Das Haus Reichegg

I.

Es war um die Mitte der Fünfziger-Jahre, im Hochsommer, als ich, damals noch in Militärdiensten stehend, mit
einer Abtheilung meines Regimentes in dem mährischen Städtchen K . . . einrückte. Wir waren schon vor Tag aufgebrochen;
hatten, während die Sonne immer heißer niederbrannte, über
vier Meilen auf der staubigen Heerstraße zurückgelegt, und so
begrüßten wir den freundlichen Ort, wo uns nach mehrtägigen
Eilmärschen ein Ruhetag gestattet war, auf's freudigste. Ein
Theil der Einwohnerschaft war uns schon ein gutes Stück
entgegen gekommen und schritt uns jetzt bei den lustigen Klängen unserer Musik voran. Reinlich und einladend lagen die
Gassen da, viele Häuser von Bäumen beschattet oder mit netten
Vorgärtchen versehen. Hier und dort lugte noch, halb versteckt,
ein rosiges Mädchenantlitz hinter weißen Fenstergardinen hervor, und auf dem Marktplatze, wo wir hielten, zeigten sich
stattliche Gastwirthschaften, unseren ermatteten Leibern und
verlechzten Kehlen Stärkung und Erquickung verheißend. Ich
fühlte mich daher nicht sehr angenehm überrascht, als ich bedeutet wurde, daß mir und meiner Mannschaft zur Unterkunft
ein Dorf angewiesen sei, welches noch eine Wegstunde entfernt
lag. Selbst der Beisatz, der verheißend klingen sollte: daß
ich für meine Person in einem freiherrlichen Schlosse Aufnahme
finden würde, hatte eben nichts Tröstliches. War ich doch gewohnt, die Marschtage als ein willkommenes Aufathmen aus
der Zwangsjacke des Garnisonsdienstes zu betrachten, wo ich
mich in fröhlicher Ungebundenheit meinen Neigungen überlassen
konnte — und nun drohte mir eine vornehme Gastfreundschaft,
die mich vielleicht zu einem steifen gesellschaftlichen Verkehr
mit unbekannten, mir gänzlich ferne stehenden Menschen verpflichtete. Indessen galt es, sich in das Unvermeidliche zu
fügen, und so befahl ich meine Leute, die gleich mir verdrossen
vor sich hinsahen, zum Abmarsch, indem ich die Trommel
rühren ließ. Eine ziemlich breite Seitenstraße führte uns anfänglich in einen scharf abgegrenzten Fichtenbestand, und nachdem wir denselben durchschritten hatten, zog sie sich in mehrfachen Krümmungen zwischen weit ausgebreiteten Kornfeldern
hin. Still brütete die Mittagshitze über der schnittreifen Frucht,
und am Ende der sonnigen Fläche ragte aus verfallenen Strohdächern der Kirchthurm des Dorfes empor, während uns das
Schloß, auf einer mäßigen, dicht bewaldeten Höhe gelegen, hell
und glänzend entgegenschimmerte.

Endlich hatten wir das Dorf erreicht und ich war eben
daran, einige letzte Befehle zu ertheilen und die Mannschaft
in ihre Quartiere zu entlassen, als ein wohl gekleideter, behäbig
aussehender Mann auf mich zu kam. Er gab sich, höflich
grüßend, als Verwalter des Schlosses zu erkennen und hatte
ein leichtes, mit kräftigen Braunen bespanntes Gefährt mitgebracht, welches ich auf seine Einladung mit ihm und meinem
Diener bestieg. Während er nun, an meiner Seite sitzend,
den Pferden die Zügel schießen ließ, und wir auf einem bequemen Parkwege die Höhe hinanrollten, fragte ich ihn, wer
denn eigentlich der Herr des Schlosses sei.

„Seine Excellenz, der Freiherr von Reichegg“, antwortete
er mit einer gewissen bescheidenen Wichtigkeit.

„Der Staatsrath Reichegg?“ fuhr ich überrascht
fort. —

„Ja wohl. Seine Excellenz sind auch gegenwärtig mit
Gemahlin und Tochter hier anwesend.“

Ich versank in ein eigenthümlich bewegtes Schweigen;
auf eine solche Begegnung war ich nicht vorbereitet gewesen.
Der Freiherr gehörte zu den bekanntesten und genanntesten
politischen Persönlichkeiten jener Zeit. Im Staatsdienste und
in der Schule Metternich's ergraut, stand er mit an der Spitze
aller rückläufigen Bestrebungen, welche in Oesterreich nach dem
Jahre Achtundvierzig mehr und mehr Platz griffen. Seine streng
aristokratischen und feudalen Grundsätze, so wie seine unterwürfige Hinneigung zu den Gewalten der Kirche waren sprichwörtlich geworden und er wurde allgemein als einer der
Haupturheber des Concordates bezeichnet, das man vor Kurzem
mit dem päpstlichen Stuhle abgeschlossen hatte. Dabei war er
ob seines verletzend stolzen und finsteren Wesens, das er wie
absichtlich zur Schau trug, auch persönlich sehr unbeliebt; selbst
bei Solchen, die seine Anschauungen theilten, und wenn er
sich bei gewissen feierlichen Gelegenheiten öffentlich zeigte, so
rief sein Erscheinen, da man sich damals nicht laut zu äußern
wagte, stets das dumpfe Schweigen des Grolles und Mißmuthes hervor. Nicht minder als er — freilich in ganz anderer Weise — war seine Gemahlin bekannt und berüchtigt.
Einem alten Grafengeschlechte entstammend und von einer
Schönheit, die in Folge höchst eigenthümlicher Verschmelzung
des Hoheitsvollen mit dem Reizenden geradezu einzig genannt
werden konnte: stand sie in dem Ruf, eine Art Messalina zu
sein. Das Tagesgespräch wurde nicht müde, von ihren Abenteuern das Unglaublichste in Umlauf zu bringen; ja man bezeichnete sogar die Männer, welche sich, allen Schichten der
Gesellschaft angehörend, ihrer Gunst sollten erfreut haben.
Trotzdem war sie nicht etwa der Gegenstand sittlicher Entrüstung; sie zählte vielmehr zu den bewundertsten Frauen der
Residenz. Wenn sie, und zwar in der Regel allein, oder doch
nur an der Seite ihres Gatten, der sich mit seinen weißen
Haaren und den harten, unfreundlichen Zügen seltsam genug
neben ihr ausnahm, im offenen Wagen durch die Alleen des
Praters fuhr: da bildeten die Fußgänger, wie gebannt, nur eine
dichtgedrängte Reihe, um sich an dem unvergleichlichen Adel
und Liebreiz ihrer Erscheinung, an ihrer ebenso geschmackvollen
als kostbaren Kleiderpracht zu entzücken, und vorwiegend war
es gerade das weibliche Geschlecht, das mit ihr einen fast
schwärmerischen Cultus betrieb. Auch in der Oper und im
Schauspiel waren Aller Augen auf sie gerichtet, und ein deutlich vernehmbares Ah! befriedigter Erwartung ging durch das
Haus, wenn sie, nachdem ihre Loge länger als sonst leer geblieben war, plötzlich an der Brüstung erschien. — Und
dieser Frau, diesem Manne sollte ich nun als junger, kaum
flügge gewordener Offizier, der sich niemals in der großen
Welt bewegt hatte, entgegen treten! Es war ein in jeder
Hinsicht beklemmender Gedanke, und ich schöpfte noch einigen
Trost aus der naheliegenden Annahme, daß man mich vielleicht
bloß der Sorge des Schloßverwalters überantworten und gar
nicht an sich heranziehen würde. —

