Künstlerblut

I.

Ein weiß getünchtes Mansardenzimmer, vor dessen niedrigen Fenstern die billigen Gardinen unter dem draußen heftig wehenden Novembersturm leise hin und her schwanken; abgetretene Dielen, in der Nähe des Ofens ein altes schwarzes Ledersofa, an der andern Wand eine schöne alte Rokokokommode mit einem Spiegel darüber; inmitten ein tannener Tisch mit Büchern und Papieren bedeckt und davor ein Mann eifrig arbeitend.

Nichts unterbricht die Stille im Zimmer, der Wind draußen läßt sie hervortreten, nichts stört den Arbeitenden.

Die weißen Bogen füllen sich rasch; er schiebt sie zur Seite und greift nach neuen. Sein hübsches junges, südlich gebräuntes Gesicht, edel in Form und Ausdruck, glüht, die dunklen tiefen Augen glühen ebenfalls – er ist mit Leib und Seele bei seiner Arbeit.

Über die weiße Stirn wirft der grüne Lampenschirm einen leichten Schatten, der bis auf die fein gezeichneten Augenbrauen fällt, aber die Partie, die das Licht hell bescheint, ist voll Frische und Leben.

Irgendwo im Nebenzimmer schlägt eine Uhr acht, aber Viktor Alten ist so vertieft in seine Arbeit, daß er nicht darauf achtet. Nun knarrt die Treppe draußen, nur durch wenige schmale Dielen von seinem Zimmer getrennt, so daß man drinnen jeden Laut vernimmt, ein kurzes Klopfen, auf das er nicht einmal antwortet, und der Kommende tritt ein.

»Laß dich nicht stören,« sagt er bei dem stummen, grüßenden Nicken, mit dem der andere ihn empfängt, ohne aufzusehen, »ich warte!«

Er setzt sich, auf das alte Ledersofa, legt seinen großen weichen Filzhut neben sich und öffnet den Paletot; so sitzt er unbeweglich, wohl eine Viertelstunde.

»Fertig!« ruft Viktor endlich, die Feder hinwerfend. Er springt auf und reckt die Arme in die Luft, während er sich noch ganz erhitzt von der Arbeit nach dem Freunde umsieht. »Ich kann mit meinem Tagewerk zufrieden sein, das letzte Kapitel geschrieben, den Schluß meines neuen Romans!«

»Ich gratuliere dir.«

»Ja, das kannst du auch!« Gregor trat vor ihn und sah ihm mit eigentümlichem Lächeln in das Gesicht, es lag ein leicht sarkastischer Ausdruck in der Art, wie er seinen häßlichen Mund verzog.

»Ich habe dir hier etwas mitgebracht!« sagte er.

Er zog einige Zeitungen aus der Brustasche und zeigte auf die blau angestrichenen Stellen unter »Literatur«. »Realitäten!, Roman von Viktor Alten« las man da.

Der junge Schriftsteller war ein wenig blaß geworden, als er sich wieder auf den eben verlassenen Stuhl zurücksetzte und die Blätter nahm. Der andere sah ihm über die Schulter.

Es waren glänzende Kritiken, Worte des Lobes und der Anerkennung von ernsten Männern an das junge aufstrebende, bisher noch ganz unbekannte Talent gerichtet. Für ihn! Für ihn allein! – Ihn schwindelte – er seufzte tief auf. –

Seine erste große Arbeit gewürdigt, anerkannt! In diesem Augenblick war er vollkommen glücklich, so glücklich, wie es nur wenigen Menschen vergönnt ist im Leben zu sein, und dann eben auch nur einmal.

Plötzlich sprang er auf. Der Jubel, der ihn erfüllte, war so mächtig, daß er ihm fast die Brust zersprengte. »Gregor!« rief er laut und schloß den Freund, der so viel älter an Jahren war wie er, der fleckige Röcke trug und stets ein skeptisches, kritisches Lächeln auf den dünnen Lippen hatte, stürmisch in seine Arme. »Hast du es gelesen? Alles?«

»Natürlich!« sagte Gregor grämlich und hielt in der Umarmung so still, wie etwa ein Delinquent, dem man die Schlinge um den Hals legt. »Die Folge dieser Weihrauchwolken wird sein, daß du nun eitel, mit einem Wort so unausstehlich wirst, daß man dir meilenweit aus dem Wege geht. – Hol der Teufel solche Lobhudelei!«

»Gönne es mir doch!« sagte Viktor leise nach einer kleinen Pause.

»Gott im Himmel, hältst du mich etwa für neidisch?«

Die langen Arme auf dem Rücken verschränkt, schlurfte Gregor mit gesenktem Kopf durch das Zimmer.

»Daß du ein Narr wärst und dich um Lob und Tadel anderer kümmertest,« fuhr er fort und schüttelte den Kopf. »Geh deinen Weg, wie er dir paßt, nimm vom Leben, was du begehrst, suche deinen Vorteil, so lange du es kannst, das ist mein Alpha und Omega für dich!«

»Ich weiß, Gregor, daß du dich mit mir freust, daß du stolz auf mich bist,« sagte Viktor mit hellem Auflachen. »Bei dir heißt es auch: ›richtet euch nach meinen Taten aber nicht nach meinen Worten!‹ Du großer Realist du!«

»Großes Kind!« sagte Gregor spöttisch.

Viktor nickte, während Gregor auf ein leises Klopfen ein lautes Herein rief.

Über die Schwelle trat ein junges Mädchen; sie schloß die Tür, deren Klinke sie festhielt nicht ganz hinter sich, so daß das rötliche Helldunkel sie von rückwärts umfloß.

»Was wollen die Herren zum Abendbrot?« fragte sie, sich nachlässig gegen die Tür lehnend, »es ist Zeit!«

»Machen Sie erst einmal die Tür zu und kommen Sie näher, Martha!« sagte Gregor. »Gehen Sie, so sieht ein Mensch aus, den man einen Dichter nennt,« er legte seine Hand auf Viktors Schulter.

»Was soll das heißen?« fragte sie lachend von einem zum andern blickend.

Mit halb unbewußtem Stolz nahm Viktor die Zeitungen auf, die noch unordentlich auf seinem Schreibtisch lagen.

»Man hat mein Buch gelobt, sehr gelobt!« sagte er, und Glücksrausch stieg ihm aufs neue zu Kopf.

Ohne weiteres griff sie zu und begann zu lesen. Ihr blonder Kopf mit dem mattflimmernden, glänzenden Haar streifte fast die Lampe, das schöne Gesicht rötete sich, die Äugen leuchteten unter den langen Wimpern, die einen feinen Schatten auf die rundlichen glatten Wangen warfen.

Viktor sah Marthas Erregung, die seinige wuchs.

»O!« sagte sie endlich mit tiefem Aufatmen, stützte den Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand, während sie ihn mit dem großäugigen Kindergesicht bewundernd anblickte. »Darf ich das alles der Lene erzählen?«

»Der Lene und aller Welt, die es sonst noch hören will, Martha,« sagte Gregor, seinen Spaziergang wieder aufnehmend. »Nur die Masse macht den Ruhm; und wenn dabei auch manchmal wunderliche Dinge zutage kommen, sie ist stets im Recht, weil sie in der Mehrheit ist und deshalb die Macht hat. – Es ist ein schönes Ding um die Macht – leider!«

Viktor stand dem Mädchen gegenüber, ihre Augen hingen noch immer aneinander, die ihren bewundernd, fast respektvoll, die seinen leuchtend, durchglüht von Seligkeit. Auf einmal streckte er ihr die Hand entgegen.

»Sie freuen sich mit mir, Martha, nicht wahr?«

»Ja, das tue ich,« antwortete sie schnell und strich eine eigensinnige Locke hinter das Ohr, »aber gedacht hätte ich das nie von Ihnen.«

Er lachte laut auf.

»Ich auch nicht« gestand er ehrlich.

»Ein zweifelhaftes Talent, das sich selbst nichts zutraut,« fuhr Gregor dazwischen, »und was Sie anbelangt, Martha, so ist es das Vorrecht großer Geister von denen, die ihnen Tee kochen und Butterbrote streichen mit einer gewissen heimlichen Verneinung angesehen zu werden; das ist nicht anders in der Welt!«

»Himmel, das Abendbrot!« rief das Mädchen aufspringend. Sie eilte hinaus.

»Wie hübsch Martha geworden ist, hast du es bemerkt?« fragte Viktor, sich mit dem Rücken an den Tisch lehnend und Gregors fortgesetzter Promenade mit den Augen folgend.

»Gedenkst du mit dieser Bemerkung etwa deine Dankbarkeitsschuld für ihre Begeisterung abzutragen; sie hört es leider nicht!« meinte Gregor mit grimmigem Lächeln.

»Das fällt mir natürlich nicht ein. Ich sprach aus, was ich sah,« versetzte Viktor ärgerlich. »Übrigens hat mich ihre Teilnahme gefreut.«

»Die ungleich größer gewesen wäre, wenn es sich um einen neuen Hut oder solch ein Stück Möbel gehandelt hätte. Bah! –«

Alten schüttelte den Kopf:

»Laß mir die Frauen in Frieden! Und vor allen Dingen unsere kleine Martha, du Skeptiker!«

»Kleine Martha!« grinste Gregor. »Hast du nicht gesehen, wie sie dir fast an das Kinn reicht? Und das Kleid, das sie trägt, kaum mehr imstande ist, seine Dienste zu tun? Bist du denn blind gewesen?«

»Möglich!« sagte Viktor nachdenklich. »Ich hatte bisher genug mit meinen Phantasiegeschöpfen zu tun, weißt du!« »Bis du fast selber ein Phantasiegeschöpf geworden bist! Sei froh! Das ewig Weibliche zieht öfter hinab als hinauf.«

Mit einer mißmutigen Gebärde fuhr sich Viktor durch das Haar.

»Daß du es immer wieder versuchst, mich zu dem zu machen, was du einen ›Klugen‹ nennst! Gib die Mühe auf, Hugo, es lohnt nicht! Ich glaube an die Welt. Der Mensch ist von Hause aus gut; ein gutes Wort vermag mehr als Härte und Strenge.«

»Schwärmer!« spottete Gregor, das Haar über den kahlen Scheitel streichend. »Sieh mich an! So wie du dachte auch ich einst, aber das Leben lehrte mich bald etwas anderes. Ein nichtswürdiges Dasein, zu dem wir verdammt werden ohne unseren Willen, mit der einzigen Gnade nur, es in unserer Hand zu haben, wenn wie des Possenspiels satt sind.«

»Das Leben ist schön!«

Viktor breitete beide Arme gegen die Stubendecke. Ihm war das Herz so voll! Wo er auch hinsah, schien ihm das Glück zu winken, ein unnennbares, unfaßbares Glück.

»Gregor! Ich möchte keinen Tag, keine Stunde, die mir auf Erden geschenkt sein soll, missen.«

»Wohl dir, wenn du immer so denken wirst! Aber frage einmal bei Frau von Nordheim an.«

Dann ließ er ihn stehen und klopfte geschwind an die Verbindungstür.

»Wie geht's, Frau von Nordheim,« rief er durch die Spalte hinüber.

»Wie soll's gehen! Leisten Sie einer blinden, alten Frau etwas Gesellschaft,« klang es von drüben zurück. »Der Tag ist lang, lieber Gregor.«

»Ich komme gleich!«

»Also nachher,« sagte er, Viktor bei der Schulter fassend und ein wenig hin und her schüttelnd. »Ich hoffe, meine Aufforderung kam Ihnen nicht ungelegen,« sagte die alte Dame. »Sie debattierten drinnen so laut.« Ihr Gesicht war hart und streng, etwas von dem versteinten Schmerzenszug einer Niobe lag darin.

Gregor zuckte die Achseln.

»Das alte Lied! Viktor sieht in diesem Leben das Höchste, Vollkommenste und wird nicht eher ruhen, bis er sich den Kopf einrennt. Übrigens hat er heut seinen ersten Erfolg, er ist ein großes Talent!« Und nun erzählte er ausführlich.

Aus seiner scharfen, wenig modulationsfähigen Stimme klang dabei so viel Freude und Zärtlichkeit für seinen jungen Freund, so viel Stolz, daß über das vornehme alte Gesicht der Greisin ein seltenes Lächeln flog.

»Besser wäre es freilich, man hätte ihn verrissen,« schloß er. »Ich bitte Sie, ein Mensch wie er, jung, unerfahren, begeistert, voll reger Phantasie, dem sollte man Anerkennung nicht zu wohlfeil geben, das verwirrt nur den Sinn.«

Frau von Nordheim lächelte noch immer.

»lind wie oft haben Sie es mir zum Vorwurf gemacht, daß ich in bezug auf Martha ebenso denke wie Sie.«

»Das ist etwas anderes,« fuhr er auf, »Martha ist ein Mädchen…«

»Desto schlimmer!«

»Hm – ja!« meinte Gregor und strich über die grauen Haarsträhnen, »möglich! Jedenfalls ist Martha sehr hübsch geworden.«

»Leider, Gregor! Wäre sie das nicht, nicht auch sonst das echte Kind ihrer Mutter – ich könnte meine Augen in Frieden schließen. So aber bange ich vor der Stunde, obgleich sie mir Erlösung bringt,« sagte sie schroff.

Er trommelte mit den Fingern auf dem abgeschabten Knie seines Beinkleides einen Geschwindmarsch, während er die alte Frau beim Lampenlicht aufmerksam betrachtete; sie kam ihm verfallen vor, Sorge befiel ihn plötzlich. Was sollte dann werden! Aus Martha sowohl, als auch aus ihrem friedlichen, freundschaftlichen Zusammenleben, an das er sich so sehr gewöhnt hatte.

»Sie dürfen nicht sterben,« sagte er kurz und rauh. Wie kam auch die alte blinde Baronin, die noch dazu halb gelähmt war, seit er sie kannte und trotzdem niemals mit einem Wort den Tod erwähnt hatte, auf einmal zu dieser Idee? – »Sie sind noch nötig auf Erden!«

»Machen wir uns das nicht weis, lieber Freund,« sagte sie und faßte mit ihrer Hand seinen Arm. »Wir sind nie nötig! Können überhaupt nichts tun, als geduldig ausharren, damit ist unsere Macht erschöpft. Und wenn ich Martha einem Abgrund zutreiben sehen würde, glauben Sie, ich könnte selbst mit der eisernsten Strenge auch nur das Geringste ausrichten? Das Blut ihrer Mutter ist mächtiger als ich.«

»Das Blut ihrer Mutter?« fragte Gregor betroffen.

»Sie war eine Schauspielerin,« sagte sie kurz nach einigem Zögern – »und wenn ich Ihnen heute von meinen Lebensbeziehungen sprechen möchte, Gregor, so halten Sie es nicht für geschwätzig, sondern aus dem Bewußtsein entspringend, daß mir nicht mehr lange Zeit zum Sprechen bleibt. Sterben müssen wir alle!«

»Ich höre!« sagte er fast respektvoll.

»Sie war also eine Schauspielerin,« begann die alte Frau tief aufseufzend in der kurzen, barocken Art, die ihr eigen, und die jedes Wort zu einer Härte machte. »Schön! – sehr schön –! Mein Sohn hielt sie für eine große Künstlerin und nannte mich – ›voreingenommen‹, weil ich an ihrem Talent zweifelte. – Eberhard liebte sie – mehr, viel mehr als mich! – Es war eine blinde Leidenschaft, die ihn ganz unterjochte! Und ihr lag doch die Liederlichkeit im Blut; sie schändete unsern alten ehrenhaften Namen – durch Jahrhunderte hindurch ehrenhaft – täglich – stündlich – und mein Sohn merkte es nicht! Wer sollte es ihm anders sagen als ich? – Die Antwort war, daß beide heimlich flohen! – Begreifen Sie nur, Gregor – er verließ seine Mutter, die für ihn gesorgt hatte auf Kosten des eigenen Lebensglücks – heimlich – um dieser Dirne willen! – Den Rest meines kleinen Vermögens nahmen sie mit und ließen mir statt dessen das Kind, die Martha –.«

In Gedanken verloren hatte Frau von Nordheim das Kinn auf die Brust sinken lassen. Aus ihren verfallenen Zügen sprachen Kummer und Sorgen, aber es lag trotzdem ein Zug von Reinheit und Seelenfrieden in dem welken Gesicht, der deutlich zeigte, daß sie die Leidenschaft niemals kennengelernt hatte.

»Ich erzog Martha«, fuhr sie endlich leiser fort, »so gut ich konnte, freilich, zur Liebe kann man sein Herz nicht zwingen, und ich liebe die Tochter meiner bittersten Feindin nicht – ich konnte es nicht!«

Nun rang sie plötzlich angstvoll die Hände.

»Was soll aus ihr werden, wenn ich tot bin?« fragte sie gebrochenen Tones. »Sie ist eine Nordheim, den Namen kann ich ihr nicht nehmen. Wie aber darf ich in Frieden ruhen, wenn durch sie noch mehr Schande auf ihn gehäuft wird. Wie soll ich es verantworten, daß ich die unseligen Keime ihres Charakters nicht besser ausgerottet habe? Und doch, Gregor – all unsere Erziehung ist fruchtlos der Natur gegenüber! Was im Menschen liegt, tritt zutage, sobald der gegebene Augenblick da ist. Ich habe mit all meiner Strenge bei Martha kein Jota ausgerichtet. Führen Sie sie in Versuchung, und sie wird unterliegen, um genau das zu werden, was ihre Mutter war.«

»Seien Sie nicht ungerecht,« mahnte Gregor betroffen, »Martha ist jung, Jugend will ihr Recht. Sie ist hübsch, ein braver Mann wird sie an sein Herz nehmen und sie sorglich hüten, so daß Ihre Angst unbegründet ist.«

Sie wandte ihm rasch das Gesicht mit den erloschenen Augen zu. »Wäre das der Fall, auf meine Knie wollte ich fallen und ihm und Gott danken! Jeder Bettler wäre mir willkommen, wenn nur einmal der verfluchte Name ›Nordheim‹ aus der Welt geschafft wird!«

Sie sah in dem schwachen Lampenlicht, mit dem gelblichen hageren Gesicht, wie eine Fanatikerin aus, die bereit ist, für ihren Glauben in den Tod zu stürzen.

»Wenn ich tot sein werde,« fuhr sie fort, »ist Martha frei, und dann wird es sich zeigen, ob ich recht habe mit dem, was ich fürchte! Ihre Neigungen ziehen sie nach unten, keine einzige empor! Lene Dallmann und ihre Mutter, die Aufwärterin, sind ihre liebste Gesellschaft, sie verstehen einander in ihren Wünschen und Interessen, wir hingegen so wenig, als sprächen wir verschiedene Sprachen!«

»Warum dulden Sie denn diesen Verkehr?« fragte Gregor.

»Warum?« wiederholte sie leise, den Kopf schüttelnd. »Lieber Freund, Armut nivelliert, das ist nicht anders. Der Geldbeutel allein hat das Wort bei Leuten, die auf der Bildungsstufe der Dallmanns stehen. Bin ich reich, so beknixen sie mich, und käme ich aus dem Sumpf; bin ich arm, heiße ich ihresgleichen. Außerdem sind es ja ganz brave Leute, diese Dallmanns, und die Kinder gingen zusammen zur Schule.«

In diesem Augenblick öffnete Martha die Tür.

»Das Abendessen ist da, Herr Gregor!«

Er stand auf.

»Gute Nacht, verehrte Frau, und keine trüben Gedanken mehr, hören Sie?«

Sie reichte ihm die Hand.

»Gute Nacht, lieber Freund, Dank für Ihren Besuch!« Hugo Gregor zog die welken Finger an seine Lippen. Er hatte es noch nie getan und errötete fast selber darüber, aber über Frau von Nordheim lag heute abend eine solche Würde.

»Und was Martha anbelangt – ich bin auch noch da!« sagte er leichthin, während er der Tür zuging.

Es hatte ihm schon den ganzen Abend auf der Seele gelegen, ihr diese Versicherung zu geben, von der er wußte, daß sie ihr Herz erleichtern würde, aber sobald es sich darum handelte, hilfsbereit zu sein, war er schüchtern wie ein Knabe.

»Nur keinen Dank!« schrie er grimmig, wenn es aufkam, daß er wieder einmal im stillen etwas Gutes getan hatte. »Nur keine Redensarten!« – Und deshalb konnte auch Frau von Nordheim getrost ihr Haupt zur Ruhe legen; so lange Gregor lebte, war Martha nicht schutzlos.

Das Mädchen stand dicht an der Verbindungstür, die Arme auf dem Rücken verschränkt und sah dem Näherkommenden halb lachend, halb schmollend entgegen.

»Großmutter hat mich wieder schlechtgemacht?« flüsterte sie fragend. »Glauben Sie denn alles, Herr Gregor?«

Er sah sie prüfend an – unwillkürlich prüfend. Ihr reizendes, rosiges Kindergesicht sprach ihm nur von Anmut und Jugend, von keinem einzigen Fehler. Gewiß war Frau von Nordheim nicht ganz gerecht gegen ihre Enkelin!

»Denn sehen Sie, lieber Herr Gregor,« fuhr sie ganz rot im Gesicht fort, »Großmutter möchte am liebsten, daß ich nicht einmal freies Atmen hätte! Sie mißgönnt mir alles – sie haßt mich – und doch muß ich die ganzen Tage hindurch arbeiten, damit wir nur leben können. Das ist unrecht! Lenes Mutter ist mit allem zufrieden, was ihre Tochter tut, ich aber höre nie ein freundliches Wort. Nicht einmal das Nötigste gibt sie mir!« Er strich über den schönen blonden Kopf, die tiefblauen, kindlichen Augen standen voller Tränen.

»Seien Sie deshalb nicht verzagt, kleine Seele,« versuchte er sie zu trösten, während sie durch die kalte Küche über den Flur zu Alten zurückwanderten. »Ihre Großmutter ist eine schwergeprüfte Frau, man muß nachsichtig sein.«

Ungeduldig hob sie die Schultern, dann zog ein Ausdruck von Resignation über das bildschöne Gesicht.

»Was soll ich auch machen!«

Ein Weilchen starrte sie auf die mißfarbenen, ausgetretenen Dielen, über die sie gingen, plötzlich hob sie den Kopf.

»Wird Herr Alten nun reich werden?« fragte sie.

»Reich?« wiederholte er verwundert. »Wie kommen Sie darauf, Martha?«

»Weil Geld die Hauptsache im Leben ist,« sagte sie bestimmt. »Ohne Geld ist es ein ganz armseliges, erbärmliches Dasein.«

»Und Geld wünschen Sie Viktor Alten?« fragte er mit einem Lächeln. »Wie uneigennützig Sie sind, Kleine.«

Martha sah an ihm vorbei, während die Zähne an den roten Lippen nagten.

»Warum nicht auch für ihn,« bestätigte sie endlich etwas kleinlaut. »Freilich noch lieber für mich. Ach! ich möchte reich sein, Herr Gregor!«

»So! so!« neckte er sie, durch ihren inbrünstigen Ton amüsiert. »Nun, Martha, was nicht ist, kann ja noch werden! Viktor wird zweifellos soviel Geld verdienen, daß er Ihnen einmal Ihre ganze Wohnung mit Goldstücken auspflastern kann, ich gewinne das große Los für Sie – wenn es dann nicht reicht, dann weiß ich nicht!«

»Ach!« sagte sie, »Sie behandeln mich immer noch wie ein Kind! Ich bin kein Kind mehr!«

Sie ließ seinen Arm los, trat an den Herd und stieß in die Asche, daß die Funken noch einmal aufloderten; sie war so zornig, daß ihr wieder die Tränen in die Augen traten. Jeder sah in ihr das Kind, und sie fühlte doch deutlich, daß jene Zeit längst hinter ihr lag. In ihrem Herzen wuchsen Wünsche, Hoffnungen und Träume, die nichts mehr mit der Kindheit gemein hatten. Wenn Gregor nur wüßte, wie die Leute auf der Straße ihr nachsahen, mit welchen Komplimenten man sie in den Läden fütterte, in denen sie ihren geringen Bedarf entnahm!

»Wie lange du geblieben bist!« rief Viktor dem Eintretenden entgegen. »Oder hatte dir Frau von Nordheim etwas Besonderes zu sagen?«

»Wir sprachen über Martha.«

»Über Martha?« Viktors Züge nahmen einen interessierten Ausdruck an. »Was denn, wenn es kein Geheimnis ist?«

»Verlangst du etwa, daß ich dir alles wiederhole?« fuhr Gregor auf. »Kümmere du dich um deine Ideale und laß uns andern armseligen Menschen die Sorge für die Alltäglichkeit.« –

In dieser Nacht träumte Viktor Alten zum erstenmal von Martha von Nordheim. Sie erschien in ihrer Jugendschöne bald da, bald dort, ihn neckend, haschend, bis er endlich den Weg verloren hatte und mit einem lauten Aufschrei in eine bodenlose Tiefe stürzte. –

In der kurzen Mußezeit, die er sich zwischen dem Abschluß seiner letzten Arbeit und dem Beginn einer neuen gönnte, beschäftigte sich seine Phantasie mehr als sonst mit Martha. Martha war plötzlich ein Mittelpunkt geworden, um den sich sein Denken, sein Empfinden drehte. Aber nicht jene Martha, die er in ihrer äußeren Schönheit täglich vor Augen hatte, die Enkelin seiner Zimmerwirtin, sondern das Wesen, das er in ihr zu sehen glaubte.

Viktor errötete, sobald er Martha begegnete, sein Herz schlug, wenn der Zeitpunkt kam, an dem sie ihre täglichen Obliegenheiten für ihn besorgte, er war wie im Fieber, wenn er sie nah wußte und trübselig gestimmt, hörte er ihr Lachen und Flüstern mit Lene Dallmann.

Gregor natürlich wußte schon nach vierundzwanzig Stunden, wie es um seinen jungen Freund stand. Er erschrak nicht wenig. Zwei Jahre lang hatten sie friedlich und fröhlich zusammen gelebt, keinem war es eingefallen die Dinge und ihre Beziehungen zueinander anders als mit den nüchternen Augen der Gewohnheit anzusehen, und nun plötzlich kam dieser Unglücksmensch darauf, sich wie ein Blödsinniger in Martha zu verlieben!

Gregor war trotz seiner fleckigen Röcke viel zu sehr Lebemann – wenigstens in der Theorie – um nicht selbst der erste zu sein, der seinem jungen Freunde eine rechtschaffene Jugendeselei gönnte, aber daß es gerade Martha war, verstimmte ihn. Erstens betrachtete er das Mädchen als unter ihrem gemeinsamen Schutz stehend, also zu gut zum Scherz, und an Ernst durfte doch Viktor mit seinen fünfundzwanzig Jahren und dem ersten knospenden Lorberblatt auf der Stirn nicht denken; zweitens aber dachte er an Frau von Nordheims Worte und fand es gewagt, Viktor ungewarnt neben Martha weiter leben zu lassen.

Je länger Gregor beobachtete, je unwirscher wurde er gegen Alten, und nur Marthas gänzliche Ahnungslosigkeit gab ihm eine schwache Beruhigung. Aber wie lange würde das dauern?

II.

»Marthchen! Pst, Marthchen!«

Frau Dallmann, ein rotes gestricktes Umschlagetuch um die Schultern, stieß leise die Küchentür auf und winkte der am Herd Beschäftigten. »Haben Sie ein bißchen Zeit? Kommen Sie einen Augenblick zu uns herüber.« »Das Wasser kocht gleich, ich muß Tee machen,« sagte Martha mit einem Blick auf die Zimmertür ihrer Großmutter. »Aber meinetwegen, Frau Dallmann! Mehr als zanken kann keiner.«

Die Aufwärterin lachte und schüttelte den Kopf.

»Wer's gewöhnt ist, fragt nicht mehr danach!« meinte sie und öffnete die Tür zu ihrer Wohnung, in der ihre Tochter, eine hübsche Brünette in Marthas Alter, auf dem altmodischen Sofa lag und in einem Heft des neuesten Kolportageromans studierte. –

Mochte Frau von Nordheim im allgemeinen recht mit ihrem Urteil über ihre Flurnachbaren haben, eines blieb wahr, sie legten ihrer Enkelin gegenüber eine seltsame Gutmütigkeit an den Tag. Nie machte Frau Dallmann irgend einen Unterschied zwischen ihrer eigenen Tochter und dem schönen Aristokratenkind, dessen Umgang ihr um so lieber zu sein schien, je unnahbarer trotz aller Freundlichkeit die alte Dame war.

»Na, Mutter,« sagte Lene sich aufrichtend und das wirre Haar zur Seite streichend. »Mach zu, was ist's?«

Aus ihrem schmächtigen Geldbeutel zog Frau Dallmann zwei farbige Papierstreifen und legte sie triumphierend auf den Tisch.

»Das hat mir mein Fräulein gegeben!« Sie war augenscheinlich sehr stolz auf die Billetts. »Morgen ist ein großes Kostümfest, und da sollt ihr hingehen und zuschauen.«

Einen Augenblick sahen sich die beiden Mädchen mit glänzenden Augen an, dann kamen Martha die Tränen.

»Darf ich denn? Darf ich denn?!« jammerte sie, »Großmutter bände mich eher an ihren Stuhl, ehe sie das erlaubte.«

»Ja, sie gönnt Ihnen rein nichts, Marthchen,« meinte die Dallmann mitleidig. »Gerade so, als wenn Sie gar nicht ihr eigenes Fleisch und Blut wären! Aber ich hab's mir schon ausspekuliert, wie wir es machen, daß Sie doch hinkommen. Wenn die Alte schläft, kommen Sie auf Strümpfen zu uns herüber, und dann geht es heidi!«

»Und wenn sie ruft?« warf Martha zweifelnd ein. Die respektwidrige Art, in der man hier von ihrer Großmutter sprach, berührte sie nicht, sie hatten gar keine Gemeinsamkeit im Fühlen und Denken.

»Ach was! Jugend hat festen Schlaf! Was will sie denn machen, wenn Sie nicht hören? Kommen Sie nur mit, Marthchen, so gut wird es Ihnen nicht wieder geboten.« Sie brachte die Billetts in Sicherheit. »Es soll ja ganz großartig werden – und mein Fräulein geht als Türkin. Na, hin müßt ihr, Kinder!«

Sie saßen zusammen und besprachen ihren Plan. Martha hatte noch Skrupel, aber Frau Dallmann wußte sie willfährig zu machen.

»Das ist kein Unrecht, wenn Sie der Alten heimlich ausrücken, wer's zu streng machen will, macht es zuletzt nur schlecht, so sage ich, und zu wissen braucht es auch niemand, keine Menschenseele, hören Sie, Kind?«

»Ich sage es gewiß nicht!« lachte Martha. »Ach, liebste Frau Dallmann, wenn Sie doch meine Mutter wären!«

Die Aufwärterin lachte geschmeichelt. »Ich wollt's schon anders machen!« sagte sie gutmütig und gab Martha einen kleinen Stoß in die Seite.

»Martha! Martha!« rief die Blinde inzwischen wiederholt. Der Teekessel in der Küche brodelte über, Frau von Nordheim hörte das Zischen, aber sie war machtlos mit ihren gelähmten Gliedern, ihrem verlorenen Augenlicht.

Eine Stunde mochte vergangen sein, als sich das Mädchen ihrer Pflichten erinnerte. Mit beunruhigtem Gewissen schlich sie zurück, aber so erhoben bei der Aussicht auf das kommende Vergnügen, daß sie schweigend, wenn auch verstockten Sinnes, die Vorwürfe der Großmutter mit anhörte.

»Von allen Schrecken der Erde ist das schrecklichste, hilflos zu sein,« sagte die Blinde bitter, »besonders, wenn diejenige, die uns verpflichtet ist, keine Pflichten anerkennt. Ich verbiete dir von heut ab, zu Dallmanns zu gehen.«

»Das kannst du nicht, Großmutter!« brach es da zornig aus dieser hervor, »Lene ist meine Freundin, ich gehe doch!«

Zum erstenmal fand Frau von Nordheim offene Widersetzlichkeit bei ihrer Enkelin.

»Das Blut deiner Mutter – es regt sich!« warf sie ihr verächtlich entgegen. »Geh denn! gehe zu denen, zu denen du dich hingezogen fühlst; ich habe keinen Teil an dir!« – Und Martha ging. Sie hatte denselben Abend noch ihren Sieg triumphierend bei Dallmanns gemeldet, und kein einziger Gedanke galt der hilflos zurückgebliebenen alten Frau, als sie am nächsten Abend mit den Schuhen in der Hand über den kalten Flur schlich.

Eine halbe Stunde später gingen sie zu dreien der innern Stadt zu, denn wenn auch nur die beiden Mädchen Einlaß bekamen, Frau Dallmann begleitete sie bis an die Pforten des großen Hotels, in dem das Fest stattfand.

»War das nicht Martha?« rief Viktor plötzlich, auf der Straße stehen bleibend und Gregor hart am Arm fassend.

»Du siehst Martha wohl im Traum und im Wachen. Wie soll sie um diese Zeit hierherkommen?« fragte dieser spöttisch.

»Darin hast du recht, Hugo, ich sehe sie im Wachen und im Traum,« gab Viktor seufzend zu, »aber woher weißt du das?«

»Weil ich nicht blind bin.«

»Dann laß mich dir noch mehr anvertrauen, ich …«

»Zum Beichtvater habe ich nie getaugt,« sagte er bedauernd, »es ist sehr schade! Man bekommt da den ausgesuchtesten Unsinn zu hören, eine wahre Blütenlese der Narrheit und des Aberwitzes, aber die Leute hatten kein rechtes Vertrauen zu mir.«

»Wohl möglich – doch ich – ich habe es, Gregor. Darum verhehle ich dir nicht, daß ich Martha liebe –« »Auf einmal?«

»Ja! siehst du, das ist das Wunderbare dabei, ich kenne sie so lange schon, und doch ist mir alles neu an ihr und mir! Wie konnte ich nur so lange blind sein, und welcher Blitz hat mir die Augen geöffnet?«

»Blitze sind meist schädliche Blender,« sagte Gregor, zu einem Café hinüberlenkend. »Übrigens hast du in einem Dinge recht! Ein Dichter braucht Liebe zu seinem Schaffen. In der Jugend die Liebe der Weiber, im Alter die Liebe seiner Leser. Einstweilen bist du noch jung!«

»Du tust,« fuhr Viktor empört auf, »als handle es sich um eine leichtfertige Liebelei; daran denke ich aber nicht. Ich liebe Martha und diese Liebe ist mir heilig.«

»Betrachte sie, wie du willst, ich störe dich nicht darin. Mir hat es immer geschienen, sie steht mit den Füßen im Schmutz, wenn auch ihre Stirn die Sterne berühren mag.« – –

Dicht aneinander gedrückt, saßen die beiden Mädchen oben in der kleinen Loge und schauten mit weit aufgerissenen Augen in die Wunder hinab, die sich unten im Saale boten.

Die gewaltigen Kronleuchter, fast in gleicher Höhe mit ihnen, beleuchteten ein lebhaftes, farbenreiches Bild, einen orientalischen Bazar, mit seinem Gewimmel von Türken, Persern, Armeniern und Chinesen. Auf den wundersamsten Trachten blitzende Steine, funkelnde Goldmünzen um dunkle Locken und entblößte Arme.

»Dort! – Dort unten möchte ich sein – mitten darunter!« flüsterte Martha mit erstickter Stimme und preßte Lenes Hand. Die Tochter aus dem Volk nahm die Suche ruhiger.

»Das wäre ganz schön!« meinte sie, aber ohne die Begehrlichkeit, die aus Marthas Augen leuchtete. »Ach, wie es hier warm ist!«

Hinter ihnen klangen Schritte, Stimmen … »Nun wollen wir uns das Ding einmal aus der Vogelperspektive ansehen,« sagte jemand noch jenseits der Logentür, »ich wette, Breskow, es macht sich schöner, als mitten darin.«

Zwei Herren traten ein, in Pilgerkutten, die sie geöffnet hatten, um sich unter ihnen im tadellosen Ballanzug zu präsentieren.

»Herrgott, die Hitze!«

Derjenige, der es ausrief, kniff gleichzeitig sein Monokel ein und betrachtete die jungen Mädchen, die verlegen die Köpfe gesenkt hatten. Auf französisch machte er seinem Begleiter eine Bemerkung.

Es war eine hagere, elegante Erscheinung aus der Gesellschaft, über die Mitte des Lebens hinaus, sein Benehmen jenes undefinierbare Gehaben des Weltmannes. Ohne weiteres zog er einen Stuhl heran, setzte sich neben Martha und begann ein Gespräch. Blutrot und schüchtern antwortete sie.

»O, wie das schön ist!« seufzte sie endlich. »Wie glücklich müssen alle diese Menschen sein!«

»Glücklich?« Er lachte über ihre naive Bewunderung äußeren Scheines. »Vielleicht denkt jeder dasselbe von Ihnen, wenn er Ihre Meinung hört.«

»Ich sollte glücklich sein?« fragte sie verwundert, und das großäugige Kindergesicht sah ihn zum erstenmal voll an. »Wie ist das möglich? Wer bin ich denn?«

»Ja, wer sind Sie?« fragte er, sich zu ihr herabbeugend. »Ich weiß es nicht – ich weiß nur, daß Sie – sehr – sehr schön sind!«

Ein neues, fremdes Gefühl durchrieselte Martha, zum erstenmal sagte ein Mann ihr eine Schmeichelei. Stolz ließ ihr Herz klopfen, das Weib in ihr erwachte. –

»Sie sind schön – sehr schön!« Das Wort nahm sie mit sich, als sie mit Lene aus der heißen Luft des Ballsaales in die kalte, klare Winternacht hinaustrat. Schön! – Ja, mit vollem Bewußtsein wollte sie es von jetzt ab sein. Ihr Sinn hatte schon immer nach Putz und Tand gestanden, und nur die knappen Mittel der Großmutter ihren heimlichen Wünschen Zwang angetan. Jetzt wollte sie das Doppelte arbeiten, aber für sich, sie wollte nähen und sticheln Nächte lang, aber für ihren Putz. Sie schämte sich jetzt, daß sie kein besseres Kleid angehabt, und doch war ihr, als trüge sie ein köstliches Geschenk heute abend mit nach Hause.

»Warum sprichst du gar nicht?« fragte Lene, als sie durch die menschenleeren Straßen über den knisternden Schnee gingen. »Bist du müde?«

»Nein! ach nein!« seufzte Martha.

Sie und müde! Der Kopf brannte ihr, die Gedanken jagten sich wie aufgescheuchte Bienenschwärme in ihrem Gehirn, aber sie hätte nicht sagen können, welch' rauschartiges Gefühl sich ihrer so plötzlich bemächtigt hatte.

Da blieb Martha plötzlich stehen, ihre Brust arbeitete heftig, ein wilder bacchantischer Zug lag über der noch völlig weltfremden Mädchengestalt.

»Lene!« rief sie und packte den Arm ihrer Gefährtin fest, »weißt du, was ich will? Eine von denen werden, die da unten im Saal tanzten und sich freuten. Ich will – ich will!«

»Dann mußt du zum Theater gehn,« riet Lene, denn seitdem Frau Dallmann, bei einer Schauspielerin bedienstet, dort den Luxus und das Wohlleben sah, erschien ihr das Theater das einzig erstrebenswerte auf Erden. Daß dazu etwas mehr gehöre als schöne Kleider und langes Schlafen, ahnte sie kaum. »Mutter will, daß ich auch Schauspieler lerne!«

Zum Theater! – Martha seufzte, was würde die Großmutter sagen, wenn sie ihr mit solchen Ideen käme? Vielleicht half ihr Gregor! – Jedenfalls wollte sie ihn für ihre Pläne zu gewinnen suchen. – Unhörbar wie Diebe schlichen sie die Treppe hinauf, mit klopfendem Herzen berührte Martha die nur angelehnte Küchentür. Unter dem leichten Druck öffnete sie sich geräuschlos; eine Entdeckung hatte also nicht stattgefunden. Befreiten Herzens schlüpfte sie hinein. Da stand alles noch wie sie es verlassen, alles wie sonst! Nur kam es ihr so eigentümlich still vor, als hielten alle Gegenstände ringsum den Atem an, um sie nicht zu stören, oder als zürnten sie ihr wegen der nächtlichen Flucht.

Sie nahm den Spiegel und betrachtete sich genau. Also schön war sie! Die blonden Löckchen zog sie tiefer in die Stirn, während sie vor Frost und der ungewohnten Erregung zu zittern begann.

Sie löschte die Lampe und kroch in das Bett, die Uhr schlug gerade drei. Aber anstatt einzuschlafen begann nun die Phantasie erst recht ein tolles Spiel. Die Tanzmusik klang ihr in den Ohren, das erregte Blut, der Wein, den ihnen schließlich die Herren aufgenötigt, klopfte in ihren Pulsen.

Ihr wurde heiß und kalt, als sie plötzlich mit dem Kopf in die Höhe fuhr. Die Großmutter hatte gerufen! Oder war es doch nur Täuschung? Atemraubend legte sich ihr wieder die nächtliche Stille auf das Herz, es kam ihr vor, als läge sie lebendig im Grabe. Frostschauernd schlüpfte sie aus dem Bett und lief bloßfüßig über die kalten Fliesen bis zur Tür der Großmutter; nur ihr altes, schwarzes Tuch raffte sie auf und hüllte sich ganz darin ein. Leise drückte sie die Klinke nieder und trat ein.

Das Zimmer war ganz angefüllt mit bläulich hellem Mondlicht; es kroch an den alten Möbeln entlang bis in die fernsten Ecken; von den Rändern des blinden Spiegels gingen weiße Lichter aus und fielen über das Bett der alten Frau von Nordheim, die friedlich darin schlummerte. Sie lag ganz still, beide Hände auf der Decke gefaltet, den Kopf etwas zur Seite, so daß gerade der Schatten des Nachttischchens über ihr Gesicht fiel; nur das Kinn lag schon im Hellen. Martha ging näher. Ihr war so unheimlich zumut, allein in der silbern schimmernden Mondnacht, daß sie fast wünschte, die Großmutter möchte erwachen.

Frau von Nordheim regte sich nicht.

Nun rückte das Licht weiter, über dem Gesicht lag es nicht mehr wie ein schwarzer Schatten, sondern wie lichte Dämmerung, man unterschied die einzelnen Züge deutlich, und in der bläulichen Mondhelle sahen sie fahl und eingefallen aus. Martha beugte sich über die Schläferin.

Wie Eiseskälte drang es ihr aus dem bewegungslosen Körper entgegen, ein plötzliches Entsetzen, namenlos wie ihr ganzes Empfinden heut abend, ließ ihr Blut erstarren; zwischen den Lidern der alten Frau schien sich ein Blick hervorzudrängen, so unheimlich und gläsern, daß ihre Zähne zusammen schlugen. Sie konnte es nicht länger ertragen! Lieber Entdeckung, lieber körperliche Züchtigung als dieses starre Schweigen ringsum.

»Großmutter!« flüsterte sie und wunderte sich, daß ihre Stimme so erstickt und tonlos klang.

Nichts regte sich, kalte Schauer fuhren über sie hin.

»Großmutter!« Sie berührte, außer sich vor Angst, die gefalteten Hände auf der Bettdecke und fuhr mit einem Schrei zurück. Über den Mond zog eine Wolke. Und nun schien es dem entsetzten Mädchen, als rege es sich gespenstisch überall, als hebe die Tote die Arme, um nach ihr zu greifen, als wehe ein Grabesschauer über ihre Glieder.

Außer sich, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, stürzte Martha vorwärts auf die Tür zu, hinter der Viktors Zimmer lag, sie schlug mit den Fäusten gegen das Holz, das Schreien, das ihr der erste Augenblick des Schreckens eingegeben, wurde zu einem angstvollen Wimmern, und als Alten, aus tiefem Schlaf aufgeschreckt, endlich den Riegel geöffnet hatte, fand er Martha bewußtlos an der Schwelle hingestreckt, eingewickelt in das schwarze Tuch, umflutet von den gelösten goldnen Haaren.

Als er sie aufhob, schlang sie, ihrer Sinne noch nicht ganz mächtig, beide Arme wie Klammern um seinen Hals und preßte sich fest an ihn.

»Sie ist tot!« ächzte sie. »Tot!«

»Mein armes Kind, meine arme kleine Martha! Wie Sie erschrocken sind!« sagte er, der Zitternden das Haar streichelnd. »Setzen Sie sich hier her, ich werde einmal nachsehn!« Er drückte sie in die Sofaecke, zog das Tuch fester um sie und machte Miene ihr eine Decke von seinem Bett her zu holen. Aber mit eiserner Kraft hielt sie ihn fest.

»Gehen Sie nicht fort! – Gehen Sie nicht fort, – ich sterbe vor Angst!« murmelte sie zähneklappernd.

Ein leidenschaftliches Mitleid mit der Entsetzten überfiel ihn. Wenn Frau von Nordheim wirklich tot war, konnte er ihr doch nichts mehr nützen, dachte er, während Marthas fiebernde Angst Schonung verlangte.

Er setzte sich zu ihr auf das Sofa. Sie drückte sich fest an seinen Arm, er hörte den Schlag ihres Herzens, spürte das Leben, das unausgesetzt durch ihren Körper rann. Ihm wurde beklommen.

»Ich bitte Sie, Martha, werden Sie doch nur ruhig!« begann er nach einer Pause und fühlte selbst, daß ihm allmählich die Ruhe abhanden kam. »Und lassen Sie mich doch gehen, daß ich Ihnen etwas Wärmendes hole.«

»Ich will nicht! – Ich will nicht! – Ich fürchte mich!« wiederholte sie und hielt ihn nur fester.

Nach einer kleinen Weile machte er sich mit einem jähen Ruck frei.

»Es ist nötig, daß ich nach Ihrer Großmutter sehe!« sagte er fast rauh, »ich gehe ja nicht weiter!«

Stumm stand sie auch auf, und ihn festhaltend ging sie mit, das schwarze Tuch schleppte hinter ihr her, die nackten Füße leuchteten auf der dunklen Diele. Der Mondschein war fort, aber noch füllte dämmerige Helle das Sterbezimmer. Viktor blickte nur nach dem Bett hin, in dem die Tote lag, er fürchtete sich wie vor einer tödlichen Gefahr auf Martha zu blicken, deren körperliche Nähe er unausgesetzt fühlte. Es schien fast, als lächle Frau von Nordheim ihnen entgegen.

»Wie friedlich Ihre Großmutter zur Ruhe eingegangen ist,« sagte er ergriffen. »Wollte Gott, es ginge uns einst ebenso.«

»Ich will nicht sterben, ich will leben – leben!« murmelte Martha und drückte ihren gesenkten Kopf gegen seinen Arm; eine schwerfällige Mattigkeit hatte sie plötzlich überwältigt.

Er blickte zu ihr nieder, endlich mußte er es doch. Wie ein goldner Schleier schien ihm ihr Haar, die nackten Füße standen noch immer auf dem kalten Boden.

Da hob er sie ohne weiteres auf und trug sie in sein Zimmer zurück, weil es ihm dort am wärmsten dünkte.

»Seien Sie vernünftig, Martha,« begann er, als er sie in die Sofaecke gleiten ließ, »überwinden Sie diesen Schrecken und versuchen Sie zu schlafen, Ihrer Großmutter kann keiner mehr helfen. – Bleiben Sie hier auf dem Sofa – ich werde die Nacht bei Frau von Nordheim wachen!«

Trotz der bleiernen Ermattung, die sie befallen, hob sie doch die schweren Lider und packte aufs neue seine Hand.

»Gehen Sie nicht« – murmelte sie schlaftrunken – »bleiben Sie bei mir!« – Und dann sank ihr Kopf auf die Seitenlehne, und tiefe, ruhige Atemzüge zeigten ihm bald, daß sie den besten Tröster der Jugend – den Schlaf – gefunden hatte.

Seine Hand hielt sie noch immer umklammert; er fürchtete sie zu wecken, wenn er sie jetzt schon aus ihren Fingern befreite, und so kniete er vor dem Sofa und sah auf das schöne Gesicht, das er mit jeder Fiber seines Seins zu lieben glaubte.

Ihre Hilflosigkeit, die Angst, die sie drängte, sich an ihn zu klammern, hatte sie ihm auf einmal so nahe gebracht; es gab nichts mehr, was trennend zwischen ihnen stand. Sie mußte sein werden mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie sich vorhin um seinen Hals gehängt hatte.

Sein! – Seine Geliebte! – Seine Frau! – Die Mutter seiner Kinder, wie er es einst von der Zukunft erträumt hatte. Sein Glück, alles – verlangte er von diesem süßen, kindlichen Geschöpf, das da in tiefem Schlaf vor ihm lag.

Sein Empfinden war rein, noch nicht angefressen durch das leichte Leben der Großstadt und deshalb war seine Liebe für Martha, durchsetzt mit lebhafter Phantasie, genährt durch ihre Schönheit, ebenso heiß und leidenschaftlich wie groß und edel, aber – auch gefährlich für diejenige, der sie galt. Er gab viel, aber er verlangte auch für sich dasselbe Maß.

Auf ihren sonst so rosigen Wangen lag noch die Blässe des Schreckens, über die halbgeöffneten Lippen glitt ein zitternder Seufzer. Da beugte er sich nieder und küßte sie leise auf den Mund.

Ihre Lippen waren kühl und blaß, aber wie ein Feuerstrom rann es ihm durch die Adern; er sprang auf, stellte sich an das Fenster und beobachtete den Himmel und die schwarze Masse des gegenüberliegenden Hauses.

Aber wohin er auch sah, überall war Marthas Gesicht vor ihm, Zug um Zug, immer aufs neue empfand er den wonnigen Gedanken: wie schön ist sie! Er hatte schließlich für alles andere das Bewußtsein verloren, vor ihm lag sie ruhig und bewegungslos, das weiße Kinn auf dem schwarzen Tuch, die langen Wimpern auf den Wangen und atmete friedlich.

Er hatte gewiß nicht im Stehen geschlafen, aber er fuhr doch erschrocken zusammen, als die Uhr in Frau von Nordheims Zimmer sieben schlug. Um ihn wurde es Tag. Ein bleicher Schein drang durch die Fenster, in undeutlichem Licht schienen die Möbel ringsum zu schwimmen, dann wurde es Heller, und deutlicher tauchten alle Umrisse auf.

Martha hatte eine Bewegung gemacht, mit klopfenden, Herzen sah er sich um. Sie saß aufrecht und betrachtete mit erschrockenen Augen ihre Lage und die warmen Hüllen, in denen sie eingebettet lag; augenscheinlich war sie noch nicht Herr ihrer Erinnerungen. Als sie Viktor auf sich zukommen sah, fiel ihr erst das Geschehene ein.

»Herr Alten – – mein Gott!« – sagte sie, und eine Blutwelle stieg ihr plötzlich in das Gesicht.

»Martha! – Martha!« er nahm ihre Hände, zog sie leidenschaftlich an seine Lippen, »sag' mir das Eine – das Eine… hast du mich lieb – willst du meine Frau werden?«

Sie sah ihn fassungslos an, im ersten Augenblick begriff sie nicht. Sie hatte das Gefühl, als müsse sie sich die Augen reiben, ob sie auch nicht träume, ob das wirklich Herr Alten war – der berühmte Mann – wie ihn Herr Gregor nannte, der da vor ihr auf den Knien lag und sie ansah. – So hatte sie noch niemand angesehen, so voll leidenschaftlicher Zärtlichkeit und Verehrung. – Seine Frau! – Das Wort schlug wohl an ihr Ohr, sie verstand auch seinen Sinn, aber wie konnte das sechzehnjährige Kind die Tragweite ermessen, die es für sie hatte.

»Martha!« flehte er, »sprich doch ein Wort – willst du mich glücklich machen, dann sage Ja!«

Ihr kurzes Zögern hatte ihm den Maßstab für die Macht seines Empfindens gegeben, es überlief ihn eiseskalt während des kaum sekundenlangen Schweigens. Und ihr fiel ein, daß die Großmutter tot war, daß sie nun allein und arm in der Welt stand, daß Viktor viel Geld verdienen, und sie niemals mehr Mangel leiden würde, – das alles nicht in kaltblütiger Überlegung, sondern impulsiv, mehr geahnt wie bewußt, – daß es jemand gab, der nun wieder zu ihr gehörte; und endlich lag etwas in seinen Augen, sprach aus dem Ton seiner Stimme, das sie warm und weich berührte, wie noch nichts im Leben. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, und sagte: »Ja!« wie er verlangte.

III.

Gregor hatte bei der Nachricht von Frau von Nordheims Tode eine tiefere Bewegung empfunden, als ihr nur sehr oberflächlicher Verkehr rechtfertigte, und er machte sich sogleich auf den Weg, um mit Viktor über Marthas Zukunft zu beraten. Was die ersten Schritte anbelangte, darüber war er sich schon einig.

Das strahlende Gesicht seines jungen Freundes verblüffte ihn nicht wenig.

»Ich denke, ich komme in ein Trauerhaus,« schalt er grämlich, »und du machst ein Gesicht, als gingest du zur Hochzeit.«

»Geh ich auch – geh ich auch!« rief Viktor, ihm um den Hals fallend. »Ach, Gregor, ich bin der Glücklichste der Menschen! Martha hat eingewilligt, mein zu werden!«

Mit einem Ruck machte der andere sich frei.

»Was sagst du da?«

»Martha ist seit heute morgen meine Braut! – In der Nacht – komm, laß dir erzählen!« –

»Du bildest dir wohl ein, wunder wie klug gehandelt zu haben, und daß ich mit Tränen der Rührung im Auge nun segnend die Hände über euch ausstrecken werde!« rief Gregor zornig und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Dumm hast du gehandelt! Niederträchtig dumm – zum Prügeln dumm! Ja, noch mehr – pflichtwidrig!«

»Ich verstehe dich nicht!« unterbrach Viktor. »Du scheinst von dem Gedanken auszugehen, ich habe Marthas Schicksal an das meine gefesselt, ohne genug realen Boden für uns beide unter den Füßen zu haben, da sie arm ist wie ich. Aber dem ist nicht so! Ich habe gestern meinen neuen Roman verkauft und dafür viertausend Mark bekommen, Geld genug, um glücklich und zufrieden zu leben. Wenn ich jedes Jahr nur einen arbeite, kann ich ihr ein genügendes Auskommen bieten, meinst du nicht auch?«

Gregor lachte ingrimmig auf.

»Hänge dir nur eine Kugel an das Bein, mein Sohn, wenn du fürchtest, einen zu hohen Flug zu tun; mich soll's wahrlich nicht kümmern! Aber bedenke – eine Ehe ist leicht eingegangen, schwer gelöst. Sie bringt in ihrem Verlauf Verpflichtungen mit sich, von denen sich dein Knabengehirn noch nichts träumen läßt. Und wenn sie dich endlich umgarnt haben, und du unter ihnen erstickst, dann balle die Faust über deine Dummheit, und schlage dir selbst den Schädel ein, oder werde zum Schuft an deiner Frau!«

Viktor lachte, laut und herzlich, indem er die Haare in den Nacken schüttelte.

»Du sprichst doch wie ein Blinder von der Farbe,« sagte er nachsichtig. »Was weiß solch ein verknöcherter, alter Junggeselle, wie du, von Liebe und Ehe!«

»Meinst du?« nickte Gregor höhnisch, »du kannst nicht unrecht haben! Aber Liebe, mein Sohn, ist eine Illusion.«

»Wir sprechen von Martha!« rief Viktor mit blitzenden Augen, »du kennst sie eben nicht, sie ist ein Engel, kindlich, zärtlich, voll der besten Anlagen, und meine Sorge laß es sein, das alles zu pflegen und an das Licht zu ziehen. Der Mann ist das Schicksal der Frau.«

Gregor zog eine Grimasse.

»Du bist wahrlich noch sehr jung, Viktor – sehr jung!« sagte er endlich ruhiger. »So jung, daß du in jedem Nähmädchen eine Aphrodite zu sehen berechtigt bist. Mit der Zeit gibt sich das, der Nimbus geht zum Teufel. Ernüchterung bleibt einmal die sicherste Mitgabe der Mutter Natur. Was nun deine Ehe anbelangt, so sind, glaube ich, viertausend Mark nicht ausreichend, daraufhin Hütten zu bauen.«

»Ich sagte dir schon einmal, Martha ist bescheiden! Und wäre sie es auch nicht, Gregor…« Wieder sprangen die Sonnenfunken aus seinen Augen, spannten sich die Muskeln, und jener Zug von Kraftbewußtsein und Energie trat in sein Gesicht, den Gregor an ihm liebte; »Ich habe Mut für uns beide und die Kraft dazu! Jeder Stein, auf den ich trete, erzählt mir eine Geschichte, jeder Lufthauch weht mir Gedanken entgegen. Ich brauche nur festzuhalten, was sich mir bietet, dann verwandelt es sich zu Geld unter meinen Händen, und ich kann Martha geben, was sie verlangt, ohne mehr zu tun, als wohin mich meine eigene Neigung treibt. Ich liebe sie, und ich will glücklich sein, ich und sie! – Ich will – ich will! –«

»Man mag wollen, hundertmal wollen, und alles kommt doch, wie es einmal kommen soll. Mit dem Willen allein erreicht man nichts,« sagte Gregor seufzend. »Und nun kann ich ja wohl Martha beglückwünschen!«

Sie saß im Zimmer der Verstorbenen auf dem Fußboden vor einer Kommode, deren Fächer halb herausgezogen waren, und deren Inhalt zum Teil auf dem Boden lag. Die Schreckgespenster der Nacht hatte der helle Tag verjagt. Sie hörte auch nicht, daß Gregor eintrat. Mit gesenktem Kopf und glühenden Wangen schaute sie starr in einen ziemlich großen, flachen, eckigen Kasten hinein, der auf ihren Knien stand. Erst, als er ihren Namen rief, fuhr sie erschrocken zusammen, der Kasten verlor das Gleichgewicht und stürzte polternd zur Erde.

»Martha!« sagte er vorwurfsvoll und streifte mit den Augen den verstreuten Kram und dann die zugedeckte Tote, »hätte das nicht Zeit gehabt bis später?«

Sie biß mit den Zähnen in die schwellende Unterlippe, etwas Dunkles, Feindseliges lag in dem Ausdruck ihrer Augen, als sie den seinigen folgten. Sie schwieg.

Er sah ihr an, daß sie nicht geweint hatte und ihre Herzlosigkeit dem Andenken der Toten gegenüber, die doch für sie gesorgt hatte, als sie schwach und hilflos gewesen, erzürnte ihn.

Mit seiner schmalen blassen Hand ergriff er die ihrige und zog die nicht Widerstrebende an das einfache Totenbett.

»Sie hat es gut mit Ihnen gemeint, Martha!« sagte er, mit einem Gemisch von Rührung und Hochachtung auf die Tote blickend, »Sie müssen ihr ein gutes Andenken bewahren.«

»Nein!« rief das sechzehnjährige Kind hart und drehte den Kopf zur Seite.

Gregor sah sie an, war das das Kind, das er bisher mitsamt seinen kleinen Schwächen und Fehlern so gut zu kennen glaubte? Diesen Ton hatte er ihr gewiß nicht zugetraut.

»Warum nicht?« fragte er kurz. »Hat Ihre Großmutter nicht alles getan, was sie Ihnen nur schuldig war? Ist das nicht ein gutes Andenken wert?«

Sie zuckte die Achseln und sah halb zweifelnd, halb überlegend zu ihm auf, dann aber schwoll all das plötzlich empor, was sie so lange mit sich herum getragen, und brach sich gewaltsam Bahn im Angesicht der Toten.

»Wie kann ich trauern,« rief sie ungestüm, »da ich doch nichts weiter von ihr erfahren habe als Strenge und harte Worte! Nicht eine Liebkosung, nicht ein Zeichen der Zärtlichkeit, so weit ich auch zurückdenke! Was war ich ihr denn! Die Tochter meiner Mutter; nichts anderes! Glauben Sie, ich hätte die Ungerechtigkeit nicht gefühlt, die sie mir damit antat? Was konnte ich dafür, daß sie meine Mutter haßte, wie war denn ich dafür verantwortlich, daß ihr meine Mutter nicht gefiel? – Ich kann nicht weinen um die Großmutter, vor der ich nur immer in Schrecken lebte, ich müßte sonst heucheln, aber um meine Mutter will ich weinen, die ich niemals gekannt habe, von der ich nicht einmal weiß, ob sie tot ist, – die mich lieber verließ, ehe sie es ertragen konnte, mit der Großmutter zusammenzuleben – um meine Mutter weine ich jetzt!«

Tränen stürzten aus ihren Augen, und sie preßte die flachen Hände vor das Gesicht.

»Wie kommen Sie in diesem Augenblick auf Ihre Mutter, Martha?« fragte Gregor verwirrt.

Sie zog die Hände herab und deutete auf den Kasten. »Dort –« schluchzte sie – »ich fand etwas von ihr dort drinnen.« Sie ging hin, hob den Kasten auf, zog einen welken Lorbeerkranz darunter hervor und eine zerrissene Photographie, der der Kopf fehlte, und hielt ihm beides stumm entgegen.

Gregor blickte auf diese Zeugen einer bewegten Vergangenheit und dann auf die Tote. – »Martha! Was wissen Sie von der Schwere und Grausamkeit eines menschlichen Lebens! Seien Sie nicht ungerecht, Kind!«

Sie wischte mit der umgekehrten Hand die Tränen von den Wangen. »Großmutter war ungerecht gegen mich,« widersprach sie, »ich habe sie nicht lieb gehabt und sie mich auch nicht – aber –«

Sie blickte auf Alten, der eben eintrat, da er Gregors Sprechen und Marthas Schluchzen drinnen gehört hatte. »Dich habe ich lieb!« schrie sie plötzlich auf und flog ihm an den Hals. »Ja, dich habe ich lieb, Viktor – sehr lieb!«

Eng schmiegte sie sich an seine Brust, und über ihren blonden Kopf hinweg flog sein triumphierender Blick zu Gregor.

»Mein Lieb, – mein süßes Lieb,« flüsterte er beschwichtigend, »sei nicht so traurig, ich bin immer da – immer und ewig!«

Er hatte noch kaum ausgesprochen, da streifte sie schon seine Arme von sich ab und trat etwas von ihm fort.

»Lene kommt,« sagte sie, nach der Türe hinhorchend, »wir wollen mein Bett hinübertragen zu Dallmanns, denn ich muß vorläufig da wohnen. Ich freue mich darauf!« Sie verschwand hinter der Küchentür, und wenige Augenblicke hörte man sie auflachen, mit dem silberhellen Ton, der ihr eigen.

Gregor schüttelte den Kopf.

»Sie ist ein Kind, ein liebes, reizendes Kind,« sagte Viktor mit Begeisterung. »Alles an ihr wird durch das Herz bestimmt! Ich hätte nicht gedacht, daß sie um die alte Frau weinen würde. Sie war doch recht hart und unfreundlich zu ihr.«

Wieder schüttelte Gregor sein graues Haupt.

»Weißt du, weshalb Frau von Nordheim so strenge mit ihrer Enkelin verfuhr?« fragte er leichthin.

»Vermutlich weil sie eine nörgelnde alte Frau war, die die Tage der eigenen Jugend vergessen hatte.«

»Nein. – Weil sie in Marthas Charakter die Keime zu ersticken suchte, die nach ihrer Ansicht die schlechte Rasse der Mutter dort hinterlassen hatte. – Ganz folgerichtig, mein Sohn!«

»Eine furchtbare Ungerechtigkeit,« brauste Viktor auf. »Sollen unschuldige Geschöpfe unter den Fehlern ihrer Vorfahren leiden? – Was war Marthas Mutter?«

»Schauspielerin!«

»Nun, ich werde dir zeigen, daß die Tochter der Schauspielerin die beste, edelste, geliebteste Frau der Erde sein wird. – In der Ehe ist der Mann der überlegenere Teil, von ihm allein hängt es ab, was aus einer Frau werden soll.«

Gregor schwieg. Was sollte er auch sagen? –

Am Abend desselben Tages saß Martha in Frau Dallmanns Stube am Tisch und hatte den Kasten vor sich stehen. Neugierig blickte ihr Lene über die Schulter und auch die Aufwärterin nahm in ihrer Weise regen Anteil an allem.

»Das glaube ich ja wohl, daß es Ihre Mutter nicht ausgehalten hat bei der Alten,« sagte sie jetzt in weisem Ton, die Hand nach dem kopflosen Bild ausstreckend. »Eine Schauspielerin ist eben ein anderes Leben gewöhnt! Mein Fräulein – na, ich sage bloß – mein Fräulein hätte sich mit der Alten gekratzt.«

Sie blickte auf das Bild, dem mit scharfem Ruck das Stück, das den Kopf enthielt, abgerissen schien. Das Papier war im Zickzack ausgefranst, aber ein schwellender Hals, prächtige Arme und eine jetzt unmoderne, aber damals gewiß hochelegante Toilette waren als Rest zurückgeblieben.

»Schade, daß der Kopf fehlt,« meinte Lene und wühlte in dem Kasten herum, »ob er nicht noch irgendwo steckt? Vielleicht sah sie so aus wie du, Martha!«

Die antwortete nicht; sie hatte ein vergilbtes, in seinen Falten brüchiges Zeitungsblatt gefunden und entfaltet. Auch dieses war halb durchgerissen, wie in heftigem Kampf, der Name des Blattes und der Stadt, in der es erschienen, fehlte, aber die unruhigen Augen derjenigen, die es jetzt lasen, fanden trotzdem genug.

Es war eine Theaterkritik. In schwülstigem Stil, Gott weiß, welchem Krähwinkel entstammend, pries es die Leistungen der »gottbegnadeten« Schauspielerin Martha Coralin, als Lorle in Dorf und Stadt. Und hinterher folgte ein Passus, der ihre Schönheit rühmte.

»Wenn Fortuna die Gaben aus ihrem Füllhorn schüttet,« hieß es, »so geschieht es wohl, daß einer mitten darunter steht und alles erhält, während andere darben müssen ihr lebenlang. Zu diesen Glücklichen, die kaum selber wissen, was sie alles besitzen und deshalb verschwenderisch mit ihren Gaben umgehen dürfen, gehört Frau Martha Coralin. Ihre Augen sind wie zwei Sonnen, ihr Haar flüssiges Gold« – wieder ein Riß – und dann zum Schluß: »Glücklich preisen wir denjenigen, dem dieses Kleinod, diese berühmte, begabte Schönheit zuteil geworden ist – den Träger eines vornehmen Namens.«

»Das war meine Mutter!« sagte Martha, mit tiefem Aufseufzen das Blatt beiseite legend, aus dem sie laut vorgelesen. »Meine Mutter!«

Frau Dallmann wischte sich die Augen.

»Ich sag es ja immer, das Theater! – Lene, daß du mir zum Theater gehst, oder du kriegst es mit mir zu tun!«

»Na freilich, Mutter, darüber sind wir doch einig, Und wenn die Martha nicht heiraten wollte, dann wäre sie mitgegangen, nicht Martha? Die Alte ist ja jetzt tot, du könntest nun tun, was du wolltest!«

Mit verlorenen Augen hatte diese in die Lampe gestarrt, sie beschäftigte nur die Erinnerung an die Mutter; bei Lenes Worten fuhr sie auf:

»Ja!« rief sie aus. »Ja!« und dann setzte sie kleinlaut hinzu: »Aber nun wird es Viktor nicht leiden.«

»Ach, Gott bewahre!« meinte Frau Dallmann kopfschüttelnd, »die Männer, daß Gott erbarm – die sind ein eigenes Volk! Und wenn Sie klug sind, dann sagen Sie ihm gar nichts davon. Ja, wissen Sie, Marthchen, es ist ja auch eine ganz gute Versorgung für Sie, wenn er soviel Geld verdient, wie Ihnen Herr Gregor gesagt hat. Heiraten wollen wir am Ende alle!«

Sie klopfte Martha auf die Wange. »Gut wird er schon zu Ihnen sein. Sie sind ja hübsch genug, um noch zehn für einen zu kriegen.«

»Natürlich ist er gut zu mir,« sagte Martha etwas ungeduldig. »Er hat mich schrecklich lieb, Frau Dallmann.«

»Und Sie, Marthchen?«

»Ich ihn auch – das ist doch selbstverständlich!« Sie runzelte ein wenig die Stirn, ihre Wangen brannten, und die morschen Blätter des Lorbeerkranzes zerbrachen unter ihren ungeduldigen Fingern. Sie hatte das wunderliche Gefühl, als müsse sie Dallmanns um jeden Preis verheimlichen, daß der Gedanke an das Leben ihrer Mutter, von dem sie bisher nichts weiter erfahren hatte, als die stete mit verächtlichem Nachdruck gesprochenen Worte der Großmutter: »Sie war eine Schauspielerin – nichts weiter!« sie mit unwiderstehlicher Macht gepackt hatte.

»Wenn Sie nur ein paar Jahre älter wären, Marthchen,« meinte die Dallmann mütterlich, »aber so – kaum sechzehn – es ist gar so blutjung, um sich schon fürs ganze Leben einzupökeln.«

Martha lachte. »Was Sie sich nur denken!« rief sie und warf das blonde Haar in den Nacken. »Viktor verdient viel Geld, ich kann mich putzen, in das Theater gehen und alles haben, was ich will. Wenn ich erst verheiratet sein werde, besuchen Sie mich mit der Lene und sehen selber, wie hübsch alles um mich sein wird, nicht wahr?«

»Hm! Ja!« brummte Frau Dallmann nachdenklich. Widersprechen wollte sie nicht, doch kam ihr die Sache nicht so zweifellos vor, wie dem sechzehnjährigen Blondkopf, der so rosig und schön dasaß. Für den wollte sie eigentlich mehr von der Zukunft.

IV.

Sie hatten keine Hochzeitsreise an die italienischen Seen gemacht, wie Viktor zuerst geträumt, wenn er auf die in seinen Augen gewaltige Geldsumme sah, die ihm sein letzter Roman gebracht. Es wollte nicht recht reichen.

Er hatte gar nicht gewußt, daß zum Leben zu zweien so vieles gehört, ohne das er doch bisher herrlich ausgekommen war. Wäre es nach ihm gegangen, so hätten keinerlei sonderliche Veränderungen stattzufinden brauchen. Die Wohnung, in der sie lebten, genügte ja den einfachen Bedürfnissen, in denen sie beide groß gezogen waren, und ihm war sie lieb und vertraut durch die lange Zeit, die er in ihr zugebracht, und die ersten Lorbeeren, die er in ihr geerntet hatte. Aber Martha widersetzte sich diesem Ansinnen energisch.

»Was sollen wir denn hier?« fragte sie erregt und sah ihn bittend an. »Dallmanns ziehen fort, und für mich sind es wahrhaftig keine schönen Erinnerungen, die ich zurücklasse. Willst du mir nicht den Gefallen tun, Viktor?« – Natürlich tat er ihr den Gefallen und jeden andern, den sie weiter begehrte. Er liebte sie ja; – ein Lächeln, ein zärtliches Wort machte ihn zu einem willenlosen Werkzeug in ihren Händen, und Martha, die sich dessen bald genug bewußt wurde, freute sich darüber und nutzte es auch aus.

Sie, die bisher niemals einen Pfennig Geld ihr eigen genannt, stand nun an den Schaufenstern der Läden, nicht mehr mit dem begehrlichen oder unerfüllbaren Wunsch etwas von all den schönen Dingen ihr eigen zu nennen, sondern mit dem Bewußtsein, daß sie haben könne, wonach ihr Herz verlange. Unter diesem Bewußtsein mehrten sich ihre Wünsche tagtäglich, und Viktor war schwach genug ihnen keine Grenzen zu ziehen.

Gregor schüttelte zuweilen ärgerlich den Kopf, einmal ging er sogar weiter, er sagte in Marthas Gegenwart, in seiner hastigen, abgehackten Art und Weise:

»Glaube mir, Alten, in der Liebe soll es einen ungemein raschen Übergang aus einem Zustande beinahe blödsinniger Anbetung, zu einem Zustande gereizter Übermüdung für den Mann geben. Ein ›Nein‹ zu Anfang…«

Er kam nicht weiter, Marthas kleine, weiße, aber feste Hand legte sich auf seinen Mund, und Viktor lächelte dazu. Was fragte er wohl in dieser Zeit nach Gregors Weltweisheit! –

Ein kleines Häuschen, mitten im Garten, hatten sie sich gemietet, da, wo die Stadt schon ihren hastenden, treibenden Großstadtcharakter verlor. Dort schaltete Martha als junge Hausfrau, und Viktor nahm seine, in der letzten Zeit etwas vernachlässigte Arbeit wieder auf.

Vor dem Fenster, an dem er schrieb, stand ein Lindenbaum, der gerade blühte, als sie einzogen, und die ganze Wohnung mit süßem Duft erfüllte; durch die geöffneten Fenster drang das Licht nur mit grünlichen Tinten herein, Vögel sangen in den Zweigen und Blumenduft zog in die niedrigen Fenster. Mit einem Gefühl namenloser Seligkeit schloß Viktor sein junges Weib in die Arme, und einige Tage später, als Gregor zum erstenmal den dritten Platz an ihrem Tisch eingenommen hatte, sagte er noch ganz unter dem lebendigen Eindruck dieses Gefühls:

»Ich bin glücklich – vollkommen glücklich, Hugo!«

»Glück!« sagte der lakonisch. »Welch unermeßliches Wort und welch kleines! Ein Paradiestraum oder Bauernzufriedenheit bei der dampfenden Suppenschüssel. Für jeden, was er will – aber niemals beides zugleich!«

Aber gerade in dieser Stimmung wollte es Viktor mit dem Arbeiten nicht so recht vorwärts gehen. Sein Leben war ausgefüllt durch Martha. Saß er und schrieb, so horchte er mit einem Ohr hinaus, wo sie sich aufhielt, ihre helle Stimme zerstreute ihn in einem Augenblick so vollständig, daß er den Faden verlor, schließlich aufsprang und wenigstens nachsah, was sie tat und trieb, ohne nachher Lust zu fühlen zum Schreibtisch zurückzukehren.

»Das wird sich mit der Gewohnheit geben,« dachte er, wenn er sich über sich selbst wunderte. Noch vor einem Jahr hätte er das nicht für möglich gehalten. Damals lebte und webte er in seiner Arbeit, kannte nichts anderes, fühlte sich vollkommen durch sie ausgefüllt, war gesund, heiter, zukunftsfreudig, wie es seiner Jugend zukam, und jetzt! – – Das alles hatte Martha vermocht – sein junges, schönes Weib – das am wenigsten ahnte, welch' eine erfolgreiche Nebenbuhlerin sie seiner Muse geworden.

Er hätte gern noch länger gefeiert. Das Einrichten der kleinen Häuslichkeit, die Hochzeit, die Flitterwochen, all das hatte am Ende doch auch sein Recht, aber wenn er an die Schublade seines Schreibtisches kam, in dem der Rest seines Honorars lag, sah er doch mit unbehaglicher Verwunderung, wie stetig er sich verringerte.

Jeden Morgen hielt Martha ihre geöffnete, kleine Hand vor seine Augen, damit er sie fülle, und jeden Abend erzählte sie ihm kläglich, daß ihr auch kein Pfennig von dem Geld übrig geblieben sei.

»Ich weiß gar nicht, wo es nur alles hingekommen ist,« sagte sie dann nachdenklich und rieb mit dem Zeigefinger die Stirn, »aber weg ist es!«

Sie sagte ihm freilich nicht, wenn er sie nun halb ernsthaft, halb scherzhaft zu examinieren versuchte, daß sie recht viel für ihren Putz verwandte. »Anständig angezogen müsse sie doch gehen, als die Frau eines Schriftstellers,« argumentierte sie und war glücklich, wenn ihr Mann oder Gregor für ihre aufblühende Schönheit ein Schmeichelwort fanden. Sie war eitel, die junge Frau, aber sie war es in erlaubten Grenzen, selbst die strenge Großmutter hätte ihr keinen Vorwurf machen können.

Wenn sie an Viktors Arm durch die Straßen spazieren ging, begegnete ihnen so leicht niemand, der sich nicht nach dem bildschönen, jungen Geschöpf mit dem zarten Kindergesicht umgesehen hätte, das war ihr Befriedigung genug; im übrigen freute sie sich an dem herrlichen Sonnenschein, den Liebkosungen ihres Mannes, wie ein Kind, das sie ja auch noch war.

Der Sommer ging vorüber. Von der Linde vor Viktors Arbeitszimmer hatte der häßliche Nordost in der Nacht fast alles Laub abgestreift, kahl und fröstelnd streckte sie ihre dürren Äste in die Luft.

Viktor saß, den Kopf in die Hand gestützt und sah auf die engbeschriebenen Bogen, die vor ihm lagen. Sein Gesicht trug den Ausdruck nachdenklicher Unzufriedenheit. Die Zeit seines Glückes, die ihn unlustig zum Arbeiten gemacht hatte, rächte sich jetzt an ihm. Das wollte alles nicht so werden, wie er es in Gedanken gehabt hatte. Matt und gequält kamen ihm Sätze und Worte vor – je mehr, je länger er las. Eine melancholische Niedergedrücktheit bemächtigte sich seiner zum erstenmal im Leben, und obgleich er tapfer gegen sie ankämpfte – immer mehr und mehr wurde sie Herr über ihn.

Er hörte Martha in der Küche singen. Heute zog es ihn nicht hinaus zu ihr. Was er in diesem Augenblick empfand und dachte, begriff seine Frau ja doch nicht, wie sollte sie imstande sein, ihn aufzurichten. Sie war ein Schmuck seines Heims, die Seele seiner heiteren Stunden, aber sie teilnehmen zu lassen an seinen Sorgen, daran konnte er nicht denken. Das verwünschte Geld in der Schublade schwand immer schneller! – Er mußte jetzt fleißig sein! – Wenn es nun leer darin sein würde, und Martha stand vor ihm mit ausgestreckter Hand, in die er nichts hineinzulegen hatte, und das Feuer auf dem Herde draußen erlosch. – –

Ein Frösteln lief ihm den Nacken herab. Zum erstenmal spürte er den Ruck der Kette mit der Kugel daran, freilich vorerst in der Einbildung.

Mit einem beklommenen Atemzug zog er die Schublade auf. Da war ja noch etwas von dem Gelde, das er bis jetzt so verachtet hatte! Schmutzig und häßlich lag es da und schloß doch die größte irdische Macht in sich. Viktor fühlte etwas wie Verachtung gegen diese Scheine, an dem so viele Hände ihre Spuren zurückgelassen, feine und grobe, reine und unreine, wie es gerade kam. Er schob die Lade zu. Nein, nicht darum wollte er jetzt arbeiten, sondern um sich selbst genug zu tun, schaffen aus Lust an der Arbeit, mit dem Streben, zu leisten. An den Lohn wollte er gewiß nicht denken.

Mit schnellem Entschluß ergriff er die Feder und schrieb. Es ging nicht – es ging nicht, so sehr er sich auch abmühte, es wurde und wurde nichts Rechtes. Wenigstens dünkte es ihn so.

Er stützte den Ellenbogen auf den Tisch, die Stirn in die Hand und sah gedankenlos auf das Zittern und Wirbeln der toten Blätter an dem erstorbenen Baum.

Zu derselben Zeit stand Martha in ihrer hübschen Küche und sah ebenfalls in den frühen, naßkalten Herbstabend hinaus. Das Fenster ging auf den Hof, aber weder Baum noch Strauch kämpften dort mit dem Tode; in der Ecke stand ein großer viereckiger Kasten, in den das Müll geschüttet wurde, und der Wind trieb hier unten das gleiche Spiel mit einem zerrissenen Zeitungsblatt, dessen Ecke aus der Asche herausragte, wie dort mit den welken Blättern. Es dehnte sich, flatterte, blähte eine Ecke in der Luft und sank dann unscheinbar in sich zusammen. Die großen blauen Augen der jungen Frau hefteten sich an dies Stückchen Papier, und ihr fiel in der Stille, die sie umgab, plötzlich ein, wie viel einsamer sie doch jetzt eigentlich sei, als selbst unter dem strengen Regiment der Großmutter. Mit der Lene gab es immer etwas zu plaudern, Frau Dallmann brachte die Neuigkeiten ihrer Tagesarbeit nach Hause, Gregor und Viktor scherzten mit ihr, und die Leute auf der Straße machten ihr Komplimente. Jetzt war sie Frau Alten, er liebte sie ja und war gut gegen sie; aber eigentlich hatte sie sich das Heiraten doch anders gedacht. Nun begann sie allmählich einzusehen, daß es ein kärgliches Einerlei von hundert kleinen Dingen war, deren Existenzberechtigung sie zu Anfang kaum beachtet.

Der schöne Sommer mit seinen langen Spaziergängen war zu Ende, seit einigen Tagen saß Viktor am Schreibtisch mit ernster, nachdenklicher Miene und machte ein ärgerliches Gesicht, wenn sie ihn störte. Sie hatte doch aber niemand außer ihm, und selbst Gregor, wenn er an bestimmten Abenden zu ihnen kam, neckte sich nicht mehr mit ihr herum, sondern sprach mit Viktor über Dinge, die sie recht wenig interessierten.

Wenn sie nur eine Menschenseele gehabt hätte! Aber von all den Leuten der Nachbarschaft kannte sie keinen, überhaupt niemand mehr in der großen Stadt, seitdem die Lene in eine Theaterschule gegangen war, und Frau Dallmann sich nicht mehr sehen ließ. Sie hatte keine Ahnung, daß Gregor der braven Aufwärterin zu verstehen gegeben hatte, ihr Besuch würde seinem jungen Freunde nicht gerade angenehm sein.

Der Fetzen Zeitung wirbelte wieder in der Luft herum, und Martha sah dem Spiel zu, mit der unklaren Vorstellung, sie zapple sich ebenso nutzlos ab, wenn sie dem lebendigen Drange nach Zerstreuung nachzugeben versuchte.

Wie totenstill es wieder um sie war, nur das Ticktack der Küchenuhr schlug an ihr Ohr.

Der letzte Abend vor ihrer Verlobung kam ihr wieder in den Sinn, das Stückchen Welt, das sie damals von der Vogelperspektive aus mitgenossen hatte, und nun wußte sie auf einmal, wohin all ihr Wünschen und geheimes Hoffen zielte. Nach jener Welt stand es! »Sie sind sehr – sehr schön!« hatte ihr damals der Unbekannte gesagt. Sie war es jetzt noch mehr, das wußte sie. – Sollten sie heut abend wieder zu Hause sitzen, wie täglich? Trostlos – immer dasselbe! Sie kannte das Tapetenmuster schon auswendig, auf das sie starrte, bis ihr die Augen weh taten, wenn Viktor las und sie ihn nicht stören wollte.

Das kleine Stück Zeitung schien ihr zu winken, es tanzte aufs neue seinen Wirbel, und nun sie die Augen anstrengte, sah sie auch deutlich an den fettgedruckten Buchstaben, daß es der Vergnügungsanzeiger war, den sie dort eingescharrt hatten. Ein Wort sprang ihr in die Augen – Theater.

Wie ein Feuerstrom durchzuckte es sie. Ins Theater wollten sie gehen – heute – gleich! Viktor hatte es ihr schon lange versprochen, aber bisher waren die Abende meist noch schön gewesen, oder Gregor kam – heute jedoch lag nichts vor, heute hatte er keinen Grund, ihr's abzuschlagen.

Sie wußte gar nicht, wie schnell sie hineinkam und ihrem Manne um den Hals fiel.

»Geh mit mir ins Theater!« bat sie und fühlte, wie ihre Wangen zu brennen anfingen, wie ihr Herz klopfte.

