Die Auferstandenen – Erster Band

Noch immer war es tiefer Winter. Die ungeheure wilde Steppe lag verschneit und vereist mit erstarrten Lebensgeistern. Nach allen Richtungen hin erstreckte es sich unabsehbar, unendlich; als würde von diesem Punkt der Erde aus die ganze Welt mit Schnee und Eis überzogen. Gewaltige graue Dunstwände hingen rings am Horizont vom Himmel herab wie die Gardinen eines Riesenamphitheaters. Jeden Augenblick konnte der Vorhang aufgehen und das Trauerspiel »Rußland!« beginnen.

Das Personal zog bereits auf. Lange Kolonnen gespenstiger Nebelgestalten krochen über die Bühne; ein Chorus von Elenden, die lautlos litten, lautlos verzweifelten, lautlos starben. Ihre toten Leiber bedeckten den Boden.

Dunkle Dämpfe entwickelten sich, als qualme die winterliche Erde. Gleich Fetzen eines ungeheuren Trauerflors, von oben bis unten zerschlitzt und zerrissen, schleppte es über den fahlen Grund. In der Höhe löste es sich, verrann es in das allgemeine Grau des Himmels, der schwer und tief herabdrückte.

Vergeblich kämpfte die Sonne mit den Dünsten; nur zuweilen brach ein blutigroter Strahl hervor. Wo der Glanz hinfiel, flammte es auf. Die Stämme eines Birkenwaldes entstiegen strahlend – ein Hain silberner Säulen – dem Nebel, um sogleich wieder darein zu versinken; denn schon war das schöne Hinmelslicht von dem gierigen Gewölk aufgesogen worden.

In breitem, tiefem Bette durchzog ein mächtiger Strom in vielfachen Krümmungen das öde Land, Der Fluß war gefroren. An den jäh abfallenden, wild zerrissenen Ufern waren seltsame Laute vernehmbar; unter der starren Eisdecke klang es wie ruheloses Tasten geisterhafter Hände, wie ersticktes Aufschluchzen nach Befreiung, Licht, Leben.

Jetzt fuhr heulend der Sturm über die Steppe. Er hetzte die Nebel vor sich her, zerriß sie, jagte sie auf, trieb den Himmel von der Erde zurück. Durch die Luft wirbelte der Schnee. Dort wurde er fortgeweht, hier türmte er sich empor. Schwarze Flecken erschienen auf dem lichten Boden, gleich einer Reihe von frischen Gräbern.

Schwärme von Raben erhoben sich mit heiserem Gekrächz. Sie mußten lange umherflattern, ehe sie einige verkrüppelte braune Weiden erspähten. Schneehühner trippelten aufgeregt hin und her, ein hungriger Wolf beschlich einen Hasen, der schrille Schrei eines Raubvogels gellte. Dann wieder tiefste Lautlosigkeit.

In schnurgerader Linie durchschnitt die Wildnis eine Straße, die so wenig befahren wurde, daß sie gänzlich verschneit lag. Aber heute, am Tage vor Ostern, kam unter dem dünnen Geklapper einiger blechernen Schellen, von drei lebensmüden Gäulen gezogen, eine Kibitta daher. Von Zeit zu Zeit machte der Kutscher den Versuch, seine Tiere anzutreiben; doch blieb es jedesmal bei einer trägen Handbewegung und einigen, in den Bart gemurmelten Liebesworten; es war schließlich ganz gleichgültig, wann man ankam. Der einzige Reisende – ein noch ziemlich junger Mann – mußte indessen anderer Ansicht sein. Tief vorgebeugt, schaute er starr ins Weite, als wollte er wenigstens mit seinen Blicken vorwärtskommen. Aber auch das hielt schwer; denn vor ihm türmte sich die Nebelmauer auf. Da er keinen Pelz besaß, hatte er sich in eine Pferdedecke gewickelt, die jedoch von seinem mächtigen Körper nur Schultern und Brust bedeckte. Von Zeit zu Zeit schien er die Kälte zu fühlen; dann bemühte er sich, seine großen, roten Hände in die Ärmel seines Moskauer Studentenrocks zu stecken, was ihm niemals gelingen wollte. Sehr bald fuhr er aus seinem improvisierten Muff wieder hervor und fuchtelte mit beiden Armen in der Luft umher, wobei er sich der schönen Täuschung hingeben mochte, die müden Gäule damit zu größerer Eile anzutreiben.

Er besaß ein echt russisches Gesicht mit tiefliegenden, melancholischen, grauen Augen. Bei Nase und Stirn hatte die Natur gekargt; vielmehr war sie damit nicht ganz fertig geworden. Denn die Stirn war zu kurz und die Nase zu stumpf geraten. Um so vollständiger waren die Wangen und der Mund ausgefallen, in dessen Kraft und frischer Sinnlichkeit sich die ganze Jugend des Mannes konzentriert zu haben schien. Der Flaum eines Bartes zeigte sich an seinem Kinn und das fahle Haar stieg ungepflegt borstenähnlich rings um die abgegriffene Pelzmütze auf. Mit dem Ausdruck von Ungeduld und Erregung auf seinem breiten, unschuldigen Gesicht hatte er etwas von einem großen Kinde, das den Anfang eines Festes nicht erwarten kann.

Ohne seine Haltung zu verändern, starrte er unverwandt geradeaus, wo vor ihm die Welt in Schnee und Nebel versank. Aber, obgleich er es vor Ungeduld und Erwartung kaum auszuhalten vermochte, fiel es ihm doch nicht ein, den trägen Kutscher zu schnellerem Fahren aufzufordern. Einmal sprang er in seiner Aufregung aus dem Schlitten und lief stolpernd vor den Pferden her. Der Kutscher wollte ihm etwas zurufen, stieß jedoch nur einige dumpfe Laute aus.

Nachdem der Reisende einige Werst gelaufen, gab er die Sache auf, bestieg sein Gefährt von neuem und kroch ergebungsvoll unter seine Decke. Es ward dunkel, eine sternenlose, windige Nacht brach an. Der junge Mann schauerte zusammen, lehnte sich zurück und versuchte zu schlafen. Vor seinen geschlossenen Augen stieg ein Gewimmel von Funken auf, die in schwindelerregender Schnelle vorüberstoben. Seine Gedanken verwirrten sich, eine bleierne Schwere senkte sich auf ihn, ihm war's, als stürzte er mit gefesselten Gliedern in einen bodenlosen Abgrund.

Unter den Tritten der Pferde und den Kufen des Schlittens knirschte der Schnee. Der Reisende horchte darauf. Zuerst deuchte es ihm wie fernes, leises Klirren und Schwirren. Das wuchs an, das schwoll auf zum Sausen und Brausen. Erschrocken fuhr er empor, ohne indessen imstande zu sein, die Augen zu öffnen.

Dann schlief er ein.

Ihm träumte: … Ein gewaltiges Weib erschien ihm; schattenhaft, als Phantom. Sie entstieg der Erde, die weit aufklaffte wie eine Gruft. Moder umhüllte sie. Ketten fesselten die starren Füße, schlangen sich um den hagern Leib, um die nackten, totenhaften Arme. Ihr herrliches Antlitz war fahl, ausdruckslos – leblos. Wie in Wahnsinn stierte sie vor sich hin, geradeaus, in ein Nichts. Zuweilen seufzte sie, stöhnte sie. Es war ein schrecklicher Ton.

Da brauste es auf wie Sturm, wie Orkan. Eine wilde Stimme rief: »Frei!« Und »Frei! – Frei! – Frei!« tönte es fort und fort in hundertstimmigem, gellendem Echo. Der Boden erbebte und die Gruft wurde zugeschüttet. Blumen erblühten; blasse Glocken mit blutrotem Kelch. »Frei!« seufzte das gewaltige Weib aus tiefster Brust und klirrend zersprangen die Ketten. »Frei!« hauchte sie, und dem Träumenden war's, als vernähme er den mächtigen Atemzug, mit dem das Leben in ihr erwachte. »Frei!« jubelte sie, schritt und bewegte sich – lebte! Aber noch tat sie beides wie ein lahmes, blindes Kind. Sie tappte, tastete. Nun war's, als ob sie sich besänne. Aber noch wußte sie nichts von Gedanken, noch hatte ihr erster Laut ihr nicht die Sprache gegeben. Denn da sie reden wollte, begann sie zu stammeln und zu lallen, bis ein Daseinsschauer durch ihren Leib lief, ein Lebenshauch über ihre Züge glitt. Sie öffnete den bleichen Mund und sog gierig die eiskalte Luft ein. Dabei quoll ein Blutstropfen zwischen ihren Lippen hervor.

Lange Zeit stand sie bewegungslos. Dann schien ihr etwas zu fehlen und sie begann zu suchen; rasch, hastig, angstvoll. Sie schien nicht zu finden, sie sank nieder und wühlte mit ihren Händen unter dumpfem Ächzen den Boden auf, darin sie begraben gelegen.

Was mag sie suchen? dachte der Träumende schaudernd. Sie hatte seinen Gedanken erraten. Ohne Unterlaß wühlend und grabend, wandte sie sich um nach ihm, stierte ihn aus hohlen Augen an und lallte: »Meine Seele.«

Mit einem Schrei erwachte Sascha.

Das russische Volk – das freie russische Volk suchte voller Todesangst seine Seele.

Erster Band.

Erstes Kapitel.

In Eskowo, einem nordrussischen Steppendorf von etwa dreihundert Einwohnern – noch bis vor kurzem hieß es »Seelen« – rüstete man das Osterfest des Jahres 1879. In den Häusern, elenden Baracken aus Birkenstämmen und Lehm, wurden ernstliche Reinigungsversuche unternommen; man schaffte den Kot hinaus und ließ den Schmutz liegen. Nur die »heilige Ecke« erfreute sich einiger Sauberkeit. Dort war der Boden wenigstens trocken und zum Überfluß sogar mit Buchs bestreut, den die Kinder unter lautem Jubel aus dem Schnee gegraben hatten. Das Heiligenbild selbst, dessen Antlitz mit starren, braunen, byzantinischen Zügen feierlich genug aus seiner Umrahmung von getriebenem Kupfer hervorsah, schmückten Birkenreiser, mit langen Streifen farbigen Papiers und Goldschaum behängen. Geweihte Kerzen brannten davor.

Schon stand in der Nähe des gewaltigen Ofens die Ostertafel gerichtet. Sie war gedeckt mit buntsäumigem Sonntagslinnen, dicht besetzt mit bemalten hölzernen Tellern, Schüsseln und Krügen, schwer beladen mit Festspeisen; gedörrten und gesalzenen Fischen, geräuchertem und gebratenem Fleisch, Steppenhühnern, Hasenpastetchen, eingemachten Schwämmen, Gurken und Backwerk aus Honig und Anis. Ein stattliches Tonfäßchen enthielt den vielgeliebten Kwaß, im Ofen kochte die Kohlsuppe und die mit Pfeffer gewürzte Grütze, brieten die Piroggen.

Vom frühesten Morgen an wurden die beiden Badestuben des Dorfes geheizt. Jung und alt nahm Dampfbäder. Wer zu den Honoratioren von Eskowo gehörte, bewies seine Ansprüche auf Ansehen dadurch, daß er sich kräftig mit Birkenruten streichen ließ. Von Zeit zu Zeit sprang die Tür des Badehauses weit auf, eine Dampfwolke quoll heraus, aus der sich eine Schar nackter Kinder entwickelte. Schreiend liefen sie auf die Gasse, wälzten sich im Schnee und stürzten dann, rot wie gesottene Krebse, wieder zurück in die Glut.

So trieb man es bis zum Abend. Dann gingen die Leute heim und legten die Festkleider an; die Männer den sonntägigen Schafpelz, die Frauen und Mädchen ihre schönen und feierlichen weißen Wollengewänder. Sie trugen reichen Schmuck und auf dem Kopf glänzte der Powoinik wie ein Diadem.

Am Abend saß Wera Iwanowna, die Tochter des Starosten, von Kindern umringt in der väterlichen Hütte. Während sie Mädchen und Knaben das Haar kämmte, versuchte sie, ihnen begreiflich zu machen, weshalb in Rußland so lange Winter sei. Die Kleinen prangten bereits in ihren Festkleidern und harrten ungeduldig des Augenblicks, wo sie aus der Abendschule entlassen werden sollten. Darauf würde alsdann jedes sein Licht anzünden und alle gemeinsam in die Kirche ziehen, deren Fenster bereits hell erleuchtet durch die Winternacht strahlten. Doch hatten die Kinder das junge Mädchen mit dem ernsten, schönen Gesicht viel zu lieb, um sich nicht alle Mühe zu geben, ihre Ungeduld zu bemeistern und aufmerksam zuzuhören.

Wera sprach mit tiefer, weicher Stimme, oft stockend und abbrechend. In ihrem Wesen lag etwas seltsam Befangenes, zugleich Feierliches. Als das letzte der Kinder mit möglichst glattgekämmtem Kopf vor ihr stand, faltete sie die großen, weißen Hände im Schoß und sah darauf nieder: So konnte sie besser reden.

»In anderen Ländern, meine Lieblinge, ist's jetzt bereits Frühling, in anderen Ländern blühen jetzt auf den Wiesen bereits Primeln und Veilchen und die Birken haben längst Blätter. Bei uns ist's immer noch Winter.«

Sie schwieg, hob den Kopf und sah mit müdem, verschleiertem Blick zum Fenster hinaus auf die öde, winterliche Landschaft.

»Warum ist's bei uns immer noch Winter?«

Wera wandte ihr Gesicht dem kleinen Frager zu. Sie antwortete mit einem Seufzer; dann besann sie sich: »Weißt du das nicht mehr? Wer von euch hat es sich besser gemerkt?«

Eine Weile allgemeines Schweigen; dann streckte ein kleines rothaariges Mädchen den Arm in die Höhe.

»Ich weiß es.«

»So sag's.«

»Weil – weil – –«

Die Kleine schien rettungslos ins Stammeln zu geraten; aber plötzlich fiel es ihr ein: »Weil bei uns Rußland ist,« deklamierte sie triumphierend.

»Weil bei uns Rußland ist,« wiederholte die junge Lehrerin leise und langsam. Dabei blickte sie wieder auf und hinaus; müde und hoffnungslos. »Du, Wera Iwanowna, warum ist's bei uns in Rußland nicht auch wie in anderen Ländern?« forschte eine kleine Wißbegierige. »Wir wollen auch zu Ostern Blumen haben, Primeln und Veilchen.«

Wera, ihre Gedanken sammelnd, belehrte: »In Rußland ist der Winter viel länger als in anderen Ländern, weil bei uns die Sonne viel weniger warm scheint. Paßt gut auf! Die Sonne scheint in Rußland viel weniger warm, weil –«

Sie stockte. Sie suchte nach dem rechten Worte, nach dem rechten Gedanken, fand jedoch beides nur mühsam und unvollkommen.

»Bei uns in Rußland ist es viel kälter als in anderen Ländern, weil unser armes Rußland so weit von der Sonne entfernt liegt. Deshalb grünt und blüht bei uns alles viel später; denn nur da, wo die Sonne recht warm und hell hin scheint, kann es wachsen und gedeihen!«

Sie schwieg, atmete schwer und sah hilflos um sich.

Ein seines Stimmchen rief: »Ich denke mir etwas. Darf ich's sagen?«

Wera ermunterte den kleinen Zagenden: »Gewiß darfst du es sagen. Du mußt stets sagen, wenn du dir etwas denkst und stets, was du dir denkst. Der Mensch darf niemals anders reden, als seine Gedanken sind, sonst ist er ein schlechter Mensch. Und du willst doch ein guter Mensch werden. Das wollen wir alle. Also was denkst du?«

»Es ist gar nicht hübsch vom lieben Gott, daß er Rußland jedes Jahr einen so langen und kalten Winter schenkt. Hat Rußland dem lieben Gott etwas zuleide getan?«

Wera heftete ihre schwermütigen Augen auf den Knaben. Der kleine Kerl schaute ganz trotzig drein; doch konnte sein kindlicher Eifer der Lehrerin kein Lächeln abgewinnen. Sie rief ihn zu sich, legte ihre Hand auf sein helles Haar und sagte laut und feierlich: »Auch Rußland wird von Gott geliebt. Und Gott mag wohl so streng gegen Rußland sein, damit hier die Leute besser werden als in anderen Ländern; die kleinen Knaben brave Männer und die kleinen Mädchen wackere Frauen. Wenn es in Rußland recht viele brave Männer und wackere Frauen gibt, schenkt ihnen der liebe Gott immer mehr von seinem warmen goldenen Himmelslicht, immer, immer mehr! Dann werden bei uns auf den Wiesen Primeln und Veilchen ebenso früh blühen, wie in anderen Ländern.«

Ihre Feierlichkeit machte den Kindern bang. Alle waren still. Der Knabe, der mit dem lieben Gott unzufrieden war und auf dessen Kopf Weras Hand noch immer lag, schmiegte sich an das Mädchen und flüsterte: »Wenn wir recht brav werden, schicken sie uns dann auch nach Sibirien und in die Gruben wie meinen Vater?«

Leidenschaftlich drückte Wera das Kind an sich und rief: »Es wird eine Zeit kommen, wo in Rußland niemand mehr nach Sibirien und in die Gruben geschickt wird – niemand, der ein braver Mann ist.

»War denn mein Vater kein braver Mann?«

»Dein Vater war ein Held, ein Märtyrer!«

Ihre bleichen Wangen überflog ein tiefes Rot, ein heißer Glanz strahlte in ihren Augen auf. Sie erhob sich und stand mitten unter den Kindern mit leuchtendem Gesicht.

»Ich will auch ein Held werden, sie sollen mich auch nach Sibirien schicken,« rief der junge Sohn des Nihilisten.

Die Kinder begannen zu flüstern und zu kichern; aber Wera nickte dem kleinen Zukunftshelden ernsthaft zu: »Wenn ihr erst groß seid, wird alles anders geworden sein: alles besser, viel, viel besser! Ihr versteht es nicht und ich kann es euch auch nicht sagen. Wenn dann alles anders und besser ist, so gedenkt der Heiligen des russischen Volkes; nicht nur derer, welche in den Kirchen wohnen und von euch angebetet werden, sondern eurer Väter, von denen niemand weiß und die doch für alle gelitten haben; von denen viele für uns gestorben sind. – – Und jetzt müßt ihr in die Kirche.«

Ein fröhliches Getümmel entstand. Jedes Kind suchte sein Licht. Dann ging es ans Anzünden, was durchaus nicht so bald geschehen war; aber schließlich flackerte über jedem festgeschlossenen Händchen eine kleine Flamme.

Wera war beiseite getreten und blickte mit herzlichem Anteil auf das Treiben des jungen Völkchens. Die kleine Marfa kam zu ihr.

»Du hast ja dein weißes Kleid noch nicht an. Gehst du nicht mit in die Kirche?«

»Ich bleibe zu Hause.«

»Bist du krank?«

»Ich bin nicht krank; aber – – «

Wieder fehlten ihr die rechten Worte. Wie hätte sie auch dem Kinde erklären sollen, weshalb sie am heiligen Osterfest ihr weißes Gewand nicht trug und nicht mit in die Kirche ging.

Hastig bückte sie sich und küßte das Mädchen auf die Stirn. Das meinte wichtig: »Wenn du nicht mit in die Kirche kommst, wird der Pope böse auf dich.«

Das hörte der junge Dimitri.

Er stellte sich breit vor Wera auf: »Aber schlagen soll er dich nicht!«

Er war ganz aufgeregt. Wera suchte ihn zu beruhigen: »Ich lasse mich nicht schlagen.«

»Meine Mutter wird alle Tage geschlagen,« verriet einer.

Er sollte den anderen nichts voraus haben; denn sogleich meldete ein zweiter: »Meine Mutter auch – vom Vater, alle Abend. Dann schreien sie.«

Nun kam es heraus. Die meisten Mütter wurden geschlagen, mitunter auch die Väter. Vater und Mutter tranken Branntwein – jeden Abend! Dann schrien sie und schlugen sich.

Blaß und stumm stand Wera und hörte zu. Sie wagte nicht aufzusehen und in die unschuldigen Kindergesichter zu blicken. Sie schämte sich, als wäre sie es, die täglich von rohen Händen geschlagen würde.

Sie mußte sich anstrengen, zu sprechen: »Aber jetzt fort mit euch. Ihr wißt doch, weshalb ihr diese Nacht in die Kirche geht?«

»Heute gibt's Kwaß und Kohlsuppe. – Ja, und Piroggen! – Und Fleisch! – Und Pastetchen!« jubelte es durcheinander.

Wera wollte die Kinder belehren; sie wollte ihnen sagen: »Ihr feiert heute das Osterfest: Christus ist von den Toten auferstanden.«

Aber sie schwieg. Es waren Wunder, die sie mit Ehrfurcht erfüllten, die sie jedoch nicht begriff.

Sie schickte die Kinder hinaus. »Morgen vormittag kommt ihr wieder. Was willst du, Kleine?«

»Meine Mutter erlaubt nicht, daß ich wieder komme,« schluchzte das Kind. »Sie läßt dir sagen; das wäre nun einmal so, der Pope hab' ihr's verboten. Der Pope hat gesagt, du hetztest uns auf. Ja, und noch viel mehr hat der Pope gesagt, ich hab's nur wieder vergessen. Sie sind alle böse auf dich: du wärst gar keine Christin.«

Die Kinder waren still geworden. Scheu blickten sie auf Wera, die sich mit der weinenden Kleinen beschäftigte und diese schnell zu beruhigen wußte.

»Ich werde morgen deine Mutter besuchen und mit ihr reden. Jetzt geht, sonst kommt ihr zu spät.«

Hand in Hand traten sie hinaus in die finstere, kalte Nacht. Die Wachskerzen hielten sie dicht vor ihren Gesichtern, so daß man bei der tiefen Dunkelheit von den winzigen Gestalten nur die Köpfchen sah. Die grell beleuchteten blühenden Kindermienen mit den strahlenden Augen und den lachenden Lippen tauchten auf aus der Finsternis und schwebten dahin wie eine Schar geflügelter Engelsköpfe – so dachte Wera, am Fenster stehend und ihren kleinen Freunden nachblickend, bis sie von dem Zuge der übrigen Kirchgänger aufgenommen wurden.

Der jungen Lehrerin von Eskowo ward das Herz schwer.

… Da trippeln sie hin, mit ihren Lichtern durch die Osternacht wie vom Himmel gefallene Sterne. Arme, junge Brut! Jetzt noch so froh, so gut, so unwissend; die rosigen Blumenknospen des russischen Winters. Das wird bald anders sein. Aber sind sie nicht frei geboren, sollen sie nicht frei bleiben? Frei. Das ist auch eines von den Worten, bei denen das russische Volk sich nichts denken kann. Man müßte es ihm erklären, damit es wüßte: Wir sind frei! damit es mit seiner Freiheit etwas anfangen könnte. Aber so, wie es nun einmal ist, weiß es nichts davon. Was kann ich tun, um zu erfahren, was das russische Volk mit seiner Freiheit anfangen soll? Niemand sagt es mir. Überall Elend und Jammer und – Unwissenheit. Und nirgends Hilfe. Was kann ich tun, um zu helfen?

Sie starrte hinaus, als erwarte sie die Antwort auf ihre angstvolle Frage von draußen. Aber die Nacht blieb schwarz und der Lichtschein, der aus der Kirche drang, wußte ihr auch nichts zu sagen, so gern sie seine Sprache vernommen und verstanden hätte.

Zweites Kapitel

In die Stube trat Weras Vater, der Starost Iwan Iwanowitsch Martinow. Es war ein Mann in den Fünfzigern, klein und vertrocknet, gleichsam gedörrt; mit Beinen, die in dem kurzen Oberleib wie falsch eingeschraubt saßen. Sein farbloses Haar hing ihm glatt abgeschnitten bis tief in die Augen, die wie hinter einem Vorhang scheu und tückisch hervorblinzelten, wenn sie nicht den starren, gläsernen Blick des Berauschten hatten. Auch der untere Teil des Gesichts war mit Haaren bedeckt.

Er hatte die Angewohnheit, unaufhörlich zu schwatzen und mit den Armen in der Luft herumzufuchteln, als erlebte er noch immer die schönen Tage der Knute, die er einstmals über die unglücklichen »Seelen« Eskowos geführt hatte. Auch in nüchternen Stunden hatte er einen schleppenden, schwankenden Gang und eine weinerliche Stimme. Da er Tag und Nacht, betrunken oder nicht betrunken, auf dem Ofen lag, so roch er wie ein geräucherter Stör, dessen Farbe er mit den Jahren auch angenommen hatte. Brutal und feig zugleich, käuflich und träge, schmierig an Leib und an Seele, war er der echte Typus des Starosten eines nordrussischen Steppendorfes.

Als er zu seiner Tochter ins Zimmer trat, war seine Stimme gerade im Begriff, sich zu metamorphosieren. Er schluchzte: »Eh, Töchterchen, Täubchen, zur Kirche!«

Wera trat vom Fenster zurück und ging auf den Berauschten zu: »Was soll ich wohl in der Kirche?«

Auf diese Frage war das Väterchen nicht gefaßt. Im Tone tiefsten Überlegens kam es von seinen Lippen: »Eh – was sollst du wohl in der Kirche? Eh?!« Plötzlich fiel es ihm ein: »Trost in Leiden suchen, mein Seelchen,« wimmerte er.

»Trost in Leiden? Der Pope wird kreischen, daß die Leute heute nacht nicht zu viel Branntwein trinken sollen und wird der erste sein, der sich im Straßenkot wälzt.«

Wera sagte das ruhig und gleichmütig, wie eine Sache, die sich von selbst versteht. Sie sah dabei ihren Vater an, mit ihrem gewöhnlichen, tieftraurigen, müden Blick, unter dem Iwan Iwanowitsch sich indessen förmlich krümmte. Doch als Starost von Eskowo mußte er den Popen von Eskowo entschuldigen.

Er tat es aus tiefster Seele.

»Schimpf' nicht auf den Branntwein. Solch guter Branntwein! Mußt den armen Väterchen ihren Branntwein lassen. Was Warmes im Leib; Trost in Leiden.«

Und er begann laut zu schluchzen. Aber auch daran war seine Tochter gewöhnt; ihre Antwort klang, als spräche sie zu sich selbst: »Beim Popen und im Branntwein Trost in Leiden suchen. Alle Tage betrunken, alle Tage eure Weiber schlagen oder euch von euren Weibern schlagen lassen, und dann: Trost in Leiden im Branntwein suchen! Wie soll ich es euch nur sagen, daß wir für unsere Leiden – die groß sind – anderswo Trost suchen müssen, als beim Popen und im Branntwein.«

Der Starost murmelte allerlei Klägliches in den Bart, wobei er unverwandt nach dem festlich gedeckten Tisch hinüberblinzelte, dessen Herrlichkeiten er schon jetzt schmatzend genoß. Der Duft der Kohl- und Fischsuppe durchdrang das ganze Haus. Und da stand ja auch der Kwaß! Die großen Leiden des russischen Volkes kamen dem Starosten von Eskowo in diesem Augenblicke recht erträglich vor.

Die Stimme seiner Tochter riß ihn aus seiner optimistischen Lebensanschauung. Sie konnte so ernst und streng klingen, diese Stimme, ganz anders, als die des Popen.

»Ich habe es Ihnen, Iwan Iwanowitsch, längst einmal sagen wollen. Anna Pawlowna, unsere Herrin, befindet sich in Moskau. Sie hat uns freigegeben; im übrigen kümmert sie sich nicht um uns. Wir sind arm und unwissend, aber wir sind keine Leibeigenen mehr. Sie sind der Starost des Dorfes, Sie sind ein freier Mann, Sie gelten hier etwas, Sie könnten hier Gutes tun. Verstehen Sie mich: Gutes könnten Sie hier tun! Das ist etwas Großes, etwas Heiliges; ja, das ist es. Der russische Bauer hat einen solchen Starrsinn, eine solche Gleichgültigkeit! Ihm ist alles gleich, alles bleibt beim alten. Und doch muß etwas geschehen – was, das weiß ich ja nicht. Aber auch wir müssen etwas tun, sonst wird es schlimmer und schlimmer, wo es doch hohe Zeit ist, daß es besser und besser werde. Trost in Leiden geben, das ist nichts; Hilfe in Leiden, das ist alles. Aber wo ist die Hilfe?«

Sie sah sie nicht, sie sah sie nirgends, unwissend, wie sie war. Der Starost hörte anfänglich voller Zerknirschung zu; als er aber merkte, daß seine Tochter an ihm vorbeiblickte, in die Nacht hinein, schlich er sich zum Tisch und stahl eine Gurke, an der er andächtig saugte, während Wera fortfuhr: »Ich weiß, wodurch es so schlimm bei uns steht: durch die Beamten; sie sind das Unglück von Rußland, Rußlands Elend und Schande; denn vom Starosten angefangen, bis hinauf zum Gouverneur sind es schlechte Beamte. Der Zar soll uns andere Beamte geben, dann wird er ein anderes Volk haben.«

Aber da brach das Väterchen in ein Jammergeschrei aus. An dem letzten Stück der Gurke würgend, ächzte der würdige Beamte von Eskowo: »Wera Iwanowna, Töchterchen; stürze dein Väterchen nicht ins Unglück. Was kann es tun? Darf sich nicht regen, wird unterdrückt, unterdrückt. Und dann nicht mal Trost in Leiden – – «

Schluchzend verstummte er. Sein Blick klammerte sich Hilfe suchend an das Tonfäßchen. Er fühlte sich so elend, daß ihm ganz schwach wurde. Er wankte hin, legte die Hand an den Spund, wandte sich nach Wera um und meinte pfiffig: »Kwaß ist nicht Branntwein. Eh, Töchterchen?«

»Es steht auch Branntwein auf dem Tisch,« erwiderte Wera verächtlich.

Drittes Kapitel.

Voll und feierlich klang das Geläut der Glocken durch die Osternacht. Wera war allein im Hause. Sie versuchte, sich zu beschäftigen, aber es ging ihr alles schwer von der Hand; sie war zu allem so ungeschickt! Ihr einziges Talent bestand in der Sehnsucht: sie sehnte sich unsäglich, etwas zu vollbringen, etwas zu tun, etwas zu helfen – irgend etwas! Sascha, ihr Gespiele, ihr Jugendfreund, der Student in Moskau war, der tat etwas, der vollbrachte etwas, der half, daß in Rußland weniger Unwissenheit und Unfreiheit ward. Aber seit Jahren hatte sie nichts von Alexander Dimitritsch gehört; auch er hatte sie verlassen.

So verzehrte sich denn dieses Mädchen in Sehnsucht nach Taten. Ihr war's, als wäre es auch in ihrer Seele Winter. Wie schön müßte es sein, wenn auch die Menschenseele ihren Frühling bekam, wenn auch in das starre Gemüt des Unglücklichen die Sonne hinein schien, die Eisesrinde des Jammers hinwegtauend: tausend Triebe regen sich, alles drängt zum Licht, hundertfältig sprießt, grünt, blüht es im Herzen.

Die Haustür wurde geöffnet, die Einsame hörte Schritte im Vorraum, und dann von einer sanften, zärtlichen Stimme ihren Namen rufen: »Wera!«

»Ich bin hier, Tania. Komm herein!« Die Tür ging auf und über die Schwelle trat, gleich einem Seraph, der die Osterverkündigung brachte, ein junges Mädchen im weißen Festgewand, eine brennende Kerze in der Hand. Der Sitte gemäß hatte sie für die Osterfeier das Haar aufgelöst; fast bis zu den Knien fiel es in rötlichem Glanz herab, sie hätte sich darin einhüllen können. In dieser strahlenden Umgebung erschien ihr rosiges Gesichtchen wie ein byzantinisches, auf Gold gemaltes Heiligenbild.

»Heilige Osternacht, Wera.«

»Heiliges Auferstehen, Tania.«

Wera ging ihrer Freundin entgegen und führte sie ins Zimmer; dabei rief sie in den dunklen Vorraum hinaus: »Komm doch auch herein, Colja!«

Ein dumpfes Knurren antwortete; dann ein mächtiges Stampfen auf dem harten Lehmboden, ein heftiges Schnauben und Colja kam »auch« herein. Es war der Knecht Tanias, ein ungeschlachter, häßlicher Mensch, der sich in den vierzig Jahren seines Lebens noch immer nicht an sich selbst gewöhnt hatte und aus einem dumpfen Erstaunen über das Riesenmaß seines Leibes gar nicht herauskam. Er schien geboren zu sein, um über jeden denkbaren und undenkbaren Gegenstand zu stolpern; die Dinge schienen nur da zu sein, damit er daran Anstoß nehmen konnte. Dabei sah er sich pflichtschuldigst jedes Ding, das für seinen gewaltigen Körper ein Hindernis abgegeben, aufmerksam an; und selbst bei Sturm und Regen, oder beim härtesten Frost konnte er betroffen werden, wie er tiefsinnig und mit höchster Entrüstung einen Stein, einen Baum oder einen Graben betrachtete, der ihn soeben zu Fall gebracht. War er einmal so glücklich oder so unglücklich, durchaus keinen Gegenstand des Anstoßes zu finden, so wußte er sich nicht anders zu helfen, als unter Aufbietung seiner ganzen Einbildungskraft an allerlei imaginären Steinen und Ecken anzurennen. Ebenso stolperte dieser merkwürdige Mensch über jeden Begriff und wenn es der Begriff war, daß Colja ein Knecht und kein Leibeigener, daß Branntwein ein angenehmes Getränk, Nichtstun eine wunderhübsche Sache sei, und daß die Herrin, das Täubchen Tania Nikolajewna eine – – Aber dafür fehlte ihm überhaupt jeder Begriff, jeder Begriff und jeder Ausdruck. Er hatte einen Mund, so groß, und Augen, so klein, wie das überhaupt nur möglich war. Mit dem Blick eines mürrischen, schläfrigen Hundes pflegte er unverwandt seine junge Herrin anzustarren und sprach er einmal, das heißt, stieß er einmal einige heisere Gurgeltöne aus, so geschah es, um mit seiner Herrin zu reden, oder über seine Herrin lange, unverständliche Monologe zu halten.

Jetzt stand er hinter ihr, in der Nähe der Tür an der Wand lehnend wie der mürrische Trabant einer Elfenkönigin, der seine Gebieterin zu den Menschen begleitet hat und nun Wache hält, daß die Erde nicht den Saum des Kleides Ihrer luftigen Majestät beflecke.

»Wie gut von dir, daß du gekommen bist. Ich fühlte mich gerade recht einsam,« vertraute Wera der Freundin an; durch den Gegensatz mit der Lieblichen erschien Wera noch ernster und herber.

»Ich mußte hier vorbei und wußte, daß du zu Hause bleiben würdest. Colja verriet es mir.«

Sie wandte sich nach ihm um und lächelte den Unhold so holdselig an, daß dieser seine Augen in beängstigender Weise aufriß und es fast zu einer Rede gebracht hätte: »Ja, Tania Nikolajewna, Täubchen –«

Das übrige ging unter in Gebrumm.

Die beiden Mädchen setzten sich und plauderten leise.

»Aber du kommst zu spät zum Gottesdienst,« meinte Wera besorgt.

»Ich schleiche mich wohl noch ein, ohne daß der Pope mich sieht. Du sollst hier nicht so verlassen sitzen.«

»Hat Wladimir Wassilitsch aus Moskau geschrieben?«

»Schon lange nicht mehr.«

»Du brauchst darüber nicht traurig zu sein; er liebt dich zärtlich.«

»Er ist so wild.«

»Er ist der wahre Freund des russischen Volkes.«

»Was tut er in Moskau?«

»Sascha ist ja auch dort.«

»Das ist mein Trost. Sascha ist ein solch guter, starker Mensch. Wo Sascha ist, kann nichts Böses geschehen.«

»Böses? Was redest du?«

»Wera, Wera, was tun sie in Moskau?«

Die Angst erstickte ihre Stimme; aber Wera geriet in Begeisterung: »Was sie tun? Gutes, Großes: sie lernen! Sie, die Söhne von Leibeigenen, unterrichten sich über alles, was der Mensch wissen muß, wenn er in seiner Seele ein freier Mensch sein will. Ich kenne Sascha. Ich weiß, daß er lernt, um helfen zu können. Und du solltest deinen Verlobten besser kennen. Der Name Wladimir Wassilitsch wird für das russische Volk einst der Name eines Helden sein. Und du dann dieses Helden Weib. Du weinst?«

Colja ward an bei Tür unruhig. Er stieß gurgelnde Laute aus und geriet in eine schwankende Bewegung; ganz wie ein Bär. Dann rieb er seine gewaltigen Hände gegen seine Stirn und starrte ingrimmig nach der heiligen Ecke hinüber, wo die Mädchen unter dem Madonnenbilde Platz genommen. Wera saß im Schatten, aber auf Tania fiel der Kerzenschein und verklärte die liebliche Gestalt. Sie hob ihr tränenüberströmtes Gesichtchen zur Freundin auf, ein Bild holdseligsten, hilflosesten Leidens. Colja fühlte einen dumpfen Trieb, zu ihr zu gehen, eine der geweihten Kerzen anzuzünden, sich auf die Knie zu werfen und alles herzumurmeln, was er an Gebeten wußte. Das war freilich nicht viel.

Auf Weras Gesicht war ein Ausdruck tiefsten Mitleids erschienen, welcher die strengen Züge wie ein Schein überflog. Sie neigte sich über die Traurige und flüsterte: »Warum weinst du, Tania?«

»Weil mir so bang ist, weil uns ein großes Unglück bevorsteht.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Wladimir ist so wild, sage ich dir. Er kann so schrecklich hassen.«

»Wen haßt er?«

»Ach, ich weiß es auch nicht; aber ich glaube alle, die das Volk bedrücken. Die Briefe, die er mir bisweilen durch einen Boten zuschickt, sind fürchterlich. Niemals ein Wort von Liebe zu mir; nur von Haß ist die Rede, immer nur von Haß! Er schreibt mir: Ich liebte ihn nicht, wenn ich nicht alle die haßte, die er haßt. Sie wären die Verderber Rußlands.« »Das sind sie!« rief Wera. Sie war aufgestanden. »Sie müßten alle sterben.«

»Sterben?!«

»Alle, alle! Erst dann kämen bessere Zeiten für Rußland, denn dann würde in Rußland das Volk herrschen.«

»Das Volk herrschen? Was versteht das Volk davon? Das Volk weiß ja nicht einmal, was ihm fehlt, weshalb es unglücklich ist. Es müßte dem Volke erst gesagt werden, das Volk müßte erst lernen, nicht unglücklich sein zu wollen. Es regt ja keine Hand, läßt alles gehen, wie es gerade geht, ist ganz dumpf und stumpf. Und dann in Rußland das Volk herrschen! – – Was willst du, Colja?«

Er wollte nichts, gar nichts! Er brummte und murrte nur. Nicht einmal das Glas Kwas, welches Wera ihm einschenkte, wollte er austrinken: Tania Nikolajewna, das Täubchen, schluchzte immer noch.

»Was schreibt dir Wladimir sonst in diesen heimlichen Briefen?«

Sie stand, vergebens bemüht, ihre Aufregung niederzukämpfen, mit angehaltenem Atem auf die Antwort wartend.

»Was er sonst schreibt? Sonst nichts. Es ist immer dasselbe, in jedem Briefe dasselbe. Er wird gewiß recht haben.«

»Er hat nicht recht. Aber Colja, so sei doch still.«

Aber Colja war nicht still; Colja fuhr fort, vor sich hin zu murmeln und zu murren.

»Ich glaube, daß er recht hat,« sagte Tania leise und eine tiefe Röte überzog ihr Gesicht. Die sanften Augen bekamen Fieberglanz, sie erhob sich und trat von Wera fort. Eine Pause entstand. »Wann denkst du, daß dein Verlobter zurückkommen wird?«

»Er wird gar nicht zurückkommen.«

»Nie?«

»Er wird nach mir schicken, wenn er es an der Zeit hält.«

»Und dann?«

»Dann werde ich zu ihm gehen.«

»Aber deine Eltern?«

»Dann werde ich zu ihm gehen,« wiederholte Tania und sie setzte hinzu: »Ich bitte Gott, die Madonna und alle Heiligen jeden Morgen und Abend, daß er bald nach mir schicken möge.«

»Wirst du allein gehen?«

»Colja begleitet mich – natürlich.«

Jetzt kam der große Augenblick: Colja sprach und wie sprach er!

»Colja begleitet sie – natürlich! Wera Iwanowna, Mütterchen, seien Sie unbesorgt: Colja begleitet das Täubchen. Wenn es fortflattert, flattert Colja mit – natürlich! Colja ist ein Knecht, Colja tut, was man ihm befiehlt. Ruft die Herrin: Colja hier! kommt Colja her – natürlich! So ist's.«

Es war die längste Rede, die er jemals gehalten. Vollständig erschöpft sank er gegen die Wand und schloß die Augen. Da hörte er Tania leise auflachen; über Colja – natürlich! Fast hätte er vor Vergnügen mitgelacht. Statt dessen leerte er das Glas Kwas, das er immer noch in der Hand hielt. Jetzt konnte er trinken: Tania Nikolajewna hatte gelacht

Viertes Kapitel.

Als Wera wieder allein war, löschte sie die Lampe, die auf dem Tische stand, so daß in dem großen Gemach nur in der heiligen Ecke ein Licht brannte; darauf setzte sie sich ans Fenster, drückte ihre Stirn gegen die kleinen, trüben Scheiben und starrte hinaus. Noch immer zogen die Leute der Kirche zu. Warum sie nicht? Der Gekreuzigte, der Begrabene, der Auferstandene ließ heute alle zu sich kommen. Warum kam sie nicht? Wie oft hatte sie sich diese Frage vorgelegt. Aber sie fand niemals eine Antwort. Und diese Sehnsucht in ihr! Wonach? Sich auch an ein Kreuz schlagen zu lassen. Wofür? Um des Leidens Rußlands willen. Und zu Ihm, der sich um des Leidens der Welt willen hatte ans Kreuz schlagen lassen, ging sie nicht, wenn die Osterglocken zum Grabe des Auferstandenen riefen? Hatte Christus denn die Welt erlöst?

Es ist so lange her, dachte sie, daß Christus am Kreuz gestorben und nach drei Tagen wieder auferstanden ist von den Toten; es ist so viel darum gebetet und gedankt worden – beinahe zweitausend Jahre! Wenn einmal das russische Volk sein Osterfest hat, so wollen wir es feiern und dafür danken – auch zweitausend Jahre! Gekreuzigt wurde es ja oft genug, daß sein armer Leib nichts trägt, als blutige Wunden. Und ich selbst – – Herr, Herr, wecke mich! Ich bin wie in einem Grabe. Wenn ich meine Hände bewegen und ausstrecken könnte, müßte ich den Deckel meines Sarges fühlen. Aber ich kann mich nicht regen. Und wenn es über mir Frühling wird, weiß ich nichts davon. Wecke mich! Herr, Herr, wecke mich! Du kannst Wunder tun. Tue an mir ein Wunder! Rühre mich an und sprich: Weib, steh' auf und wandle – lebe!

Sie fiel mit dem Kopf gegen die Wand und während aus der Kirche der Gesang der Gläubigen zu ihr herüberdrang, betete sie, daß ihre Seele geweckt werde, daß die Seele des russischen Volkes auferstehen möchte aus tausendjährigem Todesschlaf.

… Wera Iwanowna war das einzige Kind ihrer Eltern. Ihre verstorbene Mutter hatte in ihrer Jugend in dem Rufe gestanden, eine große Schönheit zu sein. Diese Frau kam mit ihrem zwölften Jahre auf den Hof, wo sie zuerst für die niedrigsten Küchenarbeiten verwendet wurde, aber schnell bis zur Zofe der Herrin avancierte. Von dieser ward sie bald gestoßen und geschlagen, bald mit Zuckerwerk gefüttert und mit Putzsachen beschenkt. Im Winter wurde sie mit nach Moskau genommen. Plötzlich fiel sie bei der Herrin in Ungnade und ward in aller Eile mit Iwan Iwanowitsch, einem berüchtigten Trunkenbold auf dem Steppengut Eskowo verheiratet. Der Mann der hübschen Person war ein Mensch, der infolge seines Lasters zu nichts anderem zu verwenden war, als zum Knuten, ein Geschäft, dem er sich mit ganzer Seele und beiden Fäusten hingab. Bereits nach einigen Monaten wurde Wera geboren und ihre Geburt kostete der schönen Mutter das Leben. Das Kind wäre elend umgekommen, hätte nicht eine Nachbarin Erbarmen gefühlt. Der Mann dieser mitleidigen Frau arbeitete wegen Auflehnung gegen den Verwalter bereits seit fünf Jahren in den Bergwerken: er hatte nur einen Sohn zurückgelassen, ein starkes, plumpes unschönes Kind, das sich vor anderen Kindern scheute niemals spielte und am liebsten einsam in irgendeinem Winkel hockte.

Kaum war das kleine Mädchen im Hause, so ging mit dem Knaben eine wunderliche Veränderung vor. Er erwachte aus seiner Stumpfheit, es kam Leben und Jugend in ihn. Wenn das fremde Kind schrie, geriet er ganz außer sich, gab sich nicht eher zufrieden, als bis es beruhigt war. Unaufhörlich plagte er seine Mutter mit der Kleinen; alles, was sie zu essen hatten – es war wenig genug – sollte das Mädchen bekommen. Daß seine Mutter den Säugling nicht mit Stör und Kwas, den beiden größten Leckerbissen, die die Welt für ihn besaß, auffütterte, verzieh er ihr nicht. Den ganzen Tag schleppte er sich mit dem Püppchen herum, glücklich, wenn es mit den winzigen Händchen nach ihm griff und ihn an seinem struppigen Haar zerrte. Als die Kleine ihn zum erstenmal anlachte, geriet er in Ekstase. Diese leidenschaftliche Zärtlichkeit nahm mit den Jahren womöglich noch zu. Im übrigen blieb er ein scheuer, verdrossener, träger Junge, durch dessen Gehirn die Gedanken wie Schnecken krochen. Zündete jedoch einmal etwas in ihm, so loderten gleich Flammen.

Da vom Lernen gar nicht, von Arbeit kaum die Rede war, so lebte Sascha mehr auf der Steppe als im Dorfe oder im Hause; und da es ohne Wera keinen Sascha gab, so trieb sich das Mädchen einen großen Teil des Jahres mit ihm herum. Beide kannten meilenweit um Eskowo jeden Birkenbaum und Wacholderbusch. Wera war ein ernstes, in sich gekehrtes Kind, dem das Reden schwer fiel. Das nämliche war bei Sascha der Fall; aber sobald sich dieser mit seiner kleinen Genossin allein befand, ward er wunderbar beredt. Er wußte Geschichtchen ohne Zahl und Ende, die niemand ihm erzählt hatte. Wenn die beiden über Wiesen liefen und den Birkenwald durchstreiften, so erfuhr Wera allerlei geheimnisvolle Dinge von wilden Wasserweibern und weisen Luftfrauen. Der Knabe entfaltete vor der Seele des Mädchens den ganzen Reichtum seiner Phantasie, jedoch ohne sie dadurch ihrer nachdenklichen Art entreißen zu können. Oft kauerten sie am Rande des Flusses, der im Frühling die Steppe mit braunen Fluten überschwemmte, stumm zuschauend, wie die schlammige Wassermasse sich schwerfällig und träge in unheimlicher Lautlosigkeit dahinwälzte. Oder sie lagen auf der Steppe mit geschlossenen Augen, lauschten auf den Schlag der Amsel und das Pfeifen des Wasserhuhns und ließen das hohe Gras über sich hinwehen. Die grüne, blumendurchzogene Welle schlug über ihren jungen Gesichtern zusammen; öffneten sie die Augen, so blickten sie durch die nickenden Halme und Knospen in ein Meer von Dunst und Glanz, das der Sonnenuntergang mit glühendem Purpur übergoß, darin nach und nach die Sterne aufblinkten. Die einförmigste und ödeste Natur besitzt des Phantastischen und Geheimnisvollen immer noch genug, um ein Kindergemüt mit Schauern zu erfüllen.

So kam es, daß Wera ein überaus seltsames Kind ward. Gleich ihrem lieben Sascha wußte sie nichts von Spiel und anderen Kinderfreuden; die hübschen Märchen, die ihr Gefährte für sie erdichtete, verstand sie nicht, wenn sie auch noch so lange darüber nachgrübelte. Denn ganz im Gegensatz zu ihrem Freunde, konnte sie nicht fabulieren. Für sie blieb die Blume eine Blume, der Baum ein Baum. Sie hatte gar keine Einbildungskraft, sondern wußte nur mit der Wirklichkeit der Dinge etwas anzufangen.

Einen Gegenstand beständigen Nachdenkens bildete für sie die Frage: weshalb in Eskowo die Kinder stets so schmutzig und zerlumpt einhergingen? Da die meisten Mütter hatten, so konnte Wera es nicht ausfindig machen und verfiel darüber in tiefe Traurigkeit. Gar zu gern hätte sie etwas getan – irgend etwas! Zum Beispiel gehungert oder sich schlagen lassen, wenn dadurch in Eskowo alle Kinder gewaschen und reinlich gekleidet worden wären. Sie machte mit Sascha aus: wenn sie beide erst »ganz« groß geworden, so wollten sie dafür sorgen, daß es in Rußland nur sauber gewaschene und reinlich angezogene Kinder gäbe. Auch sollte dann niemand mehr die Knute bekommen, niemand mehr betrunken sein, oder in die Bergwerke geschickt werden, wo Saschas Vater unterdessen gestorben war.

Daß es auf der Welt – das heißt in Eskowo – Prügel und Trunkenheit gab, verursachte beiden viel Herzeleid. Vergebens versuchten sie zu begreifen, warum zweierlei Menschen da seien: Solche, die schlagen ließen, und solche, die geschlagen wurden. Gott und die Heiligen waren ihnen nebst der Gutsherrschaft, dem Verwalter und dem Popen ziemlich gleich unbekannte und schreckliche Persönlichkeiten. Da im Dorfe keiner so schmierig einherging, keiner so oft betrunken war wie der Pope, so setzten sie dasselbe von Gott und den Heiligen voraus, welche göttlichen Eigenschaften der kleinen Wera den größten Kummer bereiteten. Von dem Herrn, der Herrin und dem Verwalter wußten sie, daß diese – gerade wie Gott und die Heiligen – alles vermochten, und daß durch sie die Knute in die Welt gekommen. Freilich forderte Wera ihren Kameraden auf; wenn er erst »ganz« groß geworden, sich nicht von dem Verwalter schlagen zu lassen, wie die anderen das taten.

Häufig kam es vor, daß Wera zusah, wenn ihr Vater prügelte. Sie lief dann nicht fort, sondern wohnte der Prozedur bei, leichenblaß, die kleinen Hände geballt, mit weit aufgerissenen, starren Augen. Bei jedem Schlage zuckte sie zusammen, als wäre sie getroffen worden. Mancher dieser Mißhandelten, dem das Bewußtsein geschwunden, fand beim Erwachen aus seiner Betäubung neben sich die kleine Wera kauern.

Sie war vierzehn Jahre alt, als die Gutsherrin starb. Iwan Iwanowitsch und seine Tochter hatten bei dieser Dame so tief in Ungnade gestanden, daß sie selbst zum Handkuß nicht vorgelassen wurden. Das änderte sich nun. Kaum war die Dame begraben, als nach Wera geschickt wurde. Eine Dienerin holte sie ab und brachte sie zu der Frau des Verwalters, die das Kind bis dahin niemals zu sehen bekommen hatte. Es war eine ältliche, fette, faule Dame, die sich altrussisch kleidete und den ganzen Tag über Eingemachtes aß, das sie meisterlich zu bereiten verstand. Sie bewohnte einen Divan mit eingesunkenen Polstern und zerrissenem Überzug, aber so behaglich aufgewärmt, daß sie sich nur dann von den Kissen erhob, wenn sie Honigfrüchte einkochen ließ. Diese bequeme, vortreffliche Seele überschüttete Wera mit Liebkosungen und Leckerbissen, ließ sie in ihrer Gegenwart auf das zierlichste ankleiden und führte sie dann in eigener Person zu Anna Pawlowna.

Die junge Herrin von Eskowo empfing die kleine Vasallin ziemlich gnädig. Sie trug ein Pariser Trauerkostüm, darin sie reizend aussah. Ihr ganzer Hofstaat umgab sie: Beau, das Bologneser Hündchen, Bella, die große Tigerkatze, Karo, der gelbschopfige Kakadu. Außer diesen Günstlingen, zu denen man noch die Zwergin rechnen konnte, befanden sich von menschlichen Zugehörigen in dem Gemache: Madame Henri, die Gouvernante, Herr Lehmann, der deutsche Tanzmeister, und Lisaweta, die alte Amme. Auf einer mit maisgelbem Atlas bezogenen Ottomane lag ein wunderschöner Knabe, der Vetter Anna Pawlownas, der kaum älter als Wera war. Boris Alexeiwitsch war ganz in schwarzen Samt gekleidet, hatte weiche, kastanienbraune Locken, dunkle, müde Augen, eine Gesichtsfarbe und Lippen wie ein Mädchen. Er unterhielt sich damit, über dem Kopf des Kakadu die Reitpeitsche sausen zu lassen, schien jedoch an dem Spiel kein besonderes Vergnügen zu finden.

Wera fand die Situation sehr tumultuarisch. Der Hund bellte, der Kakadu schrie, die Zwergin kreischte, die Gouvernante zankte mit der Amme (die eine sprach Französisch, die andere Russisch), Boris pfiff und der deutsche Tanzmeister machte einen falschen Pas, wobei er der Katze auf den Schwanz trat. Jetzt kam noch die Verwalterin dazu.

Anna Pawlowna ließ die fette Dame sprechen, wie sie den Vogel kreischen ließ, betrachtete gemächlich ihren Besuch von Kopf bis zu den Füßen, befahl alsdann Räucherwerk anzuzünden, den Samowar aufzustellen und Wera ihren Schmuck und ihre Kleider zu zeigen.

Plötzlich trat im Jagdanzug, Paul Gregorowitsch ein, er küßte seine Tochter auf die Stirn, nickte der Amme zu, reichte dem Kakadu ein Stück Biskuit, machte Miene, die Französin anzureden, sah über den Tanzmeister hinweg und fragte die Zwergin – es war Mittwoch – ob heute Samstag wäre?

Dann sah er Wera.

Auf diesen Augenblick hatte die Verwalterin nur gewartet. Unter Verbeugungen, die sie ächzen und stöhnen machten, trat sie vor und begann über die Tochter des Trunkenbolds eine biographische Skizze herzusagen. Aber Paul Gregorowitsch runzelte ungnädig die Stirn, was die Verwalterin so aus der Fassung brachte, daß sie mitten im Satz verstummte.

Bald darauf ging er.

»Welche Ähnlichkeit!« zischelte die Zwergin der Amme zu. Diese stieß einen tiefen Seufzer aus und verdrehte die Augen.

Wera wollte weder Tee trinken noch von den eingesottenen Früchten essen, trotzdem Anna Pawlowna selbst sie ihr reichte.

»Wie stolz das Täubchen ist,« zeterte die Zwergin.

»Wie frech!« rief Boris Alexeiwitsch, stand auf, schlenderte zu Wera hin, blieb dicht vor ihr stehen, fixierte sie eine Weile, hob dann die Reitpeitsche und schlug zu.

Über Weras weißes Gesicht zog sich ein blutroter Streifen. Die Zwergin lachte laut auf, die anderen sagten nichts, nur der deutsche Tanzmeister murmelte: »Pfui!«

Aber wie eine Megäre fuhr Anna Pawlowna auf ihren Vetter los, dann fiel sie Wera um den Hals und küßte sie auf die Wange, welche die Peitsche getroffen. Sogleich begann die Zwergin zu schluchzen.

Wera ertrug die Liebkosung, wie sie die Mißhandlung ertragen; vollkommen regungslos. Dabei wandte sie keinen Blick von Boris. Dieser junge Held hatte sich unterdessen als zweites Opfer den armen Deutschen erwählt, von dem er sich, ohne überhaupt nur hinzusehen, bald diesen, bald jenen Tanzschritt vormachen ließ, dazu mit der Reitpeitsche Knalleffekte ausführend, welche die Französin bewundern mußte. Wera war, nachdem sie sein momentanes Mißfallen erregt hatte, für ihn gar nicht mehr vorhanden.

Endlich durfte die Verwalterin das Mädchen wieder mit sich hinausnehmen. Kaum befand sich die würdige Dame außer Hörweite, als sie auf Wera losfuhr und sie mit Vorwürfen überhäufte, wie man sich so dumm und grob benehmen könnte. Wäre sie so klug gewesen, sich respektvoll und gefügig zu zeigen, so hätte Anna Pawlowna sie gewiß in ihren besonderen Dienst genommen, wie die verstorbene Herrin das vormals mit ihrer Mutter getan. Wie gnädig von dem Herrn, ihr die hübschen Kleider zu schenken!

Aber Wera wollte sie nicht behalten. Mit zitternden Händen entledigte sie sich des fremden Putzes, schlüpfte in ihre alten Kleider, schlich fort, lief in den Birkenwald, warf sich auf den Boden, weinte und schluchzte. Als sie sich wieder aufrichtete, stand Sascha vor ihr mit so verstörten Mienen, so wildem Blick, daß Wera vor Schreck laut aufschrie.

Sascha hatte im Dorfe erfahren, daß Wera zur Herrin geholt worden und war ihr gefolgt. Durch das Gesinde hatte er alles, was im Salon geschehen, gehört.

»Laß uns beide nur erst groß geworden sein,« war alles, was er hervorbringen konnte und mit zitternder Stimme immer von neuem sagte.

Er war damals siebzehn Jahre alt, ein langer, hagerer, ungelenker Mensch mit den Augen und der Seele eines Kindes, so daß er wirklich erst »groß« werden mußte.

Dann aber hatte Wera eine innige Freude: ihrem Vater wurde die Knute abgenommen, und der größte Trunkenbold des Dorfes zum Starosten von Eskowo gemacht. Das hatten alle Leute erwartet. Der neue Starost, der seit dem Tode der Herrin sich äußerst ergeben gegen seine Tochter benahm, gewöhnte sich ihr gegenüber mehr und mehr ein demütiges Wesen an, worunter das Mädchen mehr litt, als früher unter den Brutalitäten ihres Väterchens. Übrigens ließ er sich nur dann vor ihr sehen, wenn er noch nüchtern genug war, um auf seinen Füßen zu stehen. So bekam sie ihn denn nicht oft zu erblicken.

Trotz ihres »unklugen« Benehmens stand Wera bei Anna Pawlowna in hoher Gunst. Diese schickte häufig nach ihr, was Sascha jedesmal außer sich brachte. Seine kleine Freundin konnte ihn dann kaum durch die Versicherung beruhigen, daß man sie gut behandelte, was übrigens wahr war, und daß Boris Alexeiwitsch nie mehr im Salon anwesend sei – was sie um Saschas willen log, und was ihr schwerer fiel, als hätte sie sich für ihn prügeln lassen.

Sie hatte gebeten, in ihren eigenen Kleidern bleiben zu dürfen, was man ihr, da sie in dem groben Kostüm immer ungemein sauber aussah, gnädig gestattete. Auch quälte die Herrin sie nicht mehr, Tee zu trinken und Honigfrüchte zu essen. Die Frau des Verwalters war wieder ganz Zärtlichkeit und Freundschaft, während die Zwergin sie haßte und die Amme fortfuhr, über die »Ähnlichkeit« laute Seufzer auszustoßen. Madame Henri redete sie zuweilen französisch an und Herr Lehmann hätte ihr für sein Leben gern das Walzen beigebracht, der einzige Liebesdienst, den diese gute Seele der Menschheit zu leisten vermochte.

Die Reitpeitsche bekam sie nicht wieder zu fühlen, aber so oft Boris Alexeiwitsch das »freche Geschöpf« sah, begannen seine Nasenflügel zu zucken, und seine schönen, müden Augen nahmen einen bösen und grausamen Blick an. Beide schienen sich nicht um einander zu kümmern, und doch wußte jeder, daß der andere sein Feind war.

So oft Wera sich bei Anna Pawlowna befand, besuchte Paul Gregorowitsch den Salon seiner Tochter, bei der er dann stets eine Zeitlang verweilte und zerstreut über das leibeigene Bauernkind hinwegsah.

Zuweilen durfte Wera den Lektionen beiwohnen, die der russische Lehrer Anna Pawlowna erteilte: Geschichte, Geographie, Himmelskunde, alles durcheinander. Das Mädchen hatte dann ihren Platz in einem Winkel, wo sie, aus Furcht fortgeschickt zu werden, nicht wagte, sich zu rühren. Hätte sie nur besser verstehen können! Es fiel ihr alles so schwer, jeder Gedanke kostete ihr Mühe. Der Lehrer sagte etwas, das sie nicht begriff, sie sann darüber nach und sie sann noch, wenn die Stunde längst vorbei war.

Die glückliche Anna Pawlowna! Glücklich, weil sie lernen konnte. Wozu sie übrigens lernte? Sie wußte alles. Wera fing an, sie zu beneiden, ein Gefühl, das sie unsäglich angstvoll und unglücklich machte.

War Anna Pawlowna bei besonders guter Laune, so befahl sie, daß der Lehrer Wera eine Frage vorlegen sollte. Zitternd vor Erregung, stand diese auf und sagte mit stockendem Atem, aber heiligem Ernst, als ob es sich um Tod und Leben handle, was sie von der Sache wußte. Gewöhnlich lachte Anna Pawlowna hell auf, worauf dann der ganze Hofstaat mitlachte, und gewöhnlich fand der Lehrer im geheimen, daß Weras Antwort durchaus nicht lächerlich sei.

Jede dieser Stunden bildete in Weras Leben ein Ereignis. Wurde sie einmal nicht durch das Bewußtsein ihrer Unwissenheit beschämt und gänzlich entmutigt, so schwelgte sie in der Empfindung, etwas gelernt zu haben. Mit geröteten Wangen und strahlenden Augen suchte sie sogleich ihren Freund Sascha auf, dem sie von jedem Wort strenge Rechenschaft ablegte. Sie konnte dann ganz beredt sein und von einer Zukunft schwärmen, wo Sascha – an sich dachte sie niemals – lernen würde, viel, viel lernen! Der gute, träge Junge fuhr jedesmal tief aufseufzend mit beiden mächtigen Händen über sein breites Gesicht und durch sein struppiges Haar. Seine Einbildungskraft konnte sich wohl bis zu den unglaublichsten Geschichten, den wunderbarsten Märchen versteigen; aber niemals in eine Region, in welcher der Sohn eines russischen Bauern Geschichte und Geographie lernte. Wera jedoch teilte fortan die Menschen nicht mehr ein in Herren und Leibeigene, in Geschlagene und Schlagende, Betrunkene und Nichtbetrunkene, sondern in Leute, die vieles, und solche, die nichts wußten.

Als Kind waren ihr von Saschas guter, aber durch Mangel und Fronarbeit halb blödsinniger Mutter einige Gebete gelehrt worden, mit der Weisung, daß man, wenn man dieselben unablässig, recht eifrig hersage, von den guten Heiligen alles, um was man bete, geschenkt erhielt. Also betete die kleine Wera eifrig, daß Saschas Vater aus den Bergwerken zurückkommen, daß keiner mehr betrunken sein möge, keiner mehr geschlagen würde und daß die Kinder von ihren Müttern gewaschen und gekämmt würden. Jeden Abend freute sich das Kind: morgen kommt Saschas lieber Vater zurück, morgen wird die garstige Knute verbrannt und der böse Branntwein in den Fluß geschüttet, morgen sind alle Kinder gewaschen und gekämmt – morgen! Doch keines dieser Wunder wollte sich in Eskowo zutragen, und Saschas Vater starb in den Bergwerken. Da bekamen Weras Augen allmählich jenen schwermütigen Ausdruck, der sich von nun an selten veränderte.

Gar zu gern hätte sie, nachdem sie das menschliche Spielzeug Anna Pawlownas geworden, morgens und abends eifrig, eifrig gebetet, daß die Heiligen die Leute recht viel lernen lassen möchten; sie war jedoch gegen den guten Willen der Himmlischen etwas mißtrauisch geworden.

Da geschah in Eskowo das Unerhörte: auch Anna Pawlownas Vater gab seine Bauern frei. Die toten Seelen sollten auferstehen.

Auf der Dorfstraße umarmte und küßte sich jung und alt. Es war wie zu Ostern. Acht Tage lang war in Eskowo alles betrunken, auch die Frauen – selbst die Kinder. Der Pope und der Starost lagen beide wie im Starrkrampf. Auch in den nächsten Wochen war es kaum besser. Prügeleien kamen jetzt sogar im nüchternen Zustande vor; die Männer prügelten ihre Frauen und umgekehrt; sie waren ja frei! Das währte so eine Zeitlang; dann gab es hundert Werst im Umkreise keinen Branntwein mehr, dann bekam man die Freiheit überdrüssig. Viele begannen zu murren. Noch einige Zeit später und die »freien« Seelen von Eskowo schickten mitten im Winter eine Deputation nach Moskau zu ihrem Herrn: »Das Väterchen möchte doch so gnädig sein, alles beim alten zu lassen.« Niedergeschlagen kehrten die Leute wieder zurück: »Es sollte in Rußland alles neu werden.« Dagegen war nichts zu machen. In Eskowo fing man an, die neue Zeit zu hassen.

So blieben denn die freien Seelen in Gottes Namen frei, ein Begriff, der ihnen in Gottes Namen dunkel blieb.

Wera glich einer Verzückten. Sie war neunzehn Jahre alt, groß und schön. Und auch glücklich. Durch die Welt und ihre Seele zog es wie Frühlingshauch, wie der göttliche Odem einer geistigen Auferstehung. Hand in Hand mit Sascha ging sie hinaus auf die Steppe, durch deren Blumenfelder der vom Eise befreite Strom mit ungestümen gelben Fluten dahinbrauste, die Dämme zerbrechend, über seine Ufer tosend, weit ins Land hinein. Zum erstenmal empfand Wera die furchtbare Große einer entfesselten Naturgewalt. Doch sie erschrak nicht davor. Es war eine Kraft, furchtbar und zerstörend, aber doch voll mächtigsten Lebens. Dieselbe Macht hatte auch in den Seelen der Menschen geschlummert: in der Seele des russischen Volles. Und jetzt war sie erwacht.

Ihr junges, begeistertes Haupt wie eine Seherin erhoben, kündigte sie ihrem Freunde an, daß er fort müsse: nach Moskau und dort lernen, lernen, lernen! Dann zurückkehren und lehren, lehren, lehren! Denn jetzt käme eine neue Zeit, eine Zeit, wo in Rußland den Steinen gepredigt werden müßte: das russische Volk ist frei!

Als die beiden auf der frühlingsgrünen Steppe sich so kindlich-feierlich besprachen, flossen Himmel und Elbe in Abendsonnengluten zusammen.

Und Sascha ging fort, ging, wohin er geschickt wurde, blindlings gehorchend, mit dem vollen Willen, alles zu tun, was man von ihm verlangen würde, aber ohne zu wissen, was er tun sollte. Zugleich mit ihm verließ Eskowo eine andere freie Seele: Wladimir Wassilitsch.

Derselbe war viel jünger als Sascha; eine wahre Lichtgestalt, das strahlende Antlitz von langen, hellen Locken umwallt. Mit seinem Feuergeist und seiner ungebändigten Jugendkraft schien er für die Unsterblichkeit geschaffen. Seine Gedanken waren so verwegen und zündend wie Flammen, und er hätte damit am liebsten die Welt in Brand gesetzt. Er war heimlich mit Tania verlobt, das einzige Wesen, welches außer dem russischen Volke für ihn existierte. Mit den herrlichsten Gaben ausgestattet, besaß er ein Genie zum Schwärmer und Fanatiker. Es gab Zeiten, während deren der ganze Mensch eine konzentrierte Idee war: Rußland! Über Sascha herrschte er wie ein Gott, Wera scheute ihn. Sie wußte auch, daß Tania dem Dämon dieses wunderbaren Menschen rettungslos verfallen sei; für ihren Freund hingegen glaubte sie so wenig fürchten zu müssen, wie für sich selbst.

Nun war Sascha in Moskau. Nur während des ersten Jahres erhielt Wera Briefe von ihm. Sie küßte das Papier mit der unbeholfenen Kinderschrift und bewahrte jedes Schreiben wie ein Heiligtum. Sascha lernte, weiter wußte sie nichts von ihm; es war ihr genug. Dann verstummte er und sie hätte gar nichts mehr von ihm vernommen, wenn nicht Wladimir in seinen Briefen an Tania manchmal des Genossen Erwähnung getan. Doch die Weise, in der das geschah, beunruhigte und demütigte Wera. Sie hörte, daß Sascha noch immer Student war, aber daß das russische Volk nichts von ihm zu hoffen hätte. Also lernte er nicht. Was tat er sonst? Diese angstvolle Frage, auf die sie keine Antwort erhielt, war es, welche sie während der letzten Jahre unaufhörlich beschäftigte und quälte.

Wladimir schickte Tania allerlei Schriften, die seine Braut »vorbereiten« sollten für ihre »Mission« als das Weib eines Sohnes des »neuen« Rußlands. Dem Mädchen wurde tiefes Geheimnis geboten. Zugleich erhielt sie Befehl, alle Hefte, Zeitungen und Flugblätter Wera mitzuteilen: diese sei eine Seele, welche für das »neue« Rußland gewonnen, welche gleichfalls »vorbereitet« werden müßte. Wahrend Tania das Eintreffen jeder neuen Sendung einen wahren Todesschrecken bereitete, geriet Wera jedesmal in ein Fieber von Aufregung und Erwartung. Die kostbaren Schriften an ihren Herzen verborgen, gingen die beiden Mädchen hinaus auf die Steppe, lasen die Blätter und suchten die wilden, wirren Ergüsse zu begreifen. Beide verstanden nichts und glaubten alles; die eine: weil Wladimir alles verstand und glaubte, die andere: weil alles um der Leiden des russischen Volkes willen erdacht und geschrieben worden war. Tania wollte übrigens gar nichts verstehen, sondern nur glauben; Wera dagegen machte es tief unglücklich, daß sie nichts verstand und nur glaubte. Die Schuld lag natürlich lediglich an ihr und ihrer Unwissenheit. Wie erhaben klangen die Reden an das russische Volk, wie gewaltig tönte die Sprache der Empörung über seine Knechtung, wie machtvoll der Aufruf zur Erhebung und Befreiung. Alle Schuld lag an ihr! Sie fühlte sich unwürdig, teilzunehmen an dem großen Werke, das vor sich gehen sollte. Aber war es nicht Glück genug, daß es überhaupt vor sich ging?

Allein trotz ihrer glühenden Hoffnung, trotz ihres unerschütterlichen Glaubens konnte sie nicht verhindern, daß allmählich ihre Augen wieder den alten traurigen Blick annahmen; konnte sie nicht verhindern, daß in Eskowo alles beim alten blieb. Sie vermochte nichts dagegen zu tun. War es doch schon eine Tat zu nennen, wenn sie bisweilen ihren Vater einen Tag lang vom Trinken abhielt. Im übrigen flickte sie mühselig die Lappen einiger verwahrloster Kinder zusammen, wusch und kämmte sie und machte ihnen begreiflich, daß in Rußland deshalb so lange Winter sei, weil Rußland – so wenig Sonnenschein habe.

Der Herr von Eskowo, von dem sie jetzt wußte, daß er ihr Vater war, starb, Anna Pawlowna wurde Herrin, vermählte sich, lebte in Moskau oder Deutschland, oder Frankreich; und – –

Und Sascha kam noch immer nicht zurück!

Fünftes Kapitel.

Noch immer sangen sie in der Kirche. Plötzlich ward es still. Wera schreckte auf. Sie mußte sich erst auf sich und ihre Umgebung besinnen. So war sie; anstatt nach der Kohlsuppe zu sehen, saß sie und legte die Hände in den Schoß; anstatt etwas zu tun, träumte sie. So machte sie es immer.

Hastig steckte sie die geweihten Kerzen an und setzte sie auf den Festtisch. Die Magd kam aus der Kirche zurück. Diese gute Seele hegte gegen die Wirtschaftlichkeit ihrer Herrin starkes Mißtrauen, und die Furcht vor dem Zugrundegehen der Osterleckerbissen beeinträchtigte ihre Andacht dermaßen, daß sie mitten aus dem Gottesdienst fortlief. Bei dem Anblick der eingekochten Suppe und bei angebrannten Gerste stieß sie ein Schmerzensgeheul aus, während Wera wie eine ertappte Verbrecherin daneben stand. Nachdem sich die Magd einigermaßen beruhigt, fiel derselben ein, daß der Krämer von Pokrow ihr in der Kirche einen Brief für ihre Herrin gegeben. Sie zerrte das große Schreiben zerknittert und beschmutzt hervor und begann darauf von neuem zu jammern.

Wera war beim Anblick des Briefes erblaßt, sie zitterte heftig, vor ihren Augen ward es dunkel. Schwankend trat sie zu dem Heiligenschrein, öffnete den Brief, hielt ihn zu den Kerzen hinauf.

Sie hatte längst gelesen und stand noch immer regungslos. Sascha kam, am Osterabend wollte er eintreffen: am Osterabend, heute – –

Sie las wieder und wieder, zuletzt halblaut, um die Osterbotschaft auch zu hören.

Endlich war es ihr deutlich geworden. Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen, trug ihn in ihre Kammer und verschloß ihn in ihre Truhe. Dann kam sie zurück, besprach in ihrer gewöhnlichen ernsthaften und ruhigen Art mit der Magd einige wirtschaftliche Angelegenheiten, warf ihr Tuch über den Kopf und verließ das Haus.

Dichter Nebel füllte die Dorfgasse. Um die hell erleuchtete Kirche lagerte ein breiter Streifen rötlichen Dunstes. Wera blickte hinüber. Jetzt feierte auch sie ihr Ostern. Und sie grüßte sich selbst mit dem schönen Ostergrüße: Glückseliges Auferstehen.

Denn sie wußte es – plötzlich wußte sie es: Nur ihretwillen kam er, um sie zu holen! Und sie würde mit ihm gehen, mit ihm lernen, mit ihm arbeiten, mit ihm etwas nützen, etwas helfen, etwas tun! Bei dem bloßen Gedanken daran war es ihr, als würden ihr Fesseln abgenommen, als strömten glühende Lebensfluten in sie ein, als fielen Hoffnungslosigkeit und Schwäche von ihr ab wie ein Gewand, das sie beiseite warf.

Sie erreichte die Steppe. Ringsum wälzten sich die Dunstwellen, schlugen über ihr zusammen, verschlangen sie. Ihr aber war, als wandle sie auf blumigen Fluren unter einem strahlenden Sternenhimmel.

Auf einmal tauchte es dicht vor ihr auf: riesengroß, eine graue, unheimliche Nebelgestalt. Im nächsten Augenblick war sie bei ihm.

»Sascha! Sascha!«

»Wera!«

Sie standen nebeneinander auf der Landstraße, stumm und regungslos. Das Dunstmeer wälzte sich über die beiden Vereinigten.

Wera drängte ihr Gesicht gegen das des Freundes, um so besser seine Züge zu erspähen. Aber Nacht und Nebel bedeckten Saschas Antlitz wie eine Maske.

Langsam kam die Kibitka herbei. Das Schnaufen der ermatteten Gäule klang in der Lautlosigkeit der nächtlichen Wildnis schauerlich wie Gestöhn, Unwillkürlich horchten beide darauf. Sie ließen den Schlitten an sich vorüber und standen wiederum lauschend, bis sie nichts mehr vernahmen. Dann tastete Wera nach Saschas Hand, faßte sie, hielt sie.

»Sechs Jahre warst du fort.«

»Sechs Jahre.«

Wera fuhr zusammen. Wie müde seine Stimme klang!

Sechs Jahre, dachte Sascha verwundert. Er hatte sich die in Moskau verbrachte Zeit noch niemals vorgerechnet. Sechs Jahre, grübelte er und konnte es nicht begreifen. Sechs Jahre – seltsam!

Und seiner Gewohnheit nach, versank er in diesen ihm vollständig neuen Gedanken, Weras Stimme weckte ihn.

»Was hast du in den sechs Jahren getan?«

»Getan?«

Und er wäre vor Erstaunen in dem Worte beinahe steckengeblieben.

»Was sollte ich wohl getan haben?«

Er war ganz betroffen. Ihm fiel ein, daß er oft gehungert hatte, daß er oft verächtlich behandelt worden war, daß er sich vor der Polizei hatte verborgen halten müssen. Es war ihm in den sechs Jahren herzlich schlecht gegangen. Volle zehn Monate hatte er im Gefängnis zugebracht: »Nihilistischer Umtriebe« wegen. Er war darüber ungemein verwundert gewesen, hatte es sich niemals recht zusammenreimen können; denn er hatte nichts getan, durchaus nichts – zu seiner Schande mußte er es sagen. Die anderen »taten« etwas, Wladimir Wassilitsch und – eben die anderen, alle die anderen. Aber er, Sascha, was hätte er wohl tun können?!

Welche sonderbaren Fragen seine Freundin ihm stellte.

Mit stockendem Atem wartete Wera auf Antwort. Schwer und kalt, wie leblos, lag Saschas Hand in der ihren. Plötzlich bückte sie sich und drückte einen leidenschaftlichen Kuß darauf: Er wollte von seinen Taten nicht reden. Daran erkannte sie ihn.

»Was tust du?« stammelte Sascha ganz entsetzt und ihr seine Hand heftig entreißend. Aber aus Wera brach die seit Jahren zurückgehaltene mächtige Empfindung gewaltsam hervor. Als ob die sternenlose Nacht nicht dunkel genug wäre, hielt sie ihr Gesicht von ihm abgewendet, damit er nicht sehe, wie die Scham darauf brannte; denn sie hatte nichts getan!

»Nichts habe ich getan! Gar nichts! Gewartet habe ich, immer gewartet, sechs Jahre gewartet! Wenn ich dem Starosten die Branntweinflasche fortnahm, einem Kinde das Haar kämmte, oder ihm seinen zerrissenen Rock flickte, so war das schon viel getan. Und wie unwissend ich geblieben bin! Denke dir; nicht einmal, daß ich den Kindern heute sagen konnte, weshalb Rußland so lange Winter hat. Nichts weiß ich, nichts nütze ich, mit nichts kann ich unserem armen Volke helfen. Und geholfen muß dem Volke werden. Das steht ja auch in allen den Zeitschriften und Heften, die du mir im ersten Jahre geschickt hast. Ich habe alles gelesen, ich kenne alles auswendig. Es ist wunderschön, es klingt so erhaben und feierlich. Wenn ich es nur besser verstünde – – Sagtest du etwas?«

Er hatte nichts gesagt; er hatte nur geseufzt, tief und schwer. Also: Sie hatte alles gelesen; es war so schön, es klang so feierlich, aber – – aber sie verstand so wenig davon. Das war es ja eben! Und plötzlich dauerte sie ihn, plötzlich wünschte er, nicht gekommen zu sein, oder die weite Reise – nicht aus eigenem Antriebe hatte er sie unternommen, wahrhaftig nicht! – umsonst gemacht zu haben. Aber darin hatte sie recht: dem Volke mußte geholfen werden, dem »armen« Volk, wie sie es nannte. Sie war so gut, so klug und stark.

»Freilich,« murmelte Sascha, »freilich muß dem Volke geholfen werden; wir, die Männer des Volkes, wir müssen dem Volke helfen.« Es war die Redensart, die ihm in den sechs Jahren seines Moskauer Aufenthalts so geläufig geworden, daß er sie oft laut vor sich hinsprach, was ihm stets eine gewisse Befriedigung gewährte.

Mit starker Stimme bekräftigte die Freundin: »Das müssen wir, das ist unsere heilige Pflicht. Es gibt so großes Elend auf der Welt.«

Sascha sah scheu auf die hohe Gestalt an seiner Seite, die der Nebel mit geheimnisvollen Schleiern umwob. Sie war ihm fremd geworden. Ihre Feierlichkeit machte ihn beklommen, ihre Leidenschaftlichkeit erschreckte ihn. Es wird wohl nichts helfen, dachte er. Ich werde sie wohl mitbringen müssen, wie sie mir aufgetragen haben. Du wirst sehr unglücklich werden, aber unglücklich werden müssen alle, die dem Volke helfen wollen. Das ist nun einmal so. Ich bin begierig, was sie tun wird.

»So erzähle mir doch, wie es in Moskau war.«

Sascha mußte sich erst darauf besinnen. Langsam reihte sich Gedanke an Gedanke, langsam Wort an Wort. Er unterbrach sich häufig, stockte häufig. Er gewahrte nicht, mit welcher leidenschaftlichen Spannung ihre Augen an seinen Lippen hingen.

»Wie es in Moskau war? Prächtig! Eine prächtige Stadt! So viele Kirchen und Paläste! Es strahlt alles nur so. Und so viele Menschen! Man glaubt's gar nicht. Wohl an tausend Popen! Und Gouverneure, Staatsräte, Beamten. Das sind mächtige Herren. Sie tun alles was sie wollen. Und das Volk –«

»So sprich doch,« drängte Wera.

»Ja, das Volk – Es ist so hilflos, es weiß so wenig von sich selbst, es ist wie ein Kind, wie ein armes, krankes Kind. Ein krankes Kind kann auch nicht sagen, was ihm fehlt. Da liegt es, das arme, kleine Ding, so – nun eben so hilflos. Weint und wimmert und weiß nicht einmal, warum es wimmert und weint. Man kann es doch nicht so liegen lassen; man muß dem armen, hilflosen Geschöpf doch helfen. Muß man nicht, Wera Iwanowna?«

»Ja, ja ja!«

Sascha sah zu Boden und rieb mit seinen großen roten Händen hilflos die Ellbogen. Nach einer Weile stieß er hervor: »Und muß man das Volk wohl verachten?«

»Wer verachtet es?«

»Alle verachten es! Alle, die dem Volk helfen sollten – die dem Volk helfen könnten. Sie kennen es eben nicht. Wie sollten sie auch? Sie wissen nichts vom Volk, nichts von seinem Leben, nichts von seiner Seele. Es hat nicht einmal eine Sprache für sie. Es ist tot für sie, schlimmer als tot; denn sie verachten es! Sie verachten das stumme, kranke, hilflose Kind, das ihnen nichts sagen kann von seinen Schmerzen. Sie knechten es. Und wenn es dann seine Hände regt und ihnen sagt, daß es frei sei, so werfen sie es in die Gefängnisse, so verschicken sie es nach Sibirien in die Bergwerke und Gruben: Mann und Weib. Sie machen das Volk schlecht und träge, kriechend und heuchlerisch, elend und niederträchtig, und dann – dann verachten sie es.«

Er sprach ganz beredt. Wera lauschte wie auf die Verkündigung eines Evangeliums. Eine tiefe Zuversicht überkam sie, eine feste Hoffnung, ein unerschütterlicher Glaube.

Mit erstickten Tränen in der Stimme, bat sie: »Sprich weiter.«

Die Finsternis und Weras Nähe gaben Sascha ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe, wie er es vorher noch niemals gekannt. Auch hatte man ihn noch niemals um seine Meinung befragt; noch niemals war es jemandem eingefallen, Sascha als einen Menschen zu betrachten, der auch eine Meinung besitzen könnte. Sechs Jahre hindurch hatte er »helfen« wollen und »nichts getan, gar nichts« – sechs Jahre hatte er darüber nachgedacht und geschwiegen. Nachdem nun das erste Wort gesprochen, kam es über ihn wie eine Befreiung.

»Sie haben uns immer verachtet. Sie haben uns verachtet, wo sie uns hätten beweinen sollen – jawohl, beweinen! Aber sie dachten: ist das Volk zum Schinden da, so taugt es auch zum Schlachten. Und sie schlachteten es. Arme, dumpfe, stumpfe Masse, die sich in den Tod treiben ließ! War dann in den Kriegen unser Blut geflossen, daß man damit Rußlands Schneefelder hätte fortspülen können, so durften die Übriggebliebenen wieder in ihre Dörfer zurück-* kehren, so durften sie ihre vom Feinde eingeäscherten Häuser wieder aufbauen, sich vom Edelmann wieder ins Joch spannen, sich von der Knute wieder blutig peitschen lassen, wenn sie etwa murrten. Indessen sie murrten nicht. Aber geschlagen wurden sie doch! Nicht allein die Hunde haben traurige Augen – traurige Augen hat auch der russische Bauer. In seinen traurigen Augen ist es zu lesen, darin steht alles. Aber sie, die Klugen und Weisen, die alle Sprachen der Welt verstehen, können es nicht lesen: die stumme Sprache des Volles kennen sie nicht; sie verstehen nicht, daß die »Seelen«, wie sie uns nannten, auch wirklich Seelen besitzen. Wir sollen frei sein. Warum lassen sie uns dann nicht auch frei handeln? Weil wir zu stumpf sind. Warum sind wir zu stumpf? Weil wir bei lebendigem Leibe dem Leben abgestorben sind. Wir haben zu viel erduldet. Damit ist alles gesagt.«

»Alles!« hallte es wie ein dumpfes Echo tonlos zurück.

Doch Sascha sprach weiter. Er hätte jetzt gesprochen und wäre es heller Tag gewesen, und hätte ihm nicht nur Wera, sondern das ganze Volk zugehört.

»Es geht manches vor in Rußland, aber das russische Volk weiß nichts davon. Wozu braucht es auch etwas davon zu wissen? Was geht es das Volk an, ob man es retten oder noch mehr verderben will, ob man es liebt oder haßt. Aber trotzdem das Volk nichts davon weiß, wartet es. Es wartet immer. Es wartet seit Jahrhunderten. Worauf wartet es? Auf Befreiung. Aber die Befreiung ist ja gekommen. Es gibt in Rußland keine Leibeigenen mehr, das russische Volk ist frei! Geht und fragt das russische Volk danach. Viele werden gar nichts davon wissen. Und haben sie sich darauf besonnen, werden sie schnell in die Schenke laufen und so lange Branntwein trinken, bis sie ihre Freiheit im Rausch wieder vergessen. Denn das Volk weiß nicht, was es mit seiner Freiheit anfangen soll. Es hat während der langen Knechtschaft verlernt, frei sein zu können. Also müssen diejenigen, die das Volk kennen und lieben, es das Volk lehren.«

Wieder vernahm Sascha jenes dreimalige feierliche, gelobende Ja! Er tat einen tiefen Atemzug und fuhr fort: »Denn ist es einst ein starkes Volk gewesen, so kann es das auch wieder werden. Und das bezweckt ja wohl auch die Regierung. Aber die Regierung kennt das Volk nicht. Wie sollte sie auch? Deshalb müssen Männer und Frauen aus dem Volk es vollbringen, indem sie zum Volke reden in der Sprache, die das Volk versteht. Denn noch immer ist es ein junges, starkes Volk, was es dadurch beweist, daß es noch immer wartet, immer noch hofft. Es ist ein kindliches Volk. Und Jugend hat unverwüstliche Lebenskraft. Laßt uns nur erst wissen, daß auch wir Geschöpfe sind, gleichberechtigt mit anderen Geschöpfen, Menschen, geschaffen nach dem Ebenbilde Gottes. Laßt es das Volk nur erst wissen, und es wird seinen gebeugten Rücken wieder aufrichten. Seine Augen werden zum Himmel sehen. Es wird nicht mehr vor den Augen seines Herrn zittern und kriechen, um hinter dem Rücken seiner Feinde zu knirschen und Rache zu schwören; sondern es wird lieben und glauben und vertrauen. Es wird an sich selber erfahren, daß ein Volk etwas Großes und Starkes sein kann. Wir müssen das Volk mit seinen natürlichen Feinden versöhnen; wir müssen zwischen Volk und Gesellschaft vermitteln, die einen zu den anderen führen, die einen lehren, die anderen zu verstehen und zu würdigen. Wir müssen im Volke das Gefühl seiner Würde wecken, damit Gesellschaft und Regierung vergessen zu verachten und lernen zu achten. Alle, die wir vom Volke sind, müssen zusammentreten, müssen es unterrichten und erheben, damit nicht wahr werde, was sie sagen, daß Rußland, wie es keine Vergangenheit und keine Gegenwart habe, so auch keine Zukunft haben werde. Das Volk muß unserem Lande seine Zukunft bringen und wir alle müssen dabei helfen.«

Er schwieg erschöpft. Seine Lippen zuckten, Tränen standen in seinen Augen.

»Daß du so reden kannst!« war alles, was Wera zu erwidern vermochte. Und leise setzte sie hinzu: »Daß ich dich verstehen kann!«

»Was verstündest du nicht? Das sagte ich auch den anderen, in Moskau. Ich sagte ihnen: Wera Iwanowna ist ein kluges Mädchen, klug und stark.«

»Wem sagtest du das in Moskau von mir?«

Sie war stehengeblieben. Sascha fühlte ihren Blick, der in seiner Seele zu lesen schien; es war ein Blick, vor dem keine Lüge bestand.

Er antwortete langsam und mühsam: »Wem ich das in Moskau von dir gesagt habe? Nun, eben den anderen. Wera Iwanowna ist stark, sagte ich ihnen. Sie kann alles, was sie will, und sie will alles. Ich kenne sie. Dann geh und hole sie, befahlen sie mir. Wir brauchen starke Frauen. Ich ging und – nun, und da bin ich.«

Eine ganze Weile erwiderte sie nichts darauf: sie war zu ergriffen. Dann rief sie leise seinen Namen: »Sascha.«

Er fuhr zusammen: »Ja,«

»Ich wußte, daß du kämst, mich zu holen,«

»Das wußtest du?«

»Du sollst mich mit dir fortnehmen nach Moskau, ich soll etwas lernen, etwas tun, etwas helfen! O Sascha, Sascha!«

Aus ihrer Stimme klang ein solcher erstickter, schwer unterdrückter Triumph, ein solcher Jubel, daß ihn ein Schauer überlief. Sollte er es ihr sagen, sollte er sie warnen: Geh nicht mit! Du darfst nicht auch verdorben werden! Aber ihm war befohlen wurden und er mußte gehorchen. Gehorchen – das war alles, was er tun konnte.

»Aber du sagst ja nichts. So sage mir doch, wer dich zu mir geschickt hat.«

»Die Unseren. Du wirst sie kennen lernen. Sie sind es, welche die Bücher schrieben und druckten, die ich dir heimlich geschickt habe. Sie heißen die ›Auferstandenen‹. So nennen sie sich selbst.«

Ein Ausruf des Erstaunens, des Entzückens entfuhr Wera. Aber Sascha fühlte sich von neuem heftig beunruhigt. Wenn sie nur bleiben würde, wenn er sie nur zurückhalten könnte!

»Die Auferstandenen, das ist ein schöner Name, ein heiliger Name,« sagte Wera leise. »Die Auferstandenen.« Ihre Stimme bebte.

»Sie heißen auch die Nihilisten – so werden sie von den anderen genannt. Es sind schrecklich gescheite Köpfe darunter, wahre Hitzköpfe, Wladimir Wassilitsch ist der erste und wildeste. Das ist ein mächtiger Auferstandener, ein gewaltiger Nihilist! Es soll jetzt viel vor sich gehen.«

»Was? Was?«

Sascha zauderte mit der Antwort. »Ich weiß es auch nicht recht,« meinte er endlich verdrossen und erklärte dann aufrichtig, »sie sagen mir nämlich nicht alles. Ich glaube sie trauen mir nicht ganz; ich fürchte, sie mißachten mich etwas. Ich habe ja auch noch gar nichts tun können. – – Da fällt mir ein: Nihilisten kommt aus dem Lateinischen. Das Wort heißt nihil und bedeutet: nichts. Die Nihilisten sind Menschen, die nichts bestehen lassen wollen, die an nichts glauben. Es ist jedoch nicht so schlimm.«

»An nichts glauben, Sascha? Sie sollten an nichts glauben und sie wollen dem Volke helfen? Sie müssen aber doch an das Volk glauben und daß sie diesem etwas Gutes tun? Es wird gewiß anders sein, sicher irrst du dich. Wie könnte ein Mensch an nichts glauben?«

»Vielleicht irre ich mich,« gab Sascha in tiefer Niedergeschlagenheit zu. »Wenn du mitkommst, wirst du selber sehen, daß alles anders ist, als ich dir sagen kann. Du brauchst aber nicht mitzukommen – wenn du nicht willst. Einer allein kann freilich nichts ausrichten, dazu sind ihrer viele nötig; und wo viele sind, muß der einzelne gehorchen. Der einzelne muß hoffen und vertrauen und – du hast recht: und glauben. Ach, Wera, wir beide sind so unwissend, so hilflos; ganz wie das russische Volk. Wer zeitlebens in der Steppe gelebt hat und dann plötzlich herauskommt und dann plötzlich zu begreifen anfängt – – Alles ist Wirrwarr! Wirrwarr! Du wirst es auch erfahren. Aber vielleicht kommst du doch nicht mit?«

»Der einzelne kann nichts ausrichten,« entgegnete sie ihm mit seinen eigenen Worten.

Sie schwiegen beide. Es war kälter geworden, der Nebel hatte sich zum Reif verdichtet. Durch die Dunstschicht brach siegreich ein strahlender Sternenhimmel. Wie ein wunderbares Metallgewölbe, das mit zahllosen Brillanten besetzt war, leuchtete es auf die Weiße, glanzbebeckte, feierliche Landschaft nieder. Der gefrorene Schnee sprühte buntglitzernde Funken, die Stämme der Birken glichen Kristallsäulen mit einem phantastischen Aufputz von ungeheuren weißen Straußenfedern. Wo soeben, einer Feuersbrunst gleich, der Vollmond aufstieg, schob sich am Horizont eine goldig schimmernde Nebelwand empor.

Gleich fühlbaren mystischen Wesen ruhten die Öde, die Unendlichkeit, die Lautlosigkeit über der Steppe.

Während die rote Riesenkugel des Mondes langsam, langsam aufschwebte, überkam es Wera wie eine Vision…

Vor ihren Augen wandelte sich das wilde, winterliche Land zu einer blühenden Gegend; unabsehbar dehnten sich Felder und Gärten, jede Scholle strotzte von Fruchtbarkeit. Der Boden schüttete alle seine Schätze aus über Rußland. Es war ein Verschwenden, ein Vergeuden der köstlichsten Gaben.

Wie ein Hymnus brauste durch das lachende Land der Ruf: »Die Freiheit des russischen Volkes!«

Wera ward vom Schwindel erfaßt. Sie schloß die Augen, sie taumelte. Als sie wieder aufsah, stieß sie einen Schrei aus.

Versunken war das schöne Bild, eine entsetzliche Wildnis starrte sie an, das einzig Lebende darin waren zwei menschliche Gestalten. Kettenbeladen schwankten sie dahin und eine ersterbende Stimme seufzte: »Das leiden wir für die Freiheit des russischen Volles.«

Da wandte das eine der beiden einsamen Geschöpfe sich um und Wera sah – ihr eigenes Gesicht.

»Was ist dir? Warum schriest du so auf?«

Sie kam wieder zu sich.

»Es ist nichts, O Sascha, Sascha! Was ist dies für ein feierlicher Tag. Ich bin so dankbar, so glücklich!«

»Du willst mit mir gehen?«

»Ich will mit dir gehen.«

»Du wirst viel leiden müssen.«

»Ich will viel leiden.«

»Du mußt gehorchen, blindlings gehorchen. Wirst du das können?«

»Ich werde es können.«

»Du mußt alles tun, was sie von dir fordern; hörst du wohl? Alles! Ohne Wort, ohne Gedanken – –«

»Ich will alles tun.«

»Bedenke auch das: Staat und Regierung sind sehr hart gegen uns. Sie nennen uns Verbrecher und Missetäter, sie werfen uns ins Gefängnis, sie verurteilen uns zum Schafott, sie verschicken uns nach Sibirien und in die Bergwerke!«

»Sie sollen mich nach Sibirien schicken – auf das Schafott.«

Wiederum ein langes Schweigen. Mehr und mehr überflutete das Mondlicht die Steppe. Es war ein Flimmern und Schimmern, ein Strahlengeriesel, als zerflössen Erde und Himmel in dem Glanz. Bereits lag Eskowo dicht vor ihnen; die Lichter des Dorfes funkelten gleich großen Rubinen.

Da nahm Sascha seinen ganzen Mut zusammen. Er fühlte sein Herz hämmern, und das Blut gegen die Schläfen dringen. »Etwas muß ich dir noch sagen.«

Aber er schwieg. Sobald er an sie dachte, versetzte es ihm den Atem. Und er sollte Wera jetzt ihren Namen nennen.

»Was mußt du mir noch sagen?«

»Unsere Herrin – Anna Pawlowna – du weißt doch – – «

Doch sie wußte nicht. Sie fragte ihn und er mußte antworten.

»Anna Pawlowna gehört seit kurzem auch zu den unseren.«

Daß der Mond gerade so hell scheinen mußte! Sascha zog den Kragen seines Rockes noch höher, drückte seine Kappe noch tiefer in die Stirn: es war so grimmig kalt.

»Zu den Unseren – – Anna Pawlowna?«

Sie verstand ihn nicht; er mußte es ihr erklären.

»Viele Edelleute gehören zu den Unseren – ganz heimlich, verstehst du. Das ist sehr gut für uns, das nützt unserer Sache sehr. Diese verachten das Volk nicht mehr – im Gegenteil. Ja, so ist es.«

Wieder versuchte sie in sein Gesicht zu spähen. Da bückte er sich. Aber auf der Steppe wuchsen jetzt keine Blumen.

»Die verachten das Volk nicht mehr? O Sascha, Sascha!«

Warum sagte sie das so klagend, so zweifelnd? Glaubte sie ihm nicht, oder mißtraute sie jenem? Das wäre sehr unrecht von ihr, sehr unrecht! Er wurde fast heftig.

»Anna Pawlowna ist edel. Sie tut sehr viel für die Sache, wir müssen ihr sehr dankbar sein.«

»O Sascha! Sascha!«

Es war nicht mehr eine Klage, es klang wie eine Anklage. Das Blut stieg ihm zu Kopf.

»Wenn du an Anna Pawlowna zweifelst, so ist es besser, du bleibst hier. Das wird überhaupt am besten für dich sein; denn du mußt nämlich wissen, daß Boris Alexeiwitsch auch einer der Unseren ist.«

Er sagte es ihr so ins Gesicht hinein, es kam ihr so unerwartet, daß sie nicht wußte, wie ihr geschah: Boris Alexeiwitsch auch einer der Ihren!

Sie erwiderte nichts. Sie war so verwundert, so betroffen, daß sie es nicht einmal zu begreifen versuchte. Sascha wurde plötzlich ganz redselig.

»Er ist ein ganz anderer geworden, gar nicht mehr stolz und hochmütig, ein prächtiger Junge! Er liebt das Volk, er will das Volk kennen lernen, er will dem Volke helfen. So ist es.«

»Er liebt das Volk, er will das Volk kennen lernen, er will dem Volke helfen. Wer? Boris Alexeiwitsch?« Sie rief den Namen ganz laut und verstummte erschrocken. Gern hätte sie ihn wieder gewarnt: »O Sascha! Sascha!« Aber es wollte ihr diesmal nicht über die Lippen.

»Er war es, der den anderen zuerst sagte, sie sollten mich zu dir schicken und dich nach Moskau holen lassen.«

Er war es? Weras Gedanken verwirrten sich.

»Aber du kannst ja bleiben. Es ist gewiß am besten, wenn du bleibst.«

»Warum?«

Sie stieß es so feindselig heraus, sie war so beleidigt, daß er keine Erwiderung wagte.

»Tut es dir leid, daß du gekommen bist?«

Jetzt war an ihm die Reihe klagend, fast anklagend zu sagen: »O Wera, Wera!«

»Welches Recht hat Boris Alexeiwitsch, nach mir zu schicken, welche Pflicht hast du, Boris Alexeiwitsch zu gehorchen?«

»Ich sagte dir ja, gehorchen müssen wir alle; gehorchen mußt du auch.«

»Boris Alexeiwitsch?«

Ihre Stimme klang heiser.

»Gehorchen muß auch Boris Alexeiwitsch, wenn über ihn verfügt wird.«

»Wer verfügt über ihn?«

»Das Komitee der ›Auferstandenen‹. Er brachte es beim Komitee nämlich in Anregung, daß man dich holen lassen möchte – – Also du willst wirklich mitkommen?«

»Ich will,« rief Wera laut und feierlich wie ein Gelöbnis.

Da wandte Sascha ihr sein Gesicht zu. Der Mond beschien es, entsetzt starrte sie ihn an

»Sascha!«

Er fuhr zusammen.

»Wie siehst du aus? So verändert!«

Sascha konnte darauf nichts entgegnen, denn eben betraten sie die Dorfstraße. Der Gottesdienst war zu Ende. Aus der Kirche strömte es hervor, ein Gewimmel von Lichtern. Alles fiel sich in die Arme, alles küßte sich.

»Glückseliges Auferstehen!«

»Glückseliges Auferstehen!«

Sie blieb stehen, umfaßte den Freund mit beiden Armen und küßte sein bleiches, entstelltes Gesicht.

Sechstes Kapitel.

Einige Wochen später fuhren zwei elende Bauerntelegen die Landstraße hin, die aus dem Norden nach Moskau führt. Im ersten Gefährt saßen inmitten von Gepäck und Körben mit Lebensmitteln für die weite Reise Sascha und Colja, im zweiten Wera und Tania. Saschas Aussehen hatte sich gebessert. Ein Schimmer von Jugend und Hoffnung lag auf seinem breiten Kindergesicht, das er häufig nach dem zweiten Wagen zurückwandte. Jedesmal nickte Wera ihm freudig zu und jedesmal tröstete er sich mit der Versicherung: Sie ist stark; sie werden ihr nichts anhaben können; nicht die Sache und nicht Boris Alexeiwitsch.

»Ich will!« hat sie gesagt, und sie kann. Sie wird der Sache nützen, sie wird dem Volk helfen, sie ist stark.

Seitdem er sich wieder bei ihr befand, stand er ganz unter dem Zauber ihrer Persönlichkeit. Es war ihm wie eine Erlösung. In Moskau hatte er so viel an Anna Pawlowna denken müssen, daß sein Kopf es gar nicht mehr ertrug. Anna Pawlowna war so edel, so großmütig, so schön; sie liebte das Volk, sie wollte dem Volk helfen, sie war eine der »Unseren«. Sascha war ihr dafür in einer Weise dankbar, daß er – aus Dankbarkeit – mit tausend Freuden für sie gestorben wäre, oder sich für sie hätte ins Gefängnis werfen, nach Sibirien verschicken, zum Tode verurteilen lassen.

In einen riesigen Schafspelz gewickelt, eine steile Mütze aus Iltisfell auf dem Kopfe, erschien neben Sascha Colja wie eine einzige gewaltige, gelbliche Haarmasse. Bei jedem Stoß, den die Telega bekam – und sie fuhr ununterbrochen in die Höhe – flog er getreulich mit, so daß er sich mehr in der Luft als auf festem Boden befand, und bei jedem Stoß, den sein Körper erhielt, verspürte er lebhafte Unruhe, wie der Kwas, von welcher Gottesgabe ein ansehnliches Tönnchen die Reise nach Moskau mitmachte, die Sache aufnehmen würde. Niemals zuvor hatte sich sein Geist in einer ähnlich aufreibenden Tätigkeit befunden; denn abgesehen von der Sorge um das Lebenselixier, welches er mit sich führte, mußte er sich ohne Unterlaß wundern, daß er in einer Telega saß und nicht neben einer Telega herlief – nämlich neben der zweiten, in der Tania Nikolajewna nach Moskau reiste. Gerade lachte es hinter ihm hell auf; und sofort begann es in den Fellen zu dröhnen und zu stöhnen, daß Sascha förmlich erschrak.

»He, Colja, was ist dir?«

Aber Colja hatte nur gelacht.

Tania war selig. Gleich dem Mädchen aus dem russischen Volkslied saß sie neben Wera, mit flatternden gelben Zöpfen und strahlenden blauen Augen, so holdselig und siegreich, als wäre sie die Göttin des Frühlings selbst. Soweit sie blicken konnte, war die wilde Steppe mit Blumen bedeckt. Eng drängten die blauen, die roten, die gelben Blüten sich aneinander, daß ringsum das Land einer unübersehbaren Mosaik glich, darüber die Sonne ihren Goldglanz warf. Die Luft tönte vom Schwirren der Insekten, vom Jubilieren der Vogel. Aus den silberweißen Birken brachen die ersten Blattknospen hervor, so daß es von ferne erschien, als seien die schönen Bäume mit meergrünen Schleiern umwoben. Rings um den weiten Horizont stieg lichtes, hohes Gewölk in das sanfte Blau des Himmels, eine phantastische Alpenkette mit tausend schimmernden Gipfeln.

Tania bestaunte alles, bejubelte alles. Sie plauderte und lachte, daß ihr Mündchen keinen Augenblick zur Ruhe kam, die Grübchen aus ihren rosigen Wangen gar nicht verschwanden, die Zähne immer wieder zwischen den blutroten Lippen hervorblitzten. Und Anfang und Ende aller Lust war Moskau, Wladimir – Wladimir, Moskau.

Entstand in dem Rütteln und Schütteln einmal eine Pause, so versuchte sie es sogar mit einem Liede. Es waren trübselige, wehmütige Steppengesänge – aber von ihren Lippen klangen auch Schwermut und Sehnsucht gar holdselig:

»Eine rote Rose blühte auf im Schnee,
Was tut mir denn mein junges Herz so weh?
Ach Gott, mein junges Herz hat, wie mir scheint,
Grad' eine rote Trän recht bitterlich geweint.«

Wera sprach wenig; aber sie hörte mit so heiterer Ruhe zu, daß Tania ihre Scheu vor der ernsten, nachdenklichen Freundin mehr und mehr verlor. Seit Ostern war Wera aus der Weihestimmung nicht herausgekommen; sie hatte nicht aufgehört, stumme Gelübde abzulegen und sich für den großen Opferdienst vorzubereiten. Sie kam sich dessen unwürdig vor. Aber ihr starkes: Ich will! gab ihr Glauben und Zuversicht. Ohne das Bewußtsein ihres heiligen Ernstes für die Sache wäre ihr gewesen, als stünde sie im Begriff, ein Sakrileg zu begehen. Wenn sie die junge Welt um sich her betrachtete, die so unberührt und heiter war, wie am ersten Schöpfungstag, so mußte sie immer von neuem denken: Auferstanden! Auferstanden!

Für die Ungeduld der beiden Mädchen ging die Reise viel zu langsam vonstatten. Übergetretene Flüsse, betrunkene Kutscher, zerbrochene Wagen gehörten zu den täglichen Hindernissen. Oder es stürzte auf dem oft grundlosen Weg ein Pferd, eine schlecht geschmierte Achse fing Feuer, ein Feiertag verschuldete, daß kein Kutscher fahren konnte, denn sie waren alle betrunken.

Wenn sie Pferde bekamen, reisten sie auch des Nachts. Indessen waren sie nur selten so glücklich. Gewöhnlich verbrachten sie die Nächte mit anderen Reisenden auf einer Poststation in der allgemeinen Passagierstube, einem elenden Raum, darin eine abscheuliche Luft war. Das Zimmer starrte von Schmutz und wurde dürftig von einer Tranlampe erhellt, die von der braunen Decke herabhing. Es wurde Tee und Branntwein getrunken und dabei sinnlos geschrien und gelärmt. Die Leute aus Eskowo drückten sich mit ihrem Gepäck in eine Ecke zusammen. Colja lag zu Tanias Füßen, ohne ein Auge zu schließen und knurrte jeden an, der sich seiner Heiligen näherte. Sobald Tania schlief, stand Wera auf und schlich sich hinaus, gefolgt von Sascha. Draußen in der feierlichen Nacht besprachen sich die beiden. Es war immer dasselbe Thema: das russische Volk war elend, dem russischen Volke mußte geholfen werden.

Einigemal kam es vor, daß Reisende, die mit einem Kronpaß versehen waren, ihnen auf der Landstraße die Pferde vom Wagen abspannten, ohne daß sie dagegen hätten Einwand erheben können. Endlich, am zehnten Tage, näherten sie sich Moskau, das sie von einer Höhe aus zuerst erblickten. Es lag vor den Reisenden auf dem frühlingsgrünen Lande, welches ein blinkender, belebter Strom durchzog, zwischen heiteren Hügelketten, gleich dem Zauberbild einer Fata Morgana. Wie eine Goldflut schlug der Schein der Abendsonne über der Riesenstadt zusammen, mit seinem feurigen Licht ringsum alles Land und alle Höhen übergießend, daß die »heilige« Stadt ein Kranz von Gluten umschloß. Mitten aus dem Schimmer stieg ein Chaos von bunten Türmen zu dem lodernden Himmel auf, ein phantastischer Kirchhof von Kreuzen, die, an goldenen Ketten hängend, in der Luft zu schweben schienen. Hier in tiefem Purpur brennend, dort in feierlichem Ultramarin, in leuchtendem Smaragdgrün strahlend, erglänzten über den funkelnden Kirchendächern, ungeheuren Edelsteinen gleich, die Kuppeln.

Wera erhob sich im Wagen und blickte in stummer Ergriffenheit hinüber, wo sich ihr Leben erfüllen sollte. Ihre Sehnsucht nach Taten hatte sich zum leidenschaftlichen Verlangen nach einem Martyrium gesteigert: Sie wollte ihr Kreuz auf sich nehmen! So grüßte sie denn ihr Golgatha.

Auch Tanias Gemüt war voll frommer Gedanken; in einer Stunde sollte sie Wladimir wiedersehen.

Immer strahlender ward die Glorie um das Haupt der Heiligen unter Rußlands Städten. Moskau lohte auf in einem himmlischen Feuer, und von den Kuppelmassen des Kreml schienen sich Flammen niederzuwälzen. Wie ein Baldachin aus düsterem Purpur glühte über dem Zarenpalast die Abendröte.

Dann ging die Sonne unter, dann brach die leuchtende russische Frühlingsnacht an.

In der Preobraschenskaja-Vorstadt wurden beide Telegen von einem Polizisten angehalten und einem langen Examen unterworfen. Sascha wies seinen Paß vor und bezeichnete Wera als eine ehemalige Leibeigene Anna Pawlownas. Die darauf bezüglichen Papiere – Boris Alexeiwitsch selbst hatte sie besorgt – waren völlig in Ordnung, so daß sich dagegen nichts einwenden ließ. Mit geröteter Stirn hörte Wera den Verhandlungen über ihre Person zu; sie gab auf keine Frage eine Antwort, was zur Folge hatte, daß der Beamte sie als »verdächtig« aufschrieb. Tania begann gleich bei dem ersten Wort, welches der Mann an sie richtete, bitterlich zu weinen, worauf der Beamte sie mit einem Achselzucken unbehelligt ließ. Colja schien man, trotz seines gewaltigen Gebrumms, gar nicht zu bemerken.

Bald umbrandete die Reisenden das nächtliche Leben der fabelhaften Hauptstadt. In buntem Wechsel zog die ganze Bilderreihe der wunderbaren Steppenresidenz an ihnen vorüber: Hütten und Paläste, Kirchen und Klöster, Felder und Parks, zahllose Fuhrwerke, zahllose Menschen. Wera verlor alle Fassung. Wie sollte sie sich jemals in diesem Gewimmel und Getümmel zurechtfinden, wie jemals ihre Hände regen können, um allen diesen zu helfen? Es waren Tausende und aber Tausende; und sie war eine einzelne! Alle schienen einen Lebenszweck zu haben, alle schienen tätig und zufrieden zu sein. Niemand würde sie brauchen, kein einziger ihrer bedürfen. Und sie hatte sich dem ganzen Volke opfern wollen!

