Gottlieb hob das heiße, noch von Tränen feuchte Gesicht zu dem des Trappers empor. Der schlimme Eindruck, welchen das schweigsame Dorf auf ihn gemacht, arbeitete in seiner Seele so stark, daß es ihm unmöglich war, denselben stumm in sich zu verschließen. »Jaguar,« flüsterte er leise und leidenschaftlich, »Jaguar, ist es wirklich so, wie Ihr sagt? Ist Gold – viel Gold hier zu finden?«

Der Trapper lächelte. »Du kannst ein reicher Mann werden,« versetzte er, »es hängt nur von dir ab.«

Die Worte waren so voll einfacher Würde, trugen so sehr den Stempel der Wahrheit, daß Gottlieb laut aufschluchzte. Ehe er vielleicht über das, was er tat, selbst nachgedacht hatte, ergriff und küßte er die Hand des Trappers.

»Gott segne dich, Jaguar,« preßte er mühsam hervor.

Robert lächelte gerührt. Er selbst war durch die schweren Schicksale, welche er bereits erlitten, mehr zum Manne herangereift, er war in sich fester und ruhiger als Gottlieb, dem noch das schüchterne, kindliche Wesen des unerfahrenen Knaben anhaftete. Auch jetzt, so sehr ihn heimlich die erneute Versicherung des Pelzjägers freute, begnügte er sich mit einigen kurzen, dankenden Worten. Darauf begann das Mahl, dem alle gleich tapfer zusprachen, und nachdem es beendet, wurden die Büffeldecken als Ruhestätten ausgebreitet.

Eine Nacht voll festen, traumlosen Schlafes folgte diesem ersten Eintritt in das Dorf der Rothäute.

Am folgenden Morgen bildete sich inmitten der kleinen Niederlassung ein Halbkreis ernster, schweigsamer Gestalten, die alle, bewaffnet mit Kugelbüchse und Tomahawk, in verschiedener Weise tätowiert, ähnlich wie der Jaguar gekleidet, nur mit langem, schwarzen Haar und nacktem, von einem Pelzmantel lose umgebenen Oberkörper – am Boden Platz nahmen, und ohne ein einziges Wort der Unterhaltung stumm dasaßen. Die Arme gekreuzt, mit der Würde eines Fürsten, harrte jede dieser Rothäute dessen, was da kommen werde.

Mitten im Kreise lag eine Pfeife.

Endlich erschien der Jaguar und mit ihm unsere drei Freunde. Roberts Blicke verschlangen, wie man zu sagen pflegt, das Bild, welches sich ihm darbot, Mongo war ein ruhiger Zuschauer, und Gottlieb murrte in sich hinein, da der Trapper deutsch verstand und also eine vertrauliche Mitteilung gegen einen der übrigen nicht mehr statthaft erschien.

Da sitzen die großen Lümmel, dachte unser biederer, junger Pinneberger, dem jegliches andere Interesse, als das am Nutzen, am Bürgerlich-Wohlanständigen durchaus fehlte, da sitzen sie und halten Maulaffen feil. Gott stehe mir bei, ihrer zwanzig erwachsene Kerle, alte Leute sogar, und betreiben nichts, sind nichts, arbeiten nichts. Da ist es kein Wunder, wenn die rote Rasse langsam ausstirbt.

Und nachdem er diesen, in seiner eigenen Meinung durchaus richtigen Schluß gezogen, besah er sich ziemlich dreisten Blickes die versammelte Schar, in deren Kreis der Trapper auch ihn und die beiden anderen Goldgräber einführte.

Keiner der Indianer schien die Neuangekommenen zu bemerken.

Und dann hielt der Jaguar eine lange Rede, von der natürlich die drei Fremden kein einziges Wort verstanden. Robert horchte nur mit reger Aufmerksamkeit den Lauten dieser seltsamen Sprache, welche ganz aus Vokalen zu bestehen schien und die bei der vorwiegenden Gleichartigkeit aller Silben gewiß außerordentlich schwer zu erlernen sein mußte. Der Trapper schilderte ohne Zweifel die seltsame Art und Weise, wir er die Goldgräber kennen gelernt, und fügte dann zum Schluß in fragendem Tone noch etwas hinzu, das sicherlich nur eine Deutung haben konnte: ob nämlich die Rothäute wagen wollten, auf seine, des Jaguars Bürgschaft hin, den Weißen zu erlauben, in ihrem Gebiet nach Gold zu suchen.

Als er geendet, erhob sich der Älteste des kleinen Kreises und antwortete ihm, worauf sich ein längeres Hin- und Herreden entspann, das schließlich in allgemeine Abstimmung überging. Ihr Ergebnis mußte sehr zufriedenstellend sein, denn der Jaguar wandte sich jetzt zum erstenmal an die stumm dasitzenden Goldgräber.

»Meine roten Brüder sind bereit, mit euch die Friedenspfeife zu rauchen,« sagte er, »sie bieten euch die Gastfreundschaft ihres Wigwams, sie versprechen euch, daß ihre Squaws für euch kochen und den Damper backen, daß sie euch Jagdtaschen und Mokassins sticken und eure Kürbisflasche mit frischem Wasser füllen sollen, sie wollen mit euch Salz essen und auf die Jagd gehen, aber vorher müßt ihr geloben, keinem Weißen das Geheimnis dieser Goldschlucht zu entdecken. Die roten Männer werden seit langer Zeit von den Jagdgründen ihrer Väter vertrieben, werden Jahr um Jahr weiter zurückgedrängt in die Gebirge, – es ist daher billig, daß sie ihre Weideplätze so lange als möglich zu beschützen suchen. Erkennen meine Freunde diese Notwendigkeit?«

Mongo und die beiden Weißen beeilten sich, die gestellte Frage zu beantworten und das Versprechen völliger Geheimhaltung zu erteilen. Von ihnen sollte niemand das Dasein der goldhaltigen Stelle, überhaupt ihre Anwesenheit in dem Indianerdorfe erfahren, sie baten zugleich, den liebenswürdigen Gastgebern auf das herzlichste in ihrem Namen zu danken.

Der Jaguar übersetzte auch dieses, worauf die Pfeife in Brand gesteckt und von dem Ältesten der kleinen Versammlung, nachdem er selbst sie angeraucht, dem Nebenmann übergeben wurde, um so, aus einer Hand in die andere gelangend, den ganzen Kreis zu durchlaufen. Als jeder einzelne die üblichen drei oder vier Züge getan, war der Zweck dieser Feierlichkeit erfüllt, und nun konnten sich unsere Freunde als Angehörige des Indianerdorfes betrachten. Die einen boten ihnen Pferde und Hunde zur Jagd, die anderen legten ihnen Geschenke in Gestalt von Waffen, Büffelfellen und selbstgefertigten Arbeiten zu Füßen, immer aber bewahrten alle diese Leute das Wesen von Audienz erteilenden Fürsten, und ebenso sprachen sie nur, um das Allernotwendigste zu sagen, während ihnen eine eigentliche Unterhaltung ganz unbekannt schien.

Durch alle Wigwams wurden unsere Freunde geführt, und alle Frauen setzten sich zum Zeichen ihrer Unterwürfigkeit ihnen zu Füßen oder küßten die Zipfel der Lederröcke. Nur Mongo erhielt von dieser Äußerung des Respekts keinen Anteil. Einmal drängten sogar mehrere Frauen neugierig an ihn hinan, und eine derselben fuhr mit ausgestrecktem Zeigefinger über sein Gesicht, worauf dann alle sorgfältig die Fingerspitze prüften, offenbar um zu erkennen, ob die schwarze Farbe echt sei. Der Neger nahm mit gutmütiger Ruhe diesen kleinen Scherz als das, was er wirklich war, nämlich kindliche Unwissenheit, – die beiden jungen Leute dagegen wollten sich vor Lachen ausschütten, besonders als die Indianerin, welche Mongos ehrliches Gesicht berührt hatte, sich heimlich die Hand an ihrem Kleide reinigte.

Nachdem das ganze Dorf in Augenschein genommen, ging es hinaus zu den Abhängen der Sierra Nevada. Der Jaguar und mehrere Indianer führten ihre Gäste bis in ein malerisches Tal, das vielleicht noch nie zuvor der Fuß eines Weißen betreten. Himmelhoch wölbten sich über den Häuptern der Männer die bewaldeten Gebirgszüge, unabsehbar fast erschienen in schwindelnder Entfernung die Baumwipfel auf unzugänglichen Kuppen; ganzen Wäldern gleich wogten die grünen Laubmassen auf vorspringenden Felsen, auf freien Flächen und jähen Abstürzen. Überall wuchs es und blühte und duftete in hundert Formen und Gestalten, überall bedeckte Moos den Boden und regte sich verschiedenartigstes Tierleben.

Der Trapper schien seinen Schützlingen eine unerwartete Überraschung bereiten zu wollen. Er stieß das schwere Jagdmesser tief in die lockere Erdschicht des Felsens hinein und warf Moos und Flechten mit der Hand zurück. Nachdem er dann von der härteren Unterlage ein Stückchen gewaltsam losgebrochen, hielt er es lächelnd ins Sonnenlicht.

»Robert,« sagte er, »schau her, mein Freund!«

Es blitzte und glänzte wie tausend Funken, es zog sich wie ein glühender Streif durch den Quarz dahin und blendete im ersten Augenblick förmlich den jungen Mann. Was hier der Trapper zwischen den Fingern hielt, das war mehr Gold, als sich in Lenchi während einer ganzen Stunde aus der Erde graben ließ.

Ein Schauder überrieselte Roberts ganzen Körper. So an den Pforten des ersehnten Paradieses zu stehen, gleichsam nur zugreifen zu dürfen, um das Glück beim Schopfe zu fassen, – das erschreckte ihn fast.

»Jaguar,« stammelte er, »Jaguar, – das ist Gold!«

Der Trapper nickte. »Für dich,« setzte er hinzu. »Für euch alle!«

»Gottlieb!« rief Robert, »Gottlieb, was sagst du dazu?«

Anstatt aller Antwort warf der junge Mensch den Rock von sich und begann mit fast wahnwitzigem Eifer den Boden aufzulockern, bis die Quarzschicht bloßlag, – dann erst wurde er ruhiger. »Jaguar,« rief er, »sprich, sag es mir noch einmal, – soll alles dieses wirklich uns gehören?«

Und mit beiden Händen die losgebrochenen Stücke emporhaltend, wühlend im goldhaltigen Gestein, gab er sich gänzlich dem Genusse des Augenblickes hin. Unbekannt mit den feineren Empfindungen, welche Roberts Seele durchfluteten, schwelgte er nur in dem Gedanken an den Reichtum, der ihm jetzt zuteil werden sollte. Am liebsten hätte er gleich angefangen zu graben.

»Aber wie bringt man das Gold aus dem Quarz heraus?« fragte er endlich den Trapper.

»Durch Klopfen,« erwiderte dieser. »Du schaffst die erbeuteten Stücke in unseren Wigwam und dort werden dir die Squaws helfen, das gelbe Metall von Schlacken zu säubern.«

Gottlieb blickte auf. Tief im Innersten seiner Seele regte sich immer noch das unbesiegliche Mißtrauen. »Warum in aller Welt lebst du Jahr aus Jahr ein neben dem unermeßlichen Schatze dahin, ohne ihn zu heben?« fragte er. »Warum tun es alle deine roten Freunde?«

Der Trapper lächelte. »Die farbigen Kinder des großen Geistes sind keine Kaufleute,« antwortete er, »sie arbeiten nicht und gehorchen keinem Zwange. Sie sind freie Männer, die auf dem Grund und Boden ihrer Väter leben, und ehe sie den Weißen dienstbar werden, viel lieber sterben, um in den ewigen Jagdgefilden wieder aufzuerstehen.«

Gottlieb schüttelte den Kopf. »Also sie arbeiten gar nichts?« fragte er.

»Nein, gar nichts. Die Arbeit ist Sache der Squaws.«

Gottlieb antwortete nicht mehr, aber was er im stillen Herzen dachte, das war für die armen Rothäute sehr wenig schmeichelhaft. »Ihr müßtet in die Tretmühle, wißt ihr das Wohl? Davon würden eure faulen Glieder schon geschmeidig werden und die königliche Haltung ein bißchen bescheidener. Lebt das Volk in den Tag hinein und läßt Gott einen guten Mann sein! – Hab' ich je dergleichen gesehen?« –

Und dann eilte er in das Dorf zurück, um Hacke und Schaufel und Korb zu holen, um zu arbeiten bis in die sinkende Nacht hinein und ganze Berge von Quarz aufzuhäufen. Er konnte unbekümmert das edle Metall draußen vor dem Zelt liegen lassen, niemand berührte es.

Auch Robert und Mongo waren nicht müßig. Während der Trapper an jedem Tag zur Jagd ging, wohl auch mehrere Nächte hintereinander fortblieb, und die Indianer entweder ein gleiches taten oder in ihren Wigwams auf den Büffelhauten lagen, türmte sich unter den rastlosen Anstrengungen unserer Freunde ein so großer Haufe von Quarz, daß jetzt endlich einmal an die Reinigung desselben gedacht werden mußte. Man arbeitete wieder wie in Lenchi gemeinschaftlich, und was den Gewinn betraf, in Teilung, so daß das ganze Unternehmen für jeden der drei Freunde von gleichem Interesse blieb.

Der Jaguar hatte aus weichem Antilopenleder einen Beutel künstlich gefertigt, und in diesem wurde das gewonnene reine Gold aufbewahrt. Sobald sich der Haufe von Quarz einigermaßen vergrößert, traf es einen der Freunde, auf mehrere Tage im Dorfe zu bleiben und mit den schweigsamen, sanften Frauen der Rothäute das Gold durch leichte Schläge aus dem bröckelnden Gestein herauszulösen. Robert sah es immer sehr gern, wenn ihm Gottlieb diesen Teil der Arbeit abnahm, während dagegen der junge Pinneberger weit lieber im Kreise der roten Damen den Angenehmen spielte, als daß er draußen die Hacke schwang.

Ein Büffelfell auf den Knieen, den schon hübsch rundlichen Sack mit Gold wie ein innig geliebtes Wesen in nächster Nahe, ihn zuweilen wägend, streichelnd, mit ihm liebäugelnd oder sein leises Klirren belauschend, saß er als eine Art von Alleinherrscher oder Fürst im Kreise der stummen, schüchternen Geschöpfe, die sich beeilten, seinem leisesten Winke zu gehorchen, und die er großmütig in den nützlichen Eigenschaften der Ordnung und Sauberkeit unterrichtete.

Ihre poetischen, allerliebsten Namen, ihre sanften Augen und ihr unbeirrbarer Gehorsam waren ihm recht angenehme Zugaben für das, was an Gebratenem und Gebackenem, sowie an der Arbeit bei den Quarzstücken die braunen Hände leisteten, aber trotzdem verachtete er die farbige Rasse zu gründlich, um jemals anders als von oben herab mit ihren Angehörigen zu verkehren. Während er im innersten Herzen die Männer ausschließlich mit den Bezeichnungen »langer Laban« oder »großer Lümmel« beehrte, ging er bei den Frauen und Mädchen nur wenig glimpflicher zu Werke.

»Du da,« hieß es wohl, »Magnolienblüte, sieh dich ein bißchen vor, hörst du, meine Beste. Es dürfen keine Stückchen Goldes bei Seite springen, oder du selbst mußt sie aus dem Grase wieder hervorsuchen.«

Und einer anderen sagte er: »Deine Kinder könntest du recht gern zu Hause lassen, Rehauge, ich mag die schmutzigen Bälge durchaus nicht leiden, namentlich wenn sie so unverschämt sind, mit ihren Bärentatzen in mein sauberes hübsches Gold hineinzugreifen. Ihr seid im ganzen recht gute, verträgliche Tierchen, nur müßtet ihr den Gebrauch der Seife besser kennen und eure Nasen putzen. – Ich danke dir bestens, Schwarzkätzchen!«

Diese letztere Gnadenbezeugung galt einer jungen Frau, welche immer sehr ordentlich und rasch fortarbeitete, ohne kleine Stückchen Goldes zu verstreuen oder ohne ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden. »Diese niedliche Person würde gut in einen Krämerladen hineinpassen,« dachte Gottlieb, »sie ist flink und behende und hat ein freundliches Gesicht. Aber was weiß die braune Sorte vom Handel? Was weiß sie überhaupt von einem christlichen, vernünftigen Leben? Unbegreiflich, wozu der liebe Herrgott diese Müßiggänger erschaffen hat.«

Während er auf solche Weise im Schatten dichtbelaubter Baume, auf schwellendem Moos und bestens verpflegt seine Tage unter den Frauen hinbrachte, hackte Mongo unverdrossen den leicht zerschlagenen Quarz aus dem Boden heraus und ließ inzwischen sehr häufig unseren Freund mit den Rothäuten zur Jagd gehen. Das waren für Robert allemal die höchsten Festtage. Sich so in Begleitung mehrerer Hunde, zuweilen auf dem Rücken eines wohldressierten Mustang draußen in Wald und Steppe zu tummeln, den Hirsch, den Adler und häufig gar den Büffel oder braunen Bären zu erlegen, – ach, das entzückte ihn über alles. Mongo plauderte nicht; er ließ seinen Liebling gewähren, und wenn sich Gottlieb wunderte, daß so wenig Quarz geschlagen sei, dann sagte er: »Du mußt dich einmal selbst daran machen, mein Junge. Laß mich an deine Stelle treten und nimm du dafür meine.«

Das tat Gottlieb nicht gern. Er mochte sich von dem Goldsack keinen Augenblick mehr trennen, und fing an, Vorschläge zu machen, auf welche Weise ein Teil des bereits Erworbenen nach Pinneberg überführt werden könne. Seine sechshundert Taler war der angesammelte Vorrat immerhin schon schwer, also zweihundert konnte er den Eltern schicken, sie aus dem Armenhause erlösen, ihnen für die Zukunft goldene Berge versprechen, sie aus aller Not und Sorge auf einen Schlag herausreißen. Das war zu verführerisch, als daß es ihm länger Ruhe gelassen hätte. »Du, wie fangen wir es an?« fragte er unseren Freund. »Jetzt fehlt zum vollständigen Glücke nur noch die Postverbindung mit Deutschland! – Es wäre zu schön, Briefe schreiben und Briefe erhalten zu können!«

Robert seufzte leise. Die Mahnung an Pinneberg führte ihm alte trübe Bilder vor das geistige Auge, ließ ihn wieder zu recht erkennen, daß nichts auf Erden vollkommen ist, und warf über das Bild der lachenden Gegenwart einen düsteren Schatten. So durfte es, so konnte es nicht immer bleiben, und doch war es so schön! –

Ein breiter Fluß lief quer vor dem Dorfe dahin; die Rothäute besaßen Kähne und Ruder, – sie ließen ihren Gast oft ganze Tage lang mit denselben fahren, wohin ihm beliebte. Zwischen blühenden Ufern treibend, geschaukelt von den spielenden Wellen, die Büchse im Arm, Schießbedarf und Mundvorrat in Fülle neben sich, so lag er auf dem Rücken und war glücklich wie ein Gott. Erlöst von der Sorge um das tägliche Brot, frei, so frei wie der Vogel hoch über ihm im blauen Äther, unter guten, harmlosen Menschen, geliebt und von Herzen ihnen zugetan – was blieb zu wünschen noch übrig?

Und doch! – Und doch! –

Tief drinnen im Innersten seiner Seele lebte eine Stimme, die nie schwieg, und deren leise Vorwürfe er allen anderen, nur nicht sich selbst verbergen konnte. Sein Paradies war erschlichen, sein Glück gestohlen, er wußte es, und seltsam genug, in den höchsten Feierstunden drängte sich ihm die Wahrnehmung am stärksten auf.

Er arbeitete dann rastlos tagelang im Schweiße seines Angesichts, er brachte doppelt ein, was er versäumt hatte, aber der ersehnte Friede wollte nicht kommen. Grade jetzt, wo das Leben wie ein einziger Festtag erschien, drückte es ihn zuweilen gleich einer Zentnerlast. Mongo bemerkte das, und als Gottlieb von einer Sendung nach Deutschland zu sprechen begann, da sagte er so zufällig und indem er seinem jungen Schützling leise zunickte: »Du könntest dich jetzt aufmachen, Bob. Der Jaguar will hinunter nach Stockton und seine Felle verkaufen, – wie wäre es, wenn du ihn begleitetest?«

Robert errötete und erbleichte abwechselnd. »Mongo,« versetzte er nach einer Pause, »wenn ich von hier fortgehe, muß es – nach Hamburg sein. Ich würde in meinen eigenen Augen zum Schurken werden, könnte ich eine Heuer nehmen, die mich an einen anderen Ort brächte. Jetzt, wo das Gold vorhanden ist –«

Er brach ab. Den Kopf in die Hand gestützt, gab er sich ganz seinen erregten Gedanken hin. »Das eigene Urteil zu fällen und auch zu vollziehen, Mongo,« setzte er nach einer Pause hinzu, »es ist entsetzlich schwer.«

Der Schwarze nickte freundlich. »Du kannst ja immerhin von Stockton mit den übrigen wieder hierher zurückkehren, mein Bob!« sagte er.

Unser Freund schüttelte den Kopf. »So Unangenehmem entgegen zu gehen, Mongo,« seufzte er, »und aus einem so glücklichen Dasein heraus! – Gott weiß es, aber in Lenchi hatte ich das schmerzlichste Heimweh, sehnte ich mich nach Pinneberg, während hier der Gedanke daran ganz in den Hintergrund gedrängt worden ist.«

»So komme von Stockton wieder hierher!« beharrte der Neger.

»Aber auf wie lange? Die Sache bleibt immer die gleiche.«

Dann schwieg Mongo, als aber nach kurzer Frist der Jaguar erklärte, nunmehr in wenigen Tagen aufbrechen zu wollen, da sah er, daß jetzt die Trennung bevorstand. Ob der junge Brausekopf den Kampf zwischen Pflicht und Neigung würdig durchkämpfen könne, ob er fähig sei, dem Wunsche zu widerstehen und dem Gebote der Kindespflicht zu gehorchen, – wer wußte das?

Der Neger berührte die Sache nicht wieder, Robert dagegen schien gern so viel als möglich darüber sprechen zu wollen. »Du,« sagte er, als beide am letzten Abend allein waren, »ich glaube einen Ausweg gefunden zu haben.«

»Nun, mein Bob, so laß hören.«

Robert sah zur Seite, anstatt in das Gesicht des vor ihm Stehenden, – ein sicheres Zeichen, daß er mit sich uneinig war. »Mongo,« fuhr er fort, »ich denke mir die Sache so. Zugleich mit der Sendung Gottliebs an seine Eltern schicke ich meinem Vater etwa hundert Taler, also das, was ihm damals durch mich entzogen wurde, sage ihm wiederholt, daß ich den Knabenstreich bereue, und bitte ihn, mir zum Zeichen der Versöhnung einen Brief zu schreiben. Tut er das, so soll alles gut sein, – sonst aber –«

Eine Pause verging, dann sagte der Schwarze: »Nun, mein Bob, sonst aber?«

»Sieht mich Pinneberg nie wieder,« versetzte düster der junge Mann. »Du bist mein wahrer Freund, Mongo, der Jaguar hat mich gern, die Verhältnisse locken mit aller Macht, – soll ich mehr als Mensch sein, und von mir werfen, was mich beglückt, nur um eines Eigensinnes willen, den schwerlich irgend jemand gerechtfertigt finden würde?«

Der Neger lächelte trotz des tiefen Ernstes, welcher seine gutmütigen Züge beherrschte. »Du könntest das Leben unter den Wilden vollbringen wollen, mein Bob?« fragte er. »Du könntest dein Ziel für erreicht halten, indem du eine Hütte des Indianerdorfes bewohnst, und von deinesgleichen abgeschnitten wie eine Rothaut im Walde lebst? Du könntest endlich dem Meere entsagen wollen?«

In Roberts Augen blitzte es auf. »Nie!« rief er. »Nie! Aber warum nicht da sein Haupt zur Ruhe betten, wo ein weicher Pfühl winkt, warum nicht pflücken, wo Blumen blühen! Im Augenblick bin ich hier ein glücklicher Mensch, – laß mich's bleiben, so lange es möglich ist. Kommt die Sehnsucht nach neuen Gestaden in meine Seele zurück, so setze ich den Stab weiter, suche ein Schiff und treibe wieber anderen Verhältnissen entgegen.«

Der Neger schüttelte sehr ernst den Kopf. »Treibe wieder anderen Verhältnissen entgegen!« wiederholte er Roberts Worte. »Da hast du mehr gesagt, als in deiner Absicht liegen mochte, mein Bob. Nimm es dem alten Freunde nicht übel auf, aber dein Plan taugt nichts, Kind. Heißt das, sich für die Zukunft sicher stellen, heißt das, seinen inneren Menschen heranbilden und die äußeren Verhältnisse vernünftig ordnen, wenn man im Alter von neunzehn Jahren noch lebt wie ein Kind, das nur die Stunde begreift und nur von dem weiß, was es sieht? – Bist du nicht der Sohn deiner Eltern, die an dich geheiligte und begründete Ansprüche zu stellen haben, bist du nicht der Bürger eines zivilisierten Staates, und endlich, mein Bob, hat dir nicht Gott eine Seele geschenkt, die du vorbereiten sollst für den Lohn der Unsterblichkeit? Kannst du aber wohl alledem genügen, indem du dich irgendwie und irgendwohin treiben läßt?«

Roberts hübsches Gesicht war totenbleich geworden. »Mongo,« sagte er nach einer Pause, »es ist nicht das erste Mal, daß du in meine Seele einen Zwiespalt geschleudert, der mich seitdem nicht mehr verläßt. – Darf denn der Mensch nie ungestraft glücklich sein?«

Der Schwarze legte die Hand auf des bebenden jungen Mannes Achsel. »Im Gegenteil, mein Bob,« sagte er zuversichtlich, »im Gegenteil, der Mensch soll überall glücklich sein und zwar durch die Überzeugung des Rechten, des Guten. Das, was du den Zwiespalt deiner Seele nennst, ist nichts als das Bewußtsein entschiedensten Unrechtes. Und nun laß uns davon nicht länger sprechen, – solche Dinge muß der Mensch mit dem eigenen Gewissen ausmachen.«

Er ging, und unser Freund blieb in ärgster Verstimmung allein zurück. Welch ein paradiesisches Leben umgab ihn hier, wie konnte er jeden Wunsch, jede Laune ungehindert befriedigen, wie vereinigte sich alles, um seinen Neigungen zu schmeicheln. Freiheit, Ungebundenheit, der weite, grüne Wald mit tausend jagdbaren Tieren, die Ebene voller Büffel und Antilopen, der Fluß und das Gebirge, von dessen höchsten Zinnen er herab sah auf die Baumgipfel im Tal, auf das Dorf und die ganze Sonntagsfeier der Schöpfung, – wie schien das alles so göttlich, so großartig, wie berauschte es sein Herz. – –

Und doch sollte er es freiwillig vertauschen mit dem Schwersten, was die Erde kennt, dem Geständnis des eigenen Fehlers, doch sollte er fort, und von hier, wo er glücklich war, nach Pinneberg gehen, um sich einen Sünder, einen Missetäter nennen, um sich von der ganzen Bewohnerschaft des kleinen Städtchens angaffen und moralisch maßregeln zu lassen. »Robert Kroll ist wieder da,« würden die Leute sagen, »Robert Kroll, der vor drei Jahren seinem Vater das Geld aus dem Kasten stahl und heimlich auf und davon ging. Jetzt wird er wohl erkannt haben, was die Heimat wert ist, wird sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurücksehnen und de- und wehmütig wiederkehren, um Buße zu tun.«

Es war ihm, als hörte er die spöttischen Worte und als sähe er all die bekannten Gestalten, wie sie sich neugierig herzudrängten, um zu fragen, zu horchen, Gedankenzusätze zu machen und wohl gar voll heiligen Eifers ihre Ermahnungen vom Stapel zu lassen.

Das Blut kreiste schneller in seinen Adern, Schweiß trat ihm auf die Stirn. Wenn vielleicht gar der Vater unversöhnlich blieb, wenn ganz Pinneberg erfuhr, daß er das Haus seiner beleidigten Eltern nicht betreten durfte?

Ungeduldig wanderte er auf und ab. Alle diese Gedanken waren ihm nicht gekommen, als es in Lenchi so traurig ging, – damals hätte er jeden Tag abreisen können, damals hatte er schwere Opfer gebracht, um trotzig die Summe, welche er nicht besaß, seinem Vater auf den Tisch zu zählen, aber jetzt war das alles anders. Ein Leben, das ihn beglückte, dessen Zauber er stündlich neu empfand, eine Welt, in der sich seine Wünsche spielend verwirklichten, sollte er selbstverleugnend aufgeben, um den Kampf, dem er kaum entronnen, geflissentlich wieder heraufzubeschwören? –

Er schüttelte den Kopf. Wenigstens noch nicht, nein, noch nicht. Das Leben unter den Rothäuten würde vielleicht bald seinen Reiz verlieren, dann war es immer früh genug, die schwere Pflicht, welche ihm bevorstand, zu erfüllen. Einstweilen wollte er die Freuden der Reise bis nach Stockton so recht unbekümmert zu genießen suchen und sich den antwortenden Brief des Vaters für Ende September oder Anfang Oktober – zu welcher Zeit der Trapper eine zweite Fahrt beabsichtigte – erbitten. Sein Entschluß stand fest, und nun wurde er ruhiger. –

»Wenn ich zurückkomme, seid ihr bereits reiche Leute,« sagte er, als sich spät abends alle drei im Zelt zur Ruhe begeben hatten. »Du, Gottlieb, denkst dann vielleicht gar schon an eine zweite Sendung nach Pinneberg.«

Der junge Krämer war nicht eben in bester Stimmung. Mit dem tatkräftigen, entschlossenen Freunde ging ihm ein zu starker Halt verloren, als daß er die Veränderung ohne Unruhe hätte ertragen können. »Wenn nur nichts passiert!« seufzte er. »Der Trapper fort und du fort, – das ist unangenehm.«

»In längstens fünf Wochen bin ich ja zurück, Gottlieb.«

»Du? – Ich glaub's nicht.«

»Aber du wirst es sehen. Ich will noch länger in diesen Gebirgen herumstreifen, noch mehr Büffel und Hirsche schießen, – meinst du nicht auch, Mongo?«

»Hm, du junger Spitzbube, ich weiß nicht recht.«

Robert fuhr auf, offenbar gereizt. Er, der sonst so harmlos, so gutmütig war, nahm in letzterer Zeit alles übel.

»Ihr glaubt mir nicht?« rief er. »Wohlan, so –«

Des Negers Hand legte sich im tiefen Dunkel der Hütte ungesehen auf des erregten jungen Mannes Lippen. »Keinen Schwur, mein Bob.« flüsterte halb bittend, halb befehlend der Alte, »keinen Schwur!«

Robert wagte nicht, dem väterlichen Freunde zu widersprechen, aber er schwieg grollend. »Sie glauben, daß ich heimlich fortgehe,« dachte er, und das verdroß ihn über alle Maßen. »Ich will den beiden zeigen, daß ich ein Mann bin!«

Auch Gottlieb kroch leise an des Jugendgefährten Seite. »Robert,« flüsterte er, mit beiden Händen dessen Arm umklammernd, »Robert, wenn du nach Pinneberg kommst – sei nicht gleich so bös, ich sage ja wenn – dann besuche meine Eltern, obwohl sie im Armenhause wohnen, und erzähle ihnen von mir, willst du das?«

Unser Freund lachte, halb und halb ärgerte er sich. »Natürlich würde ich das tun, Gottlieb,« antwortete er. »wenn ich nämlich die Absicht hätte, nach Hause zu reisen. Aber daran wird gar nicht gedacht.«

Der schüchterne Gottlieb drückte seine Hand. »Laß uns einmal annehmen, du wärest wirklich dort,« versetzte er, »gleichviel ob es später geschieht oder nicht, – aber würdest du in das Armenhaus gehen, um dort jemand zu besuchen?«

»Hast du auch nur einen einzigen Augenblick daran zweifeln können, Gottlieb?«

Der andere lehnte sich zufrieden auf seine Felle zurück. »Nein, Robert,« antwortete er aufrichtig, »das habe ich nicht.«

»Nun, Gott sei Dank, das ist wenigstens etwas.«

»Du erzählst also meinen Eltern noch einmal mündlich alles, was ich ihnen schon längst geschrieben habe,« fuhr Gottlieb fort, »wie sehr uns das Mißgeschick verfolgte und wie teuer man hier lebt. Tröste den armen, alten, blinden Mann, Robert, und sag ihm, daß ich unermüdlich vom Morgen bis zum Abend arbeite, um ein paar tausend Taler zusammenzubringen, damit wir das Haus wieder aufbauen und das Geschäft neu begründen können. Aber im übrigen sieh zu, daß sich die Geschichte nicht gleich so herum spricht. Es braucht ja nicht jeder zu wissen, daß ich hier ein hübsches Stück Geld verdiene.«

Jetzt lachte Robert laut heraus. »Mensch,« rief er, »was fabelst du da? In fünf Wochen bin ich wieder zurück, ohne von unserer Heimat mehr gesehen zu haben als du, der hier bleibt.«

Gottlieb unterdrückte einen Seufzer. »Nun gut, Robert,« antwortete er, »es war ja auch bei allem, was ich sagte, vorausgesetzt, daß du nach Pinneberg kämest. Geschieht dies nicht, so erledigen sich natürlich meine Bitten von selbst.«

Damit endete das Gespräch, und am folgenden Morgen begannen die Vorbereitungen zur Abreise. Vier Indianer und sechs Pferde bildeten außer dem Trapper und Robert mit ihren Tieren den Bestand der kleinen Karawane. Zwei dieser Pferde sollten verwendet werden, um die Felle und Pelze des Jaguars nach Stockton zu bringen; man führte sie daher am Zügel mit sich bis zu dem Stapelplatz, welcher als die Hauptniederlage des Jägers in einiger Entfernung vom Dorfe belegen war.

Robert hatte den Indianern und ihren Frauen Lebewohl gesagt; nur noch seine Reisegefährten begleiteten ihn vor das Dorf hinaus.

Es war ein heller, sonniger Julimorgen, die Luft frisch und balsamisch, der Himmel heiter und die Erde in ihrer schönsten Schöne. Jedes Stampfen der Pferde erweckte Roberts Wanderlust.

Noch einmal kehrte er sich zu den beiden anderen. »Lebt wohl, Gottlieb und Mongo!« sagte er, ihnen die Hände schüttelnd, »lebt wohl, und – – auf Wiedersehn!«

»Verliere nur das Geld nicht,« flehte angstvoll der junge Pinneberger. »Ich bitte dich, Robert, ist unser Schatz sicher verwahrt?«

»Vollkommen sicher,« antwortete Robert zum zwanzigstenmal. »Der Jaguar hat mir einen Ledergurt gemacht, in welchem es bis zum jüngsten Tage sitzen könnte, ohne von irgend einem Unglück bedroht zu werden.«

Gottlieb betastete nochmals die Stelle, wo er an Roberts Körper seinen Schatz verborgen wußte. »Wir wollen das Beste hoffen,« seufzte er, »und nicht wahr, in Stockton gibst du den Betrag, nachdem du ihn zu Geld gemacht, auf die Post, damit diese für den Wert haftet?«

»Das werde ich tun, Gottlieb, sei ganz außer Sorgen. Die amtliche Quittung bringen wir dir wieder mit zurück.«

»Schön, Robert, schön, und Gott behüte dich auf allen deinen Wegen.«

Er trat bei Seite, um dem Neger Platz zu lassen. Jetzt lagen Roberts beide Hände in denen des gutmütigen, alten Mannes, Auge sah in Auge; die Herzen schlugen schneller.

»Denk zuweilen an mich, mein Bob!« bat mit leiser Stimme der Schwarze.

Robert versuchte es umsonst, seiner Stimme einige Festigkeit zu verleihen. Was ihn beherrschte, das verstand er selbst nicht ganz. »Mongo,« flüsterte er endlich, »Mongo, ich verdanke dir viel, du hast manch ernstes, mahnendes Wort zu mir gesprochen, du hast mich besser gemacht, stiller und besonnener, – hab Dank, Alter!«

Der Neger nickte. »Gut,« sagte er, »ich nehme ihn. Und nun geh, Kind, geh – Männer dürfen sich nicht so schwach zeigen.«

Er fühlte vielleicht die Träne, welche in seinen ehrlichen Augen schimmerte, er suchte nicht, sie zu verstecken. »Gott beschütze dich, mein Bob,« setzte er hinzu.

»Leb wohl, Mongo, leb Wohl!«

Und Robert ging sechs Schritte bis zu den Pferden, er wollte nicht noch einmal wieder zurückblicken, wollte es kurz machen und sich als vollkommen ruhig zeigen, aber – plötzlich kehrte er um und umschlang mit beiden Armen den Hals des Negers. »Leb wohl, – Leb wohl!«

Er küßte das schwarze Gesicht und dann eilte er fort, so rasch als möglich. Die vier Indianer und der Jaguar saßen schon in ihren Sätteln.

»Es ist ja nur für fünf Wochen,« wiederholte er sich unaufhörlich,

»es ist nicht der Rede wert, und doch tut mir's weh –« Noch ein letzter Gruß mit der Hand, ein Winken und Nicken, das die regungslos dasitzenden Indianer heimlich spöttelnd beobachteten, und dann flogen die schnellen Tiere der Steppe zu, dann waren die Reiter in Staub gehüllt und die Zurückgebliebenen allein, ganz allein unter den Wilden.

Gottlieb drängte sich näher an Mongos Seite. »Du,« sagte er, »wir machen es jetzt so. Bis ein tüchtiger Haufe von Quarz losgebröckelt ist, arbeiten wir miteinander draußen, und dann wird auch das Zerklopfen im Zelte gemeinschaftlich vollzogen, nicht wahr?«

Mongo lächelte. »Auf diese Weise trennen wir uns nie,« versetzte er. »Schlau genug bist du, Bursche, – aber ein tüchtiger Kerl wie der Bob steckt nicht darin.« fügte er heimlich seufzend für sich hinzu.

Und wehmütig blickte er in die Richtung, wo langst schon von den Reisenden nichts mehr zu entdecken war.

Fort ging es im scharfen Trab der kleinen wohlgepflegten Mustangs über Kies und Grasflächen dahin. Das Dorf entschwand den Blicken, die gewohnte Umgebung blieb allmählich zurück, und immer neue Schönheiten der Landschaft entwickelten sich, eine aus der anderen. Zu zwei und zwei in gleicher Linie ritten die sechs Männer dahin, und wenigstens zehn Hunde umsprangen bellend und freiheitsjubelnd den kleinen Zug. Gesprochen wurde wenig, was im Grunde unserm Freunde sehr gelegen kam, da er zu viel zu denken hatte, um sich abziehen lassen zu wollen.

In den Augen des Schwarzen stand mit lesbaren Zügen, daß für ihn nach seiner festen Überzeugung der Abschied ein ewiger gewesen, – Robert wiederholte sich's hundertmal, aber eben so oft schüttelte er den Kopf. »Mongo hält mich für besser als ich bin,« dachte er. »Es ist mir unmöglich, jetzt schon der Freiheit zu entsagen, und wäre es nur, um im September nochmals diese Reise zu machen. Wenn die Wälder in bunten Schattierungen erglühen, wenn der Himmel doppelt hoch über der Erde zu stehen scheint und die Luft kühler geworden ist, dann sich nach Herzenslust im Freien bewegen, die höchsten Bergeszinnen erklettern, auf den angeschwellten, schneller dahinschießenden Strömen zu fahren und mit der Büchse im Arm das Wild zu beschleichen, – welche Götterlust!« –

»Nein, Mongo, nein, diesmal irrst du. Dein Freund kommt zurück, beladen mit den Schätzen der Zivilisation, die er denen des Naturzustandes vereinigen will. Ein neuer Anzug, Schießbedarf, Seife, ein paar gute Bücher und einige Geschenke für die Frauen, das wird sich ja aus den Goldkörnern herausschlagen lassen. Auch Zimmermannsgerät will ich kaufen, um Tische und Stühle zu fertigen und dem »Wigwam« einige feste Wände zu verleihen. Werden aber Schwarzkätzchen und Magnolienblüte und wie die braunen Dinger sonst heißen, ihre Augen aufsperren, wenn ich einen Spiegel mitbringe, Messer und Gabel und dergleichen. Vielleicht macht mich der Stamm mit der Zeit noch zu seinem Häuptling.« –

Und lachend, voll geschmeichelter Eitelkeit, trieb er das Pferd zu lustigen Sprüngen. Er wollte sie nicht hören, die heimliche Stimme in seinem Herzen, er wollte sich nicht gestehen, daß das, was er dachte, unvereinbar sei mit den Gesetzen der Vernunft und Sittlichkeit. Vorwärts, vorwärts, das Leben ist kurz und die Stunden des Glücks' sind karg bemessen, – auch nur eine freiwillig aufzugeben wäre Wahnsinn.

Er sprengte allen voran, und sein langes, lockiges, von keiner Schere mehr berührtes Haar flatterte im Morgenwind, seine Augen leuchteten, seine braunen Wangen ließen das Blut ebbend und flutend hindurchschimmern, er sah aus wie die Verkörperung der Jugend und Kraft.

Einer der Indianer, welcher neben dem Trapper ritt, beugte sich über den Hals des Pferdes zu diesem hinüber. »Weiß der Jaguar, was sein Bruder, der fliegende Pfeil, in diesem Augenblick dachte?« fragte er leise.

Der Trapper senkte den Kopf. Er verwandte keinen Blick von Roberts Gestalt. »Ich weiß es,« versetzte er in den tiefen Tönen der Comanchensprache, »die Gedanken des fliegenden Pfeiles sind auch die des Jaguars. Vor dreißig Jahren zogen deutsche Auswanderer, arme Goldsucher, von San Francisco her mit ihrem einzigen Pferde, mit Kindern und geringem Hausrat in die Minenstädte, welche damals erst entdeckt worden waren. Bei dieser kleinen Karawane befand sich ein junger Bursche, die Hoffnung seiner Eltern, ihre Stütze, ihr Trost, – ein Bursche, so voll Leben, so feueraugig und mutig wie dieser –«

Der fliegende Pfeil blickte zum Himmel hinauf. »Eine weiße Wolke segelte über die Wälder,« setzte er hinzu, »und ein Stern stand über der Hütte des roten Mannes. Der schlanke Bursche blieb bei den Comanchen, und als ihn seine Eltern aufforderten, mitzuziehen in das Goldland, als sie ihn verzweifelnd baten, nicht seine jungen, frischen Kräfte dem Unternehmen voll Gefahr und Schwierigkeiten zu entziehen, da war er taub für die Bitten der alten Leute – und sein erzürnter Vater fluchte ihm –«

Der Jaguar war blaß geworden unter der braunen Hautfarbe. »Die Welt wird alt und verjüngt sich neu,« sagte er wie zu sich selbst redend, »die Menschen bleiben die gleichen. Jetzt sind der fliegende Pfeil und der Jaguar Männer mit grauem Haar, und jener Jüngling, damals noch ungeboren, entflieht den Seinen, um frei in der Wildnis zu leben. Möge ihm der große Geist gnädiger sein, als er mir war.«

Der Indianer hob sich im Sattel und überblickte die Gegend. »Noch vor Einbruch der Nacht müssen wir das Grab der Kirschblüte erreicht haben,« setzte er hinzu.

Der Trapper nickte, und dann versanken beide wenig gesprächige Männer wieder in das frühere Stillschweigen. Wie unser Freund selbst, so mochten sie ganz ihren Erinnerungen leben, ganz mit den Bildern vergangener Tage beschäftigt sein.

Gegen Mittag wurde Halt gemacht und unter schattigen Bäumen eine Mahlzeit von kaltem Fleisch mit Maiskuchen eingenommen. Nach kurzer Rast brachen die Reiter wieder auf, um noch vor Abend ein Reh oder einen Hirsch zu schießen. Hier, wo alle jagdbaren Tiere in Hülle und Fülle lebten, wo niemand Herr und niemand Diener war, sondern jeder einzelne seiner Willkür gehorchen durfte, ließ sich der Tisch so leicht und angenehm auf Gottes grüner Erde decken, ruhte sich's wie in Abrahams Schoß, auf dem schwellenden Gras, welches weit und breit die Prärie bedeckte.