Inzwischen hatten wir die Avenue erreicht, wo ein mächtiger Springbrunnen im Sonnenschein stäubte und glitzerte.
Der Verwalter lenkte den Wagen rückwärts um das Schloß
herum, hielt vor einem niederen Seitenthore und geleitete mich
über eine vereinsamte Treppe in den Halbstock empor. Dort
schloß er ein kühles, weitläufiges Gemach auf, wo ich schon
Alles zu meinem Empfange vorgerichtet fand. „Ich bitte, es
sich hier bequem zu machen“, sagte er. „Wenn Etwas fehlen
sollte — diese Klingelschnur geht nach meiner Wohnung. Um
fünf Uhr wird gespeist. Die Herrschaften erwarten Sie zu
Tische. Dürfte ich einstweilen um Ihre Karte bitten, um dieselbe Seiner Excellenz überbringen zu lassen.“ Ich war also
dem Geschicke verfallen. Widerstandslos übergab ich dem
Manne die Karte und schritt, nachdem er sich entfernt hatte,
im Zimmer auf und nieder, wobei ich gedankenlos die Landschafts- und Schlachtenbilder im Geschmacke Salvator Rosa's
betrachtete, die an den Wänden hingen. Dann trat ich an's
nächste Fenster. Es ging auf das wohlgepflegte Parterre des
Schloßparkes hinaus, in dessen Mitte ein hochstämmiger Rosenflor seine duftige Pracht entfaltete. Nachdem ich eine Zeit
lang in das funkelnde Farbengemisch von Blumen und Rasen,
von Himmel und Baumwipfeln hinein geblickt hatte, nahm ich
etwas von den bereitstehenden Erfrischungen und streckte mich
endlich auf ein bequemes Sopha hin, zuvor noch meinem Diener auftragend, sich in einer Stunde wieder bei mir einzufinden. Ich gedachte, ein wenig zu schlummern; aber war es
nun Uebermüdung oder innere Erregung — es wollte mir
nicht gelingen. Während ich mich so eine Weile unruhig hin
und her bewegte, vernahm ich, wie über mir ein Flügel angeschlagen wurde. Nach einem kurzen, ernsten Präludium begann
eine klangvolle Altstimme ein Lied zu singen, in welchem ich
alsbald, der Melodie und dem deutlich vernehmbaren lateinischen Texte nach, ein geistliches erkannte. Mit jener tiefen,
leidenschaftlichen Inbrunst, welche die katholische Kirchenmusik
kennzeichnet, drangen die Töne in den Park hinaus und
verzitterten mit leisem Wiederhall in der lautlosen Luft des
Nachmittags. Das Lied war zu Ende; noch einige Accorde
auf dem Clavier, dann wie ein nachzuckendes Gefühl die
Wiederholung des Schlusses — und es herrschte wieder die
frühere Ruhe. Seltsam ergriffen lag ich da und lauschte noch
immer. Endlich sah ich nach der Uhr; die Stunde war fast
abgelaufen. Ich sprang auf, und als ich einen Blick durch
das Fenster that, gewahrte ich, wie unten eine hochgewachsene
schlanke Mädchengestalt langsam um den kleinen Rosenwald
herum schritt. Sie trug ein weißes Kleid, dem ein dunkles
Band als Gürtel diente; ihre Gesichtszüge konnte ich nicht
erspähen; aber ihr blondes Haar schimmerte mir wie helles
Gold entgegen. Jetzt blieb sie vor einem Bäumchen mit
weißen Rosen stehen, und nachdem sie eine davon gepflückt
hatte, schlug sie langsam, das Haupt zur Blume in ihrer
Hand niederneigend, einen Seitenpfad ein, der sie bald meinen
Blicken entzog. Während sie verschwand, war es mir, als
hätte sie die Rose an die Lippen gedrückt. —

Mittlerweile hatte sich mein Diener eingefunden und da
bereits die vierte Stunde heranrückte, so galt es, mit raschem
Entschlusse den Dingen entgegen zu gehen, die da kommen
sollten. Ich kleidete mich um und ließ anfragen, ob mich
Seine Excellenz empfangen wolle. Eine bejahende Antwort
erfolgte bald, und so begab ich mich, von einem Diener des
Hauses geführt, in das obere Stockwerk und über einen langen,
mit Jagdtrophäen geschmückten Gang nach dem Zimmer des
Freiherrn. Dieser erhob sich bei meinem Eintritt am Schreibtische, wo er gearbeitet zu haben schien, und trat mir in aufrechter Haltung einen Schritt, aber nicht mehr entgegen. „Es
freut mich“, sagte er mit fester, jedoch etwas bedeckter Stimme,
nachdem ich einige passende Worte gesprochen und mich auf
einen Wink von ihm niedergelassen hatte, „es freut mich immer,
wenn ich einen kaiserlichen Offizier in meinem Schlosse beherbergen kann. Umsomehr aber heute, als mir“ — er warf
dabei einen Blick auf meine Karte, die neben zerstreuten Papieren auf dem Tische lag — „der Name, den Sie führen,
seit Langem bekannt ist. Ich entsinne mich nämlich“, fuhr er
fort, indem er mich aufmerksam und forschend ansah, „aus der
Zeit, wo ich als ganz junger Mann unter der Regierung des
Kaisers Franz in Staatsdienste trat, mit Vergnügen eines
höheren Vorgesetzten gleichen Namens.“