»Jetzt?« rief er erstaunt und gleichzeitig ärgerlich. Er war einem Gedanken auf der Spur gewesen, er hatte sich ihn zu Worten formen wollen, aber vor Marthas Ansturm war er davongeflogen. Wohin? »Du hast mich gestört, ich war eben im Nachdenken…«

»Denke ein anderes Mal nach,« bat sie ungestüm. »Du kannst doch nicht verlangen, daß ich ewig zu Hause sitzen und auf deine Arbeit warten soll? Es ist so schauderhaft langweilig, ich werde ganz melancholisch. Du sitzt an deinem Schreibtisch, aber ich darf mich nicht rühren. Bitte, bitte, lieber Viktor, tu mir den Gefallen und sieh es ein, daß ich auch noch auf der Welt bin.«

Schmeichelnd drückte sie sich an ihn, küßte ihm Stirn, Haar und Augen. Es war, als hinge ihre Seligkeit von dem heutigen Abend ab. Er seufzte, schüttelte den Kopf, war im Grunde froh, daß er der fruchtlosen Gedankenjagd für heute überhoben sei und doch nur notgedrungen Marthas Flehen nachgab. Ihren blonden Schopf festfassend und ein wenig daran ziehend, sagte er: »Meinetwegen – gehen wir also!«

Mit einem Freudenschrei warf sie sich aufs neue an seinen Hals. Auf der ganzen Welt hatte sie noch nichts in solche Erregung versetzt. Er merkte es voll Erstaunen, faßte sie an den Schultern und hielt sie etwas von sich ab, indem er sie aufmerksam betrachtete.

»Du bist ja ganz blaß geworden, kleine Frau,« sagte er in etwas unsicherem Ton, »oder macht es das Licht? Soviel Leidenschaft hätte ich dir gar nicht zugetraut!«

»Ich freue mich so!« murmelte sie wie ein Kind. Aber es war nicht das allein, auch die Erinnerung an ihre Mutter sprach mit. Bis jetzt fehlte ihr ja jeder Maßstab für das, was eine Schauspielerin war; ihr bedeutete es ein Wort, nichts weiter. Aber heut abend würden sich ihr jene Bretter zeigen, die die Welt bedeuten, sie sollte selber sehen und hören, selber empfinden, und sie hatte das Gefühl, als würde ihre ungekannte Mutter ihr leibhaftig dort entgegentreten, wo ihre Gedanken sie bisher in nebelhafter Dämmerung gesucht hatten.

Ihrem Manne sprach sie aber nicht davon, als sie Arm in Arm dem Theater zugingen, obgleich sie sehr viel schwatzte und lachte; noch mehr als sonst.

»Du bist aufgeregt!« sagte er lachend, als er ihr das Tuch vom blonden Haar nahm. »Habe ich je solch Kind gesehen!« Und dabei freute er sich, daß er ihr dies Vergnügen gewahrt hatte. Es war eine französische Sittenkomödie, in die er sie, da es am nächsten war, geführt hatte. Geistvoll, pikant, voll von jener leichtfertigen Frivolität, die nur den Franzosen eigen ist. Martha saß wie verzaubert. Ihr großäugiges Kindergesicht glühte. Sie hatte sich und ihre Umgebung vollständig vergessen. Daß man das schöne Frauengesicht aus dem Publikum heraus anstaunte, beachtete sie gar nicht, ihre sonst so rege Eitelkeit, alles ging unter in dem neuen, ungekannten Genuß.

Sie schwieg, zum Sprechen hatte sie ebensowenig Zeit, wie zum Denken.

Viktor, der sie zuerst ergötzt, dann beunruhigt betrachtet hatte, berührte endlich leicht ihre Hand.

»Warum so schweigsam, Martha!«

»Laß mich!« wehrte sie ungeduldig und sah ihn an. In ihren Augen lag etwas Heißes, Fremdes, das ihm zum erstenmal aus ihnen entgegentrat. Wie wunderlich der Ausdruck sie veränderte!

Nachträglich tat ihm jetzt die Wahl des Stückes leid, ein anderes hätte vielleicht besser für sie gepaßt, aber er hatte geglaubt, seine kleine, harmlose Frau würde sich nur amüsieren. Dieser nachdenkliche Ernst überraschte ihn.

Und wenn er erst alles, was sie bewegte, gewußt hätte!

Für sie war ja die schöne, blonde Frau, die dort auf der Bühne lachte und weinte, keine Fremde; ihre Mutter war es – die Schauspielerin – deren Beruf ihr die Großmutter nie verziehen, um dessentwillen sie sie gehaßt, und diese Abneigung bis auf die Tochter erstreckt hatte. Vielleicht hatte das verstümmelte Bild ähnliche Züge über den Schultern getragen, wie jene dort vor ihr, vielleicht hatte ihre Mutter gerade dieselbe Rolle vor dem entzückten Publikum gespielt.

Der Beifall, der jetzt rings um sie her erscholl, sie nahm ihn als eine Huldigung in sich auf, die dem Gedanken an die bis jetzt stets nur Geschmähte galt. Und Stolz und Freude schwellte ihre Brust, indem sie sich klarmachte, daß sie die Tochter einer Frau sei, deren Erscheinen täglich Hunderte entzückt, die man mit Beifall und Jubel überschüttet hatte, und die weit hinausragte über die kleine Welt, die sie in diesem Augenblick zum erstenmal als Fessel empfand. Ihr Blick war plötzlich unheimlich geschärft, sie staunte selbst darüber. Jenes dunkle, wunderbare Etwas, das bis jetzt so geheimnisvoll in ihrer Zukunft gestanden, dem sie keine bestimmte Form, keinen Namen zu geben vermochte, dessen beunruhigende Wirkung sie nur manchmal in einsamen Stunden an sich zu fühlen vermochte, nun stand es plötzlich greifbar und entschleiert vor ihr.

Das Theater – das war es! Dahin gehörte sie – wie die ungekannte Mutter. Das war die Erfüllung aller Wünsche, das war Glück, Leben und Seligkeit, und man hatte sie darum betrogen!

Unter dem Lachen des Publikums, den scharf zugespitzten Pointen auf der Bühne, regte sich in Marthas Herzen Haß gegen die tote Großmutter. Wäre die alte Frau mit dem harten Herzen und den knöchernen Händen, die so fest hielten, was sie einmal gefaßt hatten, nicht gewesen, ihre Mutter hätte sie gewiß niemals verlassen. Sie wäre aufgewachsen unter dem Weihrauchduft der Bewunderung, hätte Welt und Menschen kennengelernt, ja, stände jetzt vielleicht selber auf der Bühne, lachte, kokettierte und sprach wie jene dort vor ihr.

Mit weit offenen Augen starrte Martha die Schauspielerin an; sie sah sich plötzlich selber dort stehen mit der langen, blauen Atlasschleppe, um sie funkelten die Brillanten, um sie entbrannte der eifersüchtige Kampf auf der Bühne, und so gewaltig war diese Vorstellung in ihr, daß sie noch wie verzaubert sitzenblieb, als der Vorhang schon fiel und das Licht im Zuschauerraum wieder aufflammte. Zweimal redete Viktor sie an, ohne daß sie antwortete, dann fuhr sie unter einem kleinen, erstickten Schrei mit der Hand an die Augen.

Ach! Ihr Traum war zu Ende. Die Wirklichkeit, das graue Einerlei des Alltags nahm wieder Besitz von ihr.

Schweigend kleidete sie sich an, schweigend trat sie, mit ihrem Mann auf die Straße. – Das kannte er gar nicht an ihr.

»Nun,« fragte er neckend, »bist du schläfrig, weil du so still bleibst?«

»Schläfrig?« wiederholte sie gedankenlos. »Nein – es war nur so schön, Viktor!«

»Ja, du hattest auch für nichts Sinn! Du vergaßest sogar, daß ich noch auf der Welt war.«

»Ja!« gab sie zu, noch immer in dem eigentümlich gedankenlosen Ton; dann faltete sie ihre Hände um seinen Arm und flüsterte. »Weißt du, was ich möchte, Viktor? Schauspielerin sein – wie meine Mutter!«

Er lachte. »Diesen frommen Wunsch haben wohl viele, die sich das Ding nur von weitem ansehen, aber in Wahrheit, kleine Frau, hast du es besser! denke nur – jeden Abend sich so zur Schau stellen müssen, man mag aufgelegt sein, oder nicht. Du dagegen bleibst in deinem gemütlichen Heim, hast einen Mann, der dich liebt…« Er beugte sich zärtlich auf ihren blonden Kopf herab. Sie aber riß fast ungestüm ihren Arm aus dem seinen und blieb stehen.

»Was ist, Martha?« fragte er ahnungslos diesem plötzlichen Impuls gegenüber.

»Ich verliere mein Tuch – warte einen Augenblick!« Sie nestelte und zerrte an der weißen Hülle, bereitwillig kam er ihr zu Hilfe, obgleich er gar nicht sah, wo etwas in Unordnung geraten war.

»Warum schreibst du nicht solch ein Theaterstück?« fragte sie auf einmal und schlug, neben ihm hergehend, die großen Augen zu ihm auf. »Kannst du das nicht?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, Kind, meine Muse ist ernster. Ich könnte ihr das nicht antun, mit Frivolitäten und Scherzen die Menge zu unterhalten – ich schämte mich. Das Streben, das mich beseelt, Martha, hat wenig mit dem Erfolge zu tun. Nur einige wenige, die mit mir eins sind im Fühlen und Denken, sollen zufrieden mit mir sein, wenn ich es bin – das genügt mir – ich will nicht unterhalten, ich will packen und erschüttern.«

»Ach,« sagte sie ganz ernsthaft, »wenn du mich fragtest, ich würde dir ehrlich gestehen, daß mir das andere besser gefällt!«

»Du stellst demnach den, der das Stück geschrieben, über deinen Mann?« fragte er zwar lächelnd, aber doch gekränkt.

»O, bei weitem! Wenn du so etwas schreiben würdest, Viktor, dann – ja dann würde ich glauben, daß du wirklich etwas anderes wärst, als die andern Menschen!«

»Und jetzt glaubst du das nicht?«

»Sei nicht böse, aber – –« sie stockte mit einem Blick in sein Gesicht.

»Sprich dich nur aus, Martha,« sagte er ruhig und schloß die Tür auf.

»Es ist langweilig, mit so schrecklich erhabenen Menschen zu tun zu haben, wie in deinen Büchern,« fuhr sie mit einem gewissen Trotz fort. »Sie sind alle so ernst und edel, wie ich es sicher niemals sein würde, eben weil ich ein Menschenkind bin, und du auch nicht, Viktor, denn erinnere dich nur, wie du neulich gezankt hast, als die Koteletten nicht gut waren, und gestern, wo ich nicht ordentlich Staub auf deinem Schreibtisch gewischt hatte.«

Sie sah ihn mit einem Lächeln von der Seite an, und er konnte nicht anders, er mußte ebenfalls lächeln. – –

Seit jenem Abend hatte sich ein ganz neuer Geist in das Gartenhäuschen geschlichen und trieb dort sein heimlich Wesen. Martha hatte das zerrissene Bild ihrer Mutter hervorgeholt und es in dem vergilbten Lorbeerkranz an der Wand befestigt, in der hellblauen, verschossenen Schleife steckte die Zeitung mit dem Stück Rezension. Das war gewissermaßen ihr Hausaltar geworden. An diese Reliquien einer begrabenen Vergangenheit knüpften sich ihr jetzt eine lange Reihe Fäden, die sich in ihr frisches Leben hineinzogen und sie fest umspannten. Ihr blieb ja genug Zeit zum Denken und Träumen! – Viktor wollte möglichst ungestört sein, er arbeitete eifrig, aber nicht mit der hellen Stirn wie einst, nicht mit dem seligen Selbstvergessen, dem stolz bescheidenen Genügen, das ihn zuerst niemals verlassen, sondern unruhiger, kritischer; und es kamen Stunden, in denen er eine dumpfe Bangigkeit und abgespannte Ermattung nicht loswerden konnte. Dann fiel ihm Marthas Kritik seiner Arbeiten ein. – Töricht! – Kindisch! nannte er sie vor sich selber, ganz ihr entsprechend, und doch – und doch! – Ein Tropfen Bitterkeit war in den Adern geblieben und vergiftete ihm oft gerade im ungünstigsten Moment seine Freude am Schaffen.

Wie Martha würden andere denken! – Sie war ja noch dazu sein Weib – und dann fragte er sich besorgt, ob er nicht am Ende wirklich des Guten zu viel tue. – Es kam dadurch ein Schwanken in ihn, das ihn zögern und wägen ließ, wo er bisher frisch und unverzagt zugegriffen hatte, ohne Gedanken an das, was es ihm eintragen würde, Lob oder Tadel, Abweisung oder Honorar. – Er hatte jetzt nicht mehr das Recht seinen Impulsen zu folgen, er mußte an das Kommende denken, und gerade das legte sich ihm lähmend auf Herz und Hirn.

Vor Gregor hütete er seine Sorge ängstlich, er fürchtete dessen Spott, mehr noch jenen festen, ruhigen Blick, mit dem der Freund seine Seele zu durchforschen wußte, als läge sie wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihm. – Er schämte sich vor Gregor. Und dann wieder schob er alles, was ihn drückte, auf momentane körperliche Verstimmung, denn der Winter war rauh eingezogen, und auf den dürren Ästen der Linde lag Schnee.

Anscheinend bemerkte Gregor nicht, wie es um Alten stand, er drängte sich nicht in sein Vertrauen, um so weniger, als Martha ihm das ihrige unaufgefordert entgegenbrachte. Sie mußte jemanden haben, mit dem sie von dem reden konnte, was ihr auf dem Herzen lag, und wunderbarerweise stand Viktor ihr dazu innerlich nicht nahe genug.

Wenn sie ihn an seinem Schreibtisch wußte, schlüpfte sie in das Schlafzimmer, drapierte sich mit irgendeinem Kleidungsstück und spielte dann jene Szenen aus dem Gedächtnis nach, die bei ihren Theaterbesuchen den tiefsten Eindruck auf sie gemacht hatten und die ihr fast wörtlich gegenwärtig geblieben waren.

Es war ein kindisches Gebaren, aber sie hatte Freude daran. Theater blieb ihre einzige Zerstreuung, ihre einzige Passion. Allwöchentlich lag sie ihrem Manne damit in den Ohren, und als Viktor endlich ungeduldig wurde und ihr diese Bitte rundweg abschlug, da steckte sie sich hinter ihren alten Freund Gregor.

»Es ist doch gewiß nicht zuviel verlangt,« sagte sie. »Was habe ich denn von meinem Leben? Nichts! Gar nichts! Ich denke manchmal, ich war doch viel glücklicher früher – ich hatte wenigstens Lene – wen habe ich jetzt?«

»Ihren Mann, Martha!«

Sie blickte lebhaft auf.

»Ja, das hatte ich wohl auch gemeint; in Wirklichkeit ist es aber nicht so. Ich störe ihn wenn ich komme, und dann sagt er mir, daß er arbeiten müsse um Geld zu verdienen, der Haushalt sei so kostspielig! Nun und jetzt…«

»Was tun Sie jetzt?« munterte er die Zögernde auf.

»Jetzt bleibe ich mit meinen Gedanken allein,« schloß sie energisch. »Aber manchmal bin ich überzeugt, daß es besser gewesen wäre, ich hätte gar nicht geheiratet, sondern wäre geworden, was meine Mutter war.«

Sie schaute an ihm vorüber zum Fenster hinaus.

»Daß Sie so unvernünftig sind, Martha!« sagte er kopfschüttelnd. »Gewiß muß Viktor arbeiten, aber für wen denn – für Sie! Allerdings müssen Sie Rücksicht auf ihn nehmen, damit er ungestört bleibt, denn was er verdient – es ist doch für Sie.«

»Aber ich will auch leben!« rief sie, »hören Sie, Gregor, leben! Es genügt mir nicht, daß ich das Mittagessen für Viktor koche und dann an das Abendbrot denke, Staub wische und seine Wäsche besorge, ich will mehr…! Ganz unglücklich macht mich diese Einsamkeit – furchtbar unglücklich!«

»Das tut mir leid für Sie, Martha,« sagte er in sehr trockenem Ton. »Ich glaubte bisher, das wäre der Beruf der Frau, ein hoher, schöner Beruf, wenn man ihn richtig auffaßt. Was erscheint Ihnen denn begehrenswerter?«

»Das!« rief sie rasch und zeigte mit dem Finger in die Ecke, in der der Lorbeerkranz hing. »Sie war doch auch eine Frau, meine Mutter, und mein Vater hat sie sehr geliebt, und andere Menschen haben sie bewundert.«

Sie sprang auf und kam mit dem Zeitungsfragment zurück. »Sehen Sie her – lesen Sie – und dann sagen Sie mir, ob meine Mutter nicht eine große Künstlerin gewesen sein muß!«

Triumphierend, mit blitzenden Augen lehnte sie sich vornüber und sah ihm in das Gesicht, während er die Zeilen studierte – langsam – sich dabei überlegend, ob es geratener sei, ihr diese Illusion zu rauben oder zu lassen. Er war ja bewandert genug in der Tagesliteratur, um zu wissen, daß diese Phrasen aus irgend einem Landstädtchen stammten, daß der Verfasser beeinflußt war, vielleicht nur durch die Schönheit der Schauspielerin, vielleicht auch noch durch klingende Münze. Er zweifelte keinen Augenblick, daß Frau von Nordheim recht gehabt, wenn sie in ihrer Schwiegertochter höchstens einen Stern fünften Ranges sehen wollte, aber war es darum nötig, der Tochter das Andenken der ungekannten Mutter zu nehmen?

Und so reichte er ihr mit ernster Miene das Zeitungsblatt zurück und sagte:

»Lassen Sie Ihrer Mutter das Andenken, das Sie ihr weihen, ungeschmälert, Martha! Aber trösten Sie sich damit, daß Lorbeer nicht für jeden wachsen kann!«

Sie sah ihn ungeduldig und etwas enttäuscht an, aber sie schwieg.

Zu Alten sagte Gregor noch denselben Abend:

»Gib Marthas Theaterlust nur nicht allzuviel nach, das erhitzt die Phantasie zu sehr. Sie ist ja noch so jung.«

Mit ingrimmigem Lächeln zog Viktor die ominöse Schublade auf.

»Der kärgliche Rest hier verbietet es ohnehin!«

Und dann sprang er auf, und, sich durch die Haare fahrend, rief er voll Pein:

»Dies elende Geld! Dies erbärmliche Geld! Es bemächtigt sich der Seele und schlägt sie in Ketten!«

»Schon?« fragte Gregor mit eigentümlichem Aufblick.

»Schon!«

V.

Wieder zauste der Herbstwind in den welken Blättern der Linde, und wieder starrte Viktor hinaus in das trübselige Grau, das durch die verdorrten Äste bricht, während die Hand müßig mit der Feder spielt.

Drei Jahre, daß sie jetzt verheiratet sind. – Für ihn drei schwere, arbeitsreiche Jahre, die seine Phantasie erschöpft und seinen Körper matt gemacht haben. Sein schönes Gesicht, das jetzt in den hageren Umrissen noch mehr Ähnlichkeit mit einem jener alten Velasquezköpfe zeigt, trägt die Spuren geistiger Ermüdung um Mund und Augen, und einen nervösen, gespannten Ausdruck. Er ist leicht heftig und gereizt, anspruchsvoll an seine Umgebung und egoistisch in bezug auf sich selber. Das kleine Gartenhaus ist öfter Zeuge stürmischer Szenen zwischen Mann und Frau, obgleich der eine neben dem andern hergeht, ohne daß sie sich innerlich sonderlich berühren.

»Martha! Martha!« ruft er plötzlich so jäh und heftig, daß es von den geschlossenen Fenstern widerhallt; aber um ihn bleibt alles still.

»Martha! Martha!« Er schrie es fast hinaus, und seine Stirn zog sich zusammen.

»Frau Alten ist ausgegangen,« meldet endlich ein kleines Dienstmädchen, das aus der Küche herbeischlurft.

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht!«

»Wie lange schon?«

»Na, so an zwei Stunden!«

Ein Lächeln zuckt um seine festgeschlossenen Lippen, aber ein sehr zorniges.

»Gut, Pauline!«

Trotz der Kälte riß er das Fenster auf und lehnte sich hinaus. Zorn kochte in ihm. Er wußte ja sehr gut, wohin Martha zu gehen pflegte, sobald sie ihre Obliegenheiten in Küche und Haus notdürftig erfüllt hatte. Zu Lene Dallmann!

Er hätte es ihr nicht verdenken dürfen, wollte er gerecht sein, aber es ist schwer, das zu sein, sobald das eigene Behagen in Frage kommt. Und wiederum – er hatte sie ja nicht mit Absicht vernachlässigt, die Arbeit für die Bedürfnisse des täglichen Lebens zwang ihn dazu!

Er dachte an die drei Jahre seiner Ehe zurück und gestand sich, daß er das nicht gefunden, was er mit solcher Sicherheit erwartet hatte. Er litt unter der Wirkung des unvermeidlichen Rückschlages, der das menschliche Leben regiert und um so heftiger, je größer seine Illusionen vorher gewesen, je empfindsamer sich überhaupt sein inneres Leben gestaltet hatte.

»Wie ist es doch etwas Erstickendes um die Ehe mit ihren unaufhörlichen Sorgen und Anforderungen!« dachte er, über die heiße Stirn streichend, und erschrak in demselben Moment über seine eigenen Gedanken.

Da sah er Martha durch den Torweg treten. Hastig schloß er das Fenster.

Sie trug ein schwarzes Kleid und eine enganliegende Jacke, auf dem blonden Haar ein kleines schwarzes Hütchen und vor der Brust einen Strauß blühender Nelken, eine Seltenheit in dieser Jahreszeit.

Es konnte nichts verführerisches und reizenderes geben, als diese junge Frau mit dem frischen Kindergesicht, den weichen Bewegungen und der blühenden Gestalt; das gab er sich selber zu, und doch konnte er ein leises Gefühl von Überdruß nicht loswerden. Es war ja noch dieselbe Martha, die er einst so glühend angebetet hatte, aber nach und nach, ohne sein Zutun, war der Heiligenschein erloschen, den er um sie gewoben. Sie wurde ihm, was sie wirklich war – eine Frau mit Schwächen und Fehlern, mit Ansprüchen und überflüssigen Träumereien, mit dem Wunsch nach Vergnügungen und dem allmählichen Erwachen des Bewußtseins ihrer Rechte. Er wähnte, daß er ihr zuliebe Opfer bringen müsse, und daher erschien ihm nun auch das erlangte Glück sehr zweifelhaft.

Draußen sagte indes das Mädchen:

»Der Herr hat nach Ihnen gerufen, Frau Alten.« »So!«

Martha streifte die Jacke ab und legte den Hut zur Seite, sie beeilte sich nicht sonderlich dabei.

»Er war recht böse,« berichtete das Mädchen.

Sie gab keine Antwort, ihre Gedanken waren mit andern Dingen beschäftigt. Im Grunde genommen machte sie sich nicht mehr viel aus Viktors recht schwankenden Stimmungen.

»Was wolltest du von mir?« fragte sie, nach einem Weilchen eintretend und sich neben seinen Schreibtisch setzend. »Du hast mich gerufen.«

»Wo warst du?« fragte er dagegen und konnte eine gewisse Schärfe aus seinem Ton nicht bannen.

»Bei der Lene. Ich bin nur einen Augenblick mit herangegangen, weil ich ihr neues Tuchkleid sehen wollte; es kam vom Schneider. Ich sage dir, Viktor, etwas Schöneres kannst du dir nicht denken…«

»Erlaß mir doch die Beschreibung,« fuhr er schroff dazwischen. »Wenn du deine Seele an Lene Dallmanns Kleiderschrank hängst – ich habe keine Lust dazu.«

»Du würdest schon anders denken, wenn du nur einmal dergleichen Dinge gesehen hättest,« meinte sie und streckte ihren runden Arm auf dem Tisch aus. »Sieh, das Armband hat sie mir geschenkt. Ist es nicht niedlich? Die ihrigen sind freilich kostbarer – und die Spitzen und Stickereien, die Kleider und Mäntel, die sie trägt, seitdem sie hier am Theater engagiert ist! Es ist gar nicht die alte Lene mehr, man kann ordentlich Respekt vor ihr haben, und ich verdenke es Frau Dallmann nicht, daß sie stolz auf ihre Tochter ist. Lene leidet auch nicht mehr, daß ihre Mutter arbeitet, und wenn du hinkommst, haben sie Blumen im Zimmer, als wäre es ein Garten.«

Er klopfte ungeduldig mit der Fußspitze den Boden.

»Martha, ich schäme mich fast, daß du – meine Frau – nichts Höheres kennst als Putz und Tand. Der Umgang mit Dallmanns scheint nicht gerade günstig auf dich einzuwirken.«

Sie sah ihn an. »Ich liebe es wirklich sehr, mich hübsch zu kleiden und gut zu leben, mich dünkt, jeder Mensch, der etwas auf sich hält, müßte das; habe ich es nicht, so entbehre ich es freilich, aber nicht gern.«

»Du bist also unzufrieden mit deinem Los!«

Sie nahm die Unterlippe zwischen die Zähne und sah auf den Boden herab. Ihre Stirn runzelte sich etwas.

»Warum fragst du mich danach, Viktor?«

»Weil ich es hören will, wie undankbar du gegen mich bist,« brach er empört aus, »ich arbeite für dich, ich entbehre alles um deinetwillen, und du – du legst den Maßstab von Lene Dallmanns Kleiderschrank an den Wert deines Glückes.«

»Wenn du mir nur nicht immer vorhalten wolltest, was du für mich tust,« rief sie mit blitzenden Augen, »tue ich etwa nicht ebensogut das Meinige? Und wenn ich wirklich meine freie Zeit bei Dallmanns zubringe, kann es dich kümmern, da du mich ja doch nicht brauchst?«

»Ich wünsche diesen Verkehr nicht,« sagte er noch immer ziemlich ruhig, »,er liegt außerhalb unserer Sphäre, ich kenne Dallmanns genug, um mir ein genügendes Bild ihres augenblicklichen Lebens zu machen. Meine Frau aber hat auch noch nach etwas mehr zu fragen, als nach zweifelhaften Amüsements…«

Sie sprang auf und trat dicht vor ihm hin, der Zug unbeugsamer Entschlossenheit, der sich so selten auf ihrem schönen Gesicht zeigte, veränderte sie ganz.

»Ich antworte dir dasselbe darauf, was ich meiner Großmutter sagte – ich werde deinen Wunsch nicht erfüllen! Lene ist meine Freundin, wir sind zusammen zur Schule gegangen und haben unser halbes Leben miteinander zugebracht, ihre Bildung genügt mir, denn sie ist der meinen gleich, und wenn Frau Dallmann auch Aufwärterin war, und wenn Gregor ihr auch hinter meinem Rücken mein Haus verboten hat, sie ist eine ehrliche Frau, die es gut mit mir meint, und Arbeit schändet nicht – wir arbeiten auch.«

»Sie schmeicheln dir, das ist der ganze Magnet, der dich zu ihnen zieht!« rief er verächtlich.

Martha stampfte zornig auf.

»Sie sind freundlich zu mir, und ich fange an das zu würdigen,« sagte sie sich umwendend und drehte an dem geschenkten Armband, um ihm nicht zu zeigen, daß ihr Tränen kamen.

»So geh!« sagte er, sich gewaltsam beherrschend. »Ich kann dich zu nichts zwingen, was du nicht freiwillig tust. Wenn dir Dallmanns lieber sind als ich – geh!«

Zaudernd blieb sie einen Augenblick stehen. Sollte sie ihm nachgeben? Aber damit verlor sie das einzige Vergnügen, das ihr die Gegenwart bot. Und es war so harmlos! Vom Theater hören, in das sie jetzt selten kam, mit den Händen in Lenes Spitzen und Schmuck wühlen, das war alles! Warum wollte ihr Viktor das nicht gönnen?

Sie dachte an ihre Seligkeit, als sie von Lenes Rückkehr in die Stadt erfahren; endlich war sie nicht mehr allein! Und an den Reiz, den die Plauderstunden mit ihrer alten Freundin täglich auf sie ausübten. Wodurch, danach fragte sie nicht. Sie wußte auch nicht, daß sie jetzt erst wirklich unzufrieden mit ihrem Schicksal geworden war, seitdem sie Vergleiche anstellen konnte.

Schweigend ging sie aus dem Zimmer; überall, wo ihr Zwang begegnete, lehnte sich etwas in ihr dagegen auf, so war es bei der Großmutter gewesen und so war es bei ihrem Mann.

Verstimmter noch wie vorher blieb Viktor zurück.

»Wenn nur Gregor käme!« dachte er. So schal und leer wie heute war ihm das Leben noch niemals erschienen.

»Vielleicht suche ich ihn auf,« dachte er, sich erhebend; aber auch dazu fühlte er sich unlustig, er warf sich auf das Sofa und vergrub den Kopf in die Kissen.

Diesem einen grauen, trüben Tage folgten andere, die nicht besser waren, und als Viktor nach langer Zeit, die er mit kleineren, schneller zu verwertenden Arbeiten ausgefüllt hatte, wieder einen großen Roman vollendet hatte, war er abgespannter und mutloser als er sich jemals gefühlt.

Das fertige Manuskript vor sich, sprach er zum erstenmal zu Gregor rückhaltslos von seiner geistigen Stimmung.

»Meine Kraft ist fort,« klagte er, den Kopf in die Hand stützend, »ich fühle in meinem Hirn ein wüstes, totes Feld, über das ich nicht hinaus kann. Das Leben, in das ich gesperrt bin, reibt mich auf, vernichtet jede Freudigkeit in mir. Man kann nicht Gestalten hervorzaubern, wenn man dem Weltgetriebe so fern stehen muß, Phantasie allein hilft da nicht. Sie kann verschönen, vertiefen, aber die Natur muß mir als Grundlage dienen. Charaktere kann man nicht schildern, wenn man sie nicht beobachtet und studiert. Inmitten der nüchternsten Trivialität, wie sie mich in Martha, in unserm ganzen Haushalt umgibt, reifen keine Gebilde. Gib mir einen zündenden Funken, Gregor, der befruchtend in meine Seele fällt, oder ich bin am Ende!«

»Warum konntest du denn das früher alles entbehren?« fragte der alte Freund zweifelnd.

»Weiß ich es? Weiß ich überhaupt, was in mir vorgeht? Nur eins fühle ich deutlich, daß ich unter den bestehenden Verhältnissen verdorre,« seufzte er ungeduldig.

»Begangene Dummheiten muß man ertragen! Ich meine, die deine ginge noch an. Martha ist nicht die schlechteste Frau, und wenn sie nach demselben verlangt wie du, wie kannst du es ihr zum Vorwurf machen.«

»Ich dächte doch, du müßtest an mich einen andern Maßstab anlegen, als an sie, der der Umgang mit Dallmanns ein vollkommenes Genügen bietet,« sagte er gereizt. »Kann mir solche Frau auch nur in den geringsten Dingen ebenbürtig sein? Man behauptet oft, daß es die klugen Frauen seien, die die Männer verderben, im Gegenteil, die dummen sind es, die sich über ihren beschränkten Horizont nicht erheben können, die es nicht verstehen, dem Manne Gehilfin zu sein, weder im Genießen noch im Entbehren. Sie machen aus dem Leben eine Wüste und einen Gemeinplatz. Die größte Enttäuschung meines Lebens, heißt Martha!«

»Es wird ihr vielleicht noch manche andere folgen, die bitterer sein könnte! Arme, kleine Frau! Weißt du ganz genau, was ihr Inneres bewegt?«

»Die nichtigsten Dinge,« meinte er verächtlich, »Dinge, die wir kaum begreifen – und dabei lebt in ihrem Herzen ein Stück Realismus, um den ich sie beneiden könnte. Nur was ist, hat für sie Wert. Glaube mir, ich kenne sie genügend!«

»Und doch tust du ihr unrecht!« rief der alte Mann erregt, »das schreiendste Unrecht, das jemals einem Menschen zugefügt worden ist. Verlangst du denn etwas anderes von ihr, als für deine leiblichen Bedürfnisse zu sorgen? Trägst du ihrer Jugend Rechnung? Überall entdecke ich ein »nein«! Du bist ein Tyrann, obgleich du dich mit dem Martyrium der Duldsamkeit umgeben möchtest; das ist meine Meinung!«

»Martha versteht ihre Sache zu führen,« antwortete Viktor spöttisch. »In deinen Augen ist sie also das Ideal einer Frau.«

»Ideale gehören einer anderen Sphäre an,« erwiderte er unwirsch.

»Es ist jedenfalls eine sehr zweifelhafte Wohltat, sie aufgeben zu müssen. Wie glücklich war ich mit ihnen!« sagte Viktor mit einer schwermütigen Anwandlung.

In mißmutiger Stimmung verließ er Gregor und ging achtlos durch die Straßen der Stadt, in der sich gerade das abendliche Leben zu regen begann.

Der Schnee knirschte unter seinen Fußen, klar und hell funkelten die Sterne vom dunklen Himmel. Um ihn wogte eine immer größere Menschenmenge je näher er der inneren Stadt kam, und das zerstreute ihn etwas und tat ihm wohl nach der langen angestrengten Arbeit, in die er sich die letzte Zeit gestürzt hatte.

Ziellos ging er weiter, kaum auf seine Umgebung achtend, die Kälte und das Knirschen des Schnees war ihm ein angenehmes Gefühl. An ihm vorüber fuhr ein elegantes Auto. Unwillkürlich knüpften sich seine Gedanken an die Insassen des Wagens. Sie gehörten gewiß zu jener Welt des Luxus und Reichtums, die er nicht kannte, und auf die Martha auch immer ihre begehrlichen Blicke geheftet hielt. Er folgte dem Wagen mit den Augen; in demselben Augenblick hörte er ein Krachen, sah das Auto auf einen Lastwagen stoßen. Mit wenigen schnellen Schritten war er zur Stelle.

Der Schofför bemühte sich, die Wagentür zu öffnen.

Gleichzeitig mit ihm streckte Viktor die Hand aus, ihren vereinten Bemühungen gelang es, die eingeklemmte Tür zu öffnen.

Eine Dame stieg aus. Eine hohe, schlanke Erscheinung, vornehm in Haltung und Bewegung. Sie trug einen enggespannten, feinen weißen Schleier, aus dem ihre Augen, grau und hell wie Stahl glänzten, weiße Spitzen umhüllten den blonden Kopf und waren lose auf dem königsblauen Theatermantel ineinander geschlungen. Eine Woge von Parfüm umgab sie, entströmte ihren Kleidern, ja selbst dem Bukett frischer, roter Rosen, das sie in der Hand hielt; dessen natürlichen Duft völlig auslöschend.

Als sie mit beiden Füßen sicher auf dem Asphalt stand, blickte sie auf die umherstehende Menge mit solcher vornehmen Gleichgültigkeit, als sehe sie kaum etwas von alledem, beugte sich ein wenig zur Seite, griff nach dem Seidenkleid, das sich unter dem Mantel verbarg, um es zu heben und machte Miene, auf die andere Seite der Straße zu gelangen. Das Opernglas, in dem rotsamtenen Etui aber, das sie ebenfalls in der Hand gehalten hatte, fiel in diesem Augenblick mit hartem Aufschlag zur Erde; Viktor hob es auf und hielt es seiner Besitzerin entgegen.

Ein flüchtiger Blick streifte ihn, als sie es mit leichtem Dank aus seinen Händen nahm, und unter diesem Blick, entzückt von der Erscheinung der Fremden, sagte er etwas schüchtern zwar, aber doch sehr höflich:

»Gestatten Sie, daß ich Sie durch die Menge geleite; meine Gnädige.«

Sie nickte nach einem zweiten flüchtigen Blick.

»Tuen Sie das, es wird mir lieb sein.«

Ihre Stimme war weich und voll. »Gerade so mußte sie sprechen,« dachte Viktor, als er neben ihr herschritt, und seine leicht erregbare Phantasie fühlte sich mächtig angespornt durch diese Unbekannte, die ihm so plötzlich alles das verkörperte, was er sich noch vor kurzem gewünscht und ersehnt hatte.

Als sie auf dem gegenüberliegenden Trottoir standen, blickte die Dame aufmerksam die Straße rechts und links hinab, Wagen rollten genug an ihnen vorüber, aber alle besetzt, kein einziger leer.

»Ich werde bis zum Theater gehen müssen,« sagte sie mit leiser Ungeduld im Ton, »das Warten ist noch unangenehmer.«

»Darf ich Sie begleiten?« fragte er noch zurückhaltend, »es sind kaum zehn Minuten, wenn wir diese Querstraße einschlagen.«

Wieder sah sie ihn an, wie man etwa einen Diener mustert, ehe man ihn in Dienst nimmt.

»Wenn sie wüßte, wer ich bin!« dachte er voll Selbstgefühl, und zugleich reizte es ihn, ihr das zu sagen, damit dieses blasierte, hochmütige Gesicht sich ihm mit größerer Liebenswürdigkeit zuwandte. Er hatte zu wenig in der Welt gelebt, um die Bedeutung seines Ichs nicht bei weitem zu überschauen. Wen er in seinem kleinen Kreise kannte, der kannte auch ihn und nahm Interesse an ihm, und in seiner naiven Anschauung glaubte er, daß es überall so sein würde.

Ihre Prüfung war beendigt.

»Ich nehme Ihr Anerbieten an – er bringt Sie hoffentlich nicht allzu weit von Ihrem eigenen Wege ab,« sagte sie mit kühlster Höflichkeit.

»O, was das anbelangt – ich hatte kein Ziel!« sagte er, es schien ihr so sehr wenig daran zu liegen, aus welchem Grunde er sie begleitete. »Darf ich ihnen nicht etwas abnehmen?«

Sie reichte ihm das Bukett, an dem eine lange hellseidene Schleife befestigt war.

»Dies hier, es geniert mich sehr. Damit Sie aber nicht aussehen, wie ein Hochzeitsbitter, schlingen Sie das Band um die Blumen! – So! – Danke!«

Nun gingen sie schweigend ein paar Schritte weiter. Viktor zerbrach sich den Kopf, wie er ein Gespräch beginnen sollte, das sich doch etwas außerhalb des banalen Kreises der Alltäglichkeit bewegte, aber er fand nichts.

»Sie werden zu spät zum Theater kommen, sagte er endlich jeden anderen Versuch aufgebend. »Eben schlägt es acht Uhr.«

»Das ist nicht wichtig. Wer so oft das Theater besucht, wie ich, kennt schließlich alles bis zum Überdruß!«

»Aber warum gehen Sie denn hin?« fragte er in hellem Staunen.

»Soll ich mich zu Hause langweilen?«

Sie wandte ihm jetzt das Gesicht zu und sah ihm direkt in die Augen, wieder mit jenem kühlen, prüfenden Blick, diesmal folgte ihm ein Lächeln.

»Sie werden freilich die Langeweile kaum aus eigener Erfahrung kennen,« setzte sie hinzu.

»Warum?« »Weil Sie noch zu jung dazu sind. Die Langeweile gehört zu uns, die wir bereits in allem abgeschliffen sind, die wir das heute wie das morgen mit dem Bewußtsein über uns ergehen lassen, daß es nur die Wiederholung der täglichen Einförmigkeit ist.«

»Es käme doch darauf an, was diese Einförmigkeit mit sich bringt,« sagte er und sah sie voll Interesse an. Der kurze Weg bis zum Theater war zurückgelegt, sie stiegen in dem hellen, strahlenden Licht die Treppen hinauf, die in das Vestibül führten.

Sie lächelte wieder.

»Glauben Sie mir – einer Erfahrenen! Jeder Besitz ist Macht, stumpft deshalb ab und verliert den Reiz für den Besitzenden.«

»Dafür wird er zur Gewohnheit,« warf er rasch hin und reichte ihr das Bukett, »es fragt sich nur, womit wir uns am besten befreunden.«

Sie nahm das Bukett, antwortete nicht, sah ihm aber in das Gesicht, das er, da er gleichzeitig den weitschattenden weichen Filzhut abnahm, dem vollen Licht preisgab.

»Wie gut er aussieht,« dachte sie verwundert. »Welch Reiz in den dunklen Augen, welch Ausdruck um den seinen Mund!«

»Ich danke Ihnen – ich danke Ihnen wirklich,« sagte sie nun mit der Liebenswürdigkeit einer Weltdame, zugleich die Schleife von den Blumen lösend. »Leben Sie wohl!«

Sie reichte ihm die Spitzen der behandschuhten Finger, nickte freundlich und ging; und ihm fiel es plötzlich beklemmend auf die Seele, daß er nicht wußte, wer sie gewesen, daß er die Pflicht der allerersten Höflichkeit verabsäumt, daß er sich ihr nicht genannt hatte.

Was sollte sie von ihm denken! Durch seine eigene Ungeschicklichkeit war der Faden zerrissen, den der wohlwollende Zufall geknüpft hatte, und der ihn plötzlich mit dem lebhaftesten Interesse erfüllte. Er vergaß alles, was er in diesen kurzen Minuten drückendes und beschämendes empfunden hatte, als er inne wurde, daß er jenen Kreisen weder in Form noch Gewandtheit gleichstand, aus deren Mitte zu erzählen er sich doch wiederholt vermessen hatte; ihn verfolgte nur der Wunsch zu wissen, wer die Dame gewesen.

Er sah sich nach einem Theaterdiener um, in der Hoffnung, dort etwas zu erfahren, aber niemand ließ sich blicken.

Seufzend trat er auf die Straße hinaus, in die Winternacht. Diese Frau, die soeben seinen Lebensweg gekreuzt, hatte ihm gefallen, weil sie ganz anders war als diejenige, der er seine erste, rasch vergangene Liebe geweiht hatte, seine Frau. – Martha gegenüber hatte er sich Schutz, und Schicksal gedünkt, und das gab seiner Liebe recht bald das Gepräge einer gewissen herrschsüchtigen Tyrannei, in dem allein sein Ich dominieren sollte, und wo es nicht geschah, fühlte er sich verbittert, hier aber, hier stand ihm eine fertige, imponierende Persönlichkeit gegenüber. Er war der Kleine, der Empfangende, der Neuling in einer Weltanschauung, die der seinen ganz fremd war. Er ahnte dunkel, daß diese Frau Einfluß auf alles haben müsse, was in ihre Nähe kam, und er brannte darauf, diesen Einfluß an sich selbst zu erproben.

Er wollte sie wiedersehen – darin gipfelte für ihn alles. Und schließlich – nichts leichter als das, wenn er nur den Mut dazu fand!

Er wußte ja, wo sie zu finden war. Sobald die Vorstellung zu Ende, wollte er sich in das Vestibül stellen und aus dem flutenden Menschenstrom sie herausfinden, um sich ihr entweder zu nähern oder ihr heimlich zu folgen, je nachdem. – Einstweilen trat er in ein Café, um die Zeit hinzubringen. Ihm gegenüber saß eine Dame, er sah nur die Löckchen am Halse, Farbe und Frisur dieselbe, die Martha trug. Ein Unbehagen durchrüttelte ihn plötzlich. War es nicht ein Unrecht an ihr, das er im Begriff war zu begehen? Eine Treulosigkeit?

Er zog ungeduldig die Stirn kraus über den unbequemen Mahner in der eigenen Brust.

»Wie kleinlich würde solche Auffassung sein – wie entsetzlich kleinlich,« beschwichtigte er sich selbst. »Was will ich denn besten Falls! Ein wenig Anregung, etwas Neues für meine versiegende Kraft. Ich bin am Ende, wenn nicht Hilfe von außen kommt. Eine Frau wie diese ist sicher imstande, befruchtend auf meine Ideen zu wirken! Leide ich bei Martha nicht den empfindlichsten Mangel an geistigem Verständnis, und gibt es einen Zustand, der auf die Dauer unerträglicher werden kann? Meiner Frau entziehe ich wahrlich nichts, wenn ich meinen Geist an anderer Stelle auffrische, sie verlangt danach nicht. Was ich ihr schuldig bin, werde ich ihr geben, mehr zu tun, wäre töricht.«

So betrog er sich; als er aber Gregor in das Café treten sah, verschanzte er sich hinter einer Zeitung, um nicht gesehen zu werden. Der Freund dünkte ihm heut abend eine unbequeme Zugabe.

Das Theater war zu Ende. An einen Pfeiler gelehnt, stand Viktor Alten und starrte unverwandt auf den Eingang, in dem sie vorher verschwunden war. Es dauerte eine geraume Weile; endlich kam sie. Als er ihr so entgegensah, mit klopfendem Herzen und dem bänglichen Bewußtsein etwas Gewagtes unternommen zu haben, fiel sein Blick in den gegenüberliegenden Spiegel und er erschrak.

War er das wirklich mit dem großen häßlichen Hut, dem schlechtsitzenden Rock und den plumpen Stiefeln? Seine handschuhlosen Hände dünkten ihn plötzlich gewöhnlich, trotz ihrer eleganten Form, sie waren rot von der Kälte draußen, und die Dame, auf die er hier wartete, war das Urbild der Eleganz und der Vornehmheit.

Je näher sie ihm kam, je tiefer sank ihm der Mut sie anzureden. Mit welchem Recht denn? Und wozu denn? Konnte er ihr gefallen? Mit einem plötzlichen Blick hatte er die große Kluft gesehen, die sie voneinander trennte, ihn, den armen, vorwärtsstrebenden, auf halbem Wege schon ermattenden Schriftsteller, und sie, das Kind des Luxus und Reichtums.

Ob er vor drei Jahren ebenso gedacht hätte? Damals dünkte er sich ein unbesiegbarer Held, ein König im Reich des Geistes. Eine furchtbare Ernüchterung befiel ihn, er machte den Versuch, sich unbemerkt davon zu schleichen, aber schon stand sie vor ihm.

»Ich wußte, daß Sie hier sein würden,« sagte sie mit einem kleinen Lächeln. »Lassen Sie uns gehn!«

»Darf ich?« stotterte er verwirrt, und eine Blutwelle schlug ihm in das Gesicht. »Wie gut Sie sind, gnädige…« er schwieg verlegen. Wie sollte er sie eigentlich nennen? Zu einem Mädchen war sie ihm zu sicher und selbstbewußt, und doch wieder kam und ging sie allein.

»Frau – Frau! Natürlich Frau!« fiel sie ihm ins Wort. »Der Schleier führt Sie irre, sonst wäre ein Zaudern unmöglich. Hier, nehmen Sie meine Blumen noch einmal!«

»Ja,« sagte er niedergeschmettert; an ihren Gatten hatte er mit keiner Silbe gedacht.

»Weshalb machen Sie so ein Gesicht,« fragte sie verwundert, als sie neben ihm die Treppe hinunter ging. »Geniert es Sie, die Blumen zu tragen?«

»Welcher Gedanke!« rief er. »Ich danke Ihnen im Gegenteil für die Gunst, die Sie mir gewähren!«

Jetzt lachte sie auf. »Sie sind sehr bescheiden, Herr – ja, nun muß ich doch bitten, endlich aus Ihrem Inkognito herauszutreten.«

»Alten – Viktor Alten!«

Sie sah ihn sinnend an.

»Der Name –,« sagte sie in ihrem Gedächtnis suchend – »mir ist doch, als hätte ich ihn schon irgendwo gehört!«

Er schwieg, mit einem stolzen Lächeln auf den Lippen.

»Helfen Sie mir doch, wenn ich mich nicht täusche!«

»Ich bin Schriftsteller,« begann er zögernd, denn es wäre ihm viel schmeichelhafter gewesen, sie hätte sich selbst darauf besonnen. »Vielleicht daß Ihnen irgend ein Buch aus meiner Feder unter die Hand gekommen ist.«

»Ja, richtig, ich erinnere mich,« sagte sie kopfnickend und ihn dabei wieder von der Seite betrachtend. »Meine Nichte besitzt einiges von Ihnen und ist sehr entzückt davon.«

»Und Sie, gnädige Frau?« fragte er.

»Ich? – Nun, ich bin nicht mehr jung genug dazu. Wir würdigen am Leben eine ganz andere Seite.«

»Also – gewogen – und zu leicht befunden,« schloß er bitter.

»Behüte! So dürfen Sie meine Worte nicht auffassen,« – aber sie sprach so gleichgültig kühl, wie bisher, als läge ihr der Gedanke himmelfern, sie könne ihn kränken, oder, als frage sie nicht das Geringste danach. – »Ich meine nur, eine reale Grundlage kann nicht schaden, selbst in der Poesie nicht. Ihre Menschen sind – nun, sagen wir: Halbgötter, keine Leute, mit denen ich rede und gehe. Mir gefallen Menschen aber besser, ich will in einen Spiegel sehen, in dem ich mich unter Umständen selbst wiederfinde. Reden Sie mir nichts davon, daß ich auf diese Weise immer nur die Kahlheit, nie die Größe der Geschöpfe sehe, ich glaube an keine Größe, die nicht durch den Zwang der Verhältnisse motiviert wird.«

»Eine trübselige Weltanschauung,« sagte er gedrückt. Einmal hatte Martha ihm etwas Ähnliches gesagt, er hatte es als das Geplauder eines Kindes beiseite geschoben, von diesen Lippen traf es ihn anders.

»Sie irren sich,« erwiderte sie, »es ist die einzig richtige. Man verlangt niemals mehr von sich und seinen Nebenmenschen, als sie leisten können, man wird tolerant und menschlich. Ich möchte den sehen, der in der Welt lebt und nach dem dreißigsten Jahr noch Illusionen hat.«

Er schloß die Hand fest um den Rosenstrauß; gepreßt klang deshalb auch seine Stimme, als er sagte:

»Lehren Sie mich ohne diese leben!«

»Würde es zu Ihrem Besten sein?« fragte sie und sah ihm groß und voll in das Gesicht.

»Ja!«

»Mir scheint doch, lieber Freund,« sagte sie mit der ganzen Souveränität, die ihr eigen und die ihn so zu Boden drückte, »Sie sind noch zu jung dazu. Sie haben vielleicht ein ehrliches Gemüt, bescheidene Freuden, ideale Hoffnungen. Fällt das alles, werden Sie Lücken empfinden, und Lücken sind häßlich.«

»Gleichviel!« rief er stürmisch, »oder vielmehr, all Ihre Voraussetzungen treffen nicht zu; ich bin nicht mehr der, der ich früher war! Der Boden unter mir ist bedenklich ins Schwanken geraten, ich strecke die Hände nach einem Halt, ich bin kleinmütig geworden, da – führt das Schicksal mir Sie in den Weg! – Lassen Sie mich an ein gütiges Schicksal glauben, gnädige Frau!«

»Still!« sagte sie mit einer kleinen Kopfbewegung nach rückwärts. »Es ist nicht nötig, daß mein Diener alles hört.«

Er sah sich bestürzt um. Hinter ihnen schritt in geringem Abstand ein galonierter Diener, und einen Augenblick empfand Viktor wirklich Respekt vor der Macht des Goldes, das ihm in dieser Frau so herrschend entgegentrat.

Sie waren aus dem belebten Mittelpunkt der Stadt in einsameres Villenviertel gekommen, ohne daß er es im Eifer des Gesprächs bemerkt hatte, vor einem nicht großen, aber elegantem Hause blieb sie stehen.

»Gute Nacht und auf Wiedersehen. Wenn Sie mich einmal besuchen wollen, Herr Alten! Ich bin eine einsame Frau und liebe alles, was nicht in den hergebrachten Schablonen läuft, vielleicht kann ich Ihnen mit meiner Welterfahrung wirklich etwas nützen.«

Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest; gern hätte er sie an die Lippen gezogen, aber der Diener genierte ihn.

»Ich bin die Kommerzienrätin Murner,« setzt sie hinzu, und wieder huschte jenes halb amüsierte Lächeln über ihr Gesicht, das ihn schon mehrmals betroffen gemacht hatte.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß, er stand draußen und starrte auf das bronzene Gitter, das den kleinen Vorgarten vornehm von der Straße abschloß. In dessen Mitte hielt ein Triton einen Schwan am Halse gepackt, aus dessen geöffnetem Schnabel wohl im Sommer eine Fontäne sprang, jetzt trug beides ein Käppchen von Schnee, und das dunkle Metall hob sich scharf und doch graziös in seinen Linien von dem hellen Hintergrunde des Hauses mit seiner offenen Loggia und dem vornehmen Toreingang ab.

Er starrte auf den kleinen Palast, und erst nach einer geraumen Zeit wurde ihm klar, daß er noch immer das Bukett in der Hand hielt.

Was sollte er machen, die Glocke am Gitter ziehen und dem Bedienten die Blumen übergeben? Es wurde ihm schwer, sich von ihnen zu trennen, diesem einzig greifbaren Beweis seines ersten Abenteuers, und doch konnte er sie nicht behalten wie ein Dieb; noch einmal sog er ihren Duft ein, dann streckte er die Hand nach der Glocke aus. In demselben Augenblick erlosch das Licht im Vestibül, dunkel und geheimnisvoll still lag die Villa vor ihm, gerade über ihr stand die helle Mondscheibe.

Jetzt zu läuten wäre rücksichtslos gewesen, und nach einem langen Blick auf das Haus, ging Viktor, mit den Blumen in der Hand, seinem eigenen Heim zu.

Aber die erhitzte Phantasie gönnte ihm keinen gesunden Schlaf, er sann und grübelte wachend fast die halbe Nacht.

Hatte er jetzt endlich sein Ideal gefunden, das sich zuerst trügerisch mit Marthas Zügen geschmückt? Sie schlief friedlich neben ihm, mit den rosigen Wangen eines Kindes und dem krausen, blonden Gelock, aber ihr Anblick, so lieblich, er war, ließ ihn gleichgültig. Das, was er in ihr gesucht, hatte er ja nicht gefunden! An ihm lag sicherlich die Schuld nicht. Sie war nur ein oberflächliches, leichtfertiges Dutzendgeschöpf, jedes Verständnis seiner Natur blieb ihr fern, kein Wunder, daß sie ihn nicht ausfüllte.

Und war es denn so böse, was er wollte? Er lechzte nur nach geistigem Verständnis, dem seinen, unmerklichen Duft, der jede Frau von Welt umgibt, und den Martha nicht besaß. So gerecht, um sich zu sagen, daß ihr die Gelegenheit fehlte sich derartiges anzueignen, war er nicht.

Was er an Martha so scharf tadelte, ihr Hinneigen zu jener Sphäre, in der Luxus und Wohlleben herrscht, trat jetzt an ihn selber heran, und auch er erlag, ohne sich dessen recht bewußt zu werden.

VI.

Am nächsten Tage zur Visitenzeit brachte er das Bukett in die Villa. Welk, mit schwarzen Rändern senkten die Rosen die Köpfe, und einzelne Blätter fielen in den Schnee.

Frau Murner war gerade im Begriff auszufahren, ihr Auto hielt vor der Tür und sie selbst, in Hut, dunklem Straßenkostüm und Pelz, traf im Vestibül mit ihm zusammen.

»Ich bringe Ihnen hier Ihr Bukett zurück, gnädige Frau,« sagte er etwas geniert durch den anwesenden Diener und ernüchtert durch die unerwartete Situation, »es blieb gestern in meiner Hand.«

Sie zögerte einen Augenblick.

»Welche Idee!« rief sie beinahe ärgerlich. »Aber ich kann Sie doch nicht hier stehen lassen! Treten Sie eine Minute ein!«

»Ich wollte nicht stören!«

Sie nahm die Blumen aus seiner Hand und warf sie achtlos beiseite. »Sind Sie immer so außerordentlich gewissenhaft?«

»Es deckte sich diesmal mit meinen Wünschen.«

»Nun, Sie sind wenigstens ehrlich!« lachte sie, ihre Handschuhe schließend. »Das gefällt mir. Aber ich habe wirklich in diesem Augenblick nur wenig Zeit. Oder wollen Sie meine Rückkehr hier erwarten?«

»O nein,« beeiferte er sich zu sagen, indem er aufstand. »Verzeihen Sie nur die Störung, dann bin ich zufrieden.«

Auch sie stand auf.

»Sie haben recht,« sagte sie sich umsehend, »es geht dem Boudoir, wie den Frauen selbst, sie sind nur bei Abend reizend, der Tag nimmt alle Illusionen. Kommen Sie lieber am Freitag um sieben Uhr zum Tee zu mir. Es interessiert mich, mit Ihnen zu plaudern, und meine Nichte Grete wird entzückt sein. Kann ich darauf rechnen?«

Er verbeugte sich zustimmend. An dieser Frau lag etwas, das seine Eitelkeit verletzte und dennoch einen dämonischen Reiz ausübte. Dabei hatte er sie noch kaum gesehen, denn der Schleier, das unsichere Licht gestern abend und heute die schwer verhängten Fenster, durch die sich der Tag kaum hindurchstahl, ließen das nicht zu. Aber wunderbarerweise dachte er auch gar nicht an ihre körperliche Schönheit; ihre Art und Weise, der Duft, der sie umgab, das alles genügte, um ihn, den phantasiebegabten Mann zu berauschen.

Freitag! dachte er, und ein Gefühl von Wohlbehagen durchströmte ihn, obgleich er recht wohl den zweifelnden Blick des Dieners auf seinem äußern Menschen ruhen fühlte. –

An diesem selben Freitag war es, daß Gregor ziemlich spät abends Viktor begegnete, der aus der Villa Murner nach Hause ging; er schien ihn nicht zu sehen, aber Gregor achtete nicht darauf, sondern ging auf ihn zu und hielt ihn an, seine äußere Erscheinung setzte in Erstaunen.

Er trug trotz der kalten Nachtluft den Hut in der Hand, in seinem Knopfloch steckte eine Rosenknospe; sein schmales, feines Gesicht sah blaß aus, aber die Augen hatten einen Ausdruck, als hätten sie gerade in den Himmel gesehen und wären noch trunken von all der Herrlichkeit.

»Wo kommst du denn her?« fragte Viktor überrascht, augenscheinlich nicht sonderlich über die Begegnung erfreut, er sah Gregor erst, als die lange haltlose Gestalt dicht vor ihm stand.

»Von deiner Frau!« lautete die lakonische Antwort.

»Ich schrieb dir aber doch, daß ich heute nicht zu Hause sei.«

»Du siehst, daß mich der Brief verfehlt hat. Es macht ja auch nichts aus. Oder solltest du auf mich eifersüchtig sein?«

Viktor lachte auf, indem er sich den Hut aufsetzte.

»An so etwas kannst du doch nicht im Ernst denken.«

»Aber du vernachlässigst deine Frau.«

»Lieber Freund, ich bitte dich! Rede doch nicht von Dingen, die du nicht kennst. Du weißt eben nicht, was es heißt, verheiratet sein! Immer diese Zwangslage! Immer diese Fessel am Bein! Die Ehe verdirbt den Künstler. Heute habe ich erst so recht empfunden, was »leben« heißen kann! – »Du mußt wissen,« fuhr er dann ruhiger fort, »ich war heute nicht bei den Freunden, sondern eingeladen bei einer Dame – der Kommerzienrätin Murner. Gregor, das ist eine Frau! Wenn das Leben den Menschen immer tiefer herabzieht, vom Himmel bis auf die Erde, diese Frau versteht es, ihn wieder hinaufzuziehen!«

Der andere lachte spöttisch: »Ich kenne das ja an dir!«

»Nun meinetwegen, spotte nur über mich. Begeisterung ist Vollgenuß unseres Daseins! Übrigens verlange ich von dir nicht blinden Glauben, du sollst selbst sehen und prüfen. Da ich ihr von dir erzählte, äußerte sie den Wunsch, dich kennen zu lernen. Das nächste Mal begleitest du mich zu ihr!«

»Daß ich ein Narr wäre! Zum Schwenzeln und schöne Redensarten zu drechseln, war ich nie der rechte Mann! – – Weiber, die sich mit verheirateten Männern abgeben, sind nicht mein Geschmack. Ich bin etwas beschränkt in diesem Punkt, alter Freund, weißt du!«

»Aber, mein Gott, sie hat ja keine Ahnung von meiner Ehe.«

»Um so schlimmer für dich – das Licht, das alsdann auf dich fällt, behagt mir gar nicht. Es genügt nicht, über seine Pflichten zu räsonieren, man muß sie auch erfüllen.«

»Du bist wohl durch Martha eingenommen, wie mir scheint. Die hat natürlich an mir zu mäkeln. In ihrer Beschränktheit begreift sie mich gar nicht, und das versichere ich dir, dahin paßt sie durchaus nicht; ihr genügen ja Dallmanns. Du wirst mir aber den Gefallen tun, alter Freund!« sagte er stehen bleibend. »Ihr werdet vorzüglich zueinander passen. Auch ist sie nicht mehr in der ersten Jugend und hat, wie mir scheint, manche Lebenserfahrung.«

»Will sie denn deine Frau nicht bei sich sehen? Das wäre doch nur natürlich, wenn du bei ihr verkehrst.«

Viktor schlug plötzlich einen schnelleren Schritt an.

»Ich –« sagte er dann unbehaglich – »ich habe gar nicht von Martha gesprochen. Was geht Rose Marie meine Frau an?«

»Rose Marie?« wiederholte Gregor verwundert.

»So heißt sie. Ein schöner Name, nicht wahr? Ein Name, der auch nicht für jede paßt, für sie indes…«

»Wenn ich dich recht verstanden habe, hast du also deine Frau verleugnet.«

»Verleugnet?« fuhr Viktor geärgert auf. »Ich habe nur nicht von ihr gesprochen, wozu auch? Was sollte ich sagen? Das mag sich mit der Zeit entwickeln. Du kommst also das nächste Mal mit?«

»Hm! Ich werde mir die Sache doch noch sehr überlegen. Übrigens, Röhr ist wieder hier. Unser hartnäckiges Genie hat es doch nicht ausgehalten fern von Madrid. Er wird dich nächstens besuchen.«

»Gut – das soll er nur tun,« entgegnete Viktor gleichgültig; neben der Villa Murner hatte heute abend alles geringes Interesse für ihn. –

Etwa zu derselben Zeit sprach auch Rose Marie von ihrer jüngsten Errungenschaft in dem halb spöttelnden, halb gleichgültigen Ton, den sie in bezug auf junge Männer stets anzuwenden pflegte.

»Nun, Grete, wie gefällt dir dein Ideal? Ich dächte, du solltest mir danken, daß ich es dir in Sehweite gerückt habe.«

Das junge Mädchen, mit dem geräuschlosen Abräumen des Teegeschirrs beschäftigt, während die Herrin des Hauses auf der Chaiselongue ruhte, drehte sich zu der Sprechenden um und sagte:

»Ich hatte ihn mir anders gedacht, Rose! – Reifer!

»Zugegeben – er ist noch sehr jung; indes ist das ein Fehler, den er bald ablegen wird. Wenn er nur nicht diese gräßlichen Simsonslocken tragen wollte! Findest du ihn sonst nicht auffallend hübsch? Mir wäre es wahrhaftig nicht eingefallen, ihn einzuladen, wenn ich nicht mein lebenlang diese Vorliebe für schöne Menschen gehabt hätte.«

»Siehe da, Rose, gestern sagtest du, es geschehe meinetwegen,« rief Grete lachend und trat zu der Liegenden. »Du hattest Mitgefühl mit meiner Schwäche für seine Werke! Das muß ich dir aber sagen, seine Bücher sind mir lieber als er selber.«

Rose Marie richtete sich ein wenig auf dem Ellenbogen in die Hohe. »Ich glaube, mein gutes Kind,« sagte sie, »du stellst zu große Ansprüche an die Menschen. Wie entsetzlich wäre es, wenn wir alle mit der Toga drapiert einherstolzierten. Hat es dich nicht ein klein wenig geärgert, daß ich alte Frau dir so völlig den Rang abgelaufen habe?«

»Das bin ich ja gewöhnt!« Grete strich über Rose Marie's schmale, weiße Hand, »und glaube mir, Rose, ich finde es eigentlich natürlich. Du bist anders, wie wir alle! Dich umgibt eine eigene Atmosphäre, von der ich mir denken kann, daß sie berauschend wirkt, bis – verzeih mir Rose – bis die Ernüchterung kommt; denn im Grunde deines Herzens bist du kalt. Dich interessieren die Menschen, nur so lange sie dir fremd sind, du spielst mit ihnen, modelst sie nach deinem Geschmack, beeinflußt sie derartig, daß sie schließlich nichts anderes mehr sind, als deine Geschöpfe – dann langweilen sie dich, und du wirfst sie fort.«

»Eine so kritische Seele bist du, Grete?« fragte Rose Marie die Augen schließend. »Zugegeben also, du hättest recht – schade ich jemand damit?«

»Doch, Rose, doch! Und weil ich das weiß, deshalb wollte ich dich bitten, ziehe Alten nicht in dein Haus. Laß ihn sich entwickeln, ohne Einfluß deinerseits. Du und er, ihr seid verschieden wie Tag und Nacht, deshalb werdet ihr euch unwillkürlich anziehen, und der Schwächere unterliegt. Das ist natürlich er, denn deine Lebenserfahrungen sind die größeren. In ihm lebt aber ein Funke göttlichen Geistes, um den es schade wäre, würde er zerstört.«

»Kindskopf!« sagte Rose Marie lachend und warf sich wieder rückwärts. »Als ob ich ein Vampir wäre, der den Menschen die Seele aussaugt! Bleibe jeder doch sich selbst treu. Übrigens, Grete, wenn es mich nun noch zuletzt nach einer Romeo-Liebe gelüstete? Wäre das so verwerflich? Man sagt von uns Frauen, wir seien jung, so lange wir geliebt würden; ich hätte beinahe Lust, die Probe auf das Exempel zu machen, denn manchmal komme ich mir schon alt – steinalt vor. Und glaube mir, Grete, geliebt – wahrhaft geliebt wurde ich in meinem langen Leben doch niemals. Sie nehmen immer alle zuviel Rücksicht auf meine Person. Angebetet hat man mich – gehuldigt ist mir worden. – Einmal – einmal vielleicht wurde ich wahrhaft geliebt! – Aber der betreffende tröstete sich bald, und ich glaube recht gründlich. Den Männern liegt einmal die Prosa des täglichen Behagens im Blut! – Mit allem Geist, aller Schönheit und Grazie kommt man nicht auf die Dauer dagegen auf. Jetzt werde ich alt, Grete! – Begreifst du wohl, was es für eine Frau meines Schlages heißt: alt zu werden!« – Sie seufzte tief auf. »Eine Romeoliebe – das wär's, wonach es mich noch gelüstete!«

»Onkel Murner hat dich sehr geliebt, Rose, du wolltest es nur nicht sehen,« begann Grete. »Dein Bestreben war, ihn dir möglichst fernzuhalten. Du warst ungerecht gegen ihn.«

Rose Marie runzelte die Stirn.

»Ja, ja!« sagte sie abwehrend. »Übrigens würde ja meine liebe Schwägerin Anna aus dem Häuschen geraten, wenn sie einen solchen Streich von mir erführe! Denke dir das nur, Grete! – Schon der Gedanke daran kitzelt meine Nerven; das Leben wird ja auch mit der Zeit zu langweilig.«

Grete seufzte still vor sich hin. Sie war wieder an den Teetisch getreten und setzte das Abräumen fort. Wer kannte wohl besser als sie die wunderlichen Widersprüche, die sich in Rose Maries Charakter bargen. Alles Kleinliche lag ihr so fern, aber sie gehörte zu den Naturen, die nichts lassen können, wie es ist, die stets nach Zerstreuung und Beschäftigung jagen. Grete liebte ihre Tante – obwohl die Kommerzienrätin es vorzog, diesem ehrfürchtigen Titel zu entsagen – und sie kamen zur allgemeinen Verwunderung prächtig miteinander aus, aber sie versuchte auch nur selten, wie heute abend, ihr entgegenzutreten. Und das bereute sie auch schon, denn dadurch erst schien Rose Maries achtlos aufgenommenes Spielzeug zur Bedeutung gelangt zu sein.

»Bereite dich also auf schreckliche Dinge vor!« rief Rose Marie jetzt aufspringend und den Arm ihrer Nichte fassend, »Und laß dies gräßliche Aufräumen und Verschließen! Wozu sind denn die Leute da, kleine Pedantin. Gute Nacht, Kind, träume von deinem langlockigen Dichter!«

Sie küßte sie auf die Stirn und verließ das Zimmer, aber noch wach in ihrem Bett liegend, dachte sie:

»Eine Romeoliebe! – Um das Schwinden der Jahre zu vergessen! Was täte das?!« –

In ihrem hellen Zimmer stand Grete am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Sie war nicht so ruhig, wie es vorhin im Teezimmer den Anschein gehabt hatte.

Seit sie Viktor Altens Bücher gelesen, bestand zwischen ihr und dem unbekannten Verfasser ein Band, denn selten hatte eine Lektüre sie so ergriffen, so bezaubert. Wie aus einem tiefen Brunnen schöpfte sie Gedanken, Anregung und Kraft daraus. Alles war so rein, lauter und groß, daß dessen Schöpfer ihr in derselben Beleuchtung erschienen war. Wenn sie einsam saß und las, oder auch nur still über seinem Buch träumte, kam es ihr vor, als würde sie durch diesen Verkehr mit ihm besser und nachsichtiger mit ihren Mitmenschen.

Nun sah sie ihn selber! –

Jede Enttäuschung ist schwer zu überwinden. Der Alten, zu dem sie andächtig hinaufgesehen, schrumpfte nun plötzlich zusammen zu einem recht irdischen Menschen, dem der Luxus und der Glanz, der ihre Häuslichkeit umgab, imponierte, der zu Rose Marie hinüberschmachtete und sehr alltägliches Zeug sprach. Nichts hätte ihre Illusion zerstört, weder Häßlichkeit, noch unhöfliche Formlosigkeit oder Eitelkeit, daß er aber so war, gerade so!

Sie wandte sich endlich vom Fenster ab – es nützte ja nichts über etwas Unabänderliches zu grübeln. Sie nahm sich vor, den Verfasser von seinen Werken zu trennen. »Euch werde ich immer lieb behalten,« sagte sie, mit leichter Hand über die Bücher streichend, die auf ihrem Tisch lagen. »Ihr bleibt ja, was ihr gewesen!«

Eine seltene Klarheit und Ruhe lag über der fast schmächtigen Mädchengestalt, an der eigentlich nur die großen, dunklen Augen schön waren. Aber währenddem hörte sie Rose Maries leise, spöttische Stimme, die sagte: »Eine Romeoliebe – herrliche Idee!«

Und wie ein Schatten schwebte ihr das schöne Gesicht des jungen Dichters vor, den zu warnen sie kein Recht hatte.

VII.

Gregor stand vor seinem Spiegel und starrte die Erscheinung an, die ihm daraus entgegensah. Diese Studie hatte er heute schon öfter wiederholt, genau so oft, wie er an Martha und Viktor dachte. Er war ja häßlich, alt und unliebenswürdig, das sagte ihm sein seltener, aber desto offenerer Freund, der Spiegel, so oft er ihn fragte; aber seit gestern hatte er so kuriose Gedanken im Kopf, daß er nicht oft genug hineinsehen konnte.

Er fragte sich: – »War es gut und durchaus notwendig, daß alles so kam, wie es gekommen ist? Hättest du nicht auch einmal in deinem Leben versuchen sollen, dir selbst ein Glück zu erringen? – Warum strecktest du nicht auch die Hand aus, als Martha schutz- und hilflos dastand, sondern überließest das einem Jüngern, der einer Frau wahrlich keine sichere Garantie für die Zukunft war? Vielleicht hätte Martha auch vertrauensvoll ihre kleine Hand in die deine gelegt – vielleicht – –« Weiter kam er nicht, dann sprang er auf, lief in seinem kalten, kahlen Zimmer umher, und lachte endlich, laut, höhnisch, wie nur jemand lachen kann, der sich selbst verhöhnt.

Einige Augenblicke später klopfte es, und zu dem Erregten trat Viktor ein. Leichenblaß, die Haare verwirrt, um die Augen tiefe, dunkle Schatten.

»Hast du einen Moralischen?« fragte Gregor gallig mit prüfendem Blick in seines jungen Freundes Gesicht. »Du siehst ganz danach aus, und nötig hättest du ihn am Ende auch!«

Alten schüttelte schweigend den Kopf, trat an das Fenster und sah hinaus.

Nach einer Weile sagte er gleichgültig:

»Du sprichst von gestern abend. Ja Neigungen kommen und gehen, dem Herzen lassen sich keinerlei Vorschriften machen. Treue ist ein Gesetz, und wer sie zum Gesetz erhoben hat, wird sich nicht wundern können, wenn dagegen gefehlt wird – das drückt mich nicht!«

Gregor hatte eine bittere Antwort auf der Zunge, aber als er den Freund so blaß dastehen sah, siegte doch die alte Zuneigung, und er legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Mein Sohn,« sagte er in der alten, halb wider Willen launigen Weise, »ich habe ein langes Leben hinter mir und darin so Vielerlei gesehen und gehört, daß ich mich zum Schluß über gar nichts mehr wundere. Ich weiß auch, daß ich nicht sonderlich geschickt bin, Knoten zu lösen und Wirrnisse zu beseitigen, deshalb lasse ich die Hand davon. Aber vielleicht tröstet es dich, mir dein Leid zu klagen.«

Viktor wandte sich um und sah ihn an, ein tiefer, leidenschaftlicher Schmerz sprach aus seinen Zügen.

»Man hat – meine letzte Arbeit – abgelehnt!« sagte er endlich sich mühsam beherrschend.

»O! Gas wäre!« Gregor kratzte nachdenklich die Bartstoppeln an seinem Kinn. »Warum denn, in drei Teufels Namen!« Augenblicklich hatte er alles vergessen, was zwischen ihnen stand. Verstohlen hatte er sich in Viktors aufblühendem Ruhm gesonnt, heimlich große Hoffnungen auf ihn gesetzt, alles das verkörpert in ihm gesehen, was er selbst sein ganzes, langes Leben hindurch als die höchsten idealen Güter bewahrt hatte.

»Sprich!« rief er barsch und schüttelte ihn am Arm.

»Ich habe es geahnt – kommen sehen – unerbittlich, wie das Schicksal einherkommt,« begann Viktor und stützte sich müde auf den wackligen, alten Stuhl, der neben dem Fenster stand. »Meine Kraft ist zu Ende und mit meiner Kraft, mein Selbstvertrauen, mein Mut, die Schöpferkraft, die ich in mir gefühlt habe. Was du jetzt siehst, ist nur noch ein totes Gehäuse, wert, abgebrochen zu werden, weil es nichts mehr nützt.«

»Das wäre!« lachte Gregor höhnisch auf. »Seht nur einer den Schwächling an, dessen Eitelkeit es nicht verträgt, daß man ihn einmal nicht in den Himmel hebt! Sind dir die Ikarusflügel so bald geschmolzen, mein Sohn?«

»Du irrst dich, Gregor,« sagte Alten ruhig. »Es ist nicht die Eitelkeit, die mich so sprechen laßt, sondern das positive Bewußtsein – ich kann nicht mehr! Du kennst sie nicht, diese Qual des Schaffenden, wenn sich der Gedanke nicht aus dem schöpferischen Hirn losreißen will, wenn wir machtlos und ohnmächtig uns zermartern und uns schmerzlich bewußt werden, daß wir selbst nur erbärmliche Geschöpfe, keine Schöpfer sind. Du weißt nicht, wie ich gerungen habe mit meiner erlahmenden Phantasie, meinen matten Empfindungen. – Die Sorge um das tägliche Brot saß mir im Nacken und fraß meine beste Kraft. – Und dann beklaget ihr euch – du und Martha – daß ich launenhaft und verdrießlich war, verlangtet meine Aufmerksamkeit für all die Kleinlichkeiten des täglichen Lebens! – Ihr maßet mich mit einem Maß, mit dem ich nicht gemessen werden durfte! Und doch trifft euch nicht einmal ein besonderer Vorwurf. Wie konntet ihr denn begreifen, was mich quälte!«

»Du hast recht,« sagte Gregor kleinlaut, »aber bist du nicht zu ungeduldig mit dir? Das sind doch alles Stimmungen, die vorübergehen. Wer hat stets denselben Erfolg.«

Viktor lief auf ihn zu und legte ihm beide Hände auf die Schultern, in seinen dunklen Augen schimmerte es feucht.

»Aber begreifst du denn nicht, Mensch, daß, wohin ich auch sehe, mir ein Abgrund entgegen gähnt – überall? In mir ist es leer, öde und tot; vor mir steht Mangel und Entbehrung, Unfrieden und infolgedessen Unlust. Hätte man mich früher getadelt, anstatt zu loben, wahrlich, noch elastischer wäre meine Kraft emporgeschnellt, und ich hätte ihnen triumphierend zugerufen: Ihr unterschätzt mich! – Ich kann noch mehr, viel mehr leisten und ich werde es! – Nun aber, wie stehe ich den vielen freundlichen Worten, den Aufmunterungen meiner Kritiker gegenüber? Ich komme mir vor, wie ein ungetreuer Haushalter, der sein Pfund leichtsinnig verzettelt hat. – Erinnerst du dich, wie ungern ich mit dir von dieser Arbeit sprach? Wie es mich anekelte, auch nur eine Zeile davon selbst zu lesen? – Du siehst, mein Empfinden war der richtige Gradmesser für meine Leistung.«

»Nun will ich dir einmal etwas sagen, Viktor,« sagte Gregor mit mildem Ton. »Du übertreibst, übertreibst haarsträubend! Ruhe dich erst einmal aus, das tut dir not, und dann singe mir dasselbe Lied noch einmal, wenn du es bis dahin nicht vergessen hast.«

»Ausruhen?« fragte er bitter. »Und wovon sollen wir leben, essen und trinken?«

»Ich habe einen prächtigen Gedanken, mein Sohn,« sagte Gregor lachend, sich die Hände reibend. »Und wenn du den Egoismus durchscheinen siehst, so erinnere dich gütigst, daß ein gesunder Egoismus die Grundbedingung unserer Existenz ist. Nehmt mich einstweilen bei euch auf, als dritten im Bunde! Du glaubst gar nicht, wie zuwider mir dies kahle, häßliche Zimmer schon ist, seitdem ich eure gemütliche Häuslichkeit kenne! Martha wird nichts dagegen haben, und wie jede gute Tat ihren Lohn in sich trägt, so wird dir dadurch Muße, dein überarbeitetes Gehirn eine Weile ruhen zu lassen. Groß ist meine Rente ja nicht, wie du weißt, aber vorläufig reicht sie doch.«

Die Unterlippe zwischen den Zähnen, die Lider gesenkt, stand Viktor vor ihm, er kam sich gedemütigt bis zum Tode vor. Ein Schwächling, der von dem Almosen anderer sein Leben fristete!

Mit halb erstickter Stimme sagte er:

»Einmal hast du mich einen ehrgeizigen Weltverbesserer gescholten, und nun – da sieh das Ende !– Ich nehme dein Opfer an, Gregor, um Marthas willen.«

»Wie schwer es dich ankommt, sehe ich allerdings,« fiel ihm der andere barsch in die Rede. »Ja, rechne nur einer auf seine Freunde! Aber –« fuhr er fort, sich hastig abwendend, da er Viktors Blick begegnete, »vor allen Dingen, schone dich etwas; du siehst miserabel aus, und meinetwegen mag selbst Frau Rose Marie dir ihre heilende Hand auflegen, vorausgesetzt, daß es hilft. Wann kann ich also zu euch? Das dritte Zimmer steht ja so wie so ganz unbenutzt.«

»Hole dir die Antwort heute abend bei Martha.«

»Schön! Und wenn es dir recht ist, wollen wir jetzt frühstücken gehen. Mir kommt es vor, als fühle ich nach deiner Rede eine mächtige Öde in meinem Magen. Komm mit!« –

Martha war nicht sehr erbaut von der getroffenen Verabredung, Gregor hatte so scharfe Augen, aber ihr Verhalten zeigte doch, daß sie viel zu praktisch dachte, um nicht das Geschehene zu würdigen und die rettende Hand zu ergreifen, die sich ihnen entgegenstreckte. Auch hatte sie alle Ursache mit ihrem Mitbewohner zufrieden zu sein. Es gab keinen anspruchsloseren Menschen. Er ging und kam fast unhörbar, schien blind und taub für alles, was um ihn her vorging und war selten zu Hause. Das rechnete ihm Martha am höchsten an, denn in dieser trübseligen Zeit hatte sie mehr denn je das Bedürfnis, bei Dallmanns ihren Kummer zu vergessen. Mit Viktor und Gregor war nichts anzufangen, und besonders ihr Mann sah immer aus, als rechne er ihr ein heiteres Gesicht als Staatsverbrechen an.

Ach! Wie war Lene Dallmann zu beneiden!

Und sie seufzte aus tiefster Brust.

In diesen lastenden Druck kam wie ein matter Sonnenblick eine Einladung der Kommerzienrätin Murner und gab wenigstens Viktor einen Teil seiner Spannkraft zurück.

Rose Marie! Er hatte in seiner menschenfeindlichen Stimmung sich auch dort schon vergessen geglaubt, und nun hatte auch Gregor, dem der Gemütszustand seines Freundes Sorge bereitet, nicht den Mut, ihn zurückzuhalten, um so mehr, da auch seiner in der Einladung erwähnt war.

Sie gingen hin. – Gregor in seinem fleckigen, alten, abgeschabten Röckchen, ohne nur ein Iota mehr Sorgfalt auf seine Toilette zu verwenden als sonst. Viktor neben ihm, zum erstenmal mit offenen Augen die groteske Häßlichkeit seines Freundes gewahrend, die schiefe, hängende Haltung, die übermäßig langen Arme und den spitzen Kopf mit den welken Zügen und dem haarlosen Schädel. Auch daß sein Rock nicht abgebürstet war, sah, er mit peinlicher Scharfe und bemühte sich auf der Straße das gut zu machen.

»Gib dir keine Mühe, alter Sohn,« wehrte Gregor spöttisch. »Wer Schale und Kern nicht zu trennen versteht, für den machst du mich doch nicht annehmbarer, und wer sich damit zurechtfindet, den genieren schließlich auch etliche Staubatome nicht. An deiner Kommerzienrätin ist es nun, zu zeigen wie viel sie wert ist.«

Zwanglos betrat Gregor die Villa, deren Luxus er keines Blickes würdigte, und verbeugte sich endlich vor Rose Marie, die aus ihrem vornehmen kühlen Gesicht doch nicht ganz das Entsetzen zu bannen vermochte, das sie beim Anblick des vielgerühmten Freundes erfaßte. Aber nicht Gregor genierte das, im Gegenteil, ein Spottlächeln verzog sein Gesicht noch mehr. Viktor fühlte sich wie auf glühenden Nadeln. Er schämte sich – er schämte sich seines guten, braven Freundes zum ersten Male, – warum? Weil er vor den Augen einer Salondame keine Gnade fand? »Das hätte ich vorher wissen und mir diese Blamage ersparen können,« dachte er, wütend auf sich selbst. »Sie muß uns ja für Kaffern halten.«

Und gleichzeitig ärgerte er sich über Gregor. Es kam ihm vor, als sei er absichtlich so, wie er sich vor Rose Marie gab, um der eleganten Frau den Geschmack an sich und seinesgleichen gründlich zu verderben.

»Ein Wunder wäre es nicht,« dachte Viktor, ihn heimlich beobachtend. Sein Wesen bekam dadurch etwas Unruhiges, Zerfahrenes. Nervös bröckelte er an dem Teegebäck, und Rose Marie wandte sich, aufmerksam werdend, zu ihm.

»Was ist Ihnen. Sie sind heute so eigentümlich!« sagte sie.

»Verzeihen Sie ihm, gnädige Frau,« bat Viktor halblaut, mit einem Blick auf seinen Freund, »er ist nur unsere Gesellschaft gewöhnt und…« Er schwieg unbehaglich.

Rose Marie lachte auf.

»Also das hat Sie gepeinigt? Kümmern Sie sich nicht darum. Wir sind ja hier unter uns.«

»Recht so, gnädige Frau,« fiel Gregor ein, »nehmen Sie den alten Mann vor seinem jungen Freund in Schutz. Verdienen tut er es zwar nicht…« Rose Marie lachte wieder.

»Man soll jedem gerecht werden,« sagte sie und sah unter dem rosigen Licht des Lampenschirmes jung und hübsch aus. »Gerechtigkeit ist überhaupt meine stärkste Seite, vorausgesetzt, daß sie mir keine Unbequemlichkeiten auferlegt.« Dann wandte sie sich zu Viktor. »Bedrückt Sie wirklich nichts Persönliches? Es kommt mir so vor.«

»Sie haben es erraten,« sagte er nach kurzem Zögern und sah unsicher zu ihr auf. »Auch das!«

»Wollen Sie mir nicht Ihr Vertrauen schenken?«

Ihr blasses Gesicht mit dem müden Zug um Augen und Lippen sah gütig und teilnehmend aus, als erwarte sie die Geschichte einer jungen Liebe. Müßig lagen ihre schlanken Hände mit den blitzenden Juwelen in dem Schoß.

