Heidi's Lehr- und Wanderjahre

Capitel I.
Zum Alm-Oehi hinauf.

Vom freundlichen Dorfe Mayenfeld führt ein Fußweg
durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fuße der Höhen,
die von dieser Seite groß und ernst auf das Thal herniederschauen. Wo der Fußweg zu steigen anfängt, beginnt bald Haideland mit dem kurzen Gras und den kräftigen Bergkräutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn
der Fußweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.

Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen
Junimorgen ein großes, kräftig aussehendes Mädchen dieses
Berglandes hinan, ein Kind an der Hand führend, dessen
Wangen so glühend waren, daß sie selbst die sonnverbrannte,
völlig braune Haut des Kindes flammendroth durchleuchteten.
Es war auch kein Wunder, das Kind war trotz der heißen
Junisonne so verpackt, als hätte es sich eines bitteren Frostes
zu erwehren. Das kleine Mädchen mochte kaum fünf Jahre
zählen; was aber seine natürliche Gestalt war, konnte man
nicht ersehen, denn es hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei
Kleider übereinander angezogen und drüberhin ein großes,
rothes Baumwollentuch um und um gebunden, so daß die kleine
Person eine völlig formlose Figur darstellte, die, in zwei
schwere, mit Nägeln beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich heiß
und mühsam den Berg hinaufarbeitete. Eine Stunde vom
Thal aufwärts mochten die Beiden gestiegen sein, als sie
zu dem Weiler kamen, der auf halber Höhe der Alm liegt
und „im Dörfli“ heißt. Hier wurden die Wandernden
fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster,
einmal von einer Hausthüre und einmal vom Wege her,
denn das Mädchen war in seinem Heimatsort angelangt.
Es machte aber nirgends Halt, sondern erwiderte alle zugerufenen Grüße und Fragen im Vorbeigehen, ohne still zu
stehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten der
zerstreuten Häuschen angelangt war. Hier rief es aus einer
Thür: „Wart' einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn
du weiter hinaufgehst.“

Die Angeredete stand still, sofort machte sich das Kind
von ihrer Hand los und setzte sich auf den Boden.

„Bist du müde, Heidi?“ fragte die Begleiterin.

„Nein, es ist mir heiß“, entgegnete das Kind.

„Wir sind jetzt gleich oben, du mußt dich nur noch ein
wenig anstrengen und große Schritte nehmen, dann sind
wir in einer Stunde oben“, ermunterte die Gefährtin.

Jetzt trat eine breite, gutmüthig aussehende Frau aus der
Thür und gesellte sich zu den Beiden. Das Kind war aufgestanden und wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her, die sofort in ein lebhaftes Gespräch geriethen
über allerlei Bewohner des „Dörfli“ und vieler umherliegenden Behausungen.

„Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kind, Dete?“
fragte jetzt die neu Hinzugekommene. „Es wird wohl deiner
Schwester Kind sein, das hinterlassene.“

„Das ist es“, erwiderte Dete, „ich will mit ihm
hinauf zum Oehi, es muß dort bleiben.“

„Was, beim Alm-Oehi soll das Kind bleiben? Du bist,
denk' ich, nicht recht bei Verstand, Dete! Wie kannst du
so Etwas thun! Der Alte wird dich aber schon heimschicken
mit deinem Vorhaben!“

„Das kann er nicht, er ist der Großvater, er muß
Etwas thun, ich habe das Kind bis jetzt gehabt und das
kann ich dir schon sagen, Barbel, daß ich einen Platz, wie
ich ihn jetzt haben kann, nicht dahinten lasse um des Kindes
willen; jetzt soll der Großvater das Seinige thun.“

„Ja, wenn der wäre wie andere Leute, dann schon“,
bestätigte die kleine Barbel eifrig; „aber du kennst ja den,
was wird der mit einem Kinde anfangen und dann noch
einem so kleinen! Das hält's nicht aus bei ihm! Aber wo
willst du denn hin?“

„Nach Frankfurt“, erklärte Dete, „da bekomm' ich
einen extra guten Dienst. Die Herrschaft war schon im
vorigen Sommer unten im Bad, ich habe ihre Zimmer
auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und schon damals wollten sie mich mitnehmen, aber ich konnte nicht fortkommen, und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen und ich will auch gehn, da kannst du sicher sein.“

„Ich möchte nicht das Kind sein“, rief die Barbel mit
abwehrender Geberde aus. „Es weiß ja kein Mensch, was
mit dem Alten da oben ist! Mit keinem Menschen will er
Etwas zu thun haben, Jahr aus Jahr ein setzt er keinen
Fuß in eine Kirche, und wenn er mit seinem dicken Stock
im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm Alles aus
und muß sich vor ihm fürchten. Mit seinen dicken grauen
Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus
wie ein alter Heide und Indianer, daß man froh ist, wenn
man ihm nicht allein begegnet.“

„Und wenn auch“, sagte Dete trotzig, „er ist der Großvater und muß für das Kind sorgen, er wird ihm wohl
Nichts thun, sonst hat er's zu verantworten, nicht ich.“

„Ich möchte nur wissen“, sagte die Barbel forschend, „was
der Alte auf dem Gewissen hat, daß er solche Augen macht
und so mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt
und sich fast nie blicken läßt. Man sagt allerhand von
ihm, du weißt doch gewiß auch Etwas davon, von deiner
Schwester, nicht, Dete?“

„Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hörte, so käme
ich schön an!“

Aber die Barbel hätte schon lange gern gewußt, wie
es sich mit dem Alm-Oehi verhalte, daß er so menschenfeindlich aussehe und da oben ganz allein wohne und die
Leute immer so mit halben Worten von ihm redeten, als
fürchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten doch nicht
für ihn sein. Auch wußte die Barbel gar nicht, warum
der Alte von allen Leuten im Dörfli der Alm-Oehi genannt
wurde, er konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den
sämmtlichen Bewohnern sein; da aber alle ihn so nannten,
that sie es auch und nannte den Alten nie anders als Oehi,
was die Aussprache der Gegend für Oheim ist. Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Dörfli hinauf
verheirathet, vorher hatte sie unten im Prättigau gewohnt,
und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und besondern Persönlichkeiten aller Zeiten vom Dörfli
und der Umgegend. Die Dete, ihre gute Bekannte, war
dagegen vom Dörfli gebürtig und hatte da gelebt mit ihrer
Mutter bis vor einem Jahr; da war diese gestorben und
die Dete war nach dem Bade Ragatz hinübergezogen, wo sie
im großen Hôtel als Zimmermädchen einen guten Verdienst
fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde
von Ragatz hergekommen; bis Mayenfeld hatte sie auf einem
Heuwagen fahren können, auf dem ein Bekannter von ihr
heimfuhr und sie und das Kind mitnahm. Die Barbel
wollte aber dies Mal die gute Gelegenheit, Etwas zu vernehmen, nicht unbenutzt vorbeigehen lassen; sie faßte vertraulich die Dete am Arm und sagte: „Von dir kann man
doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darüber
hinaus sagen; du weißt, denk' ich, die ganze Geschichte.
Sag' mir jetzt ein wenig, was mit dem Alten ist und ob
der immer so gefürchtet und ein solcher Menschenhasser war.“

„Ob er immer so war, kann ich, denk' ich, nicht präzis
wissen, ich bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebenzig
Jahr alt, so hab' ich ihn nicht gesehen, wie er jung war,
das wirst du nicht erwarten. Wenn ich aber wüßte, daß
es nachher nicht im ganzen Prättigau herumkäme, so
könnte ich dir schon allerhand erzählen von ihm, meine
Mutter war aus dem Domleschg und er auch.“

„A bah, Dete, was meinst denn?“ gab die Barbel ein
wenig beleidigt zurück, „es geht nicht so streng mit dem
Schwatzen im Prättigau, und dann kann ich schon etwas für
mich behalten, wenn es sein muß. Erzähl' mir's jetzt, es
muß dich nicht gereuen.“

„Ja nu, so will ich, aber halt' Wort!“ mahnte die
Dete. Erst sah sie sich aber um, ob das Kind nicht zu
nah sei und Alles anhöre, was sie sagen wollte; aber das
Kind war gar nicht zu sehen, es mußte schon seit einiger
Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein, diese
hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht bemerkt.
Dete stand still und schaute sich überall um. Der Fußweg
machte einige Krümmungen, doch konnte man ihn fast bis
zum Dörfli hinunter übersehen, es war aber Niemand
darauf sichtbar.

„Jetzt seh' ich's“, erklärte die Barbel, „siehst du dort?“
und sie wies mit dem Zeigefinger weit ab vom Bergpfad.
„Es klettert die Abhänge hinauf mit dem Gaißen-Peter und
seinen Gaißen. Warum der heut' so spät hinauffährt mit
seinen Thieren? Es ist aber grad' recht, er kann nun zu
dem Kinde sehen und du kannst mir um so besser erzählen.“

„Mit dem nach ihm Sehen muß sich der Peter nicht
anstrengen“, bemerkte die Dete; „es ist nicht dumm für
seine fünf Jahre, es thut seine Augen auf und sieht, was
vorgeht, das hab' ich schon bemerkt an ihm, und es wird
ihm einmal gut kommen, denn der Alte hat gar Nichts
mehr, als seine zwei Gaißen und die Almhütte.“

„Hat er denn einmal mehr gehabt?“ fragte die
Barbel.

„Der? Ja das denk' ich, daß er einmal mehr gehabt
hat“, entgegnete eifrig die Dete, „eins der schönsten Bauerngüter im Domleschg hat er gehabt. Er war der ältere
Sohn und hatte nur noch einen Bruder, der war still und
ordentlich. Aber der Aeltere wollte Nichts thun, als den
Herrn spielen und im Land herumfahren und mit bösem
Volk zu thun haben, das Niemand kannte. Den ganzen
Hof hat er verspielt und verzecht, und wie es herauskam,
da sind sein Vater und seine Mutter hinter einander gestorben vor lauter Gram, und der Bruder, der nun auch
am Bettelstab war, ist vor Verdruß in die Welt hinaus,
es weiß kein Mensch wohin, und der Oehi selber, als er
Nichts mehr hatte, als einen bösen Namen, ist auch verschwunden. Erst wußte Niemand wohin, dann vernahm
man, er sei unter das Militär gegangen nach Neapel, und
dann hörte man Nichts mehr von ihm zwölf oder fünfzehn
Jahre lang. Dann auf einmal erschien er wieder im
Domleschg mit einem halb gewachsenen Buben und wollte
diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen. Aber es
schlossen sich alle Thüren vor ihm und Keiner wollte mehr
Etwas von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte:
in's Domleschg setze er keinen Fuß mehr, und dann kam
er hieher in's Dörfli und lebte da mit dem Buben. Die
Frau muß eine Bündtnerin gewesen sein, die er dort unten
getroffen und dann bald wieder verloren hatte. Er mußte
noch etwas Geld haben, denn er ließ den Buben, den Tobias, ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war
ein ordentlicher Mensch und wohl gelitten bei allen Leuten
im Dörfli. Aber dem Alten traute Keiner, man sagte
auch, er sei von Neapel desertirt, es wäre ihm sonst schlimm
gegangen, denn er habe Einen erschlagen, natürlich nicht im
Krieg, verstehst du, sondern beim Raufhandel. Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner Mutter Großmutter mit seiner Großmutter Geschwisterkind gewesen war.
So nannten wir ihn Oehi, und da wir fast mit allen Leuten
im Dörfli wieder verwandt sind vom Vater her, so nannten
ihn diese Alle auch Oehi, und seit er dann auf die Alm
hinaufgezogen war, hieß er eben nur noch der ‚Alm-Oehi’.“

„Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?“
fragte gespannt die Barbel.

„Wart' nur, das kommt schon, ich kann nicht Alles auf
einmal sagen“, erklärte Dete. „Also der Tobias war in
der Lehre draußen in Mels, und so wie er fertig war, kam
er heim in's Dörfli und nahm meine Schwester zur Frau,
die Adelheid, denn sie hatten sich schon immer gern gehabt,
und auch wie sie nun verheirathet waren, konnten sie's sehr
gut zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei
Jahre nachher, wie er an einem Hausbau mithalf, fiel ein
Balken auf ihn herunter und schlug ihn todt. Und wie
man den Mann so entstellt nach Haus brachte, da fiel die
Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber und
konnte sich nicht mehr erholen, sie war sonst nicht sehr
kräftig und hatte manchmal so eigne Zustände gehabt, daß
man nicht recht wußte, schlief sie, oder war sie wach. Nur
ein paar Wochen, nachdem der Tobias todt war, begrub
man auch die Adelheid. Da sprachen alle Leute weit und
breit von dem traurigen Schicksal der Beiden, und leise und
laut sagten sie, das sei die Strafe, die der Oehi verdient
habe für sein gottloses Leben, und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer redete ihm in's Gewissen, er
sollte doch jetzt Buße thun, aber er wurde nur immer grimmiger und verstockter und redete mit Niemandem mehr, es
ging ihm auch Jeder aus dem Wege. Auf einmal hieß es,
der Oehi sei auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht
mehr herunter, und seither ist er dort und lebt mit Gott
und Menschen im Unfrieden. Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Mutter und ich, es war ein
Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb
und ich im Bad drunten Etwas verdienen wollte, nahm ich
es mit und gab es der alten Ursel oben im Pfäfferserdorf
an die Kost. Ich konnte auch im Winter im Bad bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil ich zu nähen und flicken
verstehe, und früh im Frühling kam die Herrschaft aus
Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte und
die mich mitnehmen will; übermorgen reisen wir ab und
der Dienst ist gut, das kann ich dir sagen.“

„Und dem Alten da droben willst du nun das Kind
übergeben? Es nimmt mich nur Wunder, was du denkst,
Dete“, sagte die Barbel vorwurfsvoll.

„Was meinst du denn?“ gab Dete zurück. „Ich habe
das Meinige an dem Kind gethan, und was sollte ich denn
mit ihm machen? Ich denke, ich kann Eines, das erst fünf
Jahr alt wird, nicht mit nach Frankfurt nehmen. Aber
wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind ja schon halb
Wegs auf der Alm.“

„Ich bin auch gleich da, wo ich hin muß“, entgegnete
die Barbel; „ich habe mit der Gaißen-Peterin zu reden, sie
spinnt mir im Winter. So leb' wohl, Dete, mit Glück!“

Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen,
während diese der kleinen, dunkelbraunen Almhütte zuging,
die einige Schritte seitwärts vom Pfad in einer Mulde
stand, wo sie vor dem Bergwind ziemlich geschützt war. Die
Hütte stand auf der halben Höhe der Alm, vom Dörfli
aus gerechnet, und daß sie in einer kleinen Vertiefung des
Berges stand, war gut, denn sie sah so baufällig und verwittert aus, daß es auch so noch ein gefährliches Darinnenwohnen sein mußte, wenn der Föhnwind so mächtig über
die Berge strich, daß Alles an der Hütte klapperte, Thüren
und Fenster und alle die morschen Balken zitterten und
krachten. Hätte die Hütte an solchen Tagen oben auf der
Alm gestanden, sie wäre unverzüglich in's Thal hinabgeweht worden.

Hier wohnte der Gaißen-Peter, der elfjährige Bube, der
jeden Morgen unten im Dörfli die Gaißen holte, um sie
hoch auf die Alm hinaufzutreiben, um sie da die kurzen
kräftigen Kräuter fressen zu lassen bis zum Abend; dann
sprang der Peter mit den leichtfüßigen Thierchen wieder
herunter, that, im Dörfli angekommen, einen schrillen Pfiff
durch die Finger und jeder Besitzer holte seine Gaiß auf
dem Platz. Meistens kamen kleine Buben und Mädchen,
denn die friedlichen Gaißen waren nicht zu fürchten, und
das war denn den ganzen Sommer durch die einzige Zeit
am Tage, da der Peter mit Seinesgleichen verkehrte, sonst
lebte er nur mit den Gaißen. Er hatte zwar daheim
seine Mutter und die blinde Großmutter; aber da er immer
am Morgen sehr früh fort mußte und am Abend vom
Dörfli spät heimkam, weil er sich da noch so lang als
möglich mit den Kindern unterhalten mußte, so verbrachte
er daheim nur gerade so viel Zeit, um am Morgen seine
Milch und Brod und am Abend ebendasselbe herunterzuschlucken und dann sich auf's Ohr zu legen und zu schlafen.
Sein Vater, der auch schon der Gaißen-Peter genannt
worden war, weil er in früheren Jahren in demselben Berufe gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim Holzfällen verunglückt. Seine Mutter, die zwar Brigitte hieß,
wurde von Jedermann um des Zusammenhangs willen die
Gaißen-Peterin genannt, und die blinde Großmutter kannten
weit und breit Alt und Jung nur unter dem Namen
Großmutter.

Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich
nach allen Seiten umgesehen, ob die Kinder mit den Gaißen
noch nirgends zu sehen seien; als dieß aber nicht der Fall
war, so stieg sie noch ein wenig höher, wo sie besser die
ganze Alm bis hinunter übersehen konnte und guckte nun
von hier aus bald dahin, bald dorthin mit Zeichen großer
Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen. Unterdessen rückten die Kinder auf einem großen Umwege heran,
denn der Peter wußte viele Stellen, wo allerhand Gutes
an Sträuchern und Gebüschen für seine Gaißen zu nagen
war; darum machte er mit seiner Heerde vielerlei Wendungen auf dem Wege. Erst war das Kind mühsam nachgeklettert, in seiner schweren Rüstung vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Kräfte anstrengend. Es
sagte kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den
Peter, der mit seinen nackten Füßen und leichten Höschen
ohne alle Mühe hin- und hersprang, bald auf die Gaißen,
die mit den dünnen, schlanken Beinchen noch leichter über
Busch und Stein und steile Abhänge hinaufkletterten. Auf
einmal setzte das Kind sich auf den Boden nieder, zog mit
großer Schnelligkeit Schuhe und Strümpfe aus, stand wieder
auf, zog sein rothes, dickes Halstuch weg, machte sein Röckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins
auszuhäkeln, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen über das Alltagszeug angezogen, um der Kürze
willen, damit Niemand es tragen müsse. Blitzschnell war
auch das Alltagsröcklein weg und nun stand das Kind im
leichten Unterröckchen, die bloßen Arme aus den kurzen
Hemdärmelchen vergnüglich in die Luft hinausstreckend.
Dann legte es schön Alles auf ein Häufchen, und nun sprang
und kletterte es hinter den Gaißen und neben dem Peter
her, so leicht als nur Eines aus der ganzen Gesellschaft.
Der Peter hatte nicht Acht gegeben, was das Kind mache,
als es zurückgeblieben war. Wie es nun in der neuen
Bekleidung nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das
ganze Gesicht auseinander und schaute zurück, und wie er
unten das Häuflein Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch
ein wenig mehr auseinander, und sein Mund kam fast von
einem Ohr bis zum andern; er sagte aber Nichts. Wie
nun das Kind sich so frei und leicht fühlte, fing es ein
Gespräch mit dem Peter an, und er fing auch an zu reden
und mußte auf vielerlei Fragen antworten, denn das Kind
wollte wissen, wie viele Gaißen er habe und wohin er mit
ihnen gehe und was er dort thue, wo er hinkomme. So
langten endlich die Kinder sammt den Gaißen oben bei der
Hütte an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum
aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft erblickt, als
sie laut aufschrie: „Heidi, was machst du? Wie siehst du
aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das
Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf
den Berg und dir neue Strümpfe gemacht und Alles fort!
Alles fort! Heidi, was machst du, wo hast du Alles?“

Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte:
„Dort!“ Die Base folgte seinem Finger. Richtig, dort
lag Etwas und oben auf war ein rother Punkt, das mußte
das Halstuch sein.

„Du Unglückstropf!“ rief die Base in großer Aufregung; „was kommt dir denn in den Sinn, warum hast
du Alles ausgezogen? Was soll das sein?“

„Ich brauch' es nicht“, sagte das Kind und sah gar
nicht reuevoll aus über seine That.

„Ach du unglückseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn
auch noch gar keine Begriffe?“ jammerte und schalt die
Base weiter; „wer soll nun wieder da hinunter, es ist ja
eine halbe Stunde! Komm', Peter, lauf' du mir schnell
zurück und hol' das Zeug, komm' schnell und steh' nicht
dort und glotze mich an, als wärst du im Boden festgenagelt.“

„Ich bin schon zu spät“, sagte Peter langsam und blieb,
ohne sich zu rühren, auf demselben Flecke stehen, von dem
aus er, beide Hände in die Taschen gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehört hatte.

„Du stehst ja doch nur und reißest deine Augen auf
und kommst, denk' ich, nicht weit auf die Art“, rief ihm
die Base Dete zu, „komm' her, du mußt etwas Schönes
haben, siehst du?“ Sie hielt ihm ein neues Fünferchen
hin, das glänzte ihm in die Augen. Plötzlich sprang er
auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter
und kam in ungeheuren Sätzen in kurzer Zeit bei dem
Häuflein Kleider an, packte sie auf und erschien damit so
schnell, daß ihn die Base rühmen mußte und ihm sogleich
sein Fünfrappenstück überreichte. Peter steckte es schnell tief
in seine Tasche und sein Gesicht glänzte und lachte in voller
Breite, denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zu Theil.

„Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum Oehi
hinauf, du gehst ja auch den Weg“, sagte die Base Dete
jetzt, indem sie sich anschickte, den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Hütte des Gaißen-Peter's
emporragte. Willig übernahm dieser den Auftrag und folgte
der Voranschreitenden auf dem Fuße nach, den linken Arm
um sein Bündel geschlungen, in der Rechten die Gaißenruthe
schwingend. Das Heidi und die Gaißen hüpften und sprangen
fröhlich neben ihm her. So gelangte der Zug nach drei
Viertelstunden auf die Almhöhe, wo frei auf dem Vorsprung
des Berges die Hütte des alten Oehi stand, allen Winden
ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugänglich und mit
der vollen Aussicht weit in's Thal hinab. Hinter der Hütte
standen drei alte Tannen mit dichten, langen, unbeschnittenen
Aesten. Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch
hinauf in die alten, grauen Felsen, erst noch über schöne,
kräuterreiche Höhen, dann in steiniges Gestrüpp und endlich
zu den kahlen, steilen Felsen hinan.

An die Hütte fest gemacht, der Thalseite zu, hatte sich
der Oehi eine Bank gezimmert. Hier saß er, eine Pfeife
im Mund, beide Hände auf seine Kniee gelegt und schaute
ruhig zu, wie die Kinder, die Gaißen und die Base Dete
herankletterten, denn die Letztere war nach und nach von
den Andern überholt worden. Heidi war zuerst oben; es
ging gerade aus auf den Alten zu, streckte ihm die Hand
entgegen und sagte: „Guten Abend, Großvater!“

„So, so, wie ist das gemeint?“ fragte der Alte barsch,
gab dem Kinde kurz die Hand und schaute es mit einem
langen, durchdringenden Blick an unter seinen buschigen
Augenbraunen hervor. Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurück, ohne nur ein Mal mit den Augen zu
zwinkern, denn der Großvater mit dem langen Bart und
den dichten, grauen Augenbraunen, die in der Mitte zusammengewachsen waren und aussahen wie eine Art Gesträuch, war so verwunderlich anzusehen, daß Heidi ihn recht
betrachten mußte. Unterdessen war auch die Base herangekommen sammt dem Peter, der eine Weile stille stand und
zusah, was sich da ereigne.

„Ich wünsche Euch guten Tag, Oehi“, sagte die Dete,
hinzutretend, „und hier bring' ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet es wohl nicht mehr
kennen, denn seit es jährig war, habt Ihr es nie mehr
gesehen.“

„So, was muß das Kind bei mir?“ fragte der Alte
kurz, „und du dort“, rief er dem Peter zu, „du kannst
gehen mit deinen Gaißen, du bist nicht zu früh, nimm
meine mit!“

Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der
Oehi hatte ihn angeschaut, daß er schon genug davon hatte.

„Es muß eben bei Euch bleiben, Oehi“, gab die Dete
auf seine Frage zurück. „Ich habe, denk' ich, das Meinige
an ihm gethan die vier Jahre durch, es wird jetzt wohl an
Euch sein, das Eurige auch einmal zu thun.“

„So“, sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick
auf die Dete. „Und wenn nun das Kind anfängt dir
nachzuflennen und zu winseln, wie kleine Unvernünftige
thun, was muß ich dann mit ihm anfangen?“

„Das ist dann Eure Sache“, warf die Dete zurück;
„ich meine fast, es habe mir auch kein Mensch gesagt, wie
ich es mit dem Kleinen anzufangen habe, als es mir auf
den Händen lag, ein einziges Jährchen alt, und ich schon für
mich und die Mutter genug zu thun hatte. Jetzt muß ich
meinem Verdienst nach und Ihr seid der Nächste am Kind;
wenn Ihr's nicht haben könnt, so macht mit ihm, was Ihr
wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt,
und Ihr werdet wohl nicht nöthig haben, noch etwas aufzuladen.“

Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache,
darum war sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt,
als sie im Sinn gehabt hatte. Bei ihren letzten Worten
war der Oehi aufgestanden; er schaute sie so an, daß sie
einige Schritte zurückwich; dann streckte er den Arm aus
und sagte befehlend: „Mach', daß du hinunterkommst, wo
du heraufgekommen bist, und zeig' dich nicht so bald wieder!“
Das ließ sich die Dete nicht zwei Mal sagen. „So lebt
wohl, und du auch, Heidi“, sagte sie schnell und lief den
Berg hinunter in Einem Trab bis in's Dörfli hinab, denn
die innere Aufregung trieb sie vorwärts, so wie ein wirksamer Dampf. Im Dörfli wurde sie diesmal noch viel
mehr angerufen, denn es wunderte die Leute, wo das Kind
sei; sie kannten ja Alle die Dete genau und wußten, wem
das Kind gehörte, und Alles, was mit ihm vorgegangen
war. Als es nun aus allen Thüren und Fenstern tönte:
„Wo ist das Kind? Dete, wo hast du das Kind gelassen?“
rief sie immer unwilliger zurück: „Droben beim Alm-Oehi!
Nu, beim Alm-Oehi, Ihr hört's ja!“

Sie wurde aber so maßleidig, weil die Frauen von
allen Seiten ihr zuriefen: „Wie kannst du so etwas thun!“
und: „Das arme Tröpfli!“ und: „So ein kleines Hülfloses
da droben lassen!“ und dann wieder und wieder: „Das
arme Tröpfli!“ Die Dete lief, so schnell sie konnte, weiter
und war froh, als sie Nichts mehr hörte, denn es war ihr
nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim
Sterben das Kind noch übergeben. Aber sie sagte sich zur
Beruhigung, sie könne dann ja eher wieder etwas für das
Kind thun, wenn sie nun viel Geld verdiene, und so war
sie sehr froh, daß sie bald weit von allen Leuten, die ihr dreinredeten, weg- und zu einem schönen Verdienst kommen konnte.

Capitel II.
Beim Großvater.

Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der Oehi
sich wieder auf die Bank hingesetzt und blies nun große
Wolken aus seiner Pfeife; dabei starrte er auf den Boden
und sagte kein Wort. Derweilen schaute das Heidi vergnüglich um sich, entdeckte den Gaißenstall, der an die Hütte
angebaut war, und guckte hinein. Es war Nichts darin.
Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter
die Hütte zu den alten Tannen. Da blies der Wind durch
die Aeste so stark, daß es sauste und brauste oben in den
Wipfeln. Heidi blieb stehen und hörte zu. Als es ein
wenig stiller wurde, ging das Kind um die kommende Ecke
der Hütte herum und kam vorn wieder zum Großvater
zurück. Als es diesen noch in derselben Stellung erblickte,
wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, legte
die Hände auf den Rücken und betrachtete ihn. Der Großvater schaute auf. „Was willst jetzt thun?“ fragte er, als
das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand.

„Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Hütte“,
sagte Heidi.

„So komm'!“ und der Großvater stand auf und ging
voran in die Hütte hinein.

„Nimm dort dein Bündel Kleider noch mit“, befahl
er im Hereintreten.

„Das brauch' ich nicht mehr“, erklärte Heidi.

Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf
das Kind, dessen schwarze Augen glühten in Erwartung der
Dinge, die da drinnen sein konnten. „Es kann ihm nicht
am Verstand fehlen“, sagte er halblaut. „Warum brauchst
du's nicht mehr?“ setzte er laut hinzu.

„Ich will am liebsten gehen wie die Gaißen, die haben
ganz leichte Beinchen.“

„So, das kannst du, aber hol' das Zeug“, befahl der
Großvater, „es kommt in den Kasten.“ Heidi gehorchte.
Jetzt machte der Alte die Thür auf und Heidi trat hinter
ihm her in einen ziemlich großen Raum ein, es war der
Umfang der ganzen Hütte. Da stand ein Tisch und ein
Stuhl daran; in einer Ecke war des Großvaters Schlaflager, in einer andern hing der große Kessel über dem
Heerd; auf der andern Seite war eine große Thür in der
Wand, die machte der Großvater auf, es war der Schrank.
Da hingen seine Kleider drin und auf einem Gestell lagen
ein paar Hemden, Strümpfe und Tücher und auf einem
andern einige Teller und Tassen und Gläser und auf dem
obersten ein rundes Brod und geräuchertes Fleisch und Käse,
denn in dem Kasten war Alles enthalten, was der Alm-Oehi
besaß und zu seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Wie er nun
den Schrank aufgemacht hatte, kam das Heidi schnell heran
und stieß sein Zeug hinein, so weit hinter des Großvaters
Kleider als möglich, damit es nicht so leicht wieder zu finden
sei. Nun sah es sich aufmerksam um in dem Raum und
sagte dann: „Wo muß ich schlafen, Großvater?“

„Wo du willst“, gab dieser zur Antwort.

Das war dem Heidi eben recht. Nun fuhr es in alle
Winkel hinein und schaute jedes Plätzchen aus, wo am
schönsten zu schlafen wäre. In der Ecke vorüber des Großvaters Lagerstätte war eine kleine Leiter aufgerichtet; Heidi
kletterte hinauf und langte auf dem Heuboden an. Da lag
ein frischer, duftender Heuhaufen oben und durch eine runde
Lücke sah man weit in's Thal hinab.

„Hier will ich schlafen“, rief Heidi hinunter, „hier ist's
schön! Komm' und sieh' einmal, wie schön es hier ist,
Großvater!“

„Ich weiß schon“, tönte es von unten herauf.

„Ich mache jetzt das Bett“, rief das Kind wieder,
indem es oben geschäftig hin- und herfuhr, „aber du mußt
heraufkommen und mir ein Leintuch mitbringen, denn
auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, und darauf liegt
man.“

„So, so“, sagte unten der Großvater, und nach einer
Weile ging er an den Schrank und kramte ein wenig darin
herum; dann zog er unter seinen Hemden ein langes, grobes
Tuch hervor, das mußte so Etwas sein, wie ein Leintuch.
Er kam damit die Leiter herauf. Da war auf dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein zugerichtet; oben, wo der
Kopf liegen mußte, war das Heu hoch aufgeschichtet, und
das Gesicht kam so zu liegen, daß es gerade auf das offene,
runde Loch traf.

„Das ist recht gemacht“, sagte der Großvater, „jetzt
wird das Tuch kommen, aber wart' noch“, — damit nahm
er einen guten Wisch Heu von dem Haufen und machte das
Lager doppelt so dick, damit der harte Boden nicht durchgefühlt werden konnte, „so, jetzt komm' her damit.“ Heidi
hatte das Leintuch schnell zu Handen genommen, konnte es
aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr
gut, denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme
nicht durchstechen. Jetzt breiteten die Beiden miteinander
das Tuch über das Heu und wo es zu breit und zu lang
war, stopfte Heidi die Enden eilfertig unter das Lager.
Nun sah es recht gut und reinlich aus, und Heidi stellte sich
davor und betrachtete es nachdenklich.

„Wir haben noch etwas vergessen, Großvater“, sagte
es dann.

„Was denn?“ fragte er.

„Eine Decke; denn wenn man in's Bett geht, kriecht
man zwischen das Leintuch und die Decke hinein.“

„So, meinst du? Wenn ich aber keine habe?“ sagte
der Alte.

„O dann ist's gleich, Großvater“, beruhigte Heidi,
„dann nimmt man wieder Heu zur Decke“, und eilfertig
wollte es gleich wieder an den Heustock gehen, aber der
Großvater wehrte es ihm.

„Wart' einen Augenblick“, sagte er, stieg die Leiter
hinab und ging an sein Lager hin. Dann kam er wieder
und legte einen großen, schweren, leinenen Sack auf den
Boden.

„Ist das nicht besser als Heu?“ fragte er. Heidi zog
aus Leibeskräften an dem Sacke hin und her, um ihn
auseinanderzulegen, aber die kleinen Hände konnten das
schwere Zeug nicht bewältigen. Der Großvater half, und
wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag, da sah Alles
sehr gut und haltbar aus, und Heidi stand staunend vor
seinem neuen Lager und sagte: „Das ist eine prächtige
Decke und das ganze Bett! Jetzt wollt' ich, es wäre schon
Nacht, so könnte ich hinein liegen.“

„Ich meine, wir könnten erst einmal etwas essen“,
sagte der Großvater, „oder was meinst du?“ Heidi hatte
über dem Eifer des Bettens alles Andere vergessen; nun
ihm aber der Gedanke an's Essen kam, stieg ein großer
Hunger in ihm auf, denn es hatte auch heute noch gar
Nichts bekommen, als früh am Morgen sein Stück Brod
und ein paar Schlücke dünnen Kaffee, und nachher hatte es
die lange Reise gemacht. So sagte Heidi ganz zustimmend:
„Ja, ich meine es auch.“

„So geh' hinunter, wenn wir denn einig sind“, sagte
der Alte und folgte dem Kind auf dem Fuß nach. Dann
ging er zum Kessel hin, schob den großen weg und drehte
den kleinen heran, der an der Kette hing, setzte sich auf den
hölzernen Dreifuß mit dem runden Sitz davor hin und
blies ein helles Feuer an. Im Kessel fing es an zu sieden
und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein
großes Stück Käse über das Feuer und drehte es hin und
her, bis es auf allen Seiten goldgelb war. Heidi hatte
mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt mußte ihm
etwas Neues in den Sinn gekommen sein; auf einmal sprang
es weg und an den Schrank und von da hin und her.
Jetzt kam der Großvater mit einem Topf und dem Käsebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das
runde Brod darauf und zwei Teller und zwei Messer, Alles
schön geordnet, denn das Heidi hatte Alles im Schrank gut
wahrgenommen und wußte, daß man das Alles nun gleich
zum Essen brauchen werde.

„So, das ist recht, daß du selbst etwas ausdenkst“,
sagte der Großvater und legte den Braten auf das Brod,
als Unterlage; „aber es fehlt noch Etwas auf dem Tisch.“

Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte,
und sprang schnell wieder an den Schrank. Da stand aber
nur ein einziges Schüsselchen. Heidi war nicht lang in
Verlegenheit, dort hinten standen zwei Gläser; augenblicklich
kam das Kind zurück und stellte Schüsselchen und Glas auf
den Tisch.

„Recht so, du weißt dir zu helfen; aber wo willst du
sitzen?“ Auf dem einzigen Stuhl saß der Großvater selbst.
Heidi schoß pfeilschnell zum Heerd hin, brachte den kleinen
Dreifuß zurück und setzte sich drauf.

„Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein
wenig weit unten“, sagte der Großvater; aber von meinem
Stuhl wärst auch zu kurz, auf den Tisch zu langen; jetzt
mußt aber einmal Etwas haben, so komm'!“ Damit stand
er auf, füllte das Schüsselchen mit Milch, stellte es auf den
Stuhl, und rutschte den ganz nah an den Dreifuß hin, so
daß das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte. Der Großvater legte ein großes Stück Brod und ein Stück von dem
goldenen Käse darauf und sagte: „Jetzt iß!“ Er selbst
setzte sich nun auf die Ecke des Tisches und begann sein
Mittagsmahl. Heidi ergriff sein Schüsselchen und trank
und trank ohne Aufenthalt, denn der ganze Durst seiner
langen Reise war ihm wieder aufgestiegen. Jetzt that es
einen langen Athemzug, denn im Eifer des Trinkens hatte
es lange den Athem nicht holen können, und stellte sein
Schüsselchen hin.

„Gefällt dir die Milch?“ fragte der Großvater.

„Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken“, antwortete Heidi.

„So mußt du mehr haben“, und der Großvater füllte
das Schüsselchen noch einmal bis oben hin und stellte es
vor das Kind, das vergnüglich in sein Brod biß und dann
von dem weichen Käse darauf strich, denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und das schmeckte ganz kräftig
zusammen, und zwischen durch trank es seine Milch und sah
sehr vergnüglich aus. Als nun das Essen zu Ende war,
ging der Großvater in den Gaißenstall hinaus und hatte da
allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu, wie er erst mit dem Besen säuberte, dann
frische Streu legte, daß die Thierchen darauf schlafen konnten;
wie er dann nach dem Schöpfchen ging nebenan und hier
runde Stöcke zurecht schnitt und an einem Brett herum
hackte und Löcher hinein bohrte und dann die runden Stöcke
hinein steckte und aufstellte; da war es auf einmal ein
Stuhl, wie der vom Großvater, nur viel höher, und Heidi
staunte das Werk an, sprachlos vor Verwunderung.

„Was ist das, Heidi?“ fragte der Großvater.

„Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal
war er fertig“, sagte das Kind noch in tiefem Erstaunen
und Bewunderung.

„Es weiß, was es sieht, es hat die Augen am rechten
Ort“, bemerkte der Großvater vor sich hin, als er nun um
die Hütte herum ging und hier einen Nagel einschlug und
dort einen und dann an der Thür etwas zu befestigen hatte
und so mit Hammer und Nägeln und Holzstücken von einem
Ort zum andern wanderte und immer etwas ausbesserte
oder wegschlug, je nach dem Bedürfniß. Heidi ging Schritt
für Schritt hinter ihm her und schaute ihm unverwandt
mit der größten Aufmerksamkeit, zu und Alles, was da vorging, war ihm sehr kurzweilig anzusehen. So kam der
Abend heran. Es fing an stärker zu rauschen in den alten
Tannen, ein mächtiger Wind fuhr daher und sauste und
brauste durch die dichten Wipfel. Das tönte dem Heidi so
schön in die Ohren und in's Herz hinein, daß es ganz
fröhlich darüber wurde, und hüpfte und sprang unter den
Tannen umher, als hätte es eine unerhörte Freude erlebt.
Der Großvater stand unter der Schopfthür und schaute dem
Kinde zu. Jetzt ertönte ein schriller Pfiff. Heidi hielt an
in seinen Sprüngen, der Großvater trat heraus. Von oben
herunter kam es gesprungen, Gaiß um Gaiß, wie eine Jagd
und mitten drin der Peter. Mit einem Freudenruf schoß
Heidi mitten in den Rudel hinein und begrüßte die alten
Freunde von heute Morgen einen um den andern. Bei der
Hütte angekommen, stand Alles still und aus der Heerde
heraus kamen zwei schöne, schlanke Gaißen, eine weiße und
eine braune auf den Großvater zu und leckten seine Hände,
denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er jeden Abend
zum Empfang seiner zwei Thierlein that. Der Peter verschwand mit seiner Schaar. Heidi streichelte zärtlich die
eine und dann die andere von den Gaißen und sprang um
sie herum, um sie von der andern Seite auch zu streicheln,
und war ganz Glück und Freude über die Thierchen. „Sind
sie unser, Großvater? Sind sie beide unser? Kommen sie
in den Stall? Bleiben sie immer bei uns?“ So fragte
Heidi hinter einander in seinem Vergnügen, und der Großvater konnte kaum sein stätiges „Ja, ja!“ zwischen die
eine und die andere Frage hineinbringen. Als die Gaißen
ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte der Alte: „Geh' und hol'
dein Schüsselchen heraus und das Brod.“

Heidi gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der
Großvater gleich von der Weißen das Schüsselchen voll und
schnitt ein Stück Brod ab und sagte: „Nun iß und dann
geh' hinauf und schlaf'! Die Base Dete hat noch ein Bündelchen abgelegt für dich, da seien Hemdlein und so etwas
darin, das liegt unten im Kasten, wenn du's brauchst; ich
muß nun mit den Gaißen hinein, so schlaf' wohl!“

„Gut' Nacht, Großvater! Gut' Nacht — wie heißen sie,
Großvater, wie heißen sie?“ rief das Kind und lief dem
verschwindenden Alten und den Gaißen nach.

„Die Weiße heißt Schwänli und die Braune Bärli“,
gab der Großvater zurück.

„Gut' Nacht, Schwänli, gut' Nacht, Bärli“, rief nun
Heidi noch mit Macht, denn eben verschwanden Beide in
den Stall hinein. Nun setzte sich Heidi noch auf die Bank
und aß sein Brod und trank seine Milch; aber der starke
Wind wehte es fast von seinem Sitz herunter; so machte
es schnell fertig, ging dann hinein und stieg zu seinem Bett
hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und herrlich
schlief, als nur Einer im schönsten Fürstenbett schlafen konnte.
Nicht lange nachher, noch eh' es völlig dunkel war, legte
auch der Großvater sich auf sein Lager, denn am Morgen
war er immer schon mit der Sonne wieder draußen, und
die kam sehr früh über die Berge hereingestiegen in dieser
Sommerszeit. In der Nacht kam der Wind so gewaltig,
daß bei seinen Stößen die ganze Hütte erzitterte und es in
allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und
ächzte es wie Jammerstimmen, und in den alten Tannen
draußen tobte es mit solcher Wuth, daß hie und da ein
Ast niederkrachte. Mitten in der Nacht stand der Großvater auf und sagte halblaut vor sich hin: „Es wird sich
wohl fürchten.“ Er stieg die Leiter hinauf und trat an
Heidi's Lager heran. Der Mond draußen stand einmal
hell leuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden
Wolken darüber hin und Alles wurde dunkel. Jetzt kam
der Mondschein eben leuchtend durch die runde Oeffnung
herein und fiel gerade auf Heidi's Lager. Es hatte sich
feuerrothe Backen erschlafen unter seiner schweren Decke,
und ganz ruhig und friedlich lag es auf seinem runden
Aermchen und träumte von etwas Erfreulichem, denn sein
Gesichtchen sah ganz wohlgemuth aus. Der Großvater
schaute so lange auf das friedlich schlafende Kind, bis der
Mond wieder hinter die Wolken kam und es dunkel
wurde, dann kehrte er auf sein Lager zurück.

