Gerettet aus Sibirien.

Erlebnisse und Abenteuer

einer

verbannten deutschen Familie.

Erstes Kapitel.

Verschickt nach Sibirien.

Es war an einem kalten, sturmdurchpeitschten Oktobermorgen, als vor dem schmutzigen, elenden Wirtshause von Ukbul, einer Minenstation in Sibirien, eine Kibitka hielt und ihren einzigen Insassen herausgab. Zwei Kosaken, in blauer Uniform mit kupfernen Helmen, begleiteten den Gefangenen, einen jungen Mann, dem die deutsche Abkunft in allen Zügen geschrieben stand. Er war groß und von breitem, kräftigem Schulterbau, dabei aber schlank und keineswegs plump oder bäurisch geformt, vielmehr ließ sich der Angehörige der besseren Klassen in ihm auf den ersten Blick erkennen, namentlich jetzt, wo sein hübsches Gesicht durch die Leiden der langen Reise alle Farbe verloren hatte. Aus den blauen Augen leuchtete jene düstere Entschlossenheit, welche den höchsten, unersetzlichsten Schatz des Bedrängten, Gefährdeten bildet.

Den Körper des Gefangenen bedeckten grobe Tuchkleider; von der linken Hand verlor sich eine am rechten Fuße befestigte Kette in den Schaft des hohen Lederstiefels hinein.

»Warten sie hier, Hermann Brandt«, sagte der Anführer der Kosaken. »Ich werde den ›Smotritel‹ – Oberaufseher – herausrufen, um Sie an ihn abzuliefern«.

Der junge Mann neigte ruhig den Kopf; statt jeder Antwort hob nur ein tiefer, nicht zu unterdrückender Seufzer seine Brust – er sah unwillkürlich hinüber zu dem Hause, von dessen Bewohnern jetzt für ihn das Schicksal der nächsten Zukunft einigermaßen abhing.

Den halberblindeten Scheiben fehlten die Vorhänge, man konnte also das Innere der Schenke bequem überblicken, und so sah der junge Deutsche ein Bild, das ihm trotz seiner tiefen Trauer ein Lächeln auf die Lippen rief.

Mitten im Raume stand ein mageres, ältliches Männchen in ungeheuren Pelzen, die vom Kopf bis zu den Füßen seine ganze Person bedeckten. Der Kleine hatte ein spitzes, blasses, aber herzensgutes Gesicht und ein Paar braune Augen, die wohl auch einem schönen Menschen zur Ehre gereicht hätten; in der Hand trug er eine, vom langen Gebrauch dunkle, gewiß sehr wertvolle Geige, über deren Saiten ein Bogen lustig dahinglitt, die Füße tanzten nach dem Takte dieser Musik.

Herr Ignaz Bochner war ein Tanzlehrer, der alljährlich ganz Sibirien, soweit es von weißen Menschen bewohnt wird, durchzog und den Söhnen und Töchtern der wohlhabenderen Häuser die edle Tanzkunst beibrachte. Von Geburt ein Wiener, hielt er es trotzdem mit dem alten Spruche: »Wo es mir wohl ergeht, da ist meine Heimat«, er verlegte also, an die Kälte einigermaßen gewöhnt, von Monat zu Monat den Schauplatz seiner Thätigkeit und bemühte sich gerade jetzt, den Kindern des Aufsehers eine erträgliche Haltung einzupauken, wobei er selbst mit dem guten Beispiel voranging und bald seine kleine Figur zu möglichster Höhe aufrichtete, bald den einen oder anderen Fuß zierlich auf den Zehenspitzen wiegte.

Wenn er zuweilen ein stumpfnasiges kleines Mädchen von vielleicht zehn Jahren in die Geheimnisse der eleganten Verbeugung einzuweihen sich bemühte und zu diesem Zweck vorläufig selbst als Dame auftrat, dann sah der gute Mann in dem langen Pelzgewande urkomisch aus, fast wie eine Glocke, an welcher sein lachendes Gesicht den Knopf bildete.

Während sich diese harmlose Spielerei im Gastzimmer zutrug, schien auf dem Vorplatz der Ernst des Lebens seine Opfer zu fordern. Gegen den Anführer der Kosaken rannte in der Thür ein Mann an, den der ihn begleitende Wächter kaum zu halten vermochte – auch ein Verbannter, ein Mensch von wahrhaft entsetzlichem Aussehen und mit auf dem Rücken gefesselten Händen.

Er hatte es versucht, von den Werften in Ochotsk zu entfliehen, ward wieder aufgefangen und befand sich jetzt auf dem Schub nach der berüchtigten Festung Akutia, deren Namen man in Sibirien nur mit geheimem Grauen ausspricht. Der Mann, vielleicht an aller Hoffnung, an allem Guten verzweifelnd, hatte im wilden Trotz gegen die Machthaber jene Buchstaben, welche man den ehrlosen Verbrechern mit dem heißen Eisen auf Stirn und Wangen brennt und die in diesem Falle »Wor« – Dieb – hießen, durch Schwefelsäure verwischt; sein braunes Gesicht glich mehr einer Teufelslarve als dem eines lebenden Menschen.

»Mich dürstet!« rief er im Tone ausbrechender Verzweiflung, »das Fieber verbrennt meine Lippen! – Gebt mir wenigstens Wasser, Ihr Schufte!«

Die beiden Kosaken, roh von Haus aus, abgestumpft durch ihr trauriges Gewerbe, schenkten den Bitten des Unglücklichen keinerlei Beachtung; sie banden ihn an ein Rad der Kibitka und gingen in das Haus, um einen Schluck Branntwein zu trinken.

»Wasser, Wasser!« heulte der Sträfling.

»Ich habe nichts, um es Dir zu geben, armer Schelm«, sagte mitleidig der Deutsche. »Sieh, ich bin selbst an den Wagen gefesselt.«

Und er zeigte einen Eisenring, durch den seine Kette lief.

Der Sträfling antwortete ihm nicht, er brüllte vor Schmerz und Wut wie ein gereiztes wildes Tier.

Hermann wandte den Blick; das Gesicht vor ihm war zu gräßlich, er sah nach der anderen Seite hinüber. Also diese elenden Holzhäuser, etwa hundert an der Zahl, bildeten seine zukünftige Heimat! – Schrecklich! Über alle Maßen schrecklich!

Einige größere Gebäude, auch von Holz, bezeichneten die Wohnungen der wenigen Beamten, des Hauptmanns, des Priesters und Arztes; neben ihnen stand die Kaserne der Sklaven, die Kapelle und ein halbverfallenes Krankenhaus, alles von Schmutz bedeckt, unaussprechlich kahl und öde unter dem kahlen, öden Himmel, dessen Bleigrau durch kein Federwölkchen, keinen Sonnenstrahl unterbrochen wurde. Im Hintergrunde des armseligen Dorfes erhob sich die Kette der Jablonoiberge mit ihren schneebedeckten Gipfeln; in einer Lücke dieser Steinmauer stand ein seltsames, schwarzes Gerüst, unbeweglich und spukhaft – das Wasser-Rad, welches im Sommer dem Dorfe das geschmolzene Schneewasser jener Bergkuppen zuführte und dessen Thätigkeit jetzt der Frost in eherne Bande gelegt hatte. Durch den Hohlweg fuhr heulend und wirbelnd ein Sturm, der Tausende von Eisnadeln mit sich führte; das Gesicht des Deutschen brannte bald wie von Stichen zerfetzt, er schüttelte zähneknirschend seine Ketten, als sei es ihm unmöglich, länger noch diese nie endende Flut von Qualen aller Art über sich hereinströmen zu lassen, er biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten, aber schon nach wenigen Augenblicken trat die gewohnte Selbstbeherrschung wieder in ihr Recht, er wollte ruhig bleiben, und er blieb es.

Seine Blicke tauchten sich prüfend in die weite düstere Ebene. – Dort hinaus ging einst der Weg zur Flucht.

In diesem Augenblick trat Herr Ignaz Bochner, der Tanzlehrer, aus der Thür des Hauses; seine Geige war unter dem Pelz versteckt und seine Hände in Handschuhen aus Hirschleder; er sah erstaunt von einem der beiden Sträflinge zum anderen.

»Arme Jungen!« sagte er halblaut.

Hermann hob plötzlich den Kopf. »Sie sind ein Deutscher, mein Herr?« rief er voll ungestümer Freude. »Ach – und Sie wohnen hier?«

Herr Bochner steckte das gutmütige Gesicht ein wenig weiter aus den abenteuerlichen Verhüllungen hervor. »Ein Deutscher?« wiederholte er. »Ein Deutscher? – Nein, ich glaube es nicht! Aber ja doch, ja, ich bin einer. Ich bin einer. Guten Tag, Landsmann, willkommen in Sibirien!«

»Ich danke Ihnen«, lächelte Hermann. »Aber möchten Sie nicht diesem armen Teufel ein Glas Wasser besorgen? Er schreit schon seit einer halben Stunde, ohne das Mitleid der Kosaken erregen zu können.«

Herr Bochner nickte und blinzelte, vorsichtig deutete er mit dem Daumen seiner Rechten über die Schulter. »Ungebildetes Volk, Landsmann, Barbaren, denen nur die Knute achtungswürdig erscheint. Ich werde gleich selbst Wasser herbeischaffen.«

Mit diesen Worten verschwand er zwischen den Hofgebäuden der Schenke und kam bald zurück, das gewünschte Labsal in einer kleinen Flasche bei sich führend. »Sperre Deinen Mund auf, Geselle«, rief er dem Sträfling zu, »ich werde Dich tränken.«

Sein Russisch klang ohrenzerreißend, aber seine Barmherzigkeit war echt wie Gold. »O Du armer Kerl«, rief er, als die schrecklich verbrannten Lippen, die blutende Zunge des Verbrechers sichtbar wurden – »Maria und Joseph, wie mußt Du leiden!«

Er goß vorsichtig das eisige Wasser Tropfen um Tropfen in den Mund des Unglücklichen, dann füllte er die Flasche zum zweiten Male und schob sie zwischen die Kleider des Sträflings, der ihm einen halbverständlichen Dank flüsterte. »Gott vergelte es, Herr, Gott vergelte es«, sagte er.

»Hat nichts zu bedeuten, mein Freund. Du ließest Dich also wieder einfangen, Du wußtest nicht, was in diesem Falle Deiner wartete?«

Der Blick des Diebes wurde tückisch und lauernd, ihm fehlte die Seelenverwandtschaft, welche notwendig bestehen muß, um den guten, harmlosen Menschen sogleich an seinen Handlungen zu erkennen.

»Was könnte meiner warten?« fragte er in gleichmütigem Tone.

»Fünfzig Knutenhiebe und dann – die weitere Verschickung.«

»So? – Das werde ich ertragen und dazu einen vollen Becher trinken. Auf die Gesundheit unseres Väterchens natürlich!«

Der Tanzlehrer schüttelte den Kopf, er trat zu dem Deutschen und sagte mitleidig: »Beim fünfundzwanzigsten Hiebe liegt der Bursche tot auf der Bank!«

Hermann schauderte. »Werden die Hiebe so schwer geführt?« fragte er.

»Entsetzlich!«

Der Deutsche sah wieder zur Schlucht hinüber, unwillkürlich, einem Gedankengange folgend. Wenn die Flucht, mit der sich seine Seele schon jetzt beschäftigte, auch ihm mißlang, dann kam also Knutenstrafe und Tod. Zwischen dem einen oder anderen Verbrecher, dem Straßenräuber und dem, der seiner politischen Gesinnung wegen verschickt wurde, gab es ja hier keinen Unterschied.

Aber doch einen, obwohl ihn Hermann nicht kannte – das Tuchviereck auf dem Rückenstück seines Rockes; es war blau, während die Mörder ein rotes trugen, die Diebe ein schwarzes und die Brandstifter ein gelbes. Der Tanzlehrer hatte sich mit großer Geschicklichkeit so zu drehen gewußt, daß er von Hermanns breiten Schultern den politischen Verbrecher ablesen konnte; jetzt näherte er sich dem jungen Manne, stellte sich in aller Form vor und sagte dann, als er den Namen des Deutschen gehört hatte: »Sie gefallen mir sehr, junger Landsmann, ich hoffe, wir werden Freunde sein!«

»Wohnen Sie denn an diesem traurigen Orte?«

»Ich wohne überall und nirgends, Herr Brandt. Lassen Sie sich mit zwei Worten meine Lebensgeschichte erzählen. – In Wien zu Hause habe ich eine einzige Tochter, die wird da von verläßlichen Leuten erzogen, sonst keinen Menschen, an dem ich mein Herz hinge. Ich spare für Toni und noch für einen anderen Zweck, müssen Sie wissen – Wien soll von mir ein Museum zum Geschenk erhalten, ein sibirisches Museum, Stück für Stück von meinen eigenen Händen zusammengetragen. Daheim lasse ich ein hübsches Häuschen bauen und schreibe über die Thür: ›Bochner-Museum‹. Das ist mein Ehrgeiz. So – und nun erzählen Sie mir, woher denn Ihr Mißgeschick stammt. Gehören Sie zu einer geheimen Studentenverbindung? Sind Sie ein Umstürzler, der das Väterchen vergiften oder erdolchen möchte? – Mit mir können Sie frei heraus sprechen.«

Der Deutsche lächelte traurig. »Ich habe nichts zu bekennen«, antwortete er. »Ich wurde hierher verbannt, nur weil ich meines Vaters Sohn bin!«

»Und der alte Herr befindet sich auch in Sibirien?«

Hermann schlug plötzlich beide Hände vor das Gesicht. »Er und meine arme Schwester, mein kleiner unschuldiger Bruder – alle, alle!«

Eine Pause folgte diesen halberstickten Worten. Für solchen Schmerz, für ein so schreckliches Unglück gab es keinen Trost – der Tanzlehrer mochte das fühlen.

»Wo leben die Ihrigen?« fragte er später.

»Ich weiß es nicht, ich habe darüber nicht einmal eine Vermutung. O die Bedauernswerten – sie sind vielleicht längst nicht mehr unter den Lebenden!«

Der Tanzlehrer drückte die Hand des jungen Mannes. »Nicht den Kopf hängen lassen«, ermahnte er, »nicht den Mut verlieren, junger Freund. Wer sich selbst aufgiebt, der ist aufgegeben, wie Sie wissen. Möglicherweise finden Sie Ihre Angehörigen sehr bald wieder!«

»Aber«, fügte er hinzu, »wenn Sie mich nicht für unbescheiden halten wollten, Herr Brandt – wie geschah das alles?«

»Ach – wie es nur hier in Rußland geschehen kann, Herr Bochner. Auf bloßen Anschein, auf böswillige Verleumdungen hin. Mein armer alter Vater lebte als Professor an einer Universität in den Ostseeprovinzen, er hatte vielleicht Neider, es gab solche, die ihn zu verdrängen wünschten, kurz, es geschah eines Nachts eine Haussuchung, man fand in dem Arbeitspulte des alten Herrn verschiedene Manuskripte – Dichtungen, die ohne weiteres für staatsgefährlich erklärt wurden und schon anderen Morgens ihren Verfasser in das Gefängniß brachten. Etwas später wurden meine Geschwister mit ihm zusammen in die Kibitka gesteckt und hierher befördert, alles, während ich an einer anderen Universität studierte.

»Man ließ mich ohne Nachricht; – es war darauf abgesehen, mich zu überrumpeln. Ein ziemlich bedeutendes Vermögen, über welches mein Vater verfügte, konnte bequemer eingezogen werden, wenn ich beiseite geschafft war. Ach – ich Unglücklicher gab meinen Freunden eine Gesellschaft, während die, welche ich liebte, sich in Sträflingskleidern auf dem Wege nach Sibirien befanden! Wir spielten ein wenig Karten, lauter Studenten und um ganz geringe Beträge, aber dennoch hatten wir aus Vorsicht die Thüren verschlossen. Plötzlich wurde angeklopft, die Karten und das Geld verschwanden in den Taschen, dann öffnete ich. Vor mir standen sechs Polizisten.

Ehe ich die unerwarteten Gäste eintreten ließ, erhielten meine Freunde einen Wink, sie flüchteten durch die Fenster – zu meinem Unglück entkamen alle; denn eben durch die Eile, womit sie verschwanden, ließ sich ja ihre Schuld sonnenklar beweisen. Es war in den Augen der Schergen eine politische, aufrührerische Versammlung, die bei mir stattgefunden hatte – ich, meines verurteilten Vaters Sohn, wurde ihm schleunigst nachspediert. Das ist alles, was ich selbst weiß.«

In diesem Augenblick erschienen die Kosaken mit erhitzten Gesichtern auf der Straße und einer von ihnen löste die Kette des Deutschen von der Kibitka. »Kommen Sie, Gefangener«, sagte er, »der Aufseher wartet«.

Die übrigen Kosaken bewogen durch Püffe und Schimpfworte den anderen Sträfling, sich von seinen Knieen zu erheben; die Kibitka mit ihrem verzweifelten, kaum menschenähnlich wimmernden Insassen setzte sich wieder in Bewegung, während der Tanzlehrer zum Abschied die Hand des Deutschen drückte. »Auf Wiedersehn!« flüsterte er.

»Das hoffe ich. Leben Sie wohl, Herr Bochner!«

Sie grüßten einander, und Hermann folgte dem Kosaken, der ihn in das Zimmer des Aufsehers führte. Hier mußte sich der Gefangene vollständig entkleiden, und nun verglich der Beamte den Inhalt des vom Kosaken empfangenen Zwangspasses mit dem, was er sah. Leise murmelnd nickte er vor sich hin. »Stimmt genau,« sagte er, »Sie sind es. Ich hatte schon einmal einen Hermann Brandt hier – einen alten Mann!«

Der Gefangene taumelte fast. »Mein Vater!« schrie er.

»Das ist möglich; er arbeitete in diesen Minen.«

»O Gott, großer Gott – mein Vater, ein Greis, ein Gelehrter – er in den Minen?«

»Weshalb nicht? Hier haben schon Fürsten und Grafen die Erde ausgeschaufelt.«

Und beide, der Aufseher sowohl wie der Kosak, verfielen in ein rohes Gelächter.

Hermann faltete die Hände, er war blaß vor unerträglicher Aufregung. »Wo befindet sich mein Vater jetzt, Herr Aufseher? O aus Erbarmen, sagen Sie es mir.«

»Gern; damit begehe ich keinerlei Pflichtverletzung. Sein Los wurde insoweit gemildert, als man ihm gestattete, in Irkutsk zu wohnen. Er erhält eine geringe Pension.«

»Dem Himmel sei Dank! – Und meine Schwester, mein kleiner Bruder?«

»Sie leben beide bei ihm.«

»Gott sei gepriesen! – O nun ist alles gut!«

Der Aufseher lachte. »Mit so vergnügtem Gesicht wurde noch keiner vor Ihnen in die Sträflingsliste eingetragen«, sagte er etwas spöttisch. »Na, wünsche guten Mut, Sie sind jetzt aus dem früheren Hermann Brandt zu Nummer 65 geworden, und das bleiben Sie bis an Ihr Ende.«

Er klingelte und übergab einem eintretenden Korporal den Gefangenen. »Ersatz für die Lücken in den Reihen Deiner Mannschaft, mein guter Iwan«, sagte er.

Der Korporal zog ein Taschenbuch hervor. »Diese Woche sind nur wenige gestorben«, antwortete er. »Drei Leute!«

Dann sah er den Gefangenen an, und wieder vollzog sich der peinliche Vorgang von vorhin. Anstatt der eben Begrabenen wurde eine neue Nummer 65 in die schreckliche Liste eingetragen. »Wohnt mit zwei anderen Sträflingen in der fünfzigsten Jurte«, fügte der Mann hinzu, »jetzt vorwärts, Nummer 65!«

Eine kurze Lederpeitsche pfiff durch die Luft, dann zeigte der ausgestreckte Arm die Richtung. »Dorthin! – Ich stehe während der Arbeit hinter Dir!«

Mehrere Leute zogen große Körbe voll Erz aus der Erde hervor; sie waren buchstäblich mit Schmutz und Lumpen bedeckt, ihre Füße steckten ohne Strümpfe in Holzschuhen oder standen ganz nackt auf dem eisigen Boden; voll bitteren, unverhüllten Neides sahen sie auf die heile Kleidung und namentlich die hohen Lederstiefel des neuen Ankömmlings.

Einer von ihnen ging voran und zeigte den Weg, welchen Hermann zu nehmen hatte – eine Leiter, die tief hinab in den Schoß der Erde führte. Ohne Ende schien, finster und immer finsterer werdend, der Pfad; Sprosse reihte sich an Sprosse – ein Schwindel packte mehr als einmal das Gehirn des jungen Mannes. Zuweilen glühten wie Katzenaugen räucherige Lampen in der umgebenden Dunkelheit, hier und da stand eine Bank zum Ausruhen, von den Wänden sickerten langsam schwere Tropfen, und aus der ungesehenen Tiefe herauf klangen die metallenen Schläge des Hammers, der das Erz löste – wie aus weiter, weiter Ferne drang der Ton herüber.

Weiter! weiter! – Immer erstickender wurde die Luft. Es war, als führten Teufel einen Verurteilten in die Hölle.

Hermann fühlte, daß ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Fünfhundert Stufen – wann kam das Ende?

Schattenhafte Gestalten tauchten auf, lauter Greise, wie es schien, mit einer Gesichtsfarbe von Blei und langen, oft bis über die Brust herabreichenden Bärten, alle zerlumpt, abgemagert, elend bis zum äußersten.

Hier unten auf dem eigentlichen Arbeitsplatz war die Luft buchstäblich mit kleinen Staubteilchen, mit den entsetzlichsten Dünsten erfüllt. Kaum menschenähnlich erschienen in der zweifelhaften Beleuchtung die Gesichter mit dem Brandmal auf Stirn und Wangen – bei den meisten drei Buchstaben: W-O-R – »Dieb«.

Auch politische Verbrecher waren da, und an den gefährlichsten Stellen arbeiteten gerade sie, z. B.V bei Zinn- und Kupfererzen, wo sich bekanntlich aus dem feinen Staube Arsenik und Grünspan entwickelt. Ihre Gesichter und die meist kahlen Schädel waren grün, sie glichen Gespenstern, Totenmasken, viele unter ihnen gingen mit geschlossenen Augen einher. Von Zeit zu Zeit hörte man das Klatschen einer Aufseherpeitsche, dann folgte ein gellender Schrei, zuweilen ein Fall, ein Ringen, und alles versank wieder in die frühere Leichenstille.

Hermann fühlte sich von der Hand des Aufsehers in einen Seitengang gestoßen, man gab ihm einen Hammer und befahl ihm, seine Arbeit anzufangen; aber er konnte es nicht, der Arm sank matt herab, er kam sich vor wie lebendig begraben, ein Druck, der ihn zittern ließ, lag auf seinem Gehirn, seiner Brust.

Der Wärter hob die Peitsche. »Soll ich Dir Lust machen?« fragte er.

Hermanns Verstand begann sich zu umnachten. »Rühre mich nicht an«, rief er, »oder ich schlage Dich nieder wie einen Hund!«

Vielleicht erkannte der Wärter diejenige Verzweiflung, für welche es überhaupt keine Gesetze, keine Rücksichten mehr giebt, er duckte sich wie vor den Pranken eines wilden Tieres und verschwand in einem Seitengange.

Vor Hermanns Blicken drehte sich alles im Kreise, er sank ohnmächtig zurück auf das zackige Gestein.

Zweites Kapitel.

Schicksalswechsel.

Es giebt nichts, was dem guten Menschen zu schwer würde, sobald er es nur erträgt für die, welche ihm lieb und teuer sind. Hermann dachte an seinen alten Vater, seine zarte, schutzlose Schwester und den Knaben – in dieser Erinnerung, in dieser Hoffnung eines Wiedersehens hielt er sich aufrecht. Schon am zweiten Tage arbeitete er in der entsetzlichen Grube wie die anderen Sträflinge.

Der Fluchtplan war aufgegeben und an seine Stelle ein neuer Gedanke getreten. Vielleicht, wenn er sich gut führte, erlaubte man ihm, in Irkutsk bei den Seinigen zu leben.

Man grub einen Brunnen, wobei einer der Verbannten den Meißel hielt, während zwei andere abwechselnd den Hammer führten; unter diesen Schlägen schien der Boden zu zittern, schien sich die schreckliche, mit tötenden Dünsten erfüllte Luft zu einem Meer von Staub zu verdichten. Weiter, immer weiter, vierzehn lange Stunden täglich, immerfort, bis das Grab die Mutterarme öffnet und den Elendesten aller Elenden, den in die sibirischen Bergwerke Verbannten, endlich erlöst.

Der erste Teil der Arbeit war gethan; jetzt gab es einen Tuffstein zu durchbohren, eine bröckelnde Masse, die beständig zu stürzen drohte. In jedem Augenblick konnte der Felsen fallen und alle unter ihm Stehenden zu Staub zerschlagen.

Wenn ein Tag, so verlebt, tief im unergründlichen Schoße der Erde mühselig dahingeschleppt war, wenn es oben, wo Gottes Sonne scheint, zu dunkeln begann, dann wurde der Schacht geöffnet, und das Emporklimmen nahm seinen Anfang. Für die Kräftigsten, diejenigen, welche nur weniger Ruhepausen bedurften, erforderte dieser Weg zwei volle Stunden, andere brauchten deren vier. Oft genug aber ertönte auch auf den Sprossen der dunkeln Leiter ein Ächzen, ein leises, abgerissenes Gebet, ein herzerschüttender Fluch – dann folgte ein dröhnender Fall, und am andern Morgen fanden die Sträflinge unten auf dem Arbeitsplatz den zerschmetterten Körper eines ihrer Unglücksgenossen. – –

Hermann kämpfte gleich einem Verzweifelten, um dies Leben zu ertragen.

Aber nach und nach schwanden seine Kräfte! Ein schleichendes Fieber überfiel den mutigen, jungen Deutschen, er fing an alles zu bezweifeln, alles verloren zu geben. Ob ihm der Aufseher wirklich die Wahrheit gesagt hatte? Ob sein Vater und seine unschuldigen Geschwister noch lebten? – Vielleicht waren sie längst begraben.

Der Appetit des jungen Mannes schwand dahin, der Schlaf fing an auszubleiben, und nun brach er zusammen, unerträglicher Kopfschmerz quälte ihn zu jeder Stunde, er hörte vor den Ohren ein beständiges, dumpfes Geräusch, seine Hände zitterten.

Sollte er ein freiwilliges Ende suchen?

Aber fort mit dem sündigen Gedanken! Es war nur die Krankheit des Körpers, welche ihn erzeugt hatte; Hermann biß die Zähne zusammen, um sich aufrecht zu halten. Nein, nein, lieber das Ärgste ertragen, als zum Selbstmörder werden.

Noch zwei oder drei Tage lang schleppte er sich in die Grube, dann war es ihm eines Morgens unmöglich, aufzustehen. »Ich kann nicht«, flüsterte er, als ihn seine Schlafkameraden warnten, sich dem Zorne des Aufsehers auszusetzen; hierauf blieb er ohnmächtig liegen.

Wohl nur dieser letztere Umstand schützte ihn vor den Knutenhieben, welche man anderenfalls angewandt haben würde, um den politischen Verbrecher, den verhaßten Gebildeten zum Aufstehen zu zwingen – Hermann wurde in das Krankenhaus gebracht, ohne von der Beförderung dahin das mindeste zu bemerken.

Zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen, ehe das Bewußtsein zurückkehrte. Hermann befand sich in fast vollständiger Dunkelheit, er hatte über die Stirne eine nasse Binde und lag in einer Art hölzernen Verschlages, ähnlich einer Schiffskoje und ebenso niedrig wie diese. Unter seinem vom Fieber geschüttelten Körper befanden sich nur die nackten Bretter, selbst nicht einmal eine Decke oder ein wenig Stroh hatte man den in einem elenden, schlecht verwahrten Raume zusammengepferchten Kranken zu teil werden lassen.

Hier röchelte ein Sterbender, dort wimmerte einer im unerträglichen Schmerz oder heulte und tobte im Wahnsinn – an anderer Stelle lag ein Toter still und blaß, dem Erdenkampfe für immer entrückt.

Dazwischen gingen diejenigen, welche sich allein aufrecht halten konnten, umher und halfen ihren Leidensgenossen, soviel ihnen möglich war. Wenn sich die Thür öffnete, drangen Fluten von Schnee und eisiger Kälte in den ungeheizten Raum, wenn sie geschlossen war, verursachte die faulige, mit Pestkeimen erfüllte Luft Ohnmachten und Raserei.

Daß es unter solchen Umständen keinen Arzt und keine Arzeneien gab, können sich meine jungen Leser wohl denken, daß man aber selbst nicht einmal menschlich genug war, die Leichen Verstorbener aus dem Krankenzimmer zu entfernen – das ist kaum glaublich und doch trostlose Wahrheit. Sie blieben liegen, sie erfüllten mit Verwesungsgeruch den ohnehin vergifteten Raum. – –

Hermann gewann nur langsam die Erkenntnis aller dieser Greuel, aber zugleich mit der Empfindung des Unerträglichen, mit dem Hasse gegen die Gewalthaber wuchs auch wieder das Verlangen, sich ihrer Roheit zu entziehen – zu sterben.

Der hängende Tuffstein brauchte an einer bestimmten, dem Verzweifelten wohlbekannten Stelle nur einige stärkere Axtschläge, und er mußte stürzen. Jetzt war der Entschluß gefaßt, sogar schon von der Beimischung des Sündhaften, des Auflehnens gegen Gott, in Gedanken gesäubert: – mußte nicht der Tod ohnehin sehr bald kommen? Es handelte sich also keinesweges darum, ihn herbeizuführen, sondern nur das Unvermeidliche ein wenig zu beschleunigen.

Hermann taumelte noch vor Schwäche, aber er entfernte sich doch aus dem schrecklichen Krankenhaus, das zugleich als Totenkammer diente – er kletterte, seine letzten Kräfte zusammenraffend, in das Bergwerk, um nachzusehen, ob die Arbeit an dem hängenden Tuffstein inzwischen durch andere vollendet sei.

Unterwegs sagten seine Gedanken allen denen, die er liebte, ein letztes Lebewohl. Er versuchte es, mit weniger Bitterkeit des Kaisers und seiner grausamen Beamten zu gedenken, er bat Gott um die Vergebung der Sünden und eine selige Auferstehung.

Ihm war feierlich zu Mute, er hatte sich in den verhängnisvollen Irrtum vollständig hineingelebt, er glaubte getrost von dem Dasein, das zur unleidlichen Qual geworden, scheiden zu dürfen.

Jetzt stand er unten auf dem Arbeitsplatz; sein erster Blick galt dem hängenden Steine. Gottlob, niemand hatte ihn berührt – –

Gottlob! – –

Er atmete tief. »Vergieb mir, Vater im Himmel, vergieb mir! –«

Er bückte sich, um die Spitzaxt zu ergreifen, da nannte hinter ihm eine Stimme seinen Namen. »Hermann Brandt, der Unternehmer unseres Bergwerkes, Herr von Nadeieneff, ist gestern abend hier angekommen – er hat Sie rufen lassen!«

Es war der Aufseher, welcher diese Meldung überbrachte, und jetzt fügte er hinzu: »Machen Sie nur rasch, daß Sie fortkommen.«

Hermann stand immer noch mit der Axt in der Hand. »Was bedeutet das?« fragte er sehr verwirrt, »was verlangt der Herr von mir?«

»Das weiß ich nicht, aber Sie müssen sofort gehorchen.«

Hermann ließ das Werkzeug fallen. Es sollte also nicht sein!

Klopfenden Herzens wanderte er die endlose Stufenreihe wieder hinauf. Welche neue Veränderung seines Schicksals mochte jetzt bevorstehen!

Stunden vergingen, ehe er die Oberfläche der Erde und das Empfangszimmer des Minenaufsehers erreichte; er sah aus wie ein dem Grabe Entstiegener.

Herr von Nadeieneff, ein Mann mit einem Kalmückengesicht und schlauen, blinzelnden Augen, hielt in der Hand ein Papier, das Hermann als seinen eigenen Zwangspaß erkannte. Zuweilen sah der reiche Mann hinein, zuweilen strich er sich über den Bart und nickte wohlgefällig, dann begrüßte er den schweratmenden jungen Deutschen.

»Sie sind Student, nicht wahr? Sprechen deutsch, französisch, verstehen sich auf das Lateinische und können besonders gut rechnen?«

Hermann verbeugte sich. »Ja, mein Herr!«

»Das freut mich. Für jeden Verschickten zahle ich der Regierung eine hohe Pacht, ich muß also die Leute bestens ausnutzen. In den Minen, mit der Spitzaxt in der Hand, sind Sie jedenfalls ein mittelmäßiger Arbeiter, wir wollen es also einmal mit der Feder versuchen. Sie beabsichtigten Ingenieur zu werden, nicht wahr?«

»Ja, mein Herr!«

»Und hätten es ohne Zweifel zu etwas Bedeutendem gebracht! Weshalb mußten Sie sich in Dinge mischen, die Sie nichts angingen?«

Hermann fühlte, daß er errötete. »Verzeihen Sie, mein Herr«, sagte er hastig, »aber ich habe wirklich –«

Der Unternehmer winkte ihm. »Lassen wir das, mein Freund, ich bin kein Strafrichter. Hören Sie jetzt meinen Vorschlag. Ich arbeite an einer Denkschrift, die für den Kaiser bestimmt ist, an einem wissenschaftlichen Werke über Sibirien, das einerseits als die Hölle, welche es wirklich ist, geschildert wird und andererseits auch mehr Gerechtigkeit erfahren soll. Hier liegen ungehobene, riesige Schätze im Boden verborgen, hier könnte bei richtiger Verwertung des Vorhandenen der zehnfache Ertrag gewonnen werden. Das alles möchte ich Seiner Majestät, dem Zaren, unterbreiten, ich beherrsche auch den Stoff, aber mir fehlt vielfach die äußere Form, die Gewandtheit der Rede; Sie sollen also mein Sekretär werden, paßt Ihnen das?«

Hermanns Blicke flammten auf. Erlöst aus den Minen, aus der furchtbaren Genossenschaft von Straßenräubern und Mördern – welch ein Glück!

»Gewiß«, sagte er hastig, »ach gewiß. Ich danke Ihnen, mein Herr!«

»Das freut mich. Morgen kommt einer meiner Kutscher mit dem Schlitten und holt Sie von hier ab nach Irkutsk.«

»Nach Irkutsk?«

»Ja. Sie wünschen in einer Stadt, in gebildeter Umgebung zu leben, nicht wahr? Sie freuen sich des Wechsels, ich kann es mir denken! – Nun gehen Sie nur, bis morgen können Sie einstweilen ohne Arbeit die Zeit nach Belieben verbringen.«

Hermann war entlassen; wie ein Träumender ging er zwischen den Jurten dahin. »Nach Irkutsk«, hatte Herr von Nadeieneff gesagt, »nach Irkutsk!« – –

Ein Gefühl nicht zu beschreibender Dankbarkeit erfüllte seine Seele. Wie barmherzig war Gott und wie wenig wert aller dieser Gnade er selbst! Anstatt zu warten und geduldig voll Zuversicht der Stunde des Herrn entgegenzusehen, wollte er in verzehrender Ungeduld die Hand an das eigene Leben legen, wollte er eingreifen in den Willen des Höchsten! – Und ehe der Schlag fiel, der verhängnisvolle Schlag, den keine Reue zurückkaufen konnte, ehe er zum Selbstmörder wurde, schickte ihm Gott die Botschaft der Gnade. – – –

Als er in seiner armseligen Behausung angekommen war, legte Hermann beide Hände vor das Gesicht und weinte wie ein Kind. –

Am anderen Tage erschien pünktlich ein Eingeborener mit einer »Troika«, einem großen sechssitzigen Schlitten, vor den drei weißgraue sibirische Pferde gespannt waren und der um so schneller über den Schnee dahinflog, als nur Hermann in seinem Inneren Platz genommen hatte. Fort von den Minen, von dem düsteren, grauenvollen Krankenhause, fort aus einer Umgebung der Roheit und Willkür zu gebildeten Menschen, ach und vielleicht sogar zu denen, die er liebte!

Hermann war glücklich, er hätte am liebsten laut heraus gejubelt, aber die Klugheit gebot ihm Schweigen. Vielleicht, wenn Herr von Nadeieneff erfuhr, daß sein neuer Sekretär in Irkutsk Vater und Geschwister habe, vielleicht bewirkte er dann die Entfernung dieser aus der Stadt. Möglich war es ihm ohne Zweifel.

Schlimme Erfahrungen schärfen die Vorsicht. Hermann gewann es trotz seiner geheimen Freude doch über sich, äußerlich ruhig, ja ernst zu erscheinen.

Die Troika flog windschnell unter dem blauen, durchsichtigen Himmel dahin. Am Wege standen krüppelhafte Lärchen, große Züge wilder Gänse segelten durch die Luft, überall strömte aus den Felsspalten und Pässen hervor der eisige Hauch, nichts als nur die Spuren verschiedener Schlitten zeigten an, daß überhaupt menschliche Wesen die trostlose Einöde aufsuchten.

Seit der Verbannte die Peitsche des Aufsehers nicht mehr über seinem Kopfe sah, seit er nicht länger statt des Namens eine Nummer trug und überhaupt unter Gottes Sonne frei umherging, war er ein ganz anderer Mensch geworden. Seine gesunkene Gestalt richtete sich auf, seine Augen erhielten den alten Glanz, er fühlte, wie mit jeder Stunde die verlorenen Kräfte zurückkehrten. Jetzt war er imstande, ohne Bitterkeit an die jüngste Vergangenheit zu denken, er empfand vor der verhüllten Zukunft keine Furcht mehr. Vaterland und Vermögen mußte er als verloren betrachten, aber die Seinigen waren ihm erhalten und das ging doch über alles. Des Lebens Höchstes ist die Liebe zu treuen, zärtlichen Herzen.

Wie fröhliche Gesichter, wie die Grüße teurer Stimmen umgaukelten ihn die Erinnerungen früherer Tage. Er spielte mit seiner Schwester unter den Bäumen eines schönen, alten Parkes, er freute sich mit ihr an dem Kinderlallen des neugeborenen Brüderchens – dann kam die Zeit, wo er zur Hochschule ging, Emma wurde konfirmiert, und der kleine Otto ritt sein erstes Steckenpferd. Freilich fiel auf diese Zeit ein tiefer Schatten; die geliebte Mutter starb, und dem Vater war durch ihren Tod der alte Familiensitz verleidet, er überließ die Bewirtschaftung desselben seinem jüngeren Bruder und nahm einen Ruf nach den deutschrussischen Provinzen um so lieber an, als ihn die Stellung des vortragenden Professors ganz aus der Heimat entfernte und ihm neue Pflichten brachte, neue Arbeit, das uralte und doch ewig junge Heilmittel gegen jeden Schmerz der Erde.

Hermann seufzte. Hätte er es nie gethan, nie! Wie viel unermeßliches Weh wäre ihm selbst und seinen Kindern erspart geblieben!

Aber fort mit den trüben Gedanken! Das Schlimmste war überstanden; vielleicht brachte ja schon die nächste Zukunft neues Glück, neue Rosen.

Ein wenig Tabak, dem Kutscher gespendet, ein paar Scheidemünzen, ihm in die Hand gedrückt, machten den Burschen gesprächig, er erzählte von dem Hause des Herrn Nadeieneff, von der Stadt Irkutsk und allem Möglichen, endlich sagte er: »Es ist außer Dir noch ein Sträfling da, der auch Brandt heißt, ein alter Mann – kennst Du ihn?«

Unser Freund zuckte die Achseln. »Der Name ist unter uns Deutschen gewöhnlich«, versetzte er ausweichend, »man findet ihn hundertfach. Aber laß uns einmal sehen – hat Dein Herr Brandt zwei erwachsene Töchter, mein guter Freund?«

Sein Herz hörte bei dieser Frage auf zu pochen. Jetzt mußte sich's entscheiden, ob Emma die Drangsale der weiten Reise überstanden hatte, oder nicht.

Der Kutscher schüttelte den Kopf. »Eine Tochter und einen Sohn«, antwortete er, »ich weiß es gewiß. Der Knabe kann zwölf Jahre zählen, das Mädchen arbeitet für die Damen in Irkutsk als Kleidermacherin.«

»O Gott!« –

»Weshalb erschrickst Du so, Herr?« fragte der »Jemschick«.

»Nichts, nichts – ich glaubte, das Handpferd wolle fallen.«

»Der ›Mazeppa?‹ – Da sei ganz ruhig, er ist gut eingefahren.«

Hermann schwieg, sein Blut war plötzlich sehr in Wallung gekommen. Arme Emma, wie viele Demütigungen mochte die Tochter des reichen Hauses jetzt zu erdulden haben!

Der Schlitten flog seiner Ungeduld lange nicht schnell genug, er konnte während zweier Nächte nicht schlafen und am Tage nichts essen, bis endlich im letzten Abendschein die Stadt Irkutsk vor seinen Blicken lag.

Drittes Kapitel.

Wiedersehen.

Auf Türmen und runden Kuppeln, auf weißen Minarets glänzten die Sonnenstrahlen. Vom hohen Ufer der Angara herab zeigte sich die Hauptstadt des östlichen Sibiriens wie mit einer Lichtflut übergossen, wie das Märchenbild einer Fata Morgana inmitten der Wüste. Eine lange Reihe von altersgrauen Mauern beschützte die Stadt, griechische Kirchen mit ihren Riesenkreuzen umgebend, Prachtgebäude und kleine bescheidene Hütten, hochgewölbte Brücken, unter denen sich das Wasser der Angara, einem glitzernden Goldflusse gleich, dahinzog.

Hermann konnte seine Blicke nicht losreißen. Unter welchem dieser vielen Dächer mochten die, welche er liebte, Schutz gefunden haben?

Endlich fuhr die Troika über eine der Brücken, durch ein von sechs Kosaken bewachtes Thor und über einen Marktplatz mit prachtvollen Bauten und Denkmälern, ja, mit einem Bazar, in welchem die teuersten und kostbarsten Luxusgegenstände aller Länder aufgestapelt waren. Der Reichtum der Stadt schien auf den ersten Blick mit demjenigen der bedeutendsten europäischen Städte wetteifern zu können; es gab keinen seidenen oder samtenen Stoff, keinen Schmuck irgend einer Art, der nicht in den Schaufenstern gelegen hätte, keine tropische Pflanze, die nicht in mehr als nur einem Treibhause zu finden gewesen wäre. Irkutsk mußte über viele Millionen verfügen.

Hermann sah Chinesen und Japaner ihre Spielwaren feilbieten, sah Kaufleute aus Tibet und der Mandschurei in langen, himmelblauen Gewändern einhergehen und bemerkte zwischen ihnen auch die langbärtigen Juden, diese Weltbürger, welche nirgends fehlen, Pelzhändler aus Astrachan und zuweilen Häuptlinge der umherziehenden Burjäten, die vor ungeheuren, auf den Flößen der Angara herbeigebrachten Wollenballen saßen. Neben dem großen Bazar standen die Holzbuden der wandernden Schauspieler und Seiltänzer, zwischen denen es von Fuhrwerken wimmelte. Vor den Niederlagen der Pelz-, Blumen- und Seidenhändler hielten englische oder französische Kaleschen mit galonnierter Dienerschaft, vor den Gauklerbuden die Tarantassen der Bauern, Telegas und Kibitken.

Auf den Marktplatz und seine nächste Umgebung beschränkte sich indessen dies vornehme Aussehen fast vollständig. Die Troika fuhr noch durch zwei oder drei Straßen, dann kamen elende, verfallene Gebäude, Hütten aus Holz und Lehm, die Behausungen der niedersten, hoffnungslosesten Armut. In den Wegen fehlte das Pflaster, es gab keine Läden mehr, manchen Wohnungen hatten die Herbststürme sogar das Dach entführt, oder Fenster und Thüren waren abhanden gekommen. So reich und glänzend das vornehme Viertel erschien, so arm und zerlumpt war die übrige Stadt.

»Hier wohnen die ›Varnaks‹«, flüsterte der Jemschick.

Es gab unserem Freunde einen Stich ins Herz, aber er schwieg und beobachtete ruhelos alles, was er sah. Vielleicht waren ihm ja die geliebten Seinigen so nahe!

Irgend etwas betrieb jeder dieser aus den Minen Erlösten, das erkannte er an den armseligen Holzschildern über den Hausthüren. Tischler und Weber, Kürschner und Papparbeiter, alles war vertreten, und so mancher gute deutsche Name befand sich unter denen der Armen und Elenden.

Vor einem der letzten Häuser hielt die Troika. Eine Bretterwand verbarg das Aussehen desselben – es war die Hinterseite des Besitzes am Markt, welcher Herr von Nadeieneff gehörte, den aber der Jemschick und der Verbannte natürlich von jener Seite her nicht betreten durften. Der Kutscher öffnete eine Thür, führte das Gespann in einen geräumigen Hof und überlieferte seinen Fahrgast einer alten Haushälterin, die schon ein gutes Zimmer und eine dampfende Mahlzeit in Bereitschaft hielt.

Herr von Nadeieneff werde erst in vierzehn Tagen zurückkehren, hieß es, so lange sollte sich der Herr Sekretär die Zeit bestmöglich vertreiben, wozu ihm gleich das Gehalt für den ersten Monat ausgehändigt wurde.

Wer war froher als Hermann? Vierzehn Tage! Während dieser langen Zeit konnte er die Stadt von einem Ende zum anderen durchforschen, um Vater und Geschwister aufzufinden.

Er nahm kaum einige Bissen zu sich, dann eilte er fort, ohne indessen der Dienerschaft des Hauses irgend eine Frage zu stellen; draußen dagegen wandte er sich an den ersten besten Vorübergehenden und erkundigte sich nach der Wohnung der Seinigen.

Die Frau, mit welcher er sprach, wußte nichts. »Fragen Sie den jüdischen Wirt am Festungsthor«, war ihre Antwort, »der kennt alle Leute, namentlich alle Deutschen.«

»Ist er denn vielleicht selbst einer?«

»Jawohl! Moses Hirsch ist aus Preußen gebürtig.«

»Ach, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, liebe Frau!«

Und er stürzte fort, um die Schenke zu erreichen, ein schmutziges, verräuchertes Loch, in dem die Thorwächter mit altersschwarzen Karten spielten. Hinter dem Schenktisch stand Moses Hirsch und sah blinzelnd zu dem Neueintretenden hinüber. Was konnte der »Herr« hier suchen?

Hermann nahm ihn zitternd vor Aufregung beiseite. Wieder stellte er die Frage, von deren Beantwortung für ihn im Augenblick alles abhing. »Kennst Du den alten Mann, Moses Hirsch, kennst Du ihn?«

Der Klang der Muttersprache mochten den Juden erschüttern, mitleidig sah er in das junge Antlitz vor ihm. »Sei ruhig«, sagte er auf deutsch, »sie leben, der Alte und die Kinder, mein Sohn soll Dir auch das Haus zeigen. Brandt ist Dein Vater, nicht wahr? Ich sehe es an der auffallenden Ähnlichkeit zwischen Euch.«

Hermann nickte; er vermochte kaum zu sprechen. »Schnell!« stammelte er, »schnell!«

Der Wirt rief einen schwarzlockigen Knaben herbei, drückte Hermanns Hand und sagte: »Besuche mich wieder, Landsmann!« – dann gingen die beiden Wanderer hinaus in die eisglitzernde Nacht.

Hier in dieser dörflichen Umgebung schlief fast alles. Am Himmel glänzten die Sterne, einsam stand hie und da ein krüppelhafter Baum, Menschen waren nirgends zu erblicken. Zerbrochene Thüren, fehlende Dächer, Fensterscheiben von Papier, eine tiefe Todesstille, durch nichts unterbrochen, das war der Eindruck, welchen Hermann erhielt; bleiern senkte sich das Vorgefühl eines nahenden Unglückes herab auf sein Herz.

»Da ist's!« sagte nach langer Wanderung der Knabe, indem er auf eine elende, aber doch noch dürftig erhellte Hütte hinwies. »Geben Sie ein Trinkgeld, Herr?«

Mechanisch reichte Hermann dem jungen Semiten etwas Geld und freute sich, als dieser eilends davonsprang. Also hier sollte er Vater und Geschwister wiederfinden, hier, in Räumen, die jeder redliche Mann daheim in Deutschland für sein Vieh zu schlecht gehalten haben würde – die Aufregung erstickte ihn fast.

Sein Klopfen war mehr ein Alarmzeichen, er konnte jetzt unmöglich länger warten. Laut dröhnend schallten die Schläge durch die todesstille Nacht.

Ein Fenster im unteren Stock wurde geöffnet, eine Mädchenstimme fragte halb ängstlich: »Wer ist da?«

»Emma!« rief Hermann statt aller Antwort, »Emma!«

»O großer Gott – das ist Hermann!«

»Hurra!« jubelte drinnen ein Knabe, »Hurra!« –

Und ein Gepolter verkündete den Sturz eines Stuhles, die Hausthür wurde aufgerissen, ein zwölfjähriger Bursche, Hermanns verjüngtes Ebenbild, erschien auf der Schwelle und sprang jauchzend in die Arme des jungen Mannes, während das Mädchen die kleine Thranlampe in erhobener Hand hielt und so das hübsche Bild beleuchtete.

»Otto, mein Otto, wie Du gewachsen bist, wie gut du aussiehst! – Und meine Emma, ich habe Euch wieder – welches Glück!«

Sie küßten sich, sie weinten vor Freude und Rührung, die armen deutschen Kinder, welche sich nach so langer Trennung als Verbannte im fernen, unwirtlichen Sibirien wiederfanden, sie fragten, ohne eine Antwort zu erwarten, sie waren glücklich, selbst hier und unter so erschütternden, trostlosen Verhältnissen. Hermann faßte sich zuerst. »Wo ist der Vater?« sagte er. »Es geht ihm doch hoffentlich gut?«

Otto schwieg bestürzt, und Emma schüttelte seufzend den Kopf. »Du wirst ihn sehr verändert finden, Hermann, sehr – aber komm und sieh selbst.«

Von seinen Geschwistern geführt, betrat unser Freund das innere Zimmer der Hütte. Auf einem Holzschemel am Ofen, in denkbar ärmlichster Umgebung, saß ein Greis, dessen Tage gezählt zu sein schienen; das ehrwürdige Gesicht war ohne Farbe, die Haltung matt und gebrochen – auf den Zügen des Märtyrers lag eine Mischung von Freude und banger Furcht, die auch das härteste Herz hätte rühren müssen.

»Was höre ich?« sagte er halblaut. »Ist Hermann hier? – Unmöglich!«

»Vater, Vater, siehst Du mich denn nicht? Ich bin es ja, Dein Sohn! – O mein lieber, lieber Vater!«

Der alte Mann legte die Hand segnend auf Hermanns Stirn. »Armes Kind«, sagte er, von einer Ahnung gepackt, »armes Kind, wie kommst Du nach Sibirien?«

»O laß das, Vater, laß das!«

Der Greis sank in den Stuhl zurück. »Ich dachte es mir«, murmelte er, »ich dachte es mir, sie haben auch ihn in die Verbannung geschleppt!«

Hermann suchte den tiefen Kummer des verehrten Mannes so viel als möglich zu scheuchen, er hob hervor, daß ja jetzt seine Stellung im Hause des Herrn von Nadeieneff eine ebenso angenehme als ehrenvolle sei, dann aber fragte er, als der Greis die Augen beharrlich geschlossen hielt, plötzlich mit einer Art von schlimmer Vorahnung: »Weshalb siehst Du mich denn niemals an, lieber Vater?«

Ein unterdrücktes Schluchzen des jungen Mädchens gab eigentlich schon die Antwort, aber trotzdem sprach der Greis die Sache offen aus, lächelnd und ruhig wie ein Weiser, der auf das Weh des Lebens zurückblickt wie auf etwas längst Überwundenes.

»Ich bin blind, mein Hermann. Die alten Augen haben all das Ungemach auf der Reise und in den Minen nicht mehr ertragen können!«

»Aber das schadet ja nicht«, setzte er schnell hinzu, »ich sehe Dich mit dem Herzen, mein guter Junge.«

Hermann schwieg erschüttert, er küßte nur die Hand seines Vaters, wie es auch ein Kind gethan haben würde.

Fast die ganze Nacht verging dann, ehe sich diese unglücklichen Menschen alle Einzelheiten ihres Schicksals gegenseitig erzählt hatten: erst spät kehrte Hermann in seine Wohnung zurück, und schon wenige Stunden nach Tagesanbruch kam er wieder. Die Tage des verehrten Greises waren gezählt, das hatte er mit tiefer, unaussprechlicher Wehmut erkennen müssen und wollte nun begreiflicherweise von den wenigen noch übrigen Stunden keine einzige verlieren. Die beiden armen Kinder! – Wie bald würden sie außer ihm niemand mehr haben, dem ihr Schicksal am Herzen lag, der sie behütete und schützte.

So oft er kam, saß Emma und nähte irgend ein Ballkleid, eine seidene oder samtene Robe für eine der reichen russischen Damen am Marktplatz, während Otto mit einem bescheidenen, kleinen Tuschkasten schwarze Heiligenbilder, Männer und Frauen, in buntfarbige Gewänder hüllte. Sobald seine Unterrichtsstunden bei dem blinden Vater beendet waren, verdiente der Knabe, anstatt sich mit den benachbarten Kindern auf der Straße herumzubalgen, einige Kopeken und brachte sie voll stolzer Freude seiner Schwester, die oft bei allem Fleiße und aller Sparsamkeit nicht wußte, woher sie die Mittel nehmen sollte, um dem blinden Vater eine Arzenei oder ein Mittagessen zu verschaffen.

Arme Kinder! Den älteren Bruder überlief es heiß und kalt, wenn er an die Zukunft dachte.

Mittlerweile war Herr von Nadeieneff nach Irkutsk zurückgekehrt, und Hermann schrieb die bewußte Abhandlung. Der Mann mit dem Kalmückengesicht rieb sich die Hände, er pries einmal über das andere den Tag, welcher ihm den jungen Techniker als ebenso befähigten wie billigen Hilfsarbeiter zugeführt hatte; denn das umfangreiche Aktenstück sollte ja seine Unterschrift tragen, er selbst galt als der Verfasser – das schmeichelte seiner Eitelkeit auf das angenehmste.

Hermann genoß eine ausgezeichnete Verpflegung und alle solche Freiheiten, deren sich etwa ein Unterbeamter erfreut; er konnte an jedem Tage die Seinigen besuchen und ihnen so manchen Leckerbissen, so manche Flasche Wein bringen, die sonst nie in ihre Küche gekommen wären.

Langsam, aber stetig schwanden die Kräfte des Greises dahin; er konnte nicht mehr aufstehen, und als Hermann eines Abends eintrat, fand er die beiden Geschwister in Thränen – der Vater lag im Sterben, er sah es auf den ersten Blick.

Das Mitleid des jüdischen Schenkwirtes hatte es der armen Emma ermöglicht, einen Arzt kommen zu lassen; allein dieser erklärte, daß keine Hoffnung mehr vorhanden sei, und so waren denn die bedauernswerten Kinder mit ihrem todkranken Vater, ihrem bitteren Weh allein. Hermann setzte sich an das Bett und nahm die erkaltenden Hände des Greises in die seinigen, er konnte vor Erregung kaum sprechen.

»Wie ist Dir jetzt, lieber Vater?« brachte er mühsam hervor.

Der Sterbende erkannte ihn nicht mehr, er tastete ruhelos auf der Decke umher und öffnete die Augen, als könne er noch sehen. »Nach Hause«, flüsterte er, »nicht wahr, nach Hause! O Deutschland, mein liebes, liebes Deutschland!« –

Und dann versuchte er es, sich aufzurichten; seine Kinder unterstützten ihn von beiden Seiten, er lächelte zufrieden. »Meine Schüler sind alle versammelt«, sagte er, »sie erwarten, daß ich eine Anrede halte. Bist Du auch da, Hermann?«

»Ja, lieber Vater. Was wünschest Du?«

»Pst! – Ich soll ja reden. Oder hältst Du es für gefährlich mein Sohn? Ich könnte abermals nach Sibirien verbannt werden – Du weißt nicht, was das heißt. Solche Folterqualen kann kein Sterblicher ertragen.«

Emma weinte leise, während der Knabe das Gesicht an ihrer Brust verborgen hielt und Hermann nur mit äußerster Anstrengung seine Ruhe bewahrte. Der Vater begann jetzt unverständliche Worte zu murmeln und fiel dann in eine Art von Betäubung, die mehrere Stunden lang anhielt. Als er erwachte, flüsterte er Hermanns Namen. »Bist Du hier, mein Sohn? Gieb mir Deine Hand!«

Und als er sie fühlte, setzte er mit bittendem, eindringlichem Tone hinzu: »Hermann, ich sterbe, ich gehe davon auf immer und lasse meine armen Kinder allein zurück. Schwöre mir, daß Du sie wie ein Vater beschützen willst.«

»Ich schwöre es!« antwortete mit vor Bewegung erstickter Stimme der junge Mann. »Ich schwöre es, lieber Vater!«

»Und Du willst sie niemals verlassen, mein Sohn?«

»Nie! – Nie!«

»Ach, dann kann ich ruhig sterben. Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!«

Er sank zurück, als habe ihn diese letzte Anstrengung getötet; Emma schrie laut auf vor Schreck. »Vater! Vater!« –

Hermann führte sie in das anstoßende Zimmer. »Er ist zu Gott gegangen, Emma, Du darfst ihn nicht rufen. – Still, still, armes Kind, weine nicht so sehr, er ist erlöst von untragbarem Leid!«

Aber während er das sagte, rannen schwere Thränen herab über sein Gesicht. Sie hielten sich schluchzend umfaßt, die drei verlassenen, unglücklichen Kinder des Märtyrers, dessen Totenantlitz noch den Kampf verriet, welcher im Leben sein Los gewesen.

Viertes Kapitel.

Fluchtpläne.

Die Eisschollen waren langsam aufgebrochen, und die Erde hatte ihre Opfer erhalten. Jetzt, wo der Verbannte gestorben war, konnte Hermann ohne Furcht seinem gütigen Gebieter mitteilen, in welchen Beziehungen er zu ihm und den beiden nachgelassenen Kindern stand; denn Emma und Otto waren vollkommen freie russische Unterthanen, welche nach ihrem Belieben wohnen durften, wo sie wollten, und denen es auch zu jeder Stunde freistand das unwirtliche Sibirien zu verlassen; ihnen konnte also kein Leid geschehen. Der Minenbesitzer war aber auch von böswilligen Absichten weit entfernt, er erlaubte es seinem Sekretär, draußen in der einsamen Hütte bei den Geschwistern zu wohnen, und verschaffte außerdem durch seine Frau dem jungen Mädchen lohnende Arbeit und dem Knaben eine Freistelle in einer guten Schule.

Er war ein braver Mann, der Kalmück, aber ehrsüchtig über alle Maßen, daher dachte er nicht daran, den jungen Deutschen entbehren zu wollen; Hermann mußte durch die Schärfe seiner Urteile und die Gewandtheit, mit der er schrieb, ihm selbst noch manches Lorbeerblatt einheimsen – überdies war er ja ein Sträfling, konnte sich glücklich schätzen, nicht mit Meißel und Hammer tief unter der Erde das Gestein zu bearbeiten.

So wenigstens dachte Herr von Nadeieneff. Hermann dagegen fing an, sich nach und nach dem Fluchtplane wieder zuzuwenden. Sollte er selbst immer ein Lohnschreiber bleiben, von jeder Laune, von dem Leben und Sterben seines Gebieters vollkommen abhängig? Sollte der arme Otto, wenn er die Schule verlassen hatte, bei einem Handwerker in die Lehre treten?

Nein, nein, die Flucht war das einzige und notwendige Rettungsmittel, und Hermann begann dieselbe vorzubereiten. Herr von Nadeieneff, froh, einen klugen, zuverlässigen und dabei ehrlichen Untergebenen zu besitzen, hatte seinen Sekretär gleichsam zum Hausmeister bestellt; Hermann mußte allen Bedarf einkaufen, mit den Erzhändlern verkehren, Gelder auszahlen und Verträge schließen – er erhielt dabei unbemerkt die günstigste Gelegenheit, mit den eingeborenen, immer auf Reisen begriffenen Kaufleuten zu sprechen und sie über die Wege durch Sibirien in jeder Weise auszufragen, ebenso auch die Lage aller Kosakenstationen im Innern des Landes kennen zu lernen, überhaupt jede Einzelheit, die er wissen mußte um glücklich Hunderte von Meilen weit das Eis und die Tundren zu überfliegen, die Gebirge und Ströme, hinter denen sich wie ein Zaubergarten weit und verheißend das Land der Freiheit öffnete.

Hermann ging sehr vorsichtig zu Werke; er ließ sich von einem der Woll- oder Theehändler den Weg genau beschreiben, zeichnete danach einen Plan und fragte dann einen zweiten Kaufmann. Erst wenn fünf oder sechs Angaben völlig übereinstimmten, verfertigte er des Nachts hinter verschlossenen Thüren eine Karte, die nun wie ein Schatz von unermeßlichem Werte versteckt gehalten wurde, indes wieder ein weiterer Teil des Reisewegs bei den Burjäten oder Tschuktschen im Bazar zur Schilderung gelangte.

Außer dieser so nötigen Vorbereitung betrieben Hermann und Emma noch eine andere, die nicht minder wichtig war; sie sparten Kopeke nach Kopeke, um einen Schlitten, ein Gespann und Mundvorräte kaufen zu können; Herr von Nadeieneff in seiner weitgehenden Gutmütigkeit half ihnen bei diesem Unternehmen, ohne es zu wissen, auf das beste; er besorgte nämlich Hermanns Briefe an seinen Onkel in Deutschland und auch die eingehenden Antworten desselben, Schriftstücke, welche mit Hunderten von Rubeln beschwert waren. Ein Verbannter darf mit keinem Menschen brieflich verkehren; wenn er aber einen freien Russen findet, der dazu seine Adresse unter völliger Geheimhaltung herleiht, so ist natürlich die Polizei außer stande, das Ganze zu hintertreiben; Hermann erhielt durch den Kalmücken die in deutscher Sprache geschriebenen Briefe seiner Verwandten, ihre wärmsten Liebesworte und mehr bares Geld, als er gebraucht hätte, um zehn Schlitten auszurüsten. So standen die Dinge, als ein unerwarteter Zwischenfall den fast schon zur Ausführung vorgeschrittenen Fluchtplan plötzlich wieder ganz zerstörte.

Der Gouverneur von Jakutsk, auf einer Inspektionsreise begriffen, kam bei dieser Gelegenheit auch nach Irkutsk und in die Geschäftsräume des Herrn von Nadeieneff, wo er außerordentlich höflich, aber auch ebenso bestimmt darum bat, ihm den Verbannten, Hermann Brandt, um seiner besonderen Tüchtigkeit willen als Sekretär zu überlassen und zwar ohne allen Zeitverlust gleich heute.

Der Kalmück schnitt ein klägliches Gesicht, aber es fiel ihm nicht ein, sich zu weigern. Der Gouverneur einer russischen Provinz läßt sich nicht widersprechen, das wußte Herr von Nadeieneff und stammelte ein trostloses: »Ja!« Hermann selbst wurde bei der Sache nicht einmal zum Scheine gefragt, er war ein Sträfling und als solcher ein Sklave.

