Er und Ich

I.

Ein Frühlingstag in Blütenschnee. So recht ein Tag, wo alles, was jung ist, ins Himmelsblau und Waldesduften hinausjauchzen möchte.

Durch den großen Garten, der Herrn Haldens Villa bei Mülhausen umgibt, stürmt, so schnell sie ihre alten Füße tragen mögen, ein Weiblein in glattem, grauem Kleid. Die hellen, gutmütigen Augen unter dem anliegenden grauen Haar flattern suchend umher.

»Wo nur das Kindchen wieder ist? – Marthe – Marthe! Wo bist du?«

Der Kies knirscht unter ihren Schritten. Ein Buchfink müht sich auf dem Apfelbaum ab, den Nachtigallenschlag nachzuahmen. Sonst Stille.

Sie biegt in den Weg zur Obstwiese ein.

»Martha – – a! Mar – – tha – a!«

Durch ihr gelbbleiches Gesicht geht ein Zug der Ungeduld. Wer die gute alte Babette kennt, der weiß, daß ihre Geduld am letzten ist, wenn sie statt Marthe den durch keine Zutraulichkeit verkosten Namen Martha ruft.

»Mar – – tha – a! Papa will dich sofort sprechen. Wo bist du?«

Ein Knistern in Baumzweigen und dann ein dumpfer Plumps im frischen Gras. Da saß ein Mädchen zu Füßen eines kalkgeweißten Apfelbaumstammes, stützte sich hinterrücks mit gespreizten Händen auf die Erde und verkniff das Gesicht einen Augenblick wie im Schmerz, lachte aber fast gleichzeitig hell auf.

Babette wandte sich erschrocken um.

»Aber, Martha! Was fängst du nun wieder an! Hab ich dir nicht schon oft gesagt, daß es sich für junge Mädchen nicht paßt, auf Bäume zu klettern? Das hast du doch nicht im Institut gelernt. Wenn das deine Mutter – Gott hab sie selig – sähe!«

Martha zog die Füße an, gab sich mit den Händen einen kräftigen Abstoß und stand aufrecht und lachte. Lachend schüttelte sie die losen braunen Haare aus Gesicht und Stirn und lachte.

»Nun schau mal, wie du wieder aussiehst. Der ganze Rock grün und grau von der Baumrinde. Und erst da die Ärmel! Gott ja, was man mit dir für eine Last hat!«

Das Mädchen klopfte den losen grünen Staub vom halblangen Rock und wischte schnell über die Ärmel.

»So, Babette, was wünschest du von mir?«

»Ich wünsche nur, daß du nicht mehr so unartig bist und mich altes Menschenkind nicht so durch den ganzen Garten auf und ab laufen läßt, dich zu suchen. Im übrigen will Papa dich sofort sprechen. Ich glaube, es ist heute morgen ein Brief gekommen. Du weißt ja, was Papa mit dir vorhat. –

Ach, Gott sei Dank, daß ich dich nun endlich los werde. Ich könnte die Verantwortung für deine dummen Streiche nicht länger mehr tragen. Gott ja, wenn ich noch daran denke, wie deine Mama – Gott hab sie selig! – noch so jung war wie du! Was war die ein ganz anderes Mädchen!«

So haspelte die alte Babette ihre Vorwürfe heraus. Auf Martha schienen sie wenig Eindruck zu machen. Sie lächelte und fuhr mit dem Ordnen ihres Anzuges fort, warf die Haare vollends hinterrücks und knipste hier und da noch ein Stückchen Rinde oder eine Blüte von Brust und Schulter. Sie kannte ihre Babette und wußte, wieviel Gold sich auf dem Grund ihrer Seele unter dem murrenden Bach ihrer Rede barg.

Sie gingen beide dem Kiesweg nach, der an Taxus- und Pfingstrosenbüschen vorbei zum Wohnhause führte, das hinter junggrünen, mit frischen Kerzen besteckten Kastanienbäumen weiß aufleuchtete.

Martha legte wie in plötzlichem Erschrecken ihre Hand auf die bedeutend rundliche Schulter der kleinen Hausjungfer und schaute sie forschend aus ihren großen braunen Augen an.

»Babette, liebe Babette, weißt du nicht, woher der Brief kommt und was Vater will? Ich will doch nicht hoffen, daß er aus München kommt von Tante Edeltraud!«

»Ich weiß gar nichts, Kindchen, rein gar nichts. Wirst es ja gleich erfahren.«

»Nein, ich will nicht nach München. Ich will hier bleiben bei meinen Blumen und Bäumen und meinem Dackel und bei dir und Papa. Pfui, die Stadt! Ich ärgere mich schon immer schrecklich, wenn ich nach Mülhausen muß zur Klavierstunde. Und München ist doch noch viel, vielmal größer als Mülhausen.«

»Und viel, vielmal schöner als Mülhausen. Sollst mal sehen, Kindchen, wie dir da das Leben aufgeht.«

»Pah! Da darf ich am Ende nicht einmal mehr auf die Bäume klettern.«

»Nein, das allerdings nicht,« lachte Babette, »da sollst du eine Dame werden, so gebildet und schön, wie deine Mutter – Gott habe sie selig! – war.«

»Eine Dame! Ich eine Dame? Ich will keine Dame werden. So dahergehen« – und sie warf den Kopf in den Nacken, zog die Mundwinkel herunter und schaute von der Seite und von oben herab auf ihre Begleiterin – »pfui, das kann Papa nicht von mir wollen. Dann heule ich, dann brenne ich durch.«

»Schäme dich, Marthe; ein Mädchen, das nun schon siebzehn Jahre alt ist, spricht nicht mehr so dummes Zeug. Deine Mama in deinem Alter …«

»Ach, schweig mir doch von Mama. Du mußt mir nicht immer mit Mama kommen. Ja, ich möchte, ich hätte sie noch, die gute Mama. Ich habe immer im Institut die anderen Mädchen beneidet, wenn sie von ihrer Mutter sprachen, und ich hatte keine mehr. Hätte ich sie noch, dann verlebte ich eine andere Jugend. Papa versteht mich nicht; sonst würde er mich jetzt nicht in die dumme Großstadt zur Tante Edeltraud tun wollen. Aber ich gehe nicht, ich sag dir's.«

Martha schluchzte auf und zog ihr Taschentuch. Mit beiden Händen drückte sie es an die Augen und weinte.

»Ich geh nicht – nicht – nach München. Hff – hff – ich bleibe hier.«

Da rispelte es im Kies, und Martha spürte ein weiches Klopfen und Kratzen am Knie. Indes sie mit der Linken noch immer das Taschentuch an die Augen drückte, langte sie mit der Rechten hinunter und streichelte den Kopf eines Dackels.

»Ja, gelt Bubi, wir zwei gehen nit voneinander. Wir gehören halt zusammen. Wer soll denn mit dir spielen und rangsen, wenn ich nicht mehr da bin?«

Bubi wedelte mit seinem feinen Rütchen und schaute seine Herrin mit großen, erstaunten Augen an. Dann ließ er sich mit den Vorderfüßen wieder auf die Erde nieder und faßte mit den Zähnen Marthas Kleidsaum und zerrte knurrend daran herum. Das tat er immer, wenn er seine Gespielin weinen sah. Seinem übermütigen Hundetemperament war jede Traurigkeit verhaßt.

»Kindchen, nun laß das Weinen sein. Schau mal, Bubi ist viel vernünftiger als du. Er kann das Heulen auch nicht leiden. Komm, trockne jetzt die Tränchen. Papa darf doch nicht sehen, daß du geweint hast. Er freut sich so darauf, seinem Töchterchen eine frohe Jugend und eine feine Bildung zu geben.«

»Ja, wenn ich aber nun nicht mag! Du redest immer von Mama. Ich habe neulich, als ich aus dem Institut kam, in ihren alten Schubladen und Kästen gekramt, die noch alle so daliegen, wie sie sie gelassen hat. Da fand ich auch Photographien aus ihrer Mädchenzeit; Liebhaberbilder sind darunter, wie sie mit anderen jungen Mädchen in den Bergen herumklettert, auf Bäumen sitzt und mehr so schöne Sachen. Einmal haben sie sogar einen mächtigen Heuwagen gefunden und fahren damit im Juchhe los. Sechse ziehen und drei sitzen drin. Ich denke, was Mutter getan hat, ist doch nichts Böses. Und ich habe nun einmal keine Freude daran, das gnädige Fräulein und die Dame zu spielen.«

Martha hatte sich in Eifer geredet und das Weinen darüber vergessen. Der Dackel merkte die Stimmungsveränderung und stob über den Weg dem Hause zu, daß seine lappigen Ohren schlotterten. Dann rannte er wieder zurück und sprang an dem Mädchen empor, wie um ihr zu sagen:

»Nun komm doch und laufe mir nach! Holdio, laß das Heulen sein, die Welt ist ja so frühlingsschön. Ich laß dich nicht von hier fort. Ich beiß mich fest in dein Kleid, und dann bleibst du hier!«

Babette nahm ihr »Kindchen« bei der Hand und stieg mit ihr humpelnd die Freitreppe zum Haus hinan.

Die große Glasflügeltür, von zwei kugelig geschnittenen Lorbeerbäumen flankiert, stand weit offen. Durch den breiten Flur mit den weißgeölten Wänden und den großen, griechische Frauenköpfe darstellenden Plaketten dran, wehte ein weicher, warmer Zugwind.

»Nur Mut, Kindchen; sei recht artig gegen Papa. Er meint es gut mit dir. Du weißt ja doch nicht recht, was dir gut tut.«

»Also du weißt doch schon, was Papa will?«

»Geh nur hinein und höre selbst!«

Babette ging zur Küche im Hinterhaus. Martha klopfte leise und kurz an eine Türe an der Seite des Flures und trat ein.

»Papa, du hast mich rufen lassen.«

»Ja, Kind, setz dich mal hier in den Sessel!«

Herr Halden, ein Herr hoch in den Fünfzigen mit hoher Glatze und grauem Spitzbart, saß an seinem tiefbraunen Eichenschreibtisch. Nun setzte er seinen Kneifer auf, nahm einen Brief in die Hand und las:

»Lieber Karl! – Ich habe Deinen letzten lieben Brief erhalten. Schicke Dein liebes Töchterchen, sobald es Dir beliebt und seine Ausstattung fertig ist. Wir freuen uns alle sehr darauf. Besonders Leonore ist sehr gespannt, zu sehen, wie sich Martha seit unserem letzten Besuch bei Dir vor drei Jahren entwickelt hat. Damals war sie ja noch ein echtes Kind. Sie wird sich wohl zu einer stattlichen jungen Dame ausgewachsen haben. Das liebe Kind kann sich im Sommer hier prächtig einleben. Wir bleiben dieses Jahr hier zu Hause, weil Leonore, ehe die gesellschaftlichen Verpflichtungen des Winters sie wieder ganz in Anspruch nehmen, die Verarbeitung ihrer Skizzen und Studien von der letztjährigen Italienreise beendigen will. Im Winter werden wir dann unsere größte Freude darin finden, Martha geistig und gesellschaftlich recht zu bilden. Wie Du weißt, sehen wir in unserem Hause ja oft anregende und interessante Gesellschaft. Also benachrichtige uns umgehend, wann Dein liebes Töchterchen kommt, damit wir ihr Stübchen zeitig recht heimelig einrichten können. – Mit herzlichen Grüßen von uns allen Deine treue Schwester Edeltraud.«

Herr Halden legte den Brief auf den Tisch und ließ den Kneifer an dem goldenen Kettchen auf die Weste herabfallen.

»Nun, Mädchen, was sagst du dazu?«

Martha zuckte mit den Schultern und senkte den Kopf.

»Kind, du sollst dich freuen. Du sollst vor Vergnügen aufspringen und den ganzen Tag singen.«

»Das kann ich nicht, Papa!«

Sie sprang auf und fiel ihrem Vater weinend um den Hals.

»O Papa, laß mich hier bei dir! Ich habe keine Freude an der Stadt. Ja, lieber, lieber Papa! – Hier ist es so schön. – Und – und ich kann Leonore nicht leiden. Verzeih mir das, Papa! Aber sie ist so, ich weiß nicht, so, so …«

»Keine Geschichten, Kind! Du wirst doch gegen deine Kusine, die Tochter meiner Schwester, keine – wie soll ich sagen? – keine Antipathien haben!«

»Ich kann ja nichts dafür, Papa. Aber bitte, bitte, laß mich hier! Schau, du hast schon seit einigen Wochen durchblicken lassen, daß du mich gerne nach München schicktest. Ich habe es wohl gemerkt. Aber seit der Zeit bin ich immer so bang.«

»Dummes Zeug. Das sind Schrullen, die dir deine Lehrerinnen im Institut in den Kopf gesetzt haben, Backfischlaunen. Du bist jetzt siebzehn Jahre alt, und ich habe die Pflicht, dich fürs Leben ausbilden zu lassen. Hier versauerst du, und es wird nicht das aus dir, was ich aus dir machen will und was ich der Ehre meines Namens schuldig bin.«

»Ich hier versauern, Papa! Ich habe hier ein Leben, wie ich es mir nicht schöner wünschen kann. Ich will ein Kind bleiben, solange es eben geht. Und das kann ich hier am besten. O hätte ich noch eine Mutter, die würde mich verstehen.«

»Das beste Kind bist du, wenn du gehorchst.

– Es ist mein unabänderlicher Entschluß, daß du nach München gehst. Du weißt, daß ich hier nicht abkommen kann wegen der Fabrik, sonst würde ich mit dir in die Stadt ziehen.«

Martha sank in die Knie und faßte des Vaters Hände.

»Papa, lieber, lieber Papa, so laß mich doch hier, wenigstens noch ein Jährchen. Dann will ich ja ganz gerne gehen.«

»Ich weiß nicht, was du hast. Andere junge Mädchen in deiner Lage und in deinem Alter würden den Tag nicht erwarten können, wo sie in ein Leben träten, wie du es jetzt beginnen kannst. – Also abgemacht. Du gehst!«

Herr Halden erhob sich und zog Martha mit sich empor. Die Tochter kannte den Vater. Jetzt war nichts mehr zu ändern. Sie stürmte zur Tür hinaus, die Treppe hinauf in ihr Mädchenstübchen.

Laut weinend warf sie sich vor dem Bett auf die Knie und schaute zum Kruzifix auf, das über dem Bett hing. Sie meinte, sie müßte vergehen vor Weh. Durch ihre Phantasie zogen bunte Gestalten und sanfte Klänge. Sie meinte der Mutter Stimme zu hören, wie sie in ihrer Einbildung lebte; sie sah ihre Gestalt vor sich, wie sie ihr auf den Photographien erschien. Sie wandelte zwischen den Bäumen und Büschen ihres Gartens, der im Gold der Frühlingssonne erstrahlte. Dann kamen die Lehrerinnen und Freundinnen aus dem Institut. Und alle sprachen sie warnend von der »bösen Welt«. Dazwischen klang die ernste, schwere Stimme des Paters, der die letzten Exerzitien gegeben, die sie im Institut mitgemacht hatte. Charakter- und Willensbildung war sein erstes und letztes Wort gewesen. – Hatte sie Charakter genug, jetzt in die Welt hinauszuziehen? – O Heiland, gib mir Kraft, steh du mir bei! Ich muß gehorchen. Geh du mit mir!

So lag sie lange auf den Knien. Stillallmählich drang Ruhe in ihre Seele, wie ein linder Frühlingsregen in den Acker sickert. Das Knien vor dem Kreuzbild war ihr eine Wohltat. Die Phantasie, die mit ihren Bildern auf das Gemüt wirkte, beruhigte sich. Was ihr vor wenigen Minuten noch als gefährlich erschienen, nahm eine gleichgültige, alltägliche Farbe an. Es schreckte sie nicht mehr. Ja, sie fand sogar den einen oder anderen Sonnenstrahl, der die Zukunft lockend beleuchtete.

Da kratzte und scharrte etwas an der Türe, und auf der Treppe wurden Schritte laut. Es klopfte.

Martha sprang auf und glättete die Bettdecke, die sie mit ihren Armen eingedrückt hatte.

Babette trat ein, vor ihr her lief Bubi, der Dackel. Er stellte sich breitbeinig vor die Herrin hin, schaute sie groß an und wedelte mit der Rute. Babette faßte das Mädchen bei der Hand.

»Nun, Kind?«

»Ich muß gehen. Aber wann?«

»Wenn deine Kleider fertig sind. Du mußt wenigstens vorläufig vier ordentliche Anzüge haben. Ein paar Blusen kannst du dir ja noch mit Tante in München kaufen. Auch die Hüte besorgst du am besten in München. Aber so ganz backfischmäßig, wie du jetzt aussiehst, kannst du nicht reisen. Die Schneiderin ist für heute nachmittag bestellt zum Maßnehmen. Sie wird einige Muster mitbringen. Du sollst dir etwas aussuchen, was dir recht gefällt.«

»Ach, es ist mir alles gleich. Warum kann ich denn nicht in meinen bisherigen Kleidern fahren? Zum Beispiel das graubraune Staubkleid, das mir so schick steht …«

»Kindchen, das verstehst du nicht. Folge du nur Papa und suche dir was Schönes, Neues aus. Um drei Uhr ist Fräulein Winter hier. Halte dich bereit.«

Fräulein Winter kam und entfaltete eine bestechende Redekunst. Erst hielt sich Martha stumm und steif. Dann erwachte aber allmählich ihre Freude an den vorgelegten Mustern, und sie wählte mit der Schneiderin und Babettes Hilfe vier Kostüme, die nach Farbe und Schnitt ihr allerliebst, wie sie meinte, zu Gesicht und Wuchs standen. Als Fräulein Winter ging, war es fast Abend geworden, und Martha brachte es beim Abschiednehmen sogar zu einem recht freundlichen Lächeln. In fünf Tagen sollte die erste Probe sein. Martha wollte dazu in die Stadt kommen.

Da Papa im Klub in der Stadt zu Abend speiste, aß Martha allein. Die untergehende Sonne leuchtete durch die hohen Fenster des Eßzimmers, und die Amseln flöteten ihre traulichberuhigenden Rezitative.

Nach dem Essen ging sie in den Garten. Das war ihre geliebte Träumerstunde. Wie sie die liebe Abendherrlichkeit der Heimat vor sich liegen sah, überkam sie eine wehe Traurigkeit. Davon sollte sie scheiden! Immer wieder würde ihr das Flöten der Amseln im Gehör klingen, immer wieder der Giebel des Vaterhauses hinter den Kastanienbäumen winken. Sie liebkoste mit den Augen jeden Baum, jeden Weg, jedes lauschige Plätzchen, an dem sie gesessen, und ließ die Finger durch die Blumen gleiten, als wollte sie von jeder einzelnen Abschied nehmen. Jetzt versank die Sonne vollständig hinter den Bergen, und es ging ein Rauschen wie Engelflügelschlag durch das Tal. In den Häusern wurden Lichter wach und blinzelten durch die Dämmerung.

Da wurden ihre Augen feucht. O du liebes, liebes Heimattal! – Der Abendstern flimmerte durch den Dunst am Horizont und stieg höher und höher und wurde immer leuchtender und größer. Jetzt stand er deutlich da in den blauen Weiten wie eine goldene Kugel, zum Greifen nahe. Martha reckte die Arme, und eine Seligkeit verdrängte plötzlich alle Trauer, eine Seligkeit, deren Grund sie nicht kannte. Aber sie war da. – Und sie sang zuerst leise, leise, dann immer stärker und jubelnder das Lied, das sie an lauen Maiabenden so oft im Institutsgarten vor dem Muttergottesbilde gesungen hatten, daß die Nachtigallen im Gesträuch am Bach mit den Mädchen um die Wette sangen:

»Sei Mutter der Barmherzigkeit,
Sei Königin gegrüßet!
Du klarer Stern, der jedes Leid,
Der allen Schmerz versüßet:
Zu dir, o milde Mittlerin,
Zieht unser ganzes Sehnen hin!«

Horch, was war das? Sie war still und lauschte in den Abend hinein. Richtig! Die erste Nachtigall! Sie klagte und lockte und jubelte ganz wie Marthas Herz. Ein gutes Vorzeichen! – Sie ging in den Obstgarten hinüber. Da hing zwischen zwei starken Bäumen eine Schaukel. Hinein und los! Erst langsam und sanft sich wiegend. Dann immer wilder und kühner, daß die Haare flogen und die Äste sich auf und ab neigten. Und die Nachtigall sang immer leidenschaftlicher, und Martha stieß einen Juchzer aus vor Jugendlust. Sie meinte, die Freude wollte ihr die Brust zersprengen.

Der Mond stieg auf und schaute mit seinem pausbackigen Gesicht durch die Zweige. In der Ferne der Pfiff einer Lokomotive. Eine Fledermaus huschte dicht vor Marthas Gesicht vorüber. Sie erschrak und ließ die Schaukel ruhiger gehen. Jetzt schlug ihr die Abendkühle auf Stirn und Schultern. Als die Schaukel zur Ruhe gekommen war, sprang sie ab und lief dem Hause zu, die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Da schaute der Mond gerade durch die Gardinen, und sie wurde wieder ruhiger. Aber das Gefühl der Lust und Seligkeit verließ sie nicht, es wurde stiller und inniger und tiefer. Sollte sie das Licht anknipsen und noch etwas lesen? – Aber was? – Nein, zu ihrer Stimmung paßte nichts. – Dann lieber selbst träumen, dichten! – Sie kniete vor dem Bett nieder und betete ihr kurzes, kindliches Abendgebet. Dann ging sie gewohnheitsmäßig ans Fenster, um die Läden Zu schließen. Nein, heute nicht! Der Mondenschein im Zimmer ist zu schön.

»O selige Nacht, o Maiennacht,
Wenn uns das Glück der Liebe lacht!«

So hatte sie noch vor wenigen Tagen gesungen. Jetzt erlebte sie die Seligkeit. Der Liebe? Nein, nur Seligkeit. – Was konnte die Seligkeit der Liebe anders sein?

Sie ging zu Bett. Aber nicht hinlegen! Nein, noch ein bißchen träumen in den Mondschein hinein. Sie setzte sich aufrecht, gegen die Kissen gelehnt, die Arme um die Knie geschlungen. Die Stille lispelte und sang ihr berauschendes Nachtlied, und lockende Gestalten huschten durch den Mondschein und duftende Gärten mit goldenen, verworrenen Tempeln und Schlössern stiegen daraus empor. – Am Ende war das Leben in München doch nicht so zu verachten. Was würde man da alles sehen! Was hatten die Großstadtmädchen im Institut alles aus den Ferien erzählt! O, das Leben ist so schön und groß und wunderbar! Wie es aufwallt und schwillt im Herzen und in der Brust pocht und hinaus will und schauen und genießen und wagen! O, wie ist das Stübchen doch so klein für all das Wünschen und Sehnen, für all das Glück, das erträumte und geahnte Glück! Martha schloß die Augen, um das, was sie fühlte, ganz in ihrer Seele zu genießen. Da wurde das Klingen um sie herum immer leiser und leiser. Das Wallen der Gestalten verebbte stillallmählich und ein weites, weites Goldland dehnte sich in unabsehbare Fernen. Und von unsichtbarem Strande wehte ein kühler Hauch, der ein Lied wie gleichmäßiges Meereswogen in ihre Seele sang. Ihre Brust ging ruhig auf und nieder. Sie schlief, wie Kinder schlafen.

Als am anderen Morgen die Frühsonne über Marthas Scheitel strich und sie weckte, war alle Traumseligkeit verschwunden. Stahlhart und kalt blickte der Alltag sie an und sie fühlte sich so trüb und unbefriedigt. Sie streckte sich unter den Decken und hatte gar keine Lust, aufzustehen.

Was brachte ihr der neue Tag? Ahso, Vorbereitungen für die Reise! Langeweile! – Ach nur noch ein Viertelstündchen vor sich hinträumen! Den Tag konnte sie noch immer früh genug beginnen. Warum waren ihre Glieder noch so müd? Früher hatte Babette ihr gesagt, wenn sie im Frühling sich von kleinen Anstrengungen übermüdet fühlte, das käme vom Wachsen. Ach, es war so wohlig, sich auf dem weichen Lager zu dehnen. – Und aus dem Viertelstündchen wurde eine Stunde. Sie zählte die Schläge der großen Standuhr im unteren Hausgang. Hu, schon acht Uhr! Nun aber raus!

Sie sprang ans Fenster und riß es auf. Aus dem Garten strömte duftschwere Morgenluft herein, und die Amseln, Buchfinken und Meisen vollführten ein tolles Konzert, jede in eigener Tonart und eigenem Takt. Da spitzte sie den Mund, pfiff einen regelrechten Starenpfiff, – den hatte sie schon ein ganzes Jahr lang geübt –, und platzte in ein helles Lachen aus. Jetzt war der Bann der trüben Stimmung gebrochen. Vor sich hinträllernd, wusch sie sich und kleidete sich an.

Schon hatte sie die Türklinke in der Hand, da fiel ihr ein, daß sie das Morgengebet vergessen hatte. Schnell kehrte sie um und kniete vor dem Bett nieder und betete. Dann hinunter zum Frühstückstisch unter der Veranda am Hinterhaus.

Papa saß schon bei der Morgenzeitung, umströmt vom Duft einer Echten. Er ließ die Zeitung sinken, und Martha gab ihm den Morgenkuß. »Nun, Kind, hast du dich mit deiner Reise ausgesöhnt?«.

Warum fragt er das nun wieder? So konnte sie ihm doch nicht sagen, daß sie jetzt eigentlich recht froh über ihre Zukunft dachte. Sich besiegt erklären, nein, das gab's nicht.

»Ach, Papa, ich denke vorläufig mal nicht dran. Es ist ja noch Zeit genug, wenn die Kleider fertig sind.«

»Dann gewöhne dich aber wenigstens schon an eine andere Frisur. So mit den losen Haaren kannst du doch nicht nach München gehen. Was werden die Leute von dir denken?«

»Du hast recht, Papa, ich muß ja eine Dame werden. Ich will heute morgen einmal fleißig studieren, welche Frisur mir am besten steht.«

Martha lachte spöttisch. »Ich glaube, ich muß mir auch einiges andere angewöhnen, wenn ich eine Dame werden will. Ein Korsett, nicht wahr, und recht spitze Schuhe und ein bißchen Puder und …«

»Laß mich mit dem dummen Zeug in Ruhe. Davon verstehe ich nichts. Tante Edeltraud wird dich schon zurecht setzen, wenn etwas an dir fehlt.« Damit vergrub er sich wieder in seine Zeitung.

Martha pfiff. Der Vater schaute sie über die Zeitung und den Kneifer hinweg warnend an. Martha lachte, und der Dackel kam angewatschelt, stellte seine Vorderfüße auf des Mädchens Knie und empfing mit Behagen seinen gewohnten Morgenleckerbissen, ein Stück Zucker.

Sie klatschte in die Hände, schaute auf die Uhr, sprang empor, hinaus und griff fast im Laufen den einfachen weißen, großrandigen Institutsstrohhut und das Gebetbuch aus dem Kasten unter dem Kleiderständerspiegel. Wollte sie noch zeitig zur Neunuhrmesse kommen, dann mußte sie sich schon sputen. – –

In der Kirche kniete sie in einer der ersten Reihen in der gemieteten Bank nieder und betete in fromm andächtiger Haltung, wie sie es im Institut gelernt, und wie ihr kindliches Herz sie drängte, aus dem Buche. Hier und da huschte doch ein kurzer Angstschauer wie ein Fieberfrösteln durch ihr Gemüt. Was würde aus ihr werden? Würde sie auch in München täglich in die heilige Messe und dreimal wöchentlich zur heiligen Kommunion gehen können? Tante Edeltraud war doch so ganz anders wie sie, und erst recht Kusine Leonore. Als sie vor drei Jahren zuletzt hier zu Besuch waren, – ja, sie erinnerte sich gut – war Tante nur mit Not dazu zu bewegen gewesen, Sonntags die Elfuhrmesse zu besuchen. Und da war sie noch Zu spät gekommen, weil sie bis zehn Uhr geschlafen hatte und nachher nicht mit der Toilette zu Ende gekommen war. Und erst Leonore! Die hatte gesagt, sie halte ihren Gottesdienst in der freien Natur, sie lasse sich nicht von Menschen vorschreiben, wo sie Gott verehren solle. – O lieber Heiland, steh mir bei, liebe Mutter Gottes, sei mein Schutz und Schirm!

Und bin ich nicht doch ein recht leichtsinniges Ding? Ach Gott, ich weiß ja nicht, ob das böse ist! Aber ich kann doch nicht anders sein, als ich nun einmal bin. Babette sagt immer, ich solle nicht auf die Bäume klettern, das passe sich nicht für ein junges Mädchen. Aber wenn ich doch nun einmal muß! Du lieber Gott, was ist denn dabei? Tollen denn die Jungen allein ein Vergnügen haben. Und daß ich mit Bubi herumzottele! Anni gibt ihrem Fritzi jeden Tag tausend Küsse. Bah, das tue ich nicht. Ach, ich möchte, ich hätte einen Bruder, so einen recht wilden Jungen, dann brauchte ich nicht mit dem Dackel herumzutollen. Lieber Gott, warum hast du mich nicht zu einem Buben gemacht? Ein Bub ist doch viel schöner als so ein dummes Mädchen, das nur immer artig sein soll. Donnerwetter – halt! lieber Gott, verzeih; das sagt man ja nicht – ich möchte, ich wär ein Bub. Ich will das Papa sagen, er soll mich ein Bub sein lassen und mich zu Hause behalten. Meinetwegen will ich ihm dann jeden Tag ein paar Stunden auf dem Bureau helfen. Ich kann ja schnell Buchführung lernen. Aber zwischendurch will ich tollen können und nicht die Dame spielen. – O du lieber Gott, jetzt habe ich wieder die halbe Messe mit Zerstreuungen zugebracht. Was bin ich für ein unnützes Ding!

Auf dem Heimweg begegnete ihr Hugo Rat, der Sohn eines anderen Großfabrikanten der Stadt. Er fixierte sie schon von ferne und grüßte tief und »schneidig«. Martha lächelte spöttisch und schaute halb auf die andere Straßenseite. »Was der dumme Kerl doch will?« Innerlich lachte sie hell auf. Am liebsten wäre sie einmal bei einer Gesellschaft mit ihm zusammengekommen, um ihn gründlich abfahren zu lassen.

War das, was er meinte, war das die Liebe? Nein, die Liebe, von der sie heimlich im Institut gelesen und gesprochen hatten und bei deren Erwähnung sie immer ein seliger, wonniger Schauer durchrieselt hatte, die Liebe, mußte ganz anders sein. Die Liebe war ein Ruhen an der Brust eines großen, blonden, herrlichen, starken Mannes, eines großen Gelehrten, eines Dichters, eines geistreichen Diplomaten, eines tatenfrohen Offiziers. Liebe, echte Liebe war kein Spiel, sie war ein Aufgehen in Seligkeit, o sie war, sie war – ein Lispeln, ein Augenleuchten, ein Erröten, ein Hoffen und Sehnen und Träumen und Heimlichtun. Die Liebe war etwas Verbotenes und darum so süß und lockend.

O vielleicht käme in München die Liebe über sie! Ja, in München, da wird sie kommen, eine Königin in der Königsstadt.

Martha betrat ihr Zimmer. Herrschaft, was für eine Bescherung! Da stand in der Mitte ein mächtiger brauner Koffer, eine klotzige Arche Noahs, und sperrte sein leeres Maul auf, gierig wie ein Nilpferd. Daneben Babette, die Hände behäbig in die runden Hüften gestemmt.

»Siehst du, Kindchen, da steht das Ding.«

»Was für ein Ding?«

»Na, das Ding, dein Koffer. Da pack mal bald deine Wäsche hinein und was du sonst mitnehmen willst, Bücher und Bilder und so was. Die neuen Kleider kommen dann oben auf.«

»Und mitten hinein packe ich dann dich, Babette, und den Dackel, damit's den anderen schönen Sachen nicht langweilig wird. Herrschaft, wird das 'ne Reise!

»Kindchen, mit dir ist aber auch rein gar nichts anzufangen. Wenn das deine Mutter, – Gott hab sie selig – mitansehen müßte! Ich geh wieder hinunter. Schau du selbst, was du hineinpacken willst.«

Damit ging die gute Babette, und Martha stellte sich jetzt ihrerseits mit eingestemmten Armen vor den Abgrund des Koffers und lachte. Dann schwang sie sich auf einem Absatz herum und setzte sich an ihren Schreibtisch. Das Kramen war von jeher eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen gewesen. Das wollte sie sich nun einmal recht gemütlich machen; sie hatte ja tagelang Zeit dazu, So zog sie denn eine Schublade nach der anderen auf und stapelte die Papiere, Briefe und Bilder daraus zu Bergen auf den Tisch und zwei Stühlen.

Dann fing sie an. Sie las jeden Brief, jede Menukarte, jedes Reklameheftchen eines Hotels, in dem sie einmal mit Vater gewesen war, langsam durch. Zwischenhinein flog wohl einmal ein Lächeln über ihr Gesicht, oder sie ruhte aus und schaute träumend in den Frühlingsglanz des Gartens.

So brachte sie mehrere Tage zu und ließ ihre Seele von einem Heimatstraum in den anderen gleiten. Abends saß sie im Bett und fuhr in dem Nachen der Phantasie über mondbeglänzte Seen, bis sie an den Gestaden des Schlummers landete.

Im Koffer schichteten sich die Briefe und Bilder, in saubere Bündelchen gebunden, zu beträchtlicher Höhe. Obenauf kamen die Tagebücher aus der Institutszeit und das dicke, braunledern gebundene Stammbuch mit den zahllosen Namen von Mädchen, die sie einst Freundinnen genannt, und die ihr ewige Treue geschworen hatten. Stumm sinnend liebkoste sie alle diese Dinge mit den Augen und im Gemüt. Nenn ihr je trübe Stunden kommen sollten, so wollte sie sich an all den tausend lieben Kleinigkeiten erquicken.

Zwischen den Papieren hatte sie eine breite Lücke gelassen wie ein tiefes Bett. Da sollte ihr Liebstes hinein, das sie noch aus der Kindheit Tagen gerettet und von dem sie sich nicht trennen konnte: ihre große Puppe.

Wie hatte sie Erna doch vergessen können die zwei Tage seit Vaters Entscheid? Sie öffnete ihren Schrank und nahm aus dem tiefsten Hintergrund Erna hervor, glättete ihr rosafarbenes Kleid, strich liebkosend über ihre blonden Haare und drückte ihre Lippen auf das Wachsgesicht.

»Gelt, Erna, wenn mir's mal weh ums Herz ist, dann komm ich zu dir. Dann nehm ich dich auf den Arm. Wir zwei verstehen uns gut. Wir dürfen uns nicht trennen. Mußt nicht weinen, Erna! Nein, du gehst mit mir. In München, weißt, da ist's wunderschön. Da nehm ich dich mit mir ins Bett und zeig dir vorher durchs offene Fenster die Stadt mit all den tausend Lichtern. O, wird das schön! Weißt, Erna, am Tag mußt du schön in der Ecke im Schrank schlafen. Da darf dich niemand sehen, sonst lachen uns beide die dummen, großen Menschen aus. Ich will dir ein schönes Bettchen machen, hinten in meinem Schrank bei der Tante in München. Jetzt mußt du nur ein bißchen schlafen hier in dem großen Kasten. Schau, hier sollst du liegen zwischen allem, was mir lieb ist. Und oben drauf leg ich dann eine feine seidene Schürze und dann meine Wäsche. So, leg dich mal dahin. Schön die Äuglein schließen! Brav so. Und nicht schreien, sonst machen die bösen Männer die Kiste auf und dann nehmen sie dich heraus, und dann zeigen sie dich herum und dann sagen sie: Schau mal da, das große verrückte Frauenzimmer, das dahinten in zweiter Klasse sitzt und dem der Koffer gehört, spielt noch mit einer Puppe. – So, Erna! Schlaf, Kindchen, schlaf!« –

So vergingen die Tage in halb trauriger, halb seliger Erwartung. Jeden Morgen ging Martha jetzt zur heiligen Kommunion. Ihr Gemüt drängte sie dazu. Sie fühlte sich so glücklich dabei. Wenn sie genug geplant und gekramt hatte, tollte sie im Garten mit dem Dackel, schwang sich in die Schaukel oder pfiff hoch oben in einem Baum wie ein Starmatz.

Die Kleider saßen bei der ersten Probe gleich gut. Es brauchte keine zweite. Nach drei Tagen kamen zwei Laufmädchen mit einer riesigen Schachtel und brachten die ganze Herrlichkeit auf Marthas Zimmer.

Als die Mädchen fort waren, hielt es Martha nicht mehr aus. Sie legte ihr Backfischkleidchen ab, wurstelte ihr langes Haar zu einem phantastischen Knoten und zog eines der neuen Kostüme an. Aber als sie vor den großen Spiegel in der Kleiderschranktüre trat, erschrak sie vor sich selbst.

War das die Martha, die sie nun schon siebzehn Jahre kannte? Nein, das war ein fremdes Mädchen, eine fremde Dame. Sie beschaute sich von oben bis unten, drehte sich von links nach rechts und tat einen prüfenden Blick über die Schulter ihres Spiegelbildes. Da sah sie die lange Linie des Kleides, das fast den Boden berührte, und es stieg ihr etwas in die Augen wie ein Brennen.

Sie wußte nicht, wie es kam, aber sie warf sich auf den Stuhl und legte das Gesicht in die Arme und weinte. Sie fühlte den weichen Saum des Kleides auf ihren Füßen liegen und weinte wie ein Kind, dem zum ersten Male die Erkenntnis eines großen Leides gekommen.

Warum weinte sie denn? Ja, den Grund konnte sie selbst nicht in Worte kleiden. Aber sie mußte weinen, weinen. Sie kam sich plötzlich beim Anblick des langen Kleides vor wie ein anderer Mensch. Das Paradies der Kindheit versank vor ihren Blicken, und eine graue, grausam kalte Welt lag vor ihr. Sie soll Lebewohl sagen allem, was sie bis jetzt geliebt hatte. Jetzt soll's ins Leben hineingehen. Und was wird es bringen, nun, da sie groß ist?

Mit einem Ruck erhob sie sich. Die Tränen rannen in Strömen. Sie riß die Haken und Knöpfe auf und warf das neue Kleid aufs Bett und zog wieder, leidenschaftlich aufschluchzend, ihr altes an, riß die Haare los und warf sie in den Rücken hinab. Ohne die Tränen zu trocknen, stürzte sie sich auf den Koffer, wühlte unter der Wäsche die Puppe hervor und preßte sie mit beiden Armen an die Brust und überhastete sie mit Küssen.

Da erschrak sie vor sich selber. Noch immer die Puppe auf dem Arm, setzte sie sich auf den Bettrand. Sie fühlte, wie sie rot wurde. Tiefe Scham überkam sie. Was war sie doch für ein tolles Mädchen! Sich so von einem Gefühl überrumpeln lassen! Und doch …!

O, wenn Mutter noch lebte! Da könnte sie sich doch wenigstens einmal aussprechen. Papa? Nein, vor dem hatte sie immer eine heilige Scheu gehabt. Der ist immer in seinen Geschäftssorgen vergraben. Und abends, wenn sie wohl am leichtesten zur Offenheit aufgelegt wäre, ist er fast immer im Klub. – Babette? Ach, Babette! Die würde lachen und sie erst recht nicht verstehen. Wer gibt ihr einen Menschen, nur einen, der sie verstände, dem sie alles sagen könnte, wie's ihr ums Herz ist, alles, auch das, was andere dumm nennen würden, was sogar sie selbst in ruhigen Stunden das dümmste Zeug nennt.

Da klopft es. Der Vater.

»So, Martha, ich höre, deine Sachen sind da. Wann willst du denn jetzt fahren? Ich denke übermorgen. Es fährt morgens um 9 Uhr ein guter Zug von Straßburg. Den kannst du nehmen. Dann bist du abends um sechs in München. Gerade noch Zeit genug, um Tante zu benachrichtigen. Ich denke, du bist einverstanden!«

»O Papa, laß mich, laß mich noch ein paar Tage hier!«

Die Tränen rannen ihr wieder aus den Augen. Sie stand auf und drückte hinterrücks die Puppe unter die Bettkissen, daß der Vater sie nicht sähe, und ging einen Schritt auf ihn zu. Es drängte und schwoll ihr etwas vom Herzen zu den Lippen. Jetzt mußte es heraus, das Wort, das ihr ganzes innerstes Wesen dem Vater verständlich machen sollte.

»Nein, Kind, wir wollen nicht das Aufschieben beginnen. Morgen, morgen, nur nicht heute, so sprechen alle faulen Leute. Du fährst übermorgen. Du hast so noch Zeit genug, dich fertig zu machen. Heute abend muß ich in den Klub. Morgen abend essen wir dann zusammen. Ich führe gerne mit dir, aber ich kann's leider nicht machen. Gestern ist an einer Maschine ein wichtiger Teil zerbrochen. Ich habe ihn telegraphisch von Leipzig her bestellt. Übermorgen muß er kommen. Wenn er eingesetzt wird, muß ich notwendig dabei sein, da man sich auf die Angestellten doch nicht verlassen kann. – Jetzt laß das Weinen sein. Du weißt, daß ich das nicht ausstehen kann. Guten Abend!«

Martha sank auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und stierte die leeren Fächer und Aufsätze an. Nein, mit dem Vater hatte sie jetzt innerlich abgerechnet, mit ihm war sie fertig. Der verstand sie nie und nimmer. Würde überhaupt einmal einer sie verstehen, sie, das ganz einzigartige Mädchen? Alle anderen waren doch ganz anders. Oder nicht? Nein, sie war ein ganz eigenartiger Charakter. Sie zu verstehen, dazu gehörte sich etwas. Hatten sie ihre Lehrerinnen im Institut verstanden? Ihr Religionslehrer? ihre Freundinnen?

Sie träumte und träumte, bis sie in ihrem erträumten Schmerz eine wohlige Selbstzufriedenheit, ein warmes Behagen fand.

Der letzte Tag zu Hause verging mit Briefschreiben und Abschiednehmen an allen lieben Plätzchen des Gartens. Bubi war eingesperrt. Sie wollte ihn nicht mehr sehen, um sich die Trennung nicht noch schwerer zu machen. Er heulte und kläffte den ganzen Tag.

Am Abend aß Herr Halden mit der Tochter. Martha war sehr schweigsam. Sie wollte dem Vater um keinen Preis den kleinen Zug der Freude verraten, der durch ihre Seele ging. Ihre Antworten auf die Fragen und Anreden des Vaters waren einsilbig und unfreundlich. Wenn Papa sie doch nicht verstand, wozu sich dann noch viel mit ihm einlassen?

Als sie auf ihr Zimmer kam, legte sie hastig die Kleider ab und ging zu Bett. Möglichst schnell ganz allein, in sich und ihre Stimmung zurückgezogen sein! Sie kuschelte sich unter die Decke, wie Kinder tun.

Jetzt war sie ganz für sich allein. Hier konnte ihr der Vater und die ganze Welt nichts anhaben. Die paar Stunden der Nacht gehörten ihr noch ganz. Was morgen kam, war gleichgültig. Nur den Augenblick genießen ohne viel Gedanken, ohne Phantasien, einzig und allein im heimlichen Gefühl wohligen Geborgenseins.

Es dünkte ihr, sie sei noch ein Kind, und ringsherum draußen rappelten die Winterstürme an den Fenstern und in den Dachschindeln. Da kannte sie sich oft nicht aus vor Seligkeit, wenn sie in ihrem Himmelbett warm geborgen lag und vom Nikolaus und Christkind in heiligen Schauern träumte. O, wer doch noch einmal Kind sein könnte! Sie warf sich herum und stierte ins Dunkle, da wollte ihr das Weinen wieder kommen. Sie hörte das Blut in ihren Adern singen und fühlte das Bett sich unter ihrem Herzschlag bewegen. Sie lauschte und lauschte, und ihr eigen Blut sang sie in den Schlaf.

Die Morgendämmerung hatte sich noch nicht zum Tag gelichtet, da pochte es schon an Marthas Tür.

»Kindchen, geschwind auf, es ist die höchste Zeit!«

Martha rieb sich die Augen und schaute zum Fenster hin. Was ist denn? Ach ja, Reisetag!

Langsam erhob sie sich und machte die erste Toilette. Es war ihr so dumpf im Kopf. Dann schloß sie die Tür auf, und Babette kam herein.

»Heute muß ich dir beim Anziehen helfen, Kindchen.«

»Ach was, das Reisekleid sitzt schon leicht ordentlich. Und wenn's nicht sitzt, macht's auch nichts. Ich tu ja doch den Reisemantel darüber.«

»Ich will dir's offen sagen, Kindchen, das mit dem Anziehen ist nur so ein Schwindel gewesen. Ich will nur noch solange wie möglich bei dir sein. So hab ich's auch immer bei deiner Mutter gemacht – Gott hab sie selig –, wenn sie auf längere Zeit verreiste, weißt du, als sie noch ein Mädchen war wie du.«

»Babette, du bist recht lieb. Setz dich nur da hin. Ich bin bald fertig.«

»Nein, wie hübsch du bist, Kindchen, mit deinen roten Backen. Und wie nett du die Haare aufgesteckt hast. Wie nennen sie denn die Frisur drüben in Paris?«

»Red nicht so dummes Zeug. Die Frisur ist ganz meine Erfindung. Aber wenn ich in München abends allein auf mein Zimmer komm, mache ich die Haare wieder los und laß sie hängen wie bisher.«

»Ei, warum nit gar! Aber ich glaub, du wirst in München nit viel Zeit haben zum Alleinsitzen auf der Stube.«

»Das werde ich mir aber hübsch ausbitten. Pah, ich soll nicht mehr allein träumen dürfen von dir und Bubi und unserem Garten und Mutter und …«

»Na, wirst bald in München auch noch von anderen träumen. Wart nur mal den ersten Ball ab.«

»Quassel nicht, Babette, mach mir lieber hier hinten einmal den Haken zu. – So, jetzt bin ich fertig.«

»Papa wartet schon am Frühstückstisch. – Aber erst noch eins, Kindchen. Ich habe deine Mutter mit aufgezogen – Gott hab sie selig! – ich habe dich fast ganz allein in die Höhe gebracht, als du noch klein warst. Jetzt gehst du fort, und wer weiß, wann du wiederkommst. Ob ich dann überhaupt noch lebe.«

Sie begann zu schluchzen.

»Na, Babette, wer redet denn so dummes Zeug! Wir beide werden noch recht alte Leutchen. Und ich hoffe, dich bald einmal hier wiederzusehen. Oder du kommst einmal nach München – nicht, Babette, das wird ein Hauptspaß!«

»Nein, nein, das ist nichts für mich altes Eisen, – Nein, Kindchen, gib mir einen Kuß, wie es deine Mutter – Gott hab sie selig – tat, wenn sie auf lange fort ging. Du hast es noch nie getan.«

»Da, Babette« – und sie drückte ihr einen kräftigen Kuß auf die Wange – »hast du einen recht herzlichen. Jetzt gib mir auch einen wieder.«

Die Alte küßte das Mädchen mitten auf den Mund und umklammerte dann Marthas Hände und weinte wie eine Mutter beim Abschied der Tochter.

Martha riß sich los und lief die Treppe hinunter. Sie kam sich selbst merkwürdig vor, daß sie sich in diesem Augenblick so leicht beherrschen konnte. Der Gefühle, die sie bestimmten, waren so viele, daß keines so recht die Oberhand bekommen konnte, und so war ihr Auftreten ein alltägliches, gar nichts Außergewöhnliches. Wie oft hatte ihr vor den Augenblicken des Abschiedes gebangt. Nun wo sie da waren, fühlte sie so eigentlich gar nichts.

Mit dem Vater sprach sie über gleichgültige Dinge, den Fahrplan und die Verwandten in München. Daß sie doch innerlich tief erregt war, merkte sie nur daraus, daß sie mit Mühe und Not nur eine Semmel hinunterwürgen konnte und die Eier und den Aufschnitt unberührt ließ.

Der Wagen fuhr vor. Der schwere Koffer wurde neben den Kutscher auf den Bock gehoben. Vater und Tochter stiegen ein. Die Köchin und das Zimmermädchen kamen die Treppe heruntergesprungen und reichten mit Lächeln die Hand zum Abschied. Babette ließ sich nicht mehr sehen. Der Dackel heulte und bellte zum Erbarmen in seinem Gefängnis. Der Wagen rollte davon.

II.

Der Eilzug raste im Prestissimotakt über Weichen und Kurven, an Villen und Vorstadtbahnhöfen vorbei. Die Reisenden in den Abteilen suchten ihr Gepäck zusammen und zogen die Mäntel an. Martha träumte von ihrem Fensterplatz aus in den sinkenden Abend hinein, aus dem schon die früherwachten Signallaternen des Schienenstranges leuchteten. Vorortzüge mit Arbeitern und Bauersleuten huschten vorüber. Ein langer Lotomotivenpfiff heulte durch die Luft. Da schrak das Mädchen zusammen. Neben ihr sagte eine Dame: »Jetzt sind wir gleich in München drin.«

Martha gab sich einen Ruck und stand auf, nahm den Hut vom Gepäcknetz herunter und setzte ihn auf. Als sie den grauen Reisemantel anlegte, benützte sie die Gelegenheit, sich unbemerkt zu recken. Sie war von dem langen ungewohnten Sitzen steif geworden. Dann ließ sie das Fenster herab und lehnte die Hände hinaus. Der kalte Luftzug tat den erhitzten Pulsen wohl.

Etwas wie Beklommenheit fiel ihr aufs Herz. Sie setzte sich wieder. – So war sie denn am Ziel. Was würde nun werden? Sollte sie sich freuen? – Welche Wunder würden ihr aufgehen?

Allmählich verminderte der Zug seine Fahrt. Nun rollte er hallend und klingend in den Bahnhof ein. Sie erhob sich wieder und lehnte sich zum Fenster hinaus. Die Lokomotive stand, und Martha sah sich gerade zwei Damen gegenüber, die auf dem Bahnsteig warteten.

»Da ist sie! Da ist Martha ja! – Grüß Gott, Mädel! Nun aber schnell heraus!«

Martha griff nach den dargebotenen Händen und wandte sich dann schnell zum Ausgang des Wagens. Vom Trittbrett glitt sie in die Arme einer ältlichen Dame; eine jüngere, hochgeschossene griff nach ihrer Handtasche und dem Plaid.

»Grüß Gott, Kind! Das freut mich aber, daß du da bist.«

Das Mädchen konnte den Gruß nicht erwidern. Frau General Trenkler brachte ihren weißen Kopf mit einer geschickten Wendung unter den breiten Hutrand Marthas und küßte sie auf Wangen und Mund. Ein junger Herr, der von einem anderen Wagen her vorüberging, schaute der Turnübung der alten Dame lächelnd zu und wandte sich im Gehen halbrückwärts, um die Komik der Szene ganz auszugenießen. Tante Edeltraud schlängelte sich mit Geschick unter dem Hut Marthas zurück, und, jetzt erst konnte das Mädchen den Gruß mit roten Wangen erwidern.

»Ich danke dir, Tante, für deine Aufmerksamkeit, daß du mich abholen kommst.«

Und nun trat die hochgeschossene Tochter an die Stelle der Mutter. Für sie war die Begrüßung schon etwas schwieriger. Sie mußte halb in die Knie sinken, um unter Marthas Hut zu kommen.

»Nein, Marthe, das ist aber zu reizend, daß ich eine so liebe Gefährtin bekomme!«

»Jetzt aber voran, Kinder! – Martha, du hast doch deine Koffer aufgegeben, nicht wahr? Schnell zur Gepäckabfertigung!«

Die Tante zog ihren weißen Schleier über ihr weißes Gesicht. Sie hatte eine besondere Vorliebe für den Schleier, weil unter ihm ihre schwarzen Augen mit den langen, schwarzen Wimpern einen gewissen, geheimnisvollen und interessanten Eindruck machten. Sie trug den Kopf stolz wie eine Königin über der violetten Taille mit dem silbergestickten Einsatz und setzte den Schirm mit der weißbehandschuhten und rüschenumblühten Linken in elegantem Rhythmus auf die Fliesen des Bahnsteiges. Die beiden Mädchen nahmen die Frau General in die Mitte; Leonore links und Martha rechts.

»Nun sag mir aber mal schnell, wie es Papa geht.«

»Danke, Tante, recht gut. Er läßt euch herzlich grüßen.«

»Denke dir, Kind. Welches Glück du hast! Morgen kommt Richard aus Landshut in Urlaub. Oder freust du dich nicht darauf? So ein frischer Leutnant ist doch das Entzücken aller jungen Mädchen.«

»Ich freue mich, Richard wiederzusehen. Wann habe ich ihn doch zum letzten Male gesehen?«

»Ach, da warst du noch ein kleines Ding, und Richard war auch noch auf dem Gymnasium.«

Leonore drehte sich zu Martha hin und verzog ihr mageres Gesicht zu einem diebischen Lächeln.

»Aber du warst damals schon ganz sterblich in Richard verliebt. Weißt du noch, wie du immer neben ihm saßest, wenn er Klavier spielte, und ihm unverwandt in die Augen schautest, wie du dich ihm auf den Schoß setztest und ihm über die Haare strichest. Daß du mir das jetzt aber nicht wieder machst, sonst werde ich eifersüchtig. Ich bin nämlich, mußt du wissen, ganz schrecklich in meinen Bruder verliebt und dulde keine Nebenbuhlerin.«

Martha hatte eine giftige Bemerkung von alter Schachtel und ähnlichen Liebenswürdigkeiten auf der Zunge, schluckte sie aber mutig hinunter.

»Nein, Leonore, das weiß ich wirklich nicht mehr. Überhaupt für so dummes Zeug bin ich nicht zu haben.«

»Verzeihe, liebe Martha, ich vergaß, daß du gerade aus dem Institut kommst. Habt ihr da nicht auch in der Literaturstunde in Schillers Glocke die Stelle überschlagen müssen: ›Errötend folgt er ihren Spuren‹? Ich meine, ich hätte einmal so etwas aus einem Institut gehört.«

»Nun, Kinder, werdet nicht gleich zu intim! – Hier sind mir am Gepäckschalter. Martha, hast du deinen Schein?«

Das Mädchen suchte den Gepäckschein in der Handtasche und empfing seinen großen Koffer.

»Bitte, zu einem Auto.«

Der Gepäckträger schwang den Koffer auf die Schulter und ging voraus zu einem Kraftwagen.

»Fahren Sie am Stachus und Lenbachplatz vorbei durch die Ludwigstraße zur Theresienstraße.«

Der Chauffeur kurbelte seine Maschine an, und die Fahrt ging los.

Martha saß mit der Tante im Fond. Leonorens Augen ruhten prüfend auf ihr. Hm, noch ein bißchen viel Backfisch und recht naiv. – Wie sie staunt! – Und das Kostüm! Aber hübsch ist sie! – Mädel, hüte dich, mich auszustechen!

Und Martha staunte wirklich. Solche Gebäude hatte sie noch nicht gesehen. Da war Straßburg, trotz seines Domes, doch kleinstädtisch. Hier alles Paläste und königliche Weite, Brunnenrauschen und lauschige Plätzchen im Gartengrün. Im Wittelsbacher Brunnen plantschte eine Schar Buben barfuß herum.

Ach, wer doch mit ihnen plantschen könnte nach der heißen Fahrt!

Jetzt sauste das Auto am Schillerdenkmal vorüber und bog in weitem Schwung in die Ludwigstraße hinein.

»Schau her, Kind, das ist eine Residenz, eine königliche Straße!«

Marthas Augen weiteten sich; sie hob sich etwas im Sitz und meinte, ihre Brust müßte sich auch weiten in der königlichen Pracht der überwältigend einfachen und monumentalen Architektur, deren Linien sich in sanftem Anstieg im Siegestor auf der Höhe der Straße schnitten.

Es war ihr lieb, daß Tante Edeltraud und Leonore schwiegen. In jugendlichem Schwarm trank sie die Schönheit in sich hinein und fühlte sich in dem in glatter Fahrt auf dem Asphalt dahingleitenden Auto wie eine Königin. Im stillen bat sie dem Vater ihren Widerstand gegen die Reise ab. Wie ein Wehen seliger Lust kam es aus dem duftigen Dämmer zu ihr herübergeschwebt. Ihre Phantasie sah durch die blauen Abendschleier hindurch und schaute Märchenwunder in den Palästen und hinter den Spiegelscheiben der Läden, auf die die elektrischen Straßenlaternen ihre glitzernden Lichtsterne malten.

Das Auto bog in die Theresienstraße ein und hielt.

Frau General Trenkler hatte mit ihrer Tochter Leonore die ganze erste Etage inne. Gleich führte sie Martha in ihr Zimmer, das letzte nach rechts hin in dem dunklen Gang.

»So, Kind, besieh dir dein Heim. In einer Viertelstunde komme ich dich holen. Aber nochmals herzlich willkommen!«

Martha schaute sich flüchtig um, und mit einem zufriedenen Lächeln reichte sie der Tante die Hand.

»Ich danke dir, Tante, für das schöne Stübchen.«

Als sie allein war, schloß sie den Koffer auf und zog sich um; dunkelblauen Rock und weiße Bluse. Den Koffer ließ sie offen stehen. Das Mädchen konnte das Auspacken besorgen. Nun gab sie sich daran, sich in ihrem Heim etwas näher umzusehen. Sie schloß das Fenster, zog den Vorhang zu und knipste das elektrische Licht an. Ah! Das war ganz gemütlich.

Neben dem Spiegel über dem Toilettetisch mit Stecker für elektrische Kerzen und Brandschere hingen in schmalen goldenen Rähmchen zwei reizende Mädchenköpfe, über dem Bett Schwinds »Morgensonne«, über dem Rokokoschreibtisch eine duftige Wild- und Alpenlandschaft, gezeichnet »Leonore Trenkler 1911«. Auf dem Schreibtisch stand noch eine Menge leerer Photographierahmen. Wie aufmerksam von der Tante! Da sollten Vaters und Mutters Bild hinein und Institutsfreundinnen. Aber was stand denn da? Eine Schwerttänzerin. Martha errötete. Ein leichtes, modernes Machwerk in Bronze. Sie faßte die kleine Figur und warf sie in eine Schublade des Schreibtischaufsatzes.

Da kam ein plötzliches Erschrecken über sie. Die Puppe! Die durfte das Zimmermädchen nicht finden. Hastig griff sie in den Koffer hinein, wühlte in seinen Tiefen und zog Erna hervor. Sie drückte den Wachskopf an ihre Wange und zupfte Haar und Kleider der Puppe zurecht. Da, Schritte auf dem Gang! Wohin mit Erna? In den Schrank? Das ging nicht, da fand sie das Mädchen. Mit einem Ruck hob sie das Federbett am Fußende auf und stopfte die Puppe darunter. Nun klopfte es. Tante Edeltraud trat ein.

»Bist du fertig, Kind, dann komm!«

Martha folgte ins Eßzimmer, das an den Salon anstieß, dessen Flügeltüre weit offen stand. Man setzte sich nieder. Tante Edeltraud hatte eine lichtgraue seidene Bluse angelegt. Leonore trug ein hellrosa Kleid mit leichtem Halsausschnitt, Spitzenkrause und Tüllärmeln. Die jugendliche Toilette vereint mit einer Rosaschleife im Haar machte durch den Kontrast mit dem Altmädchengesicht der Trägerin einen halb komischen, halb tragischen Eindruck.

Als man mit den hin und herfliegenden Familienneuigkeiten fertig war und das Gespräch zu stocken begann, setzte sich Leonore in Positur.

»So, Martha, heute abend gebe ich dich noch frei. Du willst sicher nach der ermüdenden Reise früh schlafen gehen. Morgen früh zeige ich dir ein gut Stück München, und morgen abend, wenn Richard da ist, machen wir den ersten geselligen Abend. Mama hat schon Erlaubnis gegeben, daß ich einige gute Freundinnen einlade. Otto Reiber, Richards Freund, wird auch nicht fehlen, er steht hier beim Leibregiment.«

»Ja, Kind, du wirst Freude haben an unserem Kreis. Reizende Menschen. Alle ganz verschieden in ihren Anschauungen. Du wirst da viel lernen können. Und sie werden dich auch gleich gerne haben; denn du bist ja ein prächtiges Mädel geworden.«

Dabei tätschelte Tante Edeltraud das Mädchen auf die Wange. Martha wurde rot, und Leonore warf der Mutter lachend einen bösen Blick zu.

Nach dem Essen ging man in den Salon hinüber.

Martha mußte sich in acht nehmen, daß sie nicht an eines der tausend Sachen und Sächelchen stieß, die da herumstanden und -hingen. Die Tante ließ sich in einen Sessel nieder, griff zu einer Zigarettenschachtel und schob sie Martha zu. Das Mädchen dankte, aber Tante schlug die Knie übereinander und stieß den ersten Zug durch die Nase. Leonore steckte auch eine Zigarette an, setzte sich an den Flügel und phantasierte im Ton leichter Salonmusik, indem sie recht oft die Hände kreuzweise übereinanderlegte und sich von einer Seite auf die andere wiegte.

Martha drückte sich in eine Sofaecke und ließ ihre Augen über die Bilder und Gegenstände des Salons gleiten. Das meiste waren Landschaften und Blumenstücke. In der Ecke hinter dem Flügel stand auf dünner, hoher Säule ein wasserschöpfendes Arabermädchen in halber Lebensgröße. – Nein, so etwas paßte sich doch nicht! – Martha schaute vor sich hin und griff nach einem Photographiealbum, das vor ihr auf dem Tische lag. Träumend blätterte sie darin herum.

Würde ihr diese Umgebung auf die Dauer behagen? Oder hatte sie doch aus dem Institut falsche Begriffe vom Leben mitgebracht?

»Herrgott, Kind, wir haben ja ganz vergessen, Papa deine glückliche Ankunft mitzuteilen!«

Tante Edeltraud sprang auf und lief in ihr nebenanliegendes Zimmer. Mit einer Karte und einem Bleistift kam sie zurück.

»Hier, Martha, geschwind an Papa geschrieben. Laß mir aber auch noch ein bißchen Platz für einen Gruß!«

Martha zog den Tisch zu sich heran. »So eilig wäre das nicht gewesen, Tante; morgen ist ja auch noch ein Tag, und Papa denkt sich schon, daß ich gut angekommen bin.«

Aber sie schrieb ein paar Worte. Ihre Gedanken waren weniger beim Vater als bei dem Garten und ihrem Zimmerchen und Bubi und Babette, all den tausend Dingen, die einem in der Fremde plötzlich viel goldener und strahlender erscheinen und die eigentlich die Heimat ausmachen. Wie kalt kam ihr der überelegant ausgestattete Raum vor, in dem sie saß! Nichts schmiegte sich da ihrer. Seele an. Würde sie überhaupt jemals Beziehungen knüpfen können zu dem nichtigen Kram, der sie hier umgab?

Sie schob die Karte der Tante hin. Leonore hatte sich vom Klavier erhoben und unterschrieb auch.

»Tante, wenn du erlaubst, möchte ich auf mein Zimmer gehen. Ich bin doch sehr müde.«

»Gewiß, Kind, geh nur schlafen.«

Martha erhob sich und reichte der Tante die Hand. Leonore ergriff ihre Linke und sang lächelnd:

»Guten Abend, gut' Nacht!
Mit Rosen bedacht,
Mit Näglein besteckt,
Schlüpf unter die Deck!
Morgen früh, wenn Gott will,
Wirst du wieder geweckt.
Morgen früh, wenn Gott will,
Wirst du wieder geweckt.« – –

Auf ihrem Zimmer angekommen, drehte Martha den Schlüssel der Tür herum und drückte noch einmal die Klinke prüfend nieder, ob die Türe auch wirklich zu sei. Der Koffer war schon fort und ihre Wäsche und Kleider im Schrank geordnet, das Bett aufgedeckt.

»O weh, wenn das Mädchen die Puppe gefunden hat!«

Nein, sie war noch da, unberührt, wie Martha sie hingelegt hatte. Sie nahm Erna auf den Arm und setzte sich an den Schreibtisch, wo das Licht der elektrischen Stehlampe von oben her voll ins Gesicht der Puppe fiel.

Aber was war das? Helle, lichte Tropfen auf Marthas Wangen. Sie wußte nicht recht, wie ihr geschah. Aber ein Schluchzen stieg ihr die Kehle hinauf. Jetzt stand wohl der Mond über dem heimischen Garten, und das weiße Haus träumte im Dämmergehege der blühenden Kastanien. Und hoch am Himmel, gerade über dem Dachfirst, stand der große Bär und flimmerte so lieb und traut …, und aus der Ferne pfiff eine Lokomotive durch die klare Nacht … und ihr Fuß knirschte im Kies … und eine Fledermaus huschte an ihrem Ohr vorbei … und die Tränen flossen und flossen … wo war sie nur? Ach, so weit, so weit von allem, was ihr lieb war! Stürmisch preßte sie die Puppe an die Wangen und küßte sie wieder und wieder. Wenn ich dich noch habe! O hätte ich dich nicht, dann hätte ich gar nichts Liebes mehr auf der Welt. Ihr Blick fiel wieder auf das lange Kleid. Sie war sich selbst in der Fremde eine Fremde geworden.

Sie stand auf, löschte das Licht und öffnete das Fenster. Es ging auf einen kleinen Garten hinaus, dem sich rings die Rückseiten der Nachbarhäuser zukehrten. Von der Straße her rasselte und läutete die Straßenbahn und hallten die Schritte einzelner Fußgänger auf den Steinen des Bürgersteiges.

Martha legte die Puppe auf das Fensterbrett und nestelte ihr Haar los. So kam wieder ein Gefühl der Freiheit über ihr Gemüt. Sie schlang die Hände im Nacken zusammen und schaute zu den Sternen auf. – Wie oft wird sie den Himmel noch von diesem Gefängnis aus betrachten, bis sie wieder den Abendstern über den Bergen der Heimat aufsteigen sieht?

Nein, sie will nicht wieder weinen. Hastig schließt sie das Fenster und zieht den Vorhang vor und versteckt die Puppe im hintersten Winkel des Schrankes. Dann macht sie sich daran, die vom Mädchen auf dem Schreibtisch aufgeschichteten Sachen und Sächelchen, Papiere und Bilder einigermaßen zu ordnen und in die Schublade zu legen. Die Photographien sucht sie heraus und steckt sie in die Rahmen. Vater und Mutter bekommen den Ehrenplatz in der Mitte, daneben Bubi, der Dackel, und dann die Freundinnen. Eine Menge Bilder bleibt noch übrig, die keinen Rahmen finden. Da muß sie sich noch einen Fächer kaufen, um sie hineinzustecken.

Was steht denn da auf dem Tischaufsatz? Ah, Bücher! Die hat sie ja noch gar nicht gesehen. Ein paar Romane. Merkwürdige Romane, von denen sie noch nicht gehört hat. Und daneben ein drolliges Buch mit dem geheimnisvollen Titel »Zarathustra«. Das ist sicher ein Zauberbuch oder so etwas. Na, das werden wir ja noch alles sehen.

Jetzt ist Zimmer und Tisch so geordnet, daß sie sich vorläufig ein wenig daheim fühlt. Sie rückt den Stuhl etwas vom Tische ab und lehnt sich bequem zurück, um das Ganze zu überschauen. Ah, da fehlt ja noch das kleine geschnitzte Kreuz mit dem Edelweißkranz. Wo hat das Mädchen es doch hingekramt? Sie öffnet den Schrank und sucht. Richtig, da ist es. Oben auf dem Schreibtisch steht es schön. So, die Bücher können in der Mitte etwas zurücktreten. Sie bilden eine kleine Nische.

»Jetzt bin ich gespannt, wie sich das Stübchen bei Tage ausnehmen wird. Am Abend bei Licht ist es ganz gemütlich.«

Sie blieb noch einen Augenblick im Genuß des Anblickes sitzen und kniete dann vor dem Tische zum Abendgebet nieder. Dann ging sie zu Bett und schlief nach der Anstrengung des Tages bald ein, um aber in der Nacht häufig durch die Neuheit der Lagerstatt zu erwachen, ohne jedoch recht zum Bewußtsein zu kommen.

Am anderen Morgen wurde Martha durch das einfallende Licht geweckt. Sie schaute auf die Uhr. Schon sieben! Rasch kleidete sie sich an und trat in den Gang hinaus. Da war ein Mädchen am Putzen.

»Sind die Damen schon aufgestanden?«

»Nein, gnädiges Fräulein,« sagte das Mädchen lachend, »die gnädige Frau und das gnädige Fräulein kommen nie vor halb zehn Uhr zum Frühstück.«

»Ich danke.« Martha ging wieder ins Zimmer zurück.

Sie ärgerte sich; denn sie verspürte einen ganz respektablen Hunger. Noch zwei Stunden warten! Eine ganze Ewigkeit. Und dann kam sie ja um die Messe. Nun, für einmal ließ sie sich das gefallen. Morgen würde sie die Stadt schon so kennen, um in der Frühe den Weg zur Kirche allein zu finden. Oder könnte ihr das Mädchen nicht den Weg weisen? Sie öffnete die Türe.

»Sagen Sie mal – wie heißen Sie doch?«

»Lisette, gnädiges Fräulein.«

»Sagen Sie mal, Lisette, wie kommt man hier zur nächsten Kirche?«

»O, das ist nicht schwer zu finden, gnädiges Fräulein. Da gehen Sie nur gleich links die Ludwigstraße hinauf, da sehen Sie zwei Türme auf der rechten Seite. Das ist die Ludwigskirche. – Aber gnädiges Fräulein wissen doch, daß heute nicht Sonntag ist?«

»Ich danke. Nein, allerdings ist nicht Sonntag; daran brauchen Sie mich nicht zu erinnern.«

Martha nahm den Hut vom Mantelstock und ging hinunter.

Ah, welche Wohltat die frische, scharfe Münchener Morgenluft! Und wie heiter jetzt die Ludwigstraße im Sonnengold dalag! Und die putzigen Straßenkehrerinnen mit den flachen Hüten und grünen Umschlagtüchern!

Sie trat in die Kirche. O, München scheint doch noch ziemlich fromm zu sein. Wie viele Frauen knieten da in den Bänken! Und welch gewaltiges Bild über dem Altare! Schade, daß es nicht belichtet ist. Sie ging hoch in die Kirche hinauf. Das Jüngste Gericht. Richtig, davon hatte sie in der Kunstgeschichte im Institut gehört. »Das Jüngste Gericht, von Cornelius, das größte Fresko der Welt.« Der Aufenthalt in München konnte doch schön werden beim Genuß all der Kunstwerke, denen man hier auf Schritt und Tritt begegnete. Wie heiter war die Kirche in ihren lichten, fein abgetönten Farben. Und erst die herrlichen Engel, die von den Wänden des Kreuzschiffes in die Kirche zu ihr herabzusteigen schienen!

Jetzt klang ein Glöckchen durch den Raum, und ein Priester ging zum Altar. Martha bekreuzigte sich und trat in eine Bank.

Während der heiligen Messe betete sie fast nur um Gnaden, recht viele Gnaden für ihren Aufenthalt in der Großstadt. War sie auch nun in der Fremde, der Heiland im Tabernakel war doch derselbe wie in der Heimatkirche.

Als nach der Messe eine Schar Frauen zur Kommunionbank traten, schloß sie sich an. Warum auch nicht? So kam der Segen Gottes doppelt über sie.

Nach der Danksagung ging sie heiter zurück zur Wohnung der Tante. Heiter durch den Verkehr mit Gott und die himmlische Stimmung, die die herrliche Kirche in ihre Seele geträufelt hatte.

Tante und Leonore waren noch immer nicht erschienen. Sie setzte sich auf ihr Zimmer und griff zu dem geheimnisvollen Buch »Zarathustra« und blätterte darin herum. Nein, welch dummes Zeug! Davon verstand sie nichts. Ah, da kam Poesie: »Das Nachtlied«.

»Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen. Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.«

Ah, das war schön! Und welche Sprache, nein, welche Musik! Sie träumte und sah eine grünblaue Nacht, gekrönt von goldenen Sternen, und hörte einen Springbrunnen rauschen und fühlte ihr Blut wärmer pulsen. War das die Liebe? War jetzt ihre Seele ein Lied des Liebenden?

Ja, das Nachtlied wollte sie noch öfter lesen; dann kam ihr wohl auch allmählich das Verständnis für die anderen Kapitel in dem unverständlichen Buche.

Nietzsche, der das Nachtlied geschrieben hatte, mußte ein großer Dichter sein. Es brannte ein Schwärmen in ihr auf für den Dichter des Nachtliedes. Was er auch sagen mochte, sie wäre ihm in diesem Augenblick blindlings gefolgt nur um der Musik seiner Sprache willen. Und sie blätterte weiter. Da fiel ihr Blick auf das Schlußwort eines Kapitels:

»Du gehst zu Frauen, vergiß die Peitsche nicht.« – Pfui, was war wieder das? Was hatte Leonore doch für tolle Bücher!

Es klopfte. Leonore trat ein.

»Guten Morgen, Martha! Allergnädigst geruht? Und schon beim Lesen! Du hast es aber gut vor! Und gar Nietzsche! Schäm dich, Mädchen! Wenn das deine Lehrerinnen aus dem Institut sähen!« Leonore drohte mit dem Finger und lachte maliziös.

