Die Geigerin

Ich bin ein Freund der Vergangenheit. Nicht daß ich
etwa romantische Neigungen hätte und für das Ritter- und
Minnewesen schwärmte — oder für die sogenannte gute alte
Zeit, die es niemals gegeben hat: nur jene Vergangenheit will
ich gemeint wissen, die mit ihren Ausläufern in die Gegenwart hineinreicht und welcher ich, da der Mensch nun einmal
seine Jugendeindrücke nicht loswerden kann, noch dem Herzen
nach angehöre. So kann ich niemals die prachtvolle Wiener-Ringstraße betreten, ohne die alten Basteien, den lauschigen
Stadtgraben und das mit Kindern bevölkert gewesene Glacis
zu vermissen, und es ergreift mich immer ganz seltsam, wenn
irgend eine alte Baulichkeit, die sich hier und dort als Merkzeichen meiner Knaben- und Jünglingszeit erhalten hat, niedergerissen wird. Daher bin ich noch zuweilen in jenen öffentlichen Gärten zu finden, die in Folge neuerer Anlagen ihr
Publikum verloren haben und nur mehr von verblühten Gouvernanten, brodlosen Schreibern und ähnlichen Jammergestalten
in lichtscheuer Kleidung tagüber als Versteck benützt werden;
wie ich denn auch mit einer gewissen Vorliebe Gast- und
Kaffeehäuser besuche, welche sich einst eines besonderen Rufes
erfreuten, jetzt aber durch moderne Restaurationen in den
Schatten gestellt und bloß von einer kleinen Schaar treuer
Anhänger in Ehren gehalten werden. Mit den Menschen ergeht es mir ebenso. Ich fühle mich zu allen Denen hingezogen, deren eigentliches Leben und Wirken in frühere Tage
fällt und die sich nun nicht mehr in neue Verhältnisse zu
schicken wissen. Ich rede gern mit Handwerkern und Kaufleuten, welche der Gewerbefreiheit und dem hastenden Wettkampfe der Industrie zum Opfer gefallen; mit Beamten und
Militärs, die unter den Trümmern gestürzter Systeme begraben wurden; mit Aristokraten, welche, kümmerlich genug, von
dem letzten Schimmer eines erlauchten Namens zehren: durchweg typische Persönlichkeiten, denen ich eine gewisse Theilnahme
nicht versagen kann. Denn alles Das, was sie zurückwünschen
oder mühsam aufrecht erhalten wollen, hat doch einmal bestanden und war eine Macht des Lebens, wie so Manches, was
heutzutage besteht, wirkt und trägt. Auch allerlei seltsame
Ingenia und ruhelose Feuerseelen, in denen es vulkanisch gährt
und zuckt, finden sich darunter. Wissenschaftliche Forscher, Erfinder, Philosophen und Künstler, die um ein halbes Jahrhundert zu spät geboren wurden und der Welt ein Lächeln
des Mitleids entlocken: tragikomische Widerspiele jener hohen,
seltenen Menschen, die in der Gegenwart keinen Platz finden,
weil sie bereits der Zukunft angehören und Vorläufer Derer
sind, die da kommen werden. —

Einen solchen, der aber jetzt nicht mehr unter den Lebenden weilt, hatte ich vor Jahren kennen gelernt; und zwar in
einem Speisehause der inneren Stadt, das inzwischen ebenfalls
verschwunden ist, und wo er, gleich mir, zu ziemlich später
Stunde sein Mahl einzunehmen pflegte. Es war ein Mann
in mittleren Jahren und von stattlichem Wuchse. Leicht zu
körperlicher Fülle neigend, das Haar über der hohen, schimmernden Stirne bereits gelichtet, saß er gewöhnlich in einer
Ecke des Zimmers am Tische, aß und blickte dann, nachdem
er mechanisch ein Zeitungsblatt zur Hand genommen, dem
Rauche seiner Cigarre nach, wobei seine grauen Augen oft
wundersam aufleuchteten, während um den fein geschnittenen
Mund ein selbstvergessenes Lächeln spielte. Wochen um Wochen
hatten wir uns so in einiger Entfernung schweigend gegenüber
gesessen und nur beim Kommen und Gehen den üblichen kurzen Gruß getauscht. Eines Tages jedoch waren wir plötzlich
in ein Gespräch verwickelt, ohne daß Einer von uns hätte bestimmen können, wer eigentlich den ersten Anstoß dazu gegeben.
Nun wurden wir rasch mit einander bekannt, und es zeigte
sich, daß er mir eigentlich nicht mehr ganz fremd gewesen.
Es waren nämlich damals, unter offenbar fingirtem Namen,
in einem großen Blatte mehrere Aufsätze erschienen, die mich
durch die philosophische Tiefe ihres Inhaltes sehr überraschten.
Ein reifer, außerordentlicher Geist hatte es hier unternommen,
politische und sociale Verhältnisse in einer Weise zu beleuchten,
welche mit den allgemeinen Anschauungen in directem Widerspruche standen, und hatte Perspectiven in die Zukunft eröffnet, deren paradoxe Fassung das Befremden, ja den Unwillen
der meisten Leser erregen mußte; so zwar, daß ich mich wunderte, wie ein den augenblicklichen Tagesinteressen dienendes
Organ derlei in seine Spalten habe aufnehmen können. In
der That brachen auch jene Artikel plötzlich ab; tauchten noch
hin und wieder in anderen Journalen auf, bis sie endlich
ganz verschwanden. Es ging hervor, daß er der Verfasser
sei, und ich fand durch ihn selbst meine Vermuthung bestätigt,
daß sich die Zeitungen nicht länger mit ihm hatten compromittiren wollen. „Ich bin übrigens froh“, setzte er hinzu,
„daß man mich der Mühe des Schreibens überhoben hat.
Denn es bleibt doch immer eine Qual, seine Gedanken zu
Papier zu bringen. Und wozu den Leuten Wahrheiten sagen,
die sie doch nicht hören wollen und an welchen sich dereinst
ihre Enkel die Stirne blutig stoßen werden.“ Ich erfuhr auch,
daß er seiner Zeit eine nicht unbedeutende öffentliche Stellung
innegehabt. Leitende Persönlichkeiten waren auf seine Kenntnisse und Fähigkeiten aufmerksam geworden und hatten dieselben in der redlichsten Absicht für ihre Zwecke ausnützen wollen.
Aber es erwies sich gar bald, daß diese eigenthümliche Natur
nicht geschaffen war, sich fremden Absichten unterzuordnen, und
man ließ es sich gerne gefallen, daß er, nachgerade erst selbst
zu dieser Erkenntniß gelangend, seine Entlassung nahm. In
der großen Welt war er ebenfalls nicht fremd geblieben. Er
hatte sich in den hervorragendsten Kreisen bewegt, wo er eine
Zeit lang als liebenswürdiger Sonderling gesucht und wohl
aufgenommen war; endlich aber, da sich weder innere noch
äußere Anknüpfungspunkte ergeben wollten, übersah man, daß
er wegblieb. Nun war er ganz in sich selbst zurückgesunken
und hatte erreicht, was sein tief innerstes Wesen verlangte:
Freiheit und Muße zu einsamen Studien und beschaulichem
Denken, eine Bestimmung, welcher er sich um so getroster hingeben konnte, als ihm eine kleine Rente bescheidene Unabhängigkeit sicherte. Und wie so ganz, wie erhaben erfüllte er
diese Bestimmung! Scheinbar unthätig, war er vom Morgen
bis tief in die Nacht hinein bemüht, alles Gewordene und
Werdende in sich aufzunehmen. Kein Zweig der Wissenschaft,
der Kunst und des öffentlichen Lebens lag ihm zu ferne; all
überall suchte und fand er Material zu einem großen Werke,
dessen Vorarbeiten ihn, wie er mir gestand, schon seit Jahren
in Anspruch nahmen, und dessen Ausführung er den Rest seines Lebens zu widmen gedachte. Er hatte nämlich im Sinne,
eine Geschichte der Menschheit vom Standpunkte der Ethik
aus zu schreiben, welche gewissermaßen die Kehrseite des berühmten Buches von Thomas Buckle werden sollte. Von einer
glühenden Wahrheitsliebe beseelt, mit einem Blicke begabt,
welcher bis zum geheimsten Innersten der Menschen und zum
tiefsten Kernpunkte alles Bestehenden drang, haßte er nichts
so sehr, wie die Lüge, den Schein und die Halbheit, und er
konnte sich in dieser Hinsicht über Personen und Dinge mit
einer zerschmetternden Rückhaltslosigkeit äußern, welche selbst
Jene, die im Allgemeinen seine Ansicht theilten, befremden mußte und mit der man sich nur versöhnen konnte,
wenn man vernahm, mit welcher Begeisterung er von
allem Aechten, Guten und Schönen sprach und wie so ganz
ohne Schonung er gegen seine eigenen Fehler und
Schwächen zu Felde zog. Dabei war er harmlos wie ein
Kind, nur fähig, in der Idee zu hassen und zu verfolgen; in Wirklichkeit jedoch konnte es jeder menschlichen Verirrung gegenüber keinen einsichtsvolleren Beurtheiler, keinen
milderen Richter geben, als ihn. Am deutlichsten trat diese
Eigenthümlichkeit hervor, wenn er auf das andere Geschlecht
zu sprechen kam. Ich habe Niemanden gekannt, der die weibliche Natur tief, gleich ihm, erfaßt hätte. Wie er ein Auge
besaß, das für die feinsten Reize und Abstufungen der Schönheit empfänglich war, so entging ihm auch nicht der verborgenste Zug des Herzens und der Seele, und wenn er sich auch
hin und wieder über die Frauen im Allgemeinen zu einem
Worte hinreißen ließ, das an die Aussprüche des Frankfurter
Weltweisen erinnerte, so war er hinterher doch gleich bemüht,
alles, was er an ihnen zu tadeln fand, auf die sociale Stellung
zuschieben, welche sie seit jeher eingenommen. Wahrlich, wenn
man ihn so von ihren Vorzügen und Tugenden, von ihren Kräften
und Fähigkeiten reden hörte, man hätte glauben sollen, daß
ihm die Herzen Aller zufliegen müßten. Aber seltsam, er war,
wie er mit schmerzlichem Humor gestand, niemals geliebt worden, obgleich er seiner Zeit viel mit Frauen verkehrt hatte.
„Um diese, so weit dies überhaupt möglich ist, kennen zu lernen“, pflegte er zu sagen, „darf man von ihnen nicht geliebt
werden; denn man ist dann leicht geneigt, ihre Gunst als
etwas Selbstverständliches hinzunehmen, und in Folge dessen
geringer anzuschlagen. Man muß vielmehr durch sie schmerzlich gelitten und gesehen haben, welchen Schatz von Treue,
Hingebung und Opferwilligkeit sie anderen Männern, ja sogar
solchen, die wir tief unter uns erblicken, entgegenbringen, um
zu erkennen, welch' ein Geschenk des Himmels es sei, das
Herz eines Weibes ganz und voll zu besitzen.“ — Trotz dieses
lebhaften und unumwundenen Austausches von Gedanken und
Empfindungen kam es zwischen mir und Walberg — wie ich
den eigenthümlichen Mann, dessen Name in Wirklichkeit viel
weniger stolz und anspruchsvoll klang, hier nennen will —
zu keiner Freundschaft im eigentlichen Sinne des Wortes. Wir
hatten hiezu Beide bereits die Geschmeidigkeit und Spannkraft
der Jugend verloren, welche allein im Stande ist, solche Bündnisse für's Leben zu schließen. Unser Verkehr beschränkte sich
auf anregende Tischgespräche und auf kürzere oder längere
Besuche, die wir uns hin und wieder abstatteten, Zuweilen
machten wir auch einen kleinen Ausflug in's Freie, wo ihm
dann, von der Natur angeregt, das Herz vollends aufging
und sein Geist geradezu Offenbarungen ausstrahlte. —

So hatten wir auch einmal nach Tisch einen Gang in
den Prater unternommen. Es war ein milder, sonniger Octobertag und in der endlosen Hauptallee mit ihren alten, sich
eben leise entblätternden Kastanienbäumen wogte ein mächtiger
Menschenstrom. Eine Zeitlang schlenderten wir so im Gewühle hin und ließen die schönen stolzen Frauen zu Roß und
Wagen an uns vorüberfliegen. Nach und nach aber fühlten
wir uns beengt und gedrückt und schlugen, quer über die Wiesen
schreitend, den Weg nach den einsameren Partien der stimmungsvollen Aulandschaft ein. Man hatte damals bereits begonnen,
hier und dort einige jener herrlichen Baumgruppen zu fällen,
welche in der nächsten Nähe einer großen Residenz ihres Gleichen suchen dürften, und hatte so den Anfang zu den Verwüstungen gemacht, die später zur Zeit der Weltausstellung so
große Ausdehnung gewannen. Vor zwei riesigen Buchen, welche
mit ihren herbstlich gefärbten Wipfeln auf dem Boden lagen,
blieben wir stehen. „Wie schade um die prachtvollen Bäume“,
sagte ich.

