Der König von Rothenburg

Erstes Buch

I.

»Ich hätte das nimmer von dir geglaubt, Agnes! Habe immer gemeint, du seiest ein ehrbar Mägdelein, das etwas halte auf seinen Kranz. Statt dessen triffst du dich mit dem Gast unseres Hauses, Herrn Jakob Topler, des Abends im Laubengärtlein und liegest in seinen Armen und lässest dich von ihm küssen! O pfui, sage ich, und ich werde das nicht dulden, denn ich bin dir von deinem Vater selig zum Vormunde gesetzt bis zu deinem zwanzigsten Jahre. Nein, ich leide solch Wesen nicht, und ich werde dich zu den frommen Frauen von Sankt Clara in die Zucht geben, auf daß du ein sittsam Leben lernest.«

So redete in halb klagendem, halb strafendem Tone der ehrbare und vielmögende Ratsherr der freien Reichsstadt Nürnberg, Herr Ulrich Haller, zu seinem Mündel, der achtzehnjährigen Patrizierin Agnes Waldstromerin. Mit der Linken hielt er dabei seinen ehrwürdigen weißen Bart umfaßt, die Rechte hatte er drohend erhoben, so daß der ungeheure Türkis seines Siegelringes im letzten Abendlichte, das durchs Fenster hereinfiel, funkelte und blitzte.

Seine Worte schienen indessen nicht den gewünschten Eindruck hervorzubringen. Das junge Mädchen hatte zwar die Augen gesenkt, wie sich das bei einer Strafpredigt geziemt, aber es zuckte mehrmals wie ein verhaltenes Lachen um den vollen kirschroten Mund.

Als er aber zum Schlusse die Nonnenschwestern erwähnte, warf sie den zierlichen Kopf trotzig in den Nacken, und in den braunen Augen leuchtete es unmutig auf.

»Zuvor möcht ich doch wissen, wer dem Herrn Ohm das alles zugetragen hat,« versetzte sie schnippisch.

»Deß brauch' ich dir nicht Red' und Antwort zu stehn, du naseweise Dirn!« brauste der Ratsherr auf. »Achte dafür, daß mir's die Spatzen erzählt haben!«

»Ich weiß es auch so, Herr Ohm, – es war die Jungfer Brigitte. Und sie hat recht gesehen. Ja, ich habe in Herrn Jakobs Armen gelegen, und er hat mich geküßt, nicht nur einmal, wohl zwanzigmal.«

Dem Greise blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen, denn solche Keckheit war ihm selten begegnet. Aber während er noch entrüstet nach Worten suchte, fuhr das junge Mädchen in demselben heiteren und unbekümmerten Tone fort: »Er ist nämlich mein Bräutigam. Gestern habe ich mich ihm fest angelobt, und heute wollte er zu euch kommen, und mich wundert, daß es noch nicht geschehen. Er muß ernstliche Arbeit im Rathause haben.«

Der alte Haller war während dieser Worte in einen Armstuhl gesunken und sah noch verblüffter aus als vorher. »Dein Bräutigam?« stammelte er. »Nach dreien Tagen, daß ihr euch kennet?« Er lachte sarkastisch und schlug sich mit der Hand aufs Knie. »Wie das Federvieh läuft heute das junge Volk zusammen, als wäre die Ehe ein Fastnachtstanz und nicht vielmehr das gewichtigste Geschäft des Lebens! Und der Vater? Der Vormund? Die werden vorher nicht gefragt, die können nachher segnen, wenn die Jungen einig sind!«

Das Mädchen trat rasch auf ihn zu und faßte bittend seine Hände. »Es ist nicht so, wie der Herr Oheim meint,« sagte sie. »Vor anderthalbem Jahr weilte mein Herzliebster vierzehn Tage in unserem Hause, als er von Rothenburg gen Prag auf die hohe Schule zog. Da hat es mein Vater gern gelitten, daß er um mich schön tat und mich im Tanze schwenkte und mich heimgeleitete. Er hat mir auch damals in aller Heimlichkeit einen goldenen Ring verehrt – sehet, hier ist der Tag eingegraben, an dem er ihn mir gab: Sanct Ägidien 1405. Und er hat mir gelobt, wenn er wiederkehre, so wollte er bei meinem Vater um mich werben. Nun ist er wiedergekehrt, aber er muß bei euch werben, denn der liebe Vater ist tot.«

Der Ratsherr hatte sein Mündel unverwandt angeblickt, während sie redete, und als sie geendet hatte, erwiderte er in bedeutend milderem Tone als vorher: »Ich weiß, daß du nicht lügst. Aber dein Vater, wäre er am Leben, dächte heute auch wohl anders als damals. Anderthalb Jahre ändern oft viel.«

Das Mädchen blickte ihn betroffen an und zog die Brauen zusammen, indem sich ihr Antlitz dunkler färbte. »Hat der Herr Oheim etwas gehört wider Herrn Jakob Toplers Auf und Ehre?« fragte sie nicht ohne Schärfe.

»Nichts. Er hat ein gut Gerücht landauf und landab.«

»Also was könnte sich sonst geändert haben?« fuhr das Mädchen mit einem erleichterten Aufseufzen fort. »Ist nicht sein Vater, Herr Heinz Topler, Bürgermeister und Stadtmeister in Rothenburg und im ganzen Tauberlande so allmächtig, wie der liebe Gott in aller Welt?«

»Noch mächtiger fast,« warf der Ratsherr dazwischen.

»Und ist er nicht reich wie ein König?«

Der Alte lachte. »Wie ein König? Die beiden Könige, die jetzt ums deutsche Land hadern, Herr Ruprecht und Herr Wenzeslaus, die würden froh sein, wenn sie Heinrich Toplers Gut hätten. Auf achtzigtausend Goldgulden schätzt man es ein.«

»Warum also, wenn Ihr das alles selbst sagt, sollte mein Vater heut anders reden?«

»Weil dieses Mannes Größe ist wie ein Schlauch, den man mit Luft füllet. Er wächst und schwillt und wird immer größer und größer, und dann – ein jäher Knall, und die Fetzen liegen auf der Erde. So könnte es eines Tages ergehen mit Heinrich Toplers Glück und Herrlichkeit.«

»Wie, Herr Ulrich Haller, redet Ihr so von meinem Vater?« erklang es da von der Tür her. Ein hoher, breitschultriger Mann stand in ihrem Rahmen und blickte zürnend nach dem Greise hinüber. Wer den gewaltigen Bürgermeister von Rothenburg kannte, sah hier mit Staunen sein verjüngtes Ebenbild. Es war dieselbe Kraftgestalt und dasselbe mächtige Haupt, einem Löwenkopfe vergleichbar.

Der alte Patrizier wandte sich erstaunt, aber keineswegs erschrocken um. »Es war nicht für Euch bestimmt, Herr Topler,« sagte er. »Doch da Ihr als Freier kommt, wie diese sagt, so muß ich Euch ja ohnehin reinen Wein einschenken.« – »Lasset mein Mündel los!« gebot er streng, als der junge Mann dem Mädchen die Hand hinstreckte und sie die ihrige mit strahlendem Lächeln hineinlegte.

Der junge Topler richtete sich bei diesen Worten zu seiner ganzen Länge empor und warf dem Greise aus seinen stahlblauen Augen einen so blitzenden Blick zu, daß dieser unwillkürlich die Wimpern senkte. Aber er hob sie sogleich wieder empor und sah fest und furchtlos in das vor Zorn erblichene Gesicht.

»Ihr werdet mir das erklären, Herr Ulrich Haller!« rief Jakob Topler mit starker Stimme.

Der Ratsherr neigte bejahend das weiße Haupt. »Das wird und muß geschehen. Du aber, Agnes, laß uns allein.«

Die Jungfrau umfaßte stürmisch mit beiden Händen ihres Verlobten Rechte und sandte einen langen Blick voll heißester Zärtlichkeit zu ihm empor. Dann schritt sie, ohne ein Wort zu sprechen, schnell hinaus.

Ihr Vormund blickte ihr düster nach. »Es ist mir leid, Herr Topler, daß Ihr als mein Gast aus meinem Munde Worte gehört habt und noch zu hören begehrt, die Euch bitter sein müssen,« begann er.

»Ach, kommt zur Sache, Herr!« entgegnete Jakob Topler trotzig. »Was habt Ihr gegen meinen Vater, und warum weiset Ihr meine Werbung zurück? Ihr seid uns geschwägert und versippt, und ich hielt Euch für unsern Freund.«

»Zum ersten«, gab Herr Haller bedächtig zur Antwort, »habe ich gegen Euern Vater nichts. Das möget Ihr daraus erkennen, daß mein Sohn Andreas mit meinem Willen um Eure Schwester Katharina freien wird. Freilich nicht gleich, aber in kurzer Zeit– –«

»Was?« rief der junge Mann, »und bei dem allen– – – – –« aber der Greis schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab und fuhr fort: »Zum zweiten weise ich Eure Werbung nicht ab, aber ich stelle dabei eine Bedingung, dieselbe wie meinem Sohne, obwohl dieser sein Weib mit ihrem Heiratsgut zu uns nach Nürnberg bringt, indessen mein Mündel nach Rothenburg ziehen müßte!«

»Und diese Bedingung? Nennt sie!«

Haller beugte sich auf seinem Stuhle weit vor, und indem er den vor ihm Stehenden mit einem scharfen Blicke fast lauernd von unten bis oben musterte, sprach er langsam und jedes Wort betonend: »Wenn Euer Vater in zwei Monaten noch Bürgermeister in Rothenburg ist, gebe ich Euch die Agnes Waldstromerin mit meinem Segen.«

Es war eine Weile still in dem Gemache. Jakob Topler fuhr nicht auf, wie das nach seiner heftigen Art zu erwarten war, sondern er sah auf den Sitzenden mit einem Blicke hernieder, in dem Spott und Mitleid sich paarten. Dann warf er sich in einen Stuhl ihm gegenüber und rief mit einer nicht mißzudeutenden Bewegung nach der Stirn: »Bin ich's – oder seid Ihr's?«

Dem Ratsherrn stieg eine feine Röte ins Antlitz, aber er erwiderte ruhig und gelassen: »Ich erkenne: Ihr versteht mich nicht. Wie solltet Ihr auch? Ihr waret anderthalb Jahre fern von der Heimat, und Briefe sagen nicht viel, auch wird sich Euer Vater wohl gehütet haben, allzuviel zu schreiben.«

Er machte eine Pause und faßte dann mit einem Male seines Gastes Hand, »Herr Jakob, ich will offen zu Euch reden, denn Ihr seid ein Mann. Auch könnt Ihr's ruhig Euerm Vater künden, was ich Euch sage; er mag daraus ersehen, daß ich sein Freund bin, obschon ich vieles nicht billige, was er tut. Wollt Ihr mich anhören ohne Zorn?«

»So redet!«

»Sehet,« begann der Ratsherr, »Euer Vater und ich haben viel im Leben miteinander zu tun gehabt, immer als Freunde, er für Rothenburg, ich für Nürnberg. Wir standen Seite an Seite bei Reutlingen, da die Städte die Ritter schlugen, wir sind wohl auf zwanzig Reichstagen miteinander gegangen. Und doch lag zwischen uns immer eine tiefe Kluft, über die wir nimmermehr kommen konnten. Wißt Ihr, warum? Mein Wahlspruch war und ist: Schritt für Schritt. So habe ich langsam und bedächtig den Reichtum gemehrt, den mein Vater mir vererbte. Ihr aber seid von anderer Art, ganz andern Sinnes und Geistes. Toppeln heißt in unserer alten Sprache »spielen«, und wie Ihr heißt, so seid Ihr. Auch führt Ihr nicht umsonst zween Würfel in Eurem Schilde. Nun, Ihr habet gut getoppelt bisher, Ihr Herren Topler! Aber der Einsatz wird immer größer, und fallen die Würfel einmal nur gegen Euern Vater, so ist er ein toter Mann.«

Jakob Topler hatte regungslos zugehört, und keine Muskel in seinem Antlitz hatte gezuckt. Jetzt aber hob er schnell den Kopf und fuhr zusammen. »Wie meint Ihr das?« fragte er hastig.

»Ihr wißt, daß die Geschlechter in Rothenburg meist Euerm Vater gram sind. Sie wollen nicht, daß einer wie ein Fürst über sie gebietet. Ja, er hat Todfeinde unter ihnen, nicht einen, viele. Lange schon wühlen sie und suchen ihn zu fällen, jetzt meinen sie sich ihrem Ziele nahe. Denn Euer Vater will die Stadt beim König Wenzel erhalten, während doch König Ruprecht hier zu Lande der Mächtigere von beiden ist. Auch das wißt Ihr, Herr, denn Ihr tragt Briefe vom Böhmenkönig an Euern Vater.«

»Ich?« rief Jakob Topler, und über sein Gesicht schoß eine glühende Röte.

Haller lächelte. »Das war nicht schwer zu raten. Seid aber vorsichtig damit, es gibt in Franken manchen, der viel Goldes dafür geben würde. Doch davon nichts weiteres. Hält Euer Vater die Stadt bei Wenzel, so trifft sie König Ruprechts Acht und Aberacht. Dann würde der Burggraf Friedrich nicht säumen, hundert Fürsten und Grafen und Herren gegen Euch in den Sattel zu bringen, und es droht der Stadt die schwerste Fehde, die sie noch je bestanden.

Damit schüren Eures Vaters Feinde gegen ihn. In allen Bürgerhäusern und Trinkstuben Eurer Stadt raunt's und klingt's jetzt: ›Hätten wir den Topler nicht, so wären wir in König Ruprechts Gunst und brauchten vom Burggrafen von Nürnberg nichts zu fürchten.‹ Euers Vaters Anhang unter den ehrbaren Geschlechtern wird immer kleiner. Heut schreiben wir den zwanzigsten des Märzmondes, am ersten Wonnemond ist die neue Ratskürung. Siegt diesmal Euer Vater, so will ich glauben, daß er bis an seines Lebens Endschaft der Herr sein wird über Rothenbürg, denn dann kann nichts seine Macht erschüttern. So leid mir's tut, ich glaub' es nicht. Aber siegt er, dann möget Ihr fröhlich Hochzeit halten, mein Sohn mit Eurer Schwester und Ihr mit meinem Mündel. Eher jedoch nicht, denn bleibt Euer Vater nicht auf dem Bürgermeisterstuhl, so mag er in derselben Nacht flüchtig werden. Er wird wissen, warum. So stehts zurzeit in Rothenburg. Weiß nicht, ob Ihr wenig davon wußtet, oder viel.«

Indem begannen die Glocken von Sankt Sebaldus das Abendgeläut. Der Greis faltete sofort in seinem Stuhle die Hände, neigte das Haupt und sprach leise die Worte des Paternosters. Der junge Mann dagegen blieb aufrecht sitzen, als vernähme er die fromme Mahnung gar nicht und schaute starr und still vor sich hin.

Dann stieß er ein hartes Gelächter aus. »Fürwahr, Herr Ulrich Haller, Ihr wisset gut, wie's steht in unserer Stadt. Nur eines habt Ihr außer acht gelassen: Mein Vater hat sich niemals auf die Ehrbaren gestützt, auf die Geschlechter, immer auf die gemeine Bürgerschaft. So wird er auch jetzt tun und wird die Hunde ducken, und ich, so wahr mir Gott gnädig sei, werd' ihm dazu helfen!«

»Das dachte ich, Ihr seid ja von gleichem Holze. Ich aber erwarte den Ausgang. – Doch nun entschuldigt mich,« sagte er, sich erhebend. »Um diese Stunde komme ich zu einem Vespertrunke zusammen mit einigen Gefreundeten im Hause zum roten Stern. Mein Sohn Andreas wird gleich hier sein, um Euch in des Rates Trinkstube zu geleiten, wo ich Euch für heute bei Würfeln und rotem Weine zu vergessen bitte, daß es in meinem Hause eine Agnes Waldstromerin gibt. Morgen, bevor Ihr ziehet, möget Ihr dann in meiner Gegenwart von ihr Abschied nehmen. Für heute, Herr Jakob Topler, gehabt Euch wohl, und nehmet meine Rede nicht für ungut. Ich habe nichts gegen Euch, stehe Euerm Wunsche nicht aus Widerwillen im Wege, ebensowenig dem Wunsche meines Sohnes. Aber ich war von je ein fürsichtiger Mann, und bei Gott, ich will es bleiben.«

Er verließ mit seinem leisen, schlürfenden Schritte das Gemach, und Jakob Topler wandte sich mit düsterer Miene dem Fenster zu und blickte hinaus. Es dunkelte schon stark, und hie und da wurden Laternen entzündet, die ein ehrbarer und edler Rat an großen Schwebeketten über die Straße hatte hängen lassen. Das war eine neue Erfindung, und nur wenig Reichsstädte konnten sich einer gleichen Beleuchtung rühmen. Er aber warf kaum einen Blick darauf, denn Herrn Ulrich Hallers Rede hatte ihn tief erregt und im Innersten getroffen.

Ja, so war es, wie der alte, lebenserfahrene Ratsherr gesagt hatte, und es war bitter, daß es Leute gab, die seines Vaters, seines Hauses Lage so klar erkannten. Sein Vater war gewachsen und immer höher gewachsen, jetzt in seinem vierundfünfzigsten Jahre stand er auf dem Gipfel seiner Macht. Heinrich Topler war der mächtigste Mann in Rothenburg und neben dem Zollern Friedrich von Nürnberg der mächtigste Mann in ganz Franken. Seitdem er in den Rat eingetreten war, hatte er Rothenburg beherrscht durch die Kraft seines Geistes, und wie er reich und angesehen geworden war, mehr als jeder andere im Süden des Mainstromes, so hatte er Rothenburg erhoben zu einer Königin unter den Städten des deutschen Reiches. Ihr Gebiet glich einem Fürstentume, gewaltige Festen beschirmten es, die Bürger lebten in Wohlstand, ja in Üppigkeit. Aber freilich, das alles war erreicht durch Wagnis und Gewalt und viel Glück, besonders auch dadurch, daß er die Macht der Geschlechter gebrochen und, auf das Volk gestützt, ihr Herr geworden war. Wohl mochten sie ihn hassen, die stolzen Fürbringer und Seehöfer, die Häuptlein und Hornburg und wie sie alle hießen, wohl mochten sie seufzen unter seinem Drucke und den Tag herbeisehnen, an dem sie mit ihm abrechnen konnten. Und dann ging's um's Leben.

Wohl möglich auch, daß sie diesen Tag nahe wähnten. Der alte Haller konnte recht haben, Andeutungen in Briefen seines Vaters, sowie sein gebieterisches Drängen auf des Sohnes Rückkehr stimmten damit zusammen. Auch der Vater mochte ahnen, daß eine Entscheidung bevorstehe.

Jakob Topler schlug sich gegen die Brust, daß es einen dumpfen Laut gab, und murmelte: »Dann werd' ich an seiner Seite stehen, und wehe dem, der die Axt wider die Eiche zu heben wagt!«

Da schlangen sich plötzlich zwei weiche Arme um seinen Hals, und die Augen, die ihm, seit er zuerst in sie hineingeschaut, wie zwei Sterne im Wachen und Traume vor der Seele gestanden, blickten voller Angst und Liebe zu ihm auf.

»Herzliebster, was sagte der 0hm?«

»Er stellte mir zwei Monden Frist.«

»Zwei Monde, warum das?«

»Das kann ich dir nicht in der Kürze sagen, mein Schatz,« erwiderte darauf der junge Mann und zog sie fest an sich. »Aber dessen sei gewiß, nach zwei Monden hol' ich dich, und du wirst mein!« Und er küßte sie wieder und wieder.

Da näherten sich schnelle Tritte der Tür. »Der Vetter!« flüsterte sie, entwand sich behend wie ein Kätzchen seinen Armen und schlüpfte an einem hochgewachsenen jungen Manne vorüber, hinaus in den dunkeln Flur.

Andreas Haller trat langsam näher, tiefe Betroffenheit in dem hübschen, offenen Gesichte.

»Vetter, was war das? Diese hier an deiner Brust?«

»Warum nicht?«

Der junge Nürnberger sah ihn ernst an. »Und Armgard Seehöfer?« fragte er leise.

Jakob Topler blickte erstaunt auf. »Was willst du mit der?«

»In Rothenburg ward mir erzählt, dein Vater wolle dich mit ihr vermählen, damit die Reichsten und Mächtigsten der Stadt gute Freunde würden.«

Jakob Topler antwortete nicht sogleich. Dann sagte er mit erzwungener Ruhe: »Möglich, daß von dergleichen in der Stadt die Rede war. Aber ist da etwas vereinbart worden, so ist es ohne mein Wissen geschehen. Komm, laß uns ausgehen! Ich habe mit deinem Vater ein ungut Gespräch gehabt, ich erzähle dir's nachher beim Weine. Jetzt aber lüstet's mich, einen tiefen, starken Trunk zu tun.«

II.

Als das Morgenrot des folgenden Tages am Himmel erschien, ritt Jakob Topler mit vierzehn Pferden aus Nürnbergs Toren. Der junge Haller und ein Pirkheimer gaben ihm außerdem das Geleite eine Stunde weit, dann riefen sie ihm noch ein »Heil« auf den Weg zu und kehrten um.

Unfrohen Gemütes zog er die Straße dahin. Zwar leuchtete das goldene Tagesgestirn in voller Pracht, und die ersten Lerchen stiegen trillernd empor aus dem Wiesengrunde, der sich schon hier und da mit leichtem Grün zu überkleiden begann. Er aber achtete nicht auf die Schönheit der Natur, denn seine Gedanken ließen ihn nicht aus ihrem Banne, und sie waren keineswegs fröhlicher Natur. Wohl trat ein heller Glanz in seine Augen, wenn er des Mädchens gedachte, die sich noch vorhin, unbekümmert um des gestrengen Vormundes Gegenwart, an seine Brust geworfen hatte, und deren Küsse noch auf seinen Lippen brannten, aber es war ihm, als sähe er jetzt erst die hohen Berge, die sich auftürmten zwischen ihm und seinem Glück. Wenn man in Rothenburg Andreas Haller nicht falsch berichtet hatte, so mußte es einen schweren Kampf mit seinem Vater geben. Es war sehr wohl möglich, daß zwischen ihm und dem vielmögenden Ratsherrn Walter Seehöfer in jüngster Zeit Verabredungen getroffen worden waren, ihre Kinder miteinander zu verheiraten, obwohl die beiden Väter bisher stets Gegner gewesen waren. Unzählige Bündnisse und Freundschaften wurden ja auf diese Weise versiegelt und festgemacht, die Ehe galt den meisten als ein Rechengeschäft, bei dem das Gefühl des Herzens keine Rolle spielte. Auch er würde, wenn er nicht die Agnes Waldstromerin vor anderthalb Jahren gesehen hätte, kaum Einspruch erhoben haben gegen eine Vermählung mit der Armgard Seehöferin, obwohl das herbe, ernste Mädchen sein Blut, so lange er sie kannte, noch nie in Wallung gebracht hatte.

Jetzt aber sträubte sich sein ganzes Empfinden gegen solch ein Verbündnis, an dem die Liebe keinen Anteil haben sollte. Denn er hatte nun die Macht kennen lernen, von deren unwiderstehlicher Gewalt in den alten Mären und Liedern so viel gesagt und gesungen ward, und von der er trotz seiner achtundzwanzig Jahre noch recht wenig Ahnung bisher gehabt hatte. Er hatte in Prag kein Weib angesehen, nicht die züchtigen Bürgerstöchter und nicht die üppigen Fräuleins am Hofe Wenzels, der den Sohn seines Freundes und Vertrauten oft zu Trunk und Jagd und Spiel geladen hatte. Die heftige Neigung, die beim ersten Anblick der jungen Nürnberger Patrizierstochter in ihm aufgelodert war, hatte sich zu einer ernsten Leidenschaft entwickelt in den Monaten seines Fortseins, und den Treuschwur, den er der Jungfrau gegeben, wollte er halten, was auch kommen mochte. Er kannte des alten Seehöfers schwache Seite, sie bestand in einer fast ans Lächerliche grenzenden Habsucht, verbunden mit dem schnödesten Geize. Vielleicht war der beleidigte Vater der zurückgewiesenen Tochter mit Geld abzufinden.

Bei dem allen brannte eine leise Scham in seiner Brust, daß er von diesen Gedanken sich nicht freimachen konnte. Ach, es gab jetzt für ihn doch eigentlich ganz andere Dinge, an die er hätte denken müssen, als Mädchenaugen und Frauenliebe! Es lag ein Gewitter in der Luft, dessen niederfahrende Blitze seinen Vater, ihn selbst und seines Hauses Ehre zerschmettern konnten. Ohne Zweifel waren die vielen Feinde des großen Mannes jetzt besonders emsig an der Arbeit, ihn zu stürzen und zu verderben. Er wußte, wie gut man in Rothenburg über die Verhältnisse Nürnbergs unterrichtet war, also mochte es umgekehrt nicht anders sein, und deshalb hatte des alten Hallers düstere Meinung etwas ungemein Warnendes und Bedrückendes für ihn. –

Ein greller Pfiff aus nächster Nähe schreckte ihn aus seiner Versunkenheit empor. Die Straße war in den Wald eingebogen, man war an einem Kreuzwege angekommen, und dort hielt unter einem Muttergottesbilde eine Gestalt zu Pferde, bei deren Anblick über Jakobs Antlitz ein schmunzelndes Lächeln flog. Denn der hagere Geselle, der auf dem großen, mageren, aber sehnigen Klepper saß, war der Mann, mit dessen Namen man in ganz Franken und Schwaben die unartigen Kinder schreckte, und über dessen tolle Streiche man doch im ganzen Lande lachte. Es war der Stegreifritter Apel von Gailingen, den das Volk kurzweg Eppele oder Eppelein zu nennen pflegte.

Abenteuerlich, wie des Ritters Erscheinung, war seine Ausrüstung. Zwar das Gewaffen war trefflich in Ordnung, aber aus den langen Reiterstiefeln schauten vorn die Zehen fürwitzig heraus, und der zerschlissene Mantel legte durch seine Stickereien die Vermutung nahe, daß er früher als Meßgewand oder gar als Altardecke gedient hatte.

Eppelein hielt unbeweglich auf seinem Gaul und musterte die Heranreitenden mit dem Blicke eines wohlgelaunten Raubvogels, der ganz gesättigt ist und keine Beute begehrt. Ja, er rief ihn sogar mit seiner knarrenden Stimme an: »Grüß Gott, Toplerssohn! Bist du wieder da aus der Fremde?«

»Wie du siehst, Eppelein, grüß Gott auch! Aber plagt dich der Teufel, daß du dich so nahe heranmachst an Nürnberg?«

»Ich bin mit der Stadt vertragen und fürcht' mich nicht. Auch kennst du meine Rede: Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn. Aber du, Jakob, könntest dich wohl fürchten. Ein Geier ist über dir.«

Jakob Topler zügelte sein Roß. »Was soll das? Was willst du mir sagen?«

»Ich will dir sagen: Ein Gewaltiger paßt auf deinen Weg. Der Burggraf ist hinter dir her.«

»Der Burggraf? Wir leben mit ihm im besten Frieden.«

»Da ist nicht von Frieden oder Unfrieden die Rede. Der Burggraf kommt über dich als des Königs Richter auf des Königs Heerstraße. Er will dir etwas nehmen in König Ruprechts Gewalt und Namen, was du aus Prag mitbringst.«

Jakob Topler war jäh erblaßt und saß auf seinem Rosse wie erstarrt. Was der adlige Buschklepper erzählte, konnte er sich unmöglich selbst zusammengereimt haben, und verhielt es sich so, dann war er in großer Gefahr. Er wußte zwar im einzelnen nicht, was König Wenzel seinem Vater geschrieben, aber daß er eine wichtige und sehr gefährliche Botschaft trug, das war ihm natürlich ganz genau bekannt. Die Partei König Ruprechts mußte schon den Verkehr mit dem abgesetzten König in Prag für Hochverrat ansehen, und nun gar das Festhalten an ihm mußte ihr wie todeswürdige Felonie erscheinen.

»Woher weißt du das alles?« fragte er auffahrend.

»Danach frage nicht. Wer wie ich mit Pfaffen und Laien säuft, hört gar viel. Aber wundert's dich nicht, daß ich dir's künde?«

Ehe Jakob antworten konnte, jagte der Reiter heran, der einige hundert Schritt vorauf ritt, um etwaige Gefahr zu erspähen. »Herr!« rief er. »Vor uns auf der Waldblöße hält eine große Schar!«

»Siehst du!« sagte Eppele. »Du kannst auch nicht zurück – der Wald ist umstellt. Es ist, wie ich dir's kündete.« Und hastig sprechend fuhr er fort: »Vor acht Monden war ich in deines Vaters Hand. Er konnte mir den Kopf vor die Füße legen, aber er tat's nicht, ließ mich laufen. Da schwur ich mit aufgereckter Hand, ich wollte es ihm vergelten. Und nun sag ich dir, gib mir die Briefe, ich bringe sie sicher nach Rothenburg, denn jeder weiß, daß ich den Pfeffersäcken feind bin, also sucht sie keiner bei mir.« Und wieder hob er die Arme in die Höhe und schwur: »Gott soll mich ewig in die Hölle verdammen, wenn ich dich verrate! Ich gebe dir mein ritterlich Wort.«

Jakob Topler schaute ihn durchbohrend an. Der Kerl war ein Landschade, aber er hatte eine Art ritterlichen Gewissens, und sein Wort hatte er noch keinem gebrochen. So riß er mit einem Ruck sein Wams auf und zog eine Ledertasche hervor. »Hier, Eppele, ich will dir vertrauen.«

»Wirst's nimmer bereuen, Jaköble!« rief der Ritter, und ein stolzes Lächeln fuhr über sein braunes, narbiges Gesicht.

In diesem Augenblicke war es Jakob Topler, als hörte er neben sich die klare, feine Stimme des alten Ratsherrn Ulrich Haller sagen: »Spieler seid Ihr, Ihr Herren Toplert« und es durchzuckte ihn einen Augenblick schreckhaft der Gedanke, welch' ein Wagnis er beging. Darum flüsterte er dem Ritter zu, um ihn noch fester an sich zu ketten: »Mein Vater wird es dir fürstlich lohnen.«

»Diesmal tu' ich's nicht um Lohn,« versetzte Eppelein fast unwillig.

»So nimm wenigstens eine Verehrung an, neues Gewand und ein Roß.«

»Mein Gaul ist gut genug, einen besseren habt ihr nicht in Rothenburg. Und der Mantel hier hält warm, er hat einem Gesalbten des Herrn gehört. Wir haben jetzt, gelobt sei Sankt Georg, zwei heilige Väter in der Christenheit. Maust man den Pfaffen des einen was, so kriegt man von den Pfaffen des anderen leicht Absolution. Es ist eine Lust zu leben! Gehab dich wohl, Jaköble. Die Briefe sind eher in Rothenburg als du!« Damit trieb er sein Pferd an und ritt langsam seitwärts in den Wald hinein.

Es war hohe Zeit gewesen, denn wenige Minuten später nahte der Zug des Burggrafen, und auch von der anderen Seite sprengte ein Reitertrupp heran.

Jakob Topler war mit seiner Schar auf dem Platze halten geblieben, wo ihn der Ritter verlassen hatte. Er war vom Pferde gestiegen und hatte auch den Seinen Befehl dazu gegeben, damit es den Anschein gewinne, man habe hier eine Rast gehalten.

Von dem Reiterhaufen des Burggrafen, der gemächlich näher zog, löste sich ein einzelner Reiter und jagte auf die Rothenburger zu. »Ihr seid Jakob Topler, des Bürgermeisters Sohn?« rief er mit schallender Stimme.

»Wozu die Frage, Kurt von Seinsheim? Ihr kennt mich ja gut, tragt auch ein Merkzeichen von mir am Schädel, daß Ihr mich nimmer vergeßt.« erwiderte Jakob Topler.

Der Ritter knurrte einen wütenden Fluch, und seine Hand fuhr ans Schwert, aber eine helle, gebieterische Stimme rief: »Laß dein Messer stecken, Seinsheim! Und Ihr, junger Mann aus Rothenburg, spart Euch die stachlichen Reden und gebt höflich Antwort, wie sich's geziemt!«

Der Sprecher war gleichfalls vorgeritten und hielt nur wenige Schritte vor der Schar. Er war ein hochgewachsener, noch jüngerer Mann in einfachem grünen Mantel, aber von einer Haltung, die sofort den geborenen Fürsten verriet.

Jakob Topler verneigte sich. »Euch, Herr Burggraf, weigre ich die Antwort nicht.«

»So frage ich Euch: Tragt Ihr Briefe bei Euch, die Wenzel, der Böhmenkönig, an Euern Vater schrieb? Es ward uns das glaublich hinterbracht.«

»Herr Burggraf, mit welchem Rechte fragt Ihr mich das? Wir stehen mit Euch in Frieden.«

Der Zollern warf ihm einen blitzenden Blick zu aus seinen scharfen blauen Augen, und sein Antlitz rötete sich leicht. Dann erwiderte er hoheitsvoll: »Ich stehe hier als Diener meines und Euers Herrn, des Königs Ruprecht. In seinem Namen frage ich. Oder wollt Ihr Euch wider den König setzen?«

»Ihr habt die Gewalt, Herr,« gab Jakob Topler vorsichtig zur Antwort. »Ich wäre ein Tor, wenn ich Euch widerstände. So entgegne ich denn Eurer Rede: Was Ihr sucht, das trage ich nicht bei mir.«

Der Burggraf blickte ihn durchdringend an. »Ich möchte Euch die Schmach ersparen, daß Ihr durchsucht werdet wie ein gemeiner Dieb. Könnt Ihr einen Eid leisten für Euch und alle, die mit Euch reiten, daß Ihr nichts bei Euch traget, was von Wenzel, dem Böhmen, stammt?«

»Erlaubt doch, Herr, daß wir sie durchsuchen!« flüsterte Seinsheim und drängte sich an den Burggrafen heran. Aber Friedrich gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen und erwiderte: »Heinrich Toplers Art und Blut ist scharf wie Gift, aber ihr Eid ist ihnen heilig wie dem besten Ritter des Reiches.«

»Habt Dank, Herr, für dieses Wort!« rief Jakob Topler, und seine Augen leuchteten freudig auf.

»Und könnet und wollt Ihr schwören?« fuhr der Burggraf fort.

Jakob Topler hob die rechte Hand empor, und indem er dem Burggrafen dabei unverwandt ins Auge sah, leistete er den Eid.

»So waren wir auf falscher Fährte,« sagte Friedrich. »Ich glaube Euch. Aber ehe Ihr fürbaß reitet, noch eins. Euer Vater hat zu mir geschickt, er wollte sich mit mir unterreden. Sagt ihm: wenn das heilige Osterfest vorbei ist, so reite ich nach Ansbach und verbleibe daselbst bis zum Tage der Himmelfahrt unseres Herrn. Er mag mir sagen, wann er kommen will. Ich sende ihm dann einen Brief mit freiem Geleit.«

Er neigte das Haupt ein wenig gegen den Bürgerssohn von Rothenburg, wandte sein Roß und sprengte von dannen. Bevor Jakob sich wieder in den Sattel geschwungen hatte, war die ganze Schar um die Waldecke herum seinem Blick entschwunden.

III.

Während Jakob Topler dem Burggrafen Red' und Antwort gestanden, hatte er im Herzen seinem Schutzpatron, dem heiligen Jakobus, zwei dicke Wachskerzen gelobt, wenn er aus dieser Gefahr glücklich davonkäme. Indem er nun dahinritt, erschien es ihm rätlich und löblich, diese Spende zu erhöhen, im Falle der Heilige noch ein Übriges tun und die wichtigen Briefe in seines Vaters Hände gelangen lassen werde. Dann wollte er nicht nur die beiden Kerzen stiften, sondern das Bild des Heiligen, das auf dem Altare des Kobolzellerkirchleins stand, sollte ein neues Sammetgewand erhalten. Denn diese kleine Kapelle im Taubertale war ihm von frühester Kindheit an besonders lieb und wert. Drunten im Taubergrunde lag seines Vaters Lustschlößlein, das Rosental, der kühne, taubenschlagähnliche Bau, der seinesgleichen nicht hatte in Franken und Schwaben. Wenn man dort am Nachmittage fröhlich gewesen war im frischen Grün und des Abends heimkehrte in die Mauern der Stadt, da war seine fromme Mutter mit ihm und seiner Schwester jedesmal in das Kirchlein eingetreten und hatte vor dem Altar ein Gebet verrichtet. Seitdem sah der Knabe in dem Heiligen seinen besonderen Schutzpatron, und Sankt Jakobus hatte seinem Namensvetter in großen und kleinen Gefahren gnädig beigestanden. So, als er mit anderen Buben die Äpfel des Fuchsmüllers entwendet hatte und strenge Strafe befürchten mußte. Da hatte der Heilige auf sein dringendes Gebet hin die Verfolger auf ganz falsche Fährte geleitet. Und als er seinen liebsten Spielkameraden und jetzigen Schwager Kaspar Wernitzer in die Tauber gestoßen hatte, da war nur durch Sankt Jakobi Macht der Bewußtlose ins Leben zurückgekehrt. Kurz, es bestand zwischen ihm und Sankt Jakobus zu Kobolzell ein altes und sehr inniges Verhältnis, und es deuchte ihm mit einem Male sehr verdienstlich zu sein, wenn er vor seinem Einritt in die Stadt dem Heiligen in der kleinen Kapelle seinen Dank darbringe.

Er bog deshalb eine halbe Stunde vor Rothenburg von der großen Heerstraße ab und schlug einen Feldweg ein, um ein gutes Teil der Stadt zu umreiten. Auf dem Hügelkamm ritt er dahin, der sich westlich vom Taubergrunde hinzieht. Dichtes Gehölz versperrte ihm die Aussicht, plötzlich aber senkte sich der steinige Weg ins Tal, und die Stadt lag vor seinen Blicken da.

Mit einem Ruck hielt er sein Pferd an, und Tränen traten ihm in die Augen. Was er als Knabe, als Jüngling nie beachtet hatte, das empfand er jetzt mit einem Male, nämlich wie wunderbar, unvergleichlich schön seine Heimat war. Er hatte draußen in der Fremde viel gesehen, die Königspracht des Hradschin und die übrigen Herrlichkeiten des goldenen Prag, aber das alles verblaßte vor dem Bilde der Vaterstadt, das jetzt vor seinen Augen stand.

Drunten im Tale blitzte die Tauber auf, der helle, lebendige Fluß, dessen silberne Wellen über weißes Steingeröll und zwischen mächtigen Felsblöcken munter dahinhüpften. Darüber wölbte sich die gewaltige steinerne Doppelbrücke, die mit zwei Reihen übereinandergestellter Rundbögen das Wasser überspannte. Sie war ein Wunderwerk der Baukunst, viel bestaunt von allen, die von fern her kamen. Neben ihr ragte ein breiter, trotziger Turm empor, von dessen Zinnen aus man jedermann zu Tode treffen konnte, der wider Willen der Stadtherren hier eindringen wollte. Dahinter schmiegte sich an den Berg das kleine Kirchlein, in dem er zu beten gedachte, Sankt Jakobi Zella, vom Volke Kobolzell genannt. Und über dem allen, hoch auf der Bergplatte reckte sich die große Stadt in den klaren Frühlingshimmel hinein, mit ihren Mauern und Befestigungen und dem Gewirr großer und kleiner Türme, einer einzigen, riesenhaften Burg vergleichbar. Ein Gebäude überragte die anderen alle, selbst das Rathaus mit seinem schlanken Turme, aber der ungeheuere Bau war noch von oben bis unten von Holzgerüsten eingehegt. Das war die Jakobskirche, an der man zu bauen angefangen in den Jahren, da Heinrich Topler mächtig ward in der Stadt, und die jetzt nach dreißig Jahren noch nicht vollendet war. Auf dem allen aber, den weißgrauen Kalksteinmauern und den hohen roten Ziegeldächern, lag der Glanz der sinkenden Sonne und übergoß das hehre Bild mit einem zauberhaften Purpurschimmer.

Wahrlich, nicht ohne Grund verglichen die aus dem heiligen Lande zurückgekehrten Pilger das hochgebaute Rothenburg mit Jerusalem, Juda's königlicher Stadt.

Jakob Topler neigte das Haupt, als wolle er die liebe Heimat in Ehrfurcht grüßen. Dann ritt er langsam ins Tal hinab.

Während er vor dem Altar des Kirchleins kniete, hielt sein Gefolge draußen, als wollte es den Andächtigen vor jeder Störung schirmen. Aber sein Gebet ward dennoch jäh unterbrochen, denn es klangen Pferdetritte draußen, dann ein Wortwechsel, den er nicht verstand, und endlich rief eine krächzende Stimme dicht vor der Tür: »Was? Da drinnen ist er? Will er denn ein Pfaff werden?«

Jakob Topler kannte die Stimme, und in diesem Augenblicke würde ihn kein Engelgesang mehr erfreut haben als sie. Er sprang hastig von seinen Knien auf und trat aus der Tür.

»Eppelein! Gott und alle Heiligen seien gelobt, daß ich dich sehe!« rief er und atmete auf, als wäre er von einer schweren Last befreit.

»Das haben noch wenige gesagt bei meinem Anblick!« versetzte der Ritter mit dumpfem Gelächter. »Aber du hast alle Ursache.« Leise setzte er hinzu: »Der Teufel mag wissen, was ich da eigentlich nach euerm Krämerneste getragen habe. Dein Vater war so hoch erfreut, daß er nicht nachließ, ehe ich das hier annahm.«

Er zog einen straffen Beutel aus der Tasche, und als er ein Lächeln über das Antlitz des jungen Mannes huschen sah, fuhr er achselzuckend fort: »Ich wollt's nicht annehmen. Aber wer kann deinem Vater widerstehen? Jaköble, du bist ein tüchtiger Kerl, aber dein Vater ist noch ein ganz anderer Kerl, ein Kerl wie ein Kaiser!«

In diesem Augenblicke begann droben in der Stadt eine Glocke zu klingen, eine zweite fiel ein, und dann mit einem Male dröhnte das Geläut sämtlicher Glocken Rothenburgs durch die Luft.

»Was ist das?« rief Jakob Topler auffahrend.

»Denkst wohl, das wäre zu deiner Ehr', weil du wieder heimkehrst?« sagte Eppelein spottend. »Nein, Jaköble, das gilt dir nicht. Es ist heute Mittag ein Kardinal eingezogen in die Stadt, dein Vater selber war ihm zwei Stunden Weges entgegengeritten. Um fünf Uhr sind alle Spießer auf den Markt befohlen, da soll eine Botschaft verlesen werden vom heiligen Vater in Rom.«

»Was Tausend!« rief Jakob und schwang sich auf's Pferd. »Da will ich eilen, daß ich dazu komme. Und du, Eppele, willst du dir das nicht anhören?«

»Pfui Teufel!« erwiderte der Ritter und spuckte verächtlich aus. »Von dem Pfaffenvolke kann ich nur die Kleinen leiden, die Käsjäger. Darunter ist manche ehrliche Haut. Aber muß ich einen Prälaten sehen, so würgt mich's im Halse, und ich kriege die Krämpfe. Ich hab hier Unterschlupf in der Nähe und herberge nicht in eurer Stadt. Grüß Gott, Jaköble. Mach's gut!«

Er winkte dem Rothenburger Stadtherrnsohne gönnerhaft zu und trieb seinen Gaul an.

Jakob Topler ritt, so schnell er es vermochte, den Berg hinan, wechselte mit dem Torwart einige freundliche Worte und strebte dann voller Hast dem Markte zu.

Dort fand er die ganze waffentragende Bürgerschaft Rothenburgs aufgestellt, Weiber und Kinder drängten sich im Hintergrunde, und die Volksmassen stauten sich bis weit in die in den Markt einmündenden Straßen hinein. In den vordersten Reihen, dem Rathause zunächst, standen die Mitglieder der ehrbaren Geschlechter, die zurzeit dem Rate nicht angehörten. Zu ihnen gesellte sich Jakob Topler, nachdem er vom Pferde gesprungen war. Er wurde durch manchen Zuruf begrüßt, und manche Hand streckte sich ihm entgegen, aber es war nicht viel Zeit, Rede und Gegenrede zu tauschen. Denn die Glocken verstummten, droben an den Fenstern erschienen die Häupter der gebietenden Ratsherren, und auf den mit Purpurteppichen geschmückten Altan traten drei Männer heraus. Der erste war der welsche Kardinal, ein kleiner, zierlicher Süditaliener, dessen schwarze Augen in dem gelben Antlitz eigentümlich leuchteten und funkelten. Hinter ihm tauchte die grobe, massive Bauerngestalt des Abtes von Heilsbronn auf, und endlich erschien, beide Kirchenfürsten weit überragend, der freien Reichsstadt Bürgermeister und Feldhauptmann, Heinrich Topler.

Er hielt ein Pergament in der Hand, und während der Kardinal und der Abt auf zwei Prunksesseln Platz nahmen, trat er dicht an das Geländer heran. Er winkte mit der Rechten, zum Zeichen, daß er reden wolle, und sogleich legte sich alles Gespräch und Geflüster, und lautlose Stille trat ein. Und nun hallte seine klare, kraftvolle Stimme über den weiten Marktplatz hin:

»Ehrbare Herren, Bürger und Männer von Rothenburg! Ihr wisset, wir verwahren in unserer Stadt ein Kleinod, um das uns deutsches und welsches Land beneiden. Das ist das Kristallglas mit dem heiligen und teuren Blute unseres Herrn und Seligmachers Jesu Christi. Viele Tausende frommer Pilger kommen jedes Jahr zu uns, um das große Heiligtum zu verehren. Aber ich dachte in meinem Gemüte: Sind's ihrer viele – es müssen noch mehr werden. Derhalben schickte ich heimlich zu unserem heiligen Vater in Rom, dem Herrn Papst Innocentius, dem Gott gnade. Und ich bat ihn in aller Demut, er wolle einen großen Ablaß spenden für alle, die nach Rothenburg zum heiligen Blute wallfahren. Da hat Gott das Gemüt unseres heiligen Vaters dahin bewegt, daß er der Bitte seines Knechtes Gehör gab. Und er hat unsere Stadt so hoch geehrt, daß er dem Herrn Kardinal, der nach Deutschland reiste, befohlen hat, uns seinen Segen und diesen Brief zu überbringen. Was in dem Briefe steht, das bitte ich den hochwürdigen Herrn Abt, euch verdeutschen zu wollen.«

Er wandte sich mit verbindlicher Gebärde an den Abt, und der entfaltete mit wichtiger Miene das Schreiben und las sehr langsam und oftmals stockend, aber mit schallender Stimme die lange Reihe der Ablässe und Indulgenzen, die Papst Innocenz allen denen verhieß, die nach der guten und getreuen Stadt Rothenburg pilgern, dort beten und opfern wollten.

Als er geendet hatte, hielt die tiefe Stille noch eine Sekunde an. Dann aber brach ein Freudengeschrei und Heilrufen aus, so tosend und brausend, wie es der alte Marktplatz wohl selten vernommen hatte. Denn jeder begriff, was das für Rothenburg bedeutete. Die Stadt war von altersher ein großer und berühmter Wallfahrtsort, ihr Reichtum beruhte zum guten Teil auf ihrem Zulaufe von Pilgern. Vor allen Dingen der riesige Weinbau, den die Bürgerschaft betrieb, wäre ohne die Scharen frommer Waller halb erträgnislos gewesen, sintemalen der Tauberwein zwar wohlschmeckend, aber wenig haltbar und versendbar war und an Ort und Stelle getrunken werden mußte. Nichts vermehrte demnach so sicher den Reichtum der Stadt, wie ein gesteigerter Zulauf von Pilgern, und wie mußten nun diese Ablässe wirken, bei denen zehn, zwanzig, ja hundert Jahre der Erlösung vom Fegefeuer gar keine Rolle spielten!

Jakob Topler hätte am liebsten die Nächststehenden vor Freude umarmt. Er erkannte ja klar, welch einen Meisterstreich sein Vater wieder einmal vollführt hatte. Das, was er hier getan, mußte ihm die Gunst des Volkes sichern auf lange Zeit. Mochten nun auch seine vornehmen Feinde gegen ihn hetzen und wühlen, mochte immerhin ein gehässiger Kampf entbrennen um den Bürgermeisterstuhl von Rothenburg, – wenn die Bürgerschaft hinter Heinrich Topler stand wie bisher, so konnten es die Geschlechter kaum wagen, den Liebling des Volkes seiner Würde zu entkleiden.

Daß auch in anderen Hirnen derartige Gedanken kreisten, ward ihm deutlich, als er den Blick zum Rathause erhob. Dort standen am offenen Fenster ihm gerade gegenüber die Geschlechterherrn Peter Creglinger und Hans Offner, beide, wie er wußte, Feinde seines Vaters. Er sah, daß sie bleich geworden waren und bemerkte wohl die bestürzten Blicke, die sie einander zuwarfen.

Während er noch die beiden voller Schadenfreude betrachtete, erhob sich droben der Legat des Papstes, streckte die Arme aus und sprach über die Menge im Namen des heiligen Vaters lateinisch den Segen. Alles sank auf die Knie, und es entstand augenblicklich dieselbe Stille wie vorher.

Darauf zogen sich die Herren droben zurück und erschienen wenige Minuten später, gefolgt vom Rate, unter dem Portal des Rathauses. Dort stand eine Sänfte bereit für den Kardinal, der im Deutschherrenhof die Abendmahlzeit einnehmen und dort nächtigen wollte. Barhäuptig half der Bürgermeister dem Prälaten, der neben ihm wie eine geputzte Puppe aussah, in seine Kissen hinein, und an der Spitze des gesamten Rates gab er ihm das Geleit nach seinem Quartier.

Jakob Topler wußte, daß er heute seinen Vater nicht mehr sehen werde. Der durfte heute nichts anderes sein als regierendes Stadthaupt und mußte ausdauern bei den fremden Gästen, bis sie zur Ruhe gehen wollten. Und wenn auch der Kardinal nicht so aussah, als ob er lange beim Becher sitzen werde, so war die Trunkfestigkeit des Heilsbronner Abtes um so unzweifelhafter.

So drängte sich Jakob an seinen Schwager Wernitzer heran, der als der jüngste unter den letzten im Zuge der Ratsherren schritt und ihn freudig begrüßte. »Sage meinem Vater, Kaspar, daß ich da bin!« raunte er ihm zu. Dann ergriff er sein Roß am Zügel und schritt nach dem nahegelegenen hochgiebligen Hause zum güldenen Greifen in der Schmiedegasse, das sein Vater bewohnte.

IV.

Die Mitternacht war längst vorüber, als Heinrich Topler heimwärts schritt. Dreißig bis vierzig Ratsherren und ehrbare Bürger folgten ihm vom Deutschherrenhofe bis an die Tür seines Hauses nach. Es war ein Ehrengeleit, das sie ihm gaben, einer Heimführung nach dem Trunke hätte er nimmer bedurft. Denn so mäßig er im gewöhnlichen Leben war, so gewaltig erwies er sich beim Becher, wenn es einmal galt. Dann trank er die Alltagszecher, die sich ihrer Stärke rühmten, allesamt kläglich unter den Tisch. Das hatte soeben der Abt von Heilsbronn zu seinem Schaden erfahren; er war nach einem Trinkturnier, zu dem er den Bürgermeister aufgefordert hatte, besinnungslos vom Stuhle gefallen und von zwei Chorherren wie ein Toter vom Platze getragen worden. Heinrich Topler aber ging aufrecht und stolz durch die hallenden Straßen der Stadt dahin, und während seine halbtrunkenen Begleiter mancherlei unweise Reden führten, dachte er schon wieder über ernste Dinge nach. Über dieses Mannes Hirn hatten die Geister des Weines keine Gewalt.

Vor der Tür verabschiedete er sich mit freundlichen Worten von seinem Gefolge, nahm aus des Knechtes Hand ein Licht und stieg die Treppe empor. Aber er lenkte seine Schritte nicht sogleich nach dem ehelichen Schlafgemache im ersten Stock des Hauses, wo seine Gattin Margarete wohl schon lange friedlich schlummerte, sondern er wandelte höher hinauf nach der Kammer seines Sohnes Jakob. Ihn noch wach zu finden, hoffte er nicht, denn der junge Mann mußte von dem starken Ritte des vergangenen Tages tief ermüdet gewesen sein. Er wollte nur einen Blick auf den Schlafenden werfen, der ihm anderthalb Jahre hindurch so sehr gefehlt, und über dessen Heimkehr er sich noch am Abende so heiß gefreut hatte.

Heinrich Topler liebte alle seine Kinder herzlich und ebenso sein blondes Weib Margarete, die er nach dem Tode seiner ersten Frau geheiratet hatte, weil der Vierzigjährige ohne Frauenliebe nicht sein konnte. Aber der Sohn, den ihm seine noch immer unvergessene Barbara geboren hatte, war ihm ans Herz gewachsen, wie sonst kein Mensch auf der Welt. Von dem Augenblicke an, da er den kräftigen Knaben aus den Händen der Wehemutter empfangen und ihn voller Vaterstolz in die Höhe gehalten, war er sein Herzblatt gewesen. Dieses Gefühl war in den Jahren immer mehr gewachsen und hatte besonders an Stärke zugenommen, seit seine Frau gestorben war. Denn während Jakobs beide Schwestern Barbara und Katharina die braunen Augen ihres Vaters geerbt hatten, leuchteten die blauen Augen der Mutter im Antlitze ihres Sohnes und erinnerten den Mann stets an die Verblichene, der die Liebe seiner Jugend gehört hatte. Im übrigen erlebte er die Freude, daß sein Sohn ganz und gar sein Ebenbild ward, nicht nur an Kraft des Leibes, an Wuchs und Haltung, sondern auch an Geist und Willen. Derselbe hochstrebende Sinn, dieselbe Entschlußkraft und Kühnheit, die ihn so groß gemacht hatten, lebten in dem Erben seines Namens und Besitzes fort.

Er blieb einen Moment auf der Treppe stehen, und ein Lächeln zuckte über sein Gesicht. Er dachte daran, wie heute der Ritter Eppelein von seinem Sohne als Bote benutzt worden war. War das nicht ein Stückchen ganz so, als hätte er, Heinrich Topler, es vollbracht? Auf's Haar so würde auch er den alten Wolf eingeschätzt haben, und genau in gleicher Weise würde er im Augenblick der Gefahr blitzschnell erkannt haben, daß hier die höchste Kühnheit die höchste Klugheit sei. Das war echte Toplerart, so war schon sein Vater gewesen, so war er selbst, und in den Adern dessen, der drinnen schlummerte, rann wieder ganz dasselbe Blut. Und plötzlich fiel ihn der Gedanke an, wie wunderbar es doch eingerichtet ist in der Welt, daß manche Menschen in ihren Kindern weiter leben, weiter wirken und wenn sie der Tod schon längst gefangen hält, noch mit ihrem Wesen in die Welt der Lebendigen hineinragen.

Er würde also zu diesen Begnadeten gehören. Er wandelte doppelt auf der Erde, seine Waffen nahm ein anderer auf, wenn er sie niederlegen mußte, seine Pläne würden nicht untergehen, wenn etwa einmal ein jäher Tod ihn hinwegreißen würde.

Ein Schauer rann ihm über den Leib. Da war das Todesahnen wieder, das ihm in der letzten Zeit so manchmal das Herz umkrallt hatte, gerade da, wo er am wenigsten Ursache hatte ans Sterben zu denken, bei rauschenden Festlichkeiten oder mitten in einer Sitzung des Rates. Da war es ihm, als schleiche einer hinter ihm drein, dessen Gestalt unsichtbar und dessen Tritt unhörbar war, und von dem doch ein eiskalter Hauch ausging, so daß ihn fröstelte bis ins Mark hinein.

So war's jetzt wieder, und er stand eine Weile wie erstarrt. Dann aber straffte er seine Gestalt und schüttelte mit einer wuchtigen Bewegung die Starrheit von sich ab. Was sollten ihm solche Träume und Gefühle? Die mochten Weiber und Greise über sich Herr werden lassen. Ihm, der sich noch in der Fülle der Kraft wußte, und dem erst wenige Silberfäden in Haar und Bart schimmerten, stand es schlecht an, sich mit Gedanken an das Sterben herumzuquälen.

Er schritt die letzten Stufen hinan und klinkte die Tür auf. Dann trat er leise, das Licht vorsichtig mit der Hand beschattend, dem Lager nahe, auf dem der Schlafende ruhte. Tiefe, regelmäßige Atemzüge zeigten an, daß die Natur ihr Recht gefordert und den Jüngling nach allen den Strapazen des Tages hinübergeführt hatte in das Land der Träume.

Lange stand Heinrich Topler regungslos und betrachtete bei dem trüben Lichte die Züge seines Sohnes. Sie schienen ihm fester und härter zu sein, als wie er sie im Gedächtnis trug. Kein Wunder, denn in diesem Lebensalter vermögen anderthalb Jahre viel, besonders wenn sie unter ernster Arbeit verbracht werden, und sein Sohn, das wußte er, hatte die Rechtswissenschaft mit Eifer in Prag betrieben.

Mit einem Male veränderte sich das Antlitz des Schlummernden. Ein Zug der Weichheit und Güte trat hinein, wie ihn der Vater noch niemals wahrgenommen. Dann warf er sich unruhig hin und her, stammelte unverständliche Worte, breitete endlich beide Arme aus, als wolle er jemanden umfassen und rief mit heller und lauter Stimme: »Agnes! Liebe Agnes!«

Den Lauschenden durchzuckte es wie ein Schlag, und scheu und hastig wie ein Dieb, der ertappt zu werden fürchtet, schlich er aus dem Gemache. Draußen blieb er hochaufatmend stehen. Was war das gewesen? Hatte er recht gehört? Es lebten mehrere Bürgerstöchter dieses Namens in Rothenburg, die dem Kreise der ratsfähigen Geschlechter, der »Ehrbaren«, wie man sie nannte, durch die Geburt angehörten. Aber nie hatte er bemerkt, daß sein Sohn einer von ihnen schön getan hätte. Überhaupt war Jakob dem gesamten weiblichen Geschlechte von jeher mit kühler Zurückhaltung begegnet, in diesem einen Punkte ganz unähnlich seinem Vater, der in der Jugend ein großer Frauenliebling und Herzensbrecher gewesen war. Er mußte also draußen in der Fremde eine Agnes kennen gelernt haben. Wer mochte sie sein?

Mit einer tiefen Falte zwischen den Brauen stieg der Bürgermeister die Treppe wieder hinab. Er kleidete sich aus und legte sich an der Seite der Gattin nieder, aber trotz des Weines und der Ermüdung des Tages floh der Schlaf noch lange seine Lider.– –

Am anderen Morgen saßen die beiden Topler beim ersten Imbiß einander gegenüber. Draußen im Hofe lärmten die jüngeren Geschwister mit dem Spielzeuge, das der Bruder ihnen mitgebracht hatte. Die erwachsene Schwester Katharina war in der Küche tätig, und auch Frau Margarete hatte das Zimmer verlassen. Sie hatte nie in einem innigen Verhältnis zu dem Stiefsohne gestanden, während sie seine Schwestern wie eine Mutter liebte. Denn als sie als Dreiundzwanzigjährige in die Ehe trat, war er schon fünfzehn Jahre alt gewesen, also kein Kind mehr, das sich leicht an die junge Mutter hätte anschließen können. Auch war sie vom ersten Tage an eiferfüchtig auf die schier überschwängliche Liebe, die ihr Mann dem Knaben entgegenbrachte. Sie witterte mit dem feinen Instinkte des Weibes, daß diese Liebe zum Teile einer Toten gelte, deren Bild doch in der Seele ihres Mannes nie ganz sterben konnte. Später, als Jakob heranwuchs, war noch ein anderes dazugekommen. Sie sah mit einer Art von Grauen, daß er seines Vaters Doppelgänger wurde, ihm ähnlich sogar in der Stimme, im Lachen, in jeder Bewegung. Es war ihr begegnet, daß in ihren Träumen die beiden in eins verschmolzen, und ohne sich das jemals mit klaren Gedanken zu gestehen, fürchtete sie sich vor ihrem Stiefsohne, eben dieser schrecklichen Ähnlichkeit halber, als ahne sie, daß sie ihn lieber gewinnen könne, als recht wäre. Und schon diese Ahnung war der ehrlichen und reinen Frau peinlich und schmerzhaft.

Merkwürdigerweise hatte ihr Mann auch nie verlangt, daß sie dem Sohne mütterliche Zärtlichkeit erweise. Es war, als lese er in ihrer Seele und wisse, was in ihr vorging. Auch heute hatte er kein Wort und keinen Blick der Verwunderung, als sie nur wenige freundliche Worte an Jakob richtete und dann bei tunlicher Gelegenheit hinausging und ihn mit seinem Sohne allein ließ.

Was er in der Nacht gehört hatte, schien dem Bürgermeister jetzt beim hellen Lichte des Tages nur ein Traum gewesen zu sein. Denn Jakob war so gar nicht zerstreut und geistesabwesend, wie Verliebte zu sein pflegen, sondern er redete mit dem allergrößten Eifer über die Händel und Verhältnisse seiner Vaterstadt, des Landes Franken und des römischen Reiches, sodaß der Vater seine helle Freude daran hatte. Vor allem sprach er mit der höchsten Bewunderung von dem meisterhaften Schachzuge, den sein Vater mit der Gewinnung neuer großer Ablässe ausgeführt habe, wodurch wieder gewaltige Goldströme nach der Reliquienstadt Rothenburg gelenkt werden würden.

»Wodurch, Vater, hast du das vollbracht?« fragte er.

Heinrich lachte. »Das fragst du noch? Ich hatte es mit Rom zu tun.« Und er machte die Geste des Geldzählens.

»Ganz allein dadurch? Nur dadurch?« rief Jakob mit einem Lächeln der Verachtung.

