Die Steinklopfer

Eine der merkwürdigsten Eisenbahnbauten ist der Schienenweg über den Semmering, einen Theil der norischen Alpen,
welcher die Grenzscheide zwischen dem Erzherzogthum Oesterreich und der grünen Steiermark bildet. Wer in früherer
Zeit — heutzutage ist der Eindruck nicht mehr so gewaltig —
diese Bahn, die sich längs gähnender Abgründe und schroffer
Felswände empor windet, zum ersten Male befahren hat: der
wird, wenn der Zug über schwindelerregende Viaducte donnerte
oder plötzlich mit schrillem Pfeifen in die Nacht endlos scheinender Tunnels hinein braus'te, jene mit erhabenem Grauen
gemischte Bewunderung empfunden haben, welche uns stets
überkommt, wenn wir Etwas, das wir bisher für unmöglich
gehalten, verwirklicht vor uns sehen. Und wenn dann die
gekoppelte Wagenreihe, allmälig ebenen Boden erreichend, wieder gefahrlos zwischen lachenden Triften forteilte, dann wird
er sich voll Stolz, der Sohn eines Jahrhunderts zu sein, das
solche Wunderwerke hervorbringt, in seinen Sitz zurückgelehnt
und sich mit halb geschlossenen Augen hinüber geträumt haben
in die Errungenschaften der Zukunft, welche in der Eröffnung
des Suezcanals und dem Durchstich des Mont Cenis noch
immer nicht ihre kühnste Bethätigung gefunden. An Eines
aber, das kann man zuversichtlich annehmen, werden die Wenigsten gedacht haben: an die Tausende und aber Tausende
von Menschen, welche im Schweiße ihres Angesichtes, allen
Fährlichkeiten preisgegeben, Felsen gesprengt, Steinblöcke gewälzt, Abgründe überbrückt und so recht eigentlich jene gepriesene Verkehrsstraße geschaffen, auf welcher Du, freundlicher
Leser, wenn Du gleich mir in der unruhvollen, staubdurchwirbelten Hauptstadt an der Donau lebst, fast so rasch wie
Dein Gedanke an den Strand der blauen Adria versetzt werden kannst. Von zweien solcher armer Menschen, welche seit
jeher, ohne daß ihnen selbst bis jetzt die Segnungen des Fortschrittes zu Theil geworden wären, treulich mitgeholfen bei der
großen Culturarbeit der Völker, will ich nun eine kleine Geschichte erzählen. Nicht etwa, um das harte Loos dieser Parias
der Gesellschaft, die unsere Dome und Paläste, unsere Unterrichtsanstalten und Kunstinstitute bauen, in grellen Farben zu
schildern oder darzuthun, welche Rolle der sogenannte fünfte
Stand dereinst noch im Laufe der Begebenheiten zu spielen
berufen sein dürfte; ein Unternehmen, das der Dichter, wie
billig, dem Socialpolitiker überläßt: sondern nur, um ein
schlichtes Lebensbild aus der großen Masse Derjenigen festzuhalten, deren Dasein, von schweren körperlichen Mühen überbürdet, im Kampfe um das tägliche Stück Brod meist ungekannt
und unbeachtet dahingeht, bis es zuletzt in irgend einem dumpfen Winkel der Erde spurlos endet; — nur um zu zeigen,
wie Leid und Lust jedes Menschenherz bewegen und daß sich
überall im Kleinen abspielt die große Tragödie der Welt. —

Die Bahn über den Semmering war hergestellt. Der
cyklopische Lärm der Arbeit, das Donnern der Sprengschüsse
war verhallt, und das zahl- und rastlose Menschengewirr, das
sich aus dem entlegenen Böhmen, den mährisch-ungarischen
Niederungen, aus dem steinigen Karst und dem gesegneten
Friaul hier zusammen gefunden hatte, war weiter südwärts
gezogen, um dort sein mühevolles Tagwerk fortzusetzen. Das
tief in die Wälder hinein verscheuchte Wild kehrte allmälig
wieder zurück und wagte sich, wie neugierig, auf den riesigen
Höhenpfad, der, noch unbefahren, gleich einer vergessenen Spur
menschlicher Thatkraft in dem stillen Frieden des Hochgebirges
lag. Nur hier und dort, etwa zwei Wegstunden von einander
entfernt, stand noch eine jener geräumigen Bretterhütten, welche
die Nomaden der Arbeit in Schaaren bewohnt und bei ihrem
Aufbruche wieder niedergerissen hatten. Sie beherbergten eine
Anzahl von Zurückgebliebenen und späteren Nachzüglern, welche
bestimmt waren, den Oberbau gänzlich zu vollenden. Denn
noch galt es, an mancher Stelle Schienen zu legen, Geleise
zu beschottern, Telegraphenstangen aufzurichten und Wächterhäuschen auszumauern, an deren Gesimse die zierlichen
Schwalben, welche sich tagüber oft in langen Reihen auf
den elektrischen Drähten niederließen, bereits ihre Nester geklebt hatten.

Eines Nachmittags, es war Sonntag, saß vor einer solchen Hütte, welche sich, etwas abseits von der Bahn, mit ihrer
Rückwand an schroffe Felsen lehnte, eine weibliche Gestalt
auf der Schwelle. Sie war baarfuß, hatte um das Hinterhaupt ein grobes dunkles Tuch gebunden, und das Antlitz,
das daraus hervorsah, war welk und von jener bräunlich fahlen Hautfarbe, welche der Sonnenbrand in blassen Gesichtern
zu erzeugen pflegt. Die Stirne wies tiefe Furchen auf, und
um den Mund lag ein Zug öder Traurigkeit, was die Sitzende
älter erscheinen ließ, als sie sein mochte, und die verkümmerte
Mädchenhaftigkeit ihres Leibes seltsam hervor hob. Die Sonne
stand nicht mehr hoch; über die meisten Kuppen und Abhänge
hatten sich bereits dunkle, schweigende Schatten gelagert. Aber
auf dem Wiesengrunde vor der Hütte und in den Wipfeln
des seitwärts ansteigenden Waldes blitzte und funkelte noch der
helle Strahl, in welchem sich eine Schaar von Faltern, Bienen
und Libellen über bunten Blumenkelchen tummelte. Die Einsame jedoch achtete nicht der lieblichen Sommerpracht, die sich
vor ihr ausbreitete, sondern hielt den Blick unverwandt auf
eine schadhafte Männerjacke gerichtet, mit deren Wiederherstellung sie eifrig beschäftigt war. Diese Arbeit schien ihr recht
sauer zu werden; denn ihre rauhe, schwielige Hand, welche
die Nadel mühsam und ungelenk führte, hatte wohl sonst nur
Haue und Schaufel anzufassen. Jetzt wurde sie durch nahende
Schritte aufgestört, und als sie das Haupt hob, gewahrte sie,
wie vom Bahngeleise her ein Mann auf die Hütte zuschritt,
dessen Erscheinung einen kläglichen Anblick darbot. Klein und
unansehnlich von Wuchs, trug er einen alten, zerschlissenen
Soldatenkittel, welcher, zu lang und zu weit, seinen Körper
wunderlich umschlotterte, während ihm eine blaue, abgegriffene
Feldmütze tief über die Stirne herabfiel. Er wankte im Gehen,
obgleich er sich auf einen knorrigen Baumast stützte und der
kleine Sack von fadenscheinigem Zwillich, den er über die
Schultern gehängt trug, ziemlich inhaltslos aussah. So näherte er sich, scheu und verlegen aus matten, farblosen Augen
blickend, der Erwartungsvollen. „Ist das die Hütte Nummer
sieben?“ fragte er mit unsicherer Stimme.

„Ja, das ist sie;“ erwiederte die Andere in jenem eigenthümlichen, hart klingenden Deutsch, wie es im südlichen Böhmen gesprochen wird, „Was willst Du?“

„Man hat mich zur Arbeit heraufgeschickt.“ Und dabei
wies er einen Zettel vor, den er in der Hand hielt.

Sie betrachtete noch immer seinen seltsamen Aufzug und
sein dünnbärtiges Antlitz, das jämmerlich bleich und abgemagert
aussah. „Der Aufseher ist nicht zu Hause“, sagte sie endlich.
„Er ist mit den Andern nach Schottwien hinunter gegangen
zum Wein. Setz' Dich einstweilen dort nieder, wenn Du müd
bist.“ Und mit einem letzten Blick auf sein hinfälliges Wesen,
nahm sie, ihrer unterbrochenen Arbeit sich besinnend, rasch
wieder Nadel und Faden auf.

Der Ankömmling erwiederte nichts, sondern schleppte sich
blos ein paar Schritte seitwärts, wo er sich mit allen Zeichen
der Erschöpfung im Grase niederließ. Dort lag er, während
die Sonne tiefer und tiefer sank, ihr letztes Gold verschüttend.
Lautlose Stille herrschte ringsum; nur hoch im lichten Azur
des Abendhimmels kreis'te mit lang gedehntem Schrei ein
Geier.

Plötzlich erklang in der Ferne ein wüster Männerchor.
Die Emsige schrack auf. „Jesus, da sind sie schon“, sagte
sie halblaut zu sich selbst, „und ich habe die Jacke noch nicht
fertig.“

Immer näher, immer stärker scholl der Gesang, und es
dauerte nicht lange, so kam eine Schaar verwildert aussehender
Gesellen heran, aus deren Mitte, besser als die Andern gekleidet, ein Mann von herkulischem Wuchse empor ragte. Er
mochte ungefähr fünfzig Jahre zählen; sein breites, aufgedunsenes Gesicht war vom Weine geröthet und der Strohhut, der
ihm tief im kurzen Genick saß, ließ graue, verworrene Haare
sehen. Er hatte seinen Rock ausgezogen und über die linke
Achsel geworfen; in der rechten Hand, die feist und stämmig
aus dem losen Hemdärmel hervorsah, trug er einen großen
Korb, welcher Lebensmittel aller Art enthielt. Zwei von den
Uebrigen trugen schwere, mit Kartoffeln gefüllte Säcke auf
dem Rücken. Tertschka!” rief der Mann mit dem
Korbe in heiserem Tone, „mach' Licht drinnen, daß wir den
Proviant in den Keller schaffen können!“ Und da er jetzt
vor ihr stand und ihm die Jacke, die sie ängstlich an sich drückte,
in die Augen fiel, fragte er barsch: „nun, ist sie fertig?“

„Noch nicht ganz;“ war die zaghafte Antwort.

„Was? Nicht?“ kreischte er und sein Gesicht wurde blauroth. „Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich sie morgen brauche?“

„Ich hab' mich den ganzen Nachmittag damit geplagt.
Aber ich kann's nicht so schnell machen, wie Eine, die das
Nähen gelernt hat.“

Der stille Vorwurf, der in diesen Worten lag, schien ihn
noch mehr zu reizen. „Du weißt immer etwas zu erwiedern!“
schrie er. „Aber ich sage Dir nur, wenn ich die Jacke morgen
früh nicht habe, so gieb Acht, was Dir geschieht!“ Und er
drang, den Korb zu Boden stellend, auf die Zurückweichende
ein, als wollte er schon jetzt seine Drohung zur Wahrheit
werden lassen. Dabei fiel sein Blick auf die Gestalt im Soldatenkittel, die sich inzwischen furchtsam genähert hatte. „Wer
ist der da?“ fragte der Wüthende, indem er die erhobene
Hand sinken ließ.

„Er ist zur Arbeit her gewiesen“, sagte Tertschka, schwer
athmend.

