Novellen aus Österreich

Am südlichen Ende Prags, auf einem gegen die Moldau
felsig abstürzenden Hügel, erhebt sich ernst und düster die
Wyschehrader Citadelle. Es läßt sich im Umkreise einer großen, volkreichen Stadt nichts einsam Abgeschiedeneres denken, als dieses alte,
ziemlich ausgedehnte Fort. Denn die Besatzung beschränkt sich
in Friedenszeiten auf eine Officierswache von geringer Stärke,
die nur den allernöthigsten Sicherheitsdienst an den Thoren
und auf den Wällen versieht. Die Casematten und Blockhäuser im Innern stehen leer und verödet, und die spärlich
gefüllten Pulvermagazine scheinen wie die Belagerungsgeschütze
nur da zu sein, um einem invaliden Unteroffizier der Artillerie
zur Sinecure eines Zeugwartes zu verhelfen. Auch die Poststraße, welche durch die Citadelle über den Rücken des Hügels
nach Budweis führt, wird nur wenig benützt. Harmlose Spaziergänger nach dem nahen anmuthigen Dorfe Podol, Landleute
aus der Umgegend, welche Lebensmittel zum Prager Markt bringen, und hin und wieder ein bestäubter Wanderbursche sind fast
die einzigen Passanten der Festungsthore. So herrscht innerhalb
der Wälle gewöhnlich die tiefste Stille, die nur selten durch das
Rollen eines Wagens, regelmäßig aber früh, Mittags und
Abends durch den Wachetambour mit rasselnden Trommelsignalen unterbrochen wird.

Zumal im Winter ist es hier oben traurig und ausgestorben. Kalt und schneidend saus't der Wind um die verlassene Höhe, und mißmuthig, dicht in ihre Mäntel gehüllt,
gehen die Schildwachen auf den eingeschneiten, von krächzenden
Dohlen beflogenen Wällen auf und nieder. Aber wenn der
Schnee in's Schmelzen kommt und die Moldau unten wieder
blau und schimmernd vorüberwallt, da entfaltet sich in dieser
Abgeschiedenheit ein wunderbarer Lenz. Dichter, glänzender
Graswuchs überkleidet alle Gräben und Böschungen, und um
die eingesunkenen Kanonenlafetten sprießen Veilchen und Primeln. Immer bunter schmückt sich der Rasen, und manche
Schießscharte wird durch einen wilden, in voller Blüthe stehenden Rosenbusch verdeckt, den ein langjähriger Friede hart am
Gemäuer wachsen ließ. Selbst aus den Kugelpyramiden, die
der Zeugwart so zierlich zu errichten versteht, sprießt und
blüht es: denn der Wind hat Erdreich und Samen in den
Fugen abgelagert, und nun duften und schwanken über den
furchtbaren Geschossen die blaßgelbe Reseda, der dunkelblaue
Rittersporn und die röthliche, langgestielte Steinnelke. Bienen
und gepanzerte Käfer summen und schwirren durch die heiße,
zitternde Luft; zutraulich zwitschernd lassen sich Hänfling und
Rothkehlchen auf die wuchtigen Feuerrohre nieder, und an den
Mauerabhängen der Wällen klettert und sonnt sich die goldgrüne, funkelnde Eidechse. —

In solcher Zeit war es, als ich in der Citadelle die
Wache bezog. Erst vor Kurzem mit meinem Regimente in
Prag eingerückt und mit der Oertlichkeit noch nicht vertraut,
betrat ich, neugierig und befangen zugleich, an der Spitze meiner Abtheilung die weite schattige Thorhalle, wo die Mannschaft der alten Wache bereits unter Gewehr stand. Ihr
Commandant, ein mir unbekannter Officier von junkerhaftem
Aussehen, kam, als die Förmlichkeiten der dienstlichen Begrüßung
abgethan waren, nachlässig auf mich zugeschritten. „Oberlieutenant Baron Hohenblum,“ sagte er, den Schirm seines Tschakos flüchtig berührend. Er schien meinen Namen, den ich nun
auch nannte, zu überhören, und fuhr mit leichtem Gähnen
fort: „die vier und zwanzig Stunden werden Einem rein zur
Ewigkeit in dieser alten, unnützen Kanonenbewahranstalt. Es
kann keine langweiligere Wache mehr geben.“

Ich warf hin, daß man eben auf keiner besondere Unterhaltung fände.

„Je nun, nach Umständen,“ erwiederte er, indem er den
feinen blonden Schnurrbart leicht emporstrich. „Zum Beispiel
die Hauptwache am Ring ist ganz amüsant. Man setzt sich
mit seiner Cigarre vor die Thür und mustert die Vorübergehenden. Es gibt ganz nette Gesichter unter den hiesigen
Mädchen. Auch fehlt es nicht an Besuch von Cameraden,
und nach der Retraite wird gewöhnlich ein kleines Spiel arrangirt. Hier oben aber ist man von aller Welt abgeschnitten,
wie auf einer wüsten Insel. Du hast es übrigens,“ setzte er
nach kurzem Besinnen hinzu, „doch etwas besser getroffen, als
ich. Denn morgen ist Sonntag, und da kommen wenigstens
Leute in die Messe herauf.“

„In die Messe? Ist denn hier eine Kirche?“ fragte ich
überrascht.

„Allerdings. Etwa tausend Schritte von hier, gegen die
Moldau zu,“ sagte er, während ich unwillkürlich nach dem
Innern des Forts blickte. Aber die Aussicht war durch eine
nahe, ziemlich hohe Schanze benommen, hinter welcher nur die
Wetterstangen und spitzen Bedachungen der Pulvermagazine
hervorragten. „Um sie zu sehen,“ fuhr der Baron fort, „müßtest
Du dort auf die Schauze hinauf. Dazu hast Du später Muße
genug. Ein kleiner Friedhof ist auch dabei, wo ich mich gleich
würde begraben lassen, wenn ich beständig hier oben leben
sollte, wie der Pfaff', der ganz allein in einer Art Kloster
neben der Kirche wohnt. Ein seltsamer Kauz! Man muß
lachen, wenn man ihn mit seinen langen Beinen und der
schlenkernden Kutte, beständig ein Buch unter dem Arm, einhersteigen sieht. Dabei schaut er immer in's Blaue, und thut, als
bemerke er Einen gar nicht, wenn man an ihm vorüber kommt.“

„Ein so abgeschiedenes, stilles Leben mag auch seinen
eigenen Reiz haben,“ sagte ich nachdenklich, während wir in
das düstere Officierswachtzimmer traten, wo mich mein Vorgänger mit den üblichen Dienstvorschriften bekannt machte.
Dann zog er sich den etwas zerknitterten Uniformrock an den
Hüften glatt, schnallte die Feldbinde fester und reichte mir mit
kühler Freundlichkeit die Hand zum Abschied. Ich verließ mit
ihm das Zimmer und trat, während er flüchtig seine Leute
musterte und unter lustigem Trommelschall abmarschirte, in
die sonnige Stille hinaus, die über dem Fort lagerte. Als
ich die Schanze erstiegen hatte, that sich hinter den Pulvermagazinen ein freier Wiesengrund meinen Blicken auf. Dort
erhob sich, ziemlich zurückgezogen, die Kirche, das blinkende
Messingkreuz auf dem Giebel von weißen Tauben umflattert.
Den Friedhof konnte ich nicht gewahr werden; er mußte durch
das angrenzende Priesterhaus verdeckt sein, das ziemlich düster
aus einer niederen Lindenumpflanzung hervorsah. In einiger
Entfernung schräg gegenüber stand ein ebenerdiges Häuschen.
Die gelb angestrichenen Thüren und Fensterrahmen kennzeichneten es als militärisches Gebäude; im Uebrigen sah es ganz
wie eine kleine Bauernwirthschaft aus. Schiebkarren, Hauen
und Schaufeln lehnten in der Nähe einer Cisterne an der
Mauer, und rückwärts war, kunstlos umzäunt, ein Gärtchen
angelegt, in welchem roth und weiß die Apfelblüthen schimmerten. Zwischen diesem Häuschen und der Kirche schlängelte
sich ein breiter Fußpfad hin. Er schien zu den äußersten
Werken des Forts zu führen, über welchen, verhüllend, tiefgelber Sonnenduft lag.

Ich verließ die Schanze und ging dem Wiesengrunde zu.
Als ich an dem kleinen Hause vorüber kam, stand ein junges
Weib in der offenen Thüre. Sie hielt ein Kind säugend an
der Brust und sah einem kleinen, etwa sechsjährigen Mädchen
zu, wie es draußen mit einem munteren Zicklein spielte, dessen
Sprünge eine scharrende Hühnerfamilie in Angst und Verwirrung setzten. Bei dem Geräusch meiner Schritte blickte sie
auf und eine dunkle Röthe schoß in ihr Antlitz. Dann wandte
sie sich rasch und ging hinein, wobei sie mir eine reiche Fülle
blonden Haares wies, das ihr in ungekünstelten Flechten weit
über den Nacken hinabhing.

Drüben um das Priesterhaus wehte eine melancholische
Ruhe. Das Thor mit dem geistlichen Wappen darüber war
zu, und man hätte das ziemlich weitläufige Gebäude für
gänzlich unbewohnt gehalten, wären nicht einige Fenster im
ersten Stockwerke offen und mit Blumentöpfen bestellt gewesen.

Als ich um die Kirche bog, die gleichfalls geschlossen war,
hatte ich den Friedhof voll schattender Weiden und Sebenbäume
zur Seite. Die Hügel waren dicht gereiht, aber sorglich gehalten und auf das schönste bepflanzt. Da die Thüre des
Eisengitters halb offen stand, so trat ich in die duftige Kühle
hinein und schritt langsam auf dem schmalen, mit feinem Sande
bestreuten Wege zwischen den Gräbern hin. Ein einsamer
Falter flatterte mir still über den Blumen voran, während ich
hier und dort die Inschriften und Namen auf den schlichten
Kreuzen las. Unter den Monumenten, deren es hier nur
wenige gab, zog mich eines durch edle und ergreifende Einfachheit besonders an. Es war ein kleiner Obelisk von weißem
Marmor und stand, etwas abseits von den übrigen, unter
einer herrlichen breitästigen Thränenweide. Die Inschrift war
in römischen Lettern, deren Vergoldung schon etwas gelitten
hatte, eingehauen und lautete: Friederike Friedheim. geb:
16ten Januar 1829, gest: 30ten Mai 1846. Vor diesem
Grabe stand ich lange. Wer war dieses Mädchen, das der
Tod so früh gebrochen, das man vor mehr als einem Jahrzehend hier bestattet hatte? Lebte ihr Andenken fort im Herzen trauernder Eltern, im Geiste eines Mannes, dessen Jünglingsideal sie gewesen? Oder war sie verweht, wie ein Duft,
ein Klang im Gewühl und im Lärm des rastlos vorwärts
drängenden Lebens, und nannte nurmehr der Marmor ihren
Namen?

Solche Gedanken und Empfindungen klangen noch in mir
nach, als ich schon wieder draußen auf dem Pfade hinschritt
und mich einer Bastei näherte, die als äußerster Punkt des
Forts in einem stumpfen Winkel gegen den Fluß zu aussprang.
Still und verlassen lag sie da, fast ganz von Schleh- und
Hagedorn überwuchert. Ein verfallenes Blockhaus erhob sich
darin, an dessen röthlich-grauem Mauerwerke einige hohe Fliederbüsche in voller Blüthe standen, was sich ebenso lieblich
als überraschend ausnahm. Selbst zwei verkrüppelte Obstbäume hatten sich in dieses entlegene Werk verirrt. Sie wurzelten dicht an der Brustwehr und streckten ihre knorrigen
Aeste über eine Kanone, die wie vergessen zwischen ihnen stand
und die Mündung harmlos in die sonnige Gegend hinausrichtete. Tief unten, an den freundlichen Häusern von Podol
und an den bröckelnden Mauerresten der Libussaburg vorüber,
zog die Moldau schimmernd nach dem braunen, rauchaufwirbelnden Häusermeere der alten böhmischen Königsstadt. Von
dort her grüßte mit funkelnden Zinnen der Hradschin, während stromaufwärts, über die ansteigenden, wohlbebauten Ufer
hinweg, sich eine weite Landschaft aufthat und endlich in dem
fernen Dufte der Königsaaler Berge verschwamm.

Ich war von dieser reizenden Einsamkeit zu sehr angemuthet, als daß ich sobald daran gedacht hätte, sie wieder zu
verlassen; ich sah mich vielmehr nach einer schattigen Stelle
um, wo ich mich, bequem hingestreckt, ganz in den eigenthümlichen Zauber des Ortes und der Fernsicht versenken konnte.
Eine solche bot sich mir alsbald in der Nähe des Blockhauses
dar, wo sich die Zweige zweier nachbarlichen Fliederbüsche zu
einer Art Laube wölbten. Auch kam mir dort, als ich mich
niederließ, eine muldenförmige Vertiefung im Erdreiche, welches mit kurzem, aber dichtem Grase bewachsen war, vortrefflich
zu Statten. So lag ich in der stillen Kühle, sog den Duft
des Flieders ein und lauschte dem Zwitschern eines Vogels
über meinem Haupte, als ich plötzlich in einiger Entfernung
hinter mir nahende Schritte vernahm, und bald ging eine
hohe Gestalt in geistlicher Ordenstracht ohne mich zu bemerken
an mir vorüber. Es mußte, wie mein Vorgänger gesagt hatte,
der Pfaffe sein, der neben der Kirche wohnte. Das waren
ja die langen Beine und die schlenkernde Soutane, welche dem
Baron so lächerlich erschienen; selbst das Buch unter dem
Arme fehlte nicht.

Der Priester war an die Brustwehr getreten. Dort
nahm er sein schwarzes Sammtkäppchen ab; man wußte nicht,
that er es aus Andacht vor der Natur, in die er hinausblickte,
oder um sein Haupt der Luft preiszugeben, die über die Bastei
strich und mit seinen leicht ergrauten Haaren spielte.

Nach einer Weile wandte er sich und schlug die Richtung
gegen das Blockhaus ein. Er schien mich noch immer nicht
zu bemerken, obgleich er gerade auf die Stelle losging, wo
ich lag. Ich erinnerte mich unwillkürlich an die Aeußerung
des Barons, daß der Priester beständig in's Blaue sähe, obgleich er gegenwärtig mehr in sich hineinzublicken schien. Endlich gewahrte er mich. Er schrack leicht zusammen und eine
feine Röthe flog über sein schmales, blasses Gesicht. Aber
diese Verwirrung dauerte nur einen Augenblick. Gleichgültig,
ohne mich mehr mit einem Blicke zu streifen, ging er an mir
vorüber, brach sich ein Zweiglein vom Flieder und verließ,
still wie er gekommen, die Bastei.