„Eine wahre Sünde“, erwiederte er, „das frische, blühende
Leben zu verwüsten. Ich sehe schon im Geiste die ganze liebliche Wildniß ausgerodet, das letzte Stückchen Grün vertilgt
und auf der trostlosen Ebene eine Masse nüchterner Häuser
stehen, zwischen welchen ein qualmender Eisenbahnzug dahinbraust. — Aber“, fuhr er nach einer Weile fort, „das ist im
Grunde doch nur Sentimentalität. Alles vollzieht sich nach
dem eisernen Gesetze der Nothwendigkeit. Der Prater wird
so lange erhalten bleiben, als er ein Bedürfniß ist. Eine
Reit- und Fahrbahn wird sich überall finden lassen und das
Volk kann sich auch anderswo beim Biere vergnügen!“

Wir waren wieder schweigend weiter geschritten. Ringsum herrschte tiefe Stille; nur ein kühler Windhauch schauerte
leise durch die Zeitlosen, mit welchen der Grund wie übersät
war. Endlich standen wir vor einem weitläufigen Sumpfe,
aus dessen Schilf, von unseren Schritten aufgeschreckt, ein
später Reiher in die sinkende Dämmerung emporrauschte. Wir
machten uns auf den Heimweg. Als wir die Brücke über den
Donaukanal betraten, gewahrte ich, wie unter den Jochen
hervor ein dunkler Gegenstand auf den Fluthen trieb, in
welchem ich die Umrisse einer weiblichen Gestalt zu erkennen
glaubte. Gleichzeitig mit mir mußten ihn Andere bemerkt haben; es entstand ein Zusammenlauf am Geländer; Rufe nach
Rettung wurden laut, und wirklich stieß in einiger Entfernung
ein Kahn ab, dessen Bemannung die Verunglückte mittelst
langer Enterhaken an's Ufer zog und am Fuße eines Gascandelabers niederlegte. Dorthin strömte jetzt eine zahlreiche
Menschenmenge; ich und mein Begleiter wurden unwillkürlich
mit fortgerissen. Kaum aber hatte Walberg einen Blick in
das bleiche Antlitz des Weibes gethan, als er mich mit einem
unterdrückten Aufschrei beim Arm ergriff und fortziehen wollte.
Er faßte sich aber gleich wieder, trat auf die Sicherheitswache
zu, die sich eingefunden hatte und wechselte mit dem Manne
einige Worte. Mittlerweile hatte man Vorkehrungen getroffen, die, wie es schien, bereits Entseelte in die nächste Rettungsanstalt zu bringen. Wir schloßen uns dem traurigen
Zuge an und traten, indeß die Menge draußen zurückgehalten
wurde, bei dem Wundarzte ein. Während dieser mit seinen
Gehilfen im Nebenzimmer Belebungsversuche anstellte, sank
Walberg erschöpft in einen Stuhl und schrieb einige Worte
auf ein Blatt Papier, welches er aus seinem Notizbuche losgetrennt hatte. Der Arzt erschien bald und erklärte achselzuckend, daß Alles vergebens und das Frauenzimmer todt sei.
Walberg erhob sich und trat, während ich folgte, noch einmal
an die Leiche, welche im grellen Lichte einer von der Decke
niederhängenden Lampe auf dem Sopha des Zimmers lag.
Es war eine schlanke, zartbusige Gestalt; bereits über die
eigentliche Jugend hinaus, aber selbst noch im Tode von jener
Anmuth umflossen, welche nie altert. Die nassen, an den
Formen klebenden Gewänder erschienen ziemlich abgetragen und
auch die Handschuhe, sowie die knappen Stiefelchen wiesen
leicht erkennbare Schäden auf. Der Arzt hatte das Hütchen,
welches früher noch unter dem Kinne der Todten festgeknüpft
war, entfernt, und so hing ihr lichtbraunes Haar in feuchten
Locken und Strähnen gelöst, über die Schultern hinab. Die
bläulichen Lippen waren weit geöffnet und große dunkle Augen starrten gebrochen unter den Wimpern hervor. Der Anblick war zu ergreifend, als daß wir ihn hätten ertragen
können. „Die Unselige!“ murmelte Walberg, indem er sich,
gleich mir, schaudernd abwandte; „so weit ist es mit ihr gekommen.“ Dann übergab er dem Wachmanne das beschriebene
Blatt und wir traten auf die Gasse hinaus, wo wir stumm
neben einander hergingen. Walberg schien ein Vorhaben zu
überlegen; endlich winkte er einen Miethwagen heran und ersuchte mich, ihn zu begleiten. Wir fuhren in eine der nächsten
und belebtesten Vorstädte. Bei einem stattlichen, hell erleuchteten Kaufmannsladen ließ er halten und trat hinein. Geraume Zeit verstrich, bis er zurückkam. „Es ist Alles so, wie
ich es mir gedacht habe“, sagte er beim Einsteigen mehr zu
sich selbst, nachdem er dem Kutscher seine Wohnung bezeichnet
hatte. Wir legten eine schweigsame Fahrt zurück und als der
Wagen hielt, schrak Walberg aus trübem Sinnen empor. —
„Kommen Sie mit mir hinauf“, bat er; „ich will jetzt nicht
allein sein.“ In seinem einfachen Zimmer machte er Licht,
zündete die Spirituslampe unter dem Theekessel an und reichte
mir schweigend ein Kistchen mit Cigarren. Dann setzte er sich
in einen Lehnstuhl und blickte nachdenklich vor sich hin. Es
war mir, als hätte ich eine Mittheilung zu erwarten; aber
ich wollte nicht drängen und nahm eines der vielen Bücher
zur Hand, die überall umher lagen. Es wurde ganz still im
Gemache; nur das Wasser im Kessel begann leise zu summen.
Endlich wandte sich Walberg zu mir: „Soll ich Ihnen die
Geschichte des armen Weibes erzählen, das sich heute in den
Wellen der Donau den Tod gegeben?“ Und meine Zustimmung vorweg nehmend, fuhr er fort: „Es ist eine traurige,
ja vielleicht eine häßliche Geschichte. Es kommt auf den Gesichtspunkt an, von welchem aus man sie betrachtet. Sie kennen meine Art und Weise, die Dinge aufzufassen; sie stimmt
mit der Ihrigen überein und so bin ich überzeugt, daß sie dem
unglücklichen Geschöpfe, trotz Allem, was Ihnen jetzt zu hören
bevorsteht, eine stille Thräne in Ihrem Herzen nicht werden
versagen können.“ Er war aufgestanden, hatte mir eine Tasse
gefüllt und sich dann wieder gesetzt.

