Marianne

Die folgenden Mittheilungen rühren von einem Poeten
her, welcher seinerzeit Einiges von sich reden gemacht, nunmehr aber, wie so mancher Andere, verschollen und vergessen
ist. Das Wenige, das er geschrieben, mag noch hie und da
im Bücherschranke eines Literaturfreundes oder in dem bestäubtesten Fache einer Leihbibliothek zu finden sein, und der Zukunft
bleibt es anheim gestellt, ob sein Name noch einmal genannt
werden wird oder nicht.

Am 15. April …

Ostern ist vorüber, theuerster Fritz, und allmälig schließen
sich die Salons der Residenz. Ach, wie oft hab' ich im Laufe
dieses Winters Deiner und der stillen Universitätsstadt gedacht,
wo Du mit einer kleinen Schaar begeisterter Hörer ganz
Deiner Wissenschaft lebtest, während ich hier von Einladungen
und gesellschaftlichen Verpflichtungen aller Art im Kreise herumgejagt, zu keiner Ruhe und Sammlung des Geistes, zu keiner
gleichmäßigen Thätigkeit gelangen konnte. Und dabei noch
das hohle ästhetische Gewäsch, die anspruchsvolle Aufgeblasenheit der Mitstrebenden und das drückende Gefühl, daß man
all' den Leuten, die Einem ihre schimmernden Prunkgemächer
öffnen, doch eigentlich nichts ist — und auch nichts sein kann!
Wenn ich so in später Nacht mißmuthig und abgespannt aus
irgend einer glänzenden Gesellschaft in meine entlegene Vorstadt
zurückkehrte, da fiel mir dieser leidige Müßiggang stets schwer
auf's Herz, und mehr als einmal nahm ich mir vor, alle Beziehungen abzubrechen, in welche ich durch meine ersten
Erfolge so plötzlich hineingerathen war. Aber um diesen Entschluß auszuführen, hätt' ich geradezu rücksichtslos sein müssen,
und da dies nicht in meinem Wesen liegt, so blieb mir nichts
übrig, als wohl oder übel bis an's Ende auszuharren. —
Doch nun will ich mit doppeltem Behagen wieder ganz mir
selbst angehören und mich gleich einer Raupe in dem kleinen
Hause der guten Frau Heidrich einspinnen, deren Sohn noch
immer als Ingenieur an der fernen Bahnstrecke weilt, wohin
er sich im vorigen Sommer mit seiner Gattin, der Tochter eines
hiesigen Kaufmannes, gleich nach der Hochzeit begeben hatte.
Alles um mich her sieht mich wieder so bekannt und vertraut
an: die Bilder an den Wänden, die vergilbten Schiller- und
Göthe-Büsten, das alle treue Tintenfaß auf dem Schreibtische
— und es weht durch meine Stube wie ein Hauch aus jenen
Tagen, wo ich noch in seliger Verborgenheit über meinen
Arbeiten saß. So hell und freundlich wie damals ist es nun
allerdings bei mir nicht mehr. Denn man hat meinen Fenstern gegenüber, an der Stelle des Holzplatzes mit den prächtigen Nußbäumen, ein hohes palastähnliches Gebäude aufgeführt, das mir Luft und Sonne nimmt; wie denn überhaupt
die weitläufige Gasse, in der es, wie Du weißt, vor einigen
Jahren noch ganz ländlich aussah, mehr und mehr durch großstädtische Wohnkasernen verengt und verdüstert wird. Doch
dafür entschädigt mich ja unser Hausgarten, welcher bis jetzt
— dem Himmel sei Dank! — der allgemeinen Bauwuth entgangen ist. Ich habe dort stets meine glücklichsten Schaffensstunden gehabt, und schon beginnt der Lenz in dem kleinen
Stückchen Natur seine ersten Reize zu entfalten. In hellem
Grün schimmert der Rasen; das Aprikosenspalier ist mit
weißen Blüthen bedeckt — selbst der alte Apfelbaum, auf
dessen Stamm ich heute einen goldbraunen Schmetterling sitzen
sah, treibt breite Knospen. Den Dir wohlbekannten verwitterten Pavillon mit dem schmalen Rohrsopha und den gebrechlichen Stühlen will ich auch diesmal wieder in Beschlag nehmen,
und so hoff' ich bald alles Versäumte nachholen und so manchem mißgünstigen Zweifler und Kopfschüttler erweisen zu
können, daß ich mein Tiefstes und Bestes noch lange nicht
gebracht!

Anfang Mai.

Nun bin ich wieder so recht in meinem Elemente! Rings
um mich her blühen Flieder und Goldregen, und fast kein
Laut menschlicher Nähe dringt in den Garten, der frisch und
duftig gleich einer weltvergessenen Oase zwischen stauberfüllten
Gassen und Gäßchen mitten inne liegt. Einige Baumwipfel
sind während der letzten Jahre so mächtig geworden, daß sie
den Horizont an vielen Stellen ganz abschließen; nur die
allernächsten Dächer kommen hie und da zum Vorschein, und
wie meilenweit entfernt ragt die Thurmspitze des Stephansdomes in den blauen Himmel hinein. Zuweilen tönt das
dumpfe Rollen eines Wagens an mein Ohr, der helle Ruf
einer Kinderstimme — dann wieder stundenlang nichts, als
das Summen wühlender Bienen und das Gezwitscher der
Sperlinge, auf welche die Hauskatze in ihrer versteckten Weise
Jagd macht. Wie wohl thut mir diese Ruhe, diese Abgeschiedenheit!

Einem Traume gleich verdämmert in mir die Erinnerung an all' die ungewohnten Zerstreuungen und
Festlichkeiten, und schaffensfroh, in holder Gleichmäßigkeit fließen meine Tage dahin. Das unselige Werk, das
mir schon so viele fruchtlose Mühe, so viele herbe Qualen
und Zweifel bereitet, wächst allmälig seiner Vollendung entgegen; alte, längst aufgegebene Entwürfe treten wieder mit
frischem Reiz an mich heran und neue Ideen leuchten in mir
auf. Was brauch' ich mehr, um glücklich zu sein?! Nur Du
fehlst mir, Theuerster, und ich möchte, wie einst, die Abendstunden mit Dir in der traulichen Weinlaube verplaudern
können. Statt dessen unternehme ich nun hin und wieder nach
gethaner Arbeit einen einsamen Spaziergang; zumeist vor den
nahen Linienwall hinaus, wo die schweigenden Friedhöfe liegen
und das Arsenal in ernster, düsterer Pracht aufragt. Dort
schreit' ich hinan zu dem alten Wahrzeichen, zur „Spinnerin
am Kreuz“, lasse die Blicke über die weithin ausgedehnte
Stadt bis zu den grünen Höhen an der Donau schweifen;
sehe die Sonne versinken und vom Bahnhof aus lange Züge
dem schönen Süden zubrausen. Wenn ich dann in der Dämmerung heimkehre und wieder die menschenvollen Gassen betrete; wenn ich die Kinder gewahre, die vor den Thüren
spielen oder mit ängstlicher Vorsicht das Abendbrod aus den
nächsten Schenken und Kramläden nach Hause tragen, und
vorüberkomme an den dicht belagerten Brunnen, wo Bursche
und Mägde mit einander schäckern, während die Arbeiter aus
den Fabriken strömen, Taglöhner mit Gesang den Bau verlassen und von Zeit zu Zeit eine stolze Carosse mit geputzten
Herren und Frauen durch das abendliche Gewühl rollt: da
durchschauert es mich wundersam. Ich fühle mich mit Allem,
was da lebt und athmet, so innig verwachsen und Eins —
und doch wieder so erdenfremd, so emporgehoben über das
Treiben und Trachten, über die Sorgen und Hoffnungen, über
die Leiden und Freuden dieser Welt!

Ende Mai.