Mich aber überkam jetzt eine eigenthümliche Unruhe. Es
war mir, als hätte ich den Priester durch meine Anwesenheit
von hier vertrieben. Er pflegte gewiß täglich um diese Zeit
einige Stunden lesend in der Fliederlaube zuzubringen; deßhalb war er auch so unbekümmert und in sich versunken darauf zugegangen. Und nun nahm ich den traulichen Platz ein,
der ihm schon aus Gewohnheit lieb sein mußte. Mit einem
Male erschien mir auch alles Bequeme daran, das ich früher
für ein Zusammentreffen günstiger Umstände gehalten hatte,
als ein Werk anordnender Absichtlichkeit. Die Laube, das sah
man, war durch Beschneiden der Zweige hergestellt, und der
Rasensitz wäre ohne Nachhilfe eines Spatens gewiß nicht zu
Stande gekommen. Rasch sprang ich auf. Der Pater konnte
noch nicht weit sein; ich wollte ihn einholen, auf daß er sähe,
er könne ungestört wieder nach der Bastei zurückkehren. Bald
gewahrte ich ihn auch in einiger Entfernung von mir auf dem
Pfade hinschreiten. Ich fürchtete, er würde, eh' er mich noch
bemerken konnte, sein Haus erreichen, und verdoppelte meine
Schritte. Da kam von drüben das kleine Mädchen mit freudigen Geberden auf ihn zugelaufen. Er ging dem Kinde entgegen, beugte sich zu ihm nieder und küßte es auf die Stirn.
Hierauf ließ er sich von der Kleinen zur Mutter führen, die
ihm von der Schwelle aus entgegen kam. Ihr folgte ein
Mann, der eben noch im Gärtchen mußte gearbeitet haben;
denn er hatte eine Haue in der Hand, auf welche er sich,
wie es schien mehr aus Bedürfniß als aus Bequemlichkeit,
im Gehen stützte. Drei weiße Tuchsternchen auf den rothen
Kragenvorstößen einer leinenen, über der Brust offenen Militärjacke ließen in ihm den Zeugwart erkennen, mit welcher
Eigenschaft seine noch jugendlich kräftige Gestalt einigermaßen
im Widerspruche stand. Als ich näher kam, gewahrte ich in
seinem Antlitz eine tiefe Narbe, die von einem Säbelhiebe
herrühren mochte und sich von der Schläfe bis zum Kinn erstreckte.

Der Pater sprach freundlich mit den Leuten und reichte
dem Jüngsten auf dem Arme der Mutter, da es mit den
kleinen Händchen begehrlich darnach langte, die duftige Fliederblüthe. Er wandte sich nicht um, als ich vorüberging und
der Zeugwart, militärisch grüßend, die Hand an die Mütze
brachte.

Es kostete mir einige Ueberwindung, wieder in das unerquickliche Wachtzimmer zurückzukehren. Dort ließ ich mich
auf das alte, harte Ledersopha nieder und nahm ein Buch zur
Hand. Aber meine Gedanken wollten nicht an den Zeilen
haften; denn die Eindrücke, die ich auf meiner kleinen Wanderung empfangen, wirkten zu mächtig in mir nach. Vor allem
war es das Wesen des Paters, was mich mit tiefer, geheimnißvoller Macht anzog. Wie glücklich erschien mir sein stilles
Dasein auf diesem wallumschlossenen Fleck Erde. Abgeschieden
von dem Treiben der Welt, konnte er hier ganz sich selbst
angehören, und war nur den milden Pflichten seines Standes
unterthänig, die ihm nichts auferlegten, was er nicht gerne erfüllte, die ihm nichts verwehrten, was er, das sah man ihm
an, nicht freudig entbehrte. Und die Menschen in dem kleinen
Hause! Welch' ein reizendes Gegenbild boten sie dar in ihrem
heiteren Familienglücke! Dann aber dachte ich wieder an den
weißen Obelisk auf dem Friedhof und murmelte unwillkürlich
den Namen der Todten vor mich hin.

Ueber solchem Denken und Sinnen war der Abend hereingebrochen. Bald erklang draußen der Zapfenstreich und die
wuchtigen Festungsthore fielen mit dumpfen Gepolter in's
Schloß. Ich aber ging noch einmal auf die Schanze hinaus.
Dort stand ich, während die Sterne auf den tiefen Frieden
niederfunkelten, der sich über das Fort breitete, und hier und
dort, bald näher, bald entfernter, in den dunklen Büschen eine
Nachtigall schlug. —

Es war noch ziemlich früh am andern Vormittage, als
schon eine Schaar Landleute im Sonntagsstaat durch das südliche Thor der Citadelle gegen die Kirche strömte. Nach und
nach erschienen Andächtige aus den nächsten Stadttheilen;
meist gesetzte Männer und Frauen, in reinlicher, altbürgerlicher
Kleidung. Aber auch schmucke Mädchengestalten waren darunter, deren rosige Gesichter in der heitersten Feiertagsstimmung
erglänzten. So bewegte sich, während von der Kirche aus
schon versprengte Orgeltöne durch die Luft irrten, eine bunte
Menge in den Räumen des Forts, was ihm einen fremdartigen, feierlichen Anstrich gab.

Das Verlangen, den Pater in der Ausübung seines Amtes wiederzusehen, trieb auch mich der Kirche zu. Als ich
eintrat, verstummte eben die Orgel, die einen Choral begleitet
hatte. Alle Anwesenden wandten jetzt ihre Blicke nach der
Kanzel, wo der Prediger erscheinen sollte. Ich betrachtete
unterdessen, an einen Pfeiler gelehnt, den Bau und seine
freundliche Ausschmückung, die sich durch geschmackvolle Einfachheit wohlthuend von dem üblichen schwerfälligen Prunk
und Aufputz unterschied. Als ich wieder nach der Kanzel
sah, stand der Priester schon oben. Sein Auge begegnete dem
meinen und blieb eine Zeit lang auf mir ruhen, so daß ich
fast erröthend den Blick senkte. Jetzt schlug er das Buch auf,
das er in der Hand hatte, und begann das Evangelium zu
lesen. Bei den ersten Worten, die ich vernahm, war ich fast
unangenehm enttäuscht; er las in czechischer Sprache. Ich
hatte ganz vergessen, daß ich mich in Prag befand, und den
vertrauten Klang der Muttersprache von ihm zu hören erwartet. Bald aber versöhnte mich der Wohllaut seiner Stimme
mit dem fremden Idiome, so daß ich seinem Vortrage, trotzdem ich nichts davon verstand, mit regem Interesse folgte.
Er begann, als er zur Predigt selbst überging, ruhig und ganz
ohne alles Pathos, das die meisten Prediger so unleidlich
macht; es war, als spräche er in vernünftig belehrendem Tone
zu Kindern. Nach und nach wurde er wärmer. Ohne daß
er dabei nach der Schauspielerart mit den Händen in der
Luft gefochten hätte, schwoll seine Stimme zu einer mächtigen
Fülle an und ging endlich, während er sich liebreich zu den
Hörern herabneigte, in den tiefen, zitternden Ton einer wehmüthigen Klage über. Es mußten erschütternde Worte gewesen sein; denn ich sah in mehr als einem Auge Thränen, und
als er jetzt schwieg, schimmerte auch seines in feuchtem Glanze.
Ich selbst war bewegt, wie von den Klängen einer räthselhaften Musik. Nach dem üblichen kurzen Gebete verließ er
die Kanzel. Die Orgel ertönte wieder und kurz darauf trat
er im Meßgewande an den Hochaltar, wo schon früher
ein alter, weißhaariger Kirchendiener die Lichter angezündet
hatte. Nach beendetem Gottesdienste strömten die Andächtigen
aus der Kirche und bald herrschte im Fort wieder die gewohnte
Einsamkeit und Stille.

Als ich später abgelös't wurde und mich wieder den
menschenvollen Gassen der Hauptstadt näherte, war es mir,
als kehrte ich aus einem reineren Elemente zu dem ganzen
beengenden Qualm und Dunst der Erde zurück.

Einige Zeit darauf ersuchte mich ein befreundeter Offizier,
für ihn die Wache auf dem Wyschehrad zu beziehen. Er
wollte ein Fest, zu dem er geladen war, nicht gerne
versäumen und versprach, den Dienst in meiner Tour nachzutragen. Ich enthob ihn dieser Verpflichtung und sagte
freudig zu.

Es heimelte mich wohlthuend an, als ich mich wieder
innerhalb der Wälle befand. Während der ersten schwülen
Nachmittagsstunden verblieb ich im Wachtzimmer; dann aber
nahm ich ein Buch und ging in's Freie. Die heißen Strahlen der Junisonne hatten das schwellende Grün der Schanzen
schon etwas ausgetrocknet, und der würzige Geruch des Thymians, der überall in dichten Büscheln wucherte, schwamm in
der Luft. Ohne es eigentlich zu wollen, schritt ich der Bastei
zu. Etwas in meinem Innern sagte mir, ich würde jetzt den
Pater dort treffen; und der Wunsch, mit diesem eigenthümlichen Manne bekannt zu werden, überwand in mir nach und
nach die Bedentlichkeit, ihm durch mein Erscheinen eine unwillkommene Störung zu bereiten. Ich nahm mir sogar vor,
ihn zu grüßen, eine Höflichkeitsbezeugung, die, seinem Stande
gegenüber, eben nichts Befremdendes oder Auffallendes haben
konnte. Vielleicht erwiederte er meinen Gruß mit einigen
freundlichen Worten und der erste Schritt zur gegenseitigen
Annäherung war gethan.

Mein Herz schlug erwartungsvoll, als ich die Bastei betrat. Ich hatte mich nicht getäuscht; dort lag er, in ein Buch
vertieft, unter den abgeblühten Fliederbüschen. Nun aber
überkam mich eine Art Blödigkeit, jener eines Verliebten nicht
unähnlich, der, mit dem festen Vorsatze, sich heute oder nie
mehr zu erklären, scheu und verwirrt an dem Gegenstande
seiner Sehnsucht vorüberschleicht. Ich trat unwillkürlich so
leise auf, daß mich der Priester gar nicht hören konnte, und
als er jetzt doch aufsah und mich, wie es schien, mit wohlwollender Ueberraschung betrachtete, hatte ich schon den rechten
Moment, ihn zu grüßen, versäumt. Ich trat an die Brustwehr, um meine Verlegenheit hinter dem Bewundern der Aussicht zu verbergen. Als ich so dastand, wurde es mir immer
klarer, wie wenig es mir ziemen mochte, meine Person dem
stillen, in sich abgeschlossenen Manne aufzudringen; und mit
dem beschämenden Gefühle, bald eine Taktlosigkeit begangen
zu haben, schickte ich mich wieder zum Fortgehen an. Da
hörte ich mich plötzlich von dem Pater im reinsten, nur etwas
hart klingenden Deutsch angesprochen. „Herr Officier,“ sagte
er, indem er aufstand, „beliebt es Ihnen nicht, den Platz hier
im Schatten einzunehmen. Die Sonne verweilt bis zum Untergange über diesem Theil des Forts; Sie würden nirgend eine
Stelle finden, die Ihnen, gleich dieser, den behaglichen Genuß,
der Aussicht auf die Dauer gestattet.“

„Sie sind sehr gütig, geistlicher Herr,“ erwiederte ich, noch
immer befangen, „daß Sie meinetwegen auf diesen Genuß
verzichten wollen.“

„Er steht mir ja jederzeit zu Gebote. Ein um so größeres
Vergnügen muß es für mich sein, Jemandem, der sich, wie
ich schon unlängst zu bemerken Gelegenheit hatte, in dieser
Einsamkeit wohl fühlt, mein gewöhnliches Leseplätzchen überlassen zu können.“

„Von welchem ich Sie schon damals, freilich ohne es zu
wollen, vertrieben habe,“ sagte ich, im Innersten erfreut, daß
er sich meiner erinnerte.

„Oder ich Sie,“ entgegnete er lächelnd. „Sie sind ja
gleich nach mir weggegangen.“

„Um Ihnen zu zeigen, daß ich meinen Mißgriff eingesehen.“

„Ich weiß es; und Sie haben mir Ihres Zartgefühles
wegen herzlich leid gethan. Aber ich denke, wir sollten uns
nicht länger mit der Erörterung mühen, wer von uns Beiden
eigentlich den Andern aus dieser Laube vertrieben, sondern
uns vielmehr einträchtig in der unschuldigen Urheberin unseres
kleinen freundschaftlichen Streites niederlassen, die wohl Raum
genug dazu bietet. Zwei Lesende,“ setzte er mit einem Blicke
auf das Buch unter meinem Arme hinzu, „vertragen sich ja
leicht und stören einander nicht.“ Mit einer Handbewegung,
die mich zu folgen einlud, lagerte er sich wieder in den Schatten und nahm sein Buch vor. Ich that ein Gleiches; aber
mein Blick schweifte beständig über die Seiten nach meinem
Nachbar hinüber, in dessen Gesichtsbildung etwas wunderbar
Anziehendes lag. Die Stirn war gerade nicht hoch zu nennen,
trat jedoch über der schmalen Nasenwurzel frei und schön gewölbt aus den Haaren hervor. Um den etwas großen, leicht
eingekniffenen Mund lag ein feiner Schmerzenszug, der eigenthümlich von der milden Heiterkeit der graublauen Augen abstach. Mit Ausnahme einer tiefen Furche zwischen den Brauen,
war noch keine Falte in diesem edlen Antlitze zu sehen, das
den Pater bei näherer Betrachtung jünger erscheinen ließ, als
man sonst denken mochte. Er konnte das vierzigste Lebensjahr noch nicht lange überschritten haben.

Es war, als ob auch sein Auge von einem gleichen
Beobachtungsdrange gelenkt würde; denn plötzlich begegneten
sich unsere Blicke.

„Wir stören uns doch,“ sagte er mit einem flüchtigen Lächeln.
„Es ist aber auch unverantwortlich, daß wir uns an das gedruckte Wort halten und das lebendige, das uns doch eigentlich zunächst geboten ist, verschmähen.“ Dabei klappte er sein
Buch zu und legte es neben sich hin. Mein Blick streifte den
Titel auf dem Umschlage; es war eine zu jener Zeit vielerwähnte materialistische Schrift.

Er mußte in meinen Zügen ein gewisses Befremden
darüber wahrnehmen, denn er fragte: „Kennen Sie dieses
Buch?“

Ich bejahte es.

„Und Sie scheinen sich zu wundern, daß ich es lese,“
fuhr er fort. „Es mag sich allerdings etwas seltsam bei mir
ausnehmen; man müßte denn voraussetzen, daß ich es mit
dem empörten Feuereifer eines Inquisitors durchstöbre. Ich
gestehe, dies ist nicht der Fall. Ich bin vielmehr dieser Schrift
bis jetzt mit vielem Vergnügen gefolgt; denn ich interessire
mich für jede wissenschaftliche Leistung, wiche sie auch noch so
sehr von meinen eigenen Ansichten und Ueberzeugungen ab.
Ich habe seit jeher dem Satze gehuldigt: Prüfe Alles und
behalte von Jedem das Beste.“

„Und hiezu,“ sagte ich von dem warmen und dabei
schlichten Ton seiner Worte hingerissen, „hiezu ist auch die
glückliche Einsamkeit, in der Sie leben, wie geschaffen. Hier
ist es Ihnen vergönnt, in erhabener Ruhe an Alles, was im
Lärm des Tages hervorgebracht wird, und daher fast ohne
Ausnahme mehr oder minder von Parteileidenschaften gefärbt
und verfälscht ist, den Prüfstein des reinen Erkennens zu
legen, und so recht eigentlich die Spreu vom Weizen zu
sondern.“

Er sah mich etwas überrascht an. „Nun, dieser Vorzug
erscheint mir denn doch kein so besonderer und wünschenswerther. Er ist das gewöhnliche Attribut müßiger Beschaulichkeit.“

„Deren Sie sich doch nicht selbst anklagen werden?“ rief
ich aus.