O gewiß, sie – sie würde begreifen! – Und getrieben von einem Impuls, der stärker war als er, sprach er ihr von allem, was ihn bedrückte, mit Ausnahme seiner Ehe.

Sie lächelte, als er geendet.

»Lieber Freund, ich freue mich, daß Sie mir so offen gebeichtet haben, nun kann ich Ihnen ebenso meine Meinung sagen. Die Richtung, der Sie anhängen, mag ihr Großes und Schönes für sich haben, aber mir liegt sie trotzdem nicht. Wir wollen Leben, Natur – Amüsement! – Vor allem übrigen Amüsement! Ihre Bücher sind aber recht wenig amüsant, lieber Alten. Versuchen Sie es auf einem andern Wege, und Sie sollen sehen, daß Ihnen außer dem papiernen Ruhm auch eine goldene Ernte zuteil wird.«

Viktor war blaß geworden, seine Hände, die mit dem goldenen Teelöffel spielten, zitterten leicht. Das Gebäude seines Idealismus schwankte ein wenig unter dem Einfluß dieser Umgebung, der das weiche rote Licht einen berauschenden Farbenton verlieh, unter dem Luxus und Wohlleben, das ihm hier entgegentrat. Trotzdem sagte er mit einer Energie, der man den innerlichen Zwang anhörte: »Nie, nie kann ich gegen mein Inneres!«

Rose Marie lachte wieder.

»Es wirb nicht mehr lange dauern, und Sie werden sich in stillschweigender Anerkennung meinem bessern Urteil beugen!«

»Das wird er nicht!« meinte Gregor gereizt und warf keinen freundlichen Blick auf die schöne Wirtin. »Er muß dem dienen, was in ihm ist. Geld und Gut sind Dinge, die ein Künstler entbehren kann.«

»Aber sie sind angenehm,« sagte Rose Marie, ihrem Widersacher das Gesicht zukehrend. »Wir, die das besitzen, tun nur, als verachten wir es aus Gewohnheit; aber wer es nicht hat, dessen Streben geht schließlich doch einzig und allein darauf hin. Geld ist der größte Machthaber auf unserer Erde und wird es bleiben!«

»Bah!« sagte Gregor, »das ist die Sprache dieser Welt, bei uns aber spricht man eine andere.«

»Nun, so wird mir ihr junger Freund danken, wenn ich ihn die unsrige lehre. Übrigens verspreche ich nicht mehr, als ich halten kann.« Rose Marie handelte augenblicklich mit vollster Absichtlichkeit. »Herr Alten wird in meinem Salon Menschen aller Art kennen lernen, die ihm Material zum Studium liefern werden. Denn aus dem Leben muß man schöpfen, will man das Leben schildern,« wandte sie sich wieder Viktor zu.

»Wie gütig Sie sind!« höhnte Gregor, der am liebsten seinen jungen Freund unter den Arm genommen und entführt hätte.

»Man tut so selten etwas für einen Mitmenschen, daß man Gott danken muß, wenn sich einmal eine Gelegenheit dazu bietet,« antwortete ihm Rose Marie mit einem Lächeln. Dann stand sie auf und, Viktor ein Zeichen gebend, schritt sie vor ihm in den Erker hinein, wo sie sich mit ihrem Schützling niederließ.

Ingrimmig schaute Gregor ihnen nach. Er vergaß so völlig die Pflichten der Höflichkeit, daß er Grete in fast grobem Ton antwortete, als sie ihm eine zweite Tasse Tee anbot.

Statt verletzt zu sein, sagte sie freundlich:

»Ich verstehe Ihre Sorge um Ihren jungen Freund und – ich teile sie.«

»Sie?« fragte er verblüfft und ließ zum erstenmal seinen Blick auf dem feinen, ernsten Gesicht ruhen. »Was kann Ihnen daran liegen?«

»Ich würde, wie Sie, um einen erloschenen Gottesfunken in einer Menschenbrust trauern.«

Er sah sie von der Seite an.

»Was wissen Sie von Gottesfunken?« fragte er unwirsch.

Grete errötete. »Sie meinen, weil ich in derselben Umgebung lebe, wie meine Tante? Ich habe Rose Marie herzlich lieb, ohne ihre Ansichten immer zu teilen.«

»Wer sind Sie denn hier?« fragte er noch immer nicht sonderlich höflich.

»Wenn Sie es ganz einfach und klar benennen wollen – die Gesellschafterin – nebenher noch Nichte!«

»Arm?«

»Ja, arm!«

Gregor senkte den kleinen, spitzen Kopf, eine graue Haarsträhne baumelte ihm im Nacken.

»Sie wird ihn verderben, das Gute in ihm zugrunderichten!« seufzte er endlich. »Ich weiß, wie gefährlich solche Frauen einem unerfahrenen Gemüt sind.«

»Das wäre schade!« sagte Grete mit einem Seufzer. »Sie glauben nicht, wie lieb mir Herrn Altens Bücher sind.«

Er sah sie prüfend an, als sehe er auf den Grund ihrer Seele, dann streckte er ihr die Hand entgegen. Schweigend legte sie die ihrige hinein.

Rose Marie kam mit Viktor zurück, eine weiße Gardenie in der Hand, deren Stengel sie spielend drehte; vor Gregor blieb sie stehen.

»Sie unterschätzen Ihren Freund,« sagte sie herausfordernd, »er hat Anlagen genug zu einem praktischen Menschen.«

»Unter Ihrer Leitung, meine gnädige Frau, zweifle ich nicht, daß sie sich ausbilden werden.« Er hatte sich erhoben und stand jetzt vor ihr; feindselig maßen sie sich. »Ich sehe übrigens wieder, daß Frauen immer dieselben bleiben, denn niemand wird Ihnen mehr danken als Viktors – Gattin.«

Schwüle lagerte plötzlich über dem Zimmer. Viktors Augen funkelten zornig, Gregor sah spöttisch drein, Rose Marie sehr erstaunt, und nur am Teetisch klirrte ein Löffel aus Gretes Hand unter die Tassen. Dann reichte die Kommerzienrätin plötzlich beide Hände ihrem jungen Gast. »Armer Freund – jetzt erst verstehe ich Sie ganz!« sagte sie. »Nichts ist auf die Dauer unerträglicher als Mangel an geistigem Verständnis!«

Sie schloß blitzschnell aus seinem Schweigen, daß er keine Ursache habe, sich des Besitzes seiner Frau sonderlich zu rühmen. Eine Neigungsheirat in so jungen Jahren, in beschränkten Verhältnissen, man kannte das ja! Und anstatt zornig zu werden, wie Gregor erhofft, nahmen ihre Augen einen sanften Ausdruck au, als sie sich auf sein schönes Gesicht hefteten. Statt aller Antwort führte Viktor ihre Hand an seine Lippen. Er konnte nicht sprechen.

»Wir können nun wohl gehen,« sagte Gregor und rieb sich etwas gedrückt das Kinn. »Komm, Viktor, es schlägt schon neun!«

»Sie bleiben, Alten!« rief Rose Marie, in ihrer herrischen Art die Hand ausstreckend. »Mit Ihnen möchte ich noch sprechen!« – Natürlich blieb er, und Gregor hatte, als er ging, das Gefühl, als habe er eine Dummheit gemacht. »Setzen Sie sich, zu mir,« sagte Rose Marie und zog ein kleines Tabouret neben die Chaiselongue, auf der sie sich niederließ. »Ich bin traurig für Sie, mein Freund, um die Fessel, die Sie sich angelegt haben. Erzählen Sie mir von Ihrer Frau.«

Über ihre großen grauen Augen fiel ein Schatten, sie sah ihn ernst, mitleidig an.

»Sie ist jung wie Sie, nicht wahr?« fragte sie nach einer Pause, als er noch immer schwieg.

Er bejahte, und ehe er recht wußte wie, hatte er ihr seine kurze Liebesgeschichte enthüllt. »Ich war zufrieden und unbekümmert damals, bis sie mir nahetrat. Keines Weibes Auge störte meinen Schlaf, keines Weibes Nähe brachte jemals mein Herz zum Schlagen.«

»Die Glückliche!« sagte Rose Marie mit einem leichten Seufzer. »Und dann!«

»Dann kam die Ernüchterung,« beichtete er weiter. »Nicht plötzlich, sondern ganz allmählich verschwand der süße Rausch, ich sah nun alles, wie es wirklich war und erschrak.«

»Ja,« meinte sie gelassen, »das ist der unvermeidliche Rückschlag, der das menschliche Leben beherrscht, das Aufhören jener Spannung, durch welche ein großer Wunsch, sobald er Alltäglichkeit geworden, einem schlaff gewordenen Bogen gleicht. Wer hätte das niemals an sich selbst erfahren?«

»Auch Sie?« fragte er sinnend und sah in das noch immer schöne, gleichmäßig ruhige Gesicht, das sich aus dem Halbschatten ihm entgegen neigte. »Selbst Sie?«

»Nichts Menschliches ist mir wohl fremd!« sagte sie gelassen.

Sie kam ihm vor, wie das verschleierte Bild von Sais, und ein leidenschaftliches Verlangen ergriff ihn, mit rascher Hand einen Zipfel des Schleiers zu lüften; aber sie kam ihm zuvor.

»Sprechen wir nicht von mir,« sagte sie ruhig, »bleiben wir bei Ihnen, Sie sind mir noch Einzelheiten schuldig.«

Und er erzählte. Ohne es zu wollen, wurde Marthas Bild kleinlich, es verdunkelte sich immer mehr je heller sein eigenes Wollen, sein Ringen und Kämpfen sich daran heraushob, und er merkte nicht einmal die Ungerechtigkeit, die er an ihr beging.

»Armer Freund,« sagte sie endlich seufzend, als er geendet und nun gesenkten Hauptes vor ihr saß. »Jetzt bin ich völlig au fait! Aber warum ihr Männer auch immer gleich heiraten müßt!« setzte sie ungeduldig hinzu. »Nun kennen Sie meine Geschichte,« flüsterte er. »Meine Seele ist in Ihrer Hand!«

»Es gibt ja keine Seele,« scherzte sie. »Das ist der moderne Glaube. Kein besonders erfreulicher, aber schließlich ebensoviel wert, wie jeder andere.«

Entsetzt sah er sie an. Ihre roten Lippen lächelten, um das wellige blonde Haar wob das rote Licht einen Schein. Dann wurde sie plötzlich ernst.

»Ja, hören Sie auf mich und beherzigen Sie, was ich Ihnen sage, ich meine es gut – wirklich gut mit Ihnen, und ich will Ihnen nichts böses tun, wie Ihr Freund zu glauben scheint.«

Er drückte seine Lippen auf ihre Hand. Es war ein langer, leidenschaftlicher Kuß. An der Glut und dem Zittern seiner Lippen fühlte sie, wie heftig es in ihm stürmte. Etwas wie interessierte Neugier trat in ihr blasses, vornehmes Gesicht. War es möglich, daß ein Mensch so stark empfinden konnte? Hatte sie auch einmal so empfunden? Ach, es mußte lange her sein.

»Ich glaube Ihnen ja,« sagte sie in dem beschwichtigenden Ton für kleine Kinder und sah mit einer kaum merklichen Kopfbewegung in den Erker hinein. Erst jetzt bemerkte er, daß Grete dort saß, sie also nicht allein gewesen waren, wie er angenommen. Grete! Zum erstenmal kam ihm ihr Dasein zum Bewußtsein, aber in ziemlich unbehaglicher Art.

Sie saß unter den Blumen; ihre zarte Gestalt in dem dunklen Kleid hob sich puritanisch einfach von der Farbenfülle der Blüten ab. Das Kinn ein wenig gesenkt, sah sie anscheinend nichts anderes, als die Arbeit, die sie in den Händen hielt.

Viktor richtete sich aus seiner zusammengesunkenen Stellung auf und schüttelte die Haare in den Nacken. Er tat einen tiefen Atemzug, aber der Bann, in dem er sich fühlte, wollte trotzdem nicht von ihm weichen. Es war, als ginge von Rose Maries Nähe eine Bezauberung aus, die sich selbst den leblosen Gegenständen ringsum mitteilte. Das gedämpfte, satte Licht, die blühenden Blumen, die großen chinesischen Fächer, das ganze leuchtende Chaos ringsum, allem entströmte derselbe sinnberauschende Duft, wie der Erscheinung der schlanken Frau vor ihm. Mit Gewalt nahm er sich zusammen.

»Ich darf wohl kaum fragen, was Sie von meinem Freunde halten, gnädige Frau,« sagte er.

»Was mich anbelangt, so würde ich Geist, Verstand und meinetwegen Gemüt, ebensosehr würdigen, wenn sie sich nicht in fleckigen Röcken und ungepflegtem Äußeren dartäten,« sagte sie. »Der Weise aus der Tonne paßt schlecht in unsere heutige Umgebung, finden Sie nicht? Wohl mag Ihr Gregor alle guten Eigenschaften der Welt haben, aber ich speziell kann mich nicht zu der Größe aufschwingen, nur Inneres zu sehen, wo mir das Äußere unsympathisch ist. Sie sehen, Alten, ich bin sehr ehrlich!«

Er seufzte. »Ich fürchte, Sie legen einen gefährlichen Maßstab an die Menschen.«

Noch nie war er selbst sich so plump und gewöhnlich vorgekommen wie neben dieser vornehmen Frau, an der alles tadellos war. Einen Blick in den Spiegel wagte er schon längst nicht mehr, um sein schüchternes Selbstgefühl nicht noch tiefer niederzudrücken, und deshalb – vielleicht gerade deshalb – klammerte er sich umso hartnäckiger an die kurzen Stunden, die ihm unter diesem vornehmen Luxus vergönnt waren.

»Keine Idee!« Sie richtete sich höher auf und sah ihm gerade in das Gesicht. »Man wird in bezug auf die Menschen mit der Zeit so bescheiden – so schauderhaft bescheiden! Wer weiß das besser als ich!«

Sie stand auf und reichte ihm die Hand.

»Gehen Sie jetzt, Alten, Ihre Frau wird Sie längst erwarten.« –

»Armer Kerl!« sagte Rose Marie mitleidig, als Viktor gegangen war, »ich kann mir denken, daß solche Ehe eine Höllenpein für einen strebenden Geist sein muß. Seine Frau hat aller Wahrscheinlichkeit nach eine Stumpfnase, rote Hände und ungekämmte Haare. So etwas wird aus Liebe geheiratet! – Es ist bei ihm nichts weiter gewesen, als der mißverstandene Drang des Mannes, dem schwachen Geschlecht Schützer und Führer zu sein, aber wenn die Einsicht kommt, daß mit der Sturm- und Drangperiode auch diese Narrheit ein Ende hat, ist es zu spät. Denn im Grunde sind doch wir es, die die Männer leiten.«

»Du wirst ihn verderben, Rose,« sagte Grete bekümmert, die vor ihrer Tante stehend mit einem langen Blick in ihr Gesicht sah, »und dann …«

Rose Maries beide Hände legten sich auf die Schulter der Sprechenden.

»Närrchen! Ich ziehe ihn vom Himmel auf die Erde, und glaube mir, das dankt er mir einst. Praktisch, Grete«, praktisch müssen wir heutzutage sein, wollen wir vorwärts.« –

Als Viktor nach Hause kam, fand er das Wohnzimmer dunkel und leer, auch im Schlafzimmer war Martha nicht, sie mußte also noch nicht heimgekehrt sein.

Er sah auf die Uhr. Elf! Gregor saß noch in seiner Kneipe und Martha wohl bei Dallmanns! Es war das erstemal, daß das geschah, und ihr Fortbleiben ärgerte ihn, obgleich er es gleichzeitig als Erleichterung empfand. Wie hätte ihr alltägliches Geschwätz jetzt sein Ohr berührt, nachdem er aus der, neben Luxus und raffiniertem Lebensgenuß auch einen so viel höheren Geist atmenden Villa Murner zurückgekommen war. Mit verächtlichen Augen musterte er die einfache Einrichtung, die ihm damals, als er sie angeschafft hatte, als die schönste der Welt vorgekommen war.

Häßlich, häßlich alles, was ihn umgab! Und hatte Rose Marie nicht beifällig mit dem blonden Kopf genickt, als er ihr die mimosenhafte Empfindlichkeit seiner Seele für äußere Eindrücke schilderte? Sie allein verstand ihn! –

Martha verzog beleidigt den Mund, und Gregor lachte ihn aus, wenn er ihnen mit diesen Klagen gekommen war. – In solcher Umgebung hätte er auch wieder zu arbeiten vermocht! – Er ließ noch einmal den ganzen Zauber auf sich einwirken, den er heut abend empfunden.

Warum stand er nicht auch auf jenen Höhen, die sich ihm so verlockend erschlossen hatten, warum mußte er hier in Dürftigkeit an der Seite einer ungeliebten Frau verkümmern? … Rose Marie … vielleicht …

Da fiel vernehmlich die Tür in das Schloß, und Martha trat ein.

»Viktor – aber Viktor, bist du schon hier?« fragte sie kichernd und nahm den Hut vom Kopf. »Die Lene hatte Geburtstag – und wir waren so vergnügt – wir haben Punsch getrunken – viel Punsch, Viktor!« –

Er drehte sich mit einem ungeduldigen Seufzer zur Seite, mußte sie ihn denn wieder mit Dallmanns quälen!

Sie hatte das Pelzjäckchen herabgezogen, es ging schwer, und sie lachte dazu wie ein Kind.

»Viktor – du Brummbär,« sagte sie und setzte sich zu ihm, »ich wollte, du tränkst auch einmal Punsch – viel Punsch – dann würdest du wohl vergnügter werden!«

Er richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah sie an. Ein Gefühl der Erbitterung begann ihm die Kehle zuzuschnüren.

»Martha – was ist mit dir?«

Er schrie es fast hinaus. Der Gegensatz dieser Stunde mit der vergangenen überwältigte ihn.

Ihre Wangen glühten; ausgelassen lachend warf sie sich rückwärts auf den Stuhl.

»Wir haben ja Punsch getrunken – viel Punsch – und die Lene hoch leben lassen,« erzählte sie vergnügt. »Das war so nett, Viktor!«

Vor seinem geistigen Auge malte sich mit Gedankenschnelle das Bild, von dem seine Frau sprach. Ein heißes, unordentliches Zimmer mit der dampfenden Punschbowle auf dem Tisch, davor die Aufwärterin mit aufgestülpten Ärmeln, Lene in loser Spitzenjacke, wie Martha so oft erzählt hatte und endlich – seine Frau!! Er ballte in ohnmächtiger Wut die Hände. Ihn zog es aufwärts – und sie immer nur hinab – hinab in den Sumpf, den sie Leben nannte! – Ihn ekelte vor ihr! –

Martha in ihrer heiteren Stimmung merkte gar nichts von dem, was ihren Mann bewegte. Sie war so kindlich vergnügt, bereit, ihn auf jede nur mögliche Art zu necken.

»Warum sprichst du denn gar nicht, böser Mann,« fragte sie, endlich sein Schweigen beachtend, »sei lieb, Viktor, und hilf mir das Armband aufmachen – es geht so schwer.«

Sie beugte sich ihm entgegen, und gleichzeitig strömte ihm von den halbgeöffneten, roten Lippen ein schwacher Punschgeruch entgegen und brachte ihn zum Äußersten.

Er stieß sie wild von sich.

»Ich schäme mich deiner – ja, ich schäme mich!« stieß er halblaut hervor. »Wie kannst du es über dich gewinnen, mir so – so vor die Augen zu treten!«

»Aber mein Gott, was ist denn geschehen? »Du hast getrunken!« sagte er noch, leiser, als scheue er sich, es selbst die Wände hören zu lassen. »Geh! geh, oder ich verlasse das Haus.«

Sie erhob sich langsam und blieb, die Hand auf einen kleinen Tisch gestützt, stehen.

»Ist das solch großes Verbrechen? Wir waren ganz allein und sehr vergnügt.«

»Du hast kein Gefühl für Erniedrigung,« sagte er verächtlich.

Sie zuckte die Achseln, ein böser, trotziger Zug kam in ihr eben noch so lachendes Gesichtchen. Die Geister des Punsches waren entflohen.

»Schon möglich! Dafür bin ich wohl eine Nordheim!« rief sie hochmütig, denn erst heute abend hatte ihr Lene die Vorzüge eines adeligen Namens in das rechte Licht gesetzt, und Lene verstand jetzt etwas von der Welt.

Mit flammenden Augen, in maßloser Gereiztheit, sah er sie an.

»Du hast recht, die Tochter einer …«

Er kam nicht weiter, wie eine Katze hatte sie sich über ihn geworfen und schloß ihm mit beiden Händen den Mund.

»Kein Wort gegen meine Mutter!« schrie sie außer sich, »kein Wort! oder ich verlasse dich in dieser Stunde!«

Dann stand sie auf, und da er schwieg, machte sie sich im entferntesten Winkel des Zimmers etwas zu tun; nun löschte sie das Licht, und im Dunkeln hörte er, wie sich die Türe nach dem Wohnzimmer öffnete und schloß.

Er lag lange wach, sie kam nicht zurück.

Das erste gute Wort mochte er ihr nicht geben, war er doch nur in seinem Recht gewesen. – Wie recht hatte Rose Marie, wenn sie ihn bedauerte! Diese, seine Frau, die in keinem Gedanken, weder im Gefühl noch in ihren Handlungen das Blut ihrer Mutter verleugnete, wie konnte sie zu ihm passen, dem geistig Ringenden. Wie konnte sie ihm etwas anderes bedeuten, als die Fessel, die ihn an diese jammervolle Existenz kettete. Er hatte einen Augenblick die Idee gehabt, Rose Marie zu bitten, sich seiner Frau anzunehmen. Nun schämte er sich schon des Gedankens!

Welch eine Rolle würde Martha da spielen, mit ihrem übermütigen, manierlosen Wesen neben dieser vornehmen Frau.

Er seufzte resigniert.

Begangene Torheiten beklagen, ist eine nutzlose, wenig erfreuliche Beschäftigung!

Martha stand im dunkeln Wohnzimmer am Fenster und weinte. Ein Gefühl bitterer, grollender Demütigung hatte sich ihrer bemächtigt. War es möglich, daß ihres Gatten Gereiztheit und Kälte sich allmählich in direkte Abneigung gegen sie verwandelt hatte? Sie las deutlich genug aus seinen Blicken die Empfindungen, die ihn beseelt hatten, da gab es keine Täuschung mehr. Er hatte sich nicht gescheut, ihr das Teuerste zu entweihen, das sie besaß, denn in der Seele dieses glühenden, lebenssüchtigen, äußerlich gesinnten Geschöpfes wohnte in einem stillen Winkel das Bild ihrer Mutter in fleckenloser Reinheit; es wurde ihr zum Trost in den Stunden der Einsamkeit und Entbehrung, zum Idol ihrer Träume und der einzige Gegenstand ihrer Anbetung. Wenn sie nur einen Menschen gehabt hätte! Nur ein Wort des Rates, des Trostes, des Verständnisses! Aber bei ihrem Gatten fand sie verächtliche Duldung, bei Gregor scheues Ausweichen, und Lene … ach, es war eben auch dort nicht das Ersehnte, nur daß dieser Verkehr sie doch wenigstens amüsierte und der gräßlichen Einsamkeit entriß, der sie sonst verfallen war.

Sie lehnte den Kopf an die kalten Scheiben, ein trostloses Gefühl von Verlassenheit bemächtigte sich ihrer. Ebenso dunkel wie die Gegenwart, lag die Zukunft vor ihr, öde und reizlos, denn auch ihr Herz hatte sich von ihrem Manne abgewandt, ja, es hatte ihm wohl nie gehört.

Und dann kam er wieder, jener berückende Traum ihrer Jugend, der eine Zeitlang die Macht gehabt hatte, sogar ihre Einsamkeit zu erhellen, der Traum, eine berühmte, gefeierte Schauspielerin zu sein, wie ihre Mutter. Umjubelt von Tausenden, geliebt von Vielen und geschmückt mit blitzenden Juwelen und seidenen Gewändern.

Aber noch wand sich ihre Natur in den Fesseln, die sie schmerzhaft fühlte, ohne die Kraft zu haben, sie zu sprengen.

Gregor kam nach Hause. – Es war also spät.

Sie wischte die Tränen aus den Wimpern und strich mit den feuchten Fingern über die welken Blätter des Lorbeerkranzes – er knisterte leise.

VIII.

»Lene, Lene, bist du noch zu Hause?«

Martha Alten hatte die Tür geöffnet und ihren blonden Kopf durch die Spalte gesteckt; so frisch und fröhlich, wie sonst wenn sie diese Frage tat, klang ihre Stimme heute nicht.

»Ja!« antwortete die Schauspielerin, »heute ist ein anderes Stück angesetzt, ich habe nichts zu tun. Das ist nett, daß du kommst.«

»Nur für einen Augenblick.« Martha schüttelte den Schnee von Kleid und Jacke, ging dann auf das Sofa zu, das ihrer Freundin hauptsächlichster Aufenthalt zu Hause war und setzte sich auf die Seitenlehne.

»Mutter kann Licht bringen, ich will dir mein neues Kostüm zeigen.« Lene erhob sich aus ihrer liegenden Stellung, aber Martha drückte sie wieder herab. »Laß noch ein wenig,« sagte sie hastig, »im Dunkeln ist es so gemütlich.«

Aber anstatt zu plaudern, saß sie ganz still und zupfte in Gedanken verloren an ihrem Pelzbesatz.

»Du, Martha, du hast etwas.«

Keine Antwort.

»Willst du es mir nicht sagen?« drängte Lene.

Da brach die junge Frau in Weinen aus!

»Ach, Lene,« schluchzte sie und preßte die Handflächen ineinander, »darum bin ich gekommen! Ich – ich – wir haben kein Geld mehr!«

Lene nahm diese Nachricht ziemlich kaltblütig auf.

»So,« sagte sie, »das ist immer eklig, Martha! Wir wissen ja noch recht gut von früher her, wie das tut! Was macht dein Mann?«

»Ach, der arbeitet; er sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch mit einem finsteren Gesicht, aber fertig bringt er nichts,« gestand sie kleinlaut. »Mit nichts darf ich ihm kommen, kaum zu reden wage ich, es ist gar nicht zum Aushalten, Lene!«

»Das glaube ich dir gern.«

Dann streckte sie den Arm über den Tisch aus und zog eine Bonbonniere heran.

»Iß, Martha! Solch Leben, wie du es führst, hätte mir schon lange nicht mehr gepaßt!«

»Ja, was soll ich denn machen?« seufzte Martha resigniert, griff aber nach einer stummen Aufforderung doch in die kandierten Früchte und schob sie zwischen die Zähne. »Ich bin zu Ende mit all meiner Klugheit.«

Sie senkte trostlos den Kopf.

»Lene, kannst du mir etwas Geld leihen?« fragte sie plötzlich aufschnellend, die Dunkelheit verbarg ihr Erröten und die Scham, die sie bei diesen Worten empfand, denn es war das erstemal, daß sie Dallmanns mit einer Bitte kam. »Mutter! Mutter!« schrie Lene mit vollster Lungenkraft.

Frau Dallmann öffnete die Tür und schaltete das Licht ein; sie trug noch immer ein rotwollenes Tuch um die Schultern, wie damals.

»Schrei doch nicht so, Lene!« sagte sie verweisend.

»Mutter, die Martha möchte Geld; gib ihr mal!« Und zu dieser gewandt erläuterte sie: »Mutter hat alles unter sich, sie ist vernünftiger als ich.«

Eine glühende Röte stieg in das Gesicht der jungen Frau. »Ich bringe es wieder, liebe Frau Dallmann.«

»Immerzu!« meinte die Aufwärterin gutmütig und legte einen Zwanzigmarkschein auf die dunkle Tischdecke. »Der Lene geht es ja nicht so ängstlich zusammen. Es war doch ein rechtes Glück, daß sie zum Theater ging, nicht wahr? Hübsche Mädchen können nichts Besseres tun heutzutage.«

Sie sah voll Stolz auf ihre Tochter.

Martha seufzte; für sie hatte Frau Dallmann nur allzu recht.

Ihr war, als stand sie jenseits des goldnen Gitters, hinter dem der Garten des Paradieses lag, und sah mit sehnsüchtigen Augen auf die trennenden Stäbe, die sie unerbittlich von dem heiß ersehnten Ziele zurückhielten.

Frau Dallmann, beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt, sah sie mitleidig an.

»Na, Marthchen,« sagte sie tröstend und tätschelte die kleine heiße Hand, die zuckend und fiebernd auf der Tischdecke lag, »das kann ja noch ganz anders kommen, wie Sie jetzt denken. Du lieber Gott, so ein Leben ist lang.«

»Da ist jemand, Mutter,« unterbrach Lene sie hastig, denn draußen hatte die Glocke angeschlagen. »Daß du mir keinen 'reinläßt, so wie ich aussehe und so liederlich, wie es in der Stube ist.«

»Ich gehe,« sagte Martha beklommen und stand auf. »Es ist besser, ich habe auch keine Zeit mehr.«

»Wart' doch so lange, bis Mutter Bescheid bringt, wer draußen ist, es kommt ja niemand hier herein.«

Sie lauschten beide dem unverständlichen Stimmengemurmel auf dem Korridor; endlich kam Frau Dallmann wieder herein, aber nicht allein, hinter ihr auf der Schwelle stand ein kleiner, alter Herr und drängte sie fast in das Zimmer, das er mit ihr zugleich betrat.

»Es ist ja nur Herr Hellwig, Lene,« sagte die Aufwärterin in entschuldigendem Ton.

Herr Hellwig war der Leiter der Theaterschule, in der Helene ihre Studien gemacht hatte.

»Was bringen Sie uns Schönes, Herr Hellwig?« fragte sie, dem alten Herrn entgegengehend, den sie noch immer mit den Augen einer Schülerin betrachtete und nahm ihm den Hut aus der Hand.

»Daß Gott erbarm – für mich ist alles andere eher schön, als was mich herführt,« seufzte er, sich niederlassend. »Übrigens, da sind die Billetts für die Wohltätigkeitsvorstellung – Sie wollten ja wohl drei, Fräulein Helene – wenn nur überhaupt noch etwas daraus wird.« »Aber weshalb denn nicht? Ich denke, in acht Tagen soll es schon sein?«

»Soll es auch – soll es auch!« rief er eifrig. »Fast alle Billetts verkauft, alle Kräfte ausgezeichnet – da hat der Teufel die Hand im Spiele! – Paula Herbst schreibt mir, daß sie krank geworden sei und schickt mir eben die Rolle zurück.«

»Was, die dicke Paula krank?« jubelte Lene. »Das glaube ich nicht.«

»Ich auch nicht, aber was kann ich machen,« sagte der alte Herr resigniert. »Wenn die Damen einmal krank sein wollen, so sind sie es eben. Wenn ich nur jemand anders für die Rolle hätte, die Zeit ist so kurz. Wollen Sie nicht einspringen, Fräulein Lenchen?« Er sah ganz niedergedrückt aus und blickte das junge Mädchen überredend an.

»Ich würde es herzlich gern, aber wie kann ich denn, ich habe die ganze nächste Woche im Theater zu tun, – es ist rein unmöglich, Herr Hellwig.«

»Himmelbombenelement! Dann fällt mir am Ende der ganze Abend ins Wasser! Gott! Gott! Was mache ich denn nur!«

Er stützte stöhnend den Kopf in die Hand, durchdrungen und völlig zerknirscht von der Größe seines Unglücks.

»Wenn ich Ihnen nur helfen könnte!« sagte Lene nachdenklich, »aber ich weiß auch niemand. Elly ist in der Provinz engagiert, und Meta hat mit mir zu tun.«

Vergessen stand Martha noch immer in der Nähe des Fensters, wohin sie sich gleich bei Hellwigs Eintritt zurückgezogen hatte. Ihre Augen hafteten an dem feinen, kleinen, alten Gesicht mit Neugierde und Sehnsucht. Dieser Mann war also berufen, seinen Schülerinnen die Pforten der Kunst zu öffnen, er hatte ein Urteil über Wert und Unwert der Leistungen, er wäre imstande, ihren höchsten Wunsch zu erfüllen.

Im Eifer der Rede hatte der alte Herr gar nicht bemerkt, daß außer seiner früheren Schülerin und deren Mutter noch jemand im Zimmer anwesend war, ganz unverhofft begegneten seine Augen den großen, feuchten Sternen, die ihn aus dem Hintergrunde heraus so sehnsüchtig ansahen. Er stockte betroffen.

»Meine Freundin Martha!« sagte Lene, die junge Frau am Arm fassend und näher ziehend. »Ach, und Sie glauben gar nicht, was die für das Theater schwärmt!«

Herr Hellwig verbeugte sich artiger, wie sonst vor jungen Damen, es lag eine Atmosphäre um Martha, die ihn unbewußt dazu nötigte.

»Wollen Sie auch zur Bühne, mein Fräulein?« fragte er, mit prüfendem Blick die reizende Erscheinung studierend. »Ich dächte, das ließe sich machen bei Ihrer Jugend und Ihrem Aussehen!«

Martha schlug die Augen nieder. »Ach nein!« stammelte sie verwirrt, »ich bin verheiratet, mein Mann würde es nicht leiden. Aber meine Mutter war eine große Künstlerin!«

»So, so!« Er setzte sich neben sie und schaute sie, während er mit ihr sprach, immerfort an. »Also verheiratet – schade! – Ich bin überzeugt, Sie hätten Karriere gemacht. Da ist nun leider nichts mehr zu ändern – aber es will mir gerade so vorkommen, als pulsiere auch in Ihnen noch echtes Künstlerblut. Schade!«

Mit einem Schlag war Martha verwandelt, ihre Wangen glühten, die Augen blitzten.

»Es ist der Traum meines Lebens,« sagte sie tief atmend.

Herr Hellwig lächelte.

»Nun ja, Sie sehen ja nur die schillernde Oberfläche, mein Kind, wer auf dem Wege wandelt und es wirklich ernst mit seiner Kunst meint, dem fehlen weder die Dornen noch alle übrigen Enttäuschungen. Aber das echte Talent, das wahre Künstlerblut setzt sich darüber hinweg, nichts raubt ihm das ernste Streben und den nötigen, kühnen Mut.«

»Den hätte ich sicher!«

Martha legte beide Hände auf die Brust, als wolle sie ihr heißes Wünschen dort festhalten, in ihre Augen trat wieder das sehnsüchtige Verlangen, mit dem sie schon vorher diesen Hüter des Tempels der Kunst angesehen hatte; er war aufs neue betroffen von der Schönheit dieser lebenswarmen, bestrickenden jungen Frau.

»Wollen Sie mir nicht die Selma spielen?« fragte er plötzlich, dem impulsiven Gedanken gehorchend, der ihm durch den Kopf geschossen war. »Ich bin überzeugt, in acht Tagen sind Sie dazu imstande.« Martha sprang auf, glühende Röte schoß über ihr Gesicht, dann folgte tödliche Blässe.

»Ich?« sagte sie ganz tonlos vor Erregung.

»Sie müßten natürlich jeden Tag eine Stunde zu mir kommen, um mit mir zu üben,« begann Hellwig, dem die Sache immer mehr einleuchtete, je mehr er darüber nachdachte, »und außerdem ist auch wohl Fräulein Helene so gut, die Rolle mit Ihnen noch durchzuprobieren; lang ist sie ohnehin nicht.«

Er nahm einige Blätter aus seiner Rocktasche und hielt sie Martha entgegen. Mit zitternden Fingern, halb betäubt griff sie danach und sah nichts weiter, als eine Menge schwarzer Buchstaben, die regellos über das Papier liefen. Ein Taumel befiel sie vor Seligkeit.

Auftreten! Bejubelt, beklatscht werden, wie ihre Mutter … Da griff es plötzlich eiskalt nach ihrem Herzen.

»Mein Mann wird es nicht erlauben,« sagte sie tonlos.

»Aber es ist ja eine Wohltätigkeitsvorstellung, zum Besten der Armen, und überdies in einem ganz engen, privaten Kreise,« redete Hellwig zu.

»Wenn ich dürfte – o, wenn ich dürfte!« murmelte Martha sehnsüchtig.

»Sie müssen das Ihrem Mann nur recht vernünftig vorstellen, verehrte Frau, zum Überfluß bin ich auch noch gern bereit, mich mit ihm persönlich in Beziehung zu setzen. Sie werden es sicher nicht bereuen.«

»Tu's doch, Martha,« rief Lene, die der Freundin die Lust dazu an den Augen absah.

»Fragen Sie ihn gar nicht, Marthchen,« wisperte Frau Dallmann in ihr Ohr. »Die Männer brauchen nicht alles zu wissen, und Sie sind ja so viel allein!«

»Über das Kostüm brauchen Sie sich auch keine Sorge zu machen, ein elegantes Hauskleid genügt.«

»Dann nimmst du mein Hellblauseidenes, wir haben ja die gleiche Gestalt,« überredete Lene und gab ihr einen kleinen freundschaftlichen Schubs.

Martha schwindelte. Ein heftiger Kampf entspann sich in ihrem Herzen. Sie wußte genau, daß Viktor ihre Bitte einfach abschlagen würde, da halfen weder Tränen, noch Bitten, noch Jammer. War sie denn aber eine Sklavin geworden durch den blitzenden Reif, den sie trug? All ihr Selbstbewußtsein wallte heftig empor bei dem Gedanken und unterstützte energisch die brennenden Wünsche, die sich kaum bändigen ließen.

Tat sie ein Unrecht, wenn sie ihnen einmal – nur einmal nachgab? Sie hatte deren Verwirklichung ja nicht gesucht, der Zufall warf sie ihr auf den Weg – und konnte nun wirklich jemand ernstlich von ihr verlangen, daß sie sich mit geschlossenen Augen abwandte?

Der Traum ihrer Jugend – da stand er ja – sie mußte ihn erfassen.

»Ich will – ich will!« sagte sie atemlos und drückte die Rolle an ihre Brust, als hätte sie Angst, es könne sie ihr jemand entreißen.

»Bravo! Bravo!« rief Hellwig entzückt. Jede ihrer weichen Bewegungen, die in schnellem Wechsel über das süße Kindergesicht hinjagenden Empfindungen, ließen ihn das Wagnis immer geringer erscheinen, das er mit ihr vorhatte. »Beginnen wir gleich, schöne Frau – hören Sie mir zu!« Und hingerissen von seinem Eifer begann er Martha vorzudeklamieren und in der nötigen Haltung im Zimmer hin- und herzugehen, um ihr einen Begriff von dem zu geben, was sie darzustellen hatte.

»Wir kriegen es! Wir kriegen es!« sagte endlich Herr Hellwig, sich die Schweißtropfen wischend, aber mit dem Brustton vollster Überzeugung. »Sie sind ein Talent, verehrte Frau, nach dieser ersten Probe zu schließen. Vielleicht besinnen Sie sich noch eines Besseren und werden später ganz eine der Unsern, bereuen würden Sie es nicht.

Behalten Sie also die Rolle und kommen Sie morgen um diese Zeit pünktlich zu mir.«

»Ich komme!« sagte Martha hochatmend, »ich komme bestimmt!«

»Siehst du, Martha, wer hätte das gedacht!« Lene drückte sich wieder in ihre Sofaecke und begann weiter Bonbons zu knabbern, »Laß dir's nur nicht leid werden, Angst brauchst du nicht zu haben, es wird schon gehen!«

»Mir ist gar nicht angst!« rief Martha, mit beiden Händen an den Schläfen herabstreichend und mit glänzenden Augen um sich sehend. »Warum sollte ich mich fürchten? Ich fühle ja, daß ich Talent habe, daß alles um mich her lebendig wird – daß ich bin, was ich sein soll – ach, Lene! Lene!«

Sie warf sich in den Sessel und preßte die Stirn fest gegen das Polster; für das, was sie sagen wollte, fand sie keine rechten Worte.

»Wenn Sie nun schlau sind,« sagte die Aufwärterin und ordnete mit ihren groben, roten Fingern etwas an Marthas goldenen Löckchen, »sagen Sie zu Hause kein Wort, am Sonnabend abend sind Sie dann bei uns eingeladen. Wissen Sie noch, Marthchen, wie wir es damals mit Ihrer Großmutter gemacht haben?« Sie lachten alle drei.

»So machen wir es diesmal auch mit Herrn Alten. Das wäre noch schöner, wenn er uns die Freude verdürbe! Und auf die Billetts geh' ich hin und Frau Habel und Guste Lüders, na, wir wollen schon klatschen, wenn Sie dastehen in Lenes Blauseidenem.«

»Hol' mal das Kleid, Mutter.«

Und nun beugten sich die drei verschiedenartigen Köpfe auf die schimmernde Seide, prüften und erwogen so lange und ernstlich, daß Martha viel zu spät nach Hause kam.

»Der Herr ist weggegangen mit Herrn Gregor,« meldete Pauline in jenem verschmitzten Ton, in dem Dienstboten ihrer Herrschaft gern unangenehme Mitteilungen zu machen pflegen. »Er war sehr böse!«

Martha nickte nur. Kopf und Herz waren ihr von ganz anderen Dingen voll, sie empfand das Alleinsein als Erlösung. Sie war nicht gleich gezwungen, Rechenschaft für ihr Ausbleiben zu geben, noch lag es in ihrer Hand, eine Lüge zu erfinden oder die Wahrheit zu sagen. Noch konnte sie sich mit dem Gedanken trösten, nichts Unrechtes getan zu haben, nichts, über das Viktor mit Recht erzürnt sein konnte – mit wahrer Genugtuung klammerte sie sich an den Gedanken und wußte doch mit absoluter Bestimmtheit schon jetzt, daß sie schweigen würde, auch wenn sie ihm Auge in Auge gegenüber stand, daß ihr die Lüge morgen so sicher war wie heute abend, und daß sie Viktor keine Gelegenheit geben würde, sich der Erfüllung ihres heiß ersehnten Wunsches entgegen zu stellen.

Sie ging im Wohnzimmer auf und ab und memorierte die Worte ihrer Rolle; der prickelnde Reiz, den das Theater immer für sie gehabt, und dem sie sich schon hingegeben hatte, wenn sie ihre eigenen Übungen abhielt, machte sie zu einer ganz anderen.

Und diese andere blieb sie auch für die nächsten Tage, so daß es Gregor auffiel. Nur ihr Körper bewegte sich mechanisch in der gewohnten Häuslichkeit und tat, was er zu tun gewohnt war, ihr Geist war nicht dabei. Wenn sie schweigend dasaß, irrte zuweilen ein süßes, verlorenes Lächeln um ihren Mund, oder eine plötzliche Röte färbte ihr Ohr und Wangen. Viktors gereizte Ungeduld nahm sie schweigend auf, als höre sie nichts, und er hatte wahrlich auch noch niemals so viel Ursache gehabt, sich zu beklagen, als gerade jetzt. Das Essen war fast ungenießbar, das Mädchen nachlässig und Martha wie im Traum, aber es mußte ein wonniger Traum sein, ihrem Aussehen nach zu urteilen. Zu der Zeit, in der sie ihre Einkäufe zu machen und bei Dallmanns vorzusprechen pflegte, beherrschte sie eine atemlose Ungeduld. Sie lief hin und her, sah auf die Uhr und dann ängstlich auf Viktor, ja, atmete erst befreit auf, sobald die Haustür hinter ihr zufiel.

Viktor achtete nicht darauf, auch seine herrschenden Interessen lagen außerhalb des Hauses, Gregor aber begann darüber nachzudenken.

Zu ihm kam sie täglich mit ihren Klagen und erwartete Hilfe, wie von einem Vater; natürlich fragte sie nicht, wo er es hernahm, das kümmerte sie nicht; er half, das genügte ihr. Und gerade durch diesen fast kindlichen Egoismus dem alten Manne gegenüber, wuchs sie ihm täglich mehr an das Herz. Er fühlte deutlich, wie sie allmählich der Inhalt seines Daseins wurde, wie sich seine Gedanken, seine Sorge nur um sie drehten.

Diesen Gedanken hing er nach, als er eines Abends nach Hause ging. Der alte Ahasver der Kneipen beeilte seinen Schritt, je näher er seinem Heim kam. Seitdem er bei Altens wohnte, hatte er sehr solide Gewohnheiten angenommen; kein Wunder, war es doch jetzt weder kalt noch einsam um ihn, wenn er sein bescheidenes Plätzchen am Herde des Freundes einnahm. Was er dafür gab, daran dachte er nie, wohl aber empfand er mit regen Sinnen die Wohltaten der Häuslichkeit. –

Es war recht unfreundliches Wetter, und, den Rockkragen emporgeschlagen, strebte Gregor eiligst vorwärts. Da plötzlich stockte sein Fuß – und er starrte mit weit geöffneten Augen auf eine Dame, die soeben im Innern einer Autodroschke verschwand.

Welch ein lebhaftes Spiel seiner Phantasie! Er hatte an Martha gedacht, nun sah er sie wohl überall? Im ersten Augenblick hätte er darauf geschworen, daß sie es gewesen, die an der Straßenecke jenes Gefährt bestiegen, das jetzt die Straße hinabratterte. Er mußte sich doch getäuscht haben; was hatte Martha denn allein und um diese Stunde fortzufahren?

Die Dame hatte zum Schutz gegen die Kälte einen Muff vor ihr Gesicht gehalten, dessen entsann er sich deutlich, er sah also nur ihre Gestalt, die schmiegsamen Bewegungen und einige krause, blonde Löckchen auf der dunklen Jacke, das war nicht genug, um jemand mit Sicherheit zu erkennen. Es war auch einfach unmöglich! Dallmanns wohnten ganz in der Nähe, und Marthas Geldmittel waren augenblicklich sehr beschränkt, er brachte ja erst wieder etwas nach Hause.

Aber ein nagendes Gefühl von Unruhe trieb ihn vorwärts, er lief fast.

Sie konnte es nicht gewesen sein. Sie durfte nicht! Da zog er schon die Glocke an der Altenschen Wohnung; es fiel ihm gar nicht ein, sich des Schlüssels zu bedienen, so aufgeregt war er.

Das Dienstmädchen kam.

»Frau Alten ist nicht zu Hause,« sagte sie, auf die Pakete blickend, die er trug.

»So – dann gehen Sie zu Dallmanns und rufen Sie sie her,« sagte er kurz; es war ihm ganz gleichgültig, was das Mädchen dachte, er mußte Gewißheit haben.

»»Bei Dallmanns ist sie nicht, die Alte war schon hier und fragte auch.«

»Wo ist der Herr?«

»Auch fort!« entgegnete Pauline fast pikiert, denn sie fand die Fragen des Hausgenossen mindestens überflüssig, da er ebensogut wie sie die Gewohnheiten des Hauses kannte.

Gregor nahm mit einem Seufzer den großen Schlapphut ab und trat in das leere Wohnzimmer.

Martha war also nicht zu Hause, das stand fest, auch nicht bei Dallmanns, wo konnte sie also sein?

Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, wie schön das junge Weib eigentlich war, auf das er hier in Ängsten und Sorgen wartete, und wie müßig, begehrlich und verderbt eine gewisse Sorte seines eigenen Geschlechts.

Er wußte zu gut, daß es für eine Frau eine Berührung mit der Welt gibt, die ganz unmerklich zuerst die Unerfahrenheit, dann Zartgefühl und Anstand zerstört, ohne daß man äußerlich den Schaden gewahrt.

Er ging in sein kleines Zimmer hinüber und versuchte zu arbeiten, dies tatenlose Grübeln machte ihn fast toll, aber es gelang nichts.

Und dann kam Martha – er hörte sie die Haustür öffnen, ihren leichten Schritt. – Nein, so frisch und fröhlich konnte die Sünde nicht einher hüpfen! Mit vorgestrecktem Kopf lauschte er auf die helle Stimme, die mit dem Mädchen sprach – unmöglich!

Und nun klopfte sie an seine Tür.

»Kommen Sie doch hinüber, Gregor, wir wollen Abendbrot essen, ich habe einen Wolfshunger!«

Unmöglich! Sie hätte sonst sicher keinen Hunger gehabt! Und er schalt sich selbst einen mißtrauischen Toren und fühlte all seine Angst zerstieben wie Nebel vor der Sonne.

Als er eintrat, stand sie in ihrem Straßenkleid vor dem gedeckten Tisch und lachte ihm entgegen. Er prallte fast zurück – ganz fremd, ganz verändert schien sie ihm. Ihre Schönheit war ordentlich intensiv geworden seit den wenigen Stunden, in denen er sie nicht gesehen. Die Augen so tief und leuchtend, als hätten sie direkt in den Himmel gesehen, die Lippen feucht und glühend. Über ihrer ganzen Erscheinung lag es wie ein Rausch und machte sie geradezu verführerisch.

Er sah sie mißtrauisch an. Konnte es nicht doch Liebe sein, die sie so verwandelt hatte?

»Wo waren Sie, Martha?« fragte er noch grämlicher als gewöhnlich und setzte sich ihr gegenüber. All seine Sorge und Angst, all seine Zärtlichkeit für sie verkroch sich wieder in den tiefsten Winkel seines Herzens. Er war immer nur theoretisch ein Prediger in der Wüste, im Leben wollte ihm meist nicht das kleinste Wörtchen über die Lippen, das sich gut, liebevoll und sorgsam anhörte. »Seit einer kleinen Ewigkeit warte ich schon.«

Sie lachte ihm entgegen. Alles an ihr atmete Feuer, Leben und Glückseligkeit.

»So hätten Sie doch eher essen sollen.«

»Es handelt sich nicht ums Essen; ich will wissen, wo Sie gewesen sind.«

S»e strich mit beiden Händen die Haare aus den Schläfen.

»Ich?« wiederholte sie fast abwesend und starrte in das Lampenlicht, als sähe sie ein Zauberland dort vor sich. »Ich war ein paar Stunden einmal glücklich – ganz glücklich! Es ist unbegreiflich, Gregor, wie viel Glück das Leben doch bergen kann!«

»Meinen Sie?« fragte er skeptisch. »Nun ja, es kommt nur darauf an, wie unsere Grundsätze sich mit dem Glück zu stellen vermögen.«

Martha sah erstaunt auf, dann lachte sie.

»O, Grundsätze! Ich habe keine! – Mir wäre das Glück die Hauptsache.«

»Martha,« sagte er streng, »eine anständige Frau darf dergleichen nicht aussprechen.«

Sie schnippte mit den Fingern ein Brotkrümchen von der Bluse.

»Sie sind ja heut scheußlicher Laune, Gregor. Ach, ich merke schon, mit diesem Hause will das Glück nichts zu tun haben, sogar die Erinnerung läuft davon.«

Sie lehnte sich in die Sofaecke und schloß die Augen, von dem dunklen Hintergrund hob sich der leuchtende Kopf herrlich ab. Sie sah dabei aus, als lebe sie nur körperlich in der Gegenwart, alles Geistige völlig mit anderem ausgefüllt. »Sind Sie schon satt?« fragte Gregor. »Ich dachte, Sie wären hungrig.«

»Das ist vorüber.«

»Nun, dann können Sie mir jetzt vielleicht erzählen, wohin Sie heut gegen abend gefahren sind,« sagte er, sie starr anblickend. »Sie werden begreifen, daß ich neugierig darauf bin.«

Plötzlich aufspringend, trat sie dicht vor ihn.

»Bin ich Ihnen Rechenschaft schuldig?« fragte sie mit sprühenden Blicken und bis in die Lippen erblassend. Es lag dieselbe starre Feindseligkeit in ihrem Ton, die sie gegen die Großmutter und dann auch gegen Viktor zu kehren pflegte.

Er senkte den Kopf auf die Brust. Hatte sie nicht recht, ihn der Anmaßung zu zeihen? Was war er ihr denn? Nichts – gar nichts! Ein Fremder!

»Nein,« sagte er resigniert.

Der Ton traf sie bis ins Innerste. Sie warf sich neben ihm auf die Knie und griff nach seinen Händen, in dem großäugigen, bildschönen Kindergesicht stand eine ganze Welt von Bitten.

»Gregor, lieber, alter Freund! Fragen Sie mich nicht – noch nicht! Gönnen Sie mir die paar kurzen Tage, in denen ich mich glücklich träumen will. Ich bin so furchtsam wie das Kind im Märchen, ein Wort, und das Glück fliegt mir vielleicht auf ewig fort, ehe ich es nur einmal – ein einziges Mal mit Bewußtsein fassen kann! Einmal glücklich gewesen zu sein – ist das zuviel verlangt? Gönnen Sie es mir; o gönnen Sie es mir und stören Sie mir's nicht!«

Er befreite sich schnell aus ihren Händen und umfaßte nun seinerseits die schlanken, weißen Handgelenke mit festem Griff, dann sah er ihr starr in die schimmernden Augen.

»Also ein Geheimnis, Martha?«

»Ja, ein Geheimnis.« »Und Sie verlangen blindes Vertrauen?«

»Als ob es eine Weihnachtsüberraschung sein soll,« nickte sie ernsthaft.

»Nun denn, in Gottes Namen, ich glaube Ihnen, so sonderbar mich auch alles berührt,« sagte er aufstehend.

Da sprang sie auf und schlang, in jäher Aufwallung sich an ihn schmiegend, ihre Arme um seinen Hals.

»Wollen Sie schweigen?« flüsterte sie in sein Ohr.

Er schwieg betreten, seine Gewissenhaftigkeit sträubte sich doch gegen sein weichmütiges Herz.

»Niemals ein Wort!« bettelte sie weiter, und die frischen roten Lippen streiften seine unrasierte Wange.

Gregor begriff in diesem Augenblick zum erstenmal die Ohnmacht des Mannes dem Weibe gegenüber. Er begriff, daß die besten Grundsätze, der ehrlichste Charakter der Welt in Versuchung geraten und unterliegen könne um der glänzenden Augen und roten Lippen eines Weibes willen. Er begriff und schüttelte den Kopf dazu. –

IX.

Rose Marie feierte ihren Geburtstag, und die ganze Gesellschaft, deren Mittelpunkt sie war, ein Teil der haute finance, einige, besonders jüngere, unverheiratete Herren aus der Aristokratie, der sie ihrer Geburt nach angehörte, waren gekommen, ihr zu huldigen.

Unter all den eleganten, in Pelze gewickelten Gestalten hatte sich auch Viktor in die Villa begeben; auf eine eigenhändige Einladung der schönen Wirtin hin, die so liebenswürdig abgefaßt war, daß sie ihm das Herz erwärmte, als er die wenigen Zeilen las.

Im ersten Augenblick erschrak er freilich nicht wenig, als er die große Gesellschaft bemerkte, ein kleinerer Kreis hätte seinem Geschmack mehr zugesagt, aber er beruhigte sich bald. Wenn nicht mehr, würde er Rose Marie wenigstens von weitem bewundern dürfen und gleichzeitig den ersten Blick in die Welt tun, die ihm bis jetzt noch ganz fremd und unbekannt geblieben war.

Die meisten der Gäste trugen große Sträuße in den Händen, die mit liebenswürdigen Worten und Blicken um das Geburtstagskind aufgehäuft wurden. Rose Marie hielt, so viel sie davon fassen konnte, in den Händen, der Rest lag hinter ihr in dem kleinen Erker und bildete eine duftende, blühende Folie für den Reiz ihrer eleganten schlanken Gestalt, an der ein ganz zartgrünes Seidenkleid in schweren Falten herabfiel. Sie sah wunderbar gut aus, wie sie so dastand, blühende Rosen in den Händen und vor der Brust, mit der Miene einer Herrscherin und doch trotz aller kühlen Ruhe in den blaugrauen Augen einen suchenden Blick, der die Türe nicht verließ.

Viktor Alten trat jetzt ein, benommen und beklommen, obgleich er es nicht einmal sich selber zugestehen wollte.

Mit unsicheren Blicken maß er die ganze Länge des Zimmers, die ihn von Rose Marie trennte, noch niemals war es ihm so groß vorgekommen, noch nie hatte er auch die sämtlichen Türen geöffnet gesehen, durch die nun die ganze Wucht der Zimmer zu übersehen war. Die wohlbekannte Umgebung erschien ihm ebenso fremd, wie die Herrin selbst, die er zum erstenmal in großer Toilette sah. Alles das drückte ihn nieder.

Da winkte Rose Marie, sie winkte ihm wirklich und wahrhaftig, ein Zögern war unmöglich. Er sah wohl, daß hinter ihm Köpfe zusammengesteckt wurden, ein leises Kichern schlug an sein Ohr und dann ganz laut und deutlich von einer tiefen Frauenstimme gesprochen:

»Ein bildschöner Mensch!«

Aber das alles war versunken, als er vor der Kommerzienrätin stand. »Ich kann Ihnen leider keine Hand geben,« sagte sie bedauernd, auf ihre Last herabblickend, »aber gedulden Sie sich nur bis nachher, dann hole ich alles nach. Die Pein hat ja hier bald ein Ende. Aber bleiben Sie in meiner Nähe.«

»Darf ich Ihnen nicht Glück wünschen?« fragte er ganz zaghaft.

»Natürlich dürfen Sie das. Je mehr, desto besser.« Sie sah lustig aus, als sie das sagte, ihre Augen funkelten glänzend hinter den leicht nachgedunkelten Wimpern.

»O, gnädige Frau, Sie haben es ja schon, alles, in reichstem Maß, halten Sie es nur fest!« sagte er mit einem Blick auf die strahlende Umgebung.

»Ja, festhalten. Das ist zuweilen das Schwierigste,« nickte sie leicht, ihr Ton klang ernster als vorhin.

»Jeder ist mit Blumen gekommen, nur ich stehe mit leerer Hand vor Ihnen,« flüsterte er zwischen einer Begrüßungspause in ihr Ohr, denn er war hinter sie getreten. Sie drehte sich hastig um und sah ihn groß an.

»Jeder, der genug im Portemonnaie hatte, um den ersten besten Blumenladen am Weg zu beehren,« sagte sie fast spöttisch. »Da haben Sie recht; aber in meinen Augen sinkt der Wert der Gabe leicht durch die Umstände. Ich bin froh, daß Sie mir keine Blumen bringen!«

»Mich kränkt es.«

Sie lächelte. »Von Ihnen erwarte ich etwas Besseres,« sagte sie lauter als bisher. »Blumen verwelken so schnell, von Ihnen will ich einen Lorbeerzweig.«

»Ich bin auf dem Wege dazu,« meinte er spottend, indem er sich der Abweisung seiner letzten Arbeit erinnerte. Niemals war ihm das Erstrebenswerte und das bisher Erreichte in so schroffem Gegensatz, erschienen, wie hier unter all diesen geputzten Menschen.

»Wenn Sie es richtig anfangen, gewiß! – Nur noch einen Augenblick Geduld, ich mache Sie gleich mit meinem Schwager bekamst, es scheint ja, daß jetzt alles versammelt ist.«

Die Eingangstür hatte sich seit einigen Minuten nicht mehr geöffnet, Rose Maries prüfender Blick überflog die Reihen ihrer Gäste.

Viktor trat in eine Ecke zurück, denn zu ihr war ein großer, schlanker, nicht mehr junger Herr getreten, der sie sofort für sich in Anspruch nahm.

»Grüß Gott, Cousine. Hier, das obligatorische Opfer, wenn es gilt, einen Geburtstag zu feiern, ich sehe, du hast schon eine ganze Anzahl davon aufgestapelt,« sagte er, durch sein Monokel die Pyramide der angehäuften Blumen musternd.

»Konnte es nicht noch etwas größer sein, Ruprecht?«

Sie sah auf den mächtigen Orchideenstrauß, den er trug, und sich mit schnellem Entschluß der eigenen Last entledigend, legte sie auch diesen zu den übrigen. »Du erlaubst – Herr Alten – er ist der einzige gewesen, der den Geschmack hatte, mir keine Blumen zu bringen – mein Vetter Graf Gilsach.«

Sie ging weiter, und Viktor fühlte sich,, während er die ersten üblichen, banalen Redensarten mit dem Vorgestellten tauschte, von diesem recht ungeniert – unverschämt dachte er bei sich – gemustert.

Altens Selbstbewußtsein erwachte plötzlich, er hob den Kopf hoch und erwiderte den Blick. Was war er denn, daß er sich hier durch die feineren Kleider, die vornehmen Namen der Anwesenden herabgedrückt fühlen sollte? Er hatte, so jung er war, doch schon etwas geleistet, war ein Mann der Tat, der eignen Kraft, sicher also mehr, als mancher hier von sich sagen konnte. Einem Menschen, der ihm geistig überlegen war, wollte er sich gewiß gern bescheiden unterordnen, aber etwa auch diesem hier? Nur weil er Graf Gilsach war?

»Ich denke, Sie werden nicht bereuen, die Salons meiner reizenden Cousine besucht zu haben,« sagte der Graf und ließ sein Monokel fallen. »Sie können hier nicht allein Studien machen, sondern auch Beziehungen anknüpfen.«

»Zweifellos!« entgegnete Viktor hochmütig, denn der andere ärgerte ihn. »Aber über das Suchen danach bin ich bereits hinaus.«

»Ich weiß wohl, meine Cousine ist sehr entzückt von Ihren Werken, Herr Alten, nur aber müssen Sie schon die Unbildung zugute halten, nichts davon zu kennen.«

Er lächelte ein wenig.

»Wenn Sie nur die Damen für sich gewinnen, das wird Ihnen wohl Lohn genug sein. Reizende Mädchen flüstern errötend Ihren Namen, wenn Sie vorübergehen, und schöne Frauen lächeln Ihnen zu.«

Viktor runzelte ein wenig die Stirn.

»Sie verkennen mich vollkommen, Herr Graf, so weit es mein Streben anbelangt. Ich meine es ernst mit meiner Kunst und hoffe mehr zu erreichen, als nur das Erröten und Lächeln der Frauen.«

»Pardon, ich bin in bezug auf Literatur der reinste Hinterwäldler,« gestand der Graf, unauffällig nach einem Rückzug spähend. »Ich wollte Ihnen nichts Unangenehmes sagen. Ich für meinen Teil kenne nichts Bezaubernderes, nichts, was mehr wert wäre, mein Leben auszufüllen, als eine schöne Frau. Aber als routinierter Weltmensch finde ich natürlich manches selbstverständlich und bedeutend, was Ihnen in anderm Licht erscheinen mag.«

Er putzte an seinem Monokel, wozu er das weißseidene Taschentuch aus der weit ausgeschnittenen Weste holte, während Viktor dachte: »Solch ein Geck wäre sicher nach Marthas Geschmack.«

Grete, die sich ihnen näherte, kam beiden wie ein erlösender Engel; sie war die einzige, die in ihrem geschlossenen Kleide aussah, wie Viktor es an ihr gewohnt war, und mit einem wahren Aufatmen der Befriedigung beantwortete er ihren freundlichen Gruß, während der Graf sich entfernte.

»Gott sei Dank, Fräulein Grete,« sagte er so herzlich, wie er noch niemals zu ihr gesprochen hatte, »doch wenigstens ein liebes, bekanntes Gesicht unter dieser wirbelnden Vielseitigkeit von Physiognomien und Toiletten, mir ist ganz schwindelig.«

Er hielt ihr die Hand hin, und errötend erwiderte sie den Druck seiner Finger; gleichzeitig begriff sie vollkommen den unbehaglichen Gemütszustand, in dem er sich befand.

»Ich komme hierher, um mir möglichst viel Blumen für die Tafel zu holen, wollen Sie räubern helfen?« Dabei sah sie ihn lächelnd an, und er wäre ihr in diesem Augenblick freudig in das Fegefeuer gefolgt.

»Natürlich – wie können Sie fragen?«

»So schlüpfen Sie rechts in den Erker, ich komme von links.«

Er ließ sich das nicht zweimal sagen, hochatmend stand er wenige Sekunden später neben dem jungen Mädchen.

Zwischen Rosen, weißem Flieder, Veilchen und Maiglöckchen hindurch hatten sie keinen weiten Ausblick in die Reihe der Zimmer, die mit plaudernden Menschen gefüllt waren, aber doch gerade genug, daß ihnen nicht viel von dem entging, was sich vor ihnen abspielte. Es hatte fast den Anschein, als dehne sich dort eine riesige Bühne, auf der alle diese Menschen die ihnen zuerteilte Rolle spielten oder auf ihr Stichwort warteten, und Viktor war durch seine Beobachtungen so in Anspruch genommen, daß er ganz seine Begleiterin vergaß.

Sie lehnte mit dem Rücken am spitzenverhangenen Fenster und betrachtete ihn verstohlen.

»Ich glaube, daß Rose Maries Salon Eindruck auf Sie macht, da sie ihn zum erstenmal sehen,« sagte sie endlich nach einer Pause mit ihrer weichen Stimme, ohne sich zu rühren. Sehr eilig hatte sie es also für die Tafel noch nicht mit dem Blumenschmuck.

Er fuhr zusammen, so vertieft war er gewesen, denn sein Blick hing an der schönen Wirtin selber, die gerade ihm gegenüberstand, und darüber hatte er alles vergessen.

»Jeder Mensch von Phantasie und Lebenslust muß den Wunsch haben, sich in diesen Strudel hineinzustürzen,« fuhr sie fort, »das begreife ich, aber die Gewohnheit nimmt den Reiz doch sehr bald.«

»Der Mensch ist ein Herdentier,« sagte er lächelnd, »und sein Vorrecht also, sich in der Masse zu amüsieren.«

Sie sah ihn forschend an. »Ich nicht,« sagte sie schnell. »Und Sie auch nicht; wie wäre das möglich.«

Er strich über sein lockiges Haar.

»Ich fürchte doch,« sagte er seufzend. »Nur müßte ich erst heimisch auf dem glatten Parkett sein und etwas bedeuten. Etwas Ganzes – Großes, Fräulein Grete, das mir gewissermaßen ein Piedestal gäbe.«

»So ehrgeizig?« sagte sie mit einem kleinen verächtlichen Ton, indem sie die Mundwinkel herabzog. »Ich denke anders!«

»Sie sind auch eine Frau.«

»Und Sie ein Künstler.«

»Das sagt doch noch nicht, daß wir die gleichen Anschauungen haben müssen! Für uns Männer ist die Kunst ein stürmisches Meer, auf dem wir das Erreichbare oder Unerreichbare bis zum letzten Atemzug suchen werden.«

»Und mir,« sie sprach ganz leise, »war die Ihrige ein Stück Himmel, mit dem ich den Abgrund nüchterner Leere in meinem Dasein zu überbrücken trachtete.«

»Fräulein Grete!« rief er verwundert und sah sie an, »wissen Sie, was Sie mir eben gesagt haben?«

»Etwas Gutes und Schönes hoffe ich, so empfand ich wenigstens,« sie streckte die Hand aus und berührte leicht seinen Arm, »Herr Alten, ich möchte Sie so gern davon überzeugen, daß nicht alle so denken, wie Rose Marie, so – praktisch.«

»Aber sie hat recht!« rief er und zog die Unterlippe zwischen die Zähne.

»Nein, tausendmal nein! Man erweist den Menschen eine sehr zweifelhafte Wohltat, wenn man sie ihren Idealen abtrünnig macht, denn selbst für die Mittelmäßigkeit ist es eine absolute Unmöglichkeit, sich mit dem zu begnügen, was im menschlichen Dasein allein zu finden ist.«

Sie lächelte ihm zu. Bei dem rosigen Dämmerlicht bemerkte Viktor mit Erstaunen, welch ein hübsches Mädchen sie war.

»Ich danke Ihnen, Fräulein Gretchen,« sagte er und drückte ihre Hand. »Sie glauben gar nicht, wie wohl Sie mir getan haben.«

Sie hielt seine Finger fest.

»Bleiben Sie sich selbst treu,« bat sie herzlich. »Sich selbst und – der Vergangenheit.«

War es Zufall, daß ihre Augen in diesem Moment, durch das Zimmer schweifend, an Rose Maries strahlender Gestalt haften blieben, oder war es eine beabsichtigte Mahnung an seine Frau, der hier niemand gedachte als vielleicht Grete allein?

Im ersten Augenblick schämte er sich beinahe. Da bog Rose Marie die duftenden Blüten zur Seite.

»Aber Alten, welche Idee, sich hier zu verkriechen! Mein Vetter hatte Sie hineinschlüpfen sehen – und du auch, Grete? Was soll denn das heißen?«

Rose Maries Stimme war scharf und geärgert.

»Sei so gut und bleibe nun wenigstens, wo du bist, ich möchte denn doch der Gesellschaft kein Schauspiel geben – und Sie, Alten, kommen Sie mit mir!«

Schweigend gingen sie ein paar Schritte nebeneinander, Rose Maries Stirn war leicht gefaltet.

»Darf ich nicht ein gutes Wort für Fräulein Grete einlegen?« begann er endlich kleinlaut. »Sie hat mir so viel Freundliches gesagt – wahrhaftig, ich bin ihr so dankbar gewesen.«

Sie blickte auf und lächelte etwas.

»Ich kann mir sehr genau Ihr Gespräch vergegenwärtigen,« sagte sie; »aber denken Sie nur, was die Welt zu diesem tête-à-tête sagen würde – und mit Recht! – Grete weiß das natürlich ebenso genau, bei ihr muß also der Verstand absolut mit der Freundschaft für Sie davongelaufen sein.«

»Das gute Gewissen genügt eigentlich auch,« antwortete er ruhig.

Sie blieb mitten im Saale stehen und sah ihn an.

»Ist das Ihr Ernst? Da werden wir ja nette Sachen an Ihnen erleben können! Mein lieber Freund, nicht das, was ist, wird in Betracht gezogen, sondern das, wie es scheint gibt den Ausschlag.«

Sie wehrte die Antwort, die er geben wollte, mit dem Fächer ab und brachte ihn zu einer Gruppe Herren, deren einer ihm durch seine goldne Brille prüfend entgegensah.

»Hier, lieber Schwager, bringe ich dir Herrn Alten.«

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört,« sagte der Besitzer der größten städtischen Zeitung und rückte, sich verbeugend, ein wenig an seiner Brille. »Junge, aufstrebende Talente brauchen wir! Wollen Sie mir nicht auch einmal das Vergnügen machen und eine Ihrer Arbeiten zur Prüfung einsenden? Das Feuilleton darf Sie wahrhaftig nicht genieren, wir bringen nur Namen allerersten Ranges, nicht wahr, Füßlein?«

Der Redakteur und Theaterkritiker wandte sich lebhaft um.

»Bei uns gewiß nicht, außerdem ist die Sache viel profitabler,« sagte er, gleich einen kollegialischen Ton anschlagend. »Und leben will man doch vor allen Dingen heutzutage. Kleine Konzessionen an das Publikum setzen den Künstler wahrhaftig in keines Menschen Augen herab. Dem Publikum, dem Geschmack der Zeit muß sich eben alles beugen! Keine Romantiker mehr, wir wollen Realisten.«

»Das ist nicht mein Glaubensbekenntnis,« hätte Viktor noch vor wenigen Monaten mit dem ganzen Selbstgefühl seiner wagemutigen Schaffenskraft gerufen, jetzt hatte er schon gelernt, still zu schweigen.

»Ich habe mit vielem Vergnügen sowohl »Ideale« wie »Oriflammen« gelesen,« fuhr der klugblickende, noch junge Mann fort, »allerdings sind das Stoffe, die sich bei uns weniger verwertbar erweisen würden; wir brauchen Handlung, viel Handlung. Warum versuchen Sie es nicht einmal auf diese Weise?«

Alken folgte fast willenlos dem lebhaften, redegewandten Literaten, der Arm in Arm mit ihm durch die Zimmer promenierte, ihm seine Meinung auseinandersetzte und die seinige anhörte, kurz, ihn in wenigen Minuten in eine so tiefgehende, animierte Unterhaltung verwickelt hatte, daß Viktor sein Bestes gab und dafür die praktischen, lebensklugen Ansichten des anderen eintauschte, so ganz verschieden von denen seiner Freunde, aber, wie er sich nicht verhehlen konnte, auf durchaus realem Boden fußend.

»Nun?« fragte Rose Marie, an ihrem Vetter vorüberschreitend, »wie hat dir mein Protegé gefallen?«

Er zwirbelte an seinem Schnurrbart.

»Im allgemeinen laß ich mir Künstler gefallen, aber im einzelnen sind sie mir als genre masculin ganz schauderhaft unangenehme Leute, man weiß wahrhaftig nicht, was man mit ihnen reden soll.«

Rose lachte zu ihm auf.

»Das verlangt auch niemand von dir.«

»Im Ernst, liebe Cousine,« sagte er, sich zu ihr herabbeugend, »sage mir nur, was du an diesem Menschen eigentlich findest! Schlecht angezogen, unbeholfen, schweigsam; das hübsche Gesicht macht doch einer Frau wie dir nichts aus.« –

»Und talentiert und phantasiebegabt!« fuhr sie fort, seinen Nachsatz absichtlich ignorierend. »Das ist etwas, was man nicht leicht antrifft unter der herrschenden Schablone der Gesellschaft.«

»Das letztere, was du an ihm rühmtest, muß wohl am ausgiebigsten vorhanden sein,« sagte da boshaft ihre Schwägerin, Frau Murner. »Denn sonst, liebe Rose, würde er wohl nicht imstande sein, in dir noch seine Muse zu erblicken. Aus dem Alter wären wir beide eigentlich heraus.«

Die Sprechende war lang und dürr, mit wasserblauen Augen und scharfer Stimme. Da sie mit Rose Marie in demselben Alter war, glaubte sie sich berechtigt, ihr jede Unannehmlichkeit in das Gesicht zu sagen.

Langsam drehte Rose Marie den Kopf nach ihr um. Der ganze Hochmut, den sie so wirksam in das Feld zu führen verstand, wenn es sich darum handelte, ihre Persönlichkeit zu vertreten, lag in den glänzenden Augen, in der unnachahmlichen Haltung des Oberkörpers, wenn sie auf jemanden herabsah, der ihren Zorn oder vielmehr verächtliches Erstaunen bei ihr erregt hatte.

»Für dich, Anna, glaube ich, hat es eine solche Zeit niemals gegeben,« sagte sie kühl und nestelte die Rose an ihrer Brust fester.

Anna Murner hielt die vornehme, in der Bewegung doch so ruhige Hand ihrer Schwägerin fest und beugte sich etwas zu ihr hinüber.

»Rose, man lacht bereits über deine neueste Laune, man spöttelt über den jungen Menschen, der sich nicht scheut, so offenkundig deinen Anbeter zu spielen, er könnte ja dein Sohn sein! Mußt du den Leuten denn immer etwas zu reden geben?«

»Möchtest du dich nicht um deine eignen Angelegenheiten kümmern, Anna? Ich wüßte niemand, der dich mir zum Vormund bestellt hat. Schlimm genug, daß es Menschen gibt, die nicht fähig sind, an geistige Interessen zu glauben.« Sie lächelte spöttisch überlegen und sah ihrer Feindin gleichmütig in das Gesicht.

Anna Murner zuckte wütend die Achseln. »Du willst eben niemals hören, dazu bist du ja zu vornehm, zu gebildet! Ich prophezeie dir aber, die einfache, bürgerliche Moral, der du so oft in das Gesicht zu schlagen beliebst, wird sich auch einmal an dir rächen.« Sie rauschte davon, geschwellt durch das angenehme Bewußtsein, ihrer Schwägerin wenigstens eine Unannehmlichkeit gesagt zu haben.

Rose Maries Blicke schweiften nachdenklich durch den Saal. Da stand Viktor, halb verdeckt durch eine rotseidene Draperie in der Fensterscheibe und sprach mit Füßlein. Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden, so durchgeistigt und erregt sah sein scharfgeschnittenes Gesicht aus. Er strich mit der Hand durch die Haare, diese Bewegung war ihr so vertraut an ihm, daß sie lächeln mußte.

»Anna ist närrisch mit ihren Kombinationen,« dachte sie, »verlieben werde ich mich nie in ihn, so klug bin ich selber. Aber er interessiert mich – ich bin neugierig auf seine Fortentwicklung und – ich will meinen Teil daran haben.« –

Als man während des Soupers, das an kleinen Nischen im Eßzimmer eingenommen wurde – eine Sitte, die Rose Marie bei sich eingeführt hatte, um dem lästigen Zwange der aufgezwungenen Tischnachbarschaft zu entgehen – animierter und freier wurde, winkte Rose Viktor an ihre Seite.

»Nun?« fragte sie hastig, »wie gefällt Ihnen meine Gesellschaft?«

Er beugte sich schnell nieder und streifte mit den Lippen ihre Hand, die kühl und weiß neben dem Teller lag.

»Ich danke Ihnen – o ich danke Ihnen tausendmal gnädige Frau! Das ist Leben, wie es mir bisher fern geblieben ist – rasch pulsierendes, alle Kräfte forderndes Leben, ein Atemzug frischer Luft, die alle dämmerigen Hirngespinnste verjagt, dafür aber Bewußtsein der eignen Individualität bringt.«

Rose Marie lachte.

»Bei Champagner und künstlicher Beleuchtung sehen sich die Dinge wesentlich anders an, mein Herr Dichter, als im nüchternen Tageslicht. Heutzutage gibt es nur eins im Kampf um das Dasein. Mann für Mann, nebeneinander und gegeneinander mit der größten Brutalität seinem Ziel nachstreben, ohne danach zu fragen was unter die Füße kommt, was beiseite gedrängt wird.«

Sie seufzte ein wenig und berührte mit der Hand leicht die Brillanten an ihrem weißen Halse. Kraß und drastisch hatte sie ihre eigene Lebensanschauung zum Besten gegeben, indem sie sprach, wurde ihr das selber recht klar. Egoismus war auch ihr die Grundbedingung ihres ganzen Lebens gewesen.

Er hatte spielend ihren weißen Maraboutfächer aufgenommen und entfaltet. Das scharfe Parfüm stieg ihm mehr noch als der ungewohnte Wein zu Kopf und verwirrte sein Denken.

Eine neue Welt war ihm entstanden, und in ihr thronte nur ein Götterbild, Rose Marie!

Sie war recht erfahren in solchen Dingen und wußte genau, was in ihm vorging, befriedigte Eitelkeit strahlte aus ihren großen Augen. Er, so jung, hübsch und voll glühender Begeisterung sah in diesem Kranz von reizenden Mädchen und jungen Frauen doch nur sie – sie allein und keine einzige andere. Mit leisem Auflachen nahm sie ihm den Fächer aus der Hand, denn er hatte die leicht beweglichen Federn an seine Lippen gedrückt.

»Das taugt nicht für Sie!«

»Nein, Sie haben recht!« Tief tauchten seine Augen in die ihren. »Kopf und Herz, alle Sinne sind mir verwirrt – durch Sie, Rose Marie.«

Nachdenklich wiegte sie den Kopf hin und her.

»Das geht vorüber, mein Freund! – Sie wissen noch gar nicht, wie elastisch und wandelbar ein Menschenherz ist!«

»Ich weiß nur eins – daß ich Sie anbete!«

Er hatte es wirklich in ihr Ohr zu flüstern gewagt, was er in diesem Augenblick wie einen glühenden Feuerstrom durch sein Inneres rinnen fühlte; wenn sie ihm nun zürnte, so mußte er es tragen, der Augenblick war stärker gewesen. Aber sie schwieg. Die Blumen an ihrer Brust hoben sich um keine Linie schneller oder höher, nachdenklich und selbstvergessen spielten die schlanken Finger mit den zerbrochenen Mandelschalen auf ihrem Teller.

»Sind Sie mir böse?« fragte er, und sein heißer Atem streifte ihre Wange. »Rose – o Rose, ich kann nicht anders!«

Nun lächelte sie ohne aufzublicken. Eine Romeoliebe – da, hatte sie ja, was sie sich erwünscht.

»Sie sind ein Kind!« sagte sie leise, »denken Sie an Ihre Frau.«

Er stampfte mit dem Fuße auf.

»Ich will nicht – ich will nicht! Mein ganzes Leben, das hinter mir liegt, ist seit dieser Stunde versunken, vor mir ersteht ein neues – neben Ihnen, Rose Marie!«

Sie warf, wie in plötzlicher Entschlossenheit, die Hülsen alle aus der Hand auf den Teller zurück, und den Kopf hebend sah sie ihn mit den großen, ruhigen Augen an.

»Es sei, Alten! Ich nehme Ihr neues Leben an!«

Mit einem halb erstickten Jubellaut beugte er sich auf ihre Hand, die den Fächer hielt; sie wehrte ihn ab.

»Und ich bin nicht einmal sentimental genug, mir einzubilden, ich beginge damit ein Unrecht an der, die Ihren Namen trägt. Sie haben ihr ja gehört, warum hat sie es nicht verstanden, Sie zu halten? Ich gebe niemanden frei, den ich halten will, das weiß ich recht gut, und deshalb ist es eine unbequeme Sache, mein Eigentum zu werden, das bedenken Sie!–Ehrlicher kann man wohl nicht sein,« sagte sie ruhig.

Da legte sich eine kleine kalte Hand auf Rose Maries Schulter, und Gretes blasses Gesicht tauchte auf.

»Exzellenz Görner schickt mich her, ob du die Tafel nicht aufheben willst, ihr wird das lange Stillsitzen zur Qual, Rose,« sagte sie mit einer recht tonlosen Stimme und sah gar nicht die Wolke, die die Stirn ihrer Tante beschattete.

Rose Marie erhob sich hastig.

»Unausstehlich, diese alten Damen,« sagte sie gereizt, »aber man muß ihr den Willen tun.«

Viktor sah ihr nach; seine Augen wurden zum Verräter seiner geheimsten Gedanken, und der gespannte Zug um Gretes Lippen verstärkte sich etwas, als ihr Blick Viktor streifte.

Er hatte sich erhoben und stand nun neben dem jungen Mädchen, fast ohne sie zu sehen. Grete war diejenige, die das Schweigen zwischen ihnen brach.

»Es ist heiß hier, und der Blumenduft verursacht Kopfweh,« sagte sie, mit der Hand über die Stirn streichend, »nicht wahr, Herr Alten?«

Er sah sie an, als fände er sich mit Mühe in die Gegenwart zurück.

»Ich glaube!« entgegnete er zerstreut.

Sie atmete zweimal tief auf.

»Selbst auf die Gefahr hin, Ihnen indiskret zu erscheinen,« sagte Grete endlich hastig, und Röte und Blässe wechselten auf ihrem Gesicht, »muß ich Ihnen doch sagen, daß Rose nur ein Kind des Augenblicks ist. Was ihr heute gefällt, reizt sie morgen nicht mehr, und sie wirft ein Herz, ein verpfuschtes Leben mit derselben Gleichgültigkeit beiseite, wie ihre Fächer. Es lohnt nicht, ihr das Opfer eines Menschenherzens zu bringen, Herr Alten.« Er sah in das erregte Mädchengesicht, dessen Lippen unter ihren Worten zuckten, obgleich sie gezwungen wurden deutlich zu sprechen, und der Ärger, der ihn im ersten Moment gepackt hatte, wich augenblicklich, als er den Kampf sah, den es sie kostete, so zu sprechen. Ihr Gerechtigkeitssinn mußte also stärker sein, als ihre weibliche Zurückhaltung.

»Sie machen sich also, wenn ich Sie recht verstehe, zum Anwalt meiner Frau, Fräulein Grete?« fragte er, noch nicht ganz einig mit sich, wie er ihr antworten sollte.

»Ja!« sagte sie ohne Besinnen. »Das Recht ist auf ihrer Seite.«

»Und wenn es sich in der Tat so verhielte, was heißt da Recht?« brach er aus. »Glauben Sie, daß die Schranke, die es aufrichtet, mächtig genug ist, um ein ganzes Leben einzudämmen? Schranken und Gesetze sind machtlos, sobald die Stimme der Leidenschaft spricht.«

»Dann lohnt es sich freilich nicht, ein Mensch zu sein, also Herr über sich selbst!« sagte Grete und sah ihn zürnend an.

Er begriff, daß sie ganz genau wußte, wie es um sein Herz stand, und da mit der beseligenden Gewißheit, Rose nicht gleichgültig zu sein, ein toller Wagemut über ihn gekommen war, so schüttelte er das lockige Haar in den Nacken und sah sie mit den dunklen, unergründlichen Augen fest an.