Der Aufseher — denn er war es — trat mit der ganzen Wucht seines vierschrötigen Wesens vor den Kleinen hin
und musterte ihn von oben bis unten. „Zur Arbeit? Der
Kerl kann ja kaum auf den Füßen stehen!“

„Ich hab' einen weiten Weg gemacht“, sagte der Andere
schüchtern. „Vom Otterthal herüber.“

„Das ist auch was!“ höhnte der Aufseher, indem er beim
Schein des Zwielichtes in den Zettel sah, der ihm mit bebender Hand überreicht wurde. „Huber nennst Du Dich?“ fragte
er nach einer Pause, aufblickend.

„Ja; Georg Huber.“

„Wie kommst Du zu dem Soldatengewand?“

„Ich bin Urlauber.“

„Was? Du hast beim Militär gedient?“

„Sieben Jahre; im zwölften Regiment. Jetzt aber haben
sie mich heimgeschickt, weil ich das böse Fieber nicht loskriegen
kann, das ich mir bei der Belagerung von Venedig geholt.“

„So, das Fieber hast Du auch? Was die in der Baukanzlei für Leute aufnehmen! Lauter Krüppel, die man nur
zum Steineklopfen verwenden kann; und da wundern sie sich,
daß es nicht vorwärts geht. Aber merk' Dir's, Du“, fügte
er mit einer drohenden Handbewegung bei, „wenn Du nicht
täglich Deine zwei Fuhren Schotter zu Wege bringst, so jag'
ich Dich fort! Hier ist kein Spital.“ Und damit langte er
wieder nach dem Korbe, und ging, während die Andern folgten, in die Hütte, wo er an der Hinterwand eine mit Eisen
beschlagene Thüre aufschloß. Diese führte in eine Höhlung,
welche mehrere Stufen tief in den Felsen gesprengt war und
als Keller benützt wurde. Tertschka leuchtete mit dem Kienspane, den sie von einem weitläufigen Herde genommen und
angezündet hatte, voran und die Lebensmittel wurden untergebracht. Hierauf schloß der Aufseher die Thüre wieder hinter
sich ab und zog sich in eine Art Verschlag zurück; die Uebrigen aber streckten sich, unter einander kauderwälschend und
ohne ihren neuen Kameraden zu beachten, längs der Seitenwand auf eine Schütte alten Strohes zur Nachtruhe hin.
Georg stand noch immer scheu und verlegen unweit des Einganges; endlich trat Tertschka an ihn heran. „Geh' schlafen“,
sagte sie und deutete mit der Hand nach einer leeren Stelle
des gemeinschaftlichen Lagers. Er folgte ihrem Winke, ängstlich bedacht, so wenig Raum als möglich einzunehmen; schob er
seinen Quersack unter den Kopf, breitete den abgelegten Kittel
gleich einer Decke über sich und schlief mit einem tiefen Seufzer ein. Tertschka aber zündete noch eine kleine Oellampe an
und begann, am Herde niedergekauert, wieder emsig zu nähen.
Endlich ließ sie die Nadel sinken und unterzog die Jacke einer
genauen Prüfung. Dann blies sie, mit der vollbrachten Arbeit
zufrieden, das qualmende Flämmchen aus und legte sich, angekleidet, wie sie war, in einem Winkel neben dem Herde
nieder. —

Draußen duftete die blaue Sommernacht, und zur Dachlucke der Hütte herein in den dunklen, vom Athemgeräusch der
Schlafenden durchzogenen Raum sahen die zitternden Sterne.

Der Morgen dämmerte kaum, als es in der Hütte lebendig wurde und Georg aus dem Schlafe erwachte. Er sah,
wie die Männer nach und nach das dürflige Lager verließen,
allerlei Werkzeug ergriffen, das rings an den Wänden lehnte,
und damit aus der Thüre gingen. Er hatte sich gleichfalls
erhoben, war in seinen Kittel geschlüpft und stand unschlüssig
und erwartungsvoll da, als sich Tertschka, einen schweren
Hammer mit langem Stiel auf der Schulter, ihm näherte.
„Der Aufseher schläft noch“, sagte sie. „Aber ich weiß, was
Du zu thun hast. Nimm den Hammer dort; wenn Du willst,
kannst Du mit mir an die Arbeit gehen.“ Er that, wie sie
ihn hieß und trat mit ihr hinaus in die Frühe. Draußen
war es kühl und still; nur hier und dort zwitscherte ein Vogel
und auf der Wiese lag der helle Thau. Sie gingen schweigend an das Bahngeleise und längs desselben noch eine Strecke
hinauf bis zu einem verödeten Steinbruch, wo sich bereits
einige andere Arbeiter eingefunden hatten, während die Uebrigen, mit Karren und Schaufeln ausgerüstet, an der Bahn vertheilt waren. Tertschka schritt mit Georg an den Männern
vorüber zu einer höher gelegenen flachen Mulde hinan. „Das
ist mein Platz,“ sagte sie, indem sie sich mitten unter Bruchsteinen und Geröll auf den Boden niederließ. „Ich bin nicht
gern bei denen dort. Sie sind ein wüstes, hämisches Volk.
Aber Du kannst bei mir bleiben, wenn es Dir recht ist.“ Er
erwiederte nichts und setzte sich still neben sie. „Siehst Du,
diese Trümmer müssen in kleine Stücke zerschlagen werden.
Das dort,“ setzte sie hinzu und deutete mit der Hand auf
einen kleinen Berg von angehäuftem Schotter, „das hab' ich
in dieser Woche zu Stande gebracht.“ Er zog einen größeren
Kalkstein an sich heran und schlug mit dem Hammer darauf.
Der Stein blieb ganz. „Stärker!“ rief Tertschka und führte
nun selbst einen Streich, daß die Stücke umherflogen. Er
sah sie verwundert an und erprobte noch einmal seine Kraft.
Diesmal mit besserem Erfolg, und so begannen die Beiden,
ohne mehr ein Wort zu wechseln, ihr Tagwerk. Der Ort,
wo sie saßen, erschloß eine prachtvolle Fernsicht über die mächtigen Hebungen und Senkungen der weithin ausgebreiteten
Gebirgsnatur. Hart an der Bahn und in gleicher Höhe mit
ihr klebte die Burgruine Klamm wie ein Geiernest an einer
bewaldeten Felsenzacke; tief unten in einer engen Thalschlucht,
lang gestreckt und mit röthlichen Dächern, lag der Markt
Schottwien. Dahinter ragte dunkel der Sonnwendstein auf
und von den grünen Matten an seinem Fuße herüber schimmerte, mit Bäumen umpflanzt, die freundliche Kirche,
„Maria Schutz“ genannt. Aber die Emsigen hatten kein Auge
für das herrliche Bild; sie hämmerten und klopften, in dumpfem Eifer tief zur Erde hinab gebeugt. Höher und höher
stieg die Sonne und brannte schon heiß und sengend auf ihre
Scheitel nieder. Die Schläge Georgs wurden immer schwächer,
immer langsamer; endlich ließ er den Hammer sinken, lüftete
die Mütze und trocknete sich den Schweiß ab, der in hellen
Tropfen über sein Antlitz rann. Auch Tertschka hielt inne.
„Bist Du schon müd?“ fragte sie, indem sie ihn theilnehmend
ansah.

„Weiß Gott, das bin ich“, antwortete er mit tonloser
Stimme. „Jetzt spür' ich erst, wie arg mich das Fieber
herunter gebracht hat.“

„Wie hast Du auch da herauf kommen können, krank und
hinfällig, wie Du bist?“ fuhr sie fort.

„Was hätt' ich Anderes thun sollen? Betteln vielleicht?
Das vermag ich nicht. Handwerk hab' ich kein's gelernt.
Vater und Mutter sind nur früh gestorben, und da hab' ich
im Ort die Gänse hüten müssen und später die Kühe — bis
in mein achtzehntes Jahr. Denn ich war immer an Kraft
zurück und kein Bauer hat mich als Knecht nehmen mögen.
Aber den Herren von der Assentirung war ich doch recht.
„Im zweiten Glied kann er mitlaufen“, meinten sie und haben
mir den weißen Rock angezogen. Und nun hat man mich
krank und elend nach Hause geschickt. Eine Zeit lang wurd'
ich von der Gemeinde erhalten; dann hieß es; ich solle gehen
und Steine klopfen. Nun — und jetzt klopf' ich sie,“ schloß
er mit bitterem Lächeln, während er wieder nach dem Hammer griff.

Sie hatte schweigend das Haupt gesenkt. „Aber Du
wirst es nicht aushalten“, sagte sie still.

„Vielleicht doch; wenn ich nur wieder zu essen habe. Es
ist mir recht schlecht gegangen in den letzten Tagen, und seit
gestern früh hab' ich nicht einen Bissen über die Lippen gebracht.“

Sie antwortete nichts und zog langsam ein Stück schwarzen Brodes hervor, das in ihre Schürze gewickelt war, brach
es in zwei ungleiche Theile und reichte ihm den größeren hin.
„Iß“, sagte sie.

Er warf einen scheuen Blick auf das Gebotene. „Das
ist Dein Brod“, erwiederte er leise und ablehnend.

„Das thut nichts; ich hab' an dem da genug.“ Und da
er noch immer keine Miene machte, es zu nehmen, so legte sie
es dicht an seiner Seite auf den Boden nieder. „Du wirst
auch durstig sein“, fuhr sie fort. „Ich will Dir einen Trunk
Wasser holen; dort oben fließt eine Quelle.“ Und damit
stand sie auf, bückte sich nach einem Krüglein, das halb zerscherbt zwischen dem Geröll lag, und stieg bis zum Tannicht
oberhalb des Steinbruchs hinauf, wo ein dünner Wasserstrahl
unter dunklem Moose hervorrieselte. Sie füllte das Krüglein,
trank, füllte es wieder und kehrte zurück. Das Brod lag
noch immer unberührt neben Georg. Aber das Wasser nahm
er. „Ich danke Dir“, sagte er innig, nachdem er getrunken
hatte.

„Weßhalb? Ich thu's ja gern. — Aber jetzt iß“, fuhr
sie, sich wieder setzend, mit sanftem Drängen fort. „Von mir
kannst Du's schon nehmen.“

Er langte verschämt nach dem Brode. „Du hast gewiß
im Leben auch schon viel Noth gelitten, weil Du so gut bist“,
sagte er, indem er, ohne sie anzusehen, ein Stückchen wegbrach. —

„Ja, das hab' ich. Und ich spür' auch jetzt noch oft
genug, wie weh der Hunger thut.“

Es war, als blieb' ihm der Bissen im Halse stecken.
„Auch jetzt noch?“ fragte er endlich. „Wird denn die Arbeit
gar so schlecht bezahlt?“

„Mir wird sie gar nicht bezahlt.“

„Was? Du bekommst keinen Taglohn?“

„Nein; den behält der Aufseher.“

„Der Aufseher?“

„Er ist mein Stiefvater.“

„Dein Stiefvater —“ wiederholte er, noch immer ganz
gedankenlos vor Erstaunen.