„Das dürfte mein Großvater gewesen sein.“

„Gewiß; und ich gebe mich wohl keiner Täuschung hin,
wenn ich in Ihren Zügen eine gewisse Aehnlichkeit mit den
seinen zu erblicken glaube. Der lebhafte alte Herr steht mir
noch ganz deutlich vor Augen. Ein wahres Muster eines
loyalen, pflichtgetreuen Staatsdieners, wenn auch sein Wirken
über ein bloß bureaukratisches nicht weit hinaus ging. Es
war damals“, setzte er nach kurzem Schweigen nachdenklich
hinzu, „eine Zeit voll unerhörter, erschütternder Bewegungen.
Die französische Revolution hatte die ganze Weltordnung umzukehren gedroht, und nun machte der Corse Europa zittern.
Vor Allem war es Oesterreich, auf dessen Erniedrigung, auf
dessen Untergang er es abgesehen hatte. Aber im Rathe der
Vorsehung war es anders beschlossen. Dynastie und Staat
sind aus all diesen äußeren Gefahren nicht minder siegreich
und glänzend hervorgegangen, als aus den fluchwürdigen Umsturzbestrebungen, die man jüngster Zeit im Inneren zu bekämpfen und — zu vernichten hatte. Und so wird sich der
Spruch bewahrheiten: Austria erit in orbe ultima — durch
den Schutz des Allmächtigen, seiner heiligen Kirche — und
kraft unserer ruhmvollen Armee!“

Mir wurde ganz unheimlich zu Muthe. In das eherne
Antlitz des Freiherrn war bei diesen Worten ein erschreckend
finsterer und grausamer Zug getreten, und es schien, als
wollte er jetzt und jetzt seine hagere, aber kräftig gebaute Gestalt wie zum Angriff emporrichten. Unwillkürlich kehrte sich
mein Blick von ihm ab und den Gegenständen zu, womit das
Gemach schlicht und bezeichnend ausgestattet war. Zwischen
zahlreichen Bücherschränken stand ein einfacher Betschemel mit
einem kleinen Cruzifix aus Ebenholz. An den Wänden sah
man, sorgfältig gruppirt, in Lithographien die Bildnisse des
Herrscherpaares, der Marschälle Windisch-Grätz und Radetzky;
dann der Fürsten Metternich und Schwarzenberg, so wie anderer hervorragender weltlicher und geistlicher Würdenträger.
Auf dem Schreibtische aber, seltsam genug, hatte der Freiherr
neben einem Miniaturportrait seiner Gemahlin und dem etwas
verblaßten eines helllockigen Kindes den Büsten Schiller's und
Göthe's einen Platz eingeräumt. Er bemerkte es, daß ich jetzt
nach meiner flüchtigen Rundschau das Auge auf ihnen haften
ließ, und sagte etwas milder; „Das waren zwei große, gewaltige Geister, und ich bin stets in Gesellschaft ihrer Werke.“
Dabei wies er auf einen der Bücherschränke, die ihm zunächst
standen. „Aber man darf sich von ihren Ideen nicht fortreißen
lassen; denn Phantasie und Wirklichkeit sind zweierlei.“

Er hatte seine Rede noch nicht beendet, als sich leise eine
Seitenthüre öffnete und jene hohe Mädchengestalt, die ich früher
vom Fenster aus gesehen, auf der Schwelle erschien. Sie blieb,
als sie meiner ansichtig ward, einen Augenblick betroffen stehen,
faßte sich jedoch allsogleich und schritt mit würdiger Haltung
auf den Freiherrn zu, dessen Antlitz sich plötzlich wundersam
erhellte und den Ausdruck tiefster Zärtlichkeit annahm. Ich
hatte mich erhoben. „Meine Tochter Raphaela“, sagte der
Freiherr, indem er mit seiner vertrockneten Hand kosend über
das Haar der Eingetretenen strich, das jetzt in seiner reichen,
blendenden Fülle fremdartig von den ernsten, fast schroffen
Gesichtszügen abstach. Sie sah ganz ihrem Vater ähnlich.
Das war dieselbe eckige Stirne, dieselbe weit und scharf geschwungene Nase; auch ihr Kinn war stark vorgeschoben; nur
der Mund erschien voller und weicher, und die Augen strahlten
im reinsten Blau des Himmels.

„Wo ist Mama, mein Kind?“ fuhr der Freiherr schmeichelnd fort.

„Ich glaube, sie ist mit Egon im Salon“, antwortete sie
mit tiefer, wohlklingender Stimme, die mich überzeugte, daß
ich auch die Sängerin des Liedes vor mir hatte.

Die Brauen des Freiherrn zogen sich leicht zusammen.
Dann wandte er sich an mich und sagte förmlich: „Wenn
es Ihnen gefällig ist, will ich Sie jetzt meiner Gemahlin vorstellen.“

Er öffnete eine zweite Seitenthüre, und während seine
Tochter voranging, durchschritten wir eine Flucht von reich
ausgestatteten Gemächern, bis wir endlich in den Salon gelangten. Mein Athem stockte ein wenig, als ich den weiten,
dämmerigen Raum betrat, hinter dessen herabgelassenen Portièren der Altan des Schlosses lag. Auf einer niederen Ottomane, weit zurückgelehnt und in leichte, schimmernde Gewänder
gehüllt, saß die Dame des Hauses; neben ihr, in einem Fauteuil, ein junger Mann, der sich bei unserem Erscheinen erhob
und dabei durch seinen auffallend hohen Wuchs überraschte.
Die Freifrau empfing mich, ohne ihre Lage zu verändern,
freundlich vornehm, und half mir sogleich mit einigen aufmunternden Worten über die erste Befangenheit hinweg. Dann
wies sie flüchtig auf den jungen Mann und sagte: „Unser
Vetter, Graf Rödern.“

„Attaché — einstweilen noch ohne Attachement“, setzte
der Freiherr, während der Erwähnte und ich uns gegenseitig
verneigten, wie scherzend hinzu; aber seine Stimme klang scharf.