Der Begriff des Volkes, der ihr bis dahin eine vertraute Einheit gewesen, ging ihr gänzlich verloren; er wuchs und schwoll zum Ungeheuren, darein ihr Geist versank, wie in ein uferloses Meer.

Siebentes Kapitel.

Mitternacht war nahe, als die beiden Telegen in der Nowaja Andronowska-Vorstadt, dort wo die letzten Häuser standen, vor einem Gebäude hielten, das mehr Ruine als Haus zu sein schien. Es lag auf freiem Felde, in einem Gemüsegarten ohne Gemüse, und sah so verlassen, elend und verkommen aus wie ein Trunkenbold, der am Wege liegengeblieben ist. Im Hofe befand sich ein zerfallener Brunnen, von dem man sich nicht vorstellen konnte, daß er Wasser zu geben vermöge, und ein verkrüppelter Birnbaum, der sich nicht grün und blühend denken ließ. Die nächste Umgebung des Häuschens bestand aus Kot und Schmutz, dann folgte ein Zaun im letzten Stadium des Verfalls, dann wiederum Kot und Schmutz.

Das trostlose Haus schien seit langem nicht mehr bewohnt zu werden. Die Tür war verschlossen und durch die teils blinden, teils zerbrochenen Scheiben glänzte die helle Nacht in das dunkle Innere. Doch befanden sich im Erdgeschoß einige Fenster, die mit starken Läden versehen waren. Um sich blickend, gewahrte Wera die gewaltige Silhouette des vielkuppeligen Kreml am lichten Himmel, ein Bild von großartiger Schönheit.

Indessen Sascha und Colja das Gepäck abluden, standen die beiden Mädchen im Hofe. Vergebens schaute Tania nach ihrem Bräutigam aus. Das arme Kind bebte wie Espenlaub und hatte die Augen voller Tränen.

Dann fuhren die Telegen fort, dann kam Sascha und führte, ohne ein Wort zu sprechen, die Neuangekommenen um das Haus, zog unter einem Stein einen Schlüssel hervor, mit dem er die Hintertür öffnete. Sie traten ein, in einen finsteren, feuchten Raum. Sascha schloß die Tür, ließ die anderen im Dunkeln stehen und kehrte nach einer Weile mit Licht zurück.

»Er ist fort,« berichtete er mit gedämpfter Stimme, als fürchtete er, belauscht zu werden. »Er wird bei einer Versammlung sein; da kommt er vor Tag schwerlich zurück. Es gibt so viel zu beraten für das Voll und gegen unsere Feinde. Keiner tritt so auf für die Rechte des Volks und gegen unsere Unterdrücker wie Wladimir Wassilitsch. Aber kommt doch herein.«

Sie folgten ihm in einen großen, öden Raum mit nackten, grauen Wänden, schmierigem Fußboden, und nur mit den notwendigsten Gerätschaften versehen: einem Tisch, einem Schrank und einigen mit roter Farbe angestrichenen Stühlen aus Birkenholz. Es war das Zimmer des Hauses, welches von innen Fensterläden verwahrten.

»Unser Arbeitszimmer,« erklärte Sascha mit einer Handbewegung, als stelle er den Angekommenen jemand vor. »Ihr glaubt nicht, was für ein behaglicher Raum es ist; besonders im Winter. Der Ofen heizt vortrefflich. Und wenn der Wind um das Haus fährt und der Schnee sich bis zu den Fenstern auftürmt, und wenn man dann denkt, daß man eigentlich ebensogut draußen sein könnte, und wirklich so viele draußen sind bei Sturm und Schnee – ihr glaubt nicht, wie behaglich es dann hier ist.«

»Gewiß glauben wir das,« sagte Wera im Tone größter Zuversicht. »Es scheint ein vortreffliches Haus zu sein. Wem gehört es?«

»Anna Pawlowna,« erwiderte Sascha, und ward rot vor Vergnügen über das dem Hause gespendete Lob. »Es ist die Wohnung eines ihrer Gärtner. Als der Mann starb, schenkte sie es uns. Sie ist so gut, sie tut so viel Gutes, sie liebt das Volk so sehr. Und dann – Welcher Polizist wittert Propagandisten in einem Hause, das Anna Pawlowna gehört? Wir sind hier ganz sicher. Anna Pawlownas Name verschafft uns völlige Sicherheit. Es ist nicht zu sagen, wie viel Gutes sie uns erwiesen hat und fortwährend erweist.«

Wera stand in der Mitte des Zimmers. Sie sah nicht dessen Trostlosigkeit, ihr schien es ein Heiligtum, denn hier arbeiteten die Ihren! Hier arbeiteten sie für das Volk. Hier würde sie arbeiten – für das Volk!

Die arme Tania war nahe daran, von neuem in Tränen auszubrechen, weil Wladimir nicht da war. Sie blickte hilflos um sich. Nur Colja schien an sie zu denken – natürlich! Wenigstens stand er da und starrte sie an. Sie nickte ihm zu und versuchte ein freundliches Gesichtchen zu machen.

Indessen fuhr Sascha fort, das Haus zu rühmen.

»Laßt es nur erst Sommer werden, dann ist es hier draußen prächtig. Wenn es in der Stadt nicht mehr auszuhalten ist, haben wir hier die beste Luft. Tania Nikolajewna kann sogar im Grase Blumen pflücken; Gänseblümchen und Stiefmütterchen – wahrhaftig! Beim Birnenbaum habe ich rote Bohnen gepflanzt, sie müssen schon aufgegangen sein. Denkt euch, wie schön es aussehen wird: der Baum ganz von brennendroten Blüten umsponnen. Und dann die Bohnen! Wera Iwanowna kann Bohnen brechen, als ob sie in Eskowo wäre. Einen Teil davon kann sie für den Winter trocknen, den anderen verspeisen wir frisch, mit Hammelfleisch und Zwiebeln. Das wird schmecken!«

»Es ist alles sehr schön, wir werden alle sehr glücklich sein,« bekräftigte Wera mit starker Stimme.

»Das habe ich ganz vergessen,« rief Sascha etwas unsicher. Bevor ich an euch abgesandt wurde, kaufte ich herrlichen Kattun zu Vorhängen für die Fenster, gelb mit roten Rosen, eine wahre Pracht! Wladimir Wassilitsch schalt mich deswegen. Er nennt nämlich dergleichen Dinge Überfluß und wollte mir nicht erlauben, die Vorhänge aufzustecken. Aber Tania Nikolajewna wird ihn darum bitten, dann gestattet er es gewiß, und dann leben wir hier wie in einem Schlosse. Es ist wirklich sehr edel von Anna Pawlowna, daß sie uns hier wohnen läßt.«

Wera pflichtete ihm bei. Sie tat es aus vollster Überzeugung.

»Doch ihr müßt Hunger haben. Ich werde gleich den Samowar aufstellen; auch ein Geschenk Anna Pawlownas. Etwas Brot und Fleisch wird sicher auch da sein.«

Er ging zum Schrank und kramte allerlei Speisereste hervor. Wera hatte bereits den Samowar entdeckt und suchte jetzt nach Geschirr; es waren jedoch nur ein Topf und ein Glas zu finden. Colja wurde nach dem Brunnen geschickt, um Wasser zu holen.

Während Wera den Samowar herrichtete – einige glühende Kohlen hatten sich in der Küche auf dem Herde gefunden – machte Sascha die Mädchen mit ihrem zukünftigen Wohnorte näher bekannt.

»Wir Männer schlafen oben, ihr schlaft nebenan;« er deutete auf eine rot angestrichene Tür. »Es ist Platz genug im Hause. Wenn Wladimir Wassilitsch und Tania Nikolajewna sich – –« Er stockte, errötete, geriet ins Stammeln, fuhr, mühsam nach Worten suchend fort: »Gewiß; Platz ist genug! Vielleicht werden Wera oder ich selbst vom Komitee verschickt, irgendwohin. Dann müssen wir gehen. – – Habe ich euch schon gesagt, daß im Hofe Kohl wächst? Auch Gurken und ein Stachelbeerstrauch! Es ist wunderhübsch. Da kocht bereits das Wasser.«

Sie setzten sich, aber nur die Männer aßen. Wera war derartig von ihrem neuen Leben erfüllt, daß sie für nichts anderes Sinn hatte. Am liebsten hätte sie augenblicklich zu »arbeiten« begonnen. Sie konnte keinen Bissen anrühren und bemerkte nicht, daß Tania ihr stumm und blaß gegenüber saß. Colja räumte gewaltig unter den Speiseresten auf, ganz gegen seine Gewohnheit aufgeregt schwatzend, was niemand verstand, und immerfort Tania anblinzelnd. Sascha sprach mehreremal von den »Unseren« und der »Sache«, wobei er sich mit dem Samowar zu schaffen machte, den er besonders in sein Herz geschlossen zu haben schien und auf den er ungemein stolz war.

Sehr bald standen die Mädchen auf und begaben sich mit einem Licht in die Kammer, deren Tür sich nicht verschließen ließ. Kaum waren sie fort, als Colja mit einem heftigen Ruck seinen Stuhl neben den Saschas setzte, diesen vertraulich mit dem Ellbogen in die Seite stieß und ihm begreiflich zu machen suchte, daß er trotz der »Unseren« und der »Sache« über das Täubchen Tania Nikolajewna wachen würde, und sollte er dabei die »Unseren« und die »Sache« totschlagen müssen »wie einen Hund, Brüderchen.« Mit zugekniffenen Augen Sascha verständnisvoll zunickend und freundschaftlich angrinsend, wobei zwischen den Zotteln seines Bartes sein gewaltiges Gebiß hervorblinkte, zeigte er pantomimisch, wie er einen Hund totschlug: »So, Brüderchen. Und hin bist du.«

Die Männer saßen noch am Tisch, als Wera zurückkam, zum Ausgehen gerüstet. Sie flüsterte aufgeregt: »Sie schlief ein, überdies bleibt Colja bei ihr. Du wirst gewiß noch Wladimir Wassilitsch und die Unseren aufsuchen wollen. Sie beraten ja wohl? Ich bin gar nicht müde. Willst und darfst du mich mitnehmen, so laß uns gehen.«

Er durfte sie mitnehmen, tat es aber nicht gern. Weras Art gegenüber war aber nichts anzufangen, Sascha brauchte eine Weile, bis er sich bedacht und entschlossen hatte; dann gingen sie.

Sie passierten den Rogaschskaja-Schlag und begaben sich an dem Nischgorod-Bahnhofe vorbei in das Straßengewirr zwischen dem Prokowsky-Kloster und dem Tajanskaja-Platz. Durch ein Labyrinth von Gassen, in denen sich viele Blockhäuser befanden, gelangten sie nach halbstündiger schweigsamer Wanderung zu einer Teeschenke. An dem Eingang, aus dem Geschrei und Gelächter hervordrang, vorbeigehend, pochte Sascha zweimal leise an eine kleine Tür, welche sich sofort öffnete und hinter ihnen wieder zuschlug. Finsternis umgab sie. Sascha faßte Wera bei der Hand und tastete sich mit ihr die Wand entlang. Nach einer Weile vernahmen sie das Geräusch gedämpfter Stimmen. Es ging eine steile, hölzerne Treppe hinab, bis eine Mauer sie zum Stehenbleiben zwang. Sascha stieß eine Tür auf und Wera sah bei der trüben Beleuchtung einer Petroleumlampe, in einem von Tabakdämpfen erfüllten, kellerartigen Raum ungefähr vierzig Personen, Männer und Frauen durcheinander.

Es waren die »Auferstandenen«.

Achtes Kapitel

Da sich die Versammlung gerade in leidenschaftlichster Debatte befand – darin befand sie sich stets – und niemand den Eintritt der beiden beachtete, konnte Wera sich die »Ihren« ruhig betrachten. Aber das Mädchen aus Eskowo war eine schlechte Menschenkennerin. So erkannte sie denn nichts, sondern sah nur. Sie sah blühende Männer, darunter halbe Knaben, von denen sie wußte, daß sie für das russische Volk leben und sterben wollten; sie sah Frauen, darunter blutjunge, hübsche Geschöpfe, die bereit schienen, jeden Augenblick eine Heldentat zu begehen. Ihr Herz pochte, daß es ihr den Atem versetzte; sie warf einen strahlenden Blick auf ihren Freund, der sich wieder einmal beharrlich von ihr abwandte.

In dem Geschwirr gellender und heiserer Stimmen vernahm Wera einzelne emphatisch ausgerufene Worte, wie: »Die Sache! Das Volk! Die Sache des Volkes! Slavophilen! Selbsthilfe! Unser Prinzip! Unsere Theorie! Unsere Tendenz! Unsere Arbeit!« Sie vernahm einzelne gewaltig tönende Sätze, wie: »Das Volk muß das Volk erheben! Das Volk muß die Sache des Volkes führen! Wer aufbauen will, muß vorher zerstören! Wir müssen vorgehen! Nur keine halben Maßregeln! Es ist an der Zeit! Europa sieht auf uns – zeigen wir uns Europa! Der Terrorismus ist eine logische Folgerung.«

Da mehrere Reden zu gleicher Zeit gehalten wurden, konnte Wera nicht mehr verstehen. Die Gesichter glühten von Enthusiasmus und Spirituosen, die Augen funkelten, ein allgemeiner Ausbruch von Begeisterung erfolgte. Wera sah nicht die unweiblichen Weiber, nicht die Männer, deren Inneres ebenso verwildert zu sein schien, wie ihr Äußeres es war; sie sah nur eine Versammlung von Helden und Heldinnen, die sich für das russische Volk nach Sibirien verschicken und in Kerkern begraben ließen, die für das Volk auf das Schafott zu steigen begehrten.

Wera hielt nicht länger an sich. Mit bebender Stimme flüsterte sie Sascha zu: »Sage ihnen doch, daß ich da bin und daß sie mir etwas zu tun geben sollen.«

Sascha trat mit ihr vor.

Jemand rief: »Da sind sie!«

Alle wendeten sich um, alle blickten auf sie. Einen Augenblick entstand tiefe Stille.

»Das ist Wera Iwanowna aus Eskowo,« rief Wladimir Wassilitsch, ging auf sie zu und gab ihr die Hand.

Er war einer der Jüngsten, eine zarte, anmutige Gestalt, mit einem blassen, mädchenhaften Gesicht, das eine Fülle langer, rötlicher Locken umrahmte. Er war bestrickend schön. Aber in keines anderen Blick glühte es so unheimlich, wie in diesen großen, prachtvollen Augen, keinem anderen Mund stand eine solche hinreißende Beredsamkeit zu Gebot, wie diesen anmutigen, weichen Lippen, in keines anderen Seele war die Begeisterung für die Sache zu solchem wahnsinnigen Fanatismus geworden, wie in diesem edlen, aber gänzlich verwilderten Gemüt. Die stärksten und brutalsten Männer scheuten oder haßten ihn, die Frauen beteten ihn an. Manche hätte sich für ihn steinigen und kreuzigen lassen. Doch ihm war der Haß der Männer so gleichgültig wie die Liebe der Frauen.

»Das ist Vera Iwanowna aus Eskowo!«

Wladimir wiederholte: »Das ist das Mädchen, von dem ich euch gesprochen habe.« Und er führte sie mitten unter die Versammlung. Man drängte sich um sie, man schüttelte ihr die Hände, umarmte sie, jauchzte ihr zu. Wera wußte nicht, wie ihr geschah. Sie wagte nicht aufzusehen. Das Bewußtsein ihres Unwerts mußte ihr ja auf der Stirne brennen! Zugleich fühlte sie sich unter den »Ihren« wie bis in die Wolken erhoben. Sie war plötzlich in eine Genossenschaft eingetreten; ihre Vereinsamung hatte für alle Zeit aufgehört, aufgehört für alle Zeit hatten ihre eigenen Leiden, hatte ihr eigenes Wesen, ihr so wertlos dünkendes Selbst. Die Empfindung dieses Aufgehens in eine Allgemeinheit, dieses Sichselbstverlierens, das Gefühl einer sicheren Zugehörigkeit überkam sie wie ein Taumel. Es war der glücklichste Augenblick ihres Lebens.

Sascha stand im Hintergrund und sah mit angstvollen Blicken dem Tumult zu. Vielleicht wäre sie, wenn er ihr dringender abgeraten hätte, doch nicht mitgekommen. Nun war es geschehen, nun hatte er die Verantwortung zu tragen. Erst vor kurzem waren zwei Nihilisten vor das Kriegsgericht gestellt und zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt worden; und Wera hatte eine solche unbändige Sehnsucht, ihr Leben für die Sache des Volkes zu lassen. Er betrachtete ihre hohe, starke Gestalt, und eine unerträgliche Angst überfiel ihn. Da kam Wladimir Wassilitsch auf ihn zu.

»Und Tanila?«

»Ist auch da.«

»Natürlich ist sie auch da. Warum ist sie nicht mit hergekommen?«

»Sie war so erschöpft, wirklich todmüde. Und so traurig.«

»Traurig?«

»Weil sie dich nicht sah.«

»Unsinn.«

»Sie liebt dich zärtlich,«

»Nun ja – natürlich. Aber was tut sie?«

»Sie schläft, Colja bewacht sie.«

»Ist der Bursch auch mitgekommen?«

»Colja? Natürlich ist der auch mitgekommen.«

»Man wird ihn anstellen müssen.«

»Er ist folgsam.«

»Wie ein Hund!«

Wladimir lachte auf, ein helles, melodisches Lachen, wie das eines Knaben. Bei Tanias Namen war es einen Augenblick gewesen, als ob eine weichere Empfindung in seinem Blick aufleuchtete, ein mattes Rot sein blasses Gesicht färbte. Aber gleich darauf wandte er sich von Sascha ab, trat unter die Versammlung, brachte sie zur Ruhe und hielt eine Anrede an Wera, darin er sie im Namen der Sache unter den Ihren begrüßte und in flammenden Worten den Nihilismus als Religion der Zukunft proklamierte: »Für alle Völker, in aller Zeit.«

Jetzt folgte Rede auf Rede.

Neuntes Kapitel.

»Nihilisten,« nahm Wladimir Wassilitsch das Wort, »ich habe euch heute wichtige Beschlüsse vorzulegen:

Wir müssen anstreben, alle einzelnen Teile der revolutionären Partei in Rußland zu vereinigen und dann gemeinsam vorgehen.

Sollten wir nicht dazu gelangen, uns über die zum Zwecke der Revolution verwendbaren Mittel zu verständigen, so müssen wir wenigstens dem Feinde gegenüber als ein geschlossenes Ganzes dastehen. Um das zu können, müssen wir einig sein.

Um die Verhandlungen zu erleichtern, schlage ich vor, daß alle Mitglieder einer Partei je zu einer Gruppe zusammentreten, und daß jede Gruppe unter sich einen Führer erwählt, der ihre Ideen darlegen und verteidigen soll.«

Dieser Vorschlag fand einstimmigen Beifall, die Versammlung teilte sich in drei Gruppen.

»Ich sehe,« sagte Wladimir Wassilitsch, indem er die verschiedenen Gruppen ins Auge faßte, »daß hier fünfzehn Anarchisten, zehn Propagandisten, zwölf Terroristen und ein Gemäßigter beisammen sind. Welchem der Sprecher soll ich zuerst das Wort erteilen?«

»Behalte das Wort!« schrien mehrere Stimmen.

Und Wladimir Wassilitsch begann von neuem:

»Ich werde mich darauf beschränken, die Ansichten meiner, der anarchistischen Partei darzulegen, ohne mir über die Bestrebungen der anderen revolutionären Gruppen ein Urteil zu erlauben.

Nihilisten! Dieses ist das anarchistische Ideal: Wir wollen die politische und soziale Freiheit und Gleichheit für jedermann. Alle Menschen sollen sich bei ihrer Geburt unter den gleichen sozialen Bedingungen befinden. Denn so lange nicht alle Kinder die gleiche normale physische Erziehung erhalten, so lange wird die Ungerechtigkeit fortbestehen, die jetzt unsere moderne Gesellschaft beherrscht. Die Freiheit des einzelnen Individuums soll keine anderen Grenzen kennen, als die Freiheit von seinesgleichen. Die normale Bedingung einer jeden Existenz aber ist der Kampf gegen die Natur mit Hilfe der physischen Kraft.

Alle müssen in gleicher Weise vorbereitet werden, diesen Kampf, der die Bedingung jeden Fortschritts ist, aufzunehmen. Wir wollen vor allem keine Gesellschaftsklassen mehr. Wir wollen nicht länger, daß ein Mensch schon vor seiner Geburt bestimmt werde, Hammer oder Amboß zu sein. Wir wollen nicht länger, daß ein Teil der Menschheit die Privilegien der Zivilisation genieße, während der andere Teil unter Bedingungen geboren wird, die elender sind, als diejenigen, unter denen ein Wilder sein Leben beginnt.

Aber wie können wir dazu kommen, eine Gleichheit der Kinder herzustellen?

Man schlägt uns die Aufhebung der Erbschaft vor. Natürlich ist die Aufhebung der Erbschaft die Bedingung sine qua non. So wie das Kind nicht verantwortlich ist für die Sünden der Eltern, ebensowenig soll es Erbe der Frucht ihrer Arbeit sein.

Der Mensch ist nicht mehr, wie in unvordenklichen Zeiten, ein nur von niedrigen Trieben geleitetes Tier; Vater- und Mutterliebe sind nicht mehr ein bloßer Instinkt, sondern ein bewußtes Gefühl. Als Beispiel diene folgendes: Wir sehen in der Gesellschaft Väter ihre natürlichen Kinder vernachlässigen oder selbst verlassen, während sie ihre legitimen Kinder mit Sorgfalt umgeben. Diese Unterscheidung ist nicht instinktiv, sie ist bewußt. Wir sehen Mütter die Frucht einer strafbaren Liebe töten, aber heroisch ihre rechtmäßigen Söhne dem Vaterlande zum Opfer bringen. Vom Vatergefühl gilt durchaus das gleiche, denn wir sehen Männer sich in die Flammen stürzen, um ein fremdes Kind zu retten, ohne daran zu denken, daß sie durch ihre Rettungstat das eigene Kind zur Waise machen können.

Nun gut: Ich verlange ebenso, daß jeder von uns einem unglücklichen Kinde zu Hilfe komme, denn an dem Tage, wo eine Mutter zwischen ihrem eigenen und einem fremden Kinde keinen Unterschied mehr machen wird, an diesem Tage wird die Idee der Erbschaft ausgelebt haben. Allein selbst nach dieser Abschaffung der Erbschaft wird noch immer ein Unterschied bestehen bleiben zwischen dem Kinde einer in Überfluß lebenden und dem Kinde einer armen, unwissenden Familie. Das Mißverhältnis zwischen diesen beiden wird sich hauptsächlich in den ersten Jahren der Emanzipation des Menschengeschlechts fühlbar machen. Also muß ein Mittel erdacht werden, dieses Mißverhältnis zu beseitigen und Gleichheit herzustellen; ist diese Gleichheit doch die Basis der sozialen Gerechtigkeit.

Nihilisten! Ich kenne nur ein Mittel, diesen Zustand zu erreichen; das ist die freie Anschließung aller an die Prinzipien der absoluten Freiheit und Gleichheit. Dort, wo der leiseste Druck besteht, gibt es keine Freiheit mehr. Wir wollen keinen Zwang! Es soll kein Mensch dem anderen untergeben sein. Jeder soll das Recht haben, seinem Gewissen, seinen Überzeugungen, seinen Neigungen nach zu leben. Und ist es wirklich so schwer, zu dieser allgemeinen Freiheit zu gelangen? Keineswegs! Es genügt, die Form dafür zu finden, die jedem gestattet, seine Meinung geltend zu machen.

Ich will mich näher erklären.

Wenn Millionen Menschen sich vereinigen in einer gemeinsamen Idee über die Steuern, über die Frage der Sklaverei, über die Ehe, über eine Regierungsform – warum sollen Millionen Menschen nicht ebensogut dahin kommen, eine allgemeine Form für die Idee des Eigentums, der Arbeit und der Teilung des Kapitals zu finden?

Sehen wir uns in Rußland um. Der Boden gehört niemandem. Er ist ein Geschenk Gottes. Jeder soll darauf arbeiten können, wo er will, wie er will. Und er soll mit Weib und Kind den Ertrag seiner Arbeit verzehren dürfen. Aber die Beamten des Zaren betrügen den Bauer um seine Arbeit, sie lassen ihn das Recht bezahlen, die Erde zu bebauen, und genießen selbst die Frucht seines Schaffens.

Neben den Beamten des Kaisers, die ihn berauben, kann jeder Zufall die Arbeit des Bauern gefährden und vernichten. Um sich vor derartigen Katastrophen zu schützen, ist die Gemeinde gegründet worden.

In manchen Distrikten ist schon jetzt alles abgeschafft, was Grundbesitz heißt. Die Bauern bearbeiten gemeinschaftlich den Boden, der allen gehört, sie säen, ernten und verteilen alsdann den Ertrag je nach den Bedürfnissen der einzelnen. Andere Gemeinden wiederum lassen ein zeitweiliges Besitztum der einzelnen zu, das heißt: der Boden wird in so viele Teile geteilt, als Familien bestehen, das Los entscheidet, Die Erträgnisse der Felder jedoch werden wiederum verteilt.«

»Die Bauern in ihrer Einfalt verstehen sich besser auf die Gerechtigkeit, als unsere weisen Gesetzgeber!« rief einer der Zuhörer.

»Gewiß verstehen sie das besser,« erwiderte Wladimir Wassilitsch beifällig, »denn dieselbe Solidarität der Interessen findet sich auch bei unseren Bauern, wenn sie des Winters in den Industriestädten Arbeit suchen. Sie lieben die Assoziation, sie begreifen, daß Maschinen und Werkzeuge nicht der Besitz einzelner, sondern Gemeingut einer Gesellschaft sein sollen. Ihr könnt daraus erkennen, daß die Aufhebung des Grundbesitzes die Negation des Staates bedeutet, mit einem Worte: daß die Anarchie der instinktive Wunsch des russischen Bauern ist.

Es bleibt mir noch einiges zu sagen über die Religion und über die Beziehungen der beiden Geschlechter zueinander. Wir Anarchisten respektieren vor allem die persönliche Freiheit, und die religiöse Frage ist uns gleichbedeutend mit völliger Gewissensfreiheit. Wenn es jemandem einfällt, hundert Kirchen zu bauen und tausend Priester zu unterhalten – wir werden ihn nicht daran verhindern. Ebenso aber werden wir jedem gestatten, den zügellosesten Atheismus zu proklamieren, denn wir zweifeln nicht, daß die Wahrheit, sei sie welche sie wolle, schließlich doch triumphieren wird.

Dasselbe gilt von der Ehe.

Es gibt Individualitäten, die sich für das häusliche Leben eignen, es gibt andere, die, wie der Schmetterling, das Bedürfnis haben, von Blume zu Blume zu flattern. Urteilt selbst: Gesetzt, wir proklamierten die Ehe als dreimal heilig, würden wir damit erreichen, daß sie heilig gehalten wird? Nein! Denn die Entartung, die Frivolität, die Ausschweifungen können gar nicht schlimmer sein, als sie gegenwärtig in unserer modernen Gesellschaft sind. Da also auch die heiligsten Formen nicht die Ausschweifung und Entartung verhindern können, so wollen wir der Liebe Freiheit gewähren. Das Fehlen jeglichen Zwanges wird edle Herzen nicht verderben können, solche Herzen nämlich, die in der Liebe der Frau noch anderes suchen als Befriedigung eines Naturtriebes, das heißt: ein intellektuelles Leben, eine Vereinigung, welche die Veredlung des Individuums, die Gründung der Familie zum Zwecke hat. Wir müssen alle lernen in der Frau ein Wesen zu sehen, das unseresgleichen ist vermöge ihrer Fähigkeiten, ihrer Bestrebungen, ihrer Arbeit. Bald werden alle Mißbräuche verschwinden, die Polygamie wird aufhören, die Vereinigung von Mann und Frau wird als Zweck die regelmäßige Entwicklung aller der Kräfte haben, mit denen die Natur den Menschen begabt hat. Solange aber der Staat existiert, so lange wird die individuelle Freiheit nicht existieren, wird der Fortschritt nicht realisiert werden können.

Setzt hingegen an Stelle des Staates eine Gemeinde von Autonomen. Wie leicht wird es dann für alle sein, ihrem Leben eine gemeinsame Idee zugrunde zu legen. Nur auf diese Weise können die berechtigten Bedürfnisse und Wünsche zum Ausdruck gelangen. Nur auf diese Weise werden wir in dem Verhältnis der Arbeiter zum Kapital, sowie in den Beziehungen des Mannes zur Frau eine Umbildung erreichen. Die Wissenschaft wird in eine neue Phase treten und, wie das gute Beispiel ansteckender wirkt als das böse, wird die Wahrheit triumphieren.

Ich gehe jetzt zu den Mitteln über, die nötig sind, um die Gemeinde der Autonomen ins Leben zu rufen.

Vor allem hat die anarchistische Partei beschlossen, alles daran zu setzen, um in jeder Landgemeinde, jedem Dorfe zehn bis zwölf Anhänger unserer Idee zu haben. Eine Bevölkerung, darin die Anarchie erst einmal Wurzel gefaßt hat, wird bald ganz zu den Unseren gehören. Sind wir erst dahin gelangt, dann wird eine neue Ära über Rußland aufgehen. Der Staat wird gelebt haben und mit seinem Leichnam werden alle sozialen Übel begraben. Dann proklamieren wir die Eidgenossenschaft der autonomen Gemeinden. Zum erstenmal wird dann der Mensch frei sein, frei in der Arbeit, frei in seinen Empfindungen, frei in seinem Gewissen.«

Während dieser Rede wich Wera nicht von ihrem Platz, den sie an einem Tische bei den jüngsten Volksfreundinnen eingenommen hatte. Sie bemühte sich, ihre Erregung zu bemeistern und mit allen Sinnen bei der Sache zu sein. Aber je aufmerksamer sie zuhörte, desto weniger verstand sie, desto unwissender kam sie sich vor. Sie kannte nicht einmal alle von Wladimir gebrauchten Ausdrücke. Sobald von der propagandistischen Arbeit für das Volk die Rede war, horchte sie hoch auf.

Wladimir Wassilitsch fuhr fort: »Aber, Nihilisten, wir haben noch nicht einmal die paar tausend Menschen beisammen, die wir brauchen, um in den verschiedenen Distrikten für uns zu arbeiten. Und wir werden sie vielleicht schwer auftreiben können, denn man muß lange suchen, um den Menschen zu finden, der sich erinnert, was er dem Volke schuldet. Unser Feind dagegen hat eine disziplinierte und bewaffnete Armee zu seiner Verfügung. Während wir nun einerseits sichere Leute aussenden, um Propaganda zu machen, organisieren wir in den Städten und Dörfern Emeuten. Diese Emeuten haben den Zweck, stets eine Art von Gärung zu unterhalten und stets im Volke von uns reden zu machen. Nach meiner Meinung kann die Sache dabei nur gewinnen. – Was willst du, Balkulin?«

Balkulin war der eine Gemäßigte. Balkulin wollte reden und Wladimir Wassilitsch gab ihm das Wort. Er sprach, wie er dachte; ruhig, würdevoll, gemäßigt.

»Ebensowenig, wie ich den Staat will, der jede Individualität tötet, ebensowenig kann ich dieses Emeutensystem billigen. Das dient nur dazu, die Reaktion von seiten des Staates zu verstärken und jede Propaganda auf friedlichem Wege unmöglich zu machen. Wir dürfen weder den blutdürstigen Appetit unserer Feinde wecken, noch Anklagen gegen unser gewalttätiges Vorgehen hervorrufen. Die bis jetzt eingeschlagenen Wege können uns nur schaden, dem Feinde nur nützen. Und glaubt mir: die Emeuten reizen gegen uns auf, nicht nur das Publikum und die gesamte russische Presse, sondern auch die ausländischen Mächte. Um also die Lage der Dinge kurz zusammenzufassen, möchte ich mich dahin aussprechen, daß die von euch angewandten Mittel kein anderes Resultat haben werden, als das unnütze Aufopfern von Menschenleben. Das einzige Mittel, mit dem wir zum Ziele gelangen können, ist die friedliche Propaganda durch Wort und Buchstaben.«

»Keine Bücher, denn das Volk kann nicht lesen,« protestierten einige Stimmen.

»Wir werden es lesen lehren,« rief der Gemäßigte, »Außerdem sorgen wir für mündliche Verbreitung, Und dann – – «

Aber er kam nicht weiter. Ein Tumult entstand. Wladimir Wassilitsch mußte beruhigen, was er mit vieler Klugheit und Umsicht tat.

Darauf begann er: »Balkulin übersieht, daß wir die friedliche Propaganda durchaus nicht ausschließen. Wir betrachten sie sogar als die Hauptsache. Aber neben dieser Propaganda auf dem Lande müssen wir Propaganda in den Städten machen, und dazu sind die Emeuten das beste Mittel. Das Volk liebt Taten. Es wird nur dann Vertrauen zu uns haben, wenn den Worten die Handlung folgt.«

»Aber damit richten wir unsere Bestrebungen zugrunde,« warf Balkulin gelassen ein.

Wera wandte dem Sprecher ihr Gesicht zu; sie wäre am liebsten zu ihm gegangen und hätte ihm die Hand gedrückt oder sich auch nur ruhig an seine Seite gestellt.

»Mißversteht mich nicht,« fuhr der Gemäßigte fort. »Ich fasse die Anarchie auf wie ihr, und glaube an ihren endlichen Triumph. Aber dieser liegt für mich in einer fernen, ungewissen Zukunft. Um den Gedanken der Anarchie zu verwirklichen, muß sie von der ganzen Welt angenommen werden, aus freiem Willen, aus dem menschlichen Antriebe aller. Denn die Anarchie kann nicht durch Gewalt eingesetzt werden. Wie wollt ihr, daß der Bauer von heute, der ganz absorbiert ist von seinem, ihn niederdrückenden Tagewerk, sich zu euren humanen Ideen erhebe? Um die anarchistische Freiheit zu begreifen, muß man frei sein von jedem sozialen und religiösen Vorurteil und außerdem Muße genug für Studien übrig haben. Ich sage euch noch einmal: Was mich betrifft, so halte ich in diesem Augenblicke die Anarchie für unausführbar! wir müssen ihr als Vorgänger erst Reformen vorausschicken.«

»Es ist keine Stunde her,« rief ein Propagandist, »daß ich Landleute sagen hörte: Das, was uns not tut, sind weniger Steuern und mehr Land; haben wir das erst, so wollen wir dem Zaren dienen und ihm zu Hilfe kommen, wenn er uns braucht, vorausgesetzt, daß er auch uns zu Hilfe kommt, wenn wir Mißernten haben.«

»Fragt doch Balkulin, wer seine Reformen herbeiführen soll?« rief Wladimir Wassilitsch.

»Der Zar,« erwiderte Balkulin mit starker Stimme.

Alle tobten und lachten.

Wladimir schrie: »Die Reformen des Zaren? Wir wissen, zu was sie führen. Seht als Beispiel die Aufhebung der Leibeigenschaft, die als Resultat das Proletariat in Rußland hervorrief.«

»Ich stimme mit Wladimir Wassilitsch überein,« meinte der Gemäßigte, »darin stimme ich mit ihm überein, daß die Aufhebung der Leibeigenschaft nur den Herren genützt hat. Aber warum hat sie dem Volke nichts genützt? Weil sie nicht vom Volke ausging, sondern unter dem Einfluß der aristokratischen Partei zustande kam, die nur ihre eigenen Interessen wahrt. Der Adel allein ist das Unglück Rußlands. Laßt den Zaren von edlen Geistern beeinflußt sein, und alle die unter der Regierung Alexanders II. ins Werk gesetzten Reformen werden einen Fortschritt, ein Vorwärtsschreiten nach der freien Zukunft bedeuten.«

– Ein Tumult erhob sich. Alles schrie durcheinander, es gab einen Höllenlärm. Wera sah sich nach Sascha um und entdeckte endlich seine große Gestalt zusammengedrückt in einem Winkel. Des Qualms wegen konnte sie sein Gesicht nicht erkennen; doch war ihr, als ob er zu ihr herüberblicke. Sie nickte ihm zu, ohne eine Erwiderung ihres Grußes zu erhalten. Erschrocken sah sie auf, als sich unter den Frauen ein Mädchen erhob, sichtlich in der Absicht, gleichfalls zu reden. Sie schien viel jünger als Wera, der sie durch ihr leidendes Aussehen längst aufgefallen war. Die arme gebrechliche Gestalt schien kaum Lebenskraft genug zu besitzen, um sich aufrecht zu halten, das Gesicht war von Krankheit und Seelenschmerzen entstellt, überdies hielt sie das einzige, was in diesem wachsbleichen, kummervollen Antlitz schön war, ihre Augen, hinter grünen Brillengläsern versteckt. Ihr tiefschwarzes, ungewöhnlich starkes Haar trug sie rund um den Kopf abgeschnitten, ohne jeden Versuch einer Frisur. Sie ging überaus nachlässig, in grobe Gewänder gekleidet, die eher den Zuschnitt eines Kaftans als den eines Frauenkleides zeigten. Sie hatte weiße, schlanke, vornehme Hände, mit denen sie, wie Wera später erfuhr, die gröbsten Arbeiten verrichtete. Dieses Mädchen hatte sich erhoben und wollte reden; aber ihre matte Stimme verhallte ungehört in dem wüsten Lärm. Sie stand so hilflos da, sie sah so schwach und hinfällig aus, daß Wera jeden Augenblick erwartete, sie umfallen zu sehen, und von heftigem Mitleid ergriffen wurde. Da rief jemand: »Ruhe! Natalia Arkadiewna will reden.« Sogleich trat Stille ein. Das kranke Mädchen wurde das Ziel aller Blicke. Sascha kam aus seiner Ecke hervor, sogar Wladimir trat näher. Wera glaubte zu bemerken, wie Natalia Arkadiewna bei seinem Anblick zusammenfuhr und heftig zu zittern begann. Was hat sie mit Wladimir Wassilitsch, dachte Wera. Sie kann gewiß kein Wort vorbringen, sie wird besinnungslos werden.

Aber Natalia Arkadiewna blieb stehen und begann ihre Rede mit sanfter, klagender Stimme, die Wera zu Herzen drang. Anfänglich vermochte sie nicht zuzuhören, denn ihre Nachbarin teilte ihr flüsternd mit, wer diese Natalia Arkadiewna sei.

»Die Tochter des Geheimen Staatsrats Michael Danilitsch Niklakow und der Fürstin Marsa Jurjewna Leontow. Sie hat sich für das Volk von ihrer Mutter verfluchen und von ihrem Vater verstoßen lassen. Anna Pawlowna nahm sie auf, Anna Pawlowna ist nämlich ihre Tante. Ehe sie krank wurde – ich glaube, sie hat die Auszehrung – soll sie sehr schön gewesen sein. In ihr Haar konnte sie sich bis zu den Füßen einhüllen. Als sie eine der Unseren ward, schnitt sie es ab, verkaufte es und streute den Erlös unter das Volk auf der Straße aus: ›Das ist alles, was ich euch geben kann.‹ Noch vor einem Jahr war sie gesund. Aber sie läßt sich die schwersten Arbeiten auftragen und sich im Winter aufs Land verschicken, um unter dem Volk Propaganda zu machen, immer zu Fuß und ohne Pelz. Wladimir Wassilitsch fand sie einmal beinahe erfroren auf der Landstraße. Die Bauern, die sie gegen ihren Herrn aufreizen wollte, hatten sie geschlagen, daß sie für tot hinsank. Seitdem ist sie so elend. Aber sie läßt sich keine Zeit zum Kranksein und ist eifriger als je. Lange wird sie es nicht mehr machen. Dann kommt eine andere an ihre Stelle. Alt werden wir alle nicht. Entweder verschicken sie uns nach Sibirien oder wir kommen sonst um. Was tut's?«

Natalia Arkadiewna sprach.

»Ich rede im Namen meiner Schwestern und Gesinnungsgenossinnen.

Größer als die Unfreiheit des Mannes ist diejenige der Frau – folglich bedürfen wir einer größeren Erhebung.

Die Zivilisation hat an der Frau Verbrechen über Verbrechen begangen.

Indem man uns für das Haus, für den Herd und den Mann bestimmte, verurteilte man uns zu ewiger Leibeigenschaft. Wohin ein solcher Zustand führt, sehen wir am russischen Volke: es ist ein Volk von Unfreien, von Kreaturen, von geistig Verkrüppelten. Nun wohl: kreaturenhaft, unfrei, geistig verkrüppelt ist auch die Frau. Seit Jahrtausenden wird unsere Gattung durch die Bestimmung, der eine abscheuliche Willkür sie übergab, tyrannisiert, also demoralisiert. Wir verkümmern.

Weil wir nur für die Bequemlichkeit, für die Eitelkeit und die Leidenschaften der Männer da sind, werden alle unsere Organe, unsere Talente und Fähigkeiten nach dieser Richtung hin entwickelt. Das Höchste, was die Frau durch solche Erziehung erreichen kann, ist leibliche Schönheit und Begabung für Haus, Herd und Wiege. Die Frauen sind nicht die Genossinnen der Männer, sondern ihre Putzgegenstände, ihre Haushälterinnen, die Ammen ihrer Kinder.

Wir sind nicht Gattung, sondern Geschlecht, keine Individuen, sondern Geschöpfe. Die Korruption der Frau ist ohnegleichen.

Alle sind wir käuflich, alle sind wir da, um gekauft zu werden. Wir verkommen in Scharen – es braucht durchaus nicht immer auf der Gasse zu sein.

Fort mit der Larve unseres Geschlechts!

Ohne dieselbe werden wir die freien Genossinnen der Männer.

Fordern sie von uns unsere Liebe, so fordern wir von ihnen einen Teil ihrer Arbeit.

Gebt uns von eurer Arbeit!

Ihr habt uns bis an den Rand des tiefsten Abgrunds geschleudert – erhebt uns! Erhebt uns so hoch daß unsere Stirne derselbe Glanz umleuchtet, den ihr bis dahin für eure Häupter allein beansprucht habt: gebt uns die Glorie der allgemeinen Gleichheit.

Ihr schuldet sie uns!

Wie das russische Volk in seiner vielhundertjährigen Knechtschaft ein starkes Volk geblieben, so blieben die Frauen in ihrer vieltausendjährigen Leibeigenschaft ein starkes Geschlecht. Laßt uns euch das beweisen. Eine kurze Zeit der Gleichberechtigung und wir werden euch gleich sein.

Prüft uns!

Verwendet unsere Leidenschaften zu größeren Zwecken; gestattet nicht mehr, daß wir Sklavinnen sind, und wir werden Heldinnen sein. Verbietet, daß wir uns für euch schmücken, und wir werden unser Haar abschneiden, unsern Körper in eine Zwilchjacke stecken und doch von euch schön gefunden und geliebt werden.

Laßt uns euch voranstürmen. Wir werden nicht wanken und nicht weichen. Verfügt über uns!

Sendet uns unter das Volk und laßt uns für die Sache Propaganda machen. Wir tun es mit Wonne. Schickt uns in die Kerker, in die Bergwerke, auf das Schafott. Wir werden glückselig sein. Ich sage euch noch einmal: Weil die Frau am tiefsten gesunken, muß sie sich am höchsten erheben.«

Dieser Rede folgte eine solche Lautlosigkeit, daß man Nataliens rasselndes Atmen vernahm. Als sie auf ihren Stuhl zurücksank, stand Wera vor ihr, sah sie mit leuchtenden Augen an und faßte ihre beiden Hände, die sie heftig preßte.

Natalia Arkadiewna flüsterte: »Wir wollen Freundinnen sein. Komm morgen zu mir. Ich habe dir vieles zu sagen.«

Sie lächelte Wera zu und deutete auf Wladimir, der sich zum Reden anschickte.

Er entwickelte den Revolutionsplan seiner Partei.

Danach löste sich die Sitzung auf, die »Auferstandenen« gingen auseinander.

Das mußte sehr vorsichtig geschehen. Einzeln verließen sie das Versammlungslokal; durch eine Tür und einen Gang, der in die Teestube führte. Wladimir und Sascha waren mit Wera und Natalia die letzten. Sie fanden die Gaststube bereits voller Arbeiter, die ihren Morgentrunk einnahmen; doch bekümmerte sich niemand um sie. Nur die Wirtin, ein großes, stattliches Weib, das sich mitten unter ihren Gästen das prächtige gelbe Haar auskämmte, blickte bei dem Eintritt der viere auf. Wera kam es vor, als sähe die Frau sie böse und feindselig an. Als Sascha an der Wirtin vorüberging, schlug ihm diese mit einem ihrer mächtigen Haarsträhne ins Gesicht, daß es laut klatschte. Sie tat es lachend, doch ihre dunklen Augen funkelten und ihr schöner Mund verzerrte sich. Gleichmütig nickte Sascha der Frau zu: »Du bist heute morgen bei guter Laune, Marja Carlowna. Die Heiligen bescheren dir einen gesegneten Tag.«

»Kommst du diesen Abend herein, Brüderchen?« fragte die Wirtin mit rauher, gebieterischer Stimme. »Es gibt rote Rübensuppe.«

Sascha antwortete nicht, Marja Carlowna begann hinter ihm her zu singen. Es klang wild und drohend.

Zehntes Kapitel.

Kaum waren sie zum Hause hinaus, als Wladimir sich nach Sascha umdrehte und ihn anherrschte: »Daß du heute abend zu Marja gehst! Sie hat uns mit Gefahr ihrer Freiheit ihr Haus für unsere Zusammenkünfte gegeben, weil sie sich in dich vergafft hat. Untersteh dich nicht, sie zu vernachlässigen. Du kannst Marja Carlowna küssen und deswegen doch in Anna Pawlowna verliebt sein.«

»Was sind das für Dummheiten,« murmelte Sascha und schielte scheu zu Wera hinüber. Diese blickte vor sich hin und sah bei dem fahlen Morgenlicht erschreckend bleich aus. Er näherte sich ihr; doch sie wich zurück.

Wladimir wollte Natalia nach Hause begleiten; denn dieselbe schien mit ihren Kräften zu Ende und taumelte mehr als sie ging. Indessen da Wladimir sie ansprach, faßte sie heftig Saschas Arm und erwiderte mit abgewandtem Gesicht, sie habe bereits mit Sascha verabredet, daß dieser sie nach Hause bringe.

Was ist das nun wieder? dachte Sascha, der von keiner Verabredung mit Natalia Arkadiewna wußte. Doch sagte er nichts; denn ihm fiel ein, daß Natalia Arkadiewna bei Anna Pawlowna wohnte. So schlug er denn mit ihr die Straße nach dem Kraßnajaplatze ein, nachdem Wera Natalia Arkadiewna hatte versprechen müssen, sie noch diesen Vormittag zu besuchen.

Schweigend setzten die beiden anderen ihren Weg fort. Begierig atmete Wera die frische Morgenluft ein. Mehr und mehr nahm das Erlebte für sie die Gestalt eines Traumes an, aber es tat ihr leid, daß sie erwacht war. Sie mußte tief aufseufzen. Plötzlich fragte sie: »Sascha sagte mir, daß Boris Alexeiwitsch auch zu den »Unsern« gehöre. Ist das wahr?«

»Ja.«

»Warum war er nicht bei der Versammlung?«

»Sehnst du dich nach ihm?«

Er sah sie scharf an; mit einem bösen Lächeln um den Mund, der so rot und frisch war wie der eines Mädchens.

Wera verstand ihn nicht. In ihrer ernsten und herben Weise entgegnete sie ihm: »Was mich Boris Alexeiwitsch angeht? Ich fragte dich nach ihm, weil es mich freuen würde, wenn er nicht mehr so hochmütig wäre und sich der Sache des Volks von Herzen annähme.«

»Was schert Boris Alexeiwitsch die Sache des Volks?«

»Wie?«

»Aber freilich; die Sache des Volks kann unter Umständen selbst für einen Boris Alexeiwitsch ihre Reize haben. Wenigstens ist sie ihm neu. Und wem die Welt etwas so Altes ist, wie ihm trotz seiner achtundzwanzig Jahre, dem ist jedes Neue ein Leckerbissen. Wenn man sich die Delikatesse nur mit Gefahr seines Lebens gewinnen kann, so setzt man eben sein Leben an die neue Trüffelpastete. Übrigens hat er recht, du bist merkwürdig schön geworden. Er mußte das wissen.«

»Warum war er heute nicht bei der Versammlung?« fragte Wera zum zweitenmal mit großer Heftigkeit.

»Er glaubte dich noch nicht angekommen. Das nächste Mal ist er sicher dort.«

Mit zuckenden Lippen rief Wera: »Was hat Boris Alexeiwitsch mit mir zu tun?« Sie fühlte ihre Wange brennen; dort hatte seine Peitsche sie getroffen.

Wladimir ließ sich nicht aus seiner spöttischen Ruhe bringen.

»Du bist stolz, mein Täubchen. Desto besser! Du wirst ihm sein Spiel schwer machen. Das gefällt mir! Gewinnen wird er es doch. Das ist gut für die Sache! Laß ihn zappeln. Er soll dich teuer erkaufen, er soll dem Volk für dich zahlen; entweder so oder so; entweder mit seinem Gelde, seinem Namen, seiner Ehre oder mit seinem Blut. Wir wollen ihm den Preis hoch setzen.«

»Du bist betrunken,« sagte Wera kalt und ließ ihn vorausgehen.

Anstatt die Richtung nach dem Prokowskykloster einzuschlagen, an dem vorbei ihr Weg in die Nowaja-Andronowska-Vorstadt führte, lenkte Wladimir seine Schritte der inneren Stadt zu. Bald befanden sich beide in demjenigen Teile Moskaus, wo die meisten Paläste liegen. Einige der hohen, prächtigen Gebäude waren noch strahlend erleuchtet. Vor den Portalen warteten die Equipagen in langer Reihe. An den beiden Fußgängern rollte eine Karosse vorüber, aus deren mit dunklem Samt ausgeschlagenen Kissen eine weiße Atlasrobe leuchtete.

Wladimir ballte die Hand und schüttelte sie gegen die glanzvolle Gestalt.

»Ihr seid schuld daran, ihr und euresgleichen! Von euch ist ausgegangen, was jetzt mit Schrecken und Entsetzen enden wird. Ihr verdarbt uns an Leib und Seele. Während ihr über uns die Knute schwingen und unseren Acker im Schweiße unseres Angesichts für euch bebauen ließet, während ihr schwelgtet und praßtet, kroch der Neid in unsere Seelen, der höllische Neid! Denn das ist der teuflische Ursprung von allem: Wir beneiden euch! Darum hassen wir euch, darum wollen wir euch aus der Welt schaffen; darum, darum! Wenn wir es auch nicht eingestehen, wenn wir auch einen prunkenden Lappen um das Ding hängen – es bleibt als erste und letzte Ursache der gemeine, schändliche, höllische Neid. Wir wollen uns an eure Stelle setzen; denn ihr habt, was wir nicht haben. Das ist es! Das ist Sozialismus, Nihilismus, Anarchismus. Es sind nur verschiedene Namen für denselben Gegenstand: für unseren grimmigen Neid! Und darum, darum: weil ihr uns den Neid gegeben, hasse ich euch, wie ich das Böse selbst hasse, das ich doch mit Wonne begehe, um euch zu vernichten. Warum prunkt ihr vor unseren Augen mit Schätzen, während wir darben? Warum vergeudet ihr, während wir Mangel leiden? Warum verpraßt ihr, während wir umkommen?! Da schwatzt ihr von einer himmlischen Vergeltung, von einer göttlichen Gerechtigkeit – schwatzt nur! Indessen übt das Volk in seiner göttlichen Gerechtigkeit irdische Vergeltung an euch. Seht euch vor! Das Richtbeil schwebt über euch.«

»Aber nicht über allen,« stammelte Wera. »Sie werden nicht alle schuldig sein.«

»Alle, alle sind sie schuldig! Denn sie gleichen sich alle; einer ist wie der andere! Wenn dieser oder jener sich das Ansehen gibt, als wäre er anders, so spielt er Komödie, weil er das Schwert über sich fühlt, weil es in der Welt nach Blut riecht. Und wir tun, als glaubten wir ihnen. Denn es ist die höchste Lust der Strafe, dieses entartete Geschlecht sich durch sich selbst richten zu sehen. Wir müssen sie festhalten, wir müssen sie teilnehmen lassen an unseren Taten, und wäre es auch nur, um den Triumph zu erleben, Ihnen sagen zu können: Seht! Eure Laster sind so angewachsen, daß sich aus eurer Mitte die Empörung gegen euch erhoben hat, daß ihr euch selbst zerstört! Wer kann uns der Ungerechtigkeit anklagen, wenn die Zeugen wider euch in euren Reihen stehen?! Wer kann das Volk beschuldigen, wenn die Gesellschaft selbst – –«

Er brach mitten im Satze ab und blieb stehen. Sie befanden sich einem Palast gegenüber, daraus sich soeben die letzten Gäste entfernten. Wladimir machte Wera auf einen Mann aufmerksam, der einige Schritte von ihnen unter dem Portal einer Kirche stand und, ohne die beiden zu bemerken, unverwandt nach dem prächtigen Hause hinübersah.

Der Mann war Sascha.

»Was tut er hier?« flüsterte Wera.

»Er wartet.«

»Weshalb?«

»Um den Schatten Anna Pawlownas an der Gardine vorbeischweben zu sehen.«

»Wohnt sie da drüben?«

»Ja. Es ist der Palast Petrowsky.«

»Der Prinz Petrowsky ist in Petersburg?«

»Er geht zu Hof.«

»So gehört er nicht zu den Unseren?«

»Gewiß nicht.«

»Aber seine Frau, Anna Pawlowna – –«

»O die!«

»Was sagst du?«

»Sie liebt ihren Mann nicht. Ich glaube, sie haßt ihn.«

»Behandelt er sie schlecht?«

»Nein. Aber sie ist ihm verkauft worden, und da sie sehr stolz ist – – übrigens ist er sechzig Jahre alt, und sie noch nicht dreißig.«

»Was tut das?«

Wladimir lachte.

»Meinst du? Du kennst sie nicht.«

»Wen kenne ich nicht?«

»Die vornehmen Damen.«

»Hintergehen sie ihre Männer? Das kann doch nicht möglich sein!«

»Du meinst, weil sie verheiratet sind, in der Kirche, durch den Popen? Vielleicht sind sie gerade deswegen so geworden. Der Mensch läßt sich nicht zwingen; am allerwenigsten darin.«

»Worin läßt der Mensch sich nicht zwingen?«

»In seinen Leidenschaften und Begierden. Doch das verstehst du nicht.«

»Nein. Hintergeht Anna Pawlowna ihren Mann?«

»Bis jetzt noch nicht. Es ist merkwürdig genug. Man wird nicht klug aus diesem Weibe. Nun, wir werden ja sehen.«

Er blickte zu Sascha hinüber. Weras Augen folgten den seinen.

Er steht noch immer da, dachte sie mit tiefem Kummer. Was für ein Zauber liegt auf ihm? Eine Prinzessin und eine verheiratete Frau! Wie kann eine solche Sünde für ihn möglich sein? Ich möchte ihn auffordern, mitzugehen; es ist seiner nicht würdig, so dazustehen.

Aber Wladimir hielt sie zurück.

»Laß ihn! Es paßt in meinen Plan, daß er dort steht. Er ist doch nicht zu anderem zu verwenden, mit seinem dicken Blut und schwerfälligen Denken. Seine Seele muß erst erweckt werden – durch die Leidenschaft. Erst dann wird er ein Auferstandener sein, an dem wir noch Freude erleben werden.«

Eine Pause entstand. Auch Wladimir und Wera beobachteten das gegenüberliegende Haus.

Wera war zu sehr geängstigt; sie wollte mehr hören, sie mußte sich Gewißheit verschaffen.

»Sie liebt das Volk.«

»Wer soll das Volk lieben?«

»Anna Pawlowna.«

»Hm!«

»Was sagst du?«

»Frage Sascha.«

»Er sagte es mir.«

»Nun, er muß es wissen.«

»Wie meinst du das'?«

»Ich meine,« sagte Wladimir, jedes Wort scharf betonend, »daß Anna Pawlowna das Volk liebt, genau so wie Boris Alexeiwitsch es liebt, und daß beide ihre Liebe büßen werden.«

»Warum büßen? Was tut Boris Alexeiwitsch, daß er zu büßen hätte?«

»Du wirst es erfahren. In diesem Augenblick tut er, was er immer getan hat und immer tun wird, er genießt sein Leben.«

Er deutete auf das Vestibül des Palastes. Die mit persischen Teppichen belegte Marmortreppe stieg eine vom Kopf bis zu den Füßen in einen golddurchwirkten Burnus gehüllte Dame herab. Man hörte ihre schwere Robe rauschen. Wie eine Blutwelle floß hinter der goldenen Gestalt der rote Atlas die Stufen herab. An ihrer Seite befand sich ein Herr, den Wera sofort erkannte – Boris Alexeiwitsch! Der Portier trat vor den beiden auf die Gasse heraus und rief den Wagen auf: »Fürstin Danilowsky!«

Der Wagen der Fürstin fuhr vor, ein in Pelze gehüllter Diener öffnete den Schlag; die Dame und der Herr stiegen ein.

»Das hat Boris Alexeiwitsch zu tun,« wiederholte Wladimir.

Er deutete auf ihn, wie er neben der Fürstin in die Kissen des Wagens sank. Jetzt sah Boris die beiden. Er schnellte auf, beugte sich vor, da zogen die Pferde an.

»Morgen wird er sicher in die Versammlung kommen,« meinte Wladimir gelassen. »Laß uns nach Hause gehn.«

»Aber Sascha?«

»Der mag stehenbleiben!«

»Nein.«

Und sie ging zu ihm.

Elftes Kapitel.

Als Wera in die Kammer trat, um sich noch für einige Stunden niederzulegen, war es voller Tag. Die ersten Strahlen der Sonne füllten den elenden Raum und vergoldeten das schlechte Lager, darauf die holde Tania in friedlichem Schlummer lag. Der Traum mochte sie mit ihrem Verlobten zusammengeführt haben, denn ein glückseliges Lächeln spielte um ihre Lippen. Wera mußte an Wladimirs Lachen denken. Plötzlich sah sie Tanias Lächeln in einem tiefen, schmerzlichen Seufzer hinsterben. Der Sonnenschein schwand von der reizenden Gestalt. Aber, als dränge sich aller Glanz zu dem Haupt der Schlummernden, sammelte sich um dieses eine Korona von Strahlen.

Spät erwachte Wera, Tania war bereits aufgestanden und nicht mehr in der Kammer. Aber von draußen vernahm sie ihrer Freundin sanfte Stimme, leise, flehend, häufig von ersticktem Weinen unterbrochen. Sie hörte Wladimir antworten und dann hinausgehen, hörte ein lautes, krampfartiges Aufschluchzen. Darauf wurde es still.

Eine Weile zauderte Wera, dann ging sie in das Zimmer, darin sich Tania allein befand, das Gesicht in Tränen gebadet. Unfähig ein Wort zu sprechen, ließ sie sich von Wera in die Kammer führen.

»Was ist vorgefallen?«

Sie wollte es nicht sagen. Als Wera jedoch nicht weiter in sie drang, sondern sie nur zu beruhigen suchte, kam sie selbst damit heraus, indem sie die Freundin heftig umschlang und ihr Gesicht an deren Brust barg.

»Ich soll seine Frau werden; aber – denke dir! nicht in der Kirche, nicht im Namen Gottes; wir hätten nichts mit der Kirche, nichts mit Gott zu tun! Es gäbe gar keinen Gott, es gäbe auch keine Heiligen. Nicht einmal mein liebes, schönes Madonnenbild darf ich behalten. Wera! Wera!«

Doch Wera vermochte auf diesen Angstruf, auf diesen Notschrei keine Antwort zu geben.

»Es ist mir ja nur um seinetwillen,« klagte Tania. »Wenn er Gott und die Heiligen verwirft, so wird er von Gott und den Heiligen verworfen werden. Ich liebe ihn und ich kann ihm nicht helfen! Und ich werde doch sein Weib sein – nein, nicht sein Weib! Ich weiß nicht, was ich werde, aber sein Weib werde ich nicht. Stoße mich fort, verachte mich. O Pfui, wie häßlich ich bin!«

Sie warf sich, von wilden Schauern geschüttelt, auf das Bett. Hilflos stand Wera daneben, bemüht, ihre Gedanken zu sammeln. Als Tania endlich aus Erschöpfung ruhiger ward, begann ihre Freundin: »Ich weiß es ja auch nicht! Es geht so viel vor in der Welt, was wir nicht verstehen, nicht verstehen können. Aber deshalb darfst du dich nicht gleich verloren geben; weder dich, noch deinen Verlobten. Wenn er dich aus der Kirche verjagt, kannst du die Kirche um so schöner und heiliger in deinem Herzen aufbauen; wenn er dir Gott nehmen will, wirst du Gott um so unentreißbarer in deiner Seele festhalten. Vielleicht, daß du deinen Verlobten dir zu Gott nachziehst. Er will sich nicht durch die Kirche mit dir verbinden lassen« – sie errötete bis unter die Haarwurzeln – »deshalb wirst du doch sein rechtmäßiges Weib sein, wenn auch nicht vor den Menschen, so doch vor Gott. Ich kann es dir auch nicht deutlich machen; aber mir sagt eine innere Stimme, daß die Frau durch die Liebe das wahre Weib eines Mannes wird und nicht durch den Popen. Seit ich hier bin habe ich schon erkannt, daß die Unseren sich von allem losgesagt haben, was sonst Brauch und Sitte ist. Sie haben sich außerhalb der Weltordnung gestellt, also auch außerhalb der Gebote des Himmels. Sie sind wahrscheinlich dazu gezwungen worden; denn es gibt keinen Frieden zwischen uns und jenen, die der göttlichen Weltordnung ins Gesicht schlagen, indem sie uns knechten an Leib und Seele. Unsere schwere Herzensnot komme über sie! Wir aber dürfen nicht verzagen, sondern müssen hoffen.«

Sie half der heftig Weinenden in die Höhe, strich ihr das wirre Haar aus der Stirn und küßte sie herzlich auf Mund und Wangen. Dann forschte sie: »Was hast du Wladimir erwidert?«

»Ich habe geweint und gebeten. Wenn du es ihm sagen wolltest – –«

»Was?«

»Daß es geschehen soll, wie er fordert.«

»Ich werde es ihm sagen.«

Da rief im Nebenzimmer Sascha nach ihr: »Wera! Wera Iwanowna!«

»Hier bin ich! Ich komme.«

Sie ließ Tania allein, die sich auf ihre Knie warf und inbrünstig betete, daß die Schuld Wladimir vergeben werden möchte, daß die Todsünde auf sie falle.

»Du sollst zu Wladimir kommen,« sprach Sascha Wera an, indem er ängstlich vermied, ihr beim Reden ins Gesicht zu sehen. »Er will dir unsere geheime Druckerei zeigen. Aber trinke vorher Tee.«

»Später. Wo ist Wladimir Wassilitsch?«

»Auf dem Hofe. Er läßt Colja Kohl pflanzen; die Bohnen sind schon aufgegangen. Wolltest du nicht heute Natalia Arkadiewna besuchen?«

»Ich versprach es ihr.«

»So werde ich dich begleiten. Du wirst auch zu Anna Pawlowna müssen.«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Sie ist eine der Unseren. Die Unseren sind ihr großen Dank schuldig. Auch wohnst du in ihrem Hause.«

»So werde ich zu ihr gehen und mich bei ihr bedanken.«

»Das ist recht. Du darfst Wladimir Wassilitsch nicht glauben.«

»Was darf ich ihm nicht glauben?«

»Er war heute betrunken, als er das von Anna Pawlowna und der Wirtin Marja Carlowna sagte. Glaube ihm ja nicht.«

»Ich werde selbst sehen, was ich zu glauben habe und was nicht.«

»Ja, so bist du, so – so eigensinnig. Keiner vermag etwas über dich.«

Sie waren während dieses kurzen Gesprächs hinaus auf den Hof getreten, der selbst an diesem sonnigen Frühlingstag einen trostlosen Anblick darbot. Zwischen vorjährigen verfaulten Kohlstrünken war Colja mit Umgraben des Bodens beschäftigt; das Bücken ward ihm in Moskau nicht leichter, als es ihm in Eskowo geworden. Wladimir stand bei ihm und schlug mit einem Stocke die Erdklumpen auseinander. Als er die beiden kommen sah, warf er den Stock weg und ging ihnen entgegen. Er sah so schön und strahlend aus, als hätte er an diesem Morgen eine große Tat vollbracht und wäre sehr zufrieden mit sich.

Nach Tania fragte er nicht.

Sie begaben sich zu einem Schober, der mit Holz und allerlei Gerümpel gefüllt war. Davon wurde einiges beiseite geschoben, und darauf der Boden in dem Umfange eines Quadratmeters von Spänen und Erde befreit. Eine eiserne Falltür ward sichtbar. Sascha hob sie auf und Wera sah in eine dunkle Tiefe hinunter, in welche Wladimir zuerst auf einer Leiter hinabstieg. Als auch Wera drunten angelangt war, ließ Sascha die Tür von außen zufallen und blieb daneben stehen, um Wache zu halten. Wladimir machte Licht und Wera sah, daß sie sich in einer Art von Grube befanden.

Die Einrichtung der Druckerei war die einfachste von der Welt. Einige Kästchen mit Lettern, ein kleiner Zylinder mit einer klebrigen, leimartigen Substanz beschmiert, ein großer, mit Tuch überzogener Zylinder, der als Druckwalze diente, zwei Flaschen Druckerschwärze und ein Paar Bürsten und Schwämme.

Alles war so geordnet, daß es in einer Viertelstunde zusammengepackt und fortgeschafft werden konnte.

Nachdem Wladimir dem Mädchen alles gezeigt und erklärt hatte, öffnete er den Deckel einer schwarz angestrichenen Truhe, die beinahe einem Sarge glich und in der Mitte des unterirdischen Raumes stand.

»Was ist in der Kiste?«

»Dynamit«

Wera wollte fragen, was das sei, aber Wladimirs Mund zeigte wieder jenes Lächeln, welches ihr Grausen einflößte. Hastig trat sie von dem unheimlichen Kasten zurück, dessen Deckel er zufallen ließ. Es dröhnte wie ein Schuß.

Wladimir stand im Begriff, die Druckerei zu verlassen, als Wera ihn zurückhielt.

»Ich sollte dir auch sagen – –«

Aber sie stockte.

»Was solltest du mir sagen?«

»Tania hat mit mir gesprochen. Sie ist sehr unglücklich, aber sie ist stark. Sie will dir überallhin folgen; auch dorthin, wo, deinem Willen gemäß, kein Gott und kein Glaube sein sollen. Du hast sie ganz in deiner Hand, du kannst mit ihr beginnen was dir beliebt. Aber ich sage dir: Du bist ein Mann der Freiheit, du verkündigst die Freiheit der Völker als Evangelium, dein Weib aber willst du zu deiner Sklavin machen. Du knirschest gegen sie, die uns zu ihren Leibeigenen gemacht hatten, aber die einstige Mutter deiner Kinder willst du knechten an Leib und Seele. Du willst Tausende retten, aber dieses reine und heilige Gemüt willst du verderben. Hüte dich, Wladimir Wassilitsch! Du hast einen wilden, ungöttlichen Geist. Und mit diesem gedenkst du die Sache des Volkes zu führen? Freilich, du liebst ja wohl das Volk mehr, als du dein Weib lieben wirst. Sieh dich vor, daß du nicht beide verdirbst.«

Er starrte sie sprachlos an; doch sie kehrte sich nicht an seinen Blick, sondern stieg die Leiter empor und pochte an die Platte, die sogleich von Sascha gehoben wurde. Im nächsten Augenblick stand Wera wieder im Sonnenlicht.

Zwölftes Kapitel.

Später begleitete Sascha sie zu Natalia Arkadiewna, von der er mit Begeisterung sprach.

»Das ist eine Seele, die Vater und Mutter verlassen hat, um dem Volk anzugehören. So sollten alle sein; Anna Pawlowna ist auch so. Sie hat unsäglich viel Gutes an Natalia Arkadiewna getan und sie von der Straße in ihr Haus aufgenommen, wo doch schon die Polizei hinter ihr her war. Es ist wundervoll!«

Es kam Wera vor, als spräche er von Natalia Arkadiewna nur, um Anna Pawlowna rühmen zu können. Sie war Anfang und Ende aller seiner Gedanken; sie war es, ohne daß er sich dessen bewußt gewesen wäre.

Wera hörte stumm zu. übrigens glaubte sie der Ekstase Saschas mehr als Wladimirs Haß. Weshalb sollte Anna Pawlowna keine gute Nihilistin sein? Und ebenso Boris Alexeiwitsch. Weshalb wären beide sonst Nihilisten geworden?

»Natürlich müssen sie es ganz im geheimen sein,« erklärte ihr Sascha. »Denn solche Damen, wie Anna Pawlowna – du begreifst. Ihr Mann ist ein Magnat. Wenn sie in Petersburg ist, geht sie zu Hof. Du wirst einsehen – Sie hat es ungemein schwer, sie bringt der Sache die größten Opfer. Das sollten wir anerkennen. Und welche Summen sie für die Sache herschenkt. Es ist erstaunlich! Wir müßten ihr sehr dankbar sein. Doch wir sind undankbar, denn wir hegen Mißtrauen. Sie begibt sich der Sache wegen in Gefahr. Es ist außerordentlich! Wenn sie entdeckt würde! Aber sie ist so mutig, ein gewaltiges Weib!«

»Und Boris Alexeiwitsch?«

Sascha fuhr mit der unförmlichen Hand durch sein kurzes Haar und antwortete nicht. Wera wiederholte ihre Frage. Sie tat es in der Hoffnung, von Sascha über den Betreffenden Besseres zu hören, als sie von Wladimir gehört hatte.

»Und Boris Alexeiwitsch?«

»Er ist Anna Pawlownas Vetter. Anna Pawlowna bürgt für ihn; also ist er ganz sicher. Ist das ein hübscher, vornehmer Herr! Bei Anna Pawlowna ist er wie zu Hause. Er kann immer um sie sein, bis spät in die Nacht hinein. Er lacht und plaudert mit ihr, spielt und singt mit ihr, trinkt den Tee bei ihr. Es ist ganz erstaunlich! Sie liebt und schätzt ihn sehr, sie hat ihn uns zugeführt, einen solchen vornehmen Herrn! Du siehst, wie dankbar wir ihr sein müßten.«

Mißbilligend und zugleich traurig schüttelte er sein ehrliches Haupt und murmelte in tiefer Niedergeschlagenheit wieder und wieder: »Aber wir sind's nicht. Nein, wir sind's gar nicht!«

Auf der Straße blieben die Leute stehen und sahen Wera nach. Sie trug immer noch ihr ländliches Kostüm; eine Kleidung, die das Ernsthafte und Feierliche ihres Wesens noch auffälliger machte. Bei Anna Pawlownas Palast angekommen, gingen die beiden an der Eingangshalle vorüber, die Dienerschaftstreppe hinauf. Sascha war ganz stolz auf die herablassende Behandlung von Seiten eines ihnen begegnenden Lakaien. Er warf Wera einen Blick zu, der zu sagen schien: Bin ich nicht bei Anna Pawlowna wie zu Hause? Aber nachdem der Diener das Mädchen aus Eskowo von Kopf bis zu den Füßen gemustert hatte, ließ er beide stehen. Sascha versuchte, böse zu tun, aber Wera beruhigte ihn. Sie wollte zuerst Natalia Arkadiewna aufsuchen und dann mit Sascha zu Anna Pawlowna gehen.

Nach vielen Fragen und langen Zugängen fand Wera die junge Nihilistin im Hintergebäude, in einem dunklen, finstern Zimmer, das um nichts besser war, als das sogenannte Arbeitszimmer von Sascha und Wladimir. Natalia Arkadiewna war damit beschäftigt, Broschüren und Zeitungsblätter zu ordnen, die sie noch an dem nämlichen Tage unter das »Volk« verteilen wollte. Sie begrüßte ihren Besuch mit einem Lächeln, das den abgezehrten Zügen einen weichen, unendlich rührenden Ausdruck gab.

»Setze dich, wir wollen plaudern. Es geht mir heute viel besser. Ich kann den Tabakrauch nicht vertragen; aber ich werde mich daran gewöhnen. Ich freue mich, daß du gekommen bist. Du bist so schön und stark. Man wird gesund, wenn man dich nur ansieht. Ich will mich an deinem Anblick kräftigen. Aber du darfst nicht denken, daß ich schwach sei; ich sehe nur so aus. Der Mensch darf nicht zugeben, daß der Körper Gewalt über den Geist gewinnt. Es hängt alles vom Wollen ab. Ich will leben und ich werde leben, obgleich die Ärzte mich aufgegeben haben.«

»Sie sollten sich schonen,« bemerkte Wera zaghaft. »Ist dieses Zimmer nicht feucht?«

»Nenne mich du. Sind wir Frauen nicht alle gleich, die Zarin wie die Bettlerin? Jede Frau wird unterdrückt, jede Frau leidet. In der neuen Zeit, die hereinbrechen wird, hört das freilich auf, da leidet die Frau nicht mehr, sie handelt. Erst dann wird sie dem Manne gleichberechtigt sein. Solange die Frau das nicht ist, so lange bleibt der Mann unser Herr, unser Tyrann. Doch, um deine Frage zu beantworten: Dieses Zimmer ist allerdings etwas feucht; ich will indessen kein anderes bewohnen. Anna Pawlowna hatte die Güte, mir ein Gemach mit Brüsseler Teppichen und Pariser Möbeln anweisen zu lassen; da aber auch das Volk nichts weiß von Spitzenvorhängen und Damastfauteuils, lehnte ich dieses Anerbieten ab; und da das Volk in dunkeln, feuchten Gelassen lebt, bat ich, hier wohnen zu dürfen. Ich fühle mich in diesem Raume sehr wohl.«

Mit sichtlichem Behagen sah sie sich in ihrer traurigen Behausung um.

»Hast du Hunger?« fragte sie dann. »Ich koche mir mein Essen selbst und habe von gestern übrig behalten. Freilich ist es kalt.«

»Ich kann nicht essen. Wenn es dich nicht anstrengt oder ungeduldig macht, möchte ich dich bitten, mir etwas von dir zu erzählen. Ich bewundere dich so sehr.«

»Das darfst du ja nicht, damit würdest du mich beleidigen. Das Natürliche und Selbstverständliche ist niemals bewundernswert. Ich kann nichts dafür, daß ich so geworden bin. Das ist kein Verdienst von mir. Es lag in mir und ich mußte so werden. Sie haben dir gewiß gesagt, ich hätte eine Geschichte, wie sie es nennen. Davon weiß ich gar nichts. Ich war ein verwöhntes Kind, in Pracht aufgewachsen, von Dienstbarkeit und Schmeichelei umgeben. Alle meine Gedanken drehten sich um Putz und Näscherei. Als ich älter wurde, träumte ich von einem Leben voller Herrlichkeit. Ich sollte Hofdame der Großfürstin werden, ich sollte mich mit einem Manne verloben, der ein stadtkundiger Wüstling war, aber ein ungeheures Vermögen besaß. Mir war es recht. Da fiel mir ein Buch in die Hände – das erste russische Buch, »Raskolnikow« von Dostojewskij. Nach den ersten Seiten warf ich das Buch empört fort. Aber ich nahm es wieder auf, las weiter, las bis zu Ende. Darauf erkrankte ich heftig, wurde gesund, wurde schwermütig. Ich wollte mir das Leben nehmen. Eines Abends schlich ich mich heimlich fort zur Alexanderbrücke. Da drängte sich eine Volksmenge in meinen Weg, um einen Trupp verhafteter Nihilisten zu sehen, die zum Bahnhof transportiert wurden. Ich folgte der Menge, ich sah, wie die Nihilisten ausgeladen und in niedrige, schwarze Waggons getrieben wurden. Ich hörte die Hammerschläge, mit denen man ihre Ketten festschmiedete. Es waren auch Frauen darunter und Mädchen, nicht älter als ich. Ich kehrte nach Hause zurück, verschaffte mir heimlich nihilistische Schriften und Flugblätter und fühlte mich zum erstenmal in meinem Leben glücklich. Als ich meinen Dienst bei Hof antreten, als ich mich mit dem Fürsten verloben sollte, erklärte ich, daß ich – eine Nihilistin wäre. Und nun bin ich hier.«

Während Natalia Arkadiewna dies in dem einfachsten Tone erzählte, fuhr sie in ihrer Beschäftigung fort, die groben, mit großen Buchstaben bedeckten Blätter auf das sorgfältigste zusammenzulegen und zu ordnen. Dann fragte sie, ob Wera bereits Anna Pawlowna gesehen habe, und als das Mädchen verneinte, bemerkte sie: »Das ist eine eigentümliche Frau. Man sollte glauben, alles auf der Welt sei ihr gleichgültig. Ich meine immer, ihre Seele schläft. Ehe sie mich bei sich aufnahm, bedeutete für sie ein Nihilist nichts anderes als einen Begriff, den der größte russische Schriftsteller erfunden und unter die Leute gebracht hatte. Ich will auch nicht sagen, daß ich sie bekehrt habe. Man wird eben nicht klug aus ihr.«

»Sascha verehrt sie sehr.«

»Sascha ist ein guter, reiner Mensch.«

»Er macht mir Sorge.«

Natalia Arkadiewna erwiderte nichts. Plötzlich nahm sie ihre Brille ab und sagte, Wera mit ihren wunderbaren klaren, blauen Augen voll ansehend: »Und Wladimir Wassilitsch?«

»O, das ist ein wilder Geist.«

»Ein großer Geist,« verbesserte Natalia. »Von dem wird man in Rußland noch hören.«

»Er kann schrecklich sein.«

»Mit Sanftmut befreit man kein Volk. Wer dem Volke dienen will, darf vor nichts zurückschrecken; weder vor Leiden und Tod, noch vor Verbrechen.«

Wera dachte daran, daß auch sie vor nichts zurückscheuen wollte, daß auch sie ein Gelübde getan. Sie fragte Natalia, ob sie von Tania Nikolajewna gehört hätte.

»Nein. Wer ist das?«

»Wladimirs Verlobte.«

Natalia stieß einen leisen Schrei aus. Es war wie ein Krampf. Aber es ging schnell vorbei, sie erklärte es für einen Anfall ihres alten Leidens und fuhr sehr bald in ihrer Beschäftigung fort.

»Wo ist das Mädchen?«

»Sie kam mit uns.«

»Beschreibe sie mir. Sie muß sehr schön sein.«

»Sehr schön. Strahlende Augen, prächtiges Haar.«

»Goldblond, nicht wahr?«

»Goldblond. Woher weißt du das?«

»Ich denke es mir. Sie ist zart und sanft, mit einer leisen, lieblichen Stimme?«

»Ganz recht.«

»Und sie betet Wladimir an?«

»Sie betet Wladimir an; sie tut alles für ihn, alles, sogar ein Verbrechen, das aber für sie kein Verbrechen ist, da Wladimir Wassilitsch es befiehlt.«

»Ich möchte sie kennen lernen.«

»Sie wohnt mit mir in einer Kammer; nicht lange mehr, denn – –«

Und sie erzählte Natalia Arkadiewna den Vorgang vom Morgen, etwas verwirrt durch die leidenschaftliche Aufmerksamkeit, mit der ihre neue Freundin zuhörte.

»Wladimir Wassilitsch hat recht,« begann Natalia mit einer gewaltsamen Anstrengung zu sprechen. »Die Eheschließung vor dem Popen ist und bleibt eine konventionelle Sitte und jede konventionelle Sitte ist eine Tyrannei. Aber nun wird es Zeit, daß du zu Anna Pawlowna gehst. Diesen Nachmittag besuche ich dich und Tania Nikolajewna. Du kannst mich dann später begleiten und mir diese Bücher verteilen helfen.«

»Ich danke dir. Laß mich etwas tun.«

»Dazu wird genug Gelegenheit kommen.«

Wera ging, wurde aber von Natalia noch einmal zurückgerufen.

»Du wirst bei Anna Pawlowna ihren Vetter, Boris Alexeiwitsch, finden. Hüte dich vor ihm. Verderben und Fäulnis geht von ihm aus. Leute wie er sind Rußlands wahre ›toten Seelen‹, die über das Land den Geruch der Verwesung verbreiten. Wera Iwanowna, gelobe dir selbst, dir eher das Herz auszureißen, als es dir von einem dieser Würgegeister zermalmen zu lassen. Ich sehe dir an, du wirst den Kampf bestehen.«

Wera ging. Sie vernahm nicht mehr, mit welchem Jammer die junge Nihilistin den Namen Wladimir stöhnte; sie sah nicht mehr, wie die schwache Gestalt zusammenbrach und sich in wilden Krämpfen auf dem Boden wand.

Dreizehntes Kapitel.

Anna Pawlowna befand sich in ihrem Kabinett. Die Fürstin Xenia Alexandrowna Danilowsky und Boris Alexeiwitsch waren bei ihr.

Das Kabinett war ein quadratischer, fensterloser Raum mit einer Kuppel aus geschliffenem Glase. Darunter hin lief ein Fries, von einem großen französischen Künstler gemalt. Es war darauf die Geburt der Venus dargestellt, wie die Göttin, aus dem Schaum einer Welle hervorleuchtend, mit einer Gebärde höchsten Entzückens beide Arme dem strahlenden Himmel entgegenstreckt und mit geöffneten Lippen die Sonnenstrahlen einzuschlürfen scheint, die aus einer purpurnen Wolke hervorbrechen.

Dann durchzieht die junge Herrscherin der Welt im Triumph die Meeresflut, welche den herrlichen Leib mit Rosen und Lilien umspült. Tritonen und Najaden tauchen aus der Tiefe und umschwimmen die Schöne. So gelangt Aphrodite nach Zypern, wo sie von blühenden Jünglingen und reizenden Jungfrauen empfangen wird, die beim Anblick der Göttin in Liebe zueinander entflammen. Sie bauen der hehren Himmlischen einen Tempel, in dessen Hallen der Priester die Paare vermählt. Zu dem Liebeshof der Venus gesellen sich alle Götter und Göttinnen, und Jupiter entdeckt eiligst eine einsame Schöne; so stehen Himmlische und Irdische unter dem Zepter der schaumgeborenen Frau, welcher der galante Franzose auf dem ersten Bilde die Züge Anna Pawlownas gegeben hatte.

Unter diesem Friese, den gekoppelte Bronzepilaster trugen, schimmerte an den Wänden silbergrauer Atlas in reichen Falten, über welche sich durch das gefärbte Glas der Kuppel ein matter, bläulicher Schein ergoß. Ringsum waren hinter einem vergoldeten Gitter exotische Pflanzen und blühende Frühlingsgewächse aufgestellt. Kamelien und Rosen, Narzissen und Hyazinthen drängten sich durch das strahlende Netzwerk.

Weiße Bärenfelle bedeckten den Boden, orientalische Stoffe die Ottomanen und Sessel, vor denen niedrige, mit Büchern und Quincaillerien beladene Tischchen standen. In der Mitte des Gemaches, auf einem Sockel aus blutrotem Jaspis, war die Bronzestatue eines nackten Knaben aufgestellt, der in seiner emporgehaltenen Rechten eine pompejanische Lampe hielt.

Unter dieser Bildsäule saß in einem Morgenkleid aus heliotropfarbener Seide Anna Pawlowna, anscheinend völlig in die Lektüre eines Flaubertschen Romans vertieft. Aber sie las nicht. Ihr Kopf mit dem farblosen Gesicht, von ihrem rötlichen unfrisierten Haar wie von Flammen umgeben, ruhte zurückgelehnt gegen den Purpur des Steins. Ihre meergrünen Augen starrten vor sich hin, mit demselben Ausdruck, den ihnen der Maler auf dem Bilde gegeben: Venus Anadyomene in die aufgehende Sonne schauend. Mit einem Seufzer schloß sie die Augen, und nun erschien das schöne Haupt leblos und starr auf dem blutroten Hintergrund.

Die Fürstin und Boris Alexeiwitsch befanden sich auf der anderen Seite der Bildsäule; die Dame ausgestreckt auf einem Diwan, der Kavalier hinter ihr auf einem Taburett. Das Promenadenkostüm der Fürstin war mit metallisch glänzendem Schmelzwerk bedeckt; das Neueste, was Paris für die Frühjahrssaison proklamiert hatte. Xenia Alexandrowna war lächerlich stark geschnürt, überreich gepudert und abscheulich frisiert, à l'enfant! Obgleich sie durchaus nicht mehr jung, ziemlich fett und fast häßlich war, besaß sie mehr Anbeter – besonders unter sehr jungen Männern – als Anna Pawlowna. Übrigens war sie gutmütig und ziemlich witzig. Ihr großes Vermögen, ihr uralter Name und ihre gänzliche Unabhängigkeit verschafften ihr in der Gesellschaft aller Länder eine sichere Position, trotzdem sie nicht aufhörte, sich stark zu kompromittieren. Sie benahm sich äußerst unvorsichtig und zeigte sich mit ihrer Gunst wie mit ihrem Gelde so freigebig, als es ihre jungen Freunde nur wünschen konnten. So hatte die böse Welt denn wohl nicht unrecht, wenn sie behauptete, daß Xenia Alexandrowna Romane lieber erlebe als lese. Ihren Aufenthalt wechselte sie wie ihre Neigungen. Sie reiste durch die halbe Welt und sie kannte alle Welt. Nach Paris ging sie der Toiletten und des »
pschutt« wegen; nach England, um die Rennen zu sehen; nach Weimar, um Liszt anzubeten; nach Monaco, um zu spielen und nach Rom, um nachmittags auf dem Pincio Korso zu fahren. Sie hatte mit Gladstone gewettet, bei Sarah Bernhardt soupiert, an den Herzog Karl von Braunschweig zehntausend Franken verloren, war von Paul Heyse empfangen und von der Königin von Italien nach Turin eingeladen worden. Ihrer Autographensammlung wegen bildete sie sich ein, mit allen europäischen Berühmtheiten in Korrespondenz zu stehen. Natürlich war sie Wagnerianerin. In den letzten Jahren sprach sie viel von Schopenhauer, Proudhon und Bakunin und hatte sich auf Völkerpsychologie und Sozialismus geworfen. Gegenwärtig interessierte sie sich, obgleich sie nichts davon begriff, für den Nihilismus. Um Boris Alexeiwitsch willen, in den sie leidenschaftlich verliebt war, kam sie seit einigen Jahren regelmäßig im Frühling auf einige Monate nach Rußland. Übrigens verursachte Boris Alexeiwitsch ihr Kummer. Da er sich ihr gegenüber als völlig unzugänglich erwies, liebte sie es, ihn wie einen verwöhnten, trotzigen Knaben zu behandeln, wie einen ungezogenen Liebling der Grazien, dem man seinen Willen nicht lassen durfte. Wohl oder übel mußte sie sich ihm gegenüber als die ältere, erfahrene Frau aufspielen.

Was Boris Alexeiwitsch anbetraf, so ließ er sich das Verhältnis zur Fürstin gefallen, weil er sich dieser Frau gegenüber völlig gehen lassen konnte. Anfänglich war Xenia Alexandrowna ihm unangenehm gewesen. Als er aber die Leidenschaft entdeckte, welche diese abgestumpfte, zügellose Frauennatur für ihn gefaßt hatte, begann er einigen Anteil an ihr zu nehmen, das objektive Interesse, das der Anatom an den Zuckungen seines Objekts nimmt. Neugierig, wie sich die Sache entwickeln würde, sah er ihren Liebesleiden zu. Schließlich langweilte auch sie ihn – wie alles.

Boris hatte seinen Sitz zum Diwan der Fürstin geschoben; ein Bein über das andere geschlagen, begann er, seine Zigarette rauchend, mit gedämpfter Stimme ein Gespräch.

»Boris Alexeiwitsch!« sagte Xenia Alexandrowna.

»Fürstin?«

»Boris Alexeiwitsch, ich langweile mich.«

»Xenia Alexandrowna, ich langweile mich.«

»Welches Echo! Und so galant.«

»Pardon! Aber ein Nihilist darf nicht galant sein.«

»Pfui! Aber reden wir einmal ernstlich davon.«

»Von der Langeweile?«

»Von dem Nihilismus.«

»Als Mittel gegen die Langeweile?«

»Ein gefährliches Mittel.«

»Das uns für immer um die Langeweile bringen kann.«

»Ernstlich, ernstlich!«

»Wie Sie befehlen!«

»Können Sie wirklich ernsthaft sein?«

»Es kommt auf das Thema an.«

»Ich gebe Ihnen das Thema: Ist der Nihilismus wirklich eine solch ernsthafte Sache? Überall redet man darüber.«

»Ja, wie von dem letzten Skandal der Stipani mit dem Grafen Worsky, wie von der Robe, die Sie gestern auf dem Balle der Prinzessin trugen.«

»Ist das Ihre Ernsthaftigkeit? Jedenfalls ist sie amüsant.«

»
Merci.«

»Wovon sprachen wir doch?«

»Von der neuesten Mode.«

»Das ist frivol.«

Aber Xenia Alexandrowna lachte. Dabei wandte sie den Kopf, um Boris Alexeiwitsch ins Gesicht zu sehen; diese spöttische Laune stand ihm so gut. Je leichtfertiger er war, um so unwiderstehlicher fand sie ihn. So versuchte sie denn, die alberne Szene fortzuspielen.

»Also sind Sie Nihilist aus Mode?«

»Sollte ich es etwa aus Überzeugung sein?«

»Zeigen Sie mir einen Nihilisten, aber einen echten.«

»Mit Vergnügen, sogar ohne Entree. Aber Sie müssen Ihr Flakon gebrauchen.«

»Warum?«

»Weil der Mann aus Überzeugung nach Branntwein riecht.«

»Sie könnten mich neugierig machen.«

»Sie wissen doch, daß Nihilisten an nichts glauben?«

»Das muß sehr bequem sein. Aber glauben sie wirklich an nichts?«

»Die Männer an eure Reize.«

»Und die Frauen an eure Treue.«

»Gewiß nicht. Der Nihilismus erhebt den Wechsel zum Prinzip. Er ist sehr bequem.«

»
Mais c'est affreux.«

»An eines, fällt mir ein, glauben auch die Nihilisten.«

»Was ist das?«

»An das Nichts.«

»Ein unangenehmer Glaube.«

»Wieso? An keine ewige Langeweile glauben zu müssen, ist Ihnen das unangenehm?«

»Das ist zynisch.«

»Das ist nihilistisch.«

»So ist nihilistisch zynisch?«

»Wohl möglich.«

»Jetzt habe ich genug.«

»Schon? Übrigens sind Sie zur Nihilistin verdorben.«

»Weshalb?«

»Weil Sie ästhetische Bedürfnisse haben. Das ist ganz gegen unsere Theorie.«

»Muß denn eine Theorie immer gleich praktisch verwertet werden?«

»Im Nihilismus entschieden. Was mich betrifft, so verkehre ich direkt mit dem Volk. Heißt das nicht ein Nihilist der Praxis sein?«

»Sie werden dabei sicher praktisch verfahren.«

»Das war boshaft.«

»Es soll reizende Frauen unter den Nihilistinnen geben.«

»Sie kennen uns.«

»Monsieur – – «

»Madame – – «

Beide standen auf.

»Nicht drei Sätze Französisch,« rief Boris triumphierend. »Was sind wir für Russen!«

»
Les vrais Slavophiles.«

Ein Diener in altrussischer Tracht schlug die Portiere zurück und meldete mit leiser, singender Stimme: »Der Student Alexander Dimitritsch Russikow und die Bäuerin Wera Iwanowna Martjanow aus Eskowo bitten vorgelassen zu werden.«

Anna Pawlowna hatte gerade das Buch aufgenommen und las so eifrig, daß der Diener seine Meldung wiederholen mußte.

»Führe sie in das gelbe Zimmer,« erwiderte sie endlich und blätterte um.

»Wer ist dieser Alexander Dimitritsch?«

»Das müssen Sie meine Cousine fragen. Sie wird Ihnen antworten: Voilà, un homme.«

»Vraiment?« meinte die Fürstin gedehnt und blickte nach Anna Pawlowna hinüber, welche, ohne eine Miene zu verziehen, nachlässig sagte: »Dieser Alexander Dimitritsch ist in der Tat – – «

»Eine ehemalige Seele Anna Pawlownas,« fiel Boris Alexeiwitsch lachend ein. »In der Tat eine Seele, die ihr noch immer gehört, eine etwas plebejische Seele.«

Anna Pawlowna runzelte die Stirn und fuhr, die Unterbrechung unbeachtet lassend, fort, wo sie aufgehört hatte.

» – – Ist in der Tat einer von jenen jungen Leuten, welche das Unglück haben, eine große Leidenschaft zu fühlen und dabei keine Egoisten zu sein.«

»Das heißt?« erkundigte sich die Fürstin, etwas unsicher, ob man sich nicht über sie lustig mache.

»Das heißt,« demonstrierte Boris Alexeiwitsch mit einem zynischen Zucken seines schönen Mundes, »daß dieser Alexander Dimitritsch ein Nihilist ist.«

»Ein Nihilist in deinem Hause! Aber du kompromittierst dich.«

»Sie sollten sich den Mann ansehen,« riet Boris der Fürstin mit ungemeiner Höflichkeit.

»Natürlich werde ich das!«

»Er ist kein wildes Tier,« sagte Anna Pawlowna.

Sie hatte den tiefen Ton in ihrer Stimme, den ihr Vetter so gern hörte; er liebte es, dem spröden Metall solche Funken zu entreißen.

»Anna Pawlowna hält ihn für einen Mann,« warf er nachlässig hin.

»Ah!«

»Boris Alexeiwitsch beliebt es, anderer Ansichten zu fälschen,« erwiderte Anna Pawlowna, sich zur Fürstin wendend in ihrer kältesten Weise. »Dieser Student Sascha ist ein Gemüt voller Einfalt, Kindlichkeit und Uneigennützigkeit, eine Seele voller Glauben, Vertrauen und Hingebung, dabei – – «

Sie suchte nach dem rechten Wort. Boris Alexeiwitsch fand es.

»Voller Urkraft.«

Er lächelte.

»Ganz recht,« wiederholte sie langsam, ihn mit ihren Nixenaugen anblickend, »voller Urkraft.«

Dann erhob sie sich.

»Ich bin gleich wieder zurück.«

»Beeile dich nicht, ma chère! Wer aber ist diese Bäuerin Wera Iwanowna aus Eskowo?«

»Ich kenne sie nicht,« murmelte Boris Alexeiwitsch, seinen Schnurrbart kräuselnd.

Anna Pawlowna, die schon an der Tür stand, drehte sich nach ihm um.

»Du kennst sie nicht?«

»Es ist lange her, daß ich in Eskowo war.«

»Du schlugst ihr damals mit der Reitpeitsche ins Gesicht. Hoffentlich trägt sie noch die Narbe davon.«

»Die ist's? Sie war schon damals ein freches Ding, das gezüchtigt zu werden verdiente.«

Anna Pawlowna zuckte die Achseln und entfernte sich.

»Wissen Sie, Fürstin, wer diese Wera ist? Denn jetzt fällt es mir ein.«

»Nun?«

»Anna Pawlownas Halbschwester.«

»Mon dieu! – – Was will sie in Moskau?«

»Da fragen Sie mich zu viel.«

Vierzehntes Kapitel.

Langsam durch die Reihe von Gemächern schreitend, dachte Anna Pawlowna: Eigentlich haben jene beiden ganz recht, wenn sie eine schlechte Komödienszene daraus machen. Auch die russische Gesellschaft spielt in diesem Augenblick das Drama »Nihilismus«. Es kommt Blut und Mord darin vor, aber sie betrachtet das Stück trotzdem nur als Spiel. Die Epoche der französischen Sittenkomödie auf der Bühne wie im Leben naht ihrem Ende; selbst gegen das Ehebruchsdrama ist die Gesellschaft gleichgültig geworden. Deshalb werfen wir unsere Leidenschaften beizeiten auf ein anderes Gebiet, auf den Sozialismus. Da jedoch unsere ermatteten Nerven der Reizung bedürfen, so verschärfen wir den Sozialismus zum Nihilismus. Ich bin begierig, wie wir dieses neue Gebiet für uns ausbeuten, was für Resultate die Experimente, die wir mit dem Volke und mit uns selbst anstellen, ergeben werden. Wir wollen das Volk mit der Gesellschaft mischen, das heißt zwei der denkbar verschiedensten Stoffe vereinigen, die kein Atom miteinander gemein haben, die sich gegenseitig heftig abstoßen. Es muß eine Explosion geben. Eh bien, erwarten wir sie.

Aber wird dieses Leben mehr für uns sein, als eine bloße Zerstreuung? Schlägt unser Herz dabei in Wahrheit lebhafter? Und wofür? Für das Volk? Das Volk! Wir stellen uns freilich an seine Seite, wir proklamieren uns allerdings als seinesgleichen und das Volk – nun und das Volk glaubt uns. Aber glauben wir uns selbst? Wir mit unserer Selbsterkenntnis, unserer Selbstanalyse? Oder sollte Boris recht haben, wenn er behauptet, daß es lediglich das Neue ist, das diese Gewalt über uns ausübt? Der Nihilismus als Mode, als Sport. Abscheulich! Ich will die Frage umkehren: Könnte die russische Gesellschaft aus innerster Überzeugung nihilistisch sein? Warum nicht? Sind wir doch zu der Überzeugung gekommen, daß wir nichts taugen. Dennoch wird nie und nimmer die Gesellschaft den Heroismus haben, sich gegen sich selbst zu empören. Infolgedessen können wir dem Volke gegenüber keine ehrlichen Mitspieler sein. Wir betrügen es und können uns nicht einmal damit entschuldigen, daß wir uns selbst betrügen. Und ich – Was ist es mit mir?

Sie blieb stehen und preßte ihre Hand gegen die Stirne.

»Und ich – was ist es mit mir?« wiederholte sie halblaut.

Sie sah auf und erblickte in einem Spiegel ihre Gestalt in voller strahlender Schönheit. Ernsthaft spähte sie in ihr Gesicht, in ihre Augen, als könnten diese es ihr sagen. Aber ihre Augen blieben so unergründlich wie das Element, dessen Farbe sie trugen.

»Ob das, was ich empfinde, wohl Sehnsucht ist?« sprach sie vor sich hin. »Aber Sehnsucht wonach? Nach einem vollen, reichen Leben, das ich nirgends finden kann? Überall habe ich danach gesucht, im Himmel und auf Erden; warum sollte ich da nicht einmal beim Volke suchen?«

Sie versank in Gedanken. Dabei sah sie unverwandt ihr schönes Spiegelbild an. Endlich bemerkte sie, daß eine Locke sich gelöst hatte. Das brachte sie wieder zu sich selbst. Sie steckte das rebellische Haar auf und trat sodann in das »gelbe« Zimmer.

Saschas Gesicht nahm bei dem nicht unfreundlichen, aber gemessenen Gruße seiner Herrin die Farbe seiner Hände an. Zugleich strahlte es in seinen Augen auf. Wera die Stirn küssend, meinte Anna Pawlowna: »Ich hätte dich nicht wiedererkannt. Sieh doch, was aus dir geworden ist. Nun, Gott sei dir gnädig. Du wirst in Moskau bleiben?«

»Man hat mich gerufen. Alexander Dimitritsch holte mich.«

»Du möchtest dich gern nützlich machen?«

»Ich habe noch gar nichts getan.«

Anna Pawlowna betrachtete sie forschend; dann sagte sie herablassend: »Setzt euch doch.«

Sascha nahm augenblicklich Platz, Wera blieb stehen.

»Warum brachten Sie Wera Iwanowna nicht gleich zu mir?« redete Anna Pawlowna Sascha an, »Sie wohnt natürlich bei mir.«

»Ich danke Ihnen sehr, aber ich muß bei Tania Nikolajewna und den anderen bleiben,« erwiderte Wera an Saschas Stelle mit großer Entschiedenheit.

Sascha rückte unruhig auf seinem Stuhle und warf seiner Freundin einen vorwurfsvollen Blick zu, der zu sagen schien: Wie kannst du es nur übers Herz bringen, nicht gleich mit tausend Freuden ihre Wünsche zu erfüllen? Sieh sie doch an, wie wunderschön sie ist! Und gar nicht beleidigt über deine Widerspenstigkeit. O Wera! Wera!

Auch Saschas Augen konnten beredt sein.

»Ich muß tun, was man mir aufträgt,« erwiderte Wera auf eine Frage Anna Pawlownas nach ihrer mutmaßlichen Tätigkeit mit einer Feierlichkeit, als handelte es sich um ihr Seelenheil.

Wieder streifte die Prinzessin das Mädchen aus dem Volke mit einem Blick, der in ihr Inneres zu dringen schien. Plötzlich sagte Sascha sehr langsam und sehr laut: »Ja, das muß sie. Sie muß alles tun, was man ihr aufträgt. Das müssen wir alle.«

»Traf Tania Nilolajewna auch bereits ein?« fragte Anna Pawlowna ablenkend, ihren Blick von Wera langsam zu Sascha hinüberwendend. »Was will sie in Moskau? Gleichfalls alles tun, was man ihr aufträgt?«

»Sie kam mit uns nach Moskau, weil auch sie gerufen wurde, von – von Wladimir Wassilitsch, welcher – –« Wera stockte. Sie konnte Anna Pawlowna unmöglich sagen, was sie Natalia Arkadiewna gesagt hatte. Also schwieg sie mitten im Satze.

Eine Erklärung fordernd, sah Anna Pawlowna Sascha an, welcher, durch ihren Blick verwirrt, stammelte: »Nun ja, so ist es! Was hilft's? Wladimir Wassilitsch will es nun einmal nicht anders. Er spuckt auf die Kirche und den Popen. Es ist schlimm für Tania; aber wer kann's ändern? Sie liebt ihn nun einmal und wir werden sie auch so achten und ehren. Wera Iwanowna verläßt sie nicht.«

»Fangt ihr so an?« meinte Anna Pawlowna mit einem eigentümlichen Blick.

Sascha, in tödlicher Verlegenheit, sprach aufgeregt weiter: »Wladimir Wassilitsch will sie für die Sache beschäftigen – Wera Iwanowna nämlich. Er hofft, daß sie der Sache sehr nützlich sein werde. Das wird sie auch. Sie meint es sehr ernst damit, ganz heilig ernst. Sehen Sie sie doch an, Anna Pawlowna, und sagen Sie ihr, daß sie nicht mutlos werden soll. Ihnen glaubt sie.«

»Mir glaubt sie?«

»Ja, ja, ja!«

»Glauben auch Sie mir?«

»Ach, Anna Pawlowna –«

»Glaubt mir auch Wladimir Wassilitsch?«

»Ich bitte Sie, wollten Sie doch begreifen – Sie sollten wirklich – denn sonst –« stotterte der arme Sascha.

»Wladimir Wassilitsch mißtraut mir, er und alle anderen.«

»Es ist sehr unrecht von ihnen, sehr, sehr unrecht,« rief Sascha und sprang auf. »Ich will sie zur Rechenschaft ziehen, sie sollen Ihnen Abbitte tun. Es ist ein Verbrechen. Das ist es!«

»Alexander Dimitritsch, sagen Sie mir, womit kann ich euch beweisen, daß ich es mit euch aufrichtig meine?«

»Es ist ein Verbrechen,« wiederholte Sascha leidenschaftlich. »Was könnten Sie wohl noch mehr tun? Es ist unmöglich! Jeder Mensch muß das begreifen.«

»Schicken Sie Wladimir Wassilitsch zu mir; noch heute. Ich will selbst mit ihm reden.«

»Das wird das Beste sein, dann ist alles gut; er wird Ihnen Abbitte tun.«

Wera plötzlich mit Sie anredend, verabschiedete die Prinzessin die beiden.

»Ich hoffe, Sie zuweilen bei mir zu sehen. Sie sind zwar vollständig frei und Ihre eigene Herrin, aber ich hoffe es dennoch. Vielleicht kann ich Ihnen bei Ihren Unternehmungen behilflich sein. Nur muß ich zuerst klar wissen, um was es sich handelt. Bis jetzt ist alles Wirrwarr. Wladimir Wassilitsch räsoniert, aber er handelt nicht. Solange man mich im Dunkeln läßt –«

»Das ist es ja eben,« schnitt Sascha heftig atmend ihr das Wort ab. »Man läßt Sie im Dunkeln, man verständigt sich mit Ihnen über gar nichts, man fordert nur von Ihnen, fordert und fordert und mißtraut Ihnen, wenn Sie nicht gleich geben und geben. Was ist das für eine Sache, die so im Dunkel bleibt, die sich nicht hervorwagt, die immer spioniert und räsoniert und ihre Wohltäterin anklagt? Es ist sehr schmerzlich.«

Er seufzte und sah tief unglücklich aus.

»Sie sind ein guter Mensch,« sagte Anna Pawlowna ernst und entließ ihn.

In einem wahren Rausch von Glück entfernte sich Sascha mit Wera.

»Was habe ich dir gesagt? Sie ist ein gewaltiges Weib, ein herrliches Weib! Und wie sie das Volk liebt, wie sie sich der Sache hingibt. Es ist gar nicht zu glauben.«

Wera schwieg.

Sascha blickte sich scheu um und flüsterte: »Du weißt doch, daß sie mit ihrem Manne sehr unglücklich lebt? Alle Welt weiß es. Sage, kannst du das begreifen? Eine solche Frau! Überhaupt ist es sehr, sehr traurig, daß so etwas vorkommt. Es muß ein schönes Brüderchen sein, dieser Prinz Peter Petrowitsch, ein ganz abscheuliches Väterchen! Jetzt ist er wieder in Petersburg. Was er da wohl zu tun hat? Nun, alle Welt weiß es; aber es ist nicht zu glauben. Eine solche Frau wie Anna Pawlowna zu hintergehen! Wer kann das begreifen? Es heißt, daß die Ehe etwas Frommes und Heiliges sei, und dann leben sie so – die Männer natürlich. Welche Verworfenheit! Davon macht man sich gar keine Vorstellung.«

Er ist wirklich ein guter Mensch, dachte Wera, und verehrt Anna Pawlowna aus reinem Herzen. Aber was für eine Welt ist das! Gott sei mir gnädig!

Fünfzehntes Kapitel.

In einem der Vorzimmer stießen die beiden auf Boris Alexeiwitsch.

»Sieh doch, Freund Sascha!« rief er in der ihm eigenen liebenswürdig-nachlässigen Weise, mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme. »Wie geht es Ihnen? Was machen die Studien? Sie wollen sich schon wieder entfernen? Das ist unrecht. Anna Pawlowna hat Sie so gern. – – Ist das Ihre Schwester?«

Er sah Wera flüchtig an. Diese stand da, wie damals, als sie von ihm den Schlag empfangen.

»Das ist ja Wera Iwanowna!«

»Welche Wera Iwanowna, wenn ich fragen darf?«

»Wera Iwanowna aus Eskowo,« stammelte Sascha vollständig fassungslos, daß Boris Alexeiwitsch, auf dessen Vorschlag hin man Wera hatte kommen lassen, diese gar nicht mehr zu kennen schien.

»O wirklich! Wera Iwanowna aus Eskowo. Welches merkwürdige Zusammentreffen!« rief Boris Alexeiwitsch und lächelte in einer sonderbaren Art. »In der Tat; Wera Iwanowna aus Eskowo. Welche Überraschung! Nun, wir kennen uns.«

Diese Worte waren direkt an Wera gerichtet, welche, statt aller Antwort, zu Sascha sagte: »Wir müssen gehen.«

»Ich werde Sie begleiten.«

»Ich muß zu Natalia Arkadiewna; Sascha, gehe du mit dem Herrn.«

»Natalia Arkadiewna läßt Ihnen sagen, daß sie ausgegangen sei. Sie wüßten, wohin,« meldete ein Diener in schnarrendem Tone.

»Also kommen Sie!« rief Boris Alexeiwitsch fröhlich. »Sie begeben sich gewiß zu Wladimir Wassilitsch.«

»Ja. Wir wollen in die Nowaja-Andronowka-Vorstadt.«

»Nichtswürdige Gegend! Was treibt dieser schöne Fanatiker? Ein Prachtexemplar von einem Gesinnungsgenossen!« Und er lächelte wieder. Dann meinte er nachlässig: »Ich will ihn bald aufsuchen. Er interessiert mich. – – Nicht dort, meine Herrschaften. Dort ist der Ausgang für das Gesinde. Wera Iwanowna, so kommen Sie doch.«

Er wußte sehr wohl, daß sie schwankte, ob sie nicht, trotz seiner Aufforderung, die andere Treppe hinuntersteigen sollte; und er triumphierte, als sie, obgleich mit gerunzelter Stirn und zusammengezogenen Brauen, ihm folgte. Er geriet in die beste Stimmung und lachte innerlich über das verstörte Aussehen Saschas, dessen Gesicht ganz deutlich sagte: Boris Alexeiwitsch, Brüderchen, du bist doch eigentlich ein widerwärtiger Patron.

Lebhaft plaudernd stieg er neben ihnen unter Palmen und blühenden Rhododendren die Marmortreppe hinunter, auf welcher Wera ihn in der Frühe an der Seite der Fürstin gesehen hatte. Im Vestibül grüßte der Portier nur Boris Alexeiwitsch. Dieser stellte sich vor den Mann hin und schrie ihn an: »Du Hund von einem Wortschik; siehst du nicht, daß sich in meiner Gesellschaft eine Dame befindet?«

Hätte er eine Reitgerte bei sich gehabt, so würde das Gesicht des Menschen sie sicher zu fühlen bekommen haben. Wera zuckte zusammen, als ob es geschehen und sie selbst getroffen worden wäre.

Boris Alexeiwitsch ging neben Sascha, zu dem er eifrig sprach. Von Alexander Herzen, der bald ein überwundener Standpunkt sein werde; von John Mill, den er einen Schwärmer und von Moleschott, den er einen Salon-Atheisten nannte. Er schwatzte von Poesie und Kunst, welche die Nihilisten verneinten, was ihnen bei Puschkin und Raffael etwas schwer gelingen würde. Apropos: Puschkin! Sein »Onegin« sollte in jedem russischen Bürgerhause zu finden sein, ebenso wie in Deutschland in jedem Bauernhause der »Faust« und in England Byrons »Don Juan«. Boris erklärte, daß die moderne Literatur »gar nichts« wert sei und daß Turgenjew in lächerlicher Weise überschätzt werde; allerdings nur im Auslande. Dostojewsky sei viel großartiger, aber in Deutschland und Frankreich kenne man ihn nicht. Was das für ein geschmackloses Volk sei, diese Deutschen! Kneipen und Renommieren sind ihre besten Tugenden. Und die langweiligen deutschen Frauen. Scheinbar tugendhaft, während sie doch im Grunde ihrer Seelen frivol wären wie eine Französin auf dem bal mabil. Er kenne welche von Baden-Baden und Ischl. Freilich die Wienerinnen – –

So ging es fort. Sascha verstand wenig von dem eleganten Geschwätz und Wera gar nichts. Trotzdem mußte sie immer dabei denken: Gott sei mir gnädig! Welche Welt! Welche Welt! Und sich Zwang antun, es Boris Alexeiwitsch nicht ins Gesicht zu sagen, was diesen wahrscheinlich höchlichst amüsiert hätte.