»Fräulein Grete, wohl Ihnen, wenn Sie immer so denken, aber vor allen Dingen – die Naturen sind sich nicht gleich, ein Mann hat die Berechtigung anders zu empfinden als ein Weib. Und wenn ich meine Frau nicht mehr liebte – wenn es sich in der Tat so verhielte – wäre es wohl allein meine Schuld? – Nicht auch die ihre? – Da hilft dann kein Band, kein Eidschwur, keine Berufung auf menschliche Gesetze, da heißt es nur – suchet euch gegenseitig das zu bleiben, was ihr euch wart, oder – findet euch mit dem schalen Rest ab, so gut ihr könnt. Das ist menschlich und logisch gedacht, nicht wahr?«

»Sehr logisch!« sagte Grete bitter, »besonders wenn dann eine andere dazwischen kommt, die in bezug auf Herz und Gewissen derselben Logik huldigt.«

Sie drehte sich um und ließ ihn stehen, ihr war traurig zumute. In ihr regte sich ein Empfinden, über das sie sich selbst nicht einmal Rechenschaft zu geben wagte.

Tränen, die sich nicht länger niederkämpfen ließen, rannen über ihr Gesicht, nachdem die Gäste gegangen waren und sie das Aufräumen der Dienerschaft überwachte.

Vor demselben Tischchen stand sie, an dem Rose Marie und Alten gesessen. Was dort vorgegangen, war für Gretes feines Empfinden nicht schwer zu erraten, es hatte sie in einen inneren Aufruhr gestürzt, dessen sie jetzt noch nicht Herr werden konnte.

Am Boden lagen ein paar zertretene Rosen, sie bückte sich und hob die eine davon auf; ihre Tränen fielen auf die zerquetschten Blätter.

»Am liebsten wäre ich tot!« dachte sie mit bebenden Lippen.

»Grete!« rief Rose Marie aus dem Nebenzimmer.

Wie gejagt, floh sie davon. Es war ihr nicht möglich, ihrer Tante heut abend noch unter die Augen zu treten, sie hätte auch ihr gegenüber vielleicht ein Wort gesagt, das besser ungesprochen blieb. Was nützte es auch, etwas aufhalten zu wollen, das so sicher seinen Lauf nahm, wie das Schicksal. Ihre Hände waren zu schwach–und ihr Herz wund. Sie wollte nichts mehr hören heut abend, vor allen Dingen nicht denken. Ihr Gesicht grub sie tief in die Kissen des Bettes, aber der Schlaf floh sie.

»Ich wollte, ich stürbe!« dachte sie. Zum erstenmal in ihrem ruhigen, klaren Leben war Grete feig–feig um eines Mannes willen. »Sie durfte sich nicht klar werden, weshalb sie so unglücklich am heutigen Abend gewesen war.– Rose Marie aber stand in ihrem Ankleidezimmer vor dem hell beleuchteten Spiegel, und sah mit ruhigen, prüfenden Augen in das blinkende Glas, Um ihren Mund lag ein Lächeln.

»Was schreien die anderen nur so um die Jugend,« dachte sie, »mir haben die Jahre wenig Abbruch getan. Ich bin immer noch die Rose Marie, der die Herzen der Männer zufliegen, trotz, meiner sechsunddreißig Jahre. Immer noch dieselbe – und ich werde es bleiben!«

»Man ärgert sich über mich, beneidet mich – liebt mich! Was will ich mehr!« dachte sie weiter, »und Viktor…« Sie stieß mit der Fußspitze eine herabgefallene Blume auf dem Teppich hin und her. »Eine Dichterliebe! Einbildung, Phantasie, ungestillte Sehnsucht, unerreichbares Ideal – das ist es, was ich ihm sein will, so lange es mir behagt!…«

X.

Es war ein recht bescheidener, einfacher Saal, in dem Herr Hellwig seine Schülervorstellung, die zugleich einem wohltätigen Zwecke galt, dem Publikum vorführte.

An einem der breiten Fenster stand Hellwig im Gespräch mit einem Mann, der beim ersten Blick den Eindruck großer Jugend machte. Sein Gesicht war völlig bartlos, jedoch liefen um Wange und Kinn blaue Schatten als Zeichen eines starken, aber rasierten Bartes. Die Züge waren scharf, unschön, pockennarbig, aber das alles vergaß man bei dem Feuerblick, der aus den weit offenen dunklen Augen strahlte. Diese Augen sprachen von starken Leidenschaften und dem Bewußtsein ihrer Macht.

Viele der bereits Anwesenden kannten die große, elegante Gestalt, die den kleinen Direktor so weit überragte, von der Bühne her, denn Paul Herbert war einer der beliebtesten Schauspieler der Hauptstadt, der gefeierte Held und elegante Bezauberer aller Herzen, nicht allein auf den Brettern, sondern auch im Leben.

Es war ein Wunder, daß er sein Versprechen gehalten und hergekommen war; er pflegte sich sonst nicht gerade an eingegangene Verpflichtungen zu halten, aber Hellwig hatte ihm seinen Wunsch so dringend ans Herz gelegt, daß er sich endlich doch dazu entschlossen hatte.

»Ich bin wirklich auf Ihr Urteil neugierig, Herbert,« sagte der kleine alte Herr und schnippte sich ein Stäubchen vom Rock. »Jedenfalls ist sie von einer wahrhaft berauschenden Schönheit, und das wird sie herausreißen, auch wenn das Publikum ihren Leistungen gegenüber kalt bleiben sollte. Ich glaube es zwar nicht – sie hat Theaterblut in sich, die Kleine.«

»Ich werde mein Urteil ganz objektiv fassen, lieber Direktor, für eine Frau ist Schönheit ja die Hauptbedingung. Das zeigt ihre Inferiorität unserem Geschlecht gegenüber am deutlichsten.« Er lachte und nickte dem alten Herrn zu.

Dieser trat von einem Fuß auf den anderen.

»Hm! Sie werden sich ihrer vermutlich nachher während des Soupers annehmen, Herbert; ich möchte Ihnen nur sagen: sie ist eine verheiratete Frau – machen Sie mir keine Unannehmlichkeiten.«

»Gut, gut, ich werde so artig sein wie ein neugeborenes Kind.« –

Die Vorstellung begann, es wurde im ganzen brav gespielt, manches Talent zeigte, daß es seinen Weg im Leben zu finden wissen würde.

In den Kulissen stand Martha, mit Leib und Seele bei dem, was sich auf der Bühne abspielte. Sie war so vollkommen ruhig, daß es ihr selbst mit Staunen zum Bewußtsein kam, ihr Herz klopfte nicht einmal schneller. So, genau so hatte sie es ja immer geträumt.

Alle diese Leute würden auf sie sehen, kein Wort, keine Miene, keine ihrer Bewegungen würde ihnen entgehen. Mit ihr würden sie lachen und traurig sein, sie war der Mittelpunkt alles Interesses.

Der blonde Kopf hob sich höher, mit einer wahren Gier lauschte sie auf ihr Stichwort.

Endlich!

Da stand sie nun zum erstenmal auf den Brettern, dem Ziel ihrer Sehnsucht, vor sich sah sie die Gesichter wie helle Merken aus dem Dämmerlicht des Saales tauchen, ihre Stimme, die jetzt das erste Wort sprach, klang ihr fremd und tonlos, zaghaft und unsicher. Lenes enges blauseidenes Kleid nahm ihr den Atem, ein Schwindel befiel sie, und das Herz holte in wilden Schlägen eilig nach, was es bisher versäumt hatte. Angst schnürte die Kehle, nur sekundenlang, aber genügend, um ihr die letzte Fassung zu rauben.

»Mutter!« flüsterte sie halb bewußtlos vor sich hin.

Und als ginge von diesem Wort eine Zauberkraft aus, so löste sich plötzlich der erdrückende Bann, und sie wurde ruhig, ganz ruhig. Ihr Lachen klang so frisch und natürlich, die blauen Augen strahlten so siegessicher, und als sie von der Szene trat, belohnte sie lauter Applaus.

»Hatten Sie denn gar keine Angst?« fragte eine der Mitspielenden die junge Frau, die hochatmend, glühend vor befriedigter Eitelkeit wieder in der Kulisse stand. »Mir schnürte es das Herz zu.«

»Nein,« sagte Martha und schüttelte die blonden Locken, »nein, mir ist es Seligkeit.«

Als der Vorhang zum letztenmal fiel, hatte Martha den Haupterfolg des Abends davongetragen, sie wußte es, ohne daß Herr Hellwig es ihr noch besonders versicherte. Wie in einem Meer von Seligkeit schwamm sie. Das war Leben! – Das war des Lebens wert! – Eine ganz andere war sie in diesen paar Stunden geworden, und als man sie huldigend umdrängte, als Herr Hellwig ihr die Hand küßte, da schlugen die Wogen des Glückes völlig über ihr zusammen.

Es war wie ein Rausch, der sie überkam und sie hinderte, über die nächste Minute hinaus zu denken. Nur festhalten, was sich ihr jetzt bot, festhalten jede einzige Sekunde und auskosten bis zum letzten Tropfen!

Paul Herbert stand vor ihr und heftete seine Augen auf das siegestrunkene Gesicht der jungen Frau.

»Ich gratuliere Ihnen,« sagte er und streckte ihr die Hand hin. »Über eine solche Kollegin können wir uns nur freuen.«

»Wäre ich es nur!« Sie sah zu ihm auf, ihre Augen blieben an den seinen hängen.

»Es ist ja in Ihre Hand gegeben. Bei Ihrem Talent und Ihrer Schönheit steht Ihnen die ganze Welt offen.«

Sie seufzte, – wie eine schwarze Wolke zeigte sich ihre Ehe plötzlich an dem strahlenden Himmel der Gegenwart.

»Nein – leider nein!« rief sie hastig.

»Bah! Wer ein erstrebenswertes Ziel vor Augen sieht, ist ein Narr, wenn er es nicht mit aller Energie verfolgt. Wir sind doch schließlich Herren über uns selbst.«

Er hielt noch immer ihre Hand fest. Eine leicht zuckende, rasch pulsierende, heiße Frauenhand, nach der er ihre ganze Person beurteilte.

»Sie bleiben doch zum Souper, darf ich mich dann als Ihren Herrn betrachten, schöne Frau? Oder ist mir schon ein Glücklicherer zuvorgekommen?«

»O, niemand,« sie sah zu ihm auf – »ich habe mich so auf Ihre Bekanntschaft gefreut, hauptsächlich auf Sie.«

»Wieso!« fragte er nachlässig, anscheinend nicht wissend, wohin sie zielte.

»Ich kannte Sie von der Bühne her und sah und hörte Ihnen immer gern zu.«

»Sehen Sie, das ist die Schattenseite unserer Existenz. Wir sind Gemeingut aller, öffentliche Menschen, die jeder kennt.«

»Und das ist schön!« sagte sie begeistert, »denn wer Sie kennt, bewundert Sie auch.«

Er lächelte und drückte ihren Arm etwas fester.

Paul Herbert wich Martha nicht mehr von der Seite; sobald sie aufsah, immer begegnete sie dem gleichen sengenden Blick, der ihre ganze Erscheinung gleichsam in Feuer hüllte und sie beklommen machte.

»Wie schön Sie sind!« sagte er und bog sich mit dem Weinglas in der Hand zu ihr, daß sein Atem ihre nackte Schulter streifte, »und zu denken, daß so viel Schönheit hinter dem prosaischen, häuslichen Herd verblühen will – schauderhaft! Diese weißen Arme, die das Entzücken eines Künstlers ausmachen würden, bedeckt mit dunklem Linnen, diese Hände den Kochlöffel führend – ich kann mir das gar nicht ausdenken, schöne Frau. Ihnen lächelt das Leben von einer andern, schöneren Seite, gerade Ihnen!«

Schweratmend hörte sie ihm zu.

»Wollen Sie nur! Der Wille ist schon halbe Macht,« fuhr er eindringlich fort, »und brauchen Sie dazu einen Freund, der Ihnen hilft, ich bin da – mein Name hat einen guten Klang – und meinen ganzen Einfluß, mich selbst, was ich bin und habe, lege ich Ihnen gern zu Füßen.«

Nun endlich sah sie ihn an; ein bitter trauriger Zug lag in dem weichen Kindergesicht.

»Sagen Sie mir nichts mehr,« bat sie, »es geht nicht, ich bin ja verheiratet.«

»Und lieben Ihren Mann nicht – und entsagen aus nichtverstandenem Pflichtgefühl all dem Schönen und Lebenswarmen, wozu ich Ihnen die Tür öffnen will,« rief er leidenschaftlich. »Das ist ein Mord, den Sie da an sich selber begehen wollen – Sie – in deren Adern Künstlerblut rollt.«

Sie nickte. »Von meiner Mutter her.«

»Nun, so seien Sie mutig und machen Sie sich frei, ich – ich garantiere Ihnen eine Zukunft, die all Ihre nebelhaften Träume von Glück weit hinter sich zurücklassen wird. Ich!! – Genügt Ihnen das nicht?« Sie senkte den Kopf tief auf die Brust, damit er die Tränen nicht sehen sollte, die ihr heiß in die Augen schössen.

»Ich darf nicht – ich kann nicht!« murmelte sie schmerzlich.

Er lachte schrill auf.

»Schöne Frau,« sagte er, »mir imponiert es nur, wenn Frauen sich über Vorurteile hinwegzusetzen verstehen. Entweder – oder! – Dann aber auch ohne alle Rücksicht! Hin- und herschwankendes Wünschen, mutloses Klagen halte ich für den größten Unsinn der Welt.«

»Mein Gott, was kann ich denn tun?« fragte Martha.

»Lassen Sie sich scheiden!« sagte er kurz und schroff. »Höher als alles andere steht jedem einzelnen die Berechtigung, sich selbst und seinen Neigungen zu leben!«

Sie regte sich nicht, einen Augenblick lähmte die wachgerufene Vorstellung ihr Denkvermögen.

»Sie sind so schweigsam!« sagte er nach einer Weile und strich leicht über ihren vollen Arm. Sie zuckte zusammen. Ihr weibliches Empfinden lehnte sich jetzt auf gegen seine Art, obgleich sie zu ihm empor sah, wie zu einem Gott, denn er gehörte ja zu denen, die sie so maßlos beneidete. »Für eine verheiratete Frau sind Sie noch unverantwortlich naiv.«

Mit Zornesröte richtete sich Martha auf.

»Ich merke recht wohl, daß Sie über mich spotten,« sagte sie, »ich finde aber, daß das wenig am Platze ist.«

»Spotten?« rief er erstaunt. »Ich bin einfach verliebt in Sie, das ist alles.«

Sie fuhr zurück, ihre Wangen erblaßten; sie schwieg.

Er bog sich näher, so daß sein Atem ihr wieder Nacken und Wangen streifte, und flüsterte: »Können Sie sich wirklich darüber wundern, schöne Frau? Ich fand noch keine, die das als Beleidigung aufgefaßt hat, wenn ich ihr meine Huldigung darbrachte.«

»Dann bin ich die erste!« sagte sie und preßte die Lippen aufeinander.

Um sie schwatzte die Menge, keiner nahm Notiz von den beiden; ein Gefühl von Selbstbewußtsein ließ Martha plötzlich den blonden Kopf heben, ihrem Nachbar lächelnd in das Gesicht sehen.

»Das wäre – langweilig!« bemerkte er, den Sekt beobachtend, in dem die schäumenden Perlen an die Oberfläche des Glases stiegen. »Den Reiz der gegenwärtigen Stunde holt vielleicht keine kommende ein!«

»So sei es d'rum!« rief Martha, warf sich in den Stuhl zurück und sah ihn herausfordernd an.

Sein Nimbus war für sie dahin; sie begann die Macht der Waffen zu empfinden, die ihr als Weib zu Gebote standen, instinktiv machte sie sich diese zunutze, wie es ihrem Temperament entsprach.

Heute – nur heute durfte sie ja glücklich sein!

Der verzogene Liebling und gewiegte Frauenkenner verstand sie sofort, aber obgleich er sonst weder liebte noch auch gewohnt war, lange zu warten, reizte ihn Marthas Schönheit doch zu sehr, um sich achselzuckend von ihr zu wenden.

Und nun sprach er wieder, diesmal ohne aufzusehen. Das sonore Organ, über das er gebot, weich und einschmeichelnd wie selten bei einem Manne, nahm ihr den letzten Rest von dem, das sie soeben noch Pflichterfüllung genannt hatte.

»Sie haben mir eine Lehre gegeben,« sagte er halblaut, »und ich nehme sie ruhig hin. – Ich! – Wenn Sie mich kennen würden, müßten Sie wissen, was das heißt; denn ich bin eitel und selbstbewußt, wie nur ein Mann sein kann, den man überall ausnahmslos verzogen hat. Gestatten Sie aber, daß ich mich bei Ihnen dafür revanchiere und nehmen Sie auch von mir eine ernst gemeinte Lehre, heute abend mit nach Haus – zum Nachdenken! – Sie sind unglücklich in dem Leben, das Sie jetzt zu führen gezwungen sind. – Ihre Andeutungen haben es mir verraten, und ich begreife das. – Die Natur gab Ihnen ein großes Talent mit, und wem das gegeben ist, der hat das Recht – ja die Pflicht, dem zwingenden Drange in sich nachzugeben. – Zerreißen Sie die Fesseln, die Ihnen unerträglich sein müssen, werfen Sie von sich alles, was Sie hindert, Ihrem eigentlichen Beruf zu folgen – gehen Sie zum Theater. – Ob Sie glücklich dort sein werden, wenn der erste Rausch verflogen ist, weiß ich zwar nicht, indessen glaube ich es. – Es ist schon eine Genugtuung, sich selber leben zu dürfen. Und brauchen Sie jemals Rat und Hilfe, wenden Sie sich an mich – ich will Ihnen uneigennützig dienen, so viel ich kann.«

Mit verstohlenem Seitenblick sah er in ihr erregtes Gesicht. Wie schön und jugendfrisch sie war!

»Sie?!« sagte sie wie im Traum.

»Ich weiß, die Frauen fürchten mich im allgemeinen ebenso, wie sie mich lieben, ich bin daher ein ziemlich kompromittierender Fürsprecher, das gebe ich zu,« fuhr er mit eitlem Lächeln fort, »aber einmal – einmal kann man ja wohl eine Ausnahme machen. Versprechen Sie mir also daran zu denken.«

Sie nickte und erwiderte den festen Druck seiner Hand, denn das Abendessen war zu Ende.

»Marthchen, Marthchen, es wird die höchste Zeit!« kam Frau Dallmann angestürzt. »Es ist schon drei Uhr.«

»Drei Uhr!« – Sie sah sich noch einmal rings um in dem häßlichen, niedrigen Saal mit der mäßigen Beleuchtung. Ihr war zumut wie einer, vor der man die Pforten des Paradieses schließt, nachdem sie kurze Zeit darin gewandelt war; nun blieb ihr als Lebensrest nichts als die Sehnsucht nach dem verlorenen Glück.

Wortlos, das Herz voll Tränen, folgte sie der Dallmann in die Garderobe.

»Nun,« sagte Hellwig händereibend zu dem Schauspieler tretend, »ich brauche nach nichts mehr zu fragen. Sie haben mir Ihre Meinung ad oculus demonstriert. Wäre es nicht schade, wenn sich die hübsche Kleine aus hausbackener Philistermoral nicht entschließen könnte, zur Bühne zu gehn? Der Mann soll nichts Besondres sein.«

»Sie wissen, daß ich für andrer Leute Frauen stets die äußerste Toleranz an den Tag zu legen pflege,« sagte Herbert mit häßlichem Lächeln. »Übrigens sorgen Sie nicht, in der Brust dieses schönen, knospenhaften Weibes ist der Versucher schon mitgeboren, dem fällt sie sicher zum Opfer.« –

Als Martha mit ihrer Beschützerin auf die Straße trat, stand dort, halb von der Dunkelheit der Einfahrt gedeckt, eine hohe, schlanke Gestalt in kostbarem Pelz. Herbert trat auf die beiden Damen zu.

»Sie wollen gehen, ohne Lebewohl?« fragte er vorwurfsvoll. »Ist das hübsch?«

Martha sah zu ihm auf, Tränen rannen über ihr reizendes, jetzt tief erblaßtes Gesicht.

»Um Gottes willen,« sagte er fast erschrocken und nahm ohne weiteres ihren Arm, »weinen dürfen Sie nicht, das kann ich nicht sehen!«

Sie trocknete ihr Gesicht und ließ sich schweigend von ihm weiterführen.

»Ich werde Ihre Begleiterin in einen Wagen setzen,« flüsterte er ihr zu. »Ihnen aber möchte ich zu einem kurzen Gang raten, damit Ihre Nerven sich erst beruhigen, darf ich?« fragte er, sich zu ihr herabbeugend. Sein Ton hatte in diesem Augenblick alles Frivole und Leichtfertige verloren.

Sie nickte still. Und Frau Dallmann, derartige Verabschiedungen gewöhnt, bestieg schlaftrunken und ohne ein Wort der Widerrede den Wagen.

»So,« sagte er, ihren Arm fest in den seinen nehmend und langsam mit ihr vorwärtsschreitend, »die kalte Nachtluft wird Ihnen gut tun.«

Sie sah zum Himmel auf, der sich, schwarz wie aus schimmerndem Erz, übersät mit Millionen Sternen über die Stadt spannte. Weiße Wolken jagten in wilder Flucht schattenhaft darunter hin. Aber für Martha war die Natur stets stumm gewesen, sie hatte ihr niemals Trost oder Ruhe zu geben vermocht, so fühlte sie auch jetzt nur den Frost, der sich wie feine stechende Nadelspitzen auf ihr feuchtes Gesicht legte. Nicht die Natur, die Menschenstimme an ihrer Seite tat ihr wohl, besonders, da sie in diesem Augenblick nichts anderes heraushörte als achtungsvolle Teilnahme.

Mit dumpfem Druck lag ihr das Bewußtsein auf dem Herzen, daß jeder Schritt sie von der seligen Vergangenheit der letzten Stunden entfernte. War sie erst wieder zu Hause, besaß sie nichts anderes mehr als die Erinnerung, und diese dünkte ihr zu gering. Sie gingen fast den ganzen Weg schweigend. Herbert sah die bittere Resignation wohl, die allmählich auf ihrem Gesicht Platz griff und störte sie mit keinem Wort.

»Sollten Sie mich also jemals brauchen, so schreiben Sie mir,« sagte er vor ihrem Hause stehen bleibend. »Meine Adresse wissen Sie ja.«

Sie nickte, wandte ihm ihr großäugiges Kindergesicht zu und sah ihn an, das Laternenlicht spiegelte sich hell in seinen dämonischen Augen, und als sie sich bewußt wurde, daß das Zufallen des großen Torwegs da vor ihr, ein Abschied von Glück und Daseinsfreude für sie bedeutete, da stürzten wieder die Tränen hervor, mit denen sie den ganzen Weg über gekämpft hatte, und leidenschaftlich aufschluchzend, schlug sie die Hände vor das Gesicht. »Martha!« rief Paul Herbert, und er nahm ihr die Hände vom Gesicht und streichelte teilnahmsvoll über ihr Haar.

»Wir sehen uns wieder!« flüsterte er dann und drückte seine Lippen auf die kleine Hand, die sie ihm schnell entzog.

Ohne ein Wort flog sie in den dunklen Torweg und ging dann langsamer den schmalen Gartenweg hinab, der zu ihrer Behausung führte. Was ihr Mann sagen würde, wenn er sie vermißt hätte, daran hatte sie noch mit keinem Gedanken gedacht. – Als sie den Schlüssel in die Tür stecken wollte, donnerte hinter ihr wieder der Torweg und schnelle Schritte kamen näher, eine eiskalte Hand schleuderte die ihrige beiseite, und Viktors, vor Empörung heisere Stimme sagte herrisch:

»Komm hinein!«

Als es ihm zu lange dauerte, packte er sie am Handgelenk und zog sie gewaltsam in das Wohnzimmer; sein Atem ging kurz und stoßweise, seine Nasenflügel vibrierten vor unterdrückter Erregung.

Sie fühlte, daß ihr Herz schlug, aber wie aus weiter Ferne; sie dachte, »nun ist alles verraten,« aber als flüstere es ihr ein andrer in das Ohr, ja, sie war kaum imstande, die Hand zu heben, das feuchte, wirre Haar aus der Stirn zu streichen.

»Wo kommst du her?« fragte er endlich, sich gewaltsam zwingend.

»Von Dallmanns,« sagte sie mechanisch, sich gewohnheitsmäßig ihrer stehenden Lüge bedienend.

»Von Dallmanns? Im zärtlichsten tête-à-tête mit einem Herrn? Wenn du da solche Gesellschaft gefunden hast, begreife ich deinen Hang nach dieser Richtung hin vollkommen.«

Sie schwieg.

»Wer war es?« fragte er bebend vor Zorn. »Wer streichelte dein Haar und küßte zärtlich die Hand?« Sie schwieg noch immer.

Außer sich, kaum mehr seiner selbst mächtig, packte er sie an den Schultern und schüttelte sie heftig.

»Wer? Wer?« rief er heiser.

Mit einem schrägen, bösen Blick sah sie zu ihm auf. Sie vergaß, daß sie wirklich als Schuldige vor ihm stand, in ihr gärte nur das dumpfe Bewußtsein einer namenlosen Ungerechtigkeit, die er gegen sie beging und dies stachelte ihren Stolz und den ganzen Starrsinn ihres Charakters.

»Ich antworte dir nicht darauf,« sagte sie mit zusammengepreßten Zähnen.

»So werde ich dich zwingen!«

Er schüttelte sie immer heftiger, je mehr Widerstand sie ihm entgegensetzte. Plötzlich schleuderte er sie von sich.

»Und darum mein Leben zertrümmert! – Darum meine Zukunft geopfert!« rief er und fuhr sich mit den Händen in das Haar. »Um ein Weib, das sich nicht schämt, den Namen ihres Mannes in den Staub zu ziehn, sein Haus. zu verwüsten – darum!«

Sie ging ein paar Schritte auf ihn zu, und den Kopf im Nacken sah sie ihn verächtlich an.

»Du hast kein Recht so zu sprechen,« sagte sie kühl.

»Kein Recht?«

Wieder packte er sie und zerrte sie ganz nahe zu sich heran.

»Willst du leugnen, was ich sah?«

Seine Augen bohrten sich förmlich in die ihren, der heiße Zornesatem streifte ihr mit unangenehmem Gefühl die Wange, sie drehte den Kopf zur Seite.

»Ich leugne gar nichts,« sagte sie verhältnismäßig ruhig, »aber du vergißt nach der Ursache zu fragen.«

Nun war er auf dem Höhepunkt seiner Erregung angekommen, alles in ihm siedete, er kannte sich kaum mehr, so empörte ihn ihre verächtliche Gleichgültigkeit. Ihn, der erwartet hatte, sie reumütig und zerknirscht zu sehn. »Ursachen?« höhnte er. »Du – Tochter einer Dirne, kannst ja selbst nichts anderes sein.«

Sie stieß einen kurzen Schrei aus, sprang auf ihn zu und schlug ihm, ohne ein Wort, in das Gesicht.

Und mit derselben lautlosen Stille, nur unterbrochen von seinen schweren, mühsamen Atemzügen, umklammerte er ihre weiße Kehle, als hätte er die Absicht, sie zu erdrosseln. Aber in demselben Augenblick sanken auch seine Hände wieder herab, ein Schauer durchrieselte ihn, er trat an das Fenster und lehnte den Kopf an die eiskalten Scheiben. Das also war das Ende! Ein häßliches, mißtönendes Ende, an das er niemals gedacht hatte. – Als er vor drei Jahren das verwaiste, schutzlose Mädchen an sein Herz genommen, da sah er gewissermaßen neben seiner Liebe für sie, auch eine Mission, die er zu erfüllen haben würde. Er wollte sie leiten, erziehen, glücklich machen – und nun, nach einer so kurzen Spanne Zeit, da stand sein Weib vor ihm, eine Undankbare, die seinem Streben stets widerstanden, ihm Trotz und Eigensinn entgegengesetzt, seine Illusionen mit Füßen getreten hatte.

Das Ende! – Ja das war es – das sollte es auch sein! Und ein befreites Aufatmen hob dabei seine Brust.

Er sah, wohin er auch blickte, überall nur ihre Schuld, nirgends die seine. Er fragte gar nicht danach, ob er sie ungerecht beschuldigte, nicht einmal Rose Marie fiel ihm ein – er war ja ein Mann, und als solcher zu entschuldigen, wenn er einen Schritt vom Wege tat; aber Martha – ja, mit der war das etwas ganz anderes!

Hinter sich hörte er keinen Laut, so angestrengt er auch auf ein Zeichen der Reue lauschte – nichts! – O, er kannte ihr Gesicht so gut, mit dem sie jetzt im Stuhle saß, es hatte ihn schon oft bis zum Zähneknirschen gereizt! Blaß, mit gesenkten Lidern, einen Zug von eiserner Widerspenstigkeit um die roten Lippen, so hatte er sie dann immer bei jedem Anlaß gesehn. Endlich drehte er sich um.

Sie saß genau wie er es erwartet hatte; Zorn stieg ihm wieder in die Kehle. Er lachte auf, als er sie ansah.

Mit einer brüsken Bewegung schleuderte er die Gardenie, mit der er in der Aufregung gespielt hatte, als sie abgebrochen aus dem Knopfloch auf das Fensterbrett gefallen war, mitten in die Stube. Sie fiel zu Marthas Füßen nieder, und die starrte darauf hin, während er durch das Zimmer stürmte, die Tür zum Schlafzimmer aufriß und hinter sich ins Schloß warf. Sie starrte auf die welke Blume als hinge ihr Leben davon ab, und gleichzeitig hatte sie das Empfinden, als trenne sich ein Teil ihres Innern von dem Ganzen, um fortan eigne Wege zu gehen.

Eine bleierne Lethargie hatte sich ihrer bemächtigt nach den Aufregungen des Tages, sie war nicht imstande ein Glied zu rühren, aber Neugier auf etwas, das unabwendbar kommen müsse, hielt sie wach.

Sie hörte Viktor das Haus verlassen, sie fühlte die Stille, die sie umgab, fast körperlich; die Kälte des Zimmers drang bis in ihr Inneres.

Da öffnete sich leise die Tür, Gregors spitzer Kopf erschien.

»Was ist geschehen, Martha?« fragte er.

Das war plötzlich Erlösung. Mit einem Schrei sprang sie auf und streckte die Arme in die Luft.

»Frei!« rief sie mit tiefem Atemzuge. »Ich bin frei von allem. Frei – ganz frei!« –

Und der halb unbewußte Freiheitsdrang, der schon immer in ihr gelebt hatte, brach sich Bahn, in Worten, Ton und Blick.

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Gregor betroffen.

Seinen Arm umklammernd erzählte sie ihm in fliegender Eile das Geschehene. Er wurde sehr ernst.

»Sie wollen nur Ihren Neigungen folgen, Martha, das ist alles.«

»Ich will nicht – ich muß! – Ich muß!« – Und nach einer Pause setzte sie weicher hinzu: »Was nützt es zu widerstreben, es macht mich unglücklich, andere nicht glücklich! Ich will den Weg gehen, den ich mir erwählt habe, mag das Ende werden, wie es will. Halten Sie mich nicht zurück, es gibt nur Unglück.«

»Ich halte Sie gewiß nicht,« sagte er. »Wozu? Opfer, die nicht aus freiem Antrieb gebracht werden, sind wertlos. Folgen Sie also Ihrem Drange.«

Sie lehnte sich an seine Schulter.

»Ich werde glücklich sein,« sagte sie mit der Ruhe der sicheren Überzeugung.

»Das werden Sie,« stieß er bitter hervor. »Menschen die nicht danach fragen, ob ihr Weg über Trümmer geht werden das stets, ihr Ziel pflegt niemals unerreichbar zu sein, und mit der nötigen Rücksichtslosigkeit erreichen sie es auch. – Ihnen fehlen zwar die Flügel, Martha, aber Karriere werden Sie desto sicherer machen, davon bin überzeugt.«

»Das genügt mir. Leben Sie wohl, Gregor.«

»Wo wollen Sie hin?« fragte er kurz und rauh und hielt ihre Hände fest.

»Zu Dallmanns. In dem Hause, in dem man das Andenken meiner Mutter beschimpft hat, bleibe ich nicht.«

»Martha, welcher Unsinn!«

Sie sah ihn groß an.

»Was sollte mich hier zurückhalten? Viktors Liebe? Ich will seine Liebe nicht mehr, die doch nur ein Mißverständnis war; ein aus Mitleid rasch emporgeschossenes Feuer, das jetzt erloschen ist und nichts hinterlassen hat als ein trübseliges Restchen, das man »Pflichtgefühl« nennt. Aber ich – – auch für mich ist es Zeit, daß ich gehe – wir sind uns nicht mehr Freude, wir sind uns nur Last.« »Also gehen wir!« sagte Gregor ohne ein Wort der Gegenrede und drehte sich um.

»Wir?« sagte Martha betroffen.

»Ja wohl, wir –« antwortete er, und das alte zynische Lächeln huschte wieder über sein Gesicht. »Ich weiß, daß es manchem unbequem sein wird, zu der schönen, jungen Frau so eine scheußliche Beigabe mit in den Kauf nehmen zu müssen, die sich außerdem noch auf das Fingerklopfen versteht. Aber daran läßt sich nun nichts mehr ändern. Ihre Großmutter nahm mein Versprechen, Sie zu schützen, mit in das Grab, und ich bin noch aus der alten Schule, die Worthalten für Pflicht ansieht. Gehen wir also, Martha.« –

XI.

»Die Frau ist noch nicht zu Hause,« sagte Pauline ängstlich, als Viktor am frühen Morgen zurückkehrte. Sie hatte das nächtliche Drama zwar verschlafen, aber es war, als ob etwas davon noch in der Luft schwebte und sich nun beklemmend jedem auf das Herz legte.

Er nickte kaum. Blaß, übernächtig und erfroren wie er war, wirkte die Gegenwart weniger, als unter normalen Verhältnissen. Sein Bedürfnis war augenblicklich das warme Bett und eine warme Tasse Kaffee, alles andere hatte Zeit.

Er war fertig mit der Vergangenheit, der letzte Rest löste sich selbst von ihm ab, und er empfand keinen Kummer darüber.

Ein neues Leben! Bisher hatte er mit diesem Gedanken nur gespielt, jetzt, da er Wirklichkeit geworden war, ohne sein Zutun, hätte er kein Mann sein müssen, um das Entfliehende gegen seinen Wunsch zu halten. Er legte den Kopf auf das Kissen und schloß die Augen; ohne seinen Willen wurden die Bilder, die sich ihm zeigten, immer heller und rosiger.

Da hörte er aus dem Nebenzimmer den schlürfenden, Gang seines Freundes. Er wollte aufspringen, die Türe verschließen, aber Gregor war schneller; schon trat er ein.

»Martha ist fort,« sagte er ohne Umschweife, sich auf den Stuhl neben Viktors Bett setzend.

»Ich ahnte es!« Er richtete sich auf dem Ellenbogen in die Höhe und sah mit gefalteter Stirn dem Freunde in das Gesicht. »Soll ich sie etwa halten? Sie ist undankbar, mag sie sich ihren eignen Weg suchen! Ihre Großmutter hatte nicht so unrecht, daß ihr die Liederlichkeit im Blute läge.«

»Wie dir die Ungerechtigkeit!« sagte Gregor scharf. »Einst vermaßest du dich, das Schicksal deines Weibes sein zu wollen, und nun! …«

Viktor warf wieder sich in die Kissen zurück.

»Willst du mich verantwortlich machen?« fragte er gereizt. »Die Träume meiner Jugend liegen zerbrochen, soll ich darüber klagen? Menschenfeind werden?«

»Das ist nur Millionären oder Bettlern vergönnt.«

»Also werde ich das Leben nehmen, wie es kommt.«

»Das heißt,« sagte der alte Mann mit hartem Spott, »du wirst, wie alle Welt, auf den Knieen vor dem goldenen Kalb liegen und den Narrentanz nach Reichtum, Lust und Ehre beginnen. Das sind deine Lebensreformen!«

»Und wenn,« rief Viktor, und das Blut stieg ihm zu Kopf. »Weißt du etwas Besseres?«

»Nein, nur daß unsere Wege dann wohl die längste Zeit nebeneinander gelaufen sind! – Du bist einverstanden, dich von Martha zu trennen?«

»Ja!«

»Scheidung?«

»Woraufhin denn?« rief Viktor ungestüm. »Verlangst du etwa, daß ich das ganze saubere Treiben bei Dallmanns vor das Forum eines Gerichtshofes zerre? Daß ich mich erniedrige, indem ich die Entwürdigung meiner Frau den Leuten vordemonstriere? Nein! Mein Name soll rein bleiben, denn was du auch denken magst, Gregor, ich bringe ihn doch noch zu Ehren. Unsere Zeit braucht keine Romantiker, sondern Realisten, und ist es nicht gleich, wie du ihr gerecht wirst, wenn es nur geschieht?«

»Hm!« sagte Gregor und rieb sich sein stachliges Kinn. »Die Saat ist aufgegangen und wird Frucht tragen.« Man sah ihm an, Viktors Abfall tat ihm weh.

»Also … Martha!«

»Bringe ihr meine Einwilligung zur Trennung; habe ich Mittel, werde ich sie unterstützen, sie weiß ja aber am besten, wie es augenblicklich steht. Ich hätte nicht einmal so viel Geld,« schloß er höhnend – »sie durch einen Richterspruch völlig von mir zu befreien, aber inkommodieren werde ich sie in Zukunft ebensowenig.«

»Lebewohl!« sagte Gregor.

»Lebewohl!« Viktor streckte ihm die Hand entgegen. »Alter Freund, wie bitter und grausam in seinen Konsequenzen ist doch das Leben! Wer hätte gedacht, daß alles so kommen würde!«

Aber Gregor nahm die ausgestreckte Hand nicht, sein Gesicht sah undurchdringlich aus.

»Gehe zu denen, die dich zu diesen Konsequenzen verlockt haben.«

Viktor richtete sich auf und streckte ihm die Arme entgegen.

»Nein, so nicht – so dürfen wir uns nicht trennen, Gregor,« rief er leidenschaftlich, »bleibe mein Freund – ach, du weißt ja nicht …«

»Ich will auch nichts wissen,« sagte der hartnäckig.

Er schob sich zur Tür hinaus und Viktor fiel in die Kissen seines Bettes zurück. Er hätte gern geweint, aber die Erregung schwemmte gleichzeitig den letzten Rest von Uneigennützigkeit fort, und gab ihm einen klaren Kopf und ein kühles Herz. – Sie hatten sich alle von ihm abgewandt, die Vertrauten seines einstigen Wollens, die Freunde seiner sturmlosen Jugend. Alle! Auch seine Frau! Mochte er ihr wirklich, durch den Schein verführt, unrecht getan haben, weshalb fand sie kein aufklärendes Wort? Er hatte ihre Mutter verunglimpft! – Es tat ihm jetzt leid, aber schließlich war es doch ein frommer Betrug gewesen, den Gregor und er ihrem Kinderherzen gegenüber aufrecht erhalten hatten. – Was dann geschehen, lag allerdings wie ein tiefer, unüberbrückbarer Abgrund zwischen ihnen.

Sie sollte in Gottes Namen gehen! Er wurde ja frei – frei! – Frei von allen Fesseln, von der lähmenden Sorge um den Bedarf des Haushalts – frei!

Er atmete tief auf und strich mit der Hand durch das dunkle Haar. Frei!

Aber auch den Freund hatte sie ihm genommen! Er wußte genau, die Bande zwischen ihnen waren zerrissen.

Nun, er brauchte nicht um ein freundliches Wort zu betteln; andere gaben ihm in reicher Fülle, wenn man ihn hier darben ließ. – Wie anerkennend hatte Füßlein gestern gesprochen, wie wertvolle Fingerzeige ihm gegeben. Seine Eitelkeit regte sich. Er mußte jetzt etwas leisten, das ihm mit einem Schlage Ruhm, Erfolg und Reichtum brachte – er würde es, nun die Fesseln von ihm abgefallen waren; und wenn er dabei seine eigenen Wege ging, so hatte Gregor wahrlich kein Recht, ihm den Rücken zu drehen. –

Noch an demselben Vormittag ließ er sich bei Rose Marie melden.

Sie lag in dem rosigen Dämmer der geschlossenen Vorhänge abgespannt auf dem Diwan und hieß ihn willkommen, indem sie ihm ihre schmale Hand entgegenstreckte. »Sie bringen Neues!« sagte sie, ihre klaren, kühlen Augen auf ihn heftend.

»Neues?« wiederholte er bitter, ohne sich zu setzen. »Nun ja, vielleicht! So wie Sie mich hier sehen, sieht ein verlassener Ehemann aus. Gefalle ich Ihnen in der Rolle?«

Sie richtete sich auf dem Ellenbogen auf und sah ihn an; ein leises Vibrieren zitterte über ihr sonst so gleichmäßiges ruhiges Gesicht.

»Setzen Sie sich und erzählen Sie, was sich zugetragen hat!« befahl sie fast.

Er gehorchte. Aus seiner Stimme klang nichts anderes wie Bitterkeit, kein Herzenston, weder verwundete Liebe noch Haß – nichts! – Sie hatte ein Ohr dafür.

»Haben Sie diese Frau einst geliebt?« fragte Rose nachdenklich.

»Vielleicht, ich weiß nicht!« rief er erregt. »Wenn das Menschenherz so wandelbar sein kann, gibt es wohl nichts mehr, an dessen Dauer man noch glauben kann.«

Sie lächelte.

»Ja, es ist wandelbar!« sagte sie bestimmt, »und die Ewigkeit hat mit dem heute, gestern und morgen nicht das Geringste zu tun. – Im Grunde genommen scheint es mir ein Glück für Sie, Alten, daß alles so gekommen ist, wie es eben kam. Das mag herzlos klingen, aber bei mir hat der Verstand das erste Wort.«

»Immer?« fragte er und tauchte seinen Blick tief in den ihren.

Sie nickte. »Schon seit langer Zeit, und deshalb sage ich Ihnen: eine Ehe, die innerlich durch Weltweiten voneinander getrennt ist, wie die Ihre, kann niemals zum Guten führen. Sie haben Pflichten gegen sich selbst! Befolgen Sie die und lassen Sie die Leute über Ihren Egoismus schreien. Was bedeutet Ihnen das? Ich bin ich, und du bist du! Jeder ist ein Ganzes für sich, und in dem steten Kampf der Atome gegeneinander wird schließlich der Stärkere siegen. Es fragt sich aber noch, wer der Stärkere in der Ehe ist? Ich glaube, die tadellose Dummheit, die nichts begreift, und die deshalb den feiner organisierten andern Teil unrettbar zu sich herabzieht. Das wäre auch Ihr Los gewesen, mein Freund.«

Er hörte ihr mit gesenktem Kopf zu. Ja, sie hatte recht, tausendmal recht! Wer wußte denn besser als er, was sein Los an Marthas Seite gewesen wäre! Frondienst für das tägliche Brot, und ein allmähliches Vertrocknen in dem engen Kreislauf kleinlicher Pflichten.

»Nehmen Sie das Leben, wie es ist,« sagte Rose Marie und drehte an ihren Ringen. »Dann wird man mit ihm fertig! Und vor allen Dingen gehen Sie einmal ein Jahr auf Reisen, dann wird die Schaffenskraft schon wiederkommen.« Er erblaßte und seine Stirn furchte sich.

»Sie schicken mich fort?« fragte er grollend.

Sie lächelte wieder.

»Das nicht. Ich möchte Sie nur mitnehmen!«

Er nagte an der Unterlippe, ein Gefühl von wahnsinnigem Schmerz würgte ihm in der Kehle.

»Zu arm – zu arm!« murmelte er bitter.

Da legte sie ihre kühle Hand auf sein lockiges Haar, weich und liebkosend spielten ihre Finger mit den dunklen Wellen.

»Aber ich bin reich!« sagte sie halblaut.

Er sprang heftig auf. »Nie!« stieß er hervor.

Sie lehnte sich zurück und streckte die Hand nach ihm aus.

»Wie heftig Sie sind, Alten! Hören Sie mich ruhig an. Ihr Künstler seid wunderliche Menschen! – Was will ich denn? Ihnen eine Summe vorstrecken, daß Sie ein Jahr Ihren Studien und Liebhabereien leben können. Das Material, das Sie brauchen, sind Menschen, suchen Sie sich Menschen, und dann arbeiten Sie und geben mir das meinige zurück. Daß ich daneben die egoistische Absicht habe, Sie ein wenig für mich auszunutzen, wollen Sie mir das zum Vorwurf machen?«

Sie sah ihm mit all der hinreißenden Liebenswürdigkeit in das Gesicht, über die sie in so reichem Maß gebot, und als er mit sich kämpfend, schwer atmend und die Stirn gesenkt schweigend stehen blieb, lachte sie plötzlich auf.

»Machen Sie kein solches Gesicht, Alten, und gönnen Sie mir das Vergnügen etwas für jemand tun zu dürfen, der meinem geistigen Menschen nahe steht.«

Er beugte sich lange auf ihre Hand.

»Sie sind mein guter Engel, Rose Marie,« flüsterte er bewegt.

»Das hat mir lange niemand mehr gesagt; aber Alten denken Sie stets an eins für die Zukunft. – Ich glaube an Sie; ich will, daß Sie etwas aus sich machen und mich nicht enttäuschen, und – ich warte darauf.«

»Ja!« dachte er begeistert. »Der Stern in meinem neuen Leben heißt Rose Marie!« –

Als er sie verließ, trug er eine namhafte Summe und den Reiseplan in der Tasche, den ihm die Kommerzienrätin entworfen hatte.

»Auf Wiedersehen in Rom, Ende Februar!« sagte sie zum Abschied.

Er seufzte über den Zeitabschnitt, der sich endlos vor ihm ausdehnte, dann aber trat das Neue verheißungsvoll in seine Rechte. Er hätte jubeln mögen wie ein Kind, wenn er an die geplante Reise dachte.

Fort aus der Misere des sorgenvollen Hausstandes, hinein in ein unabhängiges, wechselvolles, lockendes Leben und dabei frei – ganz frei!

Es kam ihm vor, als habe er Rose Marie nicht genug gedankt, und zugleich quälte ihn doch das unbehagliche Bewußtsein, daß jeder, der davon hörte ihn nicht sonderlich günstig beurteilen würde, also nur fort – rasch fort! An Gregor schrieb er ein paar Zeilen, denen er einen namhaften Geldbeitrag für die Miete des Hauses und Martha beischloß, so glaubte er genug getan zu haben. Daß er den alten Freund nicht persönlich vorfand, war ihm eine uneingestandene Beruhigung. Der hatte zuweilen eine so unangenehme Manier, der Wahrheit die Ehre zu geben, und er war beeinflußt durch seine Zuneigung für Martha.

Als die Stadt im grauen Wolkennebel eines unfreundlichen Wintertages hinter ihm versank, atmete er auf. Nun erst fühlte er sich befreit. –

XII.

»Ist Alten hier?«

Rose Marie rief es ihrer Nichte fragend zu, als sie sehr eilig in das Wohnzimmer trat, in dem Grete mit einer Arbeit am Fenster saß.

»Nein, Graf Gilsach wartet im Salon auf dich.«

»Himmel, der gute Ruprecht konnte zu seinem Besuch auch wohl keine passendere Zeit finden! Laß Alten holen, Grete, ich kann es nicht erwarten, ihm die erste Mitteilung zu machen – sein Stück ist angenommen.«

»Das war ja vorauszusehen!« sagte Grete kaltblütig und zählte die Stiche ihrer Arbeit nach.

»Eigentlich ja. Aber Herbert verspricht sich einen großen Erfolg, er selbst hat die Hauptrolle übernommen. Als ich ihn traf, kam er gerade aus der Leseprobe. Ich versprach ihm, Alten zu schicken, vorher aber will ich ihn sehen.«

Grete stand auf, um den Diener zu beauftragen. Rose Marie trat in den Salon.

»Du hast mich lange warten lassen, Cousine,« empfing sie Graf Gilsach. »Das bedaure ich, aber Herbert hielt mich zurück. Altens Stück wird in spätestens sechs bis acht Wochen seine Premiere haben. Das interessierte mich natürlich.«

»Ja, du hast eine merkwürdige Passion für diese Dinge,« bemerkte er etwas unmutig. »Mir vollkommen unverständlich für eine Frau deines Schlages.«

Sie hatte sich gesetzt und stand nun wieder auf, das Fieber der Ungeduld brannte in ihr.

»Mein lieber Ruprecht,« sagte sie so nebenhin, indem sie unhörbar auf dem dicken Teppich hin und herging. »Etwas muß doch der Mensch haben, mit dem er sich beschäftigt und das ihm Interesse abringt! Hieltest du es etwa für mehr ladylike, wenn ich mich in den Ställen herumtriebe und mir Ausdrücke angewöhnte – wie ein Jokey? Laß mir meine Kunstpassion.«

»Um so mehr, als du auch gleichzeitig etwas davon für deren Verkünder übrig hast,« setzte er hinzu.

Sie blieb stehen und sah ihn mit ihren großen grauen Augen starr an, dann hob sie den Kopf noch eine Linie höher.

»Ich leugne gar nicht,« sagte sie stolz. »All die kleinen weiblichen Verschanzungen habe ich stets verachtet, ich gebe es dir also einfach der Wahrheit gemäß zu – was nun weiter?«

Er zuckte lächelnd die Achseln.

»Sei verständig, Rose, mich verlangt gar nicht nach der Wahrheit, sie ist oft häßlich.«

Noch stolzer richtete sie sich auf. »Ich habe sie nicht zu scheuen, obgleich ich genau weiß, daß man kein gutes Haar an mir läßt, sobald mein und sein Name zusammen genannt werden. Wir stehen eben über den Dutzendmenschen und brauchen, weil wir das wissen, die Schranken nicht so ängstlich zu wahren wie jene. Das verzeiht man natürlich nicht und klatscht über uns.« »Kannst du ihnen das verdenken?«

Sie zuckte hochmütig die Achseln.

»Ich störe sie nicht! Was bedeuten mir die Menschen, wenn ich mit mir im Einklang bin! Ich bin stolz, Ruprecht und war es mein ganzes Leben hindurch. So stolz, daß ich die Meinung der Welt stets verachtet habe und jetzt nicht anfangen werde, mich nach ihr zu richten.«

»Aber mein Gott, so heirate ihn doch!«

Einen Augenblick sah sie ihn sprachlos an, dann lachte sie laut auf.

»Hältst du mich für närrisch?« fragte sie spöttisch und strich mit der schmalen Hand über das wellige Haar. »Vergißt du den Unterschied der Jahre? Glaubst du, ich will die Welt sagen lassen, ich habe ihn mir gekauft?«

»Die Welt, die dich nichts kümmert, kann dir doch gleichgültig sein!«

Sie warf sich in den nächsten Sessel und lachte etwas gezwungen.

»Zu einer derartigen Auslegung möchte ich ihr nun zuletzt Veranlassung geben, dazu bin ich zu eitel,« sagte sie.

»Um so mehr, da sich dieser Auffassung ein Hauch von Wahrscheinlichkeit nicht absprechen ließe. Übrigens denken weder Alten noch ich an solche Dummheiten! Es macht mich außerdem stolz, daß ich ihm nötig bin, denn soviel wirst selbst du erkennen, Ruprecht, daß er ein mächtig aufstrebendes Talent ist. Seine Skizzen aus Italien machten vor zwei Jahren überall Aufsehen; in Rom verhätschelte man ihn mir recht gründlich – vielleicht mehr den Mann als den Künstler – und seitdem er den letzten Winter in Paris zugebracht hat, ist sein Talent herangereift. – Ein Mensch, der meinem Schwager soviel Geld wert ist, bedeutet etwas, darauf verlaß dich.«

»Aber beste Rose, ich bestreite das gar nicht.«

»Das möchte dir auch wohl schwer werden,« warf sie hin. »Die Aristokratie des Geistes muß eben jeder gelten lassen – selbst wir!« Das Letztere klang eigentümlich scharf, obgleich es Rose mit leiserem Ton sagte.

In demselben Augenblick wurde Alten gemeldet, und er trat gleich hinter dem Diener über die Schwelle. Aufspringend streckte ihm Rose Marie beide Hände zum Gruß entgegen, die er, schnell auf sie zugehend in die seinigen nahm.

War das Alten? Wahrhaftig keiner seiner Freunde hätte ihn auf der Straße wiedererkannt. – Die langen, dunklen Locken, die Rose einst so schauderhaft gefunden, fehlten, glatt und modern geschnitten lag das Haar ihm dicht am Kopf. Ein modern zugestutzter Bart umgab seinen Mund, ließ ihn älter, aber auch vornehmer erscheinen, und in den Augen, die durch Schnitt und Farbe schon immer dunkel und grüblerisch gewirkt hatten, lag jetzt ein Schimmer von der Müdigkeit des vollendeten Lebemannes. Seine Jugend war vorüber, das Leben hatte ihn zum Manne gemacht.

Graf Gilsach stand auf und schickte sich zum gehen an. »Ich will nicht stören,« sagte er mit einem fast an Kordialität streifenden Ton zu Alten, der ihm ja ziemlich gut bekannt war, ohne daß irgend welche näheren Berührungspunkte zwischen ihnen bestanden. »Meine Cousine brennt darauf, mich los zu sein.«

»Ja!« sagte Rose Marie kaltblütig und nickte ihm freundlich zu.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, neigte sie sich Viktor entgegen.

»Ich wollte es Ihnen zuerst sagen – ich allein – deshalb ließ ich Sie rufen. Ihr Stück ist angenommen.« …

»Wirklich?« fragte er.

Sein dunkel gefärbtes Gesicht war doch etwas blasser geworden, aus den Augen leuchtete wieder jener warme Strahl, den Gregor so an ihm geliebt, aber nur für einen Augenblick, dann hatte er die Bewegung äußerlich überwunden.

»Zweifelten Sie etwa daran?« fragte sie. »Ach Alten, die Zeiten der Bescheidenheit sind vorüber! Und wenn Sie es noch nicht wissen sollten, ich – ich – sage Ihnen, ein Erfolg ist Ihnen sicher.«

»Nicht berufen!« rief er abwehrend.

Sie legte ihm beide Hände auf die Schulter.

»Der Abend, an dem man Sie hervorruft, bejubelt, feiert, an dem Ihr Name in aller Leute Mund ist, wird mein Triumph sein,« sagte sie mit herzenswarmem Ton. »Und nicht wahr, einen kleinen Anteil daran darf ich mir auch zumessen.«

»Den größten, Rose,« rief er innig und küßte ihre Hand. »Waren Sie es nicht, die mich auf den rechten Weg geleitet hat, die mir den Blick für das Leben um mich erschloß? Bis dahin war ich ein Nachtwandler, das Tageslicht ist Ihr Werk.«

»Schade, daß das Tageslicht auch alle Träume verjagt,« sagte sie fast wehmütig. »Aber freuen wir uns jetzt des Erreichten. Sie wissen, daß, seitdem Paul Herbert unter die Theaterdirektoren gegangen ist, seine Bühne zu den besten der Stadt zählt, eigentlich die beste ist. Nun, er ist ganz entzückt von Ihrem Stück. »Im Zeichen der Zeit,« trifft seinen Geschmack vom Titel bis zur Schlußszene vollkommen, das bat er mich, Ihnen zu sagen. Kaum daß er Ihnen einige kleine Änderungen vorschlagen will. Die Besetzung ist meisterhaft. Den Rudolf spielt er selber, die Hertha liegt in den Händen der Zelina, alle Nebenrollen sind vortrefflich. Ich denke, ein Zweifel an einem vollen Erfolg ist hiernach kaum möglich.«

Viktor Alten ging ruhelos im Zimmer umher.

»Wollen Sie morgen vormittag Herbert aufsuchen? Er erwartet Sie während der Probe in seinem Bureau.«

»Natürlich! Hat er Ihnen etwas über den Zeitpunkt der Aufführung gesagt?«

»Je eher, je lieber, er denkt in acht Wochen, wenn alles glatt geht.«

Viktor strich sich über die Stirn und lachte gleich darauf.

»Ich kann es nicht ändern – der Gedanke regt mich auf.«

»Auch diese Zeit werden wir überstehen, und dann –« sie sprach nicht weiter, ihr blasses Gesicht hatte eine rosige Farbe angenommen, und gegen ihren Willen schlug ihr Herz unruhig.

»Dann?« fragte er und trat dicht vor sie hin.

»Dann werde ich sehr stolz auf Sie sein,« vollendete sie leicht.

»Oder – sehr enttäuscht, Rose.«

Er warf sich in einen Sessel und grub die Finger in das weiche Polster der Lehne.

Sie mußte ein anderes Wort von ihm erwartet haben, denn über ihre Stirn huschten Schatten.

»Ich will keine Zweifel,« sagte sie heftig. »Es beleidigt uns beide. – Haben wir nicht Szene für Szene durchgesprochen? Nicht Akt für Akt unzählige Male miteinander gelesen, bis wir uns sagten, daß alles gut sei? Der anspruchsvolle Herbert bestätigt unser Urteil. Und Sie kommen nun mit Unkenrufen?«

»Wir sind noch nicht das große Publikum, unser Urteil basiert auf ganz andern Voraussetzungen als bei jenen, die nur amüsiert sein wollen – nur amüsiert – nichts weiter!«

»Und gerührt und entzückt – und alles das, was der Stoff Ihres Stückes ihnen bietet. Seien Sie doch kein Kind! Wer nicht an sich selbst glaubt, ist nicht wert, daß andere an ihn glauben!«

»Sie haben recht!« rief er, in jähem Übergang befiel ihn Siegesgewißheit. »Ich glaube an mich! Ja wahrlich, ich glaube an mich!« Sie trat neben ihn und sah ihm in das Gesicht. Etwas in ihr wallte so heiß und mächtig auf, daß sie am liebsten ihre Arme um seinen Hals geschlungen und ihn geküßt hätte. Vor drei Jahren hätte sie es ohne Besinnen getan, jetzt nicht mehr. – Sie war ihrer selbst nicht mehr völlig sicher; darüber hatte die Welt sie durch das aufgeklärt, was zu ihren Ohren kam von all dem Geschwätz, das man über sie verbreitete. Es war freilich nur spärlich, aber immerhin genug, um ihr klar zu machen, daß Alten ihr mehr galt, als sie selbst Wort haben wollte, mehr als er ahnen mußte.

Sie drängte ihn plötzlich von sich ab.

»Gehen Sie jetzt,« sagte sie hastig. »Eine Stunde Ruhe muß ich haben, wenn ich heut abend frisch sein soll. Wir wollen in die Oper, sehe ich Sie dort?«

»Kaum, aber morgen bringe ich Ihnen nähere Details von Herbert, wenn ich darf.«

Sie nickte. Es tat ihr weh, daß er nicht das Bedürfnis hatte, den ganzen Abend an ihrer Seite zuzubringen, ihr, seiner Freundin, seiner Mitarbeiterin alles das zuzuflüstern, was ihn noch weiter bewegen würde; sie empfand es fast als einen Raub, aber sie sagte nichts. Sie war allein geblieben und trat nachdenklich an den Kaminspiegel.

»Solche Närrin solltest du sein?« fragte sie laut und hob vor ihrem Spiegelbild die Schultern, als werfe sie eine Last ab. »Das macht nur Ruprechts törichtes Geschwätz!«

Dann rief sie nach Grete.

»Hast du Alten gesprochen?«

»Nein!«

»Gratulieren hättest du ihm immerhin sollen. Du bist recht unfreundlich gegen ihn, weißt du das, Grete! Gut, daß er keine Notiz davon nimmt.«

»Gut, daß er keine Notiz von mir nimmt,« wiederholte Grete mit ernstem Munde. – –

Zu Hause saß Viktor vor seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt und erwog noch einmal das Für und Wider seines Stückes.

Wenn er jetzt um sich blickte, fiel sein Auge auf elegante Möbel, stimmungsvolle Bilder, kurz, eine Wohnung, die vollkommen im Einklang mit seinem äußern Menschen stand. In diesen Räumen, die modern wie er selber waren, mußte er auch modern schaffen, das war untrennbar voneinander. Seine »Ideale« und »Oriflammen« gehörten in das kahle Mansardenzimmer, fünf Stock hoch, hier waren sie nicht gediehen. »Im Zeichen der Zeit« aber brauchte eine solche Umgebung, um heranzureifen.

Er hatte in den letzten Jahren viel verdient, seine Reiseskizzen, besonders seine Pariser Plaudereien, bei denen er jenen pikanten, leichtlebigen Feuilletonton vorzüglich traf, der den Franzosen eigen, brachten ihm mehr Geld als er jemals erwartet hatte; aber mit den Einnahmen waren auch seine Bedürfnisse gestiegen. Tausend Dinge, deren Existenz er früher nicht einmal geahnt hatte, waren ihm jetzt unentbehrlich, – aber diese Äußerlichkeiten – so gering an sich – hatten ihm doch Rose Marie gegenüber eine völlig andere Stellung gegeben, als er nach seiner Rückkehr aus Frankreich wieder in die alten Beziehungen zu ihrem Hause trat.

Das war nicht mehr der noch halb kindliche Alten mit der naiven Hingabe seines ganzen Selbsts an eine Sache oder Person, die ihm Bewunderung abzwang! Der sich so ein klein wenig protegieren ließ und – maßlos in allem – bald himmelhoch jauchzte, bald Zum Tode betrübt war. Sein Selbstbewußtsein war mit der Sicherheit seines Auftretens gewachsen, und wenn ihn wirklich manchmal Zweifel befielen, wie vorhin bei Rose Marie, so entsprangen sie nur der Sorge vor einem Fiasko, das seine Eitelkeit nicht ertragen wollte.

Sie hatten ihm so lange in den Ohren gelegen, daß er eine Zukunft habe, daß sie etwas Großes von ihm erwarteten, bis er es schließlich selbst geglaubt hatte. –

Was man dem Dichter versagt – allgemeine Anerkennung – fand der Feuilletonist in reichem Maße, beinahe spielend hatte er es errungen. Man las seinen Namen so oft, er mußte ja schließlich in jedem Gedächtnis haften bleiben! – Und als er von seinen Reisen heimkehrte, war er zu seinem eigenen Erstaunen der Mann des Tages; Muße zu einer größeren Arbeit hatte er freilich auf Reisen nicht gefunden. Als er nun, nachdem er sich in der Stadt wieder häuslich eingerichtet, davon sprach, einen neuen Roman anzufangen, da hatte man ihm abgeraten. – Theaterschriftstellerei – das sei das einzig Wahre. Da gab es mit einem Schlage Lorbeeren, einen Namen und gute Tantiemen; mit Romanen vergeude man nur Zeit und Kraft.

Das Theater – sie hatte recht! –

Und als er sich nur erst mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, fing er auch sofort an, nach einem geeigneten Stoff zu suchen.

Da fiel ihm immer wieder ein Abend ein, der letzte, an dem die ehemaligen so unzertrennlichen drei Freunde zusammen gewesen, ein Abend, an dem Martin Röhr Gregor und ihm seine letzte Tragödie vorgelesen. Martin Röhr, den sie immer das »hartnäckige Genie« nannten, weil er der eigensinnigste Mensch war, sobald es sich um seine Kunst handelte. Ein eigentümliches Stück war es auch, das er vorlas; eigentümlich wie der Verfasser selber.

– In die ältesten Zeiten ging er zurück, weil er behauptete, die Menschen von heutzutage seien nicht wert, daß man sie zu Gefäßen von Leidenschaften mache, deren Kraft und Gewalt ihrem dünnen Blut und ausgetrockneten Gehirn ganz unverständlich wären. Bitter, sarkastisch, weltverachtend und doch mit dem Lächeln des Philosophen über dem krausen Gespinst alles dessen, was menschlich war, schrieb Martin Röhr Stücke, die niemals aufgeführt wurden und die dennoch hoch, hoch über dem Durchschnittsmachwerk standen, das allabendlich die Häuser füllte.

»Wir Nachgeborenen sind eben ein Geschlecht der Pygmäen,« sagte er. »Alles, was groß, gut und edel war, alles, was Kunst bedeutet, haben uns die Alten längst vorweg genommen und mehr davon verstanden als wir. Weshalb soll ich mich durchaus in den Frack pressen, wenn mir doch die Toga so viel besser zu Gesicht steht! Wer meine Dramen nicht in dem Gewände haben will, das ich ihnen gebe, der läßt es bleiben, ich warte!«

»Und verschmähst die ausgefahrenen Geleise und gehst andere Bahnen,« hatte Viktor mit einem leisen Anflug von Spott gesagt. »Aber wenn dir nun das Brot fehlt und du hungern mußt?«

»Nun, dann hungre ich, wenn es mir ernst ist!« hatte Martin Röhr aufspringend und sich mit der Hand über sein buschiges Haar fahrend, leidenschaftlich ausgerufen. »Und erreicht man wirklich nichts – nichts anderes als die Befriedigung in sich selbst, so bedenke, daß es in der Kunst wie in jedem Kampf auch Helden gibt, die ihre Pflicht tun und sterben ohne zu siegen oder ans Ziel zu gelangen.«

Früher war Viktor der eifrigste Verehrer seines Freundes gewesen, an jenem Abend indes, da ihm schon die Augen über das aufgegangen waren, was in dieser Welt gut und nützlich genannt wird, schüttelte er wiederholt in kritischer Anwandlung den Kopf.

Der Entwurf zu Röhrs »Alkante« in seinen äußeren Umrissen war großartig, wie alles was dieser Mensch schuf, die Form in der er es brachte – nichts. Viktor modelte damals beim Zuhören daran herum, und fragte sich in jähem Aufflammen: »Wäre das dein Weg? – Ein Schauspiel – ein modernes Drama? Und du wärst auf einmal das, was du erstrebst – unabhängig!«

Ihm wurde ganz warm, als er so dachte, mechanisch fuhr er sich durch sein dunkles Haar.

»Fasse den Stoff modern – modern!« rief er endlich dem Freunde zu: »Es würde etwas Großartiges und ein Triumph ist dir sicher!« –

Noch jetzt in der Erinnerung meinte er das blasse, durchgeistigte Gesicht mit den dunklen Augen vor sich zu sehen, den grollenden Ton seiner Stimme zu hören, als er erwiderte:

»Eher würfe ich es ins Meer!« –

Und nun, da er nach einem Stoff zu suchen begann, da stand jener Abend und die Alkante wieder peinlich deutlich vor ihm.

Er war ärgerlich über sich selbst, er verwünschte sein gutes Gedächtnis. Umsonst! – Hatte er nötig bei andern zu borgen? – Er – Viktor Alten? –

Mit zorniger Erbitterung hatte er zuerst gegen den Reiz des Stoffes gekämpft, den ein anderer vor ihm erfunden. Umsonst – er ließ ihn nicht los. – Mit seinen Fäden umspann er seine Phantasie immer aufs neue, sobald er hoffte sich von ihm losgemacht zu haben! Er konnte schließlich an gar nichts anderes mehr denken.

Sonst war sein Hirn tot und leer, da aber sah er alles in blendender Klarheit. Die Personen, die er verkörpern wollte, lebten wirklich, sie standen vor ihm; gestikulierend und sprechend verlangten sie sogar in seinen Träumen, daß er sie zum Leben erstehen lasse.

Voll bitteren Zornes nahm er endlich die Feder und warf das Szenarium auf ein leeres Blatt. Szenen, Akte, es gestaltete sich fast ohne sein Zutun, als helfe ihm eine geheimnisvolle, fremde Macht, und frohlockend schienen die schwarzen Linien zu ihm empor zu lachen.

»Das wird mir Befreiung bringen!« dachte er aufatmend, »Befreiung – weiter will ich ja nichts! Mag das Manuskript nachher bis zum jüngsten Tage in den Tiefen meines Schreibtisches liegen bleiben.«

Mit wahrem Feuereifer arbeitete er. Die ganze Seligkeit des Schaffens übermannte ihn wieder. Seit wie vielen Jahren hatte er sie nicht mehr gekostet! – Als ob ein lang eingedämmter, gewaltiger Strom, die Dämme zerbrechend, nun brausend und überschäumend seinen unterbrochenen Lauf mit verstärkter Gewalt wieder aufnimmt, alles mit sich fortreißend, was ihm hinderlich sein will.

»Schade!« dachte er, sich die heiße Stirn streichend, »schade daß es niemand sehen wird – es ist gut!« –

Aber das fiel ihm doch nur beiläufig ein, die Lust an seiner Arbeit war größer, als alles andere.

Endlich sank die Hand müde herab, er seufzte, Mutlosigkeit trat an Stelle seines Eifers. Wozu machte er sich denn eigentlich die Mühe? Es war umsonst; seine besten Gedanken, seine wirksamsten Gestalten, sie mußten ja stets den Augen der Menschen verborgen bleiben, seine Ehre gebot es ihm. Aber beklagen durfte er es von Herzen, denn er fühlte, daß ein lebendiger Quell in ihm sprudelte, den er nun mit eigner Hand verschütten mußte.

Er begann sich zu fragen: »Ist es wirklich dasselbe, wenn zwei Menschen dasselbe sehen – jeder aber mit seinen Augen? Die Welt ist auch immer dieselbe, von Anbeginn bis zum Ende, und doch findet sie jeder wieder neu, schön, des Besingens wert! – Und die Menschen, mit ihrem Haß und ihrer Liebe, ihren Freuden und Leiden, sind sie nicht auch dieselben? Jeder lebt, aber jeder lebt sein eignes Leben, jeder irrt – aber jeder irrt anders. Sind Martin Röhr und ich denn nicht ebenso verschieden?«

»Sophistereien!« rief er dann heftig und warf den Entwurf des Stückes in die Schublade. –

An einem warmen Herbstnachmittag holte er doch wieder einmal das Szenarium vor und las darin. Vielleicht hatte ihm nur die Einbildung einen Streich gespielt als sie ihm vorspiegelte dies – und nur dies sei gut. – Er hoffte sehnlichst, Fehler und Mängel zu finden, vor allem aber jene Tragkraft zu vermissen, von der er sich einbildete, daß sie in diesem Stoff und nur in diesem allein, vorhanden sei. In diesem Hadern mit sich selbst, störte ihn Füßleins Besuch.

»Grüß Gott!« rief der Redakteur eintretend, und als er Alten vom Schreibtisch aufstehen sah, setzte er eilig hinzu: »Sie arbeiten – da habe ich gestört, das will ich keineswegs und konzentriere mich rückwärts.«

Viktor sprang auf und hielt den Hinauseilenden fest.

»Kommen Sie nur getrost näher, Sie stören mich nicht, im Gegenteil, vielleicht bringt mir Ihr Besuch die verlorene Laune zurück.«

»Ist es möglich? Sie klagen über verloren gegangene Laune? Sie, der Mann des Tages, das Schoßkind des Glückes?«

Viktor lächelte höhnisch auf.

»Erlauben Sie mir das Glück dann gleichzeitig eine Rabenmutter zu nennen,« sagte er ingrimmig und warf die beschriebenen Bogen mit einem Stoß beiseite. »Kamen Sie mich abzuholen, Füßlein? Nun dann bitte warten Sie einen Augenblick, ich will nur erst den Anzug wechseln. Hier sind Zigarren, Zigaretten, Schwefelhölzer, alles, wonach Ihr Herz in diesem Augenblick Verlangen trägt.«

»Danke, danke! Ich bediene mich schon und sorge schlimmstenfalls auch für Lektüre.«

Der Redakteur ließ sich in den geschnitzten Stuhl vor dem Schreibtisch nieder und griff nach den so zornig zur Seite geschleuderten Blättern. In seinen kargen Mußestunden pflegte er Manuskripte wie das Feuer zu fliehen, aber Altens Arbeiten interessierten ihn genug, um eine Ausnahme zu machen; denn seinem scharfen Blick war es nicht entgangen, daß sich auf den Blättern ein Szenarium befand.

Als Viktor nach einiger Zeit wieder eintrat, rief er ihm voll Enthusiasmus entgegen:

»Alten! Mann Gottes! Das Ding hier soll nichts bedeuten? Ein Wechsel auf die Zukunft ist es, sage ich Ihnen, groß genug, um sich damit Lorbeeren und Erfolg nach Bedarf zu erstehen! Wann wird es fertig?«

»Gar nicht!«

»Das wäre! Da hätten wir am Ende doch auch noch ein Wörtchen mitzusprechen! Die Kommerzienrätin wird sich um ihren Lorbeerkranz nicht bringen lassen, mein Wort darauf!«

»Ich sage Ihnen, Füßlein, aus dem Ding wird nichts!«

»Und ich leiste tausend Meineide darauf, daß es großartig ist. Herbert würde sich ein Bein ausreißen, wenn er den Entwurf und Ihre Hartnäckigkeit sähe. Sie sind uns allen noch etwas schuldig, Alten, aber dies wird die Zahlung eines Krösus sein.« –

Nach wenigen Tagen wußte Rose Marie um alles.

»Großartig!« rief sie, nachdem sie das Szenarium gelesen. »Alten, Sie sind ein großer Dichter!« –

Und so ging es weiter, Schritt für Schritt. Der Wille, den er als Mauer vor sein Wünschen gestellt, wurde schwach und schwächer, er fand keine Einwände mehr, wenn man ihn zum arbeiten drängte. Die Schaffenslust prickelte ihm in allen Fibern, und er begann mit seinem Gewissen zu parlamentieren.

Martin Röhr lebte verborgen in irgend einem Nest des großen Deutschen Reiches, und sein Stück lag mit unzähligen anderen im Dunkel seines Schreibtisches vergraben. Konnte es ihn kümmern, wenn Viktor die Idee – nur die Idee zum Leben erweckte? Vielleicht erfuhr er nicht einmal etwas davon, und wenn – so war das noch lange kein Plagiat; nur sein übertrieben feinfühliges Gewissen konnte es so nennen. –

Inzwischen arbeitete er bei Rose Marie Szene um Szene, Akt um Akt, und als das Stück fertig war, da reichte sie ihm mit schimmernden Augen beide Hände.

»Jetzt wagen Sie es noch an sich zu zweifeln?« fragte sie. – In der Nacht stand er lange, lange vor dem fertigen Manuskript, das in grauem Pappdeckel vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Es barg das Beste, was er geben konnte – aber auch sein Gewissen. Noch war es Zeit; ein kräftiger Entschluß, und: »Im Zeichen der Zeit,« versank wieder in das Nichts, aus dem es entstanden. Noch hatte er die Macht darüber in Händen – noch konnte er der Stimme seines Innern folgen! –

Seufzend wandte er sich endlich ab. Er fand nicht den Mut, das vollendete Werk zu zerstören. In diesem einfachen Umschlag ruhte vielleicht viel – alles für ihn, und er sollte mit eigener Hand das goldene Tor schliefen, hinter dem ihm Lorbeer und Reichtum wuchs? Unmöglich!

– Dessen war er nicht fähig!

Er biß die Zähne aufeinander, vergrub den Kopf und war entschlossen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. –

Nun rollte der Stein, er wollte und konnte ihn nicht mehr aufhalten. –

In acht Wochen sollte sein Stück das Licht der Rampe erblicken. Niemand würde da sein um ihm sein Unrecht entgegenzuschleudern, niemand, vor dem er die Augen niederschlagen müßte! –

Gleichzeitig mit Martha war Gregor aus der Stadt verschwunden; Briefe, die er an ihn gerichtet, kamen mit dem Vermerk zurück: »Adressat verzogen«, und seit drei Jahren hatte er weder eine Nachricht von seiner Frau noch von seinen Freunden. In dem Leben, das er jetzt führte, hatte er deren Existenz fast vergessen – und gerne vergessen. –

XIII.

Die Proben waren in vollem Gange.

Kein einziger der Schauspieler, der nicht seine Rolle mit Lust und Liebe erfaßt und durchgeführt hätte.

In dem dunklen, öden Theaterraum, dessen Luft sich Viktor Alten zum erstenmal beklemmend auf die Lungen gelegt hatte, saß er fast täglich dicht an der Rampe, deren Lampen die Bühne nur notdürftig erhellten und sah auf das allmählich zum Leben erwachende Stück. Anfangs mit Sorgen und dem dumpfen Unbehagen des Künstlers, der sein fertiges Werk noch einmal zerstückelt und mühsam erst wieder entstehen sieht, dann mit Zuversicht und wachsendem Selbstbewußtsein.

Er war ein sehr anspruchsvoller Autor, und Regisseur wie Schauspieler konnten ihm selten genug tun. Eigensinnig und fest auf seinem Willen beharrend, wie er in allem war, zeigte er sich auch hier; aber da man ihn allgemein kannte und als Menschen gern hatte, fügte man sich ihm willig.

Paul Herbert, der sich trotz seiner Direktion die Rolle des Liebhabers nicht entgehen ließ, war ganz entzückt von dem Aufschwung, den das Stück allmählich nahm und schüttelte dem jungen Autor die Hand. Der selbst hatte alle seine Skrupel vergessen, seitdem die modernen Menschen lebenswarm, handelnd und fühlend vor ihm standen. Die Ähnlichkeit mit Martin Rohrs Alkante verschwand fast spurlos, und ohne diese Last auf der Seele fühlte er sich so leicht, frei und glücklich, so stolz auf das geschaffene Werk, daß er mit keinem König getauscht hätte.

An einem Vormittag, an dem die herbstliche Kühle zum erstenmal in Kälte umgeschlagen war, schlug er den Weg zum Theater wieder ein. In Gedanken erwog er einige Änderungen am Schluß des dritten Aktes, die er Herbert vorschlagen wollte, als er diesen auf dem Trottoir stehen und dann sich eilig entgegenkommen sah. Das war etwas Ungewöhnliches, um so mehr, als die Probe längst begonnen haben mußte.

»Machen Sie sich auf eine höchst unangenehme Nachricht gefaßt, Alten,« rief er ihm entgegen. »Ein Ereignis, das unsre ganze Premiere in Frage stellt!«

Viktor fuhr zusammen. Welch eine Klippe konnte sich ihm, so nahe am Ziel, in den Weg schieben?

»Was ist geschehen, Herbert.«

»Die Zelina krank – ernstlich – der Arzt konstatierte Lungenentzündung. Von einem baldigen Auftreten kann also vorläufig gar keine Rede sein.«

»Die Zelina!« sagte Viktor traurig.

Er schätzte das Können der Schauspielerin so hoch, daß ihm im ersten Augenblick jeder Gedanke an Ersatz fern blieb. Wie wunderbar hatte sie die Rolle der Hertha erfaßt, wie großartig durchgeführt! Und das Publikum hing an seinem Liebling, ihr Name allein genügte schon, um einem Stück ein gewisses Relief zu geben.

»Wenn sie monatelang krank liegen oder gar sterben sollte!« rief Herbert erregt, »denken Sie nur, den Verlust für mich. An ihrer Stelle eine zweite Kraft einzuschieben, ist doch mindestens sehr gewagt. Auch habe ich keine, die für die Hertha passen würde.«

»Warten wir!« sagte Viktor resigniert.

Sie warteten, aber die Nachrichten aus dem Krankenzimmer der Schauspielerin wurden immer hoffnungsloser, und das am Anfang der Saison.

»Ich habe mich an alle Agenten um Ersatz gewandt,« sagte Herbert einige Wochen später. »Endlich hat man mir jemand in Vorschlag gebracht, ich reise noch heute mittag nach K.«

Er reiste. – Man gab kein hervorragendes Stück am Hoftheater in K., und die zweite Liebhaberin hatte keine hervorragende Rolle darin. Trotzdem war Direktor Herberts Entschluß sofort gefaßt.

»Wo habe ich nur dies reizende, großäugige Kindergesicht schon einmal gesehen!« dachte er, sein Gedächtnis vergeblich anstrengend. »Allein mit ihrer Schönheit würde sie schon reüssieren, aber sie besitzt auch Talent, Temperament –« und er studierte wieder den Theaterzettel, der ihm so gar nichts verraten wollte. »Martha von Norden,« stand darauf.

Im Zwischenakt suchte er sie hinter den Kulissen auf, und da, als sie ihm nun gegenüberstand, als er den Blick der strahlenden blauen Augen auf sich gerichtet sah und ein leises Zusammenzucken an ihr wahrnahm, da kam ihm plötzlich wie ein Blitz die Erinnerung, nach der er so lange vergeblich gesucht hatte.

»Schöne Frau!« rief er überrascht und faßte hastig ihre Hand. »So sehen wir uns wieder!«

Sie legte den Zeigefinger an die roten Lippen.

»Verraten Sie mich nicht, ich bin hier Fräulein von Norden, mein Mädchenname. – Die Zeit meiner Ehe habe ich vergessen.«

»Wenn Sie wüßten,« flüsterte er, durch ihre Schönheit plötzlich wieder zu heller Begeisterung entflammt, »wie entzückend Sie geworden sind! Aber der Platz, auf dem Sie hier stehen, paßt nicht für Sie, kommen Sie zu mir, in mein Theater, das aus Ihnen im Reich der Kunst eine Königin machen wird.«

Marthas Augen flammten auf. Zurück in ihre Vaterstadt, in die Residenz, dort gefeiert, berühmt werden – das war doch ein Endziel ihres Strebens! Die Erste an einer bedeutenden Bühne, sie wußte recht gut, was das hieß – und ihr Herz begann ungestüm zu klopfen.

»Ist das Ihr Ernst?« fragte sie und sah ihn lange an.

»Sie sollen die Probe darauf machen. Ich bitte nur um die Ehre, nach der Vorstellung mit Ihnen soupieren zu dürfen!«

Die Klingel des Inspizienten ertönte.

»Zugestanden!« sagte sie eilig mit ihrem kokettesten Lächeln, »aber da ich den Geschmack an soupers à deux seit meiner Ehe verloren habe, müssen Sie sich auf drei gefaßt machen.« –

»Ohne mein treues Pudelchen tue ich keinen Schritt, das wissen Sie ja,« sagte Martha lachend zu Gregor, als der Vorhang zum letztenmal gefallen, und sie die Garderobentür schon in der Hand hatte, um sich umzukleiden. »Aber überlegen Sie einmal, Gregor, ob die Sache nicht annehmbar ist.«

Er strich sich in alter Weise die Haare an dem fast kahlen Schädel. »Natürlich – nur…«

»Ihre Einwendungen machen Sie gütigst dem Direktor selbst,« rief sie lachend und schlüpfte in die Tür.

Eine Stunde später saßen sie zu dreien in einem abgeschlossenen Zimmer und erwogen mit Ernst und Eifer das Engagement der doch immerhin noch ziemlich unerfahrenen Bühnenkünstlerin.

»Haben Sie keine Furcht vor den großen Aufgaben, die an Sie herantreten werden?« fragte Paul Herbert und sah in das bildschöne Gesicht, das sich von dem dunklen Seidenkleid ebenso entzückend abhob, wie vorher aus der hellen Umrahmung.

»Nein!« sagte sie mit einem Selbstbewußtsein, das ihrer innersten Natur entsprang und deshalb überzeugend wirkte.

»Sie sind als Frau so schön, daß selbst ein kleines Manko als Künstlerin Ihnen zu verzeihen wäre.«

Martha sprang auf, es war als schnelle sie etwas Unsichtbares mit Federkraft in die Höhe. Ihre Augen blitzten, die seinen Nasenflügel zitterten. »Zuerst bin ich Künstlerin – dann erst Frau!« sagte sie energisch. »Das werden Sie erkennen, sobald die Gelegenheit dazu da ist.«

Hingerissen streckte der Direktor ihr beide Hände entgegen. »Die ist da, schlagen Sie nur ein!«

Sie legte die ihrigen hinein und sah mit lächelndem Seitenblick nach Gregor, der Kügelchen aus seinem Weißbrot drehte.

»Ich werde meinen eigenen Wünschen nie widerstreben, das wäre ja einfältig. Packen wir also unsere Koffer und reisen wir. Nicht, alter Freund?«

»Packen wir unsere Koffer und reisen wir,« wiederholte Gregor grämlich, aber ohne alle Einwendungen. –

Eine ausgelassene Stimmung hatte sich Marthas bemächtigt, als sich ihr für die Zukunft goldene Brücken ohne ihr Zutun bauten. Aber plötzlich fiel ein Name, der ihr den Mund verschloß.