Sie wissen, begann er, wie zurückgezogen, wie einförmig
ich lebe. Seit einer Reihe von Jahren verzichte ich auf Freuden und Vergnügungen, welche Männern in unserem Alter,
in unseren Verhältnissen, natürlich und angemessen sind. Ich
sage absichtlich: daß ich verzichte; denn von Natur bin ich
eigentlich volllebig und eher zur Ausschreitung, als zur Beschränkung geneigt. Aber das geistige Bewußtsein ist in mir
doch zu vorherrschend, als daß ich diesen Hang nicht als etwas
Störendes, ja geradezu Feindseliges empfinden und nicht in
jeder Weise bemüht sein sollte, ihn abzulenken und zu ersticken.
Und so kann ich mich mit weit mehr Recht einen Asketen
nennen, als die Meisten, welche vor der Welt die Abzeichen
der Entsagung zur Schau tragen. Von Zeit zu Zeit jedoch
bricht dieses niedergehaltene Element plötzlich mit aller Macht
hervor und ich werde dann, wie ich überhaupt zu Extremen
neige, unaufhaltsam getrieben, mich aus meiner stillen Einsamkeit heraus in den vollsten Strom, ja vielleicht auch ein wenig
in den Pfuhl des Lebens zu stürzen; freilich nur, um allsogleich wieder, ernüchtert und vor mir selbst beschämt, in den
reinen Aether meiner Arbeiten zurückzukehren. So geschah es
auch einmal im Carneval. Ich hatte mich an einigen halbwahren Büchern, die eben großes Aufsehen erregten, müd und
ärgerlich gelesen. Ich war geistig verstimmt und sehnte mich
ordentlich nach Menschen, die nichts Höheres in's Auge fassen
und, nur auf das Nächste beschränkt, gedankenlos in den Tag
hineinleben. Es waren damals gerade die Maskenbälle bei
uns in Schwung gekommen und ich hatte Manches von dem
tollen Treiben gehört, das dabei herrsche. Namentlich sollten
jene, die in einem großen, außerhalb der Linie gelegenen Vergnügungslocale stattfanden, in dieser Hinsicht alles Dagewesene
überbieten. Dorthin wollte ich nun wollte mich unter die
ausgelassene Menge mischen und, wenn es sich fügte, auch ein
bischen ausgelassen sein. In einer sternhellen Februarnacht
machte ich mich auf den Weg. Kaum aber hatte ich die erleuchteten Säle einige Male durchschritten, als ich mich vollständig enttäuscht fühlte. Sprudelnde, entfesselte Lebensfreudigkeit hatte ich erwartet und fand nichts als öde Stumpfheit,
die sich zur Aufmunterung bisweilen selbst mit den Fäusten
der Gemeinheit in die Rippen stieß. Nicht einmal die Strauß'schen Walzer waren im Stande, die Tanzenden zu befeuern,
deren größtentheils plumpe und ungelenke Bewegungen Lächeln
und Mitleid erregten. Reizlose Weiber in verschossenen Maskenanzügen zwangen sich zu lahmen Spässen und wenn hier
und dort ein feinerer Wuchs, ein geschmackvolleres Costüm im
Gewühl auftauchte, so gehörten sie Frauen an, die sich, in
männlicher Begleitung, mehr zusehend, als theilnehmend verhielten. Zudem war es unerträglich heiß und so suchte ich
bald jene Nebenräume auf, welche theils als Speisezimmer,
theils als Schauplätze für kleine dramatische Vorstellungen und
sonstige Erlustigungen benutzt wurden. In einem derselben
ließ sich vor nicht sehr zahlreichem, aber gewählterem Publicum
ohne Maske ein sogenanntes Damentrio hören. Ich setzte
mich an einen der Tische, die vor der niederen Bühne angebracht waren, bestellte eine Erfrischung und ließ mich, mißmuthig wie ich war, von den Klängen umrauschen, ohne ihnen
Aufmerksamkeit zu schenken. Nach und nach aber wurde ich
unwillkürlich gefesselt. Es waren Musikstücke edlerer Art, die
hier mit so viel Ausdruck und Präcision vorgetragen wurden,
daß sich der allgemeine Beifall oft und laut kundgab. Auch
die Spielenden waren ganz geeignet, die Blicke auf sich zu
ziehen. Sie trugen alle drei weiße Kleider mit Gürteln und
Achselbändern von schwarzem Taft, welche einfache Tracht ihre
jugendlichen Erscheinungen anmuthig hervorhob. Obgleich sie
einander gar nicht ähnlich sahen, so konnte man sich doch des
Eindruckes nicht erwehren, man habe drei Schwestern vor sich.
Die Jüngste, welche am Claviere saß, war fast noch ein Kind.
Aber die Kraft und Sicherheit, mit welcher sie trotz der zuckenden Unruhe ihres schmächtigen, halbwüchsigen Körpers spielte;
die herausfordernde Art und Weise, wie sie, die krausen, blonden Locken schüttelnd, ihr mehr reizendes als schönes Gesicht
dem Publikum zukehrte, gab ihr etwas Frühreifes und Bewußtes, das gleichzeitig anzog und abstieß. Die Mittlere mit
dem Cello war ihr gerader Gegensatz. In voll entwickelter
Jugendblüthe, die Wangen rosig, das glänzende schwarze Haar
schlicht aus der Stirne gestrichen, saß sie gelassen da und
wandte ihre ganze Aufmerksamkeit dem ungelenken Instrumente
zu, das sie handhabte. Einen wunderbaren Anblick aber bot
die Aelteste dar, welche mit der Geige im Vordergrund der
Bühne stand. Sie mochte ungefähr fünfundzwanzig Jahre
zählen und war bereits von jenem schwermüthigem Reiz des
Verblühens umhaucht, welcher manche Frauen so anziehend
macht. Die zarte Wange leicht an das bräunliche Holz geschmiegt, das matt schimmernde Haar nachlässig gelockt, und
mit dem schlanken, biegsamen Leibe den Bogenstrichen folgend,
glich sie einer Camöne. Es entging mir nicht, daß sie bei
ausdrucksvollen Stellen, zarten sowohl als leidenschaftlichen,
ihre großen, etwas umschatteten Augen auf einen jungen Mann
heftete, der in einiger Entfernung von mir saß, und den ich
früher nicht beachtet hatte. Von hohem und schlankem Wuchse,
sorgfältig, aber ohne Ziererei gekleidet, war er in seinen Stuhl
zurückgesunken und schien die Aufmerksamkeit, welche ihm die
Geigerin schenkte, gänzlich zu übersehen. Seine Blicke schweiften vielmehr, während er langsam ein Glas Punsch trank,
nach dem Kinde am Claviere hin, welches ihm auch von Zeit
zu Zeit wie verstohlen zulächelte. Sein Antlitz wies ein kühn
geschnittenes, fremdländisches Profil, und die hohe, gerade Stirn
leuchtete aus dunklen Haaren hervor; eine längliche Narbe
auf der rechten Wange zierte ihn mehr, als sie ihn entstellte.
Er war im eigentlichen Sinne des Wortes schön zu nennen.
Das Geistige herrschte in seinen Zügen nicht vor; aber Alles
war voll Leben und Ausdruck, und die hellen braunen Augen
blickten stolz und einnehmend zugleich, wie die des Hirsches.
Die Geigerin hatte inzwischen begonnen, ein Solo vorzutragen,
das nur hin und wieder von dem Clavier begleitet wurde.
Sie spielte mit so zartem Schmelze, mit so hinreißendem Feuer,
daß, als sie geendet hatte, stürmischer Beifall losbrach. Sie
verneigte sich leicht, aber ihr Blick ruhte, während die Töne
noch immer in ihr nachzuzittern schienen, auf dem jungen
Manne, der nun auch, wie aus einem Traume aufgeschreckt,
durch leichtes Kopfnicken seine Anerkennung kund gab. Es
schien jetzt eine längere Pause eintreten zu wollen; denn die
Spielenden verließen ihre Plätze und zogen sich in den Hintergrund der Bühne zurück. Mein Nachbar war gleichfalls
aufgestanden und begab sich mit vertraulichen Geberden zu den
Frauen. Die Geigerin ging ihm mit erwartungsvollem Lächeln
entgegen; er aber sah zerstreut über sie hinweg und reichte
dem Kinde die Hand, welches, wiederum das Haar schüttelnd,
auf ihn zusprang. Ich sah das Alles und fühlte mein Herz
von einem seltsamen Schmerze zusammengepreßt. Ich besitze
die unglückselige Gabe, ohne es eigentlich zu wollen, aus geringfügigen Anzeichen, aus einem Blicke, einem Worte ganze
Verhältnisse zu errathen und mir dieselben zurecht zu legen.
So brachte ich denn gleich auch diese vier Personen in eine
eigenthümliche Stellung zu einander, die mich bedrückte. Ich
verlor alle Lust, weiter zuzuhören und entfernte mich, während
die Cellistin langsam die Noten zu einem neuen Stücke auflegte. Zu Hause angekommen, lag ich noch eine Zeitlang wach
im Bette; endlich schlief ich ein und die drei Gestalten in
weißen Kleidern und der junge Mann mit der Narbe auf der
Wange zogen, wirr und phantastisch verschlungen, durch meine
Träume. Auch in den folgenden Tagen wirkten diese Eindrücke
nach, dann aber war Alles vergessen. —

So kam der Frühling heran. An einem herrlichen Aprilmorgen hatte ich ein entlegenes Maleratelier besucht und mich
dort mehrere Stunden verweilt. Da ich den weiten Weg
nach der Stadt zurück nicht zu Fuße machen wollte, stieg ich
in einen gemeinschaftlichen Wagen und — befand mich der
Geigerin gegenüber. Ich hatte sie auf den ersten Blick wieder
erkannt, obgleich ihr das Licht des Tages und die veränderte
Kleidung viel von dem idealen Schimmer jener Nacht nahm.
Eine etwas fahle Gesichtsfarbe und leichte Fältchen um den
blassen Mund traten deutlich hervor, aber sie sah noch immer
schön und einnehmend genug aus, und ein Frühlingshütchen
von weißem Mull, das frisch wie der gefallene Schnee von
der übrigen, noch etwas winterlichen Tracht abstach, stand ihr
reizend zu Gesicht. Mit aufrechtem Oberkörper saß sie da
und hatte die schmalen Hände über einem Päckchen gekreuzt,
das in ihrem Schooße lag. Zuweilen rückte sie unruhig auf
ihrem Sitze hin und her und blickte durch die Scheiben, als
dauerte ihr die Fahrt zu lange. Als wir endlich bei der
Stadt angelangt waren, ließ sie halten und sprang aus dem
Wagen. Ich that unwillkürlich dasselbe, aber ich konnte ihr
nicht folgen; denn sie ging so rasch, daß ich, um nicht aufzufallen, nur mit den Blicken hinter ihr her bleiben konnte. Jetzt
bog sie in die Gasse ein, in welcher sich die öffentliche Pfandleihanstalt befindet, und als ich meinen Schritt beschleunigte,
konnte ich noch gewahren, wie sie in dem Thore dieses Gebäudes verschwand. Ein tiefes Weh fiel mir auf's Herz.
Also auch sie hatte mit der Noth des Lebens zu kämpfen, die
mir hier wieder einmal als unzertrennliche Begleiterin der
Kunst erschien, und mußte vielleicht irgend ein theures Angedenken, einen liebgewordenen Schmuck verpfänden, um nicht
unterzugehen! In solch' trübe Gedanken versunken, war ich
halb unbewußt ebenfalls vor der Anstalt eingetroffen, als sie
plötzlich, das Päckchen krampfhaft umklammernd, mit dem Ausdrucke tiefster Verzweiflung im Antlitz, wieder unter dem Thore
erschien. Sie war offenbar zu spät gekommen oder man hatte
sie auf morgen vertröstet; und nun stand sie da und blickte
stumpfsinnig in das goldene Sonnenlicht hinein, das die gegenüber liegenden Häuser umfunkelte. Fröhliche Menschen schritten
an ihr vorüber; ein kleines Mädchen bot ihr Veilchen zum
Kaufe, aber sie sah und hörte nichts. Endlich ging sie und
irrte, wie es mir schien, ohne Wahl und Ziel in den nächsten
Gassen umher. Ich konnte es nicht länger mit ansehen und
trat an ihre Seite. „Erlauben Sie, mein Fräulein“, — sagte ich,
indem ich höflich den Hut abzog.

Sie sah mich ausdruckslos an und eilte weiter.

Ich hielt mich neben ihr. „Bemühen Sie sich nicht, mein
Herr“, sagte sie endlich. „Ich wünsche keine Begleitung —
ich muß Sie bitten —“

„Halten Sie mich für keinen Unverschämten, keinen Zudringlichen“, erwiederte ich fest. „Ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen.“

Sie zuckte zusammen. „Eine wichtige Mittheilung —“
wiederholte sie tonlos und mußte sich, um nicht zu sinken, an
die nächste Mauer lehnen.

Ich war auf's Aeußerste bestürzt. „Erschrecken Sie nicht“,
fuhr ich fort, „es handelt sich um etwas sehr Angenehmes —
sehr Erfreuliches.“

Sie athmete auf. „Und was könnte das sein?“ fragte
sie ungläubig.

„Folgen Sie mir in jenes Durchhaus, wir können dort
ungestörter sprechen.“

Sie betrachtete mich zögernd und mißtrauisch; aber sie
folgte mir.

„Mein Fräulein“, begann ich, „Sie befinden sich in diesem Augenblicke in einer höchst peinlichen Verlegenheit.“

„Woher wissen Sie —?“ stammelte sie überrascht.

„Ich sah Sie vorhin — doch das thut jetzt nichts zur
Sache; genug, daß ich es weiß.“

Sie blickte zu Boden. „Nun, es ist wahr“, sagte sie und
fuhr mit zitternder Hand über die Stirne, „ich bin in der
größten Verzweiflung. Es gilt, eine mir sehr werthe und
nahestehende Persönlichkeit aus einer drohenden Gefahr zu
retten. Seit gestern müh' ich mich in jeder Weise, zu diesem Zwecke
ein Darlehen aufzutreiben. Endlich habe ich von einer ehemaligen
Freundin nach vielem Bitten und Flehen — nach vielfachen
Erniedrigungen diese Diamanten erhalten, aber nur gegen das
heilige Versprechen, dieselben blos in der öffentlichen Anstalt,
um keinen Preis jedoch in einem jener Winkelämter zu verpfänden, die nicht genug Sicherheit bieten. Und nun —“

„Kamen Sie nicht mehr zur rechten Zeit —“

„Kam um fünf Minuten zu spät! das Bureau wird erst
morgen wieder geöffnet — und wenn bis drei Uhr das Geld
nicht beschafft wird, so ist Alles verloren!“

„Beruhigen Sie sich. Es soll Alles gut werden. Ich bin
bereit, Ihnen das Nöthige ohne Pfand vorzustrecken.“

„O mein Herr“, sagte sie in einem Kampfe zwischen Freude
und Schaam — „wie kann ich — wie darf ich — von einem
ganz Unbekannten —“

„Hier ist meine Karte. Und wenn auch ich Ihnen unbekannt bin — Sie sind es mir nicht. Ich habe Sie spielen
hören.“ Und während sie erröthend auf die Karte niedersah,
fuhr ich dringend fort: „Besinnen Sie sich nicht länger! Weisen Sie die Hülfe nicht zurück, die ich Ihnen aus vollem
Herzen anbiete. Nennen Sie mir den Betrag —“

„O“, sagte sie, wieder hoffnungslos, „es ist viel Geld.“
Und sie nannte eine Summe, über deren Höhe ich allerdings
erschrak. Aber ich besaß diese Summe und konnte nicht zurück.
„Sie begreifen“, sagte ich, „daß ich so viel nicht bei mir
trage. Erwarten Sie mich in zehn Minuten vor dem Stephansdome; ich werde Ihnen das Gewünschte einhändigen.“
Und nach einem raschen Gruße eilte ich in meine Wohnung,
das Geld zu holen.