Auf dem Taganskaja-Platz blieb Boris Alexeiwitsch stehen; ihm fiel plötzlich ein, daß er für den Abend eine Einladung angenommen hatte. Wie lästig! Wann sollte die nächste Versammlung sein? Er würde seine Freunde in jedem Falle noch früher in ihrem Hause aufsuchen und für Wera den »Onegin« mitbringen. Sie wollten das Gedicht zusammen lesen, das würde reizend werden.

Er pfiff einer Droschke und befahl dem Kutscher, nach der Eremitage am Neglinny-Projesd zu fahren. Unterwegs dachte er sich mit allem Behagen das Menü aus: Austern, potage à la reine; filets de sole frîte; pain de volaille au suprème; selle de chevreuil rôtie à la romaine; Artischocken; moscovite aux framboises. Vielleicht zog »Franzi« ein soufflet à la Schmankerle vor.

Also ein leidlich verbrachter Abend! Nach dem Souper vielleicht ein kurzer Besuch in der »Alhambra«, Franzi walzte superb.

Und Wera Iwanowna – – Das war ein merkwürdiges Geschöpf. Sie hatte sich ganz so entwickelt, wie er es sich vorgestellt. Was für ein brillanter Einfall von ihm, sie nach Moskau zu bringen. Es würde eine »Hetz« geben, wie Franzi in ihrem allerliebsten Wienerisch es nannte. Sie fing an etwas langweilig zu werden, die gute Franzi, mit ihrem ewigen Wienerisch und ihren ewigen Mehlspeisen. Aber – sie walzte superb!

Ob die Bäuerin und Nihilistin Wera Iwanowna Martjanow aus Eskowo auch superb walzen konnte –

Die Vorstellung: Wera Iwanowna in dekolletierter Ballrobe auf einem Fest in der Alhambra walzen zu sehen, hatte etwas so unwiderstehlich Komisches für ihn, daß er laut auflachte. Dann gähnte er.

Was für ein lächerlicher Mensch, dieser Sascha! Und Anna Pawlowna konnte sich ernstlich für einen solchen Flegel interessieren? Ein Weib – für Boris Alexeiwitsch gab es nur Weiber – war niemals auszukennen; selbst nicht von ihm, der doch ein Kenner war.

Er phantasierte sich in eine angenehme Aufregung hinein. Es gab wirklich noch Neues in dieser alten, alten Welt! Die nächste Nihilistenversammlung wollte er jedenfalls besuchen, um sich die Sache wieder einmal anzusehen. Mit welchem ernsthaften Gesicht Wera Iwanowna dasitzen wird. Wenn es dabei nur nicht nach Fusel und Kommunismus röche! Ob sie wirklich Ernst machten? Pah, es war doch alles Geschwätz und Unsinn.

Da hielt der Wagen, Boris Alexeiwitsch stieg aus und wurde von einem jungen Tataren ehrfurchtsvoll in das Lokal geführt.

»Separates Zimmer!«

Sechzehntes Kapitel.

Schweigend legten Wera und Sascha den Weg nach der Nowaja-Andronowka-Vorstadt zurück. Sie vermieden sich anzusehen; es war, als schämten sie sich voreinander.

Zu Hause fanden sie im Arbeitszimmer nur Colja vor; er hatte vom Mittagbrot Tschi mit Grütze für sie aufgehoben, welches Gericht er ihnen gewärmt auftrug: Tania Nikolajewna, das Täubchen, habe es selbst bereitet. Auf Weras Frage, wo sie sei? deutete er auf die Kammer: »'s ist eine bei ihr. Sie sitzen und küssen sich und weinen zusammen.«

Wladimir Wassilitsch kam aus der Druckerei, wo er hart gearbeitet zu haben schien; wenigstens sah er erschöpft aus. Er fragte sogleich nach der Aufnahme, die Wera bei Anna Pawlowna gefunden, was diese gesagt und welchen Eindruck sie auf Wera gemacht hätte. Weras lakonische Antworten schienen ihn sichtlich zu befriedigen; Saschas Einwürfe beachtete er gar nicht. Als sie erwähnte, daß Anna Pawlowna sie aufgefordert habe, bei ihr zu wohnen, äußerte er lebhafte Freude.

»Das trifft sich prächtig.«

»Ich sagte Anna Pawlowna, daß ich bei Tania bleiben müsse.«

»Welcher Unsinn! Tania Nikolajewna bedarf deiner nicht!«

»Aber – –«

»Du gehst gleich morgen zu Anna Pawlowna und sagst ihr: Du habest es dir anders überlegt. Doch sie wollte mich ja wohl heute noch sehen? So werde ich es ihr selbst sagen. Ich werde ihr sagen, daß du ihr sehr dankbar wärest und daß du morgen kommen würdest.«

»Wenn du es mir aufträgst – –«

»Natürlich trage ich es dir auf. Das hättest du dir sofort denken können. Was für einen schwachen Verstand ihr Frauenzimmer habt. Als ob sich nicht gleich übersehen ließe, welche Tragweite es für die Sache haben kann, wenn einer der Unseren in Anna Pawlownas Hause lebt.«

»Natalia Arkadiewna lebt dort.«

»Natalia Arkadiewna ist ein krankes Geschöpf, das jeden Tag sterben kann. Überdies bleibt sie immer eine von jenen und wird sie schwerlich an uns verraten. Du wirst das tun.«

»Was werde ich tun?«

Statt ihr zu antworten, fuhr Wladimir Sascha an: »He, Sascha! Steh nicht da und starr in die Luft. Geh in die Druckerei, du wirst dort Arbeit finden. Aber beeile dich und nimm Colja mit. Der Taugenichts ist stets müßig.«

So trieb er die beiden hinaus.

»Was werde ich tun?« fragte Wera, als sie mit Wladimir allein war, noch einmal.

»Aufpassen wirst du, bewachen, belauern wirst du sie, alle ihre Geheimnisse ausspähen. Dir werden sie trauen. Ich traue keinem von ihnen, denn alle spielen sie mit uns. Dafür wollen wir sie in den Händen halten, so fest, daß wir nur zuzudrücken brauchen und wir erwürgen sie. Ich werde dir für jeden Tag bestimmte Aufgaben erteilen, die du jeden Tag erfüllen wirst. Du hast mir an jedem Tag Rechenschaft abzulegen. Ich muß wissen, an wen Anna Pawlowna schreibt und von wem sie Briefe empfängt; ob sie einen Liebhaber hat, oder ob sie einen haben möchte. Und wen? Ich muß erfahren, mit wem ihr Mann in Petersburg in Verbindung steht, ob er viel bei Hofe verkehrt und wie man im Staatsrat über uns denkt. Das und noch mehr wünsche ich durch dich kennen zu lernen. Ich sehe, daß du mich begriffen hast.«

Sie hatte ihn begriffen, und sie sagte es ihm mit funkelnden Augen, mit bebenden Lippen: »Ich soll eine Schändlichkeit begehen?«

»Wie nennst du es?«

»Eine Schändlichkeit! Oder ist es etwas anderes?«

»Bist du nach Moskau gekommen, um mir Moral zu predigen?«

»Ich bin nach Moskau gekommen um Gutes zu tun?«

»Wer für die Befreiung des Volkes wirken will, darf die Mittel nicht scheuen. Wir brauchen nicht deine schönen Worte, sondern deine Taten. Wenn du uns nicht gehorsam sein willst, wenn du Furcht empfindest oder Gewissensbisse hast, so kehre gleich morgen wieder zurück, woher du gekommen bist. Wir haben uns dann in dir getäuscht und du gehörst nicht zu uns.«

Er sah die Wirkung seiner Worte und daß diese Drohung ihm Macht über sie gab. Sollte doch alles, was er von ihr zu tun verlangte, für das Volk geschehen! Ein Verbrechen war es, sich auch nur mit einem Gedanken gegen eine Sache, die für das Volk geschah, aufzulehnen, eine Sünde, auch nur mit einem Gedanken an der Gerechtigkeit dieser Sache zu zweifeln. Sie war ganz zerknirscht, ganz unglücklich über sich selbst.

»Willst du morgen zu Anna Pawlowna gehen oder nicht?«

»Ich will.«

»Du wirst dort täglich mit Boris Alexeiwitsch zusammentreffen. Das ist gerade, was ich wünsche. Es wird von dir abhängen, wie weit du dem Volke dienen willst.«

Doch das begriff sie nicht. Nun, sie würde es früher oder später begreifen. Dafür würde Boris Alexeiwitsch Sorge tragen. Für heute hatte er genug erreicht, weiter durfte er für's erste nicht gehen. Schade, daß Sascha ein solcher Bär war. Wie dumm und schädlich zuweilen die Tugend sein konnte. Pah, Tugend – –

Da vernahm er in der Kammer Tanias süße Stimme. Unwillkürlich lauschte er darauf.

»Wer ist bei ihr?«

»Natalia Arkadiewna.«

Es war Wera, als ob Wladimir errötete, doch wandte er sich sogleich ab, um seine Mütze zu suchen. »Diese Weiber!« hörte sie ihn murmeln. Er ging indessen nicht, sondern näherte sich wie zufällig der Kammertür, lauschte, vernahm aber nichts.

Die Stille nebenan regte ihn auf. Ohne anzuklopfen, öffnete er die Tür mit einem heftigen Ruck.

Die beiden Mädchen saßen eng aneinander geschmiegt auf dem Bette; selbst Wladimir machte der Kontrast zwischen ihnen betroffen. Die eine blühend, holdselig, ein Bild des lieblichsten Lebens, die andere einer Sterbenden gleich. Und von beiden wurde er so leidenschaftlich geliebt, daß er über die Seele einer jeden verfügen konnte, als wäre er der Gott, der sie geschaffen. Diese beiden Frauen so innig verbunden zu sehen, erweckte in ihm ein unangenehmes, peinigendes Gefühl; ihre Liebe belästigte ihn.

Bei seinem Eintritt fuhr Tania erschrocken auf, als fürchtete sie sich, gescholten zu werden. Natalia Arkadiewna erhob sich mühsam und sagte mit einem matten Lächeln: »Tania Nikolajewna und ich sind Freundinnen geworden, wir werden uns häufig besuchen und treu zusammenhalten. Was für eine schöne Lebensaufgabe haben Sie, Wladimir Wassilitsch, das russische Volk befreien zu helfen und dieses süße Geschöpf glücklich zu machen.«

Wladimir warf ihr einen düstern Blick zu und erwiderte: »Das klingt alles sehr schön; aber Sie wissen, daß ich die schönen Redensarten nicht leiden kann. Wir machen alle viel zu viel Worte und versäumen darüber das Notwendige. Anstatt hier zu sitzen und in Empfindungen zu schwelgen, sollten Sie unter das Volk gehen und Propaganda machen. Gefühle allein führen zu nichts. Solange wir diese nicht los geworden sind, solange werden wir zu nichts Großem fähig sein. Doch das wollt ihr Frauenzimmer niemals begreifen.

Natalia Arkadiewna küßte Tania und raunte ihr zu: »Er schilt unsere Liebe und liebt doch selbst; er liebt dich und möchte es gern vor sich selber verleugnen. Bete du, daß Gott, an den du glaubst, ihn nicht strafe an dieser seiner Liebe zu dir.« Und zu Wladimir gewendet, sagte sie: »Sie haben ganz recht, wir alle könnten viel mehr tun, jeder in seiner Weise. Aber unsere Zeit wird kommen. Wo ist Wera Iwanowna? Sie wollte mich begleiten.«

Wera stand schon mit ihrem Tuche bereit. Es war ein regnerischer Abend geworden, dunkle Wolken zogen auf. Der Wind erhob sich.

Siebzehntes Kapitel.

Der Wind jagte die Wolken, daß es über Moskau hinfuhr, als würden von dem wilden Element große Stücke aus dem grauen Himmel herabgerissen. Wladimir Wassilitsch freute sich des Aufruhrs in den Lüften. Er fühlte seine Seele in Übereinstimmung mit der Natur, nur daß er der in ihm brausenden Gewalt Fesseln anlegen mußte. Aber auch seine Sturmnacht würde kommen; dann wehe den Lebendigen! Dann Tod für Tod!

Er überlegte.

Auf solchen nächtlichen Wanderungen, wo sein Auge und seine Gedanken nicht durch äußere Gegenstände zerstreut und abgelenkt wurden, stellten sich ihm alle Dinge und Verhältnisse weit klarer und deutlicher dar. Alle seine wichtigen Entschlüsse wurden in der Nacht geboren. Ward es dann Tag, so entsetzte er sich oft selber vor den finsteren Geburten seines Hasses, über die er dann so lange brütete und grübelte, bis er sich überzeugt hatte, daß er dazu berechtigt wäre.

Dieser reichbegabte Mensch war zum extremen Schwärmer geboren, leidenschaftlichste Parteinahme für die einmal von ihm erwählte Sache für ihn eine innere Notwendigkeit, Fanatiker zu sein der ihm natürlichste Zustand. Die Natur selbst, die ihn mit solchen verhängnisvollen Gaben ausgestattet, hatte ihn zu jedem anderen Lebensberuf untauglich gemacht. Freie Selbstbestimmung ist bei derartigen Charakteren ausgeschlossen: sie mögen wollen oder nicht, sie müssen erfüllen, wozu sie geschaffen worden. Ihre Entwicklung, die sich durch keine äußerlichen Zufälligkeiten von ihrer Bahn ablenken läßt, führt sie mit unerbittlicher Konsequenz früher oder später zu dem einen Punkt hin, der ihnen sicher das Verderben bringt. Versucht dieser oder jener von solchen Märtyrern der Phantasie sich mit Aufwendung aller seiner Kraft gegen die tyrannische Gewalt in seinem Innern aufzulehnen, so werden in dem Streite gegen sich selbst von zwölfen zehn zugrunde gehen. Es sind tragische Existenzen.

Zum Fanatiker ward Wladimir Wassilitsch geboren, zum Nihilisten schuf ihn der Zufall und daß er Russe war, Russe in einer solchen Zeit, unter solchen politischen und sozialen Verhältnissen. Unter günstigeren Umständen hätte sich dieser Geist ebensogut zum Fanatiker für die höchsten und edelsten Güter der Menschheit entwickeln können. Er nannte sich selbst mit Nachdruck Terrorist. Denn der Nihilismus bedeutete für ihn den menschlichen Egoismus in anarchistischer Form. Der Nihilist – so reflektierte er – denkt an sich, der Terrorist nur an andere. Der Nihilist begehrt das eigene Wohlergehen, der Terrorist bezweckt das Glück von Tausenden, das Wohlergehen eines ganzen Volkes. Zur Erreichung dieses idealen Zweckes darf er kein Mittel scheuen, selbst nicht das blutigste.

Schwer hatte er gekämpft, bis er zu diesem Äußersten gelangte. Aber er hatte das Unglück, zu einer Zeit verfolgt, eingekerkert und mißhandelt zu werden, da er noch nichts begangen hatte, als daß er die Handlungsweise der Regierung als eine schreiende Ungerechtigkeit empfunden.

Er kam aus dem Kerker mit ersticktem Herzen. Er vermochte nicht mehr zu lieben, nur noch zu hassen; er wollte jetzt nicht allein helfen, er wollte auch rächen. Zuerst packte ihn Grausen vor seinem Haß und seinem Rachedurst, aber diese waren stärker als alle anderen Empfindungen in ihm, und als er erst von der Berechtigung seiner Empfindungen überzeugt war, gab es für ihn kein Schwanken länger: er war bereit, Verbrechen zu begehen, bereit, selbst den Mord nicht zu scheuen.

Wladimir war bei dem Palast des Prinzen Petrowsy angelangt; bevor er jedoch eintrat, unterzog er die Umgebung desselben einer genauen Besichtigung: vielleicht, daß eine solche Kenntnis der »Sache« gelegentlich nützen konnte.

Dem Palast gegenüber lag eine Sektiererkirche mit einem Kloster. Die Kirche war baufällig geworden und wurde gerade restauriert, das Kloster war in eine Besserungsanstalt für sittlich verwahrloste Mädchen verwandelt. Anna Pawlowna war eine der Protektorinnen dieses Instituts. Darin durch ihre mächtige Fürsprache eine Wärterin oder Aufseherin unterzubringen, mußte leicht sein; und man kam auf solche Weise zu einem Posten, den im Interesse der »Sache« auszubeuten nicht schwer fallen würde. Denn, wenn sein Argwohn sich bewahrheiten sollte, wenn Anna Pawlowna keine ehrliche Mitspielerin, wenn sie eine Verräterin war – –

Bei ihrer sozialen Stellung, bei den Verbindungen, die der Prinz, ihr Gemahl, in Petersburg hatte, lag die Möglichkeit nahe, daß gelegentlich einer Durchreise des Zaren – – Und Wladimir maß mit den Augen die Entfernung zwischen dem Kloster und dem Palast. Die Straßenbreite betrug nicht mehr als zehn, der Abstand zwischen dem Refektorium des etwas zurückliegenden Klosters und dem Speisesaal des Palastes höchstens zwanzig Meter. Aus den höchsten Fenstern der Anstalt mußte man den Saal übersehen können. Zur Ausführung des Planes würde man eines kräftigen Mannes bedürfen, der imstande war, eine schwere, anhaltende Arbeit zu verrichten. Ihn in der Anstalt unterzubringen, gab es keine Möglichkeit. Vielleicht bei der Restauration der Kirche, Wladimir glaubte gehört zu haben, daß es dabei an Maurern fehlte.

Der Plan kristallisierte sich.

Achtzehntes Kapitel.

Die Prinzessin empfing den Nihilisten in ihrem Kabinett.

Nur die pompejanische Lampe in der Hand des Bronzeknaben brannte und beleuchtete die vornehme Frau, ihr blasses Gesicht, ihr glänzendes Haar, die Falten ihres silbergrauen Atlaskleides. Undeutlich funkelte das goldene Gitter, schimmerten die bunten Blumen durch die Schatten. Geheimnisvolle Dämmerung füllte die Kuppel. Die hüllenlose Gestalt der Liebesgöttin schwebte wie ein abgeschiedener Geist zwischen Licht und Finsternis.

»Ich ließ Sie auffordern zu mir zu kommen, weil ich mich mit Ihnen zu verständigen wünsche. Sie mißtrauen mir.«

»Nicht Ihnen allein.«

»Sprechen wir von mir.«

»Nun denn: ja, ich mißtraue Ihnen.«

Anna Pawlowna hatte ihm keinen Sitz angeboten, ohne eine Aufforderung abzuwarten, setzte sich Wladimir. Aber so frei und ungezwungen er sich auch benahm, entging es der Prinzessin nicht, daß ihre Erscheinung und die Umgebung, in der er sie sah, auf den jungen, blutgierigen Anarchisten einen Eindruck machte.

»Sprechen wir von mir,« wiederholte sie in ihrer gelassenen, gleichgültigen Weise. »Nur von mir, und lassen wir die Allgemeinheit. Ich gehöre nicht dazu. Sollte Ihnen das entgangen sein?«

Sie lächelte. Geradezu verächtlich, dachte Wladimir, und fühlte, daß er erregt wurde. Sie verachtet uns und spielt mit uns.

Er sagte ihr, was er dachte: »Sie spielen mit uns.«

»Weshalb täte ich das?«

»Das eben sollen Sie mir sagen. Ich bin gekommen, um von Ihnen zu erfahren, woran wir mit Ihnen sind.«

»Und ich frage Sie noch einmal: Aus welchem Grunde sollte ich wohl mit Ihnen spielen? Es wäre ein zu kostbares Spiel, ein Spiel, das nicht allein ziemliche Summen verschlingt, das mir auch manches Unangenehme zumutet, zum Beispiel Ihren Besuch.«

Sie sprach das so kühl und gleichmütig, als rede sie zu einem Kaufmann, dessen Waren ihr zu teuer erschienen. Wladimir fühlte sich dieser Weise und dieser Haltung gegenüber machtlos. Sie sollte in einem anderen Tone zu ihm sprechen; sie sollte aus ihrer stolzen Ruhe herauskommen.

»Sie kokettieren mit uns!« stieß er hervor.

»Mit Ihnen?«

Wladimir verfärbte sich.

»Mit dem Volke.«

»Das Sie repräsentieren? Ich versichere Sie, Wladimir Wassilitsch, daß ich beim besten Willen nichts an dem Volke zu entdecken vermag, das mich veranlassen könnte, mit ihm zu kokettieren – wie Sie zu sagen belieben. Es hat grobe Hände und riecht nach Branntwein.«

»Prinzessin!«

»Wollen Sie nicht Platz nehmen,« warf sie nachlässig hin, vollständig ignorierend, daß er sich bereits gesetzt hatte. Sie selbst stand immer noch.

Das war zu viel. Er sprang auf und stellte sich vor sie hin.

»Ich habe es gewußt: Sie verachten das Volk.«

»Das einzelne Individuum kann mir zuweilen unangenehm werden. Die Art und Weise des einzelnen einer Dame gegenüber nötigt mich zu dieser Auffassung.«

»Sie sind offenherzig.«

»Vorhin machten Sie mir das Gegenteil zum Vorwurf.«

»Wenn ich nur wüßte, was Sie bei Ihren Gesinnungen für uns mit uns wollen!« sagte Wladimir und holte tief Atem.

»Ich hege die besten Gesinnungen.«

»Beweisen Sie das!«

»Von Herzen gern.«

Jetzt nahm sie Platz, sich dabei bequem in die Kissen zurücklehnend. Dadurch ward ihr Gesicht beschattet.

»Von Herzen gern,« wiederholte sie freundlich.

Wladimir war nahe daran, seine Fassung zu verlieren: diese Frau verwirrte und quälte ihn.

»Ich habe Ihnen gesagt,« begann er nach einer Pause, während der sie ihn gelassen betrachtete, »Anna Pawlowna, ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie nicht verstehe, weder Sie noch die anderen Adligen, die jetzt zum Volk gehören wollen. Ihr helft uns – womit? Mit sehr wenig Geld und sehr vielen Worten. Wir verlangen indessen mehr von den Unseren, als ein paar Hände voll Rubel und einen großen Haufen von Redensarten. Vor allem verlangen wir von euch, uns die Überzeugung beizubringen, daß ihr es redlich mit uns meint. Diesen Beweis seid ihr uns bis jetzt schuldig geblieben. Warum ihr euch überhaupt den Anschein gebt, als sei es euch Ernst mit der Sache, warum ihr überhaupt so viele Worte und Versicherungen an uns verschwendet – das eben ist es, was ich nicht verstehe. Was bezweckt ihr damit? Ist das Volk doch nicht zu euch gekommen, sondern ihr zum Volk. Ihr habt dem Volk eure Hilfe angeboten – aufgedrungen. Denn das Volk ist stark, das Volk kann sich selbst helfen. Ihr hängt mit allen Fasern an der Institution der Aristokratie und nur im geheimen möchtet ihr es mit der Demokratie halten. Wer aber nicht ganz und ohne Rückhalt für uns ist, der ist wider uns, und deshalb frage ich Sie: Welches ist Ihre Absicht, was bezwecken Sie mit uns? Denn zur Salondekoration sind wir doch unmöglich zu verwenden.«

Sie antwortete nicht gleich, sie sah ihn immer noch an, als ob sie ihn durch die Lorgnette betrachtete. Dann meinte sie nachlässig: »Sagen Sie mir, Wladimir Wassilitsch, was wir tun sollen, machen Sie mir Ihre Vorschläge. Was wollt ihr, was fordert ihr? Sollen wir Bäuerinnen werden und unsere Männer Bauern? Wollt ihr, daß der Gutsbesitzer unter seine Leute, die er eben erst frei gemacht hat, sein ganzes Hab und Gut verteile? Daß wir mit euch ausziehen, die Kirchen stürmen und Barrikaden bauen? Daß wir euch helfen, Priester und Beamte zu ermorden, den Zaren vom Thron zu stoßen und das Volk darauf zu setzen? Ist es das, was ihr von uns fordert?«

Wladimir heftete seine Augen auf die Prinzessin; statt jeder Antwort sagte er: »Ich verstehe: Ihr fürchtet euch, mit uns in zu enge Beziehung zu treten, ihr haltet es für gefährlich. Ich sage Ihnen aber: Es ist gefährlich für uns! Der Moschusduft, der von der Gesellschaft ausgeht, wirkt giftiger als der Blutgeruch des Terrorismus. Ich könnte Ihnen mehr als einen nennen, der von dem Parfüm betäubt wurde. Hütet euch! Ihr glaubt uns zu kennen und dadurch Macht über uns zu haben. Auch gebe ich zu, daß ihr uns mit Meisterschaft behandelt; jeden nach seinem Charakter. Und diesen Charakter meint ihr studiert zu haben. Er ist kindlich, leicht erregbar, vertrauensvoll, hingebend, treu. Noch einmal: Hütet euch! Ihr kennt nur die eine Seite unseres Wesens, die weich ist wie ein russischer Frühlingstag. Aber es kann schnell wechseln. Denken Sie an die sonnenverbrannte, sommerliche Steppe, an den Herbststurm, an die Schrecken des russischen Winters. Wir können fürchterlich sein. Wenn ihr euer Spiel mit uns treibt, könnte es leicht für euch enden, wie es einst für die Spieler der römischen Arena endete: tot lagen sie da, von wilden Tieren zerrissen. Leicht könnte das russische Volk zur reißenden Bestie werden. Ihr selbst hättet sie dann auf euch gehetzt.«

Er spähte in ihre Augen, um darin die Furcht aufbeben zu sehen. Aber Anna Pawlowna zuckte nicht mit der Wimper, veränderte keine Miene. Auch sie sah ihn an, so vornehm-gleichgültig, als sei die Rede von einem neuen Ballett gewesen, das sie gelangweilt hatte. Er mochte wollen oder nicht, in diesem Augenblick mußte er sie bewundern.

Sie ist wirklich anders als die anderen Frauen, dachte er. Mit einer solchen Frau ließe sich viel ausrichten.

Ein leidenschaftlicher Wunsch bemächtigte sich seiner. Wenn ich sie für uns gewänne, wenn ich sie an uns fesselte, mit Banden, die einen Rücktritt für sie unmöglich machten. Und dann mit ihr zusammen operieren gegen ihresgleichen! Sie würde nicht mit der Wimper zucken, keine Miene in ihrem marmorkalten schönen Gesicht würde sich verändern, wenn sie herabblicken würde auf die blutige Arena Rußlands, auf die zerstückten Glieder der russischen Gesellschaft –

Der Terrorist erbebte.

Aber durch welches Mittel sie so unzerreißbar an die Sache des Volkes ketten?

Durch Sascha.

Er sah sie vor sich, die grobe, bäurische Gestalt, mit dem unschuldigen Kindergesicht, den blühenden Lippen, dem schwermütigen Blick. Er sah die roten Hände in dem fahlen Haar wühlen. Und er sah sie, mit dem flammenden Gelock, den grünen Nixenaugen, mit dem Munde, den ein Gott – –

Was geschah ihm?! Ihm, der nie ein Weib daraufhin ansah, ob es schön ober häßlich sei, ihm erschien die Schönheit des Weibes plötzlich wie sie dort oben auf dem Fries den Wellen enttauchte: als eine leuchtende Offenbarung der höchsten Schöpferkraft. Er, der stets nur die Seele der Frauen begehrte, ward beim Gedanken an Anna Pawlowna und an Sascha plötzlich von einem Gefühl des Widerwillens, des Hasses gegen den letzteren ergriffen. Um jeden Preis mußte er diese Frau für die Sache des Volkes gewinnen, um dann mit ihr zusammen Heldentaten zu begehen, mit ihr – –

Aber Tania! Tania, die er liebte. Würde er Anna Pawlowna jemals lieben können?

Lieben? Nein. Aber – –

Alles Blut drang ihm zu Kopf, es wurde ihm schwarz vor den Augen.

Als er sie öffnete, sah er vor sich die Lippen der schönen Frau. Er starrte darauf hin, er trat näher. Aber er schwankte dabei.

»Wladimir Wassilitsch, was ist Ihnen?«

Sein Blick sagte es ihr.

Sie fuhr auf, empört, beleidigt, mit einem unerträglichen Gefühl der Erniedrigung.

»Heben wir dieses Gespräch auf. Wir werden uns doch niemals verstehen. Hören Sie wohl: Niemals.«

Aber er hörte sie nicht.

Sie wollte sich entfernen; er stellte sich in ihren Weg. Er wollte sprechen, konnte nicht, stieß endlich hervor: »Sie sind in meiner Hand.«

»In Ihrer Hand?!«

Der Ton, mit dem sie das sagte, schlug ihm förmlich ins Gesicht.

»Sie haben sich bereits zu tief mit uns eingelassen; Sascha besitzt Papiere von Ihnen.«

Auf einmal lachte er hell auf. Er hatte sich vorstellen müssen, wie dieses königliche Weib diesen Bauern küßte, und hell auf mußte er lachen. Dann rief er mit einem Triumph, der seine Züge verzerrte: »Sie können nicht mehr zurück. Selbst wenn Sie wollten, können Sie nicht mehr.«

»Wer hat Ihnen gesagt, daß ich zurück will?«

»Wie – Sie wollen nicht? Ich verstehe: Um Saschas willen – –«

»Sie haben den Verstand verloren.«

Ihre Stimme klang um keinen Ton lauter oder erregter; aber er hatte gesehen, wie es in ihren Augen aufleuchtete, zum erstenmal. Er trat vor sie.

»Sascha liebt Sie, unsinnig, toll. Sie haben ihn um den Verstand gebracht. Wenn Sie ihn aufgeben, wenn Sie die Sache aufgeben, wird auch er uns verlassen. Dann wäre er verloren, er und Sie; denn dann müßten wir ihn richten, ihn und Sie. Und Sie wissen, welche Strafe bei uns auf Verrat steht?«

»Was geht das mich an?«

Sie war aufgestanden. Ihr Blick begegnete dem seinen, sie maßen einander mit den Augen. So standen sie sich eine Weile stumm gegenüber. Dann hob sie leicht ihre Hand.

»Gehen Sie!«

Er verneigte sich tief und ging.

Anna Pawlowna wollte etwas tun, den Diener rufen und den Frechen die Treppe hinunterwerfen lassen. Doch, sie regte sich nicht.

Neunzehntes Kapitel.

Wladimirs Phantasie war erregt.

Er dachte nicht an den Sieg, den er für die Sache über Anna Pawlowna davongetragen; er fühlte nur die Niederlage, die er durch sie erlitten. Es war, als würde plötzlich ein Vorhang vor seinen Blicken hinweggezogen, als täte sich ein Abgrund vor ihm auf. Mit einem Schlage erschloß sich ihm eine bis dahin gänzlich unbekannte Welt, deren Gottheit das Weib war. Er wollte sie nicht anerkennen und mußte sie doch anbeten; anbeten mit einem inneren Knirschen, mit einer Wut, die er gegen sich selbst richtete. Höhnisch warf er sich vor, daß er so lange wie ein Mönch gelebt, um plötzlich in sich den Wüstling zu entdecken. Warum hatte er sich nicht längst übersättigt – übersättigt bis zum Ekel?! Dann wäre er nun fertig damit. Denn nichts durfte ihn jetzt beunruhigen und quälen, jetzt, wo es galt, den ganzen Menschen auf eine Idee zu konzentrieren, für die Sache! Jede Empfindung, die ihn davon ablenkte, war ein Verbrechen gegen den heiligen Geist seines Werkes, war eine Untreue, eine Unsittlichkeit.

Er fühlte schon genug Dämonen in seinem Innern entfesselt, um nicht auch noch dem Dämon der Leidenschaft Gewalt über sich zu geben; nicht eine Faser seines Wesens durfte diesem Teufel gehören. Das Spukbild, das die Schönheit Anna Pawlownas in ihm heraufbeschworen, mußte um jeden Preis gebannt werden. Und das beste Mittel, seine Phantasie von dem Bilde der schaumgeborenen Venus zu befreien, war, diese Frau, die ihn vor sich selbst verächtlich machte, verachten zu können. Anna Pawlowna mußte fallen, nicht durch ihn, auch nicht durch diesen Aristokraten Boris Alexeiwitsch, sondern durch den Bauern und Nihilisten Sascha.

Wieder fiel ihm Tania ein.

Er liebte sie leidenschaftslos, aber innig; sie sollte sein werden ohne kirchliche Fesseln, aber ihm unzertrennlich verbunden durch das heilige Band der Treue. Dennoch fühlte er bereits Reue, daß er sie hatte kommen lassen, daß er sein Leben unlöslich an das ihre knüpfen wollte. Würde sie ihn in seinen großen Entschlüssen und Taten nicht hindern? Sie war so zart. Aber sie sollte nicht nur seine Taten nicht hemmen, sie sollte dieselben mit ihm teilen. Er wollte sie zu seiner treuen Genossin, zu seiner starken Mithelferin heranbilden, zu einer todesmutigen Terroristin. Und wenn er in dem Kampf gegen die Feinde des russischen Volkes fiel – und er würde sicher fallen – dann sollte sein Weib zurückbleiben, um seinen Sohn zu seinem Nachfolger und Rächer zu erziehen.

Aber wie, wenn er sie schwach finden würde, wenn sie sich mit ihrer Liebe und ihrer Angst für sein Leben an ihm klammern sollte, ihn hindernd, wohl gar ihn entmannend – – Was dann?

Dann fort mit ihr!

Er wandte seine Gedanken wieder dem Plane mit Sascha und Anna Pawlowna zu.

Es unterlag keinem Zweifel, daß Sascha, der schwerfällige Sascha, von einer Leidenschaft für die schöne Frau ergriffen war, daß sein ganzes Gefühl eine gewaltsame erstickte Flamme war. Noch wußte er es selbst nicht, denn noch schlug er seine Augen mit der Inbrunst eines entzückten Beters zu Anna Pawlowna auf, in dem Glauben, daß sich eher der Himmel zu ihm herabneigen könnte, als diese Frau. Und dann war sie ja verheiratet, Untreue und Ehebruch gehörten zu den Dingen, die sein Gehirn nicht begriff, nicht zu begreifen vermochte.

Daran würde der ganze Plan scheitern.

Denn selbst wenn Anna Pawlowna die Lehrmeisterin abgäbe – –

War dieser Fall denkbar?

Doch was war einem schönen und leidenschaftlichen Weibe unmöglich? Wenn Anna Pawlowna diesen eigentümlichen Menschen, der so fremd in der Welt – in ihrer Welt – so einsam darin stand, wenn sie ihn wirklich lieben, für ihn eine Leidenschaft empfinden sollte, so würde sie auch zustande bringen, ihm das Unbegreifliche begreiflich machen.

Dann würde dieser Bauer besitzen, was Wladimir versagt blieb.

Die Seele voll glühender Bilder und Gestalten, gelangte er zu seiner Wohnung. Zum erstenmal fiel ihm auf, daß das Haus einer Höhle glich, der Hof die Umgebung eines Stalles zu sein schien. An den Palast Petrowsky und das Kabinett der Prinzessin denkend, überkam ihn eine wilde Freude. Denn je größer bei jenen der Luxus und die Verschwendung, um so berechtigter die Empörung des darbenden Volkes, um so berechtigter als Konsequenz des Nihilismus der Terrorismus.

Im Hause war alles dunkel. Wera befand sich mit Natalia Arkadiewna auswärts, um die neueste Nummer der Flugschrift »Tod für Tod« unter das Volk zu verteilen und bei einem jungen Gutsbesitzer in der Nähe der Stadt Propaganda für die »Sache« zu machen. Sascha arbeitete noch in der Druckerei; aber Colja war da. Er lag vor der Kammertür der beiden Mädchen und machte durch ein kräftiges Brummen Wladimir seine Anwesenheit bemerkbar.

»Wo ist Tania?« herrschte Wladimir ihn an.

Wo das Täubchen wohl sein sollte, wenn Colja vor der Tür Wache hielt? Er würdigte eine solche Frage gar keiner Antwort.

»Steh auf!«

Aber Colja regte sich nicht.

»Hörst du nicht?«

Er hörte nicht. Wladimir trat zu ihm und stieß ihn mit dem Fuße.

»Auf, Bestie!«

Nun erhob er sich, langsam, schwerfällig. Wie ein Block stand er vor der Kammertür, sie mit seinem Riesenleibe deckend.

»Aus dem Weg!«

Aber Colja regte sich nicht.

»Marsch, fort!«

Colja stieß einen dumpfen, drohenden Ton aus und rührte sich nicht von der Stelle. Da packte ihn Wladimir. Colja ließ sich von ihm schütteln und schlagen und – blieb stehen, wo er stand.

»Hund!«

Plötzlich warf der Knecht sich auf Wladimir.

»Willst du sie zu deinem ehrlichen Weibe machen? Willst du?«

Wladimir rang mit ihm.

»Willst du?«

Wladimir schlug ihm ins Gesicht.

»Du willst nicht? So will ich dich – –«

Und er packte ihn bei der Gurgel.

»Colja!« rief in der Kammer eine klagende Frauenstimme.

Wladimir fühlte, wie die entsetzliche Klammer an seinem Halse sich löste, wie er wieder atmen konnte.

Und noch einmal Tanias Ruf, lauter, angstvoller, flehender: »Colja! Colja!«

Diesem sanken beide Arme wie gelähmt herab.

»Wladimir, bist du es?«

Die Tür wurde frei, Wladimir trat in die Kammer.

Zwanzigstes Kapitel.

Sascha befand sich in einer wunderlichen Stimmung. Wladimir hatte ihm in der Druckerei den Befehl zugeflüstert, sich am Abend zu der Wirtin in der Teeschenke zu begeben, von der er erwartet würde. Diese Marja Carlowna war für die Moskauer Nihilisten eine wichtige Persönlichkeit. Nicht nur, daß sie die Kellerräume ihres Hauses als Versammlungslokal hergegeben hatte, auch das Laboratorium der Verschwörer befand sich bei ihr. Es waren dafür drei Zimmer erforderlich gewesen, die im obersten Stockwerk liegen mußten; denn die chemischen Stoffe, aus denen das Sprengmaterial verfertigt wurde, verbreiteten einen penetranten Geruch, weshalb es nötig war, einen Abzugskanal direkt ins Freie herzustellen. Auch eine Wasserleitung durfte nicht fehlen. Die größten Vorsichtsmaßregeln waren notwendig, die geringste Nachlässigkeit konnte zu einer Entdeckung führen. Es gehörte außer vollster Hingabe an die Sache persönlicher Mut dazu, sein Haus für diese Unternehmungen herzugeben.

Marja Carlowna stammte von tatarischen Eltern ab und hatte das wilde Blut ihres Stammes geerbt. Ihre Vergangenheit war etwas dunkel. Sie gab sich für eine Witwe aus, was ihr dieser und jener – Sascha zum Beispiel – auch glaubte. Doch war bekannt, daß ihr Name ein angenommener sei. Jedenfalls wußte sie sich mit der Moskauer Polizei trefflich zu stellen, was die Nihilisten nicht abhielt, ihr vollständig zu trauen, übrigens kannte Wladimir Wassilitsch ihre Geschichte, über die er jedoch schwieg. Sie war noch ziemlich jung, ungefähr dreißig Jahre alt und immer noch sehr schön. Ihre braune Hautfarbe leuchtete wie Bronze. Unter den Künstlern war sie ihrer Gestalt und ihres Nackens wegen berühmt; doch vermochten weder Bitten noch Vorstellungen sie zu bewegen, Modell zu stehen. Da man sich aus ihrer Vergangenheit noch ganz andere Dinge erzählte, so fand man diese Zurückhaltung unbegreiflich. Aber auch sonst war sie völlig unnahbar. Dabei machte sie sich nichts daraus, sich im Kreise ihrer Gäste das Haar zu kämmen, das sie sehr geschickt mit rotem Band und Perlenschnüren durchflocht und in vielen Zöpfen herabhängen ließ.

Auch sonst gab sie viel auf Putz. Gewöhnlich trug sie einen Kaftan aus dunkelblauem Tuch, mit bunten Stickereien verziert, und um Hals und Arme reichen Schmuck. Zuzeiten ward sie von tiefer Niedergeschlagenheit und Schwermut befallen. Ihr Gesinde und ihre Gäste kannten diese Anfälle und gingen ihr an solchen Tagen aus dem Weg. Sie saß dann still in einem Winkel, starr vor sich hinblickend, mit zusammengepreßten Lippen und kümmerte sich um nichts. Manchmal kam es vor, daß sie aus ihrem Brüten auffuhr und mit einer Magd oder einem der Gäste Streit anfing. Sie sah dann aus, als könnte sie einen Mord begehen. Mitten in diesem Wutanfall stürzte sie fort in ihr Schlafzimmer und kam gewöhnlich erst nach einigen Tagen wieder zum Vorschein, fahl im Gesicht, mit eingesunkenen Augen. Sie war dann für Wochen still und traurig, was ihrer fremdartigen wilden Schönheit einen eigentümlichen Zauber verlieh.

Ihre größte Leidenschaft war ihr Haß gegen die Russen. Die Nihilisten, denen sie mit Gefahr ihrer Freiheit und ihres Lebens Zuflucht in ihrem Hause gab, glaubten diesem Umstande Maria Carlownas Protektion zu verdanken, ohne zu bedenken, daß sie selbst Russen waren. Wladimir Wassilitsch allein schien es besser zu wissen und belächelte in seiner zynischen Art den Glauben seiner Genossen. Ihm war zuerst der Eindruck aufgefallen, welchen der ehrliche, brave Sascha auf Marja Carlowna machte. Als es sich darum handelte, die Räumlichkeiten für das geheime Laboratorium zu erlangen, war er mit Sascha zufällig in die Teeschenke geraten, deren Wirtin ihm schon damals genau bekannt war und von ihm für seine Zwecke sehr beachtet wurde. Doch hatte sie sich stets ablehnend gegen ihn verhalten, was ihm fatal war. Denn er hatte sich nun einmal den Satz konstruiert, daß eine Frau nur dann für eine Sache leidenschaftlich Partei nehme, wenn sich dabei ein Mann im Spiele befand. Auch diesmal schien ihm, wenn freilich nicht in bezug auf sich selbst, der Erfolg recht zu geben. Nur war er erstaunt, daß die Neigung der Frau auf den stillen, stummen Sascha fiel, der ihre Schönheit gar nicht bemerkte. Immerhin mußte aus dem Umstande Nutzen gezogen werden und Sascha erhielt den Befehl, sich mit der Frage in die Teeschenke zu begeben, ob er, ein Student der Chemie, sich in ihrem Hause einmieten könne. Die Wirtin bejahte und Sascha lebte lange Zeit bei ihr, ohne auf den Gedanken zu kommen, daß er seiner schönen Hausfrau eine wärmere Empfindung einflößen könnte, übrigens war Marja Carlownas Benehmen gegen den Studenten so zurückhaltend, daß es Wladimirs scharfer Augen bedurfte, um den Stand der Dinge zu erkennen. Allmählich wurde sie eingeweiht, allmählich durch Sascha ins Vertrauen gezogen, auf Wladimirs Befehl. Sie richtete für die Revolutionäre in ihrem Hause das Versammlungslokal ein, sie kannte die Arbeit, mit welcher ihr Mieter beschäftigt war, sie täuschte die Polizei, sie verwickelte sich tief in die Verschwörung, alles lediglich Sascha zuliebe. Als ihm Wladimir eines Tages diesen Umstand bemerklich machte, starrte Sascha ihn beinahe erschrocken an. Eine Frau wäre in ihn verliebt? Marja Carlowna! Er glaubte es nicht, es war nicht möglich, es war einfach lächerlich. Und er lachte. Bald aber verging Sascha das Lachen. Er beobachtete, wurde nachdenklich, unruhig. Zu seinem höchsten Erstaunen glaubte er wirklich zu erkennen, daß Wladimir recht hatte, obgleich er es nicht begriff. Ängstlich vermied er fortan, seiner Wirtin zu begegnen oder sie anzureden. Zu dieser Zeit schenkte Anna Pawlowna den Nihilisten das einsame Gärtnerhäuschen in der Vorstadt; Sascha wohnte dort zusammen mit Wladimir und besuchte das Haus Marja Carlownas von nun an lediglich um der Versammlungen und seiner chemischen Arbeiten willen. Dann wurde er nach Eskowo geschickt, um Wera zu holen.

Während seiner Abwesenheit ging in Marjas Benehmen gegen die Nihilisten eine Veränderung vor, die Wladimir mit Besorgnis erfüllte. Sie wurde unfreundlich und lau gegen die Operationen der Genossenschaft, bedrohliche Anzeichen, denen beizeiten begegnet werden mußte. Natürlich war Saschas alberne Sprödigkeit die Ursache von Marja Carlownas Kälte. Das mußte ein Ende nehmen, und deshalb hatte Wladimir Sascha heute abend zu der schönen Wirtin geschickt.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Was ist nun das wieder? dachte Sascha, langsam der Teeschenke zuschlendernd. Was will sie von mir? Wenn ich Wladimir Wassilitsch wäre. Aber so! Es kann nichts daraus werden, es ist unmöglich. Was würde Anna Pawlowna von mir denken. Sie müßte mich ja verachten. Das müßte sie.

Er blieb stehen; am liebsten wäre er wieder umgekehrt. Ein heftiger Unwille gegen Wladimir bemächtigte sich seiner.

Wie kann er das von mir verlangen? Es ist abscheulich! Was kümmert's mich, daß sie schön ist und die Männer verrückt macht. Wer weiß, was das für eine ist. Aber nein, damit tue ich ihr unrecht. Warum sie wohl zuweilen so traurig sein mag? Und wie sie mich immer ansieht! Übrigens sind wir ihr Dank schuldig, sie tut viel für die Sache. Aber deswegen kann ich doch unmöglich zu ihr gehen und ihr sagen, daß ich sie lieb hätte. Es wäre ein Betrug und eine große Lüge. Was soll ich tun?

Er überlegte.

Wenn ich nur nicht gehorchen müßte. Aber es ist eine Aufgabe, die mir von meinem Vorgesetzten aufgetragen wurde. Wie darf ich da nicht gehorchen? So will ich mich denn bemühen, möglichst freundlich gegen sie zu sein, übrigens halte ich sie für eine anständige Frau. Sobald sie eingesehen haben wird, daß ich nichts für sie empfinde, nichts als Dankbarkeit, daß ich also ihr Liebhaber nicht werden kann, wird sie alles begreifen. Es ist am besten, ich rede ganz offen mit ihr. Sie wird sich schämen und alles wird gut werden. Wahrscheinlich kann sie mich dann nicht mehr leiden. Um so besser.

So ermutigte sich Sascha, dabei immer tiefer sich in eine Art von moralischer Entrüstung hineinredend. Zugleich begeisterte er sich für den Gedanken, Marjas Seele zu retten. Auch über die »Sache« wollte er mit ihr reden und sie flehentlich bitten, ihren Groll gegen ihn nicht auf diese zu übertragen.

In solcher Verfassung erreichte er die Teeschenke. Aber Marja Carlowna befand sich nicht im Gastzimmer, was Sascha sehr angenehm war. Er setzte sich in einen Winkel, bestellte Tee und schielte bei jedem Öffnen der Tür hinüber, in der Furcht, die hohe Gestalt eintreten zu sehen. Doch sie kam nicht. Schließlich wurde er ganz unruhig.

Seltsam! Warum kommt sie nicht, wenn sie mich doch erwartet? Wladimir wird böse sein. Aber ich kann wirklich nichts dafür. Ich habe es gleich gesagt, daß es Unsinn ist; sie denkt gar nicht an mich. Nun, mich freut's. Wenn es nur der Sache nicht schadet.

Dieser letzte Gedanke beunruhigte ihn sehr. Er begriff plötzlich, welche Wichtigkeit es für die Sache hatte, die Wirtin bei guter Laune zu erhalten.

In seiner Unruhe fragte er nach ihr. Sie würde wohl irgendwo sein, gab man ihm zur Antwort. Endlich faßte er den Entschluß, sich hinauf in sein Laboratorium zu begeben; vielleicht begegnete er ihr im Hause.

Er bezahlte, verließ das Zimmer und stieg die dunkle Treppe hinauf, deren Stufen unter seinem Tritt ächzten und knarrten. Seit Wochen hatte er nicht gearbeitet, das heißt, kein Dynamit verfertigt, das einzige, was ihm zu tun erlaubt worden war. Alles, was er fabrizierte, wurde stets sogleich abgeholt, des Nachts von Frauen. Welche Quantitäten hatte allein Natalia Arkadiewna mit ihren schwachen Kräften fortgeschafft!

Wozu sie es wohl brauchen? dachte er. Wenn ich Wladimir Wassilitsch frage, lächelt er nur. Sie werden doch nicht den Kreml in die Luft sprengen wollen? Ein solches Verbrechen! Alle die schönen Heiligenbilder! Und warum wohl? Als ob man damit – –

Aber er wagte es nicht, den Gedanken auszudenken.

Da hörte er Marja Carlowna singen; leise, klagend. Die Stimme kam aus ihrem Schlafzimmer, daran er vorüber mußte und dessen Tür offen stand. Unschlüssig, was er beginnen sollte, tat er noch einige Schritte und blieb dann stehen. Jetzt sah er sie. Sie stand, das Gesicht von ihm abgewendet, am Tische, mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt; die Kerze beleuchtete das reine und stolze Profil. Sie sah merkwürdig jung aus.

Und wie sie sang!

Um ihres Gesanges willen war sie berühmt. Wie oft hatte Sascha in seinem Laboratorium mit Entzücken zugehört, wenn sie unter ihm in ihrem Schlafzimmer ihre wilden Tatarenlieder sang. Dann hatte er sich hinaus auf die Treppe geschlichen und gelauscht; oft bis tief in die Nacht hinein. Er verstand von der fremden Sprache kein Wort, er verstand nicht einmal die Empfindung, welche die bald wilden und leidenschaftlichen, bald sanften und zärtlichen Weisen beseelte.

Und doch befand er sich während ihres Gesanges unter einem Bann, aus dem er sich erst befreien konnte, wenn der letzte Ton verhallt war. Mit todestrauriger Seele schlich er dann jedesmal zu seiner Arbeit zurück.

Auch heute erging es ihm wunderlich. Wie hatte er sein Inneres gegen sie gewappnet, wie wollte er sie erniedrigen und beschämen! Nun sang sie und nun dauerte sie ihn; so wehmütig und traurig klang ihr Lied.

Er nahm sich vor, die Treppe vollends hinaufzusteigen und später, wenn sie nicht mehr sang, ihr alles zu sagen, was er gegen sie auf dem Herzen hatte. Aber er war bereits von ihr bemerkt worden. Ihren Gesang abbrechend, rief sie seinen Namen: »Alexander Dimitritsch!«

Sie blieb am Tische stehen und sah ihn an; mit jenem funkelnden Blick, den er an ihr kannte und fürchtete.

Ob sie wieder ihre bösen Stunden hat? dachte er. Aber dann singt sie nicht.

Und er ging langsam auf die Tür zu.

»Darf ich hineinkommen?« fragte er, unwillkürlich mit gedämpfter Stimme redend.

»Kommen Sie nur herein. Ich habe auf Sie gewartet. Es ist spät.«

»Ich dachte, Sie würden hinunter ins Schenkzimmer kommen.«

»Nein.«

Er war eingetreten und hatte in seiner Verwirrung die Tür hinter sich zugemacht.

Das hätte ich nicht tun sollen, dachte er in demselben Augenblick. Was muß sie davon denken! Als ob ich mit ihr allein sein wollte. Und er ärgerte sich über sich selbst, fühlend, wie er unter ihren mächtigen Augen, die sie nicht von ihm wandte, bis an die Haarwurzeln errötete.

Sie liest in deiner Seele, sie weiß alles. Um so besser! so brauche ich es ihr nicht zu sagen.

»Es ist spät,« wiederholte Carlowna; »du hast mich lange warten lassen.«

Sie ging zu einem Schrank, dessen Türen seltsam groteske Schnitzereien bedeckten, nahm daraus eine Flasche und ein Glas hervor und schenkte ein: eine Mischung von Kwas und allerlei Essenzen, die sie selbst braute. Dann holte sie eine Schale mit Backwerk, die sie auf den Tisch setzte.

»Trink und iß und sei mir willkommen!«

Sascha zauderte.

»Es ist kein Liebeszauber,« sagte Marja mit ruhigem Spott. »Wenn du bei mir bist, mußt du dich als meinen Gast behandeln lassen. Einem Tataren ist sein Gast heilig; und heilig sollst du mir sein.«

Sie sagte das mit solchem Ernst, daß Sascha nicht wagte, ungehorsam zu sein. So trank er von dem Gebräu, daß sehr kräftig schmeckte und aß von dem Gebäck.

»Nun habe ich dich mit Trank und Speise gelabt, nun werde ich dich nicht verraten können.«

»Verraten? Wollten Sie mich verraten?«

»Du hörst ja daß ich es jetzt nicht mehr kann.«

»Aber ich bitte Sie, sagen Sie mir – –«

»Nichts sage ich dir. Setze dich!«

Es lag etwas in ihrem Wesen, das ihr Gewalt über ihn gab. Sie deutete auf einen Sitz und er nahm Platz. Während Marja Carlowna vor ihm stand und ihn ansah, dachte sie: Er liebt eine andere und er ist ein Mann, für den es auf der Welt nur eine Frau gibt. Das wußte ich, da ich ihn zum erstenmal sah. Und ich wußte, daß ich niemals jene eine Frau sein würde. Jetzt fürchtet er sich vor mir, aber er ist in meiner Macht. Wenn ich wollte, könnte ich die erste Frau sein, die er auf den Mund küßt. Was hülfe es mir? Und ihn würde es verderben. Doch was will ich eigentlich von ihm?

»Du denkst Übles von mir,« sagte sie endlich, »weil ich dich bei Nacht in mein Zimmer lockte. Es ist dir unleidlich und du möchtest gern fort von mir. Dennoch bleibst du. Übrigens warum bist du gekommen?«

»Wladimir Wassilitsch befahl es mir,« stieß Sascha hervor. Mein Gott, dachte er, welche Lage! Was gibt es für Sachen. Wenn Anna Pawlowna das wüßte!

Marja Carlowna war nicht beleidigt.

»Wladimir Wassilitsch befahl dir zu kommen? Das wußte ich. Und ich weiß, daß du ihm gehorchen mußt. Deshalb schmückte ich mich und setzte mich hierher und erwartete dich. Ich hatte Sehnsucht nach dir und wollte dich ansehen; die ganze Nacht hindurch. Du warst so lange fort und ich liebe dich so unsäglich.«

Sie sprach, ohne eine Bewegung zu tun, ohne eine Miene zu verziehen mit fast tonloser Stimme.

Sascha wollte aufstehen. Sie verwehrte es ihm.

»Bleibe und höre mich, sonst halte ich dich mit meinen Lippen zurück; du weißt nicht, wie ich küssen kann. Wer von mir geküßt wird, ist verloren und mir verfallen, und wenn die Heiligen selbst ihn retten wollten. Ich ließ dich von Wladimir Wassilitsch herschicken, um dir zu sagen, daß du Ruhe vor mir haben sollst; du bist zu gut für mich. Wenn du wärest wie Wladimir Wassilitsch oder wie Boris Alexeiwitsch, so würde ich mir kein Gewissen daraus machen, dich zu verderben. Aber freilich, dann würde ich dich auch nicht so unsinnig lieben. So wie du nun einmal bist, habe ich über deine Seele keine Gewalt, und wen ich liebe, der muß mir mit Leib und Seele gehören, oder ich käme von Sinnen. Ich habe noch niemals geliebt. Du bist der erste und wirst der letzte sein. Und gerade dich darf ich nicht anrühren.«

Ihr Gesicht wurde fahl, sie begann zu zittern. Aber sie machte noch immer keine Bewegung, wendete noch immer nicht den Blick von ihm.

Sie ist von Sinnen gekommen, dachte Sascha. Denn wie ist es sonst möglich, daß ein Weib so reden kann? Die Ärmste!

Marja Cailowna fuhr fort: »Also ich ließ dich von Wladimir Wassilitsch zu mir schicken, weil du mich kennen lernen sollst. Weißt du, warum ich dir von meinem Wein zu trinken und von meinem Brote zu essen gegeben? Um dich vor meiner Rache zu schützen. Denn bei uns Tataren darf ein Weib einen Mann, den es gespeist und getränkt hat, nicht töten.«

Sascha erhob sich.

»Was reden Sie da?« fuhr er heftig heraus, »Sie vergeben sich in Ihrer Würde und das dürfen Sie nicht. Beruhigen Sie sich doch! Bedenken Sie doch!«

»So will ich denn gehen!« rief er endlich, da sie ihm keine Antwort gab.

»Bleiben Sie,« bat sie demütig. »Hören Sie mich an.«

»Gute Marja Cailowna, ich würde Sie doch nicht verstehen.«

Er wollte gehen. Da löschte sie das Licht.

»Was tun Sie? Gleich zünden Sie das Licht an!« rief Sascha zornig.

Aber Marja antwortete nicht.

»Wo sind Sie? He; Marja Carlowna!«

Alles blieb still. Er tastete nach bei Tür, fand sie aber nicht.

Was tu' ich? dachte Sascha. Rufe ich, so kommt das Gesinde; und was müssen die Leute von ihrer Herrin denken, wenn sie mich im Dunkeln hier finden? Was gibt es für Weiber! Es ist nicht zu glauben.

Er blieb stehen.

»Marja,« rief er leise und bittend. »So hören Sie doch, Carlowna! Wo sind Sie?«

Da fühlte er sich von ihren Armen umschlungen. Er wollte sich losreißen; aber sie glitt an ihm nieder und blieb auf den Knien vor ihm liegen.

Was war das?

Sie weinte.

Er erschrak bis ins Herz hinein. Vor diesem erstickten Schluchzen schwand sein Zorn. Dem Jammer des Weibes zu seinen Füßen vermochte er nicht zu widerstehen.

»So stehen Sie doch auf. Um Gottes willen – – Was tun Sie nur?«

Er beugte sich zu ihr herab und wollte sie aufheben; aber als er ihren warmen, zuckenden Leib fühlte, ließ er sie los.

»Sie sind unglücklich! Kann ich Ihnen helfen? So reden Sie doch!«

Er wartete auf Antwort, angstvoll mit laut pochendem Herzen. Sie weinte stärker, es schüttelte sie wie im Krampf.

Aber sie stammelte und lallte, so daß er anfänglich nichts verstand. Endlich sprach sie zu ihm: »Ich bin so schlecht, so verworfen. Ich bin nicht wert, deinen Fuß zu küssen. Aber stoße mich nicht fort. Erlöse mich! Reinige mich mit deiner reinen Seele! Ich will alles tun, was du verlangst; ich will so demütig sein, so gehorsam. Seit ich dich kenne, weiß ich erst, was ich gewesen bin. Sei barmherzig! Tritt mich mit Füßen, beschimpfe mich, nur laß dir gefallen, daß ich dich liebe, damit die brennenden Spuren auf meinen Lippen verlöschen.«

»Marja Carlowna!«

Seine Stimme zitterte.

»Richte mich!«

»Wir sollen nicht richten. Aber – welches ist deine Schuld?«

Sie sagte es ihm. Zu seinen Füßen, schluchzend und weinend erzählte sie ihm ihre Geschichte, die Geschichte einer Verworfenen. Sascha hörte zu, das Herz zerrissen von Entsetzen und Mitleid. Dann sprach er ihr zu, leise, mit stockender Stimme, lange, lange; dann hob er sie auf und küßte sie auf die Stirn.

Sie erbebte und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Der Morgen dämmerte, als sie ihm die Tür öffnete.

»Arme Marja! Arme, arme Marja,« murmelte Sascha, die Treppe zu seinem Laboratorium hinauf steigend. »Wer hätte das gedacht. Aber wer kann sie verdammen?! Wladimir Wassilitsch hat recht: sie sind unsere Verderber, unsere Mörder.«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Eine einzige Stunde »unter dem Volk« verlebt, hatte Wera manche Erfahrung, manche Enttäuschung gebracht. Es war nicht zu leugnen, daß das Volk von seinen zukünftigen Beglückern wenig wußte, gar nichts von ihnen wissen wollte. Sie hatte es sich ganz anders vorgestellt. Das Mißtrauen, dem die beiden jungen Propagandistinnen überall begegneten, die Verachtung, die man ganz unverhohlen für sie zur Schau trug, erfüllten ihre Seele mit tiefem Kummer. So war es denn in Moskau geradeso wie in Eskowo, die Tausende hier waren gewiß nicht weniger unglücklich und vielleicht ebenso unwissend, wie die Hunderte dort; aber diese sowohl wie jene schienen ihren unwürdigen Zustand nicht einmal zu fühlen, befanden sich augenscheinlich ganz wohl dabei, wünschten durchaus keine Besserung. Und doch war Besserung dringend notwendig. Diejenigen, welche die Leiden des Volkes kannten und ihm helfen wollten, hatten die Verantwortung übernommen, wehe ihnen, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllten! Das Verderben eines ganzen Volkes würde über sie kommen.

So durfte denn in den Bemühungen um das Volk nicht nachgelassen werden.

Und Wera betrat mit ihrer Freundin die Wohnstätten des Volkes, sie sah sein moralisches und physisches Elend, seine Roheit und seine Laster; und sie drängte dem Volke voll tiefsten Mitleids die Hilfe der »Auferstandenen« auf. Wenn sie beschimpft und verhöhnt wurde, bat sie, sie anzuhören; wenn man sie fortjagte, versprach sie, wiederzukommen.

Aber was bedeuteten ihre schwachen, matten Worte gegenüber der glühenden Begeisterung, mit der Natalia Arkadiewna beim Volke die Sache des Volkes führte. Mit tiefster Ergriffenheit sah Wera, wie die vom Tod Gezeichnete plötzlich wunderbar auflebte; mit Entzücken erlebte sie, wie das Wesen ihrer Freundin auf diesen und jenen – und gerade auf die Rohesten – eine gewisse Wirkung ausübte. Daraus schöpfte sie neue Hoffnung, für das Volk sowohl wie für sich selbst. Hätte sie nur besser zu dem Volke reden können, sie, die doch eine Tochter des Volkes war! Wie sprach dagegen Natalia Arkadiewna, die ihr ganzes Leben fern vom Volk, in Palästen zugebracht hatte! Mit ihrer schwachen Stimme predigte sie mächtig das Evangelium einer neuen Zeit: Gleichheit! Gleichheit! während Wera nur stammelte: Arbeit! Arbeit! nur flehte: Trinkt nicht den schändlichen Branntwein! Lernt etwas, tut etwas, seid nützlich! Einmal überfiel sie tödlicher Schrecken. Natalia Arkadiewna verkündete künftige Teilung allen Besitzes, und die Leute hörten auf sie – zum erstenmal!

Wera nahm sich vor, mit Natalia Arkadiewna darüber zu reden, sie zu bitten, nicht solche Dinge zu sagen. Sie könnten ja doch nicht in Erfüllung gehen. Denn am Tage nach der Verteilung schon würde der Besitz wieder ungleich sein; der eine mehr haben als der andere; es müßte also immer wieder von neuem geteilt werden.

Manche wollten ihre Flugblätter gar nicht nehmen, andere nahmen sie und zerrissen sie vor ihren Augen, oder drohten, die verbotenen Schriften der Polizei zu bringen. Schließlich hatten sie aber doch die letzten fortgegeben.

»Komm,« sagte Natalia Arkadiewna, »jetzt fahren wir nach Dawidkowo zu Grischa Michailitsch Potechin.«

»Zu Grischa Michailitsch Potechin. Wer ist das?«

»Ein Prachtmensch, du wirst ihn kennen lernen.«

»Was sollen wir bei ihm?«

»Für die Sache Propaganda machen.«

»Aber es ist schon spät.«

»Wir übernachten dort.«

»Bei ihm?«

»Bei seiner Mutter.«

»Erwartet sie uns?«

»Ich bin sicher, daß sie uns einen Wagen geschickt hat, der gewiß längst am Dorogomilow-Schlag hält. Bis Dawidkowo sind es zehn Werst. Grischa Michailitsch ist nämlich Landwirt.«

»Wir fahren auf das Land hinaus?«

»Das freut dich?«

»Nun ja.«

»Und du bist noch nicht zwei Tage in Moskau.«

»Gewiß viel länger.«

»Rechne doch nach.«

»Wahrhaftig. Noch nicht volle zwei Tage. Wie ist das möglich?«

Eskowo schien ihr so in die Vergangenheit entrückt, daß ihr beinahe angst wurde. Wie konnte dem Menschen so gänzlich entschwinden, was ein halbes Leben hindurch seine Welt gewesen war? Also ließ sich nichts fest und dauernd besitzen. Nicht einmal die Erinnerung.

Es war so, wie Natalia gesagt hatte: am Dorogomilow-Schlag hielt der Wagen, eine zierliche Kibitka mit munteren Steppenpferden bespannt, von einem jungen, munteren Kutscher gelenkt. Er zog mit ungeschickter Höflichkeit seine Mütze, wobei er sich vor den beiden Mädchen wie vor einer Exzellenz bis zum Boden verneigte und seinen breiten Mund zu einem Lächeln verzog, so daß sein hübsches, frisches Gesicht wie aufgeschlitzt erschien.

»Da bist du ja, Mischka! Wie steht's in Dawidkowo?«

»Nu, so so.«

»Ist Mascha Minitschna wohl?«

»Wohl und emsig wie ein Bienchen.«

»Und Grischa Michailitsch?«

»O der!«

»Nun so rede doch.«

»Das ist ein Väterchen! Trinkt Kwas und ißt Gurken und läßt die Bauern tun und treiben, was sie wollen. Sein Mütterchen schüttelt ihr Köpfchen dazu. Aber was hilft's? Nun, Gott wird barmherzig sein!«

»Wir wollen fahren, Mischka.«

»Gleich, gleich, Mütterchen Natalia Arkadiewna.«

Die Mädchen stiegen ein, Mischka kletterte auf den Bock, schwang seine lange Peitsche, begann ein zärtliches Gespräch mit den Braunen und fort ging's.

Wie schön war es, nachdem die letzten Häuser hinter ihnen lagen und sie über dem freien Lande den weiten Horizont sahen, der auf den fernen, grünen Höhenzügen zu ruhen schien. Wie wunderschön, als sich rechts und links am Wege die Felder mit der jungen Saat hinzogen, daneben die dunkle Ackerkrume, welche schon Kartoffeln und Rüben in sich barg.

Der Wind hatte nachgelassen, der Himmel, vom Gewölk befreit, wurde lichter und lichter.

Und die laue würzige Frühlingsluft! Wera atmete in tiefen Zügen, als käme sie aus einem Krankenzimmer.

Als sie die ersten Weiden, den ersten Birkenwald sah, fühlte sie sich ganz glücklich. Wie grün war seit zwei Tagen alles geworden. Es war wirklich erstaunlich. Das Gras so hoch, daß es gewiß bald gemäht werden konnte.

Um Weras Freude voll zu machen, begann Mischka zu singen, ein übermütiges Lied, so voll unbändiger Lebenslust, daß der Gesang zuletzt eitel Jubel und Geschrei wurde, das weithin durch den stillen Abend drang. Wera hatte gar nicht gewußt, daß das unglückliche russische Volk solche jauchzende Lieder singen könnte.

Sie versuchte ihre Gedanken Natalia Arkadiewna auszudrücken, aber diese litt unter den gellenden Tönen, und Wera war froh, als der Bursche endlich seinen Gesang mit einem wilden Aufschrei schloß.

Sobald Natalia, die keine Gelegenheit versäumte, mit dem Volk zu verkehren, sich etwas erholt hatte, begann sie: »He, Mischka!«

Mischka wandte sogleich sein rotes, lustiges Gesicht nach ihr um.

»Mütterchen Natalia Arkadiewna?«

Die schwache, kranke Natalia flößte dem von Gesundheit und Leben strotzenden Burschen solchen Respekt ein und kam ihm so alt vor, daß er sie niemals anders anredete.

»Ich will dir eine Geschichte erzählen. Hörst du gern Geschichten?«

Mischkas vergnügte Äuglein sagten ihr, daß er für sein Leben gern Geschichten hörte.

»Dann paß auf.«

Er paßte auf, mit Ohren und Augen. Seine Rößlein ließ er traben, wie sie traben wollten; die lieben Seelchen wußten ebensogut wie er, wo es nach Dawidkowo ging.

Natalia Arkadiewna erzählte.

»Es waren einmal zwei Brüder, die hießen Stepan und Iwan. Stepan war der ältere von beiden. Sie kamen mit ihren Weibern aus Asien herüber und waren die ersten Menschen in Rußland. Iwan, der jüngere, wollte, daß sie alles Land gleichmäßig unter sich teilten; aber das Weib des Stepan veranlaßte ihren Mann, als den Erstgeborenen, einen größeren Teil zu beanspruchen. Darüber gerieten die beiden Brüder in Streit. Endlich einigten sie sich dahin, daß derjenige, der am Abend zuerst einen großen Acker umgepflügt hätte, der Herr des anderen sein sollte.

Doch des Stepan Weib ging in den Wald, sammelte kräftige Kräuter und kochte davon eine Suppe. Davon aßen Iwan und sein Weib und sie verfielen alsbald in einen tiefen Schlaf. Nun pflügte Stepan den Acker um und ward dadurch, durch Trug und Täuschung, der Herr seines Bruders und aller seiner Nachkommen.

So ist es geschehen, durch Trug und Täuschung, daß in Rußland die Herren und die Knechte – die Gutsbesitzer und die Bauern entstanden sind. Deshalb soll der Bauer sein Land, das ihm betrügerisch genommen worden ist, sich wieder nehmen.«

So erzählte Natalia dem Knecht, der sich über die hübsche Geschichte totlachen wollte. Dann ging über der Steppe der Vollmond auf. Bald darauf langten sie an.

Lichter tauchten auf, Hunde bellten, Wera sah hohe Lindenbäume, an denen die jungen Blätter gleich zahllosen kleinen lichten, an den Zweigen hängenden Schmetterlingen und Käfern funkelten. Sie fuhren mitten in den Glanz hinein und hielten vor einem kleinen, zierlichen Hause, das wie verzaubert unter mächtigen Büschen von weißem Flieder und Goldregen dalag. Längs der efeuumsponnenen Mauern zogen sich breite Rabatten voller Narzissen hin. Dunkelrote Vorhänge glänzten hinter den erleuchteten Fenstern, an deren einem sich jetzt die Gestalt eines großen, stattlichen Mannes zeigte. Er riß das Fenster auf, beugte sich heraus und rief mit einer Stimme, die von Kraft und Lebenslust dröhnte: »Bringst du sie mit, Mischka? Wer ist die andere?«

»Das ist meine Freundin, Wera Iwanowna Martjanow,« antwortete Natalia. »Ich mache Ihnen und Ihrer Mutter ein Geschenk mit ihr. Sie ist glücklich über Ihre Lindenbäume, Ihren Flieder und Ihre Narzissen. Sehen Sie sie nur an.«

Wera wußte nicht, wie es zugegangen war, daß Grischa Michailitsch plötzlich dicht vor ihr am Wagen stand. Genug, er stand da, half Natalia aussteigen und sah dabei, wie ihm geboten worden, Wera so aufmerksam und eindringlich an, daß diese fühlte, wie sie errötete.

Unterdessen war auch Mascha Minitschna, das Mütterchen, aus dem Hause getreten. Sie trug ein altmodisches schwarzes Seidenkleid und eine hohe Haube aus schneeweißem Tüll, mit gelben Seidenbändeln garniert. Ihr mildes altes Gesicht strahlte von Wohlwollen und Güte.

»Seid Ihr denn nicht erfroren, meine Täubchen?« rief sie mit sanfter, etwas klagender Stimme. »Nicht ganz und gar verhungert auf der weiten Reise? Also kommt doch ins Haus.«

Sie umarmte Natalia Arkadiewna, wobei sie in aller Heimlichkeit das Zeichen des Kreuzes über sie machte. Grischa Michailitsch wollte unterdessen auch Wera vom Wagen helfen, doch diese schwang sich ohne die Hilfe der beiden ausgestreckten kräftigen Arme von dem hohen Sitz herab. Der junge Gutsherr betrachtete sie voller Bewunderung.

»Aber Grischa! He, Grischa!« rief das Mütterchen, das mit Natalia bereits in das Haus getreten war.

Da besann er sich, daß er den Gast, der gänzlich fremd in Dawidkowo war, ins Haus führen müßte. Wie unhöflich er war!

»Verzeihen Sie,« stammelte er. »Verzeihen Sie! Wie nannte Sie Natalia Arkadiewna?«

»Ich heiße Wera Iwanowna.«

»Verzeihen Sie, Wera Iwanowna. Darf ich Sie ins Haus führen? Ich freue mich sehr, daß Sie die Güte hatten, Natalia Arkadiewna zu uns zu begleiten. Und mein Mütterchen freut sich ebenfalls sehr – sehr – sehr.«

Er bemühte sich, seine Stimme zu dämpfen, was indessen bei seinem mächtigen Organ nicht leicht möglich war; und als er Wera die dreifache Versicherung der Freude seines Mütterchens gab, sprach er so laut und feierlich, als rede er zu einer Volksversammlung.

Natalia Arkadiewna hat recht, dachte Wera, es ist wirklich ein Prachtmensch.

Da kam das Mütterchen herausgelaufen, in heller Verzweiflung.

»Aber die Narzissen könnt ihr euch ja morgen am Tage ansehen. So kommt doch nur herein! Das Wasser im Samowar ist ganz böse, daß es so lange kochen muß und zischt und sprudelt. Anuschka hat uns Schnepfen gebraten und Spiegeleier und Barsche, Und Tschi und Grütze gibt's auch.«

Sie trippelte voraus, ins Speisezimmer, wo der Tisch gedeckt war und Anuschka, Grischas Amme, in eigener Person die Speisen auftrug und segnete, was Grischa höchst mißfällig zu bemerken schien. Auch setzte er sich, ohne sonderlich auf das Gebet zu achten, welches sein Mütterchen leise vor sich hinmurmelte.

Plötzlich rief Mascha Manitschna: »Du bist ja ein wunderhübsches Täubchen! Aber Grischa, so sieh doch!«

Sie war zu Wera getreten und wiederholte, während sie, um besser sehen zu können, die kleine weiße, fette Hand über die Augen legte: »Ein wunderhübsches Täubchen!«

»Aber Mütterchen!« sagte Grischa vorwurfsvoll. Er war noch tiefer errötet als Wera.

»Schon gut, schon gut! Ich schweige schon. Zank' nur nicht wieder mit deinem Mütterchen,« rief sie weinerlich und setzte sich an ihren Platz, der Amme gegenüber, die Wera böse und feindselig anstarrte.

»Aber nun wollen wir essen,« rief Natalia Arkadiewna heiter. »Ich sterbe vor Hunger. Anuschka, bitte, reichen Sie mir die Grütze. Nein, danke. Ich nehme keinen Rahm dazu.«

»Das weiß man,« murrte Anuschka. »Sie halten es für eine Sünde, Rahm zur Grütze zu nehmen, weil die Bauern sie ohne Rahm essen. Wer hat so was erlebt?! Von meinen Spiegeleiern können Sie nehmen – Spiegeleier essen die Bauern. Aber von den Schnepfen dürfen Sie keinen Bissen anrühren – gebratene Schnepfen sind giftig. Und Grischa darf auch keine Schnepfen essen, das wäre eine Sünde. Vielleicht erlauben Sie ihm Spiegeleier und Grütze: Grütze ohne Rahm. Grischa, he, Grischa! Nimm die Grütze, mein Söhnchen, Grütze ohne Rahm, ohne Rahm – –«

Und Anuschka begann heftig zu schluchzen.

Um sie zu besänftigen, nahm Grischa Rahm zur Grütze. Als er Wera bat, ihm die Schüssel zu reichen, vermied er es, sie anzusehen, denn er schämte sich. Es war aber auch zu dumm, über Grütze ohne Rahm ein solches Geschrei zu erheben. Was sie denken mußte! Und sein Mütterchen hatte sie vorhin auch so schwer beleidigt. Grischa war mit seinem Mütterchen, mit Anuschka und mit sich selbst recht unzufrieden. Dabei war er doch so glücklich, daß er am liebsten vom Tische aufgestanden wäre um sogleich zu tun, was Natalia Arkadiewna seit einem halben Jahr unaufhörlich von ihm verlangte, sein halbes Gut an die Bauern zu verschenken. Sein Mütterchen hatte recht, Wera war wunderhübsch! In seiner Angst vor Anuschka aß er inzwischen, was ihm unter die Hände kam: Grütze und Spiegeleier, Barsche und Schnepfen, ein Vorgehen, welches Anuschka mit der Menschheit – Natalia Arkadiewna und die »Neue« ausgenommen – wieder versöhnte. Das Mütterchen war zu aufgeregt, um etwas genießen zu können; alle Augenblicke legte sie die Hand über die Augen und sah zu Wera hinüber.

Zum zweitenmal seit zehn Minuten dachte diese: Er ist wirklich ein Prachtmensch! Seiner Amme zuliebe ißt er Grütze mit Rahm. Das täte kein anderer.

Natalia Arkadiewna rührte von all den Leckerbissen, die auf dem Tische standen, wirklich nur die Grütze und das grobe Brot an. Sie konnte es gar nicht vertragen, wollte aber dennoch von dem feinen Weizenbrote, das eigens für sie gebacken worden war, nichts nehmen.

Dann begann das Mütterchen ihr altes Thema, wobei Anuschka tapfer sekundierte: »Nun, wie steht's in dem Sündenpfuhl?« – Damit meinte sie Moskau. – »Hat es dort noch immer nicht Pech und Schwefel geregnet? Ich begreif's nicht! Wie man mir sagt, soll man jetzt dort ein Licht brennen, so hell wie die Sonne. Welche Sünde!«

Sie meinte das Gas, welches Beleuchtungsmaterial ihr so sündhaft vorkam, daß sie sich bei jeder Erwähnung desselben bekreuzigte und segnete. In ihrem Hause wurde nur Öl gebrannt, von ihr selbst aus Mohn destilliert.

Überhaupt begriff das Mütterchen die neue Zeit nicht. Ihr Sohn hatte seine Bauern freigegeben. Was sollte das heißen? Ihren Bauern ging es gut, so gut, daß sie ihre Grütze recht gut ebenfalls mit Rahm essen konnten. Aber sie sollten es noch besser haben! Nun, sie war es zufrieden. Grischa würde es ja wissen; wenn nur Grischa zufrieden war. Das konnte er aber nicht eher sein, als bis er sich eine Frau genommen. Aber woher die Frau nehmen? Aus Moskau eine holen, aus dem Sündenpfuhl, das hätte sie niemals zugegeben. Mit den Nachbarn unterhielten sie keinen Verkehr; die Nachbarn brannten Petroleum, spielten Klavier, ließen sich ihre Kleider in Moskau arbeiten, tranken Wein und aßen Eierpiroggen, die sie »Omelettes« nannten. Einige sollten sogar Französisch sprechen, statt Russisch! Nein! Aus der Nachbarschaft durfte ihr Grischa sich auch keine Frau nehmen. Und da das Mütterchen nicht wollte, so wollte auch Grischa nicht.

In anderem hatte er seinen eigenen Kopf; zum Beispiel, seinen Bauern gegenüber. Auch fand er allerlei an der heiligen Religion auszusetzen, ging nur einmal des Jahres, zu Ostern, in die Kirche und wollte den Popen nicht mehr an seinem Tisch haben.

Die Gottlosigkeit ihres Grischa war seines Mütterchens größter Kummer auf Erden. Sie hatte über diesen Punkt mit Anuschka endlose Unterredungen, wobei Ströme von Tränen vergossen wurden und mit Seufzern eine wahre Verschwendung getrieben ward. Die beiden Alten beteten manche halbe Nacht durch für ihren Grischa, taten für ihren Grischa die heiligsten Gelübde, ja, sie hatten sogar eine weite und beschwerliche Wallfahrt gelobt für ihren Grischa.

Auch die Bekanntschaft Grischas mit Natalia Arkadiewna verursachte in Dawidkowo viel Herzeleid. Eines Tages war sie daselbst erschienen, mit Schmutz bedeckt, vollständig ermattet, halbtot. Sie ruhte sich bei dem Mütterchen aus, aß eine warme Suppe, und wollte weiter. Doch ihre Kräfte versagten. So blieb sie denn. Einen Tag, zwei Tage und länger. Grischa konnte sie zuerst nicht leiden, der Brille und des kurzen Haares wegen. Auch hatte sie schmutzige Manschetten und Kragen. Er ging ihr aus dem Weg und pfiff, wenn er sie sah. Aber einmal redete sie ihn an und er mußte zuhören. Und er hörte ihr zu, eine ganze Stunde lang, erwiderte aber kein Wort. Dann verließ Natalia Arkadiewna Dawidkowo, und das Mütterchen und Anuschka mußten immerfort die Köpfe schütteln und seufzen, was das nur mit ihrem Grischa war? Er machte sich förmlich Gedanken! Sogar Anuschkas weit und breit berühmte Speckkuchen schmeckten ihm nicht mehr. Es war ein rechtes Elend! Da, eines Samstags, war Natalia Arkadiewna wieder da und Grischa lief ihr entgegen und fragte in großer Aufregung, ob sie das Bewußte mitgebracht habe?

Sie hatte es natürlich mitgebracht. Deshalb war sie ja nur gekommen, von Moskau! Sie verabschiedete sich gleich wieder, weil sie heute noch nach Pokrowskoje müßte, einem Dorf, welches von Dawidkowo acht Werst entfernt lag. Grischa wollte sie hinfahren lassen, aber sie wollte zu Fuß gehen. Und sie ging.

Während der ganzen nächsten Woche beschäftigten sich das Mütterchen und Anuschka hauptsächlich damit, daß sie die Hände über dem Kopf zusammenschlugen: ihr Grischa las! Und wie las er! Hochrot im Gesicht. Wenn man ihn anredete, wurde er zornig, Grischa zornig auf sein Mütterchen! Er las Tag und Nacht. Die beiden Frauen wollten schon zum Arzt schicken, als zum Glück Natalia Arkadiewna wieder auf den Hof kam – Zum Glück! Denn Grischa empfing sie mit heller Freude. Sie führten lange Gespräche miteinander, die Grischas Stimmittel vollständig erschöpften. Natalia Arkadiewna blieb eine ganze Woche, während welcher das Mütterchen sie herzlich liebgewann. Als sie dann wieder in die Telega stieg, um sich von Mischka nach Moskau fahren zu lassen, mußte sie Grischa und dem Mütterchen das feierliche Versprechen geben, sie jeden Samstag zu besuchen; jeden Samstagabend sollte der hübsche, muntere Mischka mit seinen hübschen, munteren Braunen in Moskau an dem Dorogomilow-Schlag auf sie warten.

Und so war alles gekommen.

Das Mütterchen Mascha Minitschna verstand nichts davon; aber – so war eben alles gekommen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Heiligen mochten wissen, wie es zuging, daß das Mütterchen an alle diese Dinge denken mußte, während sie in ihrem sauberen, behaglichen Speisezimmer, an ihrem mit buntem Sonntagslinnen gedeckten Tische saß, das Wasser im Samowar kochen und Anuschka seufzen hörte, bald ihren Grischa ansah, wie der es sich schmecken ließ, bald Wera Iwanowna, wie die so ernsthaft, schön und sauber dasaß. Schließlich war alles recht gut gekommen, und wenn es noch besser käme – –

Das Mütterchen wurde immer aufgeregter, fing an zu scherzen und zu schwatzen, fragte Wera nach diesem und nach jenem, wo sie her sei, ob ihre Eltern noch lebten, wer ihre Eltern gewesen? Begierig horchte sie und wurde ganz zornig über die kargen Antworten, die sie bekam. Sie hielt es nicht länger am Tische aus, stand auf und ließ sich von Grischa hinüber ins Wohnzimmer führen.

Dort war es wunderhübsch! An den Fenstern die herrlichsten roten Vorhänge aus Wolle, an den Wänden die bunteste, lustigste Tapete, mit den buntesten lustigsten Bildern; das ganze Zimmer voller hübscher, bunter Sachen und Sächelchen, voller bunter gestickter Stühle, bunter gestickter Kissen, Fußschemel, Teppiche, Decken. Und alle die bunten bemalten Töpfe, Teller und Tassen; der bunte zärtliche Schäfer aus Meißener Porzellan; die bunten künstlichen Blumen; der bunte Stieglitz in seinem bunten Bauer. Mit einem Wort: ein prächtiges Zimmer!

Natalia und Wera mußten sich auf das Sofa setzen und Grischa aus dem Speisezimmer den Samowar herüberschaffen, denn ohne ihre sechs Gläser Tee, für die sie eine ganze Zitrone nötig hatte, tat es das Mütterchen nun einmal nicht. Auch bestand sie darauf, daß Anuschka eingemachte Himbeeren und Ingwerkuchen brächte. Freilich naschte niemand als das Mütterchen von diesen Süßigkeiten, die übrigens vortrefflich zubereitet waren. Während sie im vollsten Behagen war, bat sie Natalia Arkadiewna, ihr eine neue Fürchterlichkeit aus dem Sündenpfuhl zu berichten. Denn obgleich ihr davor grauste, hörte sie doch sehr gern davon reden, wie sie überhaupt als echte Altrussin Märchen und Geschichten leidenschaftlich liebte, besonders wenn sie recht, recht traurig waren und man dabei bitterlich weinen konnte. Andernfalls taugten die Geschichten nichts und sie ward ganz zornig darüber, daß man eine alte Frau mit solchem »dummen Zeug« quälte.

»Nun wohl, Mascha Manitschna, so will ich Ihnen etwas erzählen. – – Da ist die große Stadt, welche die »heilige« genannt wird und die aus Kirchen, Palästen und Hütten besteht. In den Kirchen und Palästen liegen unermeßliche Schätze: Gold, Perlen, Edelsteine. Die Popen und Adligen raffen zusammen, immer zusammen, mehr und mehr! Die Perlen und Edelsteine aber sind die Tränen des sterbenden, russischen Volkes, die Rubinen des Volkes Blut.«

»O, o!« stöhnte das Mütterchen und begann zu schluchzen.

Anuschka war derber geartet. Zum Entsetzen des Mütterchens, das solche bedenkliche Anzeichen nur zu wohl kannte, geriet ihr stattliches, über und über mit Handwerk und Stickerei bedecktes Haupt in heftiges Schwanken. Sie murrte: »Warum muß das russische Volk sterben? Solche Dummheit! Tränen und Blut? Gott wird barmherzig sein! 's ist ganz gesund, dick und fett! Und dann Tränen und Blut? Ja, Schnaps und Branntwein!«

Um Anuschka nicht noch mehr zu reizen, unterdrückte das Mütterchen ihre Rührung, wodurch ihr freilich das halbe Vergnügen genommen wurde.

Natalia Arkadiewna fuhr, ohne sich durch die Unterbrechung stören zu lassen, fort: »Und in den Palästen schimmern die Tränen, funkelt das Blut des sterbenden russischen Volkes auf den Schultern, auf den Stirnen und an den Armen der adligen russischen Damen als Diamanten und Rubinen. Und Tränen und Blut verwandeln sich in kostbare Weine und herrliche Speisen, in Teppiche, Seide und Samt.

So geht es zu in Rußland: das Volk weint und blutet, die Herren lachen und prassen.

Da geschieht es, daß Christus auf die Erde herabsteigt. Er zieht von Land zu Land, und sein Gesicht wird immer bleicher, sein Blick immer trüber, sein Herz immer trauriger. Wenn er aber nach Rußland kommt, blutet sein Herz. Er wandert von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte, und wenn er die letzte Hütte von Rußland erreicht, ist sein Herz zu einer einzigen klaffenden Wunde geworden, daraus sich ein Blutquell ergießt. Der flutet über Rußland und die ganze Erde. Und Christus spricht: Mit diesem Blute meines Herzens will ich der Welt eine neue Lehre geben, denn das Elend und der Jammer der Menschen ist so groß geworden, daß sie nicht mehr glauben können! Sie müssen daher etwas anderes werden als Christen, damit ihnen geholfen werde; denn der Himmel kümmert sich nicht um sie.

So geschah es, daß in Rußland die neue Lehre entstand und daß aus Christen Nihilisten wurden.

Christus selbst aber verkündete den Nihilismus dem Volke; deswegen wurde er vom Kaiser verfolgt, ergriffen und gefangen gesetzt. Vor dem Richter aber sprach er: Christus bin ich gewesen, aber Anarchist bin ich geworden. Nun richtet mich nach eurer Gerechtigkeit.

Und sie verurteilten Christus zum Tode.

Als man ihn zum Richtplatz führte, betete er laut, daß sein Wille geschehen möge. Wißt Ihr, welches sein Wille war, von dessen Erfüllung er einzig und allein für die leidende Menschheit die Rettung erwartete? Es soll nicht mehr geben Knecht und Herr, Arme und Reiche, Hungernde und Gesättigte.

Und wie der sterbende Gott gebetet, also wird es geschehen: Christus selbst wird die Teilung vornehmen, und dann wehe allen denen, von welchen er fordern muß.«

Das Mütterchen schluchzte laut auf.

Wer wird meine guten Honigfrüchte bekommen? mußte sie denken. Meine süßen Ingwerkuchen und die getrockneten Zuckererbsen? Gewiß Iwan Sergewitsch, der Trunkenbold, dem Zwiebel und Knoblauch eigentlich viel lieber sind. O Gott! O Gott! Wer wird sich in meine wunderschöne Wäsche teilen? Alles selbst gesponnen, gewebt und gebleicht. Gewiß die schmierige Tatjana Semeonowna und der abscheuliche Dimitri Iwanowitsch. Ach, meine schönen Tischtücher, meine feinen Hemden! Welches Glück, daß ich mir keine neuen habe machen lassen, und daß Anuschka neulich beim Bügeln eines verbrannt hat. Und wer wird auf meinem gestickten Stuhle sitzen und aus meinen hübschen Tassen trinken? O Gott! O Gott!

Und das Mütterchen brach in Tränen aus.

Anuschkas Entrüstung kannte keine Grenzen. Sie stemmte ihre kräftigen Arme in die Hüften, lachte kurz auf und stellte sich mitten ins Zimmer, mit einer Gebärde, die deutlich sagte: Sie sollen nur kommen! Kommt nur, meine Seelchen, meine Liebchen, meine Täubchen! Was? – Ihr wollt mir das Meine nehmen? He, wollt ihr?! Meinen prächtigen Powoynik, meine neuen Bastschuhe, meine seidenen Bänder?! Wißt ihr nicht, ihr Diebe, ihr Räuber, ihr Heiden, daß ich mir mein Eigentum sauer verdient habe? Na – kommt nur!

Sie war bitterböse auf das heftig weinende Mütterchen und Natalia Arkadiewna würdigte sie keines Blickes.

Auf den guten, fröhlichen Grischa hatte die nihilistische Legende sichtlich einen tiefen Eindruck gemacht. Er saß ganz in sich versunken, stieß von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer aus und sah mit einer schuldbewußten Miene vor sich hin, als sitze er vor Gericht und dürfe auf keine Freisprechung hoffen.

Trotz Anuschkas feindseligem Verhalten konnte Natalia Arkadiewna mit der Wirkung ihrer Geschichte zufrieden sein.

»Wir wollen zu Bett gehen,« sagte sie und stand auf.

Sie hatte sogleich bemerkt, daß Wera mehr geängstigt und erschreckt als überzeugt sei, daß sie, um mit ihren eigenen Worten zu reden, wieder einmal nichts begriff. Natalia nahm sich vor, mit ihr darüber zu sprechen.

Als die Mädchen das Zimmer verlassen hatten, fuhr Grischa in die Höhe. Er hätte Wera so gern etwas gesagt von seinen Absichten, und daß er mit Natalia Arkadiewna ganz einverstanden sei. Das heißt, daß er einsah, daß er begriff – – Gott wird gnädig sein! Es war alles so schwer. Da war sein Mütterchen und Anuschka und – – einen Teil seines Landes hatte er seinen Bauern bereits gegeben. Vielleicht hätte es mehr sein können, aber – indessen – – Zum Abendbrot hatte es Tee, Grütze, Spiegeleier, Schnepfen und Barsche gegeben. Das war freilich viel, viel zu viel! Spiegeleier allein wären vollkommen genug gewesen; höchstens noch die Barsche. Gleich morgen wollte er mit Anuschka ein ernstes Wort reden. Auch war es sündhaft, Schnepfen zu essen, während das Volk seine Grütze ohne Rahm aß. Hätte sie nur ein einziges Mal nach ihm hinüber geblickt! Aber sie vermied es sichtlich, ihn anzusehen, sie zürnte ihm, und – – Da war sie bereits mit Natalia Arkadiewna zum Zimmer hinaus. Er hatte alle Mühe, sein weinendes Mütterchen zu beruhigen, und mußte den ganzen Ausbruch von Anuschkas Zorn über sich ergehen lassen. Beides tat er mit derselben schuldbewußten, betrübten Miene, die seinem frohen, hübschen Gesicht gar seltsam stand.

Natalia Arkadiewna schickte die Magd, die sie in ihre Kammer führen sollte, fort und stieg mit Wera die alte braune Holztreppe hinauf, zu der einzigen Gaststube des Hauses.

»Du hast meine Legende von Jesus Christus nicht verstanden?«

»Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein würde, wenn auf der Welt alles geschieht, wie es in der Legende gesagt wird. Christus nimmt den Reichen ihren Überfluß und gibt davon den Armen, stürzt die Tyrannen und erhebt die Unterdrückten, teilt alles Land und setzt die Anarchie ein.

Was wird dann aus Christus?

Übrigens glauben die Nihilisten gar nicht an Christus. Auch darum kann ich deine Geschichte nicht verstehen.«

»Sie war ja nur ein Gleichnis,« erwiderte Natalia. »Schlafe wohl.«

Die Antwort auf Weras Frage, was aus Christus werden würde, nachdem er in Rußland die Anarchie eingesetzt, blieb sie wohlweislich schuldig.

Also es war nur ein Gleichnis, dachte Wera, die Augen schließend. Hoffentlich hat Grischa Michailitsch es auch so aufgefaßt. Er war ganz niedergedrückt. Aber darin hat Natalia vollkommen recht: er ist ein Prachtmensch! Anuschka hat mich nicht gern. Das tut mir leid. Aber das Mütterchen – – Darüber schlief sie ein. Und anstatt von Christus, dem Anarchisten, zu träumen, pflückte sie mit dem Mütterchen Levkojen und Narzissen, immer mehr und mehr, bis sie unter Blumen begraben war. Es ist doch schön, tot zu sein, dachte sie im Traum und fühlte sich wie im Himmel.

Unten im Hause gab's noch lange keine Ruhe. Zwar hatte das Mütterchen die Tränen allmählich getrocknet und sehr bald ihre Rührung vergessen.

Sie hatte schon ihre hübsche, bunte Nachtjacke an, als ihr plötzlich einfiel, noch allerlei Raritäten aus Urväterzeit hervorzukramen. Aus der Ecke der Truhe zog sie einen silbernen Schmuck hervor von altertümlicher, prächtiger Arbeit, mit Topasen und Türkisen besetzt. Das Mütterchen betrachtete ihn, putzte daran herum, wurde von neuem schrecklich gerührt, so daß die Tränen wieder zu fließen begannen.

Das Geschmeide war für die Braut ihres Grischa bestimmt. Ob sie bei der großen Teilung auch das hergeben mußte? Und wenn sie alles verloren, so daß sie Hungers sterben müßten, so bekam ihr Liebling, ihr Herzblatt, ihr Augapfel, ihr Grischa, keine Frau. Und gerade jetzt wußte sie eine für ihn.

Auch Anuschka ging nicht gleich zur Ruhe, auch sie hatte noch seltsame Einfälle. Sie ging in die Küche hinunter, jagte brummend und scheltend das Gesinde zu Bette, und tat nichts Geringeres, als bei verschlossenen Türen über den glühenden Kohlen einen bleiernen Löffel einzuschmelzen und Blei zu gießen. Ängstlich schaute sie in das leuchtende Wirrsal, jedes Stückchen aufmerksam prüfend. Aber da war nichts zu entdecken als ein formloses, flimmerndes Durcheinander, das ihr das Zusammenstürzen alles Bestehenden zu bedeuten schien. Die vielen Kügelchen und Zäpfchen waren wohl die Tränen und die Blutstropfen des »sterbenden« Volkes. Ihr Gesicht wurde immer trostloser. Schließlich warf sie sich die Schürze über den Kopf und brach in bitterliches Schluchzen aus. Also würde doch in Erfüllung gehen, was Natalia Arkadiewna heute prophezeit hatte, und ihr prächtiger Powoynik, ihre seidenen Bänder, ihre neuen Bastschuhe würden unwiderruflich unter die diebischen, schmutzigen, niederträchtigen Bauernweiber verteilt werden.

Auch Grischa konnte lange keinen Schlaf finden. Sich unruhig hin und her werfend, quälte er sich mit dem Gedanken, was sie wohl von ihm denken müsse, daß er Schnepfen, Barsche und Spiegeleier aß, während das Volk nichts hatte, als in aller Ewigkeit Grütze, Grütze ohne Rahm! Sie mußte ihn verachten. Unverwandt sah er ihre ernsten, traurigen, schönen Augen auf sich gerichtet, bis er endlich, ihren Namen murmelnd, einschlief.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Als Wera erwachte, mußte sie sich erst lange besinnen, wo sie sei. Mit erstaunten Augen betrachtete sie ihre Umgebung: die blanken Dielen, die Wände aus rötlichem Fichtenholz, die bunte Balkendecke, das schimmernde Heiligenbild. Durch die offenen Fenster quollen die weißen Blütendolden des Flieders, wehte der berauschende Duft des Frühlings herein, die köstliche Frische des Morgens.

Mit einem glücklichen Lächeln schloß Wera die Augen, lag eine Weile regungslos und lauschte auf das Piepsen der Sperlinge, auf das Zwitschern der Finken. Ein Hahn krähte und Tauben gurrten.

Mit einer Empfindung, so leicht und freudig, wie Wera seit ihrer Kindheit sie nicht mehr gekannt, sprang sie dann mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette, trat an das Fenster, faßte den ganzen Arm voll der schneeigen, taufrischen Blüten und drückte tief ihr Gesicht hinein, begierig den feinen Fliederduft einatmend. Nun kleidete sie sich rasch an, warf noch einen Blick auf die fest schlummernde Natalia und schlich aus dem Zimmer.

Es war draußen noch viel, viel schöner, als sie bei ihrer Ankunft gestern abend geglaubt. Wera schien es, als ginge von jedem Gegenstand ein eigner Glanz aus; nicht die Sonne allein war es, die hier alles vergoldete.

Ohne einem Menschen zu begegnen, gelangte sie aus dem Hause und stand plötzlich mitten unter den Narzissen. Ihr Traum fiel ihr ein. Sie mußte lächeln. Dann pflückte sie einen großen Strauß Blumen, was sie nicht getan hatte, seitdem sie mit Sascha auf der Steppe gespielt. Wie lange das her war! War sie denn schon so alt? Aber nein. Gerade heute fühlte sie sich so jung. Und sie mußte wieder lächeln, daß sie so kindisch sein konnte, nachzuzählen, wie alt sie sei.

Den Strauß soll Grischas Mütterchen bekommen, dachte sie und wählte sorgsam unter den schönsten und frischesten Blumen. Da waren auch Hyazinthen, ganze Felder! Ein Blumenstengel immer prächtiger als der andere. Wie herrlich doch die Natur war! An die Natur hatte sie noch niemals gedacht. Auch war für einen Nihilisten die Natur ebensowenig vorhanden, wie für Wladimir Wassilitsch die Heiligenbilder. Die Schönheit der Natur brachte dem Volke ja keinen Nutzen. Also fort damit!

Solche Fliederbäume hatte sie niemals gesehen, ein wahrer Wald! Und der Goldregen mit seinen langen leuchtenden Trauben, der Rotdorn, der dazwischen glühte. Welche Pracht!

Wera schürzte ihr Kleid auf, um es mit Blüten zu füllen.

Wie schade, daß Sascha nicht da war; dem würde es auch in Dawidkowo gefallen. Sascha wäre ein Freund für Grischa gewesen! Das Mütterchen hätte ihn sicher verzogen und selbst Anuschka mit ihm nicht gebrummt. Was Sascha wohl zu dem Prachtmenschen sagen würde? Sie wollte ihrem Freunde viel von ihm erzählen.

Wahrscheinlich würden sie gleich nach dem Tee nach Moskau zurückfahren. So bald!

Sie kam in den Lindenwald, in dessen Mitte das kleine Haus mit seinen Blumenfeldern und Blütenbäumen wie ein Hügel aufgeschütteter Knospen lag. Sonnenschein füllte den Wald, an den Zweigen funkelten die betauten Frühlingstriebe gleich Goldtropfen. Der Boden war blau von Veilchen.

Ach, Veilchen! Und Wera stand da, unentschlossen, ob sie ihre Hyazinthen und Narzissen fortwerfen sollte, um sich den Schoß mit Veilchen zu füllen.

Da hörte sie hinter sich Schritte und wußte auch sogleich, wer kam. Sie mußte ihm natürlich sagen, daß sie die Blumen nicht für sich, sondern für sein Mütterchen gepflückt hatte. Dennoch war ihr die Begegnung höchst unangenehm.

»Guten Morgen, Wem Iwanowna! Sie sind schon auf?«

Gott sei Dank! Seine Stimme klang wieder ganz fröhlich und er gebrauchte sie so kräftig, daß ringsum die Vögel auf und davon flogen. Es waren doch recht dumme Tiere!

»Was ist das für ein prächtiger Morgen! Wie schön ist es bei Ihnen!« Und ihre Stimme klang so froh, als wäre sie das Echo der seinen.

Mit einem Schritt war er an ihrer Seite.

»Gefällt es Ihnen bei uns? Ist das möglich? Das würde mich so freuen!«

Er sprach das »so« mit solchem Nachdruck, daß auch der letzte Vogel, ein kecker Spatz mit aufgeblusterten Federchen, der sich die beiden mit klugen Äuglein beschaute, schleunigst die Flucht ergriff.

»Alle diese Blumen haben Sie gepflückt? Wie herrlich!« rief Grischa bewundernd, als hätte er zum erstenmal in seinem Leben Hyazinthen und Narzissen gesehen.

»Wenn Sie erlauben, bringe ich sie Ihrem Mütterchen.«

»Für mein Mütterchen haben Sie Blumen gepflückt? Wirklich? Wie sie sich freuen wird. Aber warum sagen Sie: Wenn Sie erlauben. Was würde Natalia Arkadiewna dazu sagen! Alles, was ich besitze, gehört doch Ihnen.«

Sie gingen weiter, schweigend und langsam. Frühlingsfluten umwogten die beiden hohen kräftigen Gestalten, ihre Seelen standen, ihnen unbewußt, unter dem holden Zauber des Lenzes.

Wera hatte etwas auf dem Herzen. Sie wollte von der Legende reden, die gestern abend Natalia Arkadiewna erzählt, und die auf Grischa einen starken Eindruck gemacht hatte. Sie wollte ihm sagen, daß sie die Legende nicht verstanden, und daß dieselbe sie mit großem Kummer erfüllt habe. Aber der Mund war ihr wie zugeschlossen.

Grischa führte sie in den Gemüsegarten, der hinter dem Wäldchen lag und dessen Beete bereits bestellt waren.

Wera konnte nicht aufhören zu bewundern. Noch niemals hatte sie ein solches Gedeihen gesehen! Der Kohl und die Rüben standen prächtig, die Erbsen hatten sich schon hoch aus dem Boden hervorgewagt, und die Bohnen waren in Dawidkowo mindestens um zwei Zoll höher als in Eskowo. Und wie gleichmäßig war der Abstand der Pflanzen voneinander, wie zierlich die Einfassung der Beete von Brunnenkresse und Erdbeerstauden, wie herrlich dufteten Thymian und Salbei!

Der junge Gutsherr geriet bei Weras Lob in höchsten Eifer. Voller Stolz führte er sie zu den Frühbeeten, wo Gurken, Melonen und Salat ausgesät waren, und wo sich sogar eine Champignonbrut befand. Sodann ging es zu den Himbeer-, den Stachel- und Johannisbeersträuchern, die aufmerksam geprüft und gleichfalls hoch belobt wurden. Geradezu wundervoll war der Obstgarten mit seinen Spalieren, seinen kräftig gewachsenen Stämmen und den kleinen allerliebsten Zwergbäumchen. Pfirsiche und Aprikosen hatten bereits abgeblüht, aber Pflaumen und Kirschen standen noch in voller Pracht, und das übrige vornehmere Obst konnte sichtlich die Zeit kaum erwarten, bis es seine rosigen Knospen aufschließen durfte. Grischa wußte von einer jeden Sorte den lateinischen und russischen Namen, gab von jeder eine ausführliche Beschreibung und freute sich schon jetzt auf den Herbst, wo Wera von allem kosten würde. Dann kam es heraus: alles, was sie bewunderte, Blumen, Gemüse und Obstbäume, gehörte in das Wirtschaftsgebiet des Mütterchens, welches so herrschsüchtig war, daß in ihr Reich niemand, selbst nicht Anuschka, hineinzureden wagte. Es zeigte sich da wieder einmal glänzend, was für ein Gottessegen ein monarchisches Regiment sein konnte.

»Das Schlimme ist nur,« meinte Grischa, »daß uns so viel gestohlen wird.«

»Von wem?«

»Von unseren Bauern.«

»Die stehlen? Ich denke, Sie haben ihnen ein Dritteil Ihrer Felder gegeben?«

Grischa geriet in Verlegenheit.

»Nicht wahr, Sie meinen auch, daß es zu wenig ist? Denn wenn es genug wäre, würden sie ja nicht mehr stehlen. Aber was soll man machen? Ich habe sie gebeten, es nicht zu tun, und ihnen mit Erlaubnis meiner Mutter den dritten Teil von allen Früchten und Gemüsen versprochen. Es muß aber immer noch nicht genug sein; denn sie stehlen immer noch. Es ist ein großer Kummer. Lange Zeit wollten wir keine Hüter hinstellen, dann mußten wir es doch. Aber die Hüter stahlen mit den anderen, und es ist nur noch schlimmer geworden. Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Die armen Menschen!«

»Wie können Sie sie bedauern!« rief Wera heftig, »Sie sind so gütig gegen die Leute und zum Dank werden Sie von ihnen bestohlen. Haben diese Menschen denn gar kein Gewissen?«

»Wir haben ihnen zu viel zuleide getan,« murmelte Grischa bekümmert. »Fragen Sie nur Natalia Arkadiewna. Und die Bauern wissen das! Natalia Arkadiewna und die anderen haben es ihnen gesagt. Nun üben sie Vergeltung an uns und wir können es ihnen nicht einmal verdenken.«

»Was werden Sie tun?«

»Das weiß ich noch nicht. Nun, Gott wird gnädig sein. Ich werde mein Mütterchen bitten, den Garten eingehen zu lassen und statt der Blumen Kohl zu pflanzen, damit die Leute mehr Gemüse bekommen. Blumen sind ja eigentlich auch ganz überflüssig. Daß sie Obst stehlen, können wir nicht ändern, das mögen sie sich in Gottes Namen schmecken lassen.«

»Stahlen Ihre Bauern früher auch so viel?«

»Wann früher?«

»Als Sie ihnen noch nicht den dritten Teil Ihres Besitzes gegeben.«

»O damals! Damals stahlen sie freilich auch. Allerdings, wie mir einfällt, etwas weniger, viel weniger.«

Und er sah so unglücklich aus, daß er Wera leid tat.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Nun sollte Grischa ihr auch die Wirtschaftsgebäude und den Hof zeigen, was dieser seinem verlegenen und bekümmerten Gesicht nach zu schließen, nichts weniger als mit Freuden tat; doch rief er einen in der Nähe arbeitenden Burschen herbei, den er mit Weras Blumen ins Haus schickte. Dann gingen sie.

Wera erschrak über die Unordnung und Verwahrlosung, die sich in den Wirtschaftsgebäuden, den Scheunen und Ställen bemerkbar machte. Einige der Häuser waren so schadhaft, daß der nächste Sturm sie umwehen konnte. Das wenige Vieh, welches sich vorfand, hatte ein schlechtes, vernachlässigtes Aussehen. Aber den betrübendsten Eindruck machte das Gesinde, das ohne jede Aufsicht zu sein schien, von Schmutz starrte, nach Branntwein roch und selbst in der Gegenwart des Herrn verdrossen und träge blieb,

Grischa versuchte die Leute zu entschuldigen.

»Was wollen Sie, Wera Iwanowna? Es sind auch Menschen. Sie wollen auch leben und Freude am Leben haben. Es ist schrecklich, zu denken, was sie unter unseren Vätern und Großvätern zu leiden hatten. Bevor ich Natalia Arkadiewna kannte, war mir das gar nicht verständlich; sie hat es mir erst begreiflich gemacht. Ich war ganz entsetzt, wirklich ganz außer mir; denn sie müssen uns ja hassen! Tag für Tag, jahraus, jahrein Arbeit und Leiden und dazu schlechte Beamte, betrügerische, nichtsnutzige, grausame Verwalter. Auf Natalia Arkadiewnas Rat habe ich den meinen neulich fortgejagt. Er war eine Bestie und kein Mensch. Niemals werde ich es mir verzeihen können, daß ich meinen Leuten eine solche Bestie zum Verwalter gab. Nun sehe ich selbst nach allem. Aber sie sind ganz verdorben durch schlechte Behandlung. Ich versuche durch Milde sie wieder gut zu machen, und ich hoffe, daß es mir gelingen soll, ich hoffe es wirklich. Freilich ist es manchmal etwas schwer, recht schwer; das gebe ich zu. Doch darf man deshalb den Mut nicht sinken lassen. Meinen Sie nicht auch?«

Er sah sie erwartungsvoll, beinahe angstvoll an.

»Keinesfalls dürfen wir den Mut verlieren,« erwiderte Wera in ihrer herben und strengen Art.« Und leiser setzte sie hinzu: »Überall ist ein solcher Wirrwarr und ein solches Unglück, daß man nicht weiß, was beginnen. Wenigstens ich weiß es nicht. Aber die anderen werden es wissen und mir zur rechten Zeit sagen; sie werden mir sagen, was ich zu tun habe. Man muß eben glauben und vertrauen. So ist es.«

Sie war sich gar nicht bewußt, daß sie soeben nicht ihre, sondern Saschas Meinung ausgesprochen hatte und beinahe mit dessen Worten. Grischas Augen leuchteten froh auf, sein Gesicht verklärte sich.

»Also Ihnen geht es auch so? Man weiß nicht, wo anfangen, es ist zu viel Wirrwarr. Sie haben recht, das ist es! Nun, wenn es Ihnen so geht, will ich mich nicht beklagen, sondern froh sein, den rechten Weg gefunden zu haben. Denn Sie glauben gar nicht, wie verstockt ich war. Ich lebte in Lust und Freude, hatte von allem die Hülle und Fülle, dachte an nichts, wußte von keinem Leiden auf der Welt, glaubte, es wäre alles in Ordnung, es müßte alles so sein, und wie alles war, so sei es herrlich. Welcher Irrtum! Welche Schlechtigkeit! Da wurden mir von Natalia Arkadiewna die Augen geöffnet. Ich war tief unglücklich, ich kam mir so schändlich vor; ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr. Übrigens komme ich mir noch immer nicht besser vor – besonders seit gestern.«

Er schloß die Augen und atmete schwer.