»Nun, was willst du, du hast mir ja das Buch selbst hierhergestellt. Und etwas Böses habe ich bis jetzt nicht darin gefunden, nur das Nachtlied, und das ist wunderschön –, und sehr viel Dummes, was ich nicht verstehe.«

»Da hast du recht, Kind. Nietzsche muß man nicht lesen, man muß ihn erleben. Wenn du mal erst ein Mensch geworden bist, wird dir schon ein Licht aufgehen, wie groß und tief Nietzsche das Leben erfaßt hat und wie man durch ihn erst zum Menschen wird.«

»Aber was sagst du denn zu dem Satz von der Peitsche?«

»Dummes Zeug! Das muß man ihm durch die Finger sehen. Er ist halt ein Übermensch und will uns mit Gewalt zu Übermenschen erziehen. Und weißt du, einen Mann, der so auftritt wie Nietzsche, den müssen wir Frauen halt alle miteinander anbeten. Das ist doch anderes Mark als die romantischen Mondscheinpoeten, für die du im Institut geschwärmt hast.«

»Aber bitte, Leonore, Schiller und Klopstock und Lenau und Heine …«

»Und Redwitz mit seiner ›Amaranth‹ und Herolds ›Gretchen‹ waren doch schön, nicht wahr, das willst du doch sagen? Aber jetzt mußt du andere Sachen lesen, die dich im Leben voranbringen.«

»Am besten brächte mich jetzt im Leben voran ein guter Morgenkaffee; ich faste schon seit sieben Uhr. Wann geht ihr denn eigentlich hier zum Frühstück?«

»Was? Schon seit sieben Uhr bist du auf und liest hier in dem gottverdammten Buch? Kind, was soll aus dir noch werden?«

»Nein, erst seit einer Viertelstunde. Ich war schon in der heiligen Messe.«

»Schwätz kein Blech, Martha. Wer geht denn an Werktagen in die Kirche?«

»Ich, daß du es weißt. Ich habe das Mädchen draußen nach dem Weg gefragt und war in der Ludwigskirche.«

»Ach wie herzig von dir! Da kommt ja wieder einmal Frömmigkeit ins Haus. Hast du auch für mich elende Sünderin gebetet? Aber komm jetzt zum Frühstück. Mutter wird schon warten. Wir wollen bald losgehen, damit ich dir die Stadt zeigen kann.«

Am Kaffeetisch platzte Leonore gleich heraus:

»Denke dir, Mutterl, Martha, das schlechte Ding, hat schon in aller Frühe Nietzsche gelesen. Wenn wir das Kind nicht behüten, wird es uns noch ganz verdorben, und was wird dann ihre Mère aus dem Institut sagen?«

Martha wurde ärgerlich.

»Nun sei doch still mit dem Zeug, sonst lese ich heute nachmittag den ganzen Tatarusta, oder wie das dumme Buch heißt, durch.«

»Vorläufig wirst du noch nicht viel Zeit zum Lesen haben. Das kommt schon noch nachher. Erst lebe dich hier einmal ein. Es gibt so viel zu sehen und kennen zu lernen, daß du vorerst vollauf zu tun hast.«

»Aber was sagst du dazu, Mutterl, daß unser Nönnchen heute schon in der Kirche war?«

»Was, Martha, du warst schon in der Kirche? Wann bist du denn aufgestanden?«

»Sehr spät, Tante, erst um sieben Uhr. Aber ich denke, ich kann jeden Morgen gehen. Es ist so schön hier in der Ludwigskirche.«

»Es wird dir wohl auf die Dauer schwer werden, so früh zur Messe zu gehen, wenn du abends in Gesellschaft warst. Sonntags gehen wir zusammen um zehn Uhr in die Albanskirche. Da wird so herrlich gepredigt. Und sonst werden wir auch in manchen religiös-wissenschaftlichen Vortrag gehen, so daß dein religiöses Bedürfnis nicht zu kurz kommen wird. Es ist eine nette, liebe Gewohnheit, die du noch aus dem Institut mitgebracht hast, jeden Morgen in die Messe zu gehen. Ich habe das früher in meiner Kindheit auch so gehalten. Aber wenn man einmal ins Leben kommt und gesellschaftliche Verpflichtungen übernehmen muß und bei anderen hochgebildeten Menschen nicht anstoßen und sie nicht abstoßen darf, dann muß man diese Äußerlichkeiten der religiösen Betätigungen möglichst einschränken und sich auf die Verinnerlichung verlegen.«

»In Kunststudium wirst du soviel religiöse Anregung finden, daß dein ganzes Gefühlsleben in der Schönheit, das heißt im Göttlichen, aufgeht. Da brauchst du nicht mehr den Mythos des Christentums mit seinen durch die Jahrhunderte geschaffenen menschlichen Veräußerlichungen.«

Martha wurde es ganz toll und dumm im Kopf vor dieser Gelehrsamkeit. Die Tante merkte ihre Verlegenheit und half ihr mitleidig darüber hinweg.

»Leonore, du bist, wie immer, zu radikal. Man muß jedem Menschen die Überzeugung lassen, die ihn beglückt, solange sie nicht aufdringlich den gesteigerten ästhetischen Anforderungen unserer Kultur ins Gesicht schlägt. Ich für meinen Teil finde mein höchstes Glück in dem Kultleben der katholischen Kirche, solange es sich nicht in Übertreibungen, die ja auch leider zu menschlich sind, ergeht. Ja, leider wird in unseren Kirchen zu wenig Rücksicht auf die Gebildeten genommen. Was man da Predigt nennt, ist nichts anderes als ein Breittreten der alten Katechismuswahrheiten und von Forderungen, die nicht mehr in unsere Zeit passen, ganz zu schweigen von der ungebildeten, unästhetischen Form, in der sie von den meisten Geistlichen vorgetragen werden. Aber es ist den Gebildeten ja nicht verwehrt, sich den Prediger auszusuchen, der ihren Anforderungen entspricht. Meine religiöse Überzeugung, die ich mir gebildet, lasse ich mir nicht durch zufällige Kleinigkeiten nehmen, an denen das Volk seine Befriedigung findet.«

Martha wußte nicht, was sie von Tante Edeltrauds Worten zu halten hatte. Das klang ja ganz hübsch und vernünftig. Aber sie mußte nicht, ob sie warm oder kalt davon berührt worden war.

»Jetzt machen wir uns fertig, Martha, und schauen uns ein Stück München an. Um elfeinhalb Uhr will ich in meinem Atelier in der Barerstraße sein. Ich will noch ein wenig arbeiten bis ein Uhr, da heute nachmittag wegen Richard ja doch nichts daraus wird.«

Die beiden Mädchen verließen das Haus.

»Du wirst dich gewiß am meisten für die Kirchen interessieren. Deshalb wollen mir zuerst einmal in die Theatinerkirche gehen und dann in den Dom, von da aus in den Englischen Garten.«

Auf dem Wege plapperte Leonore wie eine Mühle und packte über jedes Gebäude, an dem sie vorüberkamen, einige Seiten Baedeker aus. Martha wurde es schwül im Kopfe. Wenn Leonore doch schwiege! Sie wollte ja gar nicht mit Geschichte und Kunstgeschichte gequält sein. Wer konnte auch all das Zeug behalten? Und zum Genießen hatte man es gar nicht nötig. Im Gegenteil, es verdarb allen Genuß.

In der Theatinerkirche ärgerte Martha sich besonders, weil Leonore nicht das Weihwasser nahm, das sie ihr bot, und vor dem Allerheiligsten keine Kniebeugung machte. Geradezu schrecklich war ihr aber das Gerede von der Kuppel von St. Peter in Rom, die viel gewaltiger und höher sei als die der Theatinerkirche. Was kümmerte sie das? Sie wollte die Theatinerkirche genießen.

Als sie wieder auf die Straße traten, wurde sie etwas mit Leonore versöhnt. Sie gab einem Bettler, der an dem Portal seinen Hut hinhielt, ein Almosen. Also ein gutes Herz hatte Leonore doch! Dasselbe tat sie am Eingang der Liebfrauenkirche. Martha schämte sich, weil sie keine Börse bei sich hatte, und so vor den armen Leuten hartherzig erschien. Jetzt nahm sie Leonores Kunstgerede gerne in den Kauf. Auf die Dauer würde sie die Kusine schon verstehen und vielleicht gar lieben lernen. Wer den Armen gibt, der muß doch ein gutes Herz haben.

Im Englischen Garten ging Martha vollends das Herz auf. Hier wurde Leonore auch erträglicher. Sie machte auf die malerischen Blicke aufmerksam und störte Martha nicht, als sie auf einer Isarbrücke sich ans Geländer lehnte und lange in die lichtgrünen schäumenden Wellen träumte.

»Hier will ich oft hingehen, Leonore. Hier ist es schön, viel schöner als drinnen in der gräßlichen Stadt.«

»Haben dir denn die Kirchen nicht gefallen und die Feldherrnhalle und das Rathaus?«

»Gewiß, aber da muß ich noch einmal allein hingehen. Wenn ich alle deine Erklärungen verdaut habe, werde ich alles viel besser und mit Muße betrachtend verstehen. Jetzt hab ich vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen.«

»Ei, sieh da! Wer sitzt denn da auf der Bank! Das ist ja Maria Reiber, die Medizinerin!«

Leonore wies auf ein junges Mädchen in einfachem grau und weiß karrierten Kleid mit üppigem, schlicht gescheiteltem Blondhaar. In ein dickes Buch vertieft, saß sie in der Ecke einer Bank unter einem blühenden Holunderbusch. Der große weiße Hut mit breitem, schwarzem Band lag neben ihr.

Leonore klatschte in die Hände. »Holla, Maria! Nicht zu fleißig! Grüß Gott, Mädel. Das ist aber schön, daß wir dich hier treffen.«

Die Studentin schaute auf und erhob sich lächelnd, den Zeigefinger der Linken im Buch haltend. Ihr großes, braunes Auge blickte Martha forschend und fragend an.

»Siehst du, Maria, das ist mein Kusinchen, von dem ich dir sprach, und das zu uns nach München gezogen ist, um sich die große Welt etwas anzusehen.«

Maria reichte Martha die Hand und drückte sie gleich herzlich.

»Das wird sie wohl unter deiner meisterhaften Leitung prächtig besorgen.« Sie lächelte ein wenig spöttisch.

Martha spielte mit dem Sonnenschirm im Kies und schaute von unten herauf die große, stattliche Gestalt wohlgefällig an.

»Weißt du, Martha, Maria ist die Schwester des Herrn Leutnants Reiber von den Leibern, eines Freundes unseres Richard.«

»Richard kommt ja heute, wie mir deine Einladung für heute abend sagt. Mein Bruder kommt ja auch zu euch. Ich freue mich herzlich darauf.«

»Aber, Maria, gutes Mädel, du bist ja so bleich und siehst müde aus.«

»Da soll man auch nicht ein bißchen müde sein, wenn man vor dem Physikum steht!«

»Wann machst du das Examen?«

»Ende dieses Semesters. Das hindert aber nicht, daß wir unsere Kunstplaudereien fortsetzen, die wir seit Ostern unterbrochen haben.«

»Wann hast du wieder Zeit? Wir könnten jetzt ganz gut bis zum Semesterschluß noch einmal die Alte und Neue Pinakothek und den Glaspalast durcharbeiten. Für Martha wird das ja auch sehr lehrreich sein.«

»Am besten kann ich Dienstags und Freitags von zehn bis eins. Da habe ich nicht belegt. – Aber entschuldige, es schlägt eben dreiviertel elf. Um elf Uhr habe ich Kolleg.«

»Das trifft sich ja nett. Ich will auch um elfeinhalb Uhr in meinem Atelier sein. Käthe Zeisig will meine Studien bewundern, und ich habe sie für elfeinhalb Uhr bestellt. Dann gehen wir zusammen bis zur Universität.«

Maria Reiber trug ihren Hut in der Hand, und Leonore und Martha nahmen die Studentin in die Mitte. Martha schaute sie von der Seite bewundernd an und ließ den Blick nicht von ihr.

Sie hatte Glück, gleich am ersten Tage mit einer Universitätsstudentin zusammenzukommen, und sie fühlte, wie ein warmes Vertrauen zu der neuen Bekannten in ihrem Herzen entbrannte.

Die Medizinerin war durch ihren Bruder Otto, den Leutnant vom Leibregiment, im Hause der Frau General Trenkler bekannt geworden. Die beiden Herren waren seit den Gymnasialjahren miteinander befreundet, obschon ihre Charaktere so verschieden waren wie die Leonorens und Marias. Diese hatte sich, als Mitglied einer Studentinnenkongregation, Leonore angeschlossen, um allmählich einen wohltätigen Einfluß in religiöser Beziehung auf die ihr an und für sich unsympathische Malerin auszuüben. Sie hielt die Freundin nur für seicht und großsprecherisch und hoffte, sie nach dem Sturm und Drang ihrer ersten Künstlerschaft wieder auf vernünftige Bahnen zu bringen. Nun freute sie sich, im Leben des neu angekommenen jungen Mädchens ein Gegengewicht Leonore gegenüber bilden zu können. Sie fühlte wohl, daß Martha sie unverwandt mit kindlicher Bewunderung anblickte, und als sich zwischen den beiden Springbrunnen vor der Universität ihre Wege trennten, drückte sie dem Mädchen besonders herzlich die Hand.

»Also auf Wiedersehen, heut abend!«

Leonore stieg mit Martha die vier Treppen hinauf zu ihrem Atelier. Als sie auf der vorletzten Stiege angekommen waren, rief von oben eine Mädchenstimme herunter.

»Na, Leo, kommst du endlich? Ich stehe mir hier die Beine in den Leib.«

»Nur, Geduld, Käthe!« Damit waren sie oben. Die Wartende kam Leonore entgegen, warf sich in Ausfallstellung und schwang den Schirm und stach damit wie mit einem Florett auf Leonorens Brust.

»Eine solche Geduldsprobe verlangt blutige Sühne. – Holla, was hast du denn da für einen unschuldigen Backfisch? Eine Schülerin?«

»Käthe, sei artig und gesittet. Martha Halden, meine liebe Kusine, bei uns zu Besuch. – Käthe Zeisig, Allerweltsmädel und meine nichtsnutzige Freundin.«

Die beiden Vorgestellten gaben sich die Hand. Käthe wandte sich aber sofort zur Türe und bearbeitete sie mit ihren weiß behandschuhten Fäusten.

»Sesam, tu dich auf!«

Leonore suchte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel, und unterdessen musterte Martha die neue Bekanntschaft.

Pfui! Wer trug eine solch freche Bluse! Das kleine zuckende Figürchen war überdacht von einem riesigen roten Hut.

Jetzt ging die Türe auf, und das Licht aus dem hohen und breiten Atelierfenster, das die gegenüberliegende Wand ganz offen ließ, fiel voll auf Käthe Zeisig. Leonore ließ die beiden Mädchen eintreten.

»Muß man hier die Schuhe ausziehen?« Und Käthe griff nach ihren weißen Stöckelschuhen.

»Schwätz kein dummes Zeug, Käthe. – Aber sag mal, wo bist du denn gewesen seit der letzten Woche? Du siehst ja aus wie eine Mulattin?«

»Fein von der Sonne verbrannt, interessant, he?« Ihr Gesicht und Hals waren tatsächlich fast schokoladebraun, und die schwarzen Augen unter den offenbar gefärbten Wimpern vermehrten den arabischen Eindruck.

»Nein, Leo, so was erreicht man nur mit der Tinktur, die ich vor ein paar Tagen entdeckt habe. Las zufällig die Anzeige in der »Jugend« und habe sie mir gleich angeschafft. Ich verrate dir aber die Marke nicht, sonst stichst du mich aus.«

Martha war starr vor Staunen. So etwas war ihr noch nicht vorgekommen. Sie war doch noch recht dumm und unerfahren. Bis jetzt hatte sie immer gemeint, ein zarter, weißer oder rosiger Teint sei das Ideal für ein junges Mädchen. Nun aber so was! Nein!

Das Atelier war ein großer, weißgetünchter Raum, dessen Wände mit Akt- und Kopfstudien in Kohlezeichnungen, Ölskizzen und Aquarellen angefüllt waren. An der einen Schmalwand stand ein schwarzes Holzpodium mit einem Dreifuß als Sitz, an der anderen ein niedriges Liegesofa und eine spanische Wand mit Waschbecken und Zubehör. Rings auf dem Boden lagen und standen noch, gegen die Wand gelehnt, Papierrollen, bemalte Pappe- und Leinwandfetzen. Die Bilder stellten meist italienische Landschaften dar mit den charakteristischen Piniengruppen, Kirchtürmen und Ziegenhütern. Einige Bilder waren da, von denen Martha den Blick wegwandte. Käthe betrachtete sie um so interessierter.

Leonore ließ die beiden Besucherinnen zunächst sich still in ihrem Reich umsehen und legte den Hut ab und zog über ihr Straßenkleid eine große Schürze, die mit bunten Farbflecken bedeckt war wie ein scheckiges Osterei.

»Ach, Fräulein, – wie heißen Sie doch noch? – Sie herzige Unschuld vom Lande, ich beneide Sie, daß Sie eine so große Künstlerin zur Kusine haben. Sie sind doch sicher auch künstlerisch begabt, denn wo das einmal in der Familie liegt, – ich wette, daß Sie noch einmal als Naive zur Bühne gehen.«

Martha wurde feuerrot, aus Verlegenheit konnte sie nichts antworten. Leonore sprang ihr bei.

»Sag mal, Käthe, du kommst mir heute so komisch vor, so halb in deiner Erscheinung. Ich meine, es fehlte etwas an dir. Ach ja, wo hast du denn deinen Bussi?«

Käthe Zeisig war nämlich nie ohne ihren kleinen schwarzen Pinscher mit den zitterigen Beinchen und den ängstlichen Augen zu sehen.

»Ach, der arme Kerl hat den Husten. Ich habe ihn daheim ins Bett gelegt. Er darf mir drei Tage nicht hinaus. Ich wäre todunglücklich, wenn dem armen Bussi etwas passierte.«

Martha dachte an ihren Dackel und träumte in die Heimat, aber der Bussi der Käthe mochte ihr nicht gefallen, wenn der Hund so zimperlich war und zu seiner Herrin paßte.

In einer humoristischen Zeitschrift hatte sie einmal ein Bild gesehen mit der Unterschrift »Wie der Herr, so der Hund«. Da ging der aufgedunsene Korpsstudent mit einer Dogge, das Gigerl mit einem Windhund, die Grisette mit einem langhaarigen Pinscher, ein Junge in den Flegeljahren mit einem Foxterrier. Und sie sah schon im Geiste, wie diese Käthe Zeisig ihren Bussi abküßte wie ihre Freundin Anni in Mülhausen ihren unappetitlichen Köter.

»Ich wünsche Bussi gute Besserung. Aber unterdessen seht euch mal meine Sachen an.«

»Ach, das ist ja alles fades Zeug, Leo, das sieht man ja überall in jedem dritten Laden.«

»Du bist sehr liebenswürdig, Käthe, du weißt gar nicht, welche Arbeit hinter den Skizzen steckt und was später daraus wird. Schau mal her« – und damit faßte sie Käthe und Martha bei den Armen und zog sie hinter die Staffelei, die dem Fenster zugekehrt stand, – »was sagst du denn dazu? Ist das auch fades Zeug?«

Da stand eine große Leinwand mit einer teils fertigen, teils rötlichbraun angelegten Strandszene. Unter einem sonnigblauen Himmel lag das Meer weit und schimmernd, und auf einem ragenden Uferfelsen, an dem der Gischt der Brandung aufspritzte, stand ein Weib in wehendem Schleiergewande mit aufgelösten Haaren und ausgespannten, zum Himmel erhobenen Armen in Verzückung.

Leonore führte die Besucherinnen etwas von der Leinwand zurück in die richtige Stellung zum Bilde und schaute sie bedeutungsvoll und fragend an.

»Mit dem Bild will ich im nächsten Sommer in den Glaspalast ziehen, wenn ich es nicht etwa vorher verkaufen kann. Das ist Capri, wie ich es erlebt habe.«

»Sag mal, Leo, was will denn die Tante da vorne auf dem Felsen? Ich meine, wenn man schwimmen will, muß man die Hände geschlossen nach vorne strecken und dann mit dem Kopf voraus hinunter.«

»Ach, du bist unausstehlich. Käthe,« – und sie gab ihr einen Klaps in den Nacken. – »Ich glaube wahrhaftig, du gehst besser schleunigst nach Haus zu deinem Bussi.«

»Ja, du mein liebes Herrgöttle, was soll ich denn mit der Geschichte anfangen? Ich bin halt dumm und hab nichts dazugelernt.«

»Was sagst du denn, Martha?«

»Das Meer ist entzückend schön, soweit es schon auf dem Bild ist. Aber ich meine, – ich weiß nicht, – wozu steht das Mädel eigentlich da? und so … so wüst?«

Käthe lachte laut auf und klatschte in die Hände. Leonore blieb ruhig, legte ihre Hand auf Marthas Schulter und sprach gemessen, würdevoll, mütterlich.

»Siehst du, Kind, du hängst noch zu sehr an dem rein Äußerlichen. Das Meer gefällt dir; in solch einer Landschaft könntest du schwärmen. Das hab ich auch einmal getan. Aber den tieferen Menschheitsgedanken, den ich hier verkörpert habe, den findest du noch nicht. Du bist ja noch zu sehr Kind, zu wenig Mensch mit tiefem Erleben. Das vollblütige Weib auf dem Felsen ist der Jubelschrei der Menschheit, sich eins zu fühlen mit der großen göttlichen Natur. Sie ist Jubelschrei, Anbetung, Glücksrausch und Göttin in einer Verkörperung. Und das ist sie nur so wie sie dasteht. Jeder überflüssige Fetzen, den ich ihr umlegen würde, wäre eine trennende Schranke zwischen ihr, das heißt dem Menschen überhaupt, und der Natur, wäre eine Dissonanz in der großen Harmonie. Mit den Begriffen von Gut und Bös, die man dir anerzogen hat, kannst du kein richtiges Verhältnis zur reinen Kunst finden.«

»Leo, verdirb mir nicht die Unschuld vom Lande!«

»Und ich mag es auch nicht finden. Ich meine, es gibt so viel Schönes in der Kunst, daß man das Gefährliche und das, was sich nicht paßt, gar nicht zu suchen braucht.«

»Wenn du für Kinder deine Grundsätze aufstellst, hast du in etwa recht, aber, wer den Kinderschuhen entwachsen ist, meine Liebe, der muß auch allmählich frei und reif werden.«

»Ach laß mich aus mit dem Gerede.«

»Puh, Unschuldchen, was denkst du dir denn Grusliges bei der Tante da auf dem Felsen. Ich finde nichts dabei und bin doch auch noch nicht so alt und gereift wie unsere würdige Leo.«

»Jetzt wirst du wieder eklig, Käthe. Ein Kind von neunzehn Jahren sollte etwas mehr Ehrfurcht vor dem Alter haben.«

Martha war an den Tisch getreten und fingerte nervös in einer großen Mappe mit Skizzen und Studienblättern; das Weinen war ihr näher als das Lachen.

»Komm, Kind, ich will dir ja nicht wehe tun; ich bin nun einmal so ein Hallodri. Ich kann auch die tiefschürfenden Worte der guten Leo nicht ausstehen. Warum? Nun weil ich einmal die Käthe Zeisig bin und an einem halben Pfund Pralinés und einem herzhaften Kuß mehr Freude habe als an allen gemalten Tanten und Landschaften der Leo und aller Maler zusammengenommen. Warum ich denn mit der schrecklichen Leo Freund bin? Nun, das werden Sie schon bald sehen, wahrscheinlich noch heute abend. – Da, rauchen Sie die Friedenspfeife mit mir.«

Sie zog ein silbernes Zigarettenetui hervor und hielt es geöffnet Martha hin.

»Ich danke, Fräulein, ich rauche nicht.«

Leonore hatte unterdessen schon hineingegriffen, brannte die Zigarette an und hielt Käthe das Streichholz hin.

»Na nur zu! Dann lernen Sie's. Hier sieht's keiner. Allons, nehmen Sie eine Zigarette, sonst werde ich Ihnen ewig feind sein, und was das heißt, Käthe Zeisig zur Feindin haben, das sollen Sie dann schon erfahren.«

Käthe bot mit eleganter Verbeugung und drohend erhobenem Finger der verlegenen neuen Freundin das Etui wieder an.

Plötzlich überkam Martha eine übermütige Laune. Sie griff zu, – warum auch nicht? – drehte das dünne seine Ding ein paarmal zwischen den Fingern und steckte es zwischen die Lippen.

Da mußte sie lachen. Käthe und Leonore reichten ihr zu gleicher Zeit zwei brennende Streichhölzer hin, und mit eingezogenen Backen sog sie den süßlichen Rauch ein und paffte ihn mit offenem Munde aus.

Käthe krümmte und schüttelte sich vor Lachen und warf sich auf das Liegesofa und strampelte mit den Füßen.

»Du, Leo, darüber kann man einen großartigen Roman schreiben: ›Die Verführung im Atelier oder Der blaue Dunst bei Capri‹. He, wäre das nicht fein?«

Martha hüstelte und wischte sich mit dem Handrücken die tränenden Augen. Aber sie setzte tapfer durch, was sie einmal begonnen hatte. Bei ihren kräftigen Zügen und verschiedentlichem Hineinblasen war die Zigarette bald bis zum Goldmundstück heruntergebrannt.

»Noch eine gefällig, verdorbene Unschuld?«

»Nein, ich danke für heute.« Bah, wenn diese Käthe Zeisig doch nicht immer so – so – komisch redete!

»Sieh da, Leo, ›für heute‹ sagt der Backfisch! Also später wird das Laster fortgesetzt! Noch so jung und schon so verdorben.«

»Jetzt macht aber, daß ihr fortkommt. Es ist schon gleich zwölf Uhr, und ich will noch ein Stündchen ungestört arbeiten.«

»O Leo, tu uns das doch nicht an! Ich möchte dich so gerne einmal bei der Arbeit sehen, das Genie in seiner Werkstatt belauschen.«

»Nein, das geht nicht. Marsch, hinaus! Ich kann nicht malen, wenn einer hinter mir steht.«

»Ich geh aber nicht.«

»Und du gehst doch! – Martha, sei so gut!«

Sie packte Käthe bei den Schultern und schob sie zur Türe. Martha folgte. »Zeig dem Kind draußen den Weg nach Hause, und auf Wiedersehen heute abend.«

»Du bist sehr liebenswürdig, Leo, aber es ist schon recht, wir gewinnen so noch Zeit, einen kleinen Bummel zu schmeißen.«

Käthe ließ Martha vorgehen und schlug die Türe hinter sich zu.

»Nein, Fräulein, verzeihen Sie, ich gehe doch lieber gleich nach Hause. Ich könnte vor dem Essen noch ein paar Briefe schreiben an alte Institutsfreundinnen. Ich habe schon so viel erlebt, daß ich fast einen dicken Band schreiben könnte.«

Das war nur ein Vorwand. In Wirklichkeit war es Martha peinlich, mit Käthe über die Straße zu gehen.

»Wie Sie wollen, Unschuldchen, aber die Briefe werden Sie sich noch abgewöhnen. Bald tut's auch eine Ansichtskarte, und dann wird es ganz aufhören. Solche Briefe an Freundinnen sind so fad; da ist kein Saft und keine Kraft drin. Wenn man Briefe schreibt, dann müssen es schon Liebesbriefe sein. Das ist etwas Pikantes, besonders wenn man so einen nach dem anderen an der Nase herumführt.«

»Ich kann auch die Gecken nicht leiden, die einem auf Schritt und Tritt Komplimente und süße Gesichter machen.«

»Pah, so habe ich es nicht gemeint. Die sind mir gerade sehr amüsierlich. Die Kerle kriechen vor mir und sind glücklich, wenn ich ihnen die Reitpeitsche lächelnd um die Ohren haue. Am schönsten ist es, wenn jeder von ihnen meint, er sei der einzige von mir Beglückte. Und ich hab doch eine ganz wohlgeordnete Sammlung der erlesensten Liebesbriefe. Der eine tut süß und dumm, der andere geistreich, der dritte schwärmt, der vierte macht nebenbei in tiefen Problemen, der fünfte ist frech und unverblümt – und so geht es weiter, eine bunte Menagerie.«

Martha hörte kaum mehr zu. Sie war fast betäubt von den Blicken, mit denen vorübergehende Herren ihre Begleiterin verschlangen. Und wie auffallend oft sie von Offizieren und Studenten gegrüßt wurde! Nenn sie doch schon zu Hause und dieser Käthe mit ihrer herausfordernden Toilette ledig wäre! Ob sie denn gar nichts merkte? So dumm konnte sie doch nicht sein. Oder war das alles Absicht?

Endlich war sie an ihrem Ziel angelangt, und sie fühlte sich erleichtert, als sie allein die Treppe hinaufstieg.

Tante war nicht da, sie machte Besuche. So konnte Martha sich auf ihrem Zimmer mit dem Erlebten beschäftigen. Alles ging ihr bunt durch den Kopf herum. Da sah sie auf dem Schreibtisch einen dicken Packen Ansichtskarten liegen. Das war doch sehr aufmerksam von Tante. Sie griff zur Feder und schrieb eine an den Vater, eine an Babette und ein halbes Dutzend an alte Freundinnen. München sei entzückend schön, sie sei ganz toll und dumm von allem, was sie an dem ersten halben Tag gesehen hätte.

Nach einem kurzen Mittagsschläfchen ging Martha mit Tante und Leonore zur Bahn, Richard abzuholen.

Kurz nach drei Uhr lief der Zug ein. Sie kannte den Vetter nicht mehr, so hatte er sich verändert. Die Röte stieg ihr bis unter die Haare, als der Leutnant ihr die Hand gab und ihr mit tiefer Verneigung ein Kompliment über ihre Schönheit machte. Sie hätte kein junges Mädchen sein müssen, wenn sie sich nicht stolz gefühlt hätte, mit dem hochgewachsenen Offizier mit dem flotten, blonden Schnurrbart und dem sonnengebräunten Gesicht in einer Reihe über den Bahnsteig und durch die Halle gehen zu dürfen. Und Richard wandte sich nach der ersten Begrüßung von Mutter und Schwester mit ausgesuchter Galanterie an Martha. Hei, war das ein prickelndes Gefühl! Sie meinte, die vorübergehenden Damen betrachteten sie eifersüchtig.

Auf dem Bahnhofplatz stieg man in ein Auto. Richard blickte scharf über den weiten Platz zu den Inseln der elektrischen Bahn hin, als wollte er seine Vaterstadt mit den Augen begrüßen. Martha folgte unwillkürlich seinen Blicken.

War das nicht Käthe Zeisig, die da zum Auto hingewandt in feuerroter Bluse stand und herüberlächelte? Nur einen Augenblick, dann war sie in der ab- und zugehenden Menge verschwunden. Aha, also daher pfiff der Wind!

Wie Martha dem Vetter gegenübersaß, gingen ihre Gedanken in die Kindheit zurück, und sie erinnerte sich ihrer Kinderschwärmerei für den Gymnasiasten. Was ihr damals so gefallen hatte, waren des jungen Mannes offene, leuchtende Augen. Der Augen wegen hatte sie seine Haare gestreichelt, seine Hände getätschelt, seinen Hals umschlungen und seine Wangen geküßt. Wo waren jetzt diese Augen? Der Blick flackernd und übernächtigt. Den stattlichen Wuchs mußte sie bewundern, aber die Augen konnte sie nicht mehr lieben.

Zu Hause angekommen, ging sie auf ihr Zimmer. Sie wollte Tante und Leonore in den ersten Stunden mit dem Sohn und Bruder allein lassen. Man ließ sie auch ungestört gehen. Sie öffnete die Schubladen des Tisches und kramte in ihren Briefen und Andenken. Hier und da meinte sie einmal ein lautes Wort aus dem anderen Zimmer herüberzuhören, aber sie versenkte sich so in ihre lieben Träume, daß sie gar nicht merkte, wie die Zeit verstrich.

Da klopfte es und das Stubenmädchen trat ein. »Die gnädige Frau schickt mich, ich soll Ihnen zur Toilette helfen. Die Friseuse ist noch beim gnädigen Fräulein beschäftigt; sie kommt aber gleich herüber.«

Martha sprang auf. Ach, an das Essen ihr und dem Vetter zu Ehren hatte sie gar nicht mehr gedacht. Was sollte das werden? – –

III.

Frau General Trenkler empfing im Salon neben dem Eßzimmer. Martha kam eben herein, als draußen schon die ersten Gäste schellten. Leonore unterwarf eben den Tisch noch einer letzten Prüfung. Jetzt kam sie zurück und sah Martha.

»Aber, Kind, was fängst du denn da an? So willst du in Gesellschaft gehen? Hast du denn keine ordentliche Toilette? Du siehst ja aus, als kämst du zu einem Kaffeekränzchen von Backfischen.«

Martha schaute an sich hinunter. Sie hatte doch ihr duftigstes Kleid angelegt. Ganz weiß mit Heckenrosen. Und als sie sich im Spiegel beschaut hatte, war sie mit sich selbst zufrieden gewesen und hatte sich über ihre frische Schönheit gefreut. Und nun dieser Empfang. Es würgte ihr im Halse, und sie hätte am liebsten geweint vor Wut und Enttäuschung.

»Wenn du mich nicht in Ruhe läßt, reise ich morgen wieder ab. Ich habe es sowieso dick. – Pfui, wie kannst du dich so vor deinen Bruder hinstellen!«

»Martha, ich glaube, es ist gut, wenn du dich etwas mäßigst. Auch ich finde es höchst unschicklich, daß du wie ein Institutsmädel in Gesellschaft gehst.«

Der Lohndiener öffnete die Tür und meldete: »Fräulein Reiber und Herr Oberleutnant Reiber.« Frau Trenkler erhob sich und setzte ihre liebenswürdigste Miene auf. Richard kam aus dem Nebenzimmer gestürzt und streifte mit einem spöttischen Blick Martha.

Gegenseitiges Begrüßen und Vorstellen Marthas. Otto und Richard schüttelten sich kräftig und lange die Hände.

Als Oberleutnant Reiber Martha die Hand küßte, ging ihr eine heiße Welle durch den Körper. Wo hatte sie den Herrn doch schon gesehen? Ach, in ihren Mädchenträumen! Ja, so war er, ganz so! Herrlicher, stattlicher Wuchs, blondes Haar, blaue Augen; nicht zu martialisch, mit einem Zug feiner Vergeistigung! Es kribbelte und brannte in ihrem Hirn, und sie ließ ihr Auge eine Weile auf ihm ruhen, als er die anderen begrüßte.

Jetzt hatte Leonore ihren Blick gesehen und sie verstanden. Sie lächelte kaum merklich, aber spöttisch, und wandte sich mit aufdringlicher Vertraulichkeit, die die alte Bekanntschaft markieren sollte, an den Oberleutnant. Der nahm aber wenig Notiz von ihr und zog Richard mit sich in die Fensternische.

Maria Reiber gesellte sich zu Martha und fragte sie, ob sie sich in den paar Stunden schon mehr eingelebt habe, und Martha erzählte ihr von dem Besuch in Leonorens Atelier, daß sie aber vieles noch nicht verstehe. Dabei blickte sie Maria mit strahlenden Augen an. Sie sah in ihr den Bruder. Als die Tante und Leonore einem neueintretenden Gast entgegengingen, schaute sie auf den kleinen Halsausschnitt Marias und fragte zutraulich:

»Sagen Sie, Fräulein, kann ich denn so wie ich bin nicht in Gesellschaft gehen? Ich habe deswegen schon einen Streit mit Tante und Leonore gehabt.«

»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Sie kennen ja die Sitten. Ich für meinen Teil deute sie nur an, und bis jetzt hat man mir den Kopf noch nicht abgerissen.«

Die Neueingetretene war Käthe Zeisig. Sie drehte und wendete sich vor den Damen und Herren und tat, als sei sie die Hauptperson. Man sah, daß sie ihre glitzernde Toilette und ihre vermeintlichen Reize bewundern lassen wollte.

Absichtlich hielt sie sich eine Weile bei den Frauen auf und tat, als bemerke sie Richard nicht. Dann begrüßte sie ihn mit kalter Verneigung, aber ihre Augen brannten wie loderndes Feuer.

Otto Reiber begrüßte sie kurz und wandte sich ostentativ Martha zu und behandelte sie mit auszeichnender Liebenswürdigkeit. Man konnte deutlich sehen, wie er Gefallen an ihrer ungekünstelten Natürlichkeit fand.

Leonore trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und biß sich auf die Lippen. – Hoppla, fängst du so an! – Und da hat Mutter noch die Eselei begangen, das grüne Ding mit dem Oberleutnant zusammenzubestimmen, nur damit meine und ihre Absicht nicht zu batzig heraustreten soll. Na, warte, ich sitze ja an der anderen Seite Ottos! – Sie ließ verstohlen ihre Blicke über ihre eigene Gestalt gleiten und fand, daß sie doch nicht ganz ohne Reize war, und darauf baute sie bei Otto auf. Auch ihr Geist würde in der Unterhaltung leicht über den simplen Backfisch obsiegen.

Neue Gäste unterbrachen ihre Siegesträume.

Tante Hofrat Therese Laubig, eine entfernte Kusine der Frau General, trat ein und hinter ihr Herr Dr. Kuno Sander und Frau.

Das alte Tantchen, eine kleine, schmächtige Figur, in einfacher, schwarzer Seidenrobe und glattgescheiteltem weißem Haar, hob bei der Begrüßung die Hornlorgnette und schaute jeden prüfend an.

»Ach, das ist die kleine Martha. Grüß Gott, Kind! Wie gefällt es dir denn in München?« Und sie umarmte das Mädchen und küßte es auf beide Wangen. »Gott segne deinen Eingang und Ausgang. Komm mich bald auch einmal besuchen. Leonore kann dir ja den Weg zeigen. Ach, ist das schön, wenn man noch so ein frisches junges Mädchen ist!«

Ihre Stimme zitterte etwas, und sie blies nach jedem halben Satz die Luft durch die Nase. Martha meinte, das mache sich überaus komisch.

Indem Tante Laubig weiter zu Richard ging, der mit seinen Blicken Käthe verschlang und in seiner intimen Unterhaltung die alte Dame nicht bemerken wollte, wurde Martha Herrn und Frau Dr. Sander vorgestellt. Die beiden trennten sich aber gleich wieder von ihr. Sie schienen nicht ganz bei der Sache zu sein und jemanden zu suchen.

»Dreieckige Ehe, gnädiges Fräulein,« sagte Otto Reiber halblaut zu Martha. »Werden bald sehen.«

Martha schaute ihn erstaunt an und ließ den Blick fragend zu Maria hinübergleiten. Da wurde ihr auch schon Herr Ingenieur Dr. Heinrich Knopp vorgestellt, den der Oberleutnant sehr kühl und förmlich behandelte.

»Na, da ist ja auch schon die andere. Haben gnädiges Fräulein schon die Wahlverwandtschaften gelesen? Ähnliches Techtelmechtel ist auch hier.«

»Fräulein Ada Lob, Fräulein Martha Halden, meine liebe Kusine.« Und weiter ging's.

»Machen Sie mal heute abend die Augen auf, gnädiges Fräulein, und Sie werden allerlei sehen. Bagage das! Die Lob ist Philosophin und Sander Philosoph; das wird schon mal zum Krach kommen.«

Frau General überschaute flüchtig die Gruppen der Gäste. Es waren noch nicht alle da. Sorbings fehlten noch. Die kamen aber auch immer zuletzt. Die hausbackene Frau konnte sich nie von den Kindern losmachen. Und man mußte sie doch einladen. Alte Verpflichtungen, na ja.

Da kamen sie endlich. Er, Rechtsanwalt Dr. Sorbing, mit einem höchst unmodernen schwarzen Vollbart, und sie, Frau Elisabeth, eine mittlere, unscheinbare Figur in blauseidenem Kleid mit kleinstem Ausschnitt. Sie kamen noch Arm in Arm durch die Türe. Frau Sorbing schüttelte Martha frisch die Hand, als kannte sie sie schon lange Zeit, und das Mädchen fühlte sich unwillkürlich zu der Frau mit dem offenen, jugendlichen Sinn hingezogen.

Nun ging man zu Tisch. Martha war glücklich, von Otto Reiber geführt zu werden, und als er sie fragte: »Roten oder Weißen?«, sagte sie wie aus innerer Notwendigkeit: »Roten.« Er sprach ihr so schön von den Reizen ihrer Heimat, die er von Reisen her kannte. Sie brauchte sich gar nicht sonderliche Mühe zu geben, geistreich zu erscheinen. Die Unterhaltung floß frisch und natürlich voran. Leonore zur Linken Ottos, eigentlich Dr. Sorbing zugeteilt, horchte wie ein Schießhund auf die Unterhaltung zu ihrer Rechten und versuchte immer wieder sich hineinzudrängen. Aber sie wurde jedesmal von Otto kurz abgespeist. Das ließ in Martha das Glücksgefühl über den alleinigen Besitz ihres Tischherrn von Minute zu Minute wachsen.

Richard sorgte gut für Käthe, die dem Wein reichlich zusprach und immer übermütiger und in ihren Kokettierkünsten immer frecher wurde. Des Leutnants Augen flackerten immer glühender. Otto beobachtete ihn scharf, indem er mit Martha sprach und ängstlich bemüht war, daß sie das Paar nicht gewahrte. Er hatte eine tiefe und warme Sympathie für das Mädchen gefaßt.

Bis jetzt hatte Dr. Knopp Frau Sander unterhalten, wie es seine Pflicht war, und Dr. Sander seine Tischdame, die Philosophin.

Da kam der Sekt und man wurde intimer. Zwischen den Paaren stand die Wahrheit auf. Richard legte seinen Arm auf die Stuhllehne Käthes, Frau Elisabeth Sorbing erzählte begeistert von ihren Kindern, Dr. Sander machte intimere Scherze mit Ada Lob, und Frau Sander erwiderte die heißen Blicke Dr. Knopps.

Endlich hob man die Tafel auf. Martha erhob sich mit glühendem Kopf und machte in ihrer Verwirrung das Kreuzzeichen zum gewohnten Tischgebet. Das sah Käthe Zeisig und lachte. Sofort schlug Otto Reiber auch ein Kreuz und blieb einen Augenblick stehen. Da faßte sich Käthe zusammen, denn sie wollte doch nicht mit dem Oberleutnant anbinden. Martha warf ihm einen dankbaren Blick zu. Er aber tat ganz selbstverständlich und führte sie in den Salon, wo der Kaffee serviert wurde, und stellte sich mit ihr in eine Fensternische.

Käthe ging gleich auf den Flügel zu und schlug einen übermütigen Operettenwalzer an. Richard lehnte sich auf den Deckel und schaute ihr ins Gesicht.

Tantchen Hofrat drückte sich in eine Sofaecke und kaute an ihren falschen Zähnen. Frau Edeltraud setzte sich neben sie und tuschelte vertraulich mit ihr. Die anderen saßen und standen so zusammen, wie sie bei Tisch gesessen hatten.

Leonore blätterte in einem Stoß Noten herum, war aber anscheinend durchaus nicht bei der Sache; denn sie nahm dasselbe Heft vier-, fünfmal in die Hand und legte es wieder weg.

Maria Reiber ging zu ihrem Bruder und Martha hinüber. »Nun erzählen Sie uns etwas von ihren Streichen aus dem Institut. Sie haben doch sicher viele Streiche ausgeführt.«

Martha lachte und erzählte lebhaft, wie sie eine Lehrerin nachgemacht hatten, die alle A wie ein O sprach, wie sie nachts im Schlafsaal mit Pflaumenkernen geworfen und im Institutsgarten das Fallobst genascht hatten, und ähnliche Backfischstreiche.

Als Käthe ihren Walzer beendigt hatte, standen Dr. Sorbing und Frau auf und verabschiedeten sich. Sie mußten nach Hause wegen des Kleinsten; auf das Mädchen sei kein Verlaß. Frau Elisabeth war wieder sehr liebenswürdig gegen Martha und lud sie ein, sie recht bald einmal zu besuchen, und ihre Kinder zu sehen, sie hätte sicher Freude an Kindern.

»O ja, sehr, ich habe mir immer einen kleinen Bruder gewünscht.«

»Aber, Fräulein, warum nicht einen großen?«

»Weil man von einem großen Bruder immer als dummes Gänschen behandelt wird, wie meine Freundinnen klagen; einen kleinen Bruder aber kann man bemuttern, und das ist schön.«

Die Röte, die ihr dabei ins Gesicht stieg, stand ihr so gut, daß Otto beinahe das Gefühl mit dem Verstand durchging.

Leonore hatte ein Mittel gefunden, Otto Reiber von Martha loszureißen. Sie drehte sich vom Klavier um und klatschte in die Hände.

»Wer von den Herren erfreut uns jetzt mit einem kleinen musikalischen Vortrag? Eine Dame hat angefangen, jetzt dürfen die Herren sich nicht blamieren.«

Sie wußte, daß keiner der Herren außer Otto Reiber musikalisch war und daß der Oberleutnant sich nicht zierte. Ihre Berechnung war richtig. Otto ließ seine Schwester mit Martha stehen und setzte sich an den Flügel. So, nun hatte Leonore ihn bei sich und würde ihn nach dem Vortrag nicht loslassen.

Ein schelmisches Lächeln huschte über Ottos Gesicht, dann wurde es plötzlich ernst. Er schlug ein paar Akkorde an und sang Schuberts »Kreuzzug«.

Als er die ersten Worte gesungen, wurde es ringsum still. Martha trank die Töne durstig in sich hinein. Maria Reiber beobachtete sie still und sinnend. Das Mädchen sehnte sich nach Liebe und glaubte sie in ihrem Bruder zu finden. Sie studierte das Gesicht und die Augen Marthas. Das Auge hing an dem Sänger und verlor sich ganz in ihn. Martha ließ sich von ihrem schwärmenden Gefühl ganz hinnehmen und war sich in ihrer Seligkeit gar nicht bewußt, was sie tat.

Das war der älteren Studentin eine interessante Beobachtung. Sie freute sich halb über Martha, wie sie so offen und unbefangen sich gehen ließ, halb bemitleidete sie ihr Gefühl. Auch sie hatte vor Jahren ihren Backfischschwarm gehabt, und es fiel ihr heute noch schwer, ihn zu bereuen. Es war ein duftiger Frühlingstraum gewesen, bis sie die Mutter eines Tages in aller Ruhe und Liebe mit Ernst auf das Natürliche, aber auch Charakterverderbende dieses Schwarmes aufmerksam gemacht hatte.

Ach ja, auch heute noch, wo sie sich doch eigentlich ganz der Wissenschaft hingegeben hatte, konnte sie manchmal schwärmen, sehnte sie sich nach Liebe, träumte sie von einem runden, weichen Kinderärmchen, das sich ihr um den Hals legte.

Welche Rolle spielte die Sehnsucht nach Liebe im Leben der anwesenden Frauen! Martha erwachte unbewußt zum Mädchen in ihrem unschuldigen Schwarm für Otto; Leonore suchte Liebe und fand sie nicht; Käthe war ganz Weibchen, sie hatte sich längst an den Liebesdrang verloren, der sie früher oder später ganz ins Verderben reißen würde; Frau Sander hatte, trotzdem sie in der Ehe lebte, ihren Liebesdrang noch nicht gezügelt, ihr Fall war nur eine Frage der Zeit; Ada Lob log sich und anderen vor, daß sie über die Liebessehnsucht hinaus sei und nur der Wissenschaft lebe; Frau Sorbing war im stillen, glücklichen Besitz reiner Liebe, sie ging ganz auf in ihrem Gatten und ihren Kindern, außer ihnen kannte sie nichts auf der Welt, und sie, Maria, selbst? Ach, sie mußte nur zu gut, wie schwer es ist, auf alle Liebe zu verzichten, und wie sich doch immer wieder die Liebessehnsucht im Herzen Bahn bricht, so daß sie manchmal über sich selbst lachen, auch oft weinen mußte. Sie wurde ernst und traurig; und nun träumte auch sie wie Martha, während ihr Bruder sein Leiblied vortrug, das er so gerne, um des Gegensatzes willen, in eine übermütige Gesellschaft hineinsang:

»Ein Münich steht in seiner Zell'
Am Fenstergitter grau,
Viel Rittersleut' in Waffen hell,
Die reiten durch die Au.

Sie singen Lieder frommer Art
In schönem, ernstem Chor,
Inmitten fliegt, von Seide zart,
Die Kreuzesfahn' empor, die Kreuzesfahn' empor.
Sie steigen an dem Seegestad
Das hohe Schiff hinan,
Es läuft hinweg auf grünem Pfad,
Ist bald nur wie ein Schwan.«

Nun wurde die Anfangsmelodie zur Begleitung, und indem der Sänger seinen Text weitersang, führte die Begleitung den Zuhörer mit den Kreuzfahrern vom Strand hinaus auf die See. Martha sah die Segel sich im Sonnenglanze blähen und wie weiße Schwäne in die blaue Ferne schweben. Dabei wurde ihr so weh und so warm zugleich. Sie hätte am liebsten Otto umarmt und unter Tränen geküßt.

»Der Münich sieht am Fenster noch,
Schaut ihnen nach hinaus:
›Ich bin wie ihr ein Pilger doch
Und bleib ich gleich zu Haus.

Des Lebens Fahrt durch Wellentrug
Und heißen Wüstensand,
Es ist ja auch ein Kreuzeszug
In das gelobte Land,
In das gelobte Land‹.« – –

Das Lied der Kreuzfahrer verklang in der Begleitung leise, leise wie in den Wolken verschwimmend. Otto Reiber ließ die Hände noch einen Augenblick auf den Tasten ruhen, drehte sich dann mit einem Ruck herum und stand auf. Das war aber gegen den Plan Leonorens.

»Aber, Herr Oberleutnant, jetzt müssen Sie mir zu einem ungarischen Tanz von Brahms die Noten umwenden.«

Sie schob schnell das schon geöffnete Heft auf das Notenpult und setzte sich auf den Klavierstuhl.

»Gerne werde ich Ihnen den Dienst tun, gnädiges Fräulein.«

Otto hatte mit seinem Lied Leonore ein schweigsames Publikum verschafft. Alle waren nachdenklich geworden. Nur Käthe zeigte ihr fades Lächeln und spielte hinter dem arabischen Rauchtischchen mit Richards Hand. Die alte Frau Hofrat rief mit ihrer zitternden Stimme zu Otto hinüber:

»Es war schön von Ihnen, Herr Oberleutnant, daß Sie uns etwas vom Himmel gesungen haben.«

Das war der guten Dame ernst gemeint, und deshalb wagte auch keiner eine spöttische Bemerkung. Nur Richard flüsterte Käthe zu: »Mein Himmel ist bei dir,« und Dr. Knopp blickte Frau Sander vielsagend in die Augen. Tante Therese schaute gerade mit ihrem Lorgnon zum Flügel hinüber, wer da jetzt spielte, und streifte mit einem Blick Dr. Knopp und Frau Sander. Das Paar gefiel ihr nicht.

»Sag einmal, Edeltraud, hältst du eine Freundschaft, eine reine Freundschaft, zwischen einem Mann und einer Frau auf die Dauer für möglich?«

»Du meinst, daß sie gute Kameraden sind, ohne jede Nebenabsicht?«

Die beiden Damen hatten etwas lauter gesprochen, als sie vielleicht gewollt hatten. Ada Lob hatte sie verstanden und lauschte hinüber.

Otto hatte gerade Leonore das Blatt gewendet und sah, daß das Stück auf der folgenden Seite unten rechts schloß. Sofort zog er sich leise zurück und setzte sich an den Tisch zu Frau Trenkler. Leonore wandte einen Augenblick den Kopf und sagte ein paar Worte, die er aber nicht mehr hörte. Die Frau General biß die Lippen ungeduldig und rückte mit den Füßen hin und her.

Nun, jetzt saß er ja wenigstens bei der Mutter, und Leonore konnte ohne aufzufallen zu ihr und somit in seine Nähe kommen. So ganz schlau war der Oberleutnant doch noch nicht; vielleicht hatte er es vermeiden wollen, wieder zu Martha zu gehen, und so war er in ihre Schlingen geraten. Aber die schreckliche Tante Hofrat hielt zäh an ihrem Thema fest. Sie beäugte die Umstehenden durch ihr Glas und wiederholte ihre Frage ein wenig herausfordernd laut.

»Nun, was meinst du, Edeltraud, hältst du eine Freundschaft oder Kameradschaft, wie du es nennst, zwischen einem Mann und einer Frau für möglich?«

»Was meinst du damit, Tante?« warf Leonore, die gerade vom Flügel herkam, mit spitzem Ton dazwischen und spielte nervös mit dem gestickten Tischläufer. Sie kannte die alte Frau Hofrat und wußte, daß eine solche Frage fast immer der Anfang einer Skandalgeschichte war.

»Was denkst du, Leonore?« mischte sich Ada Lob dazwischen, »Frau Hofrat will nur eine interessante psychologische Frage anschneiden. Sie spricht natürlich nur in thesi, will sagen so im allgemeinen.« Ada sprach mit hochrotem Gesicht sehr akzentuiert.

»Gewiß, gewiß, liebes Fräulein; wir Alten beobachten allerdings bei der heutigen Jugend so allerlei. Aus den Tatsachen möchten wir uns dann gerne eine Theorie bilden.«

Maria Reiber kam auch auf den Tisch zu und lehnte sich hinter Frau Trenkler an eine Konsole. Martha folgte ihr, nur Otto Reiber im Auge.

»Wenn ihr ehrwürdigen, frommen Damen euch eure Theorien bildet, geschieht es nur zu oft, daß ihr Leute, die bis dahin sich gar nichts Böses gedacht haben, aneinander klatscht. So habt ihr schon manches hübsche Skandälchen zuwege gebracht.«

»Edeltraud, ich finde, deine Tochter ist eigentlich ungezogen. Aber lassen wir uns nicht in der Erörterung unserer Frage stören.«

Ada Lob legte ihre Arme auf den Tisch und sagte in selbstverständlichem Ton: »Ich sehe nicht ein, weshalb eine Freundschaft zwischen Mann und Frau, und ich sage ausdrücklich, auch zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau, unmöglich sein soll. Die höchsten und edelsten Freundschaften werden ja durch gleiche geistige Interessen geknüpft, und der Geist steht über dem Geschlecht.«

»Sie haben recht, gnädiges Fräulein, soweit die Theorie in Frage kommt, aber in der Praxis – –? Ich weiß, daß in den Kreisen der Gebildeten vielfach diese Theorie vertreten wird. Ibsen hat da vieles auf dem Gewissen. In der Praxis geht man aber bedeutend weiter als die erklügelten Bühnenmenschen Ibsens.«

»Ganz meine Ansicht, Herr Oberleutnant. Und sagen wir es gleich gerade heraus: Das Ende ist immer die Sünde. Nehmen wir nur zum Beispiel den Fall Her –«

»Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Frau Hofrat, wir wollten ja nur bei der Theorie bleiben und Namen aus dem Spiel lassen.«

»Ich wollte eben nur einen allgemein bekannten Fall anführen, um die Theorie besser zu beleuchten.

»Wenn der Fall allgemein bekannt ist, kann ihn sich ja jeder denken. Auf jeden Fall kommen wir dann nicht in den Ruf, einen allerliebsten kleinen Klatsch angezettelt zu haben.«

Das sagte er so bestimmt, aber auch so liebenswürdig, daß Frau Hofrat lachen mußte.

Maria sagte zu Martha: »Das hat er wieder mal fein gemacht. Du glaubst nicht, was hier in München in kleinen, abgegrenzten Kreisen, und besonders in unseren kleinen Städten geklatscht wird. Ich könnte dir Städtchen nennen, die nach außen wie ein Juwel aussehen, und drinnen hat sich die Lieblosigkeit und Feindschaft und Haß eingenistet nur durch den abscheulichen Klatsch. Und dabei sind es meistens gerade die sonst frommen Damen, die keinen besseren Leckerbissen kennen, als so ein recht saftiges Geratsche und Getratsche.«

Ada nahm das Thema wieder auf: »Ich finde, daß sich gerade die Gebildeten über die eingebildeten Vorurteile hinwegsetzen sollten. Wenn zwei Menschen sich verstehen, dann sollten sie eben dieses Sichverstehen zu ihrem geistigen Fortschritt und zur gegenseitigen Vervollkommnung ausnutzen, ohne jeden Hintergedanken von Liebe und Ehe und dergleichen.«

»Aber, gnädiges Fräulein, sehen Sie denn nicht, daß Sie das Vorhandensein von Hintergedanken, wie Sie so schön sagen, gerade dadurch beweisen, daß Sie sie ausmerzen und fernhalten wollen? Gewiß, wenn gerade das Weib sich frühzeitig zu einer Persönlichkeit erzöge, daß es Herr seiner Launen und unbewußten Liebe würde, und wenn der junge Mann sich frühzeitig beherrschen lernte, dann wäre – verzeihen Sie die Mißgeburt meines Gedankens – eine solche Freundschaft auch noch unmöglich, wenigstens auf die Dauer nicht zu wagen, wenn eine Ehe aus irgend einem Grunde unmöglich wäre. Deshalb ist es meine feste Überzeugung, die mir gerade beim Militär von Tag zu Tag wächst, daß es in unserer Jugenderziehung an der Stärkung des Charakters fehlt, bei den jungen Männern und besonders – Verzeihung, meine Damen! – bei den jungen Mädchen. Wenn Deutschland einmal zugrunde geht, dann geht es an den Frauen zugrunde, die jetzt heranwachsen. Der Himmel gebe uns bald einen Krieg, der uns zur Besinnung bringt.«

Martha fand sich vor Staunen nicht zurecht. Von solchen Ideen und Problemen hatte sie noch nie gehört. Was war doch Otto Reiber für ein Mann. Mit welcher Kraft und Entschiedenheit trug er seine Ideen vor, gleichgültig, ob er einem, der anderer Ansicht war, wehe tat oder nicht.

Die Philosophin fühlte sich besiegt, wenigstens wußte sie nichts mehr zu erwidern. Deshalb lenkte sie das Gespräch auf einen anderen Gegenstand, wo sie sich sattelfest glaubte.

»Ich meine, Herr Oberleutnant, wenn die Philosophie Kants und besonders seine moralischen Ideen von der Pflicht einmal ganz und gar den deutschen Geist durchdrungen haben, dann wird es um unser Volk und besonders um unser kraftvolles Deutschtum besser bestellt sein.«

»Ach, bleiben Sie mir fort mit Kant, liebes Fräulein,« winkte die Frau Hofrat ab, »das ist eine Philosophie, die Gott entthront hat und uns in der ganzen Welt lächerlich macht.«

Ada lächelte mitleidig. Otto Reiber meinte:

»Hol der Teufel alle Philosophie; ich verstehe nichts davon. Was Sie da sagen, gnädiges Fräulein, klingt sehr schön, und Kant mag auch nicht so dumm gewesen sein, aber wenn ich mich nicht von einem Herrgott in Raison nehmen lasse, dann pfeif ich den Kuckuck auf tausend kategorische Imperative. Und wenn ich mit meinem Verstand nicht an den Herrgott heranreichen, sondern nur so ein duseliges Gefühl von einem Gott und einer überirdischen Welt haben soll, dann ist für mich die ganze Welt ein großes Narrenhaus.«

»Ja, Herr Oberleutnant, Sie müssen sich auch bemühen, sich auf Kants Standpunkt zu stellen und ihn zu verstehen suchen. Sie scheinen nur zu sehr vom gewöhnlichen Menschenverstand auszugehen. Wir philosophieren doch, um tiefer in die Geheimnisse des Weltgeschehens einzudringen und nicht bei der naiven Anschauung eines Bauern stehenzubleiben.«

»Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, da komme ich mit meinem Kommißschädel nicht mehr mit. Eine Philosophie, die mir im alltäglichen Leben nicht dient, kann ich nicht gebrauchen. Ich bin ein Mensch wie alle anderen. Wenn mir mein Herrgott nicht die Kandare anlegt, schlage ich halt aus; soll ich mir sie selber anlegen, oder will man mir aufbinden, daß irgend ein unpersönlicher Schemen, der mich den Teufel schert, sie mir anlegt, dann werfe ich sie ab und lebe mich aus, wie man heute so schön sagt. Aber ich möchte mal sehen, wie man mit einer solchen Philosophie zum Beispiel in den Krieg zieht.«

Damit erhob und verabschiedete er sich mit der Entschuldigung, er müsse morgen früh schon um sechs Uhr auf dem Exerzierplatz sein, nachher habe er allerdings frei und werde gegen Mittag Richard besuchen.

Als er Martha die Hand reichte, schlug sie voll die Augen zu ihm auf und drückte seine Hand fester, als es gerade nötig war. Marias Hand schüttelte sie geradezu und dachte dabei an den Bruder. Unwillkürlich ging sie ein paar Schritte hinter ihnen her und gab Maria vor der Türe nochmals die Hand.

Auf der Straße sagte Otto zu Maria: »Du, die Kleine da oben schwärmt für mich. Das mußt du ihr austreiben. Ein ganz prächtiges Ding, aber ein Mädel, das zu sehr schwärmt, geht auf die Dauer in die Rüben.« – –

Wie einmal der Anfang des Abschiednehmens gemacht war, brachen nacheinander alle Gäste auf. Tante Hofrats Wagen meldete sich zuerst. Käthe Zeisig ließ sich zuletzt von Richard an den Wagen führen. In ihrer Sektlaune ließ sie sich völlig gehen und hing sich ganz an den jungen Offizier.

In den Räumen hing nun ein schaler Wein- und Zigarettendunst. Das Mädchen öffnete das Fenster, und die kühle Nachtluft verscheuchte mit einem Schlage all den glitzernden Schein, der sich aus dem Gesehenen und Gehörten in Marthas Phantasie gebildet hatte.

Sie gab Tante Edeltraud den Gutenachtkuß und wollte Leonore die Hand reichen.

»Du bist eine ganz unverschämte Intrigantin. Weißt du denn nicht, daß es sich für ein junges Mädchen gar nicht paßt, einen Herrn den ganzen Abend so festzuhalten. Du hast dich ja geradezu an Otto Reiber hingeworfen. Der muß einen netten Begriff von dir bekommen haben, und wir legen eine schöne Ehre mit dir ein. Das sind die Institutsmädel! Ich habe es immer gesagt: Doch wehe, wenn sie losgelassen!«

»Bitte, Leonore, Iaß deine Wut nicht wieder am Institut aus. Ich wüßte nicht, was ich heute abend Ungehöriges getan, hätte. Gute Nacht!«

Damit drehte sie sich um und ging. Die Türe schlug sie hinter sich zu. Gut, das kann auch der Wind getan haben. Auf jeden Fall läßt sie sich solche Anrempelungen nicht gefallen. Da kommt Richard die Treppe herauf. Sie sehen, umarmen und der Widerstrebenden einen Kuß auf den Mund brennen, ist eins.

»Was fällt dir ein! Du bist ja betrunken!«

»Na, Kindchen, ich darf dir doch einen Gutenachtkuß geben; ich bin dir noch manchen schuldig von früher, weißt du, wo du so sterblich in mich verliebt warst.«

Martha versuchte, sich von seiner Hand loszureißen.

»Pah, tu nur nicht so, du bist doch nicht viel anders als die Käthe Zeisig.«

Damit wollte er sie um die Hüfte fassen. Sie schlug ihn mit der Faust auf den Arm, lief in ihr Zimmer und drehte den Schlüssel herum. Sie lauschte. Auf dem Gang regte sich nichts. Dafür aber im Salon ein heftiger Wortwechsel, – Türenschlagen, dann Stille.

Martha riß das Fenster auf und ließ sich von der kalten, rauhen Nachtluft anwehen. Ihr Herz schlug hörbar, ihre Brust wogte. Erst allmählich fand sie sich zu sich selbst zurück.

War das die Welt und das Leben, das sie kennen lernen sollte? Sie warf sich an den Tisch und weinte. Aber da war es ihr, als fühlte sie einen Händedruck, als schaute sie ein frisches, männliches Gesicht mit strahlenden Augen an. Sie trocknete die Tränen, richtete sich auf und atmete tief und weit.

Nun war er fort, aber im Geiste fühlte sie ihn neben sich stehen. Ja, zu ihm konnte sie Vertrauen haben, an ihn konnte sie sich anlehnen, wenn sie schwach wurde. O Seligkeit, o Seligkeit! – War das die Liebe? – O wie schön, wie süß war sie dann!

Wann würde sie ihn wiedersehen, wann? Wenigstens seine Schwester und durch Maria ihn – ihn, das Ideal! Am liebsten hätte sie ihr Glück hinausgesungen in jubelnden Kadenzen. Sie warf sich in den Schwall ihrer Gefühle wie in ein sonniges Bad und ließ sich von ihren Wellen tragen und umschmeicheln, ganz willenlos hingegeben.

Sie hatte im Institut wohl einmal für eine Mitschülerin oder eine Lehrerin geschwärmt, aber eine solche Urgewalt der Liebe war noch nie über sie gekommen. Immer tiefer wollte sie darin untertauchen, Ausdruck und Gegenbilder ihrer Lust suchen.

Sie griff zu einem Stoß von Heften einer Salonfamilienzeitschrift, der auf einem Bücherständer neben ihrem Schreibtisch lag. Da mußte etwas drin sein, was ihrer Stimmung entsprach, ihr Worte und Bilder lieh. Hastig blätterte sie. Reizende Bilder! Wie hatte sie die früher doch nie verstanden? Jauchzende, schmachtende Liebe und immer wieder Liebe. Sie begann eine Novelle zu lesen. Liebeslust in Maienpracht. Und aus Liebe gingen die beiden jungen Menschen in den Tod. Vereint in den Tod. Gruselig, aber so süß!

Da berührte etwas in kurzem, weichem Anprall ihre Schläfe. Ein Nachtfalter. Er umschwärmte die Lampe. Andere kamen dazu. Martha horchte auf. Wie still war es ringsum! Richtig, die Elektrische fuhr nicht mehr, und in den Häusern waren die Lichter erloschen. Sie erschrak. Wenn jetzt wer aus dem Dunklen hinter einem Fenster sie beobachtete! Schnell schloß sie ihr Fenster und zog die Gardinen vor. Hu, schon ein Uhr! Nun aber schnell ins Bett! Erst noch das Abendgebet und ein Vaterunser, Zwei, drei, fünf für ihn! O, es betete sich so schön für ihn! Sie knipste das Licht aus und legte sich nieder und reckte die Arme, als wollte sie etwas ergreifen oder umfassen – ja, jetzt verstand sie Leonorens Capribild – und jubelte und betete und träumte wieder von einer grenzenlosen Seligkeit.

Martha wurde von dem Gerassel und Geläute der Straßenbahn geweckt. O, schon beinahe acht Uhr! Schon Zwei Stunden war er auf dem Exerzierplatz. Wenn sie ihn da sehen könnte!

Schnell machte sie Toilette und dann hinaus, zur Kirche. Auf der Straße senkte sie mehr als sonst die Augen. Sie wollte in der Phantasie ganz mit ihm allein sein, ganz ihm gehören. Wann und wo hatte sie doch schon einmal erzählen hören, daß sich zwei junge Menschen zum ersten Male sahen und gleich ganz davon durchdrungen waren, daß sie zueinander gehörten?

In der heiligen Messe betete sie fast nur für ihn, und daß der liebe Gott ihn wieder recht bald zu ihr führen möchte.

Als die heilige Kommunion ausgeteilt wurde, wollte auch sie gehen – sie war ja so fromm und andächtig gestimmt –, aber im letzten Augenblick fiel ihr ein, sie könnte vielleicht nach Mitternacht noch etwas getrunken haben. Das stimmte sie etwas traurig, und sie betete, als die Kirche sich leerte, noch eine Weile vor dem Bilde der »Immerwährenden Hilfe«.

Zu Hause angekommen, fand sie auf ihrem Zimmer das Frühstück bereit. Das Mädchen sagte, sie könne unmöglich so lange warten, bis die Damen zum Frühstück kämen. Dann zog sie ihr Tagebuch aus der Schublade und trug vom gestrigen und heutigen Tage nur ein mit Buchstaben, die die ganze Seite füllten:

»Otto«.

Sie hatte sich eine starke, steile Schrift angequält, – zwar hatte es Mühe gekostet, sie aus den naiven Kinderzügen zu entwickeln, – und nun saß sie vor dem einen vielsagenden Wort und träumte sich zurecht, wie nun ein neues Leben aufgehen würde, so ähnlich wie sie es gestern abend in der Novelle gelesen hatte, und wie ihr Charakter mit dem neuen Leben wachsen würde.

Eigentlich, – das fühlte sie zu deutlich, – waren die steilen Schriftzüge recht nichtssagend, eine Heuchelei, sie sollten andern einen Charakter, eine Persönlichkeit vortäuschen.

Die Riesenbuchstaben waren getrocknet, und Martha klappte das Buch zu. Was sollte sie anfangen? Etwas lesen! Die Novelle gestern abend war doch gar zu schön. Also noch eine!

Warum hatte man im Institut alle diese Sachen ferngehalten? Bisher hatte sie gar nicht gewußt, daß es so Schönes gab. Und sie las und las. Da standen ja auch recht geistreiche und wissenschaftliche Aufsätze. Halt, da war ja auch einer über den Mann mit dem komischen Namen: Friedrich Nietzsche! Doch interessant! Ja, jetzt ging ihr ein Licht auf über den Mann und das Buch mit dem feierlichen Titel »Also sprach Zarathustra.«

Aber war das auch nichts Böses? Nein, sie konnte nichts finden. Der Aufsatz war ja auch von einem Universitätsprofessor geschrieben. Und vorne in dem Heft stand eine Arbeit über die Madonnen Filippo Lippis mit vielen schönen Bildern, und hinten in den Zeitbetrachtungen war ein Porträt Kardinal Rampollas. Zwar ein Bild mochte ihr nicht gefallen, aber das war ja Kunst, und die Zeitschrift war auch offenbar nicht für Kinder. Gestern morgen hatte sie ja auch noch nicht Leonorens Bild verstanden, und gestern abend lebte sie es schon mit.

Ob er wohl heute morgen kommen würde, Richard zu besuchen?

Richard! Wie war er gestern abend abscheulich gewesen. Aber der andere! Wie nett, wie reizend! Wenn er kommt, muß ich ihn sehen.

Halt, Geräusch auf dem Gang! Nein, das kann er noch nicht sein, es ist erst zehn Uhr. Aber Tante wird aufgestanden sein.

Sie geht hinaus, sie zu begrüßen. Tante und Leonore sitzen beim Kaffee. Martha gibt sich unbefangen und natürlich. Die Tante grüßt freundlich und küßt sie. Leonore brummt hinter der Zeitung: »'n Tag.«

»Ich höre, daß du heute morgen wieder in der Kirche warst. Wenn du nächstens abends wieder so lange aufbleibst, schläfst du dich morgens aus. Ich bin für deine Gesundheit verantwortlich. Sonntags kannst und sollst du deine Pflicht tun, aber an Werktagen in die Messe zu gehen, ist zuviel. Das überlasse nur Tante Therese und ähnlichen alten Damen, die sonst keine Verpflichtungen mehr haben. Übrigens paßt dein Kirchenlaufen gar nicht zu deinem Benehmen von gestern abend. Ich muß auch mit Leonore sagen, daß du dich Herrn Oberleutnant Reiber an den Hals geworfen hast. Ich konnte dir gestern abend nichts sagen, aber Leonore hat dir das Unschickliche deines Betragens doch deutlich genug zu verstehen gegeben –«

»Aber, Tante, ich habe doch gar nichts getan, Herr Leutnant war doch selbst – –«

»Haha, du wirst unterhaltlich, Kind,« lachte Leonore laut auf. »Du bildest dir vielleicht gar ein, der Herr Leutnant sei von deiner liebenswürdigen Persönlichkeit entzückt gewesen. Na, da bist du aber auf dem Holzwege. Leutnants sind pikantere Mädels gewohnt als simple Backfische, der du doch schließlich einer bist trotz deines langen Kleides.«

»Bist du bald fertig, Leonore?« Martha setzte sich und lachte ihrerseits natürlich fröhlich auf. »Wenn du so weiter redest, muß ich noch meinen, du seiest eifersüchtig.«

»Pah, was du dir einbildest! Mich lassen alle Herren und besonders dieser Oberleutnant kalt. Ich lebe meiner Kunst, und das ist eine Liebe und eine Ehe, die alle anderen an geistiger Würde unendlich übersteigt. Aber davon hast du in deinem ungebildeten Verstand keinen Begriff.«

»Nein, Leonore, ich wollte dir ja nicht wehe tun. Bitte, seien wir wieder lieb zueinander.«

»Ach, keine Sentimentalitäten. Die liebe ich nicht. Unterschiebe mir lieber nächstens nicht mehr solche Dummheiten. Wenn du etwas nachdenkst, kommst du schon von selbst dahinter, daß ich mit Leutnant Reiber schon tausendmal hatte verlobt sein können, wenn ich gewollt hätte. Er verkehrt doch schon seit ungefähr vierzehn Jahren in unserem Haus, schon als er noch auf dem Gymnasium war und Papa noch lebte.«

»Leonore, ich will dir etwas sagen…«

»Aber bitte nicht wieder eine Frechheit!«

»Nein, – erwartest du denn eine auf das, was du eben sagtest? – Nein, ich wollte dir nur sagen, daß ich dein Bild allmählich doch nicht mehr für so ganz dumm halte.«

»Das ist ja eine sehr große Ehre für mich. Aber jetzt glaube ich doch, daß du verliebt bist.«

»Wer ist in wen verliebt?«

Das war Richard. Er hatte unbemerkt die Türe geöffnet und die letzten Worte Leonorens gehört. Nun ging er auf die Mutter zu und küßte ihre Hand. Dann zupfte er Leonore am Ohrläppchen und erhielt dafür einen Klaps in den Nacken. Zu Martha beugte er sich nieder und küßte sie unversehens.