»Aber mein Sohn, weißt du noch nicht, daß nichts anderes gilt in Rom, als was gemünzt ist oder gemünzt werden kann? Glaub mir's immer, für gutes Geld täten sie dort den Judas, der unseren Herrn verriet, zum Heiligen machen.«

»Ein Gräuel ist es, wie es die Pfaffheit treibt!« rief Jakob heftig. »Du weißt nicht, Vater, was sie in Prag auf der hohen Schule alles reden und schreiben. Da ist einer aufgetreten, heißt Johannes Hus, der predigt frei öffentlich wider die Laster der Pfaffen und von den bösen Mißbräuchen der Kirche und ruft laut, die Kirche müsse reformiert werden. Der Erzbischof hat ihn gebannt, aber er hört nicht auf zu predigen und schweigt nicht.«

Heinrich Topler lachte spöttisch. »Wenn sie von Böhmen aus die Kirche reformieren wollen, dann wird's niemals nichts. Das dumme, schmutzige, viehische Volk der Czechen ist dessen nicht fähig. Da gibt's nichts als Rumor und Geschrei und Blutvergießen. Nein,« fuhr er mit ernstem Nachdrucke fort, »dies Werk muß von Deutschen getan werden, und es wird getan. Überall raunen und reden die besten unter den Laien und die besten unter den Pfaffen von einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern. Ein allgemein Koncilium soll sie vollbringen. Kommt es auf deutschem Boden zustande, so kann es Frucht bringen, und vielleicht, so Gott und die Heiligen es wollen, erleben wir's noch.«

Er stand auf und trat langsam ans Fenster. Dann sagte er ruhig und bedächtig: »Ich achte, daß Papst Innocentius zu Rom der rechte Statthalter Christi ist, Benedictus in Avignon der falsche. Aber ein paar böse Pfaffen sind sie beide, denn daß sie für Geld die Sünden vergeben und die arme Christenheit auspressen, ist nicht recht. Mich hat schon oft gewundert, daß unser Herr Jesus der Pfaffheit solch große Macht gegeben, daß sie binden und lösen kann. Indessen, da ist nun einmal nichts zu machen, es ist, wie es ist, und wenn ich die Welt nicht ändern kann, so gräme ich mich nicht und gehe nicht ins Kloster, sondern ich nutze ihren Schaden aus zum Vorteil meiner Stadt. So hab' ich getan, als ich die Ablässe kaufte. Und ich habe sie gekauft um mein eigenes gutes Geld, denn so ich's hätte aus dem Stadtsäckel nehmen wollen, hätten die Ehrbaren in ihrer Dummheit geschrien: Der Topler will sich an der Stadt bereichern!«

Jakob war während dieser Rede in ein tiefes Sinnen verfallen. Als nun sein Vater schwieg, richtete er sich auf, sah den Gegenübersitzenden fest an und sprach mit voller Bestimmtheit: »Du hast den Herrn der Christenheit mit Geld vermocht, daß er tat, was du wolltest. Das ist ein Zeichen, was das Geld tut, und es ist mir kein Zweifel, daß du auch deinen schlimmsten Feind in der Stadt mit Geld zu deinem Freunde machen kannst.«

Heinrich Topler blickte seinen Sohn hocherstaunt an. »Wen meinst du?«

»Ich meine Herrn Walter Seehöfer.«

Der Bürgermeister fuhr zurück. »Seehöfer? Was weißt du– –?«

»Ich wußte schon früher, daß er dir gram ist und im Wege steht, wie das jeder weiß in Rothenburg. Jetzt aber, da ich in Nürnberg war, erfuhr ich mehr.« Und indem eine heiße Röte seine Stirn überflammte, setzte er mit leiser Stimme hinzu: »Ich muß dir etwas eingestehen, Vater, daß es klar sei zwischen uns beiden, wie es immer war.«

Heinrich war blaß geworden, er erriet alles. »Komme in meine Schreibstube hinüber, dort stört uns keiner,« erwiderte er, und es klang, als wäre er heiser.

Drüben lehnte er sich an die Wand und wies auf einen Stuhl. »Da setze dich und erzähle!«

Jakob Topler begann seinen Bericht. Er erzählte alles, wie er die Agnes Waldstromerin kennen gelernt, wie ihr Bild ihn begleitet gen Prag, wie er sie liebe, als hätte sie ihn verzaubert, und wie er nimmer von ihr lassen könne. Auch was Ulrich Haller gesagt, verschwieg er nicht und auch nicht das, was er von Andreas Haller und in des Nürnberger Rates Trinkstube gehört hatte, und er schloß seine Rede mit den Worten: »Was will der Seehöfer von uns? Du weißt es und ich auch: unser Geld. So wollen wir ihm Geld geben, und paß auf, Vater, er ist im Handumdrehen dein Freund und spricht für dich im Rate und in der ganzen Stadt.«

Er hatte, während er sprach, den Blick gesenkt gehalten. Als er ihn jetzt erhob, sah er mit Entsetzen, daß sein Vater bleich wie ein Toter dastand und die Augen geschlossen hielt, als ob eine plötzliche Ohnmacht ihn befallen hätte.

»Vater!« schrie er auf und faßte nach seinen Händen. »Was ist dir?«

Heinrich entzog dem Sohne seine Hände und sagte mit klangloser Stimme: »Geh', ich muß allein sein.«

»Vater!« rief Jakob noch einmal schmerzlich.

»Ja, ich bin dein Vater, und ich will dir's beweisen,« entgegnete Heinrich dumpf. »Aber jetzt geh'. Erwarte mich in deiner Kammer.«

Eine Stunde später stieg der Bürgermeister die Treppe wieder empor, die er in der vorigen Nacht betreten hatte, um seinen Sohn zu sehen. Seine Stirn war klar, und seine Züge trugen den gewöhnlichen stolzen und entschlossenen Ausdruck, und niemand hätte dem Manne angesehen, daß er eben in seinem Innern einen schweren Kampf durchkämpft hatte. Nur sein Schritt war etwas langsamer und schwerfälliger als sonst.

Droben angekommen, drückte er die Tür zu und warf den Riegel vor. Dann trat er dicht vor seinen Sohn hin und sprach scharf und bestimmt, wie es seine Art war: »Du hast mir einen Traum zerstört, aber ich zürne dir nicht. Auch kann ich dich nicht zwingen, denn du bist ein Mann, könntest jederzeit im Rate sitzen, hast deiner Mutter reiches Erbteil, brauchst nach deinem Vater wenig zu fragen – schweig!« herrschte er ihn an, als der Sohn ansetzte ihn zu unterbrechen, »Höre noch mehr!« Er faßte ihn mit seinen mächtigen Händen an beiden Schultern und sah ihm fest in die Augen. »Ich will dich auch nicht zwingen, Jakob, mein Sohn, mein Blut! Ich will dich nicht elend machen, und eine Ehe wider die Neigung und mit einer anderen Liebe im Herzen ist ein Elend. Und die Liebe einer geliebten Frau ist das Beste und Höchste, was ein Mann gewinnen kann in seinem Leben. Das habe ich mit deiner Mutter«– – die Stimme brach ihm, und er vermochte nicht weiter zu reden.

Mit einem Aufschrei warf der junge Mann seine Arme um den Hals des Vaters und preßte sein Haupt wider dessen Brust.

So standen sie eine ganze Weile, ohne zu sprechen. Dann löste sich Heinrich aus der Umarmung, trat einen Schritt beiseite und sagte halb abgewandt, als spräche er in weite Ferne hinaus: »Ich segne also deinen Bund mit der Waldstromerin. Sie ist von gutem Blut, ihr Vater war mir ein lieber Kumpan. Aber hüte dich ja, den Seehöfer mit Geld ködern zu wollen! Einem anderen gelänge das vielleicht, uns Toplern nimmermehr. Es steht etwas zwischen uns beiden aus alten Tagen, und ist darin eine Schuld, so liegt sie bei mir. Aber das ist meine Sache.«

»Und wie willst du deine Feinde zerbrechen, Vater?«

»Auch dazu gibt es einen Weg, der freilich schmal ist, und den ich, bei Gott, ungern gehe. Ich hatte gehofft, ich könnte dieser Stadt erster Bürger bleiben bis an mein Lebensende. Aber ich begreife: Wenn ich nicht elend verderben will, so muß ich ihr Herr werden. Ich muß, eine Wahl bleibt mir nicht; wer so hoch gestiegen ist, wie ich, muß vorwärts, immer höher hinauf, oder er stürzt in den Abgrund und fällt sich zu Tode. Und ich habe ein Recht, hier Herr zu sein, denn ich habe diese Stadt geschaffen. Ehedem ich in den Rat eintrat und zu Macht kam, war sie ein großes ummauertes Dorf, jetzt ist sie unter den herrlichsten des Reiches. Auch kann niemand Rothenburg regieren als ich und du. Peter Northeimer und Kaspar Wernitzer, die so weit sehen wie wir, sind nicht fähig, der eine ist schwach an Willen, der andere zu stürmisch und aufbrausend.«

»Was willst du tun, Vater?«

»Das will ich dir heute abend sagen. Jetzt muß ich zu dem welschen Legaten. Schirre und schmücke dein Roß, es wird sich ziemen, daß du ihm das Geleit mitgibst bis an die Grenze unseres Bannes.«

Er winkte dem Sohne grüßend zu und schritt eilend hinaus. Jakob blickte ihm mit glänzenden Augen nach und breitete unwillkürlich die Arme aus, als wolle er ihn noch einmal umfangen. Dann stand er eine Weile in tiefem Nachdenken, und sein Antlitz wurde ernst und düster. Es war ein gefährlicher Weg, den sein Vater gehen wollte, und er selbst drängte ihn mit dazu, diesen Weg zu beschreiten. Hätte sein Vater den einflußreichen Seehöfer für sich gehabt, so wäre es wohl wahrscheinlich gewesen, daß ihn die Ehrbaren, in deren Händen die Ratskürung ruhte, wieder zum Bürgermeister und Feldhauptmann erwählten. Nun aber konnte seine Wahl nur dadurch erreicht werden, daß die drohende Bürgerschaft die Geschlechterherren einschüchterte und sie ihrem Willen gefügig machte. Zu erlangen war das wohl, aber es war wider Gesetz und Verfassung der Stadt, und wer konnte wissen, welche Erschütterungen daraus entstehen würden!

»Ich werde den Seehöfer dennoch erkaufen!« murmelte Jakob trotzig. Dann begab er sich hinab in den Hof, um nach den Pferden zu sehen.

V.

Ritter Eppelein war von Rothenburg nach dem Schlosse Nordenberg geritten. In dieser stärksten Feste des Gebietes der freien Reichsstadt hauste ein Vogt, Hans von Kühlsheim, der war ihm gesippt und vervettert. Eigentlich verachtete der ritterliche Schnapphahn den Verwandten, der sich in den ständigen Dienst der Krämer und Pfeffersäcke gestellt hatte, wie der wilde Falk den zahmen haßt und verachtet. Heute aber deuchte es ihm rätlich, ihm die Ehre eines Besuches zu erweisen, denn ihn hungerte, und sein Roß bedurfte nach dem tollen Ritte dringend der Ruhe.

Kühlsheim nahm ihn auch ganz freundlich auf, ließ den Gaul in den Stall führen und reichlich versorgen und dem Ritter Speise und Trank in Menge auffahren. Er selbst hielt wacker mit beim Becher und ergötzte sich an den oft sehr treffenden Witzen und Reiterstücken des wunderlichen Herrn Vetters, den er heimlich ein wenig fürchtete. So genoß Eppelein einen fröhlichen Abend, kam mit einem guten Rausche ins Bett und erwachte erst, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Da begehrte er nach eingenommenem Frühstück fürbaß zu reiten, denn es lüstete ihn heimzukehren zu seinem kleinen Burgstalle Trainmeusel.

Als ein ganz anderer Mann denn gestern zog er die Straße dahin. Denn der Vogt hatte ihm für gutes Geld ein Paar seiner eigenen Reiterstiefeln verkauft, ebenso einen Mantel aus dunkelrotem Tuch und eine gleichfarbige Satteldecke, und so ritt denn Herr Eppelein stolz und preislich durch Wald und Feld wie ein Fürst des heiligen Reiches.

Aus dem Rothenburgischen kam er ins Ansbachsche hinüber, und er zog finster die Brauen zusammen, als er das Grenzzeichen gewahrte. Denn mochte er schon das reiche Bürgerpack nicht leiden, Topler und einige andere ausgenommen, so war ihm der Burggraf noch viel widerwärtiger. Der strenge und feste Zollern war denen gram, die auf der Landstraße vom Stegreife leben wollten, und auf seinem Gebiete duldete er keinen Raub und keine der kleinen Fehden, deren Kosten regelmäßig die armen Landleute zahlen mußten. Fing er einen, der brandschatzte und wegelagerte, so ließ er ihn büßen in langer Haft, oder gar ihm den Kopf vor die Füße legen. Darum hatten alle die kleinen Landschaden einen unbändigen Respekt vor ihm und mieden sein Gebiet, so weit es anging.

Eppelein tat das nun freilich nicht, denn der Umweg wäre zu weit gewesen, aber die Laune war ihm halb verdorben. Sie ward auch nicht rosiger, als im Westen eine riesige Wolkenwand aufzog und ein plötzlicher Sturm durch die noch kahlen Äste der Bäume fegte, »Himmeldonnerwetter und Mordbrand!« knurrte er vor sich hin. »Sollte man's für möglich halten! Ein Gewitter im Märzen! Aber in diesem Jahre ist alles zu früh.«

Ein furchtbarer Windstoß brauste daher, und ein Donner grollte in der Ferne. Massenhaft fiel das trockene Geäst aus den Wipfelkronen, so daß beinahe das Pferd scheu wurde und er Mühe hatte, es zu beruhigen. Mißmutig schaute er nach einem schützenden Obdache aus, wo er sich bergen könne, und er hatte Glück. Vor ihm tauchte seitwärts der Straße ein Haus auf, dessen Äußeres zwar ziemlich verwahrlost aussah, dessen weitvorgestrecktes Schild mit der Flasche aber unzweifelhaft ein Wirtshaus verriet.

Der schläfrige Wirt führte das Pferd in den Stall, der dicht neben der Gaststube lag und mit dieser durch eine Tür verbunden war, die nicht ganz geschlossen werden konnte. Es herrschte demnach ein sehr übler Geruch in dem Raume, und an Fliegen fehlte es auch nicht trotz der frühen Jahreszeit.

Den Ritter behelligte das alles in keiner Weise. Er setzte sich auf einen Schemel an eines der Fenster und bestellte Wein, der sogleich gebracht wurde und besser war, als er vermutet hatte.

Das kleine Luftloch, dem man mit dem Namen Fenster eine hohe Ehre antat, bestand aus vier ganzen und vier zerbrochenen Scheiben. Die zerbrochenen waren überklebt, durch die anderen konnte man, obwohl sie äußerst schmutzig waren, leidlich hindurchsehen. Da gewahrte Eppelein zu seinem großen Ärger, daß noch drei andere Gäste der Herberge zustrebten. Ein Pfaffe war's auf einem dicken Pferde, ihm zur Seite zwei bewaffnete Knappen.

»Daß der Teufel das Geschmeiß dreitausend Klafter in den Erdboden schmettere!« fluchte der Ritter, unbekümmert um des Wirtes Gegenwart. Aber der hörte nicht auf ihn, denn er hatte gleichfalls das Herannahen der Reiter erschaut und schob sich aus der Tür, um sie in Empfang zu nehmen.

Gleich darauf trat der Geistliche ein und sprach dabei ein artiges »Grüß Gott«. Eppelein brummte etwas Undeutliches und schielte wütend von der Seite nach ihm hin. Aber da hellte sich seine Miene plötzlich auf, denn der Ankömmling war keiner von den bleichen Betbrüdern, die er wie unangenehme Spinnen oder Wanzen haßte. Es war ein dicker Weltgeistlicher, dessen feiste Wangen wie reife Pfirsiche glänzten, und dessen Nase die Farbe des roten Schillerweines aufwies. Sogleich schoß ihm der Gedanke durch sein anschlägiges Gehirn: Mit diesem Pfaffen ist vielleicht zu Kurzweil und Gewinn ein Spielchen zu machen.

Als jener nun die Gnade des Himmels pries, die ihn noch hatte ein schützendes Dach erreichen lassen, gab er die verbindliche Antwort: »Ja, der Teufel hätt' Euch übel zusammenreiten können.«

Der Geistliche lächelte, bestellte Wein und setzte sich an ein zweites Fenster, dem Ritter gerade gegenüber. Beide schwiegen zunächst und blickten ins Freie, wo jetzt der Regen prasselnd herniederschoß und fahle Blitze zuckten. Dann brummte der Ritter von neuem: »Verflucht langweilig!«

»Da habt Ihr recht, edler Herr,« gab der Geistliche zurück. »Wie wär's, wenn wir uns die Zeit und Weile kürzen täten?«

In Eppeleins Augen flimmerte es auf. »Würfel?« fragte er hastig.

»Ich wäre einem Spiele nicht abgeneigt,« erwiderte der andere höflich.

»Komme her, du Kalb,« sagte der Ritter zu dem Wirt. »Bringe uns Würfel und rücke den Tisch zurecht.«

»Bemühe dich nicht, guter Freund,« fiel der Geistliche mit einer gewissen Hast ein. »Ich habe hier Würfel in der Tasche, schöne aus Ebenholz.«

»Gebt her!« rief Eppelein. Er ließ sie mehrmals auf den Tisch aufklappern, hielt sie dicht vor seine Augen, und es fehlte nicht viel, so hätte er sie berochen.

»Meint doch nicht, Herr, daß ich falsche Würfel führe?« fragte der Geistliche mit gekränkter Miene.

»Ha, na– –!« grunzte Eppelein. »Euch Gesalbten des Herrn mag der Teufel trauen! Man muß sich vorsehen.«

»Ja, in dieser bösen Welt muß man sich vorsehen,« erwiderte der Geistliche und schlug die Augen anklagend zum Himmel empor. »Man wird so oft betrogen, und leider Gottes, wie Ihr eben sagtet, geben meine Herren Confratres häufig Ursache zum Ärgernis.«

»Da habt Ihr recht!« schrie Eppelein. »Ihr scheint mir ein einsichtiger Pfaffe zu sein. Euer Wohl!« Er leerte den Krug in einem Zuge.

»Erlaubt, daß ich Euch Bescheid tue,« erwiderte der andere salbungsvoll, ergriff sein Trinkgefäß, und wie der Blitz war der Inhalt in seiner Kehle verschwunden.

Verdutzt, beinahe achtungsvoll schaute ihn der Ritter an. »Mohrendonnerwetter! Ihr habt ein trefflich Gefälle!«

»Es macht sich. Aber wollen wir nicht beginnen? Die Würfel liegen bereit. Doch erlaubt, daß ich zuvor Euch meinen Namen künde. Ich bin der Probst Meginhard an Sankt Burkard in Würzburg.«

Eppelein blickte blitzschnell um sich. Die Knechte saßen, gleichgültig vor sich hinglotzend, im Hintergrunde, der Wirt war ihm unbekannt. Auch ihn schien keiner hier zu kennen, und die Erfahrung eines langen Reiterlebens hatte ihn belehrt, daß es hin und wieder nützlich sei, seinen wahren Namen zu verschweigen. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß ein solcher Fall jetzt vorliege. Darum antwortete er stolz und hochfahrend: »Ich bin einer von Röder zu Rödersheim.«

Das Pfäfflein neigte sich achtungsvoll. »Seid Ihr dann nicht mit den schwäbischen Rödern verwandt?«

»Nur von fern, von alters her,« log Eppelein.

»Und wo liegt Eure Burg, gestrenger Herr?«

»Wo Böhmerwald und Fichtelgebirge zusammenstoßen. Indessen – laßt sie liegen. Kommt, werft die Würfel auf den Tisch!«

Der Probst tat, wie ihm geheißen. Während draußen der Regensturm tobte und die Blitze zuckten, würfelten die beiden mit immer größerer Leidenschaft, und der träge Wirt mnßte zu seinem Leidwesen wieder und wieder aufspringen und die kleinen Krüglein füllen, aus denen sie tranken.

Im Anfang gewann Eppelein, und der andere tat selten einen guten Wurf. Mit einem Male aber wendete sich das Blatt völlig. Der Probst nahm ihm nicht nur ab, was er an ihn verloren, es gelang ihm auch, den Beutel, den der Ritter aus Rothenburg mitgebracht hatte, in bedenklicher Weise zu lichten.

Eppelein fluchte lästerlich, und der Gedanke schoß ihm durch den Kopf, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen. Aber er hatte ja die Würfel vorher geprüft und für gut befunden, und daß sein Partner, während er selbst den Kopf im Kruge hatte, derweilen einen Tausch vorgenommen, das ahnte er nicht.

»Seid Ihr denn mit dem Teufel im Bunde?« brüllte er endlich wütend, als der andere wieder einen stattlichen Wurf tat und die Hand ausstreckte, das Geld einzuziehen.

Da geschah, noch ehe der Probst antworten konnte, ein furchtbares Krachen, es ward rot und gelb in der Stube, und ein Teil des Daches prasselte draußen vor den Fenstern auf die Erde nieder.

Unwillkürlich schrien alle auf. Der Wirt stürzte erst ächzend auf die Knie, dann eilte er zur Tür hinaus. Die Knechte sprangen zu ihren Rossen.

Nur die beiden Spieler blieben in der Stube sitzen, aber in sehr verschiedener Verfassung. Eppelein, der keine Nerven hatte, blickte nur erstaunt im Kreise umher und stärkte sich allsogleich durch einen gewaltigen Schluck, als er sah, daß der Schlag nicht gezündet. Der Probst dagegen war halb unter den Tisch gerutscht, das feiste Antlitz war erblichen, und die zitternden Lippen versuchten Gebete zu stammeln.

Eppelein warf ihm einen halb mitleidigen, halb verächtlichen Blick zu. »Kommet zu Euch!« rief er. »Bei Gottes Tod, s'ist doch ein Wunder, daß die Pfaffen, die am meisten vom Himmelreich schwätzen und die Leute damit vertrösten, immer die größte Angst haben, dorthin zu kommen. Da liegen die Würfel, nehmt sie auf!«

»Ich rühre sie heute mit keinem Finger mehr an,« stotterte der Probst. »O Jesus Maria! Das ist die Strafe Gottes!«

»Was zum Henker, ist die Strafe Gottes?«

»Daß der Blitz herniederfuhr.«

»Dann hat sie den Wirt getroffen, nicht uns,« versetzte Eppelein kaltblütig. »Zum Kreuzschwerenot, so nehmt doch Vernunft an!«

»Ich spiele heute nicht mehr und möcht' Euch das Geld wiedergeben, das ich von Euch gewonnen.«

»Ich nehme kein Geld geschenkt!« schnaubte ihn der Ritter an.

»So erlaubt zum wenigsten, gestrenger Ritter, daß ich die Zeche bezahle.«

»Das sei Euch gegönnt,« erwiderte Eppelein nach einigem Nachdenken. »Und seid deß versichert, sie wird nicht klein werden. Unsere Krüge sind voll. Wollen einmal trinken als gute Reisegesellen.«

Sie stürzten zugleich den Wein hinab, und Eppelein schrie nach dem Wirt. Der Probst gewann indessen einen Teil seines Mutes wieder. »Um ein Haar,« seufzte er, »wären wir eben in die selige Ewigkeit abgefahren. O je, o je!«

»Scheint Euch nicht darnach zu gelüsten,« spottete Eppelein, dieweil der Wirt zwei neue Krüge vor ihnen auf den Tisch stellte.

»Im Vertrauen gesagt: Ich komme mir nicht heilig genug für.«

»Wohlgesprochen,« rief Eppelein und stieß mit ihm an. »Auf daß Ihr heiliger werdet! Trinken wir drauf.«

Ein neuer Krug ward nötig. Der Probst wurde jetzt mit jeder Minute redseliger. »Wisset,« sagte er, »unter den Großen im Himmelreiche möcht' ich gar nicht sitzen. Nicht bei den Kirchenvätern und den Heiligen. Aber wenn mir der liebe Herrgott wollte eine Bestallung als Küfer dort geben, das wäre mir recht.«

»Als Küfer? Wie denkt Ihr Euch denn das Himmelreich?« fragte Eppelein verwundert.

»Das Himmelreich ist, wie die heilige Schrift sagt, eine große, überaus herrliche Stadt.«

»Was? Eine Stadt? Pfui Teufel!« schrie der Ritter verächtlich und spuckte aus. »Soll man denn dem Krämerpack dort auch noch begegnen?«

»Und wenn es eine Stadt ist, so muß es auch Häusle haben. Und wo Häusle sind, da muß es auch Wirtshäusle geben, wo die Pilger einkehren, wenn sie rasten und nächtigen wollen. Und da müssen dann auch Küfer sein,« dozierte der Probst mit siegreicher Miene.

Eppelein schwieg eine Weile, dann entgegnete er gelassen: «Mag sein, und ich wünsche Euch Glück dazu. Ich aber mag nicht in jene Stadt. Wenn man dort nicht seinen guten Gaul zwischen den Schenkeln hat, und wenn keine Fehde sein soll und immer nur Friede und wieder Friede, so ist's zum Jammern und Erbarmen und für niemand gut, denn für Klosterweiber. Ich mag da nimmer hin! Nimmer!«

Der Probst bekreuzte sich. »Redet nicht so freventlich, edler Herr!« mahnte er.

»Ach, papperlapapp. Laßt uns von etwas anderem sprechen! Stoßt an! Auf das Wohl Eures Weibes! Ja so, Ihr habt keins. Na, dann auf das Wohl Eurer Großmutter. Gott Hab sie selig! Was meint man in Würzburg über die Zeitläufte? Wird's nit bald ein groß Raufen geben zwischen den Königen, dem zu Böhmen und dem zu Heidelberg?«

Der Probst rückte näher an ihn heran. Er befand sich offenbar im Stadium eines beginnenden Rausches. Seine listigen schwarzen Äuglein glänzten, und seine Nase funkelte.

»Könnt Ihr schweigen?« fragte er geheimnisvoll.

»Das Grab ist eine Lästerstube alter Weiber gegen mich!« knurrte der Ritter.

»So höret: Es wird sich bald ein Sturm erheben in Franken und in Schwaben. Nicht zwischen den Königen, sondern zwischen den Fürsten und Städten.«

Eppelein schlug krachend auf den Tisch. »Eine gute Zeitung!« rief er. »Bei sotaner Gelegenheit kann mancher zu Geld und Ehre kommen!«

»Würdet Ihr mit ausziehen, Herr?«

»Der Teufel hole mich, wenn ich's nicht tue!«

»Und wem würdet Ihr zureiten?«

»Den Fürsten, wenn's nicht gerad' der Burggraf ist. Ich kenne in den Städten einen, der ein edler Mann ist, die anderen sind alle hundertmal vermaledeite Heringsseelen, wenn sie auch ein adlig Wappen führen und in Harnischen einherprunken. Immer gegen die Städte!«

»Das gesegne Euch Gott!« rief der Probst und schwenkte den Krug gegen ihn. »Heil und Sieg! Lasset Euch raten: Ziehet meinem hochwürdigen Herrn von Würzburg zu.«

»Dem verfluchten Pfaffen!« hätte Eppelein beinahe gerufen. Aber da er sich höflich gegen seinen Gastfreund erweisen wollte, unterließ er es und trank, ohne zu antworten, seinen Wein aus. »Wann soll's losgehen?« fragte er dann unwirsch.

Auch der Probst hatte ein neues Krüglein geleert, und nunmehr trat er in den Zustand des zunehmenden Rausches. »Das wird«, entgegnete er wichtig, »von einem abhangen, nämlich von der Ratskürung in Rothenburg.«

»Zum Geier, warum davon?«

»Kennt Ihr der dortigen Bürger Verfassung und Gewohnheit?«

»Nein, die kenne ich nicht und kümmert mich nicht. Weiß nur, daß sie die eine Gewohnheit haben, den Heinz Topler jedes Jahr zum Bürgermeister und überdies zu der Stadt Feldhauptmann zu küren!«

»Ha, das ist falsch!« rief der Probst und rückte ihm noch näher. »Sehet, Herr, die Rothenburger haben einen äußeren Rat und einen innern. Der äußere Rat besteht aus vielen Ehrbaren und kürt jeden ersten Mai den inneren Rat, zwölf Männer, die aus ihrer Mitte den ersten Bürgermeister, den Feldhauptmann der Stadt und noch andere erwählen. Nun sitzen so viele Feinde des Topler im äußeren Rate, daß sie hoffen, er kommt überhaupt gar nicht in den innern Rat, noch viel weniger wird er wieder der Stadt Bürgermeister und Hauptmann!«

»Dann ist das Krämervolk in Rothenburg von Gott verlassen, denn der Heinz Topler ist der einzige in der ganzen Stadt, ja in allen Städten, den die Fürsten und Herren fürchten müssen!«

»Sehr wohl,« versetzte der Probst, »und deshalb rät mein hochwürdiger Herr von Würzburg dem Burggrafen, ganz ruhig zu warten, bis die Rothenburger das Roß totgeschlagen haben, das sie trägt. Denn von dem Tage an, da Topler nicht mehr der Herr ist in Rothenburg, ist er gar nichts mehr, und die Punkte sind schon aufgesetzt, womit sie ihm wollen den peinlichen Prozeß machen. Dann geht's über Rothenburg her und über die andern Städte, die den Bund zu Marbach geschlossen haben wider König Ruprechts Hoheit. Versteht Ihr mich, Herr?«

»Bin nit zu dumm dazu, Euch zu verstehen. Aber woher wißt Ihr das alles? Seid Ihr ein Vertrauter des Bischofs?«

Der Probst lächelte schlau. »Ich trag's ja bei mir. Ein Vivat, edler Herr, allen denen, die nach des Toplers Sturz wider die Städte reiten!«

Eppelein tat ihm Bescheid, aber in seinen gelbgrauen Augen leuchtete es grell auf. Er wußte nun genug. Der da trug ein Schreiben des Würzburger Bischofs Johann an den Burggrafen Friedrich von Nürnberg in der Tasche. Beide Herren waren ihm verhaßt, der eine als Pfaffe, der anders als Feind und Bändiger des adligen Strauchrittertums. In Toplers Schuld aber fühlte er sich immer noch, außerdem imponierte ihm der gewaltige Wann wie kaum ein anderer, den er kannte. Und wenn er dem Pfaffen da den Brief fortnahm, leistete er dem Topler ohne Zweifel einen wichtigen Dienst.

»Der Teufel«, dachte er verwundert, »hat mich offenbar zum Schutzpatron des Topler ernannt.

Wie könnte es anders sein? Vor drei Tagen erfahre ich von dem trunkenen Seinsheim, daß der Burggraf das Jaköble will aufheben lassen, weil es Briefe trage an seinen Vater aus Böhmen. Heute höre ich von dem trunkenen Pfaffen, daß er einen Brief wider den Topler in der Tasche trägt. Hab' ich ihm gestern seine Briefe zugetragen, heute trage ich ihm seiner Feinde Brief zu.«

Aber wie wollte er sich des Dinges bemächtigen? Keineswegs störte ihn der Gedanke, daß der Brief an einen anderen gerichtet war. Der Überfall auf Boten und Gesandtschaften war gang und gäbe, wenn man dadurch seinem Vorteil zu dienen glaubte. Aber er, Eppelein von Gailingen, nahm nur, was er von seinen Feinden erringen konnte, mit Gewalt und in Fehde. Und der hier war nicht sein Feind, er hatte ja eben noch mit ihm gezecht.

Während er so brütete und nur noch einsilbige Antworten gab, wurde der andere immer lärmender und lauter. Er gröhlte mit heiserer Stimme die erste Strophe des Liedes: »Wohin soll ich mich kehren, ich tumbes Brüderlein?« wozu er auf den Tisch trommelte und andere sinnige Kurzweil verübte.

Endlich aber trat er in das Stadium des vollendeten Rausches ein. Er stieß ohne allen ersichtlichen Grund ein dröhnendes Gelächter aus, der Krug, den er zum Munde führen wollte, entschlüpfte seiner Hand, so daß der Wein über den Tisch und in die Stube floß, und er selbst fiel vom Stuhle, so daß nur noch sein Kopf sichtbar blieb.

Er vermochte sich nimmer zu erheben. Eppelein starrte, ohne ihm zu Hilfe zu kommen, auf die Glatze des Gesunkenen hin. »Zuweilen ist der Mensch ein Vieh, zumal wenn er zu viel getrunken hat,« dachte der in diesem Augenblicke philosophisch angehauchte Ritter. Dann stützte er den Kopf in die Hand und sann darüber nach, wie er auf ehrliche Weise in den Besitz des Briefes käme.

Da machte der Trunkene eine Bewegung, und ein Würfel rollte auf dem Erdboden hin, gerade vor Eppeleins Füße.

Blitzschnell hob er ihn auf, und erst maßloses Staunen, dann triumphierender Hohn prägte sich in seinen Blicken aus. Der Kerl hatte also falsch gespielt, hatte ihn betrogen, und einem Schelm und Betrüger, der von rechts wegen an den Galgen gehört, braucht man keine Treue zu halten.

Er stand auf, stellte sich ihm gegenüber und betrachtete ihn lange schweigend. Dann gab er ihm einen sanften Tritt. Der Probst lächelte und hob die Hand, als wolle er segnen.

»O du Himmelsküfer, du Schuft verdammter, ins Fegefeuer gehörst du und nicht ins Himmelreich! Warte, du Untier, ich will dir's gedenken!«

Er warf dem Wirte ein paar Silberstücke zu. »Sattle mein Pferd und führ' es vor,« gebot er. Dann trat er an die Stalltür heran und befahl den Knechten des Probstes: »Ziehet sogleich euere und eueres Herrn Gäule heraus! Der Regen hat aufgehört, und wir wollen reiten.«

Die Knechte gehorchten ohne Arg. Inzwischen trat Eppelein an den Probst heran und riß ihm mit schnellem Griffe die Tasche aus dem Wamse. Der Liegende rief: »Bärbel, vielliebes Bärbel,« rührte sich aber nicht.

Der Ritter streute die Silberstücke auf den Tisch, den Brief nahm er an sich. Dann schritt er hinaus und bestieg sein Roß.

»Ihr Hunde!« redete er die Knechte an, »euer Herr hat mich im Spiele betrogen. Hier sind seine falschen Würfel, stellt sie ihm zu. Und so ihr kämpfen wollt um das, was ich ihm genommen, so kommt heran! Ich sag' euch ab und will meine Ehr' an euch bewahret haben.«

Aber die Knechte traten scheu in das Haus zurück, als er sein breites Schwert aus der Scheide riß.

Da ritt Eppelein mit einem lauten Lachen von dannen.

VI.

In der Herrengasse zu Rothenburg, schräg gegenüber vom Rathause, stand das Haus, das der reiche Geschlechterherr Walter Seehöfer bewohnte. Führte Toplers Haus einen güldnen Greifen als Zeichen über der Tür, so bildete das Wappen des Seehöferschen ein roter Lindwurm in weißem Felde.

Die beiden so nahe verwandten Fabeltiere hatten sich seit einem Menschenalter weidlich gezaust und angefeindet, aber in den letzten Monden munkelte man in der ganzen Stadt, es werde bald guter Friede werden zwischen ihnen. Es hieß, wenn der Jakob Topler, der Bürgermeisterssohn, von Prag werde zurückkehren, so werde er die schwarze Armgard freien, des Seehöfers vierundzwanzigjährige Tochter und einziges Kind, der bis daher noch keiner gut genug gewesen.

Die Einsichtigen unter den Bürgern freuten sich, daß auf diese Weise Friede werden solle zwischen zwei verfeindeten Männern, deren einer das anerkannte Haupt der Stadt war, während der andere als der Zweitreichste galt und großen Einfluß besaß. Die aber dem Heinrich Topler feind waren, wußten sich vor Ärger kaum zu lassen. War doch eben der Seehöfer der gewesen, den sie zum Bürgermeister hatten küren wollen an Toplers statt. Die Gegnerschaft der beiden hatten sie so sicher in ihre Rechnung eingestellt, daß ihnen ein Zweifel gar nicht gekommen war. Nun ging ihr Erkorener selbst in das feindliche Lager über und mußte der Toplerpartei unter den Ehrbaren zum Übergewicht verhelfen. Wenigstens schien es so, denn ob das Gerücht auf Wahrheit beruhe, wußte niemand zu ergründen. Der zähe, ledergelbe Greis in der Herrengasse verstand es meisterlich, etwaige fürwitzige Frager durch spitzige Redensarten zu verwirren und zu verblüffen, und an den Bürgermeister wagte sich überhaupt niemand mit einer Frage heran.

Trotzdem erhielt sich das Gerücht mit großer Hartnäckigkeit, und es erfuhr eine gewisse Bestätigung dadurch, daß der Seehöfer seinem bisherigen Feinde im Rate nicht mehr widersprach und die Trinkstube nicht mehr besuchte, in der sich die Feinde des bestehenden Regimentes zu versammeln pflegten.

Was aber sollte den Alten bewogen haben, den Groll, den er Jahrzehnte hindurch in der Brust getragen, nun plötzlich fahren zu lassen? Darüber zerbrachen sich die klügsten Männer vergebens die Köpfe. Die Toplers waren ja reich, so unermeßlich reich, daß jedes, auch des Seehöfers Vermögen, daneben wenig bedeutend erschien, und der alte Ratsherr war geizig, sehr geizig. Aber am Ende hatte er doch nichts von den Goldgulden, die seiner Tochter durch ihre Heirat zufließen mußten. Gott oder der Teufel mochte wissen, was ihn zur Umkehr getrieben, denn ohne Ehrgeiz war er auch nicht, und man hatte angenommen, er giere heimlich nach der ersten Stelle in der Stadt.

Wie sie aber auch nachsannen, die guten Bürger und ihre Ehehälften, die Lösung des Rätsels fand keiner. Um so begieriger waren sie nun nach Jakob Toplers Heimkehr, zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Aber es entwickelte sich zunächst gar nichts. Der Bürgermeisterssohn stürzte nicht etwa gleich am andern Tage nach des Seehöfers Hause hin, er schien sogar dessen Schwelle geflissentlich zu meiden, denn man sah ihn überhaupt nicht in der Herrengasse auftauchen. Und da das Tag für Tag so blieb, so neigten sich schließlich die Leute der Meinung zu, es sei wohl doch an der Sache nichts gewesen.

Aber eines Tages erschien Jakob Topler dennoch.

Es war schon die Dämmerung hereingebrochen, und Armgard Seehofer hatte zu spinnen aufgehört. Sie war ans Fenster getreten und die Arme über dem Kopfe verschränkend, blickte sie auf die Straße hinaus. Eine Schönheit war sie just nicht, das große, starkgebaute Mädchen, aber ihre Züge waren regelmäßig und nicht unfein, und das üppige blauschwarze Haar, das ihr den Beinamen der schwarzen Armgard eingetragen, gab zu dem blassen Antlitz eine eigenartige Umrahmung. Etwas ganz Besonderes waren ihre breiten dunkeln Brauen, die in der Mitte fast wie zusammengewachsen erschienen. Wer solche Brauen habe, hatte sie einmal flüstern hören, der sei vom Schicksal zu einem leidvollen Leben bestimmt. Ach, sie hatte schon oftmals denken müssen, der Mund jener alten Base habe die Wahrheit gesprochen, denn seit dem frühen Tode ihrer Mutter hatte sie wenig Freude gehabt im Leben. Ihr Vater, der außer seinem Gelde nur noch seine Tochter auf Erden liebte, hatte ihr zwar von jeher jeden Wunsch erfüllt, und sie war von ihrem siebzehnten Jahre an die Leiterin und Herrin des Hauses gewesen. Aber es war ein trübseliges Leben neben dem stark alternden Manne, der mit jedem Jahre mürrischer ward und nur seine eigenen und des Rats Geschäfte im Kopfe hatte. Freundinnen hatte sie nie besessen, denn was die anderen Mädchen schwatzten, und was ihnen das Herz erfüllte, das erschien ihr alles so fremd und gleichgültig, daß sie am liebsten gar nichts davon hörte.

Auch in der Liebe schien ihr kein günstiger Stern aufzugehen. Die patzigen reichen Geschlechtersöhne, die es auf des Seehöfers Geld abgesehen hatten, wußte sie kühl abzufertigen, daß selten einer zum zweiten Male anklopfte. Ihre Neigung war auf einen gefallen, dem sie nach menschlichem Ermessen nie angehören durfte, denn sein Vater und ihr Vater waren Feinde, so lange sie denken konnte.

Schon zu der Zeit, als sie bei den frommen Schwestern im Frauenkloster die Gebete und die schwere Kunst des Lesens und Schreibens erlernte, war ihr der stattliche Bürgermeisterssohn, der um vier Jahre älter war als sie, als das Urbild männlicher Schönheit erschienen. Diese Kinderliebe war in ihrem Herzen fest sitzen geblieben, denn sie kam ja überhaupt schwer wieder los von dem, was sie einmal ergriffen hatte, und dann hatte sich Jakob Topler in der Tat zum ansehnlichsten Jünglinge der Stadt entwickelt. Wenn bei einer festlichen Gelegenheit die Reihe an sie kam, mit ihm zum Reigen anzutreten, und wenn er dann in seiner höflich kühlen Art ein Gespräch mit ihr führte, so klopfte ihr das Herz zum Zerspringen, und sie gab oft verwirrte und verkehrte Antworten. Ritt er an ihrem Hause vorbei, so stand sie gewiß am Fenster, freilich so weit im Zimmer, daß sie von außen nicht gesehen werden konnte, und verfolgte mit glänzenden Augen seine Gestalt, bis sie um eine Ecke der Straße verschwand. Für andere Männer hatte sie überhaupt keinen Blick.

An ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstage hatte sie ihr Vater gefragt, ob sie denn Nonne werden wolle, da sie schon sechs Anträge abgewiesen habe. Da halte sie mit ruhiger Stimme erwidert:

»Ins Kloster ginge ich am liebsten, denn den Einzigen, den ich möcht', den kann ich nicht kriegen.«

»Was? Wer ist's, der des Seehöfers Tochter nicht mag?« war der Alte aufgefahren.

»Ob er mich wollen mag, weiß ich nicht, Vater, er wird es wohl auch nicht dürfen, wie ich es nicht dürfte,« hatte sie erwidert.

Da war dem Vater alles Blut aus dem Gesichte gewichen, und er hatte sie wie im Krampf am Arme gepackt. »Das – das schlag' dir aus dem Sinn! Das kann nicht sein. Das nimmermehr! Sprich's nicht aus. Red' nicht drüber.« Damit war er keuchend aus dem Gemache geschritten.

Sie waren auch nie darauf zurückgekommen. Aber als sie mit der Zeit immer blasser und stiller wurde, hatte er sie oft scheu und kopfschüttelnd von der Seite angesehen, und es war ihr manchmal gewesen, als wolle er sich mit ihr über die Sache aussprechen, wozu es aber doch niemals kam.

So mußte es ihr denn geradezu wie ein Wunder des Himmels erscheinen, als mit einem Male von der Toplerschen Seite Anstrengungen gemacht wurden, ihren Vater zu gewinnen. Der alte Peter Kesselweiß kam als Friedensvermittler ins Haus. Peter Northeimer ließ sich sehen, endlich traten sogar Kaspar Wernitzer und des Bürgermeisters Vetter und geschworener Freund, der Goldschmied Topler, gemeinsam über die Schwelle. Als diese gegangen waren und ihr Vater kurz darauf zur Ratssitzung das Haus verließ, hatte er ihr im Vorbeigehen in seiner kurzen Art gesagt: »Kann sein, daß du doch noch deinen Willen kriegst.«

Da wäre sie ihm am liebsten aufjauchzend um den Hals gefallen, aber er hatte abgewehrt. »Laß nur! Erst schauen, wie der Hase läuft.«

Seitdem hatte sie wie eine sehnsüchtige Braut gewartet auf Jakob Toplers Wiederkehr. Nun war er gekommen, aber zu ihr kam er nicht. Erst hatte sie selbst allerlei Entschuldigungen und Gründe dafür ersonnen, aber sie war zu ehrlich, um sich selbst betrügen zu können. Sein Fernbleiben konnte nur den einen Grund haben: Er mochte sie nicht, er verschmähte sie. Sie fühlte sich grenzenlos gedemütigt, ja, sie kam sich wie entehrt vor. Sie floh aller Menschen Anblick und vergrub sich ganz in die Einsamkeit ihres Hauses. Hätte sie nun vollends gewußt, daß ihre Herzenssache die ganze Stadt beschäftige, so wäre sie nicht einmal zu den notwendigsten Ausgängen zu bewegen gewesen. Aber das wagte dem stolzen und abweisenden Mädchen niemand zu sagen.

An diesem Abende nun war ihr das Herz besonders schwer, denn heute vor sieben Jahren war ihre selige Mutter heimgegangen. Armgard hatte am Morgen ihr Grab mit Blumen geschmückt und der Totenmesse beigewohnt, die für die Seele der Abgeschiedenen in der Franziskanerkirche gelesen wurde. Nun, als sie in der Abenddämmerung am Fenster stand, kam mit einem Male das Gefühl der völligen Einsamkeit über sie, stärker als es sie in den letzten Jahren jemals überfallen hatte. Sie ward sich mit einer Art von Grausen dessen bewußt, daß sie kein Herz besaß, an das sie sich flüchten konnte mit ihren geheimsten Schmerzen, denn ihr Vater hätte sie nicht verstanden. Sie ließ die Arme schlaff an der Seite herabgleiten, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und um den Mund zuckte es wie verhaltenes Weinen.

Da plötzlich richtete sie sich hoch empor und trat unwillkürlich einen Schritt vorwärts. Alles Blut drängte sich ihr zum Herzen, und sie preßte beide Hände gegen die Brust. Vom Rathause her quer über die Straße kam der geschritten, auf dessen Kommen sie Tag für Tag mit immer größerer Sehnsucht geharrt hatte. So düster es draußen war, seine hohe Gestalt war nicht zu verkennen, sie war nur noch wenige Schritte von ihrem Hause entfernt.

Eine Flut von Gedanken wirbelte ihr mit einem Male durch das Gehirn, vor allem die Frage: Warum schritten die Brautwerber nicht vor ihm her, wie es Brauch und Sitte war in Rothenburg? Aber ehe sie sich noch eine Antwort selbst zurechtlegen konnte, stand er schon vor ihr. Die Türen in den Häusern der Reichsstadt führten direkt von der Straße her in das große Gemach, das zu ebener Erde lag, und wo der Herd des Hauses stand.

»Grüß Gott, Armgard Seehöferin!« sagte er und streckte ihr die Hand hin.

Ihre Rechte zitterte so, daß sie kaum die Kraft fand, sie in die seine zu legen. Sie vermochte auch kein Wort hervorzubringen, aber der Blick, den sie ihm zuwarf, mußte jedem sagen, wie es um sie stand. Und dieser Blick schien den jungen Mann ebenso zu verwirren, wie zu erschrecken, denn er zuckte zusammen, ließ ihre Hand fahren und fragte mit einer Beklommenheit, die ihm sonst nicht eigen war: »Zu deinem Vater will ich, Armgard.«

»Nun ja, zu meinem Vater, aber doch auch zu mir!« antwortete sie mit einem holdseligen Lächeln, während ihre Augen leuchteten und ihre Wangen sich allmählich mit lieblichem Rot übergossen.

Jakob stand da, als hätte der Blitz vor ihm eingeschlagen. Er war kein Frauenkenner, aber ihr Aussehen, ihr ganzes Wesen ließ nur eine Deutung zu: Dieses Mädchen liebte ihn und war selig, daß er den Weg zu ihr gefunden. Sie erwartete, daß er sie in dem nächsten Augenblicke in seine Arme nehme und sie frage, ob sie sein Weib werden wolle, und er sah es in ihren Augen, daß sie sich beim ersten Worte jauchzend an seine Brust schmiegen werde. Nun mußte er sie aufs grausamste enttäuschen, und ein tiefes, herzliches Erbarmen stieg in seinem Innern empor. Ja, er kam sich fast wie ein Nichtswürdiger vor dieser Jungfrau gegenüber, die zitternd und erschauernd vor ihm stand und ein Glück von ihm begehrte, das er ihr doch nimmer zu geben vermochte.

Er atmete daher auf, als die Tür der Hinterstube sich öffnete und Armgards Vater eintrat. Der Ratsherr war bereits sehr übler Laune, weil er zurzeit an der Fußgicht litt und nur schwer, auf einen Stock gestützt, einherschreiten konnte. Seine Miene war deshalb schon gallig und finster, als er die Tür aufstieß, aber wie in Nacht getaucht ward sein Antlitz, da er den Sohn seines Feindes vor seiner Tochter stehen sah.

Indessen beherrschte er sich und sprach in eisigem Tone:

»Ei, sieh da, der junge Topler! Viel Ehr für mein schlechtes Dach, wenn der Sohn des Vaters der Stadt darunter Einkehr hält! Was willst du bei mir, Jakob Topler? Glaubte nimmer, daß du noch kämest, da mich deine Gesippten, solange du da bist in Rothenburg, mit Achselzucken an der Nase herumgeführt haben, wenn ich nach dir fragte.«

»Mit Euch reden will ich, Herr Ratsherr!« erwiderte Jakob Topler fest.

»Mit mir reden? So komme!«

Er schritt voran in das Nebengemach und warf sich ächzend in einen Sessel. Jakob folgte und schloß hinter sich die Tür. Der Ratsherr lud ihn nicht zum Sitzen ein, sprach auch zunächst kein Wort.

Armgard Seehöfer war zurückgeblieben mit zitternden Knien und weit geöffneten, schreckensstarren Augen. Was, um aller Heiligen willen, sollte das bedeuten? Kam so ein Freier, und ward so einer empfangen?

Sie hatte in ihrem Leben noch nie gelauscht, aber jetzt konnte sie nicht anders. Mit wildpochendem Herzen schlich sie an die Tür heran, die sie von den beiden Männern trennte.

Sie vernahm zunächst gar nichts. Dann erklang die Stimme ihres Vaters hart und scharf: »Noch einmal: Was willst du von mir, Toplers Sohn?«

»Ich will mit Euch reden um meines Vaters willen!«

»Um deines Vaters willen? Weiß das dein Vater?«

»Er weiß es nicht!«

»Glaub's wohl! Nun. was willst du?«

»Ich will, daß Ihr aus seinem Feinde zu seinem Freunde werdet.«

Ein heiseres Gelächter kam aus des Alten Brust. »Da habt ihr den rechten Weg gefunden, ihr Topler!«

»Herr,« sagte Jakob, »höret mich an. Ihr habt, als ich ein Bube war, einen Handel gehabt mit meinem Vater um den Hof zu Vorbach, der mein ist, da er erkauft ist von meiner Mutter Geld und Gut und mir zugeschrieben. Ihr habt den Handel verloren, das Gericht hat Euern Antrag abgewiesen. Nun ist der Hof wohl an die zwölfhundert Gulden wert einem jeden, der ihn besitzt, für Euch aber noch viel mehr, denn er schneidet in Euer Gebiet. Den Hof will ich Euch zueignen mit Brief und Siegel ohne jedes Entgelt, wenn Ihr aufhöret, meinem Vater feind zu sein und Euch hinfort jeglicher Feindschaft und Handlung gegen ihn enthaltet.«

Eine Weile blieb es still. Dann ein gurgelnder Laut, ein erstickter Schrei. »Kaufen willst du mich, Hund? Kaufen meinen Haß und meine Rache? Haha! Der Vater stahl mir die Braut, der Sohn macht mir die Tochter elend – – und nun Geld für mich! Bube! Das für dich!« Wie ein Panther sprang Seehöfer, seiner Schmerzen nicht achtend, aus dem Sessel empor und riß das Messer aus der Scheide, das er an der Hüfte trug.

Da flog die Tür auf. Blaß wie eine Tote warf Armgard sich zwischen die beiden, schlug des Vaters Arm beiseite und drängte ihn mit übermenschlicher Kraft auf seinen Sessel zurück. Das Messer fiel polternd zur Erde.

»Vater!« lief sie außer sich. »Um Gottes willen, komme zu dir! Willst du ein Mörder heißen?«

Der alte Seehöfer war auf seinen Stuhl zurückgesunken und rührte sich nicht, sondern blickte nur seine Tochter mit starren Augen an. Entweder hatte ihm der Zorn die Glieder gelähmt, oder es dämmerte ihm das Bewußtsein, daß sie ihn vor einem furchtbaren Geschicke bewahrt hatte. Denn auf dem Bruche des Stadtfriedens durch blutige Gewalttat stand das Rad, und nichts hätte ihn retten können nach der in jäher Wut vollbrachten Tat, als sofortige Flucht ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

Ein paar Augenblicke blieb es stille. Dann sagte Armgard: »Ich will, Vater, daß du hier bleibst. Und mit dem da werde ich reden!«

Der Alte erwiderte nichts. Es war etwas in den Augen seiner Tochter, was ihn bezwang. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen und blieb sitzen, als sie mit Jakob in den Vorderraum trat und die Tür hinter sich ins Schloß warf.

Mit flammendem Gesichte trat sie drüben auf den Mann zu, und ihre Blicke in die seinen bohrend, fragte sie: »Warum hast du so an mir gehandelt, Jakob Topler? Warum dies freventliche Spiel mit mir?«

»Ich habe kein Spiel mit dir getrieben, Armgard!« erwiderte er traurig. »Während ich ferne war, haben meine Gefreundeten gemeint, sie wollten den Zwist unserer Väter aus der Welt bringen, indem sie uns zu einem Paar machten. Sie hatten mich vorher nimmer gefragt.«

»Und warum verschmähst du mich?«

Er zögerte mit der Antwort. «Sag' mir's ehrlich, bin ich dir nicht gut genug? Oder kannst du den Toplerhaß nicht überwinden gegen meinen Vater?« rief sie, und ein zorniger Schmerz klang aus ihren Worten. Sie war jetzt nicht das verschlossene, stolze Mädchen, als das alle Welt sie kannte. Sie war nur noch das Weib, das um das höchste Glück des Lebens kämpfte.

Jakob blickte sie fast scheu an, er hatte noch nie ein Mädchen so gesehen. Dann sagte er leise: »Weil ich eine andere lieb habe.«

Da breitete sich Totenblässe aus über Armgard Seehöfers Antlitz, und sie sank mit einem Wehlaute auf die Bank, die neben ihr stand. Dann glitt sie auf den Boden nieder, auf die Knie und legte ihre Stirn auf das harte Holz der Bank. So lag sie lange. Aber kein Schluchzen erschütterte ihre Gestalt, und kein Laut kam aus ihrem Munde.

Jakob sah tief ergriffen auf sie hernieder, und es ward ihm unaussprechlich wehe ums Herz. »Lebe wohl, Armgard,« sagte er. »Gott gebe, daß du mich vergißt. Ich kann nicht anders.«

Bei diesen Worten richtete sie den Kopf auf und sagte mit harter Stimme: »Gehe, Jakob! Und da du nun weißt, wie sehr ich dich lieb habe und da du mich verschmäht hast, so ist kein Platz mehr für mich in der Welt. Das wisse!«

»Armgard!« rief er entsetzt. »Suchst du den Tod?« Aber sie schnitt ihm das Wort ab.

»Ich fürcht' mich vor der Sünde, das tu' ich nimmer. Aber ich gehe zu den frommen Frauen und lasse mich schleiern. Und nun geh', ach geh'!«

Am andern Morgen entbot Heinrich Topler seinen Sohn zu sich. »Du bist bei Walter Seehöfer gewesen?« fragte er ihn beim Eintritt, statt des Morgengrußes.

»Ja. Vater.«

»Trotzdem ich dir's widerriet?«

»Ich wollte dein Bestes, Vater.«

Heinrich Topler antwortete nicht sogleich. Er ging mit großen Schritten in dem Gemache auf und ab, eine tiefe Falte stand ihm zwischen den Brauen, und er fuhr wieder und wieder mit der Rechten über den dunkeln Bart, wie er immer tat, wenn er in Erregung war.

Endlich blieb er vor seinem Sohne stehen und sprach düster: »Ich hätt' dir's sollen sagen, was zwischen mir und dem Seehöfer steht. Dann wärest du gar nicht erst auf die Narrheit verfallen, hier etwas tun zu wollen mit Geld. So wisse: Vor mehr denn dreißig Jahren freieten wir um dieselbe Jungfrau, deine Mutter, Barbara Wernitzer. Die Alten hatten sie dem Seehöfer zugesagt, sie wollt' mich. Sie setzte auch endlich ihren Willen durch, und sie hat's Gottlob nicht zu bereuen brauchen. Seitdem behauptet er, ich hätt' ihm die Braut gestohlen. Einmal ist er vom Rat in schwere Buße genommen, weil er es öffentlich sagte. Da ließ er's, aber mein Feind war er immerdar und ein unredlicher Feind dazu. Denn etliche sind mir gram, weil sie meinen, daß ich durch ein waghalsig Spiel die Stadt verderben werde. Das sind Esel, aber ehrliche Feinde, denn sie sind wider mich um der Stadt willen. Er jedoch weiß ganz wohl, daß ich gut regiere und würde genau so handeln, wenn er die Kraft hätte. Deshalb nenne ich ihn einen unredlichen Feind. – Wie war der Auftritt zwischen euch?« fügte er hinzu.

Jakob erzählte, und sein Vater unterbrach ihn mit keinem Worte. Als er geendet hatte, rief Heinrich Topler erregt: »Der törichte Greis mit seinem Jähzorne und seinem sinnlosen Hasse! So war er immer schon, und wie ein Wunder schien mir's, daß er doch endlich wollte Frieden machen. Er hat's also tun wollen um des Glückes seiner Tochter willen. Und nun ward er doppelt voller Gift und Haß. Er hat seine Strafe, denn es heißt in der Stadt, die Gicht sei ihm in den Leib getreten, und er müsse sterben!«

Jakob machte eine Gebärde des Schreckens. »Und die Armgard?« fragte er.

»Sie wird ihn pflegen. Was soll sie sonst tun?«

»Sie hat mir gesagt, sie wolle ins Kloster gehen.«

Überrascht und erschrocken blickte der Bürgermeister seinen Sohn an. »Und die tut's auch!« rief er. »Die redet nicht nur so, die tut, was sie sagt. Ach, wir Topler! Worüber hinweg führt unser Weg!«

»Ich acht', Vater, er dürfte vielleicht noch über manchen Toten führen,« versetzte Jakob hart.

Da erwiderte Heinrich langsam und mit schwerer Betonung: »Ach, mein Sohn, eines Weibes zerbrochenes Herz ist manchmal eine schwerere Last auf der Seele, als ein erschlagener Mann.«

Dann erschien Henrich, der Stadtschreiber, um ihn zum Rate abzuholen.

VII.

Es kam ein Gerücht auf in Rothenburg und flog mit Windeseile durch's ganze Tauberland. Überall ward darüber diskutiert, in allen Trinkstuben und in allen Gassen, und wo zwei Bürger zusammen saßen oder standen, mochte man sicher sein, sie redeten zusammen über nichts anderes.

Dieses Gerücht lautete: Der Heinz Topler will, daß die Handwerker mit in den Rat kommen.

Das Wort fuhr in die Seelen hinein, wie ein zündender Blitzstrahl, bei den einen wilden Groll, bei den anderen heiße Freude entfachend. Ward es zur Wahrheit, dann brach eine neue Zeit an für Rothenburg. Denn was in vielen Reichsstädten längst erreicht war, die Teilnahme der Bürgerschaft am Regiment und an der Verwaltung, das gab's noch nicht in der mächtigen Tauberstadt. Die Geschlechter herrschten da ganz und gar, etwa hundert und zwanzig Familien, die von alters her ein adlig Wappen führten und im Ritterharnisch und hoch zu Roß zu Felde zogen. Wer diesen Geschlechtern durch die Geburt angehörte, der war ratsfähig, und wenn er zu seinen Jahren kam und ein Haus gründete, dann konnte er in den äußeren Rat kommen. Wem es gelang, eine reiche Erbtochter aus ihren Reihen heimzuführen, den durfte der innere Rat der Zwölfe in die Zahl der Ratsfähigen aufnehmen. Er durfte aber dann nicht Handel und Gewerbe treiben und noch viel weniger ein ehrsames Handwerk. Das erachteten die Geschlechter für unwürdig eines Ehrbaren; ein solcher durfte nur von den Erträgnissen seiner Güter und Weinberge leben und von den Zinsen der Kapitalien, die er auslieh. Aber eine solche Aufnahme unter die Zahl der Stadtherren geschah sehr selten.

Somit war nicht nur das kleine, niedere Volk, sondern auch die wohlhabende Kaufmannschaft und das gesamte, gerade hier so blühende Handwerk von jeder Teilnahme am Regimente ausgeschlossen. Die Bürger von der Gemeine, wie man sie im Gegensatz zu den Ehrbaren nannte, trugen alle Lasten und Pflichten mit auf ihren Schultern, aber zu sagen hatten sie gar nichts. Der innere Rat mußte zwar alljährlich Rechenschaft ablegen von seinem Tun und Treiben, aber nicht ihnen legte er sie ab, sondern dem äußeren Rate. So blieben die regierenden Herren immer hübsch unter sich. Nur in den Fällen der dringendsten Not und der alleräußersten Gefahr rief der innere Rat einmal die ganze Gemeinde zusammen, um ihren Rat und Willen zu hören. Es stand aber auch dann noch ganz in seiner Hand, ob er diesem Rate und Willen auch wirklich nachleben wollte. Denn niemand konnte ihn dazu zwingen. Überdies war solch eine Zusammenrufung noch seltener wie eine Ratsaufnahme, denn man durfte um Gottes willen dem gemeinen Manne nicht gewähren, in Dinge dreinzureden, über die nur den Ehrbaren Urteil und Entscheidung zustand.

Schon vor einem Menschenalter hatte dieses Wesen viele gewurmt in der Bürgerschaft, und es hatte damals mancherlei Rumor, Widersetzlichkeit und Aufruhr in der Stadt deshalb gegeben. Je mehr aber Heinrich Toplers Stern in die Höhe gestiegen war, um so stiller war's geworden unter den Bürgern von der Gemeine. Nicht die Ehrbaren regierten ja jetzt in Rothenburg, der eine Mann hielt das Regiment in der Hand, und er herrschte mit furchtloser und furchtbarer Gerechtigkeit. Er kannte nur ein Ziel, das Wohl der Stadt, wer dawider frevelte, verfiel dem grausamen Gesetz, mochte er ein Ehrbarer sein oder ein Gemeiner. Als er im großen Städtekriege aller Reichsstädte oberster Feldhauptmann gewesen war, hatte er einen edelgeborenen Verräter blenden, einen andern enthaupten lassen. Auch im Frieden hielt er jederzeit strenge auf's Recht, duldete nirgends einen Übergriff, hatte sogar die Juden in Schutz genommen, als Anno dreizehnhundertunddreiundneunzig die Franziskanerpfäfflein wieder einmal gegen sie predigten und ihre Plünderung und Vertreibung zur höheren Ehre Gottes empfahlen. Damals war er allein ins Kloster geschritten, hatte die Mönche zu einem Konvent versammeln lassen und sie angeredet: »Ich höre mit sonderbarem Unwillen, ehrwürdige Patres, daß ihr wider die Juden eifert, so in unserer Stadt leben. Diese sind nützliche Leute, bringen viel Geld zu uns. Es ist mein Wille nicht, daß man sie verfolge und vergewaltige, wie es gestern versucht ist an Esther, des alten Manasse Tochter und nur verhindert ward, weil der ehrbare Peter Kesselweiß dazwischensprang. Die Schelme liegen im Turme, die sich dessen unterstanden und werden schwere Buße zahlen, die von rechts wegen die zahlen müßten, die sie zur Schandtat aufgehetzt. So lasset das Fluchen und Zetern sein, ehrwürdige Patres, denn ich leide keinen Tumult in Rothenburg. Warum auch die armen Leute quälen und torquieren? Weil sie Geld ausleihen auf Pfand und Handschrift? Tun wir nicht auch also, obwohl wir verstehen, der Sach' ein buntes Mäntlein umzuhängen? Und zwingen wir sie nicht dazu, sintemalen wir ihnen jede ehrbare Hantierung verbieten? Oder sollen wir sie schlagen, weil ihre Väter den Heiland gekreuziget haben? Ach, unter uns kreuzigen ihn täglich viele durch ihr sündhaft und lästerlich Leben! Lasset sie gehen, sag' ich, es ist schon genug Strafe von Gott, als Jüd geboren zu sein. Sollt aber einer weiterhin hetzen und schüren – – bei Gottes Wunden und Sankt Jakobi Blut! so laß ich ihn in seiner Kutten über die Stadtmauer hängen, bis daß er blau wird. Dies mein Wille und ernst Gebot. Gehabt euch wohl!«

Damit war's zu Ende mit der Judenhetze in Rothenburg. denn der Heinz Topler hielt sein Wort, das wußte jeder. Und der Abt blieb trotzdem sein Freund, wozu er gewichtige Ursache hatte. Denn unter seinem Schutz waren Sankt Franzisci Güter und Liegenschaften so sicher, wie sie vordem nimmer gewesen, und so riesige Spenden, wie aus dem Hause zum güldenen Greifen, flossen aus keinem anderen Hause der Stadt in den Säckel des Klosters.