„Desto besser!“ lachte der Graf, indem er eine zierliche
Reitgerte, die er in der Hand hielt, nachlässig hin und herschwenkte. „Man kommt noch immer früh genug in's Joch
— und ich liebe die Ungebundenheit.“

Die Freifrau warf einen raschen Blick auf ihn; dann
zog sie mich angelegentlich in ein Gespräch, Dieses und Jenes,
das eben nahe lag, ergreifend und eine Zeit lang festhaltend.
Dabei hatte ich nun Gelegenheit, mich mehr und mehr in den
Zauber ihrer Schönheit zu versenken. Was ich schon einst
aus der Ferne an ihr hatte bewundern können: der volle und
doch geschmeidige Wuchs; das lichte, von dunklen Haaren,
wie von einer nächtigen Wolke umflossene Antlitz; die großen,
langbewimperten Sammetaugen — das Alles trat mir jetzt in
seiner ganzen Pracht entgegen, während zugleich die feinsten
und individuellsten Reize sichtbar wurden. Um den zarten,
rosigen Mund spielte, während sie sprach, ein berauschendes
Lächeln, und dabei zuckten und zitterten ihre weiten Nasenflügel manchmal ganz eigenthümlich, was ihren Zügen bei
aller Weichheit einen höchst energischen Ausdruck verlieh. Wie
sie so in nachlässiger Haltung vor mir saß und mit der perlmutterartig schimmernden Hand den Fächer gegen den wogenden
Schnee ihrer Brust bewegte: da fühlte ich, welch' verführerische,
bezwingende Macht in dem Wesen dieser Frau lag, die über
die eigentliche Jugend längst hinaus war und, wie ich bemerken konnte, schon zu allerlei kleinen Verschönerungskünsten
griff. Im Vergleich mit ihrer von farbigster Lebensfülle gesättigten und durchleuchteten Erscheinung, wie sie nur Rubens
und Murillo vereint hätten darstellen können, erschien die
aufgeschossene, schmalschulterige Raphaela mit ihrem herben
eintönigen Antlitz wie eine Gestalt von Lukas Cranach.

Diese aber war inzwischen an ihren Vetter herangetreten
und stand jetzt mit ihm in leiser Unterredung begriffen, wobei
sich jedoch der junge Mann sehr zerstreut und innerlich abwesend zeigte. Endlich überreichte sie ihm mit einem vollen,
innigen Blick die Rose, die sie im Parke gepflückt und später
im Gürtel getragen hatte. Er nahm die weiße Blüthe gleichgiltig in Empfang, beroch sie flüchtig und befestigte sie dann
an der Brustseite seines Rockes.

Ein Kammerdiener trat leisen Schrittes ein und meldete,
daß das Diner servirt sei. Ich bot der Freifrau den Arm;
Rödern führte Raphaela und wir gingen zu Tische, wo auch
eine französische Gouvernante mit blutlosen Zügen und gesenkten Augen erschien. Das Mahl ging rasch von statten. Rödern war sehr heiter und gesprächig, fast ausgelassen. Er
neigte sich oft und vertraulich zur Freifrau, scherzte in ungezwungener, gleichsam überlegener Weise mit ihrem Gatten, der
dabei ernst vor sich hinsah, wohl auch manchmal die Brauen
runzelte, wenn der junge Mann mit leichtfertiger Ironie
öffentliche Persönlichkeiten oder politische Ereignisse berührte.
Selbst an die Gouvernante richtete Egon in nicht allzu reinem
Französisch einige Stichelreden, die mit leicht abwehrendem
Schweigen hingenommen wurden. Nur Raphaela beachtete er
wenig, obgleich ihm diese ihre volle Aufmerksamkeit zuwandte
und sogar zweimal sein Glas mit Bordeaux füllte, davon er
reichlich und mit Behagen trank, so zwar, daß sich sein hübsches, fast mädchenhaftes Gesicht höher und höher färbte.

Die Tafel war aufgehoben; die Französin hatte sich lautlos entfernt, und man nahm nun den Kaffee auf dem Altane,
wo sich eine prachtvolle Fernsicht über die weite Ebene bis zu
den duftverschwommenen Höhen der Sudeten aufthat. Nach
einer Weile sagte Rödern, man solle doch jetzt einen Gang
durch den Park unternehmen. Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall; wir schritten also die breite Freitreppe hinunter und immer tiefer in die stillen, wechselvollen Anlagen
hinein. Die Sonne war bereits im Sinken. Goldig lagen
ihre letzten Streiflichter über den Wipfeln; große Amseln flogen vor uns auf und durch die Luft quoll der süße Geruch
des Jasmins. Nach und nach wurden die Pfade steiler und
endlich standen wir vor einem großen Teiche, hinter welchem
schweigend und dunkel der Wald aufragte. Zahllose Wasserpflanzen schwammen auf der blaugrünen Fläche; zwei Schwäne
zogen dazwischen ihre stillen Kreise; am Ufer war ein wohlgebauter Kahn befestigt.

„Wer hat Lust, mit mir auf dem Teiche zu fahren?“
rief Rödern, der mit der Freifrau Arm in Arm vorausgegangen war.

„Ich nicht;“ sagte diese, indem sie sich von ihm los
machte. „Sie treiben es zu toll, lieber Vetter. Es hat das
letzte Mal wenig gefehlt, so wären wir Beide in's Wasser
gefallen.“

„Kann ich nicht schwimmen?“ erwiederte er übermüthig.
„Ich hätte Sie auf meinen Armen an's Land getragen.“

„Schön; aber ich pflege um diese Zeit nicht zu baden.“

Inzwischen hatte sich ihm Raphaela leise genähert.

„Wenn es Dir recht ist, Egon“, sagte sie, „so will ich
mit Dir fahren.“

„Was? Du?“ rief er halb erstaunt, halb spöttisch. „Du
änderst Dich ja gewaltig und wirst zuletzt Deinem Thomas
a Kempis noch ganz und gar untreu werden. — Nun, wenn
Du willst — ich bin bereit.“

Die Freifrau hatte ihre Tochter mit einem eigenthümlichen
Blicke betrachtet. „Wenn Raphaela mit Ihnen fährt“, warf
sie jetzt rasch ein, „kann ich nicht zurückbleiben; hoffe aber,
Sie werden vernünftig sein, Egon.“

So begaben sich die Drei in das zierliche Fahrzeug,
welches alsbald, von Rödern kräftig gerudert, auf der Mitte
des Teiches trieb.