„Muß es denn nicht Jeder, dessen Leben ohne bestimmtes,
in irgend einer Richtung förderliches Wirken oder Hervorbringen verläuft?“ fragte er ruhig.

„Wirken Sie denn nicht, indem Sie die Pflichten Ihres
Amtes erfüllen?“

„Ich bin nichts als eine Art Guardian unserer Kirche
auf dem Wyschehrad, und meines Amtes ist, jeden Sonntag
eine Messe zu lesen und dann und wann einen Todten zu
begraben.“

„Und Betrübte aufzurichten, Verirrte zu ermahnen, und
Schuldige zu bessern,“ setzte ich hinzu.

„Ich wollte, daß ich es könnte,“ sagte er still vor
sich hin.

„Sie haben keinen Grund, daran zu zweifeln,“ versetzte
ich warm. „Ich habe letzthin nur zu gut wahrgenommen,
wie sehr Ihre Predigten die Zuhörer ergreifen.“

„Auf wie lange? Die Luft vor der Kirche bläs't wieder
Alles weg. Und so kommt Jeder am nächsten Sonntage ganz
als derselbe herauf, der er vor acht Tagen gewesen. Es ist
dies auch natürlich, denn was sollen Worte dort ausrichten,
wo nur ein thätiges, liebevolles Eingreifen in die Verhältnisse
des Einzelnen Hilfe und somit Trost bringen könnte. Ich
habe, so lange ich Priester bin, blos ein einziges Mal Jemand
durch meine Worte wahrhaft getröstet, und auch das nur, weil
ein eigenthümlicher Zufall dabei im Spiele war. Und dann,“
setzte er rasch, wie um eine Erinnerung zu verdrängen, hinzu,
„was vermögen leere Ermahnungen gegen den nun einmal
in jeder Menschenbrust wurzelnden Hang zum Bösen! Man
sollte dem Verirrten den Weg zum Guten nicht blos weisen,
sondern ihn auch darauf hinführen und ein ziemliches Stück
weit begleiten können. Dies wäre der eigentliche Zweck, die
wahre Aufgabe des Priesters. Wie soll er aber dieser Aufgabe gerecht werden in einer Zeit, wo die Religion fast ganz
zu einer politischen Formel herabgesunken ist, wo ihre Vertreter
in hartnäckiger Abgeschlossenheit einen Staat im Staate bilden.
Einen wahrhaft segensreichen Wirkungskreis kann der Priester
nur unter patriarchalischen Zuständen gewinnen. So kommt es,
daß noch hier und dort auf dem Lande sich der Pfarrer einer
kleinen Gemeinde mit gerechtem Stolze einen Seelenhirten
nennen kann. Die Verhältnisse der Gemeindemitglieder liegen
offen vor ihm da; er hat es nicht erst nöthig, auf eine zweideutige Art in sie eindringen zu müssen. Er ist in der Lage,
nach und nach jeden Einzelnen mit seinen Vorzügen und
Fehlern kennen zu lernen. Wie leicht wird es da einem einsichtsvollen, von wahrer Menschenliebe beseelten Manne —
einem andern würde freilich eben dadurch Gelegenheit geboten,
Unheil zu stiften — durch milde Werkthätigkeit und durch die
Macht des Beispieles tröstend, helfend, belehrend und anregend
Aufzutreten, und so das Wort Gottes nicht blos zu predigen,
sondern auch darzuleben. Mir fällt bei dieser Gelegenheit der
ehemalige Pfarrer meines heimathlichen Dorfes ein. Es war
ein Mann von energischem, fast strengem, aber keineswegs
bigottem Charakter. Sein Latein reichte nicht weit, auch hatte
er nur wenig in den Kirchenvätern gelesen: aber er hielt oft
über einem Glase Wein den Bauern in der Schenke eindringlichere Reden, als vielleicht jemals auf einer Kanzel gesprochen
wurden. Rechtshändel und Streitsachen ließ er selten vor
die Gerichte kommen, sondern schlichtete das Meiste selbst auf
eine verständige und gütige Art. Sein Stück Feld bebaute er
mit eigenen Händen und war immer der Erste bei der Arbeit;
denn er wußte, daß die Menschen eine Ermahnung dazu nicht
gerne von Einem annehmen, der selbst müßig geht. Oft erschien er unvermuthet in der Schule, unterbrach den Vortrag
des Lehrers und stellte einige Fragen an die Kinder. War
er mit dem Examen zufrieden, so holte er Aepfel und Nüsse
aus der Tasche seiner groben abgenützten Soutane hervor, beschenkte die Kleinen damit und ließ sie vor der Zeit auf den
Spielplatz hinaus. Dort sah er ihnen eine Weile zu und
erhöhte den Jubel noch manchmal dadurch, daß er sich selbst
anordnend und belebend in's Spiel mischte. So war er bei
Alt und Jung beliebt, ein wahrer Vater seiner Gemeinde,
die ihn nicht als einen Heiligen über ihr, sondern als den
besten und weisesten Menschen in ihrer Mitte verehrte. —
Wie ganz anders, wie vereinsamt nimmt sich dagegen der
Priester in größeren Städten aus. Von den wahrhaft Gebildeten ob seiner falschen Stellung bemitleidet, von den sogenannten Aufgeklärten als Heuchler verschrieen und an seinen
menschlichen Schwächen und Fehlern schonungslos controllirt,
erscheint er der Mehrzahl der Bevölkerung nur als der zufällige Träger eines gedankenlos überkommenen und ausgeübten
Cultus.“

Ich glaubte zu träumen. Diese Worte klangen so außerordentlich, so überraschend aus dem Munde eines katholischen
Priesters; waren in einem so ruhigen Tone tiefer, im Innersten wurzelnder Ueberzeugung gesprochen, daß ich in schweigende
Bewunderung versank. So trat eine Pause ein, während
welcher wir Beide nach der Sonne blickten, die uns gegenüber,
in einem Meere von Glanz schwimmend, langsam hinter den
Höhen hinabtauchte.

„Ich denke, wir gehen, eh' es völlig Nacht wird,“ sagte
endlich der Pater. Wir erhoben uns und schritten still neben
einander hin. Als wir uns der Kirche näherten, suchten meine
Augen unwillkürlich den weißen Obelisk im Dämmerdunkel
des Friedhofes. Dabei erwähnte ich des tiefen Eindruckes, den
dieser Grabstein letzthin in mir hervorgebracht.

Etwas wie der Schatten einer Erinnerung legte sich über
das Antlitz meines Begleiters; und als ich fragte, ob er mir
vielleicht Näheres über die Todte mittheilen könnte, sagte er,
indem er gedankenvoll vor sich hinsah: „Sie war das einzige
Kind eines Großhändlers und die erste Leiche, die ich hier
oben bestattete.“

Wir waren mittlerweile vor dem Priesterhause angelangt.
Drüben saß der Zeugwart zwischen Weib und Kind vor der
Thür und rauchte seine Abendpfeife.

„Ich bin daheim,“ sagte der Pater. „Wenn es Ihnen
gefällt, bei mir einzutreten, so sind Sie herzlich willkommen.“
Da ich mich verbindlich verneigte, öffnete er das Thor und
führte mich über den einsamen Flur eine breite, dunkelnde
Treppe hinan. Oben schloß er eine von den Thüren auf, die
in einer Reihe den Corridor hinliefen, und ließ mich in ein
ziemlich weitläufiges Gemach treten.

„Nehmen Sie indessen nur hier Platz,“ sagte er und
wies auf ein bequemes Sopha. „Ich werde sogleich Licht
machen.“

Während er an einer großen Kugellampe hanthierte, sah
ich im dämmerigen Raume umher. Die Wände waren zum
Theil von oben bis unten durch dichtbestellte Bücherrepositorien
verdeckt; dazwischen erhoben sich hohe Glasschränke, welche
naturwissenschaftliche Sammlungen zu enthalten schienen. Auf
einem geräumigen Tische in der Nähe der Fenster standen und
lagen chemische und physikalische Instrumente umher; ein zweiter Tisch war ganz mit Papieren und Schriften bedeckt. Trotzdem wehte mir von allen Seiten wohnliches Behagen entgegen
und gab sich, als jetzt das milde Lampenlicht das weite Gemach
durchfluthete, immer deutlicher kund. Die Fenstergardinen,
hinter welchen das dunkle Grün tropischer Gewächse hervorlugte, waren von tadelloser Frische, und an den Büchereinbänden,
sowie auf dem krausgeformten und wunderlich blinkenden Gläserwerk war kein Stäubchen zu sehen. An der rückwärtigen Wand
gewahrte ich ein großes, wohlgebautes Harmonium; eine Copie
der sixtinischen Madonna, in Kupfer gestochen, hing schlicht
eingerahmt darüber.

Der Pater versah die Lampe mit einem Schirme, stellte
sie auf den Tisch vor dem Sopha und ließ sich neben mir
nieder. „Es ist eigenthümlich,“ begann er, „wie sich Menschen,
die unter ganz verschiedenartigen Verhältnissen leben, manchmal
rasch und unvermuthet zusammenfinden. Wie hätt' ich mir's
jemals träumen lassen, einen jungen Offizier in meiner einsamen Behausung zu empfangen.“

„Auch ich hatte nicht gehofft, als ich das erste Mal an
diesen stillen Mauern vorüberging, daß ich mir sobald das
Wohlwollen des Mannes erwerben würde, der hier seine Tage,
wie ich jetzt sehe, in nichts weniger als müßiger Beschaulichkeit
verbringt.“

„Also in müßiger Thätigkeit, wenn Sie schon nicht anders
wollen,“ sagte er lächelnd. „Ich treibe zu meinem Vergnügen
etwas Naturwissenschaften; das ist das Ganze.“

„Je nun, erwiederte ich, „wer weiß, ob Ihre Studien nicht
einem ernsteren Antriebe entspringen, als Sie selbst gestehen
wollen. In den Heften und Convoluten dort,“ fuhr ich mit
einem Blick nach dem Schreibtische fort, „scheint bereits manches
Ergebniß einer tieferen Forschung niedergelegt zu sein.“

„Es sind bloße Excerpte,“ sagte er hastig, indem er leicht
erröthete. „Aufzeichnungen, wichtig für mich, unbedeutend für
Andere. Ich fühle mich nicht berufen, die Wissenschaft durch
Entdeckungen zu bereichern, oder auch nur die Zahl der schwebenden Hypothesen durch Aufstellung einer neuen zu vermehren.
Ich bin, wie gesagt, ein bloßer Dilettant. Ich nehme Pflanzen
in meine Herbarien auf, wegen deren sich ein Anderer schwerlich
mehr bücken möchte, und ergötze mich an Experimenten die
jeder Quartaner als längst abgethanen Schulkram verächtlich
belächeln würde. Die mikroscopische Untersuchung des Wassers,
das einer in's Glas gestellten harmlosen Blume einen Tag
lang das Leben gefristet, erfüllt mich mit derselben Forscherfreudigkeit und wissenschaftlichen Ueberraschung, mit welcher
irgend ein berühmter Mann die Infusorienwelt des stillen
Oceans ergründet; und wenn ich zuweilen, mit Hammer und
Botanisirkapsel ausgerüstet, einen Ausflug längs der Flußufer
oder nach den umliegenden Höhen unternehme, so ist mir dabei
zu Muthe, wie es Humboldt gewesen sein mußte, als er das
Gebiet des Orinoco durchstreifte und die Cordilleren bestieg.
Und so wird mir das Stückchen Natur um mich her zum
Teiche Bethesda, in dem ich die Seele bade und erfrische, um
sie vor den Einflüssen der Langweile zu schützen, die sonst
unfehlbar mein einfaches Leben beschleichen müßte.“

„Was um so weniger der Fall sein wird, als Sie, wie
ich sehe, noch ein zweites Gegenmittel in Bereitschaft haben.“

„Ja,“ sagte er, „mein Harmonium.“

Ich hatte dieses Instrumentes wohl schon öfter erwähnen,
aber noch nie darauf spielen hören, und bemerkte dies dem
Priester.

„Ich selbst besitze es noch nicht lange,“ erwiederte er, indem er den Schirm auf der einen Seite empor schob, so daß
der volle Lichtstrom gegen die rückwärtige Wand fiel. „Ich
pflegte früher die Orgel zu spielen. Da ich aber dazu immer
erst in die Kirche gehen und die Hilfe eines Zweiten in Anspruch nehmen mußte, so schaffte ich mir endlich dieses Instrument an, das in Hinsicht auf Construction und Klang der
Orgel am nächsten kommt und dabei eine größere Bequemlichkeit gestattet.“

Ich hatte inzwischen unverwandt nach dem Bilde gesehen,
dessen ewig neuen Zauber ich hier wieder auf das tiefste
empfand. Und je länger ich das Antlitz der Gottesmutter
betrachtete, die mit ihren großen, unergründlichen Augen wie
verwundert auf den faustischen Apparat im Zimmer zu blicken
schien, je mehr fiel mir die Aehnlichkeit desselben mit dem einer
Person auf, deren ich mich aber, wie dies oft der Fall zu sein
pflegt, nicht gleich entsinnen konnte.

Der Priester war aufgestanden, hatte sich an das Harmonium gesetzt und legte die Spitzen seiner langen weißen
Finger auf die Tasten. „Nicht wahr, ein wunderbares Bild?“
sagte er. „Man kann sich nicht satt schauen daran. Das
kommt aber daher, weil man seine eigentliche Schönheit mit
den Blicken gleichsam erst aus der Tiefe an die Oberfläche
saugen muß. Beim ersten Hinsehen erscheint es fast leer und
läßt kalt. Solchen, die kein geistiges Auge besitzen, wird es
niemals ein rechtes Wohlgefallen abgewinnen. Ich möchte das
Original vor mir haben können.“

„Der Ausdruck im Gesichte der Madonna ist einzig in
seiner Art,“ erwiderte ich nachdenklich. „Und doch findet man
zuweilen Köpfe, besonders bei Frauen im Volke, die mehr
oder minder jenen kindlich erhabenen und, wenn ich so sagen
darf, rührend unfertigen Zug aufweisen, der uns hier so sehr
entzückt. So ist es mir, als hätte ich erst unlängst ein derartiges Gesicht gesehen; ich weiß nur nicht wo.“

„Ich weiß es,“ sagte er. „Hier in der Citadelle.“

Nun war ich darauf gebracht. „Richtig!“ rief ich aus,
„an das junge Weib Ihnen gegenüber hat mich das Bild
gemahnt.“

„Es freut mich, durch Sie meine eigene Ansicht bestätigt
zu finden, die vielleicht eine rein subjective hätte sein können.
Denn im Grunde genommen, sind die Züge doch ganz verschieden, und die Aehnlichkeit liegt wohl nur in dem eigenthümlichen Schnitt und Blick der Augen. Beweis dessen, daß
der Zeugwart, als ich ihn einmal vor das Bild führte, anfangs auch nicht die geringste Aehnlichkeit mit seinem Weibe
finden wollte, und erst nach und nach, und das nur, wie es
mir schien, mehr aus pflichtschuldiger Höflichkeit, als aus
Ueberzeugung miteinstimmte.“

Er hatte schon während dieser letzten Worte zu spielen,
begonnen. Es waren zuerst leise Töne, die er anschlug; aber
immer voller, immer mächtiger rauschten sie unter seinen Händen auf. Er schien kein bestimmtes Musikstück vorzutragen,
sondern ganz einer innern Eingebung zu folgen. Sein Haupt
war leicht zurückgebogen, den Blick halb durch die gesenkte
Wimper verschleiert; auf seiner blassen Stirn lag der Reflex
des Lampenlichtes wie ein Glorienschein.