»Wie nannten Sie den Verfasser Ihrer Novität?« fragte da Gregor, und zeigte zum ersten Male Anteil an dem Gespräch, dem er bisher als schweigender Zuhörer beigewohnt hatte.

»Alten, Viktor Alten! Ein Mann von ebenso großem Talent wie Geist und Verständnis für das, was unserer Zeit gefällt. Von den Frauen der Gesellschaft verhätschelt, wird er eine kolossale Karriere machen, sobald sein Drama mit Erfolg über die Bretter gegangen ist. Kennen Sie ihn etwa?«

»Nein!« sagte Gregor schroff.

»Die beiden Hauptrollen sind großartig, und ich denke, er kann sich keine besseren Interpreten wünschen, als uns beide,« sagte Herbert und bog sich zu Martha. »Wir werden unser Bestes tun, nicht wahr? Schon um der armen Herzen willen, die an dem Abend für unseren Autor zittern.«

Ein eigentümliches Lächeln zog um Marthas Mund. »Vielleicht!« sagte sie gedankenvoll, ohne aufzusehen.

»Sie wollen, Martha?« – fragte Gregor und sah sie an.

Da hob sie den Kopf, ein blitzartiges Funkeln brach aus ihren Augen, Triumph zuckte um ihre Nasenflügel.

»Ich will!« sagte sie, nicht laut, aber mit einem seltsam metallischen Klang in der Stimme. »Schicken Sie mir nur die Rolle gleich, lieber Direktor.« –

Erst am nächsten Morgen, als sich die junge Frau und ihr alter Freund wiedersahen, sprachen sie ausführlicher.

»Er ist also ein berühmter Mann geworden,« sagte Martha.

»Das war voraus zu sehen.«

»Vorauszusehen, nach seinen damaligen Mißerfolgen?«

»Bah! Die Welt dreht sich; was heut unten liegt kommt morgen obenauf. Die Weiber haben sich für ihn ins Zeug gelegt.«

Martha lächelte, »Und für mich die Männer. Es war eben zu unserm Glück notwendig, daß wir uns trennten.«

»Gut, daß Sie selbst das berühren, Martha,« begann Gregor und nahm seinen Dauerlauf im Zimmer wieder auf, wie stets, wenn ihn etwas beschäftigte. »Haben Sie darüber nachgedacht, wie sich Ihre Existenz am dramatischen Theater gestalten soll, wenn Sie dort erste Liebhaberin sind, und Ihr gewesener Gatte Autor? – Sie sind nicht geschieden.«

»Aber so weit getrennt, als lägen Himmel und Erde zwischen uns,« sagte sie. »Übrigens steht einer Scheidung nichts im Wege – ich wünsche sie sogar.«

»Sie vergessen nur eine Kleinigkeit – das Gesetz. Woraufhin wollen Sie geschieden werden?«

Sie lachte. »Das ist mir gleichgültig! Ich versichere Sie, Gregor – mit oder ohne Gesetz, unsere Bahnen werden sich nie mehr kreuzen. Viktor Alten! Wie der Name ohne irgend einen Wiederhall in mein Ohr klingt! War er nicht mein Mann? Ich muß mich ordentlich darauf besinnen.«

»Sie sind herzlos, Martha,« sagte Gregor.

Sie warf sich in den Sessel.

»Herzlos?! Möglich – falls Sie es so verstehen wollen wie ich. Ich bin nicht fähig, mein ganzes Sinnen an einen Menschen zu hängen, nur des Herzens halber; es kommt mir fast komisch vor, jemand zum Herrn über mich zu machen, von dem ich nicht einmal weiß, wie lange die Fähigkeit für ihn zu empfinden, dauert! Ich bin ich! Mir gehört meine Kunst und meine Schönheit, das ist mir genug! – Es muß auch Frauen geben, die ihren Wert kennen, und deren Blut ruhig genug fließt, um das nicht zu vergessen. Die schlechte Rasse, die meine Großmutter in dem Blut meiner Mutter fand, muß doch nicht ganz so verwerflich gewesen sein!«

Stillschweigend hielt er ihr einen kleinen Handspiegel vor die Augen und schüttelte den Kopf. So klug er sonst sein mochte, die Frauen verstand er wenig.

»Häßlicher bin ich nicht geworden,« sagte Martha nachdenklich, im Anschauen vertieft. »Das freut mich in diesem Augenblick mehr denn je.«

Er legte den Spiegel fort.

»Sie werden bewundert, umschwärmt, geliebt werden, wie hier, Martha,« sagte er mit einem Seufzer. »Kind! Kommt Ihnen nie die Schalheit dieser Dinge zum Bewußtsein?«

Sie warf die Arme in die Luft. »Ich müßte sterben ohne sie!« rief sie. »Sie sind nur Lebensbedürfnis wie die Luft, und deshalb habe ich ein Anrecht daran!«

Er konnte sich nicht zufrieden geben.

»Ich würde Herberts Anerbieten ablehnen, Martha. Sein Interesse gilt in gleichem Maße der Frau, wie der Schauspielerin.«

»Selbstverständlich! Wollten Sie, es wäre anders?«

»Und dazwischen Alten mit seiner Gesellschaft.«

Sie schnellte auf und sprang ihm in den Weg.

»Aber verstehen Sie mich denn gar nicht? Begreifen Sie wirklich nicht, Gregor?« rief sie mit funkelnden Augen. »Das will ich ja gerade! Das! – Ihm gegenüberstehen als die, die ich aus eigener Kraft geworden bin, umschwärmt, erkannt, geliebt! Ihm dann sagen zu können: sieh her – das bin ich, – das schlummerte in mir, aber anstatt den dunklen Drang zu wecken, zu leiten, mir Berater und Führer zu sein, tratest du ihn mit Füßen. – Ich erreichte alles ohne dich! – Eine Sklavin wolltest du, und eine Frau war ich, gleichberechtigt im Fühlen und Wollen, wenn auch dir nicht verwandt. – Achten mußt du mich nun, gegen deinen Willen mir gerecht werden. – Liebe, die erlasse ich dir freilich – und gern!«

»Ist das wahr, Martha?« fragte Gregor, und ein Blick streifte das schöne, erregte Gesicht.

Sie lachte laut und fröhlich.

»Gregor, Sie alter Idealist! Ja, ich glaube, daß selbst Liebe sterben kann! Aber habe ich ihn denn je geliebt? Kann ein Mädchen von sechzehn Jahren, dem jeder Vergleich fehlt, unbewußtes Suchen nach einem Halt Liebe nennen? Im Grunde genommen waren nur Sie schuld daran! Sie sprachen von dem was er verdienen würde, und ich war arm…«

»Vielleicht hätten Sie selbst mich genommen unter den Voraussetzungen,« fragte er ingrimmig.

Sie lachte ausgelassen.

»Ich glaube doch nicht. – Denken Sie nur – einen Bräutigam mit grauen Haaren! Ich hätte mich ja vor der Lene geschämt!«

»Was diese Mädchenseelen doch für außerordentlich klug besaitete Instrumente sind! Schade, daß es nur niemand weiß!« fiel er ihr spöttisch in das Wort.

»Reden wir jetzt vernünftig, alter Freund! Ich gebe die Hertha in »Im Zeichen der Zeit«, sobald als möglich möchte ich abreisen. Ordnen Sie hier alles möglichst glimpflich, Gregor.«

XIV.

»Sie nehmen ja meine Nachricht verwünscht kühl auf!« sagte Paul Herbert geärgert und warf seine Zigarette beiseite. »Einen Ersatz für die Zelina – jetzt! Es ist ein enormes Glück. Und schön sage ich Ihnen – schön wie der junge Tag! Dies Weib ist bestrickend! Verführerisch, hinreißend, selbst wenn es gar kein Talent hätte!«

»Aha! Da haben wir des Pudels Kern!« sagte Viktor. »Sie ist schön, schön nach Ihrem Geschmack, das erklärt alles! – Und mein Stück? – Und das Bild, das ich von meiner Hertha habe? Wo bleibt das?«

»Welche Idee! Glauben Sie, daß Hertha die Herzen so entflammen könnte, wie es geschieht, wenn sie häßlich wäre? In der Theorie wird Geist und Witz sehr bewundert, in Wirklichkeit aber macht man sich nicht viel daraus, wenn der Mund, dem beides entspringt, nicht schön genug ist, um ihn zu bewundern. Und dies Weib ist schön – bei Gott, es ist schön!«

»Und eine Gans vermutlich,« rief Viktor wütend, – »ein Papagei, der nachplappert, was man ihm vorspricht. Die Zelina war eine selbstschöpferische Kraft, während diese…«

»Aber um Gottes willen, Mensch, Sie kennen sie ja gar nicht!«

»Mir genügt, was Sie von ihr sagen, vollkommen. Schön! – Schön! – Und nichts weiter. Selbst Ihrer Bewunderung läßt sich nicht einmal das Zugeständnis abringen, sie habe Talent! Und ich, dessen Sinne nicht an diesem Rausch beteiligt sind und deshalb klar bleiben, muß nun sehen, wie mein Geschöpf, das Leben und Blut hat, zerhackt, zerstückelt, als Fratze über die Bretter zieht.«

»Sie sind närrisch,« sagte Paul Herbert ruhig. »Wenn Sie aber glauben, ich lasse mich darauf ein, Ihren Zorn zu besänftigen, dann irren Sie sich. Meine Dispositionen sind fertig, Sie müssen sich darein finden.«

Viktor warf sich auf die Chaiselongue und starrte vor sich hin.

»Wenn ich an den dritten Akt denke – an den Schrei der Zelina, der uns durch Mark und Bein ging…«

»Ach bester Freund, fangen Sie nicht wieder an! Die Norden wird auch schreien. – Außerdem haben wir noch genug Proben, da können Sie ihr so viel Blut und Leben einimpfen wie Sie wollen.«

Alten schüttelte den Kopf.

»Ich wollte Ihnen eben sagen, daß ich nicht mehr komme, machen Sie wie Sie wollen; putzen Sie Ihre Puppe so schön heraus, wie Sie können, wenn Sie davon einen Erfolg erhoffen. Ich bin nervös – abgespannt – gereizt. Vielleicht geriete ich noch in Konflikt mit ihrer Schönheit. Mag sie aus meiner Hertha machen, was sie will, ich opfere sie ihr, wie Abraham seinen Sohn. Nur sehen will ich nichts davon. Das Fehlen der Zelina ist mir sehr nahe gegangen, sie traf so ganz meine Absichten, ihrer Nachfolgerin würde ich ungerecht begegnen, und schließlich – erreichte ich nicht einmal etwas, denn Sie, Herbert, scheinen mir völlig vernarrt zu sein.«

»Weiß Gott, das bin ich! Ihnen kann das übrigens nur recht sein, denn ich werde meine Rolle mit all dem Feuer spielen, das immer noch in diesen Adern rollt. Sie soll mir nicht widerstehen.«

»Na, meinen Segen haben Sie,« sagte Viktor Alten, sich lachend erhebend. »Kurioser Kauz, der Sie sind! Weiberverächter, und daneben der erste Diener der Venus. Ich weiß zur Genüge, was hinter äußerer Schönheit steckt! Für mich müssen es die Frauen hier und hier haben,« – er deutete mit der Hand auf Stirn und Herz – »aber über Geschmack läßt sich nicht streiten.«

Ein schnelles, zynisches Lächeln überflog das Gesicht des Schauspielers, in den dämonischen Augen lag eine ganze Welt unausgesprochener Bemerkungen. –

Mißgestimmt ging Viktor zu Rose Marie. Hier fand er stets Verständnis. Diese Freundschaft war ihm so zur zweiten Natur geworden, daß er sie wie etwas Selbstverständliches hinnahm. Es war ihm Bedürfnis, Annehmlichkeiten, Mutlosigkeit und Begeisterung mit ihr zu teilen, und er verschwendete keinen Gedanken mehr an den Keim eines Gefühls, das seit Jahren von beiden gepflegt, den Menschen zu trotzen wagte, und sie immer fester umspann.

Übrigens hielt Viktor Wort. – Er kam auf keine Probe mehr, und als er von dem Eintreffen der jungen Schauspielerin erfuhr, sagte er seufzend zu der Kommerzienrätin: »Niemand kann seinem Schicksal entgehen! Ich weiß, daß mir diese Hertha nicht gefallen wird, aber ich muß stille halten.« –

Eines Vormittags ließ sich Graf Gilsach bei seiner Cousine melden. Er kam erregter als es in seiner Art lag.

»Was ist Ruprecht?« fragte Rose Marie sofort, als sie ihn sah.

Er lachte verlegen.

»Trage ich etwa ein Kennzeichen an der Stirn, daß du mich gleich so überfällst?«

»Nein, aber ich kenne dich genügend, um zu wissen, daß du augenblicklich nicht völlig im Geleise bist.«

»Nun denn, weiseste aller Cousinen, du hast diesmal recht.« Er setzte sich in den Sessel, dem Licht den Rücken drehend. »Ich bin ganz verwirrt ,– erstaunt – Gott weiß was noch alles!«

»Angenehm?« fragte sie lakonisch.

Er schwieg eine Weile, dann stand er hastig auf.

»Ja!« sagte er etwas gewaltsam.

Sie sagte nichts, für den vetterlichen Grafen fühlte sie nur geringes Interesse; ihn aber drängte es offenbar, sie zu seiner Vertrauten zu machen. Er trat mit dem Gesicht vor ein Achenbachsches Seestück, so daß er völlig von ihren Augen gedeckt war, und sich den Anschein gebend, als betrachte er aufmerksam das Gemälde, sagte er nebenher:

»Waren wir nicht immer vollständig d'accord in unserer Auffassung über den Wert der Liebe, Rose Marie?«

Sie hob schnell den Kopf. Was wollte er? Kam er ihr etwa wieder mit Alten?

»Ich glaube ja!« sagte sie reserviert, »Und doch fürchte ich, hatten wir Unrecht; es gibt Liebe.« Er näherte sein Gesicht noch mehr dem goldenen Rahmen und sah ihr Erstaunen nicht.

»Wer hat meinen ungläubigen Vetter bekehrt?« fragte sie.

Nun drehte er sich um. Ohne Monokel, mit der Farbe auf den bleichen Wangen, hatte er etwas von seinem hochmütigen Air abgelegt und berührte sie jung und fremd. Unwillkürlich nahm sie Interesse an dem sich ihr entschleiernden Herzensroman. Aber trotzdem lachte sie, »Ruprecht, du! du! Du könntest dich wirklich noch so weit aufschwingen, daß du Liebe empfändest?«

»Nicht wahr, ich sehe nicht darnach aus!« fragte er resigniert.

»Bei Gott nicht! Aber schließlich sind ja Herz und Gesicht getrennte Dinge.«

»Du hast recht, wenn du spottest, Rose Marie, ich komme mir selbst vor, als gehöre ich nicht mehr in die Haut eines Verliebten; aber es läßt sich nicht ändern. Sie ist hier – ich habe sie wiedergesehen – alle die alten Gefühle, die mich aus K. vertrieben, sind noch stärker wieder erwacht – und darum komme ich zu dir.«

»Ich? Was soll ich dabei?« fragte sie verwundert.

»Dich ihrer annehmen, beste Rose Marie.«

Mit starrem Hochmut hob sie den Kopf.

»Du scheinst mir nicht recht bei Sinnen, Ruprecht. – Was kümmern mich deine Liaisons.«

Er setzte sich ihr gegenüber.

»Für so taktlos kannst du mich halten? Von einer Liaison ist natürlich keine Rede! Dies Mädchen ist rein und unberührt wie eine Rosenknospe! Schön! – ach ich sage dir – wunderschön! Aus bester Familie, aber – ihr Frauen habt einmal eine gewisse Voreingenommenheit gegen Bühnenkünstlerinnen, nicht wahr?«

»Ja!« sagte sie mit Überzeugung. »Wie kann ein Weib, das mitten in der Brandung der Versuchung steht, unter allen Verhältnissen für sich gut sagen? Entweder ist ihr Charakter kleinlich, dann kann sie nichts leisten, oder sie ist Künstlerin, dann wird sie die lächerlich engen Grenzen des Erlaubten überschreiten. Wer darf ihr daraus einen Vorwurf machen?«

»Du würdest also meine Bitte nicht erfüllen und sie bei dir empfangen?«

Rose Marie wurde plötzlich unbehaglich.

»Wer ist denn eigentlich dies namenlose Geschöpf, wenn es dich nicht geniert, das zu verraten, Cousin.«

»Martha von Norden, die neu engagierte Schauspielerin des dramatischen Theaters; ich sah sie vor einer Stunde zum erstenmal und erfuhr von ihrem Engagement bei Herbert.« Rose Marie ließ vor Überraschung das Buch zu Boden fallen, mit dem sie gespielt hatte.

»Altens Hertha!« sagte sie betroffen.

Graf Ruprecht ging inzwischen langsam im Boudoir auf und ab.

»Hältst du mich für einen Knaben?« fragte er plötzlich. »Für ein Kind, das noch nicht imstande ist, sich über seine Gefühle klar zu sein?«

Sie lächelte doch.

»Weiß Gott, nein!«

»Ich liebe dieses Mädchen. Sie hat es mir angetan mit ihrem großäugigen Kindergesicht! Ihr gegenüber wäre ich schwach genug, eine Dummheit zu begehen! Weil ich das damals schon fühlte, verließ ich K. Das Schicksal stellt sie mir aufs neue in den Weg. Du magst recht haben, daß wir nur dann liberale Aristokraten sein können, sobald es sich um ein objektives Urteil handelt; das noli me tangere für unsere eigenen Namen liegt uns im Blut, wir kommen nicht so leicht darüber hinaus! – Aber einer Chimäre halber aufgeben, was menschlich glücklich macht … Du denkst doch ebenso wie ich, daß der Name eigentlich nichts weiter ist als eine Chimäre.« –

Rose Marie hob abwehrend beide Hände.

»Armer Ruprecht,« sagte sie mitleidig, »höre auf, mir zu versichern, was du doch selbst nicht glaubst! Ich kenne diese Kämpfe aus eigener Erfahrung! Dies Sichauflehnen gegen etwas Bestehendes, Traditionelles, – wer hätte wohl jemals mehr darunter gelitten als ich! – – – Übrigens,« fuhr sie in ihrem alten, leichten Ton fort, »ereifern wir uns unnütz! Ich werde natürlich die Bekanntschaft der Norden suchen – merkwürdig, wie aufdringlich sich dieses Mädchen mir seit Wochen in den Weg stellt! – Erst Alten – nun du! Und dann sollst du mein Urteil hören. Wir Frauen blicken tiefer und schärfer, wo es sich, um unser eigenes Geschlecht handelt, als ihr. – Vielleicht bekämpfen wir schließlich vereint die Chimäre. Ich bin zu vielem fähig, das weißt du ja, Ruprecht.«

»Meine gute, kluge Rose!« sagte er, und küßte dankbar ihre Hand.

»Gut! Klug!« Sie seufzte melancholisch. »Bringen mir etwa die Jahre diese Prädikate ein? Früher nannte man mich anders! Ach, Ruprecht, du hast keine Ahnung davon, wie töricht ich noch sein kann.« –

XV.

Premièrenabend! – Das Publikum einer Großstadt weiß ihn zu schätzen mit der Aufregung des Erfolges oder der Ablehnung, dem berauschenden Bewußtsein einer Selbstkritik.

Seit Tagen war das dramatische Theater ausverkauft. Der Kassierer hatte weder vormittags noch abends seines Amtes zu walten, und mit langen Gesichtern standen diejenigen vor dem geschlossenen Schalter, die noch in der letzten Stunde auf ein Billett gerechnet hatten.

Die Aufführung von: »Im Zeichen der Zeit«, kam fast einem literarischen Ereignis gleich.

Die ganze Stadt kannte Viktor Alten, den geistvollen Plauderer, den Liebling der Damen, den schönen, wenn auch etwas blasiert angekränkelten Mann. – Die Zeitung, die man in der Stadt am meisten las, brachte in letzter Zeit fast täglich eine kleine Notiz über ihn, die die Spannung erhöhte; und wer ihn noch so flüchtig kannte, spielte sich anderen weniger Glücklichen gegenüber, gern als seinen intimen Freund auf und sprach von »Im Zeichen der Zeit«, als der grandiosesten Leistung der Gegenwart.

Es war unfreundliches Wetter an diesem ganzen Tage. Regen und Schnee von scharfem Winde gepeitscht, verwandelte die Straßen der Stadt in Schmutz.

»Ein rechtes Theaterwetter!« sagte der Direktor sich fröstelnd die Hände reibend. Er sah sehr zufrieden und erwartungsvoll aus; es klappte alles vorzüglich, die Schauspieler waren mit Leib und Seele bei ihren Aufgaben, das Theater ausverkauft, er schwelgte in einem doppelten Vorgenuß, für seinen Ruhm und seine Kasse.

»Ist Alten noch nicht hier?«

Nein, er war immer noch nicht aus seinem »Schmollwinkel herausgekrochen«, wie Herbert die Teilnahmlosigkeit nannte, die er seit dem Engagement der neuen Schauspielerin für sein Stück an den Tag gelegt, aber Füßlein, der gerade in das Bureau des Direktors trat, um die Stimmung im Theater zu sondieren, schob den Hut ein wenig in den Nacken und sagte:

»Ich glaube, unser Alten ist wirklich die ganze letzte Zeit etwas nervös und abgespannt gewesen. Wo soll das auch hinaus! Geistige Arbeit und Salondienst in diesem Maß – da muß jemand schon Nerven wie Stricke haben! Säßen heut die Frauen allein über ihn zu Gericht, könnte er sich getrost morgen aushauen und neben Goethe stellen lassen.«

»Ach ja, die lieben, guten Frauen!« lachte Herbert kurz auf. »Wenn sie nicht gar so viel Zeit und Langeweile hätten. Aber schätzen wir sie deshalb nicht geringer.«

»Da sei Gott vor!« sagte Füßlein und verabschiedete sich mit kordialem Händedruck.

Nun war es Abend, und im Theater flammten die ersten Lichter auf. Ein Hauch atemraubender Aufregung schien durch das Haus zu wehen und sich allem Lebenden und Toten darinnen mitzuteilen. Selbst die Garderobièren sahen gespannten Auges nach den Eingängen, in denen sich das Publikum ansammelte.

Allmählich füllte sich das Parkett, die Sitze klappten, die Zettel rauschten, eine animierte Stimmung schien sich aller bemächtigt zu haben. Die Damen hatten größere Toilette gemacht wie sonst, helle Farben, blitzende Steine, schöne Pelze, wohin man sah.

Eine einzige Loge im Theater war noch leer, und auf diese richteten sich die Blicke der Intimeren, während sie sich ihre Bemerkungen zuflüsterten.

»Noch niemand da! Ich wette, die Kommerzienrätin macht noch Beruhigungsversuche an dem Autor, der sicher in nicht gelinder Aufregung ist.«

»Bah, Alten! Dieser eingebildete Mensch kennt keine Furcht, er leidet wahrhaftig an Größenwahn,« näselte eine fette Stimme, »ich bin aber doch neugierig, wie sich die Sache heut abend entwickeln wird. Die unabhängige Kritik könnte denn doch nicht einer Meinung sein.«

»O, er ist ein genialer Mensch, das muß ihm der Neid lassen,« mischte sich Füßlein von rückwärts ein, »hypernaturalistisch in der Auffassung, aber das verlangt die herrschende Richtung, und dabei verleugnet er den Poeten keineswegs, er wird Sie auch noch bekehren, lieber Schmidt.«

»Ein Dichter von Gottes Gnaden,« rief eine Dame mit entzücktem Augenaufschlag.

»Die Reklame nicht zu vergessen!« brummte der so Überstimmte in seinen Zettel, und dann drehten sich plötzlich, wie auf Kommando, alle Köpfe, ein Flüstern – ein Raunen – »da ist er! – da ist er!«

Sie waren eingetreten. Rose Marie in einer Toilette, die ihr viel Nachdenken gekostet hatte, schön von Kopf bis zu Fuß, und sehr apart. Grete im einfachen dunklen Kleid, blaß und erregt, hinter ihnen Gilsach und Alten.

Mit der Kraft, des an Selbstbeherrschung gewöhnten Menschen, zwang Viktor sich zu einer ruhigen, gleichgültigen Haltung. Den Arm leicht auf Rose Maries Stuhl gestützt, sah er in das überfüllte Haus hinein, und da überrann ihn plötzlich ein Frösteln, und er meinte, nur kalte Spannung, Neugier und Schadenfreude auf allen Gesichtern zu lesen. Ein heißes Gefühl stieg in ihm auf, das Bedürfnis zu wissen, ihm sei jemand nahe, der mit ihm sympathisiere, der für ihn zitterte. Rose Marie! Er beugte sich tiefer zu ihr herab – ein Wort nur – ein einziges tröstendes Wort, wie sie zu Hause so viele für ihn gehabt – aber Füßlein trat an die Logenbrüstung, sie sprach mit ihm, er mochte sie nicht stören.

Die Klingel ertönte. Ihm schnürte es die Kehle zu. Unwillkürlich machte er eine Bewegung mit der Hand nach dem Halse, aber auf halbem Wege ließ er sie wieder sinken und tat nur einen qualvoll gepreßten Atemzug, Unstät glitten seine Augen über das Haus, das ihm zu schwanken schien, dann fühlte er plötzlich eine fast körperliche Beruhigung, und tief sanken seine Blicke in Gretes klare Augen, die sich auf ihn geheftet hatten. Tränen standen darin, und ein kristallklarer Tropfen rollte über ihr Wange.

Es war ihm, als hätte diese eine Träne all seine Unruhe, Sorge und Angst fortgespült, als hatte sie ihn geweiht, sei es zum Siegen oder zum Unterliegen. Ein heißer Dank erwachte in seinem Herzen für das so selten beachtete Mädchen und trat wie ein stummer Gruß in seine Augen, während der Vorhang in die Höhe ging.

Aber wie entsetzlich leer und hohl klang ihm auf einmal alles das, was ihm noch bis zu diesem Augenblick lebenatmend und gut erschienen war! Hatte er wirklich darauf stolz sein, sich davon einen Erfolg versprechen können? Welch ein Tor er doch gewesen war! Das hier konnte niemandem gefallen, so wenig wie es ihm selbst gefiel, ja er schämte sich und verbarg das Gesicht hinter der aufgestützten Hand. Jedes Wort von der Bühne herab verursachte ihm körperliche Pein, die wohlbekannten Stimmen der Schauspieler taten ihm in den Ohren weh, selbst Paul Herberts wunderbares Organ rieselte ihm wie ein Nervenschauer über den Rücken.

Wohin konnte er nur fliehen und sich verbergen!

Er sah auf Rose Marie und begriff nicht, daß sie noch immer so stolz und siegesbewußt an der Logenbrüstung saß. Leise und unhörbar bewegte sich ihr Fächer, und der Duft des Buketts aus Marschall Niel-Rosen, das vor ihr lag, drang bis zu ihm herüber und vermehrte noch seine physische Qual.

Er kam sich vor wie ein Gerichteter, wie ein Dieb, der einen kostbaren Schatz gestohlen zu haben meint und zu spät einsieht, daß ihm nur wertloses Metall geworden.

Martin Rohrs Idee, die er mit so vielen Gewissensskrupeln sich endlich zu eigen gemacht hatte, an die er geglaubt hatte, wie Cäsar an sein Glück – sie hatte ihn genarrt, – er brach mit ihr zu Boden! –

Der Vorhang rollte herab – der erste Akt war zu Ende!

Man klatschte im Parkett, man klatschte in den Logen, allein jener jubelnde, stürmische Beifall den die Beteiligten erwartet hatten, war es nicht. Kein einziges Zeichen des Mißfallens, sei es aus noch so verborgenem Winkel, aber es war als hätte sich die Temperatur merklich abgekühlt, trotz des eifrigen Lächelns der Damen und ihrer erhitzten Gesichter.

Die Pause war zu kurz um sich einige Bewegung im Foyer zu gestatten und Meinungen auszutauschen, das Publikum blieb überall auf den Plätzen, höchstens daß ein paar Kritiker flüchtige Bemerkungen machten.

Viktor Alten saß noch immer regungslos hinter Rose Maries Stuhl. Trocken in der Kehle und im Hirn, vermochte er keinen Laut von sich zu geben, und in dem hellen Licht sah er geradezu geisterhaft blaß aus.

Sie lehnte sich so zurück, daß sie mit dem wehenden Fächer seinen Arm traf und ihr Gesicht verdeckte, als sie es zu ihm wandte.

»Viktor!«

Wie innig, fast zärtlich fiel das einzige Wort von ihren Lippen, welch eine Welt von verborgenen Empfindungen lag in dem Blick, den sie auf ihn heftete.

»Ich kann nicht anders!« murmelte er tonlos. »Eine stückweise Marter!« –

Sie lächelte.

»Wenn ich Ihnen doch etwas von meiner Sicherheit abgeben könnte,« sagte sie voll Überzeugung.

»Sie sind gläubig, weil Sie mich trösten wollen.«

»Nein, nein!«

Sie sah ihn an, unentschlossen ob sie noch mehr hinzufügen sollte, Glockenzeichen machte ihrem Zaudern ein Ende.

Und nun kam Hertha. – – Fest drückte Viktor die Hand auf die Augen. In diesem Augenblick haßte er die ungekannte Debütantin, denn was die Zelina sicher vermocht hätte, das Publikum zu rühren – ihr würde es nicht gelingen, – und mit ihr fiel sein Stück – mit seinem Stück er selbst…

Da schlug eine Stimme an sein Ohr… – Als ob ihn ein Peitschenhieb getroffen, fuhr er vom Stuhl auf und stand kerzengrade in dem Halbdunkel der Loge, den Kopf emporgereckt, die Augen weit geöffnet, bar jedes Denkens, jeder Überlegung, ein Bild staunenden Entsetzens.

Niemand achtete auf ihn; keiner im ganzen Theater hatte für etwas anderes Interesse als für das schöne, lebenatmende Weib auf der Bühne.

Und das war Martha! –

Der Atem versagte ihm, er preßte den Hinterkopf fest an die Wand um nicht zu schwindeln; dann strömte alles Blut ihm zum Herzen zurück, er fuhr mit der Hand über die Augen als wollte er heller sehen, und trat dann einen Schritt vorwärts.

Wirklich Martha! – Nur schöner wie damals, eine voll erblühte Rose, mit dem ganzen Zauber bewußter Koketterie und Anmut ausgestattet, den die Bühnenlaufbahn mit sich bringt. Ihre Stimme hatte noch denselben metallischen Klang, ihr Haar noch denselben schimmernden Goldglanz, ihre Bewegungen noch dieselbe weiche Lässigkeit wie damals! –

Sein Auge aber hatte sich seitdem verändert, es war schönheitstrunken geworden! Was er früher an seiner jungen Frau kaum beachtet, viel weniger bewundert hatte, weil er es nicht verstand, jetzt überfiel es ihn wie eine Offenbarung der Schönheit und schlug ihn gegen seinen Willen in Fesseln.

Und wie sie sprach – wie sie spielte! – Das war auch eine Hertha, nicht diejenige seiner Träume, die ihm die Zelina verkörperte, sondern rasch pulsierendes, impulsives Leben, das die Sinne reizt und sich zum Herren des Mannes macht. Eine Hertha, die bezaubert, wenn sie auch nicht erhebt, die verführt durch die Macht ihrer Schönheit, ohne etwas anderes zu erstreben als eben nur diesen Sieg.

Ebenso fielen auch die Worte an sein Ohr, wie schwere, glatte Tropfen, ohne ihn zur Aufmerksamkeit zwingen zu können.

Martha! – Da stand sie vor ihm, der jugendliche Glückstraum, an den er nicht fest genug geglaubt, und den er selbst begonnen hatte zu zerstören als er ihm zur Qual geworden war.

Er begriff es in diesem Augenblick kaum. – Die letzten Jahre ihrer Ehe verwischten sich in seinem Gedächtnis, er sah wieder das heranblühende Mädchen in der ärmlichen Mansardenwohnung, das durch den unerwarteten Tod der Großmutter halbtot geängstigte Kind, das sich vertrauend und schutzsuchend in seine Arme schmiegte, an seinen Hals hängte, – ob er wohl noch ebenso ehrlich und rechtschaffen in seinem Herzen war wie damals? –

Und dann gedachte er der ersten glückseligen Zeit ihrer Ehe!

Was sie wohl bewogen haben mochte, in seinem Stück – gerade in seinem Stück aufzutreten? Sie mußte es ja längst wissen, daß der Autor ihr Gatte war; nur ihn hatte die Enthüllung fast zu Boden geworfen, weil sie so überraschend kam.

Bangte sie mit ihm? War sie stolz auf ihn? Wie dachte sie an ihn?

Das Gewissen erwachte doch und sagte ihm: du hast es nicht sonderlich verdient, daß sie deiner in Zuneigung gedenkt. Du hast sie unterdrückt in ihrer Eigenart und sie nicht neben, sondern unter dich gestellt. Ihr Talent – denn sie hat Talent – mußte sich ringend und kämpfend Bahn brechen, aufbäumend gegen den Zwang, den du ihr antatest. – Aber – inzwischen haben sich die Zeiten geändert. – Was sich einst kämpfend gegenüberstand, weil keines die Berechtigung des andern begreifen und anerkennen wollte, hat ein drittes entschieden – die öffentliche Meinung. – Ihr seid nicht mehr zwei miteinander Streitende, sondern zwei Feuer, die aufwärts flammen, jedes für sich und dennoch gemeinsam, weil es demselben Ziele gilt.

Sie ist dein Weib.

Da berührte Rose Maries Hand seinen Arm. Ihre sonst so kühlen, grauen Augen strahlten.

»Ist sie nicht schön, Alten? Sie muß ja gefangen nehmen! O, wie ich mich auf Ihre Überraschung gefreut habe! Ich kannte sie schon lange!«

»Ja! Sie ist schön!« sagte er wie aus einem Traum erwachend und starrte Rose Marie seltsam in das Gesicht.

Sie merkte es nicht, ihre Aufmerksamkeit war wieder bei dem Stück; aber er war ernüchtert – ganz plötzlich – ohne jeden Grund.

Er sah Rose Maries aschblondes, leicht gepudertes Haar in der vornehm einfachen Frisur, die sie immer trug, dicht vor sich, ihre schlanken Hände, die den Fächer bewegten und über denen die Armbänder leise klirrten. Es war ihm plötzlich, als gingen von ihnen haarfeine Ketten aus, die ihn mit ihr verbanden – aber trotzdem unlöslich wie Sklavenfesseln. – Er sah Martha auf der Bühne stehen, aufrecht jetzt – im Schmuck der Brillanten, von Seide umrauscht, und er fragte sich plötzlich: durch welchen Sumpf muß sie vielleicht gegangen sein, um das zu erreichen!

Er sah das Publikum – die hochinteressierten Mienen der Männer, die gespannten, lächelnden Gesichter der Frauen – und ein unaussprechlicher Widerwillen wandelte ihn plötzlich an, vor allem was um ihn herum war. Am liebsten hätte er die Loge verlassen, aber da sank der Vorhang, und ein unbeschreiblicher Beifallsjubel durchbrauste das Haus.

Ein Jubel, so stürmisch, so lang andauernd, so aufregend, daß Viktor Alten fühlte, seine Füße trugen ihn nicht mehr. Er setzte sich auf seinen Platz. Rose Marie drehte sich zu ihm.

»Mein Freund! Mein Freund!« sagte sie, und es klang wie ein Schluchzen.

Aber sie gab ihren Gefühlen nie lange nach, mit der andern Hand schon griff sie nach ihrem Bukett.

»Gehen Sie – bringen Sie das der Norden und danken Sie ihr!« sagte sie sich erhebend. »Sie hat es wahrhaftig verdient! Ein schöner Teil des Erfolges kommt auf ihre Rechnung.«

Sie ging mit Grete und ihrem Vetter in das Foyer hinaus, sie brannte ja darauf, all die bewundernden Lobsprüche zu hören, die man ihrem jungen Freunde – ihrem Dichter nun zollen würde; auch den Triumph über ihre Schwägerin Anna, die bis jetzt als lebendiges Fragezeichen sich hingepflanzt hatte, sobald auf Altens Drama die Rede gekommen war, wollte sie sich nicht versagen.

Kleinliche Eitelkeit für ihre Person hatte sie nie gekannt, für ihn aber war sie eitel.

Viktor blieb noch einen Augenblick in der Loge stehn und starrte wie abwesend in das sich leerende Parkett. Die Blumen in seiner Hand zitterten leicht. Da tauchte aus der Menge ein kahler, spitzer Kopf auf, mit unordentlichen grauen Haaren, charakteristisch in jedem Zuge, eine schiefe, haltlose, schlotterige Gestalt… Hugo Gregor – kein Zweifel!

Er sah nicht hinauf in jene Loge, die seit Minuten der Brennpunkt aller Blicke war, kein Zeichen des Erkennens lief über das gesenkte Gesicht; dicht an ihm vorüber schritt er dem Ausgange zu, und ein brennender Schmerz zuckte sekundenlang durch Altens Inneres. Vor ihm – dem vergessenen Freunde stand er nicht als Sieger, sondern als Verfemter! – Er wußte um seine Schuld, denn er kannte die Alkante.

Aus Marthas Garderobe, zu der ein Paar Stufen hinaufführten, drang Stimmengemurmel bis auf den schmalen Gang hinab, in dem er unschlüssig und zaudernd stand.

Durfte er unangemeldet da eintreten? Als Bote der Kommerzienrätin? Bei der Zelina hätte er sich keinen Augenblick besonnen – seinem Weibe gegenüber empfand er Zweifel. Wie würde sie ihn aufnehmen?

Seinem Überlegen machte eine Garderobenfrau ein Ende, die aus der Garderobe heraustrat. Durch den Spalt der sich öffnenden Tür sah er eine lichte Gestalt und mehrere Herren, die sie umdrängten. Ein Gefühl eifersüchtigen Unbehagens fiel ihn an.

»Das gnädige Fräulein nimmt keine fremden Besuche an,« sagte das Mädchen – und musterte den eleganten Herrn vom Kopf bis Fuß.

Altens Hochmut erwachte.

»Wer sagt Ihnen denn, daß ich ein Fremder bin? Hier, meine Karte und diese Blumen! Tragen Sie beides hinein, ich warte!«

Das Befehlen hatte er gelernt, seit den drei Jahren, wo er in Rose Maries Haus verkehrt hatte!

Ohne ein Wort der Erwiderung, gekränkt in ihrer Person und Stellung durch den hohen Ton des Herrn, nahm die Zofe beides und verschwand damit. Als sie wieder heraustrat, sah sie impertinenter aus wie vorher.

»Das gnädige Fräulein bedauert!«

Kein Wort weiter, kein Dank für die Blumen! Nichts! Gar nichts! Er biß sich auf die Lippen. Und dann diese Komödie mit dem »gnädigen Fräulein!« Sie! – Seine Frau! –

Geärgert schlenderte er zurück. Als er an einer Kulisse lehnend, auf die jetzt im Vergleich zum Vorderraum halbdunkle Bühne starrte, ging Gregor an ihm vorüber.

Er tat als sähe er ihn wieder nicht, obgleich er diesmal blind hätte sein müssen, so dicht streiften sie einander.

Im ersten Moment hatte Viktor das Gefühl als müsse er den Freund anrufen, ein Wort mit ihm austauschen – im nächsten preßte er die Lippen fest aufeinander. An ihm war es wahrhaftig nicht zu bitten, gute Worte zu geben, wenn man ihn absichtlich verleugnete! Er war gestiegen, – stieg noch immer – morgen würden Tausende nach der Ehre seiner Bekanntschaft geizen, – wer diese von sich abzuschütteln suchte, dem gönnte er sicher keinen Laut, keinen Blick!

Noch niemals hatte Rose Marie in so starkem Maße den Zauber empfunden, den die Anerkennung der Menge auszuüben vermag, als an diesem Abende. Mit vollen Zügen genoß sie den Triumph desjenigen, der ihrem Herzen, wie ihrem Geist gleich nahe stand.

»Ich war stets eine Prophetin seines Erfolges!« sagte sie, sich stolz aufrichtend, als Füßlein mit begeisterten Worten Altens Talent pries. »Und mein Urteil war niemals zu optimistisch.«

»Und doch sind dramatische Autoren Narren des Glücks!« entgegnete ihr Schwager nachdenklich. »Alten hat neben seinem Talent auch noch Glück – bodenloses Glück!«

»Ah bah! Bis zu einem gewissen Grade mag das dreist jeder von sich behaupten.«

»Es ist ein riesiger Erfolg,« behauptete Füßlein, sein schwarzes Schnurrbärtchen drehend. »Was unser Autor morgen und die nächsten Tage zu hören, zu lesen und zu sehen bekommen wird, darum könnte ihn ein Gott beneiden! – Aber auch dieses Weib!« –

Ja, von ihr sprachen sie ebensoviel wie von ihm! Beider Name schwirrte durch die jetzt überheißen Gänge, das gefüllte Foyer, beider Name fiel im Verein von all den alten und jungen, zynischen und begeisterten Lippen. –

Das Zeichen zum dritten Akt erscholl und machte jedem weiteren Gespräch ein Ende. Als Rose Marie ihre Loge betrat, saß Viktor bereits wieder auf seinem Platz. Im Vorübergehen streifte sie leicht seine Schulter.

»Der Sieg ist unser!« flüsterte sie ihm freudig erregt zu.

Der dritte Akt war der Glanzpunkt des Stückes. Ausgezeichnet im dramatischen Aufbau, fesselnd und spannend vom ersten bis zum letzten Wort. Atemlos lauschend saß das Publikum da, besonders die Liebesszene zwischen Hertha und Rudolf hielt alle Hörer im Bann.

Graf Gilsach war sehr blaß, und in seinen Augen lag ein Ausdruck von Qual, der mit jedem Wort zunahm, das der Held des Stückes an die Heldin richtete. Es war nicht Eifersucht, die plötzlich in ihm aufloderte als er den Gegenstand seiner heißen Wünsche in den Armen eines andern, dem ganzen Publikum zur Schau gestellt, erblickte, dazu hatte er ja kein Recht. Aber ein Gefühl kam über ihn, als würde das Weib, das er liebte, entwürdigt durch diesen Strom leidenschaftlicher Worte, der über sie dahin flutete, entwürdigt durch die sie so fest umschlingenden Arme des Mannes, daß niemand wußte, wo das Spiel aufhörte und die Wirklichkeit begann.

Den Kopf in die Hand gestützt, ganz wie im Anfang, saß Viktor regungslos und hörte zu. Dasselbe widrige Empfinden des Grafen, quälte auch ihn.

Endlich! – Der Vorhang rauschte herab. – Ein orkanartiger Beifall erschütterte das Haus. Immer wieder und wieder tobte, klatschte, lärmte das Publikum. Nirgends ein Zeichen des Mißfallens. Immer wieder mußte sich der Vorhang heben, verlangte man nach den Darstellern und dem Dichter.

»Gehen Sie, Viktor!« sagte Rose Marie, und die Hand, die sie auf seinen Arm legte, zitterte leicht, die klaren Augen schimmerten feucht. »Ich will Sie da stehen sehen, den Lorbeer zu Ihren Füßen.«

Er ging. – Es war ihm doch wie ein Traum. Eine trunkene Siegesfreude hatte sich seiner bemächtigt.

Auf der sich wieder enthüllenden Bühne, die er jetzt betrat, standen Paul Herbert und Martha. Beide siegestrunken, tief atmend, berauscht von dem Applaus der ihnen geworden. Ihm, dem bekannten Schauspieler, war das ja nichts neues, aber es gehörte für ihn mit zum Leben. Sie dagegen empfand zum erstenmal, daß die Schwingen, die sie vertrauensselig ausgebreitet hatte, stark genug waren, um sie durch das Leben zu tragen. Alles, was sie nur jemals für sich erhofft und erträumt – es war da – sie hielt es fest in Händen.

Mit glänzenden Augen sah sie in das Publikum hinein, diese tausendköpfige Menge, die ihr zujubelte, weil sie ihr gefallen hatte. Blumenkörbe bauten sich zu ihren Fußen auf, immer höher und höher – und unter all diesen stark duftenden, leuchtenden Blumen sah sie eine weiße, schmale Männerhand, die sich ihr entgegenstreckte, um dadurch zu versinnbildlichen, daß Autor und Interpreten eins seien in ihrem Streben und in dem Errungenen.

Aber sie nahm die Hand nicht! – Was kümmerte es sie, daß sie den Autor damit beleidigte, dem Herkömmlichen zuwider handelte! Sie ließ die Hand in die Falten des Kleides herabsinken, ohne den neben ihr Stehenden zu beachten.

Über Viktors Gesicht zuckte es zornig. Sie wollte also Kampf – wie damals. Sie sollte ihn haben – wie damals. Wie hatte er auch Großherzigkeit in ihrem Charakter voraussetzen können!

Endlich fiel der Vorhang zum letztenmal. Die Lichter verloschen, das Haus leerte sich.

»Kommen Sie mit mir,« sagte Paul Herbert zu Alten, ihn in sein Ankleidezimmer führend, »und warten Sie einen Augenblick, bis ich abgeschminkt bin. Da mir Ihre liebenswürdige Fürsorge Gesellschaftstoilette zuschrieb, spare ich das Umkleiden. Wir können dann zusammen zur Kommerzienrätin fahren.«

Viktor strich sich über die heiße Stirn, er hatte plötzlich das Gefühl, als müsse er in dieser erhitzten, nach Schminke und Parfüm riechenden Luft ersticken.

»Nehmen Sie es mir nicht übel – ich muß an die Luft,« stieß er hastig hervor.

»Ach der Lorbeergeruch ist Ihnen zu Kopfe gestiegen, glücklicher Sterblicher!« sagte Herbert. »Ich begreife! Mit der Zeit wird man es freilich so gewohnt, daß nur der Mangel daran unangenehm auffällt. Aber was sagen Sie zu diesem Erfolg! Seit Jahrzehnten nicht dagewesen! – Und außerdem die Norden! – ist sie nicht wundervoll?«

»Ja!« sagte er gepreßt.

»Mann Gottes, Sie sind wirklich etwas wirr im Kopf, ich sehe es Ihnen an. Machen Sie nur, daß Sie an die Luft kommen. Auf Wiedersehen nachher!«

Wie Viktor auf die Straße kam, wußte er kaum, die Reaktion nach der gewaltigen Aufregung machte sich nun doch geltend. Jeder Nerv an ihm zuckte, die Schläfen schmerzten ihn, er bestieg einen offenen Wagen und fuhr in die Nacht hinein. Ruhe und Dunkelheit taten ihm not, nach ihnen sehnte er sich jetzt.

In ihrer Garderobe lag Martha auf der Chaiselongue, abgespannt und doch mit hämmernden Pulsen. Sie wollte sich nur einige Minuten ausruhen, ehe sie aufs neue Toilette machte, um ihren Triumphzug weiter fortzusetzen, die Ermüdung dauerte nicht lange, ihre kräftige Natur besiegte dergleichen bald. Vor ihr stand Gregor.

»Ich freue mich, daß Sie mit mir zufrieden gewesen sind,« sagte sie und blinzelte ihn von der Seite an.

»Sie haben gegeben, was Sie konnten, Martha, darüber hinaus reicht Ihre Kraft nicht.«

»Glauben Sie nur, daß ich mir nichts mehr wünsche als alle Tage so wie heut.« Sie gähnte ein wenig. »Das Publikum war begeistert – mehr verlange ich nicht.«

»Sie sind wie das Kind, Martha, das einen blitzenden Kiesel gefunden hat und ihn nun ebenso wert und schätzbar hält wie einen Diamanten.«

Sie warf mit der Puderquaste nach ihm, ohne ihn zu treffen.

Er drehte sich um, ihren Wunsch erfüllend. Da lief sie ihm nach und faßte seinen Arm.

»Er hat sich sehr verändert, nicht wahr?« flüsterte sie ihm zu.

»Gott sei Dank ja! Von meinem jungen Freunde ist nichts mehr übrig geblieben.«

»Er ist hübsch geworden, finden Sie nicht?«

Mit schnellem, schrägem Ausblick streifte er ihr schönes, lebhaftes Gesicht, aber sie schob ihn zur Tür hinaus.

Und dann fuhr sie mit beiden Händen in die lockigen blonden Haare, bog den Kopf in den Nacken und atmete tief auf. Sie wollte schön sein heute abend, so schön wie es nur irgend in ihre Macht gegeben war.

XVI.

Aufgeregt ging Rose Marie durch die erleuchteten, sich allmählich mit Gästen füllenden Räume ihrer Wohnung.

All ihr Denken, die feinsten Fasern ihres Empfindens konzentrierten sich in diesem Augenblick in atemlosem Warten auf ihn, dem sie so viel – so unendlich viel sagen wollte! – Seit er die Bühne betreten, hatte sie ihn nicht wieder gesehen. Aber wie er dastand, schlank, hochaufgerichtet, mit dem farblosen Gesicht und den wunderbaren Dichteraugen, da wußte sie, so würde sie ihn in ihrem ganzen Leben nicht wieder vergessen.

Die Menschen um sie herum brachten sie zur Verzweiflung; es war als hätten sich alle das Wort gegeben sie zu peinigen und in Anspruch zu nehmen. Nicht einen Augenblick hatte sie sich selbst gehört, seitdem der Erfolg des Stückes entschieden war.

Schon in der Garderobe hatten die Eingeladenen sie mit ihren Glückwünschen umdrängt, und da Viktors Platz in ihrem Wagen freiblieb, – denn so lange sie auch absichtlich gezögert, das Theater zu verlassen, er kam nicht – wurde auch dieser von Füßlein okkupiert; ein freies, erholendes Wort mit Grete zu wechseln war ihr dadurch auch verwehrt.

Füßlein, der die Theaterkritiken der Zeitung selbst schrieb, hatte Eile in seine Redaktion zu kommen, damit der staunenden Welt am nächsten Morgen schon das große literarische Ereignis des Abends bekannt wurde; denn je eher dort seine Arbeit erledigt war, desto größere Aussicht hatte er, bei der vorzüglichen Küche der Kommerzienrätin nicht allzu kurz zu kommen. Dennoch war er pflichttreu genug das nicht als Maßstab an seine Begeisterung zu legen, und Rose Marie hatte hinreichend Grund, mit dem was sie im Wagen zu hören bekam, zufrieden zu sein.

Vor der Redaktion angekommen, sprang Füßlein eilig aus dem Wagen – Rose Marie hatte diesen kleinen Umweg nicht gescheut – und nun, nachdem der beredte Mund verstummt war, schwiegen die übrigen so hartnäckig, mit solchem Behagen, daß sie auffuhren, als der Wagen vor der Villa hielt.

Rose Maries erster Blick, erste Frage galt Alten. Noch war er nicht da.

Sie begriff, daß Herbert ihn zurückhielt, daß er der Norden seinen Dank aussprach, daß man ihn festhielt, wo es nur anging, aber das Begreifen schloß den Schmerz nicht aus, daß er ihr nun nicht mehr das sein würde, was er bisher gewesen. Ihr Stück – das Band, das sie gemeinsam gehalten, war nicht mehr ihr ausschließliches Eigentum. Der Öffentlichkeit hatten sie es abgetreten, und die Öffentlichkeit stellte nun auch ihre Anforderungen an den Schöpfer. Er konnte sich dem nicht entziehen – er durfte es nicht – und sie mußte sich darein finden.

Aber schwer wurde es ihr schon in der ersten Stunde.

Eine namenlose Unruhe quälte sie und trieb sie rastlos von Gruppe zu Gruppe, in den Speisesaal, in den Wintergarten – – da entdeckte sie ihn. Hinter einer Gruppe großblättriger Juccapflanzen, saß er still und in sich versunken da. Fast hätte sie aufgeschrien vor Freude.

Alten hob den Kopf und sah sie an.

Alles was sie ihm hatte sagen wollen, verschwand in diesem Augenblick aus ihrem Gedächtnis. Alles! – Sie hatte nur noch das Empfinden eines grenzenlosen Glückes in seiner Nähe. – Sie, die niemals ein Gefühl mehr wie oberflächlich hatte Herr über sich werden lassen, so lange sie noch jung war, fand keine Kraft in sich, diesmal zu widerstehen. Stumm – wortlos – totenbleich sah sie in sein Gesicht. Dann sagte sie leise:

»Die Menschen sind viel zu kleinlich, um einen Begriff von dem zu haben, was heute in unserer Seele vorgegangen ist, Viktor, nicht wahr?«

»Ich danke Ihnen tausendmal für Ihre Teilnahme, Rose,« sagte er bewegt und drückte ihre Hand an seinen Mund.

Es klang trotzdem kühler als sie erwartet hatte. Teilnahme! Liebe sollte er sagen und damit zugleich beweisen, daß er dasselbe empfand wie sie. – Teilnahme! Die hatten alle für ihn.

Der rosige Schimmer auf ihren Wangen erlosch, sanft, aber unwiderstehlich zog sie ihre Hand aus seinen Händen, die sie fest umschlossen hielten. Das Lächeln, das sie auf ihren Lippen festhielt, hatte den Glanz verloren.

»Ich werde Sie jetzt mit aller Welt teilen müssen,« sagte sie resigniert und schob an den juwelenbesetzten Armreifen hin und her. »Das könnte mich fast traurig machen, wenn es nicht für Sie so durchaus nötig wäre. Sie wissen, die Menge hat die Macht! Aber nicht wahr, Viktor, zuweilen teilen Sie noch Ihre Seele mit mir, damit sich die meine nicht so ganz vereinsamt fühlt.«

»O Rose! immer! immer!« rief er warm. »Glauben Sie, ich wäre ein Undankbarer, daß ich je vergessen könnte, was Sie für mich getan?«

Sie schüttelte heftig den Kopf.

»Nur keine Dankbarkeitsschuld!« sagte sie abwehrend.

Na trat Grete in den Wintergarten und sah sich suchend um.

»Rose Marie!« rief sie.

Die Kommerzienrätin bog die breiten Blätter etwas auseinander.

»Hier bin ich, Kind.«

»Fräulein von Norden und der Direktor sind eben angekommen.«

»Gleich! Gleich!«

»Ich hoffe, das habe ich gut gemacht, Alten. Sie müssen der Norden doch Ihre Anerkennung aussprechen und gleichzeitig von Ihrer Voreingenommenheit gegen sie geheilt werden. Ich setze voraus, daß Sie sehr liebenswürdig sein werden!«

Sie ergriff Gretes Arm und ging in die Gesellschaftsräume zurück, ohne Viktor zu ihrer Begleitung aufzufordern. Es war ja nicht nötig, daß man sie zusammen vermißt hatte.

Im zweiten Zimmer blieb sie stehen und warf einen forschenden Blick in ihrer Nichte Gesicht.

»Du siehst gar nicht gut aus, Grete!« sagte sie mißbilligend. »Blaß, elend und unvorteilhaft. Ehe wir zum Souper gehen, lege ein wenig Rot auf, hörst du?«

Grete hob die dunklen Augen und sah die Sprecherin ernsthaft an.

»Wozu?« fragte sie.

»Weil wir Frauen die Pflicht haben, stets so gut als möglich auszusehen.«

»Nu vielleicht, Rose, für mich erkenne ich diese Pflicht nicht an.«

Die Kommerzienrätin fuhr mit der Hand an die Ohren.

»Gut, gut! Wie du willst,« sagte sie übellaunig. »Wundere dich dann aber auch nicht, wenn sich niemand für dich interessiert.«

»Du weißt wie gleichgültig mir das ist.«

»In Gottesnamen!« sagte sie die Achseln zuckend. »Auf diesem Gebiet werden wir uns ja niemals verstehen, Grete.«

Und sie ließ ihre Nichte los und trat schön und strahlend in den Kreis, der sich um die Neuangekommenen gebildet hatte.

Noch immer saß Viktor einsam im Wintergarten und hätte diesen Platz am liebsten gar nicht verlassen.

Aus der sich nach rechts ausdehnenden Zimmerflucht drang dumpfes Stimmengemurmel; obgleich die Türen geöffnet waren, mußten doch die Nebenzimmer leer sein. Natürlich, alles drängte sich um die neuen Gäste, um Martha! Daß Rose Marie ihm das angetan hatte!

Freilich, sie hatte ja keine Ahnung von den Beziehungen zwischen ihnen beiden; aber wenn sie es gewußt hätte!…

Das monotone Wasserrauschen, die feuchte warme Luft des Wintergartens waren auch nicht geeignet, sein Blut zu beruhigen, und so begab er sich zu der Gesellschaft zurück.

Rose Marie und Martha standen nebeneinander. Erstere groß, schlank, in ihr weißes Kleid wie in einen Schleier gehüllt, fast ohne Schmuck und dennoch einer Königin ähnlich. Martha, um mindestens einen halben Kopf kleiner, üppig, mit einem mutwilligen Triumphlächeln auf dem großäugigen, rosigen Gesichtchen, auffallend gekleidet, umfunkelt von den schimmernden Strahlen ihrer Brillanten, aber unsäglich reizend in ihrer Schönheit und Anmut.

Viktor Alten kam langsam näher, die Augen auf sie gerichtet. Wie jung sie noch war. Wie glatt und sammetweich ihre Haut!

Herbert winkte ihm von ferne schon grüßend mit der Hand. Rose Marie wandte sich um, alle sahen sie ihm entgegen, auch Martha.

»Ich freue mich, Sie miteinander bekannt machen zu können,« sagte Rose Marie, ihn zu Martha führend. »Ein großer Dichter und seine große Schauspielerin! – Was könnte sich wohl mit mehr Sympathie begegnen. Einer hat den andern bewundern gelernt, schon vor der ersten Bekanntschaft.«

Alten verbeugte sich tief. Einen Augenblick versagte ihm Stimme und Atem. »In der Tat, mein Fräulein, die Rolle, in der ich Sie hier auftreten sah, hat mich aufs äußerste überrascht; ich mache Ihnen mein Kompliment,« sagte er, sich gewaltsam beherrschend.

Ihre Augen streiften ihn, ein etwas spöttisches Lächeln umzuckte ihren Mund.

»Sie hielten mich wohl nicht für begabt genug dazu.«

»Nein,« sagte er kurz, fast unhöflich.

»Desto größeren Wert lege ich auf Ihre endliche Anerkennung.« Sie lachte ihm jetzt geradezu in das Gesicht, und sein Groll stieg gewaltig unter der ungenierten, fast herausfordernden Manier, in der sie ihn behandelte.

»Jeder Erfolg hat sein Recht.«

Eine feine Falte furchte seine Stirn, dies banale Gespräch mit den versteckten Stacheln, das er hier vor den anderen führen mußte, brachte ihn fast außer sich.

»Man darf ihn wenigstens nicht ungestraft angreifen!«

Jetzt lag es wie feindselige Drohung in dem großäugigen Gesicht; o, wie genau er doch den Ausdruck kannte! Sie fürchtete ihn also, sie wußte, daß er noch Macht über sie besaß, die er geltend machen konnte nach Belieben. Ihn stehen lassend, hatte sie sich dem Grafen Gilsach zugewandt, dessen Augen unverwandt an ihr hingen, aber ihre herausfordernde Gleichgültigkeit hatte er wenigstens für den Moment erschüttert, und das freute ihn.

Paul Herbert legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ich höre natürlich kein Wort von Ihnen! – Wo Mann und Weib um die Palme ringen, schlägt das schwächere Geschlecht uns selbstverständlich meilenweit, und man kann noch nicht einmal so unhöflich sein, sich darüber zu ärgern.« Viktor sah ihn erstaunt an, er hatte also von der ganzen Sachlage keine Ahnung und einen Augenblick hatte Viktor nicht übel Lust loszulachen, dann besann er sich jedoch eines anderen. Er senkte die Stimme etwas.

»Bester Herbert, wie können Sie nur dergleichen äußern! Macht es Ihnen Scherz, sich selbst herabzusetzen? Ihr Spiel war unübertrefflich,! Kein Wunder, daß Sie die Norden mit emporrissen.«

Er sah sich nicht um, aber er setzte voraus, daß es Martha mit ihren scharfen Ohren gehört hatte, um so wenigstens einen Wermutstropfen in dem ihr kredenzten Freudenbecher zu finden. Das gönnte er ihr, das wollte er gerade, denn ihre kokette, etwas laute Art, in der sie mit dem Grafen scherzte, ließ ihn selbst ein Gefühl von Haß empfinden. –

Die Flügeltüren in den Speisesaal hatten sich indes geöffnet, man ging paarweise zum Souper. Alten reichte Rose Marie seinen Arm, es war zwischen ihnen ausgemacht, daß sie Sieg oder Niederlage gemeinsam tragen wollten. Kaum ging sie neben ihm, als sie den Kopf etwas senkend, halblaut fragte:

»Was war das, Viktor?«

Er stellte sich als verstände er nicht.

»Wovon sprechen Sie, Rose?«

»Hatten Sie etwas mit der Norden? Ihr Benehmen gegeneinander war mindestens – sonderbar.«

»Seien Sie nur ehrlich, Rose – unhöflich! Ja – mich reizen diese Weiber, die nur dazustehen scheinen, um mit einer gewissen Geste jedem anzudeuten: Auf die Knie mit dir und huldige mir. – Sie glauben, durch ihre Koketterie und Unverschämtheit sich einen bevorzugten Platz ertrotzen zu können, ohne irgend welches Recht, und ich hasse die Schwachheit der Männer, die sich dann willenlos beugt.«

Frappiert sah ihm Rose Marie in das zornige Gesicht.

»Sie sind sehr hart, Alten, und sehr ungerecht!«

»Sie sprächen anders, träte irgend ein Konflikt dieser Art an Sie heran.«

»Vielleicht doch nicht. Mein Vetter interessiert sich sehr für die kleine Norden. Schön genug ist sie.«

»Sie meinen?«

Er war blaß geworden. Ein scheuer Blick streifte das Paar.

»Ich meine gar nichts, lieber Freund.«

»Eine Liaison, wie sie Damen vom Theater lieben.«

»Damit hatte er kein Glück, sie ist unnahbar.«

Viktor Alten lachte häßlich auf.

»Eine Protegée von Herbert?«

Geärgert runzelte sie die Stirn. »So seid ihr alle,« sagte sie ablehnend. »Immer verurteilen – niemals abwägen. Unterschiede gibt es nicht. – Eine wie die andere – aber keine besser! – Es lohnt nicht, euch den Wert einer Frau vor Augen zu führen, sie ist ja doch schließlich auch nur eine aus der Masse.« »Rose Marie!« flüsterte er stürmisch und drückte ihren Arm. »Seien Sie nicht so häßlich! Es gibt Frauen, die ich hochstelle, aber freilich auch andere – zum Beispiel diese Schauspielerin, die nur die Sinne reizt – nichts weiter!«

»Die Sinne! – Euer Alpha und Omega!« sagte sie versöhnt. »Ich glaubte Ihnen mit der Gegenwart der Norden eine Freude zu machen.« –

Martha saß an seiner anderen Seite, Graf Gilsach war ihr Tischnachbar. Viktor konnte es nicht verhindern, daß ab und zu eine Falte ihres Kleides ihn streifte, daß der weiße Arm, wenn er sich nach dem Glase ausstreckte, dicht an ihm vorüber griff und sich fast aufdringlich seinen Blicken – bis zur Schulter entblößt – preisgab. Trotz des Tohuwabohus ringsum, hörte er doch manches Bruchstück ihrer Unterhaltung, und obgleich er sich anfänglich dagegen sträubte, horchte er schließlich mit einem bis zur Qual geschärften Ohr darauf hin.

Die Unterhaltung an der Tafel wurde überaus lebhaft. Aber Rose Marie hatte heute abend kein Auge dafür. Man überflutete sie mit Huldigungen, Glückwünschen, für sich und Viktor, und mit dem Vergnügen, das eine aufregende, unbekannte Sache für den Beteiligten mit sich bringt, nahm sie alles entgegen. Von Stunde zu Stunde wuchs der Mann an ihrer Seite höher in ihren Augen, und selbst sein abgespanntes Schweigen, seine Blässe, legte sie ihm jetzt als sein Recht aus.

Graf Gilsach stützte den Arm auf Marthas Stuhllehne, er berührte sie fast, aber um keine Linie wich der üppige Frauenkörper zur Seite.

Und was Viktor unter heimlichem Zähneknirschen nicht merkte, das begriff der feinfühlige Aristokrat sofort, nämlich die Kälte, die diese verführerische Gestalt barg; nicht erzwungen oder gemacht aus äußerlichen Erwägungen, sondern hervorgegangen aus ihrem tiefinnersten Denken und Fühlen. Der feuchte Glanz ihrer Augen war nur ein scheinbares Feuer, das Lachen der roten Lippen barg nichts in sich – nichts!

Vielleicht war es gerade diese innere Kälte, die den Aristokraten zu ihren Füßen bannte. Er fand darin ein Erbteil ihres Blutes, eine Gewähr für die Zukunft. –

Wieder spannte Viktor sein Ohr aufs äußerste an, denn die Beiden neben ihm sprachen leiser wie vorher, und des Grafen Stimme klang erregt.

»Ich kann es nicht ertragen, Martha! – Ich kann es nicht!« sagte er.

»Aber das ist kindisch, Graf Ruprecht.«

»Kindisch? – Ich, der nicht wagt Ihre Hand zu berühren ohne Ihren Willen, muß mit ansehen wie dieser frivole Mensch, dieser Schauspieler, Sie in seine Arme reißt, muß hören, wie Sie die größten Zärtlichkeiten an ihn verschwenden, muß denken, daß hinter all dem Gemachten ein Funken echter Leidenschaft verborgen liegen könnte…«

Sie lachte leise; er sah sie fast traurig an.

»Sie verstehen mich nicht, Martha.«

»Doch! Doch! Aber was kann ich dafür! Zürnen Sie dem Dichter, der mich das alles sagen läßt.«

»Und Sie fühlen nichts dabei? Gar nichts?«

»Gar nichts! Ich hatte nur Mühe meine Frisur vor seinen ungestümen Griffen zu retten.«

Er sah einen Augenblick stumm auf ihr liebliches Profil.

»Und doch übersteigt es meine Kraft. – Denn – Sie wissen es ja doch, Martha, ich liebe Sie.«

Gleichmütig zuckte sie die Achseln.

»Liebe!«

»Zweifeln Sie daran?«

»Nein. Mir fällt nur ein Wort meines alten Freundes ein: Amor steht mit den Füßen im Schmutz, nur die Stirn berührt den Himmel. Die Stirn sah ich noch niemals; aber die Füße sind mir nicht verborgen geblieben.«

Er wurde sehr blaß.

»Sie sind grausam, Martha,« sagte er stockend. »Ich beabsichtige nicht, Ihnen einen Blick auf Amors Füße zu eröffnen.«

»Aber ebensowenig auf sein Haupt. – Nun Graf Ruprecht, stoßen wir an auf gute Freundschaft und fernere gute Erfolge für mich.«

»Das tu ich nicht.« Er setzte sein Glas, das er schon in Händen hielt, so gewaltsam auf den Tisch zurück, daß es klirrte. »Mögen Sie in den Augen anderer dadurch gewinnen, in den meinen nicht.«

Sie lehnte wieder in ihrem Stuhl und überflog mit glänzenden Blicken die bunte Gesellschaft rings umher, alles interessierte sie, auf alles achtete sie, nur Viktor Alten hätte ihretwegen auf dem Monde sein können.

Sie sah Füßleins durchgeistigtes, bewegliches Gesicht jenseits der Tafel, und der gefürchtete Kritiker hob das Glas und trank ihr zu. Auch nicht einer unter der stattlichen Reihe der Männer, dem ein Lächeln von ihr nicht als besondere Huld gedünkt hätte, und Graf Gilsach machte ihr diesen Erfolg zum Vorwurf.

Warum denn? Sie sah ihren Nachbar verstohlen von der Seite an, als hätte sie ihn noch nie gesehen, und doch kannten sie sich schon von K. her, wo er zeitweilig am Hofe Kammerherrendienste tat. Wie ein Blitz zuckte ihr plötzlich durch den Kopf, daß seine Eroberung sich eigentlich lohne, wenn auch nur für ihre Eitelkeit. Man mußte sie darum beneiden, man würde darüber sprechen… Bisher hatte sie nur an ihre Kunst gedacht, ihr Ehrgeiz war der Erfolg gewesen; warum nun jetzt, wo sie dies alles erreicht, nicht noch nebenher ein anderes kleines, erstrebenswertes Interesse?

Füßlein unterbrach ihre Gedanken – er hatte sich erhoben und an sein Glas geschlagen, tiefe, aufmerksame Stille trat ein.

»Meine Damen und Herren,« begann der weltgewandte Mann, »gönnen Sie mir ein Wort zu Ehren unseres Dichters. Gehöre ich auch nur zu den Berufenen, nicht zu den Auserwählten, die mit ihm die gleiche Straße ziehen, so habe ich doch das Recht der Kritik für mich, und nie ist es mir so süß gewesen, dies Recht voll und ganz für mich in Anspruch zu nehmen.«

» – – – Aber nicht ihm allein gelten meine warmen Worte der Anerkennung, denn was begeistert den Dichter, zieht ihn empor, entsündigt ihn von allen menschlichen Fehlern und Schwächen? Es ist seine Muse, die ihm mehr bietet, als wir anderen armen Sterblichen ahnen und begreifen können. Unseres Dichters Muse aber ist unsere verehrte Gastgeberin, und wo sein Name genannt wird, darf der ihrige nicht fehlen. Die Begeisterung, die Arbeit, der Sieg, kurz, alles war ihnen gemeinsam…« hier machte der Sprecher eine kleine Kunstpause – »möge ihnen auch das Kommende gemeinsam sein! Auf ewig ungeteilt lebe der Dichter und seine Muse hoch!«

Ein brausender Jubel erhob sich. Keiner im Saal hatte die deutliche Anspielung mißverstanden. »Der Dichter und seine Muse!« flüsterte es lachend, kichernd, spöttisch und verächtlich hinter den Fächern; die Männer machten halblaute Bemerkungen zueinander, während sie anstießen, und um Rose Marie und Viktor drängte sich ein Knäuel von Menschen, neugierige und forschende Blicke flogen von einem zum andern.

Die Kommerzienrätin sah weder verlegen noch geärgert aus. Ebenso wie alle hatte auch sie den durchsichtigen Inhalt des Toastes begriffen; begriffen, daß Schwager und Schwägerin die eigentlichen Urheber davon waren, aber sie zürnte ihnen deshalb nicht.

Die kleinliche Philistermoral, die ihr in ihrem ganzen Leben so weltentfernt gelegen hatte, daß sie stets vergaß sie in ihre Berechnung zu ziehen, hatte auch in diesem Augenblick kein Anrecht an sie. Sie bedachte nicht, daß den guten Leuten durch den Dichter und seine Muse manch Ärgernis gegeben war, das eine engere Verbindung zwischen ihnen erst beseitigen würde, sie wußte sich ja rein von jedem Tadel; aber es war ihr ein süßes Empfinden, sich ganz eng mit ihm verknüpft zu denken, untrennbar durch Zeit oder Ereignisse, mit ihm schaffend, seine Siege zu teilen, ihm den Weg auch seiner eben erhaltend mit ihren reichen Mitteln – als seine Frau! – Der Altersunterschied, wenn sie in diesem Augenblick an ihn dachte, erschreckte sie nicht, noch war sie begehrenswert, noch fühlte sie sich jung. – Ihre Augen suchten die seinen, empfand er dasselbe?

Ihr halb den Rücken zukehrend, stand er vor der Norden, seine Hand mit dem Weinglase zitterte leise. Die Schauspielerin sah zu ihm auf, mit einem eigentümlichen spöttischen Ausdruck in dem schönen Gesicht, so wunderlich vertraulich und gleichzeitig herausfordernd boshaft. Ihre Lippen bewegten sich, Rose Marie verstand nicht, was sie sagte. Nur wenige Worte konnten es sein, aber sie sah, daß Alten sein Glas fortstellte, ohne mit ihr angestoßen zu haben. Und wie er aussah! Blaß, finster und kaum Herr einer ihr unbekannten Erregung.

Als sie ihn so sah, empfand sie plötzlich, im Herzen einen Schmerz. Was hatte er ihr zu verheimlichen? Hing es etwa mit der Norden zusammen? Sie war nicht gewohnt, mit kleinlichem Maßstäbe die Menschen zu messen, die ihr nahe standen; aber hier kam ein Gefühl dazu, das sie noch nie empfunden, dessen sie sich schämte, ohne es dadurch los zu werden: Eifersucht.

Es freute sie, daß Herbert zwischen ihn und die Norden trat, – wenn sie gehört hätte was er sagte, wäre sie vielleicht geärgert gewesen.

»Ich konstatiere mit Genugtuung,« sagte der große Mime mit seinem zynischen Lächeln, »daß Sie nicht allein auf dem Pegasus festen Sitz haben, sondern daß auch das rollende Glücksrad Ihnen nicht unter den Füßen davongelaufen ist. Gratuliere! Gratuliere!«

»Lassen Sie doch die Witze!« rief Viktor gereizt. »Sie und alle Welt haben Füßleins Toast mißverstanden.«

Er wandte sich an den Redakteur, der lächelnd auf ihn zukam.

»Ihre glückliche Zukunft, Alten!«

»Sie hätten sich auch etwas weniger anzüglich ausdrücken können,« begann dieser gepreßt. »In welche peinliche Situation haben Sie die Rätin und mich gebracht!«

»Sapienti sat!« Er kniff schmunzelnd ein Auge zu, nickte und wandte sich dann an die Norden.

»Kollegin! Kollegin!« sagte Herbert, und berührte mit seiner heißen, handschuhlosen Hand Marthas nackte Schulter. »So viel Nebenbuhler wie heut abend leide ich für die Zukunft nicht.«

Sie wich zur Seite, lächelte aber. Es war ja der Direktor des dramatischen Theaters, der sie so vertraulich behandelte; es fiel ihr nicht ein, ihm ebenso abweisend zu begegnen wie einem andern.

Beim Niedersitzen erst trafen sich Viktors und Rose Maries Blicke, scheu wichen sie sofort einander wieder aus. Bei ihr war es ein gewisses zurückhaltendes, fast bräutliches Schamgefühl, er dagegen…

Füßleins Toast hatte den Schleier fortgezogen, der ihm bisher mitleidig die Augen verhüllt hatte. Was erwartete man von ihm? Daß er die Kommerzienrätin heiratete? Alberne Voraussetzung! Als ob es keine Freundschaft zwischen Mann und Weib geben könne, ohne diesen abgeschmackten Hintergrund! Wußten denn die Leute nicht, daß sie älter war als er? Daß ein Künstler frei bleiben müsse, um sich nicht selbst zu entwerten? Ihr Alter! In diesem Augenblick dachte er zuerst daran; bis vor kurzem wäre es ihm nicht einmal erwähnenswert gewesen, – erst jetzt, seitdem er seine junge Frau wiedergesehen hatte. – Wie boshaft Marthas Augen gefunkelt hatten, als sie ihn nach dem Toast angeblickt hatte! Aber was ging ihn Martha an! Auf sie hatte er keine Rücksicht zu nehmen, eine Ehescheidung nach so langer Trennung war doch natürlich. – Sie würde lustig weiter fortschwimmen in dem Element, das ihr Leben war, und das sie sich – trotz seiner – erobert hatte! – Er würde Rose Maries Gatte werden. –

Eine häßliche Ernüchterung überfiel ihn plötzlich bei dem Gedanken. – Er stellte sie zu hoch, um sie herabzuziehen in den Kreis der kleinlichen Pflichten einer Gattin, dachte er. – Aber sie – was empfand sie?

Ungeduldig trat er unterm Tisch mit dem Fuß auf. Nahm denn diese schwirrende, lärmende Sitzung heut abend kein Ende? –

Endlich erhob man sich, Viktor flüchtete sofort in Rose Maries Boudoir, aber die Flut der Gäste ergoß sich hinter ihm her.

»Ich wollte wirklich drei Kreuze machen,« sagte Schwägerin Anna zu einer Bekannten, »wenn der junge Mann endlich Ernst machte, und das Ärgernis aus der Welt geschafft würde! Seelenfreundschaft! – Das kennt man ja! – Warum heiraten sie nicht und stopfen den Leuten den Mund. Rose Marie ist ja reich genug um sich einen viel jüngeren Mann zu leisten. Dies Verhältnis ist denn doch mehr als anstößig, und wenn ich den Skandal – –« sie verstummte jäh, Viktor ging an ihr, vorüber. Er mußte nichts gehört haben, denn er sah sie zu ihrer Erleichterung nicht einmal an.

Viktor hatte wirklich nichts gehört, seine Seele war von etwas anderem erfüllt; ziellos, planlos, durchstrich er die herrlichen Räume. Im Speisezimmer war die Dienerschaft schon mit Abräumen beschäftigt, dabei stand Grete, schmucklos und einfach wie immer.

Eine Sehnsucht, in ihre ruhigen, klaren, treuen Augen zu sehen, überkam ihn plötzlich, hatten sie ihm doch auch im Theater Frieden gegeben; aber trotzdem hatten sie heut abend noch kein Wort miteinander gewechselt.

Hastig trat er an ihre Seite.

»Fräulein Gretchen, Ihr Glückwunsch hat mir noch gefehlt,« sagte er.

Sie blickte zu ihm auf. Wahrhaftig, in ihren Augen lag etwas, das beruhigend auf ihn wirkte, mehr und mehr glätteten sich die Wogen seines erhitzten Blutes.

»Ich dachte, in dem gewaltigen Strom käme es auf ein bescheidenes Tröpfchen mehr nicht an,« sagte sie lächelnd.

»Wenn dieses eine Tröpfchen mir gleichgültig wäre, sicher nicht, ich bin nicht unersättlich, im Gegenteil. Daß ich es aber vermißt habe, mag Ihnen zeigen, wie viel Wert ich darauf lege.«

Sie bewegte zweifelnd den Kopf.

»Das sagen Sie aus Höflichkeit, um mich zu erfreuen.«

»War ich wirklich stets so höflich gegen Sie, um diese Vermutung zu rechtfertigen?«

Sie lachte.

»Nein, sicher nicht! Ich kann von Glück sagen, daß Sie sich ab und zu meiner Existenz erinnern.«

»Aber Fräulein Grete!« rief er beschämt, denn daß sie recht hatte, bestätigte sein Gewissen. »Wie kommt es denn aber, daß mir in meiner bängsten Stunde heut abend Ihr Blick Ruhe gab, daß es mich jetzt namenlos gelüstet, ein anerkennendes Wort aus Ihrem Wunde zu hören?«

»Seien Sie doch mit Ihrem glänzenden Sieg zufrieden!« sagte sie sich abwendend und silberne Löffel aus den Händen des Lohndieners entgegennehmend. »Niemand kann mehr verlangen als wie Ihnen heut zuteil geworden.«

Sie begann die Löffel zu zählen; pflichttreu und ernst, wie sie in allen Dingen war, hielt Viktors Anwesenheit sie nicht von ihren Geschäften ab. Nervös und ungeduldig, wie er einmal war, griff er nach ihren Händen.

»Lassen Sie das doch bis nachher, Fräulein Grete! Durch Ihre Antwort klang ein ganz besonderer Ton. Hatten Sie irgend etwas auszusetzen an meinem Stück. Sie dürfen es mir ruhig sagen, ich bin nicht so eitel, um keinen Tadel zu vertragen.«

Sie lächelte fein. »So eitel, daß ein Tadel Ihnen keinen Eindruck macht,« verbesserte sie. »Aber wer bin ich auch, daß ich tadeln sollte, wo alle Welt lobt.«

Er sah sie scharf an.

»Eine Individualität für sich,« sagte er kurz. »Und bei Gott, Gretchen, es lohnte sich am Ende diese Individualität zu studieren!«

Sie errötete, als er sie mit Namen nannte, aber ihre Stirn zog sich in Falten.

»Herr Alten!« sagte sie abweisend.

Er setzte sich auf die Tischecke und sah ihr in dieser Stellung gerade in die Augen. Die Dienerschaft ringsum lächelte verstohlen; er hatte keinen Blick dafür, natürlich nicht, aber Grete bemerkte es mit peinlichem Empfinden, es kam ihr vor, als setze er sie durch sein zwangloses Benehmen herab.

»Nun also, Ihren Glückwunsch!« beharrte er.

Sie sah ihn fast zornig an.

»Ich finde keinen. Welche Freude bringt denn ein Triumph über die gedankenlose Menge? Welch ein Gut sind Lorbeerkränze, die welken, Ruhm und Geld, die beide nicht glücklich machen, und für die Sie doch die beste Kraft Ihres Geistes vergeudet haben!«

Sprachlos starrte er sie an, dann stand er langsam auf.

»Wenn Sie recht hätten – wär's hart,« sagte er ruhig – »und ich will's deshalb nicht glauben. Selbsterkenntnis ist und bleibt einmal eine höchst ungemütliche Gefährtin.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte hinaus, ganz in der unausstehlich geckenhaften Manier, die er in der letzten Zeit angenommen hatte. Mit verächtlichem Zorn und bitterem Schmerz sah sie ihm nach.

Was war doch aus ihm geworden, den sie einst in ihrem Herzen so unerreichbar hoch gestellt hatte! Ein blasierter, eitler Tagesheld, ein geckenhafter Selbstsüchtling! – Sie hätte weinen können, wenn sie an das dachte, was in ihm sterben mußte, ehe er so werden konnte.

Und es war tot! Unrettbar tot! – Selbst der leiseste Versuch, ihn an das zu erinnern was er einst gewesen, schlug ihn in die Flucht; und da drinnen beweihräucherten sie ihn von neuem. Er müßte ja kein Mann sein, um dem zu widerstehen!

Zum drittenmal zählte sie die Löffel durch, immer wieder verwirrten sich die Zahlen in ihrem Kopf, immer wieder horchte sie, ob sie nicht noch einmal seinen Schritt vernahm, ob er nicht noch einmal kam um ihr zu sagen: »Sie haben zu wenig gesagt, um mich Ihre Meinung verstehen, zu viel, um mich gleichgültig zu lassen, reden Sie nun auch weiter!« – Dann wollte sie all das aussprechen, was sie bisher tief in sich verschlossen hatte, dann wollte sie versuchen, um seine Seele zu ringen, ihn zu ihrem Mitkämpfer zu machen, dann…

Sie hob horchend das Haupt. – Er kam nicht!

Wie konnte er auch! – Gerade als er aus dem Speisezimmer trat, sah er Martha im Wintergarten verschwinden, diesmal allein. So schnell er konnte, folgte er ihr.

Sie stand vor der Spiegelwand, die die Schmalseite des Saales bildete und betrachtete sich aufmerksam in dem hellen Kristallglas.

Als Viktors Gesicht neben ihr im Spiegel auftauchte, wandte sie sich um.

»Endlich!« sagte er in frivolem, spöttischem Ton. »Ich muß ja dem dich umgebenden Schwarm sehr dankbar sein, daß er mir Gelegenheit gibt, auch einmal ein paar Worte ungestört mit meiner Frau sprechen zu können. Du hast es weit gebracht, wie ich sehe!«

Die starre Feindseligkeit, die den Stempel des Unversöhnlichen trug, und so selten, dann aber mit verblüffender Kraft in ihr Kindergesicht trat, zog in diesem Augenblick wie eine dunkle Wolke darüber hin. – Sie schwieg.

»Was soll das heißen, Martha!« rief er ungeduldig. »Unser Benehmen muß den Leuten auffällig erscheinen, deshalb ist es nötig, daß wir uns aussprechen, und zwar möglichst bald. Also – Krieg oder Frieden!«

»Die Tochter einer Dirne,« sagte sie eiskalt und langsam, »die naturgemäß auch nichts anderes sein kann, hat mit Ihnen nichts zu tun, Herr Alten.«

Ihr Kleid zusammenraffend, wollte sie sich entfernen. Er hielt sie fest.