»Richard, wenn du nicht artig bist, sag ich's.«

»Aha, fängst du schon so an?« trumpfte Leonore auf. »Ihr macht noch Martha ganz verrückt.«

Martha stand auf und ging hinaus.

Frau Edeltraud sagte ernst und vorwurfsvoll: »Ihr scheint es durchaus darauf abzusehen, das arme Mädchen durcheinanderzubringen. Wenn ihr ihm noch länger von Verliebtheit vorredet, dann müßt ihr euch nicht wundern, wenn es schließlich verliebt ist.« – –

Auf ihrem Zimmer griff Martha zu einem Roman und begann zu lesen. Aber sie war mit ihrem Geist anderswo. Deshalb mußte sie immer wieder eine oder zwei Seiten zurückblättern, weil sie den Zusammenhang verloren hatte. Sie lauschte und lauschte nach der elektrischen Klingel.

Da schellt es. Das kann er sein. Sie springt auf, greift zum Hut und schlendert den Gang entlang, als wolle sie ausgehen. Ach, es war nur der Laufjunge irgend eines Geschäftes. Beschämt ging sie wieder aufs Zimmer. Jetzt muß er doch bald kommen! Wieder schellte es. Der Briefbote. Und nach einer Weile wieder. Diesmal klopfte schon ihr Herz hörbar. Schnell stürzte sie den Hut auf den Kopf und sprang hinaus. Im Gang sagte sie dem Mädchen mit möglichst unbefangenklingender Stimme:

»Ich gehe nur ein wenig spazieren; ich bin bald wieder hier.«

Und schon stand sie in der Türe Otto gegenüber.

Sie tat erschrocken und erstaunt.

»Ah, gnädiges Fräulein wollen einen Spaziergang machen. Das tut gut nach einem solchen Abend wie gestern. – Empfehle mich, gnädiges Fräulein.«

Sie reichte dem Leutnant die Hand, die dieser leicht an die Lippen führte.

Jetzt mußte sie auch die Komödie zu Ende führen und die Treppe hinuntergehen. Aber sie war selig, besonders weil sie gebetet hatte, daß sie heute Otto treffen möchte und der liebe Gott ihr Gebet erhört hatte. Da mußte ihre Liebe doch etwas Ideales und Heiliges sein. Wenn sie nur gewußt hätte, wo die Reibers wohnten, dann hätte sie gleich Maria besucht und so vielleicht Otto nachher noch einmal getroffen. Aber sie konnte ja in eine Konditorei gehen und das Adreßbuch verlangen.

Hei, wie sie kühn geworden war! Sollte sie es wirklich? Sie ging aufs Geratewohl los und fand auch bald eine Konditorei. Was sollte sie essen? Einen Mohrenkopf, ihre Lieblingsleckerei. Sie bestellte gleich eine Tasse Kaffee und das Adreßbuch. Da stand eine ganze Reihe Reiber. Die konnten alle nicht die gesuchte Adresse sein. Aha, da! Otto Reiber, Oberst a. D., Giselastr. Das mußte Marias Vater sein.

Sie schlang hastig die beiden Mohrenköpfe hinunter und fragte das Fräulein nach der Giselastraße. Die Elektrische brachte sie bald ans Ziel. Maria war zu Hause.

»Ei, das ist aber nett von Ihnen, Fräulein, daß Sie mich besuchen.«

»Ja, ich wollte nur eben einmal sehen, wo Sie wohnen. Gestern habe ich bei Leonore ein Malerinnenatelier gesehen, heute möchte ich ein Studentinnenstübchen bewundern.«

»O, hier ist nicht viel zu bewundern. Hier stehen Bücher und Kollegienhefte, da sind einige Präparate und ein Schädel.«

»Hu, ist das gruselig! Lassen Sie mich einmal so einen Schädel sehen.«

»Aber hören Sie mal, Fräulein Martha, wir wollen das langweilige ›Sie‹ fahren lassen. Das hört sich unter jungen Mädchen doch zu drollig an. Sagen wir ›Du‹. Bitte, ja!« Und sie hielt Martha die Hand hin. Lachend schlug Martha ein.

»Ich danke dir, Maria, das ist eine große Ehre für mich grünes Ding und – eine sehr große Freude. Ich komme dir viel näher, und das macht mich so glücklich.«

»Gelt, du hast dich gestern ganz sterblich in meinen Bruder verguckt?«

»Wa–as? Ich?« Und sie errötete bis unter den Kragen ihrer Bluse.

»Nicht schwärmen, Mädel, nicht schwärmen! Ich hab's wohl gesehen; du hast ja Otto mit deinen Augen förmlich verschlungen. Man konnte dir ja die Verliebtheit auf hundert Kilometer ansehen.«

»Nein, – da muß ich mich wahrhaftig setzen, daß ich nicht umfalle, – dein Bruder ist aber auch ein gar zu reizender Kerl, – wollte sagen, ein sehr netter und gebildeter Herr!«

»Na, da haben wir's ja. Du bist noch, – verzeihe mir die Offenheit, – ein toller Backfisch, der gleich mit vollen Segeln aufs Ganze geht. Siehst du zum erstenmal einen Leutnant und bist gleich bis über die Ohren in ihn verschossen.«

»Maria, du bist schrecklich! Red nicht so laut! Wenn er das hörte!« Martha wollte herausbekommen, ob Otto schon wieder heimgekehrt sei.

»Nein, er ist nicht zu Hause; er macht, glaube ich, Besuch bei Richard.«

»O, wenn ich das gewußt hätte, wäre ich nicht ausgegangen; dann hatte ich ihn vielleicht getroffen!«

Martha lachte unbändig. Sie nahm den Hut vom Kopf und warf ihn auf das Sofa. Durch das übertriebene Benehmen wollte sie halb ihre Verlegenheit verbergen, halb ihrer verliebten Freude Luft machen.

»Martha, wenn du nicht ein so goldenes Mädel wärst, würde ich dir das nicht sagen, was ich dir jetzt sage: Meinst du, ich sei in deinem Alter nicht verliebt gewesen? Ha, ha, es ist zu drollig, wenn ich daran denke. Aber das war kein Leutnant. Da konnte ich nicht ran, Papa hielt mich da ängstlich fern. Aber zuerst war's ein Primaner und dann ein junger Jurist und dann machte ich Schluß, denn sie kamen schon bald mit einer anderen gelaufen. Aber ich habe nicht die gekränkte Leberwurst gespielt und bin nicht an gebrochenem Herzen gestorben. Ich hatte ja die ganze Geschichte meiner eigenen Dummheit zuzuschreiben.«

»Ach, red nicht so, Maria, wie eine alte Tante. Ich denke mir, meine gute Babette zu Hause würde mir auch so moralisch kommen. Meine Liebe ist echt und wahr, vom lieben Gott geschickt. Wenn ich Otto nicht lieben darf, dann ist für mich überhaupt alle Liebe aus. Und dann bin ich übrigens auch kein Backfisch mehr.«

»Aber jetzt hast du geradeso geredet wie ein Backfisch. Wenn ich es nicht sonst wüßte, daß du einer bist, so hättest du dich jetzt verraten.«

»Maria, ich werde dir ernstlich böse.«

»O nein, das wirst du nicht. Du bist ja hierhergekommen, um womöglich Otto zu treffen.«

»Maria!«

»Nur ruhig! So hätte ich es wahrscheinlich in deiner Lage auch gemacht.«

»Nun, daß du es weißt: Ich habe Otto schon getroffen an der Türe bei Tante, als ich herausging.«

»Da sehen wir es ja. Du läßt dich von deinem Schwarm ganz und gar nehmen. Das verstehe ich für das erstemal und für den ersten Tag. Aber du mußt sehen, daß du dich wenigstens ein bißchen in die Gewalt bekommst.«

»Fällt mir gar nicht ein. Das Leben geht mir jetzt erst auf.«

»Hab ich auch gemeint, damals. Aber meinst du, diese erste Liebe wäre deine letzte? Dann bist du schief gewickelt. Wenn du jetzt deine Gefühle mit dem Verstand durchgehen läßt, wirst du sie nie mehr in die Gewalt bekommen. Du wirst so ein süßes, kleines Mädel, wie sie zu Tausenden auf der Straße herumlaufen, den Mund voll Pralinés und den Kopf voll Liebesgedusel, heute den und morgen den, – so eine Käthe Zeisig.«

»Ist dir das ernst, Maria? – Dann geh ich. Weißt du, so eine bin ich denn doch nicht. Ich habe heute morgen schon in der heiligen Messe viel für Otto gebetet und hätte auch die heilige Kommunion für ihn aufgeopfert, wenn ich nicht gemeint hätte, heute nach zwölf Uhr noch Wasser getrunken zu haben. So, nun weißt du, wie es um meine Liebe steht.«

»Ja, jetzt weiß ich es. Du kommst noch frisch aus dem Institut, und die Frömmigkeit liegt dir noch im Blut. Sie ist dir noch eine süße Leidenschaft, mehr eine wonnige Befriedigung als ein erkämpfter Besitz und ein Opfer. Ich wünsche dir, daß es so bleibt, aber dein Schwarm wird dem bald ein Ende machen. – Du willst gehen. Nichts für ungut. Wir wollen Freundinnen sein, ich bin älter als du. Als Freundinnen dürfen wir uns doch die Wahrheit sagen. Ich hab es getan, jetzt darfst du es auch tun.«

»Ja, ich tu's: Maria, du bist eklig. – Leb wohl; wenn ich noch mal eine Moralpredigt nötig habe, komme ich wieder.«

»Behüt dich Gott, liebe Schwägerin!«

Da lachte Martha wieder. Die Mädchen schüttelten sich die Hand, und Martha ging.

Auf der Straße schaute sie auf ihre Armbanduhr. Schon zwölf! Da konnte er bald kommen. Er mußte ihr begegnen. Es war ihr doch etwas wirr im Kopf. Aber Maria war eben zu pedantisch, ganz so wie die gute alte Mère Hyazintha im Institut.

Die Aufregung wollte sie voranpeitschen; immer wieder mußte sie sich zum Langsamgehen zwingen, um die Möglichkeit einer Begegnung mit ihm zu erhöhen. Jetzt bog sie um die Ecke der Giselastraße. Sollte sie auf dem rechten oder linken Fußsteig der breiten Allee zum Siegestor hingehen, oder in der Mitte? Auf der rechten Seite würde er sicher von der Theresienstraße her kommen. Also ging sie rechts. Langsam, recht langsam promenierend.

O weh, da kam er, aber auf der anderen Seite! Ihr Herz schlug hörbar, und sie fühlte, wie sie rot wurde. Jetzt würde er sie nicht sehen! Was anfangen? Langsam, wie von ungefähr, ging sie in die Mitte der Allee. Er kam immer näher. Er mußte sie bemerken. Ratsch – spannte sie ihren Sonnenschirm auf. Das weiße Ding mußte seine Blicke auf sie lenken. Ha – er sieht sie, – grüßt! Leicht neigt sie ihren Kopf, einen Augenblick bereit, ihm halb entgegen zu gehen. Sie ist entzückt, möchte jubeln. Aber er geht weiter. Was hat er? Warum redet er sie nicht an? Dummes Zeug, das kann er ja gar nicht! Paßt sich ja gar nicht! – Und doch, sie ist enttäuscht, wie verwirrt. Sie hatte sich ein unbestimmtes, sonniges Glück erträumt, sie war ganz in ihrem Schwarm aufgegangen. Nun kam die Ernüchterung. – Wie lange mußte sie nun auf eine Begegnung hoffen? – –

Am Nachmittag ging Leonore gleich nach dem Essen wieder in ihr Atelier. Sie wollte das Licht möglichst ausnutzen. Tante Edeltraud hielt ein Mittagsschläfchen bis vier Uhr und ging dann irgendwohin zu Bekannten zum Tee. Richard schlief auch und ging dann aus. Martha war froh, allein zu sein. So konnte sie lesen, lesen von der Liebe und ihrem Glück. Sie fing den heute morgen begonnenen Roman von neuem an. Da war der Atlant der Gegenstand der Sehnsucht aller großen Seelen. Ein einsamer Mann ging auf den Spuren eines einsamen Weibes. Sie las und las, und ihre Pulse kochten. Und sie fühlte, wie in ihrer Seele, in ihrem ganzen Wesen etwas Neues, Großes, aufkeimte und wuchs und blühte. Ja, jetzt wurde sie erst Mensch, aus dem Kind ein Mädchen eine Jungfrau, die sich ganz in den großen, heiligen Beruf zur Liebe wirft.

Wie lebensecht war das alles geschildert, ohne Schleier und Schönfärberei. Zwar manches verstand sie noch nicht. Warum war das Endziel der Liebe immer die Ehe? Warum sich nicht lieben, nur immer lieben und sich aneinander freuen ohne Ende? Warum schlossen denn auch die Romane und Novellen alle mit dem Tag der Hochzeit? Und wenn in einem Roman von einer Ehe die Rede war, dann gingen die Gatten immer auseinander. Sie war eine leidvolle, unverstandene Frau und Er ein Rohling, der sie mit einer Verführerin betrog, oder Sie verstand den Gatten nicht, den sie schließlich in staunenswertem Heroismus einer kongenialen Frau abtrat. War das Leben so und warum war es so?

Als Martha am Abend zu Bett ging – sie hatte noch bis elf Uhr gelesen –, fiel ihr das Abendgebet schwer. Tausend Bilder tanzten durch ihre Phantasie, und in ihrer Seele war eine kalte Leere. Ihr Kopf war heiß. Ehe sie sich niederlegte, trat sie noch einmal vor den Spiegel. Sie hatte soviel von »Frauenschönheit« in entzückenden Farben gelesen. Nur einen Augenblick wollte sie sich selbst prüfend betrachten, ob sie auch schön wäre. Ihr Auge flammte, und sie drehte sich einmal rechts und einmal links.

Ja, sie war schön! Daß sie das noch nie gesehen und gefühlt hatte! Sie hätte aufschreien mögen vor Freude und Lust. Noch einen Blick in den Spiegel, und dann warf sie sich auf ihr Lager.

In der Nacht träumte sie wirr und wachte oft auf. Am Morgen beim Aufstehen kehrten ihr die letzten Gedanken des Abends wieder. Bei der Toilette fragte sie den Spiegel wieder nach ihrer Schönheit. Wenn doch recht bald ein Ball käme oder sonst ein Fest! Aber da mußte sie wohl bis zum Winter warten. Nein, nicht so wie Käthe Zeisig und Leonore wollte sie gehen, das war zu arg. Doch ein wenig, so wie Maria Reiber und Frau Sorbing. O welche Lust, hübsch zu sein und sich bewundern zu lassen! Alles natürlich für Otto. Nein, nicht für die anderen, nur für ihn!

Während der heiligen Messe war sie sehr zerstreut. Deswegen ging sie nicht zur heiligen Kommunion. Morgen war Sonntag; da könnte sie ja heute beichten. Am besten jetzt gleich. Ein Beichtstuhl war besetzt. Sie ging hinüber.

Ja, was war denn nun los? Wann hatte sie zum letztenmal gebeichtet? Lag da nicht ein halbes Jahr dazwischen? Nein, am letzten Samstag noch zu Hause. Was war denn vorgekommen? Zerstreuungen im Gebet und bei der heiligen Messe, – ein wenig ungezogen gegen Papa – mit Leonore gezankt, – das Bild Leonorens gesehen, aber keine Freude dran gehabt, – einmal, zweimal gelogen, – und gestern abend und heute morgen eitel gewesen, – und die Liebe? War denn daran etwas Böses? Sie wollte doch einmal fragen. Ja, und wegen des Bildes wollte sie sich doch auch erkundigen. Sie betete das Reuegebet und ging in den Beichtstuhl.

Nach zwei Minuten kam sie wieder heraus. Sie verrichtete die Danksagung, betete die Buße und drei Vaterunser, daß Gott ihre Liebe behüte.

Nach dem Frühstück schrieb sie einige Briefe. Einen an den Vater, einen an Mère Ludowika, ihre Musiklehrerin aus dem Institut, und zwei an Freundinnen.

Um zehn Uhr kam Tante Edeltraud und Leonore: »Kind, wir müssen mit dir ausgehen, damit wir dir ordentliche Toilette besorgen; denn so wie Donnerstag kannst du nicht mehr bei Einladungen erscheinen.«

Martha erschrak. Sie dachte einen Augenblick an ihre Eitelkeit von gestern abend und heute morgen. War das auch alles recht, jetzt nach der Beichte? – Ach was! Fort mit den Grillen! Was Maria Reiber tut, darf ich auch. Und alle tun's doch. Und darf ich mich nicht freuen, wenn ich hübsch bin?

Tante Edeltraud führte Martha in eines der ersten Häuser. Vorläufig wollte man einmal ein Theaterkleid und zwei Ballroben bestellen. Das Mädchen war von jedem der vorgelegten Muster entzückt, und die Wahl fiel ihr schwer. Schließlich entschieden Tante Edeltraud und Leonore für sie, und sie gab sich zufrieden.

»Nur möchte ich hier oben etwas mehr…«

»Aber, gnädiges Fräulein!«

Martha wurde rot. Sie dachte an Käthe Zeisig und die Blicke, mit denen die Herren sie fixiert hatten.

»Nein, ich bestehe darauf.«

»Aber, gnädiges Fräulein, wir verderben die ganze Robe. Wir können das einfach nicht ändern.«

»Dann muß ich leider verzichten. Komm, Tante!«

»Gnädiges Fräulein, wir werden versuchen, was sich machen läßt; Sie werden zufrieden sein.«

»Ich bestehe also darauf. Sonst nehme ich das Kleid nicht an.«

Als man nach Hause kam, lag im Briefkasten eine Balleinladung für den nächsten Donnerstag abend ins Kasino der Schweren Reiter, anläßlich eines ehrenvollen Kommandos des Herrn Rittmeisters von Brandenstein nach Berlin. Brandenstein war in der Münchener Gesellschaft als leidenschaftlicher und äußerst fertiger Tänzer bekannt; deshalb hatte das Offizierkorps wohl den Ball ihm zu Ehren veranstaltet. Tante Edeltraud ging sofort ans Telephon und befahl dringend Marthas Robe bis Dienstag nachmittag zum Anprobieren.«

»Zu dienen, gnädige Frau, Dienstag nachmittag bitten wir Sie zur Probe.

Martha glühte. Sie hatte Glück. Offenbar war die Einladung Richards wegen erfolgt, der Freunde im Offizierkorps der Münchener Schweren Reiter hatte. Ob wohl Otto auch geladen ist? O sicher, das kann ja nicht anders sein. Sie sah sich schon im Geiste im Kreise der glänzenden Damen und Herren – als eine der Glänzendsten. Wieder stand sie vor dem Spiegel. Ja, sie war schön, und sie würde bewundert werden.

Beim Mittagessen verkündete Richard ihr: »Mädel, heute nachmittag gehst du mit auf den Tennisplatz. Ich will mit dir Furore machen. Donnerwetter, die Münchener Kameraden sollen sehen, was für ein allerliebstes Schneckerl ich zur Kusine habe.«

»Du wirst wieder fad, Richard. Ich geh nicht mit; ich kenne da ja niemanden. Oder gehst du auch mit, Leonore?«

»Ich habe heute keine Zeit, muß noch arbeiten.«

»Du wirst bald die Göttin auf dem Tennisplatz sein. Da brauchst du neben dir keine andere mehr zu haben. Aber beruhige dich, Maria Reiber kommt auch, die kennst du ja, wie ich meine.«

Richard legte auf jedes der letzten Worte einen besonderen Akzent und sah Martha von der Seite mit einem herausfordernden Lächeln an.

»O ja, ich habe sie ja letzten Donnerstag hier gesehen und sie schon am Morgen vorher durch Leonore kennen gelernt.«

»Kommt denn Otto Reiber auch?« fragte Leonore so nebenbei und mit der selbstverständlichsten Miene.

»Der wird doch seine Schwester nicht allein herumlaufen lassen. In dem Punkte ist der Alte malefizmäßig streng. Wundert mich überhaupt, daß er sie gehen läßt. Aber er wird wohl denken, daß das Mädel jetzt in der Vorbereitungszeit auf sein Examen auch ein bißchen Bewegung und frische Luft nötig hat.«

Um drei Uhr zog Richard in luftigem, weißem Tennisanzug mit Martha, die ein Waschkleid ihrer Backfischzeit aus dem hintersten Winkel ihres Schrankes herausgezogen hatte, los.

»Donnerwetter, Martha, du bist zum Küssen nett. Weißt du, die Zeisig ist doch schon arg abgeleckt. Du bist so frisch und appetitlich zum Anbeißen.«

»Geh weg, Richard! Wenn du so weiter sprichst, dreh ich um und geh wieder nach Haus.«

»Na, wenn man dich sieht, kann man ja von nichts anderem sprechen als von dir. Donnerwetter, weißt du, wenn man sonst ein schönes Weib sieht, muß man immer so um sie herumschleichen wie ein Kater mit erhobenem Schwanz und muß verteufelt tugendhaft tun. Aber wir kennen uns doch schon von Kindesbeinen an. Da darf ich dir doch sagen, wie mir ums Herz ist. Verdammt noch mal! In Landshut geh ich das ganze Jahr in Sack und Asche, rackere mich im Dienst ab und wenn man sich mal an einem frischen Mädel erlaben möchte, findet man keins. – Aber Kind, du machst ja ein entsetzliches Gesicht! Sind dir die Schuhe zu eng? Hast du dir den Fuß vertreten oder hast du Migräne?«

»Nein, nichts von dem! Du sprichst so schreckliches Zeug. Pfui, schäme dich!«

»Na, du kennst unsere Herrenwelt noch nicht, – wie sagte doch die Käthe? – du Unschuldchen. Ich rede wenigstens frisch von der Leber weg, was ich denke, die anderen drechseln nur feine Phrasen, die euch Mädel in die Nase steigen, sie denken aber genau dasselbe. – Na, da erzähl mir mal was aus dem Institut. Für welche Mère hast du denn geschwärmt? Hatte sie blaue oder schwarze Augen? Hast du auch das Ruban bleu bekommen oder gehörtest du zu den schlechten Kindern, die nie diese hehre Auszeichnung tragen dürfen. Du bist doch wohl Marienkind gewesen?«

»Das bin ich noch.«

»Ach, wie reizend, was Sie nicht sagen, gnädiges Fräulein! Und dabei verliebt bis über die allerliebsten kleinen Öhrchen!«

»Du bist wüst, Richard. Über solche Dinge spottet man nicht. Und wer hat dir gesagt, daß ich …«

»Daß du verliebt bist, ganz sterblich verliebt in meinen lieben alten Freund Otto Reiber – na, das haben doch deine Augen genug gesagt am Donnerstag abend. Ich wette, Tante Therese rutscht seitdem in allen Kirchen auf den Knien herum und betet für deine lasterhafte Seele.«

»Aber ich bitt dich, Richard, ist das wahr? Hat die Frau Hofrat davon gesprochen?«

»Und ob! – Na, jetzt hast du dich ja verraten! – Heute morgen wollte sie Mutter besuchen, und da sie mich allein zu Hause fand, schenkte sie mir die Ehre und das Vergnügen, mich ein Stündchen zu unterhalten. Sie sprach natürlich von der Verdorbenheit und dem Leichtsinn unserer jungen Mädchen im allgemeinen und deiner Verliebtheit im besonderen.«

»Das ist nicht wahr, Richard!«

»Auf Ehre! Für diese Wahrheit stirbt der Christ!«

»Pfui, was sagst du da?«

»Mit jedem, der das Gegenteil sagt, schieße ich mich, Flachbahngeschütz, drei Meter Distanz.«

Martha wurde nachdenklich, dann reckte sie ihr Köpfchen in die Höhe: »Jetzt erst recht.«

»Na, Mädel, laß dir darüber keine Runzeln in dein hübsches Gesichtchen wachsen. – Wir sind am Ziel. Merk dir eins: Ich werde heute drei, vier Partien mit dir spielen, nur um die Käthe zu ärgern. Nachher laß ich dich dann schon auf Otto los.«

Martha wußte nicht, ob sie böse sein oder vor Freude auflachen sollte.

»Übrigens schau mal. Dahinten ist Käthe schon und ärgert die anderen Damen durch ihre verfluchten Posen. Schau mal, der Timpe frißt sie mit seinen Augen. – Timpe, paß auf, das gibt eine Schießerei!«

Martha schlug Richard mit dem Tennisschläger auf den Arm. Es kochte in ihr auf vor Wut. Aber sie konnte nichts mehr sagen, da sie der Gruppe schon zu nahe gekommen waren.

Allgemeines Vorstellen und Begrüßen der Bekannten. Otto war noch nicht da. Käthe faßte Marthas Hand:

»Ach, wie reizend sind Sie in Ihrem Backfischkleidchen! Sie werden uns heute alle ausstechen. Das ist etwas recht Pikantes für unsere Herren, so wie die ersten Radieschen im Frühjahr.«

»Da kommt Oberleutnant Reiber mit Schwester! Hurra, jetzt sind wir vollzählig. Nun kann's losgehen.«

Richard glückte es wirklich, mit Martha zusammenzukommen und Käthe zu Otto Reiber hinzuschmuggeln. Käthe hatte aber gemerkt, daß Richard sie ärgern wollte, und spielte geradezu ausgelassen mit Otto, um Richard zu reizen und zu locken. Martha war verwirrt und fehlte die meisten Bälle. Richards Kopf glühte, er paßte auch nicht auf und sah mehr zu Käthe hinüber, als ihm gut war. Schon nach der ersten Partie warf er den Schläger hin und schalt Martha:

»Nein, mit dir ist aber auch gar nichts anzufangen. Du mußt dich erst wieder einmal einspielen. Otto, willst du es nicht einmal mit meinem Kusinchen versuchen?«

Und Otto versuchte es, und Martha war selig. Sie sprang vor innerer Lust und ahnte nicht, wie die Blicke der Herren, die auf der Bank am Gebüschrand ausruhten, fast mehr auf ihren ungesuchten Reizen ruhten, als auf den Aufdringlichkeiten Käthes.

»Herr Kamerad, schauen Sie mal die Kleine! Rassiges Mädel. Möchte die in dem Kostüm der Zeisig sehen.«

»Merken Sie nicht, daß sie total in Otto Reiber verschossen ist. Kerl scheint aber keine Ahnung zu haben.«

»Ist die Kleine gut katholisch?« Dabei machte der Frager die Gebärde des Geldzählens.

»Ja, ich glaube, sie bringt ein nettes Sümmchen mit. Ihr alter Herr ist, wie ich höre, Großfabrikant in Mülhausen, sie die einzige Tochter, überhaupt die Einzige.«

»Da muß man sich mal ranpürschen. Kommt ja Donnerstag auf unseren Ball Brandenstein zu Ehren. Ganz exquisites Wild,« – dabei küßte er seine Fingerspitzen – »hat noch kein haut goût wie die Zeisig, wird's aber bald kriegen; die alte Trenkler und ihre Leonore sind ja nicht so.«

»Na, die Leonore! Ist zum Zahnreißen kriegen. Haben Kamerad schon bemerkt, wie sie zu jedem Ball mehr an Zeug spart?«

»Ist eine alte Geschichte! Junge Weiber, wenn sie hübsch sind, gehen mit ihrem Gesichtchen auf den Fang. Junge Weiber, wenn sie häßlich sind, und ältliche Damen müssen durch andere Sachen wirken.«

»Herr Kamerad, kaufen Sie sich einen Zylinder und schreiben Sie ein Buch über Frauenpsychologie; Sie reden ja weiser als Ben Akiba.«

Von den Türmen der Stadt her schlug es sieben Uhr. Da kam Maria von dem Platz her, wo sie gespielt hatte, und klatschte in die Hände.

»Holla, Otto, wollen wir nicht nach Hause gehen? Ich habe heute abend noch viel zu arbeiten.«

»Gewiß, ich komme gleich. Noch ein paar Bälle.«

»O Maria, laß uns noch eine Partie! Bitte, ja,« flehte Martha. Sie hätte so fortspielen mögen in alle Ewigkeit.

»Nein, Kind, ich muß unbedingt gehen. Es wird auch Zeit für dich, sonst kommen die Nachteulen und fressen dich.«

»Pah, Maria, bist du grausam. Nicht, Herr Oberleutnant, Ihr Fräulein Schwester studiert sich noch zu Tode.«

»Muß leider auch gehen, gnädiges Fräulein, habe auch noch zu studieren. Bin an der Vorbereitung für die Kriegsakademie.«

»Was ist denn das Gruseliges?«

»Ja, denken Sie sich, ich will noch mal auf die Schule gehen und dazu muß ich mich noch vorbereiten, um wenigstens das Abc für diese Schule zu wissen.«

Richard hatte Käthe verstohlen zugewinkt, und sie waren in den Park hinein verschwunden. Otto schaute sich um, aber nirgends waren sie mehr zu sehen.

»Dann bist du so freundlich, Maria, und begleitest das gnädige Fräulein nach Hause. Von der Theresienstraße gehst du dann wohl allein heim. Das bist du ja von der Universität aus gewöhnt. Ich muß sehen, daß ich Richard noch einmal treffe.«

Martha war enttäuscht. Sie hatte sich schon auf den Abendspaziergang mit Otto gefreut. War sie bis jetzt ganz Übermut gewesen, so wollte sie nun ganz Hingabe sein.

Wie männlich schön sich der Oberleutnant auch in dem Tennisanzug machte! Und wie seine Kraft und Geschmeidigkeit beim Spiel hervorgetreten war. Das war ein Mann, an den man sich anlehnen konnte, mit dem durchs Leben zu gehen eine Lust war.

Aber nun lagen ihre Hände zum Abschied ineinander. Martha hielt die seine einen Augenblick fest und drückte sie ein wenig. Auge ruhte in Auge. Dann ging sie mit Maria zur Stadt zurück. Aber in all ihre Seligkeit pochte eine Unruhe hinein. Sie hatte die Auseinandersetzung mit Maria vergessen; ganz andere Gedanken drängten sich zur Aussprache.

»Sag mir mal, Maria, ich habe heute so viel Komisches gehört und gesehen. Sind die Männer alle so?«

»Wie meinst du das?«

»Was ich meine? Nun, das kann ich nicht so klar sagen, wie ich es fühle. Aber Richard hat auf dem Weg zum Tennisplatz so ekliges Zeug geredet, daß mir ganz bange wurde. Und dann die Käthe und die anderen Damen. Das kam mir alles so komisch vor.«

»Ja, Kind, wie meinst du denn das?«

»Das kann ich nicht sagen, aber … ich meine … so der Verkehr … und so …«

»Ach, jetzt verstehe ich. Ja, die Herren haben keine anderen Gedanken als den Flirt, und die Damen auch. Die Damen wollen gesehen werden, wollen reizen, – ach Gott, die meisten meinen es ja nicht bös, sie sind nur dumm, – sie sind von Kind auf erzogen worden, Weibchen zu sein, sich ankomplimentieren und anhimmeln zu lassen, andere Gedanken haben sie nicht, vielleicht könnte doch einmal einer auf ihre mehr oder weniger feinen Kniffe dauernd hereinfallen. Die Herren haben auch nicht ein Quentchen Selbstbeherrschung. Und je mehr die Damen sie locken und sich ihnen an den Hals werfen, um so zudringlicher werden die Herren. Das ist vielen Damen und jungen Mädchen gar nicht bewußt, viel weniger ahnen sie, in welchen Vorstellungen sie in der Phantasie der Herren leben.«

»Woher weißt du das alles so bestimmt?«

»Nun, dann höre dir einmal die Gespräche der Herren an. Wenn die Damen wüßten, wie sie beurteilt werden –! Und beobachte einmal die Blicke! Ich möchte manchmal in den Boden sinken. Meinst du denn, bei den Damen sei nicht manches geradezu beabsichtigt? Hast du die Käthe Zeisig heute gesehen? Na, die Stellungen beim Tennis! Geradezu gemein!«

»Ja, dann weiß man ja schließlich nicht mehr, was man tun soll. In allem kann ja da irgend etwas gewittert werden.«

»Ganz recht. Wir können uns eigentlich nie natürlich geben. Überall verfolgen uns die Hintergedanken: ›Das paßt sich nicht, und das ist nicht schicklich.‹ Auf der einen Seite will man uns in einen Schraubstock stecken und auf der anderen uns zu Spielzeugen und Schlimmerem der Männer erniedrigen. Was ist denn die ganze moderne Courtoisie schließlich anderes als eine Beleidigung für uns? Warum sieht man in uns immer nur das Weib und nicht den Menschen, die Persönlichkeit? Man sagt, wir hätten keinen Verstand, keine Befähigung für einen wissenschaftlichen Beruf, weil man uns nur als Puppen gebrauchen will, und – da sind wir selbst schuld. Warum lassen wir zu, daß man mit uns spielt? Warum verlangen wir nicht, daß wir als Persönlichkeiten behandelt werden? Warum dulden wir, daß viele unserer Geschlechtsgenossinnen unser ganzes Geschlecht in den Kot ziehen?«

Maria hatte sich in Aufregung hineingeredet. Ihr Kopf glühte, und sie schlug sich mit dem Rakett bei jedem Schritt das Knie. Martha ging schweigend neben ihr. Das war eine neue Gedankenwelt für sie, die sie noch nicht recht verstand. War Maria nicht etwas einseitig und hart? Übertrieb sie nicht? Maria schien ihren unbewußten Gedankengang zu ahnen.

»Ach, ich weiß, daß ich hart urteile. Aber kann man anders, wenn man heute mit offenen Augen durch die Welt geht? Und als Medizinerin erfährt man doch so manches. Will man den Körper heilen, muß man auch die Seelen kennen. Ich fühle ja in mir selbst den ewigen Widerstreit: Auch ich möchte Weib, vor allem Weib sein. Auch ich habe oft die Versuchung, den ganzen wissenschaftlichen Kram an den Nagel zu hängen und das Weib in mir einmal durchgehen zu lassen.«

»Aber sind denn alle Männer so, wie du sie schilderst?« Martha war während der letzten Worte Marias ihren eigenen Gedanken, die seit den letzten Tagen ihr ganzes Sein beherrschten, nachgegangen, – »Otto doch nicht!«

»Nein, Otto ist ein Charakter, wie ich noch keinen zweiten getroffen. Aber es gibt deren noch viele, wenn auch die Mehrzahl unserer heranwachsenden Männer in den gebildeten Ständen, einschließlich des Kaufmannsstandes, Schürzenjäger sind. Sie arbeiten tagsüber, um abends – na – – schweigen wir davon … sonst muß ich weinen vor Wut.«

Martha reckte den Kopf in die Höhe, ihre Augen leuchteten. Otto ist ein Held. Aber die andern! Sie senkte nachdenklich die Stirne.

»Aber das will ich dir sagen, Martha, wenn du dich so in deinen Schwarm verlierst, wie du es heute nachmittag wieder getan hast, dann geht dein Charakter in die Brüche. Du meinst doch hoffentlich nicht, aus deiner Schwärmerei würde etwas! Otto geht nächstens nach Berlin auf die Kriegsakademie, du wirst hier in die Gesellschaft eingeführt. Otto war der erste junge Mann, dem du eigentlich näher begegnet bist. Du verlierst ihn aus den Augen, und bald kommt ein anderer. Du machst dir natürlich vor, der sei der Richtige, das erste Abenteuer mit Otto sei nur so ein Schwarm gewesen, und dann liegst du schon in den Armen des zweiten und nachher eines dritten. Du bist noch sehr jung; wenn dann einmal die große Stunde echter, heiliger Liebe kommt, dann ist deine Liebeskraft aufgebraucht, dann bist du ein seelenkrankes, haltloses, innerlich abgebrauchtes Weibchen, das selbst kein Glück mehr findet und erst recht einen Mann nicht mehr beglücken kann, oder – – du setzest in der Ehe den vorher jahrelang geübten Flirt fort.«

»Maria, ich rate dir, einen Schauerroman zu schreiben.«

»Spotte nur! Ich kenne mehrere solche Fälle. Und wenn du dir einmal die jungen Mädchen auf der Straße anschaust, dann wirst du auf vielen Stirnen und in vielen Augen das geschrieben stehen sehen, was ich dir eben sagte. Das ist das tiefste Elend unserer jungen Mädchen- und Frauenwelt. Man sieht ihnen an, daß sie immer daran denken, gesehen und geliebt zu werden, – das heißt das, was sie unter Geliebtwerden verstehen.«

Martha schaute sich die vorübergehenden Mädchen, die aus den Bureaus und Geschäften kamen, und die flanierenden jungen Damen an. Ja, Maria hatte doch nicht so unrecht.

Vor ihr ging ein Paar. Sie meinte den Herrn zu kennen, wenigstens von Ansehen. War das nicht der Student, der bei ihr im Hause im dritten Stock wohnte? Er hielt ein Mädchen, offenbar eine Verkäuferin, an der Hand und redete eifrig auf sie ein. Das Mädchen trug den Kopf gesenkt. Jetzt hob es ihn hoch und fiel mit dem Begleiter in einen schnelleren Schritt. Nun bogen sie aus der Ludwigstraße in die Theresienstraße ein.

Maria blieb stehen. »So, Kind, jetzt findest du den Weg allein nach Hause. Verzeih mir meine Entrüstung; aber wenn ich an diese Dinge denke, kann ich mich nicht mehr halten; das Herz ist mir zu voll.«

»Nein, ich nehme dir nichts übel. Ich will über das, was du gesagt hast, gelegentlich einmal nachdenken. Du wirst aber verstehen, daß sich jetzt noch die Eindrücke und Gedanken in meinem Kopf jagen.«

»Dann gute Nacht bis auf Wiedersehen, wohl auf dem Ball am Donnerstag, nicht?«

»Ja, das ist wahr, da werden wir uns wohl treffen.«

Martha spähte die Straße hinunter nach dem Paar. Ah, da hinten gehen sie, sie erkannte das Mädchen an der roten Bluse. Wie glücklich muß doch das Mädchen sein, wie es so mit dem Studenten gehen darf! O, könnte ich doch auch mit Otto einmal so allein spazieren gehen!

Jetzt sind die beiden am Hause angelangt. Sie gehen hinein. – Aber das paßt sich doch wohl nicht! Ah, die werden nur gute Freunde sein, so wie Ada Lob neulich sagte. Also gibt es doch so etwas!

Martha ging schneller. Jetzt war auch sie im Hause und stieg die Treppe hinauf. Oben ging die Türe und schlug zu. Da befiel sie eine Unruhe, die sich bis zur Angst steigerte. Ein dunkles Ahnen kam über sie und ein Zittern.

Hatte das Leben ihr hier den Schleier von seinen Tiefen gelüftet?

Während des Abendessens war Martha sehr einsilbig und ernst. Ihre Gedanken waren bei Käthe Zeisig, den Herren von heute nachmittag und in der Studentenbude auf der dritten Etage.

Nach dem Essen zog sie sich gleich zurück mit der Entschuldigung, sie sei vom Tennis sehr müde. Tante und Leonore erhoben keinen Einspruch; sie waren voll und ganz mit den Journalen beschäftigt, die der Laufbursche der Buchhandlung immer am Samstag nachmittag brachte.

Auf ihrem Zimmer warf sich Martha in den niedrigen Korbsessel am Fenster, legte die Hände in den Nacken und träumte auf einen Punkt der roten Tapete hin.

Die Worte Marias hatten doch Eindruck auf sie gemacht, wenn sie ihr das auch nicht hatte eingestehen wollen. Sie hatte eine unbestimmte Furcht vor sich selbst. Wenn sie nun auch so würde wie Käthe Zeisig und die anderen Damen, die sie gesehen und die Maria ihr geschildert hatte? Aber wenn man das alles so tragisch nahm, wo blieb dann schließlich alle Lebensfreude? Man lebt doch nicht mehr im Institut.

Und ihre Liebe! Ja, die war heilig und rein und ideal. An ihr würde sie festhalten, mochte Maria sagen, was sie wollte. Das stille Glück mochte sie nicht missen. Wie sollte es überhaupt möglich sein, daß sie noch an einem anderen Menschen Gefallen finden konnte? Otto war doch der idealste, den sie sich zu denken vermochte. Nein, wenn er bis zum Nordpol ginge und zehn Jahre ausbliebe, sie würde ihm treu bleiben.

Nun brannte ihr wieder der goldene Schwarm in allen Gliedern, und sie griff zum Roman, den sie begonnen hatte, und las und las.

Ja, stand da nicht eine herrliche Widerlegung aller Bedenken, die Maria ihr vorgetragen? Und dachten nicht Tausende von gebildeten Menschen so wie der liebenswürdige Dichter, der nur die Gefühle seiner Mitmenschen aussprach? Allerdings, mancher Gedanke des Dichters ging wohl etwas zu weit. Aber dafür war es ja auch Kunst – und manches verstand sie nicht. Sie las den Abschnitt, das Hohe Lied auf die Liebe noch einmal, nahm ihr Tagebuch her und schrieb ihn ab:

»Wer darf einem Menschenherzen, wenn es liebt, ein Gesetz zur Hemmung der Liebe entgegensetzen? Wer darf so frevelnd sein, den Göttern der Liebe Geduld zu predigen, – Geduld, bis Heiratsscheine, Verlobungsanzeigen und Standesamtsbewilligung, Aussteuer, Möbel und Wohnung beschafft sind? Darf die Liebe nicht aufblühen über Nacht wie Rosen und Rotdornhecken im Mai? Darf die Liebe nicht eines Abends über Zwei Menschen kommen wie ein Sonnenuntergangsfeuer über den Atlant? Wie die Wärmewolke, die im Abenddunkel alle Wollust vom Tag in die Nacht hinüberträgt?«

Wie herrlich poetisch war das gesagt! Aber den folgenden Satz verstand sie nicht, er war auch nicht poetisch, deshalb überschlug sie ihn und fuhr fort:

»Aller Triumph der Gottheit Liebe wird gebrochen, wenn die Liebe nicht heimlich, göttlich überraschend und nicht selig unerwartet zwei Menschen hinter Maienhecken und im Abendtau überraschen darf. Ahnt die Menschheit nicht, daß sie die besten Menschen aus ihrer Gesellschaft verstößt, wenn sie impulsive, göttlich feurige Menschen zu kühlen Lebensrechnern umwandeln will?«

Den letzten Satz verstand sie wieder nicht; also schrieb sie ihn auch nicht ab.

Aber, das andere, war das nicht entzückend gesagt? Sie fühlte sich zum Dichter und zu den herrlichen, freien Menschen emporgehoben und schloß das Buch, um nicht in diesem süßen Bewußtsein gestört zu werden. Nur noch verstärken wollte sie ihre Stimmung und griff zu Zarathustra und suchte das Nachtlied, das ihr noch von neulich im Ohre lag. Sie las es wieder und wieder, und die Worte waren ihr Musik, die sie umstrickte und betörte, und die einzelnen Sprüche kamen ihr vor wie Wahrheiten aus der Heiligen Schrift, wenn sie ihren Sinn auch schwer verstand. Aber schön war es doch. Und sie schlug aufs Geratewohl ein anderes Kapitel auf und las:

»Den Verächtern des Leibes will ich mein Wort sagen.«

Maria, das gilt dir!

»Nicht umlernen und umlehren sollen sie mir, sondern nur ihrem eigenen Leibe Lebewohl sagen – und also stumm werden. ›Leib bin ich und Seele‹ – so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie die Kinder reden? Aber der Erwachte, der Wissende sagt: ›Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe …‹«

Fort damit, das ist ja abscheulich! Das ist ja nicht wahr! Wir haben doch eine Seele. So was darf man ja nicht lesen!

Und sie blätterte weiter, ein anderes Kapitel zu suchen, das so schön wäre wie das Nachtlied. – Ah, das war sicher schön:

»Vor Sonnenaufgang: Oh Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend, schaudere ich vor göttlichen Begierden.«

Könnte das nicht unter Leonorens Capribild stehen?

»In deine Höhe mich zu werfen – das ist meine Tiefe! In deine Reinheit mich zu bergen – das ist meine Unschuld!«

Wie herrlich! Noch einmal!

»Den Gott verhüllt seine Schönheit: so verbirgst du deine Sterne. Du redest nicht: so kündest du mir deine Weisheit. Stumm über brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe und deine Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.«

Wie geistreich und poetisch!

»Daß du schön zu mir kamst, verhüllt in deine Schönheit, daß du stumm zu mir sprichst, offenbar in deiner Weisheit: Oh wie erriete ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! Vor der Sonne kamst du zu mir, dem Einsamsten. Wir sind Freunde von Anbeginn: Uns ist Gram und Grauen und Grund gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam. Wir reden nicht zueinander, weil wir zu vieles wissen –: wir schweigen uns an, mir lächeln uns unser Wissen zu.«

O Otto, meine Liebe!

»Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht? Zusammen lernten wir alles; zusammen lernten wir über uns und zu uns selber aufsteigen und wolkenlos lächeln: – – wolkenlos hinablächeln aus lichten Augen und aus meilenweiter Ferne, wenn unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen. Und wanderte ich allein: weß hungerte meine Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen? Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Not war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen: – fliegen allein will mein ganzer Wille, in dich hineinfliegen! Und wen haßte ich mehr, als ziehende Wolken und alles, was dich befleckt? Und meinen eigenen Haß haßte ich noch, weil er dich befleckte! Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist, – das ungeheuer unbegrenzte Ja- und Amensagen. Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken: diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch …«

Die Augen fielen Martha zu, sie verstand schon lange nichts mehr, sie hörte die gelesenen Worte wie aus weiter Ferne. Mit Gewalt riß sie sich zusammen und las weiter. Wo war sie doch? Ah, da:

»Diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen. Lieber will ich noch unter verschlossenem Himmel in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel …«

Bums, da stieß sie mit der Nasenspitze auf das Buch. Die Augen waren ihr wieder zugefallen und der Müdigkeitsschweiß stand ihr auf der Stirne.

Nun klappte sie das Buch endgültig zu und ging zu Bett, immer noch den Rhythmus und den feierlichen Klang der Sprache in der Phantasie.

Unterdessen saß Leonore in ihrem Samstagsklub in der Türkenstraße. Allerdings im tiefsten Inkognito. Die Mutter wußte nichts davon, und in ihrem Bekanntenkreis gab es niemand, der etwas ahnte.

Es war ein gemütliches Kränzchen von geistreichen Leuten, die sich gut verstanden: Künstler, Studenten und Herren und Damen, die sich für Kunst und Wissenschaft interessierten. Man trank Grog oder Tee mit einem reichlichen Guß Rum oder Rotwein oder Sekt, je nach Belieben, und Kaffee. Die Herren kamen in Frack und Smoking, die Damen in großer Toilette. Leonore hatte ihr Kleid bei Ada Lob aufbewahrt, die im selben Hause wohnte, und ehe sie zur Gesellschaft hinüberging, zog sie sich dort um.

Herr Dr. Heinrich Knopp, von dem seine Intimen tuschelten, er gehe demnächst zur Bühne über, war der Matador, und an seine Seite im Sofa lehnte sich Frau Gertrud Sander. Trotz der großen Gesellschaft fühlten sich die beiden hier ganz unter sich. Man gönnte den Leutchen ihre Liebe und ihr Beieinandersein und kannte das Verhältnis, in dem Ada Lob zu Herrn Dr. Sander lebte.

Alle Herren und Damen standen natürlich untereinander auf du, denn man wollte sich hier ganz ungeniert und kameradschaftlich geben, so wie man wirtlich war und nicht eingeschnürt in die Fesseln der gesellschaftlichen Formen, in denen man sonst als »Herr« und »Dame« auftreten mußte.

Leonore hatte hier einen allerliebsten kleinen Flirt mit Fredi Wunsch, dem geistreichen Zeichner eines der bedeutendsten illustrierten Blätter für Kunst und Leben. Fredi war noch sehr jung und enthusiastisch mit seinem bartlosen Mädchengesicht. Er betete Leonore an und war rasend vor Glück, wenn er auch nur ihre Hand küssen durfte. Nur eine Bedingung hatte Leonore seiner Liebe gestellt: er durfte sie bei einer eventuellen Begegnung auf der Straße nicht grüßen, das könnte sie kompromittieren.

Man sprach über ästhetische, philosophische und literarische Fragen, erfand neue Techniken, verdammte alles, was die Vorfahren geleistet hatten, in Grund und Boden und stellte bei jeder Zusammenkunft neue, grundstürzende, epochemachende Theorien und Probleme auf.

Um ein Uhr war Schluß der Sitzung. Fredi durfte Leonore bis an die Ecke der Theresienstraße begleiten und ihr noch einmal die Hand küssen – mehr erlaubte sie nicht – und dann ging das Mädchen, in den Abendmantel und Schal gemummt, allein nach Hause.

Natürlich war sie auf Frau Amtsgerichtsrat Forstners literarischem Abend gewesen, der immer so entsetzlich lange dauerte, und Herr Amtsgerichtsrat hatte sie bis an die Schwelle des Hauses begleitet.

Am anderen Morgen sagte Frau Trenkler zur Tochter beim Frühstück: »Du kannst vielleicht nächstens Martha einmal zum literarischen Abend mitnehmen. Sie kann da recht viel Anregendes hören und sich bilden.«

»Ach nein, Mutter, das ist doch zu anstrengend für das Kind, und sie wird das meiste nicht verstehen. Sie muß sich hier sonst erst einleben und etwas mehr gelesen haben.«

In einer lauschigen Loge des Cafe Reimer saß unter grün beschirmter elektrischer Lampe ein vertrauliches Paar und trank Pommery: Käthe Zeisig und Richard Trenkler.

Sie saß dicht an ihn gelehnt und er führte immer wieder sein Glas an ihre Lippen; sie lachte und schaute ihn schmachtend an, und dann küßten sie sich. Ein hinter Lorbeerbäumen und Palmen verstecktes Streichorchester spielte schluchzende Weisen französischer und italienischer Herkunft und Walzer aus Lehárschen Operetten. In allen Logen saßen ähnliche Pärchen, auch offenbar solche, die eigentlich anders zusammengehörten. »So, Mädel, jetzt bring ich dich nach Haus. Ich habe nämlich keinen Zehner mehr. Gib mir noch einen Kuß und dann los.«

Er warf ihr den Abendmantel um und hüllte sich bis zur Unkenntlichkeit in einen weiten englischen Überzieher und großen Schlapphut. So stapften sie Arm in Arm hinaus.

»Donnerwetter, wenn jetzt nur eine Droschke käme! denn so kannst du doch deinem Alten nicht von dem Ball bei Semlers nach Hause kommen.«

Sie standen eine Weile und warteten. Da hallten Pferdehufe durch die Nacht, und ein einsamer Fiaker kam angerollt. Richard schob Käthe schnell hinein und schlug die Wagentüre zu.

»Gute Nacht, mein Schneckerl, schlaf gut; ich bin zu Fuß schneller zu Haus.«

Der Wagen rollte davon, Richard zog den Kragen höher und ging in die Nacht hinein, aber – nicht nach Hause.

Bei Oberstabsarzt Zeisig war noch Licht.

Käthe erschrak. Hatte der Alte und die Alte doch ihr Fortgehen bemerkt? Das gab wieder ein schönes Donnerwetter! Alle Heiligen Gottes, nun hatte sie auch den Hausschlüssel verloren oder vergessen! Sie schellte. Ein Krachen auf der Treppe. Papa selbst! Nun ging er vor ihr die Treppe hinauf. Oben führte er sie in sein Arbeitszimmer.

»Wo bist du gewesen allein?«

»Bei Oberforstrat Semler auf dem Ball.«

»So, du gehst ohne Begleitung und ohne deinen Eltern etwas zu sagen auf den Ball und kommst allein wieder nach Hause? Was denken die Leute von dir?«

»Was sie denken? Hm, daß ihr mich hier versauern lassen wollt und daß ich schließlich kein kleines Kind mehr bin. Diese ganze Woche bin ich nur einmal abends ausgewesen zu Trenklers. Ihr wolltet mich ja nicht mehr gehen lassen, da bin ich selbst auf eigene Faust gegangen. Ich lasse mich von euch nicht blamieren, daß ich auf Schritt und Tritt gegängelt werde. Wenn ihr mich so noch länger tyrannisiert, gehe ich eines Tages einfach los, merkt euch das.«

Damit wandte sie dem Vater den Rücken und schlug die Türe hinter sich zu, daß der Schlüssel klirrend ins Zimmer fiel. Daraufhin kam die Mutter im Nachtgewand herein:

»Was hast du wieder mit dem Kind? Ich hab es dir ja gesagt, du versauerst ihm das Leben. Laß ihm doch ein bißchen Jugendlust. Heute ist eben die Jugend anders als in unseren jungen Jahren. Auch Käthe wird sich bald ausgetobt haben.«

»Ich will dir etwas sagen, Barbara: wenn es jetzt nicht ein Uhr in der Nacht wäre, holte ich Käthe so wie sie ist aus ihrem Zimmer und schlüge die Reitpeitsche auf ihr in Stücke. Ich will als Vater nicht schuldig daran sein, wenn aus dem Mädel nichts wird. Bis heute hab ich dir immer nachgegeben; jetzt hört's aber auf. Gute Nacht!«

Käthe hob ihren Hund aus seinem seidenen Himmelbett und küßte ihn auf die Schnauze. Dann setzte sie ihn auf ihr Bett und machte sich zur Ruhe fertig. Als sie unter der Decke lag, kroch Bussi mit unter und legte sich auf Käthes Schulter, so daß sein Kopf neben des Mädchens Kopf herausschaute.

»So, Bussi, schlaf gut. Gelt, wir zwei verstehen uns!«

IV.

Am Sonntag morgen kostete es Martha Mühe, sich zu erheben. Sie war so träge und unlustig gestimmt, beinahe fühlte sie einen Widerwillen vor sich selbst. Sie sah ein, daß sie im Begriffe stand, ganz zu veräußerlichen, daß sich in ihrem Innern eine Wandlung vorbereitete, von der sie nicht wußte, wie sie sich dazu stellen sollte. Schließlich ermannte sie sich doch, stand auf und ging in die Kirche.

Aber die geistige Öde und Trockenheit wich nicht von ihr. Vor der heiligen Kommunion hatte sie ein Bedenken, ob sie sich auch ordentlich vorbereitet habe, ob sie nicht gar unwürdig kommunizierte. Doch endlich schlug sie die Gedanken aus und empfing den Heiland und betete und flehte, er möge sie doch seine Gegenwart fühlen lassen und ihr ein klein wenig von der Süßigkeit schenken, die sie bisher immer verkostet hatte. Aber sie blieb kalt und trocken.

Beim Frühstück schalt sie Tante Edeltraud, daß sie schon so früh in der Kirche gewesen war; sie hätte doch mit ihr in die Spätmesse und Predigt in die Albanskirche gehen sollen.

»Nein, Kind, jetzt gehst du nicht noch einmal mit mir; das dulde ich nicht. Die Kirchenluft könnte dir doch schaden, wenn du sie im Übermaß genießest.«

»Aber du kannst mit mir gehen, Martha. Ich gehe heute in den Nymphenburger Park meine Sonntagsandacht halten. Da bist du noch nicht gewesen; es wird dir sehr gefallen.«

Wo ist denn da Gottesdienst?«

»O du heilige Einfalt! Überall ist da Gottesdienst. Jeder Baum und Strauch, jedes Grashälmchen, der blaue Sonnendunst, der Zwischen den Gebüschen liegt, das Plätschern der Springbrunnen, die frohen, sonntäglich gekleideten Menschen – alles, alles betet den Unendlichen an und hebt mein Herz nach oben, vieltausendmal mehr als aller Weihrauchduft und menschliche Formelkram der Kirche. Gott ist so groß wie das Universum, er läßt sich nicht in einer kleinen, von Menschen gebauten Kirche einfangen.«

»Du hast recht, Gott ist überall, aber er will nun einmal in der Kirche durch die heilige Messe verehrt sein.«

»Brav so, Kind, du hast den Katechismus gut gelernt. Aber ich bitte dich, komm mir nicht mit dieser Weisheit. Erlebe erst einmal etwas in dir, dann kannst du über all das äußerlich dir angeklebte Zeug urteilen. Jetzt bist du noch so engherzig und klein, all die tüchtigen, großen Menschen zu verdammen, die nicht nach deiner Schablone, sondern nach dem einzig für die Menschen verbindlichen Gebot ihres eigenen Gewissens leben.«

»Ich denke, dann kann ich auch nach meinem Gewissen leben und brauche mich nicht nach den Menschen zu richten, die von dem rechten Wege abgeirrt sind.«

»So ist's recht! So urteilen alle die selbstgenügsamen Pharisäer deiner Kirche. Du Naseweis hast ja gar keine Ahnung, durch welche Kämpfe sich der moderne Mensch durchringen muß, bis er zur Freiheit seines Selbst kommt. Lies doch nicht immer deine frommen, zuckersüßen Geschichten, die nur ein papierenes, verdrehtes Bild von Welt und Leben bieten. Lies doch einmal Bücher, in denen ringende Menschen sich Zum Mut der Selbstbestimmung durcharbeiten, dann lernst du Achtung haben vor diesem Mut, der auf jeden kleinen äußeren Trost verzichtet und sein Glück einzig und allein auf seine eigene Kraft aufbaut. Willst du die Welt kennen lernen und über dich selbst und das bis jetzt Angelernte urteilen, so mußt du auch kennen zu lernen suchen, was andere Leute, die Mehrzahl der Gebildeten, sagen.«

»Davon hat uns der Herr Religionslehrer manches im Unterricht gesagt.«

Ja, gewiß, aber er schaut alles nur durch seine Brille, von seinem Standpunkt aus an, den er von vornherein als den einzig richtigen erklärt. Das sind aber plumpe Vorurteile, von denen aus ein gebildeter Mensch nie und nimmer die Welt betrachtet.«

»Das ist schön gesagt, aber ich kann doch nicht alles lesen und prüfen, was heute geschrieben wird; dann käme ich ja nie an ein Ende und fände nie die Wahrheit.«

»Das ist wieder ein Satz, den du schön auswendig gelernt hast. Was verstehst du überhaupt unter Wahrheit? Die Wahrheit muß sich notwendig mit den großen Menschheitsepochen ändern. Was vor tausend Jahren brauchbar und wahr gewesen ist, darnach können wir moderne Menschen uns nicht mehr richten. So hat sich zum Beispiel das Christentum, wie es in der katholischen Kirche verkörpert ist, längst überlebt. Unsere moderne Zeit schreitet zu einer vollkommeneren Welterkenntnis und zu einer höheren, freieren Ethik voran. Die Naturwissenschaften, die empirische Psychologie und die moderne Philosophie entrollen uns ein ganz anderes Weltbild, als die Dogmen der Kirche, und unsere moderne Moral erhebt sich himmelweit über die Sklavenmoral des Christentums, die einst gut war, Barbaren in ihre Fesseln zu schlagen. – Aber jetzt voran, zieh dich an, dann gehen wir los.«

»Aber, Tante, was hältst du denn von alle dem, was, Leonore da eben gesagt hat?«

»Kind, ich bemühe mich, jeden Menschen zu verstehen und keinen zu verdammen. Die höchste Tugend, die wir üben müssen, ist die Liebe. Alles verstehen ist alles verzeihen. Leonore ist alt genug, sich ihre Überzeugung zu bilden und sie zu vertreten. Und seine Überzeugung ist das Heiligste, was der Mensch hat; sie muß man ehren und muß nicht immer darauf ausgehen, sie anzugreifen und sie zu seiner eigenen hinüberzubeugen. Das ist nicht Art und Gesinnung vornehmer Menschen.«

»Aber Leonore will mir doch ihre Überzeugung predigen.«

»Da stimm ich mit deinem Urteil überein. Ich billige es auch durchaus nicht, daß Leonore sich so aufdrängt. Aber jetzt geht, Kinder, ich muß noch mit dem Zimmermädel die Toilette für die Messe auswählen.«

Leonore stieg mit Martha in die Elektrische und fuhr nach Nymphenburg hinaus. Im Wagen konnten sie nicht miteinander reden wegen der anderen Fahrgäste. Martha überdachte das, was die Kusine ihr vorher gesagt hatte.

Ja, verstehen lernen wollte sie die Menschen. In dem, was sie in den wenigen Tagen gelesen hatte, waren ihr schon so viele Charaktere begegnet, die große Seeleneigenschaften verrieten; und wahrhaftig: von einer äußeren religiösen Betätigung war da nie die Rede gewesen. Sie wollte weiter und weiter lesen, um Welt und Leben immer mehr kennen zu lernen und zu verstehen. In Nymphenburg ging Martha das Herz auf. Ja, das war königliche Größe bei aller Einfachheit! Welch herrlicher Blick rechts die lange Allee hinunter, das Wasser entlang bis zu dem weißen Gebäude des Waisenhauses, und links hinauf zum königlichen Schloß mit dem weiten Halbkreis kleiner Schlösser und dem Riesenwedel des perlenden Springbrunnens. Hier war nichts klein und kleinlich, alles groß und mit majestätischer Gebärde hingeworfen. Die Mädchen traten in den Park hinter dem Schloß.

Weite Schau in lauschige Büsche und auf schweigende, himmelragende Wipfel. Sonnenglast und sich verziehende Nebel auf schwellenden Matten. Und darein das geheimnisvolle Rauschen eines fernen Wasserfalls. Einzelne Menschen und junge Paare saßen auf Marmorbänken und träumten in die Frühlingspracht hinein. Wenn man den weißen Königsbau und die schimmernden Marmorstatuen unter dem sonnigen Blau des Himmels sah, dann konnte einem wohl ein Ahnen von Griechenschönheit aufsteigen und ein Fünkchen leichter Griechenfröhlichkeit in der Seele aufglimmen.

»Nun, Martha, ist das nicht ein herrlicher Tempel Gottes, viel schöner und würdiger als die dumpfen grauen Mauern unserer Kirchen? Und die Menschen, die sich hier bewegen, beleidigen nicht das ästhetische Gefühl und alle unsere Sinne, die Gott doch auch geschaffen hat, daß sie das, was wir Seele nennen, nicht auf Schritt und Tritt von unseren gottnahen Gedanken abziehen. Bah, welche Gerüche und welche Scheußlichkeiten müssen wir in den Kirchen ausstehen! – Aber ich will dir ja nicht predigen, dir ja nicht meine Überzeugung aufdrängen, das ist ja nicht vornehm, wie Mutter sagt.«

»Ich verstehe jetzt, was du meinst; komm, laß uns die Schönheit genießen. Aber einen Ersatz für den von Gott selbst befohlenen Gottesdienst könnte dieses Erkennen Gottes in der Natur mir nicht bieten.«

»Kind, du bist noch nicht reif genug. – Doch jetzt gebiete ich Ruhe; ich will neue Kraft und Lust für eine ganze Woche schöpferischer Arbeit suchen. Wenn wir reden, kommen wir doch wieder ins Streiten. Schweig und genieße!«

Leonore suchte die einsamen moosbewachsenen Wege auf, wo die Stille fast hörbar war. Hier und da blieb sie stehen und sog die reine Luft langsam in die Lunge und breitete die Arme weit aus, als wollte sie etwas Ungreifbares erfassen.

Martha schaute den Vögeln nach und pflückte hier und da eine Blume am Wiesenrand und hatte ein unbestimmtes Gefühl, das sie nicht in Worte zu kleiden vermochte. Sie sann darüber nach und suchte die Fäden zu erhaschen, die wie fliegender Sommer durchs Sonnenland ihrer Seele einem bestimmten Ziele entgegentrieben. – Aha! Da hatte sie es: Wenn jetzt Otto bei ihr wäre! Und sie gab dem Sehnen nach und erträumte sich ihn an ihrer Seite, fühlte ihre Schulter die seinige berühren, legte ihren Arm in den seinigen …, ließ sich mit ihm unter einem kühlen Busch am Rand des Sees nieder … lag in seinen Armen … und fühlte den ersten Kuß auf ihren Lippen … Nun griff auch sie mit den Armen in die Luft und schwenkte den Sonnenschirm und war selig, berauscht von Jugendglück und Liebeslust.

O wie schön hatten es doch die Menschen, die sich liebten, in den Romanen! Wenn man doch einmal so etwas erleben könnte, nicht nur innerlich in schwärmenden Gefühlen, nein auch äußerlich in seligem Beisammensein allein. Der Dichter hatte recht: die heutige Gesellschaft zieht zu viele Schranken um den Ausdruck der Liebe, macht durch zu viele Gesetze das Schönste des Lebens und das Poetischste zu kalter, langweiliger Prosa und zur Qual, die jeden Frühlingskeim im Herzen erstickt.

Tante Edeltraud kam in heller Aufregung zum Mittagstisch:

»Nein, uns aber so etwas zu bieten! Hat da heute ein neuer Herr gepredigt, den reinsten Katechismus. So fad und langweilig und geistlos! Ich wäre beinahe hinausgegangen. Als wenn wir diese Dinge nicht schon längst wüßten. Auf diese Weise verekelt man uns nur die Kirche. Man sollte wahrlich etwas mehr Rücksicht auf die Gebildeten nehmen. Wir wollen zum Erleben des Christentums in uns angeregt werden; so aber schlägt man das religiöse Gefühl in unserer Seele tot.«

»Da müßt ihr einfach eine Eingabe an das Generalvikariat machen, daß der Herr entfernt wird.«

»Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Wir werden leicht ein Dutzend Damen finden, die mit unterschreiben. Therese werde ich gleich heute nachmittag besuchen. Ich kann mir denken, wie aufgebracht sie ist. Aber vielleicht tun wir besser daran, gleich morgen persönlich vorstellig zu werden, damit der Herr schon am nächsten Sonntag nicht mehr predigt. Machen wir die Sache schriftlich, so wird sie doch wieder verschleppt.«

»Dann nimm du heute nachmittag Martha einmal mit zu Tante Therese. Ich möchte gerne etwas schlafen und dann lesen. In der Woche komme ich doch nicht dazu. – Was treibst denn du, Richard?«

»Ich werde zunächst ein Stündchen von der Schönheit meines lieben Kusinchens Martha träumen. Dann gehe ich, ein bißchen aus.«

»Was verstehst du unter ein bißchen ausgehen?«

»Nun, ich werde wohl früh heimkommen, so etwa um elf oder zwölf Uhr. Soupieren tu ich im Odeon mit Freund Timpe.« – In Wahrheit hatte er sich wieder mit Käthe Zeisig abgesprochen.

Während die Tante ihre Siesta hielt, las Martha auf ihrem Zimmer den Schluß des Romans. Wie merkwürdig, daß eine Stelle mit dem übereinstimmte, was sie heute erlebt hatte:

»Der Zeitgeist drängt die Andacht aus der Kirche, aus den Mauern wieder in die Natur zurück. Vor der Natur, vor der Arbeit und vor einem liebenden Menschenherzen halten wir heute unsere tiefsten Andachten. Die Dreieinigkeit des neuen Lebens, das von Europa aus über alle fünf Weltteile strahlt, ist beschlossen in den dreieinigen hohen Geistern, dem Geist der Natur, dem Geist der Arbeit und dem Geist der Liebe vom Mann zum Weibe und zu allen Menschen. Im Geist der Natur ist die Liebe zu allen Wesen, zu den Pflanzen, Tieren und Dingen enthalten. Im Geist der Arbeit ist alle Liebe zum Lebenstrieb, der den Menschen zum möglichen Glied der Menschheit und der Natur macht. Im Geist der Liebe vom Manne zum Weibe liegt der Grundkeim der Liebe überhaupt, zur Eltern- und Kindesliebe, zur Liebe des Nächsten und zur Liebe zur Arbeit und zur Natur. Um den Geist der Liebe vom Mann zum Weibe kreist das ganze Weltall; diese Liebe gebiert alle Liebe und alle Kraft.«

Kaum hatte sie sich die Stelle unter ihre poetischen Perlen aufgeschrieben, da kam Tante und holte sie ab. Sie wollten langsam zu Frau Hofrat schlendern.

Frau Hofrat Therese Laubig hatte nach dem Tode des Herrn Gemahls und der Verheiratung ihrer letzten Tochter nur mehr die Hälfte einer Etage inne. Alle Zimmereinrichtungen und Bilder, die früher in ihren persönlichen Räumen gestanden und gehangen hatten, hatte sie behalten. Der Herr Hofrat hatte sehr guten Geschmack für alte Sachen gehabt. So nahm sich die Wohnung jetzt aus wie ein gedrängtes Museum wertvoller Möbel, Bilder, Waffen, Schilder, Kannen und Truhen. Da war kein Gegenstand, der nicht auf Kunst- und Altertumswert Anspruch machen konnte. Die Direktoren verschiedener Museen hatten schon angeklopft, um das eine oder andere Stück zur Ergänzung ihrer Sammlungen anzukaufen. Frau Hofrat hatte sie aber stets mit höflichem Bedauern entlassen. Die ganze Sammlung sollte so bleiben, wie sie von ihrem verstorbenen Gatten zusammengestellt war. Sie selbst hing auch mit zu großer Liebe an jedem Bilde. Wer nach ihrem Tode die ganze Sammlung erben sollte, wußte außer ihrem Notar und ihr selbst kein Mensch; nur das eine verriet sie, daß das Ganze als Ganzes zusammenbleiben sollte. Die Damen waren bald nach der ersten Begrüßung bei ihrem hochwichtigen Thema angelangt. Tante Therese war derselben Ansicht wie Tante Edeltraud.

»Ja, liebe Edeltraud, wir müssen unbedingt persönlich vorstellig werden. Wie ich höre, ist Herr Doktor Ameln noch nicht auf seine neue Stelle gezogen, er ist noch hier. Da läßt sich die Sache noch recht einfach erledigen.« Und zu Martha gewandt: »Liebes Kind, den Herrn müßtest du predigen hören. Nein, so schön, so schön! Jeder Gedanke und jeder Satz so fein geschliffen und die Gesten so ästhetisch abgewogen, alles aus einem Guß. Vor allem aber der Hauch der tiefen Frömmigkeit, die Gnade des Heiligen Geistes, die über die ganze Predigt ausgegossen war und in die Herzen der Zuhörer drang. Ich versichere euch, für den Herrn wäre ich durchs Feuer gegangen.«

»Wen gedenkst du noch zu unserem Bittgesuch einzuladen, Therese? Ich schlage Frau Doktor Roner und Fräulein von Steinmann vor.«

»Und vor allem Exzellenz von Lenyden nicht vergessen und das liebe gute Fräulein Thea Almond.«

»Ich gehe natürlich auch mit. Ich nehme meine violette Robe und den schwarzen Hut mit der großen Straußenfeder, weißt du.«

»Gewiß, das versteht sich von selbst. – Ich weiß ja, daß du leider nur einmal im Jahre zur heiligen Beichte gehst, und ich sähe ja gerne, daß du öfters gingest, wenigstens jeden Monat; aber die anderen Damen alle, die ich und du vorgeschlagen haben, sind Beichtkinder des früheren Herrn. Es ist unmöglich, daß wir ihn missen. Nur von ihm wird man eigentlich im religiösen Leben vorangebracht. – Ich rate dir, Martha, gehe auch zu ihm, dann bist du sicher, in unserer bösen Zeit keinen Schaden an deiner Seele zu leiden. – Aber denke dir nur, liebe Edeltraud, gestern ging ich in seinen Beichtstuhl und traf da den Prediger von heute. Der Hals war mir förmlich zugeschnürt. Ich habe ihm aber doch meine gewöhnlichen Sachen gesagt, auch daß wir manchmal über andere Leute reden müssen und so – das erfordert ja unsere Sorge um das Glück manches Menschen, besonders als Vorstandsdamen in den verschiedenen Vereinen – ach, was hat man doch da eine Sorge, nicht wahr, liebe Edeltraud? Aber du läßt dich da so selten sehen: Exzellenz sprach neulich schon ihr Bedauern darüber aus, und wir müssen doch jetzt schon die verschiedenen Vortragszyklen für den Herbst und Winter besprechen, – aber das ist jetzt Nebensache; – wo waren wir doch eben? Ah so, ja ich sagte ihm auch das, um mich zu verdemütigen, und wenn vielleicht etwas dabei vorgekommen wäre, was vielleicht nicht ganz in der Ordnung hätte sein können, und da sagte er mir einfach, ich solle auf die Liebe achten, das sei die Hauptsache, alles andere habe ohne die Liebe keinen Wert. Und der andere Herr hat mir immer einen so schönen Zuspruch gegeben, der mich wieder für eine Woche über alles Elend erhob und mich dem lieben Gott näher brachte. Aber die anderen Damen, die ich heute morgen traf, haben mir dasselbe geklagt. Fräulein Almond ist dann auch nachher noch zu einem anderen Herrn gegangen, da ihre Beichte sie so unbefriedigt gelassen hatte.«

»Ja, liebe Therese, wann sollen wir denn unseren Besuch beim Herrn Generalvikar machen?«

»Beim Herrn Generalvikar? Nein, meine Liebe, wir gehen gleich zum hochwürdigsten Herrn. Ich denke, noch heute abend anzufragen, wann wir Audienz haben können. Der hochwürdigste Herr wird uns natürlich gleich antworten, und wir werden am Dienstag vorsprechen können.«

»Aber da müssen wir unbedingt morgen nachmittag uns zusammenfinden, um die Toilettefrage zu besprechen.«

»Gut, das können wir morgen früh telephonisch abmachen. Ich bin ja bald fertig; ich nehme als Witwe mein Schwarzseidenes. – Aber jetzt, Kinder, darf ich zum Tee bitten?«

Martha war sprachlos vor Staunen über den Einfluß, den die Damen ausübten, – sogar bis in die Verwaltung der Diözese hinein, – und über das religiöse Leben, das in den Kreisen der gebildeten Damen herrschte.