In tiefes Lauschen versunken, saß ich da. Von draußen
drang der Duft der Lindenblüthen in's Gemach herein und
quoll mit den feierlichen Schwingungen der Töne zusammen.

Als jetzt der Pater mit einer lang nachhallenden Cadenz
schloß, machte ich meinen Gefühlen in den Worten Luft:
„Wahrlich, Sie sind beneidenswerth! Welch' ein herrliches,
reiches Dasein führen Sie in ihrer Abgeschiedenheit. Gestehen
Sie,“ fuhr ich, mich erhebend, fort, „daß Sie glücklich sind,
so glücklich, als es nur irgend eine stillbegnügte Menschenseele
sein kann!“

„Ja,“ sagte er, indem er gleichfalls aufstand und mich
mit leuchtenden Augen ansah, „ich bin glücklich. Aber auch ich
war es nicht immer. Denn das Kleid, das ich trage, ist kein
dreifaches Erz und wappnet die Brust nicht immer gegen die
Gewalten des Lebens. Wenn wir, wie ich hoffe, näher mit
einander bekannt werden,“ setzte er hinzu, da er sah, daß ich
mich zum Fortgehen anschickte, „so will ich Ihnen einmal bei
Gelegenheit Etwas aus früheren Tagen erzählen, zum Beweise,
daß auch mein stilles, unbeachtetes Dasein nicht ganz ohne
Prüfungen, ohne Kampf und Qual gewesen.“ Er geleitete
mich zum Thore hinab. „Leben Sie wohl,“ sagte er, „auf
Wiedersehen!“

So entspann sich zwischen mir und dem Pater eine jener
Freundschaften, wie sie zuweilen unter Männern von ungleichem
Alter vorkommen, und welche dann mit zu den edelsten Verhältnissen gehören, in denen ein Mensch zum andern stehen
kann. In gewöhnlichen Lebensbeziehungen durch die Verschiedenheit des Standes auseinander gehalten, wurden wir desto
fester durch das geistige Interesse, das wir an einander fanden,
verbunden. Ich besuchte ihn nun wöchentlich in seiner einsamen
Stube, wo wir den Nachmittag unter anregenden wissenschaftlichen Gesprächen, noch öfter aber über seinen Büchern und
Sammlungen oder am Experimentirtische zubrachten; denn er
hatte es unternommen, mich in die Naturwissenschaften, darin
er eben so tiefe als ausgebreitete Kenntnisse besah, einzuführen.
Gegen Abend gingen wir gewöhnlich auf eine Stunde in's
Freie, und nahmen dann ein bescheidenes Mahl ein, das uns
der alte Kirchendiener nebst einem Kruge leichten Landbieres
oder einer Flasche Melniker auftrug. Der Pater machte dabei
mit stiller Zuvorkommenheit den Wirth; ihm selbst merkte man
es beinahe nicht an, daß er aß oder trank, so flüchtig weg, so
ganz ohne alles Behagen that er es. Trotz dieses vertrauten
Umganges wurden persönliche Angelegenheiten oder Verhältnisse zwischen uns fast niemals berührt. Ich wußte von ihm
nicht mehr, als daß er einem in der Stadt befindlichen Stifte
angehörte, mit seinem Ordensnamen Innocens heiße, und der
Sohn armer Landleute sei, die schon lange gestorben waren.
Er hingegen mochte in mir einen Menschen erkennen, der sich
in einer ihm wenig zusagenden Lebensstellung befand; aber er
vermied es, mich in dieser Hinsicht irgendwie auszuforschen.
Auch von dem, was er mir damals zu erzählen versprochen
hatte, that er keine Erwähnung mehr. Vielleicht hatte er seine
Zusage vergessen: vielleicht erwartete er, ich würde ihn daran
erinnern, was ich jedoch, um nicht zudringlich zu erscheinen,
unterließ. Von Zeit zu Zeit traf ich bei ihm mit einem bescheidenen, wohlgebildeten Jüngling zusammen, in dem man
beim ersten Blick einen Bruder des jungen Weibes erkennen
mußte. Wie aus seinen Reden hervorging, hatte er erst vor
kurzen, die ärztlichen Prüfungen abgelegt und stand an einer
öffentlichen Heilanstalt in Verwendung. Gegen Innocens legte
er eine tiefe und, wie es schien, mit Dankbarkeit verbundene
Ehrerbietung an den Tag.

Inzwischen war der Sommer, war der Herbst vergangen
und endlich der Winter gekommen, dessen Stürme und Schneegestöber mich nicht abhielten, nach wie vor das Priesterhaus
auf dem Wyschehrad aufzusuchen. Aber der wieder erwachende
Lenz setzte eine schlimme Zeitung in die Welt: die Kriegserklärung Piemonts. Dieses Ereigniß überfiel mich um so unvorbereiteter und gewaltsamer, als ich während der schönen
Zeit des Verkehrs mit Innocens die Politik ganz und gar vergessen hatte, und mein Regiment die Weisung erhielt, nach
Italien abzurücken. Da sich bei ähnlicher Gelegenheit Befehle
und Anordnungen überstürzen, so fand ich im Drange einer
hastigen und verworrenen Dienstesthätigkeit kaum noch Zeit,
meinen geistlichen Freund von unserer so bald bevorstehenden
Trennung persönlich in Kenntniß zu setzen und noch einige
Stunden bei ihm zuzubringen.

Als ich mit beklommenem Herzen bei ihm eintrat, betrachtete
er eben mit erhabener, geistvollen Naturfreunden eigenthümlicher
Naivetät ein paar Schneeglöckchen, die er in der Hand hielt.
Er stand auf und schwenkte mir, gleichsam im stillen Triumphe,
diese ersten Boten des Frühlings entgegen. Als ich ihm aber
jetzt die Vorfallenheiten erzählte, da senkte sich seine Hand allmälig und sein Mund kniff sich immer tiefer und schmerzlicher
ein. „Das ist rasch über uns hereingebrochen“, sprach er tonlos vor sich hin.

Wir blieben uns eine Zeit lang schweigend gegenüber.
Endlich sagte er: „Der Nachmittag ist schön. Lassen Sie uns
zum letzten Male miteinander einen Gang nach der Stelle
thun, wo wir uns kennen gelernt.“ So verließen wir das
Haus und begaben uns langsam und nachdenklich auf die
Bastei. Kahl und öde lag noch die Gegend da; aber einige
frühblühende Obstbäume standen schon in ihrem weißen
Schmucke, die Luft roch nach Veilchen und in geheimnißvoller
Triebkraft schien die Erde leise zu beben. Hier und dort stieg
von den braunen Feldern schmetternd eine Lerche empor.

Innocens deutete über die Brustwehr hinaus: „Welch'
ein tiefer Gottesfriede liegt über der Gegend!“ sagte er.
„Sehen Sie nur dort das lässig schreitende Zwiegespann vor
dem Pfluge und hintendrein den arbeitsfrohen Landmann!
Und hier unten den schaukelnden Kahn und den Schiffer darin,
der das Ruder weggelegt hat, weil ihn die glatte Fluth schnell
und sicher zum Ziele trägt! Wahrlich, wenn man die Welt
so vor sich sieht im Sonnenschein, und die harmlosen Thier- und Menschengestalten darauf, man sollte glauben, sie sei ein
Eden, dessen heitere Ruhe niemals durch das wüste Geschrei
kämpfender Schaaren wäre gestört, dessen Fluren niemals mit
argvergossenem Blute wären getränkt worden.“

„Und unter solchen Umständen“, fuhr ich fort, „muß ich
Italien kennen lernen! Es war seit jeher mein schönster
Traum, dieses Land mit den heiligen Schauern, mit der genießenden Freiheit und Ruhe eines fahrenden Schülers betreten zu können. Und jetzt soll ich als ein rauher Kriegsknecht, bereit zu morden und zu verwüsten, über die Alpen
ziehen!“

„Wie einst unsere Vorfahren unter den Ottonen und
Heinrichen, und unter den Hohenstaufen“, erwiederte er. „So
pflanzen sich die Wellenkreise, die der Sturz des römischen
Kolosses hervorgebracht, noch nach einem Jahrtausende fort,
und wir sind eigentlich auf unserem Welttheile noch immer
Barbaren, so sehr wir uns auch mit den Fortschritten unserer
Civilisation brüsten mögen. Aber“, setzte er nach einem kurzen
Besinnen hinzu, indem er mich rasch ansah, „der Zwang der
Lehenspflicht und Hörigkeit ist glücklicher Weise, wenn auch
nur in seiner bindendsten Bedeutung vorüber. Ich weiß, daß
Sie sich schon lange im Stillen mit dem Gedanken tragen,
den Militärdienst zu verlassen. Thun Sie es jetzt; man kann,
glaub' ich, einem Offizier den Abschied nicht verweigern, wenn
er darum ansucht.“

„Allerdings nicht. Allein man würde mich für einen
Feigling halten, dem um sein Leben bangt. Gerade jetzt kann
und darf ich den Abschied nicht fordern.“

„Sie haben Recht,“ sagte er mit einem leichten Seufzer;
„es geht nicht. Man kann sich über gewisse herrschende Meinungen und Ansichten, ohne sich oft sein ganzes Leben zu verderben, nicht hinwegsetzen.“

Die Sonne war indessen tiefer gesunken, und vom Fluß
herauf wehte es feucht und kühl; so kehrten wir wieder nach
Hause zurück. Die Lampe ward angezündet und wir ließen
uns auf das Sopha nieder. Dort saßen wir schweigend, die
Blicke auf einander geheftet, als wollte Jeder sich noch einmal
das Bild des Andern so recht tief in's Herz prägen.

Um die gewohnte Stunde kam der Alte mit dem Abendessen, an das wir einsylbig und gedankenvoll gingen. Zuletzt
schenkte Innocens die Gläser voll und sagte: „So müssen wir
denn scheiden. Wer am meisten dabei verliert, bin ich. Denn,“
fuhr er, meine Einwendung abschneidend, fort, „so unangenehm
Ihnen die Ereignisse, denen Sie folgen müssen, auch sein
mögen; das Ungewohnte und Wechselvolle daran wird Sie
doch gewaltsam über das Schmerzliche unserer Trennung hinwegreißen. Und wenn alles überwunden und abgethan ist,
dann liegt das Leben wieder in einer neuen Bedeutung, mit
frischen Hoffnungen vor Ihnen. Sie sind noch jung; welche
Erlebnisse, welche Eindrücke harren noch Ihrer, mit was für
Menschen können Sie noch bekannt und befreundet werden!
Ich aber bleibe in meiner Einsamkeit zurück. Ich werde Sie
jeden Tag, zu jeder Stunde vermissen. Selbst meine gewohnte
Thätigkeit wird mir verwais't erscheinen, da Sie schon so innig
damit verknüpft waren — und so bleibt mir kein anderer Trost,
als der der Erinnerung.“ Er hielt mir bei diesen Worten
sein Glas entgegen, in welchem der flüssige Rubin des Weines
wundersam funkelte. Wir stießen an und tranken, worauf er
fortfuhr: „Ich habe noch Etwas auf dem Herzen, das ich
Ihnen schon vor fast einem Jahre einmal mitzutheilen versprochen. Ich will es jetzt thun, denn mir ist, als sollt' ich
Ihnen beim Scheiden das Bild ergänzen, welches Sie von mir,
ich weiß es, freundlich im Gedächtnisse bewahren werden.“
Er stützte das Haupt auf die Hand und sah einen Augenblick
nachdenklich vor sich hin.

„Wie Sie wissen,“ begann er, „bin ich der Sohn armer
Landleute. Meine Kindheit war im Ganzen eine ziemlich freudlose. Ich mußte schon früh meinen Eltern bei der Feldarbeit
an die Hand gehen und überdieß fleißig die Schule besuchen;
denn es hieß, ich sollte einmal studiren. Wirklich wurde ich
später, obwohl man mich zu Hause schwer entbehrte, nach der
Hauptstadt gethan, um das Gymnasium zu besuchen. Dort
wurde ich bald das Stichblatt meiner Mitschüler, die boshaft
genug waren, sich über meine langen Beine, mein schüchternes,
linkisches Benehmen, über meinen altväterischen Anzug lustig
zu machen und mir allerlei muthwillige Streiche zu spielen.
Obgleich mir dies auch anfangs viele trübe Stunden bereitete,
so hatte es doch das Gute, daß ich mich nach und nach ganz
von ihrem Umgange zurückzog und somit nie in die Versuchung
kam, an dem sonstigen Treiben dieser frühreifen Knaben theilzunehmen. Ich lebte damals in einer ärmlichen Dachstube auf
der Kleinseite, wo mich ein entfernter Anverwandter bereitwilligst aufgenommen hatte. Er war schon ziemlich bejahrt,
weib- und kinderlos und bekleidete die Stelle eines Aufsehers
am zoologischen Museum der Stadt. Er brachte öfter seltene
Thiere mit nach Hause; denn zu seinen Obliegenheiten gehörte
es, dieselben auszubälgen oder in Weingeist zu setzen. Dabei
mußt' ich ihm nun helfen, und auf diese Art erwachte in mir
der Hang zum Studium der Natur und schlug immer tiefer
in meinem Gemüthe Wurzel. Da an unseren Gymnasien zu
jener Zeit selbst die Anfangsgründe der Naturwissenschaften
engherziger Rücksichten halber von den Lehrgegenständen noch
ausgeschlossen waren, so wendete ich meinen geringen Sparpfennig daran, mir einige einschlägige und leichtfaßliche Bücher
zu erwerben. Oft verweilte ich stundenlang in den lautlosen
Sälen des Museums, zu denen mein Pflegevater die Schlüssel
hatte und wo mich die bunte Thierwelt in den verschiedenartigsten Stellungen und Lagen regungslos, und doch wie
lebendig, mit seltsam stieren Blicken anzusehen schien, so daß
ich mich anfangs eines leisen Schauders nicht hatte erwehren
können. Bald aber war ich mit ihr ganz vertraut geworden
und meine kindliche Phantasie brachte Athem und Bewegung
in die starren Gestalten. Ich ließ den breitmähnigen Löwen
und den schön gefleckten Königstiger aus ihrem gläsernen Gefängniß heraustreten und majestätisch einen hohen Palmenwald
durchschreiten, wo die Abgottschlange zwischen leuchtenden Blumen
den furchtbaren Leib emporringelte, zähnefletschende Affen an
den Stämmen auf- und abkletterten, krummschnäblige Papageien
in den Wipfeln kreischten und Colibri gleich farbigen Funken
die Luft durchschossen. Oder ich tauchte mit den plumpen,
abenteuerlichen Fischungethümen zu dem zahllosen Gewimmel
in den Abgründen des Meeres hinunter, sah über mir die
Kiele der Schiffe wegfahren, und die Polypen still an den
Riffen bauen. An schönen Ferientagen aber verließ ich schon
mit dem Frühesten die Stadt und ging auf's Gerathewohl in's
Land hinein, nur gelenkt durch den Flug der Schmetterlinge
und Käfer, auf deren Jagd ich auszog. Dabei las ich in der
Eile auf, was mir gerade an Pflanzen oder Steinen in die
Augen fiel und belud mich damit. Wenn ich mich dann recht
warm und müde gelaufen hatte, ruhte ich irgendwo im Schatten
aus; am liebsten bei unbewegten, von Erlen und Weiden umdüsterten Wassern, über deren Spiegel blitzende Libellen schwirrten, zartbeinige Spinnen hintanzten, während dann und wann
aus der Tiefe ein schnappender Frosch ausgluckste. —

