Die Schloßkinder auf Rabenburg

1. Kapitel. Der Abschied von der glücklichen Insel.

Irgendwo im deutschen Land, lieblich von den Wellen eines Flusses umspült, liegt eine kleine Insel, die Rabeninsel genannt. Sie trägt ihren Namen nach den vielen, vielen Rabenkrähen, die auf ihren Bäumen horsten. So viele sind es, daß Baum an Baum mit Nestern besetzt ist und wenn die Vögel abends heimkehren, ist es, als zögen dunkle Wetterwolken daher. Die Luft ist dann erfüllt von einem lauten Geschrei, die Menschen, die in der Nähe wohnen, beklagen sich wohl und meinen, es wären der Vögel zu viele auf der Insel. Sie wissen nichts davon, wie sehr den Krähen ihre Insel gefällt, denen ist sie ihr Königreich und den Ruhm dieser kleinen, grünen Insel verkünden die Vögel im Süden und Norden, in Ost und West. Voll Sehnsucht erzählen sie sich von dem schönen Eiland und preisen jene glücklich, denen die Insel Heimat ist. –

Es war an einem Sommermorgen zu der Stunde, da Tag und Nacht sich scheiden. Im Osten schimmerte erst ein schwaches Rot am Himmel, denn die Sonne ruhte noch. Aber die Vögel waren schon wach. Da und dort grüßte ein helles Zwitschern den anbrechenden Tag, im nahen Dorf krähten zwei Hähne um die Wette und am Flußufer schwätzten lustig ein paar Wasservögel. Dazwischen lauschten die Vögel aber immer wieder hinüber nach der Rabeninsel und einer rief es dem andern wieder und wieder zu: »Heute ziehen sie, heute ziehen sie!«

Auf der Insel herrschte ein ungewöhnliches Leben. Von Ast zu Ast, von Baum zu Baum flatterten die schwarzen Vögel. Keiner blieb in seinem Nest. Aber das sonst so gelle Gekrächze klang nicht froh der Sonne entgegen, nur dumpfe, dunkle Schreie wurden laut und selbst der jüngste Nestling wagte kein Jauchzen. Im Osten war das Rot tiefer geworden, da ertönte plötzlich vom höchsten Baum der Insel herab ein durchdringender Ruf: »Die Sonne geht auf, die Zeit ist da!« Die Königin Rikra war es, die ihre Getreuen zusammenrief.

Die Vögel der Insel flogen herbei. Selbst die Jungen, die erst ein paar Flatterstunden hinter sich hatten, nahmen alle ihre Kraft zusammen, um eine der fünf hohen Ulmen zu erreichen, die den höchsten Baum der Insel, Wächtern gleich, umstanden. Auf die Ulmen ließen sich alle nieder und die Bäume wurden schwarz von den vielen Vögeln, die darauf saßen.

Rikra sprach. Sie verkündete, daß uraltes Gesetz gebot, von Zeit zu Zeit müsse ein Teil der Vögel die Insel verlassen und sich eine neue Heimat suchen.

»Warum?« krächzte eine junge Rabenkrähe erschrocken, »warum ist das so?«

»Kinder müssen nicht immer warum fragen,« murmelte die Urgroßmutter der Kleinen, doch sie gab ihr Antwort. »Unser Volk darf nicht zu groß werden, weil uns die neidischen Menschen sonst nicht ungestört hier hausen ließen, darum müssen immer welche von uns in die Fremde ziehen. Nun sei still, jetzt sammeln sich die Auswanderer.«

Von den fünf Bäumen empor schwang sich eine Anzahl Vögel in die Luft! mit einem lauten, schrillen Weheruf taten sie es und laut tönten ihnen die Klagen nach. Von jedem Baum der Insel mußten ein oder zwei Familien die Heimat verlassen, durch das Los waren sie bestimmt worden und sie klagten nun traurig! »O du schöne Ulme, wir müssen dich verlassen, du liebliche Buche, die du uns Heimat warst, wir sehen dich nicht wieder.«

»Klagt nicht, fliegt!« krächzte Rikra, die Königin, streng. Sie tat hart, weil ihr das Herz fast brach vor Leid um ihre lieben Landeskinder, »Fliegt auf, fliegt auf!« rief sie.

Da breiteten alle Vögel, die scheiden mußten, ihre Flügel aus und stiegen über der Insel empor, als schwarze Wolke standen sie eine Weile über ihrem Heimatland. »Lebt wohl, lebt wohl!« riefen die Zurückbleibenden, »vergeßt uns nicht in der Fremde.«

»Und ihr uns auch nicht, ihr uns auch nicht,« baten die Auswanderer. Sie schwebten still über der lieblichen Insel, die sie nun für immer verlassen sollten. Die lag unter ihnen wie ein Garten, sie sahen in ihre nun leeren Nester hinein, in denen es so warm, so wohlig gewesen war und etliche riefen schmerzlich: »Wir ertragen es nicht!« Sie schlugen mit den Flügeln und wollten wieder zurückfliegen, doch da mahnte Rikra streng: »Fliegt, es ist Zeit, die Sonne geht auf!«

Im Osten schimmerte und glitzerte es und von den Ufern herüber ertönte es jubelnd: »Die Sonne geht auf!« In den Lüften und in dem nahen Dorf hallte der Ruf nach: »Die Sonne geht auf!«

»Fliegt, fliegt!« mahnten die auf der Insel klagend. Da teilten sich die Auswanderer in vier Züge und mit einem letzten, schrillen Abschiedsschrei flogen sie davon, jeder Schwarm in einer anderen Himmelsrichtung, denn so wollte es das alte Gesetz. –

Unter den Rabenkrähen, die nach Westen flogen, waren drei Schwestern. Sie waren vornehmen Stammes und der Königin verwandt. Weil die Jüngste der Königin Rikra besonderer Liebling war, wurde sie das Rikralein genannt, die beiden anderen Schwestern hießen Rara und Kara. Diese drei Schwestern waren nicht durch das Los zur Auswanderung bestimmt worden, aber auf dem Baume, der ihr Nest trug, wohnte eine Familie, die das Los traf. Nun war da die Krähenmutter krank, und außerdem war der jüngste Sohn flügellahm. Groß war darum der Schmerz des Krähenvaters gewesen, der nicht wußte, wie er mit dem flügellahmen Sohn und der kranken Frau eine weite Reise unternehmen sollte. Doch Gesetz war Gesetz und sie alle wußten, keine Bitte würde helfen. Der Jammer ihrer lieben Nachbarn rührte die drei schönen Schwestern, Rara, Kara und das Rikralein. Weil sie elternlos waren und nicht sehr viele Verwandte besaßen, beschlossen sie, für ihre Nachbarn auszuwandern. Sie trugen der Königin, ihrer Muhme, die Sache vor und die Bitte der drei erregte das höchste Erstaunen. Denn alle Vögel, die auf der Rabeninsel wohnten, liebten die Heimat über alles und noch nie hatte jemand freiwillig die Insel verlassen.

»Habt ihr es euch auch recht überlegt?« hatte die Königin gefragt. »Wißt ihr auch, daß ihr nie wiederkehren dürft, wenn ihr jetzt die Heimat verlaßt.«

»Wir tragen die Heimat immer im Herzen,« hatte Rara, die Älteste, erwidert. »Wir haben unsere Freunde so lieb, daß wir das Opfer gern bringen,« gab Kara zur Antwort.

Das Rikralein aber hatte seine Flügel ausgebreitet und gerufen:

»Wo meine Schwestern sind, soll meine Heimat sein!«

Da hatte die Königin Rikra mit schwerem Herzen ihre Einwilligung gegeben. Sie liebte ihre jungen Muhmen, die so gut wie schön waren und ließ sie ungern scheiden, aber sie wollte die Guttat der drei nicht hindern.

Die drei Schwestern flogen dem Zuge voran, der nach Westen eilte. Sie hielten sich immer zusammen und wie sie so durch die schimmernde Luft schwebten, waren sie von solcher Schönheit, daß fremde Vögel, die dem Zuge begegneten, erstaunt zueinander sagten: »Seht die drei, saht ihr je so schöne Krähen?«

Das Gefieder der Schwestern war blauschwarz, so wie manchmal der Himmel der Winternächte ist und ihre Flügel waren breiter, als die ihrer Genossinnen. Das Rikralein trug am linken Fuß einen goldenen Ring, den hatte der Krähenvater den drei Schwestern zum Andenken gegeben. Er selbst hatte ihn von einem Urahnen ererbt und hatte das Kleinod immer behütet, denn die Raben und Krähen lieben goldene und silberne Dinge.

Die Auswanderer flogen still in den hellen Sommertag hinein. Sie flogen über Wiesen, Felder und Wälder, über Städte und Dörfer hinweg immerzu und rasteten nicht bis zum Abend. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mußten sie fliegen, ehe sie sich nach einer Heimat umschauen durften, so lautete das Gebot der Königin. Es dunkelte schon als sie über einen großen Wald dahinflogen, da rief Rara: »Hier laßt uns ruhen für diese Nacht.«

Die anderen waren damit zufrieden und alle mitsammen ließen sich auf einer großen Tanne nieder. Sie saßen alle dicht nebeneinander, denn viele von ihnen fürchteten sich in der Fremde. Nur die drei Schwestern saßen hoch auf der höchsten Spitze der Tanne wie auf einem Wachtturm.

Die Bewohner des Waldes hatten die fremden Gäste wohl kommen hören, jene, die geschlafen hatten, waren munter geworden, sie fürchteten einen Überfall und ihre Stimmen klangen hart und böse den müden Auswanderern entgegen! »Was wollt ihr hier? Woher kommt ihr?«

Rara gab Antwort und Kara fügte hinzu: »Wir tun euch nichts.«

»Nein, bestimmt nicht, wir lieben den Frieden!« rief das Rikralein.

»Waren das Krähen, die da sprachen?« fragte eine Stimme von einem anderen Baume her und die Augen einer großen Eule glühten geheimnisvoll durch das Dunkel.

»Freilich, Krähen waren es,« schnarrte ein Eichelhäher. Er musterte hochmütig und verächtlich die fremden Gäste. »Was wollen die hier?« schalt er, »die müssen hinaus, sie gehören nicht in unseren Wald, hinaus, hinaus mit ihnen!«

»Laßt sie in Frieden, das sind vornehme Gäste,« rief die Eule. »Ich höre es an den Stimmen, die klingen dunkel und tief, so reden die vom edlen Geschlecht der Kolkraben.«

Rara, Kara und das Rikralein neigten demütig die glänzenden, schwarzen Köpfe, sie schwiegen still. Aber ihre Gefährten redeten. Weil die Eule der Schwestern vornehmes Geschlecht erkannt hatte, wurden sie mutig, ihr Stolz erwachte, nun kamen sie sich nicht mehr als Bettler und Eindringlinge vor. Sie erzählten von der Insel und der drei Schwestern Guttat. Während sie sprachen, verstummten allmählich die harten, bösen Rufe im Walde, alle Stimmen schwiegen zuletzt, nur manchmal flatterte und huschte es, immer mehr Tiere kamen herbei, um den Erzählungen der Rabenkrähen zu lauschen. Schauernd fühlten sie alle, wie traurig es war, heimatlos zu sein und sie bewunderten den Opfermut der Schwestern. Als die Fremden verstummt waren, kamen von da und dort aus dem Dunkel Rufe: »Wir müssen ihnen helfen!«

»Schnickschnack,« schnarrte die Eule, »eure Hilfe ist einen Grashalm wert. Geht zu Bett, es ist Zeit, laßt unseren Gästen Ruhe. Die sind müde und wollen schlafen.«

Obgleich sie alle die Eule etwas grob fanden, taten sie doch nach ihren Worten und allmählich wurde es ganz still im Walde. Nur die drei Schwestern schliefen nicht. Sie saßen dicht aneinandergeschmiegt und erzählten sich flüsternd von ihrer schönen Heimat. Und als sie so redeten, rauschte es auf einmal neben ihnen, die Eule war es, die zu ihnen kam. Die glühte sie mit ihren großen Augen unheimlich an, aber die Schwestern merkten bald, die Eule meinte es gut mit ihnen. Die schnarrte: »So, nun rückt zu mir heran, jetzt wollen wir mal vernünftig reden, da das dumme Gesindel schläft. Ich weiß mancherlei, viel mehr als in einen solchen Habichts- oder Nußhäherkopf hineingeht, und mehr als ihr wißt. Ziellos in die Welt hineinfliegen hat keinen Zweck, ich will euch einen guten Rat geben, wohin ihr euren Flug richten sollt.«

Da neigten sich die drei Schwestern dankbar, denn sie hatten es gelernt, den Worten alter, erfahrener Leute ehrfurchtsvoll zu lauschen. Die Eule nickte, so gefiel es ihr. Sie setzte sich breit und aufgeplustert vor die Schwestern hin und sagte ihnen: »Wenn ihr morgen früh diesen Wald überfliegt, werdet ihr eine große Stadt liegen sehen, über die müßt ihr hinwegeilen, immer dem Westen zu. Ihr seht dann unten glänzende, schmale schimmernde Wege, die Menschen nennen sie Bahnschienen. An ihnen müßt ihr immer entlang fliegen über Berge und Wälder hinweg, bis ihr an einen kleinen Ort kommt, durch den drei Bäche fließen. Jeder Bach treibt etliche Mühlen in drei langen, schmalen Tälern. Durch das Tal, das nordwärts führt, fliegt ihr und dort werdet ihr ein altes Schloß auf einem Berge liegen sehen. Vielleicht findet ihr dort eine Heimat. Man hat es mir gesagt, daß es dort wenige eures Geschlechts gäbe. Einst hauste in den Wäldern ein schlimmer Förster, der alle Krähen erschossen hat, darum war die Gegend lange verrufen. Doch die Menschen, die jetzt dort wohnen, stellen den Krähen nicht mehr nach und ihr findet darum wohl leichter Wohnung und Nahrung und niemand vertreibt euch.«

Die Schwestern dankten sehr für den guten Rat und die Eule rollte und kollerte vergnügt ihre glühenden Augen, klappte den Schnabel auf und zu und sah so verschmitzt und listig aus, daß Rara, Kara und das Rikralein dachten: »Was hat sie nur, sie verbirgt uns etwas?« Sie waren aber alle drei nun sehr müde geworden, die Augen fielen ihnen fast zu und die Eule sagte: »Schlaft jetzt und morgen mit Sonnenaufgang zieht ihr in eure neue Heimat, ich will jetzt noch auf die Mäusejagd fliegen.«

Die Eule nahm Abschied und die Schwestern schliefen wirklich ein und sie träumten von der schönen, verlassenen Heimat. Sie meinten wirklich, sie wären noch auf der Insel und sie mußten sich am anderen Morgen erst besinnen, daß sie ja in der Fremde waren. Doch der Tag stieg sonnig empor, er lockte zum Flug im blauen Luftmeer und über der Lust des Fliegens vergaßen die Auswanderer etwas ihren Kummer. Sie flogen wie die drei Schwestern sie nach der Eule Rat führten, über den Wald hinweg, über Felder und flaches Land und dann sahen sie unter sich eine Stadt liegen. Türmereich und wohlhäbig breitete sie sich in einer weiten, fruchtbaren Ebene aus. Im Westen zog sich auch der Wald bis dicht an die Stadt heran. Nun jauchzten die Krähen, das war der rechte Weg. Sie flogen und flogen immerzu, rastlos. Sie überflogen die Stadt, die groß war und deren Straßen weit in das Land hinauszeigten. Und wenn die Krähen dachten, nun hat's ein Ende, dann kamen noch einmal Häuser und Gärten und wieder Häuser, aber endlich kam doch der Wald. Schmale, schimmernde Wege liefen dort hindurch, die Schienenstränge der Bahn waren es, so wie es die Eule erzählt hatte.

Tief herab flogen die Auswanderer, sie mußten sich die Bahn doch näher anschauen und gerade, als sie dicht über dem Bahndamm schwebten, sauste und brauste ein Zug heran. Gellend schrien die Vögel auf, sie stiegen hoch, der dicke Rauch der Lokomotive hüllte sie ganz ein und sie kreischten laut vor Schreck und Angst. Aber dann, als der Zug vorbei war, ärgerten sie sich, sie schämten sich auch ein wenig und Rara rief: »Auf, auf, wir wollen ihm nachfliegen!«

»So ist's recht, so ist's recht,« jubelten die anderen und wie eine schwarze Wetterwolke zogen die Krähen dem Zuge nach. Aus dem Walde rannte der hinaus, lief über ein Stück Wiesenland, dann pustete er an einem Flusse dahin, aber, vielleicht weil ihm der Fluß mit seinem eintönigen Rauschen langweilig war, drehte er sich geschwind um und eilte ächzend einen Berg hinauf. Puff, puff, ruch, ruch, war das schwer! Der lange Zug keuchte und die Krähen über ihm lachten. »Warum fliegst du denn nicht? Heioh, heioh, wie dumm!«

»Fliegen, das können nur wir,« jauchzte das Rikralein. Es begann in der Luft zu tanzen, es stieg kreisend hoch, ließ sich herabfallen drehte sich lachend im Kreise und die anderen wirbelten um es herum.

Die Schwestern mahnten: »Wir müssen weiter.« Dann flogen sie ein Stück weiter und sie vergaßen darüber völlig, daß sie heimatlos waren und nicht wußten, wo sie am Abend schlafen würden.

Und dann kam jäh etwas Furchtbares. Die Krähen hatten jetzt wieder den Zug ein Stück überholt und kreischten spöttisch hinab: »Fliege doch, fliege doch!« als sich auf einmal über ihnen ein schreckliches Getöse erhob. Zugleich sahen sie, wie andere Vögel in wilder Eile flohen, sich im Walde versteckten und angstvoll hin- und herflatterten. Sie sahen, wie selbst ein paar Habichte die Flucht ergriffen und als sie zitternd in die Höhe blickten, sahen sie über sich einen ungeheuren, hellen Vogel schweben, ein riesiges Tier. Es hatte eine dröhnende Stimme, mit der brüllte es immerzu, es brüllte so laut, daß unten die Menschen, die im Zuge fuhren, emporsahen. Die schrien auch laut, aber sie schienen gar nicht ängstlich zu sein, denn sie lachten und nickten, sie schwenkten weiße Tücher und riefen: »Hurra, ein Luftschiff!«

Und wunderlich, aus dem brüllenden Riesenvogel heraus sahen auch Menschen, die lachten und nickten auch, sie schwenkten auch weiße Tücher und jubelten: »Wir fliegen, wir fliegen!«

Die Krähen wären wohl so wild und angstvoll entflohen wie die anderen Vögel, wenn Rara und Kara, die beiden älteren Schwestern, nicht zur Ruhe ermahnt hätten. »Wir kennen den Vogel,« mahnten sie, »wir sahen ihn schon einmal, er tut uns nichts, haltet euch nur alle an unserer Seite.«

Die anderen gehorchten. Stumm senkten sie sich alle zur Erde nieder auf einen Baum, den Rara mit scharfen Augen als leer von Nestern erspäht hatte. Es wohnten auch keine Vögel darauf, nur ein paar Eichhörnchen, die scheltend und fauchend auf die fremden Gäste losfuhren. Aber als die Schwestern baten: »Ach, laßt uns hier nur kurze Rast halten,« gaben sie sich zufrieden.

»Ausruhen dürft ihr,« sagten die Eichhörnchen, »nur Nester bauen, das ist verboten!«

Das ungeheure Tier rauschte vorüber, aber noch lange, lange hörten die Vögel seine dröhnende Stimme und wagten deshalb nicht, aufzufliegen um ihre Reise fortzusetzen. Endlich taten sie es doch. Die Eichhörnchen brummten: »Es ist auch Zeit, das war ein langer Besuch« und die Krähen sagten zueinander: »Gut, daß wir hier nicht zu wohnen brauchen, ach in der Heimat war es freundlicher, da kannten uns alle und niemand schalt uns ungebetene Gäste.«

Sie stiegen nun wieder hoch empor, spähten nach dem schmalen, schimmernden Schienenweg aus und flogen dann der glänzenden Spur nach, der neuen, unbekannten Heimat entgegen. Ihre Herzen waren ihnen schwer und selbst die drei Schwestern klagten: »Wie ist es traurig, in der Fremde zu sein!«

2. Kapitel. In der neuen Heimat.

Zwei Kinder, Bruder und Schwester, saßen unter vielen fremden Menschen in dem Zuge, den die Krähen überflogen. Das Mädel hatte silberblondes Haar, und sein Gesicht sah blaß und zart aus; es glich einer weißen, feinen Gartenblume. Der Knabe war kräftiger, blühender, er hatte dunklere Haare, doch seine Augen waren gerade so blau und strahlend wie die der Schwester. Die Kinder saßen still nebeneinander und blickten zum Fenster hinaus, manchmal sah die blasse Schwester den Bruder an, dann nickte der und sagte: »Hab' keine Angst, Gundel, ich bin ja bei dir!«

Darauf lächelte die Kleine zuversichtlich und schmiegte sich noch ein wenig fester an den Bruder an. Dann und wann versuchte jemand von den Mitreisenden mit den Kindern ein Gespräch anzufangen. Woher sie kämen, wohin sie wollten, warum sie so allein reisten? Doch die beiden gaben nicht viel Antwort und die Fremden gaben das Fragen immer bald wieder auf. Bei jeder Station sah der Knabe emsig in sein Taschenbüchlein und die Schwester fragte: »Sind wir bald da?«

»Noch nicht, noch nicht,« erwiderte der Bruder, bis er endlich rief: »Auf der nächsten Station steigen wir aus!« Ganz eilfertig holte der Knabe ein bescheidenes Handköfferlein aus dem Gepäcknetz, suchte Mäntel und Schirme zusammen und sagte immer wieder: »Gleich sind wir da!«

»Na, so schnell geht's noch nicht,« brummte ein dicker Herr, der den beiden gegenüber saß, »der Zug hält erst in P., bis dahin fahren wir noch gut eine halbe Stunde.«

»Wir steigen in Friedebach aus,« sagte der Knabe sehr höflich und bescheiden.

»Dort hält der Zug nicht.«

»Doch, hier steht's,« rief der Knabe nun eifrig und hielt sein Taschenbüchlein dem dicken Herrn hin. Der sah hinein, schüttelte mit dem Kopf und sagte trocken: »Da steht's schon, aber es stimmt nicht. Ich fahre oft hier, der Zug hält in Friedebach nicht, es ist ein Schnellzug.«

Die Kinder sahen sich erschrocken an, Gundel wurde noch blässer vor Schreck, aber der Bruder meinte rasch: »Er wird schon halten der Herr Rat hat es doch gesagt.«

»Er hält nicht,« rief der dicke Herr nun ärgerlich und bat den Schaffner herbei, der eben durch den Wagen ging. Der kam, betrachtete die Fahrkarten der Kinder und sagte: »Ja, ihr hättet in L. umsteigen müssen, der Zug geht weiter, er hält wirklich nicht in Friedebach.«

Gundel brach in Tränen aus, aber der Bruder hielt sich tapfer und fragte wie ein alter erfahrener Reisender, wie er wohl nach Friedebach käme? »Mit dem nächsten Zug, nach drei Stunden geht einer von P. zurück,« gab der Schaffner Auskunft. »Aber freilich nachzahlen müßt ihr in P., was das Billet mehr kostet, auch ein neues nach Friedebach lösen.«

In die schmalen seinen Gesichter stieg dunkle Glut. Die beiden sahen sich verlegen an und endlich sagte der Knabe leise, beschämt: »Wir haben kein Geld.«

»Ja, das ist sehr schlimm,« meinte der Schaffner. Und dann redeten alle im Wagen hin und her, die Kinder wurden darüber immer verlegener, bis schließlich der dicke Herr sagte: »Ich steige auch in P. aus, ich will schon sehen, wie es wird.« Dann wandte er sich an die Geschwister mit der Frage: »Wohin wollt ihr denn? Ich kenne die Gegend gut.«

»Nach der Rabenburg,« erwiderte der Knabe und seine Stimme klang nun ganz hell vor Freude.

»So, so,« brummte der Frager, »kenne ich. Da könntet ihr aber gut von P. aus gehen und euer Gepäck könnte der Botenkarl tragen. Zwei Stunden, weiter ist's nicht, freilich dem Mädel mag's zuviel sein. Wollt ihr zum Herrn von Tracht?«

Die Kinder nickten beide und das Mädel rief froh: »Zwei Stunden geh' ich schon, Dieter.« Sie sah hinaus, sah draußen den Wald an den Schienen entlang stehen und flüsterte halb sehnsüchtig halb bang: »Geht der Weg wohl durch den Wald?«

»Ein Stücklein schon, aber seht einmal rasch hinaus, da drüben, das ist die Rabenburg,« rief der dicke Herr.

Ein schmales Tal tat sich auf, von Wald und Hügel umschlossen. Ein Dörfchen lag im Grunde und ferne stand über dem Wald auf einem runden Berg ein Schlößchen. Es war nur wenige Minuten sichtbar, dann lief der Zug mit viel Getöse durch einen langen schwarzen Tunnel. »Er fürchtet sich, darum brüllt er so,« dachte Gundula von dem Zug, aber der war schnell wieder draußen im Licht, und es gab ein anderes Bild. Doch den Kindern lag das Schloß auf dem Berge im Sinn und sie redeten leise davon, sie hofften dort eine Heimat zu finden.

»Nun müßt ihr aussteigen, jetzt kommt P.,« sagte in ihr Flüstern hinein ihr dicker Nachbar. Er sagte das zwar brummig, aber seine hellen guten Augen schauten die Kinder dabei so freundlich an, daß die ihm ohne Zureden folgten. Hinaus auf den Bahnsteig, durch die Sperre hindurch, es ging ganz leicht, alle Beamten schienen den Beschützer der Kinder zu kennen. Sie nickten als er ihnen etwas sagte. Und zu Gundels großer Erleichterung hielt niemand sie fest, es verlangte auch niemand Geld von ihnen. Vor dem Bahnhof stand ein Kutschwägelchen. »Steigt mit ein,« sagte der dicke Herr. »Ein Stück könnt ihr mit mir fahren, dann zeige ich euch den Weg!« »Hoppla!« da saß er drinnen im Wagen, er füllte beinahe den ganzen Vordersitz aus und es war gut, daß die Kinder so schlank und schmal waren, da hatten sie bequem auf dem Rücksitz Platz, auch das Köfferlein konnte untergestellt werden.

»Werdet ihr den nachher auch tragen können?«

»O ja,« rief Dieter auf diese Frage des Fremden. »Er ist ja nicht schwer, das andere Gepäck wird uns nachgeschickt.«

»Aber der Weg ist lang und heiß ist's auch, gar so kräftig seht ihr mir nicht aus. Wollt wohl zu den Ferien auf die Rabenburg?«

»Nein – – für immer.« Halb scheu sagte es Dieter und halb stolz.

»Für immer?« Der dicke Herr musterte die beiden aufmerksam. »Heißt ihr auch von Tracht?«

Dieter sagte »ja« und Gundel nickte ernsthaft.

»Schau, schau. Vor langen Jahren, ich war damals noch ein junger Bursch, hatte ich einen lieben kleinen Kameraden, Hans Dieter von Tracht. Ein lustiger Kerl, ist nachher Marineoffizier geworden und soll irgendwo auf fernen Meeren untergegangen sein. War das euer Vater?«

Die Augen der Kinder leuchteten, sie nickten stolz. »Ja, unser Vater. Mutter sagte, er hat sechs Menschen gerettet, dabei ist er ums Leben gekommen.«

»Sieht ihm ähnlich. Ja, so was glaub' ich von ihm.« Der Fremde fuhr sich über die Augen und sagte dann weiter: »Und eure Mutter?«

Da schluchzte Gundel auf und Dieter senkte den Kopf. »Mutter ist auch tot.«

»Also Waisen, arme Kinder,« dachte der dicke Herr und dann fragte er herzlich und gut nach allerlei, daß der beiden Vertrauen noch wuchs, sie erzählten dies und das, erzählten, daß sie eine Zeitlang bei einer Freundin der Mutter gewesen wären, dann in Erziehungsanstalten, zuletzt bei ihrem Vormund; das sagten sie bedrückt, und ihr Beschützer merkte rasch, dort war es nicht gut gewesen. Er fragte aber nicht und die Kinder erzählten ihm auch nicht, wie einsam sie sich in dem reichen Hause gefühlt hatten, in dem die Hausfrau nur ihr Vergnügen, ihre Gesellschaften, ihre Kleider und dergleichen im Sinn hatte und der Mann nur darauf bedacht war, viel Geld, immer, immer mehr Geld zu erwerben.

Aber Dieter berichtete und seine Stimme klang wieder hell und froh: »Auf einmal hat der Großonkel geschrieben, wir sollten zu ihm kommen und dort bleiben.«

Der Fremde nickte. »Mag's euch auf der Rabenburg so gut gefallen wie einst eurem Vater. Aber, holla! hier müßt ihr aussteigen!«

Am Waldrand hielt der Wagen und der Weg verlor sich in den Wald in eine grüne, geheimnisvolle Dämmerung hinein. Bunte Blumen standen da, so wie Pagen um eines Königs Thron stehen.

»Hier müßt ihr durchgehen, fürchtet ihr euch?«

»Nein,« riefen beide, denn der Weg schien ihnen lockend und lieblich.

»Ist auch nichts zu fürchten, bei uns hier nicht, geht nur immer gerade aus, dann links, da kommt ein Wegweiser nach Untersberg, den Weg müßt ihr gehen.«

Gundel hatte kaum auf des freundlichen Herren Rat gehört. Sie schaute in den Wald hinein. Auf dem Weg lagen goldene Lichtflecke und ein feines Summen und Sausen war hörbar, das vereinte sich mit dem Rauschen der Bäume und klang wie ein Lied. »Dieter,« flüsterte die Kleine tief atmend: »Der Wald ist aber arg schön.«

»Ja,« sagte Dieter froh und sein Blick lief bewundernd die hohen Bäume entlang, »so einen schönen Wald hab' ich noch nie gesehen.«

»Hohohoho!« lachte da aus einmal der dicke Herr, »das ist kurios, sehr kurios. Ihr seid mir ein paar echte Trachts. Na, grüßt mir euren Großoheim und Gott befohlen! Hohoho, kurios, sehr kurios!«

Das Wäglein rollte davon, sein Insasse nickte und winkte noch und verdutzt schauten ihm die Kinder nach. Was kurios an ihrer Waldfreude war, begriffen sie nicht, aber schwer fiel es ihnen aufs Herz, daß sie sich nicht bedankt hatten und eilig rannte Dieter dem Wagen nach und schrie höflich: »Schönen Dank!«

Über das gute breite Gesicht des Herrn ging ein Lachen, er nickte und winkte, rief auf Wiedersehen und dann bog der Wagen um eine Waldecke und die Kinder waren allein, sie hörten nur noch das ferner und ferner klingende Rollen. Noch nie waren sie in ihrem Leben so allein im Walde gewesen und unwillkürlich faßte Gundel des Bruders Hand. »Du, es ist so arg still,« flüsterte sie.

Der nickte und schaute sich um, »aber schön ist's.« Sein Blick fiel auf ein paar große blaue Glockenblumen und rasch bückte er sich, pflückte sie ab und hielt sie der Schwester hin. Die lächelte froh und vergaß ihre Angst vor der Stille, denn nun erst sah sie alle die Blumen, die noch am Wege standen, immer da, wo die Sonne hineinsah.

Und wie sie beide so durch den Wald gingen, Dieter mit dem Köfferlein, Gundel Blume um Blume pflückend, hörten sie auf einmal über sich ein Rauschen und Schreien. Eine große Schar schwarzer Vögel flog über den Wald, drei zogen voran, sie stießen von Zeit zu Zeit einen hellen Schrei aus, dann flogen die anderen ihnen schneller nach, es war als ob sie alle müde wären. Die Kinder konnten sehr gut folgen und diese dunkle Schar in der Luft ließ ihnen den Weg im Walde nicht so einsam vorkommen. Freilich ihr Beschützer hatte vorher recht gehabt, heiß war es und Dieter fühlte wohl die Last des kleinen Koffers. Einmal schlug Gundula vor: »Wir wollen uns ausruhen.« Sie setzten sich beide an einen Grabenrand und wunderlich war es, rauschend ließen sich die schwarzen Vögel auf den Bäumen nieder, es war beinahe, als flögen die zu ihrer Begleitung mit.

Die Kinder wußten nicht, daß die Krähen, die über ihnen flogen auch so heimatlose Wanderer waren wie sie selbst, und die Vögel wußten das nicht von den beiden Kindern. Das Rikralein hatte gesagt: »Wir wollen den Kindern nachfliegen. Ich habe einmal geträumt, in der Nacht, da unser Auszug beschlossen wurde, zwei Kinder würden uns den rechten Weg zeigen. Wir wollen darum diesen folgen.«

»Wie du es willst,« hatten die Schwestern gesagt und so folgten alle den Geschwistern. Sie ruhten, wenn diese ruhten, flogen langsam, wenn Gundel Blumen pflückte und flogen dann rascher, als die Kinder auf einmal jauchzend riefen: »Da ist sie!« Sie waren an eine breite Schneise gekommen und sahen nun wieder, viel näher jetzt, die Rabenburg liegen. »Jetzt ist's nicht mehr weit,« sagten sie froh und begannen zu laufen.

Schneller rauschten die Krähen über ihnen, aber die hätten wohl das Ziel leichter erreicht, denn sie hatten kein schweres Köfferlein zu tragen wie Dieter. Der mußte bald wieder langsamer gehen, mal wieder ausruhen und so kamen die Kinder nicht so schnell auf die Burg wie sie gehofft hatten. Sie wußten nichts davon, wie weit oft ein nahe scheinendes Ziel sein kann.

Auf einmal entschwand die Burg ihren Blicken wieder und sie fragten sich ängstlich: gehen wir auch richtig? Da entdeckte Dieter einen Wegweiser, auf dem stand: »Nach Untersberg«, »Zur Rabenburg rechts.« Nun wußten sie, sie gingen recht und frohgemut wanderten sie weiter.

Der Vogelzug begleitete sie. »Die wollen uns führen,« sagte Gundula, und in den Lüften rief das Rikralein ihren Gefährten zu: »Ich sehe die Burg und sehe, daß die Kinder den rechten Weg gehen, es war gut, ihnen zu folgen!«

Was die Krähen in ihrer Höhe sahen, blieb den Kindern im Walde noch verborgen, sie erblickten die Burg erst wieder, als sie ziemlich dicht davor standen. Jetzt war sie nicht mehr hoch und fern, denn der Weg hatte allmählich bergan geführt und doch ruhten die Kinder ein Weilchen, ehe sie das letzte Stücklein gingen. Wie würden sie empfangen werden? Sie hatten sich auf die neue Heimat gefreut und nun sie ihr nahe waren, zagten sie bange.

Über ihnen schwebten die schwarzen Vögel. Die schrien laut, denn sie hielten Rat, ob sie noch alle zusammenbleiben, oder sich über den Wald verteilen sollten. »Wir kennen den Wald nicht und wissen nicht, ob Feinde darin sind,« riefen die Zaghaften. »Wir sind am Ziel,« meinten die Mutigen, »nun soll sich jeder schnell einen Baum aussuchen!«

»Die Schwestern sollen entscheiden,« verlangten zuletzt alle.

Da rief Rara: »Wir sind am Ziel, es möge sich darum jeder gleich sein Heim suchen.«

Kara fügte bedachtsam hinzu: »Bleiben wir zusammen, erstaunen jene, die uns erblicken, über die Menge. Es ist darum besser wir verteilen uns.«

Das Rikralein aber jauchzte: »Seht alle dort die hohe Tanne über der Burg, sie soll unser Ratsbaum sein.«

»Ja!« kreischten die anderen, »unser Ratsbaum soll es sein, unser Königsbaum und ihr sollt dort wohnen, ihr unsere Königinnen.«

Die Schwestern senkten demütig ihre Häupter, als alle Vögel sie umkreisten und jauchzten: »Nun haben wir eine Heimat und haben drei Königinnen!«

Die Kinder hörten unten das laute Rufen und sie vergaßen über den Vögeln für einige Minuten die Burg. Erstaunt sahen sie zu, wie oben die Vögel zu tanzen schienen in der goldklaren Luft, wie sie auf- und abschwebten und drei von ihnen umkreisten. Dann teilten sich die Vögel und flogen nach den vier Himmelsrichtungen davon, einzelne ließen sich auf nahen Bäumen nieder, andere flogen weiter. Drei blieben über der Burg, sie wiegten sich eine Weile hin und her, dann flogen sie auf eine riesige Tanne zu, die wie ein dunkler einsamer Wächter nahe dem Schloßeingang stand.

Gundula schaute noch immer nach den Vögeln hin, des Bruders Blick hing an dem Schloß. Immer, wenn er an die Rabenburg gedacht hatte, von der die Mutter manchmal erzählte, hatte er sich einen gewaltigen, finsteren Bau vorgestellt.

Das Schlößchen, das vor ihm lag, war aber hell und heiter, düster daran war nur ein runder, dunkler Turm, der paßte gar nicht zu dem ganzen Bau. Nach drei Seiten hin lag das Schloß frei an sanft abfallendem Berge, an der Nordwand hingegen stand der Wald, so dicht hatte er sich an das Schloß herangedrängt, als wollte er es umarmen, es schützen vor Wetter und Wind. Nach der Straßenseite hin gab es ein breites Tor, das weit offen stand und dem Blick einen blühenden Garten freigab.

»Komm,« mahnte Dieter die Schwester und kaum hatte sie den Garten erblickt, als sie zu laufen begann, um nur recht schnell der bunten Pracht nahe zu sein. Doch da vor dem Tor hielt der Bruder sie zurück. »Sieh, hier steht etwas, wir wollen es erst lesen.« Er stellte sein Köfferlein hin und begann mühsam die in den Stein gemeißelten Worte zu entziffern. Da stand:

»Der Krieg fahret über Land,
Dreymal hat das Haus gebrannt;
Dreymal löscht des HERRN Hand
Feuer von dem Feind gesandt.
ER löschte auch den Kriegsbrand,
Gelobt sey des HERRN Hand.
Anno 1649.«

Das war nach dem Dreißigjährigen Kriege,« sagte Dieter, und dann las er etwas geschwinder schon den zweiten Vers:

»Der dieses Haus neu aufgebaut,
Der hat es GOTTE anvertraut.
In Trübsal und in Not,
In Leben und im Tod
Verlaß uns nicht HERR GOTT!
1771.«

Die Kinder lasen andächtig die Verse ihrer frommen Vorfahren und sie merkten es gar nicht, daß sie vom Schloßgarten aus sehr eifrig beobachtet wurden.

»Sie sind's, Susanne, sicher sie sind's.« Der es sagte, war der Schloßherr Dieter Emil von Tracht. Er war groß und aufrecht wie ein Baum, und seine schmächtige Frau mußte ordentlich zu ihm aufsehen.

»Sie sind's, ja sicher, so habe ich sie mir gedacht, wie lieb sie aussehen!«

»O, Susannerl!« Herr von Tracht lachte behaglich, »die könnten aussehen wie Eskimokinder oder gar wie ein paar Hottentottenwürmer, dir würden sie doch gefallen, wann hätten dir Kinder nicht gefallen. Aber wo mögen sie hergekommen sein, im Mittagszug waren sie doch nicht?«

»Bestimmt niche,« tönte aus dem Hintergrunde eine Stimme und diese laute rollende Stimme wurde auch draußen von den Kindern gehört. Erschrocken schauten sie durchs Tor hinein, sie wagten nicht recht einzutreten, aber da kam schon Frau Susanne rasch auf sie zu und rief herzlich: »Seid ihr es nun wirklich, Heinz-Dieter und Gundula?«

»Die war'n bestimmt niche da,« grollte und rollte wieder die laute Stimme und dann kam zur großen Überraschung der Kinder ein auffallend kleines Männchen daher, stellte sich vor beide hin und brüllte sie an: »Mit dem Zug seid ihr niche gekommen!«

»Doch,« rief Dieter, »aber –« Da fiel ihm ein, daß sie ja an einer anderen Haltestelle ausgestiegen waren und er erzählte das Abenteuer ihrer Reise, auch von dem Herrn berichtete er, der sie mitgenommen hatte.

»So – – der.« Herr von Tracht runzelte die Stirn, eine Wetterwolke zog darüber, aber sie verschwand gleich wieder und der Hausherr blickte aus seiner Höhe herab freundlich auf die Kinder nieder. »Herzlich willkommen auf der Rabenburg. Daß ihr gelaufen seid, war gescheit, gefürchtet habt ihr euch doch nicht?«

»Nein.« Dieter und Gundel riefen es im Einklang und Gundula sagte leiser noch:

»Es war so schön im Walde.«

»Hohoho! Schön im Walde!« Das kleine Männlein lachte als hätte es ein Dutzend Stimmen bekommen. »Schön im Walde, so ist's recht. Hohoho!« Noch immer lachend nahm er Dieter den Koffer aus der Hand und lief eilig damit in das Schloß hinein.

»Das ist unser Justus,« erklärte Frau Susanne, »der hat noch euren Vater gekannt. Aber nun kommt nur erst herein, ihr werdet müde und hungrig sein.«

Das waren die Kinder schon, müde, hungrig, aber auch verwirrt von all den neuen Eindrücken, und da sie beide ohnehin nicht zu denen gehörten, die ihre Gedanken und Gefühle gleich alle hinausschwätzen können, so saßen sie ziemlich still am Abendtisch. Der war in einer Ecke des Schloßgartens gedeckt. Rosenbüsche mit Hunderten von weißen Blüten hatten sich da so breit gemacht, daß Stadtleute wohl das Geranke der vielen blühenden Sträucher eine Laube genannt hätten, auf der Rabenburg nannten sie es einfach »den Winkel«.

Hier war die Mauer niedrig, es war die waldlose Seite der Burg und frei konnte der Blick in die Weite schweifen. Die Aussicht gehörte zwar nicht zu den berühmten Aussichten, nach denen sich die Menschen müde laufen, um sie nur einmal zu genießen, doch die Kinder fanden sie wunderschön. Dieter und Gundel sagten aber nichts, sie saßen nur mit leuchtenden Augen an dem Tisch, ihre Fahrt, die Wanderung durch den Wald, die Burg, alles erschien wie ein Traum, aus dem sie fast fürchteten zu erwachen.

Und als sie dann in den großen hellen Zimmern, die ihnen die Tante nebeneinander eingerichtet hatte, in den Betten lagen, dachten sie beide nichts mehr weiter als: wie gut, daß wir hier sind. In Gundulas erste Träume hinein tönten noch krächzende Stimmen, »die Raben, die vor uns herflogen, sind's,« dachte sie, »die große Tanne steht ja vor meinem Fenster.« Sie reckte und streckte sich und meinte, sie habe sich gerade einmal auf die andere Seite umgedreht, als es schon Morgen war und aus dem Nebenzimmer heraus Dieters Stimme rief: »Gundel, bist du schon wach? Steh auf, ach, ist das draußen schön!«

3. Kapitel. Das stille Tal der Flüchtlinge.

Das Ankleiden ging rasch an diesem Morgen und die Geschwister stiegen bald zusammen die Treppe hinab, die zu den Wohnräumen führte. Ihre Schritte klangen laut auf den breiten weißen Steinstufen, das war auch der einzige Ton, der zu hören war, das Haus lag in tiefster Stille. »Wir sind zu früh aufgestanden,« sagten die Kinder zu einander und sie zögerten weiterzugehen und sahen hinab in den großen Flur. Der war weiß und gewölbt und Gundula dachte: es ist wie in einer Kirche. Wie sie noch standen, unsicher, was sie tun sollten, ging unten eine Tür und ganz breit floß das Licht über die Steinfliesen. Des Justus rollende Stimme erklang: »Sie kommen alleweile, Frau Baronin, sag' ich nicht, ›Geduld überwindet Buttermilch‹.«

Eine zweite Tür ging auf. Frau Susanne trat in den breiten Lichtstreifen und rief heiter den Kindern entgegen: »Guten Morgen, Langschläfer ihr!«

Da merkten die beiden, daß der Tag auf der Rabenburg früh begann und sie eilten ein wenig erschrocken hinab. Unten stand nur noch die Tante, aus der Ferne, von dem Ende eines langen Ganges her, rief Justus: »Frühstück, ich bring's.«

Das klang verlockend und der Platz, auf dem der Frühstückstisch gedeckt stand, war es nicht minder. Weil der Rosenwinkel am Morgen allzusehr in der Sonne lag, wurde unter einer Linde, die seitlich der Haustüre einen weiten Platz überschattete, das Frühstück eingenommen. Dort saß auch der Hausherr. Er spähte scharf nach der großen Tanne hinüber, dem einsamen dunklen Torwächter, und nickte den Kindern nur flüchtig zu. »Frau,« rief er, »sieh nur drüben auf unserer Tanne sitzen drei Krähen, Raben möchte ich beinahe sagen, sie erscheinen mir besonders groß.«

»Die sind mit uns gekommen,« plauderte Gundula fröhlich.

»Mit euch gekommen, wie das?«

»Ja, ein ganzer Zug war's, viele, viele!« Dieter erzählte von den dunklen Vögeln, die sie begleitet hatten, Gundula half dabei, zuletzt sagte sie: »Drei flogen immer voran, die sind's, die auf der Tanne sitzen, gewiß sind es die Könige.«

»Krähenkönige,« spottete der Oheim.

