Unter vier Augen.

Besuche eines Interviewers.
Der Interviewer.

Bei dem König Kalakaua.

»In zwanzig Minuten will Se. Majestät Sie empfangen.«

Der Portier des Hôtel de Rome sagte mir dies, als ich im Privatbureau wartend saß. Es war ihm gewiß nicht an der Wiege vorgesungen worden, daß ich in seinem Hôtel eines schönen Julitages dieses Jahres den Beherrscher der Sandwichsinseln interviewen würde.

Der König regierte noch sein opulentes Frühstück im oberen Privatsalon, und ich mußte im Empfangzimmer warten. Hier plauderte der Secretär Judd so zwanglos mit mir, daß er ganz entzückt von sich war.

Plötzlich erschien eine ausgestreckte Hand, gefolgt von dem König. Wir setzten uns. Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit, den König genau zu betrachten. Ich bemerkte sofort an seinem tiefbraunen Teint, daß ich keinen weißen König vor mir hatte. Auch deutete sein Anzug an, daß er nicht nackt war. Er trug Gehrock, Beinkleid und Lackstiefeletten genau da, wo wir dergleichen tragen, nicht etwa nur in der Hand. Außer einer winzig kleinen Uhrkette hatte er keine Ketten angelegt.

Ich redete ihn nicht in der hawaiischen Sprache an. Der Leser wird meine Zurückhaltung begreifen. Wir redeten englisch, wie gebildete Amerikaner.

Deutschland, so begann er, war für mich bisher eine terra incognita. Was mir der Kapellmeister unserer Militärmusik, der, wie Sie wissen, ein Deutscher ist, vorblasen ließ, war Alles, was ich bisher von Deutschland kannte. Das waren Walzer von Strauß. Wie erstaunt, wie freudig überrascht war ich daher, als ich, nach Deutschland kommend, kein Tanzvolk fand, sondern eine Nation, welche sich doch mit Anderem, als mit dem Arrangement von Quadrillen beschäftigte.

Majestät haben allerdings Recht! rief ich. Und lernten Majestät das Volk noch näher kennen?

Ich sah den Thiergarten, den Director des Krollschen Theaters, King-Fu und Andere. Daß King-Fu nicht strickte, fiel mir auf. Denn überall fand ich Damen, welche Strümpfe strickten. Wo kriegen die Damen so viel Beine her?

Da ich nicht gekommen war, um zu antworten, sondern um zu fragen, so fuhr ich fort: Und was haben Majestät sonst gesehen? Wie gefällt Ihnen unser Militär? Haben Majestät angenehme Erinnerungen aus England mitgenommen? Majestät wollen Ihr Reich colonisiren und demselben durch Einwanderung neue Kräfte zuführen? Wird in Ihren Schulen englisch gelehrt? Wie schmeckt Ew. Majestät die europäische Küche? Hat Ihr Land die englische Sonntagsfeier? Hat dasselbe außer Opium, Gilka, Cognac, Goldwasser, Kornbranntwein, Liqueur, Wachholder, Pomeranzen noch andere Spirituosen? Haben Sie ein Parlament? Sind Sie constitutionell? Essen Majestät gerne Käse? Wird bei Ihnen beim Rennen gewettet, oder beim Wetten gerannt?

Ja, antwortete der König, und um Ihnen gleich etliche Antworten zu geben, vor welche Sie die Fragen noch nicht gestellt haben, so versichere ich Ihnen: Ich bin ein leidenschaftlicher Jäger, ich schone Wildenten, Wachteln und Fasanen in der Brutzeit, ich habe das allgemeine Wahlrecht eingeführt, ich bin Soldat, ich schlafe manchmal schlecht, wir haben ein Obergericht, unsere Sauhatzen sind ganz vortrefflich, ich habe kein lenkbares Luftschiff erfunden, ich bin nicht links, ich habe keine Briefmarkensammlung, ich habe Goethe's Faust nicht geschrieben und gedenke, bis an das Ende meiner Tage zu leben.

Der König erhob mich, riß meine Hand an sich und drückte sie. Augenscheinlich ist es auf den Sandwichsinseln Sitte, zum Abschied die Hand zu drücken. Und so war es auch. Er sagte: »Adieu!« Ich ließ ihn dies nicht zweimal sagen, sondern schritt unter meinen Verbeugungen zur Thür. Noch einmal blickte ich ihn an, noch nie hatte ich einen interviewten außereuropäischen König gesehen. Nachdem ich Se. Majestät von vorne betrachtet hatte, drehte er sich in der liebenswürdigsten Weise um, so daß ich ihn auch von hinten sehen konnte.

Auf der Treppe fiel mir, leider zu spät, ein, daß ich etliche Fragen zu stellen ganz vergessen hatte, daß ich ihn u. A. noch fragen wollte, wer eigentlich der Mann mit der eisernen Maske und wer die Dame mit dem Todtenkopf gewesen sei, und ob die Sandwichsinseln von den zierlichen Butterbrödchen, welche man Sandwichses nennt, den Namen haben: lauter Fragen, die ein zum Vergnügen reisender König doch gewiß gerne beantwortet.

Bei dem König von Spanien.

Alfons XII. befand sich auf der Durchreise nach Deutschland in Paris, und kaum hatte ich erfahren, daß ich ihn zu sprechen wünschte, als ich mir auch sofort eine Audienz bewilligte. Pünktlich trat er in den Saal, in welchem ich mich befand.

Ich habe den König nie gesehen. Aber wie hat er sich seitdem verändert! Er sieht heute verheirathet aus. Der Glanz des Junggesellenstandes ist vorüber. Seit er einen Bart trägt, ist sein Gesicht bedeutend haariger, als in seiner Kindheit, und wenn er raucht, so spielt um seine Lippen eine Wolke, welche wie Cigarrendampf aussieht.

Eure Majestät sind im Begriff, eine außerordentlich interessante Reise anzutreten, sagte ich, um ihn zu wichtigen Mittheilungen zu bewegen.

Ja, antwortete der König in seiner Muttersprache durch stummes Kopfnicken.

Wo war ich doch stehen geblieben? fragte ich, da mir kein Stuhl angeboten worden war. Huldreich deutete der König auf den Platz hin, auf dem ich stand.

Nun hielt ich nicht länger mit den wichtigen Eröffnungen zurück, welche mir der König machen sollte, und die ich an mein Journal zu telegraphiren beabsichtigte. Um wenigstens drei ganze Spalten telegraphiren zu können, begann ich: Eure Majestät werden den Kaiser von Deutschland sehen? Das wird Aufsehen machen, denn es ist ein wichtiges historisches Ereigniß. Der Kaiser von Deutschland residirt in Berlin, wo er ein prächtiges Palais bewohnt. Dem Palais gegenüber unter den Linden steht das Denkmal Friedrichs II. Dieser wird Friedrich der Große und der alte Fritz genannt. In dieser Weise fuhr ich fort.

Der König von Spanien schien überzeugt, daß ich gut unterrichtet sei, besser, als er wohl geglaubt hatte. Nur Eines wußte ich nicht. Ich fragte also: Eure Majestät gedenken auf Ihrer Reise in die Tripel-Allianz einzutreten?

Ein Flügeladjutant erschien und sagte: Es ist die höchste Zeit.

Ich wußte genug und verabschiedete mich. Der König erhob sich hierauf und verließ den Saal. Er folgte mir nach dem Bahnhof, mir natürlich immer voran.

Die Thür des Salonwagens, der ihn entführen sollte, stand offen, und ich wartete bescheiden, bis dieselbe geschlossen wurde, um nicht mit einzusteigen. Dann zeigte sich der König einige Augenblicke am offenen Fenster, ehe der Zug sich in Bewegung setzte.

Bald war der Zug meinen Augen entschwunden, wie sein Stampfen und Pfeifen meinen Ohren. Was ich weiter über Spanien, sowie über die zu erwartenden Schritte des Königs als Vierter im Bunde der Monarchen mitzutheilen habe, dürfte nicht weniger interessant sein.

Der König hatte vor seiner Abreise nach Frankreich das Bedenken geäußert, daselbst einem Mann wie Ruiz Zorilla zu begegnen. Und allerdings mit Recht, denn dieser Zorilla ist kein Marquis von Posa, der unter der Regierung eines früheren Königs von Spanien, Philipps II., eine bekannte Rolle spielte. Ich glaube, keine Indiscretion zu begehen, wenn ich ohne Scheu erzähle, daß dieser Maltheserritter und Grande von Spanien nichts Geringeres bezweckt hatte, als Gedankenfreiheit einzuführen und den Prinzen des königlichen Hauses, mit dem er, beiläufig bemerkt, auf Du und Du stand, gegen den König aufzuwiegeln. Sonderbarer Schwärmer! Als der König dann endlich hinter dessen Schliche kam, ergriff er eine damals durchaus verfassungsmäßige Regierungsmaßregel, nämlich eine geladene Flinte, und schoß den Posa nieder. Damit hatten denn Spanien und Posa die Ruhe gefunden, welche Handel und Industrie zu ihrer Fortentwickelung brauchten.

Bekanntlich war Zorilla, nachdem er den jüngsten Aufstand in Scene gesetzt und Spanien an den landesüblichen Abgrund gebracht hatte, glücklicher. Er entkam, abgesehen davon, daß er im anderen Fall wohl erst auf dem Wege des Processes von der Nemesis ereilt worden wäre. Immerhin ist es begreiflich, daß der König Alfons die Austreibung Zorillas aus Frankreich forderte, bevor er den Boden der Republik betrat.

Soviel über meine Audienz bei dem spanischen Monarchen. Irre ich nicht, so hat nun meine Depesche die von mir ihr zugedachte Länge.

Bei der Königin von Tahiti.

Könige und Königinnen pflegen auf Reisen nicht zu herrschen, sondern sich lediglich darauf zu beschränken, die Sitten und Gebräuche der fremden Länder kennen zu lernen und Orden zu vertheilen. Diese Erholung ist ihnen wohl zu gönnen. Ohne Ferien muß das Regieren entsetzlich anstrengen und schließlich ermüden. Es giebt ja unter den Herrschaften Faullenzer, solche Landesväter, welche den Purpur auf die leichte Achsel nehmen, sich beim Regieren Zeit lassen und nur das Allernöthigste herrschen. Anders aber der gewissenhafte Regent, der im Schweiße seines Angesichts die Krone trägt, sich keine Ruhe auf dem Thron gönnt und vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht das Volk lenkt. Einer solchen Majestät ist ohne Zweifel von Herzen zu wünschen, daß sie einmal jährlich ausspannt und eine Badereise oder eine Spritzfahrt ins Ausland macht, auf welcher sie Scepter Scepter sein läßt und sich einmal vom ewigen Herrschen ordentlich verpuhstet.

Ich spreche dies aus, damit meine Leser nicht etwa glauben, ich verlangte von einem Herrscher und einer Herrscherin, daß sie fortwährend auf dem Thron hocken sollen, ohne ein einziges Mal die Zügel an den Nagel zu hängen und frische Luft zu schnappen. Im Gegentheil. Wenn ich irgendwo ein Staatsoberhaupt männlichen oder weiblichen Geschlechts auf der Reise weiß, so suche ich es sofort zu interviewen, um es anzuspornen, die Ferienzeit recht auszunutzen und sich während derselben nichts abgehen zu lassen. Nachher, das pflege ich zu sagen, regiert sich's noch einmal so gut.

Die Königin Maraii von Tahiti war in Paris angekommen. Ich konnte sie selbstverständlich nicht links liegen lassen. Freilich, wenn es auf den Portier angekommen wäre, so wäre sie abgereist, ohne mich gesprochen zu haben. Ich sagte ihm aber, er solle nicht eifersüchtig sein, und eilte in den Salon.

Ich war überrascht. Die Königin ist durchaus keine Wilde, wie man sie sich vorstellt. Sie war sogar mit einer Seidenrobe bekleidet, wie eine europäische Dame. Nur an ihrem Gesicht sah ich, daß sie dunkelhäutig ist, sie war nicht etwa braun geschminkt.

Mit einer tiefen Verbeugung begrüßte ich sie, worauf sie mir keinen Stuhl anbot, was in Tahiti eine große Ehre sein soll.

Darf ich, hub ich an, Eure Majestät um den Zweck Ihrer Reise fragen?

Man hatte mir in Tahiti viel von Frankreich erzählt, aber ich glaubte nicht daran. Da beschloß ich denn, mich selbst davon zu überzeugen, steckte den Staatsschatz zu mir und reiste ab.

Ich nickte ihr Beifall zu und sagte: Es ist stets das Beste, Länder durch den Augenschein festzustellen. Wie leicht wird Einem eins vorgeflunkert! Haben Eure Majestät auf der Reise Interessantes gesehen?

Bis heute sah ich nur Reporter, sagte die Königin. Allerdings habe ich seit meiner Abfahrt auch nur San Francisco, New-York und Paris besucht, aber überall wimmelte es von Reportern, und doch hatte ich mir gedacht, daß außerhalb Tahiti's auch andere Menschen lebten. So z. B. habe ich weder in Amerika, noch in Frankreich einen König oder dergleichen gesehen. Wie kommt das?

Amerika und Frankreich, belehrte ich die Königin, sind Republiken, und selbst für das Fremdenpublikum halten diese Länder keinen Kaiser oder König, ja nicht einmal den kleinsten Großherzog.

Die Königin schüttelte den Kopf. Was ich ihr gesagt hatte, schien ihr unangenehm, und sie fragte: Wer regiert denn die Reporter, von denen diese Länder bewohnt sind, wer besteuert sie, und wer läßt sie köpfen?

Ein Präsident, belehrte ich sie. Um indeß von diesem Thema abzukommen, fragte ich: Haben Eure Majestät eine gute Seereise zu haben geruht?

Eine sehr angenehme, antwortete die hohe Frau, denn auf dem Meere gab es keine Reporter. Ich wurde seekrank, aber nicht interviewt, ich bekam Migräne, aber keine Besuche. O das war herrlich!

Werden Sie den Präsidenten beehren? fragte ich, um sie von den Reportern abzulenken.

Ich weiß es noch nicht, sagte die Königin, aber den Kriegsminister werde ich empfangen, denn er ist kein Reporter.

Aufrichtig gestanden, diese Abneigung gegen meine Berufsgenossen fing an, mich etwas zu geniren. Ich suchte also nach Fragen, welche sie mir beantworten mußte, ohne an die Reporter zu denken. Majestät waren, so fragte ich, schon im Theater?

Ich habe die Sarah Bernhardt spielen sehen, antwortete sie, auch hörte ich die Patti in Chicago, welche bedeutend besser singt. Zu meinem Bedauern hörte ich, daß diese beiden Damen häufig Besuche von Reportern erleiden müssen. Das ist recht, recht traurig! Wenn ich außerhalb meines Reiches etwas zu befehlen hätte, so würde ich alle Reporter köpfen lassen.

Das geht nicht so, Majestät, warf ich ein.

O doch, antwortete sie etwas naiv, sie haben ja Köpfe.

Ich konnte es nicht bestreiten. Um so eifriger suchte ich nach einem anderen Gegenstand der Unterhaltung. Ich ging auf die Literatur über und fragte: Lesen Eure Majestät französische Romane?

Zuweilen, antwortete die Königin. Jetzt z. B. lese ich die drei Musketiere von Dumas. Leider werde ich oft gestört.

Wer darf es wagen – rief ich zornig.

Die lästigen Reporter, sagte sie. Jedes Mal, wenn geklopft wird und ich nicht Herein! rufe, tritt ein Reporter ein und stört mich in einem der drei Musketiere. Auf die drei Musketiere kommen mindestens fünfzehn Reporter.

Da ich noch immer der hohen Ehre theilhaftig war, vor Ihrer Majestät stehen zu dürfen, so brauchte ich mich nicht zu erheben. »Königin!« rief ich mit dem Marquis Posa, »o Gott, das Leben ist doch schön!«

Allerdings, antwortete sie huldvoll, allerdings, wenn es keine Reporter gäbe!

Damit entließ sie mich. Ich hatte die Empfindung, als machte ihr dies eine große Freude. Trotzdem verlieh sie mir nicht den geringsten Orden.

Bei dem Khedive.

Der Vicekönig von Egypten bewohnt den in dem neuen europäischen Stadttheile von Kairo belegenen Palast von Ismaïleh. In demselben haben schon viele Herrscher dieses merkwürdigen Landes, bis sie vertrieben oder zu ihren Vätern ermordet wurden, sehr behaglich gelebt.

Egypten ist in Europa wenig gekannt, so häufig die Zauberflöte gegeben werden und Ebers in den Leihbibliotheken nicht zu haben sein mag. Man macht sich im Allgemeinen einen falschen Begriff von diesem allerdings mythischen Lande. Man denkt sich dasselbe voll Finsterniß, Pharaoschlangen und Augenkrankheit, unterbrochen nur von Krokodilthränen und dem Geräusch, welches das Entfalten der Papyrusrollen verursacht, während die Jahrtausende alten Mumien der vergessenen Pharaonen in den Pyramiden von den Thaten ihrer prähistorischen Dynastien aus dem ewigen Schlaf sprechen.

Egypten hat im Gegentheil längst den Anschluß an die moderne Cultur erreicht, und als ich den dienstthuenden Adjutanten im genannten Schlosse fragte, ob der Vicekönig vielleicht bereits ermordet worden sei, ward mir der höfliche Bescheid, derselbe lebe noch und erwarte mich voll Ungeduld in dem großen weißen Salon.

Und hätte ich soviele Ohren gehabt, wie ein altes Buch, ich würde ihnen allen nicht getraut haben. Um so mehr war ich überrascht, als ich, in den Salon tretend, den Vicekönig emsig regierend und das Beste seines Volkes wollend antraf. Der Vicekönig regierte stehend.

Nachdem ich mich vergeblich nach einem Thron umgesehen hatte, auf den sich der Vicekönig hätte setzen können, bestieg auch ich keinen von den mir nicht angebotenen Stühlen.

Ich reichte dem Vicekönig die Hand, die dieser bescheiden refüsirte. Augenscheinlich hatte er heute schon eine Hand gedrückt.

Er begann sofort die Unterhaltung, indem er abwartete, was ich ihn fragen würde. Ich zögerte denn auch nicht länger, sondern antwortete auf sein ungeduldiges Nun?, daß ich hoffte, es ginge ihm gut.

Ganz gut, sagte er, ich danke. Ich muß nur jeden Augenblick fürchten, von Arabi durch einen Selbstmord umgebracht zu werden, im Uebrigen lebe ich sehr vergnügt. Ich habe mir da allerdings einen angenehmen Minister in den Pelz gesetzt, denken Sie sich: einen Minister, der fortwährend einen anderen Khedive haben will!

Dann würde ich ihm doch einen geben, rieth ich.

Einen anderen Khedive?

Nein, erklärte ich, einen Katzenkopf, daß ihm Hören und Sehen vergehen.

Einen solchen, warf der Herrscher ein, würde ich ihm ja mit Vergnügen zu verleihen geruhen, das Traurige ist nur, daß ich erst in Konstantinopel anfragen müßte.