Als ich mich später am bezeichneten Orte einfand, ging
sie unruhig auf und nieder. Sie mußte schwere Zweifel in
die Wahrheit meiner Versprechung gesetzt haben; denn bei
meinem Anblick schien es ihr wie eine Last von der Seele zu
fallen. Ich lenkte sie in die dunkle, menschenleere Kirche hinein und überreichte ihr die erforderliche Summe. Sie zögerte
noch einen Augenblick, dieselbe anzunehmen. Dann aber drückte
sie mit ihren beiden Händen warm die meine. „O, mein
Herr“, sagte sie, „wie soll ich Ihnen danken! Sie wissen
nicht, welchen Dienst Sie mir erweisen. Sie sollen alsbald
wieder im Besitze des Ihrigen sein — gleich morgen will ich
den Schmuck verpfänden.“

„Thun Sie das nicht“, sagte ich. „Sie haben mir ja
gestanden, daß Sie ihn nur gegen schwere Demüthigungen erhalten. Sie kämen vielleicht in eine unwürdige Abhängigkeit
zu der Person, die Ihnen denselben anvertraut. Geben Sie
die Juwelen sogleich wieder zurück. Mit meinem Gelde hat
es keine Eile. Ich will zufrieden sein, wenn ich in Folge
dieses Darlehens das Glück habe, Sie einmal wiederzusehen.“

Sie war durch diese letzten Worte offenbar peinlich berührt worden und hatte Mühe, eine ablehnende Geberde zu
unterdrücken. Aber wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, sagte sie rasch: „Allerdings; es wird mich unendlich
freuen, meinen Retter näher kennen zu lernen. Hier ist meine
Adresse, damit Sie mich zu finden wissen. Sie sollen übrigens schon in den nächsten Tagen von mir hören.“ Und da
ich sie nun selbst aufforderte, sich auf den Weg zu machen,
so eilte sie, flüchtig wie ein Vogel, von dannen und verschwand
im Menschengewühle.

Ich hatte ihr eine Weile nachgesehen; dann senkte ich
den Blick auf die Adresse und las: „Ludovica Mensfeld.“
Und wie ich jetzt so da stand, das kleine Kärtchen in der
Hand, fühlte ich mich fremd und kühl berührt. Es war mir,
als hätt' ich eine Thorheit begangen. Ich hatte mich nahezu
von Allem entblößt, was ich augenblicklich besaß und war
nun selbst für die nächste Zukunft der Sorge preisgegeben.
Und für wen hatte ich Alles geopfert? Für ein Weib, das mir
ferne stand. Und nicht einmal für sie selbst; sie wollte ja mit
dem Gelde einen Anderen retten, und dieser Andere, darüber
konnte kein Zweifel sein, war der junge Mann, welchen ich
damals in ihrer Nähe gesehen — und den sie liebte! Aber
kümmerte mich das? War es nicht ein beglückendes, erhebendes Gefühl, eine arme, zitternde Menschenseele aus der Nacht
der Verzweiflung zu befreien? Hatte ich nicht Hilfsquellen
genug? Konnte ich nicht arbeiten? — So trat ich meinen
Egoismus siegreich mit Füßen und bald stand es bei mir fest,
daß ich Recht gethan und keine weiteren Ansprüche mehr erheben würde; selbst der Wunsch, die Geigerin wiederzusehen,
war erloschen. So ging ich, mit mir selbst im Reinen, freien
und fröhlichen Herzens zu Tische. —

Nach kurzer Zeit erhielt ich durch die Post einen Brief
mit gefälligen, etwas flüchtigen Schriftzügen. Er lautete:

„Verehrter Herr! Wenn Sie morgen Abend nichts Besseres vorhaben, so schenken Sie uns das Vergnügen Ihres Besuches. Sie werden blos in einem Familienkreise sein. Ihre
dankschuldigste Ludovica.“

Ich legte das Schreiben ruhig bei Seite, denn ich dachte
gar nicht daran, der Einladung nachzukommen. Am andern
Morgen jedoch fiel mir ein, daß es doch geradezu unartig
wäre, dieselbe gänzlich zu ignoriren. Ich mußte mich mit
einigen Zeilen entschuldigen und setzte mich an den Schreibtisch.
Wie ich nun so nach einer landläufigen Ausflucht suchte, kam
mir meine Wahrheitsliebe in die Quere, die es mir selbst in
unbedeutenden Dingen schwer macht, eine Lüge zu ersinnen,
und ich entschloß mich kurz und gut, hinzugehen. So suchte
ich denn gegen Abend den Stadttheil auf, in welchem die Geigerin wohnte. Im dritten Stockwerk eines dichtbevölkerten
Hauses schellte ich an der bezeichneten Thüre. Eine Magd
öffnete und wies mich nach dem Empfangszimmer, wo mir
Ludovica in schwarzem Seidenkleide, eine dunkelrothe Blume
in's Haar gesteckt, mit graziösem Anstand entgegen kam und
mich mit der versammelten Gesellschaft bekannt machte. Ich
sah die zwei andern Spielerinnen und fand meine Vermuthung
von damals bestätigt; denn Ludovica sagte: „Meine Schwestern Anna und Mimi.“ Dann vor einem jungen Manne
mit klugen, offenen Gesichtszügen: „Herr Berger, Kaufmann.“
Zuletzt warf sie einen Blick auf den, welchen ich hier zu finden gewiß war, und fügte etwas undeutlich hinzu: „Herr
Alexis.“ Dieser hatte sich bei meinem Eintritt vom Sitze erhoben und kam jetzt, während er mir die Hand entgegen
streckte, mit großer Freundlichkeit auf mich zu, wobei er jedoch
eine gewisse Befangenheit nicht verbergen konnte. Man wies
mir neben ihm einen Platz auf dem Sopha an und ich blickte
nun, wie man dies an fremden Orten unwillkürlich zu thun
pflegt, im Gemache umher. Es sah ziemlich kahl aus und in
der Einrichtung gab sich eine gewisse Sorglosigkeit kund. Ein
älteres, aber wohlgebautes Clavier, auf welchem die Geigen
Ludovica's ruhten, fiel zuerst in die Augen, und an den Wänden hingen die Bildnisse Mozart's und Beethoven's, sowie
verschiedener anderer Tonkünstler und Virtuosen. In einem
kleinem Nebenzimmer jedoch, dessen Thüre offen stand, schien
eine bürgerliche, arbeitsame Hand zu walten, und den größten
Raum nahm ein ausgedehnter Tisch ein, der mit angefangenen
weiblichen Kleidungsstücken bedeckt war. Mimi, welche, wie
ich bemerkte, meinen Blicken folgte, rief lachend: „Der Herr
verwundert sich über Anna's Zimmer. Es sieht auch darin
aus, wie in einer Schneiderwerkstätte.“

Anna erröthete.

„Nicht doch“, sagte ich; „es ist ein ansprechendes Bild
häuslichen Fleißes.“

„Ja, fleißig ist sie, das muß man ihr lassen“, fuhr
Mimi fort. „Sie ist unsere Mama; besorgt den Haushalt,
fertigt uns Kleider und Hüte an —“

„Und ihr dankt es mir nicht“, sagte Anna ernst.

„Nicht böse werden!“ lachte die Kleine, indem sie aufsprang und die Schwester mehr muthwillig als herzlich umfing.
„Du Grausame verlässest uns ohnehin bald — um Herrn
Berger zu heirathen.“

Anna und der junge Kaufmann errötheten jetzt gemeinsam.

„Nun, schämt euch nicht! Ich gebe euch meinen Segen!“
rief Mimi mit komischem Pathos und ausgebreiteten Armen.
„Aber bedenkt, was wir und das Damentrio verlieren.“

„Ich bedenke nur, was ich gewinne“, sagte Berger, indem er die etwas große Hand seiner Verlobten zart an die
Lippen führte.

Das Gespräch nahm nun eine allgemeinere Wendung und
gab Alexis Gelegenheit, sich als gebildeten und geistvollen
Mann darzustellen. Obgleich er kaum über dreißig Jahre
zählen konnte, schien er bereits doch so manche Lebenserfahrung hinter sich zu haben und viel in der Welt herumgekommen zu
sein. Wie aus seinen Reden hervorging, hatte er sich in den
verschiedenartigsten Berufszweigen, zuletzt auch in der Kunst
versucht, und somit würde man ganz angenehm mit ihm haben
verkehren können, wenn nicht einige cynische Bemerkungen, die
er hin und wieder that, auf eine gewisse sittliche Verwilderung
seines Charakters gedeutet hätten, welche neben den übrigen
glänzenden Eigenschaften doppelt bedauerlich erschien. Man
zog natürlich auch die Tonkunst in's Gespräch und ich ließ
die Hoffnung auf einen musikalischen Genuß durchblicken. „Ich
bin mit Vergnügen bereit, zu spielen“, sagte Ludovica zuvorkommend, indem sie aufstand und sich ihren Geigen näherte.
„Mimi wird mich begleiten.“

„Ludovica kann sich später hören lassen“, sagte Alexis
abwehrend. „Jetzt soll uns Mimi ein paar ihrer reizenden
Lieder zum Besten geben. — Sie glauben gar nicht, mein
Herr“, wandte er sich an mich, „welch' ein Genie in der kleinen Person steckt! Sie dichtet und componirt allerliebste
Strophen, wie man sie sonst nur in Paris zu hören bekommt,
Laß Dich nicht bitten, Mimchen, und singe!“ fuhr er fort, indem er ihre beiden Hände ergriff.

Die Kleine warf einen lauernden Blick auf Ludovica.
Diese war etwas bleich geworden; aber sie streichelte die
Wange der Schwester und sagte: „Singe nur, mein Engel,
Du machst Alexis eine Freude — und gewiß auch Herrn
Walberg.“

Mimi hatte sich, wie gewöhnlich die Locken schüttelnd, an
das Clavier gesetzt und begann, indem sie dazu leicht die
Tasten berührte, mit biegsamer Stimme eine Reihe kleiner
Couplets zu singen, welche zwar eben nichts Anstößiges enthielten, aber doch mit ihrem parodirenden Inhalt und sarkastischen Witz in dem Munde eines so jungen Geschöpfes um so
befremdender klangen, als sie nebenher von allerlei vielsagenden
Kopf- und Körperbewegungen begleitet waren. Alexis schwamm
in Entzücken. „Herrlich! Göttlich!“ rief er ein über das andere Mal. „Nun, was sagen Sie, mein Herr? Hatt' ich
nicht Recht?“ Durch diesen Beifall angefeuert, geberdete sich
die Kleine immer toller und begann endlich, ihren Gesang
abbrechend, einen Walzer zu spielen, so rauschend, so mächtig,
mit einer solchen Fülle von Tönen, daß man ein ganzes
Orchester zu hören meinte und selbst mir Tanzlust in die Glieder schoß. Der junge Kaufmann aber konnte sich nicht halten.
Er umfaßte seine Braut und walzte mit ihr durch das Zimmer.

„Wie schade, daß man nicht zugleich spielen und tanzen
kann!“ rief Mimi aus dem Gewoge heraus.