Mit Antilope und Schlangentöter voran, ging es in den stillen, tiefen Wald hinein; die Jäger stellten bald einen prachtvollen Sechzehnender, der schon nach kurzem Bemühen ihren Kugeln zum Opfer fiel, sie nahmen die besten Stücke heraus, beluden damit eines der Packpferde und suchten dann die versäumte Zeit durch schnelleres Reiten wieder einzubringen. Gegen Abend mußte eine Höhle der Sierra Nevada, wo des Jaguars Pelze lagerten, erreicht sein. Robert war zwar etwas zerschlagen und kreuzlahm, als er diesen ersten Tag eines dauernden, angestrengten Rittes hinter sich hatte, aber daran dachte er nicht weiter, denn ihm winkte ein neuer Genuß. Die Höhle des Jaguars sollte in Augenschein genommen werden.

Starr und zerklüftet, ohne allen Baumwuchs, erhoben sich hier die Felsen der Sierra Nevada aus dem grünen Moosboden hervor. Zur Rechten lag dichter Wald, zur Linken ragten die riesigen Felsmassen himmelhoch, unabsehbar ins Blaue. Kuppe nach Kuppe, Vorsprung nach Vorsprung türmte sich zum großartigen Ganzen, fast verwirrend schien die Majestät dieser Formen.

Der Trapper und der fliegende Pfeil, als die ersten im Zuge, machten Halt, und nun ging es an ein emsiges, rühriges Treiben. Es wurde ein Feuer entzündet, die Hirschkeule an den Spieß gesteckt und ein paar flache Steine glühend gemacht, um dazwischen die Maiskuchen zu backen. Nur ungern schienen sich die Indianer diesen Beschäftigungen zu unterziehen. Robert bemerkte aufs neue, wie sehr die rote Rasse alle Arbeit verachtet und unter ihrer Würde hält. Was sonst die Squaws taten, das mußten ihre Herren und Gebieter jetzt notwendig selbst verrichten, aber es geschah mit sichtlichem Widerstreben, obgleich der Trapper und Robert auf das eifrigste Hand ans Werk legten und mit dem besten Beispiel vorangingen.

Nachdem der leckere Braten verzehrt, legten sich die Rothäute neben ihren Pferden in das Moos. Sie schienen um keinen Preis diese träge Gewohnheit aufgeben zu können, das mochte der Jaguar wissen, weshalb er unsern Freund aufforderte, mit ihm das Lager von Pelzen und Büffelfellen in Augenschein zu nehmen.

Zwei derbe Kienspäne waren bald aus einer nahestehenden alten Tanne herausgehauen und an dem verglimmenden Küchenfeuer in Brand gesetzt, dann ging es durch die Felsengewirre vorwärts. Trotz des reichen Harzgehaltes verbreitete doch das grüne Holz einen sehr starken Qualm, so daß die ganze großartige Höhe der Steinwände erforderlich war, um die Luft einigermaßen frei zu halten. Schon nach der Wanderung von einigen Minuten hätte Robert den Rückweg unmöglich wiederfinden können. Bald breit, bald sich vollständig verengend, kreuz und quer liefen die Gänge im Innern des Felsens neben- und durcheinander her, bis endlich, vielleicht eine Viertelstunde von der freien Außenwelt entfernt, eine breite Höhle sich den Blicken der Wanderer zeigte. Von oben her fiel überall und auch hier von Zeit zu Zeit das scheidende Tageslicht durch die Spalten im Gefuge herein, und gleichzeitig konnte der Rauch freien Abzug nehmen, dennoch aber blieben die Ecken und Winkel der weiten Halle in Dunkel gehüllt, und der Eindruck des Ganzen war ein höchst abenteuerlicher, aufregender.

Der Jaguar hob die Fackel empor. »Hier siehst du die Schätze, welche sich dein Freund auf seinen Wanderungen durch Wald und Steppe zusammenträgt,« sagte er. »Schau hin, der Bär und der Wolf, der Coyote und der Büffel, der Panther und der Biber, alle haben ihr Kleid ausziehen müssen, um es dem Menschen darzuleihen. Morgen werden wir mit dem Ertrag des Winters die Packtiere beladen.«

Roberts Blicke folgten der angedeuteten Richtung. Ganze Haufen von Pelzen und Fellen lagen im Hintergrunde der Höhle auf- und übereinandergeschichtet, alles nach der Sorte geordnet, alles sauber getrocknet und zusammengelegt wie in den Schränken der sorgsamsten Hausfrau. Es schien aber auch der Stolz und die Freude des Trappers zu sein, obwohl sich sein Haupt noch tiefer als gewöhnlich auf die Brust herabneigte und das dunkle Gesicht so ernst aussah, so verändert und wehmütig.

»Vor dreißig Jahren hat der Jaguar in diesen Felsen gewohnt,« sagte er halblaut, wie außerstande, dem Verlangen nach Mitteilung zu widerstehen. »Hier brannte sein Feuer, hier ruhte er von den Anstrengungen des Tages, und hier – fiel auf ihn die Hand des großen Geistes, der nicht will, daß das Unrechte Frieden gebe.«

Die letzten Worte sprach er halblaut, und als Robert voll herzlicher Teilnahme fragte, weshalb er sich so düsteren Selbstquälereien überlasse, da schüttelte er den Kopf. »Ein anderes Mal,« versetzte er. »Die Augen des Jaguars müssen hell bleiben und sein Geist frei, – er darf sich von seinen Erinnerungen nicht beirren lassen.«

»Aber komm,« fuhr er fort, »der Jaguar will dir noch mehr zeigen.«

Robert folgte dem Voranschreitenden bis zum Ausgang der Höhle, deren Vorhöfe nach rechts und links in einzelne Gänge abzweigten. Einen dieser Wege verfolgend, gelangten die beiden Wanderer zu einem freien Raume, dessen weit geöffnete Decke den Abendhimmel mit seinen tausend funkelnden Sternen deutlich erkennen ließ, und dessen Boden mit weichem Moos bewachsen war. Zwischen den steinernen Wänden mußte durch irgend einen besonderen Zufall dies Plätzchen ganz frei geblieben sein. Von allen Seiten eng umschlossen, glich es einem großen Grabe, und das war es auch in der Tat, Robert sollte seine Ahnung bestätigt finden.

Eine Pyramide von losgehauenen Felsstücken und kleinen Steinen schmückte die Mitte des grünen Fleckchens, während Wucherpflanzen, alles überkletternd und umspinnend, mit tausend Ranken diesen ganzen Bau umzogen und halb verhüllten. Weiße Blumen, an langen, schilfartigen Blättern wachsend, neigten überall im leisen Abendwinde ihre Glocken, – ein Vogelpärchen, das hier genistet haben mochte, huschte eiligen Fluges davon.

Der Trapper blies die Fackeln aus. »Wir brauchen sie notwendig, um den Rückweg zu finden,« sagte er, »während uns hier die Sterne leuchten. – Sieh, mein junger Freund, unter diesem Stein schläft Kirschblüte, das Weib des Jaguars.«

Robert empfand kein Erstaunen. Er hatte sich das schon gedacht und wußte auch, daß mit dieser Angelegenheit noch ein besonderes Geheimnis verknüpft sein müsse, aber danach zu fragen wäre unzart gewesen, er schwieg daher und sprach nur einige teilnehmende Worte, indes der Trapper ein paar herabgefallene Steine wieder an ihren Platz legte und die Ranken darüber hinzog. »Der Jaguar hat seit dreißig Jahren diese Stätte behütet wie seinen Augapfel,« sagte er leise, »es ist sein Gotteshaus, er betet zum großen Geiste, so oft er hierherkommt, und der große Geist hört ihn. Des Jaguars Seele hat Frieden gefunden.«

Er strich wie liebkosend über die Ranken des sonderbaren Grabmals hinweg. »Komm,« sagte er dann, »du bist jung und ein guter Mensch, du willst das Richtige, ohne es begreifen zu können – wie wir alle – der Jaguar wird dir in Stockton seine Geschichte erzählen, damit du erkennen lernst, ob dich dein Weg zurückführen darf in den Wigwam des roten Mannes, oder ob du über das große Wasser ziehen mußt und den Zorn deines Vaters in Segen verwandeln.«

Robert errötete stark. »Hat dir Mongo von meiner Geschichte erzählt, Jaguar?« fragte er.

Der Trapper bejahte. »Du bist ein Kind,« setzte er hinzu, »und der Jaguar ist ein Greis, das gibt ihm das Recht, dich zu warnen. Aber komm jetzt, die Zeit für das, was dir dein Freund zu sagen hat, ist noch nicht erfüllt.«

Er entzündete aufs neue die Fackeln und führte dann durch das Gewirr verschlungener Wege seinen Gast mit sich bis vor den Ausgang des Felsens. Robert empfand etwas wie lebhaften Ärger. Der Trotz, welcher ihn so leicht ergriff und so verhängnisvoll beherrschte, regte schon jetzt wieder die Flügel. »Und wenn alle behaupten, daß ich notwendig abreisen müßte, – ich will's nicht,« dachte er. »Es ist doch immer dasselbe, sobald man mit alten Leuten verkehrt, sie wollen herrschen und der Jugend jegliche eigene Bestimmung über ihr Schicksal entziehen. Aber zu befehlen hat mir niemand, auch Mongo nicht, obgleich er große Lust verspürt, mich zahm zu machen! Ich will nicht nach Deutschland reisen, jetzt erst unter keiner Bedingung, gerade weil alles dazu drängt und treibt.«

Und mit diesem mannhaften Entschlusse legte er sich neben den übrigen aufs Ohr, um zu schlafen, während die Hunde Wache hielten. Er redete sich in einen Verdruß hinein, den er ganz künstlich selbst heraufbeschwor, um das eigene Bewußtsein zu ersticken. Was kümmerte es den Trapper, ob er mit seinem Vater in Frieden lebte oder nicht? – Aber er konnte versuchen, was er wollte, erreichen würde er nichts.

Noch nachdem alle übrigen fest schliefen, drehte unser ärgerlicher Freund rastlos den Kopf von einer Seite zur anderen. »Warum läßt sich die Zufriedenheit nicht erzwingen?« dachte er, »warum möchte ich alles beißen und schlagen vor Zorn, anstatt zu verlachen, was mir ein Mann sagt, dem ich nicht zu gehorchen brauche? Mir scheint, auch ein paar Wilde sind zu viel Gesellschaft, – man muß ganz in die Wälder flüchten, um dem Ärger zu entgehen.« Und seufzend fügte er bei: »Wenn man zuweilen vor sich selbst fliehen könnte, das wäre das beste.«

Er lag bis an den hellen Morgen und konnte keinen Schlummer finden. Fast unwillig begab er sich daran, die Vorräte aus der Höhle tragen zu helfen, und selbst die im hellen Tageslicht so wunderbar schönen, großartigen Wölbungen des Felsens vermochten ihm heute kaum ein halbes Interesse zu erregen. Seit er von Mongos beobachtenden Blicken getrennt war, hatte er sich so ganz frei gefühlt, hatte er gewissermaßen einen beständigen Wächter abgeschüttelt, aber siehe da, die Freude sollte von kurzer Dauer sein, denn der Jaguar wußte alles.

»Heimtückischer Mongo, das hast du mit ganz bestimmter Absicht getan, aber warte nur, es wird dir versalzen werden. Wenn du mich wiedersiehst, lache ich ins Fäustchen.«

Er packte, nachdem alle Felle hinausbefördert, mit Hilfe des Trappers die Tiere, und dann wurde, obwohl langsamer, die Reise fortgesetzt. Bis nach Stockton waren es noch etwa zehn Tage, also galt kein Zögern, da doch immerhin mit solchem Ritt durch eine unbewohnte und von Raubtieren bevölkerte Gegend gar manche Gefahr verknüpft ist, die möglichst rasch umgangen werden muß, zumal wenn die Reisenden einen Wert von wenigstens zweitausend Dollar mit sich führen.

Robert besorgte während der Reise fast täglich die Küche d.h. er schoß den Braten, und der Trapper bereitete ihn für das Mahl. Die Nächte wurden unter freiem Himmel verbracht, am Morgen in einem der zahllosen Nebenflüsse des San Joaquin ein erfrischendes Bad genommen, und die Zeit der stärksten Mittagshitze verschlafen, mit einem Worte, es war ein Dasein, wie sich's unser Freund in seinen verwegensten Träumen nicht schöner gedacht. Nur daß ihm die See fehlte, kostete so manchen heimlichen Seufzer, aber alles zumal konnte das Schicksal nicht spenden, und Freiheit und Jagdlust waren auch Güter, die sein Herz berauschten.

»Ich bleibe so lange es mir gefällt bei den Wilden,« dachte er, »und dann suche ich in San Francisco ein Schiff, – ich will leben, um glücklich zu sein.«

Mit dem Trapper hütete er sich, unter vier Augen zu sprechen, und als endlich die Umgebung der Stadt Stockton erreicht war, als man nicht mehr jagen konnte, sondern von den Farmern das Fleisch kaufen mußte, da hatte die Reise für ihn den hauptsächlichsten Reiz verloren. »So in einer Stadt leben könnte ich nicht,« dachte er, »nein, nein, entweder auf dem Wasser, oder oben in der Wildnis bei den Rothäuten. Ach, wie will ich mich freuen, wenn erst die Pferde wieder rückwärts gewendet worden sind, – welcher Spaß wird es werden, beladen mit hundert Kleinigkeiten zu den Comanchen zurückzukehren!« –

Er übersah fast geringschätzig die Blicke der Farmer, denen dieser Zug von Indianern und Tieren die größte Neugier einzuflößen schien. Nur wenn ein deutscher Ausruf sein Ohr traf, dann schoß ihm das Blut in die Schläfen.

»Wo es mir wohl ergeht, da ist mein Vaterland!« sagte er sich, aber dieser Trotz konnte ihn doch nicht wahrhaft beruhigen, und seufzend fragte er einmal über das andere den Trapper, wie lange man sich notwendigerweise in Stockton aufhalten müsse.

»Fünf bis sechs Tage,« lautete die Antwort. »Der Jaguar will nicht allein seine Felle verkaufen, sondern sich auch mit allen unentbehrlichen Bedürfnissen für die nächsten Monate versehen. Er braucht Schießbedarf, Stiefel und Feuerwasser, er muß sich ein neues Messer kaufen und den Squaws, die seinen Wigwam besorgen, ein Geschenk mitbringen. Hat der junge Weiße so große Eile, wieder zurückzukehren in das Lager der roten Männer?«

Robert bejahte äußerlich gelassen, obwohl ihm das Blut in die Wangen trat. »Jede Entscheidung,« dachte er, »bringt einen Zustand verhältnismäßiger Ruhe, – nur das beständige Auf- und Ab der widerstreitenden Strömungen ist unerträglich. Gott gebe, daß wir erst wieder im Gebirge wären.«

Auf diese Weise wurde endlich an einem glühend heißen Tage, Ende Juli 1870, die Stadt Stockton erreicht, und Robert sah nach Verlauf fast eines ganzen Jahres zum erstenmal wieder einen Hafen und einige kleine Postdampfer, welche auf dem San Joaquin fahrend die Verbindung mit San Francisco unterhalten. Es fanden sich Holzschiffe, Kähne und Boote aller Art, kurz ein Abglanz derjenigen Herrlichkeiten, welche in den größeren Seestädten Roberts Auge entzückt hatten, begegnete ihm auch hier und ließ sein Herz schneller schlagen.

»Ich könnte nach San Francisco fahren und dort das Geld auf die Post geben,« dachte er, und war schon im Begriff, den übrigen diesen Entschluß mitzuteilen, aber dann fiel ihm auch wieder ein, daß irgend welche unvorhergesehene Umstände die Rückreise verhindern möchten und er infolgedessen von seinen Gefährten getrennt werden würde. »Nein,« beschloß er, »ich will der Versuchung widerstehen. Die beiden, der Jaguar und Mongo, sollen durchaus sehen, daß ich ein Mann bin, aber kein Knabe, der sich befehlen oder beeinflussen läßt.«

Er begleitete also die übrigen in eine Herberge vor der Stadt, wo sie bereits von früheren Reisen her bekannt waren, und wo sich sogleich das Volk in Scharen sammelte, um, die roten Fremdlinge anzustaunen. Während die Indianer mit ihrem unzerstörbaren Gleichmute, ohne irgend jemand zu beachten, auf dem Hofe des Wirtshauses ihr Zelt aufschlugen, ihre Felle ausbreiteten und sich rauchend darauf ausstreckten, ging Robert durch die Straßen der Stadt, um einen Goldkäufer aufzufinden. Das Geschäft war bald beendet und eine Summe von nahezu fünfhundert Dollar in seinen Ledergürtel gewandert, nach deutschem Gelde also für Gottlieb und ihn selbst je dreihundert Taler. Diesen Hälftenanteil seines Freundes brachte er mit einem schnell entworfenen Brief, den natürlich Gottlieb unter den Comanchen nicht hatte schreiben können, zur Post, und erst als er auf diese Weise die fremde Angelegenheit pünktlich und ohne Zeitverlust geordnet, hielt er sich für berechtigt, der eigenen Wünsche zu gedenken. Den schicksalsschweren Brief an seinen Vater wollte er spät abends, wenn um ihn und in ihm ein wenig Ruhe eingekehrt war, mit aller Ruhe aufsetzen und jedes Wort darin genau abwägen, vor der Hand aber die Stadt besehen, und – er dachte doch mit einigem Vergnügen daran, – in einem anständigen Gasthause einmal wieder nach europäischer Weise zu Mittag essen.

Der Trapper unterhandelte mit einer ganzen Anzahl langbärtiger Juden, er ließ sie durcheinander schnattern, jedes Fell besonders ausbreiten und tadeln, um jeden Cent auf das angelegentlichste feilschen und über die schlechten Zeiten im allgemeinen bittere Klage führen, ohne von seiner Forderung das Allergeringste abzulassen. Höchstwahrscheinlich kannte er die Art dieser Geschäftsleute schon ganz genau, denn er schwieg zu dem, was sie sagten, als sei er stocktaub. Robert dagegen fühlte sich, nachdem er die Sache fünf Minuten lang mit angesehen, auf das widerwärtigste berührt; er fragte den Jaguar, ob er ihm in irgend einer Weise nützen könne, und als dieser dankend verneint, ging er fort, um ein Gasthaus zu suchen.

»Freiheit,« dachte er, »Freiheit, du hohe Göttin! – Nur auf dem Meer oder in der Wildnis bist du zu finden. Ach, wäre ich erst wieder da oben, wo glückliche, ahnungslose Naturmenschen leben, wo der Genuß echt und das Leid unbekannt ist!«

Fast sehnsüchtig sah er über den Fluß bis an die Grenze des Horizontes dahin. Blaue Berge zeichneten sich ab, in Duft und Nebel verschwammen die letzten Ausläufer.

»Bald!« dachte Robert, »bald!«

Und dann suchten seine Blicke die Schilder über den Haustüren, bis mächtig große, deutsche Buchstaben ihm entgegenschimmerten. Ein schwarz-weiß-rotes Band trug die Inschrift: »Zur deutschen Heimat,« und ein überquellend gefülltes Bierglas daneben vervollständigte die Lockung, welche ohnehin für jeden Sohn der Altmutter Germania eine unwiderstehliche sein mußte. Auch Robert, gewaltig angezogen, trat in die weite, saubere Vorhalle, wo große Fässer lagerten, und von da in den Speisesaal.

An wenigstens zehn Tischen saßen Kopf an Kopf die Gäste. Lautes Gespräch schwirrte dem Ankommenden entgegen, deutsche Ausrufe tönten überall, deutsche Zeitungen gingen von Hand zu Hand, und auf den ersten Blick ließ sich erkennen, daß irgend ein besonderes Ereignis die Gemüter in Aufregung versetzt haben mußte.

Robert beachtete das anfänglich nicht, sondern hielt sich bescheiden zur Seite und forderte nach sorgfältiger Durchsicht der Speisekarte eine Portion seines Lieblingsgerichtes, dem er tapfer zusprach, und nach dessen glücklicher Besiegung er eine deutsche Zeitung, womöglich eine hamburgische, verlangte. Vielleicht konnte er ja daraus von der Heimat irgend eine Neuigkeit erfahren.

Der Kellner zuckte die Achseln, »Wir nehmen, seit die Nachricht kam, von jedem Blatte sechs Exemplare,« antwortete er, »aber dennoch ist nie eins zu erreichen. Die Stammgäste halten sie fest, als wären es Heiligtümer.«

Robert blickte auf. »Welche Nachricht?« fragte er.

»Nun, die von der Kriegserklärung natürlich.«

Auf Roberts Gesicht malte sich das unverkennbarste Erstaunen, »Eine Kriegserklärung?« wiederholte er. »Wo ist denn Krieg?«

Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Sie kommen wohl aus den Goldminen,« antwortete er, »na, gleichviel, Sie werden schon genug davon zu hören bekommen. Uns – ich meine natürlich unserem Wilhelm in Berlin – ist von den Parlevous der Krieg erklärt und alles was deutsch spricht, marschiert an den Rhein, um die Grenzen zu schützen. Ja, wer jetzt drüben wäre, wer die Muskete auf den Rücken nehmen und es dem Erzfeind herauszahlen könnte, was er anno Dreizehn verbrochen, als Marschall »Wut« und General »Verdammt« das arme Deutschland marterten! – aber das sind fromme Wünsche, man muß in der Welt immer das, was man am wenigsten gern tut.«

Der Philosoph in der grünen Schürze entfernte sich mit seinen Tellern und Schüsseln und ließ unseren Freund in größter Aufregung zurück. Deutschland war von Frankreich der Krieg erklärt – und es wollte seine junge Einigkeit mit Blut und Eisen befestigen, wollte im Kampfe mit dem dritten Napoleon die Scharten auswetzen, welche des ersten Treulosigkeit und Verrat in Armins Schwert zurückgelassen, – das war ein kühnes, gewagtes Spiel, das hieß alles an alles setzen.

Robert fühlte, wie ihm das Blut heiß zum Herzen strömte. Fast ehe er selbst wußte, was er beabsichtigte, war er zu einer der Gruppen an den anderen Tischen getreten und hatte in deutscher Sprache gebeten, ihm von dem großen vaterländischen Ereignis womöglich mehr zu erzählen. Noch wußte er ja nichts einzelnes, sondern nur die Tatsache selbst.

Ein augenblickliches Stillschweigen folgte seinen Worten. Die angeredeten Herren musterten prüfend die Erscheinung des hübschen jungen Menschen. »Wahrhaftig,« sagte einer, »ich glaube, das ist ein Halbindianer. Wenigstens Mütze und Gürtel sind Comanchenarbeit.«

»Hallo,« rief der zweite, »kamt Ihr nicht heute früh mit noch mehreren anderen aus den Gebirgen herab? Ich denke, daß ich Euch wiedererkenne.«

Robert nickte. »Ihr irrt nicht,« versetzte er, »aber –«

»Alle Teufel, was tut Ihr denn bei den Rothäuten?« unterbrach der Frager. »Ein so junger Bursche kann doch unmöglich daran denken, Trapper zu werden?«

Die Adern auf Roberts Stirn schwollen höher an. »Ich glaube,« antwortete er nachdrücklich, »daß das meine Sache ist. Die Herren scheinen nicht geneigt, mir das, was ich zu wissen wünschte, mitzuteilen. Adieu also!«

Vom anderen Tisch herüber wurde ihm ein Bierglas gereicht. »Auf Deutschlands Sieg!« rief ein stämmiger Mann, dessen Äußeres deutlich den »Digger« verriet. Warst Wohl in Lenchi oder Idaho, was? Hast gute Beute gemacht und bist mit den Rothäuten hierhergekommen, um die teure Reise auf der Bahn zu sparen, denke ich.«

Robert, obgleich ihm vor Verdruß jeder Blutstropfen zitterte, nahm das dargebotene Glas und tat Bescheid. »Ich danke Ihnen, Sir,« sagte er. »Wirklich haben Sie das Richtige getroffen. Die Comanchen sind mir sehr liebe Freunde,

die meine vollkommenste Hochachtung besitzen.«

Mehr als einer der eifrigen Politiker lachte. »Es wollte auch niemand von uns die Rothäute beleidigen,« hieß es, »aber man wundert sich doch, von einem Weißen zu sehen, daß er gewissermaßen Kameradschaft mit den Farbigen macht.«

»Du,« rief wieder der Digger – »willst du jetzt nach Deutschland und den Franzosen besiegen helfen? Dann gehen wir miteinander.«

Dunkler Purpur färbte Roberts Wangen. »Ist es Wahrheit mit der Nachricht von einem bevorstehenden Kriege?« fragte er nochmals.

Nun endlich wurde ihm von allen Seiten Auskunft gegeben. Er nahm gedankenlos die Zeitung, welche man ihm reichte – sein erster Blick fiel auf den Erlaß des Kriegsministeriums in Berlin, bei allen Truppenteilen den Eintritt Freiwilliger zu gestatten.

Es wirbelte in seinem Gehirn, das Blut pochte in den Schläfen, – ein einziger Gedanke verdrängte alle übrigen. Das Vaterland rief mit lauter Stimme von Nord und Süd die waffenfähigen Söhne zum Kampfe, – der König erwartete, daß keiner, keiner von allen den Tausenden zurückbleiben werde, wo es galt, die Stätte, an der seine Wiege gestanden, vor Entehrung durch die Fremden zu schützen.

Drang nicht diese Stimme auch bis zu ihm? Rüttelte sie nicht mächtig und unwiderstehlich an den verschlossensten Pforten seines Inneren?

Deutschland in Not, Deutschland vielleicht ringend, zertreten von fremder, höhnender Übermacht, wehrlos preisgegeben das Land, welches ihn geboren, dem Sieger ohne Erbarmen, – und er, er, schwelgend in müßiger Ruhe, im Genüsse der Freiheit und des Wohllebens unter den Wilden, die doch auch ihre Streitaxt ausgruben und sie tapfer schwangen, sobald ein Feind die Grenzen bedrohte, – war das möglich? Ließ es sich auch nur denken?

Schamröte färbte seine braunen Wangen. Er wandte sich ab von dem Bilde des geschäftigen Müßigganges da oben in dem stillen, weltabgeschiedenen Dorfe der Comanchen, er erwachte mit plötzlichem Ruck aus dem geistigen Schlummer, welcher so lange seine Seele in Banden gehalten.

Aller Zwiespalt war vorüber, alle Zweifel gelöst. Es gab für ihn kein Ich mehr, keine persönlichen Interessen, keinen Trotz gegen seinen Vater oder gekränkte Eigenliebe, – das bedrohte Deutschland rief, und er mußte folgen, gleichviel um welchen Preis. Seine Blicke suchten den Goldgräber. »Ich gehe mit dir!« antwortete er fest.

»Bravo! Trotz deiner Jugend bist du ein ganzer Kerl. Komm, laß uns anstoßen.«

Die übrigen bestellten Wein, und alle Gläser klangen aneinander. Der Begeisterungsrausch, welcher damals ganz Deutschland ergriffen, widerhallte laut, wo sich an den fernsten Polen der Erde zwei Söhne des gefährdeten Vaterlandes begegneten. Man trank, bis die Köpfe erhitzt waren und einige Meinungsverschiedenheiten in handgreiflicher Form zum Austrag gebracht wurden. Robert, der nie einen Tropfen zu viel über seine Lippen kommen ließ, hatte sich rechtzeitig entfernt, um zunächst den Freunden mitzuteilen, daß jetzt die Trennungsstunde geschlagen, daß er mit dem morgigen Postdampfer nach San Francisco abreisen und sich von dort für Hamburg anmustern lassen werde. Seine Augen blitzten, als er sprach, seine ganze Gestalt schien sich höher aufzurichten. »Nicht wahr,« sagte er, »du begreifst das, Jaguar, du würdest es ebenso machen?«

Der Trapper fuhr mit der Hand über die Stirn. Er schwieg lange Zeit, während welcher er alte, trübe Erinnerungen zu bekämpfen schien. Die Nachricht Roberts mußte ihn offenbar sehr ergriffen haben.

»Komm,« sagte er endlich, »komm, der Jaguar will seinem weißen Bruder die Geschichte erzählen, von welcher er neulich schon gesprochen. Komm!«

Robert folgte ihm, und die beiden gingen langsam hinaus bis vor den Ort, wo endlich der Jaguar, als kein fremdes Ohr ihn hören konnte, dem anderen von seiner Jugend berichtete. Wir wissen aus dem Gespräch zwischen ihm und dem fliegenden Pfeil bereits, daß er derjenige war, welchen sein eigener Vater verfluchte, als er sich weigerte, ihn zu begleiten und das Indianerdorf wieder zu verlassen, aber mir wissen nicht, wie schrecklich der damals noch junge Mann vom Schicksal für diesen Ungehorsam bestraft wurde.

»Ich war verblendet,« sagte der Trapper, »ich hielt meine männliche Ehre für bedroht und fand Freude am Trotz gegen meinen alten Vater. Der fliegende Pfeil ging mit mir auf die Jagd, ich lebte in seinem Wigwam ohne Sorge und Arbeit, ich konnte tun was ich wollte, anstatt dem strengen Vater zu gehorchen und über jede, auch die kleinste Handlung Rechenschaft abzulegen. Das verlockte mich, zumal da dieser Streit zwischen ihm und mir keinesweges der erste war. Während ich die alten Leute weiter ziehen ließ, ohne mich um ihr Schicksal zu bekümmern, ging es mir selbst eine kurze Zeit lang vortrefflich. Ich heiratete Kirschblüte, die Schwester des fliegenden Pfeiles, und wohnte in den Felsen, wo sie begraben liegt, aber – nur für wenige flüchtige Wochen.

»Der große Geist hatte den Fluch des beleidigten Vaters gehört, er sandte das Verhängnis, welches ihn erfüllen sollte, er schlug das Auge des Jaguars mit Blindheit, daß er sein Liebstes nicht erkannte. – Drei Tage und drei Nächte hatte er den grauen Bären verfolgt, den gefährlichsten, blutdürstigsten der ganzen Gattung, drei Tage und drei Nächte lang hatte er nicht geschlafen und fast ohne Speise und Trank nur an das Raubtier gedacht, welches ihn wie der böse Feind zu necken und zu hänseln schien. Immer war es hinter ihm, er mochte gehen, wohin er wollte, immer entkam er, es mochte seines Zieles noch so sicher sein, der tödlichen Kugel.

»Aber gerade das reizte den Trotz des Jaguars. Er dachte an nichts mehr, als nur an diesen Bären, der den Felsen umkreiste, der beständig in der Nähe war und dessen er doch nicht habhaft werden konnte. Sein Blut strömte heiß durch die Adern, seine Ruhe war dahin, er schlief nicht eher, bis ihn die letzten Kräfte verließen und schon nach kurzer Frist taumelte er wieder empor, um das Raubtier zu verfolgen. Wenn er meilenweite Strecken zurückgelegt hatte und erschöpft auf das Moos des Weges sank, dann trabte hinter ihm gewiß der Bär und schien seinen ohnmächtigen Gegner verspotten zu wollen. Kugel nach Kugel pfiff harmlos an ihm vorüber – das Tier war offenbar gefeit.

»Zuletzt sah ihn der Jaguar in heller Mondnacht durch das Gebüsch kriechen, als er sich zufällig ganz in der Nähe seiner Höhle befand. Er schoß nicht, – es graute ihm bereits vor dem Klange der nimmer treffenden Büchse – aber er schlich nahe und näher heran, er wollte seinen Todfeind von Angesicht zu Angesicht sehen, und empfand das wahnwitzige Verlangen, Brust an Brust mit ihm zu ringen, ihm womöglich das Jagdmesser ins Herz zu stoßen und sich an seinen Qualen zu weiden. Lautlos schlich er heran.

»Der Bär zeigte sich in hellem Mondglanz nur für wenige Sekunden, er sah in des Jaguars Auge und dann verschwand er, als habe ihn die Erde verschlungen. Der Jaguar rührte sich nicht, er starrte nur immer auf die eine Stelle und wagte kaum zu atmen, aus Furcht, daß ihm sein Feind entgehen möge. Stunde nach Stunde verrann, die Einsamkeit und Totenstille der Umgebung drückten auf das Gehirn des Jaguars, aber er widerstand noch dem Schlafe, um immer nach jenem Gebüsche zu sehen, um im gleichen Augenblick, wo das Raubtier zurückkehren würde, ihm die Todeskugel in das Herz zu schicken.

»Und dann, –- dann kam das Verhängnis.

»Der Jaguar weiß nicht, ob er wenige kurze Augenblicke lang vielleicht geschlafen hat, er hörte plötzlich ein Knistern und Rauschen, er sah, wie sich's an jener Stelle hinter den Zweigen regte, und daß etwas wie grauer Pelz durch die Blätter schimmerte.

»Diesmal stand das Tier, er schien seinen Feind zu erwarten, er blieb auf demselben Platz, regungslos, wie der Jaguar selbst. –

»Wilde Freude schwellte des Jägers Herz, er hob lautlos die Büchse, – der Schuß krachte, daß ihn das Bergecho donnernd und widerhallend zurückwarf, aber – noch ein anderer schwacher Schall mischte sich hinein in das Getöse – –

»Es klang wie leises Wimmern aus Menschenbrust – –

»Der Jaguar taumelte auf. Eiseskälte rann über seine Glieder herab, das Blut schlug in stürmischen Wellen an sein Gehirn, er stürzte halb sinnlos zur Stelle, wohin er geschossen, und bog die Zweige auseinander – –

»Da lag Kirschblüte, das Licht seines Auges, sein junges, schönes Weib, und aus ihrer Brust strömten die roten Fluten über das Moos dahin. Nur zu sicher hatte diesmal des Jaguars Kugel das Ziel getroffen.«

Der Erzähler hielt inne, überwältigt von der Macht dieser schrecklichen Erinnerung, unfähig, seinem Zuhörer die Einzelheiten derselben zu schildern. Er stützte den Kopf in die hohle Hand und sah starr vor sich auf den Weg.

Robert versuchte kein Wort des Trostes. Was hätte auch gesagt werden können einem so vernichtenden Schmerz gegenüber? Aber er drückte voll herzlicher Teilnahme die Hand des schwer heimgesuchten Mannes. »War Kirschblüte tot, Jaguar?« fragte er nach einer Pause.

Dieser nickte. »Sie hat den Jaguar kaum noch erkannt,« fuhr er fort; »sie hat ihm nicht mehr erzählen können, weshalb sie dort in das Gebüsch gegangen, aber er weiß, daß sie ihn aufsuchen wollte, weil er während des ganzen vorigen Tages und der Nacht nicht nach Hause gekommen. Es war das Verhängnis, – der Fluch, welcher auf des Jaguars Haupt lastete.

»Und dann begann für ihn eine schreckliche Zeit. Die Comanchen wollten den Leichnam der erschossenen Kirschblüte nach Art ihres Volkes bestatten, das heißt im dichten Wald ein Gerüst aufschlagen, und dort den Körper, in Felle genäht, von der Luft zerstören lassen, aber der Jaguar verweigerte die Herausgabe seines toten Weibes. Da wo sie gelebt begrub er Kirschblüte nach der Weise des Christentums, in dessen Lehren er erzogen worden, und wenig kümmerte es ihn, was dazu die roten Männer sagten.

»Doch sollte die Strafe auf dem Fuße folgen. Der fliegende Pfeil grub die Streitaxt aus dem Boden, die Comanchen verfolgten den Jaguar wie ein reißendes Tier, das in ihre Hürden eingebrochen und ihnen ihr Eigentum geraubt. Er mußte in die Wälder flüchten, heimatlos, freundlos, er hatte kein Dach, das ihm Schutz gewährte, kein Feuer, an dem er sich wärmen durfte, und der Zorn des Ewigen schwebte über seinem Haupte. Einmal kam er in die Nähe einer Minenstadt, hungernd, frierend, ermüdet zum Sterben, – da sah er eine Hütte und in derselben ein Feuer, an dem Kinder spielten, wo der Rauch vom Bratspieß gen Himmel stieg, wo harmlose, zufriedene Menschen zu leben schienen.

»Es hatte geregnet, der Jaguar in seinen abgetragenen Kleidern war bis auf die Haut durchnäßt, er fühlte Fieber in den Adern und seine Füße bluteten, – schon wollte er sich der Hütte jener Goldgräberfamilie nähern und um einen Platz an ihrem Feuer bitten, da sah aus dem einzigen kleinen Fenster ein alter Mann. Das Haar war grau und das bleiche Anlitz von tiefen Furchen durchzogen, die Augen blickten düster und trübe – –

»Dieser Mann, den wenige Monate zum Greis gemacht, war des Jaguars Vater.

»Nahe, ganz nahe seiner Schwelle, stand der Sohn, dem er geflucht, ein Bettler in Lumpen, hungernd und frierend, eisig durchschauert vom Scheitel zur Sohle.

»Und dieser Sohn dachte an das Bibelwort von dem Verlorenen, der zurückgekehrt, an die Verheißung, daß dem Reuigen verziehen, werden soll, es stritten wilde, böse Mächte in seinem Herzen, aber der Trotz behielt den Sieg. Wäre er ein wohlhabender Mann und ein glücklicher Mensch gewesen, ja, dann hatte er mit tausend Freuden die Seinigen begrüßen können, aber zu ihnen, den Schwerbeleidigten, als heimatloser, fluchbeladener Bettler zurückkehren, sie bitten, ihre Hilfe in Anspruch nehmen? –

»Nie! -

»Er wandte den Schritt, er entfloh, wie von bösen Mächten verfolgt.

»Und Jahre vergingen, bis sein Trotz gebrochen war, bis er sich mit den Comanchen wieder aussöhnte und in ihrem Dorfe seinen Wigwam erbaute. Er hat das Antlitz des großen Geistes im Zorn gesehen und in der Versöhnung, er hat seine Stimme kennen gelernt in der Natur und in den Ereignissen, die ohne menschliches Dazutun aus den Wolken herab predigen. So wußte er auch, als sich seine und seines weißen Bruders Kugel im Fluge trafen, daß das ein Wahrzeichen sei und daß er einen Freund gefunden, dem die Kunde dessen, was er gesündigt und was er erlitten, als Warnung dienen könnte.

»Möge der junge weiße Fremdling des Jaguars gedenken, so oft ihn das heiße Blut zum Widerstand treibt, möge er sich allzeit erinnern, daß es ein anderes ist um die schnelle, trotzige Tat und um den langen, mahnenden Rückblick auf dieselbe.«

Er schwieg, und Robert drückte ihm tief erschüttert die Hand. Wieviel Reue barg das Leben, wie viele heiße Herzen waren der Versuchung erlegen, wie schwer hatten andere gebüßt und gesühnt, was sie gesündigt.

Er dachte an das stille, wellenumrauschte Grab an der Küste der kubanischen Insel. Auch dort ein Unglücklicher, dessen Bahn voll Dornen, dessen Seele wund bis zum Tode –

Und die Gestalten dieser beiden Männer, das melancholische Antlitz des Geistersehers und die hohe Erscheinung des Trappers, seine Züge voll Ruhe und Kraft, seine klare, vollbewußte Festigkeit – standen noch vor seinem Auge, als er längst mit den anderen in das Wirtshaus zurückgekehrt, als er zum erstenmal wieder in einem Bette schlief und wirre Bilder im Traume ihn umgaukelten. –

Am anderen Morgen nahm er Abschied von den Comanchen, denen der Trapper erzählt, um was es sich handle, und deren völlige Beistimmung er ihm ins Englische übersetzte. Sie alle begleiteten den Scheidenden bis an das Postdampfschiff, welches ihn nach San Francisco bringen sollte.

»Grüße Mongo und Gottlieb,« bat mit etwas unsicherer Stimme unser Freund, »und versprich ihnen Briefe von mir. Auch dir darf ich schreiben, nicht wahr, Jaguar?«

Der Trapper nickte. »Unter dem Namen des Wirtes, bei dem wir wohnen,« antwortete er. »Wenn ich im Herbst noch lebe, so erhalte ich dort den Brief meines jungen Freundes.«

»Gut also! und nun läutet die Glocke zum drittenmal, – leb wohl denn, Jaguar, lieber Jaguar, der du mir so viel Gutes getan, – leb wohl und herzinnigen Dank!«

Der Trapper trat, indes die Matrosen das Tau des Schiffes lösten, auf die Landungsbrücke. Er hielt noch immer Roberts Hand und sah ihm tief ins Auge. »Leb wohl,« sagte er in deutscher Sprache, »leb wohl, Kind, und der allmächtige Gott segne dich!«

Das Schiff begann sich zu drehen, die schrille Pfeife zerschnitt das Abschiedswort und die verschlungenen Hände lösten sich. »Hab Dank, Jaguar! Hab Dank!« –

Noch einmal grüßte der ernste Mann vom Lande herüber, noch ein Lächeln schwebte um die Lippen, welche nach dreißig langen Jahren das erste deutsche Wort gesprochen, gleichsam als Geschenk der milden, freundlichen Seele – und dann traten Alltagsgestalten dazwischen, dann sah Robert nur noch wie im Fluge die hohe, spitze Mütze und die schlanke Gestalt des Trappers. Als er sich auf die Zehenspitzen erhob, war alles verschwunden.

So schnell zerrissen das Band der letzten Monate, so ganz allein wieder unter Fremden, – das Gefühl war sonderbar wehmütig.

Aber dafür umgab ihn sein geliebtes Element. Er befand sich auf dem Wasser und hatte die Aussicht, jetzt in dieser, ihm am meisten zusagenden Welt sogar einem höheren Berufe folgen zu dürfen. Er sollte für sein teures Land kämpfen, Blut und Leben der geheiligten Sache widmen, – das tröstete ihn für alles.

Der Deutsche, welchen er gestern getroffen, befand sich ebenfalls auf dem Dampfer und wollte wie er zur Armee nach Deutschland gehen. Robert hatte also einen Reisebegleiter, mit dem er über Vergangenes und Künftiges sprechen konnte, einen Mann, der sowohl die Verhältnisse in den Minenlagern als auch aus früheren Jahren her die militärischen Angelegenheiten kannte. Es ließ sich vortrefflich mit ihm plaudern, bis der Dampfer die Suisunbai und die Pablobai durchschnitten hatte und in San Francisco landete. Da trennten sich ihre Wege, da der Goldgräber mit dem nächsten Dampfschiff nach Deutschland abging, während sich Roberts Angelegenheiten nicht ganz so schnell übers Knie brechen ließen. Unser Freund war, wie wir wissen, sehr sparsam, er wollte daher keineswegs als Passagier nach Europa fahren, sondern vielmehr bei Gelegenheit dieser Reise noch ein hübsches Stück Geld verdienen, um sich sogleich in Hamburg einen neuen Seemannsanzug zu kaufen und sowohl bei den Eltern, als auch namentlich bei dem Kriegsschiffskapitän, der ihn einstellen würde, einen möglichst guten Eindruck hervorzubringen. Er besaß überdies kein Stück Wäsche, sondern außer seinem Lederanzug nur noch das Taschenbuch des Spaniers mit der Nähnadel aus einer Fischgräte, – also mußte er vieles zusammenkaufen, um anständig erscheinen zu können.

Zunächst erstand er eine Seekiste mit festem Schloß und verbarg in derselben den Comanchengürtel; dann, nachdem dieser, welcher aller Blicke anzog, in Sicherheit gebracht war, versorgte er sich mit den nötigsten wollenen Unterkleidern, sowie neuen, derben Seestiefeln, zahlte den Betrag für einen vollständigen Anzug und weiße Wäsche noch außerdem ab, und rechnete dann heraus, was ihm in Hamburg zu Gebote stehen würde. Mit der Heuer, welche er zu verdienen gedachte, etwa zweihundert Taler, also nach Abzug des Betrages, den er seinem Vater schuldete, noch hundert Taler, – genug, um in Pinneberg nicht als Bettler aufzutreten und sich dort bei den Leuten in Achtung zu setzen.