Bei Tee, Zwieback und Kirschentörtchen brachte Tante Therese wie von ungefähr das Gespräch auf die kürzlich in den »Münchener Neuesten Nachrichten« angezeigte Verlobung von Meta Kellner mit Dr. Fachel.

»Nicht wahr, liebe Therese, – darf ich dir noch ein Schälchen einschenken? – nicht wahr, es ist doch ein sehr bedauerlicher Zug bei unseren jungen Mädchen, daß sie so früh, als die reinsten Kinder, ein Verhältnis anfangen und sich verloben. Ich weiß, Meta Kellner ist kaum achtzehn; nun es wird ja noch eine Zeit anstehen mit der Hochzeit; aber mit achtzehn sich verloben, nein, auf den Gedanken hätte ich in meiner Jugend kommen sollen! – Ach, Martha, verzeihe, noch ein Täßchen, nicht wahr?«

Martha wurde glutrot. Sie fühlte die Anspielung und erinnerte sich der Worte Richards von gestern nachmittag. Wie tausend Funken zuckten ihr die Gedanken durch den Kopf, die sie in den letzten Tagen gelesen hatte. Aber sie konnte keinen so vorbringen, wie er im Buche stand. So sprudelte sie denn heraus:

»Verzeihen Sie, Tante Hofrat, wenn ich dazu auch ein Wort sage. Ich finde, man soll die Liebe kommen lassen, wann sie kommt, und nicht zu den Einengungen und Gesetzen, die der Staat gemacht, auch noch immer neue aufstellen.«

Tante Therese schaute Martha von der Seite entsetzt an. Sie reckte sich empor und warf die Pelzboa, die sie immer auf der Schulter trug, weit in den Nacken zurück.

»Aber Kind, was muß ich hören? Verstehst du auch, was du da sagst?«

»Ja, ich meine, man sollte uns jungen Mädchen nicht alle Lebenslust rauben und uns versauern lassen. Die Liebe läßt sich nicht heranbefehlen und nicht totschlagen. Wen sie einmal erfaßt hat, dem soll man auch sein Glück lassen. Früher mag es so gut gewesen sein, wie es zu Ihrer Zeit war, heute ist eben die Welt anders.«

Frau Hofrat dachte: »Also hab ich doch recht; sie ist verliebt.« Laut sagte sie:

»Es ist aber ein Unterschied zwischen Liebe und Verliebtsein. Liebe ist ein heiliger Ernst und hat Aussicht, zum Ziele zu führen. Verliebtsein ist eine Laune, ein Spiel und wechselt mit der Saison.«

»Du hast recht, Therese. Ich finde auch, daß unsere jungen Mädchen zu früh den Kopf voll Liebesgedanken haben. Da muß ich meine Leonore loben; sie hat sich nie, auch nur im Geiste, an den ersten besten Herrn weggeworfen. Ihre Kunst ist ihre Liebe, und die macht sie glücklich. – Aber, liebe Therese, du wirst erlauben, daß wir uns empfehlen. Wir danken dir für die angenehme Unterhaltung; komm bald auch wieder einmal zu uns.«

»O wir werden uns ja morgen sehen, wohl am besten bei mir, ich wohne ja so ziemlich zentral hier am Rindermarkt, alle haben ungefähr gleich weiten Weg zu mir. – Also dann bis morgen. Ich danke recht sehr für den lieben Besuch. – Adieu, liebes Kind.«

In Martha kochte der Trotz. Kam man ihr so – und besonders diese alte Frömmlerin –, dann erst recht! Wie konnte aber Tante Edeltraud über Leonore so dick lügen! – Haha, eigentlich war das ganz lustig.

Kaum hatte Frau General die Flurtüre geöffnet, als auch schon Leonore aus ihrem Zimmer stürzte: »Aber, Mutter, du hast gestern die Zeitung schlecht gelesen. In den Kammerspielen wird ja Ibsens »Nora« gespielt. Da müssen wir doch unbedingt hin. Ich habe das Abendessen schon für elf Uhr bestellt.«

»Ach, Kind, ich habe eigentlich keine rechte Lust; ich bin zu müde. Aber deinetwegen gehe ich schon mit. Martha wird es auch gut tun. Oder hast du Nora schon gesehen?«

»Nein, Tante, ich habe nur Wilhelm Teil, die Jungfrau von Orleans, Wallenstein, Maria Stuart, Tasso und Iphigenie in Straßburg gesehen und dann haben wir einmal im Institut Racines Esther aufgeführt.«

»Alles recht romantisch, kleine Unschuld, aber nichts, was Kraft fürs Leben gibt. Komm mit, ich gebe dir meinen Ibsen, da kannst du Nora wenigstens einmal überfliegen, sonst verstehst du doch heute abend nicht viel.«

Martha nahm das Buch mit auf ihr Zimmer und überlas das Personenverzeichnis, die Szenerie und hier und da eine Seite. Alles schien ihr so prosaisch, so wenig poetisch, mehr ein Roman als ein Drama.

Als die Damen sich im Mantel und Schal auf dem Gange trafen, lüftete Leonore Marthas Mantel:

»Wie bist du denn angezogen? Ach, wieder das Backfischkleidchen!«

»Gedulde dich nur, Leonore, das Theaterkleid kommt ja dieser Tage. Heute mußt du mich schon so mitnehmen, wie ich bin. Übrigens gehe ich nicht ins Theater, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen.«

»Aha, du willst wieder nach einem gewissen Herrn Ausschau halten.«

»Nein, liebe Kusine, heute brauchst du nicht eifersüchtig zu sein.«

Martha war zuerst enttäuscht. Die moderne Szenerie und das moderne Kostüm des Alltags paßte so gar nicht zu den Begriffen und Erinnerungen, die sie vom Theater hatte. Jedoch allmählich packte sie die Kraft der Ibsenschen Gedankenschraube und die verblüffende Lebenswahrheit seiner Psychologie.

Stimmte das alles nicht auch mit dem zusammen, was Maria Reiber gestern gesagt hatte? Die Achtung der Persönlichkeit der Frau, ihre Behandlung als Puppe von seiten des Mannes? Ja, Ibsen hatte die moderne Frau und ihre Not erfaßt. Da mußte man es notwendig verstehen, wenn die Frau sich vom Manne trennte. Nach den Gesetzen der Kirche war das ja nicht. Aber Ibsen will ja nur Charaktere zeigen, die aus dem reinen Menschentum hervorgehen, Charaktere, wie sie heute in der Welt leben. Und er will ihre Schäden, ihre Fehltritte aufweisen und geißeln. Ibsen will ein Apostel, ein Verbesserer der modernen Welt sein und sie da packen, wo es ihr am meisten fehlt, am Eheleben. Martha faßte ein tiefes Mitleid mit Nora. Sie hätte so gerne gesehen, wenn sie zurückgekehrt wäre; darum ließ sie der rauhe Schluß unbefriedigt. Es kämpfte etwas in ihr gegen diesen Schluß.

Auf dem Heimwege bemerkte Leonore das Unbefriedigtsein Marthas: »Du schweigst Martha, du bist so ernst. Ich weiß, das Stück hat dich gepackt, nicht wahr? Du wehrst dich aber innerlich gegen dieses Gepacktsein. Das mußt du nicht. Ibsen bietet wahre, tiefe Kunst, und die erfaßt immer den ganzen Menschen. Du handelst aber falsch, du sündigst gegen den Künstler und gegen dich selbst, wenn du alte Vorurteile von außen gegen den inneren Eindruck Sturm laufen läßt. Ich gebe dir einen Rat: Lies heute abend noch

»Baumeister Solneß«. Wenn ein Redner seine Zuhörer durch und durch überzeugen will, dann häuft er oft die Beweise. Wenn ein Künstler uns voll und ganz packen soll, dann müssen wir auch die Eindrücke, die er in uns wecken will, durch sein Gesamtwerk häufen. Wenn du »Baumeister Solneß« liest, wird der Eindruck von Nora verstärkt und vervollkommnet werden, so daß sich ihm in deiner Seele kein Hindernis mehr in den Weg stellt.

Und Martha gab sich ans Lesen. Um ein Uhr schloß sie das Buch, nicht froh, aber überzeugt, daß es mit Solneß und Hilda so kommen mußte, wie es kam. Von allem aber, was sie gelesen hatte, trug sie in ihr Buch ein: »
Hilda: Herrgott, das hat man doch nicht in seiner Macht, in wen man sich verliebt! Solneß: Ach nein, – das bestimmt wohl der Dämon in unserem Innern.«

Sie machte sich zum Schlafengehen fertig, den Kopf voll Eindrücken, unbestimmten Gedanken und Gefühlen. So hatte sie die Liebe noch nie betrachtet. Wohl war sie in den paar Tagen schon zur Hauptmacht und Hauptsache ihres Innenlebens geworden, aber sie hatte noch nicht gewußt, daß sie in der Tat das Zentrum des menschlichen Lebens überhaupt war, daß sie wie eine überirdische Kraft den Menschen erfasse und sein Schicksal bestimme. Das hatte sie erst aus Ibsen herausgelesen.

Am folgenden Tage schloß sie sich fast ganz in ihr Zimmer ein und las, bis ihr der Kopf glühte: »Die Frau vom Meere«, »Die Gespenster«, »Die Wildente«.

Jetzt kannte sie das Leben und die Liebe. War die Ehe das Ende der Liebe, dann hieß es, früh sich kennen lernen und die Liebe so lange genießen, als es eben möglich war.

Martha kam sich wie eine große Kennerin des Lebens vor. Was hatte man ihr doch im Institut für naive Anschauungen beigebracht! Jetzt fiel das alles in sich zusammen. Aber mit der neuen Erkenntnis kam sie sich viel tiefer und größer und stärker vor. Sie wollte jetzt auch einmal die in ihrer Seele schlafenden Triebe und Wünsche sich ausleben lassen und dadurch sich selbst besser kennen lernen und das, was sie bis heute spielend und ahnungslos besessen, durch Kampf gewinnen. So würde das Leben auch bedeutend interessanter, so interessant, wie das ihrer Romanhelden und -heldinnen, die alle Möglichkeiten der Liebesleidenschaften und kühner Geistesfreiheit erschöpften. Aber alles in Ehren und in treuem Festhalten am religiösen Leben. Nur das Leben studieren und sich bilden!

Ehe sie zur Ruhe ging, setzte sie die elektrische Lampe an das Kopfende und nahm einen Novellenband mit ins Bett und las ihn mit Hast bis ans Ende. Sie ging ganz auf in den Heldinnen des Buches und glaubte sich selbst in ihnen wiederzuerkennen. Ja, die Anlagen zu dieser Größe und Charakterschönheit lebten auch in ihr, es brauchte nur der rechte Frühlingssonnentag zu kommen, dann blühten auch sie wie Rosen auf. Die starke, tiefe, heilige Liebe stand ja schon in voller Rosenblütenpracht. Die milde Herzensgute wollte sie in sich ausbilden.

Nur eines fehlte ihr noch: eine ganz eigene, große Charaktereigenschaft, die andere nicht verständen, deretwegen sie großes inneres Leid ertragen müsse, eine Leidenschaft, eine Liebe zu irgend etwas in ihr oder außer ihr, die sie zur stillen, unverstandenen Frau machen würde. Sie wußte noch nicht recht, was sie wählen sollte, was sie mit ihren Pflichten, mit anderen Menschen in Konflikt bringen, was sie mit einem Worte interessant machen konnte. Alle Frauen und Mädchen, von denen sie las, hatten so etwas: die eine war nun einmal zum Luxus geboren und konnte gar nicht ohne ihn sein; eine andere wurde in ihrer heißen Leidenschaft für die Kunst von ihrem nüchternen Gatten zu einem jungen Künstler getrieben; wieder eine andere war zu tief veranlagt, als daß sie sich mit der äußerlichen Religiosität der gewöhnlichen Menschen hätte abfinden können.

Über diesen Träumen schlief sie ohne Abendgebet ein.

Morgens erwachte Martha mit schwerem Kopf. Die Lampe brannte noch in den Tag hinein. Das Buch war ihr aus der Hand geglitten und lag zerblättert auf dem Teppich. Wie erschreckt sprang sie auf, knipste das Licht aus und steckte das Gesicht ins kalte Wasser. Das ließ sie zu sich kommen. Nein, heute abend wollte sie zeitig schlafen gehen, nicht mehr in die Nacht hineinlesen.

Eine ziehende Müdigkeit lag ihr in allen Gelenken. Im harten, kalten Licht des Tages zogen die Gestalten, von denen sie gelesen hatte, vor ihrem Geist vorüber, aber sie hatten nicht mehr die Wärme wie gestern abend, versetzten ihr Blut nicht mehr in Wallung. Sie verbreiteten eine Luft und Stimmung um sich, wie sie am Morgen, ehe der Tag erwacht, aus einem am Abend und in der Nacht stark besuchten Restaurant weht.

Martha ging zur Messe, fühlte sich aber so öd und kalt, daß sie nicht kommunizierte. Sie kam sich vor, als sei sie von einem warmen heimeligen Zimmer in einen kalten zugigen Regentag hinausgegangen. War das auch alles recht, was sie las und sich durch den Kopf gehen ließ? Sie schüttelte sich in innerem Frost. Da stand auf einmal ihre Lieblingslehrerin aus dem Institut vor ihr: Kind, was tust du? Du liest ja Bücher, die deine Phantasie erhitzen, die dich zur Sünde führen können, und dies ist ja schon Sünde. Fühlst du nicht, wie es sich in deiner Seele prickelnd regt, von verbotenen Früchten zu naschen? – Auf dem ganzen Heimweg zuckten diese Gedanken durch ihr Hirn. Sie war tiefunzufrieden mit sich selbst.

Als sie nach dem Frühstück auf ihrem Zimmer angelangt war, fühlte sie sich wieder frischer.

O, heute mußte sie zur Kleiderprobe! Und sie malte sich in der Phantasie ein Bild aus von ihrer Erscheinung auf dem Ball – vor Otto.

Da glomm auch schon das alte Feuer in ihrem Herzen wieder auf. Mit ein paar weitgriffigen überleitenden Akkorden landete ihre Stimmung in dem Rausch der Liebessehnsucht von gestern abend.

Jetzt nur recht bald wieder an die Lektüre. Aber sie hatte schon fast alle Bücher, die auf ihrem Zimmer standen, durchgelesen. Leonore mußte ihr neue geben. Als sie Bewegung in dem Nebenzimmer hörte, ging sie hinüber, Leonore bedauerte, nicht viel mehr zu haben, was sie interessieren werde. Aber sie solle ein Abonnement in einer Leihbibliothek nehmen, nicht weit vom Hause sei eine, wo man alles bekommen könne.

»Da nimm dir mal gleich was Ordentliches. Hast du schon was von Frenssen gelesen, von Kellermann, Dostojewski?«

»Nein, haben die denn schön geschrieben?«

»Das ist wieder so eine echte Backfischfrage. Schön braucht ein Künstler nicht zu schreiben, so wie du es meinst; er muß das Leben wahr darstellen und uns etwas zu sagen haben. Also bring dir mal gleich Jörn Uhl, Hilligenlei, der Tunnel und Raskolnikow mit.«

Je näher Martha der Leihbibliothek kam, desto eigentümlicher wurde es ihr zumute. Allerlei Schreckbilder schwebten ihr vor, allerlei Befürchtungen und Ahnungen.

Sie blieb eine Weile an den Schaufenstern des Ladens stehen und las die Titel und sah die Umschlagzeichnungen der ausgelegten Bücher. Was sollte sie von den Sachen denken? Was würde man drinnen von ihr denken, wenn sie ihre Bücher verlangen würde. Sie wußte ja gar nicht, was darin stand. »Ach was, du hast A gesagt, nun mußt du auch B sagen.«

Eine übermütige, abenteuerliche Laune überfiel sie. Die Sache konnte ja höchstens nur interessant werden. Frisch drückte sie auf die Türklinke und trat ein.

Vor dem Ladentisch stand ein junges Paar. Sie offenbar nicht älter als siebzehn, er vielleicht zwanzig. Die beiden kicherten und tuschelten und besahen sich die auf dem Tisch ausgelegten Bücher mit den pikanten Deckelzeichnungen, alle schon ziemlich abgegriffen. Nun wendeten sie sich nach Martha um und besahen sie von oben bis unten. Einen Augenblick kam niemand. Dann trat aus dem Nebenraum ein Mädchen mit einem Buch heraus, das es für die beiden Wartenden geholt hatte. An dem Mädchen war nichts Besonderes. Es war einfach gekleidet und benahm sich natürlich einfach. Die beiden nahmen das Buch in Empfang, er bezahlte, bot ihr den Arm und so gingen sie hinaus.

»Bitte, Fräulein, ich hätte gerne ein Abonnement.«

»Für ein Buch, zwei oder vier in der Woche?«

»Bitte, für vier.«

»Ihr werter Name?«

»Martha Halden.«

»Bitte hier ist der Katalog.«

»Ich danke. Ich hatte gerne Jörn Uhl und Hilligenlei von Gustav Frenssen, Der Tunnel von Kellermann und Raskolnikow von Dostojewski.«

Martha las die Titel und Namen von einem Zettel ab und faltete ihn wieder zusammen.

»Sind die Bücher vielleicht da?«

Das Mädchen suchte einige Gefächer ab, trug die Bücher auf einen großen Zettel, auf den sie eben Marthas Name geschrieben hatte, ein, und händigte sie Martha aus. –

Beim Betreten der Straße schaute Martha sich um wie das böse Gewissen, ob sie auch niemand gesehen hätte. Dann ging sie eilig mit ihren Schätzen nach Hause. Sie brannte vor Neugierde, die Lektüre zu beginnen. Aber mit welchem Buche sollte sie anfangen? »Na, gehen wir einmal nach dem Alphabet voran. Also Dostojewski!«

Sie las und las eine Seite nach der anderen.

»Mein Gott, ist das langweilig! Das geht ja gar nicht voran. Und von Liebe scheint auch nichts drin zu sein.« Klapp, war Dostojewski abgetan. Also Frenssen her! Jörn Uhl!

Hu, war das unheimlich ahnungsvoll. Aber so interessant, die Erwartung der Geburt, und die Laterne, die wie ein feuriger Vogel durch das Haus irrte, und die feierliche, salbungsvolle Sprache!

Da klopfte es. Die Tante! »Aber, Kind, du vergißt doch nicht, daß heute Dienstag ist und du zur Probe des Kleides gehen mußt.«

Martha fuhr auf und strich sich das Haar aus der Stirne. »Ja, Tante, wann müssen wir gehen?«

»Jetzt gleich, mach dich fertig. Heute nachmittag habe ich keine Zeit, da hab ich mit den Damen, – du weißt ja, – einen wichtigen Gang zu tun.«

Die Probe fiel glänzend aus. Martha war entzückt. Als sie vor den Spiegel trat, erschrak sie fast vor ihrer Schönheit.

Aber was würde Maria … Otto sagen? Da vorne, war das doch nicht etwas zu arg. Sie empfand es nicht mehr so wie neulich, wo sie das Kostüm nur im Bilde gesehen hatte; da war das alles viel stärker betont. Doch …

»Fräulein, kann man da nicht einen kleinen Einsatz anbringen, vielleicht eine Spitze oder gestickte Seide?«

»Gnädiges Fräulein werden sehen, Sie verderben dadurch die ganze blühende Wirkung der Robe; und man tut das heute nicht mehr, wir würden dadurch dem Ruf unseres Hauses schaden.«

»Hm, Kind, ich sehe auch nicht ein, was da noch zu ändern wäre. Ich beneide dich fast.«

»Aber ich sehe doch lieber, wenn Sie einen kleinen Einsatz machen.«

»Ja, wenn Sie es ausdrücklich verlangen, gnädiges Fräulein, aber wie gesagt …«

»Also machen Sie es, ich verlange es so.«

Der Zuschneider machte noch hier und da einen Stich, einen Kreidestrich und ging. Martha schaute noch einmal in den Spiegel und drehte sich um und um. Tante Edeltraud stand wie verzückt:

»Nein, Kind, wie schön du bist! Ich bin stolz auf dich. Die jungen Damen werden vor Neid vergehen, und die Herren werden nur dich umschwärmen.«

Martha hörte nicht, was die Tante sagte; sie sah sich im Geiste auf dem Ball, umkreist von den bunten Uniformen und umrauscht von schmelzenden Melodien, am Arm Ottos, – und Leonore schoß giftige Blicke auf sie, und Maria, – ja Maria! – die war auch nur eifersüchtig. – Nein, pfui welch schmutziger Gedanke! Maria wollte ihr ja nur Gutes; sie war nur so komisch, so ganz anders in ihren Anschauungen als die anderen jungen Mädchen und die Menschen in den Büchern

Ausnahmsweise war Richard am Mittag zu Tisch daheim. Er hatte für heute keine Einladung und freute sich, wie er sagte, wieder einmal ein Stündchen bei der Mutter sein zu können. Als er von der Kostümprobe hörte, meinte er:

»Donnerwetter ja, da muß ich dich aber vor dem Ball einmal ein Viertelstündchen ganz für mich allein haben. Ich will nicht, daß andere deine Schönheit so quasi vor mir, deinem Vetter, bewundern. Ich habe das erste Recht auf dich. Hier genießt man überhaupt die jungen Damen nicht recht, wie man soll. Immer diese philiströse Polizeiaufsicht, die einem den ganzen Schönheitsgenuß vergällt. Überall sitzen die gnädigen Frauen Mütter herum und spießen einen mit ihren Blicken auf.«

»Richard, ich finde, du wirst roh.«

»Ich roh? Nein, die Mütter sind roh gegen uns und tyrannisch gegen ihre Töchter. Ich weiß eine Garnison, da haben die Kameraden eine ganz andere Ordnung eingeführt. Wenn sie die jungen Damen zu ihren Bällen einladen, holen sie sie im Wagen ab, und keine gnädige Frau Mutter darf mitfahren, wenn sie nicht ausdrücklich eingeladen ist. Ich meine, das sollte man auch hier in München einführen.«

»Richard, das hätte Vater hören müssen!«

»Nun, Vater war auch noch aus der alten Schule wie so manche von den alten Herren in unseren Regimentern, und es ist auch gar keine Aussicht bei unseren verfluchten bayrischen Avancementverhältnissen, daß einmal neuer Wein in die alten Schläuche kommt. – Sieh mal, Martha, bin ich nicht ein frommer und bibelfester Mann? Das gefällt dir doch?«

Martha saß und träumte. Das, was Richard da eben gesagt hatte, war zu stark. Aber es prickelte sie doch, einmal mit Otto allein im Wagen zu sitzen.

»Ach, du bist unausstehlich; ich mag nichts von dir wissen; geh nur recht bald wieder nach Landshut zurück.«

»Das tu ich auch, mein allergnädigstes Fräulein; Freitag ist wieder Reisetag, allerdings ein Unglückstag, aber ich muß halt zurück. Aber zuerst muß ich dich in deiner ganzen Schönheit sehen. Ich nehme mir dann das Bild im Geiste mit, und du wirst meine glückbringende Fee sein.«

»Ach, Richard, tu nur nicht so! Hast du denn keine andere Fee, die du im Herzen trägst?«

»Ach, Martha« – ahmte er sie nach – »wie könnte ich in deiner entzückenden Nähe denn an einen anderen Menschen denken?«

»Wenn du Martha so gerne hast wie uns, dann ist deine Liebe nicht weit her, mein Sohn. Du bist jetzt fast schon eine Woche auf Urlaub, und am Freitag gehst du wieder fort. Wann bist du aber in der Zeit einmal bei uns gewesen? Immer bist du draußen oder bei anderen Leuten.«

»Liebe Mutter, darf ich fragen, wann du einmal für mich zu Hause bist, für mich allein?«

»Nun, ich habe auch hier und da notwendige Gänge zu besorgen. Aber du gehst nur dem Vergnügen nach.«

»Ich bedaure, schon für heute nachmittag Timpe eine Tour an den Starnbergersee zugesagt zu haben. Sonst stände ich heute ganz zu deiner Verfügung. Aber Donnerstag abend gehen wir ja wohl zusammen zum Ball. Morgen muß ich auch notwendig zum Tennis; morgen abend haben wir einen gemütlichen Herrenabend bei Dr. Knopp. Aber ich weiß, wir werden uns noch einmal allein sprechen, Mutter.«

»Ja, ich weiß,« dabei schaute sie ihn von der Seite mit traurigen Augen an, »doch ich fürchte, es wird nichts geben. Ich kann mich unmöglich mehr einschränken, als ich es schon tue; ich kann mich nicht noch mehr aus der Gesellschaft zurückziehen.«

Martha verstand; es wurde ihr ungemütlich. »Tante, du gestattest, daß ich mich zurückziehe.«

Sie stand auf und ging auf ihr Zimmer. Leonore folgte ihr. Ein ungewohnter Ernst sprach aus ihren Augen, sie ließ sich auf Marthas Sessel fallen, legte ihre Stirn auf die Arme und weinte. Martha war sprachlos. War das Leonore, die harte, eitle, großtuerische Leonore?

»Kind, du glaubst nicht, welche Sorgen uns Richard macht. Er treibt uns noch in Armut und Not. Sein Vermögen hat er schon draufgetrieben, jetzt zehrt er schon von Mutters kleinem Kapital. Wenn er nur einmal Oberleutnant wäre und die Käthe Zeisig heiraten könnte, dann würde er vielleicht anders. Aber die hat auch nicht viel. Überall, wo man hinschaut, glänzendes Elend.«

Stoßweise kamen die Sätze heraus. Martha wurde weich. Sie legte der Kusine die Hand auf den Scheitel. Leonore wurde ruhiger. Plötzlich stand sie auf, trocknete die Tränen und nahm wieder ihre alte Kälte an.

»Nimm mir diese Dummheit nicht übel, Martha, aber meine angestrengte Arbeit macht mich nervös. Vergiß, was ich dir gesagt habe. Es ist auch nicht so schlimm. Richard ist halt noch jung. Wenn er einmal avanciert, wird alles besser. Ich kann ja auch noch arbeiten und hoffe, bald einmal ein Bild zu verkaufen. Aber schlag du dir Otto Reiber aus dem Kopf. Merkst du denn nicht, daß Mutter mich so gern mit ihm zusammen sähe?«

Da verschwand wieder alle Weichheit aus Marthas Herzen. »Ich weiß nicht, was ihr immer mit Otto Reiber wollt. Wenn ich mich in ihn verlieben wollte, wäre das doch meine eigene Angelegenheit, gegen die ich selbst nichts machen könnte; und wenn er Gefallen an mir fände, wer wollte es ihm verwehren? Liebe läßt sich doch nicht kommandieren.«

»Ich sehe, daß du ein eingebildetes Ding bist; ich schäme mich vor mir selbst, daß ich mich eben vor dir so gehen ließ. Guten Tag!«

Leonore schlug die Türe hinter sich zu. Martha war doch nicht so ruhig, wie sie sich gestellt hatte.

Sollte sie nicht lieber wieder nach Hause fahren? Hier half sie ja doch nur die inneren Sorgen vermehren. Wenn das alles, was rings um sie lebte, nur Schein war, dann mußte dieser Schein eines Tages einer grausamen Wirklichkeit weichen.

Aber nein, Leonore war nur nervös erregt. Und Otto? Konnte sie von ihm gehen. Niemals, das würde sie nicht mehr über sich bringen. Ihr Vater bezahlte ja alle Auslagen, die Tante Edeltraud für sie machte.

So setzte sie sich an ihren Jörn Uhl und las den ganzen Nachmittag durch bis zum Abend. Bei mancher Seite wurde sie von heißer Neugier gepackt und eine innere Glut peitschte sie voran, so daß ihr das Bewußtsein zu schwinden schien und sie in einer üppigen Phantasiewelt lebte.

Als sie zum Abendessen ging – den Tee hatte sie vergessen –, dauerte es eine Weile, bis sie sich in der Wirklichkeit zurechtfand. Zwischen ihr und Tante und Leonore und den Gegenständen des Zimmers schwebte es wie eine glühende Nebelwand, die erst allmählich verschwand und die Personen und die Zimmereinrichtung kalt und hart hervortreten ließ.

Die Frau General war aufgeregt und schweigsam. Sie aß fast nichts. Leonore lächelte vor sich hin wie in stillem Triumph. Martha wagte nicht, das Schweigen zu unterbrechen. Endlich fragte Leonore ganz unbefangen und nur so obenhin: »Was hast du den ganzen Nachmittag getan, Martha?«

»Ich habe gelesen, Jörn Uhl, fast aus.« »Was? Und da hast du Mutter allein gelassen?« »Wie kannst du aber so einfältig fragen, Leonore? Du weiht doch, daß wir heute nachmittag beim Erzbischof waren.«

»Ach so, richtig! Nun, was habt ihr denn ausgerichtet? Alles ist doch glänzend gegangen, nicht?«

»Ganz so, wie mir geahnt hat. Die geistliche Behörde hat durchaus kein Verständnis für die Wünsche der Gebildeten und des besseren Teiles der katholischen Bevölkerung. Man ist nicht auf unsere Bitte betreffs des Predigers eingegangen. Er ist heute morgen schon in seine neue Stelle abgereist.«

»Das nenne ich unverschämt.«

»Ist es auch. Die einfache Folgerung, die ich und einige andere Damen daraus ziehen werden, ist, daß wir nicht mehr in den Gottesdienst gehen. Gott will, daß wir uns dort erbauen. Wenn diese Erbauung nicht zustande kommt, fällt für mich natürlich der Zwang des Kirchenbesuches weg. Ich suche mir die religiöse Erbauung da, wo ich sie finde, und zu der Zeit, wann sie sich mir bietet. Daß ich Sonntags früh in eine Messe gehe, wird von mir bei meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen niemand verlangen. Sie allein befriedigt mich auch nicht. Der Sonntag ist übrigens der gottesdienstliche Tag für das Volk, das in der Woche der Arbeit nachgehen muß. Ich kann aber auch an Werktagen dahin gehen, wo ich innere Erhebung finde.«

»Ich meine aber, Tante, Gott hat ein Recht, unseren besonderen Dienst an einem bestimmten Tage und durch eine bestimmte Form zu verlangen.«

»Bitte, wo verlangt Gott das? Das ist ja alles nur Menschenkram, dazu gemacht, gewissen Leuten Gewalt über die Massen zu geben.«

Martha suchte in ihrem Gedächtnis nach einer Erwiderung, fand aber keine und schwieg.

»Du willst mich doch nicht zu einem schlechteren Menschen stempeln als die Frömmler, die immer zur Kirche laufen, nebenbei aber allen möglichen kleinen Liebhabereien nachgehen, die sie dann zu Ostern beichten, um nach der Beichte sofort wieder das alte Leben zu beginnen.«

»Davon verstehe ich nichts, Tante, und es geht mich auch schließlich nichts an, was du tust.«

»Da hast du ganz recht. Lerne erst einmal die Menschen tiefer kennen und schau einmal hinter die Heuchelei und das Getue der sogenannten Kirchlichen, und du wirst keine Zweifel mehr an meiner Rechtlichkeit hegen.«

»Aber was sagt denn Tante Therese dazu?«

»Tante Therese? Die geht das gar nichts an. Die wird bald wieder einen Beichtvater gefunden haben, der ihr das sagt, was sie gerne hört. Ich glaube auch sicher, daß sie dem früheren Herrn schreiben wird, um sich von ihm trösten zu lassen. Nach einiger Zeit hat sie ihn vergessen, und dann schwärmt sie für einen anderen. – Aber jetzt muß ich aufstehen, Kinder. Ich habe noch einige Briefe zu schreiben. Unterhaltet euch nur noch etwas.«

»Gute Nacht, Mutter.«

»Gute Nacht, Tante.«

»Schlaft wohl, Kinder.« – –

»Siehst du wohl, Martha, ich habe es ja immer gesagt, daß es so kommen mußte, Mutter wollte es nur nicht glauben.«

»Ich verstehe euch beide nicht recht, Leonore.«

»Du bist eben kein einheitlicher Charakter. Du willst das Leben und die Menschen nehmen, wie sie sind, möchtest auch selbst wohl ein ganzer Mensch sein, der alle seine Fähigkeiten sich ausleben läßt; aber du willst nicht von einem anderen Moment lassen, das in diesem Leben ein Fremdkörper ist. Willst du ein moderner Mensch werden, dann mußt du auch deine religiöse Betätigung aus dem modernen, freien, konsequenten Geist herausfließen lassen. Sonst wirst du nie und nimmer zufrieden sein, weil dir die Einheitlichkeit fehlt. Die gebundenen religiösen Anschauungen, die du jetzt hast, werden auf Schritt und Tritt gegen dein inneres und äußeres Leben aufstehen und dieses wird immer wieder auf Vorurteile stoßen, die dir schließlich das Leben unerträglich machen. Mehr ehrlich wissenschaftlicher Geist täte dir not, mehr Kritik, mehr prüfende Zurückhaltung gegenüber allem, was da ohne wissenschaftliche Beweisführung behauptet wird.«

»Bitte, was wird denn auf unserer Seite ohne Beweisführung behauptet? Da ist doch alles hieb- und stichfest.«

»Na, Kind, ich sehe, daß du noch nicht über deinen Katechismus hinausgeschaut hast. Überlege dir nur Zum Beispiel einmal vernünftig: Kann der gütige und barmherzige Gott denn Menschen schaffen, um sie zu verdammen? Ihr wollt beweisen, daß auf der Welt alles so wundervoll und ordnungsgemäß eingerichtet ist, und daraus den Schluß ziehen, daß es einen Gott geben muß. Da tragen eure Geistlichen möglichst unwissenschaftlich so ein paar Paradestücke wie den Sternenhimmel, das menschliche Auge und so weiter zusammen und verschließen ihre Sinne gegen all das Elend und Leid, all die Dinge, die gar keinen Zweck haben. Fang nur einmal an zu studieren, und du wirst schon sehen.«

»Wenn ich keinen anderen Beweis für die Wahrheit unserer Religion hätte, als die Gottheit Christi – und die ist doch erwiesen – dann wäre ich zufrieden. Ich kann nicht alles lesen, was die Wissenschaft gegen das Christentum geschrieben hat.«

»Aber über die landläufigsten Forschungsergebnisse mußt du doch etwas wissen, sonst blamierst du dich in Gesellschaft auf Schritt und Tritt. Die Gebildeten hier haben alle ihre eigene Auffassung über religiöse Dinge, die sie sich selbst erarbeitet haben. Und dann, was du da von Christus sagst! Hast du einmal etwas von Buddhismus und Mithrasdienst gehört?«

»Ja, in der Religionsstunde hat uns der Herr Rektor einmal gesagt, und wir haben das auch in der Apologetik gelernt, daß man heutzutage sage, das Christentum habe sich aus Buddhismus und Mithrasdienst entwickelt, Christus selbst sei nur eine Mythe. Aber man hat uns das auch widerlegt.«

»Wieviel Stunden hat euch denn der Herr darüber gelesen?«

»O, ich meine doch eine ganze Stunde. Es war sehr interessant, und die Theorie der modernen ungläubigen Gelehrten kam uns so dumm vor.«

»Ja natürlich, wenn man so eben einmal daran nippt und der geistliche Herr dann noch seine Witze darüber macht, nicht wahr! Aber du solltest einmal ein Semester Kolleg darüber hören hier an der Universität oder wenigstens in ein paar Vorträge gehen, wie sie von Gelehrten und Professoren hier oft vor einem größeren Publikum gehalten werden. Da sprüht der Geist nur so, und man wird in die tiefsten Forschungen der vergleichenden Religionsgeschichte spielend hineingeführt. Ehe man aburteilt, muß man wenigstens auch einmal die Gegenseite hören, sonst kommt man mit Recht in den Ruf eines ungebildeten, unwissenschaftlichen Menschen. Ich begreife überhaupt nicht, – um gleich einmal das Wurzelübel deiner naiven Weltanschauung anzupacken, – wie ein geistig hochstehender Mensch noch an so urzuständlicher, uneinheitlicher Weltbetrachtung festhalten kann wie die dualistische.«

»Was ist das: Dualistische Weltbetrachtung? Ich verstehe nicht.«

»Das ist eben deine Weltanschauung: daß es eine Welt und einen außerweltlichen Gott gibt, der diese Welt erschaffen hat.«

»Na, soll es denn keinen Gott geben?«

»Hu, da schlägst du wohl beinahe ein Kreuz vor mir, der Ungläubigen, der gottverlassenen Atheistin. Nein, Kind, die Welt, das All ist eben Gott. Schau mal zurück in die Geschichte des Menschengeschlechtes: Zuerst verehrten die Menschen im Urzustand Tausende von Göttern. Alles, was ihnen gefiel, was ihnen guttat, und auch alles, was ihnen Furcht einflößte, war ein Gott oder eine Göttin. Dann beschränkten sie sich immer mehr auf einige wenige Götter, bis schließlich nur mehr zwei übrig blieben: der gute liebe Gott und der Teufel. Mit dieser Anschauung von Gott kam die Menschheit ziemlich weit. Das Christentum schaffte auch den Teufel als Gott ab. Da blieb nur mehr Gott und die Welt als die beiden großen Dinge übrig, die geheimnisvoll dem Menschen gegenüberstehen. Aus der Erde erhielt der Mensch den Leib, von Gott die Seele. Jetzt aber geht die Wissenschaft noch weiter in der Vereinheitlichung und findet, daß Gott und Welt und die Menschen eins und dasselbe ist. Das ist doch sein und geistvoll erdacht, nicht wahr?«

»Ich kann nicht leugnen, daß dieser Gedanke sehr schön und ästhetisch ist. Aber sollte er wahr sein?«

»Nun, darüber kannst du dich beruhigen. Wenn unsere größten Geister und bedeutendsten Gelehrten ihm huldigen, dann ist er echt.«

»Wie wird er denn bewiesen?«

»Bewiesen? Bewiesen? Das muß man erleben, fühlen, intuitiv schauen. Als ich zum ersten Male von Monismus hörte, da strahlte es wie ein flammendes Licht in meiner Seele auf, und ich war berauscht von der Schönheit des Gedankens. Gerade uns Frauen sagt der Gedanke so ungemein zu, weil wir die Wahrheit mehr ahnen, mehr mit unserem ganzen Wesen erfassen, als nur mit dem Verstände errechnen. Wir fühlen den Lebenswert einer Wahrheit in uns und sind uns mit seinem Instinkte bewußt, nichts Falsches und Unedles zu umfassen. Die Einheitlichkeit, die wir in der ganzen Weltanschauung haben, kehrt hier in ihrer Erfassung wieder: Nicht nur der Verstand wird befriedigt, nein, der ganze Mensch ist ein jauchzender Jubelschrei inneren Erlebens der Wahrheit. Auch das Christentum will den Verstand erfassen mit sophistischen Klügeleien, es will auch das Gemüt packen, aber das tut es wieder mit anderen Einflüssen, wie zum Beispiel mit pomphaftem Gottesdienst, rührseligen Gesängen und so weiter, aber es ist nicht imstande, mit einer Idee den ganzen Menschen einheitlich zu erfassen.«

»Das sind ganz interessante Ideen, die du da vorträgst, Leonore. Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß du so gelehrt bist.«

»Pah, gelehrt! Das sind Binsenwahrheiten, die du hier täglich hörst, Selbstverständlichkeiten, über die man nicht mehr streitet. Du solltest einmal Bergson lesen, da ginge dir das Herz auf. Er ist der Philosoph der Frau, weil er der Philosoph der Intuition ist. Übrigens, wenn ich nicht irre, hält dieser Tage Professor Klausen einen Vortrag über Bergson; da wollen mir hingehen. Das Wichtigste wirst du dort hören.«

Martha schwärmte schon im stillen für den Philosophen der Intuition. »Ja, das will ich mir einmal anhören. Es muß doch sehr interessant sein, einen Universitätsprofessor sprechen zu hören.«

»Ach, bist du naiv! Das kannst du hier fast jeden Tag haben, besonders im Winter, da strömt die geistige Anregung fast in Wolkenbrüchen auf uns nieder. Das muß ich sagen: man fühlt sich hier wirklich als gebildeten Menschen, man lebt das Ringen seiner Zeit mit.«

»Dann muß man aber, meine ich, das ganze Leben nehmen, auch wie es sich in der Kunst äußert.«

»Ah, du willst überleiten! Ja, ich habe dir versprochen, dich durch unsere Ausstellungen zu führen. Das wollten wir ja mit Maria Reiber tun. Dann fangen wir morgen früh an, wenn es dir recht ist, aber nicht mit der Alten Pinakothek, da siehst du nichts vom modernen Geist. Wir gehen zunächst einmal in die Sezession, den Glaspalast und die Neue Sezession. Ich will doch gleich einmal Maria antelephonieren; sie sitzt sicher zu Hause über ihren Büchern.«

Leonore stand auf und ging hinaus. Martha hörte von drinnen ihre Stimme am Telephon: »Guten Abend, Maria! Sag mal, kannst du morgen um zehn Uhr mitgehen in die Sezession?« – – »Gewiß, ich weiß jetzt wieder, wir hatten den Dienstag ausgemacht, aber ich hatte ganz darauf vergessen. – – Ja, ja. Martha ginge lieber zuerst in die Sezession, weil da mehr der moderne Geist vertreten ist. – – Ja, ja, sie hat sich schon gut eingelebt. – – Schön, dann treffen wir uns also morgen früh punkt zehn Uhr auf dem Königsplatz. Guten Abend, Maria, – halt, einen Augenblick, Martha will dich eben begrüßen.«

Martha war aufgestanden und hinausgegangen und griff nach dem Hörrohr.

»Guten Abend, Maria! Wie geht es dir? – Hör mal, das, was Leonore eben sagte, ist gel…« Sie bekam einen Puff auf den Arm. – – »Ist nicht wahr. Leonore hat mir klargemacht, daß es besser sei, mit der Sezession zu beginnen, als mit der Alten Pinakothek, und da hab ich denn zugestimmt. Ich wollte dir das nur eben sagen. Aber du wirst ja wohl schon die Alte Pinakothek genug kennen, so daß du ganz gern in die Sezession gehst. – – Ja, recht so, danke schön, gut Nacht!«

»Gelt, Martha, du wolltest nur eben einmal in das Haus Ottos hineinsprechen, wenn auch an der anderen Seite nur seine Schwester stand?«

»Da sieht man, wie verliebt du selber bist, daß du von dir immer auf andere schließen mußt!«

Leonore faßte Martha bei den Armen und begann mit ihr wie im Scherz zu balgen. Unter Lachen gab es Püffe hin und her.

Plötzlich kniff Leonore Martha in den Arm, daß sie laut aufschrie und ihr mit der Faust aufs Handgelenk schlug.

»O bitte, Martha, verzeih! Hab ich dir wehgetan? Nein, das wollte ich nicht; ich wollte dich nur am Ärmel zupfen.«

»Ach was, jetzt geh ich zu Bett, mit dir kann man nicht spielen, du nimmst alles gleich ernst, das tat mein Bubi in Mülhausen nicht einmal.«

»Nun sei doch wieder gut, Martha, ich hab es ja wirklich nicht gewollt.«

Martha rieb sich den Oberarm und ging auf ihr Zimmer. Leonore lächelte vor sich hin, ihr Kopf war puterrot. Der Gedanke war ihr so plötzlich und mit elementarer Gewalt gekommen, Martha zu kneifen. Mit einem blauen Flecken konnte sie dann übermorgen nicht auf den Ball gehen.

Martha machte sich weiter keine Gedanken, sie rieb den Arm noch ein wenig und ging dann ans Lesen. Es waren ihr noch etwa hundert Seiten Jörn Uhl vom Nachmittag her geblieben. Die las sie fertig und legte sich mit Hilligenlei zu Bett.

Zuerst war sie wohl ein wenig müde, aber bald verzog sich die Mattigkeit und sie las mit Hast und Gier. Ah! das war andere Kost. Hier war eigentlich mehr Geist als in Jörn Uhl. Es handelte sich um eine neue, tiefe Christusidee, die uns Menschen näherkommt. Und welche Begeisterung hat der Schreiber für seinen Christus!

Nein, das kann ja nicht schlecht und verderblich sein. Der Heiland, der dort im Hintergrunde der Handlung steht, packt den Menschen mit geheimnisvoller Kraft, und doch ist er so natürlich, so lieb und menschenfreundlich. Er erfaßt das Gemüt mit ganzer Macht und geht in Fleisch und Blut über. Da war etwas von dem Geist, von dem Leonore und auch Tante gesprochen hatten.

Allmählich begannen Martha die Augen zu schmerzen, sie sah die Buchstaben verschwommen. Die Lider wollten ihr zufallen. Da richtete sie sich auf und setzte sich unbequem ins Bett, um nicht einzuschlafen. Dann stand sie auf und rieb die Augen mit dem nassen Schwamm. Aber allmählich fiel die Müdigkeit wie Blei in ihre Glieder, sie streckte sich aus und schlief.

Am Morgen erwachte sie mit Kopfschmerzen; ihre Schultern und Knie taten ihr noch weh vor Müdigkeit. Sie schaute auf die Uhr. Schon neun! Die Natur hatte ihr Recht, das Martha ihr gekürzt, selbst genommen. Ah, jetzt konnte sie noch ein halbes Stündchen liegen bleiben. Zur Messe war es ja doch zu spät.

Sie dehnte sich behaglich und suchte im Gedächtnis nach dem gestern abend und in der Nacht Gelesenen. Jetzt aber schnell heraus, damit sie gleich weiterlesen kann! O weh, daraus wird ja nichts. Sie muß ja mit Leonore in die Sezession. Das ist ärgerlich.

Verstimmt macht sie Toilette und sieht zufällig ein kleines blaues Fleckchen auf dem linken Arm. Sie streicht ein paarmal darüber. Wenn das nur morgen abend fort ist; der Tüllbehang reicht wohl von der Schulter herab nicht so weit. Sie versucht es mit etwas Puder. O, das geht schon! – –

Vor dem Ausstellungsgebäude trafen Leonore und Martha mit Maria Zusammen.

»Du, Maria, ich habe in den letzten Tagen über das, was du neulich sagtest, viel nachgedacht und habe dazu noch vieles gelesen. Ich kann dir doch nicht in allem recht geben. Ich glaube wirklich, du siehst zu schwarz.«

»Liebe Kinder, heute wird nicht gestritten. Heute wird die Kunst genossen.«

Man stieg die Treppen des griechischen Tempelbaues hinauf und betrat den ersten Saal.

Da war so vieles, was Martha befremdete. Sie hatte eigentlich erst wenig gemalte Originalbilder gesehen, nur Reproduktionen in Zeitschriften und in den Schaufenstern der Kunsthandlungen. Die Bilder, die ihr am besten gefallen hatten, waren Landschaften, Blumenstücke und dann besonders solche, auf denen etwas geschah. Aber hier geschah eigentlich nirgendwo etwas. Fast nur bunte Farbflecke, die von nahe besehen überhaupt nichts vorstellten, aus der Ferne allerdings meist blendende Licht- und Farbenreize ausübten. Aber was sollte das sein? Was sollte sie sich dabei denken? Und dann die vielen nackten Frauen- und Mädchengestalten! Ja, wenn die noch wenigstens sauber gezeichnet gewesen waren; aber die waren auch so klecksig wie die Wälder und Wiesen und Vögel und Blumen. Da lagen sogar zwei auf dem Rasen voller grüner, blauer und roter Flecken und Striche, als seien sie in einen Farbtons gefallen. Leonore merkte Marthas Erstaunen und lächelte.

»Ja, Kind, hier mußt du dich erst an das richtige Sehen gewöhnen. Die moderne Malerei hat endlich erkannt, daß nicht der gemalte Gegenstand die Hauptsache auf einem Bilde ist, sondern das Licht und die Farbe und die Wirkungen des Lichtes auf einen Gegenstand, besonders auf das Inkarnat. Ob ich jetzt da einen Menschen nehme, der hübsch im landläufigen Sinn ist, oder ob ich eine Person wähle, die der Ungebildete häßlich nennt, das ist ganz gleichgültig, wenn ich nur male, das heißt mit Licht- und Farbenwirkungen arbeite und so eine Stimmung im Beschauer wachrufe.«

Maria war vertieft in eine norddeutsche Heidelandschaft, die auch, wie die anderen Bilder, in kräftigen Strichen und Farbflächen an- und aufgesetzt war. In einiger Entfernung machte sie einen tiefen Eindruck, sie packte den Beschauer förmlich und riß seine Seele in eine wehmütige, ruhige Sehnsucht hinein. Durch keinerlei kleine Nebensächlichkeiten war der große Haupteindruck gestört.

»Ich billige die Ideen und die Technik deiner Modernen vollkommen, Leonore, in solchen Bildern wie diese Heide da. Aber in so vielen anderen versagt die Technik und auch das Wollen vollständig. Wenn ich einen Menschen malen will, dann muß ich keine schmierigen Farbkleckse hinsetzen, sondern muß wirklich einen Menschen malen, bei dem die Linien des Körpers und des Antlitzes doch die Hauptsache sind.«

»Bitte, Maria, dann mußt du einen Menschen zeichnen und dann kolorieren, das wirst du aber im Ernst nicht malen nennen wollen.«

»Ja, für wen malen denn die Maler? Für sich selbst oder für uns, das Volk?«

»Aus Freude am Schaffen und um das Volk zu bilden, es zu sich emporzuziehen.«

»Da ist aber ihre Lehrmethode, wie mir scheint, etwas zu schroff. Ich sehe keinen gemeinsamen Boden mehr, auf dem die sogenannten Künstler und das genießende Volk stehen könnten. Auch was die dargestellten Ideen angeht, scheint unseren Malern der Zusammenhang mit dem Geistesleben des eigentlichen Volkes gänzlich verloren gegangen zu sein. Schau dir nur zum Beispiel da einmal das Waldbild an mit dem nackten, Flöte blasenden Buben und dem lauschenden Mädchen. Das ist doch kein reines Stimmungsbild, auch keine Schäferszene mehr, das ist doch – ich kann das natürlich nicht Strich für Strich beweisen, aber wer etwas von den modernen Ideen kennt, fühlt es auf den ersten Blick –, das ist doch der reinste Pantheismus oder wie ihr heute sagt: Monismus. Die beiden Menschen da sind nicht mehr selbständige Persönlichkeiten, sie sind Teile des dargestellten Ganzen – ich meine nicht nur Bildteile, sondern wirklich Glieder des großen vielgliedrigen Wesens, das durch das Bild ausgedrückt ist. Ja, ich möchte sagen, das ganze Bild; die Bäume, der Rasen, die Quelle, die Menschen sind nur ein Klang, der Klang, den der Knabe seiner Hirtenflöte entlockt. Und so kannst du es in tausend Bildern beobachten.«

»Du hast vollkommen recht, Maria. Aber darf sich denn die moderne Philosophie und religiöse Anschauung nicht in der Kunst ausdrücken, wie es die ägyptische, griechisch-römische und christliche getan hat?«

»Es kommt aber darauf an, liebe Leonore, welche Anschauung die Wahrheit ist.«

»Also hat die Kunst dieselbe Aufgabe wie die Wissenschaft: Die Wahrheit zu verkünden, zu lehren und zu beweisen?«

»Nein, aber sie darf der Wahrheit nicht widersprechen. Ihre Wirkung kann viel verderblicher sein als die eines wissenschaftlichen Buches, weil sie den Verstand zurückdrängt und nur zum Gemüt spricht und so mehr den unüberlegten sinnlichen Menschen gefangen nimmt.«

»Maria, lassen wir ruhig die Weltanschauungen gegeneinander kämpfen mit den Mitteln, die ihnen zu Gebote stehen und lassen wir dann die Menschen wählen. Diejenigen Ideen, die für uns heute Lebenswert haben, werden sich auch ohne uns zwei durchsetzen.« Leonore lächelte zu ihrem Scherz und ging weiter.

Martha überschaute noch einmal den Saal und betrat den zweiten.

Hier wieder im allgemeinen derselbe Eindruck. Ebenso in den anderen Sälen. Sie sann und sann. Hatte Maria recht oder Leonore und Käthe? Überall Bilder von Frauen und Mädchen, reizende und freche, bescheidene und roh sinnliche. Aber immer wieder das Weib, das Weib.

Waren diese Bilder nur ein Zeugnis von der Überzeugung des Mannes, daß das Weib wirklich wegen seiner Schönheit der würdigste Gegenstand der Malerei ist, oder aber bewiesen sie nur, daß das Weib als Puppe des Mannes, als Lockmittel zum Kauf des Bildes mißbraucht wird?

Von einigen Bildern wandte sie sich voll Abscheu weg. Ja, die waren wirklich gemein; in ihnen brannte eine düstere Glut, die tiefste Erniedrigung ahnen ließ. Doch andere Bilder wieder stellten das Weib wie eine Göttin dar, als Meisterwerk des Schöpfers. Die Bilder dieses Charakters waren viel zahlreicher als die anderen.

Nun, man durfte doch nicht überall das Schlimme annehmen. Einige Künstler haben sich mit ihren Ideen verirrt, aber die meisten haben eine tiefe Verehrung zum Weibe und drücken sie in ihren Bildern aus. Martha befiel eine jubelnde Freude, Weib zu sein und teilzuhaben an der weltweiten Verehrung, die der Mann ihrem Geschlechte darbringt. Auch die Kunst beweist die Weltherrschaft der Liebe.

Als die drei Freundinnen die Treppe zum Königsplatz hinunterstiegen, fragte Maria: »Was haben wir nun Erhebendes gesehen? Ich meine, die Kunst sollte doch erheben, uns aus dem grauen Alltag herausziehen. Nicht einmal die religiösen Bilder, ja die am wenigsten, tragen eine höhere Weihe.«

»Liebe Maria, du verlangst von der Kunst etwas, das sie nicht geben kann, ja nicht geben darf, wenn sie ihrem Beruf nicht untreu werden will. Die Kunst soll nicht das leisten, was sich der Prediger zur Aufgabe stellt oder überhaupt nur der begeisternde Redner. Die Kunst findet in sich selbst allein ihr Genügen, sie will nichts außer sich, will nicht in irgend einer Richtung bestimmend auf den Menschen einwirken.«

»Dann hat sie also auch gar keinen Zweck.«

»Hat sie auch nicht in dem Sinne, wie du den Zweck verstehst.« –

»Nun, ich verstehe unter Zweck auch nicht Tendenz. Ein bloßer Tendenzzweck läßt auch in mir keinen Kunstgenuß aufkommen.«

»Ich will auch nicht sagen, daß mir gerade alles so ausgezeichnet gefallen hat, aber ich gehe in eine Ausstellung, um den Geist einer ganzen Kunstrichtung kennen zu lernen, das ehrliche Wollen jedes einzelnen Künstlers zu verstehen und so meine Menschenkenntnis zu erweitern. Zudem interessiert es mich ungemein, zu sehen, wie die moderne Philosophie und Weltanschauung sich in der Kunst ausspricht. Ich glaube, daß die Kunst einen großen Teil der Mission übernehmen kann, die Errungenschaften der modernen Philosophie, besonders des religiösen Gefühls, in die Massen zu tragen und sie für die neue Zeit, vor deren Toren wir stehen, wach und bereit zu machen.«

»Ich muß sagen, daß sich mir der Kreis der Anschauungen, die ich in diesen Tagen kennen gelernt habe, heute geschlossen hat. Alles verstehe ich ja noch nicht; im Gegenteil, es ist sehr wenig, was mir dämmert. Aber das frohe Gefühl des Einsseins mit der ganzen Welt und die Gewißheit, daß die Liebe die größte Kraft im Leben der Menschen ist, senken sich mir immer tiefer in die Seele. Ich finde, daß im Lichte dieser Gedanken Welt und Leben viel poetischer werden.«

»Es kommt aber leider, liebe Martha, im Leben nicht darauf an, ob etwas poetisch, sondern ob es wahr ist.«

»Ach, vorläufig will ich die Welt einmal durch die poetische Brille anschauen. Zum Grübeln bleibt mir später noch immer Zeit genug.«

»Ich meinte aber, du wolltest das Leben kennen lernen, wie es ist. Sagtest du nicht dieser Tage so etwas, als du den Wunsch aussprachst, lebenswahre Lektüre zu treiben?«

»Ganz recht, aber das Leben stellt sich mir in Wahrheit als eine große Poesie dar, zwar nicht mehr so romantisch und verzerrt wie in den Gedichten und Backfischbüchern, die ich früher las, aber viel tiefer poetisch, mit einer Poesie, die des Menschenherzens Tiefen bloßlegt und mich in geheimnisvolle Abgründe schauen läßt. Dieses Grauen, diese heilige Neugierde, immer mehr zu wissen und zu sehen, ist auch hochpoetisch.«

»Es kommt mir so vor, als seiest du auf dem besten Wege, das Interessante und Pikante mit dem Poetischen oder dem Schönen zu verwechseln.«

»Da hat Martha ja in gewissem Sinne recht. In der Porträtkunst ist das Interessante ja das Schöne. Wenn sie nun unsere Kunst, Literatur und Philosophie als einzelne Striche im großen Porträt unseres modernen Lebens auffaßt, dann wird für sie das Interessante gleich dem Schönen. Je getreuer Kunst, Literatur und Philosophie das heutige Denken und die moderne Weltanschauung wiedergeben, um so mehr wird auch das Schöne gleich dem Wahren.«

»Das ist richtig, wenn du dabei an die wahrheitsgetreue Wiedergabe dessen, was ist, denkst, und vergißt, was sein sollte.«

»Und darunter, was sein sollte, verstehst du deine Weltanschauung. Aber die mußt du gerade beweisen.«

»Ganz richtig, aber mit Vernunftgründen kann ich dir doch nicht beikommen. Dafür bin ich nicht Philosophin genug. Das Leben muß und wird die Wahrheit und Echtheit meiner Weltanschauung beweisen, wenn einmal der ganze moderne Schwindel zusammenbricht, entweder an einem großen Tag im Leben des Einzelmenschen oder unseres ganzes Volkes.«

»Bravo, Maria, das ist gut prophezeit. Eh der große Tag kommt, wollen wir aber rüstig weiterstreben und unser Innen- und Außenleben immer mehr der verfeinerten geistigen Kultur näherbringen, die eine notwendige Folge unserer großzügigen Weltanschauung ist.«

»Leider müssen wir uns trennen. Es ist bald Mittag, sonst würde ich noch ein bißchen mit euch gehen und weiter disputieren. – Also bis morgen abend auf dem Ball.«

»Leb wohl, Maria, ja bis morgen abend. Und bleib recht brav.« …

Als Maria gegangen war, fiel Leonore sofort in einen anderen Ton:

»Ach, Martha, ich sehe, welch prächtiges Mädel du bist; es tut mir so leid, daß ich dir gestern abend so weh getan habe. Es hat doch hoffentlich keinen blauen Flecken gegeben? Ich habe nachher noch geweint über meine Tölpelhaftigkeit.«

»Laß das, Leonore, davon reden wir nicht. Allerdings hat es einen kleinen Schönheitsflecken gegeben, aber der wird jetzt schon verschwunden sein.«

»Da sieh aber recht ordentlich nach, ehe du zum Ball gehst; es wäre doch sehr genant, wenn noch etwas sichtbar wäre.«

Leonore ärgerte sich innerlich über Marthas Gleichgültigkeit und daß ihr der Versuch mißglückt sein sollte, sie vom Ball fernzuhalten.

»O, an dem Rosenband, das von der Brust über die Schulter zum Rücken geht, ist ja so ein Perlen- und Tüllgehänge, das wird das kleine Fleckchen, wenn es noch da ist, schon genug verdecken. Ich spreche dich also los von allen deinen Sünden.« – –

Nach dem Essen hielten Tante und Leonore ein Mittagsschläfchen, um etwas auf Vorrat zu schlafen, wie sie sagten. Martha versagte sich den Schlummer, um womöglich Hilligenlei fertig zu lesen.

Hier und da kam es ihr vor, als stimme das nicht alles mit dem überein, was sie vom Heiland gelernt hatte. Aber war das nicht auch recht fromm und schön? Ah, und wieviel Auflagen hatte das Buch, wie viele Leser hatte es schon gefunden! Da mußte man es doch auch gelesen haben. Wenn nun mal einer darnach fragte, und man kannte es nicht! Welche Beschämung! Ob das, was man ihr in der Schule vorgetragen, alles so echt war, wie man tat? Vielleicht war es nur dem jugendlichen Geist angepaßt. Hier aber waren offenbar die neueren Forschungsergebnisse benützt. Und von denen mußte man doch auch etwas wissen.

Solche Gedanken blitzten ihr manchmal durch den Kopf, aber sie las weiter und weiter, bis zur letzten Zeile. Nun saß sie da und träumte und kam sich vor, als seien die Gedanken Frenssens ihre eigenen, die sie selbst gefunden. Sie fühlte sich so unendlich hoch und erhaben über all das Kleinliche, das sie bisher gedacht, so großzügig gegenüber der Einseitigkeit, die ihr angehaftet hatte. Nein, an ihrem Glauben hielt sie fest; aber sie verstand doch jetzt auch die anderen Menschen, wußte, daß auch sie das Gute wollten und erstrebten.

Eine große Liebe zu den Menschen stieg in ihrer Seele auf. Sie hatten doch alle den Einen gemeinsam, den Heiland Jesus Christus, und sie faßten ihn alle auch als Heiland auf. War es denn nicht auch recht und auch von Gott gewollt, daß die einzelnen Völker und Nationen das Christentum und den Heiland in manchem anders betrachteten und erlebten? Wie vieles war doch bei den Romanen so unverständlich, ja direkt ärgerniserregend für den Deutschen. Die Romanen waren nach allem, was sie gehört hatte, so schrecklich oberflächlich, aber der Deutsche ist tief und wissenschaftlich.

Sie strich sich über die Stirne und meinte, sie sei lichter und höher als früher. Vor ihre Phantasie trat ein Mädchen, das wohl im allgemeinen ihre Züge hatte, aber das Auge größer und ernster, ein wenig müde vom Lesen und Studieren, die Haltung stolzer, die Hände feiner. Und dann sah sie rings um sich Herren und Damen in ernsten, wichtigen Gesprächen, und sie legte ihre Gedanken dar. Sie hörte ihre Stimme klar und bestimmt und fühlte, wie ihr Selbstbewußtsein sich hob in der Rolle der geistreichen Frau. Manchmal meinte sie, ihre Gedanken fassen und niederschreiben zu können, aber dann war es ihr wieder wie einem Menschen, der im Traume eine wunderschöne Sonate komponiert und spielt, beim Erwachen auch noch den Klang im Ohre hat, aber keinen, auch noch so kleinen Melodiesatz zu Papier bringen kann. Doch sie fühlte sich glücklich und überselig in diesem phantastischen Zustand.

So stand sie auf und trat vor den Spiegel. Da mußte sie lachen, wie sie das hübsche, übermütige, aber durchaus nicht geistreiche und gelehrte Gesicht sah.

Da klopfte es. Tante.

»Um Gottes willen, Kind, ist deine Robe noch nicht gekommen? Ach, wie konnte sie die vergessen!«

»Nein, Tante, es ist noch nichts gekommen.«

»Aber dann schnell telephoniert, es ist ja schon fünf Uhr. Um sieben spätestens mußt du mit der Toilette beginnen.«

Die Tante ging ans Telephon und kam zurück. »Der Bursche ist schon unterwegs. Er wird gleich hier sein.«

Da schellte es auch schon, und ein mächtiger Kasten wurde zu Martha hereingebracht. Das Mädchen kam und half auspacken. Marthas Herz schlug schneller vor Spannung und Aufregung.

Als der Bursche fort war und das Mädchen wieder hinausgegangen war, betastete sie die Seide und nahm die Röschen, die die Ärmel vertraten, in die Hand.

»Kind, du wirft die Königin des Abends sein.« Dabei dachte Tante Edeltraud: und so wird sie von allen umschwärmt und kann sich nicht soviel mit Otto Reiber allein abgeben, den werde ich schon an Leonore anhäkeln.

»Nun sieh doch mal, Tante, da haben sie den Einsatz doch nicht gemacht. Das ist doch unverschämt! So gehe ich nicht auf den Ball.« –

»Kinderei, Martha! Tausend andere junge Mädchen würden nicht wissen, was sie vor Freude tun sollten, dürften sie deine Robe tragen. Kleinstädtische Kinkerlitzchen! Zieh erst das Kleid einmal an, und du wirst ganz anders denken. Wenn du durchaus willst, kannst du ja auch eine Rose dahinstecken. Ich muß jetzt gehen. Bald wird die Friseuse kommen. Fang du auch lieber eine halbe Stunde früher als später an. Das Mädchen wird schon zur Zeit zu dir herüberkommen.«

Martha war fertig. Das Mädchen hatte sich zurückgezogen. Nun stand sie allein vor dem Spiegel.

Das Blut wallte ihr heiß. Ein neues, wunderliches Gefühl durchschauerte ihren ganzen Körper. Nun sollte sie sich zum ersten Male in ihrer ganzen Schönheit der Öffentlichkeit zeigen. – Der Öffentlichkeit! O, daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Ja, allein vor dem Spiegel hatte sie sich ihrer neuentdeckten Schönheit gefreut, hatte sie beinahe aufgejubelt über sich selbst. Auch an Otto hatte sie gedacht. Aber nun so, alle Blicke fremder Herren auf sich zu lenken! Nein, das ist doch schrecklich. Es fror sie, und sie zog die Schultern hoch, als sei sie in den Wintersturm hinausgepeitscht worden. Sie trat zur Türe und öffnete sie ein wenig und lauschte. Dann lehnte sie den Oberkörper hinaus und trat einen Schritt in den Flur. Da befiel sie das Gefühl der Kälte und Beschämung noch mehr. O, an den dummen blauen Fleck hatte sie gar nicht mehr gedacht. Schnell wieder ins Zimmer. Nein, es war nichts mehr zu sehen. Nur wer es wußte, konnte mit Mühe etwas entdecken, aber er war noch durch das Ärmelgehänge verhüllt.

Ach was, dummes Zeug, lassen wir jetzt alle Grillen fahren. Gehen wir einmal in den Salon hinüber, vielleicht ist Tante oder Leonore schon fertig.

Sie ging mit schnellen Schritten über den Gang. Die Seide knisterte und rauschte lockend und prickelnd. Ah, im Salon brannte der Kronleuchter, Leonore stand am Flügel und suchte in den Noten. Sie war ähnlich gekleidet wie Martha, nur alles ein wenig mehr unterstrichen.

»Komm Martha, wir wollen uns ein bißchen in Stimmung spielen. Mutter ist doch noch nicht fertig.«

Martha fand sich jetzt mit sich selbst zurecht. Ihr Kostüm kam ihr nicht mehr seltsam vor in Leonorens Gesellschaft, und sie stieß sich nicht an Leonore, weil sie selbst ebenso gekleidet war wie die Kusine.

Leonore setzte sich und spielte einen Walzer von Chopin. Kaum hatte sie einige Takte angeschlagen, da ging die Tür weit auf. Richard in funkelnagelneuer Uniform.

»Ah, Donnerwetter! Mein goldenes Kusinchen!« Mit großen Schritten ging er auf Martha zu. Die wollte hinter einen Stuhl fliehen, aber er faßte sie von hinten her und küßte sie auf den Scheitel.

»Das ist zu reizend von dir, Martha, daß du dich für mich so geschmückt hast. Oder ist es nicht so? Aber so einen Vetter wie ich hat auch nicht jedes junge Mädchen.« Dabei faßte er ihre Hand und küßte sie auf den Arm. Martha riß sich los. Ihre Augen flammten Blitze, sie wurde bleich vor Zorn.

»Richard, bedenke, wen du vor dir hast. Ich rufe sofort deine Mutter.«

Damit ging sie auf die Türe zu und griff schon nach der Portiere. Richard trat ihr in den Weg.

»Martha, nun faß doch einen kleinen Scherz nicht so tragisch auf. Es täte mir leid, wenn du dir dadurch die Laune für den Abend verderben ließest. Wenn ich deine Schönheit sehe, kann ich mich nicht mehr halten, es geht mir, wie es heute abend allen Herren gehen wird. Aber ich weiß nicht, ob ich heute noch an dich herankommen werde, da du ja mit Vorliebe anderen, fremden Menschen mehr Recht über dich einräumst als deinem armen Vetter.«

Martha war von ihm weggetreten und hatte sich auf ein Sofa gesetzt, so daß der Tisch sie von Richards Zudringlichkeiten trennte.

Der Leutnant setzte sich ihr gegenüber und schlug einen unbefangenen Ton an, fixierte sie aber während des Gespräches immer scharf und verschlang ihre Gestalt mit gierigen Blicken.

»Was hast du denn heute gelesen, Martha?« – Er rückte um den Tisch herum etwas näher an sie heran, weil Leonorens Spiel den Klang seiner Stimme halb verschlang.

»Was ich gelesen habe, hm, das geht dich eigentlich gar nichts an.«

»Siehst du wohl, da kommt wieder deine alte Liebenswürdigkeit gegen deinen Vetter zum Vorschein.«

»Ich habe gelesen Rosa von Tannenburg und die Beatushöhle.«

»Ganz allerliebste Sachen, die so recht für dich passen. Aber wenn du mich zum Narren halten willst, so werde ich ernstlich böse.«

Martha wurde übermütig; jetzt hatte sie ihn regelrecht am Bändel.

»Nein, Scherz beiseite, Richard, mit einem so ernsten Mann wie du bist, darf man nicht scherzen. Ich habe heute gelesen: Aus meiner Leutnantszeit von Egon von Kalbshof, ganz interessantes Büchlein; ich hätte mir nie träumen lassen, daß es so nette Dinge im Leben gäbe.«

»Siehst du, da hast du einmal etwas Vernünftiges gelesen, nicht wieder so ein dummes Backfischzeug. Egon von Kalbshof schreibt ganz brillant.«

Martha wurde puterrot; sie wäre beinahe ausgeplatzt über die Unverfrorenheit Richards. Oder hatte er gemerkt, daß sie ihn zum besten hielt und setzte er nun das Spiel fort? Nein, er gab sich zu sehr ein geistreiches Aussehen. Er wollte offenbar durch Belesenheit imponieren. Da konnte man ja noch einen Wurf wagen.

»Soeben habe ich ein anderes Buch begonnen, wurde aber leider durch die Toilette in der Lektüre gestört. Du hast gewiß schon Hilligenlei von Anton Bahr gelesen, nicht wahr? Was sagst du zu dem Schicksal der armen Hilligenlei? Mich dauert das unglückliche Mädchen recht tief.«

»Ganz recht, hat mich auch ungeheuer gepackt. Als ich das Buch las, nahm ich mir fest vor, nur ein Mädchen zu heiraten, das auch Hilligenlei heißt, so etwas Zartes, Inniges, Gemütvolles, echt Deutsches.«

Diesmal wäre Martha nun doch beinahe ausgeplatzt. Sie mußte einen plötzlichen Hustenanfall heucheln. Zum Glück kam aber Frau General herein, und so fand die peinliche Situation ein willkommenes Ende. Aber Martha fühlte innerlich eine unbändige Freude. Sollte Richard ihr gegenüber noch einmal unverschämt werden, dann verfügte sie über eine kostbare Waffe.

Tante Edeltraud, in dunkelroter Seide, Gesicht, Schultern und Arme sorgfältig gepudert, setzte sich in einen Sessel und lauschte dem Spiel Leonorens. Martha beobachtete sie.

Sie schien nicht ganz bei der Sache und nicht so unbefangen zu sein, wie sie wohl scheinen mochte. Um ihre Augen lag ein Zug von Trauer und Besorgnis. Martha glaubte zu sehen, wie sie von Zeit zu Zeit verstohlen nach Richard hinübersah. Da tönte die elektrische Schelle. Das Mädchen meldete, daß das Auto vorgefahren sei.

Man nahm Abendmantel und Schal und ging schweigend hinunter. Marthas Herz klopfte wieder aufgeregt. Jetzt sollte die größte Stunde ihres bisherigen Lebens kommen. Was würde sie wohl bringen? – –

V.

Martha betrat ihr Zimmer.

Das erste Tagesdämmern schaute schon mit grünblauen Augen durchs offene Fenster. Sie warf Mantel und Schal ab, schloß das Fenster und zog die Gardinen vor. Dann knipste sie alles Licht an und schaute sich um.