„Wer sich der Einsamkeit ergiebt, ist bald allein,“ singt
Göthe's Harfner. In gewissem Sinne ist es wahr; aber
eigentlich hab' ich mein Leben lang gerade das Gegentheil erfahren. Denn so oft ich jeden Verkehr abgebrochen hatte und
mich durch die Umstände wohl verschanzt und geborgen glaubte,
traten auch bald wieder Ereignisse ein, die mich, entweder
rasch und gewaltsam, oder leise und unmerklich zur Geselligkeit zurückführten. So ist auch jetzt mein still vergnügtes
Dasein nicht mehr ganz so einsam und abgeschieden, wie ich
es mir für diesen Sommer erwarten durfte. Der Sohn des
Hauses ist nämlich mit seiner Frau, die eben erst Mutter geworden, und dem sechsjährigen Töchterchen eines verstorbenen
Amtscollegen hier eingetroffen. Er hat seine Aufgabe an der
Strecke gelös't und wird nun wieder im Bureau verwendet.
Da ging es sogleich lebhaft und geräuschvoll in meiner Nähe
zu. Kisten und Kasten waren abgeladen worden; man brachte
a llerlei Möbel und Geräthschaften zum Lüften und Scheuern
in den Hof, und in den Garten kam die Kleine gelaufen, wo
sie alsbald daran ging, den letzten Fliederschmuck zu verwüsten.
Ich räumte ihr das Feld und begab mich hinauf in meine
Stube. Und je länger ich dort alle muthmaßlichen Folgen
dieses Zwischenfalles erwog, desto gewisser schien es mir, daß
nun meine ungestörten Tage gezählt seien. Aber meine Phantasie hatte wieder einmal zu schwarz gesehen. Denn sobald
Alles unter Dach und Fach gebracht war, kehrte auch die frühere Ruhe in's Haus zurück und man bemerkt jetzt kaum, daß
es einen Zuwachs an Bewohnern erhalten. Heidrich, dessen
heiteres, offenes Wesen Dir noch in guter Erinnerung sein
wird, geht schon des Morgens seinen Berufsgeschäften nach,
und Frau Louise, eine hochgewachsene schmächtige Brünette,
wird ganz von der Wartung und Pflege ihres Knäbleins in
Anspruch genommen, das seit seiner Geburt hoffnungslos dahin
kränkelt. Zuweilen bringt sie den armen Wurm auf eine
Stunde in den Garten herab, damit er etwas Luft und Sonnenschein genieße. Dann ist es gar rührend mit anzusehen,
wie die junge Mutter seinen Schlaf überwacht und ihm, wenn
er die Augen aufschlägt, ein Zweiglein oder eine Blume entgegenhält, damit er nur ein wenig lächle und mit den abgezehrten Händchen danach lange. Auch die kleine Erni, welche
im Hause erzogen wird, stört mich nicht. Sie besucht eine
nahe Schule, und da ich die Kinder seit jeher geliebt, so mag
ich es gerne leiden, daß das muntere pausbäckige Geschöpfchen
in den Erholungsstunden um mich herumspringt und zutraulich in meinen Büchern und Schriften kramt. Des Abends
pflegt sich die ganze Familie unter dem Vorsitze der alten Frau,
welche früher nur selten das Zimmer verlassen hatte, in der
Weinlaube zum Vesperbrode zu versammeln. Manchmal geselle auch ich mich dem kleinen Kreise und erfreue mich am
Anblick eines Glückes, das ich so oft für mich selbst ersehnt.
Unlängst erschien auch eine jüngere Schwester der Frau Louise;
ein hübsches, schlankes, kaum den Kinderschuhen entwachsenes
Mädchen. Ein stattlicher Jüngling, begleitete sie; er soll bereits ihr Verlobter und der Sohn eines wohlhabenden Fabrikherrn
aus der Umgegend sein. Eine andere Schwester ist, wie ich höre,
in der Provinz verheirathet. — Und so bin ich, siehst Du,
wieder schlichten Menschen nahegerückt worden, wie sie mich
stets am meisten angezogen und bei denen mir das Herz aufgeht, während ich der literarischen sowohl, als auch der vornehmen Welt gegenüber, eine gewisse Scheu niemals habe los
werden können.

Am 18. Juni.

Ich wollte, Du könntest jetzt den Garten sehen! Die
beiden alten Rosenbüsche am Eingang, die in den letzten Jahren nicht mehr hatten treiben wollen, scheinen plötzlich wieder
jung geworden zu sein: denn sie stehen über und über in
Blüthen und Knospen und senden, von einem Heer goldgrüner
Käfer umschwärmt, ganze Wolken von Wohlgeruch in die heiße
zitternde Luft. In den Beeten blüht es gelb, blau und roth;
Lilien haben ihre weißen Kelche erschlossen, und dabei blitzt
und funkelt der goldene Sonnenschein mit den wunderbarsten
Lichtern und Reflexen auf dem Rasen und in dem üppigen
Grün der Wipfel, daß Einem vor seliger Sommerfreude das
Herz im Leibe lacht. Was aber dem Allem den letzten, abschließenden Zauber verleiht: das ist ein holdes Wesen, das
nun, halb Frau, halb Jungfrau, fast täglich im Garten erscheint und sich inmitten des traumhaften Blühens und Leuchtens wie eine Märchengestalt ausnimmt. Du lächelst, Lieber?
Ach, lies nur weiter und sieh, welch' ein seltsamer Zustand
die Seele Deines Freundes überkommen hat. —

Pfingsten, das Weihefest des Sommers, war herangerückt.
Tags zuvor hatte ich mich nach Tisch länger als sonst in meiner Stube verweilt; um es nur zu gestehen: ich war über
dem Werke eines neu aufgetauchten Poeten ein wenig eingedämmert. Als ich später hinabging und den Hof durchschritt,
klang mir aus dem Garten eine fremde weibliche Stimme entgegen. Behutsam näherte ich mich dem Gitter und blickte durch
das dichte Laubwerk hinein. Welch' ein lieblicher Anblick bot
sich mir dar! Auf dem mittleren Rasenplatze, unter dem alten
Apfelbaume, stand ein schlankes jugendliches Frauenbild und wiegte
das Knäblein der Gattin Heidrichs, welche mit Erni auf einer
nahen Bank saß, in den Armen. Der Sonnenstrahl, der
durch die Zweige brach, umschimmerte ihr dunkelblondes Haar
und ihr rosiges Antlitz, das sie mit schalkhafter Zärtlichkeit zu
dem blassen, verfallenen Gesichtchen des Kleinen hinabneigte.
Sie gab ihm die wunderlichsten Schmeichelnamen, küßte ihn,
und fing endlich, indem sie ihn mit reizender Geberde gegen
die Brust drückte, ein leichtes Getänzel an, wobei zwei schmale,
längliche Füßchen unter dem Saume ihres hellfarbigen Kleides
zum Vorschein kamen. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt
stehen und eine dunkle Röthe schoß ihr in's Gesicht. Sie
mußte offenbar den Späher bemerkt haben, und schon im nächsten Augenblick war sie auf Frau Louise zugeeilt und hatte
ihr das Kind in den Schooß gelegt. Nun überkam mich eine
sonderbare Verlegenheit; ich wußte nicht, ob ich mich zurückziehen,
ob ich eintreten sollte. Endlich entschloß ich mich zu letzterem
und ging rasch, wie um etwas zu holen, an den Frauen vorüber. Als ich mich gleich darauf mit einem Buche unter dem
Arme wieder entfernen wollte, hielt mich Frau Louise mit den
Worten an: „Wohin so eilig? Bleiben Sie doch ein wenig
bei uns.“ Und mit einer Handbewegung fügte sie hinzu:
„Herr A. — meine Schwester Marianne.“ Diese aber, nachdem sie sich, noch immer flammend und verwirrt, ohne mich
anzusehen, leicht verneigt hatte, langte ein rundes Hütlein
herab, das an einem Baumzweige hing, stülpte es auf den
Kopf und zog die Handschuhe an. „Wie, Du willst schon
wieder fort?“ fragte Frau Louise erstaunt. „Ja, mein Mann
erwartet mich —“ und schon hatte das anmuthige Geschöpf
den Sonnenschirm ergriffen und die Schwester und die Kinder
zum Abschied geküßt. „Also morgen, wie verabredet,“ rief
noch Frau Louise, während die Andere mit einem hastigen
Zeichen des Einverständnisses aus dem Garten eilte. Ich sah
ihr nach wie im Traum. Frau Louise aber wandte sich
lächelnd zu mir und sagte: „Wie Sie meine Schwester erschreckt haben! Seltsam, sie war doch sonst nicht so menschenscheu. Sollte sie es in der Provinz geworden sein?“

„Das ist also die Schwester, von der Sie mir sagten,
daß sie in der Provinz verheirathet sei?“ fragte ich, noch immer
ganz verloren.

„Allerdings, dieselbe. Ihr Mann will sich jetzt, einer
industriellen Unternehmung wegen, hier ansäßig machen. Sie
sind gestern eingetroffen und im Gasthof abgestiegen; später
werden sie in unserer Nähe eine Wohnung beziehen.“

„Und wie lange ist Ihre Schwester schon verheirathet?“

„Seit fünf Jahren. Aber sie sieht noch immer so jugendlich und mädchenhaft aus, wie an dem Tage, wo sie mit
Kranz und Schleier an den Altar trat. Wer würde denken,
daß sie älter ist als ich? Freilich hat sie keine Kinder;“
und dabei sah Frau Louise mit leichtem Erröthen auf das Knäblein
nieder, das inzwischen in ihrem Schooße eingeschlummert war.

Ich erwiederte nichts und spielte sinnend mit den krausen
Locken Erni's, die sich an mich geschmiegt hatte.

„Wir haben uns beide, wie jetzt Emilie, rasch zur Ehe
entschlossen,“ fuhr Frau Louise fort; „denn wir bekamen eine
Stiefmutter in's Haus, die uns Mädchen das Leben recht
sauer machte. Namentlich hatte Marianne viel von ihr zu
leiden, weil sie durch ihr liebenswürdiges Wesen alle Herzen
anzog. Sie glauben gar nicht, wie heiter, wie erlustigend sie
sein kann! Ich bin glücklich, sie wieder hier zu haben, und
wir beabsichtigen, uns gleich morgen zur Feier ihrer Ankunft
einen fröhlichen Pfingstsonntag zu machen. Wir wollen im
Garten zu Mittag essen und uns dann vergnügen, wie wir
können und mögen. Emilie und ihr Verlobter nehmen auch
Theil; wenn es Ihnen angenehm ist, unser Gast zu sein, so
werden Sie uns Alle sehr erfreuen und — wie ich hoffe —
meine Schwester nicht mehr so verlegen und zurückhaltend
finden.“