Unter einem solchen Herrn fand jeder Recht, und keiner brauchte ein Unrecht zu erleiden. Aber die Klügeren unter den gemeinen Bürgern erwogen doch oftmals beim Becher, was dann werden sollte, wenn Heinrich Topler stürbe, oder es dem Hasse seiner Feinde gelänge, ihn zu Fall zu bringen. Dann könnte es geschehen, meinten sie, daß es drunter und drüber ginge in Rothenburg, weil man dann die alleinige Herrschaft der Geschlechter nimmer dulden würde. Stieg doch die Erbitterung gegen sie mit jedem Tage höher, nicht weil sie Frevel und Gewalttat verübten – das vermochten sie nicht – sondern weil sie sich von der Bürgerschaft hochmütig absonderten und die Berührung mit den gemeinen Leuten vermieden, als wären diese unrein und sie selbst aus anderem, feinerem Stoffe gemacht. Zur Schau getragene Hoffart reizt ja zumeist die Gemüter der Menschen mehr, als selbst ein erlittenes Unrecht.

Nun hörte man, der Bürgermeister wolle die Gemeinen in den Rat bringen. Noch war's nur ein Gerücht, es wußte eigentlich niemand, wie es aufgekommen. Hatte er selbst es geäußert? War es nur eine Ausstreuung seiner Feinde, die den Groll der Geschlechter schüren wollten, damit diese ihm um so aufsässiger wurden? Niemand vermochte etwas Genaues zu erfahren. Denn Heinrich Topler schwieg darüber und sprach sich in keiner Weise aus. Wer ihn fragte, erhielt eine kurze, abweisende Antwort. Aber das Gerücht erhielt sich trotz alledem.

So kam im April das heilige Osterfest heran. Das war für Rothenburg von alters her ein Tag reicher Ernte, weil sich da große Pilgermengen einzufinden pflegten, um vor dem Altare des heiligen Blutes zu beten. Ein solcher Zustrom aber wie in diesem Jahre, war noch niemals dagewesen. Große Züge von Wallfahrern zogen durch die Tore der Stadt, singend und betend, mit vorausgetragenen Fahnen und Kruzifixen, mit Flöten und Posaunen. Und eine gewaltige Summe Geldes floß dadurch den Bürgern zu, denn das fromme und heilige Wesen hörte bei den meisten Pilgern auf, wenn sie ihre Andacht verrichtet, die vorgeschriebenen Gebete abgeleistet hatten. Dann ging's ans Essen und Trinken und andere Lustbarkeiten, und die Bürger konnten ihren Wein für gutes Geld loswerden, wo man doch schon gefürchtet hatte, man werde ihn unterm Preise verkaufen müssen, da die letzten Weinjahre allzu gut waren.

So bewährten die Ablässe, die Heinrich Topler seiner Stadt verschafft hatte, zum ersten Male ihre Zugkraft, auch der Dümmste mußte einsehen, wie klug und zum Vorteile Rothenburgs sein Bürgermeister gehandelt. Drum war wieder einmal sein Name in aller Munde, selbst viele unter den Ehrbaren, die sonst seinen Gegnern zuneigten, priesen seine weise Umsicht und dachten freundlicher von ihm, ja manche bekehrten sich und gingen zu seiner Partei über.

Denen, die ihn haßten und auf seinen baldigen Sturz hinarbeiteten, war das natürlich sehr unlieb, und sie suchten seine Verdienste nach Möglichkeit zu verkleinern. »Sehet,« sagte der Ratsherr Peter Creglinger in der Trinkstube zum roten Ochsen höhnisch zu seinen Parteigängern, die um ihn herumsaßen, »sehet, der Topler ist hier, was er immer war, ein ganz schlauer Fuchs. Und unsere Bürger zeigen sich so, wie sie sich immer gezeigt haben: als einfältige Gimpel, die dem Vogelsteller auf die Leimrute fliegen. Was mag ihm der Handel in Rom gekostet haben? Sagen wir drei-, auch viertausend Gulden, und mögen's vier- oder fünftausend gewesen sein. Nun hat er vierzehn Häuser hier in der Stadt, auf sechsen ruht die Schankgerechtigkeit. Setzen wir, er habe in den itzigen Tagen um hundert und mehr Gulden Wein verkauft. Dann kommt das Pfingstfest, der Tag Sankt Jakobi und noch mehrere andere, da es nicht leerer sein wird in unserer Stadt. Ein schöner Zins, ihr Herren, den er einstreicht! Nicht wahr?«

Die Ehrbaren blickten einander verdutzt an und lachten. Von der Seite hatten sie die Sache noch gar nicht angesehen. »Ist ein Teufelskerl, der Topler!« rief Hans Fürbringer in unwillkürlicher Bewunderung aus, obwohl er dem Bürgermeister spinnefeind war.

»Nein, ein Teufelskerl ist unser Creglinger, daß er alle solche feinen Praktiken durch sein kluges Hirn ans Tageslicht bringt!« schrie der vierschrötige Hans Offner und schwenkte seinen Krug. »Heil dir, Gevatter, ich trink's zu deinem Wohle.«

Creglinger tat ihm Bescheid und blickte stolz im Kreise umher, wie ein Hahn, der das größte Korn dem Miste entscharrt hat.

»Man breite das Wort Creglingers recht fleißig aus,« näselte der lange Fürbringer mit seiner hohen Fistelstimme. »Es ist Goldes wert und wird dazu verhelfen, daß dem gemeinen Volke die Augen aufgetan werden über seinen Götzen.«

Als Heinrich Topler erfuhr, was seine Feinde über ihn aussprengten, lachte er kräftig und sagte zu seinem Sohne: »Da siehst du, wie das Gewürm sich müht, die Wurzeln meiner Kraft abzunagen. Dabei haben sie ganz recht, der Stadt gemeiner Vorteil ist auch der meine.«

»Sie werden doch den einen oder den andern abwendig machen von dir,« meinte Jakob besorgt.

»In Gottes Namen. Ich habe gewählt. Von nun an stütze ich mich ganz auf die Gemeinen, und du, mein Sohn, gehst nachher zu den verschiedenen Meistern der Zünfte und ladest sie auf Glock sieben in unser Haus. Mit ihnen will ich reden.«

»Ohne Wissen und Willen des Rates, Vater?« fragte Jakob, über diese Kühnheit doch einigermaßen erstaunt.

»Ohne desselben Wissen und Willen,« gab der Bürgermeister ruhig zur Antwort.

Am anderen Morgen flog die Kunde von Haus zu Haus durch die ganze Stadt, daß der Topler die Zunftmeister bei sich gehabt habe zu einer vertraulichen Beredung. Solche Versammlungen waren streng verboten, soweit sie nicht mit Genehmigung des ehrbaren Rates stattfanden, auch mußten auf jeden Fall mehrere Ratsmitglieder hinzugezogen werden, damit keine Festsetzung stattfinden könne wider der Stadt Recht und Gewohnheit.

Ohne Frage war auch der regierende Bürgermeister an dieses Verbot gebunden, denn die Statuten und Willküren Rothenburgs machten darin keiner Person gegenüber eine Ausnahme. So hatte sich denn Heinrich Topler mit der eigenmächtigen Zusammenrufung der Meister außerhalb des Gesetzes gestellt. Es war klar, daß er nun weitergehen wollte und mußte.

Bei seinen Feinden erregte diese Nachricht den größten Ingrimm und die höchste Erbitterung.

»Wäre ich nicht siech und krank,« knirschte Walter Seehöfer, als ihm die Kunde von seinen Getreuen zugetragen wurde, »weiß Gott, ich ließe die Ratsglocke läuten und die Ehrbaren zusammenrufen und den Topler festnehmen und richten als einen Verräter an der Stadt. Tut Ihr's, Creglinger, ich bitt' Euch!«

»Den Teufel will ich tun!« erwiderte der und kraute sich in seinem dünnen roten Haarschopfe.

»Was meint Ihr? Seid Ihr von Sinnen? In einer Stunde hätten sein Sohn und sein Eidam die ganze Stadt bewegt, und die Rebellen ständen in Wehr und Waffen vor dem Rathause, um ihren Heiligen zu befreien.«

»So hebt das ganze Nest aus! Es ist ein gemein Sprichwort im Lande: Das Kalb muß folgen der Kuh,« ächzte Seehöfer, »Hans Offner, Gevatter, tue mir die Lieb' und sei ein Mann!«

»Hab' Weib und Kind daheim, werter Gevatter. Auch juckt mich nicht der Hals,« antwortete der.

»Memmen seid Ihr allesamt, alte Weiber, Schlafkappen!« schimpfte Seehöfer und suchte sich aufzurichten, fiel aber gleich wieder stöhnend zurück.

»Gehabt Euch wohl, Seehöfer, und pflegt Euern Leib, daß Ihr in Bälde gesundet!« sagte Creglinger. »Es lässet sich itzo nichts tun, er hat das Spiel in den Händen. Aber der Tag kommt noch, da wir ihn fassen. Dann soll er die Suppe fressen, die er uns eingebrockt.«

So dachten Heinz Toplers Feinde unter den Ehrbaren. Aber auch seine Getreuen wurden zum Teil stutzig. Nur Peter Northeimer und Kaspar Wernitzer blickten weit und sahen scharf genug, um zu begreifen, daß ein Teilnehmen der gemeinen Bürger am Regimente der Stadt bei dem wachsenden Reichtume der nicht edelgeborenen Kaufleute und Handwerker auf die Dauer nicht zu verhindern war. Die anderen zuckten die Achseln und machten bedenkliche Mienen. Manchem war schon der Gedanke peinlich, mit jemandem teilen zu sollen, was man bisher ganz allein besessen. Andere meinten, die Aufnahme von Metzgern oder Sattlern oder Schmieden in den Rat werde die Quelle zahlloser Störungen und Unruhen werden, denn derartige Leute würden dann, vom Hochmutsteufel besessen, ihre Nase in alles stecken, auch in das, wovon sie nichts verständen. Ja, es gab sogar solche, die kurzab erklärten, es sei Gottesordnung, daß sie selbst herrschten, das niedere Volk die Lasten trüge und das Maul hielte.

Unter den letztgenannten waren drei, die sonst zu den besten der Stadt gehörten, der alte Konrad Bermeter, der noch ältere Peter Kesselweiß und der gleichfalls hochbejahrte Ulrich Berlein. Die drei bildeten ein Kleeblatt, das fest und treu zusammenhielt und jede Woche zweimal zusammenkam, um bei einem guten Becher Roten das Wohl der Stadt und sonstige Geschehnisse in feierlich ernster Rede zu beraten. Ihres ehrwürdigen Aussehens wegen wurden die drei weißbärtigen Greise scherzweise die Heiligen drei Könige genannt. Sie pflegten sonst mit Heinrich Topler durch dick und dünn zu gehen und gehörten zu den festen Stützen seiner Partei, aber über das, was sie jetzt von ihm vernahmen, schüttelten sie die schneeigen Häupter. Neuerungen waren ihnen überhaupt nicht lieb, und solch eine durchgreifende Neuerung dünkte sie hochgefährlich. Zum ersten Male begriffen sie den Bürgermeister nicht, und bekümmert und sorgenvoll saßen sie beieinander und wußten nicht recht, was sie sagen sollten. Die Kunde erschien ihnen gar zu ungeheuerlich.

Endlich sprach der alte Bermeter mit der Bedächtigkeit und Gemessenheit, die ihn von jeher ausgezeichnet hatte: »Liebe Gesellen, ich acht', wir streiten um des Kaisers Bart. Weiß denn jemand, was der Heinz Topler will?«

»Er sagt's auch keinem und die Zunftmeister auch nicht. Ich meine, er hat ihnen ein Gelöbnis abgenommen!« rief der lebhafte Kesselweiß dazwischen.

»Uns wird er's sagen, wenn wir ihn fragen,« fuhr Bermeter fort. »Wir sind dreißig Jahre seine Freunde gewesen, und er hat manchen guten Rat von uns genommen, da er noch jung war. So wollen wir uns denn an ihn selbst wenden. Morgen am Sonntag, wenn das Hochamt aus ist, wollen wir ihm folgen in sein Haus, und er wird uns die Antwort nicht weigern.«

So geschah's. Am anderen Vormittage wanderten die Heiligen drei Könige in ihren Festgewändern einträchtiglich zur Jakobikirche hin. Denn dort wurde bereits der Gottesdienst abgehalten, das Innere des riesigen Baues war fertig, während man draußen an den Türmen, Pfeilern und Verzierungen noch jahrelang zu arbeiten hatte.

Nachdem das letzte Amen verklungen war, folgten die drei dem Bürgermeister nach seinem Hause. Sie taten das nicht allein, sondern eine ganze Menge von Bürgern gab ihm das Geleit, um ihm zu zeigen, wie sie ihn ehrten.

Berlein zog die Augenbrauen hoch. »Da sehet, liebe Gesellen, wie sie dem Heinz tun,« flüsterte er. »Wie ein Fürst zieht er dahin, dem seine Hofleute nachlaufen. Er muß ja hoffärtig werden in seinem Gemüte.«

»Der Heinz Topler nimmer!« versetzte der alte Bermeter kurz. »Der hat einen zu klaren Kopf, der Weihrauch umnebelt ihn nicht.«

Die Greise warteten an der Ecke, bis sich das Volk verlaufen hatte. Dann schritten sie eilend nach dem Hause zum güldenen Greifen und betraten des Bürgermeisters Gemach, eben als er sich ermüdet in seinen Sorgenstuhl geworfen hatte. Aber er stand sogleich auf und begrüßte die drei in seiner gewinnenden Weise.

»Was steht zu Euern Diensten, liebe Freunde und Gevattern? Was führt Euch zu mir? Ich bitt' Euch, nehmt Platz!«

»Lieber Heinz,« sagte Bermeter, indem er sich würdevoll niederließ. »Wir sind gekommen, dich um etwas zu befragen und meinen, uns wirst du Rede stehen und die Frage nicht verübeln.«

»So sprich, Gevatter Bermeter. Dir und Euch beiden weigere ich keinen Bescheid!«

»Es gehet ein Geschrei in der Stadt, Heinz, du wolltest den alten Rat stürzen und die Bürger von der Gemeine zu Ratsherren machen.«

Topler stand auf, schritt nach der Tür und verriegelte sie. Dann trat er vor die drei sitzenden Alten hin und begann: »Wenn ich Euch jetzt Rede und Antwort stehe, so fordere ich, daß alles unter uns bleibet und nicht ein Wörtlein hinausgetragen wird. Auf Euern Eid!?«

»Auf unseren Eid!« murmelten die drei.

»So wisset, lieben Freunde: Saget jemand, der Topler wolle den alten Rat stürzen, so lügt er. Ich will nur, daß die Bürger von den Gemeinen sollen die Hälfte bilden vom äußeren Rat, auf daß die der Stadt Lasten tragen, auch Teil haben am Regiment.«

Nach diesen Worten schienen Bermeter und Kesselweiß erleichtert aufzuatmen. Ulrich Berlein dagegen lief rot an, erhob sich, die Hand auf die Lehne stützend, halb von seinem Sitze und rief: »Und warum willst du das, Heinz? Was soll das? Haben die Ehrbaren nicht allezeit in Treue auf der Stadt Ehre und Bestes gesehn? Warum willst du die Leute erhöhen, die nach Recht und Herkommen uns zu Dienst verpflichtet sind?«

»Warum? Blick auf andere Städte hin, sieh Köln an, Ulm, Soest, und wie sie alle heißen. Da sind die Zünfte im Rat, aber wie sind sie hineingekommen? Durch Streit und Aufruhr, mit Mord, Totschlag und aller Gewalttat. An manchen Orten haben sie den alten Rat abgeschafft, die Geschlechter ins Elend gebracht, und ein neuer Rat ist geworden. So wird's auch werden in Rothenburg, wenn ich nimmer bin. Drum will ich, weil ich bin, der Stadt eine Ordnung geben, bei der Friede sein kann zwischen den Ehrbaren und denen von der Gemeine. Sie sollen nicht herrschen in der Stadt, die Zünfte und Gilden, dazu haben sie kein Recht. Sie haben auch dazu keine Zeit, sie können nimmer in den Rat, denn ein Ratsherr soll der Stadt dienen ohne Ermüden, ohne Lohn Tag und Nacht. Das kann kein Meister vom Handwerk, der hat das Seine wohl wahrzunehmen. Aber das ist ihr Recht, daß sie wissen und mitreden, wie der Stadt Säckel verwaltet wird, und daß sie die Männer mit küren helfen, denen sie Leib und Leben in die Hand befehlen. Und dies Recht soll ihnen werden, daß sie sich's nicht brauchen zu nehmen mit gewaffneter Hand und der Stadt ein großer Schade geschieht.«

Es ward nach diesen Worten stille. Dann schlug sich der alte Kesselweiß auf's Knie und rief: »Nit übel gedacht! Etwas geben, auf daß man nicht alles verliert! Und dahin könnt's kommen, da hast du recht. Mich däucht, Heinz, du bist wieder einmal der Klügste unter uns vieren!«

Bermeter nickte Beifall, aber Ulrich Berlein stand auf, noch röter im Gesicht als vorher und mit steifem Nacken. »Und wann, Heinz Topler, willst du das vor Rat und Gemeine bringen?«

«Nicht eher als über Jahr und Tag!«

Erstaunt blickten ihn alle an. »Und warum hast du dann jetzt schon die Meister aufgeregt?« rief Berlein.

»Ich hatte meine Ursache.«

»Welcher Gestalt?«

»Es kommen schwere Zeitläufte, Gevatter. Da däuchte mir's gut, den Meistern den Stachel aus dem Gemüte zu nehmen.«

»Nein, Heinz Topler,« versetzte Berlein und trat vor ihn hin, »das ist nicht so. Ich, der dein Vater sein könnte den Jahren nach, sage, es ist nicht so. Ich will dir die wahre Ursache künden. Du meinest, die Ehrbaren könnten dir deine Ämter nehmen, und darum gewinnst du die Bürger für dich, auf daß dich der Rat aus Furcht und Angst muß küren, er mag wollen oder nicht!«

»Darin redest du recht, Ohm Berlein,« erwiderte Topler mit der größten Gelassenheit. »Du weißt, was nächstens heranzieht wider Rothenburg, du weißt es so gut wie ich. 0b wir uns zu Ruprecht halten oder unserem alten König, das ist ganz gleich. Der Burggraf will die Fehde, so wird sie statthaben. Und da muß ich Bürgermeister und Feldhauptmann sein, und ich werd's.«

»Auch wenn der Rat dich nimmer will?«

»Auch dann!«

»Und zum Henker!« rief Kesselweiß aufspringend, »da hast du recht! Im Sturm gehört ans Steuer, wer's Steuern versteht!« und Bermeter nickte wiederum Beifall.

»Nein!« schrie Berlein mit heller Stimme. »Er hat nicht recht. In Rothenburg gebietet der ehrbare Rat und kein einzelner Mann. Heinz Topler, du maßest dir ein Dominat an! Du willst kein Bürger mehr sein in Rothenburg, ein Fürst willst du sein! Bin ich dir seither gefolgt, hier folg' ich dir nicht mehr. Ein böses Ende seh' ich kommen, Heinz Topler! Gehab dich wohl, gehab dich wohl!«

Damit eilte er, so schnell er konnte, zur Tür hinaus.

»Wir bringen ihn zurück, Heinz,« rief Kesselweiß und zog auch Bermeter so rasch wie möglich an der Hand hinter sich drein, um den Flüchtling einzufangen.

Aber sie vermochten ihren alten Kumpan nicht mehr zu erreichen, und als sie vor sein Haus kamen, war die Tür zugeschlagen.

So warf der große Stadtkrieg, der entbrennen mußte, einen Schatten auf das friedliche Dreiblatt vorauf, und zum ersten Male, seit sie sich kannten, waren die Heiligen drei Könige in hellem Zorne voneinander geschieden.

VIII.

Der erste Mai des Jahres vierzehnhundertundsieben war herangekommen.

Nach uralter Sitte versammelten sich an diesem Tage alljährlich Rothenburgs gesamte Bürger, um in feierlicher Weise den Schwur der Treue zu erneuern, den sie der Stadt geleistet hatten. Der Eid mußte abgelegt werden, noch ehe der Morgen graute, denn sobald das goldene Tagesgestirn am Himmel erschien, trat der äußere Rat zusammen, um den inneren Rat zu küren.

In vierzig Hauptmannschaften geteilt, im vollen Schmuck ihrer Waffen, standen die männlichen Bürger auf dem weiten Marktplatze. Je vier Hauptmannschaften zu gleicher Zeit wurden in das Rathaus eingelassen, wo sie im kerzenerleuchteten Saale vor Bürgermeister und Rat mit aufgereckter Schwurhand gelobten, »dem ehrbaren Rate in allen Stücken gehorsam zu sein und bei ihrer Seelen Seligkeit nach allen Kräften und bestem Wissen und Gewissen allen Schaden von der Stadt abwenden, ihren Nutzen aber jederzeit treulich und redlich fördern zu wollen.«

Wie so oft schon in früheren Jahren, sprach auch heute Heinrich Topler ihnen den Eid vor, den sie nachsprechen mußten. Der Tag konnte für ihn eine Schicksalswende bedeuten, wie noch nie einer in seinem Leben bisher, das wußte er wohl, und seine Getreuen wußten es auch. Aber niemand hätte in seinen ehernen Zügen eine Bewegung wahrzunehmen vermocht, und seine Stimme klang so klar und voll wie immer.

Als die Eidesleistung zu Ende war, hätten die Bürger von der Gemeine nach Hause gehen können, denn nun legte der innere Rat dem äußeren Rechnung ab, und dann hatte die Wahlhandlung ihren Anfang zu nehmen. Sonst war das auch stets geschehen, die Bürger hatten sich zerstreut, entweder heim zu ihren Weibern oder in die Trinkstuben, um auf der Stadt Heil und Gedeihen einen Becher zu leeren. Heute dagegen verließ kein Mann den Marktplatz, denn der Bürgermeister hatte den Zunftmeistern, die meist zugleich auch der Stadt geschworene Hauptleute waren, Kunde gegeben, daß am Morgen, wenn die Ratsglocke ertöne, die ganze Bürgerschaft in der Jakobskirche sich zu sammeln habe.

Eine große Spannung lag auf den Gesichtern. Nicht die Einführung einer neuen Ratsordnung erwartete man, denn Topler hatte den ehrenhaften Meistern gesagt: »Liebe Gesellen, es ziehet ein Wetter gen Rothenburg daher, wie ihr in Kürze von mir hören werdet. Da ist es geziemlich, daß in so schwerer Zeit die Leute das Regiment in Händen haben, die des Regierens kundig und gewohnt sind, nicht Neulinge, die noch nichts wissen und sich erst müssen bewähren. Darum wartet noch ein Jährlein, bis guter Friede ist im Lande. Dann wollen wir mit Gottes Hilfe ein neu Ding anrichten in Rothenburg.« Das hatten sie ohne Widerworte eingesehen und ihm die Hand darauf gegeben, wissend, daß Topler sein Wort und seine Zusage so sicher halten und einlösen werde, wie der Frühling auf den Winter folgte.

Aber was mochte das sein, was der Bürgermeister der ganzen Gemeinde künden wollte? Etwas Gutes sicher nicht, wahrscheinlich gab er ihnen Gewißheit, daß die Feinde der Stadt nun bald losbrechen würden. Daß sie im geheimen an der Arbeit waren, einen Bund zusammenzubringen gegen Rothenburg, das wußte man längst. Auch glaubten die wenigsten, daß das geschehe, weil Topler im Verdacht stand, noch insgeheim zu König Wenzel zu halten. Selbst seine Feinde unter den Ehrbaren gaben sich nur den Anschein, das zu glauben. In Wahrheit sah ein jeder ein, daß der Burggraf die Städte niederzwingen wollte, weil er das Ziel hatte, alleiniger Herr in Franken zu sein, und dazu sollte der Anfang mit Rothenburg gemacht werden. War nun der Krieg vor der Tür? War der Fehdebrief des mächtigen Zollern schon eingelaufen?

Die Bürger sollten nicht lange im unklaren bleiben, denn gleich nachdem die letzte Hauptmannschaft den Saal verlassen hatte, wandte sich der Bürgermeister um und sprach zu den hinter ihm sitzenden Ratsherren: »Ehevor wir jetzt die Rechnung legen und den Rat küren, ehrbare Herren, entbiete ich Euch und die gesamte Gemeine nach der Kirche Sankt Jakobi, da ich Euch eine Botschaft zu künden habe, die keinen Verzug noch Aufschub leidet.«

Die meisten blieben nach diesen Worten verblüfft sitzen, einige fuhren auf und riefen: »Was? Wie? Vor der Ratskürung?« und dann erklang eine helle Stimme aus dem Haufen: »Das ist wider Gesetz und Ordnung! Warte, bis der neue Rat geküret ist, der dieses Jahr gebieten wird in Rothenburg. Dann sage, was du zu sagen hast. Jetzt hast du kein Recht dazu.«

»Wohl habe ich Recht, Hans Offner, das merke!« gab Topler zurück. »Noch bin ich der Stadt oberster Feldhauptmann, und weil ich das bin, steht mir zu, Rat und gemeine Bürgerschaft jederzeit zu berufen, es sei spät oder früh, Tag oder Nacht, so der Stadt eine Gefahr drohet. Und sie drohet nicht nur, sie ist da.«

Noch redete er, da ertönte über ihrem Haupte vom Rathausturme herab ein scharfer Glockenklang wie Sturmgeläute. »Die Ratsglocke, Ihr Herren! Die Bürger ziehen zu Sankt Jakobi. Folget mir!« sagte Heinrich Topler und schritt ruhig zur Tür hinaus.

Erstaunt, verwundert, durch sein schnelles Vorgehen überrumpelt, folgten ihm die Ratsherren nach. Ein einziger, Hans Offner, schloß sich aus und rannte heimlich von dannen. Im übrigen erschienen die Ehrbaren eben so vollzählig in der Kirche wie die gemeinen Bürger, und bald war das ungeheure Gotteshaus bis auf die Emporen hinauf so mit Menschen gefüllt, wie es nicht hätte voller sein können, wenn der Papst selber hätte die heilige Messe zelebrieren wollen.

Der Rat stellte sich vor dem Hochaltare der Gemeine gegenüber auf. Heinrich Topler trat vor, und sogleich ward alles stille.

»Sind nur ehrenfeste, unbescholtene, der Stadt geschworene Bürger unter uns?« fragte er.

»Ja! Ja!« erklang es von allen Seiten.

»Wer nicht Bürger der Stadt ist, er sei vornehm oder gering, den mahn' ich, daß er entweiche, damit er nicht seinen Hals verliere.«

Aber keiner rührte sich vom Flecke.

»So schließet die Türen und lasset keinen heraus oder herein!« gebot Topler weiter.

Er riß sein Wams auf und entnahm ihm ein großes Schreiben. »Der Brief hier in meiner Hand«, begann er, »ist mir zugestellt von einem, der einen Pfaffen des Würzburger Bischofs niedergeworfen hat. Seitz Eberhardt und Hans Fürbringer, die ihr der Siegel und Wappen am kundigsten seid in der Stadt, tretet heran und seht nach, ob dies des Bischofs wahrhaftig Siegel ist!«

»Da ist kein Zweifel,« bestätigten die beiden, als sie widerwillig herangetreten waren und das Siegel untersucht hatten.

»Jener Pfaffe«, fuhr Topler fort, »ritt als Gesandter des Würzburgers an den Burggrafen.«

Laute »Ah!« und »Oh!« und »Höret!« erschollen von allen Seiten. Der Bürgermeister machte eine wohlberechnete Pause, dann rief er mit lauter Stimme: »So will ich Euch vorlesen, ehrbare, feste, lieben Freunde und Bürger unserer Stadt, was unsere Feinde wider uns gesponnen haben.«

Aber plötzlich ward er unterbrochen. Die Seitentür flog auf, und geleitet von Hans Offner, ward ein Armsessel von zwei Knechten in die Kirche getragen, auf dem der kranke Walter Seehöfer saß. Er sah erschrecklich aus mit seinem gelben Antlitz, dem weißen Bart und Haar und den vor Haß und Wut blitzenden Augen.

Einen Augenblick ward es still in der ganzen weiten Kirche. Dann richtete sich der Greis in seinen Kissen empor und schrie gellend: »Ich protestiere! Ich protestiere gegen diese Tagung und gegen alles, was hier geschieht. Das alles ist wider das gemeine Recht unserer Stadt. Der Mann da will sich zum Herrn machen über Rothenburg. Findet niemand den Mut, ihm zu widerstehen, ich wag's! Ich schelte dich einen Verräter an der Stadt, Heinrich Topler, du hast deinen Eid gebrochen, der dich zum Gehorsam verbindet gegen den Rat. Du hast dich in der Stadt Unfrieden gesetzt, und so gebiete ich als Bürgermeister des äußeren Rats: Peter Creglinger und Seitz Eberhard, ergreift diesen da, daß er sein Urteil erwarte nach der Stadt Recht und Gerechtigkeit!«

Nach diesen, mit wilder Kraft hervorgestoßenen Worten, die alle durch ihre übergroße Kühnheit überraschten, entstand wieder ein paar Augenblicke eine tiefe Stille. Dann geschah etwas Unerwartetes: Heinrich Topler lachte laut auf, nicht höhnisch oder grimmig, sondern aus tiefster Brust, ein lautes donnerndes, befreiendes Lachen. Und mit einem Male fiel die gesamte Bürgerschaft ein, dröhnend brauste das Gelächter durch den ehrwürdigen Raum, sich immer erneuernd, unwiderstehlich, so daß selbst die giftigsten Feinde Toplers einstimmen mußten. Wie sie sich auch dagegen wehrten, es half ihnen nichts, sie wurden mit fortgerissen.

Walter Seehöfer sank in seinem Stuhle in sich zusammen, indem Scham und Zorn sein Antlitz dunkelrot färbten. Er gab sein Spiel verloren, denn die Erfahrung seines sechzigjährigen Lebens hatte ihn gelehrt, daß zwar eine schlechte Sache auf den Sieg hin und wieder rechnen kann, eine lächerliche nimmer.

Er winkte den Seinen, daß sie ihn fortschaffen möchten. Das geschah, und Heinrich Topler wartete, bis sein Feind die Kirche wieder verlassen hatte.

Dann begann er auf's neue, ohne des Zwischenfalles mit einem Worte zu gedenken: »Vernehmet denn, liebe Ratsgesellen und Bürger, was der hochwürdige Pfaffe von Würzburg dem Burggrafen Friedrich von Nürnberg kund und zu wissen tut.« Er entfaltete das Schreiben und las:

»Hochgeborener Fürst, freundlich lieber Vetter, unseren Gruß und willig Dienst allezeit zuvor. Als Ihr uns geschrieben habt von denen von Rothenburg ob der Tauber, daß Ihr sie wollet angreifen und mit Gewalt sie überziehen, dieweil Ihr nit wollet leiden, daß sie die adeligen Schlösser haben und Herren sein wollen in Franken, wie sich nicht gebühret, auch nicht erhört sei im Reiche: Also danken wir Eurer Botschaft fleißiglich und lassen Euer Liebden wissen, daß wir denen von Rothenburg gleicher Weise wollen feind sein, wie auch Ihr, so Ihr bei unserem Herrn, dem König, möget erlanget haben, daß sie erklärt werden in des Reiches Acht und Aberacht, und daß wir Euch wollen Zuzug leisten, mit mehr denn zweihundert Pferd und dreihundert Knecht, so Ihr uns das wollet zugestehen, was Eure Weisheit uns angeboten hat. Wir bitten aber fleißig, hochgeborener Fürst, daß Euer Liebden wollen verziehen, denen zu Rothenburg abzusagen vor dem Feste der Pfingsten, sintemalen uns glaubhafte Botschaft ist zugetragen, daß die Ehrbaren in der Stadt wollen den Heinrich Topler nicht wieder Bürgermeister und Stadtmeister sein lassen, sondern wollen ihn richten, weil daß er sich ein Dominat hat angemaßt und an der Stadt unehrlich getan. Also daß, wenn die von Rothenburg den Topler werden gerichtet haben, werden wir um so leichter die Stadt und alle Städte gewinnen, wie denn Euer Liebden weiß, daß die Fürsten und Herren niemand brauchen zu fürchten in den Städten, als diesen Heinrich Topler alleine. So wollet uns kund tun, hochgeehrter Fürst und lieber Vetter, ob Ihr unserem Rate nachleben wollet oder nicht, desgleichen die anderen Fürsten und Herren, die wider die zu Rothenburg sein. Derhalben befehlen wir Euch und alle, die bei Euch sein, der Gnade Gottes und der heiligen Jungfrau und haben Euch zu Urkund und rechter Sicherheit unser eigen Siegel an diesen Brief gehangen, der gegeben ist auf unserem Schlosse zu Fraustadt, da man zählt von Christi Geburt vierzehnhundert Jahre und darnach im siebten Jahr auf den nächsten Montag vor Sant Georgen Tag, des heiligen Martyrers.

Johannes, durch die Gnad Gottes Bischof von Würzburg.«

Topler ließ das Schreiben sinken und blickte im Kreise umher. Während der Verlesung des bischöflichen Briefes hatten sich mehrere von den Ehrbaren scheu in den Hintergrund gedrückt. Am liebsten hätten sie den Ausgang gewonnen, und als nun der Bürgermeister sich umdrehte und den Rat mit einem stolzen Blicke maß, da wagten sie nicht, die Augen zu erheben, und mancher unter ihnen erbebte in der Angst vor dem, was nun kommen mußte. Keiner wagte ein Wort, jeder fühlte, daß der furchtbare Mann jetzt fester im Sattel saß denn je zuvor, und daß jeder, der sich wider ihn wehrte, in Gefahr stand, vom Volke zerrissen zu werden.

Aber auch von der gemeinen Bürgerschaft wagte keiner zu reden, denn alle warteten mit Spannung darauf, was der Bürgermeister jetzt sagen werde.

Und Heinz Topler richtete sich zu seiner ganzen gewaltigen Länge empor und sprach ernst: »Liebe Bürger, aus diesem Briefe folget mehreres. Zum ersten: daß die Lügner sind, die Euch gesagt haben, der Burggraf sei der Stadt feind um meinetwillen, weil ich's halten wolle mit Wenzel von Böhmen, dem alten Könige, und nicht Herrn Ruprechts, des neuen Königs Freund sei. Denn sehet, der Pfaffe von Würzburg schreibt, unsere Schlösser wollen sie uns nehmen, die unser Land beschirmen, wollen nicht dulden, daß wir Herren sind in Franken, wollen uns demütigen und klein machen. Gebet Ihr also unsere Burgen dahin mit freiem Willen, so habt Ihr guten Frieden und könnet geruhsam hinter dem 0fen hocken fortan. Und ich frage Euch, lieben Gesellen: Wollet Ihr das?«

»Nein, nein!« schrie und brüllte es von allen Seiten.

»Dann habet Ihr Krieg und Fehde. Wollt Ihr sie als mannliche Bürger durchfechten bis zum Ende?«

»Ja, ja! Heil Heinz Topler! Nieder mit dem Burggrafen und dem Würzburger Pfaffen! Krieg! Krieg!« wogte es durcheinander.

Topler wartete mit freudigem Antlitze, bis der Sturm sich gelegt hatte. Dann redete er weiter: »Es folgt zum zweiten, daß es Schurken gibt und Verräter in unserer Stadt, die mir nach Leben und Ehre stehen und mich richten wollen und die dem Bischof das hinterbracht haben.«

Er kam nicht weiter, denn zornige Schreie und wilde Rufe aus hundert Kehlen unterbrachen ihn.

»Schlagt sie tot! An den Galgen mit ihnen! Steinigt die Buben!« hallte es überall wider.

»Stille, liebe Bürger!« rief Topler. »Ich will sie nicht richten, ob ich's wohl könnte, ich habe jetzt andere Gedanken, denn aus dem Briefe des Würzburger Pfaffen folget mir ein Drittes.«

»Und das laß mich sagen!« ertönte eine mächtige Stimme, und ein Mann sprang auf, dem man bei seiner riesenhaften Gestalt solche Behendigkeit nimmermehr zugetraut hätte. Es war der Ratsherr Peter Northeimer, von dessen Geschlecht in der Stadt die Sage ging, daß es sich von dem berühmten Sachsengrafen Otto von Nordheim herleite, dem Feinde weiland Kaiser Heinrichs des vierten. Der hünenhafte Wuchs, der breite rotblonde Bart und die blitzenden hellblauen Augen des Mannes machten zum wenigsten die niedersächsische Herkunft höchst wahrscheinlich.

Topler kannte ihn als einen seiner ältesten und festesten Freunde. Darum nickte er ihm freundlich zu und sagte: »So sprich, was du auf dem herzen hast, Peter Northeimer!«

Der begann, und während er redete, schwoll seine Stimme immer gewaltiger an: »Ehrbare, ehrenfeste Herren und lieben Bürger von Rothenburg, ich will Euch was sagen. Wer hat uns in allen Fehden geführt? Heinz Topler. Wer hat alle unsere Feinde unter den Rittern und Herren zu Boden geworfen, daß sie des Aufstehens vergaßen? Heinz Topler. Wer hat unsere Stadt so fest gemacht, wie keine sonst in Franken? Wer hat unsere Burgen gewonnen und ausgebaut und ein Gebiet von sechs Geviertmeilen zur Stadt gebracht, ohne daß wir seit dreißig Jahren einen Pfennig Steuern hätten bezahlen müssen? Wer hat das Kaiserliche Landgericht für uns erworben und Privilegien vom Könige und Ablässe vom Papst, wie neulich erst? Heinz Topler, immer Heinz Topler. Jetzt haben wir's gehört aus unserer Feinde Mund, was der Mann uns wert ist, sollten wir's noch nicht gewußt haben. Sie warten auf seinen Sturz. Dann wollen sie über uns kommen. Bürger von Rothenburg! Wir stehen vor der schwersten Fehde, die uns jemalen gedroht, und wir können ihr nimmer ausweichen. Und da sage ich denn: In sogestalter Zeit darf nur einer Bürgermeister von Rothenburg sein und oberster Feldhauptmann bei uns: Heinz Topler!«

Unermeßlicher, brausender, donnernder Beifall folgte diesen Worten. Aber Peter Northeimer war noch nicht zu Ende. Er fuhr mit schmetternder Stimme fort: »Ehrbare und Bürger! Die oberste Gewalt in unserer Stadt ist nicht beim Rate, sie ist bei der ganzen Gemeinde. Die Gemeinde von Rothenburg ist in ihren Grenzen Herr, wie über Leben und Tod, so über alle Ämter. Und da tue ich einen Vorschlag, dahin lautend, daß heute Heinrich Topler gekürt werde, wie noch kein Bürgermeister vor ihm, nicht nur vom Rat, sondern von der ganzen Gemeinde, und daß er sei auf ein Jahr oberster Herr und Richter dieser Stadt und gewalthabender Hauptmann und worthabender Bürgermeister des innern Rates. Seid Ihr des zufrieden, daß wir so tun?«

»Ja! Ja!« ertönte es wie aus einem Munde.

»Und wollt Ihr den Heinz Topler, unseren lieben Ratsgesellen, als einen solchen haben? Dann hebt die Hände hoch zu einem Zeugnis, daß Ihr einverstanden seid mit meinen Worten.«

Alle erhoben die Rechte, und wieder ging es in stürmischem Jubel durch den Raum: »Heil Topler! Heil Heinz Topler!« Auch nicht einer wagte es, sich auszuschließen. Die ihm gram waren, wurden zum Teil von der allgemeinen Begeisterung mit fortgerissen, zum Teil gaben sie ihre Zustimmung aus Furcht, denn sie kannten die leichte Beweglichkeit und den rasch auflodernden Zorn ihrer fränkischen Landsleute und sahen ein, daß ein jeder Widerstand von vornherein ganz vergeblich war.

Der Gefeierte stützte sich schwer auf Peter Northeimers Arm. Die große Freude drohte den starken Mann zu überwältigen, er ward blaß, und es sah aus, als sollte eine Ohnmacht seine Sinne umfangen. Aber nur einen Augenblick überkam ihn die Schwäche, dann war er wieder er selbst. Er trat einige Schritte vor und winkte, als wolle er reden. Sogleich legten sich die Wogen, und alles Volk schwieg.

»Bürger von Rothenburg!« rief er laut und machtvoll, und ein bebendes Schwingen in seiner Stimme verriet, wie bewegt er innerlich war. »Bürger von Rothenburg! Dieser Mann hier hat recht! Wer ein Werk begonnen, wie ich, der muß es auch durchführen, und schwerlich kann das ein anderer. Deshalb, da jetzt die große Fehde heranzieht, muß ich im Regiment bleiben, um der Stadt gemeinen Nutzens willen. So danke ich Euch denn, herzliebe Gesellen und Freunde, für die Ehre, die Ihr mir erwiesen und für Euer großes Vertrauen und will gern sein, als was Ihr mich haben wollet: ein oberster Pfleger und Richter unserer Stadt in Krieg und Frieden.« Und nun hob er die Rechte empor, »Hiermit gelobe und schwöre ich, Heinrich Topler, einen leiblichen Eid, daß ich diese meine Ämter will führen nach der Stadt Gewohnheit und Gerechtigkeit und nichts dabei bedenken, als was der gemeinen Stadt zu Ehre, Nutzen und Vorteil ist. So wahr mir Gott helfe und alle seine Heiligen! Amen.«

Es fehlte nicht viel, so hätten die Bürger ihren Heinz Topler auf den Schultern aus der Kirche nach dem Rathause getragen, wo nun die Rechnungsablegung und Ratskürung stattfand.

Auch hier trug die Toplerpartei einen großen Sieg davon. Alle bedeutenderen Anhänger und Verwandten des Bürgermeisters kamen in den inneren oder wenigstens in den äußeren Rat.

So kehrte Heinz Topler als Sieger gegen Mittag in sein Haus zurück. Er schritt dabei durch eine Gasse, die das Volk links und rechts gebildet hatte, und das Händeschütteln und Heilrufen wollte kein Ende nehmen.

Daheim warf sich ihm sein Weib mit Freudentränen an die Brust. Von der Gefahr, in der ihr Mann geschwebt, hatte sie nur eine dunkle Ahnung gehabt, denn er hatte sie nicht eingeweiht in die Umtriebe seiner Feinde, um ihr Gemüt nicht zu beschweren. Aber Frau Margarete Topler war eine stolze Frau, stolz vor allem auf ihren Mann, in dem sie die Krone aller Mannheit sah, und dessen Ehrung sie viel höher erfreute, als wenn ihr selbst eine Ehre erwiesen wurde.

Auch seine Kinder drängten sich glückwünschend an ihn heran, und Jakob konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen, als er seines Vaters Rechte faßte.

»Mein lieber Sohn,« sagte Heinrich Topler, »dieser Tag, der mich so hoch erhebt, gründet auch dein Glück. In zween Wochen fahren wir selbander nach Nürnberg und holen die Braut.«

IX.

In einem Erkerzimmer des Schlosses zu Ansbach saß Friedrich von Hohenzollern, Burggraf zu Nürnberg, mit einigen seiner Räte vor einem breiten Tische, den ein großer Haufen von Akten bedeckte. Es war eine schwierige und wenig kurzweilige Arbeit, die da zu erledigen war, aber der gewissenhafte Fürst unterzog sich ihr jedes Jahr einmal. Er prüfte selbst die Rechnungen seiner Hofgüter, Forsten und Meiereien, die im Ansbachschen lagen, und zwar prüfte er sie so, daß die Vögte und Verwalter oft keinen leichten Stand hatten. Manch einer bekam wegen verschwenderischen Haushaltens oder unvorteilhafter Wirtschaftsweise eine strenge Vermahnung aus dem Munde seines gnädigen Herrn zu hören.

Auch heute war das geschehen, eben wieder hatte einer mit gesenktem Haupte das Gemach verlassen. Der Burggraf lehnte sich in seinen Armstuhl zurück und sprach seufzend zu dem ihm gegenübersitzenden Ritter von Seckendorff, seinem vertrautesten Rat: »So sind sie, die Leute in unseren Tagen. Treu und Glauben schwindet nach und nach dahin, es täte not, man briefte und siegelte alles, und dann säh noch jedweder auf seinen Nutzen allein. Es ist doch oft kein leicht Ding, Seckendorff, Fürst zu sein.«

»Nicht jeder nimmt das Amt so schwer wie Euer Gnaden,« versetzte der.

»Leider!« erwiderte Friedrich. »Ich aber nehm's, wie ich's nach meinem Gewissen nehmen muß und acht' mich als nichts anderes, denn als einen Amtmann Gottes am Fürstentum. Was gibt's, Egloffstein?« wandte er sich an einen Hofherrn, der eintrat und in der Nähe der Tür stehen blieb.

»Herr, der Topler von Rothenburg ist eben in die Stadt eingezogen mit zweihundert Pferden und etlichen Wagen.«

Friedrich fuhr empor. »Was soll das?« rief er heftig. »Fähret er nicht unter meinem Geleit? Wozu der Troß?«

»Er sagt, Herr, es sei ein Hochzeitszug. Sie wollen seines Sohnes Braut und seiner Tochter Bräutigam von Nürnberg gen Rothenburg holen. Und weil er mit Euer Gnaden zu reden hätte, so sei er über Ansbach gezogen.«

»Er sagt's? Ist er denn da?«

»Er wartet unten, Herr!«

»So führe ihn herauf! Ihr tretet ab, ihr Herren, ich werd' euch zu gelegener Zeit wieder fordern lassen. Nur du bleibst, Seckendorff!«

Als die anderen das Gemach verlassen hatten, lachte der Burggraf herb. »Mit zweihundert Pferden zieht der Bürgermeister von Rothenburg zu einer Hochzeit über Land. Hast du's gehört, Seckendorff?«

»›Kaufleut' sind edel worden‹, kennt Ihr das Liedlein nicht, das also anhebt, edler Herr?«

»Nun, ein Kaufmann ist ja der Topler nicht,« versetzte Friedrich. »Aber wenn er auch von edelm Blute ist, dies Prangen ist denn doch zu viel. So reitet ein Fürst des Reiches durch's Land.«

»Ich mein', Euer Gnaden, der Topler achtet sich nicht geringer denn ein Reichsfürst!«

Der Burggraf ward der Antwort überhoben, denn geleitet von dem Ritter von Egloffstein, trat Heinrich Topler in das Gemach.

Über das Antlitz des alten Seckendorff ging in diesem Augenblicke ein großes Staunen, fast ein Erschrecken. Er hatte seinen Herrn sehr oft und den Rothenburger Bürgermeister hin und wieder gesehen, aber noch nie hatte er die beiden nebeneinander geschaut. Und wie nun der Burggraf sich erhoben hatte, um seinem Gaste einige Schritte entgegenzugehen, da fiel dem Ritter die Ähnlichkeit auf, die unverkennbar zwischen den beiden bestand. Der Fürst war kleiner, zierlicher, und die Züge seines Gesichtes waren feiner, aber in der Haltung und den Gebärden glichen sich die beiden in auffallender Weise.

»Gott grüß' Euch, erlauchter Herr!« sprach Topler, indem er näher trat.

»Seid mir willkommen, Herr Bürgermeister von Rothenburg,« erwiderte Friedrich mit der verbindlichen Freundlichkeit, die er auch solchen gegenüber beobachtete, die seine Gegner waren, wenn er sie nur persönlich achten konnte. Und Heinrich Topler achtete er sehr hoch und sprach das jedermann gegenüber häufig aus. »Ihr habt mit mir zu reden verlangt, und ich bin gern bereit, Euch anzuhören. Ich meine, es wird nichts Kleines sein, warum der Topler von Rothenburg zu mir reitet.«

»Es ist nichts Kleines, hochedler Fürst, da habt Ihr recht. Ein Großes ist's, was mich zu Euch führt, der gefährdete Friede in Franken und Schwaben.«

Der Fürst blickte ihn erstaunt an. »Ihr, Herr Topler, wollt den Frieden bringen?«

»Warum ich nicht?«

»Man sagt Euch nach, daß niemand in Euerer Stadt die Fehde lieber sähe, als Ihr.«

Toplers Antlitz rötete sich. »Das, Herr Burggraf, ist eine üble Nachrede meiner Feinde,« sagte er nachdrücklich. »Ich gehe keinem Kriege aus dem Wege, wenn ich ausziehen muß, aber ich vermeide ihn, solange es irgend sich verträgt mit der Ehre und dem Nutzen meiner Stadt. So auch jetzt. Zeugnis dafür sei Euch, daß ich zu Euch gekommen.«

»Dann seid mir doppelt willkommen!« rief Friedrich und streckte ihm die Hand hin. »Und weil sich solch Geschäft am besten erledigt bei einem guten Trunke – Egloffstein, sage meiner Hausfrauen, daß ein Gast bei mir eingekehrt ist. Sie solle uns ein paar Flaschen edeln Steinweines senden.«

»Setzt Euch nieder, Herr,« fuhr er zu Topler gewandt fort. »Und was Ihr mir zu künden habt, wird wohl die Gegenwart meines vertrauten Rates ertragen.«

»Der edle Ritter von Seckendorff, der zu den Besten gehört in Franken, mag ruhig bleiben. Doch Herr, zur Sache! Ich komme der Irrungen und Späne halber, die zwischen Euch und meiner Stadt bestehen. Ich denke, wir nehmen sie vor, einen nach dem anderen und sehen zu, daß wir damit zu einem guten Ende kommen.«

»Und in wessen Namen verhandelt Ihr, Herr Topler? In Euerm eignen Namen, oder für die Stadt mit gemeiner Vollmacht des Rates?«

»Ihr redet mit Rothenburg, Herr, wenn Ihr mit mir redet,« versetzte Topler stolz. »Auf ein Jahr haben mir Rat und Gemeinde alle Gewalt in der Stadt übertragen.«

Der Burggraf schlug leicht mit der Hand auf den Tisch. »Ich hörte es bereits, aber es war mir schwer zu glauben.«

»Warum, erlauchter Herr?«

»Weil viele Köpfe viele Sinne haben, und weil es ganz ungewöhnlich ist und kaum erhört, daß sich eine Stadt, so wie die alten Römer taten, selbst einen der Ihrigen zum Diktator erküret.«

Topler lachte. »Die Römer waren, wie man in den alten Historien liest, ein kluges Volk. Wolle denn Euer Gnaden in dieser Wahl die Klugheit der Rothenburger erkennen!«

»Wohl mehr Euere Klugheit, Herr Heinrich Topler, und Euere Kraft. Doch einerlei! Mir kann es recht sein, wenn ich mit einem Manne zu verhandeln habe und nicht mit hundert und mehr Leuten. So sprecht denn aus, was Euch am Herzen liegt!«

Topler lehnte sich in seinem Stuhle nach vorne und war eben im Begriff, seine Rede zu beginnen, als die Tür aufging, und eine hohe Frau in das Gemach trat. Hinter ihr schritten zwei Dienerinnen, deren eine ein silbernes Tablett mit drei kleinen, gleichfalls silbernen Bechern, die andere zwei breite Flaschen in der Hand trug.

Betroffen, fast verwirrt, stand Heinrich Topler von seinem Sitze auf. Er hatte die schöne Else, wie die Gemahlin des Burggrafen im Volksmunde hieß, noch nie gesehen, und er mußte sich sagen, daß ihm im Laufe seines Lebens noch niemals ein so holdseliges Frauenbild vor Augen gekommen war. In wunderbarer Fülle floß ihr das goldene Haar über den edelgeformten Nacken hernieder, und in dem feinen Antlitz leuchteten die großen Augen wie zwei Sonnen, in deren Glanz man kaum hineinzuschauen wagte.

Der Burggraf blickte verwundert auf die Eintretende. »Wie? Du selbst bemühst dich?«

Ein leichtes Rot färbte die Wangen der Fürstin, und mit einer liebreizenden Offenheit gab sie zur Antwort: »Ich hörte, daß der Herr Bürgermeister von Rothenburg dein Gast sei. Ich hatte Euch«, und sie neigte das Haupt ein wenig gegen Topler, »noch nie gesehen und doch so viel von Euch sagen hören. So lüstete mich, den Mann kennen zu lernen, von dessen Taten man sogar Lieder singt im Lande.«

Topler neigte sich tief. »Viel Ehre für mich, erlauchte Frau,« erwiderte er. »Hätt' ich geahnt, Ihr begehrt mich zu sehen, wahrlich, Ihr hättet nicht lange auf Euern Knecht zu harren brauchen, und zu jeder Stunde wäre ich hergeritten.«

Frau Else lächelte. Sie hatte auf der Stelle bemerkt, welchen Eindruck ihre Schönheit auf den gewaltigen Mann hervorbrachte, und obwohl sie viel zu klug war, um eitel zu sein, so war sie doch eben ein Weib, und die Huldigung, die in seinem Blicke und in seiner Haltung lag, schmeichelte ihr. Der Burggraf aber rief scherzend mit erhobenem Finger: »Ei, ei, Herr Topler, Ihr redet wie ein fahrender Ritter in blondem Haar und nicht wie ein Mann, dem schon an den Schläfen die Haare ergrauen.«

»Mein Herz ist jung geblieben und freut sich aller Schönheit der Welt, wo sie ihm begegnet, und das Schönste im Garten Gottes ist eine holdselige Frau,« gab Topler zurück.

»Erlaubt, daß ich Hausfrauenamt übe!« sagte die Fürstin, ergriff einen der inzwischen gefüllten Becher und führte ihn an ihre Lippen. »So kredenze ich Euch den Trunk, Herr Topler, als meines Eheherrn Gast. Euch zum Heil!«

»Solche Ehre ist wohl noch nie einem Bürgermeister von Rothenburg geschehen!« rief Topler, als er den Becher aus ihrer Hand entgegennahm.

»Es hat ja auch noch niemalen solch' einen Bürgermeister von Rothenburg gegeben, wie Ihr seid,« sprach der Burggraf ernst. »Wir müssen Gegner sein um unserer Stellung willen, und ich fürchte, das kann nimmer anders werden. Aber als Männer, denk' ich, kennt einer des anderen redliche Gesinnung.«

»Ich danke Euch für dieses Wort, erlauchter Herr und Fürst, und bitt' Euch, daran zu denken, wenn wir nachher miteinander verhandeln. Ja, so steh' ich zu Euch und hab' nie anders gestanden. Es ist mir leid, daß Ihr meiner Stadt Feind seid, denn meiner wäret Ihr nimmer. So kann ich aus vollem Herzen sagen: Heil Euch, Herr, und Euerm holdseligen Gemahl und Euern Kindern! Das Zollernhaus blühe allewege in Franken und Schwaben!« Nach diesen Worten leerte er seinen Becher bis auf den Grund.

»Und jetzt will ich die Männergeschäfte nicht weiter stören,« nahm die Burggräfin das Wort. »Die Neugier der Frau ist gestillt,« fügte sie lächelnd hinzu. Dann wandte sie sich zum Gehen und sagte: »Lebet wohl, Herr Topler, und so Ihr ein Eheweib daheim habet, so grüßet sie von mir.«

»Es wird der Bürgersfrau von Rothenburg eine sonderliche Ehre sein, den Gruß der Fürstin zu empfangen.«

»Mir liegt es nahe, daran zu gedenken, daß manchmal Bürger zu Fürsten werden,« versetzte sie, und mit freundlichem Neigen des Hauptes schritt sie hinaus, von ihren Dienerinnen gefolgt. Topler blickte ihr gedankenvoll nach. Gerade die letzten Worte, die sie noch beim Abgehen sagte, hatten ihn eigentümlich berührt. Er wußte, daß sie damit auf ihre mütterliche Verwandtschaft mit den Viskontis angespielt hatte, jenem mächtigen Herrengeschlechte Mailands, das sich aus kleinen Anfängen emporgerungen hatte zu einer gewaltigen Machtstellung, so daß die früheren Handelsherren Fürsten geworden waren und von den deutschen Fürstengeschlechtern als ihresgleichen betrachtet wurden. In Italien waren sie nicht die einzigen, denen das geglückt war, es gab jenseits der Alpen noch mehrere derartige Dynastengeschlechter, die Medici, vor allen Dingen. Auf deutschem Boden dagegen war solches noch keinem gelungen, ja, es hatte das wohl überhaupt noch keiner ernstlich versucht. Er aber – war er nicht auf dem Wege dazu? Die Macht, die ihm seine Stadt übertragen hatte, wollte und mußte er von nun an festhalten um jeden Preis, und das bedeutete nichts anderes, als daß er seine Feinde aus der Stadt vertreiben und schließlich aus dem Gewählten des Volkes zu einem Herrn des Volkes werden mußte. Das war wohl kaum zu vermeiden, und er konnte nunmehr schwerlich anders, aber doch graute ihm im Innern davor, denn er sah viel Blut auf diesem Wege. Er saß so in Gedanken verloren da, daß er wie aus einem Traume auffuhr, als der Burggraf sich mit den Worten an ihn wendete: »Nun, Herr Bürgermeister, so saget denn, was Ihr von mir begehret!«

Topler strich sich mit der Hand über die Stirn und sagte dann langsam und überlegend: »So ich zu Euch rede, wollt Ihr mir denn vergönnen, daß ich ganz frei und offen spreche?«

Der Fürst nickte. »Sprecht aus, was irgend Euer Herz bewegt!«

»So frag' ich Euch, Herr Burggraf, und bitt' um eine deutliche Antwort: Warum wollet Ihr der Stadt Rothenburg Feind sein?«

Der Fürst ward durch diese Frage in sichtbare Verlegenheit gesetzt. Das war denn doch gar zu kurzab gefragt, und er hatte einen anderen Gang der Verhandlung erwartet. Doch entschloß er sich, da er ein gerader und ehrlicher Mann war, darauf eine offene Antwort zu geben. Darum erwiderte er: »Um zweier Ursachen willen! Zuvörderst, weil Ihr unseres Herrn und Königs Ruprecht geheimer Widersacher seid.«

»Wer sagt Euch das, Herr?«

»Ihr seid dem Bunde zu Marbach beigetreten, den der Kurfürst von Mainz, etliche Herren und viele Städte geschlossen haben. Wollet Ihr in Abrede stellen, daß dieses Bündnis sich gegen König Ruprecht richtet?«

Topler antwortete nicht sogleich. Erst nach einer Weile des Besinnens gab er die Antwort: »Wenn's Euch recht ist, Herr, so lasset uns von diesem Punkte zuletzt reden. Bringet zuvor Euere andere Klage vor mich.«

»Wie Ihr wollt. Der andere Punkt ist, daß ich des Reiches Schutz- und Schirmvogt sein will über Rothenburg.«

»Und das, Herr, wollen wir Euch nicht weigern,« gab Topler zurück.

»Wie?« rief der Burggraf, sich erstaunt aufrichtend. »Ihr wollet mich als Euern Schutzherrn anerkennen? Das ist sehr viel oder sehr wenig,« setzte er hinzu.

»Wie meint Ihr das, Herr Burggraf?«

»Ich meine: Ob das mehr ist als eine bunte Seifenblase, was Ihr mir bietet, kommt auf die Rechte an, so Ihr mir einräumet.«

»Die Rechte sind die: Ihr habet die Stadt vor Kaiser und Reich mit zu vertreten. Rothenburg gehet kein Verbündnis mehr ein, ohne Euch zu fragen, und handelt nimmer Euch zu Schaden. Dahingegen wird ein ewiger Bund geschlossen zwischen Euch und uns, wir leisten Euch Hilfe und Zuzug wider Euere Feinde, wie Ihr sie uns leistet. Auch habt Ihr das Recht, den Eintritt zu fordern in die Stadt mit einer mäßigen Gefolgschaft und darin zu verweilen drei Tage lang auf der Stadt Unkosten und Rechnung, und die Geschenke und Verehrungen sollen nicht geweigert werden, die dabei üblich und gebräuchlich sind.«

Der Burggraf sah ihn nachdenklich an. »Das ist nicht wenig, Herr Bürgermeister, und doch – zu wenig!«

»Was begehren Euere fürstliche Gnaden noch?«

»Das Recht, ohn' das alle Schutzherrlichkeit über Rothenburg eitel Dunst und Rauch ist, die Öffnung der sechs Festen, so in der Stadt Händen sind, vor allem des festen Schlosses zu Nordenberg.«

Toplers Antlitz verfinsterte sich bei diesen Worten in erschreckender Weise, »Herr!« fuhr er auf, aber er hielt noch an sich und sprach in gemessenem Tone: »Ihr wisset selbst, daß die Burgen wertlos sind für die Stadt, so sie mit einem anderen das Recht der Besetzung teilen muß.«

»Warum? Wenn ich euer Schutzherr bin und ein ewig Verbündnis unter uns bestehet?«

»Weil wir dann in Euere Hand gegeben sind, Herr, und weil das nicht mehr eine Schutzherrlichkeit ist, sondern eine Herrschaft. Mit welchem Recht begehrt Ihr das, Herr Burggraf?«

»Mit dem Recht, das mir König Ruprecht verlieh, da er mich zum obersten Hauptmann des Reiches in Franken machte. Keine Stadt des Reiches in diesen Landen darf mir ihre Schlösser sperren. Auch den Schutz über Euere Stadt, den schon mein Vater besaß, als sie noch klein war, hat er mir bereits verbrieft und versiegelt.«

Topler stieß ein rauhes Gelächter aus. »Wie kann der Pfalzgraf bei Rhein verbriefen und verschenken, was ihm nicht gehört?«

Hier machte der alte Ritter von Seckendorff, der bis dahin stumm dabeigesessen, eine ungestüme Bewegung, aber der Fürst wies ihn durch einen Wink zum Schweigen und sagte ernsthaft: »Der Pfalzgraf bei Rhein kann das nicht, wohl aber der römische König.«

»Ach Herr, wer ist der römische König? Der eine sitzt in Prag und trinkt, der andere sitzt in Heidelberg und rechnet. Macht hat keiner, und beiden fehlt das Geld. Wem sie Versprechungen machen, der läuft ihnen zu, und mehr als Worte kann keiner geben!«

Der Ritter von Seckendorff schlug die Hände fast entsetzt zusammen und murmelte: »Verbrechen wider die königliche Hoheit! Crimen laesae majestatis.« Der Burggraf aber rief mit starker Stimme: »Herr Bürgermeister, besinnt Euch! Solch unehrerbietig Reden wider meinen König und Schwäher will und darf ich nicht hören.«

Topler stand auf. »Ich will Euch damit nicht länger lästig fallen, Herr,« sagte er kalt. »Überdies hat alles Reden über die Könige keinen Sinn, wenn das wegen Nordenberg und der anderen Festen Euer letztes Wort ist.«

»Es ist mein letztes Wort, Herr Topler! Davon kann ich nicht abgehen.«

»Herr Burggraf! Wahr und wahrhaftig Euer letztes Wort?«

»Ja, wahr und wahrhaftig.«

»So ist mein Ritt zu Euch vergebens gewesen. Ich suchte den Frieden, Ihr wählt die Fehde. So nehm ich Urlaub von Euch, gnädiger Herr. Gehabt Euch wohl.«

»Halt, Herr Bürgermeister!« rief der Burggraf. »Ich will offen zu Euch reden, wie Ihr zu mir geredet habt. Ich meine, Ihr werdet eine Bedenkzeit nehmen, wenn ich Euch sage: Im Falle einer Weigerung trifft Rothenburg des Reiches Acht!«

»Nein, Herr, ich will keine Bedenkzeit. Ihr wollet fechten und die mit Euch im Bunde sind; das weiß ich, und somit weiß ich genug. Ob Ruprechts Acht noch dazu kommt oder nicht, kümmert mich wenig. So blas' ich sie von mir, wie den Staub von meinen Ärmeln. Er hat keine Gewalt noch Kraft, längst nicht so viel wie ich. Was schiert mich der Schattenkönig! Ich bin der König von Rothenburg. Gehabt Euch wohl, Herr!«

Damit schritt er schwer und wuchtig zur Tür hinaus.