Capitel III.
Auf der Weide.

Heidi erwachte am frühen Morgen an einem lauten
Pfiff, und als es die Augen aufschlug, kam ein goldner
Schein durch das runde Loch hereingeflossen auf sein Lager
und auf das Heu daneben, daß Alles golden leuchtete ringsherum. Heidi schaute erstaunt um sich und wußte durchaus
nicht, wo es war. Aber nun hörte es draußen des Großvaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm Alles in den Sinn,
woher es gekommen war, und daß es nun auf der Alm
beim Großvater sei, nicht mehr bei der alten Ursel, die
fast Nichts mehr hörte und meistens fror, so daß sie immer
am Küchenfeuer oder am Stubenofen gesessen hatte, wo
dann auch Heidi hatte verweilen müssen oder doch ganz in der
Nähe, damit die Alte sehen konnte, wo es war, weil sie
es nicht hören konnte. Da war es dem Heidi manchmal
zu eng drinnen, und es wäre lieber hinausgelaufen. So
war es sehr froh, als es in der neuen Behausung erwachte
und sich erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen hatte
und was es heute wieder Alles sehen könnte, vor Allem
das Schwänli und das Bärli. Heidi sprang eilig aus seinem
Bett und hatte in wenig Minuten Alles wieder angelegt,
was es gestern getragen hatte, denn es war sehr wenig.
Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Hütte
hinaus. Da stand schon der Gaißen-Peter mit seiner Schaar
und der Großvater brachte eben Schwänli und Bärli aus
dem Stall herbei, daß sie sich der Gesellschaft anschlössen.
Heidi lief ihm entgegen, um ihm und den Gaißen guten
Tag zu sagen.

„Willst mit auf die Weide?“ fragte der Großvater.
Das war dem Heidi eben recht, es hüpfte hoch auf vor
Freuden.

„Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht Einen
die Sonne aus, wenn sie so schön glänzt da droben und
sieht, daß du schwarz bist; sieh, dort ist's für dich gerichtet.“
Der Großvater zeigte auf einen großen Zuber voll Wasser,
der vor der Thür in der Sonne stand. Heidi sprang hin
und patschte und rieb, bis es ganz glänzend war. Unterdessen ging der Großvater in die Hütte hinein und rief
dem Peter zu: „Komm' hieher, Gaißengeneral, und bring'
deinen Habersack mit!“ Verwundert folgte Peter dem
Ruf und streckte sein Säcklein hin, in dem er sein mageres
Mittagessen bei sich trug.

„Mach' auf!“ befahl der Alte und steckte nun ein großes
Stück Brod und ein ebenso großes Stück Käse hinein. Der
Peter machte vor Erstaunen seine runden Augen so weit
auf, als nur möglich, denn die beiden Stücke waren wohl
die Hälfte so groß wie die zwei, die er als eignes Mittagsmahl drinnen hatte.

„So, nun kommt noch das Schüsselchen hinein“, fuhr
der Oehi fort, „denn das Kind kann nicht trinken wie
du, nur so von der Gaiß weg, es kennt das nicht. Du
melkst ihm zwei Schüsselchen voll zu Mittag, denn das
Kind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder
herunterkommst; gib Acht, daß es nicht über die Felsen
hinunterfällt, hörst du?“

Nun kam Heidi hereingelaufen. „Kann mich die Sonne
jetzt nicht auslachen, Großvater?“ fragte es angelegentlich.
Es hatte sich mit dem groben Tuch, das der Großvater
neben dem Wasserzuber aufgehängt hatte, Gesicht, Hals und
Arme in seinem Schrecken vor der Sonne so erstaunlich
gerieben, daß es krebsroth vor dem Großvater stand. Er
lachte ein wenig.

„Nein, nun hat sie Nichts zu lachen“, bestätigte er.
„Aber weißt was? Am Abend, wenn du heimkommst, da
gehst du noch ganz hinein in den Zuber, wie ein Fisch;
denn wenn man geht, wie die Gaißen, da bekommt man
schwarze Füße. Jetzt könnt ihr ausziehen.“

Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte
in der Nacht das letzte Wölkchen weggeblasen; dunkelblau
schaute der Himmel von allen Seiten hernieder, und mitten
drauf stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die
grüne Alp, und alle die blauen und gelben Blümchen darauf
machten ihre Kelche auf und schauten ihr fröhlich entgegen.
Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude,
denn da waren ganze Trüppchen feiner, rother Himmelsschlüsselchen bei einander, und dort schimmerte es ganz blau
von den schönen Enzianen, und überall lachten und nickten
die zartblättrigen, goldenen Cystusröschen in der Sonne.
Vor Entzücken über all den flimmernden, winkenden Blümchen vergaß Heidi sogar die Gaißen und auch den Peter.
Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die Seite,
denn dort funkelte es roth und da gelb und lockte Heidi
auf alle Seiten. Und überall brach Heidi ganze Schaaren
von den Blumen und packte sie in sein Schürzchen ein,
denn es wollte sie alle mit heim nehmen und in's Heu
stecken in seiner Schlafkammer, daß es dort werde wie hier
draußen. So hatte der Peter heut' nach allen Seiten zu
gucken und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders
schnell hin- und hergingen, hatten mehr Arbeit, als der
Peter gut bewältigen konnte, denn die Gaißen hatten es
wie das Heidi, sie liefen auch dahin und dorthin und er
mußte überallhin pfeifen und rufen und seine Ruthe schwingen, um wieder alle die Verlaufenen zusammenzutreiben.

„Wo bist du schon wieder, Heidi?“ rief er jetzt mit
ziemlich grimmiger Stimme.

„Da“, tönte es von irgendwoher zurück. Sehen konnte
Peter Niemand, denn Heidi saß am Boden hinter einem
Hügelchen, das dicht mit duftenden Prünellen besät war;
da war die ganze Luft umher so mit Wohlgeruch erfüllt,
daß Heidi noch nie so Liebliches eingeathmet hatte. Es
setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen
Zügen ein.

„Komm' nach“, rief der Peter wieder. „Du mußt
nicht über die Felsen hinunterfallen, der Oehi hat's verboten.“

„Wo sind die Felsen?“ fragte Heidi zurück, bewegte
sich aber nicht von der Stelle, denn der süße Duft strömte
mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher entgegen.

„Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum
komm' jetzt! Und oben am höchsten sitzt der alte Raubvogel und krächzt.“

Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Höhe
und rannte mit seiner Schürze voller Blumen dem Peter zu.

„Jetzt hast genug“, sagte dieser, als sie wieder zusammen weiter kletterten, „sonst bleibst du immer stecken,
und wenn du alle nimmst, hat's morgen keine mehr.“ Der
letzte Grund leuchtete Heidi ein, und dann hatte es die
Schürze schon so angefüllt, daß da wenig Platz mehr gewesen wäre, und morgen mußten auch noch da sein. So
zog es nun mit dem Peter weiter und die Gaißen gingen
nun auch geregelter, denn sie rochen die guten Kräuter von
dem hohen Weideplatz schon von fern und strebten nun
ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz, wo Peter gewöhnlich
Halt machte mit seinen Gaißen und sein Quartier für den Tag
aufschlug, lag am Fuße der hohen Felsen, die, erst noch von
Gebüsch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz kahl und schroff zum
Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp zogen sich
Felsenklüfte weit hinunter und der Großvater hatte Recht,
davor zu warnen. Als nun dieser Punkt der Höhe erreicht
war, nahm Peter seinen Sack ab und legte ihn sorgfältig in
eine kleine Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind
kam manchmal in starken Stößen daher gefahren, und den
kannte Peter und wollte seine kostbare Habe nicht den Berg
hinunterrollen sehen; dann streckte er sich lang und breit
auf den sonnigen Weideboden hin, denn er mußte sich nun
von der Anstrengung des Steigens erholen.

Heidi hatte unterdessen sein Schürzchen losgemacht und
schön fest zusammengerollt mit den Blumen darin zum
Proviantsack in die Vertiefung hineingelegt und nun setzte
es sich neben den ausgestreckten Peter hin und schaute um
sich. Das Thal lag weit unten im vollen Morgenglanz;
vor sich sah Heidi ein großes, weites Schneefeld sich erheben hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf, und links
davon stand eine ungeheuere Felsenmasse und zu jeder Seite
derselben ragte ein hoher Felsenthurm kahl und zackig in
die Bläue hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft
auf das Heidi nieder. Das Kind saß mäuschenstill da und
schaute ringsum, und weit umher war eine große, tiefe
Stille, nur ganz sanft und leise ging der Wind über die
zarten, blauen Glockenblümchen und die golden strahlenden
Cystusröschen, die überall herumstanden auf ihren dünnen
Stengelchen und leise und fröhlich hin- und hernickten.
Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung und die
Gaißen kletterten oben an den Büschen umher. Dem Heidi
war es so schön zu Muth, wie in seinem Leben noch nie.
Es trank das goldne Sonnenlicht, die frischen Lüfte, den
zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar Nichts
mehr, als so da zu bleiben immerzu. So verging eine
gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den hohen
Bergstöcken drüben aufgeschaut, daß es nun war, als haben
sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt
zu ihm hernieder, so wie gute Freunde.

Jetzt hörte Heidi über sich ein lautes, scharfes Geschrei
und Krächzen ertönen, und wie es aufschaute, kreiste über ihm
ein so großer Vogel, wie es nie in seinem Leben gesehen
hatte, mit weitausgebreiteten Schwingen in der Luft umher,
und in großen Bogen kehrte er immer wieder zurück und
krächzte laut und durchdringend über Heidi's Kopf.

„Peter! Peter! erwach'!“ rief Heidi laut. „Sieh', der
Raubvogel ist da, sieh'! sieh'!“

Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi
dem Vogel nach, der sich nun höher und höher hinaufschwang in's Himmelblau und endlich über grauen Felsen
verschwand.

„Wo ist er jetzt hin?“ fragte Heidi, das mit gespannter
Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte.

„Heim in's Nest“, war Peter's Antwort.

„Ist er dort oben daheim? O wie schön so hoch oben!
Warum schreit er so?“ fragte Heidi weiter.

„Weil er muß“, erklärte Peter.

„Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo
er daheim ist“, schlug Heidi vor.

„O! O! O!“ brach der Peter aus, jeden Ausruf mit
verstärkter Mißbilligung hervorstoßend, „wenn keine Gaiß
mehr dort hinkann und der Oehi gesagt hat, du dürfest
nicht über die Felsen hinunterfallen.“

Jetzt begann der Peter mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen anzustimmen, daß Heidi gar nicht
wußte, was begegnen sollte: aber die Gaißen mußten die
Töne verstehen, denn eine nach der andern kam heruntergesprungen und nun war die ganze Schaar auf der grünen
Halde versammelt, die Einen fortnagend an den würzigen
Halmen, die Andern hin- und herrennend und die Dritten
ein wenig gegeneinanderstoßend mit ihren Hörnern zum
Zeitvertreib. Heidi war aufgesprungen und rannte mitten
unter den Gaißen umher, denn das war ihm ein neuer,
unbeschreiblich vergnüglicher Anblick, wie die Thierlein durcheinander sprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang
von einem zum andern und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft, denn jedes war eine ganz besondere Erscheinung für sich und hatte seine eignen Manieren. Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier
Stücke, die drin waren, schön auf den Boden hingelegt in
ein Viereck, die großen Stücke auf Heidi's Seite und die
kleinen auf die seinige hin, denn er wußte genau, wie er
sie erhalten hatte. Dann nahm er das Schüsselchen und
melkte schöne, frische Milch hinein vom Schwänli und stellte
das Schüsselchen mitten in's Viereck. Dann rief er Heidi
herbei, mußte aber länger rufen, als nach den Gaißen,
denn das Kind war so in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, daß es Nichts sah und Nichts hörte außer diesen.
Aber Peter wußte sich verständlich zu machen, er rief, daß
es bis in die Felsen hinauf dröhnte, und nun erschien Heidi
und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, daß es darum
herumhüpfte vor Wohlgefallen.

„Hör auf zu hopfen, es ist Zeit zum Essen“, sagte
Peter: „jetzt sitz' und fang' an.“

Heidi setzte sich hin. „Ist die Milch mein?“ fragte
es, nochmals das schöne Viereck und den Hauptpunkt in der
Mitte mit Wohlgefallen betrachtend.

„Ja“, erwiderte Peter, „und die zwei großen Stücke zum
Essen sind auch dein und wenn du ausgetrunken hast, bekommst
du noch ein Schüsselchen vom Schwänli und dann komm' ich.“

„Und von wem bekommst du die Milch?“ wollte Heidi
wissen.

„Von meiner Gaiß, von der Schnecke. Fang' einmal
zu essen an“, mahnte Peter wieder. Heidi fing bei seiner
Milch an, und so wie es sein leeres Schüsselchen hinstellte,
stand Peter auf und holte ein zweites herbei. Dazu brach
Heidi ein Stück von seinem Brod ab, und das ganze
übrige Stück, das immer noch größer war, als Peter's
eignes Stück gewesen, das nun schon sammt der Zubehör
fast zu Ende war, reichte es diesem hinüber mit dem ganzen
großen Brocken Käse und sagte: „Das kannst du haben,
ich habe nun genug.“

Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung
an, denn noch nie in seinem Leben hätte er so sagen und
Etwas weggeben können. Er zögerte noch ein wenig, denn
er konnte nicht recht glauben, daß es dem Heidi Ernst sei;
aber dieses hielt erst fest seine Stücke hin, und da Peter
nicht zugriff, legt' es sie ihm auf's Knie. Nun sah er,
daß es ernst gemeint sei, er erfaßte sein Geschenk, nickte in
Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches
Mittagsmahl, wie noch nie in seinem Leben als Gaißbub.
Heidi schaute derweilen nach den Gaißen aus. „Wie heißen
sie alle, Peter?“ fragte es.

Das wußte dieser nun ganz genau und konnte es um
so besser in seinem Kopf behalten, da er daneben wenig
darin aufzubewahren hatte. Er fing also an und nannte
ohne Anstoß eine nach der andern, immer je mit dem Finger
die betreffende bezeichnend. Heidi hörte mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es währte gar nicht
lange, so konnte es sie alle von einander unterscheiden und
jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede
ihre Besonderheiten, die Einem gleich im Sinne bleiben
mußten, man mußte nur Allem genau zusehen, und das
that Heidi. Da war der große Türk mit den starken Hörnern, der wollte mit diesen immer gegen alle andern stoßen,
und die meisten liefen davon, wenn er kam, und wollten
Nichts von dem groben Kameraden wissen. Nur der kecke
Distelfink, das schlanke, behende Gaißchen, wich ihm nicht
aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei, vier Mal
hinter einander so rasch und tüchtig gegen ihn an, daß der
große Türk öfters ganz erstaunt dastand und nicht mehr
angriff, denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm
und hatte scharfe Hörnchen. Da war das kleine, weiße
Schneehöppli, das immer so eindringlich und flehentlich
meckerte, daß Heidi schon mehrmals zu ihm hingelaufen
war und es tröstend beim Kopf genommen hatte. Auch
jetzt sprang das Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich gerufen.
Heidi legte seinen Arm um den Hals des Gaißleins und
fragte ganz theilnehmend: „Was hast du, Schneehöppli?
Warum rufst du so um Hülfe?“ Das Gaißlein schmiegte
sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt
ganz still. Peter rief von seinem Sitz aus, mit einigen
Unterbrechungen, denn er hatte immer noch zu beißen und zu
schlucken: „Es thut so, weil die Alte nicht mehr mitkommt,
sie haben sie verkauft nach Mayenfeld vorgestern, nun
kommt sie nicht mehr auf die Alm.“

„Wer ist die Alte?“ fragte Heidi zurück.

„Pah, seine Mutter“, war die Antwort.

„Wo ist die Großmutter?“ rief Heidi wieder.

„Hat keine.“

„Und der Großvater?“

„Hat keinen.“

„Du armes Schneehöppli du“, sagte Heidi und drückte
das Thierlein zärtlich an sich. „Aber jammere jetzt nur
nicht mehr so, siehst du, ich komme nun jeden Tag mit
dir, dann bist du nicht mehr so verlassen, und wenn dir
Etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen.“

Das Schneehöppli rieb ganz vergnügt seinen Kopf an
Heidi's Schulter und meckerte nicht mehr kläglich. Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl beendet und kam nun
auch wieder zu seiner Heerde und zu Heidi heran, das schon
wieder allerlei Betrachtungen angestellt hatte.

Weitaus die zwei schönsten und saubersten Gaißen der
ganzen Schaar waren Schwänli und Bärli, die sich auch
mit einer gewissen Vornehmheit betrugen, meistens ihre
eignen Wege gingen und besonders dem zudringlichen Türk
abweisend und verächtlich begegneten. Die Thierchen hatten
nun wieder begonnen nach den Büschen hinaufzuklettern,
und jedes hatte seine eigne Weise dabei, die einen leichtfertig über Alles weghüpfend, die andern bedächtlich die
guten Kräutlein suchend unterwegs, der Türk hie und da
seine Angriffe probierend. Schwänli und Bärli kletterten
hübsch und leicht hinan und fanden oben sogleich die schönsten Büsche, stellten sich geschickt daran auf und nagten sie
zierlich ab. Heidi stand mit den Händen auf dem Rücken
und schaute dem Allem mit der größten Aufmerksamkeit zu.

„Peter“, bemerkte es jetzt dem wieder auf dem Boden
Liegenden, „die schönsten von allen sind das Schwänli und
das Bärli.“

„Weiß schon“, war die Antwort. „Der Alm-Oehi putzt
und wäscht sie und giebt ihnen Salz und hat den schönsten
Stall.“

Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in großen
Sprüngen den Gaißen nach, und das Heidi lief hinterdrein,
da mußte Etwas begegnet sein, es konnte da nicht zurückbleiben. Der Peter sprang durch den Gaißenrudel durch
der Seite der Alm zu, wo die Felsen schroff und kahl
weit hinabsteigen und ein unbesonnenes Gaißlein, wenn es
dorthin ging, leicht hinunterstürzen und alle Beine brechen
konnte. Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach
jener Seite hin gehüpft war, und kam noch gerade recht,
denn eben sprang das Gaißlein dem Rande des Abgrunds
zu. Peter wollte es eben packen, da stürzte er auf den
Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Thierleins erwischen und es daran festhalten. Der Distelfink
meckerte voller Zorn und Ueberraschung, daß er so am
Bein festgehalten und am Fortsetzen seines fröhlichen Streifzugs gehindert war, und strebte eigensinnig vorwärts. Der
Peter schrie nach Heidi, daß es ihm beistehe, denn er konnte
nicht aufstehen und riß dem Distelfink fast das Bein aus.
Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage
der Beiden. Es riß schnell einige wohlduftende Kräuter
aus dem Boden und hielt sie dem Distelfink unter die Nase
und sagte begütigend: „Komm', komm', Distelfink, du mußt
auch vernünftig sein! Sieh', da kannst du hinabfallen und
ein Bein brechen, das thut dir furchtbar weh.“

Das Gaißlein hatte sich schnell umgewandt und dem
Heidi vergnüglich die Kräuter aus der Hand gefressen. Derweilen war der Peter auf seine Füße gekommen und hatte
den Distelfink an der Schnur erfaßt, an welcher sein Glöckchen um den Hals gebunden war, und Heidi erfaßte diese
von der andern Seite und so führten die Beiden den Ausreißer zu der friedlich weidenden Heerde zurück. Als ihn
aber Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er seine Ruthe
und wollte ihn zur Strafe tüchtig durchprügeln, und der
Distelfink wich scheu zurück, denn er merkte, was begegnen
sollte. Aber Heidi schrie laut auf: „Nein, Peter, nein,
du mußt ihn nicht schlagen, sieh', wie er sich fürchtet.“

„Er verdient's“, schnurrte Peter und wollte zuschlagen.
Aber Heidi fiel ihm in den Arm und rief ganz entrüstet:
„Du darfst ihm Nichts thun, es thut ihm weh, laß ihn los.“

Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen
schwarze Augen ihn so anfunkelten, daß er unwillkürlich
seine Ruthe niederhielt. „So kann er gehen, wenn du mir
morgen wieder von deinem Käse gibst“, sagte dann der
Peter nachgebend, denn eine Entschädigung wollte er haben
für den Schrecken.

„Allen kannst du haben, das ganze Stück morgen und
alle Tage, ich brauche ihn gar nicht“, sagte Heidi zustimmend, und Brod gebe ich dir auch ganz viel, wie heute,
aber dann darfst du den Distelfink nie, gar nie schlagen
und auch das Schneehöppli nie und gar keine Gaiß.“

„Es ist mir gleich“, bemerkte Peter, und das war bei
ihm so viel als eine Zusage. Jetzt ließ er den Schuldigen
los, und der fröhliche Distelfink sprang in hohen Sprüngen
auf und davon in die Heerde hinein.

So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war
die Sonne im Begriff, weit drüben hinter den Bergen hinabzugehen. Heidi saß wieder am Boden und schaute ganz
still auf die Blauglöckchen und die Cystusröschen, die im
goldnen Abendschein leuchteten, und alles Gras wurde wie
golden angehaucht und die Felsen droben fingen zu schimmern und zu funkeln an, und auf einmal sprang Heidi auf
und schrie: „Peter! Peter! es brennt! es brennt! Alle
Berge brennen und der große Schnee drüben brennt und
der Himmel. O sieh'! sieh'! der hohe Felsenberg ist ganz
glühend! O der schöne, feurige Schnee! Peter, sieh' auf,
sieh', das Feuer ist auch beim Raubvogel! sieh' doch die Felsen! sieh' die Tannen! Alles, Alles ist im Feuer!“

„Es war immer so“, sagte jetzt der Peter gemüthlich und
schälte an seiner Ruthe fort, „aber es ist kein Feuer.“

„Was ist es denn?“ rief Heidi und sprang hierhin
und dorthin, daß es überallhin sehe, denn es konnte gar
nicht genug bekommen, so schön war's auf allen Seiten.
„Was ist es, Peter, was ist es?“ rief Heidi wieder.

„Es kommt von selbst so“, erklärte der Peter.

„O sieh', sieh'“, rief Heidi in großer Aufregung, „auf
einmal werden sie rosenroth! Sieh' den mit dem Schnee
und den mit den hohen, spitzigen Felsen! wie heißen sie,
Peter?“

„Berge heißen nicht“, erwiderte dieser.

„O wie schön, sieh' den rosenrothen Schnee! O, und
an den Felsen oben sind viele, viele Rosen! O, nun werden sie grau! O! O! Nun ist Alles ausgelöscht! Nun
ist Alles aus, Peter!“ Und Heidi setzte sich auf den Boden und sah so verstört aus, als ginge wirklich Alles zu
Ende.

„Es ist morgen wieder so“, erklärte Peter. „Steh'
auf, nun müssen wir heim.“

Die Gaißen wurden herbeigepfiffen und -gerufen und
die Heimfahrt angetreten.

„Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf
der Weide sind?“ fragte Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung horchend, als es nun neben dem
Peter die Alm hinunterstieg.

„Meistens“, gab dieser zur Antwort.

„Aber gewiß morgen wieder?“ wollte es noch wissen.

„Ja, ja, morgen schon!“ versicherte Peter.

Nun war Heidi wieder froh' und es hatte so viele Eindrücke in sich aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm
im Sinn herum, daß es nun ganz still schwieg, bis es bei
der Almhütte ankam und unter den Tannen den Großvater sitzen sah, wo er auch eine Bank angebracht hatte
und am Abend seine Gaißen erwartete, die von dieser Seite
herunterkamen. Heidi sprang gleich auf ihn zu und Schwänli
und Bärli hinter ihm drein, denn die Gaißen kannten ihren
Herrn und ihren Stall. Der Peter rief dem Heidi nach:
„Komm' dann morgen wieder! Gute Nacht!“ Denn es
war ihm sehr daran gelegen, daß das Heidi wiederkomme.

Da rannte das Heidi schnell wieder zurück und gab dem
Peter die Hand und versicherte ihn, daß es wieder mitkomme und dann sprang es mitten in die davonziehende
Heerde hinein und faßte noch einmal das Schneehöppli um
den Hals und sagte vertraulich: „Schlaf' wohl, Schneehöppli, und denk' dran, daß ich morgen wiederkomme und
daß du nie mehr so jämmerlich meckern mußt.“

Das Schneehöppli schaute ganz freundlich und dankbar
zu Heidi auf und sprang dann fröhlich der Heerde nach.

Heidi kam unter die Tannen zurück.

„O Großvater, das war so schön!“ rief es, noch bevor
es bei ihm war, das Feuer und die Rosen am Felsen und
die blauen und gelben Blumen und sieh', was ich dir
bringe!“ Und damit schüttete Heidi seinen ganzen Blumenreichthum aus dem gefalteten Schürzchen vor den Großvater hin. Aber wie sahen die armen Blümchen aus!
Heidi erkannte sie nicht mehr. Es war Alles wie Heu und
kein einziges Kelchlein stand mehr offen.

„O Großvater, was haben sie?“ rief Heidi ganz erschrocken aus, „so waren sie nicht, warum sehen sie so
aus?“

„Die wollen draußen stehen in der Sonne und nicht
in's Schürzchen hinein“, sagte der Großvater.

„Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Großvater, warum hat der Raubvogel so gekrächzt?“ fragte Heidi
nun angelegentlich.

„Jetzt gehst du in's Wasser und ich in den Stall und
hole Milch, und nachher kommen wir hinein zusammen in
die Hütte und essen zu Nacht, dann sag' ich dir's.“

So wurde gethan, und wie nun später Heidi auf seinem
hohen Stuhl saß vor seinem Milchschüsselchen und der Großvater neben ihm, da kam das Kind gleich wieder mit seiner
Frage: „Warum krächzt der Raubvogel so und schreit immer
so herunter, Großvater?“

„Der höhnt die Leute aus dort unten, daß sie so Viele
zusammensitzen in den Dörfern und einander bös machen.
Da höhnt er hinunter: Würdet Ihr auseinandergehen und
jedes seinen Weg und auf eine Höhe steigen, wie ich, so wär's
euch wohler!“ Der Großvater sagte diese Worte fast wild,
so daß dem Heidi das Gekrächz des Raubvogels dadurch noch
eindrücklicher wurde in der Erinnerung.

„Warum haben die Berge keine Namen, Großvater?“
fragte Heidi wieder.

„Die haben Namen“, erwiderte dieser, „und wenn du
mir einen so beschreiben kannst, daß ich ihn kenne, so sage
ich dir, wie es heißt.“

Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen
Thürmen genau so, wie es ihn gesehen hatte, und der Großvater sagte wohlgefällig: „Recht so, den kenn' ich, der heißt
Falkniß. Hast du noch einen gesehen?“

Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem großen Schneefeld, auf dem der ganze Schnee im Feuer gestanden hatte
und dann rosenroth geworden war und dann auf einmal
ganz bleich und erloschen dastand.

„Den erkenn' ich auch“, sagte der Großvater, „das ist
der Cäsaplana; so hat es dir gefallen auf der Weide?“

Nun erzählte Heidi Alles vom ganzen Tage, wie schön
es gewesen und besonders von dem Feuer am Abend, und
nun sollte der Großvater auch sagen, woher es gekommen
war, denn der Peter hatte Nichts davon gewußt.

„Siehst du“, erklärte der Großvater, „das macht die
Sonne, wenn sie den Bergen gute Nacht sagt, dann wirft
sie ihnen noch ihre schönsten Strahlen zu, daß sie sie nicht
vergessen, bis sie am Morgen wiederkommt.“

Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, daß wieder ein Tag komme, da es hinaufkonnte auf
die Weide und wieder sehen, wie die Sonne den Bergen
gute Nacht sagte. Aber erst mußte es nun schlafen gehen,
und es schlief auch die ganze Nacht herrlich auf seinem Heulager und träumte von lauter schimmernden Bergen und
rothen Rosen darauf und mitten drinn das Schneehöppli
in fröhlichen Sprüngen.

Capitel IV.
Bei der Großmutter.

Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und
dann kam der Peter und die Gaißen, und wieder zogen sie
Alle miteinander nach der Weide hinauf, und so ging es
Tag für Tag, und Heidi wurde bei diesem Weideleben ganz
gebräunt und so kräftig und gesund, daß ihm gar nie etwas
fehlte, und so froh und glücklich lebte Heidi von einem Tag
zum andern, wie nur die lustigen Vögelein leben auf allen
Bäumen im grünen Wald. Wie es nun Herbst wurde und
der Wind lauter zu sausen anfing über die Berge hin, dann
sagte etwa der Großvater: „Heut' bleibst du da, Heidi; ein
Kleines, wie du bist, kann der Wind mit einem Ruck über
alle Felsen in's Thal hinabwehen.“

Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah
er sehr unglücklich aus, denn er sah lauter Mißgeschick vor
sich: einmal wußte er vor Langerweile nun gar nicht
mehr was anfangen, wenn Heidi nicht bei ihm war; dann
kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und dann waren
die Gaißen so störrig an diesen Tagen, daß er die doppelte
Mühe mit ihnen hatte; denn die waren nun auch so an
Heidi's Gesellschaft gewöhnt, daß sie nicht vorwärts wollten,
wenn es nicht dabei war, und auf alle Seiten rannten.
Heidi wurde niemals unglücklich, denn es sah immer irgend
etwas Erfreuliches vor sich; am liebsten ging es schon mit
Hirt und Gaißen auf die Weide zu den Blumen und zum
Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu erleben
waren mit all' den verschieden gearteten Gaißen, aber auch
das Hämmern und Sägen und Zimmern des Großvaters
war sehr unterhaltend für Heidi; und traf es sich, daß er
gerade die schönen runden Gaißkäschen zubereitete, wenn es
daheimbleiben mußte, so war das ein ganz besonderes
Vergnügen, dieser merkwürdigen Thätigkeit zuzuschauen, wobei
der Großvater beide Arme bloß machte und damit in dem
großen Kessel herumrührte. Aber vor Allem anziehend
war für das Heidi an solchen Windtagen das Wogen und
Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Hütte. Da
mußte es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem
Andern weg, was es auch sein mochte, denn so schön und
wunderbar war gar Nichts, wie dieses tiefe, geheimnißvolle
Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi unten
und lauschte hinauf und konnte niemals genug bekommen zu
sehen und zu hören, wie das wehte und wogte und rauschte
in den Bäumen mit großer Macht. Jetzt gab die Sonne
nicht mehr heiß wie im Sommer und Heidi suchte seine
Strümpfe und Schuhe hervor und auch den Rock, denn
nun wurde es immer frischer und wenn das Heidi unter
den Tannen stand, wurde es durchblasen wie ein dünnes
Blättlein, aber es lief doch immer wieder hin und konnte
nicht in der Hütte bleiben, wenn es das Windeswehen
vernahm.

Dann wurde es kalt und der Peter hauchte in die
Hände, wenn er früh am Morgen herauf kam, aber nicht
lange; denn auf einmal fiel über Nacht ein tiefer Schnee
und am Morgen war die ganze Alm schneeweiß und kein
einziges grünes Blättlein mehr zu sehen ringsum und um.
Da kam der Gaißen-Peter nicht mehr mit seiner Heerde,
und Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster,
denn nun fing es wieder zu schneien an, und die dicken
Flocken fielen fort und fort, bis der Schnee so hoch wurde,
daß er bis an's Fenster hinaufreichte und dann noch höher,
daß man das Fenster gar nicht mehr aufmachen konnte und
man ganz verpackt war in dem Häuschen. Das kam dem
Heidi so lustig vor, daß es immer von einem Fenster zum
andern rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden
wollte und ob der Schnee noch die ganze Hütte zudecken
wollte, daß man müßte ein Licht anzünden am hellen Tag.
Es kam aber nicht so weit und am andern Tag ging der
Großvater hinaus, denn nun schneite es nicht mehr, und
schaufelte um's ganze Haus herum und warf große, große
Schneehaufen auf einander, daß es war wie hier ein Berg
und dort ein Berg um die Hütte herum; aber nun waren
die Fenster wieder frei und auch die Thüre, und das war
gut, denn als am Nachmittag Heidi und der Großvater
am Feuer saßen, Jedes auf seinem Dreifuß, denn der
Großvater hatte längst auch einen für das Kind gezimmert,
da polterte auf einmal etwas heran und schlug immer zu
gegen die Holzschwelle und machte endlich die Thür auf.
Es war der Gaißenpeter; er hatte aber nicht aus Unart
so gegen die Thüre gepoltert, sondern um seinen Schnee
von den Schuhen abzuschlagen, die hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war von Schnee
bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so
durchkämpfen müssen, daß ganze Massen an ihm hängen
geblieben und auf ihm festgefroren waren, denn es war sehr
kalt. Aber er hatte nicht nachgegeben, denn er wollte zum
Heidi hinauf, er hatte es jetzt acht Tage lang nicht gesehn.

„Guten Abend“, sagte er im Eintreten, stellte sich
gleich so nah als möglich an's Feuer heran und sagte weiter
Nichts mehr, aber sein ganzes Gesicht lachte vor Vergnügen,
daß er da war. Heidi schaute ihn sehr verwundert an,
denn nun er so nah am Feuer war, fing es überall an ihm
zu thauen an, so daß der ganze Peter anzusehen war wie
ein gelinder Wasserfall.

„Nu General, wie steht's?“ sagte jetzt der Großvater. Nun bist du ohne Armee und mußt am Griffel
nagen!“

„Warum muß er am Griffel nagen, Großvater?“
fragte Heidi sogleich mit Wißbegierde.

„Im Winter muß er in die Schule gehen“, erklärte
der Großvater, „da lernt man lesen und schreiben und das
geht manchmal schwer, da hilft's ein wenig nach, wenn
man am Griffel nagt, ist's nicht wahr, General?“

„Ja, 's ist wahr“, bestätigte Peter.

Jetzt war Heidi's Theilnahme an der Sache wach geworden und es hatte sehr viele Fragen über die Schule und
Alles, was da begegnete und zu hören und zu sehen war,
an den Peter zu richten, und da immer viel Zeit verfloß
über einer Unterhaltung, an der Peter Theil nehmen mußte,
so konnte er derweilen schön trocknen von oben bis unten.
Es war immer eine große Anstrengung für ihn, seine Vorstellungen in die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er
meinte, aber diesmal hatte er's besonders streng, denn
kaum hatte er eine Antwort zu Stande gebracht, so hatte
ihm Heidi schon wieder zwei oder drei unerwartete Fragen
zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen Satz als
Antwort erforderten.

Der Großvater hatte sich ganz still verhalten während
dieser Unterhaltung, aber es hatte ihm öfter ganz lustig
um die Mundwinkel gezuckt, was ein Zeichen war, daß er
zuhörte.

„So General, nun warst du im Feuer und brauchst
Stärkung, komm', halt mit!“ Damit stand der Großvater
auf und holte das Abendessen aus dem Schrank hervor,
und Heidi rückte die Stühle zum Tisch. Unterdessen war
auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom
Großvater, nun er nicht mehr allein war, hatte er da
und dort allerlei Sitze zu Zweien eingerichtet, denn Heidi
hatte die Art, daß es sich überall nah zum Großvater
hielt, wo er ging und stand und saß. So hatten sie alle
drei gut Platz zum Sitzen und der Peter that seine runden
Augen ganz weit auf, als er sah, welch ein mächtiges
Stück von dem schönen getrockneten Fleisch der Alm-Oehi
ihm auf seine dicke Brodschnitte legte. So gut hatte es der
Peter lange nicht gehabt. Als nun das vergnügte Mahl zu
Ende war, fing es an zu dunkeln und Peter schickte sich
zur Heimkehr an. Als er nun „gute Nacht“ und „Dank
Euch Gott“ gesagt hatte und schon unter der Thür war,
kehrte er sich noch einmal um und sagte: „Am Sonntag
komm' ich wieder, heut' über acht Tag', und du solltest auch
einmal zur Großmutter kommen, hat sie gesagt.“

Das war ein ganz neuer Gedanke für Heidi, daß es zu
Jemandem gehen solle, aber er faßte auf der Stelle Boden
bei ihm, und gleich am folgenden Morgen war sein Erstes,
daß es erklärte: „Großvater, jetzt muß ich gewiß zu der
Großmutter hinunter, sie erwartet mich.“

„Es hat zu viel Schnee“, erwiderte der Großvater abwehrend. Aber das Vorhaben saß fest in Heidi's Sinn,
denn die Großmutter hatte es ja sagen lassen, so mußte es
sein. So verging kein Tag mehr, an dem das Kind nicht
fünf und sechs Mal sagte: „Großvater, jetzt muß ich gewiß
gehn, die Großmutter wartet ja immer auf mich.“

Am vierten Tag, als es draußen knisterte und knarrte
vor Kälte bei jedem Schritt und die ganze große Schneedecke
ringsum hart gefroren war, aber eine schöne Sonne in's
Fenster guckte gerade auf Heidi's hohen Stuhl hin, wo es
am Mittagsmahl saß, da begann es wieder sein Sprüchlein:
„Heut' muß ich aber gewiß zur Großmutter gehn, es
währt ihr sonst zu lange.“ Da stand der Großvater auf
vom Mittagstisch, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte
den dicken Sack herunter, der Heidi's Bettdecke war und
sagte: „So komm!“ In großer Freude hüpfte das Kind
ihm nach in die glitzernde Schneewelt hinaus. In den
alten Tannen war es nun ganz still und auf allen Aesten
lag der weiße Schnee und in dem Sonnenschein schimmerte
und funkelte es überall von den Bäumen in solcher Pracht,
daß Heidi hoch aufsprang vor Entzücken und ein Mal über's
andere ausrief: „Komm' heraus, Großvater, komm' heraus!
Es ist lauter Silber und Gold an den Tannen!“ Denn
der Großvater war in den Schopf hineingegangen und kam
nun heraus mit einem breiten Stoßschlitten, da war vorn
eine Stange angebracht und von dem flachen Sitz konnte
man die Füße nach vorn hinunter halten und gegen den
Schneeboden stemmen und der Fahrt die Weisung geben.
Hier setzte sich der Großvater hin, nachdem er erst die
Tannen ringsum mit Heidi hatte beschauen müssen, nahm
das Kind auf seinen Schooß, wickelte es um und um
in den Sack ein, damit es hübsch warm bleibe, und drückte
es fest mit dem linken Arm an sich, denn das war nöthig
bei der kommenden Fahrt. Dann umfaßte er mit der
rechten Hand die Stange und gab einen Ruck mit beiden
Füßen. Da schoß der Schlitten davon die Alm hinab mit
einer solchen Schnelligkeit, daß das Heidi meinte, es fliege
in der Luft, wie ein Vogel und laut aufjauchzte. Auf einmal
stand der Schlitten still, gerade bei der Hütte vom Gaißen-Peter. Der Großvater stellte das Kind auf den Boden,
wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte: „So, nun
geh' hinein, und wenn es anfängt dunkel zu werden, dann
komm' wieder heraus und mach' dich auf den Weg.“ Dann
kehrte er um mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg
hinauf.

Heidi machte die Thüre auf und kam in einen kleinen
Raum hinein, da sah es schwarz aus und ein Heerd war
da und einige Schüsselchen auf einem Gestell, das war die
kleine Küche; dann kam gleich wieder eine Thüre, die machte
Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube hinein, denn
das Ganze war nicht eine Sennhütte, wie beim Großvater,
wo ein einziger, großer Raum war und oben ein Heuboden,
sondern es war ein kleines, uraltes Häuschen, wo Alles
eng war und schmal und dürftig. Als Heidi in das Stübchen trat, stand es gleich vor einem Tisch, daran saß eine
Frau und flickte an Peter's Wams, denn dieses erkannte
Heidi sogleich. In der Ecke saß ein altes, gekrümmtes
Mütterchen und spann. Heidi wußte gleich, woran es war;
es ging gradaus auf das Spinnrad zu und sagte: „Guten
Tag, Großmutter, jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht,
es währe lang, bis ich komme?“

Die Großmutter erhob den Kopf und suchte die Hand,
die gegen sie ausgestreckt war, und als sie diese erfaßt hatte,
befühlte sie dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der
ihrigen, dann sagte sie: „Bist du das Kind droben beim
Alm-Oehi, bist du das Heidi?“

„Ja, ja“, bestätigte das Kind, „jetzt gerade bin ich
mit dem Großvater im Schlitten heruntergefahren.“

„Wie ist das möglich! Du hast ja eine so warme
Hand! Sag', Brigitte, ist der Alm-Oehi selber mit dem
Kind heruntergekommen?“

Peter's Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte,
war aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das
Kind von oben bis unten; dann sagte sie: „Ich weiß nicht,
Mutter, ob der Oehi selber heruntergekommen ist mit
ihm, es ist nicht glaublich, das Kind wird's nicht recht
wissen.“

Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar
nicht, als sei es im Ungewissen, und sagte: „Ich weiß ganz
gut, wer mich in die Bettdecke gewickelt hat und mit mir
heruntergeschlittet ist, das ist der Großvater.“

„Es muß doch etwas daran sein, was der Peter so
gesagt hat den Sommer durch vom Alm-Oehi, wenn wir
dachten, er wisse es nicht recht“, sagte die Großmutter,
„wer hätte freilich auch glauben können, daß so etwas
möglich sei, ich dachte, das Kind lebe keine drei Wochen da
oben. Wie sieht es auch aus, Brigitte?“ Diese hatte das
Kind unterdessen so von allen Seiten angesehn, daß sie nun
wohl berichten konnte, wie es aussah.

„Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war“, gab
sie zur Antwort, „aber es hat die schwarzen Augen und
das krause Haar, wie es der Tobias hatte und auch der
Alte droben, ich glaube, es sieht den Zweien gleich.“

Unterdessen war Heidi nicht müßig geblieben; es hatte
ringsum geguckt und Alles genau betrachtet, was da zu sehen
war. Jetzt sagte es: „Sieh', Großmutter, dort schlägt es
einen Laden immer hin und her, und der Großvater würde
auf der Stelle einen Nagel einschlagen, daß er wieder fest
hält, sonst schlägt er auch einmal eine Scheibe ein; sieh',
sieh', wie er thut!“

„Ach du gutes Kind,“ sagte die Großmutter, „sehn
kann ich es nicht, aber hören kann ich es wohl und noch
viel mehr, nicht nur den Laden, da kracht und klappert es
überall, wenn der Wind kommt und er kann überall herein
blasen, es hält Nichts mehr zusammen und in der Nacht,
wenn sie Beide schlafen, ist es mir manchmal so angst und
bang, es falle Alles über uns zusammen und schlage uns
alle Drei todt; ach und da ist kein Mensch, der etwas
ausbessern könnte an der Hütte, der Peter versteht's nicht.“

„Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der
Laden thut, Großmutter? Sieh' jetzt wieder, dort gerade
dort.“ Und Heidi zeigte die Stelle deutlich mit dem
Finger.