Ich war immer nachdenklicher geworden und ein dumpfer
Schmerz hatte sich um mein Herz gelegt. Aber bei dem Gedanken, die junge Frau morgen wieder zu sehen, drängte sich
ein stiller Jubel durch die Beklommenheit meines Inneren.
Ich nahm die Einladung freudig an und verbrachte den Rest
des Tages voll süßer Unruhe, die mich auch des Nachts in
halbwachen Träumen verfolgte, so daß ich erst gegen Morgen
fest einschlief. Als ich erwachte und an's Fenster trat, stand
die Sonne schon hoch. Es war ein prachtvoller Pfingsttag.
Hell und blau spannte sich der Himmel über den funkelnden
Dächern aus und lustig zwitschernd schossen die Schwalben
hin und her. In den Gassen herrschte feierliche Stille; hier
und dort traten schmuck gekleidete Frauen und Mädchen mit
Gebetbüchern in der Hand aus den Häusern, während wohl
ein großer Theil der Bevölkerung schon mit dem Frühesten
das Weichbild der Residenz hinter sich gelassen und die grünen
Fluren und Höhen, die rauschenden Wälder der Umgegend
aufgesucht hatte. Auch ich nahm Hut und Stock und verließ
das Haus. Die Aquarelle und Zeichnungen Genelli's waren
eben zur öffentlichen Ausstellung gelangt; ihnen wollt' ich den
langen Vormittag widmen. Aber die Gestalten und Intentionen des genialen Künstlers, welcher so eigenthümlich nach
Schönheit gerungen hatte, waren nicht im Stande, meinen
Geist zu fesseln. Das Bild Mariannens stieg beständig vor
mir auf und verknüpfte sich mit einer unsicheren Vorstellung
von ihrem Gatten, welchen kennen zu lernen ich eine geheime
Scheu trug. So verließ ich, zerstreut, wie ich gekommen, das
Ausstellungsgebäude und schritt, da es noch immer nicht Mittag war, eine Zeit lang in der Ringstraße auf und nieder.
Ich hatte die Stadt schon lange nicht mehr betreten, und
fremd und kalt mutheten mich die stolzen Palastreihen an;
fremd und kalt wie die Menschen, die heute stiller und weniger zahlreich als sonst an mir vorüber kamen.

Als ich endlich wieder nach Hause zurückgekehrt war, fand
ich die kleine Gesellschaft bereits im Garten versammelt. Erni
sprang mir sogleich entgegen und ich näherte mich grüßend
der Mutter Heidrichs, welche unter den blühenden Alazien an
der Feuermauer des Nachbarhauses saß, während die beiden
jungen Frauen in einiger Entfernung den Tisch deckten. Frau
Louise lächelte mir freundlich zu; Marianne aber fuhr, ohne
aufzublicken, in ihrer Beschäftigung fort. Nun trat das Liebespaar Hand in Hand aus der Laube und auch Heidrich
kam mit seinem Schwager heran, den er Dorner nannte. Es
war ein großer, hagerer Mann in den ersten Dreißigen mit regelmäßigen, aber harten Gesichtszügen, bei deren Anblick ich eine
wohlthuende Erleichterung empfand. Ich wechselte mit ihm
einige Worte und dann irrte mein Blick unwillkürlich nach
seiner Frau, die sich jetzt, halb von uns abgewandt, mit einem
großen Blumenstrauße zu schaffen machte, der für die Tafel
bestimmt schien. Sie trug diesmal ein weißes, bis an den Hals
hinauf geschlossenes Kleid, das die jungfräuliche Zartheit ihrer
Formen reizvoll hervortreten ließ. Ein breites, hellgrünes
Seidenband umgürtete, nach rückwärts geknüpft, ihren schlanken
Leib; ein schmäleres von gleicher Farbe hielt die Fülle des
Haares zusammen, das ihr, tief in die kleine Stirne hinein
gescheitelt, amnuthig Haupt und Nacken umquoll. Als wir
zu Tisch gingen, sollte ich neben ihr meinen Platz erhalten;
aber Erni verlangte durchaus bei Tante Marianne zu sitzen,
und da sich Heidrich bereits dieser zur Linken niedergelassen
hatte, so kam ich dem Wunsche des Kindes entgegen, indem
ich mich rasch auf die andere Seite neben Frau Louise begab.
Nun hatte ich sie mir gegenüber und ihr Antlitz vor Augen,
in welchen mir erst jetzt die Aehnlichkeit mit dem ihrer Schwester Emilie auffiel. Aber die Züge dieses jungen Mädchens
erschienen in unangenehmer Deutlichkeit neben jenen Mariannens, welche von einem weichen, vermittelnden Schmelz überhaucht waren, wie er die Frauenköpfe Greuze's kennzeichnet,
hier jedoch von einer fast kindlichen Frische des Colorits durchleuchtet wurde. Ihr Blick wich dem meinen aus; schweigend,
aber mit inniger Sorgfalt legte sie der Kleinen an ihrer Seite
von den Speisen vor und lächelte, während sie selbst zierlich
und flüchtig aß, still zu den heiteren Bemerkungen, welche ihr
Nachbar zur linken aufmunternd an sie richtete. Nach und
nach wurde sie gesprächiger, wozu wohl der feurige Ungarwein,
der in kleinen Gläsern gereicht worden war und von dem sie
mehrmals genippt hatte, mochte beigetragen haben. Eine süße
Selbstvergessenheit schien sie allmälig zu überkommen; ihre
großen dunklen Augen begannen zu funkeln und mit heller
Stimme und fröhlichem Lachen erwiederte sie die Scherze Heidrichs, dessen Munterkeit ebenfalls mehr und mehr zunahm.
Und als der junge Mann nach beendeter Mahlzeit sich plötzlich erhob und ein gemeinsames Spiel vorschlug, da sprang
auch sie auf und blickte, indem sie zustimmend in die Hände
klatschte, erwartungsvoll vor sich hin. Die Andern, selbst die
alte Frau, folgten ihrem Beispiele; nur Dorner, der über
Tisch ein fast verletzendes Schweigen beobachtet hatte, blieb
sitzen. „Ich bin kein Freund von solchen Dingen“, sagte er
und blies den Rauch seiner Cigarre in die Luft. „Ich will
den Zuschauer machen.“ Indessen war schon allerlei
in Vorschlag gebracht worden; allein die erregte Gesellschaft
fand nichts lebhaft, nichts erlustigend genug. Endlich nannte
Jemand „blinde Kuh“, und unter allseitigem Beifall entschloß
man sich rasch zu diesem tollen Spiele. Ein Tuch wurde gebracht;
man verband den Verlobten Emilien's, als dem Ersten, den
das Loos getroffen, die Augen und das gegenseitige Fliehen
und Haschen begann. Mir war dabei ganz eigenthümlich zu
Muthe; Erinnerungen aus längstvergangenen Zeiten tauchten
in mir auf, und während ich mich im Ganzen mehr betrachtend,
als theilnehmend verhielt, erfreute ich mich an den Bewegungen der jugendlichen Gestalten, an dem Jubel des Kindes und
der erzwungenen Rührigkeit der Matrone. Ueberaus lieblich
aber war Marianne anzusehen, wie sie in ihrem weißen Gewande mit glühenden Wangen umherflatterte und die Geblendeten mit holder Ausgelassenheit neckte, bis sie endlich selbst
gefangen wurde. Nachdem man ihr die Binde um die Augen
gelegt hatte, blieb sie noch eine Weile, tief aufathmend, mit
ausgebreiteten Armen stehen; dann aber schoß sie pfeilschnell
gleich einer Libelle im Zick-Zack bald hiehin, bald dorthin.
Bei diesen anmuthigen Haschversuchen war sie endlich auch mir
nahe gekommen; schon fühlte ich die Berührung ihrer Hände
— als sie plötzlich, unter dem Tuche bis zum dunkeln Carmin
des Pfirsichs erröthend, von mir abließ und mit einer raschen
Wendung ihren Schwager zu fassen bekam, der ihr wohl nicht
ganz ohne Absicht in die Arme lief. Während ihm die Augen
verbunden wurden, sagte er, die Frauenzimmer möchten sich
jetzt in Acht nehmen; denn er wäre gesonnen, keine von ihnen
ohne herzhaften Kuß wieder loszulassen. Marianne schien
sogleich verstanden zu haben, auf wen diese Rede eigentlich
gemünzt war; denn sie legte bedeutsam den Finger an den
Mund und huschte lautlos an das äußerste Ende des Gartens.
Der Schalk aber, dem die Binde nicht allzu fest sitzen mochte,
bewegte sich zum Schein noch ein wenig zwischen den Uebrigen
hin und her; dann eilte er ihr nach, und da er, wie man
bemerken konnte, recht wohl sah, so hatte die junge Frau Mühe,
seinen Nachstellungen zu entkommen. Aber es gelang ihr doch,
im entscheidenden Momente auszubiegen und, indem sie ein
paar Blumenbeete und eine niedere Hecke von Stachelbeerstauden übersprang, in den Kreis zurückzulaufen. Dort angelangt,
erblaßte sie plötzlich, griff mit beiden Händen zum Herzen,
wankte und fiel wie leblos zu Boden. Alles stürzte erschrocken
auf sie zu; man löste ihr den Gürtel und benetzte ihre Schläfen mit Wasser. Sie kam auch alsbald wieder zu sich, fuhr
mit der Hand über die Stirne und ließ sich, matt und kraftlos wie sie war, nach dem Pavillon bringen, der sich hinter
den Frauen und Dorner schloß; so daß nur ich, die beiden
jungen Männer und das vor Entsetzen noch immer ganz
sprachlose Kind draußen zurückblieben, Heidrich, der sich als
Urheber dieses peinlichen Vorfalles ansah, zeigte sich sehr ängstlich und aufgeregt; nach einer Weile jedoch trat seine Frau
mit beruhigendem Lächeln aus dem Pavillon. „Sie fühlt sich
wieder ganz wohl“, sagte sie mit leiser Stimme, „und will
jetzt nur ein Bischen schlummern.“ Auch die Anderen kamen
mit heiterer Miene heraus; nur Dorner, dessen erste Bestürzung sich schon früher rasch in Aerger und Verdruß aufgelöst
zu haben schien, zog ein finsteres Gesicht und murmelte unverständliche Worte in den Bart. Eine langsame, erwartungsvolle Stunde verstrich. Endlich öffnete sich die Thüre des
Pavillons und Marianne erschien auf der Schwelle. Sie sah
zwar noch immer etwas blaß aus; aber sie versicherte, daß
Alles vorüber sei und schnitt jede besorgte Frage, sowie die
Entschuldigungen ihres Schwagers mit scherzenden Worten ab.
Trotzdem wollte sich die frühere Behaglichkeit nicht mehr in
dem kleinen Kreise einstellen, und nachdem man bei herannahender Dämmerung einige Erfrischungen genommen hatte,
sah Dorner nach der Uhr und mahnte zum Aufbruch, da es
spät sei und Emilie noch nach Hause gebracht werden müsse.
Marianne stand auf, umarmte ihre Schwester und nahm den
Arm ihres Gatten, worauf auch die Verlobten sich empfahlen
und beide Paare den Garten verließen. Wir Hausgenossen
verweilten noch kurze Zeit beisammen; dann gingen die Frauen
mit Erni hinauf, Heidrich folgte ihnen bald und ich blieb allein
zurück. Eine laue, mondlose Nacht breitete sich allmälig über
die Wipfel. Geheimnißvoll schimmerten die Akazienblüthen;
eine Fledermaus huschte mit leisem Fluge durch den Garten;
von draußen herein scholl der Gesang fröhlich heimkehrender
Menschen. Ich erhob mich und schritt langsam die verschlungenen Pfade auf und nieder. Die Eindrücke des durchlebten
Tages wirkten mit stiller Macht in mir nach, und es war mir,
als säh' ich das weiße Kleid Mariannen's durch die Büsche
leuchten und über den dunklen Rasen hinflattern. Endlich
ging ich in den Pavillon, dessen Thüre nur wenig offen stand.
Ein leichter Duft war im Raume verbreitet. Ich trat an das
Sopha, wo die junge Frau geschlummert haben mußte; als
ich mich darauf niederließ, faßte meine Hand etwas Glattes,
Knisterndes: es war das Band, das sie in den Haaren getragen. Eine süße Müdigkeit überkam mich; ich streckte mich
aus — und eh' ich mich dessen versehen hatte, war ich, die kühle,
duftende Seide zwischen Hand und Wange, eingeschlafen. —