»Warum nicht Rabenköniginnen,« erwiderte Frau Susanne, »warum sollten die nicht zur Rabenburg kommen? Übrigens sonderbar ist das mit dem Zug, wir haben sonst keine Krähen hier.«

»Nein, die hat ein Förster einst gründlich vertrieben. Nur im Walde horsten noch ein paar echte Kolkraben.« Der Hausherr beobachtete unverwandt die drei Vögel, die auf der Tanne wie auf einem Turm saßen. Da sagte auf einmal der Justus, der unbemerkt an den Tisch getreten war: »Wenn jemand auf der Rabenburg einzieht, der darin bleibt, und der einst darin stirbt, dann kommen immer Raben mit, so ist's.«

Diesmal klang die Stimme nicht laut, Justus sprach gedämpft, geheimnisvoll, und als er dann lautlos davonhuschte, schauten ihm die Kinder fast erschrocken nach.

»Das ist so was für unseren Justus, aus jedem Krähenschwanz macht der ein Märchen,« brummte Herr von Tracht, halb lachend, halb ärgerlich. »So, und nun fliegen die schwarzen Vögel auf und davon, sie haben wohl nur eine Nachtrast auf der Rabenburg gemacht. Nun, ihr beiden tut es ihnen hoffentlich nicht nach. Geschwind füllt eure Magen, dann gehen wir in den Wald!«

Die drei Vögel auf der Tanne waren wirklich aufgeflogen, sie hatten das Schloß umkreist und zogen dann waldwärts, eine Weile noch sichtbar am hellen Himmel, dann verschwanden sie. Wenige Minuten später zogen auch die Kinder an des Oheims Seite waldwärts, sie dachten dabei aber nicht an ein Fortfliegen von der Rabenburg, ja, als sie durch das Tor gingen, schauten sie noch einmal zurück, wie man sich wohl in der Heimat umsieht.

Herr von Tracht schlug einen anderen Weg ein, als den die Kinder gestern gekommen waren. Seitwärts führte ein schmaler Pfad erst an der Burgmauer entlang, dann steil bergab. Nach ein paar hundert Schritten jedoch stieg der Weg wieder zur Höhe, er wand und drehte sich durch den Wald und er war so schmal und überwachsen, daß jemand schon gut wegkundig sein mußte, um ihn zu finden. Die Tanne herrschte hier vor, die Edeltanne, mit den breiten Nadeln, deren Äste wie dunkle Königsmäntel herabhingen. Innen im Walde bedeckten nur Moose und blasse kleine Pflanzen den Boden, lichtete sich freilich die Dämmerung ein wenig, gleich hatten sich die Farrenkräuter mit ihren federzarten Blättern dort angesiedelt. Die bunten Waldblumen aber waren auch hier an den Wegrand gelaufen, damit ihnen die Sonne in ihr Blumenherz leuchten konnte. Dennoch waren sie viel blässer als ihre Schwestern auf den Wiesen und manche, die dort in stolzer Farbenpracht standen, sahen hier so bleich aus, wie kleine kranke Kinder. Sie sehnten sich alle unendlich nach der Sonne, sie schwankten und zitterten jedem Strahl entgegen, aber es war doch so, vom Walde wollten sie sich nicht trennen, und manche blasse Blume war froh, daß sie zu den Füßen der Baumriesen sterben durfte.

An diesem Morgen aber dachten sie alle nur daran, wie schön das Leben sei, denn die Sonne schaute in den Wald hinein. Sie neckte die Bäume, wie die auch ihre Äste neigten, dahin, dorthin, immer fand die Sonne einen Weg, um auf den Boden hinabzugleiten.

Der Oheim ging voran, die Kinder folgten hintereinander, denn immer schmäler wurde der Pfad. Und dann war er auf einmal zu Ende. Große, grüne Steine versperrten ihn, sie lagen da wie von Riesenhand hingeworfen, um dem Walde Halt zu gebieten. Aber der war siegreich über die Steine hinweggeschritten, zwischen ihnen empor ragte eine mächtige Tanne, eine Königin unter ihren Schwestern, über und unter den Steinen, überall hatten sich ihre Wurzeln den Platz erobert, sie umkrallten die Steine und kamen braunen Schlangen gleich unter ihnen hervor. Hinter dieser mächtigen Tanne ging es ziemlich steil bergab, und als die Kinder einen Stein erklettert hatten, sahen sie hinunter in ein schmales Tälchen. Ganz einsam lag das da unten, ein Bach rann eilig hindurch, er glitzerte und rauschte und verlor sich dann wieder im jenseitigen Walde. Am Eingang des Tälchens standen etliche Eichen beieinander. Sie waren dick und knorrig, sie mochten schon viele hundert Jahre dort stehen und viele Menschengeschlechter überdauert haben. Neben den Eichen türmten sich ein paar Steinhaufen auf, fast so, als hätte dort einst ein Haus gestanden, das verfallen war.

Wie in ein Märchenland, so schauten die Kinder in das stille Tälchen hinab und wie sie so schauten und Gundula dachte, irgendeine Waldfee müßte bald über den Wiesenrand schreiten, krächzte es über ihnen. Ein Rabe war es. Der krächzte laut, beinahe zornig; von irgendwoher antwortete ein anderer, dann ein dritter. Sie schienen alle drei über etwas höchst unzufrieden zu sein.

»Das sind nun echte Kolkraben, kein Krähengesindel mehr,« sagte Herr von Tracht. »Hier horsten etliche und sie werden selten genug von Menschen gestört. Der Wald hier gehört noch zur Rabenburg. Seht dort drüben den breiten Streifen sich durch den Wald ziehen, dort hört mein Besitz auf.«

»Was steht dort?« fragte Gundula eifrig. Sie meinte, nun müsse Schloß auf Schloß im Walde stehen.

Der Oheim lächelte. »Auch Wald, dann Felder und Wiesen. Aber der Wald dort ist nicht so schön, es wird viel Holz darin geschlagen und euer gestriger Freund, Herr Specht, läßt in seiner Schneidemühle alltäglich viele Bäume zerschneiden. Meinen Wald möchte er auch gern abschlagen lassen.«

»Abschlagen lassen!« Die Kinder schrien es fast zornig und der dicke freundliche Herr Specht erschien ihnen in diesem Augenblick fast wie ein Ungeheuer. »Den ganzen Wald, ganz weg?« fragte Gundula verängstigt.

»Doch nein, nicht den ganzen Wald, nur viele Bäume daraus möchte er haben. Aber habt keine Angst, er bekommt sie nicht so leicht, der Wald ist mir heilig.« Herr von Tracht hatte sich auf einen der grauen Steine gesetzt, sinnend sah er in das Tälchen hinab, das ganz im Sonnenschein lag, nur die Eichen standen noch im Schatten. »Dort unten, Kinder,« sagte er, »haben einst unsere Voreltern viele Wochen lang gehaust.«

»Hat dort ein Schloß gestanden?«

Der Oheim schüttelte den Kopf. »Nein Kinder, kein Schloß, nur ein paar Hütten, die dürftigen Schutz geboten haben. Gestern habt ihr den Spruch am Burgtor gelesen von dem Brand, der dreimal das Haus bedroht hat. In dem langen harten Krieg war das, der dreißig Jahre unser schönes Vaterland verwüstete und es zum Schlachtfeld machte für fremde Völker. Damals, in den ersten Kriegsjahren, nahten sich die Kaiserlichen der Rabenburg. Brennend, mordend durchzogen sie das Land, dessen Fürst dem Kaiser feind war. Vereinzelte Flüchtlinge kamen auf der Rabenburg an, die erzählten von dem namenlosen Jammer der armen Völker. Und eines Tages stand der Himmel im Süden in roter Glut, da wußten alle: dort brennt ein Dorf, nun trifft es uns. Die Dorfleute, das Dorf war nur klein, zählte bloß etliche Häuser, stiegen in ihrer Not zum Burgberg hinan und flehten den Burgherrn an, sich ihrer zu erbarmen. Es war der dritte Herr von Tracht, der auf der Rabenburg saß, der Chronist nennt ihn einen gar frommen und gerechten Herrn. Das muß er auch gewesen sein, jedenfalls hat er allezeit tapfer und gut für die Dorfleute gesorgt. Die taten ihm in ihrer Not von Herzen leid, denn er wußte wohl, die kleine Burg konnte dem starken Feind nicht viel Trutz bieten. Er redete mit den Männern, was zu tun sei, als sein junges Weib zu ihm trat, sie führte ihren Ältesten an der Hand, einen kleinen Hans-Dieter, der so alt war, so lange der schwere Krieg schon dauerte. Sie riet: »Laßt uns in den Wald fliehen!«

Und bei seines Weibes Worten dachte der Burgherr an ein einsames Fleckchen im Walde, das er einmal gefunden hatte auf der Jagd. Dort, ja dort waren sie wohl alle geborgen. Sie beschlossen also dorthin zu wandern, vor Tau und Tag; bis dahin sollte jeder zusammenpacken, was mitzunehmen war. So geschah es, im grauenden Morgen führte der Burgherr die Seinen auf Wegen, die keine Wege waren, durch den dichten, dunklen Wald in dies Tälchen, das lag auch damals wie heute in Stille und Friede. In der alten Chronik steht, daß noch am gleichen Abend ein junger Bursch eine hohe Tanne erstiegen habe und über der verlassenen Heimat glutroten Schein sah.

Die Flüchtlinge hatten gemeint, sie würden bald heimkehren können, aber sie mußten sich wochenlang in dem einsamen Tal aufhalten. Eine wahre Völkerflut wälzte sich über ihr Heimatland und immer wieder kehrten der Gutsherr und sein Jäger, die allein die Wege kannten, zurück und erzählten, daß immer noch die Feinde im Lande wären. Die Männer hatten unterdessen Hütten gebaut aus Stein und Moos, die boten ihnen Schutz gegen die allerschlimmsten Wetter. Die Eichen schimmerten schon rotbraun, da endlich konnten sie alle heimkehren zu Burg und Dorf. In der Burg hatte es gebrannt, aber das Feuer hatte nicht viel Schaden angerichtet, im Dorf lagen ein paar Hütten in Schutt und Asche, ihre Bewohner wurden von anderen aufgenommen und alle waren froh, so glimpflich davongekommen zu sein. Etliche Jahre lebten sie in leidlichem Frieden, der Krieg tobte weiter, aber nur ein paar versprengte Landsknechte fanden den Weg in das stille Tal, mit denen wurden der Burgherr und die Bauern fertig. Aber dann kamen die Schweden und eines Tages standen wieder die Dorfleute, Schutz suchend, vor dem Burgtor, denn der Himmel flammte von fernem Brande. Ihnen allen erschien der einzige Rettungsweg zu sein, daß sie der Burgherr wieder in das stille Tälchen führte und so zogen sie zum zweitenmal fliehend in den Wald. Der gab ihnen wieder Schutz und nahm sie auf in seine grüne Stille und der laute Jammer der Welt blieb hinter ihnen. Diesmal aber mußten sie lange, lange im Walde hausen, schon war es Winter, als sie heimkehrten. Und wieder hatten die Feinde Brandfackeln in die Burg geworfen, die dicken Mauern aber standen noch, nur ein Seitenbau war eingestürzt und ein paar Ställe, großer Schaden war es nicht. Als sie einzogen in die Burg, da sagte der junge Hans-Dieter, so steht in der Chronik, er war damals vierzehn Jahre und ein stämmiger Bursch: »Im Walde gefiel mir's besser, möchte mein Lebtag drinnen hausen.«

Etliche Jahre fristeten sie nun wieder ihr kümmerliches Leben ohne Drangsale durch den Krieg. Dann kam ein Feind ins Land, vor dem half keine Flucht von Haus und Hof, es war die Pest. Die schlich gierig durch unsere armen deutschen Lande und manches Dorf starb damals ganz aus, was die Feinde verschont hatten, nahm die Pest. Von der Rabenburg herab ritt in dieser Zeit ein schlanker blonder Bursch in die Fremde, Hans-Dieter von Tracht. Er war der einzige, den die Seuche verschont hatte, Vater, Mutter, Geschwister, Dienstleute, alle waren sie gestorben.

Der Junker von Tracht wurde ein Kriegsmann. Er focht da und dort in fremdem Sold und in fremdem Land, bis ihn doch einmal die Sehnsucht zurücktrieb nach Deutschland. Er fand es noch verwüsteter und der Krieg dauerte noch immer an. Als er sich seiner Heimat näherte, sagte ein Bettler, Kriegsvolk sei dort, wüste, wilde Landsknechte. Er fand aber seinen Weg hindurch, dachte, er wollte doch sehen, ob die Rabenburg noch stand und ob er da wohl einige Habseligkeiten finden würde, die er einst vor seinem Auszug vergraben hatte. Ein langes Bleiben war nicht für ihn und als er in der Morgenfrühe die Burg erreichte, dachte er, gut, daß sie verlassen ist, am Abend wäre Mord und Brand darin. Aber sie war nicht verlassen, wie er gemeint hatte. Ein alter Herr von Wartheim wohnte darin mit seiner feinen jungen Tochter, Dienstleuten und einem Häuflein Bauern. Alles Flüchtlinge von da und dort, heimatlos, ohne Obdach waren sie hierher gezogen vor etlichen Monaten. Nun standen sie alle wieder verzagt auf dem Burghofe, sie wußten von den Feinden, die herangezogen kamen, und wußten nicht, wohin in ihrer Not. Hans-Dieter dachte daran, wie er einst als Kind, dann als Knabe so zwischen seinen Eltern gestanden hatte und wie sie der Vater dann in den Wald geführt. Den Weg in das verborgene Tälchen, ob er den wohl noch fand? Doch wohl! Einst war er ihn oft allein gewandert, er hatte sich gefreut, daß er den verborgenen Platz wieder fand. Er gab sich zu erkennen, zeigte seinen Ring mit dem Wappenspruch: »Ich harre aus!« Den hatte sein Großvater um seines Glaubens willen erwählt. Sie begrüßten ihn alle als Herrn, der stattliche Kriegsmann erschien ihnen wie ein vom Himmel gesandter Retter und sie folgten ihm willig, als er ihnen anbot, sie in den Wald zu führen. Viel Habe hatten sie nicht mitzunehmen, denn eigentlich war es ein jämmerliches Häuflein elender, halbverhungerter Menschen, die Hans-Dieter in das Waldasyl geleitete. Sie waren kaum ein Stück im dichten Tann verschwunden, als von fern wildes Gebrüll und das Stampfen vieler Schritte ertönte, der Feind nahte.

Fast wollten die Flüchtlinge verzagen und Hans-Dieter dazu, denn der Wald sah ihn immer fremder an und wie er auch suchte, er fand den Weg nicht mehr. Und dabei folgten ihm die müden, abgehetzten Menschen Schritt auf Schritt, ihre Blicke hingen an ihm voll Angst und doch so voll Vertrauen.

Er führte sie kreuz und quer und ahnte schwer, er führte sie in die Irre. Da ertönte auf einmal über ihm lautes Rabengeschrei, er sah empor und sah auf etlichen Tannen eine ganze Schar Raben sitzen. Es fiel ihm ein, daß über dem Tälchen Raben horsteten und daß er und die Dorfbuben einst ein paar Tannen die Rabenbäume nannten. Von da an war es nicht mehr weit gewesen, links mußte er gehen, dann kamen die Steine, dann der Abgrund und nun fand er wirklich den Weg und die Flüchtlinge langten todmatt in dem Tälchen an. Golden stand der Abendhimmel darüber und ein so tiefer Friede lag über dem einsamen Winkel, daß es den Flüchtlingen war, als hätten sich ihnen des Paradieses schöne Pforten aufgetan.

»Wir knieten alle nieder und dankten Gott, der uns aus der Trübsal errettet und eine gar selige Freude spürten wir in unseren Herzen,« hat später Frau Katharine von Tracht in die Chronik des Hauses geschrieben. Diese Frau Katharine war das feine schöne Fräulein, das Hans-Dieter mit ihrem Vater auf der Rabenburg gefunden hatte und das er dann heiratete. Auf der Waldwiese unter freiem Himmel sind sie vor einem alten Pfarrer getraut worden, der auch zu den Flüchtlingen gehörte.

Sie haben damals lange in dem Tälchen gewohnt, die paar Menschen, die sich in der Not zusammengefunden hatten. Die Männer zogen manchmal aus, holten Lebensmittel herbei, die schwer zu finden waren, sie bestellten draußen auch die Felder, aber immer kehrten sie in das Waldtal zurück. Eines Tages aber brachten sie eine köstliche Botschaft mit: es war Friede im Lande! Der lange, harte Krieg war zu Ende. Friede, Friede! Nur ein paar alte Leute erinnerten sich daran, wie es im Frieden war, die andern wußten nichts mehr davon.

Sie kehrten nun alle nach der Rabenburg und dem Dorfe zurück. Wieder hatte es in der Burg gebrannt, aber wieder hatte das Feuer nur geringen Schaden angerichtet. Auch im Dorfe gab es noch ein paar Häuser, die leidlich im Stande waren und die Flüchtlinge siedelten sich dort an, von ihnen stammen die meisten der heutigen Dorfbewohner ab.

Zum Gedächtnis an die bösen Zeiten ließ Hans-Dieter von Tracht in den Torpfeiler der Burg den ersten der Sprüche meißeln. Viele Jahre lebte er glücklich in dem Hause, wohl schauten Hunger und Not oft genug in das Schloß hinein, es waren schwere Zeiten und unsere Vorfahren mußten sich tapfer an den Wappenspruch halten: »Ich harre aus!« So haben sie sich durchgerungen, durchgehungert und doch schrieb Frau Katharine von Tracht, kurze Zeit vor ihrem Tode, in die Chronik: »Ich habe Gott gedankt für das gar köstliche Leben, das mir geworden ist.« Sie waren zufrieden, wohl denen, die es gleich ihnen sind. Und nun ist diese Geschichte zu Ende.

Begreift ihr nun, ihr Kinder, daß mir der Wald hier heilig ist. Der Wald, der meinen Voreltern Schutz gewährte, daß ich ihn nicht Herrn Specht verkaufen mag?«

Die Kinder nickten beide still. Es war ihnen so seltsam feierlich zumute und sie wagten kein lautes Wort, aber schüchtern und doch zutraulich, ergriff jedes eine Hand des Oheims. Der hielt die Kinderhände fest und er führte die Geschwister in das Tälchen hinab, über dem der Himmel wie blaue Seide glänzte.

Das Bächlein rann und gluckste und Dieter sah ihm nach und dachte ein wenig überheblich, ich hätte schon den Weg aus dem Tälchen und wieder hinein gefunden, ich wäre einfach dem Laufe des Baches gefolgt.

Es war, als hätte der Oheim seine Gedanken erraten, er lächelte so eigen und sagte: »Der Bach ist ein wunderlicher Geselle, der narrt und neckt die Menschen, der läuft in einen Felsen hinein und der Spalt ist so eng, so steil geht es hinab, daß man unten den Bach für eine Quelle hält. Doch nun kommt, wir müssen heim.«

Wie sie wieder hinaufstiegen und den engen Weg zurückgingen, krächzten die Raben laut in der Höhe. Sie flogen unruhig hin und her und noch lange tönte den Wanderern ihre Stimme nach. An einer Biegung, der Weg senkte sich gerade wieder talwärts, blieb Herr von Tracht stehen, er bog ein paar Zweige auseinander und ließ die Kinder in die Ferne sehen. Da sahen sie wieder die Rabenburg, diesmal von einer anderen Seite und von der Burg empor stieg ein feines dunkles Rauchwölkchen in die Luft.

»Es brennt dort,« rief Gundula erschrocken.

»Ja, im Ofen,« sagte der Oheim heiter, »das Mittagessen kocht und wenn wir uns nicht sputen, verbrennt es wohl. Wir wollen nun einmal geschwind laufen.«

Das taten sie und sie spürten dabei, wie glühendheiß der Tag war. Trotz ihrer Eile hatte Frau Susanna doch schon auf sie gewartet. Sie stand am Burgtor und drinnen im Hofe lief Justus umher, er deckte den Mittagstisch und rief ein Mal über das andre zum eigenen Trost und zu dem für seine Herrin: »Geduld überwindet Buttermilch!«

»Da sind sie,« rief Frau Susanna froh und ganz leise sagte sie zu ihrem Herzen: »Ist doch ein wunderliches Ding um so ein paar Kinder,« seit gestern sind sie erst da und heute fehlen sie mir schon überall, wenn ich sie nicht sehe.«

4. Kapitel. Was Bragi, der Weise, erzählt.

Mittagsstunde im Walde! Die Sonne steht senkrecht über dem Tann und selbst in die kühlsten Schattenwinkel dringt etwas von ihrer Glut. Müde vom Morgenflug sitzen die Vögel auf den Bäumen, sie schlafen nicht und sie wachen nicht, sie träumen. Ein paar möchten schwätzen, sie fangen an, aber die anderen schweigen träge. Käfer, Bienen, Mücken, allerlei kleines, beflügeltes Getier surrt und summt noch über dem Boden hin, aber leiser, gedämpfter als sonst, denn auch die Blumen sind matt und sie sehnen sich nach dem Abendwind. Nur wenn die Schmetterlinge kommen, zittern sie sacht, sie freuen sich der bunten Falter. Die ruhen auch nicht, sie lieben Glut und Glanz und sie flattern den Sonnenfluten nach, tief und tiefer in den Wald hinein. Dort werden sie von den blassen Blumen angestaunt ob ihrer schimmernden Pracht und eitel tanzen sie hin und her und sagen zueinander: »Wir sind die schönsten im Walde.« Am liebsten möchten sie zu den hohen Bäumen emporfliegen, aber die stehen so starr und unbeweglich und die kleinen törichten Schmetterlinge fürchten sich und sie fliegen rasch wieder zu den Blumen hinab.

Warum stehen die großen Bäume nur so still, so regungslos da? Kein Blatt zittert und kein Ästchen rührt sich?

Die Kleinen im Walde, die Gräser, Moose, die Farne, alle kichern darüber und sagen zu den sie umschwirrenden Insekten: »Die Bäume sind faul, sie schlafen.«

Doch die Bäume schlafen nicht, sie sehen zum Himmel empor und denken an den Himmel über sich, an die Gestirne; die jungen, schlanken denken an die Zeit, da sie groß und stark sein werden und die alten denken an vergangene Tage, wie es damals war. An so vieles denken die Bäume in den heißen, müden Mittagsstunden, aber die Menschen wissen es nicht, denn die ahnen nichts von den Seelen der Bäume.

Es wagt im Walde niemand recht den Zauber der stillen Mittagsstunde zu brechen und es ist wunderlich, wenn Menschen um diese Zeit in den Wald wandern, dann werden sie auch still und nachdenklich.

An dem Tage aber, da Dieter und Gundula zum erstenmal im Tälchen gewesen waren, wunderten sich alle Waldbewohner über die Raben. Die störten den Mittagsfrieden. Sie flogen hin und her, kreischten laut und zuletzt begannen sich sogar etliche zum allgemeinen Ärger zu streiten.

Zwei standen gegen einen. Dieser eine war ein dicker Bursch. Er saß auf einem jungen Tännchen und sein sonst so gutmütiges Gesicht sah ganz verärgert aus, er schalt: »Gebt doch endlich Ruhe, ihr zwei! Was kümmert es euch, daß hier Krähen im Walde wohnen wollen? Gibt es nicht genug Bäume hier und sind wir nicht immer übersatt geworden?«

»Ha, du dicker Huckebein,« kreischte der eine der Raben, »du kannst nächstens nicht mehr fliegen, so fett bist du. Ihr Huckebeine seid überhaupt keine echten Raben, ihr seid nicht stolz genug, redet gar noch mit dem Krähengesindel.«

»Hachhach,« schrie Vater Huckebein ärgerlich. »Ihr dummen Gelbschnäbel, wie könnt ihr es wagen, mit einem alten Manne so zu sprechen!«

Das ist wahr, dachten die großen alten Bäume. Und als Hogi, der jüngste der beiden zornigen Rabenbrüder, wieder seinen Schnabel zu neuen Scheltworten aufriß, fiel ihm ein dicker Tannenzapfen darauf und für eine Weile vergaß der Rabe das Schelten. Doch auch sein Bruder Hugi verstummte jäh. Eine Stimme rief aus dem Walde irgendwoher: »Stört nicht den Mittagsfrieden, Bragi der Weise wird entscheiden.«

Die Waldseele sprach. Leise flüsterten es die Vögel, leiser summten es die Insekten, die Bäume und Blumen, die Großen und Kleinen zitterten und ein tiefes Schweigen legte sich wieder über den Wald. Sie kannten alle die Waldseele und hatten sie doch noch niemals gesehen. Wenn ihre Stimme ertönte, dann erschauerte der Wald. Furchtbar war es, wenn die Waldseele weinte, dann bebten die Bäume in Todesangst, denn sie wußten, einer von ihnen, viele vielleicht mußten sterben. In dem stillen Tale und in dem Walde, der es umschloß, erklang das Weinen der Waldseele nur wenn ein Wettersturm die Bäume bedrohte. Der Herr der Rabenburg liebte seinen Wald und weil das die Waldseele wußte, sang sie, wenn sie den Waldherrn kommen hörte und dann rauschte es selig durch den Wald: »Wir sind froh, unsere Seele singt.« Auch Bragi, der Weise, hörte an diesem Tage die Waldseele rufen. Er war ein uralter Rabe, von dem sie sagten: er könne reden wie Menschen reden.

In seiner Jugend war Bragi bei den Menschen gewesen, das war freilich lange her, denn Bragi hatte fast hundertmal den Frühling kommen sehen. Bragi wußte alles, was im Walde geschah, er saß meist mit halbgeschlossenen Augen auf einer der alten Eichen und doch sah und hörte er alles, was vorging.

Er hatte auch die fremden Gäste schon im Walde gesehen und als nun die Waldseele sang, schwang er sich in den höchsten Wipfel der ältesten Eiche und ließ von dem herab seinen Ruf ertönen. Der gellte über den Wald, laut, herrisch.

Bragi rief die Raben zusammen. Viele gab es nicht im Walde, außer Hugi und Hogi und ihrer Muhme Muna wohnten weiter am Rand noch etliche und über dem Tälchen im Tannengewirr hauste die Familie Huckebein. Die flatterten alle eilig herbei und fragten ehrfürchtig: »Was gibt's?«

Mutter Huckebein schnappte nach Luft, so rasch war sie geflogen. Ihr Mann klopfte sie ängstlich mit seinem Schnabel auf den Rücken. »Nicht so eilig, Alte!«

»Aber wenn Bragi doch ruft,« krächzte die Huckebeinin demütig. »Was will er von uns?«

Vater Huckebein wußte es nicht und die anderen auch nicht und Bragi gab ihnen keine Antwort. Er rief lauter, dringender, seine Stimme schallte über den Wald, und die Krähen, die am Abend vorher angekommen waren, hörten auch den Ruf. Sie erschraken. Die laute Stimme klang ihnen unheimlich und die Alten unter ihnen sagten zitternd: »So rufen die Nachkommen der alten heiligen Wodansraben. Lebt von diesen einer hier im Walde?«

Sie flogen in ihrer Angst alle zu den drei Schwestern, doch die kamen ihnen schon entgegen und Kara rief: »Hört ihr den Ruf? Wir müssen ihm folgen. Der so ruft, ist ein König unter den Raben, wir müssen zu ihm, er hat zu entscheiden, ob wir hierbleiben können.«

Stumm folgten die Krähen den drei Schwestern. Sie schwebten über den Wald und da sie nicht Berge hinan- und hinabzusteigen brauchten, gelangten sie rascher in das stille Tälchen als die Kinder am Morgen.

Als Bragi den Zug durch die Lüfte kommen sah, stieß er noch einen lauten, befehlenden Ruf aus, dann schwieg er. Und die schwarzen Vögel senkten sich still auf eine Eiche herab, die drei Schwestern voran. Die Raben erstaunten über den langen Zug, aber noch mehr erstaunten sie über die Schönheit der drei Schwestern. »Das sollen Krähen sein,« rief Vater Huckebein, »bei tausend Feldmäusen, das sind« – – da stockte er, denn Bragi hatte ihn ein wenig spöttisch angeblinzelt und er wurde so verlegen, daß er rot geworden wäre, wenn das so ein schwarzer Kerl nur könnte.

Bragi musterte die fremden Vögel. Wenn der Blick seiner Augen sie traf, zitterten die Krähen, nur die drei Schwestern blieben still auf dem Ast sitzen. Endlich sagte Bragi zu ihnen: »Redet, woher kommt ihr, was wollt ihr in unserem Wald?«

Kara gab Antwort. Sie erzählte von ihrer schönen Heimatinsel, da nickte Bragi, er kannte die Insel wohl. Aber er schwieg und Kara berichtete weiter von ihrem Fluge und dem Rat der Eule.

Und wieder nickte Bragi und plötzlich öffnete er seine Augen weit, sah die Schwestern durchdringend an und fragte: »Warum habt ihr die Insel verlassen? Ihr seid aus königlichem Geschlecht, ihr braucht nicht zu losen!«

Die Krähen staunten über Bragis Klugheit, und weil die Schwestern beschämt die Köpfe senkten, redeten die anderen. Sie erzählten von dem Opfer der Schwestern, ihre Stimmen klangen sanfter, tönender als sonst und die Raben dachten staunend: es klingt beinahe wie ein Lied.

»Ist das rührend, weint Kinder, weint,« rief die Huckebeinin. Sie steckte den Kopf unter den linken Flügel und ihre drei Kinder taten es ihr nach. Die waren so brav, daß sie weinten, wenn es die Mutter sagte, und lachten, wenn sie es wollte.

Hugi und Hogi hatten es ganz vergessen, daß sie die fremden Vögel hatten vertreiben wollen. Sie sahen immer nur die Schwestern an und sagten zueinander: »Sie sind schön wie der Frühling.« »Wollt ihr den Gesetzen dieses Waldes Untertan sein?« fragte Bragi jetzt. Als die Krähen sahen, daß es nur wenige Raben waren, die gegen sie standen, meinten sie, es sei ein unbilliges Verlangen, Gehorsam von ihnen zu fordern. Sie murrten laut, doch Kara, Rara und das Rikralein riefen: »Ihr habt uns zu euern Königinnen ernannt, an uns ist es, Antwort zu geben.« Da verstummten die Krähen alle und Kara sagte! »Wir sind heimatlos, aber wir sind keine Räuber. Wir achten die Gesetze anderer Wälder und wir geloben Gehorsam, solange wir in diesem Walde sind.«

Bragi nickte, die kluge Antwort gefiel ihm. Er sah die andern Raben an und fragte! »Will es jemand nicht leiden, daß diese ferner hier in diesem Walde wohnen, überall wo sie mögen, nur nicht hier unten in dem Tale?«

Hugi und Hogi, die vorher so zornig gewesen waren, dachten, wir hacken denen die Augen aus, die etwas dagegen zu sagen wagen. Sie blickten den armen dicken Huckebein so zornig an, daß er im tiefsten Herzen erschrak. Hugi und Hogi waren zwei wilde, stolze Burschen, er mochte sie nicht zu Feinden haben und kleinlaut krächzte er! »Ich hatte nichts dagegen, aber da Hugi und Hogi – –«

»Bist du unser Vormund?« – riefen die zwei zornig und es sah nun wirklich aus, als wollten sie über Huckebein herfallen. Die Huckebeinin und ihre Kinder schrien laut: »Bragi hilf, Bragi hilf!«

Der alte Rabe drehte nur ein wenig den Kopf nach Hugi und Hogi um, da schwiegen die beiden schon und die Krähen dachten, wie weise und mächtig ist Bragi doch, alle gehorchen ihm. Sie riefen darum laut: »Laßt uns hier in diesem Walde, keine besseren Untertanen soll es geben, als wir sind.«

Bragi nickte: »Ihr mögt bleiben, ihr dürft überall wohnen. nur nicht in diesem Tale. Hier ist heiliges Land für uns Raben und von alters her hat nur mein Stamm allein das Recht, hier zu horsten. Unter den Müttern dieser Eichen hier stand vor viel mehr als tausend Jahren ein Feuerstein, er war dem Gotte Wodan geweiht. Wir Raben wurden als seine heiligen Vögel von den Menschen verehrt, rauschten schwarze Rabenflügel, so schauten die Menschen scheu empor und sagten: ›Wodans Boten fliegen übers Land.‹« Bragi schwieg, er blinzelte mit den Augen, schloß sie und es sah aus, als wollte er einschlafen. Damit waren die anderen aber wenig zufrieden. Kam es einmal, daß Bragi sie zusammenrief, dann freuten sie sich alle auf die Geschichten, die Bragi erzählen konnte. Die Raben schreiben die Geschichte ihrer Wälder und Völker nicht in Bücher, aber manche wissen viel von vergangenen Tagen zu reden. Bragi gehörte zu ihnen. Ja, Muna sagte, er sei der Weiseste aller Raben auf der Welt.

Nun lauschten sie alle. Die fremden Vögel streckten die Hälse weit vor, um nur ja alles zu hören. Da wehte durch den Wald ein seines, süßes Singen und Rauschen, die Waldseele sang. Ihr Lied schien Bragi zu wecken, er richtete sich auf, breitete die Flügel aus, zog sie wieder ein und begann zu erzählen:

»Es kam eine Zeit, da wurden die alten Götter der Deutschen vergessen. Diener Christi kamen ins Land und predigten des Heilands heilige Lehre. Die Heiden ließen sich taufen, Kirchen wurden erbaut und die alten Opferstätten und Altäre wurden zerstört oder sie zerfielen. Hier in diesem stillen Tälchen wohnte um die Zeit, da ringsum das Christentum sich ausbreitete, ein Mann mit Namen Gunar. Einst hatte er gleich seinen Vorfahren dem Gotte Wodan gedient und er war in das stille Tal geflüchtet, um hier der alten Lehre treu sterben zu können. Die Einsamkeit seiner Hütte teilten zwei Raben, Hugi und Hogi – es waren eure und meine Urahnen – Hugi und Hogi – nach ihnen seid ihr genannt. Nichts störte den Frieden des stillen Tales, das ringsum von dichtem, fast undurchdringlichem Urwald umgeben war. Nur manchmal, wenn der Wind aus Westen wehte, drangen Glockenklänge herüber. Westwärts am Waldrand hatten sich Mönche angesiedelt, sie hatten dort eine Kirche erbaut und einige Zellen, später wurde ein mächtiges Kloster daraus, dessen Mauern heute noch stehen. Wenn Gunar die Glocken läuten hörte, ergriff ihn ein wilder Zorn und er nahm wohl eines der Tiere des Waldes, opferte es und flehte zu Wodan, er möchte die Christen verderben.

Einmal nun an einem Wintertag flogen Hugi und Hogi über den Wald, sie wollten wieder sehen, wie es jenseits des Waldes war. Wie sie an kahles Feld kamen, hörten sie einen seltsamen Ton und neugierig, wie wir Raben nun einmal sind, senkten sie sich zum Erdboden hinab und fanden unter einer Eiche ein totes Weib liegen, neben ihr aber ein Knäblein, das laut weinte. Die Raben hatten Mitleid mit dem schreienden, kleinen Menschenwesen und sie dachten: vielleicht kann Gunar helfen. Eilig kehrten sie zu ihm zurück, sie krächzten laut, umflatterten ihn, flogen fort, kamen wieder und endlich merkte Gunar, daß er ihnen folgen sollte. Er tat es auch und fand so das Büblein an der toten Mutter Seite. Das schwieg ängstlich, wie es den alten Mann erblickte, doch als dieser sich zu ihm niederbeugte, streckte er seine Ärmchen aus und jauchzte auf. Da nahm Gunar das Kind und trug es in seine Hütte. Er nannte den Knaben Segimer. Der wuchs in der Waldesstille heran wie ein junger Baum, schlank und stark, und er wurde so schön wie Baldur, der Frühlingsgott. Seine liebsten Freunde waren Hugi und Hogi, sie spielten mit ihm wie er klein war und als er größer wurde und in den Wald hineinlief, begleiteten sie ihn und wachten über ihm, damit ihm kein Leid geschah. Im Sommer war es ein lustiges Leben im Walde, aber im Winter lag der Schnee oft so hoch, daß die Hütte ganz eingeschneit war und Gunar und sein Pflegesohn sie nicht verlassen konnten. Dann saßen die beiden beim glimmenden Feuer und Gunar erzählte dem Knaben von Wodan und Holde, von guten und schlimmen Waldgeistern, vom wilden Heer und vom starken Tor. Segimer war so glücklich, wie es nur ein junger Mensch sein kann; nur manchmal, wenn der Westwind Glockenklänge in das stille Tal wehte, erfaßte ihn eine große, heiße Sehnsucht nach etwas Schönem, Unbekanntem und am liebsten wäre er den wunderbaren Tönen nachgegangen. Doch Gunar verbot es ihm hart und Segimer hütete sich, das Verbot zu übertreten. Eines Tages aber, Frühling war es, verirrte sich der Jüngling im Walde. Er folgte einem Hirsch und vergeblich lockten Hugi und Hogi, er achtete nicht darauf und so kam er endlich an den Waldrand, an die Kirche der Christen. Dort läuteten gerade die Mönche das Glöcklein und der Klang ergriff den Jüngling so tief, daß er vor der Kirche in die Knie sank. Ein Mönch fand ihn so, ein milder, gütiger Mann, der ihm von dem Heiland und seinem Leben erzählte. Segimer lauschte und er vergaß darüber fast den Pflegevater und die Hütte im Walde. Doch Hugi und Hogi lockten und baten, und ihnen folgte der Jüngling endlich nach drei Tagen zurück in das stille Tal. Als er kam, saß Gunar vor der Hütte in Trauer um den Verlorenen. Wo war der, den er liebte wie einen Sohn? Da hörte er über sich das Rauschen von Rabenfittichen und dann sah er Segimer kommen, schön wie der junge Frühling selbst. Seine Augen strahlten wie zwei Sonnen und mit einem Jubelschrei warf er sich zu des Pflegevaters Füßen und erzählte, wo er gewesen sei.

Ein ungeheurer Zorn ergriff Gunar, er schrie, daß es hundertfach im Walde widerhallte: »Weh dir, du Abtrünniger!« Er schwang ein steinernes Beil über dem Haupte des Jünglings und hätte ihn wohl erschlagen, wenn Hugi und Hogi sich nicht mit einem schrillen Klagelaut auf ihres Lieblings Schultern gesetzt hätten. Gunar erschrak, Wodans Vögel schützten Segimer! Stumm kehrte er sich ab und trat in die Hütte, Segimer aber verließ das Tal und ging zu den Mönchen, um sich taufen zu lassen.

Als er dort schon etliche Tage weilte, hörte er draußen eines Morgens Rabengeschrei und als er hinaus trat, flogen Hugi und Hogi auf ihn zu. Die setzten sich auf seine Schultern. ließen sich von ihm liebkosen und Segimer verstand, daß sie Sehnsucht nach ihm gehabt hatten. Von da ab kamen sie täglich, jeden Morgen flogen sie vor Gunars Hütte auf, überflogen den Wald und besuchten den Freund. Und Gunar sah täglich die beiden Raben westwärts fliegen, er sah sie wiederkehren und er wußte, wo sie gewesen waren. Er zürnte den Vögeln und sah ihnen doch voll Sehnsucht nach und er dachte: wie mächtig muß der Gott der Christen sein, wenn er den Flug der Raben lenkt. Allmählich wuchs auch in seinem Herzen eine große Sehnsucht empor, wenn er die Glocken tönen hörte, er sehnte sich dort zu sein, wo sie klangen und wo sein Pflegesohn weilte. Aber Gunar war alt und der Weg so weit, täglich wurde er schwächer und er fühlte den Tod herannahen. Da brach er eines Tages einen Zweig von der heiligen Eiche, ritzte ein paar Runen hinein und gab ihn Hugi und Hogi. ›Segimer soll kommen,‹ sagte er matt, ›er soll mir von dem Christengott sagen, der stärker ist als Wodan, der die Menschen und Vögel nach seinem Willen lenkt.‹

Und die Raben trugen wirklich den Zweig zu Segimer, der verstand die Botschaft und er kehrte in das Tal zurück. Sein Herz war voll Freude, weil der Pflegevater ihn rief und er sprang so schnell über Wurzeln und Steine, daß die Tiere des Waldes erstaunten. Als er in das Tälchen kam, stand der Abendhimmel golden darüber und Gunar, der Alte, saß vor der Hütte und schlief. Segimer eilte zu ihm und umschlang seine Knie und Hugi und Hogi schrien laut: ›Wir bringen ihn, wir bringen ihn!‹ Gunar schlug die Augen auf und lächelte. ›Gut, daß du kommst,‹ sagte er milde, ›ich will von dem Gotte hören, dem du anhängst.‹

Da kniete Segimer neben dem Pflegevater nieder und erzählte ihm von dem Herrn Jesus, wie er es von den Mönchen gehört hatte, er erzählte, daß der arm und verachtet über die Erde gegangen war aus lauterer, reiner Liebe zu den Menschen. Tiefer sank der Abend, der Wind erhob sich und er trug wieder Glockentöne in das stille Tal. ›Der Christengott ist stärker als Wodan,‹ flüsterte Gunar, ›ich spüre es, er lenkt die Herzen der Menschen und Tiere nach seinem Willen. Du tatest recht, daß du zu ihm gingst.‹

Der Alte schwieg und Segimer lauschte fromm den fernen Tönen. Auf einmal schrien die beiden Raben schrill auf und flatterten zu Boden. Gunar, ihr Herr, war tot.

Segimer begrub seinen Pflegevater unter der Eiche, dann schnitt er sich einen Ast von ihr ab, machte sich einen Stecken daraus, nahm Abschied von dem stillen Tal und wanderte durch den Wald westwärts. Hugi und Hogi begleiteten ihn noch ein Stück, dann umflatterten sie ihn noch einmal und der Jüngling streichelte ihr schwarzes Gefieder. ›Lebt wohl, lebt wohl!‹ sagte er traurig, ›verlaßt das Tal nicht, bleibt dort als Wächter wohnen!‹

Die Raben flogen auf und kehrten zurück, Segimer ging aber wieder zu den Mönchen. Dort blieb er einige Zeit; die freundlichen Brüder lehrten ihn mancherlei und trugen ihm dann Botschaft auf an Maurus, den Abt von Fulda. Von dem kam er später als vielwissender Mann an den Hof des großen Frankenkönigs Karl, dort brachte er es zu Ehre und Ansehen.«

Bragi schwieg, aber Huckebein, der noch neugieriger war als andere Raben, war mit dem Schluß nicht zufrieden. »Und Hugi und Hogi?« fragte er.

»Die lebten weiter im Tal und wurden uralt.« Mehr sagte Bragi nicht und sie merkten alle, daß Bragi jetzt schweigen wollte und sie wußten, nun half kein Bitten mehr. Er steckte auch wirklich den Kopf unter den linken Flügel und blieb so sitzen und rührte sich nicht.

Da breiteten die fremden Vögel ihre Flügel aus und flogen still davon, um sich Nester zu bauen in der neuen Heimat. Durch den Wald aber schwebte leise singend die Waldseele und schwer atmeten die Pflanzen im Glanz und in der Glut der Nachmittagssonne. – –

5. Kapitel. Herr Christian hütet die Schafe.

»So und jetzt soll ihnen meinetwegen der Justus das Haus zeigen!«

Herr von Tracht sagte es auf der Burg nach dem Mittagessen und seine Frau nickte freundlich dazu. »Er soll's, denn er kann es am besten und gefreut darauf hat er sich schon den ganzen Morgen.«

»Gedacht haben mag er auch: warum zuerst den Wald, nicht zuerst die Burg, denn so ist es mal, dem Justus ist jeder Rattenwinkel im alten Gemäuer lieber als ein stiller Waldweg.« Der Hausherr lachte, denn er sah, wie bei dem Worte »Rattenwinkel« Gundula zusammenschrak. »Hasenfuß,« sagte er neckend. »Aber sei getrost, wenn es wirklich Ratten hier oben gibt, so sind sie unsichtbar, mir ist seit vielen Jahren keine über den Weg gelaufen.«

Trotz dieser Versicherung folgte Gundula dem Bruder nur zögernd. Zur Rattenangst kam eine leise Scheu vor dem seltsamen kleinen Mann, der so lautlos ging und der dabei eine gewaltige, schallende Stimme hatte. Freilich, die Burg wollte sie gern sehen und Justus schien das auch erwartet zu haben, denn er stand schon mit einem großen Schlüsselbund in der Hand vor der Tür und als die Kinder zu ihm traten, schrie er: »Da seid ihr ja endlich!«

»Haben Sie auf uns gewartet?« fragte Dieter höflich.