Wie tausendfach segnete er im innersten Herzen den Trapper. – Durch die Hilfe dieses Mannes war er in den Stand gesetzt, würdig und mit berechtigtem Stolz, wie er es nannte, im Vaterhause wieder zu erscheinen. Der Jaguar hatte ja ganz dasselbe gefühlt, was ihn so unwiderstehlich beherrschte, er war lieber krank und hungernd in die Wälder zurückgeflüchtet, als daß er um Gnade gebeten hätte. Freilich, das nannte er jetzt eine große Sünde, das tat ihm noch in der Erinnerung weh, aber – –

Robert schüttelte den Kopf. Es war doch schön, sich unabhängig zu wissen und dem Vater sagen zu können: »Nur dein Segen ist es, den ich suche, Brot besitze ich selbst.«

Er wechselte das Geld in Banknoten um, packte es in die Brieftasche und diese selbst in die Kiste, dann aber machte er sich auf, um ein Schiff zu suchen, und schon am folgenden Tage war er unterwegs nach Hamburg.

Zwölftes Kapitel

Heimkehr

In Europa waren während dessen die ersten siegreichen Schlachten gegen Frankreich geschlagen worden. Robert ersah aus den Zeitungen, welche in England an Bord kamen, daß die deutsche Armee auf allen Punkten in Vorteil blieb, und sein Herz jubelte laut in der frohen Hoffnung, an diesem glorreichen Kampfe demnächst teilnehmen zu dürfen. Er träumte von schneller Beförderung, von ehrenvoller Auszeichnung, und daß sein Name in Pinneberg mit Stolz genannt werden würde; die Eitelkeit malte ihm ein glänzendes Bild nach dem andern, indes er mit rußgeschwärztem Gesicht und in dem Lederanzug aus Lenchi unten im Kohlenraum die Schaufel schwang.

Unser leidenschaftlicher Freund konnte sich wie wir wissen in alle äußeren Verhältnisse ohne Beschwerde fügen, er ertrug die Hitze und die enge Gefangenschaft des Aufenthaltes unter Deck, ohne sich jemals unglücklich zu fühlen, nur um des Zweckes willen.

Am Bord eines preußischen Kriegsschiffes dem Franzosen gegenüber zu stehen und sich mit ihm auf hoher See im zwiefachen Kampfe des trügerischen Elementes und des Nationalhasses zu messen, – Auge um Auge, Leben um Leben, – welch berauschender Gedanke!

Niemand von seinen Arbeitsgefährten kannte die Pläne, mit denen er sich trug, niemand beachtete den stillen, schweigsamen jungen Mann, der nur seiner Berufspflicht zu leben schien und in den wenigen Freistunden träumend auf das Wasser hinausblickte, immer mächtiger bewegt, immer ernster und bleicher, je mehr sich das Schiff den heimatlichen Gestaden näherte.

Jetzt war Helgoland in Sicht, dann Brunshausen und endlich Kuxhaven. Der Lotse kam an Bord, neue Siegesnachrichten verbreiteten sich unter den Passagieren und Matrosen, das Schiff lief in die Elbmündung, – es war Holsteins Küste, die dort in letzter Abenddämmerung den Blicken des jungen Mannes erschien. Tief erschüttert, feucht von innerer Bewegung, suchte sein Auge das geliebte Land.

Holstein, teurer Name! – er wiederholte sich hundertmal das Wort, er sah wie im Traume die grüne Küste, hinter der, nur so wenige Meilen entfernt, sein Elternhaus lag. Wie er es finden würde, das niedere, alte Dach, – und wie die Menschen darin?

Ein Schauer überlief ihn. Wenn der Vater unbeugsam blieb? Wenn er ihm die Tür zeigte und alle Leute es erfuhren, daß Robert Kroll im Elternhause ein Ausgestoßener war?

Knirschend preßte er die Zähne übereinander. Hastig warfen seine bebenden Hände im Koffer die Wäsche und das Wollenzeug beiseite, um jenes Taschenbuch hervorzuholen, das die Banknoten, seinen höchsten, einzigen Schatz, enthielt. Er befühlte jedes Papier, er atmete tief und erlöst, als ihm keines fehlte. Schlimmsten Falles konnte er seinen Aufenthalt in Pinneberg abkürzen, konnte an einem anderen Orte seine Einstellung in den Seedienst erwarten und den Leuten zeigen, daß er auf eigenen Füßen stand. Etwas beruhigt legte er die Brieftasche in die Kiste zurück.

»Jaguar,« dachte er, »Jaguar, wie danke ich dir. Du hast mir mehr geschenkt als selbst das Leben.«

Und von neuerwachter Festigkeit durchdrungen ging er wieder an die Arbeit, indes der Dampfer die Elbe durchlief und endlich am späten Abend in Hamburg vor Anker ging. Für die Nacht war an eine Ablohnung nicht zu denken und auch am folgenden Vormittag verzögerte sich dieselbe, da mit einem Teil der Mannschaft unterwegs Zwistigkeiten entstanden waren. Erst abends um sieben Uhr konnte Robert, nachdem sich sein silberner Schatz um vierzehn Taler vergrößert hatte, an Land gehen.

Mit welchen Gefühlen er aus der Jolle und die Treppenstufen hinaufsprang, das unterlassen wir zu schildern. Er empfand kaum volles Bewußtsein. Einige Minuten lang stand er im Menschenstrom am Hafen regungslos still, wie um es in sich erst wieder ruhiger werden zu lassen, dann aber er raffte sich auf und ging mit der Kiste auf der Schulter in das nächste beste Logierhaus, um dort sein Hab und Gut in Sicherheit zu bringen, wahrend er selbst neue Kleider und Wäsche kaufte und vor allen Dingen ein Bad nahm, um den Kohlenstaub gründlich von seiner Haut zu vertilgen. Als er wieder zurückkam, so nußbraun und frisch, mit dem kecken Bärtchen auf der Oberlippe, ganz in weiße Wäsche und den neuen kleidsamen Anzug gehüllt, da sah mehr als ein Auge mit unverkennbarem Wohlgefallen auf den hübschen, hochgewachsenen jungen Mann, der so zuversichtlich austrat und so unverkennbar in seinem ganzen Wesen zeigte, daß er unter Sturm und Drangsal aller Art die Übergangsperiode vom Knaben zum Jüngling zurückgelegt hatte.

Für heute war es zu spät, noch nach Pinneberg zu reisen, er mußte daher die brennende Ungeduld, welche ihn beherrschte, wenigstens äußerlich verbergen und so gut als möglich den Rest des Abends hinzubringen suchen, weshalb er in das anstoßende Gastzimmer ging.

Hier wogte Kopf an Kopf eine gedrängte Menschenmasse, die sich hauptsächlich um einige Fremdlinge scharte, von denen Robert auf den ersten Blick erkannte, daß sie französische Gefangene waren, Offiziersburschen, deren Gebieter in Privathäusern Zutritt gefunden hatten, und die man in nahegelegenen Wirtschaftslokale unterbrachte, um sie beständig sowohl zu überwachen als zur Hand zu haben.

Auch einer der Offiziere war zugegen, und zwar saß derselbe am Tisch, anscheinend ohne die lebhafte Unterhaltung der Gäste irgend zu beachten. Er schrieb zuweilen in ein Buch einige kurze Bemerkungen und dann durchlief sein Blick wie zufällig den Kreis der Umsitzenden, zu denen auch jene Gruppe von Bedienten gehörte.

Einer derselben mußte sich sehr langweilen. Er malte bald mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte, bald sprach er zu einem fast schwarzen Zuaven hinüber, bald zu dem Kellner, der ihn durchaus nicht verstehen konnte, und in den Zwischenpausen

zog er ein französisches Buch aus der Tasche, um einzelne abgebrochene Worte vor sich hin zu murmeln.

Die Stammgäste am Nebentisch besprachen indes lang und breit das Neueste vom Kriegsschauplatz, wo die Armeen der Deutschen standen, die Kriegsschiffe sich aufhielten, welche Küstenplätze man als bedroht ansehen müsse und wo die Gefahr am größten sei.

Robert beobachtete dies ganze Treiben, ohne demselben irgend ein Interesse abgewinnen zu können. Er wandte sich an den Wirt und fragte ihn, ob in dieser Gegend noch eine Schenke aufzufinden sei, deren Eigentümer Peter Volland heiße, und ob er ihm den Weg dahin genau bezeichnen könne.

Der Mann in Hemdsärmeln schien sich zu besinnen. »Peter Volland?« wiederholte er fragend. »Ach ja doch, nun Hab ich's, Peter Volland! – Der sitzt im Zuchthause, Herr!«

Ein plötzlicher, leiser Ausruf hinter ihm veranlaßte unsern Freund sich umzusehen. Es war ihm, als beuge sich jener Franzose, der so unruhig sprach, noch tiefer als vorhin auf sein Buch herab. Sonst bemerkte er nichts,

»Im Zuchthause?« wiederholte er gegen den Wirt. »Wie ist das möglich?«

Der Mann zuckte die Achseln. »Da passierte vor drei Jahren eine dumme Geschichte,« sagte er. »Es wurde in jenem Hause ein Seemann so schwer verwundet, daß er bald darauf starb, und bei der Gelegenheit kam denn so manches andere mit heraus. Volland hatte noch ein kleines Nebengeschäft als Seelenverkäufer, indem er Jungen vom Lande an allerlei Schiffe brachte, wo geschmuggelt wurde oder gar noch Schlimmeres, Sie wissen schon, – hohe Versicherung, Ladung von Steinen und ein Korallenriff, an dem der Schoner verunglückt. Was gemacht werden kann, wird gemacht, Volland hatte auch noch einen Mitschuldigen, aber der war nicht aufzuspüren.«

»Kerl,« hörte in diesem Augenblick Robert die Stimme eines der Gäste, »Kerl, ich glaube, du verstehst deutsch, – du lauerst auf das, was gesprochen wird!«

Eine Faust schlug derb auf die Tischplatte, einige Flüche folgten diesem ersten Ausruf, und unter den Gästen entstand eine allgemeine Bewegung, während welcher sich jener Offizier vom anderen Tisch unbemerkt entfernte.

»Dieser Kerl versteht deutsch, ich behaupte es,« rief der Gast, auf den mehrerwähnten Franzosen deutend, »er ist bei dem, was er sprechen hörte, bald rot bald blaß geworden.«

Roberts Blicke folgten der allgemeinen Richtung. Da saß der Offiziersbursche und schien unbekümmert zu lesen, wenigstens hielt er das bärtige Gesicht tief gesenkt, obgleich ganz offenbar seine Hände leise zitterten. Die übrigen flüsterten miteinander.

»Du!« rief der Wirt, des Mannes Schulter berührend, »du, verteidige dich, wenn du kannst, oder gib Rede und Antwort wie ein ehrlicher Kerl. Hast du verstanden, was gesprochen wurde?«

Jetzt mußte der Franzose aufblicken. Er tat es, aber nur flüchtige Augenblicke lang ruhte sein Auge auf dem Gesicht des Wirtes, dann kehrte es wie von unwiderstehlicher Macht angezogen zu demjenigen Roberts zurück. Etwas wie eine flehentliche Bitte schimmerte in den eingesunkenen Augen.

Robert erschrak, ohne zu wissen, weshalb. Wo hatte er dies Gesicht schon früher gesehen?

Der Franzose stammelte in seiner Sprache einige Worte, die niemand verstand, die aber einem Blitzschlage gleich unserem Freunde alles erklärten. Nachdem er die Stimme gehört, erkannte er den Mann.

Eine unwillkürliche Bewegung der Hand verriet vielleicht diese Entdeckung, ein Name trat auf die Lippen des jungen Mannes, aber der Blick jener bittenden Augen hielt ihn zurück. Robert konnte nicht zum Verräter werden, auch da nicht, wo ihm sein Widersacher, der Urheber so vielen Unglückes, der Dieb, welcher ihn bestohlen, gegenüberstand. Er dachte nur: »Georg! – Georg!« – aber er sprach es nicht aus.

Und der französische Gefangene las den edelmütigen Entschluß von der Stirne seines einstigen Opfers. Er sah dreister im Kreise umher, er fragte mit lauter Stimme, was man von ihm wolle.

Das Ganze hatte wenige Augenblicke gewährt, es war von niemand bemerkt worden und fand jetzt in Roberts Entfernung seinen Abschluß. Der Wirt schüttelte den Kopf. »Sie irren sich gänzlich,« beruhigte er den früheren Sprecher. »Dieser Mann versteht kein Wort.«

Um Roberts Lippen kräuselte ein Lächeln von Verachtung. So tief war Georg gefallen, daß er dem Landesfeinde diente? – Pfui, das verzieh er ihm weniger als den Diebstahl, zu welchem ihn damals die bittere Not getrieben haben mochte.

Er ging hinaus und verschaffte sich durch einen weiten Spaziergang bis an die Tore von Altona wieder ruhigeres Blut, er dachte nach über die ernste Lehre, welche ihm dieser Abend eingebracht und daß es doch wahr sei, doch wahr, was ihm so viele Stimmen gepredigt, die er alle in den Wind geschlagen, daß jede Schuld auf Erden ihrer Strafe entgegenreift.

Peter Volland im Zuchthause, Georg ein Kriegsgefangener, der sein Vaterland und seine Sprache Schimpfes halber verleugnen mußte, und endlich – er selbst?

Was erwartete ihn vielleicht zu Hause in Pinneberg?

Er beschloß, es zu ertragen wie ein Mann und sich nichts zu vergeben, auch selbst dem Vater gegenüber. Je näher der Augenblick des Wiedersehens heranrückte, desto stärkere Herrschaft erlangte der Trotz, mit welchem er sich auf sein Geld berief.

Wieder in das Logierhaus zurückgekehrt, legte er sich sogleich ins Bett und wollte womöglich die ganze Zwischenzeit bis zur morgigen Abreise ohne Unterbrechung verschlafen. Aber schon nach fünf Minuten wurde er durch einen unerwarteten Besuch gestört. Im Türrahmen stand Georg, mit falschem Bart, wie unten in der Gaststube, aber ohne die kecke Haltung und das angenommene Wesen des Franzosen. Er wagte, gleich einem armen Sünder, keinen Schritt über die Schwelle.

Unser Freund, der eben die Lampe verlöscht und sich aufs Ohr legen wollte, unser gutmütiger Freund sah das eingesunkene blasse Gesicht des ehemaligen Seilers, die ganze geknickte Haltung und das Beschämende seiner Lage, – er vergaß einen Augenblick alles andere, stand wieder auf, warf einige Kleider über sich und zog den Unglücklichen bei der Hand ins Zimmer. »Nun,« sagte er, »Georg, was willst du von mir?«

Der Gefangene sank erschöpft auf den nächsten Stuhl. »Robert,« bat er, »willst du mein Geheimnis bewahren? Und – und hast du mir verziehen? Sieh, damals –«

Robert unterbrach den angefangenen Satz. »Laß das gut sein, Georg,« versetzte er. »Ich denke nicht lange an Beleidigungen, die mir persönlich zugefügt werden, ich habe dir alles verziehen, nur nicht, daß du, ein Deutscher, den Franzosen dienst. Das muß dich in den Augen jedes Ehrenmannes unauslöschlich beschimpfen.«

Dunkle Glut schoß über das fahle Gesicht des Seilers. »Ach, du,« stammelte er in kläglichem Tone, »rechne mir das nicht so sehr hoch an. Ich erwarb mein bißchen Brot als Diener des Franzosen, mit dem ich nun in Gefangenschaft geraten bin, – nun, und da kam der Krieg, aber ich habe nie gegen Deutschland gefochten, könnte es ja auch des lahmen Fußes wegen schon gar nicht. Wie unglücklich ich bin, davon machst du dir keinen Begriff.«

Roberts freundliches Herz hatte längst allen Groll vergessen. »Nun,« antwortete er, »das läßt sich als Entschuldigung freilich hören. Warum bist du denn nicht mehr Seiler?«

Der andere seufzte schmerzlich. »Meine Gesundheit erlaubt keine Anstrengungen,« versetzte er. »Ich spucke Blut, die Meister nehmen mich nicht mehr in Arbeit.«

»Du armer Kerl! – Man soll doch nie nach dem Schein urteilen.«

Und Robert schloß die Seekiste auf, nahm aus dem Taschenbuch eine Banknote von zehn Talern und drückte dieselbe in des ehemaligen Seilers Hand. »Jetzt geh, Georg,« sagte er freundlich, »laß uns nicht miteinander gesehen werden. Wenn das rohe Volk, welches hier im Hause verkehrt, den Deutschen in dir entdecken sollte, so wärest du höchst wahrscheinlich vor Mißhandlungen nicht sicher. Mir für meinen Teil darfst du vollkommen vertrauen. Gute Nacht!«

Der Seiler hatte widerstrebend das Geld genommen. Robert sah nicht den tückischen Blick der eingesunkenen Augen, er hörte nicht, wie jener, nachdem er scheinbar demütig gedankt und sich nach einem kurzen Lebewohl entfernt, – draußen einen Fluch in sich hineinmurmelte. Daß Robert nur noch der verzeihende, großmütige Mensch war, aber keineswegs der Freund von ehemals, daß er Barmherzigkeit übte, aber ohne mit dem Dieb und Überläufer eine fernere Gemeinschaft zu wünschen, – alles das sah er ganz deutlich, und aus seinem häßlichen Gesichte sprach ein wilder, boshafter Haß. »Pinsel,« murmelte er in den Bart, »alberner Narr, der doch alles was er geworden ist, mir verdankt. Hat Geld in der Brieftasche, viel Geld sogar, – pah, darauf pocht er und glaubt mich beschimpfen zu dürfen, aber er wird schon sehen, wie weit ihn sein Weg führt –« Er nickte mehrere Male vor sich hin, als wolle er sich einen gefaßten Entschluß recht bestimmt einprägen, und dann verschwand er hinter der Tür seiner Kammer, die nur angelehnt wurde.

Unten im Gastzimmer schwieg allgemach der Lärm, die Türen wurden verriegelt, das Gas ausgedreht, und alles versank in tiefste Stille. Jedermann schien zu schlafen, selbst auf den Straßen war nur noch der Nachtwächter zu hören.

Ins Fenster hinein schien der Mond durch die Spalten herabgelassener Vorhänge, hüpfend tanzten die Schatten durch das Zimmer dahin, und geisterhaft lautlos drehte sich die Tür in ihren Angeln, ganz langsam, Zoll um Zoll, leise und heimlich wie eine Schlange.

Eine Gestalt huscht herein, auf leisen Sohlen schleichend, unhörbar, – sie kauert neben Roberts Kiste, – ein Knirschen, kaum wahrnehmbar, ertönt, es rauscht wie welke Blätter im Wind. – –

Der Mond versteckt hinter einer Wolke minutenlang sein lächelndes Antlitz, ein Seufzer der Befriedigung stiehlt sich aus schweratmender Brust – –

Und eben so lautlos fällt die Zimmertür ins Schloß zurück.

Am folgenden Morgen steckte Robert nur die Brieftasche zu sich, machte aus einigen unentbehrlichen Wäschestücken ein Bündel, ließ die Kiste in der Obhut des Wirtes zurück und fuhr mit dem Frühzug nach Pinneberg. Er hatte sich auf dem Vordersitz den Platz am Fenster erwählt und lehnte nun mit der Stirn am Holzwerk, um die Landschaft zu überblicken. Von fünf Minuten zu fünf Minuten tauchte immer mehr Bekanntes, Altgewohntes aus dem Einerlei der Torfmoore und Heideflächen empor. Zuerst Eidelstädt, dann der kleine, bescheidene Turm von Rellingen, wo er konfirmiert worden, wo er vom Chor herab mit Gottlieb und den anderen Schulgenossen so oft gesungen, wo er das Abendmahl erhalten und als der Beste aus der öffentlichen Prüfung hervorgegangen war.

Das Bild des Sonntagsgottesdienstes im stillen Dorfe entrollte sich unbewußt vor seinen Blicken. Er sah die Decke der Kirche mit Engelchören und Blumengewinden, sah die andächtige Gemeinde und die Sonnenstrahlen, wie sie spielend über das Altarbild dahinglitten. Er hörte die Stimme des Kantors und seine eigene und die rauschenden Orgelklänge – –

Jetzt nur noch über die Brücke, dann verdunkelte sich in der engen Umgebung von Bäumen der helle Sommertag, die altbekannte Signalglocke unter dem Torweg wurde gezogen, und langsamer, immer langsamer drehten sich die Räder.

Roberts Herz schien still zu stehen. Als sei er hier gestern zuletzt gewesen, so unverändert war die ganze Umgebung, so altgewohnt die Menschen und Dinge ringsumher. Konnten wirklich drei lange Jahre verflossen sein, seit er heimlich in sturmdurchtobter Herbstnacht von hier fortging, dem Ungewissen Schicksale entgegen? Hatte er fiebernd, einsam unter glühendem Himmel auf tropischem Sande dagelegen, bewußtlos und todkrank; hatte er unter Räubern gelebt und das Heidenopfer in der Eiswüste des höchsten Nordens zum Himmel emporsteigen sehen, hatte er träumend im Vollgenusse eine kurze Zeit lang unter den Comanchen verbracht, jagend und im leichten Spiel das rote Gold erwerbend, von guten Menschen umgeben, fraglos glücklich – seit er diesen Fleck Erde verließ?

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »So wahr mir Gott helfe, das ist Robert, der durchgebrannte Robert!«

Robert sah aufschreckend in ein wohlbekanntes Gesicht. Der junge Mann in der Uniform der Bahnbeamten, einige Jahre älter als er selbst, war auch ein Schulkamerad und im Augenblick natürlich voll Neugier, über die Abenteuer des Ausreißers alle erdenklichen Einzelheiten zu vernehmen, aber Robert schüttelte den Kopf. »Später, Emil, später,« preßte er hervor. »Ich bleibe einige Tage lang hier und werde auch dich besuchen. Jetzt sag mir nur –«

Er konnte nicht weiter sprechen, aber der andere half gutmütig ein. »Ob deine Eltern leben? meinst du. Darüber beruhige dich, sie sind gesund und wohl.«

Robert drückte herzlich die dargebotene Hand seines Schulfreundes. »Ich danke dir, Emil. Und frage jetzt nicht weiter. Ich kann nichts Ruhiges überlegen, bevor ich mit meinem Vater gesprochen habe.«

Emil zuckte leicht die Achseln. »Soll ich zuerst hingehen, du?« fragte er gutmütig. »Soll ich die erste Bresche schießen?«

Robert ermannte sich gewaltsam. »Auf Wiedersehen, Emil, – tausend Dank, aber ich muß das selbst tun. Leb wohl!«

Er drehte sich ab und ging quer durch das Gehölz, um womöglich nicht so häufig erkannt zu werden. Je eher sich die Sache entschieden hatte, desto bester.

Jetzt tauchten die Umrisse des Elternhauses vor seinen Blicken empor, dann sah er weiße Wäsche auf der Leine und das Traubengeländer an der Giebelwand. Vor der Haustür im Sonnenschein lag ein grauhaariger, alter Hund – Pickas! –

Er hatte es unbewußt laut ausgesprochen, das letzte Wort, er war schneller hinzugesprungen und fing in seinen Armen das Tier, welches mit allen Anzeichen von Hundeliebe und Hundefreude auf ihn zustürzte, an ihm emporzuspringen versuchte, seine Hände und sein Gesicht leckte und sich dann wieder winselnd und jubelnd ihm zu Füßen warf.

»Pickas!« sagte er halblaut, »Pickas!«

Von der Tür her tönte ein halberstickter Schrei. Da stand mit ausgebreiteten Armen, weinend und lachend das Mütterchen, da sah Robert in die Augen, welche seinen ersten Schlummer behütet, sein erstes Lächeln erspäht, und alles vergessend, stürzte er sich an die Brust der schluchzenden, alten Frau. »Mutter,« stammelte er nur, »meine liebe, liebe Mutter!«

Minuten vergingen, ehe eines von beiden seine Sprache wiederfand, dann sah die alte Frau ängstlich zur Tür des Wohnzimmers, »Robert,« flehte sie, »Robert, mein Herzenskind, sei recht demütig! Tu' einen Fußfall, mein Junge, damit er dir vergibt.«

Es wehte wie ein kalter Hauch über Roberts Herz hin. Seine Stirn umwölkte sich, seine Lippen preßten sich aufeinander. »Mutter,« sagte er mit einem tiefen Atemzug, »das verstehst du nicht. Aber laß mich mit dem Vater sprechen – je eher, desto lieber. Auch von dir muß ich noch erfahren, was du mir nach Lenchi hin nicht geschrieben. Was war es, liebste Mutter? Ich habe die halbverständlichen Anspielungen auf etwas, was du mit deinem Erbteil freundlich und liebevoll ausgleichen wolltest, wahrhaftig niemals deuten können.«

Die arbeitsharte Hand der alten Frau hob sich mahnend empor. »Robert,« sagte sie mit leisem, bittendem Tone, »mein Robert, sei nicht so verstockt. Wenn du gegen den Vater in diesem Tone auftreten willst, dann geht die Sache nimmer gut,«

»Ach Gott,« setzte sie erschreckend hinzu, »ach Gott, da kommt er selbst.«

Die Tür des Wohnzimmers öffnete sich, und auf der Schwelle erschien Meister Kroll, den das laute Gebell des Hundes und das Gespräch auf dem Flur neugierig gemacht hatten. Bei dem unerwarteten Anblick seines Sohnes, den er augenscheinlich sogleich erkannte, wurde der alte Mann blaß wie eine Leiche. Taumelnd, mit bebenden Lippen lehnte er sich gegen den Türpfosten. – kein Wort des Willkommens begrüßte den heimgekehrten Sohn.

Frau Kroll wandte sich stehend mit gefalteten Händen von einem zum anderen. »Vater,« sagte sie schluchzend, »Robert, – ach Gott, gebt euch doch ein gutes Wort!«

Robert streckte die Rechte dem alten Manne entgegen. »Willst du mich in deinem Hause nicht als dein Kind willkommen heißen, Vater?« klang es kaum verständlich von seinen Lippen. »Willst du mir nicht den unüberlegten Knabenstreich verzeihen?«

Aber der Alte ließ seines Sohnes Hand unbeachtet. Er schüttelte grollend den Kopf. »Ist das die Sprache eines zerknirschten Herzens?« fragte er. »Darf ein ruchloses Verbrechen verziehen werden, ohne –«

Robert unterbrach ihn mit lauter Stimme. Totenblässe bedeckte im Augenblick das braune Gesicht, die Augen stammten, der Atem keuchte und die Hände waren geballt. Die ganze wilde Leidenschaftlichkeit seiner Natur trat zutage. »Was sagst du?« zischte er, indes sich die geängstigte alte Frau laut weinend zwischen den Mann und den Sohn warf, »was sagst du? – Auch mein Vater darf mich nicht ungestraft beschimpfen!«

Der Alte lachte spöttisch. »Hättest am anderen Ende der Welt bleiben sollen,« versetzte er, »hättest vor dem Hause deines Vaters, der sich immer noch berechtigt hält, dich mit der Elle zu züchtigen, mindestens so viel Achtung bewahren können, daß du es mit deiner Gegenwart verschontest. Jetzt geh, – die Krolls hielten niemals Gemeinschaft mit Dieben!«

Das fürchterliche Wort, das eine unter allen, welches nicht verziehen wird, war gesprochen, und es schien, als habe es die ganze Angelegenheit plötzlich beendet, als sei jede weitere Frage abgeschnitten; und alle Heftigkeit, alles Anteilnehmen zu Eis erstarrt. Beide totenbleich, unnatürlich ruhig, sahen Vater und Sohn einander ins Auge. Nur die Mutter hatte das Gesicht mit der Schürze bedeckt und betete laut, daß Gott Barmherzigkeit üben möge.

»Du und ich,« begann nach längerer Pause der Sohn, »du und ich sind seit dieser Stunde für immer geschieden, Vater, zuvor aber will ich dir mit Zins und Zinseszins jene Summe zurückzahlen, die ich damals, um mich auszustatten, aus deiner Kasse nahm. Etwa sechzig Taler waren es, wogegen du deren hundert von mir als Ersatz erhältst. Damit bist du hoffentlich bezahlt, sollte das jedoch nicht der Fall sein, so stelle ich dir für den Rest einen Wechsel aus.

»Vater im Himmel,« schluchzte die alte Frau, »behalte ihm die Sünde nicht.«

Robert legte die Hand auf ihren gesenkten Scheitel. »Stille, Mutter,« sagte er ruhig und kalt, »stille – auch dein Sohn ist ein Mann.«

Er wollte bei diesen Worten das Taschenbuch hervorziehen, aber der Alte hielt ihn zurück. »Einen Augenblick,« sagte er gebieterisch. »Laß die Komödie mit den sechzig Talern, du machst dich dadurch nur noch immer verächtlicher. Aber sag, wo du vor drei Jahren die Schmucksachen deiner Mutter verkauft hast, damit ich versuche, ob möglicherweise eines oder das andere wieder zu erlangen ist.«

Robert stand sprachlos. »Die Schmucksachen meiner Mutter?« wiederholte er.

»Ja. Die du zugleich mit den tausend Mark, – nein, nur neunhundertdreiundsechzig – welche der Geldkasten enthielt, gestohlen hast.«

Robert sah von seiner Mutter zu dem Alten und wieder zurück. »Ich?« fragte er, »ich? Wer behauptet solchen Wahnsinn?«

Die alte Frau faltete in ausbrechender Freude ihre Hände. »Vater, Vater,« rief sie jubelnd, »siehst du denn noch nicht, daß er unschuldig ist?«

Meister Kroll schien sie nicht zu hören. »Sag mir, wo du die Gegenstände verkauft hast,« wiederholte er.

»Ich weiß von alledem nichts, ich habe keinen Wertgegenstand, habe nicht mehr als sechzig Taler genommen und diese will ich zurückstellen.«

Robert sagte es mit dem festen Tone der Wahrheit, aber doch durchblitzte ihn im gleichen Augenblick ein Verdacht, der zu nahe lag, als daß er ihn hätte übersehen können. Hohe Röte flammte in seinem Gesichte, er sah nicht auf, er schien in der Tasche das Buch nicht zu finden.

Sollte Georg den Diebstahl begangen haben? Sollte doch, wenn auch er selbst von der Sünde ganz rein war, der Verbrecher durch seine Schuld in das Haus gekommen sein?

»Sieh, Mutter, sieh, wie er zittert und errötet,« sagte im schmerzvollen Tone der Alte. »Ist das die Sprache der Unschuld, arme Frau?«

Robert wollte nicht mehr antworten, sondern erst den ehemaligen Seiler zur Rechenschaft ziehen, bevor er über diese Angelegenheit auch nur ein einziges Wort weiter sprach. »Es ist gut, Vater,« sagte er kalt, »bleib einstweilen bei deiner Meinung. Ich reise noch heute nach Hamburg zurück, und wohne dort wo meine Kiste steht, Vorsetzen No. 1000, im richtigen Ankergrund. Betrachte mich, wenn ich dein Haus nicht wieder betreten kann, um mich zu rechtfertigen, als tot, denn dann sehen wir einander im Leben nie wieder. Einstweilen aber ist hier dein Geld.« –

Er hatte während dieser Worte das Taschenbuch hervorgezogen und auseinandergeschlagen. Im Begriff, die Banknoten herauszunehmen, sah er, daß es vollständig leer war.

Ein Schrei von seinen Lippen unterbrach die tiefe Stille. »Mein Geld!« rief er, »mein Geld! – O, Gott im Himmel, ich muß bestohlen worden sein.«

Meister Kroll sah ihn halb traurig, halb verächtlich an. »Laß die Possen,« sagte er kalt, »laß die Possen und bitte ehrlich und demütig, wie es sich für dich geziemt, um Verzeihung, – dann soll sie dir zuteil werden.«

Auch die Mutter rang ihre Hände. »Robert, Robert, um Gotteswillen, gib ein gutes Wort. Gestehe die Wahrheit, mein armes Kind, mehr verlangt ja der Vater nicht!«

Robert knirschte mit den Zähnen. »Vater,« rief er, »du glaubst mir also nicht? Du denkst wohl gar, daß auch meine Behauptung, das Geld gehabt zu haben, eine Lüge war?«

Der Alte nickte. »Lüge, wie alles, was du sagst. Wer stiehlt und seinen Eltern den Gehorsam kündigt, weshalb sollte der nicht lügen?«

Robert kehrte sich erbleichend ab. »Es ist gut, Vater,« sagte er. »Es ist alles zu Ende. Ich gehe von Hamburg aus, wohin ich mich freilich zunächst begebe, gradewegs in den Krieg, und wünsche, daß mich die erste Kugel treffen möge, damit mir mein Vater verzeihen kann, was ich niemals verschuldete. Und für die Stunde, welche vielleicht noch diesseits des Grabes die ganze Sache in ihrem wahren Licht zeigt, nimm heute schon meine Vergebung. Leb wohl!«

Er küßte seine schluchzende Mutter, steckte das Taschenbuch wieder zu sich und ging mit festen Schritten aus der Tür, ohne im Elternhause weiter als bis auf den Flur gekommen zu sein. Nur der Hund wollte ihn begleiten, nur diesem mußte er wie damals mit strengem Tone befehlen, ihn allein hinausziehen zu lassen in die Fremde.

Die helle Herbstsonne schien auf die stillen Dächer, einige Sperlinge hüpften über die Straße und Kinder spielten, wie überall, wo Menschen leben und – leiden.

Robert stand draußen, die Tür seines Elternhauses hatte sich für ihn auf immer geschlossen, der Traum einer Aussöhnung mit dem greisen Vater war dahin und eine entsetzliche Öde bemächtigte sich seines Herzens. So hatte der Jaguar gefühlt, als er in die regennassen Wälder hungernd und krank zurückfloh, so war Mohr durch das ganze, lange Leben gegangen, ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Es lief ihm eiskalt über den Rücken herab. Zum erstenmal war er gebrochen an Leib und Seele. Ohne alle Mittel, verfolgt von dem Zorne des Vaters, ungerecht beschuldigt und freundlos – wozu sollte er noch leben?

Mongos schwarzes Gesicht erschien vor seinen Blicken. – Ach, hätte er ihn in seiner Nähe gehabt, hätte er dem Neger vertrauen können, was das Herz zum Sterben schwer belastete.

Langsam ging er weiter. Überall saubere Gärten und helle Fenster, überall jener Wohlstand, den das gesegnete Holstein in seinen Landgegenden durchweg aufzuweisen hat. Er sah die beladenen Ackerwagen, das wohlgepflegte Vieh und die netten Gehöfte, sah Menschen bei der Arbeit, die sie einfach und redlich nährte, und fühlte, daß es wie eine kalte Faust an sein Herz griff.

Das alles hatte er verscherzt auf immerdar.

Aber fort, fort von hier, wo es Menschen gab, die ihn kannten. Sollte auch jemand erfahren, daß er das Haus seines Vaters nicht mehr betreten durfte?

Fast laufend durcheilte er, nachdem ihm einmal dieser Gedanke gekommen, den kleinen Ort, dabei unwillkürlich die Straße nach Hamburg verfolgend. Er war ohne einen Groschen, also blieb ihm nur übrig, den Weg zu Fuß zurückzulegen und vor allen Dingen erst einmal mit dem Seiler Abrechnung zu halten, dann freilich mußte die Seekiste verkauft werden, um nur das Allernotwendigste zum Leben zu erlangen, und darauf wollte er sich bei dem nächsten besten Reservebataillon einstellen lassen, um wenigstens, da er kein Kriegsschiff erreichen konnte, dem bedrohten Vaterlande doch nach Möglichkeit zu dienen.

Aber alles das wiederholte er sich, wie man wohl dem Gedächtnis eine Sache einprägt, die uns ganz kalt läßt. Er war zerschlagen an Leib und Seele, selbst die Vaterlandsliebe, die er bisher so lebhaft empfunden, schien wie ausgestorben.

Die Sonne versengte ihm das Hirn und erregte einen qualvollen Durst, den er nicht befriedigen konnte, die Füße versagten schon jetzt bei Beginn der Wanderung den Dienst und am Himmel zog ein schweres Gewitter herauf.

»Möchte mich der Blitz treffen!« dachte der unglückliche, junge Mensch. »Möchte mich die Erde verschlingen!«

Und weiter ging er, immer weiter, und die Tropfen fielen erst langsam, dann schneller herab auf seine heiße Stirn. Er bemerkte es kaum, er sah nicht, daß sich der Himmel in ein Feuergewand hüllte und daß ganze Schauer von Regen aus den Wolken stürzten. Als ihm mitleidige Menschen in Rellingen ein Obdach anboten, da schüttelte er nur stumm den Kopf und ging weiter.

Und einmal hörte er hinter sich die Stimme einer Bäuerin. »Mein Gott, ist das nicht Robert Kroll, den ich schon gekannt habe, als er noch nicht über den Tisch hinwegsehen konnte? – Lauft ihm doch nach, der arme Junge muß ja krank sein, er sah ganz verstört aus.«

Die Worte waren wie glühende Nesseln, und Robert fühlte ihr Brennen, zuckte unter ihren Schlägen. Er lief, als habe er ein Verbrechen begangen.

Weiter! Weiter!

Die Regenfluten durchnäßten ihn bis auf die Haut, und seine Zunge klebte am Gaumen. Sollte er betteln, fremde Leute um einen Bissen Brot bitten?

Nein, du harter Vater, so will dich dein Sohn nicht beschimpfen. Leichter wird's sein, sich hinter die Hecke zu legen und dort zu sterben. Warum auch nicht? Heiße, tobende Verzweiflung erfüllte sein Herz, er wünschte nichts sehnlicher als den Tod.

Der Ertrag der Kiste – das Bündel hatte er in Pinneberg vergessen – reichte vielleicht für drei Tage, dann mußte er dem Kommandeur, welcher ihn einstellte, bekennen, daß er keinen Taler habe, kein Stück Wäsche, nichts, gar nichts. Und würde es dann nicht sogleich heißen, daß diese eifrige Vaterlandsliebe nur eine Faulheitsbrücke sei, daß das Soldatenspielen und sich von der Regierung füttern lassen ungleich leichter scheine als die Arbeit?

Robert lachte laut und bitter. »Wahrlich,« dachte er, »man ist nie ärmer als da, wo alle Schätze der Zivilisation bereit liegen, um sich mit der Hand erfassen zu lassen, aber wo das Geld fehlt, der Nerv, welcher alle Lebenstätigkeit regelt. In der Wüste töte ich das nächste beste Tier und trinke sein Blut und wärme mich unter seinem Pelz, aber hier würde mir schon der Bettelvogt auf dem Nacken sitzen, wenn ich nur einen Apfel vom Zweig brechen wollte.«

»O Gott, Gott, warum hast du zugelassen, daß mir so furchtbares Unrecht geschah? Warum durfte der Dieb entschlüpfen, als er mir alle meine Hoffnung, meine ganze Zukunft stahl?«

Er setzte sich auf einen Stein am Wege und stützte den Kopf in die hohle Hand. Der Regen flutete ohne Unterbrechung vom Himmel herab, kein Faden an seiner Kleidung war trocken, kein Glied, das nicht schmerzte. Unwillkürlich dachte er des Tages von Lenchi, als er mit den beiden Gefährten so dasaß auf dem gestürzten Baumstamm, auch von Kopf bis zu den Füßen durchnäßt, auch ohne jegliche Aussicht, aber doch so ganz, ganz anders zu Mute als heute.

Wo lag denn im Grunde der Unterschied?

Eine prickelnde Hitze überströmte bei dieser Frage das Gesicht des unglücklichen, jungen Mannes. Noch nie hatten ihn äußere Fährlichkeiten niederbeugen können, und das würden sie auch heute nicht können, ohne die schlimmste von allen seelischen Qualen, die Reue, – aber eben gerade diese konnte er unmöglich verbannen. Wie er gemessen hatte, so war ihm gemessen worden, wie er berechtigte Hoffnungen zerstört und fremdes Eigentum ohne Erlaubnis an sich genommen, so war es ihm jetzt in vergeltender Schicksalsgerechtigkeit von anderen geschehen.

Von anderen? – –

Heißer und heißer rann das Blut durch seine Adern. Es war Georg, der ihm damals half, den Vater zu betrügen, und es war ohne Zweifel auch Georg, der ihm jetzt das Geld aus der Tasche gestohlen. Er ballte nicht die Faust, wie er sonst wohl getan haben würde, sondern er senkte, von unsichtbarer Hand gebeugt, den Kopf noch tiefer herab, und gab sich immer mehr seinen trostlosen, bitteren Gefühlen hin.

Daß es gerade Georg war, daß er unmöglich die Stimme der mahnenden, ewigen Wiedervergeltung in dieser ganzen Verkettung überhören konnte, – ach, das schmerzte so tief, das lastete so entsetzlich schwer.

Er rührte kein Glied, er saß wie eine leblose Figur im Regen auf dem Stein und kümmerte sich um nichts. Nur eins dachte er: »Schade, daß nicht anstatt des blühenden Hochsommers der Januarsturm mich umtobt, schade, daß nicht Eis und Schnee mich hier erstarren können, ehe ich zurückkehren muß in den Kampf, der für mich keinen Lohn mehr bringt.«

Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, da tönte Hufschlag auf der durchnäßten Landstraße. Robert fuhr erschrocken empor, er horchte und spähte durch die Gebüsche. Wenn zufällig ein Gendarm oder Polizist des Weges kam, so mußte er, namentlich in jetziger Kriegszeit, darauf gefaßt sein, nach dem »Woher« und »Wohin« gefragt, und da er gänzlich ohne Papiere war, vor die nächste Behörde geführt zu werden. Einige schnelle Schritte, ein rascher Sprung, und er stand hinter dem Baum.

Der da vorüberritt, im schwarzen Regenrock, mit langen, wasserdichten Schäftenstiefeln, den Helm auf dem Kopf und den Pallasch an der Seite, dieser Mann, der das Gesetz vertrat und so bewußt, so sicher im langsamen Schritt seines wohlgepflegten Tieres die Landstraße zog, – ach, welchen schrecklichen Gegensatz bildete er zu der Lage des bedauernswerten, jungen Matrosen, der sich keines Unrechtes bewußt war, und der doch wie ein gehetztes Tier, ohne alle Möglichkeit bürgerlicher Existenz, vor den Blicken der Menschen sich flüchten mußte. Seine trostlose Geschichte anderen erzählen, das konnte er nicht, also was blieb ihm übrig, als nur das Versteck unter den tropfenden Zweigen?

Nachdem der Gendarm vorüber war, ging Robert des Weges weiter, immer weiter, bis er die Umgegend von Altona erreicht hatte. Es dämmerte jetzt bereits, seine Schläfen brannten und der Mangel an aller Nahrung machte sich sehr stark fühlbar, er war wie abgestorben, und nur wie im Traume setzte er seinen Marsch durch die Stadt fort.

»Wenigstens heute kann ich mich ruhig zu Bette legen, »dachte er, »die Kiste sichert ja dem Wirt das Geld, welches ich ihm für ein Abendbrot und für die Schlafstelle schuldig werde. Ich vermöchte nicht mehr, jetzt noch zu einem Trödler zu laufen und um einige Groschen zu feilschen. Auch Georg kommt morgen erst an die Reihe – er ist ja ein Gefangener, kann mir nicht entfliehen.«

Und Schritt um Schritt, angestarrt von den Begegnenden, scheuen Blickes gemieden von den Kindern, musternd angesehen von jedem Polizisten, erreichte er endlich nach vielen Irrungen und Umwegen das Hafentor. Jetzt war er seinem Ziele nahe, hatte die Aussicht, bald in das Bett zu kommen und vorher etwas zu genießen, daher wurde es unwillkürlich in ihm ruhiger, als mindestens für den Körper einige Erholung in Aussicht stand.

Endlich schimmerten die Buchstaben des Schildes seinen Blicken entgegen. Der »richtige Ankergrund« war noch offen, obwohl bereits die zehnte Stunde seit geraumer Zeit den schwatzenden und trinkenden Gästen entschwunden, und obgleich draußen auf der Straße im strömenden Regen kaum noch hin und wieder ein einzelner Mensch vorübereilte.