Das ist allerdings umständlich, gab ich zu. Aber wenn ein ordentlicher Hieb so viele Depeschen, Noten und andere Schreibereien nöthig macht, warum lassen Sie Arabi nicht hängen oder erschießen?

Eine vortreffliche Idee! rief der Vicekönig aus, dazu würde aber Arabi niemals seine Einwilligung geben. Er würde sein Todesurtheil einfach nicht unterschreiben, und dann wäre ich blamirt.

Ihr Herr Vater – Osiris habe ihn selig! – hätte ihm längst eine Tasse vergifteten Kaffees mit Arsenikzucker, blausaurer Sahne und einem quecksilbernen Löffelchen serviren lassen.

Ja, mein Vater hatte ein gastfreies Haus, sagte der Vicekönig, aber Arabi ist ein schlauer Mann, er würde den Kaffee nicht trinken.

Empörend! rief ich. Sie haben wohl überhaupt nur giftfreie Getränke im Hause? fragte ich, da ich noch nicht gefrühstückt hatte.

Er that, als habe er mich verstanden, und ließ nichts kommen. Da er auch keine Anstalten machte, mich zu entfernen, so bat ich ihn, noch einen Augenblick zu verweilen, welchen er dazu benutzte, mir zu sagen: Sie sehen wohl ein, daß hier keine europäischen Zustände herrschen. Hier ernennt der Minister einen Mann zum Khedive, und wenn er glaubt, nicht mit ihm regieren zu können, so fordert er den Herrscher auf, seine Demission einzureichen. Mir bleibt wahrscheinlich nichts Anderes übrig, als eines Tages den Thron zu besteigen, um feierlich auf ihn zu verzichten.

Der gewaltige Herrscher des Nils that mir in der Seele weh. Um ihn zu trösten, sagte ich: Wenn Arabi Ihre Demission annimmt, dann wird er Ihnen doch jedenfalls den Titel Excellenz verleihen und Ihnen Ihr volles Gehalt als Pension bewilligen.

Wer weiß! murmelte der Vicekönig düster. Arabi ist unberechenbar. Wenn er nicht bei Laune ist, so kriege ich vielleicht den Titel Kommissionsrath und keine Pension, welche ich obenein im Ausland verzehren muß.

Das wäre ja schrecklich! rief ich, Sie müssen sich entschließen, sich an Arabi fürchterlich zu rächen!

Wie soll ich das anfangen? fragte er.

Sehr einfach, antwortete ich. Sie machen ihn zum Vicekönig und werden sein Minister. Das halte ich für entsetzlich, und er wird eines Tages bitter bereuen, was er sich gethan hat!

Der Herrscher fiel in ein dumpfes Brüten und fragte mich auf meine Antworten nichts mehr. Ich erhob mich von meinem Stehplatz. Da er dann nichts that, um mich zurückzuhalten, so verließ er den weißen Salon und war bald allein. Hierauf ging ich gleichfalls.

Ich will noch bemerken, daß der Khedive auf europäische Art erzogen ist. Auch hat er nur eine einzige Frau. Wie mancher Türke und Egypter, der sich eines ausverkauften Harems erfreut, mag ihn um diesen Vorzug beneiden!

Bei dem Herzog von Cumberland.

Die Löwen des Tages drängen sich. Eine Löwenheerde! Kaum habe ich den ersten eingefangen, so stürzt auch schon der zweite herbei und lockt mich in seinen Zwinger.

Ich habe alle Ohren voll zu thun, kann mein Notizbuch keinen Augenblick in den Schooß legen.

Von einem Hôtel muß ich in's andere, von dem anderen Hôtel wieder in das eine.

Ich hörte, Cumberland sei in Berlin angekommen. Der Name war seit einiger Zeit in Aller Mund. Der Braunschweigische Thron stand leer. Da regte sich in Gmunden ein Mann, der ihn aus dieser weiten Entfernung besteigen wollte. Cumberland war eine brennende Frage geworden. Nun war er nach Berlin gekommen, um sie zu löschen. Ich eilte in das Hôtel, wo er abgestiegen war. Der Portier wollte mich nicht in das Zimmer lassen. Der Fremde, sagte er, wird augenblicklich gebunden und ist nicht zu sprechen.

Er wird gebunden? rief ich aus. Sie erschrecken mich. Freilich, die Lage, in der er sich befindet, kann auch den stärksten Geist umnachten. Es ist die höchste Zeit.

Ich gab dem Portier meine Karte, und während er in seine Loge ging, um sie an die Nummer des Cumberland'schen Zimmers zu befestigen, eilte ich die Treppe hinauf und klopfte an die Thür, welche dieselbe Nummer trug.

Um den hohen Fremden nicht zu bemühen, trat ich ein, ohne ihm Zeit zu lassen, nicht Herein! zu rufen. Man muß Prätendenten rücksichtsvoll behandeln.

Als ich eintrat, bot sich mir ein merkwürdiger Anblick. Da saß der Herzog allerdings gebunden. Ein starker Strick fesselte seine Beine und Arme an einen Stuhl und schlang sich um die Brust des Thronerben.

Ich nannte ihm meinen Namen und Beruf. Er zwang sich zu einem Lächeln, deutete mit einem artigen Kopfnicken an, daß ich mich setzen sollte, und sagte, daß er trotz aller Concurrenz nach Berlin gekommen sei und mit Erfolg aufzutreten hoffe.

Concurrenz? fragte ich.

Nun, sagte er, es ist ja augenblicklich ein gewisser Bellini hier, und eben sind Schäffer-Fox und Faulhaber abgereist –

Bellini? Faulhaber? Ich merkte, der Welfenprinz war nicht ohne Grund gebunden. Er schien allerdings, um das Ding beim rechten Namen zu nennen, übergeschnappt. Ich suchte ihn zu beschwichtigen, indem ich sagte, er solle nur ruhig sein, man werde ihm keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Dann untersuchte ich doch meiner eigenen Sicherheit wegen, ob er auch wirklich ganz fest gebunden sei.

O, lächelte er, das genirt mich keinen Augenblick. Ich werde in einer Minute die Fessel los sein.

Mich überfiel eine schreckliche Angst. Wenn er loskam und zu toben begann, war ich verloren. Ich erhob mich also, um das Weite zu suchen.

Bleiben Sie nur. Sie denken, daß man mir bei meinen Experimenten nicht zuschauen darf. Ja, ja, das denken Sie, ich bin, wie Sie wissen, Gedankenleser.

Ehe ich etwas erwidern konnte, fing der Erbe des Braunschweigischen Thrones an, sich von dem Strick zu befreien.

Hülfe! rief ich.

Ich brauche keine Hülfe, sagte der Prätendent. Ich wäre ja wahnsinnig, wenn ich es wagte, mich wie ein gewöhnlicher Taschenspieler zu präsentiren. Ich erreiche Alles ohne Helfershelfer an der Hand gewisser höherer Mächte.

Ich sah den Königssohn erstaunt an. Also hätte er wirklich die Absicht, sich anderen Mächten in die Arme zu werfen, um auf den Thron zu gelangen?

Sie staunen? fragte er: So werde ich Sie überzeugen, indem ich mich in diesen Sack stecke, den Sie dann nach Belieben zubinden und versiegeln können.

Also doch, dachte ich, während ich den Welfensproß mitleidig betrachtete, er ist wahnsinnig! Welch' ein Schauspiel! Ein Fürst, der im Begriff steht, einen Thron zu besteigen, in einem zugesiegelten Sack! Obschon es mir interessant gewesen wäre, einmal einen Landesvater in dieser Verfassung vor mir stehen zu sehen, so lehnte ich doch ab.

Nun, warf er ein, dann schreiben Sie einmal irgend etwas auf ein Blatt Papier, ich werde es mit verbundenen Augen lesen.

Bevor ich es noch verhindern konnte, hatte sich der Herzog ein Taschentuch um die Augen geschlungen, und während er sein Herrscherwort gab, daß er Nichts sehen könne, schrieb ich auf ein Blatt Papier den Satz: »Es lebe der Herzog von Braunschweig!«

Derselbe nahm das Papier, befühlte es von allen Seiten und sagte dann: Hier steht geschrieben: »Ich wünsche gute Geschäfte!«

Brillant! rief ich, um ihn nicht noch mehr zu reizen, und nahm das Papier an mich. Hoheit haben ein Meisterstück geliefert. Jetzt glaube ich fester als je an dero hohe Mission. Gestatten Sie mir, der Erste zu sein, der Ihnen seine Huldigung darbringt.

Was wollen Sie damit sagen? fragte mich der Thronerbe.

Ich wollte damit sagen, erläuterte ich, daß es Ihnen, erhabener Fürst, gelingen möge, als Ernst August zu erreichen, was Sie als Herzog von Cumberland geträumt haben.

Der neue Landesvater klingelte heftig. Zwei Kellner stürzten herein. Bringen Sie diesen Verrückten hinaus! schrie er.

Ich beugte ein Knie vor dem Herrscher und eilte aus dem Zimmer.

Der arme Monarch! sagte ich zu den Kellnern, als diese mit mir draußen waren und mich die Treppe hinabführten. Unten angekommen, streichelten und beruhigten sie mich und sagten, ich solle nach Hause fahren und mich niederlegen, so was ginge vorüber.

Ich verabschiedete mich, und wenn ich heute dies Abenteuer wieder an meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann wünsche ich, mich geirrt zu haben und nicht bei dem Herzog von Cumberland gewesen zu sein, sondern bei Mr. Stuart Cumberland, dem Antispiritisten.

Bei Moltke.

Während der Brief Moltke's an den Professor Bluntschli die sogenannte Rundreise durch die deutschen Blätter machte, faßte ich den Entschluß, den berühmten General-Feldmarschall einmal rücksichtslos heimzusuchen. Ich hatte ihn bis dahin nur in Oel, Marmor, Holzschnitt und photographischer Nachbildung gesehen und war also doppelt neugierig, ihn persönlich kennen zu lernen und bei dieser Gelegenheit keine Silbe von ihm zu hören.

Daß er der große Schweiger heißt, das wußte ich. Er hatte bekanntlich die Gedanken bekommen, um seine Sprache zu verbergen. Wie neugierig war ich, einmal seinem Schweigefluß zu lauschen, kein Wort aus ihm herauszubringen.

Gestern gegen Mittag ging ich also guten Muthes in das Generalstabsgebäude. Ein Diener trat mir entgegen. Ich gab ihm eine große Rolle.

Was ist das? fragte der Diener.

Meine Karte, die Kiepert'sche Karte von Europa, antwortete ich. Se. Excellenz werden sie kennen.

Ich werde Sie anmelden, sagte der Diener.

Nicht doch, rief ich, stören Sie den Herrn Grafen nicht, er ist ohne Zweifel ungemein beschäftigt.

Damit eilte ich an dem überraschten Diener vorüber und in das Arbeitscabinet des Generalfeldmarschalls.

Da saß er, Schlachten denkend und sie natürlich alle gewinnend. Denn von Zeit zu Zeit flog ein Lächeln über seine Züge, als wollte er sagen: »Ja, fangt ein ander Mal nicht an!«

Als er mich gewahr wurde, sagte er: Also, wie gesagt, mein Brief an Bluntschli. Nun, ich weiß, er wird von mehr Menschen gelesen, als alle Briefe zusammengenommen, welche am 11. Dezember 1880 geschrieben worden sind. Es sind meine Ansichten über den Krieg, welche die Welt in Erstaunen setzen. Ich höre es, wie die Welt die Hände zusammenschlägt, ich habe feine Ohren. Ich gehöre eben nicht zu den Tauben, deren eine mit einem Oelblatt erschienen ist.

Ich wollte etwas sagen.

Ich weiß, was Sie sagen wollen, unterbrach er mich, ich habe Ansichten ausgesprochen, welche die Friedensfreunde nicht theilen. Dieselben geben nicht zu, daß der Krieg zur göttlichen Ordnung gehört, und daß der Frieden ein Traum und zwar nicht einmal ein schöner Traum ist. Ich sage Ihnen dies aber dienstlich. Machen Sie kein so erstauntes Gesicht und sitzen Sie gerade. Brust heraus! Aussicht auf Frieden ist nur vorhanden, wenn Krieg ist, ohne Krieg nie Frieden.

Ich wollte etwas einwerfen.

Sagen Sie das nicht, fiel er mir ins Wort. Im Kriege entfalten sich die edelsten Tugenden der Menschen, und da wir jetzt leider keinen Krieg haben, so fehlt Ihnen außer anderen Tugenden auch die des hingebenden, entsagungsreichen, ruhigen Zuhörens. Daß aber der Krieg die Tugenden erzeugt und stärkt, wer wagt, das zu bestreiten? Während der Schlacht bricht kein Soldat die eheliche Treue, welche im Frieden so oft in die werthen Brüche geht, und wird kein Luxus getrieben, nicht geschlemmt, – da haben Sie einige von den Tugenden.

Ich wollte mir eine Bemerkung erlauben.

Das kann wohl sein, fiel mir der Graf in's Wort. Aber ich bemerke, daß Sie eine kleine Plaudertasche sind und immer allein reden wollen. Unsereiner muß doch auch mal ein Wort dazwischen werfen, denn man versteht ja auch was vom Kriege. Und ich sage Ihnen: Ohne den Krieg würde die Welt in Fäulniß gerathen und sich im Materialismus verlieren. Ja, ich gehe noch weiter und sage: Kein halbwegs beschäftigter Soldat würde die Werke Schopenhauer's, Darwin's oder Karl Vogt's geschrieben haben. Alle Dichter, welche für den Frieden schwärmen, schwärmen auch für Fäulniß, und wenn ich nicht irre, so arbeitete Schiller nie, ohne faule Aepfel zu naschen. So war ihm die militärische Erziehung der Karlschule abhanden gekommen!

Ich wollte etwas erwidern.

Das bestreite ich ja nicht, versicherte der General-Feldmarschall, aber die Gräuel des Friedens werden nur durch einen dauernden Krieg beseitigt, und die Welt wird nur dann erst ganz glücklich sein, wenn sie die Segnungen des Krieges in aller Unruhe genießen kann.

Ich wollte noch eine Frage stellen.

Adieu denn, grüßte der Graf, hob die Hände wie segnend und sagte: Krieg sei mit Ihnen! Er zeigte dann auf die Thür, als wollte er andeuten, daß ich durch dieselbe noch recht oft wieder eintreten möchte.

So raubte mir denn der berühmte Feldherr nicht länger meine kostbare Zeit, und ich schied in dem angenehmen Gefühl, in ihm einen der größten Plauderer und in mir einen der größten Schweiger der Gegenwart kennen gelernt zu haben.

Als ich dem Diener zurief: Auf Wiedersehen! verneinte er.

Bei dem Fürsten Hohenlohe.

Diese Unterredung mit dem neuernannten Staatssekretär des Auswärtigen des deutschen Reiches bezeichnet eine neue Phase in der Geschichte der journalistischen Besuche. Sie wird gleichzeitig in Berlin und in Paris veröffentlicht, so daß in demselben Moment, wo das deutsche Publikum absolut Nichts erfährt, auch das französische Publikum in derselben Ausführlichkeit von Allem unterrichtet wird.

Es fragte sich nur, welcher Gaulois von uns Beiden den Besuch machen sollte. Da die Diplomaten am liebsten französisch schweigen, so wurde der Pariser Journalist mit der Mission beauftragt, eine Audienz zu erbitten. Fürst Hohenlohe antwortete französisch:

»Mein Herr!

Da ich morgen früh um 11 Uhr ausgegangen und dann den ganzen Tag nicht zu Hause sein werde, so bitte ich Sie, mir um 11½ Uhr die Ehre Ihres Besuches zu schenken. Mein Portier erwartet Sie pünktlich.

29. Februar.

gez. Hohenlohe.«

Natürlich war ich bereits um 10 Uhr im Hause des Herzogs von Ratibor, des Bruders des Fürsten und von dem Portier mit jener Kürze, welche des Witzes Seele ist, abgewiesen worden: der Fürst sei noch nicht ausgegangen, und ich könne daher noch nicht eingelassen werden. Ich warf rasch meine Gummischuhe auf einen Stuhl und trat in den Salon.

Als der Fürst mich erblickte, machte er schnell eine Verbeugung gegen die Tasse, welche er in der Hand hielt, und trank. Dann bot er mir einen Stehplatz an und sagte: Hier in Berlin wird mal früh interviewt. Also forschen Sie mich aus. Es wird mich gewiß sehr freuen, wenn Sie Nichts aus mir herauskriegen.

Ich werde sehr glücklich sein, antwortete ich, wenn Ew. Durchlaucht nicht wie alle anderen Staatsmänner einsylbig sein wollten.

Welch ein Irrthum! rief der Fürst, indem er sich eine Cigarre offerirte und sie anzündete. Es giebt in Deutschland keinen Staatsmann, der einsylbig ist. Bismarck ist zwei-, Radowitz ist drei-, ich bin gar viersylbig. Einsylbig ist z. B. Hoff, der aber ist Malzbonbonsfabrikant und kein Diplomat. Wollen Sie noch mehr von mir erfahren?

Daß Hoff die Malzbonbons macht, das wußte ich bereits, antwortete ich, und dies zu erfahren, würde ich Ew. Durchlaucht allerdings nicht so früh gestört haben. Aber da Sie das Wort Bonbon ausgesprochen und damit Frankreich berührt haben, so möchte ich Sie fragen: Wird Deutschland über Frankreich herfallen und wie, wo und wann?

Nein, antwortete der Fürst. Aber wie, wo und wann Deutschland nicht über Frankreich herfallen wird, daß weiß ich nicht. Sie können mich darauf verlassen.

Aber der Alarmartikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, warf ich stehenden Fußes, denn ich saß noch immer nicht, dazwischen.

Pindter, antwortete der Fürst, wird im Französischen Peintre ausgesprochen und bedeutet Maler. Da weiß der Franzose gleich, daß Alles Phantasie ist, oder er spricht ihn pinter aus, das heißt zechen, und denkt sich den Verfasser als einen Bezechten, Bekneipten, Beduselten, Berauschten oder Bespitzten. Deutschland ist eine friedliche Nation!

Ich gebe das zu, sagte ich, allein –

O, rief der Fürst, wenn Sie allein sein wollen, so will ich Sie nicht weiter stören. Ich sehe, Sie stehen auf Kohlen, (ich saß allerdings noch immer nicht) und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, daß ich meine Zeit so lange in Anspruch genommen habe.

Mit diesen Worten geleitete ich den Fürsten bis zur Thür. Hier sagte ich noch: Angenommen aber, Frankreich dächte daran, Revanche für die Niederlagen von 1870 und 71 zu nehmen, würde dann Deutschland das Prävenire spielen?

Der Portier antwortete: Nein, zum Spielen habe ich keine Zeit, und das Prävenirespiel kenne ich gar nicht.

Ich nahm meine Gummischuhe unter den Arm und verließ das Haus des Herzogs von Ratibor. Draußen stand mein College vom Berliner Börsen-Gaulois, mit dem ich, Dank meinem guten Gedächtniß, Alles niederschrieb, was der Fürst Hohenlohe nicht mit mir gesprochen hatte.