Außer sich, ganz in Verzweiflung kam er nach Hause. »Jetzt ist alles verloren!« rief er und warf sich ächzend auf den nächsten besten Stuhl. »Alles!«

»Aber warum denn?« fragten Emma und Otto wie mit einer Stimme. »So sprich doch, Hermann, Du erschreckst uns!«

Er erzählte ihnen alles, er ballte die Fäuste vor Wut. »Das hat die Denkschrift verursacht!« rief er grollend. »Ich wollte, ich hätte nie buchstabieren gelernt!«

Erst nach längerer Zeit gelang es den beiden anderen, ihn einigermaßen zu beruhigen. »Könntest Du aber nicht einwenden, daß Du hier in Irkutsk für uns sorgen, uns ernähren mußt?« warf Emma ein. »Das ist doch zum großen Teil Wahrheit.«

»Habe ich sofort versucht – ohne Nutzen natürlich. ›Packen Sie Ihre Fräulein Schwester und den Knaben auf den Schlitten‹, hieß es, ›sie können ebenso gut in Jakutsk als in Irkutsk leben – ich sorge für alles; das mag Ihnen genügen.‹«

»Ach«, rief Emma, »so werden wir wenigstens nicht getrennt!«

»Das freilich nicht, aber ganz gewiß schärfer bewacht als hier, wo Herr von Nadeieneff ebenso leicht zu hintergehen gewesen wäre, wie ein kleines Kind.«

»Packe nur zusammen, was Du mitnehmen willst«, fügte er hinzu. »In einer Stunde müssen wir unterwegs sein.«

»Aber meine angefangenen Arbeiten!« rief Emma.

»Und meine Schulaufgaben! Ich sollte gerade heute – nachsitzen.«

Jetzt lachten die beiden älteren Geschwister, und Hermanns Zorn begann zu schwinden. »Es hilft nichts«, sagte er seufzend, »wir müssen gehorchen. Laß alles stehen und liegen, übergieb einer zuverlässigen Nachbarin alle Besorgungen und packe ein, was Du mitnehmen möchtest. Der Schlitten holt Euch hier ab.«

Er lief so eilig, wie er gekommen war, wieder fort, um seine jetzt zwei stattliche Koffer füllende Habe zusammenzusuchen und behielt kaum Zeit zum Abschied von Herrn von Nadeieneff, als auch schon die Troika des Gouverneurs vorfuhr, um ihn aufzunehmen – eine Stunde später hatte die Reise begonnen.

»Den Verkauf Deines Hausgerätes besorgt Herr von Nadeieneff«, seufzte Hermann. »Er schickt uns den Erlös nach – Gott sei gelobt, daß wir wenigstens mit Geld reichlich versehen sind; es ist in diesem Unglück der einzige Trost.«

Die Troika des Gouverneurs flog dem Zuge voraus, dann folgten sechs andere, die seine Bedienung nach Jakutsk brachten, in ihrer Mitte fuhr die der drei Geschwister mit »Treu«, dem kleinen Hunde, welchen Emma gehalten hatte, um in der einsamen Hütte etwas Schutz zu besitzen, und den sie natürlich jetzt mit sich nahm.

Treu bellte lustig, und Otto freute sich herzlich der Fahrt mit Peitschenknall und klingenden Schellen – die beiden jungen Leute dagegen waren sehr ernst. Wie würde sich jetzt ihre nächste Zukunft gestalten?

Eine bange, bange Frage – eine Centnerlast auf dem angstvoll schlagenden Menschenherzen. Wer sie nie sich selbst und dem Schicksal stellte – »der kennt Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte«.

Sechshundert Meilen, teils in der Troika, teils in einem »Powosok« bei strenger Kälte verbracht, wurden von dem hohen Beamten und seinem Gefolge zurückgelegt; dann war Jakutsk nach etwa sechs Wochen erreicht. Eine schwere, anstrengende Reise, während welcher täglich um die dritte Nachmittagsstunde schon völlige Finsternis herrschte.

Eine bequeme Wohnung wurde den ganz Erschöpften angewiesen und eine gute Mahlzeit aufgetischt. Emma fand sich besser, weit eleganter eingerichtet als jemals seit ihrer Verbannung aus den Ostseeprovinzen – Otto sollte sogar mit den eigenen Kindern des Gouverneurs erzogen werden.

Dafür sind wir bewacht wie Gefangene, dachte seufzend der junge Mann.

General K . . . . . ., der Gouverneur, hatte ihn für den nächsten Vormittag in seine Privatwohnung befohlen, um ihn den Damen des Hauses vorzustellen; er mußte natürlich mit Frack und Handschuhen erscheinen. Vor dem Palast stieß er plötzlich auf einen alten Bekannten. »Herr Bochner!« rief er voll Erstaunen; »Sie sind also hier?«

»Leibhaftig!« entgegnete mit treufestem Händedruck der Wiener. »Ich mache es wie der ewige Jude, ich kenne keine bleibende Stätte!«

Hierauf geleitete er Hermann zu der Generalin und stellte ihn in aller Form vor. Die Familie hatte zwei Töchter und mehrere Söhne im Alter von zwölf bis zu achtzehn Jahren; alle machten ihre Ansprüche an den neuen Sekretär sofort in der liebenswürdigsten Weise geltend. Die jungen Mädchen wollten bei ihm Deutsch und Französisch lernen, der älteste Sohn mit ihm auf die Jagd fahren und die Knaben alles Mögliche von ihm geschnitzt, geklebt und getischlert haben. »Herr Brandt ist ein Tausendkünstler«, hatte Papa gesagt, »er versteht alles.«

Unser Freund befand sich wieder in einem Salon, in der feinsten Gesellschaft – er glaubte zu träumen. Der Minensträfling hatte sich in den eleganten Kavalier verwandelt; anstatt die Spitzaxt zu handhaben, saß er am Piano und spielte Kompositionen von Schumann und Robert Franz.

Später ging er mit dem Tanzlehrer durch die Stadt, wobei ihm dieser über alle Verhältnisse des dortigen Lebens und besonders die im Hause des Gouverneurs auf das bereitwilligste Auskunft erteilte; dann erinnerte er seinen jungen Bekannten auch an jenen Sträfling mit dem zerfetzten Gesicht, der damals in Ukbul auf dem Schub nach der Festung Akutia unterwegs war. »Dieser Bursche ist entsprungen«, sagte er, »es gelang ihm, seine ehemaligen Genossen wieder zusammenzubringen, und die Bande ist jetzt der Schrecken der Umgegend – sie stehlen aus dem Boden das Gold und die Diamanten, verschmähen es aber auch keineswegs, Reisende auszuplündern. Sollten Sie wirklich von dieser skandalösen Geschichte noch nichts gehört haben, Herr Brandt?«

»Kein Wort«, versetzte Hermann. »Aber ist es denn im Grunde etwas so Besonderes, daß ein entsprungener Straßenräuber nochmals stiehlt?«

Herr Bochner lächelte. »Das nicht, aber wenn es ihm zunächst gelingt, allen Anstrengungen des Polizeimeisters Trotz zu bieten und außerdem den Sohn, den eigenen Sohn dieses Mannes, mit zu seiner Bande herüberzuziehen – das ist arg, sollte ich meinen!«

»Freilich«, gestand Hermann, »dergleichen passiert nicht alle Tage. Der arme Vater!«

»Nicht wahr? Die ganze Stadt bedauert ihn. Herr Jermak ist selbst ein politisch Verbannter, wenn man es so nehmen will, er –«

»Bitte«, unterbrach Hermann, »er ist doch nicht derselbe, welcher vor einem reichlichen Jahre als Polizeimeister in Kiew waltete?«

»Derselbe«, nickte Herr Bochner, »just derselbe. Man entdeckte damals eine Studentenverbindung; es hatten unter den Augen der Polizei allerhand Umtriebe stattgefunden, der Rädelsführer wurde verschickt, und später auch Herr Jermak als Polizeimeister hierher kommandiert – zur Strafe natürlich.«

Hermann erschrak heimlich. »Der sogenannte Rädelsführer war ich!« rief er aus; »die ganze Geschichte ist ein abgekartetes Spiel. Wie unangenehm ist mir das alles.«

»Sie meinen, Herr Jermak werde Ihnen etwas am Zeuge zu flicken suchen. Das glaube ich nicht, er ist ein sehr gerechter und sehr unglücklicher Mann, der mit seinem ältesten Sohne alles mögliche Schlimme erlebt. Dieser mißratene Sohn spielt, trinkt und haßt jegliche Arbeit – jetzt ist er, wie gesagt, unter die Golddiebe gegangen.«

Hermann antwortete nicht. Der Polizeimeister würde ihn erkennen und in dem natürlichen Verlangen, sich selbst wieder in Gunst zu setzen, scharf bewachen, er würde den Fluchtplan von seiner Stirn lesen und denselben zu verhindern wissen.

Eine tiefe Entmutigung begleitete diesen Gedanken. So nahe am Ziel, wurde er zum zweitenmal jählings von einem unerwarteten Hindernis zurückgeworfen – unter Jermaks Augen ließ sich die Flucht nicht bewerkstelligen, das fühlte er.

»In Ihnen besitze ich hoffentlich einen Freund und Ratgeber«, sagte er seufzend zu dem Tanzlehrer, als sich dieser später von ihm verabschiedete. »Mein Los ist ein recht hartes.«

Herr Bochner drückte ihm die Hand. »Verlassen Sie sich auf mich, mein junger Landsmann«, erwiderte er. »Wenn die Stunde kommt, so stehe ich Ihnen bei!«

»Welche Stunde?« rief Hermann, während dunkle Glut sein Gesicht überflog.

»Hm – diejenige, welche. Das findet sich erst wenn wir um mehrere Monate älter sind, denke ich.«

Und dann ging er davon, die Violine in der Brusttasche wie immer, ganz in Pelze gehüllt und mit unglaublich scharfer und dünner Stimme ein deutsches Lied singend.

»Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt!« – –

Hermann verstand ihn wohl. Besser urteilend als damals der Sträfling in Ukbul, erkannte er das treue selbstlose Herz des Wieners und freute sich, unter allen den fremden, feindlichen Menschen wenigstens eine Seele gefunden zu haben, auf die er sich in Not und Tod verlassen durfte.

Nur der Gedanke an den Polizeimeister quälte ihn sehr. Wenn wenigstens die erste Begegnung schon überstanden wäre! – –

Allein während der nächsten Tage geschah nichts dergleichen; der Gouverneur hatte Hermanns Paß an sich genommen und alle nötigen Schritte selbst gethan, unser Freund saß wieder, wie in Irkutsk, hinter Bergen von schriftlichen Arbeiten, indes Emma und Otto ganz im Verborgenen lebten, um von möglichst wenigen Menschen gekannt zu werden.

Herr Bochner hatte ihnen seinen Besuch abgestattet, er war im hechtgrauen Anzuge, mit dito Glacés und einem Cylinder von Pariser Form in der bescheidenen Wohnung erschienen und wußte sich sowohl bei dem jungen Mädchen, als auch bei dem Knaben auf das beste einzuführen; er versprach auch sogleich, für Fräulein Emma passende Beschäftigung aufzusuchen und brachte bei seinem weiteren Erscheinen unter dem Pelz ein paar langhalsige Flaschen mit, auf deren Etiketten mit großen Buchstaben die Bezeichnung »Champagner« geschrieben stand.

»Bloßer Birkensaft«, erläuterte pfiffig blinzelnd der kleine Herr, »aber er schäumt brillant. Die Generalin nimmt für ihre Gesellschaften nichts anderes.«

»Sind sie denn auch Weinfabrikant, Herr Bochner?« lachte Hermann.

»Gewiß! Auch Theehändler, Perlenhändler, Pelzhändler und Fabrikant von Damenhüten, schönstes Fräulein Emma! Ich werde Ihnen für den nächsten Frühling ein Barett aus weißem Stroh und Veilchen konstruieren, Halbtrauer natürlich – es wird reizend aussehen.«

Das junge Mädchen lachte; die ganze kleine Familie hatte sich mit dem liebenswürdigen Wiener sehr bald befreundet, namentlich als er ein bescheidenes Holzhäuschen auftrieb, das ohne jene abscheulichen Pallisaden war, welche in ganz Jakutsk vor der Vorderseite der Gebäude stehen und so die Straßen auf das äußerste verunzieren. Herr Bochner brachte bald dieses, bald jenes kleine Geschenk, er erzählte Neuigkeiten, er schlug Nägel ein und malte, kurz, er war im besten Sinne des Wortes ein lieber, väterlicher Freund, der die Herzen tröstete und den Mängeln des Rauchfanges abhalf, der in den Seelen der vereinsamten Kinder die Hoffnung wachhielt und ihre Speisekammer mit Leckerbissen füllte.

Hermann konnte am Morgen ruhig in seine Schreibstube gehen; er wußte, daß sein alter Freund wenigstens einmal täglich vorsprach und daß Emma und Otto in ihm einen treuen Beschützer und Verteidiger gefunden hatten.

In Sibirien giebt es bekanntlich keine Betten; man schläft auf Pelzen und deckt sich auch mit diesen zu. Herrn Bochners Vorräte wurden, als er für Emma und die beiden Brüder je einen behaglichen Alkoven gezimmert hatte, ganz außerordentlich in Anspruch genommen, besonders erhielt das junge Mädchen mehrere prachtvolle Tigerfelle und Bärenpelze, die am Tage unter ihrem Stuhle lagen – kurz, es ging den Geschwistern gut, soweit eben überhaupt ihrer Freiheit beraubte Menschen glücklich sein können.

Die Sonne stand jetzt nur noch zwei Stunden lang am Himmel, dann folgte undurchdringliche Finsternis; es war gegen den Dezember hin, wo die zweimonatliche Nacht beginnt, wo das weiße, dichte Gewand von Schnee die Häuser und die Straßen bedeckt, fast das Dach eindrückend, fast den Durchgang sperrend, wo der Wind Ströme von Eis mit sich führt und das Thermometer unter vierzig Grad herabsinkt.

Emma schauderte. »Mir ist, als würde nie wieder Tag, nie Frühling werden«, sagte sie.

»Hm«, meinte Herr Bochner, »ich weiß nicht, ob Ihnen der sibirische Lenz, wenn er kommt, auch wirklich zusagt, mein Fräulein. Man versinkt oft bis an die Brust in den Schnee, man wird vom Wind ganze Strecken weit fortgewirbelt. Das ist hier ein entsetzliches Land.«

Und Hermann wiederholte im innersten Herzen den Ausspruch. »Wahrhaftig, es ist ein elendes Land, das Sibirien. Ohne die Dazwischenkunft des Gouverneurs könnten wir jetzt gerettet, könnten in Amerika sein.«

Seufzend erhob er sich in der Finsternis des Morgens vom Lager, seufzend schlief er ein. Wann würde die Flucht bewerkstelligt werden können?

Vielleicht nie.

Der Gouverneur zahlte ihm hundert Rubel monatlich, Emma verdiente gut, und die deutschen Verwandten schickten größere Summen; es fehlte an nichts als an dem teuersten, edelsten Gute des Sterblichen, der Freiheit.

Gegen Ende Januar erinnerte unser Freund den ältesten Sohn des Gouverneurs an die beabsichtigten Jagdausflüge, und zu seiner großen Freude durften dieselben ins Werk gesetzt werden. Die Flinte des Generals kam aus dem Versteck hervor, der Schlitten wurde bespannt, und fort ging es durch den Schnee – natürlich zumeist, um die Umgebung kennen zu lernen.

Einmal blieben die jungen Leute zwei Tage aus, einmal sogar drei, alles absichtlich, um die Angehörigen des Gouverneurs und diesen selbst irrezuleiten. Wenn es später geschah, daß Hermann allein fortging und auch am nächsten Morgen nicht wiederkehrte, so konnte man darin nichts Auffälliges finden.

Er handelte von Anfang her vollkommen planmäßig, wie denn auch Emma, seinem Wunsche gemäß, im Salon der Generalin nie erschienen war – es galt, sich keine Ehrenpflicht aufzuerlegen, keine moralischen Fesseln zu schmieden.

An einem kalten Morgen fuhr er allein hinaus, um zu schießen und zu kundschaften – bei dieser Gelegenheit sollte die langersehnte erste Begegnung mit dem Polizeimeister endlich stattfinden. Herr Jermak saß im Schlitten, ganz in Pelze gehüllt, ein hoher, stattlicher Mann mit ergrautem Haar und einem kummervollen, aber angenehmen Gesicht; er ließ, als Hermann anhielt, auch seinen Diener halten und erwiderte ruhig den Gruß des jungen Mannes.

»Herr Jermak«, begann dieser, »ich bedaure aufrichtig das Unglück, welches Sie meinetwegen erleiden. Wir beide sind gleich ungerecht behandelt worden.«

Der Russe verbeugte sich steif. »Der Zar, mein allergnädigster Herr, kann keine Ungerechtigkeit begehen«, versetzte er.

»Das wollen Sie angesichts der Thatsache wirklich behaupten, Herr Jermak?«

»Immer und unter allen Umständen!«

Hermann lächelte spöttisch. »Dann sind Sie glücklicher als ich, mein Herr! Was mich betrifft, so behaupte ich, ohne einen Rechtsgrund in die Verbannung geschickt zu sein. Ich habe keiner unerlaubten Verbindung angehört, habe nichts begangen, das in irgend einer Weise strafbar wäre.«

Der Polizeimeister verbeugte sich kalt. »Während einer Amtsführung von mehr als zwanzig Jahren sind mir sehr selten Verbrecher vor die Augen gekommen, welche nicht ganz das Gleiche gesagt hätten«, versetzte er ruhig, aber mit Nachdruck. »Für mich sind Sie ein politischer Sträfling – das genügt.«

Er gab seinem Kutscher ein Zeichen, und die Troika flog davon. Hermann wußte jetzt, was er bisher nur vermutet hatte, daß ihn Jermak fortwährend bewachte und daß er sich danach sehnte, Genugthuung zu erhalten.

So leicht sollte ihm die Sache aber nicht werden. Hermann besaß zwei Hilfsmittel, welche imstande sind, die Welt aus ihren Angeln zu heben, einen treuen Freund und reichlich Geld – darauf verließ er sich allen Feinden gegenüber.

Die Messe wurde eröffnet, und langsam, ganz unter der Hand, mit größter Vorsicht begann Hermann seine Einkäufe zu machen. In Irkutsk hätte er das ohne Aufsehen bewerkstelligen können; denn dort gab es einesteils einen öffentlichen Bazar, und anderenteils mußte er für den Minenbesitzer täglich mit den Kaufleuten unterhandeln, während sein Dienst hier in Jakutsk ganz anderer Natur war und außerdem alle Verkäufer in ihren eigenen, mit Pallisaden versehenen Häusern saßen. Hermann kannte keinen einzigen persönlich, er mußte daher, um kein Aufsehen zu erregen, die notwendigen Waren in ganz kleinen Mengen kaufen und selbst während der dunkeln Abendstunden auf den Schultern nach Hause tragen.

Pemmikan, Schiffszwieback, Speck, Wurst, Thee, Zucker und Pelze waren es hauptsächlich, die er aufstapelte, dann Lichte, verschiedene Feuerzeuge, Wolldecken und Futter für zwei Pferde, endlich ein leicht bewegliches, völlig eingerichtetes Zelt. Als er dies letztere im Verein mit Otto nach Hause trug, begegnete ihm dicht vor der Thür der Polizeimeister – ganz allein, wie zufällig, und scheinbar ohne die geringste feindselige Absicht, aber mit einem Lächeln, das deutlich sagte: Ich weiß alles und durchschaue Dich vollständig.

Er grüßte kühl. »Nun, Herr Brandt, Sie versorgen sich ja, als sähe unsere gute Stadt mindestens einer Belagerung entgegen!«

Hermann neigte den Kopf. »Das wird schwerlich der Fall sein, Herr Jermak! Man braucht indessen Lebensmittel und Einrichtungsstücke bekanntlich auch zu anderen Zwecken!«

»Ganz gewiß! Zum Beispiel wenn man die Absicht hätte, quer durch ganz Sibirien nach Amerika zu entfliehen.«

Hermann lachte laut, obwohl ihm das Herz zum Zerspringen schlug. »Geben Sie nur gut acht, Herr Jermak«, rief er, »eines Tages bin ich verschwunden! Sie müssen wissen, daß mir Siegfrieds berühmte Tarnkappe zu Gebote steht.«

Damit winkte er dem Knaben und ging weiter, ohne sich um den erbitterten alten Herrn im mindesten zu bekümmern. Seine Aufregung war jedoch an diesem Abend so groß, daß ihn der Tanzlehrer beiseite nahm und spähend in sein erhitztes Gesicht sah.

»Was haben Sie mein Freund? – Nicht wahr, Sie zerbrechen sich den Kopf, unter welchem Vorwande Sie möglicherweise einen Wagen und ein paar tüchtige Pferde kaufen könnten, wo Sie dieselben unterbringen und wo Sie einen jakutischen Führer finden sollen?«

Hermann wechselte die Farbe. »Sie sind kein Spion, Herr Bochner«, murmelte er.

»Wahrlich nicht! Ich will Ihnen auch auf die einfachste Weise aus der Verlegenheit helfen. Sie wissen ja, daß ich immer ein Gespann besitze und immer hin- und herfahre, um zu kaufen und zu verkaufen – nun wohl, jetzt verschaffe ich mir einen größeren Wagen und bessere Pferde; das ist so einfach. Einen Jakuten miete ich auch.«

Hermann drückte beinahe krampfhaft die Hand des liebenswürdigen Wieners. »Das wollten Sie wirklich thun, Herr Bochner?«

»Weshalb nicht? Es ist so einfach, mein Freund – Ihnen dagegen bleibt die viel schwerere, die gefährliche Aufgabe.

»Welche?« fragte erstaunt der junge Mann.

»Sie müssen sich einen Paß verschaffen, müssen den Stempelbogen entwenden und die Handschrift des Gouverneurs nachahmen.«

Hermann erschrak. »Das halten Sie für ganz unerläßlich, Herr Bochner?«

»Ganz und gar unerläßlich. Es ist nicht denkbar, auf dem Wege bis an die Grenze des Eismeeres den umherschwärmenden Kosaken immer auszuweichen – Sie würden, wenn ohne Paß, auf der Stelle festgenommen und an den nächsten Esa-ul ausgeliefert werden.«

Hermann stützte seine heiße Stirn in die Hand. »Ob es mir gelingen wird?« dachte er. »Ob ich nicht der ehrlosen Knutenstrafe anheimfallen muß?«

Er sprach noch lange mit dem gutmütigen Tanzlehrer über alle Einzelheiten des Planes; erst spät in der Nacht schlief er aus Erschöpfung ein, aber am folgenden Morgen war sein Entschluß gefaßt – er wollte sich den Paß verschaffen.

In Irkutsk wäre ihm das ganz unmöglich gewesen, hier dagegen war es ein Leichtes. Ob nicht also doch das Ereignis, welches er damals so bitter beklagte, in der That für ihn und die Seinigen zum Segen gereichte?

Er schlich in das Amtszimmer wie jemand, der ein Verbrechen begehen will. Es ist ein so empörender Gedanke, eine fremde Handschrift nachzuahmen.

Der erste Versuch mißlang, der zweite und dritte auch, aber bei dem zwanzigsten trat die ersehnte Ähnlichkeit zu Tage. Sobald Hermann ruhig geworden war, konnte er den Namenszug des Gouverneurs ohne Mühe auf das Papier werfen.

Der Stempelbogen stand ihm ja zu Gebote, das Petschaft auch, und so war denn der Paß in aller Form ausgestellt – auf einen angenommenen Namen natürlich, und indem Emma und Otto nur als ein junges Mädchen und ein Knabe bezeichnet wurden, die in Herrn Semenoffs, ihres Erziehers, Begleitung reisten.

Herr Bochner prüfte das Papier und fand es ausgezeichnet. »Jetzt brauchen Sie nur noch den Tag zu bestimmen«, sagte er. »Der Wagen steht gepackt; eines Morgens gehen Otto und Emma etwas vor die Stadt hinaus, dort nehme ich sie auf, und ein paar Stunden später folgen Sie ganz öffentlich mit dem Wagen des Gouverneurs und der Flinte auf der Schulter. Sie wollen zur Jagd – Sie kommen vielleicht abends nicht zurück; das alles ist schon dagewesen.«

Hermann atmete tiefer. »Gott möge mir beistehen«, murmelte er.

»Das wird er ohne Zweifel, mein junger Freund, das wird er. Ich habe mir die ganze Sache im Geiste zurechtgelegt! Bis an die Werchojanskischen Berge begleite ich Sie, oder meinetwegen über dieselben hinweg, dann müssen Sie sich in den Wäldern verstecken bis zum ersten Schneefall; denn Spuren darf der Wagen dort nicht hinterlassen. Man entfernt die Räder, und das Gefährt ist ein Schlitten.«

»Sie haben es gleich so einrichten lassen, Herr Bochner? Ach, Sie denken an alles, ich werde Ihnen so tief verpflichtet!«

Der Wiener lachte. »Nichts, nichts«, versetzte er, »ich kenne das Land und handle dieser Kenntnis gemäß; das würde jeder vernünftige Mensch thun. Bestimmen Sie nur – wollen wir die Sache morgen in Angriff nehmen? Denn von Ihrem Hausrat dürfen Sie ja doch kein Stückchen verkaufen, sonst würde Verdacht erregt.«

Hermann nickte. »Ich weiß es, Herr Bochner, ich weiß es. Ja, sagen wir: morgen! – Alle Vorräte sind an Ort und Stelle, der Jakute gemietet – es soll morgen gewagt werden. Das Warten ist unerträglich.«

»Gut. So schicken Sie das Fräulein und den Knaben früh um sechs Uhr auf verschiedenen Wegen zur Stadt hinaus. Ich treffe die beiden vor dem nördlichen Thore.«

Sie drückten sich zum Abschied die Hand, aber der Tanzlehrer kehrte nochmals um. »Sie selbst müssen bis zehn oder elf Uhr ruhig auf dem Amte bleiben«, ermahnte er. »Sollte uns Jermak sehen, so führt ihn sein erster Weg zum Gouverneur.«

»Wo er mich finden wird, verlassen Sie sich darauf, mein Freund.«

»Dann ist alles gut.«

Fünftes Kapitel.

Auf der Flucht.

In dem kleinen Bretterhäuschen der Geschwister schlief während dieser Nacht niemand. Alle Kleider und Wäschegegenstände befanden sich schon in dem neugekauften Wagen, ebenso das Zelt und verschiedene Waffen, welche Hermann in aller Stille erhandelt hatte – man brauchte nur selbst fortzugehen, und die Reise war thatsächlich unternommen.

Hermann küßte seine Geschwister. »Thut alles, was Euch Herr Bochner rät«, bat er, »vertraut ihm ganz. Gegen Mittag bin ich bei Euch!«

Emma weinte leise. »Kommst Du auch wirklich?« fragte sie, am ganzen Körper zitternd.

»Wenn mir Gott das Leben schenkt, ja! Ich schwöre es Euch!«

Und so trennten sie sich. Emma ging im gewöhnlichen Anzuge mit dem Körbchen am Arme fort, wie um Einkäufe zu machen, Otto spielte mit Treu auf der Straße und verschwand dabei unbemerkt um die nächste Ecke. Hätte selbst der Polizeimeister vor der Thür im Hinterhalt gelegen, um zu spionieren, so würde er nichts Auffälliges bemerkt haben.

Hermann schloß zu gewohnter Stunde das Haus und ging in seine Amtsstube. Der Gouverneur war verreist, er hatte daher sehr viel zu thun und bückte sich emsig über sein Pult, dabei aber immer horchend, als müsse von den Seinen ein plötzliche Botschaft kommen. Er war dermaßen unruhig, daß seine Fingerspitzen bebten.

Stunde nach Stunde verrann – es geschah nichts.

Da erklangen auf dem Flur schnelle Schritte, es wurde geklopft, und ehe noch Hermann »Herein« rufen konnte, stand schon der Polizeimeister auf der Schwelle.

Jetzt galt es alle Selbstbeherrschung zusammenzuraffen. Hermann verbeugte sich kühl und bat den Beamten, Platz zu nehmen. »Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Jermak?« fragte er äußerst gelassen.

Dem Polizeimeister gelang es nicht, sein Erstaunen ganz zu verbergen. Also Hermann war hier, während er ihn flüchtig wähnte und eben die Kosaken aufbieten wollte, um ihn schleunigst verfolgen zu lassen!

»Ist der Gouverneur zu Hause?« fragte er, um etwas zu sagen.

»Nein. Seine Excellenz wird erst morgen oder übermorgen zurückkehren.«

»Gut gut, Herr Brandt. Ich komme wieder.«

Und Jermak ging kopfschüttelnd davon. Hermann sah ihm nach, bis er verschwunden war, dann warf er den Pelz über, ließ ein Pferd satteln und sprengte davon, so schnell das Tier laufen wollte. Niemand hinderte ihn, denn alle Diener und Hausgenossen wußten, daß ihm völlig freistand, nach Belieben zu kommen und zu gehen; überdies hatte er ja auch die Jagdflinte des Generals bei sich.

Was er nicht sah, war, daß Jermak, ebenfalls zu Pferde, mit siegesgewissem Lächeln von fern dem Wege folgte, welchen er einschlug. Der Polizeimeister hatte vorläufig nur den Tanzlehrer verfolgen wollen – jetzt sah er ein edleres Wild und blieb auf der Spur desselben.

Hermann ritt in scharfem Galopp. Die Stelle, an welcher er den Tanzlehrer und seine Geschwister treffen wollte, lag mehrere Meilen entfernt, er hatte also einen langen Weg vor sich und fühlte daneben auch im innersten Herzen den Wunsch, noch vor einbrechender Nacht eine möglichst große Strecke zwischen sich und die Stadt zu bringen; Herr Bochner konnte das Pferd zurückreiten, oder man ließ es frei laufen, wohin es wollte. Die Satteldecke trug das eingestickte Wappen des Gouverneurs, jeder Jakute kannte es und würde das Tier seinem Gebieter wieder zuführen.

Der Morgen war mäßig kalt, und die Sonne schien hell vom Himmel herab. Wie ein Rausch überfiel der Gedanke an die Heimat, an Deutschland, das Bewußtsein des jungen Mannes – er fühlte, wie ihm das Herz schneller schlug, wie neues Leben durch alle seine Adern rann. Freiheit! Freiheit! Das Erdendasein besitzt keinen schöneren, keinen süßeren Klang als den dieses Wortes.

Die Meilen flogen; nach drei Stunden sah Hermann einen feinen blauen Rauch, der sich vom Boden in die Luft erhob, er hörte Schüsse und bemerkte, daß von einem Flug ziemlich großer Vögel mehrere jählings zu Boden stürzten. Ohne allen Zweifel lagerte an dieser Stelle Herr Bochner mit den beiden Kindern.

Hermann ließ, als er menschliche Gestalten unterscheiden konnte, das Taschentuch durch die Luft flattern – ein ähnliches Zeichen antwortete ihm, Treu bellte, Otto rief Hurra, und Emma klatschte in die Hände. »Gerettet! Gerettet! – Dem Himmel sei Dank!«

»Hurra! Hurra!«

Die letzten Schritte wurden schnell durchmessen, dann sprang Hermann vom Pferde und umarmte voll Freude die Seinigen und den Tanzlehrer, der sich als wahrer Freund in der Not erwiesen hatte. Drei wilde Enten waren unter den vorhin gehörten Schüssen gefallen und wurden eben jetzt von dem Allerweltskünstler, Herrn Bochner, zierlich in einer Eisenpfanne gebraten. Der Schlittenwagen barg alle Gerätschaften, welche das tägliche Leben erfordert; was etwa unser Freund übersehen hatte, das fügte der reisekundige Wiener sofort hinzu – es fehlte nichts als nur die frische Milch; auf diesen Genuß mußten die Reisenden viele Monate hindurch verzichten.

Als die Enten gar waren, bot Emma den Herren das Gericht auf Brotschnitten dar, einige getrocknete Früchte kamen hinzu, ein paar Tropfen Wein für jeden und außerdem frisches Wasser. Das Mahl schmeckte herrlich, Treu zermalmte die Knochen, auch der Jakute bekam seinen Anteil, und dann wollte sich die kleine Gesellschaft wieder in Bewegung setzen, als plötzlich Otto auf dem Baume, welchen er zu seinem Privatvergnügen erklettert hatte, einen Laut des Schreckens hervorstieß.

»Hermann! – Hermann, es kommt ein Reiter!«

Der junge Mann sprang hastig auf. »Einer nur? – Wo, Otto, wo?«

»Des Weges, den Du kamst, Hermann! Er reitet langsam.«

»Ist es denn ein Eingeborner, Kind? Oder ein Kosak?«

»Keins von beiden. Der Mann trägt einen Pelz – und hat im Arm eine Kugelbüchse.«

Hermann und der Tanzlehrer sahen einander an. Sollte es Jermak sein? – Aber was konnte er allein ausrichten wollen?

Emma zitterte, sie packte mit schnellem Griff alles in den Wagenkasten und befahl dem Jakuten, die Pferde anzuspannen. »Komm zu mir, Otto, komm rasch – großer Gott, wir müssen flüchten. Es wäre mein Tod, wieder in die Gefangenschaft zurückzukehren!«

Herr Bochner und Hermann zwangen sie mit sanfter Gewalt, von dem Gedanken der Flucht abzusehen. »Ist es wirklich Jermak«, sagte der letztere, »so giebt er im Augenblick, wo die Pferde anziehen, Feuer und schießt in den Wagen.«

Der Tanzlehrer schüttelte den Kopf. »Er braucht nur dem Jakuten ein einziges Wort zu sagen, und der Kerl fällt vor Furcht auf die Kniee. Einem Warnak bei der Flucht behilflich gewesen zu sein, bringt auch den freien Russen in die Sklaverei der Grünspangruben.«

»Du großer Gott – der Jakute ist also nicht unser Verbündeter?«

»Behüte! Sie dürfen ihn nicht das Geringste merken lassen, mein Fräulein.«

Diese Unterhaltung wurde natürlich in deutscher Sprache geführt, der Eingeborene hatte also kein Wort verstanden, sondern schirrte dem erhaltenen Befehle gemäß die Pferde an den Wagen, ohne sich viel um den Seelenzustand derjenigen, welche ihn bezahlten, zu kümmern. Während das geschah, wurde der Reiter allen Genossen des eben beendeten Mittagsmahles deutlich sichtbar – auch Treu sah ihn und knurrte ärgerlich.

Hermann spannte die Hähne seiner Büchse, der Tanzlehrer that das Gleiche. »Es ist der Polizeimeister«, flüsterte er, »man erkennt ihn an seiner Größe.«

»Ich glaube es auch«, bestätigte Hermann.

»O Himmel, Himmel, dann ist alles verloren.«

Hermanns Blicke mahnten das weinende Mädchen zur Vorsicht. Der Jakute durfte um keinen Preis einen Verdacht schöpfen.

»Wir werden verfolgt«, sagte er kurz, »und wir müssen uns verteidigen – Du sollst sehen, daß ich diese Pflicht erfüllen kann.«

Emma schüttelte den Kopf. »Verteidigen?« wiederholte sie; »womit?«

Hermann legte stumm die Hand an das Gewehr. Er wollte sein eigenes Leben und das der Seinigen teuer verkaufen – Emma sah es schaudernd.

Der Polizeimeister kam langsam näher. Er hatte seit der ersten Begegnung mit dem jungen Deutschen denselben immerfort heimlich überwachen lassen, er kannte den Fluchtplan in allen Einzelheiten und kam nun selbst, um sich für das Vergangene eine herbe, ja boshafte Genugthuung zu verschaffen – er wollte den Sträfling zurückbringen nach Jakutsk und womöglich in die Bergwerke von Ukbul.

Nicht Haß noch gemeine Rachsucht schrieben ihm diese Handlungsweise vor, er wünschte vielmehr nur, sich durch die That von dem auf ihm ruhenden ehrlosen Verdachte zu reinigen und vielleicht, wenn ihm das Glück günstig war, wieder aus Sibirien in die gebildete Welt zurückversetzt zu werden.

In der Entfernung von etwa zwanzig Schritten hielt er an und sprang vom Pferde, das er an einen Baum band; dann ging er auf den Flüchtling zu.

Hermann erhob sich gelassen. Die beiden Männer – Todfeinde in diesem Augenblicke – standen einander Auge in Auge gegenüber.

»Sind Sie zur Jagd gegangen, Herr Brandt?« fragte der Polizeimeister, während ein Lächeln voll innerlicher Genugthuung seine Lippen umspielte.

»Wie Sie sehen!« versetzte im selben Tone unser Freund.

»Ach! – Und auch Ihre Fräulein Schwester ist mit von der Partie? Der Knabe sogar! Sie fürchten also weder die schlechten Wege, noch etwaige unangenehme Begegnungen?«

»Keineswegs!« rief Hermann. »Wir machen, mit den Pässen des Herrn Gouverneurs versehen, eine Reise nach Aldanska, und zwar um Land und Leute kennen zu lernen. Bisher wußten wir davon nur einiges aus den Erzählungen –«

»Der reisenden Händler und Burjätenhäuptlinge, nicht wahr? – Ihre Kenntnisse müssen überhaupt sehr unvollständiger Natur gewesen sein, mein werter Herr Brandt; denn vor etwa fünf Stunden wußten Sie, wie es scheint, von der gegenwärtigen Reise noch nichts.«

Hermann lächelte. »Oder ich hielt mich nicht verpflichtet, dem Herrn Polizeimeister von meinen Privatangelegenheiten Mitteilung zu machen«, sagte er ruhig.

»Auch das!« versetzte Jermak. »Ich reise selbst in diesem Augenblick nach Aldanska.«

»Ach, wirklich? – In unserer Gesellschaft, wie ich hoffe.«

»Das ist nicht meine Absicht, Herr Brandt! Ein einzelner Reiter kommt schneller hin als ein Wagen mit mehreren Personen.«

»Aber Sie haben keinen Führer!«

Jermak lächelte. »Ich kenne den Weg«, sagte er zuversichtlich.

Während dieser kurzen Unterredung hatte er den Tanzlehrer erkannt, den Wagen gesehen und die Mienen der Flüchtlinge studiert – er wußte genug, um im Galopp vorausreiten und in Aldanska eine Schar von Kosaken aufbieten zu können. Hermann seinerseits durchschaute vollkommen diese Absicht, er vertrat kurz entschlossen dem Beamten den Weg. »Wir reisen miteinander, Herr Jermak, oder – Sie kommen nicht von der Stelle. Ich schwöre es Ihnen.«

»Das ist auch meine Ansicht!« bestätigte mit tiefer Verbeugung der Tanzlehrer.

Jermak sah von einem zum anderen. »Und Sie werden derselben nötigenfalls durch Ihre Kugelbüchsen Nachdruck verleihen, nicht wahr?«

»Nötigenfalls – ja!«

»Dann stände das Spiel für mich ziemlich ungünstig, meine Herren. Ich werde mit Ihnen nach Aldanska reisen.«

»Das erwartete ich«, versetzte trocken der Deutsche. »Bevor indessen die Fahrt fortgesetzt wird, möchten Herr Bochner und ich noch einige Enten schießen. Es befinden sich in der Umgebung des Teiches, den Sie dort sehen, zahlreiche Schwärme, wir können uns also leicht ein angenehmes Abendessen verschaffen.«

Der Polizeimeister verbeugte sich. »Wie Sie wollen«, sagte er, »ich werde Sie hier erwarten, denke ich.«

Hermann sah ihn an. »Und die Waffe da auf Ihrer Schulter, Herr Jermak – ist es nicht eine Jagdflinte?«

»Ja. Fürchten Sie etwa, daß ich in Ihrer Abwesenheit Ihre Fräulein Schwester oder den Knaben erschieße?«

Hermann lächelte. »Schwerlich, Herr Jermak. Aber Sie könnten sehr wohl ein Einverständnis mit dem Jakuten anbahnen – er ist nicht unser Vertrauter.«

Der Beamte zuckte die Achseln. »Sie beide, Herr Bochner und Sie, Herr Brandt, sind bis an die Zähne bewaffnet, der Jakute hat nichts als die bloße Faust, ich selbst besitze eine leichte Jagdflinte – die Partie wäre also vollständig ungleich; denn wie ich sehe, hält sogar Ihr junger Bruder eine Pistole zwischen den Fingern.«

»Auf die er gut eingeschossen ist, ja, Herr Jermak.«

»Ah – ich darf mich also vorläufig auf einen Kampf nicht einlassen. Doch giebt es ein anderes Mittel, an das ich von vornherein dachte. Sie kennen meine und Ihre Stellung, Herr Brandt, Sie wissen, daß mich das Gesetz ermächtigt, Sie zu verhaften – wohl, ich befehle Ihnen, mit mir nach Jakutsk zurückzukehren. Was Herrn Bochner, Ihre Fräulein Schwester und den Knaben betrifft, so können diese gehen, wohin es ihnen beliebt. Entscheiden Sie selbst, Herr Brandt, ob meine Forderung auf dem Boden des Gesetzes steht oder nicht, und ferner, ob Sie als russischer Unterthan dem Gesetze des Kaisers zu gehorchen haben oder nicht?«

Eine tiefdunkle Röte erschien auf Hermanns hübschem Gesichte. »Mein Fall bildet eine Ausnahme«, antwortete er, »ich kann dem Gesetze diesmal nicht gehorchen, da es mir ein Unrecht zufügt – ich will womöglich aus Rußland flüchten, Herr Polizeimeister, und ich will, daß Sie mich jetzt auf die Entenjagd begleiten, oder ich schieße Ihrem Pferde eine Kugel durch den Kopf und lasse Sie hilflos hier zurück. Ich muß es, um ungefährdet den nötigen Vorsprung zu gewinnen.«

Jermak wandte sich ab. Der stumpfsinnige Jakute war eingeschlafen, der Wagen stand bespannt da, und drei Pistolenmündungen starrten ihm, wohin er sah, entgegen – er mußte warten.

»Gehen wir!« sagte er. »Ich werde mit Ihnen Enten schießen!«

Im innersten Herzen dachte er: Zwischen den Zwergcedern am Ufer des Teiches werde ich mich unvermerkt davonschleichen können.

Hermann bat mit den Augen den Tanzlehrer, bei seiner Schwester zu bleiben, dann ging er, auch den Hund zurückscheuchend, mit dem Polizeimeister zum Rande des träge fließenden Gewässers, wo beide sogleich verschiedene Enten aufjagten und erlegten. Plötzlich sah der Deutsche einen ganzen Flug dieser Tiere weiterhin zwischen den Gebüschen, und einen Augenblick seinen Feind vergessend, schlich er nach. Die Schüsse fielen, eine reiche Beute war erlangt, aber um teuren Preis. Als Hermann aufblickte, hatte sich der Polizeimeister heimlich zu entfernen gewußt.

Wohin? Bis zu seinem Pferde durfte Jermak unter keiner Bedingung gelangen.

Unser Freund brachte zuerst zwischen sich und das offene Feld die Deckung der Gebüsche. Jetzt rann alles Blut siedend heiß durch seine Adern, er war zum Äußersten entschlossen. Wenn der Russe nach Jakutsk zurückkam und dort berittene Kosaken aufbot, so mußte schon am nächsten Tage der Reisewagen überholt werden.

Das durfte nicht geschehen. Lieber sollte eine Pistolenkugel zwischen ihm selbst und dem gefährlichen Gegner ein für allemal entscheiden.

Er schlich, immer unter Deckung, Schritt um Schritt vorwärts, bis er plötzlich, dicht vor sich, zwischen den Zwergcedern die hohe Gestalt des Beamten entdeckte. Jermak ging gebückt, er hatte das Gewehr an den Riemen gehängt, um beide Hände frei zu behalten.

Nur noch zwanzig bis dreißig Schritte trennten ihn von seinem an einem Baumstamm befestigten Pferde.

Vor Hermanns Blicken schimmerte es rot, er fühlte, daß es galt, jetzt zu handeln oder sein Spiel verloren zu geben. Die Hand mit der Pistole erhob sich, der Schuß krachte, und – die gebückte Gestalt des Polizeimeisters war plötzlich verschwunden.

»Tot!« dachte eisig durchschauert unser Freund. »Tot! – Ich habe einem Menschen das Leben geraubt.«

Er war aschbleich, seine Hand suchte tastend eine Stütze. Ob der Unglückliche noch lebte, im Todeskampfe auf der kalten Erde lag?

Er horchte. Kein Laut drang durch die stille Luft.

»Nein, nein, Jermak ist tot – ich muß mich beeilen, den Vorteil auszunutzen.«

Er bekämpfte mit Mühe die gewaltige Aufregung seines Innern; während seine Kniee kaum die Last des Körpers trugen, ging er vorwärts, um den Wagen zu erreichen.

Emma hatte eine kleine Erhöhung neben demselben erklettert, sie schützte die Augen mit der Hand und spähte emsig umher. Als Hermann allein zurückkam, als sie seinen Zustand bemerkte, schien das junge Mädchen vom Schwindel erfaßt zu werden. Langsam an einem Baume zu Boden gleitend, sank sie ohnmächtig auf das feuchte Moos des Weges.

Hermann sprang mit drei Schritten hinzu und hob seine Schwester auf, dann träufelte er ein wenig Branntwein aus seiner Feldflasche zwischen ihre Zähne.

Schon nach einigen Minuten kehrte Emmas Bewußtsein zurück, sie öffnete die Augen und sah verwirrt umher. »Ach, Hermann, Hermann«, bebte es über ihre Lippen, – »was hast Du gethan? – Er ist tot, ermordet!«

Der junge Mann wechselte die Farbe. »Es geschah für Dich, Emma, für Otto! – Meinetwegen würde ich es nicht gethan haben.«

Emma rang die Hände. »Und was beginnen wir jetzt?« fragte sie nach einer Pause.

»Wir setzen natürlich so schnell, als es die Verhältnisse gestatten, unsere Reise fort.«

Er drückte dem Tanzlehrer stumm die Hand, gab dem Jakuten mehrere erlegte Enten und Rebhühner und half dann seiner Schwester in den Wagen.

»Vorwärts!« befahl er möglichst ruhig.

Der Eingeborene deutete mit dem Peitschenstiel auf das Pferd des Polizeimeisters. »Und dies Tier?« fragte er in der halb stumpfsinnigen Weise seines Volkes.

Hermann nickte. »Das Tier muß sterben«, sagte er, »es ist krank und untauglich.«

Dann schoß er mit sicherer Hand eine Kugel in das Herz des Opfers.

Der Jakute trieb die Pferde an, lief neben dem Wagen her und sang mit näselnder Stimme ein Lied, dessen Text er während des Vortrages dichtete. Es war eine schreckliche, zur tiefsten Traurigkeit stimmende Musik.

Unter den Gliedern der kleinen Reisegesellschaft herrschte drückendes Schweigen, Emma wischte verstohlen die Thränen aus den Augen – niemand sprach.

»Gott vergebe mir«, dachte unser Freund, »ich konnte nicht anders als nur so handeln.« – – –

Sechstes Kapitel.

Ein hartnäckiger Verfolger.

Weiter und weiter rollte der Wagen; die Dämmerung begann schon herabzusinken, es wurde immer kühler und die Stimmung immer trüber. Hermann horchte fortwährend, ob nicht Pferdegetrappel hinter dem Wagen erklänge. »Er könnte doch leben und uns verfolgen«, dachte er.

»Oder einige seiner Kosaken haben beim Herumstreifen die Leiche gefunden und ziehen nun den Radspuren nach – auch das ist möglich«, meinte der Tanzlehrer.

Es wurde immer deutsch gesprochen, der Jakute verstand nichts. Er zog singend des Weges, und erst als ihn Hermann rief, hielt er die Pferde an. »Ist der nächste bewohnte Ort von hier noch weit, mein guter Mann?« fragte halb seufzend der Deutsche.

»Ja – nein! – Ja – nein! – Nach Minure kommen wir heute doch nicht mehr!«

Das klang sehr geheimnisvoll und wenig tröstlich zugleich; Hermann bat um nähere Aufklärung. »Du meinst also, daß wir die Nacht unter freiem Himmel zubringen müßten, Jakute?«

»Ja – nein! Es steht am Wege eine leere Jurte.«

»Schöne Aussicht, wahrhaftig! – Da können wir auf allerlei Gesindel oder gar auf den Besuch von Wölfen gefaßt sein.«

Der Führer blieb die Antwort schuldig. Ein Gutes hatte aber sein schlimmer Bescheid doch gehabt – die dumpfe Schwüle unter den Reisenden war etwas gewichen. »Wir haben für Wölfe und Wegelagerer unsere Waffen«, meinte der Tanzlehrer. »Laßt sie nur kommen!«

Hermann atmete tiefer. »Wahrhaftig, ich möchte alles lieber, als so stillsitzen und müßig warten,« gestand er. »Wann ist die leere Jurte erreicht, Führer?«

»O – bald! – bald! – –

»La! – Ti! – Ta! – O! – Ta! – –«

Und das schreckliche, langgedehnte Singen nahm wieder seinen Fortgang.

»Ob ich den Kerl auf meiner Violine begleite?« fragte der Tanzlehrer.

»Ja! Ja!« rief Otto; »das ist lustig!«

Herr Bochner holte das Instrument hervor und strich ein paarmal über die Saiten. Sogleich, wie von einem Zauber gefesselt, schwieg der Jakute. Er horchte.

»Gott sei gepriesen«, seufzte Emma. »Ich war einer Ohnmacht nahe.«

Herr Bochner spielte ganz flott: »Gott erhalte Franz den Kaiser!« und nachdem er so den vaterländischen Empfindungen Rechnung getragen hatte, in bunter Reihe, was ihm gerade einfiel, die Marseillaise oder: »Ein' feste Burg ist unser Gott!« – und vielleicht gleich danach: »Fuchs, Du hast die Gans gestohlen!« oder: »Stiefel muß sterben, ist noch so jung, jung, jung« – wobei dann Otto mit heller Stimme einfiel, während seine beiden ältesten Geschwister den Ernst ihrer Lage wenigstens minder schwer fühlten, als bisher.

Der Führer hatte drei Öllampen angezündet, zwei an den Seiten des Wagens (rings verschlossene Kibitka) und eine, die er vor der Brust trug; das Fuhrwerk glitt auf abschüssigen Ufern an mehreren kleinen Seeen hin, der Wind pfiff kalt durch die Zweige der Lärchen, es wurde Nacht, bevor der Jakute hielt.

Am Wege lag eine halbzerfallene, einem großen Maulwurfshaufen ähnliche Hütte, ein abscheuliches Obdach allerdings, aber doch eine Stelle, an der das ermüdete Haupt nach so beschwerlicher Fahrt auf die Pelze sinken und endlich ausruhen durfte. Nur der Wind heulte um das niedere Dach, von lebenden Wesen war nichts zu entdecken.

Der Jakute band die Pferde derartig fest, daß sie den Wind im Rücken hatten, dann entzündete er ein gewaltiges Feuer und begann mit der größten Seelenruhe einige Enten zu rupfen. Sein O! – Ti! – Ta! – O! – Ta! schallte wieder wie vorher durch die Nacht.

Drinnen in der Jurte, einem pyramidenförmigen Bau aus biegsamen Stämmen und Erdschollen, befanden sich noch rings an den Wänden die breiten Schlafbänke der Eigentümer, welche jedenfalls kürzlich ihre Uruse (die Sommerwohnung) bezogen hatten. Der Tanzlehrer und Hermann packten die Pelze aus, und nachdem man das Abendessen zu sich genommen, wurde allerseits die Lagerstätte aufgesucht. Der Jakute schob die Kibitka vor den Eingang und legte sich selbst, in Renntierpelze gehüllt, unter dieselbe. Sein Schnarchen schläferte bald die übrigen ein.

Am Morgen fand sich, daß die Nacht ohne irgend eine Störung vergangen war; so rasch als möglich wurde daher die Fahrt wieder fortgesetzt und etwa gegen zehn Uhr die kleine Stadt Minure erreicht. Dieser Ort liegt in einer Thalmulde, wie die Sage berichtet, auf dem Grunde eines versunkenen Sees, dessen letzte Überbleibsel in der Gestalt mehrerer Teiche jetzt noch vorhanden sind.

Die Häuser, abgesehen von einigen Kirchen und den hölzernen Verwaltungsgebäuden, bestanden alle aus Jurten; große Herden, Pferde und Hornvieh, gingen auf fetten Weiden, ein reges Leben herrschte auf den breiten reinlichen Straßen, ja sogar ein Tanzsaal fand sich vor und sehnsüchtige Blicke, die verstohlen nach der Violine des lustigen Wieners ausspähten.

Herr Bochner ließ sich nicht lange bitten. Während Hermann die Pferde besorgte und den Führer ablohnte, während Emma und Otto in der Küche der jüdischen Schenke die Zubereitung der letzten Rebhühner überwachten, begann er zu spielen, und bald tanzte die junge Welt von Minure in den heitersten Sprüngen um ihn herum.

»Wir machen so den besten Eindruck«, sagte er auf deutsch. »Es ist nicht möglich, vorauszusehen, inwieweit uns etwa die Parteinahme der Bevölkerung nützlich oder schädlich werden kann.«

Er geigte also darauf los, bis die Rebhühner auf den Tisch kamen und mit ihnen eine Speise, welche die Jakuten dreimal täglich essen, wie wir unser Butterbrod. Emma hatte die Zubereitung mit angesehen und zögerte aus diesem Grunde ziemlich lange, bis sie die erste Gabel voll zum Munde führte, dann aber fand sie, daß das Gericht vortrefflich schmeckte; alle übrigen behaupteten das Gleiche. »Was ist denn nun nach Eurer Meinung darin enthalten?« fragte lächelnd das junge Mädchen.

»Fische!« meinte Hermann.

»Milch!« sagte Otto.

»Ein Gewürz, das wie Tannenduft schmeckt!«

Emma nickte. »Zu Pulver gemahlene Lärchenbaumrinde«, versetzte sie, »Fische, Mehl, Butter und Salz – das alles mit Milch angerührt und im Topfe gebacken.«

Hermann schauderte ein wenig. »Aber es hat gut geschmeckt«, sagte er, »und das ist die Hauptsache. Jetzt müssen wir unsern Stab weiter setzen.«

Die Pferde wurden, nachdem sie drei Stunden geruht hatten, wieder eingespannt, ein neuer Führer gemietet, und fort ging es unter den Klängen eines russischen Volksliedes und den lauten Zurufen der Bevölkerung, weiter nach Aldanska.

Diese Reise war kürzer; schon gegen Abend hatte die Kibitka das Städtchen erreicht. Hermann und Herr Bochner brachten den Wagen in Sicherheit, dann hielten sie Umschau in den Wirtshäusern und bei den Verwaltungsgebäuden, aber glücklicherweise, ohne die geringsten Spuren einer Verfolgung zu entdecken.

Als sich alle im Wirtszimmer wieder vereinigt hatten, bat Hermann den treuen Freund, nach Jakutsk zurückzukehren. »Der Polizeimeister muß, da er uns nicht verfolgt, noch verfolgen läßt – tot sein«, sagte er, während sein Herz wie ein Hammer gegen die Brust pochte. »Er muß tot sein; also können Sie ohne Gefahr in Jakutsk erscheinen. Überlassen Sie uns unserem Schicksal, und nehmen Sie den innigsten, wärmsten Dank für die Hilfe, welche uns Ihre Ergebenheit, Ihre Kenntnisse der obwaltenden Verhältnisse leisteten.«

Herr Bochner wiegte den Kopf. »Ich kann es nicht«, rief er nach einer Pause, »ich kann es wirklich nicht! Alle Wetter, da mag man sagen, was man will – ich bin ein Deutscher, in dieser Stunde weiß ich es! Nein, nein, Kinder, Euer Landsmann läßt Euch nicht im Stich!«

Er küßte artig die Fingerspitzen des jungen Mädchens und umarmte kräftig die beiden Brüder. »Ich bleibe bei Euch, bis Ihr die Werchojanskischen Berge überschritten habt, Leutchen, dann bedürft Ihr des alten Freundes nicht mehr. Was sollte ich denn auch ganz allein in Jakutsk? Die Gedanken wären ja doch bei Euch!«

Und nach diesem rührenden Bekenntnis war die Sache abgemacht. Herr Bochner blinzelte vertraulich. »Es giebt hier in Aldanska einen Eingeborenen, den ich kenne«, sagte er, »einen Burschen, der mir Dank schuldet, mir sehr ergeben ist – mit Bezug auf diesen Mann habe ich einen Plan entworfen – laßt mich also ausgehen und nachsehen, wo ich ihn finde.«

Er nickte den Freunden vertraulich zu und wanderte fort, der kleine, alte Herr mit dem komischen Äußeren und dem warmen Herzen; dann, nach etwa einer Stunde kam er zurück, begleitet von dem Jakuten, einem hübschen, kräftigen, etwa dreißigjährigen Manne, der Tekel hieß und dessen Persönlichkeit auf die Flüchtlinge den besten Eindruck hervorbrachte. »Dieser Mann«, sagte er voll innerer Freude, »wird, während Ihr im Burukanwalde versteckt bleibt, zu Fuß nach Zaschirnersk gehen und ein Gespann Renntiere herbeiholen, zugleich auch Eure Pferde, für die es im Winter keine Nahrung giebt, so gut als möglich zu verkaufen suchen. Bis an den Wald bleibt er bei uns!«

»Und ist in das Vertrauen gezogen?« bemerkte Hermann.

»Hm, nicht völlig«, antwortete der Wiener. »Tekel weiß alles, aber ich habe ihm dennoch nichts mit offenen Worten gesagt – er liebt mich, das ist der Grund für seine Zuverlässigkeit.«

»Sie haben ihm einmal in dringender Not geholfen, Herr Bochner?«

»O« – versetzte der bescheidene Mann, »das war nichts so Großes, Fräulein Emma. Tekels kleines Kind lag in Krämpfen, da verordnete ich etwas Senfmehl und Eisumschläge, gab auch aus meiner Reiseapotheke ein Pülverchen, und das arme Ding war gerettet. Jeder vernünftige Mensch hätte so gehandelt, aber Tekel verehrt mich seitdem wie ein übernatürliches Wesen; ich bin fest überzeugt, daß er das Pulver heute noch für ein Zaubermittel hält, während es doch nur ganz gemeiner irdischer Rhabarber war. Diese Jakuten sind leider außerordentlich unwissend.«

Tekel blieb in bescheidener Entfernung an der Thüre stehen, er hätte also, auch wenn russisch gesprochen worden wäre, immerhin nicht viel verstehen können – so aber erfuhr er gar nichts. Hermann gab ihm die Hand, Emma überließ ihm die Reste des Abendessens, und Otto begann nach Knabenart sogleich eine Unterhaltung, die den Jakuten sehr zu belustigen schien. – Nachdem so alles geordnet war, entließ man den Führer aus Minure und setzte unter Leitung Tekels am nächsten Morgen die Reise wieder fort.

Es ging an unübersehbaren Sümpfen vorbei, an Ketten von Bergen, die mit dichten Lärchenwäldern bestanden waren, und an tiefen, von den Regenströmen gerissenen Schluchten – dann kam ein Dorf aus Jurten und hinter demselben, an den letzten Häusern vorüberfließend der breite Aldan. Herr Bochner hatte ihn oft überschritten, er kannte ja diejenigen Eingeborenen, welche große, flache Lastkähne besaßen, und konnte daher gleich einen solchen herbeischaffen. Fünfzehnhundert Meter weit führten einige Jakuten die Reisenden samt Wagen und Pferden über den breiten Strom; dann war das jenseitige Ufer erreicht.

In der Nacht, welche diesem Tage folgte, schlugen Hermann und der Tanzlehrer zum ersten Male das mitgebrachte Zelt unter den Bäumen am Wege auf. Es hatte zwei Abteilungen, eine für das junge Mädchen, die andere für sämtliche Männer – unter seinem sicheren Schutze konnte das Toben des Wetters den Reisenden nichts anhaben.

Emma stand an dem schnell aus Steinen erbauten Herd und kochte von den mitgebrachten Vorräten ein Abendessen, Otto hatte sich einen Besen verfertigt, mit dem er die Umgebung säuberte, Herr Bochner trug Wasser herbei, und Hermann schoß unter Treus Beistand einen Hasen für das morgige Frühstück – so fehlte der kleinen Gesellschaft nichts als ein wenig Frohsinn, als Hoffnung und Freude, aber gerade diese Haupterfordernisse des Wohlseins waren ihnen seit dem Tode des Polizeimeisters abhanden gekommen – wie es schien, unwiederbringlich.

Die Nacht sank herab, vor dem Feuer lag Tekel und in der Thür des Zeltes der treue Hund; leise singend umflüsterte der Wind das einsame Zelt. Sowohl Hermann als Emma wachten – sie erinnerten sich beide deutlich des getöteten Polizeimeisters; sein Bild scheuchte den Schlummer von ihrem Lager. – – –

Nach dieser Rast begann die Gegend wilder und immer wilder zu werden; Gras und Bäume hörten auf; ein endloses Flachland, von Sümpfen durchzogen, dehnte sich vor den Blicken der Reisenden, mehr und mehr breite Ströme, darunter der reißende Tukulan, mußten überschritten werden, kälter und kälter fuhr über Wasser und Sumpf der Wind.

An den Ufern lagen große, den Weg versperrende Felsblöcke, Menschen und Tiere waren körperlich auf das äußerste ermattet, dafür aber erschienen als bester, ausgiebigster Trost in der Ferne am Gesichtskreise die Werchojanskischen Berge, hinter denen die Rettung winkte.

Pappeln in ungeheurer Anzahl bedeckten den Boden, daneben Zwergcedern, Birken und Tannen – hier begann wieder die Jagd auf Hasen und Heidehühner, es gab als Belohnung für die ungeheuren Anstrengungen der Reise täglich frisches Fleisch in Hülle und Fülle. Besonders Otto that sich als Schütze hervor, er brachte von jedem Ausfluge wenigstens drei oder vier Vögel für Emmas Küche mit nach Hause.

So kam langsam, tausend Hindernisse bekämpfend, der Wagen bis an den Fuß der Gebirgskette, und mit dem Überschreiten derselben begann die eigentliche, nur von Herrn Bochner vollkommen erkannte Gefahr.

Es stürmte; der Boden war gefroren; mühselig, Schritt um Schritt, kletterten die beiden Pferde bergauf, während die Männer abwechselnd vorangingen und Steine und Felsstücke aus dem Wege warfen. Ungeheure Blöcke von nacktem, schwarzem Schiefer mußten, weil sie unbeweglich waren, umfahren werden; das gab jedesmal eine unheimliche, nur mit Herzklopfen zurückgelegte Fahrt; denn die Steinmassen hingen ausgehöhlt, wie im Sturze begriffen, vornüber, sie schienen in jedem Augenblick auf die Köpfe der Reisenden herabfallen zu wollen. An anderen Stellen glitten die Räder haarscharf neben tiefen Abgründen dahin, oder der Berg wurde so steil, daß zwei der Männer die Pferde unter dem Aufgebote aller ihrer Kräfte an den Zügeln zogen, während die anderen den Wagen nachschoben.

Endlich war eine Art von rings umschlossener Plattform erreicht. Herr Bochner ließ hier den Wagen halten, damit sich Menschen und Tiere ein wenig erholen konnten; Emma bereitete eine Mahlzeit, die Pferde erhielten Futter, und die Männer kletterten auf eine naheliegende Anhöhe, um einigermaßen Umschau zu halten.

Hinter ihnen fielen polternd und dumpf aufschlagend die Steine, welche ihre Füße zerbröckelten, hinab in das tiefere Thal, ein eisiger Wind pfiff um ihre Köpfe, vor ihnen und neben dem Punkte, wo sie standen, gähnten überall schwarze, schaurige Abgründe. Hoch am Himmel zogen im eiligen Fluge die dichten, dunkeln Haufenwolken, während von fernher das Rauschen eines Gebirgsstromes herüberklang.