»Sie – – – Sie? – – wer ist Sie? Bin ich das vielleicht? Hoho! da soll ich wohl auch mit dem Sie-gesage anfangen. Wäre ja eine neue Mode auf der Burg,« schrie Justus entrüstet. »Ich bin der Justus, ich werde du genannt und mein Vater hieß auch Justus und wurde auch du genannt. Na, was sagt ihr dazu?«

Die Kinder sagten nichts, sie waren völlig überzeugt, daß das Du-sagen richtig war und diese vertrauliche Anrede brachte sie dem Alten gleich ein Stück näher. »Vorwärts!« sagte der und klapperte verheißungsvoll mit den Schlüsseln. »Erst gehen wir in den Ahnensaal hinauf, damit ihr den alten Herrschaften dort einen Besuch macht. Sie nehmen es euch sonst gar übel.«

»Spuken sie?« schrie Gundel entsetzt und sprang die Treppe wieder abwärts. »Ich fürchte mich so vor Geistern.«

Justus grinste und seine Augen wurden fast zu einem schmalen dunklen Strich. »Ha! du denkst wohl, die Spukgeister rutschen hier die Treppengeländer runter, spielen um Mitternacht Haschen und Fangball, und sitzen auf den Dachrinnen und baumeln mit den Beinen, oder sie blasen Lichter aus und patschen harmlosen Schläfern mit eiskalten Händen im Gesicht herum, seufzen, als hätten sie einen verdorbenen Magen oder machen sich, ich weiß nicht wie, angenehm und nützlich. So was gibt's nicht auf der Rabenburg, solche nette Hausbewohner haben wir hier nicht.«

Dieter lachte die Schwester aus und Gundula, der die Geisterschilderung gefiel, lachte mit und folgte nun herzhaft dem Alten. Der schloß eine Türe auf und ließ die Kinder in einen langgestreckten Saal treten, in dem nur wenig alter, eichener Hausrat stand. An den Wänden hingen die Bilder all jener Trachts, die einst die Rabenburg bewohnt hatten. Männer und Frauen in den Kleidern vergangener Zeiten und Justus wußte allerlei von diesen alten Herren und Damen zu erzählen. Jene beiden waren die ersten in der Bilderreihe, die sich einst in harter Kriegszeit im einsamen Waldtal die Hand zum Lebensbund gereicht hatten. Der Frau Hand ruhte auf der Bibel, des Mannes Rechte umspannte das Schwert. »So hielten sie's,« sagte Justus, »fromm und tapfer, das sind sie allzeit gewesen.« Neben den Bildern dieser beiden hing das einer schönen Frau in schwarzer Tracht. Trauer überschattete das feine Gesicht und Justus nickte ernsthaft zu dem Bilde auf. »Die hat es schwer gehabt, diese Ahne,« sagte er, »auch sie hat flüchten müssen vor den Feinden hat Haus und Hof verlassen müssen und hat ihre Kinder sterben sehen in einer kalten Winternacht. Ihr Mann holte sie hier aus der Burg als Gattin in seine Heimat in der Pfalz. Ein paar Jahre lebten sie dort glücklich im Frieden, bis der König Ludwig XIV. von Frankreich das arme Land mit Krieg überzog. Um das Erbe seiner Schwägerin, der Pfälzer Kurfürstentochter Lieselotte ging es, die hat wohl blutige Tränen geweint um die liebe Heimat, denn sie hat den Krieg nimmer gewollt. Und in einer Januarnacht war es, da flammten um Heidelberg herum die Dörfer wie Fackeln auf und das Wehgeschrei der unglücklichen vertriebenen, gemarterten Bewohner durchgellte das Land. Damals mußte auch Frau Anna Gertrude fliehen, ihr Mann war nicht daheim, die Feinde überfielen das Schloß, sie floh mit den Kindern, die beide unterwegs der Kälte erlagen. Damals hat Frau Anna Gertrude das Lachen verlernt, der Jammer war zu groß gewesen. Sie ist nach dem Tode ihres Mannes in die alte Heimat zurückgekehrt und hier gestorben.« Und weiter zeigte Justus den Kindern einen feinen Herrn im seidenen Rock des Hofherrn, das Haar gepudert und neben ihm hing das Bild einer schönen lachenden Frau, der saß ein Rabe auf der weißen Hand. Unter dem Bilde stand ein Verslein und mühsam entzifferten es die Kinder:

Schöne Doris, du alleine
Komm in meinen Garten.
Blumen dorten, große, kleine,
Sollst du mit mir warten.
Aber ach, was muß ich sehn,
Alle Blumen schämen sich,
Seufzen: wär' ich noch so schön,
Doris überstrahlet mich.

»Das ist der Herr Christian mit seiner Frau, und wie er zu ihr und zur Vernunft kam, erzähle ich euch später. Seht jetzt den, der hat im Siebenjährigen Kriege mitgefochten, ist bei Kunnersdorf gefallen, ein Oheim des Herrn Christian war's, und weiter dort jener, der hat Napoleons Heer mit aus dem Lande gejagt.«

»Erzähle von ihnen,« bat Dieter.

»Erzähle von Herrn Christian und der schönen Dame!« Gundula konnte sich von den beiden nicht trennen, aber Justus erzählte nicht. »Damit hat's Zeit, jetzt wird weitergewandert, das Geschichtenerzählen kommt später. Hier geht's weiter, hier liegen die Staatszimmer.«

Viel Prunk und Pracht gab es nicht auf der Rabenburg und selbst in den Staatszimmern stand einfacher Hausrat. Nur zwei Räume waren besonders schön, darin gab es vergoldete, seidenüberzogene Stühle, zierliche Tische und Schränke, es gab gemalte Wände und Decken und es roch nach verwelkten Rosen darin, und ehe es Justus noch sagte, dachten es die Kinder beide, hier hatte gewiß die schöne Frau, die den Raben auf der Hand trug, gewohnt. Aus diesen Zimmern gelangte man durch einen schmalen Gang in den Seitenbau, an den sich der alte Turm anschloß. Am Ende des kleinen Ganges lag eine breite, helle Treppe und hier sagte Justus: »Diese Treppe ist euer Vater oft hinaufgelaufen. Immer zwei, drei Stufen auf einmal nahm er, er konnte nicht schnell genug hinaufkommen. Da oben hauste damals ein Maler, der für einen Trachtschen Vetter ein paar der Familienbilder kopierte. Dieser Maler war weit in der Welt herumgekommen, er wußte eurem Vater und dem anderen viel von der bunten Welt hinter unserem Walde zu erzählen.«

Da sahen die Kinder im Geiste ihren Vater treppauflaufen und sahen ihn oben in das Zimmer eintreten, in das der Alte sie jetzt führte. Es war mäßig groß und sehr hell, trotzdem die Fenster in tiefen Nischen lagen. Auch die Möbel darin waren hell und ganz einfach. Vor dem einen Fenster stand noch eine Staffelei, auf ihr mochte der Maler einst seine Bilder gemalt haben.

»Dort auf dem Fensterbrett saß euer Vater und der andere, und sie hörten zu, was der Maler von Italien, Griechenland, von Indien und anderen Wunderländern erzählte und oft sagten sie:

»Dort wollen wir auch hin.«

»Unser Vater ist auch dort gewesen,« erzählte Dieter, »aber wer war der andere?«

Justus gab keine Antwort, er schien die Frage gar nicht gehört zu haben. Leise schlurfte er in dem Zimmer hin und her, rückte allerlei zurecht, als müsse er jemand nachräumen, der es in Unordnung zurückgelassen hatte. Ein wenig beklommen traten die Kinder an das Fenster, schoben den Vorhang zurück und sahen hinaus. Untersberg lag in der Tiefe und der Kirchturm des Dorfes reckte sich wie ein Finger in die Höhe, der melden wollte: hier ist jemand, der nicht vergessen werden möchte. Wie sie so beide durch das Fenster schauten, fielen Dieter ein paar Risse in der glatten Scheibe auf, er betrachtete sie näher und sah, daß dort eingeritzt ein Name stand: Christian von Tracht und darunter ein paar Zahlen, die unleserlich waren.

Gundula rief: »Hier hat der Herr Christian seinen Namen aufgeschrieben.« Justus trat hinter die Geschwister. Er nickte schwermütig, »der Herr Christian aus dem Ahnensaal war das aber nicht, sondern der andere, der Pflegesohn, eures Oheims Neffe war es, seines einzigen frühgestorbenen Bruders Sohn. Als ein verlassenes Waisenbüblein kam der auch auf die Rabenburg, aber so gut sie ihm auch gefiel, er ging eines Tages doch in die weite Welt, nach der er immer eine unbändige Sehnsucht hatte. Von der Burg sagte er immer: ›ein hübscher Winkel, doch mag ich nicht immer im Winkel sitzen.<«

»Wo ist er denn, kommt er nicht mehr her?« fragte Gundula, da der Alte schwieg. Der schüttelte traurig den Kopf: »Nein, Kind, er kommt nun wohl nie wieder. Es geht manchmal so im Leben, Menschen, die sich liebhaben, kränken sich doch so bitter, daß sie auseinandergehen. So ist's mit dem jungen Herrn Christian gewesen. Ich denke, er hat nicht gewußt, wie gut es sein Oheim mit ihm meinte und wie viel unsere gnädige Frau um ihn geweint hat, sonst wäre er doch wiedergekommen. Nun ist er lange fort, ist irgendwo in der Welt draußen, aber hier wird noch manchmal sein Name genannt und darum sag' ich's euch, fragt nicht nach ihm, es tut euren Pflegeeltern weh.«

Die Geschwister hätten gern gefragt: was hat er getan, warum zog er fort, sie wagten es aber nicht. Doch Justus mochte ihnen die Frage in den Augen lesen, er sagte: »Einige Jahre nach eures Vaters Besuch war es, da kam eines Tages Herr Specht auf die Burg, ganz fröhlich und frei kam der an und wollte ein Stück Wald von eurem Oheim kaufen, er brauchte Holz und meinte, im Schloßwald könnten gut eine Anzahl Bäume gefällt werden. Darüber erzürnte der gnädige Herr, er schalt und brummte heftig und der junge Herr Christian sagte unbedacht: ›Ach so ein paar Bäume, was ist's da schade drum, wäre ich Waldherr, ich ließe mir das Angebot wohl gefallen.‹

»Seht, das Wort hat die beiden auseinandergebracht. Daß sein Pflegesohn den Wald so wenig liebte, konnte nun unser gnädiger Herr nicht verwinden, so viel seine Frau auch zum Guten redete. Vielleicht wäre aber doch alles gut geworden. wenn nicht Herr Christian auch so ein rechter Dickkopf gewesen wäre. Er ging einfach auf und davon, ließ sich sein kleines Erbteil auszahlen und sagte, er wolle sich die Welt ansehen. Euer Vater war damals über See, der hätte seinen Vetter wohl sonst zur Vernunft gebracht, aber als er wiederkam, war alles vorbei, niemand wußte, wo der Junker Christian eigentlich lebte. So, nun wißt ihr das, nun fragt nicht mehr, jetzt wollen wir das Zimmer schließen.«

Justus zog die Vorhänge wieder zu und dabei strich er sacht über die Stelle, wo an der Scheibe der Name stand, es war wie ein sanftes Streicheln. Gleich darauf sagte er so laut, daß das Treppenhaus hallte: »Nun geschwind weiter, erst wollen wir in den Turm gehen, hier führt der Weg hin.«

Wieder tat sich ein schmaler Gang vor den Kindern auf, an dessen Ende ein Türlein lag, durch das sie in den Turm gelangten, auf einer Wendeltreppe, die im halbdunklen Raum auf- und abwärts führte. Eine dumpfe Luft schlug ihnen entgegen und Gundula sah scheu in die Höhe und Tiefe: »ich fürchte mich.«

»Ist recht, hier liegen die Gespenster auch wie Räucherfische auf den Treppenstufen so dicht beisammen und oben hängen sie dann nebeneinander wie Würste im Rauchfang,« sagte Justus gelassen. Seine Stimme hallte und dröhnte und fand ein schallendes Echo im Turme. Es klang wirklich unheimlich, aber die Beschreibung der Gespenster hatte Gundula doch den Mut zurückgegeben, sie ging wirklich durch das Türlein in den Turm hinein.

»Geduld überwindet Buttermilch!« Justus ging führend voran, »kommt nur, kommt, hier sind wir schon im Turm.«

Die Treppe führte bis zu einer Falltür, Justus stieß sie auf und Gundula rief laut: »Der Himmel!«

Der Himmel war es freilich nicht, was sich da über ihnen wölbte, sondern eine blaugetünchte, gewölbte Decke, und Dieter, der mit einem Satz die letzten Stufen überwunden hatte, rief froh: »Ein Zimmer, wie fein, hier möchte ich wohnen.«

»Das haben andere auch schon gesagt,« brummte Justus und schob Gundel die letzte Stufe hinauf. Die schrie: »O die vielen Raben.«

Lachend, verwundert sahen sich die Kinder in dem runden Turmzimmer um. Der einzige Bilderschmuck der blaugetünchten Wand waren Raben; sitzend, fliegend, in allen Stellungen waren sie darauf gemalt. Vier Fenster hatte das runde Gemach, nach jeder Himmelsrichtung ging eins und zwischen den Fenstern standen Schränke, Bücherschränke waren es. Die Mitte des Raumes füllte ein runder Tisch, von Armsesseln umstanden, und mitten auf diesem Tische breitete ein ausgestopfter Rabe sein Flügel aus. »Das hier ist des Herrn Christian von Tracht Lieblingsplatz gewesen, dessen Bild ihr im Ahnensaal saht, hier hat er gelesen, studiert, auf seiner Flöte geblasen, die er wie der große König Friedrich so besonders geliebt hat. Hier hat auch manchmal eine fröhliche Tafelrunde gesessen, aber nicht nur Männer allein wie wohl in Sanssouci, denn das hätte die schöne Frau Sophie-Dorothea oder das Dorettchen, wie ihr Mann sie nannte, nicht gelitten.«

»War das die schöne Frau mit dem Raben?«

»Ja, das war sie!«

»Von ihr und Herrn Christian wolltest du uns eine Geschichte erzählen, erzähle, erzähle,« mahnte Gundula.

»Das will ich schon, doch es kommen Räuber darin vor, Jungfer Hasenfuß. Richtige Räuber!« Gundula sah ängstlich drein, aber des Justus verschmitztes Gesicht nahm ihr die Räuberangst und sie setzte sich neben Dieter in einen der alten Stühle und der Alte begann von dem wunderlichen Herrn Christian zu erzählen. Herr Christian von Tracht gehörte in seiner Jugend zu jenen Menschen, die das Gute, das sie besitzen, nicht zu schätzen wissen, die es immer anders haben wollen. Weil er ein reicher, vornehmer Herr war und die stolze Rabenburg sein nannte, wünschte er ein einfacher Schäfer zu sein. Sein Vater war früh gestorben und seine Mutter verwöhnte ihren Einzigen so sehr, daß es ihr nachher leid tat. Aber als sie das einsah, war es zu spät und kein mahnendes Mutterwort brachte Herrn Christian mehr von seinen Launen und Einfällen ab. Es war damals die Zeit der Schäferspiele, Deutschland äffte mal wieder diese französische Mode nach und die Alamode-Herrn und -Damen verkleideten sich wohl als Schäfer und Schäferinnen, führten schneeweiße Lämmlein am Bande, sangen Schäferlieder und schwärmten vom Hirtenleben. Freilich, sie hätten sich alle herzhaft gewundert, wenn man ihnen zugemutet hätte, auch nur einen Sommer lang eine große Herde zu betreuen, ihr ganzes Tun war nur ein tändelndes Spiel. Wenige faßten das Spiel so ernsthaft auf wie Herr Christian, der erklärte seiner Mutter an einem Frühlingstag, er wolle nun nicht mehr auf der Rabenburg wohnen, sondern als einfacher Hirt in einer Höhle, die im Volksmund die Elfenhöhle hieß, leben. Dort wollte er in der Einsamkeit der Natur seine Tage verbringen und vielleicht würde er einstmals eine liebliche Schäferin finden, die gewillt sei, mit ihm das einfache Hirtenleben zu teilen. Als Hirte, nur als Hirte würde er glücklich sein.

Die alte Frau von Tracht bat, weinte, stellte ihrem Sohn das Lächerliche seines Tuns vor, es half alles nichts. An einem schönen Maientag zog Herr Christian, gar zierlich gekleidet mit einem langen, bebänderten, blumengeschmückten Stab in der Hand, seiner Herde voran in die Waldeinsamkeit.

»Dort werde ich besser leben als hier auf der finsteren Burg,« rief er aus, obgleich niemand die Rabenburg, wie sie so im Frühlingssonnenschein lag, finster nennen konnte.

Es war gut, daß Herr Christian wenigstens zwei tüchtige Schäferhunde mitnahm, denn sonst wäre er nicht einmal mit seinen Schafen an Ort und Stelle gekommen. Trotzdem fand er es recht mühsam, eine Herde zu hüten und er war froh, als er endlich an seiner Höhle anlangte. Lieblich breitete sich vor ihr eine Bergwiese aus, die in der ersten Frühlingsblüte stand. Die Schafe waren damit zufrieden und Herr Christian auch. In einem Säcklein hatte er sich Brot, Wein und Käse mitgenommen, davon schmauste er vergnügt zum Nachtmahl und dann streckte er sich im Grase aus, schaute zu dem Himmel empor, an dem unzählige Sterne friedlich standen und pries seinen Entschluß, der ihn zu diesem Hirtenleben geführt hatte. Die Schafe lagerten um ihn herum, auch sie waren satt und zufrieden, nur die Hunde meinten, die Suppe auf der Rabenburg sei nahrhafter, als das Stücklein Brot, das ihr Herr ihnen gegeben. Doch was die Hunde meinten und dachten, darauf kam es nicht an; Herr Christian pries sich so lange glücklich, bis er einschlief.

Ob in dieser Nacht Elfen auf der Wiese getanzt hatten, wußte Herr Christian nicht, als er am nächsten Morgen aufwachte, er wußte nur, daß er jämmerlich fror und ganz feucht vom kühlen Morgentau war. Maiennächte sind nicht immer warm, ihr Name ist mitunter lieblicher als ihr Wesen. Diese erste Maiennacht seines Hirtenlebens bescherte Herrn Christian etwas recht Unangenehmes, er bekam einen fürchterlichen Schnupfen. Dazu fehlte ihm seine warme Morgensuppe, die auf der Rabenburg immer so herrlich dampfend auf den Tisch kam, und das klare Quellwasser, das er gern als köstlichstes Getränk gepriesen, fiel ihm etwas kühl in den Magen. Wie es so geht, als sich nach drei Tagen Regen einstellte, hatte Herr Christian sein Hirtenleben gründlich satt. Niesend, schnaufend, verdrießlich hockte er wie seine Schafe in der Höhle und von all' den wunderfeinen Hirtenliedern, die er hatte dichten wollen, fiel ihm kein einziges ein. Er reimte, »Ihr Lämmlein hüpfet, ihr Schäflein springet, ihr Vöglein singet« und dann ging's nicht weiter, er wußte nichts, was er noch hüpfen, singen und springen lassen konnte. »Tropf, tropf« sagte der Regen und »hazih, hazih« nieste der Dichter. Es war trostlos. Die Tage schienen wirklich zu schleichen und am liebsten hätte Herr Christian seine Schafe heimwärtsgetrieben und wäre auf sein Schloß zurückgekehrt. Aber er fürchtete, zu sehr ausgelacht zu werden und so blieb er aus lauter Trotz in seiner Höhle, obgleich der Mai ein paar Tage sich anstellte, als wäre er noch März oder April. Nur seine Gedanken schickte der Herr Christian auf die Wanderung, zur Mutter hin und auch nach einem Schloß jenseits des Waldes. Dort wohnte ein feines, schönes Fräulein, das er eigentlich herzlich lieb hatte. Das schöne Fräulein aber hatte ihn ob seines Schäferspiels ausgelacht und das hatte er so gewaltig übelgenommen, daß er im Zorn von ihr gegangen war. Aus Zorn und Trotz dachte er jetzt auch nicht an die Heimkehr, obgleich ihn zum Schnupfen auch noch die Sehnsucht plagte. Er dachte, ob sie wohl um mich klagt, ob es ihr. leid tut, mich ausgelacht zu haben, ob sie wohl weint? Und dann wünschte er: »Tät' sie es doch!«

Das Fräulein Dorothea weinte aber gerade nicht, das saß mit ihrer vertrauten Freundin und ihrem jungen Bruder zusammen und alle drei hatten sich etwas ausgesonnen, das ihnen höchst vergnüglich schien. Sie lachten und flüsterten zusammen und der schönen Dorothea Eltern sagten beruhigt zueinander: »Wie gut, sie hat ihr Herz nicht an diesen Narren, den Christian von Tracht, verloren.« Sie ahnten es nicht, daß trotz all' seiner Narrheit Dorothea dem Junker Christian herzlich gut war und wirklich gern als seine liebe Frau auf der Rabenburg gehaust hätte. Und um das zu erreichen und Herrn Christian von seiner Narrheit zu heilen, hatte sie des Bruders und der Freundin Hilfe erbeten. »Es gelingt, Dorothea, er fällt darauf rein, ganz sicher, aber erst muß er das Regenwetter noch als Hirt überstehen, das ist gut und heilsam,« sagte die Freundin. Und der Bruder sah zum Himmel auf und prophezeite: »Es hört so bald nicht wieder auf.«

Wirklich, das tat es auch nicht, es regnete Betteljungen, wie die Landleute es nannten, es rann und strömte und Hirte, Schafe und Hunde saßen höchst mißmutig in ihrer Höhle. Jeden Morgen dachte Herr Christian: heute zieh' ich heim, aber immer wieder hielt die Scham ihn zurück, nein, nein ausgelacht wollte er nicht werden. Er hatte versucht, sich in der Höhle ein Feuer anzuzünden, es war aber nicht gelungen, das Holz war feucht und wollte nicht brennen, so wurde es nichts aus der warmen Suppe, die er doch so gern gegessen hätte. Ach wie sehr sehnte er sich danach!

Endlich, endlich besann sich die Sonne, es sei ihre Pflicht, doch einmal im Mai zu scheinen und so stand sie denn eines Morgens als blitzblanke Maisonne am Himmel. Hirte und Herde atmeten auf und die Schafe liefen gleich ein Stück die Wiese abwärts, vielleicht fanden sie da noch wohlschmeckendere Kräuter. Herr Christian, dem es aber auf dem Boden noch immer zu feucht war, kletterte auf einen Baum und blies auf seiner Flöte. Denn eine solche gehörte seiner Meinung nach zum Hirtenleben und Flöte blasen konnte er wirklich besser, als Schafe hüten. Ein heiteres Liedchen wurde es aber nicht, sondern eine recht trübselige Weise. So traurig sie auch klang, zwei lachten recht herzhaft darüber, die hinter einem Stein verborgen die Weise, den Hirten und die Herde beobachteten. Sie warteten es ab, bis es Herrn Christian auf seinem Baum wieder zu langweilig wurde und er sich, noch immer niesend, mit schweren Gliedern in die Höhle schlich.

Dort wickelte er sich in seinen Mantel, kauerte sich zusammen, denn trotz der Sonne war es noch immer recht kühl. Er dämmerte so vor sich hin, als ihn auf einmal ein leises Geräusch und Flüstern aufsehen ließ. Vor dem Eingang der Höhle saßen zwei seltsame Gestalten. Wüst und wild sahen die aus, in zerrissene Mäntel gehüllt, verbeulte Hüte tief in die geschwärzten Gesichter gedrückt, so hockten sie da. Einer schwang ein langes Küchenmesser, mit dem er wunderliche Zeichen und Kreise in der Lust beschrieb. »Wir bekommen sie,« sagte er heiser und dumpf. Und dann stieß er einen Schrei aus, der einem Rabenruf glich.

»Wenn sie nur allein gehen möchte!« Der andere, von dessen Gesicht nichts zu sehen war, hatte eine sonderbare Stimme, hell und hoch, tief und murrend zugleich.

»Sie tut es schon, wenn die Anne erzählt, der Junker von Tracht läge sterbend im Walde, dann kommt sie.«

»Hui!« quiekte der Verhüllte, »ich packe sie.«

»Eine feine Beute, die schöne Dorothea.«

»Nimm dich in acht, daß der Junker von Tracht uns nicht erwischt!«

»Pah! Der läuft doch seinen Schafen nach. Ich sah ihn mit einer Flöte gehen und hörte ihn spielen.«

»Ein Narr!«

»Ein Esel, wie's keinen zweiten gibt. Also paß gut auf. Die Anne krächzt dreimal wie ein Rabe, wir antworten ebenso, das ist das Zeichen.«

»Wenn sie nur kommt.«

»Sie kommt schon, sie liebt ja sonderbarerweise diesen Narren. Also dreimal den Rabenruf.«

»Krah, krah, krah!«

Dies sonderbare Gespräch hörte Herr Christian mit an und saß dabei hilflos in der Höhle, einer gegen zwei und Waffen hatte er nicht. Gräßlich war's. Was planten die Unholde da? Das schöne Fräulein Dorothea wollten sie rauben, hierher wollten sie sie locken, ihr sagen, er sei krank. Schändlich, furchtbar, er mußte sie retten. Gleich auf der Stelle mußte er zu ihr laufen und ihr alles entdecken. Nicht einen Augenblick Zeit wollte er verlieren und kaum waren die Räuber fort, so sprang er auf und raste, seine Flöte unterm Arm auf und davon. Er vergaß seine Schafe und Hunde, aber die Hunde, die ihren Herrn laufen sahen, vergaßen ihre Pflicht nicht. Mit lautem Gekläff scheuchten sie die Schafe auf und die armen Tiere mußten ihre schöne Weide im Stich lassen und Herrn Christian nachrennen, obgleich ihnen das recht beschwerlich war. In seiner Angst um die schöne Dorothea, in seinem Eifer, sie zu retten, merkte der Junker von Tracht es nicht einmal, welches Gefolge er hatte. Atemlos und heiß kam er auf dem Schloßhof von Hohenbüchen an und dort erregte sein Erscheinen ein maßloses Erstaunen. Der Schloßherr und seine Frau kamen herbei und Herr von Buchen schrie: »Er ist närrisch geworden, vollkommen närrisch!«

»Fräulein Dorothea – – Räuber,« stammelte der Herr Christian, da bellte es neben ihm. »Wau-wau, wau-wau« und »mäh-mäh-mäh« meckerten die Schafe kläglich.

Über den Hof aber kam schlank und schön im lichten Kleid das Fräulein Dorothea einher und als sie den Junker und sein Gefolge sah, lachte sie fröhlich. »Grüß Gott, Herr Nachbar!« Sie schaute den Junker dabei so schelmisch-lieblich an, daß der sein Hirtenleben, kurz alles vergaß und nur das eine dachte: »Würde sie doch meine Frau.« Hastig, stockend, erzählte er aber von dem Räuberanschlag und darüber erschrak Fräulein Dorothea so sehr, daß sie das Gesicht in den Händen verbarg und aufschreiend davonlief.

Ihren Eltern aber kam in diesem Augenblick der Nachbar gar nicht so komisch vor, sie ließen sich alles nochmals erzählen und die Mutter schrie ach und weh über das Unglück, das ihrer Tochter gedroht hatte.

»Räuber im Lande!« Der Herr von Buchen rief geschwind seine Knechte herbei und ordnete an, daß der Wald abgesucht werden sollte. Nach der Anne und nach den beiden schwarzen Unholden. Doch soviel man auch suchte da und dort, man fand niemand und nichts. Annen aber gab es so viele in der Gegend, daß es schwer war, eine zu beschuldigen. Der Vogt von Hohenbüchen befahl, man solle jede Anne, die man traf, krächzen lassen wie ein Rabe, aber keine konnte es, schließlich sagte eine Magd: »Die gnädigen Frauen auf der Rabenburg und auf Hohenbüchen heißen beide Anne.«

»Krächzen sie?« schrie der Vogt die Vorwitzige an.

»Ich hab's noch nie gehört,« sagte zitternd die Magd.

Also kam nichts heraus, die Räuber fanden sie nicht. Dafür fand der Herr Christian eine herzliebe Braut, denn als er das schöne Fräulein Dorothea fragte, ob sie wirklich zu ihm gekommen wäre, wenn er krank im Walde gelegen hätte, strahlte ihm eine innige Liebe aus ihren Augen entgegen. »Darin hatten die Räuber recht, ein Narr war ich, ein riesengroßer Narr,« rief er aus, »und eigentlich bin ich diesen Bösewichtern herzlich dankbar.«

Fräulein Dorothea sagte das auch und sie lächelte gar schalkhaft. Sonderbarerweise tat sie das immer, wenn jemand von den beiden unheimlichen Räubern sprach. Übrigens hatten weder sie noch Herr Christian viel Zeit, an die Räuber zu denken, sie mußten an ihre Hochzeit denken, die noch im Herbst sein sollte. Auf keinen Fall wollte der Junker von Tracht den Winter allein in der Rabenburg hausen und da auch seine Mutter einstimmte und Fräulein Dorothea nicht widersprach, wurde die Hochzeit bald ausgerichtet. Dorothea von Buchen zog als Herrin auf die Rabenburg und Herr Christian dachte nicht mehr an sein Hirtenleben und seine Schäflein standen im Stall oder wurden von einem Hirtenjungen geweidet und sie befanden sich gut dabei.

Wie nun die schöne Dorothea schon etliche Wochen auf der Rabenburg hauste, stand sie eines Tages an der Mauer, es war ein sonnenreicher Herbsttag, dort wo es zum Dorf hinabgeht. Auf einmal krächzte dreimal ein Rabe, gleich darauf ein anderer auch dreimal, und da erhellte ein frohes Lachen ihr schönes Gesicht und höchst vergnügt krächzte sie wieder, krächzte so, als wäre sie bei den Raben in die Schule gegangen. Das Gekrächze ging ein Weilchen fort, bis am Tor ein Reiter und eine Reiterin auftauchten, die lustige Anne war's, Frau Dorotheas Gespielin und ihr Bruder Fritz-Wilhelm. Frau Dorothea begrüßte sie gar herzlich und niemand merkte, daß der Hausherr von einem Fenster aus alles mit angehört hatte, das Gekrächze und die heitere Begrüßung. Da wurde ihm, wie man zu sagen pflegt, ein Lichtlein angezündet, zumal sein junger Schwager jetzt mal tief mal hoch sprach, mal noch wie ein Büblein, mal wie ein Mann.

Herr Christian aber schwieg still, er begrüßte die Gäste höflich und heiter, wie es sich für einen Hausherrn schickte. Als die wieder davongeritten waren und er mit seiner Frau nun allein saß, sagte er: »Weißt du auch, daß wer auf der Rabenburg wohnt, auch wie ein Rabe krächzen lernen muß, oder – – – kannst du es gar?«

Nun merkte die schöne Dorothea, daß ihr Mann erraten hatte, wer die wilden Räuber gewesen waren und errötend erzählte sie ihm von ihrer Liebe zu ihm und wie sie ihn habe von seiner Narrheit heilen wollen. Fritz-Wilhelm und Anne hatten die Räuber gespielt und er war wirklich in die Falle gegangen.

»Die Räuber sollen gesegnet sein,« rief Herr Christian, »und wenn ich mal wieder in meine Torheit verfalle, dann – – – «

»Werde ich krächzen,« sagte Frau Dorothea lachend.

Ob sie das oft getan hat, weiß man nicht, aber das weiß man, daß sie glücklich und beglückend viele Jahre zusammenlebten und der liebe Gott fügte es, daß Herr Christian seine Frau nur um wenige Tage überlebte. Der Maler, der Frau Dorothea wohl zur Erinnerung an die Räubergeschichte mit einem Raben auf der Hand malte, hat auch dieses Turmgemach ausgemalt. Hier hat Herr Christian oft gesessen, er nannte das runde Gemach sein Sanssouci wie der Preußenkönig sein schönes Schloß. Und wie jener, liebte auch er, auf der Flöte zu blasen, auch gedichtet hat er manchmal, denn ein wenig Dichter war er eben doch und das Verslein unter dem Bilde seiner Frau stammt von ihm. Er ließ damals auch die Burg neu ausbauen, sie bekam dadurch das heitere Aussehen, das sie jetzt hat. Als sie vollendet war, schrieb Herr Christian dann den Vers nieder, der zweite, der eingemeißelt ist am Tor.

Von irgendwoher kamen ferne Klänge und Töne und Justus sah erschrocken auf: »In Untersberg läuten sie, es ist Vesperzeit. Nun aber geschwind hinunter. Ei du meine Güte, wie man sich so verschwatzen kann, nun wird der gnädige Herr ungeduldig werden, daß ihr zu spät zum Kaffee kommt. Lauft nur, lauft!«

Sie rannten alle drei hastig treppab, aber unten fand es sich, daß es noch nicht so eilig war. Der Untersberger Schulze war bei dem Hausherrn gewesen, und so kamen die Kinder gerade noch zur rechten Zeit. Der Bauer fand auch einen Platz am Kaffeetisch im Winkel, und er saß breit und behaglich, neben dem Schloßherrn, so hatte er schon manchmal dagesessen. Als er Dieter und Gundula sah, nahm er ihre Hände in seine feste Bauernhand. »So ist's racht«, meinte er, »Jungvolk muß auf der Burg si, und,« er zeigte auf die Kinder und wandte sich flüsternd zur Hausfrau, »mit dene wärd's gut, mit dene sin Rab'n gekommen. Unsre olte Muhme saogt, so müßt's sei.«

»Justus sagt auch so,« dachte Gundel, die des Bauern Worte verstanden hatte und sie sah unwillkürlich nach der alten Tanne hin, auf deren höchstem Wipfel drei schwarze Vögel saßen. »Waren das Schutzvögel, weil sie mit ihr und dem Bruder gekommen waren?«

Dieter hatte unterdessen dem Oheim Antwort gegeben, wo sie gewesen waren. Zuletzt im Turm. »Dort hat uns Justus von dem Herrn Christian erzählt.«

Der Bauer horchte auf und ein lustiges Schmunzeln ging über sein Gesicht. »Von dem, der amol Schofe g'hüt hot?«

»Ja von dem!« Herr von Tracht nickte dem Bauern lächelnd zu, »sagen Sie's den Kindern nur, Schulze, was man in Untersberg von ihm sagt.«

»Nu wir sprechen,« der dicke Schulze lachte breit, »wenn wer was dumm un verkahrt anfängt: er stellt sich dazu wie der Herr Christian zum Schofehüten.«

»Seht ihr,« sagte der Oheim heiter, »so ist's, man muß sich arg hüten auf der Burg, um keine Fehler zu machen, in Untersberg sitzen strenge Richter.«

»Jo, jo!« Der Schulze sah mit hellen Augen dem Burgherrn gerade ins Gesicht. »Wir sprechen aber auch, wo mer su rachtes, festes Zutrau'n ha'm, auf den kann mer sich verlosse. alleweil wie auf'n Herrn von Tracht.« Und über den Tisch hinweg streckte der Bauer seine Hand aus, die der Schloßherr nahm und herzhaft drückte.

»Mög' es so bleiben,« weiter sagte er nichts, aber den Kindern sank das Wort in ihre Herzen zum Nievergessen. Und als sie später wieder mit Justus im Hause herumwanderten. in den weiten Wirtschaftsräumen, die große Küche ansahen und die Vorratskammern, da spürten sie nichts mehr von der heimlichen Scheu, mit der sie gestern zum ersten Male das Tor durchschritten hatten.

»Gibt's auch Pferde und Kühe?« fragte Dieter, der sich nach den Ställen umsah.

Justus schüttelte den Kopf. »Es gehört nicht mehr viel Feld zur Rabenburg. Früher, ja da war es ein weiter, reicher Besitz. Die paar Felder, die jetzt noch dazu gehören, verwaltet der Schulze mit. Bei dem stehen auch die Kutschpferde im Stalle.« »Aber der Wald gehört zur Burg,« sagte Dieter rasch und seine Augen leuchteten. Justus nickte. »Ja der Wald!« Er seufzte leise, aber die Kinder hörten den Seufzer nicht, weil der Alte gerade zu ebener Erde eine Türe aufgeschlossen hatte, er sagte: »Manche nennen das eine Rumpelkammer, aber wir hier nennen es das Museum. Heute dürft ihr nur mal die Nasen hineinstecken, denn für das Museum muß man Zeit haben.«

Also steckten die beiden wirklich nur ihre Nasen hinein, sogen Moderluft ein und sahen undeutlich allerlei Waffen, Geräte, ein paar alte Schränke und dergleichen und sie waren ganz froh, daß die Zeit für das Museum zu kurz war. Von der Morgenwanderung und dem vielen treppauf, treppab in dem Schloß waren sie sehr müde geworden und in ihren Herzen regte sich nicht der leiseste Widerspruch als der Oheim sagte:

»Jungvolk geht auf der Rabenburg zeitig zu Bett und steht früh auf. Morgen geht es nach Untersberg hinab.«

6. Kapitel. In Untersberg.

An hellen und trüben Tagen sahen die Untersberger, wenn sie in die Höhe blickten, die Rabenburg liegen. Selbst wenn die Berge Nebelkappen trugen, war doch die Rabenburg wie ein feines Schattenbild zu sehen. Und so sehr war das Bild der Burg den Untersbergern, den Alten und Jungen, ans Herz gewachsen, daß sie nur immer von »unserer Burg« redeten. Sie gehörte ihnen allen ein wenig und kam mal ein Untersberger in die Fremde und sah dort reichere, prunkvollere Burgen und Schlösser, so sagte er doch: »Ja schön, aber so schön wie unsere sind sie nicht.« Hörten die Buben und Mädels in der Schule von Kaiserpfalzen, von alten herrlichen Bauten reden, dann sagten auch sie sicher: »Aber unsere ist feiner.«

Was auf der Burg vorging, was ein Bewohner erlebte an Leid und Freud', wurde von den Untersbergern miterlebt, und wenn gar ein Gast auf der Burg einkehrte, so sagten sie sicher im Dorf: »Es kimmt Besuch, no dem wird's schon bei uns gefalle.« Wie die Alten, so die Jungen. Weil nun die neuen Mitbewohner der Rabenburg Kinder waren, redeten die Untersberger Kinder schon von ihnen, als Dieter und Gundula sich erst zur Reise rüsteten. Und an dem Tage, da die Geschwister durch den Wald der neuen Heimat zustrebten, sagten die Untersberger Buben und Mädles: »Die kommen sicher nachher gleich ins Dorf.«

Doch der Tag ging vorbei und der nächste auch und zur grenzenlosen Verwunderung der Untersberger waren die neuen Burgkinder noch nicht gekommen. Das Warten war unbehaglich, zumal die Mütter in diesen Tagen so viel mahnten: »Starrt sie niche gleich so an, wenn se kommen und schreit niche zu arg, so was sin se in der Stadt niche gewöhnt.«

Natürlich wollten sich die Buben und Mädels von Untersberg gern benehmen wie Stadtkinder, wenn sie es nur gewußt hätten, wie die es machen. Aber leider wußte ihnen das niemand recht zu sagen, den Herrn Pfarrer oder Fräulein Pfarrer oder den Herrn Lehrer zu fragen wagten sie nicht, und die Mütter sagten nur immer: »ungeheuer brav sind se in der Stadt,« aber das war eigentlich eine langweilige Auskunft, mit der nicht viel anzufangen war.

Zu den allerneugierigsten aller Neugierigen gehörte in diesen Tagen Purzel. Das war ein kleiner, stämmiger Bursche mit rostbraunen Kraushaaren, einer lustigen Himmelfahrtsnase und hellen Blinkeraugen. Eigentlich hieß der Bube Arminius-Wolfgang Schulze, aber die Untersberger meinten, diese großen, feierlichen Namen wären nur gut für das Taufregister und für feierliche Gelegenheiten, aber nicht für den Alltag. Und wie es so kommt, aus dem Arminius-Wolfgang wurde ein »Purzel«. Schulzens Purzel, anders wurde er nie und nirgends genannt.

Aber seit Purzel in die Schule ging, wußte er erst, was für schöne Namen er trug und stolz verlangte er, man solle ihn Arminius nennen, das wär' ihm noch lieber als Wolfgang. Aber niemand tat ihm den Gefallen, es half ihm nichts, daß er seine stolzen Namen in alle seine Bücher krakelte und hin und wieder über den »Purzel« in Wut geriet, er war und blieb halt doch »Schulzens Purzel«.

»So'ne Namen sin nich fore alle Tage, nur for Sonntags,« sagte die Großmutter einmal und dann vergaß sie es und nannte den Enkel auch am Sonntag wieder Purzel.

»Stadtnamen sind's,« sagte wieder eine Base, »im Dorfe läuft mer niche damit rum!«

Seitdem dachte Purzel: wenn ich nur in die Stadt käme, oder die Stadt aufs Dorf. Und weil er von den Städtern Anerkennung seiner Namen erwartete, freute er sich so sehr auf Dieter und Gundula. Denen wollte er gleich sagen: »ich heiße Arminius,« und wenn die ihn so nannten, würden es vielleicht auch die anderen tun und so würde endlich aus dem Purzel ein Arminius werden.

»Wenn das Wenn und das Aber nicht wär', dann wär' mancher Bauer schon ein Herr,« sagte die Großmutter, als ihr Purzel von seiner Hoffnung sprach. Da lief der Bursche weg und dachte trotzig: ich werde mich schon so nennen. Und damit er auch der allererste war, der die Burgkinder sah, hielt er am zweiten Tage Wache am Weg, der vom Schloß herabkam und dicht vor dem Dorfe auf der Landstraße endete. Auf der Landstraße und in Bauer Mehlhans Grasgarten tobte der Kampf, dort spielten Purzels Gefährten »Indianers«, und es gab dabei viel Geschrei. Eigentlich hatte Purzel mitspielen sollen, die anderen hatten gemeint, wir sehen ja, wer vom Schloß kommt, aber der Bube war doch auf seinem Wachposten geblieben. Immerhin lugte er doch eifrig hinüber und wenn das Indianergeschrei drüben wild aufgellte, schrie er heftig mit. Darüber überhörte er fast die festen Schritte hinter sich, er wurde erst aufmerksam, als Kastor, des Burgherrn Hund, an ihm vorüberraste.

Blitzschnell drehte sich Purzel um und starrte die Geschwister an, aber da fiel ihm der Mutter Mahnung ein: »sei nur niche dreist, mit Städtern muß mer fremd tun« – und geschwind versuchte er eine gleichgültige Miene aufzustecken, er zeigte seine Rückseite, reckte seine Nase in die Luft und begann zu pfeifen. Alles das gehörte seiner Meinung nach zur Feinheit, vor allem sollten die Stadtkinder nicht merken, daß er sie gleich gesehen hatte.

Leider wußte Herr von Tracht Purzels Feinheit gar nicht zu schätzen. »He du,« rief er und schlug ihm mit flacher Hand die Mütze vom Kopf, »kannst du nicht grüßen? Hast du Spatzen unter der Mütze? Wer bist du eigentlich?«

Der Bube wurde feuerrot, wie sollte er sich nur jetzt benehmen, aber ehe er noch ein Wörtlein sagen konnte, erkannte ihn der Burgherr. »Das ist ja der Purzel!« Er lachte, »komm nur her, Purzel, gib Dieter und Gundula die Hand. Seht ihr beiden, das ist Schulzens Purzel, der Zahmste aus dem Dorf ist er gerade nicht.«

»Purzel,« rief Gundula mit klingendem Stimmlein, »nein, so ein putziger Name. Aber niedlich ist er, Purzel, das gefällt mir!« Sie streckte dem Buben die Hand hin: »Guten Tag, Purzel!« Und lachend wiederholte sie ein paarmal: »Purzel, Purzel!«

Das war zu viel! Ganz schief sah Purzel die Stadtkinder an und plötzlich drehte er sich um und rannte davon, wie einer, der noch den gestrigen Tag einholen möchte.

»Purzel, Purzel bleib doch hier,« rief Gundula ihm nach, aber kein Purzel blieb, kein Purzel hörte. Wutsch! war der um eine Ecke herum den Blicken der Geschwister entschwunden. Denen tat es leid, aber viel an Purzel denken konnten sie nicht, da es im Dorf allerlei zu sehen gab. Hinter einer Mauer, von Obstbäumen halb versteckt, stand das Pfarrhaus, und gegenüber, jenseits eines kleinen Baches, lag das Schulhaus. Der Erbauer hatte sicherlich nicht bedacht, daß ein Bächlein am Wege ein gefährliches Ding sei, besonders für Schulkinder. Da war wohl keines, das nicht schon einmal halb oder ganz in den Bach gefallen war oder das geheult hatte, weil alle Schulbücher in den Bach geplumst waren; denn Schulbücher, die in der Ofennähe auf einer Leine hingen, und so getrocknet wurden, gab es in Untersberg immer zu sehen.

Der Weg, der zum Pfarrhaus führte, war minder beschwerlich. Da gab es erst ein Mauerpförtlein, durch das man hindurch mußte, dann kam ein Grasgarten mit vielen Obstbäumen, dann kam das weiße, schlichte Pfarrhaus. Seine Tür war geöffnet und Dieter und Gundula schauten durch einen dämmerigen Flur hindurch in einen zweiten Garten hinein, in dem ging ein weißhaariger alter Mann zwischen den Beeten auf und ab. Herr von Tracht schlug gleich den Weg nach diesem Garten ein und der Pfarrer stand einen Augenblick wie lauschend, dann kam er rasch den Gästen entgegen, er tat es mit herzlicher Miene und doch lag ein leichtes Zögern in seinem Handausstrecken.