„Das geht allerdings nicht“, sagte Alexis, indem er
aufsprang. „Aber nicht wahr“ — und er legte dabei seine
Hand schmeichelnd auf die Schulter Ludovica's — „Deine
Schwester wird für Dich spielen? Und ich will mit Dir
tanzen.“

Ludovica zuckte zusammen; aber sie setzte sich an den
Platz Mimi's. Ihr Spiel klang nach dem früheren lahm und
farblos. „Schneller! Stärker!“ schrie Alexis, der mit der
Kleinen wie rasend im Zimmer umherflog. Ludovica preßte
die Lippen zusammen und schlug mit aller Macht in die Tasten.
Plötzlich jedoch hielt sie inne und drückte, in ein lautes Schluchzen ausbrechend, die Hände vor das Antlitz. Alexis stampfte
den Boden und blickte mit schlecht verhehltem Aerger nach ihr
hin. Die Kleine zog die Brauen empor; Anna ging hinaus.
Es war ein peinlicher, häßlicher Moment und ich hätte am
liebsten nach meinem Hute gegriffen und mich still entfernt.
Ludovica schien es zu bemerken. Sie stand auf und trat mir
entgegen. „Stoßen Sie sich nicht daran, ich bitte“, sagte sie.
„Es ist nichts; ein plötzlicher Weinkrampf. Das Geigenspielen
greift die Nerven fürchterlich an. Ich habe oft solche Zufälle.“

Inzwischen war unter der Obsorge Anna's ein einfaches
Mahl aufgetragen worden, an das wir verstimmt und einsilbig
gingen. Berger und Alexis versuchten hin und wieder ein
scherzhaftes Wort; aber es schlug nicht durch. Endlich war
es Zeit, mich zu empfehlen. Ludovica zeigte sich beim Abschied
zurückhaltend und zerstreut; Alexis jedoch überbot sich an Herzlichkeit. „Es freut mich außerordentlich, Sie kennen gelernt
zu haben“, sagte er. „Ich hoffe“, fuhr er mit einem raschen
Blicke auf Ludovica fort, „Sie recht oft hier zu treffen.“ Unten am Thore athmete ich auf und trank in langen Zügen
die klare Frühlingsnachtluft ein. Es stand bei mir fest, diese
Schwelle nie mehr zu betreten. —

Aber der Mensch ist ein seltsames Geschöpf. Nachdem
eine gewisse Zeit verflossen war, erschien es mir unwürdig,
so geradezu wegzubleiben. Mußte Ludovica nicht denken, ich
sei verletzt, beleidigt, oder es geschähe in Folge jener Scene,
bei welcher sie eine so ergreifende Rolle gespielt? War es
nun wirklich diese Rücksicht oder eine geheime Sehnsucht, sie
wiederzusehen — genug: ich ging an einem Vormittage zu ihr.
Ich traf sie eben im Begriffe auszugehen, das Hütchen auf
dem Kopfe.— „Ah, Sie, mein Herr?“ sagte sie, sichtlich überrascht und befremdet. „Gut, daß Sie kommen. Ich habe
soeben einen Brief für Sie zur Post geben wollen. Nehmen
Sie Platz! Ich bin nämlich“, fuhr sie fort, „in der angenehmen Lage, Ihnen jene Summe, die Sie mir so großmüthig
vorgestreckt, zurück zu erstatten. Hier ist sie.“ Und sie öffnete
eine Lade und reichte mir die bereits zurechtgelegten Banknoten.
Ich nahm das Päckchen und steckte es in die Tasche. „Sehen
Sie doch nach“, sagte sie.

„O ich bin überzeugt. Aber“, setzte ich hinzu, da ich
sah, daß sie sich unruhig hin und her bewegte, „ich störe
vielleicht. Sie waren eben im Begriffe, das Haus zu verlassen.“

„Allerdings; ein wichtiger Gang — allein —“

„Ich bitte“, sagte ich und stand auf.

„Nun denn“, erwiederte sie, „so leben Sie wohl. Noch
einmal meinen innigsten Dank!“ Aber es klang wie ein ungeduldiges Drängen. Kein Wort, keine Andeutung, ich möchte
wieder kommen. Mein Herz zog sich zusammen: ich war entlohnt. Als ich diesmal beim Thore anlangte, durchschauerte
es mich heiß und schmerzlich; ich glaube sogar, daß meine
Augen feucht geworden waren.

Er schwieg, in Erinnerungen verloren. Nach einer Weile
fuhr er fort: „Fast ein halbes Jahr war darüber hingegangen und alle diese Erlebnisse lagen bereits vergessen hinter
mir. Nur zuweilen dämmerte noch wie im Traum die schlanke
Gestalt der Geigerin vor mir auf, um alsbald wieder in
Nichts zu zerfließen. Da wurde eines Tages ziemlich früh
die Klingel meines Vorzimmers gezogen. Ich halte keinen
Bedienten, und somit mußte ich selbst öffnen gehen. Nachdem
ich es gethan, stand Ludovica vor mir. Ich war über ihren
Anblick derart betroffen, daß ich alle Geistesgegenwart einbüßte
und die Verlegene eine Zeit lang zwischen Thür und Angel
stehen ließ. Endlich hatte ich mich gefaßt und führte sie rasch
herein — nach jenem Sopha, auf welchem Sie jetzt sitzen.

„Verzeihen Sie“, sagte sie mit einiger Anstrengung, „daß
ich Sie störe. Sie haben mir einst einen solchen Beweis von
Theilnahme gegeben, daß ich den Muth finde, noch einmal um
ihre Hilfe zu bitten.“

„Verfügen Sie ganz über mich“, entgegnete ich erwartungsvoll.

„Es handelt sich diesmal um etwas ganz Anderes“,
fuhr sie rasch fort. „Es ist eine Angelegenheit, bei welcher
mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele steht.“

„Sie erschrecken mich —“

„Um Ihnen meine Bitte vorzutragen, bin ich gezwungen, weiter auszuholen und ersuche Sie um freundliches
Gehör.“

Ich nahm einen Stuhl und setzte mich ihr gegenüber.

Sie that einen langen Athemzug, dann begann sie: „Wir
sind die hinterlassenen Töchter eines Musiklehrers, der sich
seiner Zeit eines besonderen Rufes erfreute und eine große
Anzahl von Schülern aus den hervorragendsten Kreisen bei
sich versammelte. Unter diesen befand sich auch ein junger
Mann, Namens Alexis, der eine tiefe, wohlklingende Stimme
besaß und zu seinem Vergnügen Unterricht im Singen nahm.
Seine Familie, eigentlich russischen Ursprungs und in den
Donaufürstenthümern zu Reichthum und Ansehen gelangt, war
schon seit einigen Generationen hier ansässig, wo sie eine der
bedeutendsten Großhandlungsfirmen vertrat. Als Jüngling,
nach Paris geschickt, um sich dort unter der Aufsicht eines
Geschäftsfreundes dem Handelsstande zu widmen, war er vor
Kurzem zurückberufen worden; denn es hatte sich herausgestellt,
daß er zu jenem Berufe durchaus keine Neigung besaß und
sich vielmehr sorglos den Vergnügungen der Weltstadt überlassen habe. Es sollte ihm nun eine andere Bahn eröffnet
werden — und in dieser Zwischenzeit kam er in unser Haus.
Ich zählte damals kaum sechszehn Jahre; meine Schwester Anna
war bedeutend jünger; Mimi noch ganz klein. Seine außerordentliche Schönheit, sein stolzes und doch geschmeidiges Wesen,
das Feuer seiner Blicke und Worte, mit welchen er mir alsbald eine lebhafte Neigung verrieth, nahmen mein eben aufkeimendes Herz derart gefangen, daß ich in kürzester Zeit mit
Leib und Seele sein eigen war. Weit entfernt, das Verderbliche eines solchen Verhältnisses damals auch nur zu ahnen,
konnte ich mich um so mehr ganz diesem süßen Rausche überlassen, als unsere Mutter früh gestorben war und mein Vater,
welcher in solchen Dingen, wie ich jetzt erkenne, eine unglaubliche Kurzsichtigkeit besaß, mich gar nicht überwachte. Eines
Tages erschien Alexis plötzlich in glänzender Uniform und
theilte mir mit, daß ihn seine Eltern bestimmt hätten, in den
Militärstand zu treten. Er habe denn auch gleich eine Offiziersstelle in der Kavallerie erhalten und müsse nun zu seinem
Regimente nach Ungarn abgehen. Das war unsere erste
Trennung. Da wir aber täglich die glühendsten Briefe wechselten und mein Geliebter, so oft es nur anging, hieher kam,
so empfand ich dieselbe keineswegs schmerzlich; ja sie erhöhte
vielleicht noch den Reiz unserer Liebe. Sogar als die Briefe,
die ich von Alexis erhielt, kürzer und seltener wurden und er
selbst nicht mehr so oft erschien, wurde das Gleichgewicht meiner Seele nicht erschüttert. Ich war gewiß, daß nur äußere
Umstände daran Schuld trügen und erwartete ruhig den Tag,
an welchem er wieder bei uns eintreten würde. Und das geschah auch. Er war wieder in bürgerlicher Kleidung gekommen
und sagte, er sei des Militärdienstes satt und nunmehr gesonnen, sich der Künstlerlaufbahn zu widmen. Der wirkliche
Sachverhalt war, daß er bei seinem Hange zur Verschwendung,
den ich wohl an ihm bemerkt, aber auch nicht zu tadeln gefunden, eine Schuldenlast aufgehäuft hatte, welche seine Entlassung nach sich zog. Ich wußte das nicht; aber wenn ich
es auch gewußt hätte: es würde doch nichts an meiner Neigung zu ihm geändert haben. In der That bildete er sich
nun unter der Leitung meines Vaters, welchem gegenüber er
sich ohne weiteres als mein Verlobter benahm, für die Oper
aus. Es gelang ihm bald, an einer kleineren Bühne Engagement zu finden, nach und nach auch in bedeutenderen Städten
mit Glück aufzutreten; ja er wurde sogar einmal nach London
berufen. Inzwischen hatte ich von mehreren Seiten Winke erhalten, mein Verhältniß zu Alexis abzubrechen. Er sei ein
leichtsinniger, gewissenloser Mensch, hieß es, der seine Familie
an den Bettelstab bringe, an jedem Orte Beziehungen zu
Mädchen und Frauen unterhalte und überhaupt ein Leben
führe, welches für seine Zukunft das Schlimmste befürchten
lasse. Ich erkannte in all' diesen Warnungen bloße Verläumdungen und niedrige Umtriebe einiger Bewerber um meine
Hand, welche ich zwar nicht übermüthig, aber mit ruhigem
Stolze abgewiesen hatte. Ich war von der Liebe des Entfernten, welcher zuweilen selbst in scherzhaften Briefen seiner
Erfolge beim weiblichen Geschlechte erwähnte, um so mehr
überzeugt, als er stets durchblicken ließ, wie er nur den Zeitpunkt einer sicheren und dauernden Stellung erwarte, um mich
zu sich zu rufen. Da trat er, nachdem ich lange nichts von
ihm gehört, plötzlich bei uns ein. Aber in welchem Zustande!
Krank, gebrochen, herabgekommen — ein Bild männlichen
Elends. Er hatte seine Stimme verloren, Gläubiger verfolgten ihn und da seine Eltern, welche ihm ihr ganzes Vermögen
zum Opfer gebracht, gestorben waren, wußte er nicht, wohin
er sein Haupt legen sollte. Ich liebte und liebe ihn so“, setzte
sie mit zitternder Stimme hinzu, „daß ich auf all' das kein
Gewicht legte und selig war, ihn wieder bei mir zu haben.
Auch mein Vater hatte inzwischen das Zeitliche gesegnet und
Jeder von uns Einiges hinterlassen. So wenig es war, mein
Theil genügte, ihn von den drückendsten Sorgen zu befreien.
Er bezog eine Wohnung in unserer Nähe; ich pflegte ihn, ich
sorgte für seine Bedürfnisse und legte auf seine abenteuerlichen
Pläne, sich eine neue Existenz zu gründen, gar kein Gewicht.
Durch meine Kunst, die ich nun mit den Schwestern öffentlich
auszuüben begann, erschlossen sich mir neue Einnahmsquellen,
und somit wäre Alles gut gewesen, wenn nicht, nachdem er
genesen war, sein unvertilgbarer Leichtsinn wieder die Oberhand gewonnen hätte. Er stürzte sich neuerdings in Schuldendie er mir anfänglich geheim hielt, welche ich aber im entscheidenden Augenblicke so lange bezahlte, bis ich es nicht mehr im
Stande und er auf dem Punkte war, vor Gericht gezogen zu
werden. In diesen entsetzlichen Tagen“, schloß sie aufathmend,
„waren es Sie, mein Herr, der ihn gerettet.“