So wuchs ich allmälig zum Jüngling heran und trat
endlich, da mich meine Eltern zum geistlichen Stande bestimmt
hatten, als Noviz in unseren Orden, der mich nach vollendeten
Studien und zurückgelegter Probezeit als Pater aufnahm. Durch
bescheidene Dienstwilligkeit und eine gewisse Unverdrossenheit
des Gemüthes, hatte ich mir bald bei meinen geistlichen Vorgesetzten Liebe und Zutrauen erworben; aber plötzlich wurde
meinem Ansehen ein schwerer Stoß versetzt: man begann meine
Frömmigkeit in Zweifel zu ziehen. Neid und Mißgunst waren,
wie überall in der Welt, so auch in unserem Kloster anzutreffen, und hatten die Gelegenheit wahrgenommen, meine harmlosen Naturstudien zu verdächtigen und anzuschwärzen. Es
verlautete nämlich, daß ich die Zeit, während welcher die andern Patres im schattigen Garten beschaulicher Muße oblagen,
ein Spielchen machten oder Spaziergänge in der Stadt
unternahmen, mit verruchten, allen kirchlichen Dogmen
hohnsprechenden Experimenten hinbringe, zu welchem Zwecke
ich eine ganze Teufelsküche und die Werke aller alten
und modernen Atheisten in einem Wandschranke meines
Zimmers verborgen halte. Der damalige Abt, eine ängstliche,
etwas beschränkte Natur, fand sich durch dieses Gerede veranlaßt, mich eines Tages in Begleitung noch zweier Mitglieder
bei meinen einsamen Studien zu überraschen, alles dazu Gehörige in Beschlag zu nehmen und mir nach einem Verweise
anzurathen, meine Fähigkeiten künftighin einer besseren Sache
zuzuwenden. Es war ein tiefer Schmerz, den ich empfand,
als man mir meine Apparate und Bücher forttrug. Ein
bitteres, niederdrückendes Gefühl überkam mich; aber ich erduldete Alles mit christlicher Ergebung, wie es meinem Stande
ziemte. Die Unthätigkeit, zu welcher ich mich jetzt verurtheilt
sah, lastete in den ersten Tagen schwer auf mir. Aber ich
bedachte, wie Vieles, das mit den Anschauungen meiner Vorgesetzten nicht im Widerspruche stand, ich noch zu lernen hatte;
und so fand ich bald in eifrigen philologischen Studien Trost
und Beruhigung. Ich ging nach wie vor fast niemals aus,
und meine Erholung war, hie und da eine Stunde auf der
Orgel unserer Hauskapelle zu spielen. Ich hatte die erste Anleitung dazu schon von meinem Schullehrer im Dorfe erhalten
und benützte nun die Gelegenheit, diese Vorkenntnisse zu erweitern und auszubilden. Wenn ich so in der verlassenen
Kapelle saß, und die Töne unter meinen Händen aufquollen,
da zog ein tiefer Friede, eine lichte Seligkeit in meine Brust,
und auch nicht ein Schatten dieser Welt fiel hinein.

So war mir manches Jahr in sanfter Gleichförmigkeit
vorübergegangen, als der Abt plötzlich starb. Sein Nachfolger,
ein wohldenkender, vorurtheilsfreier Mann, der mich stets mit
vieler Nachsicht behandelt und warm vertheidigt hatte, ließ
mich eines Tages zu sich bescheiden. „Wissen Sie,“ sagte er,
als ich bei ihm eintrat, „daß der Verweser unserer Kirche auf
dem Wyscherad wegen andauernder Kränklichkeit um Amtsenthebung nachgesucht hat?“ Ich bejahte es, da ich davon gehört hatte. „Möchten Sie wohl,“ fuhr er fort, indem er
mich forschend ansah, „seine Stelle übernehmen?“ Er mußte
in meinen Zügen sogleich eine freudige Zustimmung wahrgenommen haben, denn er klopfte mir schnell auf die Schulter
und sagte: „Nun, so gehen Sie mit Gott. Es wird Sie
Niemand darum beneiden; der Ort ist gar zu einsam und
abgeschieden, wenn auch das Amt eine gewisse Selbstständigkeit und Freiheit gewährt, die Sie, das weiß ich, nicht mißbauchen werden.“

Mit welch' wohlthuenden Gefühlen ich das stille Haus
hier oben bezog, können Sie sich vorstellen. Ich war der hämischen, spähenden, zischelnden Klostercameradschaft los und
konnte wieder unbehelligt meine geliebten, langentbehrten Arbeiten aufnehmen, wozu mir der neue Abt Bücher und Apparate von selbst hatte zurückstellen lassen.

Als ich nach der ersten Nacht, die ich hier oben zugebracht hatte, am frühen Morgen an's Fenster trat, fiel mein
Blick auf das kleine Haus gegenüber. Mit dem Einrichten
meiner neuen Wohnung beschäftigt, hatte ich es Tags vorher
kaum beachtet; jetzt aber zog es meine ganze Aufmerksamkeit
auf sich. Thür und Fenster waren geschlossen; Alles schien
drinnen noch im tiefen Schlaf zu liegen. Nur die Hühner
und Gänse trieben schon vor der Schwelle ihr Wesen und die
Tauben trippelten unruhig auf dem Dachfirste umher. Wie
ich so hinsah, überkam mich eine Art Heimweh. Es war
mir, als säh' ich das niedere, vom Dorfe etwas abgeschiedene
Häuschen vor mir, in dem ich meine Kindheit verlebt hatte,
und als müsse sich jetzt und jetzt die Thüre öffnen und meine
Mutter selig heraustreten. Und die Thüre öffnete sich auch,
aber die heraustrat, war ein junges Mädchen. Sie hatte ein
weißes Tüchlein um den Kopf geworfen, und streute aus
der aufgenommenen Schürze Futter zu Boden. Ohne sich weiter um das rasch hinzustürzende Geflügel zu kümmern, schöpfte
sie Wasser aus der Cisterne und begab sich wieder in das
Haus zurück, aus dessen Schornstein alsbald ein leichter Rauch
in die heitere Morgenluft aufstieg. Mittlerweile war auch
ein munter aussehender Knabe über die Schwelle gehüpft,
der nun mit dem Muthwillen seines Alters die emsig pickende
Schaar von den reichlich zugemessenen Körnern zu verscheuchen
begann, wobei er sich an dem Geschrei und an der verworrenen Flucht der furchtsamen Thiere weidlich zu ergötzen schien.
Plötzlich aber wurde er von dem Mädchen, das rasch aus der
Thüre eilte, beim Arme gefaßt und hineingezogen.

Drüben hatten sich die versprengten Gäste allmälig wieder
eingefunden, als es an meine Thüre klopfte. Es war der
Kirchendiener, um mich zur Messe abzuholen, mit welcher ich
mein Amt einweihen wollte. Bevor wir gingen, fragte ich
den Mann, wer dort drüben wohne. „Der Zeugwart,“ erwiederte er, „mit Weib und Kindern. Ein alter Knasterbart,
der die Franzosenkriege mitgemacht und sich den ruhigen Posten
hier oben durch manche Blessur verdient hat.“

In der Kirche, welche gewöhnlich nur an Sonn- und
Feiertagen offen ist, war kein Beter anwesend. Als ich mich
beim Evangelium umwandte, sah ich das Mädchen hereintreten. Sie trug einen Korb am Arme und kniete in der
Nähe des Altares nieder, an welchem ich die Messe las. Nach
einem kurzen Gebete erhob und bekreuzte sie sich und ging wieder.

Als ich am nächsten Sonntage zum ersten Male die
Kanzel bestieg, gewahrte ich sie gleich beim ersten Hinsehen
auf die Menge unter mir. Sie hatte ein blaues, bis an den
Hals hinauf geschlossenes Kleid an, das ihr gar wohl zu den
goldenen, schlichtgescheitelten Haaren ließ. Neben ihr im Betstuhle saß eine schon ziemlich bejahrte Frau, die man sogleich
für die Mutter erkannte. Während ich predigte, fühlte ich
beständig ihren Blick aus den vielen heraus, die auf mich gerichtet waren, und in dem Bestreben, ihm auszuweichen, und
doch wunderbar davon angezogen, irrte mein Auge scheu um
die liebliche Gestalt herum, ohne daß ich den Muth gehabt
hätte, sie anzusehen. Desto öfter jedoch blickte ich in den Tagen,
die nun folgten, nach dem kleinen Hause hinüber, und bald
paßte ich sogar jeden Morgen den Augenblick ab, wo die
Jungfrau vor der Thüre erschien. So trat ihr Bild unvermerkt immer tiefer in mein Leben hinein, und verwuchs damit, eine holde Nothwendigkeit, wie Luft und Licht. Es fachte
keinen Wunsch in mir an; aber wie an trüben sonnenlosen
Tagen ein dumpfer Druck auf Einem liegt, so überkam mich,
wenn ich sie zur gewohnten Stunde nicht sah, ein geheimes
Mißbehagen, das nicht eher wich, als bis sich die schlanke Gestalt, wenn auch noch so flüchtig, vor dem Hause, am Fenster
oder im Gärtchen gezeigt hatte. Dann aber war es mir, als
sei es erst jetzt vollends Tag geworden, dessen helles Licht mich
mit sanfter Wärme und Heiterkeit durchströme. —

Eines Abends spät hatte ich eben die Lampe angezündet
und mich über ein Buch gebeugt, als die Klingel am Thore
ziemlich hastig gezogen wurde. Ich erhob mich und trat an's
Fenster. Unten im Dunkel der Bäume stand das Mädchen
Ein jäher, freudiger Schreck durchzuckte mich, und unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.

Inzwischen hatte der Kirchendiener das Thor geöffnet
und fragte jetzt nach ihrem Begehren.

„Um Gottes willen,“ sagte sie mit ängstlicher Hast und
unterdrücktem Weinen, „meine Mutter ist schwer krank; der
geistliche Herr möchte sie versehen kommen.“

Ich erbebte im Innersten bei dem Klang dieser Stimme,
die ich nun zum ersten Male hörte. Ich fühlte das tiefste
Mitleid mit dem armen Kinde; eine fieberhafte Angst und
Sorge um die Kranke überfiel mich, und dennoch hätte ich
zugleich aufjubeln können vor Freude. Rasch eilte ich die
Treppe hinunter und begab mich mit dem Kirchendiener, der
mir im Flure entgegen kam, in die Sakristei, um alles Nothwendige zu holen. Als ich damit aus dem Hause trat, war
das Mädchen am Thore niedergekniet. Ich bewegte mit zitternden Händen den Kelch segnend über ihrem Haupte; dann
stand sie auf und eilte mir rasch voran.

In einer ärmlichen, aber rein und sorgsam gehaltenen
Stube kniete der Zeugwart am Krankenbette, eine breitschulterige alte Soldatengestalt mit dem Kanonenkreuze auf der
Brust; ihm gegenüber der Knabe, das große Kindesauge
ängstlich und verschüchtert auf mich richtend. Ich segnete die
Anwesenden und trat dann zur Kranken, die, wie es schien,
bewußtlos, im heftigen Fieber lag. Sie bewegte unruhig
Kopf und Arme, und murmelte unverständliche Worte vor
sich hin. Es fiel mir auf, daß man fast gewaltsam eine Menge
Bettzeug auf sie gehäuft hatte, was die verzehrende Fiebergluth des Weibes nur noch steigern mußte. Auch waren die
Fenster geschlossen und in der Stube lagerte die Luft schwül
und dunstig. Ich wandte mich an den Zeugwart mit der
Frage, wann und unter welchen Umständen die Krankheit
ausgebrochen sei, und ob man keinen Arzt zu Rathe gezogen?
Hierauf nahm aber gleich das Mädchen das Wort und sagte
unter leisem Schluchzen, daß die Mutter schon gestern über
Mattigkeit und Kopfschmerz geklagt und die Nacht sehr unruhig zugebracht habe. Sie hätten einen Chirurgen holen
lassen; dieser habe schweißbringende Mittel und Verwahrung
vor Luftzug verordnet und schon für den nächsten Tag Besserung in Aussicht gestellt. Statt dessen sei jedoch die Mutter
von Stunde zu Stunde kränker geworden, und sie hätten sich
nicht zu rathen noch zu helfen gewußt.

Da ich in dem Zustande der Kranken typhöse Erscheinungen erkannte, so machte ich Vater und Tochter auf das
Verkehrte dieser Behandlungsweise aufmerksam und erbot
mich, falls man mir Vertrauen schenkte, der Kranken Erleichterung zu verschaffen. Zugleich versprach ich, morgen mit
dem Frühesten aus der Stadt einen Arzt holen zu lassen.
Ein Strahl freudiger Hoffnung flog bei meinen Worten über
das düstere, gebräunte Antlitz des Alten und schimmerte um
so heller hinter den Thränen des Mädchens auf, als ich das
Versehen mit den Sterbesakramenten für unnöthig erklärte
und bat, mich nur als Arzt zu betrachten und alle meine Anordnungen zu befolgen.

Das Mädchen faltete still die Hände vor der Brust und
sah mich fragend und erwartungsvoll an. Ich befahl für's
Erste, die schweren, dicken Hüllen von dem Körper der Frau
zu entfernen, dann Thür und Fenster zu öffnen, auf daß die
reine, frische Nachtluft durch die Stube streiche. Sie thaten
es schweigend und eilig; aber ein leiser Zug ungläubiger
Aengstlichkeit lag dabei in allen Gesichtern. Diese Anordnungen waren ja so ganz jenen des Chirurgen entgegengesetzt und die Menschen sind in Allem und Jedem zu sehr an
langsame Uebergänge gewöhnt, als daß sie zu einem plötzlichen
Wechsel unbedingtes Vertrauen fassen sollten.

Ich hatte inzwischen von dem Knaben ein Becken mit
frischem Wasser füllen lassen. Dann begehrte ich Linnen,
tauchte es ein und legte es auf die brennende Stirn der
Kranken, die dabei, wie neubelebt, tief aufseufzte. Hierauf
entfernte ich mich, um einiges aus meiner kleinen Handapotheke herüberzuholen.

Als ich wieder in die Stube trat, hörte ich, wie eben der
Knabe sagte: „Wie wohl der Mutter die kalten Umschläge
thun! Der dumme Chirurg! Das hätte er auch wissen sollen“.

„Siehst du, Ludmilla“, sagte jetzt der Zeugwart, „wie
gut es war, daß ich darauf bestand, du solltest den geistlichen
Herrn rufen.“

„Ach ja;“ erwiederte sie indem sie mich mit ihren großen
nußbraunen Augen tief ansah, „aber es that mir so weh,
daran zu glauben, daß es mit der Mutter schon so schlimm
stehe.“

Ich hatte kühlende Pflanzensäfte mitgebracht und goß
davon in ein Glas Wasser, das ich an den lechzenden Mund
der Kranken brachte. Kaum spürte diese das Naß an den
Lippen, als sie es, obgleich noch immer bewußtlos, instinktmäßig mit gierigen Zügen einschluckte.