Wie eine Einöde, wie ein Thal des Todes lag das grauschwarze Gestein. Bis ins Unübersehbare erstreckte sich die Bergkette nach Norden, dem Pol zu – in das ewige Eis.

Als sei das Meer bei hohem Wellenschlag versteinert, so lagen die Hügel und Thäler in unheimlicher Ruhe – der Anblick wirkte beklemmend auf Herz und Sinn. Unwillkürlich drängte sich den Männern ein Vergleich auf – der zwischen dieser toten, riesenhaften Natur und dem unruhvollen Leben in ihrem eigenen heißen, wild durch die Adern getriebenen Blute.

Ob sie den Riesenkampf glücklich bestehen, glücklich zu Ende führen würden?

Über schroffe, schneebedeckte Gipfel ging der Weg, über Berge von eingeschichteten Eiskrystallen und durch dunkle, blitzgespaltene Furchen, vorüber an steilen, himmelhohen Wänden, an Schluchten, aus denen Wasserfälle brausend und zischend hervorstürzten.

Kein Baum stand in dem wüsten Gerölle, keine grüne Fläche erfrischte das Auge. Bleiern unter dem bleifarbenen Himmel lag die Umgebung.

Der Jakute näherte sich dem Tanzlehrer. »Herr«, flüsterte er, »sieh dorthin. Es kommt ein Reiterzug des Weges.«

Herr Bochner erschrak. »Wo?« fragte er unwillkürlich so laut, daß auch Hermann die Worte verstand.

Der Jakute streckte den Arm aus, dann sahen alle drei Männer einen Schwarm Kosaken, welcher, mit Mühe gegen den heftigen Wind kämpfend, die Bergkette überschritt. Der vorderste Mann hielt in seiner rechten Hand den Hut, während die linke ein Pferd führte; offenbar war es seine Absicht, gerade dahin zu gelangen, wo unsere Freunde standen.

»Herr des Himmels«, rief der Tanzlehrer, »das ist Jermak!«

Auch Hermann hatte ihn erkannt; eine Freude, die ihm fast den Atem raubte, eine innige, grenzenlose Freude verdrängte für den Augenblick jeden anderen Gedanken.

»Gott sei gepriesen!« rief er; »ich habe ihn nicht getötet!«

Herr Bochner sah in das von dunkler Glut überströmte Antlitz des jungen Mannes und schüttelte den Kopf. »Sie preisen Gott«, sagte er, »und eben jetzt naht der, welcher uns alle ins Verderben stürzen wird.« – – – –

Wir sind genötigt, für einige Augenblicke aus den Werchojanskischen Bergen zu jener Stelle zurückzukehren, wo Hermann schoß, als er die Gestalt des heimlich davonschleichenden Polizeimeisters so plötzlich vor sich auftauchen sah.

Die Kugel durchbohrte Jermaks Helm, ohne ihm selbst ein Leid zuzufügen. Gedankenschnell die Lage erfassend, warf sich der Polizeimeister zu Boden und blieb, die eigene Pistole schußbereit haltend, liegen, bis er sah, daß sich Hermann ohne weitere Untersuchung gegen den Wagen hin entfernte.

Was sollte er jetzt beginnen?

Den Vorsprung mußten die Flüchtigen erhalten, oder es war alles verloren; man würde nicht zögern, die zweite Kugel der ersten nachzuschicken.

Langsam kroch er durch die Cedern und sah, daß Hermann den Wagen bestieg. Ein Zungenschlag, dann begann die Fahrt.

Sobald von dem Fuhrwerke nichts mehr zu entdecken war, erhob sich der Beamte und wollte, so schnell es ging, zu seinem Pferde eilen, aber ein einziger Blick überzeugte ihn von der Bedeutung jenes Schusses, den er gehört und vor Aufregung inzwischen wieder vergessen hatte. Sein Pferd war tot, er befand sich in der öden Umgebung ohne Lebensmittel, ohne Schießbedarf oder Begleiter ganz allein.

Ein schrecklicher Gedanke.

Und doch mußte er nach Minure kommen, um von dort aus einen Boten nach Jakutsk zurückzuschicken. Ein Begleitbrief an den General sollte dann gleich die Entsendung einer Anzahl berittener Kosaken erbitten. Jermak fühlte es wie eine körperliche Notwendigkeit, die Flüchtlinge zu ergreifen – schon der Gedanke an ihr Entkommen machte ihn rasend.

Unbeugsam und thatkräftig wie er war, begann der eigensinnige Mann sogleich die Fußwanderung nach Minure. Hier bleiben konnte er nicht, den Flüchtigen allein folgen auch nicht, also blieb ihm nur übrig, sich Hilfe herbeizuholen.

Der Haß spornte seine Kräfte, er ging Stunden lang, ohne zur Erquickung das allermindeste zu besitzen, dann aber wurde ihm eine Überraschung zuteil, wie er sie selbst nicht angenehmer hätte herbeiwünschen können. Fünf Kosaken kamen des Weges.

Jermak rief sie zu sich, nannte ihnen seinen Namen und den Zweck der Reise, sowie die von den Flüchtigen eingeschlagene Richtung, darauf erbat er sich etwas Brot und Branntwein und erhielt auch das Pferd des einen Soldaten, der sich kräftig genug fühlte, einstweilen zu Fuß nebenher zu gehen.

Jermak frohlockte. Jetzt war er seiner Sache sicher – die Gefangenen konnten ihm nicht mehr entrinnen.

Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt; auch er sollte es erfahren.

Meine jungen Leser entsinnen sich des Erschreckens, mit dem Herr Bochner von der Plattform herab den Polizeimeister erkannte, mit dem er ausrief: »Jetzt naht der, welcher uns alle ins Verderben stürzen wird!«

Während die sechs Männer ihre Tiere am Zügel bergauf führten, sah er erst den Jakuten und dann seinen Freund an. »Was beginnen wir, mein guter Herr Brandt? Um des Himmels willen, was beginnen wir? Der Russe verfolgt uns!«

»Aber er hat uns noch nicht in seiner Gewalt, Herr Bochner!«

»Einerlei! Einerlei! Er wird uns bald genug einfangen.«

Hermann seufzte. »Ist dies der einzige Paß über die Werchojanskischen Berge, Herr Bochner?« fragte er plötzlich.

»Auf Meilen hinaus der einzige – ja.«

»Wenn es also ein Mittel gäbe, denselben abzusperren! Wir kämen vielleicht glücklich in die Tiefen des Burukanwaldes, ehe uns Jermaks Kosaken einholen können.«

Der Tanzlehrer sah immer hinab auf den Weg und die sechs gegen den Wind kämpfenden Männer; über seine Seele kam jener leidenschaftliche Zorn, der nur die Harmlosen, Gutmütigen in der Stunde höchster Gefahr zu packen pflegt, den die Heftigen, leicht Aufbrausenden überhaupt nicht kennen und der Dinge vollbringt, über welche nachher gerade seine Erwählten selbst am meisten erschrecken.

»So?« rief Herr Bochner; »so? Es sollte alles umsonst gewesen sein? Die Kosten, die Angst, die Gefahr, selbst die Hoffnung – alles umsonst, nur weil dieser Jermak wieder nach Rußland zurückkehren, weil er sich einschmeicheln möchte? – Oho, das wollen wir sehen, Herr Polizeimeister – andere Leute lieben das abscheuliche Sibirien ebensowenig wie Sie, andere Leute haben auch ihre Ehre und ihre Heimat, die sie zu retten wünschen!«

Er winkte dem Jakuten. »Komm einmal her, Tekel!«

Hermann sah ihn unruhig an. »Was wollen Sie thun, Herr Bochner?«

»Muß nicht jemand in diesem Kampfe fallen, Herr Brandt, die Russen oder wir?«

»Ich fürchte es – ja!«

»Gut, dann sollen jene sterben.«

»O lieber Himmel, und ich litt schon so furchtbar in dem Gedanken, einen Menschen getötet zu haben!«

Der Wiener zuckte die Achseln. »Denken Sie auch ein wenig an Ihre Geschwister, Herr Brandt, an das künftige Los des Fräuleins, wenn sie als Strafgefangene –«

Hermann unterbrach ihn. »Genug, genug, Herr Bochner, Sie haben recht, es muß sein. Was war also Ihr Plan?«

»Hören Sie mich an! – Nicht wahr, Tekel, etwas weiter abwärts macht der Weg eine Biegung, er ist an dieser Stelle schmal, ein vorspringender Fels verdeckt die ganze Fernsicht!«

»Ja, Herr!«

»Gut. Da ist es, wo wir uns in den Hinterhalt legen müssen. Sobald die Kosaken unter Jermaks Führung herankommen, schießen wir sie nieder.«

»Unser drei gegen sechs?«

»Einerlei, wir müssen es wagen!«

Sie erreichten die Stelle, ein vortreffliches Versteck, von wo aus die ahnungslos Herankommenden mit leichter Mühe erschossen werden konnten. Hermanns Herz schlug zum Zerspringen – jetzt, in der nächsten halben Stunde mußte sich sein eigenes Schicksal und das seiner Geschwister endgültig entscheiden, aber im erwünschten Sinne nur dann, wenn vorher sechs Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben waren.

Kein Laut bewegte die Luft, nur der Wind strich eiskalt über das Gebirge, und nur zuweilen wieherte ein Pferd – näher, immer näher, so oft der Schall erklang.

Alle Büchsen waren geladen, alle Herzen schlugen schneller. Jetzt, binnen wenigen Minuten mußte der Kampf beginnen.

Da durchdrang ein lauter Ruf die Stille. »Herr Jermak – sie sind hinter uns. So wahr ich lebe, sie sind hinter uns! Ich habe da eben einen Menschen gesehen.«

»Wo denn?«

»Da unten! Ich kann es beschwören!«

Der Polizeimeister stand in diesem Augenblick unmittelbar vor dem Versteck der drei Männer. »Es ist ja aber doch gar nicht möglich!« sagte er zögernd. »Der Weg verläuft sich ins tiefere Thal hinab.«

Unten zuckte eine kleine Flamme schnell verschwindend auf, ein Schuß krachte, und einer der Kosaken stürzte mit durchschossener Brust tot zu Boden. Ein Schrei des Zornes, der Empörung brach von den Lippen der übrigen. »Die elenden Sträflinge! Jetzt morden sie auch noch die gutgesinnten Unterthanen des Kaisers!«

»Ihnen nach!« rief Jermak. »Ihnen nach!«

Er brauchte es nicht zu befehlen, die Kosaken flogen den abschüssigen Weg hinab, so schnell ihre Füße sie trugen, und auch er selbst wollte im gleichen Augenblick folgen, als ihn ein Arm von hinten packte und ihn jählings zur Seite hinabstürzte in den gähnenden Spalt tief unter dem Wege.

Herr Bochner hatte die That so rasch, so urplötzlich vollführt, daß er fast selbst mit hinabgefallen wäre. Schwindelnd hielt er sich am Felsen.

Aus der Tiefe drang kein Laut, an der andern Seite dagegen knatterte das lebhafteste Gewehrfeuer. Offenbar waren die Kosaken mit irgend einem unbekannten Feind im Kampfe begriffen, sie entfernten sich immer weiter und weiter.

Ein Felsblock, vielleicht locker gelegen, erschüttert durch die Hufschläge der wild umhergaloppierenden Pferde – ein großer Felsblock löste sich und stürzte unter Donnergepolter hinab in den Schlund, je tiefer, desto schneller, zuletzt mit der Geschwindigkeit einer dahinschießenden Lokomotive, und indem er hie und da die am Abhange stehenden Birken mit sich riß.

Von den umliegenden Bergen erhob sich das Echo. Erst in weiter Ferne erstarb, wie grollender Donner allmählich verklingend, der Schall.

Hermann trat an den Rand der Schlucht. Da unten lag der Block, rechts und links von ihm weite Schneeflächen – von dem Polizeimeister war keine Spur zu entdecken.

Auch Herr Bochner horchte. »Ob er getroffen ist, Herr Brandt? – Wer sind die, welche da unten schießen?«

»Gleichviel«, drängte der Deutsche. »Wir müssen eilen, wir haben keine Minute zu verlieren.«

»Ja – ach ja!«

»Hermann! Hermann!« rief in diesem Augenblick Emmas Stimme. »Wo bist Du? – Komm doch zu uns!«

»Fräulein Brandt ist erschrocken«, sagte mit unsicherem Tone der Tanzlehrer, »sie glaubt uns in Gefahr. Wir wollen sie beruhigen! – Mein lieber Hermann, jetzt ist Ihr Unternehmen gelungen – sobald Sie die Berge überschritten haben, kann ich gehen, Sie brauchen mich nicht mehr.«

Er zitterte am ganzen Körper. »Jermak ist tot!« fügte er hinzu. »Ja, er ist tot – aber doch bin ich kein Mörder!«

Hermann bot ihm die Hand. »Mein lieber treuer Freund!« sagte er voll von einer tiefen Erschütterung, die sich nicht verbergen ließ.

Über die arme Seele des Tanzlehrers war der Rückschlag jählings hereingebrochen. »Weshalb sehen Sie mich so an?« stammelte er. »Ich bin ein ehrlicher Handelsmann und Tanzlehrer, ich habe einen Paß, der für das ganze russische Reich gilt, und viele vornehme Kunden! – Niemand wird auf mich einen Verdacht werfen!«

»Großer Gott«, seufzte Hermann, »ich dachte es mir wohl!«

»Was dachten Sie? Nichts, gar nichts, sage ich Ihnen. Aber doch, wenn man es recht überlegt – ja – ja, ich bleibe bei Ihnen, ich lasse meine Sammlungen im Stich, meinen Hausrat und Vorräte – ich bleibe bei Ihnen – Sie gehen nach der Schweiz, nicht wahr? Gut, die ist von Österreich gar nicht so weit entfernt – nehmen wir einmal den Weg nach Wien über Kamtschatka – die Sache ist beschlossen!«

Der arme, kleine Herr war vor lauter Aufregung aschgrau im Gesicht, er wischte sich fortwährend den Schweiß von der Stirn.

»Eilen wir doch, Herr Brandt, eilen wir doch! Ihr Fräulein Schwester stirbt fast vor Unruhe. Das Hinabsteigen wird leichter sein als das Emporklimmen.«

Hermann legte sich platt auf den Boden; er horchte. Kein Geräusch erklang, kein Schritt dröhnte auf dem felsigen Pfade. Jermak mußte erschlagen sein.

»Meiner Schwester wollen wir nichts mitteilen«, bat er. »Weshalb unnötige Aufregungen hervorrufen? Wir sagen, daß sich ein Felsblock löste und hinabrollte, ohne uns zu beschädigen.«

Herr Bochner nickte. Ohne weiter miteinander zu sprechen, unruhig und verstimmt, gelangten die beiden Männer an den Wagen; der Jakute ging gleichmütig nebenher; er kümmerte sich nie um Dinge, welche nicht ihn persönlich betrafen.

Siebentes Kapitel.

Leben im Freien.

Eine frühe Dämmerung sank herab und verbreitete ein fast nächtliches Dunkel zwischen den Felsen. Es war eine schlimme, von Gefahren umdrohte Reise, die Reise durch das eisige, zerklüftete Gebirge – man konnte es nicht wagen, sein Leben und seine gesunden Glieder dem Fuhrwerk anzuvertrauen; das junge Mädchen und der Knabe gingen zu Fuß, während sämtliche Männer die Pferde Schritt für Schritt durch den Paß leiteten und entweder nachschiebend oder hemmend den Wagen hüteten. Alle Laternen brannten, selbst Treu trug eine solche auf dem Nacken; er hielt sich dicht an Emmas Seite, als sei ihm doch die Sache höchst ungemütlich.

Herr Bochner hatte die Violine aus der Brusttasche genommen und sie in den Wagenkasten gesteckt – Spiel und Tanz waren ja vorüber.

Sonderbar – er sollte nicht mehr tanzen, keinen Birkenchampagner bereiten, keine Pelze einkaufen oder Seltenheiten sammeln. Das alles war mit einem Schlage zu Ende; das begangene Verbrechen hatte ihn gleichsam zu einem ganz anderen Menschen gemacht.

Freilich besaß er ein schönes Vermögen; es waren jährlich Tausende von Rubeln nach Wien gewandert, er konnte auch ohne Arbeit ruhig und behaglich leben, wenn nicht gerade die letzten Ereignisse seinem ganzen Dasein eine veränderte Richtung gegeben hätten. Seitdem der Felsblock zersplitternd in das Thal stürzte, glaubte der arme, gutmütige Herr Bochner nie mehr eine ruhige Stunde erleben zu können.

Hundertmal, tausendmal fragte er sich: »Bin ich wirklich ein Mörder?«

Und dann brach wieder der Schweiß aus allen Poren.

Zuweilen stand er still. Er wollte umkehren und sich überzeugen, ob der Polizeimeister erschlagen sei oder nicht – die Ungewißheit tötete ihn.

Aber dann kam ein anderer Gedanke: er würde den Flüchtigen schaden. Er würde es verschulden, daß sie ohne ihn in den Gebirgspässen elend umkämen.

Und bei dieser Vorstellung machte er Kehrt, lief sich außer Atem, bis er den kleinen Zug wieder erreicht hatte. Nein, nein, der Mord war einmal geschehen, in halbem Wahnsinn, wie er jetzt dachte; wenigstens sollten also die Verbannten daraus ihren Nutzen ziehen. Ganz umsonst durfte kein Menschenleben zerstört sein.

Hermann und Emma sahen ihn in solchen Fällen ängstlich an. »Was giebt es?« fragten beide. »Hörten Sie etwas, Herr Bochner?«

Er trocknete sich die Stirn. »Nichts, gar nichts meine Freunde! – Es war eine Stimme, die ich zu hören glaubte – eine Einbildung.«

Hermann erstickte einen Seufzer, und der schweigsame Zug bewegte sich weiter. Nach langen, mühevollen Stunden kam der Ausgang des endlos scheinenden Felsenpasses. Zwischen den Zweigen der Lärchen spielten gaukelnd weiße Mondstrahlen und schlanke, glatte Birkenstämme, die wie silberne Säulen am Wege standen. Wenigstens war jetzt der Blick frei; die düsteren, beengenden Mauern hatten aufgehört.

Der Wagen konnte wieder benutzt werden; unter einem hellen, sternenbesäeten Himmel fuhren die Flüchtlinge über ein freies Hügelland, während in weiterer Ferne das Gebirge rechts und links den Blick begrenzte.

Im Morgengrauen war die bewaldete Tiefebene hinter der Werchojanskischen Gebirgskette erreicht – der Burukanwald, wo sich die Flüchtigen mehrere Wochen lang verborgen halten wollten, bis Tekel mit einigen Renntieren aus Zaschinersk zurückgekehrt sein würde.

In der Tiefe der Ebene brauste ein bedeutender Strom; Gebirgszüge umfaßten von allen Seiten den Wald – hier war man vor aller Verfolgung gesichert, namentlich da auch ein größerer Reitertrupp schwerlich eindringen konnte.

Nur mit vieler Geduld und Mühe gelang es den vereinten Kräften, erst einmal die Kibitka in ein sicheres Versteck zu bringen. Alle Spuren des Einzuges wurden sorgfältig verwischt, einige Stunden Ruhe gehalten und dann der Marsch wieder angetreten, bis die innerste Mitte des Burukanwaldes erreicht war. Die Flüchtlinge nahmen auf den Schultern und den Rücken der Pferde alle ihre Habseligkeiten mit; denn den Wagen konnten sie nicht mehr von der Stelle bringen – er mußte stehen bleiben, bis die Weiterreise vor sich ging.

In der Mitte des Waldes floß ein schmaler Wasserarm jenes größeren Stromes; am Ufer befand sich eine kleine Lichtung hinter einem undurchdringlichen Tannendickicht; hier beschlossen unsere Freunde, ihr Heim aufzuschlagen.

Seit fast vierundzwanzig Stunden hatten sie weder gegessen noch geschlafen; das Gefühl einer verhältnismäßigen Sicherheit ließ sie jetzt daran denken.

Während die Männer das Zelt aufschlugen und diesmal seine Stangen tief in den Boden hinein rammten, während sie die äußere Umfassung durch große Steine und Baumstämme beschwerten, bereiteten Emma und Otto eine Mahlzeit.

Der Jakute schlug mit dem Beil eine Menge von dünnen, biegsamen Stäben ab; dann begann er das ganze Zelt von außen zu umflechten und stopfte welke Blätter in die Zwischenräume. Auf diese Weise entstand eine sichere, wärmende Wand, die vollkommen fähig war, den Einflüssen der rauhen Witterung Trotz zu bieten.

Herr Bochner ordnete drinnen seine Pelze, die besten für Emmas Lagerstätte auswählend. Wie sanft würde es sich nach so langer, mühevoller Reise in dieser Nacht schlafen! –

Das Zelt war sehr geräumig, sogar mit mehreren Fenstern aus aufgespannten Fischblasen nach Art der jakutischen Jurten versehen; wenn am Morgen die Pelze zusammengerollt wurden, so bot es Platz für ein gemütliches Beieinander und konnte auch, sobald erst Tisch und Stühle gezimmert waren, sehr wohl als Speiseraum dienen.

Mehrere Reisbesen befreiten Haus und Umgebung von Insekten, wie von dem spärlichen Pflanzenwuchs, die mitgebrachte Hängelampe wurde in Stand gesetzt und aus doppelten Fellen eine verschließbare Thür hergestellt.

Für die Pferde brauchte nicht gesorgt zu werden; denn Tekel sollte sie schon am nächsten Tage mitnehmen nach Zaschinersk.

Treu lag vor dem Eingang – Menschen und Tiere schliefen in dieser Nacht den Schlaf der äußersten Erschöpfung.

Früh am folgenden Morgen gab Hermann dem Jakuten seine Anweisungen. Es war doch besser, wenn Tekel einen großen Schlitten mitbrachte; dann wurde es überflüssig, erst den weiten Weg bis zu der versteckten Kibitka nochmals zurückzulegen; man konnte sich auch bequemer einrichten, da Herr Bochner die Reise mitmachen wollte, während früher für ihn kein Platz berechnet war. Das Geld zu diesen beträchtlichen Einkäufen erhielt der Eingeborene in Rubelscheinen ausgehändigt; Herr Bochner wußte, daß der arme, unwissende Mensch eher sein Leben lassen, als ihn betrügen werde, und so reiste denn Tekel ab, alle Hoffnungen der Flüchtlinge mit sich nehmend, begleitet von ihren Sorgen, ihren inbrünstigen Gebeten.

Der Erfolg oder Nichterfolg seiner Sendung mußte über das Geschick der vier im winterlichen Walde Zurückgebliebenen endgültig entscheiden.

Hermann gab dem Fortziehenden das Geleite längs des Flusses, der sich auf der Thalsohle zwischen Gestrüpp und Steinen ein krummes Bette ausgehöhlt hatte, und wie die verirrten Kinder des deutschen Märchens zeichnete er mit der Axt viele der Bäume, an denen er vorüberging, um dem Jakuten das Wiederauffinden des Versteckes tief im Walde zu erleichtern.

Vielleicht war ja zur Zeit der Rückkehr das Wasser noch nicht gefroren, Tekel mußte den Schlitten und die Renntiere draußen verbergen, selbst aber den Flüchtigen das Zeichen zum Aufbruch geben – daher diese Fürsorge.

Der Jakute nickte. »In vierzehn Tagen ist alles Wasser hier in diesem seichten Bette bis auf den Grund gefroren«, antwortete er. »Ich kann mit klingenden Schellen vor die Thür des Zeltes fahren.«

Hermann reichte ihm zum Abschied die Hand. »Wenn es Gottes Wille ist«, fügte er im Herzen hinzu.

Solange der Jakute sichtbar war, stand er und sah ihm nach, dann – mit einem Gefühl, als sei die Luft plötzlich kälter geworden – wandte er sich zum Heimwege. Treu lief wedelnd und lustig bellend voraus.

Plötzlich aber stand das Tier still und hob einen Fuß vom Boden, als wolle er horchen. Ein halblautes Winseln zeigte, daß es irgend etwas Befremdliches gehört oder gesehen haben müsse.

Hermann faßte die Kugelbüchse schußgerecht, er lauschte mit aussetzendem Herzschlag. Es regte sich in seiner Nähe kein lebendes Wesen.

Der Hund war verschwunden, Hermann hörte aus einiger Entfernung ein lebhaftes Gebell zwischen den dichtstehenden Stämmen, dann kam das Tier plötzlich hervorgesprungen, sah ihn an, wedelte, lief voraus und zurück, als wolle es ihn bitten: geh doch mit mir! Zuletzt schoß es wieder in das Dickicht hinein, dabei immerfort bellend.

Hermann hing das Gewehr um, nahm die Axt in die rechte Hand und begann kriechend dem Hunde zu folgen. Das Gewirre von buschartiger Heide mit schwarzen, saueren Beeren war oft kaum zu durchdringen; später folgte, die Nähe eines Tümpels verratend, Stechginster mit dünnen, biegsamen Stäben, ebenso Stachelbeeren, deren halbreife Früchte, vom Nachtfrost überrascht, gelb und verdorrt an den blätterlosen Stengeln hingen.

Nach etwa fünf Minuten, während welcher sich Hermann das Gesicht und die Hände an den Dornen zerrissen hatte, nach langen, mühevollen fünf Minuten traf er den winselnden Hund, wie er vor einem schlammigen Gewässer stand und immer hin- und herstürzte, ohne sich hinzuwagen. Das Tier schien ängstlich zu sein.

»Da steckt ein Bär!« dachte Hermann. »Treu möchte ihn angreifen und wagt es doch auch wieder nicht – vielleicht erwische ich einen guten Braten.«

Er nahm die Büchse zur Hand und schlich unter dem Schutze der Ufergewächse näher an den Teich heran. Es war ihm, als höre er das Ächzen einer menschlichen Stimme, einen halberstickten Schrei. Erschrocken stand er still, um zu horchen.

Da klang der frühere Ton nochmals herüber. »Jesus, Jesus«, sagte die Stimme, »ich muß hier elend umkommen!«

Mit einem einzigen Satz sprang Hermann vor. »Herr Bochner«, rief er, »wo sind Sie?«

»Ach! – Ach! – Kommen Sie schnell, mein Freund!«

Bis zum Gürtel im zähen Schlamme steckend, zappelte der Tanzlehrer wie der Fisch an der Angel. Seine beiden Hände hielten krampfhaft eine Baumwurzel umklammert, der Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht, er schien nichts mehr zu hören oder zu sehen, sondern ächzte nur immer im halben Murmeln vor sich hin.

»Herr Bochner«, rief Hermann, »Herr Bochner, ich bin hier!«

Der laute Zuruf ermutigte den Versinkenden. »Hermann«, stammelte er, »o – helfen Sie mir!«

Das war nun freilich schneller ausgesprochen als bewerkstelligt, aber die frischen Kräfte des jungen Deutschen behielten dennoch den Sieg. Schwebend, mit einer Fußspitze auf dem Uferrand, gehalten von seinem linken, einen Baumstamm umklammernden Arme, brachte er es fertig, mit dem rechten den unglücklichen Wiener aus dem Schlamm hervorzuziehen und auf das Trockene zu bringen.

»So«, rief er, »das wäre geschehen! Jetzt nehmen Sie einen Schluck Branntwein, Herr Bochner – dann wollen wir uns rasch nach Hause begeben, damit Sie sich umkleiden können. Fühlen Sie Schmerzen, mein armer Freund?«

Der Tanzlehrer trank, und dazwischen stieß er abgebrochene Laute hervor. »Ich wollte Ihrer Fräulein Schwester ein paar Schlehen für die Küche besorgen – zum Kompott – die Dinger können ja den Frost gut vertragen, und dabei – bin ich hineingerutscht!«

Dann fügte er im kläglichsten Tone hinzu: »Meine Schuhe, meine Schuhe – lieber Himmel, sie sind stecken geblieben!«

Hermann lachte. »Besser die Schuhe als Sie selbst, Herr Bochner! Trösten Sie sich, die Sache ist nicht so schlimm!«

»Nicht? Nicht? Aber ich muß jetzt in Strümpfen gehen!«

»Das sollen Sie keinesweges, oder doch nur für den Augenblick – ich werde schon Rat schaffen. Aber jetzt«, fügte er hinzu, »machen Sie, daß Sie nach Hause kommen, oder Sie werden krank.«

Der Wiener sandte einen kläglichen Blick an seiner schlammüberzogenen Person herab. »So vor Fräulein Emmas Blicken zu erscheinen«, murmelte er. »Ach mein Gott, es ist zum Totärgern!«

Dabei sprang er fast wie ein Hase, immer nur mit den Zehenspitzen den eiskalten Boden berührend. Hermann lachte ihm nach – der alte Herr sah zu komisch aus.

Dann suchte er eine recht schlank aufgeschossene Birke und schnitt zwei große, halbrund nach dem Stamm gebogene Stücke ihrer Rinde heraus, um diesen Stoff als Leder zu benutzen und daraus solche Schuhe zu verfertigen, wie sie von den sibirischen Bauern viel getragen werden und »Laptis« heißen.

Als er den Stoff gefunden hatte, begab er sich nach Hause und sah hier den Wiener schon beschäftigt, im Flusse seine geschwärzten Kleidungsstücke zu säubern. Emma hatte Thee und gebratenes Geflügel bereits fertig. Otto trug Rasenstücke herbei die er mit Hilfe mehrerer Felle zu ganz erträglichen Sesseln formte, und baute dann aus den übereinander gepackten Vorratskisten einen Tisch, kurz, die kleine Niederlassung, behaglich erwärmt durch ein großes Feuer, sah sehr anheimelnd und gemütlich aus – man verbrachte einen Tag, wie ihn die letzte Vergangenheit nicht mehr aufzuweisen hatte.

Achtes Kapitel.

Im Walde.

Alles arbeitete. Hermann verfertigte die Schuhe für den Tanzlehrer, und Emma fütterte sie weich und warm mit Pelzstückchen aus, Otto drehte Schlingen und versah sie mit einigen Brocken Zwieback, um darin Vögel für die Küche zu fangen.

Außerdem wurden allerlei Pläne besprochen. Hermann hatte in der Nähe des Sumpfes, worin Herrn Bochners Schuhe stecken blieben, die Spuren wilder Ziegen entdeckt; diese beschloß er zu fangen, ohne jedoch dabei den kostbaren, unersetzlichen Schießvorrat zu verschwenden. Womöglich sollte auch ein Muttertier in die Falle gehen, um den kleinen Hausstand mit Milch für Thee und Kaffee zu versorgen.

Nach vielen Bemühungen gelang es mit Hilfe einiger biegsamer Gerten und einer Schlinge, die sorgfältig zubereitete Fußangel im tiefen Röhricht zu verstecken, so daß die Ziegen, wenn sie den Futterplatz aufsuchten, notwendig hineintreten und sich selbst der Gefangenschaft überliefern mußten. Am Abend wurde die Falle gelegt, und am anderen Morgen wollten unsere Freunde nachsehen; Otto konnte während der ganzen Nacht vor Erwartung nicht mehr schlafen, – wohl zehnmal fragte er halblaut: »Hermann, ob wir eine haben? – Ob es eine Mutterziege ist? Dann mußt Du auch die Jungen einfangen.«

Bei Tagesanbruch weckte ein klägliches Meckern die Schläfer; wie elektrisiert sprang der Knabe von seinem Lager auf und wäre am liebsten so, wie er ging und stand, hinausgestürmt, um sich den Fang zu besehen; sein Bruder Hermann mußte ihn zwingen, erst in den Pelz und die Stiefel zu schlüpfen; dann eilten beide hinaus zum Sumpfe.

Eine schöne, schwarzbraune Ziege zappelte in der Schlinge und gebärdete sich wie toll, als die beiden Brüder nahten. Es kostete viele Mühe, bevor Hermann dem geängstigten Tiere die Schlinge über die Hörner werfen konnte; dann folgten die Vorderfüße, und nun wurde es halb gehend, halb getragen, nach Hause geschafft, während zwei Zicklein, noch zu jung, um die List der Menschen zu durchschauen, ihrer gefangenen Mutter freiwillig folgten. Sie wurden sogleich geschlachtet und frisch in die Pfanne gethan, der Alten dagegen zwischen einigen dicken Stämmen eine Art von Stall gebaut, den sie wenigstens nicht mehr verlassen konnte, obgleich andererseits ihre Wildheit auch nicht nachließ. Hermann mußte den Kopf und Otto die Füße halten, so oft Herr Bochner die kostbare Milch in das Blechgefäß melkte.

Herr Bochner fand schwarze Schlehen an weniger gefahrvollen Stellen, und Emma bereitete daraus mit Zucker ein angenehm schmeckendes Kompott, Otto fing täglich eine Menge eßbarer Vögel, und Hermann brachte nacheinander noch zwei Ziegen nach Hause, so daß Milch, Butter und Fleisch im Überflusse vorhanden waren; aber dennoch nahm die Jagd in immer größerer Ausdehnung ihren ungestörten Fortgang. Kühn gemacht durch die bisherigen Erfolge, wollten unsere Freunde jetzt auch Bärenfleisch essen, und zu diesem Zweck baute Hermann eine neue, für die herkulischen Kräfte des braunen Pelzträgers berechnete mächtige Falle, die er im Inneren des Waldes aufstellte.

Übereinander, breit und flach ausgespannt, wurden zwei starke Bärenfelle, mit den größten Steinen beschwert, so aufgehängt, daß bei einigem Zerren an dem untersten gleich alle beide zu Boden fallen und dem, der etwa darunter stand, den Kopf zerschmettern mußten. So betreiben – allerdings mit einer schweren, hölzernen Fallthür – die Kamtschadalen den Bärenfang; das wußte Hermann und wollte sich diese Kenntnis zu nutze machen. Während nun die beiden Felle, einem wandlosen Zelte nicht unähnlich, an schwachen Seilen in der Luft hingen, trugen lose untergeschobene Stützen die Last ihres schweren Gewichtes und hielten zugleich in der Mitte zwischen sich ein Stück frisches Fleisch, das als Lockspeise für die Familie Petz diente.

Wollte der Bär hinzugelangen, so mußte er sich unter die Stämme drängen, riß alles auseinander und wurde von den Steinen erschlagen.

Das Aufstellen der Falle kostete große Mühe, endlich aber war es doch vollbracht, und während zweier Nächte fingen die kühnen Jäger ein paar gewaltige Pelzträger, so daß sie nun mehr Fleisch besaßen, als sich bis zu Tekels Zurückkunft möglicherweise verzehren ließ. Die Felle bearbeitete Herr Bochner, nachdem sie gründlich gereinigt worden waren, mit Salzeinreibungen, dann spannte er sie aus und erklärte, daß es Prachtstücke werden würden. »Wenn erst die Polarnacht kommt«, meinte er, »sollen sie uns gute Dienste leisten.«

Emma schauderte. Die Polarnacht – welch ein schrecklicher Gedanke!

Aber sie sagte nichts, sondern briet Bärensteaks, und alle fanden die neue Speise außerordentlich wohlschmeckend.

Hermann schoß außerdem einen Schafbock, und Otto fing Vögel und Fische; es gab auch verschiedene, in der öden Gegend einheimische Wurzeln, die Herr Bochner kannte und zu finden wußte. Emma bereitete aus ihnen, indem sie dieselben zerrieb und zerstampfte, ein Gemüse, oder kochte sie als Suppe mit irgend einem Stück Fleisch; das alles wurde nicht nach den Regeln der Kunst angerichtet, es hatte diese oder jene kleine Eigentümlichkeit, aber es schmeckte doch prächtig, und das ist ja bei jeder Mahlzeit die Hauptsache.

In ihrer freien Zeit saß Emma am Feuer und nähte fleißig aus Zobel- und Marderfellen für die ganze kleine Reisegesellschaft Winterkleider; das Leben unter dem umflochtenen, von den sibirischen Stürmen umwogten Zelte hätte ein ganz angenehmes, befriedigendes sein können, wenn nicht die Furcht vor Entdeckung zum Schreckgespenst geworden wäre. Jeder Laut ließ die Flüchtlinge zittern, jeder neue Gedankengang führte ihnen außerdem das Bild des ermordeten Polizeimeisters immer wieder vor die Augen.

Als der erste Bär zerschmettert unter der Steinmasse lag, da wandte Herr Bochner voll Grauen den Blick. So hatte er selbst ja wahrscheinlich den unglücklichen Beamten getroffen, ganz so – es wurde ihm heiß ums Herz, als er die formlose Masse sah.

»Gott möge mir vergeben!« dachte er. »Ich glaube, ich war damals wahnsinnig.«

Er ging nicht mehr mit zur Bärenjagd, sondern verfertigte unterdessen aus dem Zweige einer Weide eine Flöte, die er dem Knaben schenkte und worauf er ihn einige leichtere Weisen zu spielen lehrte. Abends gaben dann der Meister und sein Schüler häufig Konzerte, bei denen Hermann und Otto sangen, während der Tanzlehrer die Violine handhabte.

Nur eins fehlte den beiden Männern, je länger, desto schmerzlicher – das war der Tabak. Herrn Bochners Nase hing ganz trübselig herab, sie schien förmlich einzuschrumpfen, zu trauern, weil ihr das gewohnte braune Pulver entzogen war. Wohl zehnmal an jedem Tage zog der Wiener die silberne Dose hervor, öffnete sie und steckte sie dann seufzend wieder in die Tasche, aber nicht ohne unter seiner Nase hinzufahren, ganz als habe er die gewohnte, geliebte Prise wirklich erhalten. Hermann lachte ihn zuerst aus, dann aber dachte er, selbst ein leidenschaftlicher Raucher, über die Angelegenheit länger nach und kam zu dem Schluß, daß sich jedenfalls ein Ersatzmittel für den eigentlichen Tabak auffinden lassen müsse.

Nachdem er es mit diesem und jenem Kraute versucht hatte, entdeckte er zuletzt den wilden Thymian, und nun war ihm und seinem Leidensgenossen geholfen; die Umgebung der Hütte sah während mehrerer Tage aus wie die Werkstatt eines Tabakfabrikanten. Emma und Otto lasen die Blätter aus und wuschen sie, Hermann trocknete das Beste davon auf heißen Steinen, und Herr Bochner zerrieb die leichte Ware zu Pulver, indem er erst seine Nase, dann die Dose und schließlich einen großen, leinenen Beutel füllte.

»Endlich! Endlich! – Hepsi! Zihhh! – Hepsi!«

»Harusch!« klang es von Hermanns Platz her.

»Ihr werdet uns noch – Kisch! Kisch! – noch die Verfolger herbeirufen! – Kisch! – Kisch!«

»Harusch!« –

»Das ist gesund«, nickte mit wahrhaft seligem Lächeln der Wiener. »Hepsi! – O ich bin so glücklich! – Hepsi!« – –

»Ihre Nase ist eine Mitrailleuse geworden, Herr Bochner!« rief Otto.

»Sie wütet und donnert förmlich! – Harusch! Harusch!«

»Ganz wie die Ihrige, mein werter Freund. Ah – das thut die Freude!«

Sie lachten sämtlich; in dieser Stunde wurde gescherzt und sogar getanzt, wobei Hermann schreckliche Ungeheuer von Thymiancigarren rauchte, die wie kleine Besenstiele aussahen und jeden Augenblick auseinanderplatzten.

So verging die erste Woche. Nun noch weitere acht Tage, dann mußte der Jakute mit dem Renntiergespann erscheinen. Das Eis des Flusses begann schon sich tiefer und tiefer zu senken, es wurde sehr kalt, und nicht selten umheulten nächtlicher Weile die Wölfe das Haus. Ein paar Schüsse, auf das Geratewohl abgefeuert, verscheuchten zwar die nimmersatten Bestien, aber in der folgenden Nacht kehrten sie wieder und raubten sogar einen großen Teil des vorrätigen Fleisches. Je näher gegen das Ende der Wartezeit hin, desto ungeduldiger wurden, wie das meistens zu geschehen pflegt, die Flüchtlinge.

Mehreremal täglich stiegen sie auf die höchsten Bäume der Umgebung und hielten Rundschau. Nichts war zu entdecken als das ungeheure Meer grüner Tannennadeln oder steifer, lederartiger Blätter, außerdem in der Ferne die Gipfel des Werchojanskischen Gebirges, über dessen Kuppen große Raubvögel gegen den Sturm kämpften und endlich im grauen Himmel wie hinter einer undurchdringlichen Decke verschwanden.

Eines Morgens fiel der erste, mit lebhafter Freude begrüßte Schnee. Allmählich erhielten die Bäume und das Zelt, der Erdboden und der gefrorene Fluß eine Decke von weißem Puder; man konnte auch in der Pelzkleidung draußen nicht mehr sitzen, und so wurde denn die große kupferne, zu diesem Zweck mitgebrachte Lampe im Zelt angezündet, zugleich Licht und einen angenehmen Wärmegrad verbreitend.

Unsere Freunde, alle vermummt wie die Eskimos, saßen um den Tisch, und jedes beschäftigte sich in seiner gewohnten Weise. Hermann drehte Cigarren, Herr Bochner machte eine neue Vogelfalle und Otto eine Angel, während Emma das Abendbrot bereitete. Sie erzählte dabei von den Qualen, welche der verstorbene Vater, Otto und sie selbst auf der Reise von Rußland nach Sibirien zu erdulden gehabt hatten. »Es war damals ein besonders strenger Winter, furchtbare Orkane durchpeitschten die Luft, daß es schien, als müsse in jedem Augenblick die Kibitka umgestürzt werden, Herden von Wölfen trabten mit lechzenden Zungen hinter dem Wagen her und zerrissen binnen Sekunden die Pferde, welche zuweilen vor Ermattung hinfielen.«

Hermann hatte den Kopf in die Hand gestützt und die Faust geballt. »Armer, unglücklicher Vater! Er war buchstäblich in den Tod gehetzt worden.«

Sie saßen stumm, nur mit ihren Gedanken beschäftigt, es war später Abend und alles rings umher von undurchdringlicher Finsternis bedeckt; da glaubte plötzlich Herr Bochner ein sonderbares Knistern und Krachen zu hören; er hob die Hand und horchte.

Hermann griff nach dem Gewehr. »Es werden wieder die Wölfe sein«, sagte er.

»Das glaube ich nicht, diese Bestien –«

Ein Brüllen und Kreischen, ein angstvolles Geschrei verschiedener Tierstimmen unterbrach seine Rede. Größere Geschöpfe drängten sich durch die Büsche, hastend, flüchtend, ein allgemeines Entsetzen schien die Bewohner des Waldes gepackt zu haben.

Mit einem Sprung stand Hermann draußen. »Allmächtiger Gott!« hörten ihn die übrigen ausrufen. »Das ist Feuer! – Der Wald brennt!«

»Jesus, Jesus, erbarme dich unser!«

»O vielleicht ist es ja nur ein Nordlicht!«

»Nein, nein, der Rauch überflutet schon alles!«

»Wir müssen flüchten!« rief Hermann. »O das ist ein furchtbarer Schlag – unser ganzes Besitztum geht verloren!«

Herr Bochner trieb zur Eile. »Nur schnell, Kinder, nur schnell, sonst ist es auch um unser Leben geschehen. Gott sei gepriesen, daß wir nicht schon schliefen!«

Emma faltete die Hände. »Wenn wirklich der Wald brennt, so giebt es keine Hoffnung mehr«, sagte sie weinend. »Wir müssen sterben!«

»Aber vorher wollen wir alles aufbieten, um diesem schrecklichen Schicksal womöglich zu entgehen! Komm, komm, es muß sein!«

»Da sind die Flammen!« rief Otto.

»Aber das Holz ist grün, und der schmelzende Schnee löscht von allen Seiten. Das Feuer kann nur langsam vordringen!«

»Dann retten wir auch vielleicht von unseren Sachen noch einiges!«

»Und die arme, angebundene Ziege!«

»Ach Gott, ja, die Ziege!«

Otto stürzte hinaus. Mit einem schnellen Schnitt setzte er das geängstigte Tier in Freiheit – es floh davon, ohne eine Sekunde zu zögern.

Und nun rafften die Flüchtlinge zusammen, was sich in der Eile erfassen ließ, Decken, Kleidungsstücke, Vorräte, dann eilten sie, verfolgt von Rauch und Flammen, hinaus in die unwirtliche, eiskalte Nacht, so schnell ihre Füße sie trugen.

Auch der Schießvorrat und die Waffen wurden gerettet, selbst Treu hatte zwischen den Zähnen ein Bündel. Es war die höchste Zeit, schon verhinderte der beißende Rauch des grünen Holzes in empfindlicher Weise das Atmen.

Wie die Lärchen und Tannen aufloderten, knisternden, ungeheuren Fackeln gleich, wie der Harzgeruch weithin die Luft erfüllte! Jetzt glich schon der Wald einem einzigen, riesigen, von roter Lohe überfluteten Scheiterhaufen.

Zuweilen stürzten mehrere der großen Stämme gegeneinander und vereinigten ihre Flammengarben. Millionen von Funken wirbelten in die heiße Luft empor, der junge Nachwuchs unter den Bäumen fing Feuer – auf viele Schritte hinaus tropfte der Schnee geschmolzen von den Zweigen herab auf die Erde.

Der Sturm fuhr mit lautem Orgelklang, mit Brausen und Donnern hinein in das Leben des roten Elements. Wolken von Asche und Funken, von brennenden Nadeln und ganzen Ästen wurden weithin durch die Luft davongetragen und verbreiteten so das Feuer über bisher verschonte Gebiete: es ließ sich annehmen, daß ganze Meilen Waldes lichterloh brannten.

Immer unerträglicher wurde die Hitze. In der Nachbarschaft des Nordpols gelegen, schien der Burukanwald in die tropische Zone versetzt – Lungen und Gehirn sträubten sich gleicherweise gegen die von Glut und Staub erfüllte, tödliche Luft. Überall fielen auf ihrer wilden Flucht die armen Vögel in das Flammengrab, überall hörte man Schreie der Angst und Todesnot, während rings herum die Erde erdröhnte von den Tritten aller fliehenden, im Hasten und Jagen einander überstürzenden Geschöpfe. Wölfe, Füchse, Argalis, Hasen und braune Bären rannten einträchtig, ohne ihrer sonstigen Feindschaft zu gedenken, dahin über den dampfenden Boden, Heidehühner in Unzahl schossen neben ihnen vorwärts.

»Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet.«

Von dem Hunde geführt, eins hinter dem anderen, liefen die Flüchtlinge, so schnell es ihnen möglich war und zwar quer nach rechts, vor der brennenden Linie her, in der Hoffnung, dieselbe hinter sich zu lassen. Wären sie mit dem Zuge des Windes gegangen, so hätten sie bis an das Ende des Waldes fast vier Meilen ohne Rast oder Ruhe marschieren müssen – das konnte man aber den Kräften des jungen Mädchens und des Knaben auf keinen Fall zumuten. Überhaupt hieß es fast ein Wunder erwarten, wenn man annehmen wollte, daß die Rettung vollständig gelingen werde.

Die Gepäckstücke begannen empfindlich zu drücken, das schnelle Vordringen auf jede Weise zu verhindern. O, was waren alle bereits ausgestandenen Leiden, was war alle Not und Angst vergangener Tage gegen die Empfindungen dieser Nacht? Lebendig verbrannt – kann es auch Schrecklicheres geben?

Hermann beobachtete die Feuergrenze, vor welcher die Seinigen und er selbst dahinliefen. Früher glatt wie abgeschnitten, schien sie jetzt die äußerste Spitze mit jeder Minute weiter vorzuschieben, schien sie einen Halbkreis zu bilden, der sich möglicherweise mit dem der linken Seite verband und so zum Ring wurde, aus dem es keinen Fluchtweg mehr gab. Wie ein kalter Strom rann die Entdeckung durch Hermanns Adern, aber dennoch beherrschte er sich vollständig. Weshalb auch die armen Kinder und den harmlosen Herrn Bochner erschrecken? – Sie mußten ohnehin das Unglück früh genug erfahren.

Emma taumelte; das, was sie trug, glitt aus ihren zitternden Händen auf den Boden. »Hermann«, flüsterte sie, »ich kann nicht mehr gehen.«

»Fühlst Du Schmerzen?« fragte unruhig ihr Bruder.

»Überall – ich weiß nicht, was es ist – aber meine Füße versagen den Dienst – ich kann nicht weiterkommen!«

Hermann warf von sich, was er aus der Hütte mitgenommen hatte. »Ich werde Dich tragen, armes Kind«, sagte er kurz entschlossen.

Sie schüttelte den Kopf. »Du kannst es nicht, Hermann! Wir sterben beide, und Otto hat keinen Beschützer mehr! – Das darf nicht sein, Du mußt Dich für ihn erhalten. Geh, geh – und Gott behüte Euch!«

»Hermann«, rief schluchzend der Knabe, »Hermann, das wirst Du nicht thun? Die arme Emma sollte verbrennen?«

Ein trübes Lächeln erschien in den Zügen des älteren Bruders. »Gewiß nicht, mein Junge«, versetzte er. »Ich müßte mich ja selbst verachten.«

Und ohne weiteres das halbohnmächtige Mädchen ergreifend, hob er die leichte Last auf seine Schulter, legte ihre Arme um seinen Hals und eilte vorwärts.

Heldenmütig nahm der Knabe die Gepäckstücke, welche bisher sein Bruder trug, und fügte sie den eigenen hinzu – Herr Bochner faßte Emmas Sachen, und fort ging es aufs neue, der rettenden Felsgrenze zu.

Emma erholte sich von Augenblick zu Augenblick, jetzt sah auch sie das Vordringen des Feuers und erschrak heftig. »Verlasse mich Hermann, verlasse mich, oder wir sterben alle.«

Er nickte kurz. »Sei es denn – alle! Aber nimmermehr Du allein.«

»Nimmermehr!« rief auch der Tanzlehrer »Hermann, soll ich Ihnen helfen?«

»Nein, nein, noch lange nicht. Wer Wochen lang unbeschadet in den Minen von Ukbul arbeiten konnte, der hat zuverlässige Kräfte.«

»Sieh die Flammen!« schluchzte Emma. »O Gott, sie kommen näher!«

Der Rauch schlug in Wogen über die unglücklichen Menschen herein, er erstickte sie fast. Je schneller sich das Flammenmeer heran wälzte, desto hurtiger liefen die beiden Männer und der Knabe. Inmitten der größten, furchtbarsten Gefahr schienen ihre Kräfte zu wachsen.

Emma schloß die Augen. Weshalb das Näherrücken des Feuers von einer Sekunde zur andern beobachten? Sie gab längst alles verloren.

Weiter, rastlos weiter durch Dampf und Rauch, Glut und Funken! Herr Bochner hielt einen Arm des taumelnden Knaben, er selbst sah aus wie ein Gestorbener. »Ob wir noch weit haben bis zum Gebirge, Hermann?«

Statt aller Antwort hob dieser plötzlich den Kopf. »Was rauscht da, mein guter Herr Bochner? O Gott, wenn es eine Biegung des Stroms wäre?«

Der Tanzlehrer spitzte die Ohren. »Wasser«, rief er, »Wasser! – Ich höre es deutlich – wir sind gerettet!«

»Emma«, sagte erschrocken der junge Mann, »Emma, hörst Du nicht?«

Aber sie war ohnmächtig. Das einst so kräftige, blühende Mädchen hatte zu Schreckliches ertragen müssen, jetzt brach sie zusammen.

»Mein Gott, Herr Bochner«, rief Hermann, »wenn sie gestorben wäre!«

»Nicht doch, nicht doch, Freund – spannen Sie jetzt nur alle Ihre Kräfte nochmals an, die Rettung naht – ich höre den Strom rauschen.«

Als er das sagte, rollten Feuerbrände quer über den Weg. Hermann mußte springen, das flatternde, unter dem Pelz hervorsehende Kleid seiner Schwester fing mehrfach Feuer und wurde von dem Knaben oder dem Tanzlehrer immer ebenso schnell gelöscht; dann endlich kam der Strom in Sicht.

»Gerettet!« rief Herr Bochner. »Gerettet!«

Hermann ging, ohne sich zu besinnen, in das Wasser hinein – es war warm wie die Suppe, wenn sie auf den Tisch kommt. Er wollte so lange waten, bis ihm der Grund unter den Füßen fehlen würde, und dann weiter schwimmen, zu seiner großen Freude aber fand er die Stelle sehr flach, so daß es ihm möglich wurde, vorsichtig Schritt um Schritt das andere Ufer zu erreichen. Taumelnd, jetzt erst vom Schwindel erfaßt, legte er das junge Mädchen auf den Boden und fiel dann selbst wie gelähmt hin.

Ihm folgten im gleichen Augenblick die beiden anderen.

»Gerettet! Gerettet!«

Es war ein Jubelschrei, dies eine Wort, ein Dankgebet, es enthielt alles, was das Menschenherz empfindet, wenn ein schweres Verhängnis durch Gottes Gnade noch in der zwölften Stunde an ihm vorüberging.

Jetzt ruhten die gequälten Menschen aus, jetzt konnten sie in sicherer Entfernung dem Toben des Waldbrandes zusehen, wie einem Kunstfeuerwerk. Etwas Schnee, auf Emmas Stirn gelegt, brachte auch das ohnmächtige Mädchen bald wieder zu sich; sie klammerte im ersten Augenblicke die Hände voll Schreck und Verwirrung um den Arm ihres Bruders. Dann löste ein Strom von Thränen die übergroße Spannung aller Nerven. »Hermann«, schluchzte sie, »Hermann, wie soll ich Dir jemals vergelten?«

»Thorheit«, lächelte er, während seine Stimme bebte, »Thorheit – welcher Mann, wenn er nicht ein Feigling wäre, würde wohl anders gehandelt haben?«

Neuntes Kapitel.

Die Golddiebe.

Und Jermak?

Während unsere Freunde so schleunig, als es anging, dem Burukanwalde zustrebten und denselben, wie wir gesehen haben, auch glücklich erreichten, während unten im Thale das Kleingewehrfeuer an Heftigkeit zunahm, lag der Polizeimeister besinnungslos auf dem Schnee zwischen den Felsen. Ihm zur Linken war der Block herabgestürzt, ohne ihn auch nur zu berühren – verwundet und betäubt von dem jähen Sturze lag er im Schnee, bis ihn die Kälte weckte und allmählich zur Besinnung brachte.

Alles still um ihn herum. Wo steckten seine Gefährten?

Er horchte und spähte – kein Laut traf sein Ohr.

Dann sammelte der unbeugsame Mann, was er an Kräften noch besaß, und arbeitete sich aus der Felsenwildnis heraus bis zu jener Stelle, von wo er vorhin so plötzlich in die Tiefe stürzte. Ein Mann hatte ihn hinabgeworfen, der Tanzlehrer, jetzt entsann er sich des schrecklichen Augenblickes – die Angreifer da unten im Thale mußten also doch andere gewesen sein, Gott mochte wissen, welche, aber keinesfalls die verfolgten Flüchtlinge.

Diese steckten im Burukanwalde. Je länger er überlegte, desto sicherer und unumstößlicher erschien es ihm. Ein böses Lächeln umspielte seine Lippen; – sie sollten ihn kennen lernen.

Zunächst ging er in das Thal hinab, um die Kosaken zu suchen. Den ersten derselben sah er mit durchschossener Brust schon nach wenigen Schritten im Felspasse liegen, dann weiter unten die übrigen, alle tot, beraubt, schrecklich verstümmelt; neben ihnen die erschossenen Pferde. Es mußte eine Schlacht geliefert sein, aber mit wem, das blieb vorläufig ein Rätsel, obwohl eine schlimme Ahnung die Seele des alten Mannes umfaßt hielt – er dachte an die Golddiebe, die Bande, zu der auch sein Sohn gehörte.

Schaudernd wandte er sich ab.

Aber im Augenblick gab es für ihn keine Zeit, um an Privatangelegenheiten zu denken – er mußte vor allen Dingen den Burukanwald erreichen. Ein tiefer Seufzer hob seine Brust.

Was sollte er beginnen, um die Flüchtlinge aufzuspüren? Und welche Aussicht auf Sieg gab es für den einzelnen, alten, noch dazu verwundeten Mann, einer Gruppe Verzweifelter, zum Ärgsten Entschlossener gegenüber?

Seine Gedanken wanderten. Wenn das Rotwild im Dickicht lagert und sich nicht heraustreiben lassen will, dann hilft zuweilen ein sehr einfaches, obwohl grausames Mittel. Man setzt den ganzen Forst in Brand.

Weshalb nicht hier das Gleiche thun?

Vier Menschen konnten dabei eines entsetzlichen Todes sterben, aber – sie waren Verbrecher, Hochverräter in den Augen des Polizeimeisters, sie hatten eine scharfe Züchtigung verdient. Überdies retteten sie sich doch vielleicht noch, kamen heraus und konnten in aller Form verhaftet werden.

Einmal bis zu diesem Gedanken vorgedrungen, hatte Jermak auch den Entschluß schon gefaßt, er suchte nur noch die passende Stelle, um ihn auszuführen.

Waren denn nicht die Leute, welche er verfolgte, Mörder? Wirkliche Mörder? – Ganz gewiß, da Hermann einen gegen seinen, des Polizeimeisters, Kopf abgefeuerten Schuß auf dem Gewissen hatte, der Wiener sogar den Angriff am Felsabhang.

Sie sollten sterben, wenn sie es nicht vorzogen, sich zu ergeben.

Zwei gewaltige Gebirgspässe umschlossen von beiden Seiten den Wald. Gegen Osten konnte niemand das steil abfallende Gestein passieren, es blieb also nur die Nordecke, und an dieser wollte der eigensinnige Beamte Posto fassen.

Er schlug Feuer. Seine Hand bebte, als er den brennenden Schwamm auf das harzreiche Geäst legte und als die erste Flamme gierig züngelnd um sich griff. Sollte wirklich der Wald, der königlich stolze Wald mit allem, was in ihm lebte und atmete, dem würgenden Feuer zum Opfer fallen?

Jermak atmete schwer. Wirklich.

Ja, ja, es mußte sein. Die da drinnen waren Mörder und Hochverräter, sie verdienten keine Schonung, keine Gnade.

Er blies in die Flamme. Rote Schleier, rauchverhüllt, auf- und absteigend, legten sich über die Umgebung, es knisterte und brauste, der Wind fuhr hinein – jetzt hätte keines Menschen Macht die Gluten wieder löschen können. Der Wald brannte lichterloh.

Jermak sah sich um nach seinem Pferde, aber das Tier war verschwunden, es mußte sich losgerissen haben, während der Reiter das Zerstörungswerk vollbrachte – jetzt flüchtete es jedenfalls, vom Feuer erschreckt, in entgegengesetzter Richtung davon.

Der Polizeimeister schnitt sich einen tüchtigen Stock und begann die neue Wanderung, nicht ohne sich zu gestehen, daß dies die schrecklichste Nacht seines Lebens sei. Hinter ihm loderten die Feuersäulen zu Hunderten zum Himmel empor, ein betäubender Geruch brennenden Harzes erschwerte das Atmen, eine unwillkürliche Unruhe ließ alle Pulse höher schlagen. Weshalb zögerten die Flüchtlinge, sich zu retten, weshalb blieben sie immer noch beharrlich inmitten des furchtbaren Glutmeeres?

Ein Schatten, langgestreckt, flog über die freie Fläche. Ein Pferd – zwei, drei – waren es die der Entflohenen?

Jermak horchte und spähte. Ohne Zweifel – jetzt mußten die Gesuchten selbst in kurzer Frist nachfolgen, oder das riesige Flammengrab hatte alle verschlungen. Er zitterte, ohne es zu wissen, bei diesem grauenhaften Gedanken.

Dann erschien vor seinen Blicken in weiter Entfernung die Gestalt eines Mannes; eiligst prüfte er die Waffen, welche ihm zu Gebote standen und hob dann abermals den Kopf, jetzt in der sicheren Überzeugung, die Gesuchten vor sich zu haben – aber wie erstaunte er, als nacheinander sieben Personen zum Vorschein kamen, lauter Männer in der bekannten Kleidung der Steppenräuber. Das waren also die Golddiebe!

Jene kamen unterdessen näher, und zwei Büchsenkugeln pfiffen rechts und links um die Ohren des Polizeimeisters. »Eine Kriegserklärung!« dachte der unerschrockene Mann; »die Spitzbuben glauben sich umzingelt und wollen ihr Leben teuer verkaufen. Das Gleiche beabsichtige ich auch.«

Eine für den Augenblick ausreichende Deckung war hinter dem nächsten Gebüsch bald aufgetrieben, dann antwortete ein Doppelschuß aus dem Gewehr des Belagerten den Angreifern.

Diese zerstreuten sich wie wohlgeschulte Soldaten, indem alle zugleich in das Versteck des Polizeimeisters hineinschossen, freilich ohne zu treffen, denn ein Erdwall, hinter dem er lag, fing wie eine Schanze sämtliche Kugeln auf. Dennoch aber konnte der Kampf des einen gegen sieben nicht mehr lange unentschieden bleiben. Sie rückten von allen Seiten vor, sie fanden bald einen Baum, bald einen Felsen, der ihnen als Schutzwall diente und zogen so den Kreis um das Versteck des Beamten immer enger, dabei von diesem unausgesetzt beobachtet und zu passender Zeit erschreckt. Fünf Schüsse aus Jermaks Kugelbüchse hatte der Körper des einen unter ihnen bereits aufgefangen, obwohl sämtliche Wunden nur mehr oder weniger bedeutende Schrammen zu nennen waren, dann änderte sich plötzlich der Vorgang.

Der Polizeimeister sah einen der Räuber hinter einem Felsen hervorschleichen, um in ein näher an seinem eigenen Versteck liegendes Gebüsch zu gelangen, und mitten auf dem Wege dahin erschoß er ihn. Die Kugel ging durch die Brust des Mannes; er schrie hell auf und stürzte dann im Todeskampfe schwer zu Boden.

Ein Wutgeheul der ganzen Bande begleitete seinen Fall, ein Kugelregen überschüttete von allen Seiten Jermaks Versteck.

»Nun bin ich verloren«, dachte der tapfere Mann. »Sie werden mich mit dem Kolben ihrer Gewehre gleich einem tollen Hunde erschlagen.«

Wie groß aber war sein Erstaunen, als plötzlich der Kommandoruf des einen Räubers die übrigen in ihrem Angriff innehalten ließ. Wenige Minuten lang stritt die ganze Schar auf das lebhafteste miteinander, gestikulierte und schrie, dann schien eine Einigung erzielt zu sein, und alle bis auf den, welcher zuerst Ruhe geboten hatte, verschwanden in der Richtung der entflohenen Pferde – jener aber warf seine Waffen in den zerstampften, blutbedeckten Schnee und ging festen Fußes auf das Versteck des Polizeimeisters zu; etwa drei Schritte vor demselben machte er Halt und horchte.

Jermak hatte ihn, während er die Büchse schußgerecht hielt, unausgesetzt mit wachsendem Interesse beobachtet. Der Räuber war ein junger schlanker Mensch, dessen Gesicht schöne, aber verhärmte Züge aufwies. Aus großen, schwarzen Augen sprach eine ruhelose Seele, die Hände zitterten, in den Schläfen pochte wie gejagt das rote Blut. Als er so stillstand und mit scheuen Blicken das Innere des Gebüsches zu durchdringen suchte, da ließ der Polizeimeister das Gewehr fallen und schlug beide Hände vor sein Gesicht. »Allmächtiger Gott!« rief er halblaut, kaum verständlich.