„Ach Kind, ich kann ja gar Nichts sehen, gar Nichts,
nicht nur den Laden nicht“, klagte die Großmutter.

„Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, daß es recht hell wird, kannst du dann sehen, Großmutter?“

„Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir Niemand
mehr hell machen.“

„Aber wenn du hinausgehst in den ganz weißen
Schnee, dann wird es dir gewiß hell; komm' nur mit mir,
Großmutter, ich will dir's zeigen.“ Heidi nahm die Großmutter bei der Hand und wollte sie fortziehn, denn es
fing an, ihm ganz ängstlich zu Muth zu werden, daß es
ihr nirgends hell wurde.

„Laß mich nur sitzen, du gutes Kind, es bleibt doch
dunkel bei mir, auch im Schnee und in der Helle, sie dringt
nicht mehr in meine Augen.“

„Aber dann doch im Sommer, Großmutter“, sagte
Heidi immer ängstlicher nach einem guten Ausweg suchend,
„weißt, wann dann wieder die Sonne ganz heiß herunterbrennt und dann gute Nacht sagt und die Berge alle
feuerroth schimmern und alle gelben Blümlein glitzern, dann
wird es dir wieder schön hell?“

„Ach Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen
Berge und die goldenen Blümlein droben, es wird mir nie
mehr hell auf Erden, nie mehr.“

Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller
Jammer schluchzte es fortwährend: „Wer kann dir denn
wieder hell machen? Kann es Niemand? Kann es gar
Niemand?“

Die Großmutter suchte nun das Kind zu trösten, aber
es gelang ihr nicht so bald. Heidi weinte fast nie; wenn
es aber einmal anfing, dann konnte es auch fast nicht mehr
aus der Betrübniß herauskommen. Die Großmutter hatte
schon allerhand probiert, um das Kind zu beschwichtigen,
denn es ging ihr zu Herzen, daß es so jämmerlich schluchzen
mußte. Jetzt sagte sie: „Komm', du gutes Heidi, komm'
hier heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn
man Nichts sehen kann, dann hört man so gern ein freundliches Wort und ich höre es gern, wenn du redest; komm',
setz' dich da nahe zu mir und erzähl' mir Etwas, was du
machst da droben und was der Großvater macht, ich habe
ihn früher gut gekannt; aber jetzt hab' ich seit manchem
Jahr Nichts mehr gehört von ihm, als durch den Peter,
aber der sagt nicht viel.“

Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte
rasch seine Thränen weg und sagte tröstlich: „Wart' nur,
Großmutter, ich will Alles dem Großvater sagen, er macht
dir schon wieder hell und macht, daß die Hütte nicht zusammenfällt, er kann Alles wieder in Ordnung machen.“

Die Großmutter schwieg stille, und nun fing Heidi an,
ihr mit großer Lebendigkeit zu erzählen von seinem Leben
mit dem Großvater und von den Tagen auf der Weide
und von dem jetzigen Winterleben mit dem Großvater, was
er Alles aus Holz machen könne, Bänke und Stühle und
schöne Krippen, wo man für das Schwänli und Bärli das
Heu hineinlegen könnte, und einen großen neuen Wassertrog
zum Baden im Sommer, und ein neues Milchschüsselchen
und Löffel, und Heidi wurde immer eifriger im Beschreiben
all der schönen Sachen, die so auf einmal aus einem Stück
Holz herauskommen und wie es dann neben dem Großvater stehe und ihm zuschaue und wie es das Alles auch
einmal machen wolle. Die Großmutter hörte mit großer
Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen: „Hörst du's auch, Brigitte? Hörst du, was es
vom Oehi sagt?“

Mit einem Mal wurde die Erzählung unterbrochen
durch ein großes Gepolter an der Thüre, und herein
stampfte der Peter, blieb aber sogleich stille stehn und
sperrte seine runden Augen ganz erstaunlich weit auf, als
er das Heidi erblickte, und schnitt die allerfreundlichste
Grimasse, als es ihm sogleich zurief: „Guten Abend,
Peter!“

„Ist denn das möglich, daß der schon aus der Schule
kommt“, rief die Großmutter ganz verwundert aus; „so
geschwind ist mir seit manchem Jahr kein Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie geht es mit dem
Lesen?“

„Gleich“, gab der Peter zur Antwort.

„So, so“, sagte die Großmutter ein wenig seufzend,
„ich habe gedacht, es gebe vielleicht eine Aenderung auf die
Zeit, wenn du dann zwölf Jahr alt wirst gegen den Hornung hin.“

„Warum muß es eine Aenderung geben, Großmutter?“
fragte Heidi gleich mit Interesse.

„Ich meine nur, daß er es etwa noch hätte lernen
können“, sagte die Großmutter, „das Lesen mein' ich. Ich
habe dort oben auf dem Gestell ein altes Gebetbuch, da
sind schöne Lieder drin, die habe ich so lange nicht mehr
gehört, und im Gedächtniß habe ich sie auch nicht mehr, da
habe ich gehofft, wenn der Peterli nun lesen lerne, so könne
er mir etwa ein gutes Lied lesen, aber er kann es nicht
lernen, es ist ihm zu schwer.“

„Ich denke, ich muß Licht machen, es wird ja schon
ganz dunkel“, sagte jetzt Peter's Mutter, die immer emsig
am Wams fortgeflickt hatte, „der Nachmittag ist mir
auch vergangen, ohne daß ich's merkte.“

Nun sprang Heidi von seinem Stühlchen auf, streckte
eilig seine Hand aus und sagte: „Gut' Nacht, Großmutter,
ich muß auf der Stelle heim, wenn es dunkel wird“, und
hinter einander bot es dem Peter und seiner Mutter die
Hand und ging der Thüre zu. Aber die Großmutter rief
besorgt: „Wart', wart', Heidi, so allein mußt du nicht
fort, der Peter muß mit dir, hörst du? Und gib Acht
auf das Kind, Peterli, daß es nicht umfällt, und steh' nicht
still mit ihm, daß es nicht friert, hörst du? Hat es auch
ein dickes Halstuch an?“

„Ich habe gar kein Halstuch an“, rief Heidi zurück,
„aber ich will schon nicht frieren“; damit war es zur Thür
hinaus und huschte so behend weiter, daß der Peter kaum
nachkam. Aber die Großmutter rief jammernd: „Lauf'
ihm nach, Brigitte, lauf', das Kind muß ja erfrieren, so
bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf' schnell!“
Die Brigitte gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein
paar Schritte den Berg hinan gethan, so sahen sie von
oben herunter den Großvater kommen und mit wenigen
rüstigen Schritten stand er vor ihnen.

„Recht so, Heidi, Wort gehalten!“ sagte er, packte das
Kind wieder fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen
Arm und stieg den Berg hinauf. Eben hatte die Brigitte
noch gesehen, wie der Alte das Kind wohl verpackt auf
seinen Arm genommen und den Rückweg angetreten hatte.
Sie trat mit dem Peter wieder in die Hütte ein und
erzählte der Großmutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte. Auch diese mußte sich sehr verwundern und
ein Mal über das andere sagen: „Gott Lob und Dank,
daß er so ist mit dem Kind, Gott Lob und Dank! Wenn
er es nur auch wieder zu mir läßt, das Kind hat mir so
wohl gemacht! Was hat es für ein gutes Herz und wie
kann es so kurzweilig erzählen!“ Und immer wieder freute
sich die Großmutter, und bis sie in's Bett ging, sagte sie
immer wieder: „Wenn es nur auch wiederkommt! Jetzt
habe ich doch noch Etwas auf der Welt, auf das ich mich
freuen kann!“ Und die Brigitte stimmte jedes Mal ein,
wenn die Großmutter wieder dasselbe sagte, und auch der
Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und zog
seinen Mund weit auseinander vor Vergnüglichkeit und sagte:
„Hab's schon gewußt.“

Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen
immerzu an den Großvater heran; da die Stimme aber
nicht durch den achtfachen Umschlag dringen konnte und er
daher kein Wort verstand, sagte er: „Wart' ein wenig,
bis wir daheim sind, dann sag's.“

Sobald er nun, oben angekommen, in seine Hütte eingetreten war und Heidi aus seiner Hülle herausgeschält
hatte, sagte es: „Großvater, morgen müssen wir den
Hammer und die großen Nägel mitnehmen und den Laden
festschlagen bei der Großmutter und sonst noch viele Nägel
einschlagen, denn es kracht und klappert Alles bei ihr.“

„Müssen wir? So, das müssen wir? Wer hat dir
das gesagt?“ fragte der Großvater.

„Das hat mir kein Mensch gesagt, ich weiß es sonst“,
entgegnete Heidi, „denn es hält Alles nicht mehr fest und es
ist der Großmutter angst und bang, wenn sie nicht schlafen
kann und es so thut, und sie denkt: Jetzt fällt Alles ein
und gerade auf unsre Köpfe, und der Großmutter kann
man gar nicht mehr hell machen, sie weiß gar nicht, wie
man es könnte, aber du kannst es schon, Großvater, denk'
nur, wie traurig es ist, wenn sie immer im Dunkeln ist
und es ihr dann noch angst und bang ist und es kann ihr
kein Mensch helfen, als du! Morgen wollen wir gehen
und ihr helfen, gelt, Großvater, wir wollen?“

Heidi hatte sich an den Großvater angeklammert und
schaute mit zweifellosem Vertrauen zu ihm auf. Der Alte
schaute eine kleine Weile auf das Kind nieder, dann sagte
er: „Ja, Heidi, wir wollen machen, daß es nicht mehr so
klappert bei der Großmutter, das können wir, morgen thun
wir's.“

Nun hüpfte das Kind vor Freude im ganzen Hüttenraum herum und rief ein Mal um's andere: „Morgen
thun wir's! Morgen thun wir's!“

Der Großvater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag
wurde dieselbe Schlittenfahrt ausgeführt. Wie am vorhergehenden Tag stellte der Alte das Kind vor der Thüre der
Gaißenpeter-Hütte nieder und sagte: „Nun geh' hinein, und
wenn's Nacht wird, komm' wieder. Dann legte er den Sack
auf den Schlitten und ging um das Häuschen herum.

Kaum hatte Heidi die Thüre aufgemacht und war in
die Stube hineingesprungen, so rief schon die Großmutter
aus der Ecke: „Da kommt das Kind! Das ist das Kind!“
Und ließ vor Freuden den Faden los und das Rädchen
stehen und streckte beide Hände nach dem Kinde aus. Heidi
lief zu ihr, rückte gleich das niedere Stühlchen ganz nahe
an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Großmutter
schon wieder eine große Menge von Dingen zu erzählen
und von ihr zu erfragen. Aber auf einmal ertönten so
gewaltige Schläge an das Haus, daß die Großmutter vor
Schrecken so zusammenfuhr, daß sie fast das Spinnrad
umwarf, und zitternd ausrief: „Ach du mein Gott, jetzt
kommt's, es fällt Alles zusammen!“ Aber Heidi hielt sie
fest um den Arm und sagte tröstend: „Nein, nein, Großmutter, erschrick du nur nicht, das ist der Großvater mit
dem Hammer, jetzt macht er Alles fest, daß es dir nicht
mehr angst und bang wird.“

„Ach ist auch das möglich! Ist auch so etwas möglich!
So hat uns doch der liebe Gott nicht ganz vergessen!“
rief die Großmutter aus. „Hast du's gehört, Brigitte,
was es ist, hörst du's? Wahrhaftig, es ist ein Hammer!
Geh' hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-Oehi ist, so sag'
ihm, er soll doch dann auch einen Augenblick hereinkommen,
daß ich ihm auch danken kann.“

Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-Oehi
mit großer Gewalt neue Kloben in die Mauer ein; Brigitte
trat an ihn heran und sagte: „Ich wünsche Euch guten
Abend, Oehi, und die Mutter auch, und wir haben Euch zu
danken, daß Ihr uns einen solchen Dienst thut, und die
Mutter möchte Euch noch gern eigens danken drinnen;
sicher, es hätte uns das nicht grad Einer gethan, wir wollen
Euch auch dran denken, denn sicher —“

„Macht's kurz“, unterbrach sie der Alte hier; „was
Ihr vom Alm-Oehi haltet, weiß ich schon. Geht nur wieder
hinein; wo's fehlt, find' ich selber.“

Brigitte gehorchte sogleich, denn der Oehi hatte eine Art,
der man sich nicht leicht widersetzte. Er klopfte und hämmerte
um das ganze Häuschen herum, stieg dann das schmale
Treppchen hinauf bis unter das Dach, hämmerte weiter
und weiter, bis er auch den letzten Nagel eingeschlagen, den
er mitgebracht hatte. Unterdessen war auch schon die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er heruntergestiegen
und hatte seinen Schlitten hinter dem Gaißenstall hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Thüre trat und vom
Großvater wie gestern verpackt auf den Arm genommen
und der Schlitten nachgezogen wurde, denn allein da drauf
sitzend, wäre die ganze Umhüllung vom Heidi abgefallen, und
es wäre fast oder ganz erfroren. Das wußte der Großvater wohl und hielt das Kind ganz warm in seinem
Arm.

So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben
der blinden Großmutter war nach langen Jahren eine
Freude gefallen und ihre Tage waren nicht mehr lang und
dunkel, einer wie der andere, denn nun hatte sie immer
Etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen konnte. Vom
frühen Morgen an lauschte sie auch schon auf den trippelnden
Schritt, und ging dann die Thüre auf und das Kind kam
wirklich daher gesprungen, dann rief sie jedes Mal in lauter
Freude: „Gott Lob, da kommt's wieder!“ Und Heidi
setzte sich zu ihr und plauderte und erzählte so lustig von
Allem, was es wußte, daß es der Großmutter ganz wohl
machte und ihr die Stunden dahin gingen, sie merkte es
nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie früher:
„Brigitte, ist der Tag noch nicht um?“ Sondern jedes
Mal, wenn Heidi die Thür hinter sich schloß, sagte sie:
„Wie war doch der Nachmittag so kurz, ist es nicht wahr,
Brigitte?“ Und diese sagte: „Doch sicher, es ist mir, wir
haben erst die Teller vom Essen weggestellt.“ Und die
Großmutter sagte wieder: „Wenn mir nur der Herr Gott
das Kind erhält und dem Alm-Oehi den guten Willen! Sieht
es auch gesund aus, Brigitte?“ Und jedes Mal erwiderte
diese: „Es sieht aus wie ein Erdbeerapfel.“

Heidi hatte auch eine große Anhänglichkeit an die alte
Großmutter, und wenn es ihm wieder in den Sinn kam,
daß ihr gar Niemand, auch der Großvater nicht mehr hell
machen konnte, überkam es immer wieder eine große Betrübniß; aber die Großmutter sagte ihm immer wieder,
daß sie am wenigsten davon leide, wenn es bei ihr sei, und
Heidi kam auch an jedem schönen Wintertag heruntergefahren
auf seinem Schlitten. Der Großvater hatte, ohne weitere
Worte, so fortgefahren, hatte jedes Mal den Hammer und
allerlei andere Sachen mit aufgeladen und manchen Nachmittag durch an dem Gaißenpeter-Häuschen herumgeklopft.
Das hatte aber auch seine gute Wirkung; es krachte und
klapperte nicht mehr die ganzen Nächte durch, und die Großmutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr
schlafen können, das wolle sie auch dem Oehi nie vergessen.

Capitel V.
Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr
Folgen hat.

Schnell war der Winter und noch schneller der fröhliche Sommer darauf vergangen, und ein neuer Winter
neigte sich schon wieder dem Ende zu. Heidi war glücklich
und froh, wie die Vöglein des Himmels und freute sich
jeden Tag mehr auf die herannahenden Frühlingstage, da
der warme Föhn durch die Tannen brausen und den Schnee
wegfegen würde und dann die helle Sonne die blauen und
gelben Blümlein hervorlocken und die Tage der Weide
kommen würden, die für Heidi das Schönste mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte. Heidi stand nun in
seinem achten Jahre; es hatte vom Großvater allerlei Kunstgriffe erlernt; mit den Gaißen wußte es so gut umzugehen,
als nur Einer, und Schwänli und Bärli liefen ihm nach
wie treue Hündlein und meckerten gleich laut vor Freude,
wenn sie nur seine Stimme hörten. In diesem Winter
hatte Peter schon zwei Mal vom Schullehrer im Dörfli
den Bericht gebracht, der Alm-Oehi sollte das Kind, das bei
ihm sei, nun in die Schule schicken, es habe schon mehr als
das Alter und hätte schon im letzten Winter kommen sollen.
Der Oehi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen,
wenn er Etwas mit ihm wollte, so sei er daheim, das
Kind schicke er nicht in die Schule. Diesen Bericht hatte
der Peter richtig überbracht.

Als die Märzsonne den Schnee an den Abhängen geschmolzen hatte und überall die weißen Schneeglöckchen hervorguckten im Thal und auf der Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschüttelt hatten und die Aeste wieder lustig wehten,
da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her, von der
Hausthür zum Gaißenstall und von da unter die Tannen
und dann wieder hinein zum Großvater, um ihm zu berichten, wie viel größer das Stück grüner Boden unter den
Bäumen wieder geworden sei, und gleich nachher kam es
wieder nachzusehen, denn es konnte es nicht erwarten, daß
Alles wieder grün und der ganze schöne Sommer mit Grün
und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam.

Als Heidi so am sonnigen Märzmorgen hin- und herrannte und jetzt wohl zum zehnten Mal über die Thürschwelle sprang, wäre es vor Schrecken fast rückwärts wiederhineingefallen, denn auf einmal stand es vor einem schwarzen,
alten Herrn, der es ganz ernsthaft anblickte. Als er aber
seinen Schrecken sah, sagte er freundlich: „Du mußt nicht
erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib mir
die Hand! du wirst das Heidi sein; wo ist der Großvater?“

„Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Löffel von Holz“,
erklärte Heidi und machte nun die Thüre wieder auf.

Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Dörfli, der
den Oehi vor Jahren gut gekannt hatte, als er noch unten
wohnte und sein Nachbar war. Er trat in die Hütte ein,
ging auf den Alten zu, der sich über sein Schnitzwerk hinbeugte und sagte: „Guten Morgen, Nachbar.“

Verwundert schaute dieser in die Höhe, stand dann auf
und entgegnete: „Guten Morgen dem Herrn Pfarrer.“
Dann stellte er seinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr
fort: „Wenn der Herr Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut,
hier ist einer.“

Der Herr Pfarrer setzte sich. „Ich habe Euch lange
nicht gesehen, Nachbar“, sagte er dann.

„Ich den Herrn Pfarrer auch nicht“, war die Antwort.

„Ich komme heut', um Etwas mit Euch zu besprechen“,
fing der Herr Pfarrer wieder an, „ich denke, ihr könnt
schon wissen, was meine Angelegenheit ist, worüber ich mich
mit Euch verständigen und hören will, was Ihr im Sinne
habt.“

Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das
an der Thüre stand und die neue Erscheinung aufmerksam
betrachtete.

„Heidi, geh' zu den Gaißen“, sagte der Großvater.
„Kannst ein wenig Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben,
bis ich auch komme.“

Heidi verschwand sofort.

„Das Kind hätte schon vor dem Jahr und noch sicherer
diesen Winter die Schule besuchen sollen“, sagte nun der
Herr Pfarrer; „der Lehrer hat Euch mahnen lassen, Ihr
habt keine Antwort darauf gegeben; was habt Ihr mit dem
Kind im Sinn, Nachbar?“

„Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken“,
war die Antwort.

Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten,
der mit gekreuzten Armen auf seiner Bank saß und gar
nicht nachgiebig aussah.

„Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?“ fragte jetzt
der Herr Pfarrer.

„Nichts, es wächst und gedeiht mit den Gaißen und
den Vögeln; bei denen ist es ihm wohl und es lernt nichts
Böses von ihnen.“

„Aber das Kind ist keine Gaiß und kein Vogel, es ist
ein Menschenkind. Wenn es nichts Böses lernt von diesen
seinen Kameraden, so lernt es auch sonst Nichts von ihnen,
es soll aber Etwas lernen, und die Zeit dazu ist da. Ich
bin gekommen, es Euch zeitig zu sagen, Nachbar, damit Ihr
Euch besinnen und einrichten könnt den Sommer durch.
Dieses war der letzte Winter, den das Kind so ohne allen
Unterricht zugebracht hat; nächsten Winter kommt es zur
Schule und zwar jeden Tag.“

„Ich thu's nicht, Herr Pfarrer“, sagte der Alte unentwegt.

„Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch
zur Vernunft zu bringen, wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem
unvernünftigen Thun beharren wollt?“ sagte der Herr
Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. „Ihr seid weit in der Welt
herumgekommen und habt viel gesehen und Vieles lernen
können, ich hätte Euch mehr Einsicht zugetraut, Nachbar.“

„So“, sagte jetzt der Alte und seine Stimme verrieth,
daß es auch in seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig
war; „und meint denn der Herr Pfarrer, ich werde wirklich im nächsten Winter am eisigen Morgen durch Sturm
und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg hinunterschicken, zwei Stunden weit und zur Nacht wieder heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und thut, daß Unsereiner fast in Wind und Schnee ersticken müßte und dann
ein Kind wie dieses! Und vielleicht kann sich der Herr
Pfarrer auch noch der Mutter erinnern, der Adelheid; sie
war mondsüchtig und hatte Zufälle, soll das Kind auch so
Etwas holen mit der Anstrengung? Es soll mir Einer
kommen und mich zwingen wollen! Ich gehe vor alle Gerichte mit ihm, dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!“

„Ihr habt ganz Recht, Nachbar“, sagte der Herr Pfarrer
mit Freundlichkeit; „es wäre nicht möglich, das Kind von
hier aus zur Schule zu schicken; aber ich kann sehen, das
Kind ist Euch lieb, thut um seinetwillen Etwas, das Ihr
schon lange hättet thun sollen, kommt wieder in's Dörfli
herunter und lebt wieder mit den Menschen. Was ist das
für ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen Gott
und Menschen! Wenn Euch einmal Etwas zustoßen würde
hier oben, wer würde Euch beistehen? Ich kann auch gar
nicht begreifen, daß Ihr den Winter durch nicht halb erfriert in Eurer Hütte und wie das zarte Kind es nur aushalten kann!“

„Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das
möchte ich dem Herrn Pfarrer sagen, und dann noch Eins:
ich weiß, wo es Holz gibt, und auch wann die gute Zeit
ist, es zu holen, der Herr Pfarrer darf in meinen Schopf
hineinsehen, es ist Etwas drinn, in meiner Hütte geht das
Feuer nie aus den Winter durch. Was der Herr Pfarrer
mit dem Herunterkommen meint, ist nicht für mich; die
Menschen da unten verachten mich und ich sie auch, wir
bleiben von einander, so ist's Beiden wohl.“

„Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich weiß, was Euch
fehlt“, sagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. „Mit
der Verachtung der Menschen dort unten ist es so schlimm
nicht. Glaubt mir, Nachbar, sucht Frieden mit Euerm Gott
zu machen, bittet um Seine Verzeihung, wo Ihr sie nöthig
habt, und dann kommt und seht, wie anders Euch die Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden kann.“

Der Herr Pfarrer war aufgestanden; er hielt dem Alten
die Hand hin und sagte nochmals mit Herzlichkeit: „Ich
zähle darauf, Nachbar, im nächsten Winter seid Ihr wieder
unten bei uns und wir sind die alten, guten Nachbarn.
Es würde mir große Mühe machen, wenn ein Zwang gegen
Euch müßte angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand
darauf, daß Ihr herunterkommt und wieder unter uns leben
wollt, ausgesöhnt mit Gott und den Menschen.“

Der Alm-Oehi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und
sagte fest und bestimmt: „Der Herr Pfarrer meint es
recht mit mir; aber was er erwartet, das thu' ich nicht,
ich sag' es sicher und ohne Wandel: das Kind schick' ich nicht,
und herunter komm' ich nicht.“

„So helf' Euch Gott!“ sagte der Herr Pfarrer und
ging traurig zur Thür hinaus und den Berg hinunter.

Der Alm-Oehi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag
sagte: „Jetzt wollen wir zur Großmutter“, erwiderte er
kurz: „Heut' nicht.“ Den ganzen Tag sprach er nicht mehr,
und am folgenden Morgen, als Heidi fragte: „Gehen wir
heut' zur Großmutter?“ war er noch gleich kurz von Worten
wie im Ton und sagte nur: „Wollen sehen.“ Aber noch
bevor die Schüsselchen vom Mittagessen weggestellt waren,
trat schon wieder ein Besuch zur Thür herein, es war die
Base Dete. Sie hatte einen schönen Hut auf dem Kopf
mit einer Feder drauf und ein Kleid, das Alles mitfegte,
was am Boden lag, und in der Sennhütte lag da Allerlei,
das nicht an ein Kleid gehörte. Der Oehi schaute sie an
von oben bis unten und sagte kein Wort. Aber die Base
Dete hatte im Sinn, ein sehr freundliches Gespräch zu
führen, denn sie fing gleich an zu rühmen und sagte, das
Heidi sehe so gut aus, sie habe es fast nicht mehr gekannt
und man könne schon sehen, daß es ihm nicht schlecht gegangen sei beim Großvater. Sie habe aber gewiß auch
immer darauf gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn sie
habe ja schon begreifen können, daß ihm das Kleine im Weg
sein müsse, aber in jenem Augenblick habe sie es ja nirgends
sonst hinthun können; seither aber habe sie Tag und Nacht
nachgesonnen, wo sie das Kind etwa unterbringen könnte,
und deßwegen komme sie auch heute, denn auf einmal habe
sie Etwas vernommen, da könne das Heidi zu einem solchen
Glück kommen, daß sie es gar nicht habe glauben wollen.
Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen,
und nun könne sie sagen, es sei Alles so gut wie in Richtigkeit, das Heidi komme zu einem Glück, wie unter Hunderttausenden nicht Eines. Furchtbar reiche Verwandte von
ihrer Herrschaft, die fast im schönsten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges Töchterlein, das müsse
immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf einer Seite lahm
und sonst nicht gesund, und so sei es fast immer allein und
müsse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem Lehrer,
und das sei ihm so langweilig und auch sonst hätte es gern
eine Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet
bei ihrer Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind
finden könnte, wie die Dame beschrieb, die in dem Haus
die Wirthschaft führte, denn ihre Herrschaft habe viel Mitgefühl und möchte dem kranken Töchterlein eine gute Gespielin gönnen. Die Wirthschaftsdame hatte nun gesagt, sie
wolle so ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das
nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe. Da habe
sie selbst denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und
sei gleich hingelaufen und habe der Dame Alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem Charakter, und die
Dame habe sogleich zugesagt. Nun könne gar kein Mensch
wissen, was dem Heidi Alles an Glück und Wohlfahrt bevorstehe, denn wenn es dann einmal dort sei und die Leute
es gern mögen und es etwa mit dem eignen Töchterchen
Etwas geben sollte, man könne ja nie wissen, es sei doch
so schwächlich, und wenn eben die Leute doch nicht ohne ein
Kind bleiben wollten, so könnte ja das unerhörteste Glück —

„Bist du bald fertig?“ unterbrach hier der Oehi, der
bis dahin kein Wort dazwischengeredet hatte.

„Pah“, gab die Dete zurück und warf den Kopf auf,
„Ihr thut gerade, wie wenn ich Euch das ordinärste Zeug
gesagt hätte und ist doch durch's ganze Prättigau auf und
ab nicht Einer, der nicht Gott im Himmel dankte, wenn
ich ihm die Nachricht brächte, die ich Euch gebracht habe.“

„Bring' sie, wem du willst, ich will Nichts davon“, sagte
der Oehi trocken.

Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und
rief: „Ja, wenn Ihr es so meint, Oehi, so will ich Euch denn
schon auch sagen, wie ich es meine: das Kind ist jetzt acht
Jahre alt und kann Nichts und weiß Nichts und Ihr wollt
es Nichts lernen lassen; Ihr wollt es in keine Schule und
in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt unten im
Dörfli, und es ist meiner einzigen Schwester Kind, ich hab'
es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind
ein Glück erlangen kann, wie jetzt das Heidi, so kann ihm
nur Einer davor sein, dem es um alle Leute gleich ist und
der Keinem etwas Gutes wünscht. Aber ich gebe nicht
nach, das sag' ich Euch, und die Leute habe ich alle für mich,
es ist kein Einziger unten im Dörfli, der nicht mir hilft
und gegen Euch ist, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht
kommen lassen, so besinnt Euch wohl, Oehi, es gibt noch
Sachen, die Euch dann könnten aufgewärmt werden, die Ihr
nicht gern hörtet, denn wenn man's einmal mit dem Gericht zu thun hat, so wird noch Manches aufgespürt, an
das Keiner mehr denkt.“

„Schweig!“ donnerte der Oehi heraus, und seine Augen
flammten wie Feuer. „Nimm's und verdirb's! Komm'
mir nie mehr vor Augen mit ihm, ich will's nie sehen mit
dem Federnhut auf dem Kopf und Worten im Mund, wie
dich heut'!“

Der Oehi ging mit großen Schritten zur Thür hinaus.

„Du hast den Großvater bös gemacht“, sagte Heidi
und blitzte mit seinen schwarzen Augen die Base wenig
freundlich an.

„Er wird schon wieder gut, komm' jetzt“, drängte die
Base, „wo sind deine Kleider?“

„Ich komme nicht“, sagte Heidi.

„Was sagst du?“ fuhr die Base auf; dann änderte
sie den Ton ein wenig und fuhr halb freundlich, halb ärgerlich weiter: „Komm', komm', du verstehst's nicht besser, du
wirst es so gut haben, wie du gar nicht weißt.“ Dann
ging sie an den Schrank, nahm Heidi's Sachen hervor und
packte sie zusammen: „So, komm' jetzt, nimm dort dein
Hütchen, es sieht nicht schön aus, aber es ist gleich für einmal, setz' es auf und mach', daß wir fortkommen.“

„Ich komme nicht“, wiederholte Heidi.

„Sei doch nicht so dumm und störrig, wie eine Gaiß,
denen hast du's abgesehen. Begreif' doch nur, jetzt ist der
Großvater bös, du hast's ja gehört, daß er gesagt hat, wir
sollen ihm nicht mehr vor Augen kommen, er will es nun
haben, daß du mit mir gehst, und jetzt mußt du ihn nicht
noch böser machen. Du weißt gar nicht, wie schön es ist
in Frankfurt und was du Alles sehen wirst, und gefällt es
dir dann nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin
ist der Großvater dann wieder gut.“

„Kann ich grad' wieder umkehren und heimkommen heut'
Abend?“ fragte Heidi.

„Ach was, komm' jetzt! Ich sag' dir's ja, du kannst
wieder heim, wann du willst. Heut' gehen wir bis nach
Mayenfeld hinunter und morgen früh sitzen wir in der Eisenbahn, und mit der bist du nachher im Augenblick wieder
daheim, das geht wie geflogen.“

Die Base Dete hatte das Bündelchen Kleider auf den
Arm und Heidi an die Hand genommen, so gingen sie den
Berg hinunter.

Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch
zur Schule in's Dörfli hinunter, oder sollte doch dahin
gehen, er machte aber hie und da einen Tag Ferien, denn
er dachte, es nütze Nichts dahin zu gehen, das Lesen brauche
man auch nicht, und ein wenig herumfahren und große
Ruthen suchen, nütze Etwas, denn diese könne man brauchen.
So kam er eben in die Nähe seiner Hütte von der Seite
her mit sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen,
denn er trug ein ungeheueres Bündel langer, dicker Haselruthen auf der Achsel. Er stand still und starrte die zwei
Entgegenkommenden an, bis sie bei ihm ankamen; dann
sagte er: „Wo willst du hin?“

„Ich muß nur geschwind nach Frankfurt mit der Base“,
antwortete Heidi, „aber ich will zuerst noch zur Großmutter
hinein, sie wartet auf mich.“

„Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spät“,
sagte die Base eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest
bei der Hand, „du kannst dann gehen, wenn du wieder
heimkommst, komm' jetzt!“ Damit zog die Base das Heidi
fest weiter und ließ es nicht mehr los, denn sie fürchtete,
es könnte drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen,
es wolle nicht fort, und die Großmutter könnte ihm helfen
wollen. Der Peter sprang in die Hütte hinein und schlug
mit seinem ganzen Bündel Ruthen so furchtbar auf den
Tisch los, daß Alles erzitterte und die Großmutter vor
Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut aufjammerte.
Der Peter hatte sich Luft machen müssen.

„Was ist's denn? was ist's denn?“ rief angstvoll die
Großmutter, und die Mutter, die am Tisch gesessen hatte
und fast aufgeflogen war bei dem Knall, sagte in angeborner Langmuth: „Was hast, Peterli, warum thust so
wüst?“

„Weil sie das Heidi mitgenommen hat“, erklärte
Peter.

„Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?“ fragte die
Großmutter jetzt mit neuer Angst; sie mußte aber schnell
errathen haben, was vorging, die Tochter hatte ihr ja vor
Kurzem berichtet, sie habe die Dete gesehen zum Alm-Oehi
hinaufgehen. Ganz zitternd vor Eile, machte die Großmutter das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: „Dete,
Dete, nimm uns das Kind nicht weg! Nimm uns das
Heidi nicht!“

Die beiden Laufenden hörten die Stimme, und die
Dete mochte wohl ahnen, was sie rief, denn sie faßte das
Kind noch fester und lief, was sie konnte. Heidi widerstrebte und sagte: „Die Großmutter hat gerufen, ich will
zu ihr.“

Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte
das Kind, es solle nur schnell kommen jetzt, daß sie nicht noch
zu spät kommen, sondern, daß sie morgen weiter reisen können,
es könne ja dann sehen, wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, daß es gar nie mehr fort wolle dort, und wenn es
doch heim wolle, so könne es ja gleich gehen und dann erst
noch der Großmutter Etwas mit heimbringen, was sie
freue. Das war eine Aussicht für Heidi, die ihm gefiel.
Es fing an zu laufen ohne Widerstreben.

„Was kann ich der Großmutter heimbringen?“ fragte
es nach einer Weile.

„Etwas Gutes“, sagte die Base, „so schöne, weiche
Weißbrödchen, da wird sie Freud' haben daran, sie kann ja
doch das harte, schwarze Brod fast nicht mehr essen.“

„Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt:
,Es ist mir zu hart'; das habe ich selbst gesehen“, bestätigte
das Heidi. „So wollen wir geschwind gehen, Base Dete;
dann kommen wir vielleicht heut' noch nach Frankfurt, daß
ich bald wieder da bin mit den Brödchen.“

Heidi fing nun so zu rennen an, daß die Base mit
ihrem Bündel auf dem Arm fast nicht mehr nachkam. Aber
sie war sehr froh, daß es so rasch ging, denn nun kamen
sie gleich zu den ersten Häusern vom Dörfli, und da konnte
es wieder allerhand Reden und Fragen geben, die das Heidi
wieder auf andere Gedanken bringen konnten. So lief sie
stracks durch, und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer
Hand, daß alle Leute es sehen konnten, wie sie um des
Kindes willen so pressiren mußte. So rief sie auf alle
die Fragen und Anrufungen, die ihr aus allen Fenstern und
Thüren entgegentönten, nur immer zurück: „Ihr seht's ja,
ich kann jetzt nicht still stehen, das Kind pressirt und wir
haben noch weit.“

„Nimmst's mit?“ „Läuft's dem Alm-Oehi fort?“ „Es
ist nur ein Wunder, daß es noch am Leben ist!“ „Und dazu
noch so rothbackig!“ So tönte es von allen Seiten, und
die Dete war froh, daß sie ohne Verzug durchkam und
keinen Bescheid geben mußte und auch Heidi kein Wort
sagte, sondern nur immer vorwärts strebte in großem
Eifer.

Von dem Tage an machte der Alm-Oehi, wenn er herunterkam und durch's Dörfli ging, ein böseres Gesicht, als je
vorher. Er grüßte keinen Menschen und sah mit seinem
Käsereff auf dem Rücken, mit dem ungeheuern Stock in
der Hand und den zusammengezogenen dicken Brauen so
drohend aus, daß die Frauen zu den kleinen Kindern sagten: „Gib Acht! Geh dem Alm-Oehi aus dem Weg, er
könnte dir noch Etwas thun!“

Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Dörfli, er
ging nur durch und weit in's Thal hinab, wo er seine
Käse verhandelte und seine Vorräthe an Brod und Fleisch
einnahm. Wenn er so vorbeigegangen war im Dörfli,
dann standen hinter ihm die Leute alle in Trüppchen zusammen, und Jeder wußte etwas Besonderes, was er am
Alm-Oehi gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und
daß er jetzt keinem Menschen mehr auch nur einen Gruß abnehme, und Alle kamen darin überein, daß es ein großes
Glück sei, daß das Kind habe entweichen können, und man
habe auch wohl gesehen, wie es fortgedrängt habe, so, als
fürchte es, der Alte sei schon hinter ihm drein, um es zurückzuholen. Nur die blinde Großmutter hielt unverrückt
zum Alm-Oehi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr spinnen
zu lassen, oder das Gesponnene zu holen, dem erzählte sie
es immer wieder, wie gut und sorgfältig der Alm-Oehi mit
dem Kind gewesen sei und was er an ihr und der Tochter
gethan habe, wie manchen Nachmittag er an ihrem Häuschen herumgeflickt, das ohne seine Hülfe gewiß schon zusammengefallen wäre. So kamen denn auch diese Berichte
in's Dörfli herunter; aber die Meisten, die sie vernahmen,
sagten dann, die Großmutter sei vielleicht zu alt zum Begreifen, sie werde es wohl nicht recht verstanden haben, sie
werde wohl auch nicht mehr gut hören, weil sie Nichts
mehr sehe.

Der Alm-Oehi zeigte sich jetzt nie mehr bei den Gaißenpeters; es war gut, daß er die Hütte so fest zusammengenagelt hatte, denn sie blieb für lange Zeit ganz unberührt. Jetzt begann die blinde Großmutter ihre Tage
wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich, an dem sie
nicht klagend sagte: „Ach, mit dem Kind ist alles Gute und
alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer!
Wenn ich nur noch einmal das Heidi hören könnte, eh' ich
sterben muß!“

Capitel VI.
Ein neues Capitel und lauter neue Dinge.

Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das
kranke Töchterlein, Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in
welchem es den ganzen Tag sich aufhielt und von einem
Zimmer in's andere gestoßen wurde. Jetzt saß es im sogenannten Studierzimmer, das neben der großen Eßstube
lag und wo vielerlei Geräthschaften herumstanden und lagen,
die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, daß man
hier gewöhnlich sich aufhielt. An dem großen, schönen
Bücherschrank mit den Glasthüren konnte man sehen, woher
das Zimmer seinen Namen hatte, und daß es wohl der
Raum war, wo dem lahmen Töchterchen der tägliche Unterricht ertheilt wurde.

Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem
zwei milde, blaue Augen herausschauten, die in diesem
Augenblick auf die große Wanduhr gerichtet waren, die heute
besonders langsam zu gehen schien, denn Klara, die sonst
kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt mit ziemlicher Ungeduld
in der Stimme: „Ist es denn immer noch nicht Zeit,
Fräulein Rottenmeier?“

Die Letztere saß sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und stickte. Sie hatte eine geheimnißvolle Hülle um
sich, einen großen Kragen oder Halbmantel, welcher der
Persönlichkeit einen feierlichen Anstrich verlieh, der noch
erhöht wurde durch eine Art von hochgebauter Kuppel, die
sie auf dem Kopfe trug. Fräulein Rottenmeier war schon
seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, führte die Wirthschaft
und hatte die Oberaufsicht über das ganze Dienstpersonal.

Herr Sesemann war meistens auf Reisen, überließ
daher dem Fräulein Rottenmeier das ganze Haus, nur mit
der Bedingung, daß sein Töchterchen in Allem eine Stimme
haben solle und Nichts gegen seinen Wunsch geschehen
dürfe.

Während oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen
der Ungeduld Fräulein Rottenmeier befragte, ob die Zeit
noch nicht da sei, da die Erwarteten erscheinen konnten, stand
unten vor der Hausthüre die Dete mit Heidi an der Hand
und fragte den Kutscher Johann, der eben vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl Fräulein Rottenmeier so spät noch
stören dürfe.

„Das ist nicht meine Sache“, brummte der Kutscher;
„klingeln Sie den Sebastian herunter, drinnen im Corridor.“

Dete that, wie ihr geheißen war, und der Bediente des
Hauses kam die Treppe herunter mit großen, runden
Knöpfen auf seinem Aufwärterrock und fast ebenso großen,
runden Augen im Kopf.

„Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Fräulein
Rottenmeier noch stören dürfe“, brachte die Dete wieder an.

„Das ist nicht meine Sache“, gab der Bediente zurück;
„klingeln Sie die Jungfer Tinette herunter an der andern
Klingel“, und ohne weitere Auskunft verschwand der Sebastian.

Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe
die Jungfer Tinette mit einem blendend weißen Deckelchen
auf der Mitte des Kopfes und einer spöttischen Miene auf
dem Gesicht.

„Was ist?“ fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete wiederholte ihr Gesuch. Jungfer Tinette
verschwand, kam aber bald wieder und rief von der Treppe
herunter: „Sie sind erwartet.“

Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat,
der Jungfer Tinette folgend, in das Studierzimmer ein.
Hier blieb Dete höflich an der Thüre stehn, Heidi immer
fest an der Hand haltend, denn sie war gar nicht sicher,
was mit dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem ihm
so fremden Boden.

Fräulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem
Sitz und kam näher, um die angekommene Gespielin der
Tochter des Hauses zu betrachten. Der Anblick schien sie
nicht zu befriedigen. Heidi hatte sein einfaches Baumwollröckchen an und sein altes, zerdrücktes Strohhütchen auf
dem Kopf. Das Kind guckte sehr harmlos darunter hervor
und betrachtete mit unverhehlter Verwunderung den Thurmbau auf dem Kopf der Dame.

„Wie heißest du?“ fragte Fräulein Rottenmeier, nachdem auch sie einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein Auge von ihr verwandte.

„Heidi“, antwortete es deutlich und mit klangvoller
Stimme.

„Wie? Wie? das soll doch wohl kein christlicher Name
sein? So bist du doch nicht getauft worden. Welchen Namen
hast du in der Taufe erhalten?“ fragte Fräulein Rottenmeier weiter.