Das steht nun gleichzeitig in zwei Journalen.

Bei dem Grafen Taaffe.

Der Belagerungszustand war kaum über dem schönen und lebenslustigen Wien ausgebrochen und noch so klein, daß man ihn nicht bemerkte, als ich auch beschloß, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und den Minister in einen ebenso kleinen Belagerungszustand zu versetzen. Ich eilte in das Ministerhôtel.

Hier trat mir der Portier entgegen. Ah, sagte ich zu demselben, es freut mich, daß Sie kommen, aber den Minister können Sie jetzt nicht sprechen, um mich anzumelden. Stören Sie ihn nicht, er regiert gerade constitutionell, ich werde ungemeldet eintreten.

Eine Minute später stellte ich mich dem Minister vor. Da Se. Excellenz verdrießlich war, so nahm ich an, daß er mich bereits seit einiger Zeit erwartete, und ich entschuldigte mich daher, so gut es ging.

Er bot mir in der höflichsten Form keinen Stuhl an, worauf wir uns setzten.

Was führt mich zu Ihnen? fragte ich den Minister, um das Gespräch zu eröffnen.

Sie wollen etwas über den kleinen Belagerungszustand hören, erwiderte der Graf, ich weiß dies, und ich will Ihnen zuvörderst Alles sagen, was wir uns von dieser Ausnahmemaßregel versprechen.

Der Minister schwieg. Ich lauschte.

Es entstand eine Pause.

Als dieselbe vorüber war, lauschte ich, und der Minister schwieg.

Endlich brach ich das Lauschen. Excellenz, bat ich, gestatten Sie mir eine Frage. Versprechen Sie sich von dem kleinen Belagerungszustand in Wien mehr Erfolg, als derselbe in Berlin hatte, oder weniger?

Der Minister bejahte, indem er das Haupt schüttelte.

Ermuthigt fuhr ich fort: Glauben Ew. Excellenz, daß die Socialdemokratie durch Ausnahmemaßregeln zu beseitigen ist, oder daß sie nur noch mehr erstarkt? Der Minister verneinte, indem er mit dem Kopf nickte.

Einmal im Zuge, ließ er seinem Schweigen freien Lauf. Ich störte ihn nicht, sondern berechnete im Geiste die Zahl der nicht gesprochenen Worte, welche ich zu telegraphiren haben würde. Als der Minister 1572 Worte geschwiegen hatte, unterbrach ich ihn, indem ich sagte: Ew. Excellenz werden ohne Zweifel dies Alles im Abgeordnetenhause haarklein wiederholen. Oder werden demselben keine weiteren Eröffnungen gemacht werden?

Der Minister verbeugte sich, als wünschte er, daß ich ihn verabschiede. Ich hatte indeß, da ich bereits gefrühstückt hatte, keine Eile. Um mich trotzdem nicht unnöthig aufzuhalten, nahm ich wieder das Wort: Excellenz, nicht ich, aber das Volk fürchtet, daß der kleine Belagerungszustand dazu benützt werden würde, Ihre politischen Gegner zu unterdrücken. Ist dem so?

Der Lenker der österreichischen Geschicke nickte wieder.

Ist dem so? wiederholte ich laut.

Der Minister fuhr auf. Ich hatte einen Traum, sagte er.

Darf auch ich ihn haben? warf ich ein.

Mit Vergnügen, antwortete der berühmte Staatsmann. Ich hatte einen Traum, den ich jetzt oft habe, in dem es mir nicht einfällt, die Ausnahmemaßregeln im politischen Sinne zu verwerthen, oder gar ein Attentat gegen den Liberalismus oder gegen die Presse zu unternehmen.

Kann ich mich darauf verlassen? fragte ich den Minister.

Sie wollen mich verlassen? sagte er. Dann war es mir überaus angenehm, denn Sie haben Eile.

O, das schadet nichts, Excellenz, warf ich ein, ich bin nicht pressirt.

Nun, dann will ich Sie nicht länger aufhalten, entgegnete der Minister, indem er mir die Hand reichte, in welcher er schon seit Langem sämmtliche Fäden des socialistischen Treibens hatte. Dabei hatte er sich erhoben.

Noch eins – sagte ich.

Keins mehr, rief der Graf. Sie scheinen nicht zu wissen, daß der kleine Belagerungszustand über Wien und Umgegend verhängt ist, also auch über meinem Bureau schwebt, und wenn Sie diese Maßregel mißachten, indem Sie gegen meine Wünsche sich auflehnen, so – Er griff zur Klingel.

Ich war, ehe er sich dessen versah, aus dem Zimmer getreten und ging die Treppe hinab, froh, meinem Blatte Vieles mittheilen zu können, was mir der Minister nicht anvertraut hatte. Unten traf ich den Portier wieder an, den ich bat, Sr. Excellenz für mich Adieu zu sagen.

Bei dem Bischof von Trier.

Der Bischof von Trier war kaum in Berlin angekommen und hatte noch keine Ahnung davon, daß auch ich mich hier aufhielt, als ich mich bereits im Hotel St. Petersburg unter den Linden einfand und den Portier ersuchte, dem Bischof zu sagen, daß ich bereit sei, ihn auszuforschen.

Als der Portier zögerte, beeilte ich mich, ihn anzumelden.

Korum wohnt eine Treppe hoch. Als Herr Heudtlaß dem Bischof den ersten Stock anwies, wollte er damit gewiß keine politische Anspielung machen. Das Zimmer trägt die Nr. 5. Es ist ein einfaches kleines Zimmer nach dem Hof hinaus, genau wie das des Papstes Gregor, als Heinrich so sehr tief unten sich befand.

An der Thür stand ein nicht zu großer Reisekoffer. Heinrich hatte bekanntlich nach Canossa gar keinen mit. Auf dem Tische lagen Bücher und Zeitungen.

Als ich eintrat, machte Korum ein verdrießliches Gesicht. Wahrscheinlich weil ich nicht früher gekommen war. Er ist ein Mann in den besten Jahren des Papstthums. Seine Haare auf den Zähnen sind noch voll. Seine lange Nase ist bedeutend kleiner als die, mit welcher wir abziehen.

Ich gab mir das Zeichen, gefälligst Platz zu nehmen, und setzte mich. Alsbald sagte Korum: Ich weiß von vornherein, daß ich Sie nichts fragen werde, worüber Sie zu schweigen haben. Dagegen bitte ich Sie, nicht blöde zu sein, sondern jede Frage, die Ihnen einfallen sollte, zu unterdrücken. Ich würde Ihnen jede Antwort unumwunden und so ausführlich wie möglich verweigern. Denn ich bin ein schlichter Seelsorger, kein Diplomat.

Auf mein Bemerken, daß es in hohem Maße interessirte, zu wissen, auf welcher Basis die erzielte Verständigung zwischen Rom und Berlin ruhe, erwiderte Korum: Ja, wenn Sie das wüßten! Wie würden Sie sich freuen, es zu wissen! Ich würde Sie dann bitten, es mir zu sagen, kein Segen wäre mir zu theuer. Als Sie eintraten, sagte ich mir: Nun werde ich gleich Alles erfahren. Wenn nach fünf Minuten der Interviewer längst wieder fort sein wird, werde ich Alles wissen, was ich wissen möchte. Nun stellt es sich heraus, daß Sie es von mir wissen wollen, während ich ein schlichter Seelsorger, kein Diplomat bin.

Sie waren in Varzin?

Ich glaube, wenn ich nicht sehr irre, daß ich dort gewesen sein könnte, und zwar gestern. Aber ich habe mit dem Fürsten Bismarck nichts gesprochen, was irgendwie mit dem Culturkampf zusammenhinge. Bismarck ist im Gegensatz zu mir ein schlichter Diplomat, kein Seelsorger.

Ich erwähnte des berühmt gewordenen Anonymus v. S., um zu erfahren, wer derselbe sei. Korum nannte mir Mehrere, die es sicherlich nicht seien, so z. B. Friedrich von Schiller, den Trompeter von Seckingen oder dessen Autor Victor von Scheffel, den Barbier von Sevilla, den Ritter von Sonnenthal, den Kaiser von Soulouque, Fatinitza von Suppé und den Infanten von Spanien, worauf er fortfuhr: Ich bin für Tadel und Lob in der Presse gleich unempfänglich und lese auch keine Zeitungen. Sehen Sie, – und dabei zeigte er auf eine Menge Zeitungen auf dem Tisch, – eine solche Masse von Blättern lese ich nicht.

Ich muß gestehen, daß ich selten einen Mann gefunden habe, der so viel Journale nicht liest.

Gestern, so erzählte Korum, saß ich neben Moltke an der Table d'hote. Er ist im Gegensatz zu mir ein schlichter Generalfeldmarschall, kein Seelsorger. Ich redete ihn nicht an, er schwieg, und so gab ein Schweigen das andere. Das Einzige, was Moltke mit mir sprach, war, daß er mir einmal eine Schüssel mit Fisch reichte. Das Liebste ist mir schon, es achtet Niemand auf mich, denn ich bin –

Ein schlichter Seelsorger, sagte ich, kein Diplomat. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen schlichteren Seelsorger gesehen.

Ja, rief Korum geschmeichelt, ich bin ein Schlichter, ein Streitschlichter, ich will den Streit zwischen Kirche und Staat schlichten und zwar sofort.

Und was, fragte ich, hat Ihnen der Papst an Bismarck aufgetragen?

Ich sagte Ihnen bereits, sagte Korum, daß ich den Streit zwischen Kirche und Staat sofort schlichten will.

Ich erhob mich, er hatte mich verstanden, und je mehr ich mich der Thür näherte, desto größer wurde sein Verständniß, denn der Kirchenfürst legte mir kein Hinderniß vor die Thür, so daß ich dieselbe öffnen und hinausgehen konnte. Ich hörte noch, wie er meinen Ausgang segnete.

Dem komme ich gewiß nicht wieder.

Bei Mr. Sargent.

Die Angst, welche ich bei dem Gedanken empfand, der Vertreter der vereinigten Staaten von Nordamerika könnte abreisen, ohne mich gesprochen zu haben, beflügelte meine Schritte. Da ich die größte Eile hatte, nahm ich keine Droschke zweiter Klasse. Zeitiger also, als ich mit einer solchen angekommen wäre, traf ich zu Fuß – ich ging natürlich erster Klasse – in dem Hause des Vielgenannten ein.

Der Herr – denn die Freistaaten kennen keinen Diener – wollte mich anmelden.

Ich hielt ihn mit der Bitte zurück, er möge den Diener – denn das freie Amerika kennt keinen Herrn – nicht stören.

So trat ich in das Arbeitszimmer des Gesandten.

Nein! rief Mr. Sargent, als ich ihn begrüßte.

Weshalb nein? fragte ich.

Weil Sie mich fragen wollten, ob ich nicht Lust hätte, Gesandter in Berlin zu bleiben. Das fragt mich Jeder. Ich freue mich, fortzukommen. Hier ist die Depesche, die mich abberuft.

Ich sah mir das historische Kabelgramm an. Da sagte Mr. Sargent: Es ist Alles gelogen!

Was ist gelogen? fragte ich, während ich mich nicht setzte.

Die Worte: Es ist Alles gelogen! sollten nur meine Antwort auf Ihre immerhin mögliche Frage sein, wie ich über die Artikel dächte, welche die hiesige officiöse Presse über mich gebracht hat, sprach der Gesandte und fuhr dann fort: Sie behauptete, ich sei bestechlich und bestochen, ich hätte mit den Mitgliedern der Fortschrittspartei unter Einer Decke gespielt und wie gespielt, ich hätte gemogelt und betrogen.

Das hat in Berlin Niemand geglaubt, beruhigte ich ihn. Man weiß, daß der Vertreter Nordamerikas unbestechlich ist. Wenn wir eine Flasche Wein vor uns hätten, so würde ich ein Glas auf die völlige Reinheit Ihres Charakters leeren.

Danke, danke, sagte Mr. Sargent gerührt. Ich habe bereits gefrühstückt.

Ich hatte eben auf das Frühstück verzichtet, da rief Mr. Sargent mit dem Ausdruck des tiefsten Bedauerns: Einer, der mir leid thut! Der arme Mensch!

Ich erkundigte mich nach der Bedeutung dieser Worte, und der Gesandte sagte: Ich dachte mir, daß Sie neugierig sein und mich fragen würden, wer mein Nachfolger sei. Nun wissen Sie es: Ein Beklagenswerther, der jedenfalls etwas begangen hat, wofür ihm diese Stellung zudiktirt worden ist, ein harter strenger Posten, den er sofort antreten und abbüßen muß.

Wir versanken in ein tiefes Bedauern, aus dem sich der Gesandte riß, indem er sagte: Er reichte mir nicht die Hand.

Wer? fragte ich.

Nun, antwortete Mr. Sargent, Sie wollen doch gewiß fragen, ob Fürst Bismarck mir, als ich seiner Einladung zum Diner folgte, die Hand reichte. Nun wissen Sie, daß er dies nicht that. Wir begrüßten uns, das war Alles, wir sind höfliche Leute. Staatsmänner, welche sich nicht leiden können, begrüßen sich feindlich, speisen unversöhnlich zusammen, stoßen gegnerisch miteinander an und wünschen sich dann grimmig gesegnete Mahlzeit und wüthend gute Nacht. Nur in dieser Weise artet der diplomatische Verkehr in Thätlichkeiten aus.

Das ist eine angenehme Form, rief ich. Wenn doch alle Menschen, statt sich zu hauen, sich zum Essen einladen möchten! Speist man gut bei Sr. Durchlaucht?

Vortrefflich, antwortete der Gesandte, nur mit einer Ausnahme: Es ist nicht gut mit ihm Kirschen essen. Dann sagte er plötzlich wie vorhin: Danke, danke, ich habe bereits gefrühstückt.

Weshalb theilen Sie mir das da capo mit, Sir? fragte ich.

Nun, antwortete er, Sie wollten doch gewiß sagen, daß Sie nach dem vielen Sprechen über Essen und Trinken einen nicht geringen Appetit verspürten. Darum will ich Ihren kostbaren Hunger nicht länger auf die Probe stellen, und wenn Sie gehen wollen, um ihn zu beschwichtigen, so bitte ich Sie, auf mich keine Rücksicht zu nehmen, sondern mich ohne Weiteres stehen zu lassen.

Haben Sie mir sonst nichts zu antworten? fragte ich noch.

Er ließ mich einen Augenblick besinnen, dann sagte er: Den mir angetragenen Posten eines russischen Gesandten nehme ich nicht an.

Natürlich, sagte ich, Sie wollen nicht zum zweiten Mal ein in den April Gesandter sein.

Mr. Sargent versuchte, ernst zu bleiben, und es gelang ihm. Dann fuhr er fort: Deutschland hat mir gefallen. Berlin ist eine interessante Stadt, aber es ist nicht Washington. Meine Collegen vom diplomatischen Corps sind nette Leute, aber sie sind wie Mädchen, man muß sie zu nehmen wissen.

Diplomätchen! warf ich ein.

Mr. Sargent mußte sich an der Stuhllehne festhalten, derart schüttelte er sich vor Nichtlachen. Dann rief er: Sehr bald!

Ich fragte ihn nach der Bedeutung dieser Worte. Nun, sagte er, Sie wollten doch wohl jetzt endlich wissen, wann ich abreise, und da gab ich Ihnen diese Auskunft. Ich stehe schon mit einem Fuß im Dampfer.

So wünschte ich ihm denn glückliche Reise. Wenn ich überhaupt einen Stuhl gehabt hätte, so würde ich mich erhoben haben, um das Andenken dieses Gesandten des freien amerikanischen Volks zu ehren. Ich drückte ihm die Hand und sagte: Vergnügte Seekrankheit, und bewahren Sie Deutschland eine freundliche Erinnerung!

Yes! Sir! sagte Mr. Sargent.

Bei General Tschernajeff.

Zehn Minuten später stand ich vor dem russischen General Tschernajeff.

Er war eben angekommen und packte seine Ehrensäbel aus. Bekanntlich war ihm nach jedem Siege, den er seine Feinde über sich erringen ließ, ein solches Schwert überreicht worden. Ich zählte 36. Es mochten aber wohl noch weniger sein.

Als ich eintrat, machte er rasch Kehrt und stand erst still, als er sah, daß ich kein Türke sei.

Nachdem ich ihm gesagt hatte, was mich zu ihm geführt, erzählte er mir seine Erlebnisse von Prag bis Paris. Seine Reise glich einem Triumphzuge. Auf jeder Station empfingen ihn die Eisenbahnbeamten und Kofferträger der Stadt, fast überall waren Bahnhöfe errichtet und wurden ihm Bier, Cognac, kurz Alles, was er verlangte, überreicht. Er schien sichtlich zufrieden.

Sind Sie, Herr General, mit Ihrer Mission in Serbien ebenso zufrieden?

Durchaus, antwortete er. Ich führte die serbische Armee von einem Siege der Türken zum andern und ließ die Feinde, wenn sie mich verfolgten, nicht zur Ruhe kommen.

– Schlugen sich die Serben gut?

Vortrefflich, besonders vortrefflich schlugen sie sich seitwärts in die Büsche und alle Gedanken an die Vertreibung der Türken aus dem Kopf. Mit großem Elan trieben sie die Feinde hinter sich her und gaben, wenn sie in Gefangenschaft geriethen, keinen Pardon.

– Und weshalb ist der Fürst Milan nicht König geworden?

Aus Bescheidenheit. Als ich ihm nach einem seiner glorreichsten Vormärsche gegen Belgrad die Krone auf's Haupt setzen wollte, erklärte er, daß er schon genug auf den Kopf bekommen habe.

– Sie glauben natürlich, daß Rußland einen Krieg unternehmen wird. Wird es siegen?

Bei jeder Niederlage der Türken.

– Und werden Sie ein Commando in der russischen Armee übernehmen?

Die Türkei wünscht dies.

Während wir also plauderten, betrachtete ich den General genauer. Er ist ein, wie Diejenigen behaupten, die ihn auf dem Rückzug gesehen haben, rascher Vierziger und hat zwar Haare in Serbien lassen müssen, doch ist er kein Kahlkopf. Er ist auch durchaus nicht mager, im Gegentheil haben ihn die Serben dick bekommen. Seine Stirn würde eine sehr hohe zu nennen sein, wenn ihm nicht die Haare bis fast an die Augen gewachsen wären. Ich betrachtete den Feldherrn mit Interesse als einen Mann, der sich so manches Czechenlied hatte um die Ohren sausen lassen und im dichtesten Ehrensäbelregen nicht gewankt hatte.

Ich empfahl mich, ohne freilich über die russischen Pläne beruhigt zu sein. Ich mußte mir sagen, daß Rußland doch nicht eher ruhen würde, bis die Türkei sich gezwungen sieht, die Cultur und die Civilisation nach Rußland zu bringen.

Bei Ignatieff.

Der russische Diplomat war noch nicht in Berlin angekommen und also auch noch nicht im Hotel Royal abgestiegen, als ich mich bei ihm melden ließ.