Gerade an der Biegung des Fahrweges, unweit des Gasthauses, öffnete sich der Blick auf das Wasser. Im Dämmergrau des Abends und der nassen Luft ragte der Mastenwald unheimlich bis zu den Wolken empor, alles knarrte und knisterte im Wind, während hier eine vergessene Flagge an den Mast schlug und dort eine Jolle gegen das Unwetter kämpfte, um noch verspätete Matrosen an Bord zu bringen. Mehrere Söhne des feuchten Elementes, Arm in Arm, offenbar stark angeheitert, lavierten singend über die ganze Breite der Straße dahin.

»Lieb Vaterland magst ruhig sein, –
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«

Es griff wie Krallen in Roberts Herz. Alles war für ihn dahin, alles verloren. Wenn er diese Schiffe ansah, diese Matrosen, wenn er das Lied voll Begeisterung anhörte, dann schien es ihm, als könne er nicht länger leben, ohne wahnsinnig zu werden. An die Mauer gelehnt, umtobt von den Schauern des Regens und des Sturms, blickte er über den Hafen dahin. Wo war sein Stolz, wo die ängstliche Scheu, seiner jungen Mannesehre auch nur das geringste zu vergeben?

Jetzt wußte er es. Was ihn gehalten in aller Not, was ihn so keck gemacht und zuversichtlich, das war immer der Gedanke, sein ferneres Schicksal selbst gestalten zu können, das war die Überzeugung, mit einem einzigen guten Wort die ganze Vergangenheit zunichte zu machen. Heute dagegen hatte er Vater und Mutter auf ewig verloren, heute war er aus dem Elternhause fortgewiesen, ein heimatloser, freudloser Bettler.

Der ganze Schmerz des Alleinseins überflutete das junge Herz. Er dachte sich's so schrecklich, das Leben ohne geistigen Anhalt, dies Losgerissensein von allen natürlichen Banden. Den Kopf in die Hand gelegt bemühte er sich, die Tranen zu ersticken, welche der Schmerz und die getäuschte Hoffnung dreier ganzer Jahre unwiderstehlich heraufgelockt aus dem innersten Herzen.

Ein Schatten kreuzte die Straße. Aus dem Dunkel des nächsten Torweges trat eine Gestalt in langem, altmodischem Rocke, den derben Stock in der Hand, das graue Haar vom Regen an die Schläfen gepreßt, das bleiche Gesicht voll Gram und Angst. Langsam näherte sich der Alte dem weinenden jungen Menschen, – wie Geisterlaut klang es, kaum vernehmbar, durch das Getöse des Wetters: Robert! –

Er taumelte auf, er glaubte, daß sich die Erde drehe, daß er träumen müsse oder daß ihn ein Spuk auf offener Straße quäle. Beide Arme vorgestreckt, starrte er in das Gesicht des vor ihm Stehenden. Kein Laut, kein einziger, kam über seine Lippen.

Da fragte der Alte noch einmal. »Robert, willst du mir nicht antworten?«

Das klang so ernst, so traurig, das rührte das verzweifelte Herz des Sohnes, daß es bebte unter diesem Eindruck.

»Vater!« flüsterte er, nur mit halbem Bewußtsein, »Vater – du hast mich Dieb genannt!«

Und mit dem Schmerzensschrei dieses schrecklichen Wortes war alles gesagt, was ihn quälte, war der ganze Jammer der letzten Stunden offen enthüllt. Er fragte nicht, wie sein Vater hierhergekommen, warum er des verstoßenen Sohnes Zufluchtsstätte aufgesucht und was diese Begegnung bringen werde, – er sprach es nur unwillkürlich, das anklagende, traurige »Vater, du hast mich Dieb genannt!«

Der Alte zog ihn an der Hand zur nächsten Gaslaterne. »Robert,« sagte er, »schau mich an und gib der Wahrheit die Ehre, sie sei, welche sie wolle. Hast du die Schmucksachen deiner Mutter – von dem Gelde will ich nicht einmal reden – wirklich nicht genommen?«

Robert sah aus wie ein Sterbender, seine Lippen zuckten krampfhaft. Fast unfähig zu sprechen hob er die Rechte gen Himmel. »Bei dem Gott, an den wir beide glauben,« stammelte er kaum hörbar, »ich habe es nicht getan und nichts davon gewußt.«

Der Alte sah ihn an, lange, unbeweglich, und wie es schien, erlöst von schwerem Druck. »Das kann mein Sohn nicht lügen,« antwortete er endlich. »Robert – willst du jetzt deine Bitte von heute morgen noch einmal wiederholen? Willst du –«

Robert ließ ihn nicht ausreden. Mit beiden Armen seinen Hals umschlingend, warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes. »Vater,« quoll es von seinen Lippen, »lieber Vater, vergib mir, ich bitte dich tausend – tausendmal.«

Auch die Stimme des eigensinnigen, alten Meisters war seltsam weich geworden. »Es ist gut,« versetzte er, »alles gut. Komm du nur, daß wir die Mutter beruhigen, sie war ja fast außer sich heute morgen und nannte mich einen Rabenvater, der sein Kind in den Tod treiben wolle. Komm, wir müssen eilen, um eine Droschke zu erhalten.«

Robert atmete wie neu belebt. »Vater,« sagte er, »das geht nicht, ich muß vorher mit Georg sprechen, muß ihn fragen –«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich kann dir alles das genau erzählen, Robert, er aber könnte es nicht mehr. – Laß uns eilen, mein Sohn.«

Robert gehorchte, und als wenige Schritte weiter beim Hafentor eine Droschke gefunden worden, da gingen beide Reisende erst in ein Wirtshaus, um sich zu stärken, und dann, nachdem das Fuhrwerk mit ihnen durch Altona hinweg, desselben Weges wieder zurückrollte, den unser Freund unter so ganz anderen Verhältnissen eben erst gekommen, da erzählte Meister Kroll dem atemlos horchenden Sohne, daß am heutigen Morgen der ehemalige Seiler einen Fluchtversuch gemacht habe, indem er sich bemüht, ein im Hafen liegendes französisches Kauffahrteischiff zu erreichen, und daß er bei dieser Gelegenheit wieder ergriffen und tödlich verwundet worden sei.

»Der Bursche verlangte sterbend nach dir, mein Sohn,« schloß der Alte seinen Bericht, »er wollte durchaus, daß du ihm verzeihest, ehe er diese Welt verlassen müsse, und ist endlich ohne Frieden und Versöhnung hinübergegangen. Gott sei seiner armen Seele gnädig.«

»Amen!« antwortete tief erschüttert unser Freund, der sich in den plötzlichen Umschwung aller Verhältnisse noch durchaus nicht zu finden wußte. Dann aber fragte er den Vater, woher er diese Einzelheiten kenne, und Meister Krull nannte ihn den Wirt zum »Richtigen Ankergrund« als seinen Gewährsmann. »Es ist auch der Behörde ein Päckchen zugestellt worden,« sagte er, »das der Sterbende für dich bestimmte, und dem Aufzeichnungen beiliegen, die er kurz vor seinem Tode noch diktierte. Jetzt aber, mein Junge, – laß uns von dir sprechen,« schloß er, »und was du über deine Zukunft verfügt hast. Ich will den Seemann in dir anerkennen, da du doch zum Schneider ganz und gar verdorben zu sein scheinst. Das stößt mir freilich fast das Herz ab und spricht allen meinen Wünschen ein Todesurteil, aber wenn sich die Welt dahin geändert hat, daß die Söhne eigenmächtig über ihr Schicksal gebieten dürfen, nun, dann muß ich mich eben wohl oder übel mit den Verhältnissen ändern. Ein Rabenvater bin ich doch nicht, – das soll mir die Mutter noch abbitten.«

Robert lachte zum erstenmal wieder. Er hatte es ja schon längst geahnt, daß die liebe, alte Mutter dem starrköpfigen Manne so lange zugesetzt, bis er endlich mürbe geworden, in den langen Rock gefahren und davongeeilt war, dem zum zweitenmal flüchtigen Sohne nach. Nun hatte sich ja alles zum besten gewendet, und während der ganzen Fahrt berichtete Robert vom Vergangenen und Zukünftigen, erkundigte sich Meister Kroll nach allen Einzelheiten so genau und wurde so lebhaft gesprochen, daß der Wagen vor dem kleinen, alten Häuschen in Pinneberg Halt machte, ehe noch seine beiden Insassen ahnten, daß wirklich schon drittehalb Meilen Weges zurückgelegt sein könnten.

Mütterchen wachte noch, Mütterchen hatte heißen Kaffee fertig, und frische Semmeln herbeigeholt, und auf dem Tisch stand Roberts Teller von früher her, seine Tasse, sein Besteck, – und viele Worte wurden nicht gesprochen, aber es war wie Weihnachten im Hause, wie eine Feier, bei der die Herzen überflossen, still und weich im selten errungenen Menschenglücke.

Und dann mußte sich Robert in das Bett legen, wo er als Kind geschlafen, die beiden alten Leute aber schlichen leise auf den Zehenspitzen umher, ganz leise, als habe ihnen eben erst der Storch das Püppchen ins Haus gebracht und sie dürften es ja nicht wecken.

Mütterchen hantierte geräuschlos in der Küche, wie wenn eine ganze hungrige Kompanie bewirtet werden solle, und Meister Kroll saß mit gekreuzten Beinen auf dem uralten Throne seiner Väter und nähte emsig. Das Maß zum neuen Anzuge aber hatte er an Roberts Kleidern genommen.

Und dieser selbst, unser unbändiger, junger Freund? – – Er schlief, und im Traume erblickte er ein liebes, bekanntes Gesicht Der Geisterseher von der »Antje-Marie« beugte sich über ihn herab, aber jetzt nicht mehr ernst und trübsinnig wie früher, sondern lächelnd, heiter lächelnd.

Nach wenigen Stunden wußte ganz Pinneberg, daß Robert Kroll wieder da sei. Man umdrängte ihn, er wurde der Held des Tages, man staunte und hörte zu mit allen Ohren, wenn er von seinen wunderbaren Erlebnissen sprach. Jetzt hatten all diese guten Leute vorausgesehen, daß das so kommen müsse, niemand hatte je an des Ausreißers Wiedererscheinen und an seiner Tüchtigkeit gezweifelt, sondern jeder erinnerte sich, gerade dieses glückliche Ende mit Sicherheit vorausgesehen zu haben. Unser Freund erhielt Einladungen über Einladungen, die er aber fast alle ablehnte, bis auf einen Besuch, den er wahrhaft gern machte.

Als die Hamburger Polizeibehörde das für Robert bestimmte Päckchen des gestorbenen französischen Gefangenen nach Pinneberg zur Weiterbeförderung abgesandt, und als es in die Hände des rechtmäßigen Eigentümers gelangt war, da fand sich nicht allein das ganze Geld, sondern auch ein umfassendes, reumütiges Geständnis des ersten und zweiten Diebstahls, so daß Robert in den Augen seiner Eltern vollständig gerechtfertigt dastand. Es blieb nur die eigentliche Flucht, sowie die Zwangsanleihe von jenen vermeintlichen sechzig Talern, die unser Freund niemals zu Gesicht bekommen hatte, – beides aber wurde ihm und war ihm längst von Herzen verziehen.

Meister Kroll wickelte die Banknoten wieder in das Papier. »Da, mein Junge,« sagte er, »geh hin und bringe das Geld den Eltern deines Freundes. Die armen Leute haben im Armenhause eine böse Zeit verlebt, so daß ihnen die Erlösung aus solchen Verhältnissen wohl zu gönnen ist. Wir können's ja tun, und nebenbei – – ich mag auch das einmal Gestohlene, woran Blut und Tränen kleben, gar nicht besitzen. Der Georg war ein Spion, weiter nichts, er hatte sich mit Absicht zum Gefangenen machen lassen, um hier mit Beihilfe seines ehemaligen Gebieters die Lage und Stärke der Armee auszukundschaften und alles den Feinden zu hinterbringen. Mit solchen Dingen wollen wir nichts zu schaffen haben.«

Robert nahm dankerfüllt das Geld und ging hinaus vor den Ort, um es im Armenhause Gottliebs alten Eltern zu überliefern. Er sagte aber, daß es von ihrem Sohne komme, und sparte in dieser Weise den armen Leuten das schwere Wort des Dankes. Als er zurückkehrte, fiel zufällig sein Blick auf die Weiden hinterm Mühlenteich, das Patagonien seiner Knabenjahre. Und die Gedanken spannen ihre Faden weit hinaus, von jenem ehemals bekämpften schwarzen Stier bis zu den Feuerländern in der Magelhaensstraße, bis zu allen jenen Stürmen und Drangsalen, die hinter ihm lagen, zu den Hoffnungen, die glänzender als je an seinem Horizont emporgestiegen.

Zu Hause fand er den Schein des Landwehrbezirkskommandos, der ihn sofort nach Kiel berief, um von dort aus mit einem, für den Schutz der Kauffahrteischiffe nach dem Mittelmeer bestimmten Dampfer an Bord des »Meteor« gebracht zu werden. Dies Kanonenboot lag im Hafen von Havana, und der Befehlshaber desselben, Kapitänleutnant Knorr, hatte kürzlich telegraphisch um etwa zehn Mann Verstärkung gebeten, wozu auf seine Meldung hin auch Robert gesandt wurde.

Der Abschied von den Eltern war zwar schwer, aber er war, wie alle fühlten, das, was man einen »gesunden Schmerz« nennt, und wurde deshalb, namentlich im Hinblick auf die große, nationale Sache gern und willig ertragen. Acht Tage später befand sich Robert, bestens ausgestattet und wohl mit Geld versehen, von den Segenswünschen seiner Eltern begleitet, wieder auf hoher See.

Dreizehntes Kapitel

Auf dem Meteor

Auf dem Verdeck des Kanonenbootes »Meteor« im Hafen von Havana standen zehn Marinesoldaten und vor ihnen der Befehlshaber des kleinen Fahrzeuges, Kapitänleutnant Knorr, er hatte besonders einen der Ankömmlinge fortwährend im Auge, und erst nachdem er die persönlichen Verhältnisse der andern neun in Erfahrung gebracht, wandte er sich an diesen letzten, »Sie wollen also als Freiwilliger eintreten?«

Robert – denn er war es – bemühte sich, eine möglichst dienstliche Haltung anzunehmen. »Nur um kurze Zeit zu früh, Herr –«

»Keine lange Rede!« unterbrach etwas barsch der Offizier. »Ja oder nein?«

Robert errötete bis unter die Haarwurzeln. Dieser Ton war keineswegs nach seinem Geschmack. »Ja!« versetzte er mit erzwungener Ruhe.

Über das wetterbraune Gesicht des Offiziers flog ein Lächeln, »Die Antwort heißt in diesem Fall künftig »Zu Befehl!« belehrte er und fuhr dann fort: »Welchen Grad haben Sie in der Handelsmarine bereits erreicht?«

»Ich bin Leichtmatrose, Herr –«

Die ungeduldige Hand hob sich mit dem Notizbuch schon wieder zu halber Nasenhöhe. »Bootsmann!« rief der Offizier.

Der Gewünschte erschien in vorschriftsmäßiger Haltung. »Zu Befehl, Herr Kapitänleutnant.«

Der Offizier fing an auf und ab zu wandern. »Da schickt man uns von Kiel einen Freiwilligen,« sagte er halb seufzend. »Hole der – – «

»Na, Bootsmann, nehmen Sie ihn hin und geben Sie ihn einem der Maaten zum Einpauken. Ist das ein – – hm, ich meine, daß die Reservebataillone am Lande schon mit allem, was Freiwilliger heißt, ihre Not haben, aber auf See –«

Er hielt wieder inne und ein neuer, ärgerlicher Blick streifte den unwillkommenen Gast. »Die anderen Leute werden als Matrosen dritter Klasse eingestellt,« fügte er bei. »Mit dem Freiwilligen müssen Sie mir bei allen Dienstmanövers gänzlich fortbleiben, Bootsmann, bis er wenigstens nichts mehr verdirbt und keinen Anstoß gibt. Sorgen Sie dafür.«

»Zu Befehl!« antwortete dann der Bootsmann und ein Wink seiner Hand beorderte die Ankömmlinge unter Deck, woselbst die geschulten Mannschaften den ferneren Weg schon ohne Mühe allein zu finden wußten, während Robert, etwas enttäuscht, etwas vom Trotzgelüste befallen, stehen blieb und erwartete, was man ihm ferner befehlen würde.

Der Bootsmann mochte es unter seiner Würde halten, den Freiwilligen besser zu bewillkommnen, als dies der Kapitänleutnant selbst getan. Er kümmerte sich um ihn weiter nicht mehr, sondern rief mit Stentorstimme in den Raum des ganz gefüllten Zwischendeckes hinein einen einzelnen Namen: »Gerber!«

Darauf erschien einer der Bootsmannsmaaten, und sowie unser Freund dieses Gesicht sah, dieses gutmütige, blaue Auge und die ganze Hünengestalt des blonden, echt deutschen Kriegers, da fragte er sich, wo ihm dieselben Züge schon einmal begegnet sein konnten. Er mußte den Mann kennen.

»Gerber,« sagte der Bootsmann, »in Ihrer Backschaft fehlt ja, seit wir die Cholera an Bord hatten, ein Mann, nicht wahr? – Na, gut, da haben Sie ihn, aber so wie er geht und steht. Den Kriegsschiffsmann müssen Sie ihm erst beibringen. Soll tüchtig gezwiebelt werden und nicht mit an Deck, bis er die Sache versteht.«

Der blonde Maat begnügte sich, zu nicken. Was der Bootsmann ist, das kann er selbst noch werden, und was er ist, das war früher der Bootsmann auch, diese Tatsache verwischt meistens jenen Rangunterschied, welcher die gesamte Mannschaft von den Offizieren so gebieterisch trennt, sie macht die Inhaber der verschiedenen unteren Grade entweder zu heimlichen Feinden oder zu guten Kameraden, die außerdienstlich keinen besonderen Unterschied anerkennen.

»Komm hierher, mein Junge,« sagte der Bootsmannsmaat, »erst laß dir in der Kombüse deine Back füllen und dann wollen wir weiter sehen. Sind ja alle einmal grüne Jungen gewesen, denke ich.«

Und mit diesen, für unsern Freund so sehr wenig schmeichelhaften Worten führte er ihn zu der Stelle, wo künftig sein Kleidersack hängen sollte und wo er das angeschraubte flache Kistchen erhielt, welches mit den üblichen 14 Zoll Länge und 9 Zoll Breite das ganze Eigentumsgebiet des Seesoldaten ausmacht. »Du hast deine Nummer und deine Uniform,« sagte er, »hier die Reservestücke und hier die Waffen. So, das wäre das. Eigentlich müßte ich dich Sie titulieren, die Instruktion will's so, aber es ist mir nicht gemütlich, und wenn wir außer Dienst sind, geht es keinem Deubel was an. So – du da, Röder, geh' mal mit ihm, daß er seine Back gefüllt kriegt. Wie heißt du denn, mein Junge?«

Robert nannte seinen Namen und beschloß bei sich, diesen gemütlichen Vorgesetzten demnächst zu fragen, wo er ihm früher schon bekannt geworden sein könne, vor der Hand aber ließ er sich die gute und reichliche Mahlzeit des preußischen Marinesoldaten vom Koch verabfolgen, obwohl er nur wenig zu essen vermochte. So ganz, ganz anders hatte er sich die Sache gedacht, so durchaus verschieden von der Wirklichkeit!

Seine Eitelkeit hatte ihm, bis er den Fuß auf das Kriegsschiff setzte, vorgespiegelt, welche Begeisterung, welche warme, kameradschaftliche Anerkennung ihn bei dem Eintritt in die Reihen der Soldaten notwendig empfangen müsse; er hatte geglaubt, daß jeder Freiwillige mit offenen Armen bewillkommnet werde, und tatsächlich war die harmlose Äußerung des Maaten, daß ja doch am Ende jeder einmal ein grüner Junge gewesen, das Höchste, was ihn zum Schutz gegen ein unverhülltes Mißfallen der Vorgesetzten überhaupt gespendet wurde. Unser Freund war, wie man zu sagen pflegt, aus allen seinen Himmeln gefallen.

Trotzdem aber mußte er ein ruhiges Gesicht zeigen. Die Mannszucht an Bord gestattete keinerlei Ausnahmen, das wußte er nur zu wohl, und fort von hier konnte er jetzt unter keiner Bedingung. Seine Vaterlandsliebe hatte keineswegs eine Einbuße erlitten, aber er dachte sich doch die Ausübung derselben, die äußerliche Kundgebung ganz anders, als er sie hier gefunden. Niemand war dem Freiwilligen grün, niemand dankte ihm, daß er gekommen, sondern er wurde wie eine Art von nicht zu vermeidender Belästigung mit guter Manier ertragen, mehr schienen die Leute nicht tun zu können.

Nachdem gegessen worden, näherte sich Robert seinem neuen Vorgesetzten. »Ich muß Sie jedenfalls schon früher einmal gesehen haben, Maat.« begann er.

»Das ist sehr leicht möglich, mein Junge. Wie heißt du doch gleich? Aha, Kroll, ich weiß schon, ist mir aber leichter, wenn ich dich Nummer acht nenne, das macht sich so gemütlich und bleibt immer dasselbe, wenn auch der Mann einmal wechselt, wie es uns kürzlich in Venezuela passierte, als die Cholera an Bord kam. – Na, was sagtest du noch?«

»Wo ich Sie möglicherweise schon gesehen haben könnte, Maat?«

»Ja, Kerl, da besinne dich einmal. Leg dein Gehirn in die Weiche, wie wir bei uns zu Hause sagen. Ich bin in der halben Welt herum gewesen, auf Handelsschiffen und auf Seiner Majestät Flotte. Vielleicht kennst du mich vom ›Blitz‹ her.«

Vom »Blitz!« – Das eine Wort brachte in Roberts Gedächtnis die ganze Begegnung zurück. Jetzt wußte er, wo ihm das gutmütige Gesicht schon früher erschienen. »Maat,« rief er, halb erfreut, halb errötend in dem Gedanken an das nun folgende notwendige Geständnis seiner vergangenen Irrfahrten, »Maat, erinnern Sie sich noch der Tage, wo im Herbst das Kanonenboot ›Blitz‹, auf der Elbe vor Neumühlen ankerte? Damals kam ein Knabe zu Ihnen an Bord, wissen Sie's nicht mehr?«

Der Unteroffizier nahm die Tonpfeife aus dem Munde, um zu flöten. »Oho, Nummer acht, also das warst du? Der Schneider, dem ich mein Schiff und mein Buch schenkte. Nun beichte nur gleich alles, du Sappermenter, bist doch richtig durchgebrannt, nicht wahr?«

Robert nickte. »Richtig durchgebrannt, und hab's richtig büßen müssen, Maat,« versetzte er. »Will all die Fährlichkeiten, welche ich seit unserer damaligen Begegnung überstehen mußte, wahrhaftig nicht noch einmal ertragen, obgleich jetzt die ganze Geschichte vergeben und vergessen ist. Der Alte hat mich für meinen Eintritt in die Armee mit Geld und Kleidern bestens versorgt, war auch von Herzen einverstanden, daß ich dem Könige dienen wolle.«

Der Unteroffizier legte zwei Finger an die Schläfe, als grüße er respektvoll. »Das mag ich leiden von dem Alten,« sagte er, »ist ein hübscher Zug von Vätern, wenn sie mit Moses und den Propheten nicht gar zu hinterhältisch sind. Da kommst du wohl direkt vom Hause, Nummer acht?«

»Geradesweges, Maat, und zwar auf Ihre Freundschaft angewiesen! Wir müssen nun sehen, daß ich den Dienst an Bord so rasch als möglich lerne, damit, wenn ein Gefecht entsteht, doch jedenfalls für mich dabei ein Platz in der vordersten Reihe sicher ist.«

Der gewiegte Unteroffizier berührte mit der Spitze seiner Tonpfeife die Brust des jungen Freiwilligen. »Du bist ein Rappelkopf,« entschied er, »ein Wildfang erster Klasse. Aber tröste dich! Wenn es zur Schlacht geht, so kannst du auch ohne Befehl und Kommando mit einspringen, das sage ich dir jetzt schon.«

Roberts Herz klopfte schneller. »Haben wir dazu Aussichten, Maat?« fragte er.

»Hm, ist allemal nicht zu wissen. Läuft uns was Französisches auf den Ärmel, so putzen wir es weg, dafür sind ja die Kanonen an Bord.«

Unser Freund lachte. »Zeigt sich denn bis jetzt kein französisches Kriegsschiff hier in der Nähe?« fragte er.

»Nicht die Bohne, mein Junge. Du kannst aber am Ende doch Geduld haben, bis die Geschichte so weit ist. Ich muß dir ja erst beibringen, wie man ein Geschütz bedient oder mit dem Seitengewehr einen Franzmann heruntersäbelt. Und das will ich dir nur gleich sagen, Nummer acht, wenn ich beim Exerzieren mal ein bißchen ungemütlich werden sollte und so einige Brocken wie »Millionenhund« oder »Himmelsappermenter« dir an den Kopf fliegen, dann mußt du dabei nicht das Geringste denken. Es ist so Gewohnheit und tut den Burschen gut.«

Robert lachte wieder. »Wollen wir gleich anfangen, Maat?« fragte er.

Der Unteroffizier schüttelte den Kopf. »Ne!« versetzte er gleichmütig. »Ne! bis zwei Uhr gehört uns die Mittagszeit, und davon beißt bei mir die Maus keinen Faden ab. Du sollst übrigens von der Geschichte dein gerütteltes Maß haben, das verspreche ich dir. Für den Augenblick laß uns eine Partie Dame spielen, um die Ehre natürlich, was dich keineswegs verhindert, wenn wir einmal zusammen an Land gehen, ein paar Knöpfe springen zu lassen. Karten sind an Bord verboten.«

Robert fügte sich dem Wunsche des liebenswürdigen Maaten, obwohl er selbst freilich lieber das Schiff und alle seine Einrichtungen einer genauen Besichtigung unterzogen hätte, als daß er die Zeit nutzlos mit dem langweiligen Spiele totschlug. Aber auch wahrend der Partie erwarb er sich einige notwendige Kenntnisse seiner neuen Laufbahn.

»Wo befinden sich hier die Kojen der Mannschaft?« fragte er einmal.

Der Maat überlegte rauchend, mit in der Luft schwebendem Arm, seinen nächsten Zug. »Die Kojen, mein Junge? – Hierhin oder dorthin? Hm! Ich schlage dir zwei Mann, hast du's gesehen? Und beim folgenden Manöver, das ich ausführe, hopse ich richtig bis in die Ecke hinein und setze den dritten Stein übereinander, verstanden? – Und von Kojen sprachst du? Potz Michel, im ganzen Schiff ist keine einzige.«

Robert sah zweifelnd hinüber. »Aber wo schläft man denn?« fragte er.

»In Hängematten, mein Sohn. Du bekommst sie zur Zeit der Freiwache zugeteilt und mußt sie später sauber wieder aufrollen und an Deck in die ›Finkennetzkasten‹ legen. Wird dir Schweiß genug kosten, alles zu lernen, und unser erster Leutnant ist noch dazu ein Scheuerteufel durch und durch, kann ich dir sagen, alles unter uns freilich, wie der Fuchs meinte, als er den Hasen auffraß.«

Robert erschrak einigermaßen. »Scheuern,« wiederholte er, »tun das denn nicht die Schiffsjungen und Leichtmatrosen allein? Ich denke, wer Soldat ist –«

Der Unteroffizier maß ihn mit einem sorgenvollen Blick. »Du,« sagte er, »Nummer acht, wenn du klug bist, so denkst du gar nicht, sondern hörst nur und tust danach. Das Denken wird unsereinem doch nur für inwendiges Räsonnieren ausgelegt, weißt du. Scheuern müssen alle, und wenn sie – na, wenn sie – des Großmoguls Söhne wären. Übrigens schlage ich dir hier deinen vorletzten Mann.«

Die Partie war sonach für unsern Freund kläglich verloren, und auch bei der zweiten erging es nicht besser. Dann aber kam die Stunde, in welcher jeder Bootsmannsmaat seine Backschaft im Exerzitium mit den Handwaffen einübt. Heute und abwechselnd auch an den nächstfolgenden Tagen sollte indessen Robert ganz allein zugelehrt werden, während die übrigen Soldaten aus Gerbers Abteilung unter die sonstigen Bootsmannsmaate verteilt wurden und dort die längst bekannten Handgriffe wiederholten.

Da folgten denn für den leidenschaftlichen, heftigen Robert die Tage, von denen er sich sagte, daß sie ihm nicht gefielen. Fort und fort dieselben gleichgültigen Handgriffe ausführen, fort und fort Einzelbewegungen machen wie ein Kind, das seine Glieder gebrauchen lernt, und dabei nicht sprechen, nicht nach eigenem Ermessen handeln, ja, nicht einmal zornig werden, wenn der gemütliche Maat aus seiner urfreundlichen und leutseligen Stimmung gelegentlich ganz heraus und in einen Eifer hineingeriet, welcher sich durch die Zusammenstellung aller erdenklichen Kraftausdrücke Bahn brach, »Sie neunundneunzigmal gesottener Satanskerl!« konnte er ausrufen, »sechs Millionen Schock Granaten sollen Ihnen in den Bauch fahren, wenn Sie nicht bald den Schießprügel richtig anzulegen lernen, Sie Bombenschwerenöter!

Schauen Sie hierher, so wird's gemacht, Milchbart!«

Und dann arbeitete er sich in eine Aufregung hinein, die bei seiner kleinen Neigung zum Dickwerden die hellen Schweißperlen auf das gutmütige Gesicht brachte, und die unser Freund am liebsten mit Faustschlägen beglichen hätte. Er war ein Freiwilliger, er diente aus Begeisterung für die heilige Sache des Vaterlandes, und doch konnten Kapitänleutnant und Offiziere diese Behandlung, welche ihm widerfuhr, mit anhören, ohne sich irgendwie in die Sache hinein zu mischen. Das war unerhört und warf auf den Militärdienst einen, wie Robert meinte, höchst verdunkelnden Schatten.

Das Hergebrachte, der Zwang, die persönliche Unterordnung, – wie haßte unser leidenschaftlicher Freund alle diese Feinde seiner freiheitsbedürftigen Natur.

Er war kaum fähig, seinen Maat ohne Haß zu betrachten, wenn sich dieser nach abgehaltenem Exerzitium das rote Gesicht mit dem Taschentuch trocknete, und dann, sobald er gewissermaßen ins Privatleben zurückgetreten war, vielleicht flüsternd sagte: »Nachher machen wir noch eine Partie Dame, Nummer acht. Jetzt bist du mir bereits siebzehn Silbergroschen neun Pfennig schuldig, – du erinnerst dich doch?«

Mehrere Male stand er im Begriff, eine Handvoll Taler zu nehmen und dem gutmütigen Burschen vor die Füße zu werfen, aber nach und nach sah er auch wieder die Sache mit ganz andern Augen und konnte nicht umhin, ihr eine Art von widerstrebender Achtung zu zollen. Alles so schön sauber, so geordnet, so bis ins Kleinste hinein vorzüglich gut eingerichtet, das entsprach zu sehr seinen eigenen Neigungen, um nicht bei vorurteilsloser Betrachtung auch notwendig von ihm gewürdigt zu werden. Nur daß der Einzelne kaum atmen durfte wie ihm beliebte, sondern fast völlig Maschine war, das schmerzte immer noch äußerst empfindlich. Wenn Robert hörte, daß Deckoffiziere oder Kadetten den Offizieren mit »Zu Befehl!« antworteten, dann empörte ihn das innerlich. Ein ja oder nein hätte auch genügt, meinte er, und wäre des Mannes würdiger gewesen.

Erst nachdem einige Wochen verflossen und unseres Freundes aufrührerische Empfindungen ein wenig in das gewohnte Geleis zurückgekehrt waren, gewann er so viel geistige Freiheit, um sich nach einem Ausflug in die Umgegend zu sehnen. Nur etwa drei Stunden weit entfernt lag ja die Insel, wo er sein erstes Abenteuer bestanden, wo er dem Tode so nahe ins Antlitz gesehen und wo unter den düsteren, breitblätterigen Mangobäumen sein alter Freund den letzten Ruheplatz gefunden. Er wollte Mohrs Grab sehen, ehe vielleicht der »Meteor« plötzlich durch irgend ein Ereignis von hier abgerufen wurde, und zu diesem Zweck fragte er eines Tages den Unteroffizier, ob es nicht möglich sei, auf kurze Zeit Urlaub zu erlangen.

Der blonde Maat pfiff durch die Zähne. »Das wird schwer halten!« meinte er.

»Aber ich bin ja doch ein Freiwilliger!« rief Robert, »könnte morgen die Sache wieder aufgeben, wenn ich wollte!«

»Hui! wie das in die Wolken hineinfliegt! Könnte morgen die Sache wieder aufgeben! Daß du die Nase im Gesicht behältst, mein Junge! Ich sage dir, du stehst unter den Kriegsartikeln so gut wie irgend einer, der bei den Haaren von seiner Mutter Schürzenband weg zum Soldaten herangezogen worden ist, und du kannst das einmal Abgemachte nicht wieder umstoßen. Ein Wort, ein Mann, du unruhiger Geist!«

Robert errötete. »Ich denke ja auch nicht daran,« versetzte er hastig. »Aber was könnte es denn schaden, wenn ich einmal mit der Barkasse auf sechs bis acht Stunden abwesend wäre?«

Der Unteroffizier schob vor Schreck die Mütze in den Nacken. »Das ist nicht schlecht, wahrhaftig! Also auch die Barkasse sollte das Vergnügen mitmachen! Da müßtest du ja wenigstens sechs Mann zur Bedienung haben!«

»Die will ich im Hafen schon auftreiben und bezahlen. Kleinere Boote sind für den Weg durch Klippen und Strudel nicht so recht ratsam. Nahe der Insel, welche ich besuchen möchte, liegt ein unterseeisches, sehr gefährliches Korallenriff, auf dem damals mein Schiff strandete, überhaupt führt ja der Pfad durch offenes Meer.«

Gerber schüttelte den Kopf. »Das laß dir gänzlich vergehen, Nummer acht,« sagte er. »Solche Erlaubnis wird in allen meinen Tagen nicht gegeben.«

»Aber warum denn nicht? Ich bitte Sie, warum nicht?«

Der Unteroffizier wiegte seinen ganzen Oberkörper taktmäßig nach rechts und links. »Weil das eine Unmöglichkeit wäre, Nummer acht, weil das – na – ich sage, es geht nicht. Wenn du mit der Barkasse spazieren fährst, so möchte ein anderer vielleicht an Bord eine Gesellschaft geben und der dritte sonst irgend eine Laune befriedigen. Wer Soldat ist, der muß an keinen eigenen Willen mehr denken.«

Unser Freund schwieg, aber die Sache selbst lebte in seinem Geiste fort. Von den Franzosen zeigte sich nichts, das Erforderlichste an Handgriffen hatte er jetzt gelernt, überhaupt die neuen Verhältnisse etwas besser begriffen und sich hineingelebt, daher plagte ihn die Langeweile ebensosehr, wie es seinen Trotz herausforderte, so vollständig unmündig zu sein. Auf hoher See wäre noch alles anders gewesen, aber im Hafen stillzuliegen, täglich mit dem ungeladenen Gewehr zu exerzieren und in den Freistunden auch noch einer strengen, militärischen Disziplin unterworfen zu sein, das war gräßlich.

Eines Tages, als Robert zur Steuerbordwache gehörte, und daher fünfzehn Minuten vor acht Uhr abends wie gewöhnlich Hängematten erhielt, da hatte er seinen Plan nicht allein fertig, sondern auch schon beizeiten vorher in allen Einzelheiten überlegt und vorbereitet. Der Mond schien fast tageshell, das Meer lag ruhig und ehern wie eine Decke von blauem Samt, – kurz, es verlockte ihn über alle Widerstandsfähigkeit hinaus.

Er schlief nicht, obwohl das seine nächsten Nachbarn glauben mußten, sondern erwartete mit pochendem Herzen den Augenblick, wo die Bootsmannspfeife ihre Triller durch das Zwischendeck senden und wo der Ruf »Ronde! Ruhe im Schiff!« auch das letzte Wort auf den Lippen der Mannschaft ersticken würde. Nachdem das endlich geschehen, drehte er geschickt die Kleider seines Nebenmannes so, daß sie den Schimmer der großen Sicherheitslaterne für die Stelle, an der er schlief, total verhüllen mußten, und dann stand er behutsam auf.

Die Ronde war vorüber; oben an Deck der Rapport abgestattet, die Tagesbefehle ausgegeben und die Wache verteilt, – tiefe Stille herrschte im ganzen Schiff.

Robert fuhr geräuschlos in die Kleider und kroch an Deck, ohne bemerkt zu werden. Einmal hier, war er geborgen, obgleich eigentlich jetzt das Schwierige seines Unternehmens erst zu beginnen schien. Aber er hatte vorgesorgt. Der Mann, welcher am Vorderteil des Schiffes Wache hielt, war auch ein Holsteiner, ein naher Landsmann und sehr arm, er sah also gegen Entgeld von einigen Talern gerade zufällig nach der andern Seite, als Robert mit vieler Geschicklichkeit und unter dem Schatten eines naheliegenden Kauffahrers über Bord kletterte, da wo die Jolle bereit lag, ihn an ein größeres Fischerboot zu bringen, das häufig zwischen dem Hafen und den Inseln kreuzte. Ebenso sollte er, wenn um zwölf Uhr nachts die neue Wache namentlich verlesen wurde, anstatt seines Landsmannes antworten, – Gerber tat nichts, um die Geschichte ruchbar zu machen, das wußte Robert, und davon war auch der andere überzeugt, sonst hätte er sich wohl gehütet, auf den gefährlichen Handel einzugehen.

Der gemütliche Maat, eine grundehrliche Haut und der beste Soldat unter der Sonne, würde zwar in aller Stille Donner und Wetter fluchen, den millionenmal gehenkten Halunken noch Spießruten laufen und kielholen lassen, aber dabei doch die ganze Geschichte bis an die letzten Grenzen der Möglichkeit hin vertuschen, dafür kannten ihn alle.

Und Robert dachte nicht einmal so weit. Er wollte nur erreichen, was ihm auf gütlichem Wege nicht gewährt wurde, und schlug zu diesem Zweck die Folgen gänzlich in den Wind. Wie er am vorhergehenden Tage den Fischer hierherbeordert, so sprang er jetzt leichtfüßig in die Jolle, nur bekleidet mit weißem Leinen, das Herz voll froher Hoffnung, unbekümmert um das, was daraus entstehen konnte. Er atmete hoch auf, als das leichte Fahrzeug unter ihm tanzte und der Wind spielend seine weiten Kleider blähte. So lange er sich seit der Abreise von Kiel auf dem Kriegsschiff befunden, hatte er den Druck des Zwanges nicht abschütteln können, hier jedoch war das ganz anders. Und solche Freude, nach der sich sein Herz sehnte, bezahlte leider der unvernünftige junge Mann immer mit jedem geforderten Preise, – das war trotz aller Erfahrungen in ihm noch nichts anders geworden.

Die Jolle hatte ihre Insassen in das große Segelboot abgegeben und nun steuerte dies in fliegender Fahrt über das Meer dahin. Der Fischer kannte die Straße, welche er nehmen mußte, ganz genau, also war nach kaum zweistündiger Reise das Eiland, welches früher unser Freund bewohnte, in Sicht. Noch wenige Minuten, dann rauschten die Wellen an das sandige Ufer, und Robert konnte den Boden betreten, der einst für ihn fast zum Grabe geworden wäre. Tageshell schien der Mond, ein frischer Wind fuhr durch die Zweige, und Robert sprang leichtfüßig davon, um zunächst die Schlummerstätte des alten Matrosen aufzusuchen. So bekannt war das alles, so unverändert, er hätte den Weg im Dunkeln gefunden.

Aber wirklich, hier, wo der Geisterseher schlief, war es in der Tat dunkel! Die Wellen spielten wie sonst an das blumige Ufer, die uralten Bäume neigten ihre Zweige bis aus den Wasserspiegel herein und ringsumher wuchs es mit üppiger Fülle, aber der Schatten, welcher an dieser Stelle herrschte, wurde zur völligen Nacht.

Robert ließ ein Streichholz aufflammen, entzündete die schon dazu mitgebrachte Wachskerze und schützte mit der Hand das Licht. Tausende von Blumen blühten auf der Stätte, wo Mohr begraben lag, Goldkäfer krochen über die grünen Ranken dahin, leise spielte der Wind in den dichten Blättern.

Wo war die letzte Blume, welche Robert vor zwei Jahren zum Abschied hier gepflückt? – Er dachte mit Grauen des Augenblickes, der sie vernichtete, als ihm hoch oben am Nordkap die Eismassen und das spritzende, halberstarrte Wasser auf den Strand warfen. Alter Freund, alter Geisterseher, wüßtest du, was alles dein begünstigter Liebling erlitten, seit er hier an dieser Stelle dir das letzte Bette grub?

Die Nähnadel aus Fischgräten befand sich in Pinneberg und war heimlich Meister Krolls kostbarstes Besitztum, eine Art Reliquie, die zugleich zeigte, welch ein tüchtiger Kerl sein Sohn und welch ein unentbehrliches Gerät die kleine Nähnadel, – aber das Blümchen, trocken und zerknittert wie es war, ging damals spurlos verloren. Robert legte heute in das Taschenbuch des Spaniers eine neue, purpurne Blume, ehe er noch einmal mit langem Abschiedsblick das Grab überflog. Weiter, weiter, die Zeit drängte, er wollte ja auch noch jene andere Insel wiedersehen, wo er unter Räubern und Mördern gelebt hatte, obwohl freilich der Fischer ihm abriet, dort an Land zu gehen. Die Piraten bewohnten noch immer ihren Schlupfwinkel, und man konnte doch nicht voraussagen, ob sie dem Eingeweihten aller früheren Verbrechen gestatten würden, lebend zum zweitenmal die Insel zu verlassen.

Aber wiedersehen wollte er das Dach, unter welchem er einstmals Schutz gefunden.

Das Fischerboot nahm seinen Kurs wieder auf, es glitt durch die engen Wasserstraßen zwischen den einzelnen kleinen Inseln und kam auch bis an die flache Küste, wo Rafaeles Fahrzeuge lagen, wo fernher sein Wohnhaus durch die Bäume schimmerte und die Hunde ein lautes Gebell erhoben, als sich das fremde Boot dem Strande näherte.

Auch hier alles, wie es Robert verlassen, damals am Tage des Messerkampfes zwischen den beiden Räuberbanden, damals, als das französische Schiff für ihn zur Rettung wurde. Wie sich doch die Verhältnisse geändert hatten! – Jetzt hätte kein Fahrzeug der grande nation wagen dürfen, den Weg des »Meteor« zu kreuzen, und jetzt wäre es mit lautem Jubel begrüßt worden, wenn ein Kriegsschiff dieses selben Volkes den Kampf auf hoher See herausgefordert hätte. Wie sehnten sich die preußischen Blaujacken danach, wie hofften sie an jedem neuen Morgen, daß auch ihnen ein Anteil an den großartigen Siegen der Landarmee vom Schicksal vergönnt werden möge. Und Robert selbst war ja der Ungeduldigste, gerade er konnte am allerwenigsten den Augenblick erwarten, wo es »losgehen« würde, er freute sich maßlos auf den endlichen Beginn der Feindseligkeiten zur See.

Aber dazu schien ja noch immer keine Aussicht. Der »Meteor« lag tatlos an seinen Ankerketten, indes die Landarmee von Sieg zu Sieg vorwärts stürmte. Alle paar Tage kamen Zeitungen an Bord, man las mit Jubel, wie der Feind überall im Weichen begriffen war und wie sich die deutschen Truppen im Kampfe auszeichneten, – ohne selbst dreinschlagen zu dürfen.

Das ärgerte alle, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen herab, und am meisten unseren ungeduldigen Freund.

Er hatte jetzt auch die Pirateninsel wiedergesehen, hatte aller der alten, hier in die Tiefe versenkten Freunde von der »Antje-Marie« im Herzen wieder gedacht und sich die Bilder der damaligen Zeit ins Gedächtnis gerufen, – das Fischerboot wendete und kreuzte gegen den Wind auf, und mit Hilfe der Ruder zum Hafen zurück.