„Das weiß ich jetzt nicht mehr“, entgegnete Heidi.

„Ist das eine Antwort!“ bemerkte die Dame mit
Kopfschütteln. „Jungfer Dete, ist das Kind einfältig oder
schnippisch?“

„Mit Erlaubniß und wenn es die Dame gestattet, so
will ich gern reden für das Kind, denn es ist sehr unerfahren“, sagte die Dete, nachdem sie dem Heidi heimlich
einen kleinen Stoß gegeben hatte für die unpassende Antwort. „Es ist aber nicht einfältig und auch nicht schnippisch,
davon weiß es gar Nichts; es meint Alles so, wie es redet.
Aber es ist heut' zum ersten Mal in einem Herrenhaus
und kennt die gute Manier nicht; aber es ist willig und
nicht ungelehrig, wenn die Dame wollte gütige Nachsicht
haben. Es ist Adelheid getauft worden, wie seine Mutter,
meine Schwester selig.“

„Nun wohl, dieß ist doch ein Name, den man sagen
kann“, bemerkte Fräulein Rottenmeier. „Aber, Jungfer
Dete, ich muß Ihnen doch sagen, daß mir das Kind für
sein Alter sonderbar vorkommt. Ich hatte Ihnen mitgetheilt, die Gespielin für Fräulein Klara müßte in ihrem
Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen
und überhaupt ihre Beschäftigungen zu theilen. Fräulein
Klara hat das zwölfte Jahr zurückgelegt; wie alt ist das
Kind?“

„Mit Erlaubniß der Dame“, fing die Dete wieder
beredt an, „es war mir eben selber nicht mehr so ganz
gegenwärtig, wie alt es sei; es ist wirklich ein wenig jünger,
viel trifft es nicht an, ich kann's so ganz genau nicht sagen,
es wird so um das zehnte Jahr, oder so noch Etwas dazu
sein, nehm' ich an.“

„Jetzt bin ich acht, der Großvater hat's gesagt“, erklärte Heidi. Die Base stieß es wieder an, aber Heidi hatte
keine Ahnung, warum, und wurde keineswegs verlegen.

„Was, erst acht Jahr alt?“ rief Fräulein Rottenmeier
mit einiger Entrüstung aus. „Vier Jahre zu wenig! Was
soll das geben! Und was hast du denn gelernt? was hast
du für Bücher gehabt bei deinem Unterricht?“

„Keine“, sagte Heidi.

„Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?“ fragte
die Dame weiter.

„Das hab' ich nicht gelernt und der Peter auch nicht“,
berichtete Heidi.

„Barmherzigkeit! du kannst nicht lesen? du kannst wirklich nicht lesen!“ rief Fräulein Rottenmeier im höchsten
Schrecken aus. „Ist es die Möglichkeit, nicht lesen! Was
hast du denn aber gelernt?“

„Nichts“, sagte Heidi der Wahrheit gemäß.

„Jungfer Dete“, sagte Fräulein Rottenmeier nach einigen
Minuten, in denen sie nach Fassung rang; „es ist Alles nicht
nach Abrede, wie konnten Sie mir dieses Wesen zuführen?“
Aber die Dete ließ sich nicht so bald einschüchtern; sie antwortete herzhaft: „Mit Erlaubniß der Dame, das Kind ist
gerade, was ich dachte, daß sie haben wolle; die Dame hat
mir beschrieben, wie es sein müsse, so ganz apart und nicht
wie die andern, und so mußte ich das kleine nehmen, denn
die größeren sind bei uns dann nicht mehr so apart, und
ich dachte, dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung.
Jetzt muß ich aber gehen, denn meine Herrschaft erwartet
mich, ich will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder
kommen und nachsehen, wie es geht mit ihm.“ Mit einem
Knix war die Dete zur Thür hinaus und die Treppe
hinunter mit schnellen Schritten. Fräulein Rottenmeier
stand einen Augenblick noch da; dann lief sie der Dete nach,
es war ihr wohl in den Sinn gekommen, daß sie noch eine
Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte, wenn
das Kind wirklich da bleiben sollte, und da war es doch
nun einmal und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im
Sinn, es da zu lassen.

Heidi stand noch auf demselben Platz an der Thüre,
wo es von Anfang an gestanden hatte. Bis dahin hatte
Klara von ihrem Sessel aus schweigend Allem zugesehen.
Jetzt winkte sie Heidi: „Komm' hieher.“

Heidi trat an den Rollstuhl heran.

„Willst du lieber Heidi heißen, oder Adelheid?“ fragte
Klara.

„Ich heiße nur Heidi und sonst Nichts“, war Heidi's
Antwort.

„So will ich dich immer so nennen“, sagte Klara;
„der Name gefällt mir für dich, ich habe ihn aber nie gehört, ich habe aber auch nie ein Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes, krauses Haar
gehabt?“

„Ja, ich denk's“, gab Heidi zur Antwort.

„Bist du gern nach Frankfurt gekommen?“ fragte
Klara weiter.

„Nein, aber morgen geh' ich dann wieder heim und
bringe der Großmutter weiße Brödchen“, erklärte Heidi.

„Du bist aber ein curioses Kind!“ fuhr jetzt Klara
auf. „Man hat dich ja expreß nach Frankfurt kommen
lassen, daß du bei mir bleibest und die Stunden mit mir
nehmest, und siehst du, es wird nun ganz lustig, weil du
gar nicht lesen kannst, nun kommt etwas ganz Neues in
den Stunden vor. Sonst ist es manchmal so schrecklich
langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen.
Denn siehst du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der
Herr Candidat, und dann fangen die Stunden an und
dauern bis um zwei Uhr, das ist so lange. Der Herr
Candidat nimmt auch manchmal das Buch ganz nah an's
Gesicht heran, so, als wäre er auf einmal ganz kurzsichtig
geworden, aber er gähnt nur furchtbar hinter dem Buch,
und Fräulein Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit
ihr großes Taschentuch hervor und hält es vor das ganze
Gesicht hin, so als sei sie ganz ergriffen von Etwas, das
wir lesen, aber ich weiß recht gut, daß sie nur ganz schrecklich gähnt dahinter, und dann sollte ich auch so stark gähnen,
und muß es immer herunterschlucken, denn wenn ich nur
ein einziges Mal herausgähne, so holt Fräulein Rottenmeier gleich den Fischthran und sagt, ich sei wieder schwach,
und Fischthran Nehmen ist das Allerschrecklichste, da will ich
noch lieber Gähnen schlucken. Aber nun wird's viel kurzweiliger, da kann ich dann zuhören, wie du lesen lernst.“
Heidi schüttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom
Lesenlernen hörte.

„Doch, doch, Heidi, natürlich mußt du lesen lernen,
alle Menschen müssen, und der Herr Candidat ist sehr gut,
er wird niemals böse, und er erklärt dir dann schon Alles.
Aber siehst du, wenn er etwas erklärt, dann verstehst du
Nichts davon; dann mußt du nur warten und gar Nichts
sagen, sonst erklärt er dir noch viel mehr, und du verstehst
es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du Etwas gelernt hast und es weißt, dann verstehst du schon, was er
gemeint hat.“

Jetzt kam Fräulein Rottenmeier wieder in's Zimmer
zurück; sie hatte die Dete nicht mehr zurückrufen können
und war sichtlich aufgeregt davon, denn sie hatte dieser
eigentlich gar nicht einläßlich sagen können, was Alles nicht
nach Abrede sei bei dem Kinde, und da sie nicht wußte,
was nun zu thun sei, um ihren Schritt rückgängig zu machen,
war sie um so aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze
Sache angestiftet. Sie lief nun vom Studierzimmer in's
Eßzimmer hinüber, und von da wieder zurück, und kehrte
dann unmittelbar wieder um und fuhr hier den Sebastian an,
der seine runden Augen eben nachdenklich über den gedeckten
Tisch gleiten ließ, um zu sehen, ob sein Werk keinen Mangel
habe.

„Denk' Er morgen Seine großen Gedanken fertig und
mach' Er, daß man heut' noch zu Tisch komme.“

Mit diesen Worten fuhr Fräulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und rief nach der Tinette, mit so wenig einladendem Ton, daß die Jungfer Tinette noch mit viel kleinern Schritten herantrippelte, als sonst gewöhnlich, und sich
mit so spöttischem Gesicht hinstellte, daß selbst Fräulein
Rottenmeier nicht wagte, sie anzufahren; umsomehr schlug ihr
die Aufregung nach innen.

„Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu
bringen, Tinette“, sagte die Dame mit schwer errungener
Ruhe; „es liegt Alles bereit, nehmen Sie noch den Staub
von den Möbeln weg.“

„Es ist der Mühe werth“, spöttelte Tinette und ging.

Unterdessen hatte Sebastian die Doppelthüren zum Studierzimmer mit ziemlichem Knall aufgeschlagen, denn er war
sehr ergrimmt, aber sich in Antworten Luft machen, durfte
er nicht wagen Fräulein Rottenmeier gegenüber; dann trat er
ganz geladen in's Studierzimmer, um den Rollstuhl hinüberzustoßen. Während er den Griff hinten am Stuhl,
der sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich Heidi
vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte. Auf einmal fuhr er auf. „Na, was ist denn da
Besonderes dran?“ schnurrte er Heidi an in einer Weise,
wie er es wohl nicht gethan, hätte er Fräulein Rottenmeier gesehen, die eben wieder auf der Schwelle stand und
gerade hereintrat, als Heidi entgegnete: „Du siehst dem
Gaißenpeter gleich.“

Entsetzt schlug die Dame ihre Hände zusammen. „Ist
es die Möglichkeit!“ stöhnte sie halblaut. „Nun duzt sie
mir den Bedienten! dem Wesen fehlen alle Urbegriffe!“

Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von
Sebastian hinausgehoben und auf ihren Sessel an den Tisch
gesetzt.

Fräulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte
Heidi, es sollte den Platz ihr gegenüber einnehmen. Sonst
kam Niemand zu Tisch, und es war viel Platz da; die
drei saßen auch weit auseinander, so daß Sebastian mit
seiner Schüssel zum Anbieten sehr guten Raum fand. Neben
Heidi's Teller lag ein schönes, weißes Brödchen; das Kind
schaute mit erfreuten Blicken darauf. Die Aehnlichkeit, die
Heidi entdeckt hatte, mußte sein ganzes Vertrauen für den
Sebastian erweckt haben, denn es saß mäuschenstill und
rührte sich nicht, bis er mit der großen Schüssel zu ihm
herantrat und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt, dann
zeigte es auf das Brödchen und fragte: „Kann ich das
haben?“ Sebastian nickte und warf dabei einen Seitenblick auf Fräulein Rottenmeier, denn es wunderte ihn, was
die Frage für einen Eindruck auf sie mache. Augenblicklich
ergriff Heidi sein Brödchen und steckte es in die Tasche.
Sebastian machte eine Grimasse, denn das Lachen kam ihn
an; er wußte aber wohl, daß ihm das nicht erlaubt war.
Stumm und unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi
stehen, denn reden durfte er nicht, und weggehen durfte er
wieder nicht, bis man sich bedient hatte. Heidi schaute ihm
eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte es: „Soll ich
auch von dem essen?“ Sebastian nickte wieder. „So gib
mir“, sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller. Sebastian's Grimasse wurde sehr bedenklich, und die Schüssel
in seinen Händen fing an gefährlich zu zittern.

„Er kann die Schüssel auf den Tisch setzen und nachher
wiederkommen“, sagte jetzt Fräulein Rottenmeier mit strengem
Gesicht. Sebastian verschwand sogleich. „Dir, Adelheid,
muß ich überall die ersten Begriffe beibringen, das sehe ich“,
fuhr Fräulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort. „Vor
Allem will ich dir zeigen, wie man sich am Tische bedient“,
und nun machte die Dame deutlich und eingehend Alles vor,
was Heidi zu thun hatte. „Dann“, fuhr sie weiter, „muß
ich dir hauptsächlich bemerken, daß du am Tisch nicht mit
Sebastian zu sprechen hast, auch sonst nur dann, wenn du
einen Auftrag oder eine nothwendige Frage an ihn zu richten
hast; dann aber nennst du ihn nie mehr anders, als Sie
oder Er, hörst du? daß ich dich niemals mehr ihn anders
nennen höre! Auch Tinette nennst du Sie, Jungfer Tinette. Mich nennst du so, wie du mich von Allen nennen
hörst; wie du Klara nennen sollst, wird sie selbst bestimmen.“

„Natürlich Klara“, sagte diese. Nun folgte aber noch
eine Menge von Verhaltungsmaßregeln, über Aufstehn und
Zubettegehn, über Hereintreten und Hinausgehn, über Ordnunghalten, Thürenschließen, und über alledem fielen dem
Heidi die Augen zu, denn es war heute vor fünf Uhr aufgestanden, und hatte eine lange Reise gemacht. Es lehnte
sich an den Sesselrücken und schlief ein. Als dann nach
längerer Zeit Fräulein Rottenmeier zu Ende gekommen war
mit ihrer Unterweisung, sagte sie: „Nun denke dran, Adelheid; hast du Alles recht begriffen?“ „Heidi schläft schon
lange“, sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht, denn das
Abendessen war für sie seit langer Zeit nie so kurzweilig
verflossen.

„Es ist doch völlig unerhört, was man mit diesem
Kind erlebt“, rief Fräulein Rottenmeier in großem Aerger
und klingelte so heftig, daß Tinette und Sebastian mit
einander hereingestürzt kamen; aber trotz allen Lärms erwachte Heidi nicht, und man hatte die größte Mühe, es so
weit zu erwecken, daß es nach seinem Schlafgemach gebracht
werden konnte, erst durch das Studierzimmer, dann durch
Klara's Schlafstube, dann durch die Stube von Fräulein
Rottenmeier zu dem Eckzimmer, das nun für Heidi eingerichtet war.

Capitel VII.
Fräulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag.

Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen
aufschlug, konnte es durchaus nicht begreifen, was es erblicke.
Es rieb ganz gewaltig seine Augen, guckte dann wieder auf
und sah dasselbe. Es saß auf einem hohen, weißen Bett
und vor sich sah es einen großen, weiten Raum, und wo
die Helle herkam, hingen lange, lange weiße Vorhänge, und
dabei standen zwei Sessel mit großen Blumen darauf, und
dann kam ein Sopha an der Wand mit denselben Blumen
und ein runder Tisch davor und in der Ecke stand ein
Waschtisch mit Sachen darauf, wie Heidi sie noch gar nie
gesehen hatte. Aber nun kam ihm auf einmal in den
Sinn, daß es in Frankfurt sei, und der ganze gestrige Tag
kam ihm in Erinnerung und zuletzt noch ganz klar die
Unterweisungen der Dame, so weit es sie gehört hatte.
Heidi sprang nun von seinem Bett herunter und machte
sich fertig. Dann ging es an ein Fenster und dann an
das andere, es mußte den Himmel sehen und die Erde
draußen, es fühlte sich wie im Käfig hinter den großen
Vorhängen. Es konnte diese nicht wegschieben; so kroch es
dahinter, um an ein Fenster zu kommen. Aber dieses war
so hoch, daß Heidi nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, daß es durchsehen konnte. Aber Heidi fand nicht,
was es suchte. Es lief von einem Fenster zum andern
und dann wieder zum ersten zurück; aber immer war dasselbe vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder
Mauern und dann wieder Fenster. Es wurde Heidi ganz
bange. Noch war es früh am Morgen, denn Heidi war
gewöhnt, früh aufzustehen auf der Alm und dann sogleich
hinauszulaufen vor die Thüre und zu sehen, wie's draußen
sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben sei,
ob die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die
Augen offen haben. Wie das Vögelein, das zum ersten
Mal in seinem schön glänzenden Gefängniß sitzt, hin- und
herschießt und bei allen Stäben probiert, ob es nicht zwischen durchschlüpfen und in die Freiheit hinausfliegen könnte,
so lief Heidi immer von dem einen Fenster zum andern,
um zu probiren, ob es nicht aufgemacht werden könnte,
denn dann mußte man doch etwas Anderes sehen, als
Mauern und Fenster, da mußte doch unten der Erdboden,
das grüne Gras und der letzte, schmelzende Schnee an den
Abhängen zum Vorschein kommen, und Heidi sehnte sich,
das zu sehen. Aber die Fenster blieben fest verschlossen,
wie sehr auch das Kind drehte und zog und von unten
suchte, die kleinen Finger unter die Rahmen einzutreiben,
damit es Kraft hätte, sie aufzudrücken; es blieb Alles eisenfest aufeinander sitzen. Nach langer Zeit, als Heidi einsah,
daß alle Anstrengungen Nichts halfen, gab es seinen Plan
auf und überdachte nun, wie es wäre, wenn es vor das
Haus hinausginge und hintenherum, bis es auf den Grasboden käme, denn es erinnerte sich, daß es gestern Abend
vorn am Haus nur über Steine gekommen war. Jetzt
klopfte es an seiner Thür und unmittelbar darauf steckte
Tinette den Kopf herein und sagte kurz: „Frühstück bereit.“

Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen
Worten; auf dem spöttischen Gesicht der Tinette stand viel
mehr eine Warnung, ihr nicht zu nah zu kommen, als eine
freundliche Einladung geschrieben, und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und richtete sich danach. Es nahm
den kleinen Schemel unter dem Tisch hervor, stellte ihn in
eine Ecke, setzte sich darauf und wartete so ganz still ab,
was nun kommen würde. Nach einiger Zeit kam Etwas
mit ziemlichem Geräusch, es war Fräulein Rottenmeier, die
schon wieder in Aufregung gerathen war und in Heidi's
Stube hineinrief: „Was ist mit dir, Adelheid? Begreifst
du nicht, was ein Frühstück ist? Komm' herüber!“

Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach. Im
Eßzimmer saß Klara schon lang an ihrem Platz und begrüßte Heidi freundlich, machte auch ein viel vergnügteres
Gesicht, als sonst gewöhnlich, denn sie sah voraus, daß heute
wieder allerlei Neues geschehen würde. Das Frühstück ging
nun ohne Störung vor sich; Heidi aß ganz anständig sein
Butterbrod, und wie Alles zu Ende war, wurde Klara
wieder in's Studierzimmer hinübergerollt und Heidi wurde
von Fräulein Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei
Klara zu bleiben, bis der Herr Candidat kommen würde,
um die Unterrichtsstunden zu beginnen. Als die beiden
Kinder allein waren, sagte Heidi sogleich: „Wie kann man
hinaussehen hier und ganz hinunter auf den Boden?“

„Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus“, antwortete Klara belustigt.

„Man kann diese Fenster nicht aufmachen“, versetzte
Heidi traurig.

„Doch, doch“, versicherte Klara, „nur du noch nicht,
und ich kann dir auch nicht helfen, aber wenn du einmal
den Sebastian siehst, so macht er dir schon eines auf.“

Das war eine große Erleichterung für Heidi, zu wissen,
daß man doch die Fenster öffnen und hinausschauen könne,
denn noch war es ganz unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara fing nun an, Heidi
zu fragen, wie es bei ihm zu Hause sei, und Heidi erzählte
mit Freuden von der Alm und den Gaißen und der Weide
und Allem, was ihm lieb war.

Unterdessen war der Herr Candidat angekommen; aber
Fräulein Rottenmeier führte ihn nicht, wie gewöhnlich, in's
Studierzimmer, denn sie mußte sich erst aussprechen und
geleitete ihn zu diesem Zweck in's Eßzimmer, wo sie sich
vor ihn hinsetzte und ihm in großer Aufregung ihre bedrängte Lage schilderte und wie sie in diese hineingekommen
war.

Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann
nach Paris geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter
habe längst gewünscht, es möchte eine Gespielin für sie in's
Haus aufgenommen werden, und auch sie selbst glaube, daß
eine solche in den Unterrichtsstunden ein Sporn, in der
übrigen Zeit eine anregende Gesellschaft für Klara sein
würde. Eigentlich war die Sache für Fräulein Rottenmeier
selbst sehr wünschbar, denn sie wollte gern, daß Jemand da
sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme,
wenn es ihr zu viel war, was öfters geschah. Herr Sesemann hatte geantwortet, er erfülle gern den Wunsch seiner
Tochter, doch mit der Bedingung, daß eine solche Gespielin
in Allem ganz gehalten werde wie jene, er wolle keine
Kinderquälerei in seinem Hause, was freilich eine sehr unnütze Bemerkung von dem Herrn war, setzte Fräulein Rottenmeier hinzu, denn wer wollte Kinder quälen! Nun aber
erzählte sie weiter, wie ganz erschrecklich sie hineingefallen sei
mit dem Kinde, und führte alle Beispiele von seinem völlig begriffslosen Dasein an, die es bis jetzt geliefert hatte, daß nicht
nur der Unterricht des Herrn Candidaten buchstäblich beim
ABC anfangen müsse, sondern daß auch sie auf jedem
Punkte der menschlichen Erziehung mit dem Uranfang zu
beginnen hätte. Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie nur
Ein Rettungsmittel, wenn der Herr Candidat erklären
werde, zwei so verschiedene Wesen könnten nicht mit einander
unterrichtet werden, ohne großen Schaden des vorgerückteren
Theiles; das wäre für Herrn Sesemann ein triftiger Grund,
die Sache rückgängig zu machen, und so würde er zugeben,
daß das Kind gleich wieder dahin zurückgeschickt würde, woher
es gekommen war; ohne seine Zustimmung aber dürfte sie das
nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, daß das Kind angekommen sei. Aber der Herr Candidat war behutsam und
niemals einseitig im Urtheilen. Er tröstete Fräulein Rottenmeier mit vielen Worten und der Ansicht, wenn die junge
Tochter auf der einen Seite so sehr zurück sei, so möchte sie
auf der andern um so geförderter sein, was bei einem geregelten Unterricht bald in's Gleichgewicht kommen werde.
Als Fräulein Rottenmeier sah, daß der Herr Candidat sie
nicht unterstützen, sondern seinen ABC-Unterricht übernehmen
wollte, machte sie ihm die Thüre zum Studierzimmer auf,
und nachdem er hineingetreten war, schloß sie schnell hinter
ihm zu und blieb auf der andern Seite, denn vor dem
ABC hatte sie einen Schrecken. Sie ging jetzt mit großen
Schritten im Zimmer auf und nieder, denn sie hatte zu
überlegen, wie die Dienstboten Adelheid zu benennen hätten.
Herr Sesemann hatte ja geschrieben, sie müßte wie seine
Tochter gehalten werden, und dieses Wort mußte sich hauptsächlich auf das Verhältniß zu den Dienstboten beziehen,
dachte Fräulein Rottenmeier. Sie konnte aber nicht lange
ungestört überlegen, denn auf einmal ertönte drinnen im
Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstände und dann ein Hülferuf nach Sebastian. Sie stürzte
hinein. Da lag auf dem Boden Alles übereinander, die
sämmtlichen Studien-Hülfsmittel, Bücher, Hefte, Tintenfaß
und obendarauf der Tischteppich, unter dem ein schwarzes
Tintenbächlein hervorfloß, die ganze Stube entlang. Heidi
war verschwunden.

„Da haben wir's!“ rief Fräulein Rottenmeier händeringend aus. „Teppich, Bücher, Arbeitskorb, Alles in der
Tinte! das ist noch nie geschehen! das ist das Unglückswesen, da ist kein Zweifel!“

Der Herr Candidat stand sehr erschrocken da und schaute
auf die Verwüstung, die für einmal nur Eine Seite hatte
und eine recht bestürzende. Klara dagegen verfolgte mit
vergnügtem Gesicht die ungewöhnlichen Ereignisse und deren
Wirkungen und sagte nun erklärend: „Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit Absicht, es muß gewiß nicht gestraft
werden, es war nur so schrecklich eilig, fortzukommen und
riß den Teppich mit und so fiel Alles hintereinander auf
den Boden. Es fuhren viele Wagen nacheinander vorbei,
darum ist es so fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie eine
Kutsche gesehen.“

„Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Candidat? Nicht
Einen Urbegriff hat das Wesen! Keine Ahnung davon,
was eine Unterrichtsstunde ist, daß man dabei zuzuhören
und still zu sitzen hat. Aber wo ist das Unheil bringende
Ding hin? Wenn es fortgelaufen wäre! Was würde mir
Herr Sesemann —“

Fräulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier, unter der geöffneten Hausthüre stand Heidi
und guckte ganz verblüfft die Straße auf und ab.

„Was ist denn? Was fällt dir denn ein? Wie kannst
du so davonlaufen?“ fuhr Fräulein Rottenmeier das
Kind an.

„Ich habe die Tannen rauschen gehört, aber ich weiß
nicht, wo sie stehen, und höre sie nicht mehr“, antwortete
Heidi und schaute enttäuscht nach der Seite hin, wo das
Rollen der Wagen verhallt hatte, das in Heidi's Ohren
dem Tosen des Föhns in den Tannen ähnlich geklungen
hatte, so daß es in höchster Freude dem Ton nachgerannt
war.

„Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das für
Einfälle! Komm' herauf und sieh', was du angerichtet hast!“
Damit stieg Fräulein Rottenmeier wieder die Treppe hinan;
Heidi folgte ihr und stand nun sehr verwundert vor der
großen Verheerung, denn es hatte nicht bemerkt, was es
Alles mitriß vor Freude und Eile, die Tannen zu hören.

„Das hast du Ein Mal gethan, ein zweites Mal thust
du's nicht wieder“, sagte Fräulein Rottenmeier auf den
Boden zeigend; „zum Lernen sitzt man still auf seinem
Sessel und gibt Acht. Kannst du das nicht selbst fertig
bringen, so muß ich dich an deinen Stuhl festbinden. Kannst
du das verstehen?“

„Ja“, entgegnete Heidi, „aber ich will schon festsitzen.“ Denn jetzt hatte es begriffen, daß es eine Regel
ist, in einer Unterrichtsstunde still zu sitzen.

Jetzt mußten Sebastian und Tinette hereinkommen, um
die Ordnung wieder herzustellen. Der Herr Candidat entfernte sich, denn der weitere Unterricht mußte nun aufgegeben werden. Zum Gähnen war heute gar keine Zeit gewesen.

Am Nachmittag mußte Klara immer eine Zeit lang
ruhen und Heidi hatte alsdann seine Beschäftigung selbst
zu wählen; so hatte Fräulein Rottenmeier ihm am Morgen
erklärt. Als nun nach Tisch Klara sich in ihrem Sessel
zur Ruhe gelegt hatte, ging Fräulein Rottenmeier nach
ihrem Zimmer, und Heidi sah, daß nun die Zeit da war,
da es seine Beschäftigung selbst wählen konnte. Das war
dem Heidi sehr erwünscht, denn es hatte schon immer im
Sinn, Etwas zu unternehmen; es mußte aber Hülfe dazu
haben und stellte sich darum vor das Eßzimmer mitten auf
den Corridor, damit die Persönlichkeit, die es zu berathen
gedachte, ihm nicht entgehen könne. Richtig, nach kurzer
Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit dem großen
Theebrett auf den Armen, denn er brachte das Silberzeug
aus der Küche herauf, um es im Schrank des Eßzimmers
zu verwahren. Als er auf der letzten Stufe der Treppe
angekommen war, trat Heidi vor ihn hin und sagte mit
großer Deutlichkeit: „Sie oder Er!“

Sebastian riß die Augen so weit auf, als es nur möglich war, und sagte ziemlich barsch: „Was soll das heißen,
Mamsell?“

„Ich möchte nur gern Etwas fragen, aber es ist gewiß
nichts Böses wie heute Morgen“, fügte Heidi beschwichtigend
hinzu, denn es merkte, daß Sebastian ein wenig erbittert
war, und dachte, es komme noch von der Tinte am Boden her.

„So, und warum muß es denn heißen Sie oder Er,
das möcht' ich zuerst wissen“, gab Sebastian im gleichen
barschen Ton zurück.

„Ja, so muß ich jetzt immer sagen“, versicherte Heidi,
„Fräulein Rottenmeier hat es befohlen.“

Jetzt lachte Sebastian so laut auf, daß Heidi ihn
ganz verwundert ansehen mußte, denn es hatte nichts
Lustiges bemerkt; aber Sebastian hatte auf einmal begriffen, was Fräulein Rottenmeier befohlen hatte, und sagte
nun sehr erlustigt: „Schon recht, so fahre die Mamsell
nur zu.“

„Ich heiße gar nicht Mamsell“, sagte nun Heidi seinerseits ein wenig geärgert, „ich heiße Heidi.“

„Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen,
daß ich Mamsell sage“, erklärte Sebastian.

„Hat sie? Ja, dann muß ich schon so heißen“, sagte
Heidi mit Ergebung, denn es hatte wohl gemerkt, daß Alles
so geschehen mußte, wie Fräulein Rottenmeier befahl.

„Jetzt habe ich schon drei Namen“, setzte es mit einem
Seufzer hinzu.

„Was wollte die kleine Mamsell denn fragen?“ fragte
Sebastian jetzt, indem er, in's Eßzimmer eingetreten, sein
Silberzeug im Schrank zurecht legte.

„Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?“

„So, gerade so“, und er machte den großen Fensterflügel auf.

Heidi trat heran, aber es war zu klein, um Etwas
sehen zu können; es langte nur bis zum Gesims hinauf.

„Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken
und sehen, was unten ist“, sagte Sebastian, indem er einen
hohen hölzernen Schemel herbeigeholt hatte und hinstellte.
Hoch erfreut stieg Heidi hinauf und konnte endlich den ersehnten Blick durch das Fenster thun. Aber mit dem Ausdruck der größten Enttäuschung zog es sogleich den Kopf
wieder zurück.

„Man sieht nur die steinerne Straße hier, sonst gar
Nichts“, sagte das Kind bedauerlich; „aber wenn man um
das ganze Haus herum geht, was sieht man dann auf der
andern Seite, Sebastian?“

„Gerade dasselbe“, gab dieser zur Antwort.

„Aber wohin kann man denn gehen, daß man weit,
weit hinunter sehen kann über das ganze Thal hinab?“

„Da muß man auf einen hohen Thurm hinaufsteigen,
einen Kirchthurm, so einen, wie der dort ist mit der goldnen
Kugel oben drauf. Da guckt man von oben herunter und
sieht weit über Alles weg.“

Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter,
rannte zur Thüre hinaus, die Treppe hinunter und trat auf
die Straße hinaus. Aber die Sache ging nicht, wie Heidi
sich vorgestellt hatte. Als es aus dem Fenster den Thurm
gesehen hatte, kam es ihm vor, es könne nur über die
Straße gehen, so müßte er gleich vor ihm stehen. Nun
ging Heidi die ganze Straße hinunter, aber es kam nicht
an den Thurm, konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und
kam nun in eine andere Straße hinein und weiter und
weiter, aber immer noch sah es den Thurm nicht. Es
gingen viele Leute an ihm vorbei, aber die waren Alle so
eilig, daß Heidi dachte, sie haben nicht Zeit, ihm Bescheid
zu geben. Jetzt sah es an der nächsten Straßenecke einen
Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Rücken
und ein ganz curioses Thier auf dem Arme trug. Heidi
lief zu ihm hin und fragte: „Wo ist der Thurm mit der
goldnen Kugel zu oberst?“

„Weiß nicht“, war die Antwort.

„Wen kann ich denn fragen, wo er sei?“ fragte Heidi weiter.

„Weiß nicht.“

„Weißt du keine andere Kirche mit einem hohen
Thurm?“

„Freilich weiß ich eine.“

„So komm' und zeige mir sie.“

„Zeig' du zuerst, was du mir dafür gibst.“ Der Junge
hielt seine Hand hin. Heidi suchte in seiner Tasche herum.
Jetzt zog es ein Bildchen hervor, darauf ein schönes Kränzchen von rothen Rosen gemalt war; erst sah es noch eine
kleine Weile darauf hin, denn es reute Heidi ein wenig. Erst
heute Morgen hatte Klara es ihm geschenkt, aber hinuntersehen in's Thal, über die grünen Abhänge! „Da“, sagte
Heidi und hielt das Bildchen hin, „willst du das?“

Der Junge zog die Hand zurück und schüttelte den
Kopf.

„Was willst du denn?“ fragte Heidi und steckte vergnügt sein Bildchen wieder ein.

„Geld.“

„Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann
schon, wie viel willst du?“

„Zwanzig Pfennige.“

„So komm jetzt.“

Nun wanderten die Beiden eine lange Straße hin, und
auf dem Wege fragte Heidi den Begleiter, was er auf dem
Rücken trage und er erklärte ihm, es sei eine schöne Orgel
unter dem Tuch, die mache eine prachtvolle Musik, wenn
er daran drehe. Auf einmal standen sie vor einer alten
Kirche mit hohem Thurm; der Junge stand still und sagte:
„Da!“

„Aber wie komm' ich da hinein?“ fragte Heidi, als es
die festverschlossenen Thüren sah.

„Weiß nicht“, war wieder die Antwort.

„Glaubst du, man könne hier klingeln, so wie man dem
Sebastian thut?“

„Weiß nicht.“

Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und
zog jetzt aus allen Kräften daran.

„Wenn ich dann hinaufgehe, so mußt du warten hier
unten, ich weiß jetzt den Weg nicht mehr zurück, du mußt
mir ihn dann zeigen.“

„Was gibst du mir dann?“

„Was muß ich dir dann wieder geben?“

„Wieder zwanzig Pfennige.“

Jetzt wurde das alte Schloß inwendig umgedreht und
die knarrende Thüre geöffnet; ein alter Mann trat heraus
und schaute erst verwundert, dann ziemlich erzürnt auf die
Kinder und fuhr sie an: „Was untersteht ihr euch, mich
da herunterzuklingeln? Könnt ihr nicht lesen, was über
der Klingel steht: ‚Für Solche, die den Thurm besteigen
wollen?‘“

Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und
sagte kein Wort.

Heidi antwortete: „Eben auf den Thurm wollte ich.“

„Was hast du droben zu thun?“ fragte der Thürmer;
„hat dich Jemand geschickt?“

„Nein“, entgegnete Heidi, „ich möchte nur hinaufgehen, daß ich hinuntersehen kann.“

„Macht, daß ihr heimkommt und probirt den Spaß
nicht wieder, oder ihr kommt nicht gut weg zum zweiten
Mal!“ Damit kehrte sich der Thürmer um und wollte die
Thüre zumachen.

Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockschooß und sagte
bittend: „Nur ein einziges Mal!“

Er sah sich um und Heidi's Augen schauten so flehentlich zu ihm auf, daß es ihn ganz umstimmte; er nahm das
Kind bei der Hand und sagte freundlich: „Wenn dir so
viel daran gelegen ist, so komm' mit mir!“

Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der
Thüre nieder und zeigte, daß er nicht mit wollte.

Heidi stieg an der Hand des Thürmers viele, viele
Treppen hinauf; dann wurden diese immer schmaler, und
endlich ging es noch ein ganz enges Treppchen hinauf, und
nun waren sie oben. Der Thürmer hob Heidi vom Boden
auf und hielt es an das offene Fenster.

„Da, jetzt guck hinunter“, sagte er.

Heidi sah auf ein Meer von Dächern, Thürmen und
Schornsteinen nieder; es zog bald seinen Kopf zurück und sagte
niedergeschlagen: „Es ist gar nicht, wie ich gemeint habe.“

„Siehst du wohl? Was versteht so ein Kleines von
Aussicht! So, komm' nun wieder herunter und läute nie
mehr an einem Thurm!“

Der Thürmer stellte Heidi wieder auf den Boden und
stieg ihm voran die schmalen Treppchen hinab. Wo diese
breiter wurden, kam links die Thüre, die in des Thürmers
Stübchen führte, und nebenan ging der Boden bis unter
das schräge Dach hin. Dort hinten stand ein großer Korb
und davor saß eine dicke graue Katze und knurrte, denn in
dem Korb wohnte ihre Familie und sie wollte jeden Vorübergehenden davor warnen, sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen. Heidi stand still und schaute verwundert
hinüber, eine so mächtige Katze hatte es noch nie gesehen;
in dem alten Thurm wohnten aber ganze Heerden von
Mäusen, so holte sich die Katze ohne Mühe jeden Tag ein
halbes Dutzend Mäusebraten. Der Thürmer sah Heidi's
Bewunderung und sagte: „Komm', sie thut dir Nichts,
wenn ich dabei bin; du kannst die Jungen ansehen.“

Heidi trat an den Korb heran und brach in ein großes
Entzücken aus.

„O, die netten Thierlein! die schönen Kätzchen!“ rief
es ein Mal um's andere und sprang hin und her um den
Korb herum, um auch recht alle komischen Geberden und
Sprünge zu sehen, welche die sieben oder acht jungen Kätzchen vollführten, die in dem Korb rastlos übereinanderhin
krabbelten, sprangen, fielen.

„Willst du eins haben?“ fragte der Thürmer, der
Heidi's Freudensprüngen vergnügt zuschaute.

„Selbst für mich? für immer?“ fragte Heidi gespannt
und konnte das große Glück fast nicht glauben.

„Ja, gewiß, du kannst auch noch mehr haben, du kannst
sie alle zusammen haben, wenn du Platz hast“, sagte der
Mann, dem es gerade recht war, seine kleinen Katzen los
zu werden, ohne daß er ihnen ein Leid anthun mußte.

Heidi war im höchsten Glück. In dem großen Hause hatten
ja die Kätzchen so viel Platz, und wie mußte Klara erstaunt
und erfreut sein, wenn die niedlichen Thierchen ankamen!

„Aber wie kann ich sie mitnehmen?“ fragte nun Heidi
und wollte schnell einige fangen mit seinen Händen, aber
die dicke Katze sprang ihm auf den Arm und fauchte es
so grimmig an, daß es sehr erschrocken zurückfuhr.

„Ich will sie dir bringen, sag' nur wohin“, sagte der
Thürmer, der die alte Katze nun streichelte, um sie wieder
gut zu machen, denn sie war seine Freundin und hatte
schon viele Jahre mit ihm auf dem Thurm gelebt.

„Zum Herrn Sesemann in dem großen Haus, wo an
der Hausthüre ein goldener Hundskopf ist mit einem dicken
Ring im Maul“, erklärte Heidi.

Es hätte nicht einmal so viel gebraucht für den Thürmer, der schon seit langen Jahren auf dem Thurm saß
und jedes Haus weithin kannte, und dazu war der Sebastian
noch ein alter Bekannter von ihm.

„Ich weiß schon“, bemerkte er; „aber wem muß ich
die Dinger bringen, wem muß ich nachfragen, du gehörst
doch nicht Herrn Sesemann?“

„Nein, aber die Klara, sie hat eine so große Freude,
wenn die Kätzchen kommen!“

Der Thürmer wollte nun weiter gehen, aber Heidi
konnte sich von dem unterhaltenden Schauspiel fast nicht
trennen.

„Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen könnte!
Eins für mich und eins für Klara, kann ich nicht?“

„So wart' ein wenig“, sagte der Thürmer, trug dann
die alte Katze behutsam in sein Stübchen hinein und stellte
sie an das Eßschüsselchen hin, schloß die Thüre vor ihr zu
und kam zurück: „So, nun nimm zwei!“

Heidi's Augen leuchteten vor Wonne. Er las ein
weißes und dann ein gelb- und weißgestreiftes aus und steckte
eins in die rechte und eins in die linke Tasche. Nun ging's
die Treppe hinunter.

Der Junge saß noch auf den Stufen draußen, und als
nun der Thürmer hinter Heidi die Thüre zugeschlossen hatte,
sagte das Kind: „Welchen Weg müssen wir nun zu Herrn
Sesemann's Haus?“

„Weiß nicht“, war die Antwort.

Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wußte, die
Hausthür und die Fenster und die Treppen, aber der Junge
schüttelte zu Allem den Kopf, es war ihm Alles unbekannt.

„Siehst du“, fuhr dann Heidi im Beschreiben fort,
„aus einem Fenster sieht man ein großes, großes, graues
Haus und das Dach geht so“ — Heidi zeichnete hier mit
dem Zeigefinger große Zacken in die Luft hinaus.

Jetzt sprang der Junge auf, er mochte ähnliche Merkmale haben, seine Wege zu finden. Er lief nun in Einem
Zug drauf los und Heidi hinter ihm drein, und in kurzer
Zeit standen sie richtig vor der Hausthüre mit dem großen
Messingthierkopf. Heidi zog die Glocke. Bald erschien Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief er drängend: „Schnell!
Schnell!“

Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Thüre
zu; den Jungen, der verblüfft draußen stand, hatte er gar
nicht bemerkt.

„Schnell, Mamsellchen“, drängte Sebastian weiter,
„gleich in's Eßzimmer hinein, sie sitzen schon am Tisch,
Fräulein Rottenmeier sieht aus wie eine geladene Kanone;
was stellt aber auch die kleine Mamsell an, so fortzulaufen?“

Heidi war in's Zimmer getreten. Fräulein Rottenmeier
blickte nicht auf; Klara sagte auch Nichts, es war eine
etwas unheimliche Stille. Sebastian rückte Heidi den Sessel
zurecht. Jetzt, wie es auf seinem Stuhl saß, begann Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht und einem ganz
feierlich-ernsten Ton: „Adelheid, ich werde nachher mit dir
sprechen, jetzt nur so viel: du hast dich sehr ungezogen,
wirklich strafbar benommen, daß du das Haus verlässest,
ohne zu fragen, ohne daß Jemand ein Wort davon wußte
und herumstreichst bis zum späten Abend, es ist eine völlig
beispiellose Aufführung.“

„Miau“, tönte es wie als Antwort zurück.

Aber jetzt stieg der Zorn der Dame: „Wie, Adelheid“,
rief sie in immer höheren Tönen, „du unterstehst dich noch,
nach aller Ungezogenheit einen schlechten Spaß zu machen?
Hüte dich wohl, sag' ich dir!“

„Ich mache“, fing Heidi an — „Miau! Miau!“

Sebastian warf fast seine Schüssel auf den Tisch und
stürzte hinaus.

„Es ist genug“, wollte Fräulein Rottenmeier rufen;
aber vor Aufregung tönte ihre Stimme gar nicht mehr.
„Steh' auf und verlaß das Zimmer.“

Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte
noch einmal erklären: „Ich mache gewiß“ — „Miau! Miau!
Miau!“

„Aber Heidi“, sagte jetzt Klara, „wenn du doch siehst,
daß du Fräulein Rottenmeier so böse machst; warum machst
du immer wieder miau?“

„Ich mache nicht, die Kätzlein machen“, konnte Heidi
endlich ungestört hervorbringen.