„Ja; mein rechter ist bei der Arbeit verunglückt, als ich
noch ganz klein war; abstürzende Erde hat ihn verschüttet.
Dann ist die Mutter bei dem Aufseher geblieben, der damals,
wie mein Vater, Teichgräber war und mit ihm in Böhmen
umherzog.“

„Also aus Böhmen bist Du? Darum red'st Du auch
so fremd und hast einen so seltsamen Namen. Ter — ich
kann ihn gar nicht nachsagen.“

„Tertschka“, ergänzte sie. „Deutsch heißt es Therese.“

„Hier zu Lande würden sie Dich Resi nennen. — Aber“,
fuhr er fort, „wenn Dein Stiefvater Deinen Lohn behält, so
muß er Dir doch zu essen geben.“

„Gerade so viel, daß ich nicht verhungere. Du glaubst
nicht, wie geizig er ist. Sich selber läßt er's freilich wohl
geschehen, und es vergeht fast kein Tag, an dem er sich nicht
betrinkt. Aber den Andern gönnt er das Wasser nicht, wenn
sie es ihm nicht bezahlen, und um ihn her könnt' Alles verhungern, eh' er aus freien Stücken die Hand aufthät'. So
muß ich mich mit dem begnügen, was am Herd abfällt, und
dabei behält er, wie gesagt, meinen Lohn und obendrein die
vierzig Gulden in Silberstücken, die mir meine Mutter hinterlassen hat. Das wäre jedoch Alles das Schlimmste nicht.
Aber er ist auch ein boshafter Mensch, der mich oft schlägt.
Du hast gestern gesehen, wie er mich wegen der Jacke
anließ.“

„Ja, das hab' ich gesehen.“

„Und so war er auch stets mit meiner armen Mutter.
Ich laß' mir's nicht nehmen, daß sie die Schwindsucht, an der
sie gestorben ist, von einem Schlage bekam, den er ihr einst
im Zorn und Rausch vor die Brust versetzt hat.“

Sie schwieg, in traurige Erinnerungen verloren. Endlich
sagte Georg: „Wenn Dich Dein Stiefvater gar so übel behandelt, warum bleibst Du bei ihm?“

„Weil ich weiß, daß er mich nicht fort ließe“, antwortete
sie nach einer Pause. „Er braucht ein so armes, hilfloses
Ding um sich, das er ungestraft quälen und martern kann.
Denn er ist im Innersten feig, wenn er auch oft grimmig
und wüthend wird. — Und wohin sollt' ich gehen?“ setzte sie
mit einem Seufzer hinzu. „Es ist überall nicht gut in der
Welt.“ Sie hatte bei diesen Worten wieder ihren Hammer
ergriffen; Georg, etwas gestärkt, that desgleichen, und bald
waren sie neuerdings in ihre harte Arbeit vertieft.

So verrann Stunde um Stunde und die Mittagshitze
lagerte sich glühend über Berg und Thal. Weithin regte sich
nichts; nur der eintönige Fall der Hämmer war in der Stille
zu hören und der Ruf des Spechtes. Von Zeit zu Zeit
stimmten die Männer längs der Bahn einen kurzen rauhen
Gesang an.

Plötzlich ertönte der schrille Laut einer Glocke. „Was
ist das?“ fragte Georg, der sah, daß die Andern ihre Werkzeuge hinlegten und auf die Hütte zuschritten.

„Der Aufseher hat zum Essen geläutet,“ erwiderte Tertschka.

„Zum Essen —“ wiederholte er matt. „Und was giebt
es denn bei Euch?“

„Heidegrütze und Kartoffeln. Heute wird auch Schweinefleisch sein; denn das haben sie gestern mitgebracht.“

„Es ist schon lange, daß ich kein Fleisch mehr gegessen
habe“, sagte er nachdenklich.

„Iß auch heute keins, Du hast das Fieber; es könnte
Dir schaden. Denn der Aufseher hat kein Gewissen und
nimmt dem Metzger in Schottwien die schlechte, verdorbene
Waare ab, und da er's bei der Bauleitung durchgesetzt hat,
daß Jeder, was er zum Leben braucht, bei ihm kaufen muß,
so schlägt er Alles theuer genug los und hat seinen sündhaften Gewinn dabei. Drum kocht er auch selbst; denn er traut
Keinem von uns.“

„Er kocht?“

„Ja. Um die Arbeit kümmert er sich wenig und läßt
es gehen, wie's geht. Nur zuweilen einmal kommt er nachsehen, und dann flucht und wettert er; freilich am meisten mit
Solchen, die nicht den Muth haben, etwas zu erwiedern.“

„Seltsam; aber mit dem Fleisch hat es mir keine Gefahr“, sagte Georg bitter. „Denn da ich kein Geld habe,
kann ich mir auch keines kaufen.“

„Je nun, er würde Dir schon borgen bis Samstag, wo
der Lohn ausbezahlt wird. Aber weh' Dir, wenn er Dich
einmal auf der Kreide hat! Nicht allein, daß er Dir Alles
doppelt anrechnet: er zwingt Dich auch, mit ihm zu zechen
und Karten zu spielen, damit er Dich ganz in die Klauen
bekommt. Dann siehst Du von dem Deinigen keinen Kreuzer
mehr und bleibst ihm verfallen wie die arme Seele dem
Teufel.“

Er hatte ängstlich zugehört. „Aber wie stell' ich es an,
bis Samstag zu leben“, sagte er kleinlaut. „Heut' ist erst
Mittwoch. Wenn ich nichts von ihm auf Borg nehmen darf,
so muß ich verhungern.“

Sie hatte sich schon früher am Saume ihres Rockes zu
schaffen gemacht und einen kleinen Theil der Naht aufgetrennt.
Jetzt zog sie ein zusammengewickeltes Stückchen Papier daraus
hervor und entfaltete dasselbe. Es war eines jener Banknotenfragmente, welche damals in Oesterreich unter dem Namen
„Viertel“ im Umlaufe waren und die mangelnde Scheidemünze
ersetzen mußten. Sie reichte es Georg hin. „Nimm“, sagte
sie; „das langt bis Samstag, wenn Du recht sparsam bist.
Du kannst es mir allwöchentlich kleinweise von Deinem Lohn
zurückgeben.“

Er blickte sprachlos auf das abgegriffene Zettelchen in
ihrer Hand. Überraschung, Rührung und verschämte Freude
malten sich wundersam in seinem Antlitz. Er war wie betäubt
und regte sich nicht.

„Es ist mein Einziges“, fuhr sie treuherzig fort. „Unser
Ingenieur hat mir's geschenkt, als er im vorigen Monate hier
war. Er hatte seinen Mantel in der nächsten Hütte liegen
lassen, und den mußt' ich ihm holen. Aber Du thust mir
einen Gefallen, wenn Du das Geld nimmst. Ich fürcht' immer, ich könnt' es verlieren; deshalb hab' ich's auch in meinen
Rock eingenäht. Wenn der Aufseher darum wüßte, hätt' er
mir's längst abgefordert.“ Und damit legte sie es in seine
Hand. „Aber jetzt komm', und laß uns zum Essen gehen.
Vergiß nicht, was ich Dir wegen des Fleisches gesagt habe,
und begnüg' Dich mit dem Uebrigen. Das Mehl ist zwar
auch meistens dumpfig; aber gestern haben sie frische Kartoffeln
gebracht. Und Abends kannst Du Dir ein Glas Branntwein
gönnen; das wird Dir gut thun.“ Er stand auf und folgte
ihr schweigend. Nach einigen Schritten blieb er stehen und
blickte ihr tief in die sanften braunen Augen. „Wie soll ich
Dir's vergelten, Tertschka“, sprach er mit zitternder Stimme.
„So gut und lieb, wie Du, war noch kein Mensch mit mir.“

„Ach was“, erwiederte sie; „man muß sich gegenseitig
helfen in der Welt. Und dann — Du bist ja auch gut.
Das hab' ich Dir gleich gestern angesehen, als Du kamst.“

Sie hatten die Hütte erreicht. Drinnen umlagerten die
Andern, aus schadhaften Näpfen essend, bereits den Herd, an
welchem der Aufseher stand, die Aermel aufgekrämpelt und
mit vorgebundener Schürze. Er war eben im Begriffe, ein
mächtiges Bratenstück anzuschneiden, dessen brenzlicher Duft
den Eintretenden entgegenschlug und Georg einen unwillkürlichen
Seufzer entlockte. Auch die Uebrigen blickten gierig nach dem
fetttriefenden Fleische und nahmen der Reihe nach ein Stück
davon in Empfang, das sie von der Faust weg verzehrten.
Einige legten Geld dafür nieder; bei den Meisten jedoch machte
der Aufseher ein Zeichen in ein kleines Büchlein. Georg hatte
von Tertschka einen Napf erhalten; damit näherte er sich nun
dem Herde. Der Aufseher sah ihn befremdet an. Endlich
entsann er sich. „Aha, der Knirps von gestern!“ rief er.
„Nun, hast Du etwas gearbeitet?“

„Ja; Steine hab' ich zerschlagen.“

„Und nun hast Du Lust, zu essen. Was willst Du?“

„Ich möcht' Euch um Grütze und Kartoffeln bitten.“

Der Aufseher that ihm das Verlangte in den Napf und
nahm das Papier in Empfang, das ihm Georg hinreichte.
„Du wirst doch auch ein Stück Braten wollen“, sagte er
dann.

Das war nun eine gewaltige Versuchung für den Armen.
Aber er gedachte der Warnung Tertschka's und erwiederte,
während der Andere schon das Messer ansetzte: „Nein; ich
esse kein Fleisch.“

„Was? Bist Du ein Knicker? Bei Deinem verhungerten
Aussehen solltest Du froh sein, etwas Ordentliches in den
Leib zu kriegen.“

„Er hat das Fieber; das fette Fleisch könnt' ihm übel
bekommen“, sagte Tertschka hinzutretend; denn sie fühlte, daß
es dieser barschen Aufdringlichkeit gegenüber die Willenskraft
Georgs zu stützen galt.

„Halt Dein Maul!“ schrie der Mann. „Wer hat Dir
gesagt, was ihm wohl oder übel bekommt? Misch' Dich nicht
in Dinge, die Dich nichts angehen!“ Und zu Georg gewendet, fuhr er fort: „Also willst Du, oder willst Du nicht?“

Diese Worte klangen wie ein Befehl, das lockende Gericht nicht zurückzuweisen. Aber der Schüchterne nahm all'
seinen Muth zusammen und erwiederte: „Sie hat Recht; ich
darf das Fleisch nicht essen.“

„Nun, so laß es sein!“ schrie der Andere giftig, indem
er das Messer bei Seite warf. „Bitten werd' ich Dich nicht.“
Und da Georg vor ihm stehen blieb, fragte er: „Auf was
wartest Du noch?“

„Ihr sollt mir herausgeben“, antwortete Jener stockend.