Am anderen Vormittage saß ich im Schatten der Laube.
Ich hatte ein Buch vor mir; aber ich las nicht, sondern blickte
hinaus in den goldenen Sonnenschein. Weiße Falter flatterten um die Blumen; ferne Glockenklänge zitterten durch die
Luft; in den Zweigen des Apfelbaumes sang eine Meise, die
sich vom Belvedere herüber verirrt haben mochte. Plötzlich
war es mir, als vernähme ich leichte, zögernde Tritte und das
Rauschen eines Kleides. Ich erhob mich und stand Mariannen
gegenüber, die am Eingange der Laube erschien und ihre reizende Verlegenheit bei meinem Anblick hinter dem aufgespannten
Sonnenschirm zu verbergen trachtete. „Entschuldigen Sie,“ sagte sie
mit unsicherer Stimme, „ich dachte — ich suche meine Schwester — “

„Ihre Schwester ist heute noch nicht herabgekommen. —
Aber es scheint, Frau Dorner, ich habe Sie wieder erschreckt“,
fuhr ich fort, da ich sah, daß sie noch immer nach Fassung rang.

„Wieder?“ fragte sie und sah mich an.

Das Wort war mir unwillkürlich entschlüpft. „Ich glaube
wenigstens, es schon einmal gethan zu haben; vorgestern, als
Sie unter jenem Baume standen —“

Ein Lächeln kräuselte flüchtig ihre Lippen. „Ach ja!“
sagte sie leichthin. „Wie thöricht von mir, so plötzlich davon
zu laufen! Louise hatte mir ja schon von Ihnen gesprochen.
— Doch dafür hab' ich Sie gestern auch erschreckt.“

„Mehr als das. Sie glauben gar nicht, wie uns Allen
zu Muthe war, als Sie so plötzlich zu Boden stürzten. Aber
ich sehe, dieser Unfall hat keine weiteren Folgen gehabt;“ und dabei
blickte ich ihr in's Antlitz, das wieder ganz frisch und rosig aussah.

„Es war ja nichts von Bedeutung, Ich hatte gegen
meine Gewohnheit Wein getrunken. — Auch war ich recht
ausgelassen,“ setzte sie etwas kleinlaut hinzu.

„Vielleicht; aber nur wie es Kinder zu sein pflegen.
Wahrlich, Frau Dorner, wenn man nicht wüßte, daß Sie
verheirathet sind —“

„So würde man mich nicht dafür halten,“ vollendete sie
ganz unbefangen, da ich mitten in der Rede abbrach. „Mir
ist oft selbst so zu Muthe!“ Und es klang wie ein leiser
Seufzer durch diese Worte, die scherzhaft gesprochen waren.
„Aber,“ fuhr sie mit plötzlichem Ernste fort, „ich muß jetzt
meine Schwester aufsuchen.“ Und mit einer Verneigung wollte
sie sich entfernen.

„Noch einen Augenblick!“ bat ich. „Sie haben gestern
im Pavillon Etwas vergessen.“ Und ich reichte ihr das grüne
Band, das ich bei mir trug. Sie warf erröthend einen Blick
darauf, nahm es mit einem dankenden Kopfnicken an sich und
verließ, rasch und anmuthig schreitend, den Garten. —

Und nun kommt sie, wie gesagt, fast täglich; zumeist in
den frühen Nachmittagsstunden. Dann sitzt sie arbeitend in
der Laube oder spielt mit Erni, welche mit der Leidenschaftlichkeit der Kinder an ihr hängt. Auch hilft sie ihrer Schwester
das Knäblein betreuen, wobei sie fast noch mehr Zärtlichkeit
und Sorgfalt an den Tag legt, als die Mutter selbst. Eine
wahre Freude aber ist es, wenn sie auch beim Abendessen
bleibt; denn sie weiß dann durch allerlei Scherz und eine köstliche Plaudergabe stets die heiterste Stimmung hervorzurufen.
Nur in Gegenwart ihres Gatten, der meistens, um sie abzuholen, ziemlich spät erscheint, ist sie stiller und schweigsamer.
Denn man kann deutlich merken, daß er nach Art trockener
und halbgebildeter Menschen, ihr munteres und offenes Wesen
als etwas Unziemliches empfindet und dasselbe, sowie die
holde, echt weibliche Beschränktheit, welche Marianne in gewissen Dingen verräth, für Thorheit und Mangel an Verstand
ansieht. So hatte er unlängst ein Kartenspiel (die einzige
Unterhaltung nach seinem Geschmacke) in Vorschlag gebracht,
bei welchem Jeder die Augen seiner Karten zu zählen hatte.
Marianne konnte damit nie rasch genug zu Stande kommen
und mußte oft die Spitze ihres Zeigefingers zu Hilfe nehmen,
bis ihr endlich Dorner mit der Bemerkung: sie solle doch wenigstens zählen lernen, die bemalten Blätter ziemlich unsanft
aus der Hand nahm und auf den Tisch warf. Ich zuckte zusammen; Marianne schwieg; nach und nach aber kam eine
glühende Schaamröthe in ihrem Antlitz zum Vorschein. Auch
die Anderen waren betroffen und eine peinliche, unerquickliche
Stimmung blieb zurück. Ueberhaupt wirkt die Anwesenheit
Dorners stets lähmend und niederdrückend auf Alle: es wagt
sich Niemand mit einem freien, fröhlichen Worte hervor.
Selbst die Hauskatze, welche jeden Abend, um ein paar Bissen
zu erhaschen, schnurrend den Tisch umkreist, ergreift bei seinem
Erscheinen augenblicklich die Flucht, weil er gleich das erste
Mal mit dem Stocke nach ihr geschlagen hatte. — Wenn die
lebensfrohe junge Frau beim Abschied den Arm des harten,
finsteren Mannes nimmt und dabei manchmal mit ihren wunderbaren Augen nach mir zurückblickt: da, Theuerster, zieht
sich mein Herz immer schmerzlich zusammen und es ist mir
oft, als sollt' ich aufspringen und ihm das süße Geschöpf von
der Seite reißen, für dessen Zauber seine schwunglose Seele
so wenig Verständniß hat!

Ende Juni.

Du meinst, ich sei im besten Zuge eine Thorheit zu begehen und
mich ernstlich in die junge Frau zu verlieben. Und wenn dies der
Fall wäre? Wenn ich — aber fürchte nichts, Guter! Du solltest doch
wissen, daß ich an Entsagung gewöhnt bin; ja noch mehr: ich
habe — so seltsam dies auch klingen mag — bereits gelernt, entsagend zu genießen. Und es ist gut, daß es so ist; denn
sonst — — Höre nur, was sich zwischen uns Beiden ereignet hat.