„Wie? Was? Katzen? junge Katzen?“ schrie Fräulein
Rottenmeier auf. „Sebastian! Tinette! Sucht die greulichen Thiere! schafft sie fort!“ damit stürzte die Dame
in's Studierzimmer hinein und riegelte die Thüren zu, um
sicherer zu sein, denn junge Katzen waren für Fräulein
Rottenmeier das Schrecklichste in der Schöpfung. Sebastian
stand draußen vor der Thür und mußte erst fertig lachen,
eh' er wieder eintreten konnte. Er hatte, als er Heidi bediente, einen kleinen Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und sah dem Spektakel entgegen, und wie er
nun ausbrach, konnte er sich nicht mehr halten, kaum noch
seine Schüssel auf den Tisch setzen. Endlich trat er denn
wieder gefaßt in's Zimmer herein, nachdem die Hülferufe
der geängsteten Dame schon längere Zeit verklungen waren.
Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen; Klara
hielt die Kätzchen auf ihrem Schooß, Heidi kniete neben ihr
und Beide spielten mit großer Wonne mit den zwei winzigen, graziösen Thierchen.

„Sebastian“, sagte Klara zu dem Eintretenden, „Sie
müssen uns helfen; Sie müssen ein Nest finden für die
Kätzchen, wo Fräulein Rottenmeier sie nicht sieht, denn sie
fürchtet sich vor ihnen und will sie fort haben; aber wir
wollen die niedlichen Thierchen behalten und sie immer hervorholen, sobald wir allein sind. Wo kann man sie hinthun?“

„Das will ich schon besorgen, Fräulein Klara“, entgegnete Sebastian bereitwillig; „ich mache ein schönes Bettchen in einem Korb und stelle den an einen Ort, wo mir
die furchtsame Dame nicht dahinterkommt, verlassen Sie
sich auf mich.“ Sebastian ging gleich an die Arbeit und
kicherte beständig vor sich hin, denn er dachte: „Das wird
noch was absetzen!“ und der Sebastian sah es nicht ungern,
wenn Fräulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung gerieth.

Nach längerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens nahte, machte Fräulein Rottenmeier ein ganz klein
wenig die Thüre auf und rief durch das Spältchen heraus:
„Sind die abscheulichen Thiere fortgeschafft?“

„Ja wohl! Ja wohl!“ gab Sebastian zurück, der sich
im Zimmer zu schaffen gemacht hatte in Erwartung dieser
Frage. Schnell und leise faßte er die beiden Kätzchen auf
Klara's Schooß und verschwand damit.

Die besondere Strafrede, die Fräulein Rottenmeier Heidi
noch zu halten gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag,
denn heute fühlte sie sich zu erschöpft nach all' den vorhergegangenen Gemüthsbewegungen von Aerger, Zorn und
Schrecken, die ihr Heidi ganz unwissentlich nacheinander
verursacht hatte. Sie zog sich schweigend zurück, und Klara
und Heidi folgten vergnügt nach, denn sie wußten ihre
Kätzchen in einem guten Bett.

Capitel VIII.
Im Hause Sesemann geht's unruhig zu.

Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Candidaten die Hausthüre geöffnet und ihn zum Studierzimmer
geführt hatte, zog schon wieder Jemand die Hausglocke an, aber
mit solcher Gewalt, daß Sebastian die Treppe völlig hinunterschoß, denn er dachte: „So schellt nur der Herr Sesemann
selbst, er muß unerwartet nach Hause gekommen sein.“ Er
riß die Thüre auf — ein zerlumpter Junge mit einer
Drehorgel auf dem Rücken stand vor ihm.

„Was soll das heißen?“ fuhr ihn Sebastian an. „Ich
will dich lehren, Glocken herunterzureißen! Was hast du
hier zu thun?“

„Ich muß zur Klara“, war die Antwort.

„Du ungewaschener Straßenkäfer du; kannst du nicht
sagen Fräulein Klara, wie unsereins thut? Was hast du
bei Fräulein Klara zu thun?“ fragte Sebastian barsch.

„Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig“, erklärte der
Junge.

„Du bist, denk' ich, nicht recht im Kopf! Wie weißt
du überhaupt, daß ein Fräulein Klara hier ist?“

„Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig
und dann wieder zurück den Weg gezeigt, macht vierzig.“

„Da siehst du, was für Zeug du zusammenflunkerst,
Fräulein Klara geht niemals aus, kann gar nicht gehen,
mach, daß du dahin kommst, wo du hin gehörst', bevor ich
dir dazu verhelfe!“

Aber der Junge ließ sich nicht einschüchtern; er blieb
unbeweglich stehn und sagte trocken: „Ich habe sie doch gesehen auf der Straße, ich kann sie beschreiben: sie hat kurzes,
krauses Haar, das ist schwarz, und die Augen sind schwarz
und der Rock ist braun, und sie kann nicht reden wie wir.“

„Oho“, dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein,
„das ist die kleine Mamsell, die hat wieder Etwas angestellt.“ Dann sagte er, den Jungen hereinziehend: „'s ist
schon recht, komm' mir nur nach und warte vor der Thüre,
bis ich wieder herauskomme. Wenn ich dich dann einlasse,
kannst du gleich Etwas spielen, das Fräulein hört es
gern.“

Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.

„Es ist ein Junge da, der durchaus an Fräulein Klara
selbst Etwas zu bestellen hat“, berichtete Sebastian.

Klara war sehr erfreut über das außergewöhnliche Ereigniß.

„Er soll nur gleich hereinkommen“, sagte sie, „nicht
wahr, Herr Candidat? wenn er doch mit mir selbst sprechen
muß.“

Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung
fing er sofort seine Orgel zu drehen an. Fräulein Rottenmeier hatte, um dem ABC auszuweichen, sich im Eßzimmer
Allerlei zu schaffen gemacht. Auf einmal horchte sie auf. —
Kamen die Töne von der Straße her? Aber so nahe?
Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertönen? Und dennoch — wahrhaftig — sie stürzte durch
das lange Eßzimmer und riß die Thüre auf. Da — unglaublich — da stand mitten im Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein Instrument mit größter
Emsigkeit. Der Herr Candidat schien immerfort Etwas
sagen zu wollen, aber es wurde Nichts vernommen. Klara
und Heidi hörten mit ganz erfreuten Gesichtern der Musik zu.

„Aufhören! Sofort aufhören!“ rief Fräulein Rottenmeier in's Zimmer hinein. Ihre Stimme wurde übertönt
von der Musik. Jetzt lief sie auf den Jungen zu — aber
auf einmal hatte sie Etwas zwischen den Füßen, sie sah auf
den Boden — ein grausiges, schwarzes Thier kroch ihr
zwischen den Füßen durch, eine Schildkröte. Jetzt that Fräulein Rottenmeier einen Sprung in die Höhe, wie sie seit
vielen Jahren keinen gethan hatte, dann schrie sie aus Leibeskräften: „Sebastian! Sebastian!“

Plötzlich hielt der Orgelspieler inne, denn dießmal hatte
die Stimme die Musik übertönt. Sebastian stand draußen
vor der halb offenen Thüre und krümmte sich vor Lachen,
denn er hatte zugesehen, wie der Sprung vor sich ging.
Endlich kam er herein. Fräulein Rottenmeier war auf einen
Stuhl niedergesunken.

„Fort mit Allem, Mensch und Thier! Schaffen Sie sie
weg, Sebastian, sofort!“ rief sie ihm entgegen. Sebastian
gehorchte bereitwillig, zog den Jungen hinaus, der schnell
seine Schildkröte erfaßt hatte, drückte ihm draußen etwas in
die Hand und sagte: „Vierzig für Fräulein Klara, und
vierzig für's Spielen, das hast du gut gemacht“; damit
schloß er hinter ihm die Hausthüre. Im Studierzimmer
war es wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder
fortgesetzt, und Fräulein Rottenmeier hatte sich nun auch
festgesetzt in dem Zimmer, um durch ihre Gegenwart ähnliche Gräuel zu verhüten. Den Vorfall wollte sie nach den
Unterrichtsstunden untersuchen und den Schuldigen so bestrafen, daß er daran denken würde.

Schon wieder klopfte es an die Thüre, und herein trat
abermals Sebastian mit der Nachricht, es sei ein großer
Korb gebracht worden, der sogleich an Fräulein Klara selbst
abzugeben sei.

„An mich?“ fragte Klara erstaunt und äußerst neugierig, was das sein möchte; „zeigen Sie doch gleich einmal
her, wie er aussieht.“

Sebastian brachte einen gedeckten Korb herein und entfernte sich dann eilig wieder.

„Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der
Korb ausgepackt“, bemerkte Fräulein Rottenmeier.

Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht
hatte, sie schaute sehr verlangend nach dem Korb.

„Herr Candidat“, sagte sie, sich selbst in ihrem Decliniren unterbrechend, „könnte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um zu wissen, was drin ist, und dann gleich wieder
fortfahren?“

„In einer Hinsicht könnte man dafür, in einer andern
dawider sein“, entgegnete der Herr Candidat; „dafür spräche
der Grund, daß, wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf
diesen Gegenstand gerichtet ist“ — die Rede konnte nicht
beendigt werden. Der Deckel des Korbes saß nur lose
darauf, und nun sprangen mit einem Mal ein, zwei, drei
und wieder zwei und immer noch mehr junge Kätzchen
darunter hervor und in's Zimmer hinaus, und mit einer
so unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie überall herum, daß
es war, als wäre das ganze Zimmer voll solcher Thierchen.
Sie sprangen über die Stiefel des Herrn Candidaten, bissen
an seinen Beinkleidern, kletterten am Kleid von Fräulein
Rottenmeier empor, krabbelten um ihre Füße herum, sprangen
an Klara's Sessel hinauf, kratzten, krabbelten, miauten; es
war ein arges Gewirre. Klara rief immerfort voller Entzücken: „O die niedlichen Thierchen! die lustigen Sprünge!
sieh'! sieh'! Heidi, hier, dort, sieh' dieses!“ Heidi schoß
ihnen vor Freude in alle Winkel nach. Der Herr Candat stand sehr verlegen am Tisch und zog bald den einen,
bald den andern Fuß in die Höhe, um ihn dem unheimlichen
Gekrabbel zu entziehen. Fräulein Rottenmeier saß erst
sprachles vor Entsetzen in ihrem Sessel, dann fing sie an
aus Leibeskräften zu schreien! „Tinette! Tinette! Sebastian! Sebastian!“ denn vom Sessel aufzustehen konnte
sie unmöglich wagen, da könnten ja mit einem Mal alle
die kleinen Scheusale an ihr emporspringen.

Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hülferufe herbei, und jener packte gleich eins nach
dem andern der kleinen Geschöpfe in den Korb hinein und
trug sie auf den Estrich zu dem Katzenlager, das er für
die Zweie von gestern bereitet hatte.

Auch am heutigen Tag hatte kein Gähnen während der
Unterrichtsstunden stattgefunden. Am späten Abend, als
Fräulein Rottenmeier sich von den Aufregungen des Morgens wieder hinlänglich erholt hatte, berief sie Sebastian
und Tinette in's Studierzimmer herauf, um hier eine
gründliche Untersuchung über die strafwürdigen Vorgänge
anzustellen. Nun kam es denn heraus, daß Heidi auf
seinem gestrigen Ausflug die sämmtlichen Ereignisse vorbereitet und herbeigeführt hatte. Fräulein Rottenmeier saß
weiß vor Entrüstung da und konnte erst keine Worte für
ihre Empfindungen finden. Sie winkte mit der Hand, daß
Sebastian und Tinette sich entfernen sollten. Jetzt wandte
sie sich an Heidi, das neben Klara's Sessel stand und nicht
recht begriff, was es verbrochen hatte.

„Adelheid“, begann sie mit strengem Ton, „ich weiß
nur Eine Strafe, die dir empfindlich sein könnte, denn du
bist eine Barbarin; aber wir wollen sehen, ob du unten
im dunkeln Keller bei Molchen und Ratten nicht zahm wirst,
daß du dir keine solchen Dinge mehr einfallen lässest.“

Heidi hörte still und verwundert sein Urtheil an, denn
in einem schreckhaften Keller war es noch nie gewesen; der
anstoßende Raum in der Almhütte, den der Großvater
Keller nannte, wo immer die fertigen Käse lagen und die
frische Milch stand, war eher ein anmuthiger und einladender Ort, und Ratten und Molche hatte es noch keine gesehen.

Aber Klara erhob einen lauten Jammer: „Nein, nein,
Fräulein Rottenmeier, man muß warten, bis der Papa da
ist; er hat ja geschrieben, er komme nun bald, und dann
will ich ihm Alles erzählen, und er sagt dann schon, was
mit Heidi geschehen soll.“

Gegen diesen Oberrichter durfte Fräulein Rottenmeier
Nichts einwenden, um so weniger, da er wirklich in Bälde
zu erwarten war. Sie stand auf und sagte etwas grimmig:
„Gut, Klara, gut, aber auch ich werde ein Wort mit Herrn
Sesemann sprechen.“ Damit verließ sie das Zimmer. —

Es verflossen nun ein paar ungestörtere Tage, aber
Fräulein Rottenmeier kam nicht mehr aus der Aufregung
heraus, stündlich trat ihr die Täuschung vor Augen, die sie
in Heidi's Persönlichkeit erlebt hatte, und es war ihr, als
sei seit seiner Erscheinung im Hause Sesemann Alles aus
den Fugen gekommen und komme nicht wieder hinein. Klara
war sehr vergnügt; sie langweilte sich nie mehr, denn in
den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten Sachen:
die Buchstaben machte es immer alle durcheinander und
konnte sie nie kennen lernen, und wenn der Herr Candidat
mitten im Erklären und Beschreiben ihrer Formen war,
um sie ihm anschaulicher zu machen und als Vergleichung
etwa von einem Hörnchen oder einem Schnabel sprach dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: „Es ist eine
Gaiß!“ oder: „Es ist der Raubvogel!“ Denn die Beschreibungen weckten in seinem Gehirn allerlei Vorstellungen,
nur keine Buchstaben. In den spätern Nachmittagsstunden
saß Heidi wieder bei Klara und erzählte ihr immer wieder
von der Alm und dem Leben dort, so viel und so lange,
bis das Verlangen darnach in ihm so brennend wurde, daß
es immer zum Schluß versicherte: „Nun muß ich gewiß
wieder heim! Morgen muß ich gewiß gehen!“ Aber Klara
beschwichtigte immer wieder diese Anfälle und bewies Heidi,
daß es doch sicher da bleiben müsse, bis der Papa komme;
dann werde man schon sehen, wie es weiter gehe. Wenn
Heidi alsdann immer wieder nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half ihm eine fröhliche Aussicht dazu, die
es im Stillen hatte, daß mit jedem Tage, den es noch da
blieb, sein Häuflein Brödchen für die Großmutter wieder
um zwei größer würde, denn Mittags und Abends lag
immer ein schönes Weißbrödchen bei seinem Teller; das
steckte es gleich ein, denn es hätte das Brödchen nicht essen
können beim Gedanken, daß die Großmutter nie eines habe
und das harte, schwarze Brod fast nicht mehr essen konnte.
Nach Tisch saß Heidi jeden Tag ein paar Stunden lang
ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn
daß es in Frankfurt verboten war, nur so hinauszulaufen,
wie es auf der Alm gethan, das hatte es nun begriffen
und that es nie mehr. Mit Sebastian drüben im Eßzimmer ein Gespräch führen, durfte es auch nicht, das hatte
Fräulein Rottenmeier auch verboten und mit Tinette eine
Unterhaltung zu probiren, daran kam ihm kein Sinn, es
ging ihr immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur
in höhnischem Ton mit ihm und spöttelte es fortwährend
an und Heidi verstand ihre Art ganz gut, und daß sie es
nur immer ausspottete. So saß Heidi täglich da und hatte
alle Zeit sich auszudenken, wie nun die Alm wieder grün
war und wie die gelben Blümchen im Sonnenschein glitzerten
und wie Alles leuchtete ringsum in der Sonne, der Schnee
und die Berge und das ganze, weite Thal, und Heidi konnte
es manchmal fast nicht mehr aushalten vor Verlangen,
wieder dort zu sein. Die Base hatte ja auch gesagt, es
könne wieder heimgehen, wann es wolle. So kam es, daß
Heidi eines Tages es nicht mehr aushielt; es packte in aller
Eile seine Brödchen in das große rothe Halstuch zusammen,
setzte sein Strohhütchen auf und zog aus. Aber schon unter
der Hausthüre traf es auf ein großes Reisehinderniß, auf
Fräulein Rottenmeier selbst, die eben von einem Ausgang
zurückkehrte. Sie stand still und schaute in starrem Erstaunen Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb
vorzüglich auf dem gefüllten rothen Halstuch haften. Jetzt
brach sie los.

„Was ist das für ein Aufzug? Was heißt das überhaupt? Habe ich dir nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun probirst du's doch wieder und dazu noch
völlig aussehend wie eine Landstreicherin.“

„Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen“, entgegnete Heidi ein wenig erschrocken.

„Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wolltest du?“
Fräulein Rottenmeier schlug die Hände zusammen vor Aufregung. „Fortlaufen! Wenn das Herr Sesemann wüßte!
Fortlaufen aus seinem Hause! Mach' nicht, daß er das je
erfährt! Und was ist dir denn nicht recht in seinem Hause?
Wirst du nicht viel besser behandelt, als du verdienst? Fehlt
es dir an irgend Etwas? Hast du je in deinem ganzen Leben
eine Wohnung, oder einen Tisch, oder eine Bedienung gehabt, wie du hier hast? sag'!“

„Nein“, entgegnete Heidi.

„Das weiß ich wohl!“ fuhr die Dame eifrig fort,
„Nichts fehlt dir, gar Nichts, du bist ein ganz unglaublich
undankbares Ding, und vor lauter Wohlsein weißt du nicht,
was du noch Alles anstellen willst!“

Aber jetzt kam dem Heidi Alles oben auf, was in ihm
war, und brach hervor: „Ich will ja nur heim, und wenn
ich so lang nicht komme, so muß das Schneehöppli immer
klagen und die Großmutter erwartet mich, und der Distelfink bekommt die Ruthe, wenn der Gaißenpeter keinen Käse
bekommt, und hier kann man gar nie sehen, wie die Sonne
gute Nacht sagt zu den Bergen, und wenn der Raubvogel
in Frankfurt oben über fliegen würde, so würde er noch
viel lauter krächzen, daß so viele Menschen bei einander
sitzen und einander bös machen und nicht auf den Felsen
gehen, wo es Einem wohl ist.“

„Barmherzigkeit, das Kind ist übergeschnappt!“ rief
Fräulein Rottenmeier aus und stürzte mit Schrecken die
Treppe hinauf, wo sie sehr unsanft gegen den Sebastian
rannte, der eben hinunter wollte. „Holen Sie auf der
Stelle das unglückliche Wesen herauf“, rief sie ihm zu,
indem sie sich den Kopf rieb, denn sie war hart angestoßen.

„Ja, ja, schon recht, danke schön“, gab Sebastian zurück
und rieb sich den seinen, denn er war noch harter angefahren.

Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben
Stelle fest und zitterte vor innerer Erregung am ganzen Körper.

„Na, schon wieder was angestellt?“ fragte Sebastian
lustig; als er aber Heidi, das sich nicht rührte, recht ansah, klopfte er ihm freundlich auf die Schulter und sagte
tröstend: „Bah! bah! das muß sich das Mamsellchen nicht
so zu Herzen nehmen, nur lustig, das ist die Hauptsache!
Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch in den Kopf gerannt, aber nur nicht einschüchtern lassen! Na? immer
noch auf demselben Fleck? Wir müssen hinauf, sie hat's
befohlen.“

Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und
leise und gar nicht wie sonst seine Art war. Das that
dem Sebastian leid zu sehen; er ging hinter dem Heidi her
und sprach ermuthigende Worte zu ihm: „Nur nicht abgeben! Nur nicht traurig werden! Nur immer tapfer drauf
zu! Wir haben ja ein ganz vernünftiges Mamsellchen, hat
noch gar nie geweint, seit es bei uns ist, sonst weinen sie
ja zwölf Mal im Tag in dem Alter, das kennt man. Die
Kätzchen sind auch lustig droben, die springen auf dem ganzen
Estrich herum und thun wie närrisch. Nachher gehen wir
'mal zusammen hinauf und schauen ihnen zu, wenn die
Dame drinnen wieder weg ist, ja?“

Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos,
daß es dem Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz
theilnehmend dem Heidi nachschaute, wie es nach seinem
Zimmer hinschlich.

Am Abendessen heute sagte Fräulein Rottenmeier kein
Wort, aber fortwährend warf sie sonderbar wachsame Blicke
zu Heidi hinüber, so als erwartete sie, es könnte plötzlich
etwas Unerhörtes unternehmen; aber Heidi saß mäuschenstill am Tisch und rührte sich nicht, es aß nicht und trank
nicht; nur sein Brödchen hatte es schnell in die Tasche gesteckt.

Am folgenden Morgen, als der Herr Candidat die
Treppe heraufkam, winkte ihm Fräulein Rottenmeier geheimnißvoll in's Eßzimmer herein, und hier theilte sie ihm
in großer Aufregung ihre Besorgniß mit, die Luftveränderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrücke
hätten das Kind um den Verstand gebracht, und sie erzählte
ihm von Heidi's Fluchtversuch und wiederholte ihm von
seinen sonderbaren Reden, was sie noch wußte. Aber der
Herr Candidat besänftigte und beruhigte Fräulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, daß er die Wahrnehmung
gemacht habe, die Adelheid sei zwar einerseits allerdings
eher excentrisch, aber anderseits doch wieder bei richtigem
Verstand, so daß sich nach und nach bei einer allseitig erwogenen Behandlung das nöthige Gleichgewicht einstellen
könne, was er im Auge habe; er finde den Umstand wichtiger, daß er durchaus nicht über das ABC hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben nicht zu fassen
im Stande sei.

Fräulein Rottenmeier fühlte sich beruhigter und entließ
den Herrn Candidaten zu seiner Arbeit. Am spätern Nachmittag stieg ihr die Erinnerung an Heidi's Aufzug bei
seiner vorgehabten Abreise auf, und sie beschloß, die Gewandung des Kindes durch verschiedene Kleidungsstücke der Klara
in den nöthigen Stand zu setzen, bevor Herr Sesemann
erscheinen würde. Sie theilte ihre Gedanken darüber an
Klara mit, und da diese mit Allem einverstanden war und
dem Heidi eine Menge Kleider und Tücher und Hüte schenken
wollte, verfügte sich die Dame in Heidi's Zimmer, um
seinen Kleiderschrank zu besehen und zu untersuchen, was da
von dem Vorhandenen bleiben und was entfernt werden
solle. Aber in wenig Minuten kam sie wieder zurück mit
Geberden des Abscheus: „Was muß ich entdecken, Adelheid“, rief sie aus, „es ist nie da gewesen! In deinem
Kleiderschrank, einem Schrank für Kleider, Adelheid, im
Fuß dieses Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner
Brode! Brod, sage ich, Klara, im Kleiderschrank! Und
einen solchen Haufen aufspeichern! Tinette“, rief sie jetzt
in's Eßzimmer hinaus, „schaffen Sie mir das alte Brod
fort aus dem Schrank der Adelheid und den zerdrückten
Strohhut auf dem Tisch.“

„Nein! Nein!“ schrie Heidi auf, „ich muß den Hut
haben und die Brödchen sind für die Großmutter“, und
Heidi wollte der Tinette nachstürzen, aber es wurde von
Fräulein Rottenmeier festgehalten.

„Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo
er hin gehört“, sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurück. Aber nun warf sich Heidi an Klara's Sessel nieder
und fing ganz verzweiflungsvoll zu weinen an, immer lauter
und schmerzlicher und schluchzte ein Mal um's andere in seinem
Jammer auf: „Nun hat die Großmutter keine Brödchen
mehr! Sie waren für die Großmutter, nun sind sie alle
fort und die Großmutter bekommt keine!“ und Heidi weinte
auf, als wollte ihm das Herz zerspringen. Fräulein Rottenmeier lief hinaus. Klara wurde es angst und bange bei
dem Jammer: „Heidi, Heidi, weine nur nicht so“, sagte
sie bittend, „hör' mich nur! Jammere nur nicht so, sieh',
ich verspreche dir, ich gebe dir gerade so viele Brödchen für
die Großmutter, oder noch mehr, wenn du einmal heimgehst, und dann sind diese frisch und weich, und die deinen
wären ja ganz hart geworden und waren es schon. Komm',
Heidi, weine nur nicht mehr so.“

Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen
herauskommen; aber es verstand Klara's Trost und hielt
sich daran, sonst hätte es gar nicht mehr zu weinen aufhören können. Es mußte auch noch mehrere Male seiner
Hoffnung gewiß werden und Klara, durch die letzten Anfälle von Schluchzen unterbrochen, fragen: „Gibst du mir
so viele, viele, wie ich hatte, für die Großmutter?“

Und Klara versicherte immer wieder: „Gewiß, ganz gewiß, noch mehr, sei nur wieder froh!“

Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rothverweinten
Augen, und als es sein Brödchen erblickte, mußte es gleich
noch einmal aufschluchzen. Aber es bezwang sich jetzt mit
Gewalt, denn es verstand, daß es sich am Tisch ruhig verhalten mußte. Sebastian machte heute jedes Mal die merkwürdigsten Geberden, wenn er in Heidi's Nähe kam; er
deutete bald auf seinen, bald auf Heidi's Kopf, dann nickte
er wieder und kniff die Augen zu, so als wollte er sagen:
„Nur getrost! Ich hab's schon gemerkt und besorgt.“

Als Heidi später in sein Zimmer kam und in sein Bett
steigen wollte, lag sein zerdrücktes Strohhütchen unter der
Decke versteckt. Mit Entzücken zog es den alten Hut hervor, zerdrückte ihn vor lauter Freude noch ein wenig mehr
und versteckte ihn dann, in ein Taschentüchlein eingewickelt,
in die allerhinterste Ecke seines Schranks. Das Hütchen
hatte der Sebastian unter die Decke gesteckt; er war zu
gleicher Zeit mit Tinette im Eßzimmer gewesen, als diese
gerufen wurde, und hatte Heidi's Jammerruf vernommen.
Dann war er Tinette nachgegangen, und als sie aus Heidi's
Zimmer heraustrat mit ihrer Brodlast und dem Hütchen
oben drauf, hatte er schnell dieses weggenommen und ihr
zugerufen: „Das will ich schon fort thun.“ Darauf hatte
er es in aller Freude für Heidi gerettet, was er ihm beim
Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.

Capitel IX.
Der Hausherr hört Allerlei in seinem Hause, das er noch
nicht gehört hat.

Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause
Sesemann große Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppab-Rennen, denn eben war der Hausherr von
seiner Reise zurückgekehrt, und aus dem bepackten Wagen
wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der andern hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer
eine Menge schöner Sachen mit nach Haus.

Er selbst war vor Allem in das Zimmer seiner Tochter
eingetreten, um sie zu begrüßen. Heidi saß bei ihr, denn
es war die Zeit des spätern Nachmittags, da die Beiden
immer zusammen waren. Klara begrüßte ihren Vater mit
großer Zärtlichkeit, denn sie liebte ihn sehr, und der gute
Papa grüßte sein Klärchen nicht weniger liebevoll. Dann
streckte er seine Hand dem Heidi entgegen, das sich leise in
eine Ecke zurückgezogen hatte, und sagte freundlich: „Und
das ist unsere kleine Schweizerin; komm' her, gib mir 'mal
eine Hand! So ist's recht! Nun sag' mir mal, seid ihr
auch gute Freunde zusammen, Klara und du? Nicht zanken
und böse werden und dann weinen und dann versöhnen und
dann wieder von vorn anfangen, nun?“

„Nein, Klara ist immer gut mit mir“, entgegnete
Heidi.

„Und Heidi hat auch noch gar nie versucht, zu zanken,
Papa“, warf Klara schnell ein.

„So ist's gut, das hör' ich gern“, sagte der Papa,
indem er aufstand. „Nun mußt du aber erlauben, Klärchen, daß ich Etwas genieße, heute habe ich noch Nichts bekommen, nachher komm' ich wieder zu dir und du sollst
sehen, was ich mitgebracht habe!“

Herr Sesemann trat in's Eßzimmer ein, wo Fräulein
Rottenmeier den Tisch überschaute, der für sein Mittagsmahl gerüstet war. Nachdem Herr Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenüber Platz genommen
hatte und aussah wie ein lebendiges Mißgeschick, wandte
sich der Hausherr zu ihr: „Aber Fräulein Rottenmeier,
was muß ich denken? Sie haben zu meinem Empfang ein
wahrhaft erschreckendes Gesicht aufgesetzt. Wo fehlt es denn?
Klärchen ist ja ganz munter.“

„Herr Sesemann“, begann die Dame mit gewichtigem
Ernst, „Klara ist mitbetroffen, wir sind fürchterlich getäuscht
worden.“

„Wie so?“ fragte Herr Sesemann und trank in aller
Ruhe einen Schluck Wein.

„Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine Gespielin für Klara in's Haus zu nehmen, und
da ich ja weiß, wie sehr Sie darauf halten, daß nur Gutes
und Edles Ihre Tochter umgebe, hatte ich meinen Sinn
auf ein junges Schweizermädchen gerichtet, indem ich hoffte,
eines jener Wesen bei uns eintreten zu sehen, von denen
ich schon so oft gelesen, welche, der reinen Bergluft entsprossen, sozusagen ohne die Erde zu berühren, durch das
Leben gehen.“

„Ich glaube zwar“, bemerkte hier Herr Sesemann,
„daß auch die Schweizerkinder den Erdboden berühren, wenn
sie vorwärts kommen wollen, sonst wären ihnen wohl Flügel
gewachsen statt der Füße.“

„Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl“,
fuhr das Fräulein fort, „ich meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an uns vorüberziehn.“

„Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch
anfangen, Fräulein Rottenmeier?“

„Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist
mir ernster, als Sie denken, ich bin schrecklich, wirklich ganz
erschrecklich getäuscht worden.“

„Aber worin liegt denn das Schreckliche? So gar
erschrecklich sieht mir das Kind nicht aus“, bemerkte ruhig
Herr Sesemann.

„Sie sollten nur Eines wissen, Herr Sesemann, nur
das Eine, mit was für Menschen und Thieren dieses Wesen
Ihr Haus in Ihrer Abwesenheit bevölkert hat; davon könnte
der Herr Candidat erzählen.“

„Mit Thieren? Wie muß ich das verstehen, Fräulein
Rottenmeier?“

„Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Aufführung
dieses Wesens wäre nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem
Einen Punkte, daß es Anfälle von völliger Verstandesgestörtheit hat.“

Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht für
wichtig gehalten; aber Gestörtheit des Verstandes? eine solche
konnte ja für seine Tochter die bedenklichsten Folgen haben.
Herr Sesemann schaute Fräulein Rottenmeier sehr genau
an, so als wollte er sich erst versichern, ob nicht etwa bei
ihr eine derartige Störung zu bemerken sei. In diesem
Augenblick wurde die Thüre aufgethan und der Herr Candidat angemeldet.

„Ach da kommt unser Herr Candidat, der wird uns
Aufschluß geben“, rief ihm Herr Sesemann entgegen.
„Kommen Sie, kommen Sie, setzen Sie sich zu mir!“
Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand entgegen. „Der Herr Candidat trinkt eine Tasse schwarzen
Kaffee mit mir, Fräulein Rottenmeier! Setzen Sie sich,
setzen Sie sich, keine Complimente! Und nun sagen Sie
mir, Herr Candidat, was ist mit dem Kinde, das als Gespielin meiner Tochter in's Haus gekommen ist und das
Sie unterrichten. Was hat es für eine Bewandtniß mit
den Thieren, die es in's Haus gebracht und wie steht es
mit seinem Verstand?“

Der Herr Candidat mußte erst seine Freude über Herrn
Sesemann's glückliche Rückkehr aussprechen und ihn willkommen heißen, weßwegen er ja gekommen war; aber Herr
Sesemann drängte ihn, daß er ihm Aufschluß gebe über
die fraglichen Punkte. So begann denn der Herr Candidat: „Wenn ich mich über das Wesen dieses jungen
Mädchens aussprechen soll, Herr Sesemann, so möchte ich
vor Allem darauf aufmerksam machen, daß, wenn auch auf
der einen Seite sich ein Mangel der Entwicklung, welcher
durch eine mehr oder weniger vernachlässigte Erziehung,
oder besser gesagt, etwas verspäteten Unterricht verursacht und durch die mehr oder weniger, jedoch durchaus
nicht in jeder Beziehung zu verurtheilende, im Gegentheil
ihre guten Seiten unstreitig darthuende Abgeschiedenheit
eines längeren Alpenaufenthalts, welcher, wenn er nicht
eine gewisse Dauer überschreitet, ja ohne Zweifel seine gute
Seite —“

„Mein lieber Herr Candidat“, unterbrach hier Herr
Sesemann, „Sie geben sich wirklich zu viel Mühe; sagen
Sie mir, hat auch Ihnen das Kind einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Thiere, und was halten Sie
überhaupt von diesem Umgang für mein Töchterchen?“

„Ich möchte dem jungen Mädchen in keiner Art zu
nahe treten“, begann der Herr Candidat wieder, „denn
wenn es auch auf der einen Seite in einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche mit dem mehr oder weniger uncultivirten Leben, in welchem das junge Mädchen
bis zu dem Augenblick seiner Versetzung nach Frankfurt sich
bewegte, welche Versetzung allerdings in die Entwicklung
dieses, ich möchte sagen noch völlig, wenigstens theilweise
unentwickelten, aber anderseits mit nicht zu verachtenden
Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet —“

„Entschuldigen Sie, Herr Candidat, bitte, lassen Sie
sich nicht stören, ich werde — ich muß schnell einmal nach
meiner Tochter sehen.“ Damit lief Herr Sesemann zur
Thür hinaus und kam nicht wieder. Drüben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem Töchterchen hin; Heidi war
aufgestanden. Herr Sesemann wandte sich nach dem Kinde
um: „Hör' 'mal, Kleine, hol' mir doch schnell — wart'
einmal — hol' mir mal —“ (Herr Sesemann wußte nicht
recht, was er bedurfte, Heidi sollte aber ein wenig ausgeschickt werden) — „hol' mir doch 'mal ein Glas Wasser.“

„Frisches?“ fragte Heidi.

„Ja wohl! Ja wohl! Recht frisches!“ gab Herr Sesemann zurück. Heidi verschwand.

„Nun, mein liebes Klärchen“, sagte der Papa, indem
er ganz nah an sein Töchterchen heranrückte und dessen
Hand in die seinige legte, „sag' du mir klar und faßlich:
was für Thiere hat diese deine Gespielin in's Haus gebracht und warum muß Fräulein Rottenmeier denken, sie
sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf, kannst du mir das
sagen?“

Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte
auch ihr von Heidi's sie verwirrenden Reden gesprochen,
die aber für Klara alle einen Sinn hatten. Sie erzählte
erst dem Vater die Geschichten von der Schildkröte und den
jungen Katzen und erklärte ihm dann Heidi's Reden, welche
die Dame so erschreckt hatten. Jetzt lachte Herr Sesemann
herzlich: „So willst du nicht, daß ich das Kind nach Haus
schicke, Klärchen, du bist seiner nicht müde?“ fragte der
Vater.

„Nein, nein, Papa, thu' nur das nicht!“ rief Klara
abwehrend aus. „Seit Heidi da ist, begegnet immer Etwas,
jeden Tag und es ist so kurzweilig, ganz anders als vorher,
da begegnete nie Etwas, und Heidi erzählt mir auch so viel.“

„Schon gut, schon gut, Klärchen, da kommt ja auch
deine Freundin schon wieder. Na, schönes, frisches Wasser
geholt?“ fragte Herr Sesemann, da ihm Heidi nun ein
Glas Wasser hinstreckte.

„Ja, frisch vom Brunnen“, antwortete Heidi.

„Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen,
Heidi?“ sagte Klara.

„Doch gewiß, es ist ganz frisch, aber ich mußte weit
gehen, denn am ersten Brunnen waren so viele Leute. Da
ging ich die Straße ganz hinab, aber beim zweiten waren
wieder so viel Leute; da ging ich in die andere Straße
hinein und dort nahm ich Wasser und der Herr mit den
weißen Haaren läßt Herrn Sesemann freundlich grüßen.“

„Na, die Expedition ist gut“, lachte Herr Sesemann,
„und wer ist denn der Herr?“

„Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er
still und sagte: ‚Weil du doch ein Glas hast, so gib mir
auch einmal zu trinken; wem bringst du dein Glas Wasser?‘
Und ich sagte: ‚Herrn Sesemann.‘ Da lachte er sehr stark,
und dann sagte er den Gruß und auch noch, Herr Sesemann solle sich's schmecken lassen.“

„So, und wer läßt mir denn wohl den guten Wunsch
sagen? Wie sah der Herr denn weiter aus?“ fragte Herr
Sesemann.

„Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette
und ein goldenes Ding hängt daran mit einem großen,
rothen Stein und auf seinem Stock ist ein Roßkopf.“

„Das ist der Herr Doktor“, „Das ist mein alter
Doktor“, sagten Klara und ihr Vater wie aus Einem
Munde und Herr Sesemann lachte noch ein wenig in sich
hinein im Gedanken an seinen Freund und dessen Betrachtungen über diese neue Weise, seinen Wasserbedarf sich zuführen zu lassen.

Noch an demselben Abend erklärte Herr Sesemann, als
er allein mit Fräulein Rottenmeier im Eßzimmer saß, um
allerlei häusliche Angelegenheiten mit ihr zu besprechen,
die Gespielin seiner Tochter werde im Hause bleiben; er
finde, das Kind sei in einem normalen Zustand und seine
Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und angenehmer, als
jede andere. „Ich wünsche daher“, setzte Herr Sesemann
sehr bestimmt hinzu, „daß dieses Kind jederzeit durchaus
freundlich behandelt und seine Eigenthümlichkeiten nicht als
Vergehen betrachtet werden. Sollten Sie übrigens mit dem
Kinde nicht allein fertig werden, Fräulein Rottenmeier, so
ist ja eine gute Hülfe für Sie in Aussicht, da in nächster
Zeit meine Mutter zu ihrem längern Aufenthalt in mein
Haus kommt, und meine Mutter wird mit jedem Menschen
fertig, wie er sich auch anstelle, das wissen Sie ja wohl,
Fräulein Rottenmeier?“

„Ja wohl, das weiß ich, Herr Sesemann“, entgegnete
die Dame, aber nicht mit dem Ausdruck der Erleichterung
im Hinblick auf die angezeigte Hülfe.

Herr Sesemann hatte dieß Mal nur eine kurze Zeit Ruhe
zu Hause; schon nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschäfte wieder nach Paris, und er tröstete sein Töchterchen,
das mit der nahen Abreise nicht einverstanden war, mit
der Aussicht auf die baldige Ankunft der Großmama, die
schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte.

Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon
der Brief anlangte, der die Abreise der Frau Sesemann
aus Holstein, wo sie auf einem alten Gute wohnte, anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft auf den folgenden Tag meldete, damit der Wagen nach dem Bahnhof
geschickt würde, um sie abzuholen.

Klara war voller Freude über die Nachricht und erzählte noch an demselben Abend dem Heidi so viel und so lange
von der Großmama, daß Heidi auch anfing, von der „Großmama“ zu reden, worauf Fräulein Rottenmeier Heidi mit
Mißbilligung anblickte, was aber das Kind auf nichts Besonderes bezog, denn es fühlte sich unter fortdauernder Mißbilligung der Dame. Als es sich dann später entfernte, um
in sein Schlafzimmer zu gehen, berief Fräulein Rottenmeier
es erst in das ihrige herein und erklärte ihm hier, es habe
niemals den Namen „Großmama“ anzuwenden, sondern
wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es sie stets „gnädige Frau“ anzureden. „Verstehst du das?“ fragte die
Dame, als Heidi sie etwas zweifelhaft ansah; sie gab ihm
aber einen so abschließenden Blick zurück, daß Heidi sich keine
Erklärung mehr erbat, obschon es den Titel nicht verstanden
hatte.

Capitel X.
Eine Großmama.

Am folgenden Abend waren große Erwartungen und
lebhafte Vorbereitungen im Hause Sesemann sichtbar, man
konnte deutlich bemerken, daß die erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause mitzusprechen hatte und daß
Jedermann großen Respekt vor ihr empfand. Tinette hatte
ein ganz neues, weißes Deckelchen auf den Kopf gesetzt, und
Sebastian raffte eine Menge von Schemeln zusammen und
stellte sie an alle passenden Stellen hin, damit die Dame
gleich einen Schemel unter den Füßen finde, wohin sie sich
auch setzen möge. Fräulein Rottenmeier ging zur Musterung der Dinge sehr aufrecht durch die Zimmer, sowie um
anzudeuten, daß, wenn auch eine zweite Herrschermacht herannahe, die ihrige dennoch nicht am Erlöschen sei.

Jetzt rollte der Wagen vor das Haus und Sebastian
und Tinette stürzten die Treppe hinunter; langsam und
würdevoll folgte Fräulein Rottenmeier nach, denn sie wußte,
daß auch sie zum Empfang der Frau Sesemann zu erscheinen
hatte. Heidi war beordert worden, sich in sein Zimmer
zurückzuziehen und da zu warten, bis es gerufen würde,
denn die Großmama würde zuerst bei Klara eintreten und
diese wohl allein sehen wollen. Heidi setzte sich in einen
Winkel und repetirte seine Anrede. Es währte gar nicht
lange, so steckte die Tinette den Kopf ein klein wenig unter
Heidi's Zimmerthür und sagte kurz angebunden wie immer:
„Hinübergehen in's Studierzimmer!“

Heidi hatte Fräulein Rottenmeier nicht fragen dürfen,
wie es mit der Anrede sei, aber es dachte, die Dame habe
sich nur versprochen, denn es hatte bis jetzt immer erst den
Titel nennen gehört und nachher den Namen, so hatte es sich
nun die Sache zurechtgelegt. Wie es die Thüre zum Studierzimmer aufmachte, rief ihm die Großmama mit freundlicher
Stimme entgegen: „Ach, da kommt ja das Kind! Komm'
'mal her zu mir und laß dich recht ansehen.“

Heidi trat heran, und mit seiner klaren Stimme sagte
es sehr deutlich: „Guten Tag, Frau Gnädige.“

„Warum nicht gar!“ lachte die Großmama. „Sagt
man so bei euch? Hast du das daheim auf der Alp gehört?“

„Nein, bei uns heißt Niemand so“, erklärte Heidi
ernsthaft.