„Ja, ja, ja!“ rief der Aufseher. „Glaubst Du, ich werde
die lumpigen paar Kreuzer behalten?“ Und damit warf er
ihm den Rest in Kupfermünze hin und drehte ihm verächtlich
den Rücken. Georg, den Napf in der einen Hand, las mit
der anderen mühsam die umher rollenden Geldstücke auf; dann
setzte er sich in einen Winkel und begann sein karges Mahl
zu verzehren, das mittlerweile schon ziemlich kalt geworden
war. Er sah dabei, wie der Aufseher eine grünliche Flasche
ergriff und einigen Verlangenden Branntwein in ein kleines
Glas goß, welches, geleert und wieder gefüllt, von Mund zu
Mund wanderte. Er aber vertröstete sich auf den Abend, den
Worten Tertschka's gemäß, welche inzwischen, dürftig genug,
ebenfalls Mittag gehalten hatte und nun auf einen Wink des
Stiefvaters daran ging, das Kochgeschirr zu scheuern. Die
Andern lagerten sich draußen im Schatten der Hütte, um den
Rest der Ruhestunde zu verschlafen. Der Aufseher jedoch
nahm eine kleine Pfanne vom Herde, in welcher sich ein lecker
zubereitetes Huhn befand, und stellte sie nebst Teller und
Eßzeug und einer Flasche Wein auf den nahen Tisch. Als
er sich eben anschicken wollte, behaglich zu schmausen, fiel sein
Blick auf Georg, welcher, den leeren Napf zwischen den Knieen,
still überlegte, ob er nicht Tertschka beim Scheuern helfen
sollte, wovon ihn aber eine geheime Scheu vor dem grimmigen
Manne abhielt. „Was sitz'st Du da und gaffst?“ schrie jetzt
dieser. „Pack' Dich hinaus zu den Andern! Ich brauch hier
keinen Spion, der mir den Bissen vom Maul wegguckt!“
Georg schrack empor, schlich aus der Hütte und legte sich
draußen auf den sonnigen Boden nieder, da er im Schatten
keinen Platz mehr fand. Nach einer Weile ließ der Aufseher
wieder die Glocke zur Arbeit erschallen; er selbst begab sich in
seinen Verschlag, um nun auch Siesta zu halten. Die Männer
reckten und dehnten sich und folgten nur zögernd dem Rufe;
einige drehten sich sogar auf die andere Seite und schliefen
fort. Georg aber schritt mit Tertschka wieder zum Steinbruch
hinan, wo sie, bis der Abend sank, ihrer harten Pflicht oblagen.
Und auch in den Tagen, die nun folgten, saßen sie nebeneinander. Denn die Kräfte Georgs hoben sich wirklich; die bitterste
Noth war ja vorüber, zudem schien der frische Hauch der Gebirgsluft heilend auf seinen fiebersiechen Körper zu wirken.
Er schwang den Hammer schon ganz rüstig und erzählte dabei
der armen Genossin allerlei aus seinen Militärjahren. Es
waren freilich keine munteren Abenteuer und kecken Soldatenstreiche, was er vorbrachte; bei seinem scheuen und in sich
selbst gedrückten Wesen hatte er ja nur die Schattenseiten
eines Standes kennen gelernt, der so manchem Anderen den
heitersten Genuß des Daseins eröffnet. So konnte er nur
berichten von den Leiden der Rekrutenzeit, welche ihm die unerbittliche Corporalsfaust zur Hölle gemacht; von langem
Schildwachstehen im Schnee; von beschwerlichen Märschen und
nächtlichen Campirungen im Regen und Sturm — und vor Allem,
wie er bei der Belagerung Venedigs mit seinem Regimente
vor dem Fort Malghera gestanden und dort ihrer Hunderte
in der faulen Sumpfluft vom Typhus und von der Cholera
hinweg gerafft wurden. Tertschka hörte still zu. Vieles faßte
sie nur halb oder gar nicht; denn die Dinge, von denen er
sprach, hatten ja stets so fremd, so fern ab von ihr gelegen, und
vollends von einer Stadt, die mitten im Wasser erbaut sei,
konnte sie sich keinen Begriff machen; wie ihr denn auch bei
dem Worte „Meer“ nichts als eine undeutlich schimmernde
Wolke vorschwebte. Aber sie fühlte heraus, wie schlecht es
Georg all' seiner Tage ergangen sei, und erzählte hinwieder
auch, was ihr Trübes und Trauriges aus ihrem trüben, einförmigen Dasein in der Erinnerung geblieben war. So trösteten sie sich unbewußt gegenseitig und es that ihnen wohl,
daß sie jeden Morgen, die Hämmer auf der Schulter, zum
Steinbruch hinansteigen und die langen sonnigen Tage neben
einander verbringen konnten, wobei sie oft den Ruf der Glocke
überhörten oder darob erschracken, weil er sie aus ihrer wehmüthig trauten Einsamkeit in die wüste Gemeinschaft der Hütte
zurück trieb. —

Aber nicht lange sollte die Zeit dauern, wo sich die Beiden in lang erduldeter Noth und still entsagendem Kummer,
wie Andere in Lust und Fröhlichkeit und drängender Lebensfülle, immer inniger zusammenfanden. Sei es, daß der Aufseher durch die anderen Arbeiter von ihrem Einvernehmen
übelwollende Kunde erhalten; sei es, daß er es mit dem Instinkte der Bosheit von selbst errathen hatte — genug: er
stand eines Tages hinter ihnen. „Was hockt Ihr da bei
einander wie die Kröten?“ schrie er, während sie erschrocken
aufsahen. „Marsch, Du Hungerleider, zu Deinen Kameraden,
wo Du hingehörst!“ Und damit streckte er gebieterisch die
Hand gegen den unteren Theil des Steinbruches aus. „Und
Du, heimtückisches Aas“, wandte er sich zu Tertschka, während
Georg betroffen und sprachlos dem Befehl Folge leistete, „mir
scheint, Du hältst es mit dem elenden Krüppel da? Wart',
das will ich Dir austreiben! Wenn ich Euch noch einmal
beisammen seh', so ist der Kerl die längste Zeit hier gewesen,
und Du erblickst mir kein Tageslicht mehr!“ —

So wurden sie rauh und plötzlich aus einander gerissen.
Georg mußte in den nächsten Tagen unten am Bahngeleise
arbeiten, und wenn sie um die Mittagsstunde oder nach Sonnenuntergang in der Hütte zusammen trafen, so wagten sie
kaum sich anzusehen, geschweige nur ein Wort mit einander
zu reden. Denn der Aufseher behielt sie scharf im Auge und
auch die Andern schienen mit stumpfer Schadenfreude über
ihnen zu wachen.

Eines Abends jedoch — es war Samstag — hatte sich
der Aufseher mit einigen Zechgenossen in die Schenke einer
nahen Ortschaft begeben, indeß die Zurückgebliebenen, wie gewöhnlich, den eben erhaltenen Wochenlohn an ein Spiel Karten wagten, dessen beschmutzte Blätter in ihren Händen die
Runde machten. Während es dabei immer wüster und lärmender herging, faßte Georg Muth, sich verstohlen Tertschka
zu nähern, die in ihrem Schlafwinkel auf einer alten Kiste
saß, das Haupt auf die Hände gestützt. „Tertschka“, sagte
er leise, indem er ein kleines ledernes Beutelchen aus der
Tasche zog, „hier ist das Letzte von dem Gelde, das ich Dir
schuldig bin.“ Und dabei legte er sachte einige Kreuzer in
ihren Schooß.

„Ach, laß' es“, erwiederte sie; „Du wirst es noch brauchen.“

„Wozu sollt' ich's brauchen?“ fuhr er niedergeschlagen
fort. „Ich habe keine Freude mehr auf der Welt, seit ich
nicht mehr mit Dir arbeiten kann.“

„Ich auch nicht“, sagte sie leise.

„Weßhalb er uns nur auseinander gejagt hat?“ begann
er nach einer Weile. „Ihm könnt' es doch Eins sein, ob wir
beisammen sitzen oder nicht; wenn wir nur unser Tagwerk
ordentlich verrichten.“

Sie blickte vor sich hin. „Er ist ein böser Mensch“,
sagte sie endlich, „der nicht sehen kann, daß es einem Anderen
wohl ist, und Jeden gern um sein Liebstes bringt.“

Tertschka war bei diesen Worten aufgestanden, hatte den
Deckel der Kiste zurückgeschlagen und holte jetzt langsam eine
wollene Jacke, einen Rock von Kattun und ein Paar schwerer
Schuhe hervor. Dann noch ein verschossenes rothes Halstuch
und einen alten Rosenkranz mit einem Kreuzlein von Messing
daran, welche Gegenstände sie sammt und sonders auf dem
wieder herabgelassenen Deckel der Kiste sorglich zurecht legte.

„Was thust Du denn da?“ fragte Georg, der ihr zusah.

„Ich will morgen nach Schottwien hinunter in die Kirche
gehen“, erwiederte sie. „Er kann's freilich nicht leiden, denn
er kennt keinen Herrgott, und hat schon die Mutter immer
gescholten, weil sie Sonntags niemals die Messe versäumen
wollte und mich immer mit sich nahm. Er weiß mir immer
etwas in den Weg zu legen, und ich bin schon zwei Monate
nicht mehr von der Hütte weggekommen. Aber morgen geh'
ich; er soll sich anstellen, wie er will. Ich mag nicht das
Beten ganz verlernen unter dem Volk, das nur an's Trinken
und Kartenspielen denkt.“

Georg sah vor sich hin. „Ich bin auch schon lang' in
keiner Kirche mehr gewesen“, sagte er. „Wie schön wär' es,
wenn ich morgen mit Dir gehen könnte.“

„Ja, es wär' schön; aber es kann nicht sein.“

„Je nun“, fuhr er fort, „der Aufseher müßt' es gerade
nicht merken. Wir gingen ein Jedes für sich allein fort und
wir fänden uns erst unten wo zusammen.“

Sie dachte nach. „Du hast Recht; so wär' es möglich.
Aber Du müßtest lange vor mir aufbrechen. Gleich links von
der Hütte führt ein schmaler versteckter Steig in's Thal hinab;
unten steht ein hölzernes Kreuz — dort könntest Du mich erwarten. Aber jetzt geh',“ setzte sie ängstlich drängend hinzu,
„damit die Andern nicht merken, daß wir mit einander gesprochen haben.“

Und so ging er und suchte das harte Lager auf, wo er
mitten unter dem lauten Gezänk der Spielenden in froher
Erwartung des kommenden Tages sanft einschlief. —