»Martha!« rief er außer sich. »Spare dir deine weiblichen Rachegelüste für einen gelegeneren Moment! Du mußt selbst fühlen, daß ein Weiterleben in dieser Weise unmöglich ist. Es würde dich und mich kompromittieren, denn niemand weiß hier um unsere Heirat. Niemand ahnt die Farce, die wir vor dem Publikum aufführen, ich der Gatte, du meine Frau!«

»Ich deine Frau? Das bin ich längst nicht mehr!«

»Nicht mehr?« Er lachte auf. »Soll ich es dir beweisen?«

Sie trat ihm ganz nahe, ihre Augen blitzten.

»Was frage ich nach deinen Beweisen? Kein Staat, keine Kirche, kein Gesetz kann binden, was die Natur selbst zerrissen hat. – Ich – dein Weib!« Sie ballte die Hände zur Faust und sah ihn drohend an. »Nichts bist du mir! Gar nichts! Nichts wirst du mir werden, und stiegst du noch so hoch! Das Einzige was ich von dir noch will, ist Befreiung von der Fessel, die sich unsere Ehe nennt!«

»Nichts weiter?« fuhr er erbittert auf. »Freilich, du bist ja jetzt das, wonach immer dein Sinn, stand: »gefeiert, geputzt, ungebunden…«

»Und eine Künstlerin!« unterbrach sie ihn. »Die Kleinigkeit scheint dir nicht erwähnenswert. Es ist ja auch nur ein Erbteil meiner Mutter!«

Er sah sie an wie sie so dastand, jung, schön, stolz auf das, was sie sich aus eigener Kraft errungen. »Martha!« sagte er fast zärtlich und trat ihr näher.

Sie zuckte zurück, ihre Stirn faltete sich wieder.

»Ah, ein tête-à-tête?« rief Paul Herberts sonore Stimme dazwischen, »und noch dazu unter so erschwerenden Umständen! Die Luft hier narkotisiert, und davor möchte ich sowohl meinen Dichter wie meine Schauspielerin bewahren.«

Seine Worte klangen scherzend, aber in den Augen lag ein lauernder, beobachtender Blick. Sie standen sich so sehr nahe, jene beiden, als er sie überraschte, und ihre Mienen ließen darauf schließen, daß es etwas stürmisch zwischen ihnen zugegangen war.

In dem welterfahrenen Mann regte sich der Argwohn, daß sie sich nicht zum erstenmal im Leben begegnet seien. Fäden aus der Vergangenheit schienen sich in die Gegenwart hineinzuspinnen, und das behagte ihm nicht.

Martha reizte seine Sinne, je mehr, je weniger sie es zu bemerken schien. In seinem langen Leben hatte er noch nie um eine Frau vergebens geworben, und auch hier schien es ihm nur eine Frage der Zeit; die Gelegenheit war ja da, an ihm allein lag es, sie zu nützen. Daß er das wollte, stand langst bei ihm fest. Einen Nebenbuhler fürchtete er zwar nach seinen Erfahrungen nicht, aber er empfand ihn unbequem, vielleicht gerade deshalb, weil es Alten war.

»Seien Sie ohne Sorge,« sagte Martha und nahm lachend seinen Arm. »Ich war nie kühler temperiert wie augenblicklich, und außerdem, lieber Herbert, wenn ich nichts bezweifle, an Ihrer Menschenfreundlichkeit zweifle ich doch!«

Herberts Antwort wurde durch den Eintritt des Grafen Gilsach abgeschnitten.

»Also hier finde ich Sie,« sagte der Graf vorwurfsvoll. »War es Ihre Absicht, mich so lange irre zu führen, gnädiges Fräulein?«

»Es war nur meine Absicht, mich etwas zurückzuziehen,« sie nickte von einem zum andern, während sie sprach, prüfend, gleichsam erwägend, dann gähnte sie hinter ihrem Fächer. »Ich bin müde und abgespannt, hier ist doch an kein Ausruhen zu denken, ich möchte nach Hause, lieber Graf.«

Er bot ihr sofort den Arm.

»Sie haben recht; nach all der Aufregung heut abend soll Ruhe Ihnen auch möglichst bald zuteil werden. Erlauben Sie, daß ich Sie zu meiner Cousine führe?«

Die Herren gaben der Norden das Geleit zum Wagen. Es war die letzte Huldigung, die man ihrer Schönheit darbrachte. Graf Gilsach stand am Schlage, er hielt die eine Hand von ihr gefaßt, Herbert die andere.

»Leben Sie wohl! Auf morgen!« sagte er einfach.

Sie streifte ihn mit einem freundlichen Blick, er gefiel ihr gut in seiner aristokratischen Zurückhaltung, die manchmal von einem Blitz der Leidenschaft durchflammt wurde. Wie anders war Herberts Händedruck und die Sprache seiner Augen. Sie verstand sie recht gut, aber sie zu erwidern regte sich nichts in ihr; es amüsierte sie nur.

Hinter beiden stand Viktor, er spielte den stummen Beobachter dieser Szene. An ihm vorüber schoß Füßlein, barhäuptig, sehr rot im Gesicht, augenscheinlich in sehr menschenfreundlicher Stimmung.

»Wir können die Diva doch unmöglich allein in Nacht und Nebel hinein fahren lassen,« rief er. »Sie könnte uns gestohlen werden, gen Himmel fahren, was weiß ich, und das alles, ehe sie noch meine Kritik gelesen! – Einer von uns wenigstens muß sie sicher eskortieren, damit wir anderen ruhig sein können. Wer aber, wer? – Wem wollen wir diese Verantwortlichkeit zuteil werden lassen. Graf Gilsach zählt nicht, er gehört zum Hause – Herbert? Ohnehin zu sehr bevorzugt durch seine Kollegialität. Aber Alten – Alten, steigen Sie ein!« –

Martha, die bisher lachend Füßleins Redestrom mit angehört, zog plötzlich ihren Mantel fester zusammen, ein Blick traf Viktor, so zornig drohend, daß er plötzlich seinen Eigensinn erwachen fühlte.

»Ich bin bereit,« sagte er. Der blonde Kopf der Schauspielerin fuhr dicht vor ihm aus dem Fenster.

»Los!« rief sie dem Schofför befehlend zu, und ohne Gruß warf sie sich in die Kissen des Wagens zurück.

Das Auto fuhr fort. –

Verdutzt sahen sich die Zurückbleibenden an. Was hatte die worden auf einmal? Ihr Benehmen gegen Alten war entschieden ungezogen. Galt das seiner Persönlichkeit, oder ihrem gesteigerten Schlafbedürfnis.

Füßlein strich sein kleines schwarzes Bärtchen.

»Der Heroismus steht heutzutage verflucht niedrig im Kurs,« bemerkte er gleichmütig. »Seien Sie froh, Alten! Sie hätten nur einen Schnupfen riskiert.« –

Viktor zog die Uhr. Sie zeigte auf fünf Minuten nach Zwei.

»Ich gehe auch,« sagte er zu dem Redakteur und strich über die fieberheiße Stirn. »Ich bin müde!«

»Aber Mensch, kein Gedanke! Mayr will Sie auch anfeiern. Er hat es zwar nicht kontraktlich, aber seine Ruhe wäre hin – sein Herz wär schwer. – Natürlich müssen wir noch zu Mayr.« Alten ergab sich seufzend, Spielverderber wollte er nicht gerade sein.

Mayr war eins der bestrenommierten, ersten Bierlokale der Stadt; in einem Hinterzimmer hatten die Künstler, hauptsächlich Schauspieler und Journalisten ihr Heim aufgeschlagen, und der Wirt hielt jeden fremden Eindringling dort fern. Sie waren völlig unter sich, konnten sich gehen lassen nach Belieben, und deshalb verging fast kein Abend an dem nicht die Tafelrunde, wenn auch erst spät, so doch vollzählig sich einfand.

Vor Viktors Platz lag ein Lorbeerkranz, dessen weißseidene Bänder bis auf den Boden herabhingen, und trotz der vorgeschrittenen Nachtstunde stand Herr Mayr in eigener Person dabei, um den gefeierten Dichter zu begrüßen und zu beglückwünschen.

In sehr animierter Stimmung, die der Champagner der Kommerzienrätin bei den Herren erzeugt hatte, nahm man Platz; selbstverständlich drehte sich das Gespräch ausschließlich um die Vorgänge des Abends.

»Übrigens alle Achtung vor der Norden, sie versteht ihr Handwerk.«

»Wieso Handwerk?«

»Den Männern die Köpfe zu verdrehen! Umsonst macht doch niemand heutzutage so schnelle Karriere.«

»Aber mein Gott, sie ist eben ein großes Talent.«

»Talent hin, Talent her! Prinz Arthur in K. wird wohl mehr gewirkt haben als alles Talent.«

Paul Herbert blies den Dampf seiner Zigarre in die Luft.

»Sie ist kalt wie Eis, sage ich Ihnen.«

»Wirklich?«

»So sieht sie nicht aus!«

»Sollte es Ihnen nicht gelingen, sie zu erwärmen, großer Mime? Es ist doch die alte Geschichte: wer täglich mit dem Feuer spielt…«

»Wollen's abwarten!«

»Nun, dann gelingt es vielleicht unserem Dichteradonis. Wie steht es, Alten?«

»Bitte lassen Sie mich ganz aus dem Spiel, wenn Sie von der Norden sprechen,« sagte Viktor gereizt.

»Aha!«

»Natürlich!«

»Selbstverständlich! –«

»Ihr Pegasus zieht eine goldene Krippe vor. Ein gescheites Tierchen, Alten!«

»Was soll das heißen? Ich finde meine Herren, Ihre Anspielungen werden unzart.«

»Mein Himmel, nur keinen Streit! Seien Sie gemütlich, Alten, und lassen Sie sich etwas necken,« raunte ihm Füßlein zu.

»Sie mit Ihrem verwünschten Toast sind daran schuld!«

»Wenn schon! – Ist es denn wirklich solch ein Pechstiefel in dem Sie gefangen sind? Wir säße er an Ihrer Stelle ganz vorzüglich am Fuß.«

»Niemand denkt daran!«

»Oho!« rief Füßlein lachend. »Oho! – Ich glaube, da ist keiner unter uns, der darüber nicht so denkt, wie ich!«

»Prost Alten! Prost!« schrien sie um ihn. »Auf Ihre Zukünftige! Sie ist doch immer noch ein sehr repräsentables Weib, auch abgesehen von ihren Millionen.«

»Aber meine Herren!« –

»Er versucht zu leugnen! Vorzüglich! Sind wir denn hühnerblind? – Oder hätten Sie wirklich den Mut, das große Los ungezogen zu lassen?«

»Prost Alten!« sagte Herbert und stieß mit seinem Krug an den Altens! »Die Teilung lasse ich gelten: Gebet dem Künstler, was des Künstlers ist und baut dem Genie – – goldne Hütten.«

Viktor nagte aufgeregt an der Unterlippe.

»Ich erkläre Ihnen noch einmal, meine Herren…«

»Wir wollen keine Erklärungen! Es sei denn die, daß Sie sich von der Rätin einen Korb geholt haben.«

»Einen Korb?« fragte er verwundert.

»Was denn anders! So wird es auch sein, da Sie sich so wehren.«

»Mein Gott, so geben Sie es doch zu, Sie sehen ja, in welcher Stimmung hier alles ist,« riet Füßlein lachend.

»Eins wäre so widersinnig, wie das andere!«

»Es ist also Essig mit dem goldnen Hintergrund für Ihre Lorbeeren! Schade!« rief einer noch lauter als die anderen.

Viktor lehnte sich in den Stuhl zurück. Eine tolle Lustigkeit war mit einem Schlage in ihm erwacht, vielleicht durch die Erkenntnis, daß hinter all diesen Meckereien ein Körnchen Bitterkeit stecke, daß man ihm die Frau und ihre Millionen nicht gönne, obgleich man sich den Anschein gab, als setze man mit Sicherheit voraus, was doch jeden noch im stillen bezweifelte.

»Wahrhaftig die Murner wäre auch närrisch, wenn sie noch einmal heiratete,« meinte jemand. »Besser kann sie es niemals haben, und wir als ihre Gäste auch nicht. Besseren Champagner besorgt kein Ehemann. Tragen Sie Ihren Korb in Geduld und Gemütsruhe, Alten! Seelen-Freundschaft… parbleu! Cela n'engage à rien!«

Alten lächelte. »Ich versichere Sie, es ist nicht an dem! Die Kommerzienrätin, mitsamt ihrer Million, könnte ich jede Stunde haben, wenn ich nur wollte!«

»Na, darauf Prost! – Prost! – Prost!«

Als er es ausgesprochen, empfand Viktor plötzlich das Unrecht gegen Rose Marie, das in seinen Worten gelegen, er schämte sich derselben – allein es war zu spät.

»Beweisen! Beweisen!« riefen ein paar Schreier herüber, sonst schien niemand Notiz von seiner häßlichen Prahlerei genommen zu haben. Die herrschende Stimmung machte das nur natürlich. Aber trotzdem war Viktor mit sich unzufrieden, er stürzte schweigend zwei Glas Bier hinunter, es war ihm, als schlösse der heutige schöne Abend mit einer schrillen Dissonanz. –

XVII.

Als er am nächsten Morgen erwachte, nach bleischwerem, erquickungslosem Schlaf, mit heißem Kopf und brennenden Augen wußte er, daß der Geruch, der sich in seine Träume gedrängt und ihn gequält und geängstigt hatte, in der Tat vorhanden war. Er kam in schweren Wellen! aus seinem Wohnzimmer, scharf, bitter, zugleich niederdrückend und aufregend, an Totenzimmer erinnernd, außerdem aber das Symbol des Ruhms: frischer Lorbeer!

Sein Traum wurde ihm wieder lebendig. Da hatte er mit verzweiflungsvoller Angst einen großen grünen Lorbeerkranz festzuhalten gestrebt, allein glatt und kühl, wie selbstbelebte Wesen, glitten ihm die Blätter immer wieder aus den Händen, und der Kranz entschwebte ihm, langsam aber unerbittlich. So ängstlich er danach griff, so fest er ihn packte, die Wacht, die ihn aufwärts zog, war stärker als seine Kraft, und nach langem Ringen, mit Aufbietung seines ganzen Willens, mit zusammengepreßten Zähnen fiel er endlich müde und matt zur Erde, während der Kranz im Äther verschwand.

Nun hörte er leise die Tür seines Wohnzimmers gehen und den Schritt seiner Wirtin.

»Frau Retzlaff!« rief er.

Da stand sie schon unter der Tür, in der Hand Briefe und Zeitungen, über das ganze Gesicht lachend.

»Gott sei Dank, daß der Herr Alten endlich aufgewacht ist, das ist aber eine schöne Überraschung!« sagte sie die Tür vollends aufstoßend. »Die Briefe! Und die Blumen! Und all die Kränze! – Sehen Sie doch nur her! Und die Zeitungen hat mein Mann gelesen, wo der dicke blaue Strich steht, und es war uns ordentlich rührend, Herr Alten. Wir gratulieren auch schönstens!«

Sie legte, was sie in der Hand hielt auf seine Bettdecke und ging eiligst nach dem Frühstück. Viktor griff nach den Zeitungen. Da waren Morgenpost, Tageszeitung, und Tägliches Blatt. »Liberal, konservativ und demokratisch.« Füßleins Kritik konnte er sich ja so ziemlich denken; warm und freundschaftlich, aber die beiden andern? – Auch sie enthielten nur Lob und Anerkennung, das Beste, was man überhaupt einem Strebenden nur sagen konnte, und doch hing sein Auge an der letzten Zeile der legten Kritik, ohne sich davon losreißen zu können. »Nach diesem Erfolge haben wir die Berechtigung, weitere goldne Früchte von dem Dichter zu erwarten,« hieß es.

Vielleicht nur eine banale Phrase, und doch rief sie in Viktor zum erstenmal das Bewußtsein wach, daß er noch gar nicht an eine zweite Arbeit gedacht hatte, daß sein Hirn leer und seine Phantasie erschöpft war.

»Mit der Zeit wird es kommen,« dachte er und schüttelte mit Gewalt das unbehagliche Gefühl ab, das ihn befiel.

Sein Zimmer war in einen wahren Garten verwandelt, als er es betrat. Blumen und wieder Blumen, Gratulationsbriefe, Kritiken, Telegramme von auswärtigen Bühnen, alles lag in hellen Haufen herum.

Das war freilich ein anderer Reiz als damals, da man ihm seinen ersten Roman lobte!

Er wollte erst die Lorbeerkränze wegschaffen lassen, der Kopf tat ihm weh, aber als er sie daliegen sah, mit ihren glänzend grünen Blättern, den langen Schleifen, die alle das gestrige Datum trugen, erwachte in ihm ein Gefühl von Zärtlichkeit für diese stummen Zeugen seines Ruhmes, er ließ sie da.

Dieser war von Rose Marie – jener von Direktor Herbert, der von unbekannter Hand, und von unbekannter Hand waren auch die meisten der duftenden Blumen die Briefe, in denen mehr stand als nur herzliche Anteilnahme an seinem Erfolge.

Wie einem sieghaften Fürsten hatte man ihm gehuldigt; als Held und Sieger fühlte er sich, während er um sich blickte und dann vor den Spiegel trat. Jung, hübsch, von den Frauen verwöhnt und genußsüchtig genug, um sich darüber zu freuen, fand er auf seinem Weg nirgends einen Stein mehr, wohin er auch sah.

Da schoß es ihm plötzlich durch den Kopf: Martha!

Aber konnte er sie denn wirklich als Hindernis irgend welcher Art betrachten? Eine Ehescheidung war ja bald zu erreichen, wenn sie es nur ernstlich wollten; einstweilen war es ja nicht nötig, die Welt brauchte nichts von ihren Beziehungen zu wissen. Seine immer geschäftige, sehr verlockende Phantasie fand einen besonderen Reiz in dem Gedanken, Martha zu beobachten, und sie zuweilen – nur ein ganz klein wenig – merken zu lassen, daß er sie noch in Händen hielt. Er wollte, daß sie ihm wenigstens gerecht würde, daß sie empfand – wenn auch ihre Wege sich trennten – er sei eben doch mehr als die anderen, ja, daß sie ihm das sagte!

War es Liebe, die ihm diesen Wunsch diktierte? Ein schwacher Abglanz jener ersten, seligen Jugendzeit, wo schon der Laut ihrer Stimme ihn seiner Arbeit abwendig machte?

Er schüttelte den Kopf. – Liebe stirbt – das heißt jenes feine, namenlose Empfinden, das untrennbar nur von dem ersten Liebesrausch ist; jede Wiederholung wird realer, schleierloser. Liebe also war es nicht mehr. Aber er mußte sich selbst zugestehen, Martha war hinreißend schön. – Wenn also auch die Liebe tot war, sein Recht auf sie bestand noch – bis er es aus den Händen gab.

Je mehr er an Martha dachte, desto mehr erwärmte sich sein Blut. Sie war reizvoll, lebenatmend und willenskräftig, alles Eigenschaften, denen er jetzt gerecht wurde. Was er gestern gesehen hatte, zeigte ihm, daß sie die Männer schlecht zu behandeln verstand. – Auch ihn? Er glaubte es nicht recht, – das wäre unnatürlich gewesen, und es gelüstete ihn, es zu versuchen. Hatte doch selbst Rose Marie…

Er sprang auf, die Erinnerung an die Kommerzienrätin besaß heute etwas Peinliches für ihn. Ihm fiel Füßleins Toast und die anzüglichen Gesichter der Zuhörer ein.

Er war wütend auf alle Welt, wenn er daran dachte, was man ihm gestern mit all den feinen und unfeinen Anspielungen angetan und fest entschlossen, darüber mit Rose Marie ein ehrliches Wort zu reden. Ihre herrliche Freundschaft sollten sie ihm nicht boshaft zerstören, den Triumph wollte er ihnen nicht gönnen!

Er wußte auf einmal sehr genau, daß es nur Freundschaft war, die er für sie empfand.

Dann fiel ihm plötzlich ein, daß er dem Direktor versprochen hatte, in die Probe zu kommen, es sollten noch einige Regieänderungen und Kürzungen vorgenommen werden. Wenn er sich beeilte, kam er noch rechtzeitig. Er warf kaum einen flüchtigen Blick auf sein blasses, übernächtiges Gesicht, dann befand er sich schon unterwegs nach dem Theater.

»Na, endlich!« sagte Herbert, ihn zwischen den Kulissen empfangend, »ich glaubte schon, wir müßten's ohne Sie machen.«

Herbert fröstelte in seinem Pelz, hatte die Hände tief in den Taschen vergraben und den Hut weit in das Genick gedrückt. Viktor Alten erstaunte im stillen über die Häßlichkeit des Mannes, der so ausgesprochenes Glück bei den Frauen hatte. Er sah ihm dabei neugierig ins Gesicht, die kleine Lampe des Regisseurs, links vom Souffleurkasten, warf nur ein unsicheres Licht über die Bühne, und hinter ihnen gähnte grabesdunkel und still der Zuschauerraum. War es möglich, daß vor wenigen Stunden sich dort eine hundertköpfige Menge in jubelndem Beifall für ihn bewegt, daß strahlendes Licht sich in jeder Vergoldung gespiegelt hatte? Der Kontrast mußte auf sein ohnehin so reizbares Empfinden geradezu drückend wirken, und auch er zog fröstelnd den Paletot fester um sich.

»Ich sehe, daß es Ihnen nicht besser geht, wie mir, Alten,« sagte Herbert leichtherzig, »Gemeinsamkeit ist selbst in Katerstimmung ein Trost. Übrigens sind nicht allein wir Pflichtgetreuen hier; in der rechten Proszeniumsloge toggenburgert unser guter Graf, ohne es nötig zu haben. Die Norden muß gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht haben!«

»Ist sie hier?«

»Freilich, in ihrer Garderobe. Wir wollen noch ein paar Szenen durchprobieren, ihre Abgänge gestalten sich nach den Änderungen anders.«

»Ich hatte die Absicht, ihr noch einige kleine Winke zu geben, die mir gestern abend auffielen.«

»Winken Sie! Aber nicht zu lange, wenn ich bitten darf. Ich bin froh, wenn wir aus diesem kalten Hundestall erst heraus sind.«

Viktor hatte die Bühne schon verlassen und klopfte an Marthas Garderobentür; die Garderobière öffnete ihm.

»Bis an die Nase in Pelz gewickelt, saß die Schauspielerin auf dem niedrigen Diwan, nur ihren Hut hatte sie abgelegt. Bei seinem Eintritt sprang sie auf.

»Sie!?« rief sie in einem Ton, der eine ganze Gefühlsskala enthielt.

»Gewiß, ich! Kann ich ein paar Worte unter vier Augen mit Ihnen sprechen, mein Fräulein?«

Sie zögerte, auf diesen Überfall war sie sichtlich nicht vorbereitet gewesen.

»Gehen Sie!« sagte er in dem herrischen Ton zu dem Mädchen, den er sich in der Villa Murner angewöhnt hatte.

Geärgert fuhr Martha auf. »Nein, Babette, bleiben Sie noch!«

Er zog einen Stuhl heran und setzte sich mit der Miene eines Mannes, der sich zu seinem Hiersein berechtigt fühlt.

»Ganz wie Sie wünschen. Ich habe nur die Gewohnheit, meine Leute von allem auszuschließen, was meine Privatsachen anbelangt; aber – das mag ja Geschmackssache sein!«

Sie fühlte den Spott wohl, und ohne ihn anzusehen, sagte sie zornig: »Gehen Sie, Babette, aber halten Sie sich draußen auf.« – »Was wollen Sie nun von mir?« fuhr sie zu ihm herum.

»Martha,« sagte er etwas leiser und sah sie unverwandt an, »ich sah mich genötigt, diese Unterredung zu erzwingen, weil ich nicht die Absicht habe, dich in deiner Wohnung aufzusuchen.«

»Du fürchtest unliebsame Begegnungen,« bemerkte sie spöttisch.

»Fürchten? nein, ich fürchte nichts! Aber wozu erst noch mein Recht nachweisen, wozu überhaupt Worte über geschehene Dinge zu verlieren, die mir sicherlich nicht zum Nachteil ausgeschlagen sind. Ich kam her – unseretwegen!«

»Du willst die Scheidung!« fragte sie aufatmend und sah ihn mit den großen, glänzenden Augen zum erstenmal freundlich an. »Da komme ich dir entgegen!«

»Hast du den Skandal bedacht? Das Aufsehen, das die Tatsache unserer Ehe in der hiesigen Gesellschaft machen würde?«

Sie zuckte die Achseln. »Was kümmert's mich? Ein Jugendstreich ist doch kein Verbrechen!«

»Man wird uns sagen: Warum bleibt ihr nicht beieinander? Ihr, die die Gegenwart doch eigentlich aufeinander angewiesen hat? Ich der Dichter, du die Schauspielerin, die meinen Gestalten Leben gibt!«

Sie trat ihm ganz nahe, ihre Augen funkelten ihm feindselig entgegen.

»Niemals!« rief sie energisch. »Wenn du es vergessen kannst, daß du einstmals in mir die Tochter meiner Mutter beschimpft hast – ich nicht! Was ich geworden bin, danke ich dem Andenken eben dieser Mutter! Das Erbteil ihres Blutes trieb mich aus dem engen Kreise heraus, in den deine Selbstsucht mich gesperrt hielt, zeigte mir den Weg, den ich zu gehen hatte. – War's mir zum Verderben ausgeschlagen, du hättest achselzuckend dich abgewendet – eine Dirne! – – Nichts weiter! – Nun bin ich emporgestiegen, und du hast die Stirn, nachdem wir so auseinander gegangen sind, wie es geschehen, herzukommen und zu tun als seien wir die besten Freunde. Nein! Wir sind es nicht – wir werden es niemals sein! Du und ich, wir gehören nie wieder zusammen!«

»So unversöhnlich?« fragte er mit einem spöttischen Lächeln, ohne die Augen von ihr abzuwenden. Und dann setzte er plötzlich, während sein Gesicht einen völlig anderen Ausdruck annahm, ernst hinzu: »Und doch haben wir uns einmal sehr geliebt, Martha! Weißt du es nicht mehr?«

»Nein!« schrie sie zornig. »Ich will es nicht mehr wissen – und es ist auch nicht wahr! – Mein Gott, ich war so jung und unerfahren! Ich kannte nichts und glaubte an alles. Du nahmst mich wie ein Spielzeug, das dir auf deinen Weg fiel …« »Halt!« unterbrach er sie und griff nachdrücklich nach ihrem Arm, »das ist nicht wahr! Ich liebte dich, wie man nur ein erstes Wal den verkörperten Traum seiner Jugend liebt! Vielleicht zu hoch, zu ideal, ich gebe es zu. Deine Schönheit allein hätte mir genügen sollen; doch das lernt sich erst mit der Zeit, daß man in seinen Ansprüchen an euer Geschlecht bescheiden wird.«

Sie schüttelte seinen Arm ab und trat von ihm fort.

»Auch ich habe inzwischen gelernt,« sagte sie, »daß es einen unversöhnlichen Kampf zwischen Wann und Weib heraufbeschwören heißt, sobald ein jedes von ihnen seiner eigenen Individualität zu folgen versucht. Bis an die Zähne bewaffnet stehen sie sich gegenüber und verteidigen das, was ihnen das Notwendige im Leben heißt. So haben wir damals miteinander gekämpft – seien wir froh, daß uns beiden endlich die Freiheit geworden ist.«

Er sah sie erstaunt an, barg dies flimmernde Lockenhaar wirklich eine Stirn, hinter der Gedanken wohnten? Hatte er ihr unrecht getan, als er sie für so unsäglich kleinlich und beschränkt hielt?

»Martha,« fragte er zweifelnd und sah zu ihr herab, denn sie hatte sich wieder auf die Chaiselongue gesetzt. »Hast du das alles neben mir empfunden? Warum sprachst du niemals davon zu mir? Glaubst du ich hätte dich nicht begriffen? Vielleicht wäre dann vieles anders gekommen. Der Mangel an geistigem Verständnis war es ja, der mich von dir entfernte.«

Sie lachte spöttisch. »Das glaubst du jetzt! Damals hätte es keinen Unterschied zwischen uns gemacht. Oder – hättest du mich freiwillig zur Bühne gehen lassen?«

Sie stieß mit der Fußspitze nach einem kristallenen Stöpsel, der auf dem Boden lag und sah nicht auf.

»Nein!« rief er heftig. »Niemals!« –

»Da ich aber einmal Künstlerin – zuerst Künstlerin bin, haben wir eigentlich auch kein Wort mehr miteinander zu reden,« sagte sie und stand zum zweitenmal auf.

Wieder hielt er sie zurück.

»Martha, der Wahrheit die Ehre! Deckt sich diese Leidenschaft für das Theater in dir nicht gleichzeitig mit der Sucht zu gefallen, bewundert zu werden, dich zu putzen, – mit einem Wort, alles das zu erlangen, was dir erstrebenswert erscheint? Hat das nicht denselben Anteil an deinem Künstlerehrgeiz, wie das ideale Streben, ein hohes Ziel zu erreichen? Du warst zuweilen so unheimlich real in deinen Auffassungen des Lebens, daß ich mich eines Zweifels da nicht erwehren kann.«

Sie zauderte ein wenig.

»Und wenn selbst?« fragte sie. »Ist es ein Verbrechen, sich das beste Teil auszusuchen? Ich bin wie ich bin – nehmt mich so.«

»Und wenn ich das täte,« fragte er tief aufseufzend, unter dem Bann jener Macht stehend, den die Schönheit seiner Frau auf ihn ausübte. »Würdest du dann zu mir zurückkehren?«

Sie war inzwischen vor den hohen Spiegel getreten und ordnete an ihrer Frisur. Jetzt fuhr sie herum und sah ihn starr an.

»Nein!«

»Warum nicht?«

»O, zehn Gründe für einen,« begann sie kaltblütig. »Kaum wäre ich deine Frau, würdest du wieder anfangen mich unter deinen Willen zu zwingen; ich sollte zum zweitenmal der entsagende Teil werden, und dazu habe ich gar keine Lust. Dann mache ich mir wirklich nichts aus dir – nicht so viel –« sie schnippte mit den Fingern in der Luft, »und dein Dichterruhm, so gewaltig er jetzt auch ist, erweckt mir Mißtrauen, da ich die tönernen Füße des großen Götzen wohl kenne. Wird dir ein zweites Stück ebenso gelingen, das weniger Ähnlichkeit mit der Alkante hat?«

Er sprang auf und griff nach ihrer Hand, die er schmerzlich preßte.

»Martha! – was willst du damit sagen?«

Sie runzelte die Stirn und befreite sich energisch.

»Bitte, vergiß nicht, daß du Fräulein von Norden gegenüber stehst.«

»Ganz recht! Schein! Schein alles, was dich umgibt! Schein dein Kindergesicht, hinter dem sich nur Berechnung birgt, Schein dein Name, denn du bist meine Frau – Komödienspiel alles – alles …«

»Und ich eine Komödiantin – etwas anderes will ich ja nicht sein!« schloß sie achselzuckend. »Du tust unrecht, mir daraus einen Vorwurf zu machen.« Er fuhr sich mit dem Taschentuch über die heiße Stirn. Unerklärlich, daß er nicht wirklichen Abscheu gegen sie empfand! Aber wenn ihn auch sekundenlang der Zorn beherrschte, ein anderes Empfinden, noch stärker, lebte gleichzeitig in ihm und ließ ihn nicht los.

»Geh!« sagte sie nach einer kleinen Pause gleichgültig, während der er mit dem Wunsch kämpfte, sie in seine Arme zu reißen, »was soll Babette, was Herbert von diesem langen tête-à-tête denken? Du verübelst mir zwar, daß ich den Schein vermeiden möchte, aber ich bin inzwischen doch so klug geworden, daß ich es für besser halte, ihn zu respektieren.«

»Paul Herbert? – Bist du etwa Herbert Rechenschaft schuldig?« fragte er empört, indem er sich an das vertrauliche Benehmen des Schauspielers erinnerte.

»In gewisser Beziehung, gewiß!«

»Noch –« sagte er tiefatmend sich niedersehend, »bin ich es, der über dich zu wachen hat. Noch ist das Band, das uns verbindet, nicht endgültig zerrissen – noch kann ich dich fürs Leben festhalten, wenn – ich will!«

»Das wirst du aber nicht wollen!«

Er stützte den Ellenbogen aufs Knie, den Kopf in die Hand.

»Wer weiß!« sagte er ruhig.

Sie ballte die Hände zur Faust.

»Wenn du das tust, dann …«

Sie sah bestrickend schön aus.

Er sprang auf. Blitzschnell schlang er den Arm um ihre Gestalt; zog sie an sich und küßte sie auf den Mund.

»Noch bist du mein!« wiederholte er energisch. »Und wehe dem, der sich zwischen uns drängt! Wär's selbst Herbert, ich litte es nicht und werde dich bewachen. – Und zwar gerade am meisten vor Herbert. Hast du mich verstanden? Er soll dich mir nicht nehmen! – Er nicht! –«

Dann riß er die Tür auf und ging davon, ohne sich umzusehen.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Martha ihm nach.

Zorn und Erstaunen stritten sich um die Herrschaft in ihr. – Wie konnte er wagen, sie seine Frau zu nennen – ihr etwas zu verbieten – sie zu küssen … Und gleichzeitig fragte sie sich, ob das denn derselbe Mann war, an dessen Seite sie jahrelang dahingelebt hatte! Verwandelt wie sein Äußeres schien ihr auch sein Inneres. Sollte nur eins unwandelbar in ihm geblieben sein? Seine Liebe zu ihr? – Dann fiel ihr die Kommerzienrätin ein – es ärgerte sie, daß sie ihn nicht daran erinnert hatte, wie eng man seinen und ihren Namen gestern miteinander verknüpft hatte! – Was wollte er denn da noch von ihr?

Sie schüttelte den Kopf, und doch stahl sich ein kleines Lächeln um ihren Mund und blieb dort haften, bis Herbert sie auf die Bühne holte.

Als sie das Podium betreten wollte, überreichte ihr ein Bote einen prächtigen Rosenstrauß. Nicht einen jener auf Draht gebundenen steifen Sträuße, sondern lose aneinander gereihte lebendige Blumen, die ihre duftschweren Kelche senkten.

»Vom Grafen Gilsach!« sagte er.

»Wie schön!« Sie sah sich suchend um, ob der Geber nicht gleichzeitig sichtbar war, konnte ihn aber nicht entdecken, denn aus der dunklen Loge hob sich seine Gestalt nicht heraus.

Paul Herbert nahm ihr die Blumen aus der Hand.

»Sparen Sie sich das für später auf, einstweilen bin ich an der Reihe.«

Sie sah lächelnd zu ihm auf.

»Sollen mich Aufmerksamkeiten nicht freuen?«

»Der Graf zappelt wie die Spinne im Netz, allem Anschein nach. Meinetwegen haben Sie Ihr Vergnügen daran. – Aber ich zapple auch!«

»Und wie!« sagte sie, zu ihm auflachend.

»Aber ich bin kein geduldiger Schwachkopf, den man mit Nichtigkeiten abspeist. Wissen Sie das nicht, Martha?«

Sie schlug ihm mit den Blumen auf den Arm.

»Ich werde mir die Mühe, Sie zu studieren, erst nehmen, wenn ich weiß, ob mir auch genügend Zeit dazu wird,« sagte sie kaltblütig.

Im stillen zollte er ihr alle Anerkennung. Sie war ebenso praktisch wie schön; zuerst dachte sie an eine Sicherung ihrer Zukunft, ihren Kontrakt.

»Ich komme in den nächsten Tagen, um über Ihr Engagement mit Ihnen zu reden,« sagte er, als er ihr in den Wagen half. –

»Im Zeichen der Zeit«, hatte nicht nur am ersten Abend gesiegt; daß es lebensfähig war, bewies es durch seine sich täglich steigernde Zugkraft.

Und Abend für Abend saßen Viktor Alten und Graf Gilsach in Rose Maries Loge und warteten auf Marthas Erscheinen.

Diese beiden Männer, einander sonst in jeder Faser ihres Denkens und Empfindens so unähnlich wie nur möglich, begegneten sich in dem Gefühl der Leidenschaft für die schöne Schauspielerin und der nagenden Eifersucht auf Paul Herbert.

So wunderbarerweise begann das, was sonst zwei Menschen zu Feinden zu machen pflegt, hier eine ganz andere Wirkung zu üben, sie wurden bekannter miteinander, obgleich jeder ängstlich sein Geheimnis vor den Augen des anderen hütete.

Zuerst hatte auch Rose Marie keinen Abend im Theater gefehlt, allmählich aber verringerte sich auch ihr Interesse an dem so oft Gehörten, und sie versuchte, Viktor wieder zu seinen früheren Gewohnheiten, die Abende bei ihr zu verbringen, zurückzuführen.

Nur ungern fügte er sich dem Zwang. Das schöne Heim, ja Rose Marie selbst hatten den Reiz für ihn verloren, seitdem seine Gedanken unablässig Martha und Herbert umkreisten. Was konnte nicht alles geschehen an den Abenden, wo er dem Theater fern blieb, sich nicht wie sonst zwischen den Kulissen und Versatzstücken umhertrieb und Martha im Auge behielt. Er wußte, daß seine Gegenwart ihr unbequem war, mit desto größerer Energie hielt er aus.

Und nun saß er seit zwei Abenden in der Villa Murner gefangen! – Rose Marie mochte ein Thema anschlagen, welches sie wollte, er war zerstreut, unlustig, selbst gereizt, so daß sie ihn endlich am dritten Abend erstaunt fragte:

»Was haben Sie denn, Alten?«

»Ich? Nichts!« er strich über die Stirn, und als er ihren erstaunten Blick sah, setzte er hinzu: »Ich glaube, ich bin nicht ganz wohl – lassen Sie mich gehen!«

»Sie sind nicht ganz wohl?« wiederholte sie besorgt. »Und dabei soll ich Sie gehen lassen?«

Zärtlich ruhten ihre Augen auf seinem bleichen Gesicht, zärtlich klangen Ton und Worte, aber fast rauh entgegnete er:

»Gewiß! Ich bin kein kleines Kind, das umsorgt werden will.«

Ihre Hand sank von seiner Schulter.

»So gehen Sie,« sagte sie sich abwendend.

Er ergriff ihre Hand und küßte sie heiß. »Rose! Rose! Seien Sie nachsichtig mit mir.«

So lief er davon, sie ahnte nicht, daß er ins Theater ging. Ihr erschien es nicht unnatürlich, daß seine Nerven revoltierten nach alledem, was ihnen in letzter Zeit zugemutet worden war. Seiner Mißstimmung, seinem veränderten Wesen andere Motive zuzuschreiben fiel ihr nicht ein; sie war ja doch immer noch die gefeierte Rose Marie von ehedem, der sich jeder Mann huldigend nahte.

»Ich bin verrückt!« sagte sich Viktor Alten, wenn er abends nach Hause ging und Martha, immer nur Martha vor seinem geistigen Auge stand. »Wenn diese Jugendtorheit wieder in mir lebendig geworden ist, weshalb beanspruche ich denn mein Eigentum nicht, und nehme sie wieder? Warum nicht?«

Ja, warum nicht? Er fürchtete das Aufsehen, er fürchtete fast noch mehr die Bande, die ihn an Rose Marie ketteten und am allermeisten Marthas Abneigung. Zur Liebe konnte selbst er sie nicht zwingen, und sie liebte ihn nicht.

XVIII.

»Ach, Sie sind es, Herbert!«

»Hatten Sie jemand anders erwartet, Martha?« Er fragte es mißtrauisch, als er sich an ihrer Seite auf den Sessel niederließ.

»Nein, niemand. Sie wissen ja, ich mache von meinem Künstlerinnenvorrecht, Herrenbesuche empfangen zu dürfen, nur sehr beschränkten Gebrauch.«

»Nicht zu Ihrem Schaden, wie ich bemerkt habe. Und auch ich kann heute kaum als Herrenbesuch gerechnet werden, ich komme ausschließlich als Direktor des dramatischen Theaters.«

»Ah!«

Ihre Augen blitzten auf, ihre Lippen lächelten. Sie wußte genau was er wollte. Ihre Probezeit war zu Ende, sie stand am Ziel. Die Rolle Papier in Herberts Händen bedeutete für sie eine langjährige Huldigung des Publikums, Wohlleben, Vergnügungen, Kleider und Pelze, ohne die ihr das Leben so wertlos schien.

Herbert hatte sich vier Wochen Prüfungszeit ausbedungen, diese waren noch nicht ganz um, und trotzdem war er schon hier, um sie für sich zu gewinnen; was konnte sie mehr verlangen?

Er riß die Papierhülle von dem Druckbogen, während er sagte: »Ich komme selbst, Martha, hoffentlich werden Sie das zu würdigen wissen.«

Sie lachte übermütig.

»Weil Ihnen an meiner Person etwas liegt.«

»Alles liegt mir an Ihrer Person! Sie wissen gar nicht, wie schön Sie sind!«

Seine Empfindung war unzweideutig, aber Martha mochte doch etwas anderes erwartet haben, wenigstens verzog sie kindisch den Mund und entzog ihm die Hand, die er erfaßt hatte.

»Der Direktor des dramatischen Theaters«, sagte sie, »sollte derjenigen, die er für seine Bühne festhalten will, zuerst etwas anderes sagen.«

Er legte den Kopf an die Lehne des Sessels, schob eine Hand unter sein länger als üblich getragenes Haar und sah zur Decke empor.

»Sie erwarten, daß ich zuerst Ihr Talent anerkenne, Martha,« sagte er in ruhig sachlichem Ton. »Gut! Ich will es tun. Sie haben ein recht hübsches Talent – nun seien Sie zufrieden.«

»Ein recht hübsches Talent?« wiederholte sie ärgerlich. »Wie Sie das sagen! Der Beifall, den ich alle Abend ernte, beweist mir zur Genüge, daß es mehr ist.«

»Ja, wenn jede Rolle eine Hertha wäre; das ist aber nicht der Fall.«

Sie richtete sich auf und sah ihn mit großen Augen an.

»Was soll das heißen, Herbert? Reden Sie deutlicher!«

Er ergriff ihre beiden Hände und zog sie etwas an sich.

»Sie sind schön, Martha,« sagte er. »Schönheit ist für eine Frau mehr als aller Künstlerruhm.«

Und das sagte ihr der Direktor des Theaters, an dem sie allabendlich jubelnden Beifall erregte, der Mann, der sie begehrte, der vor ihr saß mit einem vorzüglichen Kontrakt – sie begriff ihn einfach nicht.

Sie sprang auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab, er folgte mit den Augen jeder der weichen, anmutsvollen Bewegungen, ohne sie zu stören; endlich blieb sie vor ihm stehen.

»Ich begreife nicht recht, wo Sie hinauswollen,« sagte sie. Ihr kam der Gedanke, daß er vielleicht versuchen wollte, ihre Gage herunterzudrücken.

Er ergriff ihre Hand und versuchte sie an sich zu ziehen.

»Ich liebe Sie, Martha.«

»Was soll das jetzt. Ich finde es seltsam, daß Sie mir meine Erfolge streitig zu machen suchen.«

Ihre Erfolge – nein! Die sollen Sie ungeschmälert behalten. Nur über die Größe Ihres Talents dürfen Sie sich keine falschen Gedanken machen; die Ehrlichkeit bin ich Ihnen schuldig.«

»Und trotzdem dies hier?«

Sie nahm den Kontrakt in die Höhe, entfaltete ihn und überflog mit unruhigen Augen die einzelnen Paragraphen. Es war alles fertig – die Summe, die darin genannt war, überstieg sogar ihre Erwartungen. Triumphierend blickte sie auf ihn nieder.

»Was soll das nun heißen, Herbert.«

»Daß ich Sie liebe, Martha.«

»Sie sind ein Narr!« sagte sie ungeduldig.

Er schüttelte das Haar zurück und ergriff ihren Arm. – Ihr erregte die Wärme seiner Finger ein unangenehmes Empfinden, trotzdem blieb sie stehen, gespannt auf das wartend, was nun endlich doch kommen mußte und ihr Aufklärung geben sollte.

»Bin ich das?« Er lachte laut auf. »Vielleicht! Wer wäre denn stets weise! Darin könnten Sie mich zu Ihrem Lehrmeister annehmen, Martha. Ein Weib ohne Wärme, ohne die reizenden Torheiten ihres Geschlechts, ist wie eine Blume ohne Duft. Seien Sie klug, lernen Sie das von mir. Was Ihnen leider fehlt – ist Temperament! – Was kümmern den Künstler die kleinlichen Schranken und Gesetze des Alltagslebens. Unser Blut will sein Recht! Es läßt sich nicht eindämmen in Pflichten, es reißt widerstandslos alles nieder was sich ihm entgegenstellt, und es ist nur das Recht unserer Genialität, daß wir voll und ganz geben und nehmen was uns gefällt. Unser Freibrief ist eben das Künstlerblut, das die Natur uns gegeben.«

Sie sah kühl und ungerührt zum Fenster hinaus. Was kümmerten sie im Grunde genommen Paul Herberts Worte.

»Ich bin nicht so geartet, mein Blut ist ruhig,« sagte sie nach einer kleinen Pause.

»Das ist es, da liegt das Manko Ihrer Künstlerschaft! Sie können nicht gewaltig empfinden, Sie sind kalt und gleichgültig, oder – ist es nur Schein, Martha?« – Seine Augen bohrten sich forschend in die ihrigen; sie schüttelte ruhig den Kopf.

»Nein – Wahrheit! Denn wenn mich auch irgend etwas hinreißt bis zu einem gewissen Grade, darüber hinaus nie! – Es ist immer noch etwas anderes lebendig in mir, und das ist, glaube ich, Vernunft!«

Eine vernünftige Frau!« sagte er schaudernd. »Was für ein abscheulicher Gedanke!«

»Und doch haben Sie, gerade Sie, dieser selben vernünftigen Frau schon vor Jahren von ihrem Talent gesprochen. Sie waren die Ursache, daß ich alles hinter mich warf und zum Theater ging.«

»Ich denke, Sie haben es auch nicht zu bereuen.«

Sie fuhr mit den Händen an die Schläfen.

»Wollen Sie mich zum Narren halten, Herbert?«

»Nein, Martha. Aber dasjenige, was bei Ihnen wirksamer ist als manches große Talent, ist Ihre Schönheit. In jeder Rolle, mag sie sein wie sie will, werden Sie sich immer nur selbst spielen, die schöne, liebreizende Martha, nichts weiter. Deckt sich das nun zufällig mit dem, was Sie darzustellen haben, ist Ihr Erfolg ein großer; umgekehrt wird er kaum nennenswert sein. Ihr Temperament, das Sie zur Schau tragen, ist nur ein Irrlicht, es lockt und reizt, aber es hält nicht, was es verspricht. – Das alles werden Sie nicht empfinden, so lange Jugend und Schönheit vorhält, wir sind ja eben alle Narren unserer Leidenschaften, aber später wird es Ihnen desto schmerzlicher zum Bewußtsein kommen. Bauen Sie nicht allzu fest auf Ihr Talent …«

Sie hatte den Kontrakt in den Bereich ihrer Finger gezogen und während er sprach, damit gespielt, nun ergriff sie ihn und riß ihn mitten durch.

»Da!« rief sie außer sich vor Zorn. »Von Ihrer Gnade will ich nichts!«

Er war aufgesprungen und hielt die sich heftig Sträubende fest.

»Aber alles von meiner Liebe, Martha! – Ich habe noch nie um eine Frau geworben! Um dich – um dich werbe ich mit der ganzen Inbrunst einer Seele. Ich! – Paul Herbert! – Denn ich liebe dich um deiner Schönheit willen!«

Seine Stimme hatte den ganzen bestrickenden Wohlklang, dem er auf der Bühne seine Erfolge verdankte, als sie heißer und leiser werdend an ihr Ohr schlug. So leicht widerstand ihm niemand, Martha aber machte sich ungerührt und langsam frei.

»Ein Tauschgeschäft also!« sagte sie mit herbem Ausdruck um die Lippen. »Sie sind wahrhaftig sehr uneigennützig, Paul Herbert.«

»Wenn ich es wäre, dürften Sie mir ein mitleidiges Lächeln schenken, Martha. In der Welt kommt nur der zu etwas, der rücksichtslos zu Boden tritt, was sich ihm entgegenstellt, ohne Skrupel nimmt, was ihm gefällt – – oder wollten Sie mir etwa den lächerlichen Popanz Ihrer Ehe als Spatzenscheuche entgegen halten?«

»Hätte ich nicht die Pflicht, das zu tun?« fragte sie mit einem Versuch zu lächeln, obgleich ihr nicht danach zumute war.

»Wer ist Ihr Mann?«

Sie schüttelte abwehrend den Kopf.

»Etwa das alte Ungeheuer, das Sie wie ein Cerberus bewacht? Diese Rumpelkammerfreundschaft müßte allerdings der meinigen zuerst weichen.«

Als er Gregors erwähnte, lachte sie wirklich belustigt auf, gleich darauf wurde sie aber wieder ernst.

»Ich glaube jetzt, daß ich in dieser »Rumpelkammerfreundschaft«, wie Sie das nennen, einen echten Edelstein gefunden habe.«

»Dann rate ich Ihnen, sich lieber an Talmigold und Simili zu halten, es paßt ohnehin besser zu uns Komödianten.«

Sie setzte den Fuß nachdrücklich auf den zerrissenen Kontrakt, zum erstenmal verlor die Kulissenwelt ihren glänzenden Schimmer für sie, und sie sah, was daran häßlich und gemein war.

Mit einer jähen Bewegung des Abscheus stieß sie Herbert zurück, und er war keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß sie auch wirklich so empfand.

»Sie werden sich also die Sache überlegen, Martha,« sagte er, in seinen gewöhnlichen Ton zurückfallend, »geben Sie mir Antwort, sobald Sie sich entschieden haben.«

Er griff nach seinen Handschuhen, die er auf den Tisch gelegt hatte und machte Miene zu gehen; dabei warf er einen verstohlenen Blick auf sie.

Mit zusammengepreßten Zähnen stand sie da, die Augen auf den Teppich geheftet. Eine erstickende Angst schnürte ihr die Kehle zusammen. Wenn er nun ging – im Zorn ging! – Sie kannte das Theaterleben zu genau, um nicht zu wissen, daß es da Intriguen gab, die sich unmerklich und fein wie Spinnengewebe um die Ahnungslosen webten, in denen das arme Opfer so lange verzweiflungsvoll kämpft und zappelt, bis es mit zerfetzten Flügeln und lahmer Seele endlich doch eine Beute des gierigen, im Dunkeln lauernden Verhängnisses wird.

Wenn es auch ihr so gehen sollte? Wenn ihr nur die Wahl blieb zwischen Paul Herbert und der Laufbahn, in der sie für sich die Erfüllung aller Wünsche sah – oder einem Verzicht auf alle Genüsse des Lebens? Was sollte sie tun?

Das, was er ihr gesagt, und worüber sie anfänglich in eitler Selbstüberschätzung gelacht hatte – es konnte doch wahr sein!

Oft hatte sie das schon in sich selbst empfunden, wie ein: »Bis hierher und nicht weiter!« – wenn sie sich an größeren Aufgaben versucht hatte. Sie machte dann freilich die Kürze ihrer Studien dafür verantwortlich, aber – Wenn er nun doch recht hatte!

Nicht mehr gefeiert und bewundert! Nicht mehr die sieghafte Martha, sondern ein geduldetes Geschöpf, das sich Spott und Hohn, allerlei Zurücksetzungen und Kränkungen gefallen lassen mußte, wenn sie der Welt des Scheines Adieu sagen wollte, oder wieder untertauchen in das Dunkel elender Verhältnisse.

Wieder richtete sie einen scheuen Blick auf Paul Herbert – er zog gerade seine Handschuhe an, so unbekümmert, als ahne er nichts von dem, was in der Seele der eitlen Frau vorging. – Er hatte recht, am dramatischen Theater blieb sie vor solchen Eventualitäten geschützt – die Übung würde ihr schließlich das ersetzen, was die Natur ihrem Talent vielleicht versagt hatte …

Sie atmete schwer. »Herbert,« sagte sie mit erstickter Stimme, »wenn ich nun auf Ihren Vorschlag einginge …« Da schellte es draußen; sie zuckte zusammen – er lächelte.

»Ich bin kein Sklavenkäufer, Martha; entweder alles, oder nichts! Wer nicht für mich ist, ist wider mich! Das ist so ungefähr die einzige Reminiszenz, die mir noch aus meiner Schulzeit geläufig ist. Besinnen Sie sich. Sie haben ja Zeit. Ein freiwilliger Entschluß und dann vollste Hingabe, oder vollständiger Bruch. Auf Wiedersehen also.«

Er streckte ihr die Hand entgegen, ihre eiskalten Fingerspitzen machten sich selbst durch das Leder hindurch fühlbar. Ohne ihre Hand zu küssen wie gewöhnlich, ließ er die schlanken Finger sinken; – er freute sich aber doch auf den Abend, wo der Zwang sie ihm wieder in die Arme führte.

Als er gegangen, setzte Martha sich still auf den verlassenen Platz zurück. Ihr schwindelte fast, ängstliche Furcht hatte sich ihrer bemächtigt.

Sie wollte so gern über das lachen, was der Direktor ihr vorhin gesagt, es als plumpe Falle ansehen, in der er sie hatte fangen wollen; es ging nicht. Etwas in ihr war stärker als alle Sophistereien.

Da öffnete sich die Tür, Gregor trat ein. Mit der Gebärde eines hilflosen Kindes streckte sie ihm beide Arme entgegen und brach in Tränen aus. Erschrocken schob er sich auf sie zu.

»Martha! Martha! Was ist Ihnen! Wer hat Ihnen etwas getan!«

Sie wischte mit der Hand die Tränen aus den Augen und lächelte wieder.

»Wer war bei Ihnen?« forschte er mißtrauisch. »Babette sagte mir, der Direktor.«

»Ja! Herbert!«

»Nun – und?«

»Ach, es ist eigentlich albern,« sagte sie anscheinend völlig getröstet und begann an ihren feinen langen Nägeln zu reiben. »Sie werden mich auslachen, Gregor, wenn ich es Ihnen erzähle.«

Er setzte sich neben sie und betrachtete sie aufmerksam.

»Wenn es kein Geheimnis ist …«

Sie lachte.

»Er hat mir gesagt, ich sei keine Künstlerin von Gottes Gnaden! Die Stützen, die mich augenblicklich so gehoben hätten und auch ein Weilchen so halten würden, hießen Jugend, Schönheit und das trügerische Irrlicht eines Empfindens, das in Wahrheit nicht in mir zu finden sei.

– Als Künstlerin bedeute ich in seinen Augen kaum mehr als eine Null.«

Je länger sie sprach, je empörter fühlte sie sich, das heiße Blut färbte ihr Ohren und Wangen.

»Hat Herbert wirklich den Mut gehabt, Ihnen das zu sagen?« fragte Gregor nachdenklich.

»Den Mut? Sagen Sie doch lieber die Unverschämtheit! Ich weiß wohl, daß es nicht wahr ist, – nicht wahr sein kann! Es ist nicht wahr, Gregor! Er verbindet nur seine Zwecke damit, mir dergleichen Dinge weis zu machen!

– Natürlich glaube ich ihm nicht – nicht wahr, lieber Freund? Wir glauben ihm nicht!« – Sie hatte ihre beiden warmen Hände auf seine Rechte gelegt, und sich verbiegend, sah sie ihm fast zornig in das Gesicht.

Er schwieg.

»Gregor, welche Torheit! Sehen Sie, da liegt Herberts Kontrakt am Boden. So glänzend er war, ich habe ihn zerrissen. – Sie müssen nämlich wissen, er bildet sich ein, in mich verliebt zu sein, aber da ich keine so leichte Beute bin, wie er vielleicht vermutete, so – rächte er sich, wie er es vermochte. Und nun will ich von Ihnen das Gegenteil hören und Ihnen dann glauben.«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Martha,« stieß er nach einer Pause endlich rauh hervor. »Ich kann es nicht!« Sie zog die Stirn in Falten und legte, vor ihm stehend, ihre beiden Hände nachdrücklich auf seine Schultern.

»Sie glauben dasselbe wie Herbert?«

»Ja!« sagte er gequält.

Da sanken ihre Hände herab, und mit dem Ausdruck tiefster Trauer blickte sie zu Boden.

»Was aber bin ich denn?« fragte sie. »Nur eine Frau, die man ihrer Schönheit wegen begehrt, der man um ihrer Schönheit willen huldigt? Das ist sehr wenig, Gregor, und Herbert hat recht, wenn er die Hand nach mir ausstreckt.«

»Nein, das hat er nicht!« fuhr der alte Mann auf. »Warum? Etwa weil Sie abhängig von ihm sind? Oder weil Sie ihm gefallen? Ist denn die Frau, die redlich den Kampf des Daseins mitkämpft, deshalb etwa vogelfrei? Das wäre mir eine saubere Weltordnung, wenn sich das Recht des Stärkeren so weit ausdehnen wollte! – Sie sind keine Künstlerin von Gottes Gnaden, Martha, ich sagte Ihnen schon damals – am Abend ihres ersten Triumphes – über sich selbst hinaus könne niemand. Die Grenzen Ihres Könnens sind eng gezogen. Und die Kunst, wie ich sie erfasse und ansehe, verlangt ein ganzes Herz, volle Hingabe! Ihnen aber sind schöne Kleider, ein Auto, Schmuck ebenso wichtig, vielleicht noch ein gutes Teil wichtiger. Das weiß ich ja längst! – Aber Sie haben deshalb nicht nötig, verzagt zu sein, Kind; gleich Ihnen geht es Tausenden, die dabei fröhlich in den Tag hineinleben. – Die wahre Kunst ist nicht jedermanns Sache. Fragen Sie sich doch selbst, würde es Ihrem Wesen entsprechen zu streben, zu schaffen, ganz unbeachtet, zu keinem Zweck, ohne allen Nutzen? Lieben Sie Ihr Talent nur um seiner selbst willen? Nicht auch ein wenig um der guten Dinge halber, die mit ihm verbunden sind?«

Sie hatte sich längst gesetzt, die Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf darauf und weinte bitterlich. Er hatte ja recht, ihr alter Freund! Er hatte nur zu recht! War ihr der Beifall der Masse nicht untrennbar von ihrem Beruf? Hatte der äußere Glanz nicht größeren Reiz für sie als die Kunst?

Er streichelte aufgeregt ihre krausen, blonden Haare, sie weinen zu sehen war ihm schrecklich. Wieviel Schönes und Liebes blieb doch an ihr, selbst ohne den Glorienschein einer echten Künstlerin. Er wollte ihr das alles sagen, sie trösten, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

»Dann,« stotterte sie unter Tränen, »will ich zu Herbert – er hat recht mit seinen Vorschlägen und schließlich – so oder so –,« der rote Kindermund zuckte noch ein wenig, aber die großen Augen sahen schon wieder klar und hell in die Welt – »es bleibt sich ja gleich, wenn der Gewinn nur größer ist als der Verlust.«

Gregor fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfe.

»Martha!« rief er zornig, »das von Ihnen! Kind, welch ein Abgrund in Ihrer sonst so kindlichen, liebenswürdigen Natur! Weiß Gott, ich hätte eben lieber irgend ein schmerzliches Geständnis von Ihren Lippen gehört, als diesen Ausspruch.«

»Vielleicht ist das auch ein Erbteil meiner Mutter,« sagte sie nachdenklich und sah in den hellen Wintertag hinaus. »Vielleicht! – Sind wir verantwortlich für das Gute oder Böse, das in uns liegt?«

Dann trat sie vor den Spiegel und glättete ihr Haar.

»Ich sehe ja scheußlich aus, Gregor! Meine Augen sind rot und die Nase dick, ein Spaziergang wird das Beste sein. – Babette!«

Sie ließ sich Hut und Mantel bringen; der alte Mann aber bot ihr nicht mehr seine Begleitung an, er wußte, so sehr sie ihn schätzte und achtete, so unentbehrlich er ihr in allen geschäftlichen Dingen war – auf der Straße schämte sie sich seiner schäbigen Röcke und seines häßlichen Aussehens.

Er hatte für diese kleine Eitelkeit ihrerseits nur ein Lächeln, und ließ es sie niemals in irgend einer Weise entgelten, im übrigen hing er mit jeder Faser seines alten Herzens an ihrer schönen Erscheinung.

Martha wanderte inzwischen durch die Straßen der Stadt. Unter der wogenden Menschenmenge, die sie umgab, vor den geschmackvoll dekorierten Schaufenstern fand sie am ersten ihre Seelenruhe wieder, sobald irgend etwas sie aus dem Geleise geworfen hatte. Leben! Rastlos dahinflutendes Leben, den warmen Pulsschlag des Daseinsgefühls, das allein brauchte sie, um sich bald wieder mit sich selbst zurecht zu finden.

Hinter ihr her, um sie herum hörte sie es flüstern:

»Das ist die Norden! Die schöne Norden!«

Es machte ihr Vergnügen, ihre Eitelkeit war stärker als der Kummer, daß man ihr die Zukunft abgesprochen hatte. Einstweilen war sie ja noch jung, weshalb sich über Kommendes grämen.

In dem Schaufenster eines eleganten Ladens sah sie ihre Bilder ausgestellt, in den verschiedensten Aufnahmen, ein Haufe Schaulustiger umdrängte sie. Angenehm erregt trat sie näher und versenkte sich in ein eingehendes Studium ihres Abbildes. An einem gefiel ihr die Stellung des Kopfes, an einem andern das Kleid nicht. »Es sieht beinahe aus, als ob ich bucklig wäre,« dachte sie ärgerlich und nahm sich vor, das nächste Mal wählerischer zu sein.

»Welch ein unerwartetes Glück, gnädiges Fräulein!« sagte da plötzlich jemand neben ihr und zog den Hut.

Verlegen und errötend wandte sie sich zu Graf Gilsach; es genierte sie doch einen Augenblick, so im Götzendienst vor sich selbst betroffen zu werden.

»Finden Sie meine Bilder nicht abscheulich?« fragte sie und wandte sich der Straße zu. »Ich muß mir das nächste Mal einen anderen Photographen suchen.«

Er lächelte über sie hin. »Wer Sie kennt, wird niemals durch ein totes Bild befriedigt sein! Leben und Bewegung gehört so recht eigentlich zu dem Ausdruck Ihrer Persönlichkeit. Darf ich um die Ehre bitten, Sie ein Stückchen begleiten zu dürfen?«

»Ach ja, vertreiben Sie mir etwas die schlechte Laune,« sagte sie mit leisem Seufzer.

Wie schön sie war! Auch in der kalten, nüchternen Beleuchtung des frostigen Wintertages. Er liebte die zarte, sammetweiche Glätte der weißen Haut, das reizende Oval von Wange und Kinn, die ganze üppige Persönlichkeit der schönen Schauspielerin. Er war bisher seinem Verstande gefolgt und hatte jedes Alleinsein mit ihr vermieden, – aber als ihm der Zufall diese Begegnung nun ungesucht und ungewollt entgegenbrachte, da hatte er doch nicht die Kraft ihr auszuweichen.

Plaudernd gingen sie nebeneinander, und es begegnete ihnen nicht leicht jemand, der nicht noch einmal den Kopf wandte um dem auffallenden Paare nachzusehen.

Martha bemerkte es mit Genugtuung, ihr vornehm aussehender Begleiter gefiel ihr immer mehr, je häufiger sie den Ausdruck unverhohlenen Wohlgefallens in Frauengesichtern bemerkte.

Vor der permanenten Kunstausstellung blieb Gilsach stehen. »Hier drinnen ist ein Mädchenkopf, der mich sprechend an Sie erinnert, gnädiges Fräulein,« sagte er. »Wollen Sie ihn sehen? So, gerade so denke ich mir, müssen Sie in ihrer frühesten Jugend ausgesehen haben!«

Sie winkte heiter. »Gehen wir hinein, damit ich Sie enttäusche.«

Der große Saal mit seinen dicken Teppichen, bequemen Ruhesitzen, war fast leer; wenige Herren, ein paar alte Damen bildeten die einzigen Besucher. Nach der frischen Kälte draußen war die warme Luft, die sie hier umfing doppelt angenehm, und mit einem Seufzer des Behagens öffnete Martha den schweren Pelz. »Kommen Sie,« sagte er scherzend, »damit ich Sie möglichst bald zu meiner Schwärmerei bringe. Ich liebe das Bild, – obgleich ich sonst nur mangelhaftes Kunstverständnis besitze und mir nicht viel aus all diesem Krimskrams mache, – vielleicht nur deshalb, weil es mich an Sie erinnert.«

Marthas Fuß stockte einen Augenblick als sie auf die schlichte Zeichnung sah. Ein junges, kaum dem Kindesalter entwachsenes Mädchen vor einem altertümlichen Schmuckstück stehend, Verlangen darnach in jeder Fieber des schlanken Körpers, jeder Linie des Gesichts und dennoch Furcht vor der verbotenen Frucht, die die alte, im Lehnstuhl eingeschlafene Frau als Engel mit dem feurigen Schwert zu bewachen schien. Das Kleid des Mädchens war ärmlich, die Mansarde mit ihrem schiefen Dach ebenso, am Fenster ein verwelkter Blumentopf, und auf dem tannenen Tisch dies Kleinod, als letztes Überbleibsel einer glänzenden Vergangenheit. Ein Sonnenstrahl beleuchtete grell den blonden, kindlichen Kopf, der in fast plastischer Schönheit sich dem Beschauer zeigte.

»Schade, die Ähnlichkeit schwindet, nun Sie davor stehen,« sagte Gilsach, der Marthas momentanes Erschrecken nicht gesehen hatte. »Die Umgebung wird daran schuld sein! Sie, so elegant, und dies arme, begehrliche kleine Ding. Kann sie uns nicht ordentlich leid tun?«

Sie setzte sich auf das Sofa und lehnte den Kopf gegen die Rücklehne; wie ein leichter Schleier lag es vor ihren Augen. Das war ihre eigene armselige Vergangenheit, die da vor sie hintrat. Und gerade heute mußte ihr das so lebendig vor Augen treten, wo man ihr gesagt hatte, daß es nur Truggold sei, was sie sich erobert, daß es nur eines Zufalls, eines Ungefährs bedurfte, um ihr den Erfolg wieder zu entreißen, dessen sie sich so sicher gedünkt hatte.

Die Bangigkeit, die ihr vorhin das Herz zusammengeschnürt hatte, kehrte zurück, zwei klare Tropfen sammelten sich in ihren großen blauen Augen.

Graf Gilsach hatte seine Sachen abgegeben, es war zu warm im Saal, zurückkehrend sah er mit einem Blick in Marthas Gesicht, daß sie etwas tief bewegte. So hilflos sah sie aus, so kindlich und kummervoll. Wo blieb sein Verstand in diesem Augenblick!

Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest.

»Was ist Ihnen, Martha,« fragte er beklommen.

Sie schüttelte unter Tränen lächelnd den Kopf.

»Lassen Sie mich auch einmal kindisch sein, lieber Freund, ich bin es so selten.«

»Haben Sie irgend einen Kummer – irgend etwas, das Sie drückt, wo ich Ihnen helfen kann?« fragte er weich.

Sie begriff, daß sie irgend etwas sagen mußte um ihn zu beruhigen.

»Glauben Sie, daß das Leben am Theater nur Rosenwege bietet?« fragte sie, nun wieder lächelnd.

»Gewiß nicht, aber ich dachte, Sie gehörten Ihrer Kunst so mit Leib und Seele, daß nichts imstande wäre, Sie dieser untreu zu machen.«

Sie schob den Pelz ganz von den Schultern.

»Es käme darauf an,« sagte sie gedankenlos.

Er beugte sich dicht zu ihr herab, ein flüchtiger Umblick hatte ihm gezeigt, daß sie allein waren.

»Wenn,« begann er halblaut und sein Atem streifte ihr »Ohr, »Ihnen nun jemand alles anböte – Herz – Hand – Besitz und dafür das Opfer Ihrer Kunst forderte, Martha, würden Sie es bringen können?«

Sie fuhr herum und sah ihn mit großen Augen an.

»Sie, Graf Gilsach?!«

»Ich!«

Marthas Augen hafteten auf dem Bilde, dämmerige Schatten huschten schon darüber hin. Nur nicht wieder zurück in die Region der Armut, der Entsagung!

Gräfin Gilsach! Der Titel klang, er schloß ein bedeutendes Besitztum in sich, und der Mann, der ihr das bot, war elegant und liebte sie.

Eine Ehe in die vornehme Welt hinein, das Ideal ihrer sämtlichen Kolleginnen warf ihr das Schicksal in den Schoß; wäre sie nicht eine Närrin, wenn sie es nicht aufnahm?

»Sie besinnen sich, Martha, ich verdenke es Ihnen nicht!« begann er gepreßt, da sie schwieg. »Dem Lorbeer müßten Sie freilich entsagen. Die zukünftige Gräfin Gilsach darf sich keine Stunde länger von Herberts Armen umschlungen dem entzückten Publikum zeigen. O, es hat mich fast wahnsinnig gemacht, das alle Abende mit ansehen zu müssen.«

»Sind Sie eifersüchtig?« fragte sie, das Kinn auf den Elfenbeinknopf ihres Schirmes drückend.

»Das ist keine Eifersucht,« sagte er. »Ich will nur nicht entweihen lassen, was ich anbete.«

Sie riß die Augen auf.

»Entweihen?« fragte sie verständnislos.

»Wenn Sie es nicht verstehen, kann ich es Ihnen nicht erklären,« sagte er etwas gedrückt. »Ich habe schwer gekämpft, Martha. – Meine Liebe ist stärker als mein Vorurteil. Aber ich weiß, daß kein Makel an Ihnen haftet, trotz Ihrer theatralischen Karriere, und daß ich Sie aufrechten Hauptes unter das Dach meiner Väter führen kann. Die Nordheims sind ein altes Geschlecht.«

»Ich glaube,« sagte sie und zog den Handschuh durch die Finger. »Großmutter war wenigstens sehr stolz auf unseren Namen.«

»Und auch Sie, Martha – Sie haben stets gewußt, daß Sie ihm etwas schuldig waren und handelten danach,« fragte er eindringlich, und seine Augen fragten noch mehr als seine Worte.

Sie sah ihn lebhaft an.

»Immer!« sagte sie fest.

Was ging ihn ihre Ehe an? Es war kein Flecken, den sie auf sich geworfen. Sie ließ sich so leicht lösen, und Viktor würde vernünftig sein. Der Graf war vorsichtig. Ein offenes Geständnis jetzt, machte ihn vielleicht mißtrauisch; je länger sie sich mit der Vorstellung dieser Heirat beschäftigte, desto reizvoller erschien sie ihr.

Welch ein Unterschied in der Art und Weise, wie er sie behandelte gegen Paul Herbert. – Bei jenem alles in den strengsten Formen, voll warmer Hochachtung und verhaltener Glut, bei diesem nacktes, krasses Begehren, schleierlos und häßlich. Beide boten ihr eine glänzende Zukunft, aber die eine war eine sichere Versorgung für die Zeit ihres Lebens, die andere vielleicht berauschend, stürmisch und voller Leidenschaft, aber auch mit der abscheulichen, unausbleiblichen Ernüchterung, die immer stärkerer Reizmittel bedarf. Die praktische Martha brauchte keine lange Überlegung.

Mit dem großäugigen Kindergesicht sah sie fast schüchtern zu ihm auf.

Er legte langsam den Arm um sie – sie fühlte wie er bebte – und zog sie an sich.

»Meine Martha!« sagte er.

Ein Schauer des Entzückens überrieselte sie. Nicht besondere Liebe für seine Person brachte das mit sich, sondern der Triumph, den sie durch die Werbung des Grafen errungen. Alle Welt hielt ihn für hochmütig; sie hatte diesen Hochmut besiegt.

Der Gedanke an eine zweite Ehe war ihr noch nie gekommen, die Freiheit schien ihr ein herrliches Gut, aber der Graf war auch nicht so anspruchsvoll und tyrannisch wie Viktor; an seiner Seite würde es sich bequem leben lassen, und die Rolle, die ihr als Gräfin Gilsach zufiel, war nach ihrem Geschmack.

Mit einer raschen, fast impulsiven Bewegung lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter; nur einen Augenblick, denn er richtete ihn gleich behutsam wieder auf. Vor dem Bekunden irgend eines Gefühls in der Öffentlichkeit empfand er Scheu, und hier standen neugierig lungernde Diener ringsum, aber er hatte verstanden, ein heißer, Leidenschaft durchglühter Blick lohnte es ihr.

»Und mein Engagement?« sagte Martha plötzlich wie erschrocken und schlug die Hände zusammen.

»Muß so schnell wie möglich gelöst werden.«

Nun zog doch ein bitterer Schmerz durch ihre Seele. Dem Theater entsagen! Wieder empfand sie, wie sie mit Leib und Seele an den Brettern hing. Traurig senkte sie den Kopf.

»Ich habe noch zehn Tage zu spielen, ehe ich mein Engagement definitiv antreten muß, die werden Sie mir noch zugestehen, Ruprecht. Es wäre schrecklich undankbar an Herbert gehandelt, wollte ich ihn im Stich lassen. Nicht wahr, das gestatten Sie mir.«

Ihre Augen flehten noch beredter als ihre Worte, er konnte ihnen nicht widerstehen, obgleich sich sein Herz bei dem Gedanken qualvoll zusammenzog.

»Sie wissen nicht, was Sie mir zumuten, Martha,« sagte er, die Unterlippe zwischen den Zähnen. »Es sei indessen, wie Sie wünschen, nur werde ich von heute ab dem Theater fern bleiben.«

»Nein, das dürfen Sie nicht,« rief sie erschrocken, die gefalteten Hände auf seinen Arm legend. »Ich will gerade, daß Sie da sind! Für wen soll ich denn sonst spielen?«

Er bückte sich und berührte mit seinen Lippen ihre Finger.

»Martha! Martha! Was machen Sie aus mir.«

»Denken Sie, ich spräche nur zu Ihnen.«

Errötend sah sie vor sich nieder, die krausen, blonden Nackenlöckchen zitterten leicht, und er wußte, daß er kommen würde, Abend für Abend, weil sie es so wollte.

»Ich werde meiner Cousine sofort Mitteilung von unserem Verlöbnis machen, Martha,« sagte er, sich erhebend, denn der Saal hatte sich gefüllt, und er fühlte sich nicht imstande, all den neugierigen Blicken ringsum standzuhalten. »Das Repertoir gibt Sie für heute frei, darf ich in Rose Maries Namen darum bitten, den Abend in ihrer Häuslichkeit zuzubringen?«

»Werden wir allein sein?« fragte sie rasch.

»Ganz allein.«

Er lächelte froh, ihr Wunsch war ihm ein Beweis ihrer Zuneigung.

»Wenn die Kommerzienrätin nichts anderes vor hat, komme ich gern. Aber eine Bedingung, Graf Ruprecht, nachdem Sie mir so viel Bedingungen gestellt haben, mache ich auch. – Niemand, außer der Rätin, darf von unserem Verlöbnis eher etwas erfahren, als bis ich das Theater verlassen habe.«

»Ihr Wunsch ist mir Befehl,« sagte er, gleichwohl etwas befremdet. –

Draußen schneite es leicht, er setzte seine Braut in einen Wagen, begleitete sie aber nicht; Martha lehnte sich mit einem Seufzer der Ermattung in die Polster.

Mitten in den Rausch ihres neuen Triumphes, drängte sich jäh immer wieder Viktors Bild. Seinetwegen hatte sie noch Schweigen verlangt, seinetwegen heute abend ein Alleinsein gewünscht. Wie würde er sich zu dieser neuen Wendung der Dinge stellen? Sie wußte es nicht, aber ein banges Gefühl ließ sie nicht los.

XIX.

Das Holz in Rose Maries Kamin prasselte und knackte; von Windstößen angefacht, schlug die Flamme hoch auf und leckte mit gieriger Zunge durch den blanken Stahlrost, in das einsame Zimmer hinein. Die beiden Fauteuils auf dem weißen Eisbärenfell davor waren leer, auf dem Wappentischchen zwischen ihnen lag nur ein einziges Buch.

Wie gut kannte Viktor, der eben eintrat, diesen Platz! Von dort waren die feinen Fäden ausgegangen, die ihn allmählich umsponnen hatten, die ihm den Dichterruhm und die Lorbeerkränze gewunden. Die Uhr mit ihrem hastigen Pendelschlag dort auf dem Kaminmantel hatte ihm gezeigt, wie sich die Tage wohl folgen, aber nicht gleichen. Die mächtigen gebleichten Farne, die an beiden Seiten in ihren japanischen Vasen hoch aufragten, zitterten leise in der heißen Lust, die aus dem Feuerloch aufstieg; jede Rispe, jede Verzierung war ihm vertraut. Wenn er hier saß und dachte und träumte, hatte er an seinen guten Stern geglaubt, und hier war seiner Eitelkeit das süße Gift des kommenden Ruhmes von schönen Frauenlippen oft – o wie oft kredenzt worden.

Sie hatten wahr gesprochen mit ihren Prophezeiungen; mehr als er je gehofft, war ihm zuteil geworden, und doch – und doch! Im Grunde seines Herzens barg sich eine Entmutigung und eine gewisse Bitterkeit. Wann oder wie dies Gefühl über ihn gekommen war, inmitten alles dessen, was absoluter Erfolg, vollständige Erfüllung seiner Wünsche war, wußte er selbst nicht. Aber es war vorhanden, es nagte an ihm und begleitete ihn bei allen seinen Errungenschaften. »Unzufriedenheit,« tröstete er sich, »ist der Schatten der Intelligenz, nur der ungebildete Mensch vermag zufrieden zu sein, der gebildete nie.« – Und doch wurden, je mehr man ihm von außen huldigte, die Schatten in seinen dunklen, melancholischen Augen trüber, sein Lächeln matter. Nicht wenig trug das Verhältnis zu seiner Frau dazu bei, ihn zu quälen. Dies fieberische Verlangen nach ihr, die er doch einst verschmähte, das jetzt in seinen Adern raste sobald er sie sah, war etwas Krankhaftes. Daß ihre Charaktere nicht zueinander paßten, wußte ja niemand besser wie er; aber er dachte auch niemals an ein ganzes Leben an ihrer Seite, immer nur an einen gewissen Zeitabschnitt, – nichts mehr. – Und dann befiel ihn eine geradezu quälende Sehnsucht nach Gregor, dem verlorenen Freunde, der einst so klar in seiner Seele zu lesen verstanden hatte, dessen herbe Worte und harte Stimme ihn doch so oft dem Höheren in seiner Natur entgegengeführt hatten.

Er sehnte sich nach ihm wie nach herber, reiner Bergluft, aber zu ihm zu gehen – das Opfer vermochte seine Eitelkeit nicht zu bringen. – Gedankenlos griff er nach dem Buch und schlug es auf. »Ideale« hieß es, und darunter stand sein Name. Er begann darin zu blättern, es mutete ihn an, als lese er etwas Fremdes. Viele Stellen waren unterstrichen, an den Rändern Notizen gemacht, die sein Interesse erregten. Und je weiter er kam, desto deutlicher wurde die Stimme in ihm, die da sagte: Das war der rechte Weg des Schaffens, der dich das Beste in dir geben hieß, ohne Eitelkeit, ohne Ruhmsucht und Gedanken an Gold; wieviel höher standest du damals, als jetzt! Freilich, die Menge urteilte anders!

So kam er bis zum Schluß, und da hatte dieselbe zierliche Frauenhand unter die letzten Worte seines Romans eine Strophe gesetzt, an der seine Blicke hängen blieben. – ›Der schöne Gott in ihm war tot!‹ –

Wie ein Peitschenhieb trafen ihn die wenigen Worte; trafen sie doch die wunde Stelle, gleichzeitig stachelten sie ihn zum Zorn. Hatte Grete absichtlich das Buch hier liegen lassen, damit er es finden und sich ärgern sollte? Es kam ihm beinahe so vor. Ihr, und keiner anderen gehörte es. Eigentümlich kühl und zurückhaltend war das junge Mädchen gegen ihn gewesen, so lange er sich ihres Verkehrs erinnern konnte. Glaubte sie etwa ihn damit zu strafen? Was er sich daraus machte! –

Was war sie denn eigentlich, dies unbedeutende Ding? Weder hübsch, noch geistvoll, noch sonderlich anziehend in irgend einer Art, abhängig von Rose Maries Güte …

Hinter ihm rauschte ein Frauengewand, er sah sich um; die, an die er eben dachte, stand vor ihm.

Sie errötete heftig als sie das Buch in seiner Hand sah und streckte schnell die Hand darnach aus; er hielt es fest.

»Deshalb kam ich her,« sagte sie beklommen.

»Zu spät, wenn es nicht in Ihrer Absicht lag, mich mit dem Ausdruck Ihrer Gesinnung zu überraschen, Fräulein Grete,« bemerkte er. »Aber ich denke, eine Nachlässigkeit lassen Sie sich doch nicht ohne bestimmten Zweck zuschulden kommen. Nun – Ihr Zweck ist erreicht, ich bin völlig au fait über das Urteil, das Ihre Güte mir spendet.«

Ohne Hast, aber mit großer Entschiedenheit nahm sie ihm das Buch aus der Hand.

»Es war selbstverständlich nicht für Ihre Augen bestimmt,« sagte sie ruhig.

»Aber der Ausfluß Ihres Denkens.«

»Gewiß! Warum sollte ich das leugnen.«

Er ergriff das blanke Schüreisen und stieß damit in die Glut.

»Ich maße mir natürlich nicht an, Sie beeinflussen zu wollen, aber bedenken Sie, daß die Zeit an keinem Menschen spurlos vorüber geht. Er ändert sich naturgemäß mit den Verhältnissen. Der Dichter der Ideale lebte fünf Stock hoch, im Mansardenstübchen, holte sich sein Abendbrot selbst ein und fand erst durch Zufall heraus, daß das Enkelkind seiner Wirtin, mit dem er zwei Jahre unter einem Dache gelebt hatte, schön war.«

»Wohl ihm!« sie sah mit schimmernden Augen auf das Buch in ihrer Hand. »So gab es doch eine kurze Zeit in seinem Leben, in dem er etwas Großes und Schönes schaffen, daran glauben konnte.«

Er strich sich leicht über die Stirn.

»Das sagen Sie dem Dichter von: ›Im Zeichen der Zeit‹?«

»Ich kann nicht unwahr sein,« erwiderte sie kurz und sah in die Flammen.

»Aber Sie verletzen mich!«

Die Hand, in der sie noch immer das Buch hielt, zitterte leicht.

»Ich kann nicht anders!« sagte sie leise.

»Tun Sie es etwa aus Teilnahme an meiner Person, daß Sie so streng mit mir ins Gericht gehen? Ich bin es anders gewöhnt,« begann er mit schwachem Lächeln.

Da drängte sie sich ihm ein wenig entgegen; hastiger atmend, hingerissen durch das, was sie empfand:

»Das ist es eben, daß Sie es anders gewöhnt sind, und mögen es die einmal verantworten, die das tun,« rief sie erregt, so ganz anders wie gewöhnlich. »Ein großes Unrecht haben Ihnen die angetan, die das menschlich Eitle in Ihnen großgezogen und gepflegt haben, bis es das Hohe und Edle erstickte. Ein himmelschreiendes Unrecht! Denn, glauben Sie mir nur, Herr Alten, die Huldigungen der gedankenlosen Menge werden Ihnen nicht immer genügen. In jedem Künstler steckt ein Stück Gottheit, und dies muß sich frei ringen aus all dem Wust der Äußerlichkeiten. O, ich denke so hoch von der Kunst, daß ich meine, an ihren Geweihten verliert selbst der Staub sein Herrscherrecht.«

Er stützte den Kopf in die Hand und seufzte.

»Auf solchen Höhen steht es sich ängstlich, Gretchen,« sagte er mit einem Versuch zu scherzen. »Liebe müßte da stützen helfen, aber eine Liebe, die eben so göttlich ist wie das, um was man kämpft – und solche Liebe, Gretchen – opferfreudig, geduldig, selbstlos, zuweilen sogar hart – ist ebensowenig irdisch wie die Kunst, von der Sie träumen! Wir sind alle Menschen! Nur Menschen! – Leider!« –

Sie schwieg. O, über diesen Zwang des Hergebrachten!