„So, bei uns auch nicht“, lachte die Großmama wieder und klopfte Heidi freundlich auf die Wange. „Das
ist Nichts! In der Kinderstube bin ich die Großmama;
so sollst du mich nennen, das kannst du wohl behalten,
wie?“

„Ja, das kann ich gut“, versicherte Heidi, „vorher hab'
ich schon immer so gesagt.“

„So, so, verstehe schon!“ sagte die Großmama und
nickte ganz lustig mit dem Kopfe. Dann schaute sie Heidi
genau an und nickte von Zeit zu Zeit wieder mit dem
Kopf und Heidi guckte ihr auch ganz herzhaft in die Augen,
denn da kam etwas so Herzliches heraus, daß es dem Heidi
ganz wohl machte, und die ganze Großmama gefiel dem
Heidi so, daß es sie unverwandt anschauen mußte. Sie
hatte so schöne weiße Haare und um den Kopf ging eine
schöne Spitzenkrause, und zwei breite Bänder flatterten von
der Haube weg und bewegten sich immer irgendwie, so als
ob stets ein leichter Wind um die Großmama wehe, was
das Heidi ganz besonders anmuthete.

„Und wie heißt du, Kind?“ fragte jetzt die Großmama.

„Ich heiße nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heißen,
so will ich schon Acht geben —“ Heidi stockte, denn es
fühlte sich ein wenig schuldig, da es noch immer keine Antwort gab, wenn Fräulein Rottenmeier unversehens rief:
„Adelheid!“ indem es ihm noch immer nicht recht gegenwärtig war, daß dieß sein Name sei, und Fräulein Rottenmeier war eben in's Zimmer getreten.

„Frau Sesemann wird unstreitig billigen“, fiel hier die
eben Eingetretene ein, „daß ich einen Namen wählen mußte,
den man doch aussprechen kann, ohne sich selbst geniren
zu müssen, schon um der Dienstboten willen.“

„Wertheste Rottenmeier“, entgegnete Frau Sesemann,
„wenn ein Mensch einmal Heidi heißt und an den Namen
gewöhnt ist, so nenn' ich ihn so, und dabei bleibt's!“

Es war Fräulein Rottenmeier sehr genierlich, daß die
alte Dame sie beständig nur bei ihrem Namen nannte, ohne
weitere Titulatur; aber da war Nichts zu machen; die
Großmama hatte einmal ihre eigenen Wege, und diese ging
sie, da half kein Mittel dagegen. Auch ihre fünf Sinne
hatte die Großmama noch ganz scharf und gesund und sie
bemerkte, was im Hause vorging, sobald sie es betreten
hatte.

Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach Tisch niederlegte, setzte die Großmama
sich neben sie auf einen Lehnstuhl und schloß ihre Augen
für einige Minuten, dann stand sie schon wieder auf, denn
sie war gleich wieder munter und trat in's Eßzimmer
hinaus; da war Niemand. „Die schläft“, sagte sie vor
sich hin, ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier und klopfte kräftig an die Thüre. Nach einiger Zeit
erschien diese und fuhr erschrocken ein wenig zurück bei dem
unerwarteten Besuch.

„Wo hält sich das Kind auf um diese Zeit, und
was thut es? das wollte ich wissen“, sagte Frau Sesemann.

„In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich nützlich beschäftigen könnte, wenn es den leisesten Thätigkeitstrieb hätte;
aber Frau Sesemann sollte nur wissen, was für verkehrtes
Zeug sich dieses Wesen oft ausdenkt und wirklich ausführt,
Dinge, die ich in gebildeter Gesellschaft kaum erzählen
könnte.“

„Das würde ich gerade auch thun, wenn ich so da
drinnen säße, wie dieses Kind, das kann ich Ihnen sagen,
und Sie könnten zusehen, wie Sie mein Zeug in gebildeter
Gesellschaft erzählen wollten! Jetzt holen Sie mir das
Kind heraus und bringen Sie mir's in meine Stube,
daß ich ihm einige hübsche Bücher gebe, die ich mitgebracht
habe.“

„Das ist ja gerade das Unglück, das ist es ja eben“,
rief Fräulein Rottenmeier aus und schlug die Hände zusammen. „Was sollte das Kind mit Büchern thun? In
all dieser Zeit hat es noch nicht einmal das ABC erlernt,
es ist völlig unmöglich, diesem Wesen auch nur Einen Begriff beizubringen; davon kann der Herr Candidat reden!
Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen Engels besäße, er hätte diesen Unterricht längst aufgegeben.“

„So, das ist merkwürdig, das Kind sieht nicht aus
wie Eines, das das ABC nicht erlernen kann“, sagte Frau
Sesemann. „Jetzt holen Sie mir's herüber, es kann für
einmal die Bilder in den Büchern ansehen.“

Fräulein Rottenmeier wollte noch Einiges bemerken,
aber Frau Sesemann hatte sich schon umgewandt und ging
rasch ihrem Zimmer zu. Sie mußte sich sehr verwundern
über die Nachricht von Heidi's Beschränktheit und gedachte,
die Sache zu untersuchen, jedoch nicht mit dem Herrn Candidaten, den sie zwar um seines guten Charakters willen
sehr schätzte; sie grüßte ihn auch immer, wenn sie mit
ihm zusammentraf, überaus freundlich, lief dann aber sehr
schnell auf eine andere Seite, um nicht in ein Gespräch mit
ihm verwickelt zu werden, denn seine Ausdrucksweise war
ihr ein wenig beschwerlich.

Heidi erschien im Zimmer der Großmama und macht
die Augen weit auf, als es die prächtigen bunten Bilder
in den großen Büchern sah, welche die Großmama mit
gebracht hatte. Auf einmal schrie Heidi laut auf, als
die Großmama wieder ein Blatt umgewandt hatte; mit
glühendem Blick schaute es auf die Figuren, dann
stürzten ihm plötzlich die hellen Thränen aus den Augen
und es fing gewaltig zu schluchzen an. Die Großmama
schaute auf das Bild. Es war eine schöne, grüne Weide,
wo allerlei Thierlein herumweideten und an den grünen
Gebüschen nagten. In der Mitte stand der Hirt, auf
einen langen Stab gestützt, der schaute den fröhlichen
Thierchen zu. Alles war wie in Goldschimmer gemalt,
denn hinten am Horizont war eben die Sonne im Untergehen.

Die Großmama nahm Heidi bei der Hand. „Komm',
komm', Kind“, sagte sie in freundlichster Weise, „nicht
weinen, nicht weinen.“ Das hat dich wohl an Etwas erinnert; aber sieh', da ist auch eine schöne Geschichte dazu,
die erzähl' ich heut' Abend. Und da sind noch so viele schöne
Geschichten in dem Buch, die kann man alle lesen und
wiedererzählen. Komm', nun müssen wir Etwas besprechen
zusammen, trockne schön deine Thränen, so, und nun stell'
dich hier vor mich hin, daß ich dich recht ansehen kann; so
ist's recht, nun sind wir wieder fröhlich.“

Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen
aufhören konnte. Die Großmama ließ ihm auch eine gute
Weile zur Erholung, nur sagte sie von Zeit zu Zeit ermunternd: „So, nun ist's gut, nun sind wir wieder froh
zusammen.“

Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: „Nun
mußt du mir 'was erzählen, Kind! Wie geht es denn beim
Herrn Candidaten in den Unterrichtsstunden, lernst du auch
gut und kannst du 'was?

„O nein“, antwortete Heidi seufzend, „aber ich wußte
schon, daß man es nicht lernen kann.“

„Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst
du?“

„Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer.“

„Das wäre! Und woher weißt du denn diese Neuigkeit?“

„Der Peter hat es mir gesagt und er weiß es schon,
er muß immer wieder probiren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer.“

„So, das ist mir ein eigner Peter, der! Aber sieh',
Heidi, man muß nicht Alles nur so hinnehmen, was Einem
ein Peter sagt, man muß selbst probiren. Gewiß hast du
nie recht mit all' deinen Gedanken dem Herrn Candidaten
zugehört und seine Buchstaben angesehen.“

„Es nützt Nichts“, versicherte Heidi mit dem Ton der
vollen Ergebung in das Unabänderliche.

„Heidi“, sagte nun die Großmama, „jetzt will ich dir
Etwas sagen: du hast noch nicht lesen gelernt, weil du
deinem Peter geglaubt hast; nun aber sollst du mir glauben, und ich sage dir fest und sicher, daß du in kurzer Zeit
lesen lernen kannst, wie eine große Menge von Kindern,
die geartet sind wie du und nicht wie der Peter. Und nun
mußt du wissen, was nachher kommt, wenn du dann lesen
kannst — du hast den Hirten gesehn auf der schönen grünen
Weide —, sobald du nun lesen kannst, bekommst du das
Buch, da kannst du seine ganze Geschichte vernehmen, ganz
so, als ob sie dir Jemand erzählte, Alles, was er macht
mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm für merkwürdige Dinge begegnen. Das möchtest du schon wissen,
Heidi, nicht?“

Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, und
mit leuchtenden Augen sagte es jetzt, tief Athem holend:
„O, wenn ich nur schon lesen könnte!“

„Jetzt wird's kommen und gar nicht lang wird's
währen, das kann ich schon sehn, Heidi, und nun
müssen wir 'mal nach der Klara sehn, komm', die schönen
Bücher nehmen wir mit.“ Damit nahm die Großmama
Heidi bei der Hand und ging mit ihm nach dem Studierzimmer. —

Seit dem Tage, da Heidi hatte heimgehen wollen und
Fräulein Rottenmeier es auf der Treppe ausgescholten und
ihm gesagt hatte, wie schlecht und undankbar es sich erweise
durch sein Fortlaufenwollen und wie gut es sei, daß Herr
Sesemann Nichts davon wisse, war mit dem Kinde eine
Veränderung vorgegangen. Es hatte begriffen, daß es nicht
heimgehen könne, wenn es wolle, wie ihm die Base gesagt
hatte, sondern daß es in Frankfurt zu bleiben habe, lange,
lange, vielleicht für immer. Es hatte auch verstanden, daß
Herr Sesemann es sehr undankbar von ihm finden würde,
wenn es heimgehen wollte, und es dachte sich aus, daß die
Großmama und Klara auch so denken würden. So durfte
es keinem Menschen sagen, daß es heimgehen möchte, denn
daß die Großmama, die so freundlich mit ihm war, auch
böse würde, wie Fräulein Rottenmeier geworden war, das
wollte Heidi nicht verursachen. Aber in seinem Herzen wurde
die Last, die darinnen lag, immer schwerer; es konnte nicht
mehr essen und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher.
Am Abend konnte es oft lange, lange nicht einschlafen, denn
sobald es allein war und Alles still ringsumher, kam ihm
Alles so lebendig vor die Augen, die Alm und der Sonnenschein darauf und die Blumen, und schlief es endlich doch
ein, so sah es im Traum die rothen Felsenspitzen am Falkniß und das feurige Schneefeld am Cäsaplana, und erwachte dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude
hinausspringen aus der Hütte — da war es auf einmal
in seinem großen Bett in Frankfurt, so weit, weit weg,
und konnte nicht mehr heim. Dann drückte Heidi oft seinen
Kopf in das Kissen und weinte lang, ganz leise, daß Niemand es höre.

Heidi's freudloser Zustand entging der Großmama nicht.
Sie ließ einige Tage vorübergehen und sah zu, ob die Sache
sich ändere und das Kind sein niedergeschlagenes Wesen
verlieren würde. Als es aber gleich blieb und die Großmama manchmal am frühen Morgen schon sehen konnte,
daß Heidi geweint hatte, da nahm sie eines Tages das Kind
wieder in ihre Stube, stellte es vor sich hin und sagte mit
großer Freundlichkeit: „Jetzt sag' mir, was dir fehlt, Heidi,
hast du einen Kummer?“

Aber gerade dieser freundlichen Großmama wollte Heidi
nicht sich so undankbar zeigen, daß sie vielleicht nachher gar
nicht mehr so freundlich wäre; so sagte Heidi traurig:
„Man kann es nicht sagen.“

„Nicht? Kann man es etwa der Klara sagen?“ fragte
die Großmama.

„O nein, keinem Menschen“, versicherte Heidi und
sah dabei so unglücklich aus, daß es die Großmama erbarmte.

„Komm', Kind“, sagte sie, „ich will dir 'was sagen:
Wenn man einen Kummer hat, den man keinem Menschen
sagen kann, so klagt man ihn dem lieben Gott im Himmel
und bittet ihn, daß er helfe, denn er kann allem Leid abhelfen, das uns drückt. Das verstehst du, nicht wahr?
Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel
und dankst ihm für alles Gute und bittest ihn, daß er dich
vor allem Bösen behüte?“

„O nein, das thu' ich nie“, antwortete das Kind.

„Hast du denn gar nie gebetet, Heidi, weißt du nicht,
was das ist?“

„Nur mit der ersten Großmutter habe ich gebetet, aber
es ist schon lang, und jetzt habe ich es vergessen.“

„Siehst du, Heidi, darum mußt du so traurig sein,
weil du jetzt gar Niemanden kennst, der dir helfen kann.
Denk' einmal nach, wie wohl das thun muß, wenn Einen
im Herzen Etwas immerfort drückt und quält und man
kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und
ihm Alles sagen und ihn bitten, daß er helfe, wo uns sonst
gar Niemand helfen kann! Und er kann überall helfen
und uns geben, was uns wieder froh macht.“

Durch Heidi's Augen fuhr ein Freudenstrahl: „Darf
man ihm Alles, Alles sagen?“

„Alles, Heidi, Alles.“

Das Kind zog seine Hand aus den Händen der Großmama und sagte eilig: „Kann ich gehn?“

„Gewiß! Gewiß!“ gab diese zur Antwort, und Heidi
lief davon und hinüber in sein Zimmer, und hier setzte es
sich auf seinen Schemel nieder und faltete seine Hände und
sagte dem lieben Gott Alles, was in seinem Herzen war
und es so traurig machte, und bat ihn dringend und herzlich, daß er ihm helfe und es wieder heimkommen lasse zum
Großvater.

Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein
seit diesem Tage, als der Herr Candidat begehrte, der
Frau Sesemann seine Aufwartung zu machen, indem er
eine Besprechung über einen merkwürdigen Gegenstand mit
der Dame abzuhalten gedachte. Er wurde auf ihre Stube
berufen, und hier, wie er eintrat, streckte ihm Frau Sesemann sogleich freundlich die Hand entgegen: „Mein lieber
Herr Candidat, seien Sie mir willkommen! setzen Sie sich
her zu mir, hier“ — sie rückte ihm den Stuhl zurecht —;
„so, nun sagen Sie mir, was bringt Sie zu mir, doch
nichts Schlimmes? Keine Klagen?“

„Im Gegentheil, gnädige Frau“, begann der Herr
Candidat, „es ist Etwas vorgefallen, das ich nicht mehr
erwarten konnte und Keiner, der einen Blick in alles Vorhergegangene hätte werfen können, denn nach allen Voraussetzungen mußte angenommen werden, daß es eine völlige
Unmöglichkeit sein müsse, was dennoch jetzt wirklich geschehen
ist und in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat, gleichsam im Gegensatz zu allem folgerichtig zu Erwartenden —“

„Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr
Candidat?“ setzte hier Frau Sesemann ein.

In sprachlosem Erstaunen schaute der überraschte Herr
die Dame an.

„Es ist ja wirklich völlig wunderbar“, sagte er endlich,
„nicht nur, daß das junge Mädchen nach all' meinen gründlichen Erklärungen und ungewöhnlichen Bemühungen das
ABC nicht erlernt hat, sondern auch und besonders, daß
es jetzt in kürzester Zeit, nachdem ich mich entschlossen hatte,
das Unerreichbare aus den Augen zu lassen und ohne alle
weitergreifenden Erläuterungen nur noch sozusagen die
nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Mädchens zu
bringen, sozusagen über Nacht das Lesen erfaßt hat, und
dazu sogleich mit einer Correktheit der Worte liest, wie
mir bei Anfängern noch selten vorgekommen ist. Fast ebenso
wunderbar aber ist mir die Wahrnehmung, daß die gnädige
Frau gerade diese fernliegende Thatsache als Möglichkeit
vermuthete.“

„Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben“, bestätigte Frau Sesemann und lächelte vergnüglich;
„es können auch einmal zwei Dinge glücklich zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine neue Lehrmethode,
und beide können Nichts schaden, Herr Candidat. Jetzt
wollen wir uns freuen, daß das Kind so weit ist, und auf
guten Fortgang hoffen.“

Damit begleitete sie den Herrn Candidaten zur Thür
hinaus und ging rasch nach dem Studierzimmer, um sich
selbst der erfreulichen Nachricht zu versichern. Richtig saß
hier Heidi neben Klara und las dieser eine Geschichte vor,
sichtlich selbst mit dem größten Erstaunen und mit einem
wachsenden Eifer in die neue Welt eindringend, die ihm
aufgegangen war, nun ihm mit einem Mal aus den
schwarzen Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten
und Leben gewannen und zu herzbewegenden Geschichten
wurden. Noch an demselben Abend, als man sich zu Tische
setzte, fand Heidi auf seinem Teller das große Buch liegen
mit den schönen Bildern, und als es fragend nach der Großmama blickte, sagte diese freundlich nickend: „Ja, ja, nun
gehört es dir.“

„Für immer? Auch wenn ich heimgehe?“ fragte Heidi,
ganz roth vor Freude.

„Gewiß, für immer!“ versicherte die Großmama, „morgen fangen wir an zu lesen.“

„Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht,
Heidi“, warf Klara hier ein; „wenn nun die Großmama wieder fortgeht, dann mußt du erst recht bei mir
bleiben.“

Noch vor dem Schlafengehen mußte Heidi in seinem
Zimmer sein schönes Buch ansehen, und von dem Tage an
war es sein Liebstes, über seinem Buch zu sitzen und immer
wieder die Geschichten zu lesen, zu denen die schönen, bunten
Bilder gehörten. Sagte am Abend die Großmama: „Nun
liest uns Heidi vor“, so war das Kind sehr beglückt, denn
das Lesen ging ihm nun ganz leicht, und wenn es die Geschichten laut vorlas, so kamen sie ihm noch viel schöner
und verständlicher vor, und die Großmama erklärte dann
noch so Vieles und erzählte immer noch mehr hinzu. Am
liebsten beschaute Heidi immer wieder seine grüne Weide
und den Hirten mitten unter der Heerde, wie er so vergnüglich, auf seinen langen Stab gelehnt, dastand, denn da
war er noch bei der schönen Heerde des Vaters und ging
nur den lustigen Schäfchen und Ziegen nach, weil es ihn
freute. Aber dann kam das Bild, wo er, vom Vaterhaus
weggelaufen, nun in der Fremde war und die Schweinchen
hüten mußte und ganz mager geworden war bei den Träbern, die er allein noch zu essen bekam. Und auf dem Bilde
schien auch die Sonne nicht mehr so golden, da war das
Land grau und neblig. Aber dann kam noch ein Bild zu
der Geschichte: da kam der alte Vater mit ausgebreiteten
Armen aus dem Hause heraus und lief dem heimkehrenden,
reuigen Sohn entgegen, um ihn zu empfangen, der ganz
furchtsam und abgemagert in einem zerrissenen Wams daherkam. Das war Heidi's Lieblingsgeschichte, die es immer
wieder las, laut und leise und es konnte nie genug der
Erklärungen bekommen, welche die Großmama den Kindern
dazu machte. Da waren aber noch so viele schöne Geschichten in dem Buch, und bei dem Lesen derselben und
dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr schnell dahin, und
schon nahte die Zeit heran, welche die Großmama zu ihrer
Abreise bestimmt hatte.

Capitel XI.
Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der andern ab.

Die Großmama hatte während der ganzen Zeit ihres
Aufenthalts jeden Nachmittag, wenn Klara sich hinlegte und
Fräulein Rottenmeier wahrscheinlich der Ruhe bedürftig,
geheimnißvoll verschwand, sich einen Augenblick neben Klara
hingesetzt; aber schon nach fünf Minuten war sie wieder
auf den Füßen und hatte dann immer Heidi auf ihre
Stube berufen, sich mit ihm besprochen und es auf allerlei
Weise beschäftigt und unterhalten. Die Großmama hatte
hübsche kleine Puppen und zeigte dem Heidi, wie man ihnen
Kleider und Schürzchen macht, und ganz unvermerkt hatte
Heidi das Nähen erlernt und machte den kleinen Frauenzimmern die schönsten Röcke und Mäntelchen, denn die Großmama hatte immer Zeugstücke von den prächtigsten Farben.
Nun Heidi lesen konnte, durfte es auch immer wieder der
Großmama seine Geschichten vorlesen, das machte ihm die
größte Freude, denn je mehr es seine Geschichten las, desto
lieber wurden sie ihm, denn Heidi lebte Alles ganz mit
durch, was die Leute alle zu erleben hatten, und so hatte
es zu ihnen allen ein sehr nahes Verhältniß und freute sich
immer wieder, bei ihnen zu sein. Aber so recht froh sah
Heidi nie aus und seine lustigen Augen waren nie mehr
zu sehen.

Es war die letzte Woche, welche die Großmama in
Frankfurt zubringen wollte. Sie hatte eben nach Heidi gerufen, daß es auf ihre Stube komme; es war die Zeit,
da Klara schlief. Als Heidi eintrat mit seinem großen
Buch unter dem Arm, winkte ihm die Großmama, daß es
ganz nahe zu ihr herankomme, legte das Buch weg und
sagte: „Nun komm', Kind, und sag' mir, warum bist du
nicht fröhlich? Hast du immer noch denselben Kummer im
Herzen?“

„Ja“, nickte Heidi.

„Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?“

„Ja.“

„Und betest du nun alle Tage, daß Alles gut werde
und er dich froh mache?“

„O nein, ich bete jetzt gar nie mehr.“

„Was sagst du mir, Heidi? Was muß ich hören!
Warum betest du denn nicht mehr?“

„Es nützt Nichts, der liebe Gott hat nicht zugehört,
und ich glaube es auch wohl“, fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, „wenn nun am Abend so viele, viele Leute
in Frankfurt alle miteinander beten, so kann der liebe Gott
ja nicht auf alle Acht geben, und mich hat er gewiß gar
nie gehört.“

„So, wie weißt du denn das so sicher, Heidi?“

„Ich habe alle Tage das Gleiche gebetet, manche Woche
lang und der liebe Gott hat es nie gethan.“

„Ja, so geht's nicht zu, Heidi! das mußt du nicht
meinen! Siehst du, der liebe Gott ist für uns Alle ein
guter Vater, der immer weiß, was gut für uns ist, wenn
wir es gar nicht wissen. Wenn wir nun aber Etwas von
ihm haben wollen, das nicht gut für uns ist, so gibt er
uns das nicht, sondern etwas viel Besseres, wenn wir fortfahren, so recht herzlich zu ihm zu beten, aber nicht gleich
weglaufen und alles Vertrauen zu ihm verlieren. Siehst
du, was du nun von ihm erbitten wolltest, das war in
diesem Augenblick nicht gut für dich; der liebe Gott hat
dich schon gehört, er kann alle Menschen auf einmal anhören und übersehn, siehst du, dafür ist er der liebe Gott
und nicht ein Mensch, wie du und ich. Und weil er nun
wohl wußte, was für dich gut ist, dachte er bei sich: ‚Ja,
das Heidi soll schon einmal haben, wofür es bittet, aber
erst dann, wenn es ihm gut ist, und so wie es darüber
recht froh werden kann. Denn wenn ich jetzt thue, was es
will, und es merkt nachher, daß es doch besser gewesen wäre,
ich hätte ihm seinen Willen nicht gethan, dann weint es
nachher und sagt: Hätte mir doch der liebe Gott nur nicht
gegeben, wofür ich bat, es ist gar nicht so gut, wie ich gemeint habe.‘ Und während nun der liebe Gott auf dich
niedersah, ob du ihm auch recht vertrauest und täglich zu
ihm kommest und betest und immer zu ihm aufsehest, wenn
dir Etwas fehlt, da bist du weggelaufen ohne alles Vertrauen, hast nie mehr gebetet und hast den lieben Gott ganz
vergessen. Aber siehst du, wenn Einer es so macht und der
liebe Gott hört seine Stimme gar nie mehr unter den
Betenden, so vergißt er ihn auch und läßt ihn gehn, wohin
er will. Wenn es ihm aber dabei schlecht geht und er
jammert: ‚Mir hilft aber auch gar Niemand!‘ dann hat
Keiner Mitleiden mit ihm, sondern Jeder sagt zu ihm: ‚Du
bist ja selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen
konnte!‘ Willst du's so haben, Heidi, oder willst du gleich
wieder zum lieben Gott gehn und ihn um Verzeihung bitten,
daß du so von ihm weggelaufen bist, und dann alle Tage
zu ihm beten und ihm vertrauen, daß er Alles gut für dich
machen werde, so daß du auch wieder ein frohes Herz bekommen kannst?“

Heidi hatte sehr aufmerksam zugehört; jedes Wort der
Großmama fiel in sein Herz, denn zu ihr hatte das Kind
ein unbedingtes Vertrauen.

„Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben
Gott um Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen“, sagte Heidi reumüthig.

„So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur
rechten Zeit, sei nur getrost!“ ermunterte die Großmama,
und Heidi lief sofort in sein Zimmer hinüber und betete
ernstlich und reuig zum lieben Gott und bat ihn, daß er
es doch nicht vergessen und auch wieder zu ihm niederschauen möge. —

Der Tag der Abreise war gekommen, es war für Klara
und Heidi ein trauriger Tag; aber die Großmama wußte
es so einzurichten, daß sie gar nicht zum Bewußtsein kamen,
daß es eigentlich ein trauriger Tag sei, sondern es war
eher wie ein Festtag, bis die gute Großmama im Wagen
davonfuhr. Da trat eine Leere und Stille im Hause ein,
als wäre Alles vorüber, und so lange noch der Tag währte,
saßen Klara und Heidi wie verloren da und wußten gar
nicht, wie es nun weiter kommen sollte.

Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei
und die Zeit da war, da die Kinder gewöhnlich zusammensaßen, trat Heidi mit seinem Buch unter dem Arm herein
und sagte: „Ich will dir nun immer, immer vorlesen,
willst du, Klara?“

Der Klara war der Vorschlag recht für einmal, und
Heidi machte sich mit Eifer an seine Thätigkeit. Aber
es ging nicht lange, so hörte schon wieder Alles auf,
denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu lesen begonnen,
die von einer sterbenden Großmutter handelte, als es auf
einmal laut aufschrie: „O nun ist die Großmutter todt!“
und in ein jammervolles Weinen ausbrach, denn Alles,
was es las, war dem Heidi volle Gegenwart und es glaubte
nicht anders, als nun sei die Großmutter auf der Alm
gestorben und es klagte in immer lauterem Weinen: „Nun
ist die Großmutter todt und ich kann nie mehr zu ihr
gehen und sie hat nicht ein einziges Brödchen mehr bekommen!“

Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklären, daß es
ja nicht die Großmutter auf der Alm sei, sondern eine ganz
andere, von der diese Geschichte handle; aber auch, als sie
endlich dazu gekommen war, dem aufgeregten Heidi diese
Verwechslung klar zu machen, konnte es sich doch nicht beruhigen und weinte immer noch untröstlich weiter, denn der
Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht, die Großmutter
könne ja sterben, während es so weit weg sei, und der Großvater auch noch, und wenn es dann nach langer Zeit wieder heimkomme, so sei Alles still und todt auf der Alm
und es stehe ganz allein da und könne niemals mehr die
sehen, die ihm lieb waren.

Währenddessen war Fräulein Rottenmeier in's Zimmer
getreten und hatte noch Klara's Bemühungen, Heidi über
seinen Irrthum aufzuklären, mitangehört. Als das Kind
aber immer noch nicht aufhören konnte zu schluchzen, trat
sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den Kindern
heran und sagte mit bestimmtem Ton: „Adelheid, nun ist
des grundlosen Geschrei's genug! Ich will dir Eines sagen:
Wenn du noch ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen Ausbrüchen den Lauf lässest, so nehme ich
das Buch aus deinen Händen und für immer!“

Das machte Eindruck. Heidi wurde ganz weiß vor
Schrecken, das Buch war sein höchster Schatz. Es trocknete
in größter Eile seine Thränen und schluckte und würgte sein
Schluchzen mit Gewalt hinunter, so daß kein Tönchen mehr
laut wurde. Das Mittel hatte geholfen, Heidi weinte nie
mehr, was es auch lesen mochte; aber manchmal hatte es
solche Anstrengungen zu machen, um sich zu überwinden und
nicht aufzuschreien, daß Klara öfter ganz erstaunt sagte:
„Heidi, du machst so schreckliche Grimassen, wie ich noch
nie gesehen habe.“ Aber die Grimassen machten keinen Lärm
und fielen der Dame Rottenmeier nicht auf, und wenn
Heidi seinen Anfall von verzweiflungsvoller Traurigkeit
niedergerungen hatte, kam Alles wieder in's Geleise für
einige Zeit und war tonlos vorübergegangen. Aber seinen
Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und bleich
aus, daß der Sebastian fast nicht ertragen konnte, das so
mit anzusehen und Zeuge sein zu müssen, wie Heidi bei
Tisch die schönsten Gerichte an sich vorübergehen ließ und
Nichts essen wollte. Er flüsterte ihm auch öfter ermunternd
zu, wenn er ihm eine Schüssel hinhielt: „Nehmen von
dem, Mamsellchen, 's ist vortrefflich. Nicht so! Einen
rechten Löffel voll, noch einen!“ und dergleichen väterlicher
Räthe mehr; aber es half Nichts; Heidi aß fast gar nicht
mehr, und wenn es sich am Abend auf sein Kissen legte,
so hatte es augenblicklich Alles vor Augen, was daheim
war, und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in
sein Kissen hinein, so daß es gar Niemand hören konnte.

So ging eine lange Zeit dahin. Heidi wußte gar nie,
ob es Sommer oder Winter sei, denn die Mauern und
Fenster, die es aus allen Fenstern des Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und hinaus kam es nur,
wenn es Klara besonders gut ging und eine Ausfahrt im
Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die aber immer
sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu
fahren. So kam man kaum aus den Mauern und Steinstraßen heraus, sondern kehrte gewöhnlich vorher wieder um
und fuhr immerfort durch große, schöne Straßen, wo Häuser
und Menschen in Fülle zu sehen waren, aber nicht Gras
und Blumen, keine Tannen und keine Berge, und Heidi's
Verlangen nach dem Anblick der schönen, gewohnten Dinge
steigerte sich mit jedem Tage mehr, so daß es jetzt nur den
Namen eines dieser Erinnerung-weckenden Worte zu lesen
brauchte, so war schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe,
und Heidi hatte mit aller Gewalt dagegen zu ringen. So
waren Herbst und Winter vergangen, und schon blendete
die Sonne wieder so stark auf die weißen Mauern am
Hause gegenüber, daß Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe,
da der Peter wieder zur Alm führe mit den Gaißen, da die
goldenen Cystusröschen glitzerten droben im Sonnenschein
und allabendlich ringsum alle Berge im Feuer ständen.
Heidi setzte sich in seinem einsamen Zimmer in einen Winkel
und hielt sich mit beiden Händen die Augen zu, daß es den
Sonnenschein drüben an der Mauer nicht sehe; und so saß
es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos niederkämpfend, bis Klara wieder nach ihm rief.

Capitel XII.
Im Hause Sesemann spukt's.

Seit einigen Tagen wanderte Fräulein Rottenmeier
meistens schweigend und in sich gekehrt im Haus herum.
Wenn sie um die Zeit der Dämmerung von einem Zimmer
in's andere, oder über den langen Corridor ging, schaute
sie öfters um sich, gegen die Ecken hin und auch schnell
einmal hinter sich, so als denke sie, es könnte Jemand leise
hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock zupfen.
So allein ging sie aber nur noch in den bewohnten Räumen
herum. Hatte sie auf dem obern Boden, wo die feierlich
aufgerüsteten Gastzimmer lagen, oder gar in den untern
Räumen Etwas zu besorgen, wo der große geheimnißvolle
Saal war, in dem jeder Tritt einen weithin schallenden
Wiederhall gab und die alten Rathsherren mit den großen,
weißen Kragen so ernsthaft und unverwandt auf Einen
niederschauten, da rief sie nun regelmäßig die Tinette herbei
und sagte ihr, sie habe mitzukommen, im Fall Etwas von
dort herauf- oder von oben herunterzutragen wäre. Tinette
ihrerseits machte es pünktlich ebenso; hatte sie oben oder
unten irgend ein Geschäft abzuthun, so rief sie den Sebastian herbei und sagte ihm, er habe sie zu begleiten,
es möchte Etwas herbeizubringen sein, das sie nicht allein
tragen könnte. Wunderbarerweise that auch Sebastian akurat
dasselbe; wurde er in die abgelegenen Räume geschickt, so
holte er den Johann herauf und wies ihn an, ihn zu begleiten, im Fall er nicht herbeischaffen könnte, was erforderlich sei. Und Jedes folgte immer ganz willig dem Ruf,
obschon eigentlich nie Etwas herbeizutragen war, so daß
Jedes gut hätte allein gehen können, aber es war so, als
denke der Herbeigerufene immer bei sich, er könne den Andern auch bald für denselben Dienst nöthig haben. Während
sich Solches oben zutrug, stand unten die langjährige Köchin
tiefsinnig bei ihren Töpfen und schüttelte den Kopf und
seufzte: „Daß ich das noch erleben mußte!“

Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas
ganz Seltsames und Unheimliches vor. Jeden Morgen,
wenn die Dienerschaft herunter kam, stand die Hausthüre
weit offen; aber weit und breit war Niemand zu sehen, der
mit dieser Erscheinung im Zusammenhang stehen konnte.
In den ersten Tagen, da dies geschehen war, wurden gleich
mit Schrecken alle Zimmer und Räume des Hauses durchsucht, um zu sehen, was Alles gestohlen sei, denn man
dachte, ein Dieb habe sich im Hause verstecken können und
sei in der Nacht mit dem Gestohlenen entflohen; aber da
war gar Nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen Hause
nicht ein einziges Ding. Abends wurde nicht nur die Thüre
doppelt zugeriegelt, sondern es wurde noch der hölzerne
Balken vorgeschoben, — es half Nichts: am Morgen
stand die Thüre weit offen; und so früh nun auch die ganze
Dienerschaft in ihrer Aufregung am Morgen herunterkommen
mochte: die Thür stand offen, wenn auch ringsum Alles
noch im tiefen Schlaf lag und Fenster und Thüren an allen
andern Häusern noch fest verrammelt waren. Endlich faßten
sich der Johann und der Sebastian ein Herz und machten
sich auf die dringenden Zureden der Dame Rottenmeier
bereit, die Nacht unten in dem Zimmer, das an den großen
Saal stieß, zuzubringen und zu erwarten, was geschehe.
Fräulein Rottenmeier suchte mehrere Waffen des Herrn
Sesemann hervor und übergab dem Sebastian eine große
Liqueurflasche, damit Stärkung vorausgehen und gute Wehr
nachfolgen könne, wo sie nöthig sei.

Die Beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin
und fingen gleich an, sich Stärkung zuzutrinken, was sie
erst sehr gesprächig und dann ziemlich schläfrig machte,
worauf sie Beide sich an die Sesselrücken lehnten und verstummten. Als die alte Thurmuhr drüben zwölfe schlug,
ermannte sich Sebastian und rief seinen Kameraden an;
der war aber nicht leicht zu erwecken: so oft ihn Sebastian
anrief, legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne
auf die andere und schlief weiter. Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war nun wieder ganz munter geworden.
Es war Alles mäuschenstill, auch von der Straße war kein
Laut mehr zu hören. Sebastian entschlief nicht wieder, denn
jetzt wurde es ihm sehr unheimlich in der großen Stille
und er rief den Johann nur noch mit gedämpfter Stimme
an und rüttelte ihn von Zeit zu Zeit ein wenig. Endlich,
als es drüben schon ein Uhr geschlagen hatte, war der
Johann wach geworden und wieder zum klaren Bewußtsein
gekommen, warum er auf dem Stuhl sitze und nicht in
seinem Bett liege. Jetzt fuhr er auf einmal sehr tapfer
empor und rief: „Nu, Sebastian, wir müssen doch einmal
hinaus und sehen, wie's steht; du wirst dich ja nicht fürchten,
nur mir nach!“

Johann machte die leicht angelehnte Zimmerthür weit
auf und trat hinaus. Im gleichen Augenblick blies von
der offenen Hausthüre ein scharfer Luftzug her und löschte
das Licht aus, das der Johann in der Hand hielt. Dieser
stürzte zurück, warf den hinter ihm stehenden Sebastian
beinah' rücklings in's Zimmer hinein, riß ihn dann mit,
schlug die Thüre zu und drehte in fieberhafter Eile den
Schlüssel um, so lang er nur umging. Dann riß er seine
Streichhölzer hervor und zündete sein Licht wieder an. Sebastian wußte gar nicht recht, was vorgefallen war, denn
hinter dem breiten Johann stehend, hatte er den Luftzug
nicht so deutlich empfunden. Wie er aber Jenen nun bei
Licht besah, that er einen Schreckensruf, denn der Johann
war kreideweiß und zitterte wie ein Espenlaub. „Was
ist's denn? Was war denn draußen?“ fragte der Sebastian theilnehmend.

„Sperrangelweit offen die Thür“, keuchte Johann,
„und auf der Treppe eine weiße Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf — husch und verschwunden.“

Dem Sebastian gruselte es den ganzen Rücken hinauf.
Jetzt setzten sich die Beiden ganz nah' zusammen und regten
sich nicht mehr, bis daß der helle Morgen da war und es
auf der Straße anfing, lebendig zu werden. Dann traten
sie zusammen hinaus, machten die weit offen stehende Hausthüre zu und stiegen dann hinauf, um Fräulein Rottenmeier Bericht zu erstatten über das Erlebte. Die Dame
war auch schon zu sprechen, denn die Erwartung der zu
vernehmenden Dinge hatte sie nicht mehr schlafen lassen.
Sobald sie nun vernommen hatte, was vorgefallen war,
setzte sie sich hin und schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch keinen erhalten hatte: er möge sich nur
sogleich, ohne Verzug, aufmachen und nach Hause zurückkehren, denn da geschähen unerhörte Dinge. Dann wurde
ihm das Vorgefallene mitgetheilt, so wie auch die Nachricht, daß fortgesetzt die Thüre jeden Morgen offen stehe;
daß also Keiner im Hause seines Lebens mehr sicher sei bei
dergestalt allnächtlich offen stehender Hauspforte und daß man
überhaupt nicht absehen könne, was für dunkle Folgen dieser
unheimliche Vorgang noch nach sich ziehen könne. Herr
Sesemann antwortete umgehend, es sei ihm unmöglich, so
plötzlich Alles liegen zu lassen und nach Hause zu kommen.
Die Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe
auch, sie sei vorübergehend; sollte es indessen keine Ruhe
geben, so möge Fräulein Rottenmeier an Frau Sesemann
schreiben und sie fragen, ob sie nicht nach Frankfurt zu
Hülfe kommen wollte, gewiß würde seine Mutter in kürzester
Zeit mit den Gespenstern fertig, und diese trauten sich
nachher sicher so bald nicht wieder, sein Haus zu beunruhigen.
Fräulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit dem Ton
dieses Briefes; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefaßt.
Sie schrieb unverzüglich an Frau Sesemann, aber von
dieser Seite her tönte es nicht eben befriedigender und die
Antwort enthielt einige ganz anzügliche Bemerkungen. Frau
Sesemann schrieb, sie gedenke nicht extra von Holstein nach
Frankfurt hinunterzureisen, weil die Rottenmeier Gespenster
sehe. Uebrigens sei niemals ein Gespenst gesehen worden
im Hause Sesemann, und wenn jetzt eines darin herumfahre, so könne es nur ein lebendiges sein, mit dem die
Rottenmeier sich sollte verständigen können; wo nicht, so
solle sie die Nachtwächter zu Hülfe rufen.

Aber Fräulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage
nicht mehr in Schrecken zuzubringen, und sie wußte sich zu
helfen. Bis dahin hatte sie den beiden Kindern Nichts von
der Geistererscheinung gesagt, denn sie befürchtete, die Kinder
würden vor Furcht Tag und Nacht keinen Augenblick mehr
allein bleiben wollen, und das konnte sehr unbequeme Folgen
für sie haben. Jetzt ging sie stracks in's Studierzimmer
hinüber, wo die Beiden zusammensaßen, und erzählte mit
gedämpfter Stimme von den nächtlichen Erscheinungen eines
Unbekannten. Sofort schrie Klara auf, sie bleibe keinen
Augenblick mehr allein, der Papa müsse nach Hause kommen
und Fräulein Rottenmeier müsse zum Schlafen in ihr
Zimmer hinüberziehen, und Heidi dürfe auch nicht mehr
allein sein, sonst könne das Gespenst einmal zu ihm kommen
und ihm Etwas thun, sie wollten Alle in einem Zimmer
schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, und
Tinette müsse nebenan schlafen und der Sebastian und
der Johann müssen auch herunterkommen und auf dem
Corridor schlafen, daß sie gleich schreien und das Gespenst
erschrecken können, wenn es etwa die Treppe heraufkommen
wollte. Klara war sehr aufgeregt und Fräulein Rottenmeier hatte nun die größte Mühe, sie etwas zu beschwichtigen. Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu schreiben
und auch ihr Bett in Klara's Zimmer stellen und sie nie
mehr allein lassen zu wollen. Alle konnten sie nicht in
demselben Raume schlafen, aber wenn Adelheid sich auch
fürchten sollte, so müßte Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen. Aber Heidi fürchtete sich mehr vor der Tinette,
als vor Gespenstern, von denen das Kind noch gar nie
Etwas gehört hatte, und es erklärte gleich, es fürchte das
Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem Zimmer
bleiben. Hierauf eilte Fräulein Rottenmeier an ihren Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen Vorgänge im Hause, die allnächtlich sich wiederholten, hätten die
zarte Constitution seiner Tochter dergestalt erschüttert, daß
die schlimmsten Folgen zu besorgen seien, man habe Beispiele von plötzlich eintretenden epileptischen Zufällen, oder
Beitstanz in solchen Verhältnissen, und seine Tochter sei Allem
ausgesetzt, wenn dieser Zustand des Schreckens im Hause
nicht gehoben werde.