Es entstand eine Pause; dann fuhr sie in schmerzlich gedämpftem Tone fort: „Schon früher glaubte ich zu bemerken,
daß sich zwischen Alexis und meiner jüngsten Schwester eine
Neigung entspinne. Aber ich wollte es mir nicht eingestehen,
und in meiner gewaltsamen Selbstverblendung begünstigte ich
diese Umwandlung noch insofern, als ich Vieles absichtlich
übersah, um dem Vorwurfe thörichter Eifersucht zu entgehen.
Es wäre auch vielleicht nicht zum Aeußersten gekommen, wenn
sich Alexis' Verhältnisse nicht plötzlich wie mit einem Schlage
verändert hätten. Er war nämlich in Folge früherer Bekanntschaften wieder in die Gesellschaft vornehmer junger Leute
gerathen, die ihn nun als Vermittler hoher Darlehen zu benützen suchten. Da er mit der Zahlungsfähigkeit jedes Einzelnen so ziemlich vertraut war, fiel es ihm nicht schwer, Geldspeculanten zu finden, die sich gegen riesigen Gewinn auf
derlei Unternehmungen einließen. Einige solcher Geschäfte
hatten sich bald glänzend abgewickelt — und seit dieser Zeit
ist Alexis ein von beiden Seiten gesuchter Mann. Sein Zimmer wird nicht leer von Besuchern, die zu Roß und Wagen
vor dem Hause anlangen; überraschend hohe Summen fliegen
ihm zu, und wenn sein Hang zur Verschwendung nicht wäre,
so müßte er sich bereits jetzt ein Vermögen erworben haben.
Das Erste, was er that, war jedoch, sich in einem vornehmen
Stadtviertel einzumiethen; im Interesse seiner Wirksamkeit,
wie er sagte. Dabei vernachlässigte er mich auffallend, zog
aber im Geheimen Mimi, mit welcher ich nun, da meine andere Schwester mittlerweile geheirathet hatte, allein lebte, mehr
und mehr an sich. Eines Tages erklärte sie mir, sie werde
mich verlassen; Alexis habe die Sorge für ihren Unterhalt
übernommen. Vernichtet, außer mir vor Schmerz und Verzweiflung, eile ich zu ihm. Er empfängt mich kalt und gemessen, erklärt mir, daß er mich nicht mehr liebe, mich längst
nicht mehr geliebt habe und daß von einem innigeren Verhältnisse zwischen uns Beiden keine Rede mehr sein könne.
Mein Freund wolle er bleiben und Alles für mich thun, was
ich sonst von ihm verlangen würde. Und als ich mich, gelöst
in Schmerz und Thränen, zu seinen Füßen werfe, seine Kniee
umklammere und ihn beschwöre, mir sein Herz wieder zuzuwenden und jenen schmählichen Erwerb, der ihn unfehlbar
in's Verderben führen müsse, aufzugeben —: stößt er mich
rauh von sich und droht endlich, mir die Thüre weisen zu
lassen!“ Sie brach in ein fast schreiendes Weinen aus und
sank in das Sopha zurück.

„Das ist sehr traurig“, sagte ich nach einer Pause. „Aber
was soll — was kann ich dabei thun?“

„O, Alles!“ rief sie, indem sie sich mit ihrem Tuche
hastig Augen und Wangen trocknete, „Alles, wenn Sie nur
wollen!“ Und da ich ungläubig vor mich hinblickte, fuhr sie
warm fort: „Sehen Sie, trotz seiner scheinbaren Härte ist
er doch eine weiche, lenksame Natur; trotz seines Leichtsinnes,
seiner Verirrungen einer edleren Regung fähig, und ich bin
überzeugt, daß ihn nur das Berauschende seiner neuen Lage
und“ — fügte sie leiser hinzu — „die Verführungskünste
meiner Schwester so weit gebracht. Wenn sich ein Mann
findet, den er achtet, auf dessen Stimme er Gewicht legt, und
dieser ihm das Unwürdige seiner Stellung, das Grausame seines Handelns vorhält: so zweifle ich nicht, daß er in sich
geht und zu mir zurückkehrt.“

„Glauben Sie? — Und wenn dem so wäre: woraus
schließen Sie, daß ich der Mann sei, der so viel Gewalt über
ihn hätte?“

„O ich weiß es! Ich habe ihn noch von Niemand mit
so viel Wärme, Anerkennung — ja Bewunderung reden hören,
wie von Ihnen. Er hat“, fuhr sie erröthend fort, „bei Ihnen
sogleich Eigenschaften wahrgenommen, die ich damals in der
Verwirrung meiner Seele nicht zu erkennen — nicht völlig zu
würdigen im Stande war. — Und jetzt bin ich gezwungen,
Ihnen ein Bekenntniß abzulegen, das für mich beschämend ist,
welches ich aber in diesem Augenblicke nicht zurückhalten kann.
Sie werden sich erinnern, daß ich damals, als Sie — ich
will nicht sagen den Wunsch, so doch die Andeutung aussprachen, mich wieder sehen zu wollen, einigermaßen betroffen
war. Ich durfte keine Hoffnungen erregen, die ich nicht erfüllen konnte. Aber im selben Momente zuckte in mir der
Gedanke auf, Alexis durch Sie meinen Werth fühlen zu lassen,
ihn — um es gerade heraus zu sagen, eifersüchtig zu machen.
Als ich aber erkannte, daß gerade das Gegentheil eintrat, verwünschte ich im tiefsten Herzen diesen Winkelzug und faßte
eine Art Abneigung gegen Sie, die um so stärker wurde, je
aufrichtiger, je unberechneter seine Verehrung für Sie hervorbrach.“ Sie hatte, innehaltend, Haupt und Blick gesenkt, als
erwartete sie das Urtheil eines Richters.

Ich schwieg.

„Sie verachten mich jetzt“, sagte sie kaum hörbar.

„Nein“, erwiederte ich. „Im Gegentheile: ich achte Sie
höher, als ich je vermocht.“ Es war keine bloße Phrase, was
ich da aussprach. Man ist bei den Frauen im Allgemeinen so
wenig Aufrichtigkeit zu finden gewohnt, daß ich mich durch
die Wahrheit ihres Geständnisses, so unerfreulich dasselbe für
meine Person war, im Tiefsten überrascht und ergriffen fühlte.
„Ja, Ludovica“, fuhr ich fort, „ich achte Sie hoch und
damit ich es Ihnen beweise, will ich mit Alexis reden.“

Sie machte eine Bewegung, als wollte sie mir dankend
zu Füßen fallen.

Ich sprang auf. „Erwarten Sie nicht zu viel! Sie
begreifen, daß ich mich nicht ohne weiteres in fremde Verhältnisse einmischen, daß ich nicht den Liebesvermittler spielen kann.
Aber nach dem, was Sie mir gesagt haben, wird es mir möglich, Alexis als ernster Mahner und Warner zu nahen. Und
das will ich thun.“

„O, jetzt ist Alles gut!“ rief sie in überquellender Freude,
„jetzt bin ich gerettet! Aber noch Eins. Ich sagte vorhin,
daß Alexis den Verführungskünsten meiner Schwester erlegen
sei. Wenn ich gewiß wäre, daß sie ihn liebt, ihn treu, wahr
und aufrichtig liebt — vielleicht — aber auch nur vielleicht
— wäre ich im Stande, zurückzutreten. Ich sage Ihnen jedoch:
sie liebt ihn nicht!“

„Ich glaub' es“, erwiederte ich.

„Es wird mir schwer, es auszusprechen — aber so jung
sie ist — so gefallsüchtig und herzlos, so falsch und tückisch
ist sie auch. Sie wird ihn unglücklich machen, wird ihn auf
der gefährlichen Bahn weiter und weiter treiben —“

„Ich bin davon überzeugt. Aber wird er sich überzeugen
lassen?“

„Ich hab' es versucht; doch es hat ihn noch mehr gegen
mich gereizt.“

„Das war unklug von Ihnen und deßhalb darf ich diesen
Punkt nur mit äußerster Vorsicht berühren.“

„Reden Sie, handeln Sie, wie es Ihnen gut dünkt.
Ich weiß, Sie werden Alles zum Besten lenken. Und —
nicht wahr — Sie gehen gleich morgen zu ihm? Nicht zu
spät, daß Sie ihn sicher zu Hause treffen — und dann geben
Sie mir sogleich Nachricht.“ Sie hatte sich bei diesen Worten
erhoben.

„Ich werde es; aber noch einmal: erwarten Sie nicht zu
viel!“ Und damit geleitete ich sie hinaus.

Als ich wieder allein war, trat allmälig die Reaction bei
mir ein. Ich sah mich da in einen Handel verstrickt, bei dem
ich möglicher Weise in zweideutigem Lichte erscheinen konnte
und welcher, das erkannte ich mehr und mehr, zu keinem guten
Ende zu bringen war. Angenommen selbst, daß die früheren
Verhältnisse wieder hergestellt wurden: wie lange konnten sie
zwischen diesen Menschen vorhalten? — Aber ich hatte dem
armen, verzweifelten Weibe meine Hilfe zugesagt und ging
am nächsten Morgen zu Alexis. —

Ich traf ihn, nachdem mich ein Diener angekündigt hatte,
eben am Frühstückstische, eine türkische Pfeife mit langem Rohr
in der Hand. Er sprang auf und kam mir, flammend vor
Verlegenheit, entgegen. „Ah, mein Herr“, rief er, „was verschafft mir das Vergnügen, die besondere Ehre Ihres Besuches?
— Sie sehen mich noch beim Frühstück — kann ich Ihnen
eine Tasse Kaffee anbieten? Oder Thee — Chocolade —“

Ich dankte.

„Also doch wenigstens eine Cigarre“, und er öffnete eine
prächtige Ledercassette. „Directer Bezug von Havannah“, fuhr
er fort, mehr aus Fassungslosigkeit, als um zu prahlen.

Ich wollte ihn nicht verletzen und nahm von dem kostbaren Kraute, während er mir dienstbeflissen Feuer reichte.

„Mein Herr“, begann ich, nachdem wir uns Beide gesetzt
hatten, „ich glaube, mich nicht zu irren, wenn ich annehme,
daß Sie über den Grund meines Erscheinens so ziemlich im
Klaren sind.“

„Nun — allerdings“; erwiederte er unruhig. „Ich vermuthe, Sie kommen als Abgesandter —“

„Ja denn, wenn Sie es so nennen wollen. Doch besser
gesagt: ich komme über Ersuchen des Fräuleins Ludovica Mensfeld. Sie ist sehr unglücklich.“

„Durch ihre eigene Schuld“, fuhr er auf. „Ich habe
ihr Alles ruhig auseinander gesetzt, habe ihr die vernünftigsten
Vorschläge gemacht. Aber sie will nichts hören, will nicht begreifen, daß Gefühle vergänglich sind, daß neue Eindrücke
ebenfalls ihre Rechte fordern —“

„Mein Herr“, warf ich ein, „Sie gehen zu weit. Einem
liebenden Weibe zumuthen, daß es natürlich und begreiflich
finden soll, was Ihnen und vielleicht auch mir so erscheint,
heißt Uebermenschliches verlangen. Und Ludovica liebt Sie.“

„Ja, ja“, sagte er unwillig, „sie liebt mich, ich weiß
es — und ich habe sie auch geliebt, heiß und glühend geliebt.
O“, fuhr er, in Erinnerungen versinkend, fort, „Sie können
sich gar nicht vorstellen, wie schön, wie bezaubernd sie war.
Ihre Augen, ihr Wuchs, ihre Hände und Füße — und sie
ist jetzt noch schön und dabei ein gutes, vortreffliches Wesen
— keine ihrer Schwestern kann eigentlich nur im entferntesten
mit ihr verglichen werden —“

„Nun also —“ sagte ich.

„Und dennoch — dennoch liebe ich sie nicht mehr, kann
sie nicht mehr lieben! Sie ist immer dieselbe; immer die
gleiche Hingebung, die gleiche Zärtlichkeit; immer die nämlichen sanften Ansprüche. Diese Monotonie wirkt nachgerade
erdrückend. Sehen Sie, da ist ihre Schwester Mimi — ein
launenhaftes, bizarres Geschöpf. Aber voll Geist, voll Witz,
voll Leben — ein reizender kleiner Teufel.“

„Diese Bezeichnung ist vielleicht nicht übel gewählt“, erwiederte ich ruhig. — „Aber gibt Ihnen das ein Recht, ein
Weib zu verlassen, das mit inniger Liebe und Treue an Ihnen
hängt — das Ihnen Alles geopfert?“

Er schnellte, wie an einer Wunde berührt, vom Sitze
empor. „Ja“, rief er, im Zimmer auf und ab eilend, „ja,
sie hat mir viel, hat mir Alles geopfert. Ich weiß, was Sie
meinen. Aber warum that sie es?! Ich hab' es nicht gefordert. Sie hätte mich meinem Schicksale überlassen sollen.
Und dann — ich habe Alles geordnet, Alles beglichen, was
sie von jener Zeit her noch bedrücken, noch beunruhigen könnte.
Ich habe ihr die glänzendsten Anerbietungen gemacht. Aber
sie weist Alles zurück und zieht es vor, von Musikstunden zu
leben. Was sie fordert, ist Liebe und wieder Liebe — und
die kann ich ihr nicht geben.“

„Nun, dann wäre es Ihre Pflicht, Ludovica zart und
schonungsvoll nach und nach mit ihrer Lage vertraut zu machen,
in welcher sie sich, von Schmerz und Leidenschaft verwirrt,
nicht allsogleich zurecht finden kann. Keineswegs aber durften
Sie die Aermste ungeduldig und grausam von sich stoßen und
ihr auf's unwürdigste drohen.“

„Das that ich, weil sie nach unwürdigen Mitteln griff,
mich wieder zu gewinnen. Sie hat ihre Schwester vor mir
herabgesetzt, hat den Verdacht in mir erwecken wollen, daß
mich Mimi nicht liebt.“

„Und wenn sie Recht hätte“, sagte ich ernst.