Der junge Mann seufzte, er fuhr mit dem Taschentuch mehreremal über das blasse Gesicht. »Vater!« stammelte er; »o Gott, Vater, sprich freundlich mit mir, ich bin so unsagbar elend!«

Der Polizeimeister hatte sich wieder gefaßt, er trat jetzt hervor und nahm auch das Gewehr vom Boden auf. Im roten, weithin flackernden Lichte des brennenden Waldes, allein in der schauervollen Wildnis sahen Vater und Sohn einander zum erstenmal nach langer Trennung fest ins Auge. Der jüngere Mann ächzte leise, er senkte, wie von einer schweren Hand gebeugt, die Stirn.

In den Zügen des Polizeimeisters kämpften Trauer und Zorn. »Dimitri«, sagte er, »mein Sohn, mein Erstgeborener, Du unter Mördern und Räubern? Geh, ich verachte Dich, Du hast die frevelnde Hand gegen das Eigentum anderer erhoben, Du –«

»Vater, um Gottes willen, halt ein!« rief zitternd vor Aufregung der Sohn. »Von allem, was Du da sagst, ist kein Wort wahr. Wir suchen das Gold und die Diamanten, welche diese unermeßlichen Einöden bergen, wir schießen das Wild und –«

Jermak lachte bitter. »Ist das alles kein Raub?« rief er. »Gehören die Goldkörner in Deinen Taschen etwa Dir oder dem Zaren? Gehören die Hirsche ihm oder Dir? – Und endlich, bist Du nicht ein Vatermörder, indem Du es wagst, mir in solcher Gesellschaft, vielleicht gar als der Anführer des Diebsgesindels, vor die Augen zu treten?«

Der Sohn zuckte die Achseln. »Ich habe viel gefehlt, Vater, ich mißbrauchte Deine Güte, ich entfernte mich vom rechten Wege, ja, ja, Du zürnst mit Grund, aber dennoch solltest Du mich keinen Räuber nennen. Vergieb mir, Vater!«

»Nie!« rief der Polizeimeister; »nie! Du hast auf meinen ehrlichen Namen Schmach und Schande gehäuft, Du hast die Gesundheit Deiner bedauernswerten Mutter gebrochen und Jahre lang aller meiner Bitten, meiner Ermahnungen gespottet – Dein Maß ist gerüttelt voll! Ich befehle Dir, auf geradem Wege zum nächsten Wachtposten zu gehen und Dich dem Gesetze zu stellen. Wenn Deine Strafe verbüßt ist, wenn Du reuig und demütig in die Gesellschaft achtbarer Menschen zurückkehren willst, dann soll Dir auch meine Verzeihung zu teil werden, aber früher nicht.«

Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Du möchtest mich zum Sklaven erniedrigt sehen, Vater?« rief er ganz entsetzt.

»Und was bist Du jetzt, Elender? Ein Dieb und Diebsgenosse!«

Dimitri stampfte mit dem Fuße. »Es ist nicht wahr!« rief er leidenschaftlich, »es ist tausendmal nicht wahr! – Der Zar erklärt das Gold in diesem Boden und die Tiere, welche darüber hin laufen, für sein Eigentum, aber sind sie es darum auch in Wirklichkeit? Die Gesellschaft unserer Tage giebt dem einen alles auf Kosten von Millionen anderer, das muß endlich ein Ende nehmen. Ich räche die Unterdrückten, indem ich mich gegen die Machthaber und ihre unberechtigten Ansprüche auflehne!«

Der Polizeimeister lächelte finster. »Also Empörer!« sagte er. »Es fehlt wahrhaftig nichts mehr, um Dich in meinen Augen zum Schurken zu stempeln. Man rächt sich, indem man sich wieder zu Ehren bringt, denen gegenüber, die da behaupten, daß man schuldig sei!« fuhr er mit Nachdruck fort. »Du gehst zum Wachtposten, ich habe es Dir schon einmal gesagt – oder was sollte etwa sonst aus Dir werden, he?«

Dimitri seufzte. »Ja, was sollte aus mir werden?« wiederholte er. »Vater, es giebt da nur einen – einen einzigen Weg für mich!«

»Den zum Esa-ul, ja!«

»Laß das, Vater, ich könnte es niemals, nie, so wahr ich lebe, ausführen. O, Du weißt ja auch ganz gut, was ich meine! Gieb mir Geld, um in das Ausland zu gehen, und ich bin gerettet!«

Jermak nickte. »Die alte Geschichte!« sagte er im bitteren, traurigen Tone. »Die alte, trostlose Geschichte. Gieb mir Geld, Vater! – O hätte ich nein sagen können, als Du ein Knabe von sechzehn Jahren warst, hätte ich niemals nachgegeben! Was ich erwarb, was Deine unglückliche Mutter ersparte, das Erbe Deiner Geschwister hast Du verpraßt und immer noch, trotz alledem, immer noch glaubte ich an Dich! Mein Sohn konnte ja seiner Ehre nicht vergessen, konnte nicht fallen! Du warst nur leichtsinnig, nur jugendlich übermütig, die Jahre würden von selbst den Ernst des Mannes mit sich bringen. O wie entsetzlich habe ich mich getäuscht! – Als alles verschleudert war, da machtest Du Schulden, da liehst Du auf meinen Namen Gelder von Wucherern, und endlich und zuletzt bist Du ein Spitzbube, ein Dieb geworden. Aber nicht zum zweitenmal gelingt es Dir, mich zu hintergehen, dessen sei sicher, Du begiebst Dich entweder von hier zum Esa-ul oder –«

Er zögerte, aber in seinen Augen brannte ein trotziger Entschluß. Er nickte nur kurz vor sich hin.

Der Sohn sah ihn an. »Oder?« wiederholte er.

»In den Tod!« sagte fest der Polizeimeister. »Zu der Räubergesellschaft lasse ich Dich auf keinen Fall zurückkehren!«

Ein trübes Lächeln umspielte die Lippen des jüngeren Mannes. »Du willst mir nicht helfen, Vater«, fragte er halblaut, »Du willst mir kein Geld geben? – Nur so viel, um nach Amerika zu kommen, dort werde ich arbeiten, ehrlich arbeiten, und sei es als Lastträger!«

Der ergrimmte, alte Herr sah ihn an. »Zum wievielten Male versprichst Du das in diesem Augenblick?« fragte er spöttisch.

Der Sohn senkte den Kopf. Er wagte es nicht, seinem Vater zu antworten.

»Du sollst sterben!« wiederholte der Polizeimeister, auf dessen Stirn große Tropfen standen. Die Nerven des alten Mannes mochten durch alles, was er in der jüngsten Vergangenheit ertragen mußte, dermaßen überreizt sein, daß ihm der klare Blick verloren ging. Er sah nur seinen Sohn als gebrandmarkt, als überführten Genossen von Verbrechern und dieses Unglück raubte ihm den Verstand. Wenn Dimitri im Grabe lag, so konnte keines Menschen Stimme ihn anklagen, so war die Gefahr, ihn eines Tages mit gebundenen Händen zwischen Kosaken in das Gefängnis geschafft zu sehen, für immer beseitigt – dieser Gedanke verdrängte und beherrschte alle übrigen.

»Ich werde das Urteil an Dir vollstrecken!« sagte der Polizeimeister.

»Ein Vater – seinen Sohn töten?«

»Es giebt hier weder Vater noch Sohn, sondern nur den Beleidiger und den Beleidigten, oder besser gesagt, den Verletzer des Gesetzes und den Vertreter des Gesetzes. Folge mir!«

Der junge Mann sprach keine Silbe. Das Leben, in welches ihn sein Leichtsinn hineingetrieben, das trostlose Leben unter dem Auswurf der menschlichen Gesellschaft war ihm längst eine Last geworden, er wagte es, erdrückt vom Schuldbewußtsein, nicht, dem bestimmten Befehl seines Vaters zu trotzen, aber dennoch schwankten seine Füße, dennoch war er so blaß, als habe ihn bereits der Tod erfaßt.

»Muß es sein?« murmelte er, als der Polizeimeister an einem stärkeren Baumstamm Halt machte. »Vater – muß es sein?«

»Unweigerlich, da Du selbst die strengere Strafe der milderen vorziehst. Oder versprichst Du mir, den nächsten Wachtposten aufzusuchen und –«

»Nie, nie, so wahr ich an Gott glaube!«

»Gut, dann gieb mir Deinen Gürtel!«

»Wozu das, Vater?«

»Um Dich festzubinden! Das geschieht mit allen Verurteilten.«

»Aber bei mir ist es unnötig. Diese unerwartete Begegnung mit Dir hat meine letzten Hoffnungen zerstört, mir so zu sagen den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich will sterben – fürchte keinen Fluchtversuch, Vater!«

»Einerlei – die Fessel ist eine Demütigung, welche Du erdulden mußt.«

Der Polizeimeister befestigte mit bebender Hand den Gürtel, so daß nun sein Sohn vor ihm wehrlos stand, jetzt nickte er langsam. »Wenn Du gestorben bist, Dimitri, wenn Du gebüßt haben wirst, dann soll Dir verziehen sein. Ach – an diesem Orte also muß ich mit meinen eigenen Händen Dein Grab graben – das meines ältesten, einst geliebten Kindes! – O Dimitri, Dimitri, wenn ich es verstanden hätte, Dich mit Strenge zu behandeln, als Du noch ein unschuldiger Knabe warst! Jetzt ist es zu spät – ach, wer mir das am Tage Deiner Geburt vorausgesagt hätte! – Dimitri, versöhne Dich im Geiste mit Deiner unglücklichen Mutter, befiehl deine Seele dem ewigen Erbarmen. Bete, mein Kind, bete!«

Kalter Schweiß perlte auf der Stirn des Polizeimeisters. In diesem Augenblick trat doch der Strafrichter in ihm gegen den Menschen, den Vater zurück.

»Bete!« wiederholte er mit erstickter Stimme.

Der Sohn schloß die Augen. »Ich sterbe reuig«, flüsterte er. »Grüße die Mutter und die Geschwister, Vater – es ist am besten so!«

Jermak nahm drei Schritte Abstand, dann erhob er die Pistole und zielte auf das Herz seines Sohnes. Dieser ganze furchtbare Vorgang wurde erhellt von dem blutroten Leuchten des brennenden Waldes, von den rieselnden Feuertropfen, welche an jedem Stamme herabrannen und aus allen Zweigen hervorquollen.

Der Polizeimeister legte den Finger an den Drücker, im gleichen Augenblick aber taumelte er und sank rücklings zu Boden, so daß die Waffe aus seiner Hand fiel. Er blieb wie tot auf dem Schnee liegen.

»Vater!« rief Dimitri voll ausbrechender Angst; »Vater!«

Der Polizeimeister antwortete nicht, hatte überhaupt den Schreckensschrei von den Lippen seines Sohnes nicht mehr gehört. Die aufgeregten, erschütterten Nerven versagten den Dienst, er lag mit entstelltem Gesicht und geschlossenen Augen ohne Besinnung da.

»Vater! – Ach um des guten Gottes willen, Vater!«

Und Dimitri zerrte mit aller Macht an seinen Banden, um sich derselben zu entledigen, aber vergeblich; dann, einen plötzlichen Entschluß fassend, steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff dreimal in kurzen Zwischenräumen auf besondere Weise.

Das Zeichen rief die Golddiebe herbei. Sie näherten sich mit schnellen Schritten.

»Mein Verhängnis!« dachte schaudernd der junge Mann. »Mein Verhängnis! Gott wollte mich nicht retten!«

»Helft meinem Vater!« bat er; »ich kann es nicht!«

Einer der Leute beugte sich über den Körper des Polizeimeisters, ein anderer zerschnitt Dimitris Bande. »Was ist denn hier vorgegangen?« sagte er voll Erstaunen. »Bist Du toll geworden, Freund Dimitri?«

»Laßt das, laßt das – helft nur meinem Vater!«

»Der ist tot«, bemerkte ein anderer. »Ihn hat der Schlag gerührt, er wird schon kalt.«

»Das weißt Du ganz gewiß, Koskintin?«

»Ganz gewiß.«

Sie näherten sich alle dem unglücklichen, vor Schreck fast erstarrten jungen Manne. »Bekümmere Dich nicht mehr um Deinen Vater, Dimitri«, sagte einer, »es ist Zeit an wichtigere Dinge zu denken. Du sollst unser Anführer werden!«

Der junge Mensch erschrak heftig. »Ich kann es nicht«, stammelte er. »Laßt mich, wählt einen Besseren, Älteren, ich kann es nicht.«

»Du mußt«, beharrte Koskintin. »Dein Vater hat unseren tapferen Anführer erschossen, es ist daher Deine Sache, ihn zu ersetzen. Überdies bist Du ein Studierter, Gebildeter – es bleibt dabei, wir ernennen Dich zu Nikitas Nachfolger.«

»Obwohl er von allen der jüngste ist?« fragte eine brummende Stimme.

»Ja! Wir wollen es, und die Sache wird ausgeführt werden.«

Dimitri schüttelte den Kopf. »Wählt Euch einen anderen, Kameraden, ich kann der Führer Eurer Truppe unmöglich sein. Wenn mein Vater zum Leben erwacht, so –«

»So wird er Dich töten, ja. Er ist nicht der Mann, um Gnade zu üben! Aber beruhige Dich, Dimitri, er ist tot, ganz tot – komm Du nur mit uns.«

»Nein, nein, ich will nicht!«

Koskintin ballte die Faust. »Du willst nicht, Bursche? Ich sage Dir, Du sollst!«

»Ja, ja, er soll!«

Sie zogen ihn trotz seines Widerstandes mit sich fort, aber doch nicht früher, als bis der Körper des Polizeimeisters mit einigen Ästen und Zweigen notdürftig bedeckt war. Zwanzig Schritte von dieser Stelle entfernt lag der nackte Leichnam des erschossenen Anführers; die Golddiebe hatten ihn in aller Eile seiner Pelzkleidung beraubt.

In ziemlicher Nähe brannte der Wald. Da und dort erhoben sich Rauchsäulen, die wie breite Bänder flatternd durch das rote glühende Luftmeer zogen, hinter ihnen erschien das junge Tagesgestirn, es wurde Morgen, und an der dem Feuer entgegengesetzten Seite regte sich allmählich das Leben der Wildnis. – – – –

Während aller dieser, eine Reihe von Stunden ausfüllenden Vorgänge hatten sich die Flüchtlinge von ihrer beschwerlichen Reise durch den brennenden Wald einigermaßen erholt und gelangten nun auf dem Wege, der sie dem vorausgeschickten Tekel näher führen mußte, langsam vorwärts. Auch ihnen waren die fliehenden Pferde begegnet, und zwei derselben hatte Hermann glücklicherweise einfangen können; das sämtliche gerettete Eigentum wurde daher zusammengeschnürt und einem der Tiere auf den Rücken gepackt, während Emma das zweite ritt. Die beiden, Männer und der Knabe gingen schweigend voraus.

Etwa eine Stunde nach der seltsamen Bestattung des Polizeimeisters kamen sie an den Ort, wo der Kampf mit den Golddieben stattgefunden hatte – sie sahen die verschiedenen großen Blutlachen und blieben starr vor Schreck stehen, während die Pferde unruhig wieherten und nicht von der Stelle zu bringen waren.

Otto bemerkte, nach Knabenart umherspähend, zuerst eine leichte Blutspur, welche den Schnee färbte, und er teilte diese Entdeckung sogleich den übrigen mit. »Hier muß ein Verwundeter in der Nähe sein!« rief er.

Hermann sah auf. – »Kommen Sie, mein guter Bochner«, sagte er »vielleicht ist noch ein Menschenleben der Vernichtung zu entreißen.«

Der Tanzlehrer war sofort bereit, die Pferde wurden an der Hand geführt, und vorsichtig, die geladenen Kugelbüchsen schußbereit in den Händen haltend, drangen alle Teilnehmer der kleinen Gesellschaft Schritt um Schritt gegen die Baumgruppe und den frisch aufgeworfenen Hügel vor, wobei Hermann den Zug eröffnete und Herr Bochner denselben beschloß; in der Mitte gingen Otto und das junge Mädchen.

»Du«, flüsterte der Knabe, »was ist das dort? Ich glaube, der Schneeberg ist kürzlich erst entstanden!«

»Und von blutbefleckten Händen aufgeworfen!«

Sie gingen schneller. »Wenn dort der Verwundete eine Zufluchtsstätte gesucht und gefunden hätte!«

Herr Bochner schüttelte den Kopf. »Gott weiß es«, sagte er.

»Dann wird vielleicht der Anblick ein schrecklicher sein!« flüsterte erbleichend das junge Mädchen.

»Tritt also bei Seite, Emma!«

»Nein, nein – was Ihr könnt, das kann ich auch!«

Herr Bochner und Otto begannen den Schneehügel abzuräumen, während Hermann mit geladenem Gewehr Wache stand. Rings umher lag alles in tiefer Stille, selbst das Rauschen und Knistern der brennenden Zweige hatte aufgehört – nur Haufen schwarzer, stäubender Asche bezeichneten die Stelle, wo gestern noch ein ausgedehnter Wald seine Kronen zum Himmel erhob.

Der Schnee und die Zweige waren bald entfernt – Herr Bochner scharrte von dem Gesicht des Polizeimeisters die letzten Flocken, dann nickte er bedächtig. »Es ist ein Toter, eine, wie es scheint, völlig unversehrte Leiche«, flüsterte er.

»O der Unglückliche!«

»Aber vielleicht ist noch Leben in ihm«, rief Emma. »Sollten wir nicht den armen Mann mit etwas Branntwein reiben, Herr Bochner?«

»Das wird sogleich geschehen, liebes Fräulein.«

Hermann stand immer getreulich Wache, Otto befreite die Füße des Polizeimeisters vom Schnee, und Herr Bochner und Emma knieten am Rande der Grube, um so viel als möglich den Kopf des Verscharrten aufzuheben und sein Blut durch Reiben in Bewegung zu bringen.

»Mir deucht, er atmete eben!« rief das junge Mädchen.

»Mir auch! – Wir retten ihn.«

Die Bemühungen der hilfreichen Samariter wurden emsig fortgesetzt, bis sich langsam alle Zeichen des wiedererwachenden Lebens nacheinander einstellten. Das Herz schlug, und ein Seufzer trennte die farblosen Lippen.

»Gottlob!« rief Emma; »o meine Freunde, wie glücklich sind wir! Gott schenkte uns die Gelegenheit zu einem guten Werke, das ist ein Zeichen Seiner Gnade, Seiner Vergebung. – Es ist verziehen, was Ihr Schreckliches thun mußtet, um Euch unseres Verfolgers zu entledigen – Ihr könnt ein Leben retten für jenes andere dort unten in den Pässen! Vertrauen, Hermann, Vertrauen – was uns jetzt begegnet, das ist eine gute Vorbedeutung für den Erfolg unseres Unternehmens.«

Große Thränen rannen über ihr Gesicht herab, während sie eifrig die Stirn des Vergrabenen rieb, dann hatte Otto den letzten Schnee hinweggeräumt, und Hermann lehnte das Gewehr an einen Baum, um mit anzufassen. Die vereinten Kräfte aller dieser barmherzigen Samariter hoben den Geretteten aus der dunkeln Höhlung hervor ans Tageslicht und legten ihn auf den Schnee. Ein Ruf des Erstaunens brach zuerst über Herrn Bochners Lippen, dann stimmten die anderen mit ein – sie glaubten zunächst sämtlich an eine Sinnestäuschung.

»Der Polizeimeister! Der Polizeimeister!«

Herr Bochner sprang umher wie ein Irrsinniger, er schluchzte und lachte, er schlug die Hände zusammen und tanzte. Jetzt war der Alp von seiner Seele genommen, er brauchte nicht mehr des Nachts zusammenzuschrecken im Schlafe und mit klopfenden Pulsen, gebadet im Schweiß, aufzufahren in Todesangst: »Der Felsblock, der Felsblock, er kommt und trifft meinen Kopf, er erschlägt mich!«

O Gottlob, Gottlob, Jermak lebte, die schaudervolle Erinnerung zerfloß in nichts, er war jetzt erlöst von einem Grauen, das ihn bisher unablässig gewürgt hatte, er war so selig, daß er weinen mußte, um nicht zu ersticken.

»Wirklich«, stammelte Hermann, »er ist es!«

Und unfähig, zu begreifen, sahen alle einander an.

In diesem Augenblick öffnete Jermak die Augen. »Ich danke Euch, Leute«, stammelte er, sogleich mit der Hand das Gesicht bedeckend, um es gegen die Sonnenstrahlen zu schützen, »wer Ihr auch sein mögt, ich danke Euch! – Was lag denn so Schweres auf meiner Brust?«

»Schnee!« antwortete Hermann. »Aber wie derselbe dahinkam, das können wir nicht einmal vermuten!«

Der Polizeimeister war schon bei den ersten Lauten von Hermanns Stimme plötzlich aufgefahren, jetzt erhob er sich und stand, an den Baum gelehnt, vor denen, die er zu verbrennen gedachte und die ihm das Leben erhalten hatten. Die Reihe des Erstaunens war an ihm.

»Herr Brandt«, stammelte er, »und Sie, Herr Bochner!«

»Aber«, fuhr er dann erschreckend fort, »wo ist mein Sohn? Sind die Golddiebe hier gewesen? – Es wurde ganz plötzlich Nacht um mich herum!«

Niemand konnte ihm Auskunft geben; unsere Freunde erzählten, was sie wußten, und boten dann dem unglücklichen Manne eine Erquickung, die er stumm zurückwies. Ihm brach fast das Herz – sein Sohn war wieder bei den Golddieben, das ließ sich nicht länger bezweifeln.

Hermann legte mitleidig die Hand auf des unglücklichen Vaters Schulter. »Herr Jermak«, sagte er, »in diese ganze Angelegenheit hat eine höhere Macht hineingegriffen. Ich glaube, daß an dieser Stelle alle unsere gegenseitigen Feindseligkeiten ein Ende nehmen werden, wenigstens haben wir Ihnen soeben das Leben gerettet und sind zu jedem ferneren Dienste erbötig. Es ist kein Zufall, daß meine Kugel Ihre Brust fehlte, daß der stürzende Felsblock in den Werchojanskischen Pässen unschädlich an Ihnen vorüberrollte und daß wir im entscheidenden Augenblick hierherkommen mußten, um Sie aus dem Grabe zu befreien – Gott hat gnädig den Mord verhütet, und ich danke ihm dafür aus Herzensgrund. Sie sind ohne Zweifel der gleichen Ansicht.«

Ehe Jermak antworten konnte, nahm Herr Bochner das Wort und deutete auf die traurigen Überreste des ermordeten Räubers; im Verein mit den sonstigen Anzeichen mußten sie dem Polizeimeister genügend erklären, was hier vorgegangen war. Er erkannte es infolge seiner langen Vertrautheit mit den sibirischen Zuständen auch sehr bald selbst, aber obwohl er in höflicher Form dankte, schien er doch schon durch seine Haltung jeden Versuch einer Aussöhnung im Keime ersticken zu wollen.

»Wir sind jetzt quitt, Herr Brandt«, sagte er, »Sie können nicht länger leugnen, daß Sie sich auf der Flucht befinden, Sie, Ihre Fräulein Schwester und Ihr Bruder. Da diese Thatsache erwiesen ist, so erkläre ich Sie kraft meines Amtes für Gefangene.«

Hermann lächelte. »Sie können eine solche Erklärung immerhin abgeben, Herr Jermak, aber das ist auch alles; wir unsererseits sehen die Sache aus anderem Gesichtspunkt an. Sie selbst müssen, ob mit oder ohne Ihren Wunsch, uns bis an die Grenze des russischen Reiches begleiten, damit nicht auf Ihre Anstrengungen hin unsere Flucht noch in der zwölften Stunde vereitelt werde. Sie sind thatsächlich unser Gefangener, mit dem wir zwar alles teilen wollen, was uns eben selbst in dieser Einöde zu Gebote steht, der uns aber nicht verlassen darf, ehe der russische Grund und Boden für immer hinter uns liegt.«

Jermaks Augen schossen Blitze. »Sie pochen auf ihre Übermacht!« rief er erbittert.

Herr Bochner lachte ihn aus. »Mein guter Freund«, sagte er, »Sie können kaum allein stehen und gehen. Sie sind in der Wildnis ohne Lebensmittel, ohne Pferd oder Waffen, verlassener als ein Hiob, und dennoch weisen Sie die einzige Hand, welche sich ihnen bietet, trotzig zurück, dennoch sprechen Sie von Amtshandlungen! Das ist einfach Wahnsinn.«

Der Polizeimeister richtete sich straffer auf. »Meine Person kommt dabei nirgends in Betracht«, sagte er mit dem Tone ruhiger Würde, »ich vertrete nur das immer Heilige, Unantastbare, das Gesetz!«

»Aber Sie können nichts ausrichten, Sie sind machtlos, weil hier keine Kosaken mit geladenen Gewehren hinter Ihnen stehen!«

»Nein, nur weil Sie und Herr Brandt die Kraft des Gesetzes leugnen möchten!«

»Wenn Sie diese Kraft besitzen, so benutzen Sie dieselbe!«

Hermann trat zwischen die Streitenden. »Wissen Sie, weshalb die Kraft, von der Sie sprechen, Ihnen thatsächlich mangelt, Herr Jermak? – Weil Sie schuldlose Opfer vor sich haben, weil wir Märtyrer der Unterdrückung sind. Indem Sie unser Gewissen anrufen, können Sie keinen günstigen Eindruck auf uns hervorbringen, sondern erinnern nur an die Gewaltherrschaft, als deren Vertreter Sie erscheinen. Das ist der Grund, weshalb Sie uns schwach, ja vollständig wehrlos gegenüberstehen.«

Jermak nickte. »Das wollen wir sehen, Herr Brandt. Sie gehen nach Osten, ich nach Westen, möge sich jeder von uns die Zuversicht des Gelingens bewahren.«

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich, Herr Bochner und Hermann hatten einander auch ohne Worte verstanden, sie vertraten dem Geretteten zugleich den Weg. »Herr Polizeimeister«, sagte Hermann, »Sie sind in unserer Gewalt, das wissen Sie selbst. Erlauben Sie mir aus diesem Grunde einige Fragen. Wenn wir Sie freiließen und wenn Ihnen auf Ihrem Wege eine Streifpatrouille begegnen sollte, was würden Sie dann thun?«

»Einfach das, was meines Amtes ist!«

»Das heißt doch: uns verfolgen lassen?«

»Ja!«

Hermann bewunderte unwillkürlich den Heldenmut seines Gegners, er war blaß wie ein Schatten, seine Stimme bebte vor Aufregung. Kam jetzt der Augenblick, wo er um der eigenen Sicherheit willen abermals ein schreckliches Verbrechen begehen mußte?

»Herr«, sagte er, »wir könnten Ihnen eine Kugel durch den Kopf schießen, könnten Sie totschlagen, Sie an einen Baum binden und von den Bären zerreißen lassen – wissen Sie das alles?«

»Natürlich. Die Übermacht ist auf Ihrer Seite.«

»Gut. Unterhandeln wir also. Geben Sie Ihr Ehrenwort, nicht zu entfliehen?«

»Auf keinen Fall.«

»Da haben wir es! Sie bleiben also unser Gefangener!«

»Aber ich bin verwundet!«

»Wir werden Sie auf das sorgfältigste pflegen.«

»Besonders ich«, nickte Herr Bochner. »Ich kenne die Sache aus dem Grunde.«

Der Polizeimeister streifte ihn mit einem eiskalten, verächtlichen Blick. Der Flüchtling und dessen Helfershelfer erschienen seiner starren Unbeugsamkeit wie abscheuliche Missethäter und Hochverräter, mit einem einzigen Unterschied jedoch. Für ihn war Hermann ein politischer, Herr Bochner aber ein ganz gemeiner Verbrecher.

»Sie?« sagte er, die Achseln zuckend, »Sie, ein Tanzlehrer, ein Mensch, der künstliche Weine fabriziert und Damenhüte verkauft!«

»Ich, mein Herr Polizeimeister von Jakutsk! Geben Sie mir nur gefälligst Ihren Arm in Behandlung.«

»Einen Augenblick«, bat Hermann. »Besitzen Sie keine Waffen, Herr Jermak?«

»Ich hatte ein Gewehr und zwei Pistolen«, sagte schaudernd der Polizeimeister, indem er hinübersah zu dem Baume, an dem früher sein Sohn gefesselt stand. »Vielleicht sind sie mir gestohlen worden.«

Noch während er so sprach, kam Otto herbei und trug auf der Schulter das Gewehr, im Gürtel die Pistolen des Geretteten. »Das alles habe ich etwas weiter hin am Boden gefunden«, sagte er.

Jermak fuhr freundlich kosend mit seiner bebenden Hand über die Wangen des Knaben. »Ich danke Dir, mein Kind«, sagte der unglückliche Mann, »die beiden Pistolen sollst du behalten.«

Das Gesicht des Knaben erglühte vor Freude. »Wirklich?« stammelte er; »wirklich? Ach, das ist ein schönes Geschenk!«

Der Polizeimeister wandte den Blick. Mit diesen Waffen hatte er das Herz seines geliebten, verlorenen Kindes treffen wollen.

Hermann nahm die Kugelbüchse an sich. »Im Augenblick können wir Ihnen das Gewehr nicht überlassen, Herr Jermak«, sagte er, »aber der Tag wird hoffentlich kommen, wo ich Sie bitte, es zurückzunehmen und unserer in Freundschaft gedenken. Hoffentlich! – Für jetzt müssen wir unsere Reise fortsetzen.«

»Sie entwaffnen mich also, Herr Brandt?«

»Dazu bin ich gezwungen. Wir beide, Herr Bochner und ich, übernehmen es, Sie vor jeder Gefahr nach Möglichkeit zu beschützen.«

Jermak senkte stumm den Kopf; es blieb ihm nur übrig, sich in sein Schicksal ruhig zu ergeben; das erkannte er.

Langsam zog unter dem letzten Verglühen des Waldbrandes die kleine Gesellschaft fürbaß. Der Polizeimeister trauriger als jemals während seines ganzen vergangenen Lebens, Herr Bochner vergnügter als ein Gott. So hatte für ihn die Sonne noch nie geschienen, so federleicht war sein Herz nie gewesen – er sang immer leise vor sich hin, und dann und wann tanzte er oder rieb sich im stillen die Hände.

So nahe, so ganz nahe berühren sich auf dieser Erde die schärfsten Gegensätze.

Zehntes Kapitel.

Kampf mit Wölfen.

Herr Bochners freudige Stimmung trieb ihn hinweg, noch einige Schritte allein mit seinen Gedanken zu machen.

Lange blieb er aus, so daß Hermann mit seinem getreuen Hunde sich aufmachte, ihn zu suchen. Bald hatte er denn auch des Vermißten Spur gefunden, als Hilferufe ihn trieben, seine Schritte zu beschleunigen.

Um ein Gebüsch biegend, fand er unseren biederen Wiener eingesunken im Schnee, kaum imstande, seinen Kopf noch frei zu halten. Hermanns kräftige Arme erlösten Herrn Bochner schnell aus seiner gefährlichen Lage, und gemeinsam eilten sie zu den anderen Leidensgefährten zurück.

Die wenigen Stunden der Tageshelle waren bald vorüber, und nun mußte das Nachtlager errichtet werden. Unter beginnendem Schneefall, vom eisigen Wind umtobt, bauten Hermann und Herr Bochner das Zelt, dessen innerer Raum für Emma als Schlafgemach diente, während der äußere, größere, den Männern überlassen blieb. Die Stangen und Eisenhaken, welche früher diese Arbeit erleichterten, waren dahin und selbst von dem Segeltuch nur die Hälfte gerettet, aber ein natürlicher Felsvorsprung half einigermaßen über diese Schwierigkeit hinweg, wie denn auch Herr Bochner alle seine Pelze hergab, um das Dach einigermaßen gegen Sturm und Nässe zu schützen. Was man vor der Wut des Feuers geborgen hatte, das wurde zusammengebunden und -geschoben, um wenigstens ein erträgliches Obdach zu erlangen.

Dann folgte die Abendmahlzeit, welche mehr als spärlich ausfiel. Etwas gebackenes Mehl, in kaltem Wasser verrührt, bildete den ganzen Speisevorrat, von dem jedes Mitglied der kleinen Gesellschaft seinen Anteil erhielt.

Dann wickelten sich alle in die noch übrig gebliebenen Pelze, und während Treu das Zelt bewachte, schliefen sie ruhig trotz aller Aufregungen und Mühsale der letztvergangenen vierundzwanzig Stunden.

Der erste, welcher am folgenden Morgen schon im Dämmergrau erwachte, war Jermak; er suchte seine Genossen, gewissermaßen sogar den unteren Teil seiner eigenen Person, ohne vorläufig etwas anderes entdecken zu können als nur ein riesiges weißes Laken, von dem alles überspannt und verhüllt war. Die rieselnden, sechseckigen Flocken hatten ihren Weg durch so manchen klaffenden Riß, manche unbeschützte Stelle gefunden – unsere Freunde waren eingeschneit.

Herr Bochner erwachte, sobald sich der Polizeimeister nur bewegte. Seine große, wie ein Karfunkel glänzende Nase, seine klugen Augen kamen unter der riesigen Pelzkappe zum Vorschein, er sah erstaunt umher. »Alle Heiligen, was ist denn das?« rief er.

Der Polizeimeister würdigte ihn keiner Antwort.

Herr Bochner befreite mit einiger Mühe seinen Körper von der darauf ruhenden Schneelast und suchte jetzt auch die beiden jungen Deutschen zu ermuntern, was freilich keine ganz leichte Aufgabe war. Sie schliefen wie die Bären im Winter, und auch Emma gab drinnen im Inneren des sonderbaren Baues noch kein Lebenszeichen von sich, nach und nach aber erschienen doch alle, und nun suchte der gutmütige Wiener die Sache ins Spaßhafte zu ziehen, namentlich aber den blassen kummervollen Mann, der so schweigend, so todestraurig zwischen den übrigen dastand, ein wenig zu erheitern.

»Eins ist gut«, sagte er, über dem schnell entzündeten Reisigfeuer die Hände reibend, »daß wir nämlich in keinem civilisierten Lande sind. Die ›eingeschneiten Landstreicher‹ würden sonst gleich von der Polizei ergriffen und in Nummer Sicher gesetzt werden.«

Er blinzelte und nickte, der alte Herr, er wollte so gern den armen Jermak etwas erheitern, aber ebenso gut hätte er glauben können, die Zeltstangen würden auf seinen Scherz eingehen wie der starre, in seiner übertriebenen Beamtenwürde aufs äußerste beleidigte Mann.

Jermaks Gesicht blieb kalt und unbeweglich, auch als Herr Bochner seine Wunde verband, ließ er das geschehen, ohne sich dagegen zu sträuben oder ohne ein Wort des Dankes zu sprechen.

An den jungen Deutschen dagegen wandte er sich in höflichem Tone mit der Frage, wie lange man hier zu bleiben gedenke.

»Hoffentlich nur noch ganz kurze Zeit«, antwortete Hermann, »etwa vier oder fünf Tage. Wir erwarteten einen Eingeborenen, welchen wir nach Zaschinersk geschickt haben und der uns von dort zwei mit Renntieren bespannte Noorten hierherbringen soll.«

»Und das sagen Sie mir?« rief Jermak. »Wahrhaftig, es scheint, Sie wollen mich zum Vertrauten Ihrer –«

»Fluchtpläne machen!« ergänzte Hermann. »Weshalb nicht, Herr Jermak? Daraus kann jetzt kein Schade mehr erwachsen. Überdies aber gewährt mir Ihre tadellose Rechtschaffenheit die vollkommenste Verschwiegenheit nicht wahr? Was dem Menschen gesagt worden ist, das wird der Beamte niemals zu wissen scheinen.«

Jermak wechselte die Farbe. »Sind Sie dessen so gewiß?« fragte er, offenbar nur, um etwas zu sagen.

»Durchaus«, lächelte Hermann.

Auf dem Gesichte des Wieners erschien ein kleiner boshafter Triumph, den der brave Mann nicht unterdrücken konnte. »Dies Vertrauen meines Freundes ist vollständig gerechtfertigt«, sagte er, »denn – Verzeihung! – Sie wissen, daß ohne unsere Dazwischenkunft Ihr Körper jetzt neben jenem anderen liegen würde, den wir an der Unglücksstätte fanden.«

Zum erstenmal antwortete ihm Jermak. »Ja«, sagte er, »ich weiß es. Sie halten mich durch die natürliche Erkenntlichkeit des Herzens für gebunden.«

Hermann beeilte sich, den Gesprächsgegenstand zu wechseln. »Wir müssen aus dem Grunde, welchen ich Ihnen nannte, in dieser Gegend bleiben«, sagte er, »hier, wo der Wald stand und wo uns Tekel verließ. Können Sie sich übrigens erklären, Herr Jermak, durch welches Unglück das Feuer entstand?«

»Ja!« entgegnete ruhig der Polizeimeister. »Ich habe es angelegt!«

»Sie?« riefen wie aus einem Munde die Flüchtlinge.

»Um Sie zu vertreiben, ja. Ich durfte auf keine gütliche Unterwerfung Ihrerseits zählen, wie ich glaube.«

»Aber, Unglücklicher«, rief Hermann, »Sie hätten uns ja beinahe gebraten!«

»Ich wußte, daß ich Sie dem aussetzte – allerdings.«.

Emma sah ihn an. »Und vor einer so furchtbaren Möglichkeit sind Sie nicht zurückgeschreckt, Herr Jermak?«

»Ich befand mich im Dienste Seiner Majestät des Kaisers, mein Fräulein, und konnte infolge dessen auch vor dem Ärgsten nicht zurückschrecken.«

»Nun wohl, Herr Jermak«, nickte lächelnd der Wiener, »ich denke, wir sind miteinander vollständig quitt! Wir waren es schon vor unserer letzten Begegnung. Der Felsblock in den Pässen ist ein Nasenstüber im Vergleich zu den Mitteln, welche Sie anwandten.«

Der Polizeimeister zuckte die Achseln. »Und jener Angriff in den Tundren?« fragte er mit einem bedeutsamen Blick auf den jungen Deutschen.

»Wir sind quitt!« bestätigte auch dieser. »Sie kamen zweimal nur mit knapper Not davon, das ist wahr, aber immerhin nur Sie allein, wir dagegen waren unserer vier. Rechnen Sie also nach, Herr Jermak, Sie schulden uns, was wir kürzlich – mit Vergnügen, wie ich hinzufüge! – für Sie gethan haben,«

»Ist das nicht sehr – geizig berechnet?«

»Keineswegs. Die wunderbare Auferstehung aus dem Grabe ist und bleibt als ›Haben‹ für uns gutgeschrieben.«

»So! so! – Und Herrn Bochners ärztliche Bemühungen?«

»Die gebe ich vollkommen umsonst!« versetzte mit eleganter Bewegung der Wiener.

Dann schlug er die Arme taktmäßig in die Seiten, um sich zu erwärmen. »Unser Frühstück, Fräulein Emma«, sagte er; »hoffentlich ist noch Mehl vorhanden?«

»Noch für mehrere Tage, Herr Bochner, aber ich denke doch, Sie werden uns einige Rehe oder Hasen zu schießen suchen?«

»Ohne Zweifel. Zuvörderst müssen wir uns indessen mit dem Hausbau beschäftigen – vor Abend soll dieser Eispalast eine etwas solidere Bedachung erhalten.«

Als das Frühstück eingenommen, oder besser gesagt, hinabgewürgt war, da verteilte Herr Bochner die Arbeit des Tages an alle Beteiligten. Er selbst und Hermann wollten aus dürren Binsen ein Geflecht herstellen, und Otto sollte aus dem inneren Raume der Hütte den eingedrungenen Schnee entfernen.

»Und ich?« fragte Jermak.

»Sie sind unser Gast, mein Herr. Plaudern Sie mit dem Fräulein!«

»Ich würde es indessen vorziehen, meinerseits zu arbeiten wie Sie!«

»Dann begleiten Sie uns zu den Binsen.«

Alle drei Männer gingen an den Fluß, um die hohen, trockenen Halme zu sammeln und in die Umgebung der Hütte zu befördern. Jermak arbeitete eifrig, er befestigte neue Stangen neben den früheren, flocht unter Herrn Bochners Leitung Matten und band mit den beiden anderen jedes Stück an die besonders gefährdeten Stellen, aber er sprach nicht, er ließ eine gewisse Grenze zwischen sich selbst und den Flüchtlingen immer unberührt, als wolle er zeigen, daß zwar seine Arme mit ihnen schafften, eben um der unabweislichen äußeren Notwendigkeit willen, daß er aber ihr Freund und Genosse weder sei, noch werden könne.

Otto hatte sich unter Emmas Beistand einen mächtigen Reiserbesen angefertigt und sehr bald das Innere des Hauses von allem Ungehörigen gesäubert; jetzt machte er sich auch an die Umgebung, wo ein kleiner überdachter Herd errichtet werden sollte. Herrn Bochners Gewohnheit, jeden Stein aufzuheben und ihn im Interesse seiner Sammlung zu prüfen, nachahmend, bemerkte der Knabe hier und da unter dem Schnee kleine runde oder längliche Steine, die von grüner Farbe waren und wie Glas aussahen. Er brachte eine Hand voll seiner Schwester und diese zeigte sie Herrn Bochner. »Was mag das sein?« fragte sie den freundlichen alten Herrn.

Der Tanzlehrer prüfte nur ganz flüchtig die Steine, dann lockten seine Jubelrufe die übrigen von allen Seiten herbei.

»Das sind Smaragde! – So helle, kostbare Smaragde, wie sie in Europa vielleicht nur die Fürstenschlösser besitzen!«

»O, Herr Bochner – dann hätten wir hier unter dem Schnee Tausende von Rubeln gefunden?«

»Hunderttausende! Ich bin Kenner!«

»Sehen Sie, Herr Jermak«, fuhr er fort, als artiger Mann dem Polizeimeister einen der Steine darbietend, »welche Pracht! Diese Längsstreifen wie Säulen, dieser zackige Bruch kennzeichnen den echten Stein! – Das ist ein Schatz, Otto! Du hast da einen Fund gethan, der Dich und die Deinigen zu reichen Leuten macht.«

Jermak betrachtete den Stein. »Das sind wirklich Smaragde«, gestand er, »aber, mein Herr Bochner, was Sie da soeben bemerkten, das war doch wohl nur im Scherz gesprochen? Dem Finder können diese Edelsteine natürlich niemals gehören.«

»Ach!« rief erschreckend der Knabe, »weshalb nicht, Herr Jermak?«

»Weil sie das alleinige Eigentum des Kaisers sind, mein lieber Junge!«

»Dem wir sie eigentlich überbringen müßten, nicht wahr, Herr Jermak?«

»Ich übernehme die Sache!« rief dieser.

»Das glaube ich wohl, allein unglücklicherweise beauftragen wir Sie keineswegs, mein werter Herr Polizeimeister. Mein armer alter Vater ist von den Machthabern in den Tod getrieben, sein Vermögen und das seiner Kinder einfach eingezogen worden, ohne daß wir gegen die bestehenden Gesetze eine Hand, ja nur eine Absicht erhoben hätten – sollten wir also zögern, das, was uns die Vorsehung selbst in den Schoß legt, als Ersatz zu nehmen und so unseren Schaden einigermaßen auszugleichen?«

Der Polizeimeister zuckte die Achsel. »Ich bin in Ihrer Gewalt«, versetzte er, »und somit aller Verantwortung überhoben. Indessen halte ich es für ganz unerläßlich, über das Geschehene ein Protokoll aufzunehmen – Sie werden es unterzeichnen.«

Die Flüchtlinge lachten. »Das findet sich später«, meinte Herr Bochner. »Für den Augenblick muß das Dach vorangehen – dann die Wände.«

Diese letzteren wurden aus Schnee hergestellt, und während der zweiten Nacht schliefen die Flüchtlinge in einem festverschlossenen, sogar warmen Hause. Die Wunde am Arme des Polizeimeisters hinderte ihn nicht, tüchtig mitzuarbeiten, er fing nach Herrn Bochners Anweisung frische Lachse und Vögel in Schlingen, er sammelte Brennholz und half dem jungen Mädchen die weißen Hasen, die Hermann schoß, für den Tisch zuzubereiten. Herr Bochner hatte einen fetten Schafbock erlegt, und so gab es denn auf diese Weise Lebensmittel in Hülle und Fülle.

Draußen vor der Thür der Hütte brannte ein immer unterhaltenes Feuer, das dazu diente, die umherstreifenden Wölfe zu verscheuchen und nebenbei seine Wärme dem Inneren des Schneehauses mitzuteilen. –

Eines Abends bewegte sich draußen ein leise schleichender Schatten, ein Paar Augen sahen unter brauner Pelzbedeckung hervor in das Zelt hinein, und als Hermann die Kugelbüchse ergriff, um den Eindringling zu verscheuchen, da ertönte ein Schreckensschrei von weiblichen Lippen. Draußen befand sich eine Frau – was bedeutete das?

Vielleicht noch eine Entflohene! Jermak wollte allen voran hinausstürzen, um sich über die Person der Fremden Gewißheit zu verschaffen, aber Hermann und der Tanzlehrer warfen sich ihm in den Weg, und dann ging ersterer hinaus, um nachzusehen.

Schon nach einer Minute kam er zurück in Begleitung einer Eingeborenen, die, halbverhungert und erfroren, vom rechten Wege verirrt war, einer jungen, ganz in Pelz gekleideten Frau, die unter ihrem Mantel offenbar ein lebendes Geschöpf trug, sicherlich ihr kleines Kind, für das sie einen Platz neben dem Feuer erbat.

Emma holte sie in die Hütte hinein und versuchte mit ihr zu sprechen, aber das war unmöglich, sie verstand kein Wort, sondern deutete nur mit bebender Hand auf die Lebensmittel, als wolle sie sagen: »Ich bin im Begriff, zu verhungern!«

Mitleidig häufte ihr das junge Mädchen ein Stück Fleisch nach dem anderen auf den Blechteller; die Jakutin verschlang alles wie ein Tier, dem man Speise zuwirft, und als sie ihren ungeheuren Appetit gestillt hatte, da wollte sie sich erheben, um weiterzugehen, was natürlich unsere Freunde aus Gutmütigkeit verhinderten.

»Jetzt geben Sie einmal acht«, lächelte Herr Bochner, »Sie sollen sehen, was das Weib unter dem Gewande trägt!«

»Ihr Kind natürlich!« rief Emma, und auch die übrigen neigten sich zu dieser Ansicht, allein der Tanzlehrer schüttelte den Kopf. »Passen Sie nur auf!« sagte er.

Einige jakutische Worte, verbunden mit deutlichen Gebärden, zeigten dem braunen Weibe, was der alte Herr wünschte – der Mantel aus Renntierfell sank langsam von den Schultern, und nun sahen die Flüchtlinge vier kleine blaue Füchse, welche sich in dem warmen Nest sehr wohl zu befinden schienen und einander drängten; um an der Brust ihrer menschlichen Amme die ernährende Milch zu trinken.

»Nicht möglich!« rief Hermann.

»Sehr gewöhnlich sogar, mein werter Herr Brandt. Die Pelzjäger stellen sehr eifrig den Gruben der blauen Füchse nach, um sie ihrer Jungen berauben und diese von den Frauen aufziehen zu lassen. – Das Fell wird so teuer bezahlt, daß selbst diese Mühe nicht zu groß erscheint.«

Das wußte auch der Polizeimeister. »Nur die vier Pfoten kommen in den Handel«, erzählte er, »eben daher wird ein Mantel aus dem Pelze des blauen Fuchses so teuer. In Moskau und Petersburg kostet ein solches Kleidungsstück oft bis zu vierzigtausend Franks.«

»Dann sind natürlich alle, die in fremde Länder kommen, Nachahmungen?«

»Alle ohne Ausnahme. Der blaue Fuchs ist ein so scheues Tier, daß ihm nur die geschicktesten Jäger beikommen können, und auch wieder so schädlich, daß er zu Zeiten, wo sein Pelz keinen Wert besitzt, rücksichtslos getötet wird. Gräbt man das Fleisch, um es vor ihm zu schützen, in die Erde und bedeckt es mit großen Steinen, so höhlt er sich einen Gang, der unter denselben hinführt; verwahrt man es auf der obersten Spitze einer langen, in die Erde gesteckten Stange, so erscheint Freund Reinecke mit seiner ganzen Sippe und scharrt und scharrt, bis der Stamm fällt, worauf die Familie schleunigst das erbeutete Fleisch davonschleppt.«

Herr Bochner nickte. »Es ist so«, versicherte er, »es ist wirklich so. Dies kleine, schüchterne Tier besitzt in der Stunde der Gefahr einen geradezu tollkühnen Mut.«

Otto hatte mit der lebhaftesten Spannung zugehört und dabei immer die jungen Füchse bewundert; jetzt wollte er einen derselben in die Hand nehmen, um ihn genauer zu besehen, aber die Jakutin zog schnell ihren Mantel zusammen, so daß die Tierchen sicher im Versteck saßen. Nachdem sie erfahren hatte, daß man ihr ein Lager für die Nacht bewilligen würde, brachte die braune Frau eine Pfeife und einen ledernen Tabaksbeutel zum Vorschein, dann begann sie, stumpfsinnig am Boden hockend, große Rauchwolken um sich zu verbreiten.

Emma bereitete ihr, so gut es ging, in der inneren Abteilung der Hütte ein Lager, dann begaben sich alle zur Ruhe, aber nur für kurze Zeit, weil die herumschweifenden Wölfe immer neue Störungen verursachten. Herr Bochner mußte sich, von Treu bewacht, mehr als einmal vor die Thür begeben, um den anrückenden Haufen durch ein paar wohlgezielte Schüsse in die Flucht zu schlagen.

Gegen Morgen drangen indessen die Bestien so zahlreich von allen Seiten herbei, daß der Tanzlehrer seine Genossen zur Hilfe herbeirufen mußte. Sie kamen sämtlich vor die Hütte heraus, auch der Polizeimeister, welcher mit Feuerbränden zwischen die beutegierigen Wölfe warf, Hermann, Otto und Emma – nur die Jakutin bekümmerte sich um nichts.

Schüsse krachten, und wildes Schmerzgeheul zerriß die Stille der Nacht; trotz dieser eifrigen Verfolgung, trotz zahlreicher Opfer aber konnten die Flüchtigen nicht verhindern, daß ihnen ihre Fleischvorräte von den hungernden Bestien gestohlen wurden – nur durch beständigen Kampf hielten sie sich die Hütte von den lästigen Gästen frei.

Ganze Blutlachen umgaben das Schlachtfeld; unsere Freunde erwarteten bei Tagesanbruch Berge von Leichen zu sehen, aber auch nicht ein einziges gefallenes Tier lag auf dem Schnee. Unter sich hatte die widerwärtige Rotte jeden von den tödlichen Bleikugeln erreichten Kameraden sofort begraben, nämlich – in den Magen der Überlebenden.

Es war von den Wölfen nichts mehr zu erblicken, und Hermann glaubte schon alle Gefahr vorüber, als ihn Herr Bochner plötzlich vom weiteren Vordringen zurückhielt. »Hörten Sie eben das Schnaufen?« fragte er, »das dumpfe Brummen?«

»Sollte es ein Bär sein?«

»Ein grauer sogar, einer von der allergefährlichsten Art. Wir werden ohne Zweifel sogleich mehr hören und, wenn erst die Sonne hoch am Himmel steht, auch sehen.«

Das Brummen wiederholte sich bald darauf, stärker und immer stärker, dann zeigten die Sonnenstrahlen ein seltsames, beinahe ergötzliches Bild.

An einem der Hütte gegenüberliegenden Felsen hockte auf den Hinterpfoten ein großer Bär. Er hielt die gewaltigen Vordertatzen auf seiner Brust gekreuzt und riß den Rachen weit auf, als wollte er sagen: »Ich verschlinge alles, was mir in den Weg tritt!«

Im Halbkreise um ihn herum, in achtungsvoller Entfernung, standen einige fünfzig Wölfe und beobachteten den gefährlichen Gegner. Sie wußten genau, daß ihnen ein etwaiger Fluchtversuch das Leben kosten müsse, daher sahen ihre funkelnden Augen unablässig in die des Bären, der sich seinerseits wohl hütete, den schützenden Felsen zu verlassen, sondern nur von Zeit zu Zeit brummte, als wollte er die Meute herausfordern.

»Keinen Schuß!« gebot Herr Bochner. »Lassen wir die Bestien einander zerfleischen und schonen wir dabei unsere Pulvervorräte.«

»Besonders Du, Otto«, fügte er hinzu, »Deine Pistolen habe ich wohl zwanzigmal knallen hören.«

»Und jedesmal ist ein Wolf gefallen!« rief stolz der Knabe.

Jermak wandte sich ab; die Flut der bittersten Erinnerungen brach zu plötzlich über ihn herein. Sein unglücklicher Sohn – wo mochte er sich jetzt befinden?

Und zu Hause seine Vorgesetzten, sein Weib und die jüngeren Kinder – was dachten sie alle wohl? Er war spurlos verschwunden, er konnte ihnen sogar keinerlei Nachrichten, keinerlei Botschaft zugehen lassen.

Drinnen stützte der unglückliche Mann den Kopf in die Hand. Mochte alles gehen, wie es wollte, er kümmerte sich kaum noch darum.

Draußen begannen die Wölfe den Bären anzugreifen, wenigstens knurrten sie und sprangen umher, aber Petz ließ sich nicht beirren, er hoffte vielleicht, daß der Eifer seiner Gegner bald erschöpft sein werde; die graue Masse wich und wankte nicht.

Plötzlich stürzten sich, wie auf Verabredung, sechs oder zehn der kräftigsten Wölfe über ihn her und bohrten ihre Zähne in sein zottiges Fell, dabei kläffte die ganze Meute in ohrenzerreißender Weise. Mochte jetzt der Bär sehen, wie er sich verteidigte.

Petz bewegte den ungeheuren Kopf und schüttelte seine Widersacher ab wie Fliegen. Sobald er mit den Tatzen um sich schlug, lagen zwei Wölfe mit zerschmettertem Schädel am Boden.

Hermann wandte sich zu seinem aufmerksam beobachtenden Genossen. »Wie wäre es, wenn wir jetzt dem Bären zu Hilfe kämen, Herr Bochner?« flüsterte er.

»Ich dachte auch schon daran – die Bestien sind zu zahlreich. Ja, ja, lassen Sie uns noch einige derselben erlegen.«

»Aber wir müssen uns zu diesem Zweck in die Nähe des Bären begeben!«

»Natürlich!«

Sie drängten sich, mit Kolbenschlägen den Weg bahnend, bis zum Felsen durch und erschossen diejenigen beiden Wölfe, welche gerade den Meister Petz am stärksten bedrohten, dann trieben einige in den dichten Haufen hineingesandte Kugeln die Schar der Anstürmenden ein wenig zurück.

Der Bär schien im Anfang etwas erschrocken, aber offenbar erkannte er schon sehr bald, daß die Menschen zu seinem Beistande gekommen waren, und schlug und biß tapfer in die Reihen seiner Angreifer hinein.

Immer dichter scharten sich die Wölfe, immer wütender schossen sie mit wahrer Todesverachtung vorwärts, zuweilen im offenen Sprunge, um den Hals des Bären zu zerfleischen, dann wieder kriechend, um ihn am Bauche, der wenigst beschützten Stelle, zu packen, aber jedesmal vergeblich, da die schweren Tatzen oder die Bleikugeln alle trafen, welche sich näherten, und alle so, daß sie nie wieder aufstanden.

Das Blutbad wurde wahrhaft entsetzlich.

Der Bär warf jetzt seine Angreifer in die Luft, so daß sie das Genick brachen oder mit geknickten Knochen davonzukriechen versuchten, er sah seinen Sieg und verteilte immer schwerere Hiebe, bis endlich die Wölfe heulend davonliefen, sogar ohne sich um die Überreste ihrer gefallenen Kameraden zu bekümmern.

Hermann, Otto und Herr Bochner wateten buchstäblich im Blute.

Meister Petz blieb ruhig in der Nähe der Männer sitzen und säuberte mit der Zunge seine Krallen von den herausgerissenen Haaren der Wölfe. Vielleicht nahm er an, daß diese doch noch wieder zurückkommen würden.

»Was meinen Sie?« fragte Hermann. »Sollen wir nun ihn angreifen?«

»Natürlich. Uns auf seine Großmut zu verlassen, wäre etwas gewagt!«

»Das glaube ich auch!«

Und so bekam denn der Graue die tödliche Kugel aus nächster Nähe mitten ins Herz. Er starb, von Hermanns sicherer Hand getroffen, schnell und plötzlich. Der junge Deutsche bat den Tanzlehrer, ihm bei der Abhäutung des riesigen Tieres hilfreichen Beistand zu leisten. »Ein prachtvoller Kerl!« sagte er.

»Aber sehen Sie doch, Herr Bochner, ganze Wolken von Raben lassen sich auf die Überreste der getöteten Wölfe herab!«

»Leider! Wir können an diesem Platze nicht mehr bleiben, sondern müssen unsere Zelte abbrechen und weiterziehen – nicht immer dürfte sich ein grauer Bär zur Verteidigung bereit finden, die Wölfe dagegen kehren unter allen Umständen zurück. Sie sind zu zahlreich, um sich mit Erfolg verscheuchen zu lassen.«

»Das ist eine böse Botschaft – wahrhaftig!«

Auch der Polizeimeister erschrak, als er hörte, daß die Wanderung von neuem beginnen müsse. In trüber, beklommener Stimmung wurden die Wände des Schneehauses eingerissen, die Decken und Stangen den Pferden aufgeladen und das übrige Gepäck in die Hand genommen, dann ging es vorwärts, dem Laufe des festgefrorenen Flusses nach, während die Jakutin in entgegengesetzter Richtung davontrabte. Dichter Schnee fiel herab, die Sonne verschwand hinter grauen, undurchdringlichen Schleiern, Dämmerung umhüllte den Weg, Todesschweigen herrschte in der Natur.

Oben im bleifarbenen Wolkenzuge das Schreien heiserer Raben, unten am Boden die Spuren von Wölfen und Bären, das war alles Leben, was den Verbannten begegnete.

»Ein trauriger Tag!« flüsterte Emma, kaum ihren Thränen noch gebietend.

Hermann stand still. »Ich höre etwas!« rief er.

Der Polizeimeister wechselte die Farbe. »Das sind Schlitten – vielleicht eine Wachtpatrouille von Kosaken!«

Hermann nahm die Büchse von der Schulter. »Wie viele Männer würden das sein?« fragte er im Tone eines Menschen, der zum Äußersten entschlossen ist. »Mehr als wir?«

Jermak schwieg, statt seiner gab Herr Bochner die gewünschte Auskunft. »Zwei!« sagte er; »wir haben nichts zu fürchten, mein lieber Hermann!«

Der Polizeimeister und er wechselten einen langen Blick. Jermaks Augen zeigten Groll und Unruhe, diejenigen des Tanzlehrers offene Siegesfreude. Der Wiener lächelte, als wolle er sagen: »Ich bin ein alter Fuchs, mich fängst Du so bald nicht.«

Er und Hermann blieben im Anschlag, Otto hielt seine Pistolen in beiden Händen, während Jermak beobachtend, mit fliegenden Pulsen neben ihnen stand.

Im schnellen Schritt näherten sich zwei Gespanne, die Renntiere flogen über den festen Boden dahin, ein lauter Zuruf des Führers begrüßte die Wartenden – wie unsinnig stürzte sich Treu, bellend und wedelnd vor Freude, den Schlitten entgegen.

»Tekel! Es ist Tekel!«

Auf die vorherige Angst folgte ein unermeßlicher Jubel. Es war den Unglücklichen, als sei nun alles gewonnen, als habe alle Unruhe, aller Zweifel ein Ende genommen. Sie eilten dem Jakuten entgegen wie einem lieben, langentbehrten Freunde.

Nur Jermak wandte sich ab, um seine Mißstimmung zu verbergen. Er war als moskowitischer Beamter in einer ebenso gefährlichen wie seltsamen Lage – was konnte er thun, um diese Flucht zu verhindern, um nicht selbst mit den Verbannten ziehen zu müssen?

Für ihn, den Beamten von zwanzigjähriger Amtsführung, gab es nur eine Richtschnur, das Gesetz.

Er kannte neben demselben keine andere Stimme, keine andere Berechtigung, er wußte nur, was für jeden einzelnen Fall die strafrechtlichen Paragraphen vorschrieben, und das war diesem Manne von eiserner Beharrlichkeit völlig genug.

Jetzt war er in der Lage, Verbrechern Vorschub leisten zu müssen. Es gab kein Mittel, um diesem Zwange zu entgehen.

Hätte ihn doch die Hand des Tanzlehrers am Felsen zerschmettert – heute wünschte er es.

Der Jakute stand mit offenem Munde da. Wo war der Wald? – Er erkannte seine Gebieter, er sah sie alle, aber doch glaubte er an einen Spuk. – Wo war der Wald?

Hermann gab ihm eine kurze Erklärung, dann ließ er sich den neuangeworbenen Jakuten vorstellen und sagte in betreff des Polizeimeisters nur, daß Herr Jermak die Reise mitzumachen beabsichtige – nach diesen nötigsten Einleitungen kam das Gepäck der Flüchtigen in die mit Mundvorrat reichlich versehenen Schlittenkasten, und die weitere Fahrt konnte vor sich gehen.

Tekel hatte zwei Zelte aus Filz mitgebracht, sehr praktische Einrichtungsstücke, die während des Tages mit leichter Mühe zu Sitzkissen zusammenzulegen waren, ferner einige Flaschen guten, alten Weines und reichliche Mengen von Schießbedarf, sowie eine zerlegbare Spirituslampe mit Kessel, eine Metallflasche voll Spiritus und einen Sack mit getrockneten Früchten.

Der zweite Jakute war ein ganz junger Mensch von gutmütigem Aussehen, er hieß Khort und trug, wie Tekel, den grauen Pelzmantel und die lederfarbenen Beinkleider der Eingeborenen, daneben eine hohe spitze Mütze und Pelzstiefeln, die bis zu den Knieen gingen.

Was die Narten betraf, so waren es lange, schmale, sibirische Schlitten, in denen außer dem Kutscher noch zwei oder höchstens drei Personen sitzen können. Der Führer eines derartigen Gefährts muß sich des unebenen Bodens wegen in jedem Augenblick bereit halten, herabzuspringen, daher sitzt er sehr schlecht.

Drei Renntiere ziehen eine solche Narte und beanspruchen dafür bei sechsstündiger Arbeit nur die getrockneten Flechten, welche ihnen als Nahrung dienen. Ohne diese Tiergattung könnten die Völker des äußersten Nordens nicht fortbestehen; sie erhalten durch das genügsame und ausdauernde Renntier fast alles, was ihnen im Hause und zur Jagd notwendig ist.

Was Pferd und Rind für uns, was das Kamel für den Araber ist, das ersetzt das Renntier dem Bewohner der kalten Zone – es erhält ihn.

An diesem Abend war die Mahlzeit, obwohl sie unter freiem Himmel verzehrt wurde, doch ausnahmsweise üppig. Es gab jakutisches Brot mit Butter, »Strugamina« oder zu Gallert gewordenen Fisch, gefrorenes Renntiergehirn, einen beliebten Leckerbissen der Eingeborenen und endlich ein Glas Wein – dann, nachdem man gegessen hatte, stellten die Jakuten beide Zelte auf, entzündeten ein Wachtfeuer und legten sich mit der Büchse im Arm neben dasselbe. Unsere Freunde konnten nachholen, was sie während der vorigen Nacht an Schlaf eingebüßt hatten.