»Weshalb besonders seit gestern?«

»Mein Gott, das ist doch ganz einfach. Gestern lernte ich Sie kennen; Sie haben so viel Mut, so viel Stärke, solche feste Grundsätze.«

»Nein, nein, die habe ich gar nicht,« widersprach Wera eifrig. »Glauben Sie das nicht, Sie dürfen das nicht glauben. Ich habe noch nichts getan, gar nichts! Ich kam nur und sagte ihnen: Tut mit mir, was ihr wollt; das Elend ist gar zu groß, ich möchte gern helfen. Ich bin durchaus nicht mutig, oder stark oder sonst etwas Gutes. Und was Grundsätze sind, das weiß ich gar nicht. Überschätzen Sie mich doch nicht so. Bitte, bitte.«

Und sie erhob die Hände.

Grischa wagte, ihr ins Gesicht zu blicken. Sie sah in diesem Augenblicke so schön aus, daß er förmlich erschrak. Aber auch Natalia Arkadiewna mit ihrem geschorenen Haar, ihrer Brille und ihrem Leidensgesicht sollte einmal recht hübsch gewesen sein; stark und gesund. Dann hatte sie sich für das Volk geopfert und war nun so geworden, so jammervoll! Konnte eine solche Umwandlung nicht auch mit Wera Iwanowna geschehen? Diese Nihilistinnen gaben alles hin, Schönheit und Gesundheit; sie wollten elend sein, um nichts vor dem Volke voraus zu haben; denn ihre Lebensaufgabe war, das Volk an den Reichen und Vornehmen zu rächen. Wenn sie nur nicht so schmutzige Wäsche trügen, dachte der ehrliche Grischa, sich an Natalia Arkadiewnas Kragen und Manschetten erinnernd und einen bewundernden Blick auf Wera werfend, die in ihrer sauberen altrussischen Tracht wie eine Fürstin neben ihm herging.

Plötzlich sagte er, und wurde ganz bleich über seine Kühnheit: »Sie sollten bei uns bleiben. Das heißt bei meinem Mütterchen und Anuschka. Wirklich, Sie sollten! Wie viel Gutes könnten Sie hier tun! Es ist gar nicht zu sagen. Ich bin ein schwacher Mensch, der eines Vorbildes bedarf; das weiß Natalia Arkadiewna sehr wohl. Deshalb erzählte sie auch gestern abend die Legende mir als Beispiel. Wenn Sie mir nun mit dem Beispiel vorangingen und – und –«

»Und ich Ihnen helfen würde, Ihr Land unter die Bauern zu verteilen?«

»Allerdings. Das wäre jetzt meine Pflicht. Was soll denn daraus werden, wenn wir nicht mit gutem Beispiel vorangehen; wir, die kleinen russischen Landwirte. Das müssen Sie doch einsehen! Wenn wir das Unsere behalten, in allem Frieden gebratene Schnepfen, Spiegeleier und Grütze mit Rahm essen, was können wir dann von den großen Herren verlangen? Begreifen Sie doch! Da sitzen Tausende auf ihren Landgütern, wissen gar nicht, wieviel Desjatinen sie haben und wieviel Rubelscheine. Sie sollen nichts trinken als Champagner, haben französische Köche – daraus muß ja Unglück kommen. Bedenken Sie doch! Gehen Sie mir also mit gutem Beispiel voran.«

Wera blieb stehen und sah ihm entschlossen in die Augen.

»Hören Sie, Grischa Michailitsch, Sie müssen mir etwas versprechen.«

»Mit tausend Freuden, alles, was Sie wollen.«

»Sie müssen mir Ihr feierliches Wort geben.«

»Bei meinem Seelenheil – –«

»Sie haben Ihren Bauern genug geschenkt, ein ganzes Dritteil! Mehr dürfen Sie nicht verteilen, keine Desjatine mehr. Geloben Sie mir das?«

»Mein Gott,« stammelte Grischa, »was verlangen Sie von mir? Ich glaubte Ihnen versprechen zu sollen, meinen Bauern noch mehr als das zweite Dritteil zu geben. Und nun verlangen Sie das von mir? Was wird Natalia Arkadiewna von mir denken? Sie wird mich verachten.«

»Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß es ein großes Unglück wäre, wenn jeder das Seine hergäbe; ein großes Unglück, sowohl für die Gebenden wie für die Empfangenden. Damit wird dem Volke nicht geholfen, damit gewiß nicht! Ich werde es Natalia Arkadiewna sagen, daß ich mit Ihnen gesprochen habe. Sie ist ja viel besser als ich und liebt das Volk, wie es nicht zu sagen ist; aber sie kennt es nicht so genau, wie ich es kenne. Also Sie versprechen es mir?«

»Werden Sie bei uns bleiben?«

»Nein. Ich habe andere Dinge zu tun, es sind mir andere Dinge aufgetragen worden. Sie wissen ja, daß wir gehorchen müssen.«

»Sie gehören also auch zu den Auferstandenen?«

»So nennen wir uns, obgleich wohl noch mancher von uns diesen schönen, feierlichen Namen nicht verdient. Auch sind der Auferstandenen nur wenige, und sie müssen über ganz Rußland verbreitet sein, über die ganze Erde.«

»Freilich, freilich!«

»Sie wollen es mir also nicht versprechen?«

»Ich verspreche es Ihnen, ich gebe Ihnen mein feierliches Wort darauf.« Er hätte gern hinzugefügt: Aber du darfst dein prachtvolles Haar nicht abschneiden, deine schönen Augen nicht hinter Brillengläsern verstecken und keine schmutzigen Kragen und Manschetten tragen, wie Natalia Arkadiewna. Denn damit ist dem Volke auch nicht geholfen. Versprich du mir, zu bleiben wie du bist, und ich will dir alles versprechen.

»Ich danke Ihnen,« sagte Wera Iwanowna, »Nun bin ich ruhig.«

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Alles, was Wera von Grischas Landwirtschaft sah, machte auf sie den betrübendsten Eindruck. Auch die Felder zeigten die gröbste Vernachlässigung und trotz des gesegneten Frühjahrs war der Stand der Saaten schlecht. Unkraut überwucherte die Frucht und die meisten Schläge lagen völlig brach. Die Ackerstrecken, welche Grischa an seine Bauern abgetreten, waren viel besser imstande als die seinen; denn die Leute arbeiteten natürlich lieber für sich selbst als für den Herrn.

»Wenn ich meinen Bauern noch das zweite Drittel gäbe,« meinte Grischa, »so wären die beiden Drittel gewiß vorzüglich in Ordnung, und ich könnte für das, was ich behielte, prächtig selbst sorgen.«

»Versprechen Sie mir lieber, für Ihre beiden Drittel besser zu sorgen. Sehen Sie doch, wie kräftig der Roggen steht, der Ihnen nicht gehört, wie kümmerlich daneben der Ihrige. Jeder schwache Halm auf Ihren Feldern muß Ihnen vorkommen wie ein Mensch, der durch Ihre Schuld verkümmert.

Grischa seufzte und sah wieder einmal sehr schuldbewußt aus.

»Was soll ich machen? Ich tue, was ich kann. Am liebsten spannte ich mich selber vor den Pflug; denn warum sollen diese armen Menschen für einen anderen arbeiten? Ich kann das wirklich nicht einsehen. Sie, die Sie das Volk lieben, müssen das doch begreifen. Seien Sie doch nicht so hart!«

»Nein, ich begreife das nicht,« erwiderte Wera. »Ich kann nur begreifen, daß der Mensch seine Pflicht tun muß, und Ihrer Bauern Pflicht ist es, Ihren Acker gut zu bestellen. Die Pflicht des Herrn ist Gerechtigkeit und Fürsorge, die des Volkes Fleiß und Gehorsam. Beide haben keine anderen Pflichten gegen einander.«

Hart am Wege pflügte ein Bauer mit elenden, abgetriebenen Pferden, auf die er unbarmherzig losschlug.

Wera stieg die Zornesröte ins Gesicht.

»Was fällt dir ein, Bauer?« rief sie dem Wütenden zu. »Bist du ein Christ? Die Tiere können nicht besser ziehen, denn du gibst ihnen zu wenig Nahrung. So sei doch nicht so grausam.«

Aber der Bauer, ohne sich nur nach der Sprecherin umzuwenden, fuhr fort, auf die Gäule loszuschlagen.

»So befehlen Sie doch dem Manne, den Stock fortzuwerfen. Wozu sind Sie denn hier der Herr?«

»He, Trischka,« schrie Grischa gehorsam den Bauer an. »Hörst du, Trischka!«

Aber Trischka hörte nicht. Er war ein freier Bauer, pflügte auf seinem eigenen Felde, mit seinen eigenen Pferden, davon er das eine aus seines Herrn Stall erhalten. Auf dieses schlug er am wütendsten los.

Grischa kannte das Tier und wurde ganz fahl im Gesicht. Er lief zu dem Manne hin, um ihm den Stock zu entreißen.

»Das ist mein Pferd, Väterchen,« sagte der Mensch mit einem boshaften Grinsen. »'s ist ein verfluchter Racker, den ich totprügeln werde. Was sagst du, Väterchen? Du hast ganz recht. Ein jeder seh' nach dem Seinen.«

Und von neuem schwang er seine Stange, während Grischas Arm wie gelähmt herabsank.

»Es ist ein schlechtes Volk,« sagte er, als er wieder neben Wera einherging, mit tiefster Bekümmernis. »Aber wer ist schuld daran? Nun müssen wir es tragen, es ist unsere Strafe. Wir können ja auch nicht verlangen, daß sie uns dankbar sind; dankbar wofür? Daß wir sie endlich haben werden lassen, was sie sind: freie Menschen und ihnen von unserem Überflusse abgeben? Wir sollten im Gegenteil alle Tage Gott bitten, daß er Barmherzigkeit mit uns habe und daß das Volk uns verzeihen möge. Meinen Sie nicht auch?«

Statt aller Antwort frug Wera: »Bringt Natalia Arkadiewna Ihnen alle Schriften, die bei uns gedruckt werden?«

»Alle. Es ist nicht zu sagen, wie schön sie sind.«

»Aber verstehen Sie alles?«

»Ich denke darüber nach. Sie gehen mir Tag und Nacht im Kopfe herum. Vieles ist wundervoll wahr.«

»Wundervoll! Also Ihnen ist alles klar?«

»Wenn mir etwas nicht klar ist, so suche ich mich darüber zu belehren.«

»Bei wem? Bei Ihrem Mütterchen?«

»Ach nein, mein Mütterchen schüttelt zu allem nur den Kopf und bricht in Tränen aus; und Anuschka wird zornig. Nein, ich frage Natalia Arkadiewna, die deutet mir alles. Sie ist eine großartige Seele.«

»Das ist sie.«

»Wenn man bedenkt, daß sie, wie der Heiland in der Legende, alles mit dem Volke teilt, muß man staunen. Sie ist ein erhabenes Beispiel. Täten alle wie sie, so würde es bald auf der Welt gar kein Elend mehr geben.«

Freilich würden dann wohl alle schmutzige Kragen und Manschetten haben, mußte er denken, und kam sich bei diesem Gedanken so schlecht vor, daß er sich vor sich selbst schämte.

Grischa wäre an der Seite Weras am liebsten in die weite Welt hineingewandert; aber seine Begleiterin mahnte zur Rückkehr. Der Himmel war so strahlend, die Erde so frühlingsgrün und blütenbedeckt, hoch in den Lüften jubilierten Lerchen, so triumphierend, daß die beiden jungen Menschen den Jammer des Lebens, womit sie ihre Seelen ganz erfüllen wollten, wohl oder übel vergessen mußten. Sie plauderten wie alte Bekannte, und Grischa zeigte Wera aus der Ferne den Sumpf, wo sich im Umkreis von fünfzig Werst die beste Schnepfenjagd befand. Eines Morgens hatte er mit Hilfe seines Karo – im Umkreis von fünfzig Werst gab es keinen besseren Hund – von diesen Vögeln sechzehn Stück erlegt. Und wie schön in der Morgendämmerung am Rande des Waldes zu stehen, wenn es in der Natur so lautlos und feierlich war wie in der Kirche. Der Himmel mit ausgelöschten Sternen blaß und klar, im Osten mit einem orangefarbenen Streif, welcher wuchs und wuchs. Das hohe Gras so schwer mit Tau getränkt, daß es tief herabhing und der Tritt des Jägers eine dunkle Fährte zurückließ; die jungen Blätter zitternd in der kühlen Morgenluft.

Die Flinte in der Hand, wartet der Jäger; jede Bewegung des Hundes beobachtend und so gespannt lauschend, daß er hört, wie hinter ihm ein verwelktes Blatt, das am Stamm überwintert hat, von dem jungen Triebe verdrängt, zur Erde fällt. Jetzt wird es immer lichter, die Flammen des Morgenrotes lodern hoch auf, der ganze östliche Himmel steht in Glut. Auf der schwarzen Fläche des Sumpfes liegt es glühend wie der Widerschein eines Brandes. Da, ein scharfer, knarrender Laut – die Schnepfe! Ein Krach, der Hund stürzt sich ins Röhricht. Karo, apport! So geht es, bis die Jagdtasche gefüllt ist, bis die betaute Wiese im Sonnenglanz funkelt wie ein Diamantenfeld.

Und in seinem Entzücken über die Freuden der Jagd vergaß Grischa gänzlich sein Vorhaben, nie mehr gebratene Schnepfen zu essen.

Sie hatten sich so verspätet, daß Grischas Mütterchen sich bereits ängstigte, und Anuschka in vollem Zorn den Kuchen hatte anbrennen lassen, den sie, eigentlich ganz gegen ihren Willen, für die Gäste gebacken. Der Teetisch stand unter den Fliederbäumen gedeckt und war über und über mit Weras Blumen geschmückt. Das Mütterchen trippelte den beiden aufgeregt entgegen, in großem Jammer über den verbrannten Kuchen und in heller Freude über Weras Blumen.

»Wo habt ihr denn nur gesteckt? Denkt euch, Natalia Arkadiewna ist im Stalle und predigt den Mägden. Alle sind hingelaufen, Anuschka sitzt ganz allein in der Küche. Wenn das unser Pope erfährt. Was aber auch den Menschen alles einfällt? Wer hätte das in meiner Jugend gedacht? Ihr werdet bald verhungert sein, aber wir können doch nicht frühstücken ohne Natalia Arkadiewna. Vielleicht holt sie einer von euch?«

Grischa wollte sogleich gehen, doch Wera bat ihn, bei seinem Mütterchen zu bleiben, und so blieb er. Sie begab sich in den Stall, wo sich ihr der wunderbarste Anblick bot: Mägde, Knechte, Bauernweiber mit ihren Kindern, um ein umgestülptes Branntweinfaß geschart, darauf die Nihilistin wie auf einer Kanzel stand und mit leidenschaftlichen Gebärden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit predigte. Dabei bediente sie sich der dem Volke verständlichsten Sprache der Gleichnisse und Bilder. Wera erkannte die Wirkung der Predigt an den wilden, erregten Gesichtern der Männer; die Weiber dagegen waren sehr gerührt und schluchzten. Einer der Lautesten war der Kutscher Mischka.

Beim Eintreten Weras deutete Natalia Arkadiewna auf sie und rief: »Seht, meine Brüder und Schwestern: Diese ist auch eine von jenen, welche um eurer Leiden willen sich verschworen hat, eure Unterdrücker von der russischen Erde fortzutilgen. Sie wird euretwillen ihre Hände in das Blut eurer Feinde tauchen; sie wird euretwillen über die Leichname eurer Tyrannen hinwegschreiten. Küsset diese Hände, diese Füße! Siehe dort, russisches Volk, deine Märtyrerin, deine Heilige.«

Und zum Entsetzen Weras stürzten die Weiber auf sie zu und küßten trotz ihrer heftigen Abwehr, ihre Hände und ihr Gewand. Sie wollte reden, aber die Stimme versagte ihr. Denn ihr fiel ein, wie sie vom höchsten Glücke sich beseeligt gefühlt hatte, als damals, in der Nacht ihrer Ankunft in Moskau, die Ihren sie so tumultuarisch begrüßten. Bei der fanatischen Huldigung dieser Menschen aber, denen sie soeben als Mörderin und Totschlägerin bezeichnet worden, ergriff sie Abscheu. Sollten diese Verbrechen wirklich von ihr gefordert werden, so hätte sie dieselben vielleicht begehen müssen; aber nicht preisen sollte man sie um solcher Taten willen. Möglich, daß der politische Mord eine Notwendigkeit war – das wußte sie nicht anders, das glaubte sie den Ihren – für sie blieb es immerhin ein Mord. Freilich hatte sie noch vor kurzem selbst den politischen Mord als eine verdienstvolle Sache bezeichnet. Was war seitdem mit ihr vorgegangen?

Und Wera kam sich so schuldbeladen vor, als hätte sie an der Sache des Volks einen Verrat begangen.

In der gedrücktesten Stimmung kehrte sie mit der Volksrednerin nach dem Hause zurück, sich fürchtend, nach dem Erlebten dem Mütterchen unter die milden Augen zu treten und einem der leuchtenden Blicke Grischas zu begegnen. Natalia Arkadiewna dagegen hatte der im Stalle gehabte Erfolg in eine Begeisterung versetzt, daß sie wie neubelebt neben Wera herging, indem sie fortfuhr, den Nihilismus als die alleinseligmachende Religion der Völker zu verkünden. Sie mäßigte ihre Ergüsse auch nicht, als sie sich der Fliederlaube näherten, und rief dem Hausherrn schon von weitem zu: »Dieses Mal habe ich Ihre Leute in einer Weise mit der Sache bekannt gemacht, daß dem Volk die Augen aufgegangen sind. Das Volk muß das Sehen lernen, wie ein Kind das Gehen. Das Volk wird sich wundern, was es nach und nach zu erblicken bekommt. Es soll die Augen aufreißen. Schade, daß Sie vorhin nicht dabei waren! Ihr Kutscher Mischka ist ein Prachtkerl. Und wie er mich verstanden hat. An dem werden Sie noch Wunder erleben.«

»Er war der Beste von meinen Leuten,« meinte Grischa und sah zu Boden. »Wir sind von Kind an zusammen gewesen und haben miteinander gespielt. Ich habe ihn lieb. Es sollte mir leid tun – verzeihen Sie, daß ich es Ihnen sage – aber wirklich, Natalia Arkadiewna, es würde mich schmerzen, wenn Sie den Mischka gegen mich aufreizen sollten. Ich hoffe, daß er auch für mich etwas Zuneigung fühlt, denn ich bin stets gütig gegen ihn gewesen.«

Es war die längste Rede, die Grischa jemals in einem Atem gehalten. Sie war ihm auch schwer genug geworden; aber er dachte: Wera Iwanowna soll erfahren, daß ich noch immer in meinem Hause Herr bin. Also redete er in Gottes Namen und bereitete dadurch seinem Mütterchen die Freude, gleich am frühen Morgen gerührt sein zu können und von ihrem schneeweißen, mit selbstgeklöppelten Spitzen besetzten Taschentuch reichlichen Gebrauch machen zu dürfen. Aber dann fiel ihr der Kuchen ein und daß derselbe heute außergewöhnlich gut geraten, worüber sie sich so von Herzen freuen mußte, daß sie beim besten Willen nicht vermochte, von Herzen gerührt zu sein.

Natalia Arkadiewna war von Grischas Rede weniger erbaut, sie meinte dazu: »Sie stehen noch nicht auf der Höhe der Situation, sonst würden Sie gerade von denjenigen, die Sie in Ihr Herz geschlossen haben, wünschen müssen, daß dieselben Ihnen in vollständiger Freiheit und Gleichheit gegenüberständen, aller Vorurteile des Standes los und ledig. Ich hoffe übrigens, Ihren Kutscher gegen Ihren Willen so weit zu entwickeln, wie es mir für seine zukünftige soziale Stellung das Rechte zu sein scheint.«

Man setzte sich; Natalia Arkadiewna aber erst, nachdem sie rings um ihren Platz alle Blumen entfernt hatte. Weras Blumen! dachte Grischa mit stillem Ingrimm. Das Mütterchen wollte den Tee bereiten, doch Wera tat es für sie, und das Mütterchen ließ es für sich tun, in Grischas Leben ein unerhörtes Ereignis, das Wera als durchaus selbstverständlich mit großer Ruhe hinnahm und das den guten Grischa vollständig fassungslos machte. Daß sein Mütterchen sich sozusagen das Zepter aus den Händen nehmen ließ und einer anderen übertrug, das mußte im Staate Dawidkowo etwas Großes zu bedeuten haben. Über seinem Staunen merkte er nicht einmal, daß er der einzige war, der Tee trank, denn auch das Mütterchen nahm, den nihilistischen Grundsätzen Natalia Arkadiewnas und dem Frieden zuliebe, an diesem sonnigen Morgen das Essen des Volkes: die gesegnete Grütze.

Sie saßen und verzehrten unter der blühenden Frühlingspracht schweigend das Frühmahl, als Anuschka gestürzt kam, heulend und scheltend; die Mägde wollten den Rahm nicht von der Milch schöpfen. Wera schenkte dem Prachtmenschen gerade zum viertenmal Tee ein. Anuschka sah es, verstummte, blieb stehen, wo sie stand, starrte bald das Mütterchen, bald Wera an, stieß einen dumpfen Laut aus, warf sich plötzlich die Schürze über den Kopf und lief ins Haus.

»Was hat nur Anuschka heute wieder?« meinte Grischa, so hastig den heißen Tee herunterschluckend, daß dieser ihm in die unrechte Kehle kam und er fürchterlich husten mußte. Aber niemand wußte, was Anuschka heute wieder hatte.

Nachdem Grischa den Erstickungsanfall glücklich überstanden, forderte Wera ihn auf, nach den widerspenstigen Mägden zu sehen, eine Kühnheit, die das Mütterchen mit Schrecken erfüllte. In welchen Unwillen würde Natalia Arkadiewna geraten, und was würden die rebellischen Mägde dazu sagen?! Aber wie wurde ihr, als Grischa auch sogleich ganz gehorsam aufstand, bereit, mit Wera in das Milchhaus zu gehen, ohne im mindesten auf die schreckliche Natalia Arkadiewna zu achten.

Dort konnten die beiden allerdings nicht viel ausrichten, denn von den Mägden war nichts zu sehen und zu hören. Grischa war der Ansicht, sie wären zum Popen gelaufen, und fühlte sich Mannes genug, für einen freundlichen Blick von Wera die Widerspenstigen im Notfall mit Gewalt zu ihrer Pflicht zurückzubringen. Doch begnügte sich seine Herrin für diesmal damit, daß sie selbst die Sahne von der Milch abnahm. Grischa half ihr dabei. Mit wahrhaft heiligem Eifer hielt er in beiden Armen den mächtigen Sahnenapf, andachtsvoll zuschauend, wie Weras Hand sicher den breiten Löffel über die Milch führte. »Und,« so schilderte er später diesen Vorgang begeistert seinem Mütterchen, »und nicht einen Streifen Sahne ließ sie zurück. Es ist erstaunlich! Die versteht's, das gäbe eine Hausfrau! Denke doch, nicht einen Streifen!«

Wera wurde über der häuslichen Beschäftigung ganz heiter. Ja, wenn sie in Dawidkowo hatte bleiben können! Es gab dort so vieles zu tun, Arbeit an allen Ecken und Enden. Aber sie würde damit fertig werden und das ohne Anuschkas Hilfe. Ach, arbeiten, arbeiten! Früher hatte sie gar nicht gedacht, welcher Segen in der häuslichen Arbeit lag, früher hatte sie das Schaffen der Frau im Hause heimlich verachtet.

Und es wurde noch schöner. Natalia Arkadiewna mußte für die »Sache« tätig sein und brach gleich nach dem Frühstück auf, ohne Wera aufzufordern, mit ihr zu gehen. Sie begab sich zu einigen Bauerngehöften, darin sie ihre Mission auszuüben und das Heil des Volkes zu verkündigen hatte. Grischa wollte sie von Mischka fahren lassen, aber Natalia lehnte dieses Anerbieten ab. Sie wollte sich für das Volk müde laufen.

Das war ein herrlicher Tag! Wera ging dem Mütterchen nicht von der Seite und nicht von ihrer Seite wich Grischa. Mit jedem Augenblick kamen ihr Haus, Garten und Feld schöner vor. Und das war auch kein Wunder, schien sich doch die Sonne im ganzen großen Rußland eigens das kleine Dawidkowo ausgesucht zu haben, um allen ihren Glanz darüber zu schütten.

Das Mütterchen zeigte Wera das Haus von oben bis unten, vom Dach bis zum Keller. Das Haus war, wie der Gemüse- und der Blumengarten des Mütterchens Stolz. Grischa hatte sich bis dahin nicht viel darum gekümmert und »dergleichen Dinge« etwas geringschätzig behandelt. Das wurde plötzlich anders, das wurde auf einen Schlag ganz anders; denn Wera Iwanowna flößten »dergleichen Dinge« sichtlich die größte Teilnahme, ja ein unverhohlenes Entzücken ein. Da war die Leinwandkammer und die Kräuterkammer, die Kammer für das Eingesottene und alle die anderen Leckerbissen, darein sich, wenn es noch Gerechtigkeit auf der Welt gab, das russische Volk in Bälde teilen sollte. Und was für Leinwand war da! Alles unter den Augen des Mütterchens in ihrem Hause gesponnen und gewebt mit den prächtigsten, bunten Säumen. Was für herrliches Gemüse, das Mütterchen in ihrem Garten zog, das hatte Wera bereits kennen gelernt und als Naturwunder bestaunt. Aber nun die Konserven! Solche Senfgurken, solche Zuckererbsen, solche getrocknete Äpfel, Pflaumen und Birnen sollten in Rußland noch an einem anderen Orte zu finden sein. Das Eingemachte allein war für eine Hausfrau eine Reise nach Dawidkow wert. Melonen und Pfirsiche hatte das Mütterchen, zehn Jahrgänge alt. Und schmeckten wie frisch! Erdbeeren so rot, als wären sie eben gepflückt worden! Von Marmeladen gab es eine vollständige Mustersammlung und was den Ingwer anbetraf – – Wera mußte durchaus den Ingwer kosten. Und die Himbeeren! Ach, die Himbeeren – –

Wera kostete, Wera bewunderte, und das Gesicht des Mütterchens wurde immer strahlender; denn auch ihr Grischa kostete von allem, wenn Wera kostete, und befand sich in einem Zustand von Ekstase, als ob das Eingemachte des Mütterchens Kwas wäre.

Dann wollte die Dreieinigkeit auch die Küche besichtigen, jenen geheiligten Raum, in dem Anuschka die Oberpriesterin war und der selbst von dem Mütterchen nur mit Scheu betreten ward. Aber sie gelangten nicht hinein. Anuschka ließ sie nicht über die Schwelle, Anuschka, mit einem Gesicht so rot wie ihre Himbeerlimonade, wies sie an der Tür zurück.

So gingen sie denn und waren nicht einmal über Anuschkas Zorn sonderlich betrübt. Grischa, dieser herzlose Mensch, lachte sogar über das feuerfarbene Antlitz seiner würdigen Amme, und das Mütterchen ließ gänzlich die gute Gelegenheit unbenutzt, aus tiefster Seele zu seufzen. Sie begaben sich hinaus unter die Linden, deren Blätter im Winde leise rauschten. Und die Vögel sangen in den Zweigen, die Bienen summten um die Blüten, und die Welt war so schön, als wäre es der Tag Schöpfung, an welchem der Herr das erste Menschenpaar geschaffen.

Plötzlich begann das Mütterchen sich mit weinerlicher Stimme zu beklagen, daß sie so ganz allein auf der Welt sei und daß ihr Grischa ihr nichts als Kummer und Sorgen bereite. Dann küßte sie Wera und fragte diese nach ihren Eltern.

Grischa erschrak. Was machte sie für ein Gesicht! Sie wurde ganz bleich, sie zitterte, und er wartete angstvoll, was sie dem Mütterchen antworten würde.

Wera sagte und ihre Stimme klang scharf und hart: »Es ist so vieles Lüge auf der Welt! Eine Lüge ist auch mein Name; denn der Mann, nach dem ich heiße, war nicht mein Vater. Es ist gut, daß davon gesprochen wird. Ich will nicht in diesem gesegneten Hause mit einer Lüge sein. Nun wissen Sie, was meine Mutter gewesen, und nun fragen Sie mich nicht mehr.«

Ein Schleier breitete sich über die goldene Herrlichkeit des Frühlingstages. Das Mütterchen war ganz fassungslos. Ein solches prächtiges Mädchen. Aber das konnte sie ihrem Grischa nicht antun. Dafür war sie ein zu gutes Mütterchen, um ihrem einzigen Sohne ein Mädchen zur Frau zu geben, welches eine Lüge sagen mußte, wenn man es nach dem Namen ihres Vaters frug. Natalia Arkadiewna hatte recht, es war eine böse, böse Welt.

Bleich und stumm ging Grischa neben Wera. Wie sie ihn dauerte. Sie dauerte ihn so, daß er sie, die Starke und Stolze, hätte an seine Brust nehmen mögen, sich ihren Kopf an sein Herz legen, um über ihrem geneigten Kopf zu weinen und zu beten, wie über dem Haupte eines kranken Kindes.

Bald darauf kam Natalia Arkadiewna zurück, halb tot vor Erschöpfung. Wera ging mit ihr auf die Stube und blieb bei ihr, bis Anuschka mit der Meldung kam, daß Mischka bereits seit einer Stunde mit dem Wagen warte. Ob er etwa wieder ausspannen sollte?

Aber Natalia wollte nicht bleiben und ruhen. Sie hatte in Moskau für die Sache zu tun. Von Wera unterstützt, machte sie sich auf und schwankte die Treppe hinunter. Unten waren Grischa und das Mütterchen, welches Wera um den Hals fiel, sie unter strömenden Tränen küssend und segnend. Grischa stammelte nur einige wirre Worte.

Eine schwere, totenfarbene Dämmerung lag über den Linden und dem von schimmernden Blüten umwobenen Häuschen, als die beiden Nihilistinnen nach vollbrachter Arbeit Dawidkowo wieder verließen.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Anna Pawlowna hatte aus Petersburg Briefe von ihrem Manne erhalten, die sie in große Aufregung versetzten. Der Zar beabsichtigte eine Reise nach Odessa, und Fürst Petrowsky war zu seinem Begleiter befohlen worden. Der Prinz schrieb seiner Frau, daß der Zar sicher nach Moskau kommen würde und daß man ihm im Palast Petrowsky ein Fest geben müsse. Das waren große Auszeichnungen in den Augen der Gesellschaft; auf die Prinzessin machten sie keinen Eindruck.

Die Stellung, die Anna Pawlowna zu der Zeitströmung nahm, war eine viel innerlichere, als sie selbst wußte. Sie hatte ein starkes Unabhängigkeitsgefühl, große Gerechtigkeitsliebe und eine grenzenlose Verachtung für alles Hergebrachte, was seine Berechtigung nur durch Tradition oder Sitte fand. Die leidenschaftlichen Regungen, die im Volke erwachten, schienen ihr den absterbenden Körper des Staates und der Gesellschaft mit neuem Leben zu erfüllen. Da sie nicht nur eine sehr stolze, sondern auch eine sehr mutige Frau war, so sah sie den Zerstörungen, die kommen mußten, mit großer Ruhe entgegen. Sie kompromittierte sich mit vollem Bewußtsein, ohne sich einen Augenblick die Gefahr zu verhehlen, in die sie sich begab. Der Gedanke an den Tod hatte nichts Schreckliches für sie. Ihr Leben war ihr ziemlich gleichgültig, und sie war durch langes Grübeln zu der Überzeugung gekommen, daß in der ganzen russischen Gesellschaft etwas lag, das sich überlebt hatte. Zu dieser Anschauung trug ihr eigenes Schicksal freilich am meisten bei. Ihre Ehe war von ihrem Vater gemacht worden. Der Prinz, ein bereits älterer Mann, der sein Leben in vornehmen Passionen verzettelte, erkaufte sich zuletzt durch eine hohe Stellung und ein ungeheures Vermögen die schöne Frau. In allen Dingen des Frauenlebens unwissend wie ein Kind, wurde Anna Pawlowna Gattin, um bald von dem ganzen Abscheu des erfahrenen, tödlich beleidigten Weibes ergriffen zu werden. Bei ihrer wunderbaren Schönheit konnte es nicht fehlen, daß auf ihre Gunst förmlich spekuliert wurde. Sie erkannte das und eine namenlose Empörung erfaßte sie, die sie vor jeder Verirrung ihrer Phantasie schützte. Aber sie wußte sehr wohl, daß sie nicht aus Tugend tugendhaft blieb. Denn sie hielt eine Ehe, wie die ihre, für entwürdigend und unsittlich und würde keinen Augenblick gezögert haben, dieselbe zu brechen, sobald sie geliebt hätte. Das Leben, wie sie es kennen gelernt, verursachte ihr Langeweile, Verachtung und Überdruß, und so gelangte sie dahin, daß auch der Nihilismus lediglich eine Sache war, der sie sich hingab, weil ihr Herz sich nach Aufregung sehnte. Vielleicht auch ward sie, ihr selbst unbewußt, von der Hoffnung geleitet, daß unter den Männern, die Rußlands Schicksal mit blutiger Hand umgestalten wollten, sich jener ungewöhnliche Mann befand, nach dem sie in ihren geheimsten Regungen sich sehnte. Dieser Mann konnte der Sohn eines Bauern sein und große rote Hände haben, wenn er nur von jener Leidenschaft für sie erfüllt war, welche diesem rätselvollen Frauengemüt als Liebesideal vorschwebte.

Jenes Gespräch mit Wladimir Wassilitsch hatte sie, obgleich sie daraus als Siegerin hervorgegangen war, tief gedemütigt. Sie wiederholte sich jedes Wort, das sie gehört, jedes Wort, das sie selber gesprochen, grübelte darüber und kam zu den spitzfindigsten Resultaten. Saschas Gestalt begann in ihrer Phantasie eine Rolle zu spielen. Sie log sich keinen Helden vor; sie sah seine groben, roten Hände; aber sein trauriger Blick, sein kindliches Lächeln, sein heiliger Ernst, die Einfalt und Reinheit seines Wesens machten tiefen Eindruck auf sie. Er liebte sie. Es war nicht die gewöhnliche Leidenschaft der Männer, sondern eine Empfindung von so lauterer und dabei so gewaltiger Art, wie sie ihr niemals vorgekommen, wie sie gewiß durchaus ungewöhnlich war. Da trafen die Nachrichten aus Petersburg ein. Ihr Mann war in der Nähe des Zaren, der Zar selbst kam nach Moskau, in ihr Haus; welche Tragweite konnte das haben! Zweifellos würden die Terroristen diesen Umstand benützen, und faßten sie den geringsten Argwohn gegen ihre Person, so war sie verloren. Mit einem Schlage stand sie mitten in der Bewegung, die Fäden der furchtbaren Verschwörung liefen in ihrem Hause zusammen, sie hielt das Schicksal Rußlands in ihrer Hand. Das entschied.

Sie hatte sich mit den Briefen in ihr Schlafzimmer zurückgezogen, überlegte alles und kam zu festen Entschlüssen. Gegen Abend ließ sie sich ankleiden und fuhr in die Stadt.

Am Pokrowskaja-Schlag stieg sie aus; sandte Wagen und Diener zurück, ging eine Strecke zu Fuß, nahm dann eine Droschke und fuhr in die Nowaja-Andronowka-Vorstadt zum Hause ihres Gärtners. Sie wollte Wladimir Wassilitsch sprechen.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Als Anna Pawlowna in den Hof trat, begoß Tania gerade ihre Bohnenpflänzchen. Dabei war sie niedergekniet, um die zarten Triebe an dem verdorrten Stamm des Birnbaums aufzubinden. Bei dem Anblick der Fremden erhob sie sich, blieb jedoch unter dem Baum stehen. Anna Pawlowna trat auf sie zu.

»Sie sind Tania Nikolajewna?«

Tania neigte ihr Köpfchen.

»Nun, ich bin Anna Pawlowna. Ist Wladimir Wassilitsch zu Hause?«

»Er ist ausgegangen.«

»Ich muß ihn aber sprechen.«

»Darf er vielleicht zu Ihnen kommen?«

»Nein.«

Sie stand unschlüssig, was zu tun sei und sah Tania an, erstaunt über die Schönheit des Mädchens. Was für schwermütige Augen sie hatte!

»Also Sie sind die Frau von Wladimir Wassilitsch?«

Die arme Tania traf diese Frage wie ein Dolchstoß. Wenn sie wüßte! dachte sie. Ich bin ja so schlecht, daß ich keinem Menschen mehr in die Augen sehen kann. Gott möge mir barmherzig sein.

»Ist, Wladimir Wassilitsch freundlich gegen Sie? Reden Sie offen, liebes Kind, ich meine es gut mit Ihnen. Ihr Mann hat eine rücksichtslose Natur, die Ihre scheint sehr zart zu sein.«

»Wladimir Wassilitsch liebte mich schon, als ich noch ein Kind war; er rief mich zu sich und ich bin hergekommen und habe um seinetwillen Vater und Mutter verlassen. Er wird mich gewiß in Ehren halten.«

»Sie wissen, was er hier treibt?«

»Ich weiß es. Es ist furchtbar, aber es wird wohl notwendig sein, sonst würde er es nicht tun.«

»Sie haben ein starkes Vertrauen zu ihm.«

»Sollte ich ihm mißtrauen?«

»Hoffentlich ist seine Liebe zu Ihnen groß genug, Sie von allem fernzuhalten.«

»Wohin er geht, muß ich ihm folgen. Das ist meine Pflicht. Wenigstens darin will ich sein Weib sein, daß ich alles mit ihm teile.«

Ich möchte wohl wissen, dachte Anna Pawlowna, ob eine so große Leidenschaft unter den Frauen der Gesellschaft gefunden würde. Dabei sind die Empfindungen dieser Leute aus dem Volke so einfach. Wir müssen uns alles komplizieren, bei uns spielt alles in hundert Nuancen. Das Volk liebt und haßt. Alle Schattierungen und Färbungen fallen gänzlich fort. Beneidenswerte Menschen! Sie frug: »Kann ich mit Wera Iwanowna reden?«

»Wera Iwanowna ist mit Natalia Arkadiewna auf dem Lande. Aber wollen Sie nicht ins Haus treten?«

»Und Sascha?«

»Sascha ist hier. Wünschen Sie ihn zu sprechen?«

»Wo ist er?«

»In der Druckerei. Colja kann ihn rufen.«

»Das ist nicht nötig. Ich kann zu ihm gehen.«

»Es ist beschwerlich.«

»Was tut das? Rufen Sie nur jemanden, der mich hinführt.«

»Colja weiß Bescheid.«

»Wer ist dieser Colja?«

»Ein Knecht.«

»Ist es nicht gefährlich, ihm solche Geheimnisse anzuvertrauen? Wird der Mann treu sein?«

»Sie kennen ihn nicht.« Und Tania muhte lächeln bei dem Gedanken, daß Colja nicht treu sein könnte.

Colja wurde gerufen und kam nach einer Weile angezottelt. Seit dem nächtlichen Kampf mit Wladimir Wassilitsch war eine große Veränderung mit ihm vorgegangen; es war als habe er dabei eine schwere innere Verletzung davongetragen. Tania bemerkte sein verwandeltes Wesen kaum, obgleich er um sie her schlich wie ein treuer Hund.

»Das ist Anna Pawlowna, unsere Barina. Sie wünscht zu Sascha geführt zu werden. Eile dich!«

Während Colja sich beeilte, dachte er: So, das ist unsere Barina? Ei, der sollte man doch! Was hat sie ihre Seelchen freizugeben. Die guten Hunde müssen auch an der Kette liegen. Läßt man sie los, werden es schlechte Hunde, stehlen und beißen, stehlen ihrem eigenen Herrn das Hammelfleisch. Will er sie hauen, beißen sie ihren eigenen Herrn ins Bein. Geschieht ihm schon recht, warum hat er den Hund von der Kette gelassen. Na warte, Anna Pawlowna, Täubchen!

Die Falltür ward aufgehoben; Anna Pawlowna stieg in die Tiefe, aus der ein matter Lichtschein heraufdämmerte. Colja schloß hinter ihr zu.

»Bist du es, Wera?«

Er saß über seine Arbeit gebeugt und hob den Kopf nicht. Über ihm an der Wand hing eine Laterne, deren Schein voll auf seiner Gestalt lag. Anna Pawlowna fiel die Kraft dieser Gestalt auf; vor solchen Männern mußte das verweichlichte Geschlecht der entarteten Gesellschaft vergehen, solchen Männern gehörte die Zukunft.

Ohne sich umzuwenden, sprach Sascha weiter: »Also, ihr seid wieder zurück? Setze dich. Ich bin gleich fertig. Nun, wie war's. Ist dieser Grischa wirklich ein solcher Prachtmensch? Ich mußte immer denken, wie er dir gefallen würde.«

»Lassen Sie sich bei Ihrer Arbeit nicht stören, Alexander Dimitritsch. Ich werde warten, bis Sie fertig sind.« Und sie setzte sich auf die Kiste, darin sich die Dynamitpatronen befanden.

Sascha sprang auf.

»Sie sind's, Anna Pawlowna! Sie wagen es, hierher zu kommen? Wie gütig Sie sind! Und so mutig! Was wird Wladimir Wassilitsch sagen! Aber worauf sitzen Sie? Um Gottes willen, stehen Sie auf!«

Es war nicht die geringste Gefahr vorhanden, doch zitterte der Riese wie ein Kind und war ganz fahl im Gesicht geworden. Wera hatte er die Kiste ohne Bedenken als Sitz angewiesen.

»Warum erschrecken Sie so?«

»Stehen Sie auf!«

»Was befindet sich in dieser Kiste?«

»Sie ist voller Sprengstoff. Ihr Inhalt könnte den Kreml in die Luft sprengen.«

»Wirklich?« Sie lächelte ungläubig, ohne ihren Sitz zu verlassen. Erst als Sascha sich ihr näherte, erhob sie sich. »Und diese Mittel sollen in Anwendung kommen?« fragte sie, neugierig auf die Kiste blickend.

»Sie wurden nicht angefertigt, um unbenutzt zu bleiben.«

»Wer verfertigte sie?«

»Ich.«

»Sie verstehen etwas von Chemie?«

»Genug, um Dynamit bereiten zu können.«

»Ist es schwer zu fabrizieren?«

»Nichts ist leichter.«

»Und mit so leichter Mühe können solche furchtbaren Wirkungen erzielt werden? Dann ist es mir unbegreiflich – – «

»Was ist Ihnen unbegreiflich?«

»Daß der Nihilismus so lange gezaudert hat, sich des Dynamits zu bedienen, daß er damit nicht längst das halbe Rußland in die Luft gesprengt hat. Im Besitz solcher mörderischen Kräfte muß es nicht schwer sein, Terrorist zu werden; eine einzige Patrone gelegt und entzündet, und man hat sich einen unsterblichen Namen erworben.«

Sie sagte das in einem leichten, beinahe leichtfertigen Tone; jedes andere Ohr als das Saschas hätte daraus die Ironie gehört.

»Und wann gedenkt Wladimir Wassilitsch von diesen Mitteln Gebrauch zu machen?«

»Das weiß ich nicht, das kommt darauf an. Aber wir werden wohl vorgehen müssen, sobald sich eine Gelegenheit bietet.«

»Das kann bald geschehen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Der Zar wird eine Reise nach Odessa unternehmen. Prinz Petrowsky begleitet ihn.«

»Ihr Gemahl? Mein Gott, welches Unglück!«

»Der Prinz kann gewarnt werden.«

»Ganz gewiß,« rief Sascha erleichtert. »Gott sei Dank, daß er gewarnt werden kann. Es wäre sonst gräßlich.«

»Sie reden, als wäre bereits ein Plan entworfen!«

»Sie meinen ein Attentat auf das Leben des Zaren?«

»Nun ja.«

»Mir ist nichts davon bekannt. Aber ich weiß, daß die Unseren sich auf ein großes Ereignis vorbereiten.«

»Der Zar wird auch nach Moskau kommen.«

»Was für Nachrichten!« rief Sascha und sah Anna Pawlowna an, entsetzt über deren Ruhe und Gleichgültigkeit.

»Der Prinz schrieb mir, daß er dem Zaren ein Fest geben müsse.«

»In Ihrem Palast?«

»Ja.«

»Und das soll ich Wladimir Wassilitsch sagen?«

»Wort für Wort. Deshalb kam ich her.«

»Sie sind eine erhabene Frau. Verzeihen Sie mir meine Kühnheit, aber ich muß Ihnen das sagen; ich muß –«

Da hörten sie Wladimir Wassilitsch' Stimme; die Falltür wurde aufgerissen, Wladimir stieg herab, so eilig, daß er die Leiter beinahe hinuntersprang. Etwas Außerordentliches mußte vorgefallen sein. Sein Gesicht war farblos, aber in seinen Augen flammte wilder Triumph.

»Was ist geschehen?« riefen Anna Pawlowna und Sascha in einem Atem.

»Die Unseren haben den Zaren zum Tode verurteilt und ich bin in das Exekutivkomitee gewählt.«

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Die Fürstin Danilowsky hatte ihren Empfangsabend. Nach einer Mode, welche die Fürstin in gewissen Pariser Salons kennen gelernt, waren im Teezimmer sämtliche Lampen mit dichten roten Schleiern verhüllt, so daß die Dämmerung, welche in dem großen Raume herrschte, im ersten Augenblick die im Zimmer befindlichen Personen nicht erkennen ließ; es waren zum größten Teil Damen im Alter der Fürstin. Der roten Beleuchtung zuliebe, die als Novität viel von sich reden machte, trugen sie helle Soireetoiletten und waren im Gesicht nur leicht gepudert; der rosige Schein gab allen ein jugendliches Aussehen.

Unwillkürlich sank in dem Zwielicht die Konversation zum Flüstern herab; man führte meistens Gespräche zu zweien. Nur um den Teetisch der Fürstin versammelte man sich zu einer allgemeinen Plauderei. Die anderen Gemächer hatten zwar eine etwas hellere Beleuchtung, doch war auch hier das Licht durch farbige Schleier so gedämpft, daß kein indiskreter Strahl in das mystische Halbdunkel des Allerheiligsten drang. Natürlich rauchten auch die Damen. Die Zigaretten wurden an einem antiken pompejanischen Lämpchen angezündet und ihre glühenden Spitzen durchfunkelten die Dämmerung und erfüllten das Gemach, darin eine Atmosphäre von Tabak, Patschuli und Räucherwerk herrschte, mit blassem Dunst.

Wo die Unterhaltung lauter war, wurde das gewöhnliche Thema verhandelt: Literatur, Theater, Gesellschaft. Man hörte die gewöhnlichen Phrasen.

Boris Alexeiwitsch war nicht anwesend. Er liebte die Mysterien des fürstlichen Teezimmers nicht und besuchte die Gesellschaft der Fürstin nur dann, wenn er seine Cousine Anna Pawlowna dort vermutete.

Mehrere junge Männer erschienen. Einige davon waren Ausländer, Franzosen, nervöse Herren mit matten Augen und geziertem Lächeln. Gegen diejenigen Damen, von denen sie sich protegiert wußten, nahmen sie einen nachlässigen Ton an, gegen andere verhielten sie sich voll kühler Höflichkeit. Man traf sie in vielen Salons, wo sie die bequemsten Fauteuils einnahmen, kandierte Flüchte naschten und mit ihren über und über beringten, weißen, weichen Händen kokettierten. Von der übrigen Männerwelt wurden sie verachtet, aber geduldet. Dagegen konnte es geschehen, daß um ihre Freundschaft unter den Frauen Neid und Eifersucht entstand.

Auch ein Deutscher war heute anwesend; doch konnte er es nicht zu Erfolgen bringen. Man fand ihn zu gesund und einem Russen nicht unähnlich genug.

Am Teetisch unterhielt man sich über Anna Pawlowna, von der behauptet wurde: »
La princesse n'a pas de coeur.«

Dem widersprach die Wirtin: »
Elle est si bonne! Et puis – sie ist unglücklich.«

»Anna Pawlowna?«

»
Mais oui! Der Prinz vernachlässigt sie.«

Rings um den Tisch wurde gelächelt. Es gab in Moskau so viele vernachlässigte Frauen. Freilich stellten einige die Behauptung auf, daß es noch mehr vernachlässigte Ehemänner gäbe. Jedenfalls war die Zahlendifferenz nicht groß.

»Sie sollte sich besser arrangieren,« meinte die Gräfin Potemkin, eine Dame, die in dergleichen Arrangements Übung besaß. »Auch hat die Prinzessin durchaus kein Talent für das Allgemeine, durchaus keinen Wohltätigkeitssinn.«

In der Tat beteiligte sich Anna Pawlowna nur mit ihrem Namen und ihrem Gelde und nicht mit ihrer Person an den verschiedenen Vereinen. Die Anstalt für sittlich verwahrloste Mädchen, welche sie hatte gründen helfen, interessierte sie nicht im geringsten. Wenige brachten ihr Leben mit solchen Nichtigkeiten hin wie sie. Die Lektüre eines Romans kostete sie Anstrengung und die Sorge für ihre Toilette schien sie ganz auszufüllen. In der neuesten Zeit war indessen manches anders geworden; selbst die Fürstin hatte es bemerkt und glaubte den Grund davon zu kennen.

»
Elle aime.«

Dieser Ausruf erzeugte Sensation. Man wollte einen Namen wissen. Vorsichtig teilte die Fürstin ihren Intimen mit: »
Elle aime l'opposition.«

Da kam gerade die Prinzessin; in einer schwarzen Samtrobe mit schwarzer Spitzencoiffure. Sie stand auch zu den Toiletten des Teezimmers in Opposition, was die dunkle Farbe ihres Kleides in eklatanter Weise zeigte.

Die Wirtin erhob sich und ging ihr entgegen: »
Comme vous êtes tard.«

»
J'étais très occupée.«

Sie ließ sich zu einem Platz führen und setzte sich, ohne jemanden zu grüßen. »Da ich in der Dämmerung deines Salons niemand zu erkennen vermag, so kann ich auch nicht grüßen,« hatte sie zur Fürstin gesagt. »Bittest du mich, trotzdem zu kommen, so ist das deine Sache.« Die Fürstin bat sie trotzdem zu kommen, und Anna Pawlowna kam und grüßte nicht.

Am Teetisch lenkte man, nicht ohne Absicht, das Gespräch auf die Nihilisten.

»Schade, daß man diese Menschen nicht bei sich sehen kann,« meinte die Fürstin, deren Neugier seit ihrer Unterredung mit Boris Alexeiwitsch erregt war. »Einige darunter sollen übrigens ganz leidliche Manieren haben. C'est étonnant!«

»Es ließe sich vielleicht der Versuch machen,« schlug eine gewisse Frau Lermonnow vor, berüchtigt durch ihre Salondekorationen: Musiker, Poeten und interessante Charaktere.

Man lachte.

»Ich sage es im Ernst,« rief die Dame beleidigt. »Was meinen Sie, Prinzessin?« wandte sie sich an Anna Pawlowna, neben der sie saß. »Enfin; ce sont des hommes, qui feront crouler toute la Russie. Sie werden bald Mode sein.«

»Die Nihilisten?« fragte der Deutsche, der keine Konversation machte.

»Mais certainement! On en parle partout. Wissen Sie, was sie eigentlich bezwecken?«

»Meinen Sie mich?« fragte Anna Pawlowna.

»Vous, princesse.«

Ob sie sich kompromittieren wird? war der Gedanke aller. Aber sie ist klug und kaltherzig.

Sie kompromittiert sich, dachte die Fürstin. Sie ist viel zu stolz, nicht zu sagen, was sie denkt. Übrigens ist ihr alles ziemlich einerlei.

Die Fürstin sollte recht behalten.

»Was sie eigentlich bezwecken?« wiederholte Anna Pawlowna langsam, aber ohne alle Lebhaftigkeit, »Das werden sie selbst nicht recht wissen. Aber wissen denn wir, was wir wollen? Nun: leben und genießen. Vielleicht wollen sie dasselbe, und ich würde es ihnen nicht verdenken, übrigens kümmern sie sich nicht viel um die Zukunft. Ihre erste Aufgabe ist, mit der Gegenwart fertig zu werden. Auf welche Weise sie damit fertig werden, das ist ihre Sache. Sie werden sich nicht lange darauf besinnen. Zur Erreichung ihres Zweckes bedienen sie sich selbstverständlich aller der ihnen zu Gebote stehenden Mittel. Sind es gute Mittel, können es gute Mittel sein? Nein! Revolutionen haben in allen Ländern, zu allen Zeiten stattgefunden, und niemals war ein Land dafür reifer als Rußland. Aber in Rußland nehmen alle Dinge eine eigenartige Form an, was nun einmal in unseren Verhältnissen liegt. Diese Verhältnisse Rußlands mußten den Nihilismus hervorbringen. Ich finde das alles höchst einfach.«

Boris Alexeiwitsch war eingetreten und hatte erstaunt zugehört. Was fällt ihr ein? dachte er, und näherte sich ihr.

»Vorsicht!« flüsterte er, hinter ihren Stuhl tretend.

»Sie hören, ich mache Propaganda für den Nihilismus,« sagte Anna Pawlowna laut, ohne den Kopf zu wenden. »Unterstützen Sie mich.«

Einige, die ferner saßen, standen auf und kamen an den Tisch.

»Bon soir, Boris Alexeiwitsch!« rief die Fürstin, die sich in großer Verlegenheit befand und der Konversation eine Wendung zu geben versuchte, »Waren Sie in der Oper? Was wurde gegeben? Erzählen Sie doch!«

»Verzeihen Sie, Fürstin. Man sprach hier von dem Nihilismus und meine schöne Cousine forderte mich auf, ihr Beistand zu leisten. Wie Sie hören, nimmt Anna Pawlowna die Sache ernsthaft. Das tue auch ich. Meine Herren und Damen, ich schwöre Ihnen zu, daß ich die Nihilisten für die Menschen der Zukunft halte.«

Man lachte und rief: »Bravo!«

»Er ist so geistvoll,« flüsterte die Gräfin Borow der Frau Lermonnow zu.

Alle fanden die kleine Szene äußerst pikant; nur die Fürstin geriet in Sorge um ihren Liebling, während es ihr doch zugleich schmeichelte, daß dieser Vorgang sich in ihrem Teezimmer ereignete. On en parlera demain dans tout Moscou, sagte sie sich.

In dem Tone, in welchem er im Klub seine pikanten Geschichten erzählte, fuhr Boris Alexeiwitsch nun fort:

»Meine Damen und Herren, folgen Sie meiner schönen Cousine und mir und machen Sie mit uns Propaganda für den Nihilismus. Gehen wir unter das Volk, werden wir Altrussen, Slavophilen! Das Kostüm wird uns entzückend stehen und der Kaftan ist, mit dem Frack verglichen, eine klassische Tracht. Vertauschen wir den Sekt mit unserem lieben Nationalgetränk und versuchen wir, die guten Qualitäten unserer Grütze würdigen zu lernen: es wird uns vortrefflich bekommen. Stellen Sie sich die Wirkung vor, wenn wir dem Volk aus Alexander Herzen oder Moleschott vorlesen. Natürlich bekommen wir Prügel, was heutzutage in Rußland der bequemste Weg ist, zur Unsterblichkeit zu gelangen. Wir werden verdächtigt, wir müssen fliehen, mit einem falschen Paß, nach Baden-Baden oder Genf, mit einem Male sind wir Helden und Heldinnen geworden. Welche von den Damen möchte sich länger mit Pariser Blumen schmücken, wenn sie sich die Gloriole der Märtyrerin als Coiffure verschreiben kann?! Das ist mehr als chic, das ist pschutt. Und sie bekommt für diese höchste Eleganz nicht einmal eine Rechnung präsentiert,«

Es ist wirklich scharmant, dachte die Fürstin, im höchsten Grade davon entzückt, wie geschickt Boris Alexeiwitsch sich aus der Affäre gezogen hatte. Und in der Tat konnte Anna Pawlowna ihrem Vetter dankbar sein; denn die schale Travestie hatte ihr sonderbares Benehmen vergessen machen. Die einzelnen Gruppen lösten sich, man redete lauter, ungenierter; ja, unter dem Schutze der Dämmerung begannen einige sich freier zu benehmen, als es sonst selbst in Moskau gestattet war.

Anna Pawlowna wechselte noch einige Phrasen und erhob sich; sie blieb niemals länger als eine halbe Stunde, Boris Alexeiwitsch begleitete sie.

»Das war unklug,« sagte er halblaut zu ihr, sie durch die lange Reihe der Gemächer führend.

Anna Pawlowna zuckte die Achseln.

»Du warst um so vorsichtiger. Ich mag nicht immer heucheln und lügen.«

»So wäre, was du äußertest, wirklich deine Ansicht?«

»Das solltest du wissen. Übrigens wirst auch du deine eigentlichen Ansichten geäußert haben.«

»Das tue ich niemals, wenigstens nicht solchem Publikum gegenüber. Bei dir freilich – –«

Sie unterbrach ihn, und sagte auf Französisch: »Sie wissen, Boris Alexeiwitsch, wir werden uns nie verstehen.«

»Sie halten mich für frivol?« antwortete Boris in derselben Sprache.

»Sie sind es.«

»Kann man in unserer Zeit anders sein?«

»Gibt es denn in unserer Zeit gar keine Männer?«

»Wen nennen Sie einen Mann?«

»Denjenigen, der imstande ist, eine große Leidenschaft zu fühlen.«

»Sie halten mich einer solchen Empfindung nicht fähig?«

»Nein.«

»Und in der Hoffnung, einen solchen Mann zu finden, fühlen Sie sich zu dem Nihilismus hingezogen?«

»Ja.«

»Sie könnten mich belehren.«

»Das will ich anderen überlassen. Ich habe jetzt ernstere Dinge vor.«

»Ich merkte Ihnen gleich an, daß etwas geschehen sein müsse. Was ist es?«

»Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse. Noch können Sie sich zurückziehen.«

»Und Sie?«

»Ich habe mich entschieden.«

»Es wird zu Ihrem Verderben führen.«

Sie sah ihn auf eigentümliche Weise an; aber sie lächelte dabei.

Dreißigstes Kapitel.

Boris Alexeiwitsch schickte sein Coupé fort und ging zu Fuß.

Also die Sache wird ernst, dachte er. Ich hoffe, nun wird mich die Sache interessieren. Solange es eine Phrase war, wußte ich nichts damit anzufangen; solange war es eben nur eine Redensart mehr. Und das Beste ist, daß diese Menschen recht haben, es ist etwas faul im Staate Rußland. Wir kranken an schlechten Säften, das Volk aber strotzt von Gesundheit, das Volk kann uns Arznei sein. Trotz unseres Barbarentums fangen wir an, uns alt zu fühlen. Das kommt daher, daß unsere Institutionen sich überlebt haben. Also gebt uns neue Institutionen und neues Leben. Auf friedlichem Wege ist das nicht zu erreichen. Also Gewalt! Ich muß dabei an den Affen denken, der uns die Kastanien aus dem Feuer holen soll; ich sehe indessen nicht ein, warum sie uns weniger schmecken werden. Wenn wir die Revolution beschützen, tun wir genug. Ist sie erst da, dann – carte blanche. Es ist wahr, der politische Kopf Europas trägt eine moderne Frisur, und Rußland noch den abscheulichen Zopf, der uns wie eine Knute den Rücken herab hängt. Rußland muß sich frisieren lassen und das Volk kann den Friseur spielen. Es kann uns unseren Zopf abschneiden; den übrigen Teil der Toilette wollen wir dann schon selbst besorgen.

Er dachte an das Leben, das er führte, und es kam ihm plötzlich unsäglich leer und öde vor, Boris Alexeiwitsch gehörte zu den Männern, deren Existenz sich um einen einzigen Punkt dreht: die Frau. Nicht die chiffrierte Frau, bei der es nur auf die Höhe der Summe ankommt, sondern die Frau aus der Gesellschaft, die sogenannte anständige Frau, welche allein durch Leidenschaft – wenigstens durch eine mehr oder minder glückliche Nachahmung derselben – zu erwerben ist. Wurde dieser Punkt aus dem Leben von Boris Alexeiwitsch gestrichen, so fiel dieses in sich zusammen. Und es drohte so zu kommen. Keine Leidenschaft hatte Stich gehalten. Es war, als ruhte auf dem Besitz des Verbotenen ein Fluch, der den Genuß an dem Besitz und die Leidenschaft unausbleiblich zerstörte. Es war unerträglich! Es entnervte, stumpfte ab, erstickte jeden Wunsch bereits im Keim. Die ewige Frage: wozu? wozu alle diese Anstrengungen und Aufregungen? begann ihm Ekel einzuflößen. Denn jemand, der im Leben nichts Hohes sieht, hat es in seinen Tiefen gar bald erschöpft. An eine Ehe mochte Boris Alexeiwitsch nicht denken; er fühlte nicht die geringste Veranlassung, durch Gründung einer Familie für den Staat zu sorgen.

Höchlich erstaunte er, als er in der letzten Zeit die Entdeckung zu machen glaubte, daß er besser sei, als er selber angenommen. Er sehnte sich – wonach? Er wußte es selbst nicht. Sollte wiederum eine Frau im Spiele sein? Die alte Empfindung in einer neuen, verbesserten Auflage? Mit einer Art von Neugier wartete Boris Alexeiwitsch ab, wie er sich zu der Sache verhalten würde.

Vielleicht sind es die Ideen dieser jungen Schwärmer, die mir zu schaffen machen, reflektierte er. Sie sind ganz unsinnig, aber mir gerade ihres offenbaren Wahnwitzes wegen sympathisch; ganz abgesehen davon, daß ihre Verwirklichung doch einigen Nutzen bringen kann.

Er beeilte sich, auf ein anderes Thema überzuspringen.

Was fange ich mit dem Abend an? Für die Oper ist es zu spät. Ich könnte in der Eremitage soupieren, aber der Sekt war gestern schlecht frappiert. Bleibt der Klub! Also in Gottes Namen in den Klub! Ich werde spielen und ich werde verlieren.

Er schlug den Weg nach dem Klub ein, änderte jedoch plötzlich die Richtung.

Ich sollte mich wieder einmal bei Wladimir Wassilitsch zeigen. Der schöne Bursche hegt Mißtrauen. Gerade jetzt, wo ich anfange, die Sache ernst zu nehmen, wäre mir das unbequem. Ich will ihn fragen, ob er mich gebrauchen kann und wozu. Ja, wozu wohl?! Spionage treiben. Pfui. Geld geben, da müßte ich erst spielen und gewinnen. Leitartikel für den »Volkswillen« schreiben. Dazu ist meine Feder nicht blutdürstig genug. Also bleibt das Vermitteln von Korrespondenzen, das Verbergen von der Polizei verdächtigen Persönlichkeiten. Das ist wenig. Ich sehe es ein. Aber es ist genug, um mir für zeitlebens die Bergwerke zuzuziehen. Das müssen sie einsehen. Auch muß ich mich um Wera Iwanowna bekümmern.

Und er wandte sich der Preobraschenskaja-Vorstadt zu.

Sie ist schöner geworden als ich dachte; aber sie hat noch denselben stolzen, frechen Blick. Das ist eine geborene Anarchistin! Schade, daß sie einem dieser plebejischen Kerle gehören wird. Vielleicht mehreren. Denn sie teilen ja wohl auch ihre Weiber untereinander – tout comme chez nous! Vielleicht ist sie wirklich tugendhaft. Wie lange noch? Glücklich der Mann, welcher der erste ist. Vielleicht wird es dieser schöne, blutgierige Terrorist sein; er soll ein wahnsinniges Glück bei den Frauen haben. Oder dieser junge Kraftmensch Sascha. Wer es auch sei, ich beneide ihn.

Als er das Gärtnerhäuschen erreichte, fand er daselbst nur Colja anwesend. Die Männer waren noch in der Druckerei beschäftigt und hatten sich Tania zur Hilfe geholt.

Daß Wera Iwanowna und Natalia Arkadiewna noch den Abend von Dawidkowo zurückerwartet wurden, hatte er durch Anna Pawlowna erfahren; so blieb er denn, ließ sich von Colja in das Arbeitszimmer führen, setzte sich und zündete eine Zigarette an. Das öde Zimmer mit den abscheulichen, rot angestrichenen Fichtenmöbeln verletzte sein ästhetisches Gefühl dermaßen, daß er das Licht löschte, einen Laden öffnete und an dem offenen Fenster Platz nahm.

Er verlor sich in Betrachtungen.

Da wundert man sich, daß es Anarchisten gibt. Wenn ich zwischen diesen vier kahlen Wänden leben, auf solchem Stuhle sitzen, von solchen Tischen essen müßte, ranzige Butter und hartes Brot, durch sauere Arbeit, mit Schweiß und Mühe verdient, so würde ich auch ein wütender Terrorist sein. Warum schreien wir also so? Sobald sie die Macht haben werden, mir diesen warmen, schönen Pelz auszuziehen, ist es ganz natürlich, daß sie es tun. – – Ich glaube, da kommt sie.

Ein Wagen kam langsam herangefahren, hielt und rollte dann wieder fort. Boris Alexeiwitsch hörte auf der Landstraße sprechen.

»Ich gehe von hier zu Fuß nach Hause,« sagte Natalia Arkadiewna. »Nein, es soll mich niemand begleiten. Wann sehe ich dich?«

»Wladimir Wassilitsch wünscht, daß ich bei Anna Pawlowna wohnen soll. Sie hat es mir angeboten.«

»So wohnst du bei mir.«

»Wie gern würde ich das, aber ich darf nicht, Wladimir Wassilitsch will es nicht.«

»Dann hilft es nichts. Das nächste Mal mußt du allein nach Dawidkowo. Ich habe es Grischa schon gesagt, er war ganz glücklich darüber. Weißt du, daß er in dich verliebt ist?«

Boris Alexeiwitsch horchte auf. Der Teufel hole den Kerl, der solchen guten Geschmack hatte. Aber was ging es ihn an?

Trotzdem wartete er begierig auf Weras Antwort.

»Ich hoffe sehr, daß du dir das nur einbildest; wie sollte er dazu kommen? übrigens tut er mir leid.«

»Warum?«

»Weil er unglücklich ist.«

»Er wird glücklich sein, sobald er ganz zu den Unseren gehört. Es liegt in deiner Hand, ihn so glücklich zu machen.«

»In meiner Hand?«

»Es ist so, wie ich dir gesagt habe. Ich rede noch mit dir darüber.«

»Aber schicke mich nicht wieder nach Dawidkowo. Ich bitte dich darum.«

»Warum willst du nicht wieder hin?«

»Weil es dort so schön ist, weil dort Frieden ist, weil wir den Frieden vernichten müssen. Denn wohin wir kommen, bringen wir die Zerstörung mit.«

»Daran wirst du dich gewöhnen müssen.«

»Das weiß ich. Ich hoffe es auch zu können; nur schicke mich nicht wieder nach Dawidkowo.«

»Befürchtest du, dich in Grischa zu verlieben?«

»Ach nein.«

»Du scheinst es zu bedauern. Aber es wäre vielleicht recht gut für dich; denn ihr beide paßt zusammen. Diese Liebe würde dich schützen.«

»Vor wem?«

»Vor der Versuchung. Du kennst die Männer nicht und ihre Leidenschaften. Gedenke deines Eides, dir selbst getreu zu bleiben und hüte dich! Vera Iwanowna, hüte dich vor – –«

Boris Alexeiwitsch beugte sich vor, um besser zu hören.

Einunddreißigstes Kapitel.

Wera fand das Haus offen, aber alles darin dunkel und öde. Während sie sich durch den Gang nach dem Arbeitszimmer tastete, dachte sie an das friedliche Haus in Dawidkowo, an seine dunklen Efeuwände, an das hübsche bunte Zimmer, wo das Mütterchen saß und vielleicht gerade bitterlich über eine Geschichte weinte, während durch das offene Fenster Flieder und Narzissen hereindufteten.

Sie trat in das Arbeitszimmer und rief leise nach Tania. Niemand antwortete. Im oberen Stockwerk hörte sie Colja singen; vielmehr einige schluchzende, gurgelnde, gellende Töne ausstoßen, die Gesang bedeuten sollten. Wera stand und lauschte. Noch niemals waren ihr die Lieder des russischen Volkes so tot-traurig vorgekommen.

Ein Gefühl von Vereinsamung, wie sie es bis dahin nicht gekannt hatte, überkam sie und preßte ihr das Herz zusammen. Ist es möglich, daß der Mensch sich so allein fühlen kann? dachte sie. Die Gestalten von Sascha und Tania, von Natalia Arkadiewna und Grischa traten vor sie; aber ihr war, als sei sie für immer von ihnen geschieden, als könne sie dieselben niemals wieder erreichen. Was hatte sich zwischen sie und ihre Freunde gedrängt? Nichts war geschehen und doch kam ihr die Welt so finster und verödet vor, wie das Zimmer, in dem sie sich befand.

Sie wollte Licht anzünden und Colja rufen, unterließ jedoch beides und trat an das Fenster.

… Morgen fange ich meine Tätigkeit an, morgen gehe ich zu Anna Pawlowna. Dort wird Boris Alexeiwitsch sein. Was habe ich mit ihm gemein? Er und ich gehen getrennte Wege. Wir können nicht einmal miteinander reden, denn wir verstehen uns nicht. Das ist traurig. Es können also zwei Menschen dieselbe Sprache sprechen und doch nie etwas voneinander erfahren; das Volk nie etwas von denen, die das Glück des Volkes in Händen haben. Aber Sascha meint, daß sie uns kennen lernen wollen. Das müssen sie, sonst ist keine Hoffnung, nicht für sie und nicht für uns. Aber wie soll das geschehen? Wie soll Anna Pawlowna jemals Sascha verstehen, wie Boris Alexeiwitsch jemals mich ober ich ihn?

Und wie soll ich von morgen an leben? Was soll ich tun, reden, denken? Ich soll Anna Pawlowna bewachen und ihr zugleich Vertrauen für mich einflößen? In ihrem eigenen Hause soll ich sie belauern; als ihr Gast, dem sie Gutes erweist, der sich von ihr Gutes erweisen läßt, und sie dann verraten. – – Es ist schändlich! Aber wenn sie das Volk verrät, muß es doch wohl das Rechte sein, überdies wird es mir geboten. Und dann geschieht es für das Volk! Könnte ich nur das begreifen: Unsere Sache ist so gerecht, daß daran nicht zu rühren ist. Warum können wir unsere Sache nicht durchfechten, ihnen allen frei ins Gesicht? Aber freilich, sie sind so ungerecht, daß sie uns zwingen, mit unserer Sache im verborgenen zu bleiben. Dann hilft es nichts, dann muß es über sie kommen. Wir aber sind schuldlos daran …

Während sie so mit ganzer Seele kämpfte, ergriff sie plötzlich eine heiße Sehnsucht nach dem Gebet, das ihr etwas vollständig Fremdes geworden war. Der Jammer, mit gebundenen Händen dem Elend des Volkes zusehen zu müssen, hatte ihre religiösen Empfindungen gelähmt. Nun war sie aus ihrem dumpfen Leben in der Heimat herausgerissen worden, nun strömten die Eindrücke wie Fluten auf sie ein, nun wurde ihr ganzes Wesen wie von einem Sturm aufgerüttelt. Sie fühlte sich haltlos und suchte in ihrer Angst nach der Hand, die sie fassen konnte.

Sie hob ihr Gesicht, drückte die Hände gegen die Brust, murmelte, flüsterte.

Aber es wollte nichts helfen. Sie betete Worte, nichts als Worte. Mitten im Satze hörte sie auf, von dem entsetzlichen Bewußtsein durchzuckt, daß sie nicht mehr zurück konnte; die Heilkraft des Gebetes verschloß sich ihr, das Gebet versagte seine Kraft; Gott hatte sie verlassen, wie sie sich von ihm abgewendet hatte.

Was blieb ihr übrig?

Der Glaube an den Jammer der Menschheit!

So sollte Wladimir doch recht haben, daß der Nihilismus keine Theorie ist, sondern eine Religion; wer ihn ausübt, kann keinen anderen Glauben neben diesem anerkennen.

Aber wie heißt der Gott dieses Kultus? Es war ein abstrakter Begriff: Gleichheit, Glück, Genuß – –

Sie fühlte sich von Entsetzen gefaßt, ein Schwindel ergriff sie, so daß sie niedersank. In diesem Zustande halber Bewußtlosigkeit bemerkte sie die Nähe eines Menschen, eines Mannes, und daß jemand sich über sie beugte. Sie wollte aufspringen, fuhr aber nur wie im Krampfe zusammen. Dann hörte sie dicht an ihrem Kopfe flüstern: »Sie sind unglücklich, Wera Iwanowna, Sie suchen Trost und Hilfe und finden keine. Und unglücklich bin auch ich, auch ich suche Trost und Hilfe und finde keine. Wir gleichen uns, wir passen zusammen. Aber Sie sind rein, gut und edel. Das bin ich nicht. Wenn Sie wüßten, wie ich bin, würden Sie vor mir zurückschaudern. Sie sollen es wissen. Aus Ihrem Munde will ich erfahren, ob Gott mir barmherzig sein kann. Hören Sie.«

Er erwartete, daß sie aufstehen, daß sie ihn fortweisen würde. Aber sie machte keine Bewegung, es lag über ihr wie eine Erstarrung. Dabei wußte sie mit vollkommener Deutlichkeit: es ist Boris Alexeiwitsch, der neben dir steht, Boris Alexeiwitsch, vor dem du dich hüten sollst, der dich haßt – der einer der Unseren geworden ist. Er flüstert dir zu mit seiner sanften, weichen Stimme. Er sagt dir, daß er schlecht sei, daß Gott ihm barmherzig sein möge, Gott sei mir barmherzig! Ich kann ihm nicht helfen.

Dann horchte sie gespannt, was er ihr sagen würde.

»Wenn Sie wüßten, was für ein entsetzlicher Mensch ich bin; ich schäme mich vor mir selbst. Ihre reine Seele vermag nicht, sich vorzustellen, wie es in der Welt zugeht. Keiner darf dem anderen trauen. Jeder belügt den anderen. Trauen Sie niemandem; auch mir nicht. Es kann von mir nur Unheil kommen, obgleich ich den besten Willen habe – – «

Er schwieg und holte schwer Atem.

Gott weiß, wo das hinaus soll, dachte er, aber den besten Willen habe ich wahrhaftig. Er fühlte seine Augen feucht werden. Was ist das? Ich weine ja wohl? Wäre ich am Ende doch ein besserer Mensch, als ich selbst weiß? Und er fuhr mit bewegter Stimme fort: »Glauben Sie, daß ein Mensch sich bessern kann, wenn er den Willen dazu hat? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich mich sehr unglücklich fühle. Wie sagten Sie vorhin in Ihrem Selbstgespräch? Sie wären nicht würdig zu glauben? Ach, Wera Iwanowna, ich bin nicht einmal würdig, zu lieben. Das ist entsetzlich, nicht wahr? Auch habe ich noch niemals geliebt; es war immer etwas anderes, etwas, wovon Sie keine Ahnung haben.«

Und er unterdrückte ein Schluchzen.

Jetzt stand Wera auf, Boris sah, welche Anstrengung es sie kostete. Sie lehnte sich gegen die Wand und wandte ihm ihr Gesicht zu.

Warum sieht sie mich so entsetzt an? dachte er. Sollte ich mich getäuscht haben? Aber sie ist so schön, daß ich um ihretwillen wollte, es wäre alles wahr, was ich gesagt habe. »Aber so reden Sie doch,« sprach er laut. »Mein Gott, was ist Ihnen? Habe ich Sie erschreckt?« Sie schwieg immer noch.

»Wenn Sie befehlen, will ich gehen.«

Damit wandte er sich der Tür zu. Da endlich sprach sie; Boris hörte es ihrem Atem an, wie schwer es ihr wurde.

»Boris Alexeiwitsch, warum haben Sie mir das alles gesagt, mir, die Sie mich im Grunde Ihres Herzens verachten?«

»Ich Sie verachten? Ich verehre Sie!«

Aus seinem Tone klang eine solche Überzeugung, eine solche Ergriffenheit, daß Wera erbebte. Mit klangloser Stimme fuhr sie fort: »Sie verachten das Volk, dem Sie doch Hilfe versprechen; Sie spielen mit ihm, und wenn es nicht mit sich spielen lassen will, heben Sie Ihre Hand und schlagen dem Volk ins Gesicht. Wie sollten Sie sich da beglückt fühlen können? Beglücken Sie doch nicht.«

»Bessern Sie mich!«

»Ich?!«

»Sie können es, Sie allein!« Er wandte sich ihr zu und sah ihr fest in die Augen.

»Sie allein können es,« wiederholte er leise und eindringlich. »Versuchen Sie es mit mir. Machen Sie aus mir einen Menschen, der würdig ist, daß er lebt. Ich bin ein schlechter Mensch, der sich bessern möchte. Noch niemals in meinem Leben habe ich so zu einer Frau gesprochen. Wenn Sie mich nicht anhören, wenn Sie sich von mir wenden, so ist es um mich geschehen. Nun tun Sie, was Sie wollen.«

Er sah ihren Kampf und wußte genau, daß sie unterliegen würde, unterliegen, nicht weil sie schon jetzt ihn liebte, sondern weil sie an ihn glaubte, weil er sie dauerte. Aber er hatte kein Erbarmen mit ihr, übrigens war es keine Lüge, noch nie hatte er so zu einer Frau gesprochen.

Als bald darauf Wladimir mit Sascha und Tania ins Zimmer trat, ging Wera ihnen entgegen und sagte, auf Boris Alexeiwitsch deutend: »Er wird Teil an allem nehmen, was wir vollbringen. Vertraut ihm.«

Zweiunddreißigstes Kapitel.

In derselben Nacht sollte sich auch Anna Pawlownas Schicksal erfüllen.

Als sie von der Fürstin nach Hause kam, teilte der Wortschik ihr mit, daß der Prinz eingetroffen sei. Anna Pawlowna runzelte die Stirn.

Was soll das heißen, dachte sie. Hat er Argwohn, daß er mich so überfällt? Sollte er eifersüchtig sein? Als ob er ein Recht auf mich hätte! Wurde ich ihm doch verkauft. Er soll es nicht wagen!

Verkauft! Verkauft! hallte es in ihr wider, während sie die Treppe hinaufstieg und sich in ihre Gemächer begab.

»Wo befindet sich Karl Petrowitsch?«

»Im Speisezimmer.«

Sie ließ sich ihre Umhüllung und ihren Schleier abnehmen und begab sich in das Speisezimmer.

Er soll es nicht wagen! war von neuem ihr Gedanke. Sie preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie war es möglich gewesen, es so lange zu dulden? Wie abscheulich von ihr!

In dieser feindseligen Stimmung trat sie dem Prinzen entgegen.

»Sie sind zurückgekehrt?« begrüßte sie ihn, mit eisiger Kälte in Ton und Blick, sich der aufwartenden Diener wegen der französischen Sprache bedienend. Karl Petrowitsch hatte sich ein in aller Eile zubereitetes Souper servieren lassen, bei dem der Champagner die Hauptsache war. Er erhob sich, ging auf seine Frau zu und küßte sie auf die Stirn.

Wie widerwärtig! dachte Anna Pawlowna, als sie den Druck seiner kalten Lippen fühlte.

»Sie haben mich nicht erwartet?«

»Nein. Warum telegraphierten Sie nicht?«

»Ich wollte Sie überraschen.«

»Hätten Sie Ihre Ankunft angezeigt, so würden Sie ein besseres Souper vorgefunden haben. Nun müssen Sie vorlieb nehmen.«

»Wie geht es Ihnen? Sie waren in Gesellschaft?«

»Bei der Fürstin Danilowsky.«

»Hm.«

»Sagten Sie etwas?«

»Sie wissen, daß ich es nicht gern sehe, wenn Sie die Fürstin besuchen.«

»Sie ist meine Freundin.«

»Ich muß Sie wirklich bitten – – «

»Um was?«

Sie sah ihn an. Schnell wandte er sich ab, trat Zum Tisch zurück und ließ sich einschenken.

»Beenden Sie Ihr Souper. Ich werde Ihnen Gesellschaft leisten.«

Sie setzte sich ihm gegenüber und begann langsam ihre langen bis an den Ellbogen reichenden Handschuhe aufzuknöpfen. Der hohe bronzene Armleuchter, der zwischen ihnen stand, verdeckte ihm ihr Gesicht.

»Sie haben meinen Brief erhalten?« fragte der Prinz nach einer Weile.

»Ich hätte Ihnen morgen geantwortet.«

»Was ist Ihre Meinung?«

»Es ist eine große Auszeichnung.«

»Sie sagen das so gleichgültig,«

Anna Pawlowna zuckte die Achseln.

»Wann gedenkt der Zar die Reise anzutreten?«

»Das ist unbestimmt. Es hängt noch von Verschiedenem ab. Eben deshalb kam ich her.«

»Deshalb?«

»Auch wollte ich Sie persönlich um Ihre Ansicht befragen. Sie sind eine kluge Frau, Man hat Sie bei Hofe vermißt; ich mußte Sie entschuldigen. Es war sehr peinlich für mich.«

»Das bedaure ich.«

»Ich muß einige Tage hierbleiben. Vielleicht haben Sie die Güte, mich dann nach Petersburg zu begleiten.«

»Unmöglich.«

»Warum?«

»Sie kennen meine Ansichten über Petersburg, Warum quälen Sie mich also? Ich lasse Ihnen vollständige Freiheit, zu gehen, wohin Sie wollen, zu tun, was Sie wollen. Ich werde Sie niemals fragen, Sie niemals belästigen. Nur lassen Sie auch mir meine Freiheit. Ich bin ein Mensch für mich und will es bleiben.«

»Sie sind vor allen Dingen meine Frau,« murmelte der Prinz zwischen den Zähnen und stürzte ein Glas Sekt hinunter. In seinen matten, von tausend Fältchen umrahmten Augen sprühte es auf; im übrigen veränderte sich keine Miene in dem vornehmen Gesicht, in dessen fahlem Teint der geschwärzte Schnurrbart und die gefärbten Augenbrauen finstere Schatten zogen.

Der eine Handschuh war aufgeknöpft. Anna Pawlowna warf ihn auf den Tisch und fragte statt aller Antwort: »Wird der Zar wirklich nach Moskau reisen?«

»Moskau ist vorgeschlagen worden. Wenn nichts dazwischen kommt, wird der Zar jedenfalls Moskau besuchen.«

»Was sollte dazwischen kommen?«

»Die Nihilisten – Gott verdamme sie! – machen wieder viel Lärm – Michailitsch, nehmen Sie den Leuchter fort; das Licht blendet.«

»Die Nihilisten machen wieder viel Lärm?« wiederholte Anna Pawlowna gleichmütig und begann den zweiten Handschuh aufzuknöpfen. »In Petersburg oder in Moskau?«

»In ganz Rußland.«

»Ich habe davon gehört. Sie finden in allen Schichten der Gesellschaft Anhänger. Das kann ich verstehen.«

»Das können Sie verstehen?«

»Mein Gott, gewiß. Es muß vieles anders bei uns werden. Sie, der Sie unser Staatswesen so genau kennen, sollten das am besten wissen.«

»Sie überraschen mich. Was sind das für Gesinnungen!« murmelte der Prinz und heftete seine matten Augen auf seine Gemahlin.

»Sie wissen es recht gut,« bemerkte Anna Pawlowna ruhig, »Sie gestehen es sich nur nicht ein, sich über gewisse Dinge klar zu werden, ist sehr unangenehm.«

»Haben Sie das an sich selbst erfahren?«

»Wohl möglich. Wenn ich recht verstanden, kommt der Zar nur unter gewissen Bedingungen nach Moskau?«

»Sie haben mich recht verstanden.«

Diese Bedingungen muß ich ergründen, dachte Anna Pawlowna. Es geht etwas gegen den Nihilismus vor. Ich muß es erfahren, laut sagte sie: »Dürfen Sie mir Näheres mitteilen?«

»Warum nicht? Sie sind ja meine Frau. Aber es wird Sie kaum interessieren.«

»Vielleicht doch.«

»Viel kann ich Ihnen nicht sagen. Übrigens wird in den nächsten Tagen der Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow hier eintreffen.«

»Der Staatsrat? Was will er hier?«

»Die Lage der Dinge studieren.«

»Er will Jagd auf Nihilisten machen?«

»Wie man's nimmt. Befindet sich Natalia Arkadiewna noch immer im Hause?«

»Befehlen Sie, daß sie es verläßt, jetzt, da ihr Vater kommt?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber Sie dachten es.«

»Sie müssen mir zugeben, daß Natalia Arkadiewna sich höchst ungebührlich gegen ihren Vater benommen hat. Ihre Familie erkennt sie nicht mehr an. Sie sind die einzige, die noch zu ihr hält.«

»Weil ich sie bewundere.«

»Sie ist offenbar eine Nihilistin.«

»Das ist möglich. Was schadet das? Heutzutage sind viele Russinnen aus den besten Familien Nihilistinnen.«

»Nun ja, reden wir nicht mehr davon. Der hauptsächlichste Grund, der mich hergeführt, war, mit Ihnen die Vorbereitungen zu dem Feste zu besprechen.«

»Würde der Zar geruhen, unser Haus zu besuchen?«

»Es wäre nicht unmöglich. Jedenfalls müßte man sich vorsehen.«

»Wen wünschen Sie einzuladen?«

»Davon morgen. Es wird eine lange Liste werden. Übrigens ist es spät.«

Anna Pawlowna erhob sich.

»Sie haben recht, ich bin müde. Gute Nacht,«

»Gute Nacht. Ich sehe Sie noch.«

Sie sah ihm fest in die Augen. Wage es nicht! sagte ihr Blick. Dann entfernte sie sich.

Etwas muß geschehen sein, dachte der Prinz, ihr nachsehend. Aber was? Liebt sie einen anderen?

Er ließ sich noch eine Flasche Sekt bringen und schickte die Diener hinaus. Eine heftige Aufregung bemächtigte sich seiner. Die Vorstellung, auf die er in der Tat zum erstenmal verfiel, daß seine Frau einen anderen lieben könnte, brachte sein Blut in Wallung. Sie gab ihm fast ein Gefühl von Jugend; in seine Eifersucht mischte sich eine eigentümliche Empfindung, die beinahe Befriedigung zu nennen war. Sie liebt einen anderen, reflektierte er, aber sie gehört mir. Jetzt habe ich sie in der Hand und kann ihr die mir zugefügten Qualen vergelten. Sie verabscheut mich, aber sie ist meine Frau. Ihr Abscheu wird ihr nichts helfen; denn ich habe das Mittel, sie zu demütigen. Und das will ich.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Anna Pawlowna begab sich in ihr im zweiten Stock gelegenes Schlafgemach, schickte die Kammerfrau fort und verriegelte die Tür. Dann setzte sie sich vor den Toilettentisch und begann ihr Haar aufzulösen. Dabei lauschte sie auf jedes Geräusch. An die eine Seite des Zimmers schloß sich eine lange Reihe von Gemächern, auf eine Säulenhalle mündend, welche über der Moskwa lag; an der anderen Seite befand sich die Wohnung des Prinzen. Jeden Augenblick erwartete die Prinzessin, es dort anklopfen zu hören. Die Dienerschaft war noch auf, dieser und jener im Korridor. Sie würde öffnen müssen … Sie sah ihn, wie er sie anschaute, mit dem erloschenen Blicke, der sich bei dem Betrachten ihrer Schönheit unheimlich belebte. Wie er sie anlächelte mit den blassen, vertrockneten Lippen, zwischen denen die falschen Zähne hervorblinkten. Sie fühlte diese Lippen auf den ihren, stieß einen Schrei aus und wollte aufspringen. Da erblickte sie sich im Spiegel und entsetzte sich vor ihrem eigenen Bilde: das blasse Gesicht, von der Mähne ihres roten Haares wie von einer Flamme umlodert, darin ihr ganzer Leib zu versinken schien, die Lippen geöffnet, die Augen starr und weit offen – –

Eine Weile betrachtete sie ihr Spiegelbild, als wäre es ihr etwas ganz Neues.

Also so kannst du aussehen, so schrecklich schön! So muß Judith ausgesehen haben, als sie dem Holofernes das Haupt abschlug. Merkwürdig, daß diese Tat so selten wiederholt wird, daß nicht mehr Morde geschehen, die Frauen an ihren Männern verüben. Aber wir sind so dirnenhaft!

Sie lehnte sich in den Sessel zurück, starrte auf ihr Bild und versank in Grübeleien.

Da ist dieser Sascha. Er soll mich lieben, er soll eine große Leidenschaft für mich hegen, dieser junge Gigant mit den Äugen und dem Herzen eines Kindes, Seltsam, höchst seltsam!

Sie beobachtete im Spiegel, wie die Starrheit aus ihrem Gesicht schwand, wie sich dieses belebte, wie bei dem Gedanken an jenen Bauernsohn ein Lächeln auf ihre Lippen trat.

Was soll das bedeuten? Woran dachte ich?

Sie mußte sich darauf besinnen.

Ist das möglich?

Sie wurde unruhig, aufgeregt. Plötzlich schreckte sie zusammen. Leise Schritte nebenan! Jetzt mußte es anklopfen.

Sie wußte nicht, was sie tat; sie sprang auf, löschte das Licht, stand mit angehaltenem Atem und lauschte.

Aber sie hatte sich doch wohl getäuscht?

Doch nein: jemand war an ihrer Tür, eine Hand legte sich auf den Drücker. – – Alles blieb still.

Er wagt es nicht! Er ist feige!

Sie atmete tief auf; dann entkleidete sie sich und legte sich zu Bett.

Mit einem Schauer erwachte sie. Sie hatte geträumt, daß sie von Sascha geküßt wurde, daß sie Sascha küßte. Es ist nicht möglich, suchte sie sich selbst zu beruhigen, es ist gar nicht möglich daß ich ihn liebe. Was für grobe, rote Hände er hat! Aber wie selig er war, wirklich ganz wie von Sinnen. Ich hatte eine solche Leidenschaft nicht für möglich gehalten. Mein Gott, welch ein Ausbruch! Ich bebe noch davon. Und das alles sollte nur ein Traum gewesen sein?

Um sich vollends aus dem Schlaf zu bringen, öffnete sie die Augen und richtete sich in die Höhe. Aber sie mußte noch immer träumen. Sie träumte, daß ihr gegenüber die Wand sich bewegte, daß der Spiegel langsam sich drehte; sie träumte so lebhaft, daß sie, von einer entsetzlichen Angst gepackt, aus dem Bette sprang.

Da stand er vor ihr.

Keinen Laut vermochte sie hervorzubringen; aber hätte sie eine Pistole gehabt, so würde sie ihn mit kaltem Blute niedergeschossen haben. Auch er sagte nichts. So standen sie sich einander gegenüber.

Der Prinz machte eine Bewegung, als ob er sie fassen wollte; aber sie wich, die Augen auf ihn gerichtet, vor ihm zurück. Er folgte ihr. Sie schob sich bis zur Tür, griff hinter sich, rückte den Riegel fort, und dann durch die lange Reihe der Gemächer, Schritt für Schritt vor ihrem Verfolger zurückweichend, ohne den Blick vor ihm zu wenden, ohne einen Laut zu tun. Sie kam in die Vorhalle, lautlos näherte sie sich der Brüstung, lautlos hätte sie sich hinübergeschwungen und hinabgestürzt. Da, mit einem Wutschrei, ließ er von ihr.

Sie blieb stehen, ihr Auge nicht von der Stelle wendend, wo sie ihn zuletzt gesehen. Aber er kam nicht wieder. Eine Viertelstunde verging, sie rührte sich nicht. Dann kauerte sie sich nieder, und da sie trotz der warmen Nachtluft zu frieren begann, löste sie ihr Haar und hüllte sich darin ein.

Welche Schmach! war alles, was sie zu denken vermochte.

Sie hörte unten den Fluß rauschen und lauschte darauf. Warum hatte sie sich nicht über die Brüstung geschwungen? Gern hätte sie es noch jetzt getan; aber sie konnte sich nicht regen. Es war ihr, als müßte sie einen Gedanken fassen, der ihr so lange fern gelegen, einen Entschluß ausführen, auf den sie nicht vorbereitet war. Was mochte es sein?

Sie mußte sich aus der Erniedrigung erheben, sie mußte sich reinigen oder ihr Leben beenden. Aber wie sich erheben, wodurch sich reinigen?

Durch wahre Liebe! Sie mußte wahrhaft geliebt werden. Sie kannte manche, denen sie Leidenschaft einflößte; aber das war es ja eben, was ihr diese Männer abscheulich machte, was sie erniedrigte. Sie mußte wahrhaft geliebt werden! Wer aber liebte sie wahrhaft? Sie dachte nach und fand keinen. Ach, Sascha – –

War sie von Sinnen, daß sie an diesen denken konnte, gerade an diesen?! Sie strengte sich an, es nicht zu tun, aber es gelang ihr nicht, ihre Gedanken von ihm zu wenden. Sie bemühte sich, ihn lächerlich zu finden, grob und plebejisch. Aber unablässig verfolgten sie sein frischer, roter Mund, seine traurigen Kinderaugen, Und diese Augen leuchteten auf in dem heiligen Feuer seiner Liebe zu ihr! Dieser Mund stammelte wirre Worte: sein Entzücken für sie! Ohne Abscheu zu empfinden, konnte sie denken, daß sie von diesen Lippen geküßt wurde wie ein Heiligenbild von einem Gläubigen, einem Verzückten.

Wie, wenn sie sich von ihrer Schmach befreite, dadurch, daß sie die Liebe, die Verehrung, die Anbetung dieses Guten und Reinen gestattete?

Wenn sie es recht bedachte, so mußte sie sich gestehen, daß sie noch keinen beglückt hatte, keinen Menschen wirklich beglückt, auch nicht für eine Stunde! Sie hatte Wohltaten gespendet und es war ihr gedankt worden; aber Glück bereitet hatte sie niemals. Hier konnte sie es, hier war ihr Gelegenheit gegeben, mit vollen Händen auszustreuen, zu verschwenden: Glück, Glückseligkeit!

Der neue Tag, der über Rußland aufging, beseelte die Menschen mit neuen Gefühlen, der Mann aus dem Volke stand gleichberechtigt neben der Frau aus der Gesellschaft, die sich nicht länger zu ihm herabwürdigte, sondern ihn und mit ihm sich selbst erhob durch die hohe Empfindung, die sie einflößte und der sie sich hingab.

Welch eine Phantasie!

Eine neue Welt, darin Volk und Gesellschaft sich geschwisterlich verschmolzen; als erstes Menschenpaar der Mann aus dem Volke und die Frau aus der Gesellschaft: der Bauernstudent Sascha und die Prinzessin Anna Pawlowna – – –

Es würde ein Opfer ihres ganzen Selbst sein, aber ihr Entschluß war gefaßt.

Der Himmel lichtete sich, der Morgen dämmerte. Sie stand auf, warf ihre Haare zurück und hob das Gesicht dem anbrechenden Tage entgegen. Ihr war, als hätte allein schon ihr Vorsatz sie gereinigt von der Schande dieser Nacht.

Neubelebt schritt sie ihrem Schlafzimmer zu.

Vierunddreißigstes Kapitel.

Am nächsten Tag brachte Wladimir Wera zur Prinzessin. Er hatte ihr strenge Instruktionen erteilt und war ihres Gehorsams gewiß. Denn mehr und mehr begriff die Nihilistin, daß sie der Sache am meisten durch ihre blinde Unterwerfung dienen könnte, daß diese Unterwerfung alles sei, was man von ihr erwarte, alles, was sie zu tun vermochte. Sie bemühte sich, ihr rebellisches Gewissen durch allerlei Vorspiegelungen einzuschläfern, sich vorzureden, daß sie ein störrisches Gemüt hätte, und daß es lediglich an ihrer Unwissenheit läge, wenn sie nicht voller Glauben und Überzeugung war.

Auch wurde ihre Seele von ganz anderen Stürmen durchtobt, mehr und mehr bemächtigte sich ihrer Phantasie die Vorstellung eines geretteten Boris Alexeiwitsch. Mit Schaudern hatte sie seine Beichte angehört. Sie war zu rein, um sich von dem Leben und den Lastern eines solchen Mannes eine Vorstellung machen zu können. Aber mit der Intuition der Frau erkannte sie bei seinen leidenschaftlichen Ergüssen, daß es Verhältnisse gäbe, von deren Dasein sie keine Ahnung hatte. Ihre Instinkte warnten sie vor dem Wüstling, aber sie fühlte sich trotzdem von dem Wunsche durchdrungen, diesen Mann dem Volke zuzuführen. Mit seiner glühendsten Beredsamkeit hatte er ihr versichert, daß er sich schuldig fühlte, daß er seine Rettung nur in ihr sähe. Und sie glaubte ihm; weshalb hätte er sie täuschen sollen? Mit der Heftigkeit einer religiösen Schwärmerin ergriff sie die Aufgabe, an dieser verlorenen Seele ein Wunder zu tun.

In solchem Zustande überlieferte sie sich vollständig dem Willen Wladimirs, dessen Anschauungen über die Frauen dabei einen Triumph feierten. Von dem Augenblick an, da Wera ihm mit Boris Alexeiwitsch entgegengetreten, glaubte er sein Spiel gewonnen. Die verführte Wera würde ein ganz anderes Werkzeug abgeben, als diese unbefleckte Reinheit. Um die Menschen nach Gutdünken verwenden zu können, mußte man mit ihren Leidenschaften rechnen. Dasselbe Exempel mit demselben günstigen Ergebnis hoffte Wladimir mit Anna Pawlowna und Sascha aufzustellen, ahnungslos, wie Zufall und Verhältnisse seine Plane begünstigten.

Die Prinzessin empfing Wera sehr freundlich, ließ ihr ein Zimmer in der Nähe ihres Schlafgemachs anweisen und gab ihr, um einem etwaigen Verdacht der Polizei und Dienerschaft vorzubeugen, eine bestimmte Beschäftigung in ihrem Haushalte. Ihre nihilistischen Sympathien noch stärker zu beweisen, organisierte sie in Veras Zimmer eine wöchentliche Zusammenkunft des Komitees, der auch Natalia Arkadiewna, Boris Alexeiwitsch und Sascha beiwohnen sollten.

Wera suchte sogleich Natalia Arkadiewna auf, die wieder sehr leidend war, aber nichts von Ruhe wissen wollte.

»Dafür werde ich später Zeit genug haben; plagt mich nicht mit eurer Sorgfalt, Das Volk kommt durch Elend und Krankheit scharenweise um, ohne daß man sich darum kümmert. Ich will keinen Arzt haben. Gerade jetzt bin ich so glücklich, denn endlich, endlich soll es zu großen Ereignissen kommen. Wenn ich sie nur erlebe! Und dann noch eins: ich möchte dich so gern für die Sache erziehen. Du hast die besten Anlagen, aber du bist noch nicht entwickelt. Also zum Auskundschaftsdienst hat Wladimir dich bestimmt? Ich hätte ihm nicht zugetraut, daß er deine innerste Natur so verkennen könnte. Doch wer weiß, vielleicht ist es eine gute Schule für dich, übrigens finde ich dich verändert; ist dir etwas geschehen?«

Wera begegnete dem forschenden Blick, der auf sie fiel, ruhig und offen.

»Boris Alexeiwitsch ist zu mir gekommen.«

»Schon?«

»Gestern.«

»Ich erwartete es; nur nicht so bald.«

»Du verkennst ihn.«

»Wäre das bei Boris Alexeiwitsch möglich? Aber ich sage dir, du steckst noch voller Einbildungen, du wirst noch vieles lernen müssen. Das kannst du allerdings nicht bald genug. Was wollte er von dir?«

»Ich sollte ihm helfen.«

»Du – ihm? Worin sollst du ihm helfen?«

»Daß er aus vollem Herzen einer der Unseren würde. Er hat so gute Absichten.«

»Du hast ihm natürlich alles zugesagt?«

»Konnte ich anders? Bedenke doch!«

»Er fängt es fein an. Sei versichert, er kennt dich, er weiß, wo du zu fassen bist.«

»Du zürnst mir?«

»Ich bedaure dich.«

»Warum?«

»Er wird seine Absicht nicht erreichen, aber du wirst dabei zugrunde gehen. Es ist schade um dich; doch ist dir nicht zu helfen. Würdest du mir wenigstens folgen und nach Dawidkowo gehen.«

»Um unter den Leuten von Grischa Michailitsch Agitation gegen ihren Herrn zu machen!«

»Um die Agitation zu verhindern. Wenn er seinen Bauern nicht mehr Land gibt – – «

»Das wird er nicht. Er mußte es mir versprechen, es nicht zu tun.«

»Dann hat er dir sein Unglück versprochen. Die Revolution unter seinen Bauern ist nicht mehr aufzuhalten.«

»Die Undankbaren! Er ist so gütig gegen sie.«

»Güte ist gewöhnlich Schwäche. Da du so viel über ihn vermagst, solltest du ihn veranlassen, sein Versprechen zurückzunehmen.«

»Nimmermehr.«

»Wie du willst. Schließlich, was kommt auf den einen an? Er wird ein Beispiel abgeben und dadurch auf andere wirken.«

»Was glaubst du, daß ihm geschehen könnte?«

Aber Natalia Arkadiewna antwortete nicht.

Es ist ganz gut so, dachte sie. Wir müssen Exempel statuieren. Wenn Grischa von seinen Bauern erschlagen werden sollte, würde das ein solches Entsetzen verbreiten, daß Hunderte von Landwirten ihren Leuten freiwillig ihr Land abtreten. Wie gut, daß ich Wera mitnahm. Diesen Grischa wird sie lieben, aber der andere wird sein Spiel mit ihr treiben. Auch das kann uns nützlich sein. Doch daraus Nutzen zu ziehen ist Wladimirs Sache.

»Hast du schon gehört, daß mein Vater nach Moskau kommt?«

»Der geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow?«

»Er hat den Auftrag, die nihilistischen Verbindungen aufzuspüren.«

»Wirst du ihn sehen?«

»Ich werde zu ihm gehen und ihn warnen.«

»Vor wem?«

»Vor den Nihilisten.«

»Sie werden gegen deinen Vater nichts im Schilde führen.«

»Wie unverständig du sprichst. Sie müssen das! Der Staatsrat Niklalow ist ihr Feind. Nenn er uns entdecken und angeben will, mag er mit seiner Tochter den Anfang machen. Er liebt mich übrigens sehr.«

»Ach, wie schrecklich.«

»Ich kann ihm nicht helfen.«

»Was können die Unsern ihm antun?«

»Ihn zum Tode verurteilen, wenn er – – «

»Nun, wenn er?«

»Seine Pflicht tut und etwas Verdächtiges findet. Es muß aber um jeden Preis verhindert werden, daß er eine Entdeckung macht, da sonst die Reise des Zaren hierher unterbliebe, ein Umstand, der alle unsere Pläne zerstören würde. Ich muß also irgend etwas aussinnen, das ihn verhindert, in Moskau Entdeckungen zu machen, was bei dem Charakter meines Vaters sehr schwer sein wird; denn er ist ebenso klug und furchtlos, wie umsichtig und pflichttreu.«

»Wie willst du das also anfangen?«

»Ich werde gewiß etwas finden. Kann ich dabei auf deine Hilfe rechnen?«

»Ja.«

»Ich danke dir. Jetzt lasse mich allein.«

Es wird doch schwer fallen, dachte sie, als Wera gegangen war. Er ist ein eiserner Charakter. Aber es muß versucht werden. Ihm zu schreiben, daß er getötet wird, sobald er etwas gefunden, nützt nichts. Das einzige ist, mich so stark zu kompromittieren, daß eine Anzeige seinerseits meine Transportation nach Sibirien zur Folge hätte, oder noch Schlimmeres. Er muß für mich zittern, so zittern, daß er seine Pflicht verletzt. Denn er liebt mich noch immer. Ich glaube, da kommt Wladimir Wassilitsch.

Sie erblaßte und schloß die Augen; kaum, daß sie sich aufrecht halten konnte. Aber sie faßte sich schnell, und als Wladimir Wassilitsch die Tür öffnete, trat sie ihm in ihrer gewöhnlichen gelassenen Weise entgegen: »Gut, daß Sie kommen; ich habe allerlei mit Ihnen zu besprechen. Wie geht es Ihrer Frau?«

Sie legte auf das letzte Wort einen besonderen Nachdruck. Wladimir Wassilitsch merkte die Absicht, ohne ihr besonders dankbar dafür zu sein.

»Tania Nikolajewna ist wohl. Übrigens wird auch sie ihre Tätigkeit angewiesen erhalten.«

»Wozu wollen Sie Tania Nikolajewna verwenden? Dieses holde, zarte Wesen! Wie können Sie das über Ihr Herz bringen? Auch würden Sie es sicher bereuen. Nein, nein, sie muß damit verschont bleiben.«

Ei, sieh doch! dachte Wladimir, Daß ich Tania liebe, erträgt sie; aber ich soll sie nur zum Tändeln und Kosen haben. Meine Taten mit mir zu teilen, gönnt sie ihr nicht. Sie möchte sie allein begehen mit mir. Was für Frauen es gibt!

Dann sagte er: »Tania Nikolajewna darf nicht untätig bleiben; sie will es auch nicht. Jeder, der zu uns gehört, muß seiner Fähigkeit und seinem Können gemäß von uns verwendet werden. Nun wird Tania Nikolajewna allerdings nicht viel leisten können; aber mit dem, was sie zu tun vermag, muß gerechnet werden. Sie wird übrigens ihre Pflicht erfüllen.«

»Darf ich fragen, was Sie Ihrer Frau auftragen werden?«

»Ich habe allerlei Pläne. Hörten Sie sie einmal singen?«

»Nein.«

»Das ist schade. Sie soll Ihnen vorsingen; Sie verstehen etwas davon. Tania Nikolajewna hat eine überaus liebliche Stimme; russische Volkslieder singt sie, daß man dabei weinen möchte. Ich bin überzeugt, sie kann mit ihrem Gesange einen jeden bezaubern. Vielleicht läßt sich dieses Talent ausnützen. Ich kann es ihr nicht ersparen, ihre Fähigkeiten und Kräfte für die Sache zu verwerten.«

Und auch mir kann ich es nicht ersparen, hätte Wladimir hinzusetzen können. Denn sein Vorsatz kostete ihn große Überwindung. Von Tag zu Tag gewann das süße Glück, das er in der Liebe der holden Tania fand, mehr Gewalt über ihn. Vergebens war er bemüht, sich gegen den starken Einfluß zu wehren, sich dem Liebesbann, der auf ihm lag, zu entziehen. Er ertappte sich immer wieder auf Gedanken, die nicht bei der »Sache«, sondern bei Tania waren, auf Vorstellungen, in denen er sich mit ganz anderen Dingen als mit Terrorismus und Agitation beschäftigte. Er hatte Augenblicke der Schwäche, der Sehnsucht, der Leidenschaft. Dann überhäufte er sich selbst mit Vorwürfen und faßte die besten Vorsätze, jede Regung, die nicht der Sache gehörte, in sich zu ersticken. Wenn Tania sich direkt an der Agitation beteiligte, würde das, so hoffte er, ihn von ihr abziehen; außerdem war sie, als sein Weib, es der Sache schuldig.

Natalia Arkadiewna wagte nicht, das begonnene Gespräch fortzusetzen. Zum erstenmal flößte der Mann, den sie heimlich anbetete, ihr ein Gefühl ein, darein sich bei aller Bewunderung etwas wie Schrecken mischte, Schrecken vor der allerletzten Konsequenz, die aus dem anarchistischen Prinzip sich entwickelte: du sollst nichts für dich selbst besitzen, auch nicht dein Weib!

Wladimir Wassilitsch war ein Fanatiker seines Prinzips, der auch vor der allerletzten Folgerung nicht zurückschrecken würde. Und Rußland wimmelte von solchen Geistern.


Erstes Kapitel.

Mehr und mehr arbeitete sich Anna Pawlowna in einen Gemütszustand hinein, der ihr allmählich gefährlich zu werden drohte. Sie durchwühlte ihr Inneres nach Empfindungen, die sie in dem Glauben bestärken sollten, daß sie im Grunde ihres Herzens eine Nihilistin sei. Sie analysierte ihre Gefühle, um den Nerv zu entdecken, der sie mit dem Volke verband. Unbefriedigt vom Leben, in ihrer Frauenehre tödlich beleidigt, suchte sie fieberhaft nach einer Erhebung ihrer ganzen Existenz und glaubte dieselbe mehr und mehr in der Hingebung an eine Sache zu finden, die sich durchaus als das Gegenteil dessen dartat, was ihre gewohnte Umgebung ausmachte. Sie erhitzte ihre Phantasie, denn nur so konnte es kommen, daß sie die Gestalt des Mannes aus dem Volke, durch dessen Liebe sie sich von der erlittenen Schmach reinigen wollte, in einem künstlichen Dämmerlichte, in einer Beleuchtung sah, die sie von Sascha nur das erkennen ließ, was sie selbst von ihm erkennen wollte.

Während sie solchermaßen sich von ihrem ganzen Leben loslöste und sich innerlich für ein vollständig anderes Dasein vorbereitete, fand sie Haltung genug, dem Prinzen in gewohnter Weise gegenüberzutreten. Allerdings sah sie ihn nur bei den Mahlzeiten, zu denen stets Gäste geladen waren. Der Prinz war eifrig mit den Vorbereitungen des Kaiserfestes in seinem Hause beschäftigt, wobei Anna Pawlowna ihm nicht nur keinen stillen Widerstand entgegensetzte, sondern ihm sogar entgegenkam. Übrigens konnte der Termin für die Reise des Zaren nicht bestimmt werden, ehe nicht von allen Seiten Vorsichtsmaßregeln getroffen waren. Man sprach davon, daß über diesen Vorbereitungen der Sommer vergehen konnte. Dem Verlangen des Prinzen jedoch, Natalia Arkadiewna aus dem Hause zu entfernen, widerstrebte Anna Pawlowna auf das entschiedenste. Solange der Prinz in Moskau blieb, mußte die Kammerfrau bei der Prinzessin schlafen, eine Einrichtung, über welche im Palais viel geflüstert wurde.

Ein einziges Mal, kurz vor der Abreise des Prinzen, sprachen die beiden Gatten allein; nur wenige Worte.

»Sie lieben, Madame?«

»Ja.«

»Ihren Vetter, Boris Alexeiwitsch.«

Anna Pawlowna zuckte verächtlich die Achseln.

»Also dann einen andern.«

»Suchen Sie!«

»Das werde ich, und ich werde ihn finden und töten.«

»Oder er Sie.«

Sie wandte ihm den Rücken und ging langsam Zum Zimmer hinaus. Denselben Abend reiste der Prinz fort.