Wenn um vier Uhr abermals die Wache abgelöst wurde, so ließ sich seine Entfernung vielleicht nicht mehr verheimlichen, und er hatte sowohl sich selbst, als auch jene anderen in Strafe gebracht, daher durfte jetzt keine Zeit mehr verloren werden.

Die bewaldeten Ufer der Insel traten weiter und weiter zurück, das Meer hob sich im kühleren Morgenwind, – noch einmal ließ Robert den Blick über die ganze prachtvolle Rundsicht dahingleiten.

Was war das dort? – Ein weißer Punkt auf dem Hintergrunde des dunkelumrandeten Ufers. Ein Schiff!

Der Fischer blickte auf, als er Roberts plötzliche Aufmerksamkeit sah. »Das ist ein Kriegsschiff,« sagte er gleichgültig. »Ich habe es schon seit mehreren Tagen zwischen den Inseln bemerkt.«

Roberts Herz stand fast still. »Von welcher Nation, Pedro?« fragte er atemlos.

»Ja, das weiß ich nicht. Ich sah nur die Kanonen.«

»Nun, so laßt uns gleich wenden und uns von der Sache genau überzeugen, Freund. Ich bezahle ein paar Piaster mehr, wenn Ihr mich bis unter den Bug des Schiffes bringt. Ihr als spanischer Untertan könnt dabei keine Gefahr laufen.«

»Das weiß ich wohl,« nickte gleichmütig der Mann. »Kann mir auch schon recht sein, wenn Ihr die Fahrt bezahlt.«

Das Steuer wurde nochmals gedreht, und jener weiße Punkt und das Fischerboot näherten sich einander zusehends. Robert erkannte sehr bald die französische Flagge, konnte drei Geschützpforten zählen und las den Namen » Bouvet.«

Jetzt wußte er genug, um daheim auf dem »Meteor« alles in Alarm zu versetzen. Ein französisches Kriegsschiff nahe beim Hafen, der langersehnte Gegner endlich gekommen, das Zeichen zum Kampfe gegeben!

»Schnell, schnell,« befahl er dem Fischer. »Die festgesetzte Stunde ist zwar jetzt längst vorüber, aber dennoch eilt die Sache im höchsten Maße. Wir können schon morgen miteinander handgemein werden.«

Der Fischer antwortete nicht, und so kam es, daß die Rückfahrt ohne viele weitere Worte bewerkstelligt wurde. Man hatte sehr bald den »Bouvet« aus den Augen verloren.

Es war heller Tag, als das Fischerboot neben dem »Meteor« anlegte. Ein Besuch von verschiedenen deutschen Bewohnern der Stadt mit Damen und Kindern hatte das Schiff überschwemmt, so daß Robert, der ohne Uniform war, vielleicht ganz glücklich hätte hindurchschlüpfen können, aber das wollte er nicht einmal. Aus Selbstsucht und um einer Strafe zu entgehen die Nachricht vom Herannahen des Feindes zu verschweigen, das hätte er für ehrlos gehalten. Unter Deck eilen und sich in die Uniform werfen, war das Werk von zwei Minuten, eben so schnell aber hatte ihn auch schon der gemütliche blonde Maat erwischt und festgehalten. »Du siebenmal,« – begann er seine Rede, wurde jedoch an der Fortsetzung derselben durch einen bedeutsamen Wink unseres Freundes verhindert. »Still,« flüsterte Robert. »Große Neuigkeiten, Maat, der Franzose kommt, – ich will selbst mit dem Kapitänleutnant sprechen.«

»Daß du die Motten kriegst! Junge, du bleibst monatelang auf der schwarzen Liste, wenn er dich nicht sogar einsperrt! Und was fabelst du da von dem Franzosen?«

»Warten Sie's nur ab, Maat. Ging denn heute nacht alles gut?«

»Du Schwerenöter hast ja einen Mitschuldigen, der für dich antwortet und einsteht! Noch ist nichts bemerkt worden, aber ich sage dir, wenn du mehr solche Streiche machst, verpurre ich dir die Geschichte. Du bist ein Ausreißer von Profession, wahrhaftig.«

Robert lachte. »Meinen Sie, daß ich bestraft werde, Maat?« fragte er.

»Und das gehörig. Du mußt die höchsten Stengen schmieren, alle Tage scheuern, den Rost von den Ankerketten schaben, die Gallion waschen und die Messingplatten putzen. Du bekommst nur eine halbe Stunde Mittag, deine Grogration fällt aus und du hast Bordarrest, wenn nicht eine richtige Gefängnisstrafe für dich herausspringt. Das glaube ich noch eher, also behalte die Mitteilung für dich, hörst du.«

Robert schüttelte den Kopf. Unmöglich, das konnte er nicht, und als die Fremden vom Bord waren, ließ er den Kapitänleutnant um ein kurzes Gehör bitten.

Dieser sah ihm verwundert entgegen. »Nun,« fragte er, »was haben Sie?«

Robert stand jetzt in schönster dienstlicher Haltung vor ihm, etwas blaß zwar, weil er die entehrende Strafe fürchtete, aber doch ruhig und ernst.

Mit wenigen kurzen Worten erzählte er, was geschehen, und hatte die Genugtuung, seinen Vorgesetzten auf das höchste überrascht zu sehen. Er sprang vom Sitz auf und ging händereibend hin und her. »Ein Franzose also? Und welcher Art?«

»Der ›Bouvet‹ soviel ich aus einiger Entfernung erkennen konnte, Herr Kapitänleutnant. Es waren, wie mir schien, drei–«

»Ja, ja, drei Kanonen, ich weiß schon. Nun, das kann – –«

»Aber,« fügte er, sich plötzlich unterbrechend, hinzu, »weshalb haben Sie mir die Sache gemeldet, da doch kein Zeuge gegenwärtig war, welcher Sie verraten konnte? Ist Ihnen bekannt, daß für sämtliche Schiffe der deutschen Marine im Augenblick die außergewöhnlichen Gesetze des Kriegszustandes in Kraft getreten sind? – Ich könnte Sie als Deserteur behandeln und bestrafen lassen.«

Robert zuckte unter dem Anhören des schmachvollen Wortes. Er schwieg, da es schien, als sei hier keine Entschuldigung möglich, aber doch wich die letzte Farbe aus seinen Wangen und das Herz klopfte zum Zerspringen.

Der Kapitänleutnant sah ihm fest ins Auge. »Weshalb meldeten Sie mir die Sache?« fragte er noch einmal.

»Weil ich das für meine Pflicht hielt, Herr Kapitänleutnant.«

»Sie, der ohne Erlaubnis von Bord ging?«

»Ach,« sagte ziemlich unwillkürlich unser Freund, »das ist ja nichts. Lieber, als daß ich der Strafe entgehe, will ich aber doch melden, was eine so wichtige Angelegenheit betrifft. Ein Deserteur bin ich nicht, und – Sie wissen das, Herr Kapitänleutnant.«

Der Offizier drehte sich ab, um ein ganz undienstliches Lächeln zu verbergen. Dann aber kam er zurück und legte die Hand auf Roberts Achsel.

»Sie sind ein etwas außergewöhnlicher Charakter, Kroll,« sagte er sehr ernst, »ein Schwärmer und nebenbei von bedeutendem Eigensinn, den Sie ganz irrtümlich für Männlichkeit halten. Lernen Sie erst die Mannszucht und das unbedingte Gehorchen jedes Einzelnen, er sei Offizier oder Soldat, gründlich als das kennen, was es in der Tat ist, die Grundlage und der Mittelpunkt aller militärischen Unternehmungen, alles Kriegsglückes, – bevor Sie künftig Fälle, wie den gegenwärtigen, für ein ›Nichts‹ erklären. Ihre Strafe ist Ihnen geschenkt, und zwar um des Ehrgefühls willen, welches Sie zu Ihrer Meldung trieb. Denken Sie an das, was ich Ihnen soeben gesagt, Kroll, und nun gehen Sie.«

Unser Freund blieb trotz der erhaltenen Weisung doch noch einen Augenblick lang stehen. Es brauste vor seinen Ohren, und ein sonderbares Gefühl, halb Beschämung, halb Stolz, erfüllte seine Seele. »Ich danke Ihnen, Herr Kapitänleutnant,« preßte er hervor. »Ich – werde Ihre gütigen Worte nie vergessen.«

Und dann ging er wie im wachen Traume hinab in das Zwischendeck, wo ihn Gerber mit heimlichem Herzklopfen erwartete. Auf einem so kleinen Fahrzeug wie der »Meteor,« bei einer Besatzung von fünfundsechzig Mann muß notwendig jeder Maat seine Leute von Angesicht zu Angesicht kennen, es ist undenkbar, daß er bei der namentlichen Verlesung in Wirklichkeit getäuscht werden könnte, und eben daher war auch dem braven Gerber nicht so ganz wohl zu Mute. Er glaubte, daß, wenn der Schock-Millionen-Mal mit neunschwänziger Katze gestrichene Halunke, der Kroll, wenigstens auf zwei Monate hinaus schwarze Liste und Bordarrest erhalte, für ihn selbst außerdem noch ein besonderes Verhör bei dem Kapitänleutnant nebst entsprechender Verschärfung der dienstlichen Instruktionen herausspringen werde, – das rote, behäbige Gesicht sah daher dem Ankommenden etwas unruhig entgegen.

»Nun, Nummer acht, du Erzbösewicht?«

Unser Freund schüttelte den Kopf. »Es ist alles gut gegangen, Maat,« sagte er.

»Und keine Strafe, Kerl?«

»Keine äußerliche wenigstens!«

Der Unteroffizier erhob sich vom Sitz, »Nanu,« raunte er, »das verstehe ein anderer. Sprich deutsch, Nummer acht, was hast du abgefangen?«

Robert lächelte unwillkürlich. »Nur einen Hering, Maat, aber er liegt mir doch schwer im Magen. Der Kapitänleutnant hat eine eigene Art, zu sprechen.«

Über Gerbers Vollmondsgesicht glitt ein Sonnenstrahl der Befriedigung. »So, so,« schmunzelte er, »nun begreife ich. ›Du Satanskerl,‹ hat er gesagt, – vielleicht ein bißchen seiner gedrechselt, mit Glaceehandschuhen angetan, – ›du Höllenbrand, diesmal will ich's schießen lassen, weil dir der Pottfranzose, der Parlehvous, in die Zähne lief und du mir die gute Nachricht nach Hause gebracht hast, aber tu's nicht noch mal wieder, du Galgenholz, sonst sollen dich alle siebentausend Haifische zumal fressen.‹ War's nicht so?«

»Ganz ähnlich!« lächelte Robert.

»Siehst du wohl, ich wußte Bescheid. Spiegelberg, ich kenne dir! Kann ein Gesicht machen, daß alle Ratten im Schiff Reißaus nehmen möchten, und ist doch eine Seele von einem Mann. Na, laß dir's gesagt sein, Nummer acht, und verfertige keine solchen Dummheiten wieder.«

Damit war zu Roberts größter Genugtuung das Gespräch beendet; er konnte sich nunmehr ganz ungestört seinen Gedanken hingeben, konnte sich wieder den Augenblick vergegenwärtigen, wo ihn der Offizier so ernst und wohlwollend zugleich ermahnte, ferner nicht mehr Eigensinn und Männlichkeit miteinander zu verwechseln. Konnte es denn wirklich gerade die mannhafteste Stärke und Willensfestigkeit sein, sich scheinbar vollständig unterzuordnen?

Er seufzte, aber doch wußte er gewiß, daß ihm seine letzte Übereilung nicht wieder begegnen werde; hatte er denn diesem ernstblickenden und dabei so milden, gerechten Vorgesetzten gegenüber mit dem trotzigen Davonlaufen des Schulknaben wirklich gezeigt, daß er ein selbständiger Mann sei, oder vielleicht eher, daß ihm selbst noch die Grundbegriffe der bürgerlichen und gesetzlichen Ordnung vollkommen fehlten?

Das Blut kehrte in seine Wangen zurück, heiß sogar und stromweise. Möchte doch heute noch der »Bouvet« kommen, dachte er, möchte doch der Kampf beginnen und ich als der erste an Bord des feindlichen Schiffes klettern können, damit mich Kapitän Knorr loben und mir nachsagen müßte, ich sei doch ein Mann und ein guter Deutscher dazu!

Er war an diesem ganzen Tage so aufgeregt, daß Gerber mehrere Male heimlich lächelte. »Hat der Kroll aber Ambition,« dachte er, »würgt noch an dem schweren Bissen, den ihm unser Kapitänleutnant ins Maul gesteckt. Na, alles einerlei, er kriegt noch mal Schmalz an den Kragen, und das gehörig, kann Deckoffizier werden, ehe unsereiner sich dessen versieht. Er spielt sich auf einen »Gebildeten,« das habe ich lange weg.«

Dabei aber regnete es, trotz dieses schmeichelhaften Selbstgesprächs, doch Ermahnungen und Belehrungen in dem unverfälschten, nervenerschütternden Unteroffiziersdeutsch, überall, wo sich dergleichen angebracht zeigte. Der Kommandant ließ ja jeden Winkel des ganzen Schiffes, obgleich nirgends der kleinste Fehler aufzufinden gewesen wäre, dennoch an diesem Tage einer abermaligen gründlichen Untersuchung unterwerfen; besonders die Kanonen wurden geputzt, untersucht und geschmiert, die Munitionsvorräte nachgezählt und nachgemessen, die Waffen einer genauen Besichtigung unterzogen und die Dampfmaschine geprüft. Alles war in doppelter und dreifacher Tätigkeit.

Gegen Abend endlich erschien der »Bouvet« und legte sich in dem neutralen Hafen Seite an Seite neben den »Meteor.« Etwas größer, von etwas mehr Pferdekraft, mit einer Überzahl von zwanzig Mann Besatzung und besseren Geschützen, war dieser Avisodampfer dem »Meteor« ziemlich in jeder Weise überlegen, ein schlankes, schnellsegelndes Schiff, das, hübsch und zierlich von Bau, alle Vorteile neuester Erfindungen in sich vereinigte. Bord an Bord lagen die Vertreter der beiden kämpfenden Nationen auf dem blauen Wasser da.

»Eine wunderliche Welt,« sagte Gerber. »Da ist der ›Bouvet,‹ welcher bei Helgoland zusah, als wir die Dänen pfefferten, – nun läuft er selbst unseren Geschützen in die Zähne. Hole übrigens der Satan lotweise die verdammten Gelbgesichter.«

Bei diesem freundnachbarlichen Wunsche zeigte sich wohl in den Zügen des biederen Pommern der Haß gegen das welsche Blut so stark, daß notwendig von drüben eine gleiche Kundgebung erfolgen mußte. Die Franzosen streckten die Zungen heraus.

»Wißt ihr was, Jungens,« raunte beim Essen der blonde Maat in die Ohren seiner Backschaft, »wißt ihr was? Ich möchte, daß ein Paar von den Hundesöhnen hier nebenan das Schiff verließen und am Lande eine Kneipe aufsuchten. Dann könnten wir's ihnen eintreiben, was deutsche Fäuste sind, so, wie ihr die Übersetzung ins Französische kennt, Purzle-vous de Treppen hindal! – Das müßte ein ungeheures Vergnügen sein und hätte doch das Völkerrecht nicht verletzt. Die Kümmelinsel, wo gekeilt wird, ist allemal neutral.«

Die Seeleute zeigten sich diesem Plane durchaus geneigt, aber Gerber schüttelte schmerzlich das Haupt. »Wird nichts, Kinder,« versetzte er, »waren nur Gedankenspäne, fromme Wünsche, wie man zu sagen pflegt. Ihr sollt sehen, daß es schon morgen in aller Frühe eine Vermahnung setzt. Immer Augen links, wenn ihr auf Backbord über das Schiff marschiert, und Augen rechts, wenn's von Steuerbord hergeht. Ich kenne das.«

Und richtig, wie er vorausgesagt, so geschah es. Am folgenden Morgen wurde Generalmarsch geschlagen, und als bis auf den letzten Mann die ganze Besatzung an Deck versammelt war, da hielt der Kapitänleutnant eine Ansprache, in welcher er den Leuten befahl, sich jeder Berührung, jedes Verkehrs mit den Franzosen zu enthalten, namentlich aber am Lande bei etwaigem Begegnen sofort das Lokal zu verlassen und auf keine Herausforderung einzugehen.

Die Franzosen auf dem »Bouvet« sahen sich diese ganze Szene mit an, indem sie laut sprachen, lachten und mit den Fingern einzelne der Deutschen bezeichneten. Sie schienen den Inhalt der Rede, welche dort gehalten wurde, vollkommen zu begreifen, und vielleicht eben deswegen erhielten ungewöhnlich viele aus ihren Reihen am Abend Urlaub. Die Deutschen auf dem kleinen, machtlosen Kanonenboot, das neben dem »Bouvet« in allen Stücken verlor, diese dreisten Deutschen sollten womöglich eins draufkriegen.

Wenigstens vierzig Mann von der Besatzung des französischen Schiffes hatten das Land betreten, und auch der gewohnten Anzahl von Deutschen war Urlaub erteilt wurden. Fast zu gleicher Zeit verließen die Preußen und die Franzosen ihre schwimmende Heimat, wobei ihnen der Kapitänleutnant mit gerunzelter Stirn nachsah. »Reibungen werden sich nicht vermeiden lassen,« äußerte er gegen den ersten Leutnant. »Die Kerle brennen förmlich vor Begier den Franzosen zu zeigen, daß sie nicht minder gut zuzuschlagen verstehen, wie ihre Brüder am Lande.«

Der erste Leutnant lächelte bedeutsam. »Und wir selbst?« fragte er halblaut.

»Nicht minder, wenn auch in anderer Form,« versetzte Knorr. »Ich wollte übrigens, daß die Sache bald entschieden wäre, namentlich da ich an diesem entlegenen Punkt ohne alle Instruktion, ganz nach eigenem Ermessen handeln muß. Der ›Bouvet‹ ist uns überlegen, das leidet keinen Zweifel.«

Der erste Offizier schwieg in jener auffallenden Weise, welche mehr als die längste Rede ausdrückt, so auffallend, daß ihm der Kapitänleutnant fragend ins Auge sah. »Sie würden den Kampf aufnehmen, Herr Leutnant?«

»Ohne jegliche Widerrede.«

Der Kapitänleutnant nickte leicht. »Ich tu's auch!« bestätigte er.

Damit war diese Unterhaltung beendet, aber die innere Unruhe des Kommandanten zeigte sich deutlich in jedem Schritt, jeder Bewegung, namentlich als um die festgesetzte Stunde nur ein Teil der beurlaubten Mannschaft an Bord erschien, die übrigen aber ausblieben. Man fragte diejenigen, welche sich rechtzeitig eingestellt hatten, nach dem Aufenthalt der anderen, aber die Antworten lauteten so unbestimmt und ausweichend, daß sich der Argwohn des Kapitänleutnants bis zur Überzeugung steigerte. Trotz aller Verbote mußte eine Schlägerei stattgefunden haben.

Das Gebaren der Franzosen auf dem »Bouvet« gab dieser Schlußfolgerung neue Sicherheit. Sie riefen Herausforderungen zum »Meteor« hinüber und schnatterten durcheinander in einer Weise, die deutlich ihre lockere Mannszucht verriet. Die Offiziere gingen an Deck umher, kümmerten sich aber um diese Ausschreitungen anscheinend gar nicht. Es wurde zwölf Uhr nachts, bis spanische Polizisten die ausgebliebenen Matrosen vom »Meteor« mit starkem Geleite an das Schiff brachten. Mehrere derselben waren verwundet, andere betrunken, aber kein einziger zeigte über das, was er verbotenerweise getan, die mindeste Reue. Franzosen und Deutsche hatten, nachdem erstere den Streit herausgefordert und es ihren Gegnern moralisch unmöglich gemacht, den Fehdehandschuh unbeachtet am Boden liegen zu lassen, gehörig miteinander gerauft und sich gegenseitig nach Kräften geschadet, obwohl niemand Sieger geblieben und niemand besiegt worden war.

Die grande nation verfehlte indessen nicht, mit großem Lärm und Geschrei zu verkünden, daß ihr der gebührende Sieg zuteil geworden, daß die » Prusiens« zu Paaren getrieben und in Schrecken versetzt seien. Sie gebärdeten sich und redeten, daß man deutlich sah, ihnen war von seiten ihres Kapitäns keine Zurückhaltung anbefohlen worden.

Kapitänleutnant Knorr ließ die Verwundeten in das Lazarett bringen und die übrigen, so mäßig als es die Gesetze erlaubten, bestrafen, wobei jedoch sein ganzes Benehmen zeigte, daß er die Ursache der Übertretung im Herzen begriff.

Ja, er tat noch mehr. Er schickte dem Kapitän des feindlichen Schiffes drei Tage nacheinander eine Herausforderung zum Kampfe auf offener See, aber da zeigte sich das Franzosentum mit seiner Großsprecherei, seiner Prahlsucht und inneren Hohlheit im vollsten Glanze. Vor den Augen von ganz Havana lehnte der französische Kommandeur den Zweikampf mit den Deutschen von der Hand, weigerte sich, im ehrlichen Kriege das anzuerkennen, was er mit so vollen Backen ausposaunt hatte, als seine vierzig Mann über sechs bis zehn Preußen herfielen, und blieb vor Anker liegen, als sei nichts geschehen.

Die Folge davon war, daß sich die Besatzung des »Bouvet« am Lande nicht mehr sehen lassen konnte, sondern wo sie erschien, offen verhöhnt wurde.

Auf die Dauer mochten das die französischen Flunkerhänse denn doch unbehaglich finden, und siehe da, eines Morgens war der »Bouvet« verschwunden.

Jetzt brach auf dem »Meteor« der laute Jubel los. Nach vierundzwanzig Stunden durfte man den Feind verfolgen und ihn außerhalb des Hafens angreifen, – mehr brauchte es nicht, um die Blaujacken zu entzücken.

»Wenn er nur nicht entflieht!« hieß es. »Wenn er nur stand hält!«

Auch Robert war voll Hoffnung, daß nun endlich, nach so langem, geduldigem Harren, nach so schwerer Prüfungszeit für ihn die Freude eines ersten Schlachttages beginnen solle. Er konnte kaum den folgenden Morgen erwarten, konnte weder essen noch schlafen, bis sich entschieden haben würde, ob der Franzose den Kampf aufnahm.

Als das Kanonenboot die Anker lichtete und zum erstenmal, seit Robert an Bord war, der Dampf aus den Schloten strömte, da umstanden Tausende von Menschen, namentlich alle Deutschen, die in der Stadt wohnten, das Ufer, und fast in jeder Sprache der zivilisierten Welt, außer in der französischen, wurde den braven Deutschen ein Lebehoch gebracht, wurden ihnen tausend Glückwünsche zugerufen und aller Segen des Himmels auf den »Meteor« herabgesteht. Die Besatzung antwortete mit einem dreifachen Hurra.

Und dann rasselten die Ankerketten herauf, das Schiff drehte sich, die Bevölkerung grüßte mit Hüten und Taschentüchern, und die Jagd auf den entflohenen Franzosen begann. Hinter dem »Meteor« dampfte das spanische Kriegsschiff, der »Hernan Cortez«, welcher an Bord die sämtlichen europäischen Konsuln bei sich führte, und außerdem noch viele Havaneser, die ebensowohl dem bevorstehenden Kampfe zuschauen, als auch die Neutralität des Hafes wahren und für den Fall eines bedeutenderen Unglückes in der Nähe sein wollten.

Wie pochte Roberts Herz, als das Schiff unter seinen Füßen die Salzflut durchschnitt. Jetzt erst war er Soldat, jetzt erst hatte er das Ziel seiner Wünsche erreicht, aber so freudig ihn auch die Vaterlandsliebe und der begeisterte Mut durchglühten, so ernst dachte er trotzdem an diejenigen, welche seinen Tod beweinen würden. Ein Abschiedsbrief an die alten Eltern lag in dem kleinen, verschlossenen Kästchen, das Uhr und Geld und Papiere verbarg, ein kindliches »Vater, vergib uns unsere Schuld« stieg aus tiefstem Herzen zum Himmel empor, ehe die für den Fall des Gefechtes zu treffenden äußerlichen Vorbereitungen beendet waren, dann aber spähte von der ganzen Besatzung des »Meteor« vielleicht kein Auge so sehnsüchtig nach dem Rauch des entschwundenen französischen Schiffes, als eben das unseres Helden. Er war es auch, der zuerst den »Bouvet« entdeckte.

»Dort!« jubelte er, »dort, Herr Kapitänleutnant, – ich sehe es deutlich.«

Der Kommandeur ließ sich das Glas reichen, und dann verkündete ein Kopfnicken der ganzen Mannschaft, daß Robert richtig geurteilt. Es war in der Tat der »Bouvet,« dessen Besatzung mit einer neuen Unüberlegtheit den Kampf eröffnete. Eine Kugel kam über das Wasser dahergeflogen und schlug in weiter Entfernung vom preußischen Schiffe unschädlich in die Flut hinein, – ein lautes Spottlachen an Bord des »Meteor,« das leider die Franzosen nicht hören konnten, beantwortete den Schuß.

»Wir schießen nicht, bis die Entfernung zwischen beiden Schiffen auf zwölfhundert Schritt herabgesunken ist,« sagte ruhig Kapitänleutnant Knorr.

Ein Hoch auf den braven, kaltblütigen Führer des »Meteor« antwortete diesem Ausspruch. Jedes Herz schlug erwartungsvoll den kommenden Ereignissen entgegen, während das Schiff mit höchster Anstrengung seiner Dampfkraft durch die Wellen dahinschoß.

Schuß auf Schuß erschütterte vom Bord des »Bouvet« die stille Morgenluft und erschreckte im Meeresgrunde die ahnungslosen Fische, sonst aber erreichten die Franzosen mit diesen Kundgebungen der Übereilung nichts, als daß auf dem »Meteor« gleichsam zur Herausforderung alle drei Masten die Toppflagge lustig in die Welt hinauswehen ließen. Immer noch fielen die Kugeln unschädlich in das Wasser.

Endlich aber kam die Zeit, wo das deutsche Geschütz antworten konnte. Auf dem »Meteor« blitzte es, und ein erster Gruß aus seinen Stückpforten pfiff durch das Takelwerk des Franzosen. Im gleichen Augenblick freilich schien sich das Verhängnis gegen die Deutschen zu kehren. Es erhob sich ein plötzlicher Wind, dem das Kanonenboot entgegenarbeiten mußte, während er anderseits den »Bouvet« mit rasender Fahrt in die Breitseite des Feindes trieb.

Das alles war das Werk weniger Minuten, und die Entfernung beider Schiffe auf dreihundert Schritt verringert, ehe noch die Besatzung des »Meteor« von der so schnell eingetretenen Veränderung einen vollständigen Überblick gewonnen. Nachdem freilich das Schlingern des weit kleineren Fahrzeuges zu stark geworden, um noch ein richtiges Zielen zu gestatten, erkannten auch die Unerfahrensten den drohenden Ernst des Augenblickes.

Ein Schreckensruf brach sich Bahn. »Er will uns in den Grund bohren!«

Nur der Kapitänleutnant behielt seine volle Geistesgegenwart. Er stand auf der Kommandobank und übersah mit festem Blick die Lage. »Ruhe,« befahl die tiefe, wohlklingende Stimme. »Ruder hart Steuerbord! Klar zum Entern!«

Mit Gedankenschnelle, ohne ein lautes Wort, wurde der Befehl vollzogen. Robert, dessen Gefechtsrolle ihn hart neben den Radkasten gestellt hatte, unser leidenschaftlicher Robert sah mit einer Art von begeisterter Verehrung auf den Kommandeur, welcher dort so vollkommen ruhig, so bewußt und so sicher das Ganze überblickte. Kein Aufflammen, kein Schwanken, kein trotziger Haß, obwohl das alles so natürlich gewesen wäre, – nichts als eine Ruhe, eine Besonnenheit, die im Angesicht der Gefahr nur noch immer mehr zu erstarken schien.

Die Blässe innerer Bewegung bedeckte unseres Freundes hübsches Gesicht. »Ein solcher Mann will ich werden!« dachte er. »So markig, so von Eisen, ohne dem Blute eine Herrschaft über den Geist zu gestatten!«

Und das Zündnadelgewehr, obwohl es in seiner Hand zitterte, wurde nicht voreilig gebraucht, – Robert beherrschte sich, so sehr es die jugendliche Kampflust verlangte, den ersten Schuß abzufeuern und damit in die Reihen derer, welche das deutsche Land verteidigten, auch tatsächlich eingetreten zu sein.

Alles an Bord war totenstill, aller Augen sahen auf den Kommandeur. Über die hochgehenden, fast tobenden Wellen hinweg brausten beide Schiffe einander entgegen. Jetzt – jetzt nahte die Entscheidung.

Nur noch Augenblicke, dann sind vielleicht fünfundsechzig Menschen in den Meeresfluten begraben, dann berichten die Zeitungen von einem glänzenden Siege der Franzosen, und das Andenken des kleinen »Meteor« ist verschollen, vergessen, ist das eines Toten.

Höher schlagen die Männerherzen – letzte Grüße trägt der Gedanke zu den Teuren, die vielleicht jetzt für den bedrohten Angehörigen beten –

Und nun, nun, – beide Fahrzeuge berühren einander –

Aber da fliegt ein stolzes Lächeln über das Gesicht des Kommandanten, da atmet er auf, tief, wie erlöst – –

Sein geübter Blick hatte ihn nicht betrogen, seine Maßregeln waren die richtigen gewesen. Im spitzen Winkel trafen beide Schiffe zusammen, es knirschte und krachte, Bord an Bord, etwa zwei Minuten lang sahen die Feinde aus nächster Nähe einander ins Auge, und dann war die ärgste Gefahr vorüber. Weder Freund noch Feind hatten Zeit gehabt, ans Entern zu denken. Jetzt aber eröffneten die Franzosen ein stetiges Kleingewehrfeuer, das von den Deutschen lebhaft erwidert wurde. Neben Robert fiel der Steuermann und stürzte, sofort getötet, auf die Deckplanken, unseren Freund und mehrere andere, die sich in der Nähe befanden, mit seinem Blute überspritzend.

Nur noch ein unverständlicher, gurgelnder Laut, dann war das Leben entflohen.

Robert sah auf. Ein heißer, glühender Zorn leuchtete aus seinen Augen. Er suchte mit den Blicken auf dem hohen Bord des »Bouvet« denjenigen, der diesen Schuß abgefeuert haben konnte, und nur zu bald hatte er ihn entdeckt. Halb von der Takelage verborgen, lauerte ein braunes, falsches Gesicht, und schon hatte sich das Gewehr seines Eigentümers, rasch geladen, zum neuen Mordwerk erhoben. Es war unverkennbar der Kapitän, auf welchen jetzt das Auge des Schützen zielte.

Das erkennen und unbekümmert um die eigene Sicherheit zwischen die Kugel und ihr Ziel springen, war für unseren begeisterten Freund das Werk eines Augenblickes. Er deckte mit seinem Körper den des geliebten Kommandeurs.

Zum Zielen und Schießen war es zu spät, – der Sprung wurde glücklich vollführt.

Vom Bord des »Bouvet« blitzte es auf. Die Kugel flog herüber und traf Roberts linke Schulter, so daß er im Augenblicke schwankte, dann aber raffte er seine schwindenden Kräfte zusammen, legte an und gab Feuer.

Wie damals in der Prärie des Westens der getroffene Adler, so stürzte der Franzose aus den Marsen herab. Ein lautes Bravo des Kapitänleutnants belohnte den glücklichen Schützen.

»Sie haben für mich Ihr Leben in die Schanze geschlagen, Kroll,« sagte laut der Kommandeur. »Ich danke Ihnen und werde nicht vergessen, das höheren Orts gebührend anzuerkennen.«

Die Worte waren in fliegender Eile gesprochen, dann näherten sich mehrere Soldaten, unter ihnen der blonde Maat, unserem Freunde, um ihn in das Lazarett zu bringen. Robert schwankte, aber ein Hochgefühl, ein Entzücken, wie er es nie gekannt, durchflutete sein Herz. Jetzt hatte er zurückgezahlt, was ihm der Kapitänleutnant neulich geschenkt, als er den unüberlegten Streich verzieh und die entehrende Strafe fernhielt.

»Bleibt!« stammelte er, »bleibt – ich kann allein gehen.«

Aber Gerber ließ nicht los. »Du Tausendsassa, du Schwerenöter,« raunte er. »Kommt das grüne Bürschchen kaum eben an Bord, hat noch keinen Schuß abgefeuert und tut es schon allen zuvor. Na, das hätte aber leicht dein letzter Augenblick werden können.«

Robert lächelte matt. »Was lag an mir?« flüsterte er. »An dem Kommandanten alles.«

Und dann verließ ihn das Bewußtsein. Gerber trug ihn wie ein kleines Kind ins Zwischendeck, wo der Schiffsarzt mit seinem Gehilfen bereit stand, um die Verwundeten zu empfangen. »Schnell, Herr Doktor,« bat der keuchende Unteroffizier, »bitte, sagen Sie mir schnell, ob der arme Kerl verloren ist. Ich möcht's gern wissen und muß doch wieder hinauf.«

»Das Kleingewehrfeuer hat aufgehört,« bemerkte der Arzt, indes er Roberts Kleider öffnete und die Wunde untersuchte. »Wie kommt das?«

»Gotts ein – –«

Der gemütliche Maat hätte fast einen Kernfluch vom Stapel gelassen, aber er besann sich noch zur rechten Zeit, daß auch der Arzt ein Schiffsoffizier sei, wenigstens dem Range nach, und verschluckte seinen energischen Satz, indem er laut sagte: »Zu Befehl, Herr Doktor, die Entfernung ist dafür zu groß geworden. Aber wie steht es denn mit der Wunde?«

»Die ist nichts!« entschied der Arzt. »Das Fleisch ist zerrissen und die Muskeln haben stark gelitten, – Knochen oder edlere Teile sind nicht verletzt.«

Gerber lächelte sehr zufrieden. Er ergriff sofort seine Mütze und eilte davon. »Der Pottfranzose hat auch sein Teil!« rief er im Fortstürmen. »Ich sah das Blut strömen, als er aus dem Mast fiel. Hurra für Deutschland!«

Und fort war er, indes Robert verbunden und in die Hängematte gelegt wurde. Oben an Deck hatte während dieser kurzen Zeit die Lage eine völlige Veränderung erlitten. Im Vorüberstürmen des »Bouvet« waren die Boote vom »Meteor« vollständig weggerissen, die Fockraa abgebrochen und die Wanten zerschnitten, der Großmast aber durch den schweren eisernen Kranbalken des Franzosen sogar eingeknickt. Bald nach dieser unheilvollen Begegnung erfolgte also natürlich der Sturz des beschädigten Mastes, welcher seinerseits den Besanmast umriß und die Kommandobrücke in tausend Trümmer schlug. Und nun entstand eine heillose Verwirrung. Alles Holzwerk stürzte über Bord, indes es die im Schiff befestigten Taue trotzdem nachschleiften und dadurch die Fahrt fast vollständig hinderten. In diesem Augenblick hätte der »Bouvet« entern und alles gewinnen können, aber mit dem Scharfblick seines Kommandeurs mußte es nicht besonders gut bestellt sein, denn ein derartiger Versuch wurde nicht gemacht.

Der »Meteor« kroch jetzt langsam durch die Wellen dahin, aber auch diesen Umstand wußte Kapitänleutnant Knorr auf das beste auszunutzen. Er gebot einem Teil der Mannschaft, die Taue zu kappen, und eilte dann zu den Kanonieren, denen er anbefahl, mit der größten Sorgfalt auf den Dampfkessel des »Bouvet« zu zielen.

Das geschah, und als der Schuß krachte, sahen alle mit atemloser Spannung zu dem feindlichen Schiffe hinüber. Hatte die deutsche Flagge Glück gehabt?

»Er sticht!« murmelte, mit dem Fuß stampfend, der Kapitänleutnant, »wahrlich, er flieht! – Noch eine einzige halbe Stunde und der Hafen ist erreicht!«

Aber da sahen plötzlich alle eine weiße Wolke, die sich rings um das Schiff verbreitete, stärker und stärker anschwoll und endlich den »Bouvet« ganz verhüllte. Es konnte nicht zweifelhaft sein, daß die Maschine getroffen war.

»Hurra!« schrie es aus hundert Kehlen. »Hurra, das war ein glücklicher Schuß.«

Der »Hernan Cortez,« welcher sich immer ganz in der Nähe des »Meteor« gehalten, setzte ein Boot aus und wollte mehrere Ärzte sowie Erfrischungen und Verbandmittel an Bord des deutschen Kriegsschiffes bringen, ebenso nahmen alle seine Insassen auf das entschiedenste gegen den Franzosen Partei, aber Kapitänleutnant Knorr lehnte mit höflichem Danke jede Hilfeleistung ab, teils um zu zeigen, daß auf seinem Fahrzeuge alles in schönster Ordnung sei, und ebensowohl auch, um bei der Verfolgung des kampfunfähig gewordenen Franzosen keine Zeit zu verlieren. Noch immer war der »Bouvet« in eine weiße Wolke gehüllt, noch immer lag er auf demselben Fleck, aber auch das deutsche Schiffchen hatte genug zu tun, um die Schraube von Splittern und Tauwerk zu reinigen und alles zu kappen, was hüben und drüben die Fahrt hinderte.

Der Kapitänleutnant ging von einer Seite zur andern, wie ein Löwe im Käfig. »Wir müssen entern!« wiederholte er, »wir müssen ihn nehmen!«

Aber das Schicksal wollte es anders. Die Maschine des »Bouvet« war total zerstört, das Dampfrohr durchschossen und die Fahrt gehemmt, daher beschloß sein Kommandeur, welchem offenbar alle Sicherheitsmaßregeln sehr geläufig waren, so rasch als möglich zu flüchten.

Im Augenblick, wo die Maschine des »Meteor« wieder in ihre volle Tätigkeit eingetreten war, hatten die Matrosen des »Bouvet« Segel gesetzt, und nun begann die Flucht nach dem Hafen von Havana.

Mit letzter Anstrengung aller ihrer Kräfte arbeitete die Dampfmaschine des »Meteor,« glühende Wünsche beseelten die tapferen Blaujacken, aber – die Entfernung zwischen beiden Schiffen wurde größer und größer, die Kugeln des Buggeschützes auf dem Kanonenboot begannen unschädlich in das Meer zu fallen und die Verfolgung mußte aufgegeben werden. Zudem verkündete ein Schuß vom Bord des »Hernan Cortez«, daß jetzt das Gebiet des Hafens wieder erreicht worden, also verbot es das Völkerrecht, von den siegreichen deutschen Waffen noch weiteren Gebrauch zu machen. Nach einer halben Stunde lagen beide Schiffe wieder friedlich nebeneinander auf ihren alten Plätzen.

Robert hatte während dieser ganzen letzten Zeit körperliche und geistige Qualen zu bestehen. Sein Bewußtsein kehrte bereits unter den Händen des Arztes zurück, und die Schmerzen, welche er erlitt, waren furchtbar, aber mehr noch sehnte er sich nach einer tätigen Teilnahme an den Ereignissen, deren Verlauf er sogar vom Bett aus mit lebhaftem Interesse verfolgte. Von Zeit zu Zeit kam jemand in das Zwischendeck, und dann fragte der neugierige Arzt so lange, bis er – und mit ihm Robert – alles gehört hatte.

Erst als die Ankerketten durch die Klüsen rasselten und nun auch der Doktor Zeit fand, sein gelehrtes Haupt aus der Decksluke hervorzustecken, erst dann legte sich unser Freund auf die Seite, um zu schlummern.

Wie nahe war er wieder einmal dem Tode gewesen, und doch, wie viel stolze Freude lebte in seinem Herzen. Er hatte dem Schiffe den Kommandeur erhalten, hatte bewiesen, daß er bereit sei, Leib und Leben der vaterländischen Sache zu widmen, und daß er dankbar vergelten wolle, was ihm der Kapitänleutnant Gutes getan.

Trotz der heftigsten Schmerzen in dem verwundeten Gelenk erinnerte er sich keiner so seligen, so gehobenen Stimmung, wie sie dieser Abend brachte.

Robert konnte sich selbst nicht klar machen, was ihn so beglückend durchdrang, aber es war nichts anderes, als das Bewußtsein freiwillig erfüllter Pflicht, das Frohgefühl der guten Sache, dieses höchste aller irdischen Güter. Als ihn der Arzt in Begleitung des Kapitäns vor Nacht nochmals besuchte und als der Kommandeur lange und freundlich mit dem jungen Freiwilligen gesprochen, da meinte Gerber im tiefsten, verborgensten Innern seines Herzens, daß doch der verwetterte, siebenmal übersegelte und von neun Millionen Haifischen gefressene Halunke, der Kroll, ein wahres Glückskind sei. »Um diese Wunde beneide ich ihn,« dachte er, »sie ist eine – hm – na, ich will sie eine Schicksalswunde nennen. Hast du nicht gesehen, wird die Beförderung zum Maaten hinterdreinfliegen, wenn auch der Herr Chargierte erst eben ausexerziert hatte, als die Geschichte losging.«

Und der gemütliche Maat sollte recht behalten. Als Robert mit dem Arm in der Binde, blaß und abgemagert, nach vier Wochen wieder umhergehen konnte, da kam aus Kiel eine Depesche, in der Kapitänleutnant Knorr zum Inhaber des eisernen Kreuzes ernannt wurde, und die außerdem mehreren Leuten eine Beförderung brachte. Robert wurde richtig, wie es Gerber vorausgesehen, zum Maaten ernannt, obgleich der Kapitänleutnant lächelnd dieser Botschaft hinzufügte, daß, wenn die da in Kiel ganz genau wüßten, wie kurz erst – –

Robert erlaubte sich gegen alle Dienstordnung die privatim gesprochenen Worte seines Vorgesetzten zu unterbrechen. »Der ganze Winter wird ja vergehen, bis die umfassenden Ausbesserungen an Bord des ›Meteor‹ beendet sein können,« rief er, »so lange bleibt auf dieser entlegenen Station doch wohl alles beim alten, und ich werde erst dann wirklich Bootsmannsmaat, wenn mich mein Kapitän für dieses Amt fähig erklärt.«

Ein Lächeln seines Vorgesetzten belohnte den bescheidenen jungen Mann, dem der Kommandant vom Tage dieser Ernennung an die Uniform des Maaten sowie dessen höheren Sold und geringe Standeserhöhung sogleich zukommen ließ, der aber nach wie vor den Dienst des Gemeinen verrichtete und sich jetzt mit verdoppeltem Eifer bemühte, seine beiden hervorragenden Fehler, den Trotz und die leidenschaftliche Aufwallung nach Möglichkeit zu überwinden.

Er hatte kennen gelernt, was es heißt, durch die Bande der Mannszucht und Unterordnung aus einer Anzahl von fünfundsechzig Menschen gewissermaßen einen Leib und eine Seele zu machen, die, beide zusammen dem leisesten Wink gehorchend, mit vereinten Kräften ein großes Ziel erreicht, oder doch wenigstens ein großes Unglück abgewendet hatten.

Was wäre aus Schiff und Besatzung geworden, wenn sich gegen die Befehle des Kapitänleutnants auch nur eine Stimme hätte erheben dürfen?

Der ›Bouvet‹ würde alsdann den ›Meteor‹ in den Grund gebohrt und dessen ganze Mannschaft unter seinen Trümmern begraben haben.

Robert erkannte nun klar genug als unerläßliche Notwendigkeit, was ihm im Anfang wie eine Beschimpfung seiner männlichen Ehre erschienen war, aber trotzdem kamen noch häufig Augenblicke, wo ihm das Blut heiß zum Herzen drang und er die Faust ballte, im heimlichen, brennenden Verlangen, sofort zuzuschlagen. Eine gründliche Erziehung braucht eben viel Zeit, und um sich von einer Schoßsünde loszusagen, dazu gehört ein sehr männlicher Wille, den erst die Jahre langsam heranreifen müssen.