Elftes Kapitel.

Im Ostrog.

Am andern Morgen wurde in aller Frühe die Reise fortgesetzt, immer nach Osten, wobei sich Hermann nicht allein auf die Ortskenntnis der Führer verließ, sondern auch außerdem einen kleinen Kompaß zu Rate zog, ein Spielzeug das an seiner Uhrkette hing. Alle Karten und Instrumente hatte der Waldbrand verschlungen, alle mit so großer Sorgfalt zusammengestellten Entwürfe und Pläne – jetzt mußte man sich helfen, so gut es eben ging.

Eins war sicher: die Flüchtigen hielten, nachdem sich Tekel als treu bewiesen, ihre Sache für weit hoffnungsvoller als vordem; sie fuhren getrost in das Dämmergrau des Morgens hinein – hinter den letzten Anstrengungen winkte ja die Erlösung, die Ruhe. Einmal nach Amerika entkommen, waren die Verbannten dem Glücke, der Gleichberechtigung mit anderen freien und zufriedenen Menschen wieder zurückgegeben.

Und dennoch sollten ihnen die schwersten Prüfungen erst bevorstehen.

Die Kälte hatte jetzt bei Tage den Höhepunkt von zwanzig Graden schon erreicht, sie war kaum noch zu ertragen, wenn man nicht Gesicht und Hände immer verhüllt hielt, sie erschwerte bei der Eile der Fahrt – zwölf Kilometer in der Stunde – sogar das Atmen und ließ die Augen thränen, aber den Mut in den jungen Herzen konnte sie nicht lähmen. Jetzt winkte das ersehnte Ziel aus größerer Nähe – im Lande der freien Tschuktschen war das russische Gebiet überschritten und damit einer etwaigen Verfolgung der Boden entzogen.

Eine unbegrenzte Ebene dehnte sich vor den Blicken der Flüchtigen, von dem herrschenden Dunkel halb in unbestimmte Schatten verhüllt, grau und eintönig – dicht hintereinander flogen die beiden Schlitten über festgefrorenen Boden dahin. In dem von Tekel geführten hatte die kleine Familie der Deutschen, eng gedrängt, zusammen Platz genommen, in dem anderen saßen Herr Bochner und der Polizeimeister, beide schweigsam, weil der Wind an aller Unterhaltung hinderte und auch weil sich Jermak unaufhörlich wiederholte: »Was wird aus mir? – O mein armes Weib, meine Kinder!«

Unaufhaltsam flogen die Schlitten, unaufhaltsam schlugen die Hufe der Renntiere gegen den Schnee. Hier ging es über die weiten Tundren hinweg, dort über die gefrorene Decke eines Sees, dann durch die Steppe, wo nur Raubvögel kreischten – immer weiter hinein in das öde, unermeßliche Grau, immer vorwärts, der Freiheit, dem Leben entgegen.

Der große Orinkinisee war passiert, am Wege standen jetzt krüppelhafte Lärchen, deren Wurzeln kaum einen Finger lang in den gefrorenen Boden einzudringen vermocht hatten, und die mageren, verkümmerten Sträuchern glichen. Der Frost schien beständig zuzunehmen, die Bahn war glatt und fest, dafür aber zog eine andere schwere Sorge am Horizont herauf und kostete den Flüchtlingen viel Herzklopfen. Hie und da in dieser unermeßlichen Wildnis lag ein »Ostrog«, das heißt: eine eingefriedigte Festung, in der sich ein Kosakenwachtposten befand. Würde es jedesmal gelingen, diese gefahrdrohenden Stellen zu vermeiden?

Tekel kannte sie alle und behauptete, jeden einzelnen umgehen zu können. Es wäre fast unmöglich gewesen, über den Zweck dieser zwischen der Indigirka und Kolyma bei so rauher Jahreszeit unternommenen Reise irgend welche befriedigende Erklärungen zu geben.

Hermann spähte immer hinaus in das Weite. Noch zwei oder drei Tage so ohne allen Unfall im Fluge dahin über die Tundren, dann war das Tschuktschenland erreicht. O wie sein Herz schlug, wie es zwischen Furcht und Hoffnung schwankte! – Gerade in der zwölften Stunde, im entscheidenden letzten Augenblick wird ja der volle Kelch oft dem Menschen von der dürstenden Lippe gerissen. Wir alle wissen es!

»Tekel – Tekel, was ist das?«

»Ein Schatten, Herr, vielleicht Wölfe!«

Der Jakute hatte die Frage schon so oft beantwortet, daß er kaum aufsah; diesmal aber schien er doch selbst betroffen. »Wahrhaftig«, sagte er, »es ist ein Schlitten.«

»Wer mag denn darin sitzen, Tekel – wie viele Männer?«

»Nur einer, Herr, Du darfst Dich ganz beruhigen; es ist keine Streifwache.«

Während dieser leise geführten Unterhaltung war der Kosak mit seinem kleinen, von Hunden gezogenen Schlitten schon herangekommen.

Der Mann bot eine sonderbare Erscheinung: er trug die Pelzmütze so, daß nur Auge und Nase hervorsahen, die lange Lanze war am Lederriemen befestigt und der Mantel bis über die Ohren heraufgeschlagen. Die Narte glich einem eisernen, auf den Kopf gestellten Stuhl, den der Kosak rittlings bestiegen hatte, anstatt zu sitzen. Es sah aus, als zögen ihn die vielen Hunde, weit vor dem Gefährt laufend, gegen seinen Willen gewaltsam mit sich fort.

»Dieser Mann ist ein Kurier«, flüsterte Tekel. »Der Esa-ul des Ostrogs am Stananei-Chrebet schickt ihn zu dem am Omolon oder an der Indigirka, er wird uns schwerlich anreden«.

Das schien in der That so, die Narte flog vorbei, dann aber, als habe sich der Kosak eines Besseren besonnen, wandte er in voller Fahrt die Hunde und den Schlitten um und kam zurück, den Flüchtlingen nach so schnell seine Tiere laufen wollten.

»Fahr zu!« riefen Herr Bochner und Hermann wie mit einer Stimme. »Fahr zu! Die Hunde können es mit den Renntieren nicht aufnehmen.«

Der Polizeimeister lächelte; er erkannte den begangenen Fehler und sah sich in diesem Augenblick wie durch Zauberei plötzlich seinem Ziel ganz nahe. Der Verdacht des Kosaken war erregt worden, das genügte.

Er sollte recht behalten. Der Kurier hatte sich zunächst gewundert, daß die Reisenden es ganz gegen alle Gewohnheit verschmähten, den Begegnenden anzureden und bei ihm Erkundigungen einzuziehen, also fand er die Sache verdächtig und beschloß, den Leuten, die es so eilig hatten, ein wenig ins Gesicht zu sehen.

Als sie ihre Renntiere antrieben, ließ er seine Hunde ausgreifen, so schnell sie immer zu laufen vermochten.

In weniger als fünf Minuten holte er die Narten ein, Hermann und die übrigen mußten jetzt wohl oder übel Rede stehen. Der junge Deutsche hielt die Hand an dem Drücker der Kugelbüchse – ehe er sich gefangen nehmen ließ, mochte der Kosak seine Rechnung mit dieser Erde abschließen.

Jermak sprach vorläufig keine Silbe.

»Ich wünsche Ihnen Glück zur Reise«, sagte der Mann. »Wenn Sie den Ostrog von Werkhne-Kolysk nicht verfehlen wollen, so müssen Sie sich etwas mehr links halten.«

Der Polizeimeister winkte dem Kosaken. »Diese Leute beabsichtigen ausdrücklich, dem Ostrog fernzubleiben«, sagte er.

Der Kosak sah von einem zum andern. »Wohin wollen Sie denn überhaupt?« fragte er voll Erstaunen. »Es ist doch unbegreiflich, daß man bei der Reise durch eine Eiswüste diejenigen wenigen Orte, an denen man einen geheizten Ofen trifft, mit Absicht zu vermeiden suchen sollte!

Haben Sie denn Ihre Pässe in Ordnung?« setzte er, von plötzlicher Ahnung erfaßt, in ganz verändertem Tone hinzu.

Hermann war aus dem Schlitten gestiegen, als wolle er sich die Füße ein wenig erwärmen, in der That aber, um im geeigneten Augenblick über den unwillkommenen Störer herzufallen und ihn zu erschlagen.

»Bist du beauftragt, unsere Pässe zu prüfen, mein Freund? fragte er anscheinend sehr ruhig.

»Ja, allerdings!«

»Aber Du kannst auf keinen Fall lesen!«

»Das kann ich vollständig. Ich bin als Kurier zum nächsten Posten geschickt, um das Signalement von vier aus Jakutsk entflohenen Warnaks zu überbringen – Ihr seid allerdings Euer fünf, aber dennoch paßt die Beschreibung auffallend genau!

Es hilft nichts, meine Herren«, setzte er plötzlich hinzu, »Sie müssen dem Esa-ul Ihre Aufwartung machen.«

Die Blicke des Wieners und des jungen Deutschen begegneten einander. Herr Bochner sah so bedeutsam in die nebelverschleierte Ferne hinaus, daß unwillkürlich Hermanns Augen dieser Richtung folgten. Er erschrak heftig. Da draußen fuhren drei oder vier andere Kosaken mit ihren Hundeschlitten vorüber – ein etwaiger Kampf mit dem, der neben den Narten stand, wäre unter solchen Umständen nichts als ein Selbstmord gewesen. Der Polizeimeister brauchte nur laut zu rufen, und alles war verloren.

Er schwieg indessen, jetzt, nun ein Wort, eine einzige Nennung seines Namens hinreichend gewesen wäre, um die Flüchtlinge zu verderben, jetzt gefoltert von einem Seelenkampf, den keine Feder zu schildern vermöchte. Was ihm früher so leicht, so einfach erschienen war, das würgte ihn jetzt, er konnte die wenigen Worte nicht über die Lippen bringen.

Herr Bochner rieb sich die Hände. »Guter Freund«, sagte er, »Du sprichst von einem Besuche bei dem Herrn Esa-ul? Obwohl wir große Eile haben, denke ich doch, daß diese Einladung angenommen werden muß, nicht wahr, mein lieber Tumanoff?«

Hermann wechselte die Farbe. Obgleich hier ein fremder Name genannt wurde, fühlte er doch, daß ihm die Anrede galt. »Ja gewiß«, versetzte er, »mein Wunsch nach einem guten Mittagsessen ist sehr groß. Wie kocht man denn im Ostrog, Unteroffizier? Ist eine Fleischsuppe und etwas wie eine Wildbretpastete zu haben?«

»Ein Kompott?« setzte der Wiener hinzu, »ein Kuchen?«

Emma und Otto weinten beide vor Furcht, und der Tanzlehrer schien sie trösten zu wollen.

»Wir kommen noch zur rechten Zeit nach Nischney-Kolymsk«, sagte er mit lauter Stimme.

»Ihr armer, lieber Papa wird genesen sein, wenn Sie anlangen, mein teures Fräulein – weinen Sie nicht so sehr!«

Hermann hatte herausgehört, was in diesen Worten für ihn enthalten war. Er befahl den Jakuten, an der Seite des Unteroffiziers zu bleiben, und wieder flogen alle drei Schlitten, jetzt in einer Linie, über den Schnee dahin, dem Ostrog zu.

Der Polizeimeister hielt den Kopf gesenkt, er war blaß wie der Tod.

In vollem Galopp der Renntiere und Hunde ging es vorwärts. Eins der fremden Gespanne nahm in einiger Entfernung denselben Weg – es wäre eine Tollkühnheit gewesen, den Unteroffizier hier anzugreifen – seine Genossen konnten es sehen und die Mörder zur Anzeige bringen.

In weniger als einer Viertelstunde hielt die ganze Gesellschaft vor den Thoren des Ostrog. Dies Bauwerk war eine kleine verfallene Festung mit Mauern aus Steinen und Balken; auf jeder der vier Ecken befand sich ein altersgrauer, niedriger Turm, und das Ganze war umgeben von jenen geteerten Palissaden, die keinem sibirischen Hause zu fehlen pflegen.

Der Ostrog war ein letztes Überbleibsel jener Kette von kleinen Festungen, die im siebzehnten Jahrhundert angelegt wurden, um die Russen vor den Überfällen der erbitterten Eingeborenen zu beschützen.

In dem einzigen hölzernen Gebäude der Festung befand sich die Wache; es wohnten hier außer dem Esa-ul und dessen Familie noch zwölf Kosaken, durch deren Beihilfe der »Jasak«, d. h. die Abgabe von Fellen, in den Hütten der umwohnenden Wandervölker beigetrieben wurde.

Auf eine Meldung des Unteroffiziers erschien der Esa-ul und begrüßte sehr höflich die kleine Schar der Reisenden, auch den Polizeimeister, dessen Mund fortwährend geschlossen blieb, während er sich zuweilen mit der Hand über die Stirn fuhr, als wolle er Gott bitten: »Erhalte mir meinen Verstand! – Das ist mehr, als ich zu ertragen vermag.«

Hermann nahm zuerst das Wort, indem er sich bitter darüber beklagte, gleich einem Verbrecher mit bewaffneter Hand einer Behörde vorgeführt worden zu sein. »Was will man von mir?« sagte er; »wessen beschuldigt man harmlose Reisende?«

Der Esa-ul blieb sehr ruhig. »Vor der Hand ist von einer Beschuldigung noch nicht die Rede«, versetzte er. »Ich muß nur, da in Jakutsk etliche Warnaks flüchtig geworden sind, von Amts wegen mich erkundigen, wie Sie heißen und wohin Sie gehen. War es nicht Ihre Absicht, hier die Gespanne zu wechseln und Lebensmittel einzukaufen?«

»Nein, man hat uns beides erst kürzlich von Zaschinersk entgegengeschickt!«

»Sie werden also dort erwartet?«

»In Nischney-Kolymsk. Dies junge Mädchen und der Knabe sind die Kinder des Esa-ul dieser Stadt, Herr Tumanoff läßt sie in Jakutsk erziehen, jetzt liegt er todkrank und wünscht Tochter und Sohn wiederzusehen.«

Der alte Offizier erschrak. »Tumanoff ist krank?« rief er. »Ich habe davon kein Wort gehört.«

»Es ist aber leider trotzdem, wie ich eben sagte.«

Die Verwirrung, in welche seine dreiste Lüge den jungen Mann versetzte, das Erröten, dem er nicht gebieten konnte, machten ihn dem Esa-ul verdächtig. »Sie haben doch Pässe?« fragte er.

»Natürlich.«

Hermann zog das selbstangefertigte, aber mit dem Siegel des Statthalters von Jakutsk versehene Schriftstück hervor, und der Esa-ul prüfte es höchst bedächtig. »Dieser Paß ist in Ordnung«, sagte er dann – »ich bitte um die der beiden anderen Herren.«

Der Wiener schüttelte anscheinend ärgerlich den Kopf. »Noch nie hat man mir einen Paß abgefordert«, rief er, »noch nie, und doch durchreise ich jahraus, jahrein Sibirien vom Ural bis Kamtschatka, vom Altai bis an das Eismeer. Den Rest meiner Zeit verbringe ich in enger Freundschaft mit dem Gouverneur von Jakutsk und seiner lieben Familie. Ich genieße die Achtung des Herrn Generals und der Frau Generalin, die Freundschaft ihrer Fräulein Töchter! – Sind sie jetzt zufrieden, mein Herr Esa-ul? Ich finde Ihr Benehmen für einen Vorspannmeister recht anmaßend, wissen Sie das wohl? – Sehen Sie mich einmal an, Herr, ich bin ein Österreicher, ein geborener Wiener, und mein Rücken ist ganz gerade, nicht wahr? Er hat mit der Knute niemals Bekanntschaft gemacht. – So, ich denke, jetzt werden Sie einen Freund Ihres Vorgesetzten mit ferneren Fragen verschonen.«

Indem er aber mit großer Geläufigkeit diesen Protest entwickelte, hatte Herr Bochner gleichwohl seinen Paß hervorgezogen und ihn dem Platzkommandanten in die Hände gelegt. »Lesen Sie!« fügte er hinzu.

Der Esa-ul verbeugte sich. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er, »aber meine Sorgfalt war trotzdem eine gerechtfertigte. Der Polizeimeister von Jakutsk hat mir durch einen seiner Kosaken die Flucht von drei Sträflingen anzeigen lassen, Leuten, deren Beschreibung so vollständig auf diesen Herrn hier, das Fräulein und den Knaben paßt, daß ich, wenn es nur irgend möglich wäre, selbst in diesem Augenblick noch zweifeln möchte!«

Als Jermak so unerwartet von sich sprechen hörte, hob er plötzlich den Kopf. Die Worte des Esa-uls klangen seinen erregten Nerven wie ein Mahnruf, er taumelte fast, aber er wollte trotzdem den Mund öffnen und alles bekennen – Hermann sah es – schnell wie der Gedanke trat er dazwischen.

»Sie fragen nicht, wer dieser Herr ist, mein werter Esa-ul? – Ich habe also die Ehre, Ihnen einen der vier Geistlichen vorzustellen –«

Jermak richtete sich auf, wieder schien er sprechen zu wollen und durch eine unsichtbare Macht daran verhindert zu werden.

»Vier Geistlichen vorzustellen«, fuhr Hermann mit festem Tone fort, »die von der russischen Regierung alljährlich ausgeschickt werden, um Sibirien zu bereisen und den Verbannten in ihren abgeschiedenen Niederlassungen den Trost der Religion zu bringen. Er geht tapfer durch die sibirische Kälte von Tobolsk bis an die Kolonien am Amur, von den Minen in Nerschinsk bis an die Schiffswerften in Ochotsk, immer getragen und aufrecht gehalten durch die Worte der heiligen Schrift: ›Selig sind die Barmherzigen, denn sie sollen Barmherzigkeit erlangen.‹«

Jermak schloß die Augen, erschüttert wie nie im Leben. Er dachte an seinen unglücklichen, verlorenen Sohn, er hörte aus Hermanns Stimme die flehentliche Bitte und fühlte seine Kraft schwanken. War er nicht ein Mensch mit einem menschlich empfindenden Herzen, bevor er Polizeimeister wurde?

Er blieb stumm.

»Der fromme Herr hat ohne Zweifel einen Paß?« fragte der Esa-ul.

Hermanns Geistesgegenwart wuchs im Angesichte der Gefahr. »Mein Freund, der ehrwürdige Pater Quirin, hatte alle seine Legitimationspapiere bei sich«, fuhr er fort, »aber ein seltsamer, ja schrecklicher Zufall beraubte ihn derselben. Wir fanden den älteren, wehrlosen Mann in den Werchojanskischen Bergen im Kampf mit einem Bären und retteten ihn nur noch mit knapper Not aus den Krallen desselben. Dabei ging die Brieftasche im aufgewühlten Schnee verloren – wir haben es erst bemerkt, als die Nacht bereits hereingebrochen war; am andern Morgen lag der Schnee ellenhoch. Ist es nicht, wie ich sage, ehrwürdiger Herr?«

Jermak hörte nur die Mahnung an jene Stunde, in welcher er ohne Hermanns Dazwischenkunft dem Tode unrettbar verfallen gewesen wäre, er wagte nicht, jetzt den Angeber zu machen.

»Es ist so«, bestätigte er, »diese Herren retteten mich aus dem offenen Rachen eines braunen Bären.«

»Pater Quirin ist seitdem krank«, beeilte sich Hermann, »er hat auch eine böse Wunde davongetragen.«

»So! so! – Offen gestanden, diese Erzählung gefällt mir so wenig, klingt mir so vollkommen unwahr, daß ich ihr vorläufig keinen Glauben schenken möchte. Es wird notwendig sein, Sie alle einstweilen hier zu behalten und sofort zwei Kuriere auszuschicken, den einen an den Polizeimeister von Jakutsk, den anderen an den Esa-ul von Nischney-Kolymsk. Bestätigen diese Herren das, was Sie soeben sagten, dann steht Ihrer Weiterreise durchaus nichts im Wege.«

Hermann war wie vom Blitz getroffen; er sah, daß Emma mit einer Ohnmacht kämpfte, und bemühte sich, äußerlich ruhig zu bleiben.

»Wie Sie wollen!« versetzte er. »Sollte indessen Herr Tumanoff, mein Onkel, sterben, ohne seine Kinder wiedergesehen zu haben, so –«

»Sind Sie außer aller Verantwortung, ja.«

»Nun wohl«, fuhr Hermann fort, »wir reisen unter gänzlicher Hintansetzung aller Bequemlichkeitsrücksichten, nur um etwas schneller nach Nischney-Kolymsk zu gelangen, jetzt halten Sie uns auf, weil wir zufällig einigen entflohenen Sträflingen ähnlich sehen, aber ich hoffe doch, daß die gerühmte sibirische Gastfreundschaft wenigstens gegen den geistlichen Herrn, die junge Dame und den Knaben geübt werden möge. Haben Sie daran gedacht, Herr Esa-ul?«

Der Platzkommandant schien ziemlich verwirrt. Er ließ für Emma einen Sessel bringen und versprach dem Knaben, daß ihn der Unteroffizier mit auf die Jagd nehmen werde, dann wandte er sich wieder zu dem jungen Deutschen.

»Mein Haus ist das Ihrige«, sagte er höflich. »Bitte, verfügen Sie über alles, was sich in demselben befindet. Während der Zeit, welche meine Kuriere brauchen, um von Jakutsk und Nischney-Kolymsk zurückzukehren, werde ich bemüht sein, Ihnen die Langeweile der unfreiwilligen Gefangenschaft so viel als nur möglich zu erleichtern.«

Emma seufzte. »Aber die vielen verlorenen Tage, Herr Esa-ul!« flüsterte sie.

»Die werde ich Ihnen durch meine vorzüglichsten Hundegespanne zu ersetzen suchen, verehrtes Fräulein!«

»Was mich betrifft«, fügte Jermak hinzu, »so kann ich Ihnen nur Glück wünschen, Herr Lawrenti Kantier, der Art und Weise wegen, in welcher Sie Ihre Pflichten als Beamter des Kaiserreiches auszuführen verstehen.«

Der Esa-ul sah auf. »Woher kennen Sie mich denn, ehrwürdiger Vater?« sagte er, sehr erstaunt, sich von dem polnischen Priester bei seinem Namen angeredet zu sehen.

»Zufällig!« versetzte der Polizeimeister. »Es genügt, daß mein Lob aufrichtig gemeint ist.«

Der Esa-ul sah den ruhigen Ernst in den Zügen seines Gefangenen und fand sich sehr angenehm geschmeichelt, namentlich da er selbst am besten wußte, daß es mehrfache Bestechungen im Dienst waren, die, später entdeckt, ihm den Strafposten des fernen sibirischen Wachtdienstes zugezogen hatten. »Ich thue, was in meinen Kräften steht, um nach allen Seiten hin gerecht zu bleiben«, antwortete er.

Jermak fühlte das verlorene seelische Gleichgewicht von Augenblick zu Augenblick immer mehr zurückkehren. Jetzt stand alles gut. Ohne daß er selbst zur Undankbarkeit, zum gemeinen Verrat gezwungen wurde, gelangte er doch ans Ziel – sobald die ausgesandten Kuriere zurückkehrten, wurde die Wahrheit entdeckt, und er konnte offen, ohne alle Umschweife sprechen.

»Nehmen Sie Platz, meine Herren«, fuhr der Esa-ul fort, »erzählen Sie mir von dem Brande des Burukanwaldes. Gewiß haben Sie selbst das Feuer gesehen?«

»Das will ich meinen!« rief Herr Bochner. »Wir steckten ja mitten im Walde, als das Brennen und Prasseln begann!«

Dann machte er eine ausführliche und mit vielen lateinischen Worten durchspickte Schilderung des düsteren Schauspieles, während welcher die dienstthuenden Kosaken des Esa-uls den Tisch deckten und auftrugen, was Küche und Keller vermochten. Es gab einen »Tschi«, ein sehr wohlschmeckendes Fleischgericht, frisch aus dem Ofen gekommenes Schwarzbrot und ein Kompott aus Johannisbeeren, die im vorigen Sommer ausnahmsweise reif geworden waren.

Hermann bat seine Schwester, doch ihren Thränen zu gebieten und ein wenig Speise zu sich zu nehmen. Die Pelze wurden abgelegt, und dann setzten sich alle zu Tisch. Emmas und Ottos Traurigkeit wurde durch Hermanns Angaben hinlänglich erklärt – die armen Kinder weinten des sterbenden Vaters wegen.

Der Esa-ul sah sehr unbehaglich von einem zum anderen. Dieser Priester, der kein Tischgebet sprach, der die jungen Leute mit keinem Worte zu trösten versuchte, dieser militärisch aussehende Priester erweckte je länger desto mehr seinen dringenden Verdacht, obwohl doch die persönliche Erscheinung desselben auf das aus Jakutsk erhaltene Signalement nirgends paßte. Vielleicht war es ein anderer flüchtiger Warnak, der sich den drei ersten angeschlossen hatte.

Der Esa-ul erhob sich, indem er seine Gäste bat, ihn zu entschuldigen. »Ich will nur meine beiden Berichte ausfertigen und die Kuriere abschicken«, sagte er.

»Warten Sie, bitte, fünf Minuten«, rief Hermann, »ich möchte einige Zeilen an meinen Onkel, Herrn Tumanoff, beilegen.«

»Und ich einige an die Frau Gemahlin«, setzte Herr Bochner hinzu. »Ich werde nicht verhehlen, wie Sie mir mitgespielt haben, Herr Esa-ul!«

Der Beamte schien sehr verwirrt. Vielleicht zog er sich von oben herab eine empfindliche Rüge zu, vielleicht beleidigte er hochstehende Personen ohne allen Grund.

Bei dieser letzteren Wahrnehmung hörte der Polizeimeister plötzlich auf zu essen. Die alte Unruhe überfiel ihn mit aller Macht, er legte Messer und Gabel aus der Hand.

Der Esa-ul verbeugte sich gegen seine Gäste. »Ihnen zu dienen«, sagte er, »ich werde sogleich Schreibgerät bringen.«

»Thun Sie das, mein Herr, aber vergessen Sie trotz der unnötigen Absendung der Kuriere nicht, die Vorbereitungen für unsere Weiterreise sofort zu treffen. An einer guten Belohnung meinerseits soll es nicht fehlen.«

Der Esa-ul schien einen plötzlichen Entschluß zu fassen. Bei dem Worte Belohnung hatte er die Farbe gewechselt, seine Augen leuchteten auf, er lächelte unwillkürlich. »Bitte sehr«, stammelte er, »o bittesehr!«

Und dann putzte er das Licht so ungeschickt, daß es erlosch. Ein paar Sekunden waren ihm notwendig, um seine Züge zu beherrschen.

»Ein unerwarteter Besuch!« sagte Herr Bochner. »Wenn der Aberglaube recht hat, so muß derselbe noch heute abend kommen.«

Der Polizeimeister seufzte. »Bestechung!« dachte er, »Bestechung! – Wehe Dir, Laurenti Kantier, wenn ich Dich ertappe!«

Noch brannte das Licht nicht völlig, als sich die Thür öffnete und ein mageres, scheues Gesicht ins Zimmer sah. Die Pelzkappe war tief herabgezogen, listige Augen blinzelten nach allen Seiten, und ein kleines, ältliches Männchen schob sich langsam herein.

»Ein jüdischer Hausierer«, dachte Hermann.

»Haben Sie irgend etwas zu verkaufen?« fragte er, in der Hoffnung, dem Esa-ul als Entgelt für die erzwungene Gastfreundschaft ein Geschenk machen zu können. »Ich gebrauche so manches, das auf der Reise fehlt.«

Der Jude verbeugte sich fast bis auf den Boden. »Wenn der gnädige Herr draußen eines armen Mannes geringe Habe ansehen möchte!« bat er.

Hermann nickte und folgte dem Sohne Israels auf den Vorraum, ein kleines, luftloses Loch mit einem einzigen Fenster, das statt der Glasscheibe nur eine dünne Eisplatte besaß, weil bei der herrschenden Kälte das Glas sogleich zerspringen würde. Hier im Halbdunkel faßte ihn der Hausierer geheimnisvoll am Ärmel.

»Esa-ul«, flüsterte er, »ich habe noch davon, eine große Menge und vom reinsten.«

»Ich bin nicht der Esa-ul«, antwortete Hermann. »Was verkaufst Du, Jude?«

»Sind Sie nicht der Esa-ul? Gott gerechter – ich weiß nicht – ich –«

»Was giebt es da zu erschrecken?« fragte kopfschüttelnd unser Freund. »Ich bin als Gast im Hause des Esa-uls und möchte ihm gern etwas schenken, das ist alles. Womit handelst Du?«

Der Jude trat von einem Fuße auf den anderen, er wackelte mit dem Kopfe wie eine chinesische Pagode, blieb aber vollständig stumm.

»Nun«, sagte Hermann, »willst Du nicht antworten?«

Der Händler trat noch näher zu ihm, sein Ziegenbart berührte beinahe Hermanns Brust. »Das, womit ich handle, kann man nicht allen Leuten schenken«, raunte er. »Woher kommen Sie denn eigentlich?«

»Ich bin – – von Barnaul.«

»Und wohin reisen Sie?«

Hermann fing an, den Juden sehr neugierig zu finden. »Ich gehe nach Nischney-Kolymsk«, versetzte er.

»Von dort komme ich her!«

Der Deutsche erschrak. »Du kommst von Nischney-Kolymsk? – Wenn Du diese Thatsache hier im Hause verschweigen, überhaupt von der Stadt und ihren Bewohnern nicht sprechen, über sie nicht das mindeste berichten willst, so gebe ich Dir auf der Stelle zwanzig Rubel. Ist Dir der Handel so recht?«

Der Jude kicherte, er rieb sich plötzlich die Hände, wie im größten Vergnügen. »Der Herr hat Geheimnisse«, zischte er, »Geheimnisse!«

»Nun – und?«

»Ich habe auch welche!«

»Das mußt Du mir wahrhaftig deutlicher erklären!«

»Will ich auch! Will ich auch! – Es ist Goldstaub, was ich zu verkaufen habe. Billig und fein, schönes, rotes Gold!«

»Gestohlen natürlich!«

»Keines Mannes Eigentum! Der Gott Abrahams und Jakobs soll mich behüten, es ist keinem Menschen gestohlen. Aber einen giebt es, der legt die Hand darauf und sagt: ›Es ist mein!‹ Das Sammeln müssen andere thun, der Ertrag soll ihm gehören. Ist das recht? Der große, gewaltige Zar will leben, der arme Jude aber auch. Er arbeitet und wäscht das Gold aus dem Sande des Amu-Darja – da ist es!«

Und der Händler zog aus den innersten Falten des schmutzigen Kaftans einen Beutel von Eichhornfell. »Hier«, flüsterte er, »wiegen Sie es, Herr! Achtundzwanzig Unzen, fast gar nicht mit Silber gemischt und noch weniger mit Kupfer.«

Hermann nahm den Beutel. »Und dies Gold willst Du verkaufen, Jude? Aber teuer natürlich!«

»Billig! Sehr billig! – Goldkörner gegen gemünztes Gold, gegen Rubelscheine meinetwegen. Es ist ein bloßer Tausch.«

Hermann lächelte. Seine deutsche Redlichkeit empörte sich gegen den Handel, in welchem er mit vollem Bewußtsein gestohlenes Gut an sich brachte, aber er überwand im Hinblick auf seine eigene Lage und die der jüngern Geschwister diese natürlichen Bedenken sehr schnell. »Sprich, Jude«, flüsterte er, »wie viel ist Deiner Ansicht nach der Goldstaub wert?«

»Mehr als sechshundert Rubel. Wenn Sie mir einhundertundfünfzig dafür geben, so soll es Ihnen gehören.«

Hermann reichte dem Juden sogleich den Beutel. »Ich bin nicht reich genug, um Dein Gold zu kaufen«, sagte er, »obwohl ich es dem Esa-ul gern geschenkt hätte. Adieu also!«

Er wollte fortgehen, aber der Händler hielt ihn am Arme fest. »Nicht so eilig«, raunte er, »was gedachten Sie mir denn zu bieten, Herr?«

»Hundert Rubel!«

»Nein, dann wende ich mich lieber an den Esa-ul, dem ich übrigens vom Herrn Tumanoff noch eine Bestellung auszurichten habe.«

»Von Tumanoff!«

Und nun war Hermann an der Reihe, den Hausierer festzuhalten. »Woran denkst Du?« rief er. »Wir verabredeten ja soeben noch ein vollkommenes Schweigen Deinerseits, Du nahmst zwanzig Rubel als Entgelt für dasselbe.«

»Das ist richtig. Ja, gewiß. Aber für mein Gold muß ich einhundertundfünfzig Rubel auf alle Fälle haben.«

»Sagen wir einhundertundzwanzig!«

»Nein, nein, es geht nicht!«

Hermann sah wohl, daß ihn der Sohn des schlauesten Volkes, das über die Erde geht, vollständig durchschaute, er konnte also auf keine Herabminderung des Preises hoffen und zahlte das Geld, worauf ihm der Jude den Beutel wieder einhändigte. Dann trennten sich die beiden in sehr zufriedener Stimmung.

Hermann traf den Esa-ul noch in lebhafter Unterhaltung mit Herrn Bochner, er legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte höflich: »Der Hausierer besaß nicht, was ich zu kaufen wünschte, aber er bat mich, Ihnen dies Beutelchen zu überliefern; es sei Ihr Eigentum, sagte er, Sie wüßten Bescheid.«

Der Esa-ul befühlte das Dargebotene, und heißer Purpur stieg in sein Gesicht. »Danke schön«, sagte er ruhig, »ich erinnere mich jetzt. Es ist Pfeffer für die Küche.«

Und sich erhebend schloß er das Säckchen in einen Schrank.

»Bestochen!« dachte Jermak. »Bestochen! – Jetzt ist es geschehen.«

Er ballte die Faust, sein Auge schoß Blitze, in diesem Augenblick war es ihm unmöglich, länger zu schweigen. »Herr Esa-ul!« rief er.

Hermann und Emma erkannten instinktmäßig den vollen Umfang der Gefahr. Jermak wollte losbrechen, das mußten sie zu verhindern suchen.

»Pater Quirin«, begann Hermann, »ich glaube, Sie –«

Der Esa-ul unterbrach ihn. Auch dieser sah, daß irgend etwas im Werke war, und begann für seinen Beutel mit Goldstaub zu fürchten. »Mir ist soeben etwas eingefallen!« rief er.

»Was?« fragte Jermak, auf dessen Stirn große Tropfen standen.

»Sie alle können morgen abreisen, wohin Sie wollen – ich gebe Ihnen zwei Kosaken mit, die mir später die Bestätigung aller Ihrer Angaben zurückbringen können. Während dieser Nacht bleiben Sie meine Gäste!«

»Das nehme ich an«, entgegnete Hermann, obgleich ihm die Aussicht auf eine Kosakenwache keineswegs behagte. »Das nehme ich an, Herr Vorspannmeister. Es ist ein sehr vernünftiger Vorschlag.«

Auch Jermak mochte dasselbe denken. Er behielt die Flüchtlinge, wenn ihm zwei bewaffnete Kosaken zur Seite standen, immer in seiner Gewalt und konnte dann bei irgend einer Gelegenheit ihre Festnahme veranlassen, ohne selbst zum Angeber zu werden; denn dagegen sträubte sich doch in ihm eine Stimme, der er durch kein Mittel Schweigen zu gebieten vermochte.

Hermann beobachtete ihn und sah den vorgegangenen Umschwung, er atmete erleichtert. Was weiter geschah, das würde sich seiner Zeit finden – für den Augenblick war die Gefahr abgewandt.

»Nun wohl, mein werter Herr Esa-ul«, wandte er sich an den Offizier, »jetzt bleibt Ihnen also nur noch übrig, sich unserer Gespanne anzunehmen.«

»Seien Sie unbesorgt«, versetzte der würdige Beamte, »Sie erhalten für jede Ihrer Narten achtzehn Hunde und zwar die besten, welche das Land besitzt.«

»Ah – das ist mir sehr angenehm!« –

Der Esa-ul ließ für die junge Dame ein zweites Zimmer herrichten, und ein paar Stunden später schliefen alle oder schienen doch zu schlafen. Jermak wechselte an diesem Abend mit seinen Genossen kein einziges Wort mehr, und was die Deutschen betraf, so hüteten sie sich weislich, ihn anzureden. – –

Zwölftes Kapitel.

Zwei Diener des Zaren.

Am folgenden Tage konnte man in einer sogenannten Zufluchtsjurte, wie sie in gewissen Entfernungen in ganz Sibirien gefunden werden, eine größere und gutgelaunte Gesellschaft um ein loderndes Feuer versammelt sehen.

Unsere Freunde hatten sich notgedrungen auf der offenen Landstraße halten müssen, dafür durften sie nun unter Dach und Fach schlafen, oder besser, die Stunden der Nacht gesichert verbringen, denn ein Plan, in allen Einzelheiten verabredet, hielt die Flüchtigen wach.

Draußen neben den Narten lagen die Hunde im tiefen Schnee; sie hatten sich eingegraben, um der Kälte möglichst zu entgehen; drinnen bewirtete Hermann die beiden Kosaken mit Branntwein, während die Pferde, an Pflöcken befestigt, ihr Futter verzehrten.

In einem Kessel, der über dem Feuer hing, kochte eine Mahlzeit für die Hunde.

Der Lustigmacher des kleinen Kreises war der Wiener, der unverwüstliche Herr Bochner. Er hatte ein Argali geschossen, ausgeweidet und gebraten, dann stellte er noch einige Nebengerichte mit auf den rohen hölzernen Tisch und lud nun die Gesellschaft ein, es sich wohlschmecken zu lassen.

Das Fleisch und der Lachs waren gut, der Branntwein noch besser, und so wurde denn den Schüsseln und Flaschen tapfer zugesprochen – schon der dritten hatte man an diesem Abend den Hals gebrochen.

Diese scheinbare Verschwendung geschah in Verfolg eines wohlerwogenen Planes. Hermann und Herr Bochner waren während der Nacht überein gekommen, die beiden Kosaken weder zu bestechen, noch zu vergewaltigen, sondern sie zu berauschen und in der Jurte zurückzulassen, nachdem ihre Pferde getötet worden waren. Den nichtsahnenden Leuten gefiel der Branntwein außerordentlich gut, sie lachten zu den Späßen, den Liedern und Deklamationen des Tanzlehrers und tranken dabei unvermerkt so große Mengen, daß sich ihr Blut zu erhitzen begann – auch sie sangen und lachten laut.

»Wie man von diesem gesalzenen Fisch in den Durst hineingerät!« meinte der Wiener, indem er die Gläser wieder füllte; »es ist ganz erstaunlich.«

Dabei aber trank er selbst nur ein paar Tropfen, und auch Tekel und Khort, die sich bescheiden im Hintergrunde hielten, bekamen nur einen sehr mäßigen Anteil. Was Jermak betraf, so brachte er keinen Schluck über die Lippen.

Herr Bochner holte aus dem Kasten der Narte eine neue Flasche hervor. »Wie heißt Du, mein Freund?« wandte er sich an einen der Kosaken.

»Nikolaus, Ihnen zu dienen mein Herr!«

»Und Du?« fragte er den anderen.

»Ich? – Ardalion!«

»Nun wohl, Nikolaus und Ardalion, nehmt noch ein Stück Lachs, dann schmeckt später auch der Wutki besser.«

Die Leute lachten, daß ihre zweiunddreißig Zähne zum Vorschein kamen. Solche Einladungen konnte man sich gefallen lassen.

Bei diesem Ausbruche einer schon einigermaßen lallenden Heiterkeit runzelte der Polizeimeister die Stirn. »Herr Bochner«, sagte er, »Sie lassen die Leute zu viel trinken – wohin soll das führen?«

Der Wiener hatte Ähnliches erwartet und war daher vollständig vorbereitet. »Pater Quirin«, versetzte er, »die kleine Sünde wird ja nicht gleich zum gefährlichen Verbrechen. Man friert tüchtig durch und sucht sich zu erwärmen, das ist alles.«

Jermak seufzte. »Wir sind Gottlob nicht mehr weit von Nischney-Kolymsk entfernt«, sagte er in ärgerlichem Tone.

»Also lassen Sie doch die armen Leute, denen das ganze Jahr nur Mühsale und Entbehrungen bringt, einmal essen oder trinken, soviel ihnen beliebt, ehrwürdiger Herr – weshalb gleich einem unschuldigen Vergnügen eine so ernste, ja gehässige Bedeutung beilegen?«

Der Polizeimeister sah auf: ein spöttischer und zugleich strenger Blick traf Hermanns lachendes Gesicht. »Herr – – Tumanoff«, sagte er in bedeutsamem Tone, »wenn man, wie Sie, der Beschützer einer wohlerzogenen jungen Dame ist, so sollte man in erster Linie darauf bedacht sein, ihr Schauspiele wie dieses vollständig fernzuhalten.«

Emma lächelte ruhig. »Ich nehme die Dinge immer, wie sie sind, ehrwürdiger Herr, nie, wie sie sein sollten, das ist für mich ein Glück, da ich sonst wohl kaum das Leben ertragen würde.«

Ihr trauriger, sanfter Blick traf den alten Herrn wie ein Vorwurf. Im Grunde waren Emma und Otto keine Sträflinge, also auch nicht auf der Flucht begriffen, das wußte er sehr wohl – aber dennoch, sie halfen ihrem Bruder die Gesetze zu umgehen, sie waren in dieser Beziehung mitschuldig.

Dem alten Beamten klopfte das Herz wie ein Hammer. Was mochten die armen Kinder gelitten haben – was stand ihnen höchst wahrscheinlich noch bevor?

Herr Bochner schenkte schon wieder fleißig ein, er sang jetzt ein Scherzlied, das die Leute ganz außerordentlich belustigte.

Nikolaus stieß seinen Gefährten an. »Du«, rannte er, »sieh doch den Schwarzrock, er mißgönnt uns die paar Tropfen Wutki!«

»Dafür trinke ich nun desto mehr.«

»Ha, ha, ha, ich auch!«

»Er ist ein Dominikaner aus Samogitien«, flüsterte der Tanzlehrer einem der beiden Kosaken ins Ohr.

»Biacha! Biacha!« lachte dieser und streichelte im trunkenen Übermut den Rücken des Polizeimeisters.

Dieser fuhr auf. »Was nimmt sich der Schlingel heraus?« rief er heftig. »Wißt Ihr, wer ich bin, Kerle? Ein Wort von mir bricht Euch das Genick!«

Ardalion lachte ihm ins Gesicht. »Heraus damit, alter Papa«, rief er, »wer bist Du denn Gutes, he?«

Jermak war, empört durch das, was er sah, jetzt völlig entschlossen, die Leute um jeden Preis zu ihrer Pflicht zurückzuführen.

»Wer ich bin?« rief er. »Der Polizeimeister von Jakutsk!«

Er dachte sich die Wirkung dieser Worte gleich der eines Blitzstrahles, aber er täuschte sich durchaus.

»Ah so!« lallte Ardalion, »dann ist Dir dies hier äußerst gesund!«

Und er versetzte dem erzürnten Manne einen derben Schlag auf die Schulter. »Polizei ist ein häßliches Wort!« sagte er lachend. »Ich mag die Polizei nicht leiden, sie will das Trinken verbieten.«

Nikolaus drohte mit geballter Faust. »Ein Hund will ich sein, wenn dieser Priester nicht schon seinen ganzen Verstand auf dem Boden der Flasche gelassen hat!« schrie er voll trunkener Heiterkeit.

»Ich will Euch Eure Unverschämtheit eintränken, verlaßt Euch darauf!«

»Das kommt vom bösen Wutki! Mach kein so krauses Gesicht Mann – singe mit, hörst Du?«

»Oder verbietet der Dir's? He? Der Gottseibeiuns nämlich!«

»Sprich gar nicht mehr mit ihm!« rief der andere. »Laß ihn brummen, soviel er mag, es ist sein eigener Schade.«

»Herr Brandt«, rief außer sich der Polizeimeister, »geben Sie zu, daß man mich in Ihrer Gegenwart öffentlich beleidigt?«

Hermann erschrak nicht, als er so plötzlich seinen wahren Namen hörte; die Kosaken konnten nichts mehr verstehen. »Das alles ist nicht so böse gemeint, ehrwürdiger Vater«, sagte er begütigend.

»Friede! Friede!« rief der Tanzlehrer, indem er eine neue Flasche entkorkte. »Laßt uns alle noch ein Glas trinken!«

Die Kosaken hielten ihm ihre Blechgefäße schon entgegen. »Immer zu, gnädiger Herr, immer zu, Sie sind ein angenehmer Reisegefährte.«

»Namentlich«, rief Nikolaus, »namentlich da man kein Kopfweh bekommt, wenn andere Leute die Zeche bezahlen!«

Herr Bochner füllte zuerst den Becher des Polizeimeisters, aber Jermak, wütend über die Rolle, welche man ihn spielen ließ, goß mit einem Ruck das Getränk ins Feuer. Eine blaue Flamme züngelte lustig empor und beleuchtete hell das Innere der Hütte.

»Merkt Ihr denn nicht«, rief er den Soldaten zu, »daß man Euch betrunken machen will, um die unbequemen Wächter abzuschütteln!«

Die beiden Kosaken sahen einander an, sie schienen plötzlich nüchtern geworden zu sein. »Sollte das – – –« lallte der eine.

»Wäre – wäre – –« stammelte der andere.

Herr Bochner schenkte jetzt den beiden Jakuten ein und ließ sie mit den Kosaken wetteifern. Gegen den unseligen, verhängnisvollen Zauber des Branntweins konnten die ungebildeten Söhne der Wildnis nicht kämpfen, sie tranken, bis es ihnen nicht mehr möglich war, zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.

Emma und Otto flüchteten in den fernsten Hintergrund der geräumigen Jurte.

Jetzt beschloß der Polizeimeister eine letzte entscheidende Anstrengung. »Meine Freunde«, sagte er, »nehmt alle Eure Fassungskraft zusammen und sucht zu verstehen, was ich Euch begreiflich machen möchte!«

Ardalion hob den Becher hoch empor. »Der Dominikaner – aus Samogitien – will – uns – den – Kate – Katechismus – lehren!« stammelte er.

»Durstige Fliege das!« fügte Nikolaus hinzu.

Jermak stand auf. »Leute«, rief er im beschwörenden Tone, »Leute, es handelt sich hier vielleicht um Eure ganze Zukunft, Euer Leben!«

Aber die Kosaken lachten und tobten, sie hörten ihn kaum noch, dann taumelten beide bis zum Eingang der Jurte und legten sich hin, um zu schlafen.

»Dahin haben Sie es bringen wollen!« wandte sich der Polizeimeister wutbebend an den jungen Deutschen.

»Vielleicht!« antwortete dieser sehr gelassen.

Dabei aber legte er sich auch zum Schlafen hin; auf einen Wink von ihm thaten die übrigen das Gleiche, nur Jermak durchschritt fortwährend in größter Unruhe die Hütte, und endlich, als er es nicht länger aushalten konnte, wollte er die Kosaken aufwecken. Ardalion, als er gerüttelt wurde, öffnete die Augen und brachte auch seinen Genossen zum Bewußtsein zurück. Die beiden Betrunkenen schienen irgend etwas zu vereinbaren, sie taumelten hinaus und lachten, dabei dem Polizeimeister ein geheimnisvolles Zeichen gebend.

Jetzt glaubte dieser seine Stunde gekommen; trotz der draußen herrschenden schrecklichen Kälte beeilte er sich, den Soldaten zu folgen.

Herr Bochner rieb sich drinnen die Hände. »Wir haben gewonnenes Spiel!« flüsterte er. »Die Kerle denken nur an den Branntwein, sie stehlen unseren ganzen Vorrat und trinken, bis kein Kanonendonner sie mehr erwecken könnte.«

Er sollte richtig prophezeit haben. Beide Kosaken steuerten schwankend den Narten zu, und als sie dieselben erreicht hatten, fragte Nikolaus den Polizeimeister, wo die Flaschen steckten. »Wutki!« lallte er, »mehr Wutki!«

Der Polizeimeister stand mit erhobener Faust vor ihm. »Unglücklicher«, rief er, »jetzt willst Du sogar stehlen? Laß ab, oder es ist Dein Verderben!«

»Biacha!« lachte Ardalion; »dummes Zeug! – Unsinn! Wir wollen den Wutki haben, hörst Du!«

Sie durchwühlten die Schlittenkasten, und sehr bald fielen ihnen die von dem schlauen Wiener oben auf alle übrigen Vorräte gelegten Flaschen in die begierigen Hände. Mit einem Freudenschrei den kostbaren Schatz an sich reißend, taumelten sie wieder in die Jurte zurück.

Jermak eilte hinterdrein, obwohl er selbst nur sehr geringe Hoffnung hegte. Den Soldaten ohne Beistand die Flasche zu entreißen, würde ganz unmöglich sein, das erkannte er vollständig, ergab sich aber trotzdem noch nicht.

»Fürs erste«, begann er, »habt Ihr beide gestohlen!«

»Du lügst, Biacha! – Wenn Du die anderen weckst – schlage ich Dich tot!«

Und er trank, bis ihm die Augen zufielen, bis er wie tot dalag. Auf diesen Augenblick schien sein Kamerad gewartet zu haben, er entriß ihm die Flasche und setzte sie an die Lippen; dazwischen drohte er immerfort.

»Nicht wecken, Dominikaner! – Totschlagen!«

Jermak versuchte es, sich der Flasche zu bemächtigen, aber vergebens, er rief die Jakuten, welche indessen plötzlich taub geworden zu sein schienen, und gab endlich verzweifelnd den Kampf auf. Die Kosaken lagen gänzlich leblos da.

Der Polizeimeister sah zu den beiden Deutschen hinüber, seine Augen blitzten vor Zorn. »Das Bubenstück ist Ihnen gelungen, meine Herren!« rief er.

Hermann überhörte geflissentlich diese Beleidigung. »Ich hoffe es!« antwortete er mit tiefem Atemzug.

Und dann rief er die Jakuten. »Tekel! Khort! – Spannt an, meine Freunde!«

Die Eingeborenen erhoben sich sofort. »Toyma«, sagte Tekel, »Du befiehlst, und wir gehorchen.«

Einige Minuten später zeigte das Bellen der Hunde, wie rasch sie der erhaltenen Weisung Folge gaben.

Jermak glaubte vor Zorn ersticken zu müssen. »Herr Brandt«, sagte er endlich, mühsam sprechend, »was beschließen Sie über meine Person?«

»Bitte sehr«, rief der Deutsche, »wir erlauben uns, Ihnen einen Platz in unserem Schlitten anzubieten. Allein könnten Sie hier nicht bleiben.«

»Und die Kosaken?«

»Das ist etwas anderes. Überdies schneit es, wir dürfen, gottlob, die Pferde leben lassen, ohne durch sie eingeholt zu werden. Unsere Spur geht verloren.«

»Im übrigen«, setzte der Wiener hinzu, »ist uns Ihre werte Gesellschaft so angenehm, daß wir dieselbe ungern entbehren würden.«

»Danke!« sagte im heftigsten Zorne der Polizeimeister. »Ich muß gehorchen, das weiß ich sehr wohl. Aber, meine Herren, das merken Sie sich gut, mit dem heutigen Tage sind wir quitt! Ich habe mich bei Ihnen ausgelöst!«

»Ausgelöst!« wiederholte der Tanzlehrer. »Wären Sie nicht lebendig begraben gewesen ohne uns, Sie Unglücklicher?

Und ebenso weit, ebenso vollständig«, setzte er lächelnd hinzu, »gehören Sie folgerichtig uns, mein Herr Jermak!«

Der Polizeimeister wandte sich ab, er glaubte in jedem Augenblick, daß ihn der Schlag rühren müsse.

Wenige Minuten später kläfften die Hunde und klingelten die Schlittenglocken. Beide Narten fuhren mit Windeseile in den wirbelnden Schnee hinein.

Dreizehntes Kapitel.

Der Wiener Zauberer.

Das rechte Ufer der Kolyma erhebt sich fast senkrecht, ja, an bestimmten Punkten hängen die von Thon durchzogenen Schieferfelsen in unheimlicher, drohender Gestalt über das Flußbett herein, an derjenigen Stelle aber, wo der Omolon in die Kolyma mündet, wird das vorhin so gebirgige Land plötzlich zur Ebene. Hier liegt die Niederlassung Zalirina, wo Kosaken, Verbannte, Jakuten und Jakugiren in bunter Mischung durcheinander leben und einträchtig und friedlich als Bauern, Soldaten und Pelzjäger ihren Beschäftigungen nachgehen.

Der Strom war gefroren, es herrschte eine Kälte von zwanzig Graden, aus der nebelverhüllten Luft fiel immerfort der Schnee in dichten Massen herab und bedeckte die Dächer der Hütten, welche jede einzeln hinter einer hohen Umwallung von festgestampfter Erde lagen. Aufgebaut aus dem Treibholz, das die Flüsse bei ihren alljährlichen Überschwemmungen zurückzulassen pflegen, waren diese runden Häuser mit Wänden aus einer Mischung von Moos und Lehm versehen, hatten nur eine einzige niedere Thür und nicht die Spur von einem Fenster.

Im Innern gab es mehrere Abteilungen, deren eine, das Wohnzimmer, durch eine kleine Öllampe matt erleuchtet wurde, und wo außerdem die »Tschuwala« brannte, eine Art von russischem Kamin aus Weidengeflecht, das mit einer dichten Schicht von Thon umzogen ist. Ein aus dem gleichen Material hergestelltes Rohr führt durch das Dach hinaus ins Freie.

Treten wir in eine dieser Hütten.

Die Sommerfenster waren mit Eisplatten, wie üblich, ringsumher verschlossen, ebenso die Thür. In dem Hauptgemache neben dem Feuer saßen zwei jakutische Frauen, während auf einer breiten, an der Wand befestigten Bank ein krankes junges Mädchen ausgestreckt lag. Alle drei Personen trugen das jakutische Hemd aus weichem, geschmeidigem Renntierfell, dessen Haare nach innen gekehrt sind und dessen Leder mit Erlenrinde rot gefärbt ist. An den Nähten, an Hals und Armen fanden sich Streifen von kostbarem Pelzwerk, ebenso an den ganz ähnlichen Beinkleidern. Über diesen beiden Stücken hing der »Kamley«, eine Art von Mantel aus ungegerbtem Renntierfell.

Das kranke Mädchen ächzte leise und drehte wie in fieberhafter Unruhe den Kopf immer von einer Seite zur andern. Die großen Augen sahen starr ins Leere, die Hände griffen maschinenmäßig tastend in die Luft.

Das Zimmer bot einen seltsamen Anblick; es war in jakutischer Weise festlich geschmückt und ein langer Tisch in der Mitte bedeckt mit auserlesenen landesüblichen Gerichten. Renntierbraten, Renntierzunge, eingemachter Fisch, Strugamina und Tschi, alles war in reichlicher Fülle vorhanden, außerdem noch kleine, flache, mit rotem Kaviar überstreute Pasteten, die aus dem Mehl der Makascha, einer harten Wurzel, gebacken werden – dann Thee in einer Blechbüchse.

Aber diesem Mahle fehlten die Teilnehmer. Außer den drei Frauen befand sich im Hause kein Mensch, sie selbst jedoch schienen nicht an Essen oder Trinken zu denken, sondern saßen stumm und in sich gekehrt da.

Nur der Wind fegte um das Haus, sonst drang kein Laut von außen herein.

Die Hütte gehörte Metek, dem »Ulusen« des Jakutenstammes, aber er selbst war nicht daheim. Seit Wochen schon erwarteten ihn die Seinen, seit Wochen deckten sie täglich den Tisch in der Hoffnung, ihn mit Beute beladen von der Sommerjagd heimkehren zu sehen, aber bis jetzt immer vergeblich.

Die Heringe erschienen in der Kolyma und wurden zu Tausenden eingefangen – das war das Zeichen für den Beginn des Herbstes, für die Heimkehr der Jäger – Metek kam immer noch nicht zu den ängstlich wartenden Frauen zurück.

Die Sommerjagd dauerte zweiundfünfzig Tage, jene Zeit, in welcher die Sonne für Sibirien nicht untergeht, aber so schwach leuchtet, daß ihre Strahlen nicht mehr wärmen und daß ihre Scheibe das Auge nicht blendet – jetzt war der Herbst schon längst eingetreten; wo mochte Metek, der tapfere, geschickte Metek bleiben?

Niemand kam dem alten Ulusen gleich in der Geschicklichkeit, welche er beim Renntierfang entwickelte. Das Wild flieht in die großen Seeen, tritt bis an den Hals in das flutende Element und hält sich nun für sicher! – Diesen Augenblick erwartet der Jakute, um es zu würgen. Metek erbeutete in solcher Weise alljährlich über hundert feiste Tiere; mit dem Zuge der Heringe zur Kolyma aber kam er nach Hause. Was mochte ihn jetzt fernhalten?

Seine jüngste Tochter lag krank an jener Seuche, die alljährlich ganz Nordsibirien durchzieht, dem »Miryak«, einem qualvollen, von Zuckungen und starken Schmerzen begleiteten Nervenleiden – sie war nach der Annahme des niederen Volkes behext.

»Mein armes Kind«, murmelte die ältere der beiden Frauen, »mein armes Kind! – Hörst Du den Sturm, Nachbarin? – Wo ist Metek?«

In diesem Augenblick klopfte jemand an die Thür. »Heda, Leute« rief eine Stimme, »sind hier einige Lebensmittel zu haben?«

Die Frauen horchten. »Soll ich antworten?« flüsterte die Nachbarin.

»Frage, wie viele Männer draußen sind!«

»Wie viele seid Ihr?« rief die Frau.

Das Gebell der Hunde übertönte die Antwort, erst auf eine zweite Anfrage kam der gewünschte Bescheid. »Wir sind unser sieben!«

»Öffne!« befahl die alte Jakutin.

Die Nachbarin gehorchte, auf der Schwelle erschienen Hermann und der Polizeimeister, beide von Eis bedeckt und gefolgt von Emma, die Herr Bochner führte. Tekel trug den durch die Kälte fast erstarrten Otto auf seinen Armen.

Den Beschluß machte Khort.

Hermann wollte eben eine Anrede halten, als er die plötzlich in Zuckungen verfallende Kranke bemerkte und sich zu dem Tanzlehrer wandte. »Sehen Sie doch, Herr Bochner!« flüsterte er.

Die Mutter winkte den Männern. »Tretet nicht näher«, sagte sie, »Ihr bringt in Euren Kleidern so viel Kälte mit Euch!«

»Was fehlt Deinem Kinde, alte Frau?« fragte der Wiener.

Die Jakutin weinte. »Ogropono-Dschiganskoi!« antworte sie.

»Ach – so, so!«

Herr Bochner wußte, was die beiden Worte bedeuten sollten. Der Ogropono-Glaube geht durch ganz Sibirien und stützt sich auf eine Sage aus dem vorigen Jahrhundert.

Die gefürchtete Frau war eine Hexe, erschien aber den ahnungslosen Menschen in der Gestalt einer vornehmen Dame und wollte überall mit der größten Unterwürfigkeit behandelt sein; wo irgend jemand ihren Absichten widerstrebte oder gar ihrer Herrschsucht spottete, da brachte sie Unglück ins Haus und verfolgte den Schuldigen, bis er zu Grunde gerichtet war, nicht allein in ihrer gewohnten menschlichen Gestalt, sondern auch als Katze, Rabe oder Seevogel verschiedener Art. Sie konnte dem Sturm gebieten, die Schiffe ihrer Gegner in den Abgrund stürzen, sie konnte den Wahnsinn und den Tod schicken, dabei besaß sie die Gabe, ewig jung und schön zu bleiben.

Bei ihrem scheinbaren Sterben als achtzigjährige Frau blieb sie natürlich vollkommen unbeschadet und lebte seitdem in Sibirien fort, um die Menschen zu quälen, ungesehen zwar, aber überall anwesend, überall bemüht, Schaden zu stiften.

Ogropono-Dschiganskoi war gefürchtet wie der Gottseibeiuns selbst.

Als die alte Frau den schrecklichen Namen aussprach, verfiel das kranke Mädchen abermals in Zuckungen. Es schüttelte sich krampfhaft und schluchzte laut.

»Armes Kind!« murmelten die beiden Weiber. »Verfluchte Hexe!«

Herr Bochner sah mit bedeutsamem Blick seine Gefährten der Reihe nach an. »Wartet!« stand in diesen klugen, lebhaften Augen deutlich geschrieben; »ich habe einen Plan.«

Er zog aus der Tasche die kleine Violine und legte sie neben die aufgetragenen, verschiedenartigen Speisen – nicht ohne lüsterne Blicke und wohlgefälliges Schmunzeln, wie wir eingestehen müssen.

Er liebäugelte sogar mit dem eingemachten Fisch auf das zärtlichste.

»Ihr Frauen«, sagte er dann, »weshalb gebt Ihr heute ein Gastmahl?«

»Ach! – Ach! – Das ist ja das Unglück! Der Uluse muß auf der Sommerjagd die Ogropono beleidigt haben, daher hält sie ihn irgendwo in Gefangenschaft zurück und quält außerdem das Kind. Die Heringe sind längst hier, aber Metek ist ausgeblieben.«

Herr Bochner neigte den Kopf. »Das ist bös!« sagte er; »das ist sehr bös! Aber wozu das Gastmahl Frau?«

»Der Uluse könnte doch heute zurückkehren, Herr!«

»Ja, ja, Du hast recht. Wie alt ist Deine Tochter, Frau?«

»Es hat achtzehnmal geschneit, seit sie zur Welt kam!«

»Ich werde sie heilen!« erklärte der Tanzlehrer.

Alle drei Frauen fuhren auf. »Bist Du ein Schamane, Herr?« riefen sie einstimmig.

»Ja. Ich komme sehr weit her, ganz aus fernen Ländern.«

»Wohnen denn dort Schamanen, die Ogropono-Dschiganskoi vertreiben können?«

»Gewiß! Ihr müßt mich nur vollständig gewähren lassen und allen meinen Anordnungen sogleich Folge geben!«

Nachdem er das gesagt hatte, forderte er seine Gefährten auf, sich zu Tisch zu setzen und zu essen, was Gutes dort aufgestellt war.

»Dein Mann, der Uluse, kommt weder heute noch morgen, Alte«, erklärte er, mit allen zweiunddreißig Zähnen kauend.

Die Frau schlug die Hände zusammen. »Niemals?« rief sie; »niemals wird er zurückkehren, der arme Metek?«

»Doch, er kommt eines Tages wieder in diese Hütte, Frau. Meine Kunst sagt es mir – Du darfst ganz getrost sein, er kommt!«

»Aber wann denn, wann, Schamane?«

»Das müssen mir die Götter erst noch deutlicher zu erkennen geben. Jetzt sollst Du gleich einen Beweis meiner Macht erhalten, Alte.«

Er nahm die Violine, und während seine Reisegefährten wie halbverhungerte Menschen über das leckere Mahl herfielen, begann er ein Lied zu spielen, eine Träumerei, ein Gebet, kurz, eine getragene, lang gehaltene Weise.

Schon bei den ersten Tönen glitt das junge Mädchen von der Bank herab und ging mit vorgestreckten Händen dem Tanzlehrer entgegen; sie gewann plötzlich Farbe, ihr Auge erhielt Glanz, ihr Schritt Festigkeit. Das nervöse Leiden sprang über in eine andere Form, wie der schlaue Wiener von vornherein richtig vorausgesetzt hatte.