So, das war die richtige Interieurstimmung, um sich seinen Gedanken zu überlassen, die heiß an die Stirne pochten, und in phantastische Gestalten gehüllt, an ihrem geistigen Auge vorüberziehen wollten. Halt, noch einen Blick in den Spiegel. Pfui, die Rose auf der Brust war verwelkt und zerdrückt. Weg mit ihr. Die weiße Seidenbinde, die die griechische Frisur hielt, war etwas verschoben. So, jetzt saß sie wieder recht.

Martha hatte schon in ihren Zeitschriften Bilder von jungen Mädchen gesehen, die nach dem Ball im Ballkleid auf ihrem Zimmer den erlebten Herrlichkeiten nachsannen. Das wollte auch sie jetzt tun. Sie setzte sich in den Sessel mitten im Zimmer, so daß sie ihr Brustbild im Spiegel des Toilettentisches sehen konnte.

Eine stolze Seligkeit wollte ihr Herz zersprengen. Nein, so köstlich hatte sie sich das nicht vorgestellt. Papa hatte zu Hause nie Gesellschaften gegeben, und sonst hatte sie nie Gelegenheit gehabt, irgendwo an einem Ball teilzunehmen. Nur ihre Institutsfreundinnen hatten zur Zeit der Tanzstunde hier und da einmal etwas erzählt. Aber die konnten auch aufschneiden. Jetzt hatte sie alles selbst gesehen und erlebt. O, was Brandenstein ein herrlicher, entzückender Mensch war! Wie hatte er, der doch, wie sie gemerkt hatte, von den Damen umschwärmt wurde, gerade sie ausgezeichnet! Noch beim Gehen hatte er sie bis ins Vestibül begleitet.

Ach ja, und Otto! Süße Minuten, in denen sie zum ersten Male in seinem Arm, beide von den weichen Klängen des Walzers getragen, durch den Saal schwebte. Sie hatte gemeint, im Himmel zu sein. Dann aber hatte Otto sie nur noch einmal engagiert. Warum wohl? Was hatte er denn? Was hatte Maria? Was sollten ihre verwunderten und ernsten Blicke bedeuten, die sie ihr zwei-, dreimal vom Büffet aus zuwarf?

Dummes Zeug! Was kümmerten sie Marias Blicke, wenn die ganze Gesellschaft, alle Offiziere sie mit ausgesuchter Bevorzugung behandelten. Käthe Zeisig hatte sich fast mit wilder Ausgelassenheit zwischen die Herren geworfen, um die Aufmerksamkeit auf ihre gewagte Toilette zu lenken. Aber ihre Künste hatten nur bei wenigen ganz jungen Herren verfangen. Zu ihr, zu Martha Halden, waren doch schließlich alle wieder zurückgekehrt. Wie liebenswürdig hatte man sich nach ihrer Heimat, nach ihren Eindrücken von München erkundigt und sie auf besondere Sehenswürdigkeiten aufmerksam gemacht, von denen sie noch nie gehört hatte. Etwas peinlich war es ihr nur gewesen, wenn man auf Vergleiche zwischen den Kammerspielen und dem Hoftheater kam. Denn ihr einmaliger Theaterbesuch machte sie noch nicht fähig, da gebildet mitzusprechen.

Einmal war Maria mit einem Herrn zu ihr gekommen, wie sie mit einem sehr gebildeten Herrn über Literatur sprach. Der Herr fragte sie gerade, ob sie den letzten Roman in der »Woche« gelesen hätte, was sie errötend verneinen mußte. Da wollte Maria ihr helfen und fragte den Herrn, ob er den letzten Roman von Handel-Mazzetti gelesen hätte. Der Herr wurde auch etwas verlegen und mußte bekennen, daß er überhaupt den Namen Handel-Mazzetti noch nicht gehört habe. Warum mußte Maria aber auch so plump dazwischen fahren und den Herrn blamieren!

Aber sie mußte noch sehr viel lesen, um auf die Höhe zu kommen; mit dem, was sie bis jetzt kennen gelernt hatte, konnte sie nicht viel Staat machen. Über Schiller und Goethe, Uhland und Klopstock sprach man nicht. Kam man einmal auf Schiller, so ließ man nichts von ihm gelten, man hielt ihn für einen öden Idealisten und Phantasten. Das deutsche Drama begann eigentlich mit Gerhart Hauptmann und Sudermann. Die kannte sie noch gar nicht; sie wußte nur von ihnen, daß sie ganz schandbare Sachen geschrieben hätten und daß das einzige, was von Gerhart Hauptmann poetisch sei, »Die versunkene Glocke«, ganz von pantheistischen Ideen durchtränkt wäre. Gott, o Gott, was sollte sie eigentlich anfangen? Doch das waren ja nur Nebensächlichkeiten. Sie hatte sich ohne viel Kenntnis ganz gut durch die Ballgespräche durchgewunden.

Die Hauptsache war – und das machte sie so selig, ließ ihr ein neues Leben aufgehen –, daß man sie verehrt, ja angebetet hatte. Das tat so wohl, so wohl und machte so glücklich, besonders auch, weil die anderen Damen, an ihrer Spitze Leonore, sie offenbar beneideten. Fräulein von Held, die, wie Tante Edeltraud sagte, jedes Jahr ihre Modeeinkäufe in Paris besorgt, hatte sie nach dem Haus gefragt, wo sie ihre Robe her bezogen hätte. Aber die Robe tat es nicht allein! Nein, das Bild ihr gegenüber im Spiegel war schön. Auf diese Schönheit konnte sie ihre Zukunft bauen. Wenn nur Herr von Brandenstein nicht fort müßte! – Hoppla, was sind das für dumme Gedanken! Will sie denn Otto Reiber untreu werden? Nein, nie und nimmer!

Aber man kann sich doch an einem schönen Menschen freuen. Sind denn nicht viele von den Herren, die ihr den Hof machten, noch unverheiratet, und sehen die Frauen der verheirateten etwas Böses darin, wenn sie vor ihr sich verneigen und schön mit ihr tun? Nein, nur die Schönheit und der Geist herrschen und sie verlangen von allen Menschen ihren Tribut. Otto liebt sie, Herrn von Brandenstein bewundert sie. In ihrem Herzen thront Otto Reiber, ihren Verstand – ja nur ihren Verstand – nimmt Herr von Brandenstein gefangen. Und da ist ja auch gar keine Gefahr, er geht ja fort.

Soll sie endlich zu Bett gehen? Nein, es ist ihr noch zu wohlig und süß zumute. Diese Stimmung muß man auskosten, wer weiß, wann sie einmal wiederkommt. Bewundert, verehrt, geliebt zu werden, ist doch das Schönste auf Erden, und nicht, weil man jemanden beschenkt, einem einen Gefallen erwiesen hat, sondern nur weil man jung und liebenswürdig und schön und – ein Mädchen ist.

Sie zupfte die Spitzen an der Schulter zurecht und strich sich über die Arme, sich selbst liebkosend, und schaute wieder in den Spiegel und wurde rot und hätte am liebsten gesungen und getanzt.

Der Tag schaute immer heller durch die Fenstervorhänge, und das Licht wurde immer bleicher. Da kroch ein Frösteln über ihre Schultern, sie stand auf und fühlte eine betäubende Müdigkeit. Hastig, um nicht von der kalten Prosa des bleichen Tages niedergedrückt zu werden, legte sie sich zu Bett und verband die Augen mit einem Taschentuch, um nicht vom Tageslicht im Schlafe gestört zu werden.

Bewegung auf dem Gang. Martha erwachte. Schon halb Zwölf! Nun aber schnell heraus!

Sie kam sich in ihrem Hauskleid so simpel, so öd und kalt vor. O, wer doch heute wieder auf den Ball gehen könnte! Da lag und hing die ganze Herrlichkeit dieser Nacht, ein zerronnener Sommernachtstraum. Nein, heute wollte sie nicht ausgehen, nur das Erlebte auf ihrem Mädchenstübchen wieder an ihrem Geiste vorüberziehen lassen, in der Seele verkosten und etwas lesen, das zu ihrer Stimmung paßte, sie womöglich noch verstärkte.

Bei Tisch waren Tante Edeltraut und Leonore sehr einsilbig, aßen wenig und standen bald wieder auf. Richard war überhaupt noch nicht erschienen; er war erst um sechs nach Hause gekommen. Martha hatte mächtigen Appetit und ließ sich die beiden Gänge gut schmecken. Dann ging sie auf ihr Zimmer, steckte eine Zigarette an und schlug Kellermanns »Tunnel« auf.

Ah, das war ja das Rechte! Eine flotte, pikante Gesellschaftsschilderung. Sie lehnte sich im Sessel zurück, schlug die Knie übereinander und blies den Rauch der Zigarette behaglich zur Decke hinauf. Von draußen drang ein breiter Sonnenstreifen durch die Tüllgardinen ins Zimmer und legte sich wie ein goldener Teppich zu ihren Füßen. In ihren Ohren rauschten die Melodien des Balles in abgerissenen Fetzen, bald eine Walzerpartie, bald eine Polkaweise.

Vor ihrem geistigen Auge schwebten die Paare vorüber und mischten sich mit den Gestalten, von denen sie las. Ah, was trug die moderne Welt doch herrliche Menschen! Das Leben kosteten und werteten sie nach allen Seiten hin aus. Pracht und Freude und Theater und Musik und Liebe und dann ein gigantisches Streben nach hohen Zielen. Mitten in aller Lust das Sinnen, Großes, Unerhörtes, Geniales zu vollbringen, wie diesen Tunnel unter dem atlantischen Ozean her nach Europa. Wie wird da alle Erdenkraft, wie wird da der Einzelmensch zum Werkzeug in der Hand des Genies, zum lebendigen Teil einer gewaltigen, göttlichen Kraft, die alle Hindernisse niederzwingt und ihr Blut, ihren Geist in Hunderttausende von Armen und Händen treibt bis in die demantharte Spitze der kolossalen Bohrmaschinen da unten, tief unter den Wogen des Weltmeeres. Und dazwischen hinein immer wieder die süße, schmeichelnde Urkraft der Liebe, die, wie die Grundwellen des Ozeans, immer in gleichem, mächtigem Takt auf- und abwogt und beruhigende Klänge wie aus einer höheren Welt in das hämmernde und tickende, brausende und fluchende Voranhasten der Menschen weht.

Ah, so einen Mann wie der Erbauer des Tunnels wünschte sie sich auch, einen Giganten des Geistes und der Willenskraft. Wie schön mußte es sein, einen solchen Helden am Abend nach vollbrachtem Tagewerk, das die Menschen in Staunen vor ihm niedersinken ließ, im trauten Heim zu empfangen, ihm die Denkerstirn zu streicheln, ihm die weltgebietenden Lippen zu küssen, ihm einen Sohn zu schenken, der seine Gedanken weiterlebt, den Ruhm seines Namens in künftige Geschlechter trägt!

Gewiß, Otto muß so ein großer Held werden. Bald geht er ja auf die Kriegsakademie, dann kommt er in den Generalstab, in den Großen Generalstab, wird General, vielleicht gar Kriegsminister. Dann kommt ein Krieg und er macht durch seine genialen Pläne die der Franzosen und Russen zunichte und die ganze Welt ist erfüllt von seinem Ruhm, und wenn er heimkehrt in sein Haus an der Ludwig- oder Maximilianstraße, dann steht sie da, Martha, seine Frau, mit ihren Kindern – o so schöne Knaben und Mädchen! – und führt ihn ins stillste Zimmer des Hauses, da, wo kein Geräusch hinbringt, und dann hängt sie an seinen Lippen, an den Lippen des Mannes, die Millionen ihre Befehle gegeben haben. O wie schön, wie schön! Ja, so muß es kommen, so wird es kommen.

Und weiter schmeichelten die Melodien der letzten Nacht, und aus den Blättern des Buches dröhnten die Hämmer und knirschten die Bohrmaschinen tief unter dem Ozean, und die Sonne rückte ihren goldenen Teppich weiter und legte einen golddurchwirkten Schal auf Marthas Schulter und Haar. Ihre Augen zwinkerten im Sonnenlicht. Sie schloß das Buch und träumte zum blauen Himmel hinauf.

Was war sie doch daheim ein tappiges Kind gewesen! Wie konnte sie nur mit einem solchen Leben zufrieden sein mit dem Dackel und der Schaukel und der Puppe – ach ja, die gute Puppe! – mochte sie schlafen da hinten im Schrank! Jetzt war sie doch endlich zu einem ganzen Menschen erwacht. Wie inhaltreich, wie herrlich war das Leben! Jeder Tag brachte eine neue Entdeckung bei den Menschen draußen oder in ihrer eigenen Seele.

Sie mußte doch Ada Lob einmal besuchen. Die sollte ihr Aufschluß über manche Fragen geben, die ihr noch zusammenhanglos durch den Kopf gingen. Besonders über Nietzsche. Wie kam es doch, daß sie sein Buch Zarathustra so entzückend schön fand und doch nicht recht wußte, was er sagte? Da mußte sie die Philosophin einmal fragen. Aber was würde Maria dazu denken?

Ach, Maria, ein liebes Mädchen, aber zu hausbacken und in ihren Anschauungen zu altmodisch. Nein, sie wollte ihr Freundin bleiben, auch wohl mit ihr disputieren, aber vornehm, so wie Tante es meinte, nicht um sie zu sich herüberzuziehen. Wie hatte doch neulich Leonore einmal gesagt? Akademisch! Ja, akademisch, das war das rechte Wort.

Es klopfte. Das Mädchen. »Gnädiges Fräulein, es ist angerichtet.«

Herrschaft, schon so spät! Ja, jetzt fühlte sie auch den Hunger. Schnell eine helle Bluse angezogen, die Frisur etwas zurechtgestrichen und die Hände gewaschen. Dann hinüber.

»Guten Abend, Tante, guten Abend, Leonore! Ha, heute habe ich einen schönen Tag gehabt. Ich habe Kellermanns ›Tunnel‹ in einem Zuge ausgelesen.«

»Kind, Kind, wenn du es nur nicht zu bunt treibst! Du wirst noch nervös von dem ewigen Lesen.«

»O nein, Tante, ich habe mich heute morgen großartig ausgeschlafen, und jetzt bin ich noch so frisch, als sei ich eben erst aufgestanden. Aber du, Tante, siehst nicht gut aus, bist sicher noch müde von gestern. Leonore sieht auch so schlaff drein.«

Die Tante seufzte, und Leonore strich sich über die Stirn.

»Wo ist denn Richard? Er ist doch endlich aufgestanden, oder hat er noch Katzenjammer?«

»Richard, – Richard, ja, der ist schon fort, sein Urlaub ist ja heute abend zu Ende.«

»Aber so ohne Abschied? Ich habe ja gar nichts davon gemerkt.«

»Er war dir vielleicht böse, weil du ihn immer so schnippisch behandelt hast. Aber das wird sich schon geben … Was ich sagen wollte … Leonore, mach du einmal den Salat an, ich bin heute zu zerstreut.«

»Ach, darum hätte ich gerade Richard noch gerne einmal gesehen, um ihm Abbitte zu tun.«

»Was du heute immer mit Richard zu tun hast. Laßt uns geschwind essen, ich habe noch Briefe zu schreiben und mit Leonore zu sprechen. Du kannst nachher etwas musizieren oder lesen oder tun, was du willst. Wir wollen ohnehin heute früh zu Bett gehen.«

Tante Edeltraud war merklich nervös und mißgestimmt. Leonore aß sehr hastig und griff dann zur Zeitung. Martha fühlte, daß sie aus irgend einem Grunde hier nicht weiter angenehm war, und zog sich zurück.

Da stimmte irgend etwas mit Richard nicht.

Als sie das Licht angeknipst hatte, durchrieselte sie plötzlich ein Gefühl wie ein Rausch, eine prickelnde Bewegung in allen Gliedern. Sie riß den Schrank auf, schloß die Zimmertüre ab und legte in fliegender Hast ihr Ballkleid an. Dann stand sie vor dem Spiegel und war entzückt.

Plötzlich ließ die Wallung und Spannung nach. Sie erschrak vor ihrem Spiegelbild und schämte sich vor sich selbst. Wie konnte sie nur einem so unüberlegten Drang nachgeben? Schnell legte sie das Kleid wieder ab und ging in raschem Entschluß zu Bett.

Leonore saß mit der Mutter in deren Zimmer.

»Wie konntest du aber Richard wieder zehntausend Mark geben? Du wirfst ihm schließlich dein Letztes hin. Wenn du nichts mehr hast, –ich kann dir nicht helfen. Ich muß mein kleines Vermögen zusammenhalten fürs Alter. Mit meinen Bildern werde ich doch nie so viel verdienen, daß ich einen Haushalt für zwei Personen führen kann.«

»Leonore, das geht dich schließlich gar nichts an; ich bin und bleibe nun einmal Richards Mutter, ich kann ihn doch nicht ehrlos werden lassen.«

»Und ob mich das etwas angeht! Wenn du nichts mehr hast, wird Richard dich nicht unterhalten; und dann fällt alles auf mich. Wie ich dir schon oft sagte: Ich kann dich nicht unterhalten, und zu deinem Bruder, Marthas Vater, willst du nicht gehen. Dann bleibt dir schließlich nichts anderes übrig, als eine Pension zu eröffnen und dir so ein paar Mark zu verdienen. Das wird dir aber bitter genug werden.«

Frau Trenkler brach in Tränen aus. »Was soll ich aber gegen Richard tun?«

Leonore blieb hart: »Gib ihm kein Geld mehr, dann hört er von selbst auf zu spielen und mit Pferden zu paradieren. Und weißt du auch, Mutter, wie oft er in Zivil abends nach München kommt? Da geht auch verdammt viel Geld drauf.«

»Nein, sag nicht so etwas! Das glaube ich von Richard nicht.«

»Pah, Mutter, das ist wohl nicht dein Ernst. Aber du hast Richard stets verhätschelt. Schon als Vater noch lebte und der Bub noch auf dem Gymnasium war, hast du ihm immer heimlich Geld zugesteckt. Das rächt sich jetzt bitter. Ich habe auf vieles verzichten müssen, nur damit der Herr Sohn alles im Überfluß hätte. Wenn einer von uns zweien Grund hätte, sich zu beklagen, dann wäre ich es. Du erntest nur, was du gesät hast.«

»Das von dir hören zu müssen, tut weh, Leonore. Zu wem soll ich denn gehen, um mein Herz auszuschütten? Zu Tante Therese? Ich kann das süße und fromme Getratsche nun einmal nicht anhören. Zu den anderen Bekannten? Na, das fehlte noch gerade, daß die sich an meinem Unglück weideten!«

»Das mußt du alles mit dir allein abmachen, Mutter. Ein großer Mensch überwindet so etwas mit souveräner Ruhe. Aber du hängst innerlich noch zu sehr an deinen alten religiösen Anschauungen, deshalb kannst du keine Gewalt über dich selbst und das Schicksal gewinnen.«

»Ich sehe, es ist besser, wir reden nicht mehr darüber. Ich will zur Ruhe gehen. Gute Nacht.«

Die Mutter stand auf und trocknete ihre Tränen. Leonore ging ohne Gutenachtkuß. – Als die Tochter das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Frau General wieder an ihren Tisch und nahm den zusammenklappbaren Photographierahmen aus rotem Leder in die Hand. Da waren sechs Bilder ihres Richard: als kleiner, nackter Hemdenmatz, als zweijähriger Bub und so fort bis zum schmucken Leutnant. Sie küßte das letzte Bild und weinte wieder. »Mein Sohn, wie lange werde ich dich noch so in der Uniform sehen? Ach, wenn Vater das erlebt hätte, es wäre sicher sein Tod gewesen.« Dann stand sie langsam auf und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Es war ihr, als wollten ihre Füße sie nicht mehr tragen. Dort hing in einer Ecke ein süßes, weiches Madonnenbild von Gabriel Max mit einem nichtssagenden modernen Mädchenkopf. Dort sank die alte Frau nieder und weinte und versuchte zu beten bis tief in die Nacht hinein.

Martha erwachte schon um viertel vor sieben und fühlte sich vollkommen ausgeschlafen. Was sollte sie beginnen? Was würde der Tag heute bringen? Sollte sie wieder einmal in die Messe gehen? Ach nein, morgen ist ja Sonntag, da muß sie ja doch gehen. Heute könnte sie ja allerdings, aber so oft kam etwas dazwischen, und man mußte sich ja doch ausschlafen. Wenn sie doch nicht regelmäßig täglich gehen konnte, dann lieber nicht. Es war ja auch zu schön im Bett, jetzt im wachen Zustand das wohlige Gefühl ganz auszugenießen.

Sie stand auf und nahm Raskolnikow vom Tisch, legte sich wieder behaglich nieder und suchte die Seite, wo sie neulich stehengeblieben war. Sie suchte hin und her, fand aber keinen Zusammenhang; sie verstand einfach die Erzählung nicht. Zum Kuckuck, sie mußte sich doch einmal hindurchwinden! Aber es ging nicht. Zu langweilig. Endlich schloß sie das Buch und legte es weg.

Dann stand sie wieder auf und drehte den Schlüssel der Tür herum. Wenn das Mädchen sie zum Kaffee rufen sollte, wollte sie ihm sagen, das Frühstück ihr ans Bett zu bringen. Dann träumte sie vor sich hin und rief wieder die Bilder vom Ball und dem Zusammensein mit Otto herbei. Da klopfte das Mädchen.

»Ja, Lisette, bringen Sie mir nur den Kaffee herein.«

»Sind gnädiges Fräulein nicht wohl?«

»Nein, ich habe etwas Migräne und möchte noch ein wenig liegen bleiben.«

»Soll ich den Arzt rufen?«

»Um Gottes willen nicht. Es wird sich schon bald wieder geben.«

Sie trank den warmen, duftenden Kaffee mit Behagen und knabberte einige Zwiebacks dazu. Dann langte sie nach der Zigarettenschachtel und blies den süßlichen Rauch träumend in die Luft. Ah, ein herrliches Gefühl, so selbständiger Mensch zu sein, tun und lassen zu können, was man wollte, nicht durch die bestimmte, langweilige Tagesordnung des Instituts eingeengt zu sein und nicht auf Papas Frühstücksstunde Rücksicht nehmen zu müssen! Aber allmählich mußte sie sich doch erheben, wollte sie nicht von Leonore ausgelacht werden.

Die Toilette machte sie absichtlich langsam und verweilte bei jeder Verrichtung mit Genuß. Es war so schön, durch keine bestimmte Zeit gebunden zu sein. Wie wohl tat das frische Wasser! Wie besah sie die Hände mit Wohlgefallen! Ein wie angenehmes, schmeichelndes Gefühl war es, mit dem Kamm durch die langen, seidenen Haare zu streichen! Ein Lächeln der Befriedigung huschte um ihren Mund, als sie sich so im Spiegel sah. Wie hübsch waren doch diese täglichen Verrichtungen der gewöhnlichen Körperpflege! In allem lag eine neckische Poesie, etwas Frisches und Duftiges.

Und sie summte eine Melodie vor sich hin. Den Text machte sie selbst dazu; wenn er sich auch nicht reimte, so sprach er doch von Liebe und Jugendlust.

Jetzt stand sie vor dem Schrank und suchte nach einem Kleid. Den grauen Rock und die gelbe Bluse? Nein, das ist nicht frisch genug. Aber der dunkelblaue Rock und die weiße Bluse. Ja, und weiße Handschuhe dazu. Das war nicht auffallend, aber frisch, duftig und nett. Dann das kleine Hütchen mit dem herabhängenden Rand. Sie stellte sich vor den Spiegel und war zufrieden. So ging sie hinüber ins Eßzimmer.

»Guten Morgen, Tante, guten Morgen, Leonore.«

»Was, du willst schon ausgehen?«

»Ja, einen kleinen Morgenspaziergang machen und dann einmal Ada Lob besuchen.«

»Na, wirft dich wundern, da sieht's nicht so fein aus wie bei dir. Ist Studentenbude.«

»Wie, ist Ada denn nicht von hier?«

»Nein, von Nürnberg; hat auch nicht übermäßig viel Geld, das arme Ding, aber schlägt sich so durch.«

Gegen elf Uhr stieg Martha die drei Treppen zu Adas Zimmer hinauf. Na, fein war es hier allerdings nicht. Schon auf der Straße die kompliziertesten Gerüche. Im Hause ziemlich dumpf und dunkel. An der Etagentüre eine Reihe von Schildern und Visitenkarten. Martha suchte. Da, richtig: »Ada Lob, stud. phil.« Sie drückte auf den elektrischen Knopf. Eine ältliche Frau, nicht gerade zu sauber, öffnete.

»Ist Fräulein Lob vielleicht zu Hause?«

»Ich glaube, ja. Wollen Sie sich, bitte, hereinbemühen.«

Die Frau klopfte an einer Türe im hinteren Teil des Ganges.

»Herein!«

»Ah, Fräulein Halden, wenn ich nicht irre. Bitte, treten Sie näher.«

Ada war an die Türe gesprungen und verdeckte den geöffneten Spalt. Jetzt trat sie zurück.

»O wie nett, daß wir uns hier treffen, Unschuldchen!«

Das war Käthe Zeisig. Sie saß auf einem nicht mehr ganz salonfähigen Klubsessel und streckte Martha beide Hände entgegen. Ein stechender Zigarettenqualm lag in grauen Wolkenbänken in der Luft. Auf dem Sofa hinter dem Tisch saß Dr. Sander. Er versuchte eine augenblickliche Verlegenheit zu verbergen, erhob sich und begrüßte Martha förmlich und salonmäßig.

»O, ich störe wahrscheinlich in wissenschaftlichen Gesprächen. Dann will ich lieber ein andermal kommen.«

»Gewiß nicht, Fräulein. Bitte, nehmen Sie Platz. Ein lieberer Besuch konnte uns nicht kommen. Herr Dr. Sander hat die Güte, mit mir ein Kapitel zu repetieren, das ich in den Vorlesungen nicht recht verstanden habe. Aber wie Sie sehen, haben wir eben eine kleine Erfrischung kommen lassen und bitten Sie, uns dabei zu helfen.«

Auf dem Tisch stand eine Glasschüssel mit Eiscreme, und vor jedem der drei lag ein kleiner Löffel. »Sehen Sie, wir machen das echt brüderlich-schwesterlich, und schlecken gleich aus dem Vollen.«

Martha dankte; ihr bekäme Eis am frühen Morgen nicht. Die drei löffelten ungeniert weiter, Dr. Sander immer da, wo Ada angesetzt hatte. Sie lachten und waren kreuzfidel. Ada trug eine weit ausgeschnittene Kimonobluse und hatte Gesicht und Hals offenbar auch mit einer bräunenden Tinktur bearbeitet wie Käthe Zeisig.

Jetzt hatten sie das Eis abgetan. Dr. Sander schob Ada das letzte Stückchen mit seinem Löffel in den Mund, und Käthe schlürfte den zur Brühe geschmolzenen Rest aus der Schüssel.

»Nun, Fräulein Lob, wollen Sie mir, bitte, Aufschluß über Ibsen geben. Was halten Sie von ihm?«

»Haha, das ist so eine echte Backfischfrage! Was halten Sie denn von seinen Dramen?«

»Ach, ich finde, daß er die Liebe als den Angelpunkt des Menschenlebens recht plastisch und dramatisch dargestellt hat.«

»O Sie Schwärmerin, Sie sehen auch überall nur Mondschein und Honigwasser und so süße Dinge! Nein, Fräulein Martha, Ibsen hat doch etwas tiefer geschürft. Er sagte der Ehe, wie sie bis jetzt war, ins Gesicht, daß sie eine Lüge ist. Das Weib ist nur das Amüsement des Mannes, nur ihr schönes oder minder schönes Frätzchen existiert für ihn. Ein inneres, tieferes, geistiges Ineinanderleben kommt nicht vor. Man lernt sich kennen, liebelt miteinander, küßt und heiratet sich, und nachher findet man, daß man nicht zueinander paßt. Leider hat man dann vielfach nicht den Mut, die letzte Konsequenz zu ziehen und sich gegenseitig die Freiheit wiederzugeben. Diese Heuchelei will Ibsen entlarven und unser modernes Eheproblem lösen: Man soll sich gegenseitig so kennen lernen, daß man geistig ganz ineinanderlebt, oder aber, wenn man findet, daß man nicht zueinander paßt, einfach die Ehe lösen, damit nicht einer dem anderen zur lebenslänglichen Qual wird.«

Ada hatte sich in Aufregung und Begeisterung hineingeredet. Martha glaubte zu bemerken, wie sie unter der Tischdecke Dr. Sanders Hand gefaßt hielt.

»Dann sind ja Ibsens Dramen eine unheimliche Poesie.«

»Poesie? Nein, Philosophie, Weltumsturz und Gesellschaftserneuerung sind sie. Die Ehe ist das wichtigste Problem im Menschenleben. Zu ihm muß jeder einmal Stellung nehmen. Ist die Stellungnahme eine falsche, so ist das ganze Leben verfehlt. Stellen Sie sich einmal die Hölle vor, die einem das Gekettetsein an einen Menschen bereitet, mit dem man in beständigem inneren Widerspruch steht. Denken Sie sich einen tiefveranlagten, geistig interessierten Mann an ein äußerliches, hohles Weib gebunden, das noch dazu mit einem dritten spielt!«

»Da können sie ja auseinandergehen; das gibt auch unsere Kirche schließlich zu, aber sie dürfen sich nicht wieder neu verheiraten.«

»Da soll also ein solcher Mensch, weil ihm das Schicksal ein solches Weib an den Hals geworfen hat, für sein ganzes Leben auf Liebe und Familienglück verzichten? Gerade die edelsten Menschen sollen dazu verdammt sein, ihr edles, vornehmes Geschlecht nicht weiterblühen zu sehen?«

Ada schlug bei den letzten Worten auf den Tisch. Dr. Sander saß sinnend in der Sofaecke, und Käthe rutschte tief in den Sessel hinein und blies lächelnd den Rauch ihrer Zigarette in Ringen vor sich hin.

»Glauben Sie mir, Fräulein Martha, wir müssen ein neues Leben beginnen. Der Geist im Menschen ist die Hauptsache; er muß sich entwickeln, und wenn ihm ein Hemmnis entgegentritt, sei es welches es wolle, dann muß dieses Hemmnis niedergetreten werden. Der Glockengießer in Gerhart Hauptmanns Versunkener Glocke, der ist der Prophet der Zukunft. Mein Gott, ja, wir haben nach diesem einzigen Drama soviel schwächlichen Kitsch auf unseren Bühnen erlebt, aber nie ist wieder ein Geist aufgestanden wie Gerhart Hauptmann mit seiner Versunkenen Glocke.«

»Ich habe sie auch sehr poetisch gefunden, sogar romantisch.«

»Romantisch? Ja, romantisch ist nur das äußere Gewand, aber die Idee ist modern, sie wäre Ibsens würdig. Haben Sie Baumeister Solneß gelesen oder gesehen?«

»Gelesen.«

»Na, da haben Sie ja schließlich genau dasselbe.«

»Ich meine, Fräulein Ada,« ließ sich Dr. Sander vernehmen, »da sprechen Sie doch einen etwas kühnen Satz aus.«

»Kühn oder nicht, ich erklügele hier keine Parallelen, mein Gefühl sagt mir, daß in beiden Dramen derselbe Geist weht, der Geist der Freiheit, dem jeder Mensch folgen muß, wenn er zu dem Ziele gelangen will, das das Schicksal ihm bestimmt hat.«

»Bravo, bravo, Ada!« Käthe klatschte in die Hände, sprang auf und umarmte und küßte die Philosophin. »Und ich meine, wir Mädchen von heute müßten nicht mehr in unseren Schlupflöchern sitzen wie die Käfer und warten, bis uns die Raben – meine die Herren der Schöpfung – aufpicken; nein, wir müssen selbst unsere Männer suchen. Die Herren Männer sind wie die Fliegen. Wir stellen ihnen eine Leimrute auf, das heißt, wir machen uns hübsch und pikant, dann kommen sie schon in Scharen angeflogen und bleiben kleben. Dann suchen wir uns einen aus, der uns gefällt, und streifen die anderen, die sich an uns – will sagen der Leimrute – die Beinchen verklebt haben, ab und werfen sie zum Fenster hinaus. Sehen wir nach einiger Zeit, daß der, den wir erst für scharmant hielten, ein fader Zipfel ist, so lassen wir ihn laufen und wiederholen das Experiment noch einmal, wenn nötig noch zwei- oder dreimal, je nach Bedarf.«

»Sie sind sehr liebenswürdig gegen uns Männer, Fräulein Zeisig.«

»Geradeso liebenswürdig wie die Herren Männer gegen uns Damen sind, Herr Doktor. – Übrigens, meine liebwerten Gäste, Sie werden entschuldigen, wenn ich Sie störe, aber ich habe von zwölf bis ein Uhr noch ein Kolleg über Nietzsche.«

»Über Nietzsche? Sehen Sie, Fräulein Ada, darüber wollte ich Sie auch noch fragen. Ich weiß gar nicht, was ich von Nietzsche halten soll; ich verstehe ihn einfach nicht.«

»Das glaube ich Ihnen, gibt es doch über ihn fast soviel Meinungen als es Autoren gibt, die über ihn geschrieben haben. Das Beste, was Sie tun können, ist, Nietzsche zu lesen, immer wieder zu lesen. Allmählich senkt sich durch die Musik seiner Sprache und die Wucht seiner gigantischen Persönlichkeit ein tiefer Sinn seiner Worte in Ihre Seele. Und versuchen Sie, Nietzsche zu leben. Beginnen Sie damit, jeden seiner Sprüche in die Tat umzusetzen, dann werden Sie fühlen, welche Lust er schenkt, welche Freiheit und welches göttliche Selbstbewußtsein. Nietzsche gibt gerade uns Frauen die Kraft, die wir in der heutigen Zeit brauchen, er macht uns zu vollgültigen Menschen. Darum werden Sie sehen, daß gerade die deutsche Frau Nietzsche zu ihrem Philosophen erwählt hat. Gehen Sie nur einmal übermorgen in den Vortrag ›Nietzsche und die moderne Literatur‹ von Professor Markus, da werden Sie manches verstehen lernen.«

Die Gesellschaft war aufgestanden und rüstete sich zum Gehen. Vor der Haustüre trennte man sich. Dr. Sander spielte lange mit Adas Hand. Dann bot er sich Martha zur Begleitung an. Sie ließ es geschehen, obwohl sie ein peinliches Gefühl beschlich. Der Herr ließ seine Blicke so unverschämt ihre ganze Gestalt entlang gleiten. Was er auf dem Wege sprach, erhob sich nicht über das gewöhnliche Gespräch, das Herren mit Damen pflegen. Er kam von Nietzsche auf Sudermann und von Sudermann auf Wedekind, für den er zu schwärmen schien. An der Ecke der Theresienstraße trennte er sich von Martha, wieder mit den unheimlichen, zudringlichen Blicken.

Sollte dieser fade Mensch sich mit Ada Lob wirklich nur wissenschaftlich unterhalten?

Nein, da war Otto Reiber doch ein anderer Mensch – und Rittmeister von Brandenstein! Die schwärmten für ihren Charakter, ihren Geist. Von ihnen hatte sie nie solche Blicke ausgestanden. Maria hat recht: Viele Männer laufen uns nur nach, weil wir halt Mädels sind. Da müssen mir den Geist ausbilden, daß sie den achten lernen. – –

VI.

Und Martha las und las. Wo ihr ein neuer Schriftstellername aufstieß, da griff sie zu seinen Werken. Oft las sie morgens Bölsche und abends Gustav Freytag, dazwischen wieder Frenssen und Eichendorff.

Bald wußte sie in der gesamten modernen Philosophie Bescheid. Ihre Salonzeitschriften brachten ja ganz herrliche Essays über alle philosophischen Richtungen von Schopenhauer bis auf Kuno Fischer und Bergson. Mit Tante und Leonore ging sie fleißig in die geistreichen philosophischen, sozialen und religiösen Vorträge. Auf ihrem Schreibtisch stand eine Photographie eines von der Damenwelt Münchens am meisten umschwärmten Geisteshelden.

Otto war längst in aller Stille nach Berlin an die Kriegsakademie gezogen. – –

Maria begegnete ihr immer seltener. Sie stand dicht vor dem Examen und hatte viel zu arbeiten. Nur Sonntags morgens kam sie regelmäßig gegen 10 Uhr. Dann hatte sie Zeit, wie sie sagte, einen kleinen Spaziergang zu machen. Sie hatte schon lange gemerkt, wie es um Martha stand. Mit Disputieren war da nichts zu erreichen; sie mußte einmal die Hörner gehörig anrennen. Nur ein wenig beobachten wollte sie die Freundin, die ihr leid tat, und dafür sorgen, daß sie wenigstens Sonntags nicht die heilige Messe versäumte. Martha wagte denn auch Maria nicht zu widersprechen, wenn sie mit ihr, wie selbstverständlich, zur Frauenkirche einbog und sie in die Elfuhrmesse führte. Tante Edeltraud schlief lange in den Sonntag hinein, dann machte sie mit Leonore eine kleine Promenade oder ging auch einmal in die freireligiöse Sonntagsfeier.

An einem Sonntag, Mitte Juli, begrüßte Maria die Freundin:

»So, Kind, heute komme ich zum letztenmal. Morgen beginne ich mein Examen, und dann gehen wir gleich, Papa, Mama und ich, in die Berge. Übrigens solltest du auch ein bißchen aus der Stadt hinausgehen, du wirst mit jedem Tag bleicher und nervöser. Laß mal deinen ganzen Blaustrumpfplunder ein paar Wochen liegen. Leonore soll ihren Malkasten nur ruhig mit hinausnehmen. Ihretwegen sollst du dich doch nicht um eine nötige Erholung bringen. – Übrigens – Otto läßt dir seine höfliche Empfehlung sagen. Es scheint, daß er dich noch nicht vergessen hat.«

Martha erschrak und kramte auf ihrem Schreibtisch herum. O weh! Sie hatte Otto fast vergessen. Nun stand plötzlich sein Bild wieder vor ihrer Seele, und es kochte in ihren Adern wie ein Strom heißen Weines. Sie schämte sich, Maria anzusehen, und sagte mit erkünstelter Unbefangenheit:

»Bitte, deinem Bruder gelegentlich zu danken und ihm seine Empfehlung zu erwidern.«

Aber auf dem ganzen Spaziergang und in der Kirche war sie zerstreut. Es war ihr peinlich, mit der Schwester des Mannes zu gehen, dem sie ihre ersten jungen Mädchengefühle im ersten Liebesüberschwang geradezu hingeworfen hatte. Und jetzt dachte sie ganz anders über die Liebe. Jetzt wußte sie, was es heißt, die Liebe ganz auswerten, ganz auskosten, sich bewußt ihren feinsten Nervenreizen hingeben. Das hatte sie an ihren Romanhelden und -Heldinnen gesehen. O, wenn sie doch auch einmal so etwas erleben könnte! Jetzt war ihre Seele befreit von allen kindischen Vorurteilen, ihre Nerven waren fein genug, die pikantesten Reize aufzunehmen.

Manchmal kam es ihr vor, als dränge sie eine unheimliche Gewalt zu einem kühnen Streich, als müßte sie sich einen weiten Mantel umwerfen und durch die nächtlichen Straßen sich in eine Künstlerkneipe stürzen. Sie wußte nur nicht, was sie von der Tat zurückhielt. War sie zu feige, oder war der ganze Drang nur eine Krankheit? Dann wieder war es ihr sonnenklar, daß sie zur Bühne berufen war.

Stundenlang stand sie abends mit aufgelöstem Haar vor dem Spiegel ihres Schlafzimmers und bewunderte ihre Figur. Am anderen Morgen war sie sich dann immer selbst zum Ekel. Sie riß das Fenster auf, als wollte sie einen fauligen, widerwärtigen Dunst aus dem Zimmer treiben. Aber sie las weiter und weiter und kam sich groß und geistreich vor. Wenn ihr die Augen zufallen wollten und der Kopf schmerzte, war es ihr erst recht wohl zumute; sie meinte gearbeitet zu haben und fühlte sich verwandt mit den bohrenden modernen Geistern, die ihr Hirn in niedagewesene Gedanken hetzten.

Und nun auf einmal die Erinnerung an Otto Reiber! Um ihm Achtung abzugewinnen, hatte sie zu studieren begonnen.

War das wahr? Belog sie sich da nicht selbst?

Wenn er sie jetzt sehen würde? Nein, vor dem geraden, gesund denkenden Mann konnte sie nicht bestehen. Wollte sie auch nicht! Sie biß sich auf die Zähne. Nein, wollte sie auch nicht! Erst die Jugend ausleben, das Leben in allen seinen Möglichkeiten verkosten, innerlich groß und stark werden – ja, das wollte sie. Die Größe, die sie sich bis jetzt angelesen hatte, war ja nur ein äußeres, fadenscheiniges Gewand, ein Seifenblasentraum. Erst das wirkliche Erleben konnte sie ganz frei, ganz groß machen.

Während ihr diese Gefühle durch die Nerven zuckten, sprach sie mit Maria gleichgültige Dinge. Sollte sie Tante zum Ferienaufenthalt Garmisch-Partenkirchen, Prien am Chiemsee oder den Starnbergersee vorschlagen? Leonore wollte jedenfalls nicht weit von München weg, um immer wieder schnell in ihr Atelier kommen zu können. Da wäre der Starnbergersee wohl am besten gelegen. – –

Als Martha die Treppe zu Tante Edeltraud hinaufstieg, kam ihr Oberstabsarzt Zeisig entgegen. Sie trat ein wenig auf die Seite und ließ den älteren Herrn vorbei. Er grüßte flüchtig und lässig. Sein Gesicht war furchtbar ernst, und die Augen schienen verweint. Martha schaute ihm erstaunt nach, wie er mit schweren Schritten die untere Stiege hinunterging, den Säbel hängen lassend, der bei jedem Schritt auf die Stufe auftackte.

Martha ging auf ihr Zimmer und wartete, zum Essen gerufen zu werden. Halb eins war längst vorbei, aber es kam niemand.

So nahm sie Maeterlinck vor. Es wurde ein Uhr und Viertel nach eins. Da kribbelte die Ungeduld in ihr auf. Sie ging ins Eßzimmer hinüber.

Der Tisch war gedeckt, doch niemand ließ sich blicken. Sie klopfte an Tantes Zimmer. Keine Antwort. Noch einmal. Sie lauschte. Leises Sprechen drinnen! Sie klopfte zum drittenmal. Nach einer Weile wurde die Tür ein wenig geöffnet, und Leonore zwängte sich durch den Spalt und drängte Martha zurück, daß sie keinen Blick ins Zimmer werfen konnte. Sie hatte rotgeweinte Augen, und ihre Hände umkrampften nervös ein Taschentuch.

»Setz dich einmal dahin und versprich mir, zu schweigen!«

»Was ist denn los? Um's Himmels willen, was soll das alles?«

»Was das soll? Versprich mir erst zu schweigen, hörst du! Immer und gegen jeden!«

»Ich will schweigen. Nun sag mir nur, was du hast.«

»Richard ist fahnenflüchtig, desertiert mit Käthe Zeisig.«

Martha fühlte, wie ihr das Herz stockte und das Blut aus den Wangen wich. »Oh …!«

»Nun heißt es für uns beide ruhig Blut bewahren. Mutter ist erst ganz von Sinnen gewesen. Jetzt liegt sie da und phantasiert. Vor einer Stunde kam der Brief Richards aus Southampton, daß er mit einem englischen Schiff nach Amerika hinüber ist und Käthe Zeisig mit ihm. Eben war ihr Vater hier. Der wußte von nichts, suchte nur Käthe, die vor einer Woche angab, zu einer Freundin nach Würzburg zu reisen, aber versprach, am Donnerstag zurückzukehren. Als sie nicht kam, telegraphierte der Alte nach Würzburg und erhielt die Antwort, Käthe sei überhaupt nicht dort gewesen. Nun suchte er die ganze Stadt nach dem Mädel ab. Endlich kam er hierher; ich hab ihm alles gesagt. Die beiden haben sich in London trauen lassen und sind nun nach Amerika hinüber, ein Leben in Freiheit und Liebe zu führen, wie Richard schreibt. So, nun weißt du alles. Laß dir das Essen bringen. Ich muß zur Mutter hinein.«

Damit stand Leonore auf und verschwand im Zimmer Tante Edeltrauds.

Martha war wie angedonnert. Sie saß eine Zeitlang regungslos. Dann stand sie auf. Ein Schauer rieselte durch ihren Körper. Sie sah auf einmal mit Schrecken ihren eigenen Geisteszustand. Könnte sie nicht auch einmal so tief sinken? Aber mit Richard, dem widerlichen Richard? Sie versank in tiefes Träumen. Da wendeten sich plötzlich ihre Gedanken wie eine Drehbühne, auf der bis jetzt eine öde, schaurige Landschaft gestanden hatte und die nun mit einemmal eine heitere, duftige Mondscheinszenerie erschien.

»Ein Leben der Freiheit und Liebe!« War das nicht eigentlich etwas Herrliches? Wer das doch auch machen könnte! Richard hatte es nur dumm angefangen. Wahrscheinlich hinterließ er ungeheure Schulden, und Käthe war sicher auch nicht mit leeren Taschen von Hause weggegangen.

Sie schellte dem Mädchen. »Bringen Sie mir das Essen. Frau General ist nicht wohl. Vielleicht kommt sie später.«

Mit Ruhe aß sie zu Mittag und wunderte sich über ihre Selbstbeherrschung.

Was war denn aber auch bei gefaßter Überlegung Besonderes an der Geschichte? Die beiden jungen Leute hatten nur ihr Recht auf Liebe geltend gemacht; sie wollten etwas erleben und hatten den Mut, den tausend andere nicht haben, die Wünsche und das Sehnen ihres Herzens in die Tat umzusetzen. In ihren Romanen hatten es Hunderte von Helden und Heldinnen geradeso gemacht.

Wenn sie doch auch einmal so etwas erleben könnte! Aber die Fesseln des gesellschaftlichen Herkommens, der bürgerlichen Bravheit! Wenn man die doch einmal sprengen könnte! Ja, wenn man einen Mann fände, dessen Arme einen über alle Kleinlichkeiten hinwegtrügen, in dessen Liebe man ganz aufginge, so daß man von der ganzen übrigen Welt nichts sähe und nichts hörte!

Tante wollte eine moderne Frau sein und stand doch bis zum Hals in veralteten Vorurteilen. Warum sah und las sie denn Ibsen und Strindberg?

Sie ging auf ihr Zimmer.

Ah, war das wieder Wasser auf Marias Mühle! Und was würde Otto sagen, wenn er es hörte? Natürlich würde er Richard in Grund und Boden verdammen. Aber ihr kamen die beiden auf einmal näher. Sie verstand ihren kühnen Schritt, lebte sie doch Tag für Tag wenigstens geistig in der Umgebung, zu der Richard und Käthe gehörten. Pah, sie verurteilen wäre Heuchelei, Scheinheiligkeit.

Nun, viel Aufsehen würde die Geschichte ja nicht machen. Das eigentliche München war ja schon zum größten Teil in die Sommerfrischen und an die See ausgeflogen. Wenn die gesellschaftliche Saison wieder beginnt, hat man neue, jüngere Skandälchen zu behandeln. Bis dahin waren Richard und Käthe in der Versenkung verschwunden.

Aber dann mußte sie auch selbst endlich einmal etwas erleben. In Offizierskreise würde sie dann wohl nicht mehr so leicht hineinkommen; denn Richards Dummheit würde bis zum Winter wohl in den Münchener Regimentern bekannt sein, und Otto würde, wenn er zurückkäme, sich wohl auch von Tantes Hause fernhalten.

Doch er hatte sie ja heute noch grüßen lassen. War seine Liebe am Ende doch echt? Ach, er war so gut, so ganz anders als die Männer, in deren Kreis sie mit ihrer Phantasie lebte, so entsetzlich bieder und hausbacken. Nein, Leonore mochte ihn nur nehmen, wenn er sie wollte.

Aber was würde das jetzt für ein Leben werden, wenn Tante krank würde und sich schließlich ganz zurückzöge! Nun, dann mußte sie halt allein in die Theater gehen, die den Sommer durch spielten, und tagsüber lesen und durch die Kunstausstellungen der Sezession und des Glaspalastes strolchen. Die Wintersaison sollte sie durch und durch gebildet finden, sie wollte sich in jeder Gesellschaft heimisch fühlen und den Herren auf allen Gebieten imponieren.

Am Abend kam Tante zu Tisch. Wie sah sie aus! Um zehn Jahre gealtert. Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen hielt sie halb geschlossen und den Kopf gehoben wie ein Mensch, der an wütenden neuralgischen Kopfschmerzen leidet. Sie sprach kein Wort. Leonore plauderte unbefangen, obwohl sie blasser war als sonst und feurig umrandete Augen hatte.

»Mutter hat Erholung nötig. Wir gehen übermorgen auf ein paar Wochen an den Starnbergersee. Morgen lassen wir beide uns Dirndlkostüme anmessen. Wir wollen auf dem Lande ganz ländlich und mit dem Volke leben. Ich denke, wir quartieren uns in Leoni ein. Morgen nachmittag fahre ich einmal hin und suche uns ein paar Zimmer in einem möglichst einfachen und ländlichen Haus, bei einem Bauern oder Schiffer. Ich telephoniere gleich unserer gewöhnlichen Schneiderin, daß sie morgen früh die Kleider anpassen kommt. Ein paar grüne Schürzchen kaufe ich dann schon dazu. Gelt, das wird fein!«

»Eine gute Idee. Hier könnte es doch etwas sehr langweilig werden. Wir legen uns da an den Strand in die Sonne und lesen und rudern und lassen uns interessant anbräunen.«

»Und ich werde malen. Hoffentlich komme ich da am See wieder in Stimmung, mein großes Bild fertigzustellen. Ich verzweifle an dem Kolorit der Meereswogen. Tausendmal habe ich mir Böcklins Spiel der Wellen in der Neuen Pinakothek angeschaut, aber es will noch nicht recht voran. Vielleicht kommt mir in Leoni die Erleuchtung, wenn unser guter Starnbergersee auch nicht das Meer bei Capri ist.«

Tante Edeltraud stand auf und ging hastig in ihr Zimmer. Leonore sprang hinter ihr drein. Drinnen ein Schluchzen und emsiges Beruhigen. Martha zog sich auch zurück. Sie sah mit ihrem Verstand ein, daß die alte Dame schwer an den Schicksalsschlägen tragen mußte, aber ihr Gefühl blieb kalt.

Mit ihren Romanheldinnen konnte sie fühlen und sich von ihrem Schicksal zu Tränen rühren lassen; das Leid, das ihr in lebendiger, überwältigender Gestalt entgegentrat, ließ sie kalt und stumpf.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen kurzen Brief an den Vater, in dem sie ihm mitteilte, daß sie übermorgen nach Leoni ging. Nähere Adresse würde sie noch schreiben. Von Tante und Richard sagte sie ihrem Versprechen gemäß nichts.

Nun fühlte sie, daß ihre Nerven doch außergewöhnlich unruhig wurden. Deshalb zündete sie sich eine Zigarette an und blies den Rauch träumend vor sich hin.

Also kam ihr das große, starke Leben doch näher, wenn es sie selbst auch noch nicht im Innersten berührte.

Wie würden zur selben Stunde Käthe und Richard, selig umschlungen, an Deck des Dampfers sitzen und in den Mond und auf die weite See schauen.

Wo hatte sie doch schon einmal so etwas Ähnliches gelesen? Ah, in den ersten Tagen hier in München! Die Liebe und der Atlant!

Nie könnte sie beim Rauschen des ewigen Wellenliedes alles Gewesene vergessen und nur von der Zukunft träumen, die nichts als ein einziger, großer Liebesrausch sein würde! – Sie zündete eine zweite Zigarette an und schloß die Augen. – Der Boden begann unter ihr leicht und sanft zu schwanken und zu wiegen. Der Mond baute eine silberne Brücke vom Horizont zum Schiff und lud die Liebenden ein, sie zu betreten und auf ihr in selige Lande zu schweben.

O, wenn sie doch auch einmal so etwas erleben könnte! Aber dazu war Otto zu prosaisch. Da mußte ein anderer kommen. – Und sie sehnte sich nach dem anderen und nahm eine dritte und vierte Zigarette und träumte weiter, bis sie meinte, ihr eigenes Blut sieden zu hören. Dann sprang sie auf, knipste das Licht aus und riß das Fenster auf, den Rauch hinauszulassen. Hastig riß sie die Oberkleider vom Leib, ließ die kühle Nachtluft Hals und Arme umwehen und schaute zu den Sternen hinauf und dachte an Käthe und Richard auf dem Dampfer in der Nacht und schluchzte weinend auf.

Sie wußte nicht, wie ihr war. Irgend etwas mußte sie umarmen. Da riß sie den Schrank auf und wühlte in der hintersten Ecke. Plötzlich stand sie mitten im Zimmer und herzte und küßte die Puppe und lachte und weinte in nervösen Stößen. Mit einem Ruck schleuderte sie Erna in den Schrank zurück, daß sie gegen die Rückwand polterte, schloß das Fenster und warf sich halb angekleidet auf das Bett.

So erwachte sie am Morgen. Wie ein Funkenregen sprühten die Gedanken durch ihr Hirn. Wie war sie so ins Bett gekommen? Was war denn geschehen? Alle ihre Glieder waren wie zerschlagen. Sie fühlte eine bleierne Müdigkeit. Wieviel Uhr war es? Schon halb neun!

Ach ja, Käthe und Richard!

Was lag daran? Morgen ging's an den Starnbergersee. Heute sollte die Schneiderin kommen, das Dirndlkostüm anzumessen.

Da klopfte es. »Martha komm geschwind, die Schneiderin ist schon da.«

Sie machte flüchtig Toilette und ging hinüber. Das einfache Kostüm war schnell angemessen. Tante ließ sich nicht blicken. Die beiden Mädchen nahmen zusammen das Frühstück. Dann ging Leonore aus und Martha an ihre Lektüre. Gegen elf Uhr schellte es.

Martha hörte, wie Tante Therese trotz alles Abwehrens des Mädchens durchaus zu Tante Edeltraud wollte. Sie sprang auf und ging hinaus. Das konnte sie doch nicht zulassen, daß die Alte zur Kranken vordrang.

»Ach, liebes Kind, was höre ich! Was ist hier Schreckliches passiert! Ach du lieber Gott! Nein, aber so was! Ich muß notwendig Zu Edeltraud, sie ein wenig zu trösten.«

»Ja, aber woher wissen Sie denn …?«

»Woher ich das Schreckliche weiß? Nun in der Zeitung steht's doch, in den Münchener Neuesten.«

Martha zog die Dame langsam in ihr Zimmer. Sie lächelte boshaft.

»So, die Neuesten lesen Sie, das ist ja reizend!«

»Ja, warum denn nicht? In den andern Blättern steht ja doch nie das, was man wissen muß. Die Leitartikel lese ich natürlich nicht. Aber schau da« – sie zog ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt aus ihrem Pompadour – »und lies!« – Martha griff nach dem Blatt und las, wo Frau Hofrat den spitzen Zeigefinger hinhielt:

»Wie die Landshuter Zeitung berichtet, ist Leutnant Trenkler von den Landshuter Schweren Reitern seit drei Tagen verschwunden. Sichere Anhaltspunkte für seinen Aufenthalt hat man nicht. Eine Spielaffäre ist allem Anscheine nach der Grund des Verschwindens. Eine Münchener junge Dame soll mit kompromittiert sein.«

Tante Hofrat schaute Martha prüfend in die Augen. »Wer ist die Münchner junge Dame? Weißt du etwas Näheres? Du mußt es ja wissen.«

Martha zerriß die Zeitung und warf die Fetzen der alten Dame vor die Füße.

»Wer die junge Dame ist, weiß ich nicht. Wen geht das etwas an, wenn zwei junge Menschen einmal frei von aller triefenden Biederkeit und Heuchelei ihrem heiligen Herzensdrang leben wollen? Tante Hofrat, verzeihen Sie mir, Sie sind sehr fromm und verabscheuen ehrlich – so nehme ich an – alles, was Mit Ihren Prinzipien nicht vereinbar ist. Aber wenn Sie wirklich eine fromme Christin sind, dann lassen Sie das Ratschen und Tratschen über die Sünden und das Leid anderer Leute.«

»Mein Gott, Kind! Ich will dir verzeihen. Du bist von dem Fall auch angegriffen. Aber man darf doch wissen, welchen Kreisen das Mädchen entstammt, damit man die guten jungen Mädchen von ihnen fernhält und sie warnen kann.«

»Na, die guten jungen Mädchen! Ich möchte sie alle miteinander ohrfeigen. Waschlappen sind sie, Weihwassernäpfe und Tränenbeutel, scheinheilige Fratzen, die solange schön tun, als sie nicht anders können.«

»Kind, beherrsche dich, bedenke …«

»Dummes Zeug! Ich habe mich lange genug beherrscht. Was hat man uns im Institut für einen Schmarren eingetrichtert! Was kann man damit im Leben machen? Nichts, rein gar nichts. Das Leben ist eben anders, als man uns dort weiszumachen versucht. All die frommen Dinger aus dem Institut springen nachher über die Stränge. Sicher ist diese junge Dame, die mit Richard losgegangen ist, auch wieder so ein tränensüßes Mädel, das im Institut mit dem blauen Band herumlief.«

Martha sprudelte die Vorwürfe nur so heraus. Sie mußte selbst nicht mehr, was sie sagte. Aber sie mußte einmal ihrem Zorn und ihren Nerven Luft machen. Am liebsten hätte sie alles in Grund und Boden gestampft und Tante Therese geohrfeigt. Wenn sie nur an die Hofrätin dachte, kochte es in ihr; nun stand sie leibhaftig vor ihr und brachte die ganze Sprengladung in ihrem Gemüt zum Platzen. In diesem Augenblick wäre es ihr am liebsten gewesen, wenn das mit Richard durchgegangene Mädchen wirklich eine brave Bürgerstochter gewesen wäre, dann hätte sie einen stichhaltigen Grund gehabt, gegen alle jungen Mädchen loszuziehen, die nicht so waren, wie sie selbst.

Frau Hofrat hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und Martha ruhig zugehört. Nun erhob sie sich ebenso ruhig.

»Kind, du bist nicht wohl, bist nervös überreizt. Ich nehme dir nichts übel. Da ich Edeltraud wohl doch nicht sprechen kann, so will ich mich zurückziehen. Grüße sie, bitte, von mir.« Damit ging sie, sich leicht verneigend, hinaus.

Martha stand versteinert da. Sie fühlte sich durch diese Ruhe besiegt. Was hätte sie darum gegeben, wäre die alte Dame gegen sie losgefahren oder wäre sie ihr mit salbungsvollen Ermahnungen gekommen!

Sie fühlte sich in ihrer ganzen Unterlegenheit, griff nach dem ersten besten Buch und schleuderte es an die Wand, daß es aus dem Einband fiel. Vor Wut weinte sie laut auf und stampfte mit den Füßen. Dann warf sie sich in den Sessel am Fenster und ließ die Gardinenkordel mit der Kupferquaste das Fenster entlang pendeln. Zuerst schlug sie noch hastig gegen das unschuldige Ding. Dann beruhigte sie die gleichmäßige Bewegung, bis sie allmählich sich selbst wiedergefunden hatte.

VII.

Tausendstimmiges Gemurmel wie von einem brandenden Meer erfüllte den in elektrischem Lichte weih erstrahlenden Konzertsaal des Odeons. Dazwischen sangen die Geigen, lachten die Flöten, schäkerten die Klarinetten und brummten die Bässe und Celli, als trieb eine kecke Nixenschar mit batzigen Meertölpeln ihren Schabernack.

Ein ähnliches Bild wie die Töne des stimmenden Orchesters gaben die Farben der hin- und herwogenden Menge; das diskrete Bunt der Damentoiletten mit dem ernsten Schwarz der Herren. Auf all das Gewusel und all die stimmungsvolle Pracht schauten die Büsten der Tonkünstler in der Orchesterrundung mit ergebenem Ernst, weltferner Ruhe oder liebenswürdigem Lächeln herab.

Die Herren und Damen des Chores tuschelten zusammen und spähten suchend in den Saal hinunter, hier und da einen Bekannten aus der Ferne grüßend. Jetzt kamen auch die Solisten und Solistinnen und nahmen zu beiden Seiten des Dirigentenpultes Platz.

Die elektrische Klingel schrillte durch das Haus. Aber die plaudernden Gruppen kümmerten sich noch wenig darum. Man hatte sich noch soviel zu fragen und zu erzählen; traf man sich doch hier beim ersten Odeonkonzert der Saison zum ersten Male nach den Sommerreisen. Da das zweite Zeichen. Gegenseitiges Verneigen und Händeschütteln und Hin- und Herschieben, bis nach einigen Minuten alles auf den Plätzen saß. Leo Hertzog, der neu angestellte Generalmusikdirektor, stieg zu seinem Pult empor und tippte mit dem langen Dirigentenstab. Mit einem Schlage verstummte das Gewoge und Gemurmel, und das Orchester setzte zu Haydns »Jahreszeiten« ein. Einzelne Damen und Herren beugten sich über den Klavierauszug des Oratoriums und verfolgten, mit Geist und Ohr genießend, die monumentalen Orchestersätze, oder taten wenigstens so. Die meisten Zuhörer spannen sich in tiefes Sinnen ein. Viele der Damen ließen ihr Auge nicht von dem Dirigenten und seinen Bewegungen; denn jetzt mußte es sich entscheiden, ob er vor ihnen Gnade finden würde oder nicht.

Martha saß mit Leonore in der Mitte des Saales. Sie trug ein burgunderrotes Biedermeierseidenkleid, das ihre Körperlinien dezent, aber deutlich hervortreten ließ. Leonore war ganz in Weiß. Tante Edeltraud war nicht zu bewegen gewesen, an der Eröffnung der Konzertsaison teilzunehmen.

Leonore ging ganz in Betrachtung des männlich schönen Leo Hertzog auf. Die Musik floß ihr nur aus den Bewegungen seines Körpers.

Martha schaute träumend in die Weite. Ihre Seele war nicht bei Haydn. Nur mit Widerwillen war sie hierhergegangen, allein weil Leonore ihr klargemacht hatte, daß der Besuch des ersten Odeonskonzertes zum guten Ton gehörte. Hier konnte man ja keine neuen Bekanntschaften machen, und die hatte sie doch nötig. Tante Edeltraud hatte sich aber ganz aus der Gesellschaft zurückgezogen. Maria sagte ihr immer weniger zu, und Ada Lob war noch nicht aus der Heimat ins Semester zurückgekehrt. Ihre ganze Stimmung war eigentlich eine tiefe Unzufriedenheit, ja Brummigkeit. Am liebsten hätte sie mit jedermann einen Streit vom Zaune gebrochen.

Da verklangen die letzten Akkorde des ersten Teiles. Martha sprang auf.

»Komm, wir wollen etwas herumlaufen. Diese Musik ist langweilig. Meine Nerven tanzen. Vielleicht, daß wir irgendwo einen Bekannten treffen, mit dem ich einen Streit anfangen kann. Wenn ich doch nur Maria begegnete!«

Sie hakte sich in Leonorens Arm und zog sie mit sich in die Vorräume des Saales.

»Ah, sieh da, Fräulein Martha und Leonore!«

Ada Lob trennte sich von einem Herrn, mit dem sie sich in einer Fensternische unterhalten hatte, und kam auf die beiden zu. Der Herr blieb verdutzt stehen; dann kam er einige Schritte hinter Ada her und fixierte Martha. Ada wandte sich halb zu ihm um.

»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war von dem plötzlichen Anblick meiner Freundinnen so überrascht, daß ich vor Freude nicht mehr wußte, was ich tat.«

Dann flüsterte sie Leonore zu:

»Um Gottes willen, befreit mich von dem Menschen; ich komme nicht von ihm los und habe doch eine Abmachung mit jemand anderem.«

»Ah so!« machte Leonore und lächelte.

Ada fuhr laut fort: »Die Damen gestatten, daß ich Sie bekannt mache: Herr Wladimir Michailowitsch aus Kiew, Fräulein Leonore Trenkler und Fräulein Martha Halden.«

Der Russe machte eine tiefe Verbeugung und faßte gleich wieder Martha ins Auge. Die fühlte den Blick und suchte ihm auszuweichen, obschon gleich von der ersten Sekunde an ein Kochen durch ihr Blut ging und ihr Hirn wie von einem Schwindel befallen wurde.

Die Mädchen sprachen noch einen Augenblick von ihren Ferienreisen. Ada wollte an der See gewesen sein, und Leonore erzählte eilfertig von herrlichen Hochgebirgstouren in den Dolomiten.

Im Sprechen studierte Martha, wie sie meinte unauffällig, den neuen Bekannten. Von seinem bleichen Gesicht mit den etwas stark betonten Backenknochen und den schwarzen, tiefliegenden, langbewimperten Augen ging eine geheimnisvolle Kraft auf sie aus. Das war etwas anderes als die landläufigen deutschen Männer, die sie kennen gelernt hatte. Das war etwas pikant Fremdes der Hauch von der endlosen, sehnsuchtsschweren Pußta, das lockende Flackern und wieder Verlöschen eines ursinnlichen Feuers.

»Die Damen werden verzeihen, wenn ich mich zurückziehe und Ihnen den Fremdling ein wenig überlasse. Nehmt euch, bitte, seiner an. Er ist noch nicht lange hier, er möchte aber nicht nur die deutsche Wissenschaft, sondern auch die deutsche baryschnia, kennen lernen, wie er sagt, das Ideal der deutschen Jungfrau. Herr Michailowitsch hat in seiner Kindheit eine deutsche Freilina gehabt und daher sehr gut Deutsch gelernt.«

»O, Fräulein Lob schmeichelt mir zu sehr. Ja, ich spreche ein wenig Deutsch, aber ich setze nur leere Worte in die Luft; der herrliche deutsche Geist, den ich anbete, geht mir noch ab. Bei deutschen Frauen will ich ihn kennen lernen. Fräulein Lob hatte schon die Güte, mit mir einige philosophische Fragen zu diskutieren. Es freut mich unendlich, Sie kennen zu lernen. Denn in der Frau tritt uns der Charakter eines Volkes am reinsten entgegen.«

»Pfui, Sie Schmeichler! – Aber jetzt muß ich gehen. Guten Abend, Kinder, unterhaltet euch gut!«

Der Russe fuhr in seinem Gedankengang fort: »Nein, meine Damen, ich schmeichle grundsätzlich nicht. Aber es ist mir eine Gewißheit, daß das Gemüt die höchste Fähigkeit des Menschen ist. Erst wenn Verstand und Wille tief ins Gemüt getaucht sind, haben sie Wert fürs Leben. Und das Gemüt findet seine reinste Ausprägung in der baryschnia – verzeihen Sie – in der jungen Dame von Bildung.«

Das sprach der junge Mann mit solch salbungs- und geheimnisvoller, fast melancholischer Stimme, mit so verhalten leuchtendem Auge, daß Martha entzückt war. Ja, er hatte recht; was er da sagte, war ihr wie eine Zusammenfassung aller ihrer Gedanken und Träume der letzten Monate.

»Herr Michailowitsch, darüber müssen wir uns noch näher unterhalten. Darf ich Sie morgen zum Tee einladen? Meine Mutter wird sehr erfreut sein, Sie bei uns zu sehen.«

»Ich danke Ihnen sehr. – Werde nicht verfehlen.«

Die Glocke schrillte zum Wiederbeginn des Konzertes.

»Aber die Damen werden gestatten, daß ich Sie nach der Aufführung nach Hause begleite.«

»Wenn mir uns treffen, recht gern. Unser Weg ist nicht weit bis nach Hause.«

»Wird mir eine große Ehre sein.«

Man verabschiedete sich. Marthas und Wladimirs Blicke begegneten sich, und eine Flamme lohte zwischen beiden auf.

»Na, Martha, das wird gut, die Saison läßt sich famos an; gleich zu Anfang einen so interessanten Exoten gekapert. Da werden uns die anderen noch grün und gelb vor Neid.«

Während des Gesanges ärgerte sich Martha über jede Textwiederholung und die endlosen Arien. Wenn diese fade Geschichte doch einmal zum Schlusse käme!

Die Ungeduld riß an allen ihren Nerven. Endlich stieg der Schlußchor, getragen vom Gebrause der Orgel und dem Rauschen des Orchesters wie ein gewaltiger Opferbrand zum Höchsten empor.

Martha zog die Füße an sich, um bei der letzten Note gleich aufzustehen und ja den Russen nicht zu verfehlen. Als der Dirigent den Taktstock senkte, stand sie schon und ging im Nu im Strom der hinaustreibenden Menge. In der Nähe der Türe angelangt, fühlte sie schon, daß ein Augenpaar sie irgendwo suchte. Sie schoß ihren Blick zwischen den Schultern und Köpfen durch und reckte sich unwillkürlich ein wenig empor.

Da kam er auch schon von der Seite auf sie Zu. Martha fühlte ein Brennen in ihren Adern, ein Schmeicheln in ihren Gliedern. Er sagte etwas, aber sie verstand nichts. Er sprach einen Augenblick mit Leonore; sie träumte mit berauschtem Blick. Er legte ihr an der Garderobe den Abendmantel um die Schultern; dabei streifte er mit den Fingerspitzen ihren Arm, und es war ihr wie eine Liebkosung.

So gingen sie in die laue Oktobernacht hinaus. Ein Singen und Jubeln lag in ihrem Ohr. Sie sog die Nachtluft tief in die Lunge. Grünliches Mondlicht lag auf den Dächern der Häuser, die beiden Türme der Ludwigskirche standen mit verschwimmenden Umrissen in dem wabernden Licht. Elegante Autos mit dicken Spiegelscheiben knisterten über den Asphalt an ihr vorüber. O, wenn sie doch mit ihm darin sitzen könnte, allein, und mit ihm hinausfahren dürfte in die blühende, blaue Mondnacht – mit ihm, der da neben ihr ging, dessen Stimme ihr in die Seele sang und dessen Worte ihr so gleichgültig waren, daß sie gar nicht versuchte, ihrem Sinn zu folgen. Sie sah seinen Schatten schräg vor sich und liebkoste ihn mit ihren Blicken. Es war ein Eilen in ihr, den Schatten zu erhaschen, und sie riß die beiden anderen im Schnellschritt mit sich fort.

Da ging ein Paar vor ihnen her, beide tief in Mantel und Schal gehüllt. Leonore stieß Martha mit dem Ellbogen an und wies mit dem Kopf auf das Paar. Martha erwachte aus ihrem Rausch und schaute hin.

Ada Lob mit Dr. Sander!

Die beiden gingen langsam, wie um jeden Schritt des Zusammenseins auszukosten. Ada lehnte ganz an den Doktor heran, daß die beiden Gestalten ineinanderschwammen wie eine Rodinsche Marmorgruppe. Von dem Paar sprang das Feuer auf Martha über. Sie sah nicht mehr Dr. Sander mit Ada Lob da vor sich gehen. Sie sah sich selbst mit dem Russen, ganz an ihn hingelehnt, ganz ihm hingegeben.

Martha stand in ihrem Zimmer und wußte nicht, wie sie dahingekommen war. Nur ein Gedanke lohte in ihrer Seele: Morgen nachmittag kommt er. Nur ein Gefühl war in ihrem Körper, und das Gefühl ging von ihrer rechten Hand aus, – und die Hand hatte er berührt.

Jetzt sollte sie schlafen gehen? Nein, das Glück mußte sie bei Bewußtsein durchkosten, die Stunden bis zur nächsten Begegnung am nächsten Tage machend durchleben. Sie warf Schal und Mantel aufs Bett und setzte sich in den Sessel und stellte die Zigarettenschachtel auf ein Taburett neben sich.

Wie glühende Wolken legten sich die Träume um ihr Hirn. Sie fühlte: Jetzt würde das große Erleben über sie kommen.

So weckte sie das Tageslicht am anderen Morgen. Ihr Kleid war mit Zigarettenasche bestreut, sie fror, die Augen schmerzten sie, ein spitzer Husten reizte ihren Hals. Hastig zog sie sich um und tauchte das Gesicht ins kalte Wasser. Dann schellte sie dem Mädchen und trank eine Tasse heißen Kaffee. Jetzt besann sie sich auf sich selbst. Da klang wieder die Stimme von gestern abend in ihrem Ohr, sie sah die schlanke Gestalt wie aus weiter Ferne auf sich zukommen. Das Gesicht wurde immer größer und deutlicher, bis es ihr Auge in Auge lag und eine heiße Welle von ihrem Herzen sich langsam bis in die äußersten Glieder dehnte; sie meinte das heiße Blut in den Haarspitzen Zu fühlen. Sie schaute auf die Uhr. Acht! Da geht's ja schon! Schnell nahm sie Hut und Mantel und hinaus zur Leihbibliothek.

Nach einer halben Stunde saß sie wieder auf ihrem Zimmer, vor sich den »Raskolnikow« von Dostojewski. Zwischen Auge und Buch stand das schemenhaft durchsichtige Bild Wladimir Michailowitschs, und durch das Bild hindurch kam ihr intuitiv das Verständnis dessen, was sie las. Wie eine Riesenspinne streckte die schleichend sich fortquälende Handlung ihre Arme. Langsam, langsam schloß die Spinne ihre Fänge und zog den Geist des Mädchens mit geheimnisvoller, magnetischer Kraft in ihre Gewalt, bis sie ihn unrettbar gefaßt hatte, geradeso wie das Schicksal den russischen Studenten Dostojewskis.