Mittlerweile hatte der Zeugwart nach der Uhr gesehen,
zögernd seine Uniform zugeknöpft und den Säbel umgeschnallt.
„Der Dienst ruft mich,“ sagte er, als ich ihm einen Blick
zuwarf. Ich muß die Nachtrunde um das Fort und die
Pulvermagazine machen. Es ist mir noch nie so schwer gefallen wie heute.“

„Gehen Sie unbesorgt“, erwiederte ich, „ich will ihre
Zurückkunft hier abwarten. Bis dahin soll sich, wie ich hoffe,
Ihre Frau schon merklich besser befinden.“

Der alte Soldat beugte sich über die Kranke und horchte
auf ihren Athem. Dann zündete er das Licht einer Laterne
an und ging.

Wirklich wurde die Kranke von Minute zu Minute
ruhiger. Die Delirien hörten auf; das Bewegen und Zucken
der Arme wurde seltener, und die wüste Bewußtlosigkeit schien
einem tiefen, wohlthätigen Schlummer zu weichen.

Ich hatte mich ihr zu Häupten gesetzt und hielt ihren
Puls leicht umfaßt. Ludmilla war hart am Bette niedergekniet und schien mit aufgestützten Armen und gefalteten Häden zu einem Heiligenbilde an der Wand zu beten. Der
Knabe lag, von dem bleiernen Schlafe der frühen Jugend bewältigt, mit überhangendem Haupte in einem alten Lehnstuhl.
Still quoll die Nachtluft durch das geöffnete Fenster herein
und spielte mit der gedämpften Flamme der Lampe, um welche,
vom trügerischen Schein in die Stube gelockt, ein schwerfälliger Falter in immer engeren Kreisen schwirrte.

Da ward es mir, als neige sich das Haupt des knieenden Mädchens der Seite zu, wo ich saß. Und wie es jetzt
tiefer und tiefer sank, lösten sich langsam die gefalteten Hände,
die Arme fielen schlaff an den Hüften hinunter, und eh' ich
mich dessen versah, glitt der Oberleib der vom Schlafe Uebermannten sanft in meinen Schooß herüber.

Eine nie gekannte Empfindung durchzuckte mich, als die
holde Last plötzlich auf meinen Knieen lag, All' mein Blut
schoß zum Herzen; ich fühlte, wie ich erblaßte. Was sollte
ich beginnen? Sollte ich sie wecken? Und wenn ich es that,
mußte sie nicht gewahren, daß sie in meinem Schooße lag?
Ein tiefes Schaamgefühl überkam mich und trieb mir das
Blut, heiß zum Versengen, in die Wangen zurück. Ich wagte
mich nicht zu rühren. Ich spürte, wie sich die Brust der
Jungfrau im festen Schlummer gleichmäßig hob und senkte,
und lauschte auf ihre Athemzüge, die sich mit den leisen des
Knaben und den schnellen, stoßweisen der Kranken vermischten. Mein Herz schlug hörbar; der Falter schwirrte noch immer
um's Licht; draußen zirpten die Grillen.

Plötzlich erlosch knisternd die Lampe. Der Falter hatte
das Flämmchen, endlich hineinflatternd, erstickt. Ludmilla
wachte im Schlafe eine Bewegung. Dabei berührte ihr warmer Hauch meine Hand. Ein heißer Schauer durchrieselte
mich, meine Pulse flogen, und in der Verwirrung meiner
Sinne beugte ich mich nieder und mein Mund streifte zitternd
das weiche, duftige Haar der Schläferin. Aber gleichzeitig,
wie von einer inneren Angst getrieben, schob ich sie sanft von
mir und erhob mich.

Ludmilla erwachte und schien sich lange nicht besinnen
zu können, als sie sich am Boden und im Dunkeln befand.
Ich sagte mit bebender Stimme, sie möge die Lampe anzünden,
die eben erloschen sei. Sie that es schämig verwirrt und erwiederte, indem sie mit den Händen über das rosige Gesicht
fuhr: „Mein Gott, mir scheint, ich habe gar geschlafen.“

Ich schwieg und wechselte den Umschlag der Kranken.
Es that mir wohl, die fiebernden Hände in's Wasser zu tauchen; doch kühlte es nicht die Gluth, die mich noch immer
durchtobte.

Bald darauf trat der Zeugwart ein. Ich wies auf die
ruhig schlummernde Kranke und unterbrach erröthend die
schlichten Dankesworte des Mannes, indem ich mich mit dem
Bemerken verabschiedete, daß für heute Nacht nichts mehr zu
befürchten sei. Ludmilla hatte die Lampe ergriffen, um mir
hinaus zu leuchten. Ich winkte ihr zu bleiben, zog meine
Hand, die sie ehrerbietig zum Kusse ergreifen wollte, zurück und eilte fort.

Draußen war eine herrliche Nacht. Die Sterne flimmerten und zuckten, und der Mond goß sein feuchtes Licht
über die Erde. Ohne zu wissen, wie ich dahin gekommen,
stand ich plötzlich auf der Bastei, deren Brustwehr meinen wahllos stürmenden Schritten Einhalt that. Schwüle Fliederdüfte
umquollen mein Antlitz; in der Runde schmetterten die Nachtigallen.

Horch! ferner Lärm, wie von verworrenen Stimmen, von
Scherzen und Gelächter. Ein Kahn kam den glitzernden
Strom herabgefahren, voll fröhlicher Menschen, die gewiß bis
jetzt in Podol gezecht hatten und sich in der stillen Mondnacht auf der schaukelnden Fluth bis zur Prager Brücke rudern ließen.

Immer näher kam der Kahn; immer lauter scholl die
Lustbarkeit der Menschen, deren Gestalten ich deutlich erkennen
konnte, wie sie, Männer und Frauen, dichtgedrängt in dem
kleinen Fahrzeuge saßen und standen.

Plötzlich verstummte Plaudern und Lachen, und eine
weiche, schmelzende Tenorstimme begann in die schimmernde
Nacht hinaus zu singen:

„Sei in Tönen, weich und linde,
Mir, o Frühlingsnacht, gegrüßt!
Glücklich, wer mit seinem Kinde,
Schlummerlos, dich still verküßt!
Wie ein heimliches Gewittern
Geht's durch deine milde Pracht:
Es ist rings der Herzen Zittern,
Hold bedrängt von Liebesmacht.“

Ein schneidendes Weh drängte sich durch meine Seele
und athemlos, wie von einem Zauber berührt, lauschte ich dem
Gesange.

„Es ist rings der Herzen Zittern,
Hold bedrängt von Liebesmacht!“

scholl es, im lauten Chor wiederholt, herauf.

Jetzt glitt der Kahn gerade unterhalb des Forts vorüber
und mit kräftiger, rasch empor geschnellter Stimme fuhr der
Sänger fort:

„Aber wecken alle Träumer,
Möcht' ich jetzt mit hellem Sang,
Treiben möcht' ich alle Säumer
Vor mir her mit Becherklang!
Denn mich wurmet das Genippe.
Wo ein Trunk nur kühlt und stillt,
Und mich wurmet jede Lippe,
Die nicht heißverlangend schwillt!“
„Und mich wurmet jede Lippe,
Die nicht heißverlangend schwillt'“

tönte es im Chor.

Ich beugte mich weit über die Brustwehr hinaus; denn
immer ferner und schwächer klang es:

„Und so wie der echte Zecher
Keinen Tropfen je vergißt,
So verschmäh' ich rascher Brecher
Keine Blüthe, die da sprießt —“

ich hörte nur mehr die immer leiser tönende Melodie des
Liedes; noch einmal den Chor fern aufrauschen; dann war
alles still.

Jetzt überkam mich eine tiefe, wilde Sehnsucht und drohte
mir die Brust zu zersprengen. Es war mir, als wäre mein
Glück an mir vorübergezogen und rufe und winke durch die
Nacht nach mir zurück mit geheimnißvollen Stimmen und
leuchtenden Händen. In unsäglichem Drange breitete ich die
Arme in der Richtung aus, in welcher der Kahn meinen
Blicken entschwunden war. Dann warf ich mich nieder auf
das feuchte Gras, und eine glühende Thräne rann aus meinem
Auge mit dem kühlen Thau des Himmels zusammen.“

Er schwieg einen Augenblick, wie um eine innere Erregung auszittern zu lassen und fuhr dann in etwas gedämpftem
Tone fort: „Am Horizont stand schon ein blaßgelber Streif,
als ich nach Hause zurückkehrte. Ich warf mich angekleidet
auf's Bett und versank in einen kurzen, von wüsten Traumbildern geängstigten Schlummer. Beim Erwachen lag das
Dasein fremdartig vor mir, ein einziger großer Schmerz. Der
Arzt erschien und ich ging zögernd mit ihm hinüber. Er erklärte den Zustand der Kranken für keinen sehr gefährlichen
und verordnete einiges, während ich mit bebender Seele abseits
stand und den Blicken Ludmilla's auswich, die sie, um die
Mutter beschäftigt, voll innigen Dankes gegen mich aufschlug.
Ich war froh, als ich mich mit dem Arzte wieder entfernen
konnte. Es litt mich aber nicht zu Hause, sondern ich irrte
zeitvergessen in der Citadelle umher, warf mich hier und da
erschöpft auf eine Schanze nieder und brütete vor mich hin.
In dieser dumpfen, ruhelosen Unthätigkeit vergingen die nächsten Tage. Ein schleichendes, markverzehrendes Feuer war in
meinem Innern entglommen und lohte oft in so wilden, niegekannten Wünschen auf, daß ich vor mir selbst erschrack. In
meiner Seelenangst schloß ich mich dann oft stundenlang in
der kühlen, dunklen Kirche ein, um durch reumüthiges Gebet
mein Inneres zu läutern und der schwülen Traumhaftigkeit
meiner Sinne Herr zu werden. Aber umsonst: auf der Lippe
die das peccavi sprach, zitterte die wonnige Berührung mit
den blonden Haaren Ludmilla's nach, und wie geisterhaft
fühlte ich mich von Sirenenklängen jenes Liedes umweht. Selbst
an der Orgel, deren Töne mich sonst über alles Irdische hinausgehoben, fand ich keine Beruhigung, keinen Trost. Ihr
feierlich-ernstes, gleichmäßiges Rauschen stimmte nicht zu dem
Zwiespalte meiner Brust, der, das fühlte ich, nur auf einer
Geige in wildklagenden Accorden, grellen Läufen und schneidenden Cadenzen hätte ausklingen können. Ein Opfer dieses
Zwiespaltes, nannte ich mich selbst einen pflichtvergessenen
Priester, der mit unwürdiger Hand den Kelch erhebe, und
dessen befleckte Lippe das Wort Gottes entheilige. Und dann
nahm ich mir vor, nie mehr die Schwelle des Zeugwartes
zu betreten, was ich doch schon der Kranken halber von Zeit zu
Zeit thun mußte, hätte mich auch nicht die Sehnsucht, Ludmilla zu
sehen, hingetrieben. Gleich darauf aber beklagte ich mich wieder
als einen unglückseligen Menschen, der inmitten der holden
Freuden und Genüsse dieser Welt an einen düsteren Felsblock geschmiedet sei, und weinte heiße Thränen darüber, daß
ich das unauflösbare Gelübde abgelegt. — Fast eine Woche
lang war es mir gelungen, die drängende Sehnsucht zurückzudämmen; länger aber ertrug ich's nicht. Ich umkreiste, wie
damals der Falter die Lampe, immer enger das kleine Haus
und trat endlich hinein.

Ich fand die Kranke schon im Gärtchen. Man hatte ihr
den alten Lehnstuhl unter einen breitästigen Apfelbaum getragen, in dessen Schatten sie des herrlichen Nachmittags genoß.
Neben ihr auf einer in der Erde festgerammten Bank saß
Ludmilla. Diese sprang, als ich eintrat, hastig auf, wobei
ihrem Schooße ein buntes Chaos von Wiesenblumen entglitt.

Die Frau machte einen Versuch, sich zu erheben, sank
aber alsbald wieder kraftlos in den Stuhl zurück. So begnügte sie sich, mir ihre welke, abgemagerte Hand entgegen zu
strecken. „Wie schön, hochwürdiger Herr“, sagte sie, „daß
Sie heute herüberkommen, wo ich zum ersten Male wieder die
freie Gottesluft athme.“

„Es freuet mich, Sie schon so wohl zu sehen‛“ erwiederte
ich mit gepreßter Stimme; denn ich bemerkte daß mich Ludmilla mit ängstlicher Freude betrachtete.

„Gerade haben wir von Ihnen gesprochen, nicht wahr,
Mutter?“ sagte sie. „Wir fürchteten schon, Sie wären krank.
Sie sahen, als sie das letzte Mal bei uns waren, gar so
blaß und leidend aus.“

Ich fühlte, wie ich bei diesen Worten noch bleicher wurde
als ich es vieleicht schon war.

„Und Sie waren auch gewiß krank,“ fuhr Ludmilla
fort, während sie besorgt die Hände faltete. „Man sieht es
Ihnen an, daß Sie sich selbst jetzt noch nicht ganz wohl
fühlen“.

„Wahrlich“, bekräftigte die Mutter, „jetzt merk' ich es
erst, wie übel sie aussehen. Was fehlt Ihnen, geistlicher
Herr? Reden Sie, um Gotteswillen!“

Ich drohte umzusinken. Bei dieser ängstlichen Musterung
kam mir in den Sinn, wie verstört ich aussehen mußte; ich
empfand es deutlich, wie mir das Haar wirr um die Schläfen
hing, und meine Augen eine düstere Fiebergluth ausstrahlten.
Dennoch faßte ich mich und erwiederte, indem ich mich zu
lächeln zwang: „Mir fehlt nichts; ich fühle mich ganz wohl.“

„Wirklich? wirklich?“ forschten die Frauen, „Sie wollen
es uns nur verheimlichen“, setzte Ludmilla hinzu.

„Warum sollt ich das,“ sagte ich, das Zittern meiner
Stimme gewaltsam unterdrückend. „Beruhigen Sie sich, es ist
nichts. Die Tage sind jetzt nur so unerträglich schwül,“ setzte
ich hinzu, indem ich unwillkürlich meinen Empfindungen nachgab und mit der Hand über die Stirn fuhr.

„So setzen Sie sich doch hierher in den Schatten! rief
das Mädchen und zwang mich mit sanfter Gewalt auf die
Bank nieder. „Prokop!“ rief sie dann dem Knaben zu, der,
ohne mein Kommen bemerkt zu haben, weiter rückwärts im
Gärtchen herumsprang, „Prokop, siehst du denn nicht, daß der
geistliche Herr da ist?“ Alsbald kam der Kleine auf mich zugelaufen. Froh, die Verwirrung meiner Seele hinter einem
Gespräch mit dem Kinde verbergen zu können, streichelte ich
ihm das erhitzte Gesicht und das lichtblonde, kurzgeschnittene
Haar, während ich hastig hintereinander eine Menge Fragen
an ihn stellte, die er alle bescheiden und aufgeweckt beantwortete.