Die Kranke verneigte sich einmal über das andere, sie sang leise die Melodie mit und sah glänzenden Auges umher, dann, als sei ihre Brust von einem schweren Druck erlöst, lehnte sie den Kopf gegen die Wand und schlief ein wie ein müdes Kind.

»Nach Wochen des ruhelosen Leidens der erste Schlaf!« – Die alte Mutter weinte vor Freude.

Herr Bochner trug sie sorgsam auf ihr Bett zurück; er war von dem zweifelhaften Versuch, mittelst der Violine eine ärztliche Thätigkeit zu entwickeln, sehr erbaut, er sah einen Erfolg, auf welchen er durchaus nicht gerechnet hatte und wandte sich mit großem Eifer den Speisen zu.

»So, Babuschka«, sagte er, »jetzt ist Deine Tochter gerettet, Ogropono kann ihr nichts mehr anhaben – nun mache uns Thee, vielen heißen Thee, hörst Du!«

Die arme Alte umarmte ihn schluchzend, die Nachbarin that dasselbe, dann bereiteten beide den wohlthätigen chinesischen Trank, der neues Leben in die Adern der halberfrorenen Reisegefährten goß.

»Wie gut ist Herr Bochner«, flüsterte Emma, »welch ein Schlaukopf! Er benutzt jeden Umstand und beutet ihn aus zu unserem Vorteil.«

Hermann hob seinen Blechbecher zu dem des blinzelnden Wieners. »Auf Ihr Wohlergehen, mein teurer Freund«, sagte er. »Hoffentlich trinken wir bald auf sicherem Boden eine Flasche Wein miteinander und besiegeln dabei eine Freundschaft, die nie im Leben enden soll!«

Der Tanzlehrer nickte nach allen Seiten. »Gott gebe es!« sagte er herzlich.

Nur Jermak schwieg mit finsterem Gesicht. »Jetzt bin ich der Gevattersmann eines Schwindlers«, dachte er grimmig. »Weiter kann es kaum mehr kommen.«

Die alte Jakutin ging von einem ihrer Gäste zum anderen und bot allen die Hand. »Seid willkommen, Toyonas! Ihr seid hier in der Hütte Meteks, des Ulusen – eßt, was auf seinem Tische steht.«

Der Theekessel dampfte, die guten Speisen mundeten vortrefflich, und die Wärme des geschlossenen Raumes that allen außerordentlich wohl. Das kranke Mädchen schlief ruhig auf der Bank, während sich sämtliche Gäste ihrer Mutter an Essen und Trinken für die Weiterreise stärkten.

Herr Bochner, der Schamane, entwickelte einen wahren Wolfsappetit und bedauerte nur eins, daß den Gerichten alles Salz fehlte.

Es waren drei Tage, seit sich die Flüchtlinge der Kosakenwache entledigt hatten, seit sie also nichts Warmes mehr erhielten.

Während sie jetzt den ersehnten Thee schlürften, wandten sich die Führer flüsternd an ihren Gebieter. »Und die Hunde, Toyona?«

»Alle Wetter, das ist wahr! – Herr Bochner, wissen Sie Rat?«

Die alte Jakutin lächelte. »Wir haben gekochten Fisch für unsere Hunde«, sagte sie, »da Metek nicht gekommen ist, so mögen ihn einstweilen die eurigen nehmen.«

Khort erhielt den Befehl, einen großen Kessel vom Herd zu holen und hinauszutragen. Eine Minute später zeigte das Heulen und Bellen der Hunde, welche Befriedigung sie empfanden.

Was Treu anbetraf, so ging er am Tische von einem zum anderen und erhielt so viele gute Bissen, daß er bald nicht mehr wußte, was er bevorzugen sollte.

Jermak war der einzige, welcher fast nichts genoß und kein Wort zur Unterhaltung beitrug.

Das Gehirn des bedauernswerten Mannes grübelte schon wieder über einen neuen Plan. In jeder Stunde konnte Metek, der Uluse, von der Sommerjagd heimkehren – dann sollte er, als das Oberhaupt des Jakutenstammes, ihm eine hinreichende Mannschaft stellen, um die Flüchtlinge nach Jakutsk zurückzuliefern. Er mußte es, oder die Strafe der Gesetze würde ihn ereilen.

Jermak horchte. Nahte immer noch kein Hundegebell, kein Klingeln von Schlittenglocken?

Er wußte nicht, daß der tapfere alte Uluse längst begraben lag unter den weißen wirbelnden Flocken, er träumte sich in dem Besitz des letzten ersehnten Rettungsmittels und spann immer weiter den Faden der Gedanken.

Er sah den beschimpfenden Verdacht von seinem Haupte genommen, er lebte wieder in den früheren Verhältnissen, und Weib und Kinder lächelten ihm entgegen, auch Dimitri, der älteste, geliebteste Sohn war dem Verderben entrissen – die Golddiebe mußten ihn herausgeben, ob sie wollten, oder nicht.

Langsam fielen dem alten Manne die Augen zu. Er träumte von der Heimat, er glaubte, die Glocken an dem Schlitten des Ulusen zu hören. – – – –

Und allgemach ward es stiller in der engen, warmen Klause. Sie schliefen alle, die müden Menschen, und mitleidig schenkte ihnen zwischen Kampf und Kampf das Schicksal eine Pause wohlthätiger Ruhe im sicheren Schutz eines festen, den Unbilden des Wetters nicht ausgesetzten Hauses.

Jermak hob im Traume die Hand. »Es wird mir unsäglich schwer«, murmelte er, »ich habe diese armen jungen Kinder liebgewonnen, aber – es muß sein – ich zeige sie dem Ulusen an – es muß sein.« –

Am andern Morgen bereitete das jakutische Weib die neuen Speisen für den Tisch ihres abwesenden Gebieters, unsere Freunde aber fuhren weiter hinein in das Land voll Schnee und Eis. Der Weg führte an dem steilen rechten Ufer der Kolyma dahin, gerade nach Nischney-Kolymsk, d. h. in dieser Richtung. Der Ort selbst, die letzte russische Station, sollte natürlich unberührt bleiben – es galt lediglich, das nördliche Eismeer zu gewinnen.

Jermak hoffte jetzt nur noch eins. Wenn das Tschuktschenland erreicht war, so befanden sich die Flüchtlinge nicht mehr auf russischem Grund und Boden, dann würden sie ihm sein Gewehr zurückgeben, ihm eine Narte und etwas Mundvorrat überlassen und ihn in Freiheit setzen. Von einem Kosakenposten zum anderen mußte er sich auf solche Weise bis nach Jakutsk wieder durchschlagen.

Gegen die Mitte des Tages schien Herr Bochner plötzlich unruhig zu werden, ebenso die beiden Jakuten. Der Himmel verdunkelte sich, grauer, dichter Nebel umhüllte alles, pfeifende, singende Töne fuhren zuweilen durch die Luft.

»Gott stehe uns bei«, murmelte der Tanzlehrer, »die Purga kommt!«

Auch Tekel und Khort wiederholten die erschreckende Vermutung des Wieners. »Die Purga! – Die Purga!«

Sie alle kannten den gefährlichen Sturm, welcher gleich dem Samum der afrikanischen Wüste plötzlich und vernichtend hereinbricht, sie sahen einander an, um zu beraten, wie man in der offenen Einöde am besten den drohenden Angriffen dieser Naturerscheinung zu begegnen oder doch ihre Verderblichkeit abzuschwächen vermöge.

»Wenigstens schneit es nicht«, seufzte der Wiener.

Tekel schüttelte den Kopf. »Aber die Ebenen, die Tundren und Abhänge liegen voll von losem Schnee, Toyona – das ist ebenso schlimm!«

»Der Schneehosen wegen, meinst Du? – Nun, wir haben schon so manche Klippe glücklich umschifft – auch hier wird Gott den Ausweg zeigen.«

Hermann beugte sich unruhig aus seiner Narte zu dem erfahreneren Freunde hinüber. »Haben Sie schon einmal eine derartige Purga erlebt, Herr Bochner?«

»In den Städten oder Dörfern häufig genug, aber – so in der Wüste allerdings nicht. Wir werden einen recht harten Stand haben, das kann ich Ihnen schon im voraus sagen.«

Hermann erstickte, während die Schlitten durch den dichten Nebel dahinjagten, einen Seufzer voll heimlicher Furcht. »Welche Vorsichtsmaßregel können wir anwenden, mein lieber Herr Bochner?« fragte er.

»Nur eins«, versetzte der Wiener, »ein einziges bleibt uns übrig. Wir müssen aus unseren Schlitten eine Mauer bilden, die wir vor den Wind bringen, und dann selbst hinter ihr Schutz suchen; wir müssen unsere Lebensmittel in die Hände nehmen und jedes für sich eine Höhle in den Schnee graben, um dort das Aufhören des Sturmes zu erwarten. Gott und der alten Jakutin sei es gedankt, daß wir Fleisch in Menge besitzen.«

Hermann erschrak sehr. »Wir können also während des Sturmes nicht reisen?« fragte er.

»O, auf keinen Fall. Es ist gar nicht daran zu denken.«

»Und wie lange dauert die Purga?«

»Sie kann eine Woche und darüber hinaus anhalten.«

»Gott stehe uns bei!«

Noch immer flogen die Schlitten dahin. Am Himmel verdichteten sich die Wolken, und in der Luft schwebten Nebel wie lange, flatternde Trauerbänder.

Plötzlich stürzte sich der Sturm mit rauhem, von den Eisbänken des Polarmeeres herübergetragenem Brüllen auf die Ebene herab. Schneemassen wirbelten durch die Luft, Tierstimmen kreischten, und Bäume knickten wie dürre Halme. Die Purga mit allen ihren Schrecken war losgebrochen.

Tekel und Khort brachten die beiden Narten dicht aneinander. Es war die höchste Zeit, denn schon vermochte der Schall der menschlichen Stimme das Toben des Sturmes nicht mehr zu durchdringen. Der Schnee legte sich in dichten Massen auf die Gesichter – es schien alles verloren, die Flüchtlinge glaubten zu ersticken.

Dann trennte ein gewaltiger Windstoß die beiden Schlitten. Hermann und Emma standen im Schnee unmittelbar nebeneinander, aber von den übrigen Genossen der Reise konnten sie nichts entdecken, selbst die Hunde verschwanden vor ihren Blicken, sie waren genötigt, sich gegenseitig zu stützen, sonst hätte die rasende Luftströmung sie fortgerissen und unter den rieselnden Flocken begraben.

Den jüngeren Bruder hielten die beiden erwachsenen Geschwister schützend in ihrer Mitte; so warteten sie und hofften in jedem Augenblick, den anderen Schlitten mit dem Tanzlehrer und dem Polizeimeister wider neben sich zu erblicken, allein vergebens, das Gefährt war und blieb verschwunden.

Hermann schoß seine Pistole ab, Tekel formte aus den Händen einen Trichter und stieß mit Mühe einen gellenden Schrei hervor – allein alle diese Anstrengungen blieben vergeblich, niemand antwortete ihnen, es zeigte sich kein lebendes Wesen.

Hermann dachte an den Rat des treuen, jetzt so spurlos verschwundenen Freundes, er grub hinter dem Schlitten zunächst für seine Geschwister ein tiefes Loch in den Schnee und bettete sie hinein, dann erst sorgte er für sich selbst. So, mit den Gesichtern bis auf den Boden herabgedrückt, konnten die drei geängstigten Menschen in ihrer unbequemen Lage kaum atmen.

Plötzlich ertönte neben ihnen ein halberstickter Schrei, der die Geschwister aufhorchen ließ. Etwas wie ein Schlitten, eine unkenntliche Masse, stürmte an ihnen vorüber, sie riefen wie aus einem Munde »Herr Bochner! Herr Bochner!« Dann zerfloß die Erscheinung, alles war dahin.

Die Dunkelheit nahm zu, aber das Schneetreiben ab. Tekel arbeitete sich aus den ihn umgebenden Massen los, befreite auch die Hunde und säuberte den Schlitten, dann half er seinen Fahrgästen wieder hinein. »Es geht vielleicht, Toyona, der Wind ist umgesprungen, wir haben ihn jetzt im Rücken! – Vorwärts!«

Die Hunde zogen an, wieder flog der Schlitten über die weiße pfadlose Wüste. Würde er jemals dem anderen, vorangegangenen begegnen? Würden die Flüchtigen ihren aufopferungsvollen Freund, ihren wahrhaft väterlichen Beschützer wiedersehen?

Sie schauderten. Dieser Tag war der schrecklichste der ganzen, von so vielen Gefahren umdrohten Reise.

Wenigstens glaubten es die Unglücklichen.

Tekel hatte keinen Grund, seine Hunde anzutreiben. Durch den heulenden, brüllenden Sturm flogen sie über die Ebene dahin wie toll.

So verging eine Stunde, welche den Flüchtigen wie eine Ewigkeit erschien.

Dann zeigte sich vor dem Schlitten ein Wald, die Hunde stürzten hinein, vielleicht instinktmäßig, um einigen Schutz zu gewinnen. Baum nach Baum flog vorüber, die Flocken wirbelten weniger dicht, die Gewalt des Sturmes schien halb und halb gebrochen.

Da erhob sich auf dem weißen Schnee eine dunkle Masse, Stimmen wurden laut – Tekel brachte dicht vor einem Gebüsch die Hunde zum Stehen.

Hermann richtete sich auf. »Wer da?« rief er.

»Wir!« tönte die Stimme des Wieners. »Halloh – wir sind es!«

»Gott sei gepriesen – ich glaubte Sie beide verloren!«

»Und ich dachte bereits an das Ende aller Dinge. Mein Gott, welch ein Wetter! – Wenn diejenigen Gelehrten, welche die Welt durch Erstarrung untergehen lassen wollen, recht behalten, dann steht den letzten Menschen ein schweres Scheiden bevor!«

Die Jakuten hatten während dieser Begrüßung ihrer Herren einen Haufen Tannenäste herbeigeholt und zündeten nun das harzreiche Holz so schnell als möglich an. Zuerst knisterte es, dann siegte die Flamme über den Schnee und schlug lustig empor.

Ein Freudenschrei brach über die Lippen des jungen Mädchens. »Licht! Licht!« – Schon das war ein unermeßliches Glück.

Nur Jermak schnitt eine Grimasse. Er wünschte, daß ihn die Erde verschlingen möchte.

Hermann wollte seine Schwester aus dem Schlitten heben, um sie in die Nähe des Feuers zu bringen, da bemerkte er plötzlich, daß Otto fehlte.

»Wo ist das Kind?« rief er heftig erschreckend aus.

Emma sah umher. »Otto! Otto! – Wo bist Du?«

Keine Antwort.

Sie wiederholten jetzt sämmtlich den lauten Ruf, selbst Jermak stimmte mit ein, aber ganz umsonst, der Knabe war und blieb verschwunden.

»Wie ist das gekommen?« schluchzte Emma. »Wo mag er sein?«

»Jedenfalls hat ihn ein Windstoß aus dem Schlitten geworfen. Wir konnten ja bei dem rasenden Toben weder hören noch sehen.«

Ein lähmendes, trostloses Gefühl beherrschte die Herzen aller. Das unglückliche Kind – sein Los war ein schreckliches, besonders, da die Stelle, wo jetzt die beiden Narten hielten, vielleicht meilenweit von der Unglückstätte entfernt lag.

»Hermann, Hermann«, jammerte Emma, »Du mußt ihn suchen!«

Der junge Deutsche rief seinen Hund. »Treu, wo bist Du? Komm hierher, mein gutes Tier, Du sollst Deinen Herrn suchen!«

Dann band er eine kleine Blechlaterne an den Nacken des Hundes. »Such Otto, mein Tier – wo ist Otto?«

Der Hund eilte fort, als habe er ihn verstanden.

Eine bange Stunde verging den einsamen, vor Kälte und Furcht schaudernden Menschen, eine lange trostlose Stunde, während die Jakuten ununterbrochen Holz herbeischleppten und der Sturm mit seinen Posaunenstößen das Feuer riesenhoch hinauftrieb in die schneeverhüllte, eisige Luft – während gierige Wolfsaugen aus dem Dunkel hervorsahen und die Herzen vor Unruhe schneller pochten – dann kam der Hund allein aus der Ebene zurück wimmernd und mit bluttriefenden Füßen.

Er hatte gesucht, soweit ihn sein Spürsinn zurückführte – er war nur umgekehrt, weil er die Unmöglichkeit weiteren Vordringens erkannte.

»Armer Otto!«

Emma weinte still vor sich hin, die Männer standen ratlos bei einander. Was konnte nun für den bedauernswerten Knaben jetzt noch geschehen?

Jermak gedachte seines verlorenen, doppelt und dreifach verlorenen Sohnes. Auch diesen hatten die finsteren Mächte umgarnt und verstrickt, auch er war denen, die ihn liebten, entrissen für immer. Der Polizeimeister seufzte, er schlug die Arme übereinander und sah starr vor sich hin.

»Vielleicht hilft ihm Gott durch ein Wunder«, sagte er halblaut, – und es war ungewiß, an wen er dachte, an den armen, verlassenen Knaben oder seinen eigenen unter Räubern und Dieben lebenden Sohn.

Die Jakuten gruben eine große Schneehöhle und trugen die Pelze hinein. Es mußte ja bei allem Kummer, aller Furcht doch ein Lager für die Nacht bereitet werden.

Herr Bochner, Hermann und der Polizeimeister besprachen alle Möglichkeiten, erwogen zehnmal alle Umstände, ohne zu einem günstigen Ergebnisse zu gelangen. Es gab für das arme Kind in dem wilden Schneetreiben keine Hoffnung mehr.

Eine zweite Laterne wurde in der Höhle angezündet, das Feuer mit neuem Holze versehen und etwas Thee bereitet. Die Hunde hatten sich sämtlich bis an den Hals in den lockeren Schnee eingegraben.

Von Zeit zu Zeit schoß Hermann das Gewehr ab. Vielleicht hörte der verirrte Knabe doch, wenn er nicht schon den Feuerschein sah, den Donner des Schusses.

Dann horchte der junge Mann und mit ihm alle übrigen. Aber vergebens, vergebens – die Stimme, für deren Klang sie jetzt den Erfolg der ganzen Reise dahingegeben hätten, die Stimme des armen, wehrlosen Kindes schien verstummt für immer.

Es war eine jener Stunden, in welcher dem schmerzzerrissenen Menschenherzen nur ein Trost bleibt, eine einzige Zuflucht, die zum Himmel.

»Herr, Dein Wille geschehe!« – alles Toben der Verzweiflung lindert sich zur stillen Wehmut, sobald sich die Seele ergeben, rückhaltlos in den Beschluß der Vorsehung ergeben kann. – –

Vierzehntes Kapitel.

Nochmals die Golddiebe.

Nachdem die Bande der Golddiebe sich aus den Umgebungen des Burukanwaldes entfernt hatte, übernahm Dimitri, seinen Vater für tot haltend, Reue und Zorn im Herzen, den Oberbefehl derselben.

Alle diese Leute stahlen das Gold des Landes, indem sie es teilweise selbst erbeuteten und andererseits von den Minenarbeitern billig einkauften, um es dann nach China einzuschmuggeln. Den Kosaken gegenüber wurde an den Ufern des Amur bald Gewalt, bald List angewandt, jedenfalls aber wurden die Grenzwächter immer mit Erfolg hintergangen.

Bald kamen die Golddiebe als Pelzjäger, dann steckte das gelbe, kostbare Pulver vielleicht unter den Hufen der Pferde, dann als Händler, und ein Fisch oder ein Vogel trugen es in ihrem Bauche, endlich als Bettler, deren einziger Laib Brot dem Reichtum als sicheres Versteck diente – jedesmal aber gelangten sie über die Grenze.

Nur gegenwärtig stockte der ganze Betrieb. Alle Posten waren verdoppelt, die Ketten dichter gezogen und den Mannschaften die äußerste Wachsamkeit eingeschärft worden – alles der aus Jakutsk Entflohenen wegen. Um einen Gefangenen wieder zu erwischen, ihm den Weg abzuschneiden, würde die russische Regierung unbedenklich ein Heer in Bewegung setzen, nur des Beispiels wegen.

Die Golddiebe mußten also einen weiten Umweg machen, mußten diesmal auf den Übergang des Amur verzichten und sich nach Penschinsk am Südende des Ochotskischen Meeres wenden; zu diesem Zweck gingen sie durch die Stanowoigebirge und am Omolon hinauf bis zu dessen Quellen.

Von den an dem gedachten Wege wohnenden Jakutenstämmen mit Schlitten und Lebensmitteln im Austausche gegen Gold reichlich versehen, kamen sie verhältnismäßig schnell vorwärts, plünderten so nebenher einige Postfelleisen und hielten sich, wie die Gesellschaft unserer Freunde, immer von der offenen Heerstraße fern.

Im großen und ganzen zogen beide Parteien die gleiche Bahn.

Eines Abends hatten die Ritter von der Landstraße am Eingange eines engen Thales Halt gemacht und unter freiem Himmel ihr Lager aufgeschlagen.

Die Nacht war dunkel, aber der Himmel wolkenlos und die Temperatur ziemlich milde.

Außer dem Sohne des Polizeimeisters befanden sich hier zwei Tungusen, ein Lamut, ein Korjak, ein giliakischer Fischer, ein von der Kolonie auf der Insel Sachalin entflohener russischer Verbannter, ein Kosak und noch ein Mann, dem wir schon auf den ersten Blättern unserer Erzählung begegneten – jener Sträfling mit dem Vermerk »Wor« auf dem Rücken seiner Jacke.

Er war aus der Haft entsprungen und lag jetzt, das schrecklich entstellte Gesicht vom Branntwein gerötet, wie es schien, sehr zufrieden im Schnee. Er trug vom Kopfe bis zu den Füßen Pelzwerk, im Munde glimmte die selbstgedrehte Cigarre, und im Gürtel steckten Messer und Pistolen; so sah er in die Welt hinein wie jemand, der seine Arbeit gethan hat und nun ausruht.

Der Lamut entzündete auf landesübliche Weise das Biwakfeuer, indem er ein großes Stück Achat, wie man sie in Sibirien auf dem Grunde der Flüsse findet, mit einem Flintstein schlug und dabei einen getrockneten Birkenschwamm als Zunder benutzte. Eine kleine knöcherne Büchse enthielt Schwefel. Der Lamut tauchte den Schwamm hinein und die blaue Flamme schlug lustig hervor – schon sehr bald verbreiteten die brennenden Tannenäste eine behagliche Wärme, Kochgeschirre wurden herbeigeholt und Branntweinflaschen aus ungeheuren Taschen hervorgezogen, kurz, es entwickelte sich ein Bild, wie es für den Beobachter kaum fesselnder und bunter gedacht werden kann.

Iwan der Kosak und Koschewin der Wor fällten Bäume, um den Vorrat an brennbaren Stämmen für die Nacht zu ergänzen, während die beiden Tungusen nach Art ihres Volkes Fleisch eines eben getöteten Pferdes noch warm und völlig roh mit heißhungriger Gier verschlangen. Der ältere dieser beiden Männer war erst seit gestern bei der Bande, er hatte in einem Streite mit dem Ispravnik seines Dorfes diesen letzteren erschlagen und mußte flüchten, um sich zu retten.

Dabei stürzte sein Pferd und verletzte eines der Vorderbeine. Ephraim, der alte Tunguse, erkannte, daß es nicht zu retten sei und saß ziemlich ratlos neben dem ächzenden Tiere, als ihm die Gesellschaft der Golddiebe in den Weg kam. Er ließ sich sogleich als Teilnehmer eidlich verpflichten, dann beschloß er, mit Hilfe des jüngeren Landsmannes das Tier in der üblichen grausamen Weise zu töten und zu essen.

Sie warfen nun mit vereinten Kräften das wehrlose Pferd zu Boden, banden es und öffneten ihm die Brust, dann fuhr Ephraim hinein, packte das Herz und drückte es zusammen, bis der Atem stillstand.

Selbst der Wor schauderte, als er diesen Vorgang mit ansah. »Weshalb schossest Du nicht dem Gaul eine Kugel durch den Kopf, Alter?« fragte er, mit einem langen Zug aus der Flasche die unangenehme Erinnerung hinunterspülend. »Pfui Teufel, das ist Schinderarbeit!«

Der Tunguse kaute mit beiden Backen. »Auf diese Weise schmeckt das Fleisch besser«, antwortete er unbekümmert.

Der letzte der Anwesenden war ein Mann aus Südostsibirien, ganz in Fuchspelz gekleidet, mit einer Kappe aus rotem und weißem Fell, dem »Malachi«, das am Mantel befestigt ist und nach Wunsch zurückgeworfen oder heraufgezogen werden kann. An allen Nähten befand sich ein kleidsamer Ausputz von Otternfell, selbst die bis über das Knie reichenden Stiefel zeigten am oberen Rande eine solche Einfassung. Arwaram war der jüngste und hübscheste der ganzen Gesellschaft.

Im Kessel brodelte das Lendenstück eines frisch erlegten Renntieres, daneben kochte in einem anderen, kleineren Gefäß eine Suppe, deren Zubereitung der Lamut übernommen hatte und die einen wenig angenehmen Duft verbreitete.

Man denke sich den Mageninhalt eines Renntieres mit einem Stück von dem Fette desselben und ein paar Schaufeln voll Schnee zusammengekocht – und man wird von dem Geschmacke des Lamuten einen ungefähren Begriff bekommen.

Er, der Korjak und der Fischer hatten sich den Golddieben angeschlossen, um womöglich der Hungersnot, welche in jedem Frühjahr die sibirischen Dörfer entvölkert, zu entgehen und sich als Räuber täglich satt zu essen, da sie es als ehrliche Leute nicht konnten.

Einer nach dem anderen legte sich rauchend in den Schnee zurück. Das Abendbrot war verzehrt und genügend Holz herbeigetragen – jetzt konnte man plaudern oder schlafen, je nachdem.

Die Nacht war dunkel und still, als plötzlich ein Schrei erklang, laut und durchdringend, aus nächster Nähe des Lagers. »Hilfe! Hilfe!«

Der Wor fuhr auf. »Was ist das?« rief er.

»Eine Kinderstimme!«

»Da kommt ein Schlitten!«

»Und hinterdrein eine Schar von Wölfen!«

Jeder der Golddiebe sprach, jeder suchte seine Waffen zusammen, aller Blicke lenkten sich auf das Gespann, bei dem zunächst kein Führer zu entdecken war. Erst als die Narte herankam, erkannten die Männer in derselben ein Kind, einen zwölfjährigen Knaben, welcher mehr einer Leiche als einem lebenden Wesen glich.

Der Wor und Dimitri sprangen hinzu, brachten die Renntiere zum Stehen und hoben den halbohnmächtigen Knaben aus dem Schlitten, um ihn an das Feuer zu tragen. Während Koschewin aus seiner Narte ein großes Stück gefrorener Pferdemilch hervorzog, mit der Axt mehrere kleinere Splitter davon abschlug und diese in einem Blechbecher über das Feuer hielt, während Dimitri den halbbewußtlosen Knaben rieb und mit Branntwein wusch, eröffneten die übrigen ein lebhaftes Feuer gegen die Wölfe, welche teils erlegt, teils verscheucht wurden – dann erst konnte die Erzählung des kleinen, erschreckten Reisenden beginnen.

Die heiße, schäumende Milch brachte auf ihn sofort eine sehr günstige Wirkung hervor. »Ich danke Euch, Leute«, flüsterte er, »ich danke Euch.«

»Laßt ihn schlafen«, sagte mitleidig Dimitri. »Der arme Schelm ist todmüde.

Der Wor öffnete seinen oberen Pelzrock »Gieb ihn her, Kamerad – ich will zur Veränderung einmal ein wenig Kindsfrau spielen!«

Dimitri reichte ihm seinen kleinen Schützling, und der Verbrecher bettete sorgfältig das schutzlose Kind in die weiten Falten des Mantels. »Da schlaf, armer Kerl«, sagte er voll Mitleid, »Koschewin behütet Dich!« –

Und sich so ausstreckend, daß des Kindes Kopf auf seiner breiten Brust wie auf einem Kissen lag, schloß der Räuber mit einem ihm selbst unerklärlichen Frohgefühl die Augen. Er that einmal einem anderen Menschen etwas Gutes – wie seltsam war das doch!

Und leise legte er die Pfeife weg – der Rauch konnte dem Kinde ja schaden.

Fünfzehntes Kapitel.

Otto.

Am folgenden Morgen war der Findling – Otto, wie meine Leser längst erkannt haben – wohl genug, um seine Erlebnisse berichten zu können.

»Ich wurde von einem Windstoß aus dem Schlitten gerissen«, sagte er, »und unter ein Gebüsch geschleudert, wo ich mich während der Nacht in den Schnee eingrub und am anderen Morgen ganz zerkratzt und zerschlagen erwachte. Dann ging ich gegen Norden so schnell, als es mir möglich war, weiter, den Schlitten mit meinen Angehörigen nach.

In der Tasche hatte ich ein Brot und eine kleine Flasche Wein, damit stillte ich den ärgsten Hunger. Gegen Mittag bemerkte ich, daß im Sonnenschein auf dem Schnee ein Schatten sich hin und her bewegte; ich blieb also stehen und beobachtete, um zunächst zu erfahren, was da vor mir herumsprang. Es konnten ja auch Feinde sein!«

Der Wor lachte. »Feinde?« wiederholte er. »Was meinst Du damit, mein tapferer kleiner Bursche?«

Otto errötete sehr. »Ich weiß nicht«, stammelte er, »ich –«

»Ach!« rief Dimitri, »jetzt wird mir alles klar! Wo hatten wir denn unsere Augen? – Dieser Knabe gehört mit zu den entflohenen Warnaks!«

Und als Otto verlegen den Kopf senkte, klopfte er ihm gutmütig auf die Achsel. »Du brauchst nicht zu antworten, Kleiner – wahrhaftig, von uns haben die Deinigen nichts zu befürchten; erzähle nur weiter.«

»Ich sah das unbekannte Wesen aus dem Gebüsch hervorkommen«, fuhr Otto fort, »und erkannte ein Renntier, das unter dem Schnee die letzten grünen Grashalme aufsuchte. Es trug ein breites, ledernes, mit vielem Schmuck versehenes Halsband; daraus schloß ich, daß es zahm sei, und ich ging ihm langsam näher.

Das Renntier ließ mich ruhig herankommen; selbst als ich ihm die Hand auf den Rücken legte, fraß es unbekümmert weiter.

Und dann faßte ich einen Entschluß; ich nahm ein großes Tuch vom Halse, knüpfte es als Zügel um den Nacken des Tieres und schwang mich hinauf. An der Haut hatte ich erkannt, daß es gewöhnt sei, einen Reitsattel zu tragen.

Mein Renntier nahm den Versuch sehr gut auf, es ging noch ein wenig spazieren, scharrte hier und da Futter aus dem Schnee oder lief zum Vergnügen mit mir über die Ebene dahin, aber es kam doch endlich nach Hause, in ein jakutisches Dorf, das von der Purga halb verweht war. Die Leute schaufelten und fegten mit aller Macht, sie empfingen mich sehr freundlich und bereiteten mir sogleich im wärmsten Winkel ein Lager, wo ich wenigstens zwölf Stunden lang schlief; darauf bekam ich eine herrliche Fleischsuppe, und man gab mir den kleinen hölzernen Schlitten und die beiden Zugtiere, wofür ich den guten Leuten meine Uhr als Belohnung zurückließ; dann fuhr ich ab, um nach der Gegend von Nischney-Kolymsk zu kommen – das übrige wissen Sie.«

Dimitri nickte. »Und die Wölfe?« fragte er; »die Wölfe, welche hinter Dir heulten und Dich zerreißen wollten? Hattest Du keine Furcht vor ihnen?«

»Die Wölfe?« wiederholte das Kind. »Sie waren schon seit vielen Stunden hinter mir.«

»Wenigstens zweihundert Bestien!« bemerkte Iwan.

»Zuerst sah ich nur einen«, rief Otto. »Er lief immer hinterher, blieb aber beharrlich in der gleichen Entfernung, so daß ich mich seinetwegen nicht besonders ängstigte, dann aber kam der zweite hinzu, der dritte, vierte – so oft ich den Kopf wandte, hatte sich die Zahl der Räuber vergrößert. Zuletzt sah ich gar nicht mehr hin, sondern trieb nur das Gespann zu möglichster Eile, namentlich da mir von fern Euer Lagerfeuer entgegen schimmerte – ach, ich hoffte, daß es das meines Bruders sei!«

Und Otto zerdrückte mutig die Thränen in seinen Augen. »Einerlei!« rief er, »einerlei! Ihr habt mich gerettet, meine Freunde, und ich danke Euch!«

Der Knabe sprach mit einer Zuversicht, welche diese wilden Menschen, die aller Familienfreuden entbehrten, vollkommen entzückte. Sie brachten ihm von ihren Vorräten das Beste, sie bemühten sich wetteifernd, ihm zu dienen und gefällig zu sein.

Nachdem Otto vollständig gesättigt war, nahm ihn Dimitri anscheinend zufällig beiseite und legte ihm freundlich die Hand auf den Kopf. »Wohin geht Deine Fahrt, mein Kleiner?« fragte er den Knaben.

Sein feines Wesen, seine traurigen, sanften Augen gewannen das Vertrauen des Kindes, dennoch aber gebot ihm die Klugheit, so zurückhaltend als nur möglich zu bleiben. »Bitte«, sagte Otto, »fragen Sie mich nicht, lieber Herr, ich kann darauf keine Antwort geben.«

Dimitri schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil, Kind, ich kann für Deine und Deiner Geschwister Sicherheit nur dann sorgen, wenn ich alle Verhältnisse genau kenne. Sage mir, wohin Du Dich begeben willst, mein Kleiner, Dein Vertrauen soll nicht getäuscht werden! Du bist jedenfalls aus guter Familie, ich aber auch – mein Name ist Dimitri Jermak, ich bin der Sohn des Polizeimeisters Jermak.«

Der Knabe sah auf. »Aus Jakutsk?« rief er.

»Mein verstorbener Vater stand dort zuletzt im Amte, ja.«

»Ich kenne ihn!« rief Otto.

»Nun, mein kleiner Freund«, sagte mit unsicherer Stimme der Räuber, »dann kanntest Du einen Ehrenmann.«

»Mein Gott, Herr Jermak kann doch nicht gestorben sein? Er war ganz gesund, ein kräftiger Mann, als er sich vor drei Tagen bei uns befand.«

»Wie? Bei Euch? – Bei wem denn?«

»Bei meinem Bruder, meiner Schwester und Herrn Bochner! – Kennen Sie diesen Herrn nicht von Jakutsk her?«

»Nein, leider nicht. Aber mein alter Vater sollte leben? Ich ließ ihn weit von hier, im Burukanwalde, am Fuße der Werchojanskischen Berge für tot liegen, weil es mir unmöglich war, den Körper zu beerdigen.«

»Aber wir fanden ihn doch gerade an jener Stelle, und er war vollständig begraben.«

»Was sagst Du, Kind – begraben?«

»Ja, das ist eine merkwürdige Geschichte. Aber sehen Sie nur, Herr Jermak, diese Pistolen gehörten Ihrem Vater, er selbst hat sie mir geschenkt!«

Der junge Mann ergriff hastig die Waffe. Es war ihm, als werde ihm das Herz in der Brust zerrissen. Wie oft hatte er als schuldloses Kind auf den Knieen des Vaters mit diesen Pistolen gespielt! – Ja, er erkannte sie, er wußte jetzt, daß der Knabe die Wahrheit sprach – sein alter Vater lebte, er sollte ihn vielleicht sogar wiedersehen!

»Kind«, sagte er, blaß und bebend vor Aufregung, »Kind, Du weißt, wo wir ihn – ich meine, wo wir die Deinigen finden können?«

»Ja! – In der Umgebung von Nischney-Kolymsk, an der Grenze des Tschuktschenlandes müssen sie sein.«

»Gut. Nun kein Wort mehr, mein Junge! Wenn alle übrigen schlafen, werde ich Dir meinen Plan auseinandersetzen.«

Er drückte ihm die Hand und gesellte sich wieder zu den anderen, wo indessen Koschewin von seinem Platze aus so ziemlich die ganze Unterhaltung mit angehört hatte. Der Name des Herrn Bochner machte ihn aufmerksam; das war der Mann, welcher ihm damals auf dem Wege nach der Festung Akutia, als er fast verschmachtete, so barmherzig ein Glas Wasser in den zersetzten Munde geträufelt hatte.

»Dimitri«, sagte der Wor, »auf ein Wort!«

»Nun – und?«

»Erzähle mir das, was Du da eben mit dem kleinen Burschen verhandeltest. Ich bin ganz vernarrt in den Jungen, ich wollte, er wäre mein Sohn – – aber nein, nein, doch nicht. Alle Teufel, er würde seinen Vater verachten, glaube ich.«

Dimitri seufzte. »Laß das, Koschewin«, versetzte er. »Komm, ich will Dir etwas mitteilen, was ich beabsichtige – vielleicht werden wir bei dieser Gelegenheit wieder ehrliche Leute, Du und ich, Männer, deren Söhne sich dereinst ihrer Väter nicht zu schämen brauchen. Komm, ich will Dir die Geschichte erzählen.«

Er nahm ihn beiseite, wir aber folgen den beiden nicht, sondern kehren zurück zu den Flüchtigen, welche wir in der Eishöhle, verzweifelt und trostlos, verließen.

Noch einen ganzen Tag und eine Nacht blieben sie an derselben Stelle, um womöglich den verlorenen Knaben wieder aufzufinden, dann erst, nachdem alle angewandten Mittel fehlschlugen, entschlossen sie sich schweren Herzens zur Weiterreise.

Der Weg führte an der Kolyma dahin und durch Thäler, welche, von hohen Bergen eingeschlossen, weit leichter zu passieren waren als die nackten, vom Sturm durchtobten Tundren. Hier weideten zahlreiche Renntiere und Elenhirsche, außerdem fanden sich auch einige genießbare Wurzeln, die den leergewordenen Schlittenkästen neue Vorräte zuführten. Auch ein großer schwarzer Bär wurde erschossen und lieferte Fleisch auf länger als eine Woche hinaus.

Im schnellen Fluge glitten die beiden Schlitten über den gefrorenen Boden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Emmas Augen waren vom Weinen gerötet, sie dachte immer nur an den verlorenen Knaben und wollte sich auf keine Weise trösten lassen, auch Hermann war stumm, und sogar der sonst so redselige Herr Bochner hatte jetzt keinen Scherz mehr auf den Lippen.

Der neben ihm sitzende, tief in seine Pelze gehüllte Jermak hielt die Augen fast durchweg geschlossen. Er hoffte und fürchtete nichts in der Welt, er hatte alles aufgegeben, eins wie das andere.

Währenddessen fuhr der schlaue Tekel auf dem kürzesten Wege vorwärts, wobei sich die Hundegespanne des Esa-ul von Sredne-Kolymsk als wahre Wunder der Schnellläuferkunst erwiesen. Die eingeborenen Hunde des nördlichen Sibiriens haben äußerlich große Ähnlichkeit mit Wölfen, besonders was die spitze Schnauze anbetrifft, die immer aufrecht stehenden Ohren und den dicken Schwanz; sie heulen auch wie Wölfe und haben ein ganz gleiches Fell, sind aber sehr anhänglich und leicht abzurichten.

Tekel und Khort hatten sich mit den Gespannen schnell vertraut zu machen gewußt, ein Wort oder ein Pfeifen wurde sogleich verstanden, eine leise Berührung mit dem langen, statt der Peitsche in ganz Sibirien gebräuchlichen Stocke ließ sie von ihren zuweilen auftauchenden Jagdgelüsten sogleich abstehen und gehorsam weiter traben, selbst wenn ein Bär oder ein Fuchs ganz in der Nähe vorbeistrich.

Als Speise erhielten die Tiere nur gekochte Fische, also genau dasselbe, was auch Menschen aßen, um nicht in der Wüste zu verhungern.

Gegen Abend wurde wieder eine Schneehütte gebaut und durch die beiden Lampen einigermaßen erwärmt, dann fielen unter den Axthieben der Männer mehrere Bäume, ein loderndes Feuer stieg gen Himmel empor, und nun meinte Tekel, daß es wohl an der Zeit sei, irgend ein Haar- oder Federwild für das Abendessen zu erlegen. Während der Polizeimeister und Herr Bochner zum Schutze des jungen Mädchens zurückblieben und während der zweite Jakute das Eis der Kolyma durchbrach, um Wasser zu erlangen, begaben sich Hermann und Tekel auf die Jagd.

Der Jakute schlich voraus, ihm folgte Hermann und den Beschluß machte Treu. Wie ein Indianer, der den Feind überrumpeln will, bewegte sich der Eingeborene langsam und spähend vorwärts, indem er jeden Busch, jede Schneewehe untersuchte, um daran die Fährte des Wildes zu erkennen. Plötzlich gab er dem Deutschen ein Zeichen mit der Hand, bückte sich und blieb in dieser Stellung hinter einem Gebüsche völlig versteckt liegen.

Hermann stand mit dem Gewehr im Anschlag unbeweglich hinter ihm.

Nach kaum einer Minute erhob sich der Eingeborene, winkte seinem Genossen, ihm zu folgen, und nahm den Weg zum Flusse hinab.

Überall im Schnee befanden sich viele regelmäßige Fußspuren.

»Renntiere?« fragte mit leiser Stimme der Deutsche.

»Pst! – Ein Elen!«

»Nur eins? – Ich denke, diese Tiere leben in Rudeln?«

Tekel zuckte die Achseln. »Hier ging nur eins, Toyona!«

Sie schlichen weiter bis zu einer Stelle, wo die Böschung den Fluß senkrecht überragte. Hier wuchsen Weiden, Tannen und viele verschiedene Gesträuche, namentlich Zwiebelgewächse, die ihre Wurzeln nicht tief in den fast immer gefrorenen Boden zu versenken brauchten; man konnte sich bequem verstecken und wartete nun der Dinge, die da kommen würden.

Plötzlich hob Treu den Kopf und wollte mit langen Sätzen davonspringen, aber Hermann erwischte ihn noch gerade früh genug, um diesen Ausfall zu vereiteln; er hielt den Hund mit beiden Armen fest und winkte ihm, ruhig zu bleiben. Treu gehorchte auch sofort.

In den Weidengebüschen knisterte es, ein großes Elentier streckte den Kopf hervor und trat dann langsam auf die freie Fläche hinaus, gefolgt von seiner ganzen, sieben Köpfe zählenden Familie. Ein altes Weibchen ohne Geweih mochte die Mutter sein, hinter ihr erschienen zwei fast erwachsene Tiere, zwei jüngere und zwei Säuglinge.

Man hörte den Schnee unter ihren Füßen knistern; der Hirsch ging voran, bog mit seinem hohen Geweih eine Lärche zu sich herab und verzehrte die Krone derselben. Er sowohl als auch das Weibchen hatten die Größe von ausgewachsenen Kühen.

Hermann und der Jakute, die beide mit dem Gewehr im Anschlag unter dem Winde standen, benutzten den günstigen Augenblick, um Feuer zu geben. Zwei Schüsse widerhallten donnerähnlich von den nächsten Bergen.

Ein Blitz zerriß die Luft, das Weibchen fiel ins Herz getroffen auf den Schnee, und die jüngeren Tiere ergriffen, von dem bellenden Hunde verfolgt, schleunigst die Flucht, während der Hirsch, von Hermanns Kugel getroffen, sich offenbar anschickte, nun seinerseits die Jäger mit Krieg zu überziehen.

»Treu!« rief Hermann, »Treu – faß!«

Der Hund verstand augenblicklich den erhaltenen Befehl; in der nächsten Sekunde hing er an dem Halse des Tieres und hatte seine scharfen Zähne fest in das Fleisch desselben hineingeschlagen.

»Bravo!« rief Hermann. »Gut, mein Tier, halt ihn fest!«

Der Hirsch ging, trotzdem das Blut in Strömen an ihm herabfloß, wankenden Schrittes mit dem an seinem Halse hängenden Hunde zu einem der nächsten Bäume, in der offenbaren Absicht, den Feind zu ersticken oder seine Knochen unbarmherzig zu zermalmen, und nun wäre es um Hermanns Liebling geschehen gewesen, wenn nicht eine zweite von der unfehlbaren Hand des Jakuten entsendete Kugel dem Dasein des Elentieres ein jähes Ziel gesetzt hätte. Mit einem gurgelnden Schrei in den Schnee fallend, verendete es.

»Hurra!« rief Tekel; »den hätten wir!«

»Ein prächtiges, großes Tier!«

»Jetzt wollen wir die besten Stücke in Sicherheit bringen und das übrige, der Wölfe wegen, hier liegen lassen«, sagte der Jakute. »Hilf mir, Toyona!«

Beide Männer zogen die Jagdmesser hervor, und nun schnitt sich jeder heraus, was er für das Beste hielt, Hermann den Rücken und die Keulen, der Eingeborene die Ohren, Schnauze, Zunge und den knorpeligen Fortsatz des Geweihes. Treu erhielt gleich an Ort und Stelle so viel Fleisch, als er zu fressen vermochte.

Das Weibchen wurde ebenso behandelt wie der Hirsch, und dann kehrten die glücklichen Jäger in das Lager zurück, wo ihre Beute mit großer Freude begrüßt wurde. Emma briet sogleich eine Keule in dem eigenen Fett des Tieres, und Tekel und Khort rösteten in heißer Asche die Geweihe, zu welchem Schmause später Herr Bochner eingeladen wurde und an dem er, mit diesem Leckerbissen schon bekannt, voll Vergnügen teilnahm.

Von dem verschwundenen Knaben sprach an diesem Tage niemand, aber alle gedachten seiner mit der innigsten Wehmut. Armer Otto, gewiß hatten jetzt schon die Wölfe den erstarrten Körper in Stücke zerrissen! – –

Sie schwiegen davon wie auf Verabredung, aber dennoch trauerten alle, und als sie am folgenden Tage weiterfuhren, geschah es mit schwerem Herzen. Allein in der öden Tundra, ohne Lebensmittel, ohne Führer, konnte der Knabe den Unbilden des Wetters nicht widerstanden haben, und doch schien es grausam, sich immer weiter von ihm zu entfernen.

Zwei Nächte wurden noch an den Ufern der Kolyma verbracht, dann kamen die endlosen Ebenen, welche bis an das Eismeer führen und nichts als glatte schneebedeckte Flächen bilden, ohne eine menschliche Wohnung, ohne irgend einen Punkt, einen Baum, auf welchem das Auge ausruhen könnte vom ewigen Einerlei der Wüste.

Immer blieb die Kolyma, fest gefroren wie der Erdboden, zur Linken der kleinen Karawane, jetzt einer der größten, in der Breite einer Meile dahinfließenden und in das Eismeer mündenden asiatischen Ströme. Dieses Gewässer hat unzählige Arme und daher auch viele verschiedene Namen; gegen das Ende der Fahrt hin heißt es z. B. Kammenaja; das alles wußte Hermann aus dem eifrigen Studium seiner im Burukanwalde verbrannten Karten, deren Bilder er so sicher im Gedächtnis trug, als ständen sie noch auf dem Papier vor ihm.

Weiter, immer weiter – das Ziel rückte jetzt doch mit schnellen Schritten näher. Noch ein junger Spießer wurde seines Fleisches wegen getötet, noch zwei Tage lang glitten die Narten über den gefrorenen Boden, dann kam bei einundzwanzig Grad Kälte das Meer endlich in Sicht.

Die Jakuten jubelten laut, als sie es sahen.

»Das Polarmeer!« sagte unwillkürlich schaudernd der Tanzlehrer.

Eine öde arktische Landschaft lag vor den Blicken der Reisenden. Hier in der Nähe des Pols gab es keine Höhe oder Tiefe, ja selbst keine Schatten mehr, kaum ließen sich von ganz geübten Blicken die Erde, das Meer und der Himmel deutlich unterscheiden – es war alles bleigrau, fahl und unbeweglich, es ließ in seiner Regungslosigkeit das Herz erstarren und den Mut vergehen wie das Antlitz der versteinernden Medusa.

In dieser leblosen Einöde erinnerten die vielen Krümmungen und Buchten der Küste an eine im Entstehen begriffene Welt; das Stillschweigen und die Ruhe rings umher hatten etwas Verwirrendes, Unheimliches – die Glieder der kleinen Gesellschaft fühlten sich sämtlich vom Schrecken gepackt. Emma zitterte am ganzen Körper.

Das Polarmeer! – Man liest davon am warmen Ofen oder wenn spielende Sonnenstrahlen über das Buch gleiten, aber man schaudert, wenn es sich grau und farblos in unermeßlicher Öde vor den Blicken ausdehnt.

Nur Jermak blieb unbewegt, er saß auch hier wie im Traume.

Heimlich grübelte er. Zwischen der Stunde, in welcher die Flüchtigen hoffen durften, einen Walfischfänger auf dem Meere erscheinen zu sehen, zwischen der Stunde der Befreiung und dem gegenwärtigen Tage lag noch die lange Polarnacht, während welcher ihn Hermann und Herr Bochner nicht so genau überwachen konnten – dann ließ sich doch vielleicht die Flucht ermöglichen.

Ja, die Flucht. Der unbeugsame Mann dachte immer noch daran, die Sträflinge nach Jakutsk zurückzuführen, er hoffte auf irgend einen besonderen Umstand oder Zufall, welcher ihm hierbei behilflich sein sollte.

Um die Schlitten herum lagerte der dichte, undurchdringliche Polarnebel. Das Meer war hier an der Küste fest gefroren, hart wie Stein. Kein Geräusch ringsumher, keine Bewegung, kein Schrei – nicht einmal ein Hauch. So mag ein ausgestorbener Planet beschaffen sein, eine Welt, die durch ein furchtbares Ereignis entvölkert wurde.

Nur zuweilen schwebten lautlosen Fluges über das weiße Eis große, weiße Vögel dahin, beinahe wesenlosen Schatten gleich.

Und dieser trostlose Ort war derjenige, an dem sich die Flüchtlinge während des ganzen Winters verborgen halten mußten. Hermann ermannte sich zuerst, er trocknete den eisigen Schweiß von der Stirn.

»Mutig, meine Freunde«, sagte er, »wir müssen hindurch und dürfen daher nicht in der zwölften Stunde noch verzagen. Hier ist vorläufig unsere Heimat, also laßt uns dieselbe nach Möglichkeit bequem und sicher herrichten.«

Er forderte die Jakuten auf, mit dem Bau einer Hütte aus Schnee zu beginnen, und nahm selbst die Schaufel zur Hand, ebenso Herr Bochner und der Polizeimeister. An Tauwetter war auf keinen Fall zu denken, die Wände und das Dach mußten feststehen wie aus Eisen.

Rüstig arbeiteten fünf entschlossene Männer, und schon nach wenigen Stunden konnte das neue Haus, dessen Fußboden vom Schnee gesäubert worden war, mit allem Eigentum der Flüchtlinge bezogen werden. Die Thür zu diesem Bau bestand nur aus Fellen und würde daher der Kälte den Zutritt nicht verwehrt haben, wenn nicht die Jakuten durch einen langen, schmalen und mehrfach gekrümmten Gang, gewissermaßen einen überwölbten Thorweg, aus Schnee die wärmere Luft innerhalb der Wände zurückgehalten hätten. So glich das Ganze den bekannten Eispalästen der grönländischen Eskimos.

Zwei Lampen, mit Bären- und Renntierfett gespeist, erhellten das Innere, ein Herd aus großen Steinen stand im Vorraum und hatte sogar einen aus alten Blechbüchsen sehr kunstvoll eingerichteten Schornstein erhalten, der den Rauch unmittelbar hinausführte ins Freie.

Nun galt es, Feuerholz zusammenzutragen. Am Ufer des Meeres lagen Hunderte von Stämmen, man brauchte sie nur aus dem Eis zu lösen und heimzuholen; einige davon gaben sogar, mit Fellen bedeckt, ganz prächtige Bänke, während die Narten, das Unterste zu oberst gekehrt, als Tische dienten.

Der Schnee, so sauber wie Krystall, lieferte ein gutes und reichliches Trinkwasser – für den Mundvorrat mußten die Büchsen sorgen.

Salz und Thee waren noch in bedeutender Menge vorhanden, ebenso getrocknete Fische, aber weiter auch nichts, die Jagd sollte daher unverzüglich beginnen und zwar meilenweit von der Hütte am Kap Baranoff, wo sich ungeheure Felsen bis zum Meer hinabziehen und die Tierwelt der arktischen Zone, von den flachen Tundren vertrieben, ihr Winterquartier aufschlägt.

»Jetzt beginnt die Polarnacht«, sagte mit heimlichem Grauen Herr Bochner, »volle achtunddreißig Tage hindurch.«

»Wann fängt sie an?« rief Hermann.

»Ja, mein Lieber, an welchem Tage des Jahres befinden wir uns? Ich habe keine Ahnung!«

»Heute ist der zwanzigste November«, antwortete Jermak.

»Wie wissen Sie das, mein werter Herr Polizeimeister?«

»Ich habe mir jeden verflossenen Tag gemerkt – das ist einfach genug.«

Herr Bochner lachte. »Also man schreibt in der gebildeten Welt heute den zwanzigsten November.«

»Ja.«

»Gut, dann beginnt übermorgen die Polarnacht.«

»Wird es vollständig dunkel sein?« fragte bebend vor Furcht das junge Mädchen.

»Wenigstens erscheint die Sonne erst nach achtunddreißig Tagen wieder am Himmel – genau den achtundzwanzigsten Dezember.«

»Aber wie wird es uns möglich sein, in dieser Finsternis zu leben? Ihr könnt kein Tier finden, um es zu erlegen!«

»Doch, doch«, tröstete der Tanzlehrer. »Vollständig finster wird auch die Nacht nicht sein, denn erstens gewöhnt sich das Auge sehr schnell an die uns umgebenden Beleuchtungsverhältnisse, dann aber besuchen uns Mond und Nordlicht, ferner glänzt der Schnee und die vorhandene Strahlenbrechung behält immer noch einige Kraft.«

»Was aber bedenklich werden kann«, setzte er hinzu, »das ist die außerordentliche Kälte und der etwa eintretende Mangel an Lebensmitteln. Wir sind, da der arme kleine Otto nicht mehr in unserer Mitte weilt, nur noch sechs Personen, aber dennoch –«

»Bitte«, unterbrach der Polizeimeister, »zählen Sie mich nicht mit, Herr Bochner!«

»Weshalb nicht? Werden Sie sich etwa in der Zukunft das Essen abgewöhnen?«

»Schwerlich. Aber überlassen Sie jetzt, wo mein Arm geheilt ist, gütigst mir selbst die Sorge, wie ich durch den Winter komme.«

»Nach Gefallen, Herr Jermak«, nickte Hermann. »Wir können Ihnen erst dann die Freiheit zurückgeben, wenn wir uns nicht mehr auf russischem Grund und Boden befinden, das sehen Sie ein. Viel lieber wäre es uns freilich, wenn Sie mitgingen nach Deutschland.«

Der Polizeimeister lächelte. »Ich will mir's überlegen«, sagte er spöttisch.

Man hatte dem alten Herrn ein eigenes Kabinett erbaut, ein Bett aus viereckigen Holzstücken und Pelzen hergerichtet und ihm Stuhl und Tisch besorgt; da saß er fast die ganzen Tage, ohne im Wohnzimmer zu erscheinen, und nur abends ging er fort, um einige Vögel zu fangen, die ihm Emma kochte, auch trug er täglich Feuerholz herbei und füllte die vorhandenen Gefäße mit Schnee, um so seinen Teil an den Haushaltungsarbeiten redlich beizutragen, aber den geistigen Verkehr mit den Flüchtlingen wies er beharrlich zurück. Sie waren nicht seine Gefährten, das behielt er immer im Auge.

Fehlte einmal seine eigene Jagdbeute, so fastete er trotz aller Bitten des jungen Mädchens, ohne einen Bissen zu genießen.

Hermann war davon so unangenehm berührt, daß er einmal, als man eine Fleischsuppe aß, den Löffel hinlegte und, zu dem Polizeimeister gewandt, sagte: »Sie haben seit dem gestrigen Morgen nichts mehr genossen, Herr Jermak!«

»Ich weiß es. Bekümmern Sie sich, bitte, nicht um mich.«

»Aber wie lange soll das so fortgehen, Herr Jermak?«

»Nur bis morgen. Ich will eine Bärenfalle aufstellen.«

»Aber dazu gehört eine Waffe und –«

»Und Sie haben die meinige in Besitz genommen, ja. Aber vielleicht werden Sie mir eine Axt anvertrauen, Herr Brandt?«

»Natürlich. Wir wollen am liebsten für Sie jagen, Ihnen alle Mühe ersparen – Sie sollen am Feuer sitzen bleiben und uns allein hinausgehen lassen.«

Jermak schüttelte den Kopf. »Ich danke«, antwortete er gelassen. »Leihen Sie mir die Axt, das genügt vollständig.«

»Aber Sie müssen doch eine Lockspeise haben?«

»Die ist vorhanden. Ich besitze noch einige Haferkuchen aus dem Ostrog des Herrn Kantier, die will ich dafür verwenden.«

»Und trotzdem Sie Lebensmittel haben, essen Sie doch seit gestern morgen nicht mehr?«

»Natürlich nicht. Ich muß mich beizeiten einrichten.«

Die Deutschen schwiegen, von Bewunderung erfüllt. Hermann dachte, daß es ein Glück sein müsse, die Freundschaft dieses Mannes zu gewinnen, aber er gab trotzdem alle weiteren Versuche auf – Jermak war unzugänglich.

Ohne auch nur einen Tropfen Thee genossen zu haben, legte sich der alte Herr bei einer Kälte von siebenundzwanzig Graden auf das Feldbett und schlief ruhig.

Am anderen Tage stellte er die Falle auf, legte auch Schlingen für Vögel, aber es hatte sich nichts darin gefangen, und so besaß er nur einige Wurzeln, welche er in einem verlassenen Mäusenest vorfand; das war sein Frühstück, Mittags- und Abendessen.

Emma bat ihn mit Thränen in den Augen, doch von einem Damtier, das Hermann erlegt hatte, ein Stück anzunehmen, aber er war nicht zu erweichen, so daß Herr Bochner riet, ihn ganz in Frieden zu lassen, das werde vielleicht am ehesten eine Änderung bewirken.

»Aber er verhungert«, meinte das junge Mädchen.

»Vorher wird er ohnmächtig«, sagte achselzuckend der praktische Herr Bochner, »dann flößt man ihm Suppe ein – nota bene, wenn man welche besitzt.«

»Das walte Gott!« seufzte Hermann.

Sechzehntes Kapitel.

Vater und Sohn.

Am dritten Tage nach der Ankunft und nachdem man noch die ganze Ansiedelung mit einer meterbreiten, festen Schneemauer umzogen hatte, brach langsam die Polarnacht herein. Draußen war alles dunkel, drinnen brannten, solange die Flüchtlinge wachten, zwei Lampen, die von den Schneewänden widerstrahlten, Tag und Nacht flammte auf dem steinernen Herd ein mit großen Holzklötzen genährtes Feuer. Als erst einmal der Anfang überstanden war, ging diese Heizungsart vortrefflich – man trocknete heute den Vorrat für morgen und so fort, dann brannten die Stücke von der Größe eines Eimers ganz vorzüglich.

Die Flüchtlinge lebten selbst unter diesen Verhältnissen vollkommen regelmäßig, sie standen früh auf, wuschen sich im frischen Schnee und wechselten täglich die Kleider, um dieselben immer kühl und trocken zu halten; das Leinenzeug reinigte Emma, so gut es anging, ohne Seife in einem dazu bestimmten Eimer.

Die Kälte wurde immer strenger, zuweilen trieb der Ostwind den Rauch des Feuers in das Haus zurück, zuweilen fehlte den Lampen das Öl und dann wieder dem Tische das Fleisch – alles Metall war dermaßen durchkältet, daß die Berührung brannte wie die des Feuers, selbst die Pfeifen der Jakuten waren gefroren.

Bekanntlich wirkt eine kühle, ja selbst mäßig kalte Luft angenehm erregend, die Eiseskälte aber erschlafft. Allmählich verschwindet jede Regung, welche sonst die Seele bewegt, der Wille wird gelähmt, die Gesichtsmuskeln verlieren ihre Spannkraft, die Kniee schlottern, und die Nase wird spitz.

Herr Bochner erlag diesem Verhängnis zuerst; seine Kinnladen bekamen den Zitterkrampf, seine Bewegungen wurden schwankend wie die eines Trunkenen. Selbst in der unmittelbaren Nähe des Feuers konnte er sich nicht mehr erwärmen, und des Nachts wanderte er schlaflos durch das geräumige Wohnzimmer.

Jermak seinerseits war auch von diesem neuen Leiden unberührt. Er wollte die Dunkelheit benutzen, um nach Nischney-Kolymsk zu entfliehen, dazu aber brauchte er einen Führer und das sollte womöglich Tekel sein.

Dieser war indessen vollständig wachsam. Ehe ihm Jermak bestimmte Erklärungen geben konnte, ließ er ihn schon ganz deutlich erkennen, daß von ihm kein Verrat zu erwarten sei; dadurch wurde ein unliebsamer Auftritt vermieden und gleichzeitig der Polizeimeister an den zweiten Jakuten verwiesen. Khort ließ sich schrecken, er fürchtete die Rache des Beamten und bat um einige Tage Bedenkzeit, wahrscheinlich in der Absicht, während derselben unbemerkt zu verschwinden – beide Pläne wurden indessen gleicherweise vereitelt.

Hermann kam zu der Überzeugung, daß es ihm völlig unmöglich sein werde, andauernd die vielen Hunde zu ernähren, er beauftragte daher die Eingeborenen, in den beiden Narten nach Elop-Balo am Omolon zu fahren und dort Lebensmittel, Schießbedarf und ein neues Zelt einzukaufen; zugleich gab er Tekel Geld genug, um auch den Führern eine freie Reise und einen hübschen Überschuß zu sichern, so daß die Leute den neuen Plan mit beiden Händen ergriffen.

Auch eine Bogdare mußten sie mitbringen, einen Kahn aus Leder, um die großen Flüsse passieren zu können, Speck zum Bestreichen der Schlittenbänder und etwas Branntwein für alle etwa vorkommenden Fälle.

Tekel und Khort waren es sehr zufrieden, dem Polizeimeister aus den Augen zu kommen. Der eine wollte die Leute, welchen er diente, nicht ins Verderben stürzen, der andere nicht etwa selbst in Gefahr kommen, und so trafen sie für den nächstfolgenden Tag die Vorbereitungen zur Abreise, ohne mit Jermak nochmals zu sprechen.

In der Nacht vor dem geplanten Ausfluge fingen plötzlich alle Hunde zu gleicher Zeit an zu bellen und wollten sich auf keine Weise beruhigen lassen. Der Polizeimeister kam aus seinem Zimmer hervor, die Jakuten aus ihrem Winkel, und auch Hermann und Herr Bochner fuhren erschreckt auf. »Was bedeutet das?« rief der erstere.

»Es müssen Tschuktschen in der Nähe sein!« antwortete Tekel.

»Und meinst Du, daß wir von diesen einen Angriff zu befürchten hätten?«

»Einen offenen Angriff wohl nicht!«

»Ich werde hinausgehen«, entschied Hermann. »Es könnten auch Kosaken sein. Bitte, Herr Jermak, Sie bleiben hier!«

»Es sind keine Kosaken«, beharrte Tekel.

Dies Urteil schien den Polizeimeister zu bestimmen, er legte sich ohne eine Silbe wieder auf sein Lager.