X.

In keiner Stadt, Rothenburg selbst nicht ausgenommen, hatte Heinrich Topler so viele Freunde unter den Ehrbaren, wie in Nürnberg. Denn, wie der alte Ratsherr Stefan Schuler zu sagen pflegte: »Es gehet dem Bürgermeister von Rothenburg wie einem hohen Turme. Nicht die schätzen seine Größe richtig und gerecht, die in seinem Schatten wohnen. Wie gewaltig er gen Himmel raget, wird am besten von denen erkannt, die ein gut Stück abseits stehen. Darum wissen die von Nürnberg besser, was jener Mann allen Städten wert ist, als selbst seine eigenen Stadtgenossen.«

Damit hatte der kluge Greis ohne Zweifel recht. Viele von den Rothenburger Ehrbaren waren nicht imstande, ihn unbefangen zu würdigen, da ihr Dünkel und ihr Selbstgefühl von seiner eigenmächtigen, herrischen Art beständig verletzt und gereizt wurden. In den Herzen der Nürnberger dagegen lebte er als der glorreiche Führer im Städtekriege, als der Zerstörer zahlreicher Raubnester, der die Landfriedensbrecher, wenn es nötig war, bis an den Rhein verfolgte, endlich als der Vertreter und Sprecher der Städte auf vielen Reichstagen, wo er stets zu ihrem höchsten Nutzen und Vorteil die gemeinsame Sache verfochten hatte. Zog wieder einmal eine große Gefahr herauf, so war dieser Mann der gegebene Führer der Städte, das stand hier jedermann fest.

Darum hatte man nirgend wo anders mit solchem Unmut und mit so tiefer Besorgnis gehört, daß seine Stellung unterwühlt sei und seine Feinde ihm an Leib und Leben wollten, und nirgend wo anders war die Freude größer über seinen Sieg. Unter den Alten zwar gab es manchen, der bedenklich den Kopf schüttelte über die Art und Weise, wie er seiner Feinde Herr geworden war und seine Stellung behauptet hatte. Was vom uralten Herkommen abwich, war ihnen unerfreulich, so etwas sollte nirgendwo stattfinden. Aber ihrer waren wenige, und auch bei ihnen ging die Verstimmung nicht tief. Schließlich mochten die Rothenburger ihre inneren Verhältnisse ordnen, wie sie wollten, wenn nur in Nürnberg alles beim alten blieb, und die Hauptsache war doch, daß der Mann, von dem man noch so viel erwartete, wieder einmal am Ruder geblieben war.

So ward ihm denn bei seinem Einritt in die Stadt ein glänzender Empfang bereitet. Hundert und mehr Patriziersöhne harrten des Rothenburger Hochzeitszuges in ihren reichsten Gewändern und auf prunkvoll geschirrten Rossen vor dem Tore. Spielleute zogen in hellen Haufen fiedelnd und blasend voraus durch die Gassen, durch die der Troß sich wand. Das Volk lief von allen Seiten zusammen und staute sich, die ehrsamen Meister und ihre Gesellen stürzten in ihren Schurzfellen und mit dem Handwerkszeuge, das sie gerade in den Händen hatten, aus ihren Werkstätten vor die Tür, um die Pracht mit offenen Mäulern anzustarren. Es fehlte nur noch, daß mit den Glocken geläutet wurde – sonst hätten der Glanz, der Lärm und das Getümmel nicht größer sein können, wenn selbst des römischen Königs Hoheit Einzug gehalten hätte in Nürnbergs Mauern.

Heinrich Topler hatte sich in Ulrich Hallers Hause zu Gaste geladen. Der Alte war von Grund aus verwandelt, alle seine Befürchtungen waren zerstoben wie der Nebel vor der Sonne. »Ihr habt das Spiel gewonnen, Gevatter,« sagte er, »und mich dünkt, gewonnen für Euere Lebzeit. So wollet vergessen, was ich zu Euerm Sohne Jakob geredet, ich habe es in meines Herzens Einfalt und Unverstand gesagt.«

»Mit nichten, Gevatter. Ihr habt als ein kluger Mann gesprochen, und viele hier und in anderen Städten mögen so gedacht haben wie Ihr,« erwiderte der Bürgermeister. »Niemand schaut in des anderen Kartenspiel. Wer konnt's ahnen, daß ich noch etliche Trümpfe in der Hand hatte?«

»Ich hätt's bedenken sollen, denn ich konnte wissen, daß es einen Mann wie Euch nicht zweimal gibt zwischen Main und Donau. Also nichts für ungut, Herr Gevatter!«

»Ich trag' Euch nichts nach, sonst war' ich nicht bei Euch. Ihr habt für Euern Sohn gefreit um meine Tochter Katharina und habt den Konsensus gegeben als Vormund, daß mein Sohn Euer Mündel ehelicht. Das zeiget mir sattsam an, wie Ihr mir gesinnet seid.«

»Mit Freuden habe ich es verwilligt, liebwertester Herr Gevatter, und der Waldstromerin Hochzeit mit Euerem Sohne soll in meinem Hause gefeiert werden, so wie es sich gebühret nach dem Vermögen, das ihr seliger Vater ihr nachgelassen hat.«

Aber Heinrich Topler beredete ihn, daß er die Braut mit solle nach Rothenburg ziehen lassen. »Sehet,« sagte er, »in einem Hause, wo man einmal eine Hochzeit rüstet, da verschlägt es nichts, wenn auch eine Doppelhochzeit gehalten wird. Das geht so in einem hin. Euch aber würde der gewaltige Rumor viel Arbeit und Verdruß schaffen, zumal Euer Eheweib zurzeit siech und bettlägrig ist und wir sie müssen in einer Sänfte tragen lassen, wenn sie will mit ansehen, wie meine Tochter Eurem Sohne wird angelobt. Zudem lade ich alle ein, die mir in Nürnberg gefreundet sind und alle Verwandten, Versippten und Verschwägerten der Agnes Waldstromerin, daß sie eine Woche lang meine Gäste seien in Rothenburg.«

Hatte sich Herr Ulrich Haller zunächst etwas gegen den Vorschlag gesträubt, so gab das den Ausschlag. Es war ihm herzlich lieb, daß der ganze Tumult seinem stillen Hause fernbleiben sollte, und daß er seiner leibesschwachen Ehehälfte die Arbeit und Unruhe nicht zumuten mußte. Nur etwaige üble Nachreden hatte er gefürchtet, denn die reiche und vornehme Jugend Nürnbergs war sehr auf Lustbarkeiten erpicht und hätte sich gewißlich gewaltig erbost, wenn ihr ein Fest entzogen worden wäre. Aber ein Auszug nach Rothenburg und dort leben und fröhlich sein, tanzen und essen und zechen auf des reichen Bürgermeisters Kosten, das war so recht etwas nach dem Sinne dieser jungen Männer und Jungfrauen, die nicht wußten, wie sie ihre Lebensfreude und Lebenskraft genugsam austoben sollten. So kam es, daß der Toplersche Zug bei seiner Ausfahrt noch glänzender war als bei seiner Einfahrt, denn eine Menge von Nürnberger Geschlechterherren mit ihren Frauen, erwachsenen Söhnen und Töchtern zog zu Roß oder zu Wagen mit gen Rothenburg. Eine ganze Reihe von Karren, beladen mit Kleidern und mancherlei Schmuck, ward unter der Obhut bewaffneter Knechte nachgefahren, denn unmöglich konnten die Schönen in ihren Reisegewändern zur Kirche und zum Tanze schreiten.

Auch des Volkes Gedränge ward noch gewaltiger, nicht nur durch die gesteigerte Neugier und Schaulust, sondern weil Heinrich Topler silberne Münzen unter die Menge auswerfen ließ. »Wäre die Hochzeit hier gehalten worden, so wäre das nach altem Brauche auch geschehen. So soll das Volk nicht um seine Freude kommen, und es soll den Nürnbergern alles werden, was den Nürnbergern gebühret,« hatte er gesagt.

In Rothenburg wiederholte sich natürlich der Jubel des Volkes in fast noch gesteigertem Maße, und noch lange durchwogte die festlich gestimmte Menge die Straßen und Plätze, nachdem die Nürnberger Gäste schon in den Häusern der Freunde und Verwandten des Bürgermeisters Unterkunft und Losament gefunden.

Die Hallers wohnten bei Peter Kesselweiß in der unteren Schmiedegasse, Agnes Waldstromerin ward von ihres Bräutigams verheirateter Schwester, Barbara Wernitzer, mit großer Freundlichkeit in ihr Haus aufgenommen, das in der Herrengasse lag und eines der prächtigsten der Stadt war. Auf den übernächsten Tag war die eheliche Verlobung beider Paare festgesetzt worden. Darauf sollte an dem folgenden Tage Jakob Topler sein junges Weib vom Wernitzerschen Hause aus nach seinem eigenen Hause heimholen. Denn der Bürgermeister hatte ihm das große Gehöft abgetreten, das der Bauernhof genannt wurde, damit er dort mit seiner Frau wohnen möge, bis er dereinst an seines Vaters statt im Hause zum güldenen Greifen der Herr sein würde.

Die Heimholung seiner Schwester Katharina nach Nürnberg sollte erst einige Tage später stattfinden.

Jakob schickte sich in der Frühe des folgenden Tages an, seiner Braut einen Morgenbesuch abzustatten. Das tat er nicht nur, weil es die Sitte so vorschrieb, sondern weil er es vor Sehnsucht nach ihr kaum auszuhalten vermochte. Er kam sich wie verzaubert vor durch ihre Schönheit und schalt sich selber hin und wieder einen Narren, weil er kaum noch an anderes zu denken vermochte, als an ihr holdes Angesicht und ihre liebreizende Gestalt. »Hoffentlich wird das in der Ehe anders,« dachte er, »denn sonst stehe ich in großer Gefahr, ein Pantoffelheld und Weiberknecht zu werden.«

Noch war er damit beschäftigt, ein neues, besonders prächtiges Gewand anzulegen, als sein Vater bei ihm eintrat.

»Du willst zu deiner Braut?« fragte er. »Siehe hier, das bringe ihr mit. Es ist zwar in Nürnberg schon in den Ehepakten genau festgesetzt worden, welche Geschmeide sie haben soll, das aber übergib ihr von mir als besondere Verehrung.«

Er legte ein kleines Krönlein, das aus blitzenden Steinen bestand, in die Hand seines Sohnes. »Sie mag es im Haare tragen, wenn sie mit dir im Ringe stehet und hernach zur Kirche schreitet.«

»Vater! Das ist ja eine kostbare Gabe!« rief Jakob. »Das wird sie hoch erfreuen.«

Der Bürgermeister nickte. »Ja, dafür haben die jungen Weiber allesamt eine sonderbare Liebe, und gerade die am schönsten sind und es am wenigsten bedürfen, die putzen sich am allerliebsten. Die jungen Frauen von achtzehn Jahren sind auch noch die halben Kindsköpfe. Ging's nach meinem Willen, so dürfte keine Jungfrau unter dem zwanzigsten Jahre zur Ehe schreiten. Aber da tu einer was gegen den Lauf der Welt!«

Jakob lobte im stillen Gott, daß in diesem Punkte der Wille seines Vaters machtlos war, bedankte sich schön für die fürstliche Brautgabe und machte sich eilends zu seiner Agnes auf den Weg. Als er in die Herrengasse einbog, sah er sie schon im Wernitzerschen Hause im Fenster liegen und die Straße hinaufspähen. Er winkte ihr zu, und sie erwiderte mit hellem Aufleuchten der Augen seinen Gruß, und da er nun die Treppe emporstürmte, erwartete sie ihn bereits auf dem Vorsaal und warf sich in seine Arme.

Er zog sie ins Zimmer. »Sieh hier, Herzliebste, das schickt dir mein Vater. Du sollst es morgen tragen an deinem und meinem hohen Festtage.«

Agnes jubelte laut auf, als sie das funkelnde Kleinod erblickte, befestigte es sogleich in ihrem Haare und trat vor ihn hin. »Gefalle ich dir drin?«

Jakob riß sie an sich. »Du bedarfst keiner Edelsteine, um mir zu gefallen. Und ständest du im härenen Gewände da, du wärest schöner als eine Königin.«

»Das höre ich gern,« sagte sie, mit glänzenden Augen zu ihm aufblickend. Dann nahm sie das Geschmeide aus seiner Hand und betrachtete es bewundernd. »Es ist überaus herrlich und kostbar. Dein Vater ist in Wahrheit ein guter Mann. Ich hatte mir den Bürgermeister von Rothenburg, von dem die Leute so viel sagen, ganz anders gedacht, meinte, er sei ein strenger und finsterer Mann, dem man nur mit Scheu nahen könne. Statt dessen ist er voll Scherz und guter Laune und so gütig, daß einem das Herz aufgeht, wenn er hereintritt.«

Jakob lachte. »Es sind ihrer genug, die meinem Vater nur mit Scheu nahen. Im Regimente der Stadt ist er zuweilen streng und hart, wie das nicht anders gehen kann. Zu Hause aber ist er zumeist fröhlichen Gemütes, und wir Kinder haben immer einen lieben Vater an ihm gehabt. Insbesondere ich, und ich meine, wenn er mich als Buben einmal strafen mußte, so hat ihm das jedesmal weher getan, denn mir.«

»Dafür will ich ihn um so lieber haben,« erwiderte Agnes, und indem sie sich von neuem das Krönlein ins Haar steckte, tänzelte sie im Gemache auf und nieder, verfolgt von seinen bewundernden und heiß verlangenden Blicken.

Plötzlich hielt sie inne. Durch's offene Fenster herein klang hell und scharf der Ton eines Glöckleins.

Sie schauerte zusammen. »Um Gottes willen, es wird doch nicht gerade heute einer gerichtet in Rothenburg?«

»Nein,« sagte Barbara Wernitzer, die eben eingetreten war, »aber droben bei den frommen Schwestern läßt sich heute eine schleiern.« Ein langer, eigentümlicher Blick traf dabei den Bruder.

Der ward blaß und wandte sich ab. »Armgard?« fragte er leise.

Agnes hatte Barbaras Blick und auch den seltsamen Eindruck wohl bemerkt, den die Kunde auf ihren Bräutigam hervorbrachte, und mit einem Male fühlte Jakob seinen Arm fest umklammert. »Was ist das? Wer ist diese Armgard, die sich heute schleiern läßt? Und warum seht ihr euch so an?« rief Agnes leidenschaftlich.

»Ach, laß das sein! Es geht uns nichts an!« wehrte er ab.

»Nein, das will ich wissen. Sage mir's! Hast du sie lieb gehabt?«

»Niemals!«

»Aber du wurdest doch so blaß, ich habe es gesehn.«

»Ich will dir das erzählen, Agnes, es ist ja wohl besser, wenn du es weißt,« gab er zurück, und indem er den Arm um sie legte, berichtete er ihr alles, was zwischen ihm und Armgard Seehöfer geschehen war, ohne das Geringste zu verschweigen.

Als er geendet hatte, sah ihm seine Braut starr in die Augen. »Und du hast sie niemals geliebt? Niemals, Jakob? Schwöre mir das!«

»Bei meinem Eide!«

Da schlug sie plötzlich beide Arme um seinen Nacken, und indem ihr Antlitz vor Erregung erblich, stieß sie hervor: »Und merke, Jakob, du darfst nie ein Weib lieb haben, ohn' mich ganz alleine. Nicht ein Geringes nur von deiner Liebe will ich teilen mit einer anderen, und so ich sehen müßt', du hättest eine andere gern, so wäre das, bei Gott, mein letzter Tag!«

Mit Küssen und Schwüren und tausend geflüsterten Liebesworten suchte Jakob das leidenschaftliche Mädchen, das an seinem Halse hing, zu beruhigen. Frau Barbara Wernitzer aber ging aus der Tür, die Augenbrauen bedenklich hochziehend. Sie liebte ja ihren Ehemann herzlich und war ihm eine getreue, hin und wieder auch zärtliche Gattin, aber sie war von Natur kühl und verständig, und solche Ausbrüche des Gefühls vermochte sie nicht recht zu verstehen, sie versetzten sie sogar in unbehagliches Staunen. »Ei, mein guter Bruder,« dachte sie, während sie die Treppe langsam hinabschritt, »das wird manch' schönen Strauß in deiner Ehe geben! Jetzt steigt dir das wohl zu Haupte wie ein süßer Rausch, aber wenn du dann jeden Blick mußt bewachen, damit der Eifersuchtsteufel nicht losfährt in deinem Weibchen, da wirst du manchmal schimpfen und stöhnen. Tut aber nichts, es darf den Männern nicht zu wohl werden auf Erden. Und wenn du sie nicht mehr anbetest, und das wird nicht lange dauern, so wirst du wohl auch noch mit ihr fertig werden. Jetzt freilich dürft' dir das keiner sagen, ohne großen Zorn zu wecken.«

Mit diesem letzten Gedanken hatte Frau Barbara den Nagel auf den Kopf getroffen. Jakob war aufs höchste entzückt, daß das schöne Geschöpf in seinen Armen so überschwängliche Liebe für ihn empfand und wußte nicht, was er ihr alles an Schönem und Liebem sagen sollte. Er hatte den ganzen Tag über nur Augen für sie, und selbst das große, glänzende Turnierspiel, das die Rothenburger und Nürnberger Geschlechterssöhne am Nachmittag auf dem Marktplatze abhielten, konnte ihn nicht fesseln und vermochte seine Gedanken nicht abzulenken. Und als er sie nach dem Abendtanze heimgeleitet hatte in das Haus seines Schwagers, begab er sich sogleich nach Hause und suchte sein Lager auf, denn er mochte nicht mehr in des Rates Trinkstube sitzen und mit anderen Leuten reden.

Am nächsten Vormittage versammelten sich die näheren Angehörigen der Topler und Haller in der großen Halle des Hauses zum güldenen Greifen. Männer und Frauen bildeten einen Ring, in dessen Mitte die beiden Paare standen. Heinrich Topler und Ulrich Haller verlasen die Eheurkunden, und dann richtete der Bürgermeister an die zwei Brautpaare nacheinander die Frage, ob sie gewillt seien, hiermit eine rechte Ehe einzugehen. Als das Ja verklungen war, steckten die Verlobten einander die Eheringe an die Finger, tauschten Kuß und Handschlag, und der Bräutigam trat der Braut auf den Fuß, als Symbol, daß er der Herr sein wolle in dem neuen Hause.

Damit war nach altem deutschen Rechte die Ehe geschlossen, und von dem Augenblicke an waren die beiden Mann und Frau. Sie empfingen nun als Neuvermählte die Glückwünsche und Geschenke, die ihre Anverwandten ihnen darbrachten, und dann fanden sich die zur Hochzeit geladenen Gäste ein, um gleichfalls ihre Brautgaben zu überreichen. Endlich ging's im prunkvollen Zuge zu Sankt Jakobi,wo ein Priester des Deutschherrenordens die beiden Paare einsegnete und zwar nach altem kirchlichen Brauche im Portale des Gotteshauses.

Inzwischen war die Mittagszeit herbeigekommen, und deshalb begab man sich unmittelbar von der Kirche aus zum Festmahle in das Rathaus. Der Rat hatte seinen großen Saal hergegeben, denn auch das geräumigste Bürgerhaus hätte die Zahl der Gäste nicht zu fassen vermocht, die geladen waren. An langen Tafeln nahmen die ehrbaren Bürger mit ihren Ehehälften Platz, genau nach Alter und Würde gereiht, und ließen sichs wohl sein bei den leckern Speisen, die in einer Unzahl Schüsseln und in schier unermeßlicher Fülle aufgetragen wurden. Dazu trank man den feurigen Frankenwein und Malvaster aus langen, spitzen Gläsern, und eine besondere Mäßigkeit dabei zu beachten, kam nur denen in den Sinn, die kranken oder bresthaften Leibes waren. So war es denn kein Wunder, daß die Wogen der Fröhlichkeit bald sehr hoch gingen.

Heinrich Topler, der doppelte Brautvater, war dabei einer der Heitersten und Aufgeräumtesten. Den Ernst und die würdevolle Gemessenheit, die er sonst außerhalb seines Hauses meist zur Schau trug, hatte er heute beiseite gelegt, man hörte oft sein kräftiges Lachen durch den ganzen Saal erschallen. Er hatte am frühesten Morgen einer Seelenmesse beigewohnt, zum Gedächtnisse seiner verstorbenen Frau und hatte dabei mit Tränen ihrer gedacht, die den Freuden- und Ehrentag ihrer beiden Kinder nicht mit erleben durfte. Aber dann hatte er alle Wehmut mit eisernem Willen in sich niedergezwungen. Dieser Tag gehörte den Lebenden, wie heilig er auch das Gedächtnis an die Tote hielt; es sollte kein Wermuttropfen hineinfallen in den Becher der Freude. Und es gelang ihm im Hinblick auf das Glück seines Sohnes und seiner Tochter, von ganzem Herzen fröhlich zu sein.

Eben war auf sein Geheiß das Säcklein mit Silbermünzen gefüllt worden, das nachher bei einem Umzuge der Hochzeitsgesellschaft um den Markt durch Auswerfen des Geldes unter das Volk geleert werden sollte. Der alte Peter Kesselweiß, der in seiner Nähe saß, vermochte kaum, es vom Erdboden auf den Tisch zu heben.

»Ist's nicht genug, Heinz,« sagte er, »daß heute in allen Trinkstuben freie Zeche ist für alle Leute auf deine Kosten, und daß jeder Arme Speise und Trank erhält und einen Gulden? Willst du auch noch das viele Geld unter die Bürger werfen? Sie danken dir's doch nicht, wie dir's gebühret.«

»Ach, mein alter Gevatter, wer rechnet auf Dank? Aber heute heißts: Leben und leben lassen! Die jetzt Kinder sind, sollen sich noch, wenn sie einstens alt sind wie du, mit Lust des Tages erinnern, da Jakob und Katharina Topler Hochzeit machten.«

»Erlaubet, Herr, daß ich Euch störe!« sagte da eine dünne, scharfe Stimme neben ihm. Sie gehörte Henrich, dem Stadtschreiber an, der in seiner unhörbaren, fast schleichenden Weise näher getreten war.

»Was gibts?«

»Es ist draußen einer, nennt sich der Wintersteiner, saget, er habe ein Pergament des Burggrafen an Euch abzugeben.«

»Führe ihn in des Rates Schreibstube und sage, ich würde sogleich zur Stelle sein.«

»Der Burggraf schreibt dir, Heinz? Was mag das sein? Doch nicht schon die Absage?« fragte Peter Northeimer, der des Stadtschreibers Worte gehört hatte.

Topler zuckte die Achseln.

»Das ist nicht unmöglich. Komme mit mir!«

Beide begaben sich hinauf in das Obergeschoß, wo der Ritter von Winterstein dem Bürgermeister das Schreiben seines Herrn mit höflichen Worten überreichte.

Topler erbrach es und las es bedächtig durch, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Dann sprach er: »Herr Ritter von Winterstein, auf der Stelle kann ich Seiner fürstlichen Gnaden keinen Bescheid geben, denn er hat heute seinen Boten in ein Hochzeitshaus gesandt. Morgen will ich ihm antworten. Und Euch, Herr, lade ich ein, an dem Feste, zu dem Ihr zufällig gekommen, mit teilzunehmen. Euer gnädiger Herr wird Euch sicher nicht darob schelten, denn er ist nur in Sachen der Stadt mein Feind, sonst mir wohlgeneigt. Henrich wird Euch einstweilen hinabgeleiten und darauf sehen, daß Ihr einen Platz in meiner Nähe erhaltet. Ich folge sogleich.«

Der hagere Wintersteiner, der die wohlwollende Gesinnung seines Herrn gegen Heinrich Topler kannte und zudem ein außerordentlicher Freund guten Essens und Trinkens war, sah nicht ein, warum er die gute Gelegenheit sollte vorübergehen lassen. Er nahm mit dankenden Worten die Einladung an und ward von dem Schreiber hinunter in den Saal geleitet.

»Nun?« fragte Peter Northeimer, als sie allein waren, »was stehet in dem Briefe?«

»Noch nicht die Absage. Der Burggraf ladet uns vor sein kaiserliches Landgericht nach Nürnberg, wo wir uns sollen verantworten wegen siebzehn Punkten, die er aufgesetzt hat.«

»Das wird ein übel Ding für uns, Heinz, wenn wir der Ladung folgen. Die Schöppen sind alle des Burggrafen Freunde.«

»Darum folgen wir halt der Ladung nicht! Und mehr noch: Wir haben hier auch ein kaiserliches Landgericht in Rothenburg. Davor lasse ich ihn laden, und hat er siebzehn Punkte aufgesetzt, so setze ich ihm achtzehn dagegen auf.«

Northeimer lachte dröhnend auf. »Du bist ein toller Christ, Heinz, und weißt jeden Streich zu parieren.« Er schüttelte sich vor Lachen. »Den Burggrafen vor unser Landgericht! Wer denkt an so etwas? Nur du allein.«

Topler legte ihm die Hand auf die Schulter. »Und du, Peter,« sagte er, »du wärest der Mann, ihm die Ladung zu überbringen. Sehen sie in Ansbach solche Riesen wie dich, so werden sie es sich sonderlich überlegen, mit uns anzubinden.«

»Ach Heinz, ich weiß nicht wohl, wie man mit dem hohen Herrn redet. Such dir einen feinern Gesellen.«

»Nimm den Henrich mit, den Stadtschreiber. Der weiß die Worte wohl zu drechseln. Aber nun komm, auf daß wir das Konfekt und den Claret nicht versäumen!«

XI.

»Sollte das einer für möglich achten!« sagte einige Tage später der Burggraf Friedrich, in das Gemach tretend, wo seine Gemahlin am Stickrahmen saß. »Der Topler ist's, scheint's fast, toll geworden!«

»Was ist geschehen?« fragte die Fürstin sich erhebend.

»Da sieh und lies! Ich hatt' ihn und seine Stadt vor mein Landgericht geladen, wie du weißt, nun drehet er den Spieß um und lädt mich vor seines.«

Frau Else sah den Gemahl erst höchlichst erstaunt an, dann lachte sie. »Das ist ein grober Scherz. Er muß doch wissen, daß du als ein Reichsfürst gefreit bist.«

»Das weiß er so gut wie ich und du. Aber es ist soviel Laune und Übermut in diesem Manne, daß er dergleichen selbst mit dem Könige wagen würde. Er fühlts nicht mehr, daß sich solches nicht geziemt, denn er dünket sich jedem gleich.«

»Du zürnest ihm darum?«

»Ich müßt' ihm zürnen, aber ich kanns nicht. Ich muß über seinen ungebührlichen Scherz lachen.«

»Er muß sich wohl sehr täuschen über seine Lage,« versetzte die Fürstin nach einer kleinen Pause.

»Wie meinst du das?«

»Nun, ich könnte nimmer begreifen, daß ein Mann könnte aufgelegt sein zum Scherzen, wenn er wüßt', wer alles gegen ihn ins Feld rücken will, eine solche Menge von Fürsten und Rittern, die du zum Verbündnis wider Rothenburg zusammengebracht hast.«

»Du meinst, das wüßt' er nicht?« rief Friedrich. »Da bist du ganz auf dem Holzwege. Viele von den Rittern und kleineren Herren mag er nicht wissen. Aber daß Bayern und Würzburg und Hessen und Thüringen mir zuziehen wollen, das ist ihm gewißlich genau bekannt. Der Topler hat seine Leute überall, die ihm Kundschaften zutragen, und er lohnt sie fürstlich. Ich acht', daß es auch in Ansbach solche gibt, Gott und Topler wissen alleine, ob nicht unter meinen Knechten auf der Cadolzburg oder in Nürnberg welche sind.«

»Das wäre ja schrecklich!« rief Frau Else.

»Wir haben unsere Kundschafter auch in Rothenburg und nicht nur niederes Volk. Und so hat sie jedermann überall.«

»Pfui! Welche Tücke und Untreue ist doch in der Welt!« rief Frau Else.

»Ja, auf Untreue muß ein Fürst jederzeit am meisten gefaßt sein,« erwiderte Friedrich. »Aber, Gott sei gedankt, es gibt ein fast untrüglich Zeichen, an dem die ungetreuen Leute kenntlich sind. Schmeichelt mir einer und heißet alles wohl, was ich rede und handle, der trägt den Giftzahn sicherlich bei sich, wie schön auch die Haut glänze und schillere. Wer aber seinem Herrn die Wahrheit sagt, auch so sie ihm nicht süß ist, in dessen Schoß will ich ruhig mein Haupt zum Schlummer legen.«

Er schwieg, und die Fürstin sah nachdenklich vor sich nieder. Nach einer Weile begann sie: »Wenn aber der Topler weiß, was gegen seine Stadt heraufziehet, wahrlich, dann däucht er mir nicht ein Held zu sein, sondern fast ein Narr. Er gleicht dem Manne, der unter dem Galgen noch seinen Witz übt. Denn dann müßt' er auch wissen, daß die Tage gezählt sind, da er sich einen König von Rothenbürg nennen darf. Bei Eurer Übermacht ist doch die eine Stadt Rothenburg ohne Rettung verloren.«

»Ha, meinst du das? Darin irrst du dich leider gar sehr. Ja, wenn die Fürsten und Herren alle kämen mit ihrer ganzen Macht, da tat er am besten, sogleich zu Kreuze zu kriechen. Aber da schickt einer zweihundert Knechte, der andere hundert, der dritte gar nur fünfzig. Und kann er uns nicht im freien Felde widerstehen, – das kann er gewißlich nicht, – so können sich seine Burgen lange halten und die feste Stadt erst recht. Und wenn sich dann erst die anderen Städte dreinmischen, die den Bund zu Marbach geschlossen haben, dann stehet seine Sache gar nicht verzweifelt. – Jeder Krieg«, fuhr er nach einem Augenblicke fort, »bleibt halt ein Wagnis, auch für den, der mit großer Übermacht auszieht. Das weiß er und denkt: Steht's auch hochgefährlich, so kommts wohl manchmal anders in der Welt, als jeder meint, und ich habe schon manch verzweifelt Spiel gewonnen.«

»Wieviel Mühe macht dir doch dieser eine Mann, Friedrich!« bemerkte die Fürstin.

»Und doch kann ich ihm nicht gram sein. Es ist kein unedler Tropfen Blutes in ihm, er ist ein fürstlicher Mann.«

»Er sieht ja auch aus wie ein Fürst,« versetzte Frau Else. »Wunderlich, wie er im Wesen deinem Vater ähnelt!«

»Und mir selber und meinem Bruder Johann nicht minder. Seltsam, so sah auch schon sein Vater aus, des ich mich wohl erinnere aus meiner Kinderzeit. Vielleicht ist's nur ein Spiel der Natur, vielleicht ist Abenberger Blut in ihm, von dem wir auch viel haben, oder, Gott mag's wissen, ob nicht vor hundert oder zweihundert oder mehr Jahren sich einmal ein Geschlecht von uns abgezweigt hat. Dergleichen ist immer vorgekommen. Es laufen hunderte im Lande herum, die Fürstenblut in den Adern haben, und wissen's nicht. Und den da, wär's der Fall und wüßt' er's, den würd' es, bei Gott, nicht stolzer machen, als er schon ist.«

»Was willst du, Winterstein?« wandte er sich an den Ritter, der eben mit einer Verneigung eintrat.

»Herr, der eine der Abgesandten von Rothenburg ist noch einmal in der Burg erschienen. Er begehrt, mit Euer fürstlichen Gnaden zu sprechen. Er hat Euch auch ein Besonderes zu sagen.«

Befremdet blickte ihn der Burggraf an. »Welcher ist's? Der Schlagetot?«

»Nein, der dünne, Herr.«

»So führe ihn herein zu mir.«

»Er saget aber, fürstliche Gnaden, er habe ganz etwas Geheimes,« versetzte Winterstein mit einem Blicke auf die Fürstin.

»Nun, in des Teufels Namen, dann mag er drüben auf mich warten!«

Winterstein ging ab. »Was mag der Mensch von mir wollen?«, sagte Friedrich.

»Vielleicht ist's einer von denen, die du vorhin schildertest,« erwiderte Frau Else zögernd.

»Der Stadtschreiber? Das wäre wunderlich, indessen nicht unmöglich. Der Mensch hat etwas Schleichendes und eine Demut in seinem Wesen, die an das Tier gemahnt, das auf dem Bauche kriecht und in die Ferse sticht. Ich werde dir Bericht geben.«

Der Stadtschreiber war an der Tür des Gemaches stehen geblieben, in das Winterstein ihn gewiesen. Beim Eintritt des Burggrafen neigte er sich tief zur Erde und erwartete dann die Anrede des Fürsten, ohne den Blick vom Boden zu erheben.

Friedrich musterte kühlen Blickes die zierliche, geschmeidige Gestalt des vor ihm Stehenden und sein blasses, glattes, sehr scharf geschnittenes Gesicht. »Was begehrst du noch von mir?« fragte er kalt und setzte, als jener seine Rede mit noch immer gesenktem Antlitz beginnen wollte, scharf hinzu: »Sieh mich an, wenn du zu mir sprichst! Ich mag mit niemand reden, der mir nicht frei ins Auge schaut!«

Der Stadtschreiber hob die schweren, breiten Lider auf, und der Burggraf erschrak fast vor dem harten, bleiernen Ausdrucke des Blickes, der auf ihn fiel. Der Mensch war ihm unangenehm. »Er muß sehr klug und brauchbar sein,« dachte er, »sonst würde Heinrich Topler ihn schwerlich in seiner Nähe dulden.« Laut gebot er: »Rede!«

»Allergnädigster Herr,« begann der Stadtschreiber mit einer erneuten tiefen Verneignng, »vergönnet Euerm Knechte eine Anfrage, die Euch vielleicht zuvörderst unbillig und unbescheiden däucht. Wollet Ihr mir deshalb nicht zürnen und mich weiterhin anhören?«

»So sprich ungescheut.«

Ohne eine Miene zu verziehen und dem Fürsten unbeweglich ins Antlitz starrend, sprach der Stadtschreiber darauf langsam und jedes Wort betonend: »Was meint Ihr, Herr, wird Euch die Fehde wider Rothenburg kosten?«

Verdutzt sah ihn der Burggraf an und brach dann los: »Bist du wahnsinnig, Mensch? Meinst du, ich werde dem Stadtschreiber von Rothenburg solches auf die Nase binden? Schere dich zum Henker!«

Aber Henrich wich nicht vom Platze, hielt auch den zornigen Blick des Fürsten aus, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ich kann machen, erlauchter Herr, daß sie Euch nicht den zwanzigsten Teil kostet von dem, was Ihr sonst zahlen müßtet. Ja, nehmt Ihr meine Dienste an, so braucht Ihr gar nicht wider die von Rothenburg ins Feld zu ziehen!«

Der Burggraf horchte auf. Also seine Gemahlin hatte richtig vermutet, hier stand ein Verräter vor ihm, und er mußte sich sagen, daß dieser Mensch, der seines Gegners vertrauter Diener war, ihm unschätzbare Dienste leisten könne. Darum bezwang er den in ihm aufsteigenden Widerwillen und entgegnete ruhig: »Wie meinst du das?«

Der Stadtschreiber räusperte sich. »Ohne Zweifel, gnädigster Herr, wisset Ihr, daß die von Rothenburg Euch alles verwilligen würden nach Euerm Willen und Begehr, so nicht einer dem widerstrebte.«

Der Burggraf nickte. »Das weiß ich, wie es jeder weiß. Rede weiter!«

»Wenn also Heinz Topler nicht mehr lebte, dann wäre das Spiel zu Ende,« fuhr Henrich fort.

Dem Burggrafen schoß das Blut ins Gesicht, und der Atem stockte ihm. Eine Verräterei hatte er erwartet, die zu benutzen im Kriege der Feind nicht nur das Recht hatte, sondern um seiner Leute willen sogar die Pflicht. Aber auf das Anerbieten eines Meuchelmordes war er nicht gefaßt gewesen. Er wandte sich unwillkürlich ab, und der Stadtschreiber sah deshalb nicht den furchtbaren Blick, der in den Augen des Fürsten aufflammte. Drum sprach er eintönig weiter: »Setzen wir den Fall, er würde nach einem Frühtrunk tot aufgefunden – wer wollt' etwas sagen? – Er ist ein starker Mann schweren Geblüts, wie leicht kann solchen ein Schlagfluß – – –«

Friedrich fuhr jäh herum. »Schuft!« schrie er, und seine Stimme erstickte fast vor Zorn. »Das sagst du mir, mir, einem Zollern?« Er riß sein Schwert halb aus der Scheide, stieß es aber sogleich zurück. »Nein, nicht eines Hundes Blut an meine Klinge!«

Der von Winterstein, der im Vorzimmer gewartet, kam erschrocken herdeigestürzt, zwei Pagen, hinter ihm. »Nehmet diesen Halunken fest!« gebot der Fürst. »Fasset ihn, er ist ein Meuchelmörder.«

»Um Gottes willen, hat er Euere fürstliche Gnaden verletzt?« rief der Ritter und faßte den Stadtschreiber mit eisernem Griffe am Kragen.

»Nein, mich nicht, den Topler will er ermorden.«

Henrich zog, da er sich verloren sah, mit Blitzesschnelle ein kleines Dolchmesser aus seinem Wams und suchte sich die Kehle zu durchschneiden. Aber er stieß fehl, und ehe er den Stoß zu wiederholen vermochte, hatte ihn Winterstein am Handgelenk gepackt, und die haarscharfe Waffe fiel klirrend auf den Estrich.

»Schnürt dem Burschen Hände und Füße und bringet ihn einstweilen ins Turmgemach! Thüna und Uttenhoven, ihr bewacht ihn! Du, Winterstein, holest den anderen Rothenburger aus seiner Herberge und bringest ihn her.«

»Soll ich ihn auch binden lassen, gnädiger Herr?«

»Gott bewahre,« erwiderte Friedrich. »Der weiß von der Schandtat seines Reisegefährten nichts, deß möcht' ich wetten. Leute von solcher Länge und Breite sind wohl Raufbolde und Grobiane, aber Verräter und Meuchler sind sie nicht. Er soll die Schlange dem Topler heimbringen. Du reitest mit, Winterstein. Und eh' du den Rothenburger aufsuchst in der Stadt, geh' und rufe mir den Seckendorff! Ich will eine Botschaft aufsetzen mit ihm, die du dem Topler bringen sollst.«

XII.

Drei Tage später trat Jakob Topler schnell und aufgeregt in die Schreibstube seines Vaters ein. Er war auf den Höfen der Grundholden und Hintersassen gewesen, die als Toplersches Eigentum überall im Tauberlande zerstreut lagen, um dort nach dem Rechten zu sehen, auch Zinsen und Gefälle einzutreiben. Die Fahrt hatte ihn zwei Tage und eine Nacht fern gehalten, und erst vor einer Stunde war er in die Arme seines Weibes zurückgekehrt.

»Ein sonderbar Gerücht durchläuft die Stadt, Vater!« sprach er nach hastigem Gruße. »Sie sagen, du habest Henrich, den Stadtschreiber, heimlich richten lassen.«

Der Bürgermeister saß vor einem mächtigen Tische von Eichenholz, auf dem allerlei Schreibwerk lag. Der letzte gelbe Schein der untergehenden Sonne, der durchs Fenster fiel, ließ sein Antlitz noch fahler und bleicher erscheinen, als es ohnehin war, sodaß ihn sein Sohn erschrocken anstarrte, da er die Hände, die sein Haupt stützten, sinken ließ und den Blick zu ihm erhob.

»Das Gerücht redet recht, Jakob,« erwiderte er hart. »Vorige Nacht hat ihn der Nachrichter durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht.«

»Um Gottes willen, warum, Vater?«

»Aus zwei Ursachen, deren jede genug war. Zum ersten: Er hat dem Burggrafen angeboten, mich zu vergiften!«

Jakob schrie laut auf. »Unmöglich!«

»Wahr und wahrhaftig.«

»Woher weißt du das, Vater?«

»Von Herrn Friedrich selbst. Er hat ihn gebunden zurückgesandt, Peter Northeimer und der von Winterstein haben ihn mir überliefert.«

Jakob stand eine Weile wie versteinert. »Ist jemand Zeuge gewesen, als er mit dem Burggrafen handelte?« fragte er endlich.

Heinrich Topler richtete sich auf. »Du meinst, der Burggraf könnte die Sache erfunden haben? Ja, wenn es der Bischof von Würzburg wäre! Aber der Zollern lügt nicht. Überdem – ich brauchte die Natter nur anzusehen, und ich wußte, woran ich war.«

»Hat er es eingestanden?«

»Er hat vor seinem Tode kein Wort mehr gesprochen.«

Jakob schüttelte den Kopf und sah seinen Vater bekümmert an. »Ich habe den klugen, heimlichen Kerl nie gern gehabt, aber immer hätt' ich ihn solch' einer Schändlichkeit für fähig gehalten. Bei Gott und allen Heiligen! Wem soll man noch trauen in der Welt?«

»Ja, wem soll man trauen?« wiederholte Topler finster. »Er war fünfzehn Jahre in der Stadt Diensten und sieben Jahre meine rechte Hand. Und doch hat er mich verraten und mich nicht allein, auch die Stadt!«

»Ja, wer dich verrät, der verrät auch die Stadt,« sagte Jakob.

»So mein' ich's nicht, mein Sohn. Der Schuft hatte einen Plan, die Stadt zu schädigen. Ich habe seine Habe einziehen lassen, als er festgesetzt war und alle seine Schriftstücke mir bringen lassen, die er im Hause hatte. Darunter hab' ich gefunden, was ihn dreimal des Todes schuldig machte.« Er hielt inne und seufzte schwer auf. Dann fuhr er fort: »Ich weiß nicht, was ihn getrieben hat zur Untreue gegen mich, seinen günstigen Herrn. Wohl der Hunger nach Geld, denn er war sehr geizig, hat auch eine große Summe nachgelassen. Aber ich hätt' ihn darum nur aus der Stadt verbannt, er hätte sich müssen über die Donau schwören.«

Jakob fuhr unwillig auf. »Wie, Vater? Sollt' ein Meuchler frei von dannen gehen? Er gehörte auf's Rad.«

»Ach, mein Sohn, mich ekelts vor dem Blut! Zuviel schon ist über meinen Weg geronnen. Aber wen ich sterben ließ, der starb um der Stadt willen, nicht meinetwillen. Und auch diesen habe ich wegen der Stadt mit meinen Freunden gerichtet und ihm Leib und Leben abgesprochen.«

Er stand auf und nahm aus seinem Schranke ein Pergament. »Das hat man im Hause des Gerichteten gefunden. Ich darf dir's nicht zeigen, denn keines Menschen Blick darf darauf ruhen als dreier Geschworener. Der eine bin ich, der andere ist Peter Kesselweiß, der dritte Hans Spörlein, des Rates vereidigter Baumeister. Das Pergament, von dem dieses eine Abschrift ist, liegt im Rathause an geheimer Stelle. Es ist der Plan der unterirdischen Leitung, durch die wir unserer Stadt das Wasser zuführen. Grübe sie ein Feind ab, der Rothenburg belagert, so wäre große Not, denn die eigenen Brunnen der Stadt reichen für Vieh und Menschen schwerlich zu.«

Jakob Topler war während dieser Rede so blaß geworden, wie es sein Vater war. Ein Laut kam aus seiner Kehle, der fast wie ein Stöhnen klang. Er hatte bisher nur undeutlich munkeln hören, daß zu einigen Brunnen seiner Vaterstadt das Wasser aus der Ferne zugeleitet werde, und er hatte sich auch niemals Gedanken darüber gemacht. Nun mit einem Male dämmerte ihm die Erkenntnis, daß die furchtbare steinerne Rüstung, die Rothenburg fast unbezwinglich erscheinen ließ, doch nicht vor jedem Feinde zu schützen vermochte. Die Stadt glich dem hürnenen Siegfried, von dem die alten Sagen meldeten, der am ganzen Leibe unverwundbar war bis auf eine Stelle im Rücken, dort konnte ihm der Verräter den Speer ins Herz stoßen. Und für ihn, der auf seine Vaterstadt stolz war und für ihre Ehre und ihren Glanz lebte wie sein Vater, war das eine niederschmetternde Erkenntnis.

»Kann ein Mensch«, stammelte er, »die Quelle entdecken und die Leitung finden, der den Plan nicht kennt?«

»Gewiß nicht ohne Zauberei und die Hilfe des Teufels,« entgegnete Heinrich Topler und schlug ein Kreuz.

»Und niemand kennt den Plan, als du und die beiden?«

»Niemand. So einer von uns stürbe, müssen die zwei anderen einen dritten zuschwören lassen, den der innere Rat kürt. Sonst erfährts keiner. So ist's gehalten worden seit König Rudolfs des Habsburgers Tagen.«

Jakob atmete auf. »Aber wie ist der Schuft dazu gekommen?«

Der Bürgermeister zuckte die Achseln. »Es sind Dietriche bei ihm gefunden worden; er hat wohl Kleinodien vermutet in der alten Truhe. Geredet hat er auch darüber nicht.«

»So hätt' ich ihm die Tortur anlegen lassen!« rief Jakob.

»Wozu? Seine Schuld war erwiesen.«

»Und warum hast du ihn heimlich gerichtet? Warum ihn nicht vom Stadtgerichte richten lassen?«

»Ich bin der Stadt Schultheiß und erster Richter und habe nicht allein gerichtet, sondern mit sechs Schöffen. Heimlich in meinem Hause, wie ich sonst nur meine Hintersassen richte, habe ich das Gericht gehalten, weil ich nicht will, daß über den ruchlosen Frevel geredet werde. Die Leute erfahren nur, daß er um schändlicher Bübereien und Verrätereien willen zum Tode gebracht worden ist. In Rothenburg denkt niemand daran, daß wir solche Gruben haben unter der Erde, und wird einmal davon geredet in einer Trinkstube oder sonst, so dünkt es vielen, den meisten, ein Märlein. Und unsere Feinde wissen nichts davon. So sie aber erführen, daß etwas daran ist, wahrlich, sie gäben sich von Stund' an alle Mühe, es zu erkunden, und der Bischof von Würzburg hat einen welschen Pfaffen, der ist der schwarzen Kunst mächtig.«

»Du hast recht, Vater. Aber viel übel Nachreden wirds machen!«

»Was kümmere ich mich darum! Ich tue, was ich für Recht halte. Aber nun, mein Sohn, gehe heim zu deinem jungen Weibe. Du bist ja noch im Reisegewande, und sie war schon ungehalten, daß ich dich nach Tauberscheckenbach und nach Entsee sandte. Über das, was du ausgerichtet, handeln wir morgen. Mache zu, eile, spute dich!«

Er bot ihm die Hand, und Jakob legte lächelnd die seine hinein. »Lebe wohl, Vater! Aber noch eins: Mich wundert, daß der Verräter nicht lieber diesen Plan dem Burggrafen verkauft hat, als daß er dir ans Leben wollte.«

»Viel Ehr' für mich, mein Sohn!« versetzte Topler mit grimmigem Lachen. »Er hat wohl gemeint, ich wäre den Rothenburgern mehr nötig, als selbst das Wasser. In Wahrheit steht's wohl so: Bracht' er mich um, so strich er den Judaslohn ein, und widerstanden die Rothenburger dann dem Burggrafen dennoch, so konnt' er zum zweiten Male reich werden. - Gute Nacht, Jakob.«

»Gute Nacht, Vater.«

Der Bürgermeister schloß, als sein Sohn gegangen war, das Pergament des Verräters wieder in den Wandschrank und stieg dann hinab ins Untergeschoß. Es war schon finster auf den Stufen, und Frau Margarete trug eben mit einer Magd in dampfenden Schüsseln die Abendmahlzeit auf den Tisch, die sie selbst mit bereitet hatte. Denn die Frau des hochgebietenden Bürgermeisters, der für sein Geld ein paar Reichsgrafschaften hätte kaufen können, würde es für eine Schande gehalten haben, wenn sie nicht in ihrem Haushalte von früh bis abends selbst mit tätig gewesen wäre.

Bei dem Mahle saßen Herrschaft und Gesinde an demselben Tische. Der älteste Sohn sprach ein kurzes Gebet, ohne das im Toplerschen Hause nichts gegessen noch getrunken wurde, das Amen am Schlusse sprachen alle nach. Dann begann der Hausherr mit seiner Frau ein Gespräch, auch die Kinder und das Gesinde durften sich miteinander unterhalten, denn nichts war dem Bürgermeister unlieber in seinem Hause, als steifer Zwang und ein gedrücktes Wesen. So schwer ihm manchmal die Bürde seiner Ämter auf den Schultern lag, so ernst und düster seine Gedanken waren – in seinen vier Wänden merkte ihm das keiner an, da war er fast immer voller Frohsinn und guter Laune und sah es gern, wenn auch die anderen scherzten und fröhlich waren.

So verhielt er sich auch heute, obwohl ihn der Verrat des Stadtschreibers im Innersten verwundet hatte. Seiner Frau hatte er verschwiegen, daß eine so große Gefahr nahe seinem Haupte vorübergegangen war, damit er sie nicht unnötig in schwere Sorgen stürzte. Sie wußte nur, was die anderen wußten, nämlich, daß der Gerichtete eine arge Untat begangen hatte, und sie konnte sich denken, daß gerade dieses Mannes Untreue die Seele ihres Gatten schwer verwundet haben mußte. Aber ebenso wußte sie, daß es ihres Mannes Art war, schweigend in sich das Schwere zu überwinden, was das Leben brachte, und daß er bei ihr und im Kreise seiner Familie vor allem Freude und Erholung suchte. Schon deshalb vermied sie es, an die Sache zu rühren, und die Gegenwart des Gesindes legte ihr ja ohnehin Schweigen auf.

Nach der Mahlzeit erklärte Heinrich seiner Frau, daß er noch in der Stadt zu tun habe. Es könnte wohl zwei Stunden dauern, bliebe er länger aus, so sollte sie sich ruhig schlafen legen und ihn nicht erwarten.

Dann begab er sich in seine Kammer, um sich zu rüsten für den nächtlichen Ausgang. Er legte ein feines; italienisches Stahlhemd an von Mailänder Arbeit, das ihm sein Vetter, der Goldschmied, einmal von einer Romfahrt mitgebracht hatte. Darüber zog er sein gewöhnliches leichtes Sommerwams, so daß niemand die Panzerung erkennen konnte. Dolch und Schwert hängte er sich an die Seite und stülpte ein samtnes Barett auf, das inwendig mit stählernen Reifen ausgelegt war. So gerüstet verließ er sein Haus, schritt die Schmiedegasse hinab, bog in die Burgstraße ein und gelangte, ohne daß ihm in der Dunkelheit ein Mensch begegnete, nach der alten Burg, indem er vorsichtig mit gedämpftem Tritt an der inneren Stadtmauer hinwandelte. Dort, wo der uralte Pharamundturm wie ein gespenstischer Riese in den Nachthimmel hineinragte, hielt er an. Im Schutze des Turmes befand sich an dieser Stelle ein eisernes Mauerpförtchen, durch das man auf einem halsbrecherisch steilen Pfade ins Taubertal hinausgelangen konnte.

Der Wächter kam eilend herbei, als er die Schritte vernahm, denn daß um diese Zeit ein Mensch die Gegend der alten Burg betrat, war ungewöhnlich. Nur alle drei Stunden machte die Stadtwache die Runde um die ganze Stadt und löste die einzelnen Posten ab.

Das Erstaunen des biederen Handwerksmeisters, der hier die Wache hatte, wuchs um ein Bedeutendes, als er beim Scheine seiner Laterne das allmächtige Haupt der Stadt vor sich sah.

»Es ist mir lieb, Meister Stieb, daß ich dich so wacker auf deinem Posten finde,« sagte Topler. »Nimm einen der Schlüssel hervor und schließe die Pforte auf, ich will hinab in meine Hofstatt.«

»Herr!« warnte der Wächter, »es hat am Nachmittage geregnet. Ihr könnt das Genick brechen, wenn Ihr ausgleitet. Der Mond geht in einer Viertelstunde auf, da könnt Ihr besser sehen!«

»Wo einer als Bube gespielt hat, da bricht er das Genick nimmer. Schließ' auf, guter Freund, und sorge dich nicht!«

Der Alte kam kopfschüttelnd dem Befehle nach, und Topler schlüpfte hinaus. Er mußte in der Tat sehr auf den Weg achten und kam mehrmals in Gefahr zu fallen, bis er auf einem breiten Pfade anlangte, auf dem er dann ruhig ins Tal hinabschreiten konnte. Als er auf der Tauberbrücke stand, blickte gerade die gelbe Mondscheibe in seinem Rücken über die Dächer von Rothenburg und übergoß das weiße, turmartige Gebäude vor ihm, das im Volksmunde das Toplerschlößchen hieß, mit ihrem fahlen Lichte.

Der Bürgermeister blieb einen Augenblick stehen und atmete tief auf, denn es ward ihm beim Anblick seines Lusthauses ganz eigenartig zumute, und seine Gedanken flogen rückwärts in eine ferne, längst entschwundene Zeit. Sein verstorbenes Weib hatte hier ein wundervolles Rosengärtlein gehegt, dem zur Seite er mit Erlaubnis des ehrbaren Rates das Schlößchen errichtet und für seine Eheliebste mit verschwenderischer Pracht ausgestattet hatte. Selige Tage waren es, die ihm mit ihr damals hier verronnen waren, und ein schwerer Seufzer drang aus seiner Brust, als ihm das alles jetzt wieder ins Gedächtnis kam, als wäre es erst gestern gewesen. Dann tauchte vor seiner Seele das Bild seines königlichen Freundes und Gönners Wenzel auf, der vor gerade zwanzig Jahren zum letzten Male nach Rothenburg gekommen war. Als der vor dem seltsamen Baue gestanden, da hatte er gelacht und gesagt: »Topler, solch' ein Häuslein sah ich noch nie, nicht im deutschen, nicht im böhmischen Lande. Es gleicht einem Flughause für Riesentauben und gefällt mir herzlich wohl, hier will ich wohnen.« In Wahrheit hatte der wunderliche Herr sogleich seine Prunkwohnung in der Stadt verlassen und war in die winzigen Gemächer eingezogen mit seinen ungeheuren Humpen, seinen riesigen Doggen und seinen schönen böhmischen Dirnen, und wer ihn dort besuchte, ward in den drei nächsten Tagen nimmer nüchtern. Damals nannten die Leute, das Schlößchen auch den Kaiserstuhl. Ach, das war nun alles so lange her! Längst vergangen waren seine Träume, mit Wenzel zusammen das Reich zu reformieren, die Städte über die Fürsten und Ritter zu erhöhen. Sie waren gescheitert an dem Eigenwillen und dem gegenseitigen Neid der Städte, deren keine sich ganz für das Ganze einsetzen wollte, und der König, der einst so Großes träumte, hatte sich gänzlich unfähig erwiesen, das Reich zu regieren. Er saß tatenlos in Prag und trank und schickte wohl hin und wieder seinen Freunden Briefe, die sie zum Aushalten mahnten, rührte aber selbst keinen Finger, um ihnen zu helfen.

Ein Gegenkönig war von einer Anzahl Fürsten auf den Schild erhoben worden, ein redlicher, aber machtloser Mann, ein Spielball in den Händen derer, denen er den Schein der Macht verdankte.

Immerhin war sein Dasein der Stadt schädlich, denn alle, die ihr übel wollten, konnten ihre eigensüchtigen Pläne gegen sie unter dem Vorwande verfolgen, daß sie des Reiches und König Ruprechts Acht gegen sie vollstrecken hülfen.

Der persönlich Edelste, aber dabei auch weitaus Mächtigste und Entschlossenste dieser Feinde war der Burggraf, und der hatte ihm zugleich mit dem gefesselten Verräter ein Brieflein zugesandt, worin er ihn bat, den Ritter von Seckendorff in einer ganz geheimen Sache zu empfangen. Topler hatte zurücksagen lassen, der Geheime Rat des Fürsten möge nicht in die Stadt einreiten, wo sein Erscheinen zu allerlei Gerede und Deutungen Anlaß geben werde. Er wolle vielmehr bei Dunkelheit mit ihm in seinem Tauberschlößchen zusammenkommen, dort könnte der Ritter übernachten und früh beim ersten Hahnenschrei ohne Aufsehen weiterziehen.

Wie ihm der Knecht des Fuchsmüllers, dessen Mühle neben dem Lusthause lag und der sein Hintersasse war, gegen Abend zugetragen, war Seckendorff eingetroffen, und so hatte auch er sich aufgemacht. Festen Ganges überschritt er jetzt die Brücke und traf alsbald auf den Fuchsmüller, der auf ihn gewartet hatte.

»Der fremde Herr ist eingetroffen? Hast du sein Pferd und seine Knechte wohl untergebracht und ihm selbst Speise und Trank gegeben?« fragte Topler.

»Ich habe alles getan, was Ihr befohlen habt, Herr. Ich habe auch meine Knechte ausgestellt, daß sie auf der Stelle künden sollen, wenn jemand herankomme,« antwortete der Müller und nahm dabei die Mütze ab.

»Es ist gut,« erwiderte Topler, ging über die Zugbrücke und zwängte sich die engen Stiegen empor. Gleich darauf stand er vor dem alten Ritter, dessen ehrwürdiges Haupt durch einen Krug von ungeheurer Größe halb verdeckt wurde. Der Fuchsmüller mußte wohl geglaubt haben, sein Herr habe den Fremden zu einem heimlichen Saufgelage entboten, denn ein zweites Gefäß von ähnlichem Umfange war noch auf dem Nebentische aufgepflanzt.

»Gott zum Gruße!« sagte Topler beim Eintreten zu Seckendorff, der sich erhob und ihm entgegenging. »Euer Herr hat verlangt, daß ich von ihm eine geheime Botschaft höre. So redet denn, meine Zeit ist knapp bemessen. Merken sie droben in der Stadt, daß ich ins Tal entwichen bin, so könnt's sein, daß mir einer nachschleicht, um zu erkunden, wer bei mir war.«

»Herr Topler,« begann der Greis und nahm dem Bürgermeister gegenüber wieder Platz. »Seine fürstliche Gnaden entbieten Euch seinen Gruß und lassen Euch sagen, daß Ihr möchtet meine Worte aufnehmen, als ob sie aus seinem eigenen Wunde kämen.«

Der Bürgermeister neigte schweigend das Haupt und sah den Sprechenden gespannt an.

»Seine Gnaden sind auch der Weinung, daß Ihr die ganze Wahrheit hören könnet, auch die über Euch selbst, und daß Ihr nicht einer der Schwachen seid, die sich selbst betrügen.«

»Ich bin dem Herrn Burggrafen ob seiner Wohlmeinung sehr dankbar. Aber ich bitt' Euch, kommt zur Sache!«

»So höret in Geduld, Herr Topler, wie mein gnädiger Herr Eure Lage betrachtet. Seid Ihr ehrlich gegen Euch, so sag' ich Euch nichts Neues. Die Ehrbaren in Rothenburg sind Euch gram, zum wenigsten die meisten, und Ihr wäret bei der jüngsten Ratskürung Eurer Ämter verlustig gegangen, hättet Ihr Euch nicht auf die Gemeinen gestützt. Durch die gemeine Bürgerschaft seid Ihr jetzt das, was Ihr Euch neulich vor meinem Herrn rühmtet zu sein: ,Der König von Rothenburg.' Aber Eure Macht steht auf schwankem Grunde.«

»Wie aller Könige Macht,« warf Topler ein.

Seckendorff überhörte die Anspielung und fuhr fort: »Von allen Herren der Launischste und Wetterwendigste ist der Herr Omnes, das Volk. Einem, der tausendmal größer war als Ihr, ist es begegnet, daß heute das Volk Hosianna sang und drei Tage später sein Kreuzige schrie. So kann es einem jeden gehen, der mit dem Volke zu tun hat.«

»Ohne Zweifel, das ist eine gemeine Weisheit, Herr Ritter.«

»Ihr habt nun gesehen, wie der Verrat um Euch lauert und seine Netze spinnt. Der Eure geheimen Schriftstücke kannte und jeden Tag in Eurer Nähe war, hat Euch nach dem Leben getrachtet. Konntet Ihr Euch auf den nicht verlassen, auf wen könnet Ihr bauen? Außer den wenigen, die von Eurer Sippe sind, auf keinen, das wißt Ihr so gut wie wir. Drum läßt Euch mein Herr, der Burggraf, sagen: öffnet ihm die Stadt und nehmet sie von ihm zu Lehn. Ihr werdet seinen Eid empfangen mit Wort und Schrift, daß Ihr unter ihm der Herr sein sollt bis an Euer Lebensende und Euer Sohn nach Euch. Und Ihr wisset, daß, wenn etwas feststeht im Himmel und auf Erden, so ist es Friedrichs von Zollern Eid. So seid Ihr sicher in der Stadt Regiment und braucht nichts mehr zu fragen nach der Ehrbaren Haß und des gemeinen Volkes Gunst. Das ist Herrn Friedrichs, meines Herrn, Botschaft an Euch.«

Topler hatte ihn ruhig ausreden lassen und ihn nur unverwandt mit funkelnden Augen angesehen. Auch nachdem der Ritter aufgehört hatte zu sprechen, kam zunächst kein Wort über seine Lippen. Endlich, nachdem er sein stürmisches Herz zur Nuhe gezwungen, entgegnete er mit einem dumpfen Grollen in der Stimme: »War das Euers Herrn Botschaft an mich, so höret nun die meine an ihn! Sie lautet: Niemals und nimmermehr! Soll ich zum Verräter werden an meiner Stadt, weil andere zum Verräter werden an mir? Der Eid, den ich geschworen, verbietet mir solches, auch wenn ich selbst mich fügen könnte unter eines Fürsten Herrschaft.«

»Halt!« rief Seckendorff unerschrocken dazwischen. »Verbietet nicht auch der Stadt Recht und Gerechtigkeit, daß ein einzelner Mann Herr sei in ihren Mauern? Und doch seid Ihrs, Herr Topler, wie der Burggraf Herr ist in seinem Fürstentum.«

Der Bürgermeister richtete sich stolz empor. »Noch bin ich's durch der Gemeine Wahl und Willen, und was die Zukunft bringt, weiß keiner. Ich bete, daß Gott und seine Heiligen mich erleuchten und beraten mögen, auf daß ich nicht wider meinen Eid handeln muß aus Not, wenn meine Feinde mich jemals allzu hart bedrängen. Und ich bin der Zuversicht, daß Gott mir zeigen wird, wie ich dann immer wieder des Volkes Gemüt lenken und für mich gewinnen kann.« Er stand von seinem Stuhle auf. »Habet Ihr sonst noch von Euerm Herrn etwas an mich auszurichten?«

»Noch eins!« erwiderte Seckendorff, sich gleichfalls erhebend. »Seine fürstliche Gnaden lassen Euch sagen: Dieses Angebot gelte für alle Zukunft, auch wenn Ihr jetzt nicht einwilligen wolltet. Das Tor der Kadolzburg steht Euch jederzeit offen, wenn Ihr Euch etwa einmal anders besinnen solltet.«

»Schiebt getrost einen Riegel davor!« versetzte Topler trotzig. »Indes, daß mir Euer Herr so wohl will, deß bin ich ihm dankbar und bitt' Euch, ihm das zu sagen. Es gehört zu den Dingen, um die ich Leid trage im Leben, daß wir Feinde müssen sein, denn ich achte keinen Mann im Reiche so hoch wie ihn. Aber ich muß mich wider ihn setzen. Und nun, Herr Ritter von Seckendorff, erlaubet, daß ich Urlaube von Euch nehme und heimgehe. Ich wünsche Euch eine geruhsame Nacht. Ihr schlafet hier, wo König Wenzel schlief, als die Eide noch galten, die wir ihm geschworen. Für morgen wünsch' ich Euch glückliche Heimkehr. Gott befohlen!«

Er schüttelte dem alten Ritter die Hand und schritt hinaus. Vor der Tür auf der Zugbrücke erwartete ihn der Fuchsmüller mit einem Windlichte und wollte ihn den Berg hinaufgeleiten. Aber Topler wies ihn zurück, denn der Mondschein machte den Pfad fast tageshell.