Wie der alte Pfarrer schlank und aufrecht noch wie ein Baum, trotz des silberweißen Haares, vor den Kindern stand, sahen die voller Bewunderung zu ihm auf. Er gefiel ihnen gar zu gut und sie schauten ihn treuherzig an, aber seine Augen gingen über sie hinweg. Große klare blaue Augen waren es, aber sie schienen in unermeßliche Fernen zu blicken. Das bedrückte besonders Gundula und sie fand nur scheue Antworten, während Dieter freimütig Rede stand. Der Pfarrer fragte nach allerlei, nach der Reise und nach dem Leben vorher und auf einmal sagte er: »Komm nur näher, Johannes, hier sind deine künftigen Schüler.«

Die Kinder sahen erstaunt drein, hinter dem Pfarrer an einer Hecke stand ein junger Mann. Er stand ganz still, die Kinder hatten seine Schritte nicht gehört, aber der Pfarrer, der ihm doch den Rücken zudrehte, mußte ihn gehört haben. Der junge Mann kam näher, er war nicht hübsch und nicht häßlich, aber er hatte so ein frohes klares Gesicht, daß die Kinder gleich rechtes Vertrauen zu ihm faßten. Dies also war der Kandidat, der sie unterrichten sollte. Frau Susanne hatte ihnen schon davon erzählt. Das Gespräch kam auch gleich darauf und Herr Johannes sagte: »Vielleicht können sie manche Stunde zusammen haben.«

»Alle,« bat Dieter, »die Gundel lernt mit, auch lateinisch. Nicht wahr, Gundel?«

»Ja,« rief Gundula, »wenn wir zusammen lernen, ist's nicht so schwer.

»Hör' du einmal, du wirst dich aber sehr plagen müssen, wenn du mit deinem Bruder Schritt halten willst,« sagte Herr Johannes, »und ich bin streng.«

»Wenn der Dieter dabei ist, fürchte ich mich nicht,« erklärte Gundula tapfer, »wenn wir zusammen lernen, geht's immer viel fixer.«

»So sollen sie auch zusammen lernen,« entschied der alte Pfarrer. »Aber jetzt sind Ferien. Zwei Wochen sollt ihr euch noch ausruhen und überall umschauen!«

»Ja umschauen, ob ihr auch bleiben –« Herr von Tracht konnte den Satz nicht zu Ende bringen, so stürmisch drängten sich die Geschwister an ihn heran. Da lachte der Burgherr, »mir scheint's, das mit dem Bleiben habt ihr euch schon überlegt. Also bleibt nur, das Umschauen wollen wir gründlich besorgen.«

»Wir wollen jetzt mit dem Pfarrhaus anfangen!« Der Kandidat gab den Kindern die Hände und führte sie aus dem Garten in das Haus hinein. Drinnen rief er laut: »Tante Guste, Tante Guste.« Und den Geschwistern erklärte er: »Tante Guste ist Onkel Gerhards Schwester und eigentlich bin ich mit dem Onkel nicht verwandt, mein Vater ist sein Jugendfreund.«

Eine Tür tat sich auf und breit floß ein Lichtstrom in den dämmerigen Flur und in diesem hellen Scheine stand eine sehr große, hagere, überaus häßliche Frau. Man hätte sie für einen verkleideten Mann halten können und sie glich in nichts ihrem schönen, so mild dreinschauenden Bruder. Ihre Stimme klang rauh, wenn auch die Worte, mit denen sie die Kinder begrüßte, freundlich waren. Das Haus gefiel den Kindern auch viel besser, als Fräulein Pfarrer, wie des Geistlichen Schwester im Dorf genannt wurde. In den hellen, behaglichen Stuben standen überall viele Blumen in schönen Tongefäßen, fast glich jedes Zimmer einem Garten. »Gelt, bei Tante Guste gefällt's euch?« fragte der Kandidat Johannes.

»Die Stuben gefallen ihnen schon, nur die Tante Guste noch nicht,« sagte Fräulein Pfarrer heiter und ein so guter schelmischer Ausdruck verklärte ihr häßliches Gesicht, daß die Kinder beide dachten: sie ist ja gar nicht häßlich. – Weil aber das Fräulein über ihre eigenen Worte lachte, lachten sie mit und in diesem Lachen löste sich bald ihre Befangenheit. Es war mit Fräulein Guste so wie mit einer Gegend, die man erst häßlich und unfreundlich findet, bis man sie dann einmal im Sonnenglanz, im Morgenlicht oder Abendglühen sieht und erstaunt, wie reizvoll das geschmähte Stücklein Land ist. Als die Kinder die hellen, heiteren Stuben des Pfarrhauses verließen und der Blumenduft ihnen wie ein Gruß nachzog, da hatten sie es beinahe vergessen, daß Fräulein Pfarrer häßlich war.

Ein langer Besuch wurde es an diesem Tag nicht im Pfarrhaus, aber als die Kinder schieden, freuten sie sich schon auf das Wiederkommen. Herr Johannes begleitete sie durch das Dorf, über den Bach hinüber ins Schulhaus. Dort war der Lehrer über Land gegangen und so konnten sie nur der Frau Lehrerin guten Tag sagen. Drei Bübchen, drei rechte Käsehochs, spielten vor der Türe, die stellten sich gleich stramm vor den Burgherrn hin und schrien so laut »guten Tag,« als wären alle ringsum stocktaub. Und als die Besucher den Rückweg antraten und Dieter und Gundula über das Bachbrücklein schritten, scholl es ihnen schmetternd nach: »Fallt niche nein!« Die Stadtkinder fielen auch nicht in den Dorfbach, aber der Oheim prophezeite ihnen: »Einmal fallt ihr schon in den Bach, es gibt kein Kind in Untersberg, das nicht schon einmal dringelegen hätte.«

»Ja so ist's,« sagte der Kandidat Johannes, »der Bach ist ein tückischer Geselle. Wir hatten Besuch im Pfarrhaus, zwei Stadtmädels, rechte Zimpersusen. Die hatten immer Angst, nur ein Spritzlein könne an ihre Kleider kommen. Und am letzten Tage, alle Sachen waren schon fort, zur Bahn gefahren, gingen sie in ihren Reisekleidern durch das Dorf, da fiel erst eine in den Bach, dann die andere dazu und dann kamen beide pudelnaß heim, mußten erst getrocknet und aufgebügelt werden, zuletzt versäumten sie den Zug, versäumten den Schulanfang, es war eine schlimme Geschichte.«

Dieter wollte gerade versichern, er würde sich schon in acht nehmen, als ein alter Bauer hinzutrat und den Burgherrn begrüßte. Kinder liefen herbei, reichten treuherzig ihre braunen Hände hin und die Geschwister dachten, daß sie nie, wenn sie mit ihren früheren Pflegeeltern gingen, die doch reiche, vornehme Leute waren, so oft und herzlich begrüßt wurden, wie hier in dem kleinen Dorf an des Oheims Seite. Da merkten sie, wie Burg und Dorf zusammengehörten und wie sich da in langen Zeiten unzerreißbare Bande geknüpft hatten. Zwei Häuser zeigte der Oheim, die standen noch seit dem dreißigjährigen Krieg, die meisten Gebäude stammten aber aus dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, damals, nach langer Kriegsnot, nach Hungerszeiten und Brand war das Dorf allmählich neu aufgebaut worden. Nur ein paar Häuser am Südende waren ganz neu, wie Stadthäuser sahen sie aus, man konnte meinen, sie hätten sich hierher verlaufen. Auf sie schalt der Burgherr, »sie verschandeln das ganze Dorf,« sagte er, »es ist gut Johannes, daß ihr Onkel sie nicht mehr sehen kann, er meint immer, darüber wäre er froh.«

»Nicht mehr sehen kann,« wiederholte Gundula erstaunt.

»Habt ihr es denn nicht gemerkt, daß unser lieber Herr Pfarrer blind ist?« Nein, davon wußten die Kinder nichts. Nun erst, im Nachdenken, fiel ihnen der ferne Blick der klaren Augen ein. »Aber hatte der alte Herr nicht von der bunten Pracht seines Gartens gesprochen.« Gundula sagte es: »Er sieht doch seine Blumen.«

»Er sieht sie nicht, aber er fühlt und riecht sie, er trägt das Bild seines Gartens im Herzen wie so viel Schönes dieser Welt. Viele Menschen mit gesunden Augen haben doch nicht so viele Freude an Frühling und Sonne, als er, der lichtlos durch seinen Garten schreitet. Er trägt auch das Bild seines Dörfleins im Herzen, er atmet die Schönheit des Waldes, wenn er darin ist, und weil es so ist, ist er immer heiter und zufrieden.«

Von jener heiteren Zufriedenheit des alten Pfarrers war gerade, als Herr von Tracht davon erzählte, jemand im Dorf himmelweit entfernt, das war Purzel. Der saß im staubigen Landstraßengraben und war mit sich und aller Welt unzufrieden, am unzufriedensten aber wieder einmal mit seinem Namen. Warum mußte er auch nur Purzel heißen, Schulzens Purzel? Und warum mußte der Schloßherr ihn so nennen und warum dieses feine hübsche Stadtmädel immerfort »Purzel« rufen. Darüber war er am allerwütendsten. Er fühlte dumpf, grob durfte er gegen Gundula nicht werden, aber er dachte doch: wenn sie nochmal immerfort Purzel sagt, werde ich's. In seinem Zorn hatte er sich die Landstraße als Versteck gewählt, alle seine Kameraden waren ins Dorf gelaufen, hier war's einsam und der Herr von Tracht würde als Rückweg auch wieder den schattigen, schmalen Burgweg wählen, nicht die heiße Landstraße. So dachte Purzel, der sich wirklich an diesem Morgen mit Nachdenken arg abplagte. Er saß unter einem Birnbaum, der seine Äste ein Stück schattend über die Straße breitete. Von den Früchten dieses Baumes sagten die Untersberger Frauen, sie wären nur gut an Stopftagen zu essen, weil sich dann alle Löcher zusammenzögen.

Nun hatte Purzel zwar einen Riß in seinen Hosen, einen Riß, den er gern zugenäht hätte, ehe die Mutter ihn gesehen, aber die kleinen Birnen biß er darum doch nicht an. Und dabei waren sie süß gegen das saure Gesicht, das er zog.

Aber Wut und Nachdenken machen oft recht müde, die Sommerwärme kam dazu und so duselte Purzel ein wenig ein. In dieses schläfrige Hindämmern hinein klangen ihm auf einmal Stimmen, er riß erschrocken die Augen auf und sah zu seinem Entsetzen den Burgherrn mit den beiden Kindern auf der Landstraße vom Dorfe her kommen. Um recht zu überlegen, was er tun konnte, dazu war Purzel zu verdöst, er saß an einem Baum, also erschien es ihm am einfachsten, auf den Baum zu klettern. Eins, zwei, drei! Es ging leicht am rissigen Stamme und dann erwischte er einen Ast.

Mit Herrn von Trachts scharfen Augen hatte Purzel nicht gerechnet. Der Burgherr konnte den Vogel hoch in den Lüften am Fluge erkennen, er sah die Nester auf den höchsten Spitzen der Bäume, er sah in der Ferne das Häslein über Feld laufen und er sah an diesem Tage auch den Buben, der sich so eilig im Geäst verbergen wollte. »He du!« rief er ihm zu, »fall da oben nicht herunter, die Birnen taugen nichts und die Äste sind morsch!«

Pardauz! da tat Purzel schon seinem Namen Ehre an und purzelte mit einem Ast zugleich in den Staub der Landstraße.

Gundula schrie laut und lief gleich hin. »Es ist der Purzel,« schrie sie jammernd zu des Buben unsäglichem Ärger.

»Na Purzel du, was machst du denn heute für Geschichten?« rief der Burgherr lachend.

»Oh, Purzel, Purzel, deine Hosen sind ganz zerrissen.« klagte Gundula, »oh, Purzel, nein Purzel, du armer Purzel!«

Der kleine Riß in des Buben Höslein hatte das Wachsen bekommen, wie die Spargel im Frühling, er war auf einmal zu einem handlangen Riß geworden, der ordentlich klaffte. Der Sturz, der Riß, Gundulas mitleidiges »Purzel!«, das war zu viel für den Buben, er brach in ein wildes Geheul aus.

»Wirst doch nicht heulen, Schulzens Purzel,« tröstete der Burgherr, Dieter klopfte ihm den Staub von den Sachen, »heul doch nicht, Purzel,« und Gundula tröstete lieblich, indem sie »Purzel, Purzel« in allen Tonarten rief. Tröstend, bittend, schelmisch, aber der Bube hörte doch immer nur den unlieben Namen und er brüllte immer lauter.

»Donnerwetter, was soll das Geschrei!« Herr von Tracht wurde es zu viel. »Hast du dir weh getan, dann sag's, aber brülle nicht, daß alle Spatzen davonfliegen, dummer Purzel, du.«

»Hum, hum, hum« schluchzte Purzel ein paarmal aus, dann besann er sich, drehte sich um und trabte geschwind dem Dorfe zu. Ihm nach, vom Mittagswind getragen, aber tönte Gundulas helles Stimmlein: »Armer Purzel, Purzel du, ach Purzel, höre doch!«

»Weiß der Himmel, was in den Bengel gefahren ist,« brummte Herr von Tracht, »laß ihn, er kommt schon zur Vernunft und ein Plumps von einem Obstbaum herunter schadet einem rechten Untersberger Buben nicht viel. Denn sonst hätten in der Obstzeit alle Buben im Dorf zerschlagene Glieder.«

»Er hat so einen niedlichen Namen, Purzel, Purzel!« Das war das Letzte, was Purzel hörte. Und mit einem heißen Groll gegen das kleine Stadtmädel kehrte er heim. Die Burgbewohner gingen auf der Landstraße weiter, sie lenkten nach ein paar hundert Schritten ab und nun erkannten Dieter und Gundula den Weg wieder, den sie vorgestern gegangen waren. Vorgestern, war es wirklich erst so kurze Zeit her, seit sie zagend draußen vor dem Tore gestanden hatten? Konnte einem so rasch ein Stücklein Erde zur Heimat werden?

»Seit vorgestern sind wir erst hier,« sagte Dieter unter dem Torbogen und der Oheim verstand, was die Kinder bewegte, er erwiderte: »Ihr seid an diese Burg gebunden durch eure Vorfahren und eigentlich war's für euch nur eine rechte Heimkehr.«

7. Kapitel. Ein heiterer Regentag.

Es regnete! Fünf Tage weilten Dieter und Gundula nun schon auf der Burg und immer hatte die Sonne in diesen Tagen am Himmel gestanden und nun hatten doch die Regenwolken gesiegt. Als Dieter am Morgen zum Fenster hinausschaute, lag draußen alles in Dunst und Nebel, über Berge und Wälder waren Schleier niedergesunken, die verhüllten die Ferne und es war, als wäre die Burg und der nahe Wald nun auf einmal eine Insel im weiten grauen Meer.

»Es regnet!« Ganz kläglich sagten es die Geschwister als sie an diesem Morgen den Speisesaal betraten, in dem der Frühstückstisch gedeckt stand. Ein bißchen düster war es im Saal, und klatschend schlug der Regen an die Scheiben. »Es regnet!« Gundula wiederholte das Wort.

»Ja, freilich, es regnet, was gibt's da für einen Grund, so wie Sauerbier dreinzuschauen?« fragte der Oheim heiter.

»Es ist nur, weil wir nun nicht in den Wald gehen können,« flüsterte Gundula betrübt.

»So, nicht in den Wald gehen können? Wo steht denn das geschrieben, Jungfer Marzipan? Ich gehe, denn ich habe keine Angst aufzuweichen wie eine Semmel. Und wer nicht zimperlich ist, geht mit mir!«

Nein, zimperlich wollten die Geschwister nicht genannt werden und sie liefen darum rasch nach dem Frühstück noch einmal treppauf, zogen sich ihre dicksten Schuhe an und schlüpften in ihre Regenmäntel hinein. Marschbereit kamen sie dann wieder in den Speisesaal zurück und der Oheim musterte sie lachend aus seiner stattlichen Höhe herab. Als er in Gundulas Hand einen Schirm sah, wehrte er: »Laß den daheim, Mädel, mit einem Regendach in den Wald gehen, da lachen dich ja die Bäume aus. Zieh dir deine Kappe über und nun vorwärts!«

Tripp, trapp wanderten die drei in den Wald hinein, der Oheim voran. Wie das regnete! Es rieselte und rann, tropfte, gluckste und rauschte! Die Bäume und die kleinen Pflanzen schluckten und tranken, sie waren alle durstig nach der langen, heißen, trockenen Zeit. Die winzigsten Blättlein, die Blumen alle schluckten wie rechte, kleine Nimmersatte. Auf dem Wege bildeten sich schmale feine Bäche, die liefen eilig hierhin und dorthin, alle wollten sie sich in den Waldbach stürzen, der hoch geschwollen einen Lärm machte, als wäre er über Nacht ein großmächtiger Herr Fluß geworden. Aber wo die Rinnsale den Moosen begegneten, da wurden sie aufgehalten, denn die Moose waren noch lange nicht satt. Man muß vorsorgen für Trockenheit, dachten sie, und tranken jeden Wassertropfen, den sie erhaschen konnten. Sie waren ganz böse auf die großen Bäume, die so viele, viele Regentropfen auf ihren Blättern und Nadeln festhielten. Wenn nur der Wind käme und sie schüttelte, wünschten die Moose. Doch der Wind kam nicht, die Bäume standen ganz still, und immer, wenn die Kinder unter so einen Baumriesen kamen, dachte Gundula: Man braucht wirklich keinen Schirm.

Das Gesumm und Gebrumm der Insekten, das sonst an Sommertagen zur Waldmusik gehörte, schwieg freilich, aber still war es doch nicht im Walde, es zirpte und piepste mal da, mal dort, huschte und raschelte, wo dichtes Gebüsch am Wege stand, und laut gellte immer wieder das Krächzen der Krähen und Raben auf.

Die neuen Bewohner bauten ihre Nester, das verstanden die Menschen nun nicht, aber die Stimmen störten sie auch nicht. Die Kinder hatten genug zu schauen. Wie anders war der Wald als an den sonnigen Tagen vorher! Jetzt war alles so nah und eng und doch waren die Schattenwinkel so undurchdringlich und geheimnisvoll, als säßen Märchenfrauen im Dämmern und webten die grauen Wolkenschleier, die jede Aussicht verhüllten. Lieblich war das Regenlied anzuhören. Jeder Tropfen fühlte, daß er ein Teil des Segens war, der auf das dürstende Land herabrann und alle riefen es im Fallen: »Wir bringen Segen von oben, tropf.« Da lagen sie und die Millionen Tropfen, die ihnen folgten, sangen wie sie. Die Erde atmete tief und satt und der Geruch der warmen feuchten Erde mischte sich mit dem Duft der Tannen und der vielen Kräuter und Blumen. Es roch köstlich im Walde. Je tiefer die Kinder eindrangen, desto besser gefiel es ihnen, sie vergaßen, daß die Wege naß und schlüpfrig waren und daß der Regen dachte, sie wären wohl auch ein paar durstige Pflänzlein und sie tüchtig überschüttete. Sie lachten dazu und der Oheim, dem das Wasser von Zeit zu Zeit wie ein Bächlein von seinem grünen Lodenhut herabrieselte, sagte: »Laßt euch nur ordentlich einregnen, das tut gut. Meine Mutter selig ging am liebsten in einem recht tüchtigen Platzregen spazieren, sie sagte, das ist gesund, darüber ist sie denn auch achtzig Jahre alt geworden. Aber jetzt aufgepaßt, hier geht es steil bergab zur Elfenhöhle!«

Die Elfenhöhle! Den Kindern klang das Wort lockend in die Ohren, sie vergaßen die Mahnung, aufzupassen und Dieter merkte geschwinde, was für ein schlüpfriges Ding ein abschüssiger Waldweg bei Regenwetter ist. Er fiel, rutschte und sauste auf seinem Hosenboden gar eilfertig den Abhang hinab.

»Nicht so schnell, nimm uns mit, guter Freund!« rief ihm der Oheim zu, aber da lag Dieter schon unten im feuchten, weichen Moose, am Stamm einer Tanne.

Gundula wollte den Bruder bedauern, doch der Oheim lachte herzhaft dazu und von unten herauf klang auch Dieters Lachen. Noch ein anderer Ton mischte sich hinein, ein paar Raben schrien laut im Geäst der Tanne. Familie Huckebein war da unsanft in ihrer Regenruhe gestört worden. »Es ist unerhört,« rief Frau Huckebein, ihr Mann aber sagte nachsichtig: »Es sind eben Menschen, die sind laut und vorwitzig und –«

Ein Unglück kam über das Nest der Huckebeine.

Krachkrach, der Jüngste, war neugierig wie alle Huckebeine es sind, und ungeschickt dazu, der wollte die Menschen, die im Regen daherkamen, sehen, ganz genau. Er reckte darum seinen Kopf zum Neste hinaus, weit, ganz weit und wie er sich so reckte und streckte, verlor er auf einmal das Gleichgewicht. Plumps! fiel er hinaus, plumps! fiel er Dieter auf den Magen. »Ein Rabe,« schrie der, »ein Rabe,« und er packte zu, ehe Jung-Huckebein überhaupt wußte, was ihm geschehen war.

»Ich habe einen Raben gefangen,« jubelte Dieter und sprang auf. Er hielt den Gefangenen dem Oheim entgegen, »da sieh, ob der wohl sprechen lernt?«

Gut, daß die Huckebeine die Menschensprache nicht gut kannten, sonst hätten sie sich arg gekränkt gefühlt, denn Herr von Tracht nahm den ruppigen Huckebeinjungen in seine Hand, sah ihn prüfend an und sagte: »Der sieht so erzdumm aus, mein Junge, an dem würdest du wohl keinen gelehrigen Schüler haben.«

»Wir wollen ihn fliegen lassen.« bat Gundula, »oben schreien sie so!«

Die Frau Huckebein kreischte: »Wir wollen ihnen die Augen aushacken!«

»Gemach, gemach,« beruhigte Herr Huckebein, »sie lassen ihn vielleicht fliegen.«

»Nein, sie behalten ihn, weil er so schön ist,« jammerte die arme Frau.

»Ein richtiges, kleines Untier ist das,« sagte unter der Tanne Herr von Tracht. Er hielt den Vogel auf der Hand, der sperrte vor Angst immer nur seinen großen Schnabel auf und verdrehte die Augen schrecklich.

»Warum fliegt er nur nicht fort?« rief Gundula, »er kann vielleicht nicht fliegen.«

»Er ist zu dumm. Flieg' doch!« redete Dieter dem Raben zu. Doch der klappte nur immer mit dem Schnabel, klappte ihn auf und zu und rührte sich nicht.

»Sie behalten ihn, unseren schönen, klugen Krachkrach,« klagte oben die Mutter.

»Nun, zu den Menschen, besonders auf die Rabenburg zu kommen, ist immerhin eine Ehre,« versuchte Herr Huckebein die Seinen zu trösten, »vielleicht wird dann unser Sohn so weise –«

»Na, endlich fliegt der dumme Kerl auf,« riefen unten die Kinder. »Nein wie tolpatschig er es anstellt.«

»Er kommt, er kommt, unser Krachkrach kehrt zurück,« jauchzten oben die Huckebeine und reckten und streckten nun selbst die Hälse so weit vor, daß sie beinahe auch alle miteinander den Menschen unten auf den Kopf gefallen wären. Krachkrach kam wirklich zurück, ganz verdattert flog er ins Nest und er wußte kein Wort von seiner kurzen Gefangenschaft zu sagen. »Er hat ein so tiefes Gemüt, er denkt zuviel,« sagten die Eltern stolz, denn sie hielten ihn für außerordentlich klug.

Die drei Wanderer kümmerten sich nicht weiter um die Huckebeine, sie schritten tiefer in den Wald hinein, bergauf und -ab und sie gelangten bald an eine Bergwiese. Oben war sie von Wald und Felsen begrenzt, unten ging breit und behäbig die Landstraße dahin. An der Felswand im Walde, sie war nicht sehr hoch, aber steil, lag die Elfenhöhle. »Hier also hat der Herr Christian seine Schafe gehütet,« rief Gundula. Sie stapfte fröhlich durch das nasse Gras und sie horchte ein bißchen in das Regenrauschen hinein. Klang's doch just so, als spiele auch heute der wunderliche Herr Christian seine Flöte. Wirklich, ein Pfeifen ertönte, es kam näher und näher und auf einmal tauchten aus dem grauen Dunst ein paar Buben auf, die vergnügt um die Wette pfiffen. Irgend etwas muhte den beiden ungeheuren Spaß machen, ihre Augen blinkerten vor Wermut, und trotzdem sie naß bis auf die Haut waren und das Wasser an ihnen herabtropfte, sahen sie doch drein als wollten sie sagen: »Uns gehört die Welt.« Sie erschraken dann freilich sehr, als sie sich so unvermutet dem Herrn des Waldes gegenüber sahen; ihre verlegenen Gesichter verrieten, daß ihnen die Begegnung nicht sehr angenehm war. Sie duckten sich ein wenig, schauten nach rechts und nach links und ehe Herr von Tracht sie fassen konnte, waren sie entwischt. Wie zwei Hasen rannten sie bergab. Dieter besann sich noch, ob er ihnen folgen sollte, da waren sie aber schon verschwunden.

»Die haben etwas angestiftet.« Herr von Tracht sah ihnen nach. »Aber Bürschchen, ich kenne euch, ich werde doch meine Untersberger Buben alle kennen, wehe euch, wenn ich was finde. Nun aber vorwärts, dort ist die Höhle!«

Die Stimme des Waldherrn dröhnte, ihr Schall fuhr in die Höhle hinein, er weckte dort zwar nicht die Elfen, doch etwas anders aus sanftem Schlummer auf. Just als die Wanderer am Eingang der Höhle erschienen, erhob sich drinnen ein ganz seltsames Geräusch. »Uhaah, uhaah.« klang es heraus, und Gundula, die neugierig zuerst in die Höhle geschaut hatte, fuhr mit einem hellen Angstruf zurück. »Da, da – – ist jemand drinnen!«

»Laß mich doch los! Au, Donnerwetter!« Wie Elfenruf und Drachengebrüll klang es nicht, was sich da erhob, scheltende zornige Bubenstimmen waren es und gleich daraus kugelte und quoll ein dicker Knäul von Armen und Beinen aus der Höhle heraus.

»Laß mich doch los! Was fällt dir ein, auaah –«

Pardauz kam etwas angerollt, es war ein großer Kochtopf.

»Na, Potzwetter! Was soll denn das bedeuten?« rief Herr von Tracht, und musterte ein wenig diesen verwickelten Menschenknäuel zu seinen Füßen. »Wandervögel sind's, scheint es mir. Holla! ihr Buben, steht doch auf!«

»Sie sind zusammengebunden, Oheim,« schrie Dieter. »Drei sind's, mit den Beinen sind sie zusammengebunden.« Er hatte schon sein Taschenmesser herausgezogen und schnitt die Stricke durch, der Oheim half und beide sahen, daß sie auch mit ihren Röcken am Kochtopf festgebunden waren. Endlich standen die drei auf ihren Füßen und sie sahen so tief erstaunt drein, daß der Herr des Waldes sie lächelnd betrachtete. »Mir scheint, euch hat jemand einen Streich gespielt. Ihr habt wohl in der Höhle geschlafen?«

»Ja,« murmelten die drei, »und dann rief jemand und als wir aufstehen wollten, ging es nicht.«

»Begreiflich das, wenn immer die verkehrten Füße zusammengebunden sind und ein riesengroßer Kochtopf euch an den Rockzipfeln hängt. Aber sagt, wer kann euch den Streich gespielt haben?«

Die Wandervögel sahen sich an, einer sagte endlich zögernd: »Vielleicht – die Bauernjungen.«

»Hm!« Herr von Tracht dachte an die beiden Buben, die vorhin so geschwind Reißaus genommen hatten, denen traute er den Streich schon zu. »Was hattet ihr denn mit ihnen gehabt?« forschte er.

»Ach, nur so einen kleinen Streit.« Der Größte der drei, ein hübscher Bursch, sagte es mit einem kleinen verlegenen Lachen. »Die beiden waren so dumm. Wir trafen sie hier und fragten sie nach dem Weg zur Rabenburg. Sie sagten, sie gingen auch hin, sie wohnten im Dorf unter der Burg. Und dann erzählten sie uns, auf der Burg wäre ein ganzer Turm voller Raben.

›Wohl Krähen,‹ sagten wir, ›nein Raben,‹ sagten sie. ›Ach, Krähen sind's,‹ sagten wir, und allemal wenn wir ›Krähen‹ sagten, riefen sie ›Raben‹, zu dumm war es, zuletzt –«

»Habt ihr euch geprügelt,« fiel Herr von Tracht ein.

Die drei lachten und meinten ein bißchen beschämt. »Nun, eigentlich sind sie vor uns ausgerissen.«

»Ihre Rache haben sie aber nachher gut an euch genommen. Sagt nur, warum habt ihr am hellen Tage geschlafen, hattet ihr eine Nachtwanderung gemacht?«

»Nein, es regnete so,« antwortete der Jüngste fast gekränkt über die Frage.

»Potzwetter, ja!« Herr von Tracht rief es, daß es durch den Wald schallte, »ihr armen Zuckerpüppchen, das wäre freilich schlimm gewesen, wenn euch ein Wassertropfen auf die Nase gefallen wäre. Je, ja, ihr wäret gewiß gleich aufgeweicht davon.«

Die Wandervögel wollten sich ärgern über den Spott, aber Lachen steckt an und weil der Oheim, Dieter und Gundula so herzhaft lachten, gaben sie das Schmollen auf und lachten mit. Ja, als sie die drei fröhlichen Wanderer genauer betrachteten, die da so naß und vergnügt durch den Wald gekommen waren, schämten sie sich recht ihrer Zimperlichkeit.

»Wir wandern nun auch,« sagten sie und hoben ihren Kochtopf auf. Der hatte Beulen wie ein Ritter, der vom Kampfe kam, und der Reis, den die Buben zu Mittag hatten kochen wollen, der lag verstreut auf dem Moose. Schlimm war's. Ein paar Löcher entdeckten sie auch in den Jacken, die hatte der angebundene Topf beim allzu schnellen Aufsprung gerissen.

»Schlimm, schlimm,« sagte Herr von Tracht und schmunzelte dazu wie einer, der eine gebratene Gans auf dem Tische sieht. »Ein leerer Topf und zerrissene Jacken, wie soll die Reise enden! Wie wär's mit einer Einkehr auf der Rabenburg? So leer werden dort die Töpfe hoffentlich nicht sein und den Turm voller Raben mögt ihr euch auch betrachten.«

Die Einladung klang den Wandervögeln lieblich in den Ohren und sie besannen sich nicht eine halbe Sekunde zu einem herzfröhlichen Dank. In der Rabenburg als Gäste einkehren zu dürfen, das war noch mal was, das hellte ihnen selbst den Regentag auf. Überhaupt mit dem Regen war das so eine Sache. Als sie sich noch einmal wandten und über die Bergwiese hinweg, die noch im vollen Blühen stand, nach dem Wald hinübersahen, da staunten sie über die zarte Farbenpracht. Grün und Grau und darüber der Himmel voll dunkler Wolkenfetzen. Einmal kam ein winziges Stück Blau hervor, aber jach verschlang es eine dicke Wolke wieder, nur ein heller Schein blieb zurück, der spiegelte sich auf der Wiese wider und an jener Stelle leuchteten die Blumen farbenreicher. Gundula, die erst gedacht hatte, der wunderbare Herr Christian sei wirklich wunderlich gewesen, sich die kleine dunkle Höhle als Heim zu wählen, fand nun doch, daß es sich hier gut hausen lassen müßte. Es tat ihr fast leid, als der Oheim zum Abmarsch mahnte. Desto zufriedener waren die Wandervögel, die lockten die vollen Töpfe der Rabenburg, ihre leeren Magen mahnten sie: es ist bald Mittagszeit. Fröhlich trabten sie mit durch den regennassen Wald. Durch das Flüchtlingstal ging es heimwärts. Dieter und Gundula staunten, wie nahe sie dem Tale gewesen waren und hatten es nicht gespürt, ganz fremd war ihnen die Gegend vorgekommen. Nur einen kurzen Weg brauchten sie zu gehen, da lag das Tal vor ihnen. Noch einsamer als sonst schien es zu sein an diesem grauen Tage. Ein tiefes Schweigen lag darüber, selbst die Vögel schwiegen. Doch als die Wanderer sich den Eichen näherten, sahen sie auf der ältesten einen Raben sitzen: »Die Krähe ist ausgestopft!«

Dem einen kam die Singlust, er griff in die Saiten seiner Laute und sang spöttisch zu dem Raben hin des Vogelweiders Vers:

»Gern hätt' ich geschlafen da
Immer, doch 'ne dumme Krah
Die begann zu schreien. –
Oh, mögen sie gedeihen
Alle, wie ich will!
Sie nahm mir Wonne viel.
Von dem Schreien ich erschrak:
Ja, wenn da ein Stein nur lag,
War's gewiß ihr letzter Tag.«

Hatte der Vogel die Neckerei verstanden? Er hob den Kopf, breitete seine Flügel aus, schrie laut und flog abwärts, flog bis er dicht vor den Wanderern auf einem der unteren Äste saß.

»So eine freche Krähe!« rief der Sänger.

»Und die Krähe, wie du sie nennst, sagt jetzt gewiß: so ein dummer Bub' weiß nicht, daß ich wirklich ein echter, rechter Kolkrabe bin!« Herr von Tracht war ganz dicht an den Baum herangetreten, seine Schulter streifte den Ast, auf dem der dunkle Vogel saß. Unbeweglich blieb der sitzen, er schien zu wissen, der tut mir nichts. »Ein prachtvoller Kerl,« sagte der Waldherr, »einer wie man sie selten sieht und klug blickt er mich an, als verstünde er alles, was wir reden.«

Der Rabe legte den Kopf zur Seite, blinzelte listig alle die Menschen an, er stieß ein paar Rufe aus, seltsam klangen sie, nicht wie Rabenschreie, und Gundula rief aufgeregt: »Was sagt er denn?«

»Ja – das verstehe ich nicht.«

»Aber er spricht doch.«

Ob Gundula recht hatte oder nicht, konnte niemand mehr entscheiden, denn der Rabe breitete seine Flügel aus und flog langsam davon, er flog und flog und verschwand bald im Walde.

»Das war wie ein Märchenrabe,« jauchzte Gundula. Sie wäre am liebsten trotz des Regens und der nahen Mittagsstunde im stillen Tal geblieben, aber dazu hatten die anderen wenig Lust. Ja, als es weiterging, schritten die Wandervögel aus, als wollten sie Schnelläufer werden. Aber ihre Singlust, die am Morgen sich verkrochen hatte, ward auch wieder wach. Einer schlug vor: »Wir wollen das Regenlied singen!«

»Könnt ihr das, die ihr bei Regenwetter schlaft?«

Die drei lachten zu dem Spott und sagten: »Ja schon. Der es uns vorsang ist auch ein Wandervogel, er hat das Lied gemacht, als er einmal im Regen vergeblich um einen Unterstand bat.«

Einer nahm seine Laute, klimperte darauf und jubelnd sangen sie in den Regen hinein:

Grau das Land, die Ferne grau,
Regen, Regen, rinne!
Ein Ritter zieht durch Tal und Au,
Wandert zur Königinne.
Lallallala!

»Eia! du nasser Mann am Tor,
Du darfst mir hier nicht hausen;
Schaut die Sonne wieder vor –
Dann – trockne dich fein draußen!«
Lallallala!

Schlimme du, Frau Königin,
Es wird dich noch gereu'n.
Hör', daß ich der König bin,
Der wollte um dich frei'n.«
Lallallala!

Frau Königin hat arg geweint,
Viel tausend Tränen fließen.
Die Blümlein haben schier gemeint:
Fängt wieder an zu gießen!
Lallallala!

Gesang am Regentag! Die Bäume hatten es noch nie gehört und es mochte wohl Verwunderung sein, daß sie auf einmal so zu raunen und zu rauschen begannen. Es tropften und flossen nun die Bächlein von ihren Ästen und die Wanderer riefen: »Jetzt bekommen wir es doppelt.«

Sie liefen so schnell es ging bergan und zuletzt waren sie alle froh, als grau die Rabenburg vor ihnen auftauchte. Das Tor stand gastlich offen und wie immer hielt Justus Ausschau. Er sah die Wanderer und rief mit lauter, schallender Stimme in das Haus: »Sie kommen, Frau Baronin, und drei bringt der Herr heute mit!«

Er lief in das Haus hinein und aus der Tiefe kam ein fernes Grollen, kam ein Rufen: »Eierkuchen, Eierkuchen!« –

8. Kapitel. Krachkrachs unfreiwillige Reise.

Wie in der Minnesängerzeit ist's, gerad' so!« sagten die drei Wandervögel zueinander, als sie nun als Gäste auf der Rabenburg weilten. Sie vergaßen, daß sie Gymnasiasten des zwanzigsten Jahrhunderts waren, daß sie jetzt nur gerade Ferien hatten und meinten, sie wären wirklich Zeitgenossen des Herrn Walther von der Vogelweide, dem Kürenberg und all der anderen sangesfrohen ritterlichen Herrn geworden. Wie jenen wurde ihnen erst ein köstliches Mahl vorgesetzt und wie jene klimperten sie den lieben langen Nachmittag auf ihren Lauten herum und sangen dazu. Der Damenkreis war zwar nicht groß und vielleicht hatten ihre Vorgänger mehr holdselige Frauen als Zuhörerinnen gehabt, aber hinter der Türe standen noch die dicke Hulda, die Köchin, und Emma, das Hausmädchen und hörten auch zu. Gundula war Ritterfräulein und sich Frau Susanne als fürstliche Schützerin der Sänger vorzustellen, das war nicht schwer. Sie hatte auch wirklich eine herzliche Freude an dem Gesang der drei. Dankbare Gäste waren die Ottonen, so wurden die drei genannt, da sie alle den Vornamen Otto trugen, wirklich. Zum Dableiben brauchten sie nicht lange genötigt zu werden, sie zogen gerne die weißen, weichen Betten der Rabenburg, dem Wandern im Regengrau vor, obgleich sie nun doch wußten, wie schön der Wald auch im Regen ist. Ein Schlafmittel brauchte ihnen auch niemand zu geben. Otto I drehte sich zweimal um, Otto II einmal und Otto III sagte nur »uff« und dann schliefen sie schon.

Sie schliefen so lange, bis ihnen die Sonne auf die Nase schien – so heißt es wohl in Geschichten, aber so war es hier nicht, die Sonne kam nicht so flink zum Vorschein. Wald und Berge lagen noch im grauen Dunst und noch immer stand die Rabenburg wie eine Insel im Nebel. Doch hinter dem Grau schimmerte es licht, der schöne Tag war zu ahnen. Der Himmel wurde immer höher und heller und es gab für Wandervögel keinen Grund, nicht zu wandern. Sie nahmen darum auch Abschied von der Rabenburg, schmunzelten als sie sahen, wie voll ihnen die Hausfrau die Brotbeutel packte und dann zogen sie singend zum Tore hinaus. Herr von Tracht und die Kinder gaben ihnen ein Stück das Geleit. Der Burgherr beschrieb ihnen noch genau den Weg und alle nahmen einen so herzlichen Abschied voneinander, als stamme die Freundschaft wirklich schon aus der Minnesängerzeit. Dann gingen die einen hierin, die anderen dorthin und so gut auch Herr von Tracht seinen jungen Gästen den Weg beschrieben hatte, sie verliefen sich doch. Sie liefen kreuz und quer im Walde herum und kamen statt auf die Landstraße wieder auf den Weg, der zur Elfenhöhle führte. Da merkten sie erst, wohin sie zu gehen hatten und schlugen nun den richtigen Pfad ein. Von den kleinen Vögeln, den gefiederten, zwitscherten auch an diesem Morgen die meisten: »Gut, daß es aufgehört hat zu regnen.« Sie schüttelten und plusterten sich in ihren Nestern, freuten sich der leidlich trockenen Wohnung und hatten einander so viel zu erzählen, als hätten sie sich viele Wochen nicht gesehen. Auch bei den Huckebeins ging es an diesem Morgen lebhaft zu. Frau Huckebeinin hatte ihrem Mann ernsthaft erklärt, es sei die allerhöchste Zeit, daß die Jungen ordentlich fliegen lernten. Der Unfall ihres Jüngsten lag der guten Frau schwer auf dem Herzen. »Einfach aus dem Nest fallen, das ist unerhört,« meinte sie.

Krachkrach ärgerte sich. Vater hatte doch gesagt, er, der Sohn, wäre ausnehmend gescheit und gestern hatte die Mutter seine Schönheit gerühmt und heute tat sie, als wäre er ein dummer Junge, der erst fliegen lernen müßte. »Ich will's ihnen schon zeigen,« dachte er.

»Wir müssen uns ja schämen, wenn Bragi das erfährt,« krächzte das älteste Töchterlein naseweis, »Krachkrach ist zu ungeschickt.«

»Warte nur, warte nur!« Krachkrach zitterte vor Wut. Oho! sie sollten sehen, wie er fliegen konnte. Doch was kam da!

»Schon wieder Menschen,« brummte Herr Huckebein, »unser Wald ist doch keine Landstraße. Und sie singen, als gehöre ihnen der ganze Wald!«

»Jetzt fliege ich denen um die Köpfe herum, daß sie vor Angst ausreißen. Ein feiner Spaß wird das, alle sollen sehen, was ich für ein Held bin.« Krachkrach, reckte und streckte sich und – – – pardauz! plumpste er wieder aus dem Nest.

»Unerhört, dieser Tolpatsch!« schrie Vater Huckebein.

»Heute wird er aber bestraft, wenn er wiederkommt,« rief die Rabenmutter. »Zweimal fällt niemand aus dem Nest, das ist ganz unschicklich. Das tut nur Gesindel wie die Sperlinge.«

Die Huckebeine hatten keine Angst mehr um Krachkrach, sie meinten: die Menschen lassen ihn wieder fliegen wie gestern. Aber daran dachten die Wandervögel nun nicht. Die jubelten laut: »Ein junger Rabe, hurra fein, der wird mitgenommen zum Andenken an Burg und Wald.«

»Er muß sprechen lernen!«

»Ein Ausbund an Klugheit soll er werden, wir werden noch berühmt durch unsere Rabendressur!«

»Der – – er ist zu dumm und häßlich ist er dazu. Aus dem wird nichts.«

Der Zweifler wurde aber von den Freunden überstimmt. Die erklärten, Krachkrach sei zwar ungemein häßlich, aber es müßte jeder zugeben, daß er ungeheuer klug dreinschaue. »Er wird sicher sprechen lernen, er wird eine Zierde seines Geschlechts werden.«

»Sicher, und wir wollen ihn Munin nennen, nach einem der Wodansraben, das ist ein guter Name.«

»Nein, der Name ist zu vornehm.«

»Aber wo tun wir ihn hin? Wir können ihn nicht in der Hand tragen!«

»Wir stecken ihn in den Topf, den binden wir oben zu.«

»Recht, das ist gescheit, einen Raben im Topf. Hinein spazierst du!«

Im Nest der Huckebeine gellte jäh ein wildes, wehes Schreien auf. »Sie nehmen ihn mit. Bragi, hilf du uns, Freunde, alle helft, sie entführen unsern Krachkrach, unsern schönen Krachkrach!«

»So, du kleines, häßliches Rabenvieh, jetzt bist du gefangen!« Die Wandervögel besahen zufrieden ihr Werk. Über den Topf hatten sie eines ihrer Taschentücher gebunden. Fest und kunstgerecht. »So nun weiter!« Lachend zogen sie davon und in der Ferne verhallte ihr Singen:

»Gern hätt' ich geschlafen da
Immer, doch 'ne dumme Krah,
Die begann zu schreien!«

»Krachkrach, lieber, lieber Krachkrach, schöner Krachkrach!« tönte klagend das Schreien der Huckebeine durch den Wald.

Frau Huckebein wollte den Wandervögeln nachfliegen, ihnen die Augen aushacken, aber ihr Mann hielt sie zurück.

»Liebste,« krächzte er ängstlich, »was willst du, es sind Menschen, die sind stärker als wir. Und dann, wer weiß, zu welchen hohen Ehren unser Sohn gelangt. Er wird dort so weise wie Bragi, kehrt auch einmal zurück und wird Herrscher im Walde.«

»Oder sie nennen ihn den Unglücksraben, wie unsern Ahnherrn Hans,« schrie Frau Huckebein zornig. »Oh, ich weiß wohl, schon meine Großmutter erzählte, daß die Menschen ein schreckliches Buch hätten, worüber namentlich die Kinder so viel lachten, darin würden allerlei fürchterliche Geschichten von unserm Ahnherrn erzählt.«

»Ja, ja,« seufzte Herr Huckebein, »du hast recht, und das war ein so außerordentlicher kluger, edler Rabe. Wenn unser Krachkrach auch in ein Buch käme.«

»Schrecklich!« Die Rabenmutter schluchzte und jammervoll durchgellte ihr Ruf den Wald.

»Krachkrach, mein armer, süßer Krachkrach!«

Doch Krachkrach gab keine Antwort. Er konnte einfach nicht, er war in Wahrheit vor den Kopf geschlagen.

Wer einmal in seinem Leben eine Reise in einem Suppentopf oder in etwas Ähnlichem gemacht hat, der weiß es sicher, was das für eine unangenehme Geschichte ist. Bums, pardauz, bums, pardauz, ging das mal nach rechts, mal nach links, dann wieder nach rechts, dann wieder nach links. Mal schlug Krachkrach mit dem Schnabel, mal mit sonst was an die Blechwand des Topfes. Es gehörte schon ein sehr starker Geist dazu, um nicht dösig zu werden, Krachkrach wurde dösig. Er dachte: Ich sterbe, ich sterbe.