Am andern Morgen funkelte die Welt in hellem Sonnenglanze, als Georg den steilen Fußpfad hinabstieg, welchen ihm
Tertschka bezeichnet hatte. Er lugte dabei nach dem Kreuz
im Thale aus und gewahrte bald, wie es morsch und windschief
aus jungen Fichtenschößlingen hervorsah. Nun hatte er es
erreicht und setzte sich, da es noch früh war, auf den bemoos'ten Steinblock, der gleichsam als Betschemel davor lag.
Tiefes, sonntägliches Schweigen umgab ihn; selbst die Bienen
über den Gentianen, die hier in reicher Zahl ihre dunkelblauen
Kelche erschlossen, schienen nicht zu summen. Georg kam ein
unwillkürliches Lauschen an, und wie er so recht in die Stille
hinein horchte, da ward es ihm, als vernähm' er ein leises,
feierliches Gewoge von Glockentönen in der Luft. Nach und
nach aber stellte sich die Ungeduld des Erwartens ein. Er
erhob sich, schritt auf und nieder und pflückte einige Gentianen;
auch weiße und gelbe Blumen, die hier und dort wucherten.
„Die will ich der Tertschka geben, wenn sie kommt“, sagte er
zu sich selbst, indem er auf den unbeabsichtigten Strauß sah,
den er nun in der Hand hielt. Dann brach er noch ein langes Farrenkraut ab und steckte es an seine Mütze, wo es sich,
hin- und herschwankend, gleich einer Schwungfeder ausnahm.
Endlich gewahrte er auf der Höhe ein flatterndes Gewand
und bald war Tertschka bei ihm, welcher er bis zur Hälfte
des Steiges hinauf entgegen geeilt war. „Da bin ich“, sagte
sie rasch athmend. „Er hat mich diesmal ohne viel Worte
gehen lassen.“ Georg stand vor ihr und sah sie an. Sie hatte
heute ihr Kopftuch abgelegt, trug das schlichte Haar frei gescheitelt und ihr Antlitz wurde von dem verblichenen Roth des
Halstuches sanft umleuchtet. Auch die dunkle Jacke, die freilich
viel zu weit war, und der helle Kattunrock ließen ihr so übel
nicht. „Wie schön Du heut' aussiehst!“ sagte er endlich. Sie
schlug erglühend die Augen nieder. „Ich hab' das Alles
noch von meiner seligen Mutter“, erwiederte sie, indem sie
den bauschenden Rock zurecht drückte. „Ich trag' es so selten
und da hält es sich.“ „Da hast Du Blumen“, fuhr Georg
fort; „ich hab' sie unterdessen gepflückt.“ Sie nahm den
Strauß, den er früher halb hinter sich verborgen hatte, und
wollte ihn vor die Brust stecken. Aber er war zu groß und
sie behielt ihn in der Hand, um welche sie den Rosenkranz
gewunden hatte. So schritten die Beiden durch die grünen
Gefilde und an schmalen Aeckern vorüber, wo das Korn bereits geschnitten und aufgehäuft lag, bis sie den Markt Schottwien erreicht hatten. Dort trafen sie Alles in Bewegung.
Denn es war eben Kirchtag, und die lange breite Gasse, aus
welcher der Ort besteht, wimmelte von festlich gekleideten
Menschen und leichtem Fuhrwerk. Vor der Kirche aber hatte
man Bretterbuden aufgeschlagen und dort war eine Menge
der verschiedenartigsten Dinge bunt neben einander zum Verkauf ausgelegt. Tücher, Tabakpfeifen, Messer, Glasperlen und
Wachskorallen; allerlei Kochgeschirr, Pfefferkuchen und Spielzeug für Kinder. Sie blieben eine Weile bewundernd vor all
diesen Herrlichkeiten stehen und Georg bekam Lust, eine Pfeife
zu kaufen. Als er noch Soldat war, hatte er geraucht; später, in seinem Elend, hatte er's aufgeben müssen: nun aber,
da er sein Brod erwarb und weder trank noch spielte, wie
die Andern, konnte er sich diesen Genuß wohl wieder gönnen.
Er theilte seine Absicht Tertschka mit und diese sprach ihm zu,
er möge nur Handel eins werden; sie selbst würde unterdessen
langsam vorausgehen. „In der Ortskirche sind zu viele Menschen“, sagte sie. „Eine halbe Wegstunde außerhalb des Marktes liegt eine einsame Kirche; in der bin ich schon einmal gewesen, und will auch heute wieder hineingehen.“ Sie
meinte damit „Maria Schutz“ am Fuße des Sonnwendsteins.
Georg drängte sich durch eine Gruppe von Gaffern und Feilschenden und erstand eine hübsche Porcellanpfeife mit bunten
Troddeln. Dabei fiel ihm ein funkelnder Schmuck von gelben
Glasperlen in die Augen, und er dachte, wie schön sich der
am Halse Tertschka's ausnehmen würde. Da der Preis, welchen der Händler forderte, nicht allzu hoch war, so ließ er sich
das Geschmeide in Papier wickeln und steckte es zu sich. Mit
den paar Kreuzern, die er auf eine Guldennote herausbekam,
kaufte er in der anstoßenden Bude ein großes Herz aus
Pfefferkuchen; dann sprang er noch um ein bischen Tabak in
den nächsten Kramladen und eilte mit seinen Schätzen der
Vorangegangenen nach. Er zeigte ihr zuerst die Pfeife, die
ihr wohl gefiel. „Das ist für Dich“, sagte er hierauf und
gab ihr das Herz. Es war mit einem farbigen Bildchen geschmückt, das ein zweites kleines Herz vorstellte, von einem
Pfeile durchbohrt; ein Blumengewinde faßte das Ganze ein.
Sie betrachtete es still und schob es mit dankendem Lächeln
zwischen den Strauß und den Rosenkranz ein. „Ich habe
noch etwas für Dich gekauft“, fuhr er nach einer Weile fort,
indem er das kleine Päckchen langsam aus der Tasche zog und
die Perlen durch die geöffnete Papierhülle blitzen ließ. Sie
warf einen Blick darauf. „Wie kannst Du nur so viel Geld
für mich ausgeben!“ sagte sie; aber ihre Miene strahlte von
froher Ueberraschung und reinster Freude. „Für Dich möcht'
ich Alles hingeben“, erwiederte er innig. „Aber nimm es
gleich um; es wird Dir gut stehen!“ Sie reichte ihm, was
sie in der Hand hatte, und legte dann den Schmuck um ihren
Hals. Da er aber etwas eng und rückwärts fest zu machen
war, so konnte sie damit nicht recht zu Stande kommen. „Laß
das mich thun!“ rief er, gab ihr wieder Alles zurück, drückte,
nachdem sie sich umgewendet, ihre braunen Haarflechten sanft
empor und schob die beiden Theile der kleinen Schließe in
einander. „So!“ sagte er, indem er mit zufrieden prüfendem
Blick vor sie hin trat. Dann gingen sie fröhlich weiter und
hatten bald die Kirche erreicht, die aus schattigen Linden hervorsah. Sie trafen nur sehr wenige Beter an; ein alter Priester mit grämlichen Gesichtszügen war eben zum Altar getreten
und begann gleichgültig die Messe zu lesen. Tertschka kniete
in der letzten Reihe der Bänke nieder, legte den Strauß und
das Herz vor sich hin und faltete die Hände. Georg blieb
hinter ihr stehen. Es wurde ihm ganz eigenthümlich zu Muth
in dem stillen Raume. Durch die hohen schmalen Bogenfenster fiel das Licht sanft und mild herein; er hörte das Gemurmel des Priesters, das Klingen des Ministrantenglöckleins
und Andacht durchschauerte ihn. Aber beten konnte er nicht:
er blickte nur unverwandt auf Tertschka, die vor ihm kniete
und mit gesenktem Haupte leicht die Lippen bewegte. Die
Messe war bald zu Ende; der Priester gab den Segen und
die Anwesenden entfernten sich. Nur Tertschka verweilte noch.
Endlich bekreuzte sie sich, stand auf und schritt, während Georg
folgte, nach der Thür, wo der Küster bereits ungeduldig die
Schlüssel klirren ließ. Draußen leuchtete der goldene Vormittag und nicht weit von der Kirche entfernt, streckte ein
stattliches Wirthshaus einen Busch von Tannenreisern gar einladend aus. „Willst Du Dich schon auf den Heimweg machen?“
sagte Georg, da Tertschka wieder schweigend den Weg nach
dem Markte einschlug.

„Wohin sollten wir denn?“ erwiederte sie und sah
empor.

„Dort drüben ist ein Wirthshaus. Ich glaube, wir könnten uns heut' etwas zu Gute thun, Tertschka. Wer weiß, ob
wir wieder einmal mit einander gehen.“

„Nun, wenn Du Lust hast“, sagte sie und blieb stehen.
„Der Aufseher wird freilich schelten, wenn ich so spät zurückkomme. Aber Du hast Recht: wer weiß, ob wir wieder einmal mit einander gehen.“

Sie schritten also auf das Haus zu, vor welchem sich
ein sanfter Hügel erhob. Dort wurzelte eine alte, riesige
Buche und breitete ihre Aeste über einer Anzahl roh behauener
Tische und Bänke aus. Aber Niemand saß daran. Es war
ganz still und einsam hier; nur drinnen schien sich geschäftiges
Leben zu regen. Endlich sah der Wirth aus der Thüre, in
schneeweißen Hemdärmeln, ein grünes Sammtmützchen auf dem
Kopfe. Er trat, die ungewohnten Gäste von der Seite anblickend, heraus und brachte auf das Begehren Georgs Wein
in einem großen Henkelglase, Brod und Fleisch. Das setzte
er ihnen auf den Tisch, an welchem sie sich niedergelassen
hatten, verlangte gleich die Bezahlung und eilte wieder in's
Haus zurück. Georg schob Tertschka den Teller zu und diese
zerlegte nun das Fleisch in kleine Stücke. Dann brachen sie
das Brod und begannen gemeinschaftlich zu essen, wobei sich
Tertschka, da der Wirth nur für Einen gesorgt hatte, des
Messers als Gabel bediente. Auch den Wein genossen sie zusammen, nach einander das Glas zum Munde führend. Nach
beendetem Mahle brannte Georg seine Pfeife an und sah
wohlgemuth dem Rauche nach, der sich leicht und bläulich in
die sonnige Luft hinein kräuselte. „Schau, Tertschka“, sagte
er, indem er seine Hand auf die ihre legte, „das hätten wir
uns gestern früh nicht träumen lassen, daß wir heute so fröhlich bei einander sitzen würden.“

„Ja“, erwiederte sie; „ich hätt' es nicht verhofft.“

Inzwischen war der Mittag heran gerückt und mit einem
Male ertönten in der Ferne lustige Klänge von Hörnern und
Clarinetten. Gleich darauf stürzte der Wirth aus der Thüre.
„Die Hochzeiter sind da!“ rief er dem nachfolgenden Gesinde
zu. „Sputet euch! die Tische sollten schon gedeckt sein.“ Der
Befehl wurde rasch ausgeführt, und es war auch hohe Zeit;
denn schon kam, von der lärmenden Ortsjugend umsprungen,
ein stattlicher Zug in Sicht. Spielleute voran; dann ein
jugendliches Brautpaar; hintendrein die ganze Sippschaft, zahlreiche Hochzeitsgäste und ein Rudel Neugieriger. Im Nu
waren die Tische besetzt und umlagert, und nun ging es an
ein Schmausen, Trinken und Jubiliren, und die Musikanten,
die auch Streichinstrumente mitgebracht hatten, fiedelten und
bliesen dazu, daß ihnen fast der Odem ausging. Es waren
seltsam wechselnde Empfindungen, die unser Paar inmitten dieser lauten Lustbarkeit überkamen. Zuerst hatten sie erstaunt
in das bunte Gewirr hineingeblickt; dann aber konnte Tertschka
das Auge nicht mehr von der Braut abwenden. Die sah auch
gar schön aus und mußte eine reiche Bauerstochter gewesen
sein. Sie trug ein knappes Mieder von schwarzem Sammt,
das ihren schlanken Wuchs deutlich hervortreten ließ; ein Kettlein von eitel Gold war fünf- oder sechsmal um ihren Hals
geschlungen und das hohe Myrtenkränzlein in dem blonden, hinten
in zwei langen Zöpfen herabfallenden Haar stand ihr zu dem
etwas stolzen und strengen Gesichte wie eine kleine Krone.
Auch der Bräutigam war ein stattlicher Junge, dem gegen
Bauernsitte ein Bärtchen auf der Oberlippe dunkelte und dessen
schmucker, mit Gemsbart und Feder gezierter Jägerhut wohl
im Stande war, die Bewunderung Georgs auf sich zu lenken.
Nach und nach aber beschlich die Beiden ein banges, drückendes Gefühl der Verlassenheit unter den vielen Menschen, davon
gar Manche sie mit scheelen Blicken musterten, als wollten sie
fragen: „was haben die hier zu schaffen?“

Endlich wandte sich Tertschka an Georg. „Komm, laß
uns fortgehen. Wir taugen nicht unter die Leute. Wir wollen
uns drüben am Waldrand niedersetzen. Dort können wir
Alles von Weitem mit ansehen und der Musik zuhören.“

Er war es zufrieden und so schritten sie dem dunklen
Fichtenwald entgegen, dessen Saum die helle Wiese begrenzte.
Auf einem kleinen Abhange ließen sie sich nieder und lauschten
den Klängen, die, lieblich gedämpft, zu ihnen hinüberzogen.
Mit einem Male ward es still; sie sahen, wie drüben Alles
von den Tischen aufstand und einen Halbkreis bildete. Gleich
darauf begannen wieder die Geigen zu schwirren.

„Die Brautleute tanzen!“ rief Tertschka. Und wirklich
war es so. In gehaltenem Tempo und mit zierlichen Wendungen bewegten sich die hohen schlanken Gestalten auf dem
grünen Plan. „Wie lustig sie sich dreh'n!“ fuhr Tertschka
fort, indem sie sich unbewußt an die Schulter Georgs lehnte.
„Schau nur!“

„Ja, es sind glückliche Leute“, sprach er, ohne hin zu
sehen, wie im Traum. — „Wenn wir nur auch einmal Hochzeit haben könnten.“

„Ach geh',“ sagte sie leise und langte nach einer rothen
Blume, die zu ihren Füßen blühte.