„Da sehen Sie unsere ländlichen Vergnügungen“, sagte
der Freiherr, mit dem ich jetzt langsam am Rande hinging.
„Wir führen hier ein sehr zurückgezogenes, gleichförmiges Dasein; Graf Rödern allein bringt etwas Leben und Bewegung
in unseren kleinen Kreis. Denn meine Tochter ist trotz ihrer
Jugend sehr ernst und still, und sitzt am liebsten bei ihren
Büchern oder am Clavier.“

Ich bemerkte hierauf, daß ich, allem Anscheine nach, die
Baronesse kurz nach meinem Eintreffen singen gehört.

„Haben Sie?“ erwiederte er mit väterlichem Stolz. „Nicht
wahr, eine prachtvolle Stimme, wenn auch noch nicht völlig
entwickelt. — Sie ist überhaupt ein einziges Kind!“ fuhr er
fort, indem er mit jenem Ausdruck tiefster Zärtlichkeit, der
mich früher so überrascht hatte, nach dem Kahne blickte. „Der
Himmel hat mir einen Sohn versagt, aber mit dieser Tochter reichen Ersatz gewährt. Sie war bis jetzt“, wandte er
sich mit herablassender Vertraulichkeit an mich, „in dem Erziehungsinstitute für adelige Fräulein in L . . . . Eine ausgezeichnete Anstalt, die sie als vorzüglichste Schülerin verlassen
hat. Es ist erstaunlich, welche ausgebreiteten Kenntnisse sie
besitzt; offen gestanden: ich fühle mich ihr gegenüber oft unwissend. Freilich verdankt sie Vieles, ja das Meiste nur sich
selbst und ihrem unermüdlichen Fleiße. Und dabei — welch'
ein Gemüth! Die Hingebung und Zärtlichkeit, die Güte und
Frömmigkeit selbst! Wie gesagt: ein einziges Kind! Möge
sie glücklich werden!“ fügte er, vor sich hinblickend, mit einem
leisen Seufzer bei. Doch so, als hätte er mich zu tief in sein
Herz blicken lassen, rückte er sich plötzlich in seiner stolzen
Haltung zurecht und der gewöhnliche harte, finstere Zug trat
allmälig wieder in sein Antlitz.

Inzwischen aber hatte es Rödern nicht über sich gebracht,
„vernünftig“ zu bleiben. Nachdem er eine Zeit lang den
Kahn zu Aller Zufriedenheit gelenkt, dann eine Wasserlilie
gepflückt und den schimmernden Kelch in das dunkle Haar der
Freifrau gesteckt hatte, begann er allerlei gewagte Ruderkünste
zu versuchen, wobei das Schifflein mehr als einmal in ein
höchst bedenkliches Schwanken gerieth. Und als er endlich seiner Ausgelassenheit völlig die Zügel schießen ließ und, trotz
der Bitten und Abmahnungen Raphaela's, trotz der Angstrufe
ihrer Mutter, in raschen, immer engeren Kreisen einen Schwan
verfolgte, der mit zornigen Flügelschlägen pfauchend vor dem
Kiele herschoß: da war es in der That Zeit, daß sich der
Freiherr in's Mittel legte und mit herrischem Tone befahl,
an's Land zu stoßen. So erreichte man zuletzt doch wohlbehalten das Ufer und trat nun vereint, jedoch ziemlich einsylbig
beim röthlichen Scheine des Abends den Rückweg an.

Vor dem Schlosse kehrte sich der Freiherr zu mir und
sagte gemessen: „Sie dürften sich ermüdet fühlen und es
vielleicht vorziehen, den Thee in Ihrem Zimmer zu nehmen.
Wir wollen Sie nicht länger halten.“

Ich verneigte mich schweigend. Dann nahm ich von den
Uebrigen Abschied und zog mich zurück. Obgleich ich in der
That der Ruhe bedürftig war und auch alsbald zu Bette ging,
sann ich doch unwillkürlich den Erlebnissen des Tages nach,
und so hielten mich fragende Gedanken und leise Schauer der
Seele noch lange wach. Endlich schlief ich ein. —

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich erwachte. Frisch und würzig drang der Duft des Morgens
mit dem Gezwitscher der Vögel durch die geöffneten Fenster
herein, und ich machte mich fertig, meinen dienstlichen Verrichtungen im Dorfe nachzukommen. Ueber diesen ging ein Theil
des Vormittages hin; nunmehr aber sollte ich mich nach dem
Städtchen begeben, wo ich weitere Befehle und Anordnungen
für morgen entgegen zu nehmen hatte. Da ich voraussah,
daß man mich dort an den Offizierstisch ziehen und so bald
nicht wieder loslassen würde, so erschien es mir gerathen, mich
schon jetzt bei dem Herrn des Schlosses zu verabschieden. Ich
fand ihn diesmal sichtlich zerstreut und verstimmt; vielleicht
durch den Inhalt mehrerer Briefe, die eben mit der Post gekommen zu sein schienen und erbrochen auf dem Schreibtische
lagen. „Ich bedauere“, sagte er obenhin, „daß Sie heute
nicht mehr unser Gast sein können. Setzen Sie Ihren Marsch
glücklich und wohlbehalten fort. — Es wird auch den Andern
leid thun, Sie nicht mehr zu sehen. Meine Frau ist mit dem
Grafen Rödern ausgeritten — und meine Tochter weilt jetzt
bei ihren Studien.“ Dabei machte er eine leichte Bewegung,
als wollte er sagen: Sie sind entlassen. Aber nach kurzem
Bedenken blickte er mich freundlicher an und fuhr mit einer
gewissen Wärme fort: „Es war mir in der That eine Freude,
Sie kennen gelernt zu haben. Leben Sie wohl!“ Und er
reichte mir die Hand, die ich, unwillkürlich zögernd, mit der
meinen berührte.

Es war mir eine Erleichterung, als ich die Thüre hinter
mir hatte, und wohlgemuth wanderte ich dem Städtchen zu,
wo ich Alles in fröhlicher Bewegung fand. Denn man hatte
uns zu Ehren die Anstalten zu einem Feste getroffen, welches
schon früh am Nachmittage mit einem lärmenden Preisschießen
begann und später in einen ländlichen Ball überging.

Auch ich hatte mit allen Offizieren daran Theil genommen,
hatte mit mancher Schönen des Ortes getanzt, und schon sank
die Nacht schwül und dunkel auf die Gefilde nieder, als ich
den Saal der Schießstätte verließ und mit pochenden Schläfen
den Rückweg antrat. Kein Laut regte sich in den Fichten;
schwer und betäubend schlug mir der Duft des Kornes entgegen, das jetzt die aufgesogene Gluth des Tages ausstrahlte;
am Horizont zuckte von Zeit zu Zeit ein fahles Wetterleuchten.