Einmal ruhten die Wandervögel auch aus, schmausten auf, was ihnen Frau von Tracht eingepackt hatte und warfen Krachkrach auch etliche Bissen in den Topf. Doch der ließ zuerst die Speise liegen, er war noch zu verdattert und just, als er sich so weit erholt hatte, um an Wurst und ähnliche gute Dinge zu denken, ging die Reise weiter. Nun hatte es der arme Krachkrach noch schwerer, denn nun flogen ihm immer die Wurststücke um den Schnabel herum, wollte er eins verschlucken, wutsch! entwischte es ihm.

Weiter, immer weiter ging's. Der Himmel wurde heller, nun lief ein blasses, goldenes Scheinen durch den Wald. Die Sonne! Sie stand zwar noch besinnlich hinter einer Wolkenwand, aber jedes Tierlein im Walde, jeder Baum, jede Blüte, alle wußten es: sie kommt, sie siegt!

Am Spätnachmittag langten die Wandervögel in einem Dorf an. Wären sie den geraden Weg nach Herrn von Trachts Weisung gegangen, dann wären sie früher angekommen, aber für ihre Wanderlust war es gerade früh genug. Sie entdeckten ein »Gasthaus zur grünen Linde« im Dorf. Bei dem brauchte niemand zu fragen! »Wo steht denn die Linde?« um nachher die Antwort zu erhalten: »Mal stand eine hier, vor hundert Jahren etwa.«

Über dieses Lindengasthaus breiteten wirklich schirmend ein paar Linden ihre Äste aus und vor der Türe stand zwar keine junge, flinke, holde Lindenwirtin, sondern ein dicker, alter Lindenwirt, aber der sah recht wie ein einladendes Wirtshausschild aus. Er nickte auch den Wandervögeln freundlich zu und schmunzelte, als die sagten, sie wären mit einem Strohlager zufrieden und einem Käsebrot zum Nachtmahl, ob sie das wohl erhalten könnten?

»Freilich, freilich, ich kenn' das schon.« Der Wirt lachte. »So kommen die Wandervögel immer daher. Immer wollen se auf Strohschütten liegen und sind mit 'nem Käsebrot zufrieden und nachher finden se nich raus aus 'n Federn und essen, daß mer denke sollt', se platzen. Also aufgepaßt. Acht Groschen kostet's für den Mann, davor gibt's Abendbrot, Nachtlager und Frühkaffee.«

Den drei Buben war es schon recht so, sie ahnten, es würde ihnen bei dieser Rechnung nicht schlecht gehen und sie hatten sich auch nicht getäuscht. Zum Käsebrot gesellten sich Wurst- und Schinkenschnitten und an Buttermilch hätten sich gleich noch drei Wandervögel satt trinken können.

Sie saßen im Hausgarten, der zur Seite lag und der Wirt saß neben ihnen. Er fragte nach dem Woher und Wohin und nickte ehrfürchtig, als er von der Einkehr auf der Rabenburg hörte. »Beim Herrn von Tracht, das lob' ich mir. Auf der Rabenburg, ei! Ja das ist was, aber gut leben läßt sich's auch hier. Hoi, nächstens wer'n mer Sommerfrischler, 'n feiner Herr wohnt schon drei Tage hier und hat noch nischte von abfahren gesagt.«

Die Ottonen schauten auf die Schinken- und Käseschnitten und dachten: freilich, aushalten läßt sich's hier. Und Otto II tat die Frage: »Was ist der Fremde denn?«

Der Lindenwirt zuckte die Achseln. »Je, was weiß ich. Christian heißt er, aus Amerika kommt er und wenn er den Mund auftut, denkt mer: s'ist halt'n Fremder und wenn er ihn wieder zumacht, meint mer: der müßt von hier sein. Ja, so ist's nu.«

Darauf war nichts zu sagen und die Wahrheit ist, daß den Wandervögeln der Brotberg auch mehr am Herzen lag, als der Fremde. Also aßen sie weiter und redeten dazu, dies wollten sie noch sehen und das, weit hinein ins Land wollten sie wandern und sie meinten, ihre Reisepläne müßten einen gewaltigen Eindruck auf den Wirt machen. Der schüttelte aber den Kopf dazu und sagte: »Mir kann's schon recht sein, wenn die Menschen in der Welt 'rumrennen, ich sitze lieber wo ich sitze, nä, for das Gelofe bin ich nich.«

Die Wandervögel waren an diesem Abend auch nicht mehr dafür. Sie freuten sich der Ruhe und darauf, daß sie abends immer hatten lernen und lesen wollen, zu welchem Zweck jeder ein Büchlein im Rucksack trug, vergaßen sie vollständig. Noch etwas anderes vergaßen sie, das war der arme Krachkrach. Der steckte noch immer im zugebundenen Topf, den Otto III in einen Winkel des Gastzimmers geschoben hatte.

Krachkrach hätte gar nichts gegen eine Abendmahlzeit gehabt, er war hungrig und durstig dazu und er hatte in seinem Gefängnis schon alle Hoffnung aufgegeben, jemals wieder die Sonne zu schauen. Es wurde ihm aber unerwartet Hilfe. Die jüngste Magd im Lindenwirtshaus, genannt Röse, war neugierig, was die Ottonen wohl in dem kunstvoll zugebundenen Topf haben mochten. Und als sie die Betten in der Stube richten mußte, beschloß sie, nur ein wenig das Tuch zu lüften. Sie tat's und als der helle Schein von draußen den armen Krachkrach traf, fuhr er mit einem lauten Schrei im Topfe hoch. Darüber erschrak Röse so sehr, daß sie eiligst entfloh und es nachher machte, wie andere auch, wenn sie ein schlechtes Gewissen haben, sie sagte kein Wörtchen, ließ den Topf stehen wie er stand und dachte: vielleicht merkt's niemand.

Es dauerte lange, ehe sich Krachkrach seiner Freiheit bewußt wurde, ehe er es verstand, durch das Loch kannst du schlüpfen. Endlich tat er es, aber als er glücklich aus dem Topfe draußen war und seine Flügel gebrauchen wollte, da konnte er nur noch flattern, er war zu matt, um fliegen zu können.

Laufend und flatternd gelangte er aber doch durch die Türe, die Röse aufgelassen hatte, hinaus und zu einer anderen Türe in ein anderes Zimmer hinein. Und hier zeigte Krachkrach eine Klugheit, die dem Geschlecht der Huckebeine würdig war. In dem Zimmer stand eine gedeckter Tisch und trotz seiner Schwäche kam Krachkrach auf den Tisch hinauf und tat gleich, als ob die Fleischschüssel und alles, was sonst auf dem Tische stand, für ihn bestimmt wäre. Er wartete eine Einladung nicht erst ab, sondern fiel einfach über die Speisen her und benahm sich nach Huckebeinart und setzte sich gleich in eine Schüssel Käse hinein. Schnapp, schnapp, schluck, schluck fraß Krachkrach, was ihm unter den Schnabel kam. Was ihm dabei nicht schmeckte, warf er einfach auf den Boden, daß ein Salzfaß, ein Glas, das Messer und die Gabel auch hinunterfielen, kümmerte ihn einfach nicht. Daheim kannte man solche Firlefanzereien nicht. Je mehr Krachkrach fraß, desto munterer und stärker wurde er. War doch ein schlauer Gedanke, daß ich die Reise gemacht habe, dachte er, ich war klug wie Bragi. Schnapp, schluck, schmeckt das sein!

Plötzlich erschrak Krachkrach, jemand war in das Zimmer getreten und noch ehe er sich in Sicherheit bringen konnte, gellte ein lauter Schrei durch das Zimmer. »So 'n Untier, nä wie gräßlich!«

Die Lindenwirtin selbst stand im Zimmer und sah entsetzt auf die Verwüstung, die der ungebetene Gast auf dem Tisch angerichtet hatte. »Ein Rabe,« sagte eine Männerstimme und eine Hand packte Krachkrach und dem fiel wirklich vor Schreck der Bissen aus dem Schnabel.

»Aber so was, nä so was,« rief die Wirtin empört, »wie ist nur der schwarze Kerl reingekommen, das Fenster ist doch zu!«

»Nur die Türe war auf!«

»Du meine Güte nä, bei uns laufen doch die Biester nich im Hause rum,« rief die Lindenwirtin gekränkt. »So was is noch nie dagewesen!«

Der Gast, er war der, von dem der Lindenwirt den Wandervögeln erzählt hatte, sah Krachkrach nachdenklich an. Ordentlich liebevoll ruhte sein Blick auf dem Vogel, er lächelte ein wenig. »Häßlich bist du, ein richtiges kleines Scheusal, aber wenn ich mich nicht irre, scheinst du ein echter Rabe zu sein.«

»Die gibt's hier im Dorfe gar nicht,« sagte die Wirtin und überschaute seufzend die angerichtete Verwüstung. »Im Walde um die Rabenburg herum, da soll's welche geben, aber das hier wird wohl nur 'ne alte Krähe sein!«

»Im Walde um die Rabenburg!« Der Fremde wiederholte das Wort sinnend, »stammst du von daher?«

»Ih jeh,« rief die Lindenwirtin, »gar hab'n die Wandervögel das Untier mitgebracht, die kommen von der Rabenburg. Die hatten so 'n eingewickelten Topf als sie kamen. Jungens bringen allemal so 'n Unsinn fertig.«

»Ja, das tun sie!« Der Fremde lachte, »das wollen wir gleich erfahren.« Er ließ sich von der Wirtin sagen, wo die neuen Gäste wären und dann ging er, Krachkrach fest in der Hand, unter die Linde, und dort brauchte er nicht erst eine Frage zu tun. Der Schreck der Ottonen bei Krachkrachs Anblick verriet sie.

»'nen Raben im Topf, nä, so was!« schrie der Wirt, als Otto II nun die Sache erzählte. »Der sollte wohl vier Wochen da drinne steckenbleiben.«

Otto I sah Otto II an und Otto II sah Otto III verlegen an, daran hatten sie gar nicht gedacht, was hatte werden sollen!

»Er wäre wohl vorher verhungert,« sagte der Fremde und seine Stimme grollte. »Ich würde so etwas Tierquälerei nennen.«

Die drei senkten schuldbewußt die Köpfe, es kam ihnen immer mehr zum Bewußtsein, daß sie doch dem armen Krachkrach übel mitgespielt hatten. »Wir wollten ihn zum Andenken an die Rabenburg mitnehmen,« murmelte einer.

»Waren Sie denn dort?« Der Fremde streichelte Krachkrach, obgleich der nun höchst undankbar immer den Schnabel aufsperrte und ihn zu beißen trachtete.

»Ja, als Gäste!« Stolz riefen es die Ottonen, und als der Fremde so nebenhin sagte: »Ach, wohl als Feriengäste,« da erzählten sie treuherzig ihr Abenteuer im Walde.

Mitten in die Erzählung hinein kam die Lindenwirtin und berichtete, das Abendessen sei nochmals aufgetragen und zu ihrer Verwunderung sagte der Gast: »Ich möchte hier unten essen. Die jungen Herrn erzählen gerade so nett von ihrer Wanderung!«

Dies schmeichelte den Ottonen sehr, junge Herrn waren sie und nett erzählten sie, fein. Um dem Fremden zu zeigen, daß sie sein Lob auch wirklich verdienten, beichteten sie dem alles ganz genau und immer, wenn sie mal einen Umweg machten brachte der Zuhörer sie rasch durch eine Frage auf die Rabenburg zurück. Das Essen wurde gebracht und da jemand doch nicht gut essen und dabei einen beißlustigen Raben halten kann, erbot sich die Wirtin, Krachkrach in einer leeren Kammer unterzubringen, dort sei er gut aufgehoben und morgen könne man sehen, was mit ihm werden solle. Der Vorschlag wurde mit großem Beifall aufgenommen und als der Rabe nun versorgt war, ging das Gespräch unter der Linde weiter. Es war erstaunlich, was der Fremde alles wissen wollte, er habe ein besonderes Interesse an alten Burgen, sagte er. Da erzählten die Wandervögel ganz genau, was sie erlebt hatten, der Wirt redete auch manches Wörtlein dazu und von der Burg kamen sie zuletzt auf andere Schlösser im deutschen Lande und unversehens reisten sie aus Deutschland hinaus und der Fremde erzählte ihnen viel von anderen Ländern, in denen er gewesen war.

Der Abend sank tiefer und tiefer und auf der Dorfstraße wurde es lebendig. Nachbarn kamen zusammen und redeten noch ein Weilchen. Zurufe wurden laut, ein Bursche spielte auf einer Ziehharmonika und ein paar Mädels sangen ein Lied. Die Ottonen hatten ihre Müdigkeit vergessen und Gesang und Spiel draußen lockte sie. Sie nahmen ihre Laute und stimmten sie, dann begannen sie zu singen. Ihr Gesang zog fein und schön in den Abend hinaus und auf der Dorfstraße wurde es still. Ziehharmonika und Mädelgesang verstummten erst, fielen dann aber wieder ein und tönten in heiterem Zusammenklang weiter. Die Wandervögel verließen ihren Platz unter der Linde und gingen auf die Dorfstraße, dort sammelte sich rasch die Jugend um sie und es gab ein fröhliches Abendtanzfest.

Der fremde Gast saß am Tisch, er hatte den Kopf in die Hand gestützt, so sah er still und lauschte. »Vielleicht mag er's nicht,« dachte die Lindenwirtin und versuchte wieder ein Gespräch zu beginnen, da stand der andere aber auf, sagte kurz: »Gute Nacht« und ging in sein Zimmer hinauf. »He!« brummte der Wirt, der ist doch mal sonderbar, na ja so 'n Fremder.«

Sprechen, Lachen, Gesang, alles verstummte nach und nach, es wurde still im Dorf. Die Ottonen krochen in ihre Betten und schliefen bald traumlos schön. Es litt niemand an Schlaflosigkeit in dem »Gasthaus zur grünen Linde«, selbst Krachkrach verschlief all' seinen Kummer. Nur der fremde Gast sah lange, am offenen Fenster und schaute nach den fernen Waldbergen hin. Er dachte an die Burg über dem Walde und an die Menschen, die darin lebten und er seufzte schwer. Der Nachtwind nahm seine Seufzer und entführte sie und leise klagend zogen sie um das alte Gemäuer, es hörte sie aber niemand.

Am anderen Morgen zogen die Ottonen davon, zahlten und dankten und ließen Krachkrach in der Linde zurück. »Wir lassen ihn fliegen,« sagte die Wirtin gerade, »ich mag so 'n Untier nicht im Hause haben,« als der Fremde kam und bat: »Kann ich den Raben nehmen? Ich liebe Tiere und ein deutscher Rabe macht mir Freude.«

»'n bißchen was verdreht sind eben so 'ne Fremden immer,« sagte der Wirt später zu seiner Frau, »was is da aber zu machen, nischte nich!«

»Wenn's noch 'n Papagei wär', dann, aber so 'ne alte Krähe.« Auch die Wirtin fand den Fremden etwas verdreht, so gut er ihr auch sonst gefallen hatte. Sie half dem Gast aber doch bereitwillig eine Reisekiste für Krachkrach herzustellen, in der er künftig wohnen sollte. In dieser sehr bequemen Kiste, die keine Ähnlichkeit mit dem Kochtopf der Wandervögel hatte, reiste der Jüngste der Huckebeine in die weite, weite Welt hinaus. –

9. Kapitel. Purzel bleibt Purzel.

Die Tage auf der Rabenburg hatten alle einen leisen Schritt. Sie rasten nicht in Hast und Unruhe vorbei, wie sie es wohl in großen Städten tun, sie waren voll Ruhe trotz aller Arbeit. Ob sie nun hell heraufdämmerten oder ob der Himmel trübe und wolkenverhangen war, aus freundlichen Augen sah eigentlich jeder neue Tag die Kinder an. Die wachten fröhlich am Morgen auf und schliefen fröhlich am Abend ein. Fröhlich liefen sie nach den ersten Ferienwochen dann alltäglich nach Untersberg hinab zum Unterricht im Pfarrhaus und in der Schule, und fröhlich kehrten sie danach wieder heim.

Oben freuten sich alle auf der Kinder Kommen, voll Ungeduld aber erwartete immer Justus die Stunde. Der grollte wohl auch: »Arg lang bleiben sie schon, möchte wissen warum!« Er hatte auch meist um diese Zeit etwas sehr Dringendes in der Nähe des Tores zu tun und meist war dann die Sache durchaus nicht mehr eilig, wenn er die Kinder kommen hörte. Wenn dann vor dem Tore das jubelnde »hoheida, hoheida« ertönte, mit dem Dieter und Gundula ihre Ankunft anzeigten, dann war der Justus flink wie ein Gedanke da und ein Begrüßen hub an, als wären die beiden geradeswegs von einer Mondreise heimgekommen. Die ganze Burg wachte auf, und wenn der alte graue Turm in ein herzhaftes Lachen ausgebrochen wäre, den Justus hätte das nicht gewundert. Auch Frau Susanna legte die Arbeit, die sie gerade tat, nieder und sagte lächelnd: »Die Kinder.« Da ging dann Justus über den Burghof und die Geschwister hingen ihm rechts und links an den Armen und alle drei redeten miteinander, als hätten sie sich hundert Jahre nicht gesehen.

Wenn die beiden Kinder manchmal von den ersten Tagen auf der Burg sprachen, dann wunderten sie sich noch immer, daß sie zuerst vor dem Justus etwas Scheu empfunden hatten. Vor dem, wie war das nur möglich gewesen? Einen besseren Kameraden als den kleinen wunderlichen Mann gab es gar nicht. Der gehörte bald zu ihrem Leben wie Licht, Luft und Wasser dazu gehörten, und wie es auf der Burg sein würde ohne den Justus, konnten sich die Kinder gar nicht vorstellen. Wenn der Alte durch die Gänge schlurfte, wenn er immer gerade dort war, wo man ihn brauchte, glich er einem jener grauen unscheinbaren Hausgeistlein, von denen die Märchen erzählen: »Sie schafften stille am Glück des Hauses.«

Und gut war es, daß Dieter und Gundula auf der Burg einen Kameraden hatten, denn unten im Dorfe fanden sie zuerst keinen. Sie hätten gern einmal mit den Untersberger Kindern gespielt, sie grüßten die auch immer freundlich, wenn sie ins Dorf kamen, aber die Buben und Mädels benahmen sich höchst sonderbar. Sie starrten die Kinder vom Schloß neugierig an und wollten die eins von ihnen anreden, dann gab es ein verlegenes Kichern, wohl auch ein verdrossenes Schweigen, zu einem Gespräch kam es nicht.

Warum nur? Die Geschwister sagten es zueinander, redeten mit Justus darüber, aber der wußte sich das auch nicht zu deuten. Er sprach davon im Dorfe, das machte die Sache nur noch schlimmer, denn nun wurden die Kinder wieder ermahnt; »Seid höflich zu den Burgundern, tut niche so dumm!« Die Ermahnung kränkte die Gescholtenen und sie wurden erst recht widerborstig und liefen gleich davon, wenn sie Dieter und Gundula nur von weitem sahen. Die ahnten nicht, daß Purzel ganz allein an allem schuld war. Purzel hatte in seiner Wut die neuen Burgbewohner arg verleumdet. Sie wären spottlustig, hatte er gesagt, und lachten über Dorfkinder, ihn hätten sie beim ersten Sehen schlimm verhöhnt und hochmütig wären sie dazu, sie sprächen schon so hochmütig. Das sagte er, weil Dieter und Gundula nicht den Dialekt der Gegend redeten.

Nun nannten die Dorfkinder Purzel zwar nicht mit seinem großen feierlichen Namen, aber trotzdem galt des Buben Wort viel unter seinen Gefährten. Purzel war ein Fleißiger und er war doch kein Lernprotz. Er machte auch dumme Streiche mit, ja er wußte sie sogar recht oft anzugeben, und die er angab, waren dann meist sehr lustig. Purzel wußte auch seinen Mund und seine Fäuste gut zu gebrauchen und dazu stammte er noch aus einem der alten wohlhäbigen Bauernhäuser. Kurz, Schulzens Purzel war einer, den man nicht übersah, und wenn der nichts von den neuen Burgundern wissen wollte, dann war es sicher besser, denen aus dem Wege zu gehen. Also rannten die Kinder, wenn sie die Geschwister kommen sahen und nur die Lehrerbüblein und die kleinen Hosen- und Hemdenmätzchen kamen zutraulich näher; die verstanden noch nicht Purzels schlimme Reden. Auch die Erwachsenen grüßten die beiden Geschwister freundlich und die gewöhnten sich schließlich an das sonderbare Benehmen ihrer Altersgenossen; Gundula rief nicht mehr wie anfangs mit klingendem Stimmlein Purzels Namen, wenn sie den Buben erblickte. Das ärgerte den nun wieder und er sagte nun erst recht! »Sie sind hochmütig!«

Über alledem verging der Sommer und der Herbst kam und warf goldene Schleier über Büsche und Bäume. Schauten jetzt die Kinder früh von der Burg hinab ins Tal, dann sahen sie oft nur ein Nebelmeer und erst nach und nach lösten sich Dorf und Wald, lösten sich goldene Spitzen aus dem Grau. Die Sonne hatte schwere Kämpfe mit dem Nebel zu bestehen und es gelang ihr nicht immer, ihn zu besiegen. Der Nebel verwandelte sich in Regen und just um die Zeit herum, da in Untersberg alle großen und kleinen Leute von der Kirmes sprachen, gab es eine Reihe von Regentagen. Unablässig rann und tropfte es vom Himmel herab und der Dorfbach schluckte so viel Wasser, daß er dick und übermütig davon wurde. Trotzdem sich die Kinder nun schon daran gewöhnt hatten, nicht über den Regen zu schelten, freuten sie sich doch, als sie nach fünf nassen Tagen, am sechsten, der ein Sonnabend war, bei leidlich Hellem Wetter nach Untersberg hinabsteigen konnten. Als sie die Burg verließen, schrien die Raben laut über ihnen und Justus blieb stehen und lauschte hinauf. »Sie klagen, es ist ihnen etwas geschehen,« sagte er.

»Es sitzen nur zwei auf der Tanne, der dritte fehlt.«

Dieter suchte mit seinem Blick die hohe Tanne ab, dort oben saßen immer die drei Schwestern einträchtig zusammen, heute fehlt die eine. Daß es das Rikralein war, wußten die Kinder nicht, denn sie unterschieden die Vögel nicht, aber das Klagen der Schwestern tönte ihnen nach, als sie bergab gingen. Sie vergaßen jedoch bald, darauf zu hören, denn ihre Gedanken liefen ihnen voraus, in die Pfarrhausstube.

Die erste Stunde gab ihnen heute der Pfarrer selbst und von dieser Stunde redeten sie. Mit Freuden sprachen sie davon und auch mit ein wenig Scheu. Die Stunden bei Herrn Johannes waren Schulstunden, die sie gern hatten, in denen sie mal mehr, mal weniger wußten, es waren gute friedliche Alltagsstunden. Ganz anders war es, wenn der alte blinde Pfarrer ihnen am Schultisch gegenübersaß und Fräulein Pfarrer still am Fenster nähte. Dann war es den Kindern, als wären sie durch ein hohes goldenes Tor in einen Garten getreten, sie wagten kaum zu atmen und ihre Stimmen klangen gedämpft, wenn sie antworteten. Der Pfarrer sprach zu ihnen von Gott und seinem Walten und in anderen Stunden wieder redete er von den Geschicken der Völker und Länder. Weite Wege führte er Dieter und Gundula und die beiden mußten sich oft sehr mühen, ihm zu folgen, aber nie sehnten sie das Ende einer Stunde herbei. Ja, sie sahen wohl ordentlich drohend zu der großen alten Kastenuhr auf, die an der einen Schmalwand stand, warum lies die nur immer gerade in dieser Stunde so geschwind, warum wartete sie nicht mal ein Weilchen!

An diesem Tage kamen die beiden nicht so schnell an ihr Ziel wie sonst, der Weg war aufgeweicht, er war glatt und schlüpfrig geworden und sie mußten bald langsamer gehen. Als sie das Dorf erreichten, brauste ihnen der Bach wild entgegen. der hatte zu viel Regenwasser getrunken und tat nun, als wäre er in den wenigen Tagen ein vornehmer Herr Strom geworden. Die Kinder gingen an ihm entlang bis dahin, wo jenseits Schule und Pfarrhaus lagen. Da sahen sie, daß der schmale Steg von dem Wasser überflutet war und ein paar Minuten standen sie und überlegten, wie sie hinüberkommen sollten. Ein lautes Geschrei ließ sie aufsehen. Drüben kam ein Trupp Buben daher, einer hielt etwas Schwarzes in den Händen und Gundula rief: »Ein Rabe, sie haben einen Raben gefangen.«

Am andern Ufer sah der Bube, der den Vogel hielt, auf, es war Purzel. Sein Gesicht wurde finster, als er die Burgkinder erblickte und in seinem Zorn preßte er den armen Vogel so fest, daß er laut schrie.

»Er quält ihn so, es ist der Purzel!« rief drüben Gundula, die den Buben erkannt hatte und bittend tönte ihr Stimmlein über den Bach! »Quäle ihn doch nicht so!«

»Halt den Schnabel!« Purzel schrie es grob und patzig. Er tat, als meinte er den Vogel, aber seine Gefährten verstanden rasch den Doppelsinn seiner Worte und sie brüllten im Chore nach: »Halt den Schnabel!«

Das war zu toll. In Dieters Gesicht stieg helle Glut; er warf seine Mappe rasch zu Boden und sprang mit einem Satz über das rauschende Wässerlein, unbekümmert darum, daß das Wasser hoch an ihm aufspritzte. Drüben packte er Purzel mit festem Griff und schüttelte ihn derb und der ließ im ersten Schreck den schwarzen Vogel entweichen, der schreiend über den Bach flatterte. Das arme Tier mochte aber von der ausgestandenen Angst völlig ermattet sein; im Flug streiften seine Flügel das Wasser und es geriet in die rinnende Flut. Drüben der kämpfende Bruder, da der versinkende Vogel, beides verwirrte Gundula so, daß sie auch in das Wasser patschte. Sie hatte freilich nicht geahnt, welche Kraft der sonst so harmlose Bach besaß, der riß geschwind das zierliche kleine Mädel um: er gedachte es mit hinwegzuschwemmen wie die vielen Holzstücke, die er übermütig weiter und weiter trieb.

Gundulas Weheruf tönte in die beginnende Prügelei der Buben hinein, denn Purzel und seine Gefährten gaben kräftig Dieters Püffe zurück. Puff auf Puff, Schlag auf Schlag; da hörten sie den Schrei und sahen die Kleine treiben und alle zugleich sannen auf Hilfe.

Wie es kam, wie schnell es gegangen, sie wußten es dann nicht mehr, aber auf einmal lagen sämtliche Buben im Bach und die Luft erfüllte ein so gelles Geschrei, daß von überallher, von links und rechts Leute herbeieilten und so urplötzlich ein wildes Getümmel die stille Dorfstraße erfüllte.

Die Erwachsenen wollten helfen, retten, jeder griff zu, der packte einen Buben am Kragen, der erfaßte ein Bein, der einen Arm, aber da mitunter zwei eines Buben Beine erfaßten und daran nach verschiedenen Richtungen zogen, so schrien die Buben jämmerlich, dazu heulten die Hunde, der Bach toste und immer mehr Leute kamen herbei. Zuletzt aber standen doch alle Hineingefallenen am Ufer, alle unversehrt, nur Gundula hing wie ein blasses Blümlein in des Bruders Armen.

Neben ihr stand Purzel und hielt noch immer krampfhaft ihr Kleid am Zipfel; mit Dieter zusammen hatte er die Kleine aus dem Wasser gezogen. Er hielt Gundula auch noch immer fest, als eine Bäuerin schnell das blasse Mädel auf den Arm nahm und sagte: »Die gehört ins Bett.«

Die Frau wollte davongehen, da zerrte Purzel krampfhaft an Gundulas Kleid, bis ihn die Frau, seine eigene Muhme war es, anschrie: »Purzel, dummer Junge, laß doch los!« Von diesen lauten Worten erwachte Gundula aus ihrer halben Ohnmacht; sie sah nach dem Buben hin, vergaß in diesem Augenblick dessen trotziges Wesen und sagte mit einem lieben Lächeln: »Ach, Purzel, Purzel!«

Und dann fiel ihr auf einmal der Vogel ein, um den die ganze laute Streiterei und Patscherei entstanden war, und sie klagte ängstlich:

»Der arme Rabe ist ertrunken.«

Damit war aber die Unterhaltung zu Ende, denn Fräulein Pfarrer war herbeigekommen, und diese ordnete rasch an, daß Gundula ins Pfarrhaus getragen wurde. Dieter folgte blaß vor Angst um die Schwester, und zu den anderen Buben sagte Fräulein Pfarrer: »Geht nach Hause und trocknet geschwind eure Kleider, denn mir scheint, eure Schulzeit ist noch nicht um.«

Das stimmte nun freilich, betroffen sahen sich die Buben an, es war ja nur Freistunde gewesen, sollte die so rasch vergangen sein? Da bimmelte auch schon im Schulhof ein Glöcklein, das rief und mahnte streng; die Buben stoben davon wie eine Taubenschar, wenn der Habicht in der Luft kreist.

Hierhin und dahin rannten sie, um trockene Kleider zu holen, auch die Erwachsenen kehrten an ihre Arbeit zurück und am Bach blieb Purzel allein stehen. Der tat, als gäbe es keine Schulstunde auf der Welt und keine nassen Hosen, er dachte nur an Gundulas Klage um den ertrunkenen Raben und platsch, platsch ging er in den Bach hinein, was schadet es, dachte er, naß war er doch einmal. Nach ein paar Schritten sah er am Ufer ein schwarzes Ding hocken, ein jämmerliches, schwarzes Häuflein Unglück, Rikralein war es, die schönste der schönen Schwestern. Purzel hob den Vogel auf, fand im Weitergehen auch Dieters Büchermappe, die der in der Angst um die Schwester vergessen hatte, und so beladen stapfte Purzel, triefend wie ein Wassermann, zum Pfarrhaus hin. Der Magd wollte er Vogel und Mappe geben, die wollte aber nur die Mappe nehmen und sie erhob ein lautes Geschrei, ob des schwarzen nassen Untiers. Auf dies Geschrei hin kam Fräulein Pfarrer herbei, die nahm Purzel den Raben ab, versprach, ihn zu pflegen und fragte dann freundlich: »Ich soll wohl unsere Schloßkinder grüßen?«

»Nä,« knurrte Purzel patzig, drehte sich um und riß aus, als jage ein Rudel Wölfe hinter ihm her.

An diesem Morgen geschah etwas, was noch nie vorgekommen war. Purzel schwänzte die Schule und tat, als hätte er nicht das Geringste mehr mit der Schule zu tun. So wie er war, naß wie ein Fisch, kroch er auf seines Vaters Heuboden, zog sich dort aus, hing seine Kleider an eine offene Luke, wo sie vom Winde hin- und hergeweht wurden, und dann verkroch er sich im Heu. In diesem warmen, duftenden Bett schlief er ein, spazierte höchst vergnügt in ein buntes, lustiges Traumland und hörte nicht, daß unten die Mittagsglocke erklang; er hörte nicht, wie ängstlich und ärgerlich sein Name gerufen wurde, er merkte nichts davon, daß eine Magd ins Schulhaus rannte und daß sich auf einmal im Dorfe die Kunde verbreitete: Purzel ist verschwunden, Purzel ist fort!

»Purzel, Puu-rzel, Purpurpurzel,« so rief und lockte man, aber der Bube hörte nichts. Dieter und Gundula, deren Sachen im Pfarrhaus getrocknet und geplättet worden waren und die eine schöne feierliche Stunde im Zimmer des blinden Pfarrers verlebt hatten, hörten das Geschrei, als sie gerade heimgehen wollten. Gundula trug in einem Körbchen warm und weich gebettet den noch immer matten Raben. Oben auf der Burg sollte der Vogel verpflegt werden. Als die Kinder hörten, daß Purzel verschwunden sei, rief Gundel ängstlich: »Er ist ertrunken!«

»Ih wo,« sagte ein alter Bauer lachend, »ich wette, der schläft irgendwo wie ein Ratz, man soll nur suchen.«

»Purzel, Purzel, Purzel!« rief Gundula mit ihrem hellen Stimmchen. Und da sie gerade an der Scheune stand, in der Purzel sanft ruhte, hörte der plötzlich den Ruf und noch halb verschlafen, verwirrt, steckte er plötzlich den Kopf zur Dachluke hinaus.

»Da ist er,« schrie unten jemand und alle starrten verwundert zur Dachluke hinauf, »dort, dort, der liegt im Heu!«

»Purzel, heilloser Bengel du, willste wohl runnerkommen,« schrie sein Vater.

»Purzel, Purzel, ach Purzel!« Es war noch nie so oft »gepurzelt« worden wie in diesem Augenblick und der verhaßte Name umschwirrte den Buben wie ein Wespenschwarm. Er wollte wütend hinunterlaufen, als er glücklicherweise merkte, daß er nichts, aber auch gar nicht anhatte und beschämt verkroch er sich im Heu, es fiel ihm gar nicht ein, daß er doch eigentlich seine Sachen anziehen konnte, so verdattert und verschlafen war er noch, und daß Gundula unten stand, machte ihn noch verlegener.

Im Heu fand ihn sein Vater, als der ihn holen kam. Der sah die flatternden Höslein und seinen verwirrten, nackten Buben im Heu und sein Zorn löste sich in Lachen. »Zieh dich geschwind an,« mahnte er. Und so, im Schutze des Vaters tappte Purzel endlich die Bodentreppe herab. Gräßlich war's, unten würde das kleine Burgmädel stehen, was sollte er nur sagen? Er stöhnte ordentlich, aber als er unten anlangte, stand nur die Mutter und das Hausgesinde da und nun sah er sich bitter enttäuscht um. »Die Kleine von der Burg läßt grüßen und für dei Rabe danken,« sagte die Mutter, »die is emol proper, arg gefallen kann sie einem.«

»Hm,« machte Purzel. Innerlich ärgerte er sich aber wütend, weil die beiden Burgkinder nicht mehr da waren und er nahm sich vor, ihnen noch mehr als sonst aus dem Wege zu gehen. Trotz dieses Vorsatzes stapfte er aber am Nachmittag den Burgberg hinauf und als ihn etliche Gefährten fragten, was er da wolle, sagte er patzig: »In den Wald gehen.«

Die anderen schlossen sich ihm an. Sie fanden es sehr richtig, einen solchen Umweg zu machen und als sie alle drei am Burgtor anlangten, da schauten sie sehr neugierig hinein und taten voreinander, als wäre es ihnen höchst gleichgültig, was drinnen im Schlosse geschah.

Drinnen standen Justus, Dieter und Gundula und sahen zu, wie der gefangene Rabe matt auf und abging, er versuchte es wieder und wieder, sich in die Lust zu schwingen, aber noch war er zu matt. Oben auf der hohen Tanne saßen die schönen Geschwister und klagten, bis sie auf einmal unten die Stimme des Verlorenen hörten. Da flatterten sie tiefer und tiefer hinab, zuletzt saßen sie auf dem Burgdach, riefen und fragten. Rikralein gab Antwort und Justus und die Kinder lauschten der Wechselrede und sagten zueinander: »sie unterhalten sich.«

Die drei Untersberger Buben starrten so lange in den Schloßhof hinein, bis Justus sie anrief, schallend und laut: »Nun ihr, was gafft ihr so?«

Sich umdrehen, um auszureißen war bei den Buben eins, aber ganz unvermutet stand der Herr der Burg hinter ihnen und hielt sie fest: »Wohin so eilig?« als er die Verlegenheit der drei bemerkte, sagte er heiter: »Wart ihr heute früh dabei und habt ihr auch im Bache gelegen?«

»Aber das ist ja Purzel, Purzel,« rief innen Gundula, den Buben erkennend. Und im Geschwindschritt kamen die Geschwister herbei. Dieter streckte versöhnlich die Hand hin, er dankte für die gerettete Mappe. Dieser Dank, Herrn von Trachts Frage, alles machte Purzel sehr verlegen, er wußte nichts zu sagen; seine Kameraden wußten noch weniger und weil die Schloßbewohner dachten, die Buben wären gekommen, um zu sehen, wie den Burgkindern das Wasserbad bekommen sei, schob der Hausherr die drei einfach vor sich her in den Hof.

Da waren sie auf der Rabenburg, waren Gäste der geschmähten Burgkinder und fanden die beiden von Minute zu Minute netter. Endlich brachte auch Purzel seinen Mund auf und sagte ein paar Wörtlein und flugs machten es ihm seine Gefährten nach, und nach einer halben Stunde hatten die drei Untersberger allen Groll, alle Scheu vergessen und sie schwatzten mit Dieter und Gundula, als wären sie schon ein dutzendmal miteinander in den Dorfbach gefallen. Alles Fremdtum war wie weggeblasen. Nur, daß Gundel in jeder Minute wohl dreimal Purzel sagte, das störte den, und er faßte sich schließlich ein Herz und erzählte wichtig: »Ich heiße eigentlich Wolfgang Arminius,« er wollte hinzusetzen, »nenne mich doch so,« als Gundula schon rief: »Wie langweilig, solche lange Namen, Purzel ist viel viel hübscher, ich nenne dich auch immer Purzel!«

Verdutzt sah der Bube das feine Mädel an, das nickte ihm freundlich zu und versicherte nochmals! »Purzel ist reizend, nein, nein, ich nenn' dich nicht mit den dummen Namen, hab' keine Angst!«

Da gab es Purzel auf, für seinen Namen zu kämpfen, er sah ein, es half nichts und seufzend brummte er: »no ja, nenn' mich Purzel!« Und damit war der Friede geschlossen und als nach einer Stunde die drei Dorfbuben bergabstiegen, sagten zwei: »Die sind fein, was haste nur gehobt?«

»Nischt,« knurrte der verlegen. Da kreischte über ihm ein Rabe und froh der Ablenkung rief er: »Doe, ne Rabe.«

»'s ist gewiß der Ersoffene,« sagten seine Kameraden weise und blickten in die Höhe.

Zum hellen Himmel empor flog der schwarze Vogel und von der hohen Tanne herab grüßten Rara und Kara jauchzend die schöne Schwester. Es war wirklich Rikralein, die Geliebte, sie kehrte heim, gerettet aus Todesnot. Und das Jubelgeschrei der Schwestern tönte laut über den Wald hin und die drei Buben hätten es noch lange, lange hören können. Aber die achteten nicht darauf, die erzählten sich von Dieter und Gundula und blähten sich stolz auf, weil sie zuerst mit den Burgkindern Freundschaft geschlossen hatten. –

10. Kapitel. Wie die Rabenburg zu ihrem Namen kam

Die drei Rabenköniginnen und ihr kleines Krähenvolk durften wohl nach Bragis Spruch in den Wäldern der Rabenburg wohnen, aber die anderen Raben und Vögel sagten doch alle von ihnen: »Die Fremden!« Es gab nicht gerade Zank und Streit, es herrschte aber auch keine Freundschaft zwischen Einheimischen und Fremden. Gegenseitig hielten sie sich für hochmütig, die alteingesessenen Waldbewohner dachten: die Fremden müssen um unsere Freundschaft werben, die wieder meinten: man muß sich nicht aufdrängen, die Einheimischen müssen freundlicher zu uns sein.

So war es, als das Rikralein in Not und Gefahr geriet. Die Klage der Schwestern und des ganzen Krähenvolkes drang bis zu Bragis Eiche. Muna selbst erzählte es dem Alten, und wie sie von dem Kummer der schönen Königinnen sprach, vergaßen alle, die es hörten, daß jene fremd waren. Auf einmal war es ihnen, als hätte sie alle ein gemeinsames Leid getroffen. Frau Huckebein erinnerte sich, wie herzlich die drei Schwestern an ihrem Kummer um Krachkrach teilgenommen hatten und sie rief zuerst: »Wir müssen sie trösten.«

»Wir müssen ihnen helfen,« schrien Hugi und Hogi und schlugen wild mit den Flügeln.

»Wir müssen ihnen helfen!« Von überall her tönte der Ruf. Vater Huckebein krächzte es am lautesten, er sträubte zornig die Federn, ganz kriegerisch sah er aus. Aber er wurde gleich still, als Frau Huckebein vorwurfsvoll fragte: »So, helfen willst du, warum hast du unserm Krachkrach nicht geholfen?«

Da duckte sich Herr Huckebein rasch in sein Nest und Hogi, der es sah, spottete: »Er ist immer ein gewaltiger Held mit – – dem Schnabel!«

An diesem Tage gab es aber noch mehr Schnabelhelden unter den schwarzen Gesellen. Sie kreischten alle laut durcheinander, berieten, wie sie helfen sollten, einer sagte so, der andere so, der eine meinte, alle müßten gleich fliegen, der andere sagte, einer solle voranfliegen und erst Botschaft bringen. Nur Bragi sagte nichts zu allem Geschrei und Geschwätz, er hockte still auf seinem Aste und blinzelte nur manchmal ein wenig nach seiner Gewohnheit. Wie sie sich nach vielem Hin und Her endlich alle geeinigt hatten, sie sollten zusammen, gleich auf der Stelle, nach Untersberg ziehen und Rikralein befreien, gurrte über ihnen eine wilde Taube: »Die Königin Rikralein ist gerettet, sie ist auf dem Hof der Rabenburg.«

Wenn einer eine Heldentat verrichten will und kommt nicht dazu, dann ist das verdrießlich und in diesem Augenblick ärgerten sich alle, daß es so flink mit der Rettung gegangen war. Auf einmal schrien Hugi und Hogi: »Aber wenn sie auf dem Burghof ist, dann ist sie doch gefangen. Auf, auf! wir müssen sie befreien!«

Sie breiteten beide ihre Flügel aus und wollten zur Burg fliegen, doch da rief ihnen Bragi zu: »Bleibt hier, fliegt nicht!«

»Warum nicht?« fragten beide und die anderen fragten es ihnen nach.

»Wollt ihr die Burg erstürmen, den Burgherrn töten, wollt ihr Tore und Türen sprengen?«

Bragi lächelte und die Raben erkannten die Vermessenheit ihres Vorsatzes; denn aus der Rabenburg konnten sie Rikralein nicht so leicht befreien, sie sahen es wohl ein und in ihrem Ärger begannen sie gar heftig auf die Burgbewohner zu schelten. Am lautesten aber schalt Frau Huckebein, die tat gar, als wären alle Schloßbewohner die schlimmsten Räuber, sie kreischte, bis Bragi ihr streng zurief: »Schweig! Wer weiß es denn, wie die Königin Rikralein in die Burg gekommen ist, hat Gurra, die Wildtaube, nicht gerufen, sie sei gerettet? Fliegt auf, forscht und bringt Bericht. Euer Geschwätz hilft den Schwestern nicht!«

Da flogen Hugi und Hogi beschämt davon, die anderen folgten schnell und sie kamen gerade zur Tanne, als das Rikralein, matt, von den Schwestern geleitet, im Nest anlangte. Die drei dankten den Raben gar holdselig für ihre Teilnahme, versprachen auch, sobald die Schwester sich erholt habe, in das stille Tal zu kommen, und die Besucher flogen befriedigt davon. Nur Hugi und Hogi waren mißvergnügt, es kränkte sie bitter, daß sie mit keiner Heldentat sich der schönen Schwestern besonderen Dank verdient hatten.

Als die Raben davonflogen, redete das Volk der Krähen von dem Besuch. Sie freuten sich alle darüber und beschlossen, am nächsten Tage schon in das stille Tal zu fliegen. Und so schwebte wirklich am anderen Morgen eine dunkle Wolke über dem Tal, das lag inmitten des schwarzblauen Tannenwaldes wie von einem goldenen Band umgürtet, die Laubbäume an seinem Rande trugen alle ihr Herbstkleid. Bragi saß still auf seiner Eiche, um die noch der Morgennebel braute. Wie ein See war noch das Tal, ein See, aus dem die Bäume herauswuchsen.

Die schönen Schwestern und das Krähenvolk grüßten ehrfürchtig Bragi, den Weisen, der hieß sie willkommen, fragte nach des Rikralein Unglück und Rettung und er war so freundlich und redelustig, daß Frau Huckebein Muna zurief: »Er erzählt uns heute vielleicht etwas.«

Muna nickte. »Er sollte es tun,« gab sie zur Antwort, »er sollte es tun und sollte uns erzählen, wie die Burg da oben nach uns genannt ward. Die jungen Königinnen und ihr Volk müßten es wissen.«

»Denkst du etwa, ich weiß es schon,« fragte die Huckebeinin entrüstet. »Es fällt Bragi nicht ein, uns was zu erzählen, in hundert Jahren tut er wohl einmal seinen Schnabel auf. Was nutzt mir seine Weisheit, wenn ich nichts davon höre.«

»Nicht so laut,« warnten Muna und Vater Huckebein erschrocken, »Bragi hört dich.«

Aber wenn Frau Huckebein einmal ihren Schnabel auftat, dann schloß sie ihn nicht so bald, und ärgerlich rief sie: »Ach, was, der Alte hört mich nicht, er hört schon schwer.«

Doch Bragi hörte gar nicht schwer, er hörte der Huckebeinin Schelten wohl, aber er wurde nicht böse, sondern blinzelte lächelnd die Raben an. »Also von der Burg und uns soll ich euch erzählen?« fragte er.