Hermann trat mit dem geladenen Gewehr hinaus ins Freie. Noch war alles um ihn herum völlig dunkel, aber gerade jetzt zeigte sich fern am Himmel ein seltsam weißer Schimmer, ein Glanz wie von hellen, silbernen Sternen, der sich immer weiter ausbreitete und dessen Stärke mit jeder verrinnenden Minute zunahm, der endlich sogar das Meer beleuchtete, daß es aussah wie gefrorene Milch.

Und dann erschien an den Rändern der weißen, glänzenden Fläche ein rosafarbener Streif, der allmählich überging ins Rote und in den gesättigtsten, dunkelsten Purpur. Flammengarben brachen hervor, Feuerschwerter, die den Himmel durchkreuzten und ihn wie in Blut getaucht erscheinen ließen. Tropfen von rotem Licht fielen überall herab, grüne Streifen schossen auf, gelb umrandet, es zuckte und wogte wie ein tobendes, von den verschiedensten Farben umleuchtetes Meer.

Im Lichte dieser Himmelserscheinung – des Nordlichtes, von dem unsere Breiten nur eine schwache Vorstellung besitzen – sah Hermann auf dem gefrornen Meer einen mit Renntieren bespannten Schlitten gerade auf die Hütte zukommen. Er rief den Tanzlehrer und zeigte ihm die Fremden. Sollten es Verfolger sein?

»Dann werden wir ihnen die Zähne zeigen!« antwortete der Wiener hinter seinen über Nase und Ohren gezogenen Pelzen hervor. »In einem einzigen Schlitten können nicht mehr als höchstens drei Personen sitzen.«

Sie horchten jetzt beide. Die Narte war so nahe herangekommen, daß man schon in der stillen Luft ihre Insassen miteinander sprechen hörte. Herr Bochner fuhr plötzlich auf.

»Herr Brandt«, rief er, »es war mir, als müsse ich die Stimme, welche da soeben sprach, kennen!«

Der Deutsche nickte. »Ich glaube es auch«, sagte er plötzlich erbleichend. »Großer Gott, wie wäre das möglich?«

»Und doch! Und doch! Es war Otto, der da sprach!«

»Er war es – ja, da spricht er wieder! – Otto, mein armer kleiner Otto!«

»Die im Schlitten hören das wütende Gebell der Hunde – sie kommen hierher!«

Die Narte hatte jetzt den Strand erreicht und hielt an. Ein Knabe sprang heraus, er allein lief bis zu der Hütte, und als er die beiden vor derselben stehenden Männer sah, eilte er mit ausbrechendem Jubel zu ihnen. »Hermann! Hermann! – Herr Bochner! Ach wie glücklich bin ich!«

»Otto! Otto! – Mein lieber kleiner Bruder!«

Und Hermann hob das Kind zu sich empor, er trug es herum, als sei der Knabe ein Säugling, als müsse er den so unerwartet Wiedergefundenen nun auch festhalten, daß er ihm nicht zum zweitenmal abhanden komme.

Nachdem auch Herr Bochner den kleinen Bruder seines Freundes auf das herzlichste begrüßt hatte, fragte er ihn nach den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit. »Bei wem hast Du bisher gelebt, Otto, wer brachte Dich hierher zurück?«

»Jermaks Sohn!« rief der Knabe. »Er ist draußen im Schlitten. Hole ihn herein, Hermann, der arme Dimitri ist verwundet.«

»Mein Gott – und das sagst Du erst jetzt!«

Herr Bochner eilte zum Meeresstrande, während Hermann, nachdem er den Knaben in Emmas Arme gelegt hatte, den Polizeimeister aufsuchte und ihn auf die Begegnung mit seinem unglücklichen Sohne vorbereitete.

Jermaks Hände zitterten. »Mein Sohn!« sagte er. »Mein Sohn! – Und schwer verwundet? – Ich darf ihn doch in dies Haus bringen, Herr Brandt?«

»Welche Frage!« rief Hermann. »Mein Gott, halten Sie mich denn für einen Unmenschen? –Ach, Herr Jermak, so lassen Sie uns doch endlich Freunde werden!«

Ein Kopfschütteln war die Antwort, dann eilten beide Männer hinunter zum Strande, wo Herr Bochner eben dem todbleichen jungen Menschen vergebens zuredete, doch mit ihm ins Haus zu kommen. Dimitri wollte erst die Erlaubnis seines Vaters erlangen.

Der Polizeimeister beugte sich über den Unglücklichen und küßte ihn. »Mein armer Schelm«, sagte er, »Du siehst schlecht aus!«

Dimitris Augen füllten sich mit Thränen. »Vater«, flüsterte er, »willst Du mich denn jetzt nicht mehr sterben sehen?«

Und der Polizeimeister küßte ihn wieder – leise und innig wie eine Mutter. Die offenbare Nähe des Todes erschütterte selbst diesen eisernen Charakter; er streichelte zärtlich, während die Männer mit dem tungusischen Führer zusammen den Verwundeten in das Haus führten, die eiskalten, mageren Hände desselben. »Du hast eine gute That vollbracht, Dimitri«, sagte er, »hast um des fremden Schicksals willen Dein Leben aufs Spiel gesetzt – dafür soll alles Frühere verziehen sein.«

»Gottlob!« hauchte der Sterbende; »ach Gottlob, Vater! Nun laß mich Dir aber auch erzählen, wie – –«

»Nein, nein, Du könntest Dir schaden, Dimitri!«

»Mir schadet nichts mehr, lieber Vater! Vielleicht sind meine Stunden schon gezählt – ich will Dir vorher alles berichten.«

Und dann gab er, auf dem Bette seines Vaters liegend, eine Schilderung der letzten Vorgänge. Er selbst und der Wor, jener arme Schelm mit dem zerfetzten Gesicht, hatten beide das wüste Leben ohne Arbeit und Ehre längst satt, sie beschlossen, mit dem Knaben zu entfliehen und ehrliche Leute zu werden, aber die Mitglieder der Bande hatten das Geheimnis entdeckt, zwei Kugeln wurden ihnen nachgesandt, der Wor brach, mitten ins Herz getroffen, lautlos zusammen, und ihm selbst blieb das tödliche Blei in der Brust stecken, aber die Flucht gelang trotzdem – Otto war den Seinigen zurückgegeben.

»Aber wie fanden Sie denn den Weg zu uns, Herr Jermak?« fragte Hermann.

»Von Feuerstelle zu Feuerstelle«, lautete die mit schwacher Stimme gegebene Antwort, »Otto besorgte das fast allein. Sein Mut ist der eines Mannes!«

»Sprich nicht so viel, mein armer Junge«, bat Jermak, »Du schadest Dir!«

Dimitri lächelte wehmütig, er hielt seines Vaters Hand zwischen den seinigen und schien nicht oft genug hören zu können, daß nun alles vergeben und vergessen sei.

Draußen erhellte das Nordlicht mit flackerndem grünen und purpurnen Schein den Gesichtskreis und die stille, tote Eiswüste, drinnen schlugen langgetrennte Herzen aneinander im Glücke des Wiedersehens. Die kleine Familie der Deutschen saß mit dem befreundeten Tanzlehrer eng geschart um den zurückgekehrten Knaben, der Polizeimeister und sein Sohn flüsterten Worte voll Liebe, und die beiden Jakuten plauderten in ihrer Ecke mit dem Tungusen, welcher aus seiner Narte ein halbes, erst gestern erlegtes Argali herbeiholte und dasselbe am Feuer briet.

Es war eine Nacht, die keiner von allen je im Leben wieder vergaß.

Gegen Morgen schlief der Verwundete vor Schwäche ein. Diesen Augenblick benutzte Jermak, um sich den Deutschen zu nähern. »Herr Brandt«, sagte er, »wir alle hatten Ihren kleinen Bruder für verloren gegeben, und in dieser Nacht bringt mein Sohn denselben wohlbehalten zurück – finden Sie nicht, daß das etwas ist?«

»Das ist sogar unendlich viel, lieber Herr Jermak! – Früher waren Sie unser Schuldner; jetzt ist das Gegenteil eingetreten. Aber giebt Ihnen das alles nicht zu denken? Wollen Sie nicht uns gegenüber von Ihrer grausamen, feindlichen Haltung ablassen?«

Er streckte die Hand aus, ihm lag das Herz auf den Lippen. »Jermak, wollen wir nicht endlich Freunde werden?«

»Nie! – Das ist unmöglich.«

»Sie achten uns also, weil Sie eben nicht anders können, aber – Sie hassen uns?«

»Ich hasse keinen Menschen!«

Hermanns Auge blitzte im plötzlich erwachenden, heftigen Zorn. »Nun«, rief er leidenschaftlich, »das ist schade! Ich würde lieber Deinen Haß haben wollen, Du Verblendeter, als diese Unbeugsamkeit, die Dich vom Menschen mit einem warmen, empfindenden Herzen herabsetzt zum bloßen Werkzeuge eines rohen Gesetzes. Dich kann nichts rühren, nichts erweichen, Du bist in Dir versteinert! – Du kannst weder hassen noch lieben!«

»Ich gehorche höheren als persönlichen Beweggründen.«

Hermann ergriff plötzlich das Gewehr des Polizeimeisters. »Da«, rief er, »da, Jermak, nimm Deine Waffe, ich fürchte Dich nicht. Da – das bin ich Dir in meinem eigenen Bewußtsein schuldig!«

Der Polizeimeister nahm ohne ein Wort des Dankes sein Gewehr; dann setzte er sich ebenso stumm an das Bett des unglücklichen Sohnes.

Herr Bochner, der immer freundliche, immer geschickte, zeigte während dieser Tage, daß er sich neben allem übrigen auch auf die Krankenpflege meisterlich verstand. Die Kugel war sehr tief eingedrungen – hätte man nur ein wundärztliches Instrument zum Hervorziehen derselben gehabt, so würde wohl die ganze Angelegenheit eine andere Wendung genommen haben, aber unglücklicherweise war nichts dergleichen vorhanden, so daß sich auch keinerlei Hilfe bringen ließ. In jedem Augenblick konnte der Tod eintreten.

Alle Bewohner der Schneehütte wetteiferten miteinander in treuer, unermüdlicher Pflege; der Tunguse – in seinem Stamme ein berühmter Jäger – ging täglich aus, um irgend ein Tier zu schießen, dessen Fleisch dem Kranken eine Suppe versprach, aber nichts half, das Wundfieber wurde immer stärker, bis endlich ein sanfter Tod den jungen Mann von seinen Leiden erlöste. Er starb ruhig, versöhnt mit Gott und begleitet von dem Segen des gebeugten Vaters.

Die drei Eingeborenen des öden, schrecklichen Landes, die beiden Jakuten und der Tunguse, entzündeten am Strande ein großes Feuer, in dessen Schein sie das Grab auswarfen. Kaum ließ sich der steinharte Boden mit Äxten bearbeiten, kaum gelang es während zweier ganzer Tage, notdürftig die Grube herzustellen – dann folgte das traurige Leichenbegängnis.

Voran ging Otto mit einer Laterne, darauf kamen die Eingeborenen, welche den toten, gefrorenen Körper trugen, um ihn ohne Sarg, nur von einem Leintuch verhüllt, in die starre Erde zu legen. Hinter ihnen gingen der Polizeimeister, Hermann und Herr Bochner, ganz zuletzt folgte kläglich winselnd der Hund.

Dieser Zug bewegte sich bei dreißig Grad Kälte in tiefster Dunkelheit über den Schnee dahin, am Grabe machte er Halt, und nachdem Hermann laut das Vaterunser gesprochen, wurde die Leiche der Erde überliefert.

Die Jakuten hatten aus unbehobeltem Treibholz ein Kreuz angefertigt, das befestigten sie auf dem Hügel, unter welchem ein müdes Herz die letzte Ruhestätte gefunden; schwarz und unförmlich zeichnete das Kreuzeszeichen sich ab gegen das Weiß des Bodens.

Die Sterne glänzten hell am Himmel, der Mond schien mit einem Strahlenkranz umgeben – lauter bleiches, ungewisses Licht in der Einöde, deren Stille, deren Todesähnlichkeit die Herzen schwer bedrückte. Alle Seelen waren erfüllt von einem Gefühl der Not, der Beklemmung, das sich gleich einem Alp nicht mehr verscheuchen ließ, alle diese Männer fragten sich unwillkürlich, ob sie je das Land ihrer Heimat wiedersehen würden, ob nicht vielmehr auch ihnen das Grab in Sibiriens eisiger Erde schon ganz nahe sei.

Stumm drückten sie sich gegenseitig die Hände; der Polizeimeister hielt sogar diejenige des Deutschen fest in der seinigen. »Ich achte und schätze Sie aufrichtig, Herr Brandt«, sagte er, »der Mensch in mir hält sogar viel von Ihnen, aber – mehr dürfen Sie niemals verlangen. Ich habe als Beamter meinen Eid geleistet, das sagt alles.«

Und Hermann antwortete nur durch einen Blick; seine Lippen blieben stumm – –

Siebzehntes Kapitel.

Hungersnot.

Nie war die Jagd auf vierfüßige Tiere so erfolglos gewesen wie in den Tagen, welche dem Begräbnis und der Abreise des Tungusen folgten. Der Polizeimeister hatte einmal zwei kleine Ratten gefangen; das war alles, was er an Nahrungsmitteln besaß. Bären, Füchse oder Vielfraße gingen nicht in seine Fallen.

Der unglückliche Mann hungerte, aber er nahm von den Flüchtigen keine Speisen, er sonderte sich sogar täglich mehr von ihnen ab. Sonst ein kräftiger, stattlicher Mann, sah er jetzt aus wie Achtzigjähriger, erdfahl und gelb, mit entzündeten Augen und einem unsicheren, schwankenden Gange. Etwas mußte geschehen, wenn er nicht vor Mangel umkommen sollte – aber was?

Jermak wußte es nicht. Nach dem Tode seines Sohnes war er wie gebrochen, wie in sich zusammengesunken, er wanderte, auf einen langen Stock gestützt, während ganzer Tage planlos durch die schauerliche Eiswüste oder saß auf dem Grabe seines Sohnes und wünschte sehnlichst, da unten ausruhen zu dürfen gleich jenem, erlöst zu sein von den Qualen eines Lebens, das ihm unerträglich geworden war.

Oft dachte er, wenn irgendwo ein Grashalm, ein grünes Blatt wüchse, so würde er sich bücken, um es wie ein weidendes Tier mit den Zähnen zu packen.

Dann kam über ihn eine Art von Wahnsinn. Er sah vor sich gedeckte Tische, schäumende Krüge und gefüllte Schüsseln, dann wieder die Gastmahle der Kannibalen, wobei hingeschlachtete Feinde gebraten und verschlungen wurden.

Zuweilen glaubte er, den Hunger in körperlicher Gestalt vor sich zu sehen – das einzige lebende Wesen in der Wüste. Er lächelte ohne Furcht dem grauen, schattenhaften Gespenste entgegen – mochte es ihn doch fortschleppen, ihm galt alles gleich.

Dann kamen wieder Stunden, in denen er leben wollte, um jeden Preis. Tekel und Khort konnten zurückkehren, er fand vielleicht eine Gelegenheit zur Flucht, kam nach Nischney-Kolymsk, das heißt, unter Menschen, und dann war alles gut. Seines Sohnes edle Handlung hatte ihn den Flüchtigen gegenüber freigemacht, er brauchte also fortan keinerlei Rücksichten mehr zu nehmen.

Jetzt schwankte er nur noch und mußte sich rechts auf den Gewehrkolben, links auf den Stock stützen – das Bild des äußersten menschlichen Elendes.

So lenkte er die Schritte zum Kap Schelagsk. Der Weg führte zwischen Abgründen und eisigen Bergeshöhen dahin; Jermak kroch mehr, als daß er wirklich ging.

Vor ihm lag das gefrorene Meer, von felsigen Klippen umgeben; der ermüdete Mann lehnte sich gegen eine Steinwand und sah hinaus ins Freie. Ob ihm nie mehr ein Tier, irgend etwas Eßbares begegnen würde?

Zwei Schatten bewegten sich im ungewissen Mondlicht. Was war das?

Er sah schärfer hin und fast drängte sich auf seine bebenden Lippen ein Jubelschrei. »Renntiere! – Zwei Renntiere!«

Neues Leben schien durch alle Adern des gequälten Mannes zu rinnen. »Fleisch! – Die Aussicht auf Fleisch!«

Er legte an und schoß – das größere der Tiere stürzte. Mit einem Schlage war die frühere Kraft des unglücklichen Mannes zurückgekehrt, er trennte die Pulsader des erlegten Wildes auf und trank das warm hervorquellende Blut. Welches Labsal! Nie glaubte er eine solche Mahlzeit gehalten zu haben.

Jetzt war für mehrere Tage gesorgt. Er zog das Tier am Geweih zur Hütte und verbarg es im Schnee, um Stück nach Stück das Fleisch roh zu verzehren – Emma durfte es ihm nicht zubereiten, er wollte jetzt, nun jede Verbindlichkeit aufgehört hatte, auch keinerlei Freundschaftsdienste mehr annehmen.

Morgens, wenn noch alle schliefen, ging er fort und kam erst spät abends wieder, einmal jedoch bemerkte Hermann, daß er fehlte, und teilte dies dem Tanzlehrer mit; beide Männer eilten nach verschiedenen Richtungen davon, um den Unglücklichen zu suchen.

Während Herr Bochner die benachbarte Tundra abstreifte, nahm Hermann den Weg zum Meere. Nur der blasse Mondschimmer erhellte die Gegend; kein Laut traf das Ohr des jungen Mannes – so oft er auch den Namen des Polizeimeisters rief, nie kam eine Antwort zu ihm zurück.

Dann plötzlich, als er um einen mächtigen Felsblock ging, sah er den Gesuchten dicht vor sich, aber in schrecklicher Lage. Jermak steckte bis zu den Armen in einer Eisspalte und nur, indem er sich mit beiden Händen an den zackigen Rändern festhielt, gelang es ihm bis jetzt, das Hinabstürzen in den Abgrund zu vermeiden.

»Mein Gott«, rief Hermann, »was machen Sie da, Jermak?«

»Ich warte ab, was zuerst kommt, die Befreiung oder der Tod!«

»Nichts vom Tode«, rief der Deutsche. »Ich ziehe Sie sogleich heraus. Das kommt von Ihrer Lebensweise, Ihrem eigensinnigen Alleingehen ohne uns!«

Der Polizeimeister antwortete nicht, aber er ließ es zu, daß sich Hermann, flach auf dem Boden liegend, in den Spalt hinabbeugte und ihn mit seinen jungen Kräften langsam hervorzog.

»So«, sagte er, »da wären Sie gerettet!«

Jermak seufzte. »Von Ihnen«, murmelte er, »abermals von Ihnen! Ich bin also wieder Ihr Schuldner!«

»Und ist das für Sie so außerordentlich drückend, mein guter Herr Jermak?«

Der Polizeimeister schwieg; ohne ein weiteres Wort gingen die beiden Seite an Seite nach Hause, wo sie den Tanzlehrer bereits antrafen.

»Herr Bochner«, rief Hermann, »was ist denn mit Ihnen geschehen?«

»Wie meinen Sie das, he?«

»Großer Gott, Ihre Nase ist ja erfroren!«

»O! – O nein, ich habe nichts bemerkt!«

»Es ist aber doch so! Wir müssen Einreibungen von Schnee machen!«

Otto lief hinaus und brachte frische Flocken, dann begann der Wiener, blaß wie ein Schatten, seine leblos gewordene Nase sanft zu reiben, dabei murmelte er ganz verzweifelt: »Wie lang ist doch der nordische Winter!«

»Bester Freund, er beginnt ja eben jetzt erst«, lachte Hermann. »Aber trösten Sie sich, bald kommt die Sonne wieder, das ist wenigstens etwas.«

»Aber es wird an dieser furchtbaren Kälte nichts ändern!«

»Wenn nur unsere Freundschaft nicht erkaltet, mein wackerer Bochner!«

»Das soll sie wenigstens meinerseits nie, lieber Hermann!«

Der Polizeimeister wandte sich ab. In welcher drückenden, unerträglichen Lage war er diesen ebenso ehrenhaften, wie liebenswürdigen Menschen gegenüber.

Um doch nicht ganz als ein Barbar zu erscheinen, bot er den Flüchtlingen von seinen Vorräten etwas Fleisch an, aber ohne Erfolg. Wie er selbst zurückwies, was sie ihm vorsetzten, so lehnten sie ihrerseits nun auch sein Geschenk freundlich, aber bestimmt ab, obwohl auch ihnen die Lebensmittel zu fehlen begannen.

Es war nicht mehr genug für alle vorhanden, jeder suchte unter irgend einem Vorwande dem andern den größten Teil zu überlassen, jedes stellte sich auf den ersten Bissen gesättigt, damit noch etwas übrig bleibe, insgeheim jedoch hungerten schon alle, auch den Hunden wurde das Futter gekürzt, so daß sie fast ununterbrochen Tag und Nacht erbärmlich heulten.

Wie lange blieben doch die Jakuten aus! – Der Polizeimeister begann, einen anderen Gedanken zu verfolgen. Wenn sie nicht wiederkamen, dann mußten sich die Flüchtlinge ergeben, mußten froh sein, nur nach Nischney-Kolymsk zurückkehren und sich dem Gesetze auf Gnade oder Ungnade überliefern zu können. In diesem Falle blieb er der Sieger.

Sein Herz schlug höher. Vielleicht nahm die Sache diesen Ausgang.

Immer stärker wurde die Kälte, den Flüchtigen drohten mehr als einmal die Füße zu erfrieren, sie mußten das Fleisch mittels der Axt zerschlagen, und wenn sie unglücklicherweise einen metallenen Gegenstand berührten, so empfanden die Hände jenen stechenden Schmerz, der auch durch eine Brandwunde erzeugt wird. Die Augenlider bedeckten sich mit einer Eiskruste, die Uhren hörten auf zu gehen, selbst unter dreifachem Pelzwerk gelang es den Bedauernswerten nicht, sich zu erwärmen, wodurch denn, als letztes Übel, auch der wohlthätige Schlaf zu schwinden begann.

Trotz aller dieser Qualen hielten die Unglücklichen den Mut immer noch aufrecht. Hermann hatte in den Minen von Nertschinsk Schlimmeres erlebt als selbst dieses, das sagte er sich und den Seinigen.

Jetzt war der größte Teil der langen und schrecklichen Polarnacht durchlitten; die Sonne mußte von ihrer weiten Reise bald zurückkehren, obwohl im Augenblick noch alles rings umher von dichter Finsternis bedeckt, tot und öde dalag. Auch die Tierwelt schien durch den Hunger weiter nach Süden vertrieben zu sein, es ließ sich nichts mehr blicken als nur hie und da einige Robben, von denen auch zwei glücklich erlegt wurden. Das Fett, so schrecklich es schmeckte, aßen die Flüchtlinge, als sei es ein langentbehrter Leckerbissen.

Als auch das verzehrt war, beschloß Hermann, auf das Meer hinauszugehen und dort Eisbären zu jagen. Es schien ein letztes, verzweiflungsvolles Mittel, doch blieb nichts anders mehr übrig, und so kletterten denn die beiden Freunde eines Morgens auf das Eis hinab, um nicht in der Hütte Hungers zu sterben.

Die kleine gelbe Wolke, welche an jedem Tage das Näherrücken des Sonnenaufganges verkündete, stand auch heute wieder am Himmel, den während dieser Zeit zuweilen die leuchtenden Sternschnuppen von allen Seiten durchzogen, um gleich den Leuchtkugeln eines Feuerwerkes bald wieder zu verschwinden. Ein bleicher Lichtschein zeigte notdürftig den Weg.

Stundenlang bemühten sich die beiden Männer, zwischen Eisbergen und großen Blöcken auf das freie Meer zu gelangen. Hie und da hatte eine stärkere Strömung dem Froste widerstanden, schwarze Fluten rauschten auf und erstarrten, indem sie sich über das zerklüftete Eisfeld ergossen. Rings umher glich der gefrorene Ozean einem eben gepflügten Acker.

Überall zeigten sich Bärenspuren im Schnee, später eine leere Höhle und viele Fährten von Polarfüchsen.

Im Weiterwandern sahen die beiden Jäger eine eisfreie Spalte, in der das Wasser verhältnismäßig ruhig dahinfloß, und hinter derselben einen ziemlich hohen Schneeberg mit einem runden Loche, weit genug, um eine Bärentatze hineinzulassen. Rings umher war alles still.

»Wenn wir Glück haben sollen, so begegnet uns schon jetzt ein Bär – oder gar zwei«, flüsterte der Wiener. »Dieser Schneeberg ist ihr Jagdrevier.«

»Wie meinen Sie das?« fragte neugierig der andere.

»Pst! – Aus der Rinne stecken die Seekälber den Kopf hervor, um Luft zu schöpfen; das wissen die Bären und häufen einen Schneeberg, hinter dem sie auf der Lauer liegen. Im gegebenen Augenblick packt die Tatze das Opfer.«

»Sehen Sie! Sehen Sie!« fügte er eifrig hinzu – »zwei Bären!«

Die beiden Männer standen unbeweglich, die Kugelbüchsen schußbereit in den Händen und die Blicke fest auf den Spalt gerichtet. Ob sich das Wild zeigen würde?

Im Wasser rauschte es, ein plumper Kopf kam zum Vorschein, dann ein Teil des Oberkörpers. Ein Seekalb war unvorsichtig genug, dem lauernden Feinde so geradeswegs in den Rachen zu laufen.

Die rechte Vordertatze des Eisbären fuhr blitzschnell durch das Loch und fiel mit solcher Wucht auf den Kopf des Seekalbes, daß dieses taumelte und vielleicht im selben Augenblick sein Leben aushauchte. Der zweite Bär stürmte hinter der Schneewand hervor und packte das Opfer, über welches dann beide Sohlengänger mit vereinten Kräften herfielen und es zerrissen.

Dieser Augenblick schien günstig zum Angriff. Hermann ließ die Hunde los, während der Tanzlehrer beide Läufe seiner Kugelbüchse abfeuerte – wie auf Befehl ergriffen die Bären die Flucht, indem sie, selbst weiß, zwischen den weißen Eisblöcken dahinstürmten und durch ihre Schnelligkeit eine Verfolgung fast unmöglich machten.

Die beiden sibirischen Jagdhunde eilten ihnen kläffend und winselnd nach; so schnell es möglich war, folgten auch die Männer. Da sprang plötzlich von einem hohen Felsblock herab ein Bär den Tieren in den Weg, er schien den Kampf, dem die beiden ersten auswichen, seinerseits mutig aufnehmen zu wollen.

Hermanns Kugel empfing ihn, sobald er näher kam. Das gewaltige Tier taumelte, als es die Verwundung fühlte, drehte kurz um und lief davon, hinter sich den Schnee mit seinem Blute färbend. Im nächsten Augenblick war es verschwunden.

»Alle Wetter«, rief Hermann, »auch der entkommt!«

»Wir haben ja die Spur, mein Bester! Das Blut dient uns als unbestechlicher Führer.«

»Ja ja – nur vorwärts. Der Bursche ist tödlich verwundet, wir wollen uns sein Fleisch sichern.«

Und die Männer eilten, so schnell sie konnten, den roten Tropfen nach, die wie Rubinen auf dem Schnee glänzten.

Unterdessen fingen Emma und Otto an, sich über das lange Ausbleiben der Jäger zu ängstigen. Jermak saß stumm gegenüber, es war alles so todstill, der Hunger quälte die armen Kinder so sehr, daß sie nicht mehr ruhig in der engen Hütte auszuhalten vermochten.

Beide warfen ihre Pelze über und gingen hinaus, um zu sehen, ob Hermann und Herr Bochner noch nicht kämen. Das Wetter begann unruhig zu werden, die Wellen spritzten haushoch an den Eisbergen hinauf, schwarze Wolken umzogen den Himmel, ein Sausen und Singen in der Luft verkündete Sturm.

Krachend und polternd stürzten losgerissene Eisblöcke übereinander, mehr und mehr erhob sich in der sonst so stillen Atmosphäre ein Höllenlärm, den Worte auch nicht einmal annähernd zu beschreiben vermögen. Es erklang unter dem schwankenden, zitternden Eise wie das Pfeifen von tausend abgeschossenen Kugeln; kreischende und gellende Stimmen mischten sich hinein, ein Brüllen wie das des nahen, schmetternden und rollenden Donners. Das Eis brach in Stücke, und die Trümmer stürzten übereinander; dann begann ein wilder, titanischer Kampf, ein blindes Wüten wie in jenen ersten Schöpfungstagen, als sich Erde und Wasser auf das Gebot des Weltbeherrschers trennten.

Die Massen rückten vorwärts, trafen sich und stießen, von verborgener Kraft getrieben, wie in wilder Leidenschaft gegeneinander. Die beiden jungen Geschwister konnten, indem sie durch das schreckliche Toben gingen, ihre eigenen Worte nicht verstehen; was Treu betraf, so heulte er ganz erbärmlich.

Weiter, immer weiter. Vielleicht hörte doch Hermann die Stimme seines kleinen Hundes.

Der Knabe bat seine Schwester, umzukehren, aber Emma schüttelte den Kopf – gewiß war ein Unglück geschehen.

Plötzlich schien es beiden, als schwanke unter ihren Füßen der Boden. Es krachte, dunkle Schlangen krochen durch den Schnee, Spalten, die sich rings umher bildeten. –

Mit einem Schrei wollte Emma zurückspringen, aber Otto verhinderte durch schnellen Griff dies Vorhaben. Auch hinter den beiden hatte sich ein breiter Kanal gebildet, sie konnten weder hierhin noch dorthin.

Ein Angstschrei gellte durch die Dämmerung. »Hermann, Hermann, wo bist Du? – Großer Gott, wir ertrinken.«

Die Eisscholle schwankte und krachte, das Wasser spritzte von allen Seiten darüber hinweg. Dem angstvoll flüchtenden Hunde folgend eilten Emma und Otto über den schmäleren Spalt hinweg auf eine größere, feste Scholle, die ganze Eisberge mit sich führte und daher gewiß nicht so leicht in Bewegung gesetzt werden konnte. Der Sturm warf sie mehr als einmal zu Boden, aber dennoch gelang die Flucht, wenigstens vorläufig. Auch hier trennte ein breiter Kanal das Land von dem Fleck, auf welchem sie standen.

Es blieb nur übrig, so laut als möglich zu rufen. Vielleicht drang der Schall bis zur Hütte und lockte den Polizeimeister herbei. Wenn das nicht geschah, so mußte man eben warten, bis sich der Sturm legte und auf dem Spalt neues Eis erschien; das konnte immerhin in vier bis sechs Stunden der Fall sein.

Aber bei der herrschenden unerträglichen Kälte hieß warten und stillstehen so viel wie sterben.

Von der Hütte her näherte sich schnellen Schrittes ein Mann. Es war der Polizeimeister, den das Toben des Wetters unruhig gemacht hatte und der sich in Hermanns Abwesenheit verpflichtet fühlte, den beiden Geschwistern nachzugehen. Sie empfingen ihn mit erhobenen Armen wie einen Engel des Trostes und des Erbarmens.

Jermak legte beide Hände an den Mund. »Ich rette Sie!« rief er zuversichtlich.

Und dann begann für den entkräfteten, alten Herrn eine mühevolle Arbeit. Er wälzte große Eisblöcke heran, um die Spalte auszufüllen. Mehr als einer derselben trieb ab, dann aber blieb endlich der erste hängen, und ihm folgten mit leichterer Mühe die übrigen. Eine schwebende Brücke war hergestellt, Jermak winkte den beiden Geschwistern, den gefahrvollen Weg zu betreten.

»Du gehst zuerst«, sagte Emma.

»Nein, nein, Du! – Ich will Dich an einer Hand halten.«

Er schob seine Schwester gegen die Brücke vor und ließ sie, Jermaks Anweisungen gehorchend, seitwärts gehen, indem er ihre rechte Hand mit seinem ausgestreckten Arm hielt, während der Polizeimeister sich auf der andern Seite so weit als nur möglich vorbeugte und ihre Linke ergriff. Als er das junge Mädchen erreichen konnte, hob er mit beiden Armen die leichte Last ans Ufer; ebenso schnell und glücklich folgte Otto, der dem edelmütigen Retter um den Hals fiel und ihn wohl zehnmal küßte – auch Emma dankte ihm schluchzend, und indem er sie beide zugleich umarmte, flüsterte Jermak mit erstickter Stimme, daß sie ja auch seinen armen, verirrten Sohn gepflegt hätten, als er sterbend in ihrer Hütte lag.

Hermann und Herr Bochner kamen gerade jetzt, mühsam gegen den Sturm kämpfend, über das Eis gegangen und erstaunten nicht wenig, als sie die Gruppe der drei einander die Hände drückenden Menschen erblickten. »Was machen die Leutchen hier am Strande?« rief Hermann. »Sehen Sie doch, Herr Bochner, Otto küßt den Polizeimeister!«

»Und die ganze Gesellschaft hat sich im Schnee gewälzt, alle sind wie mit Glatteis bedeckt – da bin ich wahrhaftig neugierig!«

Sie kamen näher und hörten, was geschehen war. Auch Hermann dankte dem alten Herrn in warmen Worten, legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn lächelnd an. »Das thaten Sie nur, um dem Zaren die beiden entflohenen Sträflinge zu erhalten, nicht wahr, Herr Polizeimeister? – Oder war es, um sich bei mir ganz und gar auszulösen?«

Jermak sah zur Seite, seine Lippen bebten. Diese armen, verfolgten Kinder, warum mußte ihn das Schicksal zwingen, ihnen feindlich gegenüber zu stehen?

»Ich that, was ich für meine Pflicht hielt«, murmelte er.

Und auch Hermann küßte ihn zärtlich. »Ich danke Ihnen tausendmal, Jermak – Gott segne Sie!«

Herr Bochner hielt eine junge Robbe empor. »Da ist unser Abendessen«, rief er, »schnell nach Hause, an das Feuer! Man erstarrt hier.«

Achtzehntes Kapitel.

Auf dem Eise.

Noch ein Renntier wurde mit Hilfe der verhungerten, schon für eigene Rechnung jagenden Hunde erlegt, der Polizeimeister schoß ein Argali, und so hatte man für einige Tage das Nötige zur Hand, aber dennoch blieben die Sorgen sehr drückend. Es schien völlig unmöglich, auf dem Meere einen Eisbären zu erlangen, ebensowenig kam einer seiner Stammesgenossen auf dem festen Lande jemals zum Schuß, man mußte sich also ganz auf den Robbenfang beschränken, und so machte Herr Bochner denn Fallen, um die ungeschlachten Tiere ohne Verschwendung von Pulver und Blei für die Küche zu gewinnen.

Aber es ging nichts hinein, und nun verfertigte sich der unermüdliche Mann eine Harpune, mit der er wie der weiße Bär im Hinterhalt lag und wirklich eine riesige Robbe einfing. Siegesfroh schleppte er an einem Lederriemen die kostbare Beute zur Hütte – das war zugleich Fleisch für den Tisch und Öl für die Lampe.

Am Abend dieses Tages erschien in der Schneehütte etwas, das die Flüchtlinge am allerwenigsten erwarteten, nämlich ein Besuch. Die drei Hunde schlugen plötzlich an, und als Hermann hinausging, sah er vor sich zwei Eingeborene, einen Mann und eine Frau, die beide dem Hungertode nahe schienen! Sie trugen dreifache Kleider von Bärenpelzen und blau tättowierte Gesichter; an ihren bittenden Bewegungen erkannte der Deutsche, daß sie einige Nahrungsmittel zu erlangen hofften.

Er winkte ihnen, ihm zu folgen, und die beiden alten Leute – eingeborene Tschuktschen – zögerten nicht, der Einladung Folge zu leisten. »Torona!« sagten sowohl der Mann als auch die Frau, und »Torona!« wiederholte Herr Bochner, zugleich übersetzend, daß dies Wort so viel bedeute als »Guten Abend!«

Dann wurde, was das Haus besaß, großmütig den armen Leuten vorgesetzt und von ihnen heißhungrig verschlungen, obgleich die Art und Weise, wie Emma den Braten behandelt hatte, sowohl bei der Dame Tschuktschin als auch bei ihrem Herrn Gemahl das entschiedenste Mißfallen erregte.

Der Wilde schlug erst auf die Harpune, dann auf seine Brust, als wollte er sagen: »Ich werde Euch lehren, wie man die Sache anfängt.«

Am anderen Morgen machte er sich auch wirklich mit der Harpune auf den Weg und brachte gegen Mittag eine ausgewachsene Robbe nach Hause.

Seine Frau nahm jetzt am Herd Emmas Stelle ein. Zunächst erklärte sie sich gegen alle und jede Verwendung von Wasser; ihr Mann und sie ließen das Blut der Robbe in den Kochkessel laufen, und dann wurden Fleischstücke hinzugethan, ebenso etwas Fett. Während dies ohne Salz bereitete Gericht kochte, machte sich Madame daran, aus den kleinsten Fettklümpchen Öl für die Lampe zu gewinnen, aber nicht etwa, indem sie dasselbe ausbriet, sondern indem sie die Stücke zwischen ihren Zähnen zermalmte, begierig die Häute hinunterschlang und den Brennstoff in eine Schüssel spie. Es war unglaublich, in wie kurzer Zeit das Gefäß sich füllte!

Nachdem endlich die Fleischstücke im Kessel gar gekocht waren, legte sich der Tschuktsche zum Beginn des Mahles flach auf den Rücken und überließ es seiner Ehehälfte, ihn zu füttern, wie man eine Gans nudelt. Sie stopfte ihm Bissen nach Bissen in den Mund; er verschlang wahrhaft ungeheure Mengen.

Dann bekamen auch die Weißen ihren Anteil, abgerissene Fetzen der Eingeweide und Speckscheiben in rohem Zustande, sowie gekochtes Fleisch, alles, nachdem es die Tschuktschin vorher von Haaren und Unreinigkeiten irgend welcher Art sorgfältig gesäubert hatte, indem sie es durch ihren Mund zog.

Die beiden Wilden waren viel zu eifrig mit der Stillung ihres ungeheuren Appetites beschäftigt, als daß sie bemerkt hätten, wie die abgenagten Leckerbissen heimlich den Hunden zugesteckt wurden; sie aßen Pfunde auf Pfunde, bis endlich, nachdem Fleisch, Speck und Eingeweide verzehrt waren, der Nachtisch an die Reihe kam, einige Schnitte der rohen Leber nämlich – des Köstlichsten, was die Eingeborenen kennen.

Nach der Mahlzeit schliefen sie lang ausgestreckt wie die Bären und gingen dann später ohne Abschied davon, indem sie nicht allein die Überreste der Robbe, sondern auch diebischerweise einen kleinen, gestickten Beutel mitnahmen, in welchem Emma die Zündhölzer verwahrte.

Einige Schächtelchen voll befanden sich noch an einem anderen Orte, sonst wäre das Dasein der Flüchtlinge durch diese Unredlichkeit vernichtet gewesen; ohne Feuer hätten sie in der Eiswüste nicht leben können.

Herr Bochner benutzte bei seinem nächsten Robbenfang die Lehren, welche ihm der Tschuktsche gegeben hatte, und kam dadurch weit leichter in den Besitz der Beute.

Fischte er nicht, so lieh der Polizeimeister die Harpune und fing Robbe nach Robbe. Die schönsten Speckscheiben legte er zwischen Eis und speicherte sie auf – offenbar um für eine spätere Zukunft einen Vorrat zu gewinnen.

Je länger indessen die unglücklichen Verbannten das Robbenfleisch genossen, desto mehr wurde es ihnen zuwider, sie fühlten sich krank danach und hungerten lieber, als daß sie es berührten, endlich schickten sich sogar Hermann und Herr Bochner an, nochmals die Bärenjagd zu versuchen. Das thranige Robbenfleisch erregte ihnen und den Ihrigen die heftigsten Übelkeiten.

Der Sturm hatte aufgehört, und die Kälte war so stark, daß das Meer überall nur eine einzige feste Decke bildete, uneben zwar, aus Bergen und Thälern bestehend, aber doch ohne Riffe oder Spalten. Mühsam kletternd, arbeiteten sich die Jäger hindurch, ungeheure, im Strome von den Küsten Grönlands losgerissene Eisberge umgehend, halb erstarrt, ohne einen lebenden Bär zu entdecken, obwohl die Spuren rechts und links durch das Eis führten. An einer bestimmten Stelle vereinigten sich deren so viele, daß die beiden Männer erstaunten; hier schien eine ganze Karawane von Sohlengängern vorübergekommen zu sein.

»Ohne Zweifel in der Verfolgung einer Beute!« rief Hermann.

»Aber welcher?«

»Das könnten wir vielleicht von der Höhe dieses Eisberges herab ermitteln!«

Gedacht, gethan. Sie stiegen unter unsäglicher Anstrengung hinaus und spähten nach allen Seiten umher, endlich brach über Hermanns Lippen ein Freudenschrei. »O Herr Bochner, Herr Bochner, sehen Sie dorthin! – So wahr ich lebe, ein Schiff!«

Und auch der Wiener wiederholte den Ruf. »Ein Schiff! Ein Schiff!«

»Es ist eingefroren – großer Himmel, wenn die weißen Bären die unglückliche Besatzung zerrissen hätten!«

»Wir müssen hin und denen beistehen, die vielleicht an Bord noch leben!«

Hermann hielt ihn am Arme zurück »Wenn es ein russisches Schiff wäre, Herr Bochner!« sagte er warnend.

»Das macht nichts, mein bester Brandt. Ein Kriegsschiff ist es auf keinen Fall.«

Und nun eilten beide, gefolgt von den Hunden, so schnell sie konnten, vorwärts. Wie ein schwarzer Koloß, überall umsäumt von weißen, glitzernden Schneestreifen, lag im halben Licht der noch nicht zur vollen Höhe des Tagesscheines zurückgekehrten Sonne das Schiff auf der unermeßlichen Eisfläche. Es war kein Wrack, sondern in allen Teilen, von den Mastspitzen bis zum Rumpfe, wohl erhalten, aber eingefroren; es lag so, wie die Wogen um seinen Kiel her erstarrten, und schien an Bord keinen Wächter, überhaupt in seinem Inneren kein lebendes Wesen mehr zu besitzen.

»Ein Holländer!« entschied Herr Bochner. »Ein Walfischfahrer von Amsterdam oder Rotterdam.«

»Dann wollen wir ihn anrufen!«

Sie legten beide die Hände an den Mund und schrieen, so laut sie konnten, aber ohne eine Antwort zu erlangen, nur sahen sie, daß eine in einen weißen Pelz gehüllte Gestalt sich auf dem Verdeck hin und her bewegte.

»Ein Bär!« rief Hermann. »Bei Gott, ein Bär!«

»Dachte ich es doch! Die Mannschaft ist bei lebendigem Leibe zerrissen worden.«

»Wir müssen also sehr vorsichtig sein!«

Der Bär ging wie ein Wachtposten an Deck auf und ab. Er schien sich um die beiden Jäger nicht im mindesten zu bekümmern, dann aber, als ihm eine Büchsenkugel um die Ohren pfiff, brummte er, und bald darauf tönte ein Poltern, welches bewies, daß er sich in das Zwischendeck verfügt hatte.

»Wir werden auf alle Fälle mit ihm abrechnen müssen!« meinte Hermann.

In nächster Nähe zeigten sich die Wände des Schiffes mehrfach geborsten, große Sprünge und Risse waren überall zu sehen, die Seile zerrissen und das Takelwerk zerfasert; es hielt schwer, an Bord zu gelangen, und dann, als die Jäger endlich oben standen bot sich ihnen ein schauerlicher Anblick. Fünf Skelette in Matrosenkleidern lagen auf den Planken umher, alle erstarrt in der eisigen Luft, wie zu Holz vertrocknet, eine schreckliche Gruppe, vor der die Jäger im ersten Entsetzen förmlich zurückbebten.

»Die Unglücklichen!« rief Hermann; »ob sie verhungert sind?«

»Auf keinen Fall, da sie sonst am Lande eine Zuflucht gesucht haben würden. Es war der Skorbut, welcher sie tötete.«

In diesem Augenblick erklang unten ein Geräusch. »Das ist der Bär!« rief Herr Bochner. »Aufgepaßt, Hermann!«

Die Hunde bellten wie toll und stürzten sich der Schiffstreppe entgegen, wo in kurzen Zwischenräumen der Kopf und der Nacken eines riesigen Eisbären ruckweise zum Vorschein kamen. Der Rachen stand weit offen, die roten Augen sahen wild und drohend den Ankömmlingen entgegen.

Ohne Zeitverlust schickte Hermann eine Kugel in den Hals des Tieres hinein. Unter furchtbarem Gebrüll sprang dasselbe vorwärts und den kühnen Jägern fast vor die Brust – die Bestie und ihre beiden Verfolger standen einander unmittelbar gegenüber.

Herr Bochner schoß noch eine Ladung nach dem Kopf des Kolosses, aber auch ohne ihn zu töten – die Lage war sehr ernst geworden, Hermann griff zu einem letzten, verzweifelten Mittel, er warf das Gewehr weg und versetzte mit der Axt dem Bären einen so gewaltigen Schlag, daß das Tier taumelnd zusammenbrach. Herr Bochner gab ihm mit seiner Kugelbüchse vollends den Rest; die Holzsplitter flogen über das Verdeck dahin, aber Meister Petz war besiegt.

Trotz der Kälte trockneten beide Männer den Schweiß von der Stirn. »Alle Achtung«, rief der Tanzlehrer, »alle Achtung, mein lieber Hermann, wir erschlagen also jetzt die Eisbären mit der bloßen Faust!«

»Schade! Schade! Einen Braten haben wir bei dem Strauß nicht erlangt!«

»Brr! – Nicht um die Welt. Da liegen Knochen – es war ein Mensch, zu dessen Körper sie vorher gehörten.«

»Und den die Bestien zerrissen haben. – Jetzt lassen Sie uns die Kajüten durchspähen; es ist durchaus nicht unmöglich, daß dort noch mehr Bären hausen. Hören Sie nur, wie die beiden sibirischen Hunde bellen!«

In diesem Augenblick fuhr blitzschnell eine weiße Gestalt aus der Luke hervor, mit gleicher Eile über das Deck und, verfolgt von den Hunden, seitwärts auf das Eis hinaus. Der zweite Bär, ein noch junges Tier, vielleicht erschreckt von dem Sterbegeheul seines Kameraden, suchte sich durch die schleunigste Flucht zu retten, und weder Hermann noch Herr Bochner wehrten ihm. Mochte er laufen, so weit ihn seine Füße trugen.

»Die Jagdhunde rennen ihm nach«, meinte Hermann, »folglich ist in der Kajüte nun alles leer. Lassen Sie uns nachsehen, Herr Bochner!«

»Ach Gott«, seufzte der Wiener, »wenn wir Lebensmittel fänden!«

Sie stiegen die Treppe hinab. Noch zehn Leichname lagen umher – ein entsetzlicher Anblick!

»Weshalb mögen doch die zuerst Gestorbenen nicht von den damals noch Gesunden beerdigt worden sein?« meinte Hermann.

»Das will ich Ihnen sagen, Lieber. Der Skorbut lähmt die Leute, sie werden an allen Gliedern steif und können sich nicht bewegen; es ist eine schreckliche und sehr ansteckende Krankheit.«

»Die wir uns also möglicherweise holen können?«

»Nein. Die Leichen sind wie Holz; das ist undenkbar.«

Sie schlugen nun mit den Beilen die Fenster und Luken ein, so daß Licht in den verschlossenen Raum drang, dann musterten sie die Umgebung. Neben dem Ofen lag auf einem Tische eine holländische Bibel mit vielen, in gleicher Sprache abgefaßten Bemerkungen, aus deren verschiedenen Namen deutlich hervorging, daß einer dem anderen in diesen Aufzeichnungen nachgefolgt war, bis die Feder liegen blieb, weil sich keine Hand mehr vorfand, um sie zu führen.

Hermann sprach deutsch und englisch, er konnte infolgedessen das Holländische einigermaßen verstehen und erkannte, daß die unglückliche Besatzung wirklich vom Skorbut hingerafft worden war. »Die Eisbären umkreisen das Schiff«, so lautete der letzte Satz, »wir werden von ihnen jedenfalls zerrissen. Möchte es aber doch erst dann sein, wenn wir gestorben sind.« –

Der junge Mann legte voll Grauen das Buch aus der Hand! »Welch ein furchtbares Los hatte die Armen betroffen!«

Herr Bochner tauchte unterdessen seine spähenden Blicke in jeden Winkel des Schiffes. »Aha!« rief er, »hier kommt es. Speck! – Bisquit! – Rum! – Kondensierte Milch! – Wenigstens fünfzig Büchsen! – Zwanzig Töpfe mit Pemmikan! – Zucker! – O Gott, und da ist Mehl! – Rosinen, Pflaumen! – Rotwein! – Eine Kiste mit Lichtern! – Eine Tonne voll Schiffsbrot! – Nudeln! – Schokolade! – wenigstens zwanzig Pfund Kaffee! – Aber welche Verwüstungen haben Bären und Füchse hier angerichtet! – Oho, grüne Bohnen! – Sardinen in Öl!«

»Hören Sie auf!« rief Hermann. »Wir wollen von allem eine Probe nehmen und es so schleunig als möglich nach Hause bringen. Dann verfertigen wir uns große Säcke – der Polizeimeister muß helfen – und ruhen nicht, bis die Sachen geborgen sind. Welche Dienste sollen uns die Steinkohlen leisten, ach, und welcher Fund ist der Kaffee!«

»Hier sind Zündhölzer!«

»Stecken Sie dieselben zu sich.«

Nun ging es ans Packen. Zwei Stunden später schlichen die beiden Männer, gebeugt unter der Last übermäßig großer Bündel, der Schneehütte zu. Jeder trug mindestens fünfzig Pfund Lebensmittel, und zwischen sich zogen sie einen Sack voll Kohlen.

Herr Bochner schmunzelte. »Jetzt wollen wir doch sehen, ob der Polizeimeister bei Rotwein, Fleischsuppe und Kaffee bloß Zuschauer bleiben will«, sagte er. »Wird der Augen machen! – Aber, Hermann, finden Sie es nicht auffallend, daß uns Treu heute ohne alle Begrüßung läßt?« setzte er hinzu.

Hermann hatte dasselbe Erstaunen schon früher empfunden – jetzt wuchs es bis zu einem unangenehmen Vorgefühl. Mit einem Ruck alles, was er trug, von sich werfend, sprang er voraus zur Hütte und rief mit lauter Stimme: »Emma! – Otto!« –

Niemand antwortete ihm.

Er stürzte hinein, gefolgt von dem erschreckten Wiener, er durchspähte jeden Raum, selbst das kleine Zimmer des Polizeimeisters und den Verschlag, wo die Jakuten schliefen – es war alles leer.

Hermann taumelte. »Das ist mein Tod!« rief er.

»Herr des Himmels, wo sind die beiden armen Kinder?«

»Sehen Sie! Sehen Sie!« stammelte Hermann kaum verständlich, »es hat hier ein Kampf stattgefunden! Der Tisch ist umgeworfen, die Pelze sind verstreut, das Feuer ist erloschen – ein Gewehr fehlt – hier waren Räuber!«

»Und meine Harpune haben sie mitgenommen! – Aber wie kommt es, daß Jermak alles dies zugab, daß er nicht wenigstens uns beide aufsuchte und benachrichtigte? Sollte er während des ganzen Tages nicht zu Hause gewesen sein?«

»Oder sollte er selbst die Kinder entführt haben, um uns zur Ergebung zu zwingen?«

»Dann finde ich ihn«, schwor Hermann, »und erdrossele ihn zwischen meinen Fäusten!«

Nachdem sie sich vom ersten Erschrecken einigermaßen erholt hatten, gingen beide hinaus, um zu sehen, wohin die Spuren führten! Hart neben der Hütte hatte ein mit vier Renntieren bespannter Schlitten gestanden; die Geleise waren in den losen Schnee scharf hinein gedrückt.

Diese Entdeckung traf wie ein Blitz. Vier Renntiere zu Fuß zu verfolgen, war durchaus undenkbar.

»Verflucht soll der Schurke sein!« rief Hermann im Übermaß des Kummers.

»Sachte, sachte, ich glaube kaum, daß er bei der ganzen Angelegenheit irgendwie beteiligt ist!«

»Nun«, rief Hermann, »und weshalb ist er denn nicht hier? Weshalb hat er die armen Wesen nicht verteidigt? – Er allein trägt die Verantwortung – und bei Gott! sie soll ihn schwer genug treffen. Meine Geschwister sind freie russische Unterthanen, gegen sie wurde nie ein Verbannungsurteil ausgesprochen, man darf also ihre Freiheit auch rechtlich in keiner Weise beschränken.«

Herr Bochner legte ihm die Hand auf den Arm. »Sehen Sie doch nur«, sagte er, »die Spuren führen ja gar nicht gegen die russische Seite hin – ich habe einen ganz anderen Gedanken.«

Hermann stutzte. »Das ist wahr!« rief er.

»Es sind Tschuktschen gewesen«, nickte der Wiener, »und vor morgen, vor dem Erscheinen des neuen Tages können wir uns nicht an die Verfolgung machen. Kommen Sie, kommen Sie, hier draußen stirbt man vor Kälte!«

Hermann ließ sich willenlos fortziehen; es war ein trauriger Abend, den die beiden in der verödeten Hütte zubrachten. Herr Bochner holte alle Vorräte herein und zündete auch das erloschene Feuer wieder an, aber von den auf so wunderbare Weise erhaltenen Lebensmitteln wurde nichts berührt; stumm saßen die Freunde einander gegenüber.

»Selbst der Hund!« murmelte endlich Hermann; »selbst mein armer Treu! Nie und nimmer würde er dem Polizeimeister freiwillig gefolgt sein.«

Neunzehntes Kapitel.

Auf der Suche nach den Vermißten.

Während Hermann so klagte, ertönte draußen ein Gebell. Hermann sprang auf. »Das ist Treu!« rief er.

»Täuschen Sie sich auch nicht?« warnte Herr Bochner. »Es können die sibirischen Jagdhunde sein!«

»Nein, nein, es ist Treu! – Aber ihn hindert irgend etwas.«

Er sprang auf und öffnete die Thür. Der kleine Hund stürzte winselnd vor Freude in die Hütte und legte zu Hermanns Füßen einen Gegenstand, den dieser sogleich erkannte. Es war der kleine gestickte Pelzbeutel, welchen neulich die wandernden Bettler gestohlen hatten.

Hermann zeigte ihn dem Freunde. »Das ist eine neue Spur«, rief er, »die beiden Tschuktschen stehen zu der Unthat in irgend einer Beziehung! – O mein Treu, mein gutes Tier, wo ist deine Herrin, wo ist Otto?«

Herr Bochner dachte nach. »Ich glaube, daß der Hund zwangsweise von hier mitgenommen wurde,« sagte er, »und daß er dann entschlüpfte, um zu uns zurückzukehren. In diesem Falle steht die Hütte, wo sich Emma und Otto befinden, nicht weit von hier!«

Hermann nickte. »Das ist richtig«, gab er zu, »aber wo steckt Jermak?«

»Ja, das mag der Himmel wissen.«

»Hören Sie indessen eins, was mir jetzt erst wieder einfällt«, fuhr er fort. »Sie wissen, daß ich von der Mundart der Tschuktschen etwas verstehe! – Nun wohl, ich erinnere mich, daß Mann und Frau miteinander flüsterten, indem sie immer die arme Emma ansahen. Das Wort ›Kamakay‹ kam in diesen Reden mehrfach vor. Es heißt so viel wie Stammesoberhaupt.«

Hermann erschrak. »Diese Heiden führen noch an ihren Höfen eine barbarische Sklaverei«, seufzte er, »ach meine armen Geschwister! – Aber, beim Himmel, das kann doch Jermak, der ehrliche Jermak nicht angezettelt haben! O wenn er hier wäre!«

Herr Bochner fuhr plötzlich auf. »Jermak kommt!« rief er. »Ich höre ihn husten – aha da ist er!«

Die Thür öffnete sich, und der Polizeimeister trat ein, ebenso ruhig, in so höflicher und vornehmer Haltung wie immer; mit einem einzigen Blick übersah er die Umgebung, namentlich die Gesichter der beiden Männer. »Was ist geschehen?« rief er erschreckend, »wo sind Emma und Otto?«

Hermann sprang auf. »Darf man fragen, woher Sie kommen?« sagte er in scharfem Tone. »Wir haben sicherlich nicht die Gewohnheit, Ihren Schritten nachzuspüren, aber hier sind Dinge geschehen, die mich zu allen möglichen Erkundigungen berechtigen. Wo waren Sie heute, Herr Polizeimeister?«

Jermak schüttelte den Kopf. »Was für Dinge?« fragte er. »Wo sind die Kinder, Herr Brandt? Ist ein Unglück geschehen?«

»Gott mag es wissen! Meine beiden armen Geschwister wurden entführt, geraubt! Sie sind seit diesem Morgen verschwunden.«

Jermak richtete sich straffer auf. Der Strafrichter in ihm schien plötzlich zu erwachen. »Gewalt?« rief er; »Raub? – Die beiden Kinder sind keine Gefangenen des Zaren, sie können hingehen und sich aufhalten, wo es ihnen beliebt!«

Es waren dieselben Worte, welche Hermann vorhin ausgesprochen hatte; jetzt erhob er sich und drückte die Hand des Polizeimeisters. »Ich hegte zuerst gegen Sie einen schlimmen Verdacht, Herr Jermak«, sagte er offen, »verzeihen Sie mir das. Sie sind keiner Schurkerei fähig.«

Der alte Beamte lächelte ruhig. »Sie sehen, Herr Brandt, wohin Sie mit allen Ihren Berechnungen gekommen sind!« rief er. »Wie war es nur möglich, ein junges Mädchen und ein Kind solcher Winterreise auszusetzen! Hundertmal lieber hätten Sie bei meiner ersten Aufforderung umkehren sollen – ich selbst würde dann zu Ihren Gunsten haben handeln und sprechen können, aber jetzt ist alles verloren. Die armen Kinder sind in der Gewalt von Wilden, welche sich gegen die Oberhoheit des Zaren auflehnen und bei denen die Schamanen mit der Zaubertrommel Gesetze geben – ja, die noch ihre Menschenopfer haben!«

Hermann erbleichte. »Wir werden vielleicht alle sterben«, sagte er, »aber als freie Menschen.«

Der Polizeimeister lächelte überlegen. »Frei«, wiederholte er. »Mein guter Hermann, das Wort ist eine Redensart ohne Inhalt.«

Der Wiener sah ihn an. »Hm, hm, die Weltgeschichte hat doch in ihrem Laufe oft genug diesem kleinen Worte Rechnung tragen müssen, mein Herr Jermak. – Übrigens«, setzte er hinzu, »erfuhren wir bis jetzt noch nicht, wo Sie sich heute aufhielten.«

»Wo ich mich aufhielt? – Ach, fragen Sie nicht danach!«

Bei diesen Worten setzte er sich an das Feuer und stützte den Kopf in beide Hände. Hermann und der Tanzlehrer wechselten einen Blick des Verständnisses; sie waren beide völlig überzeugt, daß der Polizeimeister dem begangenen Verbrechen fernstehe, und wollten ihn daher ganz in Ruhe lassen, nur als Jermak, auf dem Tisch die verschiedenen Lebensmittel bemerkend, voll Erstaunen fragte, woher das alles komme, da antwortete ihm Herr Bochner mit den Worten, welche er selbst vorher ausgesprochen: »Ach, fragen Sie nicht danach!«

Jermak schwieg vollständig.

Am Morgen dieses verhängnisvollen Tages hatte er einen Fluchtversuch unternommen, aber denselben doch nicht ausführen können. In den Taschen seiner schweren Pelzkleidung steckte ein wenig Robbenspeck und noch weniger Schießvorrat; weitere Schätze besaß er nicht, um eine große Anzahl von Meilen bei dreißig Kältegraden zu Fuß zu durchwandern; schon nach fünf oder sechs Wegstunden packten ihn daher die ersten heimlichen Bedenken.

Durch den Duft der Speckscheiben herbeigelockt, verfolgten ihn eine Menge Füchse, die er nur mittels zahlreicher Schneebälle fernzuhalten vermochte, dabei ging der Wind allmählich in Sturm über, die Kälte war nicht mehr zu ertragen. Wo sollte er schlafen? – Ihm graute vor der Nacht; die Schneehütte der Flüchtlinge schien ihm eine warme, behagliche Heimat.

So oft er langsamer ging, kamen ihm die Füchse näher. Ob sie nicht, wenn er schlief, vom Hunger getrieben, über ihn herfallen und ihm das Fleisch vom lebendigen Leibe abreißen würden?

Dann fragte er sich nach dem Wege. Am Himmel war kein Stern, auf der eisigen Erde kein Merkmal irgend einer Art – wohin sollte er gehen?

Nein, nein, die Flucht war unausführbar – er mußte umkehren.

Und nun, nachdem er diesen traurigen Entschluß ausgeführt hatte, verirrte er sich. Erst gegen Abend kam der unglückliche alte Mann an das Holzkreuz, unter welchem sein Sohn schlief – Jermak umfaßte es mit beiden Armen, große Thränen rollten über sein blasses, abgemagertes Gesicht herab.

Mehrere Stunden später kam er nach Hause, wo während dieser Zeit das Unglück geschehen war. Noch ehe sich die drei Männer zum Schlafen legten, erzählte er den beiden anderen alles, was ihn selbst betraf, und fragte nach den Entschlüssen, welche sie gefaßt hatten.

»Wir müssen alles aufbieten, um die armen Kinder wiederzufinden!« rief Hermann.

»Jawohl – aber wie?«

»Gott wird uns helfen«, seufzte der unglückliche junge Mann.

Niemand schlief; bei dem ersten Grauen des Tageslichtes machten sich die beiden Deutschen wieder daran, die Spur des Schlittens festzustellen; der kleine Hund bellte und lief voraus, als wollte er sagen: »Kommt doch! Kommt doch! – Ich weiß, wo sie sind.«

Dann kam er zurück und sah seinen Herrn ungeduldig an.

»Hier hinaus führt der Weg«, rief Hermann, »und wir werden ihn sicherlich gehen. Aber ist es uns auch möglich, zu Fuße weiterzureisen – ohne Schlitten, ohne Vorräte?«

»Und ohne den Polizeimeister?«

»Ja – und können wir die Narten hierherkommen lassen, während wir selbst abwesend sind?

»Tekel und Khort! – ja, das ist wahr.«

»Wir müssen also unbedingt zurückkehren!«

Sie gingen wieder in die Hütte, schnürten jeder einen Packen Lebensmittel zusammen, nahmen alle vorhandenen Waffen und baten darauf den Polizeimeister, das Haus bis zu ihrer Wiederkehr zu behüten. »Benutzen Sie alle unsere Lebensmittel«, bat Hermann, »da ist, wie Sie sehen, Vorrat für viele Wochen.«

Dann erzählte er dem staunenden Beamten, auf welche Weise er zu diesen Schätzen gelangt war. Jermak horchte begierig. »Wie hieß das Schiff?« rief er.