Schweigend, in nächtlicher Ruhe lag endlich das Schloß
vor mir; nur einige wenige Fenster waren noch erleuchtet.
Ich fand das kleine Thor unverschlossen und begab mich in
mein Zimmer. Da der Abmarsch um drei Uhr Morgens
stattfinden sollte, so warf ich mich halb entkleidet auf das
Sopha, wo ich mich einem leichten Schlummer überließ. Plötzlich erwachte ich; es war wie taghell im Zimmer. Erschreckt
richtete ich mich empor; ich glaubte schon weit in den Morgen
hinein geschlafen zu haben. Aber es war nur der Mond, der
sich inzwischen am Himmel erhoben hatte und mit seinem milden Lichte das Gemach durchfluthete. Ich blickte nach der
Uhr; sie wies eine Stunde nach Mitternacht. Was sollte ich
nun beginnen? An Schlaf und Ruhe war nicht mehr zu denken; ich beschloß daher, die Zeit bis zum Aufbruche im Parke
zu verbringen, dessen mondbeglänzte Wipfel mich wundersam
anlockten. Rasch kleidete ich mich völlig an, warf einen leichten
Mantel über — und bald knisterte der feine Kies der Wege
unter meinen Tritten. In hellem Thau schimmerte der Rasen,
geisterhaft leuchteten die Blumen auf, und eh' ich es dachte, war
ich bei dem Teiche angelangt, der mir glitzernd und flimmernd
entgegensah. Mit weitgeöffneten Kelchen lagen die Wasserlilien im feuchten Glanze, kaum unterscheidbar von dem Gefieder der Schwäne, die auf einer kleinen Insel schliefen und
träumerisch die Flügel regten, während hin und wieder aus
der Tiefe kurze, geheimnißvolle Laute heraufdrangen.

Nachdem ich das schlummernde Wasserreich langsam umschritten hatte, trat ich in ein nahes Bosquet, in welchem ich
eine Bank vermuthete und auch wirklich am Sockel einer Najade aus Sandstein antraf. Und wie ich jetzt unter den
schweigenden Wipfeln saß und dem leisen Weben der Nacht
lauschte, da wurde, was ich vorgestern hier erlebt, wieder in
meinem Geiste lebendig. Ich sah die Gestalten der Schloßbewohner vor mir bis auf den kleinsten, feinsten Zug: den
stolzen, finsteren Freiherrn; das schöne, blühende Weib mit
den dunklen Sammetaugen; das ernste blonde Mädchen —
und den jungen Grafen, der den Kahn dort auf der stillen
Wasserfläche gelenkt hatte . . . . .

Da glaubte ich mit einmal ferne Tritte zu hören. Ich hatte
mich nicht getäuscht; sie kamen näher und näher — und schon
klangen bekannte Stimmen an mein Ohr, zwar gedämpft, doch
deutlich vernehmbar in der Stille der Nacht.

„Ich sage Dir nur, daß sie Dich liebt!“

„Wenn auch. Meine Schuld ist es nicht; Du weißt
doch, daß ich sie stets mit der größten Gleichgiltigkeit behandelt habe.“

„Das ist wahr; aber mich dauert das arme Kind. Sie
hat viel von ihrem Vater, nimmt Alles ernst und schwer;
selbst kleine, unbedeutende Dinge. Sie kann nicht vergessen;
ich fürchte, dieser Eindruck wird ihr für's Leben bleiben.“

„Ah pah! Mädchenträume! Sie wird sich schon zurecht
finden; ihr Sinn ist ohnedies mehr auf's Ueberirdische gerichtet. Ich jedoch halte mich an die volle, blühende Wirklichkeit!“

„Du liebst mich also?“ Und die Stimme der Freifrau
klang weich und zärtlich.

Es erfolgte keine Antwort; aber eine Stille trat ein,
durchweht von den stürmischen Hauchen und Küssen einer langen, leidenschaftlichen Umarmung.

Zitternden Herzens preßte ich die Lippen zusammen. Ich
hatte den günstigen Augenblick, mich zu entfernen versäumt —
und nun stand die Freifrau mit Rödern in der Nähe des
Bosquets; die leiseste Bewegung, ein Odemzug mußte meine
Anwesenheit verrathen.

„Und wie lange wirst Du mich lieben, Flattersinn?“
klang es endlich.

„So lange ich athme!“ klang es berauscht entgegen.

„Gedenke Deiner Worte!“ stieß jetzt die Freifrau mit
wildem, fast unheimlichem Flüstern hervor. „Ich lasse Dich
auch nicht mehr: Du bist mir verfallen mit Leib und Seele!“

Es war zu vernehmen, wie sie ihn umschlang; dann
setzten sich die Schritte der Beiden wieder in Bewegung. Ich
erstarrte. Wenn sie jetzt in das silberberieselte Dunkel traten
— die Folgen waren undenkbar! Aber sie lenkten rechts ab
und kehrten in einem Bogen langsam und schweigend nach dem
Schlosse zurück. Je ferner, je schwächer ihre Tritte klangen,
desto leichter, desto freier fühlte ich mich; als es jedoch wieder
ganz still geworden war, da griff mir ein scharfes, eisiges
Weh an's Herz. Was ich schon vordem über den Wandel
der Freifrau vernommen, das floß jetzt mit den Eindrücken
dieser Stunde zusammen, und obgleich ich, was jetzt plötzlich
enthüllt vor mir lag, schon halb errathen hatte, so war es
mir doch, als hätte ich in einen Abgrund geblickt.

Endlich entriß ich mich der Stelle, suchte meinen schlafenden Diener auf und begab mich in das Dorf hinunter, wo
ich noch vor der Zeit Reveille schlagen ließ. Und fort zog ich
in den grauenden Tag hinein, das Schloß, seine Menschen
und ihre Schicksale hinter mir zurücklassend. — —

II.