Husch! saß Frau Huckebein ganz tief in ihrem Neste drin, so sehr erschrocken war sie, daß sie kein Wörtlein mehr zu sagen wagte, aber die anderen baten laut an ihrer Stelle: »Ja erzähle, bitte, Bragi, erzähle!«

Der richtete sich auf, flog auf den höchsten Wipfel des alten Baumes und von dort her tönte seine Stimme laut über das stille Tal:

»Kriegsnot hat auch diese stillen Täler hier heimgesucht und gar manches Mal färbte sich der Himmel rot von dem Feuer, das Heimstätten verzehrte. In einer der vielen Fehden, die nach dem Untergang der edlen Hohenstaufen die deutschen Lande verwüsteten, verlor auch ein Mann, genannt Reinmar am Bühl, Haus und Hof. Er war ein freigeborener Mann, der dort, wo jetzt das Dorf Untersberg liegt, einen Hof besaß. Von dieses Hofes rauchenden Trümmern schritt Reinmar eines Tages bergaufwärts. Sein Weib und seine Kinder hatten um Christi willen in einem nahen Frauenkloster ein Unterkommen gefunden, seine Dienstleute waren erschlagen, geflohen, und er selbst war nur durch einen Zufall der Gefangenschaft entgangen. Er dachte erbittert, daß es wohl am besten sei, er zöge als Kriegsmann in die Fremde, vielleicht auch nach dem Lande Italia, von dem er schon so viel gehört hatte. Im Tale blühte der Frühling und als der einsame Mann so still hinabschaute, wurde ihm das Herz immer schwerer. Noch vor kurzer Zeit hatten er und seine Hausgenossen mit Tanz und Gesang unter der Linde fröhlich des Lenzes Kommen gefeiert, nun war sein Glück zerstört. Wie er so stand und sann, hörte er über sich laut ein paar Raben schreien und er sagte, schlimm gesinnt gegen uns, wie es die Menschen oft sind, weil ihnen unsere Farbe, unsere Stimmen nicht immer gefallen: ›Recht so, schreit nur ihr Galgenvögel, ihr Unglücksraben, freut euch an meiner Not!‹

»Doch die Raben, die da schrien, dachten gar nicht an Herrn Reinmars Unglück, ihnen war nämlich das gleiche widerfahren, auch ihr Nest war zerstört worden, am Boden lag es, die jungen Rabenkinder tot daneben. Nun klagten die Raben den anderen Vögeln, den Winden, dem Walde ihr Leid und endlich erblickte auch Herr Reinmar das zerstörte Nest. Auf einem moosbewachsenen Stein sitzend, schaute er zu, wie die schwarzen Vögel hin- und herflogen. ›Ja, fliegt nur!‹ sagte er bitter, ›fliegt in die Weite, fliegt in die Fremde, obdachlos wie ich.‹

»Aber die Raben dachten nicht daran, ihre Heimat zu verlassen. Auf einmal sah Herr Reinmar, wie sie Äste und Federn des zerstörten Nestes in die Schnäbel nahmen und damit zu einer Tanne emporflogen. Er sah, wie sie wiederkehrten, sah sie auf- und abfliegen unablässig, sie bauten sich ihr zerstörtes Nest wieder auf.

»Bis der Abend kam und die emsigen Vögel sich zur Ruhe auf einen Ast niedersetzten, sah ihnen Herr Reinmar zu. Es wurde stiller und stiller im Walde, lau und lind senkte sich die Nacht herab aus Täler und Höhen, und Stern um Stern erglänzte am Himmel. Zum erstenmal, seit ihn das Unglück getroffen hatte, sah Herr Reinmar fromm zum Himmel auf. Müde streckte er sich endlich auf weichem Moose nieder.

»Herr Reinmar schlief ein und Herr Reinmar wachte wieder auf. Da glänzte alles im Sonnenlicht, die Vögel sangen und mit lautem Rufen flogen die Raben schon wieder emsig auf und ab und bauten ihr Nest.

»Sollte denn ein Mensch nicht können was Vögel können, dachte der Mann, sollte es mir nicht gelingen, mein Haus wieder aufzubauen? Aber nicht unten im Tale, hier auf freier Höhe, fest und gut bewehrt. Er reckte und dehnte sich und er fühlte auf einmal, wie neue Kraft ihn durchströmte, neuer Mut sein Herz erfüllte und froh rief er in die Morgenstille hinein: ›Habt Dank, ihr dunkeln Vögel, ihr habt mir gezeigt, was ich tun soll, eurem Beispiele will ich folgen und nimmermehr will ich euch Galgenvögel noch Unglücksraben nennen, Glücksvögel sollt ihr meinem Hause sein!‹

»So zog Herr Reinmar wieder ins Tal und der Ruf der Raben folgte ihm. Und es wurde, wie er es sich gelobt hatte, er mußte freilich erst mancherlei Bittgänge tun, mußte noch manchen Frühling kommen sehen, ehe ihm das Werk gelang und ehe auf dem Berg eine feste Burg stand. Manchmal wollte er verzagen, wenn wieder der Winter kam und er immer noch nicht die Seinen heimholen konnte. Aber immer wieder gab ihm der Rabenruf neuen Mut und als endlich die Burg fertigstand und ein Rabenpaar sie in raschem Fluge umkreiste, da nannte er sein neues Haus nach uns dunklen Vögeln. Die Burg gelangte dann im Laufe der Zeit in verschiedenen Besitz, bis sie endlich an die Trachts kam, die von den Bühls abstammen sollen. Von Geschlecht zu Geschlecht aber hat sich das Wort vererbt, daß wir Raben der Burg rechte Schirmvögel sind, die da oben und wir gehören zusammen.«

»Wir gehören zusammen!« Feierlich wiederholten alle Raben das Wort und dann flogen sie eilig auf, flogen über den Wald, um die Burg liegen zu sehen. Die Nebel hatten sich gelöst und das Land lag nun im Sonnenglanz. Ein goldener Laubkranz umgab die Burg; dunkel und ernst ragte hoch die einsame Tanne neben ihr auf. »Unsere Heimat!« riefen die drei schönen Schwestern und jauchzend flogen sie nach ihrem Königsbaum zurück. In langem Zuge folgten ihnen die Raben und Krähen und jubelfroh grüßten sie alle hinab, denn unten im Burghof standen Frau Susanna und die Kinder und erstaunt über die vielen Vögel sahen sie in die Höhe.

Neben den drei Schwestern flogen Hugi und Hogi, auch Muna und Vater Huckebein hielten sich zu ihnen und sie alle sieben ließen sich auf der Tanne nieder, während die anderen noch immer in seligem Fluge die Burg umkreisten.

»Sieben sitzen da,« rief Gundula, die die Raben gezählt hatte, »wie im Märchen von den sieben Raben.«

»Wenn ich verzaubert wäre, würdest du mich dann auch erlösen?« fragte Dieter neckend sein Schwesterchen.

»Zu Sonne, Mond und Sternen gehen, bis ans Ende der Welt, und auf den Glasberg steigen, das wäre wohl schwer,« sagte Frau Susanna lächelnd, »aber eine Schwester bringt wohl viel fertig für ihre Brüder.«

»So etwas doch nicht,« erwiderte Dieter ein wenig weise und altklug.

»Nein, auf den Glasberg kann sie nicht steigen, doch eine kleine starke Schwester kann auch sieben Brüder erlösen. Ich kenne eine, die es getan hat.«

»Erzähle von ihr,« bat Gundula, aber Frau Susanna schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht, später, erst sollt ihr sie sehen und damit hat es noch ein paar Tage Zeit, dann führe ich euch zu ihr.«

»Wohnt sie in einem Schloß?« fragte Gundula. Doch die Tante lächelte nur und gab ihr keine Antwort. Da träumte sich die Kleine eine wundersame Geschichte zurecht von einer Schwester ungeheuren Heldentaten.

An diesem Abend geschah etwas, was sehr, sehr selten vorkam, Gundula zankte sich mit ihrem Bruder. Der lachte sie aus, als sie wieder von Märchen und der Tante geheimnisvoller Geschichte begann und darüber wurde die Kleine böse. Es gab einen heftigen Streit zwischen beiden und als das Gutenachtsagen kam, gingen zwei Trotzköpfe stumm aneinander vorüber, jedes in sein Zimmer hinein, jedes schlug die Türe zu, jedes dachte bitterböse: er – sie – – konnte zuerst »gute Nacht« sagen.

Trotz Zorn und Ärger schliefen beide ein, aber mitten in der Nacht wachte Gundula auf. Draußen schien der Mond und auf dem Turmdach, das sie von ihrem Bette aus sehen konnte, lag es wie Schnee. Der Wald rauschte zu ihr hinein und nichts unterbrach die Stille der Nacht und doch meinte Gundula noch im Wachen lautes Rabengeschrei zu hören. Da fielen ihr die sieben Raben ein und die Treue der Schwester und der Streit mit dem Bruder kam ihr in den Sinn. War sie nicht eine unfreundliche, übelnehmerische Schwester gewesen? Sie, die im Herzen gemeint hatte, sie könne auch für den Bruder Heldentaten vollbringen?

Ganz schwer fiel der Gedanke ihr auf das Herz. Auch daran mußte sie denken, daß die Mutter einst gesagt hatte: »Laßt es nicht Nacht werden über einem Streit.« Gundula schluchzte jäh auf und schrie bang! »Dieter, Dieter!« Nebenan erwachte der Bube. Er hörte das ängstliche Rufen und gleich dachte er: Gundula ist in Gefahr! Da war er schon an der Tür und im Mondschein, der das ganze Zimmer erhellte, sah er die Schwester bitterlich weinend auf dem Bettrand sitzend.

»Gundel, aber Gundel, was fehlt dir?«

»Sei mir nicht mehr böse,« schluchzte diese.

»Böse? Oh, so dumm!« Dieter lachte auf: »Dummes, kleines Gundelein, schlafe du, es ist ja alles wieder gut.«

»Ganz gut?«

»Ja, ganz gut,« klang's von der Türe herüber. »Ich weiß ja doch, du liefst für mich auf den Glasberg und zum brummigen Mond.«

»Oh, Dieter, lach mich nicht aus!«

»Tu' ich ja nicht. Schlaf wohl!«

»Schlaf wohl und wirklich, du bist mir nicht mehr böse?«

»Ih wo, ganz und gar nicht. Uahh, ich bin aber müde!« Die Türe klappte und in seinem Zimmer fiel Dieter mit lautem Krach in sein Bett, eine Viertelminute später schlief er schon.

Gundula aber saß noch auf dem Bettrand. An das Märlein von der treuen Schwester dachte sie und an der Mutter Wort und in den Mondschein sah sie hinaus. Und sie meinte die ganze Nacht zu wachen und schlief doch schneller ein. als einer ein Märchen erzählt. –

11. Kapitel. Die vielgetreue Schwester.

Seit Dieter und Gundula mit den Dorfkindern im Bach gelegen hatten, hielten sie gute Kameradschaft miteinander. Das Wasser hatte alles Fremdsein und Dummtun von ihnen abgewaschen, am allermeisten bei Purzel. Der ging nun wirklich für die Geschwister durch dick und dünn, und so oft auch Gundula »Purzel« rief, ihn kränkte es nicht mehr. Jetzt gab es lange Gespräche auf der Dorfstraße, jetzt hatten die Burgkinder Begleitung, wenn sie wieder bergauf stiegen, und manchmal mußten sie zuletzt rennen, um oben nur zur rechten Zeit zu Mittag zu kommen. Dann schalt Justus, weil er gar zu lange am Tor stehen mußte, er wurde aber gleich wieder gut, wenn die beiden ihm erzählten, was sie mal wieder alles gehört und gesehen hatten. Es war nämlich erstaunlich, was alles in Untersberg vor sich ging. Kaum zu glauben war es, was Kühe, Pferde, Kinder, Gänse, Schulbücher und Hühner, Dorfbäche, Papierdrachen, Ziegen, Schweine und dergleichen für wunderbare Sachen anstellten. Was weiß ein Stadtkind davon! Und was weiß ein Stadtkind auch davon, was eine Kirmes für ein wichtiges und schönes Fest ist.

Nein, Stadtkinder wissen das alles nicht. »Seid ihr aber dumm in der Stadt,« rief ein Untersberger Bube mehr ehrlich als gerade höflich, als Gundula einmal fragte: »Was ist denn eine Kirmes für ein Fest?«

Selbst Purzel, trotz seiner großen Bewunderung für Gundula, schüttelte den Kopf ob dieser Frage. Endlich sagte er: »Nu Kirmse is äben – – Kirmse, die – – feiert mer äben.«

Es war wirklich so, wie es Purzel sagte, man feierte sie eben, man beschrieb sie nicht lange. Drei Tage lang feierte Untersberg, es feierte mit Kirchgang, Musik und festlich geschmückten Menschen, mit Tanz, Schweinebraten, Kaffee und sehr, sehr viel Kuchen. Kam man in diesen Tagen nach Untersberg hinein, da roch es rechts nach Pflaumenkuchen, links nach Apfelkuchen und von geradeaus strömte der Duft von Schmalzgebackenem dem Wanderer entgegen. Aus den umliegenden Dörfern, von jenen auch, die hinter Wald und Bergen lagen, kamen die Gäste scharenweise und alle die kamen, luden gleich zu ihrer Kirmes ein. Denn in diesen Wochen feierte man von Dorf zu Dorf, und ohne Besuch wäre es keine Kirmes gewesen.

In diesen vergnügten Kirmestagen ging auch Frau Susanna eines Nachmittags mit den Kindern bergab.

»Wohin?« fragten die.

»In die Mühle!«

»Das ist fein,« rief Gundula. Sie hatten die Mühle schon liegen sehen im grünen Grunde, am tiefen, schmalen Bach. Und das Haus, vor dem ein Schmuckgärtlein lag, bunt wie eines Malers Farbkasten, hatte ihnen beiden so gefallen, daß sie schon gern hineingegangen wären.

Gundulas Neugier forschte: »Wer wohnt in der Mühle?«

»Ein Müller, eine Müllerin!« Frau Susanna lächelte schelmisch. »Und der Müller heißt Rabe, und ist einer der sieben Raben, von denen ich euch erzählen wollte.«

»Sieben Raben, gibt's die wirklich?« Gundula riß ihre Augen weit auf, aber Dieter sagte lachend: »Wenn sie in der Mühle wohnen, ist's doch nicht richtig, sie müßten doch auf einem Schlosse leben.«

»Ja freilich, mit dem Schloß stimmt's nicht und mit der Zahl auch nicht genau, denn es sind nur fünf Brüder zu einer Schwester, und mit dem Weg auf den Glasberg stimmt's auch nicht, aber sonst stimmt es!«

»Aa–ch!« Gundula sah die Tante enttäuscht an, »dann ist es doch keine rechte Geschichte!«

»Doch, die ist es. Aber ich erzähle sie euch erst, wenn wir in der Mühle gewesen sind. Seht, die haben uns drüben schon erspäht.«

So war es auch. Zwei semmelblonde Mädelchen, die am Gartenzaun standen, erhoben ein durchdringendes Geschrei, als sie jenseits die Gäste erblickten. Blitzschnell verschwanden sie im Hausflur und gleich darauf kam eine hübsche, blonde Frau eilig heraus, sie ging Frau von Tracht entgegen und begrüßte sie mit schlichtem Stolz. »Die Emma hat schon lang gesagt, die Frau Baronin kommt,« rief sie froh. Sie führte ihre Gäste in das Haus, durch einen weiten, dunklen Flur, in dem es nach frischem Mehl roch, in die Wohnstube hinein, dort saßen die Kirmesgäste an langer Tafel, obenan eine kleine, magere, alte Frau. Die stand auch auf, gleich den anderen, als die Burgbewohner eintraten, und wie sie so stand, erschien sie fast wie eine Zwergin zwischen zwei großen, bärtigen, kräftigen Männern. Auch sämtliche anderen Männer und Frauen, die da um den Tisch herumsaßen, waren groß und stattlich, sie hatten alle blühende, frische Gesichter, gegen die das kleine Runzelgesicht des alten Frauchens seltsam abstach. Wie ein vertrocknetes Renettchen in einem Korbe rotwangiger Pfundäpfel war es anzuschauen. Nur die blauen Augen waren jung, die strahlten ganz frisch aus dem alten Gesicht heraus. Und das verhutzelte Frauchen war Hauptperson bei den Müllersleuten, das war rasch zu merken.

Frau von Tracht setzte sich neben sie und sprach mit ihr, sie nannte sie Emma und du und das kleine Weiblein sagte immer respektvoll »Frau Baronin«, aber dabei redeten die beiden Frauen doch zusammen, als wären sie gute Freundinnen

Es wurde Kaffee aufgetragen und Kuchen und die Müllerin nötigte so viel und legte den Kindern so riesengroße Stücke auf die Teller, daß Dieter leise zur Schwester sagte: »Du, ich platze.« Er platzte aber nicht, doch war er herzlich froh, als sich der Müller erbot, ihm und Gundula die Mühle zu zeigen.

»Nimm dich in acht, Karle, daß de Kinner nich Schaden nehmen,« rief da auf einmal das kleine Frauchen streng, und ihre Augen blitzten scharf dazu.

Der große Müller schaute das kleine Frauchen ganz ehrfürchtig an und sagte tröstend: »Nä, nä, hab' nur keine Angst, Emma, ich bin niche mehr so wilde.«

Sein Bruder, der neben ihm stand und gerade so groß, kräftig und blühend war wie er, sagte lachend zu Gundula, seine alte Schwester streichelnd: »Bist du auch so streng mit deinem Bruder wie unsere Emma? Die hat uns feste gepocht, wir haben's aber auch schlimm getrieben, ihr viel Not gemacht.«

»Ih nä,« rief da gleich das kleine Frauchen entrüstet, »wie kannste so was sagen.« Und mit glänzenden Augen sah sie sich im Kreise um, in dem noch zwei stattliche Brüder saßen, sie nickte denen zu und sagte liebevoll: »Nä, nä, schlimm war't ihr niche, nur mal ein wenig wilde, aber alleweil gut – – und brav.«

»Die läßt nie was auf uns kommen, die Emma!« sagte der Müller im Hinausgehen zu Gundula, »an der mußt du dir 'n Beispiel nehmen, wie 'ne Schwester sein muß, so eine gibt's niche wieder.«

Die Mühle stand still an diesem Tage und das Bächlein rauschte wehmütig, weil es nicht mit dem Rad sein Spiel treiben konnte, trotzdem gefiel es den Kindern gut in der Mühle, in der es überall nach Mehl roch und in der feiner Mehlstaub alles mit weißen Schleiern überzogen hatte. Sie liefen treppauf, treppab, steckten ihre Nasen in jeden Winkel, kletterten auch auf den Boden hinauf und liefen dann hinab in den Garten, in die Ställe und waren zuletzt arg erstaunt, als ihre Tante sie rief und sagte: »Nun kommt heim, es war ein langer Besuch!«

»Lang? Wir sind doch erst gekommen!«

»Das ist rächt!« Der Müller klopfte ihnen lachend den Mehlstaub ab, »wenn's euch zu kurz war, kommt balde wieder.« Auch die drei Müllerskinder, die alle drei noch nicht in die Schule gingen, riefen: »Bald wieder!« Ihnen hatte Gundula so gefallen, daß sie am liebsten mit ihr gegangen wären. Sie winkten und lange klang ihr Rufen den Kindern nach.

»Und nun kommt die Geschichte,« bat Gundula, als sie den Mühlbach überschritten hatten. Frau von Tracht nickte: »Nun wohl, aber dann wollen wir hier über die Wiesen gehen, um das Dorf herum, denn zu einer Geschichte braucht man Stille und die fehlt heute in Untersberg, Kirmes und Stille reimt sich nicht zusammen.«

Und während sie so über die Wiesen schritten und der Festlärm nur gedämpft zu ihnen hinüberschallte, erzählte Frau Susanna: »Ein paar Jahre lebte ich erst als eures Oheims Frau auf der Rabenburg, so lange ist es her, da meldete sich eines Tages bei mir ein Mädchen als Wäscherin, sie hätte gehört, ich suche jemand. Das war auch so, aber, als ich das kleine schmächtige Ding sah, das sich mir anbot, schüttelte ich den Kopf, mir schien die Arbeit für sie zu schwer.

Die Kleine sah mich ernsthaft an und sagte bittend: ›Versuchen Sie es doch mit mir, Frau Baronin, ich schaff's schon!‹ Ich fragte, woher sie sei, da erzählte sie, sie käme von Sternental, das liegt, wie ihr wißt, auf der anderen Seite der Rabenburg; eine Stunde geht man hin.

›So weit,‹ rief ich, ›aber Mädchen, das ist unmöglich, du bist zu schwach.‹ Sie sei nicht schwach, sie habe viel Kraft, behauptete sie und dabei sah sie mich so flehend an, daß ich ihr die Arbeit versprach. Wir wollten große Frühjahrswäsche halten, eine Woche lang, und eine Woche lang stand Emma, so hieß das Mädchen, morgens um sechs Uhr am Tor. Sie schaffte wie keine zweite; es war wirklich ein Wunder, wie sie arbeiten konnte, und dabei war sie so freundlich und bescheiden, daß ich sie nach den Waschtagen fragte, ob sie nicht bei mir in Dienst treten wollte. Das könnte sie nicht, sagte sie, sie habe daheim für die Brüder zu sorgen.

›Allein?‹

›Ja, allein.‹

Ich fragte weiter und so erfuhr ich nach und nach die Geschichte. Sechs Geschwister waren es, fünf Buben und sie das Mädel, die ein paar Jahre mehr zählte als der älteste Bube. Die Eltern waren beide gestorben, rasch hintereinander, und da das einzige Besitztum ein kleines windschiefes Haus mit einem Stück Gartenland war, hatte die Gemeinde beraten, das Häuschen – es war auch noch verschuldet – sollte verkauft und die Kinder einzeln zu fremden Leuten getan werden. Es ist kein leichtes Los, das meist so ein Waisenbube hat, den ein Bauer aus Barmherzigkeit aufnimmt, und die beiden ältesten Buben waren groß genug, um zu wissen, daß sie keiner guten Zeit entgegengingen. Auch die Schwester wußte es und sie trat für ihre Brüder ein. Sie hatte es der Mutter heilig gelobt, die Brüder nicht zu verlassen und sie wollte mit ihnen zusammen im Hause bleiben; es sollte keiner dem Dorf zur Last fallen.

Die Bauern lachten sie aus, was ihr einfiele, ob sie meine, es sei so leicht, für fünf Buben zu sorgen. Und noch dazu für so ein dürres Nichtslein! Das wäre sie, gab sie zur Antwort, und sie wisse, daß es schwer sei, aber sie müsse es tun, sie habe es der Mutter auf dem Sterbebett versprochen. An dieses Wort hielt sie sich. Sie lief von einem zum anderen, bat und flehte, mahnte auch, es sei Sünde, sie an der Erfüllung ihres Versprechens zu hindern und weil das auch der Pfarrer sagte, gab man ihr schließlich nach. Sie solle dann in Gottes Namen mit ihren fünf Brüdern im Häusel bleiben, bis es ihr selbst zu viel würde. Ja, zu viel! Sie schüttelte nur den Kopf, und ganz aufrecht, kerzengerade verließ sie an diesem Tage das Schulzenhaus. Sie ging heim und rief ihre Brüder zusammen, stellte ein kleines Bild, das sie von ihren Eltern besaß, auf den Tisch und sagte zu den fünf Brüdern, daß sie zusammenbleiben dürften. Ganz schlicht sagte sie es; ›helft mit, alle,‹ bat sie zuletzt. Da gaben ihr die fünf Buben die Hand, und der älteste, fünf Jahre war er jünger als sie, sagte ernsthaft. ›Du bist nun unsere Mutter!‹

Das wiederholten die anderen feierlich, auch der Kleinste, ein Knirpslein von drei Jahren.

Das wurde nun eine wunderliche Wirtschaft in dem Häusel. In dem Dorf hatten sie gemeint, der Hunger würde die sechs bald anderen Sinnes machen, ›die hungrigen Raben würden schnell aus ihrem Nest fliegen,‹ hatte der Schulze gesagt, aber darauf mußte er vergeblich warten. Schmalhans war freilich angestellter Koch im Häusel, aber davon merkte niemand etwas im Dorf. Die draußen hörten nur das frohe Lachen und Singen der sechs, sahen, wie im Gärtlein jeder Winkel bepflanzt wurde und daß jede Blume, die nicht für das Grab der Eltern bestimmt war, in die Stadt zum Verkauf wanderte, wenn Emma dorthin für die Bauersfrauen Butter und Eier trug. Die kleine Schwester arbeitete von früh bis abends; es war erstaunlich, was sie alles fertig brachte; sie wusch, scheuerte, nähte, tat Garten- und Feldarbeit, war Botengängerin, und niemals klagte sie, immer war sie dabei heiter und guter Dinge. Im Häusel hatte sie auch fünf willige flinke Diener, das waren die Brüder; die wuschen, scheuerten, kehrten drinnen, wenn die Schwester auf Arbeit war, wie die Heinzelmännchen. Ja, sie lernten sogar Strümpfe stopfen, Hosen flicken; ihre Höslein waren manchmal wie Landkarten, so bunt voller Flicken, aber halt geflickt waren sie. Doch die Schwester ließ den Brüdern auch Zeit zu lustigen Spielen mit den Kameraden, sie durften sich draußen tummeln, durften in Ruhe ihre Schularbeiten machen, durften auch mal ein Buch lesen, das der Lehrer ihnen lieh. Auch Feste gab es im Häusel, Weihnachtsfeste, Geburtstage, an denen beinahe alles fehlte, was zu einem Fest gehörte, nur nicht die jauchzende, selige Freude der Feiernden.

So wuchsen denn die fünf jungen Raben in aller Armut und Dürftigkeit groß und stark empor wie junge Bäume; sie wuchsen der kleinen Schwester alle über den Kopf, aber nicht aus der Hand. Die großen starken Buben, auch jene, die dann schon aus dem Hause waren, folgten Emma aufs Wort. Freilich im Anfang, da ist es manchmal nicht so glatt gegangen, da waren die Buben widerborstig und es gab eine Stunde, da hockte die kleine Schwester weinend im Ofenwinkel, hielt das Bildchen der Eltern auf dem Schoß und klagte unendlich traurig: ›Ich bring's niche mit den Jungens, Mutter!‹

Hinter der Türe standen die beiden Ältesten, Karl und Frieder, die hörten das Wort und sie wurden beide so rot, wie der Mohn auf dem Felde. Dann gingen sie hin, redeten mit den drei anderen, und der dritte, der an diesem Tage arg schlimm gewesen war, bekam Prügel, an die er noch lange dachte. Von jenem Tage an aber schaffte es Emma leicht mit den Buben.

Ein großer starker Bub nach dem anderen ging aus dem Häusel in die Welt hinaus und sie hatten alle einen so fröhlichen Mut, eine so unverzagte Arbeitslust, daß sie sich alle einen guten Platz eroberten. Sie sind alle fünf gesunde glückliche Männer geworden. Es geht ihnen gut, sie haben es zu etwas gebracht; die vier ältesten haben auch gute Frauen, gesunde Kinder, die sind alle hier in der Gegend, nur der Jüngste ist draußen, der fährt als Steuermann jetzt übers Meer.

Die kleine Schwester, die vor der Zeit alt geworden ist, wohnt noch immer im windschiefen Häusel der Eltern, so gern jeder Bruder sie in seinem Hause haben möchte. Sonn- und Feiertags geht sie zu ihnen, dann hat sie den Ehrenplatz am Tische und ich glaube, sie tauschte dann mit keiner Königin in ihrem stolzen Schwesternglück. Sie ist zwar nicht zu Sonne, Mond und Sternen gegangen, hat nicht den Glasberg erstiegen, aber sie hat doch, wie jene Schwester im Märlein, ihre Brüder erlöst. Sie hat sie erlöst von einer trübseligen Kindheit, die ihnen vielleicht in fremden Häusern beschieden gewesen wäre; sie hat sie erlöst von dem Gefühl, heimatlos, verlassen zu sein. Wenn ich die großen, gesunden, frohen Männer ansehe, dann habe ich schon oft gedacht, ob sie wohl so geworden wären, wenn ihre kleine Schwester nicht ihre ganze Kraft, ihre Jugend ihnen gegeben, ihnen die Heimat erhalten hätte.«

Als Frau Susanne mit dieser Geschichte schwieg, die tiefen Eindruck gemacht hatte, standen alle drei zu ihrer Überraschung schon am Burgtor und von drinnen rief Justus: »Sie kommen, Herr Baron, da sind se.«

Bei diesem Ruf, dem des Oheims heitere Stimme aus dem Rosenwinkel antwortete, mußten die Kinder unwillkürlich an den ersten Tag auf der Rabenburg denken, als sie aus der Fremde kommend hier eine Heimat gefunden hatten. Und beide sagten wie aus einem Munde: »Gut, daß die Buben im Häusel bleiben durften.«

Die Tante verstand ihre Gedanken, sie legte die Arme um sie und so schritten sie fest umschlossen durch das alte Tor mit den Inschriften und Frau Susanne erzählte heiter: »Als Karl Rabe, der jetzige Müller, einmal als Bube hier oben war und Justus ihn fragte, ob es hier nicht schön sei, antwortete er: ›Ja, schon, aber unser Haus ist feiner‹.«

»Wie dumm!« rief Dieter.

»Dumm, sagst du?« Seine Tante lächelte. »Heimathaus ist Heimathaus, ob es ein Schloß ist oder ein Nest. Seht da oben die Raben, denen gefällt ihr Nest auch besser als unsere ganze Burg!«

Oben saßen die drei schönen Schwestern am Rande ihres Nestes, schauten von der Höhe hinab und Kara rief wirklich just in diesem Augenblick: »Wo ist es schöner als auf unserer Tanne!«

12. Kapitel. Jahreswende.

Wie sind oft Tage so lang, so köstlich jede ihrer Stunden und wie schnell laufen sie doch davon!

Da war Kirmes in Untersberg und im Handumdrehen war sie auch schon vorbei und Purzel sagte: »Nächstes Jahr, wenn's nur erst wär' ich freue mich schon drauf.« Man dachte an die Apfelernte und da war sie bereits gewesen, die Bäume waren leer. Daß es nun Zeit sei, die Kartoffeln einzubringen, sagten die Bauern, und schon schwelte der Rauch des verbrannten Kartoffelkrautes über die Felder dahin, Kartoffeln wurden drin gebraten und Dieter und Gundula aßen die zum erstenmal in ihrem Leben und sie fanden, nichts Besseres könnte es geben.

»Man muß sich auf den Winter einrichten,« meinte Frau Huckebein und da riß auch schon der Sturm die letzten Blätter von den Bäumen und Dieter und Gundula raschelten vergnügt in dem trockenen Laube, wenn sie spazierengingen. Ehe sie es aber noch recht gemerkt hatten, fiel schon der erste Schnee und die Huckebeinin warf ihn zornig aus dem Nest und seufzte: »Da haben wir die Bescherung, nun fängt das dumme Geschneie wieder an. Wir hätten auch südwärts reisen sollen wie die Schwalben, so ein Winter ist gräßlich.«

Doch die Kinder jauchzten: »Schnee, Schnee!« und auf der Untersberger Dorfstraße wurde mit viel Geschrei und Gelächter die erste Schneeballschlacht geschlagen. Auf dem Burghof stand eines Tages ein kleiner grüner Schlitten, Justus hatte ihn vom Boden geholt, hatte ihn frisch angestrichen und Frau Susanne hatte trübe dazu gelächelt. Auf diesem Schlitten war einst ihr Pflegesohn Christian den Berg hinabgefahren, so froh, wie jetzt Dieter und Gundula, die mit Hallo und Hussa über den Burghof sausten. Als sie wieder an der Tante vorbeikamen und ihr glücklich erzählten, der Schlitten sei wundervoll, sagte Gundula: »Tantlein, dir sind Schneeflocken ins Gesicht geflogen, du hast lauter Tropfen auf der Backe.«

Frau Susanne wischte die Tropfen ab, daß es Tränen waren, brauchte niemand zu wissen.

Kaum war der erste Schnee gefallen, da schaute auch schon das Weihnachtsfest um die Ecke, es nickte und winkte, raschelte mit Schaumgold, klirrte mit glitzernden Kugeln und Sternen und lächelte die Kinder aus milden Augen an. Es begann nach Tannen zu riechen, nach Wachskerzen, Pfefferkuchen und Weihnachtsstollen und auf einmal war man mitten drin in einer strahlenden, glückseligen Festfreude. Weihnachtslieder durchtönten die Burg und rauschten hinaus in den winterstillen, weißen Wald.

Und – husch vorbei! Weihnachten war gewesen und das alte Jahr, das sich 1913 genannt hatte, wollte zur Ruhe gehen, über Nacht kam ein neues Jahr, was würde es bringen?

Silvester im Walde! Wer weiß etwas davon in einer lauten, großen Stadt, wie schön das ist!

Am Nachmittag ging Herr von Tracht mit den Kindern in das stille Tal, diesmal kam auch Frau Susanne mit. Es hatte stark geschneit in den letzten Tagen des alten Jahres und alle die großen alten Tannen hatten sich weiße Spitzengewänder über ihre dunkelgrünen Kleider gezogen. Und eine weiße Samtdecke, ein Königsmantel, war über den Boden gebreitet.

Die Waldseele sang ihr Winterlied. Die Burgbewohner hörten es, vor ihnen floh die Waldseele ja nicht, sie hörten das Lied, still war es und ernst, aber nicht traurig. Von ruhendem Schlaf im Erdenschoß sang die Waldseele und vom Auferstehen in kommender Frühlingslust. Es war ein Lied der Hoffnung.

Die Raben schrien an diesem Tage laut über dem Walde. Von da und dort kamen ihre Stimmen, Flügelschlag rauschte und als die Wanderer das stille Tal erreicht hatten, sahen sie auf den alten Eichen eine ganze Schar der dunklen Vögel sitzen.

»Ratsversammlung,« sagte Herr von Tracht, und Gundula rief in neugieriger Sehnsucht: »Hörte ich doch, was sie miteinander reden!«

Die Menschen wußten nicht, daß die Raben alle zu Bragi gekommen waren, um von ihm zu hören, was er von dem neuen Jahr für einen Spruch zu sagen hatte, denn es ging die Sage unter ihnen, Bragi könne in die Zukunft schauen.

Doch Bragi war an diesem Tage wortkarger denn je, stumm hockte er auf seinem Ast und er gab keine Antwort.

»Er schläft mal wieder, der Alte,« zürnten Hugi und Hogi. Doch Muna verwies ihnen die Rede streng. »Er schläft nicht, seht ihn doch an, hellwach ist er. Aber wißt, es ist ein schlimmes Zeichen, wenn Bragi, der Weise, dem Neuen Jahr kein Wort zu sagen weiß.«

Von dem Zwiegespräch hörten die Menschen nichts, sie durchschritten das stille Tal und schlugen den Weg ein, der zur Elfenhöhle führte. Ein Specht klopfte eine Tanne ab und sein Klopfen tönte laut durch die Stille.

»Holzfäller,« rief Dieter erschrocken.

»Noch nicht, erst ist es ein Specht – aber –« Herr von Tracht brach ab und ein Schatten lief über sein Gesicht, ein tiefer Schatten, doch gleich sprach er von etwas anderem, von den Wandervögeln, die sie im Sommer hier getroffen hatten. »Nun sitzen sie vielleicht hinter dem Ofen,« spottete er, »und wissen nichts von der Schönheit eines Winterwaldes.«

»O nein,« verteidigten die Kinder ihre Sommerfreunde, »sie haben doch neulich geschrieben, sie würden wieder wandern und vielleicht kommen sie an der Rabenburg vorbei.«

»Na ja, wenn sie gescheit sind, tun sie es.« Er lauschte in den Wald hinein, ein Ton durchdrang dessen Stille, es raschelte und knisterte und auf einmal kam ein Singen durch den Wald, fern und doch deutlich vernehmbar:

»O Täler weit, o Höhen,
O schöner, weißer Wald
Du meiner Lust und Wehen,
Andächtiger Aufenthalt.«

Eine schöne klare Männerstimme war es, die sang; wie ein Gebet so feierlich und andächtig tönte das Lied. Die vier Wanderer waren stehengeblieben, um keinen Ton zu verlieren, von dem Sänger selbst war nichts zu sehen, man hörte auch kein Rascheln und Schreiten mehr. Selbst die Raben waren verstummt, es war, als lausche der ganze Wald dem Liede.

»Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte schlicht und wahr –«

Hier brach die Stimme plötzlich ab, schon die letzten Worte hatten so seltsam geschwankt, als könne der Sänger nicht weitersingen. »Dem ist das Herz schwer,« murmelte Frau Susanne und ein tiefes warmes Mitleid erfüllte sie.

»Bald werd' ich dich verlassen,
Fremd in die Fremde gehn,«

hub die Stimme wieder an, sie brach aber wieder ab und Gundula flüsterte, sich an die Tante schmiegend: »Der weint!«

Es war jemand im stillen Tal, »ein verlaufener Wandervogel wohl,« meinte Herr von Tracht.

»Das war kein lustiger Wandervogel,« Frau Susanne sagte es wehmütig, »das war einer, der in Trauer durch den Wald ging.«

»Vielleicht fängt er noch einmal an.« Gundula wagte es kaum zu flüstern. Wunderbar geheimnisvoll erschien ihr dies Singen im winterlichen Walde. Sie lauschten alle vier, doch es blieb still, nur ganz leise rieselte Schnee von ein paar hohen Tannen herab, obgleich die wie erstarrt standen und kein Windhauch den Wald durchzog.

Jetzt erhoben auch die Raben wieder ihre Stimmen, aber nicht so laut mehr als vorher. Dann raschelte und knisterte es wieder und über den Weg, der von der Höhe herab kam, lief ein Reh. Unbeweglich stand es eine Weile und sah mit seinen schönen braunen Augen nachdenklich die Menschen an, als wollte es fragen: »Kann ich euch vertrauen?« Dann sprang es eilig weiter, und ein paar Augenblicke später kam ein zweites, ein drittes, ein ganzes Rudel war es. Nun Hub auch wieder der Specht zu klopfen an, poch, poch, poch!

Da gingen die Wanderer weiter und erreichten bald die Elfenhöhle. Eine weite weiße Fläche dehnte sich die Wiese vor ihnen, drüben der Wald, die ansteigenden Berge, alles war in einen zarten grauen Dunst gehüllt, darüber stand am blassen Winterhimmel die seine Sichel des zunehmenden Mondes. Sie glänzte noch nicht, sie glich mehr einem mattsilbernen Wölkchen, aber sie redete doch schon von des Tages Ende und Herr von Tracht schlug den Heimweg ein. Als sie die Burg wieder erreichten, war der Himmel schon dunkel geworden, der Mond glänzte nun und er hatte im unermeßlichen Luftraum des Himmels einen leuchtenden Gefährten bekommen, ein Stern strahlte in ruhevoller, schimmernder Schönheit neben ihm.

Dieser eine Stern bekam viele, viele Gefährten in der Nacht, da ein neues Jahr anbrach. Ein Weilchen sahen Dieter und Gundula noch zu der himmlischen Pracht empor und sie redeten davon, daß sie noch wach sein wollten, wenn die Glocke in Untersberg das neue Jahr einläutete, aber dann schliefen sie doch länger und kein Glockenton weckte sie.

Herr von Tracht und seine Frau wachten und sie sprachen von ernsten Dingen. »Es hilft nichts,« sagte der Burgherr, »ich muß im Wald Holz verkaufen, muß unserem Vetter helfen.«

»Wald verkaufen, deinen Wald verkaufen!« Der Frau rannen die Tränen über das Gesicht. Der, dem ihr Mann helfen wollte, war ein Verwandter von ihr, einer, der unverschuldet ins Unglück gekommen war. Und doch, so gern sie ihm geholfen hätte, sie sagte: »Deinen Wald, nein, nein, wir wollen überlegen, es findet sich schon ein Ausweg.«

»Weine nicht, Sanna, Liebste du. Ich bin ganz ruhig. Hätten wir die Kinder nicht zu uns genommen, dann würde ich etwas Geld aufnehmen, es wäre leicht, aber denen will ich einst das Gut unverschuldet überlassen und unser Leben kostet jetzt mehr. Herr Specht gibt mir wohl einen guten Preis, wir haben dann keine Sorgen.« Herr von Tracht lächelte sogar, er wollte seiner Frau nicht zeigen, wie bitter schwer ihm der Entschluß wurde. »Wald wächst wieder,« meinte er ganz heiter, »und die Kinder wachsen auch, so wachsen Bäume und Kinder zusammen empor zu unserer Freude.«

Frau Susanne ging auf das Gespräch ein, denn auch sie wollte dem Manne das Herz nicht schwer machen. Wie sie noch sprachen und darüber die Zeit vergaßen, tat sich die Türe auf und Justus trat herein mit Gläsern, in denen Punsch dampfte. »Es ist zwölf,« sagte er feierlich. »Gott segne das Neue Jahr!«

Die drei alten Leute stießen miteinander an und sie redeten auch wieder von den Kindern und Justus sagte, wohl zum tausendsten Male seit die Geschwister auf der Rabenburg waren: »es ist ein Glück, sie passen hierher. Ja, ja, ein Glück, ein rechtes Glück!« Er schlurfte vergnügt mit seinem Punschglas in der Hand nach der Türe, der Gedanke an die Kinder hatte ihn in die allerbeste Laune versetzt.

Da rief ihm Herr von Tracht noch nach: »Ist heute kein Fremder hier gewesen, ich möchte doch wissen, wer der Sänger im Walde war.«

»Wer soll's gewesen sein, so'n Wandervogel,« brummte Justus und er lief mit einem so bösen Gesicht hinaus, als hätte ihm der unbekannte Sänger den größten Ärger bereitet. Vor der Türe aber blieb der Alte tief aufatmend stehen und ganz leise sagte er zu sich: »Das war der Herr Christian. Alleweil ist das sein Lieblingslied gewesen, den treibt die Sehnsucht zurück. Ja, ja, er kommt schon noch mal, Geduld überwindet Buttermilch, er kommt sicher wieder.«

»Und nun heißt das Jahr 1914,« sagte Dieter am Morgen, er reckte und streckte sich und er sah dem neuen Jahr so freundlich entgegen wie einem lieben Kameraden, auch Gundula grüßte es herzensfroh, nach ihren Gedanken hätte das Neue Jahr einem sonnigen Sonntag gleich sein müssen.

Als die Burgbewohner vom Kirchgange zurückkehrten und am Tore anlangten, stand dort Justus und begrüßte sie mit jammervoller Miene. »Der Herr Specht ist da,« flüsterte er und sah seinen Herrn bang an. Was wollte der Holzhändler auf der Burg, was hatte der bei seinem Herrn zu schaffen?

»Es ist gut.« Das Gesicht des Burgherrn verfinsterte sich, Frau Susanne wurde blaß und da merkten auch die Kinder, es gab Kummer am ersten Tag im neuen Jahr. Was es sein konnte, sagte ihnen Justus nachher, als er wieder aus dem Schlosse trat. Sie standen alle drei auf dem Schloßhof so trübselig, als lägen schon alle Bäume des Waldes gefällt, zu Klaftern aufgeschichtet da.

»Herr Specht ist schlecht!« schluchzte Gundula, »ich kann ihn nicht leiden.«

Dieters Augen blitzten zornig, auch er hatte vergessen, wie freundlich der dicke Holzhändler ihnen im Sommer begegnet war. Sie hatten ihn seitdem nicht wieder gesehen, nun schalten sie mit Justus um die Wette auf ihn. »Hätte ich ihn nur gar nicht hereingelassen, das Tor gleich zugemacht,« klagte der Alte; er tat, als ob das seinem Herrn etwas genützt hätte.

Unterdessen stand oben der Holzhändler vor dem Burgherrn, der ihn selbst bestellt hatte und ließ sich erklären, warum er im Walde Holz fällen lassen wollte. Herrn Spechts dickes Gesicht glänzte wie ein freundlicher voller Mond und Herr von Tracht dachte bitter: Wie er sich freut, daß er in meinem Walde schlagen kann.

Doch als er geendet hatte, sagte der Holzhändler gelassen: »Da muß ich nein sagen, Herr Baron. Ihren Wald kaufe ich nicht, in dem schlage ich keine Bäume, denn ich würde bei jedem Baum, der fällt, denken, da trifft's einen ins Herz.«

Herr von Tracht war an das offene Fenster getreten und sah hinaus. Da lag zu seinen Füßen sein geliebter Wald im Winterkleid und neben ihm stand der Mann, den er immer mißachtet hatte, weil er gemeint, der wolle diesen geliebten Wald zerstören. Er seufzte schwer, nun mußte er auch noch darum bitten, daß jener ihm ein Stück Wald abkaufte.