Ich wurde abgewiesen.

Nach einigen Stunden war er indeß eingekehrt, und ich wurde vorgelassen. Als ich eintrat, stand er gerade, mit Ankleiden beschäftigt, vor dem Spiegel und schien sehr erfreut, sich zu sehen.

Denn bekanntlich bereist der General die europäischen Höfe, um einen Augenarzt zu consultiren. Es kann daher nicht die Rede davon sein, daß die Politik ihn zu uns geführt. Er bat mich also, kurz zu sein, da er dem Fürsten Bismarck einen Besuch zu machen gedenke und denselben nicht warten lassen könne. Aha, dachte ich, er will sich bei dem Deutschen Reichskanzler das Adreßbuch geben lassen, um nachzusehen, wo gute Augenärzte wohnen und wann dieselben zu sprechen sind. Wie ich später einsah, täuschte ich mich. Er wollte zu Bismarck, um denselben wegen seiner Augen um Rath zu fragen.

Und was fehlt Ew. Excellenz? fragte ich.

Ich habe etwas im Auge, sagte er.

Das weiß ich, war meine Antwort, Sie haben die Türkei im Auge. Seien Sie indeß ganz beruhigt: Bismarck wird Ihnen schon die Augen öffnen. Aber wie sind Sie zu diesem Uebel gekommen?

Der General rollte die Augen im Kopfe herum und antwortete: Eines Tages – es mögen nun wohl 250 Jahre her sein, Peter der Große machte gerade sein Testament – warfen wir Russen ein Auge auf die Türkei. Aber das andere ging uns über, als wir allmälig sahen, daß, wenn die Würfel fielen, die Türken mehr Augen hatten, als wir. So auch jetzt, und daher kommt es, daß ich als Augenkranker die europäischen Hauptstädte besuche.

Sie suchen Hülfe, warf ich ein.

Ob ich sie finde? fragte er. Ich fürchte, Bismarck wird sich auf Nichts einlassen.

Ein großer Gedanke dämmerte in mir auf. Ich neigte mich zu dem Ohr des Diplomaten und flüsterte hinein: Sie speisen heute bei dem Reichskanzler?

In einer halben Stunde, antwortete mein Freund Ignatieff, ich muß gleich fort, sonst wird der Sect kalt.

Schlimm, rief ich lebhaft aus, sehr schlimm! Bismarck wird mit Ihnen gar nicht über Augenkrankheiten sprechen, über so wichtige Dinge spricht er nur beim Bier. Das Beste ist also, Sie stecken sich hinter Wehrenpfennig und lassen durch diesen den Reichskanzler in's Gebet nehmen.

Das geht nun nicht mehr. Vielleicht giebt es aber Bier bei Tisch. Wenn aber nicht, wenn der Fürst sich weigert, zu helfen, was dann?

Nun, Excellenz, tröstete ich, dann werden Ihnen die Schuppen von den Augen fallen und Sie werden sich freuen, wenn die Türkei, friedlich gesinnt, Ihnen nicht den Daumen auf's Auge setzt. Vielleicht bewegen Sie Bismarck, die Türkei zu veranlassen, Rußland zum Frieden zu zwingen, Gnade für Recht ergehen zu lassen und keine zu harten Bedingungen zu stellen.

Der Bediente, welcher in diesem Augenblick meldete, daß der Wagen bereit sei, gab mir auf einen Wink des Generals das Geleite bis auf die Straße. Der General, das sah ich bei dieser Gelegenheit, ist wirklich eine höchst frische und energische Persönlichkeit, als welche ihn auch die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« bezeichnet. Nur davon, daß Rußland in der Türkei nicht zum Ziel kommt, kann er nichts hören. Ich halte ihn daher mehr für ohren-, als für augenkrank.

Bei Crispi.

»Der ist nicht zu Hause!« antwortete mir der Portier des »Kaiserhof« mit bekannter Zuvorkommenheit.

Das kenne ich, antwortete ich ebenso und flog die Treppe hinauf. Im nächsten Augenblick klopfte ich an und trat, als nicht Herein! gerufen wurde, sofort ein.

Herr Crispi wollte sich in's Nebenzimmer flüchten, welches er zu diesem Zweck gemiethet hatte. Ich schnitt ihm den Rückzug ab und rief ihm zu, daß ich kurz sein wolle, worauf er sich setzte.

Ich hatte nun Muße, den berühmten Italiener, von dem ich seit gestern so viel gehört hatte, zu betrachten. Er sieht halb wie ein Parlamentarier, halb wie ein General aus, wie ein Forckenbeck mit einem Schuß Vogel von Falckenstein. Sein graues Haar ist schwarz melirt. Da ich wußte, daß er ein geborener Italiener sei, so kam mir sein Typus gleich wie ein südländischer vor.

Ich eröffnete sofort das peinliche Verhör.

Ihre Sprache ist die Dante's, hub ich an, die meine die Goethe's, Schiller's und Lessing's. Da ich nur diese geläufig spreche, so verbietet mir mein Nationalstolz, mit Ihnen in der Sprache Dante's, oder in der Molière's, die Sie ohne Zweifel gleichfalls gründlich kennen, zu reden. Antworten Sie mir also in jeder Sprache, welche Ihnen beliebt, und sei es die Sprache Shakespeare's, ich werde ein Gesicht machen, als verstände ich Alles.

Der berühmte Gast griff zur Klingel. Das sind die Präsidenten großer parlamentarischer Versammlungen so gewöhnt. Ich erfaßte seine Hand, um ihn am Ordnungsruf zu verhindern, und sagte: Wenn Sie den Zimmerkellner wünschen, so sagen Sie mir gefälligst nur, wenn Sie etwas haben wollen, ich stehe zu Diensten.

Ich stand allerdings. Herr Crispi hatte mir keinen Sessel angeboten. Präsidenten fällt es ja niemals auf, wenn ein Redner steht.

Führt Sie eine politische Mission nach der Hauptstadt des Deutschen Reiches? fragte ich ihn. Antworten Sie ohne Scheu.

Herr Crispi schien zu sagen, Berlin gefiele ihm sehr. Er habe im Vorbeigehen die Spittelkirche gesehen, welche allerdings kein Petersdom, aber doch immerhin baufällig sei. Auch habe ihn der Canalisationsbau sehr interessirt, und Berlin verdiene, wenn Rom die Siebenhügelstadt heiße, den Namen der Tausendhügelstadt.

Nun fragte ich ihn, was er von der künftigen Papstwahl halte. Er schwieg in der Sprache aller Dichter der Welt. Ich verstand ihn.

Und wie wird, fuhr ich fort, der russisch-türkische Krieg enden?

Herr Crispi mußte wohl glauben, daß ich gefragt hatte, wie viel die Uhr sei, denn er zog dieselbe und deutete mit dem Finger auf den kleinen Zeiger. Ich kann doch wohl nicht annehmen, daß er sagen wollte, der orientalische Krieg ende um sechs Uhr.

Ich ging nun auf andere wichtige brennende Fragen über, vor Allem auf die socialdemokratische. Habe ich Herrn Crispi richtig mißverstanden, so ist Italien noch frei von allem Most. Denn er reichte mir die Hand und warf dabei einen Blick auf die Thür, als wolle er sagen, daß, wenn sich die Socialdemokratie melde, Italien ihr die Thür zeigen würde.

Nachdem er nun meine Frage nach dem Schicksal der Gotthardtbahn und dem Stand der diesjährigen Macaroni-Ernte nicht verstanden hatte, erkundigte ich mich nach dem Projekt, Rom zu befestigen. Auch dies verstand er nicht, oder doch nur dahin, daß ich bedauert hatte, gehen zu müssen, denn er erhob sich und reichte mir meinen Calabreser, den ich zu Ehren Italiens mitgebracht hatte.

Unsere Unterhaltung war zu Ende. Gerne hätte ich Herrn Crispi noch gefragt, was er von der Wirksamkeit unseres Reichsgesundheitsamts halte und welche Nummer in der nächsten Ziehung der Preußischen Lotterie mit dem großen Loos herauskommen würde. Da aber war ich selbst schon draußen.

Ich hatte aus der Unterredung mit dem ausgezeichneten Italiener die Ueberzeugung gewonnen, daß die Sprache Dante's von der Goethe's doch himmelweit verschieden sei.

Bei Grant.

Der einstige Präsident der Nordamerikanischen Freistaaten war in Paris angekommen und im Hôtel Bristol abgestiegen. Am anderen Tag war ich bei ihm.

Der Portier bat mich, wieder fortzugehen, da der General Grant, weil er zum Vergnügen reise, sich speciell den Besuch von Photographen, Interviewern, bewaffneten Indianern, Concertgebern und Romancolporteuren verbeten habe.

Das gefällt mir sehr an diesem Manne, sagte ich, und ich eile, ihm meine Bewunderung zu Füßen zu legen.

Unmöglich, er hat schon die Stiefel an, rief mir der Portier die Treppe hinauf nach, auch spricht er nur englisch.

Auch ich kann nur die französische Sprache, erwiderte ich, und etwa zehn Secunden später hätte ich dem berühmten Gast die Hand drücken können, wenn er sie mir gereicht hätte. Er bot mir stumm einen Stehplatz an, und ich machte von seiner Güte Gebrauch.

Damit war unsere Unterredung zu Ende, denn der Expräsident spricht allerdings keine Sprache außer der englischen, und ich spreche alle Sprachen, nur nicht englisch.

Grant blickte mich erwartungsvoll an. Aber ich wollte mehr von ihm erfahren, ich wollte von ihm erfahren, was er von dem Marschall Mac Mahon denke. Ich nahm also dessen Photographie aus der Tasche und hielt sie ihm vor die Augen. Er sah sie an und nickte mit dem Kopfe. Dann klopfte er die Asche von der Cigarre. Ein herbes Urtheil!

Nun war ich nicht wenig neugierig, etwas über den Zustand der nordamerikanischen Republik aus dem Munde ihres einstigen höchsten Beamten zu hören und zeigte auf eine auf dem Tische liegende Eisenbahnkarte der vereinigten Staaten.

Der General nieste.

Also Gesundheit ist der Zustand, dachte ich mir und beneidete im Namen Europas die Republik jenseits des Oceans.

Das lange Schweigen hatte mir die Kehle ausgetrocknet. Grant schien es zu merken und trank einen Cognac, der gewiß gut war, denn der General schnalzte mit der Zunge.

Ich hustete. Er räusperte sich. Dann zeigte er auf die Thür. Wer weiß, was er damit sagen wollte!

Das Interview schien damit vorüber. Wir hatten Alles geschwiegen, was wir zu sagen hatten. Ich ging in der Ueberzeugung, einen der interessantesten Löwen des Tages von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben.

Bei General Leer.

Als ich die Fremdenliste durchflog und mein Auge auf dem Namen des russischen Generals Leer haften blieb, fiel es mir plötzlich ein, daß derselbe mir seit längerer Zeit gänzlich unbekannt sei. Niemals hatte ich ihn in Jedermanns Mund gehört, und wenn ich einen großen Strategen nicht hatte namhaft machen hören, so war es General Leer.

Und doch – wenn ich mir den Namen Leer wiederholte, so war es mir, als müßte ich ihn schon gehört haben. Wenigstens war mir das Wort nicht fremd, nicht neu. Ich erinnerte mich, es in Verbindung mit einer Flasche, dem Theater, der Staatskasse, dem Stroh u. s. w. vernommen zu haben. Aber General Leer mußte doch ein anderes sein. Ich eilte also zu einem Freunde, welcher Tag und Nacht das neueste Conversationslexikon besitzt.

Wer ist General Leer? fragte ich ihn.

Mein gelehrter Freund nannte mir nun eine ganze Reihe von Schlachten, welche der Genannte weder verloren, noch gewonnen hatte. Auch habe, so orientirte mich mein Freund weiter, der General Leer ein Buch, betitelt »Die positive Strategie« geschrieben, welches in's Oesterreichische, in's Berlinische, in's Sächsische, in's Bayerische, in die Fächer- und in die Blumensprache übersetzt worden war.

Ich wußte genug. Ich eilte in das Hotel. Ich fragte den Portier, ob er den General Leer kenne. Er kannte ihn nicht, aber er nannte mir die Nummer des Zimmers, in welchem der General wohnte.

Habe ich die Ehre, den General Leer zu interviewen? fragte ich, in das bezeichnete Zimmer tretend.

Der Angeredete besann sich einen Augenblick. Dann kannte er sich, und, bejahend nickend, bot er sich einen Sessel an, und wir nahmen Platz.

Womit kann ich dienen? fragte er höflich. Wollen Sie, daß ich Ihnen eine Grabrede halte? Ich bin derselbe, der eine solche dem General Skobelew gehalten hat.

Als er den Namen Skobelew aussprach, erhob er mich von meinem Sitz, um das Andenken des Verstorbenen zu ehren.

Auch bin ich, fuhr er fort, ein Mann, der viel über militärische Fragen nachgedacht hat. Soll ich Ihnen vielleicht über eine solche nachdenken? Besonders interessire ich mich für die französische Armee. Ich habe den Manövern beigewohnt und bin bereit, mich wegen ihrer Vorzüglichkeit mit Ruhm zu bedecken.

Sie lieben Frankreich? warf ich dazwischen.

Als wenn ich keinen andern Augapfel hätte! rief der General. Wie leid thut es mir, daß es ein Sedan erlebt hat! Ich halte es für einen großen Fehler, daß Frankreich damals nicht gesiegt hat, und der zweite Fehler ist der, daß es Deutschland siegen ließ. Wenn Frankreich die deutschen Armeen geschlagen hätte, so wäre Vieles anders geworden. Was das deutsche Generalstabswerk auch über Sedan sagen möge, ich halte den Umstand, daß die französische Armee bei Sedan nicht siegte, geradezu für eine Unterlassungssünde.

So legte er mit großer Klarheit die Gründe der damaligen Niederlage dar, und dieselben leuchteten mir so ein, daß mich der russische Feldherr mehrmals vor die Stirn schlug.

Als ich dieselbe runzelte, beruhigte mich der General mit den Worten: Muth! Muth! Es kann Alles wieder gut werden. Frankreich hat viel verloren, aber es hat Gambetta. Gambetta ist ein großer Staatsmann, und wenn er an die Regierung kommt und Deutschland mit seiner Hülfe besiegt und zerstückelt ist, dann wird Frankreich wieder das Alte werden.

Ich bewunderte so viel Scharfblick. Seine Worte wirkten wie ein Zauber auf mich, so daß ich deutlich merkte, wie der General meine Brust klopfte. Endlich fragte ich: Glauben Sie, daß Frankreich noch viel Zeit nöthig haben wird –?

Der General blieb plötzlich vor mir sitzen und rief, indem er mir die Augen aufschlug: Zeit? Die Armee ist bereit! Seit ich sie manövriren sah, ist sie bereit. Dank meiner Anwesenheit kann sie jeden Augenblick in's Feld rücken und glorreiche Siege erringen, und wenn die deutschen Armeen geschlagen werden, dann ist der Sieg der Franzosen unzweifelhaft.

Er traute seinen Ohren nicht und fuhr fort: Die französische Armee ist bereit, und wenn die deutschen Truppen vor ihr fliehen und bei Königsberg endlich stillstehen, dann werden die Franzosen ihren Einzug in Berlin halten, so wahr Sie mich jetzt verlassen!

Natürlich verließ ich ihn, damit dem Revanchekrieg Nichts mehr im Wege stehe. Ich hörte nur noch, wie der General Leer in seinem Zimmer mit großen Schritten wieder unbekannt wurde.

Bei Midhat Pascha.

»Man muß die Ränke schmieden, so lange sie heiß sind!« Dies ist ein Grundsatz der Türkischen Herrscher, und da es in Konstantinopel immer heiß ist, so steht auch die Ränkeschmiede niemals still. Kein Wunder also, daß mein alter Freund Midhat Pascha erklärte, nicht zehn Roßschweife vermöchten, ihn in das Schloß von Dolmabagdsche zu ziehen, als er aufgefordert wurde, daselbst zu erscheinen. Erst auf den eindringlichen Meineid hin, er besitze noch das volle Vertrauen des Sultans, leistete er der Einladung Folge.

Begleitet von den Thränen seiner lachenden Erben betrat er den Palast. Um nicht mit der Pforte ins Haus zu fallen, fragte er hier einen Eunuchen du jour, wie spät es sei. Dieser sah auf seinen Repetirdolch und sagte: »Ihr letztes Stündlein hat geschlagen.«

Indeß der Dolch des Beamten ging entschieden vor, es war noch nicht so spät. Im Gegentheil empfing ihn Said Pascha, das Chefchen der Militärkanzlei des Sultans, nur mit den Worten, er sei ein Verschwörer gegen die Souverainetät des Sultans und wolle den verrückten Murad unverrückt auf den Thron zurückführen. Als Midhat Pascha den Kopf Said Paschas schütteln wollte, empfing er 500 Pfund von der türkischen Staatsschuld, und so von Allem entblößt brachte man ihn auf die Yacht »Izzedin.« Hier wurde nun sofort gestochen, aber zum Glück nur in See. Ein halbe Stunde später fuhr Midhat an dem tombackenen Horn vorüber und näherte sich langsam dem Exil seiner Reise: Brindisi.

Jeder schlug die Hände im Schooß zusammen, als das Vorgefallene bekannt wurde. Midhat lebte, ohne ermordet zu sein, – kein Wunder also, daß aus naheliegenden Gründen wenigen Türken der Verstand stillstand.

Ich glaubte natürlich nicht daran, daß Midhat Pascha dem Selbstmord entronnen war, und, in Brindisi angekommen, eilte ich zu ihm, um ihm Maß zum Nekrolog zu nehmen und seinen Sarg mit einer Thräne zu schmücken. Um so erstaunter war ich, als ich, bei ihm eintretend und »Sanft ruhe Ihre Asche!« ausrufend, ihn wie ein Phönix aus derselben sich erheben und auf mich zukommen sah.

Salem alek! rief er mir entgegen.

Gleichfalls! antwortete ich und sah ihm in das blaue Auge, mit welchem er davongekommen war.

Er verstand mich und sagte: Ich hatte schon die Hände erhoben, um das Zeitliche mit einem Allah il Allah zu segnen, um nicht unvorbereitet, wie ich mich hatte, vor die Allerhöchste Scheere zu treten. Aber da erst jetzt in Konstantinopel ein statistisches Bureau eingeführt wird, so waren meine Tage noch nicht gezählt.

Im Hause des gestürzten Großveziers, sagte ich, soll man nicht von der seidenen Schnur reden. Aber haben Sie unterwegs nicht vielleicht etwas getrunken oder gegessen, was den Selbstmord in sich trägt?

Ich habe mich sehr in Acht genommen, sagte Midhat, indem ich von allen Speisen und Getränken einen meiner Begleiter nehmen ließ. Starb derselbe nicht daran, so aß und trank ich auch.