Als ich gestern nach Tisch wie gewöhnlich in den Garten
kam, fand ich Marianne mit den Kindern allein. Sie hatte
sich, da über der Laube noch die volle Junisonne brannte, auf
der Bank bei dem dichten Hollundergebüsch niedergelassen,
welches mit dem nahen Pavillon im Schatten lag. Ihr zu
Füßen saß Erni, in eifrige Betrachtung einer zierlichen Stickerei
der Tante versunken; auf der andern Seite schlummerte das
Knäblein im Wiegenkorbe, mit einem Fliegenschleier bedeckt.
Marianne las in einem Büchlein, das sie, kaum meiner ansichtig geworden, bei Seite brachte und unter ein Tuch schob,
in welchem ich aber mit dem Scharfblicke des Autors sogleich
eine kleine Erzählung erkannte, die ich vor Jahren geschrieben.
Als ich grüßend an die junge Frau herantrat, sagte sie, daß
die Andern eines dringenden Besuches wegen das Haus verlassen und sie gebeten hätten, einstweilen über den Kindern
zu wachen. „Ich thu' es gern“, fuhr sie fort, indem sie die
Hand schmeichelnd auf das Haupt Erni's legte, „Erni ist mein
gutes, braves Mädchen, und den armen Kleinen dort lieb' ich,
als wär' er mein eigenes Kind.“ Sie erröthete bei diesen
Worten und hob vorsichtig ein Ende des grünen Schleiers
empor. „Sehen Sie nur, wie sanft, wie ruhig er heute schläft,
wie lieblich er trotz seiner Blässe aussieht! Aber ich fürchte,
Louise wird ihn nicht aufbringen.“ Und dabei ließ sie traurig
wieder den Flor sinken.

Ich hatte mich neben ihr auf die Bank gesetzt und wir
sahen eine Zeit lang schweigend in das sonnige Weben und
Wallen hinein.

„Ich habe bis jetzt gelesen,“ sagte sie endlich und zog in
holder Verschämtheit das schlichte Bändchen hervor.

Was blieb mir übrig, als mich überrascht zu stellen.
„Wie, Sie lesen mein Buch?“ fragte ich also.

„Ja, und nicht zum ersten Male. Es zieht mich immer
von Neuem an, — Sie verwundern sich? Sie hätten mir
nicht zugetraut — “

„O nicht doch — nicht so, Frau Dorner! Ich meinte
nur — es ist eine gar zu stille, traurige Geschichte.“

„Eben deßhalb gefällt sie mir. Ich bin nicht immer so
fröhlich, wie Sie mich zu sehen pflegen. Ich habe auch meine
trüben Stunden, und mir ist eigentlich stets am wohlsten, wenn
ich still für mich allein sein und meinen Gedanken nachhängen
kann. Nur unter Menschen überkommt es mich. —“

„Dann ist es doch nur die Heiterkeit Ihrer innersten
Natur, was sich da Bahn bricht.“

„Meinen Sie?“ sagte sie nachdenklich.

„Gewiß. Und die Menschen sollten sich glücklich schätzen,
daß sie so sprühende Lebensfunken in Ihnen zu wecken vermögen.“

Sie schüttelte leicht das Haupt. „Nun, ich habe meistens
nur Tadel und Verweise zu hören bekommen. Von meinen
Eltern und Lehrern, von —“ sie unterbrach sich. „Ich glaube,
man hat mich seit jeher für leichtsinnig und einfältig gehalten“,
setzte sie mit gedämpfter Stimme hinzu.

„O wer könnte, wer dürfte so urtheilen“, sagte ich warm.

Sie schien diesen Einwurf nicht zu beachten und fuhr, an
ihre letzten Worte anknüpfend, mit gesenktem Haupte fort.
„Vielleicht bin ich's auch. Kinder- und Mädchenjahre sind
mir wie im Traume vergangen; selbst der Tod unserer Mutter, die uns freilich schon sehr früh entrissen wurde, hat mich
nicht besonders schmerzlich ergriffen; es war mehr ein geheimes
Grauen, was ich dabei empfand. Jedes Spielzeug, das ich
erhielt, jedes neue Kleid, jeder Ausflug auf's Land, ein jedes
Fest, bei welchem ich getanzt hatte, ließ mich noch lange nachher
alles Andere vergessen, so daß ich gar nicht darauf achtete,
was um mich her in der Welt vorging. Und auch jetzt ist es
noch so. Wenn ich oft andere Frauen von Dingen reden höre,
die mir ganz fremd sind, da fühle ich immer, wie weit ich
zurückgeblieben bin und schäme mich meiner Unwissenheit,“

„Mit Unrecht“, rief ich aus, überwältigt von der schlichten Erhabenheit dieses Geständnisses, „mit Unrecht, Frau Dorner! Denn es ist Ihnen dafür jene Ursprünglichkeit bewahrt
geblieben, die an Ihrem Geschlechte mehr entzückt als alle
Kenntnisse der Erde.“

Sie sah mich zweifelnd an „Wie? das sagen Sie, ein
Gelehrter — ein Dichter?“

„Warum nicht? Gerade wir, deren Dasein ganz in geistiger Thätigkeit aufgeht, werden von den Kundgebungen einer
unbewußten Natur im Tiefsten erquickt. Glauben Sie mir,
alles Wissen ist werthlos, wenn es nicht von einer mächtigen,
eigenthümlichen Empfindungsweise getragen und durchdrungen
wird, während ein tiefes Gemüth, ein warmes Herz jeder
Formel entrathen kann: denn es überzeugt und gewinnt, indem
es sich einfach im Thun und Lassen ausspricht. — Und
Sie besitzen ein solches Gemüth, ein solches Herz, Frau Marianne!“

Sie erwiederte nichts und brachte nur langsam die Hand
vor die Brust.

„Und auch Gefühl und Verständniß für so Manches, das
unbeachtet und ungekannt an Ihnen vorüber zieht, liegt in
Ihrem Wesen“, fuhr ich fort. „Aber es hat noch Niemand
das lösende Wort zu sprechen gewußt, und so blieb Ihrem
Sinne bis jetzt die Bedeutung des Lebens verschlossen und all
Ihr innerer Reichthum Ihnen selbst ein Geheimniß.“

„Es ist wahr“, sagte sie, kaum vernehmlich, „ich fühle
mich oft so beengt und ringe nach Etwas, das ich nicht nennen
kann — —“ Ach Freund, es war wunderbar, wie sie dasaß, die schmale Hand am Herzen, den Blick zu Boden gerichtet. Sie war ganz bleich geworden und ihr zarter Busen
hob und senkte sich leise. Und mich überkam's, ihr zu sagen,
daß es die Liebe sei, nach der sie ringe und die allein dem
Weibe die Welt in ihrer Unendlichkeit erschließt — aber ein
Blick auf das lauschende Kind zu ihren Füßen dämmte meine
wogende Seele zurück und ich schwieg. So entstand eine tiefe
Stille; Erni sah mit klugen braunen Augen forschend zu uns
empor und man konnte das Summen einer Wespe vernehmen,
die uns in immer engeren Kreisen umflog. Plötzlich stieß
Marianne einen leichten Schrei aus und fuhr mit der Hand
nach der Wange. Das geflügelte Thierchen war ihr nahe gekommen und hatte sie unterhalb des rechten Auges gestochen;
ein kleines, rothumrändertes Bläschen zeigte sich. Ich eilte
an das nächste Blumenbeet und grub etwas Erde auf. Marianne wollte damit die schmerzende Stelle bedecken; aber die
feuchte Masse zerbröckelte unter ihren bebenden Fingern und
fiel zu Boden.

„Lassen Sie es mich versuchen“, sagte ich und holte frische
Erde herbei. Sie zog den schlanken Leib schaamhaft zurück und
ich drückte ihr, während sie in holder Verwirrung die Augen
schloß, das kühlende Element sanft gegen die Wange. Sie
athmete tief auf und schien eine wohlthuende Linderung zu
empfinden. So weilten wir; Beide, das fühlt' ich, süß und
leise durchschauert. Da regte sich das Knäblein unter dem
Schleier und fing nach Art erwachender Kinder laut zu weinen
an. Marianne wurde immer unruhiger; endlich machte sie
sich von mir los, sprang auf und nahm den Kleinen in die
Arme, wo er auch alsbald still ward und zu lächeln begann.
Nun schickte sie, von mir abgewendet, Erni um Wasser. Das
Kind, welches Allem besorgt zugesehen hatte, eilte fort; wir
aber sprachen nichts mehr; unsere Blicke mieden sich, und als
Erni mit dem gefüllten Becken erschien, zog ich mich in den
Pavillon zurück. Ich hörte, wie sich Marianne draußen wusch,
dann einige Male durch den Garten ging und sich endlich
wieder bei den Hollunderbüschen niederließ, wo sie von Zeit
zu Zeit sanfte Worte an die Kinder richtete. So wurde es
Abend und die Andern kamen nach Hause. Erni lief ihnen
entgegen, und erzählte sogleich mit lauter Stimme den ganzen
Vorfall. Ich vernahm, wie man darüber scherzte und lachte;
als ich jedoch später hinaustrat, fand ich Marianne nicht mehr
unter den Anwesenden. Es hieß, sie sei nach Hause gegangen, weil sie noch immer heftige Schmerzen empfunden habe.

20. Juli.

Erspare Dir doch Deine langen Episteln, Theuerster, voll
von Zweifeln an meiner gerühmten Entsagungskraft und sonstigen Besorgnissen! Die Gefahr, von der Du mich und die
junge Frau bedroht siehst, ist im Vorüberziehen. Und zwar
hat das Schicksal selbst Deine Rolle übernommen und, immer
mächtiger als wir armen Menschenkinder, sich nicht bloß auf
Ermahnungen und weise Rathschläge beschränkt, sondern gleich
— nicht etwa mit rauher, nein: mit liebender Hand eingegriffen.