Sie las und las. Da klopfte es an die Türe. »Gnädiges Fräulein, eine Dame wünscht Sie zu sprechen. Sie hat keine Karte abgegeben. Zuerst verlangte sie nach dem gnädigen Fräulein Leonore. Das gnädige Fräulein ist aber ins Atelier gegangen. Da fragte sie nach Ihnen.«

»Ja, nur zu, ich komme gleich hinüber.«

Sie las noch den angefangenen Abschnitt fertig und stand auf. Im Salon saß eine tiefverschleierte Dame in weitem, braunem, etwas abgetragenem Herbstmantel.

»Mit wem habe ich die Ehre?«

Die Fremde stand schweigend auf und zog den Schleier hoch.

»Käthe Zeisig …!«

»Ja, ich bin's, Unschuldchen.«

»Aber, wo ist Richard?«

»Ach Gott, Richard!«

»Na, nur heraus mit der Sprache! Ihr seid sicher schon wieder auseinander.«

»Unschuldchen, wie kommst du auf so schlechte Gedanken? So etwas sollte dir überhaupt nicht einfallen können.«

»Pah! Ich bin nicht mehr so naiv, wie Sie mich verlassen haben. Sie sind's zum Teil schuld.«

»Na, denn mal los! Ja, Richard hat eine andere. Das ist es ja gerade. Und ich hatte auch schon wieder einen anderen. Hab dem aber als Chansonette so viel Geld verdienen müssen, daß ich's schließlich nicht mehr leisten konnte. Da kam ich wieder nach Old Europe. Wollte bloß mal sehen, was ihr hier macht, das heißt, ich wollte Richards Mutter und meiner Alten nur ein wenig money abknöpfen. Meinem Alten darf ich nicht unter die Augen kommen, sonst schlägt er mich tot, aber meine alte Dame wird sich wieder erweichen lassen, wenn ich als reuiges Töchterchen komme.«

»Aber meine Tante …«

»Beruhigen Sie sich nur. Der werde ich natürlich nichts davon sagen, daß wir auseinander sind. Ich werde ihr rührselig vormachen, wie wir unseren leichtfertigen Schritt bitter bereuen und wie ich hierhergekommen bin, natürlich im strengsten Inkognito –, um für uns beide ihren Segen zu holen. Es sollte mich doch wundern, wenn sie darauf nicht hereinfiele. Nun gehen Sie, bitte, und bereiten Sie sie auf meinen Besuch vor.«

»Unter keinen Umständen, Käthe; Tante Edeltraud leidet noch furchtbar. Ich muß Ihnen sagen, daß ich Ihren Schritt verstanden und Sie eine Zeitlang beneidet habe. Oft habe ich an sie beide gedacht. Aber wir müssen das Leid meiner Tante nun auch in Rechnung ziehen und es nicht vergrößern. Sie bekommt doch heraus, daß sie wieder auseinandergegangen sind. Wie wollen Sie denn sonst Ihr Alleinreisen erklären?«

»Pah, Alleinreisen! Heutzutage sind wir doch soweit, daß eine Frau doch auch einmal selbständig ihre eigenen Wege gehen kann. Nein, ich muß vorerst einmal etwas Geld haben, daß ich mich wieder neu ausstaffieren kann; denn so wie ich jetzt gestellt bin, kann ich keine Eroberungen machen. Als Chansonette zu gehen oder Barmädel habe ich keine Luft. Ich muß mich irgendwo als bessere Dame niederlassen können. Dann wird das Geld schon in Strömen kommen.«

»Käthe, was haben Sie vor?!«

»Was ich vorhabe, Unschuldchen! Die Dame zu spielen, habe ich vor! Ich will frei sein und leben und lieben. Kleinliche Enge, Beschränkung, Philisterhaftigkeit, Bravheit – brrr, hä, das kann Käthe Zeisig nicht ertragen. Dabei sterbe ich. Da gehe ich gleich lieber ins Wasser. Siehst du, Unschuldchen – und zu alle dem will ich mir das Geld selbst verdienen – hui hopp –; aber erst muß ich eine Grundlage, einen goldenen Boden dazu haben, und dabei soll mir meine liebe Schwiegermama a. D. helfen.«

»Käthe, wie können Sie aber?!«

»Wie ich kann? Ich habe schon längst gekonnt. Aber in Amerika drüben paßte es mir nicht mehr. Hier ist's viel gemütlicher, nicht alles so Geschäft. Und wer weiß, wenn ich recht schmissig bin, fange ich doch noch einmal einen Gimpel. Line Frau wie ich hat immer etwas Pikantes und Apartes für Feinschmecker – und man kommt ja allmählich auch mal in die Jahre, wo man die Liebe leid wird und man an ein geruhsames Leben als gnädige Frau denken muß. Ein bißchen Vergangenheit zu haben, ist dann immer sehr interessant.«

Martha stand auf. »Und dazu soll Tante Ihnen helfen?«

»I, gewiß, sie erfährt ja nichts davon. Ich gehe nach Frankfurt oder Wiesbaden oder gleich nach Berlin, da läßt sich das alles schon machen.«

»Aber ich lasse sie nicht zu Tante. Sie hat kein verfügbares Geld mehr. Alles hat Richard durchgetrieben. Verstehen Sie mich recht: Daß Sie mit ihm durchgingen und Ihr Recht auf Freiheit und Liebe durchsetzten, verdamme ich nicht …«

»Was? Sie? Was muß ich hören, Unschuldchen! Noch so jung und schon so verdorben!«

»Davon ist hier nicht die Rede. Aber daß Tante keinen Zehner mehr zum Herschenken hat, das weiß ich. Nach außen schränkt sie sich soviel ein, wie es eben geht. Ich will Ihnen offen sagen, daß ich die Theater- und Konzertbillete für sie und Leonore bezahle. Sie tun gut daran, ungesehen wie Sie gekommen sind, zu verschwinden.«

»Nun, dann muß ich mir wohl schleunigst einen Verdienst suchen.«

Käthe stand auf und schaute Martha mit zynischem Lächeln an und drehte sich in den Hüften hin und her. –

»Unschuldchen, dann gib du mir wenigstens zwanzig Mark, damit ich von hier weg kann. Ich muß gestehen, daß meine Alte mich auch hat abblitzen lassen aus lauter Angst vor ihrem Herrn Gemahl. Sie will mich nicht mehr als ihre Tochter anerkennen. So bin ich denn ganz frei, eine arme Waise, die keine Eltern und keinen Mann mehr hat.«

»Pfui, wie Sie sprechen, Käthe! Aber kommen Sie mit auf mein Zimmer. Sie sollen etwas haben.«

Sie gingen hinüber. Martha holte aus dem Schreibtischschränkchen eine Metallschatulle und gab Käthe mit halbabgewandtem Kopf ein Zwanzigmarkstück. Käthe nahm es, ohne es zu besehen, an und steckte es stumm in die Manteltasche. Dann trat sie zum Kleiderschrank, öffnete ihn und musterte mit einem Blick die dort in Reihen hängenden Kleider. Ihr Auge flammte auf. »Martha, diese Robe muß ich haben« und sie faßte das beste Ballkleid und zupfte daran.

»Sie sind nicht recht bei Trost! In meinen Kleidern ertrinken Sie ja. Sie sind viel kleiner als ich und viel schmächtiger.«

»Macht nichts. Das lasse ich schon für mich umändern. Und dann etwas Wäsche! Seidene natürlich.«

»Habe ich nicht.« Damit faßte Martha die Bettlerin bei der Schulter und schob sie von dem Schrank fort, den sie mit kräftigem Stoß schloß. »Nun verzeihen Sie, wenn ich Ihnen nicht mehr Zeit widmen kann. Ich habe noch zu studieren.«

»Ach, wie nett Sie das sagen können! Nein, seien Sie offen: Sie wollen die leichtsinnige, verkommene Käthe nicht mehr länger auf ihrem Zimmer haben. Sie gehören auch zu den braven Mädchen, die vor Mama und Tante die braven Püppchen spielen und ihre Seele zu einem Räubernest machen. Nur zu, Unschuldchen! Weiß Gott, wo wir uns noch einmal treffen. Ich denke, daß ich Ihnen den lumpigen Zwanziger recht bald wieder zurückschicken kann. Adieu, ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Frankfurt.«

Sie zog den dichten schwarzen Schleier wieder über das Gesicht und stürmte hinaus. Martha hinter ihr her, um zu sehen, ob sie auch wirklich das Haus verlasse.

Wie eine Lanzenreiterattacke stürmten die Gedanken auf Marthas Hirn ein. Sie konnte sich nicht mit sich selbst zurechtfinden. War das Traum oder Wirklichkeit? Sie rieb sich die Stirne und schaute in ihr Buch; nein, da stand nichts von dem, was Sie eben als Phantasiegebilde oder blutvolle Tatsache erlebt hatte. Es war doch so; Käthe, die mit Richard durchgebrannte Käthe war dagewesen, – und hatte sie angebettelt. Wen würde sie noch alles anbetteln gehen? Mit was will sie sich in Frankfurt Geld verdienen?

Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und vergrub sich in ihr Buch. Bald waren ihre Gedanken wieder bei Raskolnikow und ihre Phantasie bei Wladimir Michailowitsch. Und ihr Blut fing, wieder an zu wallen. Ihre Schläfen hämmerten, und ein stechender Kopfschmerz legte sich über ihre Augen. Sie faßte die Stirne mit der kühlen Hand. Ah, das tat wohl! Und sie las weiter. O, wenn Wladimir auch so ein armer Mensch war wie dieser russische Student im Roman! Sie wünschte es beinahe. Sie glaubte, dieselbe Seele in seinen Zügen zu entdecken. Ein tiefes Mitleid beschlich sie und sie fühlte, daß eine Leidenschaft über sie kam, wie sie eine ähnliche noch nie erlebt hatte. Ah, das war die echte, brennende, große Liebe.

Das Mädchen rief zum Essen. Am liebsten wäre sie nicht gegangen. Wenn nun Tante fragte, wer heute morgen zu Besuch dagewesen wäre? Ach das konnte ja Maria gewesen sein!

Aber Frau General fragte nicht. Sie war noch ganz in ihren Schopenhauer vertieft und sprach fast kein Wort. Leonore war im voraus entzückt von dem Tee mit dem exotischen Besuch. Sie würde mit dem Russen über russische Malerei sprechen und hoffte, mit ihrem Wissen zu imponieren.

Nach dem Essen setzte sich Martha gleich wieder an ihr Buch.

Je näher die Teestunde kam, desto schneller schlugen ihre Pulse. Um vier Uhr stand sie auf und suchte ein passendes Kleid. Wohl fünf bis sechsmal verwarf sie ihre Wahl, bis sie schließlich auf das einfachste Kostüm verfiel: einen dunkelblauen Rock mit weißer durchbrochener Bluse. Tante Edeltraud, ganz in dunklem Violett, arbeitete spielend an einer Weißstickerei, Leonore fingerte auf dem Flügel herum, und Martha hielt träumend den »Raskolnikow« auf das Knie gepreßt, das zitternd vor Ungeduld auf und abwippte. Der Samowar surrte auf dem stummen Diener neben der Teebüchse zwischen den Tassen und der Zuckerschale.

Da schellte es. Wladimir Michailowitsch! Er ließ sich von Leonore der Mutter vorstellen.

»Wahrhaftig, gnädige Frau, wenn ich die beiden jungen Damen sehe, denke ich an Wera Figner und Sofja Perowskaja, die beiden Heldinnen unter den russischen Frauen. So müssen auch sie ausgesehen haben, so voll Geist und weiblicher Anmut. Es ist mir die größte Freude meines Lebens, das Glück zu haben, gleich in den ersten Tagen meines Hierseins in den Kreis deutscher Frauen eingeführt zu werden. Ich weiß gar nicht, womit ich das verdient habe.«

»Sagen Sie, Herr Michailowitsch, sind die russischen Herren alle so überschwänglich?

»Ja, wenn ihnen eine solche Ursache geboten wird wie mir.«

Man setzte sich, und Leonore servierte den Tee und schob dem Russen das Gebäck zu, nachdem die Mutter sich bedient hatte.

»Nun erzählen Sie uns etwas von den beiden Damen, mit denen wir eben die Ehre hatten, von Ihnen verglichen zu werden.«

»O, das ist mit einem Wort gesagt: Sie sind Heldinnen der Freiheit, die ihr Volk aus den Ketten der Sklaverei erlösen wollten und dafür ein Martyrium erlitten unter der rohen Faust der Tyrannen.«

»Nun, solche Frauen werden sie aber schwerlich in Deutschland finden.« –

»O, Sie haben auch nicht nötig, auf die Straßen und Plätze zu gehen und die Fahne der Freiheit zu erheben. Sie besitzen die Freiheit, wenn sie sich auch nach außen nicht so zeigt. Aber ich meine, innerlich lebt in ihnen der Geist der reinen, edlen Freiheit. Ich glaube nicht daran, was man mir immer sagte, die deutschen Frauen seien kleinlich, hausbacken, engherzig, sklavisch geknechtet.«

»Viele, ja. Aber es beginnt in ihrem Hirn zu dämmern.«

»Sagen Sie, gnädiges Fräulein: Was verstehen Sie unter Freiheit?«

»Unter Freiheit … Freiheit? Ja, darüber habe ich eigentlich noch nicht tiefer nachgedacht.

»Darf ich Ihnen sagen, was ich mir unter Freiheit vorstelle? O, wir haben in Moskau in unserem Liebesklub viel darüber disputiert. Aber wir kamen an kein Ende. Ich glaube einfach, der Mensch ist frei, der den Trieben seines Herzens folgt. Aber sagen Sie nur etwas dagegen. Es ist so interessant, die Meinungen anderer Menschen zu hören.«

Tante Edeltraud tat einen leisen Seufzer.

»Wenn nun aber der Zug des Herzens den Menschen ins Verderben führt?«

»Ins Verderben führt er ihn nie. Das ist nur Einbildung, gnädiges Fräulein. Der unglücklichste Mensch ist auch immer der glücklichste. Er kann über sich selber grübeln, seine Seele zerfleischen. Und darin liegt eine wilde Wollust. Ach, was verstehen Sie glückliche Kinder davon! Aber wenn man Glied eines Volkes ist, das niedergepreßt daliegt unter den Knien eines mächtigen Sklavenhalters!«

»Ist denn das russische Volt so unglücklich? Ich meine, das Träumen in die endlose Steppe hinein sei eine stille Wonne und das Bebauen der duftenden Scholle, wie Tolstoi es so schön darstellt.«

»Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, aber die träumerischen Sänger der Steppenlieder existieren meist nur in der Phantasie deutscher junger Damen. Wir Russen sind andere Menschen, als Sie ahnen. Wir sind Philosophen des Lebens, wir ringen Tag für Tag, um aus dem Geröll veralteter Anschauungen und Knechtungen, unter dem wir verschüttet liegen, empor ans Licht zu steigen. In unserer studierenden Jugend blüht eine neue Welt empor. Sie sollen es noch einmal erleben. Wir wollen genießen, genießen, uns satt trinken an den Quellen des Lebens. Und wer uns daran hindert, – pah, den schießen wir nieder.«

»Verzeihen Sie die Frage, Herr Michailowitsch: Ist Dostojewskis Raskolnikow echt?«

»Haben Sie ihn gelesen? O herrlich, herrlich!«

»Ja, ich habe ihn zufällig heute morgen begonnen und schon ein gut Teil gelesen. Aber was Sie da eben sagten, bringt mich seinem Verständnis bedeutend näher, und aus ihm heraus verstehe ich Sie wieder besser.«

»Sie sind sehr liebenswürdig, gnädiges Fräulein.«

»Ich muß Ihnen gestehen, ich beginne für Rußland zu schwärmen. Da leben doch noch Probleme in den Köpfen und gären Gedanken. Hier ist alles so gräßlich fertig, und wenn einer mal nicht denkt wie die anderen, dann fällt eine ganze Meute über ihn her.«

»Freilina, mit Ihnen muß ich mehr und länger diskutieren. Sehen Sie, daß ich recht hatte, wenn ich in Ihnen eine Sofja Perowskaja und Wera Figner sah!«

In Marthas Augen brannte eine lodernde Flamme, ihr Kopf war feuerrot. Sie stand auf und nahm die Zigarettenschachtel von dem Tischchen, steckte sich eine an und schob Wladimir eine hin.

»O gnädiges Fräulein, Sie kennen die russische Seele! Tee und Zigaretten – und ich brauche nichts mehr, höchstens so liebenswürdige Gesellschaft, wie ich sie jetzt genieße.«

Man saß noch zwei Stunden zusammen und diskutierte endlos und in tollen Gedankensprüngen über Glück und Freiheit, Schönheit und Psychologie, Kunstgeschichte und Liebe. Der Ball des Gespräches flog bald fast nur mehr zwischen Martha und dem Russen hin und her. Frau General hatte wieder zu ihrer Stickerei gegriffen, und Leonore hörte zu, die beiden Ellenbogen auf die Tischkante gestützt. In langen Zügen blies sie in fast regelmäßigen Zeitabständen den Rauch ihrer Zigarette in die Luft und lächelte verstohlen, den Blick scharf auf Martha gerichtet. – So, mit Otto war es also jetzt aus! Das war klar. In solchem Feuer hatte sie noch nie ein Mädchen gesehen. Na, Schwamm drüber. Jetzt war Otto für sie frei!

Tante Edeltraud erhob sich und ging schweigend hinaus, als habe sie draußen etwas nachzusehen. Der Russe schielte zur Standuhr auf dem Marmorkamin hinüber. Er verstand und verabschiedete sich. Leonore behandelte ihn höflich, kalt. Martha drückte seine Hand einen Augenblick. Wladimir Michailowitsch erwiderte den Druck und tat mit einem Blick eine tiefe Frage an Marthas Seele. Ein leuchtender Blitz kam als Antwort zurück.

»Hoffentlich habe ich die Ehre, die Damen recht bald wieder zu treffen. Vielleicht morgen im Hoftheater?«

»Ja, wir kommen sicher.« – Die Tante kam wieder herein. Der Russe verabschiedete sich von ihr und ging.

»Aber Kinder, laßt mir den Menschen nächstens nur aus dem Haus. Das Disputieren ist ja entsetzlich. Der bleibt ja bei keinem Thema.«

»Nun, Mutter, mir haben ihn zuerst hier gehabt, und das genügt. Wenn die andern das hören, werden sie schwarz vor Neid. So ein Exote ist doch immer eine Akquisition.«

»Ach, Akquisition hin, Akquisition her! Du weißt, daß ich nicht mehr sehr für Gesellschaften eingenommen bin. Ins Theater gehe ich nur noch euch zuliebe.«

»Nein, Muttchen, sprich nicht so. Du mußt wieder neue Lebensfreude gewinnen. Denk mal, du bist noch zu jung, um griesgrämig zu werden wie Tante Therese!«

»Das ist meine Sache. Aber wenn man älter wird und Leid erfährt, geht manches in einem vor sich, was man sich früher nicht träumen ließ. Ich gehe jetzt in mein Zimmer. Wenn ihr zu Abend essen wollt, dann tut es. Ich komme nicht zu Tisch.«

Martha saß am anderen Abend allein in einer Balkonloge des Hoftheaters. Leonore hatte sie bis zum Theater gebracht und war dann in ihren »literarischen Zirkel« gegangen. Sie wollte absichtlich Martha mit dem Russen allein lassen. Tante Edeltraud hatte Migräne und wollte die »Zauberflöte« nicht mehr hören. Sie kannte sie schon fast auswendig.

Der erste Akt war vorüber. Da ging die Türe im Hintergrunde von Marthas Loge auf, und Michailowitsch stand an ihrer Seite. Sie reichte ihm die Hand, die er lange küßte. Tiefe Röte schoß in ihre Wangen und Stirne. Wladimir setzte sich neben sie und flüsterte ihr entzückte Worte über Mozarts Musik zu. Dabei ließ er seine Blicke über ihre Schultern und ihre ganze Gestalt gleiten. Sie fühlte diese Blicke und es war ihr, als tauche sie in ein überhitztes Bad. Und dann kam er wieder auf den hausbackenen Geist der deutschen Frau und auf Liebe und Freiheit zu sprechen, und wie er sich nach Liebe sehne, aber nach Liebe in Freiheit, wo einer dem anderen nur gehöre, weil er wolle, von keinem staatlichen oder kirchlichen Zwang geknechtet. Das sei die Liebe, wie sie die russische Jugend anstrebe und die kommen müsse, um die Menschen zu beglücken und die Welt zu erneuern. Grajdanski brak – das ist das Glück der Jugend, die Liebe in freiem, gegenseitigen Sichschenken!

Martha schaute ihm tief in die Augen und hob die Schultern in einem langen Seufzer. Er erfaßte ihre Hand und preßte seine Lippen darauf. Sie ließ es geschehen. Da schrillte die Glocke durchs Haus.

»Liebste, o ich darf so sagen, nicht wahr? – ich begleite Sie nach der Vorstellung nach Hause!«

»Ich kann nicht, meine Kusine kommt mich abholen, wir fahren im bestellten Auto nach Hause.«

»O tun Sie mir das nicht an! Liebste! … Wir gehen bei einer Seitentür hinaus und nehmen einen eigenen Wagen … wir zwei ganz allein! … O Seligkeit! … Leb wohl Liebste, bis nachher! … Halt, ich habe einen Plan! Komm jetzt gleich. Lassen wir Theater Theater sein. Wir gehen schon jetzt und fahren ein bißchen durch die Stadt, bis die Oper zu Ende ist! … Komm, Liebste, komm!«

Das stieß er mit Hast heraus, jedes Wort war eine Flamme, die zu Martha hinüberschlug. Er faßte ihre beiden Hände. Sie konnte nicht mehr widerstehen und nahm seinen Arm und ging mit fliegenden Pulsen und klopfendem Herzen neben ihm die Treppe zur Garderobe hinunter.

Martha sah und hörte nichts. Nur ein Wille lebte mehr in ihr, und das war der des Russen. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, ein solches Brennen und Klopfen und Rasen hatte sie noch nie in ihren Adern und Nerven gespürt. Wladimir hüllte sie behutsam in ihren Mantel und nahm seinen Paletot auf den Arm. Dann hinaus.

»Ist ein Auto frei?«

»Ja. hier!«

»Hinein!«

»Wohin?« –

»Rundfahrt durch die Stadt, halb elf Uhr in Theresienstraße.«

Klatsch, fiel der Wagenschlag zu, und die beiden saßen dicht nebeneinander in den weichen Polstern. Der Boden zitterte unter ihnen, als der Chauffeur den Motor ankurbelte. Dann ging es los. Erst langsam; dann in rasender Eile mit mächtigem Tuten.

Das Licht der Straßenlaternen fiel bei der schnellen Fahrt wie kurze Blitze in den Wagen hinein. Die Lichter des Autos bohrten sich in den Abendnebel und ließen das Dunkel ringsum noch schwärzer erscheinen. Ein Tanz von Licht und Schatten, ein Gewirr von Menschenstimmen, Wagengerassel und Autotuten tanzte und girrte ringsum. Martha befiel ein Gefühl der Unheimlichkeit und der Beängstigung. Wohin ging die Fahrt?

Da legte der Russe seinen Arm um ihre Hüfte und griff nach der Hand, sie zu küssen. Jetzt war die Angst vorbei. Sie lehnte sich fester an ihn und hätte aufschreien mögen in überschäumender Lust.

»O Liebste, so möchte ich mit dir rasen bis ans Ende der Welt!«

Martha schwieg. Zu reden war ihr unmöglich. Jetzt begann sie endlich ein Abenteuer zu erleben und zu durchkosten. Ha, nur zu! Was konnte Böses daraus kommen?! Pah, was ist überhaupt bös? Bös ist, was dumm ist, und dumm ist, was philisterhaft ist, und philisterhaft ist alles, was nicht zu dem paßt, was sie gelesen und in der Phantasie schon lange innerlich erlebt hat. – Und Käthe? Die hätte auch nicht mit Richard durchbrennen sollen. Richard war doch immer ein Lackel gewesen. Das hätte Käthe auch wissen können. Na, und jedenfalls hatte sie etwas erlebt. Was Käthe gekonnt hatte, könnte sie auch, wenn's nötig wäre.

O, wie Wladimir Michailowitsch schön von Liebe redete! Ein lockendes Wiegenlied für alle dummen Bedenken. Ja, das war echte, süße, lodernde Liebe, kein kaltes, ödes Berechnen. Das war wie Sturmessang, der über die Pußta braust und in Jubeljauchzen alles mit sich reißt, was ihm widerstehen will.

»Liebste, weißt du auch, daß wir jetzt scheiden müssen? Es ist gleich halb elf. Der Chauffeur biegt schon in den Odeonsplatz ein.«

Martha erwachte aus ihrem Rausch.

»O, was sage ich nun Leonore?«

»Du hast sie einfach am Theater verpaßt. Da hast du dir allein ein Auto genommen und bist nach Hause gefahren.«

»Das glaubt sie mir nicht. Ist aber auch gleichgültig.«

Das Auto fuhr langsamer und hielt. Der Russe blieb vorsichtshalber im Auto sitzen und ließ Martha aussteigen.

»Liebste, morgen früh um elf treffen wir uns an der Alten Pinakothek.«

Martha antwortete nicht, gab ihm aber die Hand und drückte sie lange. Das Auto fauchte davon, und sie stand allein auf dem Bürgersteig. Sie zog den Mantel fester um die Schultern und schaute zur ersten Etage hinauf. Kein Licht. Leonore war sicher noch nicht zu Hause.

Da, was war das? Sie hatte keine Schlüssel. Sollte sie schellen? Nein. Wenn der Hausmeister sie zu dieser Stunde allein kommen sähe?

Aber weg von der Straße! Da kam ein Trupp Studenten. Schnell sprang sie die Stufe hinauf und drückte sich tief in die dunkle Türecke. Die Studenten sahen sie nicht und gingen vorbei.

Da kam ein Auto um die Straßenecke mit zwei feurigen Glotzaugen. Der Wagen hielt. Leonore stieg aus. Jetzt schnell den Augenblick zum Angriff nicht verpassen!

»Aber, Leonore, wie kannst du denn aber auch so unpünktlich sein. Ich habe auf dich gewartet und gewartet, und schließlich hab ich mir ein Auto genommen und bin allein gefahren. Jetzt friere ich hier fest. Ich hab keinen Schlüssel.«

»So, du bist allein gefahren? Das ist aber nett von dir. Es paßt sich aber auch nicht für ein junges Mädchen, in der Nacht vor dem Theater auf und ab zu gehen und ein paar Minuten zu warten. Jetzt stehst du hier auf der Straße und bringst unser Haus in Verruf. Na, schmoll nur nicht. Meinst du, ich wüßte nicht, daß du mir ausgekniffen bist? Wladimir Michailowitsch ist ein feiner Mensch, nicht wahr? Ich gönne ihn dir und werde Mutter nichts davon sagen.«

Sie schloß die Haustüre auf und ließ Martha vorgehen. Drinnen knipste sie das elektrische Licht an.

»Besieh dich aber oben gleich mal im Spiegel. Der Schal hat deine Frisur herrlich derangiert. Ja, ja, wenn man allein im Auto fährt, wird man halt arg durcheinander geworfen.«

Während Martha sich in der Balkonloge ganz in ihrem Schwarm verlor, hatte Maria in der gegenüberliegenden Loge sie beobachtet.

Als der Russe bei Martha eintrat, war es ihr, als schlüge ihr jemand mit der Faust aufs Herz. Der Atem wollte ihr fast vergehen. War das der Russe, den sie am Morgen im Kolleg beobachtet, und der versucht hatte, sich an die Studentinnen, auch an sie, zudringlich heranzumachen?

Martha, wie kommst du an den Menschen! Ein Fieberstrom raste durch ihre Glieder. Hier mußte sie retten, ehe alles verloren war. »Heilige Maria, steh mir bei!«

In der Aufregung fiel ihr das Programm aus der Hand und der Schal von der Schulter. Sie wollte beides aufraffen, fand aber das Papier nicht sogleich. Als sie sich erhob, sah sie, wie die beiden durch die Logentüre verschwanden. Sie wollte aufstehen; aber im selben Augenblick hob sich der Vorhang und verdunkelte sich das Theater.

Vom zweiten Akt hörte und sah sie nichts. Ihre Schläfen brannten und ihr Herz pochte hörbar. Die Musik war ihr eine Qual. Wenn sie nur aufhören wollten da unten! Sie mußte Martha nach. Aber wohin? Nur hinaus! Hier war eine Mädchenseele in höchster Gefahr!

Sie biß sich die Lippen blutig und stieß ein Stoßgebet nach dem anderen hervor. Denken konnte sie nicht mehr. Sie erhob sich und stellte sich an die Logentüre, um mit dem letzten Akkord des Aktes hinauszustürzen.

Endlich fiel der Vorhang und sie stürmte der Treppe zu. Nur hinunter! Die Garderobennummer warf sie auf den Tisch und reckte die Arme der Frau mit dem Mantel entgegen; im Gehen warf sie ihn um die Schulter und flog durch die Vorhalle auf die Straße.

Nichts zu sehen. Nur ein paar nächtliche Gestalten. Wohin jetzt? Der kühle Nachtwind ließ sie allmählich Zur Besinnung kommen. Langsam schritt sie die Stufen zum Theaterplatz hinunter. Da sah sie in ihrer Phantasie Martha ins Dunkel gehen. Ein Schauder durchrieselte sie. Dicke Tränen quollen aus ihren Lidern. Jeden Abend vor dem Schlafengehen hatte sie ihrem kindlichen Nachtgebet ein Vaterunser beigefügt für die jungen Mädchen, die in der Nacht in Gefahr kämen. Und nun war Martha auch darunter! Martha! Martha! Jetzt fühlte sie erst, wie groß und heilig ihre Liebe zu der Freundin war.

Die stillfließenden Tränen träufelten Ruhe in ihre Seele. Sie blieb einen Augenblick stehen und besann sich. Welchen Zweck hatte es, auf den Straßen umherzuirren? Ihre Liebe hatte sie überrascht und zu einem übereilten, zwecklosen Schritt getrieben. Sollte sie nun zur Frau General gehen und sie von Marthas Anbesonnenheit benachrichtigen? – Nein, das konnte die Sache nur noch schlimmer machen. Gleich morgen wollte sie Martha allein zur Rede stellen. Das Kind mußte aus seinem tollen Traum herausgerissen werden, koste es, was es wolle. Jetzt war nichts Vernünftiges mehr zu beginnen.

In der Ferne leuchteten die Glotzaugen eines Autos, die immer greller und größer wurden. Sie trat ein wenig vom Bürgersteig auf die Straße und hob den Arm. Gott sei Dank, das Auto war frei! Es hielt, und sie stieg ein: »Eiselastraße 33.«

Wie Maria in den Polstern saß, faßte sie ihre Stirne zwischen die Hände und sann und betete und sann wieder hin und her. Sie konnte keinen Ausweg aus der Wirrnis ihrer Gedanken finden.

Auf ihrem Zimmer angekommen warf sie ihren Mantel ab und kniete vor dem Bette nieder und weinte wie ein Kind. Nie hätte sie gedacht, daß sie Martha so tief und innig liebte. Ihr ganzes Denken und Fühlen und Weinen war ein großes, heißes Gebet für die Irrende.

Wie lange sie gekniet hatte, wußte sie nicht. Rücken und Knie schmerzten sie. Langsam erhob sie sich und legte sich zur Ruhe. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie strengte ihr Hirn an und suchte nach Gründen, mit denen sie Martha beikommen könnte. Erst gegen Morgen befiel sie ein leichter, von wirren Träumen durchzuckter Schlummer.

Als der Tag aufdämmerte, erhob sie sich und ging zur Ursulakirche in die heilige Messe. Der Weg zur Kirche, ihre ganze Andacht beim Gottesdienst und bei der heiligen Kommunion war nur ein Gedanke: Herr, hilf mir, Martha zu retten!

Martha wälzte sich schlaflos in ihren Decken. Sollte sie jetzt ganz dem Russen gehören? … Wer kann der Liebe gebieten? Einmal muß man doch etwas Großes, etwas, das den ganzen Menschen mitnimmt, erleben! Und bei Michailowitsch war alles groß und leidenschaftlich, keine kühle Berechnung und Philisterhaftigkeit. Wie hatte sie doch nur für Otto Reiber schwärmen können und für Brandenstein? Ja, das waren ja auch herrliche Männergestalten, aber ihnen fehlte das Tief-Seelische, die Intuition, die schon in Wladimirs Blick und Stimme lag. O, nur wieder dieser Stimme lauschen, diese Blicke trinken! Und wie schön war sein Name! Besonders wenn er ihn so weich aussprach: Wladimir!

Erst gegen Morgen schlief sie ein und erwachte gegen neun Uhr, müde, als wäre sie die ganze Nacht hindurch gewandert. Beim Frühstück schaute Leonore sie verstohlen von der Seite an.

»Gelt, Kind, so eine Autofahrt allein regt einen so auf, daß man nachher nicht ordentlich schlafen kann und ganz wirre Augen bekommt.«

»Ich finde auch, Martha, daß du nicht wohl aussiehst. Was ist denn mit der Autofahrt los?«

»Ach nichts, Mutter. Wir haben uns nur gestern abend verpaßt, und da mußte Martha allein nach Hause fahren. Aber gehst du heute morgen nicht mal mit mir ins Atelier? Ich habe ein paar prächtige Bilder fertig. Du bist ohnehin schon lange nicht mehr bei mir gewesen.«

»Ach, laß mich heute daheim. Ich will mich ausruhen. Ich weiß nicht, ich bin so entsetzlich müde.«

»Schon gut, dann kommst du ein andermal.« – Tante Edeltraud war aufgestanden und fortgegangen. – »Dann amüsiere dich nur gut mit dem Russen.«

Martha stutzte und wollte etwas entgegnen.

»Q, meinst du, ich sei so dumm? Wer einmal so weit ist wie du, der hat auch seine mehr oder weniger stille Liebe. Aber ich wasche meine Hände in Unschuld. Sieh du zu.«

Damit war Leonore hinaus. Martha lachte hell auf. Da rasselte das Telephon. Leonore öffnete die Türe.

»Martha, sollst ans Telephon kommen! Paß mal auf, das ist der Russe. Der will sich erkundigen, wie sein Bräutchen geschlafen hat.«

Martha schob Leonore an die Seite und ging Zum Apparat. Maria meldete sich, sie sei von der Reise zurückgekehrt und wollte sie nur eben begrüßen. Sie sei auch in Berlin bei Otto gewesen und brachte recht freundliche Grüße von ihm. Martha ließ ihre Stimme unbefangen klingen. Maria sah ja nicht, wie sie rot wurde und mit spitzem Munde lachte. Otto würde zu Weihnachten auf Urlaub kommen. Ob sie sich freue? – »Ach, du hast mir ja alle Freude verdorben. Du sagtest mir ja immer, ich solle mir Otto aus dem Kopf schlagen, es sei noch zu früh für mich; und wenn ich mich so mir nichts, dir nichts gleich verliebte, käme ich überhaupt nicht mehr aus dem Verliebtsein heraus.« Nun, darüber wollten sie dann noch sprechen, meinte Maria; sie wolle gleich heute kommen, so gegen zehn Uhr, wenn es Martha recht wäre. Martha sagte nicht sehr freudig zu und brach das Gespräch ab.

Leonore kam in das Zimmer. »Na, habt ihr euch aber lange unterhalten. So verliebtes Volk!«

Sie wußte gut, daß sie mit solchen Worten Marthas Schwarm immer mehr reizte.

»Dummes Zeug; das war ja nicht der Russe. Maria war's, sie ist wieder hier.«

»Was? War sie auch in Berlin? Hat sie dir Grüße von Otto mitgebracht? Ich glaube, der ist regelrecht in dich verschossen; und nun treibst du es so! Pfui, das hätte ich nie von dir gedacht.«

»Ich bitte dich sehr, dich um deine eigenen Sachen zu kümmern. Ich bin kein Kind mehr und lasse mich nicht von dir bemuttern. Ich bin auch nicht mehr das dumme Gänschen, das vergangenes Frühjahr nach München kam. Ich verbitte mir also jede Einmischung in meine Angelegenheiten, besonders aber von deiner Seite.«

Jetzt hatte Leonore die Kusine so weit, wie sie sie haben wollte. Sie wurde böse und beleidigend und verriet so, wie es um sie stand.

»Du bist sehr liebenswürdig, Martha. So sind aber alle verliebten Leute, wenn man ihnen hinter die Schliche kommt.«

»Da hast du recht, liebe Leonore, ich meine, ich hätte dich auch schon einmal bei einer ähnlichen Frage ordentlich in Harnisch gesehen. Daß du es weißt: Otto Reiber kommt Weihnachten in Urlaub. Da kannst du dein Glück noch einmal versuchen. Guten Morgen, liebe Kusine.« Und fort war sie auf ihr Zimmer.

Eine Unrast brannte in ihr. Sie suchte ein Kostüm für das Stelldichein aus. Ach, das blaue Kleid mit dem blauen Jackett, das ihre Figur so plastisch hervorhob! – Wenn sie nur Maria zeitig loswürde! Aber die mußte wohl auch um elf Uhr ins Kolleg. Oder sollte sie gehen, ehe Maria kam? Eine Beklemmung legte sich auf ihre Brust. Wie, wenn Maria etwas von ihrem gestrigen Abenteuer wüßte? Eben beim Telephongespräch war ein so eigentümlicher Klang in ihrer Stimme gewesen. Aber woher sollte Maria von ihrer Autofahrt wissen? – Und doch konnte sie den Gedanken nicht los werden, daß Maria auf irgend eine Weise in ihr Geheimnis eingeweiht sein müsse.

Da hörte sie auch schon Bewegung auf dem Flur. Es klopfte.

»Ach Maria!« – »Martha, Grüß Gott! Du willst ausgehen, wie ich sehe, da tut es mir leid, daß ich störe, das hättest du mir auch eben am Telephon sagen können.«

Maria gab sich in natürlicher Unbefangenheit. Martha studierte aber ängstlich fragend in ihren Augen.

»Ach nein, ich wollte nur eine kleine Kommission machen.«

»Schau, und ich wollte dir nur Ottos Grütze aus Berlin überbringen.«

Martha errötete ein wenig und schlug die Augen nieder. Sie machte sich mit nervösen Bewegungen an ihrem Kleid zu schaffen.

Maria beobachtete sie scharf. Ihr Herz schlug fühlbar schneller. Jetzt oder nie. Hier war ein plötzlicher Überfall die beste Taktik. Sie stand auf und faßte Martha an beiden Schultern und schaute ihr fest in die Augen. Ihre Lippen zitterten. Eine Sekunde lang konnte sie das lang überlegte Wort nicht finden. Martha wich ihrem Blick aus. Aber ehe sie ob des eigentümlichen Benehmens der Freundin eine Frage stellen konnte, traf Maria sie mitten ins Herz:

»Martha, was hast du mit dem Russen?«

Das Blut schoß Martha nur so in Wangen und Stirne. Sie wich einen Schritt zurück und suchte unbefangen zu lächeln. Aber das Lächeln machte ihr Gesicht zur gezwungenen Maske.

»Was für ein Russe? Ich verstehe dich nicht, liebe Maria.«

Das »Liebe Maria« klang so kalt und zurückweisend, daß Maria erschrak. Es war ihr, als strecke Martha beide Arme aus und stieße sie von sich. Aber so leichten Kaufes ließ sie sich nicht abfertigen. Der zweite Schlag, den sie auf Marthas Herz führte, traf noch wuchtiger.

»Martha, wo bist du gestern abend nach dem zweiten Akt der Zauberflöte mit dem Russen geblieben?«

Marthas Züge verzerrten sich noch mehr in gesuchtem Lächeln. Sie wich noch einen Schritt zurück und versuchte Maria verständnislos anzuschauen.

»Ich weiß wirklich nicht, was du meinst. Ich muß hier in München eine Doppelgängerin haben.«

»Nein, Kind, versuche nicht, mir zu entwischen. Das nützt dir doch nichts. Ich habe dich im Hoftheater deutlich gesehen und den Russen auch. Ich weiß nur noch nicht seinen Namen. Aber ich weiß schon, wes Geistes Kind er ist. Ich könnte schon verstehen, wenn du deine Liebe, wie du die Unbedachtsamkeit sicher nennen wirft, vor mir verteidigen würdest, aber daß du direkt lügst, das ist sehr häßlich von dir, Martha.«

»Was gehen dich meine intimsten Privatangelegenheiten an?«

»Mit dieser alten Ausrede willst du deine Lüge verteidigen. – Also habe ich doch recht und du gestehst es ein!«

»Ja, ich sage es dir offen ins Gesicht: Gestern abend war Herr Michailowitsch bei mir in der Loge. Was ist dabei? Bitte!«

»Und wo bist du nach dem ersten Akt geblieben?

»Bei Michailowitsch. Und nun?«

»Das war das erste und letztemal.«

»Das war nicht das erste und nicht das letztemal. Ich lasse mir von dir nicht meine Liebe zerschlagen, von dir mit deinen philisterhaften Anschauungen.«

»Also Ehrbarkeit beliebst du Philisterhaftigkeit zu nennen!«

»Bitte, Maria, hüte deine Zunge!«

»Ich weiß, was ich sage. Du hast dein Liebessehnen von Anfang an nicht bemeistern können. Das war nur eine backfischmäßige Unüberlegtheit. Jetzt aber fährst du mit vollen Segeln in die Sünde hinein.«

»Und wenn auch …«

»Pst! Halt, Martha! Überlege erst, was du sagst!«

»Nein, ich will nicht heucheln. Ehrlichkeit ist das Höchste, was der Mensch sich bewahren muß!«

»Martha, wo hast du diese Phrase aufgelesen?«

»Ja, du bist nicht ehrlich, Maria. Auch du fühlst das Liebesbedürfnis in dir, aber du gestehst es dir nicht ein, du gibst dem edlen dunklen Drange nicht nach. Du vergewaltigst deine Natur. Du bist ein seelischer Krüppel und bleibst dein ganzes Leben lang ein naives, unerfahrenes Ding.«

»Wieder das alte dumme Zeug, das du mir schon so oft in dieser oder anderer Form vorgeredet hast. Du willst ehrlich sein. Dann sei es aber auch ganz und belüge dich nicht selbst. Sage mir offen heraus: Ich will mich amüsieren, will in sogenannter Liebe schwelgen, wenn sie auch ins Elend führt.«

»Pah, ins Elend!«

»Still, Kind, setz dich einmal dahin und laß ruhig mit dir reden.«

Martha setzte sich mit abgewandtem Gesicht nieder. Maria rückte ihren Stuhl dicht an sie heran und faßte des Mädchens Hand.

»Schau mal, Martha, du willst, wie tausend andere junge Mädchen, immer eine Persönlichkeit sein, ein Mensch, der auf sich selbst steht und sich von niemanden dreinreden Iaht.«

»Ja, das will ich. Darum laß mich auch in Ruhe. Es nützt dir doch nichts.«

Maria fuhr ruhig, fast leise, unbeirrt fort: »Jetzt lebst du ganz und gar in einem anderen Menschen, in deinem Liebesschwarm. Du kannst gar nichts anderes mehr denken, hast nur immer wieder den Russen in der Phantasie stehen.«

»Das ist ja gerade das Schöne und Erhabene, ganz in der Liebe aufzugehen!«

»Du hast gar keinen Willen mehr. Du läßt dich ganz hängen und schleppen, wohin der andere will. Ist das denn menschenwürdig?«

»Aber ich brauche die Liebe. Ich habe in meinem Leben noch nie große, ganze Liebe genossen.«

»Liebe brauchst du und sollst sie auch haben. Glaube mir, Martha, ich habe dich gern und liebe dich, wie dich vielleicht kein zweiter Mensch auf Erden liebt. Deshalb will ich ja gerade, daß du von deiner Verliebtheit loskommst. Sonst gehst du zugrunde, dafür garantiere ich.«

»Zugrunde! Was denkst du überhaupt von mir?«

»Was ich denke? Daß du ein weiches, liebebedürftiges Mädchen bist, das sich ganz an seine Verliebtheit verliert und darum haltlos, unfrei, freudlos fürs ganze Leben wird. Meinst du denn, du seist die erste und einzige Liebe des Russen? Du willst so gescheit und welterfahren sein und bist noch so naiv wie ein Kind.«

»Ich habe ihm Treue zugesagt. Was soll er von mir denken, wenn ich ihn so mir nichts, dir nichts wieder aufgebe. Nein, Treue muß ich halten!«

»Treue gegen Treue. Aber hier ist keine Treue. Du willst geliebt sein, willst natürlich die Liebe eines Mannes voll und ganz ausfüllen. Seine Liebe soll dir ganz gehören, du kannst aber versichert sein, daß der Russe heut mit dir und morgen mit einer anderen herumflirtet. Wahrscheinlich geht er sogar von dir weg, – anderswohin!«

»Das ist gemein von dir, Maria! Ihr Frommen setzt immer von anderen Leuten das Schlechteste voraus.«

»Nun, lassen wir das einmal. Liebe, reine Liebe, ist Wohlwollen dem Geliebten gegenüber und möglichst weit von jeder Selbstsucht entfernt. Glaubst du, daß der Russe dich nur um deiner selbst willen liebt? Daß er so ganz selbstlos ist?«

»Der arme Kerl hat hier niemanden, der ihn versteht. Er ist ein Melancholiker. Da braucht er Aufmunterung, Erhebung, Stütze in einer warmen, echten Liebe.«

»Von dieser Selbstsucht rede ich nicht. Die hat ihre Berechtigung. Ich meine eine viel niedrigere, eine schmutzige Selbstsucht. Du bist nicht seine Liebe, du bist nur sein Spielzeug, seine Puppe, um mich gelinde auszudrücken. Wenn er deiner eines Tages überdrüssig ist, wirft er dich weg. Dann liegst du da mit zerbrochenem Herzen, das keine Kraft mehr hat, wenn einmal die Stunde der großen heiligen Liebe kommt.– Schau, liebe Martha, jetzt weiß ich es: du hast dich durch dein gutes, mitleidiges Herz zu diesem dummen Streich verleiten lassen. Mädel, hüte dich vor dem Mitleid! Ihm folgt die Liebe auf dem Fuße.«

»Ach geh! Laß mich in Ruhe. Es hilft dir doch nichts!«

»Nein, ich lasse dich nicht in Ruhe. Dafür bist du mir zu gut. Dafür habe ich dich zu gerne. Ich kann nicht müßig zusehen, wie du in dein Unglück rennst.«

Martha sprang auf. »Und ich muß mir verbitten, daß du dich in meine Sachen mischest. Ich lasse nicht ab von Wladimir. Es ist höchste Zeit; ich habe ihm versprochen, ihn um elf Uhr an der Alten Pinakothek zu treffen. Ich muß schon bitten, mich gehen zu lassen.«

Sie nahm eine Hutschachtel aus dem Schrank und machte sich fertig zum Ausgang. Ihre Bewegungen waren kurz und schroff. Maria trat ans Fenster und schaute mit verlorenen Blicken hinaus. Das Herz war ihr schwer, so schwer. Sie drehte sich um, nahm ihre Mappe vom Schreibtisch und sagte mit klangloser Stimme:

»Dann geh, Martha; ich kann dich ja nicht zwingen. Aber du gehst sicher in dein Verderben. Du wirst mir nicht verbieten können, dich weiter zu lieben und für dich zu beten. Oder darf ich noch einmal wiederkommen?«

»Ersteres kann ich dir nicht verbieten und letzteres will ich dir nicht verbieten. Du wirst selbst so vernünftig sein, von dem heutigen Thema nicht wieder anzufangen. Das hätte doch keinen Zweck.«

Damit reichte sie der Studentin die Hand, aber ohne den leisesten Druck. Maria faßte sie mit beiden Händen, drückte sie einen Augenblick und schaute Martha mit tränenfeuchtem Blick in die Augen. Martha entzog ihr die Hand und sagte kühl: »Guten Morgen, Maria, auf Wiedersehen!«

Maria ging langsam, schweren Schrittes die Treppe hinunter. Sie wiegte sich bei jedem Schritt auf dem Fuße, als überlege sie, ob sie nicht umkehren und Martha mit Gewalt an dem Ausgang hindern sollte. Aber was hätte das geholfen! Ein andermal wäre sie doch zu dem Russen gegangen, und der Auftritt könnte das Band der Freundschaft ganz zerreißen. Nein, wenn sie nicht von der Unhaltbarkeit und Ungehörigkeit ihres Verhältnisses zu dem Russen innerlich überzeugt war, konnte äußere Gewalt nichts ausrichten. Es müßte doch eigentümlich zugehen, wenn sie keine Mittel fände, Martha von ihrem Wege abzubringen. Sie wollte beten und sinnen, selbst wenn ihr Studium darunter litte. Martha mußte auf jeden Fall gerettet werden.–

Gleich nach Maria verließ Martha das Haus. Als sie auf die Straße kam, befiel sie doch eine Beklemmung. Wo ging sie hin? Wenn sie jemand mit dem Russen sähe! – Wo würde er sie hinführen? Fort mit den dummen Gedanken! – Sie würde sich schon selbst schützen, auch etwas Liebe genießen, bei ihm sein, seine Stimme, seine süßen Worte hören, sein leidenschaftliches Feuer dämpfen, die tiefe Melancholie seiner Seele auffrischen – das Recht auf Liebe gegen alle Rücksichten durchsetzen!

Sie bog in die Gartenanlagen der Neuen Pinakothek ein. Ah, da promenierte er schon! Er wandte ihr den Rücken zu. Jetzt machte er kehrt. Er sah sie. Seine Augen strahlten. Mit raschen Schritten kam er auf sie zu und streckte ihr beide Hände entgegen. »Liebste!«

»Aber, was ist Ihnen? Sie sind ja in Pelz gehüllt, als wären wir mitten im Winter.«

Er hielt ihre Hand fest und schaute sie unter seinem großen schwarzen Schlapphut prüfend an. »Habe mich gestern abend ein wenig erkältet. Bin das Klima hier noch nicht gewohnt. Heute morgen hatte ich einen kleinen Schüttelfrost.«

»Und da sind Sie doch hinausgegangen!«

»Liebste, um in Ihrer Wärme zu genesen.«

Sie gingen langsam auf die Straße hinaus.

»Das dürfen Sie nicht wieder tun, sonst komme ich nicht mehr und werde ernstlich böse.«

Er schüttelte sich und schauderte in seinem dicken Mantel zusammen, beherrschte sich dann aber wieder. Martha bemerkte es. »Nun gehen Sie aber schnell nach Hause, ich gehe nicht weiter mit Ihnen. Sie können zu Tode krank werden.«

»O welche Seligkeit, in Ihrer Nähe, Liebste, zu sterben! Kommen Sie dann auch ab und zu an mein Grab, ein Blümchen darauf zu pflanzen?«

»Reden Sie kein dummes Zeug. Jetzt gehen Sie nach Hause. Ich begleite Sie bis zu Ihrer Wohnung!«

»Soll ich denn die Seligkeit dieses Morgens verlieren? Liebste, du bist grausam!«

»Nur weil ich Sie liebe, muß ich streng gegen Sie sein.«

»O, jetzt kann ich krank werden, jetzt macht mir alles nichts, weil ich weiß, daß du mich liebst. Und wenn du mich liebst, was können dann noch für Schranken zwischen uns stehen. Wenn du mich liebst, bin ich dein und du bist mein, dann ist mein Haus dein Haus. Liebste, wir sind da; du wolltest mich wie ein krankes Kind nach Hause schicken, jetzt gehst du mit mir und erwärmst mir meine kalte Stube mit der Sonne deiner Liebe.«

»Nein, wo denkst du hin? Das kann ich nicht! Was werden die Leute sagen!«

»Und du willst mich lieben und kümmerst dich noch um die Leute? Solange du das tust, ist deine Liebe nur ein Spiel, keine im Herzen lodernde Kraft, die dich über den erbärmlichen Alltag erhebt.«

Seine Augen sprühten Feuer. Martha erschauderte vor sich selbst. Mit ihm allein sein auf seiner Studentenbude!

Sie strich sich das Haar aus der Stirne und tat einen Schritt vorwärts. Er ging voraus und sie hinterdrein. Da klappten eilige Schritte durch den Hausflur. Eine Frauenstimme rief außer Atem:

»Martha, Martha!«

Die Angerufene flog herum. Da lagen ihr auch schon Marias Hände auf dem Arm und ein vor Angst verzerrtes Gesicht schaute sie an.

»Martha! Was tust du?«

Da drehte der Russe sich auf der ersten Treppenstufe um.

»Verzeihen Sie, mein Herr. Ich suche Fräulein Halden schon den ganzen Morgen. Ich habe eine sehr wichtige Besprechung mit ihr. Sie werden gestatten, daß sie mit mir geht.«

Damit faßte sie fest Marthas Arm und zog sie mit Gewalt einige Schritte zurück. Martha schaute sie stumm und fragend an.

»Darüber habe ich nicht zu entscheiden, gnädiges Fräulein. Ich denke, Fräulein Halden ist sich Herr genug, um über ihre Person zu verfügen.«

Seine Stimme zitterte vor Wut und seine schwarzen Augen sprühten Blitze. Das machte Maria nur noch mutiger. Sie richtete sich in ihrer ganzen Größe auf und verneigte leicht den Kopf vor dem Russen.

»Sie haben recht, mein Herr. Fräulein Halden wird über sich verfügen. Guten Tag! – Komm, Martha, ich stehe vor einer wichtigen Frage und kann dein Urteil nicht missen.«

Sie hakte sich fest in Marthas Arm und zog sie mit sich hinaus auf die Straße. Martha wußte nicht, wie ihr geschah, und folgte willenlos.

Auf der Straße sprachen beide lange kein Wort. Plötzlich brannte eine heiße Scham in Martha auf. Sie wußte nur noch nicht, weshalb sie sich schämte, ob wegen der Blamage vor dem Russen oder vor Maria. Aber allmählich wurde ihr das Gefühl eindeutig. Sie geriet in eine kochende Wut über Marias Eingriff in ihre Freiheit. Sie würgte an den Tränen, die ihr aufsteigen wollten. Da fühlte sie in der engen Berührung mit Maria, wie der ganze Leib der Studentin zitterte. Herrgott! Liebte Maria sie schließlich mehr als der Russe? Wenn sie doch nur ein Wort spräche! Entsetzlich dieses Schweigen. Sie versuchte leise ihren Arm aus Marias Arm zu lösen. Aber die hielt ihn fest.

»Nein, Kind, du bleibst jetzt bei mir. Ich gehe mit dir nach Hause. Da können wir ruhig reden. Ich konnte nicht ins Kolleg gehen, das wäre mir rein unmöglich gewesen. In der Nähe deines Hauses wartete ich auf dich und folgte dir von ferne. Ich mußte dich retten.«

»Du hast eine Marotte, Maria, – um mich nicht schärfer auszudrücken.«

»Recht so, Martha,« – und sie drückte sie fester an sich – »so mußt du ja jetzt sagen. Das verstehe ich ganz gut und nehme es dir nicht übel. Gleich sind wir bei dir zu Hause. Dann will ich mich ausreden.«

Sie waren an Marthas Haus angelangt. »Aber bitte, keine Predigt. Du weißt, daß ich das nicht ausstehen kann.«

Auf Marthas Zimmer nötigte Maria die Freundin auf das kleine Kanapee in der Ecke neben dem Schreibtisch und setzte sich selbst neben Martha. Sie faßte ihre Hand und streichelte sie.

»Liebes Kind, ich spreche jetzt zum ersten, aber auch zum letzten Male mit dir über das, was gestern abend und heute morgen mit dir vorgefallen ist. Und ich spreche nur mit dir darüber. Kein Mensch, auch nicht deine Tante, soll etwas davon erfahren. Wenn wir uns gegenseitig ausgesprochen haben, werde ich keine Silbe mehr davon erwähnen und alles vergessen.«

»Red nicht so viel, mach schnell, wenn du mich quälen willst.«

»Ich will dich nicht quälen, du quälst dich selbst. Siehst du denn jetzt nicht, daß ich heute morgen recht hatte, wenn ich von Selbstsucht sprach. Der Russe liebt dich nicht, er ist dein Teufel.«

Martha fuhr auf und entzog Maria ihre Hand. »Komm mir nicht mit Beleidigungen. Damit fängst du mich erst recht nicht.«

»Martha, du bist ein gutes Mädchen, aber blind in deiner Verliebtheit. Ich gebrauche absichtlich nicht das Wort Liebe. Welches anständige Mädchen, das auf seinen Ruf hält, läßt sich denn so weit treiben, wie du gestern abend und heute morgen?«

»Pah! Was gebe ich auf den Ruf, den ich bei euch hausbackenen, scheinheiligen Frauenzimmern habe!«

»So ist's recht! Schimpfe und schilt nur einmal gehörig. Das tut dir gut. Mir kannst du sagen, was du willst. Mich kannst du nicht beleidigen.«

»Schweig mir mit diesem frömmelnden, sanften Gerede. Im Innern denkst du doch anders als du sprichst. Du verachtest mich und spuckst aus vor mir.«

»Mehr kann ich nicht sagen, Martha, als daß ich dich lieb habe.« Dabei strich sie ihr mit der linken Hand langsam über die Haare.

Da brach Martha in ein erschütterndes Weinen aus. Maria wollte ihre Schultern umfassen, aber sie schüttelte sie von sich ab. So stand sie auf und legte nur ihre Hand auf die Sessellehne und strich ihr wieder einmal sanft über das Haar.

»Nicht wahr, Martha, du läßt jetzt den Russen fahren?«

»Nein … nein … das kann ich nicht.«

»Das kannst du wohl. Du fühlst ja und siehst es ein, daß es sein muß.«

Keine Antwort.

»Schau Kind, dir ist das Herz mit dem Verstand durchgegangen. Das ist noch nicht so schlimm. Alles kann wieder gut werden. Ich weiß, daß dieser Kampf dir weh, sehr weh tut, und ich fühle den Schmerz mit dir. Aber ich habe dich lieb, und ich werde dir helfen. Ganz still will ich dir helfen. Wir wollen nicht mehr über die Sache sprechen. Morgen ist Sonntag; da komme ich in der Frühe zu dir und wir gehen zusammen spazieren. Wir wollen zusammen recht gemütlich plaudern, über philosophische, ästhetische und literarische Fragen, wie du es gerne hast. Gelt Martha!«

Sie reichte der Weinenden die Hand. Martha blieb sitzen und ließ ihre Hand schlaff in der Rechten Marias liegen.

»Nun weine nicht mehr. Trockne dir die Tränchen, damit Tante und Leonore nichts merken. Sonst meinen die noch, wir hätten bösen Streit gehabt. – Leb wohl Martha, sei tapfer. In ein paar Tagen bist du frei. Welche Freude wird da über dich kommen, wenn du einmal wieder ganz dir selber gehörst und nicht immer in einem anderen Menschen und deinen Phantasien hängst! Denk mal, jetzt ist schon eine Stunde deines Leides vorüber. Morgen um diese Zeit ist schon ein ganzer Tag vorbei. So wird mit jeder Stunde dein Schmerz mehr beruhigt und leichter und geringer. Und wenn du dich einmal ausweinen, oder auch, wenn du einmal schimpfen und schelten willst, kannst du immer zu mir kommen. Vor mir brauchst du dich nicht zu schämen. Mich kannst du einfach nicht beleidigen. – Leb wohl, Martha; bis morgen früh!«

Maria legte noch einmal ihre Hand auf Marthas Schulter und ihre Wange an ihre Stirne und ging leise hinaus. Martha sagte ihr keinen Gruß. Sie weinte und weinte, bis das Mädchen zu Tisch rief.

Schnell wusch sie die Augen mit kaltem Wasser. Aber sie blieben rot. Wenn nur Tante und Leonore nichts merkten!

Aber sie schauten sofort auf Marthas Augen. »Kind, hast du geweint?«

»Ach meine Augen taten ein wenig weh; da habe ich das Gesicht ins Wasser gesteckt. Davon werden die Augen wohl noch rot sein.«

Leonore lächelte verstohlen. Nach dem Essen, als die Mutter sich zurückgezogen hatte, fragte sie frei und frech: »Martha, mach mir keine Flausen vor. Ich weiß, daß Maria bei dir war. Da hat's schon einen Streit wegen des Russen gegeben? Ich will dir sagen: Laß dir von Maria Reiber nicht dreinreden. Die angelt nur nach dir für ihren Bruder, die simple Person.«

Das war Leonore nur so herausgeplatzt in ihrer Angst, nun doch wieder den Leutnant, dessen Liebe sie noch gar nicht besah, zu verlieren. Sie ahnte nicht, welchen Aufruhr sie in Marthas Herz erregte.

Martha sprang auf und ballte die Fäuste gegen Leonore und stampfte mit dem Fuß. »Ich weiß nicht, was ihr alle gegen mich habt. Ihr seid in einer wahren Hetze hinter mir her. Ich geh wieder nach Hause, ich will nichts mehr mit dir und Maria und Otto und Tante zu tun haben. Ihr richtet mich noch Zugrunde. Alles ist eifersüchtig auf mich und verklatscht mich und gönnt mir keinen Augenblick Ruhe und Freude.«

Damit stampfte sie weinend hinaus und schlug die Türe hinter sich zu.

Auf ihrem Zimmer warf sie sich auf das Bett und barg das Gesicht in den Kissen. Sie ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich vor Leonore so hatte gehen lassen und daß sie Maria so weit nachgegeben hatte. Nein, sie mußte wieder zurück! Die Schande konnte sie sich nicht selbst antun, daß sie Maria blindlings folgte. Wenigstens irgend eine Entschädigung mußte sie sich nehmen.

Und dann reckte sich wieder der Schmerz in ihrer Seele empor und fraß an ihrem Herzen. Sie weinte und weinte. Bald vor Wut und bald vor Scham und bald vor Schmerz. Schließlich fühlte sie sich so wohlig in ihrem Leid und hatschelte es wie ein Schoßkind. Sollte jetzt wirklich die Stunde kommen, wo sie in ihrem Schmerz innerlich groß würde, wie die Menschen, von denen sie immer gelesen hatte? Aber dann mußte sie ihre Liebe durchsetzen wie diese, gegen alle Hindernisse, auch gegen Maria und ihre aufgeputzte Schicklichkeit. Doch Maria liebte sie, das fühlte sie deutlich aus allen ihren Worten und Taten heraus. Wie hatte sie heute morgen um sie gezittert! – Sollte Maria nicht doch noch recht haben? Sie selbst brauchte eine Liebe, ein Anlehnen. Sollte sie sich nicht an Maria anlehnen? Kraft hatte das Mädchen entschieden. – Und dann Otto! Liebte er sie noch? Liebte sie ihn noch? – Aber den Russen fahren lassen! – Sein Bild stieg geisterhaft in ihrer Phantasie auf. – Nie und nimmer!

So wogten die Gedanken den Nachmittag und Abend und die ganze schlaflose Nacht in ihrem Geist auf und ab. Jetzt sah sie ein, daß sie umkehren mußte, im nächsten Augenblick verwarf sie es wieder. Jetzt wollte sie froh und stolz und frei sein, um in der nächsten Minute wieder in Tränen sich zu ergießen.

Ihre Seele tastete wie ein Ertrinkender nach einem Halt. Alles was sie griff, verflüchtigte sich unter ihrer Hand. Nirgendwo ein Halt, eine Stütze. Und sie weinte wieder, bis der Sonntag mit grauem Schimmer über die Dächer stieg.

Gegen zehn Uhr kam Maria. Beim ersten Begegnen sagte ihr Blick: »Kein Wort von gestern, Martha! Das ist vergessen. Jetzt nur mutig in ein neues Leben hinein!«

Maria sah frisch und blühend aus. Die Ferien hatten ihr gut getan.

»Aber, Martha, wie schaust du drein? Ich meine, du wärst am Starnbergersee gewesen und hättest viel in der frischen Luft herumgetollt. Du siehst ja aus, als hättest du ein paar Wochen nicht geschlafen, so bleich, und deine Augen sind rot. Kind, du bist schrecklich nervös.«

»Recht interessant, nicht wahr? Und du siehst aus wie ein Bauerndirndl. Ja, wir Frauen haben heute andere Aufgaben, als strotzende Gesundheit nach außen zu zeigen. Ich habe viel gelesen und studiert.«

»Ach was nicht gar! Da kannst du mir jetzt sicher literarische und philosophische Vorlesungen halten.«

»Werde mich schwer hüten. Du willst mich ja doch nicht verstehen. Wir zwei sind nun einmal ganz grundverschiedene Menschen. Vielleicht, wenn ich alt werde, komme ich auf deine Anschauungen zurück, wie Tante Edeltraud, die heute morgen wieder zur Messe gegangen ist. Der Fall Richard hat ihr doch stark zugesetzt.«

»Ja, die arme Frau General! Ich kann Richard noch immer nicht verstehen. Auch Käthes Eltern leiden sehr.«

»Ich weiß nicht, warum die guten Leutchen sich so grämen. Die beiden jungen Leute haben gehandelt, wie sie mußten, da war nun einmal nichts zu ändern.«

»Wie sie mußten? Wer hat sie denn gezwungen? Richard hat sich von seinem Leichtsinn hinreißen lassen, und Käthe, der die verrückte Lektüre den Kopf verdreht hat, konnte über ihr Liebessehnen nicht Herr werden. Ich denke, der Mensch ist doch vor allem zuerst Mensch und dann erst Mann oder Weib.«

»Lassen wir diesen Disput, Maria; ich muß dir noch einmal sagen, daß wir da doch nicht einig werden. Komm, wir gehen ein Stündchen spazieren. Aber eines sage ich dir: In die Messe kriegst du mich nicht mehr mit.«

»Was sagst du da? Bist du schon so weit?«

»Ja, soweit bin ich. Ich habe früher im Institut genug Messen gehört. Jeden Tag mußten wir hinein. Das war für viele Jahre genug.«

»Kind, ich will für dich beten.«

»Ach Gott, redest du auch schon so! Ich meine, Tante Therese zu hören. Aber wie du willst; meinetwegen bete für mich. Ich bin ja doch in deinen Augen eine schrecklich große Sünderin.«

»Nein, das bist du nicht. Nur ein bissel dumm bist du, verzeihe mir die Frechheit.«

»Gerne verziehen. Das sind Geschmackssachen.«

»Nein, Martha, das sind nicht Geschmackssachen, sondern Verstandessachen.«

»Nenne es wie du willst; ich lebe nun einmal in einer anderen geistigen Welt wie du, und ich habe mit meinem Verstand erkannt, daß doch nicht alles so ist, wie man es uns früher vorgepredigt hat. Die Kirche will nur Macht über die Menschen haben und droht uns deshalb mit der Hölle und allen möglichen schrecklichen Dingen. Ich diene dem Gott in meiner Brust frei und ohne Furcht.«

»In welchem Roman hast du diese Phrase gelesen? Jedenfalls hast du sie hübsch auswendig gelernt.«

»Machen wir Schluß. Du wirst sonst noch ganz jesuitisch.«

»Ei wie schön! Ich merke, daß du in der modernen Literatur gut beschlagen bist. Verzeihung! Hast du schon einmal einen Jesuiten gesehen? Aber Coloma hast du doch sicher gelesen.«

»Bleib mir mit solchem Schmarren vom Leibe! Früher wollte ich ihn lesen, da durfte ich nicht; – ich hätte durch seine Bücher was Böses lernen können –; und jetzt mag ich nicht. Der hat mir zuviel Tendenz.«

»O du heilige Unschuld! Und die Autoren, die du liest, sind so unschuldige Lämmer, wollte sagen reine Künstler, daß sie sich eher köpfen ließen als auch nur ein Wörtlein zu schreiben, das einen anderen Menschen zu ihrer Weltanschauung herüberziehen könnte. Beispiel: Fräulein Martha Halden.«

»Gebt ihr Katholiken uns eine Kunst, die das Leben schildert, wie es ist, und wir wollen gerne eure Bücher lesen.«

»Ihr Katholiken ist gut! Ich habe dir schon früher gesagt, daß das Leben leider anders ist, als es in deinen Büchern geschildert wird. Lebe einmal dieses Leben, und du wirst bald mit der Nase im Straßengraben liegen.«

»Pah, ich möchte es gerne einmal versuchen, nur allein um dich Lügen zu strafen.«

»Na, laß nur Otto wiederkommen. Dann wirst du schon andere Gedanken bekommen.«

»Ach, wie geht's ihm denn, dem urvernünftigen Mann?«

»Danke, es geht ihm gut. Er hofft, bald zum Hauptmann befördert zu werden. Er läßt dich grüßen.«

»Sehr angenehm. Hat er in Berlin keine interessanten Bekanntschaften gemacht?

»Pfui, wie du sprichst, Martha. Du solltest doch wissen, daß im stillen alle seine Gedanken noch dir gehören. Das habe ich wenigstens aus seinen Reden herausgemerkt.«

Martha schwieg. Wie Maria vor ihr saß, sah sie in ihr wieder den Bruder, und sie schämte sich vor sich selbst.

»So laß uns denn gehen! Aber ich sage es dir noch einmal: Nicht in die Kirche.«

»Wie du willst. Aber ich meine, du hättest die Gnade Gottes ganz besonders nötig; und Otto wirst du mit diesem Wesen nicht gerade imponieren.«

»Ist auch nicht nötig. Ich will es dir geradeheraus sagen: Ich habe den Schwarm für deinen Bruder drangegeben. Du hast es mir ja selbst geraten.«

»Mach mir nichts vor, Martha! Deshalb hast du den Schwarm nicht aufgegeben. Aber du bist frei und sollst frei bleiben. Ich bin keine Heiratsvermittlerin.«

»Nun ja, das Leben ist eben anders, als du dir es träumen läßt.«

»Das Leben und immer wieder das Leben! Ich glaube und hoffe, daß das wirkliche Leben dich noch einmal heilen wird.«

»Ich hoffe auch vom wirklichen Leben alles.«

Die beiden Mädchen gingen aus dem Hause.