Angenehmes Feinschmeckerdiner! warf ich ein. Dann zündete ich mir ein halbstarkes Nargileh an, welches mir der Pascha mit einem brennenden Türkenloos reichte, indem er lächelnd sagte: Rauchen Sie das Kraut mit Vertrauen, es ist gegen den Tod gewachsen!

Während wir qualmten, mußte ich mir immer den verbannten Staatsmann ansehen. Er war wirklich nicht umgebracht. Er lebte. Er lag nicht in den letzten schönen Zügen, deren man von den Sultanen so viele erzählt. Freilich, jeden Augenblick konnte ein Bote des Sultans eintreten und den einstigen Minister um die nächste Ecke bringen. Ich stand ahnungsvoll auf und empfahl mich mit den Worten: Seien Sie auch ferner auf Ihrer Fez! Aber zu mir selbst sagte ich: Daß Midhat Pascha noch lebt, ist ein Beweis, daß die Türkei nicht mehr mordenskräftig ist und daß es also mit ihr zu Ende geht.

Bei dem Mahdi.

Als ich hörte, daß in Egypten ein Mann existire, welcher »der falsche Prophet« genannt wird und gewohnheitsmäßig den heiligen Krieg predigt, beschloß ich, ihn zu besuchen. Die Karawane, in der ich die Reise zu ihm unternahm, bestand aus meiner leichtgläubigen Wenigkeit und noch einem Kameel.

Dieser Prophet, Mohamed Achmed, bewohnt ein hochherrschaftliches Leinwandzelt ohne Balkon, Wasserleitung, Gas, Waschküche, Mädchengelaß und Gartengenuß. Als er meiner ansichtig wurde, rückte er mir den Fußboden näher, auf dem er selbst mit untergeschlagenen Beinen saß, und forderte mich mit einer stummen Handbewegung auf, dieselbe Unterschlagung zu begehen.

Nun konnte ich ihn genau betrachten. Der Geschichtschreiber ist bekanntlich ein rückwärts gekehrter Prophet, und in der That sieht Achmed aus, wie ein vorwärts gekehrter Geschichtschreiber. Seine Augen sind so hellsichtig, daß er sie durch eine dunkle Brille schützen muß. Er macht den Eindruck eines wohlhabenden Mannes, der über ein pupillarisch sichergestelltes Ahnungsvermögen verfügt.

In einer mir völlig unverständlichen Sprache fragte er mich, was mir zu Diensten stehe.

Ich begann mit einigen verbindlichen Redensarten und gab der Hoffnung Ausdruck, daß bald ganz Egypten nach der Pfeife, aus der er gerade rauchte, tanzen würde. Dann fragte ich ihn, ob er heute bereits prophezeit habe.

Er bejahte dies. Ich weissagte, sprach er in einem sonderbaren Kauderarabisch, daß die Engländer nicht wagen werden, Alexandrien zu bombardiren.

Ich entgegnete, daß sie dies bereits gewagt hätten.

Um so mehr habe ich Recht, sprach die egyptische Sehwarte. Ich bin aber der falsche Prophet und würde mich mithin einer Falschheit schuldig machen, wenn ich richtig weissagte. Sage ich aber falsch weis, so bleibe ich in Wahrheit der falsche Prophet, und auf die Wahrheit kommt es bei Prophezeiungen in erster Linie an.

Hiermit zufriedengestellt, forschte ich ihn nach dem Schicksal des Suez-Canals aus.

Kaum hatte ich das gesagt, als der Geist mit Siebenmeilenstiefeln über ihn kam. Mit der Zuverlässigkeit des hundertjährigen Kalenders rief er aus: Gar nichts wird aus ihm werden! Ich weiß wohl, daß Lesseps den Suez-Canal graben will, aber es wird ihm nicht gelingen. Niemals wird er die Landenge vom Suez durchstechen, so steht es in den Sternen geschrieben!

Sie sind wohl nicht recht bei Orakel, Herr Pythius! konnte ich mich nicht enthalten, ihm zu entgegnen. Der Suez-Canal ist ja seit Jahren fix und fertig, und Lesseps hat längst die letzte Feile an ihn angelegt.

Du siehst, Giaur, schmunzelte der Prophet, daß ich schon wieder Recht gehabt habe. Wenn der Canal bereits fertig ist, so kann er eben nicht noch einmal gegraben werden. Frage weiter!

Ich benutzte diese Aufforderung und erkundigte mich nach der Zukunft des europäischen Concerts.

Ich sehe trübe, erwiderte er, indem er sich plötzlich einen Kassandrablick stehen ließ, Frankreich alliirt sich bestimmt mit Deutschland. Schon hat Forckenbeck eine Einladung nach Paris bekommen, und er wird sie annehmen! Der Allahseibeiuns soll mich holen, wenn das nicht eintrifft!

Als ich schwieg, prophezeite er weiter frisch von der Leber weg:

Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Ehe der Mond sich dreimal erneut hat, wird Skobeleff mit dem Schwert in der Hand Alles vereitelt haben.

Was mich betrifft, fuhr er fort, indem er durch seine buschigen Augenbrauen verschmitzt in die Zukunft blickte, so weissage ich mich von Arabi Pascha los. Er ist ein Feigling und wird niemals zu den Waffen greifen. Bei der ersten Aufforderung des Sultans, nach Konstantinopel zu kommen, wird er dahin abreisen.

Er sah schrecklich in diesem Moment aus und schien Miene zu machen, die grüne Fahne zu entrollen. Diese ist die gefährlichste unter allen Fahnen, unter welchen sie eine ähnliche Stellung einnimmt, wie der graue Staar unter den Staaren.

Auf meine Frage, was er ferner beabsichtige, erwiderte er, indem er die Stirn in clairvoyante Falten legte:

Ich werde die Alleinherrschaft des Propheten begründen und den ganzen Occident ruiniren. Allah wird das Uebrige thun, indem er Europa in diesem Jahre eine so miserable Ernte bescheeren wird, wie solche seit Menschengedenken nicht erlebt worden ist. Die Großmächte haben den Mißwachs schon so gut wie in der Tasche.

Wie aber, warf ich ein, wenn Arabi Ihnen gründlich den Marsch bläst?

Du verwechselst mich mit dem Propheten von Meyerbeer, entgegnete der falsche. Dieser läßt sich einen Marsch blasen, ich nicht. Ich bin kühn, ausdauernd und grausam. Oder hältst Du mich für so weichherzig, wie den Präsidenten der Vereinigten Staaten?

Als ich ihn nicht verstand, erklärte er: Präsident Arthur ist nämlich der weichherzigste Mensch von der Welt und läßt überall Gnade vor Recht ergehen. Er wird auch den Guiteau begnadigen, das nehme ich auf meinen Propheten-Diensteid!

Ich erhob mich, machte die Zeltleinewand von draußen zu und war froh, als ich endlich wieder frischen Samum schöpfen konnte. Der falsche Prophet aber blieb drinnen und zog kauernd noch manchen Schleier von der Zukunft.

Bei dem Gegen-Mahdi.

Ich brauche nicht zu versichern, daß mich das Schicksal des Generals Gordon ungemein interessirt. Ja, noch mehr, es erschüttert mich. Der tapfere Mann, der augenblicklich so unzählige Schriftsteller zu Feuilletons rührt und der seine Nase wahrlich nicht geschont hatte, wenn es galt, sie für das Vaterland in irgend etwas, was ihn nichts anging, hineinzustecken, sitzt im fernen Sudan eingeschlossen. England sputet sich nicht, ihn aus dem Kerker, in den er sich hineinschlich, zu befreien, denn Großbritannien sieht wohl ein, daß dabei nichts zu verdienen sei als der Beifall Europas. Ich war sehr besorgt um Gordon.

Wie er zu retten, darüber dachte ich eifrig nach. In einer schlaflosen Nacht kam ich dahinter. Die Rebellen müssen sich untereinander entzweien, sagte ich mir, und während sie sich gegenseitig die Hälse brechen, entfernt sich Gordon.

Ich zählte gewissermaßen im Geiste noch das Fersengeld, welches der arme Gefangene geben würde, als bekannt wurde, in Darfur sei ein zweiter Mahdi aufgetaucht, der den ersten für einen Betrüger erklärte.

Ich eilte nach Darfur. Vor dem Zelte Mahdi II. stand ein nackter Livrée-Araber und versperrte mir den Eingang. Als ich mich nicht entfernte, zog er seinen Säbel und sagte: Ich habe strengen Befehl, Niemand einzulassen.

So weiche der Gewalt, Sklave! rief ich außer mir und gab ihm ein Trinkgeld.

Der Araber nahm es und schrie: Nur über meine Leiche geht der Weg!

Ich gab ihm noch etwas, trat in das Zelt und stand dem zweiten Mahdi gegenüber.

Er saß auf der Erde, sah mich zornig an, zog seine Stirne in Falten und befahl mir, mich zu entfernen.

Das verbietet mir die Höflichkeit, antwortete ich und gab ihm einige Goldstücke.

Der neue Mahdi nahm sie und steckte sie mit einer verächtlichen Miene ein. Dann bat er mich, mir ein Stück Erde zu nehmen und mich zu setzen.

Allah il Allah! grüßte ich ihn.

Gleichfalls! sagte er, viel artiger geworden. Dann fragte er: Womit kann ich dienen?

Ich bin gekommen, antwortete ich, um Ihnen Glück zu wünschen. Mit namenloser Spannung hat England das Auftauchen eines Mannes erwartet, der den Rebellen Mohamed Achmed in sein Nichts zurückstoßen wird.

O dieser Achmed! rief er zornig. Dieser Mann ist gar kein falscher Prophet. Er handelte noch vor zwei Jahren mit wilden Thieren und machte ein gutes Geschäft, denn er war ein großer Betrüger. Er verkaufte Löwinnen für Löwen, und wenn der Käufer, der ein Dutzend Tiger bestellt und bezahlt hatte, die abgelieferten Bestien nachzählte, so fehlten entweder zwei Stück am Dutzend, oder sie waren schlecht gestreift, oder sie waren nicht ordentlich wild, oder es befand sich ein Puma, der nicht zu gebrauchen war, darunter. So kam er zu Gelde, und mit Hülfe desselben wurde er Mahdi.

Dieser Schwindler! rief ich außer mir.

Er hatte etwas Glück, – der Dumme hat's ja, – fuhr der zweite Mahdi fort, und so riß er die Herrschaft an sich. Aber, wie gesagt, ein falscher Prophet ist er nicht, er kann weder in die Zukunft blicken, noch etwas vorhersagen. Nichts trifft ein, was er prophezeit. Er ist ein Hochstapler. Der wahre falsche Prophet bin ich!

Unbedingt, warf ich ein und verneigte mich tief. Es freut mich sehr, daß Sie ihn geschlagen haben. Aber weshalb nahmen Sie ihn nicht gefangen?

Die Engländer, belehrte er mich, haben Nichts auf seinen Kopf gesetzt. Sobald das geschehen sein wird, werde ich ihn ganz gewiß fangen und seinen Kopf zu Gelde machen. Für Geld kann man Alles bei uns haben.

Nun sah ich mir den neuesten Mahdi genauer an. Er sah genau so aus, wie man ihn sich vorstellt. Man hat, wenn man ihn scharf beobachtet, das Gefühl, als sei auch er kein echter Prophet, als sei auch ihm die Zukunft verschlossen. Um ihn auf die Probe zu stellen, bat ich ihn um eine kleine Prophetengabe. Er war bereit, nur sollte ich der Ordnung wegen vorher bezahlen. Auf meine Frage, was es für Journalisten koste, antwortete er: Nach Belieben ein Pfund Sterling. Dabei zog er den Säbel.

Ich zahlte. Alsbald blickte er in die Zukunft. Es war ein feierlicher Moment. Der zweite Mahdi hatte sich die Brille aufgesetzt und sah mit durchbohrenden Blicken in das Freie. Alles war still. Nur die Araber vor dem Zelt machten einen ohrbetäubenden Lärm, und die Kameele und Maulesel schrieen toll durcheinander. Endlich brach der Prophet das Schweigen, indem er sagte: Eine traurige Nachricht. Bevor Sie mein Zelt verlassen, sind Sie mein Gefangener und müssen sich loskaufen.

Ich erhob mich.

Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, sagte er wie ein wahrer Freund, so würde ich mich nicht lange besinnen, sondern mich nach der Höhe der Lösesumme erkundigen.

Das that ich. Nun, belehrte mich der zweite Mahdi, Sie haben Glück, die Preise sind gefallen. Bezahlen Sie zwanzig Pfund Sterling und fünf Shilling Schreibgebühr, so sind Sie frei und können unbehelligt das Zelt verlassen. Dabei zog er wieder seinen Säbel.

Ich bat ihn, keine Furcht zu haben, er sei durchaus sicher, und erlegte die genannte Summe. Dann empfahl ich mich mit einer tiefen Verbeugung, da ich genug hatte, nämlich umgekehrt. Als ich im Freien war, athmete ich tief auf. Dann beschlich mich etwas wie eine Ahnung, als sei auch dieser Mahdi nicht der echte. Die Zukunft wird es lehren. Gelingt es ihm indeß, den ersten Mahdi zu vernichten, so wird England ihn ganz gewiß als den echten anerkennen.

Bei Frau v. Kolemine.

Wenn man bedenkt, wie selten ein regierender Fürst geruht, sich von seiner Gemahlin scheiden zu lassen, so kann man sich mit Leichtigkeit vorstellen, mit welchem Eifer ich mich auf die Verfolgung der Gräfin Hutten-Czapska machte, als sich dieselbe auf dem Tapet blicken ließ und Tagesgespräch geworden war. Frau v. Kolemine – denn diese war es – erschien plötzlich in dem Bade Kösen, um Ruhe und Erholung zu finden, und dieser Umstand erschien mir als eine Aufforderung, sie daselbst aufzusuchen.

Ich wollte aus der Haut fahren, als ich im muthigen Ritter in Kösen erfuhr, Frau v. Kolemine sei bereits völlig interviewt und zwar von Fräulein Anny Wothe. Ein Fräulein hatte mich also um eine Nasenlänge geschlagen! Das war doppelt schauderhaft. Denn ich mußte mir sagen, daß nun die Damen anfingen, mir in das ohnehin schon so wenig einträgliche Handwerk zu pfuschen und mir die Löwen des Tages vor der Nase weg zu interviewen. Und zum Unglück hatte Anny Wothe augenscheinlich viel Talent. Denn sie log überaus tüchtig das Blaue vom Himmel herunter, griff meisterhaft aus der Luft, sog virtuos aus den Fingern und machte der Leserwelt das beliebte X so geschickt vor, das selbst das geübteste Auge kaum im Stande war, das ursprüngliche U zu erkennen. Das sah man an der Broschüre, welche sie aus Frau v. Kolemine herausgeschlagen und in welcher sie ausschließlich der Unwahrheit die Ehre gegeben hatte.

Indeß setzte mich ein glückliches Temperament bald über diese Konkurrenz hinweg. Mit Rosine in Rossinis Barbier sang ich: »Anny Wothe poco fa« und ließ mich bei Frau v. Kolemine melden.

Die Dame sei nicht zu sprechen, lautete der Bescheid.

Das macht durchaus nichts, antwortete ich der Dienerin entgegenkommend. Ist die Dame nicht zu sprechen, so lasse ich ihr sagen, daß sie auch wenig zu sprechen habe, daß ich allein sprechen werde.

Die Dienerin ging in das Zimmer zurück, und diese Gelegenheit benutzte ich, einzutreten.

Frau v. Kolemine war allein im Salon und las.

Als sie das Haupt erhob, bemerkte ich auf ihrem Antlitz einen Ausdruck des tiefsten Unwillens. Ich begriff dies. Wie konnte eine Frau zufrieden lächeln, die einem Fürsten die Hand zum ewigen Scheidungsbunde gereicht hatte!

Sie ist eine Dame in dem letzten Viertel dieses Jahrhunderts. Wer ihre Photographie gesehen hat, wird mit mir darin übereinstimmen, daß sie derselben ähnlich sieht.

Mein Herr, sagte sie, indem sie vom Sopha aufstand, ich ließ Ihnen ja mittheilen, daß ich nicht gestört sein wolle.

Das kann ich mir denken, antwortete ich, Sie sind ohne Zweifel mit den Akten Ihres Prozesses beschäftigt, gnädige Frau. und da ist jede Störung unangenehm.

Sehr unangenehm, in der That, sagte sie.

Aber noch unangenehmer muß die Situation sein, in welcher Sie sich befinden, fuhr ich fort. Eben verheirathet, wurden Sie genöthigt, in den Stand der getrennten Ehe zu treten.

Ich bedarf der Ruhe, sagte sie. Kann man denn nicht ein Paar –

Der Fürst und Sie waren eben ein solches geworden, unterbrach ich sie, und gleich darauf meldeten die Zeitungen, daß das Paar sich wieder trennen sollte. Können Sie mir etwas über die Gründe sagen, welche diese Trennung herbeiführten?

Ich wünsche, allein zu sein, mein Herr, antwortete sie mir.

Es ist aber nicht gut, daß der Mensch allein sei, citirte ich aus der Bibel, und ich nehme daher an, daß Sie sich doch noch zu einer Wiedervereinigung entschließen werden.

Ich wiederhole, warf Frau v. Kolemine ein, daß ich allein zu sein wünsche.

O, rief ich aus vollem Herzen, ich bin nicht gekommen, gnädige Frau, Ihre Scheidung rückgängig zu machen. Wenn Sie glauben, daß es gut sei, allein zu sein, so ehre ich Ihre Anschauung. Sie werden also zurücktreten?

Sie halten mich wirklich auf! rief sie in übelster Laune.

Das würde mich aufrichtig freuen, bemerkte ich. Eine Scheidung ist leicht geschehen, aber nicht rückgängig zu machen. Halte ich Sie also auf, so bin ich sehr befriedigt, und mein Besuch hätte einen schönen Erfolg gehabt.

Mein Herr, warf sie ein, meine Zeit ist beschränkt –

Jede Zeit ist beschränkt, rief ich warm werdend, jede Zeit unterscheidet zwischen blauem und rothem Blut und wird immer das blaue für das Patentblut halten, das rothe dagegen für das gegypste. Halten Sie fest, Madame, lassen Sie nicht locker, zeigen Sie der Welt, was eine Unterthanenharke ist, das Gesetz wird auf Ihrer Seite sein!

Wir müssen scheiden, sagte sie entschieden.

Müssen? fragte ich. Kein Mensch muß müssen, sagt mein unsterblicher College Lessing. Freilich müssen wir scheiden, wenn die Frau von Zeit zu Zeit den Gatten verläßt, um mit einem andern Mann den Sekt des freiwilligen Exils zu schlürfen, oder wenn der Gatte es nicht mehr an der Seite seiner Angetrauten, sondern eine Nebenbuhlerin aushält, aber –

Frau v. Kolemine erhob sich rasch und klingelte. Eine Dienerin trat ein. Bitten Sie den Herrn Dr. Köhler, zu mir zu kommen, befahl die Herrin.

Ich ließ sie dadurch nicht abhalten, mir weiter zuzuhören. Aber als ich anfing, ihr Muth zuzusprechen, nichts von ihren Rechten verkümmern zu lassen, trat ihr eben genannter Anwalt ein.