Unser junger Freund war noch längst kein besonnener Charakter, obgleich ihn die Leute mit ›Maat‹ anredeten und er es verstand, sich vor groben Fehlern zu hüten. Während des ganzen Winters, als der ›Meteor‹ ausgebessert wurde und also der Dienst beinahe ganz aufgehoben war, bemühte er sich, die spanische Sprache zu lernen, oder er trieb Geographie, Geschichte und andere nützliche Wissenschaften, ebenso schrieb er fleißig nach Hause und an die Freunde hoch oben in den Bergen der Sierra Nevada. Was er von diesen letzteren hörte, das trieb ihm, eingedenk seines früheren Wunsches, in dem Indianerdorfe zu bleiben, eine kleine Schamröte ins Gesicht. Gottlieb hatte sich damals Tinte, Federn und Papier aus Stockton mitbringen lassen, deshalb war er imstande, einen eigenhändigen Brief durch einen der vielen umherstreifenden Indianer nach Lenchi zu befördern, von wo er per Post über San Francisco und Panama nach Havana gelangte.

»Mir geht es äußerlich wohl,« schrieb der junge Krämer »und wenn ich mich nicht so sehr nach den Eltern und nach geordneten christlichen Verhältnissen im allgemeinen zurücksehnte, dann müßte ich sagen: auch innerlich. Wilde Tiere kommen nicht bis in unser Dorf, das steht fest, die Comanchen skalpieren niemand, der mit ihnen die Friedenspfeife geraucht hat, das weiß ich jetzt auch, denn so ganz heimlich erlausche ich mir die Sprache der Rothäute und habe sie über alles ausgefragt, nämlich die Squaws, die sind so dumm wie die Gänse, sie erzählen mir, was ich wissen will. Mongo arbeitet jetzt beständig beim Losbrechen und ich beim Auskörnen, – du solltest mich nur sehen, wie gemütlich ich's habe, Robert. Den Platz vor unserm Wigwam, in welchem du mir täglich fehlst, haben die Squaws von Moos und Wurzeln gänzlich reinigen müssen, und Mongo hat ihn mittels einer Lehmschicht, die wir tüchtig einstampfen, so glatt und so fest gemacht, wie den besten Holzfußboden. Darauf wird nun das Gold ausgesucht, und der Lederbeutel ist jetzt schon ganz gefüllt. Ich habe auch einen kleinen Reiserbesen hergestellt, womit mir ›Rehauge‹ und das ›hüpfende Wasser‹ und ›Schwarzkätzchen‹ und alle diese roten Frauen mit den Tiernamen das Gold zusammenfegen müssen. Wie ein Fürst komme ich mir vor, brauche nur zu befehlen und alles gehorcht, brauche nur zu winken und alles fliegt. Meistens lasse ich mich während des ganzen Tages nicht stören, sondern arbeite immerfort, indes mir meine Gehilfinnen herbeischleppen, was ich brauche, Essen, Trinken oder ein paar Früchte zum Naschen und vielleicht einen Schluck Branntwein. Die Rothäute machen es ja ebenso, also weshalb sollte ich es nicht tun? Sie sehen mir auch jetzt, während ich vor einem großen, flachen Steine auf den Knieen liege und mühselig schreibe, in einiger Entfernung über die Achseln, näher heran aber kommen sie nicht, aus Furcht vor dem Zauber. Ist das nicht zum Totlachen?

»Soviel von mir und nun zu dir, du lieber, alter Kerl, den ich so gern hier bei mir hätte. Also du bist auf einem Kriegsschiff und fühlst dich ganz wohl da, wo es von Gefahren wimmelt. Gottlob, denke ich hundertmal an einem Tage, daß ich hier sicher sitze, hoch oben im Gebirge, wo mich die Einberufungsordre nicht treffen kann, und du – du suchst die Kugeln auf, damit sie doch um alles in der Welt nicht an dir vorbeifliegen mögen. Hab ich doch jemals einen Unsinn gehört, so ist es dieser. Tat's nicht greulich weh, als die Wunde genäht wurde? – denn du mußt nur wissen, daß wir drei, der Trapper, Mongo und ich, die ganze Geschichte genau kennen. Als der Jaguar im Oktober wieder nach Stockton reiste, hörte er, daß ein französisches Schiff vor dem Hafen von Havana kreuzte, und nun ruhte er nicht eher, bis es ihm gelang, trotz aller Beschwerden gegen Ende November nochmals dieselbe Tour zu machen, nur aus heimlicher Sorge um dich, den er seinen ›weißen Bruder‹ nennt und sehr ins Herz geschlossen hat. Er brachte uns beiden, dem Neger und mir, alle Zeitungen mit, in denen das Gefecht beschrieben stand, auch, daß du dem Kapitän das Leben gerettet hast und selbst verwundet bist. Gott segne meine Seele, wie kann man dergleichen aufsuchen? – Ich habe sofort, als der Krieg ausbrach, den Alten in Pinneberg geschrieben, daß sie nicht verraten, wo ihr Sohn lebt. Weit davon ist gut vorm Schuß.

»Aber jetzt leb wohl, du Wagehals, der imstande wäre, das Tollste zu tun, um seinem Übermut die Zügel schießen zu lassen. Mein Privatpostbote, eine Rothaut, die auch den Trapper spielt und überall herumkriecht, um sich ohne Squaw durchs Leben zu bringen, steht da und wartet. Gott befohlen Robert, und schreib zum März wieder, dann geht der Jaguar nach Stockton.

Mit vielen herzlichen Grüßen, dein Gottlieb.«

Unser Freund hielt diesen zerknitterten, schwärzlich gefärbten und nicht eben nach Ambra duftenden Brief, welchen der Indianer in seinem Ledergürtel durch die Wildnis bis nach Lenchi befördert, zwischen den Fingern, und sah träumend ins Leere. Hatte er wirklich noch vor wenigen Monaten wünschen können, dies Leben, wie es Gottlieb schilderte, auch seinerseits weiterzuführen, hatte er seinem Berufe als Mensch und Sohn, als Bürger eines Kulturstaates Genüge leisten wollen, indem er gleich einem Tier der Wüste nur atmete, anstatt zu leben, indem er sich's verhältnismäßig wohl sein ließ, indes sich das Schicksal ganzer Völker blutig entschied und Millionen deutscher Herzen in Angst und Hoffnung erbebten?

Kaum glaubte er's noch. Aber freilich, damals flüchtete er vor sich selbst und suchte Schutz in äußerlichen Zerstreuungen, damals hatte er keinen Frieden, keine Ruhe, – ihm stand noch bevor, was sich seitdem so günstig entschieden, die Wiedervereinigung mit dem Vater.

Ja, ja, das war es. Jetzt stand sein Wollen und Sein auf dem festen Boden des Rechten, jetzt blickten die Augen voll Sicherheit vorwärts und voll Ruhe zurück, ach – und darin war alles enthalten. Er fühlte es tief und freudig gerade wahrend des Lesens dieses Briefes, der ihm einen Vergleich zwischen dem Einst und dem gegenwärtigen Augenblick so lebhaft aufdrängte.

Gottliebs Brief wanderte als Andenken der Ferienzeit in den Gebirgen der Sierra Nevada mit zu seinen übrigen Schätzen und als bald darauf die Nachricht vom endlich abgeschlossenen Frieden zugleich mit der Heimberufungsordre für den ›Meteor‹ in Havana anlangte, da hatte Robert vorher noch Gelegenheit gehabt, die kleine Insel, auf der er so lange als Einsiedler gelebt, auch bei Tage und mit Muße wiederzusehen.

Ihrer acht Mann erhielten sogleich die Erlaubnis, einen ganzen Tag auf diesen Ausflug zu verwenden, und mit Robert an der Spitze durchzogen die fröhlichen Blaujacken das ganze Eiland, indem sie singend und jubelnd alle Vögel aus ihrer Ruhe aufscheuchten, und dann von der halbverfallenen Hütte unseres Freundes feierlichst Besitz nahmen, um auf seinen leeren Weinkisten den mitgebrachten Mundvorrat auszubreiten und zu verzehren.

Nur am Abend, nachdem Robert der lustigen Schar die Geschichte des hier begrabenen Geistersehers erzählt, wurden doch die lauten Stimmen ernster, und mehr als einer der jungen Leute behielt von dieser Vergnügungsfahrt einen Eindruck, wie ihn stärker und nachhaltiger kein Gottesdienst hätte hervorbringen können. Am folgenden Tage lichtete der ›Meteor‹ die Anker und dampfte nach Europa, wo er im Hafen von Kiel wohlbehalten anlangte.

Robert hatte schon gleich nach Beendigung des Feldzuges darum nachgesucht, seine dreijährige Dienstzeit auf der Flotte ohne Unterbrechung vollenden zu dürfen, und da ihm das bewilligt worden war, so kam er als Bootsmannsmaat auf die Korvette ›Gazelle‹, welche im Sommer 1871 mit Kadetten nach Westindien und Brasilien abgehen sollte, auch Gerber wurde diesem Schiffe zugeteilt, und nur der Abschied von dem verehrten Kapitän Knorr verursachte unsenn lebhaft fühlenden Freunde einen wirklichen Schmerz. Er trennte sich von diesem ebenso strengen wie gütigen Vorgesetzten nur äußerst ungern, nachdem aber der Kapitänleutnant halb scherzend, halb ernsthaft gefügt: »Wir finden uns noch einmal wieder, Kroll, wahrscheinlich, wenn Sie bereits Deckoffizier sind, denn zur Handelsmarine kehren Sie ja doch nicht mehr zurück!« – da lächelte er getröstet. Wie doch dieser Mann in den Tiefen des Menschenherzens zu lesen verstand! Wirklich, es hätte jetzt ein harter Entschluß werden müssen, die sauberen, geordneten Kriegsschiffe mit ihrer unfehlbaren Gerechtigkeit, ihrer guten Verpflegung und interessanten, anregenden Aufgabe wieder gegen die Kauffahrer zu vertauschen, bei denen doch im Grunde die reine Willkür des Kapitäns gegen seine ganze Mannschaft in bezug auf ihr leibliches Wohl und Wehe den Ausschlag gibt.

Aber daran brauchte er vor der Hand nicht zu denken. Noch standen ihm fast drittehalb Dienstjahre bevor, und was dahinter lag, das fand sich später. Erst gab es einmal Urlaub in die Heimat, und an einem frischen, kühlen Aprilmorgen machte unser vielgewanderter Freund die Reise von Kiel nach Pinneberg, kam also diesmal aus entgegengesetzter Richtung in das kleine Städtchen zurück. Am Bahnhof stand der Alte, noch mit demselben großväterischen Rock, den er vor dreißig Jahren als Bräutigam eigenhändig genäht, noch mit dem riesigen Hut und den Vatermördern von Anno Tobak, die er sich nur gestattete, wenn irgend eine besondere Festlichkeit gefeiert werden sollte, – ein Spießbürger und Philister vom reinsten Wasser, aber doch sein Vater, sein lieber, guter Vater, dem er sich in die Arme warf und ihn jubelnd begrüßte, wer es auch sehen und vielleicht spötteln mochte.

Aber freilich, während dieser Zeit tat das niemand. Zu viele Herzen hatten im Wiedersehensjubel, nach langer schwerer Trennung von ihren Lieben, den ganzen Hochgenuß des Erdenglückes selbst empfunden, zu viele hatten heimlich den Todesstoß erhalten, wenn so die Bahnzüge mit Beurlaubten in die Heimat ankamen, und ihr suchendes Auge vergeblich die Reihen überflog, um den einen, Geliebten, die teure, unvergeßliche Gestalt des Erwarteten endlich zu finden, wenn von Wagen zu Wagen die Nachforschung vergeblich war und niemand – niemand Kunde gab von dem, den längst der Todesengel auf weißen Fittichen emporgetragen in die ewige Heimat.

Es lächelte keins, als Robert so leichtfüßig heraussprang und den Alten umhalste und küßte, viele aber drängten sich herzu, um ihre Glückwünsche, die Worte innigster Teilnahme, gleich beim ersten Wiedersehen auszusprechen.

Und Meister Kroll schaute so stolz drein, er schien allen Leuten, die einst sein schweres Weh gesehen, setzt auch zurufen zu wollen: »Nun ist's aber anders geworden, was?«

Und dann, nachdem der erste Rausch verflogen, drängte er zur Eile. Mütterchen in ihrer altgewohnten Bescheidenheit, in dem ganzen Vorurteil des kleinen abgeschiedenen Örtchens, hatte es ja nicht schicklich gefunden, am hellen Morgen schon im besten Putz spazieren zu gehen, als gäbe es vor dem Herd und in der Küche gar keine Arbeit mehr, sondern sie war daheim geblieben, kochte und buk und lief, als sie das Pfeifen der Lokomotive hörte, in jeder Minute ans Fenster, um zu spähen, ob er noch nicht komme, ihr Sohn, ihr Einziger.

Wie war das alles jetzt so ganz anders als damals im vorigen Herbst, wo Robert nur bis auf den Flur gelangte, wo er trotzig und zürnend davonging, ohne im väterlichen Hause auch nur einen Labetrunk erhalten zu haben. –

Mütterchen wischte mit dem Schürzenzipfel die Tränen aus den Augen. Aber als nach ein paar Minuten endlich die Erwarteten erschienen, als sich die Nachbarinnen an die Fenster drängten und einzelne miteinander flüsterten, da flossen sie doch wieder, die klaren Perlen, und das erste Wort von den Lippen seiner Mutter, ihren ersten Willkommen hörte Robert, ohne den Inhalt mehr als nur zu ahnen.

Jetzt hatte er gutgemacht, was er früher verschuldet, in dem Blute, das der junge Mann für Kaiser und Vaterland vergossen, hatte er den leichtsinnigen Streich wieder abgewaschen, den einst der Knabe begangen.

Jetzt durfte er für längere Zeit ausruhen, durfte mit Recht und nachdem er seine Schuldigkeit getan, nun auch die erlaubten Mußestunden genießen. Und was hatte er nicht alles zu erzählen, wie wurde der schlanke, braune Unteroffizier mit der südlichen Hautfarbe und dem gewandten Benehmen bald der Held des Tages, dem alles die Hand schüttelte, und den jeder gern kommen sah.

Er verlebte in dem kleinen, engen Heimatstädtchen wahrhaft glückliche Tage, aber dennoch begann die Sehnsucht nach dem Wasser in seiner Seele schon sehr bald leise wieder zu murren, und als der Juni herankam, da ging es fort nach Kiel, um auf der ›Gazelle‹ den Dienst anzutreten. Diesmal begleitete ihn der Alte bis an die blaue Ostsee. »Das Schiff geht für zwei Jahre fort,« meinte er, »und ist's gut, wenn sich der Mensch auf alles vorbereitet. Mich deucht, ich werde dich nicht wiedersehen, mein Junge, habe so eine Ahnung, die nicht mehr weichen will.«

Robert suchte ihm den trüben Gedanken auszureden, aber der Alte schüttelte den Kopf. »Ich sterbe ja nicht, weil wir davon sprechen,« fügte er lächelnd, »aber doch will ich dir jetzt schon mitteilen, daß meine Ansichten und Absichten in vieler Beziehung anders geworden sind. Die Mutter behält, so lange sie lebt, alles was ich hinterlasse, nach ihrem dereinstigen Ableben aber magst du in Gottes Namen das Haus verkaufen, das Kapital kündigen und dir einen Anteil an einem Schiff dafür erstehen. Ich segne noch mit warmer Hand, wie man zu sagen pflegt, diesen Plan und – das war's, was ich dir als Abschiedsgruß mit auf den Weg geben wollte.«

Robert umarmte innig gerührt seinen treuen, alten Vater. »Ich glaube ja nicht an deinen Tod,« flüsterte er, »im Gegenteil, du hast eine ausdauernde Gesundheit, und wirst wie dein Vater und Großvater gewiß ein hoher Achtziger werden, aber dennoch möchte ich dich bei dieser Gelegenheit nach Einem fragen. Hast du mir den Schmerz und die Schande, welche ich dir damals bereitet, so recht von Herzen verziehen? Ist auch das letzte trübe Andenken verwischt?«

Meister Kroll lächelte wehmütig. »Mehr noch, mein Junge,« sagte er nach einer Pause, »mehr noch. Auch ich habe eine ernste Lehre erhalten. Mein Eifer für dein Wohl war immer der ehrlichste, aufrichtigste, aber vielleicht –«

»O Vater, Vater,« unterbrach Robert, »um Gottes willen, verteidige dich nicht deinem schuldigen Sohne gegenüber.«

»Laß mich ausreden, Kind. Ich habe erkannt, daß selbst die reinste Absicht den Menschen irre zu leiten vermag, – ich bin vielleicht aus voller, herzlicher Väterliche oft willkürlich verfahren, und auch mir hat die gütige Vorsehung zu weisem Zweck jene Zeit des Schmerzes gesandt. Aber nicht wahr, mein Sohn, wir haben uns jetzt verstanden und werden uns geistig nie wieder trennen, ob auch vielleicht unsere Blicke sich auf Erden nicht mehr begegnen? Versprich mir das.«

Fest verschlungen lagen die Hände des Vaters und des Sohnes ineinander. Erst jetzt, in der Scheidestunde, hatten sich diese beiden stolzen und trotzigen Charaktere gegenseitig ganz ausgesprochen, und Robert fühlte wohl, was ihm mit dem gemachten Geständnis sein eigensinniger, in so ganz anderen Verhältnissen erzogener Vater geschenkt. Er flüsterte wie ein reuiges Kind Worte voll Liebe und Zärtlichkeit, er vermochte kaum sich loszureißen, als endlich die unerbittliche Trennung heranrückte. »Grüß noch viel tausendmal die Mutter,« preßte er hervor, »und denk nicht an trübes, nicht an den Tod, Vater. Wir sehen uns wieder.«

Meister Kroll nickte sehr ernst. »Wir sehen uns wieder,« sagte auch er, »das ist meine feste Zuversicht. Und nun laß es uns kurz machen, mein Junge. Behüt dich Gott auf allen deinen Wegen, und bleib gut, bleib ein braver Mensch!«

»Das will ich Vater!« beteuerte Robert. »Das will ich gewiß. Mit mir zieht ja dein bester Segen!«

Nochmals drückte der alte Mann die Hand des Sohnes. »Leb wohl, mein Kind! – Leb wohl!«

Er wandte sich, um zu verbergen, daß seine Fassung schwankte, er sah auch nicht mehr zurück, sondern ging langsamen Schrittes davon. »Weh tut's doch,« dachte er, » bitter weh, daß das alles so kommen mußte und nicht anders. Ich habe von Herzen vergeben und von Herzen gesegnet, aber Gott weiß, welche Kämpfe es kostete. Glaube doch, ich hätte mich noch im Grabe gefreut, den Jungen als Schneidermeister zu sehen, der sich sogar bis zu der Kundschaft des gestrengen Herrn Bürgermeisters und des Branddirektors aufgeschwungen haben würde. Aber das wäre wohl zu viel Glück gewesen, – es sollte nicht sein.«

Vierzehntes Kapitel

An Bord Sr. Majestät Schiff »Gazelle«.

Die Korvette »Gazelle«, auf welcher sich Robert also jetzt befand, und wo er den Posten eines »Bootsmannsmaat« zum erstenmal wirklich bekleidete, ist in allen ihren Verhältnissen ein ganz anderes und viel größeres Fahrzeug als das Kanonenboot »Meteor«. Eine solche Korvette hatte damals noch auf dem Oberdeck zwei Geschütze von je 70 Zentner Rohrgewicht auf Rahmenlafetten und in der Batterie zwanzig glatte 36pfünder, sowie sechs dreizöllige Bombengeschütze. (Seitdem sind die glatten Läufe in gezogene verändert worden.) Ihre Ausdehnung ist etwa 170–190 Fuß Länge und 40 Fuß Breite bei einem Tiefgang von 18 Fuß. Die Bemannung besteht aus etwa 380 Köpfen. Gegen die 65 Leute des »Meteor« gehalten war das eine große Veränderung, und unser Freund, nachdem er den Abschied von seinen Lieben einigermaßen überwunden hatte, sagte sich, daß dem entsprechend auch der Dienst etwas strenger und die ganze Bedeutung der Expedition eine wichtigere sein müsse als die des Kanonenbootes, natürlich abgesehen von dem Kampfe mit dem »Bouvet«, und ganz im allgemeinen verglichen.

Eine Korvette steht im Range der früheren Fregatten, sie dient als Stationsschiff in den Häfen halbzivilisierter Völker und muß eben durch ihre Größe, sowie durch ihre Bewaffnung allen etwaigen Gegnern Achtung einflößen können. Ist noch außerdem das Fahrzeug zum Schulschiff für eine Anzahl junger Kadetten von der Militärverwaltung bestimmt worden, so herrscht an Bord eine um so größere Ordnung und Strenge, die sich zwar dem Charakter unseres Freundes durchaus harmonisch anpaßte, ihm aber doch zuweilen einiges Stirnrunzeln des Bootmannes, oder eine freundschaftliche Lehre Gerbers eintrug, jedenfalls aber seine Geduld auf harte Proben stellte.

Um unseren Leser von dem Leben an Bord eines Kriegschiffes den erforderlichen Vorbegriff zu geben, wollen wir nicht unterlassen, einige kleine Züge desselben besonders auszumalen, namentlich was die beiden täglich wiederkehrenden Haupterfordernisse, Reinlichkeit und Pünktlichkeit, anbetrifft.

Es ist eben keine Kleinigkeit, bei so beschränktem Raume und einer so großen Anzahl junger, lebensfroher, kräftiger Menschen, doch Ordnung und Mannszucht aufrecht zu erhalten, es ist eine schwere Aufgabe, das enge Zusammenleben vieler ohne Gefahr für die körperliche Gesundheit der Leute zu ermöglichen, daher muß reichliche Arbeit im Verein mit guter Kost und ausgesuchter Sauberkeit den Leib vor Schaden bewahren, während wiederum durch das Wohlbefinden dieses »sterblichen Gefährten« auch die Seele frisch und geschmeidig bleibt.

Solch ein Kriegsschiffmatrose ist alles in allem. Er vertritt als Angehöriger der Reichsmarine in fremden Weltteilen sein Vaterland, seinen Kaiser, – er muß aber auch den Boden, welcher ihn trägt, selbst waschen, selbst sein Bett aufmachen und selbst fegen. Er ist in dem schwimmenden Bau, dessen Wände ihn von Pol zu Pol gegen die Wut der Elemente beschützen, der Soldat, der Mann in Wehr und Waffen, aber auch die sorgsame Hausfrau, der kein Stäubchen, kein Spinngewebe entgeht, die nie ruht und nie abläßt, immer wieder ihr Reich zu durchmustern, immer wieder zu wischen, zu fegen und zu polieren, ob auch kein Menschenauge eine erblindete Platte oder gar ein Fleckchen zu entdecken vermöchte.

Bedenkt man nun noch die täglichen Übungen an den schweren Geschützen, den Masten und Segeln, ferner den ununterbrochenen Wachtdienst, die Enge des Raumes, auf dem alles dies vor sich geht, den Mangel an allem, was man im gewöhnlichen Leben am Lande unter »Bequemlichkeit« versteht, so ist wohl zur Genüge klar, wie schwer der Kriegsschiffmatrose arbeitet.

Besonders an Sonntagen wird auf allen Kriegsschiffen große Musterung abgehalten, und das Leben an Bord zeigt schon von fünf Uhr früh eine Tätigkeit, als werde heute Gott weiß welcher Gast erwartet, der späterhin die Nase rümpfen oder wohl gar der angetroffenen Wirtschaft eine üble Nachrede anhängen könne.

Dafür ist es aber auch ein hübscher Anblick, solches Schiff im Sonntagskleide. Von der Gaffel herab weht die Nationalflagge, alles glänzt schneeweiß im besten Schmuck der Sauberkeit, jeder einzelne Mann erscheint mit blauen Tuchbeinkleidern, weißem Hemde, schwarzseidenem Halstuch und blankgeputzten Schuhen. Auf dem Kopfe trägt er heute den lackierten Hut, dessen Band den Namen seines Schiffes aufweist.

Nachdem alles Waschen, Putzen und Fegen vorüber ist, kommt die eigentliche Inspektion, bei welcher unser Freund zuweilen das stärkste Herzklopfen verspürte. Er selbst war von Haus aus und dank der vortrefflichen Erziehung seiner Eltern ein sauberer, ordentlicher Mensch, aber durchaus nicht alle diejenigen, welche zu seiner Backschaft gehörten, konnten sich gleichfalls dieser Vorzüge rühmen. Robert lernte es hier, geduldig an jedem Tage das gestern Gesagte zu wiederholen, sich selbst zu bezwingen und seiner Leidenschaft Zügel anzulegen. So oft er aber demselben schmutzigen Burschen befahl, die Schuhe zu putzen, die Hände zu waschen oder die abgerissenen Knöpfe vom Schneider wieder festnähen zu lassen, eben so oft erinnerte er sich des Verweises, welchen ihm Kapitän Knorr erteilt, und wie dieser die eigene Überlegenheit bewiesen, aber keineswegs herausgepoltert hatte.

Wenn die Leute aus seiner Backschaft am Montag – Sonntags werden keine Strafen verhängt – auf die schwarze Liste kamen, so ärgerte ihn das anfänglich furchtbar. Der alte, böse, unausrottbare Fehler, sich alles im Leben zu leicht, zu einfach zu denken, alle Hindernisse im ersten Anlauf besiegen zu wollen, diese schlimme Eigenschaft großangelegter, enthusiastischer Naturen war immer noch nicht ganz besiegt. Robert hatte gehofft, daß schon sehr bald gerade seine Backschaft die ausgezeichnetste des ganzen Schiffes werden solle, er hatte den Ehrgeiz, welcher ihm selbst innewohnte, auch bei den Matrosen gesucht, und als er anstatt dessen zuweilen die größte Trägheit oder Unordnung antraf, ärgerte er sich auf das äußerste.

»Du mußt es machen, wie ich,« riet Gerber. »Während der Dienststunden schimpfst du dir alles von der Galle herunter, und nachher denkst du nicht weiter daran.«

Robert seufzte, aber er gewöhnte sich allmählich, und als das Schiff in die Tropen kam, als von einem Tage zum anderen wieder Neues, Fremdes seinem sehnenden Auge entgegentrat, da waren bald die kleinen Sorgen des Anfanges überwunden. Er konnte jetzt wieder mit noch zehn oder zwanzig anderen, wohlbewaffnet und wohl mit Mundvorrat versehen, die Küsten der Inseln durchstreifen und frische Früchte sammeln, hier und da auf die Jagd gehen, oder mit den Eingebornen verkehren, ebenso lernte er auch in den Städten die Art und Weise fremder Völker von Angesicht zu Angesicht kennen, vervollkommnete seine allgemeine Bildung und studierte eifrig die Sprache, welche ihm in den jedesmaligen Hafenplätzen entgegentrat.

Von zu Hause sowie von den Freunden im Hochgebirge der Sierra Nevada erhielt er häufig Briefe, die ihn dann wieder auf das blaue Wasser hinausbegleiteten und dort seine kostbarsten Schätze bildeten. Im Hafen von Hayti wartete seiner sogar ein umfangreiches Paket, und als er es öffnete, – ach da war die Freude groß.

Eine Photographie hatten sie ihm von Stockton aus geschickt, und keiner fehlte. Da standen sie im Vordergrunde, der liebe, alte Mongo mit seinem schwarzen, ehrlichen Gesicht, der Trapper, auf die lange Kugelbüchse gestützt, so ernst, so gelassen wie immer: ihm zu Füßen die beiden Hunde und im Hintergrunde die Indianer, halb scheu, halb neugierig, jedenfalls von dem Gedanken an eine Zauberei völlig durchdrungen und in diesem Augenblick ihrer Würde so ziemlich beraubt. Der farbigen Gesellschaft zur Seite stand Gottlieb. Unser Freund lachte laut, als er die Veränderung dieses schüchternen, blassen Gesichtes sah. Das Haar bis auf die Schultern herabhängend, ganz im Barte wohnend, glich der junge Krämer mit seinem Lederanzug und den derben Stiefeln einer Art von Urmenschen, wie sie etwa vor Erfindung der Scheren und der Seife auf Erden einhergewandert sind. Ihm fehlte jede Schönheit, jeder malerische Anstrich, er sah weder interessant aus noch stattlich, nur grausam verwildert. Das wußte er auch und verriet es selbst. »Ich will mich dir noch in meiner ganzen Wildnisglorie zeigen,« schrieb er, »in einer Gestalt, die ich nach wenigen Stunden für immer abschüttele. Wir befinden uns auf dem Wege nach San Francisco, wir kehren in den Schoß der Zivilisation zurück, als reiche Leute, Robert, aber das letztere ganz im Vertrauen gesagt! – Deshalb, ehe ich den alten Menschen wieder anziehe, ehe Messer und Schere den anständigen Bürger des Kulturstaates in mir wieder herstellen, nimm noch ein Andenken der Vergangenheit, in welcher wir miteinander gelebt. Nun es überstanden ist, möchte ich doch die Erinnerung daran nicht verkaufen! Wirklich, schon jetzt hier in Stockton schmeichelt es mir, wenn mich die Leute auf große Erlebnisse hin ansehen. Man macht einen ganz anderen Eindruck als die gewöhnlichen Menschen, denen nichts weiter passierte, als daß sie an jedem Morgen aufstanden und sich abends wieder schlafen legten.

»Bei ein paar Krämern bin ich hier in Stockton schon gewesen und habe heimlich das Handwerk gegrüßt. Aber es ist nichts Reelles, der Schmutz liegt in den Ecken, man schenkt Branntwein, Müßiggänger sitzen auf allen Kisten und Tonnen, man streckt die Beine in lümmelhafter Weise vor sich und spuckt nach Belieben auf den Fußboden.

»Ich kehre zurück nach Deutschland, Robert, – im Ledergürtel stecken die Wechsel – Hurra! Hurra! nach Deutschland.«

Unser Freund konnte sich von dem Anblick des Bildes nicht wieder trennen. Der Jaguar und Mongo und die beiden großen gelehrigen Hunde, – wie weckten in ihm alle diese lieben, vertrauten Gestalten die Erinnerung an vergangene Freuden. Besonders der Zug durch Steppe und Wald war es, welcher ihm mit dem ganzen Zauber eines glücklichen, von reichster Fülle des Genusses belebten Andenkens wieder vor die Seele trat. Alles sah er und fühlte er im Geiste noch einmal.

Aber doch stellte er das Heute höher. Sein Leben hatte nun eine Bedeutung, nicht allein für ihn selbst, sondern auch für den Staat, dem er angehörte, er diente seinem Kaiser, indem er die eigene Zukunft begründete. Wie angenehm war es nicht, von der Welt und den Menschen, von den Verhältnissen aller Völker und aller Erdteile sich durch persönliche Anschauung ein Urteil zu verschaffen, wie stillte es den Wissensdurst seines Inneren, von Hafen zu Hafen immer neue Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen und den reichen Schätzen der Erinnerung beizufügen. Das alles ließ sich doch nur verwirklichen, indem er auf Kriegsschiffen diente, denn auf der Handelsmarine fand sich dazu nur durch das Unglück, durch Schiffbruch oder Havarie eine passende Gelegenheit, während im Gegenteil die Kriegsfahrzeuge, namentlich aber das Kadettenschiff, nur kreuzten, um die jungen Leute, welche sich an Bord befanden, ihrem künftigen Berufe entgegenzuführen und sie auf denselben vorzubereiten.

Robert fühlte so recht, wie gnädig ihn Gott zu verhängnisvoller Stunde aus den Banden geistiger Trägheit und des Irrtums befreit hatte, er atmete leichter und froher, je länger das Bild in seiner Hand ihn an die Vergangenheit erinnerte. Wohl ihm, daß so reiche Freuden sein eigen gewesen, daß er sich treue, liebe Freunde erworben und redliche Herzen ihm ergeben waren, – aber auch wohl ihm, daß er nicht müßig genießend schwelgte, als das Vaterland gegen den Feind kämpfte, daß er zur rechten Zeit aufgerüttelt wurde, schweren Stunden, aber auch schönem Lohne entgegen.

Er steckte das Bild zu sich, und suchte dann in der nächsten Straße ein Wirtshaus. Es war drückend heiß an diesem Tage. Obgleich schwarze Regenwolken die Sonne gänzlich verhüllten, lag doch die Luft wie Blei auf der Brust, und jede Stirn zeigte große Schweißtropfen. Kein Windhauch belebte die glühende Luft, alle Blätter an den Bäumen hingen schlaff herab, die Tiere verhielten sich scheu und teilnahmlos.

Robert suchte mit noch einigen anderen Leuten von der ›Gazelle‹ Schutz unter einem großen Leinwandzelt, das einladend und schattenspendend inmitten eines Gartens lag. Dort wurden Flaschen aufgefahren, deutsche und englische Zeitungen herbeigebracht und nach Herzenslust »gekneipt«. Es war heute der letzte Tag am Lande, daher mußte er noch wahrgenommen werden. Morgen sollte die Korvette wieder in See stechen.

Das Bild von Stockton ging von Hand zu Hand. Roberts Abenteuer, von denen er nie viel zu sprechen pflegte, wurden bei dieser Gelegenheit lebhaft erörtert, und die Erzählung derselben rief in den Seelen der anderen so manche Erinnerung an eigene und die Erlebnisse befreundeter Personen wieder wach, kurz, es entstand eine sehr anregende Unterhaltung, bei welcher die jungen Leute ganz übersahen, daß sich der Himmel von Viertelstunde zu Viertelstunde immer dunkler färbte und daß einzelne Blitze die Luft zerrissen.

Deutsche Lieder ertönten rings im fröhlichen Kreise, heitere Scherzworte wurden den Vorübergehenden, sobald sie irgendwie die Neckerei der ausgelassenen Schar herausforderten, im vaterländischen Dialekt nachgerufen, und lautes Lachen erschallte vom Zelt herüber bis zum nahen Hafen, wo die Schiffe aller Nationen friedlich vor Anker lagen.

Da erschien plötzlich bleich wie ein Gespenst der Wirt, ein brauner, magerer Spanier, unter dem Eingang des Zeltes und rang jammernd die Hände. » Madre de dios,« stammelte er, seine eigene Sprache und ein schlechtes Englisch bunt durcheinander mischend. » Sennores, es kommt, es kommt, – alle vierzehn Nothelfer beschützen uns! – flieht! flieht!

Die Matrosen sprangen unwillkürlich von ihren Sitzen auf. »Was kommt?« wiederholten sie. Und einige Stimmen setzten hinzu: »Der Bursche hat den Sonnenstich!«

»Vom Schatten?« fragte ein anderer. »Heut ist ja der Himmel schwarz wie Tinte.«

»Betet!« ächzte der Wirt. »Betet! – San Christophoro, Santa Anna, Santa Barbara –«

»Der Kerl ist verrückt!«

Aber im nächsten Augenblick verstummten alle derartigen Bemerkungen. Ein Wirbelwind, so urplötzlich, so unvorbereitet für diejenigen, welchen die klimatischen Verhältnisse dieses Landes fremd waren, so daß keine Minute Zeit blieb, um ihm zu entrinnen, – ein Wirbelwind von furchtbarer Stärke ergriff das Zelt, dessen Pfähle wie Schwefelhölzer zerbrachen und dessen Leinwanddach, gewaltig aufgebauscht, mit donnerartigem Krachen zerplatzte. In weniger als einer Minute lagen sämtliche Männer am Boden, während Tische und Stühle, losen Blättern gleich, vom Sturme entführt wurden. Überall im Garten knickten und krachten die Zweige der Obstbäume, stürzten ganze Gesträuche, mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen, übereinander und wurden die Früchte wie von einem Hagelschauer auf die Erde geschleudert.

»Laßt uns ins Haus eilen!« rief, sich aufraffend, unser Freund. »Diese Staubmassen ersticken ja förmlich!«

Der Wirt, auf seinen Knieen liegend, das Gesicht in den Händen verborgen, krümmte sich wie ein an Krämpfen Leidender. »Nicht in das Haus! Santissima virgen, – nicht in das Haus!« schrie er.

Während dieses Vorganges war die Straße von Menschen bedeckt worden. Überall stürzten Männer und Frauen mit den Zeichen höchster Angst aus ihren Türen hervor, schreiend, gestikulierend, die Heiligen anrufend, gänzlich fassungslos wie der Wirt selbst.

Hoch in der Luft tönte ein Sausen und Heulen; es rollte wie ferner Donner. Vor einem Lastwagen, der gerade in der Nähe stand, scheuten die Pferde, rissen sich los und stürmten, neues Erschrecken verbreitend, durch die menschenüberfüllte Straße dahin.

Und dann sahen alle, welches Ereignis jetzt hereinbrach. Mit hohlem Rauschen stieg vor den Augen der Matrosen die See von Minute zu Minute höher, stampften die Schiffe im verworrenen kreisenden Durcheinander an ihren Ankerketten, und, als das Schlimmste, hob und senkte sich die Erde wie eine atmende Menschenbrust.

Es war unmöglich, zu stehen. Schwindelnd, halb des Bewußtseins beraubt, ließen die deutschen Matrosen das Unvermeidliche über sich ergehen, indes rings um sie herum die südliche Lebhaftigkeit in allen möglichen Tonarten laut hervorbrach. Nur als Robert, blaß und wie von einem Anfall der Seekrankheit geschüttelt, zufällig den Kopf erhob, als er sah, daß an der Hafenmauer die Boote von den Pfählen gerissen und in das hochgehende Meer hinausgeschleudert wurden, da raffte er sich gewaltsam auf.

»Kameraden, unsere Jolle! – unsere Jolle!«

Er versuchte es zu gehen, stürzte nieder und versuchte es nochmals, bis endlich die wellenförmigen Bewegungen der alten Mutter Erde etwas abzunehmen schienen und eine Pause der Ruhe eintrat. Ehe jedoch die Matrosen, taumelnd wie Schwerbetrunkene, bis an die Ufertreppen kamen, hatte sich das kleine Fahrzeug bereits losgerissen und wurde von den zischenden, kochenden Wogen gleich einer Nußschale herumgeworfen.

Robert sprang schnell entschlossen ins Wasser. Es war ihm auf der Oberfläche der bebenden, taumelnden Erde so entsetzlich beklemmend zu Mute gewesen, daß er erst wieder frei atmete, als ihn das vertraute, geliebte Element von allen Seiten umgab.

Mit langen Stößen schwamm er der Jolle nach.

Vergebens riefen vom Ufer die anderen, er hörte nicht. Dicht vor ihm, kaum noch erkennbar im letzten Dämmerlicht des scheidenden Tages, schaukelte auf den Wellen das Boot, dessen Führer er gewesen und das er erreichen wollte. Sein leidenschaftlicher Eigensinn hatte ihn einmal wieder gänzlich mit sich fortgerissen.

Hart unter den Bug eines spanischen Schiffes ging die tolle Fahrt. Robert schwamm wie eine Ente, alle seine Kräfte waren zurückgekehrt, sein Kopf klar und seine Arme wie von Eisen. Die Jolle schien unter dem Fallreep des Spaniers einen Augenblick lang in ihrem Laufe innezuhalten, sie drehte sich und schaukelte, ohne vorwärts zu stürmen. Robert streckte schon die Hand aus, um sie zu erfassen.

Aber der nächste Windstoß entführte ihm seine Beute. Ein anderes kleines Boot schoß unmittelbar neben ihm durch das Wasser, dessen grünschillernde Oberfläche, von weißem Perlenschaum übersäet, sich allmählich zu beruhigen begann. Ein einzelner Mann ruderte das Fahrzeug, welches unser Freund sofort anrief. »Bringt mich an Bord der Korvette »Gazelle«, Kamerad,« bat er in englischer Sprache. »Ich bezahle Euch die Mühe.«

Der Fremde antwortete nicht, aber er duldete, daß Robert ins Boot kletterte und setzte dann dasselbe wieder in Bewegung, offenbar um aus dem Hafen herauszukommen.

Robert war außerstande, in der umgebenden Dunkelheit das Gesicht seines Begleiters zu erkennen, aber er glaubte mißverstanden zu sein und wiederholte in spanischer Sprache die frühere Bitte, ihn an Bord der »Gazelle« zu bringen.

Der andere hielt nur um so stärker und eiliger aus dem Hafen heraus; jetzt waren die letzten Schiffe hinter dem kleinen Fahrzeug zurückgeblieben und das offene Meer, schwarz wie Tinte, lag vor den einsamen Insassen des Bootes, deren einer mit Aufbietung aller seiner Kräfte ruderte, indes der andere, endlich von bestimmtem Verdacht erfüllt, aufsprang und die geballten Fäuste dem unerkennbaren Begleiter dicht vor das Gesicht hielt. »Schurke!« rief er, »was beabsichtigst du?«

Eine tiefe Stimme antwortete ihm. »Hab' ich dich!« klang es mit teuflischem Frohlocken. »Jetzt kommst du nicht lebend davon.«

Wie ein Blitz durchzuckte es den Geist unseres Freundes. Sein scharfes Gedächtnis erkannte sofort die Stimme, obwohl er sie vor Jahren zuletzt gehört. »Rafaele!« rief er, »Ihr seid es!«

»Ich bin es,« wiederholte der Flibustier. »Stirb, Verräter!«

Und ehe sich Robert zur Wehr setzen konnte, hatte er ihn um den Leib gefaßt und versuchte jetzt ihn über Bord zu werfen, was freilich bei der Körperkraft und Geschmeidigkeit unseres Freundes keine leichte Sache war und auch nur in so weit gelang, als beide Gegner, unfähig, auf dem schwankenden Boden des Fahrzeuges sicher zu stehen, miteinander eng verschlungen in das Wasser stürzten und von den tobenden Fluten im Augenblick begraben wurden.

Schon nach Augenblicken tauchten indes die Köpfe wieder empor. Beide Männer waren mit der Gefahr, welche sie umgab, viel zu vertraut, als daß nicht jede ihrer Bewegungen sogleich zur nötigen Sicherheitsmaßregel geworden wäre. Ein Ringkampf im Wasser mußte für beide den unmittelbaren Tod zur Folge haben.

Robert behielt seinen Gegner fest im Auge. »Rafaele,« sagte er, »Ihr seht jetzt keinen Knaben mehr vor Euch, sondern den Mann, der entschlossen ist, das Leben so teuer als nur möglich zu verkaufen. Weshalb nanntet Ihr mich einen Verräter? Ich habe Euer Geheimnis bis zu dieser Stunde mit keinem Menschen geteilt, darauf mein Wort.«

Der Flibustier lachte. »Aber Ihr könntet es schon morgen tun,« versetzte er. »So lange Ihr atmet, schwebt über meinem Haupte das Richtbeil.«

Und während er sprach, versuchte er es, mit schwerem Faustschlag den Kopf unseres Freundes zu treffen, aber ebenso geschickt wich ihm Robert aus. Im nächsten Augenblick schrillte der Ton der Signalpfeife langhallend über das Wasser dahin.

»Hier!« schrie aus ziemlicher Entfernung Gerbers Baßstimme, und zugleich gab die Pfeife Antwort, »hier! Junge, wo steckst du denn?«

Der Flibustier fiel mit der Kraft der äußersten Verzweiflung über seinen Gegner her. Er mochte fühlen, daß jetzt das Verderben ganz nahe war, daß er, falls ihn die Leute von der »Gazelle« einfangen würden, auch ein dem Tode verfallener Mensch sei, daher wollte er das Schlimmste von sich abwenden.

»Robert! Robert!« rief es vom Boot her.

Nochmals gelang es unserem Freunde, das Signal zu wiederholen, dann aber hatte der Räuber Gelegenheit gefunden, mit einem schweren Schlüssel, den er in der Tasche trug, Roberts Schläfe zu treffen und ihn dadurch im Augenblick zu betäuben. Ehe dieser einen Schrei ausstoßen oder einen Entschluß fassen konnte, hob ihn eine heranrauschende Welle auf ihre mächtigen Schwingen und entführte den anscheinend leblosen Körper aus dem Gesichtskreis des Räubers, dem indessen dieser Sieg von keinem besonderen Nutzen sein sollte, da gerade jetzt das ausgesandte Boot von der Korvette mit schnellen Ruderschlägen herankam.

»Hallo, Kroll!« rief Gerber, »gib Antwort.«

Der Räuber schwamm so schnell er konnte dem offenen Meere zu. Vor allen Dingen durften ihn die deutschen Seeleute nicht sehen. Einen Fluch nach dem anderen murmelnd entzog er sich ihren Blicken, um indessen dadurch vom Hafen einstweilen ganz abgeschnitten zu werden. Er sah, daß die Matrosen im Boot nach allen Seiten ausspähten.