Durch das Mauerpförtchen, durch das er gekommen, schlüpfte er auch wieder in die Stadt hinein. »Johann Stieb,« sagte er zu dem wachthabenden Bürger, »der Gang, den ich jetzt bei Nacht getan, geschah zu der Stadt Sicherheit und Nutzen. Und du wirst mir geloben, daß kein Mensch außer dir etwas davon erfährt.«

Der alte Handwerksmeister gab das Gelöbnis, nicht wenig geschmeichelt in dem Gedanken, daß er mit dem Gewaltigen ein Geheimnis teile.

Topler nickte ihm zu und ging weiter. Aber er begab sich noch nicht heim, sondern er wollte noch einen Rundgang machen um die Stadtmauer, damit er sähe, ob alles in guter Ordnung wäre. Das stand ihm zu als dem obersten Feldhauptmann der Stadt, und er hatte es schon oft getan. Und je weiter er ging, um so Heller wurden seine Mienen, denn überall waren die Wachen auf ihren Posten, die Schneider am Burgtor, die Metzger am Würzburger Tor, die Sattler am Kobolzeller Tor und alle die anderen. Nirgendswo fehlte einer, nirgendswo traf er einen schlafend an. Zuletzt bestieg er die gewaltige Bastei des Spitaltores, die er selbst einst hatte anlegen lassen, und als er dort vor der Mauerbrüstung stand, zog er den Dolch aus der Scheide und stieß mit der Spitze mehrere Male in die Ritzen der Mauer hinein. Es bröckelte nichts ab. »Der Mörtel ist harter Fels geworden in den Zwanzig Jahren. Die Mauern rennt kein Werkzeug ein, und die steinernen Kugeln der neumodischen Donnerbüchsen müssen daran zerschellen,« sprach er vor sich hin. Dann reckte er die Hand aus nach der Gegend, wo Ansbach lag und murmelte: »Die Stadt ist bereit, der Tanz kann beginnen. Und so komme denn, Burggraf, komme!«

Zweites Buch

I.

Der Tag Sankt Kiliani des Jahres vierzehnhundertundsieben war ungewöhnlich kalt, regnerisch und stürmisch, wie es sich gar nicht ziemen wollte für einen Tag des heißen Julimondes. Trotzdem war die ganze Bürgerschaft Rothenburgs vom frühen Morgen an auf den Beinen; Alte und Junge, Vornehme und Geringe, Männer, Weiber und Kinder summten in der Stadt wie ein aufgestörter Bienenschwarm durcheinander. Aber diese Bewegung und dieses Leben galten nicht dem Heiligen, obwohl er hier besondere Ehren genoß, da er nach der Sage der erste Bischof von Würzburg gewesen war und dem Lande Franken das Christentum gebracht hatte. Vielmehr hatte die Pfaffheit heute ihre heilige Frühmesse vor fast leeren Bänken lesen müssen, und die Predigt zu Ehren des frommen Märtyrers hörten nur einige alte Weiblein und Almosenempfängerinnen mit geringer Andacht und heimlich nach der Kirchtür schielend an. Denn heute gab es in Rothenburg etwas zu sehen, was man um keinen Preis versäumen durfte. Der römische König Ruprecht hatte, jedermann zur höchsten Überraschung, seinen Besuch ankündigen lassen und konnte, da er vom nahegelegenen Ansbach beim Morgengrauen aufbrechen wollte, jede Minute vor den Toren der Stadt eintreffen.

Die Botschaft war dem Rate vor zwei Tagen durch den edeln Herrn von Weinsberg, des Königs Kämmerer, überbracht worden. Heinrich Topler, in dessen Hand das Schreiben übergeben ward, hatte noch am selben Abend den gesamten inneren und äußeren Rat zu einer Sitzung ins Ratshaus laden lassen. Bis gegen Mitternacht waren die Herren zusammengeblieben, aber niemand erfuhr, was sie beschlossen hatten, denn die Verhandlung war streng geheim gewesen. Nur das hatte der Rat öffentlich ausklingeln lassen: Die Bürger sollten von einer Schmückung ihrer Häuser absehen, da eine solche bei den gegenwärtigen Zeitläuften untunlich sei, dagegen habe sich aber auch männiglich vor einem jeden Zeichen des Mißfallens strengstens zu hüten bei Strafe langer Haft im Turm.

Alle Ehrbaren, soweit sie ihres Alters wegen noch imstande waren, ein Pferd zu besteigen, waren hoch zu Roß am Rödertor versammelt. Gegen zehn Uhr kündete Trompetengeschmetter vom Rathausturme und das Anschlagen der Glocke den Harrenden an, daß der königliche Zug die Höhe vor der Stadt erreicht habe und also in einer Viertelstunde zu erwarten sei. Sogleich setzte sich Topler mit einem Dutzend Ratsherren und einer großen Anzahl gewaffneter Knechte in Bewegung, um den König einzuholen, und als er auf etwa hundert Schritte an ihn herangekommen war, sprang er mit seinem Gefolge aus dem Sattel, ging ihm barhäuptig entgegen und hieß ihn im Namen der Stadt willkommen.

Ruprecht lüftete sein Barett, neigte sich gegen ihn und gab ihm mit einigen gnädigen Worten vom Pferde herab die Hand. Das bartlose, blasse, von vielen Furchen durchzogene Antlitz des Königs drückte dabei eine gewisse freudige Überraschung aus, er hatte offenbar gar nicht erwartet, so höflich begrüßt zu werden. Denn von dem unbändigen Trotze Toplers hatte man ihm Wunderdinge berichtet, auch wußte er, daß der Mann im geheimen seines Gegenkönigs Wenzel Freund war. Nun trat ihm der gefürchtete Bürgermeister ehrerbietig entgegen und sprach verbindliche Worte, ja, er ergriff sogar den Zaum des königlichen Rosses, um ihn auf diese Weise ins Tor zu geleiten. So war es doch ein glücklicher Gedanke von ihm gewesen, trotz der Abmahnung seines Schwagers, des Burggrafen, nach Rothenburg zu reiten und durch das Gewicht seiner Persönlichkeit die aufsässige Stadt zum Nachgeben zu bereden. »Mancher«, dachte er bei sich, »hat vorher große Worte, aber vor dem Angesichte des Königs wird er fügsam und schmiegsam.«

Er wußte nicht, daß Topler noch vorgestern im Rate gesagt hatte: »Herr Ruprecht, Pfalzgraf bei Rhein, trägt den Namen eines römischen Königs, und wir haben ihm vor fünf Jahren, sintemalen es derzeit nicht anders ging, als unserem Herrn gehuldigt. So empfängt er die Ehren, die einem Könige zustehen, es wird mit den Glocken geläutet, er wird vor dem Tore willkommen geheißen, und die Schlüssel werden ihm voraufgetragen. Aber da er uns ein ungnädiger Herr sein will und es mit unseren Feinden hält, so wird ihm auch nicht mehr getan. Rothenburg hat keine Ursache zu kriechen und zu heucheln. Und des seid versichert, liebe Ratsgesellen: Begrüß' ich ihn mit Höflichkeit, wie sich's geziemt, so laß ich ihm doch keines Fingers Breite nach in der Sache, die er von uns fordern wird.«

König Ruprecht ahnte davon nichts und konnte davon nichts ahnen, denn daß einer die höfliche Form wahrte und dabei sein Gegner bleiben wollte, das war ihm auf deutschem Boden noch niemals vorgekommen. Selbst die vornehmsten Fürsten des Reiches pflegten die feindliche Gesinnung, die sie gegeneinander oder gegen ihr gewähltes Oberhaupt im Busen trugen, nicht hinter verbindlichen Formen zu verbergen, sondern legten in solchen Fällen zumeist eine hagebüchene Grobheit an den Tag. So mußte er sich trotz seiner Menschenkenntnis Toplers Art und Wesen fälschlich zu seinen Gunsten deuten.

Sobald aber der König das Rödertor passiert hatte und sich in der Stadt befand, sank seine frohe Zuversicht um ein Bedeutendes. Denn wohl summten und bimmelten die Glocken von allen Kirchen und Kapellen der Stadt, wohl stand das Volk in dichten Massen links und rechts des Weges, aber kein Heilruf erklang, stumm und still standen die Leute, Neugier malte sich in den Gesichtern, hier und da auch Abneigung und Trotz, nirgendwo Freude und Ehrfurcht. Es sah aus, als wäre das Volk gekommen, um den prunkvollen Leichenzug eines unbeliebten Großen anzuschauen, wo auf den Sarg nur unfreundliche und schadenfrohe Blicke fallen und doch der Majestät des Todes gegenüber alles in Schweigen verharrt.

Die Mienen des Königs wurden immer kälter und düsterer, als er so die Rödergasse und Hafengasse durch die stumme Menge hindurchritt, und er verabschiedete Topler hastig, nachdem ihn der Bürgermeister in die prächtig ausgestatteten Fürstenzimmer der Ratsherberge am Markt geleitet hatte. In einer Stunde, sagte er, wolle er drüben im Rathause den Vätern der Stadt seinen Willen kundtun. Bis dahin lehnte er außer dem Willkommenbecher, den ihm Topler bot, jede Bewirtung ab. Auch die Ritter und Räte entließ er auf der Stelle, er wollte allein sein.

Als sie alle gegangen waren, warf er sich in einen Armstuhl und stützte das Haupt schwer in die Hand. Die Sache ließ sich übel an, um deretwillen er gekommen war, das fühlte er. Sein sehnlichster Wunsch war, die Fehde zu verhindern, deren Ausbruch jeden Tag erfolgen konnte. Deshalb hatte er den immerhin ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, persönlich als Friedensmahner in eine Stadt einzureiten, die er schon mit der Reichsacht bedroht hatte. Aber er hatte zu diesem Schritte seine sehr gewichtigen Gründe. Er wollte die Schwerter in der Scheide halten, nicht nur, weil er von Natur ein Mann des Friedens war, der am liebsten durch kluge Unterhandlungen seine Ziele erreichte, auch nicht nur deshalb, weil es seinem königlichen Ansehen nur schaden konnte, wenn wieder einmal ein Teil des heiligen Reiches in grimmem Zwist sich zerfleischte. Seine Friedensliebe entstammte vor allen Dingen der Besorgnis, sein Schwager, der Burggraf, könne nach dem Siege allzu mächtig werden. Er hatte ihn schon im geheimen kraft seiner königlichen Gewalt in alle Güter und Habe der Rothenburger eingesetzt, wenn er die Stadt bezwungen hätte, denn er mußte dem zu Willen sein, der ihn zum Könige gemacht hatte. Aber er fürchtete, dieser kühne Zollern könne selbst nach der Krone greifen, wenn er erst Herr in Franken wäre. Unerhört und neu wäre so etwas im römischen Reiche deutscher Nation nicht gewesen, und der kriegerische und entschlossene Burggraf war – das mußte er sich heimlich eingestehen – viel mehr als er selbst ein König nach dem Herzen der Deutschen. Daher mußte er die Rothenburger bereden, ihm die Schlösser zu öffnen, das war immer noch besser, als wenn der ehrgeizige Schwager Herr der Stadt und des ganzen Gebietes wurde.

So saß er denn in dumpfem Brüten da und merkte nicht, wie die Zeit verging. Fast erschrocken fuhr er auf, als sein alter vertrauter Rat Johann Kirchheim bei ihm eintrat und meldete, daß vier Ratsherren auf dem Vorsaale warteten, um ihn ins Rathans zu geleiten.

»Hast du das Privilegium bei dir, so ich der Stadt verleihen will, Kirchheim?« fragte er, sich erhebend.

»Jawohl, gnädigster Herr, doch fürchte ich, daß wir damit den rollenden Stein nicht aufhalten werden.«

Ruprecht seufzte und strich sich das dünne graue Haar aus der Stirn. »Wir müssen das Gott überlassen. Wir haben dann jedenfalls alles getan, was wir für den Frieden tun konnten.«

Darauf ließ er sich von den herbeigerufenen Dienern den Kronhelm auf sein Haupt setzen und den scharlachnen Mantel umlegen und zog unter Vorantritt der Rothenburger Ratsherren mit seinen Räten und Hofherren zum Rathause hinüber.

Die breiten Türen des großen Saales flogen auf, und der König trat ein. Aber befremdet ließ er seine Augen umherschweifen, denn es war wohl für ihn ein erhöhter Thronsessel bereitgestellt, auch die Stühle für sein Gefolge fehlten nicht, aber von den Ratsherren, zu denen er hatte reden wollen, war niemand zur Stelle, nur der Bürgermeister bewillkommte ihn an der Tür.

»Wo ist der Rat, den ich zu versammeln gebot, Herr Topler?« fragte er verwundert, »Haben die Herren die Stunde versäumt?«

»Der Rat der Stadt hat mir Gewalt und Macht gegeben, mit Eurer Königlichen Hochwürdigkeit in seinem Namen zu reden und zu handeln,« erwiderte Topler mit einer Verneigung.

»Ach!« rief Ruprecht mit einem herben Lächeln, »da seid Ihr ja in Wahrheit der König von Rothenburg!«

Der Bürgermeister hob erstaunt den Kopf. »Das Wort war nicht zu Euch geredet und nicht für Euch bestimmt, gnädiger Herr,« sagte er gelassen. »Doch da es Euch einmal hinterbracht ist, kommt mir's nicht in den Sinn, es abzuleugnen. Wollen denn Eure Hoheit als römischer König verhandeln mit mir als dem Könige von Rothenburg!«

Im Gefolge Ruprechts entstand bei Toplers Worten ein unwilliges Gemurmel, und einige der ritterlichen Hofleute stießen ihre Schwerter klirrend auf den Boden auf. Die kühle, überlegene Art, mit der dieser Stadtbürger dem König entgegentrat, empörte sie.

Der König beschwichtigte den Ausbruch ihres Zornes durch eine Handbewegung und wandte sich dann wieder zu Topler. »Ein Gutes hat der Beschluß des Rates, Euch alle Vollmacht zu übertragen: Ich kann mich kürzer fassen, wenn ich zu einem rede, als wenn mir viele gegenüberstehen. Zuvörderst, auf daß Ihr erkennt, ich sei mit gutem Willen und nicht in Ungnade zu Euch geritten, so nehmet hier aus den Händen meines Kämmerers und Geheimen Rates das Privilegium entgegen, das Rothenburg schon längst begehrt. Der Jahrmarkt auf Sankt Bartholomäitag sei Euch verwilliget unter des Königs Schutz und Frieden.«

Auf einen Wink seines Herrn überreichte Kirchheim dem Bürgermeister das Pergament. Der griff freudig zu. »Das ist ein königlich' Geschenk, erhabener Herr! Die Stadt Rothenburg dankt Euch dafür durch meinen Mund. Indessen – es gibt selten etwas in der Welt ohne Gegengabe. Was verlangt Eure Hoheit dafür?«

»Dafür nichts,« entgegnete Ruprecht. »Doch bin ich geneigt, aus dem Jahrmarkt eine Messe zu machen, wie sie Frankfurt hat von altersher und sie euch beizulegen, wenn ihr meinem Wunsche, den ich Euch künden werde, willfahren wollt.«

»So gebe Eure Königliche Hoheit ihren Willen kund!«

»Als christlicher König will ich verhindern, daß wieder eine große Fehde das Reich verwüstet und mit Blut überschwemmt. Darum will ich Euch mahnen, daß Ihr Eure Schlösser dem Burggrafen öffnet zu seinem Aus- und Eintritt. Das verlangt er als der Schutzherr eurer Stadt und als mein, des Königs, Landvogt in Franken, und Ihr müsset eingestehen, es ist nicht Herkommen und Recht im Reiche, daß Bürger ihrem Schutzherrn ihre Festen verschließen und wie die edeln Herren oder die Grafen und Fürsten ihre Burgen besitzen.«

»Die Burgen haben wir zu unserem Nutz mit unserem Gelde gekauft und uns zur Wehr mit unserem Gelde ausgebaut. Das Reich hat uns keinen roten Heller dazu gegeben. Und wenn wir unsere Schlösser dem Burggrafen verschließen, so haben wir alle Ursach' dazu, denn wir kennen seine Pläne wohl. Und mich wundert, daß Ihr selbst ihn so fördern wollt, denn seine Gedanken fliegen hoch. Wäre er erst Herr in Franken – weiß Gott, er möchte dann bald etwas ganz anderes noch sein.«

Ruprecht zuckte zusammen. Das Wort traf ihn wie ein Stich ins Herz. Hätte er ehrlich sein dürfen, so hätte er sagen müssen: »Ihr habt recht. Ich schneide mir selbst ins Fleisch, wenn ich einen Fürsten neben mir zu mächtig mache.« Aber er war an den Burggrafen durch schwere Eide gebunden, und deshalb schwieg er und stand verlegen da.

»Endigt dieses Gespräch, gnädiger Herr König!« rief da der Edle von Weinsberg aus dem Hintergründe. »Es ist Eurer königlichen Würde zuwider, daß Ihr von diesem Herzoge der Pfahlbürger Lehren anhöret!«

Topler blickte ihn kalt an und sagte halb über die Achsel: »Schweigt, Ritter, bis Euch einer fraget! Wenn Herren sich bereden, haben Knechte zu schweigen.«

»Was?« schrie der Edle und fuhr ans Schwert. »Wir sagst du das, Krämer? Das Wort sollst du fressen!«

»Weinsberg!« donnerte ihn Topler an, »Ihr steht auf Rothenburger Grund. Und wer im Frieden der Stadt das Schwert zückt, verliert die rechte Hand. Das merket! Bei Sankt Jakob, unser Marktplatz hat schon manchmal besseres Blut getrunken als Eures!«

In diesem Augenblicke ward die Tür geöffnet, und bewaffnete Knechte drangen ein, meinend, der Bürgermeister habe sie gerufen. Man sah, daß der ganze Vorsaal und auch noch die breite Ratstreppe von Spießen und Hellebarden starrte.

Weinsberg ließ die Hand sinken und blickte blaß und verstört um sich. Er merkte, daß er mit seiner hochfahrenden Grobheit an den Unrechten gekommen war, und daß ihn selbst des Königs Fürsprache nicht retten würde, wenn er weiterhin dieses Mannes Zorn reizte.

Aber auch der König war erblaßt. Einen Moment schoß ihm sogar der Argwohn durch den Kopf, der verwegene Bürgermeister habe es darauf abgesehen, ihn hier mit seinem ganzen Gefolge festsetzen zu lassen und vielleicht gar dem Burggrafen gegenüber als Geisel zu behalten. Er erinnerte sich, daß etwas Ähnliches dem Könige Rudolph von Habsburg begegnet war, der dann nur durch die List eines Weibes gerettet ward, und der war viel mächtiger gewesen als er. Aber Topler wandte sich an ihn mit einer tiefen Verneinung und sagte: »Ihr müsset mir zugestehen, daß ich mich höflich und ehrerbietig Euch gegenüber gehalten habe, aber einen Schimpf stecke ich nicht ein von einem, der sich dünket, er sei ein Herr, weil er des Königs Rosse zäumen und füttern darf.«

Er sprach das alles in sehr verbindlicher, fast unterwürfiger Haltung, aber Ruprecht sah doch ein, daß er mit seinem Ritte nach Rothenburg eine Torheit begangen habe, und daß ein Wortstreit mit dem Bürgermeister, bei dem er unfehlbar den kürzeren ziehen mußte, für einen deutschen König wenig rühmlich sei. Der Mann war nicht einzuschüchtern und nicht durch Geschenke und Angebote zu gewinnen, wie es vielleicht eine Ratsversammlung gewesen wäre. Sein Plan war durchkreuzt, indem er auf ein Stadthaupt traf, statt auf deren hundert, es kam jetzt nur noch darauf an, einen möglichst würdevollen Abgang zu gewinnen.

Daher richtete er sich steif auf und fragte ernst und nachdrücklich: »Sogar gegen das Meßprivilegium seid Ihr nicht Willens, die Burgen zu öffnen?«

»Privilegien sind nur etwas wert, wenn man sie schützen kann, gnädigster Herr, und die Burgen sind unser Schutz.«

»Dann also kann ich das Unheil nicht wenden, das über Euch und Eure Stadt kommen wird. Es ist mir leid darum, sehr leid. Weinsberg, sagt den Knechten, daß sie die Rosse vorführen! Und Ihr, Herr Topler, spart Euch jegliches Geleit. Ich scheide von dieser Stadt in Ungnade, das mögen alle Leute wissen.«

»Die Ungnade Eurer Königlichen Hoheit tut mir weh, doch kann ich sie nicht ändern,« entgegnete Topler, und da der König ausdrücklich sein Geleit abgelehnt hatte, so ließ er ihn, ohne auch nur einen Schritt zu tun, ruhig aus dem Saale gehen. Da sich nun draußen das Volk fast verlaufen hatte, sintemalen es Mittagszeit war, so kam es, daß König Ruprecht von fast niemandem beachtet wurde, als er aus der Stadt entwich, die er wenige Stunden vorher mit so großem Gepränge betreten hatte. Sein Abreiten sah beinahe einer Flucht ähnlich.

Zwei Tage später aber erschien der Ritter von Egloffstein vor dem Rödertore und heftete den Achtbrief König Ruprechts an. Darin stand geschrieben, daß die von Rothenburg ob der Tauber auf Klage Herrn Friedrichs, Burggraf von Nürnberg, in des heiligen Reiches Acht mit rechtem Urteile geteilet seien, daß jedermann gehalten sei, besagtem Friedrich zu seinen Rechten wider die von Rothenburg zu verhelfen, daß niemand die Bürger hausen, ätzen, tränken, noch irgendwelche Gemeinschaft mit ihnen haben dürfe, sondern daß jeder sie ergreifen und so mit ihnen verfahren solle, wie man mit des Reiches Ächtern verfahre.

»Hebe das Schreiben sorgfältig auf!« sagte Topler zu dem neuen Stadtschreiber. »Lege es in einen großen Kasten zu unterst. Es wird Junge kriegen in den nächsten Wochen, lauter Absagebrieflein wird es ans Licht der Welt bringen, zuerst des Burggrafen, dann der anderen Herren. Sie alle bewahre wohl! Unsere Nachkommen sollen wissen, welcher Macht sich ihre Väter einstmals erwehret haben.«

II.

Heinrich Topler wußte längst, daß der Burggraf einen mächtigen Bund von Fürsten und Herren gegen die Stadt zusammengebracht hatte, aber als nun in den nächsten Tagen die Fehdebriefe einliefen, da war er über die Menge und Bedeutung der Absagenden doch erstaunt, ja betroffen. Daß die Herzöge in Bayern, des Burggrafen Verwandte und Gefreundete, der Stadt Feinde sein wollten, war in der Ordnung und konnte nicht überraschen, auch daß der hochwürdige Herr von Würzburg zugleich mit dem Zollern seine Kriegserklärung übersandte, mußte erwartet werden. Aber da waren zum Beispiel die Landgrafen von Thüringen und Hessen, Herren, denen die Rothenburger nie ein Wässerlein getrübt und mit denen sie nie zu tun gehabt hatten, weder im Guten noch im Bösen. Was die zur Absage trieb, war eigentlich unerfindlich, wenn es nicht persönliche Freundschaft mit dem Burggrafen oder der allgemeine Fürstenhaß gegen die Städte war. Auch die frommen Väter von Bamberg und Regensburg wollten den Krummstab mit dem Schwerte vertauschen, vermutlich, damit der Würzburger sich nicht als einziger geistlicher Herr unter den vielen Weltleuten allzu vereinsamt fühlte. Und die von der Ritterschaft absagten, bildeten ein ganzes Heer; fast in jeder Stunde des Tages und der Nacht kamen reitende Boten an die Tore, die ihre mit einem Sperrholze an die Speerspitze befestigten Brieflein dem Hauptmann der Torwache auf die Brüstung hinaufreichten. Denn Topler hatte den Eintritt dieser Gesellen in die Gassen streng verboten, damit sie nicht irgendeine Kundschaft einziehen könnten zum Nachteile und Schaden der Stadt.

Als er am Morgen des dritten Tages nach der Achtserklärung in die Schreibstube des Rates eintrat, fand er seinen Schwiegersohn Kaspar Wernitzer vor einem Haufen derartiger Schreiben sitzen, die er sich sorgfältig in eine Liste eintrug. Der junge Patrizier war als gewandter und schneller Schreiber in ganz Rothenburg berühmt und wurde von seinem Schwiegervater gern zur Abfassung solcher Schriftstücke verwendet, die einen klugen Kopf und einen sicheren Mann verlangten.

»Da sehet, Vater,« sagte er, »es sind diese letzte Nacht achtundachtzig Absagebriefe eingelaufen!«

»Donner und Hagel!« rief Topler. »Geht das so fort, so wird morgen sogar vom Teufel ein Schreiben einlaufen, daß er unser Feind sein will und will seine Ehre an uns bewahret haben. Sind gewichtige Leute dabei?«

»Nicht sonderlich, aber wäre es nicht vielleicht wohlgetan, Vater, man ließe auf Tafeln die Namen aller aufzeichnen, die unsere Feinde geworden sind, und hängte solche Tafeln aus, daß jeder ihre Namen wisse?«

»Das ist ein guter Einfall. Freilich müßte man eher die aufschreiben, die nicht der Stadt Feinde sind.«

»Ich habe hier schon ein solch' Verzeichnis aufgestellt. Vater!«

»So gehe hinunter zum Stadtschreiber und berede mit ihm das Nähere. Ich billige es.«

Wernitzer entfernte sich. Der Bürgermeister ließ sich am Tische nieder und sah die Namen der Fehder durch. Sie waren ihm zu einem guten Teil unbekannt, und eben begann er sich zu wundern, daß auch die Grafen von Schwarzburg und die von Orlamünde die Rothenburger mit bekriegen wollten, obwohl wenige in der Stadt wissen mochten, wo die Grafschaften der beiden Herren lagen – da öffnete sich die Tür, und seine Schwiegertochter Agnes trat ein.

»Herrgott!« dachte er. »Halten wir hier einen Familientag ab? Auf den Schwiegersohn die Schwiegertochter! Das ist ja wunderlich. Was mag das junge Frauenzimmer auf dem Rathause wollen?« Aber er ging ihr freundlich entgegen, denn er war ihr wohlgeneigt, und es lag in seiner Art, den Frauen mit Höflichkeit und Zuvorkommenheit zu begegnen.

»Ich möcht' mit Euch reden, Vater,« sagte sie, mit niedergeschlagenen Augen nähertretend.

»Potztausend, liebes Kind, das paßt jetzt schlecht,« entgegnete er. »Meine Zeit ist sehr kurz, wie du dir denken kannst.« Und mit Laune fuhr er fort: »Ich sehe Tränen in deinen schönen Äuglein? Gewiß habt ihr euch einmal bei den Köpfen gehabt, du und der Jakob. Ja, liebes Kind, das geschieht hin und wieder in den besten Ehen, und da sind die Eltern machtlos. Das müssen die jungen Leute allein miteinander durchmachen, und meist folgt ja sehr bald auf das Gewitter um so schönerer Sonnenschein.«

»Darum hätt' ich Euch nimmer bemüht, Vater,« versetzte sie etwas gekränkt und fast schnippisch.

»Nun, dann sage, wo es fehlt. Aber ich bitte, ohne Umschweife. In einer Viertelstunde tritt der Rat zusammen.«

»So möcht' ich Euch bitten, Vater, gebet dem Jakob eine andere Wache!«

Topler zog die Brauen hoch. »Eine andere Wache?« wiederholte er erstaunt. »Warum? Fürchtest du Gefahr für deinen Mann?«

»Ja, eine große, eine absonderliche Gefahr!« erwiderte sie bedeutungsvoll.

»Das begreife ich nicht. Er hat die zehn Hauptleute unter sich, die vom Klingentor bis zum Kobolzeller Tor mit ihren Fähnlein stehen. Das ist die Seite der Stadt, die am leichtesten zu verteidigen ist, denn der Berg fällt dort überall steil zur Tauber hinab, und die Feinde wären Narren, wenn sie gerade dort den Ansturm versuchten.«

»Ach, das meine ich nicht!« seufzte sie. Topler ward ungeduldig. »So sage deutlich, was du willst!«

Sie zögerte ein Weilchen mit der Antwort, dann begann sie, ihn scheu von der Seite anblickend: »In dieser Wache Bereich liegt das Frauenkloster« Sie hielt inne und ward glühend rot.

Topler, der gar nicht verstand, wo sie hinaus wollte, stampfte jetzt leicht mit dem Fuße auf. »So sprich doch weiter!« rief er. »Was willst du eigentlich? Ja, das Kloster liegt dort, und just deshalb habe ich meinem Sohne diesen Posten zugeteilt.«

Agnes blickte fast entsetzt zu ihm auf. »Deshalb? Und in dem Kloster ist eine – eine –!« Sie schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.

»Ach!« sagte Topler und bog sich vor Lachen rückwärts. Jetzt begriff er das wunderliche Verhalten seiner Schwiegertochter mit einem Male. Das junge Frauchen war eifersüchtig, und zwar schien sie die Eifersucht nicht wenig gepackt zu haben. Mit einer halb ärgerlichen, halb belustigten Miene blickte er auf die Weinende nieder, dann zog er ihr die eine Hand vom Antlitz und drückte sie auf den nächsten Stuhl nieder.

»Komm, setze dich, meine Tochter! Zwar ist dein Gebaren närrisch, und es wundert mich sehr, daß du deinen Mann mit Eifersucht plagest, aber da die Frauen von Natur schnurrige Wesen sind, so muß man ihnen mancherlei nachsehen. Drum will ich dir erklären, warum ich dem Jakob die Wache gegeben habe, obwohl ich sonst gebiete und nicht erkläre. Die Nonnen im Kloster sind zur Hälfte Töchter unserer Ehrbaren, zur anderen Hälfte Töchter des Adels in Franken. Es sind also viele dort, die Vettern und Oheime, sogar Brüder in dem Heere haben, das gegen uns heranziehet. So war es schon in dem großen Städtekriege vor dreißig Jahren, da wäre um ein Haar die Stadt durch die Nonnen verraten worden, denn zum Unglück liegt das Kloster dicht an der Stadtmauer. Verstehst du nun, warum dort der Mann die Wache haben muß, dem ich nächst mir am meisten traue in der Stadt? Rothenburg hat nur eins zu fürchten, nur eins: den Verrat.«

Agnes hatte die Arme auf den Tisch gelegt und den Kopf darüber gesenkt. Sie weinte noch immer. »Konnte die Wache nicht Kaspar nehmen oder Northeimer?«

»Nein!« entgegnete Topler nicht ohne Schärfe. »Es gehört nicht nur Treue zu diesem Posten, sondern auch die höchste Klugheit. Du müßtest es eigentlich als eine Ehre empfinden, daß niemand in Rothenburg geschickter ist, diese Wache zu übernehmen, als dein Mann.«

Aber er erhielt zunächst keine Antwort. Endlich erhob sie das Antlitz und fragte mit einem schweren Seufzer: »Also soll der Jakob dort bleiben?«

»Zum Henker!« hätte Topler beinahe gerufen, aber er unterdrückte den zornigen Ausruf und schlug sich leicht gegen die Stirne. Ja so, das hatte er nicht bedacht, daß eine eifersüchtige Frau durch vernünftige Gründe niemals zu überzeugen ist. Einer solchen mußte man anders kommen, und er war gewandt genug, das zu vermögen. Darum sagte er: »Liebes Kind, du bist, wie ich sehe, eifersüchtig auf das arme Wesen, das dort den Schleier trägt. Bei meinem Eide sage ich dir, du bist es mit Unrecht. Ich habe eine Zeitlang gedacht, meinen Sohn mit ihr zu vermählen, aber er hat nicht gewollt. Warum soll er nun etwas von ihr wissen wollen, da sie in der Kutte steckt?« Mit einem listigen Lächeln setzte er hinzu: »Überdies – sie kann niemals mit dir in die Schranken treten. Die Armgard Seehöferin ist ein starkes, großes Mädchen, aber schön war sie nimmer und wird im Kloster erst recht nicht zur Frau Venus geworden sein. Du jedoch ähnelst der Burggräfin Else, die ich neulich in Ansbach sah. Das sage ich dir zur Steuer der Wahrheit, denn es stünd' mir als einem alten Manne und deinem Schwiegervater übel an, dir zu schmeicheln.«

Dieses Wort wirkte Wunder. Sie hörte auf zu seufzen und erhob sich. »Es ist gewißlich wahr, daß sie nicht schön ist?« fragte sie mit abgewandtem Gesichte.

»Gewißlich. Meinst du, ich würde dir eine Lüge sagen?«

»So lebet wohl, Vater, und nehmet meine Bitte nicht für ungut. Lieber wäre es mir ja, Ihr hättet meinen Wunsch erfüllt, denn ich möchte nicht gerne, daß Jakob in die Nähe des Klosters käme, doch will ich versuchen, mich drein zu finden.« Sie bot ihm immer noch mit niedergeschlagenen Augen die Hand und ging langsam aus der Tür.

Topler blickte ihr sinnend nach. »Wunderlich«, dachte er, »ist der Weiber Sinn und Gemüt; ohne sich vorher zu erfragen, verfallen sie leicht auf das Wirrste und Absonderlichste. Und ich sah ihr's an: Überzeugt war sie nicht, nur für den Augenblick zum Schweigen gebracht. Der Jakob mag sich vorsehen. Eine war anders, eine! Gott habe sie selig!« –

Indes ertönte das Ratsglöcklein, und drunten vor dem Rathause zogen die gewaffneten Leute auf, die nach den Schlössern der Stadt entsandt werden sollten, da man übermorgen den Einbruch des Burggrafen ins Rothenburger Gebiet mit Sicherheit erwarten konnte. Drei Tage mußten vergehen von der Stunde an, da der Fehdebrief überreicht worden war, dann durften die Feindseligleiten ihren Anfang nehmen. So war es ritterliche Sitte und ehrlicher Brauch, und Friedrich von Nürnberg wäre der letzte gewesen, der sie irgendwie hätte verletzen mögen. Aber ebenso gewiß war anzunehmen, daß er auch nicht eine Stunde länger, als nötig war, mit dem Vormarsche gegen die Stadt säumen würde.

Drunten im Saale hatte sich der ganze innere und äußere Rat versammelt, und vor ihm standen die zwölf Männer, die als Vögte der sechs Stadtburgen ausgelost waren. Denn die Rothenburger hatten die Gewohnheit, sofort nach Ausbruch einer Fehde die Befehlshaberstellen ihrer festen Plätze neu zu besetzen, damit die Vögte nicht vorher von den Feinden durch Geld oder Versprechungen gekauft werden konnten. Das mochte seinen guten Sinn haben, als einen übeln und törichten Brauch aber hatte Topler von jeher empfunden, daß man die neuen Schloßvögte durch das Los bestimmte. Jeder Ehrbare, der schon einmal eine Hauptmannstelle bekleidet hatte und jünger war als fünfzig Jahre, mußte die Vogtei annehmen, er mochte wollen oder nicht, wenn das Los auf ihn fiel. Doch war der Bürgermeister um so weniger imstande gewesen, das uralte Herkommen umzustoßen, als man eigentlich noch nie eine üble Erfahrung damit gemacht hatte. Die adeligen Bürger, die in den Waffen von Kindheit an geübt waren, hatten sich immer wacker gehalten und ihre Pflicht getan.

Auch unter denen, die heute hier standen, war keiner, den Topler einer Verräterei für fähig gehalten hätte. Das stellte er zu seiner eigenen Befriedigung fest, als sein Auge sie scharf musternd überflog. Es schien, als habe der Zufall wieder einmal verständig gewaltet.

Alle Ratsherren erhoben sich beim Eintritt des obersten Feldhauptmanns von ihren Sitzen. Peter Northeimer und Hans Spörlein traten vor, denn sie bildeten mit Topler zusammen einen vom Rate gewählten Ausschuß, den man die Kriegsherren nannte. Sie hatten, so lange die Fehde währte, mit ihm zusammen die höchste Gewalt in der Stadt und dem ganzen Gebiet, und jeder, selbst der Bürgermeister des äußeren Rats, war ihnen zum Gehorsam verpflichtet.

Diese beiden stellten sich vor Topler hin und faßten das breite Schwert, das er gezogen hatte und am Griffe hielt, am unteren Ende an. Dann legte jeder der zwölf Burgvögte die linke Hand auf die entblößte Klinge, hob die Rechte zum Schwur empor und sprach die kurze Eidesformel nach, die Topler ihnen vorsprach.

Als sie alle geschworen hatten, wandte sich der Bürgermeister noch mit einer Ansprache an sie alle zusammen. Er schloß mit den Worten: »Eure Mauern und Türme sind fest, mögen Eure Herzen noch fester sein! Ihr wisset, nach unserem Recht stirbt der Verräter oder Feigling durch des Henkers Hand. Aber ich traue fest darauf, daß kein solcher unter Euch ist, sondern daß Ihr alle der Stadt Euern hohen Eid haltet, wie es adeligen Männern geziemt. Unter Gottes und Sankt Jakobi Schutz ziehet also hinaus, liebe Kriegsgesellen!«

III.

Von zwei Seiten zugleich rückten die verbündeten Fürsten und Herren gegen das Rothenburger Gebiet heran. Der Burggraf selbst war mit einem stattlichen Aufgebote nach der kleinen festen Stadt Uffenheim gezogen, die aus Furcht vor dem mächtigen Nachbar der großen Schwesterstadt mit abgesagt hatte, und hier stieß der Bischof von Würzburg mit fünfhundert Spießen zu ihm. Zwei Tage später langte auch der starke Zuzug von Thüringen und Meißen an, den die beiden Landgrafen Friedrich und Wilhelm selbst führten.

Topler konnte nicht daran denken, diesem Heerhaufen im freien Felde entgegenzutreten, denn der war zahlreicher und kriegstüchtigsr als die gesamte Heeresmacht der Stadt. Dagegen schwankte er einen Tag lang, ob er sich nicht auf die Bayernherzöge stürzen sollte, die mit ihren viel geringeren Scharen bei Schillingsfürst standen und dort die Fähnlein an sich zogen, die von den Burgen Südfrankens und Schwabens herankamen.

»Falle über sie her!« riet Peter Northeimer. »Zersprenge sie, ehe sie zu stark werden! Wenn wir bei anbrechender Dunkelheit ausziehen, kann bis zum Morgenrot die ganze Arbeit getan sein. Sie werden unseres Kommens nicht gewärtig sein.«

Aber Topler wehrte ab. »Herzog Stefan, der sie führt, ist kein Kind; er wird auf seiner Hut sein. Und glückt der Überfall nicht, was dann? Müssen wir uns mit Verlust zurückziehen, so wird's sehr schlimm, werfen sie uns in die Flucht, wird's noch viel schlimmer. Denn wir müssen vor allem darauf sehen, daß unsere Leute den Mut behalten. Zudem«, setzte er nach einer Pause hinzu, »kann ich die Stadt nicht zu sehr von Streitern entblößen. Denn in derselben Nacht, in der wir ausziehen, kann der Burggraf vor die Mauern rücken.«

»Doch nur, wenn er unser Vornehmen in Erfahrung brächte,« wendete Northeimer ein.

»Er wird's bestimmt erfahren, mein guter Peter, dessen sei sicher. Wir haben manchen Judas in der Stadt,« versetzte Topler finster.

Northeimer faßte seine Hand. »Heinz, nicht diesen ungerechten Argwohn! Weil dich einer verriet, darfst du nicht allen mißtrauen!«

»Ach Peter, du bist nie eines Menschen Todfeind gewesen und hast keinen Todfeind in der Stadt. Ich aber weiß nicht nur einen hier, der jeden Tag mich vergiften würde, wenn ihn die Furcht nicht bändigte. Ein Glück, daß es Galgen und Rad gibt in der Welt, sonst wäre ich langst ein toter Mann.«

»Laß den Bader kommen, daß er dir eine Ader schlägt! Es ist das schwarze, schwere Geblüt, was aus dir spricht, Heinz.«

»Meinst du? Nein, Peter, ich sehe klar. Du aber kannst in deiner ehrlichen Seele den Verrat überhaupt nicht fassen. Es geht dir wider die Natur, einem Menschen zu mißtrauen.«

»Zum Glück«, erwiderte Northeimer, »müßte wer dich verraten wollte, die ganze Stadt mit verraten. Er wäre also nicht nur ein Schurke, sondern auch ein Narr.«

»Solche sind nicht so selten, wie du denkst. Der Haß verblendet oft die Menschen so, daß sie nur ein Ziel sehen und das Wahnwitzigste tun, es zu erreichen. Das Sicherste ist ohne Zweifel: Ich habe die Augen offen, traue keinem und halte die ganze Macht zusammen. Wir werden sie brauchen, wenn der Burggraf heranzieht, uns einzuschließen.«

»Du meinst doch nicht, Heinz, daß er uns hier in der Stadt belagern wird?«

»Das glaub' ich freilich ganz gewiß.«

»Sollte er sich nicht an unseren Festen die Zähne ausbrechen? Sie sind gut bewehrt.«

»Das sind sie, aber nicht alle gleich gut. Bei Entsee und Gammesfeld sind die Mauern noch zu neu, wenn sie die mit Donnerbüchsen beschießen, weiß ich nicht, ob sie nicht zerbröckeln. Unser Mörtel braucht Jahre, ehe er sich recht mit den Steinen verbindet, und nach Jahrzehnten ist er selbst wie Stein, ja, härter als Stein. Darum setze ich meine meiste Zuversicht auf Nordenberg, nachdem auf Habelsee. Die haben alte feste Mauern von acht Schuh Dicke. Aber des Burggrafen Heer ist so groß, daß er die beiden Schlösser einschließen und in seinem Rücken lassen kann. Er vermag dann immer noch sehr wohl die Stadt zu berennen, wenn er sie anch nicht von allen Seiten umzingeln kann.«

»Du würdest das tun, Heinz, denn du wagst gern viel. Der Zollern aber ist ein vorsichtiger Mann, ich glaube nicht, daß er die Schlösser hinter sich läßt.«

»Möge Gott ihn also verblenden, daß er sie bestürmt! Das wird ihm viel Zeit und Blut kosten, ohne daß er einen Nutzen davon hat. Denn Habelsee und noch mehr Nordenberg müssen sich gegen den türkischen Kaiser selbst halten. Noch ist es übrigens eine Frage, ob sie die großen Büchsen aus Meißen schon da haben. Mir ist das sehr zweifelhaft.«

Darüber gab ihm allerdings schon die nächste Stunde unwillkommene Gewißheit. Denn gerade, als man sich in Rothenburg zum Mittagessen niedergesetzt hatte, erdröhnte von Nordosten her ein dumpfer Knall wie ein gewaltiger Donnerschlag.

»Der erste Gruß des Burggrafen!« sagte Topler, sein Messer niederlegend und sich vom Stuhle erhebend. »Ich bin auf dem Würzburger Tore zu finden, wenn jemand nach mir fragen sollte.«

Er machte sich hastig zum Ausgange bereit und eilte fort. Als er eben den Torbogen des weißen Turmes passiert hatte und in die Würzburger Gasse eingebogen war, erscholl der Geschützdonner zum zweiten Male.

Topler blieb stehen und horchte. »Es ist ohne Zweifel Nordenberg, das sie beschießen. Von Habelsee her könnte man den Knall nicht so laut hören,« sprach er vor sich hin. »Da sind sie gerade an die rechten Mauern gekommen, und der Burggraf kann einen Vorschmack haben, wie es werden mag, wenn er vor unsere Mauern rückt.«

Auf der Würzburger Bastei traf er neben vielem müßigen Volke auch die beiden Kriegsherren, und Hans Spörlein meldete ihm, er habe soeben ein Fähnlein von fünf Reitern ausgesandt, die erkunden sollten, wo die feindlichen Heerhaufen ständen, und ob sie nur Nordenberg oder auch die dahinter liegenden Schlösser Entsee und Habelberg berennten. Topler lobte das sehr und befahl, ihm die Rückkehr der Kundschafter sogleich zu melden. Dann begab er sich nach dem Rathanse, denn hier auf dem Tore konnte er nichts weiter nützen, und es widerstrebte ihm, mit den Leuten dazustehen und Vermutungen und Befürchtungen zu tauschen, die doch keiner recht begründen konnte.

In seiner Schreibstube angekommen, warf er sich in seinen Stuhl und stützte das Haupt auf den Tisch. Ein ungewohntes Gefühl des Unbehagens und der Beklemmung hatte ihn befallen, gegen das er sich vergeblich wehrte. Einen Grund dafür hatte er sich selbst nicht anzugeben vermocht. Bis jetzt war eigentlich alles so gegangen, wie er sich's gedacht hatte, nur die Zahl der Feinde war bedeutend größer, als er erwartet hatte. Doch war das kein Unglück, es mochte im Gegenteil dem Burggrafen den Zug erschweren. Im freien Felde hätte ihm die Stadt ja ohnehin nicht zu widerstehen vermocht, und wenn es zur Belagerung kam, so war es leine leichte Aufgabe, die großen Menschenmassen zu ernähren und nun vollends das Futter für zwei- bis dreitausend Pferde herbeizuschaffen, die überdies vor den Mauern fast wertlos waren. Eine Zeitlang würde sich das Heer halten durch Ausnutzung und Plünderung der Dörfer im Stadtgebiet, aber sehr viel war da nicht zu holen, denn die Bauern waren mit ihrem Vieh und der wertvollsten Habe in die Stadt oder in die festen Plätze geflüchtet, zum Teil hatten sie sich auch in den Wäldern versteckt. Hielt sich Rothenburg auch nur vier Wochen, so mußten die Feinde abziehen, denn in der Stadt lagen riesige Vorräte, die Menschen und Vieh wohl ein Vierteljahr lang am Leben erhalten konnten.

Auch das Ausbleiben jeglicher Hilfe von außen her bereitete ihm keine Sorge und keine Enttäuschung. Keine Stadt war dazu zu bringen, einer anderen sofort, wenn sie angegriffen wurde, mit ihrer Macht zu Hilfe zu eilen. Erst wenn die Fehde eine Zeitlang gedauert hatte und die Kräfte der Kriegführenden sich erschöpften, traten die Vermittler auf den Plan und drängten zu Frieden und Vergleich.

Mehr und anderes hatte auch er nicht erwartet, nicht einmal von den Städten des Marbacher Bündnisses.

Das alles war wie bei jeder anderen Fehde und bedrückte sein Gemüt nicht, sondern was ihn ruhelos machte und sogar den Schlummer seiner Nächte störte, war die Furcht vor Verrat. Einige der Ehrbaren, die ihm am meisten feindlich waren, ließ er schon längst heimlich überwachen. Außerdem hatte er einen Ratsbeschluß durchgesetzt, daß jeder, der sich nur die geringste verräterische Handlung gegen die Stadt zuschulden kommen ließe, durch den Henker enthauptet werden solle, wohingegen dem Entdecker und Anzeiger eines Verrates eine hohe Belohnung bis zu tausend Gulden freiwillig zugesichert ward. Endlich hatte er sogar das Kloster der Dominikanerinnen mit einer ständigen Wache belegt, weil er vielen der frommen Schwestern das größte Mißtrauen entgegenbrachte, – wobei ihn der zeternde Protest der Priorin nicht im geringsten gestört hatte. Aber das alles genügte ihm noch nicht; er hätte sich am liebsten verzehnfacht, um überall selbst nach dem Rechten zu sehen, und fast jede Nacht verließ er, wenn der Schlaf ihn floh, sein Haus und erschien da und dort unvermutet, oder wandelte lauschend und spähend durch die Gassen der Stadt, gefolgt von seinen beiden riesigen Doqgen, die aus König Wenzels Zucht stammten.

In finstere, argwöhnische Gedanken verloren, saß er auch jetzt wieder vor seinem Schreibtisch, und es war ihm lieb, daß nach einiger Zeit Northeimer und Spörlein erschienen, um ihn zu einer Besichtigung der Vorräte abzuholen. Es hatte nämlich jeder Bürger angeben müssen, welche Lebensmittel, welche Waffen und wieviel Vieh er in seinem Hause hatte, und nun sahen die drei Kriegsherren selber nach, ob die Angaben auch stimmten. Jedes Haus, jedes Gemach, jeder Stall, jeder Stadel mußte ihnen dabei geöffnet werden, und wer den Rat in irgendeiner Weise belogen und irgend etwas verheimlicht hatte, verfiel in schwere Geldbuße.

Das war eine anstrengende Arbeit, und wie am vorhergehenden Tage, so nahm sie auch heute den ganzen Nachmittag in Anspruch, so daß die drei erst beim Einbruch der Dunkelheit heimkamen in ihre Häuser. Wenn man bei Licht hätte weiterarbeiten können, so wäre das dem Bürgermeister gerade recht gewesen, damit er sich dadurch betäubte und ablenkte, denn in ganz wunderlicher Weise wuchs die Unruhe und Besorgnis immer höher empor in seinem Innern, so daß er sich kaum noch zu lassen wußte. Er hatte das deutliche Gefühl, daß etwas Schreckliches geschehen sei, oder in Kürze geschehen werde, obwohl er auch nicht den geringsten Grund für seine quälende Sorge hätte angeben können. Finster und verstimmt, beinahe verstört, saß er vor seinem Abendimbiß und rührte ihn kaum an.

»Was hast du, Mann?« fragte endlich Frau Margarete, nachdem sie ihn lange von der Seite angesehen hatte. »Du hast dich wieder einmal angestrengt über Maß und Gebühr. Soll ich dir eine Kanne Würzwein machen, damit du einmal schlafen kannst und nicht die halbe Nacht wach sein mußt?«

»Ja, tue das, liebes Weib!« erwiderte er. »Ich fühl's, die Unrast reibt mich auf, ich muß endlich einmal ein paar Stunden ruhen.«

Frau Margarete brachte eilend das Getränk herbei. Topler goß es hinab, als wäre er verdurstet und suchte sogleich sein Lager auf, und wirklich war er eine halbe Stunde später, wie seine Gattin mit Freude wahrnahm, in einen tiefen Schlaf verfallen. Mit der größten Behutsamkeit, um ihn nicht zu wecken, legte auch sie sich zum Schlummer nieder.

Aber als das Horn des Nachtwächters ertönte und seine schnarrende Stimme von der Marktecke aus die zweite Stunde der Nacht abrief, fuhr der Bürgermeister aus wirren Träumen jäh empor. Er war auf der Stelle ganz wach und munter, und das Angstgefühl, das ihn den ganzen Tag über heimlich gepeinigt hatte, stellte sich sofort in verstärktem Maße wieder ein. Er suchte sich zur Ruhe zu zwingen, aber es gelang ihm nicht, und nachdem er eine Zeitlang den regelmäßigen Atemzügen seines Weibes gelauscht und festgestellt hatte, daß sie in tiefem Schlummer liege, stand er entschlossen auf und ging hinüber in seine Kammer. Dort legte er seine volle Eisenrüstung an, als ginge es zum Streite.

Er wandte seine Schritte dem Rathause zu, und als er dicht vor der hohen eisernen Tür des Hofes stand, sah er zu seinem Erstaunen eine Gestalt die Herrengasse heraufkommen. Beim trüben Schein des Mondes, der eben im Untergehen begriffen war, bemerkte er, daß sie ebenso gerüstet war, wie er selbst, und die Größe und Breite des Näherkommenden verrieten ihm, daß es kein anderer sein konnte als sein Freund Peter Northeimer.

»Beim heiligen Kreuz, was tust du hier, Peter?« rief er ihn an.

»Du hast mich mit deiner Sorge angesteckt, Heinz,« erwiderte der Riese fast grollend. »Wahrlich, ich finde keine Ruhe in meinem Bette und wollte eben nach den Toren, um nachzusehen, ob alles in Ordnung wäre. Dein Sohn, Heinz, schleicht ums Kloster herum, wie ein Schäferhund um die Hürde, und Hans Spörlein bin ich auch schon begegnet, er machte eine Runde um die Stadt und wollte mich am Würzburger Tore wieder treffen. Es ist eine verfluchte Nacht. Du hast uns alle toll gemacht.«

»Gut, wenn viele wachen!« versetzte Topler. »Komm, wir wollen auf den Turm und sehen, ob sich irgend etwas regt!«

Die beiden klommen die engen Wendeltreppen des Rathausturmes hinan, und oben angekommen, blickten sie scharf nach allen Seiten hin über die schlafende Stadt. Aber nichts Absonderliches war zu bemerken, überall tiefes Schweigen und fast vollkommene Dunkelheit, da nur noch ein kleines Stück des Mondes hinter den Vorbacher Höhen hervorblickte. Nur in ganz wenigen Häusern glänzte ein Lichtlein, dort mochte wohl ein Kranker liegen oder ein Weib, das seiner schweren Stunde entgegenbangte. Auch war nirgend woher ein Laut zu hören, außer dem eintönigen Rufen der Wachen und der Stimme des Wächters, der jetzt in der fernen Hirtengasse seinen Ruf und Sang ertönen ließ.

Fern am Horizonte zeigte sich hie und da ein fahler Schimmer. Das waren die schwelenden Flammen der Dörfer, die am Tage von den Reisigen der Feinde niedergebrannt worden waren. Topler zählte ihrer fünf. »Die armen Leut'!« stieß er durch die Zähne hervor. »Sie müssen stets die böse Zeche zahlen, wenn die Großen sich packen. Dabei ist es Torheit, die Dörfer zu verbrennen, wenn man vor einer Stadt lange liegen will. In einer Wüste kann man nicht weilen. Komm, Peter, wir wollen hinab. Da ist nichts, was meinen Argwohn weckt.«

Er wandte sich dem Ausgange zu, aber plötzlich faßte ihn Northeimer fest am Arme. »Was ist das. Heinz? Siehe dorthin!«

Topler fuhr herum. Fern im Nordosten stand ein großer, glühendroter Punkt am Himmel, der wuchs und wuchs und in wenigen Minuten so hoch anschwoll, daß es aussah, als ob eine Riesenfackel emporlohe.

Beide starrten, ohne sich zu regen, nach der Gegend hin. Endlich sagte Topler leise: »Es ist Entsee.« Dabei hob ein tiefer Atemzug seine Brust, als ob er sich von einer schweren Last befreit fühle.

Northeimer schlug mit der Hand auf die Fensterbrüstung. »Ja, es ist Entsee,« wiederholte er, und seine Stimme bebte. »Du sagst das so ruhig, Heinz, als wäre es nichts.«

»Ich ahnte den ganzen Tag über, daß etwas kommen werde und trug viel schwerere Sorge,« gab Topler zur Antwort. »Nun bin ich froh, daß ich so leichten Kaufs davonkomme. Entsee, so leid mir's tut, können wir verschmerzen, wenn nur Nordenberg nicht fällt. Sollte das fallen – Gott wolle es verhüten – so steht den Tag darauf der Burggraf vor der Stadt. Aber was ist das, Peter? Klingt's nicht wie Rufen und Schreien von einem der Tore da drüben her?«

Northeimer steckte den Kopf durchs enge Fenster und horchte hinaus. »Es ist am Würzburger Tore, Heinz. Die Wachen werden auch des Brandes gewahr werden und wundern sich wahrscheinlich, daß der Türmer nicht das Glockenzeichen gibt und die rote Laterne aushängt. Aber Meister Deuterich hat uns hier den Platz geräumt und schläft wahrscheinlich einen Stock tiefer.«

»So wollen wir ihn aufrütteln im Vorübergehen, und dann schnell zum Würzburger Tore! Siehst du, wie dort die Fackeln aufblitzen, und hörst du die Stimmen? Wir müssen hin, komm!« Hastig eilten die beiden Männer, so rasch es ihnen in der schweren Rüstung möglich war, die Stiegen hinab, über den Markt die Herrengasse entlang.

Das Tor des weißen Turmes, der die Herrengasse von der Würzburgergasse trennte und den Rest der uralten innern Stadtbefestigung bildete, war verschlossen. Northeimer riet, auf dem Umwege durch die Judengasse in die Würzburger Gasse vorzudringen, aber Topler sagte: »Nein, hörst du nicht, daß sie näherkommen? Das ist Hans Spörleins Stimme, er tobt und flucht. Wahrscheinlich haben sie einen Halunken gefaßt. Gleich werden sie da sein.«

Als die Tür aufging, blickten sie in das zorngerötete Antlitz Spörleins, hinter dem zwei gefesselte Männer hergeführt wurden. Viel reisiges Volk drängte nach.

»Da sieh, Heinz!« schrie Spörlein und wies auf die beiden Gefangenen. Er konnte vor Erbitterung nicht weiterreden.

Topler starrte die beiden an, ohne einen Laut von sich zu geben. Sein Antlitz ward weiß, und seine Knie zitterten. Äffte ihn ein Spuk? Zauberte ihm seine überreizte Einbildungskraft Gestalten vor die Augen, die er doch hier im Tore des weißen Turmes gar nicht sehen konnte? Denn diese beiden hatten erst vor wenigen Tagen den Eid abgelegt, daß sie Nordenberg halten wollten bis zum letzten Blutstropfen.

»Johann Strauß und Konrad Häuptlein, wo kommt Ihr her?« fragte er endlich mit seltsam veränderter heiserer Stimme.

Strauß gab keine Antwort, aber Häuptlein rief trotzig: »Gegen die Hölle kann niemand fechten! Der Burggraf wendet Teufelskünste an, er hat in einem Nachmittage den roten Turm zu Falle gebracht. Da haben wir in der Nacht auf geheimen Wegen die Burg verlassen, wollten der Stadt die Leute retten.«

»Und Euch selbst. Ihr Schurken!« knirschte Topler, dessen Erstarrung einer rasenden Wut gewichen war. »Steht die Mauer noch?« brüllte er. Die beiden erwiderten nichts. Aber aus dem Haufen kam eine Stimme: »Sie steht noch fest.«

»Sie steht noch, und ihr lebt noch, aber bei Gottes Wunden, nicht lange mehr! Spörlein, du bist mein Freund, doch dein Kopf fliegt wie der ihre, wenn du sie entweichen läßt. In den Faulturm mit den Verrätern und morgen zum Blutgericht!«

Da fühlte er plötzlich seine Knie umklammert. Ein Greis lag vor ihm am Boden, der nichts auf dem Leibe trug als ein Hemd. Es war der alte reiche Ratsherr Sebastian Häuptlein, der aus seinem neben dem weißen Turme gelegenen Hause herbeigeeilt war.

»Gnade!« wimmerte er. »Gnade, Heinz Topler, für meinen Sohn! All mein Geld, mein ganzes Gut für meinen Sohn!«

Aber Topler stieß ihn mit den Füßen von sich und brach in ein wildes Hohngelächter aus. »Kaufen willst du mich, Häuptlein? Packe dich fort, schwachsinniger Narr, und in den Turm mit den Hunden!«

Damit wandte er sich und schritt schwer atmend seinem Hause zu.

IV.

In dieser Nacht tat Heinrich Topler kein Auge zu. Er raste in seiner Schreibstube wie ein gefangener Löwe auf und ab, und Verwünschungen vor sich hinmurmelnd und mit Tränen des Zornes kämpfend, tobte er seinen Schmerz und Groll für sich allein aus.

Als das blasse Morgenlicht durchs Fenster ins Gemach fiel, war er ruhiger geworden. Aber daß die Feiglinge sterben mußten, die der Stadt schönste und stärkste Burg ohne Kampf dem Feinde überliefert hatten, das stand bei ihm fest. Wenn solch' eine Handlung nicht eine blutige Sühne fand, was sollte man dann überhaupt noch mit dem Tode strafen? Ein Beispiel mußte gegeben werden zur Abschreckung für jeden, der fähig gewesen wäre, mit verräterischer Feigheit zu handeln wie diese beiden Vögte. Und mit Furcht und Zittern sollten alle inne werden, daß weder die vornehme Abkunft aus einem der ältesten Stadtgeschlechter, noch der fürstliche Reichtum einen ungetreuen Bürger vor dem Henker schütze. Sie mochten das an Konrad Häuptleins Schicksal lernen, den beides auszeichnete, und dessen Haupt trotzdem auf offenem Markte unter dem Beile fallen sollte, noch ehe die eben emporsteigende Sonne ihren Tageslauf vollendet haben würde.

Nun lag in der Hand der drei Kriegsherren, solange die Fehde währte, die Gewalt über Leben und Tod, und erst nach Abschluß des Friedens hatten sie dem Rate über ihr Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen. Er konnte also, wenn das in seinem Willen lag, im Einverständnis mit Northeimer und Spörlein die beiden Übeltäter kurzerhand zum Tode verurteilen. Aber um einen ganz besonders tiefen Eindruck aufs Volk hervorzubringen, beschloß er, den gesamten inneren Rat auf die Schöffenbank zu laden, natürlich mit Ausnahme des alten Sebastian Häuptlein, an dessen Stelle ein Glied des äußeren Rates hinzugezogen werden mußte. Dabei setzte er als selbstverständlich voraus, daß alle Bürger der Stadt ganz denselben Zorn und dieselbe Empörung über die schändliche Tat der beiden in der Brust trügen, die er selbst fühlte. Sollte etwa der eine oder der andere von einem unzeitigen Mitleid ergriffen werden, so würde, meinte er, der Anmarsch des Burggrafen diese Regung im Keime ersticken.

Indessen sollte er zu seiner Verwunderung inne werden, daß es auch Leute gab, die anders dachten.

Er hatte sich eben vor seine Morgensuppe gesetzt, als der greise Guardian des Franziskanerklosters, Eustachius Lammerzahl, in das Gemach trat. Er gehörte zu den nicht eben zahlreichen Geistlichen der Stadt, über deren Leben keine ärgerlichen Gerüchte im Umlauf waren, und abgesehen von einer kleinen Schwäche für den roten Tauberwein, die ihm jedermann verzieh, war er ein untadeliger Diener des Herrn. Deshalb hatte ihn auch der Bürgermeister zu seinem Beichtvater gewählt, denn durch ein besonderes päpstliches Privileg besaß er das Recht, sich einen solchen unter allen Priestern Frankens aussuchen zu dürfen. So begrüßte er denn auch den Eintretenden freundlich, obwohl er ihm ungelegen kam, und lud ihn ein, an seinem Frühstück teilzunehmen.