Gestatten Sie mir, Ihnen eine Mittheilung zu machen, sagte er zu mir, nahm meinen Hut und erfaßte meine rechte Hand.

Ich reichte der Dame nun meine linke, die sie aber nicht nahm. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Die linke Männerhand hatte ihr kein Glück gebracht.

Der Weg bis zur Thür ging in lebhafter Unterhaltung mit Herrn Dr. Köhler rasch vorüber. Die Thür schloß sich zwischen ihm und mir.

Ich eilte nach Hause, um gleichfalls eine Broschüre zu verfassen, welche demnächst erscheinen und für eine Mark in jeder Buchhandlung und auf jeder Eisenbahnstation vorräthig sein wird. Ich benutzte zu diesem interessanten Werk alle ausführlichen Mittheilungen, welche ich von Frau v. Kolemine und ihrem Rechtsanwalt erhalten hatte.

Bei Dr. Koch.

Der berühmte Entdecker des Bacillus war eben in Toulon eingetroffen, als ich mir sagte, daß derselbe jedenfalls den Stoff zu einem längeren Artikel bilde, es käme nur darauf an, ihn geschickt auszuforschen. Gelänge es mir, von ihm zu erfahren, woher die Cholera komme, wohin sie ginge, wie sie zu beseitigen, wodurch sie zu heilen, auf welche Weise ihr auszuweichen sei, wann sie wieder verschwinden werde und wodurch sie zu mildern wäre, so könnte ich sicher sein, meinem Blatt und meinen Lesern einen außerordentlichen Dienst zu leisten.

Davon war ich kaum durchdrungen, als ich mich auch sputete, mir von Herrn Dr. Koch meine ohnedies sehr knappe Zeit rauben zu lassen. Ich klopfte bei ihm an und trat, als er nicht hereinrief, in sein Zimmer.

Der große Forscher hatte sich über ein Mikroskop gebückt und war in das Studium eines Präparats versunken, welches ihm wichtige Aufschlüsse geben sollte. Trotzdem ließ ich mich nicht stören, sondern begrüßte ihn. Herr Geheimrath, fügte ich hinzu, Sie sind von Berlin hierher geeilt, um Frankreich Ihre Wissenschaft, ja Ihr Leben zur Verfügung zu stellen, das ist groß, und ich danke Ihnen.

Ich habe allerdings viel zu thun, antwortete der Columbus der Bacillen, und es wäre mir lieb, wenn –

O, warf ich ein, das macht Nichts. Kann ich Ihnen durch Fragen irgendwie gefällig sein, so nehmen Sie keine Rücksicht auf die Lage, in der ich mich befinde, und antworten Sie schlankweg. Ich bin Franzose, Sie leisten Frankreich einen großen Dienst, es wäre undankbar von mir, wenn ich einen Augenblick an mich und an meine Arbeit denken wollte.

Koch seufzte. Er verglich wohl die Höflichkeit eines Franzosen mit der seiner Landsleute. Nun denn, fragte er, was wünschen Sie?

Ich wünsche vor Allem zu wissen, wie man sich vor der schrecklichen Seuche zu schützen vermag, begann ich.

Vor Allem, belehrte mich der Geheimrath, muß man sich nicht ärgern. Wenn man z. B. bis über die Ohren in der Arbeit sitzt und das Wichtigste zu thun hat, und es kommt ein Besucher, den nichts als die banale Neugier herbeiführt, so ärgert man sich und setzt sich dadurch der Gefahr aus, krank zu werden.

Vor was hat man sich sonst in Acht zu nehmen? fragte ich weiter.

Vor jedem Gespräch mit einem Manne, der, wie z. B. ich, mit Cholerakranken in Berührung kam, oder, ebenfalls wie ich, sich stundenlang mit Mikroben beschäftigt.

Was sind Mikroben?

Eindringlinge, die man im Magen hat.

Das sind ja abscheuliche Geschöpfe! rief ich aus.

Der Gelehrte war wieder zu seinem Mikroskop zurückgekehrt und schien mir das Alleinsein zu wünschen. Ich hatte indeß noch etwas Zeit und wollte über das Wesen der Cholera noch Mancherlei erfahren. Daher richtete ich die Frage an meinen berühmten Freund, wie man sich während der Herrschaft der Cholera zu verhalten habe.

Ich rathe Ihnen, belehrte mich Koch, sich nicht länger als dringend nöthig in einem geschlossenen Raum aufzuhalten, besonders wenn sich in diesem Raum ein zweiter Mensch befindet. Ist man nun durch Zufall in einen solchen Raum, z. B. in ein Zimmer wie dieses hier gerathen, so empfehle ich dringend folgende einfache und kostenfreie Schutzmaßregel. Man bleibe nicht länger als höchstens fünf Minuten auf einem Stuhl sitzen. Nach dieser Zeit erhebe man sich, ergreife seinen Hut, mache sich Bewegung bis zur Thür, öffne diese, um frische Luft einzulassen, gehe hinaus und betrete das Zimmer nicht wieder.

Ich notirte dieses mir sehr nützlich erscheinende Recept wörtlich in mein Buch.

Und weiter? fragte ich dann.

Man beschäftige sich nicht mit Dingen, die Einen nichts angehen, sagte der Geheimrath, während ich schrieb. Zu diesen gehören für den Laien in erster Linie die Naturwissenschaften.

Und wie ist es mit der Nahrung? forschte ich weiter.

Nun, antwortete der Todfeind der Mikroben, ich kann nur rathen, besonders Vormittags reichlich zu essen, aber ganz allein. Ansammlungen von Menschenmassen, als welche ich schon zwei Lebewesen bezeichne, bergen Gefahren aller Art in sich. Haben Sie schon gefrühstückt?

Nein, antwortete ich, indem ich im Geiste serviren sah.

Nicht gefrühstückt? rief Koch sehr aufgeregt. So thun Sie es sofort! Gegenüber ist wahrscheinlich ein Restaurant, lassen Sie sich dort ein Separatzimmer geben und frühstücken Sie nach Kräften.

Und wie ist es mit dem Getränk? fragte ich, da es mit dem Frühstück nichts war.

Ich empfehle Trockenheit, warf der Geheimrath energisch ein. Trockenheit ist der Tod der Mikroben.

Auch meiner, versicherte ich mit einem Blick auf die Flasche Rothwein, die halbgeleert den Tisch zierte.

Ich machte eine nutzlose Pause und fragte, wie es mit dem Rauchen sei.

Rauchen Sie nur, verehrter Herr, sagte der außerordentliche Mann, aber speciell die Sorte, an die Sie gewöhnt sind. Ganz vorzügliches Feuer finden Sie beim Portier.

Er mußte wohl glauben, daß meine Rauchstunde gekommen war, denn es schien ihm leid zu thun, daß er mich schon so lange aufgehalten hatte. Ich dankte ihm für die wichtigen Aufschlüsse, die ich empfangen hatte, und fragte ihn, ob ich wiederkommen dürfe. Gewiß, gewiß, erwiderte er, ich reise gleich nach Marseille ab, und Sie können daher kommen, so oft es Ihnen beliebt.

Ganz entzückt verließ ich das Haus des Löwen des Tages, des vielgenannten Vertreters der Wissenschaft. Fast vergaß ich, daß er ein Deutscher, den ich zu hassen verpflichtet bin, weil er Frankreich das Elsaß genommen hatte und ihm nun auch die Cholera nehmen wollte. Wann wird die Stunde der Revanche schlagen?

Ich war wieder ganz Franzose, als ich mir unten von dem Portier Feuer ausbat. Er reichte mir ein brennendes Wachskerzchen, mit dem ich mich entfernte, da er mir keine Cigarre dazu gab.

Nichts auf Erden ist vollkommen!

Bei Cartwright.

Es versteht sich wohl von selbst, daß die Gerüchte von den zahlreichen Bestechungen, welche Herr Cartwright in Berlin Namens des Cobdenclubs verübt hatte, und die Hartnäckigkeit, mit der sie von diesem Herrn und von den bestochenen Freihändlern geleugnet wurden, nicht spurlos an meinem Ohr vorübertobten. Einige Zeit zögerte ich, zu Herrn Cartwright zu gehen, da man mir gesagt hatte, derselbe spreche nur englisch, welche Sprache mir wegen der vielen darin vorkommenden nichtdeutschen Wörter nicht recht geläufig ist. Als ich aber erfuhr, daß Herr Cartwright sich der deutschen Zunge ziemlich fließend bediene, beschloß ich, ihn nicht länger zu schonen und ihn mit aller Strenge zu besuchen.

Als ich den Diener fragte, ob Herr Cartwright zu sprechen sei, bedauerte er, Niemand vorlassen zu dürfen. Da lachte ich überlaut, und alsbald öffnete sich die Thüre, Herr Cartwright erschien in derselben und führte mich in sein Zimmer.

Ich machte erst allgemeine Redensarten. Es thäte mir leid, daß sein Vaterland von den Kaffern eins auf das Prestige bekommen, aber es würde sich schon machen, die Engländer würden sie demnächst zwingen, auf die Knie zu sinken und um Gnade zu bitten. Herr Cartwright sagte: »Wir wollen das Beste hopen.« So schloß ich denn: Ich bin überzeugt, Cetewayo wird wie Schir Ali daran believen müssen.

Sprechen Sie nur deutsch, sagte Herr Cartwright, ich spreche es wie water. Wenn ich nicht irre, so sind Sie Reporter.

Ich that, als hätte ich die erste Silbe des letzten Wortes nicht verstanden, und sagte: Wenn er echt ist, so bitte ich um ein Glas, sonst trinke ich auch deutsches Bier.

Herr Cartwright ließ den Kellner nicht kommen. Ich verstand ihn, er fürchtete, schon durch das Reichen einer Flasche Porter in den Verdacht eines Bestechungsversuches zu kommen.

Are you Freihändler? fragte Herr Cartwright.

I am, antwortete ich offenherzig, für Freihandel mit Schutzzoll, eigentlich für Schutzhandel mit Freizoll. Ein Coloß von Rhodus, stehe ich mit einem foot im Bamberger, mit dem other im Kardorff. In diesem moment, wo man nicht weiß, what is coming, ist es für den Journalisten the best, ab to wait, abzuwarten.

Herr Cartwright setzte rasch seinen Hut auf, um ihn vor mir zu ziehen, und zog sich einen Handschuh an, um mir die Hand zu drücken. Jetzt war das Fragen an mir.

Sir, sagte ich, sind Sie für das Tabacksmonopol?

No, antwortete er, aber ich meine, wenn ich Cigarren smoken will, so mag ich sie auch dear bezahlen.

Mir? fragte ich.

Dear, wiederholte mein Freund. Dabei öffnete er ein Kistchen und nahm eine Flor de Inclan heraus, welche eine so kostbare Binde trug, als wollte sie auf einen Ball gehen. Er zündete sie an, daß mir der Rauch in der Nase zusammenlief, aber er bot mir keine an, obschon ich ihm versicherte, daß ich nie Papiercigarren rauche. Es half nichts, er fürchtete, selbst durch den Dampf dieser kostbaren Cigarre in den Geruch des Bestechens zu kommen.

Rasch entschlossen, zog ich aus einer Düte eine Sechsercigarre, von der ich mir eben ein 200stel Kistchen gekauft hatte, und bat um etwas Feuer, um sie anzuzünden.

Herr Cartwright sprang entrüstet auf. Ich gebe Nichts, rief er, nothing, nicht, was kann forttragen a little cat auf dem tail! Goddam, if you will anstecken Ihre segar, well, draußen. Denn if i gebe fire, so wird morgen die offizielle Presse sagen, ich hätte Sie im Auftrage des Cobdenclubs pricked, ich hätte ausgeführt eine bribery. Ich bin aber nicht gekommen in diese town, um to prick, um auszuführen eine bribery! O no! Ich habe Mr. Delbrück nicht pricked and Mr. Nasse nicht corrupted and Mr.Bamberger nicht gewonnen mit einer bribery, und ich muß mich sehr take in Acht, um irgend etwas zu geben, weil man gleich wird schreiben von bribery!

Dabei wies er auf die Thür. Er hatte mich errathen, ich wollte gehen und ging nun auch.

Draußen hörte ich ihn immer noch schreien: Die Pest in die Post, die Pest in die Post!

Das hatte die gouvernementale Presse aus diesem Manne gemacht! Ich habe weder Porter, noch eine Cigarre, noch etwas Feuer von ihm erlangen können.

Bei Lord Salisbury.

In einem Augenblick, wo ein europäischer Krieg mit aller Gewalt nicht ausbrechen will, hat der Interviewer eines Weltblattes natürlich alle Füße voll zu thun.

Es versteht sich von selbst, daß ich mir Se. Lordschaft nicht aus der Nase gehen ließ. Zur festgesetzten Minute eilte ich in den Kaiserhof, in welchem der große Staatsmann abgestiegen war.

Als ich Lord Salisbury in seinem Salon begrüßte, trat er auf mich zu, empfing mich mit einem überaus herzlichen Adieu und entfernte sich.

Er ging zum Kaiser und hatte sich keinen Moment durch mich abhalten lassen: ein Beweis für den ungeheuren Respect englischer Staatsmänner vor der Macht der Presse. Denn die Presse hatte ja gemeldet, daß der Lord nach Berlin gekommen sei, um mit dem Kaiser zu conferiren, und nun durfte die Audienz nicht unterbleiben, die Presse nicht gezwungen werden, eine Unwahrheit gemeldet zu haben.

Als Lord Salisbury sich entfernt hatte, war ich mit seinem Privatsekretär, Lord Northcote, allein. Derselbe schien von dem Zweck meines Besuches unterrichtet zu sein. Er sagte: »Wenn wir Krieg bekommen, so wird er blutig, im anderen Falle wird der Frieden unvermeidlich sein.« Dann blickte er in die vierte Beilage der Vossischen Zeitung und las: »Antigone, der kleine Richelieu, Fatinitza, O diese Männer! Die Irrfahrten des Odysseus, die Wilddiebe, Wenn man im Dunkeln küßt, Die Fremde, Die Grille,« und zu mir sich wendend, fragte er: »Ist das hübsch, wenn man im Dunkeln die fremde Grille küßt?

Es soll sehr unterhaltend sein, sagte ich.

Er drückte auf einen Knopf an der Thür. Ein englischer Diener erschien, den er leise beauftragte, Billets zum Theater zu besorgen. Dann fuhr er mich an: Kennen Sie das alte Testament?

Nicht auswendig, gab ich zurück.

Ich meine das alte Testament Peters des Großen, fuhr er fort. Darin vermacht uns der Zar, den Sie wohl aus der Lortzing'schen Oper kennen werden, die Türkei, wenn wir sie kriegen können. Aber wir wollen – sie nicht! Sagen Sie das Ihrem Leserkreise.«

Damit erhob er mich, bedauerte, wenn er mich gestört haben sollte, und ich ging fort. Draußen traf ich den Oberkellner, den ich fragte, wie er über Rußland denke. Er war sehr beschäftigt und wies mich an den Portier. Dieser, sonst gut unterrichtet, wich aber meinen Nachforschungen aus und rief mit immer lauter werdender Stimme:

Stehen Sie einem doch nicht immerfort im Wege! Sie sehen ja, daß ich keinen Augenblick Zeit habe. Fragen Sie den Hausknecht, wenn Sie was wissen wollen!

Der Hausknecht, ein klarer Kopf, war bedeutend ruhiger. Er hatte der letzten Hubertusjagd als Zuschauer beigewohnt und war bei dieser Gelegenheit in die Nähe hoher und höchster Herrschaften gekommen. Leider hatte er über die Absichten Italiens nichts erhaschen können, er meinte aber, daß die Engländer – und dabei wies er auf die Zimmer Sr. Lordschaft – sehr ruhige Leute seien.

Ich will hoffen, daß er sich nicht täuscht. Dann behalten wir Frieden.

Dies mir mehrfach wiederholend, ging ich fort, mit dem Erfolge meines Besuches durchaus zufrieden.

Bei Cremer.

Kaum war Don Cremer aus dem schönen Land des Weins und der Gesänge zurückgekehrt, so eilte ich in das Bureau der »Germania«. Mich trieb nicht nur die Pflicht, sondern auch die Neugierde, den Mann zu sehen, der unter dem Namen Sancho Cremer in der Geschichte des Don Carlos de la Mancha bis in dessen spätestes Exil fortleben wird.

Mit welchen Gefühlen ich das Haus Nr. 25 in der Stralauer Straße betrat, das vermag ich nicht zu sagen. Mein Herz bebte. In einigen Minuten sollte ich dem wohlbehalten zurückgekommenen Mann gegenübersitzen, der uns unter den Carlisten gestohlen werden konnte!

Cremer empfing mich sehr freundlich, und ich begann: Edler Don, Sie kommen aus Spanien und haben Don Carlos von Angesicht zu Angesicht gesehen –

Flüchtig, versicherte Cremer.

Natürlich flüchtig, gab ich zu. Aber ich bin nicht gekommen, die Summe des Fersengeldes, welches er gegeben, zu erfahren, noch eine Beschreibung des Hasenpaniers, welches er ergriffen, von Ihnen zu hören, obschon ich Sie darum beneide, daß Sie mit eigenen Augen das Pech, welches er gegeben hat, und die eleganten Hosen gesehen haben, in welche sein Herz gefallen ist.

Ich hätte auch wenig Zeit, sagte Cremer, indem er ein Medaillon mit der Asche der Sohlen küßte, welche dem Don Carlos unter den Füßen zu brennen pflegten, ich schreibe jetzt eben die actenmäßige Darstellung der Affaire Schmidt, durch welche ich klar beweise, daß der Hauptmann Schmidt wirklich ein Spion war und erschossen werden mußte.

Ich erklärte, daß gerade diese Documente mich zu ihm geführt hätten, und bat ihn um einige Details.

Cremer verdrehte mehrmals höchst kunstvoll die Augen, faltete Beine und Hände und sagte: Die liberale Schand- und Sudelpresse hat die Erschießung Schmidt's einen Mord genannt. Ich schwöre Ihnen bei Allem, was dem Don Carlos heilig ist, daß es kein Mord war. Ich habe den Vorfall genau untersucht, ich sprach selbst mit Don Gaunerio de Schufterle, welcher einen Mann, Namens Don Briganto, gesprochen, dessen Onkel, Señor Domingo Vagabundo, in der Nähe gewesen ist, als der Hauptmann Schmidt dem Feinde mit seinem weißen Schleier Zeichen gab.

Sind diese Leute glaubwürdig? fragte ich. Cremer sprang auf und rief: Mein Herr, es sind Carlisten!

Ich war vollständig beruhigt.