Das half. Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann
an seiner Thür und schellte dergestalt an seiner Hausglocke,
daß Alles zusammenlief und Einer den Andern anstarrte,
denn man glaubte nicht anders, als nun lasse der Geist
frecher Weise noch vor Nacht seine boshaften Stücke aus.
Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halbgeöffneten
Laden von oben herunter, in dem Augenblick schellte es noch
einmal so nachdrücklich, daß Jeder unwillkürlich eine Menschenhand hinter dem tüchtigen Ruck vermuthete. Sebastian
hatte die Hand erkannt, stürzte durch's Zimmer, kopfüber die
Treppe hinunter, kam aber unten wieder auf die Füße und
riß die Hausthür auf. Herr Sesemann grüßte kurz und
stieg ohne Weiteres nach dem Zimmer seiner Tochter hinauf.
Klara empfing den Papa mit einem lauten Freudenruf und
als er sie so munter und völlig unverändert sah, glättete
sich seine Stirn, die er vorher sehr zusammengezogen hatte,
und immer mehr, als er nun von ihr selbst hörte, sie sei
so wohl wie immer und sie sei so froh, daß er gekommen
sei, daß es ihr jetzt ganz recht sei, daß ein Geist im Haus
herumfahre, weil er doch daran schuld sei, daß der Papa
heimkommen mußte.

„Und wie führt sich das Gespenst weiter auf, Fräulein
Rottenmeier?“ fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen
Ausdruck in den Mundwinkeln.

„Nein, Herr Sesemann“, entgegnete die Dame ernst,
„es ist kein Scherz; ich zweifle nicht daran, daß morgen
Herr Sesemann nicht mehr lachen wird, denn was in dem
Hause vorgeht, deutet auf Fürchterliches, das hier in vergangener Zeit muß vorgegangen und verheimlicht worden
sein.“

„So, davon weiß ich nichts“, bemerkte Herr Sesemann, „muß aber bitten, meine völlig ehrenvollen Ahnen
nicht verdächtigen zu wollen. Und nun rufen Sie mir den
Sebastian in's Eßzimmer, ich will allein mit ihm reden.“

Herr Sesemann ging hinüber und Sebastian erschien.
Es war Herrn Sesemann nicht entgangen, daß Sebastian
und Fräulein Rottenmeier sich nicht eben mit Zuneigung
betrachteten; so hatte er seine Gedanken.

„Komm' Er her, Bursche“, winkte er dem Eintretenden
entgegen, „und sag' Er mir nun ganz ehrlich: hat Er nicht
etwa selbst ein wenig Gespenst gespielt, so um Fräulein
Rottenmeier etwas Kurzweil zu machen, nu?“

„Nein, meiner Treu, das muß der gnädige Herr nicht
glauben, es ist mir selbst nicht ganz gemüthlich bei der
Sache“, entgegnete Sebastian mit unverkennbarer Ehrlichkeit.

„Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und
dem tapfern Johann zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen. Schäm' Er sich, Sebastian, ein junger, kräftiger
Bursch, wie Er ist, vor Gespenstern davonzulaufen! Nun
geh' Er unverzüglich zu meinem alten Freund, Doktor
Classen: meine Empfehlung und er möchte unfehlbar heut'
Abend neun Uhr bei mir erscheinen, ich sei extra von Paris
hergereist, um ihn zu consultiren. Er müsse die Nacht bei
mir wachen, so schlimm sei's; er solle sich richten! Verstanden, Sebastian?“

„Ja wohl, ja wohl! der gnädige Herr kann sicher
sein, daß ich's gut mache.“ Damit entfernte sich Sebastian,
und Herr Sesemann kehrte zu seinem Töchterchen zurück,
um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung zu benehmen, die
er noch heute in's nöthige Licht stellen wollte.

Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen
und auch Fräulein Rottenmeier sich zurückgezogen hatte, erschien der Doktor, der unter seinen grauen Haaren noch
ein recht frisches Gesicht und zwei lebhaft und freundlich
blickende Augen zeigte. Er sah etwas ängstlich aus, brach
aber gleich nach seiner Begrüßung in ein helles Lachen aus
und sagte, seinem Freunde auf die Schulter klopfend: „Nu,
nu, für Einen, bei dem man wachen soll, siehst du noch
leidlich aus, Alter.“

„Nur Geduld, Alter“, gab Herr Sesemann zurück;
„derjenige, für den du wachen mußt, wird schon schlimmer
aussehen, wenn wir ihn erst abgefangen haben.“

„Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der
eingefangen werden muß?“

„Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer. Ein Gespenst im Hause, bei mir spukt's!“

Der Doktor lachte laut auf.

„Schöne Theilnahme, das, Doktor!“ fuhr Herr Sesemann fort; „schade, daß meine Freundin Rottenmeier sie nicht
genießen kann. Sie ist fest überzeugt, daß ein alter Sesemann hier herumrumort und Schauerthaten abbüßt.“

„Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?“ fragte
der Doktor immer noch sehr erheitert.

Herr Sesemann erzählte nun seinem Freunde den ganzen
Vorgang und wie noch jetzt allnächtlich die Hausthür geöffnet werde, nach der Angabe der sämmtlichen Hausbewohner,
und fügte hinzu, um für alle Fälle vorbereitet zu sein, habe
er zwei gutgeladene Revolver in das Wachtlokal legen lassen;
denn entweder die Sache sei ein sehr unerwünschter Scherz,
den sich vielleicht irgend ein Bekannter der Dienerschaft
mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des Hausherrn zu erschrecken — dann könnte ein kleiner Schrecken,
wie ein guter Schuß in's Leere, ihm nicht unheilsam sein —;
oder auch es handle sich um Diebe, die auf diese Weise
erst den Gedanken an Gespenster aufkommen lassen wollten,
um nachher um so sicherer zu sein, daß Niemand sich herauswagte, — in diesem Falle könnte eine gute Waffe auch nicht
schaden.

Während dieser Erklärungen waren die Herren die Treppe
hinuntergestiegen und traten in dasselbe Zimmer ein, wo
Johann und Sebastian auch gewacht hatten. Auf dem Tische
standen einige Flaschen schönen Weines, denn eine kleine Stärkung von Zeit zu Zeit konnte nicht unerwünscht sein, wenn
die Nacht da zugebracht werden mußte. Daneben lagen die
beiden Revolver, und zwei, ein helles Licht verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn so im Halbdunkel wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht
erwarten.

Nun wurde die Thür an's Schloß gelehnt, denn zu
viel Licht durfte nicht in den Corridor hinausfließen, es
konnte das Gespenst verscheuchen. Jetzt setzten sich die Herren
gemüthlich in ihre Lehnstühle und fingen an, sich Allerlei
zu erzählen, nahmen auch hie und da dazwischen einen
guten Schluck, und so schlug es zwölf Uhr, eh' sie sich's
versahen.

„Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl
heut' gar nicht“, sagte der Doktor jetzt.

„Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen“, entgegnete der Freund.

Das Gespräch wurde wieder aufgenommen. Es schlug
ein Uhr. Ringsum war es völlig still, auch auf den Straßen
war aller Lärm verklungen. Auf einmal hob der Doktor
den Finger empor.

„Bst, Sesemann, hörst du Nichts?“

Sie lauschten Beide. Leise, aber ganz deutlich hörten
sie, wie der Balken zurückgeschoben, dann der Schlüssel zwei
Mal im Schloß umgedreht, jetzt die Thür geöffnet wurde.
Herr Sesemann fuhr mit der Hand nach seinem Revolver.

„Du fürchtest dich doch nicht?“ sagte der Doktor und
stand auf.

„Behutsam ist besser“, flüsterte Herr Sesemann, erfaßte mit der Linken den Armleuchter mit drei Kerzen, mit
der Rechten den Revolver und folgte dem Doktor, der,
gleichermaßen mit Leuchter und Schießgewehr bewaffnet,
voranging. Sie traten auf den Corridor hinaus.

Durch die weitgeöffnete Thür floß ein bleicher Mondschein herein und beleuchtete eine weiße Gestalt, die regungslos auf der Schwelle stand.

„Wer da?“ donnerte jetzt der Doktor heraus, daß es
durch den ganzen Corridor hallte und beide Herren traten
nun mit Lichtern und Waffen auf die Gestalt heran. Sie
kehrte sich um und that einen leisen Schrei. Mit bloßen
Füßen im weißen Nachtkleidchen stand Heidi da, schaute mit
verwirrten Blicken in die hellen Flammen und auf die
Waffen und zitterte und bebte wie ein Blättlein im Winde
von oben bis unten. Die Herren schauten einander in
großem Erstaunen an.

„Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine
Wasserträgerin“, sagte der Doktor.

„Kind, was soll das heißen?“ fragte nun Herr Sesemann. „Was wolltest du thun? Warum bist du hier
heruntergekommen?“

Schneeweiß vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte
fast tonlos: „Ich weiß nicht.“

Jetzt trat der Doktor vor: „Sesemann, der Fall gehört in mein Gebiet, geh', setz' dich für einmal in deinen
Lehnstuhl drinnen, ich will vor Allem das Kind hinbringen,
wo es hin gehört.“

Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm
das zitternde Kind ganz väterlich bei der Hand und ging
mit ihm der Treppe zu.

„Nicht fürchten, nicht fürchten“, sagte er freundlich im
Hinaufsteigen, „nur ganz ruhig sein, da ist gar nichts
Schlimmes dabei, nur getrost sein.“

In Heidi's Zimmer eingetreten, stellte der Doktor
seinen Leuchter auf den Tisch, nahm Heidi auf den Arm,
legte es in sein Bett hinein und deckte es sorgfältig
zu. Dann setzte er sich auf den Sessel am Bett und
wartete, bis Heidi ein wenig beruhigt war und nicht
mehr an allen Gliedern bebte. Dann nahm er das Kind
bei der Hand und sagte begütigend: „So, nun ist Alles
in Ordnung, nun sag' mir auch noch, wo wolltest du denn
hin?“

„Ich wollte gewiß nirgends hin“, versicherte Heidi, „ich
bin auch gar nicht selbst hinuntergegangen, ich war nur auf
einmal da.“

„So, so, und hast du etwa geträumt in der Nacht,
weißt du, so, daß du deutlich Etwas sahst und hörtest?“

„Ja, jede Nacht träumt es mir und immer gleich.
Dann mein' ich, ich sei beim Großvater und draußen hör'
ich's in den Tannen sausen und denke, jetzt glitzern so schön
die Sterne am Himmel und ich laufe geschwind und mache
die Thür auf an der Hütte und da ist's so schön! Aber
wenn ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt.“ Heidi
fing schon an zu kämpfen und zu schlucken an dem Gewicht,
das den Hals hinaufstieg.

„Hm, und thut dir denn auch Nichts weh, nirgends?
Nicht im Kopf oder im Rücken?“

„O nein, nur hier drückt es so wie ein großer Stein
immerfort.“

„So, etwa so, wie wenn man Etwas gegessen hat und
wollte es nachher lieber wieder zurückgeben?“

„Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark
weinen sollte.“

„So, so, und weinst du denn so recht heraus?“

„O nein, das darf man nicht, Fräulein Rottenmeier
hat es verboten.“

„Dann schluckst du's herunter zum Andern, nicht wahr,
so? Richtig! Na, du bist doch recht gern in Frankfurt,
nicht?“

„O ja“, war die leise Antwort; sie klang aber so, als
bedeute sie eher das Gegentheil.

„Hm, und wo hast du mit deinem Großvater gelebt?“

„Immer auf der Alm.“

„So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher
ein wenig langweilig, nicht?“

„O nein, da ist's so schön! so schön!“ Heidi konnte
nicht weiter; die Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das lang verhaltene Weinen überwältigten die Kräfte
des Kindes; gewaltsam stürzten ihm die Thränen aus den
Augen und es brach in ein lautes, heftiges Schluchzen aus.

Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidi's Kopf
auf das Kissen nieder und sagte: „So, noch ein klein wenig
weinen, das kann Nichts schaden, und dann schlafen, ganz
fröhlich einschlafen, morgen wird Alles gut.“ Dann verließ
er das Zimmer.

Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, ließ er sich
dem harrenden Freunde gegenüber in den Lehnstuhl nieder
und erklärte dem mit gespannter Erwartung Lauschenden:
„Sesemann, dein kleiner Schützling ist erstens mondsüchtig,
völlig unbewußt hat er dir allnächtlich als Gespenst die
Hausthür aufgemacht und deiner ganzen Mannschaft die
Fieber des Schreckens in's Gebein gejagt. Zweitens wird
das Kind vom Heimweh verzehrt, so daß es schon jetzt fast
zum Geripplein abgemagert ist und es noch völlig werden
würde; also schnelle Hülfe. Für das erste Uebel und die
in hohem Grade stattfindende Nervenaufregung gibt es nur
Ein Heilmittel, nämlich, daß du sofort das Kind in die
heimatliche Bergluft zurückversetzest; für das zweite gibt's
ebenfalls nur Eine Medizin, nämlich ganz dieselbe, demnach
reist das Kind morgen ab, das ist mein Rezept.“

Herr Sesemann war aufgestanden. In größter Aufregung lief er das Zimmer auf und ab; jetzt brach er aus:
„Mondsüchtig! Krank! Heimweh! Abgemagert in meinem
Hause! das Alles in meinem Hause! und Niemand sieht zu
und weiß Etwas davon! Und du, Doktor, du meinst, das
Kind, das frisch und gesund in mein Haus gekommen ist,
schicke ich elend und abgemagert seinem Großvater zurück?
Nein, Doktor, das kannst du nicht verlangen, das thu' ich
nicht, das werde ich nie thun. Jetzt nimm das Kind in die
Hand, mach' Kuren mit ihm, mach' was du willst, aber
mach' es mir heil und gesund, dann will ich es heimschicken,
wenn es will, aber erst hilf du!“

„Sesemann“, entgegnete der Doktor ernsthaft, „bedenke, was du thust! Dieser Zustand ist keine Krankheit,
die man mit Pulvern und Pillen heilt. Das Kind hat
keine zähe Natur, indessen, wenn du es jetzt gleich wieder
in die kräftige Bergluft hinaufschickst, an die es gewöhnt
ist, so kann es wieder völlig gesunden; wenn nicht — du
willst nicht, daß das Kind dem Großvater unheilbar, oder
gar nicht mehr zurückkomme?“

Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: „Ja,
wenn du so redest, Doktor, dann ist nur Ein Weg, dann
muß sofort gehandelt werden.“ Mit diesen Worten nahm
Herr Sesemann den Arm seines Freundes und wanderte
mit ihm hin und her, um die Sache noch weiter zu besprechen. Dann brach der Doktor auf, um nach Haus zu
gehen, denn es war unterdessen viel Zeit vergangen, und
durch die Hausthür, die diesmal vom Herrn des Hauses
aufgeschlossen wurde, drang schon der helle Morgenschimmer
herein.

Capitel XIII.
Am Sommerabend die Alm hinan.

Herr Sesemann stieg in großer Erregtheit die Treppe
hinauf und wanderte mit festem Schritt zum Schlafgemach
der Dame Rottenmeier. Hier klopfte er so ungewöhnlich
kräftig an die Thür, daß die Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus dem Schlaf auffuhr. Sie hörte die Stimme des
Hausherrn draußen. „Bitte sich zu beeilen und im Eßzimmer zu erscheinen, es muß sofort eine Abreise vorbereitet werden.“

Fräulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war
halb fünf des Morgens; zu solcher Stunde war sie in
ihrem Leben noch nie aufgestanden. Was konnte nur vorgefallen sein? Vor Neugierde und angstvoller Erwartung
nahm sie Alles verkehrt in die Hand und kam durchaus nicht
vorwärts, denn was sie einmal auf den Leib gebracht hatte,
suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum.

Unterdessen ging Herr Sesemann den Corridor entlang
und zog mit aller Kraft an jedem Glockenzug, der je für
die verschiedenen Glieder der Dienerschaft angebracht war,
so daß in jedem der betreffenden Zimmer eine Schreckensgestalt aus dem Bett sprang und verkehrt in die Kleider
fuhr, denn Einer wie der Andere dachte sogleich, das Gespenst habe irgendwie den Hausherrn gepackt und dieß sei
sein Hülferuf. So kamen sie nach und nach, Einer schauerlicher aussehend, als der Andere, herunter und stellten sich
mit Erstaunen vor den Hausherrn hin, denn dieser ging
frisch und munter im Eßzimmer auf und ab und sah keineswegs aus, als habe ihn ein Gespenst erschreckt. Johann
wurde sofort hingeschickt, Pferde und Wagen in Ordnung
zu bringen und sie nachher vorzuführen. Tinette erhielt
den Auftrag, sogleich Heidi aufzuwecken und es in den Stand
zu stellen, eine Reise anzutreten. Sebastian erhielt den
Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidi's Base im
Dienst stand, und diese herbeizuholen. Fräulein Rottenmeier
war unterdessen zurechtgekommen mit ihrem Anzug und
Alles saß, wie es mußte, nur die Haube saß verkehrt auf
dem Kopf, so daß es von Weitem aussah, als sitze ihr das
Gesicht auf dem Rücken. Herr Sesemann schrieb den räthselhaften Anblick dem frühen Schlafbrechen zu und ging unverweilt an die Geschäftsverhandlungen. Er erklärte der
Dame, sie habe ohne Zögern einen Koffer zur Stelle zu
schaffen, die sämmtliche Habe des Schweizerkindes hineinzupacken — so nannte Herr Sesemann gewöhnlich das Heidi,
dessen Name ihm etwas ungewohnt war —, dazu noch einen
guten Theil von Klara's Zeug, damit das Kind was Rechtes
mitbringe; es müsse aber alles schnell und ohne langes Besinnen vor sich gehen.

Fräulein Rottenmeier blieb vor Ueberraschung wie in
den Boden eingewurzelt stehen und starrte Herrn Sesemann
an. Sie hatte erwartet, er wolle ihr im Vertrauen die
Mittheilung einer schauerlichen Geistergeschichte machen, die
er in der Nacht erlebt und die sie eben jetzt bei dem hellen
Morgenlicht nicht ungern gehört hätte; statt dessen diese
völlig prosaischen und dazu noch sehr unbequemen Aufträge.
So schnell konnte sie das Unerwartete nicht bewältigen.
Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete ein
Weiteres.

Aber Herr Sesemann hatte keine Erklärungen im Sinn;
er ließ die Dame stehen, wo sie stand, und ging nach dem
Zimmer seiner Tochter. Wie er vermuthet hatte, war diese
durch die ungewöhnliche Bewegung im Hause wach geworden
und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl vorgehe.
Der Vater setzte sich nun an ihr Bett und erzählte ihr
den ganzen Verlauf der Geistererscheinung und daß Heidi
nach des Doktors Ausspruch sehr angegriffen sei und wohl
nach und nach seine nächtlichen Wanderungen ausdehnen,
vielleicht gar das Dach besteigen würde, was dann mit den
höchsten Gefahren verbunden wäre. Er habe also beschlossen,
das Kind sofort heimzuschicken, denn solche Verantwortung
könne er nicht auf sich nehmen, und Klara müsse sich darein
finden, sie sehe ja ein, daß es nicht anders sein könne.

Klara war sehr schmerzlich überrascht von der Mittheilung und wollte erst allerlei Auswege finden, aber es half
Nichts, der Vater blieb fest bei seinem Entschluß, versprach
aber, im nächsten Jahre mit Klara nach der Schweiz zu
reisen, wenn sie nun recht vernünftig sei und keinen Jammer
erhebe. So ergab sich Klara in das Unvermeidliche, begehrte aber zum Ersatz, daß der Koffer für Heidi in ihr
Zimmer gebracht und da verpackt werde, damit sie hineinstecken könne, was ihr Freude mache, was der Papa sehr
gern bewilligte, ja er ermunterte Klara noch, dem Kinde
eine schöne Aussteuer zurechtzumachen. Unterdessen war die
Base Dete angelangt und stand in großer Erwartung im
Vorzimmer, denn daß sie um diese ungewöhnliche Zeit einberufen worden war, mußte etwas Außerordentliches bedeuten. Herr Sesemann trat zu ihr heraus und erklärte
ihr, wie es mit Heidi stehe, und daß er wünsche, sie möchte
das Kind sofort, gleich heute noch, nach Hause bringen.
Die Base sah sehr enttäuscht aus, diese Nachricht hatte sie
nicht erwartet. Sie erinnerte sich auch noch recht wohl
der Worte, die ihr der Oehi mit auf den Weg gegeben
hatte, daß sie ihm nie mehr vor die Augen kommen solle,
und so das Kind dem Alten einmal bringen und dann
nehmen und dann wiederbringen, das schien ihr nicht ganz
gerathen zu sein. Sie besann sich also nicht lange, sondern
sagte mit großer Beredtsamkeit, heute wäre es ihr leider
völlig unmöglich, die Reise anzutreten, und morgen könnte
sie noch weniger daran denken, und die Tage darauf wäre
es am allerunmöglichsten, um der darauffallenden Geschäfte
willen, und nachher könnte sie dann gar nicht mehr. Herr
Sesemann verstand die Sprache und entließ die Base ohne
Weiteres. Nun ließ er den Sebastian vortreten und erklärte ihm, er habe sich unverzüglich zur Reise zu rüsten;
heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu fahren,
morgen bringe er es heim. Dann könne er sogleich wieder
umkehren, zu berichten habe er Nichts, ein Brief an den
Großvater werde diesem Alles erklären.

„Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian“, schloß
Herr Sesemann, „und daß Er mir das pünktlich besorgt!
Den Gasthof in Basel, den ich Ihm hier auf meine Karte
geschrieben, kenne ich. Er weist meine Karte vor, dann
wird Ihm ein gutes Zimmer angewiesen werden für das
Kind; für sich selbst wird Er schon sorgen. Dann geht Er
erst in des Kindes Zimmer hinein und verrammelt alle
Fenster so vollständig, daß nur große Gewalt sie aufzubringen vermöchte. Ist das Kind zu Bett, so geht Er
und schließt von außen die Thür ab, denn das Kind wandert herum in der Nacht und könnte Gefahr laufen in dem
fremden Haus, wenn es etwa hinausginge und die Hausthür
aufmachen wollte, versteht Er das?“

„Ah! ah! ah! das war's? so war's?“ stieß Sebastian jetzt in größter Verwunderung aus, denn es war
ihm eben ein großes Licht aufgegangen über die Geistererscheinung.

„Ja, so war's! das war's! und Er ist ein Hasenfuß,
und dem Johann kann Er sagen, er sei desgleichen und Alle
miteinander eine lächerliche Mannschaft.“ Damit ging Herr
Sesemann nach seiner Stube, setzte sich hin und schrieb einen
Brief an den Alm-Oehi.

Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und wiederholte jetzt zu öftern Malen in seinem
Innern: „Hätt' ich mich doch von dem Feigling von einem
Johann nicht in die Wachtstube hineinreißen lassen, sondern
wäre dem weißen Figürchen nachgegangen, was ich doch jetzt
unzweifelhaft thun würde!“ denn jetzt beleuchtete die helle
Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit voller
Klarheit.

Unterdessen stand Heidi völlig ahnungslos in seinem
Sonntagsröckchen und wartete ab, was geschehen sollte, denn
die Tinette hatte es nur aus dem Schlaf gerüttelt, die
Kleider aus dem Schrank genommen und das Anziehen befördert, ohne ein Wort zu sagen. Sie sprach niemals mit
dem ungebildeten Heidi, denn das war ihr zu gering.

Herr Sesemann trat mit seinem Brief in's Eßzimmer
ein, wo das Frühstück bereit stand, und rief: „Wo ist das
Kind?“

Heidi wurde gerufen. Als es zu Herrn Sesemann
herantrat, um ihm guten Morgen zu sagen, schaute er ihm
fragend in's Gesicht: „Nun, was sagst du denn dazu,
Kleine?“

Heidi blickte verwundert zu ihm auf.

„Du weißt am Ende noch gar nichts“, lachte Herr
Sesemann. „Nun, heut' gehst du heim, jetzt gleich.“

„Heim?“ wiederholte Heidi tonlos, und wurde schneeweiß und eine kleine Weile konnte es gar keinen Athem
mehr holen, so stark wurde sein Herz von dem Eindruck
gepackt.

„Nun, willst du etwa Nichts wissen davon?“ fragte
Herr Sesemann lächelnd.

„O ja, ich will schon“, kam jetzt heraus, und nun war
Heidi dunkelroth geworden.

„Gut, gut“, sagte Herr Sesemann ermunternd, indem
er sich setzte und Heidi winkte, dasselbe zu thun. „Und
nun tüchtig frühstücken und hernach in den Wagen und
fort.“

Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie
es sich auch zwingen wollte aus Gehorsam; es war in einem
Zustand von Aufregung, daß es gar nicht wußte, ob es
wache oder träume, und ob es vielleicht wieder auf einmal
erwachen und im Nachthemdchen an der Hausthür stehen
werde.

„Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen“, rief Herr
Sesemann Fräulein Rottenmeier zu, die eben eintrat; „das
Kind kann nicht essen, begreiflicher Weise. Geh' hinüber zu
Klara, bis der Wagen vorfährt“, setzte er freundlich, zu
Heidi gewandt, hinzu.

Das war Heidi's Wunsch; es sprang hinüber. Mitten
in Klaras Zimmer war ein ungeheurer Koffer zu sehen,
noch stand dessen Deckel weit offen.

„Komm', Heidi, komm'“, rief ihm Klara entgegen,
„sieh', was ich dir habe einpacken lassen, komm', freut's
dich?“

Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen,
Kleider und Schürzen, Tücher und Nähgeräth, „und sieh'
hier, Heidi“, und Klara hob triumphirend einen Korb in
die Höhe. Heidi guckte hinein und sprang hoch auf vor
Freude, denn drinnen lagen wohl zwölf schöne, weiße, runde
Brödchen, alle für die Großmutter. Die Kinder vergaßen
in ihrem Jubel ganz, daß nun der Augenblick komme, da
sie sich trennen mußten, und als mit einem Mal der Ruf
erschallte: „Der Wagen ist bereit!“— da war keine Zeit
mehr zum Traurigwerden. Heidi lief in sein Zimmer, da
mußte noch sein schönes Buch von der Großmama liegen,
Niemand konnte es eingepackt haben, denn es lag unter dem
Kopfkissen, weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon
trennen konnte. Das wurde in den Korb auf die Brödchen gelegt. Dann machte es seinen Schrank auf; noch
suchte es nach einem Gute, das man vielleicht auch nicht
eingepackt hatte. Richtig — auch das alte rothe Tuch
lag noch da, Fräulein Rottenmeier hatte es zu gering erachtet, um noch eingepackt zu werden. Heidi wickelte es
um einen andern Gegenstand und legte es zu oberst auf
den Korb, so daß das rothe Packet sehr sichtbar zur Erscheinung kam. Dann setzte es sein schönes Hütchen auf
und verließ sein Zimmer.

Die beiden Kinder mußten sich schnell Lebewohl sagen,
denn Herr Sesemann stand schon da, um Heidi nach dem
Wagen zu bringen. Fräulein Rottenmeier stand oben an
der Treppe, um hier Heidi zu verabschieden. Als sie das
seltsame rothe Bündelchen erblickte, nahm sie es schnell aus
dem Korb heraus und warf es auf den Boden.

„Nein, Adelheid“, sagte sie tadelnd, „so kannst du
nicht reisen von diesem Hause aus, solches Zeug brauchst
du überhaupt nicht mitzuschleppen. Nun lebe wohl.“

Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bündelchen
nicht wieder aufnehmen, aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem Hausherrn auf, so, als wollte man ihm
seinen größten Schatz nehmen.

„Nein, nein“, sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem
Ton, „das Kind soll mit heimtragen, was ihm Freude
macht, und sollte es auch junge Katzen oder Schildkröten
mit fortschleppen, so wollen wir uns darüber nicht aufregen, Fräulein Rottenmeier.“

Heidi hob eilig sein Bündelchen wieder vom Boden
auf, und Dank und Freude leuchteten ihm aus den Augen.
Unten am Wagen reichte Herr Sesemann dem Kinde die
Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten, sie würden
seiner gedenken, er und seine Tochter Klara; er wünschte
ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte recht schön
für alle Gutthaten, die ihm zu Theil geworden waren, und
zum Schluß sagte es: „Und den Herrn Doktor lasse ich
tausendmal grüßen und ihm auch vielmals danken.“

Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern Abend
gesagt hatte: „Und morgen wird Alles gut.“ Nun war
es so gekommen, und Heidi dachte, er habe dazu geholfen.

Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der
Korb und die Provianttasche und der Sebastian kamen nach.
Herr Sesemann rief noch einmal freundlich: „Glückliche
Reise!“ und der Wagen rollte davon.

Bald nachher saß Heidi in der Eisenbahn und hielt
unbeweglich seinen Korb auf dem Schooße fest, denn es
wollte ihn nicht einen Augenblick aus den Händen lassen,
seine kostbaren Brödchen für die Großmutter waren ja
darin, die mußte es sorglich hüten und von Zeit zu Zeit
einmal wieder ansehen und sich freuen darüber. Heidi saß
mäuschenstille während mehrerer Stunden, denn erst jetzt
kam es recht zum Bewußtsein, daß es auf dem Wege sei
heim zum Großvater, auf die Alm, zur Großmutter, zum
Gaißen-Peter, und nun kam ihm Alles vor Augen, Eins
nach dem Andern, was es wiedersehen werde, und wie Alles
aussehen werde daheim, und dabei stiegen ihm wieder neue
Gedanken auf, und auf einmal sagte es ängstlich: „Sebastian, ist auch sicher die Großmutter auf der Alm nicht
gestorben?“

„Nein, nein“, beruhigte dieser, „wollen's nicht hoffen,
wird schon noch am Leben sein.“

Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurück, nur hie
und da guckte es einmal in seinen Korb hinein, denn alle
die Brödchen der Großmutter auf den Tisch zu legen, war
sein Hauptgedanke. Nach längerer Zeit sagte es wieder:
„Sebastian, wenn man nur auch ganz sicher wissen könnte,
daß die Großmutter noch am Leben ist.“

„Ja wohl! Ja wohl!“ entgegnete der Begleiter halb
schlafend; „wird schon noch leben, wüßte auch gar nicht,
warum nicht.“

Nach einiger Zeit drückte der Schlaf auch Heidi's Augen
zu, und nach der vergangenen unruhigen Nacht und dem
frühen Aufstehen war es so schlafbedürftig, daß es erst
wieder erwachte, als Sebastian es tüchtig am Arm schüttelte
und ihm zurief: „Erwachen! Erwachen! Gleich aussteigen,
in Basel angekommen!“

Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden
lang. Heidi saß wieder mit seinem Korb auf dem Schooß,
den es um keinen Preis dem Sebastian übergeben wollte;
aber heute sagte es gar Nichts mehr, denn nun wurde
mit jeder Stunde die Erwartung gespannter. Dann auf
einmal, als Heidi gar nicht daran dachte, ertönte laut der
Ruf: „Mayenfeld!“ Es sprang von seinem Sitz auf, und
dasselbe that Sebastian, der auch überrascht worden war.
Jetzt standen sie draußen, der Koffer mit ihnen, und der
Bahnzug pfiff weiter in's Thal hinein. Sebastian sah ihm
wehmüthig nach, denn er wäre viel lieber so sicher und ohne
Mühe weitergereist, als daß er nun eine Fußpartie unternehmen sollte, die dazu noch mit einer Bergbesteigung enden
mußte, die sehr beschwerlich und dazu gefahrvoll sein konnte
in diesem Lande, wo doch Alles noch halb wild war, wie
Sebastian annahm. Er schaute daher sehr vorsichtig um
sich, wen er etwa berathen könnte über den sichersten Weg
nach dem „Dörfli“. Unweit des kleinen Stationsgebäudes
stand ein kleiner Leiterwagen mit einem magern Rößlein
davor; auf diesen wurden von einem breitschultrigen Manne
ein paar große Säcke aufgeladen, die mit der Bahn hergebracht worden waren. Sebastian trat zu ihm heran und
brachte seine Frage nach dem sichersten Weg zum Dörfli vor.

„Hier sind alle Wege sicher“, war die kurze Antwort.

Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem
man gehen könne, ohne in die Abgründe zu stürzen, und
auch wie man einen Koffer nach dem betreffenden Dörfli
befördern könnte. Der Mann schaute nach dem Koffer hin
und maß ihn ein wenig mit den Augen; dann erklärte er,
wenn das Ding nicht zu schwer sei, so wolle er es auf
seinen Wagen nehmen, da er selbst nach dem Dörfli fahre,
und so gab noch ein Wort das andere, und endlich kamen
die Beiden überein, der Mann solle Kind und Koffer mit
auf seinen Wagen nehmen, und nachher vom Dörfli aus
könne das Kind am Abend mit irgend Jemand auf die Alm
geschickt werden.

„Ich kann allein gehen, ich weiß schon den Weg vom
Dörfli auf die Alm“, sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung zugehört hatte. Dem Sebastian
fiel eine schwere Last vom Herzen, als er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern entledigt sah. Er
winkte nun Heidi geheimnißvoll auf die Seite und überreichte
ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den Großvater, und erklärte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von
Herrn Sesemann, die müsse aber zu unterst in den Korb
gesteckt werden, noch unter die Brödchen, und darauf müsse
genau Acht gegeben werden, daß sie nicht verloren gehe,
denn darüber würde Herr Sesemann ganz fürchterlich böse
und sein Leben lang nie mehr gut werden, das sollte das
Mamsellchen nur ja bedenken.

„Ich verliere sie schon nicht“, sagte Heidi zuversichtlich
und steckte die Rolle sammt dem Brief zu allerunterst in
den Korb hinein. Nun wurde der Koffer aufgeladen, und
nachher hob Sebastian Heidi sammt seinem Korb auf den
hohen Sitz empor, reichte ihm seine Hand hinauf zum Abschied und ermahnte es noch einmal mit allerlei Zeichen,
auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der
Führer war noch in der Nähe, und Sebastian war vorsichtig, besonders jetzt, da er wußte, er hätte eigentlich selbst
das Kind an Ort und Stelle bringen sollen. Der Führer
schwang sich jetzt neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der
Wagen rollte den Bergen zu, während Sebastian, froh über
seine Befreiung von der gefürchteten Bergreise, sich am
Stationshäuschen niedersetzte, um den zurückkehrenden Bahnzug abzuwarten.

Der Mann auf dem Wagen war der Bäcker vom
Dörfli, der seine Mehlsäcke nach Hause fuhr. Er hatte
Heidi nie gesehen, aber wie Jedermann im Dörfli, wußte
er von dem Kinde, das man dem Alm-Oehi gebracht hatte;
auch hatte er Heidi's Eltern gekannt und sich gleich vorgestellt, er werde es mit dem viel besprochenen Kinde hier zu
thun haben. Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das
Kind schon wieder heimkomme, und während der Fahrt fing
er nun mit Heidi ein Gespräch an: „Du wirst das Kind
sein, das oben beim Alm-Oehi war, beim Großvater?“

„Ja.“

„So ist es dir schlecht gegangen, daß du schon wieder
von so weit her heimkommst?“

„Nein, das ist es mir nicht, kein Mensch kann es so
gut haben, wie man es in Frankfurt hat.“

„Warum läufst du denn heim?“

„Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat,
sonst wär' ich nicht heimgelaufen.“

„Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man dir's schon erlaubt hat, heimzugehen?“

„Weil ich tausendmal lieber heim will zum Großvater
auf die Alm, als sonst Alles auf der Welt.“

„Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst“,
brummte der Bäcker; „nimmt mich aber doch wunder“,
sagte er dann zu sich selbst, „es kann wissen, wie's ist.“

Nun fing er an zu pfeifen und sagte Nichts mehr, und
Heidi schaute um sich und fing an innerlich zu zittern vor
Erregung, denn es erkannte die Bäume am Wege, und
drüben standen die hohen Zacken des Falkniß-Berges und
schauten zu ihm herüber, so als grüßten sie es wie gute,
alte Freunde und Heidi grüßte wieder und mit jedem Schritt
vorwärts wurde Heidi's Erwartung gespannter und es
meinte, es müsse vom Wagen herunterspringen und aus
allen Kräften laufen, bis es ganz oben wäre. Aber es
blieb doch still sitzen und rührte sich nicht, aber Alles zitterte an ihm. Jetzt fuhren sie im Dörfli ein, eben schlug
die Glocke fünf Uhr. Augenblicklich sammelte sich eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um den Wagen herum,
und ein paar Nachbarn traten auch noch herzu, denn der
Koffer und das Kind auf des Bäckers Wagen hatten die
Aufmerksamkeit aller Umwohnenden auf sich gezogen, und
Jeder wollte wissen, woher und wohin und wem Beide zugehören. Als der Bäcker Heidi heruntergehoben hatte, sagte es
eilig: „Danke, der Großvater holt dann schon den Koffer“,
und wollte davonrennen. Aber von allen Seiten wurde
es festgehalten, und eine Menge von Stimmen fragten alle
auf einmal, jede etwas Eigenes. Heidi drängte sich mit
einer solchen Angst auf dem Gesichte durch die Leute, daß
man ihm unwillkührlich Platz machte und es laufen ließ,
und Einer sagte zum Andern: „Du siehst ja, wie es sich
fürchtet, es hat auch alle Ursache.“ Und dann fingen sie
noch an, sich zu erzählen, wie der Alm-Oehi seit einem
Jahr noch viel ärger geworden sei, als vorher, und mit
keinem Menschen mehr ein Wort rede, und ein Gesicht
mache, als wollte er am liebsten Jeden umbringen, der ihm
in den Weg komme, und wenn das Kind auf der ganzen
Welt noch wüßte wohin, so liefe es nicht in das alte Drachennest hinauf. Aber hier fiel der Bäcker in das Gespräch
ein und sagte, er werde wohl mehr wissen, als sie Alle,
und erzählte dann sehr geheimnißvoll, wie ein Herr das
Kind bis nach Mayenfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe, und auch gleich ohne Markten ihm den geforderten
Fahrpreis und dazu noch ein Trinkgeld gegeben habe, und
überhaupt könne er sicher sagen, daß es dem Kind wohl
genug gewesen sei, wo es war, und es selbst begehrt habe,
zum Großvater zurückzugehen. Diese Nachricht brachte eine
große Verwunderung hervor und wurde nun gleich im ganzen
Dörfli so verbreitet, daß noch am gleichen Abend kein Haus
daselbst war, in dem man nicht davon redete, daß das Heidi
aus allem Wohlleben zum Großvater zurückbegehrt habe.

Heidi lief vom Dörfli bergan, so schnell es nur konnte;
von Zeit zu Zeit mußte es aber plötzlich stille stehen, denn
es hatte ganz den Athem verloren; sein Korb am Arm
war doch ziemlich schwer, und dazu ging es nun immer
steiler, je höher hinauf es ging. Heidi hatte nur noch Einen
Gedanken: „Wird auch die Großmutter noch auf ihrem
Plätzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke, ist sie auch nicht
gestorben unterdessen?“ Jetzt erblickte Heidi die Hütte oben
in der Vertiefung an der Alm, sein Herz fing an zu klopfen,
Heidi rannte noch mehr, immer mehr und immer lauter
schlug ihm das Herz. — Jetzt war es oben — vor Zittern
konnte es fast die Thür nicht aufmachen — doch jetzt —
es sprang hinein bis mitten in die kleine Stube und stand
da, völlig außer Athem, und brachte keinen Ton hervor.

„Ach du mein Gott“, tönte es aus der Ecke hervor,
„so sprang unser Heidi herein, ach, wenn ich es noch Ein
Mal im Leben bei mir haben könnte! Wer ist hereingekommen?“

„Da bin ich ja, Großmutter, da bin ich ja“, rief Heidi
jetzt und stürzte nach der Ecke und gleich auf seine Kniee
zu der Großmutter heran, faßte ihren Arm und ihre Hände,
und legte sich an sie und konnte vor Freude gar Nichts
mehr sagen. Erst war die Großmutter so überrascht, daß
auch sie kein Wort hervorbringen konnte; dann fuhr sie
mit der Hand streichelnd über Heidi's Kraushaare hin, und
nun sagte sie ein Mal über das andere: „Ja, ja, das sind
seine Haare und es ist ja seine Stimme, ach du lieber
Gott, daß du mich das noch erleben lässest“ Und aus
den blinden Augen fielen ein paar große Freudenthränen
auf Heidi's Hand nieder. „Bist du's auch, Heidi, bist du
auch sicher wieder da?“

„Ja, ja, sicher, Großmutter“, rief Heidi nun mit aller
Zuversicht, „weine nur nicht, ich bin ganz gewiß wieder da
und komme alle Tage zu dir und gehe nie wieder fort, und
du mußt auch manchen Tag kein hartes Brod mehr essen,
siehst du, Großmutter, siehst du?“

Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Brödchen
nach dem andern aus, bis es alle zwölfe auf dem Schooß
der Großmutter aufgehäuft hatte.

„Ach Kind! Ach Kind! was bringst du denn für einen
Segen mit!“ rief die Großmutter aus, als es nicht enden
wollte mit den Brödchen und immer noch eines folgte.
„Aber der größte Segen bist du mir doch selber, Kind!“
Dann griff sie wieder in Heidi's krause Haare und strich über
seine heißen Wangen, und sagte wieder: „Sag' noch ein
Wort, Kind, sag' noch Etwas, daß ich dich hören kann.“

Heidi erzählte nun der Großmutter, welche große Angst
es habe ausstehen müssen, sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe nun gar nie die weißen Brödchen bekommen,
und es könne nie, nie mehr zu ihr gehen.