»Das ist eine fremde Jolle,« hörte er Gerbers Stimme sagen, ohne natürlich den Sinn der Worte mehr als nur erraten zu können. »Der Kroll muß ertrunken sein.«

»Das ist ganz und gar unmöglich,« meinte der andere. »Jedes Kind könnte bei solchem bißchen Wind den Hafen wieder erreichen. Es war ja nur eine Mütze voll.«

»Einerlei, wo ist denn der Kroll geblieben?«

»Dort! dort!« rief plötzlich einer der Matrosen. »Ich sah seinen Kopf.«

Man steuerte in der angegebenen Richtung, aber die meisten der Leute glaubten doch, daß sich ihr Kamerad geirrt haben müsse. »Weshalb sollte denn Robert nicht antworten?« fragten mehrere.

»Nun, wißt ihr, ob er überhaupt noch lebt?«

»Wäre er tot, so könnte der Körper nicht treiben.«

Das war richtig, und der es gesagt hatte, behielt das letzte Wort. Man ruderte schweigend mit aller Kraft dem angegebenen Punkte nach.

Der Kutter durchschnitt, von zwölf Paar kräftigen Armen getrieben, wir ein Pfeil die Flut. Zuweilen glaubten die Matrosen mit Sicherheit einen schwimmenden Menschen zu sehen, und im nächsten Augenblick war die Erscheinung verschwunden. Schon machte sich unter den Leuten eine abergläubische Furcht bemerkbar. »Vielleicht ist's der Klabautermann,« sagte einer, »er lockt uns mitten in der Nacht auf das pfadlose Meer hinaus, und kein einziger sieht lebend das Schiff wieder.«

Gerber setzte die Signalpfeife an den Mund. Lang anhaltend rollte der Ton über das Wasser dahin, – dann horchten alle.

Es erfolgte keine Antwort.

Aber wenn auch das Ohr nichts vernahm, so war doch das, was das Auge sah, um desto beängstigender, erschütternder. Ein Streif wie das Kielwasser eines schnell dahingleitenden Bootes zog sich durch die Fluten, grünlich glänzend, schaumbedeckt und in Kreisen verrinnend, – eine Flosse wie ein Dreizack hob sich empor.

Und dort, – dort, wieder das Menschenantlitz von vorhin, jetzt in wilder, wahnwitziger Flucht, – Arme, die das Wasser teilten, ein Kampf zwischen dem Manne und dem Raubtiere, ein Peitschen und Schlagen, dann ein gräßlicher Schrei, ein Knirschen wie von einer Säge –

Kann es Robert sein? – Weshalb sollte er nicht geantwortet haben?

Die Matrosen sahen sich um, schreckensstarr, mit bleichen Gesichtern. Nichts vom Hafen, nichts von der Korvette, – nur dunkle, tiefschwarze Nacht war zu erblicken.

»Der Klabautermann!« flüsterten bärtige Lippen. »Gott stehe uns bei.«

Einer tauchte die Hand in das Wasser, und als der Schein eines Zündhölzchens die herabfallenden Tropfen beleuchtete, da war's rot von Blut.

Was hätte es jetzt noch genützt, weiter nachzuforschen? Ob Robert, ob ein anderer, – den dort der Hai zermalmt, der brauchte keines Menschen Hilfe mehr.

Aber unheimlich war das ganze Abenteuer, schauerlich geheimnisvoll. Ein herrenloses Boot, ein schweigender Mann, welcher hinausflüchtete in das Meer, um eines unbekannten Zweckes willen, – die tiefe, nächtliche Stille, die frische Erinnerung an das kaum überstandene Erdbeben, alles zusammen genommen wirkte furchtbar erschütternd auf die Herzen der Männer.

Schweigend, ohne ein Wort zu wechseln, suchten sie den Rückweg. Allmählich traten die Lichter am Strande, die dunkeln Umrisse der Masten und das Geräusch des Lebens wieder langsam zutage, und Gerber, als der Führer der Mannschaft, fing an, sich zu orientieren. »Dorthin,« gebot er dem Mann am Steuer, »ich weiß, daß wir das Schwimmfloß der Soldaten passiert haben, – es war die Stelle, an welcher wir das Signal hörten. Armer Kerl! Ein so guter Kamerad!«

Und Gerber schwieg, weil er fürchtete, das etwaige fernere Worte nicht mehr ganz sicher klingen möchten. Die Matrosen ruderten so schnell als möglich, um diesem schrecklichen Abenteuer ein Ende zu machen.

Das Schwimmfloß war jetzt fast erreicht, die breite Wasserstraße zwischen der Doppelreihe von Schiffen zeigte sich den Blicken, da – erklang plötzlich vom selben Orte wie vorhin die preußische Signalpfeife, nur schwächer, matter als sonst.

Auf den Köpfen der Matrosen sträubten sich die Haare. Sie hielten wie auf Verabredung mit Rudern an und wagten kaum zu atmen. Dort, wo Robert zuletzt gelebt und die Kameraden zur Hilfe gerufen, dort äffte jetzt ein Spuk die Nahenden.

Würde nicht Roberts Geist zwischen ihnen im Boote Platz nehmen, würde nicht die Totenhand ihre Stirnen streifen?

Lieber auf offenem Meer die ganze Nacht, lieber selbst von den Haien gefressen werden, als an dieser Stelle vorüber.

Gerber war der einzige, welcher sich aufzuraffen vermochte. Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn, die antwortenden Klänge der Signalpfeife zitterten wider Willen, aber dennoch bewahrte der gemütliche Maat seine ganze Würde. »Vorwärts!« gebot er. »Wer sich weigert mir zu gehorchen, den stelle ich vor ein Kriegsgericht.«

Das half. Einige Mutige rissen die anderen mit sich fort, das Boot wurde wieder durch die Fluten getrieben und kam dem Schwimmfloß näher. Alle Stangen und Zeltwände auf demselben hatte der Sturm zerknickt und teilweise über Bord geschleudert, aber doch bedeckten noch unordentliche Haufen die ganze Oberfläche, und von dieser erhob sich jetzt aus halbliegender Stellung eine menschliche Gestalt. Ein Arm streckte sich dem Boote entgegen.

»Maaten!« sagte eine schwache Stimme, »seid ihr es?«

Gerber räusperte sich zweimal, bevor er zu sprechen vermochte. Dann trat er hart an den Bootsrand. »Im Namen Gottes, sag, wer du bist!« rief er.

»Gerber!« klang es zurück. »Ach, Gottlob, daß Ihr da seid. Nehmt mich auf, ich glaube, der Schurke hat mir den Kopf zerschlagen.«

Jetzt hörten alle, daß sie den totgeglaubten Kameraden lebend vor sich hatten, und jeder wollte der erste sein, welcher sich selbst und den übrigen die abergläubische Furcht von vorhin zu leugnen suchte. Robert wurde mit Fragen von allen Seiten her bestürmt.

Er vermochte kaum, sich mit Hilfe der anderen zu bewegen. Ihn schwindelte, und der Kopf schmerzte zum Zerspringen. Nur in Bruchstücken erfuhren die übrigen, was geschehen war.

Rafaele hatte, als er das Leben unseres Freundes zu zerstören trachtete, auf eine so entsetzliche Weise den eigenen Tod gefunden; der Mörder, dem nichts heilig war, hatte sich widerstandslos durch das grobe, physische Recht des Stärkeren besiegen lassen müssen. Was den Matrosen so unbegreiflich geschienen, das trat jetzt, eines nach dem anderen, klar zutage, und mehr als ein: »Das hatte der Schurke verdient!« wurde dem auf so gräßliche Art Gestorbenen noch in die Vergeltung der Ewigkeit hinein nachgesandt.

Robert mußte, als das Boot zur Korvette zurückgekehrt war, sogleich in das Lazarett gebracht werden und konnte erst nach mehreren Tagen alle Einzelheiten der ganzen Sache zu Protokoll geben, wobei ihm die Aussagen sämtlicher Bootsgasten ergänzend zu Hilfe kamen. Der Kapitän hielt sich indessen nicht berufen, nach dem Tode Rafaeles noch den kubanischen Behörden eine Mitteilung zu machen, namentlich da dort gar zu leicht gegen klingenden Dank ein Auge zugedrückt wird und vielleicht mit dieser Anzeige den Behörden verzweifelt wenig Neues entdeckt worden wäre.

Robert freute sich darüber sehr, weil doch sonst sein einstiger Erretter, der Koch, mit den übrigen hätte büßen müssen. Wie er von den Wellen auf das Schwimmfloß geschleudert worden war, erinnerte er sich später nicht mehr, und auch die Jolle blieb verschwunden, – nur das Bild Gottliebs und der Indianer zeigte sich wohlbehalten, da es bei dem plötzlichen Erscheinen des Wirtes auf dem Tisch gelegen hatte und nachher von den Matrosen mitgenommen worden war. Unser Freund dankte dem Himmel, in allen Stücken so gnädig davongekommen zu sein.

Als das Schiff die Guanoinsel Navasa passierte, hatte er sich bereits genügend erholt, um wenigstens vom Bord aus, im warmen Sonnenschein sitzend, die Arbeiten der dort beschäftigten Männer mit anzusehen. Einige schaufelten die unappetitliche Ware in Karren, die den Weitertransport zum Schiff bewerkstelligten, andere hackten und zerschlugen die verkalkten Anhäufungen langer Jahre, während gelegentlich sogar solche gleichsam zu Stein gewordene Berge schwärzlichen Stoffes mit Pulver zersprengt wurden, ehe die Spitzhacke in Anwendung kam.

Überall Neues, Neues! dem wir indessen nicht Schritt um Schritt folgen können, weil uns das Interessanteste aus Roberts Erlebnissen überhaupt noch bevorsteht, nämlich die Weltumsegelung auf der »Gazelle«, welche wir, so weit die Briefe, die er geschrieben, darüber Aufschluß geben, in allen ihren anziehenden Einzelheiten mitteilen werden.

Robert kam von der westindischen Reise der »Gazelle« im Jahre 1872 wohlbehalten nach Hause, machte mit demselben Schiff noch eine zweite Reise und nahm dann, nachdem seine Dienstzeit abgelaufen, freiwillig wieder Stellung auf der »Arkona«, bis es im Frühling 1874 bekannt wurde, daß die »Gazelle« ihre wissenschaftliche Reise um die Welt im Juni antreten werde. Unser Freund bewarb

sich sofort um die Erlaubnis, diese Reise mitmachen zu dürfen, und als er sie erhalten, nahm er Urlaub, da doch zuvor die Heimat besucht werden mußte.

Schon im Jahre 1872 hatte er die längsterwartete Nachricht vom Tode seines Vaters erhalten und das Wiedersehen mit der alten Mutter war daher ein sehr ernstes, wehmütiges, namentlich da er die stille Hoffnung der vielgeprüften Frau, daß ihn nun der Vollbesitz des hübschen väterlichen Vermögens bewegen könne, am Lande zu bleiben, – doch trotz aller Liebe und Sohneszärtlichkeit nochmals täuschen mußte. Er fand das Mütterchen immer noch wohlauf, nebenbei aber auch seinen Freund Gottlieb als wohlhäbigen Hausbesitzer und Krämer, mit grüner Schürze und roten Fäusten, mit dem gleichen bescheidenen Wesen und in dem Laden, den er sich genau nach dem Muster des abgebrannten Häuschens wieder aufgeführt. Eine niedere Decke, ein enges Arbeitszimmerchen, ein fest verwahrter Hofraum und zwei mächtige Eisenstangen, mittels welcher er in dem harmlosen Pinneberg allnächtlich die Haustür versperrte, – das war Gottliebs Eden.

Das Schaufenster malerisch mit Feigen und Rolltabak verziert, vor der Haustür anstatt des üblichen Negers einen Indianer, dessen Augen die kleinen Kinder aus den jenseitigen Bürgersteig hinüber flüchten ließen, und abends im Zwielicht ein paar kleine Schauergeschichten aus der Zeit, wo er in den Wildnissen der Rothäute gelebt, so verbrachte Gottlieb die harmlosen Tage, in deren Hochgenuß er sich für alle erlittenen Qualen vollständig entschädigte. »Daß die Indianer keinen Tabak bauen, und daß sie überhaupt große, faule Bärenhäuter sind, die dem lieben Herrgott den Tag abstehlen, davon wissen die hier nichts,« sagte er, »mir ist's zum Vorteil, daß ich ein braunes, anstatt eines schwarzen Gesichtes vor der Tür habe. Ich erzähle denen, die es hören wollen, daß der Kerl mein genauer Bekannter war, – überhaupt lüge ich ein bißchen, das bringt den Handel in Aufschwung, weißt du.«

Dabei führte er seinen Freund in das enge Hinterzimmer und holte aus dem Keller eine Flasche vom besten herauf. »Ich sitze gut in der Wolle,« schmunzelte er, »aber natürlich darfst du das niemand wiedererzählen, Robert. Ich mag nicht, wenn andere in meine Papiere sehen können. So kleine zehntausend Mark sind in guten Hypotheken angelegt und das Haus ist schuldenfrei, alles was du siehst, bar bezahlt. Die Goldkörner, welche mir meine Squaws aus dem Quarz herausklauben mußten, haben hübsch vorgehalten.«

Robert gratulierte lachend und fragte dann nach Mongos Schicksal.

»Dem geht es gut!« versetzte Gottlieb. »Er hat für seinen Anteil unseres Verdienstes in New York eine kleine Schenke gekauft und kann nun auch seinen Sohn die Steuermannskunst erlernen lassen. Als wir uns trennten, wünschte er vom Leben nur noch, daß es dich und ihn einmal wieder zusammenführen möge.«

Robert hob das Glas, um mit Gottlieb anzustoßen. Auf die Verwirklichung dieses Wunsches,« sagte er. »Auf das Gelingen dessen, was jedem unter uns als Ziel vorschwebt, so grundverschieden es auch sei.«

Der junge Krämer erhob sich vom Sitz. »Wart' einen Augenblick!« bat er, »ich möchte dazu erst die Eltern herbeiholen.«

Und dann brachte er die beiden alten Leute und legte des blinden Vaters Hand in die seines Freundes. »Das ist Robert,« sagte er mit etwas unsicherer Stimme, »der, dem wir alles verdanken, der mich mit Gefahr seines eigenen Lebens gerettet hat und –«

»Als der Schafbock in der Nähe war!« raunte ihm Robert ins Ohr, um das beabsichtigte Kompliment zu unterbrechen, und keine Rührung aufkommen zu lassen. »Du irrst übrigens, es war Mongo, der sich diesem reißenden Tier tollkühn in den Weg warf.«

Da war es denn aus mit dem Ernst; man lachte und neckte unbarmherzig den jungen Hausherrn, welcher so wunderbar Fersengeld gegeben hatte, als ihm das Horn des Moufflon durch die Büsche entgegenschimmerte. Um aber gerecht zu bleiben, erzählte unser Freund außerdem auch die Geschichte, wo Gottlieb durch seine Geistesgegenwart auf der Insel in der Magelhaensstraße die ganze Schiffsmannschaft vor dem Verderben bewahrt hatte, eine Tatsache, welcher der bescheidene, junge Mensch eben um ihrer Wahrhaftigkeit willen nie Erwähnung getan, obgleich er anderseits den schaudernden Kundinnen im Laden die unglaublichsten Geschichten vorfabelte und sich Gefahren andichtete, die er niemals bestanden, und die in ihrer Zusammensetzung höchst befremdliche Erscheinungen darboten.

Robert trennte sich von ihm und der Heimat überhaupt mit dem Bewußtsein, glückliche und geordnete Verhältnisse zurückzulassen, namentlich da ihm Gottlieb zum Schluß noch das Beste anvertraut, nämlich, daß er bei der diesjährigen Aushebung als unbrauchbar zur Ersatzreserve hinübergeschrieben. »Den Gott lieb hat, dem schenkt er's im Schlafe,« fügte er bei. »Seit ich das wußte, habe ich mir noch eine Versicherungsagentur zugelegt und will außerdem eine Wirtschaft begründen.«

Robert wünschte ihm von Herzen alles mögliche Gute, aber er begriff doch weniger als je, wie so Kleinliches ein Menschenleben ausfüllen könne.

»Und du möchtest nicht, nachdem dir nun ein Teil der Welt bekannt geworden, auch gern alles sehen?« fragte er.

»Behüte mich Gott!« rief schaudernd der junge Krämer. »Ich will in diesen vier Wänden leben und sterben, will alles, was mich anregt und freut, hier zusammenhäufen, will nie anders als zu Geschäftszwecken hinausgehen, auch keine Spaziergänge machen oder gar tanzen und dergleichen. Das heißt doch nur die Zeit totschlagen.«

»Allmächtiger Himmel, aber die Art zu leben, wie du sie schilderst, heißt doch lebendig mit freiem Willen begraben zu sein.«

»Das finde ich durchaus nicht. Sich Gefahren aussetzen, nur durch ein paar Bretter von der Tiefe des Meeres getrennt zu sein, auf das allerungemütlichste seine Tage hinzubringen, heißt in jeder Stunde Spießruten laufen.«

Robert geriet immer mehr in Eifer. »Aber tausend neue Schönheiten sehen, immer lernen, immer mehr erkennen, die Erinnerungen aus allen Weltteilen in seiner Seele vereinigen, ist denn das nicht entzückend?« rief er.

Gottlieb nickte. »Gewiß! Aber mögen andere mir die Kastanien aus dem Feuer holen. Ich lese in behaglicher Sicherheit die Schilderung solcher Dinge, bei deren Erkenntnis sie ihre Haut zu Markte trugen. Das macht die Sache angenehmer und billiger.«

Jetzt lachte Robert. »Du Erzphilister,« sagte er, »du eingefleischter Spießbürger. Wir wollen nicht länger Meinung gegen Meinung abwägen, es kommt dabei nichts heraus, weil wir eben Gegensätze bilden. Aber ein anderes gibt es noch, wobei wir uns hoffentlich besser verstehen. Gottlieb, wenn du wirklich glaubst, mir einigen Dank schuldig zu sein, – willst du ihn abtragen an meine Mutter? Kann ich annehmen, daß sie an dir und den Deinen eine Stütze finden wird in jeder Lage des Lebens?«

Der junge Krämer ergriff und schüttelte herzlich die Hand seines Freundes. »In Not und Tod findest du mich treu, Robert!« sagte er einfach.

Unser Freund gab innig gerührt den Händedruck zurück. Als er sich von dem Gefährten seiner Kindheit verabschiedete, da wußte er, daß die alte Mutter einen Anhalt und einen treuen Helfer an ihm finden werde, so oft sie dessen etwa bedürftig sei.

Die Trennung von ihr selbst wurde schwer, sie war für beide ein schmerzvoller Augenblick, und nur das feste Gottvertrauen der alten Frau half ihr über die abermalige Täuschung hinweg, während Robert in dem hohen Ziele, das ihm winkte, für alles Ersatz fand.

Fünfzehntes Kapitel

Um die Erde

Am 21. Juni verließ die »Gazelle« den Hafen von Kiel, und zwar um zunächst eine Anzahl von Gelehrten zur Beobachtung des Venusdurchganges nach der Kergueleninsel zu bringen, dann aber auch, um in allen einschlägigen Fächern den Naturwissenschaften neues, reiches Material zuzuführen, namentlich jedoch den Meeresboden, diese nie zu betretende, nie zu ergründende, aber eben darum so hochinteressante Welt, möglichst näher kennen zu lernen.

Die Engländer hatten nacheinander mehrere Schiffe entsandt, hatten bedeutende Entdeckungen gemacht und mit ihren Schleppnetzen in der Tiefe von 1500 Fuß das Meer durchpflügt, – weshalb also sollten wir Deutsche weniger tun?

Die deutsche Regierung entsandte das Schiff »Gazelle«, dessen Doppelzweck wir so eben erläuterten, und schon im ersten Anfang des Monats Juli wurden Tiefmessungen vorgenommen, welche auf der Höhe von Madeira das Resultat von 4800 Meter ergaben. Robert hatte sich gleich in Kiel ein kleines, verschließbares Buch angeschafft, das er womöglich an jedem Tage zu öffnen und wahrend eines freien Augenblicks mit den Erlebnissen dieser interessanten Reise zu bereichern gedachte. Er fühlte sich stolz und glücklich, die hochwichtige Fahrt der »Gazelle« mitmachen zu dürfen, er wollte bei der Lebhaftigkeit seiner Natur jetzt in vollen Zügen genießen, alles sehen, alles auf das genaueste kennen lernen. Kein Kauffahrteischiff, kein Kriegsschiff im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge konnte ihm je das gewähren, was er jetzt besaß und was vielleicht niemals wiederkehrte: zu reisen um des Reisens willen.

Die Handelsmarine entsendet ihre Fahrzeuge zum Zweck des materiellen Nutzens, sie will und muß vor allen Dingen Zeit ersparen, daher wählt sie die bekanntesten Verkehrswege, umgeht alle Gefahren und scheut jeden Aufenthalt, der nur dem Reeder Geld kostet, ohne das Geringste zu fördern. Robert wußte z.B., wie ungern die Kauffahrteikapitäne loten, und daß sie, sobald das Schiff seine hundert Faden Tiefe unter dem Kiel hat, sofort alle weiteren Versuche aufgeben, mithin den Grund des Meeres nur in sehr seltenen Fällen kennen lernen können. Um so interessanter waren ihm daher jetzt die Tiefmessungen, welche in bestimmten Zwischenräumen von Zeit zu Zeit wiederholt wurden.

In Funchal, der Hauptstadt von Madeira, lag das Schiff nur zwei Tage lang vor Anker, Robert konnte daher von der Umgegend nur sehr wenig kennen lernen, desto mehr aber erfreute ihn der Anblick des Pik von Teneriffa, jenes Vulkanes, der einige Tage später in Sicht kam, obgleich die Insel selbst nicht berührt wurde. Diese Bergspitze, schon in der Entfernung von zwanzig Meilen aus dem Meer hervorsteigend, war von großartiger, überwältigender Schönheit, und unser Freund bedauerte lebhaft, nicht zeichnen zu können, um den Eindruck dieses Bildes, so wie er es gesehen, für sich festzuhalten.

Um den Fuß des Berges zog sich ein üppiger Pflanzenwuchs der indessen stufenweise nach oben hin immer dürftiger wurde; bis endlich gegen den kegelförmigen Gipfel das Ganze in eintöniges Grau überging. Hier bestand der Berg nur noch aus vulkanischer Asche, Bimsstein und Lava, weshalb, wie Robert hörte, die Besteigung äußerst schwierig sei. Auf dem höchsten Gipfel schimmerte es von den letzten Überresten des kaum geschmolzenen Winterschnees, und aus mehreren Spalten drang fortwährend dichter Dampf hervor. Robert hatte bis jetzt keinen feuerspeienden Berg gesehen, daher bewunderte er auch hier wieder ein neues Zeugnis von Gottes Schöpferkraft, die in den verschiedenen Gebilden der Natur dem Menschenherzen viel näher tritt, als alle geschriebenen oder gesprochenen Beweisführungen.

Robert kannte den Dienst bis zum Tüpfelchen über dem »i«, er hatte sich längst hineingelebt in die militärischen Verhältnisse, war bei seinen Untergebenen beliebt, von den Vorgesetzten geachtet und durch die Hinterlassenschaft des Vaters ein unabhängiger Mensch, – es vereinigte sich mithin für ihn alles, um diese Reise zum Höhepunkt des Daseins zu machen. Wie hoch achtete er jetzt die Mannszucht, wie wichtig erschien ihm auch die unbedeutendste Einzelheit des großen Ganzen, dem er dienend und empfangend angehörte, wie klar stand vor seiner Seele der Beruf des Menschen, den er einst als wilder, unbändiger Junge so völlig verkannt!

Er hatte schwer gerungen und hart gebüßt, aber er war an das Ziel gekommen, er wußte, daß jedes lebende Geschlecht als Fußschemel des nachfolgenden dient, daß jedes seine Pfadfinder aussendet, um Wege zu erforschen in das unbekannte Land der Zukunft, daß aber keines von allen an das Ziel gelangen, keines das letzte Dunkel durchdringen wird, so viel Menschengeschlechter auch noch über die geduldige, alte Erde dahingehen mögen. –

Langsam versank, wie er erschienen war, der Pik von Teneriffa in das Meer, und wieder umgab jene Wasserwüste ohne Merkzeichen, an die sich das Auge, das Gehirn erst nach Jahren ganz gewöhnt hat, die Korvette. Dann aber kam San Jago in Sicht, und bei Praya warf das Schiff seine Anker aus, um sich mit Kohlen zu versehen.

Robert war natürlich wieder der erste am Lande. Er hatte nie auf der »schwarzen Liste« gestanden, beging keine Dienstfehler, ließ sich überhaupt nichts zu schulden kommen, daher wurde ihm die Erlaubnis, seinen Wissensdurst zu befriedigen und überall das Land aus nächster Nähe zu sehen, auch nie verweigert.

Diesmal freilich war die Ausbeute gering und der Vergleich mit Madeira, dem reizend schönen, üppig grünenden und blühenden Madeira, fiel für die Insel San Jago nichts weniger als vorteilhaft aus. Das ganze Land zeigte sich als wildzerrissene, zerklüftete, rötlichbraun angehauchte Felszacken, die nur an sehr seltenen Punkten mit einem sparsamen, unschönen Pflanzenwuchs bedeckt waren. Robert hörte, daß es hier nur zwei- oder dreimal im Jahre regne. Wieder eine neue Bemerkung für sein Buch! Wieder eine neue Seltsamkeit der Natur! Nur zwei oder drei Regenschauer im ganzen Jahre!

Da konnte freilich keine Pflanzenwelt gedeihen. Robert sah auch nichts, das auf Ackerbau oder Tierzucht hingedeutet hätte, sondern das ganze Bild zeigte schwarze Figuren auf schwarzem Hintergrunde, nämlich Neger und Steinkohlen, überall, wohin das Auge blickte, Steinkohlen, der einzige Artikel, um deswillen vorüberfahrende Schiffe diese unwirtlichen Küsten überhaupt anlaufen. Nachdem die »Gazelle« ihren Bedarf eingenommen, verließ sie bereits am 29. Juli, also nach zwei Tagen, den Hafen, um dafür die Negerrepublik Liberia aufzusuchen. Robert sollte jetzt auch Afrika kennen lernen, das geheime Ziel seiner Wünsche, Mongos Vaterland, von dessen üppiger Schönheit ihm der Alte so viel erzählt hatte. Das Königreich Dahomey mit den Ankerplätzen Palma und Lagos, lag südlicher als Liberia, das wußte er, aber dennoch war letzteres dasselbe Land und mußte dasselbe äußere Antlitz zeigen. Er freute sich also auf die Einzelheiten, welche ihm Mongo so oft beschrieben, und auf den Brief, welchen er aus seiner Heimat her dem Alten nach New York schicken wollte.

Konnte auch Mongo vielleicht nicht lesen, so gab es doch Leute genug, welche ihm den Inhalt des Schreibens mitteilen würden, und Robert sah schon im Geiste den Neger schmunzeln: »dieser junge Spitzbube!«

Weiter und weiter, vom Glücke begünstigt, verfolgte die »Gazelle« ihren Weg über das Meer. Jetzt mußte unser Freund einmal wieder die volle Hitze des tropischen Sommers ertragen;

schlaff hingen alle Segel herab, die Bretter des Verdeckes glühten im Sonnenschein, die Arbeit wurde auf das Unerläßlichste beschränkt und so viel als möglich den Leuten kleine Freiheiten gestattet. Nach sechs Tagen kam die afrikanische Küste in Sicht. Vom Kap Mesurado wehte die Flagge der Negerrepublik und dann, am 4. August, erschien der Lotse.

Diejenigen unter den Matrosen, welche bisher noch nicht in dieser Gegend gewesen und daher auch mit den Landessitten unbekannt waren, drehten sich ab, um ihre Heiterkeit zu verbergen. Der Afrikaner präsentierte nämlich seine mittelgroße, schlanke Persönlichkeit in einem Anzuge, der dem unserer ersten aus dem Paradies vertriebenen Voreltern in jeder Beziehung vollständig glich. Seine Ansprüche beschränkten sich auf einen Streifen Baumwollenstoff von drei Zoll Breite und zwei Ellen Lange, »Tontongee« genannt, und da hier selbstverständlich keine Taschen angebracht waren, so trug er das Lotsenpatent in einer Blechkapsel am Hals.

Seine vollständig tüchtige Kenntnis der Schiffahrt brachte indessen den schwankenden Respekt der Matrosen bald genug zurück, und am 5. August konnte die »Gazelle« an der Mündung des St. Paulsflusses vor Anker gehen.

Wie ganz anders, wie urweltlich und ursprünglich, der Zivilisation abgekehrt, wie vergessen im allgemeinen Fortschreiten der Bildung schien dies Ländchen. Die Stadt selbst nur ein Dorf mit ungepflasterten, unbeleuchteten Straßen, der Hafen klein und nichts weiter als die von der Natur gebildete, zum Ankern günstige Bucht, der St. Paulsfluß endlich, unmittelbar aus dem Urwalde hervorbrechend, durchaus so wie ihn Gott erschaffen, ohne eingehegte Ufer, ohne Brücken, Stege oder irgend ein sonstiges Zeichen menschlicher Nähe. Überhaupt begann sogleich hinter den letzten Häusern der bescheidenen dörflichen Stadt die Wildnis, so daß bei den ungeheuren Gefahren, welche hier jedes Eindringen verursacht hätte, von einem eigentlichen Erforschungsausflug ganz abgesehen werden mußte, d. h. zu Lande. Die Dampfpinasse dagegen machte schon am nächstfolgenden Tage eine Fahrt auf dem St. Paulsfluß und selbstverständlich war Seiner Majestät Bootsmannsmaat Robert Kroll hier wieder der erste, welcher ins Boot sprang, ohne ein Kommando abzuwarten. Der erste Offizier kannte ihn ja und wußte, daß er nach solchen Streifzügen lechzte, während viele andere, darunter namentlich Gerber, sehr zufrieden waren, wenn ihnen unnötige Strapazen erspart blieben. Diese übrigens ganz kurze Fahrt durch den Urwald gehörte späterhin zu Roberts schönsten Erinnerungen, und auch Doktor Hüsker, der Zoologe, welcher die wissenschaftliche Reise mitmachte, erfreute sich hier einer reichen Ausbeute von prachtvollen Schmetterlingen und den verschiedenen, auf der Oberfläche des Wassers lebenden Insekten, namentlich der Spinnen und Käfer, die in unglaublicher Anzahl vorhanden waren.

Der Fluß hatte eine zu große Breite, um in seiner Mitte befahren und an beiden Ufern zugleich beobachtet werden zu können; die Pinasse hielt sich daher an einer Seite, aber auch hier war die Szenerie abwechselnd und mannigfaltig, der Anblick so vieler Naturschönheiten wahrhaft entzückend. Etwas von der Stadt entfernt lagen zuweilen unter Palmen die leichtgebauten Hütten der Neger, während im Freien dicht davor die Anhäufung großer Steine den Herd anzeigte und über einem Holzfeuer der Eisenkessel mit Palmenkernen brodelte. Die Bereitung des Palmöls ist fast das einzige, was an Arbeit von der schwarzen Bevölkerung geleistet wird, und womit dieselbe etwas Geld erwirbt. Der Himmel schenkt in diesen gesegneten Breiten seinen hungernden Menschenkindern beinahe alles, was sie brauchen, umsonst; überall, wo die Frucht wächst, gehört sie der pflückenden Hand, wo das Wild dem Pfeil des Jägers entgegenläuft, ist es sein Eigentum, – was sollte also die Schwarzen bewegen, zu arbeiten?

Es gibt hier keinen Frost, keinen Winter, man bedarf keiner schützenden Wände und wärmenden Kleider, man kennt keinen Luxus, also wozu die Mühe, die Sorge?

Das Leben in Afrika wird wachend verträumt. Blühende Mimosen und Akazien, die hundert und aberhundert Schlingpflanzen voll prachtvoller, glockenförmiger oder langgestielter, lilienartiger Blumen, die schönen, schlanken Palmen, die Bananen-, Brot- und Parabäume mit ihren wohlschmeckenden Äpfeln, alles umsäumte das Ufer, welches sich zuweilen steil aus dem Wasser erhob, zuweilen auch flach und von grünem Moos überzogen dasselbe begrenzte. Robert sah Nashornvögel und mehr als eine träg im Sonnenschein daliegende zusammengerollte Schlange, aber ein größeres Raubtier war ihm noch nicht zu Gesicht gekommen. Hätte er doch an Land gehen und mit einigen Kameraden das Jagdglück versuchen dürfen!

Aber daran war nicht zu denken. Selbigen Tages schon sollte die Korvette wieder in See stechen, also wäre jede etwaige Verzögerung streng bestraft worden, – unser Freund schlug sich, obwohl seufzend, die Sache ganz aus dem Sinn.

Immer schöner und schöner wurde das Ufer. Dichte Laubwände, undurchdringlich, gleichsam feste Mauern aus Blättern und Blüten zogen sich bis an das Wasser hinab. Ein Strom von Wohlgeruch quoll den Schiffern entgegen, leise fächelte der Wind, fast betäubend drückte die Hitze.

Roberts Kugelbüchse kam nicht aus der Hand, sollte es denn

nichts, nichts zu schießen geben – gar kein Andenken dieses Tages?

Aber doch! doch! – Ein Schatten glitt über das Moos dahin, die Ranken brachen und zitterten, ein Paar glühende Augen sahen aus dem Gebüsch hervor.

Robert fuhr auf. Seine Handbewegung verständigte die übrigen. »Ein Leopard! – Ein prachtvoller Leopard!«

Und jetzt zeigte sich das Tier in ganzer Größe auf der Lichtung. Mit rollenden Augen und wild gesträubtem Haar, den schön gefleckten, schlanken Körper gekrümmt und leise mit dem langen Schweif peitschend, stand der Leopard am Wasser und hielt die Blicke fest auf das deutsche Fahrzeug geheftet. Offenbar kannte er die Gefahr, welche ihm drohte, noch nicht aus früherer persönlicher Anschauung. Der weitgeöffnete Rachen bewies, daß die Bestie von delikaten Bissen träumte, und daß sie vielleicht gar in ihrer Phantasie schon eine der lustigen Blaujacken zum Mittagsmahl verzehrte.

Die Pinasse hemmte ihre Fahrt, – langsam hob Robert die Büchse.

Schade, schade, wenn sich das stolze Tier auch nur einen einzigen Schritt weit zurückziehen sollte, wenn es nicht nach empfangener, tödlicher Kugel sogleich in das Wasser stürzen würde! – An eine Landung war ja nicht zu denken.

»Jetzt! Jetzt!« flüsterte Doktor Hüsker.

Der Schuß krachte, und sich überschlagend stürzte das Raubtier im Todeskampfe auf den Sand, Nahe, nahe am Wasser zuckte der Körper, vom letzten krampfhaften Ringen des fliehenden Lebens bewegt, schon schien es, als sei doch so hart am Ziel der Preis auf immer verloren, dann aber vollendete ein Schlagen und Dehnen mit allen Gliedern das Werk des Todes. Der Leopard fiel in den Fluß, daß die Wellen über ihm zusammenschlugen. Noch sekundenlang regte sich sein Körper.

Eben so schnell aber war er von der Pinasse aus mit einer bereitgehaltenen Schlinge eingefangen. Noch drei oder vier Minuten vorsichtiger Arbeit, dann lag die Ausbeute dieses Tages auf dem Verdeck, und Blut und Wasser liefen aus den Speigaten heraus.

Robert wurde von allen Seiten beglückwünscht und einstimmig als der Eigentümer des schönen Felles anerkannt. Doktor Hüsker verstand es, das Abziehen desselben sachgemäß zu leiten und später das Zubereiten und Trocknen selbst zu besorgen, – unser Freund durfte also mit Recht hoffen, dem Mütterchen daheim in Pinneberg für die kalten, nordischen Winterabende eine warme, weiche Decke übersenden zu können, er freute sich einmal wieder so recht aus Herzensgrund und empfand eine kleine, verzeihliche Eitelkeit, als von allen Anwesenden seine sichere Hand gerühmt wurde. »Mongo, alter Mongo, auch diese Geschichte will ich dir erzählen!« dachte er, »diese und überhaupt alle, welche ich erlebe. Du zumeist hast mich ja erzogen!«

Er dankte bescheiden, als ihm das Leopardenfell zugesprochen wurde, aber er seufzte, als man die Pinasse wendete. Lebe wohl, lebe wohl, du schönes Afrika mit deinen giftigen Sümpfen, deinen reißenden Tieren und deiner, inmitten schwellender Segensfülle hungernden, faulen Bevölkerung, die eine der reichsten auf Erden sein könnte, während sie, wie die Sachen einmal stehen, häufig am notwendigsten einen empfindlichen Mangel leidet.

Man fuhr zurück zum Schiff, von welchem aus der Kapitän, Freiherr von Schleinitz, bereits früher dem deutschen Konsul, Herrn Brohme, und dem Präsidenten Roberts einen Besuch gemacht hatte. Das Fell des Leoparden wurde allgemein bewundert und von mehr als einem aus der Mannschaft, namentlich von den Kadetten, mit liebäugelnden Blicken betrachtet, aber Robert bewahrte sein Eigentumsrecht, schon um ein Andenken dieses Tages mit nach Deutschland zu bringen.

Am Abend ging es fort, diesmal nach Ascension, jener kleinen mitten im Atlantischen Meer belegenen, einsamen Insel, die nur besucht wurde, um überall auf dem ganzen Wege, sei es an einer Küste oder im offenen Fahrwasser, zu loten und Tiefe und Bodenbeschaffenheit genau kennen zu lernen. Das wunderbare Glück der »Gazelle« bewährte sich fort und fort. Ohne Unfall wurde die kleine Himmelfahrtsinsel erreicht, wo Robert einmal wieder Gebirge bestieg, wenn auch nur wenig bedeutende und keineswegs interessante. Das »Grüne Gebirge« auf Ascension war bald in Augenschein genommen und außerdem am Strande ein paar riesenhafte Schildkröten als sehr angenehme Zugabe für den Tisch der Mannschaft erlegt, weiter bot das Eiland nichts Bemerkenswertes.

Im Meere aber entdeckte das Patentlot nördlich von Ascension bei einer Tiefe von 1640 und 1450 Faden zwei verschiedene, unterseeische Gebirge von 360 und 550 Faden Höhe, – eine sehr interessante Beobachtung, die ganz für sich allein den Ruhm dieser wissenschaftlichen Expedition in den Jahrbüchern vaterländischer Geschichte sichern wird.

Ein Tag in Ascension, dann wieder zurück nach Afrika. Kreuz und quer über den Atlantischen Ozean dahin. Das Glück fährt an Bord der »Gazelle,« es umschwebt ungesehen die stolzen Masten, – weiter, immer weiter.

Jetzt sollte der Kongostrom erreicht werden, der größte, bedeutendste Strom der Erde, dessen Wassermasse und Majestät selbst die des Mississippi bedeutend hinter sich läßt. Der Kongostrom ist erst neuerdings durch den berühmten Zug des Amerikaners Stanley in seiner ganzen Länge festgestellt worden, damals wußte man nur von der Mündung des Stromes, dagegen noch nichts von dem Laufe desselben. Es war der gefährlichen Stromschnellen wegen nicht möglich, weiter als nur etwa dreißig Meilen stromauf vorzudringen. Die Mannschaft der »Gazelle«, unter Führung des Kapitäns, erreichte auf der Dampfpinasse die holländische Faktorei Boma, wobei zugleich überall gelotet wurde, und beide Gelehrten, der Botaniker Stabsarzt Doktor Naumann, sowie der Zoologe Doktor Hüsker eine reiche Ausbeute machten. Besonders überraschend wirkte auf Roberts spähende Blicke der Affenbrotbaum, dieser Elefant der Pflanzenwelt. Stämme von 60–70 Fuß Höhe bei einem Durchmesser von 30 Fuß, also ganz ungestaltete, gleichsam verkrüppelte Wesen, waren hier nichts Seltenes. Als die unförmlichen Zweige, deren Länge von einem Ende zum andern häufig mehr als 150 Fuß beträgt, an einer Stelle über den Fluß hinauswuchsen, konnten die Matrosen einige reife Früchte mit Handspaken herunterschlagen, worauf dann jeder den Inhalt kostete, indessen nur wenige dieser derben, an viel Salz gewöhnten Nordländer fanden den süßen Brei einigermaßen schmackhaft. Interessanter war es schon, als Doktor Naumann erklärte, wie sich die Neger aus den zu Asche verbrannten Schalen der Frucht in Verbindung mit Palmöl eine sehr gute Seife bereiten. Robert gedachte dabei unwillkürlich der Rothäute Kaliforniens und wie wünschenswert für diese der Affenbrotbaum sei.

Auf dem Markt von Boma herrschte ein buntes, vielgestaltiges Leben. Die Neger tauschten dort ihre geringen Produkte gegen europäische Waren, und außerdem gegen Rum, dem sie sehr zugetan sind. Robert sah plötzlich einen sonderbaren Zug von offenbar Halbberauschten, die alle bei trockenstem Wetter unter bunten Regenschirmen einhergingen und in ihrer Mitte einen ganz Nüchternen führten, der sich wie ein Sieger, ein Triumphator gebärdete. Alles Volk staunte aus ehrerbietiger Ferne.

Die Europäer drängten sich natürlich neugierig vor und fragten so lange, bis ihnen ein alter Holländer die erwünschte Auskunft gab. Unter den Negern dieser Gegend herrscht noch die, bis zum vierzehnten Jahrhundert allgemein (auch in Deutschland) übliche Sitte der Gottesurteile, und zwar speziell die Anwendung des Hexentrunkes. Es wird aus bestimmten, wahrscheinlich in jedem Lande anders vorgesehenen Bestandteilen ein Trank gebraut und dem Verdächtigen eingeflößt. Erkrankt er oder stirbt gar, so ist seine Schuld bewiesen, konnte dagegen, vielleicht vorbereitet, sein Magen dem Angriff widerstehn, so wird er in feierlichem Zuge durch die Stadt geführt und mit allen Ehren freigesprochen. Er ist unschuldig, – Gott selbst hat gerichtet.

Nachdem der Kongo vermessen worden, ging die »Gazelle« zur Kapstadt, auf welchem Wege am 10. September ein wunderbar schönes Schauspiel die Augen der jetzt schon verwöhnten Seeleute entzückte. Es entstand plötzlich um das Schiff herum das sogenannte Meeresleuchten, nämlich die Helligkeit, welche einem ganz kleinen, spindelförmigen Tierchen, der Salpe entströmt, und die, wenn Millionen derselben auf einem Punkt versammelt sind, natürlich das Wasser weit hinaus beleuchtet. Der Zug schwamm vorüber und von Bord wurden mittels des Schleppnetzes eine Menge dieser kleinen Tierchen aus dem Wasser heraufgeholt, ohne jedoch den eigentlichen Wunsch des Zoologen zu erfüllen. Außerhalb ihres Elementes leuchten sie nicht mehr.

Am 26. September segelte die Korvette in die Tafelbai hinein, so genannt nach dem, in einer Höhe von 1100 Metern sich erhebenden Tafelberg, zu dem noch im Westen der Löwenkopf und im Osten der Teufelspik als kleinere Genossen hinzukommen. Die Kapstadt selbst machte auf unsern Freund keinen andern, als den Eindruck aller fremden Seestädte, deren er so viele schon gesehen, und die sich wohl hauptsächlich durch ihre geographischen, aber weniger durch ihre Kulturverhältnisse unterscheiden. Im Hafen das gleiche Getriebe, wo es auch sei, außerdem das Durcheinander von Weißen und Farbigen jeder Art, von Spaziergängern, Geschäftsleuten und Equipagen, – im ganzen ein Stück bereits entwickelten Daseins.

Robert sehnte sich zurück nach dem wilden, unentwickelten.