Ludmilla hatte inzwischen langsam die Blumen vom Boden
aufgelesen und machte jetzt Miene, sich neben mir auf der
Bank niederzulassen. Ich erhob mich unwillkürlich. „Wie
Sie wollen schon wieder fort?“ hieß es, „Ich muß“, stammelte ich, obgleich es sich wie unsichtbare Banden um mich
legte.

„O, nur einen Augenblick!“ bat Ludmilla, bis ich den
Strauß hier fertig habe. Sie können sich ihn zu Hause in's
Wasser stellen.“

Ich machte verwirrt eine ablehnende Geberde.

„Geh mit diesen Blumen!“ sagte die Mutter. „Da gibst
Du dem geistlichen Herrn was Rechtes.“

„Also wollen Sie sie nicht?“ fragte Ludmilla kleinlaut.
„Sie duften doch recht lieblich.“

Mir wollte das Herz darüber zerspringen, daß ich ihr
weh gethan. „So war es nicht gemeint,“ sagte ich. „Ich
liebe ja die Blumen, die draußen frei und ungepflegt sprießen,
gar sehr. Ich wollte nur nicht, daß Sie sich meinetwegen mühten.“

„Mühten?“ fragte sie. „Mein Gott, wie gerne thät ich's!
Aber was ist es denn, einen Strauß zu binden.“ Und indem
sie die Blumen auf die Bank legte, und rasch wieder eine
nach der andern aufnahm, fuhr sie fort: „Die Schanzen sehen
jetzt gar so schön aus. Alles steht bunt von Stern- und Glockenblumen, von Gelbveiglein und Hahnenfuß. Da pflück' ich nun,
so viel ich kann. Denn hier haben wir auch gar zu wenig
Raum, um Blumen zu halten. Mein Rosenbäumchen dort ist
außer den Aepfeln und Bohnen das Einzige, was bei uns
blüht. Sie deutete darauf hin. Es war wirklich die alleinige
Zierde des Gärtchens, wo jedes Fleckchen Erde mit einem nützlichen Gewächse bepflanzt war, und stand bis auf eine halbaufgeblühte Rose noch in Knospen.

Sie hatte den Strauß fertig und hielt ihn in der gebräunten, aber wohlgeformten Hand prüfend vor sich hin. „Es
sind doch gar zu unscheinbare Blumen“, sagte sie niedergeschlagen, „sie nehmen sich im Rasen zerstreut viel besser aus
als so. Aber warten Sie, ich will noch etwas hinzu thun!“
rief sie, wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, und eilte
auf das Bäumchen los. Dort pflückte sie die Rose und steckte
dieselbe in die Mitte des Straußes, wo sie, von weißzackigen
Sternblumen umgeben, gar lieblich aussah. „So“, sagte Ludmilla, indem sie zurückkehrte und mir anmuthig den Strauß
überreichte. „Es war die Einzige. In ein paar Tagen aber
werden alle Knospen aufgegangen sein, und dann sollen sie
die schönsten Rosen haben.“

Ich stammelte einige unzusammenhängende Worte und
verabschiedete mich; Ludmilla ging noch mit mir bis zu dem
Pförtchen im Zaune.

Draußen athmete ich tief auf. Ein schmerzlichsüßes Weh
hatte mir drinnen das Herz zusammengepreßt und eine dumpfe
Hitze in's Antlitz getrieben. Nun suchte ich Luft, Kühlung.
Aber die Sonne schien heiß auf meinen Scheitel nieder; kein
Blatt, kein Halm regte sich. Unwillkürlich brachte ich den
Strauß, um mich zu erfrischen, vor's Antlitz. Dadurch wurde
ich mir erst des duftigen Geschenkes bewußt und eine seltsame
Verwirrung und Beängstigung überkam mich. Es war mir,
als hefteten sich rings tausend Augen auf mich und auf die
Blumen in meiner Hand. Und da fingen die Stengel zwischen
meinen Fingern zu glühen an und aus jedem Kelche schien
eine Flamme zu schlagen. Scheu blickte ich umher; es war
Niemand zu sehen, außer einer Schildwache, die hoch oben auf
dem Wall, ohne mich zu beachten, träg auf und nieder ging.
Ich nahm den Strauß unter mein Scapulier und eilte zu mir
hinüber. Geräuschlos, mit hochklopfendem Herzen, huschte ich
über den Flur und die Treppe hinauf und schloß die Thüre
hinter mir ab. Hier im kühlen, einsamen Zimmer drückte ich
den Strauß an die Brust, an die Augen, an den Mund. Ich
gab ihm die zärtlichsten Schmeichelnamen, wühlte mit zitternden
Fingern darin und bedeckte die Stengel mit zahllosen Küssen.
Plötzlich aber zuckte wieder das ganze fürchterliche Bewußtsein
meiner Lage in mir auf; entsetzt schleuderte ich den Strauß
vor mich auf den Tisch hin, schlug mir die Hände vor's Gesicht und sank laut stöhnend in einen Stuhl.

Ich weiß nicht, wie lange ich so, eine Beute der widerstreitendsten Gefühle, mochte dagesessen haben, als es an die
Thüre klopfte. Erschreckt fuhr ich empor, warf ein Tuch über
den Strauß und öffnete.

Es war der Kirchendiener in Begleitung eines Mannes,
der einige Papiere in der Hand hatte. „Der Sakristan von
Sankt Carl wünscht Euer Hochwürden im Auftrage seines
Herrn Pfarrers zu sprechen“, sagte der Kirchendiener. „Wir
haben morgen eine Leiche.“

„Eine Leiche?“ fragte ich mechanisch.

„Eine vornehme Leiche“, bekräftigte der Kirchendiener mit
einem gewissen Behagen. „Die Tochter des reichen Großhändlers Friedheim. Ich habe sie gut gekannt; denn sie kam
fast jeden Sonntag in unsere Kirche herauf. Ein schönes
schlankes Fräulein mit blonden Haaren. Sie müssen sie ja
auch schon gesehen haben. Sie saß immer im ersten Betstuhle
rechts, wo ich jedesmal für sie und die alte Dame, die sie begleitete, Plätze aufhob.“

„Ich entsinne mich nicht“, sagte ich, ohne daß ich dabei
nur an etwas gedacht hätte, und wandte mich an den Sakristan mit der Frage, warum die Todte nicht bei Sankt
Carl, wohin sie doch eigentlich zu gehören scheine, begraben
würde.

„Damit hat es ein eigenes Bewenden“, antwortete der
Mann. „Die ganze Stadt ist voll davon. Das Fräulein
war mit einem jungen Rechtsgelehrten verlobt und die Trauung
sollte schon in der nächsten Zeit stattfinden. Wie es heißt,
hatte man sich kein ungleicheres Paar denken können, als die
Beiden. Er — heiter, lebenslustig, zuweilen ausgelassen, wenn
auch nicht mehr, als es jungen Leuten eben wohl ansteht. Sie
hingegen still, nachdenklich, fast schwermüthig. Dennoch sollen
sie sterbensverliebt in einander gewesen sein. Als das Fräulein zum letzten Mal die Kirche hier oben besuchte, war auch
der Bräutigam mit. Nach der Messe kommt es ihr in den
Sinn, in den Friedhof hineinzugehen. Der Bräutigam will
anfangs nicht; endlich gibt er nach. Wie sie so Arm in Arm
langsam zwischen den Hügeln und Kreuzen hingehen, sagt sie:
wie still, wie schön es hier ist! Wenn ich einmal sterbe,
möcht' ich hier begraben sein. Ei, erwiedert der Bräutigam
scherzend, bis dahin ist hier kein Platz mehr. Siehst du denn
nicht, wie jetzt schon die Gräber dicht aneinander gedrängt
sind. Sie werden bald zu einem einzigen großen Blumenhügel zusammenwachsen. — Aber nach vierzehn Tagen war sie
todt. Eine entzündliche Krankheit, die sie sich bei einem Ausfluge geholt haben soll, raffte sie so schnell dahin. Der junge
Rechtsgelehrte ist aus Schmerz darüber fast wahnsinnig. Nun
will man sie, wie es ihr Wunsch war, hier oben begraben
lassen.“ Er hatte mir bei diesen letzten Worten die Papiere
überreicht und setzte hinzu, der Pfarrer von Sankt Carl ließe
mich bitten, ich möchte Alles Nöthige veranlassen und mich
morgen Nachmittags zur Begräbnißstunde im Hause des Großhändlers einfinden. Er selbst würde auch dort sein, da die
Leiche vorher bei Sankt Carl eingesegnet werden müsse.

Als ich wieder allein war, legte ich die Hand auf die
Stirne. Es war mir, als erwache ich aus einem schweren
Traum. Wie Schatten löste es sich nach und nach von allen
Dingen im Zimmer, das mir schon ganz fremd geworden war.
Jeder Stuhl, jeder Schrank, jedes Buch auf den Gestellen
schien mich vertraut anzulächeln, und über dem Tische dort am
Fenster lag es wie ein Sonnenstrahl aus früheren, glücklichen
Tagen.

Ich überlas aufmerksam die Sterbedocumente und dachte,
während ich auf- und abschritt, den Fall in seiner Besonderheit durch. Und je mehr mir die volle Bedeutung desselben
klar wurde, desto leichter und freier fühlte ich mich, ich wußte
selbst nicht warum. Ich bemühte mich jetzt, mich aus die Verstorbene zu besinnen, mir nach den Andeutungen des Kirchendieners ein Bild von ihr zu entwerfen: aber seltsam, es floß
mir immer mit jenem Ludmilla's zusammen. Ein leiser Duft,
der sich im Zimmer verbreitet hatte, mahnte mich endlich
wieder an den Strauß. Ich nahm das Tuch davon, füllte
ein Glas und stellte ihn hinein. Draußen lagerte eine dumpfe
Schwüle, die sich still zu schweren Wolken zusammenballte.
Eine süße Müdigkeit überkam mich; ich hatte so viele Nächte
bloß im wüsten, entnervenden Halbschlummer zugebracht. Nun
gab ich der Schläfrigkeit, die sich wohlthuend auf meine Augenlider senkte, nach und ging zu Bette, während draußen die
Donner zu rollen anfingen und ein erquickender Regen über
die Erde niederging. —

Der folgende Tag ließ sich recht unfreundlich an und
blieb es. Ich aber fühlte mich nach einem langen und tiefen
Schlafe wunderbar gestärkt und ging in den Friedhof hinab,
wo ich dem Kirchendiener, der hier zugleich Todtengräber ist,
zusah, wie er für die Verstorbene ein Grab aufwarf. Zur
bestimmten Stunde fand ich mich in dem Hause des Großhändlers ein. Dort wurde ich in einen schwarzausgeschlagenen
Empfangssaal geführt, wo bereits eine Menge von Leidtragenden versammelt war. In der Mitte des Saales, vom Scheine
leis flackernder Wachskerzen beleuchtet, lag die Todte in einem
offenen Sarge, weißgekleidet, den Brautkranz im Haar. Ein
junger Mann hatte sich mit verstörten Mienen über sie geworfen und benetzte ihr bleiches Antlitz und ihre starren Hände
mit heißen Thränen und Küssen. Als man jetzt Anstalten
traf, den Sarg zu schließen, wollte er dies durchaus nicht zugeben. Er wehrte die Männer, die mit dem Deckel nahten,
ab und rief mit herzzerreißender Stimme: „Nein! Ich lasse
sie nicht forttragen! Ich lasse sie nicht in die kalte, finstere
Erde versenken!“ Umsonst beschworen ihn seine Angehörigen
und Freunde, sich zu fassen; umsonst sprach ihm der Pfarrer
von Sankt Carl, ein kleiner, wohlbeleibter Herr, in salbungsvollen Worten Trost zu: er wollte nichts hören und mußte
endlich mit Gewalt von der Leiche entfernt werden. Während
dieser erschütternden Scene stand ich abseits mit gesenktem
Haupte da. War es eine zufällige Aehnlichkeit, war es ein
Spiel meiner Phantasie — ich glaubte Ludmilla dort im Sarge
zu sehen. Das waren dieselben fein geschnittenen Züge, war
dasselbe blonde, schlichtgescheitelte Haar, dieselbe schlanke, zartbusige Gestalt; nur der entstellende Hauch des Todes lag darüber und der fremdartige Prunk und Schimmer der kostbaren
Sterbegewänder. Ich verstand den Schmerz des Jünglings,
als wär' er mein eigener und doch war es wiederum nur eine
stille, süße Wehmuth, was mich durchzitterte.

Jetzt ertönten schaurig dumpf die Schläge des Hammers.
Die Träger hoben den Sarg und unter den Klängen eines
Chorals wurde die Leiche zur Einsegnung in die Carlskirche
gebracht. Von dort aus bewegte sich der Zug, dem eine lange
Wagenreihe folgte, gegen den Wyschehrad. Ein kalter Wind
jagte dabei graues, zerrissenes Gewölk mit flüchtigen Regenschauern am Himmel hin und her und löschte fast die qualmenden Leichenfackeln aus.

Endlich waren wir auf dem Friedhofe angelangt und die
nächsten Angehörigen traten laut schluchzend an den Rand des
Grabes. Nur der Bräutigam schien schon alle seine Thränen
verweint zu haben, denn er starrte jetzt mit trockenem Auge
in die moderige Grube. Als man aber den Sarg hineinsenkte
da machte er eine Bewegung, als wollte er sich mit den dumpf
niederpolternden Schollen nachstürzen, so daß ihn ein alter
Herr, augenscheinlich sein Vater, erschreckt beim Arm faßte. Er
konnte ihn jedoch nicht daran verhindern, daß er sich, als das
Grab geschlossen war, auf den frischen Hügel niederwarf, wo
er sich, ohne auf die Umstehenden zu achten, ganz einem stummen, verzweiflungsvollen Schmerze überließ. So verweilte er
lange. Allmälig entfernten sich die Anwesenden, indem sie sich
noch öfter mit bedauernden Blicken nach ihm umwandten.
Nur sein Vater und ein junger Mann blieben bei ihm zurück.

„Arthur“, sagte endlich der Erstere, „laß es jetzt genug
sein. Bedenke, wie mir beim Anblick eines solchen, alles Maaß
überschreitenden Schmerzes zu Muthe sein muß. Ich bitte
dich, mein Kind, steh' auf!“

Der Jüngling hörte nicht, oder wollte nicht hören.

„Wahrlich, Arthur“, nahm jetzt der Andere das Wort,
indem er dem alten Herrn einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, „wahrlich, ich hätte nicht gedacht, daß du so wenig Seelenstärke besäßest. Du schwelgst in deinem Schmerze wie ein
nervöses Weib. Ich kenne dich gar nicht mehr.“

Arthur schnellte mit halbem Leibe empor und sah ihn mit
wilden Blicken an. „So sprichst du, Richard? Du, mein
Freund, von dem ich glaubte, er sei der Einzige, der meinen
Verlust in seiner ganzen Größe ermessen und mit empfinden
könnte!? Ich möchte dich an meiner Stelle sehen! Aber
freilich“, fuhr er mit grellem Hohngelächter fort, „deine Elise
lebt ja noch! O pfui, über den Egoismus, über die Theilnahmslosigkeit der Welt!“ Und er warf sich wieder auf's
Antlitz.

Betroffen über das Mißlingen seiner List, schlug Richard
die Augen zu Boden.