Der Holzhändler hörte den Seufzer und er sah den Blick des Schloßherrn schmerzlich auf seinem Walde ruhen, da sagte er einfach: »Es geht nicht, Herr Baron, ich kann's nicht tun, es wäre mir, als täte ich einem Menschen ein Leid an. Früher ja, da habe ich oft gedacht, es schadete nichts, wenn Sie Bäume fällen ließen in Ihrem Wald; er wächst ja wieder. Aber im Sommer war es, da habe ich die Kinder, die jetzt bei Ihnen sind, ein Stück gefahren und wie die an den Wald kamen, da haben sie eine solche Freude gehabt, daß ich bei mir gedacht habe, die Waldliebe muß den Trachts im Blute liegen –«

»Allen nicht,« unterbrach Herr von Tracht bitter den Holzhändler.

»Ich weiß, was Sie meinen, Herr Baron,« fuhr der fort. »Sie denken an den Herrn Christian, der den Wald an mich verkaufen wollte. Das war eine Dummheit, nur so eine Rede, und ich glaub' es fest, auch den Herrn Christian treibt noch einmal die Sehnsucht nach der Waldheimat zurück.«

Dem Burgherrn war es auf einmal, als höre er wieder die schöne traurige Stimme im Walde singen:

»Bald werd' ich dich verlassen,
Fremd in die Fremde gehn.«

Und er seufzte wieder, schwerer fast als über den Verlust des Waldes.

»Mein Urgroßvater, Herr Baron, war ein Untersberger,« begann der dicke Holzhändler wieder. »Bei Leipzig hat er mit einem Tracht zusammen gefochten, bei Leipzig sind beide gefallen, sie ruhen vielleicht in einem Grabe, wer kann's wissen. Sollten die Urenkel sich nicht auch helfen in der Not? Nehmen Sie meine Hilfe an, Herr Baron, für Ihren Verwandten, aber lassen Sie Ihren Wald stehen. In dem soll kein Baum fallen, der soll weiter Ihre Burg umrauschen wie bisher, so unser Herrgott es will.«

Da streckte der Burgherr dem Holzhändler beide Hände hin, »ich danke Ihnen,« sagte er tief aufatmend, »und verzeihen Sie mir, ich habe Ihnen oft Unrecht getan.«

»Das schon, Herr Baron,« antwortete der Holzhändler gelassen. »Sie verachten mein Geschäft –«

»Verachten, nein, Sie tun mir jetzt Unrecht, nur dies Jagen nach Erwerb und Gewinn von heute will mir nicht gefallen!«

»Mir auch nicht,« sagte Herr Specht behaglich. »Ich mach's auch nicht wie der dicke Binder, mein Nachbar, der dem Teufel schon gerne seine Seele um Geld verkaufte, wenn der noch wie in alten Märchen auf der Welt herumspazierte. Aber wir können heute nicht mehr leben wie in alten Zeiten, Herr Baron. Auf der Rabenburg und in Untersberg geht alles seinen alten Gang, in der Welt draußen sieht es anders aus und was heranwächst will sich umsehen – auch die Bäume aus dem Walde.«

»Es müßte schon ausgeholzt werden in meinem Walde, ich weiß –«

»Noch nicht,« unterbrach Herr Specht den alten Herrn. »Später, die Zeit kommt noch, jetzt soll kein Baum angerührt werden, noch nicht!«

Der Wald bleibt stehen! Kein Baum wird geholt. Es war, als atme die ganze Rabenburg auf, erlöst von schwerer Sorge.

Herr Specht blieb zu Tisch auf der Burg und da schloß er mit Dieter und Gundula von neuem Freundschaft. »Aber nun nicht so, daß man sich einmal sieht und dann nicht mehr,« sagte er heiter. »Ich bin doch eure erste Bekanntschaft in der Gegend, mich müßt ihr auch einmal besuchen.«

Das versprachen die Kinder gern, und als der Holzhändler sich zur Abfahrt rüstete, er war in einem Schlitten gekommen, und sie zur Mitfahrt einlud, da kletterten sie vergnügt in den Schlitten hinein. »Ich bin nicht dünner geworden und ihr wohl nicht so viel dicker, obgleich ihr nun nicht mehr so spitznasig und stadtweiß ausseht,« sagte Herr Specht, »also werden wir alle drei Platz haben, wie im Sommer.«

»Findet Ihr auch zurück?« fragte Frau Susanne etwas ängstlich.

»Natürlich,« riefen Dieter und Gundula und der Oheim versicherte auch: »Sie kennen schon die Wege.«

»Bis zum Kreuzweg, wie damals, nehme ich euch mit, von da müßt ihr laufen.«

Herr Specht sah die beiden nun doch etwas zweifelnd an. Aber denen leuchtete die Lust an der Schlittenfahrt aus den Augen und nach mancherlei Ermahnungen und dem Versprechen, gleich zurückzukommen, durften sie mitfahren.

Mit Klinglingling ging es sausend den Berg hinab! Hussa! das war sein! Da war Untersberg, da liefen Buben und Mädels auf der Dorfstraße herum, die Kinder nickten und grüßten: »Wir fahren spazieren, heissa! wir fahren spazieren!«

»Die von der Burg sind's, seht doch, seht!« Purzel purzelte allen voran, er wollte dem Schlitten nachlaufen, aber der war schon vorbei, zum Dorf hinaus, weiter ging es, weiter.

Herr Specht machte einen Umweg, damit die Kinder etwas länger im Schlitten fahren konnten, aber dann war doch noch immer viel zu schnell der Kreuzweg da und die Kinder sahen ganz ungläubig drein, als ihr neuer Freund sagte: »So, eine halbe Stunde sind wir gefahren, nun müßt ihr aussteigen.«

»Schon? Ach, wie schade!«

»Ja, schade, aber wir fahren bald wieder. Hier ist es ja nicht wie in der Stadt, wo der Schnee gleich schwarz vom Himmel fällt und sich dann flink in Matsch verwandelt. Bei uns bleibt er liegen, da kann man mehr Schlitten fahren. Werdet ihr euch auch nicht verlaufen?« Herr Specht fragte es nun wieder etwas besorgt.

»Nein, nein, gewiß nicht, wir kennen den Weg!«

Mit »Dankeschön« und »Auf Wiedersehn« nahmen die Kinder nun Abschied. Die Pferde zogen an, der Holzhändler winkte noch, ein paar Augenblicke und der Schlitten war verschwunden, nur das seine Klingen der Schellen tönte noch eine Weile durch die Stille, bis auch das sich in der Ferne verlor.

Die Kinder sahen sich um, sie waren im Sommer etliche Male den Weg gegangen, dann im Herbst, aber noch niemals im Schnee. Wie still es jetzt war, wie weiß, wie fremd. Die Wege alle verschneit, die Gräben verschwunden, die Ferne verhüllt.

»Dort müssen wir gehen,« sagte Dieter etwas zaghaft. Um aber der Schwester die eigene Unsicherheit nicht zu zeigen, rief er: »Komm, wir laufen ein Stück.« Sie liefen, bis sie plötzlich beide tief in dem Schnee versanken. »Ein Graben?« Sie arbeiteten sich heraus und Gundula sagte etwas ängstlich: »Hier war aber doch kein Graben.«

»Wir sind etwas zu weit links gegangen, glaube ich,« murmelte Dieter, »komm rasch, hier, das wird der rechte Weg sein.«

Sie gingen ein Stück und immer dichter, dichter schien der Wald zu werden, nirgends mehr ein Ausblick. »Es wird schon dunkel,« sagte Dieter betroffen, »es ist aber erst halb drei.«

»Es fängt an zu schneien!« Gundula rief es lustig, sie streckte die Hände aus, »sieh und wie dicht!« Da sah sie, wie der Bruder sich ängstlich suchend umblickte und ganz erschrocken fragte sie:

»Glaubst du, wir haben uns verlaufen?«

»Ach was, komm nur!« Dieter tat mutig, er schritt voran und merkte nun doch, daß er den Weg nicht mehr wußte. Da schrie es auf einmal laut über ihnen. Drei Raben flogen über den Wald und Gundula jauchzte: »Das sind unsere, sieh nur, sie fliegen sicher zur Burg zurück, sie zeigen uns den Weg.«

Die Raben flogen langsam und ihr Schreien unterbrach immer wieder die tiefe Stille, es war, als riefen und lockten sie. Die Kinder gingen ihnen nach, unbeirrt, sie gingen mitten durch den Wald, denn einen Weg konnten sie nicht mehr sehen, immer dichter fielen die Flocken, sie rieselten lautlos herab, immer mehr kamen und zuletzt konnten die Kinder nicht einmal mehr die Raben über sich sehen, sie hörten nur deren Rufen.

»Ich fürchte mich!« Gundula blieb stehen, sie sah den Bruder angstvoll an. »Es ist so unheimlich im Walde!«

»Unsinn!« sagte der mutig und schüttelte sich den Schnee ab, »komm nur weiter, wir finden schon den Weg. Jetzt geht's schon bergan, bald –«

»Da – da ist jemand!« Gundula klammerte sich erschrocken an den Bruder an. Eine hohe dunkle Gestalt kam durch den Wald auf sie zu.

»Ja, freilich, da ist jemand!« Herr von Tracht stand vor den Kindern und neben ihm tauchte sein Hund auf. »He, Mädel,« fragte er lachend, »du hältst mich wohl für einen Waldgeist, daß du so ein Geschrei anhebst.«

»Oheim, du!« Jauchzend stürzten die Kinder auf ihn zu, denn jetzt fühlten sie erst recht alle beide, wie sehr sie sich geängstigt hatten in der tiefen Stille ringsum, gefürchtet in dem geliebten Walde. Sie gestanden es zaghaft dem Oheim. »Das glaube ich wohl, Kinder,« sagte der. »So eines Winterwaldes Gesicht, das muß man kennen. Ich bin einmal als junger Bursche viele Stunden lang an einem solchen Tage im Walde herumgelaufen, immer im Bogen, ehe ich heimkehrte, übrigens seid ihr bis jetzt ganz richtig gegangen.«

»Die Raben haben uns geführt,« sagte Gundula, »oben flogen sie.«

»Die Raben?« Herr von Tracht versuchte die dunklen Vögel zu erblicken, aber kein Laut ertönte mehr, das Rufen war verstummt.

»Sie haben sich gesputet in das Nest zu kommen; das wollen wir ihnen nachtun!« Lustig stapften die Kinder neben dem Oheim her; der ging durch den Wald, als wäre klarer, Heller Sonnentag. Und dann ragte plötzlich die Burg dunkel vor ihnen auf, ein paar helle Fenster strahlten in die Dämmerung und am Tore stand trotz Schnee und Kälte Justus und erwartete die Heimkehrenden.

»Der Kaffee ist fertig,« schrie er ihnen schallend entgegen.

Er schrie noch lauter als sonst und tat dann ganz rauh und verdrießlich, damit es die Kinder nicht spüren sollten, wie sehr er sich um sie geängstigt hatte.

»Da sind wir, Hurra! Hast du lange gewartet?«

»Ach, papperlapapp! Geduld überwindet Buttermilch.« Und halb schon in der Türe drehte sich der Alte noch einmal um, »die Raben oben sind heimgekommen, da dachte ich's schon, daß ihr auch bald da sein würdet.« – – –

13. Kapitel. Frühlingssturm und Feuersnot.

Am letzten Tage der Weihnachtsferien kneteten Dieter und Gundula auf dem Burghof einen Schneemann. Justus pappte für ihn einen Ritterhelm, gab ihm ein Holzschwert in den Arm und so stand dieser Wächter viele Wochen lang am Schloßtor und wenn die Kinder an ihm vorbeigingen, sagten sie immer: »Wie geht's, Junker Peter, hast du gut Wache gehalten?«

Junker Peter konnte nicht nicken, aber mit seinem dicken Gesicht grinste er unentwegt freundlich jeden an, bis er einmal im Februar klein und schief wurde. Er erholte sich dann aber wieder, neuer Schnee fiel und die Kinder wälzten Junker Peter so lange darin herum, bis er wieder dick, rund und schneeweiß geworden war. Justus lackierte seinen Helm auf und als Purzel am nächsten Tage zur Heimbegleitung mit bis an das Burgtor kam, sagte er: »Potzwetter, Junker Peter ist fein.«

Am Nachmittag kamen dann noch etliche Untersberger Buben und Mädels angelaufen, um Junker Peter anzustaunen, er war der stattlichste Schneemann, den sie je gesehen. Doch ein langes Leben war ihm nicht beschieden, an einem Tage war er noch dick und rund und in der Nacht blies der Sturm heftig um die Burg, es war, als wollte er sie einstürzen, und am Morgen stand dann Junker Peter schief, mager und trübselig am Tor.

»Nun ist's mit dem aus, jetzt kommt der Frühling,« sagte Justus.

Der Wind sauste und brauste, die Raben schrien und der Wald begann zu atmen. Tief, lang und auf einmal war aller Schnee fort, nur da und dort in Gräben und Schattenwinkeln lagen weiße Fetzchen, so, als hätte der Wind Wäsche von der Waschleine heruntergefegt, und hierhin und dorthin ein Stück geworfen.

Junker Peter war jetzt nur noch ein kleiner, grauer, schwärzlicher Haufen, darauf saß der Helm, zerweicht, farblos und das Holzschwert lag daneben. Die Kinder sahen gar nicht mehr nach ihm hin, Junker Peter war vergessen, sie dachten nur an den Frühling, der kommen sollte. Der trieb in den Bäumen schon den Saft hoch, da wurden die Äste dick und schimmerten rötlich, und unten auf dem Boden begann es zu grünen und eines Tages fand Gundula das erste Schneeglöckchen. Sie stimmte einen so hellen Jubelgesang an, als sie mit der kleinen weißen Blume in der Hand den Burghof betrat, daß nicht allein Justus herbeilief, auch Frau Susanne kam und die Köchin steckte den Kopf weit aus dem Küchenfenster heraus. »Was rief das Kind, was war es nur?«

»Ein Schneeglöckchen!« Gundula sang das Wort förmlich und dieser helle Klang tönte hinauf bis zur Tanne, auf der die drei Königinnen saßen und auch vom Frühling redeten. Rikralein beugte sich weit, weit vor. Sie tat das immer, wenn sie unten die Kinder erblickte, die sie liebte, seit die ihr in schwerer Not beigestanden hatten. Als sie Gundula unten jauchzen hörte, atmete die kleine schwarze Königin tief und eine unendliche Sehnsucht erfüllte ihr Herz. Die Sehnsucht, zu sein, wie jenes liebliche Menschenkind.

»Rikralein hüte dich, du fällst aus dem Nest,« mahnten Rara und Kara. Aber Rikralein hörte gar nicht auf der Schwester Mahnen, sie lachte nur hinab und Rara und Kara sahen sich traurig an. Ihr Rikralein, ihr Liebling war verändert, sie war nicht mehr so fröhlich wie einst; wenn die Raben der Sonne entgegenflogen, dann sah Rikralein nicht empor, immer ruhte ihr Blick auf der Erde, ruhte auf der alten Burg. Dorthin sehnte sie sich Tag und Nacht. Sie sprach aber nie von dieser Sehnsucht zu den beiden Schwestern, denn sie wußte, die würden traurig sein, und sie wollte doch, die Schwestern sollten glücklich werden. Wenn Hugi und Hogi kamen und mit den Schwestern auf der Tanne saßen, dann dachte Rikralein manchmal, sie sind schön, wie Rara und Kara, und sie sind edel, sind Könige, das würden zwei stolze Rabenpaare geben. Sie sagte das auch einmal, aber da riefen die Schwestern beide: »Wir drei bleiben zusammen, niemand soll uns trennen!«

»Nur der Tod,« dachte das Rikralein, aber sie schämte sich fast des trüben Gedankens, denn unten jauchzten gerade die Kinder laut, es war an einem Tage, an dem Junker Peter noch dick und stattlich am Burgtor stand. »Wär' ich Junker Peter,« wünschte sich Rikralein, »dann lachte mich Gundula auch so fröhlich an.« Aber Junker Peter zerfloß und nun hörte die kleine schwarze Königin Gundula über das Schneeglöckchen jubeln. Sie sah, wie auch Herr von Tracht auf den Burghof trat und sich lächelnd das weiße Frühlingswunder zeigen ließ. Sie hörte freilich nicht, daß er sagte: »Im stillen Tale wachsen an einer Stelle so viele Schneeglöckchen und Leberblümchen, du kannst auch Himmelströpflein sagen, wie nirgend im Walde. Wir wollen nach Tisch einmal gehen und sehen, wie viele von den kleinen Frühlingsboten ihre Nasen schon herausgestreckt haben.«

Über Frau Susannes Gesicht flog ein Schatten, es war so wie am Himmel, wo auch die dunklen Wolken immer wieder die Sonne verdunkelten. Die Frau dachte daran, einst hatte der Pflegesohn Christian ihr aus dem stillen Tal immer den ersten Frühlingsstrauß geholt. Aber das wußte niemand mehr, selbst Justus dachte nicht daran.

Oben aus der Tanne sagte zur gleichen Zeit Kara zu den Schwestern: »Wir wollen in Bragis Tal fliegen und sehen, ob der Frühling schon dorthin gekommen ist.«

Seit dem ersten Waldgang mit dem Oheim waren die Kinder schon viele, viele Male im Walde gewesen und immer war ihre Freude daran neu. So auch an diesem Tage. Sie gönnten ganz gewiß dem Oheim sein Nachmittagsschläfchen, aber sie meinten, daß es heute recht lang daure, immer wieder fragten sie Justus: »Schläft er noch?« Und Justus machte dann krampfhafte Anstrengungen, um so leise es nur ging, zu flüstern: »Ja, noch fest.«

Wie Gundula so etwa zum fünften Male kam und fragte, wollte Justus wieder flüstern, aber seine Stimme rutschte ihm aus, sie lief ihm einfach davon und wurde laut und so schallte es plötzlich über den Flur und weckte das Echo des alten Baues: »Er schläft immer noch. Aber wartet nur, Geduld überwindet Buttermilch.«

»Alle Wetter!« In seinem Zimmer fuhr Herr von Tracht in die Höhe, der laute Ruf hatte ihn geweckt. »Justus, Justus!« tönte nun seine Stimme und Justus öffnete sehr verlegen, sehr kleinlaut die Türe. »Warum schreist du denn so laut da draußen?«

»'s ist nur, die Kinder haben gefragt!«

»Ach so, die zieht's in den Wald.« Herr von Tracht stand auf. Er liebte es nicht gerade, wenn er im Mittagsschlaf gestört wurde und er wetterte wohl kräftig über eine Störung, aber freilich, wenn man in den Wald gehen wollte! Ein paar Minuten später gingen die Geschwister vergnügt an des Oheims Seite den Weg entlang, der in das stille Tal führte. Und sie sahen dabei, daß der Frühling wirklich im Anzug war. An winzigen, federzarten Blättlein, an dicken Knospen, an dem ganzen zarten, schimmernden Hauch über dem Gebüsch, war des Frühlings Nahen zu spüren. Im Tälchen gluckste und rann der kleine Bach wie ein luftiger Wanderbursch dahin, heisa! juchheissasa! der Frühling kommt.

Am Talrand an der Sonnenseite, geschützt gegen den Wind, hatten wirklich schon lustige kleine Blumenkinder ihre Augen aufgetan. Schneeglöckchen und Leberblümchen, wie es der Oheim gesagt hatte, und Gundula konnte hier den ersten Frühlingsstrauß pflücken. Sie tat es fast andächtig und sie hätte sich in diesem Augenblick nicht besonnen, alle Treibhauswunder eines großstädtischen Blumenladens für dieses Waldwinkelchen dahinzugeben. Während sie pflückte und jede Blüte dabei zart streichelte, jede einzelne Schönheit helltönig pries, schaute sich Dieter Baum um Baum an. Wie alt der wohl sei und wie alt jener? Er tat ein bißchen stolz den Blumen gegenüber und er redete von den Bäumen wie einer, der aufgewachsen ist im Walde. Und wie ein echter Waldbewohner patschte er auch unbekümmert um seine Stiefel in den weichen, nassen Boden hinein, platsch, platsch!

Der Waldbach hatte es Dieter angetan, jedesmal, wenn er ihn glucksen hörte, dachte er: wohin geht er? Bis zum Waldrand sah er ihn, dann verschwand er, eine Felswand stand dort, zwischen den Felsen mußte er hindurch laufen, man hört ihn an dieser Stelle von ferne rauschen.

Der Oheim, der an der anderen Seite des Tälchens ein paar unterm Schnee zusammengebrochene Stämmchen untersuchte, rief auf einmal hinüber: »Sei vorsichtig, dort geht es steil hinab.«

Dieter hörte nun wohl die Warnung, aber er tat damit, wie es viele tun mit warnenden Worten, er achtete nicht darauf. Er ging weiter und an der Felsspalte gedachte er mit einem kühnen Sprung hinüberzusetzen und – – – da rutschte und glitschte er schon bergab, neben ihm rauschte und brauste es, Steine kollerten, aufgeweichtes Erdreich schob sich nach, er wollte sich an einem kahlen Busch halten, aber der schien zu denken: Mitgehen ist lustig. Es war ein langer Schacht, in den Dieter hineingefallen war. Glücklicherweise gelang es ihm aber dann, in der Mitte sich noch an einem Birkenstämmchen festzuhalten. Er schwang sich daran seitwärts auf festeren Grund, rutschte aber auch hier noch ein Stück weiter, bis er endlich am Fuße eines kleinen Abhanges liegenblieb. Ganz wirbelig war es ihm zu Sinn, er richtete sich endlich auf, wie ein Erdklumpen sah er aus. Erde, dürre Blätter, Ästchen, alles hing und klebte an ihm und naß war er durch und durch. »Donnerwetter, das ist ja 'n Junge!« sagt da auf einmal in der tiefsten Waldeinsamkeit eine Stimme und zu seinem Erstaunen sah Dieter Herrn Specht vor sich. »Ich dachte, hier krabbelt 'n Reh rum oder – – – na nun schlägt's dreizehn, Dieter, du?«

»Ja,« murmelte Dieter kläglich, »ich bin nur 'n bißchen ausgerutscht.«

»Oh, 'n bißchen! Hm! mir scheint, du hast einen halben Berg mitgenommen!« Herr Specht sah Dieter kopfschüttelnd an. »Wo kommst du denn her?«

»Aus dem stillen Tal.«

»Da will ich hin, deinen Herrn Onkel suchen.«

»Der ist oben, da!« Dieter zeigte mit der Hand in die steile Höhe.

»Bist du da heruntergekommen?« schrie Herr Specht. »Ja, jetzt wundere ich mich nicht, wie du aussiehst. Himmel, Junge, du hast dich ja ganz und gar in Frühlingsschmutz eingewickelt.«

»Dieter, Dieter!« Aus der Höhe klang des Oheims Rufen und Herr Specht gab rasch Antwort: »Hier ist er, Herr Baron. Er hat 'ne kleine Rutschpartie gemacht, aber die Glieder sind heil.« Leise fragte der dicke Holzhändler: »Sind sie's auch, Arme, Beine, alles?«

»Ja alles!« Dieter reckte und streckte sich und seufzte leise, ihm tat nämlich eigentlich alles weh.

»Ich bring' ihn hinauf, Herr Baron, er ist wirklich noch ganz.«

»Dieter, Dieter!« Oben schluchzte Gundulas Stimmlein, dem Rufe des Oheims nach.

»Es ist gar nichts, nur – – – 'n wenig schmutzig bin ich.« rief Dieter hinauf.

»Na, nur ein wenig, der halbe Wald klebt ihm fast an den Hosen,« erklärte der Holzhändler Dieters Aussehen näher. »Und nun komm!« Er schob Dieter den Berg hinauf. Mühselig ging es, denn das aufgeweichte Erdreich gab immer wieder nach und nach ein paar Schritten schimpfte der dicke Herr Specht. »Das ist der vertrackte Weg, den man nie richtig findet. Wenn man denkt, man geht ihn, dann ist's meist 'n anderer. Und von den zehn Malen, die ich vielleicht in meinem Leben in das stille Tal gehen wollte, bin ich zweimal nur hingekommen und da wollte ich dann eigentlich wo anders hin.«

Es war, als hätte Herr von Tracht diese gründliche Wegkenntnis des freundlichen Mannes geahnt, er kam mit raschen Schritten bergab den beiden entgegen. Als er Dieter sah, schaute er ihn von oben bis unten mit leisem Spott an: »Na, mein Junge, nun glaubst du mir es wohl, daß der Bach ein ganz heimtückischer Geselle ist?«

Dieter wurde glührot. »Oheim,« stammelte er verlegen, »verzeih' – –«

»Laß' nur, laß'!« Der Waldherr wehrte lachend ab, »es gibt Dinge, die muß ein Junge selbst ergründen, die glaubt er den Erwachsenen einfach nicht. Und wenn es dich tröstet, ich habe einmal in deinem Alter die gleiche Rutschpartie gemacht. Nur – – Tauwetter war nicht gerade.«

»Ja, das ist für so was böse,« meinte auch Herr Specht. »Gleich ganz und gar ins Waschfaß, das wäre am besten.«

»Oh, Dieter!« Gundel starrte den Buben fassungslos an. Sie hatte längst andere Ansicht über schmutzige Stiefel und dergleichen wie einst in der Stadt, aber der Bruder übertraf in diesem Augenblick ihre kühnste Phantasie. »Oh, Dieter!«

»Der Schmutz geht ab, das ist schöner, ehrlicher Waldboden, Mamsellchen,« tröstete der Oheim, »wenn sich der Dieter nie anders schmutzig macht im Leben, als so, wenn es immer nur äußerlich ist, soll's ihm verziehen sein. Aber nun trapp! trapp! nach Hause, es ist noch ein bißchen früh im Jahr für solche Bäder.«

Die Kinder rannten davon, die beiden Männer folgten. Der Holzhändler war auf der Burg gewesen, hatte dort von dem Waldgang ins stille Tal gehört und war gefolgt. »Auf verkehrtem Wege natürlich,« sagte er heiter, »es ist wirklich seltsam, wie leicht man sich in diesem Walde verlaufen kann.«

Über den Heimkehrenden flogen Raben, die drei Schwestern waren es, die auch aus dem stillen Tale kamen und denen Hugi und Hogi das Geleite gaben. Bragi hatte heute seinen stillen Tag gehabt, er hatte ihnen nicht die Sprache der Winde gedeutet, aber Rikralein sagte nun doch, als sie sich dem Neste näherten: »Die Winde haben böse Stimmen heute.«

»Das bläst wieder tüchtig, zur Nacht gibt's einen ordentlichen Sturm,« sagte unten Justus, der hörte, wie die Winde wieder zu blasen begannen. Auf halbem Wege packte der Sturm auch die Wanderer und Dieter merkte es nun, daß es für nasse Sachen wirklich noch kein Wetter war. Er kam jämmerlich verfroren auf der Burg an und seine Tante und Justus riefen es fast zu gleicher Zeit: »Ins Bett und – – Fliedertee!«

»Ich heize ein,« rief Justus dann noch, »bei so 'n Wetter gehört zum Tee 'ne warme Stube.«

Die Zimmer, die die Geschwister nebeneinander bewohnten, mußten sich, wie es manchmal in alten Häusern ist, mit einem Ofen begnügen. Ein grüner Kachelofen war in die Wand eingebaut und er war von so behaglicher Breite, daß er auch beide Zimmer gut versorgen konnte. Das Feuerloch war auf Gundulas Seite, aber eine Röhre gab es hüben und drüben und in diese Röhre schob Justus geschwind noch ein paar Äpfel hinein.

»Bratäpfel sind gesund, wenn eins erkältet ist,« brummte er.

»Und schmecken gut.« Dieter dehnte sich schon im Bett, er schluckte Fliedertee und fing schon an, eine wohlige Wärme in allen Glieder zu verspüren. Er fand es sehr behaglich im warmen Bett, im warmen Zimmer, während draußen der Sturm immer wilder die Burg umsauste.

»Das wird eine böse Nacht!« Frau Susanne sagte es, denn sie verschlief nicht den Sturm, in solchen Nächten wachten ihre vergangenen Schmerzen auf und darum sagte auch sie wie die kleine, schwarze Rabenkönigin: »Der Wind ist böse.«

Die anderen Burgbewohner kümmerten sich nicht viel um das Toben der Winde, am allerwenigsten Dieter und Gundula. Der Fliedertee – Gundula hatte ihn zur Gesellschaft mitgetrunken, der warme Ofen, die Bratäpfel, alles hatte sie in eine wohlige Wärme gehüllt und sie träumten beide die angenehmsten Dinge.

Der Sturm sang auch in den Wipfeln der Tanne, dem hohen Wächter am Burgtor. Der stolze Baum trotzte dem wilden, bösen Gesellen, aber immer wieder mußte er sich doch neigen vor ihm und das Nest der Rabenköniginnen schwankte hin und her. Wie ein Schifflein auf dem Meere. Rara und Kara liegen sich einwiegen, sie schliefen fest, nur Rikralein saß auf dem Nestrande und wachte. Zum Himmel sah sie auf, der war voller Wolken, die immer wieder den Mond überschatteten. Ein Kampf war es da oben. Blieb der Mond Sieger, dann floh sein Licht in breiten Wellen über Burg und Wald und die Wolken trugen silberne Kronen. Dann sah die kleine, schwarze Königin hinab und das Herzlein wurde ihr schwer vor Sehnsucht nach dem lieblichen Kind. Nach den Fenstern sah sie, hinter denen die Kinder schliefen, die kannte sie, an vielen Morgen und Abenden hatte sie gesehen, wie durch diese Fenster die Kinder den Tag grüßten oder von ihm Abschied nahmen. Sie dachte, könnte ich singen, warum habe ich nicht eine so holde Stimme wie die Nachtigall und kann nur krächzen. Das Märlein fiel ihr ein, das einst die Königin Rikra erzählt hatte. Ein Rabe wollte singen lernen und flog zu den Menschen, da hörte er wie eine Frau Holz sägte, krach, krach, krach! Das merkte er sich und seitdem können die Raben nichts anderes schreien.

So träumte Rikralein und hörte dabei noch, wie böse der Sturm jetzt wieder brüllte. Sie sah nach den Fenstern der Kinder hin und sah auf einmal es dahinter seltsam rot flackern.

»Feuer!« Rikralein flog mit jähem Schrei empor zu den Fenstern hin, dahinter zuckte und flackerte es. »Feuer!«

Drinnen hörte niemand Rikraleins Ruf. Nur die Schwestern oben im Nest wachten auf und kreischten ängstlich hinab: »Rikralein, Rikralein, was tust du?«

Die kleine Königin gab keine Antwort. »Ich muß sie retten, ich muß sie retten,« dachte sie und ihre Stimme gellte laut vor den Fenstern: »Wacht auf, wacht auf!« Rikralein schrie es so laut sie konnte: »Wacht auf, wacht auf!«

»Ich muß sie retten, ich muß sie retten,« dachte sie nur noch und trotz Karas und Raras flehendem Rufen flog sie mit aller Kraft gegen die Fenster. »Rikralein, Rikralein, was tust du?«

Die kleine Königin nahm ihre letzte Kraft zusammen, nocheinmal stieß sie gegen die Scheiben, ein Krach, ein Klirren und drinnen im Zimmer fuhr Gundula schlaftrunken in die Höhe.

Sie ächzte schwer, irgend etwas Unheimliches bedrohte sie. nahm ihr den Atem und am Ofen flackerte und zuckte es rot. »Dieter, Dieter!«

Keuchend brachte sie es heraus! »Dieter!«

Der war von dem Klirren halb erwacht, nun hörte er den stöhnenden Ruf der Schwester und zugleich spürte er einen seltsam scharfen Geruch. »Feuer, Feuer!« Er sprang schreiend aus dem Bett, rannte hinüber, sah Dunst und Qualm, sah rote, zuckende Flammen und er hatte noch so viel Geistesgegenwart, die Schwester aus dem Bett zu reißen und sie aus dem Zimmer zu zerren. Noch ging es, noch war der Weg frei, in einer Minute wäre es vielleicht zu spät gewesen. An der Türe stolperte Gundula, etwas Dunkles, Weiches lag da, sie bückte sich noch, hob es auf, halb bewußtlos schon, da waren sie draußen und der Ruf: »Feuer, Feuer!« durchgellte die Burg.

Wenige Minuten später waren alle Bewohner wach. Herr von Tracht ging ruhig und besonnen ans Rettungswerk und alle halfen ihm, auch Dieter, nur Justus raste aufgeregt herum, »man muß läuten, läuten!« schrie er und stürzte hinauf. Auf dem Türmchen des Mittelbaus hing eine Glocke und bald klang deren Ruf in die Nacht hinaus. »In Feuersnot die Burg, in Feuersnot, hört es, ihr Leute von Untersberg!«

Doch der Wind wehte den Schall dem Walde zu, kein Mensch in Untersberg hörte des Glöckleins Rufen. Und Justus läutete, immer lauter gellte die Glockenstimme, bis auf einmal jemand unten rief: »Justus hör' auf, es brennt ja nicht mehr.«

Dieter stand unten in einen Regenmantel gewickelt, er lachte über das ganze Gesicht, als der kleine Mann verstört die Treppe herabkam und ängstlich fragte: »Wieso aus?«

»Na eben, es ist aus. Onkel, Hulda, Emma, Franz und ich haben immerzu Wasser hineingegossen, schwipp, schwapp, und da ist's ausgegangen.«

»Ganz ausgegangen?« Justus hatte im Geiste schon die geliebte Burg in Flammen gesehen, durch seine Schuld, meinte er, denn noch dröhnte ihm seines Herren Ruf im Ohr! »Daran ist sicher die Heizerei schuld!«

»Ist's wirklich aus, Dieter?« fragte er nochmals ganz zaghaft.

»Aber Justus!« Der Bube zog den Alten mit fort. »Komm' nur, komm', Gundulas Stube ist ausgebrannt, mehr ist nicht geschehen, aber – – –«

»Es hätte schlimm werden können, Gundel hätte verbrennen können, du hättest verbrennen können, die Burg hätte verbrennen können und ich wäre schuld gewesen.«

»Du Justus? Du doch nicht. Der Wind war's, der Wind allein.«

»Der Wind und eine schadhafte Esse wohl,« sagte dann auch der Burgherr und da atmete Justus wie erlöst auf. »Der Wind,« murmelte er, »der Wind, nicht ich. Gott sei's gedankt, nicht ich.«

»Gott sei gelobt! daß die Kinder rechtzeitig aufwachten,« sagte Frau Susanne. »Der hat mich geweckt!« Gundula, die halb bewußtlos von ihrer Tante in die Wohnstube gebracht worden war, hatte sich schon wieder erholt, sie zeigte jetzt auf die kleine, tote Königin in ihrem Arm.«

»Wo hast du denn den Raben her?« Der Oheim hob erstaunt den toten Vogel auf, »der hat sich ja den Kopf eingerannt.«

»Er hat mich geweckt.« Gundula erzählte eifrig, daß sie von dem Schreien aufgewacht sei, ganz deutlich hatte sie den Ruf vernommen.

»Ja, ich hab's auch gehört, ich bin aber erst richtig munter geworden, als Gundel dann schrie,« versicherte Dieter.

Der Burgherr hatte aufmerksam die Tote betrachtet. Er wußte nichts von der kleinen Königin Sehnsucht und daß sie sich geopfert hatte. Aber wie er das Tierchen so in seiner Hand hielt, rührte es ihn und er strich sanft über das schwarze Gefieder, dabei fühlte er an dem Beinchen etwas Hartes, er strich sacht die Federn zurück und entdeckte einen goldenen Ring. »Seht doch,« rief er überrascht, »der Vogel muß schon einmal in Gefangenschaft gewesen sein, er trägt einen goldenen Ring!« Vorsichtig schob und zog er an dem Reif, der löste sich langsam und rollte in des Burgherrn Hand.

»Ein Ring, ein Ring!« Verwundert schauten alle aus das goldene Ding, ein glatter Reif mit einem Schildchen daran war es und auf einmal hielt Frau Susanne fast ängstlich ihre Hand daneben, »er gleicht dem Meinen.«

»Ja, und das Wappen der Trachts scheint darauf zu sein, unser Wappen!« Der Baron betrachtete angelegentlich den Fund. Innen war etwas eingeritzt, Buchstaben, Zahlen, er entzifferte mühsam: »1738. Und hier das sieht aus wie ein H, weiter nichts mehr zu lesen. Aber unser Wappen ist's ganz gewiß.«

»Mein Ring hat die gleiche Zahl.« Frau Susanne verglich aufmerksam die Ringe miteinander. »Sie sind wirklich gleich,« sagte sie zu ihrem Mann. »Deine Mutter gab mir einst den Ring als Brautgeschenk. Er war mir zu weit und als ich ihn enger machen ließ, schärfte der Goldarbeiter die Schrift neu. Der Spruch der Trachts steht darin: ›Ich harre aus!‹ Die Mutter erzählte dazu, eine Frau Sophie Charlotte von Tracht habe zwei gleiche Ringe machen lassen für ihre Zwillingssöhne.«

»Ja, von denen fiel der eine später bei Kunersdorf, der andere war des wunderlichen Herrn Christian Vater, er starb jung!« Herr von Tracht sah nachdenklich aus den Ring in seiner Hand nieder. »Ob er wirklich dem Hans Dieter gehört hat, der unter König Friedrichs Fahnen so tapfer focht, ein Held war er, in der Chronik steht von ihm, daß er in die Schlacht zog: ›allwie einer zu Tanze geht.‹ Seltsam wie auch die Dinge wandern durch die Welt und heimkehren, als hätten sie Sehnsucht nach dem Ort, von dem sie einst ausgingen. Nun kommt dieser Ring uns zurück durch einen Raben.«

Die kleine tote Königin konnte nicht mehr hören, was die Menschen sprachen. Sie konnte nicht erzählen, daß der Ring einst auf der Erde gefunden worden war, auf einem Schlachtfeld. Die Menschen wieder hörten nicht draußen Kara und Rara um die geliebte Schwester klagen. Sie redeten von den toten Helden und Herr von Tracht nahm die Chronik seines Hauses und las den Seinen daraus vor, was von jenen darin geschrieben stand.

»Anno domini 1754 am 12. August ist Herr Hans Dieter von Tracht, Herrn Albrechten von Tracht Zwillingsbruder einen heldenhaften Tod gestorben. In der schweren Bataille bei dem Orte Kunersdorf, die Friederikus Rex, dem großen Helden, vielen Kummer bereitet hat, geschah das betrübliche Unglück. Ein Reutter, der blessiert nach etlichen Wochen Herrn Albrechten die Kunde überbrachte, hat erzählt: ›Ein Fähndrich sei gefallen und Herr Hans Dieter hat nicht wollen die Fahne dem Feinde lassen. Dabei ist er hart bedrängt worden von einer großen Überzahl, er hat sich aber gewehrt wie ein Löwe, ist zuletzt in die Knie gesunken, war voller Blut und hat noch immer gefochten mit der linken Hand, weil ihm die rechte zerschossen war. Ist zuletzt Hilfe gekommen, die Fahne ist gerettet worden, als man sie hat aufheben wollen war sie voller Blut und Herrn Hans Dieters Hand war so fest hineingekrallt in Todesnot, daß es einen starken Riß gegeben hat. Ist ein gar tapfer, edler Herr gewesen, der Junker von Tracht. Gott schenke ihm fröhliche Urständ. Seine Leiche hat man nicht gefunden, ist ein zu schlimmer Tag gewesen, viele haben müssen ihr Leben lassen. Hat sich aber alles zum besten gewendet für König Friederikus. Gelobt sei Gott!‹«

Draußen zog ein neuer Tag herauf. Der Wind hatte sich gelegt, er rauschte nur noch leise durch den Wald, über dem schon der Morgen glänzte. Raras und Karas bange Schmerzensrufe waren bis in das stille Tal gedrungen und Hugi und Hogi eilten zu den Schwestern. Aber helfen konnten sie ihnen nicht, traurig saßen sie neben den Königinnen und ließen sich erzählen von des Rikraleins Verschwinden, vom Brand in der Burg. Wie sie noch so miteinander redeten, sahen sie unten Dieter und Gundula auf den Hof treten, sie trugen die kleine, tote Königin.

»Rikralein, Rikralein!« Rara und Kara schrien es im wilden Schmerz, unten sahen die Kinder auf und Gundula sagte! »Sieh' doch, vier sitzen auf der Tanne, sonst waren es nur drei. Und ich dachte doch, der Rabe hier wäre einer von den dreien.«

»Hier unter dem Mandelbäumchen müßt ihr den Raben begraben,« rief Justus ihnen zu. Er stand schon dort, hatte schon ein kleines Grab gegraben und die Kinder betteten vorsichtig den toten Vogel hinein, deckten Erde darüber und zuletzt legte Gundula alle Frühlingsblumen darauf, die sie gestern gepflückt hatte. »Der Rabe hat uns gerettet,« sagte sie, und ein paar Tränlein fielen auf das Grab.

»Aber Gundula du mußt nicht weinen,« mahnte Dieter, doch Justus redete dazwischen. »Laß' sie nur. Seltsam war das mit dem Vogel und gerettet hat er euch wirklich. Wir wissen es ja alle nicht, was so ein Tierchen denkt und fühlt, wissen nicht, ob es uns liebhat. Vielleicht ist es so, vielleicht hat es die Tränen verdient.«

»Kraah, kraah, kraah!« schrien oben die schönen Schwestern und Hugi und Hogi; sie kreisten alle über dem Burghof, flogen tief und tiefer, dann stiegen sie wieder in die Höhe, aber sie kehrten nicht mehr zur Tanne zurück. Mit Hugi und Hogi flogen sie in das stille Tal, dort wollten sie mit den beiden jungen Königen ihre Nester bauen.

»Die gehen fort,« klagte Gundula.

»Sie kommen wieder,« tröstete Justus.

Aber Kara und Rara kamen nicht wieder. Nur manchmal noch umkreisten sie die Burg und grüßten das Grab der treuen Schwester, aber dann kehrten sie immer wieder in das stille Tal zurück. Dort horsteten sie nebeneinander mit ihren Männern auf einer alten Eiche und Bragi, der Weise, freute sich darüber, denn auch er fand, wie alle anderen Raben im Walde, zwei schönere Paare konnte es nicht geben. Und auch zwei glücklichere nicht. –

14. Kapitel. Pfingstfreude.

Nach diesem Sturmtag nahm der Frühling das Land in seine Arme und hüllte es in schimmernde, grünseidene Gewänder und schmückte es mit Blumen. Auf diese frische, junge Pracht hinab sahen nun alle Tage die Bewohner der Rabenburg. Von Tag zu Tag wurde das Laub dichter, glänzten Wiesen und Felder schöner, blühten die Blumen reicher. Im Walde sang die Waldseele ihre lieblichsten Lieder, die Bäume rauschten, die Bäche hüpften jauchzend daher und selbst das winzigste Käferlein stimmte in das selige Frühlingslied ein, das vom Wald über Wiesen und Felder weit, weit über die Lande tönte.

Auch die Menschen wurden in dieser Zeit singlustig und wanderfroh, und am Pfingstsonnabend zogen drei Wandervögel zur Rabenburg hinan und sangen:

»Es steht ein Berg im Feuer,
Im feurigen Morgenbrand,
Und auf des Berges Spitze
Ein Tannenbaum überm Land.

Und auf dem höchsten Wipfel
Steh' ich und schau' vom Baum,
O Welt, du schöne Welt, du,
Man sieht dich vor Blüten kaum!«

Dieter und Gundula saßen mit Purzel auf der Burgmauer, bammelten mit den Beinen und sahen dem Frühling in die lachenden Augen. Es kamen selten Fremde zur Rabenburg hinaus, weil dieser Erdenwinkel abseits von der großen Heerstraße lag. Der Geschwister Neugier war darum groß; sie beugten sich weit vor und spähten den Weg hinab. Wer kam da? »Wandervögel sind's,« sagte Dieter, »hörst du die Lauten klimpern?«

»Vielleicht die Ottonen!«

»Ach, die, die haben uns vergessen, nicht eine Karte haben sie geschrieben und im Herbst wollten sie –«

»Ho, heida, holla! Wem hängen denn da die Beine über die Mauer? Sind's Ritterbeine, sind's Geisterbeine?« schrie es unten. Am Abhang unterhalb der Mauer tauchten drei lustige Gesichter auf; es waren wirklich die Ottonen. Einen Augenblick zögerten Dieter und Gundula; sie erkannten die drei nicht gleich, aber dann sprang Dieter mit lautem Freudenruf hinab; er rutschte den kleinen Abhang mit großer Eile hinunter und begrüßte stürmisch die Gäste.

Oben aber lockte Gundulas Rufen den Oheim herbei, der auf dem Hofe war; er trat an die Mauer und sah nun auch die Sänger. »Ei, die Vögel sollte ich kennen!« rief er.

»Wir sind's, die Ottonen!« riefen die drei hinauf.

»Hat man wirklich den Weg zur Burg wiedergefunden oder war sie verschwunden wie die Gralsburg einstmals den irrenden Rittern?«

»Nein, o nein! Aber im Herbst ging's nicht, Otto I hatte ein Bein gebrochen.«

»Und Weihnachten?«

»Da hatte Otto III einen Arm gebrochen.«

»Und was hatte denn Otto II zu Ostern gebrochen?« fragte Herr von Tracht heiter.