Eine große Erregung bemächtigte sich Anna Pawlownas. Sie blieb mehrere Tage auf ihrem Zimmer und empfing nur Wera, in deren Gegenwart sie ruhiger ward, deren unerschütterliche Entschlossenheit einen starken Eindruck auf sie machte und sie dem Nihilismus näher brachte, als alle ihre Sophistik das vermochte. Die Prinzessin verstand es, das Gespräch jedesmal auf Sascha zu bringen und erfuhr auf diese Weise alles, was sie zu erfahren wünschte. Begierig hörte sie auf Weras enthusiastische Schilderungen. Etwas wie Neid erwachte in ihr, Neid, daß sie bis dahin von einem so reinen Dasein nichts gewußt, nichts mit einem solchen gemein hatte. Unwillkürlich zog sie Vergleiche, durch deren Ergebnis sie sich tief gedemütigt fühlte, denn gerade der Vergleich zeigte ihr die Unsittlichkeit, ja Verworfenheit mancher Zustände, die sie bis dahin gedankenlos, als hergebracht, hingenommen hatte. So kam sie schließlich allen Ernstes dahin, Heil und Rettung für sich und für die Gesellschaft einzig in einer Vereinigung mit dem Volke, in einer Läuterung durch das Volk zu sehen.

Endlich raffte sie sich gewaltsam zu einem Entschlusse auf, durch dessen Ausführung sie die Brücke hinter sich abzubrechen gedachte: sie ließ Sascha sagen, daß sie sich nach ihrem Landhaus in Kunzewo begebe und ihn dort zu sprechen wünsche. Noch in derselben Stunde verließ sie die Stadt, nur von einem Diener und ihrer vertrauten Kammerfrau begleitet.

Kunzewo lag nur neun Werst von Moskau entfernt und war mit der Bahn bequem zu erreichen. Viele vornehme Familien besaßen dort Landhäuser, zierliche Gebäude aus Holzwerk mit schönen Parks. Gärtner und Hausmeister erschraken, als sie die Barina so unerwartet ankommen sahen. Nichts war vorbereitet, doch gab es im Garten eine Fülle von Blumen und das Wetter war köstlich, hell und warm, der Himmel von kleinen weißen Wölkchen bezogen, die von Düften durchströmte Luft berauschend, daß sie zu Kopf stieg wie junger Wein, die Seele mit heißer, süßer Sehnsucht füllend.

Während das Haus geöffnet und in aller Eile für einen mehrtägigen Aufenthalt der Herrin hergerichtet wurde, ging Anna Pawlowna in den Garten. Sie entsann sich des ersten Frühjahrs, das sie in Kunzewo zugebracht hatte. Gleich nach der Trauung war sie mit ihrem Manne angekommen und hatte hier ihre Flitterwochen verlebt. Die Erinnerung an diese Zeit überkam sie, daß sie stehenblieb und beide Hände vor das Gesicht schlug. Übrigens mußte sie sich gestehen, daß ihre Ehe nur durch einen Zufall vor der gewöhnlichen Entwicklung solcher Verbindungen bewahrt geblieben: sie war stolzer als andere Frauen, vielleicht auch kälter. Die Leidenschaft, der sie sich jetzt mit kühler Reflexion hingeben wollte, war etwas so ganz anderes, als alle anderen derartigen Verhältnisse, daß sie ohne Scham daran denken konnte. Andere Frauen wollten glücklich sein – sie wollte beglücken! Immer von neuem legte sie sich ihre Beweggründe zurecht, immer von neuem kam sie zu der Überzeugung, daß ihre Handlungsweise das einzige Mittel sei, ihrem Leben noch einigen Wert zu verleihen.

Wenn er kam – was sollte sie ihm sagen?

Nichts; er liebte sie ja.

Aber er schaute zu ihr auf wie zu einer Gottheit. So würde die Gottheit sich zu ihm herabneigen müssen.

Sie stellte sich dabei sein Gesicht vor, ein so strahlendes, von Glück verklärtes Menschenantlitz!

Anna Pawlowna schloß die Augen und stand so lange Zeit, das Haupt der Sonne zugewendet. In tiefen Zügen atmete sie die Frühlingsluft ein; eine nie gekannte Empfindung von Ruhe und Sicherheit überkam sie. Dabei fühlte sie mit einer Art von seligem Schreck, wie jung sie noch immer war und wie das Leben noch vor ihr lag. Sie brauchte es nur zu erfassen.

Als sie die Augen wieder öffnete, erschien ihr alles schöner, reicher, strahlender. Mit Entzücken sah sie, wie die Sonne die jungen Blättchen durchleuchtete, daß sie gleich Smaragden an den Bäumen glänzten; wie am Himmel das goldige Gewölk zerflatterte; wie die Schwalben hin und her schossen, bald mit der weißen Brust die Erde streifend, bald hoch durch die Lüfte fahrend; wie an den bunten Blumen gelbe und weiße Schmetterlinge hingen, Bienen und Käfer alles Blühende umsummten.

Dann pflückte sie Narzissen und violette Krokus und steckte sie sich an die Brust und ins Haar.

Nun ging sie ins Haus.

Zweites Kapitel

Die Kammerfrau wollte die Vorhänge zuziehen und Licht anstecken; aber die Prinzessin befahl, beides zu unterlassen. Um zehn Uhr kam der letzte Zug von Moskau, mit diesem würde der Erwartete bestimmt eintreffen. Sie konnte seine Ankunft auf die Minute voraus berechnen.

Der Himmel hatte sich bezogen, ein feiner, warmer Regen stäubte herab. Anna Pawlowna warf einen Schleier über den Kopf und begab sich wieder ins Freie, um Sascha entgegenzugehen. Sie war ganz ruhig, und ihr Herz schlug nicht stärker als sonst. Diese Wahrnehmung erstaunte sie selbst.

Sollte ich bereits mit allen Empfindungen fertig sein, ehe ich überhaupt nur empfunden? fragte sie sich selbst und fühlte eine Art von Enttäuschung darüber, daß sie nicht heftiger bewegt war.

Es war ein Frühlingsabend, wie man ihn nur in Rußland erleben kann. Selbst dem Boden schien Duft zu entströmen; in dem matten Dämmerlicht behielt alles seine Farbe, nur gedämpfter, tiefer schattiert. Zwischen den Rabatten und Beeten schlängelten sich die mit Kies bedeckten Wege wie silberhelle Bäche dahin, bis sie in den Finsternissen des Parkes verrannen. Vom Regen beschwert, beugten die Blumen ihre Kelche nieder, und wenn ein Luftzug durch die Bäume strich, sprühte es, leise rauschend, herab.

Jetzt mußte er kommen.

Denselben Augenblick sah sie ihn. Um den Umweg, den die Straße machte, abzuschneiden, kreuzte er eine Wiese. Er lief fast.

Er wird ganz naß werden. Wie unverständig!

Mitten im Wege blieb sie stehen, ihr Gesicht ihm zugewandt. Er war noch zu entfernt, um sie erkennen zu können; wie hätte er sie auch dort vermuten sollen! Während Anna Pawlowna ihn erwartete, beobachtete sie sich.

Sie blieb ruhig.

Jetzt öffnete er die Gartentür – das Schloß wollte gar nicht aufgehen! Unter seinen schweren, hastigen Schritten knirschte der Kies. Nun erkannte er sie. Er schien betroffen, er kam zögernd näher; gewiß machte er ein äußerst erstauntes Gesicht.

Der Gedanke daran war ihr in einer Weise unangenehm, daß sie sich abwandte, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Und plötzlich begann ihr Herz zu schlagen, daß es sie wie ein heftiger Stich durchfuhr, plötzlich überkam sie eine Unruhe, eine Angst. Da war er schon neben ihr.

»Ich erhielt Ihre Nachricht so spät, ich hatte so viel zu tun. Glücklicherweise kam ich noch zur rechten Zeit zur Bahn. Wie gütig von Ihnen, mir zu schreiben. Es ist hoffentlich nichts vorgefallen, Sie sind wohl?«

»Ich wollte Sie sehen, ich habe mit Ihnen zu reden.«

»Es ist hoffentlich nichts vorgefallen?« wiederholte er angstvoll. Er sah sie an und erkannte, daß ihre Wangen gerötet waren. Sie hat geweint, dachte er und erschrak, daß es ihm den Atem versetzte.

»Es ist vieles vorgefallen,« erwiderte Anna Pawlowna mit fester, lauter Stimme, auf ihre eigenen Worte lauschend. »Ich habe erkannt, wie die Menschen sind und wie Sie sind. Ich bin von Ekel ergriffen worden. Ich würde am liebsten aufhören zu leben, so fühle ich mich von allem angewidert, so – –«

Aber er unterbrach sie.

»Sie sind unglücklich! Sie möchten sterben! So jung, so gut, so schön! Das ist nicht möglich.«

Er stand vor ihr, sie voller Entsetzen anblickend, bebend, totenblaß.

»Das ist nicht möglich, nicht möglich!« murmelte er in einem fort, mit zitternden Händen seinen Rock auf- und zuknöpfend. »Wie kann so etwas möglich sein? So jung, so gut, so schön!«

Große Tränen traten ihm in die Augen und rannen langsam seine Wangen herab. Er achtete erst darauf, als Anna Pawlowna in einem ganz eigentümlichen Ton ihn fragte: »Sie weinen? Weinen Sie um mich?«

Hastig wandte Sascha sich ab, etwas Unverständliches stammelnd. Er mußte an Marja Carlowna denken, die auch so schön und so unglücklich war, um die er auch geweint hatte. Freilich, jene war schlecht! schlecht! schlecht! Und er schämte sich seiner um sie vergossenen Tränen. Denn wenn er schon um Marja Carlownas Schicksal geweint hatte, was sollte er dann tun, wenn Anna Pawlowna so vor ihm stand, mit einem solchen Gesicht! Wenn Anna Pawlowna zu ihm sprach, mit einer solchen Stimme: »Ich bin unglücklich und ich möchte am liebsten aufhören zu leben.«

Er stöhnte laut auf.

»Sie weinen um mich,« wiederholte die stolze Frau leise. Und noch leiser setzte sie hinzu: »Sie, der Sie mich retten können.«

»Ich?«

Es klang wie ein Schrei.

»Begreifen Sie denn nicht, sehen Sie denn nicht – –«

Aber er begriff nichts, er ward von Schwindel erfaßt. Er sah nichts; wie dichter Nebel legte es sich vor seine Augen. Durch alle seine Sinne klang und tönte es: sie möchte sterben und ich kann sie retten. Ich, ich!

»Kommen Sie ins Haus,« hörte er sie endlich sagen, wiederum mit jenem Ton in der Stimme, der ihn erbeben machte bis in sein tiefstes Herz hinein. Gleich einem Berauschten ging er neben ihr dem Hause zu. Es war ihm, als sproßten vor ihr am Wege Blumen auf, als bedeckte sich die ganze Erde mit Blüten. Waren plötzlich am Himmel Sonnen aufgewirbelt oder sonst Wunder geschehen, es hätte ihn nicht in Erstaunen versetzt; denn: diese Stimme, dieser Ton! Und daß er sie sollte retten können – –

Auch Anna Pawlowna fühlte, daß sich etwas Großes in ihrer Seele vollzog.

Sollte ich ihn wirklich lieben können? dachte sie und erschrak beinah über das, was sie bei dieser Vorstellung empfand. Ich würde ihn überreich machen, ich würde an ihn verschwenden, ich würde – – Aber das ist ja Tollheit! Tollheit! Mein Gott, wenn es doch möglich sein könnte, wenn ich doch noch glücklich würde; für eine Stunde, einen Augenblick, einen Atemzug glücklich – –

Und sie hätte in dieser Stunde für einen solchen Augenblick ihr Leben gegeben.

Drittes Kapitel

Die Kammerfrau trat in das Speisezimmer und die Prinzessin fuhr aus ihrer Vision auf.

»Laß uns allein!« rief sie der Vertrauten zu.

Die Lampe war angezündet worden, sie nahmen an dem Teetisch Platz; Anna Pawlowna schenkte ihm ein und legte ihm vor, was ihn so aufregte, daß er keinen Bissen zu essen vermochte. Während er trank, saß sie ihm gegenüber und sah ihn unverwandt an. Sie empfand, wie jede Minute sie der Erfüllung ihres Geschickes näher brachte.

Welche Komödie das Leben ist, dachte sie. Es macht müde und das Herz bleibt leer. Ich muß diese Leere ausfüllen, der leeren Brust ein Herz geben, eines anderen Herz! Wie – das Herz eines Bauern? Und das sollte keine Posse sein?! Dem Vater ließ ich die Knute geben und den Sohn möchte ich küssen. Ich bin toll! Aber das Herz ist mir wie gestorben und will doch auch einmal leben. Man ist doch schließlich auch ein Geschöpf! Aus diesem Nichts in jenes Nichts überzugehen, ohne jemals etwas empfunden zu haben, es wäre zu sinnlos.

Als er endlich mit seiner Tasse fertig war, nahm sie das Gespräch wieder auf: »Ich muß es Ihnen noch einmal sagen: Sie sind viel zu vertrauensvoll, viel zu kindlich dem Leben gegenüber. Das ist sehr hübsch, aber sehr unpraktisch. In der Welt muß man weltklug sein. Ich hatte keine Ahnung, daß es einen Mann gäbe wie Sie. Mir sind Sie übrigens am liebsten so wie Sie sind, aber ich bin nicht die Welt. Das Leben kann sehr schmutzig sein und Sie sind so rein, so unberührt.«

Was für eine Frau! dachte Sascha; was für eine Frau! Sie ist unglücklich, sie möchte aufhören zu leben und sie denkt an mich! Wie ist das nur möglich? Wer bin ich, daß sie an mich denkt? Ein Mensch, nicht wert, ihre Füßchen zu küssen! Und sie ist unglücklich, sie so schön, so gut, so mächtig – –

Darüber kam er nicht heraus, Anna Pawlowna fuhr fort: »Wer mit Ihnen lebt, muß ein besserer Mensch werden. Ich kann begreifen, daß Wladimir Wassilitsch glaubt, Sie vor mir warnen zu müssen.«

»Warum?« stammelte Sascha, heftig atmend. »Mich vor Ihnen warnen – –«

»Nun ja. Als ob Wladimir Wassilitsch nicht versucht hätte, Ihnen Argwohn gegen mich einzuflößen. Was hat er Ihnen von mir gesagt? Daß ich nur Ihretwegen zu den Euren gehöre, daß ich mit Ihnen spiele, daß ich Sie einschläfern, Sie unglücklich machen würde?«

»Das alles hat er mir gesagt,« bekannte Sascha voller Verzweiflung. Er fühlte, daß er den Mann, der ihm das alles von Anna Pawlowna gesagt, der ihn vor Anna Pawlowna gewarnt hatte, haßte, daß er diesen Mann töten könnte, und wenn er sein bester Freund, sein Bruder wäre.

»Wie? Und Sie lassen sich trotzdem – –«

Sie verstummte und sah ihn an, mit einem Blicke, der ihn wie eine Flamme traf. Als handelte es sich um Tod und Leben, begann Sascha zu reden: »Sie wissen, was für ein Fanatiker Wladimir Wassilitsch ist, und Sie wissen, wie ich an Sie glaube. Es ist ein schrecklicher Irrtum Wladimirs, Ihnen zu mißtrauen, ein großes Unrecht! Welch andere Absichten als die besten, als die allerbesten könnten Sie haben? Bedenken Sie doch die Gefahren, denen Sie sich unsertwegen aussetzen! Und wir würden Sie nicht einmal beschützen können. Natürlich würde ich es versuchen, aber was könnte ich helfen? Sie tun so viel für uns, Sie opfern so viel, Sie würden gern noch mehr für uns tun. Es kann aber natürlich alles nur langsam geschehen und die Unseren sind so unvernünftig. Das hat gar nicht meine Billigung, ich bin sehr traurig darüber. Es ist nicht das Rechte, es hilft dem Volke nichts, das Volk wird dadurch nur noch unglücklicher werden. Es ist alles sehr schlimm. Sie sind so klug, Sie sollten – – Ach, ich kann mich so schlecht ausdrücken, ich bin so unbeholfen. Sie haben ganz recht: ich bin unmännlich. Ich weiß so wenig, ich habe gar keine Kenntnisse. Alles verwirrt mich. Ich habe die besten Absichten, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie mich nicht verachten. Sie verachten ja auch das Volk nicht; ach nein, gar nicht! Ich weiß, daß Sie das Volk sogar lieben.«

»Ich liebe Sie!«

Sie sagte es laut und fest, ohne sich zu rühren.

Sascha fuhr in die Höhe, wollte auf sie zu, taumelte, blieb stehen, starrte sie an, murmelte: »Ach, Anna Pawlowna, was haben Sie gesagt?«

»Die Wahrheit!«

Das Zimmer kreiste um Sascha. Er zitterte und hielt sich am Stuhle fest. Endlich brachte er mit Anstrengung hervor: »Nun ja, Sie sind sehr schon. – – Ich kann nichts denken! – – Sehr schön! – – Ich weiß, Sie lügen nicht. Das kann man gar nicht, wenn man so schön ist. Da muß man auch gut sein. Ich weiß nicht, was Sie sagten; aber das schadet nichts. Reden Sie nur weiter. Sie haben eine solche süße Stimme. – – Ach, Anna Pawlowna, ich bin ja aber eines Bauern Sohn!«

Anna Pawlowna erhob sich und ging auf ihn zu.

»Ich habe das nicht vergessen. Ich glaube, gerade deshalb muß ich Sie lieben. Sie kennen die Männer nicht, mit denen ich so lange leben mußte, an deren einen ich verkauft ward. Da ist alles so matt, so verbraucht, so entnervt. Zuletzt wird man ebenso. Es steckt an, man wird mit vergiftet. Fort mit ihnen! Wir wollen sie wegwerfen und über sie lachen. Ja und wir wollen sie verachten, denn sie verdienen nichts Besseres. Sie aber liebe ich!«

»Soll ich mich töten?« stammelte Sascha. »Sagen Sie es mir; es wäre vielleicht das beste. In meinem Kopf wirbelt es durcheinander. Mein Gott, ich werde doch nicht den Verstand verlieren?«

Feierlich sprach sie: »Sie sind eines Bauern Sohn – immer will ich daran denken! Meine Väter haben Ihre Väter mißhandelt, Sie sollen sie an mir rächen! Ihre Väter waren unsere Knechte, Sie sollen mein Herr sein! Ich habe viel zu sühnen. Aber Sie wissen nicht, wie eine Frau alles wieder gutzumachen vermag. Sie kennen nicht die heilende Macht einer Frau. Und kämen Sie zu mir mit zerrissenen Gliedern, meine liebkosende Hand würde Ihre Wunden heilen. Und wäre ich eine Bettlerin, ich würde Sie reich machen, Krösusschätze über Sie schütten. Was ich bin und habe, gehört Ihnen und den Ihren. Aber nicht ich bin es, welche gibt, sondern Sie. Sie geben mir, Sie! Ach Sascha, ich möchte diesen Glanz von mir werfen und ein Bauernweib werden. Befehlen Sie es mir! Es muß schön sein, sich von Ihnen befehlen zu lassen. Ich mochte vor sie alle hintreten und ihnen sagen: Das ist er, den ich liebe, den ich verehre, der mich zu sich erhebt, der mich gut und sich gleich macht, der mich zu einem Ebenbilde Gottes erschafft. Was für Gesichter sie machen würden, diese Puppen! Ach ich bin sinnlos!«

»Ich wußte nicht, daß es so etwas auf der Welt gibt,« rief Sascha außer sich. »Niemand hat mich bis jetzt geliebt. Und Sie – – Ich kann es nicht fassen! Sehen Sie doch nur, was für Hände ich habe. Und Sie – solche Händchen!«

Ei beugte sich herab und küßte leidenschaftlich die schlanken blassen Finger.

»Erschrecken Sie nicht, wenn ich wild bin. Es liegt wohl in meiner Natur. Aber so treten Sie mich doch mit Füßen! – – Ich will nichts denken, als das eine Wort, das Sie gesagt haben. Nein, sagen Sie es nicht wieder, ich muß Sie sonst – – Ach, Sie haben so weiße Zähne und so rote Lippen! Und was für Haar! So weich, so seidig, so duftig! Ich will es auflösen und Sie sollen mich damit in Banden schlagen, wie – – Ich habe den Namen vergessen.«

»Sie hieß Lillith. Aber sei still.«

Viertes Kapitel

Eine volle Woche blieb er bei ihr – –

Und das Götterbild neigte sich, neigte sich tief herab.

Der arme Sterbliche, um derentwillen es aus seiner olympischen Höhe niederstieg, wußte nicht, wie ihm geschah. Er stand da und sah es vor sich gehen, und seine arme Seele tat den ungeheuren Sturz mit; tief hinab in den Abgrund.

Denn das unsägliche Entzücken, das ihn beim ersten Neigen ihres stolzen Hauptes ergriffen, verwandelte sich in einen namenlosen Schmerz, da er sein Idol zu seinen Füßen sah.

Ihr Kuß brannte auf seinem Munde, und als ob sie ihm die Seele aus dem Leibe geküßt hätte, stand er vor ihr wie leblos.

Wieder mußte er Marja Carlownas gedenken, Marja Carlownas, die schlecht war und von der er sich abgewendet hatte. Am liebsten hätte er das auch jetzt getan. Am liebsten hätte er seine Wange an die Anna Pawlownas gelegt, daß ihre Tränen zusammengeflossen wären, hätte dann stumm Abschied genommen und wäre davongegangen, irgendwohin in die weite Welt, die nun für ihn nichts Hohes mehr besaß, denn sein Höchstes war ihm genommen: sein Glaube an die Heiligkeit der Frau.

Und Marja Carlowna hatte keinen Mann, dem sie Treue gelobt und den sie hinterging.

Die Frühlingsnacht erhellte mit mattem Schimmer das Zimmer, wo sich die beiden bleich und stumm gegenüberstanden, einander mit Entsetzen in die Augen blickend. Denn die Frau begriff, was in dem Manne vorging und daß sie in ihm eine Welt zerstört hatte, die keine Gottheit wieder aufbauen konnte.

Ihr Blick wurde starr und wild. Sie öffnete die Lippen, sie wollte etwas sagen, einen Schrei ausstoßen, aufstöhnen. Aber sie konnte keinen Laut hervorbringen. Sie wollte ihn fortstoßen, sie wollte fliehen, aber sie blieb stehen wie angefesselt. Hätte sie eine Waffe bei sich gehabt, so hätte sie sich vor seinen Augen getötet. Sie glaubte den Verstand verlieren zu müssen. Der Gedanke, daß er sie verachten könnte, brachte sie von Sinnen, denn sie liebte ihn!

Sie rief, schrie es ihm zu.

Sie war es sich klar bewußt. Während sie sich von ihm verworfen fühlte, erwachte in ihr eine Liebe, eine Leidenschaft, der sie weder Halt gebieten konnte, noch wollte.

»Aber ich liebe dich ja!«

Es war ein Zauberwort, das, von ihrem Mund gesprochen, jeden Widerstand lähmte, jede Kraft brach. Dann flüsterte sie: »Und sieh, ich war so unglücklich; ich lebte dahin, stumpf und dumpf. Alles in mir war tot. Habe Erbarmen mit mir! Ich fühle in mir eine solche Sehnsucht nach Glück. Du weißt nicht, was es heißt, sich mit tödlicher Sehnsucht hinschleppen zu müssen. Der Mensch verkommt dabei. Du bist rein und stark, du kannst nicht wissen, zu welchen Gedanken man gelangt, bei einem Leben, wie ich es führe. Alles in mir ist leer, öde, kalt. Ich friere, mein Herz friert.«

Sie schmiegte sich an ihn. Er fühlte, wie sie zitterte, wie sie erschauerte, und er umschlang sie. Plötzlich rief er, aufstöhnend: »Und Ihr – –«

Sie fiel ihm angstvoll ins Wort: »Still! Von ihm darfst du nicht reden; auch nicht an ihn denken. Er gehört zu jener Klasse von Männern, die wie Gift sind; jede Berührung mit ihnen verpestet. Auch mich hat er verdorben. Das ist nun vorbei. Ich habe dich, du wirst mich besser machen. Es ist so schön, daß ich dich liebe, gerade dich! Es liegt Versöhnung darin. Wir wollen uns dem Volke zuwenden. Mit vereinten Kräften wollen wir an seiner Befreiung arbeiten. Alles was ich besitze, gehört dir – gehört dem Volke, Du sollst glücklich werden.«

Sie drängte ihr Gesicht an seines und er küßte sie mit geschlossenen Augen. Dann entriß er sich ihren Armen.

»Ich muß fort.«

»Es geht heute kein Zug mehr.«

»Ich darf nicht länger bleiben.«

»Aber du liebst mich?«

»Ja! Ja! Ja!«

»Du bist glücklich?«

»Ja.«

»Morgen mußt du wiederkommen, du kommst doch?«

»Morgen – –«

»So geh!«

Er ging; aber sie rief ihn noch einmal zurück.

»Ich begleite dich durch den Park. Es wird uns niemand sehen; und wenn auch – –«

Sie ging ins Schlafzimmer, aus dem sie, einen schwarzen Schleier um den Kopf, gleich wieder heraustrat. Sie schien nicht mehr dieselbe Anna Pawlowna, die sie vordem gewesen. Selbst ihr Gang, ihre Bewegungen waren anders; freier und leichter. Anders war ihre Stimme; inniger und weicher, anders der Ausdruck ihres Gesichts; heiter und jugendlich, die Augen strahlend in einem sanften Glanz, die Lippen von Saschas Küssen gerötet.

Er sah nichts als ihre Schönheit. Auch für ihn war sie gänzlich verwandelt.

Sie hatte den Kelch mit dem Zaubertrank an seine Lippen gesetzt; nun er davon einen Tropfen genossen, würde er unersättlich sein. Sie mochte sich hüten! Auch er war ein anderer geworden.

Als ob sie das empfände, sagte sie: »Weißt du, daß ich mich vor dir fürchten könnte, du großes Kind! Wenn du mich ansiehst, wie eben jetzt, fürchte ich mich vor dir. Was hast du eigentlich für Augen? Sind sie grau oder blau? Laß mich sehen!«

Sie faßte seinen Kopf mit beiden Händen, bog ihn zu sich herab und sah ihm ernsthaft forschend in die Augen.

»Ich glaube, sie sind wie die meinen, und meine Augen sind grün,« entschied sie und lachte. »Unsere Augen passen zusammen, überhaupt gefällt mir dein Gesicht. Und am meisten gefällt mir, daß du nicht schön bist. Aber dein Mund ist schön. Deine Lippen könnten einem antiken Bacchus gehören. Jetzt gehören sie mir.«

Und sie küßte ihn.

Dann löschte sie das Licht und beide verließen das Haus leise und heimlich. Draußen hing sie sich an seinen Arm.

»Was meinst du, wenn wir beide fortgingen und gar nicht wiederkämen? Ich habe genug gelebt und wäre mit dem Ende meines Lebens zufrieden. Ist denn gar kein Fluß in der Nähe? Du dürftest mich freilich nur bis ans Ufer begleiten.«

Sie sagte das lächelnd, aber hätte er diesen Augenblick ihr in die Augen sehen können, er würde sich vor ihrem Lächeln entsetzt haben. Stumm ging er neben ihr.

Alles ringsum war still.

»So rede doch!« rief Anna Pawlowna plötzlich mit Heftigkeit. »Sage mir, woran du denkst, was du fühlst. Frage mich, ob ich nicht träume.«

»Was solltest du träumen?«

»Was?«

»Du liebst mich.«

»Nun ja, aber du dachtest doch Übles von mir; du verachtest mich doch; vorhin tatest du's. Lüge nicht!«

»Wir wollen nicht davon reden, es ist geschehen; ich habe jetzt keine Gedanken.«

»Du wirst dir Gedanken machen; vielleicht heute noch, morgen gewiß. Du wirst über alles nachdenken und mich dann von neuem verachten. Du wirst es! So seid ihr Männer. Nein, so bist du. Deswegen eben liebe ich dich.«

»Deswegen?«

»Begreifst du das nicht?«

»Nein. Was ist an mir Besonderes? Aber ich glaube dir; dir glaube ich alles. Mich verachte ich, mich muß ich verachten; aber dich – –« Und mit plötzlichem Schiecken: »Wenn du nun aufhörtest, mich zu lieben?«

»Darüber sei ohne Sorge. Du kennst mich noch nicht. Ich bin nicht wie andere Frauen. Warum siehst du mich so an?«

»Natürlich bist du nicht wie andere Frauen. Wer ist wohl so schön wie du? Und welche Frau, die so schön ist, wird einen Mann lieben wie mich? Ich bin ein Bauer gewesen, ich bin es noch. Freilich, deshalb liebst du mich ja, du liebst mich, weil du das Volk liebst, das ist es. Ich habe es ihnen immer gesagt, daß du das Volk liebst.«

»Wem hast du das von mir gesagt?«

»Wladimir Wassilitsch und den anderen. Du weißt, daß sie dir mißtrauen.«

»Ich weiß es. Was kümmert das uns, dich und mich?«

»Nichts. Sie werden dich noch kennen lernen.«

»Willst du es ihnen sagen? Meinetwegen darfst du es. Meinetwegen mögen sie wissen, daß ich deine Geliebte bin.«

»Keiner würde mir das glauben. Du darfst aber nicht so von dir sprechen.«

»Warum nicht? Ich bin, was ich mich nenne: deine Geliebte. Es ist keine Schande, oder hältst du es dafür? Ich bin stolz darauf. Sagtest du etwas?« Aber er hatte nichts gesagt.

Sie nahmen keinen Abschied und vermieden es, sich anzusehen.

Langsam kehrte Anna Pawlowna nach Hause zurück.

Nein, dachte sie, nein, ich bereue es nicht. Er ist gut, und ich mache ihn glücklich. Mein Dasein hat einigen Wert erhalten, ich werde ein neues Leben beginnen. Übrigens liebe ich ihn. Wer hätte das gedacht.

Sie blieb stehen und horchte auf seine Schritte. Er ging schnell davon; es klang beinahe, als entflöhe er.

Fünftes Kapitel

Die Fürstin Danilowsky klagte über Migräne. Worth hatte eine Toilette geschickt, auf die sie große Hoffnungen gesetzt und die auf dem gestrigen Rout bei Madame Lawrow nicht durchgeschlagen hatte. Ihr letzter Teeabend war schwach besucht gewesen, einige der jüngeren Damen hatten laut über die dunkle Beleuchtung geklagt, und weder Anna Pawlowna, noch Boris Alexeiwitsch waren gekommen.

Besonders erregte sie das Ausbleiben des letzteren, der sich überhaupt seit einiger Zeit von der Fürstin fernhielt. Die Leidenschaft der alternden Weltdame für den jungen Lebemann war in ein Stadium getreten, daß sie alle Herrschaft über sich verlor. Die Kaltherzigkeit ihres Freundes brachte sie zur Verzweiflung, und sie war bereits so weit gelangt, kein Mittel zu verschmähen, um den spröden Schönen zu ihren Füßen zu sehen. Aber Boris hatte für alle ihre Künste, wenn er sich überhaupt herabließ, sie zu bemerken, nur ein kaltes Lächeln. Die Fürstin war außer sich. Stunden verbrachte sie vor dem Spiegel. Nicht das kleinste Fältchen entging ihr. Trotzdem meinte sie an dem Glauben festhalten zu dürfen, immer noch begehrenswert zu sein. Boris zuliebe änderte sie ihr Leben vollständig und empfing, ihn erwartend, niemanden. Er kam nicht. Sie schrieb ihm, doch er antwortete nicht. Was tat er, wo war er? Sie ließ seinem Leben und Treiben nachspüren und brachte in Erfahrung, daß er sein Verhältnis zu der Wiener Operettensängerin gelöst hatte. Diese Entdeckung bestärkte sie in dem Verdachte, daß eine neue Leidenschaft ihn fesselte. Wer war die Frau?

Und die Fürstin suchte. Bald fand sie eine Spur, die in die Preobraschenskaja-Vorstadt führte, in das einsame, scheinbar verlassene Haus, welches Anna Pawlowna gehörte. Jeden Tag begab sich Boris Alexeiwitsch dorthin. Anstatt in der eleganten Welt zu sein, verbrachte er also seine Abende mit Studenten und deren Weibern an einem abscheulichen Orte.

Es war ihm demnach Ernst mit seinen nihilistischen Neigungen? Unbegreiflich! Die Fürstin wurde nachdenklich. Eine Sache, um derentwillen dieser Mann sich kompromittieren konnte, mußte eigentümliche Reize haben. Von Neugierde und Eifersucht getrieben, beschloß sie, den Nihilismus näher kennen zu lernen.

So fuhr sie denn eines Vormittags in die Preobraschenskaja-Vorstadt, ließ ihre Equipage vor dem ehemaligen Gärtnerhause halten, befahl dem Diener, zurückzubleiben, und begab sich in den Hof, darauf gefaßt, eine Art von Räuberhöhle und eine Schar russischer Blusenmänner und Petroleusen vorzufinden. Colja gärtnerte in dem Kohlfeld, sah die Dame, hielt sie für die Barina und kümmerte sich nicht im mindesten um sie. Seitdem er sich in der Stadt befand, hatte er einen Haß auf die ganze Menschheit geworfen. Er sah sehr schlecht aus, als wäre er von einem schleichenden Fieber befallen, und seine kleinen Augen lagen tief eingesunken in den Höhlen.

Lange mußte die Fürstin stehen und rufen, bis er sich endlich von der Stelle bewegte.

»Ist jemand im Haus?«

»Wird wohl jemand drinnen sein.«

»Wer?«

»Das Täubchen Tania Nikolajewna. Wer anders?«

»Kennst du Boris Alexeiwitsch?«

»Wie sollte ich den nicht kennen? Boris Alexeiwitsch! Das ist ein Väterchen! Den kenne ich!«

Er machte die Gebärde des Zuschlagens und spie aus.

»Kommt er oft hierher?«

»So, so.«

»Zu Tania Nikolajewna, nicht wahr?«

Coljas Augen funkelten. Er sah die Fürstin so wild an, daß diese sich entsetzte.

»Was hast du? So rede doch!«

»Der zu Tania Nikolajewna, der! Er soll nur kommen.«

Und er wiederholte seine Bewegung von vorhin, eine Pantomime, die nicht mißzuverstehen war.

»Führe mich zu ihr.«

Doch Colja rührte sich nicht.

»Hörst du nicht?«

»Was wollen Sie von dem Täubchen?«

Die Fürstin war zuerst nicht geneigt, Antwort zu geben, aber der Mensch flößte ihr Furcht ein. Auch ließ sich vielleicht durch ihn etwas erfahren. Sie sagte also: »Ich will Tania Nikolajewna über Boris Alexeiwitsch fragen.«

»Dann müssen Sie zu Wera Iwanowna gehen.«

»Zu Wera Iwanowna? Wer ist das?«

»Wera Iwanowna aus Eskowo. Sie wohnt bei der Barina. Ich glaubte zuerst, Sie wären Anna Pawlowna. Aber so ist es: Wenn Sie etwas über Boris Alexeiwitsch wissen wollen, müssen Sie Wera Iwanowna fragen.«

»Nun gut. Indessen muß ich zuerst mit Tania Nikolajewna sprechen,« sagte die Fürstin entschlossen. »Also bringe mich zu ihr.«

Colja überlegte. Dann meinte er, halb für sich selbst: »Sie sitzt immer allein, den ganzen Tag allein. Und wenn sie allein ist, so denkt sie an dies und das. An ihr Mütterchen, das sie verlassen hat, an Eskowo, daraus sie fortgegangen ist, an das Birkenwäldchen, wo niemand mehr ihr liebes, hübsches Gesicht sehen wird. Sie pflückt auch keine Blumen mehr, sitzt immer allein, denkt und denkt. Das ist nichts für ihr Köpfchen. Sie sollten es ihr sagen. Wollen Sie?«

Das letztere flüsterte er ihr eindringlich zu, sie dabei flehentlich ansehend. Die Fürstin wußte nicht, was sie davon denken sollte, versprach jedoch, es Tania zu sagen.

Coljas Gesicht strahlte auf. Er neigte sich tief, faßte das Kleid der Fürstin und drückte es an seine Lippen. Dann öffnete er vor ihr die Tür, die in das Arbeitszimmer der »Auferstandenen« führte.

Tania befand sich allein. Sie saß am Tische, in ihrer Hand ein Stück Linnen, das sie beim Öffnen der Tür zu verbergen suchte: Wladimir würde schelten, sie bei einer solchen Arbeit zu treffen; für das Weib eines Terroristen gab es andere Dinge zu tun. Da sah sie die fremde Dame, stand auf und blieb am Tische stehen.

Mein Gott, welche Schönheit! dachte die Fürstin, sich Tania nähernd und bemüht, ein möglichst liebreiches Gesicht zu machen. Colja steckte den Kopf durch die Tür, nickte Tania hinter dem Rücken der Fürstin heftig zu, machte einige unverständliche Handbewegungen, stieß einen dumpfen Laut aus und verschwand.

»Sie suchen gewiß Wladimir Wassilitsch,« begann Tania schüchtern.

»Sind Sie seine Frau?« fragte die Fürstin aufs Geradewohl, indem sie sich setzte.

Die arme Tania errötete, schlug die Augen nieder und wagte nicht, eine Antwort zu geben.

Die Fürstin wußte sogleich, woran sie war.

»Nun, so sind Sie seine Geliebte,« sagte sie nachlässig. »Mein Gott, was kommt darauf an? Sie scheinen noch sehr jung zu sein. Wie alt sind Sie?«

»Achtzehn Jahre.«

Die Fürstin unterdrückte einen Seufzer.

»Nun, Gott behüte Sie. Sie wissen gar nicht, wie glücklich Sie sind. Ist Wladimir Wassilitsch nicht eifersüchtig?«

»Auf wen sollte er eifersüchtig sein?«

Und sie schlug ihre sanften, strahlenden Augen auf. »Wie unschuldig Sie sind! Wie ich höre, kommt jeden Abend ein gewisser Boris Alexeiwitsch in Ihr Haus?« Dabei fixierte sie Tania scharf, ohne jedoch eine Spur von Erregung oder Verlegenheit an ihr zu entdecken.

Die Fürstin atmete auf.

»Sie kennen Boris Alexeiwitsch?«

»Nein.«

»Wie ist das möglich? Da er doch jeden Abend kommt – –«

»Abends bin ich immer in meiner Kammer. Aber ich weiß, daß er kommt. Sie sprechen oft von ihm.«

»Wer spricht von ihm?«

»Nun, Wladimir Wassilitsch, Sascha und die anderen.«

»Und Wera Iwanowna?«

»Sie kommt auch jeden Abend. Gewöhnlich ist sie bei mir, aber Wladimir Wassilitsch läßt sie jedesmal herausrufen.«

»Weshalb?«

»Das weiß ich nicht.«

Das heißt, du willst es mir nicht sagen, meditierte die Fürstin. Dann fragte sie: »Ihr Liebhaber ist Student? Vielmehr Nihilist.«

»Ich werde Ihnen nichts sagen,« erwiderte Tania erblassend. »Fragen Sie mich also nicht.«

»Sie haben recht, nichts verraten zu wollen. Aber ich bin eine Freundin von Anna Pawlowna, ihre Cousine. Nun werden Sie begreifen. Ich komme her, um Wladimir Wassilitsch meine Dienste anzubieten. Sie dürfen mir also Vertrauen schenken. Nicht wahr, mein Kind, diese Wera Iwanowna ist die Geliebte von Boris Alexeiwitsch?«

»Wera Iwanowna ist niemandes Geliebte. Wenn Sie sie kennten, würden Sie das nicht von ihr denken. Sie ist stolz und stark, viel besser als ich und – –«

Sie verstummte. Ihr fiel ein, daß Wladimir wünschte, Wera sollte die Geliebte Boris Alexeiwitschs werden; sie erinnerte sich, daß er ihr befohlen hatte, Wera über Boris Alexeiwitsch auszuforschen.

Die Fürstin stand auf.

»Das muß ja ein wunderbares Wesen sein, Ihre Freundin Wera Iwanowna. Kann man sie nicht kennen lernen und wo?«

»Sie wohnt bei Anna Pawlowna.«

»Was hat Anna Pawlowna mit ihr zu tun?«

»Das müssen Sie die Barina selbst fragen.«

Überall Geheimnisse, dachte die Fürstin. Aber ich werde sie kennen lernen. Mich hintergeht man nicht.

Da hörte Tania jemanden kommen und erkannte Wladimirs Schritt; hastig raffte sie ihre Arbeit zusammen, stammelte einige Worte und ging in die Kammer. In demselben Augenblick trat Wladimir Wassilitsch ins Zimmer.

»Sie hier, Fürstin?«

»Sie kennen mich?«

»Ich erwartete schon längst, Sie hier zu sehen,« erwiderte Wladimir nachlässig.

»Wie kommen Sie dazu?«

Das gleichgültige Wesen Wladimirs beleidigte sie. Sie nahm ihre fürstliche Miene an, mit der sie sehr hoheitsvoll aussehen konnte. Wladimir lächelte leicht.

»Sie sind über Boris Alexeiwitsch beunruhigt, haben gehört, daß er jeden Abend dieses Haus besucht und kommen, um zu erfahren, was Boris Alexeiwitsch abhält, Ihnen zu Füßen zu liegen. Ich will es Ihnen sagen: Die Ursache ist ein Mädchen, namens Wera Iwanowna, eine Nihilistin. Boris Alexeiwitsch ist leidenschaftlich in sie verliebt und wird über kurz oder lang seinen Zweck erreichen. So stehen die Sachen.«

Vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben verlor die Fürstin die Fassung. Sie erblaßte unter dem Puder und machte Miene, das Zimmer zu verlassen. Doch blieb sie.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« fragte Wladimir höflich und schob ihr einen Stuhl hin. »Ich hoffe, daß Sie sich bei Tania Nikolajewna nicht gelangweilt haben. Sie versteht freilich nicht, Konversation zu machen.«

»Die junge Person ist reizend. Ich sah selten so schönes Haar und niemals so traurige Augen.«

»Finden Sie?«

Er sah sie scharf an und runzelte die Stirn.

»Dabei betet das arme Ding Sie an.«

»Lassen wir das.«

Die Fürstin lächelte. Sie hatte ihre Haltung wiedergefunden.

»Da Sie alles zu wissen scheinen, wird Ihnen wohl auch bekannt sein, daß ich die Gesinnungen meiner Cousine teile.«

»Sie setzen mich in Erstaunen.«

»Wirklich?«

»Auch Boris Alexeiwitsch ist einer der Unseren. Oder sollte Ihnen das unbekannt sein?«

»Durchaus nicht. Ist er es doch, der mich belehrt hat. Wir haben oft miteinander über dieses Thema gesprochen. Ich hatte anfänglich gar kein Verständnis für die Sache; aber er besitzt eine große Fähigkeit, die Gemüter mit sich fortzureißen und zu seinen Ansichten zu bekehren. Mit einem Wort, ich kam her, um Sie kennen zu lernen und – –«

Er unterbrach sie.

»Sie wissen, daß wir keine Spielerei treiben. Die Sache ist so ernst, daß sie Ihnen das Leben kosten kann. Eine Entdeckung von seiten der Regierung hat Verschickung nach Sibirien, ein Verrat an unserer Sache den Tod durch uns zur Folge. Natürlich wollen Sie nicht der Sache willen eine der Unseren werden, sondern weil Sie hoffen, dadurch für Boris Alexeiwitsch neue Anziehungskraft zu gewinnen.«

Was diese Art von Menschen für Manieren hat! dachte die Fürstin. Aber es ist interessant, auch das kennen zu lernen. Sie nahm die Lorgnette und betrachtete den jungen Terroristen genau. Er gefiel ihr ungemein, selbst sein zynisches Lächeln, mit dem er ihren Blicken begegnete, hatte einen gewissen Reiz für sie. Mit diesen blonden Locken, dem rosigen, schönen Gesicht, den weichen, roten Lippen und einem Geist, der vor nichts zurückscheute, war es jedenfalls ein Mensch, dessen nähere Bekanntschaft zu machen lohnen konnte. So sagte sie denn, seinen Blick erwidernd: »Verfügen Sie über mich.«

»Sie wollen es wagen?«

»Ja.«

»Dann kommen Sie diesen Abend her. Wera Iwanowna wird hier sein und – Boris Alexeiwitsch.«

»Das ist mir sehr gleichgültig; aber ich werde kommen.«

Wladimir Wassilitsch lächelte.

Sechstes Kapitel

Wenn Boris Alexeiwitsch sich in der letzten Zeit seiner Lieblingsbeschäftigung, der Selbstanalyse mehr als je hingab, so mußte er sich das Geständnis machen, daß er sich nicht mehr begriff. Ähnlich wie bei Anna Pawlowna, entsprang die heftige Neigung, die ihn für Wera ergriffen, einem letzten Rest von Sehnsucht nach den Idealen der Menschheit. Beide waren sich dessen wohl bewußt, beide reflektierten darüber und freuten sich ihrer Empfindung. Doch bestand zwischen ihnen der große Unterschied, daß sich die Frau aus Widerwillen gegen ihre sittlich verpestete Umgebung dem Volke zuwendete, während Boris Alexeiwitsch vor sich selbst und seinem eigenen angefaulten Leben Ekel empfand. Bei beiden entwickelten sich indessen die Dinge ganz anders, als sie selbst vermutet hatten. Anna Pawlowna wollte sich zu ihrem ehemaligen Leibeigenen wie eine Gottheit hinabneigen und stürzte dabei selbst zu Saschas Füßen; Boris Alexeiwitsch' erschlaffte Sinne wurden durch Weras stolze Schönheit gereizt; er hoffte auf ein Abenteuer von außergewöhnlichen Aufregungen begleitet und verfiel dem Banne einer Leidenschaft, welche die erste wahre und starke Empfindung seines Lebens war.

Gern erinnerte er sich jenes einen Augenblicks der Rührung über sich selbst. Er grübelte darüber nach, und ruhte nicht eher, als bis er entdeckte, daß das Gefühl, welches er an jenem Abend gezeigt hatte, aufrichtig gewesen, daß er in Wahrheit der bessere Mensch sei, als welcher er damals zu Wera geredet. Er sah sie, wie sie in dem Arbeitszimmer der Nihilisten vor ihm gestanden, von dem blassen Schimmer der Frühlingsnacht umflossen, ihr schönes Gesicht zu dem seinen aufgehoben, mit dem Ausdruck, wie er ihn bei einer Frau noch nie gesehen. Wenn er an ihren Blick, an den Glanz ihrer Augen dachte, entwich aus dieser verlotterten Seele jede gemeine Regung. Gleich einem guten Engel folgte ihm ihr begeisterter, feierlicher Blick, ihm die Versicherung gebend: Mein Seelenheil würde ich lassen, das deine zu retten.

Er versuchte anfangs, sich dem Zauber zu entreißen, er verhöhnte sich selbst, er setzte sein altes Leben fort, um eines Tages gänzlich damit zu brechen. Ja, er legte sich das Schwerste auf, indem er es vermied, Wera wiederzusehen. Sie sollte vor ihm verschont bleiben, sie durfte nicht von ihm gestört werden, sie, die Reine, durfte nicht so jammervoll untergehen. Denn das stand bei Boris Alexeiwitsch fest, daß es nur von seinem Willen abhing und sie wäre die Seine und wurde von ihm zugrunde gerichtet. Daß er das nicht wollte, daß er zauberte, es zu wollen, rechnete er sich hoch an.

Doch schon nach wenigen Tagen war er wieder bei ihr. Er nahm sich vor, stark zu sein und der brüderliche Freund des seltsamen Mädchens zu bleiben. Ihr Einfluß sollte ihn wandeln, er wollte ihr folgen, wohin sie ihn führte, an das Herz des Volkes, das ihm zugleich mit dem ihren entgegenschlug.

Es war ein wunderlicher Zustand, darin sich die beiden befanden. Boris, von seinen wechselnden Stimmungen aus einer Empfindung in die andere gejagt; Wera ruhig, klar, sicher, von dem festen Willen getragen, auch diese Aufgabe zu erfüllen und den Vetter Anna Pawlownas für die Sache des Volkes zu begeistern. Einigemal hatte er ihr Blumen mitgebracht; sie sah ihn jedoch so erstaunt an, daß er sich verwirrt abwandte und fortan mit leeren Händen zu ihr kam. Sehr beunruhigte ihn, daß diesem Mädchen gegenüber ihn seine ganze Unterhaltungskunst im Stich ließ. Er saß da und hörte ihr zu, die niemals um Worte verlegen war. Was sie ihm erzählte, wie sie es ihm erzählte, ergriff ihn. Es waren Erlebnisse aus dem Dorfe, die kleinen Freuden des Volkes, seine großen Leiden. Anderes vom Leben wußte sie nicht. Mit demselben heiligen Eifer, mit dem sie in Eskowo versucht hatte, den Kindern von ihren dürftigen Kenntnissen mitzuteilen, bemühte sie sich jetzt, diesen lebenssatten Elegant in der Redeweise des Volkes zu unterrichten, einer Sprache, von der Boris Alexeiwitsch nicht einmal das Abc verstand und nimmer verstehen würde.

Aber er war wenigstens begierig, zu lernen, sich von ihr belehren zu lassen. Sie bemerkte diesen Erfolg und wurde dadurch zu immer größerem Eifer angespornt. Das gab ihrem Wesen einen neuen Reiz, sie wurde liebenswürdig. Ihre Gedanken beschäftigten sich viel mit Boris. Er hatte ihr und dem Volke Böses zugefügt und sie ihn dafür gehaßt, ihn für schlecht und schändlich gehalten, für ihren und des Volkes schlimmsten Feind; da mußte sie plötzlich entdecken, daß er besser sei als sie geglaubt, um vieles besser! Das quälte sie unsäglich. Sie machte sich die bittersten Vorwürfe, übereilt und ungerecht geurteilt zu haben, sie fühlte sich schuldig und legte sich für ihre Schuld strenge Buße auf. Wenn ihr hinfort an Boris Alexeiwitsch etwas mißfiel, wenn sie sich durch eine leichtfertige, ihr unverständliche Äußerung abgestoßen fühlte, so klagte sie sich nun selbst an, dachte an das Unrecht, welches sie ihm in Gedanken zugefügt, entschuldigte ihn und zeigte ihm ein immer milderes Gesicht, ein immer freundlicheres Lächeln.

Trotzdem konnte sie nicht verhindern, sich vor seinem Kommen zu fürchten, unruhig zu werden, wenn sie seinen Schritt hörte, erleichtert aufzuatmen, wenn er ging. In seiner Gegenwart half sie sich dadurch, daß sie mit ganzer Seele tat, was zu tun sie sich vorgenommen. Das nahm ihr ihm gegenüber jede Befangenheit.

Zuweilen erschien bei diesen Besuchen Natalia Arkadiewna, ein Umstand, der Wera jedesmal stumm, Boris Alexeiwitsch dagegen jedesmal aufgeregt gesprächig machte. Die zarte, gebrechliche Gestalt mit dem feinen, durchgeistigten Gesicht flößte beiden Scheu ein. Überdies fühlte sich Boris von Natalia erkannt. Und hatte er sie ihrer abgeschnittenen Haare und ihrer volkstümlichen Wäsche wegen, schon immer unerträglich gefunden, so glaubte er jetzt alle Ursache zu haben, sie für seine Feindin zu halten.

An demselben Tage, an dem die Fürstin Danilowsky ihren Besuch in der Preobraschenskaja-Vorstadt machte, waren die beiden wieder beisammen. Wera fühlte sich beunruhigt. Seit Tagen hatte sie weder von Sascha noch von Anna Pawlowna etwas gesehen oder gehört. Die Dienstboten zeigten ihr verdrießliche Gesichter und behandelten sie schlecht, was ihr wehe tat, da es von ihresgleichen kam.

Wera scheute sich, die auffällige Abwesenheit Anna Pawlownas und Saschas mit Natalia Arkadiewna zu besprechen, und um keinen Preis hätte sie mit Boris Alexeiwitsch darüber reden können. Sie erschrak fast, als er selbst davon anfing.

»Anna Pawlowna befindet sich noch immer auf dem Lande?«

Sein Ton berührte sie peinlich. Sie bejahte gelassen und fügte hinzu: »Wir haben so schöne Tage und Anna Pawlowna fühlte sich leidend.«

Boris Alexeiwitsch sah sie groß an. Sollte sie wirklich nichts wissen, oder verstellte sie sich? Sie wich seinem Blick aus. Aber es ist unmöglich, dachte er, sie hat in ihrem Leben noch niemals geheuchelt. Dazu ist sie viel zu stolz! Vielleicht ist es gut, wenn sie es erfährt. So fügte er denn in seiner leichtfertigsten Weise: »Wenigstens hat sich Anna Pawlowna nicht über Langeweile zu beklagen.«

Aber Wera verstand ihn nicht; Boris Alexeiwitsch wurde ungeduldig.

»Nun denn, da Sie es doch einmal erfahren müssen: Sascha ist bei ihr, Ihr guter Freund Sascha! Ganz Moskau redet davon.«

Sie fühlte ihr Herz sich krampfhaft zusammenziehen, sie fühlte einen Schmerz, daß sie hätte laut aufschreien mögen. Ihre erste Empfindung sagte ihr, daß es wahr sei. Dann aber überfiel sie eine Scham vor sich selbst, daß sie das denken konnte; gleich darauf eine namenlose Angst, daß sie es würde glauben müssen. »Sie sind alle gleich,« hatte Wladimir Wassilitsch damals ihr gesagt. Aber Sascha, ihr Sascha und diese vornehme Dame – –

»Ich weiß nicht, was Sie damit bezwecken, mir mitzuteilen, daß Sascha und Anna Pawlowna zusammen auf dem Lande sind. Warum sollten sie nicht? Es kann nichts Böses dabei sein. Ich verstehe nicht, weshalb Sie es mir sagen, weshalb Sie es mir in solcher Weise sagen. Das ist nicht recht von Ihnen.«

Mein Gott, welche Unschuld, welche Kindlichkeit! dachte Boris und fühlte eine Art von Bedauern mit ihr, als sollte er mit seinen Worten ihren Glauben an Gott und die Menschen zerstören. Trotzdem sagte er geradeheraus: »Sascha ist Anna Pawlownas Liebhaber.«

Sie erwiderte nichts, sie überwand ihren Schmerz und blieb ruhig. Dieser fremde Mann sollte sie nicht um ihren Freund, ihren Bruder weinen sehen. Er blickte sie so sonderbar an.

»Wenn ich Sascha sehe, werde ich ihn fragen,« meinte sie einfach; »und wenn es wahr ist – –

Er unterbrach sie.

»Was werden Sie dann tun?«

»Dann werde ich sehr einsam auf der Welt sein,« sagte Wera leise, wie zu sich selbst.

»Ich bin Ihr Freund.«

»Sie?«

»Zweifeln Sie?« fragte er leidenschaftlich.

»Warum sollten Sie nicht mein Freund sein?«

»Sie haben diesen Sascha geliebt?«

»Wir wuchsen zusammen auf und haben viel miteinander gelitten, viel zusammen gehofft. An so vieles geglaubt! Er war rein und gut und nun – Er hat mir einen großen Schmerz zugefügt.«

»Sie kennen die Welt nicht, sonst würden Sie anders reden.«

»Ich habe mit dem Volke gelebt und nichts von allen diesen Dingen gewußt. Warum ist es denn nötig, die Welt kennen zu lernen? Es macht nicht glücklich. Schlimmer als das, es macht schlecht!«

Ihre Stimme klang gepreßt, sie blickte nicht auf.

»Sie denken zu hoch von den Menschen.«

»Ich verstehe nicht, wie man niedrig von ihnen denken kann,« entgegnete Wera in tiefster Traurigkeit und heftig atmend. »Ich wenigstens möchte nicht länger leben, wenn ich so denken müßte.«

»Sind Sie Nihilistin geworden, weil Sie groß von den Menschen denken?« fragte Boris mit ehrlichem Erstaunen.

»Geben auch Sie mir diesen Namen?« klagte Wera. »Dieser Name ist unser Unglück. Wenn wir uns Volksfreunde nennen würden, so müßte das in Rußland ein Ehrenname sein.«

»Sie weichen mir aus. Unmöglich können Sie bei den Feinden des Volkes Edelmut und Tugend voraussetzen. Ihre Menschenliebe und Ihr Glaube an die Menschen erstrecken sich also wohl nur auf die Unterdrückten und Unglücklichen?«

»Nein, nein!« rief Wera in heftiger Bewegung. »Ich kann Wladimir Wassilitsch nicht glauben. Ihr seid nicht alle gleich! Wenn die Feinde des Volkes erkennen würden, wie elend und hilflos wir sind, so brauchte es keine Nihilisten und Terroristen zu geben. Und es sind doch so manche darunter, die es gut mit uns meinen. Denken Sie doch, da ist Natalia Arkadiewna! Da ist Anna Pawlowna! Und da –« sie zauderte etwas, »da sind Sie. Noch viele solcher, und das Volk wird nicht nur frei, sondern auch glücklich sein.«

»Ich muß wiederum eine Ihrer Illusionen zerstören,« erwiderte Boris Alexeiwitsch und beschäftigte sich mit seinen Nägeln. »Natalia Arkadiewna ist in Wladimir Wassilitsch verliebt, Anna Pawlowna in Sascha und ich – – Mein Gott, ich will mich auch nicht besser machen als ich bin; ehe ich Sie kennen lernte, war mir die ›Sache‹ sehr gleichgültig. Da sehen Sie selbst, wie wir sind!«

Wera stand und bemühte sich, zu begreifen, was sie gehört hatte. Natalia Arkadiewna verliebt in Wladimir, Anna Pawlowna verliebt in Sascha, und Boris Alexeiwitsch – – Was war mit Boris Alexeiwitsch? Warum sah er sie so an? Was meinte er mit ihr? Was hatte sie mit ihm zu tun?

Während sie mit ihren qualvollen Empfindungen rang, stieg plötzlich das Bild Grischas vor ihr auf. Eine heftige Sehnsucht überkam sie, wieder den Duft der Narzissen und des Flieders zu atmen, wieder in das ehrwürdige Gesicht des Mütterchens zu sehen, wieder mit dem »Prachtmenschen« über die Felder zu gehen und die Lerchen singen zu hören.

Sie stand so versunken, daß sie aufschreckte, als Boris Alexeiwitsch sie anredete: »Ich habe Ihnen heute das Buch mitgebracht.«

»Welches Buch?«

»Puschkins Onegin. Sie baten mich darum.«

Wera errötete.

»Ich hätte Sie gebeten? Sie sagten, daß Sie mir das Buch bringen wollten. Es ist lange her. Ich dachte, Sie hätten es vergessen; aber es ist sehr gütig von Ihnen.«

»Durchaus nicht. Sie kennen noch gar nichts, ja noch gar nichts von der russischen Literatur. Da muß ich, als Ihr Freund, Ihnen doch behilflich sein und Ihnen das Beste, was wir besitzen, zuführen. Neulich sagten Sie, daß Sie noch nie ein Gedicht von Puschkin gelesen hätten. Es ist unglaublich!«

»Ich bin sehr unwissend.«

»Darf ich Ihnen vorlesen?«

»O nein. Es würde Ihnen Mühe machen. Danke, danke.«

Er winkte ihr, allen Dank ablehnend, mit seiner weißen Hand, schlug das Buch auf und begann mit leiser, weicher Stimme zu lesen. Wera saß ihm gegenüber. Zuerst war sie so unruhig und aufgeregt, daß sie nichts verstand. Es dauerte aber nicht lange, so hingen ihre Augen an den Lippen des Vorlesers. Ihr ward wunderlich zumute, als träte sie aus einem dunklen Raum ins Licht, als würde sie aus einer Tiefe aufgehoben, hoch und höher. Unter ihr lag die Erde, um sie war alles Glanz.

Als Boris gelegentlich vom Buche aufsah und einen forschenden Blick auf Wera warf, sprang er in die Höhe.

»Was haben Sie? Sie weinen!«

Ohne ihre Tränen zu trocknen, bat sie ihn mit einer flehenden Gebärde, weiterzulesen.

Siebentes Kapitel

Anna Pawlowna erwachte aus schwerem, traumlosem Schlaf mit einer Empfindung, als ob es besser für sie wäre, es bliebe immer Nacht und sie brauchte sich nicht mehr zu regen. Sie schloß die Augen wieder, lag lange Zeit, ohne eine Bewegung zu tun, und versuchte, sich über ihren Zustand Klarheit zu verschaffen. – – Was war geschehen? Sie hatte sich hingegeben, aus Liebe, sich selber zur Sühne und Läuterung. Sie wollte ein neues Dasein beginnen. Als die Geliebte dieses Bauernsohns, vereint mit ihm und den Seinen, wollte sie helfen, Gesellschaft und Regierung zu stürzen und das Volk auf den Thron der Menschheit heben, das nach Branntwein und Schweiß stinkende russische Volk!

War sie von Sinnen? Und wenn sie es war, so wollte sie von Sinnen bleiben; bleiben mußte sie es, sonst – –

Bei dem Sonst standen ihre Gedanken still.

Sie erhob sich endlich, wie mit gelähmten Gliedern, ohne nach der Kammerfrau zu läuten. Auch konnte sie sich nicht entschließen, den Vorhang vom Fenster zu ziehen und in das Tageslicht zu schauen. Bei der Dämmerung, die in dem Gemach herrschte, kleidete sie sich an, langsam und mühsam. Als sie fertig war, löste sie ihr langes, prachtvolles Haar, trat vor den Spiegel und schaute hinein, das schattenhafte Bildnis ihrer Schönheit, welches sie im Glase sah, mit Augen betrachtend, als erblickte sie es zum erstenmal. Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich von ihrem Spiegelbilde ab, schritt zum Fenster, öffnete die Vorhänge, um sogleich vor der blendenden Helle das Gesicht mit beiden Händen zu schützen. Dann ließ sie die Arme sinken und stand da in dem vollen Glanz des Tages, die ganze Gestalt von Strahlen umleuchtet.

Ohne etwas zu genießen und die Kammerfrau hinwegwinkend, begab sie sich hinaus in den Garten, und schlug denselben Weg ein, den sie im Morgengrauen mit Sascha gegangen war. Sie sah auf dem weichen Boden ihrer beider Fußstapfen. Neben dem Abdruck der zierlichsten Pariser Stiefeletten der plumpe große Schuh des Mannes aus Eskowo. Sie dachte: Welche Gegensätze!

Nun bemühte sie sich, jedes Wort, welches er und welches sie selbst auf diesem Wege gesprochen, sich ins Gedächtnis zurückzurufen. Sie hatte sterben wollen, nachdem sie eine Stunde an der Brust dieses Mannes gelebt hatte. Wie war das möglich? Und es war noch dazu ihr heiliger Ernst gewesen. Immerhin; sie liebte ihn. Sie hatte es ihm gestanden, ihm zugerufen, zugejubelt: Ich liebe dich! Und er – – Wütende Leidenschaft hatte auch ihn ergriffen, nachdem er über den Fall seines Ideals heiße Tränen vergossen, nachdem für ihn die Göttin gestorben war. Jetzt war sie selbst für diesen Schwärmer nur noch ein Weib.

Von ihren Gedanken getrieben, eilte sie wieder ins Haus zurück, rief der Kammerfrau und befahl den Wagen für den nächsten Zug, der nach Moskau ging. Nachdem sie das getan, atmete sie auf. Aber sie vermochte kaum zu erwarten, bis es so weit war, daß sie abreisen konnte, und wäre am liebsten zu Fuß nach dem Bahnhof gegangen. Um mit der Zeit fertig zu werden, kleidete sie sich mit Hilfe der Kammerfrau noch einmal von Kopf bis zu Füßen um und wählte ein Kostüm, in dem Sascha sie noch nicht gesehen hatte.

Wie Beruhigung kam es über sie, als sie im Zuge saß; doch als der Zug hielt und sie in Moskau aussteigen mußte, ward sie von neuem von Unruhe erfaßt. Gewiß war Sascha auf dem Bahnhof, um sie zu empfangen. Sie zitterte. Wenn er nun plötzlich auf sie zugeeilt kam und sie mit Jubel begrüßte. Wie schrecklich! Aber er würde es nicht wagen, er würde von ferne stehen und sie mit seinen Blicken verschlingen. Sie zog den Schleier vor das Gesicht und begab sich, um möglichst schnell hinauszugelangen, in das Gewühl der Angekommenen. Sie blickte erst auf, als sie in ihrem schönen Landauer saß und durch die Straßen Moskaus rollte. Die Menschenmenge und der betäubende Lärm der großen Stadt taten ihr gut, und sie fühlte beim Anblick der prächtigen Basare und Kaufläden, der eleganten Fuhrwerke und Spaziergänger ein Behagen, welches ihr eine vollständig neue Empfindung gab. Sie grüßte verschiedene Bekannte, und ihr Gruß war lange nicht so müde und apathisch wie sonst; überhaupt war ihr, als käme sie nach langer Abwesenheit zurück und hätte die Zeit, die sie fort gewesen, in tiefster Einsamkeit und Öde verbracht.

Vor ihrem Palast angekommen, ließ sie den Wagen warten und begab sich in ihre Gemächer. Sie kam durch den kleinen Salon mit dem goldenen Blumengitter und dem Friese – der Triumphzug der Venus, eine Allegorie ihrer Persönlichkeit: Anna Pawlowna als Göttin der Liebe! Und sie ging unter dem Bilde vorbei, als ob die Augen von Tausenden auf sie gerichtet wären, sie vor den Augen von Tausenden nackt dastünde.

Eine große Anzahl von Besuchern war während ihrer Abwesenheit dagewesen; die silberne Schale füllten Visitenkarten und ihren Schreibtisch bedeckten Briefe und Einladungen. Der Prinz hatte geschrieben. Anna Pawlowna riß das nach Veilchen duftende Billett auf und überflog mit einem Blick die flüchtigen, eleganten Schriftzüge. Die Reise des Zaren nach Moskau realisierte sich mehr und mehr. Also wirklich – –

Wer alles war dagewesen? – Die halbe Welt, wie es schien. Aus Neugierde waren sie gekommen, ob die Prinzessin noch immer nicht zurück sei. Nein, noch immer nicht. Wie sonderbar, um diese Jahreszeit die Stadt zu verlassen! Natürlich war die »Kaprice« der Prinzessin bereits in aller Mund. Was kümmerte es sie? Es war wenigstens taktvoll, daß man sie auf ihrem Landsitz unbelästigt gelassen hatte.

Von dem Kammerdiener erfuhr sie, daß Boris Alexeiwitsch jeden Tag dagewesen sei.

»Aber sagten Sie ihm denn nicht, wo ich war?«

Der Kammerdiener hatte es Boris Alexeiwitsch mitgeteilt, aber Boris Alexeiwitsch hatte jeden Tag der Bäuerin Wera Iwanowna seinen Besuch gemacht. Die Prinzessin wollte auffahren, biß sich auf die Lippen und schwieg. Was ging sie Boris Alexeiwitsch und seine Passion für Wera Iwanowna an? Also deshalb hatte er nicht einmal den Versuch gemacht, sie auf dem Lande zu besuchen. Sie hatte es eigentlich erwartet – es gefürchtet und den Befehl gegeben, daß sie für ihn nicht zu sprechen sei. Sascha sollte sich von diesem Manne nicht hochmütig behandeln lassen; sie wollte es nicht dulden. Ihre Besorgnis war unnütz gewesen, Boris Alexeiwitsch war gar nicht gekommen, Boris Alexeiwitsch hatte in Moskau anderes zu tun gehabt.

»Es ist gut. – – Worauf warten Sie?«

»Wladimir Wassilitsch hat diesen Brief abgegeben.«

»Legen Sie hin. Was ist noch?«

»Der Student Alexander Dimitritsch – –«

»Wie?«

»Er hat heute dreimal nach Durchlaucht gefragt.«

»Sollte er wiederkommen, so – – Aber nein, ich muß ausfahren. Ich bin heute für niemand zu sprechen; hören Sie wohl, für niemanden.«

Der Kammerdiener ging, Anna Pawlowna blieb allein. Sie stand mitten im Zimmer, sah steif vor sich nieder, wobei ihr schönes Gesicht mehr und mehr etwas Starres und Entgeistertes annahm. Dann entriß sie sich ihren Gedanken und las den Brief, den Wladimir Wassilitsch für sie abgegeben. Er enthielt nur die Notiz, daß am Abend im Gärtnerhause eine Beratung stattfände, zu welcher die Prinzessin erwartet würde, es handele sich um wichtige Dinge.

Nachdem Anna Pawlowna gelesen, zündete sie ein Licht an und verbrannte das Schreiben zu Asche; darauf ließ sie den Wagen vorfahren und machte bis zum Abend Besuche.

Sascha befand sich in einem unsagbaren Zustande.

Als er mit dem Frühzug in Moskau ankam und ausstieg, wußte er zuerst gar nicht, was er mit sich und seinem Leben zunächst anfangen sollte. Er ließ sich auf dem Bahnhof herumstoßen und anschreien, stand unter den Menschen und schaute mit leerem Blick auf das Gewühl. Man hielt ihn für betrunken und riet ihm lachend, sich nach Hause zu begeben, sich ins Bett zu legen und seinen Rausch auszuschlafen. Endlich ging er.

Aber wohin.

Nach Hause? Dort war Marja Carlowna.

Also dann nach dem Gärtnerhäuschen. Dort war Wladimir Wassilitsch, der ihn mit spöttischem Lächeln begrüßen würde, worauf es ein Unglück geben mußte. Er konnte sich heimlich in sein Laboratorium oder in die Druckerei schleichen. Aber jetzt Dynamit verfertigen, jetzt Reden an das russische Volk drucken, wo für ihn die Welt neuerschaffen schien, für ihn auf der ganzen Welt nur ein Menschenpaar war: Die Prinzessin Anna Pawlowna und der Bauernsohn Alexander Dimitritsch. Die Küsse dieses einen einzigen Weibes brannten auf seinen Lippen wie Flammen, die ihm die Seele verzehrten, seine Adern mit Feuerströmen füllten, aus seinen Augen als Fieberglut loderten.

Er ging weder nach der Teeschenke noch begab er sich in die Vorstadt, sondern geradeswegs zum Palast Petrowsky.

Natürlich war sie nicht da. Wie wäre das möglich gewesen? Er hatte sie in der Villa verlassen. Doch war sie immerhin in diesem Hause gewesen und würde heute wieder da sein, um ihn zu sehen, ihn allein! um sich von ihm küssen zu lassen, von ihm allein! Sascha erbebte und blickte scheu auf die ihm Begegnenden, ob nicht alle auf ihn sähen, nicht alle ihm von der Stirn abläsen: das ist der Liebhaber Anna Pawlownas! Ist es möglich? Dieser grobe Bursche, dieser Nihilist, dieser Sohn eines geknuteten Bauern? Er war's! Nicht nur ihr Liebhaber, sondern ihr Knecht, ihr Sklave, ihr Ding.

Und er wunderte sich, daß die Leute so gleichgültig an ihm vorübergingen. Ja, dachte er, wenn ihr wüßtet; ihr würdet Augen machen.

Er verbrachte den Morgen dem Palast Petrowsky gegenüber, vor der in Restauration begriffenen Kirche, an derselben Stelle, wo er so manche halbe Nacht gestanden und kein Auge von dem Tempel gewendet, der seine Göttin umschloß. Und jetzt! Wäre sie dagewesen, so würde er zu ihr gegangen sein, die mit Teppichen belegte Marmortreppe hinauf, in ihre prächtigen Gemächer hinein. Er brauchte nur zu wollen und die Diener, die ihn mit tiefster Verachtung behandelten, bückten sich vor ihm bis zum Boden; nur zu wollen brauchte er und es erfuhr alle Welt, daß sie ihn liebte, daß sie sein war. Wenn er es so recht bedachte, wirbelte es in seinem Kopf, daß der Boden um ihn zu kreisen begann. Aber es war gar nicht zu denken – gar nicht auszudenken! So etwas war auf der Welt noch nicht dagewesen; eine wirkliche Prinzessin und der Sohn eines wirklichen Bauern!

Nachdem er sich lange genug vor dem Palast herumgetrieben, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, hinzugehen und den Portier zu fragen, ob Anna Pawlowna zu Hause und zu sprechen wäre? Als er ihren Namen sagen wollte, schnürte es ihm fast die Kehle zu; doch brachte er das Wort glücklich heraus, und hatte seine stille Freude daran, wie grob der vornehme Türhüter ihn anfuhr. Anna Pawlowna sei nicht zu sprechen. Sascha entschuldigte sich höflich, dankte, begab sich wieder auf die andere Seite der Straße hinüber und setzte sein Wächteramt fort.

Dann sah er Boris Alexeiwitsch herangeschlendert kommen, schön, elegant, ein Herrchen wie aus Marzipan. Boris Alexeiwitsch ging in den Palast, ohne den sich bis auf den Boden verneigenden Wortschick eines Blickes zu würdigen. Sascha dachte: Der begibt sich jetzt zu Wera Iwanowna. Und plötzlich fühlte er einen Schmerz, als ob an seinem Herzen gerissen würde. Aber, beruhigte er sich, Wera Iwanowna ist stolz; Wera Iwanowna ist stark. Boris Alexeiwitsch wird sich wundern. Und wenn er erst wüßte – – Doch das würde er nicht glauben; das ganz sicher nicht! Wie könnte er auch? Er würde wütend sein. Wera Iwanowna wies ihn, Boris Alexeiwitsch, zurück und Anna Pawlowna – – Rasen würde er. Es war seine Cousine und er bewunderte sie ungemein – natürlich.

Sascha wurde unruhig. Er begab sich hinweg, irrte durch die Straßen, immerfort an Boris Alexeiwitsch denkend und daß dieser Anna Pawlowna natürlich auf das höchste bewunderte. Und Anna Pawlowna? Sie verachtete ihn. Das war ein Trost. Wenn er nur nicht ein gar so seines, schönes, duftendes, freches Herrchen gewesen wäre. Aber sie verachtete ihn ja!

Er machte kehrt; fast, daß er lief. Atemlos kam er beim Palast an.

Ob Anna Pawlowna noch immer nicht zurück, noch immer nicht zu sprechen wäre? Der Wortschick jagte ihn fort, und als er nach einer Weile zum drittenmal kam, hätte er mit seinem langen Stock fast nach Sascha geschlagen.

Nun ging er nach der Teeschenke, allen seinen Mut zusammennehmend, um Marja Carlowna in die Augen zu sehen. Die schöne Wirtin, die seit jener Nacht in ihrem Wesen gegen ihn eine Scheu und eine Demut zeigte, welche Sascha höchst peinlich waren, teilte ihm mit, daß Wladimir Wassilitsch nach ihm gefragt und die Botschaft hinterlassen habe, er möge sich am Abend bei ihm einfinden.

Das wird wieder etwas Rechtes sein, dachte Sascha. Wir werden schwatzen und schwatzen und unterdessen wartet Anna Pawlowna auf mich. Welche Torheit!

Achtes Kapitel

Am Abend traf man sich in der Preobraschenskaja-Vorstadt. Die Läden des Gartenhauses waren fest geschlossen, so daß kein Lichtstrahl hindurchdringen konnte; überdies hielt Colja auf dem Hofe Wache. Sowohl die Fürstin wie Anna Pawlowna kamen zu Fuß, Boris begleitete Wera und Natalia, Sascha kam allein. Er war der letzte.

Man begrüßte sich und wartete auf Wladimir Wassilitsch, der bereits seit dem Morgen von Hause abwesend war. Jeder war in seinem Gemüt mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als mit denjenigen, um derentwillen man sich zusammengefunden. Einer beobachtete den anderen und fand in dem Benehmen eines jeden dieses und jenes Auffällige. Boris Alexeiwitsch mußte lächeln, als er die Fürstin Danilowsky erblickte, in einem eigens für diese Gelegenheit komponierten Kostüm, darin die Dame wie eine Salonpetroleuse aussah. Natürlich merkte er sofort, warum sie gekommen war; er drückte indessen sein höchstes Erstaunen darüber aus, sie in der Preobraschenskaja-Vorstadt zu treffen, beglückwünschte sie zu ihrem Entschlusse, der Sache des Volkes angehören zu wollen und stellte ihr Wera vor, deren Schönheit auf die Fürstin einen geradezu vernichtenden Eindruck machte. Kaum vermochte sie sich zu beherrschen. Wera sah sie mit großen Augen an, vollständig ahnungslos, wodurch sie das Mißfallen der vornehmen Dame erregt haben könnte.

Mit Sascha sprach Wera kein Wort und vermied es, ihn anzusehen; so bemerkte sie denn nicht, daß auch Sascha sich am liebsten vor ihr verborgen haben würde. Anna Pawlowna hatte sie bei ihrem Kommen auf die Wange geküßt und freundlich angeredet, aber keine Antwort erhalten. Selbst Natalia Arkadiewna gegenüber hatte Wera das Gefühl, als ob sie sich von ihr entfernt hätte. Ihre Einsamkeit drückte ihr das Herz zusammen. Boris Alexeiwitsch mußte sie verstehen; denn wenn er zu ihr redete, hatte seine Stimme etwas so Weiches, Mildes, Trauriges; mit solchen Augen und solcher Stimme dachte sie sich Puschkins Onegin. Als Tania mit einer Lampe eintrat, erschrak sie fast. Unwillkürlich wandte sich Wera Boris zu, als wollte sie aus seinem Gesicht ablesen, welchen Eindruck auch auf ihn die holdselige Erscheinung machte. Tania war ja Puschkins Tatjana! Es versetzte ihr den Atem, als sie sah, wie Boris Alexeiwitsch Tania voller Erstaunen anblickte. Aber nur einen Augenblick. Dann wandte er sich wieder zu ihr, sie fragend, ob er morgen kommen dürfe, um ihr das Gedicht weiter vorzulesen?

»Warum wollen Sie mir das Buch nicht lassen?« meinte sie leise. »Bitte, geben Sie es mir.«

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»Das geht nicht. Sie müssen sich mein Vorlesen wohl oder übel gefallen lassen. Es macht mir überdies ein unsägliches Vergnügen, denn Sie haben ein wahres Genie, zuzuhören.«

»Wie?«

»Sie erleben, was Sie hören.«

»Soll ich das nicht?«

»Gewiß. Ein Dichter müßte glücklich sein, Ihnen sein Werk vortragen zu dürfen.«

»Ich verstehe aber nichts von Poesie.«

»Das ist es eben! Wenn Sie die Poesie ›verständen‹, so würden Sie bald aufhören, sie zu empfinden. Und Empfindung – das ist alles.«

»Ich wußte gar nicht, daß es so Herrliches auf der Welt gäbe.«

»Wie die Poesie es ist?«

»Wie das Gedicht, das Sie mir vorlesen.«

»Aber gestehen Sie nur, Onegin selbst ist Ihnen verhaßt. Seien Sie aufrichtig!«

»Ich fürchte mich vor diesem Manne. Er wird Tatjana unglücklich machen – er muß es.«

»Muß er?«

»Gewiß. Das liegt in seiner Natur, er kann gar nicht anders.«

»Wie gut Sie ihn verstehen!«

»Ich verstehe ihn gar nicht,« erwiderte Wera eifrig. »Aber ich fühle, daß es so sein muß. Er tut mir leid.«

»Onegin? Er geht auch in der Tat durch Tatjana zugrunde. Ein schöner Tod. Sehen Sie nur, wie die Fürstin uns beobachtet.«

Wera blickte um sich.

»Warum sieht sie immer her? Habe ich ihr etwas getan?«

»Sehr viel.«

»Was?«

»Sie sind schöner als sie.«

»Mein Gott!«

»Mit einem Wort, sie ist eifersüchtig.«

»Auf mich?«

»Sicher.«

Wera trat schnell von ihm fort; mit einer solchen heftigen Gebärde, einem solchen finsteren Blick, daß Boris sich auf die Lippen biß.

Wera ging auf Tania zu, welche die Lampe auf den Tisch gestellt hatte und nun in einer Verlegenheit dastand, die sie reizend kleidete. Ihre Freundin grüßte sie.

»Ach, Tania, wie freue ich mich, dich zu sehen. Wie geht es dir?«

»Recht gut. Wladimir Wassilitsch hat mir erlaubt, den Tee für die Herrschaften zu machen.«

Auch Natalia Arkadiewna näherte sich Tania und flüsterte ihr zu: »Du darfst dich nicht so grämen. Liebste. Jeder merkt dir an, daß du Kummer hast. Ist Wladimir Wassilitsch unfreundlich gegen dich?«

»Nein, nein! Wie kannst du denken! Er ist sehr nachsichtig, aber ich – –«

Sie begegnete einem Blicke Weras und verstummte, Wera mußte sich Gewalt antun, sich nicht zwischen die beiden zu drängen. Es war ihr unerträglich, Natalia Arkadiewna neben Tania zu sehen. Boris Alexeiwitschs Worte: »Sie ist in ihn verliebt,« der Ton, mit dem er sie gesprochen, das Lächeln, mit dem er sie begleitet, wollten ihr nicht aus dem Sinn. Und wie hatte sie zu Natalia Arkadiewna aufgeschaut!

Aber vielleicht war es nicht wahr. Sie nahm sich vor, mit Natalia Arkadiewna zu reden. Dabei fiel ihr ein, daß sie auch mit Sascha sprechen würde, sprechen müsse. Sie nahm sich vor, ihn um seinen Besuch zu bitten. In Anna Pawlownas Hause wollte sie ihn fragen, wollte sie seine Antwort hören. Oder noch besser, sogleich. Und sie näherte sich ihm.

Sascha saß in einer Ecke und starrte zu der Prinzessin hinüber, die sich in einem eifrigen Gespräch mit der Fürstin und ihrem Vetter befand. Jede ihrer Mienen beobachtete, bewachte er. Wie sie mit diesem feinen, schönen Herrn sprach; ganz anders als mit ihm! Zum erstenmal, seit sie sein geworden, sah er sie mit ihresgleichen verkehren. Nicht ein einziges Mal blickte sie zu ihm herüber, obgleich sie wissen mußte, wie es in ihm aussah, wie er nur Augen und Ohren hatte für sie, wie er nichts dachte und fühlte als sie. Plötzlich war sie ihm entfremdet, ihm entrückt und entrissen. Selbst ihre Bewegungen kamen ihm anders vor, und anders, ganz anders klang ihre Stimme. Vielleicht war sie froh, daß sie sich nicht mit ihm allein befand, nicht seine Küsse dulden, seine Küsse nicht erwidern mußte. Vielleicht stellte sie gerade jetzt, während er sich in Qualen verzehrte, Vergleiche an zwischen ihm, dem Bauernsohn, mit diesen Gliedern, diesem Gesicht, mit solchen groben Gedanken und Empfindungen, mit solcher wütenden Leidenschaft, und dem anderen, Boris Alexeiwitsch.

Er fühlte, wie es in ihm kochte, wie es zu seinem Gehirn drang, wie ein dumpfer Druck sich darauf legte. Er schloß die Augen. Da hörte er dicht neben sich Weras Stimme. Aber er öffnete die Augen nicht. Um keinen Preis der Welt hätte er sie jetzt ansehen können.

»Komm heraus, in den Hof, ich habe dich etwas zu fragen.«

Er wußte sofort, was sie ihn zu fragen hatte, aber er sagte: »Wir können uns nicht von hier fortstehlen; Wladimir Wassilitsch wird gleich kommen. Es sollen wichtige Dinge beraten werden.«

»Wichtige Dinge habe ich dir zu sagen. Also komm.«

Es war ein Ton in ihrer Stimme, dem nicht zu widerstehen war.

Sie trat von ihm fort und verließ nach einer Weile das Zimmer. Da stand auch Sascha auf, warf noch einen Blick auf die Prinzessin und folgte seiner Freundin. Anna Pawlowna, welche die beiden beobachtet hatte, sah ihm mit einem eigentümlichen Blicke nach.

Auf dem Hofe erwartete ihn Wera und ging, ohne ein Wort zu sagen, ihm voraus, dem Schuppen zu. Es war eine finstere Nacht, nur wenige Sterne am Himmel. Sascha war die Dunkelheit lieb, konnte Wera ihm doch nicht ins Gesicht sehen. Während er möglichst langsam hinter ihr herging, legte er sich zurecht, was er ihr sagen wollte. Anna Pawlowna sei eine Göttin und er nicht wert, den Saum ihres Kleides zu küssen. Aber Wera Iwanowna – Was mußte Wera von ihr denken? Von ihr, die er bis in den Himmel erhob?

Da redete sie ihn an: »Sascha!«

»Nun ja, ich bin's. Warum hast du mich herausgerufen? Welcher Unsinn! Du hättest ebensogut drinnen mit mir reden können. Was soll das heißen?«

Er sprach wie in früheren Zeiten; unsicher und stockend. Sie ließ ihn ausreden und begann, als ob er nichts gesagt hätte, von neuem: »Wir haben einander lange nicht gesehen.«

»Es sind einige Tage her. Nennst du das lange?«

»Wo warst du? Doch danach will ich dich jetzt nicht fragen.«

»Und warum nicht? Frage nur.«

»Du wirst mir später alles von selbst sagen.«

»Es ist kein Geheimnis. Ganz Moskau kann es wissen, alle Welt! Ich war – –«

Aber sie unterbrach ihn.

»Schweige! Du würdest mir ja doch nicht die Wahrheit sagen; jetzt noch nicht.«

Und Sascha schwieg. Sie standen nebeneinander in der Finsternis. Beide mußten jener Osternacht gedenken, wo sie vor ihrem heimatlichen Steppendorfe auf der Landstraße beisammen gestanden und Wera ihre Augen angestrengt hatte, in das Gesicht ihres Freundes zu spähen. Aber Sascha blickte von ihr weg nach dem Hause hinüber, das in diesem Augenblick Anna Pawlowna beherbergte. Und er war nicht bei ihr. Was hatte er hier draußen bei Wera zu stehen, wenn sie dort drinnen bei Boris Alexeiwitsch war.

»Wo willst du hin?«

»Ins Haus.« Und er war schon einige Schritte von ihr entfernt.

»Einen Augenblick wirst du wohl noch bleiben können. Ich habe dich seit Wochen täglich erwartet, immer vergebens. Ich wußte, daß du heute hier sein würdest. Hauptsächlich deshalb kam ich.«

Zögernd und widerwillig zurückkommend, meinte er mürrisch: »Sprich nur; aber sprich schnell. Ich muß wirklich hinein.«

»Wir wollen wie gute Freunde miteinander reden, uns beraten und besprechen wie Bruder und Schwester.«

»Du bist sehr gut, du weißt, daß ich dich immer sehr liebgehabt habe; du bist weit besser als ich,« meinte er, nur um etwas zu sagen.

»Laß das,« erwiderte sie herbe. Dann sprach sie mit leiser, weicher Stimme weiter: »Als ich noch in Eskowo war, nicht aus noch ein wußte, meine Hände nicht regen konnte und meine Seele wie tot in mir fühlte, da kamst du zu mir. In der Osternacht kamst du und wecktest mich. Jetzt komme ich zu dir, möchte dich wecken, stehe vor dir und rufe dich an: »Sascha, Sascha! Was ist aus dir geworden?«

»Was soll aus mir geworden sein?«

Wera sprach weiter: »Schon als Kinder waren wir beide getreue Kameraden, zwei recht ehrliche kleine Leutchen. Das waren gute Tage: Weißt du noch? Im Sommer spielten wir zusammen auf der Wiese und im Birkenwäldchen und pflückten Blumen. Sie waren das einzige Schöne in unserem Leben. Anna Pawlowna – – Was hast du? Soll ich still sein?«

»Sprich nur; ich höre.«

»Und Anna Pawlowna war damals schon eine junge Dame und schon damals sehr stolz. Einmal sahen wir sie lachen, als vor ihrem Fenster ein Bauer geprügelt wurde – –«

Sascha fuhr auf: »Das war damals! Jetzt liebt sie das Volk. Sie lügt nicht!« rief Sascha heftig.

»Das war damals,« sprach Wera Sascha nach. »Damals verachtete Anna Pawlowna das Volk, damals hatte sie Lust an seinen Leiden, damals haßtest du sie.«

»Ich, Anna Pawlowna – –«

»Du.«

»Wie ist das möglich? Wie konnte ich so schlecht sein? Ich Anna Pawlowna hassen; sie, die so gut, so stolz, so schön ist! Übrigens solltest du nicht in solcher Weise von ihr reden; wirklich nicht! Du begehst ein großes Unrecht gegen sie. Gerade wie Wladimir Wassilitsch und alle die anderen. Du kennst sie eben nicht. Ich kenne sie und ich – – Ich verehre sie. Das solltest du auch. Wirklich.«

Er stieß jedes Wort mühsam hervor und schwieg wie erschöpft von der Anstrengung, die das Sprechen ihn kostete. Wera wartete eine Weile und nahm dann in ihrer ernsten, eindringlichen Art ihre Rede wieder auf: »Damals kam Boris Alexeiwitsch nach Eskowo; er war hochmütig und gar nicht gut. Mich haßte er, weil – nun, weil ich auch stolz war. Du aber sagtest: Wenn ich ein Mann geworden bin, schütze ich dich vor ihm.« Sie schwieg, nach einer Pause schloß sie leise: »Jetzt bist du ein Mann geworden.«

»Aber Boris Alexeiwitsch tut dir ja nichts,« rief Sascha. »Du mußt wirklich nicht so wunderlich sein. Wovor soll ich dich schützen? Du schützest dich selbst, du bist stark.«

»Nenne mich nicht so!« fuhr Wera heftig auf. »Stark! Als ich noch in Eskowo war und dem Starosten verwehrte, sich mit Branntwein zu betrinken und Ungerechtigkeiten zu begehen, da war ich stark. Als ich in meiner Einsamkeit wartete und harrte, jahraus, jahrein, da war ich stark! Und ich war's, als du kamst und mich ins Leben hinausholtest, allmächtiger Gott, mit welchen Hoffnungen, mit welchem Glauben! Aber jetzt – –«

»Es tut mir weh, dich so reden zu hören,« murmelte Sascha. »Sehr weh tut es mir.«

Da trat sie auf ihn zu, umschlang ihn mit beiden Armen und flüsterte leidenschaftlich, mit ersticktem Schluchzen: »Sascha, mein treuer, lieber Freund, halte jetzt, was du als Knabe versprochen. Schütze mich! Schütze uns beide! Nicht vor der Welt, sondern vor uns selbst. Wir wollen einander helfen, stark zu sein, wir wollen miteinander leiden, zwei treue, ehrliche Kameraden, wie wir es als Kinder gewesen sind. Hilf uns beiden, daß wir – Sascha! Sascha! daß wir nicht beide schlecht werden.«

»Schlecht?« Er löste sich von ihr und trat zurück. »Schlecht?« wiederholte er mit heiserer Stimme. »Wie meinst du das?«

Wera hörte ihn mit Anstrengung Atem holen, sie wußte, was in diesem Augenblick in ihm vorging; aber sie durfte ihn nicht schonen, nicht ihn und nicht sich selbst.

»Ich meine,« sagte sie langsam und beinahe laut, »daß wir beide in Gefahr stehen, hier schlecht zu werden, hier an Leib und an Seele zu verderben; du durch Anna Pawlowna, ich durch Boris Alexeiwitsch.«

Sascha hörte nur den Namen seiner Geliebten. Er durch sie schlecht werden, er durch sie an Leib und Seele verderben! Und Wera war es, die ihm das sagte, Wera Iwanowna aus Eskowo! Er fühlte sich plötzlich von seiner Jugendfreundin durch einen Abgrund geschieden.

»Du weißt nicht, was du sprichst,« erwiderte er kalt.

Wera rief: »Ich weiß, daß wir fremd in dieser Welt sind und bleiben werden. Ich weiß, daß wir mit jenen nichts gemein haben und auch nichts gemein haben können. Ich weiß, daß wenn Anna Pawlowna dich jetzt an ihr Herz nimmt, sie dich über kurz oder lang mit Füßen treten wird. Ich weiß, daß es dir das Herz brechen wird, aber erst, nachdem du zu hassen gelernt, was du jetzt liebst, nachdem du verabscheust, was du jetzt verehrst, erst wenn jedes Gefühl in dir verwandelt und entstellt worden ist.«

Sascha wollte ihr antworten; er wollte ihr sagen, daß er ihr nicht glaubte, daß Anna Pawlowna seine Göttin bleiben werde, daß er ein glückseliger Mensch sei. Aber jemand kam von der Straße her auf den Hof, gewahrte sie und ging auf sie zu. Es war Wladimir Wassilitsch. Er fuhr sie an, was sie draußen zu suchen und miteinander zu tuscheln hätten, und gebot ihnen, mit ihm ins Haus zu gehen. Große Dinge seien geschehen, über dem Haupt des russischen Volkes loderten die Flammen des neuen Tages, blutrot werde die Sonne aufgehen.

Neuntes Kapitel

Wladimir Wassilitsch stürzte in das Zimmer, in welchem sich Anna Pawlowna und ihr Vetter mit der Fürstin und Natalia Arkadiewna befanden. Er rief: »Sie sind uns auf der Spur!«

Die Fürstin stieß einen Schrei aus und wäre für ihr Leben gern dem schönen Nihilisten bewußtlos in die Arme gesunken; Anna Pawlowna und Boris blieben vollkommen gelassen. Auch auf Wera und Sascha, die Wladimir auf dem Fuße folgten, machte die Nachricht keinen besonders starken Eindruck. Tania stand am Tische, wandte kein Auge von ihrem Geliebten und sah wie eine schöne Tote aus.

»Wer ist uns auf der Spur?«

Es war Anna Pawlowna, die sprach. Sie dachte: Mir ist es gleich! Meinetwegen mögen sie uns entdecken? Was ist mir daran gelegen? Aber die Sache begann sie doch aufzuregen; wider ihren Willen nahm sie Anteil daran, so daß sie selbst darüber erstaunte. War es immer noch das »Neue«, was sie reizte? Oder weil jetzt das Spiel auf Tod und Leben ging?

»So erzählen Sie doch!« rief Natalia, deren Augen im Feuer glühten, obgleich sie als die Ruhigste von allen erschien.

Und Wladimir erzählte.

Von allen Seiten waren Nachrichten eingetroffen, welche die Situation unaufhaltsam ihrem Höhepunkt zutrieben und eine Katastrophe herbeiführen mußten. Attentate waren mißglückt, Minen und Geheimdruckereien entdeckt. Es hatten aller Orten Verhaftungen stattgefunden und geradezu Furchtbares vernahm man aus Sibirien. Überall bezahlte die Regierung ihre Spione. Das Exekutivkomitee erklärte sich zu jeder Gewalttat bereit, proklamierte den politischen Mord als ein sittliches Mittel gegen die Übergriffe der Staatsgewalt, forderte alle Parteien auf, ihr Äußerstes zu tun, fällte und vollstreckte Todesurteile. Es war in Wahrheit zu einem Kampf gekommen auf Leben und Tod.

Wladimirs glühende Schilderung der Sachlage riß schließlich alle hin. Natalia Arkadiewna und Anna Pawlowna waren die am meisten Aufgeregten; aber selbst Boris Alexeiwitsch gab seine kühle Haltung auf und überließ sich für einen Augenblick gänzlich der wilden Romantik der Situation, indem er sich für einen Augenblick wirklich einbildete, daß es der Mühe wert sei, sein Leben an diese Dinge zu setzen. Es war immerhin ein würdigerer Abschluß eines untätig verbrachten Daseins, als bei Onegin, der um eines Weibes willen endete.

Sehr eigentümlich war der Vorgang, der sich in der Fürstin vollzog. Nachdem sie eingesehen, daß weder Boris noch Wladimir sich im mindesten um ihre Angst kümmerten, beschloß sie, beider Aufmerksamkeit durch ihren Herorismus auf sich zu ziehen. Sie erholte sich demzufolge sogleich von ihrem Entsetzen und fand bald aufrichtiges Vergnügen an der Sache, ähnlich, wie sie es bei einem spannenden Roman, einer hohen Wette, einer Fuchsjagd oder einem gesellschaftlichen Skandal empfand. Sie dachte mit Entzücken an den Effekt, den sie in Baden oder Cannes durch ihre Erzählungen hervorbringen würde und stellte sich bereits vor, wie man sie auf der Promenade den Fremden zeigte: Voilà la princesse Danilowski. Vous savez, cette dame russe – und so weiter. Der Reiz des Neuen war so groß, daß sie darüber sogar ihre unglückliche Leidenschaft für den schönen Flüchtling und ihre wütende Eifersucht gegen Wera vergaß.

Man befand sich in lebhafter Debatte, als plötzlich Colja hereintaumelte und meldete, Polizisten umzingelten das Haus. Wladimir stürzte zur Tür und verriegelte sie. »Das verdanken wir Ihrem Vater!« raunte er Natalia Arkadiewna zu. »Er hat uns ausgespürt. Ich führe Dokumente des Exekutivkomitees bei mir, die unseren ganzen Anschlag verraten würden, falls sie gefunden werden.«

»Vernichten Sie sie doch! Verbrennen Sie sie doch!« schrie die Fürstin.

»Das darf ich nicht.«

Ein Tumult entstand.

»Geben Sie mir die Papiere,« sagte Natalia Arkadiewna, welche vollkommen gelassen blieb. »Bei mir wird mein Vater sie nicht suchen.«

»Darin könnten Sie sich täuschen.«

»Können wir uns nicht verteidigen?« fragte Wera. »In der Kammer sind Revolver.«

»Ja, geben Sie uns allen Waffen,« rief Anna Pawlowna. »Wir werden uns ihnen nicht lebend überliefern.«

Sie sah Sascha an und trat an seine Seite. Die Waffen wurden gebracht, Boris Alexeiwitsch untersuchte und verteilte sie. Als er Wera das Pistol gab, senkte sich sein Blick tief in ihre Augen und er flüsterte ihr zu: »Ich kann nicht mit dir leben, aber ich will mit dir sterben.«

Wera empfing die Waffe aus seiner Hand. »Sterben,« hallte es in ihr nach.

Diesmal dachte sie nicht an Grischa.

Da wurden Schritte auf dem Hofe vernehmbar.

»Hört mich!« rief Natalia Arkadiewna mit einer Stimme, daß alle auf sie sahen. »Wir werden uns nicht überwältigen lassen; denn ehe dieses geschieht, feure ich meinen Revolver auf die Flasche Nitroglyzerin ab, die lediglich zu diesem Zweck in dem Schranke dort aufgehoben wird. Wera, nimm sie heraus und stelle sie auf den Tisch. Wir alle sind bereit zu sterben; aber wir würden sterben, ohne genützt zu haben. Laßt mich deshalb einen Versuch machen, uns zu retten. Begebt euch alle in die Kammer und verhaltet euch ruhig, was auch hier geschehen möge. Ich will meinen Vater empfangen und mit ihm reden. Gelingt mein Vorhaben nicht, so ist für das andere immer noch Zeit. Überlegt nicht lange! Geht, geht!«

»Ich sehe nicht ein, was das helfen soll,« meinte Wladimir mürrisch. »Aber da es nichts schaden kann, mag es sein. Kommt also.«

Alle, außer Colja, begaben sich in die Kammer, die Natalia hinter ihnen abschloß; den Schlüssel verbarg sie auf ihrer Brust.

»Gehe in den Hof,« gebot das mutige Mädchen Tanias Getreuem, »und lasse dich ruhig festnehmen. Ich weiß, daß du deine Herrin und ihre Freunde nicht verraten wirst.«

Colja brummte etwas, schielte nach der Tür, durch die er Tania halb bewußtlos hatte hinausschwanken sehen und trollte sich fort; die Zurückbleibende hörte, wie er auf dem Hofe angehalten wurde. Gleich darauf drangen sie ins Haus. Natalia nahm die Lampe, öffnete die Tür und leuchtete auf den Flur.

»Wer ist da?«

Sie stand ihrem Vater gegenüber. Gang und Hof waren von Polizisten besetzt.

Einen Augenblick verlor der Geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow die Fassung beim Anblick seiner Tochter; sie war so verändert, daß er sie kaum erkannte. Seine junge, hübsche, elegante Tochter mit kurzem Haar, in schmutziger Kleidung, das Gesicht entstellt und mit einem Ausdruck in ihren eingesunkenen glühenden Augen, wie ihn der Staatsrat nur bei Mörderinnen gesehen hatte.

»Lassen Sie Ihre Leute warten, Arkad Danilitsch Niklakow,« sagte Natalia laut und ruhig. »Und kommen Sie mit mir herein. Ich habe mit Ihnen zu reden.«

Der Staatsrat wandte sich um.

»Bleibt, bis ich euch rufe. Die Posten um das Haus sind zu verdoppeln.«

»Nehmen Exzellenz einige Mann mit hinein,« bat der Sergeant. »Ich kenne das Frauenzimmer; es ist ein gefährliches Geschöpf, zu allem entschlossen.«

»Tun Sie, wie ich Ihnen befahl.« Er wandte sich zu Natalia. »Gehen wir ins Zimmer. Was haben Sie mir zu sagen?«

Die Tür schloß sich hinter ihnen.

»Was haben Sie mir zu sagen?« fragte der Staatsrat noch einmal.

Er war ein stattlicher Herr, mit einem schönen, strengen Gesicht und von bedeutendem Wesen. Er galt für unbestechlich, eine Eigenschaft, die ihn in Petersburg berühmt gemacht hatte. Die Nihilisten haßten ihn als einen ihrer gefährlichsten Feinde. Er wußte, daß er von den Terroristen zum Tode verurteilt worden, ließ sich jedoch durch nichts abschrecken, seine Pflicht zu tun und sie zu verfolgen. Seine Tochter hatte er leidenschaftlich geliebt und ihr Abfall hatte ihm namenlosen Jammer bereitet.

Ungerührt blickte Natalia auf ihres Vaters gebleichtes Haar – erblichen durch ihre Schuld! Sie sagte: »Sie sind alle nebenan in der Kammer; aber Sie werden Ihre Gewalt nicht gebrauchen, sondern Ihren Leuten sagen, daß Sie nichts gefunden haben. Das werden Sie!«

»Und wenn ich es nicht tue?«

»So schieße ich Sie nieder. In dem Augenblick, wo Sie den Mund öffnen, um nach Ihren Leuten zu rufen, sterben Sie.«

Sie nahm den Revolver, der neben der Flasche Nitroglyzerin auf dem Tische lag, und richtete den Lauf des Pistols aus ihren Vater.

»Du wolltest mich töten?« rief der Staatsrat entsetzt.

»Sie können mir ja zuvorkommen; Sie werden doch wohl auch eine Waffe bei sich führen. Gebrauchen Sie dieselbe gegen mich, wenn Sie am Leben bleiben und meine Freunde gefangennehmen wollen.«

Der Staatsrat war sehr bleich geworden. Er zog aus seiner Rocktasche einen Revolver hervor und warf ihn zu Boden.

»So töte denn deinen Vater, elendes Geschöpf!« rief er aus. »Die Welt mag erfahren, bis zu welchen Gräßlichkeiten euer Wahnsinn führt. Alle Bande der Natur werden gelöst, alles Bestehende wird umgestoßen; Töchter morden ihre Väter! Der Schuß der Wera Saffulitsch gab den russischen Frauen das Signal zum Elternmorde.«

In Natalias Augen flammte es auf.

»Höre, Vater,« sagte sie, ohne das Pistol sinken zu lassen, »mit dir rechten kann und will ich nicht. Du hast deine Überzeugungen, ich habe die meinen. Es gilt hier aber nicht dein und mein Leben, sondern Höheres. In jener Kammer befinden sich Männer und Frauen, die zu allem entschlossen sind. Sie alle wollten gegen dich stehen; ich bewog sie aber, sich zu entfernen, denn ich kenne dich. Ich weiß, du willst nicht, daß ich dich töte; ich bin deine Tochter und du hast mich einmal geliebt. Du bist ein frommer Mensch, du glaubst an das Fortbestehen der Seele nach dem Tode, du willst nicht, daß die Seele deiner Tochter durch einen solchen Mord der ewigen Verdammnis überliefert werde, du hast Erbarmen mit ihr; ist sie doch schon auf Erden zu so vielen Qualen verdammt! Sieh mich an, mein Vater: Ich bin eine Sterbende.«

Der Staatsrat war erschüttert. »Kehre um! Komme zur Besinnung! Lasse mich dich zu deiner Mutter bringen, die um dich verzweifelt.«

»Nicht doch. Sobald du mit mir dieses Zimmer verlässest, würdest du mich richten, würdest du mich verurteilen müssen zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Sibirien. Dieses ›lebenslänglich‹ würde für mich allerdings nicht lange dauern.«

Der Staatsrat unterdrückte ein Stöhnen.

»Entscheide dich, die Zeit verstreicht.«

»Ich kann nicht. Was du von mir verlangst, ist Übertretung meiner Pflicht.«

»Entscheide dich.«

»Wer sind deine Freunde?«

»Von mir erfährst du nichts. Aber du kannst nachsehen.«

»Angenommen, ich falle – von deiner Hand! Der Schuß würde meine Leute herbeirufen und du würdest deine Freunde doch nicht retten können.«

»Ein zweiter Schuß trifft diese Flasche, deren Inhalt das Haus in die Luft sprengt. Du siehst, wir sind auf alle Fälle gerüstet. Entscheide dich also.«

Dem Staatsrat stand der Angstschweiß auf der Stirn, er fühlte, wie sein Gesicht sich verzerrte. Aber er durfte nicht zurückweichen; seine Beamten-, seine Mannesehre stand auf dem Spiel. Jedoch seine Tochter, seine Tochter! Er kannte sie. Sie würde tun, womit sie ihm drohte, sie würde den Mord an ihm begehen, sie würde für alle Ewigkeit verdammt werden. Da kam ihm ein rettender Gedanke. Was er tun wollte – was er tun mußte, wenn er seinen Leuten Befehl gab, das Haus zu räumen, ohne der Verschwörer habhaft geworden zu sein, war etwas Furchtbares; aber durch dieses Furchtbare rettete er seine Ehre und bewahrte seine Tochter vor dem Vatermord. So entschied er sich denn.

»Lebe wohl. Gott möge dir barmherzig sein.«

»Du gehst?«

»Lebe wohl.«

Sie machte eine Bewegung, als wollte sie sich an seine Brust oder ihm zu Füßen stürzen. Aber sie bezwang sich und rührte sich nicht; nicht eher, als bis ihr Vater das Zimmer verlassen hatte. So, mit erhobener Waffe, traf sie sein letzter, verzweiflungsvoller Blick. Sie hörte seine Mitteilung an die Leute, daß er nichts gefunden, hörte seinen Befehl, das Haus zu räumen, hörte, wie alle sich entfernten, wie Colja vom Hofe ins Haus gepoltert kam. Da ermannte sie sich, legte den Revolver auf den Tisch, ging zur Kammertür, öffnete und rief: »Kommt herein, mein Vater ist fort. Laßt uns in Ruhe alles beraten.«

Wladimir warf Natalia einen Blick zu; es war ein Blick, der die Nihilistin erbeben machte.

Zehntes Kapitel.

Natalia Arkadiewna konnte sich nicht entschließen, zu Bette zu gehen; ihre Gedanken waren ohne Unterlaß bei ihrem Vater.

Was wird er tun? dachte sie. Um mir einen Vatermord zu ersparen, hat er seine Pflicht verletzt. Das erträgt er nicht. Er ist nicht wie die anderen Beamten Rußlands. Ich liebe ihn, ich bewundere ihn! Trotzdem konnte ich mein Pistol auf ihn richten, trotzdem hätte ich losgedrückt; denn mehr als sein Leben gilt mir die Sache. Auch ich hatte eine Pflicht zu erfüllen.

Aber je mehr sie ihre Handlungsweise vor sich selbst zu begründen suchte, um so angstvoller ward ihr zumute. Ihres Vaters letzter, verzweiflungsvoller Blick verfolgte sie unablässig. Endlich hielt sie es nicht länger aus. Sie warf einen Mantel über, verließ das Zimmer und weckte den Wortschick, der ihr das Haus öffnen mußte. Fast laufend eilte sie die Straßen dahin; nach der Roschdestwenka, wo das Hotel Andrewja lag. Mit jedem Schritte steigerte sich ihre Bangigkeit.

Er wird etwas tun, tun muß er etwas. Aber was, was? Etwas Fürchterliches!

Sie nahm sich vor, zu warten, bis es Tag geworden, bis ihr Vater heraustreten würde, und ihn dann anzuflehen. Aber um was anzuflehen? Daß er das Fürchterliche nicht tun sollte.

Atemlos, zum Tod erschöpft erreichte sie das Hotel. In einem Zimmer des zweiten Stockes brannte noch Licht. Dort mußte ihr Vater sein. Auch er schlief sicher noch nicht. Wie konnte er schlafen, mit jenem entsetzlichen Bilde in seiner Seele; seine Tochter stand vor ihm und zielte nach seinem Herzen! Der schwache Schein, der von oben auf die Straße herab fiel, war Natalia wie ein Stück von dem Leben ihres Vaters selbst. Nach und nach wurde sie ruhiger. Seltsame Gedanken, Erinnerungen aus der Kinderzeit stiegen in ihr auf. Wie lange hatte sie nicht daran zurückgedacht. Sie entsann sich der freudigen Aufregung, die sich jeden Morgen ihrer bemächtigte, wenn ihre Wärterin sie zum Vater brachte. Wie gütig war er stets gegen sie gewesen! Seine Augen hatten aufgeleuchtet, wenn das kleine, zierliche Wesen ins Zimmer getrippelt kam, um sich ihm ungestüm an den Hals zu werfen. Als sie größer wurde, kümmerte er sich weniger um sie; aber sie fühlte, daß sie zärtlichst von ihm geliebt wurde, daß es dem ernsten, strengen Manne freier ums Herz ward, wenn sie zu ihm kam, daß sie sein Bestes und Teuerstes war. Später lebte sie gedankenlos hin, bis sie so furchtbar aufgeweckt wurde. Sie hatte damals eine Unterredung mit ihrem Vater, nur eine einzige. Was war das für eine Stunde! Er war mild und gütig, er bat sie, er weinte um sie. Aber nichts konnte sie rühren, sie blieb starr. Das gedankenlose, leichtlebige, sonnige Geschöpf verwandelte sich in wenigen Tagen in ein düsteres, fanatisches Wesen, das ohne eine Träne von Vater und Mutter schied, um als Verkünderin des Heils der Freiheit und Gleichheit unter das Volk zu gehen. Ohne zurückzublicken, setzte sie ihren Weg fort, bis zu dem Augenblick, da sie mit erhobener Waffe ihrem Vater gegenüberstand. Und auch jetzt wollte sie nicht zurück.

Hinter den niedergelassenen Vorhängen des erleuchteten Zimmers, darin sie ihren Vater vermutete, zeigte sich ein Schatten.

Natalia hielt den Atem an: wenn er den Vorhang öffnen, wenn er sie sehen würde – –

»Vater!« rief sie laut.

Aber er hörte nicht. Der Schatten oben verschwand.

Es war besser so. Am besten war es, sie ging wieder fort. Was hätte sie ihm auch sagen können? Geschehen war geschehen. Sie würde leben müssen, mit dem letzten Blick ihres Vaters in ihrer Seele und leben müssen würde ihr Vater, mit dem Bewußtsein, um seiner Tochter willen seine Pflicht verletzt zu haben, er, dieser Mann und Beamte von Ehre.

Langsam wandte sie sich, ging einige Schritte, Plötzlich blieb sie stehen, zitternd am ganzen Leibe und von Grausen gepackt.