„Resi“, fuhr er fort — es war das erste Mal, daß er
sie so nannte — und legte seinen Arm scheu und bebend um
ihren Leib, „Resi — ich hab' Dich so lieb!“

Sie erwiederte nichts; aber in dem Blicke, den sie zu
ihm aufschlug, lag es für ihn wie ein wogendes Meer von
Glück. Und als jetzt drüben die Geigen lauter jubelten und
das Brautpaar, durch allseitiges Rufen und Händeklatschen
angefeuert, sich im stürmischen Wirbel dahin schwang: da zog
er sie fest an's Herz und ihre Lippen schlossen sich zu einem
langen, tiefen Kusse zusammen. —

Soll ich, der ich diese einfache Geschichte wahrheitsgetreu
zu erzählen mir vorgesetzt, nun auch die Seligkeit zu schildern
versuchen, welche die Beiden von jetzt an überkommen hatte?
Ich glaube, daß ich darauf verzichten darf; und zwar nicht
blos deshalb, weil keine Worte zu dem Gefühl hinanreichen,
das ihnen mit einem Male den vollen Lichtglanz, den überschwänglichen Reichthum des Daseins erschlossen hatte; sondern
auch, weil wohl Jeder den Zauber der Liebe an sich selbst
erfahren hat und so im Stande ist, sich das Glück Georgs
und Tertschkas nach seinem eigenen Herzen auszumalen. Freilich mußten sie dieses Glück scheu und ängstlich geheim halten
wie ein Verbrechen; aber es lebte und blühte desto schöner in
der Tiefe ihres Inneren fort und bei der angeborenen und lang
geübten Begnügsamkeit ihres Wesens waren sie zufrieden, wenn
sie sich des Morgens, Mittags und Abends verstohlen entgegen
lächeln oder zu einem flüchtigen Händedruck an einander vorüberstreifen konnten. Auch schien es, als ob der Aufseher
immer weniger auf sie achte, daher sich ihre Besorgniß, er
könnte vielleicht doch von ihrem gemeinsamen Gange nach
Schottwien Kenntniß oder Vermuthung haben, mehr und mehr
verlor. Ja, Georg wagte sich sogar, wenn er, um Schotter
zu holen, mit seinem Schiebkarren nach dem Steinbruch mußte,
manchmal rasch zu Tertschka hinauf, wo dann den Liebenden
in einer kurzen Umarmung die Welt versank. In einem solchen Augenblick jedoch erschallten plötzlich nahende Tritte und
als sie erschrocken aus einander fuhren, sahen sie den Aufseher,
der mit hohn- und wuthverzerrtem Antlitz hinter ihnen stand.
„Hab' ich Euch, Ihr Racker!“ schrie er. „So befolgt Ihr
mein Gebot und meint, ich merke Euer Treiben nicht! Ich
wußte recht gut, daß Ihr letzthin den ganzen Sonntag mit
einander herumgezogen seid; aber ich wollt' Euch auf frischer
That ertappen, und jetzt sollt Ihr mir's büßen!“ Und damit
ergriff er Georg rückwärts beim Halse und schleuderte ihn
ein paar Schritte weit zu Boden, daß Sand und Geröll aufstob. „Fahr' Deinen Schotter hinab, Du Galgenstrick, und
dann schnürst Du Deinen Bündel und gehst! Wenn Du mir
noch einmal unter die Augen kommst, so schlag' ich Dich krumm
und lahm!‛ Bei diesen Worten stieß er den mühsam sich
Aufrichtenden zu dem Schiebkarren und trieb ihn mit drohend
geschwungener Faust den Abhang hinunter. Hierauf kehrte er
zu Tertschka zurück und betrachtete sie lange mit einem bösen,
grausamen Blicke. „Mit Dir“, sagte er endlich, „werd' ich
später reden.“ Und er ging, unverständliche Worte in sich
hinein murmelnd.

Betäubt, seiner Sinne beraubt, war Georg bei seinen
Genossen angelangt. Er hatte mechanisch den Schiebkarren
ausgeleert; dann setzte er sich auf einen Stein und blickte gedankenlos in's Weite hinaus. Der Himmel war am Morgen schon
leicht umwölkt gewesen; nun hatte sich ein trüber, grauer Tag zusammen gezogen. Herbstlicher Windhauch strich leise durch die
Wipfel der Tannen und ein feiner kalter Regen fiel auf die
Erde. Aber Georg empfand die Tropfen nicht, die scharf in
sein Antlitz schlugen. Feurige Funken tanzten vor seinen Augen
und ein heißer Schauer durchrieselte die Leere seiner Brust.
Nach und nach jedoch drängte sich das Bewußtsein der erlittenen Schmach immer mächtiger in ihm hervor und mischte sich
mit dem brennenden Gefühl des Unrechtes, das man an ihm
und Tertschka zu begehrn im Begriffe stand. Fortjagen wollte
man ihn und sie auseinander reißen, die so tief und innig
verbunden waren? Wer durfte das? Niemand! Und je
länger er darüber nachdachte, desto mehr empörte sich seine
sonst so verschüchterte und duldende Seele und eine hehre Kraft,
ein heiliger Muth loh'ten darin auf, jeder Macht der Erde
entgegen zu treten, die sich solcher Gewaltthat unterfinge.
Seine unscheinbaren Züge nahmen allmälig den Ausdruck fester
Entschlossenheit an und seine lichten Augen funkelten wundersam. Endlich erhob er sich und schritt, während ihm die Andern verwundert nachsahen, zu Tertschka empor. Die saß
da und weinte.

„Weine nicht, Resi“, sagte er und seine Stimme klang
ernst und tief.

Sie antwortete nicht.

Er hob ihr sanft das Haupt empor. Sie schluchzte noch
lauter.

„Weine nicht“, wiederholte er. „Es hat Alles so kommen müssen. Aber es ist gut; wir wissen nun, was wir zu
thun haben.“

Sie sah vor sich hin.

„Er hat mich fortgejagt; ich muß gehen — und Du
gehst mit mir.“

Es war, als hörte sie ihn nicht.

„Unten in Krain bauen sie die Eisenbahn weiter“, fuhr
er fort. „Dort finden wir Arbeit.“

Sie schüttelte langsam das Haupt.

„Du willst nicht Resi? Und sieh', noch Eins. Ich hab'
einmal gehört, daß ausgediente Soldaten, die im Krieg waren,
Bahnwächter werden können. Ich laß' mir ein Gesuch schreiben; vielleicht glückt es mir und wir bekommen dann eines
von den kleinen Häusern, wie sie unten am Geleise stehen,
und können darin leben als Mann und Frau. — Und wenn
es damit nichts ist“, setzte er rasch hinzu, da sie noch immer
kein Zeichen der Beistimmung gab, sondern nur heftiger weinte,
„wenn es damit nichts ist, so muß es auch recht sein. Wir
wollen ein paar Jahre fleißig arbeiten und sparen, so viel
wir können — Aber so sprich doch ein Wort, Resi!“

„Ach“, jammerte sie, „was Du da sagst, ist Alles schön
und gut; aber Du bedenkst Ein's nicht: daß mich der Aufseher nicht fortläßt.“

„Er muß Dich fortlassen. Du bist kein Kind mehr.
Auch hat er sonst nichts mit Dir zu schaffen. Du bist eine
Arbeiterin, wie jede andere, und kannst gehen, wann und wohin Du willst.“

„Glaub' mir, er läßt mich nicht gehen — und mit
Dir schon gar nicht! — Ich hab' Dir's bis jetzt verschwiegen“, fuhr sie nach einer Pause fort, während sich ihr Antlitz
mit dunkler Röthe überzog, „aber nun muß ich Dir's sagen.
Schon zur Zeit, da die Mutter noch lebte, wollte er oft zärtlich mit mir thun; aber ich wich ihm aus und drohte, ich
würd' es der Mutter klagen. Im vorigen Somrner jedoch
kam er eines Abends allein aus dem Wirthshaus zurück und
fing wieder an und sagte, er würde mich heirathen. Und da
ich ihm kein Gehör gab, wollt' er Gewalt brauchen. Ich
aber hab' mich seiner erwehrt und hab' ihm gesagt, was ich
von ihm denke. Seitdem haßt er mich bis auf's Blut und
rächt sich, wie er kann.“

Georg war bis in die Lippen hinein bleich geworden und
seine Brust rang mühsam nach Athem. „Der Elende!“ stieß
er endlich hervor. „Und bei dem solltest Du bleiben? Jetzt,
da ich das weiß, noch weniger! Du ziehst mit mir, und er
soll sehen, wie er's verhindern kann.“

„Trau' ihm nicht“, rief sie ängstlich. „Er ist im Stande
Einen zu morden, der schwächer ist, als er,“

„Ich fürcht' ihn nicht“, erwiederte Georg und seine kleine
Gestalt reckte sich scheinbar weit über ihr Maaß hinaus. „Er
hat mich früher von hinten angefallen und ich war nicht darauf gefaßt. Aber er soll mir noch einmal kommen!“

„Jesus!“ klagte sie und rang die Hände; „ich könnt' es
nicht sehen, daß Ihr aneinander geriethet.“

„Nun, es wird so arg nicht werden“, versetzte er, seine
Erregung niederkämpfend. „Wir wollen zu ihm — jetzt gleich
— und ihm ruhig und gemessen unseren Entschluß mittheilen.
Du wirst sehen, daß er nichts erwiedert. Denn so schlecht, so
niederträchtig er auch ist: erkennen muß er, daß er kein Recht
und keine Macht hat, Dich zu halten.“

Sie rang noch immer verzweifelt die Hände.

„Fasse Muth, Resi“, sagte er ernst. „Willst Du mich
allein ziehen lassen?“

Sie flog ihm an die Brust und klammerte sich an seinem
Halse fest.

„Nun also“ fuhr er fort und strich ihr sanft das Haar
aus der Stirne, „gehen wir.“ Und sie schritten langsam auf
die Hütte zu: sie die Brust voll Bangen und Zagen vor den
Dingen, die sie kommen sah; er unerschütterliche Kraft und
Zuversicht im Herzen. —

Als sie über die Schwelle traten, saß der Aufseher mit
einem Messer in der Hand am Tische und schälte Kartoffeln.
Er blickte etwas betroffen auf das Paar; aber seine Ueberraschung schlug allsogleich in Zorn und Wuth um. „Was
wollt Ihr Zwei da?“ schrie er, indem er sich halb erhob und
den Griff des Messers wie kampfbereit auf den Tisch stützte.

„Ihr habt mir die Arbeit gekündigt“, erwiederte Georg
in ruhigem Tone. „Ich komme, um meine Sachen zu holen
und Euch zu sagen, daß die Tertschka mit mir geht.“

Der Aufseher machte eine Bewegung, als wollte er auf
ihn zustürzen; jedoch er fühlte sich durch die ernste, sichere Miene,
mit welcher Georg vor ihm stand, wider Willen eingeschüchtert.

„Darauf geb' ich gar keine Antwort“, knirschte er
endlich.

„Ihr braucht auch keine zu geben. Tertschka ist frei und
ledig, und kann thun was sie will.“

Der Aufseher keuchte.

„Nimm, was Dir gehört, Resi;“ fuhr Georg fort, indem
er sich wandte, um seinen Quersack zu suchen, „und dann
komm'.“

In der Brust des Anderen arbeitete es heftig. Er wußte
augenscheinlich nicht, was er beginnen sollte. Aber in dieser
Unentschlossenheit warf er einen Blick nach Tertschka, welche
ihre Seelenangst nicht verbergen konnte. Und als sie jetzt auf
die Kiste zuschritt, sprang er auf sie los und stieß die Entsetzte in den Keller hinab, dessen Thüre halb offen stand.
Dann schloß er dieselbe und steckte den Schlüssel in die Tasche.
„So, das ist meine Antwort“, stammelte er, vor Aufregung
am ganzen Leibe zitternd, während er sich wieder am Tische
niederließ und mit erzwungener Ruhe seine Beschäftigung fortzusetzen begann.