Jahre waren dahin gegangen. Das Leben, immer ernster und vielgestaltiger mit strengen Forderungen an mich
herantretend, hatte alle diese Eindrücke verwischt, und ich
dachte kaum mehr meines kurzen Aufenthaltes im Schlosse
Reichegg. In den öffentlichen Blättern hatte ich zwar gelesen,
daß der Freiherr mit dem Tode abgegangen sei. Durch die
Zeitereignisse gestürzt; den Untergang alles dessen erlebend,
was er begründen half: war ihm bei dem großen Wandel
der Dinge nichts übrig geblieben, als zu sterben. Von seiner
Gemahlin und Raphaela jedoch vernahm ich nichts mehr.
Neue Verhältnisse hatten neue Erscheinungen in den Vordergrund gestellt; die schöne, einst so gefeierte Frau war vergessen und blieb mit ihrer Tochter verschollen — für Diejenigen wenigstens, die mit ihren Kreisen nicht in Berührung
kamen. — —

Da traf es sich, daß ich bei einem kurzen Aufenthalte in
der Lagunenstadt vor einem Kaffeehause des Marcusplatzes
saß. Es war noch ziemlich früh am Tage und nur wenige
Menschen beschritten die prächtigen Quadern, auf welche die
Sonne hell und glänzend niederschien. Plötzlich zeigten sich,
von der Stadtseite kommend, zwei hohe vornehme Gestalten in
Reisekleidern; ein Herr und eine Dame, die Arm in Arm einher
gingen und, da sie mich bekannt anmutheten, meine Aufmerksamkeit fesselten. Als sie mir näher gekommen waren, trat
ein Blumenmädchen mit erhobenem Korbe auf sie zu. Die
Dame blieb stehen, hielt ihren Begleiter, der vorbeischreiten
wollte, am Arme fest — und nun zuckte ich fast erschreckt zusammen: ich hatte endlich in dem Paare Rödern und die
Freifrau erkannt! Die Letztere hatte sich zwar in ihrem
Aeußeren nicht sonderlich verändert. Der tadellose Wuchs,
die eigenthümlich stolzen und doch geschmeidigen Gliederbewegungen waren ihr geblieben; aber aus ihrem Antlitz, das trotz
der weißen Schminke noch immer schön genannt werden konnte,
war alles Milde und Liebliche verschwunden, und ein herrschsüchtiger, rücksichtsloser, durch das herannahende Alter gereizter
und erbitterter Wille hatte sich mit fast verletzender Schärfe
in jedem einzelnen Theile ausgeprägt. Einen noch traurigern
Anblick bot Rödern. Er war vor der Zeit grau geworden;
seine Haltung erschien nachlässig und gebückt, während in
seinen schlaffen Zügen ein unsäglich öder, trostloser Ausdruck
von stummer Duldung und verbissenen Qualen lag, den der
sorgfältig gepflegte dünne Bart und das kunstvoll gescheitelte
Haar nur noch deutlicher hervorhoben. Mit scheuer, verdrossener Lüsternheit blickte er von der Seite nach dem jungen
großäugigen Geschöpfe, das, ein dünnes Korallenschnürchen
um den bräunlichen Hals, vor seiner Begleiterin stand. Er
schien froh zu sein, als diese endlich eine Anzahl kleiner
Sträuße ausgewählt und mit unangenehmem Lächeln mehrere
Silbermünzen in den Korb des Mädchens geworfen hatte. —

Der Ausspruch von damals hatte sich also erfüllt: „er
war ihr verfallen mit Leib und Seele!“ Wie ernst, wie
furchtbar sind doch die Verkettungen des Lebens! So dacht'
ich, während die Erinnerungen jener Mondnacht in mir aufleuchteten, und konnte mich nicht enthalten, den Beiden bis
auf die Riva zu folgen, wo sie eine Gondel heran winkten.
Sie stiegen ein und ließen sich hinaus rudern in die blaue,
schimmernde Wasserfläche, wie von einem dunklen Sarge umschlossen. Es waren zwei Todte. — —

Langsam kehrte ich über die Piazzetta wieder zurück.
Düster und schweigend lagen die alten Paläste da und wehten
mich in ihrer verfallenden Pracht mit den Schauern der Vergänglichkeit an. — Wie lange war es her, da umflatterte
noch das schwarzgelbe Banner Oesterreichs den weit ausblickenden Thurm, und unter den mächtigen Säulenhallen
wogte das bewegte, glänzende Leben verhaßter Fremdherrschaft
auf und nieder. Nun war Venedig frei — aber auch stiller,
einsamer, öder geworden. Und wie hatte sich dieser Wandel
vollzogen! Langsam, schrittweise; doch unaufhaltsam, trotz aller
Gegenbestrebungen. Erschien es nicht wie tragische Ironie des
Schicksals, als man zuletzt rathlos die Erfüllung in die Hand
des Mannes legte, der damals an der Seine über das Loos
der Völker entschied!? Unwillkürlich mußte ich des todten
Freiherrn und seiner stolzen Ueberzeugungen gedenken; es war
mir, als ginge sein Schatten neben mir her, scheu und finster.
— Und seine Tochter? Wo weilte sie? Hatte sie sich, wie
Rödern damals vorausgesetzt, zurechtgefunden, oder war
sie ein einsamer Fremdling geblieben in dieser Welt voll Irrthum und Schuld; in dieser Welt, wo nichts Bestand hat, als
der Schmerz, und wo selbst das Höchste und Bedeutsamste
allmälig vergeht und verweht, als wäre es nie gewesen!? —