Warum durfte sie ihm nicht sagen was sie fühlte: Nimm meine Liebe als deine Stütze, – sie ist rein, selbstlos und demütig genug, um das zu sein, was du verlangst.

Aber sie sah auf sein feines, gedankenvolles Profil mit dem abgespannten, weltmüden Zug um die Augen und Lippen, sein elegantes Äußeres, an dem alles der Mode entsprach, und es war ihr, als schob sich zwischen sie und ihn ein Abgrund, über den es keine Brücke gab. Und dieser Abgrund war die Welt – die Welt, die zwischen ihnen stand mit dem Hosianna auf den Lippen, den versteckten Steinen in den Händen, um ihren Götzen, den sie anzubeten vorgab, damit zu bewerfen, wenn er ihr das nicht mehr bot, nach dem es sie gelüstete. – War er denn blind, oder wollte er nur blind sein! Sah er nicht, daß der Erfolg, um den er seine Seele hingegeben hatte, nichts war als eine Eintagsfliege, daß alle diese Menschen, die ihn jetzt huldigend umgaben, im Geheimen nach einer Schwäche ausspähten, um darüber zu Gericht zu sitzen.

»Sind Sie glücklich, Herr Alten?« fragte sie endlich.

»Wie kommen Sie darauf?« fragte er dagegen verwundert. »Zweifeln Sie etwa daran?«

»Ja!« sagte sie kurz, ihre Stimme bebte ein wenig.

Er war verwundert. Was selbst Rose Marie, der Freundin seiner Seele, entgangen war, was er sich kaum selbst widerwillig zugestand, das wußte Grete! Das stille, fast unbeachtete Mädchen rückte für ihn in ein neues Licht.

Er lehnte den Kopf an die Lehne des Sessels und ließ die Lider etwas über die Augen fallen. Feuriger Flammenschein zuckte über sein bleiches Gesicht. Gretes Hand fassend, hielt er sie fest.

»Gutes Kind,« sagte er halb traurig, halb spöttisch, »in dieser mangelhaften Welt, die selbst den Anspruchslosesten auf die Dauer nicht genügen kann, gibt es kein Glück, – Aber wer hielte mich nicht für einen Narren, dem ich das zugestände, angesichts alles dessen, was ich an Erfolg, Anerkennung und Erfüllung meiner kühnsten Wünsche erreicht habe. Es quält mich selbst, dies törichte, wesenlose Gefühl des Verlangens nach etwas Unbekanntem, das mich verfolgt; aber es ist immer da – im tiefsten Grunde meines Herzens, inmitten der tiefinnersten Gedanken!«

Er hatte sich aufgerichtet, mit traurigen Augen sah er zu der auf, der er ohne seinen Willen diese Beichte ablegte. Er wunderte sich nicht, daß ihm Grete gegenüber die Worte auf die Lippen traten. Daß sie ihn verstand, sah er ja an ihrem Blick, aus dessen Tiefen ein zärtlichweicher, sehnsüchtiger Glanz sprach, der sich ihm warm um das Herz legte.

»Der Gott in Ihnen ist nicht tot, er schläft nur und wird wieder erwachen,« sagte sie voll Zuversicht.

»O nein, es sind nur die letzten Zuckungen meiner Jugend, die mich plagen, vergessen Sie, was Ihnen ein Narr unter diesem Einfluß gesagt,« erwiderte er, sich selbst verspottend.

Sie schüttelte den Kopf.

Er sah sie nachdenklich an.

»Sie sind eine Schwärmerin, Grete!«

»Gott sei Dank, daß ich das bin.«

Ein Diener kam und rief sie ab. Stumm schüttelten sie sich die Hände. Jeder von ihnen nahm das wunderliche Empfinden in diesem Augenblick in sich auf, als hätten sie köstliche Güter miteinander ausgetauscht, als wäre ihr Leben plötzlich inhaltsreicher geworden.

»Ich gehe auch!« sagte er aufspringend und der elastisch dahinschreitenden Gestalt nachsehend. »Grüßen Sie Rose, Gretchen.«

Sie blieb stehen und sah sich um. Ein blasser Wintersonnenstrahl streifte ihr schmales Gesicht. Sie war nicht schön, aber jungfräulich anmutig, sie erinnerte ihn an ein Madonnenbild, das er irgendwo gesehen und dann lange in der Erinnerung behalten hatte, warum wußte er selbst nicht.

»Auf Wiedersehen!« sagte sie lächelnd. Sie war so froh! Von diesen Minuten würde sie lange zehren, das wußte sie und schämte sich dessen nicht. –

Kaum eine Viertelstunde später kam Rose Marie in Begleitung ihres Vetters nach Hause; sie war erregt.

Hut und Mantel achtlos abstreifend, ging sie im Zimmer auf und ab.

»Also dein Ernst, Ruprecht!«

»Würde ich es dir sonst gesagt haben? Ich liebe Martha, ich bin entschlossen sie zu heiraten und bitte dich, sie als meine Braut in unsere Familie einzuführen.«

Sie nickte leise mit dem Kopf.

»Armer Freund! Du weißt nicht, was schon jetzt in dir vorgeht trotz deiner Liebe, und vielleicht ist es unrecht, daß ich es dir sage. Sei's d'rum, du entdeckst es ja schließlich doch, du liebst sie und willst sie zu deiner Frau machen! Gut! Aber sie ist eine Schauspielerin. Der Boden, auf dem sie steht und gedeiht, ist ein ganz anderer als der deinige. Es gibt Mesalliancen, glaube mir nur, trotz aller Liberalität. Du willst dir Martha erkämpfen. Sie dir ähnlich machen – lieber Himmel. Der Kampf, den du unternommen hast, wird dich dein Bestes kosten, deine Liebe! Jetzt nennst du noch alles Vorurteile, aber die Welt und die Traditionen deiner Familie werden sich doch schließlich an dir rächen! Du erwartest ein überschwengliches Glück, das deinen Opfern entspricht, aber mit jedem Tage wird dein Glück geringer, dein Opfer größer – dann klagst du sie an und bist schließlich doch der allein Schuldige.«

»Ich liebe sie,« sagte er einfach, statt aller Argumente. »Freilich, wenn sie nicht absolut makellos wäre, hätte ich nie daran gedacht, sie zu heiraten, trotzdem sie mein Blut in Feuer verwandelt hat. Schon als Kind gab es Dinge, in denen ich eigentümlich war, eine Frucht, die ein anderer berührt hatte, nahm ich nicht, und lockte sie mich auch noch so sehr; ein Glas, aus dem ein anderer getrunken, erregte mir Übelkeit, und ein Mädchen, das ein anderer geküßt, war mir nicht mehr begehrenswert. Aber Martha – siehst du, da bin ich sicher, daß niemand – niemand auch nur das kleinste Anrecht an sie hat.«

»Beim Theater!« schaltete sie zweifelnd ein.

»Ich bürge für sie – und nun gratuliere mir, Rose Marie!«

Sie riß an einer goldgestickten Tischdecke, die ihren Zorn erregt zu haben schien.

»Ich habe meine Schuldigkeit getan, Ruprecht, das übrige geht nur dich noch an. – Und somit gratuliere ich dir also, wie du es verlangst.«

»Und wirst sie heut abend freundlich empfangen?«

»Natürlich, natürlich,« sagte sie ungeduldig. »Hast du mir jemals den Vorwurf der Ungastlichkeit oder Unhöflichkeit machen können?«

»Ich danke dir!« –

Erleichtert seufzte sie auf als er gegangen war. Ihr machten augenblicklich ganz andere Dinge den Kopf heiß.

»Grete!« rief sie noch immer in demselben gereizten Ton wie vorher.

Das junge Mädchen kam. Ein Abglanz stillen Glückes lag noch in ihren Augen.

»Hier bin ich, Rose.«

Die Kommerzienrätin lief schweigend im Zimmer auf und ab, plötzlich blieb sie zornig auflachend dicht vor ihrer Nichte stehen.

»Kannst du dir denken,« rief sie, »was deine liebenswürdige Tante Anna mir soeben aufgetischt hat? Es ist lächerlich – ein neuer Beweis von der Nichtswürdigkeit der sogenannten Gesellschaft! Niemanden können sie in Frieden lassen – niemand ist imstande, ihnen den Mund zu stopfen! – Das zischelt und flüstert und klatscht, während es sich mit dem Mantel der Moral drapiert und bewundernd selbst bespiegelt! – Todesstrafe sollte auf dem Geschwätz böser Zungen stehen, dann – erst dann würden die Menschen besser! – Und was ist es im Grunde, was sie dazu treibt? Neid ist es, gemeiner Neid! Wie ich die Menschen verachte!« –

»Aber Rose! Rose, was ist dir?« fragte Grete erschrocken über die Erregung der sonst so ruhigen Frau. »Du pflegst Tante Anna doch sonst nicht ernst zu nehmen!«

Rose Marie strich mit der Hand über das blonde, wellige Haar.

»Wenn sie mich angreift, allerdings nicht. Was frage ich nach ihren beschränkten Begriffen von Anstand und Sitte! Die Unversuchten sind es ja immer, die am tollsten schreien. Aber sie verdächtigt Alten – nein, sie behauptet geradezu – daß er mit der Norden in einem Liebesverhältnis stehe; alle Welt wüßte das und fände es schließlich natürlich! – Natürlich!« Sie zuckte die Achseln; »dazu besitzt die Norden denn doch zu wenig Geist, um einen Mann wie ihn zu fesseln. Schön ist sie ja – und kokett – aber das ist auch alles! Nein, für Viktor paßte sie nicht! Ich habe auch nie etwas derartiges bemerkt, – du vielleicht, Grete?«

Sie sah prüfend mit ihren stahlgrauen, schimmernden Augen, in denen in diesem Augenblick etwas von Härte lag, in Gretes Gesicht; der verwunderte Ausdruck desselben beruhigte sie offenbar.

»Nein! Aber ich bin keine sonderlich scharfe Beobachterin.«

»Gleichviel! Wenn alle Welt sieht, können doch nicht nur wir beide blind sein! Wahrhaftig, wenn ich nicht der Meinung wäre, Anna stände tief unter mir, ich könnte sie manchmal beinahe hassen! Von diesem Standpunkt aus freut mich fast Ruprechts Verlobung.«

»Graf Gilsach hat sich verlobt?«

»Ja, mit Martha von Norden. Ich muß dir gestehen, ich war einen Augenblick unschlüssig, ob ich ihm Annas Geschwätz mitteilen sollte, aber schließlich … es ist so gemein, sich zum Sprachrohr für das Übelwollen der Leute herzugeben, daß ich lieber schwieg.«

Sie setzte sich in den Sessel, den Viktor vor kurzem verlassen, stützte den Kopf in die Hand und sah in die Flammen.

»Geh, Gretchen, und besorge alles für heute abend, du weißt ja,« sagte sie zerstreut.

Konnte es denn überhaupt etwas anderes sein als leeres Geschwätz, das ihre Schwägerin ihr voll giftigen Spotts zugetragen hatte? Unmöglich! – Ganz unmöglich! Alles in ihr lehnte sich dagegen auf. Zuerst ihre Eitelkeit, das Bewußtsein der Gewalt, die sie stets bis zum Überdruß über Männerherzen besessen. Man hatte ihr gehuldigt, sie geliebt, so lange sie denken konnte, man liebte sie und huldigte ihr noch, trotz ihrer vierzig Jahre.

»Die Norden ist jung und schön, du bist für ihn eine alte Frau!« hatte Anna höhnisch gesagt. »Männer pflegen unser Geschlecht nicht mit den Augen unserer eigenen Eitelkeit anzusehen. Jung ist ihnen jung; alt, alt!«

Rose Marie preßte die Handflächen ineinander, es erstickte sie fast.

Gab es denn nichts, was der grausam fortschreitenden Zeit Widerstand zu leisten vermochte? Gab es kein Band, keine Leidenschaft, keine Treue, die stark genug war, dem Herabrollen der Jahre zu trotzen?

Wehe dann den Frauen, die nach der ersten kleinen Falte um Augen und Mund noch den Mut besaßen, ein Herz zu haben!

Sie nahm einen kleinen, zierlich ausgelegten, vergoldeten Handspiegel vom Wandbrett und hielt ihn, nach einem scheuen Blick rückwärts, vor ihr Gesicht. Angstvoll spähte sie. Das helle Glas warf ihr eigenes Antlitz, scharf beleuchtet von den Flammen und dem Tageslicht, erbarmungslos zurück. Hatte sie denn bis heute wirklich nicht gesehen, wie die Linien sich um die Augen zogen? Daß die Haut nicht mehr elastisch und frisch war wie vor zwanzig Jahren? Ihre Triumphe hatten ihr sicher das Alter weggetäuscht, sie hatte selber nicht so recht daran geglaubt und deshalb auch wenig darnach gefragt, aber in diesem Augenblick, mit der zornigen Angst um den Geliebten im Herzen, fielen die barmherzigen Schleier, und sie sah nackt und kahl, was sie auf ewig verloren hatte. Triumphierend, grinsend kam es herangeschlichen, das verwelkende Alter.

Langsam legte Rose Marie den Spiegel zur Seite. –

Mit Verwunderung bemerkte die Zofe, daß die Kommerzienrätin heute gar nicht mit der Toilette zufrieden zu stellen war. Niemals hatte sie bisher so viel künstliche Hilfsmittel gebraucht, niemals mit solchem Raffinement Schmuck und Farben zusammengestellt, um alles schließlich mit ärgerlichem Achselzucken wieder beiseite zu werfen.

Zum erstenmal kämpfte sie mit dem Bewußtsein gegen das Alter.

Sie ging aufmerksam von Zimmer zu Zimmer, rückte die Lampen, veränderte die Beleuchtung und warf zuweilen forschende Blicke in die großen Spiegel. Sie wußte genau, daß sie mit dem, was sie heute getan, die Grenzen des Menschenmöglichen erreicht hatte, aber trotzdem kam die alte Siegessicherheit nicht wieder über sie.

Rose hatte dem Brautpaar zwar ein Alleinsein bei sich zugesagt, aber daß auch Viktor davon ausgeschlossen sein sollte, war ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Nun ersehnte sie sein Kommen mit der ganzen Heftigkeit ihres so plötzlich ins Schwanken geratenen Herzens. Er allein war imstande, ihr die Ruhe zurückzugeben.

»Ich bin eifersüchtig!« sagte sie sich plötzlich, mitten im Zimmer stehen bleibend, mit schlaff herabhängenden Armen.

»Ich! – Und auf wen? Auf eine Norden! – Wenn er das wüßte, es müßte ihm schmeicheln, aber er soll es nie – niemals erfahren.«

Und doch wirkte diese Eifersucht so stark, daß sie nicht imstande war, die Schauspielerin mit einem Kuß, auf Stirn oder Lippen zu begrüßen, wie sie es zuerst gewollt, nur ein kurzer, frostiger Händedruck, und auch den unter der Herrschaft des qualvollen Gefühls, dessen sie nicht Herr werden konnte.

Martha beachtete Rose Maries Kälte gar nicht. Ihr großäugiges Kindergesicht strahlte in Schönheit und Siegesfreude; es war dem Grafen zu verzeihen, daß er überhaupt nichts anderes sah als seine Braut.

Zum Tee waren sie gekommen, jetzt räumte der Diener das Geschirr zusammen, und Rose Marie trat in ihr Zimmer. Sie hob die Arme in die Höhe und gähnte.

»Sterbenslangweilig, Grete,« jammerte sie. »Ich komme dabei um!«

Grete lachte.

»Sie sind doch glücklich, Rose.«

Sie schob die Unterlippe vor.

»Das glaubst du wirklich, Kind? Bei Ruprecht ist es die Narrheit des Mannes nach der Schönheit der Frau, und bei ihr wohl nichts weiter, als die Sucht, Gräfin und reich zu werden.«

Sie horchte auf. Das draußen war doch Alten! Sie kannte sein Klingeln, seinen Schritt so genau …

Er! – Er! –

Was sie nie getan hatte, heute tat sie es, sie ging ihm entgegen wie ein verliebtes, erwartungsvolles junges Mädchen.

»Gott sei Dank, daß Sie kommen, Viktor! Sie retten mich von dem Tode aus Langerweile.«

Es fiel ihm auf, wie jung und hübsch sie aussah, seit langer, langer Zeit, zum erstenmal! – Seine Begrüßung war deshalb lebhafter als sonst.

»Wer hat das auf sein Gewissen genommen, Rose?« fragte er launig und bot ihr den Arm.

Sie zögerte mit der Antwort, dieser Augenblick bot Gelegenheit zu einer Probe auf das am Vormittag gehörte Geschwätz. In der Überraschung des unerwarteten Anblicks aber, gab er sich sicher unbeherrschter, als wenn sie jetzt davon sprach.

Etwas gezwungen auflachend, sagte sie, ihn fortziehend:

»Ich habe die böse Absicht, Sie an diesem Genuß teilnehmen zu lassen.«

Noch einen Schritt weiter und sie sahen das Brautpaar. Mit einem dumpfen Laut des Zornes blieb Viktor stehen, sein Arm zuckte heftig. Atemlos, mit einem würgenden Gefühl der Verzweiflung in der Kehle, sah sie zu ihm auf. Dieser eine Augenblick war fast unerträglich für sie. Ahnungslos, daß sie beobachtet werden konnten, saß das Brautpaar in dem Erker des Salons. Oder vielmehr Martha saß, den blonden Kopf gegen die fahlrote Sammetlehne des vergoldeten Sessels gedrückt, dessen Schnitzerei sie umklammert hielt, die großen Augen zu Graf Ruprecht aufgeschlagen, der hinter ihr stand, den Arm auf die Lehne gestützt und zu ihr herab sprach. Der Schein einer Milchglasampel tauchte sie in Licht, matt schimmerte der kostbare Brillantreif, den er ihr als Brautgabe gebracht, an dem weißen Handgelenk. Etwas so Weiches, Hingebendes, wie in dieser Beleuchtung, hatte ihre Schönheit noch nie gezeigt, so sinnverwirrend war sie noch nie gewesen.

Auch ohne das geflüsterte Gespräch zu verstehen, wußte jeder auf den ersten Blick, welcher Art es war – sein mußte, – und nun beugte sich Ruprecht noch tiefer – seine Lippen berührten die ihrigen – es konnte kein Zweifel sein.

Viktor schleuderte Rose Maries Arm zur Seite.

»Und das dulden Sie – Sie – in Ihrem Hause? Wo sind wir denn eigentlich?« fragte er, fahl vor Zorn, mit zitternden Lippen und Nasenflügeln.

Sie starrte ihn an – entsetzt – so hatte sie ihn noch nie gesehen! Die Beleidigung, die für sie in seinen letzten Worten lag, empfand sie in diesem Augenblick gar nicht. In ihren Händen hielt sie einen prächtigen chinesischen Fächer, die feinen Stäbe brachen unter dem festen Druck, sie mußte übermenschlich kämpfen, um ihre Selbstbeherrschung aufrecht zu halten.

»Ruhig mein Freund,« sagte sie endlich; ihre Stimme klang heiser und gepreßt. »Jene beiden dort haben ein Recht zu Zärtlichkeiten. Graf Gilsach hat sich heut morgen mit der Norden verlobt.«

Er starrte sie an als rede eine Irrsinnige zu ihm, dann brach er in Lachen aus.

»In der Tat?« keuchte er höhnisch. »Und Sie begünstigen diese Farce – diese lächerliche Narrheit eines verliebten Aristokraten, der nur nötig zu haben glaubt, seine Finger nach irgend etwas auszustrecken, das ihn reizt …«

Er brach jäh ab. Die Muskeln seines verzerrten Gesichts glätteten sich, er wurde erdfahl, ein Schauer schüttelte ihn.

»Verzeihen Sie mir, Rose,« sagte er plötzlich, »ich glaube, ich war eben verrückt! Was geht es im Grunde genommen mich an.« –

Sie stand noch immer regungslos.

»Wollen Sie mir Ihre Erregung nicht erklären?« fragte sie ruhig. Niemand ahnte was diese Ruhe sie kostete.

»Nein, erklären will ich nichts! Erlassen Sie es mir,« bat er, sich auf den ersten besten Stuhl niederlassend und den Kopf in die Hand stützend; und da sie noch immer schwieg und auf ihn niedersah, preßte er die Hände ineinander:

»Seien Sie doch barmherzig.« »Soll ich es Ihnen erklären? Sie selbst lieben die Norden!« sagte sie kühl; aber ihre Hände zitterten so, daß der Fächer ihr entfiel.

»Unsinn!« fuhr er auf. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, man verstand das Folgende kaum. »Weiß Ihr Geist wirklich keine andere Lösung für diese Szene, als die trivialste von allen?«

»Man hat es mir heute morgen erzählt,« fuhr sie fort und nestelte an ihren Armbändern; er sollte nicht sehen, daß sie, die stolze Rose Marie, in den Augen Tränen hatte – um ihn! –

»Und Sie sind eifersüchtig geworden auf – auf Martha von Norden?«

Ihr Stolz triumphierte noch einmal über das verwundete Herz.

»Eifersüchtig?« sie zuckte die Achseln. »Welch eine Schmeichelei, welche Huldigung wäre das für Sie!«

Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß, nervös und gereizt wie er war, konnte er sich nicht so beherrschen wie sie.

»Nein, nur eine törichte, launische, unerträgliche Leidenschaft,« sagte er sich erhebend. »Mir dürfen Sie darin schon ein Urteil zutrauen, Rose.«

Dann ging er ihr voran, fast eilig auf das Paar zu, in seinen Augen loderte es dunkel.

Martha erblaßte etwas, als er so plötzlich eintrat, ihre sonstige Keckheit ließ sie im Stich, fast bittend sah sie ihn an. – Er ignorierte sie vollkommen.

»Die gnädige Frau hat mich soeben von dem neuesten Familienereignis in Kenntnis gesetzt,« sagte er, sich ausschließlich an den Grafen wendend, »ich muß gestehen, ich bin sehr überrascht.«

Dieser lächelte, fast ein wenig betreten.

»Wenn man das Glück findet, soll man es aufheben und sich nicht die Hände binden lassen. Ihres Glückwunsches bin ich sicher, lieber Alten.«

Er streckte ihm die Hand entgegen. Mit sichtbarem Widerstreben berührte Viktor sie nur leicht. »Ich weiß es doch nicht!« sagte er mit Beziehung.

»Natürlich, da ich Ihnen Ihre Hertha rauben muß. Aber wir sind eben Egoisten.«

Viktors dunkle Augen bohrten sich nun fest in Marthas Gesicht.

War es denn möglich, daß er sie verlieren sollte, verlieren konnte – obgleich sie seine Frau war?

»Sie würden mir allerdings viel – sehr viel nehmen, Herr Graf. Vielleicht besinnt sich das gnädige Fräulein noch rechtzeitig darauf, daß wir sie am Theater nicht entbehren können.«

»Nein, das ist jetzt zu spät, nicht wahr Martha?« Er legte den Arm um ihre Hüfte und zog sie an sich:

»Nun gebe ich dich nicht mehr frei!«

Dunkelrot im Gesicht schob sie ihn zurück.

»Was für sonderbare Reden das sind!« sagte sie geärgert. »Gerade als ob ich eine Ware wäre, über die man nach Belieben verfügen kann!«

Sie wandte sich um und ging auf Grete zu, die etwas abseits stand und mit ihren dunklen Augen Rose Marie suchte.

»Ich flüchte zu Ihnen,« sagte Martha mit bebendem Ton, »die Männer sind abscheulich!«

Grete machte ein erstauntes Gesicht.

»Das sagen Sie an Ihrem Verlobungstage?«

»Ich habe es freilich schon lange gewußt; es ist mir nichts Neues!« sagte Martha; mit großen Augen, in denen sich Angst und Sorge nicht ganz verstecken konnten, sah sie auf die beiden Herren.

Was sprachen sie jetzt? Was?! – Wie unsinnig von ihr, hierher zu kommen, ehe sie mit ihrem Manne ein erklärendes Wort gesprochen hatte; wenn er nun durch eine einzige Andeutung ihren ganzen stolzen Zukunftsbau zerstörte – schon zerstört hätte! – Angst schnürte ihr die Brust zusammen, stieg ihr in die Kehle. Sie hörte, daß Grete mit ihr sprach, verstand kein Wort, endlich hielt sie es nicht länger aus; ganz abwesend, als folge sie nur instinktiv einem unbewußten Zuge, hatte sie sich Gilsach und Alten wieder genähert.

Gott sei Dank, sie sprachen von anderem, nicht von ihr. Mit einem Blick tiefinnerster Dankbarkeit streifte sie ihres Mannes Gesicht, während sie ihren Arm unter den des Grafen schob.

»Komm, Ruprecht, suchen wir deine Cousine.«

Sie zog ihn fort, und Alten folgte ihnen mit den Augen. Wieder trat der düstere Zug in sein Gesicht, der Rose Marie vorhin so tief erschreckt hatte, wieder begann die Vernunft mit den Sinnen den alten aussichtslosen Kampf, bis ihm endlich das Blut wie rasend durch die Pulse jagte, und er sich selbst mit zusammengebissenen Zähnen verächtlich nannte. – Was half es?

Ihn verzehrte der Gedanke fast, sie im Besitz eines anderen zu wissen.

Einmal hatte er sie wirklich heiß und ehrlich geliebt – warum konnte er das nicht vergessen? Warum – gerade wenn er sich ihre Fehler und Schwächen so recht vor Augen geführt hatte, stieg die Erinnerung an sein erstes Fühlen so durchsichtig und strahlend wie Kristall vor seinem inneren Auge empor?

Er grübelte darüber nach und fand keine Erklärung!

»Meine törichte Phantasie ist es,« dachte er gereizt, »die mich nicht loslassen will, die stärker ist als meine Vernunft!«

Zornig stand er im Wintergarten und starrte auf die grünen Pflanzengruppen, auf die Palmen, die still und unbewegt ihre gefiederten Blätter über ihn hinstreckten.

Eine Sehnsucht nach Kampf und Bewegung überkam ihn plötzlich in diesem schweigenden Raum, nach einem Abschütteln des Druckes, der ihm auf Hirn und Herzen lag.

Der Kiesweg hinter ihm knirschte unter leichten, hastigen Schritten, langsam wandte er sich um; Martha stand vor ihm.

Sie war erhitzt, offenbar von der Situation bedrückt und doch eilig, das auszusprechen, was sie auf dem Herzen hatte.

»Ich habe dich gesucht – ich habe all den beobachtenden Augen Trotz geboten, weil ich dich sprechen wollte! – Was sagst du zu meiner Verlobung, Viktor?«

Angstvoll hefteten sich ihre Augen auf sein Gesicht, der Brillantstern auf ihrer Brust streute unruhig zuckende Strahlen.

»Eine erbärmliche Farce! – Du weißt ja, daß du kein Recht dazu hast.«

»Aber du wirst mich frei geben, Viktor!« Halb bittend, halb drohend stieß sie es heraus.

»Wer sagt dir das?«

»Macht dir denn diese Komödie Freude? Hast du irgend einen Zweck dabei? Deine »geniale Geistesfreundin« hätte alle Ursache, sich mit dir zu entzweien, wüßte sie, daß du mich, deine gewesene Gattin festzuhalten versuchst.«

»Bist du deiner Künstlerschaft schon überdrüssig, daß du bemüht bist, dir ein anderes Nest zu bereiten?« fragte er mit kühlem Spott. »Als du damals mich, unsere Häuslichkeit dafür opfertest, glaubtest du dein Paradies gefunden zu haben, und nun …«

Sie blickte unschlüssig zur Erde; sollte sie ihre Eitelkeit so weit demütigen und ihm sagen: ich bin keine Künstlerin von Gottes Gnaden … Ein heftiger Kampf wogte in ihr, ein Kampf, der sich in Zorn und Bitterkeit gegen den Mann, den Urheber des Kampfes richtete.

»Was geht es dich an,« stieß sie hervor. »Ich will frei sein – ganz frei! Meine Handlungen sollen nicht mehr deiner Kontrolle unterstehen!«

Er lehnte sich mit dem Rücken an den Sockel der Flora, auch er war zornig geworden über sie und sich.

»Du bist meine Frau!«

Sie stampfte außer sich mit dem Fuß, ein Strahl glühenden Hasses brach aus ihren Augen.

»Ich will es nicht mehr sein! – Ich will nicht! – Du nahmst mich wie einen Gegenstand, der dir gefiel und behandeltest mich mit egoistischer Ungerechtigkeit, als ich dein war. Du ließest mich gehen, weil dir mein Bleiben unbequem wurde, ohne zu fragen, was aus mir werden sollte; und nun, wo du mich wiederfindest, ohne dein Zutun gefeiert, geliebt, frei nach meinem eigenen Gefühl, da gefällt es dir, mich an den Fesseln zu halten, die Staat und Kirche zwar geschmiedet haben, die ich aber nicht mehr anerkennen will, weil sie in meinen Augen ihre Berechtigung verloren haben. Warum? Sage mir nur um des Himmelswillen, warum? Was kann ich dir sein! –«

Er schwieg still und hielt die Augen mit der Hand verdeckt, fast schämte er sich, ihr von den Qualen zu sprechen, die er um sie empfand.

»Ich habe dich zuerst in meinem Leben geliebt –« sagte er endlich tonlos, »und – ich liebe dich noch, Martha!«

Sie stieß ein kurzes Lachen aus.

»Welche Idee, Viktor!« –

Sie setzte sich und ordnete die schwere, knisternde Seide, die sich um sie bauschte; ihre Angst war verflogen, im Gegenteil, es wandelte sie ein Lachen an.

»Du bist ein großer Narr, Viktor!« sagte sie leichthin. »O, ein gewaltiger! Wäre ich dir wieder begegnet, arm, hilflos und verlassen, deine Seele hätte nicht daran gedacht, sich wieder in mich zu verlieben. Die Folie indessen, die jetzt hinter mir steht, reizt deine Phantasie; glaube mir, es ist nichts weiter, und besäßest du mich heute wieder völlig, so finge das alte Lied morgen von neuem an. Einstmals verließest du mich um Rose Maries willen, heute willst du sie meinetwegen verlassen. Gott sei Dank, daß nicht alle Männer Künstler sind!«

»Martha!« rief er zornig.

»Verlange also nicht, daß ich an deine Liebe glaube,« fuhr sie ruhig fort, »jede derartige Empfindung ist nur momentane Einbildung, nichts weiter.«

»Für dich und deinesgleichen vielleicht,« sagte er bitter, »wenn du aber so denkst, was fesselt dich an den Grafen?«

Sie preßte die Lippen fest aufeinander und zögerte.

»Seine Stellung, sein Geld, die Anbetung, die er dir zollt,« beantwortete er sich seine Frage in verächtlichem Tone selbst.

»Nun und wenn?« Sie sah mit den flimmernden Augen zu ihm auf. »Ist das so schlimm? Wenn er es nur zufrieden ist, wen geht es dann noch etwas an?«

Und er sah tief auf dem Grunde der Seele dieser Frau die eisige Herzenskälte und Leere, die ihr als Begleiterin ihrer Schönheit zugesellt war, und einen Augenblick schauderte er vor ihr zurück.

»Jugend ist vergänglich, und Künstlerruhm – ach, das ist leichte Ware, Viktor! Eine Gräfin Gilsach ist vor allen Unbequemlichkeiten geschützt.«

»Du bist ebenso schön wie herzlos, Martha!«

»Zu meinem Glück! Oder sollte ich sie etwa alle lieben, die sich mir zu Füßen warfen? Es wäre eine zu große Anzahl, Viktor.« Sie lächelte.

»Wie nahm der Graf das Geständnis deiner Ehe auf?« fragte er, sich mühsam zur Ruhe zwingend. »Meinen Namen hast du ihm nicht genannt?«

»Er weiß von gar nichts!« sagte sie kurz und stieß mit der Spitze des kleinen Schuhs ein Kieselchen aus dem Weg.

»Er hält dich für unverheiratet?«

»Gewiß!« »Also scheust du selbst das Schlimmste nicht, um dein Ziel zu erreichen – eine Lüge!«

Sie warf das Blatt fort, mit dem sie gespielt hatte und sah ihn an.

»War meine Ehe mit dir etwa ein Makel, dessen ich mich zu schämen hätte? Nun gut, außer dieser Tatsache ist mein Ruf blank wie geputzter Stahl. Dank meinem Temperament! – Gib mich frei, Viktor!«

Sie bat mit gedämpfter Stimme, und halb erhobenen Händen, ihr lag alles daran, jetzt gleich und im Guten mit ihm auseinander zu kommen, alles! Und das gab ihrer Stimme eine Weichheit, ihrem Gesicht den Ausdruck süßester Hilflosigkeit, daß er wieder alles vergaß, seinen gerechten Zorn, seine Verachtung ihres Charakters, alles – außer ihrer Schönheit.

Plötzlich lag er auf den Knien vor ihr, den Kopf in die Falten ihres Kleides drückend.

»Ich kann nicht, weil ich dich liebe – und weil ich dich liebe und dich kenne – verachte ich mich!« stöhnte er dumpf.

Mit einem Triumphgefühl ohnegleichen sah sie auf ihn herab, niemals hatte sie die Macht ihrer Schönheit berauschender, siegessicherer empfunden als in diesem Augenblick. – –

»Wo sind sie denn nur, die Ausreißer!« sagte in derselben Sekunde Rose Marie, zwar mit bleichen Lippen, aber doch dem üblichen Lächeln im Gesicht zu dem unruhigen Bräutigam, dessen Blicke beredter waren als das stumme Schweigen, in dem er verharrte. »Wir wollen sie suchen.«

Da stürzte mit donnerndem Gepolter eine der großen Vasen, die die Türe zum Wintergarten schmückten, von ihrem Sockel; mit blassem Gesicht und zitternden Händen stand Grete dabei und blickte auf den angerichteten Schaden.

»Wie ungeschickt!« rief Rose Marie zorniger als sie sonst bei derartigen Vorkommnissen zu werden pflegte. Die so lange zurückgedämmte Erregung brach sich nun gewaltsam Bahn.

»Sei nicht böse!« sagte Grete tonlos mit starren Augen.

Viktor Alten, die Schauspielerin am Arm, erschien unter der Gruppe hoher Juccabäume, die den Florawinkel so ziemlich abschloß. Martha lachte übermütig, als sie auf die Scherben sah, Viktor war sehr blaß.

»Ich habe Herrn Alten klar gemacht, daß es ihm nichts hilft, wenn er versuchen sollte, diese Hertha zu halten,« sagte sie schelmisch, ihrem Bräutigam zuwinkend, »er hat es eingesehen und mich frei gegeben. Nun gehöre ich dir ganz!« flüsterte sie ihm leise in das Ohr.

Er sah unbehaglich aus.

»Warum tatest du das nicht in unserer Gegenwart, Martha?«

»Bist du eifersüchtig? Einen Othello zu haben gelüstet mich gar nicht,« sagte sie und drehte an ihrem Brillantreif, daß die Steine sprühten. »Übrigens mußt du einen andern Maßstab des Erlaubten an mich und meine Kollegen – zu denen doch auch indirekt Alten gehört – legen, als an eure vornehme Gesellschaft. Das hört ohnedies auf, sobald ich deine Frau bin.«

»Gott sei Dank!« erwiderte er und küßte ihre Hand. –

Niemals war Viktor so geistreich und sprühend heiter gewesen, als im Verlauf dieses Abends. Er schonte nichts, sich selbst am wenigsten und zog alles in den Bereich seines Witzes, seiner treffenden Sarkasmen. Martha, die ihn bisher nur schweigsam und wenig liebenswürdig gesehen hatte, begriff zum erstenmal, daß es wirklich Frauen geben konnte, die sich durch seine Aufmerksamkeiten ausgezeichnet fühlten, die sich in ihn verliebten. Mit verwunderten Blicken streifte sie ihn zuweilen, je stiller Graf Gilsach an ihrer Seite wurde. Es war, als hätten diese Blicke die Macht, Viktor immer aufs neue anzuspornen, und doch lastete, trotz aller scheinbaren Heiterkeit, auf allen Anwesenden ein unausgesprochener Druck, den er selbst vielleicht am schwersten empfand.

Als sich das Brautpaar zum Aufbruch anschickte, trat er abgespannt und ermattet zu Grete, die in der Nähe der leer gewordenen Säule stand:

»Lassen Sie es sich nicht anfechten, Fräulein Gretchen,« sagte er, nicht anders glaubend, als beklage sie noch immer den angerichteten Schaden. »Scherben bedeuten ja wohl Glück! Und so eine Vase ist doch immerhin ersetzlich.«

Es schien als müßte sie sich Zwang antun, um ihm zu antworten, dann aber, als sie in sein blasses, in diesem Augenblick scharf und gealtert aussehendes Gesicht blickte, mit dem verächtlichen müden Zug um Mund und Augen, übermannte sie der Zorn.

»Eher wenigstens wie Glaube, Liebe und Achtung, da haben Sie recht!« sagte sie kurz.

Er sah sie prüfend an. Was ihre Worte ihm bestätigten, hatte er gefürchtet.

»Grete,« sagte er leise mit unterdrücktem Ton, »Sie verstehen das nicht, – Sie sind unversucht. Aber jeder Mann fällt einmal unter seine Wünsche und Irrtümer wie unter Räuber, und sie schlagen ihn wund und rauben ihm viel!«

Sie sah zu ihm auf. Ein Wehgefühl war in ihren Augen.

»Und er sollte nicht die Macht haben, dagegen anzukämpfen?« fragte sie. »Nicht die Kraft, etwas in sich zu ertöten, von dem er weiß, daß es ihm nicht heilsam ist?«

»Merkwürdig!« sagte er nachdenklich, »Sie so sanft, geräuschlos und bescheiden, rufen mich immer zum Kampf auf gegen mich selbst. Warum tun Sie das? Warum machen Sie es nicht wie die andern und nehmen mich wie ich bin.«

Sie legte die Hände ineinander; ein Blick unbeschreiblicher Wärme traf ihn.

»Weil ich Sie achten will, Viktor Alten, und weil ich es so – so wie Sie sind, oft nicht kann.« Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern ging schnell in den Wintergarten. Er nahm die Unterlippe zwischen die Zähne.

Nein, sie konnte ihn nicht achten. Niemand konnte das, der eine Ahnung von dem hatte, was in seinem Innern vorging. Er konnte es ja nicht einmal selbst! –

XX.

Die üblichen drei Schläge an der Tür zu Marthas Garderobe erschallten, ein Zeichen, daß der Direktor selbst Einlaß begehrte.

Die Schauspielerin schleuderte gerade ihren Pelzstiefel vom Fuß und schlüpfte in den zierlichen Goldkäferschuh, ohne sich dadurch von einem »Herein« abgehalten zu fühlen.

Den Hut im Nacken, die Hände in den Taschen seines Überziehers war Paul Herbert eingetreten und blieb in der Nähe der Tür stehen.

»Haben Sie den Kontrakt unterschrieben, Martha?« fragte er kurz angebunden. »Wenn nicht – ich will Sie gewiß nicht dazu zwingen.«

»Nein,« sagte sie gleichmütig und schleuderte den zweiten Pelzschuh so gewaltsam fort, daß er den Direktor fast streifte.

Der sah ihm gedankenlos nach.

»Warum nicht?«

»Ich habe mir die Sache überlegt.« – Sie steckte einen funkelnden Stern in das blonde Haar. »Ihre Bedingungen gefallen mir nicht.«

»,So! – Hat Ihnen jemand bessere geboten?«

»Allerdings!«

»Wer denn?« fragte er ungeduldig, mit bösen Augen.

Daß ihm Martha, die er so begehrte, auf die er so sicher rechnete, im letzten Augenblick entschlüpfen könnte, daran hatte er nicht gedacht. Es regte alles Böse, alles Leidenschaftliche in seinem Charakter gewaltsam auf.

»Das kann Sie doch nicht weiter interessieren, – genug, ich unterschreibe Ihren Kontrakt nicht.«

Er trat ihr ganz nahe; jeder Zug in seinem Gesicht eine Drohung.

»Und wenn ich Sie zwingen würde?«

Sie zuckte die Achseln.

»Sie – mich? – Da wäre ich neugierig.«'

Er packte ihren Arm.

»Martha, treiben Sie mich nicht zum äußersten! Ich liebe Sie – – Sie entgehen mir nicht.« –

»O doch!« sagte sie, ihn mit einem Lächeln musternd, »ich gedenke nämlich zu heiraten.«

Die Adern an seinen Schläfen schwollen an, in sein verschminktes Gesicht stieg fahle Röte.

»Das wirst du nicht!« stieß er außer sich hervor.

»Soll ich Sie um Erlaubnis bitten? Mein Gastspiel läuft in der nächsten Woche ab, dann bin ich frei.«

»Wer ist es?« fragte er fast keuchend, unter dem Druck seines heißen Blutes. »Nenne mir den Namen!«

Sie sah ihn lächelnd an.

»Eine ganz gute Partie!« bemerkte sie.

»Daß Sie in diesem Punkt keine Dummheiten machen werden, davon bin ich überzeugt, ebensosehr davon, daß Sie ihn nicht lieben; die Rechnung ergibt eben für Sie ein annehmbares Fazit, das ist alles,« sagte er höhnisch.

Sie zuckte ungeduldig die Achseln. »Lassen Sie mich wie ich bin, oder« – nun wandte sie ihm nachlässig den Kopf über die Schulter zu, »wollen Sie es etwa übernehmen, mich zu etwas anderem zu machen?«

Er trat ihr ganz nahe.

»Ja, bei Gott, ich will – und kostet es mich mein, Leben, denn ich liebe Sie, Martha – ich gönne Sie keinem anderen!«

Heiß und leidenschaftlich wehten die Worte über sie hin, heiß und leidenschaftlich hingen seine Augen an ihrem schönen Gesicht. Sie wußte, daß es dieselbe Macht war, die auch Viktor Alten empfunden hatte, als er sie festzuhalten versuchte, die Macht ihrer Schönheit. –

Und Paul Herberts Gesicht kam ihr immer näher, seine Augen wurzelten in den ihren, es war als ströme etwas von der sengenden Glut seiner Liebe, seines Wollens, in ihren Körper über.

Sie faßte mit der einen Hand nach der Puderquaste auf ihrem Toilettentisch und stäubte ihm damit in das Gesicht, lachend, ruhig und gleichmütig wie sie stets war, sobald ihr die Liebe in irgend einer merkbaren Gestalt nahte.

»Lassen Sie sich ein wenig abkühlen, lieber Herbert – und machen Sie dann, daß Sie hinauskommen, es ist höchste Zeit zum Umziehen. Ich rate Ihnen aber eins, – kommen Sie mir nicht wieder so gefährlich nahe, mein Bräutigam könnte sonst eifersüchtig werden.«

»Ihr Bräutigam!« Er lachte schrill und höhnisch auf. »Ihr Bräutigam! Erst ich – dann er!« –

»Gehen Sie jetzt!« sagte Sie, ungeduldig mit dem Fuß aufstampfend, »oder ich trete heute abend nicht auf. Sie können sich dann nach Belieben eine Hertha suchen.«

Er wandte sich zähneknirschend nach der Tür. Möglich, daß sie in ihren unberechenbaren Launen ihre Drohung wahr machte, dem durfte er sich nicht aussetzen. Aber er haßte sie in diesem Moment ebenso wie er sie liebte, und trotzdem schwor er sich zu, sie um keinen Preis freizugeben.

Draußen sah er sich nach Babette um. Vielleicht kannte diese Marthas Begünstigten, denn an eine Heirat glaubte er nicht – aber die Garderobiere war nirgends zu sehen; und nie in seinem Leben war der Direktor unhöflicher, unausstehlicher und gereizter gewesen, als an diesem Theaterabend. – Als er gegangen, empfand Martha mit Befriedigung den Unterschied zwischen Graf Gilsachs achtungsvoller, halb versteckter Zärtlichkeit, und dem unverhüllten Zynismus, der ihr aus Herberts Liebe überall entgegentrat. Wärmer als bisher, gedachte sie ihres Verlobten, und das Bewußtsein, vom Theater um seinetwillen scheiden zu müssen, verlor plötzlich jeden Stachel. Und wenn sie erst einmal Gelegenheit fand, Viktor ehrlich zu sagen, wie es um sie unter Herberts Direktion stände, was ihr Los sein würde ohne einen sicheren Halt im Leben – wenn sie ihm nur erst klar gemacht haben würde, daß für ihn kein Fünkchen Gefühl mehr in ihrem Herzen lebe, dann zweifelte sie nicht, daß er sie, seiner eigenen Liebe zum Trotz, freigab. – Bei Paul Herbert hätte sie nicht auf die edleren Instinkte seiner Natur gerechnet, bei Viktor Alten tat sie es unbedingt und halb unbewußt. –

Das war eine sonderbare Theatervorstellung an jenem Abend! – Noch nie war Herberts dämonische Wildheit, der Zauber seines prächtigen Organs so zur Geltung gekommen, noch nie die Liebesleidenschaft, deren er fähig war, so berauschend zutage getreten. Noch nie hatte Martha so farb- und seelenlos gespielt, offenbar nur dem drückendsten Zwange gehorchend, und doch verließ Graf Gilsach wieder, mitten in dem bewegtesten Teil des Aktes die Loge und ging blaß, im Korridor auf und ab.

Da trat Alten nach einem Augenblick auch heraus, vielleicht nicht weniger blaß, aber unruhiger und nervöser nach außen.

»Wurde es Ihnen zu warm?« fragte er scheinbar absichtslos, strich sich mit dem seidenen Tuch über die Stirn und schloß sich Gilsach an.

Dieser blieb stehen und griff mit zwei Fingern in den Halskragen, als fürchte er, zu ersticken.

»Die Hitze kommt von der Bühne,« sagte er mit einem schwachen Versuch zu lächeln. »Dieser Herbert! – Es liegt etwas Teuflisches in ihm. – Sie empfinden das weniger als ich!« – Viktor wandte sein Gesicht zur Seite.

»Vielleicht doch – wenn ich an Ihre Situation denke! Sie hätten alle Ursache, dem Verfasser des Stückes zu grollen, aber – wer konnte das ahnen!«

»Ja, wer konnte das ahnen!« wiederholte Ruprecht Gilsach nachdenklich. »Ich gestehe Ihnen übrigens gern zu, daß dies Empfinden meinerseits rein subjektiv ist, ein anderer würde sich vielleicht an dem meisterhaften Spiel erfreuen.«

Viktor Alten blickte prüfend in das vornehme, leicht gesenkte Gesicht an seiner Seite, eine plötzliche Regung des Mitleids überkam ihn.

»Eine Schauspielerin zu lieben erfordert immer eine gewisse Dosis Uneigennützigkeit,« sagte er schnell.

»Wieso?« Graf Gilsach sah plötzlich so vornehm kühl und ablehnend aus, daß Viktor sich ärgerte. »Auf Fräulein von Norden fällt auch nicht der geringste Schatten ihres Berufes – sie ist zudem nur kurze Zeit am Theater, und nächste Woche ist ihr Gastspiel zu Ende.« – Aber auf dem Grunde der hellen Augen lag dabei ganz versteckt eine heimliche, angstvoll brennende Frage, die sich nicht in Worte zu kleiden wagte.

»Derartiges anzudeuten, beabsichtige ich auch gar nicht,« sagte Viktor kühl. »Hören Sie, der Akt ist zu Ende, man klatscht, – es ist Zeit zurückzugehen.«

Im Innern hohnlächelte er über den Aristokraten, für den jetzt schon die Erfüllung seiner Herzenswünsche Dornen barg, denen er sich nicht zu entziehen vermochte. – Fast hätte er sich hinreißen lassen, ihm eine Andeutung zu machen, aber schließlich – was ging es denn ihn an! Mochten Martha und er sehen, wie sie wieder auseinander kamen. – Und dann sah er ihn doch noch, einmal an. Also diesen Mann zog sie ihm vor! – Ihm erschien er kleinlich, beschränkt, Formenmensch, aber – rechte nur einmal einer mit dem Geschmack der Weiber! –

Und etwas ähnliches dachte Gregor, dessen Blicke den blassen, schlanken, nicht mehr jungen Mann in der Loge immer wieder suchten.

Sein Herz war traurig und schwer, wenn er an Marthas Entschluß, zu heiraten, dachte. – Sie ging von ihm, und er blieb wieder einsam. – Zuweilen hatte er im stillen an eine Wiedervereinigung der beiden Gatten gedacht, unter den veränderten Verhältnissen, auf dem veränderten Boden, der sie jetzt trug, schien es am Ende keine Unmöglichkeit, daß die alte Liebe wieder erwachte – aber er war ein eingefleischter Egoist, er freute sich jedesmal, wenn er an Marthas Gleichgültigkeit sah, daß ihm nur seine Phantasie einen Streich gespielt hatte.

Und heute nachmittag nun – gerade als er einmal allen trüben Ahnungen den Laufpaß gegeben hatte, als ihm ein – gottlob – unverändertes Zusammenleben mit der Frau sicher schien, auf die er seinen ganzen Liebesschatz, übertragen hatte, sowohl die Liebe des Mannes zum Weibe, als auch die Liebe des Vaters zur Tochter, da hatte sie ihn in der Kaffeestunde empfangen, vergnügt, schön und rosig wie immer und ihm einfach gesagt:

»Ich habe mich verlobt, Gregor, alter Freund, und Sie müssen mir helfen, mich von Viktor zu befreien.«

Und dann hatte sie ihm lachend die Geschehnisse des vergangenen Tages erzählt.

Er hörte aus dem allen nur eins heraus: Sie wollt ihn verlassen! Und ohne, daß er es wollte, trat ihm die Frage auf die Lippen: »Was soll ich machen ohne Sie, Martha?«

»Sich trösten,« sagte sie leichtherzig, »eine andere verwöhnen, wie Sie es mit mir getan haben. Ach Gregor, Sie glauben gar nicht, wie bequem Sie sind!« –

Ein anderes Wort fand sie nicht für ihn. – Nach einer Weile fragte er dann bedrückt:

»Hoffen Sie glücklich zu werden, Martha?«

»Natürlich!« versicherte sie. »Was sollte mir in einer Ehe fehlen, in der ich alles haben kann, was ich nur will.«

Er seufzte und schwieg. Wer kannte sie denn besser als er, und wer liebte sie trotzdem zärtlicher, aufopfernder als gerade er. Daß sie mit keinem Gedanken an ihn dachte, den sie einsam zurückließ, war ihrem Charakter gemäß.

Aber wenn er es sich vorstellte, daß er sie nicht mehr sehen sollte – sie – seine Sonne, das Einzige, um das es sich für ihn lohnte zu leben, dann wurde ihm das Herz in der Brust wie Stein, und seine Augen begannen zu brennen, bis er sie heftig schloß. Auf einmal sah er wieder, wie überflüssig er eigentlich in der Welt war; daß es kein Herz gab, das zu ihm gehörte, und daß sein Alter dunkel und glanzlos vor ihm lag.

XXI.

In Rose Maries Boudoir befanden sich zu ungewohnt früher Stunde Gäste. Eigentlich konnte man sie kaum so nennen, da es die nächsten Familienangehörigen, Schwager Denhardt mit Frau, waren, die dort ungeduldig auf das Erscheinen der Gnädigen warteten.

Noch nie hatte Schwägerin Anna gelber und spitzer ausgesehen als augenblicklich, wo aus ihren kleinen harten Augen etwas wie frohlockender Triumph hervorblitzte, und noch nie hatte sich ihr Gatte unbehaglicher befunden als während dieser ziemlich langen Wartezeit, die Rose Maries spätes Aufstehen und sorgsames Toilettemachen ihm zudiktierte. Wiederholt zog er die Uhr.

»Fasse dich nur in Geduld, Gustav,« sagte seine Frau endlich mit der ihr eigenen Schärfe, »es ist unbedingt notwendig, daß du ihr das alles sagst. Täte ich es allein, sie wäre imstande und bezichtigte mich – arrogant und eingebildet wie sie einmal ist – des Neides!«

Er murmelte etwas Unverständliches und fühlte gleich darauf trotz der Winterkälte draußen seine Stirn feucht werden, als Rose Marie eintrat.

Und wie sie aussah! So selbstbewußt und kühl und vornehm! Er als Mann war naiv genug, die soeben beendigten Auffrischungskünste am Toilettentisch nicht zu bemerken. In der hellblauen Matinee hatte ihre Gestalt etwas Königliches, und ähnlich fiel auch ihre Begrüßung aus, nur daß sie dem Schwager die Hand entgegenstreckte.

»Was führt euch denn so früh her?« fragte sie und ließ sich ihrer Schwägerin gegenüber nieder. »Hoffentlich nichts Unangenehmes!«

»Nun,« sagte Anna, ohne ihren Mann zu Worte kommen zu lassen, geärgert durch Rose Maries Art und Weise. »Wie du es nennen wirst, weiß ich nicht! Die beleidigte bürgerliche Moral hat sich eben gerächt, und mit den Schuldigen hat sie auch Unschuldige getroffen.«

Rose Marie warf den Kopf auf.

»Sprichst du etwa von mir, Anna?«

»Von wem denn anders?! – Ja, sieh nur so hochmütig aus wie du willst, Rose, das hilft dir nichts mehr! Da wir nun einmal die Ehre haben, dich zu unserer Familie zu zählen, bist du uns auch Rechenschaft darüber schuldig, was du mit dem ehrlichen Namen meines Bruders beginnst. Wir lassen ihn nicht durch den Kot ziehen, obgleich – obgleich er nur ganz gemein bürgerlich ist, und du zu denken scheinst, du bist ihm keine Rücksicht schuldig.«

Mit einer verächtlichen Wendung drehte sich Rose Marie von ihrer Schwägerin ab.

»Was soll das heißen, Denhardt?« fragte sie kurz und kühl.

Er blieb stehen und spielte mit einem aufgenommenen Gegenstande, offenbar war ihm die Situation unbehaglich. »,Es ist eine recht häßliche Geschichte, Rose, – ich kann dir nicht helfen.«

»So sprich!«

»Du wirst mir zugestehen, daß ich stets sehr tolerant gewesen bin, Rose, – ich war dein eifrigster Verteidiger, denn wir Männer schätzen gerade die Eigenschaften, die du besitzest, auch an den Frauen.«

»Armer Denhardt!« sagte sie halb belustigt, denn sie wußte von Annas Eifersucht genug, um seinen Mut zu bewundern. »Wie bitter muß die Pille sein, die nun kommt! – Weiter!« –

»Die Welt ist böse!« begann er nun eifriger, »du hast doch vielleicht keine so rechte Ahnung davon. Das »man sagt« regiert zuletzt auch den Klügsten! Es handelt sich um dich und Alten!«

»Schon wieder?« sagte sie und legte sich in den Sessel zurück. »Dann erlaube, daß ich nicht imstande bin, eine so alte Geschichte tragisch zu nehmen.«

»Auch wenn er dich beleidigt hat?« fragte Anna lauernd. »So beleidigt, wie ein Mann es nur einer Frau antun kann, die er – nicht achtet?«

Da war es heraus! Sie hatte geglaubt, daran ersticken zu müssen, mit tiefem, sieghaftem Aufatmen sah sie in Roses blasser gewordenes Gesicht.

»Nicht achtet? Das kann doch nur ein Irrtum sein,« sagte sie immer noch in dem Bestreben, die Sache leicht zu nehmen, obgleich ein atemraubendes Gefühl ihr am Herzen fraß. »Sprich du, Denhardt, sag es gerade heraus, was es ist – ich bin kein furchtsames Kind, vor allen Dingen aber keine Frau, die am Klatsch Vergnügen findet, oder ihm irgend welche Macht über sich einzuräumen gewillt ist.«

»Leider!« rief Anna boshaft dazwischen. »Dagegen ließe sich nun doch manches sagen, Rose. Die öffentliche Meinung ist gewissermaßen ein Spiegel, den man dem Irrenden vorhält, und deshalb tust du unrecht, daß du sie verachtest.«

Rose Marie erhob sich langsam.

»Sprich du, Denhardt,« sagte sie noch einmal.

»Die Sache ist die,« begann der Besitzer der großen Zeitung, von dem täglich Hunderte von Menschen abhängig waren und vor seinen Worten zitterten, dem aber in diesem Augenblick nicht anders zumute war, als einem ertappten bösen Buben, »daß man in der ganzen Stadt davon spricht, daß Alten, den du durch deine Bemühungen zu dem gemacht hast, was er ist…«

»Du irrst,« unterbrach sie ihn schnell. »Was ich tun konnte, war gering! Das Talent verdankt er Gott allein! Ermutigen konnte ich es wohl, ihn auf den rechten Weg leiten, aber es zu erwecken oder zu töten ist nicht in Menschenhände gelegt.«

»Du verteidigst ihn noch,« sagte Anna höhnend. »Warte es nur erst ab und dann urteile.«

Rose Marie sah ihre Schwägerin an. Nie ganze Größe dieser zuweilen bizarren, unvorsichtigen, selbstgefälligen Frau, die man so oft verkannte, weil sie sich stets gab wie sie war, sprach aus den klaren Augen.

»Meine Meinung über irgend jemand hat nichts mit seinem Verhalten gegen mich zu schaffen,« sagte sie ruhig. »So kleinlich kann ich nicht sein.«

Anna Denhardt sprang auf; sie konnte sich nicht länger halten.

»Mit solchen schönen Worten hast du meinen Bruder geködert, daß er den Bettelstolz des adeligen Fräuleins mit seinem Vermögen vergoldete, und zum Dank hast du ihn unglücklich gemacht!« rief sie voll Feindseligkeit. »Du hast es später als seine Witwe nie der Mühe wert gehalten, deine Launen zu besiegen der Welt wegen. Alle mußten dir ja huldigen, dich bewundern, du gabst gar keine andere Möglichkeit zu, und als du endlich das skandalöse Freundschaftsverhältnis mit Alten anfingst, da durfte keiner sich erlauben, dir auch nur mit einem Wort zu raten, dich zu warnen! Du, die kluge Frau, wußtest ja ganz genau, was du tun und lassen konntest! – Nun rühmt er sich öffentlich, daß er die Kommerzienrätin Murner mitsamt ihrer Million haben kann, sobald es ihn nur gelüstet … das ist das endgültige Fazit deiner Freundschaft für ihn.«

Rose Marie drehte ihrem Schwager das Gesicht zu, es war weiß bis in die Lippen, sonst zeigte es keine merkbare Bewegung.

»War es das, was du mir sagen wolltest?«

»Ja, Rose!« erwiderte er fast scheu.

»Eine Infamie, von Menschen ersonnen, die unter dem Niveau irgend eines anständigen Empfindens stehen,« sagte sie verächtlich. »Verbreitet aus der Lust am Klatsch, die niederen Naturen angeboren ist. Ihr verlangt doch nicht, daß ich darauf etwas gebe? Wie erbärmlich müßte meine Freundschaft für Alten sein, wenn ich solch müßiges Gerede zwischen uns treten ließ.«

»Vielleicht ist es doch mehr,« sagte Denhardt bedrückt, denn die Art und Weise seiner Frau empörte ihn, obgleich er froh war, daß sie die Initiative ergriffen hatte, die Hochachtung, die er vor seiner Schwägerin empfand, machte ihm jeden Tadel fast unmöglich. »Es ist mir überall zugetragen worden, ins Haus, ins Bureau, – ja auch Füßlein, den ich deshalb interpellierte, wollte nicht recht mit der Sprache heraus. Ein unvorsichtiges Wort ist wohl jedenfalls gefallen, und das ist unverzeihlich von Alten, der dir gerade so viel verdankt.«

»Komme mir nicht immer mit der Dankbarkeit,« sagte Rose Marie zum ersten Male heftig. Ihre Hand hatte krampfhaft die Falten ihres Morgenkleides ergriffen und drückte sie fest zusammen, ein Gefühl von Kälte und Leere durchschauerte sie, als schlösse sich im nächsten Augenblick das Grab über ihr.

»Ich habe es dir immer prophezeit,« sagte Anna, die in der Wonne ihre Schwägerin gedemütigt zu wissen, sich nun auch kein Titelchen ihres Sieges entgehen lassen wollte. »Du warst ja zu alt für ihn! Männer vergessen die Jahre bei den Frauen nicht. Nun bleibt dir nichts anderes übrig, als ihm die Türe zu weisen. Wie aber willst du uns – deine Familie jetzt wieder rehabilitieren?« –

Da öffnete sich unerwartet die Tür, Viktor Alten stand auf der Schwelle, die er seit Jahren das Recht hatte, so unzeremoniös zu überschreiten.

Rose Marie zuckte zusammen.

Das eisige Schweigen das Viktor empfing, machte ihn einen Augenblick stutzig.

»Ich störe doch nicht, gnädige Frau?« fragte er zwischen Tür und Angel.

Rose Marie hatte den Kopf aufgerichtet und sah ihn an; mit der ganzen Kraft des gewaltigen Gefühls, das sie für ihn besaß, wurde ihr klar, daß sie um ihr zukünftiges Glück in diesem Moment zu kämpfen hatte. Entweder – oder! – Und mit dem Mut, den sie in allen Lebenslagen besaß, schickte sie sich an, diesen Kampf aufzunehmen.

»Sie stören nicht, Alten,« sagte sie mit der kühlen Ruhe, die sie wohl als Maske anzunehmen verstand, »im Gegenteil, es ist vielleicht eine Fügung des Schicksals zu nennen, das Sie gerade in diesem Augenblick herführt. Kommen Sie nur näher.«

Und nun ging sie auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn einen Augenblick fest an.

»Man hat Sie verleumdet – jämmerlich verleumdet – und erwartet nun nichts anderes, als daß ich, ebenso empört wie die anderen Tugendheldinnen, Sie von meiner Schwelle weise.«

Ihre Hand zitterte leicht, er merkte es nicht. Das böse Gewissen, das er hatte, bezog jedes einzige ihrer Worte auf Martha.

Es war also kein Geheimnis mehr, das Verhältnis, in dem sie zueinander standen. Die Welt wußte es, der Skandal war da! – Er empfand keine Freude bei dieser Vorstellung, kaum etwas anderes als Widerwillen. Der Roman seines Herzens Stadtgeschichte! – Ihn schauderte.

»Wie erbärmlich würde ich sein, wenn ich das täte!« fuhr Rose Marie erregt fort. »Viktor, mein Freund, verteidigen Sie sich nicht, es zöge uns beide nur herab in den Staub!«

Ihre Augen schimmerten, ein bebendes Liebesweben umfloß ihre stolze Erscheinung und machte sie unwiderstehlich. Auch Alten empfand das.

Mit einer kurzen Bewegung warf er den Kopf in den Nacken.

»Ich verstehe Sie nicht, Rose,« sagte er. »Herr Denhardt erklärt mir vielleicht, wessen man mich beschuldigt.«

Sie lächelte verächtlich. »Gewiß! Weil wir einmal unter den Menschen leben, müssen wir es uns gefallen lassen, zu ihnen herabgezogen zu werden!«

Mit ineinander geschlungenen Händen, stumm und unbeweglich hörte sie den Auseinandersetzungen ihres Schwagers zu. Viktor erblaßte.

Er erinnerte sich dunkel, daß am Abend seiner Premiere, nachdem man sich von der Kommerzienrätin verabschiedet hatte, noch ein tolles Gelage bei Mayer den Schluß gemacht, und daß er da allerdings – provoziert – eine Äußerung getan, die vielleicht – vielleicht eine Ähnlichkeit mit der gehabt, die man ihm hier in den Mund gelegt, nur nicht so roh, so brutal.

Obgleich es in einem Augenblick geschehen, wo er seiner Sinne nicht mehr ganz mächtig war, war ihm die Erinnerung daran höchst peinlich gewesen. Endlich vergaß er die Sache, und nun grinste sie ihm hohnlachend mit herabgerissenem Schleier wieder in das Gesicht, und hinter ihm stand die Verleumdung bereit, das arme Opfer seiner Unvorsichtigkeit zu zerfleischen.

Das Feinfühlige seiner Natur litt schrecklich in diesem Augenblick. Sein Leben hätte er hingegeben, nur, um vor sich selber rein dastehen zu können und Rose Maries gläubiges Vertrauen verdient zu haben. Umsonst! – Das böse Wort war einmal gesprochen.

Mit Freude sah Anna den Kampf, der sich in Viktors Gesicht spiegelte, man hatte sie also gut bedient. Die stolze Rose würde lange an dieser Erfahrung zu tragen haben. Sie sollte ihr nicht noch einmal kommen mit ihren Tiraden von der Freiheit des Einzelnen, der Verachtung der Menge!

Auch Rose Marie wußte, daß sie die Wahrheit gehört hatte; wie ein schneidendes Schwert durchdrang die Erkenntnis ihr Herz, ihre Hand sank langsam von Viktors Achsel.

Da griff er plötzlich, ohne sich auf ein Wort der Gegenrede einzulassen, nach diesem schlanken Gebilde, wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm, konvulsivisch, mit jeder Fiber, jedem Blutstropfen, als hinge für ihn Erde und Himmel daran, und das Knie vor ihr beugend, rief er außer sich:

»Rose! Rose! Vergeben Sie mir! – Ein Rausch – ein unglückseliger Augenblick der Eitelkeit, den ich bitter bereut habe! So, wie man es Ihnen erzählt, sagte ich es nicht, aber ein Körnchen Wahrheit ist daran.«

Er beugte das Haupt wie ein Gerichteter, aber sie zog ihn schnell empor.

»Stehen Sie auf, Viktor – nicht so! –« Und dann sich plötzlich mit leuchtenden Augen und aufrechtem Kopf an ihre Verwandten wendend, fuhr sie fort: »Ihr habt es gehört – er hat es gesagt! – Und er hatte ein Recht dazu! – Er kann mich haben, sobald er mich begehrt! Mit Leib und Seele bin ich die Seine!«

Für einen Moment war es grabesstill in dem Zimmer, so unerwartet waren Roses Worte gekommen. Sie hatte die eine Hand auf die Brust gedrückt. – Wie furchtbar es dort tobte vor Angst, Liebe und Stolz –

»Rose – ist das wahr?« fragte Viktor endlich stockend.

»Ja! Ja!« jauchzte sie fast auf und lag im nächsten Augenblick an seiner Brust.

Denhardt und seine Frau sahen mit geringem Verständnis auf diese Szene. Sie begriffen wohl, um was es sich äußerlich handelte, aber das innere Geschehnis lag ihrer Auffassung fern. Sie fanden Rose Maries Benehmen unweiblich, die Großherzigkeit ihrer Handlungsweise ahnten sie nicht. Den Geliebten zertreten am Boden zu sehen, war ihr einfach unmöglich gewesen, sie mußte ihn aufrichten, indem sie sich selbst preisgab. Und sie liebte ihn – er war nun der Ihre! –

»Wenn mich nicht alles täuscht,« sagte endlich Denhardt, »so hätten wir also eine Verlobung vor uns, nicht wahr, meine Herrschaften?«

»Und der Skandal mit der Seelenfreundschaft hat Gott sei Dank ein Ende!« setzte Anna hinzu. »Heiratet nur so schnell wie möglich, damit kein Mensch mehr reden kann.« –

»Ist es dein Ernst, Rose? Wirklich – wahrhaftig dein Ernst?« fragte Viktor, als er sich endlich mit ihr allein befand. »Keine großmütige Regung um mir Beschämung zu ersparen?«

Sie lehnte sich ein wenig, nur ein klein wenig an seine Schulter.

»Bist du so blind, du großer Herzenskenner?« fragte sie leise.

Er sah sie an. Sie war ja noch immer begehrenswert, elegant, anbetungswürdig, aber – sie war doch nicht Martha, sondern eine Frau von bald vierzig Jahren. Unter diesem Blick schlug sie die Augen voll zu ihm hinauf.

»Es ist Liebe!« sagte sie langsam, mit dem vollen Bewußtsein dessen, was sie tat. »Die letzte – die beste Liebe meines Herzen!«

Wortlos schloß er sie in seine Arme. Wie begehrenswert war sie ihm einst erschienen, und nun lag sein Herz tot und kalt in der Brust, als wäre es gestorben.

»Bin ich dir auch nicht zu alt?« fragte sie zitternd. – Es war das erstemal, daß sie ihres Alters Erwähnung tat.

O, Gott, wie sie ihn demütigte mit ihrer großherzigen Liebe! –

Ohne ein Wort preßte er sie an sich und küßte sie leidenschaftlich. Am liebsten wäre er in diesem Augenblick gestorben. –

Als er gegangen, hob Rose Marie die gefalteten Hände zum Himmel auf.

»Ich danke dir, mein Gott, daß ich noch die Kraft habe, so heiß zu lieben,« sagte sie inbrünstig, und zwei helle Tropfen, seltene Gäste bei ihr, liefen über ihre Wangen.

An ihr Alter dachte sie nicht mehr, ihr Herz war jünger denn jemals. –

»Ich habe mich mit Alten verlobt,« sagte sie etwas später zu Grete, und Glück strahlte ihr dabei aus den Augen. Sie hatte das Bedürfnis, mit irgend jemand von dem zu sprechen, dessen Besitz sie stolz und glücklich zu gleicher Zeit machte. »Was sagst du dazu, Kind?«

Aber Grete antwortete nicht. Ohne einen Laut sank sie ohnmächtig zu Rose Maries Füßen.

Erschrocken richtete diese den blassen Kopf auf.

»Was sind denn das für Geschichten, Grete?« fragte sie zum ersten Male mit dem Ton warmer, herzlicher Teilnahme. »Was fehlt dir, armes kleines Ding?« Und sie strich die kalten, weißen Wangen liebevoll zärtlich und duldete, daß Grete an ihrem Herzen so wild und leidenschaftlich schluchzte, wie sie es nie für möglich gehalten hatte. Sie war ja glücklich und deshalb teilnehmend und gut gegen andere. –

Mit dem drückenden Gefühl von Schuld und Pflicht kam Viktor zur gewöhnlichen Teezeit. – Rose Marie seine Braut! – Wie eine Bergeslast lag ihm der Gedanke auf dem Herzen. Die Phantasie, die ihm jede Sache vergoldete, so lange er sie von weitem sah, war plötzlich erstorben, grau und nüchtern starrte ihn die Gegenwart an. Er kannte alle guten und großen Eigenschaften der Frau, die sich ihm so unerwartet, so großherzig und so voll heißer Liebe zu eigen gegeben hatte, er wußte, daß sie reich war und sein Lebensweg fortan eben und bequem sein würde, aber nicht der schwächste Funke irgend eines anderen Gefühls als Beschämung wollte sich in ihm regen.

In einem Zustand seelischer Marter, die qualvoller war als physischer Schmerz, betrat er Rose Maries Haus. Fortan mußte auf seinen Lippen, in seinen Augen die Lüge wohnen – würde er das ertragen? Würde das nicht über seine Kräfte gehen und er schließlich dastehen als der erbärmlichste Undankbare, den die Erde trug?

Er trat vor den Kaminspiegel und fuhr noch einmal mechanisch über sein kurzes Haar. O, wie er sich nach dem warmblütigen, begeisterungsfähigen Viktor Alten von ehemals zurücksehnte, in dessen langen Locken Riesenkräfte zu wohnen schienen. – Da warf die helle Spiegelfläche Gretes Bild zurück, die langsam und müde durch das Zimmer schritt. Grete! – Er ergriff das in Seidenpapier gewickelte Bukett für Rose und trat hastig auf sie zu. Sie blieb stehen und sah ihn mit erloschenen Augen an.

»Rose erwartet sie natürlich,« sagte sie tonlos.

»Ehe ich hineingehe, Grete – ein gutes Wort von Ihnen,« bat er bebend, denn ihm schien plötzlich, als flehe er zu dem Engel der Barmherzigkeit selbst.

»Ich wünsche Ihnen alles Glück,« sagte sie noch immer in derselben apathischen Art. »Meine Tante hat mir Ihre Verlobung mitgeteilt.«

Er sah sie an. Der gequälte Ausdruck trat sichtbar in seine Augen.

»O, Grete,« entgegnete er schmerzlich, »ich bin kein Mensch, der in die Welt paßt! Das beste wäre wohl, ein Ende zu machen. Ich finde mich nicht mehr in mir zurecht.«

Ganz leise, fast flüsternd, sprach sie zu ihm:

»Die Lüge ist es, die Sie quält! Denken Sie an gestern – an Fräulein von Norden – und nun heut meine Tante.«

»Grete,« rief er auffahrend, »Sie dürfen mich nicht verurteilen, Sie nicht – denn Sie wissen nicht alles! Seien Sie barmherzig. – Seien Sie wenigstens gut gegen mich!

– Ich …«

Er brach ab und faßte sich an die Stirn. Was wollte er denn? Ihr vielleicht seinen trostlosen Zustand beichten? Sich ihr verächtlich machen? Sie gehörte ja zu Rose Marie. –

Sie hatte den Kopf gesenkt, ihre Liebe war immer noch nicht tot und schuf ihr Qualen, je mehr sie sich von ihrem Unwert überzeugen mußte.

»Verabscheuen Sie mich, Gretchen!« fragte er endlich düster.

»Nein, ich weine um Sie!«

Nur einen einzigen, flüchtigen Augenblick trafen sich ihre Augen, und ihm war als leuchte der ganze reiche Liebesschatz eines unentweihten Mädchenherzens aus ihren dunklen Augen ihm entgegen, nur einen Augenblick – dann sanken die Lider, und er hörte Rose Marie rufen.

XXII.

»Ich muß mit Martha sprechen!« Der Gedanke hatte ihn seit dem Morgen verfolgt, jetzt in Rose Maries rot durchleuchtetem Zimmer kam er mit einer Heftigkeit wieder, der er kaum zu widerstehen vermochte.

Sie würde triumphieren, das kühle, nur ihren Vorteil kennende Weib, daß ihr durch das Geschehene nun auch der letzte Stein des Hindernisses aus ihrem Weg geräumt war, sie würde ihm lachend den Abschied geben und sich ihrer wiedergewonnenen Freiheit freuen. Er wußte das so genau!

– Aber er wollte sich den bitteren Genuß nicht entgehen lassen, sie persönlich mit dem Umschwung der Dinge bekannt zu machen. Mit einem letzten Kuß wollte er von ihr, dem sichtbaren Teil des entschwundenen Jugendtraumes, Abschied nehmen und dann versuchen, sein Joch zu tragen.

– Seine Pulse klopften, jede Fiber seines Seins verlangte gebieterisch nach einem letzten Zusammensein mit der Einstgeliebten, dann Verschmähten, nun heiß Begehrten. Diesmal würde sie ihm willig eine Zusammenkunft gewähren, der sie bis jetzt so konsequent ausgewichen war, denn diesmal galt es ihre Freiheit, ihre Zukunft an Graf Gilsachs Seite.

Er preßte die Zähne zusammen in eifersüchtigem Zorn und ließ zum drittenmal eine Frage seiner Braut unbeantwortet.

»Aber Viktor!« sagte Rose Marie erstaunt. »Woran denkst du nur?«

Sie bog sich ihm entgegen, um Augen und Mund ein unruhiges Lächeln. Wie unvorsichtig sie war! Oder hatte er nur bisher keinen Blick dafür gehabt? Um die Augen zogen sich feine Linien, um den Mund ebenfalls, ein haarscharfer, dunkler Strich unter den Wimpern, der dem Blick mehr Feuer gab, fiel ihm zum ersten Male auf. Die Haut der Wangen, noch immer weiß und voll, zeigte doch, trotz des Puders, beginnendes Welken, und so würde es abwärts gehen, – immer abwärts… Er sprang plötzlich auf.

»Verzeih mir, Rose, verzeih,« bat er stürmisch. »Aber noch bin ich nicht ich selbst, der heutige Tag brachte zu viel – laß mich gehen…«

Sie nickte. So klug sie war, diesmal verstand sie ihn nicht; und für dies Nichtverstehen, das er fühlte, küßte er sie dankbar.

In seinen Pelz gewickelt, den Hut tiefer in das Gesicht gedrückt, ging er vor Marthas Wohnung auf und ab. Sie mußte jeden Augenblick kommen – allein, daran zweifelte er nicht. Graf Gilsach verabschiedete sich stets vor dem Theater von ihr, deshalb hatte er auch nicht den Versuch gemacht, sie dort zu treffen. Am Ende der Straße zeigte sich das näherkommende Licht eines Wagens. Das mußte sie sein. Er trat dicht in den Schatten des Hauses.

Als sie ausstieg und den Schofför ablehnte, trat er an ihre Seite.

»Martha!«

Sie blickte überrascht auf.

»Du?!«

Es war keine Freude, die aus ihrem Ton klang, und mißtrauisch sah sie ihm dabei in das Gesicht.

»Ich muß dich sprechen – nur eine Viertelstunde,« stieß er hervor.

Sie zog den Mantel fester um sich und stieg die Stufen zu ihrer Haustür hinauf.

»Um diese Zeit! Du bist närrisch!« sagte sie ruhig.

»Um den Preis deiner ersehnten Freiheit!« Es klang bitter.

Sie blickte überrascht auf. Mit der Hand schon am Schloß, zögerte sie.

»Du willst, Viktor?«

»Ja, ich will! – Du sollst alles erfahren, Martha, aber nicht hier! Eine Viertelstunde nur – ich bin ja dein Mann.«

Sie lachte belustigt.

»Das ist zwar Nebensache, aber – in Gottes Namen!«

Sie stieß die Haustür auf, und er folgte ihr, im dunkeln, vorsichtig, mit klopfendem Herzen.

Sie warf Pelz und Kopfhülle von sich und stand in ihrem losen weißen Morgenkleid, das sie stets nach dem Schluß des Theaters anzog, vor ihm, schön und neugierig, wie sie es gewesen in der ersten Zeit ihrer Ehe. Zum erstenmal betrat er diese Räume, die seiner Frau gehörten, zum erstenmal sah er sie allein, ungestört, seit jener Nacht, die sie damals auf immer getrennt hatte. Der Atem versagte ihm einen Moment, er stützte die Ellenbogen auf die Knie und barg sein Gesicht darin.

Sie berührte ihn leicht an der Schulter.

»Viktor, sprich! Es ist spät, ich will schlafen gehen. Was ist es?«

»Du denkst an Schlaf!« sagte er beklommen.

Sie lachte, »Natürlich. Meine Schönheit zu konservieren ist meine erste Pflicht. Darum mach schnell.« Er atmete tief auf.

»Ich gebe dich frei, Martha.«

Mit einem Jubelschrei schlang sie ihre Arme um seinen Hals.

»Endlich! Endlich! Ach, Viktor, wie froh bin ich!«

»Du denkst nur an dich,« sagte er und schob sie verletzt zurück. »Was es mich kostet, warum ich es tue, danach fragst du nicht.«

»Ich denke mir,« sagte sie nachdenklich, »die Kommerzienrätin wird schuld daran sein. Ruprecht machte eine Bemerkung, die darauf schließen ließ. Im übrigen ist er so zugeknöpft über alles, daß ich durch ihn eine Sache sicher nicht eher erfahre, als bis alle Welt sie weiß.«

»Ja, du hast recht,« sagte er seufzend. »Ich kann nicht anders, will ich ein ehrlicher Mann sein, als Rose Marie meine Hand anbieten.«

Sie setzte sich neben ihn in die Sofaecke; die Lampe verbreitete nur ein geringes Licht, aber er sah doch ihre taufrische Schönheit und seufzte nach ihr wie ein Verzweifelter.

»Ich finde, daß du sehr vernünftig gehandelt hast,« Viktor,« sagte sie völlig ernsthaft. »Tröste dich deshalb über den Unterschied der Jahre, denn sie ist reich. Du hast doch den elenden Zustand eines armen verheirateten Dichters kennen gelernt! Die Sorge und die Kosten der Wirtschaft haben dich damals beinahe aufgezehrt, und nun du ihnen endlich entronnen bist, ein bequemes, angenehmes Dasein vor dir liegt, bis an dein Lebensende, da seufzst du auch und tust, als ob dir jemand weiß Gott was genommen hat. Bist du denn niemals zufrieden? Etwas von all seinen Hoffnungen muß jeder daran geben.«

Er sah sie fassungslos an.

»So argumentierst du in jeder Lebenslage, Martha?«

»Mein Gott, ich bin eine vernünftige Frau und nehme das Leben wie es ist,« sagte sie achselzuckend. »Glaube mir, das ist viel besser, als immer mit dem Kopf gegen die Wand laufen.«

»Und vergißt du ganz, daß ich dich liebe?« sagte er und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter.

Fast mitleidig sah sie zu ihm nieder.

»Das ist auch so eine närrische Idee, die du, eben nur du, fassen kannst! Drei Jahre haben wir voll Unfrieden und Zwietracht gelebt, und nun fällt es dir plötzlich ein, mich zu lieben.«

»Vergißt du, was vorher war?« fragte er.

Sie antwortete nicht darauf. »Würde heute wieder ein Opfer an dich herantreten, so würde sich diese Liebe ebenso schnell verflüchtigen wie jene erste. Du bist ein Egoist, Viktor.« Er starrte sie an. Dieses liebreizende Gesicht mit den großen Augen und dem Kinderausdruck sah er Tag und Nacht in seinen Träumen, aber dann sprach der süße Mund andere Worte.

»Vielleicht bin ich ein Genius, der vom Himmel gefallen, sich auf Erden nicht zurecht zu finden versteht,« sagte er bitter.

»Mein Gott,« begann sie etwas übellaunig, »bist du nur herauf gekommen, um mir das zu sagen? Ich glaubte, wir wollten unsere Trennung besprechen!«

»Martha!« rief er mit zusammengepreßten Zähnen, »du hast doch keine Spur von Güte, von Milde und Weichheit in dir – warum schuf dich Gott nur schön – nichts weiter als schön!«

Sie drehte spielend das Band ihres Schlafrockes um die Finger, im stillen freute Viktors Leidenschaft sie gerade jetzt, wo sie wußte, daß sie ihr entrückt war.

»Ich bin damit zufrieden,« sagte sie kokett. »Und höre, noch eins! Mache es so heimlich wie möglich, unsere Trennung, es braucht niemand davon zu wissen.«

»Schämst du dich meiner?« fragte er heftig.

»Nein, aber das Gerede ist doch überflüssig. Ich bin gebunden, du bist gebunden. – Gehst du morgen zu einem Rechtsanwalt? Laß es mich wissen, – ich wünschte, es wäre schon alles vorbei.«

Er sah sie an, wie sie dasaß. Jung, schön, frisch, und wieder überwältigte ihn seine Leidenschaft für sie, aufspringend breitete er ihr die Arme entgegen.

»Martha, eh' wir scheiden, komm noch einmal an mein Herz, laß dich noch einmal küssen.«

Sie zögerte, als sie aber in sein bewegtes Gesicht sah, da wurde auch in ihr für einen flüchtigen Augenblick die Vergangenheit lebendig, sie legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn. Halb beseligt, halb gequält stöhnte er auf. Zum letztenmal hielt er seinen Jugendtraum in den Armen, zum letztenmal verkörperte Marthas warme Gestalt ihm das, was einst gewesen. –

Als er auf die Straße trat, schlug es gerade zwölf Uhr. Fröstelnd zog er den Pelz fester um sich. Mit vollem Licht flammte die Straßenlaterne über ihn hin, als er die Stufen hinabschritt mit dem Gefühl, er habe soeben etwas Liebes begraben. – Er zuckte jäh zusammen, als jemand dicht neben ihm seinen Namen nannte.

»Wo, in drei Teufels Namen, kommen Sie denn her?« Paul Herbert stand neben ihm, und die Schatten der Nacht verbargen den bösen, verzerrten Ausdruck seines Gesichts.

»Ich! – Ich bin wie Sie auf dem Heimwege begriffen,« sagte Viktor ruhig.

»Das glaube ich Ihnen gern – nur ist unser Ausgangspunkt nicht der gleiche gewesen. Ich komme aus Hellmuths Weinkneipe, Sie dagegen aus den Armen der Liebe, wie ich vermute.« »Ihre Vermutung täuscht Sie gründlich, lieber Direktor.«

»Spielen Sie mir gegenüber nur nicht den Edelmütigen,« fuhr Herbert auf, mühsam seinen Zorn beherrschend. »Ich sah, aus welchem Hause Sie traten, ich sah bei der Norden Licht oben, und als Sie gegangen, erlosch es. – Der Tugendwandel unserer blonden Bühnenschönheit hat ein Loch bekommen.«

Mit zitternden Händen hielt er Viktor im Vorwärtsschreiten auf. »Gegen mich war sie kaltherzig und unnahbar – mich hat sie verschmäht, und Ihnen – wahrhaftig, ich weiß nicht, soll ich Sie hassen oder beneiden.«

»Keines von beiden.«

»Ich gebe Ihnen zu, dies Weib hat mich gereizt, ich hätte alles für sie getan – sie wollte nicht – bon!«

Es klang so viel bittere, verletzte Eitelkeit, solch ein Hohn aus jedem Wort, daß Viktor den Zwang empfand, Marthas Ruf nicht ohne alle Verteidigung zu lassen.