»Da hatte niemand was gebrochen, aber da – da – sind wir alle drei sitzengeblieben.«

»Alle drei? Donnerwetter, das hat ja geschafft. Woran lag's denn?«

»Am Singen, am Wandern! Wir wollten auch ein Drama schreiben und so allerlei,« bekannten die drei treuherzig. »Aber Michaeli kommen wir nach. Es geht jetzt wieder, darum haben wir jetzt auch wandern dürfen, wir haben toll gebüffelt.«

»So hat also die Rabenburg die ungewöhnliche Ehre, drei sitzengebliebene Wandervögel zu begrüßen,« neckte Herr von Tracht. »Nur herauf- und hereinspaziert! Soll es ein Feiertagsbesuch werden?«

»Wenn wir dürfen, schrecklich gern!« Daß dies Wort keine leere Redensart war, bewiesen die strahlenden Augen, mit denen die Ottonen den Berg hinanstiegen. Singend zogen sie durch das Tor in die Burg ein, und gerade wollte Purzel scheu vor dem Stadtbesuch entweichen, als er verdutzt ob eines seltsamen Geräusches stehenblieb, »'ne Krähe schreit,« sagte er verwundert und zeigte auf Otto III Rucksack.

»Keine Krähe, ein Rabe, und diesen Raben haben wir hierher bringen müssen; wir haben's versprochen.«

Otto III löste einen Kasten von seinem Rucksack, der sich bei näherem Zusehen als ein alter Vogelbauer entpuppte; in ihm saß ein Rabe. Ein großer dicker Vogel mit einem ungemein schläfrigen Gesicht.

»Woher stammt denn dieses Untier?« fragte Herr von Tracht.

»Von der Rabenburg, wenigstens aus dem Walde, und hierher soll er zurück,« sagten die Ottonen geheimnisvoll und dann erzählten sie, wie sie damals Krachkrach entführt hatten. »Der Herr, der ihn uns abgenommen hat, war ein Amerikaner, der in Hamburg eine Zeitlang wohnte. Wir haben ihm unsere Wohnung gesagt, weil er uns Briefmarken schicken wollte. Das hat er auch getan, wir haben gedankt, dann hat er uns noch einmal Marken geschickt und vor Ostern hat er geschrieben, er müßte nun wieder nach Amerika zurück und ob wir nicht den Raben nehmen wollten. Und wenn wir mal wieder hier in den Wald kämen, dann sollten wir ihn hier freilassen. Es tat' ihm so leid, das arme Tier fremden Menschen zu geben, und nach Amerika mitzunehmen, ginge nicht. Wir haben natürlich ›ja‹ geschrieben und Herr Christian hat uns den Raben geschickt und sehr viele Marken, ganz seltene Stücke dabei. Er hat auch noch geschrieben, der Rabe hieße Hans und wäre unglaublich dumm und gefräßig, und das stimmt.«

»Kraach!« Das dicke Tier sperrte seinen Schnabel auf und sah sich um, als wäre er vom Monde heruntergefallen. Dieter, Gundula und Purzel jubelten laut, aber ihr Lachen fand bei den Erwachsenen keinen Widerhall, Frau Susannes Stimme schwankte und zitterte als sie fragte: »Wie nanntet ihr den Herrn?«

»Herr Christian, heißt er.« Otto 1 sprach den Namen englisch aus. »Er ist aber Deutscher von Geburt, lebt nun lange in Amerika, ist Kaufmann und hat schon die halbe Welt bereist.«

»So, so, Kaufmann, hat viel Geld, na ja, das paßt auch gut für –« Herr von Tracht verschluckte die letzten Worte und sagte seltsam rauh und kurz: »Sorge für unsere Gäste, Justus, ich habe noch etwas zu tun, komm, Susanne.«

Die beiden alten Leute gingen still zusammen in die Burg und die drei Wandervögel sahen ihnen verwirrt nach. War es vielleicht nicht recht, daß sie gekommen waren?

Doch die Freude der Kinder war herzlich und da auch Justus, wenn auch sehr schweigsam, gut für die Gäste sorgte, so vergaßen sie bald den kurzen Empfang. Sie saßen mit den Burgkindern und Purzel im Rosenwinkel, schmausten Berge von Schnitten, tranken Milch dazu und stimmten nachher, so dicksatt sie waren, doch ihre Lieder an. Und weil der Wald so maifrisch zu ihnen heraufrauschte, sangen sie sich zur Lust und ihm zur Ehr' ihr Lieblingslied:

»O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald.«

Das Lied sank zum Walde nieder und stieg auch zur Burg hinauf und Frau Susanne hörte es, die saß weinend am Fenster, ihr Mann schritt mit finsterer Miene auf und nieder in dem großen Gemach.

»Das Lied,« schluchzte die Frau, »das hat er im Winter gesungen, nun weiß ich es, er war damals hier –«

»Und fand den Weg nicht zu uns,« grollte Herr von Tracht.

»Weil er deinen Zorn fürchtete, Liebster.«

»Weil er feige ist. Feige ist dieser Mr. Christian, der ein Fremder geworden ist und seinen guten edlen deutschen Namen vergessen hat, wie wohl viele andere auch. Gut, daß er sich anders nennt, denn feige waren die Trachts nie, ein Feigling darf den Namen nicht tragen.«

»Er ist nicht feig, er findet auch noch den Weg zu uns zurück,« sagte Frau Susanne still. Sie lauschte dem Liede der Wandervögel und dachte, wer dieses Lied singt, hat seine deutsche Heimat nicht vergessen. Und noch einmal sagte sie, und die Hoffnung tönte aus ihrer Stimme: »Er kehrt uns doch wieder und wenn er kommt –«

»Nehmen wir ihn auf wie den verlorenen Sohn,« sagte der Burgherr bitter. Und leise tönte es ihm im Herzen: Wenn er doch käme!

Frau Susanne aber mochte wohl ihres Mannes leise Herzensstimme gehört haben; sie trat zu ihm und sagte hoffnungsvoll: »Er kehrt uns doch wieder.«

Des Burgherrn Stirne glättete sich langsam und er wollte gerade seiner Frau ein gutes Wort sagen, als es schüchtern an die Türe klopfte. Auf das Herein! trat Hulda, die Köchin, in das Zimmer mit einer so kläglichen Miene, daß die Hausfrau erschrocken fragte: »Was gibt's?« Eine bange Ahnung kam ihr und sie rief: »Der Kuchen ist wohl mißraten?«

»Ach, nä, doch, der ist fein, aber –« Hulda seufzte schwer, »die dreie, Frau Baronin, die sind als wär'ns sechs, da langt der Braten nicht, da langt der Kuchen nicht, da langt der Pudding nicht, nischte niche langt.«

Frau Susanne nahm rasch ihre Schlüssel und ein heiteres Lächeln blühte auf ihrem Gesicht auf.

»Nur unverzagt, Hulda, wir schaffen's schon,« tröstete sie und ging mit der Köchin hinab, um zu beraten, wie man für die drei sorgen könnte, die für sechse aßen.

Von diesen Sorgen ahnten die Wandervögel nichts; die saßen im Rosenwinkel, waren guter Dinge und fanden wieder, es sei wie zur Minnesängerzeit. Sehr gut gefiel's auch Hans, dem Raben, der hatte so viel gefressen, daß er sich nicht rühren konnte, trotzdem sperrte er immer wieder seinen Schnabel weit auf.

»Er ist ein Vielfraß,« sagte Otto II ärgerlich, »Sinn fürs Höhere hat er nicht. Ich habe ihm einmal eine ganze Stunde lang vorgesagt: ›Hans, wo bist du?‹ Und was hat er getan?«

»Er hat es nachgesprochen,« rief Gundula erwartungsvoll.

»Fiel ihm nicht ein. Auf einmal schreit er krah und fällt stocksteif um. Geistige Überanstrengung dachte ich, aber es war nur Hunger, gemeiner Hunger, nicht eine Stunde konnte er sein, ohne zu fressen. Als ich ihm einen Bissen gab, war er gleich wieder munter und dann hat er gefressen und gefressen und sich gar nicht um meine weisen Lehren gekümmert.«

»Es wäre am besten, ihn gleich in den Wald zu tragen,« sagte Otto III.

»Ach, laßt ihn hier,« sagte Dieter bittend, »er kann auf dem Hof bleiben.«

»Wir haben's aber fest versprochen!« Otto I dachte an die Briefmarken und sein Versprechen und weil er das so ernsthaft sagte, widersprachen Dieter und Gundula nicht mehr.

Zeit genug war bis zum Mittagessen, und Justus, der zu Rate gezogen wurde, fand, es sei vernünftig, nicht aufzuschieben, was getan werden müßte. Also zogen die Geschwister, Purzel und die Wandervögel in den Wald, um dem Raben Hans die Freiheit zu geben.

Den Baum, auf dem das Nest der Huckebeine war, fanden sie freilich nicht, die Ottonen behaupteten jedoch nach etwa halbstündigem Wege: hier ungefähr sei es gewesen. Hans wurde aus dem Bauer gelassen, die bisherigen Pflegeväter hielten ihm eine ernste Abschiedsrede, in der sie ihn zur Mäßigkeit ermahnten, Gundula streichelte nochmals sanft das schwarze Gefieder, dann riefen alle einstimmig: »Flieg auf. du bist frei!«

»Kraaach!« Hans schrie faul und – blieb sitzen. Er glotzte dämlich umher, so, als wolle er fragen: »Was soll ich nun?«

»Er fliegt nicht!« Sechsstimmig klang es, erstaunt, ärgerlich in den Wald hinein, »er fliegt nicht.«

»Er hat das Fliegen verlernt,« klagte Gundula.

»Er ist zu faul,« behaupteten die Wandervögel.

»Man muß ihm 'nen Schubs geben,« sagte Purzel gelassen und setzte seinen Vorschlag gleich in die Tat um und wirklich das half, Hans breitete träge seine Flügel aus und flog empor. Eine Weile saß er dann über den Kindern auf einem Ast, bis er sich wieder aufschwang und tiefer in den Wald hineinflog.

»Er war sehr dumm!« Das war die Nachrede, die die Ottonen ihm hielten und dann vergaßen sie den dicken Hans über der Freude, Pfingsten auf der Rabenburg feiern zu dürfen. Während sie froh wieder der Burg zustrebten, flatterte Hans von Baum zu Baum und langsam kam ihm das Erkennen der Gegend. Das war ja sein Heimatwald, in dem er als Krachkrach im Huckebeinnest geboren worden war. Ja, wirklich, und nun erkannte er die Bäume, dort war der Weg zu den Eichen, zu dem Tal, an dessen Rande seiner Eltern Nest war.

Um die Mittagsstunde krächzte es laut. Bragi sollte es wissen, Muna, die Gute, und die jungen Königspaare, die nun schon im eigenen Neste hausten: Krachkrach war heimgekehrt.

Die Huckebeine schrien es durch den Wald: »Kommt alle, alle, seht unseren Krachkrach an!«

»Wie groß und stattlich er geworden ist,« staunte die Huckebeinin.

»Dicker als ich,« sagte Vater Huckebein ein bißchen niedergeschlagen. »Krachkrach, wo warst du? Erzähle, Krachkrach! O du lieber wunderschöner Krachkrach, nun bist du uns heimgekehrt.«

»Wie froh sind wir,« so krächzten seine lieben Verwandten durcheinander und Krachkrach saß auf dem Nestrand und sperrte den Schnabel auf; er hatte Hunger.

Aber daß einer, der heimkehrt aus der weiten, schönen Welt, hungrig wie nur ein Rabe sein kann, daran dachten sie alle nicht im stillen Tal. Alle Raben und auch die anderen Vögel wollten immer nur hören, was Krachkrach erlebt hatte, sie bedrängten ihn unausgesetzt mit Fragen und mahnten wieder und wieder! »Erzähle doch, erzähle!«

Noch nie hatte sich Krachkrach so anstrengen müssen. Er erzählte seufzend von seiner Gefangennahme, seine Reise im Suppentopf der Wandervögel und dann von einer Reise in die weite Welt hinein. Darnach hatte er ein gutes Leben in einem schönen Hause gehabt, er hatte sehr viel zu fressen bekommen von seinem Herrn.

»Hast du auch sprechen gelernt? Kannst du sprechen wie es die Menschen tun?« Mutter Huckebein ging fast auseinander vor Stolz über ihren weitgereisten, gebildeten Sohn. Sie schaute sich hochmütig um und sah auch zu Bragi hinüber. Sah der Alte doch nun, was aus ihrem Krachkrach geworden war!

Bragi saß wie immer mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Ast. Er hörte zu, aber er lächelte eigen, als Krachkrach von seinen Erlebnissen erzählte. Der war nun in der schönen Welt gewesen, hatte das Höchste erlebt, was ein Rabe erleben konnte und wußte nichts Besseres zu erzählen, als von den guten Bissen, die er erhalten hatte. Bragi richtete sich auf, sah scharf hinüber und schrie! »Er hat Hunger!«

»Kraaaah!« Krachkrach stieß einen Freudenruf aus und riß ungeheuer weit den Schnabel auf. Endlich jemand in der Heimat, der ihn verstand. Ja, wirklich, Bragi war der Weise, das mußte man sagen! Er dehnte sich breit und warf beinahe die ganze Familie dabei aus dem Neste, und als seine Mutter etwas erschrocken ihm eine Mäusehälfte brachte, da schluckte er, schnalzte und sperrte weit den Schnabel auf; er war noch lange nicht satt.

»Sie haben ihn hungern lassen, die schlimmen Menschen,« klagte die Huckebeinin, aber ein paar Stimmen riefen rasch von daher und dorther: »Dazu ist er zu dick! Faul ist er!«

»Er denkt, er ist ein großer Gelehrter geworden,« verteidigten die Eltern ihren Sohn und sie redeten von dem, was Krachkrach alles wüßte und was er nun leisten würde.

Dem dicken Hans wurde es dabei himmelangst. Er dachte an das gute Fressen bei den Menschen, dachte an sein bequemes Leben dort und er seufzte schwer.

»Stört ihn nicht, seht doch, er sitzt genau so da wie Bragi, der Weise« flüsterte seine Mutter und schaute ehrfurchtsvoll ihren klugen Sohn an. Er aber dachte: »Hier bleibe ich nicht, das ist mir zu anstrengend.«

Die Wandervögel auf der Burg dachten um die gleiche Zeit ungefähr das Gegenteil. Sie fanden es behaglich und sagten heimlich zueinander: »Ob wir wohl auch den zweiten Feiertag bleiben dürfen? Fein wäre es, wunderfein!« Mit dieser Hoffnung genossen sie den Pfingstsonnabend und sie spürten zum erstenmal, wie stimmungsvoll so ein Feiertagsabend sein kann. Es rüstete sich auf der Rabenburg alles zum Fest, aber ohne Hast und Lärm, über jeder Arbeit lag eine stille Lust. Justus schmückte das Tor, Hof und Flur mit Maien und als ihn die Kinder fragten: »Justus, was tust du jetzt?« da antwortete er feierlich mit dem alten Psalmenwort: »Schmücket das Fest mit Maien bis an die Hörner des Hochaltars!«

Gundula hatte es übernommen, alle Schalen und Vasen mit Blumen zu füllen. Sie pflückte im Garten und tat es fein sorgsam, niemand konnte eine Lücke sehen und dann half Otto II ihr beim Füllen und er bewies viel Geschick dabei. Gundula sagte anerkennend: »Du bist gar nicht tappig!«

Frau Susanne selbst schaffte noch in der Küche, alles sollte recht vorbereitet sein und dem Feiertag so wenig Arbeit als möglich bleiben. Die Mägde scheuerten; Franz, der Gärtnerbursche, säuberte noch die Wege im Garten, aber keiner lärmte sonderlich bei seinem Tun und als in Untersberg die Glocken das Fest einläuteten, war man auch auf der Burg feiertagsbereit.

Über das Wetter am Pfingstsonntag hätten nun Griesgrame wohl allerlei zu klagen gewußt. Es war kühl, die Sonne schien nicht immer, es regnete auch manchmal, aber auf der Burg fanden sie es alle wunderschön. Als die Ottonen am Morgen ihre Nasen hinausstreckten, da riefen sie vergnügt: »Wie das riecht, wie Pfingsten!« Sie standen geschwind auf, denn sie hatten es sich heimlich vorgenommen, der Schloßfrau ein Ständchen zu bringen. Justus, dem sie es anvertrauten, hatte gesagt: »Da müßt ihr aber arg früh raus!«

Nun arg früh war es, aber als die Ottonen auf den Burghof kamen, da fanden sie schon jemand im Garten mitten zwischen den Schwertlilien sitzen. Hans, der Rabe, war es. Fett und faul saß er da mit aufgesperrtem Schnabel, und Otto II rief zornig! »Der Vielfraß, da ist er wieder und Hunger hat er auch schon.«

»Den Hab' ich auch,« bekannte Otto III ehrlich, »darum laßt uns singen, dann gibt es bald Frühstück.« Sie stimmten ihre Lauten und jubelhell tönte es zu den Fenstern empor:

»Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur.

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig,
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch.

Und Freud' und Wonne
Aus jeder Brust
O Erd', o Sonne!
O Glück, o Lust!«

Da taten sich die Fenster in der Burg auf, gerade so wie es sich die Sänger gedacht hatten, nur fand es sich, daß schon alle Burgbewohner aufgestanden waren, bereit, Pfingsten zu feiern.

Sie waren aber auch bereit, noch einen neuen Gast aufzunehmen und Krachkrach, genannt Hans, fand eine viel liebevollere Aufnahme als die Wandervögel ihm zugedacht hatten. Man nahm ihn auf zur Pfingstfreude, die Kinder freuten sich laut, die Alten freuten sich heimlich an seiner Wiederkehr. Er wurde so viel gestreichelt, bekam so viele gute Bissen, daß kein Rabenruf draußen ihn in den Wald zurücklockte. »Er ist zu klug geworden für uns,« klagten die Huckebeine, »aber vielleicht kommt er später einmal wieder und wird dann für uns alle ein zweiter Bragi.« Der dicke Hans dachte an keine Rückkehr, ihm gefiel das Burgleben und die Ottonen sahen nicht ohne Neid auf ihn, als sie am dritten Feiertag Abschied nahmen. Mit schwerem Herzen, sie hatten das allerfröhlichste Pfingstfest auf der Burg gefeiert, mit Kirchgang, Dorfbesuch und langen schönen Waldwanderungen und sie sagten: »So war Pfingsten noch niemals!«

»Du Vielfraß!« rief Otto 1 dem dicken Hans zu, »du hast es gut, kannst bleiben, wir müssen weiter, es ist ein Jammer. O, du schöne, schöne Burg, leb wohl!«

»Auf Wiedersehen im August, auf Wiedersehen!« riefen die Geschwister den Abziehenden nach.

Die winkten und nickten lachend zurück. »Ja, im August, im August!« Rüstig wanderten sie in die blaue Ferne hinein und sie redeten dabei von dem Sommer, der hell vor ihnen lag: an dunkle Wetterwolken, die aufsteigen und alle Sommerschönheit zerstören können, dachten sie nicht.

Auch Dieter und Gundula dachten nicht an dunkle Tage. Die sahen den Frühling vergehen, sahen den Sommer kommen und eines Tages sagten sie zueinander: »Heute vor einem Jahr kamen wir an.« Sie liefen an diesem Tage den Weg, den sie damals gegangen waren und als sie heimkehrten, lasen sie wieder, wie oft, die Sprüche am Tor, lasen andächtig:

In Trübsal und in Not,
Im Leben und im Tod
Verlaß uns nicht, HERR GOTT!

15. Kapitel. Der große Rabenflug.

Rara und Kara saßen auf ihren Nestern und jubelten laut in den Wald hinein. Jede von ihnen hatte drei Kinderlein im Nest. Wunderfeine, kleine Rabenkinder, so meinten die Mütter. Menschen hätten vielleicht die federlosen Unholde mit den großen Schnäbeln sehr häßlich gefunden, die Rabenmütter aber dachten, es könne nichts Lieblicheres und Holderes auf der weiten Welt geben, als ihre Kinder. Und Hugi und Hogi sagten genau so, kein König der Erde kann stolzer auf seine Prinzen und Prinzessinnen sein, als die Rabenväter es auf ihre Söhne und Töchter waren. Sie flogen von Baum zu Baum und verkündeten ihr Glück, sie flogen aber zuerst zu Bragi, dem Weisen, dem Urahnen. Doch Bragi nickte nur, schien die Botschaft kaum zu hören, das kränkte die beiden Rabenväter tief und sie schalten nachher mit Vater Huckebein und etlichen anderen über Bragi. »Er ist zu alt,« sagten sie, »er versteht uns Junge nicht mehr. Als er noch eine Frau hatte, die ihm Junge ausbrütete, hat er wohl anders geredet. Jetzt tut er, als ginge ihn das gar nichts mehr an.«

»Er ist schwach,« krächzte Huckebein, »er sitzt den lieben langen Tag auf der Eiche und schläft und wenn ihm Muna, die Gute, nicht Nahrung zutragen würde, so müßte er verhungern.«

»Ja, er schläft zu viel, er dürfte darum nicht mehr unser Herrscher sein,« grollte einer.

Doch das mochten Hugi und Hogi nicht hören, sie flogen zurück zu ihren Frauen und erzählten denen von Bragi. Da sagte Rara:

»Scheltet ihn nicht, alte Leute denken wohl andere Dinge als wir junge, aber unsere Königin lehrte uns das Alter ehren.«

Bragi, der Weise, dachte auch wirklich andere Dinge in diesen Sommertagen. Er schlief nicht, wie die Jungen, die Unverständigen meinten, er saß immer und lauschte den Liedern der Winde. Seltsam klangen die und unheimlich, es war lange, lange her, seit die Winde solche Lieder gerauscht hatten.

Von Ost und West, von Nord und Süd sangen die Winde nur das eine Lied:

»Wehe ihr Völker, ihr armen,
Wehe, die ihr träumt
Selig im Frieden der Heimat,
Und nicht denkt an Krieg,
An der drei Reiter Ritt,
Wehe ihr Völker, wehe, wacht auf!

Wir sehen, sie reiten die drei.
Sie sprengen das Höllentor,
Krieg schwingt die Fahne,
Hunger folgt seiner Fährte,
Pest schließt die Reih.
Weh euch ihr Völker, wehe!«

Bragi saß geduckt auf seinem Ast. Wie ein Unwetter zog das Lied der Winde über ihn hin, es gellte ihm in den Ohren und er vergaß den Schlaf. Hellwach saß er Tag und Nacht auf seinem Eichenwipfel, bis er endlich in einer linden warmen Nacht laut seine Stimme erschallen ließ. Er schrie so gellend über den Wald hin, daß der aus seinem Schlaf erwachte. In ihren Nestern erzitterten die Raben, sie verließen die Bäume und flogen dem stillen Tale zu.

Bragi hatte seine Fittige ausgebreitet, den Hals weit vorgestreckt, so schrie er lauter und lauter in die Nachtstille hinein. Seine Augen funkelten und wie er so auf seinem Baume saß, dachten alle, die ihn kurz vorher alt und verschlafen gescholten hatten! »Er gleicht einem Adler.« Sie neigten sich vor ihm und riefen: »Bragi, du hast uns gerufen, Bragi, befiehl, wir gehorchen dir!«

»Seid ihr alle gekommen?«

»Kara und Rara fehlen, sie hüten die Kleinen, aber sie hören uns.«

Bragi nickte, er sah wie die Schwestern auf ihren Nestern saßen und zu ihm hinhorchten.

»Rüstet euch, ihr, die ihr vom alten heiligen Geschlecht der Wodansraben abstammet, zum großen Fluge. Das Land ist in Gefahr, wir Raben müssen wachen und fliegen.«

Wild gellten die Schreie der dunklen Vögel über den Wald. »Das Land in Gefahr! Das Land in Gefahr!«

Auf ihren Nestern schlugen Kara und Rara mit den Flügeln; was Bragis Worte zu bedeuten hatten, wußten sie, denn ihre Base, die Königin Rikra, hatte ihnen von dem großen Rabenfluge erzählt. Wir müssen mit, es ist die höchste Ehre, mitzufliegen und wir sind aus königlichem Stamme,« rief Kara.

»Unsere Kinder,« sagte Rara.

Bragis Blick ruhte auf den Schwestern. »Kommt ihr, oder bleibt ihr?« fragte er hinüber.

»Wir müssen bei unseren Kindern wachen,« riefen beide zurück.

Bragi flog auf, flog zu den Nestern der schönen Schwestern hin und die dachten erschrocken: er zürnt uns, Bragi will uns strafen. Doch der alte Rabe strich mit seinem Flügel über die Rabenkinder: »Ihr werdet wachsen und stark werden, denn ihr habt getreue Mütter. Nun auf zum Flug!«

Jäh stieg Bragi in die Höhe und alle staunten über die Kraft seines Flügelschlages. Er flog voran, Hogi und Hugi, Muna, die andern und auch die Huckebeine folgten ihm, denn auch sie waren aus edlem Geschlecht. Sie flogen über den Wald hinweg und über die Burg.

Herr von Tracht, den jetzt schwere Sorge wenig schlafen ließ, war auf den Schloßhof gegangen, er stand an der Mauer und sah in das schweigende, schlafende Land hinein. Das ruhte im Frieden der warmen hellen Nacht und der Himmel überwachte mit seinen Millionen Sternaugen den Schlummer des Landes. Es war so hell, daß sich Wiesen, Wasser und Wald voneinander schieden und es war doch so dunkel, daß jedes Haus im Dorf einem dicken Schattenhaufen glich. Kein Licht brannte mehr im Dorf und so weit der Burgherr sehen konnte, er sah nirgends ein Licht funkeln. Sie schlafen alle, dachte er, und sorgen sich nicht und doch ist unser Land von Feinden umstellt. Sind wir nicht zu sorglos? Er seufzte schwer, denn das, was er jetzt in den Zeitungen las, erfüllte ihn mit Unruhe. Schauten nicht einmal wieder überall an den Grenzen böse, neidische Augen in das deutsche Land hinein, das so sanft im Sommerfrieden ruhte?

Und wie er so stand und sann, an die Kriegsnot vergangener Zeiten dachte, rauschte es plötzlich über ihm. Große dunkle Vögel flogen über die Burg und als sie gerade über ihm waren, stießen sie laute Schreie aus. Raben jetzt unterwegs in dieser Nachtstunde? Er sah ihnen nach, sie flogen sehr rasch und verschwanden bald in der Ferne.

Raben des deutschen Landes, Schicksalsvögel! Flogen sie vielleicht wieder um den Kyffhäuser, den sagenhaften Berg, wollten sie sehen, ob des Reiches Wächter wachten?

Der Burgherr stand noch lange an der Mauer und sah auf das schlafende Land nieder, er wartete, ob die Raben wiederkehren würden. Doch die waren schon weit. In rasendem Fluge sausten sie vorwärts. Wenn die Jungen einmal langsamer fliegen wollten, dann mahnte Bragi: »Eilt, eilt, es ist keine Zeit zur Rast.«

»Wie er fliegen kann, der Alte,« sagten die Jungen ehrfurchtsvoll zueinander. Auch ein bißchen neidisch waren sie und sie schlugen mit den Flügeln, spannten sie weit, setzten ihre ganze Kraft ein und doch war Bragi, der Alte, ihnen immer ein Stück voraus.

Mitternacht war längst vorüber, ein ganz zarter rosiger Schein stand schon am Himmel, da erblickten die Raben einen mäßig hohen Berg, das Land ringsum war flach und so mußte man von jenem Berg einen weiten Blick haben. Zu ihm strebten in dieser Nacht noch viele Raben hin. Aus allen, allen Himmelsrichtungen kamen sie, immer in kleinen Zügen und sie grüßten sich alle mit dem Ruf, den nur die Nachkommen der uralten Rabengeschlechter kennen. Als sie alle über dem Berg schwebten, flog Bragi aus dem Kreise heraus und zwei andere schlossen sich ihm an. Diese drei begannen im Kreise um den Berg zu fliegen und still folgten ihnen die anderen. Dreimal umzog der dunkle Zug den Berg und dreimal stieß Bragi zuerst den hellen, hohen Schrei aus, die anderen fielen ein und dann lauschten sie alle nach dem Berge hin – kam keine Antwort?

Doch es blieb alles still und als die Sonne aufging, flogen die Raben heimwärts. Ihr Flügelschlag war matt, ihr Schreien war verstummt, müde kehrten sie in ihre Nester zurück. Bragi krächzte nicht einmal an diesem Tag, unbeweglich saß er auf der Eiche. Aber als die Nacht kam, gellte sein Schrei wieder über den Wald und noch rascher als vorher flogen die Raben herbei. Sie ordneten sich schnell zum Zuge und überflogen wieder den Wald, die Burg, das schlafende Land und wieder schlossen sie sich über dem Berg zum Kreise und dreimal gellte ihr Schreien in die Stille hinaus.

Beim dritten Schrei war es, als käme ein dumpfes Stöhnen aus der Tiefe, nun hielten die Raben einen Augenblick im Fluge an, drinnen blieb es aber still und wieder flogen die dunklen Vögel heimwärts. Und sie umkreisten am dritten Tage, wie am ersten Tage, den Berg, aber diesmal tönte es schon nach dem ersten Schrei aus der Bergtiefe heraus! »Ich wache und höre!«

Dreimal schrien die Raben, dreimal gab die Stimme Antwort. An diesem Morgen eilten die Raben nicht heimwärts, sie ruhten auf Bäumen in der Nähe des Berges und flogen dann in alle vier Himmelsrichtungen hinaus.

Bragi und die Seinen reisten nordwärts. Sie flogen über ebenes Land, da wogten der Felder goldene Breiten und die Lerchen sangen: »Erntezeit, Erntezeit, jubili, jubili, Erntezeit!«

In der Ferne tauchten die Wände eines dunklen Gebirges auf, hier waren die Berge noch höher als um die Rabenburg herum, die Wälder waren tief und weit. Hugi fragte! »Horsten keine Raben hier?«

»Sahst du sie nicht, sie waren im Zuge und flogen westwärts,« gab Bragi zur Antwort. Als aber die Jungen rasten wollten, mahnte er: »weiter, weiter, Ruhzeit und Rastzeit sind vorbei.«

Über weites, weites Heideland ging der Flug. Auf dunklen Mooren blühten Sumpfblumen, Schafherden zogen über sanft gewelltes Weideland und kleine dunkle Dörfer lagen da, als wären sie aus der Erde herausgewachsen. Eine alte Stadt kam, ein Fluß, wohlhäbige Heimstätten und Felder, Felder.

Das Brot reifte dem Lande zu, reifte in Frieden, würde es auch in Frieden geerntet werden? Nur Bragi dachte es, die anderen Raben hatten zu viel zu schauen, zu neu, zu fremd war ihnen alles, auch begannen sie zu ermatten. Aber wieder mahnte der Alte: »Ruhzeit und Rastzeit sind vorbei,« und er schrie ins Weite, daß sein Ruf wie ein Pfeil dahinschoß.

In der Nacht erreichten die Vögel das Meer. Der Mond stand darüber und schenkte jeder Welle eine silberne Krone. Die Wellen sangen, aber die Vögel, die aus dem Lande kamen, verstanden ihre Lieder nicht, nur Bragi wußte sie zu deuten und er hörte das Meer das Lied der Nordwinde brausen. Nur zorniger klang es und wilder und manchmal kreischten die Wellen wie böse Vögel, ganz hoch sprangen sie dann vor Zorn und Wut.

Zwei Tage umkreisten die Raben das Meer, flogen hierhin und dorthin, schwebten über Helgolands Felsenriffen, sahen die kleine grüne Insel liegen und sahen in den Häfen Schiff neben Schiff. Die Möwen ängstigten sich sehr, sie meinten, die Raben wollten nun Wasservögel werden, wollten sie verdrängen; von der Pflicht der dunklen Vögel wußten sie nichts. Die aber flogen am dritten Tage wieder landeinwärts, sie flogen vom Morgen bis zum Abend und als sie am Berge wieder ankamen, trafen sie dort auch die Gefährten.

Sie umkreisten wieder den Berg, aber kaum hat Bragi den ersten Schrei, als es schon innen rief: »Was saht ihr? Sind es der Feinde viele, die das Reich bedrohen?«

»Viele, viele, wie Sand am Meer. Sie kommen von Ost und West, kommen vom Norden her, Falschheit und Tücke umlauert das Reich!«

»Wehe!« klagte die Stimme. »Sagt, ist das Reich wohlbehütet?«

»Es ist's,« riefen die Raben alle, nur Bragi schwieg.

Da tönte die Stimme aus der Tiefe herauf, grollend klang sie: »Bragi schweigt, fliegt er nicht um den Berg?« Und jäh wichen alle Raben zurück, einzig allein Bragi blieb über dem Berge in der Luft hangen und Bragi erhob gellend seine Stimme. Ein Schrei war es, eine Klage. Des Reiches Wächter klagte Bragi, der Weise, an. »Sie kennen nicht des Feindes Tücke, sie sehen rückwärts und nicht vorwärts!«

Ein Weheruf drang schaurig aus dem Berge heraus, ein Schrei nur war es, dann verstummte die Stimme in der Tiefe. Es wurde ganz stille ringsum, so als wäre jemand gestorben und die Raben umkreisten noch einmal den Berg und kehrten dann in ihre heimischen Wälder zurück.

Die Sonne stand schon hoch, als Bragi und die Seinen wieder über der Rabenburg anlangten. Die Schloßbewohner standen alle im Burggarten, als die Raben über die Burg flogen, die schrien laut und die Menschen schauten auf. »Es braut sich was zusammen, die Raben schreien so viel,« brummte Justus.

Gundula sah zum Himmel auf. Im blauen Luftmeer schwammen unschuldige weiße Wölkchen, keine drohende Wetterwolke war zu sehen. »Es kommt doch kein Gewitter, Justus,« sagte sie ärgerlich, »es ist so schön.«

»Und doch hat der Justus recht, es braut sich was zusammen am Himmel der Welt und dunkle Wolken hängen über unserem Lande,« sagte der Oheim. »Es wird Krieg geben!«

»Krieg!« riefen die Kinder laut, erschrocken, Justus sagte es gedämpft nach. Frau Susanne schwieg, was ihr Mann aussprach, hatte sie geahnt.

Laut schrien die Raben über der Burg, des einen Schrei gellte den anderen voran, dann verschwanden die Vögel im Walde.

»Ich fürchte mich,« rief Gundula bebend und schmiegte sich an die Tante an. Die schüttelte den Kopf und streichelte sie sacht: »Wir wollen uns nicht fürchten vor dem was kommt, wir wollen tapfer sein. Und vielleicht, vielleicht geht der Sturm vorüber, es hat schon manchmal ein Wetter am Himmel gestanden und zog dann vorbei. Vielleicht geschieht das auch diesmal.«

16. Kapitel. Bragis Tod.

Am nächsten Tag ging Herr von Tracht zur frühen Nachmittagsstunde allein in den Wald. Um diese Zeit ruhte er sonst. Heute trieb ihn die Sorge und Unruhe hinaus in die Stille. Doch im Walde war es auch lauter als sonst um diese Stunde, und selbst das Lied der Waldseele wurde mitunter übertönt durch das vielerlei Schreien, Zwitschern und Zirpen der Vögel, durch das Raunen und Rauschen der hohen Bäume. Die Raben ruhten nicht nach ihrem langen Fluge, hierhin und dahin flatterten sie, die Krähen krächzten laut, denn es bekümmerte sie, daß sie bei dem Fluge nicht hatten dabei sein dürfen. Sie ärgerten sich auch alle über die Huckebeine, die sich vor Stolz über ihr vornehmes Geschlecht noch mehr denn je aufplusterten.

Nur Bragi saß schweigend auf seiner Eiche im stillen Tälchen. Über dem glänzte der Himmel saphirblau, die Sonne liebkoste jedes Blatt, jeden seinen Grashalm, und die Schmetterlinge hielten wieder einmal heitere Zwiesprache mit den Blumen des Tälchens. Bragi sah nichts von der heiteren Schönheit des Sommertages, er saß aus dem untersten Ast der Eiche, dort saß er, seit er von dem großen Fluge zurückgekehrt war. Muna, die Gute, hatte ihm Speise gebracht, doch er hatte nichts angerührt, ihre Fragen blieben unbeantwortet und als Muna Bragi so unbeweglich sah, da dachte sie in ihrem Herzen: Bragi wird sterben. Es ist wohl ein schlimmes Schicksal, das dem Lande droht. Und dann flog sie zu Rara und Kara und die drei stimmten leise ein uraltes Lied an, das nur sie kannten. Muna hatte es den Schwestern gelehrt:

»Wehe, wir Raben,
Schweres Schicksal wir tragen.
Wir sehen,
Wir hören
Was noch verborgen
Blieb den Blicken
Der mächtigen Menschen.
Wehe uns, wehe!
Schicksalsvögel wir sind.
Wollen wir weise warnen,
Schelten schrill unsere Stimmen
Die törichten Menschen.
Wehe uns, wehe!«

Hörte Bragi das Lied?

Er rührte sich nicht, auch als der Herr des Waldes in das Tälchen kam, blieb er sitzen. Der trat zu ihm heran, strich sacht über das schwarze Gefieder und sagte halblaut: »mir ist's als wären wir zwei alte Bekannte.« Da sah ihn Bragi an und Herr von Tracht erstaunte über den klugen Blick des alten Vogels. Er setzte sich auf die Steine, neben der Eiche, da war sein Kopf neben dem Bragis und unverwandt hielt der seinen Blick auf ihn gerichtet. »Du siehst mich an, als wüßtest du, was vorgeht in der Welt,« murmelte er. »Sag' es mir, flogst du gestern über meine Burg, weißt du, was dem Lande droht?«

»Wie seltsam klingt Bragis Stimme!« rief Rara ihrem Manne zu. Sie beugte sich weit aus dem Nest, aber was Bragi da unten krächzte, verstand sie nicht. Verstand es denn der Herr des Waldes?

Der saß auf den Trümmern des Hauses, das einst seinen Vorfahren Schutz in schwerer Not geboten hatte, und er lauschte der Stimme neben sich. Was war es, das Bragi dem alten Herrn erzählte?

Von Gunnar und Segimer kündete er, wie einst die neue Lehre den alten Glauben überwunden hatte. Kannte denn der Burgherr die alte Sage noch nicht? Er kannte sie wohl, aber es war ihm doch, als höre er sie zum ersten Male. Den Pflegesohn hatte Gunnar verstoßen und hatte ihm dann doch das andere Denken verziehen.

Andere Zeiten, andere Gedanken. Herr von Tracht dachte an den Pflegesohn Christian, der kein Soldat, der ein Kaufmann hatte werden wollen, und der manches veraltet genannt, was sein Pflegevater hochhielt. Und wie er nach darüber nachsann, begann Bragi von Herrn Reinmar am Bühl zu erzählen. Ja, kannte denn der Herr der Burg nicht ihrer Gründung Geschichte? Doch, er kannte sie wohl, aber er hatte lange nicht an Herrn Reinmar gedacht, an sein tapferes Wiederaufbauen.

Wie viel wußte doch Bragi. Er kannte auch die Geschichte der Flüchtlinge, die in diesem Tal vor den Feinden sich verborgen hatten. Er kannte sie so gut wie Herr von Tracht selbst und der dachte: sonderbar ist es doch, daß mir der Rabe alle die alten Geschichten erzählt, es ist beinahe, als ob er mich mahnen wollte, den Mut nicht zu verlieren. Vielleicht weiß er auch von den goldenen Ringen, die meine Urgroßeltern Anno 1813 dem Vaterlande opferten, damals als sieben Jahre Fremdherrschaft über dem Lande lag. Und er dachte an die Briefe der Urgroßmutter, die er besaß und in denen immer wieder zu lesen stand: »Wir harren aus, wir verlieren den Mut nicht, unser Vaterland kann nicht untergehen.«

»Du alter Gesell,« rief er plötzlich, »mit siebzehn Jahren zog ich 1870 hinaus, ich focht bei Sedan mit und ich weiß – wir werden wieder siegen!«

Es ging ein Schauer durch den Wald, so laut und weh gellte Bragis Stimme. Die Raben erschraken, was verkündete ihnen Bragi »der Weise«. Seltsam war es, sie hörten ihn alle rufen, es verstand aber keiner seine Sprache. Nur einer hörte, was Bragi redete, das war der Herr des Waldes und der saß gebeugt auf den Steinen, saß da, als brause ein ungeheures Wetter über ihn hinweg.

Um diese Nachmittagsstunde ging einer auf dem stillen Waldweg, den vor einem Jahr Dieter und Gundula gegangen waren, der Rabenburg zu. Doch als er die vor sich auftauchen sah, schlug er einen Seitenweg ein, und als er es tat, schalt er sich selbst feige. Er wußte doch, er mußte auf die Burg gehen, aber trotzdem schritt er erst in den schmalen Zickzackpfad ein, der zu dem stillen Tälchen führte. Wer dem goldete der Abendsonne Schein, als er es betrat und als er so aus dem Dämmer des Waldes heraustrat, blendete ihn erst das klare Licht. Er blieb stehen und sah in das Tälchen hinein, da sah er unter der ältesten Eiche jemand sitzen, den er suchte und dem zu begegnen er doch bangte.

Herr von Tracht wußte gar nicht, wie viele Stunden er im stillen Tal der Flüchtlinge gesessen und Bragi gelauscht hatte. Oder hatte der gar nicht gesprochen? Hätte er vielleicht nur von all den alten Geschichten und der schweren Zukunft geträumt?

Der fremde Schritt schreckte den Waldherrn auf, er rieb sich die Augen und er mußte sich erst besinnen, wo er eigentlich war. Da sah er einen Fremden nicht weit von sich stehen, dessen Gesicht war überflutet vom Schein der Abendsonne und Herr von Tracht mußte plötzlich denken, so stand wohl einst Segimer der Abtrünnige, vor seinem Pflegevater.

»Christian,« rief er, »kommst du – endlich wieder!«

»Vater!« Da kniete Christian von Tracht neben seinem Pflegevater unter der alten Eiche und der blickte ihn ohne Zorn milde an. »Ich habe auf dich gewartet,« sagte er. »Ich dachte, jetzt müßtest du kommen, jetzt, wo es vielleicht Krieg gibt.«

»Nicht nur vielleicht – es ist entschieden, Vater. Ich war in England, da spürte ich es und kam noch zur rechten Zeit heim.«

»Und willst du mit in den Krieg ziehen?«

»Ja, Vater!«

»Und wolltest doch immer kein Soldat sein?«

»Ich denke noch so, Vater, aber ich kenne meine Pflicht. Deutschland in Not, da fehlt kein ehrlicher Mann!«

Herr von Tracht sagte nichts, er hielt nur des Pflegesohns Hand fest umschlungen und er dachte an die Tage, die nun kommen würden, ernste, trübe, schwere Tage. Hatte er nicht vorhin eine Stimme neben sich über Deutschlands Schicksal klagen hören? Er sah sich um, wo war der Rabe hingekommen? Der saß nicht mehr auf dem Ast, aber da bückte sich Christian von Tracht plötzlich und hob einen schwarzen Vogel auf. »Ein toter Rabe liegt hier,« sagte er, »er ist noch ganz warm, er muß eben gestorben sein!«

Bragi, der Weise, war tot.

»Ein Schicksalsvogel!« Herr von Tracht nahm den toten Bragi sacht dem Sohne aus der Hand, er streichelte das schwarze Gefieder, fühlte, ob nicht noch Leben in ihm wäre. Aber Bragis kleines tapferes Herz war gebrochen.

»Willst du ihn mitnehmen und ausstopfen lassen?« fragte Christian.

Sein Pflegevater schüttelte den Kopf. »Er soll hier in dem Walde ruhen, wo er gelebt hat.« Und mit der scharfen Spitze seines Stockes warf Herr von Tracht etwas Erde auf, er legte Bragi in die kleine Grube, warf die Erde wieder darüber, dann hob er einen großen Stein auf und deckte ihn darüber, daneben steckte er einen Eichenzweig. »Nun ruht er in einem Hünengrabs wie die alten Helden der Vorzeit,« sagte er nachdenklich.

Miteinander verließen die beiden Männer das Tal der Flüchtlinge, ihnen nach tönte lautes klagendes Geschrei. Die Raben flogen alle zusammen, »Bragi ist tot, Bragi ist tot,« gellte ihr Klageruf durch den Wald. Und auf der Eiche, unter der Bragi begraben lag, sammelten sich die schwarzen Vögel und bis tief in den sinkenden Abend hinein klagten sie um den weisesten ihres Geschlechtes.

Das Klagerufen tönte den beiden Männern nach, die durch den Wald heimwärts schritten. Sie achteten nicht darauf, sie redeten von kommenden Tagen und ihrer Schwere. Am Burgtor blieb Herr von Tracht stehen. »Geh du voran zur Mutter,« sagte er zu dem Pflegesohn, »seitdem sie dich im Walde hat singen hören, wartet sie Tag um Tag auf dich.«

Da ging Christian von Tracht zu der gütigen Frau, die ihm Mutter gewesen war, und Frau Susanne nahm ihn an ihr Herz wie einst. Justus kam herbei, die Kinder drängten sich halb scheu, halb froh hinzu und eine Weile sang die Freude laut auf der Rabenburg.

Der Burgherr aber stand draußen vor dem Tor und las wieder den alten Spruch des frommen Ahnherren:

»In Trübsal und in Not,
Im Leben und im Tod
Verlaß uns nicht. HERR GOTT!«

wiederholte er andächtig.

Da tönte ein Klingen und Brausen von Untersberg herauf. Glockenklänge schwangen durch die Luft. Ernst, tief hallte und dröhnte es. über Deutschland war der Krieg hereingebrochen.