„Ich bitte Sie, hochwürdiger Herr“, wandte sich der Vater
an mich, „helfen Sie uns doch den Unseligen trösten, auf daß
er diesen Ort verlasse, der seiner verzweiflungsvollen Stimmung nur immer neue Nahrung gibt.“

Arthur erhob abwehrend die Hand. „Ich brauche keine
leeren Worte. Der geistliche Herr soll sich keine Mühe geben.
Seine Vertröstungen auf ein Wiedersehen im Jenseits erinnern
mich nur daran, daß ich hier auf Erden Alles verloren und
daß mir nichts anderes übrig bleibt, als auf diesem Grabe zu
sterben!“

„Arthur, du versündigst dich!“ rief der alte Herr und
warf mir einen Blick zu, der für die Worte des Sohnes um
Entschuldigung bat.

„Lassen Sie ihn“, sagte ich. „Ich fühle es ja nur zu
gut, daß ihm jeder Trost leer und ungenügend erscheinen
muß.“

Diese Worte, die mir aus der tiefsten Seele kamen, schien
der Jüngling nicht erwartet zu haben. Er hob das Haupt
empor und sah mich lange und schweigend an. „Das sagen
Sie“, sprach er endlich, „Sie, der Sie nie geliebt?“

„Warum verneinen Sie dies so bestimmt?“ erwiederte
ich mit bebender Stimme. „Ich bin ein Mensch wie Sie.
Aber“, fuhr ich fort, indem ich mir mit diesen Worten gleichsam selber Muth zusprach, „fassen Sie sich jetzt. Gedenken
Sie der Pflichten, die Ihnen das Leben noch auferlegt und es
wird Ihnen freier und leichter zu Muthe werden.“

„O nichts davon!“ entgegnete er hastig. „Ich habe jetzt
keine Pflichten mehr. Und wenn auch, wie vermöcht' ich es,
sie zu erfüllen! Die Thatkraft, die noch vor kurzem meine
Brust geschwellt, ist erloschen, und der Flug meines Geistes
auf immer gelähmt.“

„Das scheint Ihnen jetzt so“, sagte ich ruhig. „Ich bin
überzeugt, daß Alles, was an edlen Kräften in Ihrem Wesen
liegt, sich über kurz oder lang wieder regen und sich reiner
und herrlicher entfalten wird, als dies vielleicht bei dem Besitze Ihrer Geliebten der Fall gewesen wäre. Denn“, setzte
ich hinzu und fühlte mich durch die Zuversicht meiner Rede
selbst wunderbar getröstet und erhoben, „ein großer Schmerz
läutert, indem er die Seele zwingt, ihr Tiefstes zu sammeln.
Er reift in uns die Erkenntniß, daß nur jenes Glück, welches
wir ganz in uns selbst finden, Dauer verspricht und jedes
andere, so schön es auch sei, vor einem Hauche in Nichts zerstieben kann.“

Arthur blickte vor sich hin. „Aus Ihnen spricht der Geist
der Entsagung“, erwiederte er endlich. „Es ward Ihnen schon
von jeher nahegelegt, so zu denken und den Blick auf die Kehrseiten aller irdischen Freuden zu richten. Wie hätten Sie
auch sonst stark genug sein können, Ihr Gelübde zu tragen.“
Er bemerkte nicht, wie ich im Innersten zusammenzuckte und
fuhr fort: „Ich aber war stets ein Kind des Lebens. Ich
freute mich der Blüthen, ohne zu bedenken, wie rasch sie welken
sollen, und genoß in vollen Zügen die Gaben der Stunde,
ohne mich darum zu kümmern, was die nächste mir rauben
könne. Und dann“, setzte er hinzu, indem er wieder hastig
nach seinem Schmerze griff, „mich hatte, was auch finstere
Asceten dawider sagen mögen, schon die höchste Erdenseligkeit
verheißend gestreift! O, Sie wissen nicht, was es ist, eine
geliebte Braut an's Herz zu drücken!“ Er sprang, von der
Erinnerung gestachelt, auf. „Diesen Boden, in dem sie jetzt
modern soll, betrat ich noch vor kurzem an ihrer Seite. Wie
reizend erschien sie mir damals in ihrer milden Schönheit und
still aufknospenden Lebensfülle! Wie weich lag ihr Arm in
dem meinen, wie lind schmiegte sich ihr Haupt an meine Schulter, als sie die verhängnißvollen, ahnungsreichen Worte sprach!
— Sie werden vielleicht davon gehört haben?“

Ich bejahte es schweigend.

„Wie hätt' ich mir träumen lassen, daß diese Worte sich
so bald erfüllen würden!“ Und wild um sich blickend, fragte
er plötzlich: „Von wo aus sieht man hier auf die Moldau
hinab?“

„Gleich von jener Bastei aus,“ erwiederte ich. „Aber
warum fragen Sie?“ fuhr ich fort, da ich bemerkte, daß der
alte Herr und Richard einander ängstlich ansahen.

„Sie sollen es erfahren. Kommen Sie!“ Und er ergriff
mich, da ich zögerte, beim Arme und eilte mit mir, während
die Andern uns auf dem Fuße folgten, nach der Bastei. Dort
stützte er sich mit beiden Händen auf die Brustwehr und sah
schweigend hinab. „Wie trüb und schlammig heute der Fluß
vorüberzieht, als verschmäh' er es, den grauen, unfreundlichen
Himmel zu spiegeln,“ sagte er endlich tonlos. „Es ist noch
nicht lange her, daß dort unten in einer duftigen Mondnacht
ein Kahn voll heiterer, lebensfroher Menschen vorüber fuhr.
Mein Vater, mein Freund waren darunter — und ich und
meine Braut.“

„Wozu dieses beständige Wühlen in deiner Wunde,“
fiel ihm der Vater in's Wort, während ich athemlos aufhorchte.

Arthur warf ihm einen beschwichtigenden Blick zu und
fuhr fort: „Wir kehrten von Podol zurück, wo wir uns unter
Scherzen, anmuthigen Spielen und frohen Wechselgesängen bis
tief in die Nacht hinein aufgehalten hatten. Alles war vom
Geiste der Laune und des Weines hold angeregt; selbst meine
sonst so stille Friedrike war heiter, beinahe übermüthig. Als
wir in diese Nähe kamen und das alte Fort mit düsteren
Umrissen still im Mondlichte aufragen sahen, rief Einer von
der Gesellschaft: laßt uns doch den alten Wyschehrad mit
einem Lied begrüßen! Dieser Vorschlag fand lebhaften Anklang
und man drängte mich von allen Seiten, einen Gesang anzustimmen. Gut, erwiederte ich, wir wollen die Schläfer hinter
den Wällen wach singen. Und rasch mich besinnend, hob ich
mit einem Lied an, dessen Worte mir der Augenblick eingab,
und welche ich einer bekannten Melodie unterschob.“

„Sie sangen das Lied?“ fragte ich.

„Ja, ich;“ erwiederte er, mein Erstaunen nicht in seiner
eigentlichen Bedeutung fassend. „Jetzt ist es mir, ich hätte
mich damit versündigt. Es war ein echtes Lebenslied, begann
weich und schmelzend, schwoll aber rasch zum Ausdrucke des
frohesten Uebermuthes an. In welchem Vollgefühle des Glückes,
wie zukunftstrunken sang ich es! Mir war, es müsse durch
die Stille der Nacht über die ganze Erde erklingen und in
jeder Brust einen Wiederhall meiner Seligkeit wachrufen.“

„Ich habe Sie singen hören und den Kahn vorüberfahren
sehen,“ sagte ich.

Arthur sah mich überrascht an.

„Erinnerst du dich nicht mehr,“ bemerkte Richard, „daß
uns Jemand auf eine dunkle Gestalt aufmerksam machte, die
er hinter dem äußersten Mauervorsprung der Citadelle zu erkennen glaubte. Vielleicht war es der geistliche Herr.“

„Ich war es,“ entgegnete ich. „Und vielleicht,“ fuhr
ich gegen Arthur fort, „kann es etwas zu Ihrem Troste beitragen, wenn ich Ihnen bekenne, daß mir damals Ihr Lied
sehr weh gethan. Während Sie dort unten an der Seite Ihrer
Geliebten und von froher Gesellschaft umringt, vorüberfuhren,
stand ich hier oben allein, einsam, die Brust voll namenloser
Sehnsucht nach den Freuden, davon Sie sangen, und die mir
verwehrt waren, ewig verwehrt bleiben müssen. Wenn Sie
der Schmerz über Ihren Verlust wieder mit seiner ganzen
Wucht befällt und Sie zu überwältigen droht, dann denken
Sie derer, die an den schönsten Verheißungen, an den holdesten Genüssen dieser Welt bebenden Herzens und mit dem
Entsagungsworte auf den Lippen vorübergehen müssen.“ Ich
hatte bei diesen Worten die Hand des Jünglings ergriffen, der
sich willig und fügsam von mir fortführen ließ. Als wir an
dem Friedhofe vorbei kamen, wollte er nochmals hineingehen.
„Nicht doch,“ bat der alte Herr, der schon froh war, seinen
Sohn gefaßter zu sehen, und stellte sich ihm in den Weg.
„Nur noch den letzten Abschied, Vater,“ sagte Arthur, indem
er ihn sanft bei Seite schob und durch das Gitter trat. Wir
Andern folgten. Er blickte eine Zeit lang mit gesenktem
Haupte schweigend auf den Hügel nieder, dann nahm er den
Arm seines Vaters und ging. Ich begleitete sie noch bis an
ihren Wagen, der in der Nähe hielt. Beim Abschiede sagte
der Jüngling: „Leben Sie wohl, ich werde Sie und Ihre
Worte niemals vergessen.“ Die beiden Andern drückten mir
mit stummem Danke die Hand.

Ich sah eine Weile dem fortrollenden Wagen nach; dann
kehrte ich langsam zurück. Eine geheimnißvolle Macht trieb
mich noch einmal in den Friedhof. Da stand ich nun allein
inmitten der Gräber. Wie still war es um mich her! Nur
manchmal rauschte ein kühler, feuchter Windstoß in den Trauerweiden und Cypressen und strich mit leisem Klingen durch die
metallenen Kreuze. Die Schauer der Vergänglichkeit quollen
und rieselten durch die Luft und aus allen Hügeln schwieg
mich das große Räthsel des Todes an. Ein tiefes, wohlthuendes Gefühl von der Nichtigkeit des Daseins überkam mich
und eine hehre Freude zitterte in meiner Brust auf. „Ja,“
rief ich und breitete die Arme aus: „Zweifach wird die Welt
überwunden: entweder grausam durch den Tod, der alles
Irdische des gleißenden Schimmers entkleidet und Moder und
Verwesung bloßlegt, oder schön und herrlich durch den Muth
der Entsagung, den Christus gepredigt und auf Golgatha besiegelt.“ Und immer freier, immer leichter wurde mir; wie
stückweis fiel es von mir ab, und gleich Flügeln fühlt' ich es
an den Schultern. Als ich mich später, einem innern Drange
folgend, an die Orgel setzte, da stimmten die rauschenden,
langgezogenen Töne wieder ganz zu dem feierlichen Ernste,
zu der tiefen Ruhe meiner Seele. —

„Und so,“ fuhr er fort, während sich noch der Nachglanz jener erhabenen Stunde in seinen Augen spiegelte, „so
lebte ich wieder, mit dem stärkenden Bewußtsein meiner Pflicht
mein stilles Leben fort; mehr und mehr verblaßte und verflüchtigte in mir die Erinnerung an jene Nacht, und immer
seltener und schwächer zuckte mein Herz beim Anblicke des
Mädchens, dessen blondes Haar ich einst mit brennender Lippe
gestreift.“

„Und welches nun schon lange eine glückliche Gattin und
Mutter ist,“ sagte ich leise.

„Ja,“ erwiederte er; „ich habe sie getraut und ihre Kinder getauft. Und da fällt mir ein, daß es gerade die Schrecken
des Krieges waren, was ihr Glück begründete oder doch beschleunigte. Sie hatte ihr Herz einem jungen Soldaten geschenkt. Jedoch konnte, wie dies meistens unter ähnlichen
Umständen der Fall ist, an eine Verbindung kaum gedacht werden. Beide waren arm, und der Geliebte hatte keine Aussicht,
sobald vom Militär loszukommen und sich eine andere Lebensstellung zu erwerben. Da geschah es noch, daß er plötzlich
versetzt wurde, und so brach nun auch über Ludmilla das Leid
des Lebens herein. Man sah es, wie sie sich still härmte und
die Tage ihrer schönsten Jugend in öder, hoffnungsloser Sehnsucht verlebte. Ich hatte inzwischen angefangen, von meinen
geringen Ordensbezügen das Möglichste zurückzulegen, um den
liebenden doch wenigstens nach Jahren eine gewisse Summe
zur ersten Beschaffung eines einfachen Hauswesens übergeben
zu können. Da kam das Jahr achtundvierzig mit seinen Revolutionsstürmen, und der Entfernte zeichnete sich auf dem
italienischen Schlachtfelde derart aus, daß er dekorirt und zu
einer Beförderung in Vorschlag gebracht wurde. Da er aber
auch einige schwere Verwundungen erlitten hatte, die ihn, wie
sich später erwies, zum activen Dienste untauglich machten, so
willigte man um so eher in seine Bitte, ihn als Zeugwart
auf dem Wyschehrad anzustellen, als der Vater Ludmilla's
mit zunehmenden Jahren zu kränkeln begonnen hatte. So bedurften die Beiden meiner Hilfe nicht mehr, und meine kleinen
Ersparnisse kamen Prokop zu Gute, dem sich damit unter
meiner Anleitung eine wissenschaftliche Laufbahn erschloß. Die
Alten lebten noch ein paar Jahre still und zufrieden bei den
Neuvermählten; endlich starb der Vater — und bald darauf
folgte die Mutter in's Grab.

„Und was ist aus Arthur geworden?“ fragte ich.

„Errathen Sie es nicht?“ antwortete er lächelnd. „Er
ist wieder im Besitze einer vortrefflichen Gattin und einer ganzen Reihe von allerliebsten Kindern. Und so bin nur ich,
weil ich es eben mußte, einsam geblieben und werde es sein
bis an mein Ende.“ Er hatte bei diesen Worten, in deren
stiller Heiterkeit ein leiser, feiner Schmerzenston wunderbar
vibrirte, die Gläser gefüllt. „Auf Ihr Glück!“ sagte er und
trank. Dann legte er mir die Hand wie zum Segen auf's
Haupt: „Der Himmel schütze Sie vor den feindlichen Kugeln.“

Es war spät geworden und ich mußte fort. Er geleitete
mich zum Doppelthore der Citadelle, das mir der verschlafene
Wachegefreite aufschloß. Wir umarmten uns und drückten einander zum letzten Male die Hand. Dann riß ich mich los,
eilte durch die Halle und auf der Straße fort, die in einer
scharfen Krümmung die Höhe hinab und der Stadt zuführt.
Am Buge hielt ich an und blickte nach der Citadelle zurück.
Hoch oben auf der Plattform über dem Thore stand Innocens
und winkte noch einmal zum Abschiede. Sein Antlitz schimmerte im Strahl des Mondes, der durch das leichte Gewölk
der Frühlingsnacht brach, wie verklärt.