»Hast du übrigens schon gehört, daß Frau Sorbing schwer krank ist? Lungenentzündung. Ich fürchte, die arme Frau wird nicht mehr hochkommen.«

»Nein, ich habe die Leutchen ganz aus dem Auge verloren. Tante pflegt seit Richards Fortgang keinen Verkehr mehr.«

»Es ist unendlich traurig für Herrn Sorbing und die Kinder. So nette, liebe Kinderchen. Gestern sagte mir Sanitätsrat Esser, es sei keine Hoffnung mehr. Er gibt ihr Champagner, um die Herztätigkeit noch ein paar Stunden aufrecht zu erhalten. Ich war heute morgen schon dort und werde heute nachmittag wieder hingehen.«

»Wie grausam von dir, einen armen Menschen als Versuchskaninchen zu gebrauchen.«

»Bitte, da ist für mich nichts zu versuchen. Ich achte die Leute sehr hoch und habe Frau Sorbing und ihre Kinder gern. Sie hat als Norddeutsche aus Westfalen keine Verwandten hier. Da will ich wenigstens bei ihr sein und in den ersten Tagen nach ihrem Tode mich etwas ihrer Kinder annehmen. Wenn du auch Gelegenheit zu derartiger Beschäftigung fändest, würden dir manche Grillen vergehen.«

»Puh, Kinder! Nein, mit Kindern mußt du mich verschonen und allem dem, was drum und dran hängt. Die Sorbings müssen übrigens recht leichtsinnige und unvernünftige Leute sein, daß sie sich so mit Kindern belastet haben. Da sieht man wieder, wohin der Unverstand führt. Jetzt stirbt die Mutter, und was dann?«

»Ich sehe schon, du bist gut belesen und hast dir deine Grundsätze für die Zukunft zurechtgelegt. Ich verstehe dann nur nicht, wie du dir die Liebe denkst und was für einen Zweck der Herrgott ihr gegeben haben soll, als er sie in das Menschenherz hineinlegte. Ich meine die Liebe des Weibes zum Manne.«

»Liebe ist eine Lebensfreude, die gegenseitige Ergänzung des Menschen. In ihr findet das Weib seine Kraft und der Mann die notwendige Milderung seines Charakters. Alles andere ist Ballast und Sklaverei.«

»Was du Ballast und Sklaverei zu nennen beliebst, das nenne ich das Glück und die Freiheit der Frau, und nicht nur vom medizinischen Standpunkt aus.«

»Es ist aber drollig, daß alle wirklich freien Ärzte anderer Meinung sind.«

»Gewiß, die Herren, die ein Interesse daran haben, daß sie ihre Patientinnen zeitlebens behalten. Schau dir nur mal unsere nervösen Frauen an. Der Arzt ist ihr ständiger Gast, und woher kommt's?«

»Ach so ein bißchen Nervosität ist recht interessant. Nervöse Menschen, oder ich will lieber sagen Nervenmenschen, sind einzig empfänglich für tieferes Erfassen des Lebens und der Kunst.«

»Einer krankhaften Kunst, die man bald zu Grabe tragen wird und die vor dem wirklichen Leben nicht standhalten kann, ja; oder meinst du, ein Michelangelo und Raffael, ein Dante und Shakespeare seien Nervenmenschen gewesen?«

»Die haben sich auch überlebt. Sie sind unserer Zeit fremd. Längst haben Rodin und Manet, Frenssen und Wedekind sie überholt.«

»Bei dekadenten Nurästheten vielleicht, nicht aber bei gesunden Menschen und besonders nicht beim Volke.«

»Na, was weißt du davon? Hast du vielleicht etwas von den Leuten gesehen oder gelesen?«

»Verzeihung! Hast du Handel-Mazzetti gelesen?«

»Schmarren!«

»Bitte, hast du etwas von ihr gelesen?«

»Ich sage dir ja, daß ich solchen Kitsch nicht lese.«

»Nun, mit demselben Recht sage ich, daß ich mich um deine Größen nicht kümmere. Übrigens habe ich doch das eine oder andere von ihnen gelesen; aber ich muß sagen, das Zeug ist so verlogen und dumm, daß die Leute, die jetzt dafür schwärmen, sich in ein paar Jahren vor sich selber schämen werden.«

»Ich meine, wir wollten nicht streiten.«

»Recht, du bist auch im Grunde deines Herzens eigentlich noch zu gesund, als daß du mit der Zeit nicht all das dumme Zeug überwinden könntest.«

»Wir wollen sehen. Vorläufig will ich mir mal noch ein bißchen Welt und Leben ansehen.«

»Das heißt das, was du Welt und Leben nennst.«

»Wie du willst, wir verstehen uns ja.« –

Sie standen vor der Liebfrauenkirche. »Also du gehst nicht mit in die Messe?«

»Nein, verschone mich. Ich habe mich dir ja schon erklärt.«

»Nun, ich kann dich nicht zwingen. Aber ich denke, wir bleiben gute Freundinnen.«

»Ja, es ist recht amüsant, mit dir ein wenig zu streiten. Ich glaube aber, daß wir das nicht lange mehr tun können, denn du wirst unfehlbar bald Klosterfrau.«

»Nein, Martha, da hast du weit fehlgeschossen; du wirst es eher als ich.«

»Na, dann guten Morgen; ich wünsche dir gute Andacht; bete recht fleißig für mich.«

»Mit diesen Dingen scherzt man nicht. Aber ich will für dich beten, daß du wieder zu Vernunft kommst.«

Zu Hause angelangt, fand Martha Frau Hofrat bei Tante Edeltraud. »O Kind, hast du das Schreckliche schon gehört?«

»Na, was ist denn wieder Gräßliches geschehen? Ist die Angorakatze der Frau Dr. Philipps krepiert?«

»Kind, du bist nicht gut aufgelegt heute morgen.«

»O doch, ich bin sehr fidel; ich kann schon eine schreckliche Neuigkeit vertragen. Nur los!«

»Ja unsere Welt ist schlecht und wird immer schlechter.«

»Wirklich? Ei, was Sie sagen!«

»Denke dir: Frau Sander ist mit Doktor Knopp auf und davon, und Herr Sander ist mit Ada Lob verschwunden.«

»Haha, das ist ja possierlich! Habe ich mir doch schon lange gedacht, daß da was los war.«

»Schrecklich, nicht wahr?«

»Finde ich gar nicht so schrecklich. Wenn sie merkten, daß sie nicht zusammenpaßten, sollen sie nur nett auseinandergehen. Das finde ich viel moralischer, als sich zusammen katzbalgen und vor der Öffentlichkeit schöntun. Und wenn zwei Menschen nun einmal nicht anders können und zusammengehören, dann hat niemand ein Recht, ihnen das zu verbieten.«

»Das ist ja ganz allerliebste Weisheit, die du da vorträgst, Martha. Woher hast du denn die?«

»Na, das sind ja Dinge, über die heute kein vernünftiger Mensch mehr streitet. Ich meine, Tante Edeltraud, wer sich künstlerisch zu Ibsen bekennt, der sollte doch solche Binsenwahrheiten nicht mehr in Zweifel ziehen. Ibsen lehrt, man solle sich gründlich kennen lernen, ehe man sich verbindet.«

»Und man soll hübsch sauber auseinandergehen und sehen, wie man anders glücklich wird, wenn man einmal eine Dummheit begangen hat und sich nicht mehr mag.«

»Ganz recht ausgedrückt: wenn man sich nicht mehr mag. Aber ich kenne einen anderen Ausweg, und der ist der einzig richtige und menschenwürdige: man soll an sich arbeiten, seine Fehler überwinden, so daß man nicht auseinanderzugehen braucht.«

»Aber die Kirche läßt doch auch ein Auseinandergehen zu. Wollt Ihr denn päpstlicher sein als der Papst?«

»Gewiß läßt die Kirche ein Auseinandergehen zu, aber nur in den äußersten Fällen und wenn beide Teile keine neue Ehe eingehen wollen.«

»Dann soll also ein so armer Mensch sein ganzes Leben an einer Dummheit leiden, die er in der Jugend gemacht hat, und gerade die rassigsten Menschen sollen von dem Glück ausgeschlossen sein, eine Familie zu gründen.«

»Na, ich danke für diese rassigen Menschen und ihre rassige Nachkommenschaft. Ich glaube, unsere jetzige Welt ist gerade rassig genug; es wäre gut, wenn sie wieder einmal christlich würde. Die alten Römer waren auch rassig in deinem Sinne. Und wohin sind sie gekommen? Unsere rassigen Weiber von heute sind die reinsten Scheusale.«

»Tante Hofrat, ich bin auch ein Weib von heute und will auch noch rassig werden. Ich danke für das Kompliment.«

Da klingelte das Telephon. Tante Edeltraud sprang hin. »Martha, du sollst mal eben kommen!«

Martha hielt den Hörer ans Ohr. »Ach die Arme und die armen Kinder! Ich danke dir!«

Und zu den beiden Damen gewandt: »Maria Reiber sagt, Frau Sorbing sei soeben gestorben.«

Tante Edeltraud schaute die Hofrätin stumm an, Martha trommelte auf ihr Knie und knipste ein Härchen von ihrem Rock. »Na ja!«

»Die gute Seele ist jetzt glücklich; aber die armen Kinderchen!«

»Heute morgen habe ich noch mit Maria über diesen Punkt gestritten; aber mit Worten ist der ja nicht beizukommen. Jetzt wird ihr am Todesbett der armen Frau wohl ein Licht aufgehen.«

»Ich verstehe dich nicht, Martha.«

»Ach, ihr wollt mich nicht verstehen, und ich will auch nicht mit euch streiten. Erlaubt, daß ich mich zurückziehe. Ich möchte vor dem Essen noch ein wenig ruhen.« – Sie ärgerte sich über ihr batziges Auftreten Maria und der alten Dame gegenüber.

Frau Hofrat blieb noch eine Weile bei Tante Edeltraud.

»Es freut mich unendlich, meine Liebe, daß du heute morgen wieder in der heiligen Messe warst. Nicht wahr, das Leben ohne den lieben Heiland ist doch schrecklich öde und leer.«

»Ach, Therese, rede nicht so entsetzlich fromm. Ich weiß, daß du eine gute Seele bist; aber ich kann das Getue nicht ausstehen.«

»Ach, ich spreche so, wie ich denke. Doch will ich ganz gerne von anderem mit dir reden.«

»Nein, das ist nicht nötig, nur bitte nicht so fromm. Siehst du, ich habe bittere Monate durchgemacht. Überall, wo ich konnte, habe ich Zerstreuung und Trost gesucht. Zuletzt meinte ich noch, mich an Schopenhauer halten zu können. Da habe ich's heute wieder mal mit der Kirche probiert. Und ich muß dir ehrlich sagen, eine einfache Frau in Trauer, die vor mir kniete, hat mir's angetan. Das parfümierte Geistreicheln in unseren Vorträgen über die Weltseele und die Tragik der Gottsucher und wie die Themata alle heißen, ist mir zum Ekel geworden. Ich glaube, wenn ich jetzt einen Beichtvater fände, der etwas Welterfahrung und etwas Verständnis für mich hätte, ich ginge vielleicht sogar wieder einmal beichten.«

»Ja, da hast du recht. Die Schwierigkeit, einen guten Beichtvater zu finden, ist nicht so klein. Ach, wäre der frühere Prediger von St. Alban noch hier, ich wäre auch glücklicher. Aber ich will einmal nachdenken; vielleicht finde ich einen, der für dich paßt. Ich bin diesen Sommer von einer Kirche in die andere gegangen auf der Suche nach einem Beichtvater für dich. Der meine ist nicht gut für dich; ich werde einmal in meinem Gedächtnis nachsuchen; da wird sich schon einer finden. Nun, wir sind uns ja darin einig, daß nicht jeder Herr vom Lande uns versteht, aber ich werde schon einen finden. Zu dem will ich dich dann bringen.«

Bei Tisch sprach man von dem Fall Sander und Frau Sorbings Tod.

»Die glücklichste von allen bin noch immer ich,« meinte Leonore, »meine Liebe ist die Kunst und meine Kinder sind rein geistiger Art. Da gerate ich nicht in Eifersuchtsqualen und wenn ich einmal sterbe, fangen meine Kinder erst recht an zu leben und reich zu werden, denn einen Künstler erkennt man ja erst nach seinem Tode in seinem vollen Wert. Doch ich finde auch, daß die Sanders schließlich ganz vernünftig gehandelt haben. Aber daß mir Ada kein Sterbenswörtchen davon gesagt hat!«

»Ach, Leonore, tu doch nicht so. Du wirst schon etwas gewußt haben. Sogar ich habe mir doch schon so etwas gedacht.«

»Aber, Mutter, wie kannst du das denken! Ich bin in der letzten Zeit ja kaum mit Ada zusammengekommen.«

Das war allerdings eine Lüge; gestern abend hatte sie Dr. Sander mit Ada an die Bahn zum Wiener Schnellzug begleitet und wollte ihr heute nachmittag einen Brief über die Eindrücke schreiben, die ihr Verschwinden mit Dr. Sander bei Bekannten gemacht hätte.

Martha würgte mit Mühe und Not etwas Fleisch und Salat herunter. Der Hals war ihr wie zugeschnürt. Die tollsten Bilder jagten sich in ihrer Phantasie. Sie sah Frau Sander in seliger Umarmung mit Dr. Knopp und Ada Lob im Mondschein mit Dr. Sander durch den Nymphenburger Park spazieren und an den Teichen stehenbleiben; und wie sie mit ihnen ins Wasser schaute, sah sie Frau Sorbing im weißen Totenhemd im schwarzen Sarge liegen. Das Rauschen des Nymphenburger Springbrunnens wurde zum Weinen der Kinder an der Bahre der Mutter. Eine Beklemmung und Atemnot befiel ihre Brust, sie fühlte, wie sie rot wurde und wieder bleich. Das Essen schmeckte ihr wie Stroh und Kleie. Schließlich sprang sie auf.

»Verzeiht, ich bin nicht wohl; ich muß etwas ruhen. Es wird schon wieder vorübergehen.«

Auf ihrem Zimmer warf sie sich in den Sessel und schlug die Hände mit lautem Aufweinen vors Gesicht. Einen Gedanken konnte sie nicht fassen. Warum sie weinte, wußte sie nicht. Sie mußte sich nur einmal ausweinen. Und draußen begann ein dünner, feiner Regen zu rieseln. Die Dächer wurden schwarz und glänzend und die Straßen schlickig. Ein Frösteln schauerte durch Marthas Glieder.

Je trüber es draußen wurde, desto lichter wurde es in ihrer Seele. Wo stand sie? Was für ein Leben hatte sie begonnen? Wer war Wladimir Michailowitsch? Wie gestaltete sich ihr Verhältnis zu ihm?

O, wenn das der Vater wüßte, oder gar Babette!

Und da liegt Frau Sorbing tot – tot! Was bedeutet jetzt all ihre Sorge und ihr Leid? Alles vorbei? Und sie, Martha? … O nein! Sie springt auf und läßt sich auf dem Schreibtischstuhl nieder und wirft die Stirn auf die verschränkten Arme. Nein, sie will leben, das Leben mit aller Leidenschaft ihres Blutes umfassen … leben für … für ihn, für Otto!

Wie kam Otto wieder in ihre Gedanken? Zog die Natur in ihrem Urdrang sie noch immer zu Otto Reiber hin?

Und jetzt der andere? Was wollte er? Da kam auch schon sein Bild und stellte sich vor das des Leutnants und schaute sie an, bis auf den Grund ihrer Seele. Bleich und weich stand er vor ihr und sein Blick sog alle Willenskraft aus ihren Nerven. Ein Schäumen ging durch ihr Blut.

Das Weinen ließ nach, und sie warf sich im Geist in des Russen Arme. Da gab's kein Sichwehren mehr.

Unsinn! Wie konnte sie sich doch nur von ihren Nerven so wegreißen lassen? Ah, das Leben, das Leben wollte, mußte sie trinken aus dem Becher berauschender Liebe, den er ihr reichte. Er hatte kein anderes Interesse, keine anderen Gedanken als sie, nur sie. Das war doch eine ganz andere Liebe, als die Ottos und der anderen Herren, die sie kennen gelernt hatte! Die anderen hatten immer noch andere Gedanken und Wünsche, wollten sie mit Äußerlichkeiten glücklich machen. Er, Wladimir Michailowitsch, hatte keine anderen Gedanken mehr als nur Martha, wollte nur ihre Person, ihre Liebe für sich und gab sich ganz, all sein Denken und Lieben, ihr, ihr allein. O welche Seligkeit, so ganz das Leben und Glück eines anderen Menschen auszumachen, nichts zu geben als Liebe und nichts zu empfangen als nur Liebe! Als sie noch an Otto dachte, konnte sie sich noch freuen, auch von anderen Herren beachtet und geehrt zu werden. Jetzt dachte sie nur an Wladimir, alle anderen waren ihr Luft. Das war doch die echte, reine, langersehnte Liebe, die beglückt und selig macht, wenn auch die anderen ihre Zungen verachtend und richtend spielen ließen. Mögen sie es tun, sie würde ihren Weg gehen, ohne nach rechts oder links zu schauen.

Und doch, hatte Maria nicht recht? Wann hatte sie in den letzten Monaten einmal eine echte Freude erlebt, so recht von innen heraus? Viel Befriedigung ihres Liebessehnens, aber nie eine natürliche Freude, so wie sie sie zu Hause und im Institut oft verkostet hatte, daß sie nur so jauchzen und jubeln mochte ohne jeden aufdringlichen äußerlichen Anlaß.

Sie stellte sich einen Augenblick vor, sie sei frei von der Verliebtheit in den Russen. Würde sie sich dann freuen können? Ja, aber worüber? Sie fühlte sich so leer und hohl. Dann würde sie wieder lesen und lesen müssen und sich von einem Vergnügen ins andere stürzen. Sie wollte die Frage Maria einmal vorlegen. So ganz könnten sie beide doch nicht über das Vergangene schweigen; sie wollte Maria davon dispensieren.

Am anderen Morgen kam Maria wieder. Sie nahm ein Buch aus ihrer Mappe. »Hier hast du ein vernünftiges Buch, Martha, das dich das Leben kennen lehrt, wie es wirklich ist und nicht, wie es deine Romanciers wünschen, ›Brüderlein und Schwesterlein‹ von Handel-Mazzetti. Ich will dir gleich sagen, daß man seinen künstlerischen Charakter bekrittelt, aber es hat hohen Lebenswert.«

»Nun, ich will es einmal lesen. Aber was ich dir noch sagen wollte: Lassen wir das Theaterspielen voreinander. Ich erlaube dir, über den Fall von gestern mit mir zu reden. Ich möchte dir doch zu gerne noch gründlich widersprechen.«

»Nein, Martha, alles Widersprechen nützt dir nichts. Wenn du nicht selber fühlst, daß du innerlich haltlos bist und keine Spur von einem höheren Lebenszweck hast, dann ist dir nicht zu helfen. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß du das noch fühlen wirst, wenn du es nicht eigentlich schon jetzt fühlst, falls du ehrlich gegen dich selbst bist. Denn du hast doch eine zu gute Erziehung genossen, als daß sie ganz spurlos an dir vorübergegangen sein sollte.«

»Gut, nehmen wir einmal an, ich sei in deinem Sinne frei geworden. Was soll dann mein Leben ausfüllen?«

»Du selbst und dein Herrgott. Das heißt, du sollst an dir arbeiten, daß du ein Charakter wirst. Schon die Überwindung des Schwarmes und des daraus notwendig entstehenden Schmerzes macht dich willensstark und innerlich groß. Wolltest du nicht immer innerlich groß werden? Ich meine doch, du hättest mir immer so geredet.«

»Maria, ich kann es nicht.«

»Was du einen Augenblick lang kannst, oder gar einen ganzen Tag, das kannst du immer. Du brauchst nur eine Überwindung an die andere zu reihen. Und ich meine, du seiest gestern, wenigstens einen Augenblick, über deine Liebe hinweggekommen. Du mußt nur wollen. Ich habe das auch einmal gemußt in meinen Backfischjahren. Ich werde dir von Herzen gerne auf Schritt und Tritt helfen.«

»Pah, wenn ich meine Liebe nicht mehr habe, dann habe ich gar nichts mehr! Was soll ich dann den ganzen Tag anfangen, wenn ich nicht mehr in dem süßen Gefühl eine Befriedigung und einen Trost finden kann?«

»Nun, Martha, du siehst doch mit deinem Verstand ein, daß du von dieser Liebe dich lossagen mußt. Du weißt doch, wohin sie dich gebracht hätte, und wohin sie dich notwendig bringen muß. Aus dem Verhältnis mit dem Russen wird doch nie und nimmer etwas.«

»Warum nicht? Das sagst du nur so.«

»Martha, sei ehrlich, ganz ehrlich gegen dich selbst. Siehst du das nicht mit deinem Verstand ein?«

Martha senkte den Kopf und wurde rot. Die Tränen standen ihr in den Augen.

»N … doch!«

»Nun also. Wenn du es einsiehst, mußt du doch auch darnach handeln. Wir Mädchen sprechen so gerne davon, daß wir ganze Menschen, Vollmenschen sein wollen, und wir gehen doch meist nur nach Launen voran. Willst du ein ganzer Mensch sein, so laß den Willen dem Verstande folgen.«

»Aber ich kann nicht.«

»Immer das alte Lied. Jeder kann es, also auch du. Du mußt es können.«

Maria milderte das scharfe Wort, indem sie ihre Hand auf Marthas Scheitel legte. »Wir zwei wollen einmal brav und wacker zusammenhalten. In ein paar Tagen bist du über das Schwerste hinaus.«

»Aber was soll ich den ganzen Tag anfangen? Morgens stelle ich mich an meinen Kleiderschrank und frage mich, was ich anziehen soll, dann gehe ich zum Frühstück und dann …?«

»Du mußt dir eine Lebensaufgabe suchen, irgend etwas, was dich ganz ausfüllt, dir Zerstreuung und Halt gibt. Vorläufig studiere einmal systematisch Literatur. Dafür interessierst du dich ja sehr. Aber du hast alles kunterbunt durcheinander gelesen. Nimm einmal eine gute Literaturgeschichte und studiere sie gründlich durch und lies nach den dort angegebenen Richtlinien, dann mache Handarbeiten. Geh einmal zum Katholischen Frauenbund. Da wird man dir schon eine Arbeit zuweisen. Es ist schließlich gleich, was du tust, die Hauptsache ist, daß du etwas hast, das dir über deine Phantasien und deinen Schmerz hinweghilft.«

»Ich glaube, ich kann es nicht.«

»Du wirst es sicher können, wenn du dich auch wieder religiös betätigst wie früher.«

»Das kann ich erst recht nicht. Ich habe zu viele Schwierigkeiten. Ich bin nicht mehr so naiv wie in meinen Institutsjahren.«

»Und doch bist du so naiv, noch viel naiver. Du hast alles blindlings, ohne Beweise, geglaubt, was dir deine sogenannten schöngeistigen Bücher vorgeschwätzt haben. Wenn du so viele Schwierigkeiten und Zweifel hast, dann nenne mir doch einmal einen deiner furchtbaren Zweifel.«

»Ach, wenn die andern nun doch recht hätten. Wenn es nun mal keinen Gott gäbe?«

»Siehst du, eine rechte Backfischschwierigkeit. Wenn … wenn … und immer wieder: wenn …! Mit diesen Schwierigkeiten kannst du keinem Menschen imponieren. Geh nur wieder mal frisch in die Kirche und zu den Sakramenten, dann werden alle deine Wenns mit einem Male wie der Nebel vor der Sonne verschwinden. Wirf deine Verliebtheit von dir, dann wird Gott auch wieder zu dir sprechen und die religiöse Befriedigung wird wieder kommen wie in früheren Zeiten.«

»Ich kann es nicht, ich kann es nun mal nicht.«

»Gewiß, das gestehe ich dir zu; anfangs wird es schwer werden. Aber du kannst auch deine Fadheit überwinden. Und auch in dieser Überwindung wirst du stark werden. Stelle dir nur jetzt einmal vor, wie schön das sein wird, wenn du ein wirklicher Charakter bist, der Freude an sich selbst hat und stark ist, allen Stürmen des Lebens zu trotzen. Ich will dir nicht wehe tun, aber wenn Tante Edeltraud sich nicht so hätte hangen lassen, wäre das Unglück nicht so überwältigend über sie hereingebrochen. Jetzt erkennt sie Gott sei Dank ihren Irrtum, aber wie schwer wird es ihr, sich von dem alten Wahn zu befreien. Und hättest du mir mehr gefolgt als deinen Büchern, so hättest du jetzt nicht die Stürme auszustehen.«

»Ich will es versuchen.«

»Nicht nur so versuchen, sondern mit Kraft und Freude an die Arbeit gehen! Ich sage dir noch einmal: ich verstehe, daß es dir schwer wird, und ich fühle den Schmerz mit dir, aber ich habe dich lieb und deshalb will ich dir helfen und dich glücklich sehen. Du wirst noch einmal ein recht glücklicher Mensch werden; das weiß ich sicher.«

Martha schaute die Freundin erstaunt an und suchte in ihrem Blick nach einem Halt. Maria faßte ihre Hand und erhob sich.

»Willst du mir folgen?«

»Ja, ich will's versuchen.«

»Hand darauf und dann munter voran! Du wirst ein prächtiges Mädel werden. Morgen abend habe ich kein Kolleg. Dann werde ich dich wieder Zu einem kleinen Spaziergang abholen, wenn es dir recht ist.«

»Es ist mir recht.«

Als Maria gegangen war, hätte Martha wieder am liebsten geweint. Aber die Neugierde trieb sie, das Buch zu lesen. Und sie las und las den ganzen Abend bis in die Nacht hinein.

Da war auch von Liebe die Rede, und das Milieu war wahrheitstreu gezeichnet, aber die Menschen waren doch anders als in ihren gewöhnlichen Büchern. Sie waren lebensechter und tiefer geschildert. Ja, so wie Rita hatte sie sich auch oft in besseren Stunden gefühlt. Und erst recht früher, noch vor einem halben Jahr! Das Buch beruhigte sie eigentümlich. Sie hätte gerne noch weitergelesen, aber die Spannung riß nicht an ihren Nerven, wie bei den anderen Romanen. Am Schlusse eines Kapitels schloß sie das Buch und begab sich zur Ruhe.

Am Morgen fühlte sie sich wieder steinunglücklich. Nun sollte sie das neue Leben beginnen. Aber wie? Sie hatte keinen Mut, aufzustehen.

Viertelstunde um Viertelstunde verging. Endlich erinnerte sie sich des Buches. Ritas Schicksal interessierte sie. Sie stand auf und las den ganzen Morgen.

Am Nachmittag las sie »Brüderlein und Schwesterlein« zu Ende. Sie fühlte eine tiefe Liebe zu Rita in sich wachsen. Die Lektüre kam ihr vor wie ein Bad in einem kühlen, klaren Bergbach. Innerlich war sie Maria dankbar, und merkwürdig! Rita nahm Marias Gestalt an. Und sie liebte sie noch mehr.

Aber da erwachten wieder in ihr die alten Gedanken. Nein, fliehen, fliehen! Sie wußte kein anderes Mittel, als sich niederzulegen und zu versuchen zu schlafen. Der teilweise versäumte Schlaf der letzten Nacht erfüllte sie mit einer tauben Müdigkeit. Sie schlief bald ein und war vor sich selbst gerettet.

Plötzlich wachte sie auf. Es war schon dunkel, jemand hatte an die Türe geklopft. Halb traumverloren rief sie »herein«. Maria stand vor ihr.

»Hast du bis jetzt dein Mittagsschläfchen ausgedehnt? Nun, das ist ja auch ein Mittel!«

»Ja, ich habe in der letzten Nacht dein Buch gelesen und nun mußte ich den Schlaf nachholen.«

»Hat es dir gefallen?«

»Ich muß eine Rita werden.«

»Brav, Mädel. Komm, wir machen einen kleinen Abendspaziergang. Ich will dir etwas zeigen, was du trotz deiner Lebenskenntnis noch nicht gesehen hast.«

»Und das wäre?«

»Wirst's schon sehen. Mach dich nur erst mal fertig.«

Fest eingehakt ging Maria mit Martha durch die Straßen. Hie und da blieben sie an einem Schaufenster stehen, die Auslagen zu bewundern.

»Weißt du auch, Kind, wieviel Elend oft hinter dieser Pracht der Kostüme, der Seide, den Federn und Spitzen steckt?«

»Elend, wieso?«

»Hast du schon einmal von den Hungerlöhnen der Heimarbeiterinnen gehört, die an Spitzen, Stickereien und Wäschestücken arbeiten? Du hast gar keinen Begriff davon, wie sich unsere Schwestern, oft unter blutigen Tränen, bis in die Nacht hinein abarbeiten müssen, damit unsere Damen auf den Bällen glänzen können.«

»Das machen doch heutzutage die Maschinen, und die Handarbeiten, wenn sie noch nötig sind, werden doch wohl auch gut bezahlt. Die Sachen sind doch so teuer.«

»Lies einmal ein Buch, oder auch nur einen Zeitschriftenaufsatz über Heimarbeit, und du wirst anderer Meinung werden.«

»So etwas habe ich noch nie gelesen. Das steht auch nicht in den Büchern, die mir zur Verfügung sind.«

»Ich werde dir dieser Tage einiges zum Lesen bringen. Aber auch in das andere Elend solltest du einmal hineinschauen, das durch all diese Dinge erzeugt wird. Wenn die gnädige Frau in einem neuen Hut auf der Straße paradiert oder sich auf dem Ball in einer strahlenden Robe bewundern läßt, müssen oft genug die Kinder zu Hause buchstäblich hungern.«

»Das ist doch wohl nicht wahr! Du willst mir Gruselgeschichten erzählen.«

»Leider sind das keine Märchen, sondern Wirklichkeiten. Wieviel Jammer und Elend ist schon über manche Familie gekommen, weil die Frau nicht gelernt hat, sich Zu beherrschen. Unter ihrer Verschwendungs- und Putzsucht leiden die Kinder, der Gatte, das ganze Haus. Ihretwegen müssen unsere Beamten Aufwendungen machen, die weit über ihre Kräfte gehen. Kaufleute ruinieren deswegen ihre großen Geschäfte. Scheinbar glückliche Ehen sind wahre Höllen. Und aus diesen Höllen fliehen dann die Menschen an die Öffentlichkeit. Schau nur einmal da in das Café hinein. Mit keiner der lächelnden, brillantberingten Damen möchte ich tauschen. Und ob die Paare, die da zusammensitzen, alle so zueinander gehören, wie sie an den Tischen sich unterhalten, möchte ich sehr bezweifeln. Alles nur, weil die Damen von heute nie gelernt haben, an ihrem Charakter zu arbeiten.«

Martha ging eine neue Welt auf. »Brüderlein und Schwesterlein« stand ihr noch groß in der Seele und sagte immer wieder, daß Maria recht hatte. Unwillkürlich faßte sie der Freundin Arm fester. Diese fühlte den Druck und erwiderte ihn. Beide verstanden sich, ohne ein Wort zu sagen.

Sie waren an Singers Warenhaus angekommen.

»Sollen wir einmal hineingehen? Da wird sich dir wieder eine neue Welt öffnen.« Maria zog Martha über die Schwelle. Sie schlenderten durch die einzelnen Etagen. Hier hatte eine Dame sich eine ganze Theke voll Spitzen zeigen lassen und ging gerade fort, ohne etwas zu kaufen. Das Ladenmädchen machte ein trauriges Gesicht. Es war noch jung, sein Gesicht war bleich und zart. Nun konnte sie all die Schachteln und Rollen und Bänder wieder mühsam zusammenpacken. – Da saß eine korpulente Dame vor einem Tisch und ließ sich schon den zwanzigsten schweren Stoffballen bringen und rümpfte zu den empfehlenden Worten der Verkäuferin die Nase.

»Schau, Martha, das ist alles Elend unserer Mitschwestern. Aber sieh dir einmal die Gesichter der Ladenmädels an. Darin steht auch sehr viel geschrieben von häuslichem Elend, vor allem aber vom Liebessehnen, das von Teufeln mißbraucht wurde. Und nun stehen die armen Wesen am Straßenrand des Lebens und schämen sich nicht mehr des gemeinen Lachens, das in ihren Zügen wetterleuchtet. Das sind fast alles braver Mütter Kinder, die mit dem Elend ihrer Töchter geschlagen sind.«

Martha sagte nichts. Ein Ekel überkam sie und ein tiefes Mitleid. War die Welt und das Leben so? Warum schrieben ihre Bücher nur von Liebe und Lust und Sichausleben?

»Komm, Maria, wir gehen. Ich habe genug gesehen für heute, ich danke dir.«

Sie drängten sich durch die einströmende Menge hinaus. Da war es Martha, als träfe sie ein Blitzschlag. Im grellen Licht der Bogenlampe stand Wladimir Michailowitsch mit zwei jungen Mädchen. Ihre dünnen Fähnchen und verregneten Hüte kennzeichneten sie als Ladenmädchen der ärmsten Klasse. Er stand mitten zwischen ihnen und hatte seine Arme in die der Mädchen gelegt. Er schäkerte und scherzte mit ihnen. Als Martha und Maria auf die Straße traten, ging er gerade mit ihnen fort.

Martha drohten die Sinne zu schwinden. Alles drehte sich ihr im Kreise. Mit aller Kraft hielt sie sich an Maria fest. Die hatte auch den Russen gesehen und war mit Martha zusammengefahren. Aber sie faßte sich schnell und zog Martha auf einen Trambahnwagen zu, der gerade vor ihnen hielt.

»Komm, Kind, wir fahren nach Hause.«

Im Wagen sprachen sie kein Wort. Martha saß bleich in einer Ecke und stierte vor sich hin. Maria ehrte ihre Ergriffenheit und sprach im stillen ein Dankgebet zu Gott, daß er sie mit Martha gerade in diesem Augenblick auf die Straße geführt hatte. – – –

Auf ihrem Zimmer legte Martha mit eisiger Ruhe ihren Mantel ab, suchte in ihren Büchern den Raskolnikow und zerriß ihn mit zitternden Händen in Fetzen. Dann setzte sie sich an den Tisch, stützte die Stirne in die Hände und träumte und fieberte vor sich hin! Plötzlich sprang sie auf und warf alle ihre Bücher in den hintersten Winkel des Schrankes.

Da berührte ihre Hand einen seidenen Zopf. Erna! Mit lautem Weinen faßte sie die Puppe und drückte sie an Brust und Wange. Dann kniete sie mit ihr vor dem Bett nieder und dankte wortlos aber mit heißen Tränen ihrem Gott.

Am folgenden Morgen stand sie früh auf und ging in die Ludwigskirche. Aber das Beten wollte ihr noch nicht recht gelingen. Sie fühlte sich so ledern und fad. Am liebsten wäre sie wieder aufgestanden und planlos durch die Stadt geirrt. Aber sie fürchtete aufzufallen und blieb knien. Sie haderte mit Gott, daß er ihr nicht den erwarteten Trost gab. Zwei feindliche Mächte kämpften einen wütenden Kampf in ihrer Seele. Wenn sie sich nun doch geirrt hätte und der Herr mit den beiden Mädchen nicht der Russe gewesen wäre! Aber Maria hatte ihn doch auch gesehen und offenbar auch erkannt! Nein, das alte Leben mußte aufhören. Gott hatte ihr durch Maria seine Gnaden geschickt. Allmählich fand sie Worte, die sich zu schlichten Gebeten fügten. Als die Messe zu Ende war, stand sie ruhig und gefaßt auf. Sie fühlte, wie eine Feierlichkeit durch ihre Seele schwebte, die sie lange nicht mehr gespürt hatte. O, Gott hatte sie lieb; und in dieser Liebe würde sie glücklich sein. – –

Auf ihrem Schreibtisch fand sie einen Brief von unbekannter Hand. Sie riß ihn auf und schaute zuerst nach der Unterschrift:

»Dein Wladimir.«

Das Blut schoß ihr in den Kopf und das Herz setzte einen Schlag aus. Dann begann es rasend zu hämmern. Sie ballte das Blatt zusammen und warf es auf den Boden.

»So eine Gemeinheit!« Wie ein Brand verzehrte sie das Feuer innerer Empörung. Gestern abend waren es die beiden Ladenmädchen und nun sie!

Sie raffte den zerballten Brief auf, um ihn in den Ofen zu werfen. – Was er wohl schreiben mag? Wie weit würde er die Kühnheit treiben? – Eigentlich sollte sie den Brief doch lesen. – Vielleicht tat sie ihm unrecht. – Und dann war es jedenfalls gut, um die Männer besser kennen zu lernen. – Nein, sein letztes Lebenszeichen durfte sie nicht einfach wegwerfen! – Er war doch auch ein Mensch und wert, wenigstens gehört zu werden.

Aber wenn Maria es wüßte! – Es gab Dinge, an die man nicht im entferntesten denken durfte, ohne sich zu beschmutzen. – Sie spielte mit dem Blatt und begann es auseinanderzufalten und zu glätten. Da erschrak sie über sich selbst. Sie fühlte, wie das Papier in ihrer Hand heiß wurde und ein Singen ging durch ihr Blut. Lies, lies! Nur einmal noch! Pah, was ist denn daran? Du erkennst so viel besser seine ganze Gemeinheit und Niedrigkeit.

Plötzlich überrieselte sie ein kalter Schauer. Mit einem Ruck riß sie den Brief mitten durch und zerfetzte ihn in tausend kleine Stücke und warf sie in den Ofen.

Einen Augenblick stand sie da kalt und fest. Dann ließ sie sich auf den Stuhl fallen und brach in erschütterndes Weinen aus.

VIII

.

Der dreiundzwanzigste Dezember war ein heimeliger Wintertag. Vom Himmel herab hing ein rieselnder Schneevorhang, wie aus Millionen von grauweißen Perlen zusammengefügt, vor Marthas Fenster herab.

Sie saß über Paul Kellers »Waldwinter«, aber ihr Geist wollte sich von der Phantasie des Dichters nicht recht fangen lassen. Ein unbestimmtes Heimwehgefühl dämmerte in ihrer Seele auf, wie Weihnachtslieder an Christkinds Krippe, und ein Duft erfüllte den Raum um sie her wie von Tannengrün und Winteräpfeln. Die Stille im Zimmer war fast hörbar, und durch die Stille klang ein Glockenläuten an ihr Ohr, weit, weither, in breiten, volltönenden Akkorden.

Sie schlang die Arme übereinander und stützte damit ihren Oberkörper auf die Knie, wie um sich heimlicher und wärmer ineinanderzukuscheln, wie um sich traulicher mit allen Phantasien und Gefühlen ins innerste Heim der Seele zurückzuziehen. Sie schaute um sich. Es war ihr, als trete sie in leichten Sommerkleidern aus der Mittagssonnenglut in einen Eiskeller. Innen brannte das warme Herdfeuer kindlicher Erinnerungen und Stimmungen, draußen um sie her war alles so kalt und öde. Wie hatte sie doch schon so lange in diesem Zimmer wohnen können! Mit Schrecken merkte sie, daß es sich noch nicht an ihr inneres Wesen angeschmiegt hatte, wie ein weiches Gewand. Ihre Seele hatte zu lange in der Fremde geweilt und sich in der Öde erkältet. Die Zunge klebte ihr am Gaumen; sie hatte einen widerlichen Geschmack im Munde.

Klaps, war das Buch Zu. Im Aufstehen zitterte sie vor Kälte. Jetzt legte sie die Stirne an die Fensterscheibe und träumte in den grau prickelnden Schnee hinaus. Ach, wer doch noch einmal kleines Mädchen sein, sich an den Schoß der alten Babette lehnen und Geschichten vom Nikolaus und Christkindl lauschen könnte! Jetzt, wo sie erwachsen war, wurde das Leben doch eigentlich fad und öd. Patsch, fiel ein dicker Tropfen auf das Fensterbrett. Was war das? Martha weinte.

Wer hatte sie eigentlich je verstanden? Die Mutter hatte sie nicht gekannt; für den Vater war das kleine Ding und erst recht das heranwachsende Mädchen ein Rätsel gewesen, nicht viel mehr als Bubi, der Dackel. Die Lehrerinnen im Institut! Ach ja, die hatten's ja gut gemeint, manche hatten sich sogar dazu verstiegen, ihr die Mutter ersetzen zu wollen; innerlich hatte sie darüber gelacht und geweint; äußerlich hatte sie manches über sich ergehen lassen.

Liebe brauchte sie, Liebe und immer wieder Liebe! Nach ihr schrie ihr Herz. Nie hatte sie Liebe erfahren, wie sie in ihrer Phantasie und ihren Wünschen lebte. Nur ein Mensch hatte sie ihr gegeben, vom ersten Augenblick ihrer ersten Begegnung an: Wladimir Michailowitsch. Diese Liebe war die einzige große Seelenerquickung ihres Lebens gewesen. Und nun war sie vorüber.

Tante Edeltraud war plötzlich alt geworden, und ihre Gedankenwelt gestaltete sich von Tag zu Tag enger und enger. Sie dachte, wie alle alten Leute, nur mehr an sich und ihr Leid. Sie war von einem Extrem ins andere gefallen.

Leonore? Mit der verstand sie sich gar nicht; ein innerer Anschluß der Seelen hatte bis heute nicht stattgefunden. Seit Martha den Russen aufgegeben hatte, schien Leonore gegen sie verärgert.

Maria Reiber kam immer seltener. Sie hatte fast ihre ganze freie Zeit den Kindern ihrer verstorbenen Freundin Sorbing geschenkt, und wenn sie kam, fand sie keinen anderen Gesprächsstoff als nur die Kinder und immer wieder die Kinder. Herr Sorbing hatte ihnen zwar eine gute Erzieherin gegeben, aber sie hingen mit ihrem ganzen Herzen an Maria.

Es klopfte stark an der Türe, und schon stand Maria im Zimmer.

»Holla, Mädchen, was machst du? Du schläfst ja mit offenen Augen. Schon zweimal habe ich geklopft und du hast nichts gehört.«

»Ah, Maria! Aber in welchem Aufzug! Was willst du denn jetzt zu so früher Stunde mit dem Abendmantel und der Kapuze?«

»Sollst du gleich hören. Mach dich nur mal reisefertig.«

»Reisefertig?«

»Ja, reisefertig. Weißt du, wir wollen uns heute einen Hauptspaß leisten. Sei aber so gut und biete mir einen Stuhl an; ich bin schon so viel herumgelaufen, daß ich ein paar Minuten Ruhe ertragen kann.«

»Ja, nun schieß aber mal endlich mit deinem Hauptspaß los!«

»Höre! Doktor Sorbing ist seit ein paar Wochen außerhalb der Stadt in den Wald nach Gräfelfing gezogen. Er konnte es in dem Hause hier, wo seine Frau gestorben ist, nicht mehr aushalten. Deshalb hat er sich eine prächtige kleine Villa draußen gemietet, auch der Kinder wegen, damit sie viel frische Luft haben und im Freien herumtollen können. Nun paß mal auf! Wir haben heute das schönste Nikolaus- und Weihnachtswetter. Jetzt fahren wir zwei hinaus und machen bei den Kindern den heiligen Mann. Hast du verstanden? Ist das nicht fein? Herr Sorbing ist nicht zu Hause; er bleibt immer bis sieben Uhr abends in seinem Bureau hier in der Stadt. Bis dahin sind wir längst zurück.«

»Ach, Maria, laß mich hier; ich bin heute gar nicht aufgelegt zu solchen Maskeraden. Meine dummen Gedanken quälen mich wieder. Ich sehne mich so sehr nach Liebe.«

»Gerade wenn du dich nach Liebe sehnst, mußt du mitkommen. Dann bist du gerade in der rechten Stimmung. Ich habe mich so darauf gefreut, dich mitzunehmen. Morgen kann ich nicht mehr meinen Plan ausführen, da Otto morgen von Berlin auf Urlaub kommt.«

Martha erschrak und ging an den Schrank, Maria den Rücken zuwendend, um ihre innere Bewegung nicht zu zeigen. Jedesmal wenn sie an Otto erinnert wurde, fühlte sie eine tiefe Scham, als müsse sie vor dem Träger des Namens in die Knie sinken und für ein Verbrechen Abbitte leisten. Aber Maria durfte nichts davon merken. Sie sagte mit erkünstelt nachlässiger Stimme:

»Nein, Maria, ich muß meine Stimmungen überwinden; wenn es dir Freude macht, gehe ich gerne mit.«

»Siehst du wohl, ich wußte es ja, daß du mir die Bitte nicht abschlagen würdest. Ich hätte auch sonst auf die Freude verzichten müssen, da ich nicht gerne eine andere in mein kleines Privatgeheimnis einweihen möchte, und allein kann ich doch schlecht gehen.«

»Einen Augenblick; ich bin gleich fertig. Wann fährt denn der Zug?«

»O, alle halbe Stunden geht einer. Aber wir müssen vorher noch ein paar Einkäufe machen. Der heilige Mann kann doch nicht mit leeren Händen kommen.«

»Was du doch für Ideen hast! Also denn los!«

Die beiden gingen in die Stadt hinein. Die Frauentürme hatten schon gewaltige Schneehauben aufgesetzt. In den Straßen lebte eine Märchenwelt. Die Stimmen der Menschen klangen ganz anders wie sonst, die Laute verloren sich in der Luft, sie wurden von den herabfallenden Schneemassen auf die Erde zurückgeschlagen, ja es war, als zöge sich auch die große Erde, wie die einzelnen vermummten Menschen, in ihre inneren Heimlichkeiten zurück. Hier und da brannten schon die Lichter in den Läden und gossen einen geheimnisvollen Zauber über die ausgelegten Herrlichkeiten aus. Fast kein Mensch ging über die Straße, der nicht ein Paketchen trug, das er wie ein Heiligtum an sich drückte. Es sah aus, als hätten sich alle in unhörbar huschende Weihnachtsengel verwandelt, und ein Schein von Freude und Frische lag auf den Gesichtern, als gäbe es nur mehr Liebe und Glück auf Erden.

In Marthas Seele schmeichelte sich ein warmes, wohliges Gefühl ein. Ein Wispern und Lispeln war in ihr und ein feierliches, fernes Glockensingen. Sollte dies vielleicht die echte Liebe sein? Aber dann wurde es ihr wieder weh im Herzen, wenn sie die jungen Mädchen sah, die stolz und strahlend ihre Brüder und Geliebten in bunten und blitzenden Leutnantsuniformen spazierenführten, und sie ließ sich von Maria, die sie eingehakt hatte, mehr schleppen, als daß sie selbst ging.

Maria zog sie in ein Spielwarengeschäft und kaufte einen Ball, einen Hampelmann, ein Bilderbuch, ein Püppchen und eine Katze, die Miau schrie, wenn man sie drückte. Martha stand teilnahmslos dabei, sie sah die tausend kindlichen Herrlichkeiten und sah doch nichts. Maria drückte ihr ein Paket in den Arm und nahm selbst das andere.

»So, nun hinaus. Jetzt nehmen wir noch in einem Laden in der Nähe des Bahnhofs eine Düte Äpfel und Nüsse mit, und dann bin ich ein großartiger Nikolaus. Halt, bald hätte ich ja die Hauptsache vergessen! Fräulein, haben Sie vielleicht eine Pappmaske mit weißem Bart?«

»Gewiß, ich werde Ihnen eine aus dem Karnevalslager holen.«

Bald hatte Maria auch die Maske, und sie verließen den Laden. In der Banerstraße fanden sie glücklich einen kleinen Obstladen, in dem sie einige Pfund Äpfel und Nüsse kauften.

Der Vorortzug München – Gauting war bis auf den letzten Platz besetzt. Alles Frauen, offenbar Mütter, mit Schachteln und Paketen, mehr oder weniger verhüllten Schaukelpferden, Wagen, Puppenküchen, Menagerien und ähnlichen Herrlichkeiten, wie sie das Christkind den Eltern für die Kinder schenkt. Mit strahlenden Augen und lachenden Gesichtern zeigte man sich gegenseitig die schönen Dinge und sprach über die Kinder und erzählte von der Familie. Alles war eitel Freude und Vorahnung des weihnachtlichen Gebeglückes. Martha hielt ihr Palet auf dem Schoß und studierte die Gesichter der alten und jungen Frauen. Der Zug der Mütterlichkeit, tiefer Lebenserfahrung, harter Arbeit, opferreicher Hingebung und sinnender Zufriedenheit lag auf der meisten Antlitz.

Ihr gegenüber saß eine ältliche Dame mit reicher Pelzgarnitur. Sie trug kein knisterndes Paket, aber ein nervöses Schoßhündchen auf dem Arm, von dem sie sich das Gesicht belecken ließ. Da drehte sich die Frau, die neben ihr saß, ein wenig um und stieß mit dem Steckenpferd, das sie quer über die Knie hielt, den Hund der Nachbarin. Ein wütender Blick und ein Stoß gegen den Stecken war die Antwort und ein Kuß auf seine Schnauze die Entschädigung für den Hund. Martha sah es, und ein Ekel durchschauerte sie. Maria stampfte mit dem Fuß und stieß ein »Bah« aus.

Jetzt ging Martha erst ein tiefes Verständnis für die Größe und Schönheit der Mütterlichkeit auf, die in den geschenkbeladenen und plaudernden Frauen lebte. Sie fühlte sich selbst innerlich getroffen durch das Gebaren der Hundemutter, und allmählich quoll eine Wonne in ihrem Herzen auf und ein unbestimmtes Sehnen nach einem leidvoll-freudvollen Glück, wie es die Mütter ausstrahlten. Und dann fühlte sie sich plötzlich so leer und halt- und ziellos, so erbärmlich klein gegenüber all den Frauen. Es war ihr, als zwinge sie eine geheimnisvolle Macht in die Knie vor den Müttern, als müsse sie Abbitte leisten dafür, daß sie sich mit ihren Erbärmlichkeiten in solche Gesellschaft gewagt hatte.

An jeder der kleinen Stationen der Vorortbahn stiegen einige Frauen aus. Da war immer ein freudiges Abschiednehmen und Lachen, wenn es einer Mutter kaum gelang, die Pakete unter den Armen und in den Händen unterzubringen. Endlich hielt der Zug in Gräfelfing. Maria und Martha stiegen mit fast dem ganzen Rest der Mitreisenden aus. Der Schneefall hatte etwas nachgelassen. Schwarz ragte der Tannenwald in das graue Dunkel des Frühabends hinein. Maria wurde es ganz abenteuerlich zumute und Martha kam allmählich auch in eine gruselig-übermütige Stimmung. Beide nahmen die Kleider zusammen und stapften durch den hohen weichen Schnee.

»Wir haben nicht weit zu gehen. Da hinten liegt das Haus; du siehst den weißen Giebel mit dem erleuchteten Fenster schon.«

Und Maria ging voran. Hier und da verlor sie den Fußsteig und tappte an der Seite in die Straßenrinne. Dann lachte sie und schüttelte den Schnee vom Mantel. Martha war bald vollends von der Munterkeit der Freundin angesteckt. Hier gab's nichts zu träumen, hier mußte sie auf den Weg achten und warten, welche Rolle ihr in dem lustigen Streich angewiesen würde.

Jetzt gingen sie einen Gartenzaun entlang. Maria öffnete leise, leise ein kleines Tor und hielt warnend den Finger an den Mund. Sie ging durch den Garten auf die Haustüre zu. Martha ihr nach. Kurz tippte sie auf den Knopf, daß die Schelle nur so eben anklingelte. Schritte drinnen. Das Mädchen öffnete.

»Still, Anna, lassen Sie uns hier gleich links in das Besuchszimmer. So, jetzt gehen Sie zu den Kindern, sagen ihnen aber kein Sterbenswörtchen, daß ich hier bin. Schicken Sie das Fräulein unauffällig zu mir und bereiten Sie die Kinder recht geheimnisvoll darauf vor, daß das Christkindl vielleicht noch einmal den heiligen Mann schickt. Alles übrige wird sich dann schon finden.«

Das Mädchen ging. Maria klatschte in die Hände vor Freude, Martha wußte noch nicht recht, was sie von dem Abenteuer zu halten hatte, sie war etwas verlegen. Da kam das Fräulein.

»Hören Sie, Fräulein, ich komme heute abend als Nikolaus zu den Kindern.«

»Nein, aber so was! Das wird aber eine Freude geben!«

»Seien Sie so gut und holen Sie mir aus dem Keller oder sonst woher einen Sack oder einen großen Kissenüberzug, der als Sack dienen kann, und einen groben Stock, meinetwegen einen Spaten- oder Besenstiel. Mehr brauche ich nicht, alles andere habe ich bei mir.«

Maria band sich die Maske vor das Gesicht und stülpte die Kapuze über den Kopf. Da konnte Martha sich nicht mehr halten; laut lachte sie auf und warf sich auf einen Stuhl.

Seit Monaten das erste natürliche, erfrischende Lachen.

Das Fräulein kam wieder und brachte einen Sack. Da hinein stopfte Maria die ganze Herrlichkeit und ahmte probeweise eine tiefe Männerstimme nach.

»Hören Sie, Fräulein, Sie nehmen jetzt hier meine Freundin – o verzeihen Sie, daß ich vor Aufregung ganz vergessen habe, sie vorzustellen: Fräulein Martha Halden, – Fräulein Eßwein – also Sie nehmen Fräulein Halden mit ins Zimmer zu den Kindern, sagen, sie sei eine Freundin von Ihnen und unterhalten sich möglichst unbefangen. Wenn ich im Hausflur und an der Zimmertür poltere, erschrecken Sie beide und spielen dann Ihre Rolle recht natürlich. Jetzt nur voran, marsch, hinaus zu den Kindern! Ich komme gleich.«

Sie trieb Martha mit dem Fräulein zur Türe hinaus und beschaute sich noch einmal gründlich im Spiegel, ob auch nichts Verdächtiges sich an ihr fände. Sie war zufrieden und trat auf den Gang hinaus, bei jedem Schritt mit dem Besenstiel aufstoßend und mit tiefer, verstellter Männerstimme scheltend. Da ging die Türe des Wohnzimmers auf, das Fräulein schaute in den Flur hinaus und sprang entsetzt zurück. »Kinder, Kinder, der heilige Sankt Nikolaus,« Geschrei, Gequiekse und Gebet durcheinander.

»Sind hier brave Kinder?«

»Ja, lieber heiliger Mann, die Kinder sind schon brav, nur hier und da will die Lisbeth kein Gemüse essen und Lene lügt schon mal ein bißchen. Aber sonst geht's ganz gut, lieber heiliger Mann.«

Die Kinder standen und knieten im Halbkreis herum und schauten mit angstgequälten Gesichtern der Maske in die Augen.

Martha stand in der fernsten Zimmerecke und ließ den Kopf in tiefem Ernst auf die Brust niederhängen. Mit Gewalt riß der ganze Auftritt sie aus der Gegenwart ins märchenglänzende, reine Kinderland hinein. O wer noch einmal Kind sein könnte! Wer Kinder haben könnte in einem trauten deutschen Heim! Da war wahre Poesie, echte Liebe; das echte Leben trat ihr zum ersten Male entgegen und aller Schein zerrann in ihrer Seele.

Und wie Maria so lieb, unbefangen und kindlich mit den Kleinen sprechen konnte, sie, die Studentin, die sonst immer ernste Probleme wälzte und diskutierte. Hatte sie vielleicht doch am Ende recht, daß in jedem Weib vor allem die Mutter in der Knospe verborgen liegt, daß es darin erst sein tiefstes und natürliches Glück findet, wenn es Kinder beglücken darf?

Wenn Maria in diesem Augenblick in Marthas Herz hätte schauen können, sie wäre vor Freude gesprungen wie ein Kind.

Maria hatte ihre Gaben verteilt und die Sprüchlein und Gebete der Kinder lobend angehört. Nun wandte sie sich mit sanften Ermahnungen zum Gehen.

Martha blieb noch eine Weile und ließ sich von den Kindern die schönen Sachen zeigen und erklären. Zuerst war sie unbeholfen, sie wußte nicht recht, was sie mit den Kleinen anfangen sollte. Aber bald hatte sie es dem Fräulein und dem Mädchen abgesehen, und der kleine Bube turnte auf ihrem Schoß herum und ein Mädel hing sich an ihren Hals. Die Berührung der Kinderhände und Kinderwangen erweckte ein ganz neues, ungeahntes, wohliges Gefühl in ihr, und als ihr das kleine Mädel einen Apfel zum Geschenk darreichte, küßte sie die kleinen Fingerchen. Im Überschwang des plötzlichen Glücksgefühls preßte sie den Buben und das Mädchen an sich, und ihre Augen wurden feucht.

»Tante, warum weinst du?«

»Ich weine, ja ich muß weinen, weil mir der heilige Nikolaus nichts gebracht hat.«

»Bist du denn nicht brav gewesen?«

Wie ein Messerstich traf das Kindeswort in ihre Seele.

»Da, nimm doch, Tante, und weine nicht.«

Der kleine Bub drückte ihr einen Apfel in die Hand. Sie nahm ihn an, um dem Kinde die Freude zu machen, und steckte ihn in die Handtasche.

»So, Kinder, jetzt laßt's mir aber das gnädige Fräulein endlich mal in Ruhe. Ich muß auch mit dem gnädigen Fräulein sprechen.«

Die Erzieherin gab Martha ein Zeichen, ihr zu folgen.

»Nun lebt wohl, Kinder, seid recht brav, daß das Christkindl euch noch mehr schöne Sachen bringen kann.«

»Nein, Tante, du darfst noch nicht gehen!« – Sie hingen sich an ihren Arm und Rock.

»Kinder, jetzt seid's recht artig und gebt's schön ein Händl und laßt's das gnädige Fräulein gehen, sonst kommt's nicht wieder, wenn ihr nicht artig seid.«

Da wurden die Purzeln ruhig und streckten ihre Hände hin. Der kleine Bub stellte sich auf die Zehenspitzen und hob seinen Mund zu Martha hinauf; Martha bückte sich nieder und ließ sich auf die Wange küssen. Der Kinderkuß ging wie ein elektrischer Strom durch ihren ganzen Körper, wie eine neue Kraft, eine Berührung mit einer Macht aus anderer Welt. Sie stürmte hinaus, um ihre innere Bewegung nicht zu zeigen. Draußen erwartete sie schon Maria.

»Jetzt aber schnell, Kind, es ist die höchste Zeit. Fünf Minuten vor halb sieben. Um halb fährt der Zug, mit dem wir unbedingt zurückmüssen.«

Martha saß im Abteil des Vorortzuges stumm neben Maria. Beide waren so glücklich, daß ihre Wangen brannten und ihre Augen leuchteten. Martha meinte, Maria freue sich über die gelungene Bescherung der Kinder. Ja, das Glück, das sie den Kindern gebracht, war ein großer Teil ihrer eigenen Freude, aber am meisten war sie selig über die Wirkung, die das Abenteuer auf Martha ausgeübt hatte. Noch ein paar Berührungen mit dem wirklichen Leben, und die Hirngespinste, die sich in ihrem Kopf festgesetzt hatten, mußten zerreißen.

Als Martha nach dem Abendessen auf ihrem Zimmer saß und keine Eindrücke von außen sie mehr störten, zog sie sich ganz in ihr Inneres zurück und sann und spann an dem Seligkeitsgefühl, das ihr seit dem ersten Kinderkuß durch alle Adern und Nerven rann und wie ein sonniger Blumengarten vor ihren Augen stand. Sie wendete und drehte dieses Gefühl in ihrem Gemüt hin und her, wie ein Kind eine liebe Puppe hin- und herwendet und betastet und streichelt und immer wieder neue Schönheiten an ihr findet. – Wie aus weiter Ferne stierte ein weißes Gesicht in diese Träume hinein. Sie erschrak. Michailowitsch!

Mit aller Energie, die ihr zu Gebote stand, kehrte sie zu dem heute abend Erlebten zurück. Aber immer wieder war das Antlitz da. Sie fühlte, wie die Wonne, die durch ihre Adern floß, eine andere wurde und ihr Herz schneller zu klopfen begann. Sie weinte über sich selbst, aber sie wurde die tollen Phantasien nicht los, bis sie sich zur Ruhe legte.

Am Morgen erwachte sie mit benommenem Kopf. Es war ihr so öde und träge zumute. Zuerst konnte sie sich nicht ermannen aufzustehen. – Was war denn heute für ein Tag? Ach, Vorabend vor Weihnachten! Und wo war sie gestern gewesen? – Da streichelte ein wohliges Gefühl ihre Seele und das Gefühl verdichtete sich zu Gedanken und greifbarer Stimmung. – Ach! die Kinderweihnacht und der Kinderkuß!

Mit einem Ruck stand sie auf, und badete die Augen im kalten Wasser. Ein Strom von Kraft und Freude ging durch ihre Glieder. Sie fühlte sich in der unscheinbaren Überwindung mutig und groß und befreit von aller Seelenplage.

Kaum war sie mit der Toilette fertig, da klopfte es schon.

»Guten Morgen, Martha, wie geht es dir nach dem gestrigen Abenteuer?«

»Nun, wie du siehst, nicht schlecht. Das war doch schön gestern und ich danke dir nochmals für das Schöne und Liebe, das du mir da draußen bei den Kindern gezeigt hast.«

Maria strahlte. Sie schaute Martha tief in die Augen und erfaßte ihre beiden Hände.

»Und heute, Kind, wird ein noch viel schönerer Tag für dich sein. Heute gehst du wieder einmal beichten.«

Martha wich zurück.

»Wo denkst du hin? Nein, das ist noch viel zu früh. So weit bin ich noch gar nicht mit mir selbst. Ostern, ja, vielleicht Ostern; jetzt noch nicht. Ich kann mich noch nicht anders geben als ich bin, und in meinem Kopf stecken noch zu viele Schwierigkeiten.«

»Kind, die Schwierigkeiten werden nach Ostern auch noch in deinem Kopf stecken.«

»Nein, ich will unterdessen gründlich studieren.«

»Was willst du denn studieren? Die Zweifel, die du hast, sind alle miteinander keinen Schuß Pulver wert. Kehre ruhig zu dem zurück, was du im Religionsunterricht in deinen Institutsjahren gelernt hast. Das, was du dir in den paar Monaten zusammengelesen hast, ist ja doch nur dummes Zeug, das einem verständigen Menschen nicht imponiert.«

»Aber ich komme nun einmal nicht darüber hinweg.«

»Gewiß, ich achte deine Schwierigkeiten, insofern sie in deiner Seele wirklich groß erscheinen. An und für sich aber sind es Kindereien.«

»Über die ich aber zuerst hinwegkommen muß und zwar mit dem Verstand.«

»Meinst du wirklich Martha, daß deine Schwierigkeiten im Verstand liegen? Das weiß ich besser: sie liegen bei dir nur im Gemüt und Gefühl.«

»Aha, du hältst also auch, obschon du selbst ein Mädel bist, das Weib nicht ganz für vollwertig!«

»Wieder so eine alte Phrase! Ein Mädchen kann Verstandsschwierigkeiten haben, aber du, die Martha, hat nun einmal nur Gefühlsschwierigkeiten wie tausend andere. Das einfachste ist, du gehst einfach heute zur Beichte und morgen zur Kommunion und alle Plagen haben ein Ende. Du mußt einfach wieder die Religion praktisch üben, und du wirst sehen, daß so wieder der Glaube und die innere Festigkeit wiederkehrt.«

»Aber ich finde keine Befriedigung darin. Ich bin doch nun schon oft zur Messe gegangen und habe viel gebetet. Aber ich fühle mich so kalt und leer dabei.«

»Da haben wir wieder das alte Lied. Du willst immer etwas für dein Gefühl haben. Immer wieder die alte Selbstsucht. Gebet und Sakramente geben Kraft und Gnade, aber süße Gefühlchen sind nicht notwendig damit verbunden, die gehören gar nicht dazu. Wer eine so recht fromme Stimmung dabei hat, der soll sich freuen; aber nie und nimmer ist die fromme Stimmung eine notwendige Wirkung der Religionsübung. Du darfst dich vor allem nicht beklagen, daß du jetzt noch keine Wärme verspürst; du bist zu lange in der Kälte gestanden.«

»Aber ich kann nicht.«

»Du brauchst nur zu wollen, dann kannst du auch. Deine Seele treibt einfach den Leib mit seinen Gefühlen voran, und du wirst heute abend glücklich sein. Die Überwindung bringt dich um hundert Kilometer voran. – Gelt, Martha, wir gehen heute nachmittag zusammen?«

»Ich weiß nicht.«

»Gewiß weißt du's! Du brauchst nicht bange zu sein. Du bist noch ein ganz prächtiges Mädel, und alles soll gut gehen.«

»Leonore wird mich auslachen.«

»Komm mir nicht mit solch einer Ausrede. Die glaubst du ja selbst nicht. Wenn Leonore lacht, lachst du halt mit und feierst ein recht schönes Weihnachtsfest in deinem Herzen drinnen.«

»Ich will mir's überlegen. Aber versprechen kann ich dir nichts.«

»Gut, wenn ein so schlaues Mädel sich etwas überlegt, dann kommt schon etwas Gescheites heraus. Ich komme heute nachmittag um vier Uhr wieder. Dann gehen wir zusammen – und damit basta.«

Maria gab Martha die Hand mit einem kräftigen Schlag und ging.

Martha kam mit Maria Hand in Hand aus der Schwabinger Kirche. Sie hielten sich gegenseitig fest gefaßt. Maria schaute mit fast mütterlichem Stolz auf Martha herab. Das Paar war ein strahlendes Bild heiligster Freude und Liebe. Keine sprach ein Wort. Martha hüpfte alle paar Schritt auf dem hartgetretenen Schnee wie ein kleines Mädchen und drückte Marias Hand fester.

An der Giselastraße trennten sie sich. Maria faßte mit beiden Händen Marthas Rechte und blickte ihr voll Seligkeit in die Augen. Dann ein kurzes Händeschütteln, noch ein Ineinandertauchen der Augen und »Gute Nacht, Mädel.«

Martha ging im Eilschritt zur Theresienstraße hinunter. Am liebsten hätte sie laut gesungen und die ganze Welt umarmt. Den ganzen Tag war sie schon mutig und frohgestimmt gewesen, trotz Marias Morgenbesuch, dem ein Hin und Her in ihrem Kopf und Gefühl gefolgt war. Das frische Überwinden der Stimmung beim Erwachen hatte dem ganzen Tag sein Gepräge gegeben.

Und nun war sie selig. Der große Sprung ins neue Leben war wider Erwarten leicht gewesen. Jetzt mochte die Zukunft bringen, was sie wollte, sie würde sicher über alles hinwegkommen.

Als sie an der Theresienstraße angelangt war, kam ihr aus der anderen Richtung von der Ludwigstraße Tante Edeltraud mit Tante Therese entgegen. Langsam gingen sie Arm in Arm.

»Ach, grüß Gott, Martha! Auch zum Beichten gewesen?«

Wie konnte die Alte denn nur so taktlos fragen! Fast wäre Martha der Mund mit dem Verstand durchgegangen.

»Grüß Gott, Tante Hofrat; gewiß war ich auch zum Beichten. Vor einem solchen Fest muß man doch fromm sein.«

»Sieh mal da, das freut mich aber. Meine liebe Edeltraud kommt gerade auch aus dem Sendlinger Kirchlein.«

»Ach, Therese, nun sei doch still davon. Man muß mit solchen Dingen nicht soviel Aufhebens machen. Willst du nicht lieber ein wenig mit uns gehen. Ein halbes Stündchen hast du wohl noch Zeit.«

Sie ließ sich bewegen und ging mit den beiden hinauf.

Oben angekommen, schnupperte Martha in der Luft herum.

»Tante, ich glaube, das Christkind! ist hier gewesen.«

In der Tat lag ein feiner Tannenduft im Korridor. Tante Edeltraud öffnete die Türe des Salons. Ein dämmeriger Lichtschimmer kam ihr entgegen. Auf einem kleinen Tisch in der Zimmerecke stand ein brennender Christbaum, der aus den Spiegeln dreifach sein heimeliges Bild zurückwarf. Im selben Augenblick, wo die Türe sich öffnete, klang vom Flügel her in weichen Pianoakkorden das »Stille Nacht, heilige Nacht«. Leonore spielte es mit freudestrahlendem Auge. Tante Edeltraud stand steif und stumm und mit ihr Martha und die Hofrätin. Als sie eine Strophe gespielt hatte, sprang Leonore auf und faßte der Mutter Hand. –

»Liebe Mutti, dir habe ich das Weihnachtsbäumchen geputzt.«

»Aber, Leonore …!« –

»Nichts von Aber, Mutterl; reden wir jetzt nicht weiter darüber. Geht jetzt her und legt ab und dann plaudern wir hier ein bissel unter dem Bäumchen.«

Frau Trenkler konnte sich immer noch nicht fassen, aber sie verstand Leonore. Man legte ab und kam wieder im Salon zusammen. Leonore war gesprächig und plauderte und lachte. Man sprach von alten Zeiten und schönen Weihnachtserinnerungen mit Papa und aus Leonorens Kinderzeit. Merkwürdig, von Richard sprach man nicht. Er war in aller Phantasie, aber jeder vermied es, seinen Namen zu nennen oder auch nur auf ihn anzuspielen. Auch von Leonorens Einfall sprach man nicht mehr. Jeder fühlte, daß sie der Mutter eine Freude hatte machen und ihr über den Weihnachtsabend hinweghelfen wollen.

Plötzlich sprang Leonore auf: »Aber, Mutter, du hast ja noch gar nicht gesehen, was das Christkindl dir gebracht hat – – dir und mir.«

Sie nahm unter dem Tannenbäumchen einen Strauß Christrosen und Mistelzweige weg und reichte ihn der Mutter.

»Schau mal, was dazwischen steckt!«

Die Mutter nahm ein Kuvert heraus und schaute Leonore fragend an. »Von wem?«

»Ja, schau nur nach.«

Tante Edeltraud öffnete den Briefumschlag und entnahm ihm ein braunes, gewisses Etwas.

»Fünftausend Mark! Was soll das bedeuten?«

Leonore fiel der Mutter um den Hals. »Mutti, mein erster großer Verdienst. Ich habe das Capribild verkauft.«

Frau Trenkler stand noch immer da, die Scheine in der einen, das Kuvert in der anderen Hand.

»Wie? Das Capribild?«

»Ja, natürlich, Mutterl, bei Heinemann hab ich's ausgestellt gehabt und da hat's Frau Kommerzienrat Edelstein für ihren Herrn Gemahl als Weihnachtsgeschenk gekauft und die fünftausend Mark, just diese fünftausend Mark, habe ich dafür bekommen.«

Frau Trenkler ließ Geld und Kuvert auf den Tisch gleiten, faßte den Kopf Leonorens und drückte ihr einen langen Kuß auf die Stirne.

Tante Hofrat war aufgestanden. »Kind, da muß ich ja gratulieren. Fünftausend Mark für ein solches Bild! Aber wie kann man so ein Bild zum Weihnachtsgeschenk machen! Nach allem, was ich davon hörte, paßt es doch gar nicht dazu.«

»Jetzt nicht nörgeln, Therese, das verstehst du nicht.«

»Tante, heute streiten wir nicht darüber. Feine Menschen sind weitherzig und fassen das Leben ästhetisch und symbolisch auf. Wir nehmen überall das Schöne, wo wir es finden. So habe ich es auch mit dem Christabend und dem Weihnachtsbaum gemacht.«

Martha war mit Tante Therese aufgestanden und schaute Leonore mit staunenden Augen an. Hier war etwas, das sie nicht verstand. Die leichtfertige, oberflächliche, eitle und streitsüchtige Leonore und die sinnige Christbaumfeier konnte sie nicht zusammenreimen. Was hatte Leonore eben gesagt? Richtig, sie faßte als Künstlerin das Leben von der ästhetischen Seite und pickte das Schöne und Stimmungsvolle auf, wo sie es nur fand. Aber war das nicht inkonsequent? Sie wollte doch immer so konsequent sein!

Leonore tat Martha leid. Fast hätte sie um die Kusine geweint. Innerlich eigentlich ein prächtiges Mädchen, aber ganz veräußerlicht, nur an der Oberfläche, dem glänzenden Schein des Lebens haftend.

Martha zog sich ganz in das Innerste ihrer Seele zurück und verkostete da trotz der lachenden und plaudernden Umgebung ihr neues Glück.

Frau Hofrat reichte Tante Edeltraud die Hand und drückte sie unter Tränen. »Liebe Edeltraud, ich gratuliere dir zu dieser Stunde. – Jetzt muß ich aber gehen, sonst wird es mir zu spät. Genießt ihr euer Glück noch allein unter euch.«

Frau Trenkler erwiderte nichts, sie konnte das alles noch nicht fassen. Leonore versuchte die Tante noch mit einigen Höflichkeitsphrasen zurückzuhalten. Tante Therese aber blieb entschieden und ging. Auch Martha zog sich zurück. Sie mußte das Erlebte in sich verarbeiten.

Auf ihrem Zimmer machte sie kein Licht. Sie setzte sich in ihren Träumersessel und schaute in den heimlich roten Schein des Ofens.

Da stiegen Bilder aus der Kindheit Tagen in ihrem Geiste auf. Sie hörte ein Glöcklein klingen und sah Christbaumkerzen strahlen. Und unter dem Baum lagen blinkende Spielsachen, eine schneeweiße Hermelingarnitur, tausend glitzernde und süße Dinge, durch die der Vater seinem Kinde die Liebe bezeugen wollte, und mit denen er das kleine Mädchen glücklich zu machen vermeinte. Hätte er ihr weniger geschenkt, ihr aber dafür einen Kuß gegeben und nur ein Stündchen mit ihr gespielt, sie hätte mehr Vertrauen zu ihm gewonnen und ihn heute mehr geliebt. Sie wußte, daß sie den Vater lieben mußte und ihn auch liebte, aber sie fühlte es nicht. – Babette, ja Babette, die liebte sie wirklich fast wie eine Mutter, das fühlte sie in diesem Augenblick weh und warm. Welch selige Stunde, als die gute Alte die Puppe unter dem Christbaum hervorzog und sie ihr in die offenen Arme legte! – Erna! O Erna!

Sie sprang zum Schrank und nahm die Puppe und setzte sich wieder in den Feuerschein. Und indem sie sich wieder in die Kinderseligkeit hineinträumte, streichelte sie das seidene Haar der Puppe. Im Überschwang ihres Heimwehglücks preßte sie den Wachskopf an ihre Wange und weinte der entschwundenen Kinderweihnacht nach.

Nein, nicht dem Gefühl zu sehr nachgeben! Das Glück lag nicht nur im Traum über die Vergangenheit. Sie trug das Glück der Stunde im Herzen. Bitteres Weh hatte ihr das Zerreißen der Rosenkette des Schwarmes gebracht. Aber nun war sie frei. Nun fühlte sie wieder wie alle gesunden Menschen am heiligen Abend, sie war nicht mehr nur Weib, sie wuchs vor sich selbst wieder zum Tiefsten und Größten ihres Wesens, zum Kind. – –

Martha kam in der Ludwigskirche von der Kommunionbank. Ihre ganze Gestalt war Hingabe an ihren Gott. Er war ihren Spuren mit seiner Gnade gefolgt, leise, leise, wie der Engel schützend hinter dem Kinde schreitet. Viel hatte er ihr verziehen, weil sie viel überwunden hatte.

Nun kniete sie in der Bank neben Maria. Die war ganz in ihren Anblick versunken und betete immer wieder das Stoßgebetchen: »Nein, mein Heiland, laß mich nicht eitel werden auf Martha! Ich habe nichts getan, nur du hast alles getan und Martha selbst mit ihrer frohen Überwindung!«

Martha konnte keine Gedanken fassen und schöne Worte bilden. Sie trug nur im Geiste das göttliche Kind auf ihren Armen und küßte immer wieder seine Händchen und Füßchen.

Da setzte der Chor in gehauchtem pianissimo ein. Sie erhob ihre Stirn und ging ganz in dem Liede auf:

Bethlem, hörst den Heiland du?
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!
Will ein Bettlein warm zur Ruh!
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!
Will bei dir geborgen sein
Zart und lieb ein Kindelein:
Bethlem laß das Christkind ein!
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!

Joseph geht mit müdem Fuß,
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!
Doch vergebens ist sein Gruß:
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!

Und Maria weint und sinnt:
Wo soll betten ich das Kind,
Wenn ich keine Heimstatt find?
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!