Sie hatte einen Schuß gehört.

Es war nur ein dumpfer Ton gewesen, den sie vernommen. Aber sie wußte, daß es ein Schuß war, ein Schuß, der oben in jenem Zimmer gefallen, darin das Licht ruhig fortbrannte; sie wußte plötzlich, womit ihr Vater die Übertretung seiner Pflicht bezahlt und sein Verbrechen gesühnt hatte. Sie wußte, daß er in diesem Augenblick dort oben am Boden lag; mit zerschmettertem Haupte hauchte er seinen letzten Seufzer aus, wand sich vielleicht in gräßlichen Qualen – vielleicht noch lebend! Sie stürzte die Straße zurück, taumelte gegen die Tür, riß an der Nachtglocke.

Endlich wurde geöffnet.

Der verschlafene Portier prallte bei ihrem Anblick zurück; er mochte sie für eine Wahnsinnige halten.

»Hier wohnt – –« Aber sie konnte sich nicht auf den Namen besinnen, unter dem, wie Wladimir ihr gesagt hatte, ihr Vater in Moskau auftrat.

»Hier wohnt ein Herr aus Petersburg – –«

»Hier wohnen viele Herren aus Petersburg.«

»Der Geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow.«

»Der wohnt nicht hier.«

»Doch! In der zweiten Etage.«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen.«

»In der zweiten Etage hat sich soeben jemand erschossen.«

»Sie sind verrückt! Scheren Sie sich hinaus.«

Da sie nicht gehen wollte, packte sie der Mann, stieß sie auf die Straße und schloß hinter ihr zu. Sie warf sich gegen die Tür, pochte und schrie, bis zwei Polizisten kamen und sie festnahmen.

Sie sagte den Männern, daß sie die Tochter des Geheimen Staatsrats Arkad Danilitsch Niklakow aus Petersburg wäre und daß ihr Vater sich soeben im Hotel erschossen hätte. Man glaubte ihr nicht und führte sie schließlich mit Gewalt fort, nach dem Polizeilokal, wo sie mit aufgegriffenen Dirnen zusammen in ein abscheuliches Gelaß gesteckt wurde.

Unter Qualen verstrich Stunde auf Stunde. Als der Tag graute, erwachten die Gefangenen und fingen an, sich miteinander zu unterhalten. Natalia lag auf ihrer Pritsche, mußte alles mitanhören und dachte, wie nun der Morgen durch die geschlossenen Vorhänge auch in das Zimmer dämmerte, darin der blutige Tote lag. Die verglasten Augen hatte er weit offen, mit demselben Blick, mit dem er sie gestern zum letztenmal angesehen. Jetzt wußte sie, daß dieser Blick ihr sagen sollte: Ich nehme die Todsünde von dir und begehe sie selber – statt deiner, für dich!

Bei den religiösen Ansichten des Staatsrats war der Selbstmord eine Tat, für die es keine Vergebung gab. Dennoch hatte er sie begangen, um ihretwillen.

Als das Haftlokal geöffnet wurde, durften die meisten frei fortgehen. Neue Gefangene kamen hinzu, und von diesen schändlichen Lippen erfuhr Natalia den Vorfall der letzten Nacht. Im Hotel Andrejew hatte der Geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow sich das Leben genommen. Einige behaupteten, er wäre von den Nihilisten erschossen worden und zwar von einer Frau, die sich für seine Tochter ausgegeben, in der Nacht zu ihm gedrungen war und ihn niedergeschossen hatte. Sie sei bereits gefangen und der Tat geständig. Natalia vernahm ausführlich, in welchem Zustand man den Toten gefunden und daß er wahrscheinlich bis zum Morgen gelebt hatte. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht aufzuspringen und zu rufen: »Ich bin seine Tochter, ich habe ihn umgebracht!«

Der Tod des Staatsrats erregte im Gefängnis einen wahren Rausch des Entzückens. Man pries die Mörderin, man klagte um sie. Natalia kam dem Wahnsinn nahe. Was diese Diebinnen und Prostituierten aussprachen, waren ihre eigenen Überzeugungen, waren dieselben Theorien, die sie hundertmal dem Volke gepredigt hatte, fast mit denselben Worten. Sie konnte auch jetzt nichts davon widerrufen, blieb auch jetzt ihrem Standpunkt getreu; aber, daß dieser blutig Gestorbene gerade ihr Vater war, daß dessen Tod gerade von solchen Lippen so wild bejubelt ward, erschien ihr wie eine wüste Fieberphantasie.

Dann führte man sie zum Verhör. Sie sagte aus, was sie bereits ausgesagt hatte, daß sie die Tochter des Staatsrats sei, daß sie gestern nacht die Ankunft ihres Vaters erfahren, diesen trotz der späten Stunde hatte aufsuchen wollen und auf der Straße den Schuß gehört habe. Man stellte sie dem Portier des Hotels gegenüber, der sie sogleich erkannte und ihre Aussage bekräftigte; mittags kam Anna Pawlowna und bewirkte ihre sofortige Freilassung.

Anna Pawlowna war heftig erschüttert. Sie teilte Natalia mit, daß gleich nach dem Selbstmorde ihres Vaters das Haus in der Preobraschenskaja-Vorstadt durchsucht worden sei; doch habe man nur Tania und Colja gefunden und kein einziges kompromittierendes Schriftstück, Die Waffen und die Flasche mit Nitroglyzerin seien noch in der Nacht von Wladimir und Colja in die Druckerei geschafft worden, darin sich Wladimir verborgen halte, in der Gewißheit, daß demnächst die Haussuchung wiederholt werden würde.

»Hat mein Vater nichts hinterlassen? Hat er nichts aufgeschrieben? Kein Wort für mich?«

»Man hat nichts gefunden.«

»Weiß es meine Mutter bereits?«

»Ich habe ihr telegraphiert.«

»Gleich die volle Wahrheit?«

»Ich habe sie auf die volle Wahrheit vorbereitet.«

»Sie wird den Tod davon haben! Wir töten unsere Väter und Mütter. So sagte mir auch mein Vater.«

»Grüble nicht darüber nach.«

»Was hülfe es auch?«

Zu Hause, in Nataliens Zimmer, fanden sie Wera, totenblaß und tränenlos. Boris war bei ihr, Natalia bat, daß man sie allein lassen möchte.

»Willst du deinen Vater sehen?« fragte Anna Pawlowna.

»Nein. Wann soll er begraben werden?«

»Am Sonntag. Die Stadt bereitet ihm ein fürstliches Leichenbegängnis.«

»Dem Selbstmörder?«

»Man nimmt an, daß er in seinem Berufe gestorben sei, einen Heldentod.«

Natalia winkte, daß sie gehen möchten.

Auch den nächsten Tag ließ sie niemand zu sich; dann erschien sie wieder und nahm, als ob nichts geschehen wäre, ihre Tätigkeit von neuem auf. Sie schickte nach Wladimir Wassilitsch, mit dem sie lange Unterredungen hatte, deren Inhalt für jedermann ein Geheimnis blieb. Mehr als einmal geschah es, daß der junge Terrorist das entstellte Gesicht Natalias mit demselben eigentümlichen Blicke ansah, wie damals nach ihrem Gespräche mit dem Staatsrat. Sein Benehmen gegen die schwer Leidende war auffallend rücksichtsvoll, fast weich und sorgsam.

Der Tag des Begräbnisses kam; halb Moskau war in Bewegung, alle Glocken läuteten. Der Leichenzug, der sich mit glänzendem Pomp durch die Straßen bewegte, wollte kein Ende nehmen. In der Katharinenkirche wurde die Leiche feierlich eingesegnet. Zwischen den Spalieren von Polizisten und Soldaten folgte der höchste Adel dem Sarge. Es wimmelte von Popen, ein Meer von Kerzen erstrahlte, Weihrauch dampfte, und Moskaus Gärten schienen für den Toten allen ihren Blumenschmuck hergegeben zu haben.

In der Nähe des Kirchhofes entstand ein Tumult, Betrunkene beschimpften den Verstorbenen, viele Verhaftungen wurden vorgenommen.

Natalia folgte dem Zuge nicht. Während ihr Vater in die Gruft gesenkt wurde, setzte sie mit Wladimir Wassilitsch das Todesurteil für einen hohen Beamten in Odessa auf, welches diesem von dem Exekutivkomitee zugesendet werden sollte.

So konnte selbst der blutige Leichnam ihres Vaters diese Tochter nicht von dem Wahnsinn heilen, den sie »die Sache« nannte.

Elftes Kapitel

Der Selbstmord des Staatsrats und das Aufsehen, welches derselbe erregte, vereitelten für den Augenblick alle Pläne der Terroristen. Moskau wimmelte von Polizeiagenten und Spionen. Die revolutionäre Partei mußte die äußerste Vorsicht gebrauchen, ihre Versammlungen gänzlich einstellen, sich überhaupt mit ihrer Tätigkeit vollständig im dunkeln halten.

Wladimir war außer sich, und die arme Tania verzehrte sich in Sorge und Angst. Er verbrachte die Tage in der Druckerei, wo er glühende Reden an die Partei und das Volk niederschrieb und sogleich druckte. Aber niemand von denen, an welche diese wilden Ergüsse gerichtet waren, bekam sie zu lesen, denn sie konnten weder ausgeteilt noch verschickt werden. In dieser Zeit wich Natalia nicht von der Seite ihres Freundes, obgleich die Luft in dem unterirdischen Raume Gift für sie war. Er las ihr seine Aufsätze vor, entwickelte vor ihr seine Ideen, die immer mehr einem sozialistischen Wahnsinn zustrebten und raste sich aus bei ihr. Sie hatte Verständnis für jede seiner wilden Regungen, feuerte ihn an, tröstete ihn, beruhigte ihn.

Es war ein seltsames Bild, diese beiden Menschen miteinander in dem Gewölbe, das einer Grabkammer glich. Der Mann an Schönheit einem griechischen Halbgott gleich, die Frau mehr einem Schatten als einer Lebenden ähnlich. Beide sich erschöpfend in den Ausbrüchen ihres Hasses, beide trunken von Träumen, darin sie alles Bestehende in einer blutigen Sintflut untergehen sahen.

Nur widerstrebend ließ sich Wladimir in diesen Tagen die Nähe Tanias gefallen. Nicht, daß er weniger Zärtlichkeit für sie empfunden hätte. Im Gegenteil! Er wollte nur nicht dulden, daß dieses Gefühl zum Ausdruck, wohl gar zum Ausbruch kam; es hätte ihn von der Sache abziehen können! Nahm daher Tania sich einmal das Herz zu einer schüchternen Liebkosung, so wehrte er sie rauh ab, während er sich gewaltsam zurückhalten mußte, sie nicht an seine Brust zu reißen und mit Küssen zu ersticken. Er wollte nichts anderes lieben als das Volk und tobte gegen seine Empfindungen, wenn er entdeckte, wie sein ganzes Wesen seiner reizenden Geliebten zustrebte, nichts verlangend, als zu lieben und geliebt zu werden. So erwachte in ihm von neuem der Asket, den Tanias Liebesflüstern für eine kurze Weile in Schlummer geraunt hatte. Nachts kam er erst dann aus der Druckerei ins Haus, wenn er sie bereits schlafend wußte, er jagte Colja aus dem Zimmer und brachte die Nacht vor ihrer Kammertür zu, ohne ein Auge zu schließen, in einem Fieber, das seine Kräfte verzehrte. Am liebsten hatte er sie wieder zurück nach Eskowo zu ihren Eltern geschickt; aber sie dauerte ihn! Außerdem mußte er sie endlich für die Sache beschäftigen; denn sein Weib durfte nicht zurückbleiben, wo andere Frauen ihr Leben wagten. Aber was sollte er ihr zu tun geben? Sie war so zart, so furchtsam, so kindisch. Vergebens grübelte er darüber und beschloß, nicht eher zu ruhen, als bis auch Tania in Wahrheit eine der Ihren geworden – eine Nihilistin und »Auferstandene«.

Um einen Anfang zu machen, nahm er Tania mit sich in die Druckerei. Sie setzte sich dann in eine Ecke, sah unsäglich traurig und geängstigt aus, hörte schweigend alle die von Haß erfüllten, Vernichtung fordernden Ergüsse ihres Geliebten an, verstand nichts und – billigte alles; denn Wladimir mußte in allem recht haben.

Hätte die arme Tania den treuen Colja nicht gehabt, sie wäre verkommen wie eine Frühlingsblume im heißen Sommer; aber Colja erlaubte das nicht. Immer war Colja da, an alles dachte Colja. Und wie gesprächig war er geworden! Es war erstaunlich! Geschichten wußte er plötzlich zu erzählen; solche hübsche, lustige, dumme Geschichten. Man mußte darüber lachen! Das tat Tania freilich nicht, aber sie lächelte doch; Colja erzählte so lange, bis sie wenigstens lächelte. Dann wußte er nicht, was er vor Freude angeben sollte; er redete die tollsten Dinge, und zuletzt mußte sie doch über ihn lachen. Ob er wohl jemals noch brummte, murrte und knurrte? Gewiß nicht! Er war ein ganz freundlicher, heiterer, gutmütiger Colja geworden. Und wie er arbeitete! Nämlich zusammen mit seiner Herrin, dem Täubchen Tania Nikolajewna. Das Haus war von oben bis unten blitzblank, so blank es eben zu machen war. Und die Sauberkeit, die auf dem Hofe herrschte, mußte dem kaltherzigsten Menschen Staunen und Freude bereiten. Der Birnbaum zum Beispiel war einfach ein Wunder; bis hinauf in die obersten Zweige hatte Colja die Bohnen klettern lassen. Und wie sie voller Schoten hingen! Das Täubchen konnte davon einsalzen und trocknen, soviel es wollte. Das gab eine Lust, als die Bohnen gebrochen wurden; und es ist gar nicht zu sagen, was für Possen dieser närrische Colja dabei trieb. Und der Kohl! Das würde im Winter eine Kohlsuppe geben! Was für Köpfe! So groß wie ein Kürbis und ebenso fest. Ob er wohl eine einzige kleine Raupe daran ließ? Gott bewahre! Und was für ein Gesicht er machte, wenn das Täubchen ihm nicht traute und selbst nachsah und natürlich nichts fand. Dann murrte er, aber man konnte ihm nicht böse sein. Ganz unmöglich!

Ein Stück Feld, das zum Häuschen gehörte, war mit Zuckererbsen bebaut; ihr wißt, mit solchen kleinen, zarten, süßen. Auf die Zuckererbsen konnte das Täubchen stolz sein. Die Melonen, die sie mit Hilfe Coljas zog, waren vollends eine Pracht. Tania dachte daran, sie in Honig einzumachen, und freute sich, Wladimir damit zu überraschen. Himbeeren und Johannisbeeren gab es in Hülle und Fülle. Und Blumen! Colja hatte Blumen gepflanzt, ein ganzes Beet voll: Nelken und Feuerlilien, Sonnenblumen und Malven. Natürlich waren es Tanias Lieblingsblumen und natürlich blühten sie vor Tanias Fenster. Es war eine wahre Herrlichkeit! Und was für Sträuße sich daraus binden ließen! Colja riß vor Erstaunen seine kleinen Augen weit auf, so daß Tania häufig nur deshalb Blumen pflückte, um sein seliges Gesicht zu sehen. Heimlich wand sie sogar Kränze, die brachte sie heimlich, mit Coljas Hilfe natürlich, in eine Kirche und hing sie vor dem Muttergottesbild auf. Dann betete sie und schluchzte und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Colja sah von weitem zu ihr hinüber und die dicken Tränen liefen ihm über die Wangen in den Bart hinein. Kam das Täubchen aber dann zu ihm, ganz erschöpft vom Beten und Weinen, so schnitt er ein solches grimmiges Gesicht, daß sie alle ihre Liebenswürdigkeit aufbieten mußte, um ihn wieder gut zu machen. Darüber vergaß sie natürlich ihr eigenes Leid und wurde zuletzt selbst ganz heiter.

Ja, dieser Colja!

Und die Hühner, die Enten, die Tauben nicht zu vergessen!

Alles hatte Colja herbeigeschafft, niemand ahnte, durch welche List und welche Mittel. Vielleicht hatte er sie gestohlen oder auf der Straße gefunden, oder er konnte zaubern, oder irgend jemand hatte ihn angefleht, dem Täubchen Tania Nikolajewna doch um des Himmelswillen die hübschen, weißen Tauben zu bringen. Tatsache war, daß sie da waren und einen wunderhübschen kleinen Verschlag hatten, darin Tania sie täglich besuchen und ihnen Futter streuen konnte. Sie hatte ihre helle Freude daran, wie alles Federvieh sie kannte. Wenn Tania in den Hof trat, schlug der große, bunte Hahn gewaltig mit den Flügeln und begann ganz mörderisch zu krähen. Um seine Hühner kümmerte er sich dann gar nicht mehr. Die waren so eifersüchtig auf die schöne Tania, daß sie ihr fast auf die Schultern geflogen wären, um ihr vor Ärger die Augen auszupicken. Aber auf Tanias Schultern, Kopf und Armen saßen bereits die Tauben, girrten und gurrten. Colja lachte das Herz im Leibe, und wenn zuletzt auch noch die Enten angewatschelt kamen und die größte Eile bezeigten, um zu Tanias Füßen ihr Futter zu empfangen, so war dieser mürrische Colja ein glücklicher Mensch.

Wenn sie gar traurig war – und sie war es recht oft – nahm dieser abgefeimte Bursche seine Zuflucht zu einer List, zu einer ganz gemeinen List! Er stellte sich nämlich krank und tat so jammervoll, daß sie in ihrer Sorge um ihn sogar aufhörte, sich um Wladimir zu ängstigen und ihn pflegte und hätschelte, als ob der große, alte, garstige Colja ein allerliebstes kleines Coljachen wäre. Als sie immer stiller und bleicher ward, half es ihr nichts, sie mußte mit Colja weite Wanderungen antreten, bis hinaus auf die Felder, wo sie alsdann über jeden Baum, über jede Blume eine kindische Freude empfand, sich in Heimatserinnerungen verlor, von Eskowo zu plaudern begann und wie schön es sein könnte, wenn – – Doch da standen ihr schon wieder die Tränen in den Augen und Colja fing an zu singen, so greulich falsch, daß sie es nicht mit anhören konnte und selber sang, nur damit er aufhören sollte. Er wurde auch sogleich ganz still, warf sich auf den Boden und hörte zu. Sie sang dann gewöhnlich alle ihre Lieder, mit einer Stimme, daß Colja die Lerchen nicht begreifen konnte, die ganz frech in den Lüften weiter sangen und sich nicht schämten, neben Tanias Stimme ihr Jubilieren ertönen zu lassen. Es waren doch recht herzlose Vögel!

Zwölftes Kapitel

Es begann in Moskau heiß zu werden, die meisten der vornehmen Familien befanden sich bereits auf ihren Gütern und Landsitzen. Die prächtige Stadt verödete, das Leben zog sich in die Vorstädte und in die ärmeren Quartiere zurück; in der grellen Sommersonne, unter dem glühenden Himmel, den während des Tages meist eine gelbliche Dunstwolke umqualmte, glich Moskau mit seinen bunten strahlenden Kuppeln mehr noch als sonst einer orientalischen Stadt. Auch Anna Pawlowna hatte mit einem großen Teil ihrer Dienerschaft ihr Landhaus in Kunzewo bezogen. Gern wäre Wera zurückgeblieben, aber Wladimir hatte ihr befohlen, der Prinzessin zu folgen und dieselbe auf Schritt und Tritt zu bewachen; denn nach wie vor hegte er gegen die Wahrhaftigkeit ihrer Gesinnungen starken Verdacht. Sascha war nicht mitgenommen worden, bewohnte sein altes Quartier bei Marja Carlowna, befand sich jedoch häufig in Kunzewo. Ein beständiger Gast in dem Landhause war Boris Alexeiwitsch, der elend aussah, sich von seinem Kammerdiener nicht mehr frisieren ließ und auf sein Taschentuch aus feinstem Batist kein Parfüm mehr goß.

Seltsamerweise machte die Fürstin Danilowski keinerlei Anstalten, Moskau zu verlassen, was sonst um diese Zeit stets geschehen war. Sie lebte bei geschlossenen Läden in einer fortwährenden Dämmerung, trug weiße, dünne Gewänder, ließ ihr Haar frei herabhängen und ernährte sich von Limonade, Schlagsahne und Konfekt. Da ihre sämtlichen Bekannten Moskau verlassen hatten, so gab sie sich ganz dem Studium von Alexander Herzen und Michael Bakunin hin, las Moleschott und Schopenhauer, deklamierte Leopardi und schickte alle Tage nach Wladimir Wassilitsch, der sich auch zuweilen bei ihr einfand, kurze Zeit blieb und stets eine große Summe mit sich fortnahm, die für nihilistische Zwecke sofort nach allen Himmelsrichtungen versandt wurde.

Auf allen Gemütern schien die Schwüle des heißen Sommers zu lasten; die lange Reihe schöner Tage wirkte allmählich ermattend auf die Geister. Anna Pawlowna schloß sich fast ganz von den andern ab; sie war ernstlich leidend, dabei herrlicher als je. Etwas Eigentümliches, nicht zu Erklärendes hatte sich über ihre majestätische Schönheit gelegt. Ihre Bewegungen waren matt, ihr Blick hatte etwas Seelenloses. Sie zeigte sich erst bei Tafel, die am späten Nachmittag in der Gartenhalle und stets mit einem gewissen Zeremoniell abgehalten wurde. Am Büfett präsidierte der französische Haushofmeister, hinter Anna Pawlownas Lehnsessel stand ein Kammerdiener, zwei Lakaien servierten. Auch wenn keine Gäste anwesend waren, erschien die Prinzessin in Dinertoilette und Boris Alexeiwitsch in weißer Krawatte. Wera, in einem schwarzseidenen Kleide, das die Prinzessin für sie von ihrem Pariser Schneider hatte anfertigen lassen, aber mit ihrer alten ländlichen Haartracht, von welcher Boris Alexeiwitsch entzückt war, speiste regelmäßig mit. Sie sah in dem modernen Anzug ungemein stattlich aus – »fast vornehm«, wie Boris Alexeiwitsch es nannte.

Aber sie bewegt sich schlecht, kritisierte er im stillen. Schade, daß sie so gar nicht eitel ist, daß es so ganz unmöglich ist, ihr einen Begriff von ihrer Schönheit beizubringen. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen! Sie sieht sich doch im Spiegel, sie ist doch schließlich auch ein Weib. Mit diesem Kopf würde jede andere Wunder vollbringen – nun, ein Wunder hat sie an mir vollbracht. Ein creme-weißes Mousselinkleid müßte ihr prachtvoll stehen. Ich muß mich doch hinter meine Cousine stecken; aber mit der ist jetzt nichts anzufangen.

Wera sprach bei Tische nur dann, wenn sie angeredet wurde. Sie litt wahre Qualen, schämte sich ihres seidenen Kleides und trug es lediglich, weil es Anna Pawlownas Wunsch war, und weil Wladimir ihr befohlen hatte, sich den Wünschen der Prinzessin schweigend zu fügen. Die mit Silber überladene Tafel, das kostbare Service, die vielen Speisen und teuren Weine flößten ihr Abscheu ein. Sie genoß so wenig als möglich und bei jedem Bissen war ihr, als beginge sie einen Diebstahl an dem Volke.

Bei diesen Mahlzeiten bemühte sich Anna Pawlowna nicht im geringsten, ihre Stimmung zu verbergen. Ihr Gesicht sagte immer von neuem deutlich: Ich bin dieses Lebens überdrüssig.

So führte denn Boris Alexeiwitsch die Unterhaltung allein. Er tat es mit vielem Geschick und Takt, mit so vieler Anmut, daß es ihm gelang, alle über die peinliche Situation, die Anna Pawlowna durch ihr seltsames Wesen verursachte, hinwegzubringen; zum erstenmal in ihrem Leben zollte die Prinzessin ihm Anerkennung. Eine merkwürdige Wandlung vollzog sich in Wera. Seit dem Augenblick wo Boris ihr zugeflüstert hatte, daß er glücklich sei, mit ihr sterben zu dürfen, war ihr Leben ein beständiger qualvoller Kampf gegen Gewalten, welche mehr und mehr Macht über sie gewannen. Es war ein Meisterstreich des großen Virtuosen in der Kunst der Verführung gewesen, ihr zu sagen, daß er mit ihr sterben wollte, da er nicht mit ihr vereint leben konnte. Es war der einzige Gedanke, dessen sie sich in jeder Minute klar bewußt war. Er hatte mit ihr sterben wollen! Alles andere ging unter in diesem einen; eine ganze Welt, die sie in sich aufgebaut, ging darüber zugrunde, wurde dadurch in Trümmer geschlagen. Er wollte mit ihr sterben! Es lähmte, es brach ihre Kraft, es zermalmte ihre Seele, es zerstörte fast ihre Sinne. Er wollte mit ihr sterben. Er mußte ein reiner Mensch sein.

Dieser Glaube an ihn wurde immer stärker. Sie richtete sich daran auf, sie beruhigte damit alle Gewissensqualen, alle Angst und alle Zweifel. Er ist ein reiner Mensch!

Ich bin doch im Grunde ein guter Kerl! glaubte schließlich auch Boris Alexeiwitsch von sich selbst, gewann mehr und mehr eine hohe Meinung von seinen sittlichen Eigenschaften und bildete sich allen Ernstes ein, daß er bisher vollständig im unklaren über sich geblieben war. Nun hatte seine Leidenschaft zu Wera, hatte seine Liebe ihn zu dem entwickelt, was er eigentlich immer gewesen.

Nach dem Diner fuhr die kleine Gesellschaft gewöhnlich eine Stunde spazieren; darauf trennte man sich, um spät abends noch einmal zusammenzukommen, wo dann auf der Terrasse der Tee eingenommen wurde, den Wera bereiten durfte. Wenn er nicht vorlas, setzte Boris sich ans Klavier und begann zu spielen, zu phantasieren.

Boris spielte vortrefflich. Er war ein Verehrer Chopins, dessen virtuose Kunst und leidenschaftliche Natur mit seinem eigenen Wesen verwandt war. Aber Wera verstand den genialen Komponisten nicht. Ihr ward bei Chopin unsäglich beklommen zumute, gerade wie in ihrem eleganten Seidenkleide. Sobald Boris das merkte – und ihm entging nichts, was sie betraf – schlug er auf dem Klavier eine ganz andere Sprache an, eine Sprache, von der er wußte, daß Wera sie verstand: volkstümliche Melodien, Lieder und Gesänge. Alle waren wehmütig und sehnsuchtsvoll, in allen liebte das russische Mädchen und der russische Jüngling, liebten und litten. Es war immer dasselbe Thema, das er hundertfach variierte; überzeugt, damit zu Weras Herzen zu sprechen.

Ebenso umsichtig, wie bei seinem Klavierspiel, benahm er sich bei der Wahl seiner Lektüre. Onegin war längst gelesen und hatte auf Wera einen überwältigenden Eindruck gemacht. Da Boris Verse, bei denen er sein weiches volles Organ in allen Klangfarben spielen lassen konnte, vortrefflich las, so hätte er am liebsten nur Gedichte vorgetragen: Puschkin und Lermontoff. Aber er bemerkte, daß Wera den Gedichten nicht dieselbe Aufmerksamkeit schenkte, wie den Erzählungen. Sie wollte ein Begebnis hören, sich an Personen halten und nicht sich von Stimmungen beeinflussen lassen. Mit einem Wort, sie wollte miterleben und mitleiden. So griff Boris denn zu Turgenieff und hätte gar nicht klüger wählen können. Denn Wera, die sich als Kind ablehnend gegen Saschas Märchen verhalten hatte, lauschte jetzt mit der Leidenschaft eines Kindes den Erzählungen des russischen Meisters. Sie hörte das »Tagebuch eines Jägers«, die »Frühlingsfluten«, »Faust« und »Rauch«; zuletzt gar nicht mehr in der Wirklichkeit lebend, so daß sie zuzeiten ihr eigenes Dasein vollkommen vergaß.

Erwachte sie dann aus diesem Traumleben, so war der Jammer groß. Blaß und verstört ging sie umher, sah Menschen und Dinge mit erstaunten, fremden Augen an, wußte nicht, was mit dem Leben beginnen. Es war ein Glück, daß Boris sie scharf bewachte und stets mit einem neuen Betäubungsmittel zur Hand war. Er bezweckte bei dieser Methode, Wera davon abzuhalten, über sich selbst nachzugrübeln. So ward sie allmählich ihrer eigenen Seele entfremdet.

Niemals sprach er mit Anna Pawlowna über sie. Überhaupt hatte sich zwischen ihm und seiner Cousine ein seltsames Verhältnis herausgebildet, das besonders stark in Saschas Anwesenheit hervortrat. Bisher hatten die beiden Verwandten nichts Gemeinsames gehabt; das war nun anders geworden. Sie empfanden auf einmal, daß sie zusammengehörten, daß sie durch ein unlösliches Band miteinander verbunden waren, weniger durch ihre Bluts- als vielmehr durch ihre Standesverwandtschaft. Sie entdeckten, daß sie vielfach nicht nur dieselben Ansichten, sondern auch dieselben Neigungen hatten; zwar vermieden sie es, beisammen zu sein, doch ihre Blicke begegneten sich zuweilen mit einem sonderbaren Ausdruck. Saschas Name wurde niemals zwischen ihnen genannt. Boris haßte den Bauernsohn, ein Gefühl, das von diesem aufrichtig erwidert wurde. Gar zu gern hätte der elegante Edelmann den plumpen und groben Plebejer lächerlich gefunden und in den Augen seiner schönen Cousine lächerlich gemacht. Aber in Saschas Haltung, seinem Benehmen, seinem Blick, selbst in dem Klange seiner Stimme lag seit kurzem etwas, das dem blasierten, hochmütigen Herrn unwillkürlich Respekt einflößte.

Anna Pawlowna beobachtete die beiden kaltblütig, aber mit einer gewissen Neugier. Was wird aus der Geschichte werden? Wie wird sie sich dabei benehmen? Wird er seinen Zweck erreichen? Natürlich! Wann wohl? Sehr bald! Und dann – was wird dann? Vielleicht tötet sie sich (wenn sie nicht ihn tötet) und er – – Er fällt in eine andere Passion. Wer wird die nächste sein? Eigentlich ist es doch erbärmlich. – Aber sie tat nichts, um Wera über Boris aufzuklären. Zuweilen fuhr es ihr freilich durch den Sinn: Ich sollte dieses Mädchen retten. Sie nahm sich vor, mit Wera oder mit Boris zu reden; doch es blieb bei der Absicht. Sie hatte zu viel mit sich selbst zu tun, um sich um andere kümmern zu können. Und schließlich – – War sie etwa weniger stolz gewesen als Wera? Und schließlich war auch sie geworden, was andere waren.

Dennoch hatte diese seltsame Frau Stunden, wo sie sich zu überreden suchte, daß sie Sascha immer noch liebe; Stunden, wo sie sich zu belügen vermochte, wo sie die Lüge glaubte. Dann sah sie in ihm, in seiner Leidenschaft für sie, in ihrer Liebe zu ihm ihre einzige Hoffnung, ihr Heil und ihre Rettung. Dann schickte sie nach ihm, dann ging sie in der Nacht ihm entgegen, schlich sich mit ihm ins Haus, demütigte sich vor ihm, klagte sich bei ihm an, bat ihn um Verzeihung, um Erbarmen, überschüttete ihn mit leidenschaftlichen Liebkosungen, zwang ihn durch ihre Liebesgewalt, machte ihn selig, trunken, halb von Sinnen; ihn und sich selbst.

Solchen Stunden der Raserei folgten Tage der Entrüstung, der Verzweiflung, der Ermattung.

Einmal kam sie für einige Zeit nach Moskau, bezog ihren Palast, ließ alle Gemächer öffnen, empfing ihren Liebhaber am hellen Tage, vor aller Augen, fuhr mit ihm aus, gebot der Dienerschaft, ihm zu begegnen, als ob er der Prinz wäre.

Sie ist toll, dachte Boris und zuckte die Achseln.

Indessen allmählich bereitete sich in dem Verhältnis Anna Pawlownas die Katastrophe vor.

Sie hatte ihn lange nicht gesehen, lange nicht, weder nach ihm geschickt noch an ihn geschrieben; sie beabsichtigte Gäste einzuladen und ließ es ihn wissen – – durch ihre Kammerfrau! Diese Person sagte ihm, daß es jetzt der Prinzessin unmöglich sei, ihm zu begegnen, daß er auch nicht schreiben sollte, daß er sich gedulden möchte. Und Sascha »geduldete« sich.

Er hatte nichts in Moskau zu tun; denn selbst die Dynamitfabrikation mußte fürs erste eingestellt werden. Er war ruhelos. Seine Wirtin Marja Carlowna war seine erklärte Feindin geworden und gönnte ihm kein Wort und keinen Blick. Sie sah elend aus, als ob sie krank wäre; Sascha scheute sich vor ihr. Er beschäftigte sich mit nichts, rührte kein Buch an und mied seine Gesinnungsgenossen wie und wo er nur konnte. Selbst die »Sache« war ihm gleichgültig geworden. Stundenlang schlenderte er in Moskau umher, in den Straßen, durch die er einmal mit der Prinzessin gefahren war; stundenlang stand er vor ihrem Palast, den er einmal mit ihr bewohnt hatte und blickte zu den verschlossenen Fenstern auf, bis er mit einem tiefen Seufzer zur Besinnung kam. Dann lief er fort. Er besuchte Teeschenken und öffentliche berüchtigte Lokale, in denen er bald eine bekannte Persönlichkeit ward; doch ließ er sich mit niemandem in ein Gespräch ein.

Jeden Tag begab er sich zu Wladimir, oder vielmehr zu Colja, mit dem er große Freundschaft schloß. Die beiden hatten einander nichts zu sagen, aber sie verstanden sich. Tania behandelte er mit scheuer Ehrfurcht, als wäre sie ein lebendig gewordenes Heiligenbild; mit Natalia Arkadiewna hätte er gar zu gern über die Prinzessin gesprochen, wagte es indessen nicht, da Natalia ihm mit tiefster Nichtachtung begegnete, was ihn sehr betrübte. Wladimir wich er aus, denn er fürchtete dessen abscheuliche Weise zu lächeln, ohne jedoch noch daran zu denken, ihn um seines Lächelns willen erwürgen zu wollen. Wladimir übrigens war auch so mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß er Sascha gar nicht beachtete.

Einmal besuchte dieser sogar die Fürstin, die ihn aus Neugier zwar empfing, ihn aber äußerst geringschätzig behandelte, so daß er sich voller Zorn und Scham entfernte. Manchen Tag verließ er sein Zimmer gar nicht, blieb im Bett liegen, trank fortwährend Tee, der stark mit Rum vermischt war, und führte leidenschaftliche Gespräche mit Anna Pawlowna. Das setzte er so lange fort, bis er in ein dumpfes Hinbrüten und schließlich in eine völlige Betäubung verfiel. Plötzlich konnte er sich aufraffen, hastig seine Kleider anziehen und hinaus nach dem Bahnhof stürzen, ganz gleich, ob es Mittag oder Mitternacht war. Ging gerade kein Zug nach Kunzewo ab, so lief er den weiten Weg dahin zu Fuß. Unterwegs dachte er sich aus, wie er Anna Pawlowna entgegentreten, was er ihr sagen, auf welche Weise er sich ihr gegenüber benehmen wollte. Er studierte seine Rede Wort für Wort ein. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, seine Pulse schlugen rasch und unregelmäßig, und je näher er Kunzewo kam, desto mehr nahm sein Fieber zu. Er fühlte, wie seinem Gedächtnisse jedes Wort entschwand, wie seine Gedanken sich verwirrten. Erblickte er endlich ihr Haus, so verließ ihn jede Fassung. Er blieb stehen, überlegte, ob er nicht umkehren sollte. Einigemal tat er dies auch wirklich; kehrte wirklich wieder zurück – um am nächsten Tage von neuem unterwegs zu sein. Oder er umschlich das Haus, in der Hoffnung, eine Gelegenheit zu erspähen, um ungesehen in ihr Zimmer zu schlüpfen. Vielleicht auch, daß Anna Pawlowna im Park spazierenging und er ihr begegnen konnte. Fand er den Mut, das Haus zu betreten, so bildete er sich ein, daß die Diener ihm ins Gesicht lachten und hinter seinem Rücken Grimassen schnitten. Da jedoch Anna Pawlowna ihrer ganzen Dienerschaft auf das strengste befohlen hatte, ihm mit größter Ehrerbietung zu begegnen, so wagte niemand eine andere Miene als die der größten Dienstfertigkeit zu zeigen, was ihn bei seiner Stimmung vollständig zu Boden drückte. Allein schon das Zeremoniell des Anmeldens verursachte ihm ein unangenehmes Gefühl; die französische Einrichtung der Zimmer, die herrlichen Bilder, die hohen Spiegel, die Samt- und Seidenmöbel brachten ihn immer von neuem in Verwirrung. Das Parfüm, welches das ganze Haus durchdrang, versetzte ihm den Atem. Jetzt erst begann er als echter Nihilist den Luxus und Reichtum zu hassen, jetzt erst wünschte er den ungeheuren Besitz der einzelnen aufgehoben, in seinem Herzen Anna Pawlowna einen schweren Vorwurf machend, daß sie ihre Schätze noch nicht von sich geworfen hatte.

Es kam vor, daß sie ihn warten ließ – antichambrieren! Das ging über seine Begriffe. Früher hatte sie ihn tagelang vor ihrer Tür stehen lassen können und er hätte es ganz natürlich gefunden.

Ließ sie ihn dann eintreten in ihr kleines Kabinett, das ein Nest von Gold und Atlas war, mit Blumen gefüllt, von Wohlgerüchen duftend, so bemächtigte sich seiner jedesmal eine fast wilde Erregung. Er hätte sie am liebsten mit sich fortgeführt, mit sich fortgerissen aus dieser Pracht. Und sie selbst in ihrem weißen Spitzen-Negligé oder in helle Seide gekleidet, ein funkelndes Geschmeide um den Hals – alle Besinnung verließ ihn. Wie ein blutiger Schleier legte es sich vor seine Augen, daß er nichts sah. Sie sagte etwas, etwas ganz Alltägliches, Gleichgültiges, Kaltes. Er hätte laut aufschreien mögen. Aber er bezwang sich. O, er war stolz, er wollte ihr zeigen, daß auch er – – Was wollte er? Nichts, gar nichts! Es war ja alles Tollheit.

Er trat auf sie zu, aber er konnte nicht reden. Was hätte er ihr auch sagen sollen? Sie mußte ja alles wissen; sein ganzes Elend und daß er von Sinnen kam. Ach, wie schön sie war? Diese Lippen – – er durfte sie nicht mehr anrühren. Weshalb nicht? War er plötzlich ein anderer geworden, liebte er sie plötzlich weniger, hatte sie plötzlich eine andere Seele bekommen? Ich habe sie geküßt und ich will sie wieder küssen, immer, immer wieder! Das war der Ausgangspunkt aller seiner Reflexionen, das einzige, was er klar und deutlich begriff. Doch er wollte ja wohl »auch« stolz sein. Und er war es, fünf Minuten lang! Dann lag er zu ihren Füßen und beschwor sie, ihn nicht von sich zu stoßen, flehte sie an, ihn zu ihren Füßen zu dulden, schluchzte, weinte, verzweifelte.

Sie stand vor ihm mit starrem Gesicht. Ihre Hand war kalt, ihr Blick war stier. Aber sie duldete, daß er sein Gesicht in ihr Haar drückte. Er lachte und jubelte, schluchzte und weinte vor Glückseligkeit! Dann erst gewahrte er ihre Entgeisterung. Und nun brach er aus in Vorwürfe, in Anklagen, in Drohungen. Der Sohn der wilden Steppe ward in ihm lebendig; fast erhob er seine Hand gegen sie.

Sie ertrug seinen Zorn, seine Wut, wie sie seine Liebe und Zärtlichkeit ertragen hatte, bis ihm vor ihr zu grauen begann und er wie ein Rasender davonstürzte.

Sie erlaubte ihm, in Kunzewo zu bleiben. Kam er, so schickte sie ihn niemals fort; aber auch niemals forderte sie ihn zum Bleiben auf. Sie behandelte ihn als den, der er war, also als ihren Liebhaber, nur daß er sich nicht die geringste Liebkosung herausnehmen durfte. Bei Tafel saß er neben ihr, die wenig aß und häufig auf seine großen, roten Hände blickte, wie er den Fisch mit dem Messer zerlegte und dieses in den Mund führte. Aber als er einmal über Hitze in einem Zimmer klagte, ließ Anna Pawlowna ihm die großen, kühlen Gemächer des Prinzen anweisen. Und Boris Alexeiwitsch mußte sich wieder einmal gestehen, daß er diese Frau niemals auslernen würde.

Dreizehntes Kapitel

»Du liebst mich nicht mehr!«

»Quäle mich nicht!«

»Warum bist du so kalt gegen mich?«

»Ich sage dir, du quälst mich.«

»Das ist nicht wahr. Es ist dir ganz gleichgültig, was ich dir sage.«

Anna Pawlowna zuckte die Achseln, lehnte sich in den Sessel zurück und schloß die Augen. Hoffentlich geht er jetzt, dachte sie. Doch er ging nicht. Er stand ihr gegenüber und verschlang sie mit den Blicken. Aber, ich könnte mich jetzt umbringen, und sie würde nicht aufsehen, dachte er, und hätte sie am liebsten auf die Probe gestellt.

»Wenn du mich nicht mehr liebst,« begann er endlich von neuem mit leiser, unsicherer Stimme, »so solltest du mir sagen: Ich liebe dich nicht mehr. Geh! Sage es, und ich werde gehen.«

Er wartete, Todesangst in seinen Blicken, die er nicht von ihr wandte. Wenn sie es wirklich sagte, wenn er wirklich gehen müßte, gehen, um niemals wiederzukommen. Was sollte er dann noch in der Welt?

Anna Pawlowna überlegte.

Vielleicht vermöchte ich jetzt frei von ihm zu werden. Aber ich will nicht. Konnte ich in den Irrtum verfallen, so will ich auch dafür büßen. Ich werde es doch nicht mehr lange ertragen. Um so besser! Ich bin ernstlich leidend.

Sie sah ihn an.

»Anna, Anna,« stammelte er, unter ihrem Blicke erbebend. »Wenn es wahr wäre, wenn du mich nicht mehr liebtest, würdest du es mir sagen, denn du kannst nicht lügen. Sage es mir! So wie es ist, ertrage ich es nicht länger. Es ist unserer nicht würdig, weißt du. Wenn du wüßtest, in welcher Verzweiflung ich lebe, wie ich langsam zugrunde gehe. Habe Erbarmen! Vielleicht wünschest du doch, daß ich gehe, und willst mir nur ersparen, es dich sagen zu hören. Denn du bist gut; ja, das bist du. Ich verspreche dir, daß ich mich aufraffen, daß ich stark sein will. Dieser Zustand kann nicht dauern, er ist eines Mannes unwürdig. Das mußt du doch einsehen! Vielleicht überlegst du es dir. Sieh; ich bin und bleibe ein Bauernsohn und du – – Freilich, du liebst das Volk. Aber du bist und bleibst eine vornehme Dame, eine Prinzessin. Allerdings diese Unterschiede werden jetzt aufhören, jetzt werden alle gleich werden, es wird keine Schande mehr sein, wenn eine Fürstin einen Bauernsohn liebt. Im Gegenteil! Aber du bereust es vielleicht doch; und was soll dann daraus werden? Wenn du mir nur die Wahrheit sagen wolltest! Die Wahrheit! Anna! Vielleicht ist es noch Zeit. Ich gehe fort und komme nicht wieder und – und lebe weiter; jammervoll, elend, aber doch würdiger und männlicher als jetzt. Du sollst kein Wort der Klage von mir hören. Sage es mir nur; sage mir jetzt nur die Wahrheit und ob ich gehen soll.«

Aber sie schwieg und hielt die Augen gesenkt.

»Bedenke,« fuhr Sascha nach einer Pause in höchster Aufregung fort, »bedenke, daß, wenn du es mir jetzt nicht sagst, es leicht zu spät werden könnte. Es sieht schlimm in mir aus. Ich erschrecke oft vor mir selbst, ich möchte etwas begehen, etwas Fürchterliches. Es läßt sich nicht ausdenken, wohin ein Mensch kommen, wohin Leidenschaft und Unglück ihn bringen kann. Es gibt eine solche Verzweiflung, wir vermögen solche finstere Gedanken zu denken, solchen schrecklichen Gewalten zu verfallen. Und wenn ich dich ansehe – – Weißt du, daß ich oft denke, ich möchte dich töten.«

»Ein sehr kluger Gedanke.«

Sie schlug die Augen zu ihm auf und sah ihn an, mit einem Blicke, als sähe sie ihn zum erstenmal. Dann erhob sie sich, nickte ihm freundlich zu, streckte ihm die Hand hin und sagte: »Eine kleine Weile wird es wohl noch auszuhalten sein. Habe Geduld mit mir.«

»Anna!«

Nach diesem Gespräch kamen für Sascha noch einige glückliche Tage. Anna Pawlowna schien einen festen Entschluß gefaßt zu haben, und war seit langer Zeit wieder umgänglich, gesellig, auf Augenblicke sogar heiter. Diese Stimmung der Prinzessin veränderte das Leben im Landhause vollständig; denn Anna Pawlowna ließ nun sofort nach allen Seiten hin Einladungen ergehen, und das Haus füllte sich mit Gästen. Sascha mußte ein Zimmer im Dienerhause beziehen, denn es kamen mehr Menschen, als sich in der Villa beherbergen ließen. Bei Tafel saß er fortan ganz unten neben Wera und ward von niemandem beachtet. Das war ihm lieb. Diese eleganten Damen und Herren, die sich benahmen, als ob sie in Kunzewo zu Hause wären, und kein Wort Russisch sprechen zu können schienen, flößten ihm einen heftigen Widerwillen ein. Anfänglich war er, wie gesagt, mit seiner obskuren Stellung ganz zufrieden, denn Anna Pawlowna benahm sich nach wie vor gütig gegen ihn, ganz besonders gütig. Wenn er sie sah, in strahlender Schönheit, die Herrlichste von allen, so schwellte sein noch immer gläubiges Herz ein Gefühl des Glückes und Stolzes, daß ihm war, als zersprenge es ihm die Brust.

Immer wieder berauschte sich so der Ärmste; denn immer wieder gönnte Anna Pawlowna ihm ein heimlich geflüstertes Wort, einen verstohlenen Blick. Das täuschte ihn so vollständig, daß keine Regung von Furcht oder Eifersucht in ihm aufkam.

Stumm saß er neben Wera, von der er wie durch einen Abgrund getrennt war. Sie sprachen niemals miteinander und schienen einander gar nicht zu kennen. Wera bedurfte ihrer ganzen Kraft, um nicht ihren Empfindungen zu erliegen; denn Boris Alexeiwitsch hatte plötzlich eine neue Taktik eingeschlagen. Er kümmerte sich nicht mehr um sie und gab sich, gerade wie Anna Pawlowna, mit ganzer Seele den Zerstreuungen des gesellschaftlichen Lebens hin. Er ließ alle seine Talente spielen, sprühte von Witz und war in Erfindungen von gesellschaftlichen Zerstreuungen unerschöpflich. Anna Pawlowna mußte seine Grazie bewundern und sich das Geständnis machen, daß er liebenswürdig sei. Ihre Phantasie fing an, sich eine Gegenfigur zu Sascha zu schaffen, welche mehr und mehr, ihr selbst unbewußt, die schönen, schlaffen Züge und eleganten Manieren ihres Vetters annahm. Zum Unglück war Sascha immer da, wie zum Vergleiche bereit.

Wera litt unsäglich. Doch war es nicht Eifersucht, was sie empfand, wenn sie sah, wie Boris nur Augen und Sinn für andere hatte, für diese schönen vornehmen Frauen, die so laut lachten und so leise flüsterten, so leuchtende Blicke mit ihren Kavalieren wechselten und sich so sicher bewegten. Was sie am meisten quälte, war tiefe Scham, daß er zu ihr das heilige Wort Liebe hatte aussprechen können, daß er früher in derselben Weise vertraulich mit ihr plaudern, ihr dieselben strahlenden Blicke hatte zuwerfen können, wie jetzt den anderen. Und sie war doch so ganz anders als jene!

Aber waren es wirklich dieselben Blicke?

Sie wollte ihm nicht unrecht tun; und so saß sie denn, ihn beobachtend und kein Auge von ihm wendend. Zu gleicher Zeit kam sie sich so unwürdig, so tief gesunken vor, in ihrem Stolze so ganz gebrochen und um nichts besser als Sascha, den sie doch verachtete.

Boris wußte genau, wie es um sie stand und erleichterte ihr nichts. Seine Leidenschaft für sie nahm mit jedem Tage zu; aber je heftiger sie wurde, um so kaltblütiger ging er vor. Während sie scheinbar gar nicht mehr für ihn existierte, berechnete er bereits im stillen, wie lange ihr Widerstand noch dauern könnte, wann sie sich ihm würde ergeben müssen.

Mit Entzücken bemerkte er, wie alle Versuche seiner Freunde, Weras Gunst zu gewinnen, abgewiesen wurden, mit einer Haltung und Miene, die einer Königin würdig war. Und plötzlich nahm ihr ganzes Wesen etwas Vornehmes an. Sie hörte auf, sich in ihrem Kleide zu bewegen, als ob sie noch immer das russische Kostüm trüge und sich der neuen Tracht wie einer Maske schämte. Sie benahm sich mit natürlichem Anstand und einer Würde, die etwas Imponierendes hatte. Im Ausland hätte er sie in jedem Salon einführen können.

Vierzehntes Kapitel

Das Leben in Kunzewo gestaltete sich immer geräuschvoller. Es kamen Regentage, die im Hause zugebracht, für die Zerstreuungen gefunden werden mußten. Anna Pawlownas Benehmen bekam etwas unnatürlich Aufgeregtes. Sie trank viel Champagner, sprach laut und lebhaft und beteiligte sich am Spieltisch, den die Herren eingerichtet hatten; mit einem Wort, sie versuchte, sich zu betäuben. Zwischen ihr und Sascha fielen von neuem peinliche Auftritte vor, die jetzt auch von ihrer Seite einen leidenschaftlichen Charakter annahmen. Sehr bald war der alte Zustand wieder da. Doch schien derselbe diesmal ziemlich hoffnungslos zu sein, denn Sascha fühlte sich tödlich beleidigt. Er verließ jedoch das Landhaus nicht, behielt seinen letzten Platz am Ende der Tafel bei, ließ sich nach wie vor übersehen, war aber in seinem Innern vollständig verwandelt. Wie ganz anders erschien er sich jetzt unter ihren Gästen. In den Blicken aller meinte er zu lesen, daß sie ihn verachteten. Dennoch blieb er. Erst mußte sie es ihm gesagt haben, mit klaren, deutlichen Worten. Aber auch dann würde er nicht gehen, denn jetzt war es zu spät. Er würde nicht mehr von ihr weichen; in diesem Leben nicht mehr. Er würde ihr Schatten sein, ihr Ankläger, ihr Richter. Mehr und mehr bemächtigte sich seiner ein dumpfer Zorn. Zum erstenmal begann er über die Lehrsätze Wladimirs nachzudenken und fand sie unumstößlich. Äußerlich blieb er ruhig, so daß er selbst Anna Pawlowna täuschte, die in der Folge ein Gefühl von Geringschätzung nicht unterdrücken konnte; sie hatte etwas anderes erwartet. Boris hatte recht; sie knurrten gegen die erhobene Peitsche und krochen doch vor ihr. Die Idealgestalt des Volkes, die sie sich zusammen geträumt, erblich mehr und mehr. Es war ein furchtbarer Irrtum gewesen, dem sie verfallen. Sie hatte ihrem öden Dasein einen Inhalt geben wollen und sich das Ideal des freien russischen Volkes geschaffen, des Volkes, das sich ihr in Sascha, in dem Bauernsohn, in dem Manne mit den roten Händen, verkörperte. Aber es gelang ihr nicht. Je mehr sie sich zum Volke hinabneigte, desto mehr fühlte sie sich von demselben geschieden. Mit Entsetzen entdeckte sie, daß es unmöglich war, daß sie bleiben mußte, was sie war: in jeder Empfindung die Aristokratin, die in keiner Empfindung das Volk verstand, nicht verstehen konnte! Was vermochte sie dagegen? Zu ihrem Unglück war ihr Verstand viel zu scharf, um sich nach diesem einen mißlungenen Versuche weiteren Täuschungen zu überlassen. So gab sie denn ihren veränderten Gesinnungen nach, vollkommen darauf gefaßt, unter den Trümmern ihres eingesunkenen Luftschlosses begraben zu werden.

Aber eins mußte sie tun. Und während sie zum erstenmal in ihrem Leben sich mit einer Art von Genugtuung den geselligen Zerstreuungen ihres Standes hingab, schrieb sie ihrem Gatten, der sich mit dem Hof in Zarskoje-Sselo aufhielt, daß sie die Scheidung verlange.

Auch die Fürstin kam, in Begleitung von Wladimir. Ihrer Gewohnheit gemäß machte sie aus ihrer Leidenschaft für den schönen Terroristen keinen Hehl, Sie gebürdete sich empfindsam, phantastisch und jugendlich, kleidete sich altrussisch, ließ ihr Haar in Zöpfen herabhängen, sang Volkslieder und wand aus Feldblumen Kränze. Wladimir hatte für alles nur sein zynisches Lächeln und benahm sich in der vornehmen Gesellschaft so ungezwungen, als verkehre er mit seinesgleichen. Sofort nach seiner Ankunft hatte er eine lange Unterredung mit Wera, die ihm alle ihre Wahrnehmungen mitteilen mußte. Doch fragte er nur nach Anna Pawlowna; nach dem, was Wera ihm von dieser berichtete, war er über ihren Zustand bald im klaren.

Ein Festprogramm ward aufgestellt, dessen Hauptnummern in einem ländlichen Ball, einer Vorstellung mit lebenden Bildern bestanden. Alle amüsierten sich vortrefflich, die Stimmung stieg von Tag zu Tag; nur Sascha und Wera waren einsam. Jedes für sich, wie ausgeschlossen von den allgemeinen Freuden.

Eines Abends befand sich Wera in ihrem Zimmer, das unter dem Dache lag. In Anna Pawlownas Bibliothek hatte sie den »Onegin« gefunden, das Buch heimlich eingesteckt und war damit geflohen, als hätte sie einen Diebstahl begangen. Sie las das herrliche Gedicht. Dabei stellte sie sich den Klang von Boris' Stimme vor, die Verse mit seiner Betonung, die sie noch im Ohre hatte, laut vor sich hinsprechend, von ihrer eigenen Stimme durchschauert. Sie erinnerte sich, was er bei dieser und jener Stelle zu ihr gesagt, wie er sie dabei angesehen hatte. Jedes Wort, jeder Blick war ihr im Gedächtnis haften geblieben. Immer von neuem verglich sie diese Blicke mit denen, welche er für jene anderen hatte, und sie mußte sich schließlich gestehen, daß er sich gegen sie doch anders benommen hatte, viel rücksichtsvoller, zarter, ehrerbietiger! Er hatte ja auch mit ihr sterben wollen, und nun – – nun lebte sie dahin, von einem Tage zum anderen, immer tiefer in Nacht versinkend.

Puschkins Onegin von neuem lesend, erstand alles wieder in ihr, was sie an Sehnsucht jemals empfunden. Aber wie anders war diese Sehnsucht geworden. Wo war der heiße Drang geblieben, der dem Glück des Volkes galt, für das sie sich wollte ins Gefängnis werfen, nach Sibirien verbannen, auf das Schafott führen lassen? Schlecht hatte sie sich selbst Wort gehalten, eidbrüchig war sie der Sache geworden. Auch ihre starke Natur war dem allgemein Menschlichen erlegen. Ein Martyrium hatte sie auf sich nehmen wollen und zu einem Liebeskummer war es gekommen.

Sie las mit glühenden Wangen. Tatjana hieß eigentlich Wera und Onegin eigentlich Boris. Und Tatjana liebte Onegin; aber dieser – –

Onegin hatte auch die arme Tatjana geliebt.

Jawohl; die arme Tatjana!

Sie erhob sich. Mit auf die Brust herabgesunkenem Haupt wanderte sie in der Kammer auf und ab. Einmal fuhr sie zusammen, blieb stehen und lauschte auf die fröhlichen Stimmen, die von unten herauf klangen. Es mochte bald Mitternacht sein.

Dann fiel ihr etwas ein. Sie nahm das Licht und kramte aus ihren Sachen ein kleines, buntes Muttergottesbild hervor, das in ihrer heimatlichen Hütte zu Eskowo gehangen, das sie mit sich genommen und daran sie erst heute wieder dachte.

Sie stellte das Bild auf den Tisch, holte ein Glas mit Blumen, setzte dieses daneben, stand und blickte das Bild an.

Aber sie konnte nicht beten. So begann sie denn nach einer Weile von neuem im Onegin zu lesen; der Charakteristik dieses russischen Don Juan.

Die Leidenschaft verließ ihn plötzlich;
Statt ihrer liebelte er nun.
Ein Korb war ihm oft ganz ergötzlich,
Verrat ein Grund, um auszuruhn,
Er sucht die Frauen ohne Schwärmen,
Verläßt sie, ohne sich zu härmen,
Gleichgültig, ob geliebt, gehaßt – –

Ist das möglich? Sie starrte auf das Buch, ohne die Buchstaben zu sehen.

Es kann nicht möglich sein! dachte sie. Einen solchen Mann gibt es nicht. Und das Mädchen liebt ihn. Das ist alles so schön und so wahr. Gott, Gott, so wahr und schön. Wie ein Mensch so etwas denken kann. Aber wie? Wenn das eine wahr ist, kann auch das andere nicht gelogen sein. Doch wenn Onegin wirklich so wäre, wie Puschkin ihn beschreibt, könnte Tatjana ihn unmöglich lieben. So etwas fühlt man. Der Mensch kann nicht lieben, was nicht von seinem eigenen Selbst ist. Das ist wider die Natur.

Sie legte ihre kalte Hand an die Stirn.

»Das ist wider die Natur!« wiederholte sie laut. Dann verlor sie sich von neuem in Grübeleien. Warum hat er wohl damals mit mir sterben wollen, wo er doch schon jetzt nichts mehr von mir weiß? Wenn ich nur das herausfinden könnte. Freilich! Was hätte daraus werden sollen? Sein Weib könnte ich ja doch wohl nicht werden; er hat also ganz recht. Dabei blieben ihre Gedanken stehen. Sein Weib könnte ich ja doch wohl nicht werden. Weiter gelangte sie nicht. Damit suchte sie sich alles begreiflich zu machen, ihn ganz zu entschuldigen. Was hätte daraus werden sollen, da ich ja doch nicht sein Weib werden kann.

Sie hörte Schritte, die sich der Kammertür näherten und begann heftig zu zittern. Es klopfte. Sie wandte ihr Gesicht der Tür zu und rief mit Anstrengung: »Herein!«

Es war Wladimir. Er mußte getrunken haben, sein Gesicht war gerötet, die Augen hatten einen fahlen Glanz.

Er sah Weras Unwillen, brach in ein Gelächter aus und rief mit schwerer Zunge: »Was tust du hier oben so allein? Geh hinunter.«

»Was soll ich unten.«

»Dich ansehen lassen. Ich habe dir schon einmal gesagt – –«

»Und ich erwidere dir noch einmal, daß ich dich nicht hören will.«

»Hoho! Sprichst du so mit mir?«

»Ich will dich nicht hören.«

Er trat ihr näher.

»Du sollst ihn ja nicht lieben, du sollst ihn sogar hassen dürfen, wie Sascha Anna Pawlowna haßt. Erst wenn ihr sie haßt, werdet ihr der Sache dienen können.«

»War das deine Absicht?«

»Von jeher. Begreifst du endlich?«

»Ich begreife, daß du ein fürchterlicher Mensch bist.«

Wladimir zuckte die Achseln: »Das will in unserer Zeit nicht viel sagen. Übrigens habe ich mit dir zu reden.«

Er sah sich im Zimmer um; sein Blick fiel auf das Muttergottesbild und die Blumen. Über das aufgeschlagene Buch hatte Wera, als sie klopfen hörte, ein Tuch geworfen.

»Ich bin sehr unzufrieden mit dir,« begann Wladimir, »du dienst der Sache sehr schlecht, vielmehr: du dienst ihr gar nicht. Das muß anders werden! Was bedeutet es zum Beispiel, daß du, die Nihilistin, ein Heiligenbild hast?«

Er wollte es vom Tische herunterreißen, aber Wera streckte schützend die Hände davor.

»Wage nicht es anzurühren! Dieses Bild ist mein und mein ist meine Seele, an der du auch Gewalt üben willst. Ich sage dir: Auch an meine Seele lasse ich nicht rühren! überhaupt – wenn ich nur erst begreifen könnte, was ihr bezweckt. Alles ist für die Sache, immer ist es die Sache! Und die Sache soll ja wohl das Volk sein! es ist die Sache des Volkes, welche wir führen. Sobald aber alles nur des Volkes wegen geschieht, aus Liebe zum Volk, aus blutigem Mitleid mit dem Volk – welch ein Wahnsinn ergreift euch, daß ihr im heiligen Namen des Volkes Verbrechen über Verbrechen begeht. Zeigt mir die Steine und den Mörtel, womit ihr das neue Haus aufrichten wollt, nachdem ihr das alte eingerissen. Ich sehe nur Einsturz und Zerstörung, Zerstörung überall!«

Und sie schlug jammernd die Hände zusammen, ließ sie aber wie gelähmt sinken, als Wladimir ihr höhnend zurief: »Du sagtest, du ließest nicht an deine Seele rühren. Deine Seele ist ja in Boris Alexeiwitsch Händen wie in des Satans Klauen, mit deiner Seele lässest du ja spielen wie mit einem Ball. Die lässest du dir ja zermalmen und zerquetschen. Du nicht an dich rühren lassen? Du bist ja seine Leibeigene geworden an jedem Gliede. Und das ist gut, das gefällt mir! Das ist das einzige, was mir noch an dir gefällt; nur möchte ich, daß dabei ein Gewinn für die Sache herauskäme. Aber du, von der ich so viel für uns gehofft, was tust du? Nichts! Was tut Sascha? Nichts! Was werdet ihr tun? Nichts! Sascha hätte aus Anna Pawlowna machen können, was er gewollt; ein blindes Werkzeug für unsere Sache. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann er nichts mehr, denn jetzt verabscheut sie ihn. Du könntest Boris Alexeiwitsch zum Sklaven unserer Sache machen – – Was hast du?«

Wera stand wie betäubt. Sie murmelte: »Keinen Gott, keine Liebe, keine Tugend; nichts, nichts, nichts! Der Mensch kein Mensch mehr. Und dafür wollte ich meinen Hals auf das Schafott legen. Dafür?«

»Bist du toll geworben?« schrie Wladimir sie an und schüttelte sie.

Sie aber, ohne noch ein Wort zu reden, machte ihm ein Zeichen, sie allein zu lassen. Und er ließ sie allein.

Wera schob hinter ihm den Riegel vor, stand und lauschte, bis sie seinen Schritt nicht mehr vernahm. Dann fiel sie mit einem Schrei nieder und lag am Boden wie ohne Bewußtsein. Endlich erhob sie sich; sie hatte einen Entschluß gefaßt. Sie wollte fort, gleich jetzt, wie sie ging und stand, ohne sich zu besinnen, ohne zu denken. Das Denken konnte sie um den Verstand bringen.

Aber sie stand mitten im Zimmer und regte sich nicht.

Sie wollte nie mehr wiederkommen – natürlich nicht! Sie wollte wieder nach Eskowo zurück, dort die Kinder kämmen und sie in dem unterrichten, wovon sie selbst nichts wußte.

Es fiel ihr auch ein, wie jung sie immer noch war, wie lange es noch dauern konnte, dieses lebendige Todsein, von dem sie ihre Seele von neuem ergriffen fühlte.

Aber fort! Schnell fort!

Langsam bewegte sie sich der Tür zu. Sie hörte nicht den leisen Schritt im Gange, sie hörte nicht, wie jemand vor der Kammer stehenblieb.

»Boris!«

Sie hatte geöffnet und sah ihn vor sich. Er wollte reden; aber mit einer Gebärde unbeschreiblichen Entsetzens streckte sie ihm abwehrend beide Hände entgegen und wich vor ihm in die Kammer zurück, bis in die hinterste Ecke, wo sie hinsank, immerfort die Arme gegen ihn erhoben.

»Wera!«

Mit welchem Ton er das sagte, mit welchem Blick.

»Vergib mir.«

Und er ging auf sie zu.

Sie wollte auffahren, sie wollte rufen: »Rühre mich nicht an!« Aber sie konnte weder reden noch sich bewegen; auch dann nicht, als er ihre Arme sanft niederdrückte und die hilflose Gestalt zu sich aufzog, an seine Brust.

Er küßte sie auf den Mund.

Sie litt es. Ihre Lippen waren kalt und sie schauderte zusammen.

Fünfzehntes Kapitel

Wieder war er bei ihr, droben in ihrer Kammer. Lange hatten sie geschwiegen; das langweilte ihn endlich und er begann: »Sage mir eines deiner Volkslieder her. Du hast nämlich eine wunderbare Stimme, eine solche Weichheit darin und zugleich solche Kraft.«

»Das findest nur du,« entgegnete ihm Wera erglühend.

»Du meinst, weil ich in dich verliebt bin?«

»Weil du mich liebst,« verbesserte sie und sah ihn voll an. »Und ich liebe dich,« fügte sie mit einer Feierlichkeit hinzu, als ob sie das Sakrament nähme. »Und hast mir so lange widerstrebt?«

Dabei legte er seinen Arm um sie.

»Du weißt ja,« begann sie leise und stockte.

»Daß du ein eigentümliches Geschöpf bist? Ja, das weiß ich, das hast du mich gelehrt.«

Wera senkte die Augen.

»Ich bin sehr glücklich!« flüsterte sie, schwieg, sagte dann mit einem Beben in der Stimme: »Und du? Bist auch du glücklich? Denn wenn du es nicht wärst, wenn meine Liebe dich nicht glücklich machte, so wäre sie nichts wert. Ich bin so gar nicht liebenswürdig. Tag und Nacht muß ich daran denken! Du gibst mir vieles, gibst mir alles und ich gebe dir nichts. Das ist etwas Ungleiches, das kann keine guten Folgen haben. Es scheint mir auch unnatürlich, denn in der Liebe muß die Frau dem Manne gleichstehen – muß sie über dem Manne stehen. Das soll nicht hochmütig sein. Ich drücke mich nur schlecht aus; du mußt immer bedenken, daß ich die Wera Iwanowna aus Eskowo bin. Die Frauen aus deinem Stande können ganz anders reden als ich.«

»Tu' mir den Gefallen und schweige von den Frauen aus meinem Stande,« rief Boris. »Ich bin ihrer überdrüssig! Sie langweilen mich, daß ich gähnen muß, wenn ich nur von ihnen reden höre. Wer mag schalen Wein trinken? Ein Trunk frischen Quellwassers ist dagegen eine wahre Gottesgabe. Du willst etwas sagen.«

»Es tut mir leid, daß ich doch davon reden muß, von den Frauen aus deinem Stande nämlich. Mir ist, als müßte ich meine ganze Seele vor dir ausschütten wie ein Tuch voll Blumen. Ich habe so viele Jahre lang immer nur in mich hineingelebt, daß ich erst lernen muß zu sagen, was ich denke. Es ist eben doch nicht das Richtige zwischen dir und mir. Es ist gerade, als stünden wir beide an einem Strom, aber ich auf der einen, du auf der anderen Seite. Wir suchen nach einer Brücke, doch wir finden sie nicht. Was sollen wir anfangen? Ich fühle Todesangst in mir und dann wieder ein solches unbändiges Lebensglück! Am liebsten stürzte ich mich in den Strom hinein mit offenen Augen. Du wirst mich ja wohl nicht untergehen lassen.«

»Ich bleibe dabei, du bist das merkwürdigste Geschöpf unter der Sonne,« meinte Boris nachdenklich. »Eine Romantikerin pur sang.«

»Du sprichst wieder einmal, daß ich dich nicht verstehen kann,« erwiderte Wera traurig. »Bitte tue das nicht, ich fühle mich dann so hilflos. Was möchtest du anders an mir haben? Belehre mich; lehre mich, dich zu verstehen und deine Sprache zu sprechen. Daß ich einmal glauben konnte, durch dich schlecht zu werden! Was wäre ich ohne meine Liebe. Ich habe so lange nach Gott gesucht und ihn nicht finden können und nun ist mir, als ob ich ihn immer besessen hätte. Ich möchte immer nur knien und meine Liebe stammeln, wie ein Gebet; ich möchte sie hinströmen lassen, wie eine Blume ihren Duft. Mir ist, als ginge jede Stunde von neuem die Sonne auf. Du mußt mich nicht darum verachten, daß ich dir meine Seele so nackt und bloß zu Füßen lege.«

»Sieh mich nicht so unheimlich ernsthaft an!« rief Boris aus. »Beim Himmel! Wera, ich liebe dich!«

Und er zog sie in seine Arme.

»Ich bin glücklich,« flüsterte sie, sich an ihn schmiegend.

»Weißt du, was ich tun sollte? Ich sollte dich unter alle mitten in den Saal stellen und sie auffordern, dich zu betrachten. Dann sähen alle, was sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen haben: Tugend nämlich.«

»Du wolltest ja wohl ein Volkslied von mir hören!« entgegnete sie, machte sich von ihm los und sprach ihm eines ihrer wehmütigen Lieder vor.

So war Wera glücklich. Kein Schauder warnte sie mehr, sie war der Erde wie entrückt. Mit verklärtem Blick wandelte sie umher. Sie sah nicht, was um sie vorging, daß Anna Pawlowna und alle ihre Verzückung und deren Ursache bemerkten, daß sie von allen beobachtet ward, daß sie und Boris das Tagesgespräch bildeten, wie einst Anna Pawlowna und Sascha. Dieser wohnte wieder in Moskau, kam aber täglich zu Fuß nach Kunzewo, wo er nicht mehr bei Anna Pawlowna vorgelassen wurde. Stundenlang umschlich er das Haus oder beobachtete, im Gebüsch versteckt, die Prinzessin, zitternd, daß er gesehen und verjagt werden könnte. Eines Abends wagte er sich ins Haus und hinauf in Weras Kammer.

Wera befand sich allein und im Begriff zu Bett zu gehen. Sie hatte ihr Haar aufgelöst und stand am Tische neben der brennenden Lampe, als jemand ohne vorher anzuklopfen die Tür öffnete und Sascha auf die Schwelle trat. Wera erkannte ihn zuerst nicht, hob die Lampe und leuchtete in sein Gesicht.

»Sascha! Sascha!«

Stumm standen sie sich dann gegenüber.

Wie er sie ansah! Mit einem Blick, darin der Wahnsinn aufstieg.

»Komm doch von der Tür fort,« sagte sie endlich. »Setze dich.«

»Sei mir nicht böse.«

»Wie du redest. Ich bin nur traurig, ach, Sascha, Sascha, todtraurig.«

Er seufzte und ging mit schwankenden Schritten zu einem Stuhl, darauf er niedersank.

»Es ist schlimm eingerichtet in der Welt,« sagte er langsam mit tonloser Stimme, »schlimm ist es, daß es Traurigkeit darin gibt. Selbst die Hunde haben traurige Augen und traurige Augen hat das russische Volk.«

Wera trat zu ihm und faßte seine Hand.

»Du bist krank, Sascha. Deine Hand ist eiskalt.«

»Ich friere nicht. Im Grabe ist es freilich kalt, aber da fühlt man es nicht. Das ist nun wieder sehr gut eingerichtet.«

»Sprich nicht so,« bat Wera mit Tränen im Auge. »Es ist schrecklich, dich so reden zu hören und nichts tun zu können. Komm, ich will mit dir nach Moskau zurück, zu unseren Freunden, zu Tania und Colja.«

»Zu unseren Freunden? Ich habe keine Freunde. Die Menschen sind recht einsam auf der Welt.«

Ihre Erschütterung bezwingend, erwiderte Wera »Was bildest du dir ein? Bin ich nicht deine Freundin?«

In Saschas Brust begann es mächtig zu arbeiten. Plötzlich stöhnte er auf, warf sich vor Wera nieder, umfing sie, preßte seinen Kopf gegen ihren Leib und begann krampfhaft zu schluchzen.

»Sascha! Sascha!« war alles, was Wera hervorzubringen vermochte.

»Rufe mich nur an,« sagte Sascha und richtete sich etwas auf. »Rufe nur, du weckst mich doch nicht, Ich will auch nicht geweckt werden. Schlafen ist schön. Nacht! Nacht! Der Tag hat so grelles Licht. Das sticht in die Augen und das Herz klopft sich todmüde nach einem anderen Herzen. Schlafen, schlafen, ohne zu träumen, ohne je wieder zu erwachen. Müßte das guttun! Da könnte das Herz ausruhen. Die Erde ist eine solche liebevolle Mutter, die ihr Kind in ihren Schoß nimmt, es weich und fest zudeckt, daß keine Stimme es aufwecken kann. Ewig schlafen. Was das für ein schönes Wort ist.«

»Dein Gesicht glüht!« rief Wera angstvoll, »du sprichst im Fieber, ich will nach einem Arzt schicken.«

Er hielt sie zurück.

»Bleibe! Geh nicht von mir! Nein, ich habe kein Fieber. Krank bin ich freilich und kann auch nicht wieder gesund werden. Aber wozu einen Arzt fragen? Verzeihe, daß ich dich erschreckt habe; es hatte sich mir auf das Herz gewälzt und mußte einmal heruntergerissen werden. Nun kann ich doch wieder atmen!«

»Du kannst mir nicht sagen, was geschehen ist?« fragte Wera liebevoll.

Er wich der Frage aus.

»Was soll geschehen sein? Auf der Welt geschieht jeden Augenblick so viel Wunderliches. Mich überkam eine solche Angst. Ich mußte zu dir. Und als ich dich wiedersah, ward mir wohl, als wäre ich jahrelang fortgewesen und wieder nach Hause zurückgekehrt.«

»Du mußt von jetzt an öfter zu mir kommen. Ich mache Tee, wir plaudern, von Eskowo und den guten, alten Zeiten. Du darfst mich nicht wieder so lange einsam lassen.«

»Einsam? Du bist doch nicht einsam in diesem Hause? Übrigens darfst du nicht etwa denken, daß Anna Pawlowna – – Ich verehre sie hoch. Jeder muß sie verehren und bewundern. Sie ist eine herrliche Frau. Und wie sie das Volk liebt! Man kann ihr glauben, sie sagt nie eine Lüge. Wie? Du glaubst ihr nicht?«

»Sei doch nicht so aufgeregt!« suchte Wera ihn zu beruhigen. »Ich glaube nichts Schlechtes von ihr; ich glaube das von niemandem und rede mir immer ein, daß alle gut seien.«

»Das ist recht!« rief Sascha lebhaft. »Man muß sehr vorsichtig sein in der Beurteilung eines Menschen. Wie leicht kann man sich täuschen! Und einem Menschen seine Ehre nehmen, das ist so gut wie ein Mord. Denn die Ehre ist sein Bestes, sein Höchstes, das einzige Eigentum des Armen. Wenn ein Mensch seine Ehre verliert, sei es vor anderen oder vor sich selbst, so wird er elend, erbärmlich und verächtlich; vor anderen verächtlich und vor sich selbst – – Warum starrst du mich so an?«

»Ach, Sascha,« rief Wera beklommen, »ich sehe dich gar nicht an; ich blicke ja zu Boden.«

»Das ist auch nicht das Rechte,« tadelte er, immer verstörter in Blick und Ton. »Der Mensch muß frei aufsehen können, frei und stolz; sonst steht es schlimm um ihn. Verstehst du mich?«

»Ja,« sagte Wera leise, »ich verstehe dich.«

Sascha versank in Brüten, darin Wera ihn nicht zu stören wagte. Der Morgen graute bereits, als er endlich fortschlich.

Dieser Vorgang mit ihrem alten Jugendfreunde legte sich wie Mehltau auf Weras junges Liebesglück. Sie bekam das Bild seiner zerrütteten Mannheit nicht aus ihrer Seele. Vergaß sie seiner auf kurze Zeit, so machte sie sich Vorwürfe, daß sie glücklich sein konnte, während er mit dem Wahnsinn rang. Übrigens sah sie ihn nicht mehr; er mußte nach Moskau zurückgekehrt sein und sich entschlossen haben, dort zu bleiben. Sie schrieb an Natalia, die sie bat, ihr Nachricht von ihm zu geben, ohne jedoch auf ihren Brief eine Antwort zu erhalten.

Das Fest, an dem die lebenden Bilder gestellt werden sollten, stand bevor. Auch Wera wirkte mit. Als Boris sie darum anging, weigerte sie sich zuerst auf das entschiedenste; doch er wußte es ihr abzutrotzen, abzubetteln, abzuschmeicheln; sie würde die Schönste, die Allerschönste, er der Glücklichste, der Allerglücklichste sein! Diesem letzten Argument widerstand sie nicht.

Boris hatte für sie die Darstellung einer Madonna aus der umbrischen Schule gewählt. Sie trug über einem stahlblauen Untergewand einen roten Mantel, ihr prachtvolles Haar umwallte sie wie ein goldener Schleier, auf ihrem schönen Haupt glänzte die Himmelskrone. Mit stillem Lächeln sah sie vor sich nieder auf einen Lilienzweig, den sie in beiden Händen hielt. Vor ihr kniete der Donator des Bildes mit seiner Familie. Den schönen Jüngling, welcher der heiligen Jungfrau zunächst kniete und wie in Verzückung zu ihr aufsah, wollte Boris selbst darstellen.

Einen heftigen Kampf kostete es, bis eine von den Damen zu bewegen war, sich bei diesem Bilde zu beteiligen. Aber gerade das hatte sich Boris in den Kopf gesetzt; sie sollten vor Wera knien.

Er setzte in der Tat seinen Willen durch; Anna Pawlowna selbst übernahm die Figur.

Die erste Probe fand statt. Wera hatte sich in ihrer Kammer angekleidet, Boris ging zu ihr hinauf, um an ihr Kostüm die letzte Hand zu legen. Er brachte das Kleid in die rechten Falten, ordnete den Mantel und breitete ihr Haar um sie her.

Nun sollte sie lächeln. Aber das ging nicht so leicht. Es paßte so wenig zu ihr, und selbst ihre Liebe hatte sie es nicht gelehrt. Sie sah aber so holdselig und lieblich, so marienhaft aus, daß Boris, obgleich hingerissen von ihrer Schönheit, keine Liebkosung wagte.

Er führte sie hinunter in den Saal, wo die Vorstellung stattfinden sollte und wo die Bühne mit dem Rahmen bereits aufgeschlagen war.

Weras Erscheinen erregte Sensation. Es dauerte einige Zeit, bis man begann, sich zu gruppieren. Die Herren, die zu ihren Füßen zu knien hatten, blickten mit wahrer Andacht zu der schönen Himmelskönigin empor.

Aber auch Anna Pawlowna gewährte einen herrlichen Anblick. Sie war in einem purpurfarbenen Samtkostüm, das rote Haar hoch aufgesteckt, den Blick gerade vor sich hingerichtet.

Der Abend kam, Wera kleidete sich an, mehr als jemals in einer seligen Dumpfheit befangen. Staunend sah sie an sich herunter: sie, Wera aus Eskowo, in solchem Gewande; aber es waren bereits so viele Wunder mit ihr vorgegangen und dieses eine veränderte nur ihr Äußeres.

Es war ein schwüler, dunkler Abend. Ein Gewitter stand am Himmel, gleich einem riesigen, schwarzen Schatten, der regungslos über der Erde hing.

Wera hatte das Gefühl, als ob die finsteren Wolkenmassen sich herabsenkten, als ob dann die ganze Welt zerquetscht werden müßte. Es litt sie nicht in ihrer Kammer, obgleich sie viel zu früh fertig geworden war.

Die Gäste und Diener waren sämtlich im Hause, die einen mit ihrer Toilette, die anderen mit Vorbereitungen zum Fest beschäftigt. Im Park würde ihr sicher niemand begegnen, eine halbe Stunde in der Luft bei ihrer Beklemmung ihr gut tun. Sie mußte heute abend sehr ruhig sein; es wäre schrecklich, wenn sie sich rührte; die geringste Bewegung würde das ganze Bild zerstören. Sicher würde sie zittern.

Du mußt ruhig werden, sagte sie zu sich selbst, du darfst nicht so aufgeregt sein.

Sie faßte ihr Gewand zusammen, lauschte, ob niemand zu sehen und zu hören war, schlüpfte hinaus.

Kein Hauch regte sich. Die Blumen atmeten einen betäubenden Wohlgeruch aus, die Luft war trocken und heiß.

Wera ging die Wege, die in den Park hineinführten, erschreckend, wenn unter ihren Füßen der Kies knirschte; überall glaubte sie in dem Schatten der Gebüsche und Bäume Gestalten zu sehen.

Da hörte sie lautes Reden. Die Sprechenden mußten sich auf ihrem Wege befinden und ihr entgegenkommen. Wera trat, um nicht gesehen zu werden, hinter ein Taxusgebüsch. Sie lauschte und glaubte die Stimmen zu erkennen. Es waren zwei Gäste Anna Pawlownas, junge Lebemänner, neben Boris die elegantesten Herren der Gesellschaft.

Wider ihren Willen mußte Wera das Gespräch mitanhören. Sie gingen sehr langsam und sprachen sehr laut.

»Diese Wera ist ein herrliches Geschöpf! Welche Augen! In der steckt Rasse! Boris hat wieder einmal ein rasendes Glück. Ich bin neugierig, wie lange er sie behält.«

»Jedenfalls länger als eine andere.«

»Pah!«

»Wollen wir wetten?«

»Wenn du Lust hast zu verlieren.«

»Zu gewinnen.«

»Wetten wir! Ich gebe der Sache, gut gerechnet, volle vier Wochen.«

»Welcher Unsinn! Boris hat sie noch gar nicht.«

»Wird sie bekommen. Oder glaubst du, daß er die Bilder zu unserem Vergnügen arrangiert? Heute hat er sie und nach vier Wochen kannst du sie dir nehmen.«

»Es wäre schade.«

Aber er lachte.

Die Schritte entfernten sich, die Stimmen wurden undeutlich. Zuletzt war alles still – auch hinter dem Taxusgebüsch.

Dann, nach einer langen Weile, trat Wera hervor, blieb stehen, besann sich, schritt wieder weiter, zurück dem Hause zu, langsam, langsam, als hätte sie Ketten an den Füßen. Sie hatte nicht nur alles verstanden, sie hatte auch alles begriffen; mehr begriffen, als ihr Verstand zu ertragen vermochte. Dennoch, obgleich sie vollkommen betäubt war, fühlte sie sich noch im Besitz aller ihrer Gedanken. Sie wußte sogar, was sie zu tun hatte. Es war etwas, das keinen Aufschub erlitt, nicht den geringsten Aufschub!

Sie näherte sich dem Hause, das, glänzend erleuchtet, weit in die Nacht hinausstrahlte.

Ein Mann ging dicht an ihr vorüber, ohne sie zu bemerken. Sie aber erkannte ihn, blieb stehen und sah ihm nach.

Sie wollte ihn eigentlich zurückrufen, unterließ es jedoch. Ganz allein mußte sie damit fertig werden. Er konnte ihr auch nicht helfen, so wenig wie sie ihm hatte helfen können.

Halblaut sagte sie vor sich hin: »Sascha, ach, Sascha! Armer Sascha, lieber Sascha.«

Dann stand sie vor dem Hause, hinter welchem die schwankende Gestalt verschwunden war. Fortwährend kamen Gäste an, Equipagen fuhren vor, Diener rissen die Wagenschläge auf, Herren und Damen stiegen aus, schritten über den Teppich, zwischen den aufgestellten Blattpflanzen ins Haus. Einige aber blieben stehen, blickten nach Wera hin, schienen zu verstummen, flüsterten zusammen. Wera merkte, daß man sie gesehen hatte, und fort, zurück in den Schatten des Parkes. An der Hinterseite, auf der Dienertreppe wollte sie in ihre Kammer, von ihrem Eigentum etwas zusammenraffen und dann fort! fort! fort!

Warum waren jene wohl stehengeblieben? Warum hatten sie so staunend zu ihr hinübergeblickt? Was hatten sie zusammen über sie geflüstert? »Seht! Dort steht Wera Iwanowna, die Geliebte von Alexeiwitsch! Nach vier Wochen, gut gerechnet, kann ein anderer sie nehmen, er mag sie dann nicht mehr.«

Freilich hatte einer der beiden im Park wenigstens gemeint: »Er hat sie noch nicht.«

Aber der zweite erwiderte: »Er wird sie haben! Diese Nacht noch.«

Und: Er wird dich haben – wird dich haben – wird dich haben, schrie es in Weras Seele. Ganz laut sagte sie hinzu: »Diese Nacht noch.«

Jetzt hatte sie das Haus umschritten, jetzt konnte sie sich hinein stehlen, hinauf schleichen – gerade wie Sascha, wie der liebe Sascha, der arme Sascha.

Und wieder murmelte sie vor sich hin: »Ach, Sascha, Sascha!«

Eben wollte sie ihr Vorhaben ausführen, als auf der Treppe ein Diener ihr entgegenkam: »Da sind Sie ja! Man sucht Sie im ganzen Hause. Das erste Bild hat bereits angefangen und Sie stehen im dritten. So kommen Sie doch!«

Ja so; die Bilder! Die Bilder hatte sie ganz vergessen. Und Boris Alexeiwitsch hatte doch eigens die Bilder arrangiert, um sie zu bekommen – diese Nacht noch! Schade, daß sie ihm den Spaß verderben würde. Gott im Himmel, sie ging immer noch als heilige Jungfrau gekleidet! Welche Gotteslästerung! Und sie mußte hinein, sie mußte den Kelch leeren; der Diener wich nicht von ihrer Seite. Allerdings hätte sie Boris Alexeiwitsch sagen lassen können, sie wäre plötzlich erkrankt. Es wäre aber gelogen gewesen, denn sie fühlte sich wohl, durchaus wohl, und sie wollte um dieses Menschen willen nicht lügen. In Gottes Namen denn! Dem Diener folgend, dachte sie: Nun, das wird schnell vorübergehen. Nur das Leben nicht, das dauert lange, so lange.

Sie wandte sich, um sich in den Saal zu begeben, Boris kam ihr entgegen; eilig, aufgeregt.

»Wo bist du? Was soll das heißen? In welche Verwirrung bringst du uns! Sollen wir deinetwegen die ganze Gesellschaft warten lassen? Schnell hinein! Du mußt den Mantel höher fassen. Hier sind die Lilien. Jetzt brauchst du die Blumen noch nicht anzusehen.«

Sie schlug die Augen auf.

»Mein Gott, was ist dir?«

»Mir ist wohl.«

Sie hatte erwartet, daß sie nicht würde reden können, daß ihr die Stimme versagen würde. Nun konnte sie nicht nur reden und das ganz ruhig, ganz gelassen; ihre Stimme klang sogar wie gewöhnlich. Seltsam!

Sie sah ihn an. Er war in seinem Kostüm herrlich. Zum erstenmal fiel ihr auf, daß er ein schöner Mann sei. Daran hatte sie noch niemals gedacht; sie mußte es diesen Augenblick denken, sich wundernd, daß sie es denken konnte.

Boris ging mit ihr dem Saale zu. Sie kamen durch das Gewächshaus, das matt erleuchtet und ganz einsam war. Er riß sie an sich.

»Küsse mich!«

Und sie küßte ihn zum erstenmal.

»Wera! Wera!«

Aber sie löste sich von ihm, ging von ihm fort und trat in den Saal, wo sich in einem abgeschlossenen Raum die Mitwirkenden versammelten. Wera sah nicht auf. Auch jetzt flüsterte man, als sie hereinkam.

Es war erstickend heiß, die Kerzen flimmerten, ein Summen gedämpfter Stimmen drang herüber; dann begann die Musik, dann ging vor dem zweiten Bilde der Vorhang auf.

Rauschender Applaus.

Das Bild, darin Wera stand, war von Boris, weil man sie nirgends finden konnte, verschoben worden; es sollte das letzte sein. So hatte sie denn Zeit.

Boris befand sich auf der Bühne, aber andere Herren näherten sich ihr und machten ihr Komplimente über ihre Schönheit. Wera hörte alles mit an, ohne eine Miene zu verziehen. Dann und wann erwiderte sie etwas, irgendein gleichgültiges Wort.

Auf einmal sah sie sich mit Anna Pawlowna allein. Diese trat auf sie zu, blickte ihr starr in die Augen und murmelte: »Du liebst ihn?«

Wera schwieg.

»Antworte!«

»Ich liebe ihn.«

»Aber er liebt dich nicht.«

»Das weiß ich.«

Die Prinzessin starrte sie an, als ob sie eine Wahnsinnige vor sich hätte.

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es.«

»Und das sagst du so ruhig?«

»Warum nicht? Übrigens, was geht es Sie an?«

»Was es mich angeht?«

»Da Sie doch die Geliebte Saschas sind – –«

Anna Pawlowna wurde totenblaß, ihr schönes Gesicht verzerrte sich, sie ballte ihre Hand und erhob sie.

»Schlagen Sie nur zu,« sagte Wera kalt, ohne zurückzutreten.

Mit einem Laut, wie das Zischen einer Schlange, ließ Anna Pawlowna den Arm sinken.

»Wera Iwanowna, Ihr Bild kommt an die Reihe, Gehen Sie, bitte, auf die Bühne.«

Wera ging auf die Bühne, stellte sich hin, neigte den Kopf und sah auf den Lilienstengel.

»Wera Iwanowna, Sie müssen lächeln,« rief Boris ihr zu. »Lächeln Sie.«

Und Wera lächelte.

Dann fühlte sie, daß er an ihrer Seite niederkniete und zu ihr emporsah; mit einem Ausdruck, einem Blick voller Anbetung, Verzückung, Seligkeit – –

Jemand rief: »Bewegt euch nicht, es fängt an!«

Die Musik begann, der Vorhang ging in die Höhe.

Wera regte sich nicht und lächelte. – – Der Vorhang schlug rauschend zusammen und ging dann wieder auf, vier-, fünfmal. Das Publikum konnte sich nicht satt sehen.

Die Gestalten lösten sich; Wera fühlte sich festgehalten, hörte flüstern: »Meine Heilige!«

Sie zuckte zusammen wie von einer Natter gestochen.

Boris trat von ihr weg, zu Anna Pawlowna, der er die Hand küßte.

»Sie waren wunderbar.«

Sechzehntes Kapitel

Wera ging auf ihr Zimmer und machte Licht. Sie stand dem Spiegel gegenüber und sah ihr blasses, wunderschönes Gesicht. Voller Erstaunen blickte sie es an, als sähe sie es zum erstenmal; um dieses Gesichtes willen so viel Trug und Lug, so viel Herzleid und Jammer! Alles nur, weil sie schön war! Wäre sie häßlich gewesen, so würde nichts von allem geschehen sein.

Nur um ihres schönen Gesichtes willen hatte er seine ruchlosen Hände nach ihr ausgestreckt; denn von ihrer Seele hatte er nichts gewußt, wo sie doch nur seine Seele geliebt hatte, diese unlautere, unheilige, häßliche Seele.

Wie Strähne gesponnenen Goldes glänzte ihr im Glase ihr Haar entgegen und plötzlich schämte sie sich, auf ihrem armen Haupte solchen Reichtum zu tragen. Wenigstens das konnte sie sich abreißen! Sie nahm eine Schere und schnitt die prachtvollen Flechten ab, daß nichts davon übrigblieb.

Gern wäre sie mit allem so verfahren, was er an ihr schön gefunden und geliebt hatte; aber sie wagte nicht, Hand an ihre gottgeschaffene Gestalt zu legen.

Dann entkleidete sie sich und zog ihr altes Bauerngewand an.

Jedes Stück des fremden Schmuckes ordnete sie sorgsam auf dem Tische; ihr Haar ließ sie am Boden liegen.

Er wurde gewiß bald kommen, um sie zu nehmen, um sich für alle seine Mühe den Lohn zu holen endlich!

Sie raffte sich auf, löschte das Licht, entriegelte die Tür und schlich hinaus.

Einen Augenblick blieb sie auf der Schwelle stehen. Hier hatte sie die glückseligsten Stunden ihres armseligen Lebens verträumt. – – Was war das? Wer seufzte so kläglich?

Sie war es selbst.

Sie machte die Tür hinter sich zu und verließ das Haus. Der Saal, in welchem sich noch immer die Gesellschaft befand, lag im Erdgeschoß; sie mußte daran vorüber. An einem der Fenster stand ein Mann und spähte in den Saal hinein. Natürlich war es Sascha.

Seine Augen suchten unter den vielen glänzenden Gestalten nach Anna Pawlowna. Dort leuchtete ihr rotes Haar. Sie trug noch ihr Kostüm; schimmernd tauchte aus dem düstern Purpur ihr Nacken auf. Sie sprach mit Boris Alexeiwitsch, heimlich, vertraulich, wie es schien leidenschaftlich erregt.

Durch Saschas verstörten Sinn schoß ein toller Gedanke. Was hatte sie damals zu ihm gesagt? Damals! Sie wollte mit ihm, dem Bauernsohn, mitten unter jene treten, daß alle wüßten, wie stolz sie sei auf seine Liebe. Diesen Triumph sollte sie haben.

Und er wandte sich dem Eingange zu.

Wera war stehengeblieben. War das nicht Sascha gewesen? Erst als sie schon bei ihm vorüber war, fiel es ihr ein. Was tat er so spät noch an dem Fenster? Auch mit ihm war es ja längst vorbei. Warum ließ er seinen Geist immer noch so gespenstisch umgehen?

Sie wollte ihm zurufen, zu ihr zu kommen, sie wäre nun wie er. Aber da sah sie ihn in das Haus treten und sie ging weiter; sie konnte nicht warten, bis er seinen Verstand wiedergefunden. Es wäre leicht möglich gewesen, daß sie unterdessen den ihren verlor.

Das Leben würde sie wohl noch einmal zusammenbringen.

So setzte sie denn ihren Weg fort in die Nacht hinein.

Immer noch war es schweigsam in den Lüften, immer noch stand regungslos das Gewitter am Himmel. Wera ward das Atmen schwer. Die Natur schien entgeistert zu sein, ihr Leben in den letzten Zügen zu liegen. Es war barmherzig von Gott, daß er seiner Schöpfung auch einmal Ruhe gönnte; sie mußte ja todmüde sein von all dem Jammer, den sie auf sich zu tragen hatte.

Ja, nun war alles vorüber, alles von ihr abgefallen; alles Glück, aber auch alle Schwäche. Sie war im Paradiese gewesen, das erste Weib zusammen mit der schönen, schimmernden Schlange.

Diese hatte mit dem glänzenden Apfel gelockt und gelockt, bis Wera danach die Hand ausgestreckt, bis sie davon genossen, worauf auch ihr die Erkenntnis geworden, eine Erkenntnis, die sie mit feurigem Schwert aus dem Paradiese vertrieb. Und sie erkannte, daß ihr recht geschehen; ihr Platz auf der Welt war eine Scholle, die das russische Volk mit seinen Tränen genäßt, mit seinem Blute gedüngt, mit seinen Leiden bepflanzt; sie aber hatte sich ein Elysium begehrt. Zur Scholle zurück kehrte sie wieder mit einer vom Schwert des Engels zu Tode verwundeten Seele. Auf dieser Scholle wollte Wera bleiben, sie mit ihren Tränen netzen, mit ihrem Herzblut düngen, mit ihren Leiden besäen, so lange, bis sie unter der Scholle zu ruhen kam. Wie wohl mußte es dem unsterblichen Menschen sein, wenn er zu Staub geworden!

Wera wanderte die Straße, die nach Moskau führte, wurde aber bald so müde, daß die Knie unter ihr zusammenzubrechen drohten. Sie setzte sich an der Straße hin, unter eine Birke, die ihre Zweige tief herabhängen ließ, wie in Mitleid mit der Verlassenen.

Nicht lange und es begann über ihr zu säuseln und zu sausen; schwache Blitze zuckten durch das schwarze Gewölk und nach einer Weile rollten dumpfe Donnerschläge.

Wera vermochte freier zu atmen. Da sah sie auf der Landstraße eine dunkle Gestalt heranwanken, hörte Stöhnen und lautes Sprechen. Jetzt lachte der Mann auf.

»Sascha!«

Er blieb stehen und starrte nach der Richtung, von wo der Ruf gekommen, sah indessen niemand und erkannte auch die Stimme nicht; und sie klang doch so voller Liebe, so voller Erbarmen. Horch! und jetzt wieder.

»Sascha! Mein armer, lieber Sascha, mein guter, alter Freund! Ich bin's: Wera, deine Spielgefährtin, deine Schwester. Komm zu mir.«

Sie stand auf, damit er sie sähe; aber er regte sich nicht. Da ging sie zu ihm, faßte seine Hand und führte ihn mit sich fort.

»Nun sage mir, was wieder geschehen ist.«

»Wieder geschehen – – «

»Warum bist du auf der Landstraße? Haben sie dich auch hinausgejagt?«

»Ja, hinausgejagt wie einen Hund.« Und er lachte wieder. Dann fragte er: »Was hast du dich in der Nacht auf der Landstraße herumzutreiben? Weißt du nicht, daß sich das gar nicht schickt? Bist du ihn jetzt schon überdrüssig geworden?«

»Ich werde dir alles sagen, aber zuerst will ich von dir hören. Ich bin jetzt für dich verantwortlich,« erwiderte Wera in ihrer klaren, festen Weise. »Was tatest du im Hause Anna Pawlownas? Ich war vorher selbst nicht recht bei Besinnung, sonst wäre ich dir gefolgt und hätte dich zurückgehalten; denn ich sah dich hineingehen. Was wolltest du bei ihr?«

»Sie küssen,« murmelte Sascha. »Vor aller Augen küssen! Sie wollte es damals tun, damals, weißt du? Damals war sie stolz darauf, mich zu lieben. Sie eine Prinzessin! Sie wollte es der ganzen Welt zeigen, die ganze Welt sollte darüber in Erstaunen geraten, was mit der Gottheit geschehen war, zu wem sie sich hinabgeneigt hatte. Deshalb ging ich heute zu ihr in den Saal, wo sie mit Boris Alexeiwitsch stand und flüsterte und Augen machte und –«

»Mit Boris Alexeiwitsch?«

»Ich glaube, es war Boris Alexeiwitsch. Warum sollte er es nicht gewesen sein?«

»Freilich, warum sollte er es nicht gewesen sein?«

»Er oder ein anderer.«

»Es ist gleich – – Du gingst hinein?«

»Ging hinein.«

»O Sascha, Sascha!«

»Ging hinein; gerade auf sie zu. Sie sah mich kommen, sah meine Augen und – –«

»Was tat sie?«

»Nichts; was hätte sie tun sollen? Sie wandte sich mit Abscheu von mir ab; mit Abscheu! – mit Abscheu! – mit Abscheu! – –«

Er sagte das Wort wohl zehnmal vor sich hin, bis ihm die Stimme versagte.

Wera umklammerte seine Hand, als ob sie sie zerbrechen wollte.

Nach einer langen Pause fragte sie ihn leise: »Und dann?«

»Nun und dann – – Dann ließ Boris Alexeiwitsch mich von den Dienern hinauswerfen.«

»O!«

»Ja, so war's – – Ließ Boris Alexeiwitsch mich von den Dienern hinauswerfen. Ich wehrte mich. Aber sie gaben mir einen Schlag auf den Kopf und warfen mich hinaus.«

»Und Anna Pawlowna?«

»Stand dabei und sah zu.«

»Nein! Nein!«

»Und sah zu!« schrie der Unglückliche auf.

Sie gingen weiter; bald darauf brach das Gewitter aus. Bei jedem Blitz blickten sie sich in ihre blassen, entstellten Gesichter. Wie in Flammen stehend, tauchten ihre schwankenden Gestalten aus der Finsternis auf, um sogleich wieder darin zu versinken.

Lange Zeit sprachen beide kein Wort, sahen sich an, wenn es blitzte und hörten auf den Donner, welcher knatterte und krachte, als ob der Himmel, von den Blitzen zerspalten, niederschmettern müßte.

Als das Gewitter vorüber war, ohne daß es zum Regen gekommen, begann Wera: »Wieder erinnere ich dich an die Winternacht, wo wir beide auch Hand in Hand die Landstraße hingingen. Als wir nach Eskowo kamen, läuteten die Osterglocken und wir nannten uns ›die Auferstandenen‹. Jetzt ist es Sommer und keine Glocken läuten und es wäre schön, wenn man von uns beiden, die wir auch jetzt noch die ›Auferstandenen‹ heißen, wie von Gestorbenen reden würde. Aber Sascha, Sascha, ich sage dir, durch den Tod, den jetzt unsere Seelen erleiden, werden wir bald unsere Auferstehung finden.«

Sie sprach zu ihm in der feierlichen Weise, die ihn in jener Osternacht so tief ergriffen hatte. Heute ward ihm wunderbar ruhig dabei.

»Ja, rede zu mir,« sagte er leise. »Damals faßten wir uns bei der Hand, um uns bald wieder loszulassen. Das war meine traurigste Zeit, wo du mir nicht die Hand geben wolltest; denn da war ich am schlechtesten und unwürdigsten. Nun du sie wieder gefaßt hast, wirst du sie immer halten.«

»Immer.«

»Das weiß ich. Ich sagte dir damals gleich: Du bist stark! Siehst du nun, daß ich recht hatte; denn du bist immer noch stark, wo ich ganz gebrochen bin. Wenn du deine Hand von mir abziehst, sinke ich zu Boden und kann zertreten werden von jedem, der des Weges kommt.«

»Gewiß nicht, denn du stehst auf, du erhebst dich, hoch, hoch.«

»Wodurch kann ich das?«

»Durch die Arbeit!«

»Du meinst, durch die Arbeit für das Volk?«

»Das meine ich.«

»Ach, Wera, wir können nichts tun.«

»Jetzt werden wir etwas tun.«

»Jetzt freilich.«

Wera drückte seine Hand und sagte: »Ich weiß, was du denkst. Es ist allerdings schlimm, daß wir erst jetzt etwas tun werden, erst jetzt, nachdem wir das erfahren haben, nachdem wir dadurch für unsere Arbeit vorbereitet worden sind. Aber vielleicht mußten wir es erst erfahren, vielleicht mußten wir erst vorbereitet werden, schwach wie wir beide waren. Ach Sascha, es ist furchtbar, daß unsere Tatkraft nicht aus unserer Liebe zum Volke kommen konnte, sondern aus unserem Haß hervorgehen mußte. Es ist nicht das Rechte, und wir wollen bitten, daß es nicht an uns gerächt werde.«

»Das wäre mir gleich. Wladimir Wassilitsch wird sich freuen.«

»Das wird er. Er hat bei uns erreicht, was er bezweckte.«

»Du wirst alles tun, was er dir aufträgt?«

»Alles.«

Sie schwiegen und sprachen auch nichts mehr bis sie in Moskau ankamen. Eben graute der Tag.

Sascha brachte Wera zum Palast der Prinzessin. Wera wollte mit Natalia Arkadiewna reden und sich dann sogleich zu Tania begeben, die Sascha unterdessen von ihrer Ankunft benachrichtigen sollte.

Das Haus war noch geschlossen. Sie mußten warten, bis es vollends Tag geworden und der Wortschick erwacht war. Da Wera bemerkte, daß der Anblick des Hauses Sascha von neuem in die höchste Auflegung versetzte, schickte sie ihn fort, in die Vorstadt. Noch eine Stunde mußte sie warten, bis sie zu Natalia Arkadiewna gelangen konnte.

Natalia Arkadiewna zeigte nicht die geringste Überraschung, Wera so unerwartet und so früh am Morgen zu sehen. Sie lag zu Bette und schien schwer zu leiden. Wera setzte sich zu ihr, beugte sich auf das Gesicht der Kranken hinab und sagte ihr alles, was vorgefallen.

»Du bist dir selbst treu geblieben,« erwiderte Natalia, ohne zu versuchen, Wera zu trösten.

Sie wollte aufstehen, war aber so schwach, daß sie wieder zurücksank.

»Ruhe dich, schone dich!« bat Wera.

»Ich darf nicht. Vom Exekutivkomitee ist mir ein Auftrag erteilt worden. Ich muß ihn ausführen.«

»Was ist es?«

»In Dawidkowo eine Bauernrevolte anzuzetteln.«

»Mußt du gehorchen?«

»Ich will gehorchen.«

»Laß mich statt deiner gehen.«

»Gregor Michailitsch liebt dich zwar; aber gehe nur statt meiner. Es mag die Buße für deine Liebe zu Boris Alexeiwitsch sein.«

Siebzehntes Kapitel

Dawidkowo lag in aller Pracht des Sommers da. Mit breiten Wipfeln beschatteten die Linden das Häuschen und die Sonnenstrahlen hatten Mühe, durch das dichte Laub zu dringen. Wie die Vögel mußten sie von Zweig zu Zweig hüpfen, bis sie endlich, an den braunen Stämmen niederfunkelnd, über den Boden schlüpfen konnten, um sodann die Efeuwände des Häuschens emporzuklettern. Auf den Blättern wiegten sich die Strahlen, und wenn ein Lufthauch die Äste bewegte, so gab es ein Schimmern und Flimmern, als würden über das Häuschen Gold und Smaragden geschüttet.

In dem Efeu, in den Fliedersträuchern und Goldregenbüschen nisteten die Vögel, die im Frühling gesungen. Sie hatten um das Häuschen eine vollständige Kolonie angelegt, hielten Dawidkowo besetzt, hatten es gewissermaßen okkupiert und waren in dem Bewußtsein ihrer Sicherheit ganz frech geworden; denn sie fanden es kaum der Mühe wert, ihre Nester zwischen Geäst und Blattwerk zu verbergen. Gegen Morgengrauen gab es jeden Tag ein Wispern und Zwitschern, daß das Mütterchen regelmäßig davon erwachte und kein Auge mehr zutun konnte.

Ja, traulich schön und friedlich war es rings um das Häuschen; aber drinnen stand es schlimm. In dem kleinen bunten Stübchen war zwar nichts anders geworden: kein Stäubchen lag auf den vielen hübschen Sachen und Sächelchen, keine Decke, kein Teppich zog eine Falte, kein Gegenstand war verrückt, die Fensterscheiben blinkten und blitzten und die Dielen waren so weiß, wie Dielen nur sein konnten. Im Bauer pfiff der Stieglitz gerade so lustig wie sonst; gerade wie sonst zischte und dampfte morgens, mittags und abends der Samowar; gerade wie sonst seufzte das Mütterchen den hellen Tag über und gerade wie sonst brummte und murrte Dame Anuschka im Hause umher. Und doch war alles anders, ganz anders.

Wie war das so geworden, so jammervoll traurig?

Das Mütterchen dachte darüber nach, immerfort, immerfort. Sie tat gar nichts anderes mehr, als daß sie darüber nachdachte.

Wenn sie ihre Blumen begoß, ihr Gemüse pflegte, nach ihren Pfirsichen, Äpfeln und Birnen sah – immer, immer dachte sie daran. Sie machte ihre berühmten Honigfrüchte ein, ihre unübertrefflichen Gurken, ihren herrlichen Ingwer, ihre wundervollen Melonen und immer, immer dachte sie daran! Sie dachte daran, wenn sie ihrem »armen« Grischa bei Tisch gegenüber sah, in dessen verändertes Gesicht spähend und von diesem und jenem zu ihm sprechend, was er gar nicht zu hören schien. Sie dachte daran, wenn sie betete oder in ihrem Andachtsbuche las, oder Sonntags in der Kirche war. Und sie dachte daran die ganzen langen, endlosen Nachte hindurch, wo sie wachend in ihrem Bette saß und hinüberblickte zum Muttergottesbild, vor dem das Lämpchen brannte; sie dachte: Wodurch ist mein Grischa, mein lieber, guter Sohn, wohl so ganz anders geworden? So jammervoll traurig!

Mit Natalia Arkadiewnas »Bekehrung«, die diese mit Grischa vorgenommen, fing es an.

Allmählich hatte seine strahlende Laune, sein Frohsinn und überschäumender Lebensmut ihn verlassen; ganz allmählich. Doch behielt er noch lange Zeit sein prächtiges, dröhnendes Lachen, seine glänzenden Augen und sein behagliches Wesen. Er gab seinen Bauern Land und Pferde und Getreide; und hätte ihnen gern noch mehr gegeben; denn sie befanden sich in ihrem Rechte, ganz in ihrem Rechte! Sie hatten seit Jahrhunderten Unrecht gelitten, waren unterdrückt, immer unterdrückt worden.

Dann brachte Natalia Arkadiewna ihre Freundin mit und Grischas hübsches Gesicht ward ganz rot vor Vergnügen über den Besuch, und nie hatte sein Mütterchen ihn so lachen hören, nie seine Augen so leuchten sehen! Es war aber auch ein Prachtmädchen! Von solchem, gerade solchem Mädchen hatte das Mütterchen für ihren Grischa geträumt, seitdem aus dem kleinen prächtigen Grischa ein großer prächtiger Grischa geworden. Und als sie damals am Abend in ihre Kammer ging, wußte sie nichts Besseres und Frommeres zu tun, als die uralte Familientruhe aufzuschließen und den uralten Familienschmuck hervorzukramen; alle die schweren goldenen, mit Perlen und Türkisen besetzten Spangen und Ketten, welche von alters her die Mutter der Braut des Ältesten am Hochzeitstage umgehangen. Wie schön die Braut des Grischa darin aussehen würde, wie das Weib ihres Grischa ihren Sohn glücklich machen würde!

Auch in jener Nacht konnte das Mütterchen kein Auge schließen, denn es hatte so viel zu tun. Es mußte anordnen und das Hochzeitsmahl bestimmen; alle die vielen, vielen Gerichte! Und bei jedem Gerichte fand Anuschka etwas zu tadeln. Aber das Mütterchen ließ nicht nach, obgleich sie über ihre Kühnheit in großen Schrecken geriet und setzte schließlich alles durch, was und wie sie es haben wollte. Nur im Geiste natürlich!

Sie braute im Geiste den herrlichsten Kwas, kochte den wundersamsten Tschi, dämpfte Schnepfen, briet Truthühner und Gänse und Enten, buk Fleischpiroggen und Fischpiroggen und Pasteten und Fruchttörtchen und Ingwerkuchen. Es war eine Lust! Und wie es dem Bräutigam schmeckte! Aber Anuschka brummte und brummte.

Jedoch das Mütterchen kümmerte sich nicht darum; nicht im geringsten! Vor Entsetzen über ihre Untat erwachte das Mütterchen …

Das waren damals gute Zeiten gewesen! Damals schmeckte es Grischa auch noch. Freilich nicht lange mehr; dann kam es so – nun ebenso jammervoll, traurig!