Das war so rasch, so unvermuthet geschehen, daß es Georg
nicht hatte verhindern können. Er faßte sich daher, hängte
ohne jedes Zeichen der Eile seinen Sack über die Schulter
und näherte sich mit langsamen Schritten dem Aufseher. „Laßt
die Tertschka heraus“, sagte er ruhig.

Der Aufseher schälte Kartoffeln.

„Laßt die Tertschka heraus.“

Die Hände des Aufsehers zitterten. Und als Georg
zum dritten Male, jedoch eindringlicher, seine Forderung wiederholte, sprang er auf und ballte die Faust. „Geh' jetzt —
geh'!“ rief er, „sonst — —“

„Was — sonst?“ erwiederte Georg gelassen. „Ich fürcht'
Euch nicht, wenn Ihr auch stärker seid. Vorhin hattet Ihr
leichtes Spiel mit mir; denn ich war wehrlos, wie jetzt die
Tertschka. Aber Aug' in Aug' steh' ich Euch!“ Das Antlitz
des Aufsehers war gräßlich anzusehen. Haß, Rachsucht und
lähmende Feigheit wogten darin auf und nieder. Er rang
nach Luft und seine Hände griffen unsicher vor sich hin. Georg
gewahrte das Alles und seine Brust stählte sich mehr und mehr.
„Drum rath' ich Euch“, fuhr er fort, „gebt gutwillig heraus,
was mein ist; sonst nehm' ich mir's mit Gewalt.“

Während dieser Worte hatten sich einige Männer in der
Hütte eingefunden; denn die Mittagsstunde nahte heran. Vielleicht wollten sie auch, getrieben von dem Instinkte der Menschen, derlei Vorgänge zu ahnen, Zeugen dieses Auftrittes sein.
Ihre Anwesenheit wirkte stachelnd auf den Aufseher. Er
fühlte sich sicherer, und seine Feigheit, die er selbst mit Wuth
empfand, bäumte sich aus Furcht, von Anderen bemerkt zu
werden, zu frecher Verwegenheit empor. „Habt Ihr gehört?“
rief er, gegen die Männer gewendet, „der Kerl wagt es, mir
zu drohen, weil ich das schlechte Weibsbild, die Tertschka, eingesperrt hab', daß sie nicht mit ihm davon läuft.“

„Beschimpft uns nicht!“ rief Georg, dessen Blut unwillkürlich höher aufwallte. „Wir sind zwei ehrliche Leute. Ihr
habt kein Recht, die Tertschka einzusperren, wenn sie auch
schlecht wär'.“

„Was? kein Recht hätt' ich?! Sie ist mein Stiefkind
und bei mir aufgewachsen!“

„Leider Gottes! Mehr sag' ich nicht; ich will Euch
schonen vor diesen da.“ Und dabei deutete er nach den Männern, die mit stumpfem Behagen dem wachsenden Streite
zusahen.

„Hört ihr den Hund? Schonen will er mich! Packt
ihn und werft ihn hinaus!“

Die Männer blickten einander unschlüssig an; aber sie
regten sich nicht. Hinter der Kellerthüre war lautes Aechzen
vernehmbar.

„Seht Ihr?“ fuhr Georg in steigender Erregung fort;
„es fällt Keinem ein, mich anzurühren. Drum sag' ich Euch
zum letzten Male: gebt die Tertschka frei, — oder ich nehm'
den Hammer dort. Zwei Schläge damit, und die Thür' geht
in Trümmer!“

„Was? die Thür' willst Du mir einschlagen? Du Räuber! Du Dieb! Hinaus! Sonst laß' ich die Gendarmen
holen!“

„Laßt sie holen!“ rief Georg flammend. „Dann wird
sich zeigen, wer im Recht ist! Dann wird sich zeigen, warum
Ihr die Tertschka eingeschlossen habt! Dann wird zu Tage
kommen, wie Ihr sie von klein auf mißhandelt, wie Ihr der
Armen schändlich nachgestellt und ihr den sauer verdienten
Taglohn und das Erbtheil der Mutter, deren Tod Euch auf
dem Gewissen brennt, vorenthalten habt! Dann wird zu Tage
kommen, wie Ihr hier oben mit den Schwachen und Wehrlosen umgeht und wie Ihr Euch mästet mit dem Schweiß und
Blut der Arbeiter, die man Euch anvertraut!“ — Georg hielt
unwillkürlich inne. Die Wucht und die Wahrheit dieser Anklagen hatten bei dem Aufseher das Maaß zu Rande und ihn
selbst um alle Besinnung gebracht. Sein Antlitz war bläulich
fahl geworden; aufbrüllend wie ein verwundeter Stier, schäumenden Mundes, die Augen weit vorgequollen — so stürzte
er sich mit hochgeschwungenem Messer auf Georg. Dieser
aber hatte den Hammer erfaßt und schwang ihn gegen den
Angreifer. Ein dumpfer Schlag erdröhnte; der Aufseher, vor
die Brust getroffen, wankte — und taumelte, während sich
ein Schwall dunklen Blutes aus seinem Munde ergoß, röchelnd
zu Boden.

Einen Augenblick herrschte lautlose Stille; stummes, ödes
Grausen hatte die Anwesenden ergriffen, Georg aber stand
da, wie David an der Leiche Goliaths. „Resi! Resi!“ rief
er jetzt, indem er mit raschen Schlägen das Thürschloß aufsprengte, „komm heraus, Resi! Du bist frei; unser Peiniger
liegt zu Boden!“

„Jesus Maria!“ schrie sie, hervoreilend, und schlug mit
einem Blick auf den Getroffenen die Hände zusammen. „Er
ist todt! Georg! Georg! Was hast Du gethan! Jetzt wird
man Dich fortführen und als Mörder vor's Gericht stellen!“

„Das soll man! Ich werde Red' und Antwort geben.
Die dort müssen es bezeugen, daß er mir mit dem Messer
an's Leben wollte. — Geht hinunter“, wandte er sich an die
Männer, „und meldet, daß der Arbeiter Georg Huber den
Aufseher erschlagen hat.“

Es dauerte lange, bis sich Einer dazu entschloß. Georg
aber setzte sich mit Tertschka draußen vor der Hütte nieder.
Sie weinte in einem fort; er, noch immer gehoben von dem
Vollgefühle seiner That, die ihm ein vollstrecktes Richteramt
erschien, streichelte ihr von Zeit zu Zeit sanft tröstend die
Wangen. Endlich erschienen zwei Herren von der Bauleitung
und ein Gendarm. Sie ließen sich Alles erzählen und sprachen
dann eifrig unter einander. „Eingeliefert muß er werden“,
sagte der Gendarm. „Er ist Urlauber und gehört vor das
Militärgericht in Wiener-Neustadt.“ Da sich Georg willig
und fügsam erwies, so wurde ihm mitgetheilt, daß man ihm
keine Fesseln anlegen wolle; zu der jammernden Tertschka aber
sprach der Gendarm, sie möge sich trösten; nach Allem, was
er gehört, dürfte es so schlimm nicht werden. Ja, er gestattete
ihr sogar, sich mit auf den Vorspannswagen zu setzen, der ihn
und Georg später nach Wiener-Neustadt brachte — und so
fuhren sie in den sinkenden Abend hinein und in die dunkelnde
Nacht, während man oben die Leiche fortschaffte und ein endloser Regen vom Himmel niederströmte.

Ein sogenanntes Garnisons-Stockhaus, freundlicher Leser,
ist ein Gefängniß wie jedes andere, nur mit dem Unterschiede,
daß Diejenigen, welche sich darin befinden, alte, schadhafte
Uniformen auf dem Leibe tragen. Man findet dort Soldaten
von allen Farben und Abzeichen, und da sie sich sammt und
sonders als Glieder eines Standes fühlen, so herrscht unter
ihnen mehr Eintracht, als dies anders wo der Fall zu sein
pflegt; wie denn auch bei dem Völklein eine gewisse, durch
Aufrechthaltung der verschiedenen Rangsunterschiede bedingte
Zucht und Ordnung nicht zu verkennen ist. Trotzdem bleibt
ein solches Stockhaus immerhin ein gar wüster, trübseliger Ort,
und es darf uns nicht Wunder nehmen, daß es Georg in
jenem zu Wiener-Neustadt nicht allzu wohl um's Herz ward.
Ein mürrischer Profoß, von einer Wache begleitet, hatte ihn
bei später Nacht in dem dunklen, stark bevölkerten Raum eingeschlossen, wo er sich, da für ihn noch kein Strohsack in
Bereitschaft war, neben geräuschvoll athmenden Schläfern auf
das blanke Holzlager hinstreckte. Aber schlafen konnte er nicht.
Der gehobene Muth, die beschwingende Zuversicht, welche ihn
erfüllt hatten, waren schon während der langen traurigen Fahrt
einigermaßen in's Sinken gerathen; nun schlichen bange Zweifel und scheue Vorwürfe an ihn heran. Und als endlich ein
bleicher Lichtschein durch die verschalten Fenster dämmerte, nach
und nach die kahlen, schmutzigen Wände und die unerfreulichen
Gesichter seiner Mitgefangenen beleuchtend: da fiel ihm die
Erkenntniß seiner Lage immer deutlicher, immer schwerer auf
die Seele. Nicht, daß er etwa die Folgen seiner That allzusehr
gefürchtet hätte; war er doch angegriffen worden und hatte
sich seines Lebens wehren müssen; aber er sah im Geiste das
Bild des Erschlagenen vor sich, sah ihn bleich und regungslos
im Blute liegen, und in seinem weichen, wohlempfindenden
Gemüthe mischten sich jetzt mit dem schaudernden Bewußtsein,
einen Menschen getödtet zu haben, Reue und Mitleid und
ließen ihn tief beklagen, das Alles so habe kommen müssen.
Dieser unfreie und gedankenvolle Zustand wurde noch dadurch
gesteigert, daß Tage um Tage, Wochen um Wochen vergingen,
ohne daß man Georg in's Verhör genommen oder sonst sich
um ihn gekümmert hätte. Denn nun stellte sich auch die Sorge
ein, wie sich die nächste Zukunft gestalten würde, und quälte
ihn umsomehr, als er über das Schicksal Tertschka's, nach
welcher er eine schmerzliche Sehnsucht empfand, in völliger
Ungewißheit war. Das arme Geschöpf hatte wohl durch
Vermittlung des wackeren Gendarmen ein Nachtlager und
gleich in den nächsten Tagen beim Neubau eines Hauses Arbeit gefunden; aber in ihrem Inneren sah es trostlos aus.
Keiner von Denen, die an dem Baugerüste vorübergingen,
und zufällig bemerkten, wie sie Backsteine oder mit Mörtel
gefüllte Kübel hinanschleppte, hätte gedacht, mit welch' tiefem
Gram und Herzeleid sie das Alles verrichtete. Abends jedoch,
wenn die Arbeit eingestellt wurde, und an Sonn- und Feiertagen umkreis'te sie scheu die Kaserne, in welcher sich das
Stockhaus befand, und spähte zu jedem vergitterten und geblendeten Fenster empor, ob sie nicht irgendwo das Antlitz
Georgs entdecken könne; so zwar, daß sie mehrmals von den
Schildwachen hart angelassen und fortgescheucht wurde. In
ihrer Noth wandte sie sich endlich an die Soldaten der Thorwache, und bat sie, ihr zu sagen, wo sich der Gefangene
Georg Huber befände; sie möchte gern mit ihm reden. Da
bekam sie denn freilich nur rohes Gelächter und unziemliche
Späße zu hören, bis sich endlich ein gutmüthig aussehender
Unteroffizier ihrer erbarmte, indem er sich bereit erklärte, besagten Gefangenen ausfindig zu machen und demselben ihre Grüße
zu bestellen; ihn zu sehen und mit ihm zu reden, könne ihr
jedoch nicht verstattet werden; es wäre denn, daß sie vom Auditor hiezu die Erlaubniß bekäme. Den solle sie aufsuchen;
aber sie müsse schon am Morgen zu ihm gehen; denn tagüber
sei der Herr selten zu Hause anzutreffen. So suchte sie denn
früh am nächsten Sonntage ihre wollene Jacke und den Kattunrock hervor und begab sich, damit angethan, nach dem Hause,
welches ihr der Unteroffizier bezeichnet hatte. Dort mußte sie
eine lange Zeit im Flur warten; denn sie erhielt den Bescheid,
der Herr Auditor schlafe noch. Endlich trat dieser, bereits
völlig angekleidet, aus der Thüre und fragte sehr eilig, was
sie wolle. Er ließ sie nicht ausreden und sagte, die Erlaubniß,
mit den Arrestanten zu sprechen, könne nur in den seltensten
Ausnahmsfällen ertheilt werden; sie solle sich übrigens beruhigen, denn die ganze Angelegenheit würde in Bälde ausgetragen sein. Wenig getröstet ging sie wieder; und wirklich
verstrich abermals Woche um Woche, ohne daß über Georg
irgend eine Entscheidung erfolgt wäre. Denn, um es nur zu
sagen, der Auditor war ein lebenslustiger junger Mann, dem die
Schönen der Stadt näher am Herzen lagen, als seine Gerichtsacten, zumal Verhandlungen, welche beurlaubte Soldaten betrafen und also in dienstlicher Hinsicht nicht so dringend waren,
schob er gerne auf die lange Bank. In ihrer nunmehr gesteigerten Sorge trachtete Tertschka wieder ihren Vertrauten
aufzufinden, und dieser meinte, daß ihr jetzt nichts Anderes
übrig bliebe, als sich an den Obersten des Platzkommandos
zu wenden. Der sei zwar ein etwas ernster und strenger
Herr; aber er habe schon vielen Menschen geholfen. Sie entschloß sich also auch dazu und mußte, ehe sie vorkam, wieder
lange warten. Jedoch diesmal nicht im Flur, sondern in einem
warmen Vorgemach; was ihr um so wohler that, als der
Winter bereits in's Land gerückt war, Endlich hörte sie ein
Geklirr von Säbeln; einige Offiziere traten aus den Gemächern des Obersten und gingen, wie es schien, etwas niedergeschlagen fort. Nach einer Weile öffnete sich wieder die
Thüre; ein stattlicher Herr mit leicht ergrautem Schnurrbart
blickte heraus und fragte ziemlich barsch nach ihrem Begehren.
Da sie aber gleich zu weinen anfing, wurde sein Antlitz milder; er hieß sie eintreten und hörte, nachdem er sich gesetzt
hatte, schweigend an, was sie vorbrachte. Dann stellte er
einige Fragen an sie und forderte sie endlich auf, den ganzen
Hergang zu erzählen. Das that sie nun; freilich gar schlicht
und unbeholfen; aber dabei so wahr, warm und innig, daß
der Oberst, der dabei öfter seinen Schnurrbart leicht empor
strich, sichtlich ergriffen wurde. Nachdem sie geendet hatte,
stand er auf, legte ihr sanft die Hand auf die Schulter und
sagte, sie möge getrost von hinnen gehen. Er gäbe ihr sein
Wort, daß nunmehr die ganze Angelegenheit in kürzester Frist
und, wie er hoffe, zu Georgs Gunsten erledigt sein werde.
Freien und gehobenen Herzens entfernte sie sich; der Oberst
jedoch ging noch eine Weile sinnend im Gemache auf und nieder, wobei er von Zeit zu Zeit die Sporen leise an einander
schlug. Endlich ließ er durch eine Ordonnanz den Auditor
zu sich bescheiden. Er mußte ziemlich lange warten, bis der junge
Mann, ganz erhitzt, mit einer raschen Verbeugung herein trat.