Er zuckte zusammen und blieb stehen. „Sie sprechen in
Ludovica's Interesse!“ rief er.

„Mein Herr“, sagte ich, indem ich mich jetzt gleichfalls
erhob und auf ihn zutrat, „es mag sein, daß der Schritt, den
ich unternommen, Sie einigermaßen berechtigt, Zweifel in die
völlige Aufrichtigkeit meiner Worte zu setzen. Allein, wenn
Sie in meiner Seele lesen könnten, so würden Sie die Ueberzeugung gewinnen, wie ehrlich, wie wahr ich es, nicht blos
mit Ludovica, sondern auch mit Ihnen meine. Ich wiederhole es: Marie Mensfeld liebt Sie nicht.“ Und da er
schmerzlich betroffen zu Boden sah, fuhr ich rasch fort: „Nicht
Sie — und auch keinen Anderen. Mimi gehört zu den Frauen,
die erst dann lieben, wenn sie selbst nicht mehr fähig sind,
Liebe zu erwecken.“

Er schritt langsam zu seinem Stuhl und setzte sich wieder.
Schweigend, mit gesenktem Haupte schien er einem geheimnißvollen Echo zu lauschen, das meine Worte in seinem Innern
wachgerufen. Er mußte bereits selbst schwer und oft gezweifelt haben und kämpfte jetzt mit seinen Gedanken.

„Ich bin nicht in der Absicht hiehergekommen“, fuhr ich,
mich ihm nähernd, fort, „Gluthen anzufachen, die erloschen
sind: das vermag keine Macht der Erde. Aber lassen Sie
uns offen mit einander reden. Was Sie an Mimi fesselt, ist
die Macht ihrer jugendlichen Reize. Sie finden bei ihr Freuden und Genüsse, die Ihnen Ludovica nicht mehr zu bieten
vermag. Allein bedenken Sie, daß das Dasein nicht blos im
Genießen besteht, daß wir auch zu entbehren und so manches
Opfer uns selbst und Anderen zu bringen haben. Bedenken
Sie, daß es Pflichten gibt, die, sofern sie nicht mit unserem
besseren Ich im Widerspruche stehen, unter allen Umständen
erfüllt werden müssen. Erkennen Sie, daß man eine Vergangenheit nicht so leicht abschüttelt wie ein Kleid, das man
wechselt. Und welchen Tausch wollen Sie treffen? Hier
ein Weib, sanft und zärtlich, voll Hingebung und Treue; zufrieden, mit Ihnen in ein und derselben Luft athmen zu können; dort ein Geschöpf, mehr stachelnd als anziehend; zwar
voll Witz und Beweglichkeit, aber auch ohne Herz und Seele.
Ein Geschöpf, das nur zur Maitresse geschaffen ist und Sie
mit kaltem Blute verlassen wird, wenn Sie nicht mehr im
Stande sind, jede ihrer Launen zu befriedigen. Wie lange
aber — und um welchen Preis wird Ihnen dies möglich
sein? Es steht mir vielleicht nicht zu, Sie auf das zum mindesten Unpassende Ihrer gegenwärtigen Verhältnisse aufmerksam zu machen, und ich maße mir nicht an, mit unerbetenen
Rathschlägen in Ihr Leben eingreifen zu wollen — aber sagen
Sie selbst: wohin soll das führen?“

Er hatte den Blick gesenkt; er war beschämt; aber auch
bewegt und ergriffen. „Ja, es ist wahr“, rief er aus und
faßte meine Hand, „Sie haben Recht! Allein, was soll ich
thun? Der Ertrinkende greift nach Allem, was sich ihm darbietet. Mein Leben ist nun einmal ein verfehltes —“

„Nicht doch! Sie stehen in der Blüthe Ihrer Jahre.
Einem Manne von Ihren Anlagen und Fähigkeiten wird und
muß es bei redlichem Wollen gelingen, sich eine gesicherte,
wohlanständige Stellung zu schaffen. Und gerade hiezu bietet
Ihnen eine Vereinigung mit Ludovica die beste Aussicht. Sie
selbst hat bereits erwerben gelernt; Sie werden sich gegenseitig
stützen und fördern und nach allen Stürmen und Kämpfen in
einer bescheidenen Häuslichkeit die höchsten Güter der Erde:
Ruhe und Zufriedenheit finden.“

Er blickte vor sich hin. Rührung und Unentschlossenheit
malten sich in seinen Zügen; es war, als wollte sich in seiner
Brust ein Umschwung vorbereiten. „Und was sollte mit Mimi
geschehen?“ fragte er dumpf.

„Ueberlassen Sie sie ihrem Schicksale! Sie wird ihren
Weg zu finden wissen!“

Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, als draußen heftig an der Klingel gerissen wurde und fast gleichzeitig, mit
Sammt und Seide angethan, ein schmuckes Federhütlein unternehmend auf die krausen Locken gestülpt, Mimi zur Thüre
herein rauschte. Sie stand bei meinem Anblick betroffen still
und ihre Oberlippe zog sich gehässig empor. Ihr Aeußeres
hatte sich, seitdem ich sie nicht mehr gesehen, bedeutend verändert. Sie war mächtig aufgeschossen und ihre Gesichtszüge
hatten eine scharfe Deutlichkeit angenommen.

Alexis flog ihr wie verwandelt entgegen und ich erkannte,
daß nun Alles verloren sei. „Du siehst, mein Engel“, stammelte er, „ich habe Besuch; tritt einstweilen hier in's Nebenzimmer.“ Er geleitete sie und ich vernahm, wie sie drinnen
miteinander flüsterten. Nach einer Weile kam er zurück. „Sie
verzeihen“, sagte er mit einiger Verlegenheit, „daß ich nicht
länger das Vergnügen haben kann — eine wichtige Angelegenheit —“ Und während ich nach meinem Hute griff, fuhr er
fort: „Seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Bemerkungen, Ihre
Rathschläge zu würdigen weiß — daß ich sie auch zum Theile
vollkommen anerkenne und Ihnen gewiß dankbar bin — es
läßt sich jedoch in dieser Hinsicht so rasch kein Entschluß fassen.
Was nun Ludovica betrifft, so bitte ich, ihr zu sagen, daß ich
schon früher Alles wohl erwogen und überlegt habe, daß ich
begreife, wie schmerzlich es für sie sein muß — aber ich kann
nichts an den Beziehungen ändern, in welchen wir gegenwärtig
zu einander stehen. Durchaus nichts!“ fügte er, die verletzende
Hartnäckigkeit schwacher Naturen hervorkehrend, hinzu.

Ich betrachtete ihn schweigend. „Ich werde es ihr sagen“,
sprach ich endlich und ging.

Ich begab mich geraden Weges zu Ludovica, die, seit sie
von ihren Schwestern getrennt lebte, eine einfache Miethstube
bewohnte und mir in höchster Spannung entgegenkam. „Nun,
nun?“ fragte sie mit erwartungsvollen Blicken.

„Es ist gekommen, wie ich es vorhergesehen.“ Und ich
erzählte ihr Alles.

Mir blutete das Herz, wie sie so vor mir saß und athemlos an meinem Munde hing, während jedes Wort wie geschmolzenes Blei in ihre Seele fiel. Wie sie schmerzlich aufzuckte, wie sie nach Fassung rang, wie sich allmälig Rührung,
Freude und Hoffnung in ihren Zügen malten — bis sie endlich enttäuscht und verzweifelt unter einem Strome von Thränen
zusammenbrach. Und doch, wenn es ein Mittel gab, sie aus
diesen Wirrsalen zu befreien, ihr den Frieden der Seele wiederzugeben: so konnte es nur geschehen, indem man sie zum klaren Bewußtsein ihrer Lage und zur Ueberzeugung brachte, daß
sie nichts mehr erwarten, nichts mehr hoffen dürfe. Aber sie
hoffte noch. Denn nachdem sie eine Zeitlang, von ihren wogenden Gedanken und Gefühlen umbraust, geschwiegen hatte,
versuchte sie es instinktmäßig, sich an den erfreulicheren Theil
meiner Mittheilungen zu klammern. „Also er hat doch lieb
und gut von mir gesprochen“, begann sie leise. „Sie sahen
ihn gerührt, ergriffen. Er war auf dem Punkte —“

„Sich aus einer Schwachheit in die andere zu stürzen!“
fiel ich ihr in's Wort. „Er war auf dem Punkte einen Entschluß zu fassen, den er morgen oder übermorgen wieder bereut
und rückgängig gemacht hätte. Er ist nicht der Mann, nach
Grundsätzen zu handeln und ich habe gesehen, wie das bloße
Erscheinen Ihrer Schwester auf ihn gewirkt hat. Mit einem
Worte: Er liebt Sie nicht mehr und ist für Sie verloren!“

„O! o!“ jammerte sie und rang die Hände.

„Fassen Sie sich, Ludovica“, fuhr ich fort. „Blicken Sie
den Ereignissen fest und klar in's Auge und vergessen Sie
einen Menschen, der nicht würdig ist, von Ihnen geliebt zu
werden.“

„Nie! Nie!“ rief sie, sich verzweifelt hin und her werfend. „Ich kann — ich will ihn nicht vergessen; ich kann
und will ihn nicht verlieren. Er ist mir Alles!“

„Alles?! Haben Sie nicht sich selbst? Haben Sie nicht
Ihre Kunst?“

„O, sprechen Sie mir nicht von meiner Kunst! Dort
liegen meine Geigen verstimmt und bestäubt; seit Monden
spiel' ich nicht mehr. Ja früher — da gab es keine größere
Seligkeit für mich, als die stille Sehnsucht, die jubelnde Freude,
die süßen Schmerzen meiner Brust in den mitempfindenden
Saiten austönen zu lassen. Aber jetzt hass' ich sie, und nur
manchmal überkommt es mich, darin zu wüthen, daß sie zerspringen wie mein Herz!“

„Freveln Sie nicht“, sagte ich ernst und streng. „Werfen Sie nicht thöricht das göttliche Geschenk von sich, womit
Sie das Schicksal vor Tausenden begnadet hat! Erwägen
Sie, wie viele Menschen um Sie her unter der Last des
Elends, des Kummers und der Verzweiflung seufzen und nichts
besitzen, woran sie sich aufrecht halten, woran sie sich in eine
freiere Atmosphäre emporringen könnten. Erwägen Sie, wie
viele berechtigte Hoffnungen in diesem Leben scheitern, und verzichten Sie auf das, was Sie verloren haben.“

„O, Sie sind ein Mann!“ rief sie, „und wissen nicht,
was dem Weibe die Liebe ist!“

„Ich weiß es. Die Liebe ist der Lebensinhalt des Weibes. Allein die ewigen Ideen, der Fortschritt im Ganzen und
Großen, die Sorge für das allgemeine Wohl sind und waren
bis jetzt der Lebensinhalt des Mannes. Und wie oft muß
er, woran er den Schweiß und die ganze Kraft seines Daseins
gewandt, über Nacht zusammenbrechen und sich mit Undank,
Hohn und Spott, mit der öffentlichen Verachtung belohnt sehen.
Und in dieser Welt der Enttäuschung und des Schmerzes, in
dieser Welt, wo Nichts Bestand hat: will das Weib allein
sein Glück dauernd und ungefährdet erhalten wissen?!“ —