Und Anuschka brummte und brummte. Aber das Mütterchen, obgleich es wachte und sich seines Frevels vollständig bewußt war, ließ Anuschka brummen; denn Grischa war krank und ward mit jedem Tag kränker. Das Prachtmädchen war fort und das Prachtmädchen kam nicht wieder! Solche Dummheit! Warum kam sie nicht wieder? Was kümmerte es das Mütterchen, ob der Vater des Prachtmädchens Iwan oder Stephan oder Peter hieß, wenn sie dabei doch solches Prachtmädchen war und ihr Sohn Grischa sich zu Tode härmte? Sie sollte wiederkommen! Was machte sie in der großen Stadt unter den vielen, vielen Menschen, wo es so unchristlich zuging? Als ob sie nicht wüßte, wie es mit Grischa stand, und als ob es in der Welt einen zweiten Grischa gäbe und ein zweites Dawidkowo? Was wollte sie eigentlich? Wo fand sie solche Linden, solche Blumen, solche Gurken, solche Melonen und – einen solchen Grischa! Aber sie kam und kam nicht wieder und mit Grischa ward es schlechter und schlechter.

Vor den Augen seines Mütterchens verfiel er in Schwermut, magerte er ab, ward er traurig und bleich – ihr Grischa mager, traurig und bleich! Er verlor allen Appetit und gewiß auch allen Schlaf; selbst der Tee schmeckte ihm nicht mehr.

Und das Mütterchen verlor alle Lust am Leben und verbarg den Brautschmuck in den tiefsten Grund der Truhe. Die Braut kam nicht!

Aber was für eine Welt es war! Dem Mütterchen stand der alte Kopf still. Ungeheure Sachen gingen vor, Sachen, die kein Mensch begreifen konnte. Von allen Seiten liefen Unheilsnachrichten ein, aus der ganzen Umgegend kamen Gerüchte von Aufständen und Tumulten, versetzten die verständige Anuschka in Wut und das gute Mütterchen in Todesangst.

Grischas Bauern verlangten von dem Besitz ihres Herrn auch noch das zweite Drittel und stießen heftige Drohungen gegen ihn aus. Denn ihr Herr wollte nichts hergeben, nicht einen Fuß breit! Sein Mütterchen kam in ihrer Herzensangst zu ihm gelaufen, weinte, bat und beschwor ihn: »Gib es ihnen! Es bleibt immer noch genug für uns. Besser weniger Land und längeres Leben. Ein Weib nimmst du ja doch nicht mehr. Grischa, mein Sohn, gib es ihnen!«

Aber, obgleich er »nun ja doch nicht mehr« ein Weib nahm, wollte er den aufständischen Bauern nichts mehr geben. Was hätte sie davon denken müssen, sie, die nicht wiederkam? Er hatte es ihr versprochen. Dem Versprechen, welches er ihr gegeben, treu zu bleiben, war noch sein einziger Trost.

Jeden Tag ging er denselben Weg, den er an jenem Morgen – dem einzigen Maimorgen seines Lebens – mit ihr gegangen war; durch den Lindenwald, darin die Veilchen längst verblüht waren, nach dem Gemüsegarten und den Obstspalieren. Mit der größten Aufmerksamkeit betrachtete er jedes Obstbäumchen, vor dem er mit Wera gestanden hatte, höchlichst unzufrieden, wenn die Frucht nicht seinen Erwartungen entsprach, und glücklich, wenn sie schwoll und reifte.

Jedesmal, wenn er den Gärtnerburschen sah, rief er ihn zu sich und beschenkte ihn, hatte doch der Knabe Weras Blumen genommen und nach Hause getragen.

Aus dem Garten begab er sich auf den Hof, ging, in tiefes Sinnen verloren, durch die verödeten Ställe, sah mit Besorgnis überall die Unordnung, die Verwilderung und den Verfall, überlegte, wie er den schmählichen Zuständen abhelfen würde – sobald sie erst da wäre! (Sie mußte ja jeden Tag wiederkommen!) Geduldig hörte er die Klagen des frechen Gesindes, die unverschämten Forderungen der rebellischen Bauern, sowohl bei ihrem Murren wie bei ihren Drohungen seine Ruhe bewahrend, immer denkend: Wenn sie erst da ist, wird das alles anders werden. Und sie konnte ja schon morgen wiederkommen!

Er ging hinaus auf das Feld, aber in den Lüften war es stumm. Er blieb oft stehen, lauschte und wunderte sich, daß es so still war.

Das Getreide stand hoch aufgeschossen, goldgelb, mit schweren Ähren. Grischa betrachtete es mit den Blicken des Landmanns, aber es gehörte seinen Bauern: Wo die Frucht schön stand, gehörte das Feld stets seinen Bauern und wo sie kümmerlich ober gar nicht wuchs, war es sein Eigentum. An seinem Eigentum ging er vorüber, ohne einen Blick darauf zu werfen. So kam er an den Acker, wo damals der Bauer die Pferde halb zu Tode geprügelt; seine Pferde! Jedesmal blieb er stehen und blickte auf den Fleck, wo Wera gestanden. Wie schön hatte sie ausgesehen in ihrem Zorn!

Hier war es auch gewesen, wo sie ihm das Versprechen abnahm.

Er ging weiter und weiter, bis zu dem Birkenwald, den er ihr damals aus der Ferne gezeigt hatte, Es war schön dort! Der Sumpf mit seinen hohen Binsen, dem schwankenden Röhricht und der regungslosen Flut, darin sich der blaue Himmel spiegelte und die Wipfel der Bäume. Jedesmal ärgerte er sich, daß er ihr diesen Teil seines Besitzes nicht gezeigt hatte und freute sich darauf, ihr denselben zu zeigen, vielleicht morgen schon!

Am Rande des Sumpfes, unter einer Birke liegend, sann er nach, sann und sann.

Spät abends erst begab er sich nach Hause. Wenn sie ihm jetzt entgegengegangen käme. Er atmete schwer, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herzschlag schien zu stocken. Wenn er jetzt im Lindenwald plötzlich ihre hohe, schlanke Gestalt sehen, plötzlich ihre ernste, klangvolle Stimme hören würde. Was sollte er dann wohl tun? Sie an seine Brust reißen, in seine Arme nehmen, sie auf seinen Armen in sein Haus, zu seinem Mütterchen tragen.

Aber sie kam nicht.

Je mehr er sich dem Hause näherte, desto mehr beschleunigte er seine Schritte. Zuletzt lief er fast; sie konnte ja bereits angekommen sein und ihn überraschen wollen. Trat er dann ins Haus, so sah er sich nach allen Seiten um, spähte hinter die Schränke, in die Ecken. Aber sie stand nirgends verborgen! Trat er ins Zimmer, so suchten seine Blicke die Augen seines Mütterchens; die würden ihm ihre Gegenwart sicher sogleich verraten! Sie verrieten auch jedesmal etwas: Sorge, Angst, tiefsten Kummer. Dann wandte er sich traurig ab. Recht zum Überfluß schielte er noch hinüber nach dem Tisch, ob dort vielleicht für vier Personen gedeckt wäre? Aber er sah stets nicht mehr als drei Teller.

Wenn sein Mütterchen doch nur ein einziges Mal sein altes, herzliches, dröhnendes Lachen wieder gehört hätte! Sie würde für dieses Lachen ihres Sohnes mit tausend Freuden den Rest ihres alten Lebens hingegeben haben.

Dieser Gedanke ließ ihr keine Ruhe mehr. Sie sann sich etwas für sie Unerhörtes aus und ging daran, es auch durchzuführen. Sie mußte es heimlich, ganz heimlich anfangen; nicht einmal Anuschka durfte darum wissen – um Gottes willen nicht Anuschka!

Aber Mischka zog sie in ihr Vertrauen. Zwar war Mischka ein rechter Nichtsnutz, war seinem guten Herrn entgegen und hielt es mit den aufrührerischen Bauern. Aberdas Mütterchen wußte sich in Gottes Namen keinen anderen Rat. Sie schenkte dem Taugenichts von Mischka einen großen Krug voll Kwas, eine große Schüssel voller Tschi mit Grütze – solchen wie Anuschka für Grischa kochte – und sonst noch allerlei Gutes und Nützliches – natürlich alles ganz heimlich! Damit nicht genug, traf sie noch andere geheimnisvollen schwierigen Vorbereitungen, alles unter fortwährendem, halblauten Beten, Seufzen, Ächzen. Auch schloß sie sich in ihr Schlafzimmer ein, packte und kramte, und das mehrere Nächte hintereinander. Darauf lockte sie Mischka zu sich, machte ihm die schönsten Versprechungen und beredete die Sache mit ihm in höchster Heimlichkeit, unter fortwährender Todesangst vor Anuschka.

Wenn sie dahinter käme, was für große, zornige Augen würde sie dann dem armen Mütterchen machen! Gewiß wußte sie bereits alles und wartete nur den rechten Augenblick ab, um mit ihrer Entdeckung hervorzubrechen.

Den letzten Tag vor der Ausführung des großen Planes schlich daher das Mütterchen wie eine arme Sünderin umher; fast hätte sie noch im letzten Augenblick allen Mut verloren. Aber gerade diesen Abend hatte Grischa einen so hoffnungslos traurigen Blick, war so bleich und stumm, daß das Mütterchen kaum erwarten konnte, ihren Entschluß auszuführen. Gelang ihr derselbe, so würde sie ihren Sohn wieder lachen hören, so kräftig, so herzlich!

Am andern Morgen, lange vor Sonnenaufgang, stand die Kibitla hinter dem Lindenwald fertig und bereit. Das Mütterchen, den Kopf vierfach mit Tüchern umwickelt, in alle ihre Mäntel gehüllt, schlüpfte aus einer Seitentür des Hauses, schlich durch den Wald, ließ sich von dem ganz gleichmütig lächelnden Mischka in das Gefährt heben, empfahl ihre Seele dem Herrn, und fort ging es, auf der Moskauer Landstraße der schrecklich weiten und schrecklich großen Stadt Moskau zu. Schon bei dem Gedanken an diesen ungeheuren Sündenpfuhl war die gute Frau mehr tot als lebendig; und nun wollte sie sich gar mitten hinein begeben, um darin die eine, einzige zu finden, die ihrem Grischa sein Lachen zurückgeben konnte.

Mischka pfiff und sang, schmeichelte seinen Pferdchen, knallte mit seiner Peitsche, mit einem Wort: Mischka tat, als ob nicht das mindeste vor sich ginge.

Von Zeit zu Zeit drehte er sich ganz gemächlich nach dem Mütterchen um, grinste dieses an und schielte dabei auf den mächtigen Kober voller Proviant, den das Mütterchen, um wenigstens dem furchtbaren Hungertode zu entgehen, in tausend Ängsten vor Anuschka heimlich gepackt und heimlich auf den Wagen hatte schaffen lassen.

Unterdessen stellte das Mütterchen sich vor, wie sie zu Hause aufwachten, wie Anuschka nach ihr suchte, nirgends sie fand und nun Alarm schlug. Dann würde man auch die Abwesenheit Mischkas, der Pferde und der Kibitka entdecken. Wie, wenn Anuschka ihnen nachsetzte, sie einfing und zurückbrachte?!

Das Mütterchen nahm sich vor, ein Zetergeschrei anzuheben, dann würde man sie wohl in Frieden weiterziehen lassen.

Sie waren noch keine fünf Werst von Dawidkowo entfernt, als Mischka einen ganz merkwürdigen Laut ausstieß und mit der Peitsche vor sich auf die Landstraße deutete. Dem Mütterchen fuhr der Schreck sogleich in alle Glieder. Es kreischte: »He, Mischka, was ist? Was siehst du?«

»Nu, da ist sie!«

»Wer? Anuschka!« schrie das Mütterchen auf.

»Nu, da ist sie!« wiederholte Mischka, drehte sich wiederum in aller Gemütlichkeit zum Mütterchen um, machte ein pfiffiges Gesicht und ließ seine Pferdchen im Schritt gehen. »Da ist sie, kommt geradeswegs von Moskau, zu Fuß, muß die ganze Nacht durch gelaufen sein, läuft wohl geradeswegs nach Dawidkowo zu unserem Grischa; die andere ist nicht bei ihr. He, Mütterchen, Mascha Minitschna, da ist sie!« Und mit einem »Hu!« hielt der Treffliche den Wagen an.

Wera kam näher, erkannte den Kutscher und das Mütterchen und hätte sich am liebsten verborgen. Aber es war kein Busch in der Nahe. So ging sie denn ruhig weiter, wandte, als der Wagen sie erreichte, den Kopf ab und wollte vorübergehen.

»He! Da ist sie!« erklärte Mischka dem Mütterchen nochmals.

Sogleich begann das Mütterchen heftig zu schreien, zu schluchzen und zu weinen und wollte sich mit allen ihren Tüchern und Mänteln aus dem Wagen wälzen, gcradeswegs auf die Landstraße hinunter.

Da blieb Wera stehen, drehte sich um und konnte nun nicht anders als hinzugehen.

»Nun bist du da, und nun nehme ich dich mit, und nun wird mein Grischa wieder gesund; wieder gesund und glücklich! Ach, und wie er lachen wird! Gott sei mir gnädig; nun mache ich zum Herbst eine Wallfahrt. Aber was wird Anuschka dazu sagen –«

Achtzehntes Kapitel

Es war für das Mütterchen bei allem Glück ein großer Kummer, daß Wera sich nicht zu ihr in die Kibitka setzen wollte, und da half kein Bitten und Betteln, kein Seufzen und Stöhnen.

»Aber du willst doch nach Dawidkowo?«

»Ich will nach Dawidkowo!«

»Was wird mein Sohn Grischa sagen, wenn ich dich zu Fuß gehen lasse. Er verwünscht ja wohl sein altes Mütterchen. Daß der Herr sich erbarm'! Ich darf ihm ja wohl nie mehr vor Augen kommen. Heilige Mutter von Kasan, sei mir gnädig! So steige doch ein, mein Täubchen – Ach, ich bin ganz sinnlos vor Freude! Steig ein, mein Liebchen!«

Aber Wera stieg nicht ein. Stumm und blaß stand sie auf der Landstraße; unsäglichen Jammer im Herzen, aber entschlossen, alles zu tun, was zu tun sie übernommen hatte. Das Mütterchen jedoch war nicht so schnell abzuweisen. In großer Aufregung, so daß sie sich unter ihren Mänteln und Tüchern förmlich wand, redete sie auf Wera ein: »Wo, denkst du wohl, daß ich hinfahren wollte? Du rätst es gewiß nicht. Nun, rate einmal: Wohin wollte ich wohl?«

»Nach Moskau.«

»Gott sei meiner armen Seele gnädig, du hast es erraten!« rief das Mütterchen triumphierend. »Und was, denkst du wohl, wollte ich in Moskau, in dem Sündenpfuhl, in dem Sodom und Gomorrha? Ja, was wollte ich wohl?«

»Ich weiß nicht.«

»Nun, rate mal!«

»Ich weiß wirklich nicht.«

Das Mütterchen kicherte vor eitel Glückseligkeit, und Mischka grinste und schnitt Gesichter, und die Pferde schüttelten die Köpfe und schlugen mit den Schweifen und schienen auch ihre helle Freude daran zu haben.

»Sie weiß es wirklich nicht. Hörst du, Mischka, sie weiß es wirklich nicht! Sie weiß nicht, o Mischka, was wir beide mit den Braunen in dem Sündenpfuhl wollten, weshalb wir der Anuschka bei Nacht und Nebel fortgelaufen sind; sie kann's und kann's nicht raten. O Mischka, Mischka.«

So schwatzte das Mütterchen, den grinsenden Mischka anredend, teils im Tone hellsten Frohlockens, teils voll tiefsten Vorwurfs, wobei sie immerfort Wera ansah, ihr zunickte und zublinkte und geheimnisvolle Zeichen machte.

»Wollen wir es wohl dem Täubchen sagen?« fuhr das Mütterchen glückselig fort. »He, wollen wir, Mischka? Was meinst du: Ob wir wohl der Anuschka fortgelaufen sind und nach dem Sündenpfuhl kutschieren, um daselbst ein gewisses hübsches Täubchen zu suchen? He, guter Mischka, ob wir wohl? Und ob wir wohl das Täubchen gefunden haben? Leibhaftig gefunden! Mit seinem schönen, stolzen Gesichtchen und ganz wie es geht und steht. O Mischka, Mischka, ob wir wohl?!«

Und das Mütterchen kicherte, daß sie ächzen und stöhnen mußte, und Mischka grinste, was er konnte, und die Pferde nickten zu allem mit den Köpfen, stampften und scharrten.

Es war wunderschön.

»Um mich zu suchen, wollten Sie nach Moskau?« rief Wera tödlich erschrocken. »Warum wollten Sie mich suchen?«

»Nu höre nur, Mischka!« rief das Mütterchen entrüstet. »Warum wir sie wohl in dem Sündenpfuhl suchen wollten? Hörst du das, Mischka? Weißt du etwa, warum wir das Täubchen suchen und nach Dawidkowo bringen wollten? Ist es zu glauben, Mischka? Als ob das Mütterchen keinen Sohn hätte, keinen Grischa, keinen Augapfel, kein Herzblatt?! Frage sie doch, ob sie das nicht wüßte? Ob sie nicht wüßte, wem das Mütterchen das Täubchen bringen wollte; aus dem Sündenpfuhl, dem Sodom und Gomorrha! O Mischka, Mischka!«

»Ihrem Sohn Grigor Michailitsch wollten Sie mich bringen?«

»Hörst du das, Mischka?« schrie das Mütterchen in Ekstase. »Sie fragt, ob wir sie etwa meinem Sohn bringen wollten. Nein, das wollen wir gar nicht. O behüte! Wie sollten wir? Ach, was bist du für ein Täubchen!«

»Ist Grigor Michailitsch krank?« rief Wera, kaum wissend was sie sprach.

Aber da stürzten dem Mütterchen die Tränen aus den alten, schwachen, trüben Augen so unaufhaltsam, daß es kein Wort hervorbringen konnte und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte.

»Was ist mit deinem Herrn geschehen?« wandte sich Wera an Mischka, der verlegen an seiner Mütze drehte.

»I, dem! Was sollte dem wohl geschehen sein? Doch ist es mit ihm nur so so.«

»Frage sie doch, Mischka,« schluchzte das Mütterchen, im Genuß ihrer Rührung schwelgend. »O Mischka, Mischka, frage sie doch, zu wem sie wohl will, wenn sie nach Dawidkowo geht, auf der Landstraße, zu Fuß, aus dem Sündenpfuhl dahin, wo die Anuschka wohnt und – nun wer wohl sonst noch? Solche Heuchlerin, solche liebe, schöne, stolze Heuchlerin!«

»Ich muß nach Dawidkowo zu den Bauern,« sagte Wera in ihrer alten herben Art.

»Gott sei dir barmherzig Kind!« zeterte das Mütterchen, gleich am ganzen Leibe bebend. »Was willst du wohl bei den Dieben, den Räubern, den Mördern? Machen meinem Grischa nichts als Kummer und Not; wollen sein Land haben; soll ihnen sein Land geben! Aber will er wohl? Nein, er will nicht! Du mußt meinem Grischa sagen, daß er den Räubern sein Land geben soll, sonst schlagen sie ihn tot, die Diebe! Er ist reich genug, wozu braucht er noch Land und so was? Sag's ihm, hörst du? Wenn du es ihm sagst, tut er's. Er tut alles, was du ihm sagst, das Herzblatt, und nichts, was sein Mütterchen ihm sagt, wenn es auch noch so sehr bittet und weint. Die Gottesmutter und alle Heiligen seien gelobt und gedankt, daß ich dich nach Dawidkowo bringe, denn nun wird alles gut.«

Und wieder begann das Mütterchen zu betteln, zu bitten, daß Wera doch einsteigen möchte. Aber Wera blieb hartnäckig; sie müßte zu Fuße gehen! Da wollte auch das Mütterchen zu Fuße gehen, und schrie, daß Mischka ihr aus der Kibitka heraushelfe. Wera verbot es dem Knecht und ging fort. Nun ließ das Mütterchen den Wagen im Schritt neben Wera herfahren, fortwährend plaudernd und schwatzend; bald jammerte und seufzte es, bald freute es sich und kicherte vor sich hin. Endlich ward es still und begann im Geiste sich auszumalen, was ihr Grischa wohl sagen und tun würde, wenn er plötzlich das Täubchen sah. O weh und Anuschka! Aber der Jubel behielt doch über alle Furcht und Sorge die Oberhand. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie schrie Mischka an, daß er schnell zufahren sollte; so schnell die Pferde laufen könnten.

Kaum daß sie sich Zeit nahm, Wera einige geheimnisvolle Pantomimen zu machen. Im Trab fuhr die Kibitka davon.

Wera ging langsam weiter. Jetzt fährt sie voraus und sagt es ihrem Sohn; ich käme! Und der gute Grischa freut sich und – – Was war nur das?

Sie sprach so wunderlich von ihrem Sohne. Er sei krank, aber nun ich käme, wäre alles gut. Sie wollte nach Moskau, um mich zu holen. Heimlich hatte sie sich auf den Weg gemacht. Was bedeutet das alles? Gott sei mir gnädig!

Es war also wirklich wahr, Grigor Michailitsch liebte sie!

Sie war so erschrocken, so fassungslos, so außer sich, daß sie stehenblieb, die Hände rang und in Tränen ausbrach.

Der Unglückliche! Er liebt mich, und ich komme, um seine Bauern gegen ihn aufzuwiegeln! Er freut sich, er wird jubeln, daß ich wieder da bin, und ich komme, um ihn zu verderben! Ich komme, um ihn und sein Mütterchen ins Unglück zu stürzen. Gott sei mir gnädig.

Plötzlich fiel ihr ein: Er hat mir versprochen, kein Land mehr zu verteilen; denn er hatte bereits genug gegeben, mehr als genug, und wäre durch seine Bauern zugrunde gerichtet worden. Und nun soll ich seine Bauern veranlassen, sich gegen ihn zu erheben, weil er ihnen nicht mehr Land geben will, weil er es mir versprochen, weil er sein Versprechen gehalten hat. Durch mich wird er zugrunde gerichtet, durch mich vielleicht getötet; und – er liebt mich.

»Schrecklich! Schrecklich!«

Sie überlegte weiter: Natalia Arkadiewna hat vom Exekutivkomitee den Befehl erhalten, die Bauern von Dawidkowo zur Empörung aufzuwiegeln, und ich habe es statt ihrer übernommen. Das mußte ich. Nicht allein aus Sühne und Buße für mich, sondern auch aus Mitleid und Erbarmen gegen ihn, der so gut, so herrlich gut ist! Vielleicht, daß ich meine Aufgabe erfüllen und dennoch sein Leben zu retten vermag – was Natalia Arkadiewna wohl nicht getan haben würde. Deshalb mußte ich kommen, und deshalb darf ich nicht wieder umkehren. Gott sei uns allen gnädig!

Dann sah sie Dawidkowo vor sich liegen, von der Morgensonne beleuchtet, so freundlich, traulich und friedlich, recht geschaffen, um die Heimat glücklicher Menschen zu sein.

Sie blieb stehen und betrachtete das liebliche Bild, prägte es ihrem Herzen ein und nahm zugleich Abschied davon. Es war vielleicht der letzte Morgen, wo die Sonne auf das grüne Haus scheinen würde. Wera hatte von vielen Gutshöfen gehört, die von den rebellischen Bauern zerstört und in Brand gesteckt worden waren. Dergleichen geschah jetzt in Rußland jeden Tag zu allen Stunden. Vielleicht schon morgen beleuchtete die Morgensonne einen Schutthaufen und eine graue Rauchwolke stieg in die blaue Luft: Ihr Werk!

Sie stand noch und schaute hinüber, als sie auf der Landstraße einen Mann erblickte, der ihr entgegengelaufen kam, ohne Mütze, in höchster Aufregung mit beiden Armen ihr zuwinkend.

Wera erkannte ihn schon von weitem; langsam, langsam ging sie ihm entgegen.

Gott im Himmel, wie er aussah! Welches strahlende Gesicht!

Nun stand er vor ihr. Aber er konnte nicht reden, die Tränen liefen ihm über die Wangen.

»Aber, Grigor Michailitsch, so beruhigen Sie sich doch! Mein Gott, was ist Ihnen? Ich bitte Sie, weinen Sie nicht.«

»Verzeihen Sie,« stammelte Grischa. »Was müssen Sie von mir denken? Aber Sie sind so lange fort gewesen, ich habe so lange gewartet, hatte gar keine Hoffnung mehr, glaubte bereits, ich würde Sie nie mehr wiedersehen. Und da kommt heute mein Mütterchen angefahren (ich fürchtete schon, ihr wäre ein Unglück zugestoßen) und weint und lacht in einem Atem, daß ich denke, sie hat den Verstand verloren. Und Anuschka fängt schon an zu jammern und nach dem Popen zu schreien. Da sagt mir mein Mütterchen, Sie kämen! Wera Iwanowna käme aus Moskau, wäre den weiten Weg zu Fuß gegangen, die ganze Nacht durch, wäre meinem Mütterchen begegnet und wollte nicht fahren, käme zu Fuß! Und da – sehen Sie, Wera Iwanowna, da bin ich – da mußte ich – – Mein Gott, verzeihen Sie nur! Ich bin so glücklich, Sie wiederzusehen. Aber das können Sie nicht verstehen, ganz und gar nicht! Übrigens – wie befindet sich Natalia Arkadiewna?«

So sprach er alles durcheinander, in einem unbeschreiblichen Zustande von Verwirrung und Glückseligkeit.

Wera hörte alles, was er hervorstammelte, ohne ein Wort der Erwiderung zu finden; sie kam sich vor, als ob jeden Augenblick etwas Ungeheures mit ihr vorgehen, sie vor diesem reinen; herrlichen Menschen plötzlich als Mörderin und Brandstifterin dastehen müßte.

»Aber kommen Sie, kommen Sie!« drängte Grischa. »Mein Mütterchen stirbt sonst vor Ungeduld oder überwirft sich wohl gar mit Anuschka. Gewiß läßt sie zu Ihrem Willkommen sämtliche Blumen abreißen, und Anuschka muß sämtliches Mehl, sämtliche Eier und sämtlichen Honig zu Kuchen einrühren. Sie glauben nicht, wie mein Mütterchen sich freut, denn Sie wissen nicht, wie sie sich gesorgt und gegrämt hat – über mich natürlich. Aber nun sind Sie wieder da, und nun gehen Sie nicht wieder fort, nie wieder! Nun bleiben Sie bei uns, immer, immer, immer! Als meines Mütterchens liebstes Kind, als ihre Tochter, ihr Augapfel, ihr Herzblatt, Wera Iwanowna, als mein Weib.«

Er stand vor ihr, der mächtige Mann, zitternd, wie ein Kind, voller Todesangst ihrer Antwort harrend und doch wieder voller Zuversicht; denn sie war ja zu ihm gekommen, zu Fuß von Moskau her, die ganze Nacht durch, mutterseelenallein.

Aber sie sagte nichts.

»Wera Iwanowna, ich wäre gestorben, wenn Sie nicht gekommen wären, und ich werde sterben, wenn Sie mich nicht lieben und wieder von mir gehen.«

Aber sie sagte noch immer nichts, sie tat keinen Laut! Regungslos stand sie vor ihm, mit einem Gesicht wie entgeistert.

»Ich liebe Sie!«

Ohne zu sprechen, erhob sie beide Hände.

»Hören Sie mich, um Gottes willen hören Sie mich! Sagen Sie mir ein Wort!« stieß der unglückliche Grischa hervor. »Wera Iwanowna, ich liebe Sie!«

Da kam es von ihren Lippen mit einem Ton wie ein Stöhnen: »Sie dürfen nicht!«

»Ich dürfte nicht – –«

Wahrscheinlich wußte er gar nicht, was sie gesagt hatte, noch was er selbst sagte.

Wera sprach weiter, mühsam jedes Wort suchend, mit Anstrengung hervorstoßend, mit ersticktem Jammer in der Stimme: »Denn ich bin nicht würdig, von Ihnen geliebt zu werden, von Ihnen, einem so prächtigen Mann, einem so herrlichen Menschen, der nur ein gutes, reines Weib lieben darf, der des höchsten Glückes wert ist – –«

»Sie kein gutes, reines Weib, Sie nicht, Sie nicht – –«

Er stammelte, lallte, die Stimme brach ihm.

»Nein, Grigor Michailitsch, ich bin Ihrer nicht würdig. Sie müssen alles vergessen. Ich darf Sie nicht belügen und betrügen, Sie müssen alles wissen, damit Sie aufhören mich zu lieben, damit Sie beginnen, mich zu verachten und zu hassen.«

»Ich Sie verachten – hassen – vergessen? Ich Sie?«

»Ach, mein armer Grischa, das müssen Sie. Es wird Ihnen wehe tun, es wird Ihnen das Herz zermalmen und alle Freude am Leben nehmen; aber es muß sein.«

Wera schwieg. Sie wollte ihm Zeit geben, sich zu fassen, doch mit schwerer Stimme sagte Grischa: »Sprechen Sie nur zu mir. Ich höre alles, was Sie sagen.«

Und Wera sprach zu ihm: »Als ich zuerst zu Ihnen kam, wäre ich Ihrer großen und starken Liebe vielleicht würdig gewesen, denn damals war ich noch gut. Seitdem ist vieles geschehen.«

»Vieles geschehen,« sprach Grischa ihr nach und starrte sie aus hohlen Augen an.

»Seitdem hat mich ein anderer Mann auf den Mund geküßt, ein Mann, der mich nicht geliebt, der von mir nur meinen Leib begehrt hat. Aber küssen ließ ich mich doch von ihm! Und ich kann seinen Kuß nicht wieder von mir nehmen, mein Mund muß ihn Zeit meines Lebens als Brandmal tragen. Kein anderer Mann darf mich je wieder küssen, am wenigsten einer, den ich achte und verehre, der besser, viel besser ist als ich.«

Aber er hatte nichts gesagt. Wera sprach weiter: »Sie sehen ein, daß Sie mich nicht lieben dürfen, daß ich nicht wert bin, von Ihnen geliebt zu werden, daß Sie mich vergessen müssen. Nicht wahr, Sie sehen das ein?«

Grischa nahm seine ganze Kraft zusammen. Sich von ihr abwendend, sagte er leise: »Warum sind Sie dann wiedergekommen, ach, Wera Iwanowna, warum? Das hätten Sie sich nicht antun sollen!« Ich muß sein Leben retten, dachte Mera und erwiderte: »Ich bin wiedergekommen, Sie um etwas zu bitten.«

»Um was?«

»Ich hörte in Moskau, daß Sie kein Land mehr unter Ihre Bauern verteilen wollen. Ist das wahr?«

»Das ist wahr.«

»Nun, dann bitte ich Sie, geben Sie Ihren Bauern auch noch das zweite Dritteil Ihres Besitzes. Wollen Sie?«

»Nein.«

»Warum nicht? Sie wollten es doch damals tun, als ich das erstemal zu Ihnen kam.«

»Damals mußte ich Ihnen versprechen – mußte ich Ihnen mein Ehrenwort geben, keinen Fußbreit unter meine Bauern zu verteilen. Ich halte mein Versprechen.«

»Wenn ich Sie aber bitte, es zu brechen. Grigor Michailitsch, ich bitte Sie.«

Er sah sie lange an, mit einem Blicke, der ihr durch und durch ging.

Dann sagte er feierlich: »Als Sie damals zu mir kamen, waren Sie noch rein und gut und wollten mein Bestes; darum nahmen Sie mir damals das Versprechen ab. Was Sie heute von mir wollen, wo Sie – wo Sie nicht mehr so sind, wie Sie damals waren, das mag auch zu meinem Besten sein. Aber heute tue ich es nicht, sondern ich bleibe bei dem, was ich Ihnen damals versprechen mußte, wo Sie würdig waren, geliebt zu werden, so sehr ein Mann ein Weib lieben kann. Leben Sie wohl! Wera Iwanowna, leben Sie wohl!«

Er wandte sich langsam, ging langsam, mit schleichenden Schritten und gesenktem Haupte von ihr fort, seinem Hause zu, das sein Mütterchen unterdessen zum Empfang der Braut mit ihren schönsten Blumen geschmückt hatte.

Neunzehntes Kapitel.

Wera verließ die Landstraße und ging quer über das brachliegende, verwilderte Land, das ihrer heimatlichen Steppe glich. Dieselben Blumen blühten hier, wie sie um diese Zeit des Jahres in Eskowo blühten. Wera kannte den Namen jeder Blume und ihre Heilkräfte und pflückte mechanisch diejenigen Pflanzen, von denen sie wußte, daß sie für Verwundungen gute Dienste leisteten. Sie dachte an ihren Auftrag und daran, wie sie denselben ausführen sollte.

Man hatte ihr viele Papiere mitgegeben, darunter verschiedentliche Dokumente mit großen, prächtigen Siegeln. Sogar einen kaiserlichen Ukas führte sie bei sich. Ob das alles wahr war?

In diesem Ukas gab der Zar den Bauern die Versicherung seines väterlichen Wohlwollens und gebot ihnen, sich gegen die Gutsbesitzer zu erheben. Das gebot der Zar! Um das Gebot des Zaren dem Volke mitzuteilen, war Wera ausgesendet worden. Würde das Volk dem Gebote des Zaren gehorchen? Das russische Volk liebte seinen Herrscher. Dieser war für das russische Volk das »milde, gute Väterchen«, von dem alle Segnungen ausgingen, eine große, heilige, mystische Persönlichkeit, welche, nicht anders wie die Vorsehung, das Schicksal der Menschen bestimmte und erfüllte. Immer wieder stieß Wera in der Empfindung des russischen Volkes auf die völligste Hingabe an sein Herrscherhaus, auf eine ungeheure, unsterbliche Sehnsucht, seinen Regenten zu lieben und von ihm geliebt zu werden. Es war dieselbe Sehnsucht, von der sie selber beseelt wurde; und wohin hatte dieser mächtige Drang sie geführt? Vom Volke fort in die Arme eines Boris Alexeiwitsch!

Die Sonne stieg höher und höher. Wera begann müde zu werden und setzte sich unter einem Brombeerstrauch, der voll großer, tiefschwarzer Früchte hing, bei deren Anblick Wera plötzlich fühlte, daß sie Hunger hatte.

So pflückte sie denn von den Beeren und aß. Sogleich nahmen ihre Gedanken eine andere Richtung. Jetzt war Grigor Michailitsch längst wieder zu Hause. Was würde er tun? Vielleicht lag er in diesem Augenblick gerade an der Brust seines Mütterchens, klagend, daß es nun mit allem Leben und allem Glück für ihn vorbei sei. Und sein Mütterchen konnte ihn auch nicht trösten. Er liebte sie, dieser gute, gute Grigor Michailitsch, er hatte sie verehrt, er hätte sie so gerne angebetet – – Jetzt hatte er sich von ihr abgewendet.

Und das war gut so! Wehe ihm, wenn er sie noch immer lieben würde, wehe ihr, wenn sie nicht alles getan hätte, seine Liebe aus seinem Herzen zu reißen, ihn nicht gelehrt hätte, sie zu verachten.

Aber er wollte sein Versprechen halten; und daß er dadurch, gerade dadurch verderben mußte und verloren war, das war es, was Wera um den Verstand zu bringen drohte. Sie würde hingehen müssen, sie würde den Bauern den Ukas des Zaren überbringen, sie zum Aufstande reizen müssen. Sie kam und schwang den Feuerbrand, sie warf die Fackel in das Haus, die Flammen stiegen, loderten, lohten, das Feuer griff um sich, weiter, immer weiter! Sie stand dabei und sah, ohne eine Hand regen zu können, dem von ihr entfachten Brande zu, und ging fort von dem qualmenden Aschenhaufen, um von neuem die Fackel zu schwingen über Schuldige und Unschuldige, bis es auch für sie einmal ein Ende nahm; in den Kerkern Moskaus, in den Bergwerken Sibiriens, auf dem Schafott.

Aber – war der Ukas des Zaren echt?

Sie zog das Schriftstück aus ihrem Kleide. Ein Pergament mit einem goldenen Rand, mit der Unterschrift des Kaisers Alexander des Zweiten und den Siegeln der Kommissare versehen.

So etwas konnte doch wohl nicht gelogen sein? Alle die milden, gütigen und weisen Worte, die der Zar dem russischen Volke sagen ließ, waren in Wirklichkeit von ihm gespendet worden. Sie hielt in der Hand, was von der Person des Zaren ausgegangen war; sie hielt das Glück des russischen Volkes in Händen. Und Wera beugte sich auf das Papier herab, um die Unterschrift des Kaisers zu küssen.

Denn es war wahr! Nicht als Lügnerin und Betrügerin würde sie heute vor die Bauern treten, sondern als eine Abgesandte des Kaisers. Das gab ihr neue Kräfte. Sie las noch einmal sorgfältig ihre Instruktionen durch, dann kniete sie auf freiem Felde nieder und betete, betete, wie sie nie zuvor gebetet hatte.

Bis zum Abend trieb sie sich auf der Steppe umher, fortwährend Dawidkowo im Auge behaltend. Sie gelangte in das Birkenwäldchen, zu dem Lieblingsplatze Grischas, den dieser ihr damals auf ihrem Spaziergange mit so glühenden Farben geschildert hatte. Ihr erster Gedanke war, dem Orte zu entfliehen. Aber sie blieb bis die Nacht einbrach, bis es Zeit war, ihr Vorhaben zu beginnen.

Nun begab sie sich direkt nach dem Dorfe. In die erste Hütte ging sie hinein und fragte nach dem Bauern Timoteus Petrowitsch. Die Leute starrten sie an wie ein wildes Tier; endlich führte die Frau sie zu dem Dorfältesten, den Wera genannt hatte. Aber der Mann war viehisch betrunken, und Wera versuchte vergebens, ihm verständlich zu machen, um was es sich handle. Bei dem Namen des Kaisers schlug der Berauschte das Kreuz und murmelte ein Gebet; darauf brach er in Verwünschungen aus gegen seinen Herrn, weil dieser ihn und die Bauern ins Unglück gestürzt habe, da er ihnen von seinem Lande nur ein Dritteil gab. Es blieb Wera nichts anderes übrig als zu warten, bis der Mann nüchtern geworden. Sie bat also das Weib des Bauern um ein Nachtlager, welches ihr jedoch im Stalle angewiesen wurde. So ging sie hinaus, entschlossen, die Nacht im Freien zu verbringen.

Unwillkürlich richtete sie ihre Schritte nach dem Herrenhause. Wie eine dunkle Mauer stieg der Lindenwald, darin das Häuschen lag, vor ihr auf. Bald gewahrte sie durch die Stämme Licht. Wie gewaltsam angezogen, ging sie näher und näher, bis sie dicht vor dem Fenster stand.

Sie konnte das ganze Zimmer übersehen. Da war der Teetisch mit dem Samowar, da war das Mütterchen und Grischa, Anuschka mußte in der Küche sein. Wie hell und friedlich es drinnen aussah! Aber die Bewohner schienen davon nichts zu fühlen. Sie saßen sich gegenüber und blickten sich an und sagten nichts, denn ihr Leid war zu groß für Worte. Wie alt das Mütterchen erschien! Es waren erst zehn Stunden, daß Wera sie nicht gesehen; aber das Mütterchen war seitdem um zehn Jahre gealtert. Wie lange würde es dauern und jener Mann war allein auf der Welt. Langsam, langsam schlichen für ihn die Tage dahin, einer wie der andere, und immer bohrte der gleiche Schmerz in ihm: du mußt »sie« verachten! Und jetzt glitt das Mütterchen von ihrem Sitz herunter ihrem Sohn zu Füßen, schmiegte sich an seine Knie und streckte ihre zitternden Hände zu ihm auf. Was mochte sie ihm sagen? – – »Dein altes Mütterchen ist bei dir; dein altes Mütterchen liebt dich; bringe dein altes Mütterchen doch nicht in die Grube.« Aber Grischa saß stumm und starr und konnte der alten Frau zu seinen Füßen nicht antworten: »Ich will leben, für dich!«

Wera wich vom Fenster zurück, bis in den Wald hinein. Da stand sie und vermochte sich nicht loszureißen von dem Anblick des Häuschens und des Lichtes. Mitternacht war längst vorüber, als dieses endlich erlosch.

Beim Morgengrauen begab sich Wera in das Haus des Ältesten, weckte den Knecht und schickte ihn zum Bauern, um ihm zu sagen, wer da sei. Es dauerte auch nicht lange, so kam der Gerufene; er war nüchtern, wie es schien. Wera gab sich zu erkennen und wurde von dem Manne sofort ins Haus geführt. Der Bauer schickte sein Weib hinaus, verschloß die Tür, und die beiden besprachen sich miteinander. In der nächsten Nacht wollte der Älteste sämtliche Bauern zusammenberufen auf das Feld, an einen bestimmten Platz. Dort sollte der Ukas vorgelesen und die Leute aufgefordert werden, die Gebote des Zaren zu erfüllen. Nachdem das beschlossen war, nahm Wera Trank und Speise zu sich und hielt sich während des ganzen Tages in der Hütte verborgen. Gegen Abend bat sie ihren Wirt, er möchte zu Grigor Michailitsch gehen und diesen im Namen der Gemeinde nochmals auffordern, seinen Landbesitz Zu verteilen. Der Mann willigte ein und ging, kam aber sehr bald zurück, mit dem Bescheide, daß Grigor Michailitsch von keiner Teilung wissen wollte; sie mußten also den Willen des Zaren gewaltsam durchsetzen.

In der Nacht versammelten sie sich auf einem Hügel mitten in der Steppe. Timoteus Petrowitsch zündete eine Wachskerze an, steckte sie in die Erde, legte daneben das Evangelienbuch und darauf das Kreuz, kniete vor diesen heiligen Gegenständen nieder und las den Bauern den geheimen kaiserlichen Ukas vor. Darin hieß es, daß der Zar seinen Bauern längst den ganzen Grund und Boden zum freien Genuß überlassen und sie von allen Steuern befreit hatte, daß aber die Gutsbesitzer, die Geistlichkeit und die Beamten diesen Ukas vor den Bauern versteckt hielten. Deshalb erlasse der Zar dieses geheime Manifest, auf Grund dessen sich die Bauern im geheimen zu einem Bunde vereinigen, sich Waffen anschaffen und sich gegen die Gutsbesitzer erheben sollten.

Der Inhalt dieser gefälschten Urkunde machte auf die Bauern einen unbeschreiblichen Eindruck. Alle drängten sich zu dem Evangelium hin, legten ihre Hände darauf und gelobten, den Willen des Kaisers zu erfüllen. Nun berichtete Timoteus Petrowitsch, daß von den »Kommissären des Kaisers« allen Bauern in der Umgegend von Moskau heimlich Waffen gebracht worden wären und daß sich auch in Dawidkowo ein Vorrat von Gewehren und Munition befände, den er in dem Birkenwäldchen hätte eingraben lassen. Sogleich brachen die Leute dahin auf. Der Älteste schritt mit dem Evangelienbuche und dem Kreuze voraus, Wera trug neben ihm die Kerze. So bewegte sich, wie eine Prozession, der Zug durch die Nacht über Feld und Steppe dem Walde zu. Timoteus Petrowitsch wies den Bauern den Ort, wo die Waffen verscharrt lagen; man grub sie hervor, verteilte sie und zog darauf, wie man gekommen war, zum Dorf zurück in die Kirche, wo die heiligen Gegenstände feierlich auf den Altar niedergelegt wurden und der Älteste eine Rede hielt. Dann brach die Empörung aus.

Weras Auftrag war erfüllt; sie war gehorsam gewesen. Jetzt galt es zu verhüten, daß sie auch zur Mörderin würde. Es galt, das bedrohte Leben des Gutsherrn zu retten, oder mit ihm zu sterben.

Sie eilte den Rebellen voraus. Ihre Todesangst um Grischa gab ihr ihre ganze Kraft und Entschlossenheit zurück; sie wußte genau, was sie zu tun hatte, daß sie Grischa sagen mußte: Rette dich, fliehe und nimm mich hin! Dem alten, seelenguten Mütterchen würde niemand ein Leids zufügen.

Es war eine dunkle Nacht, kein Stern glänzte am Himmel. Wera stürzte in den schwarzen Wald hinein, rannte gegen die Stämme an, stolperte über die Wurzeln, verlor die Richtung. Das hielt sie auf, Schon vernahm sie hinter sich die Stimmen der Empörer, denen sich auch die Weiber angeschlossen zu haben schienen. Während Wera verzweiflungsvoll vorwärtsdrang, fiel ihr ein, daß sie bei der Verlesung des Ukas unter den Männern auch Mischka gesehen hatte, dessen hübsches Gesicht von fanatischer Leidenschaft entstellt war. Ihr begann zu grausen. Dieser Mischka war der Spielgefährte Grischas gewesen, der Liebling des Mütterchens; auch Grischa liebte ihn und nun war auch dieser dabei, seinen Herrn zu verraten! Wenn Grischa ihn erblickte, es würde sein gütiges Herz wie ein Dolchstoß treffen. Wehe dem russischen Volke, wenn es viele solcher Knechte besaß, die gegen solche Herren die Hände erhoben.

Gott sei Dank; sie hatte einen Vorsprung gewonnen! Sie lief aus dem Wald, sie stürzte zum Hause, das schwarz und tot dalag, sie warf sich gegen die Tür, sie pochte und schrie: »öffnet, öffnet! Um des Himmels willen, öffnet!«

Aber es blieb im Hause dunkel und still. Von neuem vernahm sie die wilden Stimmen der Aufrührer.

»Grigor Michailitsch! Grigor Michailitsch! Ihre Bauern kommen, Sie zu ermorden.«

Kein Ton antwortete ihrem wilden Geschrei.

»Gregor Michailitsch, ich habe die Bauern angestiftet, gegen Sie zu ziehen und Sie zu töten; ich, Wera, die Sie lieben, die sich Ihnen jetzt zu Füßen werfen will. So hören Sie doch! Aus Erbarmen! Grigor Michailitsch – Grischa! Grischa!«

Sie vernahm drinnen ein Geräusch; man hatte sie gehört. Wera warf sich vor der Tür nieder. Wenn er öffnete, sollte er sie vor sich sehen, Zu seinen Füßen. Auf ihren Knien wollte sie ihn um sein Leben bitten.

Aber er öffnete nicht. Und sie kamen!

Grischa hatte seinen Namen rufen hören, hatte Weras Stimme erkannt, hatte verstanden, was sie so fürchterlich schrie. Er befand sich in seinem Zimmer und saß vollständig angekleidet auf seinem Bett. Er war klar bei Gedanken, durchaus ruhig, überlegte und faßte einen Entschluß. Also das Weib, welches für ihn gleich einem leuchtenden Sternbilde gewesen, hatte sich von einem Begehrlichen küssen lassen, war schlecht geworden und gefallen! Also seine Bauern, denen er Wohltaten über Wohltaten erwiesen, kamen, ihn zu töten – –

Ekel ergriff ihn, ein unaussprechlicher Überdruß am Leben, eine unsägliche Verachtung alles dessen, was Mensch war.

Aber sein Mütterchen!

Er konnte seinem Mütterchen nicht helfen; das mußte ein Stärkerer tun als er. Er war ein schwacher, hilfloser Wicht, ein vom Sturm gebrochener Halm, Fort mit ihm!

Immer noch rief sie draußen seinen Namen; voller Verzweiflung, voller Flehen, daß er am Leben bleibe.

Aber er öffnete nicht!

Und jetzt kamen sie, jetzt waren sie da.

Grischa erhob sich. Er wollte zu seinem Mütterchen gehen; sein Mütterchen sollte ihn segnen. Dann war er fertig mit dieser Welt.

Johlend und heulend kamen die aufrührerischen Bauern vor das Haus gezogen, Timoteus Petrowitsch und Mischka führten sie an, sämtliche Weiber waren dabei, selbst Kinder. Wera warf sich den Wütenden entgegen und beschwor sie, ihres Herrn Leben zu schonen und ihm nur sein Land zu nehmen. Aber die Bauern schrien auf sie ein, was ihr in den Sinn gekommen sei. Sie habe den Ukas des Zaren nach Dawidkowo gebracht.

Unterdessen war man im Hause endlich erwacht. Die draußen vernahmen das Jammergeschrei des Mütterchens und das Geheul der Mägde. Jetzt erschien Anuschka an einem Fenster, riß es auf, begann zu schelten und zu zetern; sie sollten sich nach Hause scheren! Ein Bauer legte an, schoß ab, traf aber nicht. Wera hörte die Stimme Grischas; ein zweiter Schuß fiel.

Nun stürmten die Bauern das Haus, dessen Tür nach einigen Augenblicken gesprengt war. Wera hatte sich vorgedrängt; die ersten, die in das offene Gebäude stürzten, rissen sie mit hinein.

Ihn retten oder mit ihm sterben!

Nicht fähig, etwas anderes zu denken, spähte sie nach ihm aus und, während die Rotte im Erdgeschoß sogleich zu plündern und zu zerstören begann, eilte sie die Treppe hinauf in das Schlafzimmer des Mütterchens. Dort war er! Er hatte sich vor seinem Mütterchen niedergeworfen und hielt die zitternde Gestalt mit beiden Armen umschlungen, fest an sein Herz gedrückt. Als Wera ihn anrief, zuckte er heftig zusammen, dann löste er sich langsam, zaudernd von dem heiligen Leib, der ihm das Leben gegeben.

»Fliehen Sie! Retten Sie Ihr Leben! Um Ihres Mütterchens willen, um – meinetwillen!«

Grischa richtete sich auf, sah Wera an und übergab ihr mit einer leichten Bewegung seines Hauptes das Leben seiner Mutter, dieses zu schützen und zu retten. Im nächsten Augenblick war das Zimmer von den wilden Gestalten der Bauern erfüllt und Grischa umringt. Halb von Sinnen vor Jammer machte Wera einen letzten Versuch, ihn zu retten; er sollte wenigstens sein Leben verteidigen. Sie entriß einem Bauern das Gewehr, brach sich Bahn, flog auf Grischa zu und hielt ihm die Waffe hin. Aber dieser wies sie zurück; mit demselben Blick, mit derselben Gebärde, mit der er sich auf der Landstraße von ihr abgewandt hatte. In diesem Augenblicke traf ihn ein Schuß und Mischka drängte sich vor; Grischa taumelte gegen die Wand und brach, seinen Blick auf Wera gerichtet, zusammen.

*

Es war Herbst geworden. Wenn der Lindenwald von der Sonne beschienen ward, glich er einem hohen Hügel aufgeschütteten Goldes. Aber sobald ein Luftzug sich regte, rieselte es flimmernd und schimmernd langsam, langsam auf den Boden herab, den bereits ein dichter, gelber Teppich bedeckte. Und die goldigen Blätter fielen auf ein Grab, darin ein Mann ruhte, dessen Herz gebrochen war, ehe es eine Kugel getroffen.

Und die goldigen Lindenblätter flatterten durch die sonnigen Lüfte, wie Schwärme lichter Schmetterlinge; sie gaukelten um das grüne Häuschen; sie flogen gegen die Fensterscheiben, als wollten sie zugleich mit den Sonnenstrahlen in das hübsche bunte Zimmer dringen, das öde und leer stand, denn das Mütterchen war fort, nicht tot und begraben wie ihr Sohn, sondern fort mit dem Mädchen, welches ihr Sohn geliebt hatte, und welches das Mütterchen nicht mehr verlassen wollte, trotzdem sie es war, die ihren Sohn, ihren Grischa, ihren Augapfel, ihr Herzblatt zum ewigen Schlummer unter die welken Lindenblätter gebettet.

In der Natur war es, als feierte die Welt Fest auf Fest. Der Himmel blaute herunter in einer Pracht, wie wenn das Leben der Erde begänne und es Frühling werden sollte. Die Luft war so klar, daß die fernen dunklen Wälder deutlich dastanden, als wären sie um Meilenweite näher gerückt. Schwärme von Vögeln zogen hin und her, sich sammelnd für die weite, weite Fahrt über Länder und Meere; die Schwalben, die Kraniche, die Reiher und die wilden Schwäne. Weiße feine Gespinste schwebten durch die Luft, hefteten sich an Sträucher und Zäune, breiteten sich über die Stoppelfelder, und die Dorfkinder sagten: Da zieht der Sommer hinweg.

Alles war wie sonst; nur das Leben der Menschen war geändert und gewandelt. Zuerst, als unter den Linden das Grab aufgeworfen worden, in welches der Mann hineingelegt ward, der so treu und stark geliebt hatte – da war alles Triumph und Jubel gewesen. Das Mütterchen ließen sie am Leben, denn das fremde, schöne Mädchen schützte es. Aber des Mütterchens Linnen, das dieses selbst gesponnen, gebleicht und gewebt, wurde aus den Schranken und Truhen herausgerissen, und die Bauernweiber schlugen sich darum; des Mütterchens eingemachte Früchte, ihre berühmten Salzgurken und getrockneten Schwämme, ihren herrlichen Ingwer und ihre wundervollen Melonen, Anuschkas Schinken und in Schmalz eingelegte Schnepfen, alles erlitt dasselbe Schicksal! Die hübsche bunte Stube wurde bis auf den letzten Gegen-* stand geleert, das eine Stück in diese, das andere in jene Hütte geschleppt, so daß von dem Häuschen nichts übrigblieb als die Mauern.

Eine Zeitlang dauerte die allgemeine Freude, denn wie die Weiber unter sich das Haus, so teilten die Männer das Land; und wie die Weiber sich bei des Mütterchens Linnen und Salzgurken gegenseitig in die Haare fuhren, so schlugen sich die Männer bei den Kühen und Pferden, bei den Äckern und Wiesen, daß die Fäuste blutige Spuren zurückließen. Dabei wurde soviel Branntwein getrunken, als es Branntwein zu trinken gab. Kaum hatten sie sich im Rausch versöhnt, als sie sich im Rausch von neuem verfeindeten. So lebten sie in Hader und Zwist, bis eines schönen Tages die Gendarmerie ins Dorf rückte, die meisten Bauern zu Gefangenen machte und nach Moskau hinwegtrieb. Als sich die Bauern auf den Ukas ihres Väterchens, des Zaren, beriefen, durch welchen ihnen alles Land und das Leben aller Edelleute zu eigen gegeben war, erfuhren sie, daß sie belogen und betrogen worden.

Doch sie hatten sich betrügen lassen und mußten dafür büßen; sie und andere. Die Kerker in den großen Städten füllten sich, es mehrten sich die Gefangenentransporte nach Sibirien; wo aber der Herr tot war, da kam der Beamte und nahm das herrenlose Gut in Beschlag. So geschah es in Dawidkowo und so geschah es in manchen anderen Dörfern.

Bei der Untersuchung über jenen Aufstand war viel von einer Nihilistin Wera Iwanowna aus Eskowo die Rede; aber die Bauern wußten nichts anderes von ihr, als daß sie gekommen und wieder gegangen war, gegangen mit ihres toten Herrn altem Mütterchen, dessen Leben sie beschützt und gerettet, gegangen mit der Amme Anuschka, die von dem Mütterchen nicht hatte lassen wollen. Man wußte, daß die drei sich auf den Weg nach Moskau begeben hatten. Das junge Mädchen stützte die wankende Greisin und leitete sie; so waren sie den Augen der Dorfbewohner entschwunden und von ihnen nicht wieder gesehen worden.

Und der Herbst überzog mit seinem Gold und Purpur ganz Rußland, ganz Rußland prangte in den Kaiserfarben! Um das Landhaus der Prinzessin stiegen die hohen bunten Laubpyramiden auf, die Blätter fielen auf die Kieswege, wo sie liegen blieben, denn die Herrin war fortgezogen. Das große, prächtige Haus stand mit verschlossenen Türen und Läden und sah so öde und tot aus, als hätte es niemals in seinen Mauern ein glänzendes, festliches Leben gesehen, ein Leben, darin an dem einen Tage vergessen wurde, was an dem andern geschehen. Das Haus war still und stumm; aber in Weras Kammer stand auf dem Tisch das Marienbild und sah so blaß und traurig drein, als wisse es von dem Jammer der Menschheit.

Und der Herbstwind wehte goldige Blätter in den Hof des kleinen Gärtnerhauses in der Nowaja-Andronowka-Vorstadt. An dem Fenster stand ein junges, blasses, wunderholdes Weib und sah den Blättern zu, wie sie herangeweht wurden und zu Boden fielen, wie sie wieder aufflatterten, höher und höher, in den Glanz der Lüfte hinein. Und Tanias Blicke sagten: Ach, daß ich euch nachsterben, daß ich auch so vom Stamme fortgerissen, auch so verweht werden könnte.

Zwanzigstes Kapitel.

Wera hatte bei Marja Carlowna Aufnahme gefunden. In einem der Zimmer der öden Wohnung, wo Sascha jetzt wieder Dynamit fabrizierte, hauste sie mit dem Mütterchen und Anuschka. Die Polizei stellte ihr nach, sie mußte sich Tag und Nacht verborgen halten, was sie auch von allen Dingen am liebsten tat; denn in ihrer Seele war es so dunkel, daß das Sonnenlicht ihr Schmerzen bereitete, und in ihrem Herzen fühlte sie sich so einsam, daß sie den Anblick von Menschen nicht zu ertragen vermochte. Mit den beiden Frauen war sie indessen den ganzen Tag zusammen, und einige Zimmer von dem ihrigen entfernt arbeitete Sascha; statt für das Volk zu agitieren, lebte Wera ausschließlich für sie, und wenn etwas sie mit ihrem Dasein aussöhnen konnte, so war es die völlige Hingabe an diese drei Menschen. Marja Carlowna hatte ihr Leinwand zu nähen gegeben, so daß Wera so glücklich sein konnte, durch ihrer Hände Arbeit die ganze kleine Familie zu erhalten.

Wie waren alle verwandelt; aus dem guten, milden Mütterchen war ein schwankender Schatten geworden, der mit Gott und allen Heiligen haderte. Aber eines Tages kam ihr in den Sinn, daß sie der Mutter Gottes eine Wallfahrt gelobt, und mit Gewalt wollte sie auf und davon, um zu Fuß die lange Pilgerschaft anzutreten, der Mutter Gottes geweihte Kerzen zu opfern und an dem Altar der Himmelskönigin dieser für das Glück ihres Grischa zu danken. In solchen Stunden durfte Wera nicht von ihrer Seite weichen, dann konnte nur Wera sie beruhigen. Denn Wera war es, die ihr Sohn geliebt hatte, die ihren Sohn glücklich gemacht haben würde.

Und welches Wunder war mit der ewig murrenden, polternden, zankenden Anuschka geschehen! Wera und das Mütterchen kannten jetzt nur eine weichherzige, gutmütige, prächtige Anuschka, eine Anuschka, die mit dem Mütterchen wahren Götzendienst trieb; die Wera stets ihr Täubchen, ihr Liebchen und Herzblättchen nannte, und die sogar gegen den armen, bleichen Sascha das Wohlwollen und die Herzensgüte selbst war. Sie sorgte für die Wirtschaft, lief jeden Morgen durch halb Moskau, wobei sie ein unendliches Vergnügen darin fand, die kleinen Vorräte, deren sie für den Haushalt bedurfte, Stück für Stück einzukaufen; zu den allerbilligsten Preisen, unter jammervollem Seufzen und Stöhnen über die schlechten Zeiten. Dann stand sie am Herde, kochte und briet, und rühmte bei Tische selber ihre Kochkünste, um den anderen Appetit zu machen und war seelenvergnügt, wenn es dem Mütterchen oder Wera zu schmecken schien.

So oft Wera sich von dem Mütterchen fortschleichen konnte, ging sie hinüber zu Sascha und setzte sich mit ihrer Arbeit zu ihm; sprach auch keines von beiden ein Wort, so fühlte doch jedes die Gegenwart des andern als das einzige, was ihm vom Leben übriggeblieben. Nachts, wenn die beiden Frauen schliefen, wachten die zwei Gefährten zusammen und Sascha lernte Wera an, ihm bei seiner Tätigkeit Hilfe zu leisten. Denn es wurde wieder viel Dynamit gebraucht, für Moskau sowie für ganz Rußland. Die politische Atmosphäre Rußlands glich der Schwüle vor dem Ausbruch eines Gewitters, und die Nihilisten, die sich in Moskau so lange nicht hatten rühren dürfen, begannen von neuem eine fieberhafte Tätigkeit. Wladimir Wassilitsch schlug die Anlegung verschiedener Minen vor und erlebte den Triumph, daß das Exekutivkomitee seine kühnen Projekte akzeptierte. Die Welt sollte erleben, daß es in Rußland etwas Unsterbliches gab, den Nihilismus.

Als Wera eines Morgens Sascha besuchte, fand sie diesen auf einem Stuhle sitzen, in der Hand ein Papier, darauf er starr hinsah.

»Sascha!« rief sie ihn an; doch er blickte nicht auf.

»Was ist das für ein Papier? Darf ich lesen?«

Sascha nickte. Wera nahm ihm das Schreiben aus der Hand, las es, verfärbte sich, legte das Papier auf den Tisch.

»Wann hast du diesen Befehl erhalten?«

»Gestern abend.«

Sie warf einen Blick nach der Ecke hinüber, wo Saschas Bett stand. Es war unberührt.

»Du hast die ganze Nacht hier gesessen?«

»Die ganze Nacht.«

»Und hast darüber nachgedacht.«

»Und habe darüber nachgedacht.«

»Was wirst du tun?«

»Was ich tun werde – –«

»Wirst du gehorchen?«

»Ja.«

Wera trat von ihm fort und schritt schweigend im Zimmer auf und ab, wobei sie von Zeit zu Zeit nach Sascha hinüberblickte. Doch der saß da, ohne sich zu regen, mit starrem Blick, den Ausdruck eines furchtbaren Entschlusses in den bleichen Zügen.

Wera wurde das lange schwere Schweigen unheimlich. Sie ging zu Sascha und blieb vor ihm stehen.

»Wann sollst du anfangen?« fragte sie flüsternd.

»Heute noch. Wladimir Wassilitsch hat mich bei den Arbeitern untergebracht, welche die Kirche renovierten; du weißt, jenes Gebäude, das dem Palast gegenüberliegt. Ich schlafe auch dort. Den Tag über muß ich arbeiten, ich glaube Steine tragen, und die ganze Nacht hindurch graben. Das heißt, zuerst muß ich in den Keller des Popen die Werkzeuge hinunterschaffen. Es muß sehr heimlich geschehen.«

»Du wirst es nicht durchführen können,« rief Wera.

»Ich werde es durchführen; das weiß Wladimir Wassilitsch auch recht gut. Darum hat er mich dafür bestimmt.«

Beide sahen sich an. Dann wieder eine lange Pause.

»Du weißt doch,« sagte Wera leise, »daß sich Anna Pawlowna von ihrem Manne trennen will?«

»Ich weiß es. Übrigens wird der Prinz trotzdem im Palast dem Zaren ein Fest geben, wenn der hier nach Moskau kommen sollte, wie er das fest zu beabsichtigen scheint.«

Wera überhörte die Bemerkung Saschas und fuhr fort: »Weißt du, wer jetzt bei Anna Pawlowna wohnt?«

»Nein.«

»Du möchtest es wohl auch nicht wissen?«

»Warum sollte ich es nicht wissen mögen? Ich kann es mir sogar denken.«

»Bei Anna Pawlowna wohnt jetzt Boris Alexeiwitsch.«

»Und das sagst du so ruhig?«

»Warum sollte ich es nicht ruhig sagen? Das ist ja längst vorüber! Seitdem ist vieles geschehen.«

»Freilich, freilich. – – Gestern hat Wladimir Wassilitsch mir den Plan von Moskau geschickt.«

Er stand auf, holte den Plan und breitete denselben auf dem Tische aus. Wera trat hinzu.

»Dieser rote Punkt,« begann Sascha ihr den Plan zu erklären, »dieser rote Punkt ist der Palast Petrowsky. Du siehst ihn doch?«

»Ganz deutlich.«

»Gut! Dieses blaue Kreuz hier bezeichnet die Lage der Kirche. Dazwischen liegt die Straße. Die Straße wird ungefähr zehn Meter breit sein. Von dem Keller des Popen bis unter den Tanzsaal Anna Pawlownas beträgt die Entfernung gute zwanzig Meter. Bis unter den Tanzsaal soll nämlich die Mine führen. Du siehst, daß ich keine Zeit zu verlieren habe und daß es wirklich eine schwere Arbeit ist. Aber ich werde sie ausführen. Wladimir Wassilitsch kann sich darauf verlassen.«

»Wenn Wladimir Wassilitsch den Palast in die Luft sprengen will,« schaltete Wera ein, »warum läßt er dann nicht Dynamit in den Keller des Palastes selbst schaffen? Wozu diese Mine? Natalia Arkadiewna wohnt ja im Hause.«

»Aber nicht lange mehr. Sie ist schwer krank, man erwartet täglich ihren Tod. Auf Natalia Arkadiewna kann sich Wladimir Wassilitsch nicht mehr verlassen. Überdies soll sie in die Nowaja-Andronowka-Vorstadt geschafft werden; Tania will sie pflegen. Ich werde Wladimir Wassilitsch bitten, daß er mir Colja zur Hilfe gibt; er kann ja des Nachts zu mir kommen. Es ist nur, damit wir zur rechten Zeit fertig werden.«

»Da Wladimir Wassilitsch die Mine vorbereiten läßt, so hat er wohl sichere Nachricht über die Reise des Zaren nach Moskau?« fragte Wera.

»Davon weiß ich nichts. Ich glaube, Wladimir Wassilitsch würde die Mine auch dann legen und aufsprengen lassen, wenn der Zar auf seiner Reise gar nicht durch Moskau käme.«

»Auch dann? Sascha, auch dann?« rief Wera.

»Nun ja, was willst du? Wladimir Wassilitsch behauptet, daß auch alle die anderen aus Rußland vertilgt werden müßten – nämlich alle die Reichen und Vornehmen. Du weißt ja, er haßt sie alle! Er behauptet, sie wären alle gleich. Einer wäre wie der andere.«

»Meinst du, daß er recht hat?«

»Ja,« sagte Sascha fest und bestimmt. »Und dann meint Wladimir Wassilitsch, es wären solche Verräter. Und du weißt ja, daß bei uns auf Verrat der Tod steht. Auch Boris Alexeiwitsch weiß das und – und Anna Pawlowna.«

»Aber hat Anna Pawlowna uns wirklich verraten?«

Zum erstenmal kam eine leidenschaftliche Bewegung über Sascha. Der starre Ausdruck in seinen Augen verschwand, seine Züge belebten sich unheimlich. Mit heiserer Stimme stieß er hervor: »Anna Pawlowna tut nichts mehr für die Sache; ja, sie weigert sich entschieden, noch etwas dafür zu tun. Wladimir Wassilitsch hat ganz recht gehabt, in allem recht! Nie hat sie das Volk geliebt, nie, nie! Sie hat mit dem Volke gespielt. Sie weiß nichts von ihm, nichts von seinem Herzen, nichts von seinen Leiden. Alles war Lüge, Lüge, Lüge! Und deshalb – – Und deshalb läßt Wladimir Wassilitsch diese Mine legen, deshalb hat Wladimir Wassilitsch mir diesen Auftrag erteilt, und deshalb werde ich seinen Auftrag ausführen.« Lange schwiegen beide; plötzlich fuhr Sascha auf: »Sagtest du nicht, Boris Alexeiwitsch wohne bei Anna Pawlowna?«

»So hat man mir erzählt. Ich glaube, unsere Wirtin Marja Carlowna tat es; in ganz Moskau redet man davon, aber sie kümmert sich nicht darum. Sie soll ihn liebhaben. Warum auch nicht? Er ist ein schöner Mann und vornehm! So vornehm, daß er das Volk mit Füßen tritt, dem Volke ins Gesicht schlägt, dem Volke das Herz zerfleischt. Ist es nicht so?«

»So ist es. Ich wollte, Wladimir Wassilitsch trüge mir auf, dir graben zu helfen,« rief Wera ausbrechend.

»Du wirst auch dabei zu tun bekommen. Wladimir Wassilitsch zählt auf dich.«

»Hat er mit dir davon gesprochen?«

»Ja, er fragte mich, wie du mit Boris Alexeiwitsch stündest.«

»Und du sagtest ihm – –«

»Ich sagte ihm, er hätte recht gehabt. Darauf fing er an zu lachen.«

»Aber welchen Auftrag hat er für mich?« fragte Wera ungeduldig. »Was kann ich dabei tun?«

»Du sollst mir Dynamit zutragen. Auch sollst du auf einen Beobachtungsposten gestellt werden; ich *glaube in der Anstalt, dem Palast Anna Pawlownas gegenüber. Du weißt, in dem Hause für sittlich verwahrloste Mädchen.«

»Wie soll ich da hineinkommen?«

»Dafür wird Wladimir Wassilitsch Sorge tragen, Er hat überall seine Mittel und Wege. Von den Zimmern des obersten Stockwerkes aus kann man in den Tanzsaal hineinsehen. Du sollst uns das Zeichen geben, wenn es Zeit ist. Ein wichtiger Posten. Wirst du es tun können?«

»Ich werde alles tun können, was man mir aufträgt.«

»Soll ich das Wladimir Wassilitsch sagen?«

»Ja.«

Einundzwanzigstes Kapitel.

Anna Pawlowna hatte aufgehört, über sich selbst zu reflektieren. Sie lebte jetzt, wie tausend andere Damen der russischen Gesellschaft lebten, von einem Tag zum andern, von einer Zerstreuung zur andern. Und was das Seltsamste dabei war, sie lebte mit Genuß in dieser großen, glänzenden Gedankenlosigkeit. Überdies war sie durch ihre Verhältnisse mit Sascha und Boris eine gesellschaftliche Berühmtheit geworden. Ihre Schönheit stand in der Blüte und ihre Schönheit zu pflegen und bewundern zu lassen, beschäftigte sie im Augenblick derartig, daß sie für nichts anderes mehr einen Gedanken zu haben schien. Mit großer Kunst wußte sie Toilette zu machen. Sie erfand selbst ihre Kostüme und strengte dabei ihre ganze Einbildungskraft an.

Bald sprach man denn auch von den Toiletten der Prinzessin, wie man einst von den Teeabenden der Fürstin gesprochen hatte. Diese neuen Toiletten Anna Pawlownas versetzten sogar die russische Gesellschaft in Aufregung. Die Männer bewunderten sie, die Damen skandalierten darüber und – ahmten ihr nach. Zuerst begnügte sich Anna Pawlowna damit, Boris Alexeiwitsch zu gefallen, der anfangs entschieden solcher Mittel bedurfte, um von der schönen Frau gefesselt zu werden. Aber sehr bald reizte es sie, auch auf andere Männer Eindruck zu machen. Seit ihrem großen Irrtum hatte sie alle Brücken hinter sich abgebrochen und schien nichts anderes zu bezwecken, als möglichst schnell in den Abgrund zu stürzen. Sie wollte es mit offenen Augen tun, erhobenen Hauptes.

Mit der Fürstin war sie von neuem sehr intim, doch hatte sich das Verhältnis der beiden Frauen zueinander vollständig verändert; alle Scheu der Fürstin vor ihrer schönen, majestätischen Cousine war verschwunden, Sie behandelte dieselbe bisweilen beinahe patronisierend. Anna Pawlowna zuckte dazu die Achseln, biß sich auf die Lippen, ließ es sich indessen doch gefallen, als die Vertraute der lächerlichsten und – galantesten Modedame Moskaus zu gelten.

Sobald sämtliche vornehmen Familien vom Lande zurückgekehrt waren, richtete die Fürstin wieder ihre Teeabende ein, unter einem größeren Zudrange denn je. Die seltsamsten Gestalten erschienen in dem Salon, um in dessen Dämmerung vollständig zu verschwinden. Die Unterhaltungen wurden so leise geführt, daß das Geräusch des kochenden Samowars das Flüstern der Stimmen häufig übertönte. Die Fürstin in ihrer Robe aus weißer Crêpe de Chine leuchtete wie eine Marmorstatue durch das Dunkel, doch war sie an ihren Teeabenden wie gewöhnlich im höchsten Grade nervös, denn wie gewöhnlich wartete sie auf den einen oder den anderen, der – gewöhnlich nicht kam.

Wer indessen regelmäßig erschien, war Anna Pawlowna in der Begleitung von Boris Alexeiwitsch, dessen Gesicht in jedem Zuge wieder den alten, matten, gelangweilten Ausdruck angenommen hatte. Zuweilen kam das Gespräch auf die neuesten sozialen Bewegungen Rußlands; man hörte Namen fallen wie: »Das russische Volk«, »die soziale Frage«, aber Anna Pawlowna hielt nie wieder eine Rede, darin sie sich vor ganz Moskau kompromittierte und Boris Alexeiwitsch brauchte nie wieder eine Dame in einer solchen bedenklichen Angelegenheit zu sekundieren.

Zuweilen besuchte ein Nihilist die Teeabende der Fürstin: Wladimir Wassilitsch! Und wenn er nicht kam, so war die Fürstin hochgradig erregt. Kam er aber, so stieg ihre Aufregung noch höher, denn der Gast kümmerte sich fast gar nicht um die Wirtin, sondern schlürfte ein Glas Tee nach dem andern, ohne sich jemals in die Unterhaltung zu mischen. Er saß da mit seinem Lächeln, das die Dämmerung verhüllte, mit Blicken, darin sich außer Haß und Verachtung die Zuversicht eines baldigen Sieges aussprach. Jeder dieser Gänge kostete ihn einen gewaltsamen Entschluß; aber er bedurfte dieser Besuche, um sich immer wieder von neuem gegen die Feinde des russischen Volkes aufzustacheln, seinen Haß durch seine Beobachtungen zu nähren und aus seiner erhitzten Einbildungskraft immer von neuem Pläne zu schöpfen, die sämtlich auf das eine Ziel hinausliefen: auf die Vernichtung einer Menschenrasse, die für ihn an allem Unheil, das seit Jahrhunderten über das russische Volk gekommen, die Schuld trug.

Trotz der Vertrautheit der Fürstin mit Anna Pawlowna, trotz des großen Andranges zu ihren Teeabenden, beabsichtigte die Fürstin im Laufe des Winters Moskau zu verlassen und ins Ausland zu gehen. Aber sie wollte nicht allein reisen. Zuerst hatte Wladimir ihre Vorschläge, sie nach Paris und später nach Nizza zu begleiten, brüsk abgelehnt, plötzlich zeigte er sich denselben geneigter. Die Fürstin war glückselig, wäre am liebsten gleich mit ihm abgereist. Aber Wladimir wußte die Reise immer von neuem hinauszuschieben, ließ indessen von der Fürstin die Pässe besorgen; nicht nur für sich und ihn, sondern auch für eine neue Kammerfrau, von welcher die Fürstin lange nichts wissen wollte, bis sie sich schließlich Wladimirs Willen fügen mußte. Die Pässe lagen bereit und Wladimir versprach der Fürstin, mit ihr abzureisen, sobald es ihm »möglich« sein würde.

So standen die Dinge beim Beginn des Winters, über Moskau schien sich eine ewige Dämmerung herabzusinken; in totenfarbenem Grau lag die Erde, auf die der Himmel niederdrückte wie der Deckel eines Sarges. Dann begann es zu schneien, tagelang, wochenlang, bis das Wintergewand Rußlands fertig gewebt war. Endlich wurde es klar und kalt. Der Himmel strahlte in tiefstem Blau, und obgleich die Sonne nur schwach schien, war alles Glorie und Glanz.

Die Dächer, die Türme und Kuppeln Moskaus leuchteten, als waren sämtliche Diamanten des Kreml darüber ausgeschüttet.

Mit den ersten Schneeflocken, die herabrieselten, fiel in dem Gärtnerhause in der Nowaja Andronowka-Vorstadt ein junges Menschenkind in das Leben hinein, und die holdseligste Mutter beugte sich über das kleine Gesichtchen, das Kind anlächelnd, als sei es auf die Welt gekommen, die Menschen zu erlösen.

Die Mutter hatte es erlöst! Tanias ganzer Jammer war verschwunden, vor dem Blick ihres Kindes vergangen, wie Reif am Sonnenschein. Nun konnte sie ihr Kind an der Brust halten und darüber ihre Lieder raunen, bis die Augen ihres Lieblings sich schlossen. Wie eine lange, bange Winternacht lag das vergangene Jahr hinter ihr, wie ein ewiger strahlender Sommertag lag vor ihr die Zukunft, darin ihr Kind sie anlächeln würde.

Es war ein Knabe. Wladimir Wassilitsch war ein Sohn geboren worden! Wie im Traum ging er umher, alle Dinge schienen ihm verändert, das ganze Leben hatte für ihn eine andere Gestalt gewonnen. Wieder erwachten Empfindungen in ihm, von denen dieser Terrorist nichts geahnt hatte, gegen welche er vergebens ankämpfte. Er, der bisher in allen klaren Augenblicken immer nur an »die Sache« gedacht, konnte seine Gedanken jetzt nicht mehr von einem Wesen hinwegbringen, so klein und winzig, daß er es mit seinen Händen hätte bedecken können, mit einem so schwachen Lebensfunken in sich, daß jeder rauhe Windhauch denselben auszulöschen vermocht hätte. Schon bei dem Gedanken an eine solche Möglichkeit wurde der Vater von einer wahren Todesangst ergriffen, als ob mit dem einen Leben das Leben der ganzen Welt vertilgt werden sollte. Er hatte wieder Nächte, in denen er, an das Kind und die Zukunft des Kindes denkend, kein Auge schloß, wo er im Bette aufrecht saß, angstvoll lauschend, ob nebenan in der Kammer alles ruhig blieb. Während dieser Mann mit kaltem Blute daran dachte, Hunderte von Menschenleben zu vernichten, klopfte ihm ängstlich das Herz, wenn in der Kammer sein kleiner Sohn schrie.

Am Tage war es fast noch ärger. Wladimir mußte den größten Teil desselben außer dem Hause zubringen, in einer Tätigkeit, die alle seine Kräfte in Anspruch nahm. Mit den Verschwörern von ganz Rußland stand er in unausgesetzter Verbindung, hier einen Putsch vorbereitend, dort ein Attentat arrangierend; dazwischen schrieb er Pamphlete, diktierte Aufrufe an das Volk, richtete Drohbriefe an die Regierung; alles, was er sann und dachte, was er tat und trieb, war voller Blutgeruch, und durch alles klang das Lallen seines Kindes. In sein Leben war ein Wechseln von Empfindungen getreten, von Haß zu Liebe, von Härte zu Weichheit, so daß sein Gemüt unter den heftigsten Erregungen hin und her schwankte. Es kamen Stunden, in denen er wieder begann, seine alten Theorien auszuspinnen, daß der Mensch nichts lieben sollte, nichts als seine Ideen, diese einzig wahrhaft edlen Leidenschaften, denen er alles opfern müsse: Häuslichkeit und Heimat, Weib und Kind, das eigene Wohl und die eigene Glückseligkeit. Je schwächer er sich Tania und seinem Sohne gegenüber fühlte, desto mehr versuchte er mit dem ganzen Raffinement des Selbstquälers sich gegen sie zu verhärten.

Aber in seiner Handlungsweise zeigten sich bereits große Inkonsequenzen. Er war ein Todfeind des christlichen Glaubens; und obgleich er wohl wußte, daß es ihm nicht gelungen war, Tania auch nur mit einem Gedanken von Gott abwendig zu machen, obgleich er wußte, daß sie sich, wie früher in ihrem Jammer, so jetzt in ihrem Glück in die Mysterien des Glaubens versenkte, fand er dennoch nicht mehr den Mut, sie von Gott hinwegzureißen. So duldete er auch, daß über dem Lager seines Sohnes ein Heiligenbild hing, daß Tania über ihrem Kinde die heiligen Zeichen machte und an seinem Bette inbrünstig betete. Ja, als er eines Tages seinen Knaben küssen wollte und auf der Brust an einer Schnur ein kleines silbernes Muttergottesbild entdeckte, tat er, als wenn er es nicht gesehen hätte. Wie ward Tania, die zitternd, gleich einer ertappten Sünderin, daneben stand, als Wladimir ihr den Knaben sanft in den Arm legte und schweigend das Zimmer verließ. Sie warf sich an der Wiege auf die Knie nieder, betete, weinte und dankte dem Himmel, denn sie war auf einmal der Zuversicht geworden, daß Wladimir in seinem Herzen wieder zum Glauben zurückgekehrt sei. Fortan ging sie jeden Tag nach Moskau in die Kirche, brachte der Himmelsmutter geweihte Kerzen dar und ergoß sich in glühenden Lobpreisungen für das Wunder, das in der Seele des Vaters ihres Kindes geschehen war.

Und seltsam, höchst seltsam! War Wladimir jetzt mit seinen Mordplänen beschäftigt und dachte er dabei seines Knaben, so war es ihm eine Beruhigung zu wissen, daß die Mutter für sein Kind betete.

Was aber war die Wonne Tanias, was das heimliche Glück Wladimirs über die Geburt des Kindes, verglichen mit dem Stolz Coljas! Colja ging mit einem Gesicht umher, als ob er der Vater wäre, und wurde fast hochmütig. Natürlich war es bei ihm eine ausgemachte Sache, daß niemals, solange die Welt bestand, ein solches Kind geboren worden, niemals, solange die Welt bestehen würde, wieder ein solches Kind geboren werden könnte. Wenn er in die Nähe des kleinen Wesens kam, ging er auf den Zehen. Niemals hatte er gewagt, in der Gegenwart des Wunderknaben ein lautes Wort zu sprechen; in der Kirche sprach man auch nicht! Und wo Tania mit dem Kinde weilte, da waren für Colja alle himmlischen Heerscharen versammelt. Am liebsten hätte er getan wie einer der heiligen drei Könige aus dem Morgenlande und das göttliche Kind angebetet. Seine Begeisterung für dieses Kind kannte keine Grenzen. Diese Händchen, diese Füßchen, dieses Gesichtchen – es war nicht zu glauben! Und was es für ein Stimmchen hatte; wie fein und zugleich wie kräftig! Durch das ganze Haus war sein Schreien zu hören und Colja lauschte darauf, als ob er ein Orakel vernähme. Es war gar nichts mehr mit ihm anzufangen. Er schien die Absicht zu haben, von jetzt an sein Leben lang nichts anderes mehr zu tun, als das Kind anzustaunen. Unsäglichen Kummer bereitete es ihm, als einmal das kleine Wesen bei dem Anblick seines bärtigen Gesichts jämmerlich zu schreien anfing. Ganz entsetzt über sich selbst, mit Tränen in den Augen schlich er davon und blieb den ganzen Tag über niedergeschlagen. Aber dann welches Glück, als Tania ihn später herbeirief, das Händchen ihres Sohnes nahm und mit diesem Colja durch den struppigen Bart fuhr; welche Wonne, als das kleine Dingelchen ganz herzhaft zugriff, ganz tüchtig packte und zerrte; etwas so Wundersames war Colja in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Er wurde jetzt sogar auf seinen Bart stolz und hätte jeden als Feind betrachtet, der diese höchste Zierde seiner Person nicht anerkannt haben würde. Ganz empört war er, daß es Winter war und er für das Kind keine Blumen schaffen konnte, oder Himbeeren, oder Vogeleier. Er nahm es für eine persönliche Beleidigung des Himmels gegen sich und sann Tag und Nacht darüber nach, womit er dem Kinde wohl Freude machen könnte. Nur um seinem mächtigen Liebesdrang Genüge zu leisten, verfertigte er, denn es war ja Winter, aus Birkenholz einen kleinen Schlitten mit höchst kunstreichen Schnitzereien, die er gelb und blau bemalte. Es ward ein wahres Wunder von Schlitten, aber für das wundervolle Kind lange nicht wunderschön genug! Colja lief hinaus in die winterliche Steppe und kam nicht eher zurück, als bis er einen prächtigen Fuchs gefangen hatte, dessen Fell er abzog, um daraus für das Kind eine Decke zu verfertigen. In dem Zimmer, darin früher Wladimir und Sascha schliefen, wohnte jetzt Natalia Arkadiewna und wurde von Tania auf das Zärtlichste gepflegt. Das Leben dieser jungen Fanatikerin zählte nach menschlicher Berechnung nur noch nach Tagen; aber mit ihrem gewaltigen Willen hielt sie es fest, sie wollte nicht sterben. Nicht eher, als bis für die »Sache« etwas Gewaltiges geschehen war, als bis die Nihilisten etwas Großes vollbracht hatten. Man mußte sie von allem, was vorfiel, genau unterrichten, und in ihrem Zimmer, an ihrem Bette, das sie nur selten verlassen konnte, wurde die Verschwörung gegen das Leben des Zaren organisiert. Angefeuert durch die dämonische Leidenschaft der Sterbenden, die mit schwacher Stimme glühende Reden hielt, den Terrorismus in wahren Dithyramben pries und prophetische Worte raunte, hielt das Komitee seine Beratungen. Wladimir war viel um sie, denn er bedurfte ihrer; er fühlte, wie sie Geist war von seinem Geiste, Seele von seiner Seele. Alles besprach er mit ihr, nur nicht, was Tania und das Kind anbetraf. Aber Natalia erkannte den Zwiespalt in seiner Natur und sah die Möglichkeit, daß er, der ihr Held war, sich und seinem Lebensideal treulos werden könnte aus Leidenschaft für seine Geliebte und aus Liebe zu seinem Sohne. Mit allen Kräften drängte sie ihn daher zu neuen Taten, unablässig bemüht, die Flamme seines Fanatismus zu schüren und ihn die Zukunft des russischen Volkes in leuchtenden Bildern sehen zu lassen. Sie schilderte ihm die Wonne eines Märtyrertums und gelobte, sich mit ihm einkerkern zu lassen, mit ihm nach Sibirien zu wandern, auf das Blutgerüst zu steigen. Wenn er sie so reden, mit ihrem Totengesicht solche Zukunftspläne machen hörte, packte ihn Grausen. Sie fühlte das und sagte mit einem Lächeln: »Ich schwöre dir zu, daß ich mein Gelübde halten werde, denn etwas in mir ist stärker als der Tod. Ich werde leben bleiben und ich werde dir folgen, wohin es auch sei.«

Und in der Tat schien sie sich noch einmal zu erholen. Sie begann ihr Bett zu verlassen und erzwang es, jeden Tag länger aufzubleiben. Sie wußte es durchzusetzen, daß man ihr bei dem Moskauer Putsch eine Rolle zuwies. Mit Wladimir zusammen wollte sie die Mine, die den Palast Petrowsky in die Luft sprengen sollte, anstecken; und als man anfing zu befürchten, daß der Stollen, den Sascha mit Hilfe Coljas des Nachts grub, sich mit Wasser füllen würde und infolgedessen der Schwefelfaden versagen könnte, war es Natalia, die das Entzünden der Mine mittels einer Lunte vorschlug. Natürlich wurden alle diese Pläne vor Tania geheimgehalten.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Es fehlte den Nihilisten an Geld. Die Agitation verschlang Summen, von denen ein Teil des russischen Volkes hätte gekleidet und genährt werden können. Wladimir erhielt den Auftrag, bis zu einem gewissen Zeitpunkt ein gewisses Kapital zu beschaffen; aber seine Hilfsquellen waren erschöpft. Außerdem war der Termin ziemlich nahe und das benötigte Kapital recht bedeutend. Er wußte keinen Rat. Denn auch die Fürstin begann schwierig zu werden, wenn Wladimir mit einer neuen Forderung kam, so daß es diesem in der letzten Zeit jedesmal gewesen war, als ob Scham und Ekel ihn ersticken müßten. Er war wütend auf Sascha, welcher aus Anna Pawlowna eine Goldgrube für die Sache hätte machen können; und wütend war er auf Wera, die nicht einmal den Versuch gemacht hatte, Boris Alexeiwitsch im Interesse der Sache auszubeuten, wo dieser Wüstling bereit gewesen wäre, in den Schoß des schönen Mädchens ein Vermögen zu werfen. Da war er ein anderer. Er hatte sich für die Sache verkauft und sich königlich bezahlen lassen. Und eine andere würde Natalia Arkadiewna sein, wäre sie gesund und schön gewesen: Glied für Glied würde sie zum Besten der Sache geopfert haben. Das war ein Weib! Hätte Wladimir nicht die holde Tania geliebt, so würde er die sterbende Natalia geliebt haben.

Aber er mußte das Geld auftreiben! Nicht nur, daß es seine Pflicht war, seinen Auftrag auszuführen, er brannte auch aus anderen Gründen auf die Erfüllung desselben. Von der Beschaffung der Summe, die, wie gesagt, ziemlich hoch war, hing im Süden Rußlands ein großer Putsch seiner Partei ab; er hatte das Geld auf alle Fälle herbeizubringen. Ein solches hochherrliches Vorhaben durfte nicht aus Mangel an diesem elenden Mammon scheitern. Wladimir zerbrach sich Tag und Nacht den Kopf, ohne etwas auszugrübeln. Und die Zeit drängte.

In übelster Stimmung befand er sich eines Nachmittags bei Natalia, der gegenüber er sich, wie gewöhnlich, vollständig gehen ließ, die ihn aber diesmal auch nicht zu beruhigen vermochte. Wäre ihre Mutter reich gewesen, so würde Natalia von ihr, nötigenfalls durch die Drohung, sich selbst der Polizei angeben zu wollen, Geld erpreßt haben; doch der Geheime Staatsrat war, ein in Rußland seltener Fall, gestorben, ohne Schätze zurückgelassen zu haben.

Während die beiden noch zusammen berieten und nichts fanden, vernahmen sie plötzlich, aus den unteren Räumen des Hauses herauftönend, leisen Gesang, unsäglich wehmütig, voll bestrickenden Wohllauts. Es war Tania, die ihren Knaben in Schlummer sang. Die beiden wurden still und lauschten auf die liebliche Stimme; aber als Natalia zufällig einen Blick auf Wladimir warf, erschrak sie.

»Was haben Sie? Sprechen Sie, Wladimir Wassilitsch! Ist Ihnen unwohl geworden! Wie sehen Sie aus!«

Wladimir stand vor ihr, bleichen Gesichts, nach Fassung ringend.

»Hören Sie doch!« stieß er hervor.

»Tania singt.«

»Ja, Tania.«

»Wie kann Sie das erschrecken?«

»Sie hat eine solch süße Stimme!«

»Ihre Tania ist eine russische Nachtigall.«

Wladimir erwiderte nichts. Wiederum schwiegen sie und lauschten. Tania sang:

»Eine rote Rose ging auf im tiefen Schnee.
Warum tut mir mein Herze so bitterlich weh?
Gott hilf, Gott hilf! Die Blume, die dort so blutig glüht,
Sie ist aus meinen Tränen – ach, Tränen aufgeblüht.«

Erst als Tania zu singen aufgehört hatte, entriß sich Wladimir der Entgeisterung, die über ihn gekommen war. Ohne ein Wort zu sagen, ging er, seine Freundin in Sorge und Zweifel zurücklassend.

Wladimir stieg langsam die Treppe hinab. Unten angekommen blieb er stehen, unentschlossen, ob er bei Tania eintreten oder gleich weitergehen sollte. Da hörte er sie mit dem Kinde, welches noch nicht eingeschlafen war, leise plaudern und kosen und – schlich an der Tür vorüber. Wenn er sie sah, mit dem Knaben, würde es ihn in seinem Entschlüsse wankend machen, es würde seine Willenskraft lähmen, würde ihn völlig entmannen. Und er wollte seinen Vorsatz durchführen, um der Sache willen.

Tania sollte endlich der Sache nützen, seine Geliebte, die Mutter seines Sohnes, sollte bei den großen Dingen, die vor sich gingen, nicht gänzlich untätig bleiben, die einzige, welche ihre Hände in den Schoß legte und nichts, gar nichts tat, als daß sie ihn und seinen Knaben abgöttisch liebte.

Es lag etwas Unwürdiges in solcher Existenz, etwas geradezu Erniedrigendes. Das Weib nur Weib, des Mannes Geliebte, die Amme seines Kindes. Aber es war seine eigene Schuld! Warum hatte er sie so lange müßig bleiben lassen, warum hatte er ihr nicht früher ihren Teil an seiner großen Arbeit gegeben, wie es ihr zukam, wie sie es von ihm für sich verlangen durfte, warum hatte er sie nicht erzogen, ein Kind der Sache zu sein, eine Zeitgemäße und Auferstandene?!

Ihre Seele befand sich noch immer in totenähnlichem Schlummer, er hatte ihre Seele noch immer nicht geweckt; immer blieb es bei schwachen Versuchen, immer zeigte er sich feig.

Es war höchste Zeit, sich aufzuraffen und die Schwäche von sich zu werfen; gleich diesen Abend wollte er den Anfang machen; gleich morgen sollte Tania beginnen, der Sache zu dienen. Dann würde er freier aufatmen können.

Wladimir begab sich in die Stadt, geradeswegs zu einem gewissen Dimitri Sassinow.

Dieser Herr Sassinow war eine der bekanntesten Persönlichkeiten Moskaus, Besitzer eines großen Vergnügungslokals, einer sogenannten »Spezialitätenbühne«. Herren und Damen aller Nationalitäten produzierten in dem Saale des Herrn Sassinow jeden Abend sowohl ihre Kunststücke, wie ihre Person. Es gab auf der ganzen Welt keine Abnormität, keine Geschicklichkeit, keine »Kunst«, welche Herr Sassinow dem verehrungswürdigen Publikum nicht präsentiert hatte; jede Ausgeburt des menschlichen Geistes, welche sich in der menschlichen Figur verkörpern ließ, führte in dem Etablissement des Herrn Sassinow Abend für Abend unter dem Beifallsjubel einer zahlreich versammelten Zuschauerschaft ihre Sprünge auf. Diese Zuhörer bestanden aus einer etwas gemischten Gesellschaft: Handwerker mit ihren Weibern oder Geliebten, Dirnen mit ihren Zuhältern oder zeitweiligen Besitzern, der Moskauer jeunesse dorée. Denn Herr Sassinow selbst war eine Spezialität in der Auswahl der Genüsse, die er einem verehrungswürdigen Publikum Abend für Abend vorsetzte. Besonders was den zarten Teil des reichhaltigen Menüs anbetraf, ließ Herr Sassinow es sich angelegen sein, den Besuchern seines Etablissements stets das Allerfrischeste und Allerpikanteste Zu offerieren (darunter häufig »Kaviar fürs Volk«). So bildete Herrn Sassinows ausgezeichnetes Warenmagazin eine Bezugsquelle für die leiblichen Bedürfnisse der halben eleganten Moskauer Welt. Diesen Wohltäter der Menschheit suchte Wladimir auf und lernte an Herrn Dimitri Sassinow einen ältlichen, feisten Altrussen kennen, der nach Fett und Branntwein stank, in einem von Schmutz starrenden Kaftan steckte, einen langen, gelben Bart und lange schwarze Fingernägel hatte. Diese angenehme und würdevolle Persönlichkeit empfing Wladimir in seinem »Bureau«, einem dunkeln höhlenartigen Raum, der auf einen brunnenähnlichen Hof hinausging und von den Gerüchen seines Bewohners infiziert war.

»He, wer sind Sie und was wollen Sie?« schrie der Würdige mit grober, schnarrender Stimme Wladimir an. Dann betrachtete er sich denselben näher und änderte seinen Ton. »Welche Spezialität haben Sie? Was fordern Sie für den Abend? Ich will Sie engagieren. Verstehen Sie sich auf das Trapez? Ein Mensch von Ihrer Figur sollte sich auf das Trapez verstehen. Ich hoffe, daß Sie kein Taschenspieler sind; als Taschenspieler könnte ich Sie nicht brauchen; nur in Trikot!«

Wladimir wurde zornig.

»Seien Sie doch nicht unverschämt, hören Sie! Für wen halten Sie mich? Ich bin kein Possenreißer.«

»Was sind Sie denn? Wenn Sie nicht das Trapez können und nicht in Trikot gehen wollen, so scheren Sie sich hinaus. Verstehen Sie!«

Wladimir mäßigte sich um der Sache willen.

»Ich wollte Sie fragen, ob Sie Lust hätten, eine Sängerin zu engagieren?«

»He?«

»Eine Bäuerin aus einem Steppendorf, die eine reizende Stimme hat.«

»Was tu' ich mit der reizenden Stimme? Ist die Person jung?«

»Achtzehn Jahre.«

»Hübsch?«

»Eine Schönheit.«

»Blond wahrscheinlich?«

»Allerdings.«

»Gut gewachsen?«

»Was geht das Sie an?«

»Was mich das angeht? Sind Sie verrückt? Wenn die junge Person nicht gut gewachsen ist, so kann ich sie nicht brauchen!«

»Nun, sie ist gut gewachsen.«

»Ist es Ihre Schwester?«

»Nein.«

»Ihre Geliebte?«

»Ja.«

Es waren geradezu Qualen, die Wladimir während dieses Verhörs litt; aber er hielt sie aus. Herr Sassinow fuhr fort: »Warum haben Sie die Person nicht gleich mitgebracht?«

»Ich wollte Sie erst fragen, ob Sie dieselbe brauchen könnten.«

»Welche Frage – wenn sie jung und hübsch ist.«

»Was werden Sie zahlen?«

»Ich muß sie erst gesehen haben.«

»Sie können mit mir kommen und sie sich betrachten.«

»Ich mit Ihnen kommen – – Ich glaube wirklich, der Mensch ist toll.«

»Die junge Person hat ein kleines Kind und ist sehr schüchtern, sehr zart, sehr – –«

Wladimir suchte nach dem rechten Worte und stockte. Herr Sassinow fing an zu begreifen.

»Ich verstehe: Sie wollen die junge Person verkaufen, Sie wollen ein Geschäft mit der jungen Person machen. Nun, das kommt vor, das ist mir schon vorgekommen. Wahrscheinlich ist die junge Person Ihnen ungemein zugetan. Übrigens, wer sind Sie eigentlich?«

»Ich bin Student.«

»Nun ja, ich sehe, wie die Sachen stehen. Die junge Person weiß natürlich von nichts.«

»Von nichts.«

»Wie viel wollen Sie denn für sie haben?«

Wladimir nannte eine Summe, der Würdige schrie: »Sie sind toll! Scheren Sie sich hinaus! Ich sage, daß Sie toll sind! Wollen Sie wohl gleich gehen? He, wollen Sie wohl!«

Wladimir blieb ruhig stehen: »Sie bekommen sie nicht um eine Kopeke billiger.«

»Lassen Sie mich zufrieden!«

»Sie wollen also nicht?«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

»Ich gehe, Sie brauchen sich gar nicht zu ereifern. Herr Peter Petrowitsch wird das Geschäft mit mir machen.«

Herr Peter Petrowitsch war der Konkurrent des Herrn Dimitri Sassinow.

Wladimir setzte seine Mütze auf und schritt ohne ein weiteres Wort zur Tür; doch ehe er dieselbe erreichte, schrie Herr Sassinow, ganz braun im Gesicht: »So warten Sie doch; ich gehe ja mit Ihnen. Ist es weit? Wir können eine Droschke nehmen. Wollen Sie nicht vorher ein Gläschen trinken? Sind Sie aber hitzig!«

Wladimir wollte kein Gläschen trinken, so daß Herr Sassinow es für nötig fand, für ihn und für sich zwei Gläser zu sich zu nehmen. Darauf gingen sie, mieteten eine Droschke und fuhren in die Vorstadt. Unterwegs gab Wladimir Herrn Sassinow einige Verhaltungsregeln, so daß dieser immer begieriger wurde, die junge Person kennen zu lernen. Als der Wagen vor dem Garten hielt, stand Tania, das Kind im Arm, am Fenster und als Wladimir über den Hof ging, hielt sie den Knaben empor, den Kleinen seinem heimkehrenden Vater weisend. Dann bemerkte sie den Fremden, erglühte über das ganze Gesicht und verschwand.

»War sie das?«

»Das war sie.«

»Und wie viel verlangen Sie dafür, daß sie bei mir singt?«

»Genau so viel, wie ich Ihnen gesagt habe.«

»Aber ich sagte Ihnen, daß Sie toll sind! Bedenken Sie, was die junge Person sich nebenher verdienen kann. Das ist ja die Hauptsache! Andere pflegen mir dafür zu zahlen, daß ich sie bei mir auftreten lasse. Was haben Sie?!«

»Wenn Sie nicht gleich schweigen – –« Herr Sassinow schwieg. Herr Sassinow war über den Ausdruck in Wladimirs Gesicht, über Wladimirs Blick, über Wladimirs Stimme so entsetzt, daß er sofort schwieg. Nach einer Weile flüsterte er: »Also die Sache ist abgemacht.«

»Das heißt?«

»Das heißt, daß ich Ihnen für die junge Person zahle, was Sie verlangen.«

»Soll sie Ihnen nicht vorher etwas singen?« »Ist nicht nötig! Wann kann sie zum erstenmal bei mir auftreten?«

»Morgen.«

»Morgen erhalten Sie das Geld.«

»Sie wissen, gleich die ganze Summe.«

»Die ganze Summe, die ganze Monatsgage pränumerando ausgezahlt.«

»Abgemacht.«

Herr Sassinow dachte: Es ist ein gutes Geschäft; es ist ein sehr gutes Geschäft! Hoffentlich ist sie nicht gar zu tugendhaft. Obwohl – mir kann es gleich sein; ich mache auf jeden Fall ein gutes Geschäft. Es ist mir um ihretwillen! Um ihretwillen wünsch' ich, daß sie den schönen Burschen bald los wird. Das war ja vorhin ein wahrer Mörderblick. Schade, daß er nicht das Trapez kann. Eine prachtvolle Figur für Trikot! Und die junge Person, wer weiß – –

Am Abend unternahm es Wladimir, Tania vorzubereiten. Er schickte Colja fort und als der Knabe zu Bett gebracht und eingeschlafen war, rief er Tania ins Zimmer hinüber; um keinen Preis hätte er drinnen in der Kammer bei dem Kinde davon reden können.

»Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Setze dich.«

Tania setzte sich auf den Platz, den Wladimir ihr mit einer Kopfbewegung anwies. Er selbst stellte sich an das Fenster und schaute hinaus in die leuchtende Winternacht.

»Ich weiß, daß du mich liebhast,« begann er und stockte.

Tania sah zu ihm hinüber, mit einem Blick, einem Lächeln, einem Ausdruck, ganz Liebe, Hingabe, Glauben, Anbetung. Aber sie sagte nichts. Wladimir mußte wohl oder übel fortfahren: »Nun gut, du brauchst es mir nicht erst zu versichern. Ich weiß es; deine Liebe für mich ist groß. Und so ist die meine für dich, wenn ich auch zuweilen rauh erscheinen mag – – Weine nicht! Du weißt, ich kann Tränen nicht ausstehen! Tränen reizen mich, bringen mich auf, machen mich wild, und ich möchte gern sanft und gütig gegen dich sein.«

Sie bezwang sich, die Tränen, welche er nicht leiden konnte, tapfer zurückdrängend. Nur in ihren Augen blieben sie funkelnd stehen und um ihren Mund zuckte es schmerzlich. Dann versuchte sie ein Lächeln; aber er sah nichts davon.

Wladimir begann mit größerer Ruhe: »Ich habe viele Aufregungen, schwere Szenen, heiße Kämpfe, alles Dinge, mit denen ich dich nach Möglichkeit verschont habe; viel zu viel! Doch wie du nun einmal bist – und ich mache dir keinen Vorwurf daraus – kannst du deiner weichen Natur nach mein inneres Leben unmöglich teilen. Ich habe zuweilen schrecklich zu leiden; du weißt nichts davon.«

Ob sie wirklich nichts davon wußte? Hatte er ihren Blick gesehen, in ihrem Blicke die Todesangst, den Jammer, die unsägliche Liebe gelesen! Aber er sah sie nicht an, und sie blieb stumm.

»Es geht indessen nicht länger so,« sprach Wladimir weiter. »Du mußt endlich davon erfahren, du mußt mich endlich dabei unterstützen, mir dabei helfen.«

»Ach, Wladimir!«

Wladimir fuhr zusammen. Dieses Wort seines Weibes war wie ein Freudenschrei gewesen, wie ein erstickter Jubelruf. Sich den Schweiß von der Stirn wischend, murmelte er: »Es wird dir schwer fallen, obgleich es im Grunde genommen gar nichts ist; es wird dir viele Tränen kosten, töricht wie du bist. Aber weil du mich liebhast, und weil du doch eigentlich mein Weib bist, und weil ein Weib die Arbeit des Mannes teilen soll – – überdies, es geschieht für die Sache, für die du noch keinen Finger gerührt hast, für das Volk, welches dir ganz gleichgültig zu sein scheint, für das Glück des Volkes. Mit einem Worte, es geschieht aus den stärksten Ursachen, aus den treibendsten Gründen. Was sagst du?«

»Daß ich mich freue; ach, so sehr!«

»Du freust dich?«

»Daß ich dir helfen darf – endlich! endlich!«

»Du weißt ja noch gar nicht, was du tun sollst.«

»Du wirst es mir sagen und ich werde es tun und es wird gewiß das Rechte sein.«

»Meinst du? Natürlich ist es das Rechte.«

»Also, was soll ich tun?«

Sie war in ihrer Erregung aufgestanden und zu ihm getreten. Aber Wladimir starrte immer noch, von ihr abgewendet, zum Fenster hinaus. Sie mußte es noch einmal sagen: »Was soll ich tun?«

»Es ist nur für kurze Zeit, nicht länger als für einen Monat, höchstens. Du mußt jeden Abend, wenn das Kind schläft, dich hübsch anziehen und mit mir fortfahren. Denn ich bleibe bei dir, ich weiche nicht von deiner Seite, keiner soll sich unterfangen, dir nahe zu kommen.«

Und er ballte bei dem bloßen Gedanken, daß einer sich unterfangen könnte, ihr nahe zu kommen, seine Hände, knirschte mit den Zähnen und stöhnte laut auf.

»Wladimir! Wladimir!«

Ihr angstvoller Ruf brachte ihn zur Besinnung.

»Kurz und gut,« bedeutete er ihr mit rauher Stimme, »du sollst einen Monat lang jeden Abend in einem großen Saal, darin sich viele Menschen befinden, eine Viertelstunde singen; Volkslieder und was du sonst weißt. Es ist das wenigste, was du für die Sache tun kannst; das mußt du doch einsehen. Genug; ich befehle es dir und du wirst gehorchen.«

Er stampfte mit dem Fuße auf, drehte sich um nach ihr und sah sie mit rollenden Augen an. Sie war sehr bleich und zitterte, sagte aber, daß sie es ganz gut einsähe, daß es in der Tat wenig von ihr verlangt sei, daß sie es gern tun würde; jeden Abend, einen Monat lang und noch länger.

Mit einer schüchternen Bewegung legte sie ihre Hand auf seine Schulter und lächelte ihn an.

Herr Sassinow machte es anders als andere; andere machten Reklame, stießen gewaltig in die Posaune, rührten nach Kräften die Trommel. Herr Sassinow tat nichts dergleichen. Alles, was am nächsten Tag in dem Programme der Spezialitätenbühne Herrn Sassinows über Tanias Debüt zu lesen stand, beschränkte sich auf die einfache Konstatierung der Tatsache, daß vor der ersten großen Pause die Bäuerin Tania aus Eskowo Volkslieder singen würde. Das war alles! Herr Sassinow verschmähte es, die Bäuerin Tania und sein Etablissement an die große Glocke zu hängen.

In aller Frühe stieg Wladimir zu Natalia hinauf, die noch im Bette lag und eine schlechte Nacht verbracht hatte.

»Sie haben etwas,« rief Natalia dem Eintretenden zu und fuhr in die Höhe.

»Nichts, das der Rede wert ist,« erwiderte Wladimir mürrisch. »Seien Sie nicht so aufgeregt, das schadet Ihnen. Sie sind ja fast so ängstlich und nervös wie Tania Nikolajewna. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie den Tag über liegenbleiben und erst am Abend aufstehen möchten. Ruhen Sie sich also.«

»Was geschieht heute abend?«

»Eine Lächerlichkeit; aber ich möchte, daß Sie mit mir zugegen wären.«

»Sie wollen mit mir ausgehen?«

»Werden Sie kräftig genug sein?«

»Sicher! Das wissen Sie ja.«

»Das weiß ich. Übrigens, was sagen Sie dazu? Ich werde noch heute jene Summe erhalten, die ganze Summe.«

»Wie mich das freut! Ich hegte indessen gar keinen Zweifel daran, daß Sie das Geld auftreiben würden; Sie können alles, was Sie wollen. Ich bewundere Sie.«

»Diesmal bin nicht ich es, sondern Tania, welche das Geld schafft.«

»Tania?!«

»Sie wird heute abend in dem Tingeltangel des Herrn Sassinow Volkslieder singen. Sie sollen mich begleiten und Tania singen hören. Herr Sassinow zahlt mir heute die ganze Summe aus; wir haben ein festes Abkommen für einen Monat getroffen.«

»Wladimir!« schrie Natalia auf. »Was haben Sie sich angetan! Und ich vermag Ihnen in nichts beizustehen, ich habe keinen Balsam für Ihr blutendes Herz; Sie geben Ihr Heiligtum hin und alles, was ich tun kann, ist, daß ich hier liege und mit dem Tode ringe und den Tod bezwingen werde, bis ich Sie als den Helden des russischen Volles anerkannt weiß.«

Und sie wälzte sich auf ihrem Lager, ächzend und in Qualen sich windend.

Tania wich den ganzen Tag keinen Augenblick von ihrem Kinde; auch während sie für Natalia Sorge trug, hatte sie ihren Knaben bei sich. Wenn sie mit dem Kleinen in das Krankenzimmer trat, war ihr's jedesmal, als müßte der Anblick des Kindes Natalia gesund machen, als brachte sie ein Heiligtum zu der Schwerkranken. Aber Natalia kümmerte sich nicht um den Wunderknaben, welcher die Augen seiner Mutter hatte, und alles, was sie mit Wladimirs Geliebten über deren Sohn sprach, war, daß sie ihr glühende Reden hielt, das Kind zu einem leidenschaftlichen Anarchisten, zu einem echten Sohn seines Vaters zu erziehen. Sie pries Tania, daß sie der Sache des Volkes einen Sohn Wladimirs schenken konnte, daß sie auserwählt und gewürdigt worden, die Mutter eines zukünftigen Helden zu sein. Tania hörte ihr stumm zu, mit leiser Hand ihr Kind fester an die Brust drückend; und hatte sie die Kranke verlassen, so saß sie wohl eine Stunde, zu dem Knaben raunend und ihn anlächelnd, damit die wilden Worte der Nihilistin seiner jungen Seele keinen Schaden zufügen sollten. Als Tania heute mit dem Kinde zu Natalia kam, sagte diese nichts, gönnte Tania keinen Blick, sondern wandte sich von ihr ab, der Wand zu. Zum erstenmal war sie eifersüchtig auf das Weib des von ihr geliebten Mannes.

Colja erfuhr an diesem Tage noch nichts. Wladimir würdigte den »viehischen Burschen« überhaupt selten eines Wortes und Tania nahm sich vor, es ihrem Freunde möglichst lange zu verhehlen. Sie mußte aber immerfort an ihn denken und was er wohl dazu sagen würde. Um Coljas willen schmerzte es sie und um Coljas willen schämte sie sich; denn sie wußte, daß Colja darüber heftigen Schmerz und glühende Scham empfinden würde. Es war nicht ganz recht von ihm.