Cremer fuhr fort: Schmidt, so wird behauptet, sagte, er habe dem Feinde keine Zeichen gegeben, es sei ein Irrthum, deshalb suchte ich den Don Canaillo, einen der durch und durchtigsten carlistischen Ehrenmänner, auf. Ich traf ihn auf dem Ablaßmarkt in Estella mit Señor Bandito de los Bagajos und dem Priester Santo Basilio, und diese drei Herren erklärten eidlich, Schmidt habe zwar nicht mit dem Hutschleier, jedoch mit dem Taschentuch Zeichen gegeben. Damit noch nicht zufrieden, eilte ich zu dem Alcalden Baarzahlez, und dieser zeigte mir ein Protokoll, aus welchem hervorging, daß Schmidt mit Schleier und Taschentuch Zeichen gegeben hatte. Also mußte Hauptmann Schmidt erschossen werden! Dieses werde ich nun in aller Ausführlichkeit auseinandersetzen und damit beweisen, daß Don Carlos ein Ehrenmann ist. Abgemacht, und wer daran zweifelt ist, ein Narr, ein Quatschkopf, ein Rüpel, ein Maskenschwein, ein Liberaler, ein Galgenvogel –

Ich entfernte mich, und noch auf der Treppe hörte ich den künftigen Volksvertreter weiterschimpfen.

Bei Prowe in Thorn.

Ich klingelte. An der Thür erschien ein gefälschtes Dienstmädchen. Es war der Pedell des Herrn Schuldirektors.

Wen darf ich melden? fragte der Verkleidete.

Mein Name ist nicht Rickert, antwortete ich.

Da wurde ich ohne Weiteres eingelassen, und bald darauf betrat ich das Arbeitszimmer des Herrn Prowe. Herr Prowe war sehr beschäftigt, indem er Briefe politischer Gegner anfertigte. Vor ihm stand eine Champagnerflasche, aus der er sich gerade eine Tasse Thee einschenkte. So falschen Sekt hatte ich noch nie gesehen.

Um ein Gespräch anzuspinnen, fragte ich: Wie geht's?

Wie man's treibt, antwortete Herr Prowe.

Ich wollte fragen, sagte ich, was Sie machen?

Was ich gewöhnlich mache: kleine Scherze, antwortete Herr Prowe.

Sie mißverstehen mich, Herr Schuldirektor, sagte ich etwas ungeduldig, ich wollte mich erkundigen, wie Sie sich befinden.

Ich befinde mich in einer unangenehmen Lage, antwortete Herr Prowe. Oder befindet man sich etwa in einer angenehmen, wenn man mißverstanden wird? Ich habe, wie Sie wissen. mit großer Mühe Rickert'sche Briefe verfaßt und zwar zu dem Zweck, den genannten freisinnigen Abgeordneten für eine Neuwahl unmöglich zu machen, und was muß ich nun erleben!

Ja, ja, warf ich ein, die gesammte Presse hält dies für ein Unrecht und greift Sie an.

Ist das nicht niederträchtig? rief Herr Prowe. Ich schiebe dem Herrn Rickert Worte in die Feder, die er nicht geschrieben. Nun, ich bin doch nicht dazu da, echte Rickert'sche Briefe zu schreiben, die kann dieser Mensch selber schreiben.

Sehr wahr, sagte ich, aber wozu Briefe fälschen?

Sie sind sehr naiv, meinte der Schuldirektor, indem er aus einem Schrotbeutel Zucker nahm und denselben in den Thee warf. Ich hatte noch nie eine so gefälschte Zuckerdose gesehen. Sie sind sehr naiv, wiederholte er dann, nachdem er getrunken hatte. Das ist Wahlagitation und die erlaubt, fordert, bedingt Alles. Alle Mittel gelten.

Alle? fragte ich.

Alle, antwortete er. Dabei reichte er mir ein dickes Buch, indem er sagte: Nehmen Sie gefälligst eine Cigarre.

Ich hatte noch niemals eine so gefälschte Kiste Cigarren gesehen.

Herr Prowe fuhr fort: Das Einfachste, was man im Interesse einer regierungsfreundlichen Wahl thun kann, ist doch das, was ich gethan habe. Ich schrieb dem Herrn Rickert Briefe in die Schuhe. Das haben in ähnlicher Weise fast alle Klassiker gethan.

Wie meinen Sie das? fragte ich den Schuldirektor.

Mit den Worten: Nehmen Sie ein Glas Rheinwein, reichte er mir seine lange Pfeife, – ich hatte noch niemals einen so gefälschten Rheinwein gesehen, – und fuhr fort: Da ist z. B. Schiller. In den Räubern kommt ein Brief von Franz von Moor vor. Schiller hat ihn gefälscht. Im Don Carlos spielt ein Brief des Königs Philipp an die Prinzessin von Eboli eine Rolle. Er ist von Schiller geschrieben, nicht von Sr. Majestät. Die Briefe von Falstaff an die lustigen Weiber sind nicht von Falstaff, sondern von Shakespeare verfaßt. Es existirt in Kabale und Liebe ein Brief von Louise an Herrn von Kalb. Der richtet jedenfalls mehr Unheil an, als die aus meiner Feder geflossenen Briefe Rickerts. Und wer hat diesen Brief Louisens geschrieben? Der liebe Schiller. Nicht wahr? Und so könnte ich Ihnen Dutzende von Briefen bezeichnen, welche die Dichter im Namen ihrer Helden und Heldinnen geschrieben haben, ohne daß es Jemand einfiele, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Doch ich sehe, Sie sind pressirt. Dabei zog er seine Schnupftabaksdose aus der Westentasche, warf einen Blick auf sie und sagte: Es ist zehn Minuten vor Zwei.

Ich hatte noch niemals eine so gefälschte Taschenuhr gesehen.

Fürchtend, Herr Prowe würde mir seine Dose reichen, damit ich mich überzeugen sollte, daß es wirklich schon so spät sei, – es war nämlich viel später, – erhob ich mich, indem ich fragte, was er jetzt unter der Feder habe.

Ach, antwortete er, Briefe von freisinnigen Abgeordneten schreibe ich nicht mehr, da ich leider sehe, daß die schlechte Presse mir daraus einen Vorwurf macht. Ich schreibe daher jetzt ein Bändchen Briefe und Postkarten Goethe's an seine Freunde, aus denen hervorgehen soll, daß Goethe den größten Theil seines Faust abgeschrieben, daß er also stark gemogelt hat. Das Werkchen wird viel Aufsehen machen.

Ich gab ihm Recht und verbeugte mich zum Abschied.

Vergessen Sie Ihren Paletot nicht, sagte er zuvorkommend, indem er mir die Papierscheere reichte. Ich hatte noch nie einen so gefälschten Paletot gesehen.

Dann ging ich, überzeugt, einen der merkwürdigsten Schuldirektoren der Neuzeit persönlich kennen gelernt zu haben.

Bei dem Anarchisten-Häuptling, genannt Numero Eins.

Ich ging in meinem Zimmer auf und ab und dachte darüber nach, wie merkwürdig es doch sei, daß die Flucht häufiger als der Verbrecher ergriffen werde, da erhielt ich die Nachricht, daß Numero Eins, der angenehme Dynamitbürger, nach Mexiko – o Ironie des Schicksals! – gesprengt worden sei. Ich säumte sofort nicht, ihm einen Besuch zuzufügen. Denn diese Numero Eins ist und bleibt eine interessante Persönlichkeit. Ein Mann, dem keine Luft zu hoch ist, wenn es gilt, das alte England in dieselbe zu sprengen, verdient gewiß, interviewt zu werden. Ich versicherte also mein Leben gegen Flugschaden, machte mein Testament, ließ in meiner Wohnung einen Brief zurück, in welchem ich die Motive meines traurigen Entschlusses in kurzen Worten auseinander setzte, umarmte stumm meine nichts Böses ahnende Wirthin und machte mich auf den Weg.

Ist Numero Eins zu sprechen? fragte ich den Portier.

Derselbe zeigte mit geheimem Grauen auf ein Parterre-Zimmer, auf dessen Thür Nr. 1 zu lesen war. Als ich daselbst eintrat, fand ich eine alte Frau mit der Toilette beschäftigt, obwohl ihr dies nichts nützte, da sie sehr häßlich war.

Trotzdem stieß sie einen lauten Schrei aus.

Wie freut es mich, hub ich an, in dieser Verkleidung den Mann vor mir zu sehen, vor dem Großbritannien zittert.

Ich bin kein Mann! rief die Frau und flüchtete hinter einen Sessel.

Ich weiß, ich weiß, sagte ich höflich. Und doch kann man sich die furchtbare Persönlichkeit, welche als Numero Eins London vom Erdboden fortfegen will, absolut nicht als Weib vorstellen.

Sie sah mich mit fürchterlichen Blicken an und rief bebend: Was fällt Ihnen ein! Sie irren sich in mir! Großbritannien zittert nicht vor mir, und ich will London nicht vom Erdboden fortfegen. Ich kenne London gar nicht.

O, ich verstehe, warf ich ein, daß Sie Ihre Person mit dem tiefsten Geheimniß zu umgeben gezwungen sind, denn England wird kein Mittel unversucht lassen, Ihre Auslieferung zu erzwingen.

Was soll denn England mit mir wollen? Ich habe nichts Böses gethan, ich bin eine harmlose Wittwe! sagte die Dame, indem sie den Klingelzug zu erreichen suchte.

Ich trat ihr in den Weg und lachte: Sie eine Wittwe, ein Mann, der jede Stunde bereit ist, tausend Wittwen in's Werk zu setzen! Sie sind neben Napoleon I. der größte Wittwenfabrikant Europas, sagte ich bedeutend.

Mein Gott! rief die Numero Eins und sank in einen Stuhl.

Nun da ich sah, daß sie sich beruhigte, fand auch ich ruhigere Worte. Ich ehre Ihr Incognito, sagte ich, indem ich einen gemüthvollen Ton anzuschlagen mich bemühte, und daß Sie maskirt sind, finde ich durchaus richtig. Sie können nicht vorsichtig genug sein. Ihre Verkleidung gefällt mir außerordentlich. Wer wie Sie eine größere Auswahl von Morden auf dem Gewissen hat, muß natürlich jeden Augenblick darauf gefaßt sein, daß ihm ein Leid zugefügt wird.

Herr, fuhr Numero Eins auf, wie können Sie sich unterstehen, mir zu sagen, daß ich Morde begangen habe! Ich habe noch keinem Menschen ein Haar gekrümmt, ich –

Sie suchte wieder den Klingelzug zu erreichen, ich sagte aber, daß ich bereits gefrühstückt hätte, und fuhr dann fort: Natürlich haben Sie selbst keine Morde begangen, aber sie doch angeordnet, befohlen, geleitet. Selbstverständlich stellt sich ein Agitator erster Klasse nicht bloß, er läßt umbringen, für derlei niedrige Hausarbeit hat ein Mann wie Sie seine Privathenker, die für gute Bezahlung arbeiten, der Nemesis in den Spieß laufen und dann aufgehängt werden.

Hülfe! schrie Numero Eins.

Natürlich, gab ich zu, unmöglich können Sie Alles allein machen. Ohne Hülfe kann kein Mensch die Welt auf den Kopf stellen, Alles ruiniren und umgestalten. Wären Sie vielleicht so freundlich, mir etwas von Ihren Plänen zu sagen, welche Sie in nächster Zukunft auszuführen gedenken? Soll London wirklich in die Luft fliegen?

Sie sind wahnsinnig! rief Numero Eins.

Dann verzeihen Sie mir meine Neugierde, erwiderte ich. Ich finde es sehr begreiflich, daß Sie über Ihre Pläne nicht jedem Unberufenen etwas mittheilen und daß Sie das tiefste Geheimniß aufrecht erhalten. Aber eine Bitte hätte ich noch. Darf ich sie aussprechen?

Wieviel wollen Sie? fragte Numero Eins, indem sie an den Schreibtisch eilte.

Wieviel? fragte ich. Ich wäre mit einem einzigen Portrait zufrieden. Sie haben sich hoffentlich vor Ihrer Flucht photographiren lassen.

Numero Eins warf mir ein Bild mit zitternder Hand auf den Tisch und flüchtete wieder hinter den Sessel. Der vielgenannte Agitator befand sich wirklich in einer hochgradigen Aufregung. Wen könnte das in Staunen setzen? Mich nicht. Niemand. Ich nahm das Bild und blickte es dankbar an. Numero Eins hatte sich also auch in England schon als Frau verkleidet. Die rauhen Züge verrathen aber die furchtbare Persönlichkeit. Welch ein Contrast zwischen dieser und dem sie umhüllenden Costüm!

Nun bat ich, mich zurückziehen zu dürfen.

Numero Eins athmete auf.

Ich ging. Hinter mir wurde sofort der Schlüssel im Schloß umgedreht. Die arme Numero Eins muß in fortwährender Angst leben, überfallen zu werden.

Als ich an dem Portier vorüberging, sagte derselbe zu mir: Was haben Sie denn der alten Frau gethan? Sie war ja ganz aus dem Häuschen!

Bleiben Sie dabei, antwortete ich ihm, für alle Welt muß Numero Eins eine alte Frau sein und bleiben, wenn Sie das Gastrecht ehren wollen.

Der Portier brummte etwas in den Bart und schob mich zur Thür hinaus. Das zeigte mir, daß die tiefste Discretion sich für ihn von selbst verstand.

Ich aber ging, glücklich im Besitz eines Bildes, welches die englische Regierung nach den Morden im Phönixpark mit Gold aufgewogen hätte.

Bei dem Nihilisten Hartmann.

Niemals noch bin ich so angenehm enttäuscht worden, wie heute Vormittag, wo ich das Glück hatte, von dem berühmten Nihilisten empfangen zu werden. Ich hatte mir ein ganz anderes Bild von dem Manne gemacht, an dessen Stelle jetzt ein Graf Orlow die Reise von Paris nach St. Petersburg zurückgelegt hat, und der seit langer Zeit die Sicherheitsbeamten Rußlands dadurch verfolgt, daß er vor ihnen herläuft.

Ich glaubte, einen Wütherich zu finden, und fand einen bescheidenen Mitbürger.

Eintretend sagte ich: Habe ich die Ehre, Herrn Hartmann –

Mein Name ist Meyer, antwortete er.

Ich komme, Herr Meyer, fuhr ich fort, um –

Nennen Sie mich Hartmann, unterbrach er mich, und antworten Sie mir mit Ja oder Nein: Sind Sie ein regierender Fürst?

Ich verneinte.

Dann nehmen Sie Platz, sagte er höflich. Wenn Sie ein regierender Fürst wären, so müßte ich Sie bitten, sich umzudrehen, damit ich Sie durch Meuchelmord beseitigen kann.

Ich freue mich sehr, kein Fürst zu sein, verehrter Meuchelmörder, sagte ich vergnügt.

Ach, antwortete er betrübt, nennen Sie mich nicht mit diesem heiligen Namen. Ich verdiene ihn nicht. Ja, wenn das Moskauer Attentat geglückt, wenn der Zar in die Luft geflogen wäre! Aber er befand sich nicht im Zuge.

Es war nicht hübsch von ihm, versicherte ich, er hätte Ihnen wohl diesen Gefallen thun können.

Nicht wahr? rief der Eisenbahnmarder. Aber es fiel dem Zaren gar nicht ein, und nun verlangt er, daß wir ihn lieben sollen! Wenn er wenigstens bei der Explosion im Schloß umgekommen wäre! Aber auch bei dieser Gelegenheit war er nicht bei der Hand.

Ein ungefälliger Herr! versetzte ich. Und was gedenken Sie nun zu thun? Man sagt, Sie wollten nach Amerika gehen.

Dies Gerücht ist nichts als eine Reklame der Dampfschifffahrts-Gesellschaft, welche ihre Cajütenplätze verkaufen will, und allerdings reisen nun mit jedem Dampfschiff Hunderte von Engländern nach Amerika, weil sie denken, ich sei unter den Passagieren. Natürlich befindet sich unter denselben irgend ein Hartmann, oder Meyer, und in dessen Gesellschaft fürchten sich nun die Engländer und sind befriedigt.

Sie bleiben also in Europa? fragte ich.

Natürlich, antwortete er. Ich muß hierbleiben, um die Gesellschaft zu zerstören. Die ganze alte Welt muß untergehen! Wer nicht Nihilist ist, muß vernichtet werden! Rauchen Sie?

Sehr viel, antwortete ich.

Nun, sagte er, dann geben Sie mir eine Cigarre.

Ich reichte ihm etwas überrascht meine Cigarrentasche, aus der er sich eine Havanna nahm und sie anzündete. Dann fuhr er fort: Ja, Alles muß vernichtet, Alle müssen gemeuchelt werden. Der Vater muß den Sohn, der Sohn den Onkel, der Onkel den Großvater, der Großvater den Hauslehrer, der Hauslehrer den Koch, der Koch den Vater tödten!

Welche Ordnung! rief ich voll aufrichtiger Bewunderung.

Der Nihilist fuhr auf: Wenn Sie das noch einmal sagen, so werfe ich Sie die Façade des Hauses hinunter, denn wir wollen von Ordnung absolut nichts wissen. Auch das Hinunterwerfen über die Treppe gehört zur alten Ordnung, darum schlug ich Ihnen die Façade vor. Wir haben nur das eine Ziel im Auge: Die baldmöglichste Zertrümmerung dieser abscheulichen Ordnung der Dinge!

Der geschätzte Nihilist klingelte. Der eintretende Kellner brachte das Frühstück.

Manches von der abscheulichen Ordnung der Dinge behalten Sie doch bei, sagte ich zu dem jungen Revolutionär, denn, wie ich sehe, frühstücken Sie noch.

Allerdings, allerdings, sagte der Nihilist. Haben Sie Appetit?

Ich konnte vor Hunger kaum bejahen.

Nun, dann gehen Sie und frühstücken Sie irgendwo. Hunger thut weh. Ich würde Sie einladen, mit mir zu frühstücken, wenn dies nicht die alte Ordnung der Dinge wäre.

Ich verabschiedete mich ohne Aufenthalt. Im Vorzimmer suchte ich vergeblich meinen Paletot. Endlich sagte mir der Oberkellner, der Nihilist habe befohlen, den ersten Paletot, der heute im Vorzimmer abgelegt würde, einem darauf wartenden bedürftigen Flüchtling zu geben. Das Abgeben der Paletots im Vorzimmer gehöre zur alten Ordnung der Dinge, welche zertrümmert werden müsse.

So ging ich denn ohne Paletot, aber mit dem Bewußtsein, in dem Nihilisten einen wahren Gemüthsmenschen kennen gelernt zu haben.

Bei Louise Michel.

Längere Zeit hatte ich gezögert, bei der künftigen Präsidentin der französischen Republik vorzusprechen. Denn ich hatte wenig Einladendes von ihr vernommen. Vor Allem war es mir bedenklich, daß sie immer Verstorbene zu Deputirten wählen wollte. Am Ende, dachte ich, gefällt ihr meine politische Ueberzeugung, und sie macht mich zum Verstorbenen, um mich dann als Candidaten aufzustellen.

Mein journalistisches Pflichtgefühl siegte. Am andern Morgen klingelte ich an der Thür der Vielgenannten.