Jetzt trat Peter's Mutter herein und blieb einen
Augenblick unbeweglich stehen vor Erstaunen. Dann rief
sie: „Sicher, es ist das Heidi, wie kann auch das
sein!“

Heidi stand auf und gab ihr die Hand und die Brigitte
konnte sich gar nicht genug verwundern darüber, wie Heidi
aussehe, und ging um das Kind herum und sagte: „Großmutter, wenn du doch nur sehen könntest, was für ein
schönes Röcklein das Heidi hat, und wie es aussieht, man
kennt es fast nicht mehr. Und das Federnhütlein auf dem
Tisch gehört dir auch noch? Setz' es doch einmal auf, so
kann ich sehen, wie du drin aussiehst.“

„Nein, ich will nicht“, erklärte Heidi, „du kannst es
haben, ich brauche es nicht mehr, ich habe schon noch mein
eigenes.“ Damit machte Heidi sein rothes Bündelchen auf
und nahm sein altes Hütchen daraus hervor, das auf der
Reise zu den Knicken, die es schon vorher gehabt, noch
einige bekommen hatte. Aber das kümmerte das Heidi
wenig; dagegen hatte es nicht vergessen, wie der Großvater
beim Abschied nachgerufen hatte, in einem Federnhut wolle
er es niemals sehen, darum hatte Heidi sein Hütchen so
sorgfältig aufgehoben, denn es dachte ja immer an's Heimgehen zum Großvater. Aber die Brigitte sagte, so einfältig
müsse es nicht sein, es sei ja ein prächtiges Hütchen, das
nehme sie nicht, man könnte es ja etwa dem Töchterlein
vom Lehrer im Dörfli verkaufen und noch viel Geld bekommen, wenn es das Hütlein nicht tragen wolle. Aber
Heidi blieb bei seinem Vorhaben und legte das Hütchen
leise hinter die Großmutter in den Winkel, wo es ganz
verborgen war. Dann zog Heidi auf einmal sein schönes
Röcklein aus, und über das Unterröckchen, in dem es nun
mit bloßen Armen dastand, band es das rothe Halstuch,
und nun faßte es die Hand der Großmutter und sagte:
„Jetzt muß ich heim zum Großvater, aber morgen komm'
ich wieder zu dir; gute Nacht, Großmutter.“

„Ja, komm' auch wieder, Heidi, komm' auch morgen
wieder“, bat die Großmutter, und drückte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte das Kind fast nicht loslassen.

„Warum hast du denn dein schönes Röcklein ausgezogen?“ fragte die Brigitte.

„Weil ich lieber so zum Großvater will, sonst kennt er
mich vielleicht nicht mehr, du hast mich ja auch fast nicht
gekannt darin.“

Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Thür hinaus,
und hier sagte sie ein wenig geheimnißvoll zu ihm: „Den
Rock hättest du schon anbehalten können, er hätte dich doch
gekannt; aber sonst mußt du dich in Acht nehmen, der
Peterli sagt, der Alm-Oehi sei jetzt immer bös und rede
kein Wort mehr.“

Heidi sagte gute Nacht und stieg die Alm hinan mit
seinem Korb am Arm. Die Abendsonne leuchtete ringsum
auf die grüne Alm, und jetzt war auch drüben das große
Schneefeld am Cäsaplana sichtbar geworden und strahlte
herüber. Heidi mußte alle paar Schritte wieder stille stehen
und sich umkehren, denn die hohen Berge hatte es im Rücken
beim Hinaufsteigen. Jetzt fiel ein rother Schimmer vor
seinen Füßen auf das Gras, es kehrte sich um, da — so
hatte es die Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und
auch nie so im Traum gesehen — die Felshörner am
Falkniß flammten zum Himmel auf, das weite Schneefeld
glühte und rosenrothe Wolken zogen darüber hin; das Gras
rings auf der Alm war golden, von allen Felsen flimmerte
und leuchtete es nieder und unten schwamm weithin das
ganze Thal in Duft und Gold. Heidi stand mitten in der
Herrlichkeit, und vor Freude und Wonne liefen ihm die
hellen Thränen die Wangen herunter, und es mußte die
Hände falten und in den Himmel hinaufschauen und ganz
laut dem lieben Gott danken, daß er es wieder heimgebracht hatte, und daß Alles, Alles noch so schön sei und
noch viel schöner, als es gewußt hatte, und daß Alles wieder ihm gehöre, und Heidi war so glücklich und so reich in
all' der großen Herrlichkeit, daß es gar nicht Worte fand,
dem lieben Gott genug zu danken. Erst als das Licht
ringsum verglühte, konnte Heidi wieder von der Stelle weg;
nun rannte es aber so den Berg hinan, daß es gar nicht
lange dauerte, so erblickte es oben die Tannenwipfel über
dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Hütte, und
auf der Bank an der Hütte saß der Großvater und rauchte
sein Pfeifchen, und über die Hütte her wogten die alten
Tannenwipfel und rauschten im Abendwind. Jetzt rannte das
Heidi noch mehr, und bevor der Alm-Oehi nur recht sehen
konnte, was da herankam, stürzte das Kind schon auf ihn
hin, warf seinen Korb auf den Boden und umklammerte
den Alten, und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es
Nichts sagen, als nur immer ausrufen: „Großvater! Großvater! Großvater!“

Der Großvater sagte auch Nichts. Seit vielen Jahren
waren ihm zum ersten Mal wieder die Augen naß geworden,
und er mußte mit der Hand darüber fahren. Dann löste
er Heidi's Arme von seinem Hals, setzte das Kind auf
seine Kniee und betrachtete es einen Augenblick: „So bist
du wieder heimgekommen, Heidi“, sagte er dann; „wie ist
das? Besonders hoffärtig siehst du nicht aus, haben sie
dich fortgeschickt?“

„O nein, Großvater“, fing Heidi nun mit Eifer an,
„das mußt du nicht glauben, sie waren ja Alle so gut, die
Klara und die Großmama und der Herr Sesemann; aber
siehst du, Großvater, ich konnte es fast gar nicht mehr aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein könnte, und ich
habe manchmal gemeint, ich müsse ganz ersticken, so hat es
mich gewürgt; aber ich habe gewiß Nichts gesagt, weil es
undankbar war. Aber dann auf einmal an einem Morgen
rief mich der Herr Sesemann ganz früh — aber ich glaube,
der Herr Doktor war schuld daran — aber es steht vielleicht Alles in dem Brief“ — damit sprang Heidi auf den
Boden und holte seinen Brief und seine Rolle aus dem
Korb herbei und legte Beide in die Hand des Großvaters.

„Das gehört dir“, sagte dieser und legte die Rolle
neben sich auf die Bank. Dann nahm er den Brief und
las ihn durch; ohne ein Wort zu sagen, steckte er dann
das Blatt in die Tasche.

„Meinst, du könnest auch noch Milch trinken mit mir,
Heidi?“ fragte er nun, indem er das Kind bei der Hand
nahm, um in die Hütte einzutreten. „Aber nimm dort
dein Geld mit dir, da kannst du ein ganzes Bett daraus
kaufen und Kleider für ein paar Jahre.“

„Ich brauch' es gewiß nicht, Großvater“, versicherte
Heidi; „ein Bett hab' ich schon, und Kleider hat mir
Klara so viele eingepackt, daß ich gewiß nie mehr andere
brauche.“

„Nimm's, nimm's, und leg's in den Schrank, du wirst's
schon einmal brauchen können.“

Heidi gehorchte und hüpfte nun dem Großvater nach in
die Hütte hinein, wo es vor Freude über das Wiedersehen
in alle Winkel sprang und die Leiter hinauf — aber da
stand es plötzlich still und rief in Betroffenheit von oben
herunter: „O Großvater, ich habe kein Bett mehr!“

„Kommt schon wieder“, tönte es von unten herauf,
„wußte ja nicht, daß du wieder heimkommst, jetzt komm'
zur Milch!“

Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen
Stuhl am alten Platze und nun erfaßte es sein Schüsselchen
und trank mit einer Begierde, als wäre etwas so Köstliches
noch nie in sein Bereich gekommen, und als es mit einem
tiefen Athemzug das Schüsselchen hinstellte, sagte es: „So
gut wie unsere Milch ist doch gar Nichts auf der Welt,
Großvater.“

Jetzt ertönte draußen ein schriller Pfiff; wie der Blitz
schoß Heidi zur Thür hinaus. Da kam die ganze Schaar
der Gaißen hüpfend, springend, Sätze machend von der
Höhe herunter, mitten drin der Peter. Als er Heidi's ansichtig wurde, blieb er auf der Stelle völlig wie angewurzelt
stehen und starrte es sprachlos an. Heidi rief: „Guten
Abend, Peter!“ und stürzte mitten in die Gaißen hinein:
„Schwänli! Bärli! kennt ihr mich noch?“ und die Gaißlein mußten seine Stimme gleich erkannt haben, denn sie
rieben ihre Köpfe an Heidi und fingen leidenschaftlich zu
meckern an vor Freude, und Heidi rief alle nach einander
beim Namen und alle rannten wie wild durcheinander und
drängten sich zu ihm heran; der ungeduldige Distelfink
sprang hoch auf und über zwei Gaißen weg, um gleich in
die Nähe zu kommen, und sogar das schüchterne Schneehöppli drängte mit einem ziemlich eigensinnigen Bohren den
großen Türk auf die Seite, der nun ganz verwundert über
die Frechheit dastand und seinen Bart in die Luft hob, um
zu zeigen, daß er es sei.

Heidi war außer sich vor Freude, alle die alten Gefährten wieder zu haben, es umarmte das kleine, zärtliche
Schneehöppli wieder und wieder und streichelte den stürmischen Distelfink und wurde vor großer Liebe und Zutraulichkeit der Gaißen hin- und hergedrängt und geschoben, bis
es nun ganz in Peter's Nähe kam, der noch immer auf
demselben Platze stand.

„Komm' herunter, Peter, und sag' mir einmal guten
Abend!“ rief ihm Heidi jetzt zu.

„Bist denn wieder da?“ brachte er nun endlich in seinem
Erstaunen heraus, und nun kam er herzu und nahm Heidi's
Hand, die dieses ihm schon lange hingehalten hatte, und nun
fragte er, so wie er immer gethan hatte bei der Heimkehr
am Abend: „Kommst morgen wieder mit?“

„Nein, morgen nicht, aber übermorgen vielleicht, denn
morgen muß ich zur Großmutter.“

„Es ist recht, daß du wieder da bist“, sagte der Peter,
und verzog sein Gesicht auf alle Seiten vor ungeheuerem
Vergnügen, dann schickte er sich zur Heimfahrt an; aber
heute wurde es ihm so schwer wie noch nie mit seinen
Gaißen, denn als er sie endlich mit Locken und Drohen so
weit gebracht hatte, daß sie sich um ihn sammelten, und
Heidi, den einen Arm um Schwänli's, und den andern um
Bärli's Kopf gelegt, davonspazierte, da kehrten mit einem
Mal alle wieder um und liefen den dreien nach. Heidi
mußte mit seinen zwei Gaißen in den Stall eintreten und
die Thüre zumachen, sonst wäre der Peter niemals mit
seiner Heerde fortgekommen. Als das Kind dann in die Hütte
zurückkam, da sah es sein Bett schon wieder aufgerichtet,
prächtig hoch und duftend, denn das Heu war noch nicht
lange hereingeholt, und drüber hatte der Großvater ganz
sorgfältig die sauberen Leintücher gebreitet. Heidi legte sich
mit großer Lust hinein und schlief so herrlich, wie es ein
ganzes Jahr lang nicht geschlafen hatte. Während der
Nacht verließ der Großvater wohl zehn Mal sein Lager
und stieg die Leiter hinauf und lauschte sorgsam, ob Heidi
auch schlafe und nicht unruhig werde, und suchte am Loch
nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidi's Lager, ob
auch das Heu noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft
hatte, denn von nun an durfte der Mondschein nicht
mehr hereinkommen. Aber Heidi schlief in Einem Zuge
fort und wanderte keinen Schritt herum, denn sein großes,
brennendes Verlangen war gestillt worden: es hatte alle
Berge und Felsen wieder im Abendglühen gesehen, es hatte
die Tannen rauschen gehört, es war wieder daheim auf der
Alm.

Capitel XIV.
Am Sonntag, wenn's läutet.

Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete
auf den Großvater, der mitgehen und den Koffer vom
Dörfli heraufholen wollte, während es bei der Großmutter
wäre. Das Kind konnte es fast nicht erwarten, die Großmutter wiederzusehen und zu hören, wie ihr die Brödchen
geschmeckt hatten, und doch wurde ihm wieder die Zeit nicht
lange, denn es konnte ja nicht genug die heimathlichen Töne
von dem Tannenrauschen über ihm und das Duften und
Leuchten der grünen Weiden und der goldenen Blumen
darauf eintrinken.

Jetzt trat der Großvater aus der Hütte, schaute noch
einmal rings um sich und sagte dann mit zufriedenem Ton:
„So, nun können wir gehen.“

Denn es war Sonnabend heut', und an dem Tage
machte der Alm-Oehi Alles sauber und in Ordnung in der
Hütte, im Stall und ringsherum, das war seine Gewohnheit, und heut' hatte er den Morgen dazu genommen, um
gleich Nachmittags mit Heidi ausziehen zu können, und so
sah nun Alles ringsherum gut und zu seiner Zufriedenheit
aus. Bei der Gaißenpeter-Hütte trennten sie sich, und
Heidi sprang herein. Schon hatte die Großmutter seinen
Schritt gehört und rief ihm liebevoll entgegen: „Kommst
du, Kind? Kommst du wieder?“

Dann erfaßte sie Heidi's Hand und hielt sie ganz fest,
denn immer noch fürchtete sie, das Kind könnte ihr wieder
entrissen werden. Und nun mußte die Großmutter erzählen, wie die Brödchen geschmeckt hätten, und sie sagte,
sie habe sich so daran erlabt, daß sie meine, sie sei heute
viel kräftiger, als lange nicht mehr, und Peter's Mutter
fügte hinzu, die Großmutter habe vor lauter Sorge, sie
werde zu bald fertig damit, nur ein einziges Brödchen essen
wollen, gestern und heut' zusammen, und sie käme gewiß
noch ziemlich zu Kräften, wenn sie so acht Tage lang hintereinander jeden Tag eines essen wollte. Heidi hörte der
Brigitte mit Aufmerksamkeit zu und blieb jetzt noch eine
Zeit lang nachdenklich. Nun hatte es seinen Weg gefunden. „Ich weiß schon, was ich mache, Großmutter“, sagte
es in freudigem Eifer, „ich schreibe der Klara einen Brief
und dann schickt sie mir gewiß noch einmal so viele Brödchen, wie da sind, oder zweimal, denn ich hatte schon einen
großen Haufen ganz gleiche im Kasten, und als man mir
sie weggenommen hatte, sagte Klara, sie gebe mir gerade
so viele wieder, und das thut sie schon.“

„Ach Gott“, sagte die Brigitte, „das ist eine gute
Meinung; aber denk', sie werden auch hart. Wenn man
nur hie und da einen übrigen Batzen hätte, der Bäcker
unten im Dörfli macht auch solche, aber ich vermag kaum
das schwarze Brod zu bezahlen.“

Jetzt schoß ein heller Freudenstrahl über Heidi's Gesicht: „O ich habe furchtbar viel Geld, Großmutter“, rief
es jubelnd aus und hüpfte vor Freuden in die Höhe, „jetzt
weiß ich, was ich damit mache! Alle, alle Tage mußt du
ein neues Brödchen haben und am Sonntage zwei, und
der Peter kann sie heraufbringen vom Dörfli.“

„Nein, nein, Kind!“ wehrte die Großmutter; „das
kann nicht sein, das Geld hast du nicht dazu bekommen,
du mußt es dem Großvater geben, er sagt dir dann schon,
was du damit machen mußt.“

Aber Heidi ließ sich nicht stören in seiner Freude, es
jauchzte und hüpfte in der Stube herum und rief ein Mal
über's andere: „Jetzt kann die Großmutter jeden Tag ein
Brödchen essen und wird wieder ganz kräftig und — o Großmutter“, rief es mit neuem Jubel, „wenn du dann so gesund wirst, so wird es dir gewiß auch wieder hell, es ist
vielleicht nur, weil du so schwach bist.“

Die Großmutter schwieg still, sie wollte des Kindes Freude
nicht trüben. Bei seinem Herumhüpfen fiel dem Heidi auf
einmal das alte Liederbuch der Großmutter in die Augen,
und es kam ihm ein neuer freudiger Gedanke: „Großmutter, jetzt kann ich auch ganz gut lesen, soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem alten Buch?“

„O ja“, bat die Großmutter freudig überrascht, „kannst
du das auch wirklich, Kind, kannst du das?“

Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das
Buch mit einer dicken Staubwolke heruntergezogen, denn
es hatte lange unberührt gelegen da droben; nun wischte
es Heidi sauber ab, setzte sich damit auf seinen Schemel
zur Großmutter hin und fragte, was es nun lesen
sollte.

„Was du willst, Kind, was du willst“, und mit gespannter Erwartung saß die Großmutter da und hatte ihr
Spinnrad ein wenig von sich geschoben.

Heidi blätterte und las leise hie und da eine Linie:
„Jetzt kommt Etwas von der Sonne, das will ich dir
lesen, Großmutter.“ Und Heidi begann und wurde selbst
immer eifriger und immer wärmer, während es las:

„Die güldne Sonne
Voll Freud' und Wonne
Bringt unsern Gränzen
Mit ihrem Glänzen
Ein herzerquickendes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder
Die lagen darnieder;
Aber nun steh' ich,
Bin munter und fröhlich,
Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
Mein Auge schauet,
Was Gott gebauet
Zu seinen Ehren,
Und uns zu lehren,
Wie sein Vermögen sei mächtig und groß.
Und wo die Frommen
Dann sollen hinkommen,
Wenn sie mit Frieden
Von hinnen geschieden
Aus dieser Erde vergänglichem Schooß.
Alles vergehet,
Gott aber stehet
Ohn' alles Wanken,
Seine Gedanken,
Sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
Sein Heil und Gnaden,
Die nehmen nicht Schaden,
Heilen im Herzen
Die tödtlichen Schmerzen,
Halten uns zeitlich und ewig gesund.
Kreuz und Elende —
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht.
Freude die Fülle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht't.“

Die Großmutter saß still da mit gefalteten Händen
und ein Ausdruck unbeschreiblicher Freude, so wie ihn Heidi
nie an ihr gesehen hatte, lag auf ihrem Gesicht, obschon
ihr die Thränen die Wangen herabliefen. Als Heidi schwieg,
bat sie mit Verlangen: „O, noch einmal, Heidi, laß es
mich noch einmal hören:

„Kreuz und Elende
Das nimmt ein Ende —“

Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener
Freude und Verlangen:

„Kreuz und Elende —
Das nimmt ein Ende;
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht.
Freude die Fülle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht't.“

„O Heidi, das macht hell! das macht so hell im Herzen! O wie hast du mir wohl gemacht, Heidi!“

Ein Mal um's andere sagte die Großmutter die Worte
der Freude, und Heidi strahlte vor Glück und mußte sie nur
immer ansehen, denn so hatte es die Großmutter nie gesehen. Sie hatte gar nicht mehr das alte, trübselige Gesicht, sondern schaute so freudig und dankend auf, als sähe
sie schon mit neuen, hellen Augen in den schönen himmlischen Garten hinein.

Jetzt klopfte es am Fenster, und Heidi sah den Großvater draußen, der ihm winkte, mit heimzukommen. Es
folgte schnell, aber nicht ohne die Großmutter zu versichern,
morgen komme es wieder, und auch wenn es mit Peter
auf die Weide gehe, so komme es doch im halben Tag zurück, denn daß es der Großmutter wieder hell machen konnte
und sie wieder fröhlich wurde, das war nun für Heidi das
allergrößte Glück, das es kannte, noch viel größer, als auf
der sonnigen Weide und bei den Blumen und Gaißen zu
sein. Die Brigitte lief dem Heidi unter die Thür nach
mit Rock und Hut, daß es seine Habe mitnehme. Den
Rock nahm es auf den Arm, denn der Großvater kenne es
jetzt schon, dachte es bei sich, aber den Hut wies es hartnäckig zurück, die Brigitte solle ihn nur behalten, es setze
ihn nie, nie mehr auf den Kopf. Heidi war so erfüllt von
seinen Erlebnissen, daß es gleich dem Großvater Alles erzählen mußte, was ihm das Herz erfreute, daß man die
weißen Brödchen auch unten im Dörfli für die Großmutter
holen könne, wenn man nur Geld habe, und daß es der
Großmutter auf einmal so hell und wohl geworden war,
und wie Heidi das Alles zu Ende geschildert hatte, kehrte
es wieder zum Ersten zurück und sagte ganz zuversichtlich:
„Gelt, Großvater, wenn die Großmutter schon nicht will,
so gibst du mir doch alles Geld in der Rolle, daß ich dem
Peter jeden Tag ein Stück geben kann zu einem Brödchen
und am Sonntag zwei?“

„Aber das Bett, Heidi“, sagte der Großvater, „ein
rechtes Bett für dich wäre gut, und nachher bleibt schon
noch für manches Brödchen.“

Aber Heidi ließ dem Großvater keine Ruhe und bewies
ihm, daß es auf seinem Heubett viel besser schlafe, als es jemals in seinem Kissenbett in Frankfurt geschlafen habe, und
bat so eindringlich und unablässig, daß der Großvater zuletzt sagte: „Das Geld ist dein, mach' was dich freut, du
kannst der Großmutter manches Jahr lang Brod holen
dafür.“

Heidi jauchzte auf: „O juhe! Nun muß die Großmutter gar nie mehr hartes, schwarzes Brod essen, und o
Großvater! nun ist doch Alles so schön, wie noch gar nie
seit wir leben!“ und Heidi hüpfte hoch auf an der Hand
des Großvaters und jauchzte in die Luft hinauf, wie die
fröhlichen Vögel des Himmels. Aber auf einmal wurde
es ganz ernsthaft und sagte: „O wenn nun der liebe Gott
gleich auf der Stelle gethan hätte, was ich so stark erbetete,
dann wäre doch Alles nicht so geworden, ich wäre nur gleich
wieder heimgekommen und hätte der Großmutter nur wenige
Brödchen gebracht, und hätte ihr nicht lesen können, was
ihr wohl macht; aber der liebe Gott hatte schon Alles ausgedacht, so viel schöner, als ich es wußte; die Großmama
hat es mir gesagt und nun ist Alles so gekommen. O wie
bin ich froh, daß der liebe Gott nicht nachgab, wie ich so
bat und jammerte! Aber jetzt will ich immer so beten,
wie die Großmama sagte, und dem lieben Gott immer
danken, und wenn er Etwas nicht thut, das ich erbeten will,
dann will ich gleich denken: es geht gewiß wieder wie in
Frankfurt, der liebe Gott denkt gewiß etwas viel Besseres
aus. Aber wir wollen auch alle Tage beten, gelt Großvater, und wir wollen es nie mehr vergessen, damit der
liebe Gott uns auch nicht vergißt.“

„Und wenn's Einer doch thäte“, murmelte der Großvater.

„O dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergißt
ihn dann auch und läßt ihn ganz laufen, und wenn es ihm
einmal schlecht geht, und er jammert, so hat kein Mensch
Mitleid mit ihm, sondern alle sagen nur, er ist ja zuerst
vom lieben Gott weggelaufen, nun läßt ihn der liebe Gott
auch gehen, der ihm helfen könnte.“

„Das ist wahr, Heidi, woher weißt du das?“

„Von der Großmama, sie hat mir Alles erklärt.“

Der Großvater ging eine Weile schweigend weiter. Dann
sagte er, seine Gedanken verfolgend, vor sich hin: „Und
wenn's einmal so ist, dann ist's so; zurück kann Keiner,
und wen der Herrgott vergessen hat, den hat er vergessen.“

„O nein, Großvater, zurück kann Einer, das weiß ich
auch von der Großmama, und dann geht es so wie in der
schönen Geschichte in meinem Buch, aber die weißt du nicht;
jetzt sind wir aber gleich daheim, und dann wirst du schon
erfahren, wie schön die Geschichte ist.“

Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die
letzte Steigung hinan — und kaum waren sie oben angelangt, als es des Großvaters Hand losließ und in die
Hütte hineinrannte. Der Großvater nahm den Korb von
seinem Rücken, in den er die Hälfte der Sachen aus dem
Koffer hineingestoßen hatte, denn den ganzen Koffer heraufzubringen wäre ihm zu schwer gewesen. Dann setzte er sich
nachdenklich auf die Bank nieder. Heidi kam wieder herbeigerannt, sein großes Buch unter dem Arm: „O das ist
recht, Großvater, daß du schon dasitzest“, und mit einem
Satz war Heidi an seiner Seite und hatte schon seine
Geschichte aufgeschlagen, denn die hatte es schon so oft und
immer wieder gelesen, daß das Buch von selbst aufging
an dieser Stelle. Jetzt las Heidi mit großer Theilnahme
von dem Sohne, der es gut hatte daheim, wo draußen auf
des Vaters Feldern die schönen Kühe und Schäflein weideten und er in einem schönen Mäntelchen, auf seinen
Hirtenstab gestützt, bei ihnen auf der Weide stehen und dem
Sonnenuntergang zusehen konnte, wie es Alles auf dem
Bilde zu sehen war. Aber auf einmal wollte er sein Hab
und Gut für sich haben und sein eigener Meister sein und
forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verpraßte Alles. Und als er gar Nichts mehr hatte, mußte er
hingehen und Knecht sein bei einem Bauer, der hatte aber
nicht so schöne Thiere, wie auf seines Vaters Feldern waren,
sondern nur Schweinlein, diese mußte er hüten und er
hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den
Träbern, welche die Schweinchen aßen, ein klein wenig.
Da dachte er daran, wie er es daheim beim Vater gehabt
und wie gut der Vater mit ihm gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte, und er mußte
weinen vor Reue und Heimweh. Und er dachte: „Ich will
zu meinem Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten
und ihm sagen, ich bin nicht mehr werth, dein Sohn zu
heißen, aber laß mich nur dein Taglöhner bei dir sein.“
Und wie er von ferne gegen das Haus seines Vaters kam,
da sah ihn der Vater und kam herausgelaufen — „was
meinst du jetzt, Großvater?“ unterbrach sich Heidi in seinem
Vorlesen; „jetzt meinst du, der Vater sei noch böse und
sage zu ihm: ‚Ich habe dir's ja gesagt!?‘ Jetzt hör' nur, was
kommt: ‚Und sein Vater sah ihn und es jammerte ihn
und lief und fiel ihn um den Hals und küßte ihn und der
Sohn sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den
Himmel und vor dir und bin nicht mehr werth dein Sohn
zu heißen. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten:
Bringet das beste Kleid her und zieht es ihm an und gebt
ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an die Füße,
und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und
laßt uns essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn
war todt und ist wieder lebendig geworden und er war
verloren und ist wieder gefunden worden. Und sie fingen
an fröhlich zu sein.‘

„Ist denn das nicht eine schöne Geschichte, Großvater?“
fragte Heidi, als dieser immer noch schweigend da saß und
es doch erwartet hatte, er werde sich freuen und verwundern.

„Doch, Heidi, die Geschichte ist schön“, sagte der Großvater, aber sein Gesicht war so ernsthaft, daß Heidi ganz
stille wurde und seine Bilder ansah. Leise schob es noch
einmal sein Buch vor den Großvater hin und sagte: „Sieh',
wie es ihm wohl ist“, und zeigte mit seinem Finger auf
das Bild des Heimgekehrten, wie er im frischen Kleid neben
dem Vater steht und wieder zu ihm gehört als sein Sohn.

Ein paar Stunden später, als Heidi längst im tiefen
Schlafe lag, stieg der Großvater die kleine Leiter hinauf;
er stellte sein Lämpchen neben Heidi's Lager hin, so daß
das Licht auf das schlafende Kind fiel. Es lag da mit
gefalteten Händen, denn zu beten hatte Heidi nicht vergessen. Auf seinem rosigen Gesichtchen lag ein Ausdruck des
Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem Großvater
reden mußte, denn lange, lange stand er da und rührte
sich nicht und wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde
ab. Jetzt faltete auch er die Hände, und halblaut sagte
er mit gesenktem Haupte: „Vater, ich habe gesündigt gegen
den Himmel und vor dir und bin nicht mehr werth, dein
Sohn zu heißen!“ Und ein paar große Thränen rollten
dem Alten die Wangen herab.

Wenige Stunden nachher in der ersten Frühe des Tages
stand der Alm-Oehi vor seiner Hütte und schaute mit hellen
Augen um sich. Der Sonntagmorgen flimmerte und
leuchtete über Berg und Thal. Einzelne Frühglocken tönten
aus den Thälern herauf, und oben in den Tannen sangen
die Vögel fröhlich ihre Morgenlieder.

Jetzt trat der Großvater in die Hütte zurück: „Komm',
Heidi!“ rief er auf den Boden hinauf, „die Sonne ist da!
Zieh' ein gutes Röcklein an, wir wollen in die Kirche mit
einander!“

Heidi machte nicht lange, das war ein ganz neuer Ruf
vom Großvater, dem mußte es schnell folgen. In kurzer
Zeit kam es heruntergesprungen in seinem schmucken
Frankfurter Röckchen. Aber voller Erstaunen blieb Heidi
vor seinem Großvater stehen und schaute ihn an: „O
Großvater, so hab' ich dich nie gesehen“, brach es endlich
aus, „und den Rock mit den silbernen Knöpfen hast du
noch gar nicht getragen, o du bist so schön in deinem
schönen Sonntagsrock.“

Der Alte blickte vergnüglich lächelnd auf das Kind und
sagte: „Und du in dem deinen; jetzt komm'.“ Er nahm
Heidi's Hand in die seine, und so wanderten sie mit einander
den Berg hinunter. Von allen Seiten tönten jetzt die hellen
Glocken ihnen entgegen, immer voller und reicher, je weiter
sie kamen, und Heidi lauschte mit Entzücken und sagte:
„Hörst du's, Großvater? Es ist wie ein großes, großes
Fest.“

Unten im Dörfli waren schon alle Leute in der Kirche
und fingen eben zu singen an, als der Großvater mit
Heidi eintrat und ganz hinten auf der letzten Bank sich
niedersetzte. Aber mitten im Singen stieß der zunächst
Sitzende seinen Nachbar mit dem Ellbogen an und sagte:
„Hast du das gesehen? der Alm-Oehi ist in der Kirche!“

Und der Angestoßene stieß den Zweiten an und so fort,
und in kürzester Zeit flüsterte es an allen Ecken: „Der Alm-Oehi! Der Alm-Oehi!“ und die Frauen mußten fast alle
einen Augenblick den Kopf umdrehen, und die meisten fielen
ein wenig aus der Melodie, so daß der Vorsänger die
größte Mühe hatte, den Gesang schön aufrecht zu erhalten.
Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu predigen, ging
die Zerstreutheit ganz vorüber, denn es war ein so warmes
Loben und Danken in seinen Worten, daß alle Zuhörer
davon ergriffen wurden und es war, als sei ihnen Allen
eine große Freude widerfahren. Als der Gottesdienst zu
Ende war, trat der Alm-Oehi mit dem Kinde an der Hand
heraus und schritt dem Pfarrhaus zu, und Alle, die mit
ihm heraustraten und die schon draußen standen, schauten
ihm nach, und die Meisten gingen hinter ihm her, um zu
sehen, ob er wirklich in's Pfarrhaus eintrete, was er that.
Dann sammelten sie sich in Gruppen zusammen und besprachen in großer Aufregung das Unerhörte, daß der Alm-Oehi in der Kirche erschienen war, und Alle schauten mit
Spannung nach der Pfarrhausthür, wie der Oehi wohl
wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader,
oder im Frieden mit dem Herrn Pfarrer, denn man wußte
ja gar nicht, was den Alten heruntergebracht hatte und
wie es eigentlich gemeint sei. Aber doch war schon bei
Vielen eine neue Stimmung eingetreten, und Einer sagte
zum Andern: „Es wird wohl mit dem Alm-Oehi nicht so
bös sein, wie man thut; man kann ja nur sehen, wie sorglich er das Kleine an der Hand hält?“ Und der Andere
sagte: „Das hab' ich ja immer gesagt, und zum Pfarrer
hinein gienge er auch nicht, wenn er so bodenschlecht wäre,
sonst müßte er sich ja fürchten, man übertreibt auch viel.“
Und der Bäcker sagte: „Hab' ich das nicht zu allererst gesagt? Seit wann läuft denn ein kleines Kind, das zu essen
und zu trinken hat, was es will, und sonst alles Gute, aus
alle dem weg und heim zu einem Großvater, wenn der bös
und wild ist und es sich zu fürchten hat vor ihm?“ Und
es kam eine ganz liebevolle Stimmung gegen den Alm-Oehi
auf und nahm überhand, denn jetzt nahten sich auch die
Frauen herzu, und diese hatten so Manches von der Gaißen-Peterin und der Großmutter gehört, das den Alm-Oehi ganz
anders darstellte, als die allgemeine Meinung war und das
ihnen jetzt auf einmal glaublich schien, daß es mehr und
mehr so wurde, als warten sie Alle da, um einen alten
Freund zu bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt hatte.

Der Alm-Oehi war unterdessen an die Thür der Studierstube getreten und hatte angeklopft. Der Herr Pfarrer
machte auf und trat dem Eintretenden entgegen, nicht überrascht, wie er wohl hätte sein können, sondern so, als habe
er ihn erwartet; die ungewohnte Erscheinung in der Kirche
mußte ihm nicht entgangen sein. Er ergriff die Hand des
Alten und schüttelte sie wiederholt mit der größten Herzlichkeit, und der Alm-Oehi stand schweigend da und konnte erst
kein Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen
Empfang war er nicht vorbereitet. Jetzt faßte er sich und
sagte: „Ich komme, um den Herrn Pfarrer zu bitten, daß
er mir die Worte vergessen möchte, die ich zu ihm auf der
Alm geredet habe, und daß er mir nicht nachtragen wolle,
wenn ich widerspenstig war gegen seinen wohlmeinenden
Rath. Der Herr Pfarrer hat ja in Allem Recht gehabt
und ich war im Unrecht, aber ich will jetzt seinem Rathe
folgen und auf den Winter wieder ein Quartier im Dörfli
beziehen, denn die harte Jahreszeit ist Nichts für das Kind
dort oben, es ist zu zart, und wenn dann auch die Leute
hier unten mich von der Seite ansehen, so wie Einen, dem
nicht zu trauen ist, so habe ich es nicht besser verdient,
und der Herr Pfarrer wird es ja nicht thun.“

Die freundlichen Augen des Pfarrers glänzten vor
Freude. Er nahm noch einmal des Alten Hand und drückte
sie in der seinen und sagte mit Rührung: „Nachbar, Ihr
seid in der rechten Kirche gewesen, noch eh' Ihr in die
meinige herunterkamt; deß freu' ich mich, und daß Ihr
wieder zu uns kommen und mit uns leben wollt, soll Euch
nicht gereuen, bei mir sollt Ihr als ein lieber Freund und
Nachbar allezeit willkommen sein, und ich gedenke manches
Winterabendstündchen fröhlich mit Euch zu verbringen, denn
Eure Gesellschaft ist mir lieb und werth und für das Kleine
wollen wir auch gute Freunde finden.“ Und der Herr
Pfarrer legte sehr freundlich seine Hand auf Heidi's Krauskopf und nahm es bei der Hand und führte es hinaus,
indem er den Großvater fort begleitete, und erst draußen
vor der Hausthür nahm er Abschied, und nun konnten alle
die herumstehenden Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem
Alm-Oehi die Hand immer noch einmal schüttelte, gerade als
wäre das sein bester Freund, von dem er sich fast nicht
trennen könnte. Kaum hatte dann auch die Thüre sich
hinter dem Herrn Pfarrer geschlossen, so drängte die ganze
Versammlung dem Alm-Oehi entgegen, und Jeder wollte der
Erste sein, und so viele Hände wurden miteinander dem
Herankommenden entgegengestreckt, daß er gar nicht wußte,
welche zuerst ergreifen, und Einer rief ihm zu: „Das freut
mich! das freut mich, Oehi, daß Ihr auch wieder einmal
zu uns kommt!“ und ein Anderer: „Ich hätte auch schon
lang gern wieder einmal ein Wort mit Euch geredet,
Oehi!“ Und so tönte und drängte es von allen Seiten,
und wie nun der Oehi auf alle die freundlichen Begrüßungen erwiderte, er gedenke, sein altes Quartier im
Dörfli wieder zu beziehen und den Winter mit den alten
Bekannten zu verleben, da gab es erst einen rechten Lärm,
und es war gerade so, wie wenn der Alm-Oehi die beliebteste
Persönlichkeit im ganzen Dörfli wäre, die Jeder mit Nachtheil entbehrt hatte. Noch weit an die Alm hinauf wurden
Großvater und Kind von den Meisten begleitet, und beim
Abschied wollte Jeder die Versicherung haben, daß der Alm-Oehi bald einmal bei ihm vorspreche, wenn er wieder
herunterkomme; und wie nun die Leute den Berg hinab
zurückkehrten, blieb der Alte stehn und schaute ihnen lange
nach, und auf seinem Gesichte lag ein so warmes Licht, als
schiene bei ihm die Sonne von innen heraus. Heidi schaute
unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: „Großvater, heut' wirst du immer schöner, so warst du noch
gar nie.“

„Meinst du“, lächelte der „Ja, und siehst
du, Heidi, mir geht's auch heut' über Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott und Menschen im Frieden stehn,
das macht Einem so wohl! Der liebe Gott hat's gut mit
mir gemeint, daß er dich auf die Alm schickte.“

Bei der Gaißenpeter-Hütte angekommen, machte der
Großvater gleich die Thür auf und trat ein. „Grüß' Gott,
Großmutter“, rief er hinein, „ich denke, wir müssen einmal
wieder an's Flicken gehn, bevor der Herbstwind kommt.“

„Du mein Gott, das ist der Oehi!“ rief die Großmutter voll freudiger Ueberraschung aus; „daß ich das noch
erlebe! daß ich Euch noch einmal danken kann für Alles,
das Ihr für uns gethan habt, Oehi! Vergelt's Gott!
Vergelt's Gott!“

Und mit zitternder Freude streckte die alte Großmutter
ihre Hand aus, und als der Angeredete sie herzlich schüttelte,
fuhr sie fort, indem sie die seinige festhielt: „Und eine
Bitte hab' ich auch noch auf dem Herzen, Oehi: Wenn
ich Euch je Etwas zu Leid gethan habe, so straft mich nicht
damit, daß Ihr noch einmal das Heidi fortlaßt, bevor
ich unten bei der Kirche liege. O Ihr wißt nicht, was
mir das Kind ist!“ und sie hielt es fest an sich, denn
Heidi hatte sich schon an sie geschmiegt.

„Keine Sorge, Großmutter“, beruhigte der Oehi,
„damit will ich weder Euch noch mich strafen, jetzt bleiben
wir Alle bei einander und will's Gott noch lange so.“

Jetzt zog die Brigitte den Oehi ein wenig geheimnißvoll in eine Ecke hinein und zeigte ihm das schöne Federhütchen, und erzählte ihm, wie es sich damit verhalte,
und daß sie ja natürlich so Etwas einem Kinde nicht abnehme.

Aber der Großvater sah ganz wohlgefällig auf sein Heidi
hin und sagte: „Der Hut ist sein, und wenn es ihn
nicht mehr auf den Kopf thun will, so hat es recht, und
hat es ihn dir gegeben, so nimm ihn nur.“

Die Brigitte war höchlich erfreut über das unerwartete
Urtheil. „Er ist gewiß mehr als zehn Franken werth, seht
nur!“ und in ihrer Freude streckte sie das Hütchen hoch
auf. „Was aber auch dieses Heidi für einen Segen von
Frankfurt mit heimgebracht hat! Ich habe schon manchmal
denken müssen, ob ich nicht den Peterli auch ein wenig nach
Frankfurt schicken solle; was meint Ihr, Oehi?“

Dem Oehi schoß es ganz lustig aus den Augen. Er
meinte, es könnte dem Peterli Nichts schaden; aber er würde
doch eine gute Gelegenheit dazu abwarten.

Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Thür herein, nachdem er zuerst mit dem Kopf so fest dagegen gerannt war,
daß Alles erklirrte davon; er mußte pressirt sein. Athemlos
und keuchend stand er nun mitten in der Stube still und
streckte einen Brief aus. Das war auch ein Ereigniß, das
noch nie vorgekommen war, ein Brief mit einer Aufschrift
an das Heidi, den man ihm auf der Post im Dörfli übergeben hatte. Jetzt setzten sich Alle voller Erwartung um
den Tisch herum und Heidi machte seinen Brief auf und
las ihn laut und ohne Anstoß vor. Der Brief war von
der Klara Sesemann geschrieben. Sie erzählte Heidi, daß
es seit seiner Abreise so langweilig geworden sei in ihrem
Hause, daß sie es nicht lang hintereinander so aushalten
könne und so lange den Vater gebeten habe, bis er die
Reise in's Bad Ragatz schon auf den kommenden Herbst
festgestellt habe, und die Großmama wollte auch mitkommen,
denn sie wollte auch das Heidi und den Großvater besuchen
auf der Alm. Und weiter ließ die Großmama noch dem
Heidi sagen, es habe recht gethan, daß es der alten Großmutter die Brödchen habe mitbringen wollen, und damit sie
diese nicht trocken essen müsse, komme gleich der Kaffee noch
dazu, er sei schon auf der Reise und wenn sie selbst nach
der Alm komme, so müsse das Heidi sie auch zur Großmutter führen.

Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung
über diese Nachrichten, und so viel zu reden und zu fragen,
da die große Erwartung Alle gleich betraf, daß selbst der
Großvater nicht bemerkte, wie spät es schon war, und so
vergnügt und fröhlich waren sie Alle in der Aussicht auf
die kommenden Tage und fast noch mehr in der Freude über
das Zusammensein an dem heutigen, daß die Großmutter
zuletzt sagte: „Das Schönste ist doch, wenn so ein alter
Freund kommt und uns wieder die Hand gibt, so wie vor
langer Zeit; das gibt so ein tröstliches Gefühl in's Herz,
daß wir einmal Alles wiederfinden, was uns lieb ist. Ihr
kommt doch bald wieder, Oehi, und das Kind morgen
schon?“

Das wurde der Großmutter in die Hand hinein versprochen; nun aber war es Zeit zum Aufbruch, und der
Großvater wanderte mit Heidi die Alm hinan, und wie
am Morgen die hellen Glocken von Nah und Fern sie
heruntergerufen hatten, so begleitete nun aus dem Thale
herauf das friedliche Geläut der Abendglocken sie bis hinauf
zur sonnigen Almhütte, die ganz sonntäglich im Abendschimmer
ihnen entgegenglänzte.

Wenn aber die Großmama kommt im Herbst, dann
gibt es gewiß noch manche neue Freude und Ueberraschung
für das Heidi wie für die Großmutter, und sicher kommt
auch gleich ein richtiges Bett auf den Heuboden hinauf,
denn wo die Großmama hintritt, da kommen alle Dinge
bald in die erwünschte Ordnung und Richtigkeit, nach außen
wie nach innen.