»Was würde mir wenig ziemen, im Herrn geliebter Sohn,« erwiderte der Alte feierlich. »Ich habe die heilige Messe noch nicht gelesen und darf deshalb vorher weder Speise noch Trank zu mir nehmen.«

»Dann setzt Euch, Ehrwürdiger, und sagt, was Euch in solcher Frühe zu mir führt.«

»Eine Sache, die keinen Aufschub leidet. Ich komme wegen des jungen Häuptlein.«

Topler richtete sich steif empor. »Wenn Ihr seine Beichte hören wollt, so steht dem nichts im Wege.«

»Nicht darum komme ich, geliebter Sohn. Ich möchte dich mahnen an das Wort der Heiligen Schrift, daß wir dem sündigen Bruder siebenmal siebzigmal vergeben sollen und an das andere Wort: Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden.«

Der Bürgermeister zog die Brauen unwillig zusammen und versetzte scharf: »Beide Worte passen nicht hierher, wie man denn Geistliches und Weltliches nicht vermengen soll. Vergebe ich denen, die wider die Stadt freveln, siebenmal siebenzigmal, so züchte ich ebenso viele Schurken und Eidbrüchige, dessen seid sicher. Die Welt wird durch die Furcht regieret. Denket einmal darüber nach, was werden würde, wenn auch nur eine Woche lang ein jeder tun könnte, was ihm beliebte, ohne daß er Strafe fürchten müßte. Ich meine, Ihr könntet dann Euere Habe in einem Sacke forttragen, wenn Euch der Sack nicht auch schon gestohlen wäre. Und was das Blut anbelangt: Nun, Ehrwürdigster, als Euch die Schafe geraubt waren aus dem Klosterstalle in Dettwang, da riefet Ihr nach dem Galgen und predigtet, daß die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst von Gott empfangen habe. Mich dünket: Was Schafdieben recht ist, das ist meineidigen Verrätern billig.«

Der Guardian blickte ihn ziemlich hilflos an; er konnte gegen seine Worte nichts Namhaftes einwenden. »Vergiß auch nicht.« so stotterte er nach einer Weile, »daß ferner geschrieben steht: Haltet euch frei vom Zorn, denn der Mensch in seinem Zorn tut nicht, was recht ist vor Gott.«

»Wiederum irrt Ihr, wenn Ihr meint, ich handele im Zorn. Ja, wohl kochte die Wut in mir, als ich von dem schändlichen Verrat hörte, aber ich habe gelernt, mich zu zähmen. Im Zorne spreche ich keinem Menschen das Leben ab. Überdies werde ich nicht allein richten, der ganze innere Rat wird urteilen über die Verräter.«

»Ach, es geht ja doch alles nach deinem Willen!« entfuhr es dem Geistlichen.

»Dafür danket Gott, ehrwürdiger Herr!« sagte Jakob Topler von der Tür her, wo er die letzten Worte des Gespräches vernommen hatte. »Es zeigt sich, wie gut es ist für eine Stadt, wenn ein Mann ihr befiehlet anstatt eines Haufens alter Weiber. Denn es ist – doch ich bitte, verlaßt uns, Herr, ich habe mit meinem Vater geheim zu reden.«

Der Guardian erhob sich. »Ich will nicht stören,« versetzte er kalt. »Es ist mir leid, in Christo geliebter Sohn, daß du meine Bitte nicht erfüllen willst.«

»Ich dachte, Euch überzeugt zu haben, daß ich sie nicht erfüllen kann,« erwiderte der Bürgermeister ruhig und geleitete ihn höflich zur Tür. »Ich bin Euch gern zu Gefallen, aber der Stadt Wohl läßt nicht zu, daß ich nach Eurem Willen handele.«

Der Geistliche entfernte sich mit steifem Gruße. Jakob Topler blickte ihm spöttisch nach und sprach dann zornig: »Ich möchte hundert Gulden verwetten, daß dieser um des schmutzigen Häuptlein willen bei dir war.«

»Du würdest sie gewinnen. Er wollte mich mit seinen frommen Sprüchen mahnen, daß ich den Verräter sollte laufen lassen. Aber in: Vertrauen sag' ich dir: Ich glaube, der alte Sebastian hat ihm eine namhafte Spende für sein Kloster versprochen.«

»Ganz sicherlich, Vater. Der alte Häuptlein läuft seit dem frühesten Morgen von einem Hause zum anderen und heult und wälzt sich auf dem Boden und fleht alle Leute an, seinen Sohn vom Tode zu retten. Gewiß hat er auch manchen von den Ratsherren, oder auch anderen viel Geld geboten, so sie ihm beistehen wollten. Du wirst einen schweren Stand haben, wenn du die Sache vor den Rat bringst. Das wollt' ich dir sagen.«

»Ich glaub', doch nicht einen allzu schweren,« erwiderte Topler und riß das Fenster auf. »Hörst du das Glockenzeichen vom Turme? Es bedeutet, daß ein Dorf in Flammen steht, innerhalb der Landwehr. So sind die Reiter des Burggrafen kaum noch eine Stunde von der Stadt entfernt. In Kürze werden wir sie durch die Felder streifen sehen. Der Anblick wird manchen fest machen, der sonst durch Geld erkauft werden könnte, oder den eine unzeitige Schwäche ankäme.«

»Herrgott, dann muß ich auf die Mauer. Leb' wohl, Vater!« rief Jakob und eilte zur Tür hinaus. Heinrich Topler aber bewaffnete sich und schritt dann nach dem Rathause, wo alle, die er zum Richten berufen hatte, bereits versammelt waren und seiner harrten. Auch die beiden Verbrecher wurden auf seinen Wink hereingeführt. Johann Strauß stand mit zusammengebissenen Zähnen bleich und finster da, wie schon am Abend vorher und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. Aber auch Konrad Häuptlein hatte seine trotzige Haltung nicht mehr; auch er war blaß und zitternd, und seine Blicke irrten scheu im Saale umher.

Der Bürgermeister setzte sich mit bedecktem Haupte auf den Stuhl, der ihm in der Mitte des Schöffenhalbkreises bereitet war und sprach die Formel, wodurch er das peinliche Gericht eröffnete in des Königs Namen und Vollmacht, Schutz und Frieden, und jeden ermahnte, seinem Eide getreu, zu richten, ohne Gunst und ohne Furcht. Dann forderte er Hans Spörlein, der die beiden hereingebracht hatte, auf, zu reden, und mit lauter, schallender Stimme klagte der die Vögte des Eidbruches, der Feigheit und des Verrates an.

»Bekennt Ihr Euch schuldig, das feste Schloß Nordenberg, das Euch zur Hut vertraut war, verlassen zu haben?« fragte Topler die beiden, indem er sie mit unverhohlener Verachtung betrachtete. Er wartete vergebens auf eine Antwort. Die Angeklagten stierten vor sich hin und gaben keinen Laut von sich.

»Ihr könnt nichts in Abrede stellen, wie wir sehen.« fuhr Topler fort, die in ihm aufquellende Bitterkeit mühsam niederkämpfend. »Nun denn, in des Teufels Namen, so sagt aus, was Euch dazu bewogen. Wenn der Burggraf den roten Turm zerschoß, so wußtet Ihr wie wir, daß der Luginsland nichts war als ein alt Gerümpel, das wir in ruhigen Zeiten abtragen wollten. Auf die Mauer aber kam es an, und die war unversehrt. Wie konntet Ihr also Eures Eides vergessen? Faselt mir nicht von schwarzer Kunst. Hätte der Burggraf die Mauern niedergelegt, so ließe ich's gelten. So aber sind solche Reden unwertige Dinge.«

Er hielt inne und wartete. Eine beklemmende Stille trat ein. Plötzlich stürzte Häuptlein auf die Knie und schrie mit gellender Stimme: »Gnade! Gnade!«

Johann Strauß aber hob zum ersten Male das Antlitz empor, und mit einem Blicke der Verachtung den Knienden streifend, sprach er kurz und trocken: »Ich bin meineidig geworden, und so geschehe mir mein Recht. Warum ließ ich mich vom Teufel verblenden, daß ich dem da folgte!«

Da befahl der Bürgermeister, daß man sie hinausführe. Strauß schritt ruhig dem Ausgange zu, der andere dagegen schrie von neuem um Gnade und mußte, da er sich nicht von den Knien erhob, von den Stadtknechten hinausgetragen werden.

Als die Richter wieder allein waren, ließ Topler seinen Blick im Kreise herumgehen und sprach dann ernst und nachdrücklich: »Sie haben ihre Schandtat mit keinem Worte zu entschuldigen gewußt, und nicht einmal die Erklärung haben sie gegeben, warum sie ihres Eides vergaßen. So haben wir sie zu richten, und da nach unserem Brauche der Jüngste zuerst sein Urteil zu fällen hat, so sprich, Kunz Reichlein!«

Der Angeredete erhob sich. »Das Urteil ist hier leicht zu finden,« gab er zur Antwort. »Sie haben der Stadt ihren Eid gebrochen und ihr dadurch großen Schaden getan, sie auch in Spott und Schande gebracht. Somit sind sie schuldig, zu Tode gebracht zu werden, und da sie von Geburt ehrbar sind, so wollen wir sie mit dem Schwerte am Leben strafen.«

Topler nickte, und mehrere murmelten Beifall. Aber der folgende Redner, Seitz Eberhardt, war ganz anderer Meinung. »Daß sie schwer gefehlt haben, steht fest,« sagte er, »und harte Strafe verdienen sie auch. Aber des Todes halte ich sie nicht für schuldig, denn ich achte, sie sind in Wahrheit durch böse Zauberei geblendet gewesen. Hätten sie sich selbst für schuldig gehalten, warum wären sie nicht anderswohin geflohen? Item mein ich, wir lassen sie liegen im Faulturme über ein Jahr, dann mögen sie sich von dorten lösen. Der Strauß soll los sein, wenn seine Sippe dreitausend Gulden gibt, dem Häuptlein nehmen wir fünfzigtausend Gulden ab, denn er gehört zu den Reichsten in der Stadt. Das Geld verteilen wir dann an die, deren Hab und Gut am meisten während der Fehde geschädigt worden ist, und die beiden Feiglinge müssen sich für ewige Zeiten aus der Stadt schwören. So haben sie ihre Strafe, und wir haben alle einen Nutzen.«

Diese Rede fand wieder bei anderen Beifall, und so geschah es, daß sechs gegen sechs Stimmen standen, als alle zwölf Beisitzer geendet hatten. Die Stimme des Vorsitzenden gab demnach den Ausschlag, und somit hatte das Schicksal dem Bürgermeister die alleinige letzte Entscheidung in die Hand gelegt. Niemand wagte, ihm ins Angesicht zu blicken, als er aufstand um zu reden, denn jeder wußte, daß sein Wort sein werde wie ein niederzuckendes Schwert.

Da erhob sich ein Tumult im Vorzimmer, die Tür flog auf, und ein Mann im grauen Büßerhemd stürzte herein. Die langen grauen Haare hingen ihm wirr ums Antlitz, das verzerrt war von Angst und Schmerz. Er fiel auf den Estrich nieder, hob die Hände empor und rief, daß es jedem durch Mark und Vein drang: »Gnade, Ratsgesellen, Gnade für meinen einzigen Sohn! Nur den Hof zu Dettwang will ich zum Leben behalten, all meine andere Habe nehmt für die Stadt!«

Er ließ sein Haupt vornüber sinken, so daß die Stirne den Boden berührte. Tiefe Stille, dann erklang Seitz Eberhardts scharfe Stimme: »Nun, Heinz Topler? Rund achtzigtausend Gulden für die Stadt - ist's nicht genug?«

»Nein, Seitz Eberhardt, es ist nicht genug,« erwiderte Topler. »Und böte er zehnmal so viel, es wäre noch immer zu wenig. Der Richter, der aufs Geld sieht, wenn er Recht sprechen soll, gleicht der feilen Metze, die ihre Ehre verkauft. Ich nehme kein Blutgeld, auch für die Stadt nicht. Schaffet diesen hinaus, der mir von Herzen leid tut, dem ich aber um meines Eides und meiner Ehre willen nicht helfen kann.«

Der Greis sank mit einem Wehruf vollends in sich zusammen, denn eine Ohnmacht war über ihn gekommen. Seitz Eberhardt aber sprang vor, umfaßte ihn und suchte ihn vom Boden emporzuheben.

»Heinz Topler!« sprach er dabei, »diese Stunde wirst du bereuen. Es wird der Tag kommen, wo die Bürger dich fragen werden, woher du das Recht nahmst, der Stadt diesen Reichtum zu entziehen. Und der da war bis jetzt nicht dein Feind, aber von heute ab wird er kein anderes Ziel kennen, als sich an dir zu rächen.«

»Seitz Eberhardt,« versetzte der Bürgermeister, »mich kauft keiner, und mich schreckt keiner. Du weißt, daß ich einst einen Seinsheim hinrichten ließ, für den viele Fürsten reiches Lösegeld boten. Aber ich wollte nicht, daß man von den Rothenburgern sagen konnte: Am Geld ist bei ihnen alles zu erreichen. Nur das Gemeinwesen kann bestehen, von dem jeder weiß, es straft seine Feinde und Verräter. Und so müssen Johann Strauß und Konrad Häuptlein um ihres Meineides willen sterben, und ich rettete sie nicht, wenn sie meine Söhne oder meine Vettern wären, das weiß Gott. Ich trage Leid, daß ich das Blut von Bürgerssöhnen vergießen muß, aber beim heiligen Kreuz, um der Stadt willen gehe ich in das Blut hinein bis an die Senkel meiner Schuhe! Rufet sie herein, daß sie ihr Urteil empfangen!«

V.

Seit dem Tage, an dem das Bluturteil an den beiden Übeltätern vollzogen worden war, steigerte der Bürgermeister noch seinen Eifer und seine Wachsamkeit, und die ihm Nahestehenden suchten es ihm darin gleich zu tun. Jeder neue Tag bestätigte ja die Richtigkeit seiner Meinung, daß Rothenburg nichts zu fürchten habe, als den Verrat. Gelang es, die Stadt dagegen zu schützen, so konnte ihr kein Feind etwas anhaben, und wäre er dreimal stärker gewesen, als das Heer, das jetzt vor ihren Mauern lag.

Denn der Burggraf hatte zwar nach der lächerlich schnellen Einnahme der Feste Nordenberg im Saale der eroberten Burg seinen Mitkämpfern zugetrunken und schnelle, siegreiche Beendigung der Fehde in Aussicht gestellt, aber sehr bald ward er in seinen Hoffnungen schwer enttäuscht. Das Beispiel feiger Verräterei, das die beiden hingerichteten Vögte gaben, wiederholte sich nirgends. Wohl gelang es den Verbündeten, noch einige andere Burgen der Stadt in ihre Gewalt zu bringen, aber die tapferen Männer darinnen ergaben sich erst, nachdem viel Blut geflossen war und ihre Festen an allen vier Ecken lichterloh brannten. So gewann der Burggraf nichts als rauchende Trümmerhaufen, und die beutegierigen Söldner seines Heeres klagten fluchend, daß in diesem Kriege nichts zu holen sei, als Hühner und Tauben in den verlassenen Dörfern, Und einiger Schlösser ward man trotz aller Anstrengungen nicht Herr. So widerstand das kleine, feste Selteneck ebenso den Kugeln der Donnerbüchsen wie dem mehrmaligen Versuch, es durch Sturm zu erobern. Wan mußte sich damit begnügen, es einzuschließen und von jedem Verkehr mit der Außenwelt abzuschneiden, aber das rot-weiße Stadtbanner auf dem Turme durch das schwarz-weiße des Burggrafen zu ersetzen, gelang nicht.

Ähnlich so erging es dem Heerhaufen der Bayernherzöge, der vom Süden heranzog. Er mußte lange Tage vor dem festen Schlosse Gailnau liegen, und als der Rothenburger Vogt den Platz nicht mehr halten konnte, zündete er die Burg in der Nacht an, machte mit seiner ganzen Mannschaft einen Ausfall und schlug sich glücklich nach der Stadt durch. Danach zog Herzog Stefan wutentbrannt gegen Gammesfeld heran, wo er reiche Beute erwartete, aber als er nur noch eine Meile von der Stadt entfernt war, zeigten aufsteigende Rauchwolken an, daß die Rothenburgrr mit dem wertvollsten Teil ihrer Habe abgerückt waren, das übrige den Flammen überlassen hatten. Topler selbst hatte dazu den Befehl gegeben, denn er sah ein, daß die sehr umfangreiche und mäßig stark bewehrte Burg einer ernsthaften Beschießung auf die Dauer nicht widerstehen konnte.

So trafen denn am zweiundzwanzigsten August die fürstlichen Verbündeten in ziemlich kleinlauter Stimmung bei dem Dörflein Bockenfeld einander wieder und mußten sich gestehen, daß sie außer Nordenberg bisher eben nicht viel gewonnen hatten. Aber ihre Zuversicht wuchs aufs neue, als sie auf den Wiesen an der Tauber eine Heerschau abhielten und die Tausende von Männern und Pferden an sich vorüberziehen ließen. Sie beschlossen also, am folgenden Morgen talaufwärts zu rücken, das feste Schloß Gebsattel zu umlagern und die feindliche Stadt, die bisher nur ihre Reiterscharen umschwärmt hatten, mit Nachdruck zu beschießen.

Der Burggraf wußte als kriegserfahrener Mann sehr genau, daß die großen Steinkugeln der Donnerbüchsen am meisten solches Mauerwerk schädigten, dessen Mörtel noch nicht verhärtet und zu Stein geworden war. Daher setzte er es durch, daß die Geschütze der Mauer gegenüber aufgestellt wurden, die sich vom Spitaltore nordwärts hinzog und erst unter Toplers Regiment aufgeführt war. Dort hoffte er am leichtesten eine Bresche schießen zu können, auch setzte das Gelände auf dieser Seite der Stadt einem Sturmangriffe nicht viel Hindernisse entgegen. Leider mußte er aber die Rohre mehrere hundert Ellen von der Stadtmauer entfernt aufstellen lassen, denn auch die Bürger verfügten über eine gute Anzahl von Wallbüchsen und Kartaunen, und die Nürnberger und Augsburger Büchsenmeister wußten sie so trefflich zu bedienen, baß man im Bereiche ihrer Kugeln keine Schanzen aufzuwerfen vermochte.

Trotzdem war es ein banger Augenblick für die Rothenburger, als zum ersten Male die größte der feindlichen Kanonen ihren ehernen Mund öffnete und mit furchtbarem Donnerkrachen ihren steinernen Gruß gegen die Mauer sandte. Aber als der Knall verhallte und der Rauch sich verzog, da erhoben die in der Stadt ein betäubendes Freudengeschrei, und wilde Hohnworte gellten zu den Belagerern herüber. Denn die Mauer stand heil und unversehrt, die riesige Steinkugel aber lag in mehrere Stücke zerborsten drunten im Wallgraben.

Jedoch der Burggraf verlor den Mut nicht. Er ließ die drei größten Geschütze, über die er verfügte, beharrlich auf eine Stelle richten. Lange schien das vergeblich zu sein, und die Bürger auf der Mauer hatten noch öfter Gelegenheit, ihren witzigen Spott zu erproben. Dann aber bröckelten doch einige Steine ab, und am Abend stürzte ein ganzer Haufe auf einmal in die Tiefe. Diesmal erhoben die drüben ein Triumphgebrüll, während die Belagerten schwiegen und erschrocken und bestürzt einander anblickten.

»Mut gefaßt!« sagte Topler, der unerschrocken herantrat und die Stelle besichtigte. »Der Kern der Mauer ist noch unversehrt und soll's, so Gott will, bleiben. Bringt dicke Wolldecken herbei und laßt sie übereinander an Stricken herunter. Das wird die Kraft der Kugeln schwächen.«

Der Befehl wurde in lebhafter Eile befolgt, und die Maßregel hatte den besten Erfolg. Die Geschosse prallten auf die dicken Decken und ausgestopften Säcke mit dumpfem Klange auf, vermochten aber auch nicht einen einzigen Stein mehr herunterzuschießen.

Der Burggraf ward bleich vor Zorn, denn er sah ein, daß durch dieses einfache Mittel die gewaltigen Maschinen, auf deren Zerstörungswerk er so große Hoffnungen gesetzt hatte, fast wirkungslos gemacht wurden. Er befahl, daß Schützen gegen die Mauer vorgehen und Brandpfeile schleudern sollten.

Das geschah, aber sowie es Topler bemerkte, ließ er von oben her Wasser herabgießen, so daß die Brandpfeile verzischten. Zugleich befahl er, die großen Standarmbrüste herbeizubringen und auf die Heranschwärmenden zu richten, und als die Bolzen schwirrten und rasch hintereinander zwei Schützen niederstreckten, zogen sich die anderen eiligst zurück.

Der Bischof von Würzburg, der zu Pferde neben dem Burggrafen ritt, stieß einen wilden Fluch aus und rief erbost: »Der Topler ist der schlaueste Schurke, den ich je gesehen, ein mit allen Hunden gehetzter alter Wolf! Hätt' ich den Burschen, ich ließ ihn am langsamen Feuer rösten!«

»Ein sehr christlicher Gedanke, Euer Liebden,« erwiderte der Burggraf spottend. »Ich zwänge ihn lieber, mir zu huldigen und mein Feldhauptmann zu werden, denn an einem gebratenen Topler läge mir nichts. Schade nur, daß wir ihn halt nicht haben, weder ihr noch ich!«

Dann gebot er, die Beschießung für heute einzustellen, da die hereinbrechende Dunkelheit jedes Zielen unmöglich machte.

Verdrossen und geärgert ritten die Fürsten nach ihrem Lager in Bockenfeld zurück. Dort setzten sie sich zum Essen nieder und hielten Kriegsrat. Dabei drang allmählich die Meinung des Bischofs von Bamberg durch, man müsse noch einmal versuchen, die Stadt durch Verhandlungen zur Übergabe zu bringen. »Stellen wir unser ganzes Heer«, so riet er, »in Schlachtordnung auf der Hochebene auf, die sich im Osten von Rothenburg hinzieht. Wenn das Krämervolk erst einmal mit Augen sieht, gegen welche Übermacht es streitet, so wird es klein werden. Dann schicken wir eine Gesandtschaft hinein und bieten ihnen den Frieden gegen billige Bedingungen.«

Der Burggraf hätte am liebsten ein lautes Hohngelächter ausgestoßen, aber er unterdrückte es, denn der hochwürdige Herr von Bamberg war sehr empfindlich von Natur und leicht zum Zorne gereizt. Ward er geärgert, so konnte es geschehen, daß er heimzog, und wer mochte wissen, ob nicht sein Beispiel Nachahmung gefunden hätte!

Daher fragte Friedrich nur etwas spitz, wie er sich denn die billigen Bedingungen denke, die man den Rothenburgern vorschlagen solle.

»Nun, die Krämer sind reich, wir können ihnen ein schönes Stück Geld abnehmen. Sie sollen uns die Kosten erstatten und noch hunderttausend Gulden drauflegen und die Burgen abtreten, die wir ohnehin schon haben.«

Der Burggraf biß sich auf die Lippen. »Ich will mich nicht von dem Topler verlachen lassen,« versetzte er kurz und wollte über die Sache hinweggehen. Aber zu seinem Erstaunen fand der Vorschlag des Bambergers Anklang bei den anderen Fürsten und Herren, und wenn auch die Geldforderung auf die Hälfte ermäßigt wurde, so wurde gegen die heftige Einrede des obersten Führers doch die Aufstellung vor der Stadt und die Gesandtschaft an den Rat beschlossen.

»Euer Liebden ist ein Mann des Schwertes, ich aber habe als Fürst der Kirche immer zunächst zum Frieden zu reden,« sagte der Bischof salbungsvoll zum Burggrafen.

»Glück zu!« versetzte der bissig und höchst verstimmt. »Aber fällt die Antwort Toplers ungut aus, so schreibt's Eurer Weisheit zu, hochwürdiger Seelenhirt, und vergönnet mir, daß ich lache.«

»Legt Euch keinen Zwang auf!« gab der Bischof ebenso gereizt zur Antwort. »Die Rothenburger werden sehen, daß wir genug Leute haben, die Stadt einzuschließen, und die Furcht vor dem Hunger hat oft schon die Frechsten zahm gemacht.«

»Den Topler zwänge kaum der Hunger selbst, wie sollte ihn die bloße Furcht davor zwingen? Doch seht selber zu, Ihr werdet es erfahren,« versetzte der Burggraf.

Er behielt Recht, und das Gesicht des Kirchenfürsten ward unendlich lang und verlegen, als die Antwort aus der Stadt eintraf. Topler schickte die Gesandten einfach zurück, ohne ein Wort zu erwidern. Vorauf ritten drei blasende Trompeter, und ihnen nach kamen drei schwere Wagen gefahren. Auf dem ersten lag ein Fuder Wein, der zweite war gefüllt mit Getreide, auf dem dritten grunzte ein halbes Dutzend fetter Schweine. Ein kleines Paket, das der Gesandte versiegelt abzugeben hatte, enthielt ein Kartenspiel, und der Bürgermeister hatte eigenhändig dabei bemerkt, es sei für die hochwürdigen Herren Bischöfe bestimmt, auf daß sie nicht im Feldlager aus der Übung kämen. Das war insbesondere eine Anspielung auf den Würzburger, dessen Leidenschaft für Karten und Würfel im ganzen Lande bekannt war.

Die drei geistlichen Herren machten denn auch ihrem Groll und Ärger in keineswegs gewählten Worten Luft, und ihr Zorn ward noch dadurch erhöht, daß sie bei den weltlichen Fürsten eine kaum verhohlene Schadenfreude wahrnehmen mußten. Mancherlei gehässige und spitze Worte flogen zwischen ihnen hin und her, bis endlich der Burggraf beschwichtigend sagte: «Lassen wir die Sache ruhen, ihr Herren, und reden wir nicht weiter davon! Lachen wollen wir über den Schwank und nicht uns ärgern. Ich wollt', mir wäre die Art und Natur des Topler gegeben, der in der größten Bedrängnis immer voller Scherz und guter Laune ist.« –

Hätte Friedrich in das Herz seines Gegners hineinblicken können, so wäre ihm dieses Urteil ganz gewiß nicht in den Sinn gekommen. Wohl war dem Bürgermeister ein grimmiger Humor geblieben, und ein Ausfluß davon war die spöttische Antwort auf den Einschüchternngsversuch der Fürsten. Aber von Scherz und guter Laune war wenig bei ihm zu finden, die Sorge fraß an ihm, daß Rothenburg durch Verrat in der Feinde Gewalt geraten könne, und das ließ ihn nicht rasten noch ruhen.

Dabei vergaß er jede Vorsicht. Trotz der dringenden Warnung seines Sohnes und seiner Freunde durchstreifte er bei Nacht die entlegensten Gassen, tauchte bald hier, bald da auf den Mauern, Türmen und Bastionen auf und verschwand wieder in der Dunkelheit, so schnell er gekommen war. Die Wachen blickten ihm dann scheu und erschrocken nach, sie begannen bereits zu flüstern und zu raunen, daß ein böser Geist ihn besessen habe und nicht ruhen lasse.

Sie hatten so unrecht nicht. Der böse Geist des Mißtrauens war über ihn gekommen und hielt ihn fest in seinen Krallen und ließ ihn nimmer los. Dabei dachte er nicht im geringsten an sich selbst; der Gedanke, daß ihm eine persönliche Gefahr drohen könne, mußte erst von anderen ihm nahegebracht werden und wurde von ihm mit einem geringschätzigen Lächeln abgetan. Wohl wußte er, daß neuerdings der leidlich wieder genesene Seehöfer und der alte Sebastian Häuptlein die innigsten Freunde geworden waren und allabendlich zusammenkamen im Hause des einen oder des anderen. Er ließ auch beide sorgfältig überwachen, aber nur, weil er ihnen zutraute, sie könnten in ihrem giftigen Hasse gegen ihn die Stadt verraten. Daß seine Feinde wagen könnten, ihm meuchlings nachzustellen, schien ihm wenig glaublich, denn vor Gift war er auf der Hut, und von einem tätlichen Angriffe, meinte er, würde sie die Furcht abhalten.

Da trat ein Ereignis ein, das ihn anders belehrte und ihn tiefer erschütterte als alles, was er bisher hatte erleben müssen.

In der Nacht, in der zum ersten Male das gesamte Heer der Feinde vor Rothenburg lag, hatte Jakob Topler eine merkwürdige Erscheinung. Er hatte die Stadtmauer abgeschritten vom Klingentor bis zum Frauenkloster und betrat nun den schmalen Gang, der sich damals zwischen der Stadtmauer und den Klostergebäuden hinzog. Da gewahrte er plötzlich durch eine Schießscharte, daß drüben auf den waldigen Höhen jenseits der Tauber ein grünes Licht aufblitzte und wieder verschwand. Das wiederholte sich mehrmals, dann erschien ein rotes und dann wieder ein grünes, und so wechselten die beiden Lichterscheinungen ab in ganz bestimmten Zwischenräumen.

Jakob starrte erschrocken hinüber, und das Herz begann ihm schneller zu klopfen. Was er da sah, war ohne Zweifel ein Signal nach der Stadt herüber, und höchst wahrscheinlich ward es von irgendeiner Stelle innerhalb der Stadtmauer erwidert. Er ging den Weg, den er gekommen, ein Stück zurück und bestieg ein vorspringendes Türmchen, von wo aus er einen Teil der Mauer und die nach dem Tale gerichteten kleinen Fenster des Klosters überblicken konnte. So scharf er aber auch auslugte, er konnte nichts Verdächtiges erspähen, und auch das Aufblitzen der Lichter wiederholte sich nicht wieder.

Nachdenklich und sehr beunruhigt verließ er kurz vor Mitternacht seinen Lauscherposten und schritt langsam seinem Hause zu, das am anderen Ende der Stadt, nahe dem Rödertore gelegen war. Ein Lichtschein hinter zwei Fenstern des Obergeschosses zeigte ihm, daß sein junges Weib noch nicht ihr Lager aufgesucht hatte. Er seufzte tief auf bei dieser Wahrnehmung, denn er wußte, was sie wach hielt. Nachdem sie bei seinem Vater gewesen war, um eine andere Wache für ihn zu erbitten, hatte es zwischen ihm und ihr eine gereizte Auseinandersetzung gegeben, die erste in ihrer jungen Ehe, denn bis dahin hatte er jeder ihrer Launen in seiner blinden Verliebtheit nachgegeben. Aber das ironische Zucken um den Mund seines Vaters, der ihm den kleinen Auftritt ergötzt berichtete und dabei zur Zähmung seines eifersüchtigen Weibchens geraten hatte, war ihm eine beschämende Mahnung gewesen, daß es so nicht weiter gehen könne. Er mußte die Zügel kräftig in die yand nehmen, sonst entglitten sie ihm vielleicht für immer. So hatte er sie denn mit heftigen Worten zur Rede gestellt und ihr streng untersagt, ihn mit Äußerungen ihrer lächerlichen Eifersucht fürderhin zu quälen und vor anderen bloßzustellen. Die Antwort war eine Flut von Tränen gewesen, und sie war, ohne etwas zu erwidern, aus dem Zimmer gegangen, um droben auf dem Söller den Zorn und Schmerz über die Grausamkeit ihres herzlosen Tyrannen auszuweinen. Gesagt hatte sie seit dem Tage nichts mehr über die Sache, denn sie fürchtete die Toplersche Heftigkeit in ihm zu erwecken, aber ihren Sinn hatte sie nicht geändert. Jeden Abend erwartete sie ihn, auch wenn er erst spät in der Nacht heimkam, und die forschenden und anklagenden Blicke, mit denen sie ihn empfing, sagten ihm mehr als alle Worte, daß sie noch ebenso dachte, wie vorher.

Auch heute also war sie noch nicht zur Ruhe gegangen, sondern da droben, wo das Licht schimmerte, saß sie, mit brennenden Augen vor sich hinstarrend, gefoltert von einer Eifersucht, die jeglicher Begründung entbehrte.

Jakob fühlte bei diesem Gedanken einen prickelnden Ärger in sich aufsteigen. Herrgott, waren nur wirklich die Weiber allesamt Gänse, wie sein Oheim, der Goldschmied Topler, zu ihm zu sagen pflegte, und machte auch seine angebetete Agnes keine Ausnahme? War sie so entsetzlich beschränkt, daß sie an einem Gedanken festhielt, dessen völlige Sinnlosigkeit jedem gesunden Menschen von selbst einleuchten mußte? Oder war sie vielleicht verhext? Man hatte Beispiele davon, daß junge Ehen durch bösen Zauber zerstört worden waren, daß Gatten, die sich zärtlich geliebt hatten, auf einmal eine rätselhafte Abneigung gegeneinander faßten und auch sonst mancherlei Anfechtung und Schabernack durch schwarze Kunst erlitten. Vielleicht war auch gegen sein Weib solch' ein Zauber verübt worden; dem alten Seehöfer zum Beispiel konnte man wohl zutrauen, daß er für schweres Geld einen gedungen hatte, der mit Hilfe des übeln Teufels den Menschen heimlich zu schaden verstand.

Es ward ihm siedend heiß bei dieser Vermutung, und er beschloß, am folgenden Tage mit seinem Vater ernstlich darüber zu reden. Aber er brauchte so lange gar nicht zu warten, denn während er noch dastand und nachsann, kam Heinrich Topler mit seinen beiden Hunden um die Ecke geschritten. Er hatte die Wachen des Rödertores nachgesehen.

»Ach Vater, du bist immer noch auf? Der Wächter hat schon zwölf abgerufen,« sagte Jakob.

«Bist du nicht auch noch wach?« erwiderte der Bürgermeister. »Und was ist das da droben? Da brennt Licht um diese Stunde – ist etwa deine Frau krank geworden?«

Flüsternd beichtete Jakob seinem Vater alles, was ihm soeben durch den Kopf gegangen war.

Der Bürgermeister lachte, »Höre, Jakob.« erwiderte er und faßte ihn vorn am Wams, »ohne Zweifel gibt es eine böse, sündhafte Kunst und Menschen, die sie ausüben. Aber zuvörderst muß man bei jedem Dinge fragen, ob es nicht eine natürliche Ursache hat. Da ich dein Weib gestern gesehen, glaub' ich, sie dir künden zu können, und du kannst dich ihrer nur freuen. Merke, mein Sohn: Wenn die Frauen sollen Mütter werden, so kommt ihnen zuweilen allerlei närrisches Zeug in den Sinn, darauf sie sich versteifen. Darob muß man dann lachen und ihnen nicht zürnen, denn es liegt so in ihrer Natur, die voller Wunderlichkeiten ist.«

Jakob faßte höchst erfreut nach seines Vaters Hand. »Ich danke dir, Vater,« sagte er, »du machst mir das Herz leicht, denn ich dachte, meine Frau wäre eine Närrin geworden. Du bist doch der Klügste von allen Menschen.«

»Man lernt vieles im Laufe eines langen Lebens,« versetzte der Bürgermeister im Weiterschreiten. »Schlafe wohl!«

»Du solltest auch ruhen, Vater.«

»Ich kann nicht Schlaf und Ruhe finden, so lange der Feind vor der Stadt liegt,« klang es zurück, dann war die hohe Gestalt im Dunkel des nächsten Seitengäßchens verschwunden.

Jakob fühlte sich wie von einer schweren Last befreit. Was sein Vater ihm angedeutet hatte, leuchtete ihm sehr ein und schwellte zugleich sein Herz in Freude und Stolz. Hätte er das früher erwogen, so hätte er gewiß die Torheit seiner Frau mit Sanftmut getragen. Warum wohl hatte sie ihm das verschwiegen? Hatte sie sich schon so in ihrem Zorn verhärtet, daß sie den Ungetreuen nicht mit der Kunde erfreuen wollte? Oder war sie sich selbst noch nicht im klaren? »Nun, dem sei, wie ihm wolle.« dachte Jakob, »auf jeden Fall ist sie von nun an mit jeder Rücksichtnahme und Geduld zu behandeln.«

So betrat er sein Haus voll der besten Vorsätze. Aber sogleich schwand seine gute Laune dahin, als sie mit steinernem Gesicht ihm entgegentrat, seinen Kuß nur ganz leicht erwidernd, und ihn dann unausgesetzt mit argwöhnischen Blicken von der Seite ansah. Er hätte sie am liebsten in seine Arme gerissen, aber er wagte es nicht, aus Furcht, eine schroffe Ablehnung seiner Zärtlichkeiten zu erleben. Verstimmt, im Innersten erkältet, wechselte er noch einige frostige Worte mit ihr und legte sich dann zum Schlafen nieder. Sie tat nach kurzem, unfreundlichem Gutenachtwunsche das gleiche, und daß sie noch lange leise in ihre Kissen weinte, vernahm er nicht mehr, da die Ermüdung ihn übermannte.

Am anderen Morgen legte er sich die Frage vor, ob er die nächtlichen Lichtsignale, die er gesehen hatte, seinem Vater melden wolle. Er beschloß aber nach längerer Überlegung, ihm vorläufig nichts davon zu sagen, damit er nicht in noch größere Unruhe versetzt werde. Dagegen stand es bei ihm fest, daß er selbst die nächste Nacht wieder auf dem Posten sein müsse, um die Erscheinung von neuem zu beobachten und womöglich zu ergründen, was sie zu bedeuten habe.

Seine Frau indessen sollte nichts davon merken. Er wollte ihre Schwäche schonen, so sehr sie ihn auch damit ärgerte und reizte, und deshalb ging er heute nach dem Abendessen nicht fort wie sonst jeden Abend in der letzten Zeit, sondern er setzte sich neben ihr Spinnrad und begann unbefangen mit ihr zu plaudern, als ob nichts zwischen ihnen läge. Anfangs bekam er nur einsilbige Antworten, aber allmählich gelang es ihm doch, sie zu erwärmen, und am Ende litt sie es sogar, daß er sie in seine Arme nahm und küßte, was lange nicht geschehen war.

Nachdem sie entschlummert war, erhob er sich leise und tastete sich nach der Kammer hinüber, wo sein Gewaffen hing. Während er sich noch kriegsmäßig ankleidete, belehrte ihn durchs Fenster hereinzuckender Lichtschein, daß irgendwo am Horizonte ein Gewitter im Anzuge sei. Das kam ihm sehr ungelegen, denn wenn etwa ein Donnerschlag sein Weib aus dem Schlafe weckte und sie den Platz an ihrer Seite leer fand, dann mochte sie wohl in ihrer Eifersucht auf die tollsten Gedanken kommen. Aber er entschied sich trotzdem, auf sein Glück zu bauen und nicht daheim zu bleiben, denn in einer finsteren Gewitternacht würden die Verräter, wenn solche in der Stadt waren, sich besonders unbeobachtet glauben.

So schlich er denn die Stiegen hinab, und es gelang,ihm auch, ungehört das Haus zu verlassen. Unverzüglich eilte er sodann auf dem kürzesten Wege dem Kloster zu. Er suchte dieselbe Stelle wieder auf, wo er gestern das Licht gesehen hatte und starrte unverwandt in das Dunkel hinein, aber es leuchteten drüben über Vorbach wohl hin und wieder Blitze auf und zwar mit jeder Minute greller und schärfer, aber sonst war nicht das geringste wahrzunehmen.

Endlich, nachdem er lange gewartet, fiel ihm ein, daß ja auch gestern das Licht viel später erschienen sei. So würde es auch heute nicht viel früher erscheinen, überlegte er sich, und da er noch eine gute Stunde Zeit hatte bis dahin, so wandelte er langsam an der Innenseite der Mauer entlang, kehrte wieder um und trat endlich, halb in Gedanken verloren, in die Klosterkirche ein, die Tag und Nacht offen stand.

Aber noch auf der Schwelle zog er den Fuß zurück. Die Schwester, die da drüben an einem Seitenaltare kniete, kannte er, und es war auch kein Wunder, daß er sie hier fand. Das nächtliche Wächteramt bei der ewigen Lampe war von wenigen im Kloster begehrt, und darum ward es mit Vorliebe den Novizen übertragen.

Er schloß leise die Tür und setzte seinen Weg fort. Er hatte an Armgard Seehöfer in der letzten Zeit fast mit Zorn gedacht, obwohl sie ja ebenso unschuldig war an der Torheit seines Weibes, wie er selbst. Jetzt aber, da er sie in ihrem Nonnenschleier wiedergesehen, kam dasselbe Erbarmen wieder über ihn, das er damals gefühlt, als er ihr Haus verlassen hatte. Warum mußte dieses kraftvolle Weib, das offenbar so heißer Liebe fähig war, hinter den Mauern eines Klosters verwelken? Warum mußte sie aus der Welt fliehen, wo ihr nach der Enttäuschung ihrer Jugendjahre doch immer noch ein reiches Glück hätte blühen können, wenn sie einem anderen ihr Herz später zugewandt hätte? Oder war ein rechtes Weib so beschaffen, daß sie nur einmal lieben konnte und wirklich niemals im Leben ein Glück zu finden vermochte, wenn sie dem, dem ihre Liebe galt, nicht zu eigen ward?

So grübelte er und stand in sich versunken da. Plötzlich hörte er neben sich kurze, schnelle Tritte, eine Gestalt stürzte aus dem Dunkel auf ihn zu und führte einen so furchtbaren Stoß gegen seine Brust, daß er taumelte. Er empfand einen stechenden Schmerz und hörte die zischend hervorgestoßenen Worte: »Nimm das, du Bluthund!«

Seine Hand fuhr nach dem Schwerts. In demselben Augenblick zuckte ein heller Blitz auf, und er sah ein fremdes, rotbärtiges Gesicht halb abgewendet, denn der Meuchelmörder hatte sich schon zur Flucht gewandt. Das war das letzte, was er wahrnahm. Dann begannen seine Knie zu zittern, seine Augen umflorten sich, und er sank lautlos zu Boden.

VI.

Armgard Seehöfer hatte von dem hinter ihr Eintretenden nichts wahrgenommen. Sie hätte ihn auch nicht bemerkt, wenn er in der Kirche geblieben wäre, denn sie war, das Haupt auf das Betpult neigend, auf ihren Knien eingeschlafen. Das war ihr schon mehrmals begegnet, wenn sie Nachtwache gehabt hatte, und sie hatte dann jedesmal sich selbst aufs bitterste gezürnt. Denn sie war ins Kloster gegangen, um der Welt abzusterben, nicht wie so viele andere, um eine gute Versorgung zu finden. Mit der schwersten Mühe hatte sie ihrem Vater seine Einwilligung abgerungen, und erst als er einsah, daß nichts seiner Tochter Entschluß zu ändern imstande sei, hatte er sich wenigstens äußerlich damit abgefunden. Innerlich freilich konnte er es nicht überwinden, daß das einzige Wesen, das er auf seine Art lieb hatte, von ihm und seinem Reichtums hinweggezogen war. Armgard wußte das auch gar wohl, nicht sie hatte das größte Opfer gebracht, sondern der mürrische, alte Mann, der nun einsam in seinem großen Hause in der Herrengasse saß. So sollte das Opfer wenigstens nicht vergeblich sein. Sie wollte alles ernstlich tun und halten, was des heiligen Dominikus Regeln von denen verlangten, die das Gewand seines Ordens trugen. Darin hoffte sie endlich den vollen Frieden des Herzens zu finden, den sie in der Welt nicht gefunden hatte.

Wie lange sie jetzt im Schlafe gelegen, wußte sie nicht, als sie plötzlich unsanft emporgerissen wurde. Neben ihr stand die Priorin, die mit ihrer harten Rechten den Oberarm der Knienden gepackt hatte, und deren knochiges Gesicht von Angst und Entsetzen verzerrt erschien.

»Um der heiligen Jungfrau willen, stehe auf und komme zu dir!« keuchte sie.

Armgard taumelte erschrocken empor und stammelte: »Was ist geschehen, ehrwürdige Mutter?«

»Ach Gott, ach Gott!« ächzte die Alte und sank nun selbst auf die Knie. »Da draußen vor der Tür liegt der Bürgermeister Topler ermordet!«

Armgard stieß einen Schrei aus und starrte sie an, als habe sie nicht recht gehört.

»Das ist mein Tod!« jammerte die Priorin. »Hier auf den Stufen liegt er, sie werden uns alle umbringen – sie trauen uns ohnehin nicht, sein Sohn zündet das Kloster an, – der ist auch so ein wilder Mensch wie sein Vater. O Maria und Josef, helft mir!« Sie schlug die Hände vors Gesicht, und ihre Zähne schlugen zusammen, als hätte sie das kalte Fieber.

Inzwischen hatte Armgard ihre Fassung wiedergewonnen. »Wir müssen ihn hereintragen und sehen, ob er noch lebt!« rief sie.

Aber die Priorin kreischte auf: »Nicht um die Welt! Er ist voll Blut. Ich kann kein Blut sehen!«

»So wecket die Schwestern!« sagte Armgard streng, als wäre sie die Gebietende und nicht das alte Weib, das vollständig den Kopf verloren hatte. »Wir dürfen ihn nicht länger liegen lassen, und ich allein kann den schweren Mann nicht bewegen.«

Sie faßte die Priorin fest beim Arme und geleitete sie zur Tür hinaus, auf deren Stufen der Niedergestreckte lag. Bei seinem Anblick stieß die Alte von neuem einen Schrei aus und rannte dann wie gehetzt hinüber in das Hauptgebäude des Klosters.

Das Lämpchen, das sie hatte fallen lassen, als sie den Verwundeten gefunden, lag vor Armgards Füßen. Sie nahm es auf, entzündete es drinnen in der Kirche an der ewigen Lampe und kehrte dann zurück. Aber als sie damit den beleuchtete, der starr an der Erde lag, ließ sie es gleichfalls fallen und schrie noch gellender auf, als vorher die Priorin. Sie hatte Jakob Topler erkannt, und der Schreck warf sie neben ihn auf den Boden.

Dann aber mit einem Male richtete sie sich auf. Mit zusammengepreßten Lippen umfaßte sie den Oberkörper des Mannes und schleppte ihn mit Aufbietung aller Kräfte in die Kirche, nicht achtend des Blutes, das ihr weißes Gewand befleckte. Sie legte ihn am Altare nieder und suchte zu ergründen, ob er noch am Leben sei.

Inzwischen kehrte die Priorin mit zwei Schwestern zurück. Als sie sah, daß es nicht der Bürgermeister war, sondern sein Sohn, begann sie von neuem zu lamentieren, denn vor der Rache Toplers hatte sie eine entsetzliche Angst. Armgard hörte gar nicht auf den Wortschwall, sondern unbekümmert um alles, was um sie her vorging, suchte sie, ob irgendein Zeichen verrate, daß noch nicht alles Leben entflohen sei. Sie war in der Heilkunst unterrichtet worden, wie so viele Bürgerstöchter, denn bei den ewigen Fehden und Raufhändeln wurde darauf gesehen, daß eine Frau die Wunden ihres Mannes oder ihres Verwandten verbinden und heilen könne. Das kam ihr jetzt sehr gut zustatten, denn sie allein war imstande, etwas zu tun und wirksam zu helfen, während die anderen nur jammern und klagen konnten.

Lange schien alle Mühe vergeblich. Mit einem Male aber hob sie das Haupt, und es war, als ob in ihrem durchsichtig blassen Antlitze ein helles Licht aufleuchte.

»Er lebt!« sagte sie. »Das Herz schlägt noch.«

»Gelobt sei Jesus Christus!« rief die Priorin. »So lasset ihn in die Krankenstube tragen, – oder in sein Haus oder zu seinem Vater.«

»Ich weiß nicht, ob man ihn tragen kann, er ist sehr matt,« entgegnete Armgard.

»Er kann doch nicht in der Kirche liegen bleiben?«

»Ich denke, wir können nicht bestimmen, was mit ihm geschehen soll,« gab Armgard zurück, und indem eine heiße Röte für einen Augenblick ihr Antlitz überzog, setzte sie hinzu: »Lasset zuvörderst sein Weib holen! Sie hat das nächste Recht zu sagen, was mit ihm zu tun ist.«

»Oder sein Vater!« rief die Priorin.

Den Einwurf überhörend, fuhr Armgard fort, indem sie von neuem errötete: »Ich bitte um die Erlaubnis, der Frau zu sagen, was geschehen ist.«

»Nein, nein,« entgegnete die Priorin. »Du bist hier nötig, denn du kannst mit Wunden umgehen!« Dann fiel ihr plötzlich ein, weshalb die Patriziertochter ins Kloster eingetreten war, was sie in der Aufregung vergessen hatte. Mit verlegenen, fast bestürzten Blicken schaute sie die Jungfrau an, dann trat sie an ihre Seite und raunte ihr zu: »Denke daran, daß wir auch denen wohltun sollen, die unsere Feinde sind, und bezwinge dich selbst.«

Armgard neigte das Haupt. Könnt' ich mein Herz doch ganz zur Ruhe zwingen! erklang's in ihr. Laut aber sagte sie: »Es liegt hier ein Todwunder. An anderes denke ich nicht mehr. Aber, ehrwürdige Mutter, wenn ich nicht gehen soll, so sendet eine andere!«

»Nach der Regel darf keine Hof und Bereich des Klosters bei Nacht verlassen, wie dir bekannt ist. Wir müssen warten, bis der Morgen erscheint.«

»Dann«, versetzte Armgard, »kann er nicht hier liegen bleiben auf den kalten Fliesen. Wir müssen ihn hinübertragen. Es kann gelingen, ohne daß er stirbt, die Wunde blutet nicht mehr.«

»So nehmt ihn auf und tragt ihn nach der Krankenstube!« gebot die Priorin. »Und sobald es tagt, geben wir seinem Vater Nachricht und seinem Weibe.« –

Inzwischen hatte Agnes Topler in schweren Träumen auf ihrem Pfühl gelegen. Es war ihr, als blicke sie daheim in Nürnberg aus ihres Vaters Hause zum Fenster hinaus. Die lange Gasse, die sie hinabschaute, war völlig tot und menschenleer, nur ganz in der Ferne ward ein Zug von Leuten sichtbar, der langsam näher und näher kam. Es waren lauter schwarz gekleidete Wänner, die brennende Lichter in den Händen trugen. Nur einer schritt in ihrer Mitte im grauen Armensünderhemde, die Hände auf den Rücken geschnürt, mit traurig gesenktem Haupte dahin, hinter ihm ging der Scharfrichter in seiner blutroten Tracht mit entblößtem Richtschwerte. Sie wußte nicht, wer der Delinquent war, aber eine entsetzliche Angst lähmte ihr alle Glieder. Jetzt hielt der Zug vor ihrem Fenster, wo auf einmal ein schwarzes Schafott aufgerichtet stand. Der Verurteilte betrat es und legte das Haupt auf den Block. In diesem Augenblicke erkannte sie ihn als ihren Mann. Da hob der Henker das Schwert in die Luft – und mit einem durchdringenden Schrei fuhr sie auf und erwachte.

Mit wirren und verstörten Blicken schaute sie um sich und wußte sich erst gar nicht in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Dann aber schrie sie noch einmal auf und sank, in Tränen ausbrechend, auf ihr Kissen zurück. Denn beim ersten Morgenschimmer, der durchs Fenster brach, hatte sie gesehen, daß neben ihr das Lager leer war.

Ihr Mann also war in der Nacht von ihr hinweggeschlichen. Er hatte sie erst durch sein Dableiben und seine Zärtlichkeiten in Sicherheit eingewiegt, dann hatte er sie heimlich verlassen und war jedenfalls nach dem Kloster gegangen, wohin ihn wohl nicht nur der Eifer für das Wohl der Stadt trieb, sondern etwas ganz anderes. Sie lachte schneidend auf bei dem Gedanken. Was waren doch die Männer für ein erbärmliches Geschlecht, wankelmütig und zugleich so unbegreiflich albern! Ein Weib, von dessen Schönheit die ganze Stadt sprach, ließ solch ein Gauch daheim allein liegen und schlich sich in der Nacht zu einem Geschöpf, das nicht die geringsten Reize besaß. Denn das hatte sie neulich zu ihrer Befriedigung festgestellt, als sie sich die Armgard Seehöferin in der Kirche der Dominikanerinnen von ihrer Schwägerin Wernitzer hatte zeigen lassen. Aber es mußte nur etwas Ungewöhnliches sein und etwas Verbotenes dazu, wie die Liebschaft mit einer Nonne war – dann kamen sie angeflattert wie die Mücken, wenn in der Finsternis ein Licht aufblitzt.

Sie hörte auf zu schluchzen und richtete sich empor. Die Fäuste auf die Decke aufstützend, starrte sie finster vor sich hin. Das sollte und mußte aufhören, sie konnte dieses Leben nicht länger ertragen. Noch einmal, zum letztenmal, wollte sie ihm bei seiner Rückkehr die Wahl stellen zwischen dem Kloster und seinem Weibe, und kam er ihr wieder etwa mit seiner Pflicht und anderen Redensarten, so wollte sie heimkehren nach Nürnberg, und wenn man sie nicht ziehen ließ, wollte sie lieber den Tod suchen, als ein solches Leben weiter hinschleppen.

Immer tiefer spann sie sich in ihre wilden Gedanken ein, sah und hörte nicht, was um sie her vorging, daß drunten die Haustür geöffnet ward und Schritte sich der Tür näherten. Es war ihr, als sähe sie einen Geist, als plötzlich eine Schwester der Dominikanerinnen vor ihrem Bette stand, und fast entsetzt blickte sie zu ihr empor.

Aber nach den ersten Worten der alten Nonne kreischte sie auf: »Er ist tot?«

»Nein, er lebt und hat nach Euch verlangt.«

In fliegender Hast warf sie sich die nötigsten Kleidungsstücke über und stürmte nach dem Kloster. Die Nonne ließ sie weit hinter sich, die ging ihr viel zu langsam.

Hoch aufatmend kam sie bei dem Kloster an, und auf ihr heftiges Läuten ward ihr sofort aufgetan.

»Faßt Euch, Frau,« sagte die alte Priorin, die ihr entgegentrat und ihre völlige Verstörtheit sah. »Die Wunde Eures Mannes ist nicht lebensgefährlich, wenn er auch viel Blut hat verlieren müssen. Das Messer ist wohl an einer Rippe abgeglitten.«

»Bringt mich zu meinem Manne!« rief Agnes, die kaum vernahm, was jene sagte.

»Ja, kommet! Aber ich bitte, daß Ihr ruhig seid.« Sie schritt einen langen Gang hinunter und öffnete eine Tür. »Hier tretet ein.«

Agnes gehorchte eilend, aber auf der Schwelle blieb sie wie angewurzelt stehen, und unwillkürlich griff sie nach dem Türpfosten, um einen Halt zu finden, denn es war ihr, als drehe sich alles im Kreise um sie her.

In dem engen Gemache befanden sich drei Personen. Rechts von dem Lager seines Sohnes saß vornübergebeugt auf einem Schemel, das Haupt fast bis auf die Knie senkend, ihr Schwiegervater, der Bürgermeister, und über ihren lang hingestreckt liegenden Gatten neigte sich das Weib, das sie als ihre Rivalin haßte, wie keine andere auf Erden. Sie hielt dem Verwundeten eben einen Trank an die Lippen, und der blickte dankbar zu ihr empor.

Bei diesem Anblicke ward es der jungen Frau zumute, als solle sie wahnsinnig werden. Sie starrte die Gruppe eine Weile an, ohne sich zu bewegen und ein Wort zu sprechen, dann stieß sie ein schrilles, hohnvolles Lachen aus. Der Kranke wandte den Kopf, und seine Augen leuchteten auf, als er sie erkannte. »Agnes, komm her zu mir!« rief er leise.

Da fuhr sie auf. Ihre Augen loderten, ihr ganzer Leib bebte, und sie verlor alle Besinnung. »Nicht mit dieser da!« schrie sie. »Sie hat mir meinen Mann gestohlen! Eine Nonne hat ihn mir verführt! Hinaus! Hinweg, hinweg!« Und im Überschwang ihrer Leidenschaft warf sie sich weinend zu Boden.

Da fühlte sie plötzlich ihr Handgelenk mit eisernem Drucke umfaßt und sah sich mit einem Male durch eine unwiderstehliche Gewalt auf die Füße gestellt. Ihr Schwiegervater hatte das getan, und indem er sie mit eiskaltem Blicke maß, sprach er leise, aber in einem Tone, der wie ein Schwert in ihr Herz drang: »Diese hier hat geholfen, ihm das Leben zu retten. Du bringst es vielleicht über dich, ihm das Leben nicht zu kürzen.«

Sie starrte ihn entsetzt an, und er ließ sie fahren. Da warf sie sich über den Liegenden hin und rief, von neuem aufschluchzend: »Jakob, ach Jakob! Stürbe ich doch mit dir!«

»Lebe wohl, Jakob Topler, Gott sei mit dir!« klang da Armgard Seehöfers Stimme, und ehe einer etwas erwidern konnte, war das blasse Mädchen aus der Tür geglitten.

Der Bürgermeister schritt ihr sogleich nach. Er wollte ihr danken und sie zurückholen, denn seiner Meinung nach mußte jetzt seine Schwiegertochter zur Besinnung kommen und die so grundlos Beleidigte um Verzeihung bitten. Aber als er die Tür aufriß, stand sein alter Diener Götz Breitschwert vor ihm.

»Der Herr Ratsherr Northeimer schickt mich. Sie läuten mit der Ratsglocke!« meldete er.

Topler sprang zum Fenster und riß es auf. In der Tat vernahm er in der Ferne den wohlbekannten schwachen Klang der kleinen Glocke. Eilend griff er zu seinem Barett und Handschuhen.

»Was ist's, Vater?« fragte Jakob mit schwacher Stimme.

»Wahrscheinlich eine wichtige Botschaft vom Feinde. Sie läuten zur Ratssitzung, und ich muß hin. In einer Stunde vielleicht bin ich wieder da. Gott behüte dich derweilen, mein Sohn. Sorge dich nicht, am Tage hat die Stadt nichts zn fürchten.« Dann faßte er noch einmal den Arm der jungen Frau mit festem Griffe und sagte: »Ich kann dich nicht von seinem Lager wegnehmen, denn du bist sein Weib. Aber ich lege dir's auf dein Gewissen: Rege ihn nicht auf mit deinem Wahnsinn, denn er ist schwer krank.«

Damit wandte er sich ab und ließ die beiden miteinander allein. –

VII.

Vor dem Rathause traf der Bürgermeister mit Hans Spörlein zusammen, der dem gleichen Ziele zustrebte. »Hast du die Ratsglocke läuten lassen, Heinz?« rief ihm der Ratsherr schon von weitem zu.

»Nein, ich weiß nichts davon.«

»So kann es nur Hans Fürbringer gewesen sein, als Bürgermeister des äußeren Rats. Nur du und er haben ein Recht dazu.«

»Bei dringlicher Gefahr darf's jeder Ratsherr,« versetzte Topler. »Nun, wir werden ja hören, was vorliegt.«

Als er den Saal betrat, war fast der ganze äußere und innere Rat schon beisammen. Nur die fehlten, die als Hauptleute durch die Pflicht auf ihren Wachen ferngehalten wurden. Noch in der Tür drängte sich Peter Northeimer mit einer Frage an Topler heran, und so entging ihm, daß bei seinem Erscheinen der alte Sebastian Häuptlein zitternd und wie vom Schlage getroffen in seinen Stuhl zurücksank und den gegenübersitzenden Walter Seehöfer hilflos anstarrte. Der fuhr auf, und seine Hand krallte sich in den Tisch ein, und er blickte nach dem Eintretenden hin, als sähe er ein Gespenst oder ein Blendwerk des Teufels vor sich.

Topler schritt inzwischen, nachdem er seinem Kumpan Bescheid gegeben, zu seinem Sitze und rief: »Ich habe die Versammlung nicht berufen, da ich aber zugegen bin, so übernehme ich als Bürgermeister des inneren Rates den Vorsitz. Und ich frage dich, Hans Fürbringer, ob du die Glocke hast anschlagen lassen als jetziger Bürgermeister des äußeren Rates, und aus welcher Ursach' du das getan hast.«

Der Angeredete erwiderte mit einer gewissen Verlegenheit: »Ja, ich habe den Rat rufen lassen. Aber ich hab's getan auf Andringen und Bitten des ehrbaren Walter Seehöfer.«

Erstaunt schaute Topler nach seinem alten Feinde hinüber, der sich inzwischen von seiner wunderlichen Bestürzung erholt hatte. »So redet, Seehöfer, und bringet vor, was Ihr zu sagen habt.«

Der Alte stand erst ein paar Augenblicke unschlüssig, aber dann warf er den Kopf trotzig in den Nacken. Er hatte sich die Sache anders gedacht, hatte gemeint, man werde heute ohne den Topler tagen. Nun aber der Verhaßte heil und gesund vor ihm stand, war er keineswegs gewillt, sich feige beiseite zu drücken, denn wie er auch sonst sein mochte, an Furchtlosigkeit war er seinem gewaltigen Gegner völlig ebenbürtig.

So begann er denn, indem sein Blick den Bürgermeister geflissentlich übersah: »Liebe Ratsgesellen, es ist ein Brieflein über die Mauer geworfen worden, und mein Gefreundeter Seitz Eberhardt hat mir's übergeben. Darin steht geschrieben, daß der Burggraf uns hat Frieden angeboten vor zwei Tagen, sei aber spöttisch abgefertigt worden. Von einer spöttischen Abfertigung haben wir gehört, und die, so Narrenspiel lieben, haben sie belacht. Welches des Feindes Bedingungen waren, habe ich indessen nicht zu erkunden vermocht. Wahrscheinlich hat man vergessen,« setzte er höhnisch hinzu, »mich zu der Ratssitzung einzuladen, in der darüber verhandelt ward.«

Aller Augen richteten sich auf Topler. Der strich gelassen seinen Bart und versetzte in kaltem und abweisendem Tone: »Wenn eine Stadt einem Manne die Gewalt übertragt, so darf sich keiner wundern, wenn er sie gebraucht. Ich habe dem Burggrafen geantwortet, wie ich's verantworten kann vor meinem Gewissen.«

Da sprang mit hellem Rot der Entrüstung im Gesichte der feurige und leicht zum Zorn gereizte Hans Offner auf und schlug heftig auf den Tisch. »Und nicht einmal erfahren sollen wir's?« schrie er. »Ja, liebe Ratsgesellen, dann ist der Rat nur noch ein Possenspiell«

»Hättest du mich gefragt, Hans Offner, so hättest du's erfahren,« sagte Topler ebenso kalt wie vorher. »Ich habe nicht Ursach', ein Geheimnis daraus zu machen. And so hört es alle: Friede sollte sein, wenn wir unsere Burgen abtreten und den Fürsten zahlen wollten, was die Fehde sie gekostet. Fünfzigtausend Gulden begehrten sie noch obendrein.«

Ein allgemeines Gemurmel entstand, mancher zornige Ruf ward laut, aber mit Betroffenheit und fast mit Schrecken ward Heinrich Topler inne, daß die Entrüstung längst nicht so groß war, wie er erwartet hatte. Kein Sturm brach los und kein wildes Geschrei, manche sagten vielmehr überhaupt nichts, sondern sahen nur stumm und nachdenklich vor sich nieder.