„Herr Auditor“, begann der Oberst, „es ist vor ungefähr
vier Monaten ein Urlauber, Namens Georg Huber, behufs
kriegsrechtlicher Untersuchung hier eingeliefert worden.“

Der Auditor fuhr unwillkürlich mit der Hand nach der
Stirne. „Georg Huber — ja, ja, ganz recht. Es handelt
sich, wie ich glaube, um einen Todtschlag —“

„Allerdings; darum handelt es sich. Und ich wünschte,
die Untersuchung beendet zu sehen.“

„O nichts leichter, als das“, fuhr der Andere aufathmend fort. „Es ist eine ganz gewöhnliche Geschichte, wie sie
unter solchen Leuten nur zu oft vorkommt. Man läßt den
Mann ein paarmal durch die Gasse laufen, und die Sache
ist abgethan.“

„Nicht doch, Verehrtester“, erwiederte der Oberst. „Das
wäre ein höchst oberflächliches, gewaltsames Verfahren. Es
liegt mir im Gegentheile daran, daß diese Angelegenheit, wenn
gleich möglichst rasch, so doch ohne jede Ueberstürzung mit
größter Umsicht und Sorgfalt geprüft und verhandelt werde.
Denn ich erlaube mir, ohne damit Ihrer richterlichen Einsicht vorgreifen zu wollen, die Bemerkung, daß hier, wie ich mich überzeugt habe, sehr eigenthümliche Verhältnisse mit im Spiele sind.“
Der Oberst hatte bei diesen Worten ernst die Brauen zusammen gezogen; der Auditor wußte, was das zu bedeuten habe,
machte eine stramme Verbeugung und ging. Dann eilte er
geraden Wegs in seine Kanzlei, und da es ihm keineswegs
an Scharfblick und Fertigkeit gebrach, so dauerte es wirklich
nicht allzu lange, daß Georg und die Zeugen, unter welch'
letzteren sich auch Tertschka befand, vernommen waren, und
vor einem versammelten Kriegsrathe folgendes Urtheil geschöpft
wurde: „Georg Huber, Urlauber des zwölften Regimentes,
sei des verübten Todtschlages schuldig erkannt und zu einem
Jahre schweren Kerker verurtheilt; in Erwägung des Umstandes jedoch, daß er sich theilweise im Falle der Nothwehr befunden, so wie anderer erheblicher Milderungsgründe und mit
Hinblick auf seine tadellose Dienstzeit: sei ihm die ausgestandene längere Untersuchungshaft als Strafe anzurechnen.“ Der
Auditor erröthete ein wenig vor sich selbst, als er diese letzten
Zeilen niederschrieb; aber weit höher färbte sich sein Antlitz
am nächsten Tage, als er dem Obersten das Urtheil zur Bestätigung überbracht hatte, und dieser, nachdem er das Blatt
gelesen, ihm lächelnd auf die Achsel klopfte und sagte: „Da
sieht man, daß eine kleine Saumseligkeit im Dienste auch hin
und wieder ihr Gutes haben kann.“ Aber er reichte ihm die
Hand und verabschiedete ihn freundlich.

Zwei Tage darauf ließ der Oberst Georg und Tertschka
zu sich rufen. Er betrachtete sie lange und schweigend; dann
fragte er nach diesem und jenem und schloß damit, daß er
ihnen den Rath ertheilte, vor der Hand in der Stadt zu
bleiben. Für ihren Unterhalt durch angemessene Arbeit wolle
er Sorge tragen und sie würden noch später von ihm hören.
Nachdem die Beiden mit scheuen Dankesworten das Zimmer
verlassen hatten, ging der Oberst wieder mit leisem Sporengeklirr auf und ab. Es waren seltsame Gedanken, die ihn
bewegten. Er hatte vor vielen Jahren ein schlankes blondes
Fräulein geliebt, und war sehr unglücklich gewesen. Nicht
etwa, daß die Schöne seine Neigung zurückgewiesen hätte;
darüber würde sich seine stolze, kräftige Jünglingsseele wohl
bald getröstet haben: aber er war in seinen reinsten Empfindungen betrogen und mißbraucht worden, und das hatte ihn
mit dauernder Bitterkeit und einer krankhaften Verachtung des
weiblichen Geschlechtes erfüllt, die er gern offen zur Schau
trug; wie er denn auch das Wesen der Liebe überhaupt angriff und behauptete, dieselbe wäre zwar in den Romanen
hirnverbrannter Poeten, niemals aber im wirklichen Leben zu
finden. Und nun, nachdem er diese Meinung, einem leisen
Widerspruche seines Innern zu Trotz, so lange und leidenschaftlich vor sich selbst und Anderen aufrecht erhalten hatte:
nun war ihm mit einem Male in diesem armen, verkümmerten Menschenpaare die Liebe mit all' ihrer Tiefe, Hingebung,
Treue und Zärtlichkeit, in ihrer ganzen heiligen Kraft entgegengetreten — und stille Beschämung und unsägliche Rührung
zogen in seine Brust. Auch ein klein wenig Neid mischte sich
mit hinein; aber er beschloß, so weit dies von ihm abhinge,
die Beiden glücklich zu machen für's ganze Leben. — —

Dort, wo die schwärzlichen Schienen längs der rauschenden Mur, an grünen Wiesen und anmuthigen Auen vorüber,
sich hinziehen; im Umkreise des Schlosses Ehrenhausen, das
von einem bewaldeten Hügel freundlich auf den Ort gleichen
Namens hinab schaut: steht ein einsames Bahnwächterhaus.
Ein winziges Stückchen Feld, mit Mais und Gemüse bepflanzt,
liegt dahinter, und vor der Thüre, umfriedet von einer dichten
Bohnenhecke, blühen röthliche Malven und großhäuptige Sonnenblumen. In diesem Häuschen, das den Vorüberfahrenden
gar still und friedlich anmuthet, leben, wie sie es einst kaum
zu hoffen gewagt, Georg und Tertschka seit mehr als fünfzehn
Jahren als Mann und Frau, und es braucht wohl nicht
eigens bemerkt zu werden, daß ihnen der gute Oberst zu dem
kleinen Anwesen verholfen hatte. Man merkt kaum, daß sie
älter geworden, und sie verrichten gemeinsam den Dienst,
der ihnen bei Tag und Nacht schwere Verantwortlichkeit auferlegt. Aber sie finden dennoch nebenher Zeit und Gelegenheit, ihr Streifchen Feld zu bebauen, eine Ziege sammt einigen
gackernden Hühnern zu halten — und zwei flachshaarige Kinder aufzuziehen, die sich als willkommene Spätlinge eingestellt
haben und ganz munter hinter dem Bohnenzaune heranwachsen.
Auch trauliche Abendstunden sind ihnen vergönnt, wo sie Hand
in Hand vor der Thüre sitzen, der untergehenden Sonne nachschauen und noch immer den Tag preisen, an welchem sie sich
zum ersten Male auf der Höhe des Semmerings begegnet.
Und dann zieht die Vergangenheit mit allen Leiden und Freuden an ihnen vorüber — bis zu jenem Augenblicke, wo das
Verhängniß schwer und furchtbar über sie hereingebrochen war
— und doch ihr Glück begründet hatte. Und wenn dann in
die Helle ihrer Brust ein trüber, dunkler Schatten fallen will
— dann ziehen sie rasch die Kleinen heran, die sich liebkosend
in die Arme der Eltern schmiegen und mit den großen Kinderaugen so harmlos in die Welt hinein blicken, als lebten sie
nicht den wechselvollen Schicksalen entgegen, die sich forterben
von Geschlecht zu Geschlecht, so lange noch Menschen athmen
auf der alternden Erde.