Schon die nächsten Tage sollten diesem Verlangen Rechnung tragen. Es begann jetzt auf der Reise nach der Kergueleninsel für die »Gazelle« eine weniger angenehme und sonnenbeleuchtete, aber immerhin doch noch sehr vom Glück begünstigte Fahrt nach dem südlichen Eismeer. Stürme, hoher Seegang, Nebel und heftiges Regenwetter wechselten miteinander ab, um die Mannschaft der »Gazelle« in Atem zu erhalten, dennoch aber erreichte am 26. Oktober das Schiff wohlbehalten die Insel und lief in die Bucht von Betsy-Corn, um dort, als an dem geschütztesten Ankerplatz, die Astronomen zu landen und sie, so gut es ging, unterzubringen.

Auf Kerguelen wollte der Kapitän etwa vierzehn Tage verweilen, Robert fand daher Gelegenheit, die Insel nach allen Seiten zu durchstreifen, obgleich er freilich nirgends einen besonders schönen, sondern nur einige großartige, bedeutende Punkte entdeckte. James Cook, der bekannte Weltumsegler, nannte Kerguelen einfach das »Desolationsland« und wirklich schien es den Leuten von der »Gazelle«, als habe dieser Name viel für sich. Kein Tier außer den Wasservögeln, kein Baum, keine Blume, nur ein riesiges Gewächs, eine Art Kreuzblume, der Kerguelenkohl, welcher als Gemüse zubereitet vortrefflich schmeckte und dessen Saft Doktor Naumann ein probates Mittel gegen den Skorbut nannte. Diese Pflanze wächst außer auf Kerguelen an keiner andern Stelle der Welt, sie bringt aber auch niemand einen Nutzen, weil eben kein Kauffahrteischiff dem wüsten, unbewohnten Gebirge nahe kommt.

Um Kerguelen herum sah Robert wieder Walfische speien, ebenso bemerkte er auch Robben und alle Arten von Seevögeln, jedoch keinerlei jagdbares Wild. Am 12. November begann die »Gazelle« ihre Erforschungsreise nach der Westküste der Insel und von dort wurde unter persönlicher Führung des Kapitäns eine Expedition in das Innere unternommen.

Alles nur Stein und Stein, sonst nichts. Höchstwahrscheinlich hatte nie vorher ein lebendes Wesen, weder Mensch noch Tier, diese Gegenden betreten, und noch viel entschiedener könnte auch jedes derartige Unternehmen nur im Dienste der Wissenschaft gedacht werden, denn der Nutzen Kerguelens ist noch vollständig in Dunkel gehüllt, – seinen Wohnsitz wird dort nie irgend jemand nehmen.

Im Osten der Insel hatte sich ein schmaler Fluß zwischen Basaltblöcken von dreißig Meter Höhe förmlich eingekeilt; es schien unmöglich, auf den einzelnen, losgerissenen Felsstücken, über die er seinen Weg nahm, in das Innere dieser nach oben hin ganz verdeckten und verengten Höhle zu gelangen, dennoch aber versuchte es Robert, der hier überhaupt auf jedem Schritt an die Eiswüste des Nordpols erinnert wurde, immer wieder und wieder. Er war der einzige, welcher es nicht aufgab, den gefährlichen Weg über halbhängende Klippen, einzelne Vorsprünge und vom Wasser überströmte Steine doch zu erzwingen. Sollte er denn zum zweitenmal das Bett eines Gebirgsflusses in rätselhafter Weise aus den Augen verlieren, sollte er wieder, wie damals in Norwegen, das Land verlassen, ohne sein Geheimnis erforscht zu haben?

Schweißtropfen perlten ihm auf der Stirn. Er schüttelte den Kopf, als ihn die übrigen aufforderten, von dem vergeblichen Bemühen abzulassen. Hier konnte er, da das Schiff vor Anker lag, keine Gefahr in der Nähe war und überhaupt die Reise ausschließlich zum Zweck derartiger Entdeckungen gemacht wurde, – schon mehr tun was er wollte, also vorwärts, und noch dazu am liebsten ganz allein. Die alte Lust am Gewagten, die Neigung für das Seltsame, Außergewöhnliche, regten sich wieder mit voller Stärke. Robert watete bald, bald sprang er, dann kroch er auf allen vieren, dann ging er an schaurigen Abgründen oder schwang sich über die breite Kluft.

Was war das aber? – Er hatte es heimlich erwartet und dennoch packte es ihn erschreckend. Das Wasser versiegte unter seinen Füßen, weniger und weniger sickerte über die Felsen, bis es plötzlich ganz aufhörte, gerade wir in der eisigen Wildnis am Nordkap. Wo war der Fluß geblieben?

Er sah zurück. Aus einer schmalen Spalte drang es hervor, von rechts und links liefen kleine Adern bis zur Mitte, aber hier oben war alles trocken.

Roberts Herz pochte laut. »In Norwegen lag der See tief unten, und oben tobte der Wasserfall,« dachte er, »hier herrscht das umgekehrte Verhältnis. Ich muß hinauf, hinauf.«

Er sah an dem schneebedeckten Gipfel empor. Noch eine weite, weite Tour, gewiß ein stundenlanger, beschwerlicher Weg, aber was schadete das? Dort oben in schwindelnder Höhe, gleichsam das Haupt in den Wolken gebettet, getragen von den Riesenschultern der Berge, ein See! Ein blauer, stiller See, Tausende von Fuß über dem Meeresspiegel, – und er sollte Kerguelen verlassen, ohne ihn gesehen zu haben?

Nimmer!

So viel Mundvorrat als er brauchte, fand sich in seinen Taschen, der Tag war noch lang und das Wetter frostklar, also vorwärts, vorwärts, so freiheitsfroh und glückselig, wie es der Mensch nur dann empfindet, wenn ihm das Schicksal einen Lieblingswunsch erfüllt.

Der Weg bergauf war steil und mühevoll, aber doch nicht so beschwerlich als das Waten durch das wassergefüllte Flußbett. Robert wählte zum Emporklettern die Außenseite des Felsens, wo doch häufig ganze Strecken ohne viel Anstrengung überschritten werden konnten, wenn auch wieder andere mit ihren scharfen Zacken die Kleider zerrissen und die Haut der Hände verwundeten, so daß rote Tropfen auf den Schnee fielen.

Robert beachtete das alles nicht. Nahe und näher kam er einem Kranze von einzelnen, sonderbar geformten Felsblöcken, die wie Riesennadeln zum Himmel emporstarrten. Sie sahen aus, als ob von ihnen auf sturmbewegter Höhe, gleichsam zwischen zwei Welten, ein kostbares Kleinod behütet werde, sie schienen, eng gedrängt in seltsamen, oft schlangenartigen, oft großartigen Gestaltungen den Eintritt zu wehren in ein Heiligtum, das nie der Fuß des Menschen berührt, das versteckt lag, hoch oben über der Erdenwelt, nur gesehen von Gottes Auge, nur den Sternenbildern, der Sonne als Spiegel dienend.

Hier kein Durchgang, dort keiner, immer ein Riesenarm vorgeschoben, ein stummes Halt! aus der Steinbrust der Hüter, aber dennoch, dennoch wollte Robert das Innere sehen.

Er suchte und suchte. Endlich, hier hingen zwei Blöcke schräg gegen einander. Mit weiten, faltigen Mänteln und riesigen, von Haubenbändern umgebenen Köpfen schienen sie wie plaudernde, uralte Frauen. Nachbarinnen, die sich von der Vergangenheit erzählen, und wie früher alles viel besser gewesen, wie die Welt im Argen liege. Die eine trug unter dem Mantel eine Krücke und die andere hielt einen Korb. –

Robert bewunderte das seltsame Naturspiel. Wie von Künstlerhand grob gemeißelt, in riesenhaften Formen, erschienen die Gestalten.

»Laßt mich hindurchschlüpfen, ihr beiden,« lachte er. »So alte Großmütterchen können ja den Enkeln nichts abschlagen.«

Und auf Händen und Füßen kriechend gelangte er, Korb und Krücke streifend, an die andere Seite. Hier aber wäre er fast in die Tiefe gestürzt. Nur durch einen schmalen Felsstreif vom Abgrunde getrennt, sah er inmitten des kreisrunden Bodens einen See, dessen Spiegel keine Welle kräuselte. Weiße Kronen von Schnee lagen auf allen Ecken und Vorsprüngen, in jedem geschützten Winkel, im Inneren jeder Spalte, das Wasser aber war, blau und rein wie Samt. Am Himmel erschien in diesem Augenblick die Sonne. Wie Millionen funkelnder Diamanten glänzte es da unten im Bergesschoß, wie eine zweite, goldene, leuchtende Kugel schwamm das Bild der Tageskönigin auf dem Wasser.

Robert sah nichts als den Himmel und den See mit seinem Steinkranze. Über diesen hinwegzublicken war ganz unmöglich.

Lange, lange verweilte er in der kleinen, abgeschlossenen Welt da oben, wo kaum für seine Füße der nötige Raum vorhanden war, und wo es so still, so eigen feierlich seine Seele berührte. Er bedauerte beinahe die übrigen, denen der Weg zu weit und zu mühevoll gewesen, um ihn freiwillig zu unternehmen. Als er rückwärts kriechend, mit äußerster Vorsicht und nur um wenige Fußbreite von den geöffneten Armen des Todes getrennt, wieder hinausgelangte aus dem geheimnisvollen Zauberkreise innerhalb des Felsengürtels, da bot sich ihm ein um so reicherer, mannigfaltigerer Anblick der verschiedensten Fernsichten. Die Felsen ringsherum zeigten Schätze von Achat, Kristall und Amethysten, überall bildete der Basalt die merkwürdigsten Formen, und am seltsamsten erschien es unserem Freunde, so von oben herab seine schwimmende Heimat wie ein Kinderspielzeug auf dem Wasser liegen zu sehen, direkt auf die Toppen der »Gazelle« zu blicken, wie man sonst wohl das Auge zur schwindelnden Höhe derselben erhebt.

Er hatte, als er von diesem gefahrvollen Ausflug wieder auf dem festen Boden der Erde anlangte, einen so reichen Lohn geerntet, daß ihn seine geschundenen Kniee und blutenden Hände nur sehr wenig kümmerten. Doktor Naumann lächelte, als er ihn sah. »Nun, junger Freund, etliche Kobolde und Gnomen kennen gelernt?« scherzte er.

»Nur Nixen, Herr Doktor, – da oben ist ein See.«

»Alle Wetter, dann müssen wir ja hinauf, – ich fürchte nur, daß es einen starken Schneefall gibt. Auch das Croziergebirge wird aus diesem Grunde ununtersucht bleiben müssen.«

Und wie er gesagt, so geschah es. Der Besuch dieses vielleicht dem anderen sehr ähnlichen, aber bedeutenderen Höhenzuges mußte unterbleiben, wenn sich die kühnen Entdecker vor der Gefahr des Eingeschneitwerdens schützen wollten.

Es war auch jetzt von der Insel genug gesehen, um mit Sicherheit behaupten zu können, daß hier keine Ansiedelung möglich sei. Wenn im Hochsommer schon solche Verhältnisse herrschten, – wie sollte es dann im Winter werden?

Die Gelehrten und Photographen bezogen ihre Wohnung auf der »Gazelle« die Anker wurden gelichtet und fort ging es, tausend Meilen weit über den Ozean, nach der Tropeninsel Mauritius. Auf diesem Wege hing die Existenz der »Gazelle« mehr als einmal an einem Haare, es gab Kampf mit den Elementen in jeder Beziehung, aber doch wurde das Ziel unbeschadet erreicht.

Welche Veränderung erwartete hier die modernen Argonauten, Alles der schönste, südliche Flor, alles knospendes Leben und Treiben. Blume an Blume, Pracht an Pracht. Reife Früchte boten sich der pflückenden Hand, behagliche Wärme entströmte der Luft, eine idyllische, kleine Welt, der nur monatlich einmal ein Dampfschiff naht, zeigte sich den Wanderern. Die Tieflotungen waren unterwegs gemacht, Kohlen und Mundvorrat eingenommen, die Briefe zur Post gegeben und der ausgebrannte, völlig mit Wald überwachsene Krater im Inneren der Insel von Robert und mehreren anderen einer Besichtigung unterzogen, dann dampfte die »Gazelle« wieder hinaus in Sturm und Wetter, den australischen Gestaden zu. Hier kam Robert nicht vom Bord, da hauptsächlich nur die Haifischbai und der Dampiersarchipel ausgelotet werden sollten, aber das tat ihm auch weniger leid, denn aus früheren Erzählungen Mongos und anderer wußte er schon, daß im ganzen die Australischen Inseln wenig Merkwürdiges darbieten.

Am sehenswürdigsten erschienen die Sundainseln, und zwar speziell von diesen Timor, welches den unmittelbaren Übergang zu asiatischen Verhältnissen bildet und wo Robert wunderbar schöne Koralleninseln, ähnlich wie damals jene auf dem Wege nach San Francisco, wiedersah. Nur war hier die Szenerie um so schöner, als innerhalb dieser engumschlossenen Kreise ein Fels sich aus dem Wasser erhob, und Bäume und Gesträuch das Inselchen bedeckten.

Es wurden nun nacheinander während viermonatlicher, beschwerlicher Fahrt auf lauter Nebenwegen und bisher unbenutzten Fahrstraßen diejenigen Inseln, welche zusammen als die Melanesischen Inseln bekannt sind, einer genauen Durchforschung unterworfen, obwohl dabei, wie bemerkt, weniger Naturgeheimnisse und Naturschönheiten das Ziel der Arbeiten waren, sondern nur mit Rücksicht auf neue Verkehrswege, Tieflotungen und bisher unentdeckte Ankerplätze so mancher praktische Nutzen erreicht ward.

Gelandet wurde zuerst in Neuguinea und bei den drei kleinen Anachoreteninseln, wo für unseren wißbegierigen Freund das ganze Interesse der Reise wieder erwachte, als er mit völlig wilden Menschen verkehren konnte. Hier trug die Bevölkerung ein Lendentuch, besaß wohleingerichtete Kokospflanzungen und Kanots mit Segel und Masten, auch zeigten sich Männer und Frauen, nachdem die erste Scheu überwunden, als ein harmloses, friedliches Völkchen, das mit den Mannschaften von der »Gazelle« einen lebhaften Tauschhandel betrieb und gern die Produkte seiner Heimat gegen Messer, Scheren, Knöpfe und Beile an die Deutschen abließ. An der Südküste von Neuhannover wohnte ein ganz anderer Menschenschlag. Diese Leutchen, vollständig nackt einhergehend, waren schwarzbraune, hübsche Gestalten, mit rot oder gelb gefärbtem kurzem Haar, geschlitzten Ohrläppchen, Muscheln in den Ohren und am Hals und bunten Armbändern. Sobald die Korvette herankam, stürzten sich sämtliche Männer in die Kanots, um das fremde Wunderding aus nächster Nähe zu sehen, während am Ufer die Frauen schreiend, hüpfend und sich wie toll gebärdend zurückblieben. Aber schon sehr bald schien auch diesen die Neugier unerträglich zu werden, – sie sprangen ohne weiteres in das Wasser und schwammen den Booten

nach, waren aber ebensowenig wie die Männer zu einem Besuch an Bord zu bewegen.

An der entgegengesetzten Seite derselben Insel kam es mit den Eingeborenen sogar zu einem ernstlichen, wenn auch nur kurzen Streit. Hier sollte ein Fluß ausgelotet werden, und da die Korvette selbst denselben natürlich nicht befahren konnte,so mußte die Dampfpinasse diesen Weg zurücklegen und dabei auch mehrere von den gelehrten Teilnehmern des Ausflugs am Ufer absetzen, um Forschungen im Gebiete der Pflanzen- und Tierwelt vorzunehmen. Während aber ein kleines Boot, das den Verkehr mit dem Schiff vermittelt, auf dieser Tour zufällig einige Minuten lang allein blieb, wurde es von den Eingebornen seines ganzen Inhaltes beraubt; als die Matrosen zurückkehrten, waren Mundvorräte und Ausrüstungsgegenstände verschwunden, ohne daß sich einer der Wilden gezeigt hätte.

Am nächstfolgenden Tage, als die Besatzung im Flußwasser ihre Wollenkleidung gründlich gereinigt und dieselbe zum Trocknen zwischen den Bäumen aufgehängt hatte, kamen die Eingeborenen, jetzt schon dreister geworden, in hellen Haufen herangezogen und vertrieben durch einen reichlichen Hagel von Steinwürfen die friedlich beschäftigten Matrosen, wobei sogar zwei derselben erheblich verwundet wurden.

Von der Dampfpinasse antwortete sogleich ein Gruß aus dem Bootsgeschütz und darauf hin zogen sich die Wilden, offenbar sehr erschrocken, zurück, am andern Tage jedoch zeigte der ohrenzerreißende Lärm ihrer Kriegsinstrumente, daß sich die verschiedenen Stämme sammelten und daß eine offenbare Feindseligkeit im Plane lag.

Kapitän Schleinitz beschloß dem zuvorzukommen und auch an dieser entlegenen Küste den Insulanern zu zeigen, daß die deutsche Flagge nicht beleidigt werden darf und daß ihre Vertreter das Unrecht bestrafen, gleichviel wo und unter welchen Verhältnissen sie dasselbe antreffen.

Er selbst stellte sich an die Spitze von vierzig Mann, die alle vollständig bewaffnet waren, und dann wurde der Zug nach den nächsten Dörfern unternommen. Natürlich befand sich unter der kleinen Schar auch Robert, der erste, welcher bei solchen Gelegenheiten um den Vorzug der Teilhaberschaft nachsuchte. Er sollte indessen finden, das diesmal das Vergnügen sehr teuer bezahlt wurde.

Es mußte, um an das Dorf heranzukommen, vorerst ein hohes unwegsames, von Gestrüpp und Schlingpflanzen bedecktes Ufer erklettert werden, die Matrosen sahen sich gezwungen, ihre Waffen und Patronen wahrend des beschwerlichen Marsches über den Köpfen zu tragen, und als endlich die jenseitige Anhöhe glücklich erreicht worden war, da starrte das gestern gewaschene Zeug von Schlamm und Schmutz, da hatte sich die Nässe überall hin verbreitet und erschwerte sehr unangenehm den Marsch von wenigstens einer Seemeile.

Aber die Blaujacken ermüdeten nicht. Ein deutsches Lied verkürzte die Zeit, und frischer Jugendmut half über alle Belästigungen hinweg.

Zugleich mit dem, an einer Anhöhe malerisch belegenen Dorfe, umgeben von aller Schönheit tropischen Pflanzenwuchses sahen die Deutschen eine Anzahl von etwa zweihundert Wilden, die sämtlich mit Speeren, Keulen und Schleudern bewaffnet waren, sich aber sehr auf der Hut hielten und sogar bei Annäherung der im festen Taktschritt marschierenden kleinen Schar langsam zurückwichen, so daß schon sehr bald nur noch vier alte Männer, jedenfalls Häuptlinge vor dem Dorfe auf einigen Steinen sitzen blieben und die Fremden erwarteten.

Herr von Schleinitz, welcher selbstverständlich den Streit so rasch und so einfach wie möglich zu beenden wünschte, ließ an eine lange Stange ein weißes Tuch binden und ging dann, nur von einem Matrosen als Adjutanten begleitet, zum Dorfe hinab.

Wie viele heimlich bewundernde Blicke, wie manches geflüsterte »Bravo!« folgten aus den Reihen der ungern zurückgebliebenen Seeleute dem verehrten Führer, wie schwer wurde es unserem Freunde, so müßig dazustehen, indes andere handelten!

Aber die Disziplin verbot jede Weigerung. Er konnte nur von ferne zusehen und beobachten, wie Herr von Schleinitz durch Gebärden dem Wilden begreiflich machte, daß er sprechen, unterhandeln, aber nicht kämpfen wolle.

Ob ihn die rohen, aller Kultur angewandten Wesen verstehen, ob sie ahnen würden, was ihnen die weiße Flagge sagte?

Robert sah nur, brennend vor Begierde, dort an seines Kapitäns Seite zu stehen, er sah mit klopfendem Herzen und bebenden Händen hinüber. Eine einzige verräterische Bewegung der Wilden, und seine Kugel sollte die erste sein, welche den mutigen Anführer rächte. – Dahin kam es aber nicht. Die Wilden mußten offenbar verstehen, was das weiße Tuch bedeuten solle, sie banden schleunigst ein junges Huhn an

einen Stock und trugen diese sonderbare Fahne dem deutschen Kapitän entgegen. Damit war auch von ihrer Seite die Zusammenkunft als eine friedliche und zum Zweck der Verständigung vorgenommene anerkannt worden.

Herr von Schleinitz nahm mit dem Ausdruck höflichen Dankes, aber durchaus ernst und vom Bewußtsein seiner Würde durchdrungen, das Geschenk in Empfang und vergalt es sofort durch Überreichung eines Stückes Uniformtuch, das schon zu diesem Zweck vom Bord her mitgebracht worden war.

Dann aber, nachdem die Insulaner ihr Entzücken in kindischer Weise zu erkennen gegeben, bedeutete ihnen der Kapitän durch Hilfe der Gebärdensprache, daß er bestohlen worden sei, sowie daß er die Rückgabe des geraubten Gutes unbedingt verlangen müsse. Er fragte, ob die Häuptlinge von diesem Diebstahl Kenntnis erhalten.

Die Antwort war natürlich ein Nein.

Herr von Schleinitz zuckte die Achseln. Dann nahm er die Pistole und schoß im Angesicht der vier Häuptlinge einen jungen Baum durch den Stamm, so daß weißer Saft aus der Wunde hervorquoll; zu gleicher Zeit deutete er mit der Rechten auf die in einiger Entfernung stehenden Soldaten, als wolle er sagen: »Die dort verstehen alle das Gleiche und werden euch empfindlich bestrafen, wenn ihr nicht das gestohlene Gut sofort herausgebt.«

Die Wilden sahen in großer Angst auf den getroffenen Baum. Sie berieten leise untereinander, gaben offenbar heimliche Befehle in das Dorf hinauf und bemühten sich, eine freundliche Miene zur Schau zu tragen. Nach kurzer Zeit näherte sich ein junger Bursche, welcher den gestohlenen Mundvorrat im Korb am Arm trug und das Ganze dem Kapitän zu Füßen legte, wonach er sich mit Hasensprüngen wieder entfernte, wie es schien sehr froh, der Gefahr so glücklich entronnen zu sein. Das laute Gelächter der Seeleute folgte ihm nach.

Herr von Schleinitz hatte inzwischen den Korb durchsucht und wandte sich jetzt achselzuckend an die Wilden. »Das ist noch durchaus nicht alles,« sagten seine Gebärden, »es fehlen verschiedene Instrumente und andere Kleinigkeiten. Wir wollen eure Hütten in Brand stecken, um euch zu bestrafen.«

Das wirkte. Die Häuptlinge baten, das geraubte Gut den Weißen wieder zuschicken zu dürfen; sie wollten selbst im Dorfe eine Haussuchung vornehmen und ihr Möglichstes tun, um alles Verlorene herbeizuschaffen. Man möge nur ihre Wohnungen verschonen.

Herr von Schleinitz erklärte sich mit diesem Anerbieten durchaus einverstanden und die Seeleute konnten den Rückmarsch antreten, ohne von ihren Waffen Gebrauch gemacht zu haben, was freilich die meisten unter ihnen heimlich verdroß, da doch im Lazarett der Korvette die beiden verwundeten Kameraden noch immer leidend dalagen und einer sogar eine tüchtige Stirnwunde davongetragen hatte. Wie maßvoll und gerecht zugleich übrigens der Kapitän vorgegangen war, das mußten auch die Kampflustigsten anerkennen. Wozu hätte es genützt, den unwissenden, schlecht bewaffneten Wilden, welche noch nicht einmal bis zur Kulturhöhe irgend einer Bekleidung vorgedrungen waren, – hier um einiger Vergrößerungsgläser, Schleppnetze und Lotungsapparate willen eine blutige Lehre zu geben?

Die armen, ahnungslosen Geschöpfe wären dadurch nicht gebessert, sondern nur gekränkt worden; der deutschen Flagge aber hatte es nicht zum Ruhme gereicht, ihre zehnfache Überlegenheit an nackten Wilden erprobt zu haben!

Als die Soldaten an das Ufer kamen, fanden sich sämtliche gestohlene Gegenstände schon vor. Jedenfalls hatten die Insulaner, um sich keiner Gefahr auszusetzen, auf Nebenwegen irgend einen schnellfüßigen Burschen entsandt und in dieser Weise keinen als den Schuldigen gekennzeichnet. Vom Bord der Korvette war es beobachtet worden, wie mehrere Schwarze aus dem Gebüsch hervorkrochen, schleunigst die Sachen in das Gras legten und wieder verschwanden.

Die Würde des Reiches war also gewahrt worden, man hatte den Diebstahl gerügt und Rückerstattung des Geraubten erlangt, – Herr von Schleinitz konnte sich sagen, daß er einen schmalen Mittelweg richtig getroffen.

Nachdem diese Angelegenheit erledigt, verfolgte die Korvette ihren Weg zunächst nach Neuirland und den umliegenden Inseln, wobei indessen zu Roberts großem Leidwesen der Verkehr mit den Eingebornen gänzlich oder doch so viel als möglich vermieden wurde. Es ist dies eine der wenigen Gegenden, wo noch jetzt Menschenfresser leben, daher vielleicht hielt sich Herr von Schleinitz einem feindlichen Zusammenstoß so fern, als es die Verhältnisse erlaubten. Der Tod eines deutschen Untertanen hätte nur durch offene Kriegserklärung gerächt werden können, da aber für die Reise der »Gazelle« im Augenblick ein rein wissenschaftlicher Zweck vorgesehen war, so schien es das Klügste, derartigen unangenehmen Zufällen schon von weitem aus dem Wege zu gehen.

Für Robert war freilich diese Maßregel um so betrübender, als es ihm den höchsten Genuß gewährte, mit Wilden zu verkehren und bis in die tiefsten Geheimnisse ihrer Sitten, ihrer Lebensgewohnheiten und Einrichtungen vorzudringen. Er mußte hier so ziemlich auf alles Gehoffte verzichten, da von seiten der Gelehrten nur Vermessungen und Beobachtungen angestellt wurden, ohne jedoch dabei auf die Menschen überzugehen.

Einige Völkerschaften, z.B. die Anwohner der Byronstraße, zeigten sich herausfordernd und feindselig, während andere durchaus friedlicher Natur waren, entweder Ackerbau oder Viehzucht betrieben und den Weißen mit harmloser Vertraulichkeit entgegenkamen. Namentlich auf den Salomoinseln wurde Fleisch sowie frische Früchte und Gemüse von den Bewohnern in Kanots an Bord gebracht, wofür dann Kleidungsstücke und sonstige Kleinigkeiten als Zahlungsmittel dienten.

In Neubritain hatte die »Gazelle« eine eigentümliche Pflicht zu erfüllen. Vor langen Jahren sind an einigen Küsten dieser Insel gegen die Handelsfaktoreien der Hamburgischen Firma Godeffroy die gröbsten Gewalttätigkeiten verübt worden, und eben daher sollten jetzt die Wilden sehen, was sie bei etwaigen Wiederholungen zu erwarten hätten. Noch nach Verlauf mehrerer Jahre auf das früher verübte Verbrechen zurückzukommen war um so weniger möglich, als niemand an Bord die Sprache der Eingebornen verstand; Herr von Schleinitz begnügte sich daher, an eben der Stelle, wo damals Mord und Brandstiftung stattgefunden, auch jetzt wieder einen Haufen von brennbaren Gegenständen anzünden und einige Salven abfeuern zu lassen. Als die Wilden sahen, welche Verheerungen unter Bäumen und Sträuchern die Kanonenkugeln anrichteten, erschraken sie so sehr, daß ihnen die eiligste Flucht als das beste Schutzmittel erschien. Sie verschwanden wie in den Boden hinein.

Von hier aus fuhr die »Gazelle« nach den Aucklandinseln, wo noch jede Spur einer Bevölkerung fehlte. Die Forschungen der Gelehrten konnten zwar ohne Störung betrieben werden, doch lieferten dieselben keine besonders lohnende Ausbeute. Australien ist eben weit weniger interessant als alle anderen Weltteile.

Die »Gazelle« hat aber mit Bezug auf Hafenplätze und Tieflotungen gerade hier das Wesentlichste für Deutschlands Handel getan, und hat überhaupt die deutsche Flagge, als Sinnbild der Kultur und Aufklärung, der Bildung und des Fortschrittes, an allen diesen wenig bekannten, bisher immer übersehenen Orten bestens zur Geltung gebracht.

In Levuka, der Hauptstadt der Insel Viti-Levu (die größte Fidschiinsel), verkehrten die Offiziere der Korvette in äußerst freundschaftlicher Weise mit dem regierenden Landesherrn, König Thakembau, der sich mit Bezug auf alles, was militärische Angelegenheiten betraf, als denkender und gebildeter Mann bewies, und der auch seinerseits mehrere Male als Gast an Bord der Korvette empfangen wurde. Beim Abschied von derselben blieb er bis zum Augenblick des Ankerlichtens und konnte sich erst trennen, als die Maschine ihre Tätigkeit begann.

Von den Fidschiinseln ging die Korvette nach den Tongainseln, wo etwa 30 000 hellfarbiger und in gewissem Sinne gebildeter Menschen, zum Christentum bekehrt, ein ruhiges friedliches Leben führen. Wie ganz Australien, leidet auch diese Gegend an Wassermangel; es sind wenige Tiergattungen vorhanden und nur ein verhältnismäßig ausgedehnter Pflanzenwuchs. Dagegen haben aber die Bewohner schon feste Häuser, sie arbeiten und sind in sittlicher Beziehung die höchststehenden unter allen Völkern auf den Inseln des Großen Ozeans.

Auch hier sah Robert einen farbigen Fürsten, nämlich den ganz in blaues Tuch gekleideten, siebzigjährigen König Georg von den Tongainseln. Der alte Herr empfing äußerst höflich die Vertreter des deutschen Reiches, dankte für den erhaltenen Besuch und lud seine Gäste zur Tafel, wobei ein Missionar als Dolmetscher diente. Am Nachmittag machte er an Bord der Korvette einen förmlichen Gegenbesuch, der von seiten der Mannschaft mit einer Ehrensalve von einundzwanzig Kanonenschüssen begrüßt wurde, worauf sogleich am Lande die beiden einzigen vorhandenen Geschütze den Zuruf bestens erwiderten. Danach wurde an Bord eine Parade abgehalten und ein Abendessen eingenommen, bei welchem Herr von Schleinitz ein Hoch auf König Georg ausbrachte. Die Rede des Fürsten, bescheiden und dankbar, aber doch seine Würde als Landesherr vollständig wahrend, zeigte einen denkenden, für das Wohl seiner Untertanen eifrig besorgten Monarchen, der in wohlgesetzten Worten kundgab, wie sehr es ihn freue, mit Deutschland die besten Beziehungen angeknüpft zu haben und ferner noch knüpfen zu können, indem er den Auswanderern dieser Nation allen nur möglichen Schutz gewähre und sie den Eingebornen des Landes in jeder Beziehung gleichstelle.

Auf ihre dahingehenden Fragen erfuhren die Offiziere, daß diejenigen Deutschen, welche auf den Tongainseln leben, hauptsächlich mit »Kobra« handeln, d.h. mit den zerschnittenen Kernen der Kokosnuß, welche dort in unglaublicher Menge wächst und den bedeutendsten Verkaufsartikel bildet. Es lagen auch zugleich mit der »Gazelle« noch sieben europäische Schiffe im Hafen, sämtlich beschäftigt, ihre Räume mit Kobra zu füllen.

Es ist das Hamburgische, leider inzwischen durch geschäftliche Unglücksfälle erloschene Haus Godeffroy, welches diesen Handel angebahnt und dadurch den Tongainseln einen ganz bedeutenden Aufschwung verliehen hat; man sieht hieraus, wie die Tätigkeit und der Unternehmungsgeist eines einzelnen Mannes imstande sind, ganzen Völkerschaften dauernd zu nützen.

Von hier ging die Korvette nach den Samoainseln und traf nun wieder die schönsten, vom vollen Zauber der Tropenwelt umgebenen Landschaften. Am 24. Dezember ihre Anker auswerfend, landete die »Gazelle« im Hafen von Apia auf Upolu, und sogleich erhielt die Mannschaft Erlaubnis, in die Stadt zu gehen und den Weihnachtsabend möglichst froh zu verbringen.

Das war eine eigentümliche Feier. Die Matrosen konnten sich doch nicht entschließen, einzeln in den Wirtschaften zu lärmen, zu trinken und zu tanzen wie sonst, wenn sie nach langer Entbehrung alles Umganges und aller geselligen Freuden zum erstenmal wieder das Land betreten. Sie alle waren ja einmal in der fernen nordischen Heimat kleine, jubelnde Kinder gewesen, die am Geburtstage des Welterlösers den Tannenbaum umstanden und freudetrunken den Glanz seiner Kerzen auf ihre jungen Seelen zurückfallen sahen, sie alle hatten ja daheim ihre Lieben und wußten, daß jetzt die Gedanken dieser Teuren das Schiff umschwebten und sie selbst, die Weltumsegler, die Pioniere der Wissenschaft, – kein einziger tobte ausgelassen oder beging jene kleinen Tollheiten, die sonst von dem Treiben des Matrosen am Lande unzertrennlich sind.

Auch Robert war sehr ernst gestimmt. Tropische Bäume neigten in unvergleichlicher Schöne, ewig jung und frisch, ihre rauschenden Kronen, farbenprangende Blüten schmeichelten dem Auge, aber das Herz gedachte der deutschen Tanne. Robert glaubte den Harzgeruch zu spüren, er sah die kleinen, bescheidenen Lichter und die vergoldeten Früchte, sah das ganze, niedere Zimmer im Elternhause zu Pinneberg, – und auch die Gestalten der beiden teuren alten Leute wurden vor seinen Augen lebendig; die Mutter, welche vielleicht jetzt weinend und betend des einzigen Sohnes gedachte, der Vater, den er nie auf Erden wiedersehen würde, der so lange, lange in Rellingen ausruhte von der treuen Arbeit eines ganzen Lebens.

Es beengte ihm die Brust, – er mußte davon sprechen.

»Maaten,« sagte er, »wollen wir uns einen Christbaum machen?«

Mehrere Stimmen antworteten zugleich, und alle beifällig. »Daran dachte ich längst!« rief Gerber. »Die Fremde ist doch immer die Fremde, – man wird ganz weinerlich, wenn so die Erinnerungen an das alte Deutschland einen überfallen.«

»Aber einen Tannenbaum gibt's in ganz Apia nicht!« meinte ein anderer.

»Was schadet das? Grün ist Grün, und Lichter hat man ja auch hier.«

Gedacht getan. Die Blaujacken verschafften sich ein stattliches, mit Blüten und Früchten bedecktes Brotfruchtbäumchen, das samt seinen Wurzeln aus dem Boden gehoben und in einen großen Kübel gestellt worden war. Dann ging es an den Ausputz.

Jeder einzelne der ganzen Schar brachte seine Lichter in Gedanken den geliebten Angehörigen daheim in Deutschland, jeder erzählte von den Weihnachtsabenden früherer Jahre und wie doch die Kinderzeit so schön gewesen, so unsäglich glücklich. – –

»Am Lande möchte man nicht leben,« sagte Gerber, »wahrhaftig, ich hielte es nicht aus ohne die See, aber doch ist es ein eigen Ding, so Jahr nach Jahr auf dem Meer zuzubringen und nur selten für wenige Tage unter Menschen ein Mensch zu sein. Wenn ich jetzt nach Hause komme, finde ich lauter fremde Gesichter, – die alte Mutter starb, seit wir von Kiel fortgingen, und zwei Schwestern heirateten, – es ist alles anders geworden.«

Robert legte ihm die Hand auf die Schulter. »Keine trüben Erinnerungen, Gerber,« sagte er mit ermutigendem Tone. »Wir alle haben Schweres ertragen, für uns alle ist das Leben eine ernste Prüfungsschule, aber – was sagt unser großer Dichter, unser Schiller?

»Und ob alles im ewigen Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.«

»Laßt uns singen!« rief einer. »Das macht das Herz frei. Wetter noch einmal, wir sind ja doch jetzt auf der Heimreise begriffen, also warum denn erst weichmütig werden?«

Die Bowle, von allem Wohlgeruch tropischer Würze überhaucht, wurde gebracht, und unter dem eigentümlichen Weihnachtsbaum entfaltete sich ein buntes Bild. Die Blaujacken saßen und lagen um den Tisch, Zigarrendampf erfüllte das Zimmer, und der reiche Blütenflor des Dezembers in den Tropen spendete durch die geöffneten Fenster seinen Duft, seinen Regen von seinen azurblauen, rosigen und weißen Blumenblättern, so oft ein leichter Wind die Kronen schüttelte.

Zwischen den Lichtern blühte es und trug reife Früchte am eigenen Stamm. Fremdländische Gesichter sahen hinein in das Zimmer, horchten mit Erstaunen den Klängen der deutschen Sprache und summten im Takte die Melodie, ohne den Wortlaut zu ahnen:

»O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit«

Und das stille innige Heimatsgefühl, welches keine Nation so treu im Herzen trägt wie eben die deutsche, der Zauber der Erinnerung umwehte die Herzen. »Wißt ihr's noch, wie der letzte Weihnachtsabend verlief?« fragte Robert. »Vor Kerguelen im schrecklichsten Sturme, daß sich die alte »Gazelle« gleich einem Kreisel drehte. Was alles ist seitdem Gefahrvolles und Schweres an uns vorübergegangen! Wieviel Anregendes, Belehrendes, Großartiges haben wir gesehen! Jetzt laßt uns aber auch anstoßen auf Deutschlands, auf unseres Kaisers Wohlergehen, laßt uns ein Hoch dem Vaterlande darbringen, und daß der deutsche Mann allen anderen voran auf dem Pfade der Wissenschaft und Aufklärung leuchten möge!«

Alle Gläser erhoben sich, alle Herzen stimmten ein in den Trinkspruch, den unser Freund vorgeschlagen. Es war ein eben so sinniger als fröhlicher Weihnachtsabend, den die Matrosen von der »Gazelle« im fernen Apia verlebten. Erst spät, nachdem sich die Tropennacht längst in den neuen Morgen verwandelt, kehrten die jungen Leute zum Schiff zurück, singend zwar und angeheitert, wie es in der Matrosensprache heißt, aber durchaus eingedenk des heiligen Abends und ihrer eigenen Würde als Angehörige der deutschen Kriegsmarine. Kein einziger hatte sich dem vortrefflichen Punsche gegenüber vergessen.

Bepackt mit allen möglichen guten Dingen, um an Bord die Unglücklichen von der schwarzen Liste, welche Wache gehalten hatten, jetzt nachträglich noch zu bewirten, erschienen sie wie die verkörperten freundlichen Geister des Weihnachtsabends und brachten den Festjubel auch zu jenen Missetätern, welche einmal auf das frischgescheuerte Deck gespuckt, in der Nähe des Großen Mastes laut gelacht oder gar eine Stenge ungeschmiert gelassen hatten, wofür ihnen dann die Strafwache unweigerlich zuteil geworden war.

Am folgenden Tage ging es an eine Besichtigung der Umgegend. Soviel Schönheit wie hier hatte Robert kaum an irgend einem anderen Orte der Welt bemerkt. Die ganze kleine Insel glich einem Garten, in dessen dichten Laubmassen die einzelnen Ansiedelungen zerstreut unter den Bäumen dalagen. Upolu könnte tatsächlich ein reiches Ländchen sein, wenn nicht die Trägheit der Bewohner jeden eigentlichen Fortschritt hemmen würde. Was an Feldarbeit, bei Aussaat und Ernte geschehen soll, das müssen fremde Arbeiter verrichten, während die Polynesier gleich den Rothäuten Nordamerikas im Nichtstun ihre Tage verbringen. Die deutschen Handelshäuser haben auch hier für die Bedeutung des Ländchens unendlich viel getan. Sie betreiben den Aufkauf alles dessen, was die Inseln hervorbringen, und beschäftigen durch Pflanzungen von Kaffee, Mais, Baumwolle und Kokosnüsse viele Hunderte von Arbeitern.

Robert fand bei dem Streifzuge, welchen auch er mitmachte, auf Upolu keinen eigentlichen Urwald mehr, aber er traf wundervolle Fernsichten, bereicherte seine Sammlung von Mineralien und erkletterte wieder Gebirgszüge, die ihn den Wolken nahe brachten.

Und dann, nach kurzem Aufenthalt, lichtete die »Gazelle« jetzt zur direkten Heimkehr ihre Anker.

Um die Südspitze Amerikas herum, durch die Magelhaensstraße, welche unser Freund, wie wir wissen, schon einmal bereist hatte, ging jetzt die Korvette aus der Südsee in den Atlantischen Ozean, welchen sie jedoch nicht erreichte, ohne vorher noch ein sehr angenehmes Ereignis erlebt zu haben.

Nach einer unglaublich schnellen und günstigen Reise bereits am Neujahrstage in der Magelhaensstraße angelangt, begegnete ihr unerwartet die Korvette »Vineta«, und zwar aus Deutschland kommend mit frischen Nachrichten von zu Hause, so recht eine unvorhergesehene liebe Überraschung, ein Wiederfinden der Verwandten in weiter Ferne.

An dem großen Korallenriff, welches wir bei Roberts Reise von Bergen nach San Francisco eingehend beschrieben haben, war die »Gazelle« beigedreht worden, um die Inseln der Halbtiere durch Fahrten im Boot gründlich zu untersuchen, als plötzlich vom Ausguck her der freudige Ruf »Schiff in Sicht auf Backbord!« alle Matrosen und sogar die gelehrten Herren in Spannung versetzte. Die Magelhaensstraße wird von Kauffahrteischiffen nur in Fällen eintretenden Wassermangels

befahren, es war daher schon immer ein kleines Ereignis, hier irgend einem Schiffe zu begegnen.

Als sich vom Top der Korvette die deutsche Flagge im Morgenwind bauschte, da erscholl fast gleichzeitig hüben und drüben ein lautes jubelndes Hurra der Mannschaft. Kanonendonner erfüllte die Luft, möglichst nahe wurden beide Fahrzeuge aneinandergebracht und dann Boote ausgesetzt, um die gegenseitigen Beziehungen so eng als tunlich zu gestalten. Landsleute fanden sich, Freunde und Bekannte tauschten Worte des Wiedersehens, der eine erzählte und der andere horchte, kurz, es war ein Fest, das inmitten der Wasserwüste gefeiert wurde. Die Gelehrten machten hier eine reiche Ausbeute von besonders schönen, seltenen Korallen, von Muscheln, Schnecken und Fischen, sowie einer Anzahl Insekten der verschiedensten Art; die Matrosen erhielten einen freien Tag und eine außergewöhnliche Ration Grog, die Offiziere endlich konnten politisieren, von den dienstlichen Beförderungen zusammen sprechen und alte Erinnerungen austauschen.

Nachdem ein ganzer Tag diesem zwanglosen Beieinander gewidmet worden, nachdem die Mannschaft von der »Vineta« den heimkehrenden Kameraden noch Briefe und Grüße mit auf den Weg gegeben, wurden zum letztenmal die Anker gelichtet, und die »Gazelle« steuerte der Heimat zu.

Es ist bekannt, daß sie im April den Hafen von Kiel wohlbehalten erreichte und seitens des deutschen Vaterlandes mit endlosem Jubel, mit allen jenen Ehren und Auszeichnungen, die sie so überaus reichlich verdient hatte – auch empfangen wurde.

Und hier nehmen wir von unserem Helden Abschied. Robert ist in schwerer Schicksalsschule zum Manne herangereift, er ist geprüft worden und hat bestanden, aber seine Neigung für das Seewesen blieb unverändert die gleiche. Nachdem er bei dem alten Mütterchen ausgeruht, die Heimat wiedergesehen und die Jugendfreunde begrüßt, ist er abermals als Bootmannsmaat auf- und davongegangen. Vielleicht führt uns das Schicksal bald wieder in seinen Weg, und dann treffen wir den, dessen Laufbahn unter so schweren Stürmen begann, als – Deckoffizier.

Robert hat gegründete Aussicht, sehr bald Bootsmann zu werden.