»Ich denke, ich darf nun weiterreden,« sprach Seehöfer. »Es war bei dem Anerbieten des Burggrafen auch eine Drohung dabei, von der wir soeben nichts gehört haben. Er drohte, daß er unser Gebiet, wenn wir uns des Friedens weigerten, verwüsten wolle bis auf den Grund. Nun, liebe Ratsgesellen, das Wort hat er begonnen wahr zu machen. Gestern nachmittag sind die Mühlen im Taubergrunde in Flammen aufgegangen, das ganze Tal ist verwüstet. Nur ein Gebäude hat man verschont, wie ihr wisset, das Lustschlößlein, das einer dort gebaut hat. Das ist nicht sonderbar, liebe Freunde. Die Fürsten üben gegeneinander das, was man im welschen Lande Courtoisie nennt, es schont einer des anderen Eigentum. So hütet sich der Burggraf wohl, Hand zu legen an das, was der Majestät von Rothenburg zu eigen ist.«

»Seehöfer! Wahret Eure Zunge!« rief Topler und fuhr rot vor Zorn empor.

Aber der Greis war nicht einzuschüchtern. Er blickte vielmehr jetzt seinem Feinde spöttisch ins Gesicht, während er vorher bei seiner Rede an ihm vorbeigesehen hatte. »Wollt Ihr leugnen, daß Ihr Euch gebrüstet habt, Ihr seiet der König von Rothenburg?«

»Das ist meine Sache und geht Euch nichts an. Und merkt es, Seehöfer, ein tückischer Wolf wird nimmer auf den Einfall kommen, sich mit einem Könige zu vergleichen, einem Löwen aber liegt das nahe. Indessen wir sind nicht hier, um zu sticheln und uns zu reizen. Habt Ihr noch etwas zu sagen zu der Stadt gemeinem Nutzen, so sagt's. Sonst schweigt, und dann werde ich reden.«

»Wohl habe ich noch viel zu sagen,« versetzte Seehöfer, »und es wird Euch nicht lieblich tönen. Und ich darf fordern, daß ich im Rate bis zum Ende gehört werde.«

»Niemand weigert Euch Worte und Anhörung, so Ihr zur Sache redet.«

»Nun, liebe Ratsgesellen, so will ich Euch eines sagen: Wenn man in einer langen Rechnung an ihrem Anfang einen Fehler lässet stehen, so stimmt am Ende die ganze Rechnung nicht. So ist's bei uns, und unser Fehler ist: wir wollen seit dreißig Jahren zu hoch hinaus. Wir sind eine Stadt, nicht einmal der größten eine, aber wir tun, als hätten wir die Macht des Königs von Frankreich hinter uns. Unser Gebiet muß größer werden, immer größer. Warum? Andere Städte kommen mit kleineren aus. Und dann müssen wir Burgen haben, immer mehr und immer festere, und deshalb stoßen wir beim Könige und bei Fürsten an und führen Fehde und wieder Fehde, und das End' vom Liede ist, daß das halbe Reich nun wider uns in Waffen steht.«

Hier sprang Peter Northeimer zornglühend von seinem Stuhle auf und die mächtigen Fäuste ballend, schrie er: »Sprecht nicht weiter, Seehöfer, nicht weiter! Denn was Ihr nun sagen wollt, das ist Verrat an der Stadt.«

Auch von der anderen Seite erklang lautes Murren und hier und da ein kräftiger Fluch. Dazwischen gellte aber auch eine scharfe Stimme: »Laßt ihn reden!« Es war Seitz Eberhardt, der nun gleichfalls aufsprang und Northeimer ins Gesicht rief: »Noch einmal: Lasset ihn ausreden! Das ist sein Recht; wir sind hier freie Ratsmänner und wollen's bleiben! Es hat uns niemand den Mund zu verbieten!«

»Ruhe!« rief Topler, und seine Stimme übertönte den lauten Tumult, der sich erhoben hatte. »Sprechet aus, was Ihr in Vorschlag bringen wollt, Seehöfer. Es ist nur gut, wenn jeder Euch ins Herz sieht.«

»Das sollt Ihr, Topler, das Schäumen Eurer Trabanten erschreckt mich nicht. Und frei und offen sag' ich's, Ehrbare von Rothenburg: Hört auf, Großhänse zu sein, so lange es noch Zeit ist. Ihr könnet dem Burggrafen auf die Dauer doch nicht widerstehen, so vergleicht euch mit ihm, ehe ihr ganz am Boden lieget. Handelt mit ihm über die Kosten, er wird mit sich handeln lassen. Laßt ihm die Burgen, die er schon hat, und die wir nimmer wieder erobern werden! Die Verwüstung kostet euch mehr, als der schlechteste Friede. So, das ist Wahrheit. Sie ist bitter, aber Bitteres ist meist heilsam.«

Er ließ sich auf seinen Sitz zurückfallen und verschränkte die Arme über der Brust, indem er mit erheuchelter Gleichgültigkeit zur Decke emporschaute. Ein paar Augenblicke herrschte tiefste Stille, die einen schwiegen, weil Zorn und Entrüstung ihnen die Sprache benahm, die anderen, weil sie über eine Kühnheit erstaunten, zu der keiner von ihnen, trotz seines Grolles, den Mut gefunden hätte. Dann aber brach ein Sturm los, wie ihn an diesem Orte noch keiner erlebt hatte. Es war schon manchmal recht heiß hergegangen im alten Rathaussaale von Rothenburg, denn die heißblütigen Franken fuhren leicht auf und pflegten ihre Worte nicht ängstlich zu wägen. Aber ein solcher Tumult war unerhört gewesen bisher. Schimpfworte wie »Lumpen, feige Hunde, Verräter«, und von der anderen Seite »Speichellecker, Knechte und Kriecher«, schwirrten durcheinander, mit wutverzerrten Gesichtern und geballten Fäusten brüllten sich die Ratsherren an und drangen aufeinander ein, und es schien, als müsse im nächsten Momente eine furchtbare Rauferei beginnen.

»Ruhe!« donnerte Topler. »Wer reden will, nimmt das Wort. Aber nachher, denn jetzt will ich reden.« Und als trotzdem die ergrimmten Gegner nicht gleich voneinander ließen, rief er: »Wenn jetzt nicht Ruhe wird, schließe ich die Sitzung!«

Das wirkte. Der Lärm legte sich, und die ehrbaren Herren kehrten auf ihre Sitze zurück.

Der Bürgermeister schwieg noch eine Weile, bis völlige Stille eingetreten war, dann begann er: »Der Burggraf ist ein kluger Mann und kennt seine Leute. Darum hat er meinen Besitz verschont, wissend, daß mir das üble Nachrede bereiten müsse. Aber, Ihr ehrbaren Herren, ich will der Sache die Spitze abbrechen. Ist die Fehde vorbei, so schätzet ab, was mir vom Feinde verschont worden ist. Die Summe, die Ihr festsetzet, lege ich in der Stadt Säckel nieder.«

Beifallsrufe von vielen Seiten unterbrachen ihn. Nur Seehöfer stieß ein heiseres Gelächter aus.

»Somit leide ich das, was alle anderen leiden,« fuhr Topler fort, »und habe das Recht, euch zu mahnen: Haltet fest und laßt verwüsten, was zu verwüsten ist! Das bringen wir alles wieder ein, wir ersetzen unseren Verlust zehnmal schneller und leichter als unsere Feinde. Überdies, ehrbare Ratsgesellen, wird die Fehde nicht lange mehr währen. Schon tritt der Marbacher Bund auf den Plan. Der Erzbischof von Mainz sendet heute seine Gesandten ab an den Burggrafen, die von Nürnberg tun dasselbe in den nächsten Tagen. Auch Ulm regt sich schon.«

Hier lachte Seehöfer von neuem so laut und höhnisch auf, daß Topler sich unterbrach und ausrief: »Was soll das, Herr Walter Seehöfer? Wahret den Ernst und die Würde, die der 0rt verlangt, wo Ihr seid, und die Euren grauen Haaren geziemen. 0der wisset Ihr's besser als ich?«

»Nein!« rief Seehöfer, »es ist nicht zu glauben, Ehrbare, was euch geboten wird. Wir sind belagert, fast ganz umschlossen, kaum eine Katze kommt heraus und herein, aber der weiß immer ganz genau, was der Mainzer tut, und was die Ulmer treiben, und was Nürnberg will. Für solche Narren hält man uns, daß man uns wie die Kinder mit Märlein einlullen will!«

»Walter Seehöfer, das ist die zweite Beleidigung, die ich heute von Euch höre und bei Gott, die letzte!« rief der Bürgermeister mit starker Stimme. »Ich hätte Euch schon ganz anders geantwortet, dessen seid gewiß, hätt' ich nicht daran gedacht, was Eure Tochter in dieser Nacht an meinem Sohne getan hat.«

Seehöfer schnellte empor und starrte ihn bestürzt an. »Meine Tochter? Was heißt das?« rief er, und da auch alle übrigen Ratsmannen erstaunt, verwundert und gespannt auf ihren Vorsitzenden blickten, sagte Topler: »Ja so, es kann freilich noch nicht stadtkundig sein, welch' eine Missetat geschehen ist. Es ist–- –-«

Ein schwacher Schrei aus dem Wunde des alten Häuptlein unterbrach ihn. Der Greis war mit geschlossenen Augen hintenüber gesunken und lag wie ein Toter da.

»Ein Schlagfluß, holet den Bader!« schrie sein Freund und Verwandter Seitz Eberhardt. »Holt den Bader, Offner!« wiederholte er, indem er sich um den anscheinend Leblosen bemühte, indessen die anderen von ihren Stühlen aufsprangen und wirr und aufgeregt durcheinander redeten.

»Es ist nur eine Ohnmacht!« rief Seehöfer, der gleichfalls schnell hinzugetreten war. »Er schlägt die Augen auf. Tragt ihn in mein Haus hinüber. Eberhardt und Hans Offner, holt den Bader und den Medikus aus der Klingergasse. Ich folge gleich nach. Erst aber, Heinrich Topler, sagt, was Eure Rede bedeutet!«

Der Bürgermeister antwortete nicht sogleich, er blickte finster dem alten Häuptlein nach, den die beiden Ratsherren, ihn links und rechts unter den Armen fassend, aus dem Saale brachten. Natürlich hatte er auf die erste Kunde von Jakobs Verwundung sich gedacht, daß der Überfall ihm selbst gegolten habe, und das war ihm dann durch das, was sein Sohn erzählte, zur Gewißheit geworden. So hoch war also der Haß seiner Feinde angeschwollen, daß sie Meuchelmörder gegen ihn dangen. Aber nur vorübergehend hatte er an Sebastian Häuptlein gedacht, denn er kannte ihn als einen trägen, ziemlich weibischen Mann. Sein Verdacht hatte sich vielmehr zunächst auf Seehöfer gerichtet, da dieser der Rachsüchtigste und weitaus der Entschlossenste unter seinen Gegnern war. Indessen hatte er nicht den Schatten eines Beweises für seinen Verdacht, und die freche Haltung seines Feindes machte ihn unsicher. In einem solchen Grade hielt er ihn doch der Verstellung nicht für fähig.

Nunmehr flammte mit einem Male der Verdacht gegen Häuptlein in ihm empor. Es fiel ihm ein, wie der Alte die ganze Sitzung über so bleich und verstört dagesessen und kaum den Blick erhoben hatte. Sollte er gemeint haben, der Verhaßte sei tot, und war nun niedergeworfen worden durch den Schrecken, ihn heil und lebendig vor sich zu sehen? Aber dann mußte Seehöfer auch etwas wissen von der Sache, denn der hatte die Ratsversammlung einberufen lassen.

Noch stand er in solchen Gedanken, da erklang zum zweiten Male die Stimme seines Feindes: »Ich will wissen, Bürgermeister Topler, was meine Tochter mit Eurem Sohne zu schaffen hat!«

Topler fuhr auf. »Sie hat ihn verbunden, vielleicht ihm das Leben gerettet, als er todwund vor dem Kloster lag. Man hat mich morden wollen, ihn hat man getroffen!«

Seehöfer sank auf seinen Sitz zurück, er sah aus, als ob er nach Luft ringe. Die übrigen Ratsherren aber, selbst die Gegner Toplers, sprangen von ihren Sitzen mit lauten Ausrufen des Schreckens empor, einige eilten auf ihn zu und faßten nach seinen Händen. »Was ist mit ihm? Lebt er? Wie geht es ihm?« erscholl's von allen Seiten durcheinander.

»Er lebt,« sagte Topler. »Das Lederwams hat den Stich abgeschwächt; Gottes Gnade hat ihn gerettet. Er kann in einigen Wochen, so die Heiligen es wollen, wohl wieder genesen sein. Ich danke Euch, Freunde, Eure Anteilnahme erfreut mich sehr.«

«Ha!« schrie Northeimer mit rollenden Augen. »Mordhunde also haben wir jetzt in Rothenburg? Hast du keinen Verdacht, Heinz?«

»Verdacht wohl, aber noch keinen Beweis,« versetzte Topler mit einem furchtbaren Blicke auf Seehöfer, der vergebens versuchte, ein höhnisches Lächeln in seinem verzerrten Antlitz festzuhalten. »Viele tausend Gulden dem, der mir einen Beweis brächte, daß ich die Mordbuben könnte fassen! – Aber, liebe Ratsgesellen. das gehört nicht hierher. Es ist Euch gesagt, ich wolle Euch ein Märlein aufbinden. Dem glaubet nicht. Ich habe mit denen, die mir Freunde sind in Nürnberg, vorher festgesetzt, auf welche Weise sie mir sollen Botschaft zugehen lassen, so wir umzingelt würden. Es sollte geschehen durch bunte Lichter, die sie sollten aufscheinen lassen zu einer bestimmten Stunde der Nacht an einem Orte, den ich ausgemacht hatte. Die Zeichen sind erschienen, und ich weiß es ganz genau, daß uns Hilfe naht. Halten wir uns nur noch sechs bis sieben Tage, so muß der Burggraf abziehen. Von den Rittern und Herren, die zugegen sind, verläuft sich einer nach dem anderen, wenn sie sehen, daß es keine Beute gibt. Und die Fürsten, die er bei sich hat, wollen wohl gegen uns fechten, nicht aber gegen das Marbacher Verbündnis. Das wollt' ich Euch sagen, ehe Ihr entscheidet über den Vorschlag des ehrbaren Walter Seehöfer, Euch unter den Burggrafen zu ducken und die Burgen zu öffnen und über die Kosten zu verhandeln. Und nun mögen die sich erheben, die Seehöfers Meinung sind und tun wollen, was er will.«

Es war nur ein kleiner Teil der Ratsmannen, die daraufhin aufstanden. Die drei Abwesenden hätte man freilich ohne weiteres hinzuzählen können, ebenso manchen, der draußen im Dienste war. Und einigen sah man es deutlich an, daß sie nur die Scham abhielt, sich dem kleinmütigen Antrage anzuschließen, den sie im innersten Herzen billigten. Immerhin war kein Zweifel, daß Seehöfers Meinung nicht gesiegt hatte.

»Ich danke Euch, liebe Ratsgesellen,« sagte Topler. »Die Fehde gehet also fort, und hiermit beschließe ich die Sitzung.« –

»Du hast wieder einmal gesiegt, Heinz,« sprach Peter Northeimer einige Minuten später, als er mit dem Bürgermeister und Kaspar Wernitzer dem Kloster zuschritt.

Topler blieb stehen und sah ihn düster an. »Noch einmal gesiegt, sage lieber. Und weißt du, warum? Weil viele sich gerade heute schämten, mit dem Seehöfer in ein Horn zu stoßen. Sie hatten alle den Verdacht, den wir haben, deshalb rückten sie von ihm ab. Dagegen, was er sagte, klang ihrer vielen gar süß in die Ohren, den feigen, weibischen Memmen, die von Ehre nichts wissen. Aber bei Gott – eher sprenge ich den Rat auseinander, als daß ich einen schimpflichen Frieden mit dem Burggrafen schließe. Keinen Schuh breit Land und keinen Gulden bekommt er, so lange ich Bürgermeister bin in Rothenburg!«

VIII.

Nach diesen Geschehnissen lag der Burggraf noch eine Woche lang vor Rothenburg. Er ließ nichts unversucht, sich der Stadt zu bemächtigen, aber alles schlug fehl. Mit den Donnerbüchsen, das sah er bald ein, war den Mauern nicht beizukommen, und daß man die Stadt aushungern könne, hatte er selbst niemals geglaubt. Er kannte die Tatkraft und die Klugheit ihres Bürgermeisters zu gut, um nicht zu wissen, daß Rothenburg auf lange Zeit mit Lebensmitteln und Proviant reichlich versehen sei. Darin bestärkte ihn auch der Ritter von Seckendorff, der wegen Auswechslung eines Gefangenen in der Stadt gewesen war. »Herr,« sagte der bei seiner Rückkehr, »es ist wahrlich nicht zu glauben, wie sie drinnen mit allem wohl im Stande sind. In den Straßen, durch die ich ritt, lag in den Läden der Bäcker Brot in Hülle und Fülle, und die Metzger verkauften viel Fleisch, und in den Trinkstuben waren sie voll und lustig, als wäre guter Friede im Lande.«

Da zog Friedrich die Stirne in finstere Falten und rief: »So bleibt uns noch eins: der Sturm. Wir haben Leute genug und übergenug, und dem Mutigen gehört die Welt!«

So erfolgte denn der Angriff auf die Stadt und zwar an drei Stellen zugleich. Während das Spitaltor heftig beschossen ward, stürmte am Rödertor und am Würzburger Tore die Sturmkolonne gegen die Mauer vor, suchte die Gräben zu überbrücken und dann auf hohen, mit Haken versehenen Leitern in die Höhe zu klimmen. Aber nach zwei Stunden hartnäckigen Kampfes ließ der Burggraf zum Rückzuge blasen. Er sah ein, daß er auf diese Weise nimmermehr den Sieg gewinnen könne, denn die Gräben waren zu tief, die Mauern zu hoch und zu gut bewehrt. Das ganze Ergebnis der zweistündigen Bestürmung war der Verlust einiger hundert Leute, die mit zerquetschten und zerbrochenen Gliedern in der Tiefe lagen. Ihr Ächzen und Schreien klang bis hinüber ins Lager, und der Burggraf sandte seinen Seckendorff zum zweiten Male in die Stadt, um zu erlangen, daß man die Gefallenen und Verwundeten ungestört ausheben könne.

Darauf gab Topler zur Antworte »Saget seiner fürstlichen Gnaden, aus Achtung gegen ihn wolle ich es für diesmal erlauben. Verdient hat es das Raubgesindel nicht, das gegen uns gezogen ist, um sich an unserem Gute zu bereichern, und zum zweiten Male wird's auch nimmer gestattet.«

Darum weigerten sich am anderen Tage die Führer der schwäbischen Söldner, an einer anderen Stelle noch einmal gegen die Mauern vorzurücken, denn ihre Leute seien zu gut, als daß sie wie die Wölfe in einer Fanggrube verenden sollten. Und der Bischof von Regensburg erklärte dem Burggrafen kurzab, er könne seine Mannschaften nicht mehr bezahlen und werde abziehen, da hier nichts zu holen sei, führte das auch aus in der Nacht und ritt ohne Abschied von dannen. In der nächsten Nacht machte es ihm eine ganze Anzahl kleinerer Herren nach, und so begann das Heer zusammenzuschmelzen wie Märzschnee in der Sonne.

Dagegen ritten andere ins Lager ein, ungebetene und unerwünschte Gäste, die man aber trotzdem nicht abweisen konnte. Das waren die Abgesandten des Mainzer Erzbischofs, des Grafen von Württemberg und vieler Städte, die entweder bittend oder drohend zum Frieden mahnten. Der Marbacher Bund erhob jetzt kühn sein Haupt und forderte ernstlich, daß die große Fehde ein Ende nehme und man sich vergleiche. Er bot seine guten Dienste an, einen billigen und für beide Teile ehrenvollen Frieden zu vermitteln, und der Burggraf sah ein, daß er klug tue, ihrem Drängen bald nachzugeben, ehe seine Kassen noch leerer wurden und seine Streitmacht noch mehr zusammenschmolz. Auch sein alter Seckendorff riet ihm dringend dazu. »Wenn Eure Gnaden sich ganz und gar erschöpfen,« meinte er, »so wird man Euch beim Abschlusse des Friedens auch noch das absprechen, was Ihr bereits erobert habt. Denn Ihr wisset es selbst, gnädiger Herr: Wen die Menschen nicht mehr fürchten, der hat von ihnen nichts mehr zu hoffen.«

Sie hielten beide zu Roß auf der Höhe des Wachsenberges, abseits vom Lager, während der Ritter so zu seinem Herrn sprach. Friedrich, der düster und schweigsam nach der Stadt hinübergeschaut hatte, wandte ihm nach diesen Worten sein Antlitz zu, in dessen Zügen Zorn und Kummer um die Oberhand stritten.

»Du weißt es, Seckendorff, daß ich ohnehin nur noch den Schein aufrechterhalten kann,« erwiderte er schmerzlich. »Gehet die Fehde weiter, so ziehen meine Bundesgenossen immer einer nach dem anderen ab, und ich kann nur eine kleine Macht im Felde erhalten. Wüßten es die von Rothenburg, wie wenig Geld in meinen Truhen ist, wahrlich, sie bedächten sich dreimal, ehe sie Frieden machten.«

»Es wird da drüben nicht anders stehen, gnädiger Herr,« tröstete der Ritter. »Das Gebiet ist verwüstet, die Dörfer verbrannt. Sie müssen ihren Zinsbauern Holz und Getreide und Vieh geben, um sie wieder in Stand zu bringen. Das geht nicht ab ohne hohe Steuern, und sie sind des Steuerzahlens gänzlich entwöhnt. Der Topler wird einen bösen Ansturm aushalten müssen, und seine Feinde werden von frischem versuchen, ihn zu stürzen.«

»Das ist meine einzige Hoffnung!« rief Friedrich.

»Wie meint das Eure fürstliche Gnaden?«

»Ich meine: Wenn er in Not gerät, in Todesnot und sieht, daß er sich der Meute nicht erwehren kann, die ihn umbellt, so wird er an mich denken. Dann wäre diese Fehde doch nicht vergeblich gewesen, und auf einem Umwege würde ich dann doch noch Herr über Rothenburg.«

Seckendorff schüttelte den Kopf, aber er erwiderte nichts.

»Du meinst nicht?« fragte Friedrich mit gerunzelter Stirn und nicht ohne Schärfe.

»Ich habe meinem gnädigen Herrn jederzeit gesagt, was ich denke, und will es Euch auch jetzt nicht verhehlen. Erweist sich Eure Voraussicht der meinigen überlegen, so werde ich mich um so mehr freuen. Aber ich glaube nicht daran, daß sich jener Mann Euer fürstlichen Gnaden unterwirft.«

»Und warum meinst du das?«

»Aus zweierlei Ursach', gnädiger Herr,« versetzte Seckendorff, »er scheut zu sehr die Gewalttat, und er hängt zu fest an seinen Eiden.«

Der Fürst blickte ihn verwundert fragend an, und so fuhr er fort: »Sehet, Herr, neulich als ihn das ganze Volk zum obersten Hauptmann der Stadt gekürt hatte, da hätte er ganze Arbeit machen müssen. Er mußte den alten Rat stürzen, das Volk gegen die Ehrbaren aufwiegeln, seine Feinde zu Tode bringen oder aus der Stadt vertreiben. Er hätt's gekonnt, und steckte ein Medici oder Viskonti in ihm, so hätt' er's getan. Statt dessen ist er zufrieden, wenn ihm das Volk die Macht gibt auf ein Jahr und lässet alles beim alten, und die ihm nach dem Leben trachten, dürfen ruhig in seinem Schatten wohnen. Glaubt Ihr, daß er sogar den Schurken hat begnadigen wollen, der ihm nach dem Leben stand, und den Ihr ihm zuschicktet? So hat mir der Wintersteiner erzählt, er ist zu dem Bluturteil nur gedrängt worden durch seine Gesellen. So sehr scheut er vor dem Blutvergießen zurück und haßt jede Gewalttat!«

Friedrich sah ihn nachdenklich an. »Aber wenn er nun merkt, daß die gemeinen Bürger nicht mehr für ihn sind, weil sie zahlen und steuern sollen? Dann muß er nach einer Hand ausschauen, die ihn aus der Not reißt.«

»Wenn dann nur nicht seine Eide dem im Wege stehen, gnädiger Herr! Der Topler hat seiner Stadt geschworen, daß er ihr treu sein und nur ihr Bestes bedenken wolle. Sollte er die Hand bieten, ihr die Freiheit zu rauben? Ich kann das nicht glauben, denn er gehört in dieser bösen Zeit zu den wenigen, die ihr Wort halten und noch etwas von Treue wissen. Überdies, gnädiger Herr, gibt es für ihn alle Tage noch einen Ausweg.«

Friedrich hob schnell den Kopf. »Ja, wenn er ins Elend wandern will, überall verfolgt von Rächern und Feinden.«

»Das braucht er nicht, gnädiger Herr. Die Nürnberger nehmen ihn jederzeit mit Freuden auf.«

»Die Nürnberger? Als was denn?«

»Als Bürger ihrer Stadt und geehrten Ratsmann.«

Der Burggraf lächelte spöttisch und sah den Ritter mit aufblitzenden Augen an. »Als einen von vielen?« rief er. »Ha, Seckendorff, kannst du dich so wenig denken in dieses Mannes Art und Gemüt? Der Adler will fliegen, und Heinrich Topler will herrschen, und jedes Geschöpf ist elend, wenn es leben muß wider seine Natur. Er wird eher das Leben lassen, als die Herrschaft!«

Seckendorff erwiderte eine Weile nichts, dann sprach er ruhig: »Mög' Eure fürstliche Gnaden recht behalten! Der Tag wird wohl sicherlich kommen, da er sich entscheiden muß. Dann wird sich zeigen, ob ihm die Sucht zu herrschen höher steht oder die Treue gegen seine Stadt.«

»Leider ist der Tag noch nicht da, guter Seckendorff,« seufzte der Burggraf. »Wir können ihn hier auch nicht erwarten, sondern müssen in den sauren Apfel beißen und einen Waffenstillstand eingehen. Morgen früh hebe ich die Belagerung auf und rücke ab. Ich sehe ein, es geht nicht anders.«

So sahen denn am anderen Morgen die Rothenburger Bürger, die auf den Mauern und Toren die Wachen hatten, wie die großen Geschütze des Feindes zwischen den Schanzkörben herausgezogen und weggefahren wurden. Anfangs meinten sie, die Feinde wollten sie nur an eine andere Stelle bringen, von der aus sie die Stadt um so wirksamer beschießen könnten. Aber als sie dann wahrnahmen, daß die Zelte abgebrochen und die Holzbaracken in Brand gesetzt wurden, da begriffen sie, was das zu bedeuten habe und brachen in ein lautes Siegesgeschrei aus. Blitzschnell verbreitete sich die frohe Kunde durch die ganze Stadt; alles Volk strömte nach den Mauern, von denen aus man den Abzug des feindlichen Heeres beobachten konnte, und als der Bürgermeister am Würzburger Tore erschien, kannten der Jubel und die Begeisterung keine Grenzen mehr. Mit einem wahren Freudengeheul stürzte ihm die Menge entgegen, er ward im Nu, obwohl er sich dagegen sträubte, von einigen kräftigen Männern auf ihre Schultern gehoben und unter betäubendem Heilrufen der sich nachwälzenden Volksmasse zum Rathause getragen. –

Walter Seehöfer war gerade, als das geschah, bei seinem Freunde, dem immer noch kranken Häuptlein, zum Besuche eingetroffen. Er wollte sich erkundigen, wie der Alte die Nacht überstanden habe. Er war um sein Befinden sehr besorgt – nicht aus übergroßer Zärtlichkeit, sondern weil er in ihm den besten Bundesgenossen gegen seinen Feind gefunden hatte. Denn in Sebastian Häuptleins Seele lebte nur noch ein Wunsch: Rache zu nehmen an dem, dessen Machtwort seinen Sohn zum Schafott gebracht hatte. Dieser glühende Rachedurst erhielt ihn noch am Leben, von ihm aufgestachelt, wehrte er sich gegen den Tod, der seinen verfallenen Körper schon gepackt hatte und wie es schien, nicht wieder loslassen wollte.

In diesem Todeshaß hatten sich nun die beiden Greise zusammengefunden, die früher nur kühlfreundlich miteinander zu verkehren pflegten. Endlich war Seehöfer auf einen gestoßen, der den Topler haßte, wie er selbst es tat, ja der ihn an wildem Hasse fast noch übertraf. Es gab ja viele unter den Ehrbaren, die dem Bürgermeister von Herzen feind waren und den Tag seines Sturzes herbeisehnten, aber ein gemeines Verbrechen hätten sie deshalb doch nicht begangen. Den beiden dagegen war jedes Mittel recht, und es war ja auch nicht ihre Schuld, daß der »Bluthund«, wie sie ihn nannten, noch immer im Lichte der Sonne wandelte.

Der Schlaganfall, den Häuptlein vor Schreck und Enttäuschung erlitten, hatte deshalb Seehöfers Geist und Gemüt in große Angst versetzt. Er hatte ihn erst in seinem Hause mit aller Sorgfalt gepflegt, und nun, nachdem der Kranke nach seinem eigenen Hause übergesiedelt war, kam er jeden Tag drei- oder viermal gelaufen und verweilte oft stundenlang an seinem Lager. Dabei redeten die beiden von nichts anderem, als von ihrem Hasse, ihren Befürchtungen und Hoffnungen und entwarfen Pläne über Pläne, wie sie ihre Rache endlich sättigen könnten.

Als Seehöfer heute eintrat, hatte sich sein Freund in den Kissen in die Höhe gerichtet und blickte ihm erregt und gespannt ins Gesicht. »Was ist das draußen auf der Straße? Was soll das Lärmen und Schreien?« rief er mit seiner schwachen, pfeifenden Stimme.

»Der Burggraf und seine Gesellen ziehen ab, drum stürzt alles nach den Toren.«

»Das klingt doch aber, als kämen sie im Getümmel die Straße herauf. Sie werden doch nicht etwa den roten Peter gefaßt haben?«

»Dummes Zeug,« knurrte Seehöfer. »Der ist längst über die Mauer und sitzt wohl schon hundert Meilen von hier im Ungarland, wo er her war. Plag' dich nicht mit Gespenstern, Gevatter. Aber wir wollen sehen, was das Geschrei bedeutet.«

Er öffnete das Erkerfenster, das dicht neben dem weißen Turme lag, und von dem aus man die ganze Würzburger Gasse hinabschauen konnte. Kaum hatte er jedoch einen Blick hinausgeworfen, so fuhr er zurück, als hätte ihn eine Hornisse ins Gesicht gestochen, und warf das Fenster zu, daß die Scheiben klirrten. »Heil Topler! Heil dem großen Bürgermeister! Heil Heinrich Topler!« so klang es von unten brausend herauf.

Mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Hohnes und der Wut im Antlitz kehrte er sich dem Kranken zu. »Der Pöbel trägt den König von Rothenburg auf seinen Schultern durch die Straßen! Natürlich! Die Stadt ist gerettet, der Feind zieht ab, und das alles hat er vollbracht, der große, unvergleichbare Mann, der Prophet, der Gesalbte Gottes, der Heiland, der blutige Schuft, Heinrich Topler!«

Er lachte heiser auf und ließ sich in seinen Stuhl fallen.

Häuptlein war in seine Kissen zurückgesunken, hatte die Augen anklagend nach oben gerichtet und ließ, ohne etwas zu erwidern, seine Blicke ruhelos an der Decke umherwandern. Endlich murmelte er: »Es gibt wohl keinen Gott, Seehöfer, und was die Pfaffen von ihm sagen, ist eine Mär für die Kinder. Aber wenn's doch einen gibt, dann bitt' ich von ihm nur eines: daß dieser Mensch in seinem Blute ersticke! Aber ich werde es nicht erleben, denn über's Jahr bin ich tot.«

Seehöfer blickte ihm starr ins Gesicht. »Quäle dich nicht mit solchen Gedanken! Aber wenn du auch nur noch ein Jahr hättest, Gevatter, ein Jahr ist lang. Da kann vieles geschehen.«

»Es geschieht nichts. Ach, sie tragen ihn ja auf den Schultern, den Blutmenschen, und wir können nicht an ihn heran!«

»Wenn erst die Kosten kommen, und sie müssen zahlen und immer wieder zahlen, dann werden sie schnell anders denken lernen. Heute ist vielleicht der letzte Tag, daß sie ihn feiern. Hörst du? Sie läuten mit den Glocken. Das ist vielleicht das Totengeläut für den König von Rothenbnrg.«

»Du glaubst es ja selber nicht, Seehöfer, was du da sprichst,« entgegnete der Kranke niedergeschlagen. »Was gibt's?« wandte er sich unwirsch an seine alte Muhme und Haushälterin, die ohne anzuklopfen in der Tür erschien.

»Der Pater Ambrosius ist drüben und möchte dich sehen.«

»Sage ihm, er solle in ein paar Stunden wiederkommen.«

Die Alte verschwand. »Zu keiner Tages- und Nachtzeit ist man vor dem Pfaffenvolke sicher!« brummte Häuptlein. »Seitdem ich etwas habe verlauten lassen, daß ich das Kloster wolle zum Erben einsetzen, sind sie alle Tage da.«

»Du willst die Kuttenmänner dein Geld erben lassen?« fragte Seehöfer verwundert. »Für so heilig hält' ich dich nimmer gehalten.«

»Was soll ich mit dem Plunder anfangen? Mein Vetter Kunz ist mein Feind, der soll's auch nicht haben. Am liebsten schenkt' ich's dem Kloster schon bei meinen Lebzeiten und behielte nur einen Rest für mich, sonst ficht der Halunke am Ende gar mein Testament an und erwischt den Bissen doch noch. Ha, so rund hunderttausend Gulden – das wäre ein Fraß für den mageren Schlucker!«

Dem Seehöfer blieb der Mund vor Erstaunen offen stehen. »Hunderttausend Gulden hast du? Da bist du ja reicher als ich! Bist überhaupt nächst dem Bluthunde der Reichste in der Stadt! Das hätt' ich doch nicht gedacht, wenn ich auch wußte, daß du viel Geld hast.«

Der Kranke lächelte bitter. »Und was nützt mir's nun? Am liebsten würf' ich's in den Dreck, denn mich ekelt's davor.«

Da packte ihn Seehöfer plötzlich mit festem Griffe beim Arm, und sein Gesicht glänzte. »Mensch,« rief er, »wenn du wirklich so denkst und das keine Redensarten sind, so haben wir eine furchtbare Waffe! Dann haben wir den Sieg!«

»Unsinn!« knurrte Häuptlein. »Laß mich los! Bist du besessen? Was du meinst, das weiß ich. Aber ich habe schon das eine Mal Angst genug ausgestanden, und ich will nicht auf dem Rade sterben.«

»Du weißt aber nicht, was ich meine,« versetzte Seehöfer, und immer triumphierender wurde der Ausdruck seines Gesichtes. »Du weißt es nicht, denn es ist eine Eingebung, eine Erleuchtung, die mir eben kommt. Höre, Sebastian, als ich achtzehn Jahre alt war, da erzählte mir mein Vater eine Geschichte. Da wollte einer in Mainz Erzbischof werden, den von den Kapitelherren keiner mochte. Aber als es zur Wahl kam, da hatten ihn die allermeisten gewählt. Freilich hatt's ihm sechzigtausend Gulden gekostet.«

»Nun und was soll das?«

»Was das soll, fragst du? Wenn man für sechzigtausend Gulden die Kapitelherren kauft, so wird man wohl für achtzigtausend Gulden die kaufen können, auf die sich der Bürgermeister von Rothenbürg stützt.«

»Wie?« sagte Häuptlein und setzte sich aufrecht. »Du willst Northeimer und Spörlein und Wernitzer –- –-?«

»Dummkopf!« unterbrach ihn Seehöfer ungeduldig. »Wer redet von denen? Die helfen ihm alle nichts, die gemeine Bürgerschaft hat ihn erhoben, die muß man von ihm abwendig machen.«

»Du kannst doch nicht das ganze Volk bestechen?«

»Das Volk ist eine Hammelherde, die dahin rennt, wohin die Leithammel rennen.«

»Die Zunftmeister, meinst du?«

»Dieselben. Darunter sind mehrere, die sind reich, mehrere auch, die ihm sehr ergeben sind. Die lassen wir aus dem Spiele, denn da war' der Preis zu hoch. Aber die Mehrzahl wird zu haben sein, besonders wenn sie nun merken, was die Stadt zahlen muß. Dazu muß man ihnen weismachen, sie kämen auch ohne ihn in den Rat. Wenn das Geld daneben klimpert, glauben die Leute vieles, was sie sonst nicht glauben würden. Es ist ja auch noch nicht dagewesen, daß einer eine solche Summe aufwendet gegen seinen Feind in der Stadt. Nein, es ist unerhört, und kein Zweifel kann sein, daß wir damit die meisten fangen, die er in seinem Netze wähnt.«

Häuptleins Gesicht hatte sich während dieser Rede immer mehr gerötet, die vorher matten Augen funkelten, und er sah den Sprechenden an, als wolle er ihm die Worte von den Lippen trinken. Dann sagte er tief aufatmend: »Du kannst den Leuten versprechen, was du willst, Seehöfer, ich löse es ein. Nur zehntausend Gulden will ich behalten und dieses Haus. Und weiß Gott, wüßt' ich, daß ich damit die Rache kaufte, so gäbe ich auch das noch dahin und stürbe als Bettler im Spital!«

»Wir werden so viel gar nicht brauchen. Was, meinst du, sind für einen Handwerksmeister tausend oder gar Zweitausend Gulden? Ein Kapital, das er noch nicht gesehen hat, noch weniger in der Hand gehabt. Bei manchem biete ich nur fünf- oder sechshundert.«

»Und fängst du heute schon deine Arbeit an?«

»Wo denkst du hin? Heute ist alles im Taumel, und das ganze Volk schreit: Hosianna dem Sohne Hermann Toplers! Aber wenn sie in ein paar Wochen merken werden, daß ihnen ihr Heiland eine große Schuldenlast auferlegt hat, dann werden sie hellhörig, darauf verlasse dich. Dann ist unsere Zeit gekommen.«

»Denke aber immer daran, daß ich nicht lange mehr leben werde,« murrte der Kranke. »Ein paar Wochen sind für mich eine lange Zeit.«

»Ich war kränker als du, Häuptlein, und bin doch wieder genesen. Ein guter Haß erhält das Leben,« versetzte Seehöfer. »Aber sieh da!« fuhr er fort und öffnete das Erkerfenster von neuem. »Was kommt denn dort die Gasse herauf? Sechs, acht Berittene. Es sind Nürnberger.«

»Wo kommen die her zu der frühen Stunde?« unterbrach ihn Häuptlein.

»Sie haben gewiß im Lager beim Burggrafen genächtigt als Gesandte der Stadt. Mir scheint, sie werden eine Waffenruhe vermitteln wollen. Potztausend! Da ist ja der Holzschuher, mein Patenkind! Der steigt jedesmal bei mir ab, wenn er nach Rothenburg kommt. Da muß ich heim, Gevatter. Leb' wohl für jetzt, ich sehe heute noch einmal nach dir.«

IX.

Im Taubergrunde wurden die Mühlen wieder aufgebaut, die das feindliche Heer verbrannt hatte. Man wagte allerdings vorderhand nur Notbauten auszuführen, in denen die notwendigsten Arbeiten des Mahlens und Schrotens von der Kraft des Wassers verrichtet werden konnten. Die Müller und ihre Familien mußten immer noch droben in der Stadt wohnen, wo sie eine Zuflucht gefunden hatten. Denn so schnell dem Abzuge des Burggrafen der Waffenstillstand gefolgt war, so lange ließ der endgültige Friedensschluß auf sich warten. Es wurden Tagungen über Tagungen angesetzt, es wurden ungeheure Mengen von Tinte verbraucht, die Gesandten der befreundeten Fürsten und Städte ritten unablässig zwischen Rothenburg und der Kadolzburg, wo der Burggraf Hof hielt, hin und her und machten ihre Vorschläge, baten, drohten und mahnten. Vergebens – der Friede wollte nicht zustande kommen.

»Nur der Burggraf ist schuld daran,« sagten die Freunde Heinrich Toplers. »Er hat von der Stadt abziehen müssen und das Spiel verloren. Aber er will die Leute glauben machen, er sei dennoch der Sieger geblieben, und darum besteht er darauf, daß die Festen in seiner Hand bleiben sollen, die er erobert hat. Da hat er nun freilich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Rothenburger wären schön dumm, wenn sie ihm die Schlösser lassen wollten, denn wir wissen ganz genau, daß er keinen Krieg mehr führen kann, sintemalen sein Geld und Kredit zu Ende ist.«

Kurz nach dem Abzuge des Feindes, als die Bürgerschaft im Hochgefühl des Triumphes schwelgte, erklang diese Weise fast in der ganzen Stadt, und wer anders dachte, der tat am klügsten, den Mund zu halten. Allein schon nach einigen Wochen schlug die Stimmung jählings um. Wan hatte eine Kommission gebildet, die aus sieben Ratsherren bestand und den Schaden abschätzen sollte, den die Stadt erlitten hatte. Die Herren ritten acht Tage lang umher und rechneten und notierten, und als sie zurückkamen, legten sie dem äußeren und dem inneren Rat ein Verzeichnis alles dessen vor, was der Stadt und den einzelnen Bürgern verbrannt und verwüstet war. Die Liste war noch nicht einmal vollständig, denn in die Nähe der vom Feinde besetzten Burgen hatten sie sich nicht gewagt, trotz des Waffenstillstandes. Aber schon stand fest, daß die Fehde der Stadt und der Bürgerschaft über Zweimalhunderttausend Gulden gekostet hatte.

Die Ratssitzung war geheim, in der das verhandelt ward, aber schon einige Stunden darauf wußte jedermann in Rothenburg, wie die Sache stand. Und nun hieß es mit einem Male: »Hätten wir dem Burggrafen die Schlösser geöffnet, die wir doch nicht halten konnten, so wären wir klug gewesen. Kriegen wir sie aber wieder, was haben wir dann? Steinhaufen und Trümmerhaufen, die wir mit schwerem Gelde wieder aufbauen müssen. Darum gebt sie ihm, auf daß Friede wird und der Krieg nicht etwa von neuem beginnt.«

So redeten die Bürger schon ganz laut in den Wirtshäusern, Herbergen und Trinkstuben. Daneben aber ging noch eine andere Rede, die man sich einstweilen nur scheu und verstohlen in die Ohren zu flüstern wagte. Die lautete: »Hätten wir den Topler nicht, so hätten wir niemals die Fehde gehabt, und daß noch kein Friede ist, daran ist niemand schuld, als der Bürgermeister ganz allein.« Offen zu sagen, wagten das vorläufig nur Walter Seehöfer und einige seiner Getreuen, aber derer, die ihnen das im geheimen nachsprachen, wurden mit jedem Tage mehr, und sie fanden sich nicht nur unter den Ehrbaren, sondern auch unter den Bürgern von der Gemeine. Ohne Frage hatten sie auch ganz recht mit ihrer Behauptung, denn der Rat wäre um des Friedens willen sogar zu einer größeren Gebietsabtretung bereit gewesen, wenn nicht der gewaltige Wille des einen Mannes jede Nachgiebigkeit immer wieder verhindert hätte.

Topler wußte ganz gut, daß die von seinen Feinden geschürte Mißstimmung gegen ihn immer weiter um sich griff, aber er war entschlossen, auszuhalten. Den Haß der Ehrbaren war er gewohnt, seit Jahren war ihm die Mehrzahl der Geschlechter feind, und wenn die Minderheit, die mit ihm ging, auch etwas mehr zusammen schmolz – was lag daran? An dem Tage, an dem ihre Feindschaft ihm unerträglich ward, rief er das Volk auf, und wenn er früher nur einen Teil der Zunftmeister in den äußeren Rat hatte bringen wollen, so erwog er jetzt, ob es nicht besser sei, die Hälfte oder Zwei Drittel der Ratsherren aus den Bürgern der Gemeine zu nehmen. Dieser Lockung, meinte er, würden sie auf keinen Fall widerstehen, und wenn also auch jetzt der gemeine Mann über die Steuern schimpfte, die nun kommen mußten, so schadete das nicht viel. Im Augenblicke der Gefahr hatte er die Bürgerschaft ja doch wieder in seiner Hand.

Auf keinen Fall wollte er nachgeben. Sein trotziger Stolz bäumte sich gegen diesen Gedanken ebenso auf wie sein scharfer Verstand, der ihm sagte, daß die Bedrängnis des Gegners noch größer sein müsse, als die der Stadt. Einen Krieg konnte nach seiner Berechnung der Burggraf in den nächsten Jahren nicht mehr führen, nahm er die Waffen wieder auf, so vermochte er nur noch kleine Raubzüge und Streifereien in das feindliche Gebiet zu unternehmen. Solch einen Kleinkrieg traute sich Topler lange auszuhalten und ihn schließlich siegreich zu beendigen. Doch bei solcher Unsicherheit vor einem erneuten Überfalle durch die burggräflichen Reiter gebot die Klugheit, nur das Allernotwendigste außerhalb der schützenden Mauern einstweilen wieder aufzurichten. Darum sah man zunächst davon ab, die verbrannten Hofstätten an der Tauber wieder aufzubauen. Die Mühlen dagegen brauchte man allzu nötig, als daß man mit ihrer Wiedererrichtung hätte warten können, bis Friede im Lande war, denn die eine Mühle in der Stadt genügte den Bedürfnissen der vielen Menschen in keiner Weise.

So hatte der Rat Holz und alle Gerätschaften ins Tal hinabschaffen lassen, und der regierende Bürgermeister verschmähte es nicht, die wichtigsten Arbeiten hin und wieder selbst zu besichtigen. Das tat er auch am Tage des heiligen Wenzeslaus, an dem man sonst in Rothenburg die Weinlese feierlich zu eröffnen pflegte, da die Trauben des roten Tauberweins in den letzten Septembertagen schon reif waren und des Gepflücktwerdens harrten. Ein trüber Schatten flog über Toplers Gesicht, als er beim Hinabsteigen ins Tal an den Jubel gedachte, der in den anderen Jahren heute herrschte, wie da fröhliche Rufe und helles Jauchzen von allen Bergwänden widerhallten und Buben und Mädchen schon das Reisig schichteten zu den Freudenfeuern, die nach Einbruch der Dunkelheit auf allen Höhen emporlodern sollten. Dieses Jahr gab's keine Freude, denn es gab keine Ernte. Die Weinberge waren von den Söldnern der Feinde zerhackt und verwüstet worden mit Ausnahme derer, die im Schutze der Stadtmauern lagen, und da wuchs nur saurer Wein.

Auch die beiden Bewaffneten, die dem Bürgermeister in einiger Entfernung folgten, schienen an die Bedeutung des Tages zu denken, denn mit finsteren Mienen machten sie sich hier und da auf besondere Zeichen der Verwüstung in den Rebgärten aufmerksam. Es waren die beiden alten und erprobten Diener Oler und Breitschwert, die ihn begleiteten, denn seit dem Mordversuche, dem sein Sohn um ein Haar erlegen war, ging Heinrich Topler nicht mehr allein aus.

Er begab sich zunächst zu der Stätte, wo die Fuchsmühle in Trümmern lag und sah zu, wie man die fast schon vollendete Mühlkammer mit Schindeln bedachte. Sein Schlößchen betrat er nicht, sondern wanderte dann weiter flußaufwärts, wo unter dem Herzacker unterhalb der Doppelbrücke gearbeitet wurde. Die Fortschritte, die er wahrnahm, erfreuten ihn, ohne freilich sein Gemüt wesentlich froher zu stimmen. Er fühlte sich vielmehr tief niedergedrückt, und als die Vesperglocke erklang und die Zimmerleute ihre Kappen abnahmen, da beschloß er, in das nahegelegene Kobolzeller Kirchlein einzutreten und sich im Gebet an den Heiligen zu wenden, den er vor allen anderen wert hielt.

»Ihr wartet draußen auf mich, und so mich einer sucht, meldet ihr mir's gleich!« gebot er seinen Knechten.

Als er in den heiligen Raum eintrat, sah er, daß schon ein anderer vor dem Altare kniete. Er vermochte zunächst den Betenden nicht zu erkennen, aber als er sein Auge an das rötliche Dämmerlicht gewöhnt hatte und schärfer hinblickte, ward er inne, daß es sein Sohn Jakob war. Geräuschlos setzte er sich auf eine Bank in der Nähe der Tür und wartete geduldig, bis der Kniende sein Gebet beendet hatte. Es dauerte lange, ehe Jakob sich erhob und auf seinen Stock gestützt, dem Ausgange zuschritt. Es war ihm heute von dem alten Medikus erlaubt worden, einen größeren Ausgang zu machen, fiel dem Vater ein, und diese Erlaubnis hatte er also benutzt, um hier seinem Schutzheiligen zu danken. Er ging schon wieder stramm aufrecht, und auf den Wangen schimmerte das Rot der Gesundung, aber seine Augen blickten düster, und um den Mund trug er einen Zug des Grames, den sein Vater vormals nie an ihm wahrgenommen.

In großer Bewegung stand er auf und eilte ihm entgegen. Der Anblick seines Sohnes schnitt ihm ins Herz, so daß er mit einem Male die eigenen Sorgen und Kümmernisse ganz vergessen hatte. »Jakob!« rief er mit gedämpfter Stimme, »was ist dir? Warum siehst du so traurig aus? Komm, setze dich hier zu mir! Wir sind ganz allein, und es wird uns schwerlich einer stören. So sage mir, mein Sohn, was dich so bedrückt!«

Er faßte ihn bei der Hand und zog ihn neben sich nieder, und als der junge Mann nicht gleich etwas erwiderte, fuhr er fort: »Es hat mich längst gedrängt, Jakob, mit dir etwas zu besprechen, woran ich, Gott weiß es, nicht gern rühre. Aber ich bin dein Vater und bester Freund. So hoff' ich, du wirst mir's nicht übel nehmen und offen gegen mich sein.«

»Frage nur, Vater,« gab Jakob müden Tones zur Antwort. »Ich bin gerade in der Laune, dir alles zu beichten, was du wissen willst.«

»So will ich dich kurz und bündig fragen: Wie stehst du jetzt mit deinem Weibe?«

Jakob heftete die düsteren Augen fest auf seinen Vater und erwiderte nach einer Weile: »Wenn ich das selber wüßte!«

»Was soll das heißen?'–

»Das soll heißen, sie ist mir ein Rätsel. Ach Vater, du hattest ja recht, wir haben auf einen Erben zu hoffen. Aber ich hatte wohl auch recht, wenn ich sagte: sie ist verhext. Denn ihr Zustand erklärt ihr wunderlich Wesen nimmer.«

»Und was tut sie? Wie ist ihr Wesen?«

»Veränderlicher, Vater, als das Wetter im April. Einmal weiß sie sich gar nicht zu lassen vor Liebe und Zärtlichkeit, dann sitzt sie wieder tagelang und schmollt und redet kaum ein Wort. Sie hat Verstand genug, daß sie sich sagen kann, wie närrisch sie ist, aber ihre Eifersucht ist stärker als ihr Verstand. Ich kann mir's nicht anders erklären, als daß Zauberei dahinter steckt. Sie wäre ja auch die erste nicht, der das geschähe.«

Es ward, während Jakob so redete, dem Bürgermeister immer weher ums Herz, und als sein Sohn nun schwieg, faßte er wieder nach seiner Hand. »Wie du mir leid tust, Jakob!« rief er schmerzlich. »Ach, es wäre mir jetzt ein abscheulicher Gedanke, mit dem alten Schuft, dem Seehöfer, verschwägert zu sein, aber ich glaube, du wärest mit der Armgard glücklicher geworden.«

»Nein, Vater, das glaube ich nicht. Die Armgard ist ein gutes, edles Mädchen und wird vielleicht einmal eine Heilige werden, aber danach fragt die Liebe nicht. Sie fällt, auf wen sie eben fällt. Und ob ich schon wüßt', daß eine andere besser wäre als mein Weib, ich könnte doch immer nur die eine lieben.«

Heinrich Topler erwiderte nichts. Er hielt nur mit beiden Händen seines Sohnes Rechte umfaßt und schaute bekümmert vor sich nieder. Nach einer Weile begann Jakob von neuem: »Es ist nicht allein ihre Eifersucht, mit der sie sich selber unglücklich macht und mich quält. In jüngster Zeit ist noch etwas anderes hinzugekommen, womit sie mir das Herz bedrückt.«

Der Bürgermeister blickte auf. »Was kann das sein?«

»Ich möchte dir's nicht sagen, Vater, denn es wird dir weh tun, wie mir's weh tut.« Er suchte nach Worten, ehe er, seinen Vater scheu von der Seite anblickend, fortfuhr: »Sie weint und seufzt oft viele Stunden lang, sie wolle fort von Rothenburg.«

Topler fuhr empor. »Wie? Fort von Rothenburg?« wiederholte er. »Wohin will sie denn?«

»Zurück nach Nürnberg möchte sie, und wenn ich sie wirklich lieb hätte, so müßte ich mit ihr ziehen, ist ihre Rede.«

»Natürlich! Der Mann zieht dem Weibe nach!« sagte Heinrich Topler grimmig. »Das wärs eine neue Mode. Und überdies, mein Junge, zeigt dies Verlangen, daß sie nicht die kleinste Ahnung davon hat, wie wir Topler zu Rothenburg stehen. Wenn die Wernitzer oder Haller oder wie sie sonst alle heißen, zwischen Nürnberg und Rothenburg hin und her ziehen, so ist das nicht weiter verwunderlich, sie könnten ja ebensogut nach Ulm oder Nördlingen oder Reutlingen gehen. Ein Topler aber hängt mit Rothenburg so fest zusammen, daß er sich von dieser Stadt nur lösen könnte, wenn die größte Gefahr und Todesnot ihn dazu zwänge. Und auch dann würde sein Herz hier bleiben, und er würde immer wieder hierher zurückstreben.«

»So ist es, Vater. Aber vielleicht geht's anderen Leuten auch so mit Nürnberg.«

Der Bürgermeister machte eine wegwerfende Gebärde. »Ich habe noch nichts davon bei anderen gesehen. Insbesondere die jungen Weiber, die hierher geheiratet haben, sind alle sehr schnell gute Rothenburgerinnen geworden. Warum sie nicht, die doch keine Eltern mehr daheim hatte?«

»Sie sagt, sie könne hier keine Freundin gewinnen, wo sie doch deren so viele gehabt habe in Nürnberg.«

»Warum schließt sie sich nicht mehr an Barbara an? Die ist ihr doch freundlich genug entgegengekommen?« fragte der Bürgermeister herbe.

»Sie sind wohl zu verschiedene Naturen, Vater.«

»Dann muß sie sich eine andere suchen. Es gibt ja junge Frauen genug in Rothenburg.«

»Sie sagt, sie habe es daran nicht fehlen lassen. Manche wären auch im Anfange liebreich zu ihr gewesen, aber seit einiger Zeit zögen sie sich fast alle von ihr zurück. Sie zu besuchen käme kaum eine noch, und käme sie zu einer, so wäre die so scheu und verlegen, daß sie am liebsten gleich wieder von dannen ginge. Manche wendeten schon auf der Straße den Kopf von ihr ab, auf daß sie des Grüßens enthoben seien.«

Während Jakob sprach, hatte ihn sein Vater unverwandt angesehen, und der Ausdruck seines Antlitzes war immer ernster und gespannter geworden. Er entgegnete eine lange Weile nichts, dann sagte er: »Ich würde das für Einbildungen einer Törin halten, aber gestern erzählte mir Kaspar, daß es seiner Frau, deiner Schwester, ähnlich ergehe. Sogar die Mutter, die so wenig aus dem Hause kommt, verwunderte sich, daß sie Kälte und Unfreundlichkeit gefunden, wo sie anderes gewohnt gewesen sei. Da nun unsere Frauen keinen Makel tragen auf ihrem Ruf, so muß dieses ganze Unwesen eine andere Ursache haben.«

»Die Ursache liegt am Tage, Vater,« versetzte Jakob bitter. »Unsere Partei unter den Ehrbaren wird immer kleiner. Ja, sie ist schon so klein geworden, daß ich die an den Fingern meiner Hände herzählen kann, die noch sicher zu uns halten. Wir sind von Feinden umgeben.«

»Ich denke, wir werden das ertragen, mein Sohn, und auch die Frauen müssen es ertragen bis zum Tage der Abrechnung.«

»Mich wundert nur, Vater, daß du diesen Tag so lange hinausschiebst, wo doch deiner Feinde immer mehr werden.«

»Doch nur unter den Ehrbaren, Jakob. Von denen weiß ich, daß sie im geheimen zusammenkommen in Seehöfers Hause und beim alten Häuptlein und neuerdings auch bei Seitz Eberhardt und Hans Offner. Aber laß sie! Wenn ich nur die Bürger für mich habe, und die habe ich.«

»Noch hast du sie, aber wer weiß, ob du sie behältst. Der Seehöfer ist neulich gesehen worden, wie er aus Veit Schmidts Hause kam, der Offner besucht häufig die Trinkstube der Sattler und steckt mit dem Otto Kräftlin zusammen.«

Topler lachte. »Veit Schmidt und Otto Kräftlin? Gerade die beiden wollen in den Rat, sie werden den Teufel tun und sich gegen mich kehren, der sie in den Rat bringen kann. Und das werde ich auch tun, denn ich habe meine Meinung und meine Pläne geändert. Ich wollte nur einige von den Gemeinen ins Rathans lassen, jetzt aber ruf' ich aus: Die Wahl ist frei, es kann jeder Ratsmann werden, der ein unbescholtener Bürger ist, und es gibt nur einen Rat, der aus dreißig Männern besteht, und den wählt die ganze Gemeine. Es ist doch gleich, wer im Rate sitzt. Die Ehrbaren haben gezeigt, daß sie eine feige Bande sind, die Gemeinen sind vermutlich nicht besser, es kommt nur darauf an, daß ich im Regimente bleibe, sonst wird Rothenburg wieder klein und hat nichts mehr zu bedeuten.«

Jakob war mit glänzenden Augen aufgestanden. »Das ist wahr!« rief er lebhaft. »Die Geschlechter müssen ganz und gar herunter, ihre Macht ist nur eine Kette an deinen Füßen. Aber mich dünkt, ohne Rumor wird das nicht abgehen, und es wird manch' einer aus der Stadt springen müssen!«

»Das denk' ich auch, und eben drum kann ich die Sache nicht anfangen bei währender Fehde. Aber dessen sei versichert: Wenn der Friede unterzeichnet ist, vergehen nicht drei Tage, bis daß ich die Zunftmeister zusammenrufe. Doch nun komm! Ich wollte hier beten, aber die Lust dazu ist mir vergangen.«

Die beiden verließen die Kapelle, und Topler begleitete seinen Sohn bis an die Tür seines Hauses. Dann begab er sich heim, denn die Dunkelheit brach an, und hie und da wurde schon Licht angesteckt hinter den Fenstern.

In der Tür seines Hauses stieß er mit einem zusammen. Es war ein Pilger, denn er trug ein braunes, härnes Gewand und einen Muschelhut, der das Antlitz gänzlich beschattete.

»Was suchst du hier, guter Freund?« redete ihn Topler an.

»Euch, Herr!« erwiderte der Pilger laut, und flüsternd setzte er hinzu: »Führe mich ins Haus, Heinz, ich bringe dir, was dir Freude machen wird.«

Topler faßte ihn, ohne ein Wort zu sprechen, an der Hand und zog ihn die Treppe empor. Er hatte ihn sofort erkannt. Es war der Ritter Johann von Rammberg, der zu den Vertrauten König Wenzels gehörte.

Droben in seiner Schreibstube ließ er ihn los. Der Ritter warf seinen Hut in eine Ecke und streckte dem Bürgermeister beide Hände entgegen. »Ich hoffe, Heinz, du wirst mich willkommen heißen!« rief er.

»Du bist mir immer willkommen, Hans, mein alter Freund. Aber wo kommst du her, und was bringst du mir?«

»Briefe von unserem Herrn, dem Könige. Er hat sich mit seinem Bruder Jobst versöhnt, die Bahn ist ihm frei, er kommt nach Deutschland.«

In Toplers Augen leuchtete es hell auf. »Freund!« rief er laut. »Ist das wahr? Der König kommt zu uns?«

»Er hat's gelobt, und die Briefe trage ich bei mir, die es seinen Getreuen künden.«

»Dann wird Rothenburg all seiner Bedränger ledig, und es kommt eine bessere Zeit. Gesegnet, Hans von Rammberg, sei deine Botschaft!«

X.

Den ganzen Winter hindurch rangen der Burggraf und der Bürgermeister miteinander um die Schlösser des Rothenburger Gebietes. Der eine wollte sie durchaus behalten, der andere durchaus wieder haben. Daran scheiterten alle Friedensverhandlungen, denn nachgeben wollte keiner.

Schon war jedermann in Franken darauf gefaßt, daß der Frühling eine Wiederaufnahme der Fehde bringen werde, da hatte der Erzbischof von Mainz einen glücklichen Gedanken. Er schlug vor, die Burgen sollten geschleift werden, damit sie keiner von beiden habe, und im übrigen sollte alles bleiben, wie es vor der Fehde gewesen sei.

Die übrigen Fürsten und Städte des Marbacher Bundes pflichteten ihm auf der Stelle bei, und es ward eine erneute Tagung auf den zweiten Februar ausgeschrieben. Zu Mergentheim an der Tauber sollte auf Grund dieser Vorschläge noch einmal über den Frieden verhandelt werden.

»Was wirst du tun, Vater?« fragte Jakob Topler den Bürgermeister, als der Brief des Prälaten eingelaufen war.

»Ich werde sehen, ob ich nicht wenigstens Nordenberg zurückerhalten kann. Bekomm' ich's aber nicht, so werde ich den Frieden daran nicht scheitern lassen. Denn ich will dir's gestehen. Jakob, der Antrag des Mainzer kommt mir sehr gelegen. Die Rothenburger, vom ältesten Ratsherrn bis zum jüngsten Stadtknechte herab, schreien: Frieden, Frieden um jeden Preis! Ich hätte in einigen, Wochen doch nachgeben müssen, wenn ich nicht den Boden unter den Füßen verlieren wollte. Dann hätte der Burggraf den Triumph und den Nutzen gehabt. So hat er gar nichts, keinen Fuß breit von unserem Lande und keinen roten Heller von unserem Geld. Und noch eins bewegt mich, mein Sohn!« Er dämpfte unwillkürlich seine Stimme, obwohl in seiner Schreibstube kaum em Lauscher zu befürchten war. »Noch eins! Du weißt, im Frühjahr kommt Wenzel ins Reich. Dann wird ja doch alles anders.«

Jakob blickte seinen Vater zweifelnd und bedenklich an. »Wenn du dich nur nicht täuschest, und wenn der träge König nur auch wirklich kommt!«

»Die Dinge stehen so, daß man ihm diesmal glauben kann. Und kommt er, so kann er nichts ohne die Städte und ihr Geld und ihre Hilfe. Dann kann ich alles wiedererlangen, was ich jetzt darangebe, ja, wer weiß, vielleicht gewinne ich noch viel dazu.«

So kam es, daß in Mergentheim der Friede binnen weniger Stunden geschlossen ward. Der Burggraf sträubte sich zwar gewaltig, aber er mußte bald einsehen, daß er völlig verlassen war. Das Schutzherrnrecht über Rothenburg ward ihm zugestanden, im übrigen aber gewann er nichts. Seiner fürstlichen Ehre, so hieß es, geschehe vollkommen Genüge, wenn das in Fortfall komme, was ihn beschwert und gereizt habe, und was die Kosten anbetreffe, so habe er ja das Gebiet der Stadt gebrandschatzt, daß die Hälfte der Dörfer in Asche läge. Die Stadt sei nicht unterlegen, deshalb könne auch niemand verlangen, daß sie sich von ihren Feinden frei kaufe und was dergleichen für ihn sehr unerfreuliche Reden mehr waren. Kurz, es lag am Tage, daß er nachgeben mußte, wenn er nicht bei Erneuerung der Feindseligkeiten den Marbacher Bund gegen sich haben wollte.