»Das weiß ich nicht!«

»Mein Gott, es ist doch das erste, was in Betracht kommt! Unsere Regierung entschädigt in solchem Falle die Rheder – ich werde ein Protokoll aufnehmen. Man muß alle Einzelteile des Schiffes in Nischney-Kolymsk an den Markt bringen – wenn wir nämlich diesen Ort jemals erreichen. Mittlerweile dürfen wir in unserer Notlage allerdings den Vorrat von Lebensmitteln angreifen – obgleich ich freilich meine, daß die Luxusartikel, wie Wein und Zucker, hierzu nicht gehören.«

Hermann lächelte trotz seiner Unruhe. »Machen Sie das, wie Sie wollen, Herr Jermak, und schaffen Sie vor allen Dingen den ganzen Bestand vom Schiff in die Hütte. Ich hoffe, wir sehen uns nach kurzer Zeit wieder?«

Jermak schüttelte seine dargebotene Hand. »Gott gebe, daß Sie die armen Kinder aus den Händen der Räuber zu befreien vermögen«, antwortete er, den anderen Punkt, nämlich die Thatsache der Flucht und Verfolgung, gänzlich umgehend. »Ich wünsche Ihnen den besten Erfolg.«

Dann machten sich Hermann und Herr Bochner auf den Weg, begleitet von dem vorauslaufenden Hunde und fest entschlossen, der Schlittenspur zu folgen, wohin es immer sei. Sie hatten jetzt Lebensmittel und Schießbedarf in Fülle, sie brauchten sich durch keinen Fehlschlag aus der Bahn werfen zu lassen. Etwa hundert Werst von der Hütte entfernt bemerkten sie die Berge Wajwanin, Geyla und Räutane und das Kap Schelagskoi.

Treu führte die beiden Wanderer zwischen Hügeln und an Abhängen dahin, über gefrorene Seen und durch Schneewüsten; als die Nacht kam, konnten sie sich nur gestatten, auf den mitgenommenen Bärenfellen zu sitzen, der Schlaf würde ihnen bei solcher Kälte unfehlbar den Tod gebracht haben.

Am folgenden Tage wurde nach einem höchst beschwerlichen Marsche der südliche Teil der Tschaunskaia-Bai erreicht, und immer noch liefen die Schlittengeleise über den Weg dahin, immer noch zeigte sich die Gegend unbewohnt.

Es wehte bei klarer Luft ein sehr lästiger Ostwind, der das schnellere Vordringen bedeutend verhinderte. Um Mittag zeigte sich am Himmel eine Lufterscheinung von überraschender Schönheit; um die Sonne herum glänzten vier Nebensonnen, welche miteinander durch Regenbogen in Verbindung standen, das Ganze bildete einen großen, in lebhaften Farben schillernden Kreis, welchen wieder ein Regenbogen überwölbte.

Diese wundervolle Erscheinung dauerte etwa zwei Minuten, dann folgte ein Schneefall, der sich zuletzt bis zur Stärke eines argen Schneetreibens erhob und unsere beiden Freunde, ermüdet wie sie waren, ganz außerordentlich belästigte.

Jetzt waren die Schlittenspuren verwischt; es gab keine andere Hoffnung mehr als die auf den Hund.

Das kleine Tier suchte mit der Nase auf dem Boden, nahm hier oder dort eine Fährte auf und ließ sie nach einigen Minuten wieder fallen, dann aber, während Hermanns Herz zum Zerspringen klopfte, schien es die rechte Richtung gefunden zu haben. Ein vergnügtes Gebell ausstoßend, lief Treu wieder weiter, als sähe er noch die Schlittenspuren, welche ihm bis dahin den Weg vorgezeichnet hatten.

Mit neuerwachendem Mute gingen ihm die beiden Männer nach.

Der Polizeimeister hatte unterdessen nach vielem Suchen das eingefrorene Schiff entdeckt und zunächst den Namen desselben aufgeschrieben. Es hieß »Karoline«. Nachdem das geschehen war, setzte sich der alte Herr in die zerstörte Kajüte und nahm eine vollständige Inventur auf; danach trug er alle Leichen zusammen und bedeckte sie mit großen Stücken Segeltuch.

Nach diesen wichtigsten Vornahmen begann die lange Reihe der Fußreisen zwischen dem Schiffe und dem Lande. Jermak trug unermüdlich das Strandgut, das Eigentum seines Kaisers, auf dem Rücken in die Schneehütte oder die Vorhöfe derselben, so unter anderem auch aus dem Matrosenraum eine Drehorgel, deren Kurbel er einmal, ohne es zu wollen, in Bewegung setzte und die zu spielen anfing:

»Freut Euch des Lebens, weil noch das Flämmchen glüht,
»Pflücket die Rose, eh' sie verblüht.«

Jermak schauderte. Er griff beinahe leidenschaftlich zu und erstickte die lustigen Klänge. Wer den alten Herrn so gesehen hätte, allerlei Waffen und Werkzeuge im Gürtel, auf dem Rücken einen Korb, in jeder Hand einen Packen oder einen Sack, der hätte ihn für einen Robinson dieser unwirtlichen Polargegend halten müssen, und doch glaubte der pflichtgetreue Mann, nur ganz einfach seine Schuldigkeit zu thun.

Nach und nach trug er alle Schätze des Schiffes in die Nähe der Hütte. Als zuerst die Ladung geborgen war, ging es an die Betten und das Brennmaterial, dann an die Segel und Rahen, an die Mobilien und die Masten. Der alte Herr arbeitete wie ein Lastträger und ein Beamter zugleich.

Mehrere Tage nach der Entfernung Hermanns und des Tanzlehrers kamen die Eingeborenen mit den Narten von der Reise zurück. Jermak empfand eine Freude, die ihm förmlich die Brust zu sprengen drohte. Jetzt konnte er seinen Fluchtplan wieder aufnehmen und zwar, dank der Abwesenheit Hermanns, unter sehr günstigen Bedingungen. Nur eins ärgerte ihn – die Warnaks hatte er doch nicht erwischt.

Alle seine Gedanken drehten sich um diesen Punkt so lange, bis er endlich den Ausweg fand. Wenn Hermann und die übrigen wirklich aus Rußland flüchten wollten, so mußten sie den Golf von Anadyr erreichen; vielleicht gelang es ihm nun, die an den Küsten des Eismeeres zerstreuten Kosakenwachtposten rechtzeitig zu benachrichtigen, so daß die Flüchtigen nur nach Anadyr zu kommen brauchten, um dort gefangen genommen zu werden.

Ohne irgendwo die Wahrheit thatsächlich zu verletzen, schilderte er doch den Jakuten die Reise ihres Herrn derartig, daß die einfachen Leute glauben mußten, Hermann werde den Rückweg zur Hütte niemals wiederfinden. Sie willigten daher ohne langes Bedenken in alles, was der Polizeimeister wünschte, verlangten aber, der Gespanne wegen, eine Frist von vier Tagen, die der ungeduldige Mann wohl oder übel bewilligen mußte.

Er benutzte deshalb auch die unfreiwillige Muße, um seinem Kaiser zu dienen.

Die Narten wurden bespannt, die Jakuten mußten Sägen und Beile zur Hand nehmen, und Planke nach Planke wurde das ganze Schiff aufs Trockene gebracht.

Dann veranstaltete der alte Herr das Begräbnis der auf so schreckliche Weise ums Leben gekommenen Holländer, indem er alle Überreste neben denen seines Sohnes beisetzen und den Ort mit einem rohgezimmerten, aber festen Gitter umgeben ließ.

Nach allen diesen anstrengenden Arbeiten wartete er geduldig, bis sich die Jakuten zur Abreise bereit erklären würden.

Zwanzigstes Kapitel.

Im Zelte des Kamakay.

Sehen wir uns jetzt einmal nach den Verschwundenen um. Wie Hermann und Herr Bochner gedacht hatten, so verhielt sich die Sache auch wirklich; an jenem Tage, als Emma und Otto in der Hütte allein waren, kamen plötzlich im Schlitten sieben Tschuktschen – unter ihnen der alte Bettler – und befahlen dem jungen Mädchen und ihrem Bruder, ohne weiteres einzusteigen. Das Hilferufen der beiden armen Kinder verhallte ungehört, ihr Widerstand wurde ohne Mühe gebrochen, und die Räuber eilten mit ihrer Beute davon.

Der Anführer war Tschikine, ein junger Kamakay, welcher im Augenblick an der Tschaunskaia-Bai fischte, seinen eigentlichen Wohnsitz aber an der Bai von Kaliutschin besaß und gerade jetzt dahin zurückkehren wollte. Er hatte den Befehl gegeben, seine beiden Gefangenen mit Sorgfalt zu behandeln; daher saßen Emma und Otto in einem wohlverwahrten Schlitten bei einander und erhielten an Lebensmitteln alles, was der Tschuktschenstamm bieten konnte, aber sie fühlten sich trotzdem sehr unglücklich. Zuerst hegte Otto die Absicht, baldmöglichst zu entfliehen und zur Hütte zurückzukehren, damit Hermann die Spur der Räuber erhalte und verfolgen könne, aber diesen Plan mußte er bald fallen lassen. Der Weg war zu weit, er wäre nicht lebendig in das Winterquartier gelangt – auch Emma sah das ein.

Dann verschwand Treu, und die beiden armen Kinder schöpften neue Hoffnung. Hermann erhielt durch den klugen Hund ohne Zweifel eine genügende Spur zur Verfolgung.

Weiter und weiter flog der Schlitten. Zahlreiche Hunde zogen ihn, Sklaven mit Lederpeitschen liefen nebenher und spornten die Tiere; es war ein sehr großer Stamm, der sich hier um das Kap Schelagskoi herum an das Meer begab. Man sah jetzt überall Zeltdörfer der seßhaften Tschuktschen, ihre aus hohen, spitzen Zelten bestehenden Wohnungen, ihre Schutzwände von Schnee und die zahllosen Hunde und Renntiere, welche sich überall herumtrieben – endlich war die Bai von Kaliutschin erreicht.

Emma und Otto wurden in das Zelt des Kamakay gebracht, einen ziemlich großen Raum, der besser eingerichtet war als die Wohnstätten der übrigen Stammesangehörigen. Hier befanden sich die beiden Frauen des heidnischen Fürsten, Erscheinungen von kleinem, plumpem Wuchs, schwarzen, tiefliegenden Augen und schwarzen Haaren. Diese den Eskimos gleichenden Weiber machten sich sofort daran, die neue Sklavin in jeder nur möglichen Weise zu quälen, sie mit Arbeit zu überhäufen und auch dem Knaben das Leben in jeder Stunde zu vergällen.

Die Wohnung bestand aus einem inneren und einem äußeren Zelte; das erstere bewohnten die Frauen des Häuptlings, das andere war für die Sklaven, und hier mußten Emma und Otto trotz der Kälte ausharren, wenn sie nicht sogar ganz draußen die härtesten und gröbsten Arbeiten verrichteten. Was an Treibholz und Schnee gebraucht wurde, das schleppten die beiden armen Kinder in Körben herbei; während die Frauen des Häuptlings nur Fischernetze aus Lederriemen flochten oder ohne irgend eine Beschäftigung auf den Bärenpelzen kauerten, mußten die Weißen alle Haushaltungsarbeiten allein besorgen, daneben aber auch noch Wolfsfallen anfertigen.

Zu diesem Zweck wurde aus Fischbeinstäben eine Kugel geformt, indem man die Enden zusammenband und dann das Ganze mit Wasser begoß, so daß es zum Eisklumpen gefror. Danach nahm man sorgfältig die Bänder ab, tauchte den Ball in ein stark riechendes Fett und legte ihn an die Stelle, wo der Wolf vermutet wurde. Der weitere Vorgang ist einfach genug. Die halbverhungerte Bestie verschlingt gierig den Köder; im Magen taut das Eis, die Stäbe schnellen auseinander, und der Räuber stirbt.

Gegen das junge Mädchen betrug sich der Kamakay einigermaßen anständig, seine beiden Frauen aber prügelte er jeden Tag und betrank sich dabei so, daß er stundenlang wie ein Toter auf dem Fußboden lag.

Am ersten Tage des nächsten Neumondes sollte ein großes Opferfest stattfinden; dazu hatte der Kamakay ein ganz weißes Renntier erhandelt, das vorerst noch zwischen den übrigen in der Umgebung des Zeltes frei einherging und dessen besondere Pflege dem kleinen Otto anvertraut war. Er gab acht, wann der Kamakay betrunken da lag, und dann schwang er sich auf den Rücken des Tieres, um längere oder kürzere Zeit spazieren zu reiten. Er wollte für den Tag der Flucht das schöne, stattliche Tier an seine Stimme, seine Hand gewöhnen.

Eines Nachts, als die beiden Geschwister, eng aneinander geschmiegt, vor Unruhe schlaflos, auf den Bärenpelzen lagen, in einer stillen, kalten Nacht, ertönte plötzlich vor dem Zelte des Kamakay das Gebell eines Hundes, und wie vom Blitz getroffen, fuhren Emma und Otto in sich zusammen. Das war Treus Stimme!

»Hermann ist hier!« flüsterte der Knabe.

»Er will uns befreien! Gott sei gelobt!«

Sie horchten beide, aber ohne mehr zu entdecken als das bald nähere, bald fernere Gebell des Hundes; es begehrte niemand Einlaß, keine Stimme rief oder gab ein Zeichen.

»Sollte Treu allein hier sein?«

»Das ist bei der großen Entfernung bis zum Kap Baranoff unmöglich. Ach wäre es doch erst Morgen!«

»Hermann ist schlau«, meinte Otto, »er hält sich in der Nähe versteckt. Sobald der Kamakay zum Fischen gegangen ist, werde ich das Renntier besteigen und ihm entgegen reiten – er muß mir ohne Zweifel begegnen.«

Emma willigte in alles, was der Knabe vorschlug; sie war viel zu aufgeregt, um ruhig urteilen zu können.

Treu bellte die ganze Nacht, und als Otto beim ersten Morgengrauen hinausging, da feierten die beiden ein Fest des Wiedersehens, wie es nicht zärtlicher gedacht werden kann. Von Hermann oder dem Tanzlehrer war auch jetzt noch nichts zu entdecken.

Otto lockte das weiße Renntier, befühlte den Vorrat gekochten Fleisches, das er unter dem Pelze versteckt hatte, und schwang sich auf den Rücken des Opfertieres. Ein Zungenschlag, dann flog es davon – voraus in Sprüngen der bellende Hund.

Emma betete drinnen im dunklen Zelte mit gerungenen Händen, daß Gott das kecke Unternehmen gelingen lassen möchte.

Jene vier Tage, welche Tekel und Khort beansprucht hatten, die vier Tage des Wartens waren nun verflossen, und der Polizeimeister konnte seine Reise beginnen.

Er ließ die Narten mit Teilen der Ladung aus dem verlassenen Schiffe befrachten und bestimmte, als alles vollendet war, den Abzug aus der Hütte für die Morgenstunden des folgenden Tages.

Das Wetter war schön, der Himmel klar und die Luft nicht kälter, als daß sie wenigstens ohne gar zu große Beschwerden ertragen werden konnte.

Jermaks Gesicht glänzte vor Freude. Endlich befanden sich alle Vorteile auf seiner Seite; er hatte gesiegt, konnte die Flüchtlinge im Triumph nach Jakutsk zurückbringen und sich selbst von allem Verdachte vollständig reinwaschen.

Eine stolze Freude schwellte sein Herz, aber doch war darin ein bitterer Tropfen enthalten, die armen jungen Leute – er liebte sie, ohne es sich gestehen zu wollen.

»Ich werde mich für sie verwenden«, dachte er in solchen Augenblicken, »ich werde alles thun, was in meinen Kräften steht, um ihr Los zu erleichtern. Die beiden Kinder verbüßen für die Begünstigung von Hermanns Flucht eine kurze Strafe, dann schaffe ich sie zu den Ihrigen nach Deutschland, und das Schicksal des älteren Bruders gerät langsam in Vergessenheit. Hermann kann immer als geachteter Mann in Jakutsk sein Leben beschließen. Pah! Viele Tausende von Menschen haben es niemals so gut und so leicht wie der Sekretär des Statthalters von halb Sibirien.«

Aber alle diese Selbsttröstungen konnten ihm keine eigentliche Ruhe gewähren. Er war mit sich im Zwiespalt und wußte das. Um noch die letzten Stunden bis zur Abreise möglichst auszunutzen, ging er an das Grab seines verstorbenen Sohnes – bei der Rückkehr aber erwartete ihn eine Überraschung, die förmlich wie ein Keulenschlag wirkte. Vor der Thür der Hütte hielt auf einem weißen Renntier Otto und begrüßte ihn schon von weitem.

»Guten Morgen, Herr Jermak, da bin ich wieder – und auch Emma ist wohlauf. Ich habe die Jakuten schon gesprochen, jetzt geht es vorwärts.«

Jermak stand wie versteinert.

»Die Jakuten haben meine Befehle erhalten!« stammelte er endlich.

»Nein, Herr Polizeimeister, diejenigen meines Bruders, der sie bezahlt und der sie auffordern läßt, möglichst schnell zur Kaliutschinbai zu kommen, wo er sie erwartet. Wir können also gleich einsteigen, nicht wahr?«

Die beiden Eingeborenen hatten ihre Schlitten schon gewendet, sie erklärten offen, auf jeden Fall ihrem eigentlichen Herrn gehorchen zu wollen, und so sah sich der Polizeimeister zum Nachgeben gezwungen. Emmas persönliches Eigentum, Wäsche und Kleider wurden in aller Eile eingepackt, das weiße Renntier in Freiheit gesetzt, und fort ging es, dem voraus laufenden, laut bellenden Hunde nach.

Das Herz des Knaben schlug ungestüm. Wenn es Jermak geahnt hätte, daß er Hermanns und Herr Bochners Spur erst suchen mußte, daß er von beiden nichts, auch gar nichts wußte!

»Dem Mutigen gehört die Welt!« dachte er. »Ich werde sie finden.« – – –

Der armen Emma ging es nach Ottos Entfernung schlechter als vorher. Das schmutzige Essen, welches man ihr bot, konnte sie vor Widerwillen nicht genießen und litt daher ebensowohl unter der entsetzlichen Kälte als unter dem Hunger, der ihr stündlich zur Qual wurde.

Sie hoffte jetzt den Tod als den einzigen Erlöser.

Eines Vormittags war sie beschäftigt, Renntierfleisch in Robbenfett zu braten; während ihre Blicke die Pfanne überwachten, sammelten die Hände aus dem Magen und den Eingeweiden des Tieres jene zerkauten grünen Blattspitzen, die allen Eingeborenen Sibiriens als herrlichster Leckerbissen gelten.

Bei dieser Arbeit half ihr eine alte, an Gichtschmerzen leidende und aus diesem Grunde überall mit Thran beschmierte Sklavin. Das arme Weib ächzte und heulte fortwährend; abwechselnd mußte Emma ihre schmutzstarrende, braune Haut reiben und nach dem bratenden Fleische sehen; sie war fast der Verzweiflung nahe und dachte, daß es unmöglich sei, diese Qualen noch länger zu ertragen.

Im inneren Zelte faß der Kamakay mit seinen beiden Frauen; sechs Augen beobachteten daher unausgesetzt das Treiben des jungen Mädchens, eigentlich acht, denn Frau Kokerjabin, die ältere der beiden jakutischen Damen, hielt auf ihren Knieen einen vierjährigen Knaben, dessen eigensinniges Geschrei sie durch ein beständig wiederholtes »Ah – Bah – Thah!« zu beruhigen suchte. Endlich wusch sie den kleinen Schreihals, indem sie ihn ableckte, gerade so, wie es Katzen und Hündinnen bei gleicher Veranlassung machen.

Die zweite Frau, Nuketu, sah immer stumpfsinnig vor sich hin.

Außer diesen Bewohnern des Zeltes waren noch als Gäste drei Männer anwesend, Krieger mit großen Holzpiken, an denen mächtige Walfischzähne glänzten. Alle diese Leute lachten und schwatzten durcheinander, wobei sie fortwährend tranken und mehr und mehr in ihren gewohnten Zustand, den tierischen Rausch, hineingerieten.

Eine dritte Sklavin, blutgerötet im Gesicht und an den Armen, schnitt Renntierfleisch in kleine Stücke. Bis auf Emma riefen, schrien, sprachen und sangen alle diese Menschen zugleich; eine Frau kaute zwischen ihren Zähnen eine Renntierhaut, um sie geschmeidig zu machen, zwei größere Kinder spielten mit langen Stöcken Krieg; in einer Ecke der von der schrecklichsten Luft erfüllten Hütte lag eine Hündin mit acht winselnden Jungen – so sah es aus unter dem Dache, welches der beklagenswerten Emma für den Augenblick als Aufenthalt diente.

Durch den Rauchfang oben in der Zeltspitze fielen einzelne Schneeflocken, dann zischte das Feuer hoch auf, und eine graue Wolke überzog die zahllosen Gegenstände, welche den großen Raum zu einer Art Rumpelkammer oder Trödelbude machten. Auf dem Fußboden und an den Wänden hingen und lagen große Ledernetze für den Fischfang, Holzteller, Eimer, Tröge, Pfeifen, Messer, Äxte, steinerne Werkzeuge, Hirnschädel von Wölfen, Säcke aus Kalbfell, welche die volle Gestalt des Tieres behalten hatten und, mit Robbenöl gefüllt, als Lampen dienten; ferner Sommerkleider aus den Eingeweiden des Wallrosses, getrocknete Fische, geräucherter Robbenspeck, Biberfelle, Pelze aller Art, ein Kajak, das Fischerboot des Kamakay, Renntiergeweihe und Treibholz.

Es war ein in jeder Beziehung unerträglicher Aufenthalt, dieses Wohnzelt des Tschuktschenfürsten.

Während einer Pause des Gespräches fiel plötzlich ein kleiner Stein in das Feuer, und alle Anwesenden sahen empor, selbst Emma, die schon anfing, mit den Sitten und Gewohnheiten des wilden Volkes einigermaßen vertraut zu werden.

»Komm herein!« rief mit lauter Stimme der Kamakay.

Das Hinabwerfen eines Steines auf den Herd bedeutet nämlich unter den Tschuktschen so viel wie bei uns das Anklopfen.

Dieser Einladung gemäß begann ein Eingeborener oben durch das Rauchloch zu kriechen und an den Zeltstangen hinabzurutschen, bis er schwer zu Boden fiel, gerade vor Emmas Füßen – es war Tekel.

Ein Freudenschrei brach über die Lippen des jungen Mädchens.

»Meine Brüder?« stammelte sie; »meine Brüder?«

»Sind beide hier, auch Herr Bochner und der Polizeimeister.«

»O großer Gott, wie danke ich Dir!«

Der Kamakay hatte mit wachsendem Ärger bemerkt, daß die beiden einander kannten.

»Halloh!« rief er, den so plötzlich ins Zelt Gefallenen anredend; »halloh, Bursche, was willst Du hier?«

»Das sollst Du gleich erfahren«, antwortete Tekel in der Sprache der Tschuktschen. »Aber vorerst – wo ist die Thür?«

Emma riß das Fell, welches den Zugang versperrte, mit schnellem Griff beiseite, während von draußen der Schnee entfernt wurde – Otto sprang in die Hütte und lag in den Armen seiner Schwester.

»Emma, Emma, wir sind alle hier, wir wollen Dich befreien!«

Das war in deutscher Sprache gerufen, der Kamakay verstand es daher nicht wörtlich, aber er begriff den Zusammenhang der Dinge und trat, eine Pike schwingend, in die äußere Hütte hinaus. Ihm nach polterten die drei fremden Krieger.

Währenddessen waren Hermann, der Wiener und der Polizeimeister dem kleinen Otto nachgekrochen und begrüßten jetzt das vor Freude weinende junge Mädchen, dann näherten sie sich dem Tschuktschenhäuptling und befahlen dem Jakuten, hier den Dolmetscher zu spielen.

Alle drei Männer hatten ihre Waffen im Anschlag, die Frauen kreischten, die Kinder zeterten, die Hündin bellte aus Leibeskräften, Treu ließ ihr eine Herausforderung zugehen, und wenige Sekunden später wälzten sich beide Tiere im erbitterten Kampfe auf dem Fußboden. Es war ein Lärm, in welchem keiner der Anwesenden sein eigenes oder ein fremdes Wort verstanden haben würde.

Tekel riß zuerst die Hunde auseinander, dann trat er zu dem Häuptling und sagte ihm, daß die weißen Männer Emmas Verwandte seien, gekommen, um das junge Mädchen abzuholen; er möge es ohne weiteres herausgeben.

Der Kamakay sah von einem zum andern. »Das will ich nicht«, antwortete er endlich. »Die Sklavin ist mein Eigentum.«

»Du hast sie am Kap Baranoff gestohlen!«

»Das geht Euch nichts an. Genug, sie bleibt hier.«

»Dann mußt Du mit uns kämpfen!« rief Tekel. »Wir werden niemals gutwillig das Feld räumen.«

Der Kamakay trat einige Schritte zurück, blitzschnell hob er die schwere Pike und würde im nächsten Augenblick Hermanns Brust durchbohrt haben, wenn nicht Emma schnell wie der Gedanke die Waffe beiseite geschlagen hätte; ebenso rasch stand die hohe, vornehme Erscheinung des Polizeimeisters zwischen den beiden Kämpfern.

»Ruhig!« gebot er; »ich habe Dir etwas zu sagen, Häuptling.«

Der Kamakay schäumte. »Du willst Deinen Freunden Gelegenheit zur Flucht geben!« schrie er voll Wut.

»Nein. Sie werden vor mir Dein Zelt nicht verlassen, Häuptling. Nun höre mich an!« – Darauf setzte er ihm auseinander, daß der Kaiser den Menschenraub unnachsichtlich bestrafe und daß daher Emmas Entführung ein Verbrechen sei. »Gieb das junge Mädchen heraus«, sagte er, »ich werde Dir dann weitere Vorschläge machen.«

Der Kamakay zuckte die Achseln. »Welche?« fragte er mißtrauisch.

Jermak drehte sich so, daß ihm weder Hermann noch Emma ins Gesicht sehen konnten, dann setzte er dem Tschuktschen auseinander, daß die Deutschen entflohene Sträflinge seien und daß ihm, dem Häuptling, eine Belohnung zu teil werden würde, wenn er sie alle nach Jakutsk zurückbrächte – jedoch der Versuch mißglückte vollständig.

»Ich habe von einem großen Kamakay gehört«, erklärte der Wilde, »er ist der Beherrscher des Landes weit draußen hinter dem Meere, aber hier bin ich Herr, und Dein Sohn der Sonne hat mir nichts zu befehlen. Die Sklavin ist mein.«

Jermak erkannte, daß es für seine Zwecke keinerlei Hoffnung gab, aber er war eine viel zu edle, echt ritterliche Natur, um deswegen das junge Mädchen ihrem Schicksal zu überlassen oder einfach der Hütte den Rücken zu kehren. »Sie ist weder Sklavin, noch Dein Eigentum, Häuptling«, sagte er mit festem Tone, »und Du wirst sie wohl oder übel herausgeben müssen.«

»Das werde ich nicht!«

»Gewiß, denn wir bezahlen sie Dir, Freund Kamakay!«

»Ich bin reich, ich kann Euer Geld entbehren. Meinen Frauen macht es Spaß, eine weiße Sklavin zu besitzen.«

»Gut. Aber noch mehr Spaß werden ihnen andere Dinge verursachen. Sieh her, was sagst Du zu dieser Kette, diesem Ringe?«

Er zeigte dem Häuptlinge die wenigen Schmucksachen, welche er besaß, Hermann und Herr Bochner fügten sogleich die ihrigen hinzu, aus den Schlitten wurden Näschereien und bunte Stoffe herbeigeholt, aber umsonst, der Häuptling wies alle diese Geschenke gleichgültig zurück. »Ich will das Mädchen behalten«, sagte er.

Emma erschrak. »Ehe Ihr mich hier laßt«, rief sie voll Verzweiflung, »tötet mich lieber.«

»Den Unhold werden wir töten!« rief Hermann, und schon lag die Pistole im Anschlag gegen den Kopf des Häuptlings, als plötzlich Herr Bochner seinem Genossen winkte. Wie sah der friedliche Tanzkünstler aus! – Zu jeder anderen Stunde würde Hermann hellauf gelacht haben.

Die Haare zu Berge getrieben, die Augen rollend, mit jeder Muskel seines ehrlichen Gesichtes zuckend, so schritt der Wiener zu einem Brett, das über dem Eingang des inneren Zeltes angebracht war und auf dem nur ein einziger Gegenstand lag, die Zaubertrommel aus Tannenstäben und Seehundsfell, ein Gerät, das jeder Eingeborene Sibiriens für den etwaigen Besuch eines Schamanen in Bereitschaft hält.

Sobald der Tanzlehrer nach diesem vornehmsten Einrichtungsstück der Hütte die Hand ausstreckte, verstand ihn der Jakute im selben Augenblick. »Ein Schamane!« rief er, mit allen Zeichen des Erschreckens zurücktretend.

Die beiden Frauen des Häuptlings kreischten auf. »Ein Schamane!« wiederholten sie.

Auch die drei fremden Krieger wichen zurück, die Sklavinnen flüchteten in das innere Zelt. »Ein Schamane!« schrie jede Stimme.

Herr Bochner trommelte wie etwa ein Irrsinniger, der auf den Gegenstand seines Zornes loszuschlagen meint; er bearbeitete das Leder, als müsse es heute noch zerspringen.

Der Kamakay erschrak so, daß er taumelte. Also die Götter waren gegen ihn! – Sie mußten außerordentlich erbittert sein, denn solches Trommeln hatte er nie gesehen. Bald schlug Herr Bochner mit den Fäusten, bald mit den Ellenbogen und dann wieder mit der Stirn oder gar den Knieen; das Gewirbel betäubte förmlich – beide Hunde begleiteten es mit einem rasenden Bellen, die Kinder mit lautem Gezeter.

Jetzt schleuderte der Wiener plötzlich die Trommel von sich und zog dafür seine geliebte kleine Geige unter dem Pelz hervor. Ein schriller, überlauter Ton gellte durch die Hütte, dann folgte ein wildes, rauschendes Tremolo eigener Komposition, bei dem der Musiker zum Überfluß selbst tanzte und die entsetzlichsten Gesichter schnitt.

Die Hunde gingen vom Bellen über zum Heulen, Frau Kokerjabin versteckte ihr Kind, dann warf sie sich im Verein mit der stumpfsinnigen Nuketu vor dem Tanzlehrer auf die Kniee und schien bitten zu wollen: »Verschone mich!«

Diese beiden Heidinnen glaubten den mächtigen Gott Tornasul gegen sich erzürnt und zitterten in dem Gedanken, daß er sie bestrafen werde, weil das weiße Mädchen in der Hütte als Sklavin behandelt worden war.

»Was wollen die Weiber?« fragte der Tanzlehrer den Jakuten.

»Wir bitten um Gnade!«

»So sollen sie den Häuptling zur Nachgiebigkeit zwingen.«

Tekel übersetzte, und sofort hängten sich die beiden Frauen an den Kamakay, um stürmisch zu verlangen, daß er das weiße Mädchen herausgebe. Sie zeterten und schrieen, Herr Bochner spielte wie toll – es war ein Schauspiel aus dem Irrenhause.

Vielleicht begann der Häuptling die Macht des Zaubers jetzt selbst zu spüren, vielleicht fürchtete er, sich den Weibern gegenüber schwach zu zeigen – genug, er verließ schleunigst das Zelt und zog die drei anderen Krieger mit sich.

Eine plötzliche Stille folgte dem Toben – Bochner atmete auf.

Diese von den Tschuktschen so sehr gefürchteten Schamanen sind die Schwachsinnigen des Stammes, denen man so lange von den bösen, dämonischen Gewalten erzählt, bis sie dieselben körperlich zu sehen glauben und durch die Zaubertrommel herbeilocken zu können überzeugt sind. Bochner spielte also bei Gelegenheit seiner jetzigen Vorstellung keine sehr beneidenswerte Rolle – er galt für blödsinnig.

»Sollten wir den Sieg errungen haben?« flüsterte Hermann.

Ehe ihm einer der Anwesenden eine Antwort geben konnte, trat plötzlich ein Eingeborener in das Zelt. Er wollte den Schamanen sehen, wollte als Botschafter des Häuptlings Erkundigungen einziehen, welches Verlangen die Weißen stellten. »Annava ist ein Christ«, setzte er hinzu – »ebenso wie die Weißen.«

Hermann nickte ruhig. »Dann mag Annava dem Häuptling sagen, daß wir eine Zeit lang gegen Bezahlung in seinem Zelte leben wollen«, versetzte er. »Natürlich bleibt das Eigentum Tschikines unbestritten – aber wir mieten einstweilen die Wohnung, um hier zu bleiben, bis es etwas wärmer geworden ist – dann geht die Reise weiter.«

Annava übersetzte den horchenden Frauen diese Worte, und dann entstand in dem Zelte eine wilde, eilige Flucht, so daß Weiber und Kinder schon nach wenigen Minuten verschwunden waren. Nur ihre Kleider hatten sie mitgenommen, sonst nichts.

»Viktoria!« rief Hermann, »die Festung ist gefallen.«

»Und soll zunächst gereinigt werden!« fügte Herr Bochner hinzu. »O lieb's Herrgottle – welch ein Duft!«

Tekel ging hinaus und brachte mit Khorts Hilfe die Gespanne und die Schlitten in das geräumige Zelt, dann wurde für die Hunde ein Verschlag eingerichtet und nun das innere Zimmer – Augiasstall, wie Herr Bochner sagte – gründlich gesäubert, indem man die Wand durchschlug und ganze Fuder voll unaussprechlicher, chaotisch vermischter Dinge hinausbeförderte. Eine tüchtige Kälte kam bei dieser Gelegenheit leider mit herein, aber das durfte nichts ausmachen, die Luft wurde doch vollständig rein, und darauf kam es an. Ein paar Bretter, hie und da eingefügt und zum Herausnehmen bestimmt, ersetzten die Fenster, so daß für kommende Tage die nötige Lüftung möglich war.

Eine Notthür nach der Hinterseite bildete den Beschluß in der Reihe neuer Anlagen, dann erst konnten sich die Flüchtlinge der Freude des Wiedersehens einigermaßen ruhig hingeben und vor allen Dingen ihre Vorräte überschlagen; denn daß sie nun Hausarrest hatten, mußten sie sich ja eingestehen.

Da war Fleisch, Pemmikan, Zucker, Schokolade, Mehl und Speck auf viele Wochen hinaus, ebenso hundert andere Dinge, aber das Wasser konnte möglicherweise sehr bald fehlen. Nur der wenige Schnee, welcher sich erreichen ließ, diente als Ersatz desselben.

Khort und Tekel hielten abwechselnd Wache; wenn sich zuweilen einer der Männer, bis an die Zähne bewaffnet, hinauswagte, so sah er die düsteren Mienen der Eingeborenen und mußte erleben, daß sie sich abwandten, ohne zu grüßen oder eine Antwort zu geben.

Annava ging ab und zu, er war sehr geschwätzig und geistlos, man konnte ihn leicht ausfragen und für ein paar Stücke Zucker oder einen Bissen Schokolade jedwede Auskunft erlangen. Eines Tages, als Hermann den Plänen des Häuptlings nachforschte, sagte Annava listig lächelnd: »Er will die Weißen aushungern!«

Hermann verbarg, so gut es ging, sein lebhaftes Erschrecken. »Was ist da zu machen?« fragte er den Tanzlehrer.

»Eine politische Verschwörung!« antwortete dieser mit sehr wichtiger Miene. »Die Fäden des Komplottes liegen bereits in meinen Händen.«

»Sie wollen dem Kamakay die Treue seiner Unterthanen rauben?«

»Ich will den Kamakay absetzen.«

Hermann lachte, aber er begann doch bald, die Sache für möglich zu halten. Herr Bochner ließ dem Volke sagen, daß ein Opferfest gefeiert werden müsse; darauf brachten die Tschuktschen drei weiße Renntiere, und alsbald stieg unter dem Gerassel der Zaubertrommel das Feuer lustig zum Himmel empor. Der Tanzlehrer rollte die Augen, er schüttelte den Kopf, er zitterte heftig. »Die Götter sind erzürnt«, behauptete er, »Tschikine hat sich ihren Haß zugezogen – wenn er der Häuptling des Stammes bleibt, so gehen alle zu Grunde, alle bis auf das kleinste Kind in den Armen der Mutter.«

Ein Angstgeschrei folgte dieser fürchterlichen Prophezeiung; die älteren Krieger erklärten den Häuptling seiner Würde für entsetzt, Annava wurde zum Kamakay erwählt, und der entthronte Tschikine durfte froh sein, daß man ihn unter den Zelten überhaupt noch duldete.

»Das geschieht ihm recht!« sagte der Polizeimeister. »Dieser Schattenkönig verweigert es, die Oberhoheit des Zaren anzuerkennen – dafür ist nun seine eigene in nichts zerfallen.«

Und dann begann er, dem Häuptling Annava mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber Herr Bochner stand immer, sobald sich der Tschuktsche im Zelte befand, auf Wache – Jermak konnte den Augenblick des ungestörten Alleinseins nicht finden.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Endlich erlöst.

Drei Wochen vergingen so ohne Mangel an Lebensmitteln oder irgend eine Störung von außen; dann hielt Hermann die Stunde der Abreise für gekommen. In aller Stille wurden die Schlitten durch das hintere Thor hinausgebracht, die Vorräte aufgeladen und die Hunde angeschirrt. Ehe noch die Tschuktschen den Plan durchschauen konnten, flogen schon die beiden Gespanne über den Schnee dahin, dem Golf von Anadyr entgegen.

Die Fahrt ging zuerst durch ein dünnes Gehölz, zwischen Hügeln dahin und über sumpfige Strecken, die von zahlreichen Vögeln belebt waren. Das Gebiet der Renntiertschuktschen hatte begonnen, verbrannte und verkohlte Sommerhütten standen am Wege, an den Ufern eines großen Stromes lagen Mammutszähne, und überall führten kreuz und quer Renntierspuren durch die Ebene.

Der Schnee wurde weicher, und die Sonne stand länger am Himmel. Man baute an jedem Abend ein kleines Zelt für Emma und Otto, die Männer dagegen konnten jetzt schon in den Schlitten schlafen; es erschienen Singvögel, Stechmücken und Renntierherden, dann junges, zartes Grün.

Die Flüchtlinge atmeten auf, wie von Bergeslasten befreit, aber dennoch blieb eine leise Unruhe in ihren Herzen zurück. Gerade jetzt nahte die Stunde der letzten Entscheidung.

Lebensmittel gab es in Hülle und Fülle. Die Wurzel der kriechenden Weide bot zum Renntierbraten ein sehr angenehmes Gemüse, die der Mekarscha einen recht brauchbaren Ersatz für den Thee, und eine auf dem grünen Granit wachsende Moosart schmeckte sogar angenehm wie feines Tafelobst.

Renntiere und Argalis kamen zum Schuß, ehe die Jäger auch nur eine Viertelstunde auf dem Anstand zugebracht hatten! Lachse und Forellen, dort als Tschir und Nellma bekannt, ließen sich mit leichter Mühe fangen.

Nach den Mahlzeiten von Robbenspeck und Robbenfleisch glaubten die Flüchtlinge jetzt eine schwelgerische Tafel zu führen.

Einmal überraschten sie eine zahlreiche Gänseherde auf der Oberfläche eines halb aufgetauten Teiches. Die Jakuten erlegten ein Dutzend dieser fetten Tiere mit großen Stöcken, und wieder gab es Abwechslung bei Tische.

Jermak aß jetzt alles mit. Die von dem verlassenen Schiffe herrührenden Lebensmittel gehörten im gleichen Maße ihm und den Flüchtigen, während er anderseits an ihren Jagden teilnahm und sogar selbst kochte. Er verstand es, eine Fischsuppe zuzubereiten, die alle für das Meisterstück der Kochkunst erklärten.

Der Weg dagegen war fortwährend mit allen möglichen Beschwerden und Gefahren verknüpft. Stürme tobten beinahe immer, unzugängliche Felsen sperrten den Durchzug, schwindelnde Abgründe dehnten sich zu beiden Seiten. Oft mußten die Reisenden aussteigen, um auf den ganz schmalen Felspässen einer hinter dem anderen mühsam vorwärts zu gehen, oft durchwanderten sie Thäler, in denen der Fuß bei jedem Schritt zu versinken drohte.

An allen diesen Stellen lag weicher Schnee, sonst wären sie unzugänglich gewesen oder hätten noch weit größere Gefahren herbeigeführt.

Zuweilen zwangen plötzlich aufsteigende Nebel die ganze kleine Karawane zum Stillstehen. Alles rings umher bildete bis auf wenige Fuß in der Runde nur eine einzige graue, unaufhörlich wogende und ziehende Masse, auf welcher derjenige Punkt, wo sich unsere Freunde befanden, gleich einer Insel hervorragte.

So erreichten sie die Quellen des Anadyr, dessen Lauf von nun an verfolgt wurde. Bei diesem Teile der Reise kam auch das leichte Boot aus Fellen zur Anwendung; sehr häufig mußten Nebenarme des Stromes überschritten werden, was jedesmal eine wahrhaft unerhörte Anstrengung erforderte. Die Jakuten nahmen dann die Schlitten auseinander und brachten erst mittels einer ganzen Anzahl von Fahrten die Einzelteile an das jenseitige Ufer, während die Hunde nachschwammen.

Dann wieder hatten die scharfen Felskanten den Zugtieren die Füße zerrissen, so daß sie der Ruhe bedurften; solche Zeiten benutzten die Flüchtlinge; um ihre Vorräte an Fleisch zu ergänzen.

Dann war der letzte Schnee geschmolzen; die Lebensmittel wurden zusammengepackt und auf dem Rücken getragen, die Schlitten versteckt – jetzt begann die Fußwanderung.

Immer am Meere hingehend, zogen die Flüchtigen weiter. Hier auf der Oberfläche des Ozeans lagen noch überall große Eisblöcke; das erstarrte Wasser ließ die Möglichkeit der Schiffahrt gewiß erst in einigen Wochen zu, man mußte daher diesen Zeitpunkt erwarten, ehe die Hoffnung auf ein Segel, das sich dem Lande näherte, auch nur Wurzel fassen konnte.

An günstigen Punkten wurde gerastet, besonders auf Bergeshöhen, die einen weiten Überblick gestatteten. Von solcher einsamen, windumbrausten Warte herab sahen eines Tages die Reisenden das Schauspiel des Kampfes auf dem Wasser mit an.

Zunächst begann ein schwerfälliges Verschieben der Torosen; vom Tauwetter zum Bersten gebracht, von den Wellen unterwühlt, stürzten diese turmhohen Massen unter- und übereinander, immer schaukelnd und tanzend, mit Donnergebrüll gegeneinanderstoßend, mit Knirschen und Kreischen in Millionen von Trümmern zerfallend. Auf den freigewordenen, offenen Wasserflächen tobte der Sturm und warf weiße, schaumgekrönte Wellen über die kämpfenden Kolosse dahin, ganze Lawinen von Schnee, plötzlich ins Fallen gebracht, stäubten auseinander, zerplatzte Torosen schlugen gegen Eismauern und rissen Stücke derselben mit sich, alles taumelte und krachte, alles stürzte in das unentwirrbare Chaos und vermehrte und erhöhte das Toben der wildesten Zerstörung.

Am Ufer hafteten zuletzt noch Trümmer, aber auf hoher See wetteiferte das Blau der Wogen mit dem des Himmels. Langgestreckte Wellen zogen vom asiatischen Meere hinüber zum amerikanischen – die Beringstraße war offen.

Je heller der Himmel auf Erde und Wasser herabglänzte, desto düsterer wurde Jermak. Er fühlte das Nahen der Entscheidungsstunde, wußte, daß er jetzt seine Beute verloren geben mußte, und ärgerte sich täglich mehr.

Nur eine Hoffnung blieb ihm noch – die auf ein russisches Schiff. Wenn es auch nur ein Kauffahrer war, das schadete nichts; man konnte dem Kapitän mit dem Hinweis auf eine Anzeige die Hölle so heiß machen, daß er nicht leicht wagen würde, den entflohenen Sträflingen bei ihrem ungesetzlichen Treiben hilfreiche Hand zu leisten. Ja, ja, wenn ein russisches Schiff in Sicht kam, so war doch noch alles gerettet!

Er hoffte und spähte täglich auf das Meer hinaus, ebenso eifrig wie die Flüchtigen selbst, und ebenso vergeblich. Nichts, was wie ein Segel aussah, ließ sich blicken.

Auf dem Grunde einer Schlucht war zum letztenmal das Lager aufgeschlagen worden, tief im Schutze grüner Granitfelsen, in einer Ecke, welche der Sturm nicht zu erreichen vermochte.

Alle Zeit, die den nötigsten Haushaltungsarbeiten, der Jagd und dem Kochen abgewonnen werden konnte, jeden freien Augenblick verbrachten die Flüchtigen auf ihrem Beobachtungsposten am Strande.

Einen solchen hatten sich die Deutschen erwählt, einen anderen der Polizeimeister; da saßen sie vom Morgen bis zum Abend.

Aber der Juni kam und schwand, ohne einen Walfischfahrer zu bringen. Nach ihm zog der Juli vorüber, Sibiriens kurzer Sommer ging zur Rüste, und nichts hatte sich gezeigt.

Hermann schmiedete Pläne über Pläne, er war jetzt der Verzweiflung nahe. Noch einen solchen Winter würde keiner von ihnen überstehen können.

Und doch nahte derselbe mit schnellen Schritten.

Ob man in der Bogdare von Renntierfellen hinüber rudern konnte nach Amerika? – Ob man am Anadyr wieder hinaufging, das Gebirge überstieg und zum Ochotskischen Meere gelangte?

Es war beinahe Wahnsinn, dergleichen auszudenken.

Aber es gab noch ein anderes Mittel, das der Tschuktschen, welche Pelzhandel treiben. Asien und Amerika liegen zwischen dem Kap Prinz von Wales und dem Ostkap nur etwa achtzig Kilometer weit auseinander – sollte sich diese Strecke nicht im Schlitten zurücklegen lassen?

Aber man mußte dann die Narten erst aus dem viele Meilen entfernten Versteck hervorholen – man mußte den Winter erwarten, den gräßlichen, eiskalten sibirischen Winter.

Auf alle diese verzweifelten Pläne folgten die langen, bangen Stunden einer vollkommenen Mutlosigkeit. Mit welchen furchtbaren Opfern war man bis hierher gelangt – und nun, wie es schien, umsonst.

Obgleich die Luft am Meeresufer bereits wieder sehr kalt geworden war, saß doch Hermann von Tagesanbruch bis Abend auf der Wacht am Ufer. Nicht weit von ihm Jermak, beide schweigend, beide verzweifelnd.

Eines Tages hatte Emma ihren Bruder begleitet. Otto war mit dem Tanzlehrer auf den Fischfang gegangen, und die enge Hütte lag öde und einsam.

Die beiden jungen Leute saßen in düsterem Grübeln bei einander. Vor ihnen lag das offene Meer, hinter ihnen die Steppe, welche nur am äußersten Rande und am Ufer von Granitfelsen begrenzt wurde. Der Blick reichte nach allen Seiten meilenweit hinaus in die Ferne.

Als Emma zufällig den Kopf umwandte, brach von ihren Lippen ein Schrei der Überraschung. »Hermann«, rief sie, »was ist das?«

»Wo?« fragte er hastig.

»Da! – da! – Eine Erscheinung!«

»Eine Fata Morgana!« sagte er tief atmend.

Die Steppe schien mit einem Zauberstabe berührt. An den Ufern eines blauen Sees erhoben sich die Türme und Zinnen einer großen, wunderbar schönen Stadt aus den Sonnenländern des Südens. Grüne Laubwälder ragten empor, hohe Dome mit Kuppeln und weißen Säulen. Niemals war das Trugbild des Sommers mitten in der winterlichen Öde, das des Lebens im Tode, natürlicher und treffender dargestellt.

Hermann sah unwillkürlich umher, als wolle er sich versichern, daß er wache. Jene Mauern, jener blaue See – konnten sie nur eine Sinnestäuschung sein?

Und doch – da war das Meer und der kalte Strand – wie kamen die Paläste mit ragenden Domen an Sibiriens öde Küste?

Wie bezaubert sahen die beiden jungen Leute auf die Feenpracht des Bildes. Und nun geschah ein zweites Wunder – die Stadt da unten hüllte sich in Dämmerschein, ihre Farben erblichen, ihre Formen verschwammen, bis das Ganze wie eine graue, formlose Masse dalag, dann schossen zwei Riesensäulen, weiß und rosig wie Marmor, auf den das erste junge Tagesglühen fällt, plötzlich hervor und blieben minutenlang stehen, bis langsam alles in die gewohnte Färbung überging, d. h. die Steppe in ihrer alten Ruhe und Öde dalag.

»O Hermann«, rief Emma, »wie schön war das!«

Er lächelte bitter. »Ein Spott auf unsere Lage! – Was wir so sehnlich gehofft haben, war auch eine Fata Morgana.«

Sie streichelte sein todblasses Gesicht. »Solche Worte sind Sünde, Hermann! – Wir müssen im Glauben ertragen, was Gott schickt.«

Er antwortete nicht. Seinen Kopf barg er in den Händen, er verzweifelte an allem, er wäre gern in diesem Augenblick gestorben.

Aber wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten.

»Hermann«, rief plötzlich das junge Mädchen, »Hermann, sieh dorthin – das ist keine Fata Morgana!«

Hermann sprang auf, er taumelte, sein Atem ging keuchend. »Ein Schiff!« rief er; »ein Schiff!«

Und dann breitete er die Arme aus, wie um Gott zu danken.

Emma schluchzte laut; der plötzliche Übergang von gänzlicher Mutlosigkeit zur neuen Hoffnung drohte ihr die Brust zu sprengen. Auch Jermak hatte die weißen Segel gesehen; er war unbemerkt verschwunden.

Hermann riß den Pelz von den Schultern und befestigte ihn an eine lange Stange, die er zu diesem Zweck in der Nähe verborgen hielt, dann schwenkte er die schnell hergestellte Fahne, so gut das bei der Schwere derselben anging.

»Siehst Du«, rief er, »siehst Du? Das Steuer wird gedreht, man hat uns bemerkt!«

»O gottlob! gottlob!«

Das Schiff nahm seine Richtung durch die großen, schon wieder überall umherschwimmenden Eisberge gegen die Küste hin. Es kam immer näher, eine Flagge wurde geschwenkt – die beiden jungen Leute waren gesehen; jetzt gab es keine Zweifel mehr.

»O Hermann«, sagte Emma mit tonloser Stimme, »wenn es ein Russe wäre! – Ich könnte die Täuschung nicht ertragen.«

»Still! Still! – Laß mich beobachten!«

Er sah immer hinüber zu dem Schiffe, das seinen Weg, der Eisschollen wegen, nur langsam zurücklegen konnte. »Vor morgen früh werden wir kaum Gewißheit erlangen«, sagte er dann.

»O mein Gott – wie viele Stunden noch!«

»Tröste Dich, Emma«, bat er, »sei nicht gleich so unruhig. Ich kann vielleicht heute abend in der Bogdare an Bord gehen.«

Emma schüttelte den Kopf. »Und wenn man Dich dort als Gefangenen zurückbehielte, Hermann? Dann wären wir alle verloren.«

»Das ist wahr«, gestand er seufzend.

»Gut, also nimm mich mit Dir. Wenn das Schiff ein russisches ist, so bieten wir dem Kapitän Smaragden – er wird es nicht über sich gewinnen können, ein Vermögen auszuschlagen!«

Hermann nickte. »Aber der gebrechliche Kahn«, sagte er, »die leiseste Bewegung kann ihn umwerfen. Nein, nein, Du bleibst hier, schon Ottos wegen – ich fahre allein.«

»Um sich allen möglichen Gefahren ohne weiteres auszusetzen!« sagte hinter ihnen die Stimme des Tanzlehrers. »Das kann ich niemals zugeben, mein lieber Hermann – Sie bleiben bei den Ihrigen, und ich selbst gehe an Bord.«

»Sie?« riefen wie aus einem Munde die beiden jungen Leute. »Sie Herr Bochner?«

»Ja natürlich, ich. Vorhin sprang der ehrenwerte Jermak in so eiligen Sätzen zum Strande hinab, sah so glücklich aus, daß ich mir die Sache ohne weitere Mühe zurechtlegen konnte. Aber die Teufelei soll ihm nicht gelingen, ich bin ebenso schnell da wie er.«

Beide Geschwister dankten ihm auf das herzlichste. »Hoffentlich ist dies der letzte Dienst, welchen Sie uns leisten«, sagte Hermann, indem er die Hände des Tanzlehrers mit Innigkeit drückte.

Herr Bochner lachte. »Der letzte?« wiederholte er. »Das verhüte Gott. Ich denke, wir werden allezeit ebenso gute Freunde bleiben, wie heute.«

Damit ging der alte Herr schleunigst fort, um den Umtrieben des Polizeimeisters so kräftig wie möglich entgegen zu treten. Hermann blieb, nachdem er seine Schwester fast mit Gewalt in die Hütte gebracht hatte, noch bis zur sinkenden Nacht auf dem Beobachtungsposten am Strande, aber nur, um zu erkennen, daß für heute keine Entscheidung mehr zu erwarten sei. Das Schiff hatten neben einer riesigen Eisscholle Anker geworfen und konnte sich daher fürs erste dem Lande nicht weiter nähern.

Beide, der Polizeimeister und der Tanzlehrer, waren an Bord geblieben, höchst wahrscheinlich, weil sich gegen Abend der Wind so sehr verstärkte, daß kein Boot mehr auslaufen konnte.

Schon unterwegs hatte der Wiener die Nationalität des Schiffes erkannt und mit einem Jubelruf begrüßt; es war ein österreichischer Dreimaster, der »Sturmvogel«, mit einer vollen Ladung Thran nach einem deutschen Hafen bestimmt – da ließ sich das Beste hoffen.

Herr Bochner begrüßte lächelnd den Polizeimeister, als wollte er sagen: »Es nützt Dir nichts, guter Freund, Du ziehst den kürzeren!« – Dann ließ er sich dem Kapitän vorstellen und hatte nun die Genugthuung, sogleich einen vollen Sieg zu erlangen.

Herr Spielke, ein junger, lebensfroher Mann, war schon sehr wenig erbaut von der Zumutung Jermaks, für die russische Regierung den Häscher zu spielen, jetzt aber, nachdem ihm der Wiener den Sachverhalt auseinandersetzte, erklärte er rund heraus, die Flüchtigen, falls sie sich seinem Schutze anvertrauen würden, nie und nimmer ausliefern zu wollen. »Ich bringe die Leute nach Deutschland«, sagte er, »das bin ich als Mensch mir selbst und als Österreicher den Angehörigen des befreundeten Staates schuldig!«

»Bravo!« rief Herr Bochner. »Bravo!«

Jermak verbeugte sich stumm. Er war geschlagen und mußte sich in die Niederlage finden, so gut es eben gehen wollte.

Am folgenden Morgen kamen beide Männer in einem Boote des »Sturmvogel«, gerudert von sechs Matrosen, an Land, und während der Polizeimeister seine Sachen zusammenpackte, konnte Herr Bochner den angstvoll harrenden Deutschen mitteilen, was sich zugetragen hatte. »Gerettet!« rief er jubelnd; »gerettet! – Verliert jetzt keinen Augenblick, meine Freunde!«

»Aber«, stammelte Emma, schluchzend vor Glück, »aber wenn diese Bereitwilligkeit des Kapitäns eine Falle wäre?«

»Unsinn, Unsinn – ein Deutscher, ein Österreicher ist kein Verräter.«

Die Matrosen trugen ins Boot, was den Flüchtigen wert genug schien, um mitgenommen zu werden – dann kam der Abschied von dem Polizeimeister.

»Gehen Sie mit uns«, bat Hermann, »Jermak, gehen Sie mit uns, wir alle halten viel von Ihnen, wir möchten Sie nicht vermissen!«

Aber der alte Beamte schüttelte den Kopf. »Nie!« erklärte er.

Das war jener Ton, welcher keinen Wiederspruch zuläßt. Die jungen Leute und auch Herr Bochner drückten herzlich seine Hände, sie beauftragten die Jakuten, ihn bis in die Nähe des nächsten Ostrog zu bringen und in jeder Weise für ihn Sorge zu tragen, dann bestiegen sie das Boot und gelangten glücklich an Bord des Österreichers, nachdem noch den beiden Eingeborenen alles, einschließlich der Schlitten und Hunde, geschenkt worden war, was sich in der Hütte vorfand.

Der Kapitän begrüßte sie auf das freundlichste; er ließ sogleich für das junge Mädchen seine eigene Kajüte einrichten und brachte die anderen drei unerwarteten Gäste wenigstens so unter, daß sie immerhin gegen die Schneehütte am Kap Baranoff wie in einem Fürstenpalaste wohnten; dann wollte er die Anker lichten lassen.

Hermann sah immer hinüber zum Ufer. »Der arme Jermak!« sagte er.

»Gott gebe, daß er glücklich nach Jakutsk zurückkommt«, nickte Herr Bochner. »Er ist ein eiserner, redlicher Charakter, ein Ehrenmann durch und durch.«

»Er hatte uns lieb gewonnen!«

»Was kommt da?« rief Otto, auf die Steppe hinausdeutend. »Soldaten! Pferde!«

»Weiß der Himmel – berittene Kosaken! Wenigstens zwanzig!«

»Und da ist auch Jermak!«

Der Polizeimeister kam fliegenden Laufes an das Ufer herab. Die Kosaken sammelten sich um ihn, er deutete auf das Schiff, er schien Befehle zu geben.

Dann saßen plötzlich die Reiter ab. Jermak zeigte ihnen eine große, mit dem Ufer zusammenhängende Eisscholle, dann mehrere andere, und sofort begannen die Leute ihren Marsch über dieselben.

»Sie wollen das Schiff angreifen!« rief Herr Bochner.

Der Kapitän lächelte. »Die Anker herauf!« befahl er.

Es war die höchste Zeit, denn schon regten sich allerlei schlimme Gelüste. Ein paar Wurfgeschosse flogen aus den Händen der Matrosen den Kosaken entgegen, diese rissen die Büchsen von den Schultern, und binnen wenigen Minuten würde der ungleiche Kampf entbrannt sein, wenn nicht das Schiff, vom Wind gefaßt, eine Drehung gemacht hätte und dadurch dem Ufer entrückt worden wäre. Flutende Wogen trennten das Eisfeld und das schwimmende Stück österreichischen Bodens – ein kräftiges Hurra der Matrosen schallte zu den getäuschten Kosaken hinüber.

Hermann trocknete seine Stirn. »Eine Viertelstunde später wären wir in der Gewalt der Russen gewesen!« sagte er tief erschüttert. »Gott hat uns wunderbar errettet.«

»Möchte es allen Deutschrussen so ergehen«, setzte Herr Bochner hinzu. »Sie müssen sich um ihrer Nationalität willen verfolgen lassen, wie es Ihrer Familie geschah, mein lieber Herr Brandt – und sie sind doch allezeit in den Ostseeprovinzen die Träger der Bildung gewesen!«

»Vielleicht eben deshalb!« lächelte Hermann. »Was aber die Kosaken betrifft«, setzte er hinzu, »so freut mich ihr Erscheinen nun doch auf das lebhafteste. Sie bringen den armen, alten Mann sicher nach Jakutsk.«

Schlußwort.

Die Reise auf dem Sturmvogel ging glücklich von statten; ihre unvermeidlichen Beschwerden erschienen den Geretteten nach allem, was sie während der Fahrt durch Sibirien erlitten, als unbedeutend, sie erholten sich vielmehr bei Pökelfleisch und Erbsen auf das beste, namentlich da auch neben der regelmäßigen körperlichen Verpflegung so viel Neues und Wunderbares ihnen zu Ohren kam, daß sie die Leiden der Gefangenschaft und eisigen Polarnacht sehr bald vergaßen.

Während sie Robbenspeck und Seehundsfleisch aßen, hatten ihre deutschen Landsleute den siegreichen Krieg gegen Frankreich zu Ende geführt, und als sie auf der Reise nach Genf die Stadt Berlin berührten, da war das an jenem Tage, als das siegreiche Heer, mit Lorbeeren bedeckt, seinen Einzug in die geschmückte Hauptstadt hielt.

Blumen und Kränze überall, Guirlanden von Fenster zu Fenster, Fahnen und Lampions, dabei freudestrahlende Gesichter von Hunderttausenden – es war ein großer, bedeutsamer Tag, der allen, die ihn gesehen, für immer unvergeßlich bleiben mußte.

Sie sangen mit und jubelten mit, obwohl es ihnen doch unmöglich war, in Deutschland ihren dauernden Aufenthalt zu nehmen.

In Genf trafen die Vielgeprüften schon ihre Verwandten, die zu längerem Besuche bei ihnen blieben, ebenso Fräulein Toni Bochner, des lieben, alten Freundes jugendliche Tochter, welche sich besonders an Emma innig anschloß und nicht müde wurde, mit einem angenehmen Gruseln die Geschichten aus Sibirien immer wieder anzuhören.

Hermann saß nach langer, unfreiwilliger Muße jetzt emsig bei einer längeren schriftlichen Arbeit, die er an eine gar hohe Persönlichkeit sendete, an Seine Majestät den Kaiser aller Russen.

Er schilderte in dieser Immediateingabe die Zustände in den Ostseeprovinzen, wo eine andauernde Deutschenhetze planmäßig betrieben wird und in ihren Folgen zu den ärgsten Mißständen führt. Er sagte rund heraus, daß sein verstorbener Vater nur um seiner Nationalität willen verdächtigt worden sei und daß man ihn selbst verfolgt habe, ohne auch nur den allergeringsten Grund zur Anklage zu besitzen. Schließlich bat er das Oberhaupt des russischen Staates um eine Untersuchung des Falles und eine Begnadigung, oder vielmehr eine Aufhebung des Strafverfahrens, damit es ihm möglich sei, in der Heimat einen dauernden Wohnsitz zu gründen. Zugleich erzählte er Jermaks Geschichte und bat für diesen unbestechlich treuen Beamten um eine Anerkennung der bewiesenen Treue.

Kaiser Alexander der Zweite, das Opfer des bekannten fluchwürdigen Verbrechens vom 13. März 1881, war edel genug, dieser Bittschrift Gehör zu geben. Hermann Brandt erhielt das Recht, nach Rußland zurückkehren zu dürfen, während zugleich das eingezogene Vermögen wieder herausgezahlt wurde.

Eine glänzende Genugthuung, die nur eins so recht schmerzlich ins Gedächtnis rief. Den armen, in den Tod gehetzten Vater konnte doch kein kaiserlicher Gnadenbeweis seinen trauernden Kindern zurückgeben.

Von Jermak kam eines Tages ein dicker Brief. Er war in sein früheres Amt wieder eingesetzt worden und zeigte sich jetzt, wo der Zwiespalt zwischen dem Herzen und der Pflicht endgültig beseitigt war, als ein treuer Freund. Auf Hermanns Einladung hin machte er mit Frau und Kindern eine Erholungsreise nach Deutschland, wo er gerade zur rechten Zeit ankam, um bei der Hochzeit des jungen Mannes mit Toni Bochner an der Seite des Tanzlehrers als Trauzeuge zu dienen.

Jetzt saßen die Bewohner der Schneehütte vom Kap Baranoff beim Champagner zusammen, und Emma trug ihre Edelsteine, die damals Otto unter dem Schnee fand – sie zeigte dieselben dem Polizeimeister.

Er nickte. »Ich habe die Sache zur Anzeige gebracht«, erklärte er.

»Und?« fragte Hermann.

»Bin furchtbar ausgelacht worden!«

Sie stimmten alle nachträglich in diese Heiterkeit mit ein, auch Jermak selbst.