Menschenherz, o hör das Fleh'n!
Laß den Heiland ein,
Laß den Herrn nicht draußen steh'n!
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!
Birg das liebe Jesulein
Warm in deines Herzen Schrein,
Ewig wird dann Weihnacht sein:
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!

»Guten Morgen, Leonore. Ich wünsche dir ein recht schönes Weihnachtsfest.«

»Ich dir auch, Martha. Setz dich gleich her. Ich habe auf dich gewartet; wir wollen zusammen frühstücken. Aber wo bist du schon in aller Frühe gewesen? Ich hörte dich eben von draußen kommen.«

»Ich war in der Kirche, liebe Leonore, wie schon oft seit einigen Wochen. Heute habe ich wieder kommuniziert.«

»Du bist doch ein exaltiertes Wesen, Martha. Nun meinte ich, es würde ein vernünftiger Mensch aus dir, und jetzt verfällst du wieder in solche Launen.«

»Laß mir die Freude. Wenn du deinen Grundsätzen treu sein willst, mußt du mich leben lassen, wie ich will. Aber streiten wir nicht, sonst verderben wir uns die Weihnachtsstimmung, die du gestern abend so schön hervorgezaubert hast. Heut wollen wir uns über das Christkind freuen.«

»Was heißt Weihnachtsstimmung und Christkind? Der Abend des vierundzwanzigsten Dezember ist eben eine konventionelle Gelegenheit, sich einmal traulich zusammenzusetzen. Man könnte ebensogut die Tag- und Nachtgleiche feiern wie den Geburtstag Christi. Wie machen's denn die anderen Völker, die unter anderer Sonne leben? Die feiern den Christian, geradeso wie die anderen kirchlichen Feste, wie Ostern, Pfingsten, mit viel äußerem Pomp und Spektakel. Nur der Deutsche macht aus dem Weihnachtsabend ein Fest der Familiengemütlichkeit. Und das kommt einfach vom Winter, der die Menschen in die warme Stube enger zusammenschmiegt. Man muß eben alles vom Standpunkt der Stimmungserzeugung ansehen und alles Störende von sich fern halten. Nur so lebt es sich froh und sinnvoll.«

»Dann können eigentlich nur wenig Menschen recht Weihnacht feiern. Nein, Leonore, wenn die Menschen keine höheren Ideale haben, dann werden ihnen auch bald die wenigen Stunden der Erhebung zum grauen Alltag, an dem sie in den alten Kleidern, in den alten Sorgen zu den alten mechanischen Verrichtungen gehen. Öd und leer sind ihre Seelen, in die nicht mehr die trauten Sterne und leuchtenden Sonnen vom Himmel des christlichen Jahres strahlen.«

»Du wirst poetisch, Martha. Aber die Poesie der Menschenliebe und Güte, die ich aus eigener Kraft, ganz auf mich gestellt, im Herzen trage, ist mir mehr wert, als deine Poesie der Anlehnung und schmählicher Unselbständigkeit. Das ist Einbildung und Gefühlsduselei. Weihnachten ist das Fest der deutschen Gemütlichkeit und Menschenliebe und nichts weiter. Allerdings – das gebe ich zu – findet dieses Fest seinen einheitlichen Ausdruck im Gottesdienst, das heißt in der Musik und den Liedern der Kirche. Deshalb will ich auch heute in die Kirche gehen. Gehst du noch einmal mit? In der Theatiner-Hofkirche wird die Missa solemnis aufgeführt. Wenn wir einen guten Platz bekommen wollen, müssen wir bald gehen.«

»Gerne gehe ich mit. Ich wollte sowieso noch einmal in einen Spätgottesdienst gehen.«

»Da lies aber erst einmal das Feuilleton der ›Münchner Neuesten‹.«

Sie reichte Martha das Blatt herüber.

»Leonore Trenklers Capribild! – Donnerwetter, Leonore, gratuliere!« Und sie las hastig weiter. Ein überschwenglicher Lobeshymnus. »Wer ist denn der Schreiber des Artikels? Darunter steht F. W.«

Leonore lachte hell auf. »Ja wenn du den kenntest! Fredi Wunsch heißt der Herr, ein begeisterter Schwärmer für meine Kunst.«

»Ein Professor oder ein Künstler von hier?«

Leonore lachte noch lauter und schlug sich auf die Knie. »Nein, Kind; das will ich dir später einmal erzählen. Jetzt kann ich es ja, da ich Schluß mit ihm mache. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.«

»Dunkel ist deiner Rede Sinn; ich verstehe nicht.«

»Brauchst du auch nicht. Denk nur an deinen Russen, dann kommst du vielleicht hinter das Rätsel.«

»Laß das, Leonore. Du mußt nicht immer auf meinen alten Dummheiten herumreiten.«

»Alte Dummheiten? Ich meine, die Sache ist nicht so alt. Oder machst du dir jetzt wieder Hoffnung auf Otto Reiber? Ich sehe, daß du wieder mehr mit Maria verkehrst. Vielleicht daher dein Gang nach Kanossa?«

Martha errötete bis unter die Haare. »Daß du aber auch nichts anderes denken kannst als so etwas! Komm, machen wir uns zur Kirche fertig.«

»Du hast recht, das Gespräch abzubrechen. Es hat auch für mich keinen Sinn, mich mit dir herumzustreiten und mich um deine Flausen zu kümmern. Ich habe jetzt einen Namen, und ein vernünftiger Mensch wird dich junges Ding überhaupt nicht mit mir vergleichen wollen.«

Marthas Blut wollte aufkochen. Sie meisterte es und lächelte: »Du weißt gar nicht, Leonore, wie mich dein Erfolg freut und welche Freude du mir gestern abend mit deiner Christbaumfeier gemacht hast. – Aber sollen wir nicht gehen?«

»Nun denn, aber wahre ein wenig deine Zunge.«

»Machen wir keine feierlichen Szenen; aber du tust mir wirklich einen Gefallen, wenn du mir immer offen und geradeheraus sagst, wenn ich eine Dummheit mache.«

In der Kirche kniete Martha fast während des ganzen Gottesdienstes. Leonore blieb aufrecht neben ihr stehen, um ihre innere Freiheit zu zeigen. Martha ließ sie gewähren, ärgerte sich aber, daß sie nicht wenigstens bei der Wandlung niederkniete.

Auf dem Heimweg redete Leonore überlaut und aufdringlich über die Schönheiten der Missa solemnis. Martha hörte ihr kaum zu. Sie war in den Anblick der Menschen auf der Straße vertieft. Überall strahlten ihr fröhliche, von der Kälte gerötete Gesichter entgegen. Kleine Mädchen, die mit Behagen das Kinn in den neuen Muff schmiegten und ihn mit der Hand streichelten. Frauen und junge Mädchen aus dem Volke mit neuen, steifen Kleidern und Hüten. Halbwüchsige Burschen mit den ersten funkelnagelneuen Glacés, die sie stolz zur Schau trugen. Alles mit Lachen und fröhlichem Grüßen. Hier und da auch ein Paar, Arm in Arm. Er mit Zylinder, sie im neuen Kleid, neuen Schuhen, beide mit leuchtenden Augen, nur füreinander lebend und die Umwelt nicht beachtend – Brautpaare, die gestern abend unter dem Christbaum ihre Verlobung gefeiert hatten und deren Namen heute morgen, von einer seinen Linie umrandet, zum ersten Male vereint in den Zeitungen standen. Von all den Menschen ging ein warmer Hauch aus. Heute konnte keiner etwas Niedriges denken, jeder dachte vom anderen auch nur Gutes und Liebes.

Allmählich verklangen die Akkorde der Missa solemnis, die ihr noch im Ohr lagen, in Marthas Seele. Von den fröhlichen Paaren ging etwas wie geheime Kraft in sie über. Ein süßes Heimweh nach Liebe, ein wonnig warmer Traum zog wieder in ihr Gemüt ein. Und es wurde ihr so schwer ums Herz, fast zum Weinen. Sollte sie den süßen Schwarm denn wirklich aufgegeben haben?

Als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg, atmete sie erleichtert auf, endlich wieder allein sein zu können. Irgend etwas lastete wie ein Alp auf ihr, das wollte sie jetzt abschütteln. Hastig legte sie Hut und Mantel ab und stürzte in ihr Zimmer. Sie suchte nach einem Buch, das sie zerstreuen könnte, das zum Weihnachtstag paßte, dessen Äußeres schon etwas Poetisches und Feines an sich hatte und das aus seinen Zeilen den Duft der Gemütlichkeit und Liebe strömte. Ja, da hatte sie eins, das ihr Maria neulich gebracht: »Traum und Leben, Gedichte einer früh Vollendeten.« Sie schlug das Buch aufs Geratewohl auf:

»O, redet nicht von Glück – auch nicht ›im Kleinen!‹
Und sprecht von Liebe nicht! Das macht mich weinen.
Sprecht mir von Armen, Kranken, Bösen, Trüben,
Damit ich trösten, helfen kann – und lieben.«

Noch einmal las sie die Verse, verstand aber auch jetzt noch nicht. Sie blätterte ein paar Seiten um:

»Immer neu dies müde Ringen,
Weher Kampf in jeder Nacht!
Kommt der Tag auf weißen Schwingen,
Schmückt man sich und schwatzt und lacht.

Tief im Herzen die Tragödie,
Vor den Menschen kühl und klug,
Und so spielen wir Komödie
Bis zum letzten Atemzug.«

Sollte das wahr sein? Aber die es geschrieben hatte, mußte es wissen. Ach ja, und schließlich sagte Maria ja dasselbe. War das wirklich die Liebe und das Ende des duftigen Blütentraumes? Dann hatte Maria recht, wenn sie immer wieder von der Kraft in der Liebe sprach.

Das Mädchen klopfte und steckte den Kopf herein. »Die gnädige Frau laßt das gnädige Fräulein bitten, es sei Besuch da.«

»Nun denn in Gottes Namen.«

Martha ging ärgerlich hinüber. Sie öffnete die Türe des Salons und erschrak so, daß sie meinte, das Herz bliebe ihr stehen. Ein hoher, stattlicher Offizier in Paradeuniform kam auf sie zu.

Otto Reiber.

Mit aller Kraft, die ihr zu Gebote stand, nahm sie sich zusammen und reichte ihm die Hand, die er langsam hob und küßte.

»Kennen gnädiges Fräulein mich wieder? Ich wünsche Ihnen ein recht schönes Weihnachtsfest.«

»Ich danke, Herr Oberleutnant.«

Sie fühlte, wie Leonore sie mit durchdringenden Blicken prüfte.

»Nicht wahr, Herr Oberleutnant, unsere kleine Kusine hat sich in der Großstadtluft zur Dame entwickelt.«

Leonore sagte das mit einem leisen Ton der Zutraulichkeit zu Otto und spitzen Spottes gegen Martha.

»Sie hat sich nur etwas überanstrengt bei der Lektüre. Aber ich denke, sie wird ihre Bildung jetzt bald vollendet haben, so daß sie wieder der alte Wildfang wird.«

Maria ergriff dabei Marthas Hand und sah sie mit großen Augen eindringlich, aber freundlich an. Martha verstand, tat aber, als habe sie nichts gemerkt.

»Bitte, lassen Sie sich nicht in Ihrer Unterhaltung stören.«

Man nahm wieder Platz. Maria schob Martha einen Stuhl so hin, daß sie Otto gegenüber zu sitzen kam. Leonore saß neben Martha und verschlang Otto mit leuchtenden Blicken.

»Bitte, Herr Oberleutnant, erzählen Sie uns etwas von Berlin.«

»Ja, was denn, gnädiges Fräulein? Ich weiß eigentlich von Berlin nicht viel. Durch die Museen, die Sie als Künstlerin ja am meisten interessieren werden, bin ich nur so mal durchgelaufen. Im Theater bin ich nicht gewesen, das haben wir ja hier in München wenigstens ebenso gut. Doch halt, einmal bin ich in Reinharts Inszenierung der Iphigenie gewesen. Gräßliches Getue. Und sonst? Was wollen Sie sonst noch wissen? Den Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße habe ich gemieden. Kaum, daß ich die Linden kenne. Mein Weg führte mich fast nur von der Wohnung zur Kriegsakademie und zurück, und der war ziemlich kurz.«

»Ach, dann erzählen Sie uns doch etwas von Ihrem Studium.«

»Das dürfte Sie wohl kaum interessieren, gnädiges Fräulein, das ist alles nur langweilige Wissenschaft.«

»Gerade das interessiert mich ungemein. Ich finde übrigens, daß das, was Sie studieren, nicht eine Wissenschaft, sondern eine Kunst ist. Die Kriegskunst ist die höchste Kunst, die ich kenne; in ihr werden alle menschlichen Fähigkeiten betätigt, der Feldherr durchtränkt das edelste Material, den Menschen selbst, mit seinem Geiste und formt die Massen mit einem Wink seines Fingers zu den Gebilden, deren er für seine Ziele bedarf.«

»Das ist sehr geistreich gesagt, gnädiges Fräulein. Ich erwarte viel von einer Ästhetik des Krieges, die Sie einmal schreiben werden.«

»Ich finde, die ganze Ästhetik des Krieges,« wagte Martha einzuwerfen, »hat Stuck in seinem Bild in der Neuen Pinakothek klassisch schön zusammengefaßt.«

»Ganz Ihrer Meinung, gnädiges Fräulein. Jedenfalls wird es ebenso schwer, ja unmöglich sein, eine Ästhetik des Krieges zu schreiben wie eine Ästhetik der Mathematik.«

Damit hatte Leonore ihre Abfuhr. Sie biß sich auf die Lippen und wollte mit erzwungenem Lächeln ihren Gedanken weiterspinnen. Da erhob sich Otto und mit ihm Maria. Sie wollten gehen.

»Ach, Herr Oberleutnant, wollen Sie mir mit Maria nicht einmal die Ehre geben, mein Capribild zu besehen?« –

»Ach ja, ich meine aber, Sie hätten es schon verkauft.«

»Allerdings, aber ich habe noch das Recht, es bei Edelsteins Interessenten immer wieder zu zeigen.«

»Sehr angenehm, gnädiges Fräulein. Wenn es mir eben möglich ist, werde ich nicht verfehlen. Aber Sie müssen wissen, daß ich morgen die Kompagnie eines plötzlich erkrankten Kameraden übernehmen muß. So kann ich für die nächste Zeit nicht nach Berlin zurückgehen. Nebenbei will ich dann noch privatim fleißig studieren. Aber wie gesagt, – wenn ich eben kann.«

»Meine besten Glückwünsche. O wie schön, daß Sie jetzt wieder in München bleiben!«

Das sagte sie mit natürlicher Freude, aber sie fühlte die Ablehnung aus Ottos Antwort heraus, wollte aber den letzten Strohhalm vor dem Versinken nicht fahren lassen.

Otto Reiber nahm die dargebotene Hand der Frau General. – »Darf ich hoffen, gnädige Frau, Sie mit den jungen Damen auf unserem Silvesterball zu sehen? Die offizielle Einladung ist Ihnen sicher zugegangen.«

Sie wollte etwas erwidern, aber Leonore kam ihr zuvor.

»Ach ja, Mutterl, den Ball dürfen wir doch nicht versäumen. Tu dir selbst die Liebe an und verschaff dir wieder einmal eine Abwechslung.«

Otto warf ihr einen kurzen Blick zu. Da verstand sie erst, daß sie in ihrer Selbstsucht eine große Taktlosigkeit begangen hatte. Aber die Mutter wagte nicht zu widersprechen. Jetzt war es ja doch einmal heraus, was sie seit Tagen verschwiegen hatte, daß das Regiment eine Einladung geschickt hatte, offenbar auf Veranlassung Otto Reibers. Wollte sie jetzt noch Leonore widersprechen, so konnte sie sich auf ein wochenlanges Schmollen und Brummen gefaßt machen. Deshalb sagte sie ruhig:

»Sie werden verstehen, Herr Oberleutnant, daß mir der Sinn nicht mehr nach solchen Vergnügen steht, aber um der Kinder willen werde ich mir die Ehre geben.«

»Meinen verbindlichsten Dank, gnädige Frau,« und er wandte sich Martha zu. Er hielt ihre Hand eine Sekunde länger als die Tante Edeltrauds und sah ihr dabei tief in die Augen, als suche er darin eine Antwort auf eine Frage. Martha konnte den Blick nicht ertragen, sie senkte die Lider und entzog ihm die Hand. Aber er fand doch noch während dieser Bewegung Zeit, ihr zu sagen:

»Gnädiges Fräulein werden mir wenigstens zwei Tänze reservieren.«

Martha wußte nicht, was sie sagen sollte. Am liebsten wäre sie geflohen und hätte sich in irgend einer Ecke des Hauses versteckt. Jeder Blick Ottos traf sie wie eine Anklage. Sie sagte etwas, sie wußte selbst nicht was; nur fühlte sie, daß es etwas Dummes gewesen sein mußte.

»Sie sind sehr zeitig mit Ihren Engagements, Herr Oberleutnant.«

Sie stand wie in einem roten Nebelmeer und wußte nicht mehr, was um sie her geschah. Die Stimme Marias, die sich verabschiedete, hörte sie nur wie aus weiter Ferne.

Jetzt kam ihr zum Bewußtsein, daß der Besuch fort war. Sie ließ sich auf einen Sessel fallen und träumte vor sich hin. Da klatschte Leonore in die Hände:

»Das hast du gut gemacht, daß du ihm einen draufgegeben hast.«

»Wer? Was? Ich? Wem einen draufgegeben?«

»Nun, er bat dich doch um zwei Tänze, und da hast du ihm gesagt, er sei sehr zudringlich oder so ähnlich. Ich weiß nicht; der ist nicht mehr der alte, liebe Otto Reiber. Er scheint etwas von dem Berliner Geist mitbekommen zu haben, der sich immer besser dünkt als andere Menschen. Und ich halte doch an meiner Theorie vom Kriege fest, mögen tausend Leutnants von der Berliner Kriegsakademie sagen, was sie wollen.«

Leonore war innerlich wütend. Am liebsten hätte sie geheult vor Enttäuschung und hilflosem Grimm. Aber dieser Martha zeigen, wie sie sich über die Abfuhr ärgerte, nie und nimmermehr! Der Leutnant schien aber auch blindlings in die Kusine verschossen zu sein. Na, jedenfalls würde nichts daraus werden; es würde ihr, der großen Künstlerin, doch ein Leichtes sein, das grüne Ding auszustechen.

Allmählich war Martha wieder zum Bewußtsein gekommen. Noch meinte sie, den Blick Ottos zu fühlen. Und der Blick entzündete in ihrer Seele wieder das alte Feuer. Es flackerte hin und her und leckte mit seiner Flamme immer höher und weiter um sich, bis es ihr ganzes Wesen erfüllte. Da sprang sie auf und eilte auf ihr Zimmer.

Nun konnte sie ihrem Seligkeitsgefühl die Zügel schießen lassen. Otto blieb in München! Sie könnte ihn öfter sehen. Nun war ihre Liebe geborgen. Wie gut war doch Maria, daß sie ihr all das dumme Zeug ausgeredet hatte! Otto, ja Otto, den durfte sie doch lieben, sich ganz in ihn versenken, ganz in ihm leben. Otto, das Ideal! Nun hatte sie wieder etwas zu träumen, zu ersehnen, ein Gefühl, das sie berauschte und sie über alle Kleinlichkeiten des Alltags hinwegtrug. Sie kam sich groß und stark vor in ihrer Liebe und merkte nicht, daß sie wieder ihrem Schwarm, der Verliebtheit anheimgefallen war.

So lebte sie die ganze Woche. In Gedanken an Otto ging sie zur heiligen Kommunion, im Gedanken an ihn war sie fröhlich und setzte sich über die Launen Leonores hinweg. Das Leben war ihr nur ein endloser Rosenpfad in Maiensonnenschein.

In den letzten Tagen der Woche fieberte sie auf den Ball. Zwei Touren hatte sie Otto versprochen. O dabei würde es sicher nicht bleiben! Mit einem anderen Herrn würde sie sicher nicht tanzen können und erst recht nicht mit einem anderen schöntun. Nein, darüber war sie hinaus. So würde sie sich nicht wieder wegwerfen. Nur für einen war sie da und für den ganz und ungeteilt.

Der Kasinosaal füllte sich nach und nach. Martha, zur Linken Tante Edeltrauds, schlenderte durch die sich drängenden Ballgäste und spähte unauffällig, wie sie meinte, nach Otto. Leonore beobachtete sie mit giftigen Blicken.

Otto kam. Marthas Wangen röteten sich; sie verschlang ihn mit einem Blick ohne sich ihrer selbst bewußt zu werden. Maria stand mit einigen Damen und Herren unbemerkt an der Seite und beobachtete Martha.

Beim ersten Tanz verlor sich Martha ganz an Otto. Äußerlich vergab sie sich nichts; sie schien vollkommen Herr über sich. Aber ihre ganze Seele, ihre ganze Persönlichkeit gab sie an Otto hin und versank in Glückseligkeit.

Der Oberleutnant fühlte das instinktiv. Sein Gesicht wurde ernst. Innerlich tat ihm Martha leid. Seine Liebe zu ihr war groß und stark und reif, eine Liebe der heiligsten Hochachtung. Deshalb tat ihm das Mädchen leid und er rang mit sich, daß er die Hochachtung vor ihr nicht verliere.

Nachdem er Martha zu Tante Edeltraud zurückgeführt hatte, kam er den ganzen Abend nicht wieder.

Martha gab einem Herrn nach dem anderen einen Korb. Ihr Atem ging schwer und ihre Augen wurden feucht. Nur mit aller Kraft hielt sie die Tränen zurück. Die Musik und die tanzenden Paare und all das Licht und all der Glanz kam ihr vor wie ein Hohn auf ihre zerschmetterte Seele. Leonore war in der übermütigsten Laune. Zwar hatte Otto auch sie nicht eingeladen. Aber sie tröstete sich damit, daß er Martha nicht mehr abholte, überhaupt nicht mehr unter den Tänzern zu sehen war.

Da kam Maria und setzte sich an Frau Trenklers Tisch. Ein Blick auf Martha sagte ihr genug. Sie legte unter dem Tisch ihre Rechte auf Marthas Knie und faßte ihre Hand und drückte sie kurz. Martha schaute sie mit einem scheuen Blick an und senkte sofort wieder die Augen. Aber der Händedruck hatte ihr wohlgetan. Sie fühlte Marias Liebe und Verständnis für ihr Leid.

»Kind, geh jetzt bald nach Hause. Es wird dir zu schwer. Morgen früh komme ich gleich zu dir.«

Marthas Brust hob sich schwer, ihre Lider und Lippen zuckten. Maria stand auf und verabschiedete sich kurz. Sie sah, daß sie nicht länger bleiben durfte, sollte Martha nicht alle Kraft verlieren.

Kaum war Maria fort, als auch Martha aufsprang.

»Tante, ich bin nicht wohl, entschuldige mich.« Dann zog sie ihren Schal über die Schulter und stürmte hinaus. Tante Edeltraud hinter ihr drein zur Garderobe.

»Was ist dir, Kind?«

»Nicht hier, Tante, nur fort, nach Haus!«

Der Portier pfiff ein Auto herbei, und fort ging es.

Im Wagen brach Marthas letzte Kraft zusammen. Sie weinte herzerschütternd. Frau Trenkler wollte sie trösten, aber es war kein Wort aus ihr herauszubringen.

Zu Hause angekommen stürzte sie, ohne ein Wort zu sagen, auf ihr Zimmer und schloß die Türe hinter sich. Dann warf sie sich über das Bett, so wie sie war und weinte, bis ihr die Tränen versiegten und hämmernde Kopfschmerzen sie wieder zu sich selbst brachten.

Maria hatte sie betrogen. Sie hatte ihr zu viel getraut. Nun hatte sie gar nichts mehr vom Leben. O wäre sie nur tot und all die Plage zu Ende! Sie war zum Leid geboren und niemand verstand sie in ihrem Schmerz.

Der Tag dämmerte herauf. Es klopfte, sie öffnete nicht.

»Kind, geht's dir besser! Laß mich herein!« Das war die Tante.

»Ja, es ist wieder gut, laß mich jetzt nur schlafen. Ich stehe schon auf, wenn es Zeit ist.«

Sie vergrub sich wieder in ihren Schmerz. Die Stunden verrannen. Es war lichter Tag, da erschrak sie. Noch immer im Ballkleid! Sie zog sich um und ging zum Frühstückszimmer hinunter. Hoffentlich war Leonore noch nicht da! Herrgott, da saß sie schon bei der Zeitung mit Tante am Tisch!

»Na, du hast dich gestern mal wieder fein benommen. Das kommt wohl von deiner Frömmigkeit. Den ganzen Ball hast du Mama und mir verdorben. Wenn du noch einmal eine solche Szene machst, kannst du wieder nach Hause in dein Nest Mülhausen gehen. Ich glaube sowieso, daß deine Bildung hier abgeschlossen ist.«

Die Mutter legte ihre Hand auf Leonores Arm. »Bitte, Leonore, nicht so spitz! Du weißt ja gar nicht, was dem Kind gefehlt hat.«

»Pah, und ob ich das weiß!« Dabei schob sie die Tasse von sich und vergrub sich wieder in die Zeitung. Aber nur einen Augenblick; dann ließ sie das Blatt wieder sinken und sagte lächelnd mit einem Seitenblick auf Martha:

»Weißt du, Mama, wenn einmal die Liebe über so ein Ding kommt, dann ist es unberechenbar; dann setzt sie sich über alle Schranken des Anstands und der Rücksichtnahme hinweg. Ich meine, auch du solltest dir so etwas verbitten.« Damit stand sie auf und ging hinaus.

Martha schwieg und wischte sich die Augen mit dem Taschentuch.

»Kind, sei Leonore nicht böse! Sie ist etwas überarbeitet und meint, du hättest ihr gestern die Freude verdorben. Was ist dir denn, Martha?«

Martha schluchzte: »Ach, Tante, ich weiß es selber nicht. Leonore müßte mir auch nicht immer so kommen.«

»Nein, Kind, das ist es eigentlich nicht, warum du weinst. Was war dir denn gestern abend?«

Mit einem Strom von Tränen kam es aus ihrem Herzen: »Otto … Otto … hatte mir zwei Tänze versprochen … und nur…«

»Sei still, Kind, das habe ich gleich geahnt, daß das der Grund war. Aber er hat sicher nichts dabei gedacht. Du mußt dir auch nicht solche Gedanken in den Kopf setzen.«

»Tante, ich kann ja nichts dafür.«

»Das weiß ich; aber sei jetzt still. Ich muß gleich einen Ausgang machen; da kannst du mit mir gehen. So bekommst du andere Gedanken.«

»O Tante, das geht nicht so leicht. Laß mich hier; ich will etwas lesen und mich so zerstreuen. Maria will auch nachher kommen.«

Tante Edeltraud wußte nichts mehr zu sagen. Sie konnte dem Mädchen keine Kraft geben. Das fühlte sie und sprach von gleichgültigen Dingen.

Martha hörte nicht zu. Sie trank eine Tasse Kaffee und ging ihren eigenen Gedanken nach. Dann zog sie sich zurück. Auf ihrem Zimmer kramte sie geistesabwesend auf ihrem Schreibtisch herum und faßte ein Buch nach dem andern, ohne eins zu lesen. Welchen Zweck hatte das Leben jetzt für sie? Nun war ja alles aus. Sie hörte nicht, wie es an der Türe klopfte. Plötzlich stand Maria vor ihr.

»Guten Morgen, Martha! Nun, wie gehts?« Das klang so fröhlich und siegesgewiß, daß Martha stutzte und die Freundin groß anschaute.

»Ach geh; du weißt ja, was mir ist. Jetzt ist alles aus. Du hast mich betrogen.«

Sie ließ sich auf das Sofa fallen und weinte. Maria setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schulter und faßte ihre Hand.

»Sei ruhig, Martha, es wird wieder alles gut. Schau mal, Kindle, du hast dich bis jetzt so prächtig gehalten, warst ein starkes Mädel. Ich hab viel Freude an dir gehabt und – Otto auch. – Ruhig Kind, nicht so arg weinen! – Aber deine Überwindung kam nicht ganz aus deiner Kraft heraus. Du hast das Tiefste in dir noch nicht gefaßt.«

»Ach, red mir doch nichts vor! Hätte ich dir nicht geglaubt, dann wäre ich heute glücklich.«

»Sag mal, Kind, warst du in den letzten Wochen nicht recht glücklich in deiner Freiheit? – Ehrlich, Martha!«

Martha schwieg.

»Nun, keine Antwort ist auch eine Antwort. Aber du hast wieder dem Gefühl zu sehr die Zügel schießen lassen. Auch bei deiner religiösen Betätigung war so ein bißchen Schwärmerei. Du mußt halt immer ein klein wenig zum Schwärmen haben. Du hast dich jetzt wieder ganz in Otto verloren. Nur er steht den ganzen Tag in deinem Geist, in deiner Phantasie, und im Gedanken an ihn betest du und gehst zur heiligen Kommunion.«

»Ach, laß das!«

»Nein, das lasse ich nicht. Das ist ja alles nicht bös und ein so schöner Blütentraum. Das Schöne daran will ich dir gar nicht nehmen, aber ich möchte dich als ganzen Menschen sehen, der auch Herr über seine Verliebtheit ist. Lieben darfst du, aber verliebt sein nicht. – Höre, Martha, was ich dir sage: Otto liebt dich, und zwar tief und rein, und gerade deshalb hat er dir gestern abend wehe getan. Er schickt mich, dir das zu sagen.«

Martha sprang auf und fiel Maria um den Hals. »O, sag das noch einmal! Ich will's noch einmal hören.«

Maria faßte Marthas Hände. »Ja, Kind, wenn's dir Freude macht, will ich's noch einmal sagen: Otto liebt dich sehr, er liebt dich heilig, wie ein Mann nur ein Weib lieben kann, und deshalb verlangt er etwas Schweres von dir. – Setz dich nieder und erschrick nicht. Du hast dich gestern abend beim ersten Tanz zu sehr gehen lassen. Nicht äußerlich, nur innerlich. Und das hat er wohl gefühlt. Glaube mir, Martha, die Herren haben darin ein sehr feines Gefühl. Aber Otto kann das nicht leiden. Das frißt an der Hochachtung, die er vor dir haben will und muß, wenn er dich zur Braut nehmen will. Deshalb verlangt er von dir, daß du möglichst bald aus München fortgehst, nach Hause. Er will eine Zeitlang nicht mit dir zusammenkommen. Du sollst in aller Stille und fern von ihm deiner Liebe die Kraft geben, die dich zu einem Charakter, einer Persönlichkeit macht. Das kannst du nicht hier, wo alles dich an ihn immer wieder erinnert. Hier träumst du doch nur immer von ihm und verlierst damit die beste Zeit und Kraft, an dir zu arbeiten, daß du Herr über deine Stimmungen und Launen wirst.«

»Das kann ich nicht! Dann wird Leonore triumphieren. Noch heute morgen hat sie mir sehr bissig gesagt, ich solle wieder nach Mülhausen gehen.«

»Laß Leonore denken, was sie will. Das berührt dich nicht. Das ist lediglich ihre eigene Sache. Durch Leonores Gedanken wirst du nicht besser oder schlechter als du bist.«

»Ha, was würde die sich freuen!«

»Und nach Otto angeln, meinst du, nicht wahr? Aber das ist alles vergebliche Liebesmüh. Otto liebt dich, ich sage es dir noch einmal, und ich möchte euch beide recht glücklich sehen. Nur in deiner Hand liegt es, daß sich dieser dein und mein Wunsch erfüllt.«

»Maria, ich gehe. – Und wann darf ich wiederkommen?«

»Du bist doch ein Kind. Aber ein gutes Kind! Das Wiederkommen wird sich schon finden, wenn du tüchtig an dir gearbeitet hast und nicht mehr in allen Himmeln schwärmst. Auch mußt du sorgen, daß du ein tüchtiges Hausmütterchen wirst. Reichlich Gelegenheit wirst du ja zu Hause bei deiner alten … wie heißt sie doch noch?«

»Babette …« Martha lachte herzlich auf.

»Ja, bei deiner alten Babette wirst du eine gute Lehre machen können. Denn weißt du, Otto will kein Püppchen, sondern eine tüchtige Frau haben.«

»Machen wir!« Und Martha schlug Maria mit aller Kraft auf die Schulter, faßte ihren Kopf mit beiden Händen und drückte ihr einen Kuß auf die Wange. »Maria, du bist doch die Beste auf der Welt! Jetzt mußt du mir nur helfen, einen feinen Brief an Papa aufsetzen, daß er mich kommen läßt.«

»Ach das machst du nicht selbst. Laß das die Tante machen. Sie muß dich bei Papa tüchtig loben und sagen, du brauchtest Erholung für deine Nerven, die du durch das aufreibende Leben etwas angestrengt hättest. Das ist ja auch wahr, und ich möchte den Papa sehen, ob er da seinem Töchterchen nicht nachgibt. Schließlich ist ja jeder Papa in sein Töchterchen verliebt, besonders, wenn es das einzige ist.«

Martha lachte. »Da kennst du Papa schlecht. Der ist nur Geschäftsmann. Für mich hat er gar kein Verständnis. Ich brauche Liebe, und die gibt er mir nicht.«

»Das ist nur Einbildung. Aus Liebe hat er dich ja hierher geschickt. Du sollst sehen, wie gut ihr euch daheim verstehen werdet. – Jetzt muß ich gehen. Heute nachmittag komme ich wieder. Dann wollen wir Reisepläne machen.«

»Ja, das ist so schön, das tue ich so gerne.«

»Darf ich Otto grüßen?«

Martha schaute Maria mit lächelndem Gesicht von unten herauf an und schlang die Arme um ihren Hals und hielt sie so eine Weile fest, bis Maria sich sanft von ihr losmachte.

IX.

Martha ging mit dem Vater den schneebedeckten Weg zum Hause hinauf. Das Mädchen stapfte mit den Koffern vor ihnen her. Herr Halden war ungewöhnlich aufgeräumt, er schlug mit seinem Stock Kreise in die Luft. Seine Tochter war ihm eine neue Entdeckung. Sie stand ihm jetzt nach der langen Abwesenheit als erwachsene, gleichberechtigte Persönlichkeit gegenüber. Dieses vollerblühte Mädchen mit dem ernsten Zug in dem heiteren Gesicht, war nicht mehr das Kind, das er früher aus dem Institut abgeholt halte. Er war tief innerlich stolz auf Martha, wie sie neben ihm ging als vollendetes Ebenbild seiner verstorbenen Gattin. Immer wieder mußte er sie von der Seite anschauen und mit jedem Blick wuchs seine Freude.

Martha erzählte begeistert von München. Der Takt des fahrenden Schnellzugs lag ihr noch im Ohr und trieb ihre Rede zu einer nervösen Hast an, die ihr etwas Frisches, Kühnes gab, ein Gemisch von Kindlichkeit und Weltgereiftheit. Es war weniger das, was sie sagte – nur die gewöhnlichen Grüße und Verwandtenberichte –, als vielmehr der Klang ihrer Stimme und der Tonfall der etwas angemünchnerten Sätze, was ihn so ansprach.

An der Haustreppe wartete Babette. Martha lief ihr entgegen. Die Alte drückte sie an sich und küßte sie auf die Stirne.

»Aber Kindchen, wie bist du groß und stattlich geworden! Wenn das deine Mutter – Gott hab sie selig – sähe!«

Da kam Bubi um die Hausecke angefegt. Er wußte sich nicht zu halten vor Freude. Martha standen die Tränen in den Augen. Sie neigte sich zu dem Dackel hinunter und streichelte ihn. Der Hund faßte ihren Kleidsaum, als wolle er sie voran ins Haus zerren.

Auf der Treppe blieb Martha stehen und hielt Umschau über die Hügel und Täler, die in winterlichem Abendduft dalagen. Hier und da brannten schon die Lichter in den Häusern auf und zwinkerten ihr freundlich zu, als wollten sie sagen: »Gelt, daheim ist's doch am allerschönsten! Schau wie die Häuschen sich an die Hügel schmiegen, wie Kinder an die Wange der Mutter, wie sie sich ins Tal einkuscheln, wie die Kleinen in die mollige Wiege.«

Als Martha in ihr Mädchenstübchen trat, leuchtete ihr das Feuer im Ofen traulich entgegen und auf dem Schreibtisch stand ein zierliches Myrtenbäumchen.

»Die gute Babette! Sie weiß nicht, was sie mir da hingestellt hat.« Sie streichelte das Bäumchen und die weiße Seidenschleife an seinem Stämmchen und dachte dabei an Otto. Nein, das hätte sie sich nicht träumen lassen, daß das große Opfer ihr so leicht, so leicht gemacht würde. Und wie nett und lieb Papa war! So ganz anders wie früher. Sollte er schon etwas wissen? Jedenfalls mußte sie es ihm heute abend gleich sagen; das hatte ihr Maria noch streng eingeschärft.

Beim Abendessen erzählte der Vater ihr vom Geschäft, von seinen Aussichten und Plänen zur Erweiterung der Fabrik. Er sprach wie mit seinesgleichen. Martha verstand nicht viel davon, aber sie fühlte eine große Freude über des Vaters Vertraulichkeit. Sie spürte, wie er ihr seine Liebe zeigen wollte.

Nach dem Essen – Babette hatte für Martha ihre alten Kinderlieblingsspeisen bereitet – öffnete Martha die Zwischentüre zum Musikzimmer und setzte sich an den Flügel. Sie spielte ein paar Stücke von Chopin, die sie auswendig konnte. Herr Halden lehnte sich behaglich in den Klubsessel zurück und schaute unverwandt auf das große Ölbild seiner verstorbenen Gattin, das ihm gegenüber an der Wand hing.

Martha wurde es immer heißer und heißer. Ihr Herz schlug hörbar. Sie suchte ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Spiel zu fesseln, aber ihre Aufregung wuchs von Takt zu Takt. Plötzlich brach sie ab und klappte den Flügel zu.

»Papa, jetzt wollen wir noch ein wenig miteinander plaudern. Ich habe noch etwas auf dem Herzen, was ich dir sagen muß.«

»Wenn du ein Bub wärst, würde ich jetzt auf das Eingeständnis von Schulden gefaßt sein. Da du aber ein Mädel bist, so wirst du wohl ein neues Kleid haben wollen.«

»Ach, Papa, das sind schlechte Witze aus den Fliegenden Blättern. Nein, ich habe dir wirklich etwas Ernstes zu sagen. Es muß doch einmal heraus; deshalb sage ich es am besten gleich jetzt.«

»Kind, du wirst ja feierlich.«

»Ja, Papa, es ist auch etwas Feierliches. Ich liebe einen Offizier in München und er liebt mich.«

»Und um mir das zu sagen, bist du hierher gekommen?«

»Ja und nein. Ich kam, um mich hier in aller Stille bei dir und durch die Hilfe im Haushalt auf die Ehe vorzubereiten.«

»Das sagst du so selbstverständlich und fragst mich nicht einmal, was ich dazu sage.«

»Otto Reiber ist ein herrlicher Mann. Du wirst sicher deine Zustimmung geben. Schau Papa, du willst ja mein Glück. Otto Reiber, Oberleutnant und Kompagnieführer im Münchener Leibregiment, ist mein Glück.«

»Und wann soll die Hochzeit sein?«

»Nicht so kalt, Papa! Davon ist vorläufig noch keine Rede. Wir werden noch oft davon sprechen, und du wirst dich mit Otto befreunden, wenn du ihn einmal näher kennen lernst.« Sie lehnte sich an den Vater und legte ihren Arm um seinen Nacken. »Gelt, Papa, du glaubst deiner Martha, daß sie nichts Unrechtes tut! Du bist heute schon so lieb mit mir gewesen, und ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir das getan hat. Deshalb habe ich dich lieb, Papa, wie keinen Menschen auf der Welt. Aber meinen Otto mußt du mir auch lassen.«

»Sei ehrlich, Mädel, den Otto hast du lieber als mich.«

»Nein, Papa, du mußt nicht eifersüchtig sein,« und sie küßte ihn auf die Stirne, »ich bleibe deine Martha, wenn ich auch Otto liebe.«

»Gut, Kind, ich werde mich erkundigen. Aber das eilt ja nicht so. Jetzt geh zu Bett und schlafe dich recht schön aus. Ich danke dir für deine Offenheit.«

Da kam eine große Rührung über Martha. Ihr Vater dankte ihr für etwas Selbstverständliches! Sie war bis in ihr Innerstes erschüttert und sank in die Knie und küßte des Vaters Hände. Jetzt hatte sie zwei Menschen, vor denen ihre Seele in tiefster Verehrung und Anbetung lag. Ein solches Glück hatte sie sich nicht erwartet.

In den ersten Tagen duldete Babette nicht, daß Martha die Küche betrat. Sie sollte sich erst von der Reise ausruhen und sich wieder an die Stille des Hauses gewöhnen. Martha hatte noch immer das Rauschen der Großstadt im Gehör und fühlte trotz aller Liebe, die sie vom Vater erfuhr, eine Leere in ihrem Innern. Sie kam sich so kleinbürgerlich nach all dem Glanz der letzten Wochen vor, und fühlte, wie sie sich allmählich wieder nach einem anderen Leben sehnte. Otto stand fast immer vor ihrer Phantasie und so merkte sie nicht, wie sie in dem wenigen, was sie tat, der Laune nachgab, nur das tat, was ihr gerade behagte und ein Buch nach dem anderen naschend durchblätterte. Sie lebte in den Tag hinein und wußte nicht wozu.

Da kam eine Ansichtskarte von Maria. Nur ein Gruß, weiter nichts. Sie erschrak. Wozu war sie denn überhaupt hierhergekommen? Ja, sie mußte etwas tun, irgend etwas arbeiten. Sie ging durch das Haus und staubte mit einem alten seidenen Taschentuch aus Großvaters Zeiten die Bilderrahmen und Möbel ab. Als sie an einem Spiegel vorbei kam und sich so gleichgültig und gelangweilt sah, mußte sie lachen. Sie warf den Lappen in eine Ecke. Nein, mit einer Spielerei wollte sie sich doch nicht selbst betrügen.

Sie stürmte in die Küche und streifte auf dem Wege dorthin die Ärmel bis über die Ellenbogen in die Höhe.

»Babette, jetzt fange ich an zu arbeiten.« Babette lachte laut auf; das Mädchen, das in der Ecke neben dem Herd die Kartoffeln schälte, senkte den Kopf über den Korb und schmunzelte.

Von nun an trat Martha als zweite Kraft in die Küche ein und übernahm das Haushaltungsbuch von Babette. Noch oft wurde ihr die Arbeit zuviel; dann schloß sie sich in ihr Zimmer ein und schrieb Briefe an Maria und alte Institutsfreundinnen und erzählte immer wieder die alten kleinen Erlebnisse im Haushalt und wie sie sich nach München sehne. Oft, wenn sie die Briefe fertig hatte, zerriß sie sie wieder. Nein, so dummes Zeug! Ist ja nur Laune und Zeittotschlagen! Maria schrieb ihr, sie solle alle acht Tage einmal schreiben, aber mehr nicht, sie dächte in den Briefen ja doch nur an Otto.

Allmählich entschwanden die Phantasien und unwirklichen Lebensträume aus ihrem Geist. Sie gewöhnte sich mehr und mehr daran, die Kleinigkeiten des Alltagslebens schön und lebenswert und als Bausteine für eine große, ideale Zukunft aufzufassen. Sie zwang sich, wie Maria ihr schrieb, den Geist immer fest auf das zu richten, was sie gerade tat, ob sie nun eine Beethovensonate spielte, oder Mandeln entkernte. Ihre ganze Arbeit als Haustochter vollzog sich in einem aus der Ferne schimmernden wunderbaren Licht, der Liebe, die sie einmal ganz als Persönlichkeit mit Vollbewußtsein genießen wollte, wenn sie durch die Kleinüberwindung des Alltags zu einem Charakter herangereift wäre. Manche große Worte standen ihr von der früheren Lektüre noch im Gedächtnis, jetzt gab sie ihnen nur einen neuen Inhalt. Mit jedem Tag gewann sie mehr Freude an sich selbst. Sie fürchtete nicht mehr das Alleinsein und griff auf ihrem Zimmer nicht immer gleich nach einem Buch und versenkte sich nicht mehr in ihre weichen Träume.

Als der Frühling ins Land zog, arbeitete sie im Gemüse- und Blumengarten mit dem Gärtner. Jetzt hatte sie, neben ihrer eigenen Seele, etwas zu betreuen, die kleinen Pflänzchen, die unter ihrer Hand in den Sommer, in Reife und Blütenpracht hineinwuchsen. Sie steckte immer ein Blümchen oben an den Rand ihrer Briefe an Maria und dachte dabei an Otto. O wenn er sie doch bald riefe! Aber sie mußte ihn achten und ehren und von Tag zu Tag mehr lieben, weil er sich so beherrschte. Sie fühlte, wie das Beste und Tiefste in ihr ihm ganz gehörte, aber nicht in kraft- und willenlosem Schwarm, sondern in selbstbewußtem, heiligem Sichschenken.

Eines Tages, es war Ende Juli, kam der Vater mit ernstem Gesicht zu Tisch.

»Papa, was hast du? Ist dir auf dem Bureau etwas Unangenehmes zugestoßen?« Und sie strich ihm mit der Hand über die Stirne.

»Hast du denn noch nichts gehört? Lebst du denn so außerhalb der Welt. Es gibt Krieg.«

»Was…? Zwischen wem …? Wo…?«

»Krieg zwischen Deutschland und Frankreich und Rußland und weiß der Himmel mit noch wem.«

»O Otto! Otto! Dann muß Otto ja mit!« Sie schlug die Hände vors Gesicht.

»Du bist mir eine hübsche Soldatenbraut! Meinst du, die Uniform sei nur dazu da, euch Mädels Freude zu machen?«

»O sprich nicht so, Papa! Nein, so denke ich nicht. Aber …«

»Aber… Aber … wir müssen überlegen, was im Ernstfalle zu tun ist. Ich bleibe jedenfalls hier bei meiner Fabrik. Du kannst gleich nach München fahren, solange die Bahn noch frei ist.«

»Nein, Papa, wo du bleibst, da bleibe auch ich. Aber es wird gar nicht so weit kommen, das kann ja gar nicht sein. Denke dir: Krieg, Krieg! Wie schrecklich!«

Und das Schreckliche kam doch. Herrn Haldens Arbeiter mußten fast ohne Ausnahme einrücken. Jetzt entschloß er sich erst recht, in Mülhausen zu bleiben.

Eine große Bangigkeit lag über der Erde, aber auch etwas Großes, Neues, das Martha nicht greifen konnte und doch sah. So viel ehrliche Begeisterung, so viel Menschengröße stieg auf einmal vor ihr auf, wie sie sich nie hätte träumen lassen. Frauen sah sie, die trockenen Auges, wie selbstverständlich, ihre Männer von ihrer und der Kinder Seite weg in den Krieg, in den fast gewissen Tod ziehen ließen. Sie meinte, jeder der herrlichen Krieger sei mit einem Lichtschimmer umgeben, der ihn wie einen Heiligen verkläre. Die ganze Welt kam ihr anders vor wie früher, wie in eine höhere, himmlische Sphäre erhoben. Wo hatte sie denn früher gelebt, das; sie das Herrliche ihres deutschen Vaterlandes nicht geahnt hatte, daß sie es jetzt neu entdecken mußte?

In der Ferne rollten die Züge durch die Nacht, und das Rollen klang ganz anders wie früher, es klang wie das Nahen einer großen, heiligen Zeit. Es bereitete sich irgend etwas nie Gesehenes in der Atmosphäre, im Universum vor, und die kleine Erde war die Trägerin, die Mutter des gewaltigen Wunders.

Wer hatte diese Männer, die da in die Nacht hinaus die Wacht am Rhein sangen, zu dem gemacht, was sie waren? Hatten sie, die Bauern und Arbeiter, die Handwerker und Studenten sich auch an Nietzsche und Tolstoi und Turgenjew und wie ihre früheren Propheten alle hießen, gebildet? Am liebsten hätte sie sich vor jedem Feldgrauen verkrochen; sie meinte, jeder müsse ihr noch das papierene Ästhetentum und ihre weltfremde Lebensweisheit des letzten Jahres von der Stirne ablesen. Noch einmal reckten sich ihre früheren Hirngespinste riesengroß vor ihr auf, um aber im nächsten Augenblick prasselnd in sich zusammenzusinken. Sich im Gedanken an die mutigen Söhne des Volkes, die mit natürlicher Selbstverständlichkeit dem Tode entgegengingen, feige zu zeigen, mit dem alten ästhetischen und philosophischen Blaustrumpfdusel noch irgendwie zu paktieren, erschien ihr in diesen großen Tagen als eine Erbärmlichkeit und Gemeinheit.

Sie wurde von dem Hochsinn, der plötzlich in dem deutschen Volke aufflammte, mitgerissen und sie fühlte sich stolz, daß auch sie einen lieben Menschen dem Vaterlande opfern durfte. Sie weinte ja, wenn sie an Otto dachte, aber sie hätte am liebsten jeder Frau aus dem Volke, die ihren Mann hatte ziehen lassen, die Hand gedrückt wie einer gleichleidenden und gleichgemuten Schwester.

Da brachte ihr die Post einen Brief. Die Adresse war mit Bleistift geschrieben. Eine kräftige Männerhand. Zitternd riß sie den Umschlag auf. Sie fühlte, von wem das Blatt kam.

»Liebe Martha!

Noch in dieser Nacht ziehen wir ins Feld, ob zum Leben oder Tod, das ist gleich. Jedenfalls zum Sieg. Du kennst meine Gesinnung für Dich durch Maria. Auch Deine Kriegsparole soll sein: Sieg, daß Du wirst eine echt deutsche Frau für

Deinen Otto.«

Sie drückte den Brief an die Brust und küßte ihn, wieder und wieder. Das erste geschriebene Wort von ihm! »Liebe Martha« – »Dein Otto«!

Ja, sie würde weiter kämpfen und siegen, bis auch der letzte verborgene Rest des alten haltlosen Mädchentums in ihr vernichtet sei: – Aber wohin er nur fuhr mit seinem Regiment? Davon hatte er gar nichts geschrieben. Ob er vielleicht doch durch Mülhausen kam? Ein Drängen kam über sie, ihn zu sehen, ihn zu suchen. Ein Gerücht ging um, die Bayern würden nach Lothringen geworfen.

Sie lief in die Stadt, die fliegenden Gerüchte aufzufangen, an den Bahnhof, ihn bei der Durchfahrt vielleicht zu sehen. Die Straßen waren grau von Soldaten. Sie spähte und spähte. Jetzt brauchte man ja keine Rücksichten zu nehmen. Sie dachte auch gar nicht daran. Ein schwerer Ernst lag über den Truppen, die, Gewehr bei Fuß, wartend standen. Auf dem Bahnhofsplatz parlierte eine unübersehbare Menge feldgrauer Autos. Geschütze wurden ausgeladen. Ein Poltern und Prasseln und dazwischen laute Kommandorufe und Abrücken kleinerer Truppenteile. Und einen Tag nach dem anderen dasselbe zielbewußte Durcheinander. Aber von Otto keine Spur. Sie schaute auf die Achselstücke der Regimenter, aber die waren aufgerollt, oder ganz weggenommen. Gardelitzen waren nicht zu sehen.

Einquartierung wurde angesagt. Alle nur eben brauchbaren Räume des Hauses wurden mit Matratzen und Strohsäcken belegt. In der Küche herrschte ein Leben wie in einer Jahrmarktskantine. Martha faßte frisch mit an; so daß der Major, als er sich bei der Dame des Hauses vorstellen wollte, zu ihr in die Küche kommen mußte. Am Abend erhob sich auf einmal ein Trommeln und Blasen. Ein kurzes Durcheinanderrennen und dann war alles fort. Das Haus lag wieder still in der Augustnacht da. Aber aus der Ferne kam Gewehrgeknatter und Geschützgebrüll herüber.

Martha lag angekleidet auf ihrem Bett. Hier und da wurde ihr Zimmer von Leuchtkugeln erhellt, die zum Himmel aufstiegen. Ein Scheinwerfer tastete die Berge ab wie ein bleicher Riesenfinger.

Gegen Morgen ließ das Schießen nach, und als der Tag heraufgestiegen war, kam Musik heran, bald starker tönend, bald in den Tälern halb verklingend. O Gott, das war kein deutscher Militärmarsch! Sie sprang auf und eilte hinunter.

»Papa, was ist das?«

»Die Franzosen kommen. Heute werden wir andere Einquartierung haben.«

Aber es kam niemand. Mit klingendem Spiel zogen mehrere französische Regimenter in die Stadt ein, Infanterie, schmucke Jäger und rasselnde Artillerie. Vom Rebberg aus drohten die Mündungen der französischen Geschütze auf die Stadt hinunter.

Den ganzen Tag trug der Wind die Musik und das Johlen der siegestrunkenen Franzosen zur Villa Halden hinauf. Martha kam nicht zur Ruhe. Sie zitterte vor Angst, nicht weil sie von der französischen Einquartierung etwas gefürchtet hätte, nein, weil sie an Otto dachte, der jetzt vielleicht todeswund und einsam auf dem Schlachtfelde lag. Da fiel es ihr schwer, tapfer zu sein und keine Tränen auf ihre Arbeit rinnen zu lassen.

Wie atmete sie auf, als die Musik plötzlich abbrach und die Kanonen ihre Geschosse über ihr Haus hinwegwarfen. Sie zuckte bei keinem Schuß zusammen. Ha, da war wieder der Kampf aufgeflammt. Die Deutschen kamen wieder. Ein Höllenkonzert war in donnerndem Crescendo begriffen. Vor sich hin singend, eilte sie von Zimmer zu Zimmer und lachte die weinende Babette aus. Bubi begrüßte jeden Schuß mit seinem Gebell. Er hatte heute den ganzen Tag noch nichts gefressen, er wich nicht von Marthas Seite.

»Weine nicht, Babette, arbeite! Wir müssen alles fertig machen für unsere Soldaten, morgen kommen sie wieder, wenn sie die Franzosen aus der Stadt und vom Rebberg geworfen haben.« Aber sie dachte weiter: »Und vielleicht ist Otto dabei!«

Die ganze Nacht hindurch rasselte und zischte und dröhnte und heulte die Luft. Es war, als seien die Berge ringsum erloschene Vulkane, die mit einem Male wieder mit Urgewalt losbrachen. Von einzelnen Gehöften stiegen Feuergarben zum Himmel und Brandschein leuchtete in die Täler hinein. In der Stadt glühten auch einige Brände auf. Herr Halden stand mit den Mägden und dem Knecht bei der Brandspritze, um auf alle Fälle gerüstet zu sein. Der Morgen dämmerte mit grünem Licht herauf.

Plötzlich ein Surren hoch in den Lüften. Alles schaute empor. Noch nichts zu sehen. Martha stand am offenen Fenster. Sie suchte den ganzen Horizont ab. Da im Westen ein schwarzes Pünktchen, das immer deutlicher aus dem Dunst und Nebel hervorkam.

»Papa, ein Flieger! Zwei, drei! Aufgepaßt, sie kommen gerade auf unser Haus zu.«

Jetzt waren die Eindecker deutlich zu erkennen. Unten nahm der Kampflärm zu. Einzelne Schrapnelle platzten schon um die Flugzeuge herum. Ein Rasseln die Straße herauf. Hü hott! Ein Fluchen und Hurra! Ein Geschütz stand auf dem Gartenweg und richtete seinen Mund keck gegen Himmel.

»Papa, sie werfen Bomben!«

Ein Krachen unten im Tal, Rauchsäulen puffen auf. Krack, feuert das Geschütz auf der Wiese. Ein Schrapnellwölkchen dicht vor dem ersten Flugzeug. Da fällt etwas Schwarzes aus der Höhe.

»Gott im Himmel, verschone uns!«

Ein furchtbarer Donnerschlag, ein Krachen, und Erde und Kies und Äste fliegen in einer dicken, schwarzen Wolke in die Luft.

»Das hat uns gegolten!«

Martha kommt die Freitreppe heruntergestürzt, bleich wie der Tod.

Das Geschütz im Garten feuert wieder. Ein Schrei des Entsetzens, das Flugzeug schwankt, und eine Flamme schlägt lichterloh aus ihm empor und es stürzt senkrecht in die Tiefe. Äste krachen, ein schwerer, polternder Fall und ein Rennen und Hurra nach der Stelle hin, wo noch immer die Flamme lodert.

Martha läßt sich mitreißen. Ein Wust von Ästen, Metallteilen, Rohrgestänge und verkohlter Leinwand, und daraus ein herzzerreißendes Wimmern.

Die Soldaten reißen den brennenden Plunder weg, ein paar Mann haben die Spritze geholt. Der Benzinbehälter brennt. Der Wasserstrahl fegt hinein. Alles in Dampf und Zischen.

»Zum Donnerwetter, reißt doch mal die Kerle aus der Karosserie!«

Zwei Mann treten in das glimmende Gestänge. Sie ziehen eine Leiche hervor, die Kleider fallen ihr als Zunder vom Leibe, Fleischfetzen hängen herum. Martha stößt einen markerschütternden Schrei aus und sinkt in die Arme des Vaters.

»Zum Donnerwetter, die Bomben weg, die da noch herumhängen, sonst explodieren uns die Luder noch. Und dann den anderen Kerl heraus:

Die Soldaten arbeiteten, daß sie schwitzten. Endlich zogen sie den zweiten Insassen des Flugzeuges hervor. Er lebte noch und wimmerte leise. Schnell stellten Soldaten aus Baumästen eine Tragbahre her und legten den Franzosen darauf. Er stöhnte und ächzte. – Martha lag im Rasen, der Vater kniete neben ihr. Das Krachen der Geschütze, das Fluchen der Soldaten um sie her und der Anblick des halbverbrannten Menschen schufen eine flammende Hölle in ihrem Hirn. Als der sterbende Flieger an ihr vorbeigetragen wurde, durchschossen sich ihre Gedanken und Phantasien wie zuckende Blitze. Sie sah in dem Sterbenden Otto. Und dann versank alles in purpurner Finsternis und sie mußte nichts mehr. –

Am Abend erwachte sie in ihrem Bett. Der Vater und Babette standen neben ihr. Ein Herr in deutscher Uniform hielt ihren Puls. Der Oberstabsarzt. Beim Zurückkehren des Bewußtseins hörte sie eben noch, wie er sagte:

»Wird eine lange Geschichte werden, Herr Halden. Hier hat sich offenbar eine Nervenzerrüttung seit Monaten vorbereitet.«

»Wo bin ich denn? Wo ist Otto? … Otto!… O Gott, was ist geschehen?«

»Alles ist gut, gnädiges Fräulein, die Franzosen sind aus Mülhausen hinausgefegt, die Unsrigen sitzen jetzt auf dem Rebberg statt der Franzmänner. Der Heeringen hat ihnen den Appetit auf das Elsaß gründlich verdorben. Jetzt müssen Sie aber schlafen. Die deutschen Soldaten werden bei Ihnen Wache halten, daß Sie bald wieder aufstehen und uns helfen können.«

Der Arzt entfernte sich. Babette nahm ihre Hand und küßte sie: »Kind, liebe Martha, wenn das deine liebe Mutter, – Gott hab sie selig – sähe!«

Martha nahm die Hand der Alten und legte sie auf ihre Stirne. Ah, das war so kühl! Da drinnen im Kopf war es so heiß und wild und schmerzte sie wütend.

Von unten herauf klang Pfeifen und Singen und Pferdegetrappel. Plötzlich eine scharfe Stimme dazwischen:

»Heiliges Kanonenrohr! Kerls, wenn ihr euch jetzt nicht ruhiger benehmt! Oben liegt das gnädige Fräulein todkrank und ihr macht hier einen Lärm wie die leibhaftigen Satane.«

»Ah, Babette, geh und sage dem Herrn Leutnant, er solle die Soldaten ruhig weiter singen und pfeifen lassen. Je mehr sie sich freuen, desto lieber ist es mir und desto eher werde ich wieder aufstehen können.«

»Nein, Kindchen, das tu ich nicht. Der Herr Doktor hat es streng verboten.«

»Aber ich will morgen wieder aufstehen und helfen, sonst arbeitest du dich noch zu Tode.«

Acht Tage rasten die heißen Fieberphantasien durch Marthas Hirn. Der Arzt schwankte zwischen Furcht und Hoffnung. Endlich, am neunten Tage, fiel sie in einen ruhigen Schlaf und erwachte daraus mit lächelndem Gesicht.

»O Babette, ich habe so schön geträumt, wenn du wüßtest! Morgen schreibe ich einen langen Brief an eine liebe Freundin in München; denn ich fühle, ich bin wieder gesund. Wie steht's mit dem Krieg?«

»O gut, herrlich, Kindchen. Die Bayern sind die Franzosen kräftig am verhauen. Wo, weiß ich noch nicht genau. Ich glaub aber bei Metz. Der bayrische Kronprinz ist da, und wo der ist, da kann kein Franzos nit mehr leben.«

»Die Bayern sind da? Ist Otto dabei? Dann muß ich erst recht nach München schreiben. Morgen steh ich auf und schreibe.«

Der Arzt, der mittlerweile den Oberstabsarzt abgelöst hatte, da die Einquartierung abgegangen war, erlaubte ihr zwar nicht, aufzustehen, doch sie durfte mit Bleistift im Bett ein kleines Brieflein schreiben. Aber sie schrieb einen langen Brief an Fräulein Maria Reiber in München, Giselastraße. Darin stand alles, was ihr Herz bewegte, und zum Schluß eine innige, ernste Abbitte für alle Dummheiten, die sie ihr früher gesagt hatte.

Am dritten Tage erlaubte ihr der Arzt aufzustehen. Die Jugendkraft setzte sich mit Macht durch.

Zwei Tage später durfte sie schon im Garten sitzen, wo Bubi nicht von ihr wich. Da brachte Babette einen mit Doppelporto beklebten schweren Brief aus München. Vier Bogen lagen darin, einer von Tante Edeltraud und Leonore und drei von – – »
Maria Sorbing, geborene Reiber, kriegsgetraut«.

Martha konnte nicht an sich halten. Sie las Marias Brief zuerst. Maria schrieb, wie sie sich freue, daß Martha wieder gesund sei. Sie hoffe, sie bald wiederzusehen. Otto sei Hauptmann geworden und vor acht Tagen in der großen Bayernschlacht bei Metz von einem Granatsplitter verwundet worden. Den linken Arm habe man ihm über dem Ellbogen abnehmen müssen, aber er sei sofort nach München gebracht worden und käme in einigen Tagen schon in Pflege nach Hause. Da seine Lunge auch stark angegriffen sei, würde er wohl bald auf einige Wochen nach Reichenhall gehen. Er freue sich unendlich, daß sie wieder auf der Besserung sei und spreche viel von ihr. Er hoffe, daß sie bald nach München komme, da es doch in Mülhausen noch immer nicht ganz sicher sei. Nur sei er ihr noch ein wenig böse, daß sie sich im Gedanken an ihn krank gemacht habe. Sie selbst, Maria, habe es nicht mehr ansehen können, daß Doktor Sorbings Kinder, da der Vater als Reserveoffizier ins Feld mußte, ganz elternlos blieben. Schon lange hätte sie sich mit dem Doktor gefunden, und so sei es eben gekommen, daß sie sich jetzt Frau Sorbing nenne. Eigentliche Kriegsarbeit tue sie nicht, sie denke aber, es sei genug getan, wenn sie für die Erziehung der vier Kinder sorge und sich selbst auf die Mutterwürde vorbereite.

Martha lächelte still vergnügt vor sich hin. Also auch die wissenschaftliche Maria! –

Sie legte den Brief vor sich hin. Otto, Otto dachte noch an sie! Welche Seligkeit! Er vertraute ihr, daß sie an sich gearbeitet hatte! Sonst hätte er doch nicht so durch Maria schreiben lassen. Nur die dumme Geschichte mit dem Flieger! Was würde er, der Held, von ihr denken? Aber konnte sie so ihre Liebe niederringen? Sie lebte und stand zu groß in ihrer Seele.

Die Tränen rannen ihr in dicken Perlen aus den Augen und tropften auf Marias Brief. Doch bald gingen ihre Gedanken wieder ganz in Otto auf. Sie schloß die Augen und lehnte sich in den Sessel zurück und legte den Kopf an das Kissen. So meinte sie, ihre Wange an seine Schulter zu schmiegen, ihm Abbitte zu tun und für immer sich an seine Seite zu stellen. O der Arme! Nun war er ein Krüppel und bedurfte doch sicher des liebenden Mitleids.

Ja, sobald der Arzt es ihr erlaubte, wollte sie nach München fahren, vor ihm niederknien, als erste, starke deutsche Frau und ihm ihre heilige Liebe gestehen, ihre Verehrung und tiefe, tiefe Anbetung.

Da warf der Wind ein Blatt von ihrem Schoß. Sie schrak auf und bückte sich. Ah, da war ja noch der Brief Tante Edeltrauds!

Sie schrieb nicht viel. Auch sie drückte ihre Freude über Marthas Genesung aus und lud sie ein, recht bald nach München zu kommen. Sie sei so einsam. Leonore tue viel in Verwundetenpflege und da könnte sie nur ihrem tiefsten Leid nachgehen, daß ihr Sohn, ihr Richard, jetzt nicht auch dabei wäre. Immer müsse sie sich schämen, wenn sie auf der Straße einem Offizier mit dem Eisernen Kreuz und dem Arm in der Binde begegne. Martha soll doch bald kommen, sie in ihrer Einsamkeit zu trösten, mit Leonore verstehe sie sich nicht mehr. Martha verstand die Trauer der guten Tante und nahm sich vor, ihrer Bitte so bald wie möglich zu willfahren.

Leonore schrieb mit ihren gekünstelten steilen Zügen nur ein paar Zeilen. Es sei wirklich reizend, sich in den Lazaretten bei den Offizieren zu betätigen. Otto Reiber benötige nicht mehr viel der Pflege, er sei auch sehr undankbar gegen sie in seiner geistigen Engherzigkeit und Verschrobenheit. Sie gehe in den Lazaretten herum und lese den Offizieren vor. An den Abenden halte sie Lichtbildervorträge über einzelne Maler. Augenblicklich arbeite sie an einem Vortrag über Marés. Die Kusine solle doch kommen, sie könne da noch viel lernen. – Martha lachte hell auf. Dieses gesunde, befreiende Lachen tat ihr wohl. Der letzte Rest der Kopfschmerzen verschwand.

Da lebte Leonore wahrhaftig noch in ihren alten, verrückten Ideen. So wenig hatte sie vom Leben gelernt!

X.

Als Martha am Münchener Hauptbahnhof ausstieg, fanden ihre Füße kaum die Erde, so wurde sie von Tante Edeltraud, Leonore und Maria umarmt und geküßt.

Maria winkte vier Kinder, drei Mädchen und einen Buben herbei, die sich ein wenig abseits gehalten hatten.

»So, Kinder, jetzt gebt der Tante auch ein Händchen. Kennt ihr sie noch?«

»Und ob! Sie war im vorigen Jahr bei uns, als der heilige Mann kam.«

Die Freudentränen liefen Martha die Wangen herunter, sie neigte sich zu den Kindern und warf einen fragenden Blick zu Maria hinauf.

»Ja, du darfst.«

Und sie küßte die Kinder und umarmte sie wie ihr größtes Glück.

Leonore ließ ihre Blicke durch die Menge schweifen und hielt nach Offizieren Ausschau, indem sie aufdringlich schnatterte.

»Nein, welche Freude, Martha, dich wieder hier zu haben. Nun gehen wir zusammen in die Lazarette. Ich habe den Herren schon gesagt, ich brächte ihnen in den nächsten Tagen eine interessante Gesellschafterin mit.«

Martha errötete und hielt mit einer kräftigen Abfertigung an sich. Nun, sie wollte auch das als Buße tragen.

Maria griff ihren Arm und flüsterte ihr zu: »Otto ist schon seit fünf Tagen in Reichenhall. Mutter ist bei ihm. Gelt, morgen hole ich dich gegen halb zehn Uhr ab, dann fahren wir zu ihm. Du darfst ihm seinen Wunsch nicht abschlagen. Er sehnt sich wirklich nach dir und kann die Stunde des Wiedersehens nicht erwarten.«

»Ich werde kommen. O Gott, wie gut bist du! – – Ja, aber was wird Tante dazu sagen und erst recht Leonore?«

»Frau General weiß alles; ich habe es ihr gesagt, und Leonore ahnt den wahren Grund deines Besuches hier. Sie wird stillschweigend alles hinnehmen, da sie doch endlich fühlt, daß Otto keine Achtung vor ihr hat.«

Martha faßte Marias Hand und drückte sie fest im Überschwang ihres Glückes.

»Maria, wie lieb bist du! Ja, ich werde mit dir fahren.«

Ihr ganzes Denken und Fühlen war nur ein einziges jubelndes Dankgebet gegen Gott.

Die Villa »Bergfriede« bei Reichenhall lag auf einem grünen Hügelplateau, den Tannenwald im Rücken und die Vorderseite nah und fern umstanden von den Berchtesgadener und Reichenhaller Bergen.

Martha und Maria stiegen Hand in Hand den hohen Tannenforst hinan. Maria schwieg absichtlich, um Martha in dieser feierlichen Stunde vor dem Wiedersehen nicht in ihren Gedanken zu stören. Ihre Seelen flossen durch die Berührung der Hände ineinander.

Auf Marthas Antlitz lag ein stiller Friede, der reine Schimmer seliger Bräutlichkeit. Sie trug den Hut in der Hand und ließ der kühlen Waldluft ihre weiße Stirne.

Waldgeflüster und Quellenrauschen ringsum. Sonnenlichter auf den braunen Stämmen, zitternde Sonnenkringel auf dem grauen Felsweg. Zur Linken schattete durch die Waldstämme der mächtige Hohenstaufen und aus der Ferne rauschte die Saalach. Und wie die plätschernden Wasser sangen und der Wind in den Tannenzweigen harfte, da stand Martha ihr eigenes Leben der letzten Monate wie ein romantischer Bergwald vor der Seele: In der Stille entspringen die Quellen, die dem Leben Kraft und Labung geben, und der Weg zur großen, starken, heiligen Liebe ist steil und mühsam und doch erhebend und voll kleiner, stiller Seligkeiten…

Noch einen kurzen steilen Anstieg, wo die Tannen in Reihen wie feierliche Säulen standen, und sie traten aus dem Erdendunkel in das Licht einer strahlenden Überwelt.

Martha stand da wie eine staunende Seele an der Schwelle des Himmels. Es war ihr, als glitte alles Irdische und Schwere an ihr herunter und als müsse sie ihre Arme zum Licht emporheben und Hineinschweben in das goldene Sonnenmeer, das zu ihren Häupten flimmerte und wogte.

Die Dämmerung schlich aus den Tälern und Schluchten mit Geisterschritten, in wallenden, blauen Dunstmantel gehüllt, herauf. Die Felswände standen in der Ferne zu beiden Seiten des Tales wie schwarze Schranken. Da, wo sie fast aneinanderstießen, stiegen über sie hoch hinaus die Loferer Steinberge und der Watzmann zur Sonne empor wie ein riesiger, glühender Gral.

Da fühlte Martha sich untergetaucht in die Majestät des Allerhöchsten. Es war ihr, als sei sie der erste Mensch, der am Schöpfungsmorgen seinen Fuß in diese jungfräuliche Welt setzte. Ihr eigenes Leben stand wie ein fremdes vor ihr und löste sich zu einem Schemen auf und verschwand wie ein Nebel, der aus der Ackerfurche aufsteigt, im Licht der Morgensonne.

»Maria!« Und sie schlang in jubelnder Lust ihren Arm um Marias Hals und bedeckte ihre Wangen mit Küssen und Tränen.

Maria ließ sie gewähren. Auch sie weinte vor heiliger Lust, die Mädchenseele aus dem staubigen Tal zur reinen Höhe geleitet zu haben. Dann faßte sie Marthas Hände, schaute ihr tief in die Augen und sagte still:

»Nun gehen wir zu Otto.«

Ein kurzer Gang und sie standen am Tor der Villa »Bergfriede«. Das öffnende Mädchen geleitete die beiden die Treppe hinauf. Marthas Herz hämmerte in lauten Schlägen, sie zitterte am ganzen Körper vor Aufregung, bräutlicher Scham und Glück.

Wie sie in Ottos Zimmer trat, schloß Maria hinter ihr die Türe und verschwand.

Otto saß im Liegestuhl vor dem offenen Balkonfenster, die Hauptmannsuniform über die Schulter gelegt, das Eiserne Kreuz und das blauweiße Bayerische Band im Knopfloch. Aus der Ferne glühte der Gral der Loferer Berge herüber.

Martha flog auf Otto zu, warf sich vor ihm nieder und legte weinend ihre Stirne auf sein Knie. Er strich ihr über den Scheitel und sagte nur das eine Wort:

»Martha!«

Da erhob sie sich, schlang ihren Arm um seinen Hals und küßte seinen Armstumpf.

»Martha, du hast tapferer gekämpft gegen einen stärkeren Feind, als ich in der Schlacht. Du wirst mein liebes Weib. Dann will ich dir weiterhelfen bis zum endlichen Siege.«