Ich fand sie in der frühesten Morgentoilette. Sie schien zeitig aufgestanden und sofort an das Kettenzerbrechen und Jochabschütteln gegangen zu sein. Louise Michel ist, das kann man wohl sagen, nicht hübsch, ohne die Spuren früherer Schönheit an sich zu tragen, denn sie hatte, wie ich höre, vor Jahren, als sie nicht mehr jung war, bereits keine Reize.

Um mir die Hand zu reichen, ballte sie die Faust. Dann schrie sie: Setzt Euch, Bürger!

Ich setzte uns. Dann hub sie an: Habt Ihr schon einen Opportunisten umgebracht? Habt Ihr schon einen Palast eingeäschert?

Nein, betheuerte ich der Wahrheit gemäß, ich habe uns in dieser Lage noch nicht befunden, doch habe ich auch noch keinen Opportunisten geboren, oder einen Palast gebaut.

Das ist etwas, aber nicht viel, rief die Bürgerin, ich verlange von jedem Menschen, daß er einen Opportunisten tödtet, oder einen Palast einäschert.

Wie Ihr befehlt, Jeanne d'Arc, sagte ich, aber woher sollen so viele Opportunisten und Paläste genommen werden?

Nennt mich nicht Jeanne d'Arc! tobte die Dame. Denn wenn Ihr das c etwas undeutlich aussprecht, so klingt der Name dieser meiner Mitheldin wie Gensdarm, und bei diesem Wort möchte ich aus der Haut fahren!

Ich wollte ihr eben den Gefallen thun und das Wort Gensdarm aussprechen, damit sie wenigstens ihre durchaus unschöne Haut los würde, als sie plötzlich jammerte: Das arme Caledonien!

Ist ihm was passirt? fragte ich theilnahmsvoll.

Das Schrecklichste! rief sie, Caledonien hat keine Petroleure mehr, heute Nacht sind die Letzten nach Opportunis (so nannte sie Frankreich!) zurückgekehrt. Das arme Caledonien! Wie kann es ohne Petroleure existiren!

Vielleicht geht's, tröstete ich die Bürgerin.

Unmöglich, Bürger Esel! warf sie ein, kein Land kann ohne Petroleure existiren, und da nur Frankreich Petroleure hat, so wird Frankreich blühen, wachsen und gedeihen. Es gilt, alle Regierungen zu stürzen, bis die Petroleure an die Regierung kommen, und dann –

Dann? fragte ich aufs Höchste gespannt.

Dann müssen auch die Petroleure gestürzt werden, damit die Dynamiteure an die Regierung kommen. Wer dann diese zu stürzen hat, das weiß ich diesen Augenblick noch nicht.

Das ist recht Schade, sagte ich. Wenn Ihr erlaubt, Bürgerin Michel, so spreche ich deshalb einmal wieder vor.

Hoffentlich werde ich es Euch dann sagen können, wenn ich frei bin, antwortete sie. Denn ich schäme mich eigentlich, daß ich nicht im Gefängniß bin, da der wahrhaft freie Bürger immer wegen revolutionärer Umtriebe im Gefängniß sein muß. Seht, Bürger, – bei diesen Worten ergriff sie die Büste Rocheforts, – diesen Mann verehrte ich bis jetzt, aber da er nicht im Gefängniß schmachtet, verachte ich ihn. Damit schleuderte sie mir die Büste an den Kopf.

Ich blutete.

Entsetzlich, jammerte die Bürgerin, die Büste ist nicht zerbrochen!

Um Entschuldigung bittend, empfahl ich mich. Wohin? fragte sie mich. Ich stammelte: Zum Arzt! Da schlug sie sich die Thür vor der Nase zu, indem sie rief: Elender Opportunist!

Ein angenehmes Mädchen!

Bei Leo Frankel.

Die Phantasie liefert immer nur unvollkommene Portraits von interessanten Persönlichkeiten. Es sind Photographien, denen man es ansieht, daß die Künstlerin Phantasie das Original in eine vortheilhafte Stellung gebracht und es ersucht hat, eine Minute lang ein freundliches Gesicht zu machen. Anders unsereiner. Unsereiner überfällt den Löwen des Tages in seinem Schlafrock und zieht ihm die Würmer aus der Nase, er mag nun Würmer und eine Nase haben, oder nicht. Da steht dann der pure Mensch.

Ich eilte nach Gent. Wer den Namen der Stadt französisch spricht und Gand sagt, denkt unwillkürlich daran, daß hier der alten Weltordnung ein Handschuh hingeworfen wird. Und was für ein Handschuh! Ein Handschuh, groß genug, daß ihn der Nihilist tragen kann: No. 899/100, also fast 9, die Handsocke.

Die »internationale Arbeiter-Association« spaltete sich bekanntlich 1873 auf dem Congreß im Haag in zwei Theile: in die Marxisten und Bakunisten. Jene wollen, wie man mir sagte, die Arbeit abschaffen, diese das Nichtsthun einführen. So reichen sich beide Parteien schroff die Hände.

Der Weltnihilist ist auf Reisen im Allgemeinen vergnügt. Hier hat er keine Arbeiter zu führen, sondern wird selber von einem Lohndiener geführt, der ihm die Stadt zeigt. Als Lohndiener wählt er am liebsten einen Mann, der nicht Nihilist ist, weil der nihilistische Lohndiener den Fremden gewöhnlich, anstatt ihn zu führen, »Wittwenschinder« und »Waisenaussauger« nennt, dann vor dem nächsten Wirthshaus den Lohn in Empfang nimmt und den Fremden verläßt.

Citoyen Leo Frankel, den ich sofort besuchte, war aus Pest gebürtig und Handelsminister unter der Pariser Commune. In dieser Stellung wollte er eben alle Waarenspeicher, Schiffe, Fabriken, Börsen und Wechsel verbrennen lassen, als er gezwungen wurde, sein Portefeuille in seine eigenen Hände zurückzulegen.

Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! rief ich grüßend aus, als ich bei ihm eintrat. Guten Morgen! antwortete er, indem er mir seine Hand reichte, welche vom Nichtsthun gebräunt war.

Störe ich bei'm Theilen? fragte ich ihn, und als ich merkte, daß er mich nicht verstand, fuhr ich fort: Ich glaubte, Citoyen, Sie würden auf diesem Weltcongreß mit gutem Beispiel vorangehen und Ihr Vermögen unter die Armen vertheilen. Da lachte er und wollte mir eine tüchtige Ohrfeige geben. Welche falsche Ansichten, murmelte er knirschend, sind über uns verbreitet! Wir wollen allerdings theilen, aber nicht selbst, sondern mit den Uebrigen.

Das erschreckte mich, und ich wollte ihn schon fragen, ob er mir nicht 20 Francs leihen könne, um ihn glauben zu machen, daß ich nichts bei mir hätte. Aber ich bin doch schließlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß es sich für einen Interviewer nicht schicke, den Besuchten anzupumpen.

Der Citoyen schien zu errathen. Sie haben kein Geld, sagte er, das ist traurig, aber warten Sie, bis wir zur Herrschaft gelangen. Dann brennen wir wöchentlich eine Stadt nieder, und mit dem Wegräumen des Schuttes können Sie sich sofort anständig ernähren.

Und wenn ich selbst ein Haus hätte, das mir niedergebrannt wird? fragte ich.

Da sprang er auf. Herr, schrie er, wie können Sie sich unterstehen, zur besitzenden Klasse zu gehören? Das ist ja niederträchtig! Gleich rufe ich den Hausknecht. Wenn Sie ein Haus besitzen, so wird es mit allen anderen Häusern verbrannt!

Und wo gedenken Sie dann zu wohnen, Bürger Präsident? fragte ich ihn. Es wäre doch möglich, daß ich Sie aufsuchen möchte.

Das weiß ich noch nicht, ich werde schon eine gerollte Villa für mich finden, ich weiß nur, daß die alte Weltordnung faul ist und vom Erdboden rasirt werden muß.

Und wer wird, fragte ich, wenn Sie sich nicht selbst rasiren, dann Ihr Barbier sein wollen?

Das weiß ich gleichfalls noch nicht, antwortete er wieder, derlei kleine Fragen sind gleichgültig dem großen Ziele, das wir anstreben, gegenüber: der Gleichheit aller Menschen!

Der Kellner brachte das Frühstück. Der Präsident warf einen Blick auf das Filet und schrie: Das ist ja nicht, wie ich es bestellt habe, durchgebraten! Du bist ja ein ganz unnützer Schlingel! Das esse Du, oder der Wirth selber und bringe mir eine bessere Portion! Marsch hinaus!

Der Kellner schlich mit dem Filet wieder davon, während Bürger Frankel innerlich außer sich sagte: Dieser Pöbel ist zu faul, und es fehlte nur noch, daß der Gast den Kellner bedient!

Ich suchte ihn zu beruhigen: Siegen Sie nur erst, Citoyen, dann sind alle Menschen gleich, und Sie müssen sich selbst bedienen.

Wollen Sie Gleichmacher mal gleich machen, daß Sie hinauskommen?! rief er statt aller Antwort und griff zu einem dicken Werk von Marx. Ich wartete nicht, bis er es aufschlug, sondern war schon vor der Thür und rief draußen: Es war mir sehr angenehm!

Ein herrlicher Mann! Möge es ihm stets gut gehen und er in dem Reich, welches er gründen will, nur immer Regierender, niemals Bürger sein!

Bei der Mikrocephalen.

Ich befand mich, nichts Böses ahnend, auf dem Virchow'schen Standpunkt, nach welchem die Mikrocephalen eine gewisse Entwickelungsstufe der organischen Welt repräsentiren, also so zu sagen bereits mit drei Händen im menschlichen Geschlecht stehen. Da drang die Nachricht von der Ankunft der in meiner Ueberschrift Genannten zu meinem Ohr, und ich beeilte mich, der interessanten anthropo- und pathologischen Erscheinung meinen Besuch zu machen.

Margarethe Becker war, als ich bei ihr eintrat, 7 Jahre alt und 1,052 Meter groß. Ich begrüßte das merkwürdige Kind, und es gab mir keine Antwort. So war denn die Unterhaltung rasch eröffnet.

Ich sagte: Margarethe ist ein schöner Name. Genau so heißt z. B. die herrliche Primadonna in Gounod's Faust. Auch kenne ich eine Valois dieses Namens. Und auch der Name Becker wird viel getragen. Gefällt Ihnen Berlin?

Die Mikrocephale antwortete nicht, sondern zeichnete mit Kreide.

Sie sind zu keiner günstigen Zeit hierher gekommen, fuhr ich fort. Unsere wissenschaftliche Welt, welche Sie so lebhaft interessiren, befindet sich in Aufruhr. Sie müssen in diesen Kreisen von Dühring gehört haben. Wie denken Sie über dessen Benehmen gegen seine Collegen?

Sie hatte gar nicht zugehört und schwieg.

Und was sagen Sie von Most, dem Socialdemokraten, welcher Mommsen abfällig beurtheilt und doch nur die beiden ersten Buchstaben mit ihm theilt?

Sie hob den Kleinkopf und starrte mich schweigend an.

Ich lenkte in eine andere Gesprächsgasse ein, indem ich sagte: Sie hätten gewiß den Reichskanzler gern einmal gesehen. Aber dieser Mann ist rücksichtslos. Gerade im Sommer, wenn mancher Engländer nach Berlin kommt, um ihn in Augenschein zu nehmen, hält er sich auf seinen Gütern auf, um sich zu stärken. Natürlich entweder für den Culturkampf, oder für das Ende des Septennats. Wünschen Sie über jenen oder dieses etwas von mir zu hören?

Margarethe antwortete nicht.

Sagen Sie, was Sie wollen, meine gnädige Mikrocephale, rief ich aus, aber ich kann nicht finden, daß Sie so selten vorkommen. Im Gegentheil, die Menschen, welche sich von Lebensmittelverfälschern, Programmverfertigern, Wanderauctionatoren und anderen Moglern über's Ohr hauen lassen, bilden eine große Menge und sollten einmal von Darwin, Virchow oder Vogt gründlich untersucht werden.

Die Mikrocephale verharrte in ihrer Theilnahmlosigkeit.

Schelten Sie mich wegen meiner Worte nicht grausam, Fräulein Becker, sondern sagen Sie mir, welche Kriegsführung Sie für die grausamere halten, die der Türken, oder die der Russen.

Sie gab keine Antwort. Dagegen fragte mich eines ihrer Familienmitglieder, weshalb ich schon gehen wolle, es sei ja bereits spät. Ich erklärte mich bereit, noch zu bleiben, worauf sich ein anderes Familienmitglied beeilte, mir die Treppe hinunterzuleuchten.

So war ich denn fortgegangen, herzlich für die freundliche Aufnahme dankend. Hatte ich doch ein Wesen kennen gelernt, welches allgemein als geistig unentwickelt gilt, das sich mir aber in ganz anderem Lichte gezeigt hatte. Denn wer endlich so weit wie sie gekommen ist, zu den politischen und socialen Zuständen nichts mehr zu sagen, der hat eine Höhe der Lebensweisheit und Bildung erreicht, die ich lange für unerreichbar hielt. Die Mikrocephale Margarethe Becker aus Offenbach steht auf dieser Höhe!

Ich erkläre daher, daß sie nicht einen Rückschritt, sondern einen Fortschritt des Menschengeschlechts repräsentirt. Wer das Gegentheil glaubt, verklage mich!

Bei der vom Teufel Besessenen.

Besessen war sie seit etlichen Tagen nicht mehr, doch ich nenne die Kammerfrau so, weil sie unter dieser Bezeichnung durch die »Germania« allgemein bekannt geworden ist.

Aufrichtig gestanden, ich suchte sie nicht ohne Zagen auf. Denn eine Person, in der der Teufel jahrelang wohnte, ist wohl geeignet, eine gewisse Unheimlichkeit um sich zu verbreiten. Es läßt sich damit z. B. ein Haus, das man uns mit den Worten zeigt: »Sehen Sie, hier hat Helmerding jahrelang gewohnt« gar nicht vergleichen.

Ich hatte mir bis dahin die Behausung des Teufels doch anders gedacht. Wir wissen von Goethe, daß Satan nicht wählerisch ist und sich nichts daraus macht, in einem Pudel abzusteigen. Aber dies geschieht doch nur vorübergehend, etwa auf 24 Stunden, gewissermaßen auf der Durchreise. Hier liegt aber ein anderer Fall vor. Er wohnte in einer nicht einmal hübschen Kammerfrau viele Jahre lang, Sommer und Winter, während ich glaubte, er habe ein eigenes Haus mit Stallung und 20 Fenstern Front. Auch der geehrte Leser wird sich den Teufel nur als Grundbesitzer denken können und nicht wenig erstaunt sein, ihn in einer lebendigen, alten Jungfer-Spelunke anzutreffen.

Als ich, also grübelnd, mich vorstellte, war ich von der Einfachheit der Dame geradezu überrascht, welche der Teufel zu seiner Wohnung ausgewählt hatte. Das Wesen sah sehr verwohnt aus, hatte eine häßliche, vom Alter ramponirte Façade und war ohne Zweifel lange nicht angestrichen worden. Ferner war sie ziemlich klein, so daß ein Teufel mit Familie nicht hätte darin wohnen können. Bekanntlich war der Miether allerdings ein Junggeselle der Hölle gewesen.

Nachdem ich ihr Glück gewünscht hatte, daß sie wieder leer stehe, fragte ich sie, ob der Teufel auch Alles mitgenommen habe und daß also nicht zu befürchten sei, daß er umkehre, um irgend einen zurückgelassenen Huf, ein Mäntelchen von starrer Seide oder dergleichen zu holen.

Sie beruhigte mich und fuhr dann fort: Er hat viele Jahre in mir zugebracht und ist während dieser ganzen Zeit nur höchst selten ausgegangen. Selbst in der Walpurgisnacht kam er schon um ¾ auf 1 Uhr vom Blocksberg nach Haus. Er pflegte auf einem Zaubermantel auszureiten, oder bediente sich eines Hexenbesenstiels erster Klasse. Ich durfte in solchen Fällen Mund und Nase nicht schließen, bevor er zurückkam. Auf Klingeln oder Pochen ließ er sich nicht ein.

Bewohnte er Sie ruhig? fragte ich das alte Haus.

Ich kann im Ganzen nicht klagen, antwortete es, ich war nicht übel besessen. Nur wenn ich, wie das in einer solchen Wirthschaft nicht oft genug geschehen kann, beten ließ, dann wurde er unruhig, schimpfte, spie Feuer und Flammen, ließ mir eine Laus über die Leber laufen, kehrte mir den Magen um, hing mir aus dem Halse heraus und verletzte auf noch andere Weise den Miethscontract. Dann hätte ich am liebsten einen Zettel herausgehängt: »Hier ist ein herrschaftlich möblirtes Frauenzimmer zu vermiethen.«

Das kann ich mir denken, sagte ich. Aber was wollte er eigentlich in Ihnen? Man bezieht doch eine Kammerfrau nicht auf Jahre ohne bestimmten Zweck. Auch leiden die Teufel nicht unter der Wohnungsnoth.

Sie mögen Recht haben, antwortete die Entsessene, meiner Frage ausweichend. Wenn aber so mancher arme Teufel bei Mutter Grün nächtigt, warum sollte, da es meines Wissens kein Asyl für obdachlose Satäne giebt, nicht Lucifer eine freundliche Kammerfrau miethen?

Während sie dies sagte, betrachtete ich sie genau. Sie sieht wirklich ganz wie ein Häuschen aus, trägt ihren Chignon wie einen Schornstein, ihre Arme gleichen Dachrinnen, und ihre Nase ähnelt dem Knopf eines Glockenzugs.

Speiste er in Ihnen? fragte ich.

Er aß und trank überhaupt nichts, wenigstens nicht, wie wir Menschen, antwortete die Dame. Dann und wann holte er eine Seele, und davon scheint er gelebt zu haben.

Mahlzeit! rief ich aus und fragte weiter: Und wie wurden Sie den Femmedechambregarnisten los?

Als ich baufällig wurde, berichtete sie, rief ich einen Priester herbei, welcher den Rummel versteht und den Teufel zu chikaniren begann. Lucifer kann keinen Lärm leiden, am allerwenigsten Clavierspiel, Beschwören, Sprengen mit Weihwasser, nächtliches Beten und dergleichen. Eines Tages wurde ihm das zu viel. Ich hörte ihn in meinem Oberstübchen mit dem Pferdefuß stampfen und fluchen. Dann holte er seine Siebensachen aus meinen Herzenskammern, schrie nach einem gesattelten Faß und entfernte sich, indem er meinen Mund von außen heftig zuschlug und statt Adieu natürlich Adiable murmelte. Ich war leer!

Ich erhob mich. Altes Seitengebäude, sagte ich, freuen Sie sich, daß Sie den Einwohner, der keine Miethe bezahlte, los sind, und nehmen Sie sich in Zukunft besser in Acht –

Hier sah sie mich zärtlich an und sagte: Vor dem Teufel wohl, aber Sie sind ja keiner!

Man kann sich nicht denken, wie ich davonlief. Eine Kammerfrau, selbst eine baufällige, die im nächsten Augenblick zusammenfallen kann, ist für Jeden, der nicht Teufel ist, fürchterlich.