Du erinnerst Dich, daß ich vor zwei Jahren den Sommer
im südlichen Böhmen bei meinem Jugendfreunde Robert zugebracht habe, der seit dem letzten Feldzuge mit durchschossener
Brust in fremder Erde vermodert. Wenn Du Dir die Mühe
nehmen und meine Briefe aus jener Zeit hervorsuchen willst,
so wird Dir daraus das grüne, freundliche Moldauthal, die
herrliche Birken- und Tannenpracht des Böhmerwaldes entgegentreten und das alte Stammschloß der Rosenberge, auf
stolzer Höhe gelegen, mit weit ausblickenden Zinnen vor Dir
aufsteigen. Auch eines Mannes wirst Du erwähnt finden,
der in diesem einsamen, jetzt dem Fürsten S . . . . gehörenden
Prachtbau der Vergangenheit als Archivar lebt. Ich hatte
ihn eines Tages mit der Bitte aufgesucht, mich in dem historisch merkwürdigen Archive und in der reichhaltigen Bibliothek
ein wenig umsehen zu dürfen, und entsinne mich deutlich, daß
ich Dir damals geschrieben habe, wie sehr ich ihn um sein
stilles, abgeschiedenes Dasein beneide. Als ich aber näher mit
ihm bekannt wurde, da merkte ich bald, daß ihm, was mir
wünschenswerth erschien, Unmuth und Unzufriedenheit bereite.
Er hatte früher ein öffentliches Lehramt bekleidet; war aber,
mißliebiger Anschauungen wegen, von der Regierung entfernt
und durch die Noth gezwungen worden, diese Stelle anzunehmen, welche seinem lebhaften, auf erfolgreiches Wirken gerichteten Geist ebenso wenig zusagen konnte, als sie ihm in ihrer
geringen Ansehnlichkeit seiner Kenntnisse und Fähigkeiten würdig erschien. Er gestand mir offen, daß er Alles aufbiete,
wieder los zu kommen; und da ich ihm hingegen meine Neigung zu einem solchen Posten mittheilte, so versprach er mir, mich
dem Fürsten vorzuschlagen, sobald er eine passende Lebensstellung würde gefunden haben. Nun bekam ich dieser Tage (ich
hatte seiner Zusage längst nicht mehr gedacht) von ihm einen
Brief, worin er mir schreibt, daß er endlich einen ehrenvollen
Ruf in's Ausland erhalten, und mich fragt, ob ich noch gesonnen wäre, sein Nachfolger zu werden. Er habe mit dem
Fürsten bereits gesprochen; dieser sei ganz einverstanden und
so hinge jetzt Alles nur von meinem raschen Entschlusse ab.
Daß ich mit beiden Händen zugriff, kannst Du Dir denken!
Wollte sich doch jetzt erfüllen, wonach ich mich so lange gesehnt: unbekümmert um literarischen Erwerb in gänzlicher
Zurückgezogenheit meiner Kunst leben zu können. Gewisse
Leute werden freilich die Köpfe schütteln. „Wie man nur daran
denken könne, fern von aller Welt in einem alten Schlosse zu
versauern“, hör' ich sie sagen; „daß der Dichter Anregung
brauche —“ und was sonst noch an ähnlichen Gemeinplätzen
vorzubringen sein wird. Als ob ich bis jetzt nicht gelebt
hätte! An meinen Schläfen schimmern schon die ersten grauen
Haare und ich müßte wirklich unsterblich sein, um auch nur
die Hälfte meiner Erfahrungen künstlerisch zu verwerthen. Und
so will ich nur noch meine Angelegenheiten ordnen, mich von
einigen guten und edlen Menschen, denen ich so Manches zu
danken habe, verabschieden und dann der Residenz Lebewohl
sagen. Jetzt aber kann ich Dir auch gestehen: es ist hohe
Zeit, daß ich fortkomme. Aus Folgendem magst Du es entnehmen. —

Seit jenem denkwürdigen Nachmittage war Marianne
nicht mehr so oft, wie sonst, und zumeist nur auf kürzere Zeit
in den Garten gekommen. Dabei hatte es mir geschienen, als
wiche sie einer Begegnung mit mir aus, so daß ich selbst vermied, mit ihr zusammen zu treffen und wieder häufiger meine
Spaziergänge vor dem Linienwall aufnahm. Eines Tages war
ich aber doch in dem unbestimmten Drange, die junge Frau
wieder zu sehen, daheim geblieben. Es wurde Abend, sie erschien nicht. Endlich gesellte ich mich zu meinen Hausgenossen,
die ich ziemlich einsylbig in der Laube versammelt fand. Nach
einer Weile sagte Heidrich: „Warum doch Marianne gar nicht
mehr kommt! Es ist heute schon der vierte Tag, daß wir sie
nicht gesehen haben.“

„Du weißt doch,“ erwiederte seine Frau mit einer gewissen
Hast, „daß das Unternehmen Dorners bereits in vollem Gang
ist; das macht auch ihr im Hauswesen viel zu schaffen.“

„Allerdings; das weiß ich. Aber sie ist auch sonst seltsam verändert.“

„Findest Du?“ warf sie nachlässig hin, während mich
ihr Blick unsicher streifte.

„Ja; und ich glaube, sie ist nicht glücklich.“

„Und warum soll sie nicht glücklich sein?“ fragte Louise
scharf und bedeutungsvoll.

„Ach laß das!“ entgegnete er, offen und unbefangen wie
immer. „Vor unserem Freunde kenn' ich keine Geheimnisse.
Er wird sich schon selber seine Gedanken gemacht haben. Ich
sage: Dorner ist kein Mann für Marianne.“

„Und weßhalb nicht?“ fuhr sie gereizt fort. „Er ist ein
Ehrenmann, wenn auch ein wenig trocken und barsch im Umgange. Aber gerade sein strenger Ernst passt für sie; denn er
hält ihrem doch oft allzu kindischen Wesen das Gleichgewicht.“
„Aber ich bin überzeugt, daß sie ihn nicht liebt!“ stieß
Heidrich hervor.

„Ei was!“ rief die alte Frau in ihrer resoluten Weise
dazwischen. „Ihr Männer habt es beständig nur mit
der Liebe! Die entsteht und vergeht. Was den Beiden fehlt
ist ein Kind; eine kinderlose Ehe ist keine Ehe!“

Ich schwieg; aber was in meinem Innern vorging, kannst
Du Dir denken. —

Um diese Zeit starb das Knäblein. Heftige, sich rasch
wiederholende Krämpfe, hatten seinem kurzen Dasein ein Ende
gemacht. Man nahm dieses traurige Ereigniß im Hause mit
stiller Ergebung auf. War es doch längst vorauszusehen, ja
bei dem hoffnungslosen Zustande des Kindes herbeizuwünschen
gewesen; auch trägt Frau Louise schon ein neues Leben unter
dem Herzen. So standen die jungen Eltern zwar bleich, aber
ohne Klage an dem Särglein, in welchem der Kleine lag, von
seinen Leiden befreit, wie lächelnd im Tode. Desto fassungsloser klang das Schluchzen Mariannens, die sich mit noch
anderen Verwandten eingefunden hatte. Ich sah zum ersten
Male den Vater der Schwestern, einen bejahrten Mann mit
einem scheuen kummervollen Zug im Antlitz; dann die Stiefmutter, eine stattliche, geputzte Frau im besten Alter. Auch
die beiden Liebenden, deren Vermählung nahe bevorstand, waren
zugegen. Man merkte, wie sie ihrem Glücke Gewalt anthun
mußten, um die Trauer der Andern mitempfinden zu können.
Dorner war nicht erschienen. Als man die Leiche forttrug, folgte
ich auch zur Kirche. Nach der Einsegnung stiegen die Eltern
mit dem Manne, der den Sarg trug, in einen bereit stehenden
Wagen; Marianne leise in ihr Tuch weinend, setzte sich zu
ihnen; die Uebrigen entfernten sich. Ich aber kehrte wieder
nach Hause zurück und schritt einsam im Garten auf und nieder.
Ein leichter Strichregen war gefallen und an den Blättern
funkelten helle Tropfen im Strahl der späten Nachmittagssonne.
Ein Nelkenbeet duftete scharf; am Himmel standen dunkle,
feurig umsäumte Wolken; von Zeit zu Zeit ging ein leises Rauschen
durch die Wipfel. Ueber eine Stunde mochte ich so in wehmüthigen Empfindungen versunken gewesen sein und hatte mich
endlich im Pavillon niedergelassen, als der Wagen am Thore
hielt, der die Leidtragenden vom Friedhof brachte. Ich vermuthete, sie würden in den Garten kommen; aber sie gingen
alle miteinander hinauf. Nach einer Weile jedoch wurde das
Gitter geöffnet; Marianne trat ein, Erni an der Hand
führend, und bewegte sich mit dem Kinde, das während des
Begräbnisses oben bei der alten Frau geblieben war, langsam
auf dem mittleren Pfade fort. Sie blickte nicht nach dem
Pavillon; aber Erni that es und hatte mich auch gleich bemerkt. „Tante Marianne, Herr A. ist hier!“ rief sie und
wiederholte diese Worte, da die junge Frau nicht darauf zu
achten schien, sondern mit gesenktem Haupte vorwärts schritt,
mehrere Male nach einander; so daß mir also nichts erübrigte, als hinauszutreten und mich ihnen zu nähern. Das
Kind wollte, um mich zu erwarten, stehen bleiben; aber Marianne ließ seine Hand los und ging immer weiter; erst als
ich dicht hinter ihr war, hielt sie an und wandte mir ihr
Antlitz zu. „Ich habe sie oben allein gelassen,“ begann sie
langsam; „ich glaube, sie fühlen jetzt das Bedürfniß, sich ungestört auszuweinen.“ Sie sah nach einer kleinen Uhr, die
sie im Gürtel trug, „Es ist schon spät; mein Mann soll noch
kommen. Er war heute Nachmittag sehr beschäftigt.“

„Wie ich höre, werden auch Sie jetzt von häuslichen Geschäften
sehr in Anspruch genommen, Frau Dorner,“ sagte ich, um
etwas zu sagen.