So fügte er sich denn in das Unvermeidliche, und im großen Remter der Deutschherrn-Kommende ward unter dem feierlichen Geläute aller Glocken der Stadt der Friede verbrieft und beschworen.

Der alte trunkfeste Komtur lud darauf in der Freude seines Herzens die sämtlichen Herren zu einem fröhlichen Trinkgelage ein, aber zu seinem Erstaunen lehnte sowohl der Burggraf wie Topler die Einladung höflich ab. Die Rothenburger wollten noch vor der Nacht ihre Stadt erreichen, und den Burggrafen verlangte nicht, mit denen beim Becher zu sitzen, die ihn um die Früchte seiner Mühe gebracht hatten.

So ritt erst Topler aus den Toren des Schlosses von dannen, und fünf Minuten später folgte ihm das burggräfliche Reitergeschwader nach. Beide hatten eine lange Strecke denselben Weg, das Taubertal aufwärts mit seinen zahlreichen Windungen und Krümmungen. Manchmal verlor Friedrich, der mit Seckendorff an der Spitze seiner Leute ritt, die Voranziehenden ganz und gar aus den Augen, aber wenn eine Wegbiegung umritten war, sah er jedesmal die Spitzen ihrer Lanzen in der hellen Februarsonne wieder aufblinken.

»Sieh, Seckendorff!« hub er nach einer Weile an, »ist dieser Ritt nicht geradezu ein Sinnbild? So ziehe ich diesem Manne nach seit langer Zeit, komme ihm manchmal näher, manchmal ferner, kann ihn aber nicht erreichen.«

»Euere fürstliche Gnaden können jetzt wenigstens dessen gewiß sein, daß die Sache bald ein Ende hat.«

»Du meinst, er muß sich nächstens entscheiden?«

»Daran ist kein Zweifel, Herr. Die Ratsherren Seehöfer und Creglinger haben sich im geheimen erboten, dem Herrn Könige zu beweisen, daß der Topler mit Wenzel von Böhmen Böses spinnt. Gelingt ihnen der Beweis, so wird der König den Topler vor sein Gericht fordern, und so wie ich ihn kenne, wird er sich dem Gerichte des Königs nicht stellen. Dann muß sich zeigen, ob die Stadt ihm zuliebe die Acht zum zweiten Male auf sich nimmt. Wäre das früher vielleicht geschehen, jetzt glaube ich nicht mehr daran.«

»Ich auch nicht,« pflichtete der Burggraf ihm bei. »Ein guter Teil des Volkes scheint von ihm abgefallen zu sein.«

Seckendorff nickte. »Die Sache steht somit gut für Eure fürstlichen Gnaden. Denn schützen sie ihn nicht, und fährt er als ein Ächter aus der Stadt, so findet er auch schwerlich in Nürnberg eine Stätte. Er muß dann ins Elend ziehen, oder mit Eurer Hilfe die Herrschaft in der Stadt behaupten, wodurch er auch gleich wieder beim Könige in Gnade käme.«

»Und das wird er dann doch wohl lieber wollen, als ins Elend fahren. Siehst du, Seckendorff, jetzt lautet dein Spruch schon ganz anders, denn früher. Du meintest immer, er werde sich mir auf jeden Fall versagen.«

»Man kann nimmer voraussehen, was eintritt, Herr,« erwiderte der alte Ritter vorsichtig. »Wer konnte ahnen, daß er noch mit dem Wenzel konspiriert?«

»Das ist mir selber unbegreiflich, und kaum vermag ich's zu glauben!« rief der Burggraf. »Wie kann ein Mann von so großen Gaben und so scharfem Blick noch irgendeine Förderung erwarten von dem wüsten Trunkenbold in Prag!«

»Gerade die klügsten Leute haben oft eine kranke Stelle in ihrem Hirn. Sie sehen dann in einem Punkte nicht, was alle Welt sieht, während sie im übrigen alle Welt weit überblicken.«

»Nun, dem sei, wie ihm wolle,« sagte Friedrich nach einigem Besinnen. »Jedenfalls wollen wir die Dinge in Rothenburg aufs schärfste im Auge behalten. Ich habe Egloffstein, der in Heidelberg beim Könige ist, demgemäß Anweisung gegeben. Auch das Geringste, was er dort über den Topler und seinen Handel erfährt, soll er mir unverzüglich mitteilen. Denn ich merke: Komme ich nicht durch den Topler in die Stadt, so komme ich überhaupt nicht hinein.«

Während dieses Gespräches hatte man die Rothenburger aus den Augen verloren, und vergebens spähte der Fürst nach ihnen aus, als er das Städtchen Weitersheim mit seiner Schar durchritten hatte.

Topler war aus dem Tale abgebogen und ritt nun über die Höhen dahin auf Creglingen zu. Er schnitt dadurch einen großen Teil des Weges ab, und das war ihm sehr lieb. Es drängte ihn, heimzukommen, denn schon seit längerer Zeit hatte er das Gefühl, daß es für ihn nicht wohlgetan sei fern von der Stadt zu verweilen.

Als er durch das Klingentor ritt, war die Dunkelheit bereits hereingebrochen. Der Himmel hatte sich mit grauen Wolken bedeckt, und große Schneeflocken rieselten hernieder, so daß die Männer und ihre Pferde wie in weiße Mäntel eingehüllt erschienen. Trotzdem herrschte starkes Leben und Treiben auf den Straßen, die Trinkstuben waren hell erleuchtet, wie die meisten Fenster der Bürgerhäuser. Es sah aus, als werde hier ein Fest gefeiert, und als er den Torbogen passiert hatte, durch den man unter Sankt Jakobi dahinreiten kann, klang ihm vom Rathause her rauschende Musik entgegen.

»Peter Nusch,« redete er einen Vorübergehenden an, »komm einmal her. Was ist hier los? Was sollen die Lichter und was die Musik?«

Der alte Bürger starrte ihn mit offenem Munde an. »Das wisset Ihr nicht, Herr? Der hochedle Rat hat heute früh ausrufen lassen, daß der König die Acht weggenommen habe von unserer Stadt. Die Abgesandten des Herrn Königs sind noch in der Stadt.«

»So, so! Es ist gut,« entgegnete Topler und ritt weiter. »Die Narren!« brummte er vor sich hin. »So viel Aufhebens zu machen um eine taube Nuß! Das alles ist ja nur leere Form.«

Mit einem verächtlichen Lächeln ritt er am Rathause vorüber, verabschiedete seine Leute auf dem Markte und begab sich nach Hause.

»Nun, du bist ja nicht zum Abendtanze, den der Rat angeordnet hat?« redete er seinen Sohn an, der ihm auf der Diele seines Hauses entgegentrat. Und ärgerlich setzte er hinzu: »Man hätte mit dieser Festlichkeit ohne Gefahr noch einen Tag warten können, oder auch zwei Tage. Ich bringe den Frieden mit, und er ist nicht unehrenhaft für die Stadt, trotzdem ein Dritteil des Römischen Reiches gegen uns im Felde gestanden. Das ist denn doch eine andere Ursach' zu feiern, als weil der Pfälzer seine Acht von uns abgetan!«

»Es wird den Leuten so dargestellt, Vater, als habe der Friede nur deshalb kommen können, weil der König die Acht zuvor aufgehoben habe. Eher habe der Burggraf nicht Frieden machen können.«

Heinrich Topler lachte dröhnend auf. »Gerade umgekehrt ist es!« rief er. »Der König, wissend, daß der Burggraf nachgeben müsse, hat eiligst die Acht aufgehoben. Denn er meinte, nunmehr mit seinem Popanz lächerlich zu werden.«

»Natürlich, Vater, so ist es und nicht anders. Aber warum, meinst du, sprengt man das falsche Gerücht aus unter den Leuten? Um dir zu schaden, Vater. Wir wußten, daß der Seehöfer und der Creglinger vor mehreren Tagen verritten waren, wie es hieß, nach Dinkelsbühl. Jetzt rühmen sich die beiden ganz laut, daß sie beim Könige waren. Und des Königs Abgesandter, der von Weinsberg, hat das heute früh im Rathause bestätigt und wohnt auch beim Creglinger. Ich meine, heute abend wird die Gesundheit der beiden in allen Trinkstuben ausgebracht.«

Der Bürgermeister hatte während dieser Rede seines Sohnes sich des Harnisches entledigt und ein weiches wollenes Hausgewand übergeworfen. Indem er dann bemüht war, sich die schweren Reiterstiefeln abzuziehen, sagte er kalt: »Wir wollen ihnen für heute abend die Ehre gönnen. Indessen sehe ich, daß dies Wesen nicht länger gehen kann. Sie graben mir das Wasser ab, so ich fürderhin untätig zuschaue. Du und Kaspar könnet morgen am Tage die Zunftmeister für den Abend um sechs Uhr zu mir ins Haus laden. Heute aber, mein Sohn, rate ich dir eins: Zum Tanze kannst du nicht gehen, da du dein Weib nicht mitbringen kannst und es nicht Sitte ist, daß ein Verheirateter ohne seine Ehefrau erscheint. So gehe auch nicht in des Rates Trinkstube, sondern in die Trinkstube der Zünfte. Es kann uns nur nützlich sein.«

»Ich verstehe dich, Vater, und werde eilend gehen,« erwiderte Jakob. »Und du? Willst du daheim bleiben?«

Der Bürgermeister dehnte sich und gähnte. »Gestern nach Mergentheim geritten, bis in die Nacht bei den deutschen Herren gezecht, heute vormittag scharf verhandelt, dann wieder zurück – nein, ich gehe heute nicht mehr aus, warte, bis die Mutter die Abendsuppe bringt und lege mich dann nieder. Ich sehe die hochedeln Herren noch morgen früh zeitig genug, denn um acht Uhr ist Ratssitzung.«

Jakob wünschte ihm gute Nacht und ging ab. »Höre, Jakob!« rief ihm sein Vater nach, »ihr könnt, während ich auf dem Rathause bin, bei den Meistern herumgehen. Wenn ich heimkomme, erstattest du mir Bericht!«

Am andern Morgen, als das Glöcklein erklang, schritt Heinrich Topler auf das Rathaus. Er wollte den ehrbaren Herren die Friedensurkunde vorlegen, die er gestern im Namen der Stadt unterzeichnet hatte und war darauf vorbereitet, etwaige hämische Glossen Seehöfers und seiner Genossen mit scharfen Worten zurückzuweisen.

Aber die Sache kam ganz anders. Nur wenige Ratsherrn waren in dem Saals anwesend, – seine nächsten Freunde und Verwandten, sonst niemand. Und auf seinem Sitze lag ein Brief, der war geschrieben von Seitz Eberhardts Hand und von vielen Ehrbaren unterzeichnet. Darin stand, man werde an keiner Sitzung teilnehmen so lange, bis der eine Mann die Gewalt in die Hände des Rates zurückgelegt habe, die ihm nunmehr nicht länger gebühre. Bis dahin sei der Rat nur ein Spott, eine Komödie, an der sie nicht teilnehmen wollten.

Wahrend des Lesens stieg dem Bürgermeister Zornesröte ins Antlitz, und als er geendet hatte, rief er heftig: »So tagen wir ohne sie! Wer sich selbst ausschließt, hat kein Recht, daß wir Rücksicht nehmen auf ihn. Wer nicht da ist, der mahlet nicht mit.«

Die Anwesenden waren's zufrieden, aber wohl war keinem bei der Sache, und beim Heimgehen fragten Peter Northeimer und einige andere ihren Freund verlegen und bekümmert, was nun werden solle.

»Geduldet Euch nur noch einige Tage, liebe Gesellen!« gab Heinrich Topler zur Antwort. »Dann will ich ein neues Spiel anrichten in Rothenburg und ein Liedlein singen, das allen denen in die Ohren gellen soll, die mir jetzt die Anhörung weigern.«

Aber als er daheim seine Schreibstube betrat, wartete sein Sohn auf ihn mit leichenblassem Gesichte und rief ihm mit halberstickter Stimme entgegen: »Es ist alles aus, Vater! Die Meister wollen nicht kommen!«

Der Bürgermeister blickte Jakob an, als ob er irre rede. »Wollen nicht kommen?« wiederholter er stammelnd. »Wollen nicht kommen? Was heißt das?«

»Das heißt, die Schurken sind von deinen Feinden gewonnen, betört und beschwatzt oder auch gekauft, wie der Kaspar gehört haben will. Dem Kräftlin zum Beispiel sollen zwölfhundert Gulden geboten sein, dem Neidhardt noch mehr. Bei mehreren ist es nicht geglückt, die versprachen zu kommen, aber viele hatten einen Vorwand, andere sagten zu, aber wir sahen gleich, sie kommen doch nicht. Ach, Vater, was sollen wir jetzt tun?«

Heinrich Topler war vor dem Tische in einen Stuhl gesunken und verbarg sein Gesicht in den Händen. »Verloren!« schrie es in ihm, »verraten, überlistet!« Der Boden, auf dem er stand, war unterwühlt, im Dunkeln, im Geheimen hatten seine Feinde gearbeitet, und es war ihnen gelungen. Hatte er die Zunftmeister nicht mehr in der Hand, kehrten sie sich etwa gar gegen ihn, so war er der Rache der Geschlechter verfallen. Dann blieb ihm nur dle Flucht oder der Burggraf.

»Vater, was sollen wir tun?« rief Jakob Topler zum zweiten Wale.

Da hob er das Haupt, und ohne seinen Sohn anzusehen, sagte er: »Gehe jetzt. Ich muß überlegen. Ich lasse dich rufen, wenn ich's überdacht habe.«

XI.

Heinrich Topler hatte sich in seine Schreibstube eingeschlossen, erschien nicht zur Mittagsmahlzeit und ließ keinen Menschen zu sich herein. Er konnte mit niemandem reden, und kein Mensch konnte ihm einen Rat geben, auch der Vertrauteste nicht. Was jetzt zu tun sei, mußte er ganz allein entscheiden.

Soviel stand fest: Auf das Volk konnte er sich nicht mehr stützen, die Stimmführer der Bürgerschaft, die einflußreichsten Männer, denen die anderen zu folgen pflegten, waren zum größten Teil zu seinen Widersachern übergegangen. Wahrscheinlich hatten die Ehrbaren Geld zusammengeschossen, um sie dadurch für sich zu kaufen, und bei den meisten war ihnen das gelungen.

Einen Augenblick fuhr ihm der Gedanke durchs Hirn, seinen eigenen Reichtum ins Feld zu führen und sie zu überlisten, aber er ließ ihn sogleich wieder fallen. Er war doch schließlich nur einer gegen die vielen, und wenn er seine Kinder zu Bettlern machte, so half ihm das wahrscheinlich nicht das geringste.

Aber welcher Haß und welche Erbitterung gegen ihn mußte in den Seelen dieser Leute leben, wenn sie zu solchem Mittel griffen! Hätte er's nicht längst schon gewußt, so hätte ihm das deutlich zeigen müssen, was ihm von ihrer Rache bevorstand. Ein anderer konnte nach Niederlegung seiner Ämter ruhig und unangefochten in Rothenburg leben, er nimmermehr. Hatte er die Macht nicht mehr in der Hand, brauchten sie ihn nicht mehr zu fürchten, so würden sie ihn anklagen um all dessen willen, was er im Laufe der langen Jahre eigenmächtig für die Stadt getan hatte. Es war ja mancherlei darunter, was nicht zum Nutzen ausgeschlagen war. Daraus würden sie ihm einen Strick drehen, und der giftigste Haß würde über ihn das Urteil sprechen.

Wollte er also die Herrschaft und das Leben behalten, so blieb ihm nur noch der Burggraf.

Er sprang auf, und seine Augen sprühten. Ja, der blieb ihm noch. Er brauchte nur einen Vertrauten nach der Kadolzburg zu senden, so stand in einer der nächsten Nächte Friedrich von Nürnberg mit ein paar hundert Pferden vor dem Rödertore. Am Morgen wachten dann die Rothenburger als burggräfliche Untertanen auf, er leistete den Huldigungseid und war von der Stunde an zwar Vasall des Zollern, aber auch erblicher Herr der Stadt und ihres Gebietes. Dann wurden seine Feinde vertrieben, ihre Güter eingezogen, und der gemeine Mann ließ sich vielleicht für die neue Ordnung der Dinge gewinnen oder wurde durch die Furcht im Zaume gehalten. Dann konnte er endlich einmal reinen Tisch machen mit denen, die ihn seit Jahrzehnten befeindeten und alles, was er je getan hatte, mit ihrem Neide verfolgten und mit übler Nachrede begeiferten. Der Burggraf, das wußte er, würde ihm freie Hand lassen, er würde ihn nicht wie einen Vasallen halten, sondern wie einen vertrauten Freund, und kein Mensch würde im Rate des Fürsten auch nur annähernd so viel gelten wie Heinrich Topler von Rothenburg.

Freilich ein Vasall war und blieb er dann trotz alledem. Die Tage waren vorbei, da er sich in übermütigem Trotze einen König von Rothenburg hatte nennen dürfen. Aber sie waren ja auch dann vorüber, wenn er sich dem Burggrafen nicht unterwarf, ja dann wurde erst recht die Krone, die er getragen, herabgerissen von seinem Haupte, und sein Königsmantel ward unter dem Gespött des Pöbels von seinen Feinden zerfetzt und in den Kot getreten. So blieb er doch wenigstens hier der Herr und sein Sohn nach ihm, und hatten nicht schon wirkliche Könige ihre Krone von anderen, Mächtigeren zu Lehen genommen?

Nur ein paar Federzüge kostete es ihn, dann war die Rache an seinen Feinden und die Herrschaft über die Stadt in seine Hand gegeben. Und nach beiden schrie seine Seele.

Wie ein wilder Sturm brausten Zorn und Rachedurst und Machtbegier in seinem Innern auf, es war ihm, als lege sich ein blutroter Nebel über seine Augen, und mit einem harten, steinernen Ausdrucke in seinem Antlitz streckte er die Hand nach der Schreibfeder aus, die auf dem Tische lag.

Aber plötzlich sank sie schlaff zurück, und er starrte entsetzt nach der Tür hin. Er hatte offenbar in seinen überreizten Sinnen eine Vision, denn der da hereintrat, war kein Mensch von Fleisch und Blut, der schwere Eisenriegel lag ja vor der Pforte. Dennoch sah er mit einem Male seinen Freund Peter Northeimer vor sich stehen, den Treuesten seiner Treuen, den Wann ohne Falsch, den er werter hielt als irgendeinen anderen in der Stadt. Der blonde Riese trat vor ihn hin, und seine Augen ruhten auf ihm in qualvoller Trauer und zugleich mit einer furchtbaren Verachtung. Und es war ihm, als kämen Worte aus dem Munde der Erscheinung, die lauteten: »Heinz Topler, hast du auch an uns gedacht, an deine Freunde, deine Verwandten? Wir sind freie Bürger, willst du uns zu Knechten machen? Wir haben dir vertraut, wir haben dich hoch gehalten, du warst unser Führer und Hort und willst uns nun verraten? Und hast du derer gedacht, die nach uns kommen, unserer Kinder und Kindeskinder? Dein Blut und unser Blut – willst du es zu Herrenfrohn bestimmen? Und, Heinrich Topler, hast du deiner Eide gedacht? Hast du vergessen, was du der Stadt geschworen in Sankt Jakobi? Treu warst du dein Leben lang deinen Freunden und deiner Stadt, willst du nun treulos und meineidig werden?«

Der Bürgermeister starrte mit verglasten Augen die Erscheinung an, bis sie vor seinen Blicken in Luft verschwamm. Dann stieß er einen wilden Schrei aus und stürzte besinnungslos zu Boden.

Als er nach einigen Minuten wieder zu sich kam, erhob er sich schwerfällig und setzte sich auf seinen Stuhl. Von neuem begann er nun nachzudenken über seine Lage, aber was ihm eben noch wie ein gangbarer Ausweg erschienen war, das dünkte ihm jetzt mit einem Male völlig unmöglich zu sein. Ein Entsetzen befiel ihn über sich selbst, daß er sich bis zur Untreue und zum Verrate in seinen Gedanken hatte verwirren können. Nein, dazu war er, Heinrich Topler, doch nicht imstande, er konnte das stolze Werk seines Lebens nicht selbst wieder halb zertrümmern, indem er die freie Reichsstadt, die er so hoch erhöht hatte, zur Magd eines Fürsten machte. Noch weniger konnte er meineidig und untreu werden. Er hatte im Laufe seines Lebens manches getan, was schwer auf seiner Seele lag, aber jederzeit war das sein Stolz gewesen und seine Rechtfertigung vor sich selbst, daß er alles getan habe zu Ehr und Nutzen seiner Stadt. So sollte es bleiben, mit diesem Bewußtsein wollte er sterben, wenn gestorben sein mußte. Viel besser als ein durch Treulosigkeit geschändetes Leben war doch der Tod, und der war überdies wohl noch zu vermeiden. Es gab einen Ausweg, der allerdings den völligen Verzicht auf Rache wie auf Herrschaft bedingte: Er mußte stadtflüchtig werden. Und so hart es ihn ankam, er wollte auch dieses größte Opfer darbringen für seine Stadt.

Mit blitzenden Augen stand er auf. Er hatte sich selbst wiedergefunden, ja er wuchs über sich selbst hinaus in dieser Stunde. Alles, was groß und edel in ihm war, keimte empor, breitete sich aus, rankte höher und höher hinauf, trug Blüte und Frucht und überwucherte und erstickte alles Eigensüchtige und Kleine in seiner Seele. Nie hatte er sich so stolz und groß gefühlt wie in diesem Augenblicke, da er sich zu dem Entschlusse durchgerungen hatte, aller äußeren Größe zu entsagen.

Mit festen Schritten ging er zur Tür, rief den Knecht und befahl ihm, zu seinem Sohne und Schwiegersohns zu gehen und sie herbeizuholen.

»Sie warten schon lange unten,« ward ihm zur Antwort.

»So sage ihnen, sie sollten mit meiner Frau zu mir kommen,« befahl er.

Als die Gerufenen erschienen waren, gebot er ihnen, sich niederzusetzen und ihn anzuhören. Er lehnte sich an den großen Kachelofen ihnen gegenüber und begann zu sprechen, ruhig, als rede er über eine gleichgültige Angelegenheit. Er legte ihnen seine Lage dar, zeigte ihnen, wie er zurzeit von seinen Feinden bedrängt und bedroht werde, und wie er ohne blutigen Kampf, dessen Ausgang noch dazu wahrscheinlich ungünstig sein werde, die Herrschaft in der Stadt nicht behaupten könne. Nur vom Burggrafen erwähnte er kein Wort, damit nicht etwa sein Sohn iu ihn dringe, die Hilfe des Fürsten anzurufen, denn er kannte seinen Ehrgeiz und ebenso seine Liebe zu ihm. »Nach dem allen«, so schloß er seine Rede, »sehe ich ein, daß es das Beste ist, wenn ich aus der Stadt weich«. Ich könnte nach Ulm, nach Augsburg, nach Nördlingen gehen, ja, es würde mir wohl keine Gemeine die Aufnahme weigern. Aber Nürnberg liegt mir am nächsten und dort habe ich die festesten Freunde. So bin ich denn entschlossen, nach Nürnberg zu ziehen.«

Hier schrie sein Sohn laut auf, und seine Frau stürzte auf ihn zu und umschlang ihn mit heißen Tränen. »Fort von hier, wo wir so glücklich waren?« rief sie. »Das hältst du nicht aus, Mann, darüber gehst du zugrunde.«

»Ich bin von hartem Holze,« erwiderte er, »und gehe so leicht nicht zugrunde. Auch will ich euch sagen, daß ich nicht ohne Hoffnung gehe. Es ist noch nicht aller Tage Abend, und kommt Wenzel ins Reich, so wird vieles anders. Aber selbst wenn er nicht käme, hier, das weiß ich, gehen die Dinge nicht lange gut ohne mich. Bliebe auch der Friede erhalten, im Innern wird Unfriede sein, sobald ich fort bin. Da bricht der Streit los zwischen den Geschlechtern und denen von den Gemeinen, und wer weiß, ob sie mich nicht zurückholen. – Wenn das Geld verausgabt ist, um das sie mich jetzt verraten,« setzte er bitter hinzu.

Dann wandte er sich zu den beiden jungen Männern, die wie betäubt dasaßen und ergriff sie bei den Händen. »Tragt das Geschick, wie es tapferen Männern ziemt,« sagte er. »Du, Kaspar, bleibst ruhig hier in Rothenburg, es wird dich niemand anfechten. Dagegen du, Jakob, mußt freilich zunächst mit uns gehen, denn dir sind viele feindlich wie mir selbst. Aber sei getrost, es wird nicht allzu lange währen, dann kehrest du zurück.«

»Ohne dich, Vater, nimmermehr! Ach, gibt es wirklich kein Mittel, uns hier zu halten wider unsere Feinde?«

»Keins, das wir mit Ehre gebrauchen dürften,« erwiderte der Bürgermeister ernst. »Und nun lasse das Klagen, das doch nichts mehr nützt. Wir wollen beraten, was wir tun müssen.«

Bis in die Nacht saßen darauf die vier beisammen und besprachen sich darüber, was nun zu tun sei. Die Absicht, nach Nürnberg überzusiedeln, mußte strengstes Geheimnis bleiben, denn wenn die Feinde den Plan erfuhren, so war eine schnelle Gewalttat von ihnen zu befürchten. Sonst erschien es wenig wahrscheinlich, daß sie vor dem Termine der neuen Ratswahl die Sache auf die Spitze treiben würden, denn die Niederwerfung ihres Gegners war ohne Frage für sie viel leichter und ungefährlicher, wenn er nicht mehr Bürgermeister und Feldhauptmann war. So bestimmte Heinrich Topler den Montag nach Palmarum, den achten April, zum Tage der Flucht. Bis dahin sollten Geld, Schmucksachen, wichtige Dokumente, und was sonst des Mitnehmens wert war, in unauffälliger Weise aus der Stadt gebracht und in Nürnberg bei Freunden niedergelegt werden.

Sofort am anderen Tage begann der Bürgermeister, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Er selbst ritt nach Nürnberg und besprach sich mit einigen Vertrauten und kehrte am anderen Tage mit der Zuversicht heim, daß man ihn in der mächtigen Bruderstadt mit der größten Freude aufnehmen und wohl bald ihm einen Sitz im Rate einräumen werde. Darauf ritten in den nächsten Wochen Jakob Topler und Kaspar Wernitzer hin und wieder mit gefüllten Satteltaschen aus der Stadt, schlugen den Weg nach Würzburg ein oder Dinkelsbühl, landeten aber jedesmal in Nürnberg und kehrten unangefochten von dort zurück. Die Feinde in der Stadt rührten sich nicht, sie schienen in Wahrheit nicht die Absicht zu haben, vor dem ersten Mai einen Schlag zu führen, und an ein Entweichen des Verhaßten dachten sie offenbar gar nicht.

So sah es aus, als sollte der in aller Stille vorbereitete Plan gelingen. Da, am Freitag vor Palmarum, trat Kaspar Wernitzer sehr aufgeregt in seines Schwiegervaters Wohngemach ein. Es dunkelte schon stark, und die Lichter waren eben augezündet worden, so daß dem Bürgermeister die Verstörtheit im Aussehen des jungen Mannes nicht entging.

Eine böse Ahnung durchzuckte sein Hirn. »Was ist geschehen?« fragte er hastig.

»Ich ging eben an des Seehöfers Hause vorüber, Vater, da stiegen zwei von ihren Pferden. Der eine war ein Knecht, der andere aber – ich müßte mich sehr getäuscht haben, wenn das nicht der Kämmerer war, der den König im Sommer hierher begleitete.«

»Der Weinsberg?« rief Topler und atmete auf. »Daran ist nicht zu denken, Kaspar. So mächtig ist dieser König nicht, daß sich sein Kämmerer ohne freies Geleit in unsere Stadt dürfte wagen. Und freies Geleit ist nicht nachgesucht und nicht gewährt worden. Ich danke dir, aber gehe ruhig heim.«

Noch eine andere Warnung flog den Toplern ins Haus.

Frau Agnes wollte um die Mittagsstunde des folgenden Tages eben in das kleine Ziergärtlein gehen, das hinter ihrem Hofe lag, um nach den Veilchen zu sehen und schritt deshalb die Treppe zur Toreinfahrt hinab. Da blieb sie plötzlich stehen und wurde blaß. Sie sah, wie eine hohe Frauengestalt durchs Hoftor verschwand, und sie hatte das weiße Gewand der Dominikanerinnen erkannt.

Es flirrte ihr vor den Augen, und ihre Hände krampften sich zusammen. Eine Schande war's, wie diese Nonnen leben durften, und daß es ihnen überhaupt erlaubt war, am Tage in der Stadt umherzulaufen! Und eine unerhörte Frechheit war's, daß dieses Weib es wagte, in das Gehöft einen Fuß zu setzen, in dem Jakob Topler mit seiner Ehefrau lebte! Natürlich hatte sie ihn gesucht, das ehrvergessene, schamlose Geschöpf, nun war sie davon geschlüpft, als sie sein Weib kommen sah.

Noch stand sie in solchen Gedanken, da trat der Knecht auf sie zu und hielt ihr ein Brieflein entgegen. »Das soll ich dem Herrn geben,« sagte er.

Sie riß ihm das Blatt aus der Hand. »Von wem?« herrschte sie ihn an.

»Von der frommen Schwester.«

»Du hast gesagt, daß der Herr in Nürnberg ist?«

»Und daß er des Abends erst wiederkommt,« versetzte der Knecht.

Agnes begab sich in ihr Gemach zurück und schleuderte den versiegelten Pergamentstreifen hohnlachend auf den Tisch. »Da mag er die Botschaft darin finden. Ich rühre sie nicht an, will sein schmutzig Geheimnis nicht wissen. Aber bei ihm bleiben will ich auch nicht!« Und wie irrsinnig wirtschaftete sie in ihren Gemächern umher, öffnete Kisten und Kasten und nahm allen möglichen Kram heraus, packte ihn zusammen und wickelte ihn dann wieder auseinander. So trieb sie's Stunde für Stunde und achtete es nicht, daß darüber der Tag hinging und das Abenddunkel herniedersank.

Plötzlich schrak sie auf. Der helle, scharfe Ton einer Glocke klang aus der Ferne an ihr Ohr. Das erinnerte sie an die Stunde; da sie zum ersten Male Kunde erhalten hatte von dieser Armgard, die nun ihr Leben vergiftet hatte. Es war ihr, als hörte sie wieder die Liebesbeteuerungen ihres Mannes, die falschen, gleißnerischen Worte, die sie betört hatten. Da lachte sie noch einmal gellend auf, warf sich auf ihr Bett und starrte mit brennenden Augen zur Decke empor.

Noch ein anderer war bei den Tönen dieses Glöckleins erschrocken aufgefahren, ihr Schwiegervater, der Bürgermeister. Die Ratsglocke – wer läutete die jetzt am Abend? Was sollte das bedeuten? Es mußte eine sehr gewichtige Ursache haben, wenn sie der Bürgermeister des äußeren Rates oder einer der Ratsherren anschlagen ließ zu so ungewöhnlicher Stunde. Nur wenn der Stadt eine schwere Gefahr drohte, war das erlaubt; wer ohne Not die Glocke läuten ließ, verfiel in schwere Geldstrafe.

So mußte denn sich etwas Großes, Folgenschweres ereignet haben, wovon er noch nichts wußte, und er vergaß, daß er übermorgen dieser Stadt den Rücken kehren wollte, er dachte nur daran, daß ihr wahrscheinlich eine Gefahr drohe, und daß er da auf seinem Posten sein müsse. Er kleidete sich hastig an, warf den Mantel über, stülpte sich die Mütze aufs Haupt und ohne den Seinen Lebewohl zu sagen, eilte er nach dem Rathause.

Als er den Hof betrat, der sich vor dem Eingange zum großen Saale ausdehnte, sah er zu seinem höchsten Erstaunen, daß der ganze Platz mit Menschen angefüllt war. Es wären lauter Ehrbare, meist jüngere Männer, Söhne und Brüder der Herren vom Rate, die da drinnen tagten.

Befremdet und entrüstet blickte er sich um, denn es war streng verboten, daß sich jemand bei währender Sitzung vor den Türen des Rathaussaales herumtrieb. Rauh und heftig fragte er daher einen, der ihm zunächst stand: »Was soll das, Ernst Offner? Was sucht ihr hier?«

Der lange, semmelblonde Lümmel grinste ihn höhnisch an und spuckte aus, gab aber keine Antwort, während ringsum ein lautes, dumpfes Murren erscholl.

Zornig faßte ihn der Bürgermeister an der Brust. »Willst du antworten, junger Laffe?« schrie er ihn an.

»Drauf! Packt ihn!« brüllte der Lange und umklammerte Toplers Hand. Ein anderer faßte ihn von hinten und riß ihn nieder, drei, vier warfen sich im Nu auf den Liegenden, hielten ihm Arme und Beine fest und banden ihm die Hände mit Stricken zusammen.

Das alles war blitzschnell geschehen, und der Bürgermeister hatte dabei nicht einen Laut ausgestoßen. Er war in die Falle gegangen, von Feinden rings umgeben – was sollte er schreien und um Hilfe rufen?

Sie zerrten ihn die Stufen empor, die Türen des Saales flogen auf, und man stieß ihn hinein. Sein erster Blick fiel auf Northeimer und Spörlein, die an Händen und Füßen gefesselt am Boden lagen. An seinem Platze aber stand Walter Seehöfer und neben ihm, ganz in Eisen gekleidet, der königliche Kämmerer von Weinsberg.

Man drängte den Bürgermeister vorwärts, bis er dicht vor Seehöfer stand. »Heinrich Topler,« rief der mit funkelnden Augen und schneidender Stimme, »du bist der Felonie angeklagt!« Er wies auf zwei Schriftstücke, die auf dem Tische lagen. »Briefe von dir an Wenzel, den Böhmen! Bekennst du, daß du sie geschrieben hast?«

Topler warf seinem Feinde einen Blick zu, unter dem dieser zusammenzuckte. Dann wandte er sich an den Ritter und sprach, noch keuchend von dem Kampfe, der vorausgegangen war: »Ob ich schuldig bin wegen meiner Schreiben an Wenzel, das zu urteilen, steht dem Könige zu, und ich bin bereit, dem Gerichte des Königs darauf zu antworten. Diesem Schurken hier antwort' ich nicht mit einer Silbe.«

»Toplerl« kreischte Seehöfer wütend. »Hüte dich! Es liegen auch andere Dinge gegen dich vor, die vor der Stadt Gericht gehören. Du hast die Stadt genug geschädigt dein Leben lang.«

Der Bürgermeister lachte grell auf. »Geschädigt? Ehrbare von Rothenburg, es sind viele unter Euch, die graue Haare tragen. Sie wissen, was diese Stadt war, bevor ich aufkam, und was sie jetzt ist. Und noch viel größer stände sie da, hätt' ich gekonnt, wie ich wollte. Aber Euer Haß, Euer Neid, Eure Feigheit–- –- –-« er kam nicht weiter, denn ein ungeheurer Tumult erhob sich. Geschrei, Flüche und Verwünschungen erschollen von allen Seiten, manche drangen sogar mit erhobenen Fäusten auf den Gefesselten ein.

»Ratsgesellenl« rief Seehöfer, als der Sturm sich etwas gelegt hatte. »Seid Ihr's zufrieden, daß wir diesen hier und seine Kumpanen in das Ratsgefängnis legen?«

»Jawohl. Fort mit den Verrätern!« schrie es von allen Seiten. Noch einmal richtete sich Topler auf und versuchte zu reden, aber er ward niedergebrüllt und vermochte sich nicht mehr verständlich zu machen. Da preßte er die Lippen fest aufeinander und ließ sich, ohne Widerstand zu leisten, hinab in den Kerker führen.

Als die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war, da wurde es still im Saale und immer stiller, bis zuletzt ein drückendes Schweigen über der ganzen Versammlung lag. Die Ehrbaren sahen sich gegenseitig verwirrt und verdutzt an, als käme ihnen die ungeheure, verhängnisvolle Tat, die sie eben vollbracht hatten, jetzt erst zum Bewußtsein.

Da erklang scharf und durchdringend die Stimme des Edeln von Weinsberg: »Diese Abführung, Ihr Herren, kann nur eine vorläufige sein, und hütet Euch ja, Euch an dem Manne zu vergreifen! Er gehört vor des Königs Gericht, denn gegen das Reich hat er gefrevelt.«

»Seid versichert,« erwiderte Seehöfer mit einem bösen Lächeln, »wir werden ihn dem Geschicke nicht entziehen, das er verdient. Aber nun auf, Offner und Eberhardt, zu des Goldschmieds Haus und zu Wernitzer! Heute werden alle Topler festgesetzt und die zu ihnen halten. Den letzten fangen wir in ein paar Stunden unterm Rödertore, wenn er von Nürnberg heimkehrt.«

Während das alles geschah, hatte Frau Agnes Topler in einem seltsamen Zustande auf ihrem Lager gelegen. Wachte sie oder träumte sie? Waren die wirren, schreckhaften Bilder, die an ihrem Geiste vorüberzogen, Wirklichkeit, oder waren sie Ausgeburten eines kranken Hirns? Sie war doch wohl krank, denn zum mindesten das Bild, das jetzt vor ihren Augen stand, konnte unmöglich Wirklichkeit sein. Es war ihr, als öffne sich die Tür und als erscheine in ihrem Rahmen die hohe Gestalt ihrer tödlich verhaßten Feindin, blickte sie finster und drohend an und schritt langsam ihrem Lager näher.

Mit einem Schrei fuhr sie empor, und gleich darauf stand sie auf den Füßen und streckte wie zur Abwehr beide Hände vor sich hin. Denn es war kein Traum, kein Spuk – Armgard Seehöfer stand vor ihr.

Die beiden Frauen blickten sich schweigend an, als fürchteten sie sich voreinander. Dann fragte die Nonne: »Habt Ihr Euren Mann gewarnt? Ihm mein Brieflein nachgesandt?«

»Gewarnt? Wovor? Was redet Ihr? Mein Mann ist in Nürnberg, kommt diese Nacht zurück!«

»Das wolle Gott nicht, daß er diese Nacht zurückkommt! Er würde dann in seiner Feinde Hände fallen.«

Frau Agnes schaute sie schreckenstarr an. Was um Gottes willen sollte das bedeuten? Ihre eifersüchtige Wut war mit einem Male einem großen Angstgefühl gewichen. »Ich verstehe Euch nicht,« stammelte sie.

»Ich schrieb doch auf den Brief, daß Ihr ihn müßtet sogleich nachsenden, denn ich wußte wohl, daß Jakob Topler verritten sei.«

»Ich habe Euren Brief nicht angesehen, drin liegt er auf dem Tische.«

Armgard trat einige Schritte zurück und ward noch bleicher, als sie schon war. »So ist er verloren,« murmelte sie. Dann schrie sie laut: »Unglückliche! O über Eure blöde Narrheit! Wisset, heute geht's zu Ende mit den Toplern in Rothenburg, Euer Schwiegervater ist gefangen und alle, die ihm versippt sind. Euren Mann wollen sie greifen, wenn er heimkehrt. O mein Gott! Meint Ihr, ich will etwas von Jakob Topler? Ich wollte nur, daß der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe, nicht im Kerker verfault oder gerichtet wird.«

Agnes war in die Knie gesunken und blickte mit weitgeöffneten Augen zu ihr empor. Zu reden vermochte sie nicht.

»Die Stadt ist verwahrt,« sagte Armgard nach einer Weile. »Es kommt keiner mehr heraus. Aber es gibt noch einen Weg, ihn zu retten.« Damit wandte sie sich und eilte hinaus.

Agnes lag noch immer auf ihren Knien, zermalmt von Scham und Reue. Wie Schuppen fiel es von ihren Augen: Sie hatte klein, erbärmlich sich gezeigt, niedrig gedacht von ihrem Manne und diesem Mädchen, das höher stand als sie selbst, und nun kam die Strafe. Durch ihre wahnsinnige Eifersucht hatte sie es verschuldet, daß die Jungfrau, die ihre Kindespflicht verletzte, die Gesetze ihres Klosters übertrat und ihren tödlich verwundeten Stolz überwand, um den Mann ihrer Feindin zu retten, nun das alles vergebens getan hatte. Aber vielleicht war es doch noch nicht zu spät! Vielleicht hatte der Himmel Erbarmen und nahm die Schuld von ihr, mit der sie nicht leben konnte.

Sie stand auf und wollte ihr nachstürzen, aber sie kam nicht weiter als bis auf den Vorsaal, dort sank sie schreiend zusammen.

Ihre Dienerinnen kamen erschrocken herbeigelaufen. »Ursel,« sagte die alte, erfahrene Gertrud, »hilf mir die Frau aufs Bett tragen. Und du, Margarete, springst zur Wehmutterl«

Unterdessen war Armgard zum nahen Rödertore geeilt. Etwa dreißig Schritte abseits davon befand sich ein kleiner Mauerturm, der einem steinernen Bienenkorbe ähnlich sah. Sie wußte von ihren Kinderjahren her, wie man hinaufgelangte, und klomm die Stiegen empor. Droben kniete sie nieder und betete immer wieder vor sich hin: »Heilige Mutter Gottes, hilf mir, daß mich niemand findet!«

So saß sie wohl eine Stunde und länger. Die rohen Scherze der Knechte drangen zu ihr herauf, dann sah sie, wie Seitz Eberhardt und viele andere Ehrbare mit Windlichtern herbeikamen.

Kurz darauf erklang von draußen der Hufschlag mehrerer Pferde.

»Lasset ihn herein und dann über ihn!« gebot Eberhardt.

Drüben jenseits des Grabens hielten die Reiter. »Wer ist da?« rief eine verstellte Stimme vom Tore her.

Aber ehe der jenseits Haltende antworten konnte, erklang es laut und hell von der Mauer: »Jakob Topler, rette dich, dein Vater ist gefangen, du kannst ihm nicht helfen. Sie wollen dich greifen, rette dich!«

»Ha! Armgard, Dank!« rief Jakob, wandte auf der Stelle sein Roß und jagte mit seinen, beiden Knechten zurück in die Nacht hinein.

Ein furchtbarer Lärm erhob sich drunten. »Was ist das? Verräter?« schrie es durcheinander, und einer der Knechte warf mit wildem Gebrüll seinen Spieß dahin, von wo der Ruf erklungen war. Er fuhr durch eine Mauerluke und bohrte sich der Jungfrau mitten in die Brust. Mit einem dumpfen Wehelaut fiel sie rücklings nieder.

Nun kam der Ratsherr Eberhardt die Stufen empor mit einem Lichte in der Hand und entblößtem Schwerte. Er beugte sich über die Liegende, fuhr aber entsetzt zurück. »Armgard! Mein Patenkind!« schrie er auf.

»Seyfried Eberhardt,« sagte die Sterbende, »mein Vater soll mir verzeihen. Ich konnte nicht anders. Und übe Christenpflicht, und sage der Frau, daß ihr Mann gerettet ist.«

Voller Schrecken und Trauer gelobte ihr das der Ratsherr.

Aber zu Frau Agnes Topler konnte er nicht vordringen. Während Armgard starb, war sie eines Knäbleins genesen und lag nun erschöpft in tiefer Bewußtlosigkeit.

XII.

Ungefähr zehn Wochen waren vergangen, seitdem Heinrich Topler in den Kerker gelegt worden war, und noch immer schmachtete er in dem Gefängnisgewölbe des stolzen Baues, in dem er einst als Herr gewaltet hatte. Zwar seine Feinde hätten ihn längst zu Tode gebracht, wenn es in ihrer Macht gelegen hätte. Schon am Tage nach seiner Verhaftung stellten sie ihn vor ihr Gericht und lasen ihm eine lange Anklageschrift vor, die nicht ohne Geschick abgefaßt war. Da ward ihm vorgeworfen, er habe wider der Stadt Recht ein heimliches Gericht in seinem Hause gehegt, er habe Geld aus Rothenburg nach Nürnberg geschafft, ohne es zu versteuern, er habe sich ein Dominat angemaßt und sich mit Fürsten und Herren gemein gemacht, auch mit dem Burggrafen um die Stadt gewürfelt, und was dergleichen Behauptungen mehr waren. Der Beklagte hörte alle diese Anschuldigungen schweigend an, und als man dann begann, ihn über die einzelnen Punkte zu befragen, da wandte er seinen Richtern und Anklägern den Rücken zu. Selbst die Bedrohung mit der Tortur fruchtete nicht das geringste, er fuhr fort, sich in stolzes Schweigen zu hüllen. Und vor der Anwendung der peinlichen Frage schrak man doch zurück. Denn sehr bald dämmerte den Ehrbaren von Rothenburg die Erkenntnis auf, daß sie mit einem Manne wie Topler doch nicht ganz nach eigenem Gutdünken verfahren durften und daß sie sich mit seiner Inhaftierung in einen bösen Handel eingelassen hatten.

Denn Feinde und Freunde der Stadt rührten sich sogleich. Zuerst lief ein scharfes Schreiben des Burggrafen ein, der als Schutzherr der Stadt und Landvogt in Franken verlangte, daß man den Gefangenen vor das Gericht des Königs stelle. Dieselbe Forderung erhob König Ruprecht selbst, und seine Gesandten führten eine gar hochfahrende Sprache. Sie drohten verblümt sogar mit der Acht, im Falle, daß man dem Willen des Königs widerstehe.

Die ehrbaren Ratsherren von Rothenburg wanden sich bei Anhörung dieser Botschaften verlegen auf ihren Stühlen hin und her. Man hatte dem Volke vorgespiegelt, Topler müsse fallen, um eine Erneuerung der Acht zu verhüten, und nun schien der Zorn des Königs erst recht aufzuflammen, wenn man ihm nicht den Willen tat und den Gefangenen auslieferte. Dazu aber wollten sich seine Feinde durchaus nicht verstehen. Sie fürchteten nicht mit Unrecht, er könne sich durch sein Geld und seine Klugheit wieder in Gunst bringen und ihnen dann gefährlicher werden als je zuvor. Auch wollte man lieber, daß die Stadt sich an seinem Vermögen bereichern sollte, als der goldhungrige König. So hielt man die beiden Fürsten einstweilen hin mit allerlei Versprechungen und höflichen Ausflüchten, es hatte jedoch sehr den Anschein, als würden sie nicht mehr lange mit sich spielen lassen.

Aber noch bittreren Verdruß und größere Schmerzen bereitete den nunmehr regierenden Herren die Haltung der verbündeten und befreundeten Städte. In Nürnberg hatte alles aufgeschrien vor Schreck und Zorn, als die unglaubliche Kunde ruchbar ward, und eine Botschaft ging an Rothenburg ab, die an Schärfe und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Ähnlich erklang's von den schwäbischen Städten her. Fast kein Tag verging, an dem nicht eine Gesandtschaft in die Stadt einritt, die den Rat um Freigebung des Gefangenen bittend oder auch drohend bestürmte.

So ward es seinen Feinden schwül und immer schwüler zumute. Was sollte schließlich noch aus dem Handel werden? Wie sollte man sich auf die Dauer dieses Andringens erwehren? König und Burggraf drohten, die Städte baten und drängten – schlug nun gar etwa die Stimmung in der Bürgerschaft wieder einmal um, so konnte die Sache einen Ausgang nehmen, den niemand geahnt hatte. Und der Teufel mochte dem wetterwendischen Volke trauen! Schon waren Anzeichen vorhanden, daß sich bei dem einen das Mitleid regte, bei den anderen die Erinnerung an die Großtaten des Mannes erwachte.

Kam aber der Topler wieder frei, so kam er auch jedenfalls wieder ans Ruder, und dann mochten seine Feinde sich für verloren halten.

Gedanken dieser Art schienen dem nunmehrigen Bürgermeister Walter Seehöfer durch den Kopf zu gehen, als er an einem schönen Junitage die Straße von Würzburg nach Rothenburg hinzog. Er saß auf einem bequemen Wagen, dem geharnischte Knechte vorausritten und folgten. Obwohl der Weg sehr holprig und steinig war, ging's ziemlich rasch vorwärts, denn die Gäule witterten die Nähe des heimischen Stalles. Auch schien der Bürgermeister Eile zu haben, denn er mahnte hin und wieder die Knechte, schneller zu fahren, und dabei starrte er finster vor sich hin, als ob er eine schwere Sorge auf dem Herzen trüge.

Vor dem Wirtshause des Dorfes Steinfeld ließ er ein paar Minuten Halt machen und sich ein Glas Landwein einschenken. Denn die Straße war staubig, und die Sonne brannte noch sehr stark, wenn sie sich auch schon zum Untergange neigte.

Während er trank, schweiften seine Blicke nach der Dorflinde hinüber. Dort stand inmitten eines Volkshaufens ein Mann auf hohem Steine, den jedermann kannte im ganzen Tauberlande. Es war Wenzel, der Spielmann, der mit seiner Fiedel von Ort zu Ort zog und den Leuten in Versen mitteilte, was in der Welt geschehen war. Er besang Mordtaten und Kriegstaten und sonst aufregende Geschehnisse, und wenn er auftrat, lief alles zusammen und lauschte. Auch Seehöfer horchte hinüber, als er nach einem Vorspiele zu singen anhub. Aber wie ward ihm, als die Weise an sein Ohr klang:

O Rothenburg, was hast du gemacht?
Deinen besten Mann ins Elend bracht!
Den Bürgermeister und Stadtmeister gefangen,
Da er zum Rate war gegangen!
Drob klagt alles im ganzen Land –
O weh, der großen Untreu' und Schand'!

»Zufahren!« schrie Seehöfer und ließ seinen Becher fallen, als habe er Essig daraus getrunken. Bis Rothenburg sprach er kein Wort mehr.

Als er in der Stadt angelangt war, ließ er seinen Wagen vor Häuptleins Hause halten und stieg aus. Der Alte war jetzt völlig auf beiden Beinen gelähmt und konnte keinen Schritt mehr gehen. Aber in den Rat ließ er sich zu jeder Sitzung tragen, denn sein Geist war merkwürdig aufgelebt, seitdem sein tödlich gehaßter Feind im Kerker lag.

Er streckte von seinem Lehnstuhle aus dem Eintretenden beide Hände entgegen und rief statt jeder Begrüßung: »Bringst du es mit, Seehöfer?«

Der nickte und zog aus einer Tasche seines Wamses ein Seidentuch hervor. Als er es aufgewickelt hatte, kam ein winziges Fläschchen zum Vorscheine. Das faßte er vorsichtig an und hielt es seinem Freunde vors Gesicht. »Zwanzig Tropfen!« flüsterte er. »And fünfhundert Gulden hat der welsche Schuft mir abgenommen.«

»Ist nicht zuviel, wenn's seinen Zweck erfüllt,« brummte Häuptlein.

»Wer einen Tropfen in seinen Trank bekommt, der lebt noch zwanzig Tage,« sagte Seehöfer, »wer zwei bekommt, noch neunzehn und so fort. Schüttet man alle zwanzig Tropfen auf einmal hinein, so ist er in einem Tage und einer Nacht nicht mehr am Leben, und auch der geschickteste Medikus kann nicht sagen, woran er gestorben ist.«

Häuptleins Augen glitzerten. »Dann rate ich zu den zwanzig Tropfen, denn man weiß nicht, was morgen geschieht. Es hat sich viel ereignet in den vier Tagen, die du in Würzburg zugebracht hast.«

»Der Italiener konnte die Tinktur nicht eher beschaffen,« entschuldigte sich Seehöfer. »Was ist geschehen?«

»Kaum warst du fort, da kam der halbe Nürnberger Rat angereist. And wen brachten sie mit? Den Jakob Topler und verlangten, daß wir ihn wieder aufnehmen sollten!«

»Und das hat der Rat getan?« rief Seehöfer.

»Der Kerl hat schwören müssen, nichts wider die Stadt tun zu wollen, dann haben sie ihn aufgenommen. O, es kommt noch besser! Alle seine Befreundeten, außer dem Bluthunde selbst, sind gegen ihren Eid, nicht aus der Stadt weichen zu wollen, der Haft entlassen.«

Seehöfer fuhr mit einer Gebärde des Schreckens empor und starrte seinem Freunde erbleichend ins Gesicht.

»Noch nicht alles!« fuhr Häuptlein fort. »Als sie herausgeführt wurden, erwartete sie eine große Volksmenge, die ihnen zujubelte und sie in ihre Häuser geleitete. Und noch nicht alles! Eine Gesandtschaft des Königs und des Burggrafen ist da, vor einer halben Stunde sind sie eingeritten. Und wo wohnen sie? Bei Jakob Topler! Und morgen früh um zehn wollen sie vor den Rat.«

Er stieß ein häßliches, pfeifendes Gelächter aus und sank in seinen Stuhl zurück. Seehöfer war bei den letzten Worten geradezu zurückgetaumelt. Aber er raffte sich schnell wieder auf, und an seinen Freund dicht herantretend, raunte er ihm zu: »Dann ist es höchste, höchste Zeit, daß wir tun, was getan werden muß. Am meisten erschreckt mich, was du vom Volke sagst. Steht's so, dann darf der Topler nicht einen Tag frei werden! – Leb' wohl!«

In seinem Hause fand er seinen Amtskollegen Hans Offner, der jetzt Bürgermeister des äußeren Rates war. Der teilte ihm mit umwölkter Miene mit, was in den letzten Tagen geschehen war. Man müsse darauf gefaßt sein, daß der König und der Burggraf morgen die Auslieferung des Gefangenen erzwingen würden. Schon der gemeinen Bürgerschaft wegen werde man sich nicht länger weigern können, denn dem gemeinen Manne sei ganz und gar nicht mehr zu trauen.

Offner war auf einen Zornausbruch Seehöfers gefaßt gewesen, aber zu seiner lebhaften Verwunderung hatte der heftige und bissige Greis nicht einmal ein Wort des Vorwurfes für ihn und den Rat. Er sagte vielmehr mit der größten Gelassenheit nach einer Weile: »Manchmal kommt alles anders, als man fürchtet. Was ändert nicht zuweilen eine Nacht? Morgen wird sich alles finden. Schlafe ruhig, Hans Offner!«

Der Bürgermeister entfernte sich erstaunt und nachdenklich, denn seines Kollegen Worte und Gebaren waren ihm rätselhaft. Seehöfer aber begab sich sogleich nach Eintritt der Dunkelheit ins Rathaus hinüber und verweilte dort mehrere Stunden lang. – –

Am anderen Vormittage standen drei Männer vor dem Rate von Rothenburg. Der graubärtige Greis in ihrer Mitte war des Königs Kanzler, Johann Kirchheim, die beiden Ritter ihm zur Seite waren des Burggrafen Abgesandte, Seckendorff und Egloffstein.

Der Kanzler entfaltete ein Pergament und las einen Befehlsbrief König Ruprechts vor, daß der Ehrbare Heinrich Topler, da er sich wider das Reich vergangen, ihm auf der Stelle auszuliefern sei, und daß er seinem vielgeliebten Schwäher Herrn Friedrich Burggraf zu Nürnberg den Auftrag gegeben habe, den besagten Heinrich Topler vorderhand in seinen Gewahrsam zu nehmen. Wer dem widerstrebe, werde er behandeln, wie es dem Könige ungehorsame Leute verdient hätten.

Kaum hatte er geendet, so hub Seckendorff zu reden an. Der alte Ritter blickte den Ratsherren mit unverhohlener Verachtung ins Gesicht, man sah es ihm an, daß er Mühe hatte, noch halbwegs die höfliche Form zu wahren.

»Ehrbare von Rothenburg,« sagte er, »meine Botschaft an euch ist kurz. Heute abend sieben Uhr hält mein gnädiger Herr, der Burggraf, vor dem Rödertore und begehrt als Rothenburgs Schutzherr und als Beauftragter unseres Herrn, des Königs, in die Stadt mit zehn Rittern einzureiten.«

In der Versammlung entstand darauf eine Bewegung, aber Seckendorff beachtete es nicht, sondern fuhr mit erhobener Stimme fort: »Noch vor dem Rödertore wird seine fürstliche Gnaden die Meldung entgegennehmen, ob dem Willen des Herrn Königs Gehorsam geleistet worden ist. Wenn nicht, so wird er die Stadt nicht betreten. Ehrbare von Rothenburg, ihr wisset, was das zu bedeuten hat. Ich gebe euch eine Stunde Bedenkzeit.«

Er wandte sich zum Gehen. Verblüfft, erschrocken und zornig blickten die Ratsmänner einander in die Gesichter, aber nur ganz vereinzelte Rufe wurden laut. Noch vor wenigen Monaten hätte eine solche Sprache hier einen Sturm der Entrüstung entfesselt, jetzt war von dem stolzen Bürgertrotz wenig mehr übrig geblieben.

Da ertönte Walter Seehöfers scharfe Stimme: »Liebe Ratsgesellen, brauchen wir eine Bedenkzeit? Wozu? Weigern wollen wir uns doch mit nichten. So wollen wir den Willen des Herrn Königs tun und den Topler seinem Gerichte übergeben.«

Seckendorff war umgekehrt und blickte dem Sprechenden mit der größten Überraschung ins Gesicht. Desgleichen taten alle übrigen. Das hatte niemand erwartet.

»So ihr denn nichts einzuwenden habt,« fuhr Seehöfer fort, »so bitte ich dich, Seitz Eberhardt, sage den Wächtern, daß sie ihn hierher bringen.«

Eine atembeklemmende Stille herrschte im Saale, als der Ratsherr gegangen war, und als dann die Tür aufging, stießen alle einen Schrei des Schreckens aus. Der da, von zwei Knechten geführt, hereinschwankte, war der Heinrich Topler nicht mehr, den sie gekannt hatten. Ein Greis kam herein, dem Haare und Bart schlohweiß um das Antlitz hingen und der kaum noch zu gehen vermochte. Mit blöden Augen starrte er in das Sonnenlicht, das er so lange entbehrt hatte, tat einige unsichere Schritte vorwärts und glitt dann mit einem schwachen Laute aus den Armen seiner Wächter zu Boden.

Entsetzt schauten sich die Ratsherren an. Keiner sprach ein Wort, dann sagte Seckendorff: »Er ist ein Sterbender. Ich habe in diesem Saale nichts zu gebieten, aber wer von euch noch einen Funken von Ehre in der Brust hat, der gehe hinaus. Das hat Heinrich Topler verdient, daß er wenigstens nicht in Gegenwart seiner Mörder sterbe.«

Scheu, mit gesenkten Blicken schlichen sie hinaus, von ihrem Gewissen überzeugt, einer nach dem anderen. Widerwillig entfernte sich zuletzt auch Seehöfer, und nur die drei Gesandten und die Knechte blieben bei dem Ohnmächtigen zurück im Saale.

»Hebt ihn einstweilen hierher!« gebot Seckendorff und wies auf den Prunkstuhl, den Topler einst als Bürgermeister inne gehabt hatte, und als man den Befehl eilend befolgt hatte, setzte er hinzu: »Holt sein Weib und alle seine Anverwandten. Vergesset auch des Medikus nicht!«

Binnen einer Viertelstunde waren alle im Saale versammelt, die Heinrich Topler geliebt hatte. Aber wohl eine Stunde lang dauerte es, bis es gelang, ihn wieder ins Leben zurückzurufen.

Endlich schlug er die Augen auf und suchte sogleich, sich emporzurichten. Mit lautem Weinen stürzte Frau Margarete auf ihn zu, umschlang ihn mit ihren Armen und küßte seine Hände.

»Mein liebes Weib,« sagte er mit schwacher Stimme, »ich sterbe!«

»Nein, nein!« schrie sie. »Du sollst leben mit uns!«

»Ich sterbe,« wiederholte er, »mir sind nur noch Augenblicke gegeben. Kommt alle her, meine Kinder, daß ich euch segne.«

Schluchzend knieten sie alle vor ihm hin, und er legte jedem die Hand aufs Haupt. »Segne auch diesen hier, Vater,« stammelte Jakob und nahm aus den Armen seiner weinenden Frau ein Kind, das in Tücher eingewickelt war. »Dein Enkel, Vater! Geboren, als du im Kerker lagst.«

Die müden Augen des Sterbenden leuchteten auf, und er legte leise die zitternde Hand auf den Knaben. »Werde ein Mann, wie deine Väter waren! Gott gebe dir mehr Glück?« murmelte er und lehnte sich wieder zurück.

Der Guardian trat neben ihn hin mit den Sterbesakramenten, und alle im Saale sanken auf die Knie.

Da mit einem Male hob Heinrich Topler das Haupt noch einmal. Er hatte einen erkannt, der hinter den anderen kniete und über alle emporragte, und lauter als vorher klang seine Stimme: »Komme her, Peter! Gib mir die Hand! Du warst mein treuester Geselle! Peter, die Topler gehen von hier fort. Du aber sieh darauf, daß Rothenburg freie Reichsstadt bleibe!«

Damit streckte er sich aus, ein Zittern lief durch seine Gestalt, und er war tot.– – –

Am Abend kam der Burggraf in die Stadt. Als ihm Seckendorff noch vor dem Tore berichtete, was geschehen sei, ward das Antlitz des Fürsten düster, und er wandte sich ab, um seine tiefe Bewegung zu verbergen.

»Liegt er noch im Rathause?« fragte er nach einer Weile.

»Sie haben ihn in seinem Hause aufgebahrt.«

»So komm! Ich nächtige heute nicht in dieser Stadt, aber eines will ich noch hier vollenden.«

Finster, die Augen starr geradeaus gerichtet, ritt er durch die schweigende Volksmasse dahin. Auf dem Markte aber zügelte er sein Roß und rief mit mächtiger Stimme: »Bürger von Rothenburg, euer großer Bürgermeister ist gestorben. Vor dem Gerichte des Königs werden das alle verantworten, die es verschuldet haben. Wir aber wollen ihn dahin bringen, wo er morgen seine Ruhestatt finden möge, nach Sankt Jakobi.«

So geschah's. Friedrich selbst schritt der Bahre voran, und alles Volk folgte nach. Unter dem Geläute sämtlicher Glocken wurde die Bahre dicht vor dem Hochaltare aufgestellt, den der Verstorbene einst selbst gestiftet hatte. Heinrich Topler lag da, die Hände auf der Brust über seinem gewaltigen Schwert gefaltet, einen Zug des Friedens im Antlitz tragend, den man an dem Lebenden niemals geschaut hatte. Nur ein schlichtes Totenhemd umschloß seine Glieder. Aber durch die hohen Fenster brach feurig die Abendglut herein, und jeden, der ihn liegen sah, wollte es bedünken, als breite der Himmel selbst einen Purpurmantel aus über den Schlummernden, – den toten König von Rothenburg.