Auch diese Frage sollte mir endlich die Zeit, die Alles
enthüllt und das Getrennteste nach und nach zusammenführt,
beantworten. — Es war erst vor Kurzem, daß ich mich in
eine größere, ob ihrer landschaftlichen Umgebung vielgerühmte Provinzstadt begab, um eine schmerzliche Pflicht
zu erfüllen. Einer meiner vertrautesten Freunde, welcher dort
seinem wissenschaftlichen Berufe nachlebte, war nämlich von
einem körperlichen Leiden befallen worden, das, anfänglich
nicht beachtet, immer heftiger und gefährlicher hervortrat.
Jeder häuslichen Pflege und Fürsorge entbehrend, sah er sich
endlich gezwungen, in dem öffentlichen Krankenhause der Stadt
Aufnahme zu suchen, wo man ihm ein abgesondertes, für
solche Fälle bereit gehaltenes Zimmer zur Verfügung stellte.
Auf die Nachricht hievon war ich also herbeigeeilt, um dem
Einsamen in diesen schweren Tagen tröstend und vielleicht
auch hilfreich zur Seite zu stehen; verweilte daher oft und
lange in dem düsteren, schwermüthigen Gebäude, das, wie
fast alle ähnlichen Anstalten, auf einem großen, verödeten
Platze liegt, wo eine Kirche, eine Kaserne und ein altes, wüst
aussehendes Gefangenhaus seine nächste Umgebung bilden.
Das Zimmer des Kranken war klein und schmal und ging
mit seinem einzigen Fenster auf einen stillen Nebenhof hinaus,
in welchem ein bemooster Steinbrunnen leise plätscherte. In
den Nachmittagsstunden vergoldete auf kurze Zeit ein hereinfallender Sonnenstrahl die kahlen Wände und umschimmerte
einige Blumen, die in schlichten Töpfen auf dem Fensterbrette
standen. Außer mir kamen nur wenige Besuche. Desto häufiger aber fand sich der Arzt ein, der meinen Freund behandelte. Es war ein älterer, behaglicher Junggeselle. Seine
vollen Wangen zeigten das Roth der Gesundheit, und um die
Lippen spielte ein feinsinnlicher Zug; aber seine Stirne war
frei und hoch, und aus seinen hellen Augen strahlten Geist
und Erkenntniß. Auf der Höhe des heutigen Wissens stehend
und in seinem Fache selbst ein leidenschaftlicher Forscher, hatte
er sich doch jene tieferen Gemüthslaute bewahrt, die bei einem
Arzte dem Kranken gegenüber so wohlthuend wirken. Vor
Allem aber war es sein köstlicher Humor, der ein Gespräch
mit ihm als wahren Genuß empfinden ließ; wie denn auch
mein armer Freund während seiner Anwesenheit stets ganz
und gar des quälenden Leidens vergaß — freilich nur, um
es später desto schmerzlicher zu empfinden. —

So hatte ich denn eines Morgens wieder Himmel und
Sonnenschein draußen zurückgelassen, um die düstere Treppe
des Krankenhauses hinanzusteigen, in welchem ich ein außergewöhnliches, stillbewegtes Treiben wahrnahm. In das bekannte.
Zimmer tretend, fand ich den Doctor am Bette; jedoch eben
im Begriffe, sich zu verabschieden.

„Eilen Sie doch nicht so, bester Doctor“, sagte mein
Freund; „bleiben Sie noch ein wenig bei uns.“

„Geht nicht. Wir haben heute große Visite. Die Oberin
der Schwestern, die hier im Hause den Dienst der Krankenpflege versehen — und zwar ganz tüchtig, wie ich bekennen
muß. Denn dazu ist vor Allem Disciplin nothwendig, und
diese läßt sich dem geistlichen Völklein nicht absprechen. Schweigen und gehorchen, das heißt, seinen Vorgesetzten gegenüber,
hat es gelernt. Zudem ist die Oberin eine vortreffliche, ja
geradezu wundervolle Persönlichkeit; sie hat sich schon im
Directionszimmer eingefunden und ich lasse mir das Vergnügen nicht rauben, mich ihr als Begleiter durch die Krankensäle
anzuschließen. Wissen Sie“, fuhr der Doctor nach einer kleinen Pause fort, „wer sie eigentlich ist? Eine Tochter des
alten Erzaristokraten und Finsterlings Reichegg, der ein so
trauriges Andenken hinterlassen hat. Aber auf sie ist das
Sprichwort nicht anwendbar, daß der Apfel nahe zum Stamme
fällt. Keine Spur von Bigotterie oder Unduldsamkeit; eine
ächte Frauenseele, voll Nachsicht und Menschenliebe — und
jener Frömmigkeit, die Einen bedauern läßt, daß man sie
selbst nicht mehr besitzen kann. Und auch da oben“ — er
deutete mit dem Finger nach der Stirn — „sieht es sehr
respectabel aus. So Mancher, der sich auf den Gelehrten
hinaus spielt und Bücher schreibt, müßte sich vor ihr verkriechen. Schade, ewig schade, daß sie Nonne geworden. Es
heißt zwar, ihr Vater habe sie von Kind auf dazu erzogen;
aber ich glaub's nicht. Wenn die Weiber in's Kloster gehen,
steckt immer eine unglückliche Herzensgeschichte dahinter. Na,
warten Sie: sobald der Cölibat aufgehoben ist, mach' ich es
wett und halte um ihre Hand an. Vielleicht nimmt sie mich
noch!“ Und damit eilte er lachend zur Thüre hinaus. —

Was ich bei den Worten des Doctors empfunden hatte,
läßt sich denken. Aber meine Ueberraschung ging sogleich in
das wohlthuende Gefühl innerster Befriedigung über. Das
war ja der nothwendige Ausgleich, der versöhnende Abschluß
in dem Leben des ernsten blonden Mädchens, das ich einst in
seiner ahnungslosen Hoheit so tief beklagt hatte. Und so war
es auch mehr als bloße Neugierde, wenn mich ein unwiderstehliches Verlangen faßte, die Oberin zu sehen. In Folge
dessen trat ich nach einiger Zeit aus dem Zimmer, um Erkundigungen einzuziehen, wann sie die Anstalt verlassen würde;
ich wollte sie unten in dem großen, mit Bäumen bepflanzten
Hofe erwarten, den sie beim Weggehen durchschreiten mußte.
Als ich mich später dorthin begab, traf ich viele Kranke und
Genesende, die sich wohl in gleicher Absicht eingefunden hatten.
Wir mußten lange warten. Endlich kam sie, von einer jüngeren Schwester, dem Director der Anstalt und unserem Doctor begleitet, langsam die Treppe herunter. Ruhig und würdevoll, die ernsten blauen Augen vor sich hin gerichtet, durchschritt sie den Hof, hier und dort mit leisem Senken des
Hauptes dargebrachte Grüße erwiedernd. Die Flucht der
Jahre hatte ihrem Antlitz, bis auf einige feine Fältchen um
den Mund, keinerlei Spuren aufgedrückt; vielmehr erschien
sie jetzt in erhabener, vergeistigter Schönheit, mit welcher
die weiße Beguine, der dunkle Faltenwurf der Gewänder
und das goldene Kreuz vor der Brust in ergreifendem Einklange standen. Draußen am Thore harrte eine große schwerfällige Kutsche; der schwarz gekleidete Diener öffnete den
Schlag — und die Oberin fuhr an der Seite der Schwester
in das fröhliche Menschengewühl belebter Gassen hinein — ihrem
Kloster zu, das, wie ich später sehen konnte, am äußersten
Ende der Stadt auf einer sanften, wipfelbeschatteten Anhöhe lag.