Am Nachmittage rief sie ihn endlich und sagte mit ihrem leuchtendsten Lächeln: »Wladimir Wassilitsch wünscht, daß ich ihn heute abend in die Stadt begleite. Natürlich muß ich mit ihm gehen. Es ist sehr freundlich von ihm, Weißt du. Nun würde ich zu Hause bleiben müssen, wenn ich dich nicht hätte, wegen des Kindes; du verstehst. Da du aber hier bist, kann ich ruhig fortgehen, denn bei dir ist das Kind ebensogut aufgehoben wie bei mir. Überdies gehe ich erst, wenn es eingeschlafen ist, und nach einer Stunde bin ich wieder da.«

Keine Worte nennen Coljas Wonne, Stolz und Glückseligkeit. Hätte man ihm die Krone des Zaren zu bewahren gegeben, es würde keinen Eindruck auf ihn gemacht haben. Aber Tanias Kind, den Wunderknaben behüten zu dürfen – Colja wunderte sich nur, daß er nicht plötzlich um einen Kopf größer ward. Später kleidete Tania sich sorgfältig an, wählte ihren besten Putz und wand blaues und rotes Band durch ihre Flechten. Auch tat sie alle ihre Ketten und ihren sonstigen Schmuck um. Dann säugte sie das Kind, brachte es zu Bette, sang es in Schlaf, rief Colja herbei (der sich vor Ungeduld und Erregung nicht zu lassen wußte) und begab sich hinauf, wo Wladimir mit der zum Ausgehen gerüsteten Natalia bereits auf sie wartete. Dann gingen sie alle drei. Wladimir, der heute für den Liebreiz seiner Geliebten tausend Augen hatte, führte Natalia. Draußen stand eine Droschke bereit und sie fuhren nach dem Etablissement des Herrn Dimitri Sassinow.

Die arme Tania! Wie ward ihr, als sie jenen Tempel betrat, durch einen besonderen Eingang, der nur für die »Künstler« und die »Künstlerinnen« bestimmt war; als sie durch die trüb erleuchteten, feuchten Gänge schritt, treppauf, treppab; als sie die heiße, schlechte Luft des Bühnenraumes einatmete. Welch ein Augenblick für sie, als Herr Dimitri Sassinow sie mit frecher Vertraulichkeit begrüßte; als sie diesen Herrn ihrem Geliebten Geld auszahlen sah; als dieser Herr sie in ein großes, kahles, überheiztes Zimmer führte und mit den »Künstlern« und »Künstlerinnen« seines Kunstinstituts bekannt machte, mit verschiedentlichen Damen und Herren in Trikot, den Akrobaten und Akrobatinnen, den Trapezkünstlern und Künstlerinnen, den Frosch- und Schlangenmenschen beiderlei Geschlechts und einem ganzen Heer anderer Spezialitäten ersten Ranges. Was waren das für Männer, was für Weiber! Da war eine spanische Tänzerin und eine französische Sängerin, da waren deutsche, italienische und griechische Schönen in langen, seidenen und samtnen Schleppkleidern oder kurzen Gazeröckchen, Wesen aus einer andern Welt, von der das Bauernmädchen aus Eskowo nichts wußte.

Und alle blickten auf sie, alle tuschelten miteinander über sie, allen war auch sie eine neue Menschenart.

Wladimir führte die Zitternde in eine Ecke, wo er sich mit ihr und Natalia niedersetzte. Sie hörten die Unterhaltungen der Künstler und Künstlerinnen, Gespräche, die Wladimir das Blut ins Gesicht trieben, Natalia dagegen vollständig gleichgültig ließen. Dann begann die Vorstellung. Sie vernahmen gedämpfte Musik und Beifallsgetöse. Die Herren und Damen, die an die Reihe kamen, verließen das Zimmer, vom Saale her drangen einige Exemplare der Moskauer goldenen Jugend herein, es gab ein Gelächter und Geschrei, daß niemand sein eigenes Wort verstehen konnte. Sehr bald hatten die Besucher die »Neue« entdeckt. Tania wurde aus der Ferne von frechen Blicken gemustert, aber Wladimirs blasses, finsteres Gesicht, das wieder einmal seinen »Mörderausdruck« hatte, hielt Wache bei ihr.

Noch eine Nummer und die Reihe sollte an Tania kommen. Herr Sassinow in eigner Person teilte es der Debütantin mit, sie auffordernd, ihm zu folgen. Wladimir und Natalia erhoben sich; auch Tania stand auf. Sie war halb bewußtlos und klammerte sich an Wladimir. Wieder richteten sich aller Augen auf sie, wieder gab es ein Zischeln und Flüstern. Als die drei hinaus waren, brach man hinter ihnen in ein Gelächter aus; die meisten begaben sich bald darauf gleichfalls auf die Bühne, um dem Auftauchen des neuen Sterns beizuwohnen.

»Denke an mich, daß du mich liebst, daß du es mir zuliebe tust, daß ich dich liebe, von ganzem Herzen, meine arme Tania, mein geliebtes Weib.«

Diese Worte, die Wladimir Tania zuraunte, als alle drei hinter einer Kulisse standen, wirkten wie ein Zauber auf sie. Sie belebte sich und erwiderte: »Du bist so gut! Habe keine Sorge um mich. Ich werde nur an dich und an das Kind denken. Gewiß, ich fürchte mich gar nicht mehr. Wenn mein Gesang ihnen nur gefällt; ich kann es mir nicht denken.«

»Dein Gesang gefällt mir! Du hast eine solch süße Stimme. Wenn du singst, könnte ich immer stehen und dir zuhören.«

Nun hatte sie Mut.

Herr Dimitri Sassinow war ein schlauer Herr, ein Herr, der sein Geschäft verstand, der in der Tat würdig war, einem verehrlichen Publikum die ersten Spezialitäten der Welt vorzufühlen. Die Nummer vor Tania war eine französische Chansonettensängerin, eine ältliche, stark geschminkte, tief dekolletierte Dame, die mit heiserer Stimme Pariser Gassenhauer absang; die Stimme war auch bei dieser Künstlerin gänzlich Nebensache; Hauptsache waren die Bewegungen und Pantomimen, womit die Dame ihren Gesang begleitete und welche von einer Art waren, daß das Publikum außer sich vor Entzücken geriet. Mindestens sechs Piecen mußte die Sängerin zugeben; Tania schien für den Abend gar nicht mehr an die Reihe zu kommen.

Endlich hatte das Publikum genug gerast, es trat Stille ein, Tania erschien auf der Bühne. Es blieb still, keine Hand regte sich, die Debütantin zu empfangen. Das war in dem Kunstinstitut des Herrn Sassinow etwas durchaus Ungewöhnliches; aber Herr Sassinow hatte es gar nicht anders erwartet. Als Tania schwankend von Wladimir hinwegtrat, ergriff Natalia Wladimirs Hand, die feucht und eiskalt war. Wahrend der ganzen Zeit, die Tania auf der Bühne stand, ließ Natalia die Hand ihres Freundes nicht los.

Tania begann zu singen; ein Wiegenlied. Im Publikum wurde gelacht, einige zischten, andere schrien »lauter«. Dann wurde Stille geboten. Und es wurde still, so still, wie es noch niemals in dem Kunsttempel des Herrn Sassinow gewesen war.

Und es blieb still.

Tania beendete ihr Lied und begann ein zweites, ohne daß eine Hand sich geregt hätte. Sie stand mitten auf der Bühne, ziemlich im Hintergrund, sah vor sich nieder und sang, nicht lauter als sonst, sang, was ihr gerade einfiel. Sie dachte, daß Wladimir sie hörte und daß ihr Gesang Wladimir gefiel, ihn entzückte! Tränen standen in ihren Augen, aber sie war ruhig, und fast glücklich.

Sie sang ein fünftes, ein sechstes Lied. Dann trat Herr Sassinow in eigner Person auf die Bühne, um die Sängerin fortzuführen. Aber da erhob sich ein wahrer Sturm gegen ihn: Tania sollte bleiben, Tania sollte weitersingen. Und Tania sang.

Einen solchen Erfolg hatte Herr Sassinow nicht erlebt, solange er mit seinen Spezialitäten Moskau beglückte, doch es überraschte ihn gar nicht.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Das Mütterchen und Anuschka waren von Wera verlassen worden, aber die Wirtin Marja Carlowna hatte sich der beiden einsamen Frauen angenommen; doch hörte das Mütterchen nicht auf, nach Wera zu jammern. Es wurde allmählich stumpfsinnig, das gute Mütterchen. Da es Wera nicht mehr sah, bildete es sich ein, diese wäre zu Grischa gegangen und war nun böse mit ihr, daß sie Grischas Mütterchen nicht mitgenommen hatte. Vor Marja Carlowna zeigte es große Furcht, trotzdem diese sehr gut gegen die arme, alte Frau war, ihr einen Samowar schenkte, darin das Mütterchen fortan den ganzen Tag Tee bereitete, vor dem es den ganzen Tag saß, in der Erwartung, Wera werde zurückkommen und Grischa mitbringen. Anuschka mußte Ingwerkuchen backen, das Mütterchen nach Möglichkeit herausputzen, sich selbst festlich ankleiden und dann Geschichten erzählen, jeden Tag dieselbe Geschichte: Die Legende von Christus, dem Anarchisten. Aber sie gefiel dem Mütterchen gar nicht. Denn daß man seine Salzgurken, seine Himbeermarmelade und sein Quittenmus unter das Volk verteilen mußte, war doch recht jammervoll. Anuschka hatte viel zu beruhigen und zu trösten.

Daß Wera das Mütterchen verlassen hatte, war folgendermaßen geschehen.

Nachdem Wladimir seiner Geliebten diese Tätigkeit für die Sache gefunden, ging er mit verstärktem Eifer daran, den großen Putsch, der anläßlich der Reise des Zaren nach Moskau geplant war, ins Werk zu setzen. Zuerst erhielt Sascha vom Exekutivkomitee bestimmte Instruktionen und gleich darauf auch Wera. Eines Tages trat Wladimir zu Wera ins Zimmer und kündigte ihr an, auf was sie sich vorzubereiten hätte; und obgleich dies etwas geradezu Ungeheuerliches war, stieß er auf keinen Widerstand. Als Wera von Sascha gefragt worden war, ob sie es tun würde, hatte Wera mit einem festen »Ja« erwidert; und dieselbe Antwort gab sie Wladimir: »Ja, ich will es tun.«

Gemäß der ihr erteilten Verhaltungsmaßregel, entfernte sie sich am Abend von ihrer Wohnung und begab sich in einen Teil der Stadt, welcher im übelsten Rufe stand. In einer bestimmten Gasse ging sie langsam auf und ab. Halbtot vor Scham, mußte sie es dulden, daß sie angeredet wurde, mußte sie sich die Schmach antun, den Fragestellern zu erwidern. Sie hatte stets dieselbe Antwort, die sie tonlos hervorstieß, sie hätte für den Abend bereits ein Abkommen getroffen und warte nur auf jemand.

Als Wera am Morgen von Wladimir instruiert worden war, hatte sie ihn flehentlich gebeten, sie nicht zu lange in jener entsetzlichen Straße bleiben und das, was unumgänglich notwendig war, bald geschehen zu lassen. Wladimir hatte es ihr auch versprochen; aber sie mußte ihre Lage beinahe zwei Stunden ertragen, bis sie von einem Beamten der Sittenpolizei aufgefordert wurde, ihn zu begleiten.

Dann der Transport zusammen mit gemeinen Weibern, das Verhör vor einem hohen Tribunal, dem die Konstatierung folgte, daß sie einen schändlichen Lebenswandel führe, ohne dazu die Befugnis zu haben; endlich die Überführung in jene Besserungsanstalt für sittlich verwahrloste Mädchen, die dem Palast Petrowsky gegenüber lag und zu deren Protektorinnen Anna Pawlowna gehörte. Welch ein Aufenthalt für eine Frauennatur wie die Weras! Sie, die Allerreinste und Keuscheste, gleichgestellt den Verworfensten ihres Geschlechts; die in dergleichen Dingen gänzlich Unwissende Gefährtin von Geschöpfen, deren natürlicher Beruf die Prostitution war, welche die Natur selbst zu Dirnen geschaffen. Was half es ihr, daß ihre Erscheinung und ihr Wesen sogar auf diese Verlorenen Eindruck machte, daß keine wagte, sie vertraulich kollegialisch zu behandeln, daß in ihrer Gegenwart die Gemeinheit verstummte, und eine jede unwillkürlich für kurze Zeit den Schein von Gesittung annahm – sie war doch für alle immerhin eine von ihnen. Die Oberin wollte ihre Verderbtheit nicht glauben, schielte nach ihr, ließ sie kommen, sprach ihr gütig zu, Vertrauen zu ihr zu haben. Aber Wera mußte stumm bleiben, mußte schweigend eingestehen: Ich bin schlecht und schändlich! mußte sich wieder abführen, sich wieder zu ihresgleichen zurückbringen lassen. Welche schrecklichen Stunden, wenn sie nachts schlaflos lag und mitanhören mußte, was ihre Nachbarinnen sich leise erzählten.

Sie lebte erst wieder auf, als sie, gleichfalls durch die Vermittlung Wladimirs, aus dem Saal entfernt wurde und ein Zimmer angewiesen erhielt, welches sie nur noch mit einer anderen aus der Anstalt teilte. Die Kammer, welche die beiden Mädchen bewohnten, hatte ein einziges Fenster, nach der Straße hinaus. Von dem Fenster aus konnte man den ganzen Palast Petrowsky überblicken und tief in den Speisesaal hineinsehen. Von diesem Fenster aus hatte Wera den Verbündeten das Zeichen zum Aufgehen der Mine zu geben.

Damit durch Weras Gefährtin nicht etwa eine Entdeckung herbeigeführt werden könnte, erhielt Wera den Auftrag, dieselbe für die Sache zu gewinnen. Das schien keine schwere Aufgabe zu sein, denn Fania war ein zügelloses Geschöpf, das sich natürlich ganz gegen ihren Willen in der Anstalt befand. Sie raste in der Kammer umher, wie ein wildes Tier im Käfig. Von frühmorgens bis spät in die Nacht hinein war Wera Zeugin der wütenden Ausbrüche des Mädchens. Mit erstarrten Lebensgeistern stand sie vor dem Abgrund, darin sie diese Frauennatur untersinken sah in eine bodenlose Tiefe. Aber ihr Entsetzen steigerte sich bis zur Verzweiflung, als sie die Entdeckung machen mußte, daß dieses Weib, ohne jemals ein Wort von Nihilismus gehört zu haben, im Grunde ihrer Seele eine Nihilistin war; eine Nihilistin mit allen jenen Grundsätzen und Überzeugungen, welche ihr, der Reinen und Guten, wie die Lehren eines neuen Glaubens, wie die Verkündigung eines neuen Weltheilands erschienen waren. Wie ward ihr, als sie manches, was sie selbst gedacht, empfunden und ausgesprochen hatte, nun aus einem Munde vernehmen mußte, über dessen Lippen niemals ein lauteres Wort gekommen war. Dem Gebote Wladimirs ge-* horchend, wollte sie diese Nihilistin bekehren, aber zu einer Weltanschauung, die gerade das Gegenteil von dem war, was der wilde Schwärmer als einziges Heil der Welt proklamierte, und was sie selbst bis dahin geglaubt hatte. Und mit der Begeisterung einer Missionärin schickte sie sich an, diese verlorene Frauenseele dem Himmel zuzuwenden.

Aber dafür schien keine Hoffnung vorhanden zu sein. Der Himmel war die Liebe und diese Frauenseele ward von Haß erfüllt. Fania erzählte ihrer Gefährtin ihre Geschichte, welche natürlich die einer Verführten war. Es drohte Weras Herz zu zermalmen, als sie fast dasselbe vernahm, was sie selber erlebt hatte. Ein junger Adliger, den Fania leidenschaftlich liebte, hatte das siebzehnjährige Mädchen um seine Ehre gebracht. Der Beginn der Geschichte dieser Gesunkenen hätte auch der Anfang von Weras Geschichte sein können; dann freilich war bei jener nach dem ersten Fall sehr schnell der Abgrund gekommen. Wer aber trug daran die Schuld?

Ja, wer trug die Schuld daran?

Es war immer das eine, das in ihrer Seele aufschrie, das alle anderen weichen Laute übertönte: Wer trägt die Schuld daran? Und immer war es dieselbe Antwort, die sie sich selbst gab, die sie sich selbst geben mußte, so mächtig sie auch rang, etwas anderes zu finden, etwas, das von jenen die Schuld nehmen könnte. Aber es half ihr nichts; und bald ertönte nur eine Stimme in ihrem Innern: »Sie, die wir hassen, sie, denen wir Rache geschworen, sie, die uns zerstören und verderben an Seele und Leib – sie tragen die Schuld!«

Wenn sie daran dachte, was beschlossen worden und was geschehen sollte, so wurde sie zwar von Grausen gepackt, aber sie blieb stark. Das Entsetzen, welches sie fühlte, lähmte sie nicht. Von ihrem Kammerfenster aus beobachtete sie die Bewohner des Palastes, lebte sie deren Leben mit. Sie sah Boris Alexeiwitsch bei der Prinzessin aus und ein gehen; sie sah ihn mit seiner Geliebten zusammen ausfahren; sie sah ihn bei ihr in ihren Gemächern. Entweder waren Gäste anwesend, wurden Gesellschaften und Feste gefeiert, die bis in den grauenden Tag hinein dauerten, oder niemand war bei der Prinzessin – nur Boris Alexeiwitsch. Täglich erblickte sie die beiden am Fenster zusammenstehend und miteinander sprechend. Sie waren ihr so nahe, daß sie sich oft einbildete, sie hörte sie reden. Wera meinte seine glühenden Versicherungen, seine umstrickenden Worte zu hören. Sie erkannte, was sein Gesicht für einen Ausdruck hatte und wie er die Prinzessin ansah: und oft mußte sie sich Gewalt antun, nicht bis dicht an die Scheiben vorzutreten und sich den beiden gegenüber zu zeigen. Nachts gewahrte sie das Licht in Anna Pawlownas Schlafzimmer, und sie stand die halben Nächte lang mit bloßen Füßen am Fenster, zu dem matten Scheine hinüberstarrend und denkend, denkend, sie tragen die Schuld daran – sie, sie!

Was Wera in diesen furchtbaren Nächten außerdem dachte, das war, daß für jene dort drüben, während sie sich küßten, unter ihren Füßen das Grab gegraben wurde und daß ihnen recht geschähe.

Wenn auch die Grundsätze des Nihilismus Wera mehr und mehr mit Abscheu erfüllten und sie dieselben ihrer Zimmergenossin gegenüber mit der ganzen Kraft ihrer Empörung zu bekämpfen suchte, wenn auch der blutige Schatten des gemordeten Grischa in Weras Leben getreten war, so sagte sie doch: Es geschieht ihnen recht!

Es war nicht der Verrat, der an ihr begangen worden, der sie so unerbittlich machte; aber Boris Alexeiwitsch hatte nicht nur sie allein, sondern, ebenso wie Anna Pawlowna in Sascha, hatte er in ihr das Volk verraten und auf diesen Verrat stand auch für Wera die terroristische Strafe des Todes.

Sie war zu dieser letzten und äußersten Konsequenz Wladimirscher Theorien durch einen Kampf gelangt, bei dem es sich um Tod oder Leben, um Wahnsinn oder Vernunft handelte. Doch nun war sie fertig damit und – es geschah ihnen recht! Das Exekutivkomitee hatte das Urteil gefällt, und das Urteil mußte vollstreckt werden.

Und wo befand sich Sascha?

Er war eines Tages aus seiner Wohnung verschwunden, niemand wußte, wohin. Marja Carlowna geriet darüber in große Unruhe. Sie führte wieder ihr altes, wildes Leben, kämmte sich im Kreise ihrer Gäste das Haar, wobei sie ihre leidenschaftlichen Heimatslieder sang. Die Schenke kam bald in Verruf, Trotzdem hielt die Wirtin nach wie vor gute Freundschaft mit den Polizisten, die indessen nach wie vor nichts von dem Treiben der Nihilisten in Erfahrung bringen konnten; obgleich sie es an keinem Mittel fehlen ließen, war Marja Carlowna die Verschlossenheit und das Schweigen selbst, übrigens wußte diese, daß ein großer Schlag vorbereitet wurde und daß Sascha eine Rolle darin spielen würde. Sie hatte mit ihm zu reden und suchte daher seinen Aufenthalt zu ent-* *decken. Aber Sascha hatte alle Spuren so sorgfältig verwischt, daß es der ganzen Verschlagenheit, Willenskraft und Zähigkeit dieses leidenschaftlichen Weibes bedurfte, um in ihrer Suche nicht nachzulassen. Sie überließ die Schenke Knechten und Mägden und durchstreifte Moskau nach allen Richtungen, besonders in jenem Teile der Stadt, in welchem sich der Palast Petrowsky befand. Eines Tages gewahrte sie, das Haus Anna Pawlownas umschleichend, einen Arbeiter, der an der Restauration der Kirche beschäftigt war, die dem Palast gegenüber lag. Der Mann trug Steine, und sie würde ihn nicht erkannt haben, wenn Sascha sie nicht erblickt hätte und erschrocken zusammengefahren wäre. Marja Carlowna tat, als bemerkte sie gar nichts, und ging ruhig ihres Weges weiter. Von nun an blieb sie zu Hause.

Übrigens war Sascha in der Tat kaum wiederzuerkennen. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen, kämmte das Haar wie ein russischer Bauer tief in die Stirn hinein und trug einen langen Kaftan aus ungebleichter Leinwand. Der Bauaufseher behandelte ihn wegen seiner Faulheit wie einen Hund, seine Mitarbeiter scheuten oder haßten ihn; denn er schien ein finsterer Mensch, dessen bleiches Gesicht und unsteter Blick den Leuten unheimlich waren. Mit niemandem wollte er in Verkehr treten, kaum, daß er einem ein Wort gönnte.

Jeden Tag sah Sascha an einem der Fenster des Besserungshauses Wera in ihrer dunkelgrauen, häßlichen Tracht, das Haar unter einer unförmigen schwarzen Haube verborgen. Die Blicke der beiden begegneten sich, ruhten eine Weile ineinander, dann wandte Wera ihre Augen von der Straße ab, nach dem Palast Petrowsky hinüber, worauf Sascha seine Arbeit fortsetzte.

Und jeden Tag erblickte er, wenn er Steine trug, Anna Pawlowna. Er sah sie mit ihrem Liebhaber in ihre Equipage steigen und von der Spazierfahrt zurückkehren; und es geschah häufig, daß der Wagen der Prinzessin ihm Kleider und Gesicht mit Schmutz bewarf. Er sah seine ehemalige Geliebte in strahlender Schönheit an der Seite von Boris Alexeiwitsch und lediglich dieser tägliche Anblick der beiden Frauen gab ihm die Kraft, das Unmögliche möglich zu machen.

Denn hatte er den ganzen Tag über Steine getragen, so begab er sich eiligst in eine nahe Teeschenke, genoß etwas Warmes und suchte dann seine Lagerstatt auf, die ihm durch Wladimirs Verbindungen im Hause des Popen eingeräumt worden war. Taumelnd vor Müdigkeit, in vollständiger Ermattung, sank er nieder, um sogleich in einen totenähnlichen Schlummer zu verfallen. Aber schon nach einer Stunde wurde er von Colja geweckt. Im Augenblick war Sascha ermuntert. Er zündete eine Laterne an und die beiden schlichen in den Keller hinab. Hierhin hatten sie ihre Werkzeuge geschafft, welche sie hinter allerlei Gerümpel versteckt hielten. Sie zogen Haue und Schaufel hervor, entfernten von der einen Mauer eine Bretterwand und begannen ihre Arbeit. Kein Wort sprachen sie dabei miteinander; was sie sich zu sagen hatten, sagten sie sich durch Zeichen und Gebärden.

Sascha wühlte wie ein Maulwurf. Wenn seine Arme erlahmten, wenn die Schaufel seinen Händen zu entfallen drohte, ließ er das Bild Anna Pawlownas vor sich treten, wie er sie während des Tages gesehen, und seine Arme wurden wieder stark, und er grub und grub, als gälte es sein Leben. Mit jedem Spatenstiche warf er eine Scholle mehr aus dem großen Grabe auf, welches er für Anna Pawlowna grub. Mochte sie hineinstürzen in strahlender Schönheit, an der Seite ihres Boris Alexeiwitsch! Er würde graben, bis die Gruft groß genug war für beide, groß genug für Hunderte von ihresgleichen.

Colja schaffte die Erde fort. Zum Teil tat er sie in leere Fässer, deren sich eine große Anzahl in den Kellern befanden und darin er die Erde feststampfte; zum Teil trug er sie hinaus auf den Hof, wo er in dem Bauschutt weite Gruben auswarf, die er mit Erde füllte und dann Kalk und zerbröckelte Ziegel darüber schüttete. Was Colja dachte, war lauter Glanz und Glorie; denn Colja dachte an Tania und ihren Sohn. So arbeiteten diese beiden Nacht für Nacht; tiefer und tiefer höhlte es sich vor Sascha aus. Nicht lange mehr und das Grab stand offen.

Ob Boris Alexeiwitsch und Anna Pawlowna es ahnten? Sie lebten scheinbar nur mit dem Leben beschäftigt. Sich keinen Augenblick über die Gefahr, in der sie sich befanden, täuschend, machten sie doch keine Miene, sich derselben zu entziehen. Vielleicht wußten sie, daß sie von Spionen umgeben waren, daß jeder ihrer Schritte belauert wurde, daß jeder Versuch, Moskau zu verlassen und zu fliehen, das Zeichen zu ihrem Tode gegeben hätte. Vielleicht hofften sie, vergessen worden zu sein, oder daß man sich scheute, Hand an sie zu legen.

Beiden war die »Sache« niemals als etwas anderes denn als eine Phrase erschienen und trotzdem hatten sie sich aufrichtig bemüht, die Redensart mit ernster Miene auszusprechen. Sie hatten die schöne Floskel mit dem Anschein im Munde geführt, als sprächen sie Überzeugungen aus; sie hatten sich in der Tat alle erdenkliche Mühe gegeben, an die Phrase zu glauben. Es war nicht ihre Schuld, wenn es ihnen nicht gelungen war, wenn sie erkennen mußten, daß sie, mit dem Volke sich vereinigend, gegen ihre eigenste und innerste Natur gehandelt hatten.

Einmal wurde Wera von Boris Alexeiwitsch gesehen.

Wera Iwanowna in einer Besserungsanstalt Er glaubte zu träumen.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Jeden Abend sang Tania in dem Tingeltangel des Herrn Dimitri Sassinow Volkslieder und jeden Abend war der Saal überfüllt. Wladimirs Geliebte war der Liebling von ganz Moskau geworden, in ganz Moskau sang man die Lieder der Bäuerin Tania, auf den Gassen, in den Schenken, in den Salons. Es gehörte zum guten Ton, daß selbst Damen der besten Gesellschaft den Tempel des Herrn Sassinow besuchten, um die Bäuerin Tania singen zu hören. Ihr Auftreten bildete auf der Spezialitätenbühne das Ereignis des Abends; und Abend für Abend erschien sie wie beim ersten Mal. Sie grüßte nie, stand fast im Hintergrund, sah vor sich nieder; und wenn im Hause der Sturm sich gelegt hatte, begann sie zu singen, niemals sehr laut. Es herrschte während ihres Gesanges stets dieselbe Stille, welcher stets derselbe Aufruhr folgte; das Publikum konnte sich nicht satt hören, und Tania mußte singen und singen. Selbst die Pariser Chansonettensängerin und die Künstler und Künstlerinnen auf dem Trapez vermochten gegen die Bäuerin aus Eskowo nicht aufzukommen.

Wladimir hielt Wort; er wich nicht von Tanias Seite. Nie wieder durfte sie in jenem abscheulichen Saal warten, bis an sie die Reihe kam. Herr Sassinow hatte für sie ein eigenes Kabinett herstellen lassen, in das nicht einmal diese moralische Persönlichkeit Zutritt erhielt. Zum erstenmal in seinem ereignisvollen Leben geschah es Herrn Sassinow, daß er nicht wußte, was er davon halten sollte? Die junge Person, die noch dazu die Geliebte eines verbummelten Studenten war, schien in der Tat tugendhaft zu sein, in der Praxis des Herrn Sassinow ein so unerhörter Fall, daß dieser erfahrene Spezialist sich einem Problem gegenüber befand, welches für seinen Verstand unlösbar war. Alle Aufforderungen, alles Drängen seiner zahlreichen Kunden, bei der delikaten Angelegenheit den freundlichen Vermittler zu machen, wies Herr Sassinow mit einem schwermütigen Kopfschütteln, einem Achselzucken, einem schmerzlichen Seufzer zurück.

Als der Monat sich seinem Ende näherte, wollte Herr Sassinow mit Wladimir für den nächsten Monat abschließen – für eine ganze Reihe von Monaten! Doch Wladimir mochte nicht. Herr Sassinow bot das Doppelte und glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als Wladimir auch die doppelte Summe ablehnte. Herr Sassinow bot also das Dreifache und wurde, als Wladimir eisig blieb, in einer Weise grob, wie er es in seinem ganzen Leben noch nicht geworden war. Als selbst dieses nichts half, brach Herr Sassinow in Tränen aus. Das Brüderchen sollte ihn doch nicht ruinieren! Aber das Brüderchen schien nichts lieber zu tun.

Wladimir befand sich, solange Tania auf der Bühne stand, jedesmal in einem solchen Grade von Erregung, als müßte er seinen Verstand verlieren und dieser Zustand steigerte sich von Abend zu Abend. Diese Schaustellung seiner Geliebten war ihm eine Prostituierung derselben. Von seinem Platz hinter den Kulissen aus konnte er sehen, wie sich hundert Augengläser auf Tania richteten und nicht von ihr abließen. Mit seiner zerrütteten Einbildungskraft stellte er sich vor, wie sie von allen diesen Blicken gemustert wurde, wie an ihr Glied für Glied von diesen Blicken gewissermaßen betastet und entkleidet wurde, bis sie zuletzt nackt und bloß in ihrem ganzen Liebreiz vor den Augen aller der Begehrlichen stand. Dann mußte er sich gewaltsam zurückhalten, daß er nicht vorstürzte um Tania von ihren Schändern fortzureißen. Wäre er nicht schon für sie bezahlt worden, er würde sie für keinen Preis länger haben auftreten lassen; hätte er die Mittel besessen, er würde Herrn Sassinow das Dreifache der empfangenen Summe vor die Füße geworfen und sie mit sich genommen, sie irgendwo versteckt, sie lebendig begraben haben.

So kam es, daß Wladimir in seinem Haß gegen alles, was nicht »Volk« war, jedes Maß überschritt, und daß ihn schließlich eine wahrhaft neronische Vernichtungswut ergriff. Hatte er Tania, ohne ihr ein Wort zu gönnen, nach Hause gebracht, so lief er zu Sascha, um zu inspizieren, wie dieser vorwärts kam; oder er ruhte bei Natalia aus, sich gemeinsam mit dieser Fanatikerin an wahnsinnigen Vorstellungen von einer Vernichtung alles Bestehenden, an Visionen von Massenmorden berauschend. Oder er hielt mit dem Exekutivkomitee Versammlungen ab, die nachts auf freiem Felde, mitten auf der winterlichen Steppe stattfanden. Denn die Verschworenen glaubten nicht genug Sicherheitsmaßregeln treffen zu können, welche sie vermehrten und steigerten, je näher die Katastrophe heranrückte. Wenn Wladimir den Palast Anna Pawlownas betrachtete – und er umschlich ihn stundenlang – so sah er ihn bereits in rauchenden Trümmern liegen; wenn er die Prinzessin mit ihrem neuesten Liebhaber oder irgendeinem anderen von »jenen« erblickte, so mußte er denken, du gehörst gleichfalls zu denen, die wir zerreißen werden! Nur eins tat ihm leid, daß er nicht auch das Kunstinstitut des Herrn Sassinow in die Luft sprengen konnte, wenn alle jene es füllten, die seine Geliebte reizend fanden und ihren Gesängen Beifall zujauchzten.

Während sein Geist unter diesen Gewalten stand, bereitete er sich vor, von Tania und ihrem Sohn zu scheiden, für ewig sich von diesen beiden zu trennen. Denn mehr und mehr schwand ihm die Hoffnung, bei dem Putsch mit dem Leben davonzukommen, in dem Fall wenigstens, daß die Mine mit einer Lunte entzündet werden mußte, was durchaus wahrscheinlich, was ziemlich gewiß war. Es schien ihm überflüssig, für eine andere Möglichkeit Sorge zu tragen. Sollte er indessen am Leben bleiben, so war alles ins Werk gesetzt, um mittels der Pässe der Fürstin ohne diese Dame ins Ausland zu fliehen.

Wenn Wladimir gegen Morgen zurückkam, fand er immer weniger den Mut, sich ins Haus zu begeben. Er sah in dem Zimmer das Licht brennen, und er stand draußen in der grauen Dämmerung, bei grimmiger Kälte und starrte zu dem Lichtschein hinauf. Er wußte, drinnen saß Tania und wartete auf ihn; er bildete sich ein, ihre Stimme zu hören, und fühlte die Versuchung, ins Haus zu stürzen, sein Weib und seinen Knaben an die Brust zu reißen und mit ihnen leben zu bleiben.

Aber mit einem Ächzen riß er sich vom Anblick des Lichtes los, schlich hinein in die Kammer, wo Natalia Arkadiewna ihn erwartete; den Terroristen die Terroristin, die so lange leben bleiben wollte, bis sie mit ihm sterben konnte, und die Tag und Stunde zählte, bis ihre toten Glieder sich mit den seinigen vereinigen würden.

Als Colja erfuhr, wohin Wladimir sich Abend für Abend mit Tania begab und was dort geschah, ging er schweigend aus dem Zimmer und weinte bitterlich; weder zu Tania noch zu Sascha sprach er ein Wort von der Sache. Eines Abends mußte Wladimir notwendig das Komitee aufsuchen und sich daher entschließen, Tania einmal nicht zu begleiten. Statt seiner sollte Colja gehen und Natalia bei dem Kinde bleiben. Als Wladimir jedoch dem Knecht die Mitteilung machte, weigerte sich Colja entschieden zu gehorchen; Wladimir wurde wütend und schlug ihn, was Colja sich gefallen ließ, ohne eine Miene zu verziehen. Aber begleiten wollte er das Täubchen nicht, Wladimir konnte sein wichtiges Vorhaben nicht ausführen und Colja blieb zu Hause.

Auch sonst verursachte Colja seiner Gebieterin seit kurzem viel Kummer. Colja hatte Geheimnisse vor ihr; Tanias getreuer Colja Geheimnisse! Wenn das möglich sein konnte, was in der Welt wäre dann nicht möglich gewesen?! Tania wußte es auch nicht. Aber Tania beobachtete Colja und Tania blieb dabei, daß es nichts gab, was unmöglich gewesen wäre; denn Colja hatte Geheimnisse. Jede Nacht – sie wußte es ganz genau – schlich er sich fort, kam erst gegen Morgen zurück, war den Tag über verschlafen und mürrisch und hatte selbst für Tanias Knaben nur Murren und Gebrumm. Es war ihm ganz gleich, ob das Kerlchen ihn tüchtig an seinem Zottelbart packte; das Kerlchen mochte daran zerren und reißen, so mächtig es konnte, Colja lachte nicht mehr darüber.

Diese völlige Umwandlung ihres Getreuen kostete Tania viele Tränen. Colja sah es ruhig mit an, zwinkerte wohl mit den Augen, blieb jedoch der verdrießliche, mürrische Colja. Was sollte er tun? Er hätte es dem Täubchen ja doch nicht sagen können, daß er, Colja, sich seit kurzem auf das Nachdenken verlegt hatte; niemand würde es ihm geglaubt haben.

O, es war ein kluger Colja! Keiner sagte ihm etwas, und er wußte alles. Er wußte, daß das große Grab bald fertig sei und daß nächstens Begräbnis war. Es konnten drei und fünf Tote – es konnten drei- und fünfhundert sein. Ferner wußte er, daß der Faden vermutlich nicht brennen würde, daß man vermutlich mit einer Lunte anzünden mußte und daß derjenige, der das tat, dabei umkam. Und dieser kluge Colja wußte, wer hinabsteigen wollte, um auf ein Zeichen die Fünfhundert in die Luft zu sprengen, die Fünfhundert und sich selbst. Aber Colja hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß ein anderer die Sache tun müßte. Und zwar mußte es einer sein, um dessen Tod dem Täubchen das Herz nicht brach. Sie sollte leben bleiben! Denn sie sollte über ihren Knaben lachen, wenn dieses Wunderkind seine Kapriolen aufführte. Sie sollte aber auch weinen um einen, der sie geliebt hatte und der für sie gestorben war, der sich aus der Welt geschlichen hatte, aus der wunder-, wunderschönen Welt, in welcher Tania und ihr Knabe zurückblieben. Sie sollte um ihn weinen, ihn dann vergessen und glücklich sein.

Und dieser merkwürdige Colja grübelte noch etwas anderes aus. Er hatte gehört, daß jene sterben müßten, weil sie die »Feinde« des Volkes wären. Die Feinde des Volks – – Colja kam auf ganz wunderliche Gedanken. Wie, wenn man zuerst diejenigen aus der Welt schaffte, die sich die Freunde des Volks nannten? Was wollten sie eigentlich? Solange das russische Volk geknutet worden war, hatte es sich ganz wohl befunden; aber als man aufhörte, das Volk als »Seelen« zu betrachten, stand es da wie einer, der etwas verloren hatte und der nun suchte und suchte. Gar zu gern hätte Colja gewußt, was die Freunde des Volks dem Volke eigentlich zu schenken gedachten? Soviel Colja auch sann, darauf kam er nicht, daß die Freunde des Volks diesem mit Gewalt zu Seelen verhelfen wollten.

Kurze Zeit vor Ostern vernahm man in Moskau, daß der Zar seine Reise angetreten hatte, mit einem großen Gefolge, unter dem auch Prinz Petrowsky genannt wurde. Über die näheren Dispositionen der kaiserlichen Reise verlautete nichts, ebensowenig wie die Route bezeichnet war, die der Zar durch sein Reich zu nehmen gedachte. Doch nahm man für sicher an, daß der Monarch zu Ostern in Moskau sein würde; wenigstens sollte am ersten Ostertag im Palast Petrowsky ein Fest stattfinden, zu welchem der ganze Adel der Stadt Einladungen erhielt. Es wurde erzählt, daß Anna Pawlowna den Palast vom Keller bis zum Boden hatte untersuchen lassen, daß man indessen nicht das geringste Verdächtige gefunden, daß jedoch das Haus trotzdem Tag und Nacht polizeilich bewacht würde.

Auch sonst wurden die Nachforschungen nach nihilistischen Umtrieben mit neuem Eifer betrieben; um Bahnhof und Kreml wurden vollständige lebendige Ketten gezogen, der zehnte Mann in Moskau war ein Spion oder Geheimpolizist, wiederum fanden massenhaft Gefangennehmungen statt. Aber man entdeckte nichts.

Auch nach Sascha und Wera wurde gefahndet, Wladimir mußte sich bei Tag und Nacht in der geheimen Druckerei verborgen halten, und Natalia entging einer schweren Haft lediglich durch das Zeugnis des Arztes, welcher die Erklärung abgab, daß ihr Leben nur noch nach Tagen zählte. Auf Tania fiel kein Verdacht, ebensowenig auf Colja; geradesogut hätte man einen Hofhund oder Blödsinnigen anarchistischer Umtriebe wegen verhaften können.

So rückte Ostern heran. Der Zar sollte in der Tat an diesem Tage eintreffen; aber die Stunde seiner Ankunft ward so streng geheimgehalten, daß sogar die Spione des Exekutivkomitees sie nicht zu erfahren vermochten. Wahrscheinlich würde der Zar sich erst den Bewohnern Moskaus zeigen, wenn er nach dem Palast Petrowsky fuhr; denn es blieb dabei, daß das Fest in der heiligen Osternacht stattfinden sollte und daß Anna Pawlowna zu demselben den Kaiser erwartete.

Nach langer, langer Finsternis dämmerte endlich der Morgen auf, der für das russische Volk den Tag bringen sollte. Wladimir begrüßte den ersten fahlen Lichtschein dieses Tages, welcher für ihn der letzte sein sollte, in tiefer Ergriffenheit. Er hatte die ganze Nacht über in der Druckerei gesessen und geschrieben; dann begab er sich ins Haus zu den Seinen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Als Tania erwachte, dachte sie: Ach, heute nacht ist ja Ostern! Da muß ich das ganze Haus reinigen und herrichten. Und Piroggen muß ich backen, von Fleisch und Fisch. Auch Tschi mit Grütze muß es geben – Colja muß heute nacht Tschi und Grütze haben! Wäre nur Wera da, daß sie mir helfen könnte. Ich habe solche Sehnsucht nach ihr. Sie hat ja noch nicht einmal den Knaben gesehen. Ist das möglich? Was sie wohl zu dem Kinde sagen würde? Sie würde auch staunen. Wo sie wohl sein mag, wo man sie wohl hingeschickt hat? Sie und Sascha. Ja, wenn Wera da wäre. Aber ich habe heute schrecklich viel zu tun. Ist das herrlich!

Sie blieb indessen ruhig liegen. Der Knabe schlief noch fest, Tania vernahm seine tiefen Atemzüge; sich in die Höhe richtend lauschte sie darauf, mit einer Andacht, als ob sie die Engel singen hörte. Dann sank sie wieder in die Kissen zurück und träumte mit offenen Augen weiter.

Vor einem Jahr war ich noch in Eskowo, Colja schenkte mir Osterpalmen und nachts ging ich in die Kirche; heute werde ich keine Osterblumen haben und um die heilige Mitternacht werde ich in keine Kirche gehen. Aber es ist doch alles besser geworden, viel, viel besser! Wladimir hat mich von Herzen lieb und ich habe meinen Knaben. Es ist wirklich wie ein Wunder! Die liebe Gottesmutter muß mir gnädig sein, wie könnte es sonst so wunderbar zugegangen sein? Ich kann recht glücklich sein; ich bin's auch. Wenn das mit der Sache nur nicht wäre, und wenn Colja nur keine Heimlichkeiten vor mir hätte. Es ist recht töricht von ihm.

Nun stand sie auf, kniete vor dem erleuchteten Muttergottesbild und ihrem Kinde nieder, betete inbrünstig, öffnete dann den Fensterladen. Welch ein Morgen! dachte sie. Das scheint ja heute gar nicht Tag werden zu wollen. Sie kleidete sich vollends an, möglichst leise, um das Kind nicht zu wecken, und ging hinaus.

Wie erstaunte sie, als sie in das Zimmer trat. Es war bereits warm drinnen, im Ofen prasselte das Feuer und der ganze Raum war festlich geschmückt: der Boden blank wie ein Tisch und dicht mit Buchs bestreut, gerade wie vor einem Jahr in Eskowo in der elterlichen Hütte! An den Fenstern waren hohe Wacholderzweige aufgestellt, auf einer mit einem gestickten Tuche bedeckten Bank stand ein großes funkelndes Heiligenbild, vor dem brannten zwei lange bunte Wachskerzen (die sicher geweiht waren); es war mit arabischem Harz geräuchert worden und auf Tanias Platz am Tisch befand sich ein Topf voll der schönsten, hellgrauen Osterpalmen.

Tania stand, betrachtete alles und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Das hatte Colja getan; ganz heimlich, mit unsäglicher Mühe hatte er alles vollbracht. Wie war es ihm nur möglich gewesen? In der Stadt Buchs und Wacholder und die herrlichen Osterpalmen! Die mußte er ja schon vor einem Monat zu ziehen begonnen haben; in warmem Wasser, hinter dem Ofen, in aller Verborgenheit. Das also waren seine Heimlichkeiten, derentwegen sie ihm gegrollt hatte; das also! Die ganze Nacht mußte er aufgeblieben sein, um, während sie schlief, das Zimmer zu putzen und auszuschmücken.

»Colja! Colja!«

Sie rief ihn wieder und wieder, mit lauter Stimme, gar nicht bedenkend, daß sie das Kind wecken könnte; sie suchte im ganzen Hause nach ihm; aber kein Colja war zu finden. Endlich ging sie ins Zimmer zurück, betrachtete alles noch einmal und begann von neuem zu weinen. Darauf hörte sie Wladimir kommen und trocknete sich hastig die Augen.

Er würde über die feierlichen Vorbereitungen gewiß böse sein. Vielleicht befahl er ihr, alles augenblicklich fortzuschaffen, was sie aber nicht tun wollte; wie hatte sie so schlecht sein können! Ängstlich erwartete sie daher seinen Eintritt; sie würde es gleich an seinen Augen sehen, ob es für sie ein gesegnetes Ostern gäbe oder nicht.

Wladimir kam und Tania erschrak fast. Wladimir sagte ihr über den Schmuck des Zimmers kein böses Wort. Er ging schweigend auf sie zu, zog sie an seine Brust und küßte sie herzlich.

»Ach Wladimir, sieh doch; alles das hat Colja getan. Was für herrliche Osterpalmen!«

Aber Wladimir teilte ihr Entzücken nicht, Wladimir war eifersüchtig auf diese Bestie von Colja. Dieser Mensch hatte seiner Geliebten die letzte reine Freude in ihrem Leben bereitet.

Colja kam auch später nicht, die beiden blieben allein. Tania strahlte vor Glück, denn es war gar nicht zu sagen, wie freundlich Wladimir an diesem gesegneten Tage gegen sie war, ordentlich zärtlich. Sie bereitete für ihn, der die heiligen Feste nicht hielt, das Frühstück, setzte sich neben ihn und sah zu, wie er aß. Aber es schmeckte ihm nicht, und sie hatte ihm doch schon jetzt ein Festessen vorgesetzt – Gott verzeih ihr die Sünde! Da kam der große Moment: das Kind erwachte! Tania lief in die Kammer, hob den kleinen Burschen auf und brachte ihn, in eine Decke gewickelt, seinem Vater. Und der Knabe, obgleich noch ganz verschlafen, mit hochrotem Gesichtchen, lachte Wladimir an, strebte mit Händen und Füßen nach ihm hin, wobei er Laute ausstieß, welche Tania voller Entzücken für des Kindes erstes Wort erklärte: Papa!

Darauf sah Wladimir zum erstenmal zu, wie sein Sohn gebadet wurde, wobei der Zukünftige große Volksmann so jammervoll schrie, daß es Wladimir angst ward, das lauwarme Wasser könnte seinem Erstgeborenen ernstlichen Schaden zufügen. Nachdem das Schreckliche vorüber, der junge Held sich beruhigt hatte, abgerieben und in das weißeste und weichste Linnen gebettet worden war, durfte Wladimir seinen Sohn auf den Arm nehmen, ihn schaukeln und wiegen, mit ihm im Zimmer umherspazieren und ihm nach Herzenslust Kapriolen vormachen, damit der kleine Herr der Schöpfung nur ja zufrieden war und still blieb, denn sein Mütterchen konnte sich jetzt nicht mit ihm abgeben, unmöglich! Sein Mütterchen mußte für die Osterfestnacht Kuchen mengen und kneten, backen und braten, hatte keinen Augenblick Zeit für Vater und Sohn und lief doch jeden Augenblick von ihrem Mehl, ihren Eiern und Gewürzen fort, um zu sehen, was die beiden ohne sie wohl anfingen. So verstrich der Morgen, ohne daß Colja gekommen wäre; Tania dachte schließlich gar nicht mehr an ihn.

Später begaben sich alle drei hinauf zu Natalia, die immer erst gegen Mittag erwachte, und brachten ihr heißen Tee. Sie fanden die Kranke bereits aufgestanden und völlig angekleidet am Fenster sitzen.

Natalia war sehr heiter und sagte, daß sie sich so wohl befände, wie seit langem nicht; jetzt würde sie sich gewiß schnell erholen und bald wieder vollkommen gesund sein. Sie war überaus freundlich gegen Tania und tat, was sie noch niemals getan, sie liebkoste das Kind.

Auch am Mittag war von Colja nichts zu hören und zu sehen; Wladimir blieb mit Tania allein und wich nicht von ihrer Seite. Selbst als Tania das Kind säugte, entfernte er sich nicht, war dann auch dabei, wie sein Sohn zu Bette gebracht und von der Mutter in Schlaf gesungen ward. Als das Kind fest schlummerte, begaben sich beide ins Zimmer zurück und Wladimir sah den Knaben nicht wieder.

Es begann zu dämmern. Sie saßen beide auf der Bank am Ofen und blieben lange Zeit stumm. Als die Schatten des Abends mehr und mehr das Zimmer füllten, der Schein der Kerzen vor dem Heiligenbild heller und heller ward, fing Wladimir

zu sprechen an, so leise, daß Tania Mühe hatte, ihn zu verstehen: »Colja ist eigentlich ein guter Mensch.«

»Das ist er.«

»Und wie der grobe Bursche an dir hängt.«

»Es ist wahr.«

»Ich glaube, das Kind betet er an.«

»Freilich.«

»Colja wird dich und das Kind niemals verlassen.«

»Natürlich nicht.«

»Natürlich nicht! Du hast recht; darüber kann ich ruhig sein.«

Er schwieg. Nach einer Weile begann er von neuem: »Eigentlich warst du in Eskowo recht glücklich.«

»Ach, Wladimir – –«

»Nun ja, warum soll man nicht davon reden?«

»Reden können wir davon.«

»Ich habe nämlich daran gedacht, dich nach Eskowo zu schicken – mit Colja natürlich! Es ist mir erst vor einigen Tagen eingefallen. Was hast du?«

»Du schickst mich fort von dir?«

»Nein! Nein! Welch ein Gedanke! Wie würde ich mich jemals von dir und dem Kinde trennen. Ich glaubte nur, es möchte dich freuen, wenn du für einige Zeit mit Colja nach Eskowo zu deinen Eltern gingest, um diesen das Kind zu zeigen. Deine Eltern würden dich doch freundlich aufnehmen?«

»Gewiß würden sie das. Meine Mutter hat mir schreiben lassen, daß sie mir vergeben hätten.«

»Das freut mich! Aber jetzt ist es wohl noch zu kalt, um mit dem Kinde die weite Reise zu machen?«

»Wir haben schon recht schöne Tage gehabt.« »Ich will es überlegen. Vielleicht begleitet euch Wera Iwanowna.«

»Wo ist sie? Ist sie in Moskau? Warum kommt sie nicht?«

»Sie war abwesend; aber heute kommt sie wieder zurück, spätestens morgen; gleich morgen kommt sie zu dir.«

»Wie mich das freut!«

»Und Sascha auch.«

»Der gute Sascha.«

»Wera und Sascha sind gleichfalls deine treuen Freunde. Sie haben dich sehr lieb.«

»Alle sind gut gegen mich. Ich habe von den Menschen nur Liebes und Gutes erfahren,«

»Ja, du – –«

Er verstummte, ließ den Kopf sinken, drückte die Hand vor sein Gesicht.

»Was ist dir, Lieber?«

»Ich bin müde, ich will einen Augenblick ruhen, bleibe sitzen.«

Er umfing sie mit beiden Armen, legte seinen Kopf an ihre Brust und schloß die Augen. Tania glaubte ihn eingeschlafen und regte sich nicht.

Es ward dunkel.

*

Tania war allein. Vor dem Muttergottesbilde brannten die Kerzen noch immer und Tania deckte den Festtisch. Dann zog sie ihr weißes, feierliches Gewand an, löste sich das Haar und wand sich einen Zweig Osterpalmen um die Stirn. Nachdem sie das getan hatte, setzte sie sich und wartete auf Wladimir, der versprochen hatte, bis Mitternacht zurück zu sein, und auf Colja, der immer noch abwesend war.

Endlich kam er. Noch war er auf dem Hofe, als Tania ihn bereits an seinen schweren, stampfenden Schritten erkannte. Sie wollte ihm entgegengehen und ihn mit Schelten empfangen, dafür, daß er sich den ganzen Tag nicht um sie gekümmert hatte; aber sie blieb ruhig sitzen und als er polternd eintrat, lächelte sie ihn an.

Dieser Colja! Da stand er, ließ die Tür weit offen und starrte auf seine Gebieterin, als hätte er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Tania mußte ihn laut anrufen.

»Aber Colja, so mach doch die Tür zu, es wird ja ganz kalt.« Colja machte die Tür zu. »Aber Colja, so komm doch.«

Colja kam.

»Aber Colja, so sprich doch!«

Colja sprach. Es wurde ihm nicht leicht, indessen er sprach, mürrisch genug.

»Täubchen Tania Nikolajewna, nun ja!«

Tania mußte lachen; gleich darauf traten ihr die Tränen in die Augen.

»Ach, Colja, was hast du getan!«

Colja erschrak, als hätte ihn das Täubchen bei einem Diebstahl ertappt. Er brummte: »Was soll ich denn getan haben?«

»Alles so herrlich ausgeschmückt. Ach, Colja, Colja!«

Sie stand auf, ging zu ihm und reichte ihm die Hand.

»Sogar Wladimir Wassilitsch hat sich darüber gefreut. O du guter, guter Colja!«

Der gute, gute Colja machte ein Gesicht, so finster und mürrisch, wie auf der ganzen Welt nur er es machen konnte. Er schien sich überhaupt in übelster Stimmung zu befinden, und Tania bot alle ihre Liebenswürdigkeit auf, um ihn nur wieder gut zu machen; doch ihr reizendstes Lächeln, ihre freundlichsten Blicke, ihre süßesten Worte sollten an diesem Stock, diesem Brummbaß, diesem Bären von Colja verschwendet sein.

»Aber Colja, willst du dich nicht setzen?«

Colja setzte sich.

Tania plauderte: »Wo stecktest du nur den ganzen Tag? Aber danach frage ich dich gar nicht, denn so bist du immer! Du wirst gewiß hungrig sein? Wladimir Wassilitsch und Natalia Arkadiewna haben trotz der heiligen Fasten heute gegessen; Natalia Arkadiewna ist allerdings krank und Wladimir Wassilitsch – – Aber du bist auch ein Heide. Sei nur ganz still! Ich habe Fischpiroggen gebacken und Tschi mit Grütze gekocht, eigens für dich. Nun ja, jetzt machst du Augen. Ich sehe es dir schon an, daß du auch nicht bis Mitternacht wartest und weißt doch, daß es eine Sünde ist. Aber so bist du!«

Colja war allerdings der Ansicht, daß es keine Sünde sei zu essen, selbst zu der allerheiligsten Zeit, was das Täubchen Tania Nikolajewna eigens für ihn gekocht und gebacken hatte; und er äußerte diese seine innerste Überzeugung mit solchem Ernste, daß Tania auch wirklich ging und ihm Piroggen und Grütze auf den Tisch setzte. Colja aß, ohne ein Wort zu reden, so lange, als etwas zu essen da war; er aß wahrhaftig alle Piroggen auf und die ganze Grütze.

Nachdem er endlich gesättigt war, bekam er die große Neuigkeit zu hören.

»Denke dir, Wladimir Wassilitsch will mich und das Kind nach Eskowo schicken, natürlich mit dir! Wir fahren miteinander nach Eskowo, Colja! Als Wladimir Wassilitsch heute fortging, sprach er davon, daß wir vielleicht schon morgen reisen würden – schon morgen, Colja! Schon morgen mit dir und dem Kinde nach Eskowo. Was sagst du dazu? Aber du freust dich ja gar nicht.«

Freilich, Colja freute sich. Und wie er sich freute, ganz unbändig! Er wäre lieber heute als morgen nach Eskowo gegangen, mitten durch Eis und Schnee, den ganzen weiten Weg zu Fuß auf der wilden, einsamen Steppe, natürlich nicht ohne Tania und das Wunderkind.

»Das ist herrlich! Nach Eskowo! Mit dem Kinde und – mit mir! Natürlich mit mir! Prächtig ist's, ganz prächtig! Das wird eine Lust. Hahaha!«

Später mußte Colja fort. Tania war böse, daß er sie in der heiligen Osternacht allein lassen wollte, ernstlich böse. Aber Colja mußte fort. Sie bat ihn zu bleiben und mit ihr und Wladimir die heilige Nacht zu feiern. Aber Colja konnte nicht, Colja mußte fort. Sie schmeichelte ihm und bettelte. Aber Colja blieb dabei, daß er fort müßte; um ein Uhr wollte er wieder zurück sein. Doch das war Tania ganz gleich; wenn er überhaupt ging, brauchte er gar nicht wiederzukommen.

Colja ging und Colja kam noch einmal zurück: Das Täubchen Tania Nikolajewna möchte ihm den Osterkuß geben, da er um Mitternacht nicht da sein würde. Tania schmollte mit ihm und wollte nicht; aber Colja bestand darauf, von dem Täubchen geküßt zu werden, und Tania küßte ihn.

Wladimir hatte sich, als er Tania verließ, zu Natalia hinauf begeben, die ihn in fieberhafter Erregung erwartete. Als er bei ihr eintrat, erhob sie sich, ging mit festen Schritten auf ihn zu, umarmte und küßte ihn und sagte: »Dies ist der glücklichste Tag meines Lebens, an dem ich mit dir, den ich liebe, sterben kann.«

Wladimir bat sie: »Lassen Sie mich allein die Mine anstecken.«

Natalia blieb stumm; da sagte auch Wladimir nichts weiter.

Sie setzten sich nun zusammen hin und besprachen noch einmal die Zukunft des russischen Volks miteinander. Endlich schrieb Wladimir einen Zettel für Tania und schickte Natalia damit hinunter. Wladimir meldete seiner Geliebten, sie sollte sogleich alles zur Abreise rüsten – weshalb, würde er ihr durch Colja sagen lassen. Gleich nach Mitternacht sollte vor dem Hause ein Schlitten halten. Wenn es möglich wäre, käme er selbst, ihr Lebewohl zu sagen; sei er um ein Uhr nicht dort, so sollten sie abfahren. In spätestens einer Woche würde er bei ihr in Eskowo sein.

Nach kurzer Zeit kam Natalia zurück.

»Was sagte sie? Sie teilten ihr doch nicht mit, daß ich noch im Hause sei?«

»Nein.«

»Wie nahm sie die Botschaft auf?«

»Zuerst erschrak sie, aber es gelang mir, sie zu beruhigen; und nun – –«

»Und nun? So reden Sie doch!«

»Nun ist sie glücklich.«

»Ist Colja bei ihr?«

»Colja war eben fortgegangen.« »Er wird doch bald wiederkommen?«

»Tania sagte, er hätte ihr versprochen, spätestens bis ein Uhr zurück zu sein.«

»So wäre alles besorgt.«

»Alles. Wollen wir gehen?«

»Komm!«

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Auch Wera dachte als sie erwachte daran, daß in der nächsten Nacht Ostern begann; auch sie blieb noch eine Weile auf ihrem harten Lager liegen, sich des letzten Osterfestes erinnernd. Erst ein Jahr sollte seitdem verflossen sein? Seit dem Tage, wo ihre Seele in ihrem dumpfen Schlaf, von Licht und Freiheit träumend, aufgeschrien hatte nach Erlösung und Leben – seit der Nacht, wo Sascha zu ihr gekommen, wo sie geweckt worden, wo sie auferstanden war – seit diesem gebenedeiten Tage sollte erst ein Jahr vergangen sein? Es war damals noch Winter gewesen, dann ward es Frühling, Blumen erblühten und Blumen verblühten, Herbst kam, Winter; und wieder sollte es jetzt Frühling werden. Die Birken auf der Steppe waren seitdem um ein weniges in die Höhe geschossen, die Kinder in Eskowo, die damals Säuglinge gewesen, würden nun wohl bald das Laufen lernen; und wenn sie aufstand und sich im Spiegel ansah, so war es dasselbe Gesicht, wie vor einem Jahr, kaum etwas bleicher als damals. Aber sie selbst war eine andere geworden, so verändert, daß sie sich selbst nicht wiedererkannt haben würde, wenn sie von ihrer Seele ein Bild hätte sehen können, wie sie ein solches nun ihren Zügen erblickte. Und diese Untat hatte das Leben an ihr vollbracht! Des einen Antlitz machte es lächeln, die Mienen des andern entstellte es, schuf es zu einem Zerrbilde um. Es war solche Willkür dabei!

Dann fiel ihr ein, daß sie die Anstalt in der allernächsten Zeit als »gebessert« verlassen sollte. Beinahe tat es ihr leid. Ohne daß sie es gewahr geworden, hatte sie sich in ihre Umgebung eingelebt. Wenn sie hätte bleiben können, strenge Pflichten auf sich nehmen und erfüllen, wäre es vielleicht noch eine Rettung ihres ganzen Lebens gewesen. Und man wollte sie bleiben lassen, man bat sie sogar zu bleiben. Ihrer außerordentlichen Führung wegen hatte die Oberin ihr den Vorschlag gemacht, nach Ablauf ihrer Strafzeit die Anstalt nicht zu verlassen und darin die Stelle einer Aufseherin zu übernehmen, ein Vertrauensposten, den nur Frauen von stärkstem Charakter und außerordentlichen Eigenschaften erhielten. Wera hatte das Herz hoch geschlagen, es war seit langem wieder der erste glückliche Augenblick für sie gewesen; aber sie mußte ablehnen, unfrei wie sie war, Dienerin einer Partei, Sklavin der »Sache«. Die Oberin stellte ihr vor, daß man sie liebgewonnen, daß sie sich die Achtung und das Vertrauen aller erworben, daß sie in der ihr angetragenen Stellung würde wirken, nützen, helfen können.

Wirken, nützen, helfen – Wera hätte laut und jammervoll aufschreien mögen. Um zu wirken, zu nützen und zu helfen war sie vor einem Jahre ausgezogen, mit welcher Sehnsucht, welchem Glauben, welchen Hoffnungen! Und nun – – Nun hätte sie nützen und helfen können! Sie hätte es, diesmal war es kein Wahn. Denn sie hatte bereits genützt und geholfen. Die wilde Fania war durch ihren Einfluß vollständig verwandelt. Unter diesen Verlorenen lebend, hätte sie eine Reihe von Rettungen vollbringen können, die einer Reihe von Taten gleich gewesen wären. Aber sie konnte nicht, sie mußte fort; von neuem wurde sie hinausgestoßen, vertrieben aus diesem Zufluchtsort, dieser Ruhestätte, diesem Asyl, hinausgejagt in die Welt, die sie nicht begriff und niemals begreifen würde. Weiter mußte sie taumeln, von Irrtum zu Irrtum, von Wahn zu Wahn, von Schuld zu Schuld. Von dem Ort, wo sie friedlich hätte leben können, in die Gemüter von Verworfenen den Samen des Guten streuend und die aufgehende Frucht pflegend, mußte sie fort, um Revolutionen zu erregen, Minen zu wühlen, Dynamit zu verschleppen, Bomben zu werfen. Statt Belehrung zu empfangen und zu verbreiten, statt anderen und sich selbst zur Erkenntnis zu verhelfen, mußte sie umstürzen, vernichten, töten. Was half es ihr, daß sie so weit gekommen – daß sie dahin gebracht worden war, sich einreden zu können, jenen geschehe recht! Was half es ihr, daß sie die Tat beging, ohne sie zu bereuen. Ihre Seele wurde dennoch davon zermalmt.

Die Betglocke läutete, Wera fuhr erschrocken empor. Sie war schon zweimal von Fania angerufen worden und hatte es vollständig überhört. Hastig kleidete sie sich an und begab sich mit ihrer Gefährtin in den Saal, wo bereits alle zur gemeinsamen Andacht versammelt waren. Auch Wera kniete nieder.

Welche Lüge, dachte sie, Gott, Gott, welche Lüge! Ich tue, als ob ich bete und meine Seele weiß nichts davon. Denn wie könnte ich beten, wo heute nacht das Fürchterliche geschehen soll. Ich will auch nicht beten, es wäre zu gräßlich. Möchte der Himmel uns allen barmherzig sein.

Des heiligen Festes wegen fielen in der Anstalt an diesem Tage die gemeinsamen Arbeitsstunden aus. Alle Mädchen beteiligten sich an den Vorbereitungen für die Osternacht, die auch in diesem Hause mit großer Feierlichkeit begangen wurde. Zuerst reinigten sie den Saal, dann schmückten sie denselben mit Buchs, steckten geweihte Kerzen auf, deckten den Festtisch und halfen bei der Zubereitung der Osterspeisen. Damit nicht geschwatzt werden sollte, mußte Wera aus den Heiligenlegenden vorlesen.

Sie wählte die Geschichte der heiligen Agnes, welche auf ihre seltsame Zuhörerschaft einen tiefen Eindruck machte. Viele weinten dabei.

Es dämmerte bereits, als Wera mit Fania in ihre Kammer zurückkehrte. Fania wollte die Vorhänge schließen und Licht anzünden; aber Wera bestand darauf die Vorhänge offen zu lassen und im Finstern zu bleiben. Sie nahm einen Stuhl, trug ihn in die Ecke, die dem Fenster gegenüberlag, setzte sich und verwandte kein Auge von dem Palast der Prinzessin. Mehr und mehr bemächtigte sich ihrer eine dumpfe Bangigkeit; es war ihr zumute, als ob sie gewürgt würde, als ob sie ersticken müßte. Wie der Deckel eines Sarges senkte sich die Finsternis auf sie herab und sie konnte nicht einmal aufschreien: »Ich lebe ja!«

Es wurde tief dunkel in der Kammer. Fania beklagte sich, weil sie kein Licht anzünden durfte; aber Wera seufzte statt aller Antwort so schmerzlich auf, daß das Mädchen nichts weiter sagte. Lange Zeit saßen die beiden stumm im Dunkeln, plötzlich begann Fania heftig zu weinen.

»Worüber weinst du, Fania?«

»Über die heilige Agnes. Ach, wer doch auch ein Martyrium auf sich nehmen könnte!«

Wera zuckte zusammen – – Ein Martyrium hatte auch sie auf sich nehmen wollen und ein Martyrium erlitt sie. Sie hatte aufstehen wollen und wandeln; wandeln mit zerrissener Seele, mit blutendem Herzen bis in den Kerker, bis in die Bergwerke, bis auf das Schafott. Aufgestanden war sie, und gewandelt, und jetzt hatte sie ihr Ziel erreicht: Fünfhundert und mehr sollten diese Nacht auf ihren Wink sterben.

Waren alle Schuldige? Das ging sie nichts an, darüber durfte sie nicht nachdenken. Sie hatte über den Tod des einen nachgedacht und ihren Verstand behalten, und sie wollte ihren Verstand nicht verlieren um des Lebens jener fünfhundert anderen willen.

Aber Gott hätte Sodom und Gomorrha nicht zerstört, wären darin drei Gerechte gewesen – –

Kalte Schauer schüttelten sie. Sie bemühte sich, auf die Worte Fanias zu hören, vernahm aber nichts davon. Da war ihr, als hörte sie von drüben her Musik. Sie fuhr auf und lauschte. Es war nicht möglich, es mußte noch viel zu früh sein! Mit Anstrengung erhob sie sich und trat an das Fenster. Alles war still. Alles war noch dunkel. Gott sei Dank! Sie schlich zu ihrem Platz zurück, und da Fania gar nicht aufhörte, über die heilige Agnes zu seufzen, sagte Wera endlich: »Bete lieber.«

Fania fragte, was sie beten sollte?

»Bete für die Sterbenden.«

»Wer stirbt?«

»Weißt du das nicht? Weißt du nicht, daß in jeder Sekunde Tausende und aber Tausende sterben? Bete, aber daß ich es höre.«

Und Fania betete.

So oft sie müde ward und verstummte, rief Wera: »Bete für die Sterbenden! Bete, bete!«

Und immer wieder betete Fania.

Nun wurden im Palast die Lichter angezündet. Bei dem ersten Lichtschein, der von drüben in die dunkle Kammer fiel, schrie Wera schrecklich auf und bedeckte die Augen mit beiden Händen. Fania kam zu ihr gelaufen und war so erschrocken, daß sie zitterte. Wera sagte, sie sollte weiter beten, es wäre ihr nichts, sie hätte an einen Toten denken müssen. Fania betete weiter und Wera nahm nach einer Weile ihre Hände von den Augen fort. Nun saß sie regungslos da, schaute zu, wie im Palast die Diener alle Kerzen ansteckten und dachte an die Lichter der Kinder, welche vor einem Jahr in der Osternacht die Hütte des Starosten von Eskowo mit Glanz gefüllt hatten.

Als der ganze Palast wie ein Feenschloß in die Nacht hinausstrahlte, erhob sich Wera, ging zum Fenster und preßte die Stirn gegen die Scheiben. Wenn sie dieselben zertrümmerte, gab sie Colja, der auf der Straße lauerte, damit das Zeichen, Colja lief hin und sagte es Wladimir, der im Keller war.

Und dann – – dann geschah es. Wer war dort drüben jener Mann? Sascha! Der mußte heute auch stark sein. Sie war es! Wera Iwanowna aus Eskowo, die ist stark.« So hatte Sascha damals von ihr zu Boris Alexeiwitsch gesagt, und Boris Alexeiwitsch hatte damals gewiß im stillen über die starke Wera Iwanowna gelächelt. Und Sascha hatte hinreisen und sie für Boris Alexeiwitsch holen müssen. Aber sie war stark gewesen, stark, stark!

Sie preßte die Zähne auf ihre Lippen und rief: »Bete, daß ich stark bleibe, stark, stark!«

Sie mußte an ihn denken. Vielleicht freute er sich auf das Fest. Er würde Anna Pawlowna sehen und Anna Pawlowna würde sehr schön sein, würde sehr bewundert werden; und sie gehörte ihm, ihm allein!

Jemand kam.

Es konnte nur die Aufseherin sein, aber Wera wurde von Grausen gepackt und sah mit irrem Blick auf die Tür. Die Wärterin Lisa kam mit der Meldung, Wera möchte hinunter in das Sprechzimmer kommen; es wollte jemand mit ihr reden. Ausnahmsweise hätte es die Oberin gestattet.

Es wird Sascha sein oder Wladimir, dachte Wera. Er wird mir einen Auftrag zu erteilen haben. Ich werde das Zeichen nicht geben sollen, die Mine ist entdeckt worden, er wird leben bleiben, leben –

Die Wärterin führte sie in das Sprechzimmer und entfernte sich dann. Der Besucher saß mit dem Rücken gegen die Tür; jetzt erhob er sich. Es war Boris Alexeiwitsch.

Keines Lautes, keiner Bewegung mächtig stand Wera vor ihm. Boris war bereits zum Feste der Prinzessin angekleidet; er trug eine glänzende Uniform, und hatte darüber den Pelz geworfen. Er sah sehr bleich aus.

»Ich habe dich vor einigen Tagen am Fenster gesehen, aber erst heute konnte ich die Erlaubnis erhalten, dich zu sprechen. Ich bin nicht gekommen, um dich zu fragen, wie du hierher geraten bist, wie es möglich ist, daß du hierher gerietest. Ich kam, um dir zu sagen, daß ich dich von hier fortnehmen werde und zwar sogleich; verstehst du mich: Und zwar sogleich!«

»Nein, Boris Alexeiwitsch, ich verstehe Sie nicht.«

Sie sprach diese Worte laut und deutlich, obgleich mit schwerer Zunge.

»Warum liefst du damals aus Kunzewo fort?« fragte Boris, ihr näher tretend.

»Ich werde Ihnen auf nichts antworten! also fragen Sie mich nicht.«

»Aber, Mädchen, du liebtest mich doch!«

»Ich werde Ihnen nichts antworten,« murmelte Wera, starr vor sich hinsehend.

»So muß ich denn zu dir reden,« rief Boris Alexeiwitsch mit einem Gesicht, das seine wütende Leidenschaft entstellte. »Ich liebte dich! Du hättest alles aus mir machen können, du wärst imstande gewesen, mich in einen guten Menschen zu verwandeln. Da verließest du mich. Ich habe dich gesucht – durch ganz Moskau! Niemand wußte von dir. Ich habe dich gesucht, bis ich dich an dem Fenster dieses entsetzlichen Hauses sah. Begreifst du nicht? Begreifst du nicht, daß ich halb toll bin, halb toll vor Liebe, vor Sehnsucht, vor Qualen – –«

»Gehen Sie hinüber und sagen Sie das Anna Pawlowna, Anna Pawlowna wird Ihnen darauf Antwort geben.«

»Du sollst mir darauf Antwort geben und du wirst mir darauf Antwort geben; denn du liebst mich noch immer!«

»Nein.«

»Das lügst du!«

»Glauben Sie, was Sie wollen. Ich gehe jetzt, Leben Sie wohl!«

Und sie näherte sich der Tür.

Boris folgte ihr, faßte sie am Arm, hielt sie fest.

»Höre, Wera,« raunte er ihr zu, »du bist von Sinnen, aber du wirst zur Besinnung kommen. Morgen verlasse ich Moskau – mit dir! Du wirst es dir überlegen und du wirst mir Antwort geben, noch heute! Drüben, bei der Prinzessin, ist heute nacht ein Fest; ich kenne das Fenster des Zimmers, das du bewohnst; eins der Fenster des Saales liegt dem deinen gerade gegenüber. Wenn du an das Fenster trittst, so heißt das, daß du es dir überlegt hast und zur Besinnung gekommen bist. Morgen hole ich dich dann. Wirst du mir Antwort geben?«

»Boris Alexeiwitsch, leben Sie wohl.«

Aber er ließ sie nicht fort.

Ganz fahl im Gesicht, stieß er zuckenden Mundes hervor: »Ich will dich haben! Du bist in meiner Macht und ich will dich haben! Wenn du mir heute nacht keine Antwort gibst, wenn du den Versuch machst, mir ein zweitesmal zu entfliehen: deine Freunde sind in meiner Gewalt, ihre Freiheit, ihr Leben hängt von mir ab. Vielmehr von dir! Denn wenn du – – Aber es ist ja Tollheit! Welcher Unsinn von mir, dir zu drohen, welcher Wahnsinn von dir, mir trotzen zu wollen. Du mir trotzen! Als ob du diese ganze Zeit an etwas anderes gedacht hättest, als daß du mich liebst und mich geküßt hast und in deiner Seele mein ewiges Eigentum bist! Als ob du dich nicht nach mir gesehnt und die Nächte wachend verbracht hättest, in heller Raserei deines Verlangens nach mir! Du müßtest nicht auch ein Weib sein. Aber dein unsinniger Stolz! Doch jetzt hast du mir genug Widerstand geleistet, du hast deinem Stolz Genüge getan; denn wie ich dich kenne, eine Schwärmerin die du bist, hast du dich aus Sühne in dieses abscheuliche Haus sperren lassen; aus Sühne, weil du im Geiste hundertmal die Meine gewesen. – – Wie diese graue Kutte und diese niederträchtige Haube dich entstellen! Nicht wahr, Wera, du bist jetzt verständig? Wir sind beide jung, wir wollen beide leben, oder bist du etwa eifersüchtig auf Anna Pawlowna? Das ist dir zum Trotz geschehen, und weil ich mich ohne dich halb zu Tode gelangweilt. Daran bist du schuld, du und meine unsinnige Liebe zu dir! Weißt du: dein Haar, das du dir abgeschnitten hattest, habe ich mit mir genommen.«

Wera war nicht imstande, ihn länger anzuhören. Von einem unsäglichen Ekel gefaßt, unsägliche Verachtung im Blick, wandte sie sich von ihm: »Ich werde Ihnen Antwort geben.«

Er jubelte auf.

»Dann kommst du auch mit mir,« rief er triumphierend. »Ich habe es gewußt.«

»Boris Alexeiwitsch – ich werde Ihnen diese Nacht auf Ihre Frage Antwort geben.«

Und sie ging.

Kaum in ihre Kammer zurückgekehrt, rief der Ostergottesdienst sie wieder hinunter. Aber während desselben überfiel sie eine Schwäche, daß Fania sie hinaufführen mußte. Sehr bald erholte sie sich; indessen sollte Fania bei ihr bleiben. Dann vernahmen sie das Ostergeläut. Es war wie ein Sturm himmlischer Töne. Wera raffte sich vom Bette auf, trat schwankend ans Fenster, blickte hinaus. Noch war es nicht Zeit, noch waren drüben die strahlenden Säle leer; aber die Straße wimmelte von Volk. Wera sah, wie sich die Leute in die Arme sanken und sich küßten, hörte sie sich mit dem Ostergruß grüßen: »Glückseliges Auferstehen!«

Auch Fania warf sich an Weras Brust, küßte sie auf Mund, auf Stirn und Wangen und sprach die heiligen Worte: »Wera Iwanowna – glückseliges Auferstehen!«

»In Ewigkeit, Amen,« erwiderte Wera feierlich.

Dann schickte sie Fania hinaus.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Seit Anbruch der Dämmerung trieb sich Sascha vor dem Palast Anna Pawlownas umher. Er sah die letzten Vorbereitungen zum Fest, wie in der Einfahrt die Teppiche gelegt und die Blumen aufgestellt wurden. Darauf begab er sich zum letztenmal in das Haus des Popen und hinunter in den Keller, wo er eine Kerze anzündete und mit dem Licht in den Stollen kroch. Wie erstaunte er, als er das Wasser, welches sich in dem engen Graben in großer Menge angesammelt hatte, gefroren fand. Der ganze Gang war mit Eis und Reif überzogen; wo der Schein von Saschas Kerze hinfiel, war's ein Flimmern und Funkeln, als ob sämtliche Brillanten der Welt um den Nihilisten aufgehäuft lägen.

Sascha fand das Sprengmaterial an Ort und Stelle; wie eingemauert steckte es im Gestein! Auch der Zündfaden war in bester Ordnung und vollkommen trocken, so daß er vortrefflich brennen würde und von einem Anstecken der Mine vermittels Lunten nicht länger die Rede zu sein brauchte. Hierüber völlig beruhigt verließ er den Stollen.

Im Keller stieß er auf Colja, der ihn suchte und ihm ein Billett vom Exekutivkomitee überbrachte, das Sascha las und dann, trotzdem es in einer Geheimschrift geschrieben war, sorgfältig über dem Lichte verbrannte.

»Höre, Colja.«

Colja hörte.

»Wenn du Wladimir Wassilitsch siehst, so sage ihm doch, daß ich den Befehl erhalten hätte, gleich nach Mitternacht, gleich nachdem die Sache geschehen – du verstehst – nach Petersburg abzureisen. Bestelle ihm das.«

Colja verstand und Colja wollte es Wladimir Wassilitsch bestellen – wenn er ihn sehen sollte.

»Natürlich siehst du ihn, wenn du in den Keller kommst, um ihm zu sagen, daß Wera auf der Straße das Zeichen gegeben hat.«

Richtig; natürlich sah Colja Wladimir Wassilitsch. Er hatte es ganz vergessen.

»Und dann sage Wladimir Wassilitsch doch, daß das Wasser im Stollen gefroren sei; auch der Faden ist ganz trocken, die Lunten sind unnötig.«

Diese Nachricht regte sogar Colja auf. Er murmelte und brummte und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Was? Das Wasser im Stollen gefroren? Auch der Faden ganz trocken? Die Lunten waren nicht mehr nötig? Das wäre denn doch – –

»Ja,« meinte Sascha, »man kann jetzt ganz ruhig sein. Furcht ist unnötig.«

Als ob Colja Furcht gehabt hätte? Als ob er nicht ruhig gewesen wäre?!

Dann schickte sich Sascha zum Gehen an.

»He, Colja, kommst du nicht mit?«

Nein, Colja wollte bleiben, er mußte ja auf Wladimir Wassilitsch warten.

»Den siehst du später. Daß du ja auf der Straße bist, wenn Wera das Zeichen gibt.«

Colja versprach, alles zu rechter Zeit zu tun; jetzt wollte er noch im Keller bleiben. Er würde dann schon hinaufgehen und aufpassen.

Als Sascha gegangen war, löschte Colja das Licht, steckte es in die Tasche, wo er auch die Zündhölzer hatte und setzte sich auf eines der von ihm mit Erde gefüllten Fässer. Er war vollständig verwirrt im Kopfe. Die Nachricht, daß das Wasser im Stollen gefroren sei und man die Mine mittels des Fadens anzünden konnte, verschob auf einmal alle seine Begriffe. Er hatte sich alles so prächtig ausgedacht; mit solcher Mühe und solchem Aufwand von Schlauheit, daß seine Geisteskräfte vollständig erschöpft waren. Was bedeutete das nun wieder? Was hatte das Wasser zu frieren und der Zündfaden trocken zu sein? Welcher Unsinn! Wie die Dinge standen, konnte Wladimir Wassilitsch jetzt die Mine wunderschön anzünden, ohne daß ihm dabei ein Haar gekrümmt würde. Nun gut! Wladimir Wassilitsch würde es tun, die Mine würde aufspringen, die Menschen würden sterben, von Wladimir Wassilitsch umgebracht werden. Dann war er ein Mörder. Aber das Täubchen Tania Nikolajewna sollte mit ihren süßen, heiligen Lippen keinen Mörder küssen, und der Wunderknabe sollte keinen Totschläger zum Vater haben; also durfte Wladimir Wassilitsch die Mine nicht anzünden; statt seiner mußte es ein anderer tun – Colja natürlich! Soweit war die Sache ganz klar; doch nun kam der Wirrwarr. Denn Colja konnte für Wladimir Wassilitsch den Todschlag begehen und trotzdem am Leben bleiben; war das Wasser doch gefroren, war der Faden doch trocken. Was waren das für Geschichten! Seit Wochen hatte er sich darauf vorbereitet, für das Glück des Täubchens Tania Nikolajewna zu sterben, er hatte bereits von dem Täubchen feierlichen Abschied genommen, sich zum Abschied von dem Täubchen küssen lassen und nun sollte plötzlich alles anders werden? Daraus mochte ein Klügerer klug werden! Zum Glück bekam Colja in dieser höchsten Not einen ganz besonders schlauen Einfall. Wenn er die Mine mittels des Fadens anzündete und am Leben blieb, so mußte er mit Tania Nikolajewna nach Eskowo. Dagegen blieb Wladimir Wassilitsch in Moskau zurück, und es würde die alte Geschichte werden mit dem Minenlegen, dem Sengen und Morden nämlich! Kam aber Colja bei der Sache um, so mußte Wladimir Wassilitsch Tania Nikolajewna nach Eskowo begleiten, denn Wera war ja eingesperrt, und Sascha sollte, gleich nachdem die Sache geschehen war, nach Petersburg. Wer anders als Wladimir Wassilitsch konnte also mit dem Täubchen nach Eskowo – wenn nämlich kein Colja mehr da war. Denn natürlich mußte Wladimir Wassilitsch doch das Täubchen und den Wunderknaben in Sicherheit bringen. War er über erst einmal mit Tania in Eskowo, wer weiß, wie dann alles wurde, ob er dann nicht die Lust an der Sache verlor. Denn wie konnte man mit Tania Nikolajewna in Eskowo auf der Steppe sein und dennoch wieder nach Moskau zurück wollen!

Colja atmete auf. Die Heiligen seien gelobt, das wäre also in Ordnung! Wie er es sich ausgedacht, so war es am besten, überdies hatte er sich's nun einmal in den Kopf gesetzt, es ginge gar nicht anders, als daß er für das Täubchen Tania Nikolajewna sterben müßte, und was dieser Colja sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, das war so leicht nicht wieder herauszubringen.

Noch an eines mußte er denken, wahrend er im Dunkeln saß und den weisen Entschluß faßte, sich an das gefrorene Wasser und den trockenen Faden einfach gar nicht zu lehren. Man hatte ihm gesagt, eine ganze Menge von Menschen würde sterben, wenn die Mine zu rechter Zeit aufsprang. Warum gleich eine ganze Menge – –? Colja wollte sich die Sache überlegen.

Als Sascha sich wieder auf der Straße befand, zauderte er nicht länger, die Tat, die er beschlossen hatte, zur Ausführung zu bringen. Anna Pawlowna sollte sterben. Sie war von dem Exekutivkomitee verurteilt worden und sie sollte gerichtet werden; nur in einer anderen, weniger gräßlichen Weise: er selbst wollte an ihr das Urteil vollstrecken. Ihr herrlicher Leib sollte nicht in Stücke gerissen, ihr himmlisches Antlitz nicht grauenvoll verstümmelt werden; es sollte eine schöne, eine wunderschöne Tote sein, nur mit einer kleinen, ganz kleinen, blutroten Wunde über dem Herzen, als hätte der Tod, in Liebe für sie erglühend, sie auf das Herz geküßt.

Sascha mußte eilen; es war die höchste Zeit. Sobald die ersten Gäste anlangten, war es zu spät; auch wurde dann wahrscheinlich die Straße vor dem Palast für das Volk abgesperrt.

Sascha begab sich nach der Hinterseite des Palastes, wo sich der Eingang für die Dienerschaft befand. Er wollte sich gerade einschleichen, als ihm eine Frau entgegentrat; sie hatte einen langen dunklen Mantel übergeworfen und den Kopf mit einem Tuche verhüllt.

»Alexander Dimitritsch!«

»Was wollen Sie? Wer sind Sie?«

Es war die Wirtin der Teeschenke, Maria Carlowna und sie wollte mit ihm reden.

»Ich habe jetzt keine Zeit, Sie sehen ja! Später also!«

»Nein, jetzt.«

»Aber so gehen Sie doch! Wie Sie zudringlich sind! Ich habe im Palast Petrowsky zu tun.«

»Bei Anna Pawlowna?«

»Ganz recht; bei Anna Pawlowna.«

»Sie sind ihr Liebhaber?«

»Was kümmert Sie das?«

»Ich wollte es nur wissen, von Ihnen selber wissen.«

»Nun gut; aber jetzt gehen Sie mir aus dem Weg.«

Doch Marja Carlowna blieb vor ihm stehen.

»Sie erinnern sich meiner?«

»Sie sind wunderlich, Marja Carlowna.«

»Ich habe Sie geliebt und ich bin vor Ihnen auf den Knien gelegen und Sie haben mich liegen lassen. Sie haben mich verschmäht und sind der Liebhaber Anna Pawlownas geworden, die mit Ihnen gespielt, die Sie aufgenommen und dann fortgewiesen hat, die jetzt Sie verschmäht und verachtet. Aber Sie, Sie lieben sie immer noch.«

»Ich frage Sie nochmals: Was geht das Sie an?«

»Sie bereuen nicht, was Sie mir angetan haben?«

»Was sollte ich zu bereuen haben? – – Aber nun ist es genug.«

Die beiden hatten dieses Gespräch mit unterdrückter Stimme geführt; dann schob Sascha die Wirtin fort und ging, hart an ihr vorüber, ins Haus. Ohne angehalten zu werden, gelangte er in das zweite Stockwerk hinauf, bis vor die Tür von Anna Pawlownas Toilettenzimmer; er hörte sie drinnen mit der Kammerfrau reden.

Entweder wollte er sich in der Nähe verbergen, bis sie heraustrat, ober er wollte hineingehen und es drinnen tun, seinethalben im Beisein der Kammerfrau. Einen Augenblick zauderte er, dann trat er entschlossen auf die Tür zu, faßte den Griff – –

Die Tür war unverschlossen, Sascha öffnete, trat ein, machte hinter sich zu.

»Wer ist da? – – Was wollen Sie, was unterstehen Sie sich?«

»Ich habe mit Ihnen zu reden, Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Schicken Sie Ihre Kammerfrau hinaus.«

Anna Pawlowna war aufgestanden und maß ihn mit ihren Blicken. Sie sah seine Entschlossenheit, seinen furchtbaren Ernst und gebot: »Geh hinaus, Anuschka!«

Die Kammerfrau ging, Sascha verschloß hinter ihr die Tür, stellte sich Anna Pawlowna gegenüber und sah sie an.

Sie war bereits in voller Toilette. Er erblickte ihre stolze Gestalt wie in einem glanzvollen Nebel, aus dem sich gespenstisch ihre marmorblassen Schultern hoben, und das weiße Antlitz mit dem leuchtenden Haar, welches sie zu einer Krone aufgesteckt hatte. Eine vollaufgeblühte, mächtige, dunkelrote Rose lag gleich einem Blutfleck auf dem goldigen Schimmer.

Sie war bei Saschas Eintritt im Begriff gewesen, sich ihre Diamanten umhängen zu lassen, hatte der Kammerfrau den Schmuck abgenommen und hielt ihn in der Hand.

Fremd und kalt ruhten ihre Augen auf dem Eindringling. Er will mich töten, dachte sie. Aber sie fühlte keine Furcht.

»Ich frage Sie noch einmal, was Sie von mir wollen?« fragte sie laut, ohne das leiseste Beben in ihrer Stimme. »Zwischen uns ist alles aus, wie Sie wissen.«

»Ich weiß es.«

»Ersparen Sie mir daher jede Auseinandersetzung; sie würde zu nichts führen.«

»Zu gar nichts.«

»Also was wollen Sie?«

»Wie Sie reden! Als ob Sie mich niemals geliebt hätten.«

»Niemals!«

»Dann haben Sie gelogen.«

»Ja!«

»Warum lügen Sie?«

»Ich belog mich selbst. Nun wissen Sie es und jetzt gehen Sie!«

Da er keine Bewegung machte, auch nichts sagte, wandte sie ihm den Rücken, trat an den Spiegel und begann, ohne sich im geringsten um ihn zu kümmern, ihre Diamanten anzulegen. Sascha faßte nach der Brusttasche seines Rockes, darin sein Revolver steckte, und schlich sich hinter sie. Sie bemerkte im Spiegel alles, ihr Blick wurde starr, ihre Hand schwer und eiskalt. Aber sie fuhr fort, das schwere Halsband zuzuhaken.

»Anna,« rief Sascha mit unterdrückter Stimme, »Anna, warum hast du dich selbst belogen?«

Sie blieb stumm.

»Antworte!«

Sie wußte, daß es in ihrer Macht stand, ihn von neuem zu belügen. Sie brauchte sich nur umzuwenden, ihn anzusehen, und sie würde am Leben bleiben. Aber sie sah starr in den Spiegel und bedeckte ihren Hals mit den Brillanten.

Sascha zog das Pistol hervor und spannte den Hahn.

Sie sah im Spiegel jede seiner Bewegungen; die Kälte und die Schwere durchdrangen jetzt ihren ganzen Körper.

»Anna!«

Er trat dicht hinter sie.

»Schieß nur!« flüsterte sie und nickte ihm zu.

»Anna! Anna! Anna!«

Aber sie sagte nichts mehr.

Da riß er sie an sich, setzte ihr das Pistol auf die Brust, drückte ab.

Sie blieb an seiner Brust ruhen, blickte ihn an, seufzte und starb. Sascha ließ sie sanft auf den Teppich niedergleiten, stand vor ihr und betrachtete sie.

Sie war schön, eine wunderschöne Tote!

Niemand mußte den Schuß gehört haben, niemand kam. Sascha löschte die Lichter, tastete sich zur Tür, schloß auf und entfernte sich langsam.

Wladimir und Natalia befanden sich unter dem Volk, das sich aufgestellt hatte, um den Zaren in den Palast Petrowsky einfahren zu sehen. Niemand wußte mit Sicherheit zu sagen, ob der Kaiser kommen würde. Man wußte im Volk nicht einmal, ob der Monarch überhaupt in Moskau eingetroffen sei.

Die Nihilisten wußten es.

Die beiden hatten sich so aufgestellt, daß sie sowohl den Palast wie das ehemalige Kloster übersehen konnten; sie wollten nur kurze Zeit unter der Menge bleiben und sich sodann, ehe die Straße gesperrt wurde, in das Haus des Popen begeben. Welches Glück, daß als Zeichen zum Aufstiegen der Mine das Zertrümmern einer Scheibe bestimmt worden war; sollte Colja nicht auf der Straße Posten nehmen können, so erreichte er seinen Zweck ebensogut, wenn er sich im Flur des Popenhauses versteckt hielt, wo er das Klirren des brechenden Glases deutlich vernehmen mußte.– – Daß Wera das Zeichen nur nicht früher gab, als bis der Kaiser den Saal betreten! Doch sie hatte die bestimmtesten Instruktionen erhalten, war klug und würde gehorsam sein.

Wie gut war es, daß die Mine gelegt worden war; wie viel besser, als wenn sie dem Kaiser eine Bombe geworfen hätten. Massenmord war immer sicherer!

Also sowohl Anna Pawlowna wie Boris Alexeiwitsch glaubten wirklich, daß man nicht wagen würde, etwas Großes zu unternehmen, wähnten wirklich, daß der Nihilismus eine leere Redensart, daß man unentschlossen, furchtsam und feige sei – – – Welche Verachtung des Volksgeistes sprach sich in diesem Glauben aus, welche Verhöhnung einer Sache, der sie doch angehört hatten. Allerdings ließ die Prinzessin Palast und Umgebung einer genauen Untersuchung unterziehen; aber sie hatte sich doch, als man nichts vorfand, vollkommen beruhigt, sich in dem Glauben gewiegt, daß sie nichts unternehmen, daß sie es nicht wagen. Nun, sie sollte an den Nihilismus glauben müssen.

Die gewaltige Tatsache, daß der Nihilismus kein leerer Wahn sei, hatte Wladimirs und Natalias letztes Gespräch gebildet, als beide sich auf dem Weg nach dem Palast Petrowsky befanden – auf ihrem letzten Gange. Nun schwiegen sie und fühlten sich im Vergleich zu den wütenden Aufregungen der letzten Wochen sehr ruhig. Beide beobachteten sich selbst und beide waren erstaunt, daß man in der letzten Stunde seines Lebens, vor einem Ende, wie es ihnen bevorstand, so gelassen sein konnte.

Dann kam das Ostergeläut, dann kam der Auferstehungsjubel des Volkes, dann war es Zeit, daß die beiden »Auferstandenen« sich in ihre Gruft begaben.

»Da steht Wera bereits am Fenster,« flüsterte Natalia Wladimir zu.

»Die Aufregung wird sie auf ihren Wachtposten treiben, denn es ist ja noch viel zu früh! Noch ist nicht ein einziger Gast da.«

»Doch; einer ist schon da, einen sehe ich.«

»Wen?«

»Boris Alexeiwitsch.«

»Wo ist er?«

»Im Saal, dort oben dem Fenster Weras gerade gegenüber.«

»Was bedeutet das? Er wird sie erkennen! Warum bleibt sie stehen?!«

»Ich glaube, er hat sie bereits erkannt. Er blickt steif zu ihr hinüber und jetzt – jetzt macht er ihr Zeichen.«

»Teufel!«

In diesem Augenblick marschierten Polizisten auf und drängten die Menge zurück. Plötzlich entstand ein Tumult.

»Was ist geschehen?« rief Wladimir.

Irgendwer rief einem anderen zu: »Sie haben ihn festgenommen.«

»Einen Taschendieb?«

»Einen Nihilisten! Der Kerl wollte unserem Väterchen, dem Zaren, an sein heiliges Leben.«

Kaum war das bekannt geworden, als das Volk in ein Wutgeheul ausbrach. Alles drängte nach der Stelle hin, wo die Polizisten den Mann, der sich gar nicht zu wehren schien, ergriffen hatten.

Wladimir und Natalia wurden mit fortgerissen.

Man schrie in der Menge: »Er hat einen Revolver bei sich! Er wollte den Zaren töten! Schlagt ihn tot, den Hund! Nieder mit dem verdammten Nihilisten! Nieder!«

Nun sahen Wladimir und Natalia den Gefangenen.

Es war Sascha.

Die Polizisten hatten einen dichten Kreis um ihn gebildet und verteidigten ihn gegen das Volk, welches wie rasend war. Ein Trupp Männer brachte ein junges Weib herbei, es war Marja Carlowna! Sie führten die Wirtin im Triumph herbei, denn sie war es, die den Nihilisten entdeckt und ihn der Polizei angegeben hatte.

Plötzlich ertönten schreckliche Schreie aus dem Palast Petrowsky: »Die Prinzessin ist ermordet worden!«

Der wahnsinnige Aufschrei eines Weibes folgte diesem Ruf. Dann stürzte Marja Carlowna zu den Polizisten, die Sascha umringten: »Er ist unschuldig! Ich habe ihn fälschlich angeklagt: Laßt ihn frei! Er ist unschuldig, unschuldig – –«

Sie gebärdete sich wie von Sinnen; aber niemand achtete auf sie; ihr Jammergeschrei verschlangen die Stimmen des erregten Volkes: »Mörder! Mörder! Man hat die Prinzessin gemordet! Man wollte den Zaren morden! Mörder! Mörder!«

Was war das?

Die Menge kreischte auf vor Entsetzen und stob auseinander. Ein gewaltiger Krach, dem ein furchtbares Getöse folgte. Sämtliche Fensterscheiben des Palastes und der zunächstliegenden Häuser zersprangen, der Boden bebte, die Mauern schienen zusammenzustürzen, aus dem ersten Stockwerk des Palastes wälzte sich Dampf.

»Die Nihilisten!«

Es war wie ein einziger Schrei.

Ja, die Nihilisten! – Die Mine war aufgeflogen – viel zu früh!

Achtundzwanzigstes Kapitel

Wieder feierten die Russen das Auferstehungsfest.

In Moskau dachten einige daran, was in der letzten Osternacht Furchtbares geschehen war; daß die Prinzessin Petrowsky von einem Nihilisten ermordet worden, daß die Nihilisten ein Attentat auf den Kaiser geplant hatten, und daß die Mine zu früh aufgeflogen war – viel zu früh!

In der ganzen Stadt, im ganzen Lande hatte man deswegen Dankgottesdienste abgehalten, das ganze Land hatte das verfrühte Aufstiegen der Mine gefeiert.

Wera stellte sich vor, was geschehen wäre, wenn das Attentat geglückt und die Mine zu rechter Zeit aufgeflogen wäre – ein Massenmord!

So wie es gekommen, hatte das Unglück die kleinsten Dimensionen angenommen. Bei der Nachricht von der Ermordung der Prinzessin war die Dienerschaft, die gerade im Saale beschäftigt gewesen, davongestürzt. Nur einige leichte Verwundungen geschahen, die meisten davon unter dem Volk auf der Straße.

Der Haß gegen die Urheber des verruchten Attentats wuchs im Volk von Tag zu Tag. »Nihilist« ward ein Schimpfname, ein Fluchwort. Aber die Nihilisten hörten nicht auf, das Schicksal des russischen Volkes gestalten zu wollen; sie fuhren fort, das russische Volk zu befreien, das russische Volk zur Menschenwürde zu erheben, für das russische Volk zu Helden, Märtyrern und Mördern zu werden.

Vieles von jenem Attentat blieb in Dunkel gehüllt. Man hatte den Nihilisten Alexander Dimitritsch, denselben, der die Prinzessin Petrowsky ermordet, gefangengenommen, später noch eine Nihilistin, und man fand in dem Stollen den Leichnam desjenigen, der die Mine in die Luft gesprengt.

Niemand erfuhr, wer es gewesen, dem Moskau die Verhinderung des Massenmordes zu danken hatte – niemand bekümmerte sich darum: dem verfluchten Kerl war recht geschehen! Man nahm allgemein an, daß dem Betreffenden entweder das Zeichen zum Aufstiegen der Miene zu früh gegeben worden war, oder daß er irgendein anderes Geräusch für dieses Zeichen genommen hatte. Rätselhaft blieb auch, weshalb der Mensch zum Entzünden der Mine sich nicht eines Schwefelfadens bedient hatte. Was man von dem Leichnam des Nihilisten an verbrannten und verkohlten Stücken auffand, wurde irgendwo eingegraben! Verdammt sei sein Andenken!

Verdammt sei sein Andenken!

So oft Wladimir des treuen Knechtes Tanias gedachte, hatte er für den Namen Coljas diese Verwünschung. Es kam ihm nicht in den Sinn zu grübeln, weshalb Colja die Mine in Brand gesteckt hatte – mittels einer Lunte ober seines Lichtes. Er nahm an, daß Colja neugierig geworden. – Colja und neugierig; neugierig bei etwas, das die »Sache« anbetraf! – daß er in den Keller geschlichen, in den Stollen gekrochen war, die Mine betrachtet, sich dem Sprengstoff mit dem Lichte genähert, und so durch eine unerhörte Unvorsichtigkeit die Mine in die Luft gesprengt hatte – viel zu früh! viel, viel zu früh!

Von diesem »zu früh« konnte Wladimir seinen Geist gar nicht losreißen; dieses »zu früh« marterte ihn Tag und Nacht, brachte ihn fast um seinen Verstand. Als die Mine aufflog, hatte er laut aufgeschrien: »Zu früh!« Wären der Lärm, den die Katastrophe verursachte, der Tumult und das Geschrei der Menge nicht so ungeheuer gewesen, man hätte ihn hören und durch seinen Ausruf als einen der Attentäter erkennen müssen; wahrscheinlich, daß er dann von den Rasenden gelyncht worden wäre, wie das beinahe mit Sascha geschehen war.

»Zu früh, viel zu früh!« Wladimir war hingestürzt, hatte sich mit der Wut des ausbrechenden Wahnsinns zu dem Hause des Popen Bahn gebrochen und war in den Keller hinuntergetaumelt. Aber er konnte auch nichts anderes tun als rasen und verzweifeln. Natalia war ihm gefolgt und Natalia rettete ihn. Er lag auf dem Hof am Boden und schon drängten sie von der Straße herein. Da warf Natalia sich zu ihm nieder, umfing sein Haupt, drückte ihr Gesicht gegen seines und flüsterte ihm ins Ohr, daß er jetzt am Leben bleiben müsse – nicht für Tania und seinen Sohn, sondern für Rußland, für das Volk, für die Sache, für sein Prinzip, um die verlorene Schlacht durch einen herrlichen Sieg vergessen zu machen. Mit glühenden, gewaltigen Worten raunte sie ihm, von seiner Berufung zum Helden und Märtyrer: »Tröste dich! Es ist ein Glück, daß es so gekommen ist; sowohl für dich, wie für das russische Volk. Du durftest noch nicht zugrunde gehen, du mußtest noch leben bleiben, leben, weil du Größeres vollbringen sollst, als dieses gewesen wäre. Lasse dich nicht finden, lasse sie nicht auch noch diesen Triumph haben, lasse dich nicht von diesen Bestien in Stücke reißen. Denn sie sind nicht das russische Volk! Raffe dich auf, fliehe, rette dich! Geh nach Petersburg, dringe bis zum Kaiser, töte den Tyrannen, morde ihn mit eigner Hand, befreie Rußland, werde der Begründer einer neuen Zeit – du, du allein!«

So die Fanatikerin. Und Wladimir hörte auf sie, Wladimir raffte sich auf, floh mit ihr und rettete sich. Mit Natalia und Tania zusammen begab er sich nach Eskowo.

Aber auch in dem Steppendorf war er nicht sicher; wenigstens drängte ihn Natalia von dort hinweg, ins Ausland. Sie konnte ihm nicht weiter folgen und mußte bei Tania zurückbleiben; doch sie erlebte es noch, daß sein erster Brief, der an sie gerichtet war, in Eskowo ankam. Wladimir schrieb, er befände sich in Genf in vollkommener Sicherheit und mit vielen Gesinnungsgenossen zusammen. Sie hätten einen großen Plan gefaßt. Sobald der Augenblick zur Aktion gekommen, würde er mit einigen anderen – darunter ein junges Mädchen – wieder nach Rußland zurückkehren, nach Petersburg! Wladimir beschwor Natalia, noch das nächste Osterfest zu erleben.

Aber bei Natalia half keine Beschwörung mehr, selbst nicht, wenn sie von solchen mächtigen Lippen kam. Sie starb an dem Tage, an dem sie Wladimirs Brief empfing; sie starb in dem heiligen Glauben, daß der Auserwählte seine Mission erfüllen und der Messias des russischen Volkes werden würde, sie starb, ohne jede Hoffnung, daß sie, die beiden »Auferstandenen«, sich jemals in einem anderen Leben wieder begegnen könnten.

Gesegnet sei sein Andenken!

Tania segnete es; mit jedem Gedanken, den sie den Toten weihte, segnete sie das Andenken ihres Getreuen. Hätte Colja erfahren können, wie viele Tränen von den Augen seines Täubchens ihm nachgeweint wurden, er wäre der Seligste der Seligen gewesen; und zugleich hätte der Schmerz, welchen eine, die noch lebte, um ihn fühlte, seinem Geist keine Ruhe im Grabe gelassen, so daß er hätte zurückkehren müssen auf die Welt, um das Täubchen über den Tod ihres selig verstorbenen Colja zu trösten.

Tania wußte, wie er umgekommen, wo und warum er die Mine angezündet hatte und das viel zu früh! Sie wußte es, als ob sie in der Seele des Toten gelesen. Um ihretwillen war er eines Helden- und Märtyrertodes gestorben! Und Tania ahnte auch, daß das Opfer seines Lebens ein vergebliches sein würde.

Als ihr kleiner Sohn zu sprechen anfing, war das erste Wort, welches sie dem Kinde lehrte, der Name Colja; und erstaunlich, geradezu erstaunlich war es, wie schnell der Wunderknabe den Namen lernte; Colja wäre darüber in helles Entzücken geraten.

Ostern wurde gefeiert, als drei Frauen aus Moskau eine Wallfahrt nach Kasan antraten; das Mütterchen, Anuschka und die Wirtin Marja Carlowna. Das Mütterchen hatte nicht eher Ruhe gelassen, als bis die weite Wanderschaft unternommen wurde; sie hatte ein Gelübde getan, wenn ihr Grischa und Wera Iwanowna ein Paar würden, wollte sie aus Dankbarkeit zur heiligen Mutter Gottes von Kasan pilgern, Nun waren die beiden ein Paar geworden, denn Grischa war tot und tot war Wera Iwanowna, das Mädchen, welches ihr Grischa liebgehabt, lieber noch, als selbst sein altes Mütterchen, und im Himmel hatte man die Hochzeit der beiden gefeiert, mit allem himmlischen Pomp, mit allen Heiligen als Gäste. Da half kein Reden Anuschkas, daß Wera Iwanowna noch am Leben und nur zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Sibirien verdammt sei – das Mütterchen blieb dabei, daß Wera Iwanowna tot war und tot war Grischa, und die beiden Toten hatten Hochzeit gehalten, und das Mütterchen mußte zur heiligen Mutter Gottes nach Kasan. Also ging Anuschka mit dem irrsinnigen Mütterchen nach Kasan, und Marja Carlowna, bei der die beiden immer noch wohnten, ging mit ihnen, denn Marja Carlowna wollte einen Bußgang tun, und wäre am liebsten mit bloßen Füßen gegangen, durch Disteln und Dornen.

Das Gericht war noch damit beschäftigt, dem Nihilisten und geständigen Mörder Alexander Dimitritsch den Prozeß zu machen, als man ein Mädchen vor die Schranken führte, eine gewisse Wera Iwanowna aus Eskowo. Diese Wera Iwanowna war eine der Moskauer Polizei seit langem verdächtige Persönlichkeit, auf welche man nach jenem mißglückten Attentat eifrig, aber vergeblich gefahndet hatte. Plötzlich stellte sie sich selbst den Gerichten. Sie gab vor, daß Gewissensbisse sie peinigten und legte ein umfassendes Geständnis ab, Dinge über ihre nihilistische Tätigkeit aussagend, die ihre Sache zu einem nicht minder schweren Fall machten, als diejenige eines gewissen Alexander Dimitritsch war, der übrigens gleichfalls aus dem Steppendorf Eskowo kam. Wera Iwanowna klagte sich an, den Bauernaufstand in Dawidkowo erregt zu haben und die Schuld an der Ermordung des Gutsherrn zu tragen. Ferner hatte sie bei dem großen nihilistischen Putsch in der Osternacht eine Hauptrolle gespielt; sie hatte bei der Fabrikation des Dynamits geholfen und hätte das Zeichen zum Auffliegen der Mine geben sollen. Das Urteil lautete auf Transportation nach Sibirien und auf lebenslängliche Zwangsarbeit. Dieselbe Strafe erhielt der Nihilist Alexander Dimitritsch zuerteilt.

Wie Marja Carlowna alles versuchte, den Mörder Anna Pawlownas zu retten, so tat Boris Alexeiwitsch vergeblich die verzweifeltsten Schritte, um für Wera Gnade zu erwirken. Erst als er sich von der vollkommenen Hoffnungslosigkeit der Sache überzeugt hatte, verließ er Moskau. Vorher wollte er Wera noch ein letztes Wal sprechen; aber Wera weigerte sich, ihn zu sehen. Boris Alexeiwitsch ging nach Paris, wohin die Fürstin ihm folgte.

Und Ostern war es wieder – –

Noch immer war es tiefer Winter. Die ungeheure, wilde Steppe lag verschneit und vereist mit erstarrten Lebensgeistern. Nach allen Richtungen hin erstreckte es sich unabsehbar, unendlich, als würde von diesem Punkt der Erde aus die ganze Welt mit Schnee und Eis überzogen.

Wera blickte auf die trostlose Landschaft und erinnerte sich, was sie in der Osternacht vor zwei Jahren, als sie mit Sascha auf der Straße nach Eskowo wanderte, wie eine Vision vor sich erblickt hatte – die Wildnisse Sibiriens! Und in der Öde zwei einsame menschliche Gestalten, welche kettenbeladen dahinschwankten. Kettenbeladen schritt sie dahin durch die ungeheure sibirische Steppe, kettenbeladen wanderte neben ihr Sascha – kettenbeladen schwankten vor ihr und hinter ihr andere lebenslänglich Verurteilte, Männer und Frauen, darunter Greise, die dem Grabe zuwankten, Jünglinge, die das Leben eben erst begonnen.

Und Wera erinnerte sich der Stimme, die sie in jener Nacht zu hören geglaubt: »Das leiden wir für die Freiheit des russischen Volkes!« – Und fast hätte Wera laut geantwortet: »Nein, das leiden wir durch unsere Schuld! Und wir leiden es für diejenigen, die uns unsere Schuld gegeben haben.«

Aber Wera war stark. Ob das Eisengewicht an ihren Händen und Füßen sie auch beinahe zu Boden niederriß, stark war sie trotzdem, die Stärkste von allen. Und alle erkannten es, alle erhoben sich an ihrer Kraft, allen war sie Hoffnung, Trost und Zuversicht. In den sibirischen Wüsten würde Wera erfüllen, wonach sie ein so gewaltiges Verlangen getragen, was sie mit aller Macht ersehnt und erstrebt hatte: In der Gefangenschaft und Verbannung würde sie wirken, nützen, helfen und das lebenslänglich. »Ja, Wera Iwanowna – die ist stark!« Es war Sascha, der diese Worte zu einem der Verdammten über seine Freundin sprach. Er sah dabei zu ihr hinüber, und als sie ihm zunickte, lächelte er.

Um die Osterzeit war's, da kam der große Augenblick, von dem Wladimir an die sterbende Natalia geschrieben; er kam und ganz Europa, die ganze zivilisierte Welt schrie auf vor Entsetzen und Empörung: Alexander der Zweite wurde in Petersburg von den Nihilisten ermordet.

Einer der welthistorischen Mörder war Wladimir.

Er wurde mit den anderen zum Tode verurteilt und durch den Strang gerichtet. Sein letzter Gedanke war: »Daß Natalia Arkadiewna dies erlebt hätte, daß dein Sohn dich sterben sehen könnte!«

Tania überlebte das Gräßliche. Ihr Knabe erfüllte herrlich die Meinung, die Colja von ihm gehegt hatte, und half das Wunder ihres Weiterlebens vollbringen. Es heißt, die Witwe Wladimir Wassililschs dächte daran, den Sohn des großen Nihilisten für das Kloster zu erziehen. In diesem Heiligtum soll der wilde Geist Wladimirs in seinem Sohn zu einem besseren Leben auferstehen.