Sie erröthete flüchtig. „Allerdings; und ich kann mich noch
nicht ganz zurecht finden. Aber es ist gut; man vergißt so
Manches darüber.“

Ich schwieg, und so gingen wir eine Zeit lang, ohne zu
sprechen, neben einander hin. Es war schon dunkel geworden
und durch die Bäume wehte es feucht und kühl.

„Welch' eine rauhe Abendluft“, sagte sie endlich und zog
ihr Tuch fröstelnd um die Schultern. „Man merkt, daß der
Herbst bereits im Anzug ist. — Das arme Kind; heute liegt es
in der kalten Erde.“

„Gönnen Sie dem Kinde die selige Ruhe, Frau Dorner“,
sagte ich bewegt. „Sein Tod war seine Erlösung.“

Sie schauderte leicht. „Es ist wahr,“ sagte sie tonlos;
„das Leben ist für die Glücklichen.“

Erni war indessen still hinter uns hergegangen; jetzt rief
sie: „Tante, Du hättest Herrn A. heirathen sollen; dann
wärest Du auch glücklich geworden.“

Ich sah wie sie erbleichend zusammenzuckte. Aber sie
zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „was doch das thörichte
Mädchen spricht.“

Ich konnte nichts erwiedern; es lag mir wie Blei auf
der Zunge, auf dem Herzen. So gingen wir wieder schweigend
neben einander. Als wir uns dem Eingänge näherten, erblickten
wir Dorner, der über das Gitter sah und ein befremdetes
Gesicht machte, als er uns gewahr wurde. Er trat ein, und
nachdem wir einige Worte getauscht, begab er sich mit seiner
Frau und dem Kinde hinauf. Ich aber blieb zurück in der
sinkenden Nacht, allein mit meinen Gefühlen, in welchen sich
Schmerz und Seligkeit wunderbar verwoben.

Schloß K . . . . in Böhmen, Mitte September.

Warum ich so lange schweige, fragst Du? Und ob ich
mich schon an den Ufern der Moldau befände? Ja, Theuerster,
seit vier Wochen bin ich hier — doch in welchem Zustande!
Ach Freund, was sind die Entschlüsse des Menschen! Vorübergehen wollt' ich an dem geliebten Weibe, das mir bestimmt
schien, zugefallen durch einen holden Ausgleich der Natur —
und nun! — — Aber ich will mich fassen, will Dir Alles
niederschreiben und diese Blätter wie ein letztes Vermächtniß
in deine Hände legen. —

Der Tag, den ich mir zur Abreise festgesetzt, war immer
näher gekommen. Ich hatte es, ohne zu wissen warum, stets
hinausgeschoben, meinen Hausgenossen unsere bevorstehende
Trennung mitzutheilen, und nun zeigte sich die alte Frau, die
mir im Laufe der Jahre eine fast mütterliche Theilnahme und
Fürsorge erwiesen, sehr ergriffen. Sie wischte sich die Augen,
und sagte, sie wolle meine Stube gar nicht weiter vermiethen;
denn sie würde keinen Fremden darin sehen können. Ihr
Sohn bekräftigte dies, indem er mir wiederholt die Hände
schüttelte und hinzufügte, sie hätten gehofft, mich nicht früher
zu verlieren, als bis ich einmal des Hagestolzenlebens müde
und Willens geworden sei, einen eigenen Heerd zu gründen.
Und das sollt' ich auch: denn ich sei ganz der Mann, ein
Weib glücklich zu machen. Nur Frau Louise, die gegen mich
in letzter Zeit etwas zurückhaltend gewesen, schien wie erleichtert aufzuathmen. Sie ward mit einem Male wieder herzlich
und freundlich, und ermunterte mich sogar, die Hochzeit Emiliens abzuwarten, zu deren Feier, wie ich nun hörte, der fünfzehnte August bestimmt war. Ich ließ mich bereit finden, von
dem Gedanken verlockt, bei dieser festlichen Gelegenheit mit
Mariannen zusammenzutreffen, welche ich seit jenem traurigen
Abend nicht wieder gesehen hatte. Denn es war inzwischen
trübes, regnerisches Wetter eingefallen, das den Garten verödete; auch hatte ich im Drange meiner Geschäfte und Abschiedsbesuche, die meiste Zeit außer Hause zugebracht. Dadurch war
sie mir etwas ferner gerückt worden, und wenn ich an sie
dachte, geschah es mit einer Art süß-schmerzlicher Genugthuung
und mit dem Gefühl, daß die Erinnerung an sie mein ganzes
künftiges Dasein begleiten und verschönen würde. Ihre Zukunft — so eigensüchtig ist das menschliche Herz — erwog ich
nicht; vielleicht war es eine geheime Angst, was mich davon
abhielt. — Nun aber wollte ich noch einmal den Zauber ihres
Wesens ganz und voll in mich aufnehmen — und dann scheiden für immer. —

Der fünfzehnte August war da und mit ihm hatte sich
der Himmel wieder aufgehellt. In den ersten Stunden des
Nachmittags erschien ein Wagen, um mich zur Trauung zu
fahren; die Andern hatten sich schon früher nach dem Hause
der Braut begeben. Als ich vor der Kirche hielt, war diese
bereits von vielen Neugierigen belagert und gleich darauf kam
eine lange Reihe offener Wagen in Sicht, die auf raschen
Rädern Brautleute und Hochzeitsgäste heranbrachten. Alles
strahlte in Freude und Heiterkeit; beim Aussteigen gab es ein
helles Gewirr von schimmernden Gewändern, wehenden Schleiern
und duftenden Blumen; selbst die eintönige schwarze Tracht der
Männer war durch farbige Sträußchen belebt. Das ganze hatte einen
kräftigen, altbürgerlichen Anstrich, und mahnte an jene Zeit,
wo man noch keine stillen, verschwiegenen Hochzeiten kannte,
sondern sein Glück in seligem Uebermuthe offen zur Schau
trug. Mein Blick suchte Marianne, die eigenthümlich bleich
aussah und zu frösteln schien, trotz des kurzen, mit Schwan
besetzten Mäntelchens, das sie um die entblößten Schultern geworfen hatte. Sie trug ein Kleid von perlgrauer Seide; ihr
Haar war mit weißen Rosen geschmückt; in der Hand hielt
sie einen Strauß von denselben Blumen. So schritt sie, meinen
Gruß stumm erwiedernd, an mir vorüber in die Kirche.
Während der Trauung, als der Priester über die Bedeutung
und vom Glücke der Ehe sprach, arbeitete es heftig in ihrer
Brust, und ich sah zwei große Thränen unter ihren Wimpern
hervortreten und langsam über die Wangen hinabrollen. Nach
beendeter Feierlichkeit stieg Alles wieder in die Gefährte, und
im Fluge ging es, von den Blicken der Vorübergehenden gefolgt, durch die belebten Straßen dem nahen, am Fuße des
Kahlenberges gelegenen Orte G . . . zu. Ich fuhr mit Heidrich und Dorner; im Wagen vor uns saßen die beiden
jungen Frauen. Marianne wandte kein einziges Mal den
Kopf, nur ihr goldig angehauchtes Haar und die weißen Rosen leuchteten vor meinen Augen. Endlich hatten wir das
stattliche Fabriksgebäude erreicht, in welchem, wie es der Vater des Bräutigams gewünscht, das eigentliche Hochzeitsfest
stattfinden sollte. Eine fröhliche Arbeiterschaar empfing uns,
dann traten wir in einen großen, mit Laub- und Blumengewinden reich ausgeschmückten Saal, wo uns ein wohlbesetztes
Orchester mit einem lebhaften Tusch bewillkommte. Hierauf
gingen wir zur Tafel, welche für die zahlreichen Gäste in
einem weitläufigen Nebenraume gedeckt war. Ich hatte meinen
Platz zwischen zwei jungen Frauenzimmern erhalten, welchen
ich mich nun artig erweisen mußte; aber ich sah doch beständig
zu Mariannen hinüber, die in sich versunken an der Seite
Dorners neben der Braut saß. Sie berührte fast nichts und
nippte nur manchmal von dem perlenden Schaumweine, den
man credenzt hatte. Als auf das Wohl der Vermählten ein
Toast ausgebracht wurde, fiel sie Emilien convulsivisch weinend
an die Brust, und sie hörte es nicht, daß man nun auch das
Ehepaar Dorner leben ließ. Darauf aufmerksam gemacht,
schrack sie empor und es war, als durchbebe sie ein leiser
Schauder, als sie ihr Glas mit dem ihres Gatten zusammenklingen ließ. Inzwischen war es bereits ziemlich dunkel geworden.
Im Saale wurden die Lichter angezündet und plötzlich erließ
das Orchester mit einigen raschen Takten die Aufforderung zum
Tanze. Diese Klänge wirkten elektrisch; Stühle wurden gerückt, Gewänder rauschten — und im Nu tanzte ein Paar
nach dem andern in den Saal hinaus, wo schon ein beschwingender Walzer ertönte. Auch Dorner hatte zu meinem Erstaunen den schlanken Leib seiner Frau umfaßt und die halb Widerstrebende mit sich fortgezogen. Ich folgte langsam nach und
setzte mich in eine Fensternische. Und wie ich so dasaß, vor
mir das bunte, schimmernde Gewühl der Tanzenden; hinter
mir die schweigende, dunkelnde Landschaft: da wurde mir eigenthümlich traumhaft zu Muth. Ein Heer von Erinnerungen
stieg vor mir auf; die schönen leuchteten immer reiner und
verklärter; die bösen vergingen und zerrannen und die ganze
Wehmuth des Scheidens zog in mein Herz. Und es war mir,
als könnt' ich nun nicht mehr die Stadt verlassen, in der ich
gelebt, gestrebt, gerungen mit allen Leiden und Freuden einer
Menschenseele; als könnt' ich mich nicht trennen von dem kleinen Hause und seinen Bewohnern, von dem traulichen Garten
— und von der jungen Frau, welche dort, schon mit andern
Tänzern, zwischen den hin und her wogenden Paaren auftauchte und wieder verschwand. Aber der Würfel war gefallen, und ich mußte fort.