Und da sie nachdenklich vor sich hin sah, fuhr ich fort:
„Und ist denn auch Ihr Loos ein so entsetzliches? Haben
Sie nicht geliebt? Sind Sie nicht wieder geliebt worden?
Können Sie nicht sagen: ich habe gelebt und genossen, während andere Frauen niemals die Knospe ihres Herzens sprengen durften und mit verhaltenen Gluthen zu Grabe gingen!“

Sie war in ein sanftes Weinen ausgebrochen. Ich erhob
mich und trat vor sie hin. „Ludovica, lassen Sie mich Ihr
Freund sein!“ Und da sie mir rasch abwehrend beide Hände
entgegen streckte, sagte ich eindringlich: „Mißverstehen Sie
mich nicht! Ich bin nicht der Mann, Ihnen in diesem
Augenblicke mit Liebesanträgen zu nahen. — Noch einmal:
lassen Sie mich Ihr Freund sein! Ich bin es gewohnt,
den einsamen Pfad der Entsagung zu schreiten. Ich will Sie
stützen, führen und lenken; ich will über Ihnen wachen, wie
über einem kranken Kinde — bis Sie endlich, mit Ihrem
Geschicke und Ihrer Kunst wieder versöhnt, jene Höhe des
Daseins erreicht haben, von welcher aus Sie lächelnd auf die
Vergangenheit zurück — und vielleicht einer schöneren Zukunft
entgegenblicken können.“

Sie schien die Macht meiner Worte in tiefster Seele zu
empfinden und darüber nachzusinnen. Plötzlich aber schauderte
sie auf und rief, die Hände vor das Antlitz schlagend: „Nein!
Nein! Ich kann ihm nicht entsagen! Und wenn er mich
auch nicht mehr liebt — ich lasse ihn nicht! Seine Leidenschaft für Mimi kann nicht dauern; er wird und muß wieder
zu mir zurückkehren. Ich will Alles dulden, Alles ertragen.
Er soll mich schelten, soll mir drohen, soll mich von sich stoßen:
ich will selig sein, von seinen Füßen getreten zu werden, denn
ich kann nicht leben ohne ihn!“

Ich trat einen Schritt zurück. Dieser wilde, rasende
Ausbruch, dieser blinde Drang, auf dem kein Strahl der Erkenntniß haften wollte, erkältete mich bis in's Herz hinein.
„Nun denn“, sagte ich endlich, „so leben Sie wohl! Der
Himmel sei Ihnen Allen gnädig!“ —

Was nun die Ereignisse später mit sich brachten, kann
ich Ihnen rasch und kurz erzählen. Ich habe es erfahren, wie
man nachgerade Alles über Menschen erfährt, die man kennt.
— Alexis' glänzende Verhältnisse waren, wie vorauszusehen,
unhaltbar. Nach kurzer Zeit schon stockten einige bedeutende
Zahlungen. Die Speculanten wurden mißtrauisch und schwierig und forderten die unglaublichsten Erstreckungssummen.
Neue Termine wurden nicht eingehalten, Wucheranzeigen erstattet und so kam das ganze Unternehmen, bei welchem sich
auch einige arge Unredlichkeiten nachweisen ließen, in's Schwanken und Stürzen und brach endlich zusammen. Nur der Umstand, daß selbst Persönlichkeiten höchsten Ranges mit verwickelt
waren, rettete Alexis, der nun wieder in's tiefste Elend zurücksank, vor gerichtlicher Verfolgung. In der Aufregung dieser
Tage — Mimi war inzwischen mit einem Attaché der französischen Gesandtschaft nach Paris gereist — zog sich der Unglückliche eine rasche Krankheit zu, die ihn auf's Todtenbett
warf. Ludovica hat ihn in ihrer ärmlichen Stube gepflegt
und mit dem Erlöse ihrer letzten Habseligteiten begraben lassen.
Er ist in ihren Armen gestorben. —

Es war wieder ganz still im Gemache; mir von der
Straße herauf klang das dumpfe Rollen eines verspäteten
Wagens.

„Die Geschichte ist noch nicht zu Ende“, sagte ich.

„Nein; aber was jetzt folgt, ist nur ein kurzes Nachspiel
oder vielmehr ein häßliches Seitenstück zu dem, was Sie bis
jetzt gehört haben. Es müßte unbegreiflich erscheinen, wenn
nicht gerade das Unbegreifliche die Natur des Weibes wäre.
Und dennoch werden Sie darin das unerbittlich und gleichmäßig waltende Geschick erkennen, welches Ludovica dem Abgrunde zutrieb. —

Drei Jahre waren vergangen und ich hatte sie nicht
wieder gesehen. Da begegnete ich ihr eines Tages auf der
Straße, wie sie am Arme eines Mannes einherschritt. Es
war wohl nur gegenseitige Fassungslosigkeit, daß wir mit
einem Gruße vor einander stehen blieben. Wir stammelten
einige Worte, die freudig klingen sollten; endlich wies sie auf
ihren Begleiter und sagte: „Mein Mann, Baron —“ sie
nannte einen Namen, der nichts zur Sache thut. Ich warf,
während er sich nachlässig verbeugte, einen Blick auf ihn.
Er war nicht mehr jung, von hohem Wuchse und wohlbeleibt.
Sein Antlitz mußte einst schön gewesen sein, jetzt aber zeigte
es sich aufgedunsen und der Ausdruck niedriger Leidenschaften
lag darin. Sein Anzug war eine Mischung von Sorgfalt
und Verlotterung; auch Ludovica sah in ihrem Aeußern ziemlich herabgekommen aus. Ich schützte Eile vor und empfahl
mich. „Freut mich sehr, einen alten Freund meiner Frau
kennen gelernt zu haben“, sagte der Baron in einem singenden
mitteldeutschen Dialekte; „machen Sie uns einmal das Vergnügen — wir wohnen —“ Das Weitere vernahm ich nicht
mehr. Ich konnte mich nicht enthalten, in einiger Entfernung
stehen zu bleiben und dem Paare nachzublicken. Ein eigenthümliches Gefühl überkam mich, als ich das Weib, das ich
zwar nicht geliebt hatte, welches ich aber, wie ich noch jetzt
fühlte, unsäglich hätte lieben können, mit diesem Manne vereint,
dahin gehen sah. —

Nach Verlauf einiger Wochen trat ich Abends in ein
Kaffeehaus, um die Zeitungen zu durchblättern. Da gewahrte
ich den Baron, der in einer Fensternische saß und mich offenbar
nicht wieder erkannte. Er hatte ein geleertes Liqueurglas vor
sich stehen und blickte von Zeit zu Zeit, wie Jemanden erwartend, durch die Scheiben auf die Straße. Endlich zeigten
sich vor dem Fenster die Umrisse einer weiblichen Gestalt.
Der Baron erhob sich rasch, warf kleine Münze auf die Untertasse und eilte hinaus. Es trieb mich, ihm zu folgen und
ich konnte noch gewahren, wie ihm Ludovica — denn sie war
es — Etwas überreichte, womit er nicht zufrieden zu sein schien.
Er gesticulirte heftig und seine Stimme klang laut und drohend.
Endlich mußte sie ihn beschwichtigt haben, denn er gab ihr den
Arm. Zuletzt bogen sie in eine Seitengasse ein, wo ich sie
aus den Augen verlor. —

Ich habe Ludovica erst heute wieder gesehen. Ich ahnte
sogleich, wie Alles gekommen sei; denn seit jenem Abend hegte
ich die traurigsten Vorstellungen. Aber ich wollte Gewißheit
und fuhr mit Ihnen nach dem Laden des Kaufmanns Berger.
Dort wurde mir Alles bestätigt. Sie hatte, weiß Gott, wie
und wo, den Baron kennen gelernt, der sich unter dem Vorwande, einen Erbschaftsprozeß durchzuführen, hier herumtrieb.
Er drang in Ludovica, ihn zu heirathen — und sie that es,
wie ich überzeugt bin, nicht aus Neigung — sondern nur von
jenem beklagenswerthen Drang bestimmt, der endlich fast jedes
Weib überkommt, wohl oder übel einem Manne dauernd anzugehören. Sie unterhielt einstweilen sich — und ihn durch
Musiklectionen, deren sie viele hatte; an die Ausübung ihrer
Kunst dachte sie nicht mehr. Aber die Erbschaftshoffnungen
zerflossen in nichts und der Baron, der dem Laster des Trunkes
und des Spieles ergeben ist, brauchte Geld. Ludovica mußte
es schaffen: durch Darlehen, die sie auftrieb, durch Geschenke,
die sie erbettelte, und als es ihr nicht immer gelingen wollte,
mißhandelte er sie — ja ging in seiner Niederträchtigkeit so
weit, sie zwingen zu wollen, die letzten Reste ihrer Schönheit
zu verkaufen. Das ertrug sie nicht. Heute morgens hatte er
sie wieder fortgeschickt, eine Summe herbei zu schaffen — eine
verschwindend kleine Summe: aber selbst ihre Schwester und
ihr Schwager, welche der Unglücklichen bis jetzt, zwar ungern
und mit Vorwürfen aller Art, aber dennoch in den äußersten
Fällen stets geholfen hatten — verweigerten sie ihr diesmal.
Sie mußte sich nicht nach Hause gewagt haben, mußte lange
umhergeirrt sein und — das Uebrige wissen Sie.“

Wir schwiegen Beide.

„Und nun sagen Sie mir“, fuhr er fort, „wie es kam,
daß dieses holde Geschöpf, ausgestattet mit allen Vorzügen ihres
Geschlechtes, welche Andere so vortrefflich zu verwerthen wissen,
sich an Unwürdige weggeworfen; wie es kam, daß sie in thörichter Umkehrung der Verhältnisse für Diejenigen zu sorgen
bemüht war, welche für sie zu sorgen die Verpflichtung hatten
— bis sie, noch in jungen Jahren, ein so trauriges Ende nahm?
Warum war sie nicht so klug und brav wie ihre Schwester
Anna, die nun eine glückliche Gattin und Mutter ist? Warum
war sie nicht so klug und schlecht wie ihre Schwester Mimi,
die gegenwärtig als Chansonettensängerin die Welt durchreist
und mit Gold und Diamanten überschüttet wird? Warum!
Das ist die große Frage, auf welche weder unsere Philosophen
und Moralisten, noch die stelzbeinigen Theaterfiguren unserer
modernen Dramatiker eine Antwort zu geben wissen — und
die selbst dann nicht gelöst sein wird, wenn die Physiologen
jeden Gedanken, jedes Wort, jede That auf die entsprechende
Faser des Gehirns, auf diesen oder jenen zuckenden Nerv und
auf die mehr oder minder vollkommene Funktion eines bestimmten Organs zurückzuführen im Stande sein werden. Dann
aber, wenn man erkennen wird, daß der Mensch nichts anderes
ist, als eine Mischung geheimnißvoll wirkender Atome, die ihm
schon im Keime sein Schicksal vorausbestimmen: dann wird
man, glaube ich, auch dahinter gekommen sein, daß es, trotz
aller geistigen Errungenschaften, besser ist, nicht zu leben! —“

Er war bei diesen Worten aufgestanden und reichte mir jetzt
die Hand zum Abschied. Ich ging. Draußen schwieg die ausgedehnte Residenz in tiefem Schlafe. Die Gasflammen waren schon
zur Hälfte ausgelöscht; düstere Schatten umhüllten die Häuser
und nur hier und dort schimmerte durch ein Fenster mattes Licht.
Wie viele Herzen mochten in dieser Stille voll Kummer und Verzweiflung schlagen! Wie vieles Elend lag unter der flüchtigen
Hülle des Schlummers verborgen! Ich schauderte. Das ganze
Weh der Erde stieg vor mir empor; es wogte wie ein dunkles
Meer und obenauf schwamm mit blassem Antlitz und feuchten
Locken die Leiche der Geigerin. —