Dem Walzer folgten rasch nach einander neue Tänze.
Der süße Taumel des Vergessens, welcher im Tanze liegt und
diesen für ihr Geschlecht so verlockend macht, schien dabei Marianne mehr und mehr zu überkommen. Ihre Wangen glühten,
ihr Haar hatte sich gelöst, ihre dunkel leuchtenden Augen
schienen mich aus der Ferne zu suchen. Endlich trat eine
Pause ein und die Paare machten Arm in Arm plaudernd
und scherzend die Runde durch den Saal. Marianne jedoch
hatte sich mit allen Zeichen der Ermüdung auf einen Stuhl
niedergelassen; vor ihr, sichtlich bemüht, sie für sich einzunehmen,
stand ein junger Mann mit lebhaften Blicken und Geberden,
welchen ich mehrmals mit ihr hatte durch den Saal fliegen
sehen. Sie aber achtete nicht auf das, was er sprach, sondern
blickte, während sie manchmal gezwungen lächelte, mit wogender Brust zerstreut vor sich hin und nach der Fensternische, in
der ich noch immer saß. Endlich zog sich der Enttäuschte
zurück. Ich stand auf und trat vor sie hin. „Ich muß noch
von Ihnen Abschied nehmen, Frau Dorner“, sprach ich mit
zitternder Stimme. „Ich verlasse morgen die Residenz.“

Sie athmete schwer und brachte, wie um sich zu erquicken,
ihren Strauß vor's Antlitz. „Ich weiß es; meine Schwester
hat es mir mitgetheilt. — Und Sie kehren nie wieder?“ fragte
sie nach einer Pause kaum hörbar.

„Nein, Frau Dorner.“

Sie erwiederte nichts. „Leben Sie wohl“, sagte sie endlich und reichte mir langsam die Hand.

Im selben Augenblick begann die Musik wieder, einen
Galopp intonirend. Ich war des Tanzens längst entwöhnt;
aber diese Klänge durchzuckten mich seltsam. „Frau Marianne“,
sagte ich, von einem plötzlichen Verlangen unwiderstehlich ergriffen, und hielt ihre bebende Hand fest, „Frau Marianne,
lassen Sie uns, bevor ich scheide, noch mit einander tanzen —
zum ersten und letzten Male!“ Sie sah mich wie erschreckt
an; dann aber stand sie auf und sank mir in die Arme. — Ach,
welche Wonne war es, mit ihr in dem beginnenden Wirbel
hinzutreiben, der uns immer rascher, immer stürmischer mit
sich fortriß! Wie ein Kind lag sie an meiner Brust: weich,
hingebend, die Lippen leicht geöffnet, die Augen halb durch die
gesenkten Wimpern verschleiert. Ihr Herz pochte neben meinem;
die Rosen in ihrem Haar umdufteten mein Antlitz. Und es
war mir, als müsse es ewig so dauern — ewig! Aber die
Musik verstummte. Ich reichte dem süßen Weibe den Arm.
Sie nahm ihn und lehnte sich innig an mich. „Marianne!“
rief ich leise und bebend. Sie verstand mich; denn sie schwieg
und blickte zu Boden. Inzwischen hatten mehrere Ungenügsame mit lautem Rufen und Händeklatschen eine Wiederholung
des Galopps verlangt und das Orchester fiel von neuem ein.
„Noch einmal!“ flüsterte ich und umfaßte sie. Und als wir
uns jetzt bei den rasenden Klängen zum zweiten Mal in den
Armen lagen, da brach in mir die lang niedergehaltene Leidenschaft gleich einer entfesselten Naturgewalt hervor. Ich zog
Marianne an mich; ich beugte mein Haupt zu ihr nieder;
mein Mund streifte ihre Haare, ihre Stirn. Sie ließ es geschehen und sah mich lächelnd an. Und fester und fester umschlangen wir uns; unsere Wangen, unsere Lippen berührten
sich; unser Odem floß in einen Hauch zusammen. So flogen
wir hin, in seliger Trunkenheit, weltentrückt, zwischen Himmel
und Erde! — Plötzlich war es mir, als strauchelte sie; mein
Arm wollte sie halten; aber ich schwankte selbst — und schon
sank sie mit nach rückwärts überhangendem Haupte und stierem
Blick schwer an mir nieder. Ein jähes Entsetzen riß an meinem Herzen; ich hörte noch, wie man rings aufschrie, wie die
Musik mit einem grellen Mißklang abbrach; sah, wie man
von allen Seiten auf uns zustürzte — dann drehte sich Alles
um mich und meine Sinne vergingen. — —

Als ich wieder zu mir selber kam, lag ich auf einem
Sopha in dem matt erhellten Nebenzimmer. Ein alter Herr,
die Uhr in der Hand, saß vor mir. „Sie waren ziemlich lange
bewußtlos“, sagte er.

Ich starrte ihn an.

„Ich bin der Arzt des Ortes“, setzte er leise hinzu.

Ich sah um mich wie im Traum. Draußen strahlte der
Saal in vollem Lichterglanz; aber es war Alles still, ganz
still. —

Er merkte, daß ich mich nicht zurecht fand und nahm
meine Frage vorweg. „Die Gesellschaft hat sich bereits nach
der Stadt begeben. Der Dame, mit der Sie getanzt haben,
ist ein schwerer Unfall zugestoßen.“

Ich wollte aufspringen; aber meine Glieder waren erstarrt
und das Herz lag mir wie Eis in der Brust.

Er faßte meinen Arm. „Sie kommen zu spät. Ich weiß
nicht, ob ich es Ihnen sagen soll — — Die Dame ist —“

„Todt“, sagte ich; denn ich wußte es längst.

„Eine plötzliche Herzlähmung —“

„Eine plötzliche Herzlähmung“, wiederholte ich dumpf,
und erhob mich.

Er trat mir in den Weg. „Fassen Sie sich, mein Herr.
Sie können sich ja keine Schuld beimessen; es war ein beklagenswerther Zufall. Wie ich höre, haben Sie vor, abzureisen;
thun Sie es, ohne zu zögern. Ersparen Sie sich und Andern —“

Ich verstand ihn. „Ich werde reisen“, sagte ich und
wandte mich, um zu gehen.

Er zuckte wie rathlos die Achseln und hielt mich nicht
länger zurück. Draußen im Saal lag eine weise Rose auf
dem Estrich; ich nahm sie auf, ohne etwas dabei zu denken,
aber ich wußte, daß sie von Marianne war. Dann schritt
ich hinaus in die Nacht. Der Mond war aufgegangen; über
Busch und Wiesen schimmerten feine Nebel; die Gebäude auf
dem Kahlen- und Leopoldsberge waren wie taghell beleuchtet. Ich schritt immer weiter, ohne zu wissen wohin,
die Rose in der Hand. Der Pfad führte mich an Gärten und
dichten Weinpflanzungen vorüber; nach und nach wurde er
steiler und endlich hatte ich ein freies Plateau erreicht, das
eine weite Fernsicht über einen Theil des Marchfeldes, über
die Auen der Donau und das Häusermeer der Stadt eröffnete. Dort hielt ich an, setzte mich unter einen Baum, und
blickte, die Brust noch immer leer und stumm, hinaus in die
schweigende Unendlichkeit. Unten zog der glitzernde Strom
mit leisem Rauschen durch die Nacht; von der Stadt her
glänzten und flimmerten unzählige Lichter. Eine Grille zirpte
in meiner Nähe; von Zeit zu Zeit schoß am Himmel eine
Sternschnuppe vorüber. Die Stunden verrannen; ich merkte
es nicht. Der Mond ging unter; die Lichter erloschen allmälig, und eine fahle, trübe Dämmerung hüllte Alles ein.
Plötzlich ward ich durch einen gräßlichen Schrei aufgeschreckt,
den ich selbst ausgestoßen; das volle Bewußtsein des Geschehenen hatte mich angefallen. In wildem Schmerz eilte ich den
Abhang hinunter und der Stadt zu. Eine Stunde später fuhr
ich hinter der brausenden Locomotive durch graue Morgennebel
in's Land hinein. —

Ich bin zu Ende. Du siehst, das Verhängniß hat uns
erreicht. Leb' wohl! Leb' wohl!