»Sie sind mit Ihren Annahmen völlig im Irrtum, Herbert,« sagte er eindringlich.

Der Schauspieler nahm den Hut ab, und der kalte Winterwind strich über sein noch von der Vorstellung her gebranntes Haar. Mit kurzem, zynischem Lachen beantwortete er Altens Worte. –

»Und wenn ich bedenke, wie kaltblütig sie tat! Ich, – sogar ich, ließ mich von dieser Komödie blenden! Daß sie nach einer guten Partie fischen würde, habe ich ihr zugetraut, ein Liebesverhältnis mit Ihnen – gerade mit Ihnen …« er verschluckte den Rest, und obgleich sich Viktor durch Ton und Worte beleidigt fühlte, kämpfte er doch heroisch, um dem nicht nachzugeben. – Plötzlich aber fuhr der Schauspieler herum, das Laternenlicht streifte seine verlebten, von Leidenschaft durchwühlten Züge, in denen nichts Edles mehr zu finden war. »Aber wie ist mir denn? Erfuhr ich nicht vorhin, daß Sie verlobt wären? – Mit der Rätin? Ha! Ha, ha! Ist das wahr, Alten?«

»Ja!«

»Und dann außerdem noch dies kleine Extravergnügen? Nun, Ihre Braut kann außerordentlich stolz auf eine derartige Teilung sein.«

»Hören Sie, Herbert,« sagte Viktor so ruhig er konnte. »Ich sehe ein, daß Sie zu viel und zugleich zu wenig wissen, um die Sachlage beurteilen zu können. In die Enge getrieben, wie ich nun einmal bin, mögen Sie also die Wahrheit wissen. Ihrer Diskretion halte ich mich versichert. Wußten Sie nicht, daß die Norden verheiratet ist? – Nun wohl – ich bin der Mann!« –

Mit einem unartikulierten Laut blieb der Schauspieler stehen.

»Sie – Sie, Alten?!« –

»Marthas Theaterleidenschaft, meine beschränkten Verhältnisse rissen uns auseinander, wir sind seit Jahren getrennt, ohne geschieden zu sein. Heute verständigten wir uns auch über diesen letzten Schritt. Meine Zukunft gehört Rose Marie, die ihrige dem Grafen Gilsach.«

Mit auf die Brust gesenktem Kopf ging der Schauspieler lautlos neben dem Sprechenden hin. Wunderlich, daß das Liebesfeuer für die schöne Frau von jedem Wort in ihm neu geschürt, anstatt ertötet wurde! Altens Weib, – nicht die Frau eines unbedeutenden, erbärmlichen Menschen, der sie zu sich herabgezogen hatte, wie er immer angenommen, – die zukünftige Gräfin Gilsach … Alle unedlen Instinkte seiner Natur erwachten mit doppelter Kraft; da lohnte es sich, noch in letzter Stunde zu kämpfen. Mehr als Viktor ahnte, war er sich über dessen Seelenzustand im Klaren, mehr, als jener für möglich gehalten hätte, arbeitete sein Gehirn, unbehelligt von jedem Gewissensskrupel, um einen Weg zu finden, der ihn sicher zu seinem Ziel führte. –

Stumm gingen die beiden Männer nebeneinander. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, und am Himmel funkelten tausend hell blinkende Sterne.

Auf einmal lachte der Schauspieler hell auf.

»Wahrhaftig, es gibt Frauen und Frauen,« sagte er, wie die laute Fortsetzung eines Gedankens. »Wenige sind unter ihnen, die verdienen, geliebt zu werden, noch wenigere, die selbst lieben können. Im ganzen ist es ein minderwertiges Geschlecht, treulos und falsch. Ihretwegen brauchen wir uns wirklich keine reuigen Stunden zu schaffen. Und wenn Sie mit Ihren Dichteraugen den Wald vor Bäumen nicht sehen wollen, mein lieber Alten, so ist das Ihre Sache und Ihr spezieller Genuß. Gute Nacht, schlafen Sie wohl!«

Er drückte ihm flüchtig die Hand. In Viktors Herzen regte sich etwas wie Ekel gegen die zynische Natur, die nichts anderes kannte als begehren und nehmen. – Und ihn – gerade ihn hatte er gezwungenermaßen zum Vertrauten machen müssen! – Es bedrückte ihn, obgleich er wußte, daß er den Umständen gemäß richtig gehandelt hatte.

XXIII.

Trüb und dunkel hatte der Tag begonnen.

Die Morgenzeitungen waren ausgetragen und feucht von der naßkalten Atmosphäre, lagen sie auf fast jedem Frühstückstisch und harrten ihrer Leser. –

In seinem luxuriösen Junggesellenheim saß Graf Gilsach beim Kaffee, auf seiner schon etwas hoch hinauf gelichteten Stirn lag es wie ein Schatten. So recht bis in die tiefsten Tiefen seines Herzens beglückte ihn sein Verhältnis zu Martha nicht; er liebte sie freilich mit einer ihm selbst erstaunenden Glut und Leidenschaftlichkeit. Auch ihr etwas oberflächlicher Charakter, der nur nach Vergnügen und Huldigungen verlangte, ihr jeder heißeren Regung unfähiges Herz war es nicht, was ihn zuweilen mit seinen Gefühlen in Kollision brachte. Eine Frau wie Rose Marie zum Beispiel, hätte er auf die Dauer sehr unbequem empfunden, mit ihrem unruhigen Drang nach etwas anderem, besserem, ihren ewig begehrlich ausgestreckten Händen nach irgend einer Befriedigung ihrer unausgefüllten Seele. Graf Gilsach war weder besonders geistvoll veranlagt, noch gehörte er zu den Männern, die große Anforderungen an Frauen stellen, außer an deren körperliche Schönheit.

Er hatte schlecht geträumt und war verstimmt erwacht, nachdem er gestern abend einen kleinen Strauß mit seiner Braut gehabt hatte. Er bemühte sich die Ursache, ja die ganze ziemlich belanglose Affäre zu vergessen und schob heut alles auf das Wetter und seine Magennerven. »Ich darf keinen Hummer abends essen und darauf rauchen,« dachte er schwermütig. »Schauderhaft, auch diese Dinge schon in den Kreis seiner Berechnung ziehen zu müssen.«

Um sich zu zerstreuen, griff er nach den Zeitungen. Er war kein großer Politiker vor dem Herrn, und sein erster Blick suchte daher stets das Lokale und die Nachrichten unter dem Strich. Anfangs las er seelenruhig, dann plötzlich öffneten sich seine Augen, eine Art Stöhnen drang über seine Lippen, und das Blatt in seiner Hand begann zu zittern. Da stand unter Theaternachrichten ein Passus, den er immer wieder und wieder lesen mußte, bis die Buchstaben in eine einzige schwarze Linie zusammenflossen.

»Wir können es uns nicht versagen,« stand da, »unsere Leser mit einer ebenso überraschenden, wie pikanten Tatsache bekannt zu machen, für die wir vollste Garantie übernehmen. Darnach ist die schöne, allgemein bewunderte Schauspielerin Fräulein v. N. an einem unserer ersten hiesigen Theater, schon seit Jahren die Gattin eines in unseren besten Kreisen nicht weniger gefeierten Dichters, dessen Anfangsbuchstaben herzusetzen, wir uns allerdings nicht bemüßigt sehen. Die Ehegatten, die sich nach gegenseitiger Übereinkunft trennten, als beide noch unbekannt, ihrer glänzenden Zukunft unbewußt einander gegenüberstanden, begegneten sich sehr überraschend auf dem glatten Parkett unserer Gesellschaft, die sie bisher ahnungslos über ihre gegenseitigen Beziehungen ließen. Trotzdem sie alles taten, auch nicht den leisesten Verdacht aufkommen zu lassen, heftete sich der Klatsch doch an ihre Fersen. Der Dichter und die Interpretin seiner Rollen, berufen wie keine zweite dazu, waren eben allzu interessante Persönlichkeiten. Wollte sich das Ehepaar nun wieder zusammenfinden, hätte man wohl eine selten romantische Lösung dieser effektvollen Geschichte; dem scheint aber nicht so. Fräulein v. N. hat sich inzwischen mit dem Sprößling einer alten, reichen Adelsfamilie verlobt und gedenkt die Stätte ihres Ruhmes in allerkürzester Zeit zu verlassen. Der Gatte hat seine Wahl auf eine bekannte, schöngeistige Dame der Aristokratie des Geldes gelenkt – und nun erst beabsichtigt das Paar sich nach dem Gesetz endgültig scheiden zu lassen. Honny soit qui mal y pense.« – Das Zeitungsblatt flatterte zu Boden, mit irren Augen sah Graf Ruprecht darauf nieder. – Martha – seine Martha, die Gattin eines andern – unmöglich! – Das ihm angeborene Gefühl des Widerwillens gegen etwas, das ein anderer vor ihm besessen, regte sich plötzlich mächtig in ihm. Kein Zweifel, dieser andere war Viktor Alten! – Er – Gilsach – war auf Paul Herbert eifersüchtig gewesen, Alten gegenüber hatte er diesem Gefühl nicht nachgegeben, obgleich ihm nun plötzlich mit peinlicher Deutlichkeit Momente vor Augen traten, die ihn unangenehm berührt hatten, ohne daß er sich bewußt geworden weshalb. An seinem Verlobungsabend – im Korridor des Theaters. – Graf Ruprecht warf plötzlich die Sammetpekesche, in die er sich vorher fröstelnd gehüllt, von sich, siedende Hitze durchströmte ihn; er glaubte ersticken zu müssen.

Sie hatte ihn betrogen – betrogen; mit keiner Silbe jemals ihrer Ehe Erwähnung getan. Warum? – War er ihr nichts weiter gewesen, als eine gute Partie? –

Er faßte sich an die Stirn, – stöhnend – das Idol vor dem er Götzendienst verrichtet hatte, grinste ihm plötzlich fratzenhaft verzerrt entgegen. Ihn schauderte.

»Ich gehe zu Alten!« war sein einziger klarer Gedanke, als er sich von seinem Kammerdiener ankleiden ließ. –

Auch Rose Marie hatte die perfide Zeitungsnotiz gelesen. Mit einem dicken blauen Strich versehen, war ihr das Blatt der »Morgenröte« unter Kreuzband zugeschickt worden. Mit blitzenden Augen und einem Ausruf des Zornes schleuderte sie es zu Boden, als wäre es giftig.

»Welche Infamie!« sagte sie hochatmend. »Wer hat das verfaßt!? Dieses elende Machwerk einer demoralisierten Reporterseele, die sich die Zeile mit so und so viel Pfennigen bezahlen läßt, und um diesen Preis sogar seine eigene Ehre feil hat. Pfui!«

Grete hatte die Hände fest ineinander gefaltet, sie war sehr blaß.

»Du glaubst nicht daran, Rose?«

Die Rätin drehte sich so, daß ihr Gesicht nicht zu sehen war, sie traute ihren Zügen nicht die nötige Festigkeit zu.

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht!« sagte sie etwas heiser – »und das gehört auch nicht hierher. – Schließlich ist das Altens Sache, und – die meine! Männer sind einmal keine Heilige. – Aber daß sich die Öffentlichkeit in dieser Weise unserer Privatsachen bemächtigen kann, – daß wir wehrlos dagegen sind – daß wir ebensogut Unwahrheiten und Entstellungen auf uns sitzen lassen müssen, wie man uns das einfachste Menschenrecht raubt, unsere Leiden und Schmerzen für uns allein und unangetastet zu haben, das Grete, siehst du, das empört mich maßlos!«

Das junge Mädchen seufzte beklommen.

»Du kannst jetzt noch an die Allgemeinheit denken, Rose, ich – ich an deiner Stelle, ich hätte nur das eine Bewußtsein, daß er – den ich liebe – mich getäuscht hat. –«

»Getäuscht?« fuhr sie zornig auf. »Ich wußte ja, daß er verheiratet war; an wen konnte mir gleichgültig sein – und das soll es mir auch sein.«

Da faßte Grete nach der Hand ihrer Tante und hielt sie einen Augenblick fest.

»Rose, bist du so – groß?«

Die Kommerzienrätin schüttelte hastig den Kopf und riß beinahe heftig ihre Hand zurück.

»Denke darüber nicht nach,« sagte sie schnell. »Schicke zu Alten, ich will ihn sprechen.«

Als der Diener die Treppen zu Viktors Wohnung hinaufstieg, begegnete ihm der vornehme Aristokrat Graf Gilsach, der langsam herabkam. Er war so zerstreut, daß er den untertänigen Gruß des Bediensteten seiner Cousine weder bemerkte, noch erwiderte. Dieselbe Antwort, die diesem zuteil wurde, hatte auch er empfangen: Herr Alten sei nicht mehr zu Hause und habe nichts hinterlassen. –

Wie ein Rasender war Viktor fortgestürzt, nachdem er den auch ihm zugeschickten Zeitungsartikel gelesen, dessen böswillige Mache ihm sonnenklar war. Mehr mit dem Instinkt, als bewußt, sah er die lange Kette der Folgen, die sich daraus entwickeln würde; und außer sich stürzte er zu Füßlein in die Redaktion – das zerknitterte Blatt der »Morgenröte« in der Hand.

»Was kann ich dagegen tun?« fragte er heftig und schleuderte die Zeitung auf den Redaktionstisch.

Dort war es natürlich längst kein Geheimnis mehr; sie hatten gelesen, die Köpfe geschüttelt, hin und her auf den Verfasser geraten, auf die infame Indiskretion irgend eines dunklen Ehrenmannes geschimpft, aber an der Sache selbst ließ sich leider gar nichts ändern.

»Uns haben sie diese Schmiererei nicht anzubieten gewagt, ich kann Ihnen deshalb leider auch nicht den kleinsten Fingerzeig geben, lieber Freund,« sagte Füßlein achselzuckend. »Trösten Sie sich damit, daß nur solch ein Käseblatt letzten Ranges sich zu der Annahme verstanden hat, dessen Leserkreis Ihnen schließlich gleichgültig sein kann. Was liegt an der Meinung von Gevatter Hinz oder Kunz!«

»Nein,« rief Viktor zähneknirschend, »Sie sehen doch deutlich genug, wo hinaus das läuft! Man hat es mir und vermutlich allen Beteiligten unter Kreuzband zugeschickt, es ist also nichts weiter, als ein Akt brutalster Niedertracht!«

»Wenn Sie wünschen, bringen wir eine Berichtigung; das ist ja selbstverständlich. Denhardt ist sofort bereit dazu, das macht dann ebenso die Runde durch alle besseren Zeitungen, wie vermutlich dies Schandstück.«

Viktor wurde auf einmal sehr bleich. Er zögerte so auffallend, daß Füßlein ihn überrascht ansah.

»Ein Körnchen Wahrheit ist natürlich auch, wie immer, mit darunter,« sagte er endlich ruhiger; »darauf kommt es aber in diesem Augenblick nicht an; vor allen Dingen will ich erst einmal des Schurken habhaft werden, der das verfaßt hat.«

»Gehen Sie in die Redaktion der »Morgenröte«, riet Füßlein, »Vielleicht bringen Sie da Licht in die Sache.«

Aber er sah ihm doch mit einem ganz eigenen, argwöhnischen Blick nach, als er ging.

»Hängen lasse ich mich, wenn da nicht mehr als ein Häkchen steckt,« murmelte er vor sich hin. »Ei, ei, meine verehrte Frau Rätin, da hätten wir uns ja recht häßlich in die Nesseln gesetzt!« Er lächelte still. Wenn die Welt die Wahl hat von zwei Dingen, einem guten und einem schlechten, eins zu glauben, wählt sie immer das schlechte; auch Füßlein war innig überzeugt, daß der Artikel im Grunde nur die Wahrheit erzählt habe. Aber da er, als Mann von Welt, das Leben kannte, so gestattete er sich über Viktors Handlungsweise kein Urteil.

Natürlich richtete Alten in der Redaktion der »Morgenröte«, nicht das Geringste aus. Man war höflich, kühl, zurückhaltend und absolut ohne Gedächtnis für den Reporter, der jene Nachricht gebracht hatte. Schäumend vor Zorn, langte er endlich vor dem dramatischen Theater an. Hier, hier mußte er den eigentlichen Urheber der ganzen Geschichte suchen!

Wer anders als Paul Herbert konnte so genau unterrichtet sein! Ihm allein hatte er ja die Wahrheit gesagt. Daß er sie so benutzen würde, hielt er für eine Infamie und doch bei Herberts Charakter gleichzeitig erklärlich. Der verlor in Martha die beste Zugkraft seines Theaters und gleichzeitig das Weib, das er mit all seinen starken Leidenschaften begehrte, das ihm, dem verwöhnten, eitlen Damenhelden mit ihrem kindlichen Lachen kaltherzig entschlüpfen wollte. Er begriff, daß ein Mann wie Herbert nicht allzu wählerisch in den Mitteln sein würde, wenn er versuchen wollte Martha zu halten.

Der Direktor war schon im Theater anwesend, allein er hatte noch eine wichtige Kostümfrage mit dem Theaterschneider, und man führte Viktor deshalb in sein Bureau zum warten.

Ungeduldig warf er Hut und Pelz beiseite, es war warm in dem anheimelnden Raume.

Wie genau er alles hier kannte! Auf dem Schreibtisch Bilder von Martha und immer wieder Martha, in den verschiedensten Toiletten, Stellungen und Größen. – Darunter auf der Platte die dickleibigen Manuskripte in grauen, blauen und gelblichen Umschlägen, die hier ihres Richterspruches harrten, und deren jedes einzelne so viele Wünsche, Hoffnungen und Schaffensfreudigkeit barg. Würden sie zum Leben erwachen, um das alles zu erfüllen? Unwillkürlich schweiften seine Gedanken zurück zu dem Einst, wo er, auch ein armer unbekannter Schriftsteller, eine gewaltige Summe von Hoffnungen und Wünschen seinen Erstlingswerken mit auf den Weg gegeben hatte, wo ihm selbst der kleinste Erfolg eine Quelle neuen Strebens, mutigen Vorwärtsschreitens geworden. Damals – ja damals hatte er ehrlich und wacker um das gerungen, was ihm als das Höchste vorgeschwebt hatte; jetzt war er ein Modeschriftsteller, gut bezahlt, überall bekannt, aber – der Gott in ihm war tot! – Eine tiefe Sehnsucht und Reue überwältigte ihn einen Augenblick, als er sah, wie sein erster Liebestraum ihn in Marthas Gestalt von allen Seiten grüßte, aber damit kam ihm zugleich die Erinnerung an das zurück, was er hier wollte. Er fragte sich zum erstenmal, ob er eigentlich der Welt gegenüber eine Schuld auf sich genommen, daß er ihr seine Ehe verheimlicht hatte und kam zu der Überzeugung: »Nein!« Nur Rose Marie – Rose Marie allein hatte ein Recht an die Wahrheit gehabt, und Graf Gilsach. Andere gingen seine Privatverhältnisse nichts an, und er hatte ein Recht, sich zum Richter jeder Indiskretion zu machen. Arme Martha! Wie es sie in Aufregung bringen würde; und in ihm sah sie sicher wieder denjenigen, der ihr diesen Stein in den Weg gerollt. Er litt vielleicht noch tiefer unter dem Geschehenen wie sie, denn wenn er an Rose Marie dachte, überlief ihn ein Frösteln.

Er starrte währenddem auf das Bild seiner Frau, und es fiel ihm ein Abend ein, an dem er mit Herbert fröhlich gezecht, und Martha den Gegenstand ihres Gesprächs gebildet hatte.

»Ich glaube, Sie hätten nicht übel Lust mir bei ihr in den Weg zu kommen,« hatte der Schauspieler, seine Mähne schüttelnd, gesagt, »aber ich warne Sie, tun Sie es nicht!«

»Weshalb nicht?«

»Weil ich nicht gewohnt bin, mir etwas entziehen zu lassen, was ich selbst haben will. Ich würde mich zu rächen verstehen, und – der Zweck heiligt jedes Mittel.«

Er hatte sich gerächt! – Und wieder stieg der kalte, grausame Zorn in Viktor auf, und mit diesem Gefühl, das nahezu an Haß streifte, wandte er sich Herbert entgegen, der eben eintrat.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie warten ließ! Aber der Schneider war heute geradezu vernagelt,« sagte er, sich die Hände reibend. »Nun, was bringen Sie Gutes?«

Alten zog das zerknitterte Exemplar der »Morgenröte« aus der Tasche und reichte es ihm stumm. Mit allen Zeichen der Neugierde, ohne den Schimmer eines Verständnisses nahm Herbert das Blatt und las. Als er geendet, sagte er mit kurzem scharfem Auflachen, indem er das Blatt hinter sich legte: »Ein ganz perfides Machwerk. Indes haben weder Sie noch die Norden Ursache, dem Verfasser zu zürnen. Selbst ohne daß Ihr Name genannt wurde, sind Sie doch für jeden Blinden erkennbar. Reklame, lieber Freund! – Wir, die wir auf die Öffentlichkeit angewiesen sind, dürfen nie unterschätzen, wie wertvoll etwas derartiges für uns ist.«

»Ich nenne es einen Bubenstreich!« sagte Viktor bleich vor Zorn.

»O la! Warum gleich so unparlamentarisch! Das liebe Publikum ist nun noch viel interessierter auf Sie und die Norden.«

»Ein jeder sieht die Sache von der ihm zusagenden Seite an. – Allein darum handelt es sich nicht, ich will den Schurken heraus haben, der es wagte, dies zu schreiben; um jeden Preis will ich das!«

»Und dann?« fragte Paul Herbert.

»Dann breche ich ihm den Hals!«

»Weil er die Wahrheit sagte?«

»Weil er sich in Dinge gemischt hat, die ihn nichts angehen!«

»Aber Alten, Sie sind naiv!« sagte Herbert, gerade herauslachend. »Seit wann gibt es denn eine Grenze für das Geschwätz der Leute, die man sie respektieren lehrt? Jeder ist Gemeingut für jeden; das ist der Welt Lauf.«

Viktor biß sich auf die Lippen, der aalglatte, gewandte Schauspieler entschlüpfte ihm unter den Händen; noch hatte er für seine Vermutung auch nicht den geringsten Beweis gewonnen.

»Ich bin nicht hergekommen, um mit Ihnen zu philosophieren,« sagte er endlich kühl, »sondern um Sie zu fragen: Kennen Sie den Urheber dieser Epistel?«

»Ich? Wie sollte ich dazu kommen?« rief Herbert anscheinend empört.

»Weil ich nur zu Ihnen und nur zwangsweise von diesen Verhältnissen etwas erwähnt habe. Bei Gott, ich bin nicht gesonnen, das ruhig hinzunehmen.«

»Das klingt wie eine Verdächtigung und Drohung obendrein.« Paul Herberts fahles Gesicht rötete sich dabei; aus seinen dämonischen Augen brach ein Strahl, der an den Blick einer Hyäne erinnerte.

»Nehmen Sie es so auf!« rief Viktor, seiner lange angesammelten Empörung die Zügel schießen lassend. »Ich suche nicht den erbärmlichen Reporter, der diese Nachricht in die Zeitung zu bringen wußte, ich suche den perfiden Urheber, der sich wohlweislich im dunkeln hält, um ihm zu sagen: Sie sind ein Schurke!«

Herberts Hände schlossen sich zu Fäusten, dicht vor den Erregten sprang er hin und sah ihm halb höhnisch, halb triumphierend in das Gesicht.

»Sagen Sie das, wem Sie Lust haben, – aber nicht mir!« –

»Ihnen! Gerade Ihnen! Ihnen allein! – So wahr ich lebe, so wahr sind Sie der Schurke gewesen, der mein Vertrauen mißbraucht hat, um seine eigenen Zwecke zu verfolgen. Niemand außer Ihnen wußte sonst darum! Von Ihnen fordere ich Rechenschaft, und Sie werden sie mir geben.«

»Haben Sie Beweise?« zischte es über Herberts Lippen.

»Beweise? Wozu brauche ich Beweise! Meine Überzeugung genügt mir. Ich nenne Sie einen erbärmlichen Schurken – wollen Sie noch mehr hören?«

»Darauf soll ich nun wohl mit einer Forderung antworten,« sagte Paul Herbert, höhnisch auflachend. »Sie, als verunglückter Student, glauben freilich, daß ich mir die Ehre nicht entgehen lassen werde; da irren Sie gründlich. Was wir miteinander abzumachen haben, mein bester Herr Alten, das mögen die Gerichte entscheiden. Injurien, Hausfriedensbruch – ein ganz nettes Konto für Sie – und nun – hinaus!« – Er stand da in der Pose des großen Schauspielers, das Gesicht fahl, innerlich aber sehr beruhigt, daß Viktor Alten so kopflos auf ihn eingedrungen, ehe er sich nach Beweisen umgesehen.

War es wirklich die Erinnerung an den verflossenen Studenten, die Herbert so höhnend in ihm wachgerufen, war es der Ingrimm, der ihm den letzten Rest Überlegung raubte – er stürzte sich auf den hohnvoll Dastehenden und schrie ihm, heiser vor Erregung, in das Gesicht:

»Da Sie ein Lump sind, der auf nichts anderes reagiert, so nehmen Sie auch das noch und setzen Sie es auf mein Konto!« – Zweimal schlug er ihm mit aller Kraft in das Gesicht.

Neugierig und schadenfroh drängten die im Korridor zufällig Anwesenden näher und näher, denn der Lärm schallte durch die Tür deutlich hindurch.

Bleich, mit funkelnden Augen stürzte Viktor mitten unter sie, ohne jemand zu sehen. – Drinnen murmelte Herbert, sich mühsam die Haare ordnend, hinter ihm her:

»Warte – das sollst du mir bezahlen. – Erst nehme ich dein Weib, und dann – vernichte ich dich selbst, Erbärmlicher!« –

Die kalte Winterluft erst brachte Viktor zur Besinnung, und als er an den Auftritt zurückdachte, lief es ihm eisig durch die Adern. – Das also waren die Leute, um deren Gunst er gebuhlt hatte, Menschen wie diesem hatte er sein besseres Selbst geopfert! Wie gemein zeigten sie sich, sobald man erst ihre wahre Gestalt sah. –

Mit einem innerlichen Schauder betrat er Rose Maries Villa. – Würde er auch hier durch die momentane Gewalt des ersten Eindrucks den wohltätigen Schleier von der menschlichen Natur fallen sehen? Würde auch sie ihn zu dem Geständnis nötigen, daß er Kiesel für Edelsteine gehalten hatte? Das Weib in ihr konnte freilich verletzt sein, nur sie allein hatte ein Recht, ihn anzuklagen. Dennoch schilderte seine sensitive Natur vor einem auch nur annähernd ähnlichen Auftritt fast schreckhaft zurück.

Sie mußte ihn schon vom Fenster her haben kommen sehen, denn kaum eingetreten, kam sie auch schon bis in das Vestibül entgegen. Etwas blasser zwar, aber sonst ohne Erregung.

»Ich habe dich schon lange erwartet,« sagte sie ruhig und reichte ihm die Hand. »Es ist nötig, daß wir beide uns völlig einig sind, ehe wir mit der Welt in Berührung kommen. Die ›Morgenröte‹ war heut natürlich auch mein erster Tagesgruß.«

»Was hast du beschlossen,« fragte er finster und strich sich über die feuchte Stirn.

Sie sah mit schnellem Blick zu ihm auf, dann in das Leere.

»Je nun, – die Sache nehmen, wie sie eben liegt. Du läßt dich von Martha scheiden!?«

»Ja. Seit zwei Tagen hat ein Rechtsanwalt die Sache in Händen.«

Sie schwieg einen Augenblick wie im Kampf.

»Und du – du freust dich – deiner Freiheit?«

Er antwortete nicht, seine Brust hob sich stürmisch. Die Arme ausbreitend, fragte er bewegt: »Verzeihst du mir, Rose?«

Sie sank nicht hinein, lehnte sich nur leicht an seine Schulter.

»Ich sehe keinen Grund, warum ich Lärm schlagen sollte, Viktor. Daß du verheiratet warst, wußte ich ja, nur – über deine Frau – da hast du mich getäuscht.«

»Damals nicht – damals gewiß nicht,« sagte er eifrig. »Das Leben hat sie eben nach außen hin geändert, glaubst du aber auch nach innen? Nein, tausendmal nein! Sie ist dieselbe, die sie einst war und bleiben wird bis an ihr Ende.« Rose Marie atmete tief auf, ihr Auge wurde wieder hell.

»Du hast recht,« sagte sie fast lustig. »Niemand kann aus seiner Haut heraus! Ich auch nicht, und deshalb – muß ich dich lieb behalten – trotz alledem!«

Er küßte ihr die Hand.

»Du bringst mir ein großes Opfer mit deiner Liebe, Rose, zuweilen schelte ich mich, daß ich es annehme und fühle mich dessen unwert.«

Ihre vergangene Jugend trat, während er das sagte, vor ihr geistiges Auge. Sie hatte stets Opfer gehaßt, vorausgesetzt, daß sie diejenige sein sollte, von der man sie verlangte. Wenn Viktor recht hatte, wenn sie ihm jetzt Opfer brachte aus eigenem Antriebe, so mußte sie sich entweder sehr geändert haben, oder – ihr Leben war durch den Verlauf der Jahre so arm geworden, daß sie jetzt als Wohltat empfand, was sie früher gefürchtet hatte. Sie seufzte unwillkürlich.

»Rede nicht solchen Unsinn,« sagte sie. »Wer spricht von Opfern? Wir gehören zusammen, aus innerer Notwendigkeit, und wenn wir das nicht eher wußten, so war nur die Welt daran schuld, die mit ihrem ewigen, unverrückbaren Schema dasteht und sagt: so soll es sein! Wir beide sind aber nicht Naturen, denen man Zwang antut und deshalb auch unverletzlicher als andere. Wie hat Martha die Lüftung ihres Geheimnisses aufgenommen?«

Er erschrak. »Martha! Ich sprach sie noch nicht.«

»Aber zu mir bist du gekommen!« Sie sagte es leise, und doch klang Triumpf hindurch. Seine Frau fürchtete sie nicht mehr. Freiwillig hatte er sie ja verlassen und war zu ihr gekommen, warum sollte er noch einmal zurückkehren.

»Das war ja meine Pflicht! – Wie wird übrigens der Graf die Sache aufnehmen?« fragte er hastig.

»Ich weiß es nicht.« »Du glaubst aber gut?«

»Ach, Ruprecht ist manchmal so sonderbar! Ohne sehr klug zu sein, hat er doch seine eigenen Ansichten, – ich weiß wirklich nicht!«

»Dann muß ich zu ihm. – Ich bitte dich, Rose, halte mich nicht länger auf – ich muß! Das bin ich mir und Martha schuldig!« – Ein Glück, daß Rose nicht ahnte, wie ihm zumute war! –

Graf Gilsach war zu Hause, den ganzen Vormittag hatte er, auf und abgehend, in seiner Wohnung zugebracht, Viktor erwartend, nachdem er ihn nicht getroffen hatte.

»Endlich!« sagte er aufatmend und ging ihm entgegen. »Ich habe Sie lange erwartet, bitte nehmen Sie Platz.«

»Ich komme um Ihnen eine Aufklärung zu geben, Herr Graf, der Artikel in der ›Morgenröte‹ …«

»Sagen Sie mir nur eins – ist alles wahr?« fragte Ruprecht und spielte mechanisch mit dem Zigarettenkästchen aus getriebenem Metall, das auf dem Tische stand.

»Bedingt – ja!«

»Sie ist also Ihre Frau?« Nur mit Mühe kamen die Worte über des Grafen Lippen, sein Gesicht hatte eine gelbliche Färbung angenommen.

»War – Herr Graf, war! – Vor nun bald sieben Jahren heiratete ich – ein armer Schriftsteller, das ebenso arme Fräulein von Nordheim …«

»Und weshalb haben Sie sich getrennt?« unterbrach er ihn heiser.

»Pekuniäre Verhältnisse trugen die Schuld, und Marthas Liebe zum Theater. Vielleicht auch der Egoismus des Mannes, dessen ich mich hier vor Ihnen anklagen muß, und – das Künstlerblut, Herr Graf!«

»Nichts anderes!«

»Auf mein Ehrenwort, nein!« sagte er warm. »Ich weiß längst, daß ich ihr oft unrecht tat, und ich habe alle Ursache, überzeugt zu sein, daß auch trotz ihrer jetzigen Stellung – ihrer Freiheit, kein Makel auf ihr ruht …«

»Als derjenige einer Lüge! – Warum sagte sie mir nicht die Wahrheit, – warum sprachen Sie nicht, Herr Alten?«

»Weil wir überein gekommen waren, das Band, welches uns noch verband, ohne alles Aufsehen zu lösen,« antwortete er finster. »Weshalb Martha schwieg, weiß ich nicht – ich –« er zögerte doch einen Augenblick – »ich tat es aus – Feigheit vor dem Gerede der Welt.«

Graf Ruprecht nickte ohne ein Wort. Er hatte gealtert in diesem einen kurzen Vormittag; aber weniger vornehm war er trotzdem nicht geworden, keine Anklage, kein Vorwurf kam über seine Lippen.

Viktor hätte eine offene Aussprache vorgezogen, nach seiner Meinung hatte er das Menschenmögliche getan, um Martha zu entlasten. Dennoch – wenn dieser starre Aristokrat Prinzipien besaß, an denen selbst seine Liebe vergeblich rüttelte, wenn es mit Martha zu Ende sein sollte, – er empfand etwas wie Jubel bei dem Gedanken. – Im tiefsten Herzen gönnte er sie ihm nicht, ihm nicht und niemandem.

»Sie werden mir das Zeugnis nicht vorenthalten, Herr Graf, daß ich als anständiger Mann getan habe, was in meinen Kräften gestanden, um ein scheinbares Unrecht wieder gut zu machen, auch ihr – Martha gegenüber, bitte ich Sie, das zu betonen.«

Als Ruprecht den Namen, der ihm so über alles teuer war, von eines anderen Lippen hörte, eines Mannes, der einmal die geheiligten Anrechte eines Gatten an derjenigen besessen, in der er die geschlossene Blume geliebt hatte, fuhr er merklich zusammen, und ein leichtes Rot stieg in sein gelbliches Gesicht. Er gewann es nicht über sich, diesem Manne in die Augen zu sehen, ihm schien, als wälze dessen bloße Gegenwart sich schon wie ein Alp auf seine Brust; jedes Wort erstarb ihm auf den Lippen. – Er erhob sich.

»Ich danke Ihnen,« sagte er monoton, als wisse er kaum, was er sprach.

Dann hob er doch noch einmal die Hand, als wolle er ihn zurückhalten. Viktor sah, daß sie zitterte.

»Kannten Sie Fräulein von Nordens Familie?« fragte er fast scheu.

»Gewiß! Ihre Großmutter, eine Frau von Nordheim, eine alte Aristokratin vom reinsten Wasser, hart und streng.«

»Und ihre Mutter?«

»Eine Schauspielerin.«

»Eine große Künstlerin?«

Viktor schwieg betreten. »In den Augen ihrer Tochter – ja!« – »Ich habe sie nicht gekannt,« setzte er zögernd hinzu.

»Aber, Sie glauben nicht daran.«

Eine Purpurflamme schlug ihm in das Gesicht.

»Ehrlich gestanden, – nein!«

»Ich danke Ihnen.« –

Noch einmal verbeugte sich der Graf stumm zum Abschiede, dann verließ Viktor das Zimmer. Er war erkältet, in seiner Eitelkeit verletzt, betroffen über die Fragen, die der Graf ihm vorgelegt. Welch ein Eisberg war doch dieser Mensch! Was ihn bis in die tiefsten Tiefen aufgewühlt hatte, so sehr, daß es zu jener häßlichen Szene mit Herbert gekommen, – den Grafen schien es nur sehr oberflächlich berührt zu haben. Die alleräußersten Worte nur, kein Aussprechen, kein ehrliches Wort. – »Arme Martha!« dachte er, sich ihre Lebensfrische vor Augen haltend. Er war sicher, neben Gilsach fand sie ihr Genügen erst recht nicht.

Er hätte sie gern gesprochen, gehört, welche Wirkung der Artikel auf sie gehabt, ihr auch die Versicherung gegeben, daß von seiner Seite alles mögliche geschehen sei, um die Folgen für sie abzuschwächen; aber er wagte es nicht. Wenn er den Grafen dort treffen sollte, welche neue peinliche Situation dann für beide! –

»Ich kann nicht! – Ich kann nicht!« hatte Gilsach laut hinter dem Davongehenden hergesagt und die schmale Hand an die Stirn gedrückt.

Eine Stunde darauf ließ er sich bei Martha melden.

Sie lief an den Spiegel und ordnete ihre Löckchen, ihr schönes Gesicht war von tiefem Rot überflammt.

Wie lange hatte sie nun schon auf ihn gewartet! Der ganze Vormittag war verronnen, und eine Beute des Zornes, der Angst und Unruhe, hatte sie ihn, infolge des perfiden Artikels, verbracht. – Nun, Ruprecht da war, schien ihr alles wieder gut.

»Gehen Sie, Gregor,« sagte sie aufgeregt und schob den alten Freund ohne Umstände aus der Tür.

Wie hatte ihr der auch noch in das Gewissen geredet. Als ob man es wirklich im Leben mit einer Unterlassungssünde so schwer zu nehmen hätte!

Als der Graf auf der Schwelle erschien, flog sie ihm mit einem Jubelruf an die Brust. So zärtlich war sie noch niemals gewesen, jetzt erst, unter dem Druck ihres bösen Gewissens; aber es schien diesmal seinen Eindruck zu verfehlen – sanft schob er sie von sich.

»Bist du böse?« fragte sie schmeichelnd und sah von unten auf in sein Gesicht. –

Das waren noch dieselben strahlenden Augen, wie bisher, dasselbe schöne, jugendfrische Weib, das er so leidenschaftlich geliebt hatte, aber es schien ihm, als stände eine unsichtbare eisige Mauer jetzt zwischen ihnen, die sein Blut abkühlte.

»Böse?« wiederholte er nachdenklich. »Nein, böse bin ich dir nicht, Martha.«

»Ich hätte es dir ja gesagt, gewiß hätte ich es dir gesagt, aber erst wollte ich frei sein.«

»Und du vermochtest es über dich, mich mit kaltem Blut so lange zu täuschen? Du botest mir die Lippen und ließest mich in dem Glauben, sie seien unentweiht?«

»Aber Ruprecht, wie närrisch! Sahest du denn nicht, daß Herbert dies Recht jeden Abend für sich in Anspruch nahm?« lachte sie leichtherzig. »Sieh, wie wenig stichhaltig deine Klagen sind! Du darfst – nein, du kannst mir nicht böse sein!« – Sie legte ihren Kopf an seine Brust, sanft strich er über ihre Wange, aber seine Hand war kalt wie sein Blut.

»Du nimmst das Geschehene sehr leicht, Martha!«

Sie hob den Kopf und sah ihn an.

»Habe ich nicht ein Recht dazu? Ist es etwa eine Schande, verheiratet gewesen zu sein? Frage doch Viktor, ob ich ihn geliebt habe, ob wir glücklich gewesen sind!«

»Er war schon bei mir!«

»O!« ihr Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an. »Was hat er gesagt?«

»Ungefähr das Gleiche wie du. Aber Martha, darum handelt es sich nicht. Ich meine, dein eigenes Empfinden müßte dir sagen, daß ich durch das Geschehene den Glauben an dich verloren habe, daß der Reiz erstorben ist – unwiderbringlich – den Martha von Norden für mich hatte, – das Mädchen!« –

Mit einem schnellen Schritt trat sie von ihm, warf den Kopf in den Nacken und starrte mit dem großäugigen Kindergesicht unverwandt in das seine.

»Sieh mich an!« sagte sie fast hart. »Noch bin ich dieselbe, die du liebtest, ebenso schön, ebenso begehrenswert. Ob Martha von Norden oder Martha Alten.«

Er schüttelte langsam den Kopf.

»Nein!« erwiderte er schwermütig. »Für mich nicht!«

Sie umklammerte wild seinen Arm.

»Ruprecht, was soll das heißen?« rief sie außer sich. »Wie entsetzlich grausam ist das, was du mir antun willst.«

Ihr Herz schlug atemraubend. Brach wirklich auch das zweite Scheinglück, das sie dem Leben hatte abringen wollen, unter ihren Händen zusammen? Was blieb ihr dann?

Er legte die Hand über die Augen, ein gepreßter Atemzug hob seine Brust.

»Ich habe furchtbar gelitten seit heute morgen, und doch …«

Sie schrie unbändig auf. Nur selten durchbrach die Leidenschaftlichkeit, die in ihr schlummerte, die dichte Schicht, die Eitelkeit, Selbstsucht und Lebenslust um ihr Herz gelegt, und immer nur dann, wenn eins dieser drei gefährdet war. In solchen Augenblicken kannte sie sich nicht.

»Sprich nicht weiter,« sagte sie, und ihre schimmernden Augen funkelten wie bei einem Raubtier, das man in die Enge getrieben hat. »Ich weiß, was du sagen willst! Aber du sollst es nicht aussprechen – du darfst es nicht – ich will es nicht!« – Und wieder drängte sie sich an seine Brust, mit einem Schwindel kämpfend.

Sonderbar! Sonst hatte jede ihrer Berührungen ihn entflammt, heute blieb er kalt, wurde kälter, je mehr diese Szene ihm zeigte, daß er sie bisher doch kaum gekannt, ganz anders beurteilt hatte.

Das Blut ihrer Mutter war es, das sich in diesem Augenblick in ihr ganz unbewußt Bahn brach und ihn abstieß.

»Martha!« Zaudernd, beklommen, ohne irgend einen warmen Pulsschlag kam ihr Name über seine Lippen, er wußte nicht recht, wie er es einkleiden sollte, was gesprochen werden mußte, ohne den Sturm, der ohnehin in ihr tobte, bis zur Häßlichkeit zu entfesseln. Sie schloß die Hände krampfhaft zu Fäusten und drückte sie in ihre brennenden Augenhöhlen, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, stampfte sie den Boden mit den Füßen.

»Du willst mich verlassen!« schrie sie heiser. »Mich verlassen, weil ich Altens Frau war! Aber ich dulde diese Ungerechtigkeit nicht! – Habe ich denn mehr verbrochen wie er? Ihm wird man verzeihen – er ist ja ein Mann – aber ich, das schwache Weib, muß unter den Vorurteilen leiden, mit denen man mich nun betrachtet! Wo hört denn das Recht auf? Wo fängt das Unrecht an? – Sprich es doch nur aus, was du denkst! Ich bin ja eine Schauspielerin, und deshalb kannst du dir alles gestatten!« –

Sie lachte krampfhaft auf, dann ging das Lachen in Schluchzen über.

Er strich leicht über die blonden Löckchen, die immer sein Entzücken gewesen, ihm schien, als hätten sie ihren goldenen Schimmer verloren.

»Beruhige dich doch, Martha!« sagte er tröstend. »,Sieh du hast lange geschwankt zwischen mir und deiner Kunst, – wenn ich dich nun freigebe, kannst du dieser wieder dein ganzes Herz weihen, und das muß dich über jeden Verlust trösten. – Außerdem – es gibt Männer genug, die dich vergöttern werden, trotzdem du eine geschiedene Frau bist, – mit einem von ihnen wirst du glücklicher sein als mit mir.«

Ihr Schluchzen hatte aufgehört, mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte sie seinen zögernden Worten. Alles in ihr lehnte sich auf gegen die Ungerechtigkeit, die durch seinen Verzicht zutage trat; sie wußte nicht mehr – war es Liebe oder Haß, was sie veranlaßte, sich so fest in das, was war, zu verbeißen, sie wußte nur, daß sie ihn festhalten wollte um jeden Preis.

»Und ich lasse dich doch nicht!« sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen und packte seinen Arm.

Er machte sich langsam aber energisch frei.

»Wozu?« fragte er, und die Kälte seines Tones durchschauerte sie. »Es steht nicht in Menschenmacht, Gefühle zu erzwingen noch sie zu ertöten. Glaube mir, Martha, du wirst ohne mich glücklicher sein. Das Blut deiner Mutter wäre endlich doch wieder mächtig in dir geworden, – das Leben einer vornehmen Dame ist langweilig! –«

»Das Blut meiner Mutter?« wiederholte sie kampfbereit. »Was soll das heißen, Ruprecht? – Ah, natürlich – ich begreife – Viktor! – –« Höhnisch fiel der Name von ihren Lippen, eine entsetzliche Verachtung gegen Welt und Menschen erfüllte sie auf einmal völlig. Die ganzen Nichtigkeiten ihres Daseins, an denen sie bisher Freude gehabt, lagen zerbröckelt im Staub, und nichts war da, was sie an ihre Stelle setzen konnte. Mit entsetzten Augen sah sie für eine Sekunde in ein furchtbares Nichts, aber schaudernd wandte sie sich davon ab.

Nervös rieb der Graf sich die kalten Finger.

»Martha,« sagte er, »wir sind beide erregt – es war vielleicht unrecht, persönlich herzukommen – morgen werden wir ruhiger denken, handeln und sprechen. – Auf Wiedersehen morgen!«

Sie stürzte auf ihn zu, umklammerte ihn noch einmal und sah ihm angstvoll in das Gesicht.

»Du kommst nicht wieder!« flüsterte sie beklommen. »Nein – du kommst niemals wieder!« Und aufschluchzend glitt sie neben ihm nieder auf den Teppich und wand sich in krampfhaftem Weinen.

Er trug sie auf das Sofa, streichelte noch einmal ihr blondes Haar, sprach aber nichts.

Zusammengekauert, drückte sie den Kopf in die Ecke, schluchzend, fast schreiend, und sah nicht auf, als er das Zimmer leise verließ. –

»Aus! alles aus!« jammerte sie vor sich hin. Vielleicht hätte er ihre Ehe verziehen. Aber was sprach er da von dem Blute ihrer Mutter? Was hatte Viktor gesagt? – In ohnmächtigem Zorn ballte sie die Fäuste. Welch eine brutale Ungerechtigkeit lag in alledem, was sie in der letzten Stunde erlebt hatte! Ruprecht Gilsach war gegangen, er hatte sie verlassen, als stände ihm das Recht zu? Warum? – Weil sie geschwiegen hatte? – Aber konnte heute ein Verbrechen sein, was morgen vielleicht Edelmut genannt wurde? – O, diese Welt! Diese lächerliche Welt! – – Es gab ja andere, hatte er selbst ihr zum Trost gesagt. – Wenn ihr nur die Schönheit blieb – ihre Schönheit!

Sie weinte längst nicht mehr, regungslos lag sie in der Ecke der Chaiselongue und grübelte. Das Theater! – Es war vielleicht doch die einzige Stätte, an der sie sich ganz auszuleben vermochte, an der sie alles das fand, was ihr das Leben schön und liebenswert machte. Mit welchem inneren Schmerz hatte sie das Bewußtsein erfüllt, diesem glänzenden Schein entsagen zu sollen. Sie hatte nur gehofft, mehr dafür einzutauschen – nun, das Rechenexempel war falsch gewesen; aber noch stand sie auf demselben Platz, wie bisher.

Aus dem Wust von häßlichen, quälenden Gedanken hob sich plötzlich Paul Herberts narbiges, verlebtes Gesicht, mit den dämonischen Augen und der Glut seiner Leidenschaft. Es stieß sie nicht mehr ab, im Gegenteil sie zog es mit in den Kreis ihrer Berechnungen.

Graf Gilsach hatte gesagt: Das Leben einer vornehmen Frau ist langweilig. – Sie begriff das, wenn sie an Rose Maries kühle Gleichgültigkeit dachte; ihr kam eine Ahnung, als ob es vielleicht doch Stunden der Reue gegeben, wenn sie um seinetwillen ihre Freiheit aufgegeben hätte. – Das Theater! – Noch nie war es ihr wieder so lockend, so verführerisch erschienen, als in dieser dunklen Stunde, wo sie mit allem brach, was gut in ihr gewesen.

»Sie haben es nicht anders gewollt,« sagte sie sich, als sie aufstand und vor den Spiegel trat. »Das Blut meiner Mutter war das Verdammungsurteil, das mich seit frühster Jugend verfolgte, obgleich ich nichts tat, um es zu verdienen. Gut. So soll mir jetzt das Blut meiner Mutter allein Führerin sein!«

XXIV.

Vor dem schmalen Pförtchen, durch das die Bühnenmitglieder gingen und kamen, stand wartend Viktor Alten. Es trieb ihn, mit Martha ein Wort auszutauschen. Sie hatte sicherlich Graf Gilsach gesprochen, wußte nun, daß er – Viktor – freiwillig alle Schuld auf sich genommen hatte, um ihr selbst den kleinsten Tadel zu ersparen; einen warmen Händedruck, ein freundliches Wort hatte sie darauf hin sicher für ihn. Er sehnte sich darnach. Es kam ihm fast vor, als habe das Geschehene ein neues Band um sie gewoben, als hätte er sich wenigstens jetzt das Recht errungen, ihr Freund und Berater zu sein, da es der Welt gegenüber nichts mehr zu verheimlichen gab.

Er machte sich auf ein langes Warten gefaßt, denn die Möglichkeit, wie sonst, hinter die Kulissen zu gehen, hatte er sich nach dem heutigen bösen Auftritt mit Herbert geraubt.

Es dunkelte schon, die Gaslaternen brannten, nur wenige Leute gingen in dem schmalen Seitengäßchen an ihm vorüber, und so gelang es ihm ohne Aufsehen dicht neben dem Auto zu stehen, aus dem Martha stieg – früher, als er sie eigentlich erwartet hatte.

»Guten Abend!« sagte er und griff nur an die Hutkrempe, um sein Gesicht nicht unnötig zu zeigen. »Ich wartete auf dich, Martha!«

Sie warf den Kopf auf und sah ihn feindselig an; noch verrieten ihre Augen vergossene Tränen. »Völlig überflüssig,« erwiderte sie kurz, raffte ihren Mantel zusammen und machte Miene, an ihm vorüber zu gehen.

»Ich habe mich um dich gesorgt und beunruhigt,« sagte er rasch und hielt sie zurück. »Sage mir doch, wie alles abgelaufen ist.«

Sie sah ihn an, sie überlegte, ob sie überhaupt antworten sollte, er schloß das deutlich aus der Miene ihres Gesichts und begriff ihren Zorn nicht. Sie schob seine Hand von ihrem Arm weg und sagte dabei, jedes Wort betonend: »Einmal schon trat das Blut meiner Mutter zwischen uns, du riefst es als Zeuge gegen mich auf und deshalb verlorst du mich. Heute hast du es wieder getan, und heute – verliere ich mich selbst!«

Ungestüm stieß sie die Pforte auf und verschwand in dem schmalen, langen, halbdunklen Korridor, der zu den Garderoben führte, ohne sich noch einmal zurück zu wenden.

»Martha! Martha!« rief er hinter ihr her. »So höre doch …«

Aber sie hörte nicht und wollte auch nichts hören. Jenseits der kleinen Tür blieb ihr vergangenes Leben zurück, das trotz aller Fehler, Schwächen und Irrtümer rein war, – das, was sie sich von heute abend an erwählen wollte, hatte mit der Vergangenheit nur noch wenig gemein.

Mit dem vollen, ausgereiften Entschluß war sie hergekommen, als aber Paul Herbert an ihr vorüberkam, durchzuckte es sie wie Widerwille.

Gegen seine Gewohnheit blieb der Direktor nicht vor ihr stehen, um sie mit irgend einem Scherz zu begrüßen, er nickte vielmehr kaum höflich mit dem Kopfe und sah sie gar nicht an. Erst, als sie schon einige Schritte voneinander entfernt waren, wandte er sich nachlässig um und rief ihren Namen.

Seine Art und Weise ärgerte sie; ohne zu antworten drehte sie nur den schönen Kopf über die Schulter. »Die Rollen der Hertha und Else sind noch in Ihren Händen, ich schicke morgen den Theaterdiener, um sie für Ihre Nachfolgerin abholen zu lassen,« sagte er kurz.

Sie drehte sich um und ging hastig auf ihn zu.

»Haben Sie denn schon Ersatz?« fragte sie aufgeregt.

»Natürlich! Es ist ja die höchste Zeit.«

Er ließ sie stehen und ging.

Welch ein Unterschied gegen sonst! Eine entthronte Königin also auch hier! – Das war schlimmer als alles! Das, fühlte sie, konnte sie nicht ertragen, jeder Preis war ihr recht. –

Außer sich trat sie in ihre Garderobe. Mantel und Schleier gingen fast in Stücke, so heftig riß sie daran. Eine andere sollte die Rolle der Hertha spielen, eine andere vom Publikum mit Beifall überschüttet werden, während sie vergessen in irgend einem Winkel des Theaters saß.

Die Zofe brachte einen Brief und Blumen. Weiße Blumen – mit abwesenden Augen starrte Martha darauf hin, in eigenartiger Ideenverbindung kam ihr plötzlich Sterben, Tod und Kirchhof in Erinnerung; dann erkannte sie auf dem Kuvert die Handschrift des Grafen. Sie riß es ab und las die wenigen Zeilen.

Der Absagebrief. Tote, nie mehr zu erweckende Liebe sprach aus jedem trüben Wort. – »Vergiß mich und suche so glücklich zu werden, wie du vermagst. Um dir das zu erleichtern, verlasse ich noch heute abend die Stadt, in der ich meine erste und einzige Liebe begraben habe,« lautete der Schluß.

Sie las mit unbewegtem Herzen. Diese Episode ihres Lebens war ausgelöscht, als wäre sie nie gewesen. – Wer war Graf Gilsach doch? Sie hatte das Gefühl, als dürfe sie so fragen! In ihrem Herzen lebte nur noch eins, der Wunsch beim Theater und in ihren Rollen zu bleiben, davor sank alles andere zu Nebensächlichkeiten herab. Aber auch Herbert schien sich von ihr abgewandt zu haben. War ihre Schönheit denn auf einmal nichts mehr wert? Hatte sie deren Macht selbst zerstört, dadurch, daß sie sie Einem ganz zu eigen geben wollte? Dieser eine aber hatte sie verlassen. Damit war sie zurückgewiesen worden auf die Bahn, die doch allein für sie die rechte war; das fühlte sie jetzt deutlich.

All ihre Leidenschaft für das Theater war wieder in ihr erwacht; sie öffnete die Lippen, blähte die Nasenflügel und atmete mit einem Gefühl von Befriedigung die heiße, aus so vielerlei Gerüchen gemischte, undefinierbare Luft der Garderobe. Noch stand sie ja hier auf der Stätte ihrer Triumphe, noch welkte der Lorbeer nicht zu ihren Füßen, noch war sie jung, begehrt und schön! –

Die Garderobiere hatte den weißen Pudermantel, dessen offene Ärmel bis zum Boden reichten, längst um Marthas Schultern gelegt, nun sah sie verwundert auf deren Tun. Langsam zerriß Martha den Brief des Grafen in Atome und warf die Fetzen im Zimmer umher. Sie war noch bleich, aber nicht mehr aus Angst und Unruhe; in dem liebreizenden Kindergesicht, das so unschuldig zu blicken verstand, hatten sich fremde, wunderliche Züge eingegraben, die es völlig veränderten. Als das letzte Papierfetzchen aus ihren Händen geglitten, hob sie diese langsam an die Schläfe.

»Babette, holen Sie mir Champagner aus dem Restaurant, eine Flasche; aber schnell!« sagte sie zur Garderobiere, und der Ton ihrer Stimme klang anders, als gewöhnlich.

Eilig kam Babette zurück, und gierig wie nach einem lang entbehrten Labetrunk, streckten Marthas Finger sich nach der goldhalsigen Flasche aus. Ein leichter Druck – mit scharfem Knall flog der Pfropfen in die Höhe, weiß und schäumend drängte sich das Naß aus dem engen Halse. Es überflutete Marthas Hände, es floß an den durstigen Lippen herab, benetzte Hals und Brust, und der sprühende Gischt lief zusammen in einigen klaren Tropfen, die wie helle Tränen auf der weißen Haut schimmerten, während sie trank und trank, als gälte es, sich vor dem Verschmachten zu retten.

Nach einer langen Weile setzte sie endlich die halb geleerte Flasche beiseite. Der Wein tat bald seine Schuldigkeit. In rosigem Schimmer lag das Leben wieder vor ihr; alle Hindernisse, die sich vor ihr aufgetürmt, schienen auf einmal klein und unbedeutend. Sie mußte lachen, wenn sie an ihren zähen Widerstand dachte. Warum denn? Warum? Das Böse wird im Leben nicht gestraft, das Gute nicht belohnt! Ammenmärchen – nichts weiter! –

Sie blickte auf ihre Gestalt, die der Spiegel voll zurückwarf. Das Glas schien ihr trüber als sonst, wie ein leichter Nebel lag es vor ihren Augen, aber trotzdem sah sie, wie schön sie war. – Nach Äußerlichkeiten hatte stets ihr Sinn gestanden, warum sollte sie nicht den geforderten Preis dafür zahlen, wenn ihr das dadurch Errungene doch begehrenswert genug erschien.

Was zögerte sie noch? –

Wie gebannt blickte sie auf ihr Spiegelbild. Diese halbgeschlossenen Augen mit den schweren Lidern, dieses blasse Gesicht mit dem roten Munde, waren ihr so fremd – aber nicht minder schön, als das großäugige Kinderantlitz, das ihr sonst entgegengeblickt hatte.

»Meinen Mantel!« rief sie plötzlich. »Schnell!«

Und ihn fest um sich ziehend, verließ sie ihre Garderobe, die Zofe bestürzt darin zurücklassend. Freilich war es noch früh genug, zum Ankleiden blieb hinreichend Zeit, vielleicht war sie zu einer Kollegin gegangen, um sich von der etwas zu borgen, vielleicht zum Direktor … Babette machte sich daran, den Rest der Flasche zu trinken.

Eilig, ein Lächeln auf den Lippen, war Martha den Korridor hinabgegangen, der zu Paul Herberts Bureau führte. Die schwere Seide ihres Kleides strich knisternd über den Fußboden hin, der weiße, lockige Besatz ihres Mantels wehte kosend um ihren Hals. Ohne anzuklopfen öffnete sie die Tür. Mit einem Ruf des Unwillens fuhr derjenige, der hier Herrscher war, herum – aber diesem Ruf folgte kein weiteres Wort, als er Martha in der Türöffnung stehen sah.

Mit den mächtigen, dämonischen Augen, dem einzigen Schönen was er besaß, verschlang er das junge Weib, das langsam, bleich, aber lächelnd auf ihn zutrat.

Sie stand dicht vor ihm in dem hellen Lichtkreise, den die Hängelampe auf den dunklen Teppich warf, die seidenartig glänzenden, weißen Pelzlöckchen ihres Mantels hoben und senkten sich in zitternder Bewegung, kaum weißer und glänzender wie ihre schimmernde Haut. Ihr blasses Gesicht mit den halb geschlossenen Augen, dem glühenden Munde war unbewegt; und trotzdem sie kein Wort sagte, wußte er doch sofort, was ihr Kommen bedeutete.

»Du!« stammelte er tonlos vor Erregung und breitete ihr die Arme entgegen. »Endlich! Du!« –

Sie bog das Haupt ein wenig in den Nacken, es schien ihr, als sähe sie durch den Liderspalt hindurch alle Gegenstände sich bewegen, nicken, winken, als wären sie froh, daß sie bleiben wollte, als begrüßten sie in ihr nun ihre Herrin; sie mußte laut auflachen.

Mit einem Schritt war er neben ihr und umschlang sie stürmisch.

»Schönes, kaltes Weib!« flüsterte er in ihr Ohr hinein, und der Hauch seiner Lippen traf sie wie ein Feuerstrom. »Nun bist du mein! – Mein!« –

Mit gewaltigem Schwung hob er sie hoch empor. »Mein!« rief er noch einmal frohlockend. »Denkst du noch an jenen ersten Abend, da wir uns begegneten? Seitdem liebe ich dich. Nun gehörst du mir!« –

Er küßte die blonden Locken, Stirn, Augen, Mund mit rasender Leidenschaft, während sie still und unbeweglich an seiner Brust lag. Ihr war, als hätte sie nicht die Kraft, sich zu regen, während glühende Tropensonne auf ihren Scheitel schien und ihr Blut und Leben aus den Adern brannte.

»Ich mache dich groß – ich mache dich reich – ich will dein Held – dein Gott sein!« stammelte er wie berauscht, »und nie – nie sollst du es bereuen!«

Die Stehuhr auf Herberts Schreibtisch schlug; es war die höchste Zeit, an die Toilette zu denken. Noch einmal küßte er sie.

»Auf heute abend!« sagte er triumphierend.

Ja, Triumph war es, der seine Brust schwellte, nachdem sie gegangen. Auch sie widerstand ihm nicht länger!

– Die anderen Beweggründe, die mitgewirkt haben mochten, zog er kaum in Betracht. Mochte sie Graf Gilsach immerhin verlassen haben, mochte ihr Wunsch, der Stern seines Theaters zu bleiben, der Hauptgrund gewesen sein – was ging das ihn schließlich an! Aber noch war sie Altens Weib, noch trennte die beiden kein Richterspruch, und selbst der war nicht imstande das auszulöschen, was Viktor noch immer für sie fühlte. – Er verstand sich besser darauf, der gereifte Schauspieler, der von Welt und Menschen eine so ganz andere Seite zu sehen gelernt hatte; und weil er das wußte, deshalb war er auch sicher – ihn, in dem er jetzt seinen Feind sah, auf das tiefste zu treffen. Paul Herbert kannte keine Nachsicht, er war unversöhnlich wo er sich gekränkt glaubte, und das Bewußtsein, Marthas Liebe als bittersten Tropfen in Viktors Freudenbecher zu träufeln, war ihm ein diabolisches Behagen! Viktor würde es bald genug erfahren – dafür kannte er die Welt zu gut! –

Und während Paul Herbert das alles erwog und bedachte, vergaß er keine der vielfachen Verschönerungen an sich vorzunehmen, die er dem Charakter seiner Rolle schuldig war. Es dauerte heute lange; er wollte gefallen, nicht dem Publikum, nur Martha – seiner Martha! –

Der Regisseur hatte schon mehrmals ungeduldig gefragt, der Zeiger wies schon auf fünf Minuten nach der Anfangszeit, da endlich war Herbert mit sich zufrieden. Den Rock fester in die Taille herabziehend, begab er sich auf die Bühne; etwas Sieghaftes, Jupiterähnliches lag in den mächtigen Augen, der breiten Stirn. Im Publikum war man allmählich ungeduldig geworden, – er hielt es nicht der Beachtung wert; aber in die Loge der Kommerzienrätin sah er hinein, herausfordernd und dabei fast verächtlich kreuzten sich seine Blicke mit denen Viktor Altens.

So lebendig war der Ausdruck in dem Gesicht des Schauspielers, so beredt sein Mienenspiel, daß es den Dichter berührte, als träfe ihn die kalte Spitze eines Dolches. Irgend etwas war also vorgegangen, von dem er noch keine Kenntnis besaß, das ihn aber tief treffen mußte, um Herbert diesen Triumph zu bereiten. Welch Gedanke lag näher als Martha! – »Um Gott, nur das nicht!« dachte Viktor, der zur Genüge mit Paul Herbert vertraut war, um den Abgrund zu ermessen, der sich da für das unbefangene, vertrauende Weib auftat. »Ich habe zwar kein Recht mehr, mich in ihre Angelegenheiten zu mischen, aber vielleicht fällt ein warnendes Freundeswort auf fruchtbaren Boden.« Und währenddessen spielte er mit der langen Schleife, die von Rose Maries Bukett herabhing und war der aufmerksame Bräutigam, der für nichts anderes Sinn hatte, als für das Behagen seiner Braut.

Mit aller Gewalt hatte er sich zuerst einem Besuch des dramatischen Theaters am heutigen Abend widersetzt, er hatte das Empfinden, als dürfe er das Haus nicht mehr betreten, dessen Herrn er vor wenigen Stunden so schnöde mißhandelt hatte; aber Rose Marie bestand darauf.

»Es ist das einzige Mittel, um den Leuten den Mund zu stopfen,« beharrte sie. »Ich weiß, was es heißt, im richtigen Moment stolz aufgerichtet in der Öffentlichkeit zu erscheinen; mancher Riß ist dadurch schon verheilt. Wer die ›Morgenröte‹ gelesen und nun hohnlächelnd einen Bruch zwischen uns prophezeit – ist dadurch geschlagen. Wenn du mich lieb hast, Viktor, so folge mir.« Und Viktor gab nach.

Der zweite Akt begann, in ihm erschien Martha auf der Bühne. Noch immer lag es ihr wie Schwindel im Kopf und eine Mattigkeit in allen Gliedern.

»Das macht der Wein!« sagte sie zu sich und schüttelte ein wenig den Kopf.

Als sie die Tür ihrer Garderobe aufstieß, kam ihr ein eigentümlich brenzliger Geruch entgegen, so daß sie verwundert tief aufatmete. Nur einen Augenblick war's, dann roch sie nichts mehr; wohl aber lag auf der schweren, seidenen Schleppe ihres Kleides ein kleiner, glühender Punkt, der rauchend erlosch, als sie seiner ansichtig wurde. Der Wein hämmerte in ihren Schläfen, kreiste in ihren Adern und dies war schuld, daß sie an den kleinen, erloschenen Funken nicht weiter dachte. –

Der zweite Akt ging zu Ende, die Lässigkeit in ihren Sinnen, ihren Bewegungen hatte eher zu, wie abgenommen. Sie hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie gar nichts dachte, gar nichts fühlte, daß eine andere – die außer ihr da war, die Rolle der Hertha spielte, und daß sie nur zuweilen mechanisch die Hand hob, wenn diese andere es verlangte. Aber Paul Herberts Gegenwart empfand sie deutlich und mit Bewußtsein. Sie sah seine dämonischen Augen, hörte den berückenden Klang seiner Stimme – und sie wußte, daß sie jetzt zu ihm gehörte. Über allem anderen lag es wie Nebel, aus dem sich nichts mehr heraushob.

Der Vorhang war noch nicht völlig gefallen, als Herbert auf seine Partnerin zutrat und ohne Rücksicht auf die neugierigen Augen ringsum, den Arm um ihre Schultern legte. »Ist Ihnen nicht wohl, Martha?«

Sie lehnte den Kopf an seine Brust.

»Der Wein!« flüsterte sie. »Ich glaube, es ist der Champagner!«

»Ruhe ein wenig aus,« flüsterte er ebenso leise zurück. »Komm, ich werde dich begleiten.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, laß mich allein gehen. Was denken sie alle hier!«

Er lachte. »Laß sie denken, was sie wollen,« sagte er in seiner gewohnten Selbstüberhebung, »was geht das uns an! Sie beneiden einfach dich und mich!«

Aber sie ging trotzdem allein, warf sich in ihrer Garderobe auf die Chaiselongue und starrte zur Decke auf.

Pfui, der abscheuliche Geruch! Da kam er wieder und erregte ihr Ekel und Erstickungsgefühl.

Hinter den Kulissen war inzwischen ihr Name in aller Mund. Man hätte ja blind sein müssen, wäre ihnen die Veränderung nicht aufgefallen, die zwischen dem Direktor und dem ›Stern‹ so plötzlich vorgegangen war. Eigentlich war sie bereits allen eine abgetane Größe gewesen. Gerüchte ihrer baldigen Verheiratung waren fast zu jedem Ohr gedrungen, und der Artikel in der ›Morgenröte‹, den man einander lachend zeigte, hatte es bestätigt. Im allgemeinen waren die Kollegen ein tolerantes Völkchen, das jeden auf seine Manier selig werden ließ. Sie fanden es nur köstlich, daß der Dichter des Zugstückes: ›Im Zeichen der Zeit‹ und die schöne, so schnell beliebt gewordene Schauspielerin – Mann und Weib sein sollten, obgleich beide vor den Augen aller stets fremd und gleichgültig getan hatten.

»Fremd und gleichgültig nun eigentlich doch nicht,« Meinte die Naive. »Etwas Besonderes lag doch immer in der Luft, wenn sie sich begegneten.«

Und nun des Direktors auffallendes Benehmen heut abend gegen die Norden! – Da steckte mehr dahinter; es war ja geradezu herausfordernd.

Sie standen zu zweien und dreien zusammen, Kolleginnen und Kollegen, um die wichtigen Ereignisse zu besprechen, die sich unter ihren Augen abspielten. Keiner ohne ein Fünkchen Neid im Herzen. Die Herren insgesamt wären gern an Stelle des Direktors gewesen – sie war begehrenswert, die Norden. – Die Damen sahen mit Unbehagen einer neuen Ära entgegen, in der es sich nicht allein mehr um die Gunst des Direktors, sondern auch noch um diejenige einer Frau handelte. Aber trotzdem – übel wollte ihr eigentlich niemand. – Sie war gar so herzig, wenn sie lachte, und immer heiter, gefällig, liebenswürdig, gegen die Damen, wie gegen die Herren. – Man war nur gespannt, wie sich die Sache noch abwickeln würde. – Und in der Loge der Kommerzienrätin saß Alten, der Gatte der schönen Norden, neben seiner jetzigen Braut! – Wahrhaftig, die Welt jenseits der Bretter war noch viel krauser und wunderlicher als diejenige, die sie verkörperten.

Mit Feldherrnblick überflog der Regisseur zum letztenmal die Anordnungen auf der Szene, alles stand und lag wie gewöhnlich. Das Fell des Eisbären schimmerte auf der Chaiselongue wie alle Abende, und wie alle Abende kam Martha in ihrer prächtigen Gesellschaftstoilette nach dem Klingelzeichen aus ihrer Garderobe. Sie hatte die erste Szene allein zu spielen, und während sie mit rauschender Schleppe von rechts auf die Bühne trat, blickte sie ganz zufällig in die Höhe, zu der Decke des Prunkzimmers, in dem sie sich befand. Was war das? – Sie fuhr mit der Hand über die Augen, und sah noch einmal empor. Es hatte ihr geschienen, als zucke von dort eine lange, schmale, bewegliche Flamme hervor, glühend wie die Zunge eines feurigen Drachen. Diesmal sah sie nichts. Augentäuschung Blendwerk des Weines und der heißen Leidenschaft, die sie, von Paul Herbert ausgehend, fast körperlich wahrnehmbar umtoste. – Der Vorhang hob sich, sie begann zu spielen. – Immer noch diese häßliche Mattigkeit in den Gliedern, die Schwere in Ton und Blick, und dabei eine Schwüle um sie, als raube die Hitze ihr den Atem.

Ausdrucksloser als sonst, hielt sie ihren großen Monolog.

Aus den Kulissen heraus drangen plötzlich Töne an ihr Ohr, verworrenes Rufen, Laufen, Poltern, es störte sie allmählich. Sonst war es still gewesen, kein Laut hinter der Bühne, kein Laut im Publikum. Nun sah sie auch dieses unruhig werden; die Köpfe wandten sich, einzelne unterdrückte Rufe wurden hörbar. War eine Kabale gegen sie in Szene gesetzt?

Wie ein feiner, feiner, zitternder Nebelschleier kam es auf einmal durch die Löcher und Fugen des Schnürbodens herab und hüllte sie ein, atemraubend, wieder durchsetzt mit dem häßlichen, brandigen Geruch, der sie schon den ganzen Abend narrte. Aber sie sprach weiter, wie alle Abend.

Da stob es plötzlich von oben herab, ein sprühender, blitzender Funkenregen, mitten auf das Fell des Eisbären, das unter dieser Berührung zu qualmen begann. Entsetzt starrte Martha darauf hin, sie vergaß ihre Rolle, sie hörte nur noch auf das immer stärker werdende Geräusch hinter den Kulissen, und da – ohne sein Stichwort abzuwarten, stürzte Paul Herbert auf die Szene, blaß, mit verstörtem Gesicht und ergriff sie am Arm:

»Rette dich – das Theater brennt!«

Und dann plötzlich ein einziger, markdurchdringender Schrei aus dem Publikum, dem jetzt mit Gewißheit klar wurde, was vor sich ging.

Herbert zog Martha nach sich, dem Ausgang der Schauspieler zu. In dem engen Gange, angefüllt mit immer dichter und dichter werdendem Qualm, drängte sich eine kopflose, aller Überlegung bare Masse. Die Frauen kreischend und wimmernd, die Männer mit roher Gewalt sich den Vortritt erzwingend. In diese Menge stürzte Paul Herbert sich nicht, er zog Martha abseits, zu einem anderen Pförtchen, an das in der Verwirrung niemand gedacht hatte. Sie stolperte über Versatzstücke, ihr Fuß verfing sich in Stricken, die Schleppe ihres Kleides hing in Fetzen. Willenlos wie ein Kind, außer sich von Schreck und Entsetzen folgte sie ihm.

Aber hier, gerade hier mußten sie dem Herde des Feuers unmittelbar nahe sein. Der entsetzliche Qualm hüllte ihren beschwerlichen Weg in dichte Finsternis, wie ein rotglühender Punkt leuchtete eine einzige, armselige Öllampe daraus hervor. Ein unheimliches Knistern und Knacken ringsum, ein erstickender Dunst, glühend wie der Atem der Hölle, und außerdem nichts anderes als Paul Herberts keuchender Atem, der mit der Kraft der Verzweiflung alle Hindernisse überwand.

Und nun sperrte plötzlich ein glühendes, kohlendes Versatzstück den Weg. Auf Herberts Stirn lag kalter Schweiß er wußte, Rückweg war sicherer Tod. Hinter sich hörte er das Brüllen der Menschen, ein Röcheln, Schreien, Wimmern, aber es klang wie aus weiter Ferne, erstickt und verworren. Über und neben sich das Prasseln des rasend um sich greifenden Feuers.

Mit der Kraft der Verzweiflung suchte er den Durchgang zu erzwingen, er sprang, kletterte, aber wie eine Last von Blei hing Martha an seinem Arm und hemmte ihn in jeder Bewegung.

Die Haare begannen ihm zu sengen, die Augen schmerzten von der entsetzlichen Hitze, dem Rauch, er glaubte zu ersticken; und da kam der ganz brutale Egoismus des Mannes zutage, der wohl leidenschaftlich zu begehren wußte, aber nie und nimmer imstande war, ein heroisches Opfer zu bringen.

Rücksichtslos schleuderte er die Hand des ihn umklammernden Weibes beiseite, ja, als sie, – ihn nicht begreifend – nach einem Zipfel seines Rockes haschte, um sich festzuhalten, stieß er sie so kraftvoll zurück, daß sie taumelnd in die Knie sank. – Und jetzt plötzlich wußte Martha, daß es nicht allein einen Kampf auf Leben und Tod mit den Flammen galt! Er, der sie hierher geführt, an einen ihr unbekannten Ort, war entschlossen, sie um der eigenen Rettung willen grausam im Stich zu lassen. Er, dem sie vertraut hatte, überlieferte sie ohne Gewissen dem Untergange, wenn nur er sich rettete.

Mit einer Kraft, die sie sich selbst kaum zugetraut, klammerte sie sich stöhnend an ihn, mit ihren Zähnen verbiß sie sich halb ohnmächtig in das Zeug seines Rockes.

Mit stieren, blutunterlaufenen Augen sah Herbert auf das schöne Weib, das ihm zum Verderben zu werden drohte; unmöglich konnte er mit dieser Last über das sperrende Hindernis hinwegkommen; und nun entspann sich ein lautloser, grausiger Kampf, wie er fürchterlicher nicht gedacht werden konnte, zwischen dem Manne und dem Weibe, die sich vor einer kurzen Spanne Zeit erst von Liebe gesprochen hatten.

Endlich siegte der Stärkere, mit einem Fluch riß Paul Herbert den Rock vom Leibe, und so befreit, verschwand er eine Sekunde darauf in Rauch und Finsternis.

Wankend, betäubt vom Fall lehnte Martha einen Augenblick an der Wand; sie versuchte zu denken – – ein Rückweg in das brodelnde, glühende Feuermeer, oder hier einsam und hilflos ersticken … sie fühlte, es dauerte nicht mehr lange – und unter all dem Heulen, Brüllen, Schreien, das jetzt auf einmal mit schrecklicher Deutlichkeit an ihr Ohr schlug, regte sich der Selbsterhaltungstrieb, die Lust zum Leben wieder mit ganzer Gewalt.

Sie tappte sich zurück, wieder kletterte sie und drang vorwärts mit der Angst der Verzweiflung, und wenn es auch in den Tod ging, nur vorwärts – vorwärts! Beide Hände vor den Mund gepreßt, taumelnd, halb bewußtlos, kam sie Schritt um Schritt weiter. Ihr Kleid glimmte, sie hatte keine Kraft mehr, die lange Schleppe zu tragen, ihre feine Haut war zum Bersten von der Hitze gespannt, glühende Funken sengten ihr Haar und Stirn.

War es denn möglich, daß sie sterben sollte? Jetzt schon – in der Blüte ihrer Jahre – mit der ganzen pochenden Lebenslust und Lebenskraft in den Adern, die ihr eigen war? Einen so schrecklichen Tod – hilflos? – Nein – sie wollte nicht sterben! Weitauf riß sie die Augen, und blindlings stürzte sie vorwärts in der sinnlosen Todesangst, die sie erfaßt hatte.

»Hilfe!« schrie sie mit der Kraft der Verzweiflung.

»Hilfe!«

Da hatte sie die Vision, als käme durch den wirbelnden, rotdurchglühten Rauch, der sie umgab, ein Mann auf sie zu.

»Hilfe!« schrie sie noch einmal und breitete ihm ihre nackten, von Brandwunden bedeckten Arme entgegen.

In diesem Augenblick sauste ein glühender Balken herab und streifte Martha, die mit einem entsetzlichen Schrei zu Boden stürzte.

Aber mitten durch den Qualm, mitten durch die lohenden Flammen drang jetzt wirklich jemand bis zu der Regungslosen hindurch, hob sie auf und stürzte mit ihr vorwärts. – –

Auf der Bühne hatte sich das Feuer zuerst bemerkbar gemacht. Dann schrie man von der Galerie! »Feuer!« – »Feuer!« – kreischte es nun auch von allen Seiten. Die Zuschauermenge warf sich im Nu wie eine gewaltige Woge gegen die Ausgänge und hinter ihr wälzte es sich gierig heran, das furchtbare Element, dessen verborgenes Wüten niemand geahnt hatte! Die Menschen waren zu Bestien geworden, brüllend, sich zerfleischend in wütender Todesangst.

Rose Marie war bei dem ersten Schreckensruf aufgesprungen, zum erstenmal in ihrem Leben verließ sie die überlegene Ruhe, die ihr sonst eigen. Totenbleich umklammerte sie Viktors Arm.

»Feuer!« wiederholte sie tonlos den Schreckensruf und schloß die Augen vor der blendenden Helle, die auf einmal in grellem Scheine von der leeren Bühne strahlte.

Viktor fühlte weder ihr schutzsuchendes Anschmiegen, noch hatte er einen klaren Gedanken für die Gefahr, in der sie sich befanden. Seine großen, dunklen Augen starrten wie entgeistert auf das Innere des Prunkzimmers, das sich noch immer allen Blicken darbot, nur daß die Kulissen allmählich anfingen zu zittern, als bewege sie ein Sturm, sich aufbauschten und gegen die Rampenlichter dehnten, während wieder ein feiner Funkenregen vom Schnürboden herabstob. Und dann schoß plötzlich eine schmale, züngelnde Feuerschlange nach, die auf die kostbaren Fensterdraperien herabsprang, daß sie auflohten und prasselten. Ein dicker, atemraubender Qualm, schwer und schwarz, wälzte sich in den Zuschauerraum.

Grete hatte sich mit aller Kraft gegen die verschlossene Logentür geworfen, aber diese wankte nicht, und niemand war da, der sie von außen öffnete.

Immer heißer, immer beklemmender wurde die Luft, immer schrecklicher das Schreien und Stöhnen der um den Ausgang Kämpfenden.

Da stürzte Grete zu den beiden vor Entsetzen Starren und rüttelte sie heftig am Arm:

»Die Logentür ist verschlossen – wir können nicht hinaus!«

Rose Marie preßte ihr Tuch vor den Mund, sie hatte plötzlich all ihre Ruhe wiedergefunden.

»Versuche du zu öffnen, Viktor! Schnell! Ich will nicht in diesem Massengrab mit umkommen.«

Mit irren Augen sah er sie an. All sein Fürchten, Denken, Grausen galt in diesem Augenblick ja einer anderen – Martha – die er in diesem glühenden Höllenrachen wußte. Warum hatte er nur so viel Zeit verloren? Warum stand er noch immer hier und tat nichts zu ihrer Rettung? Was kümmerte ihn eigentlich Rose Marie. – – – Jede Fiber in ihm spannte sich, er fühlte weder Rauch noch Hitze – mit einem Sprunge war er über die Logenbrüstung in das Parkett, mit einem zweiten auf die Bühne gestürzt … Martha! – Immer nur Martha sah er vor sich, brennend, verzweifelnd, allein! –

Ein einziger scharfer, schriller Schrei folgte ihm, kurz und schneidend. Rose Marie hatte ihn ausgestoßen.

Hoch aufgerichtet, blaß wie eine Tote, mit harten, schimmernden Augen stand sie dicht an der Logenbrüstung und starrte in die Flammen, als sähe sie ein neues Schauspiel. Ein verkohlter, glimmender Stoffetzen kam von der Logenbrüstung des ersten Ranges geflogen und fiel dicht vor ihr nieder, der erstickend brandige Geruch nahm ihr fast den Atem, aber sie regte sich nicht.

»Rose! Rose! Um Gottes willen, komm!« flehte Grete, »willst du hier sterben?«

Rose Maries Finger schlossen sich krampfhaft um das prachtvolle Bukett gelber Marschall Niel-Rosen, ein Geschenk ihres Bräutigams, mit einer einzigen kraftvollen Bewegung schleuderte sie es mitten zwischen die Rampenlichter; sie sah noch, wie das gelbe Seidenband sich rauchend krümmte, dann stieg sie schweigend auf ihren verlassenen Sitz, von da in die Nebenloge, deren Tür geöffnet war. Und die gewaltige Menschenwoge, die sich dem Ausgange zu drängte, nahm die beiden Frauen auf, die sich fest aneinander geklammert hatten. Mit zerrissenen Kleidern, zerstoßen, geschunden, fast erdrückt standen sie endlich in der frischen, kalten Nachtluft.

Stetig, ohne sich umzusehen, schritt Rose Marie vorwärts, Grete, außer sich vor Entsetzen, mit der tödlichen Angst um Viktor im Herzen, krampfhaft schluchzend und die gefalteten Hände ringend, neben ihr her. Endlich umklammerte sie schwankend einen Laternenpfahl.

»Ich geh nicht weiter, Rose … ich kann nicht! – Alten! – Um Gottes willen – was ist aus Alten geworden!«

Sie preßte die Stirn, die ein Funke versengt hatte, gegen das kalte Eisen, in ihr tobte eine Verzweiflung, die sie alle Vorsicht vergessen ließ.

Wie ein Steinbild stand Rose Marie neben der Zusammengesunkenen. Sie sprach nicht, aber sie zwang sie auch nicht weiter zu gehen. Was in ihrem Herzen vorging, wußte nur sie und Gott allein. Aber es war ein schrecklicher Augenblick, ein Augenblick der furchtbaren Erkenntnis, den sie gekostet hatte.

Mit welchen Gefühlen schaute sie auf das brennende Theater! Eine Feuersäule stieg zum nachtdunklen Himmel auf; zusammengeballt brach der Rauch hervor und zog wie eine träge, übersättigte Schlange, die nun genug von Würgen und Morden hatte, über den freien Platz. Die Wagen der Feuerwehr standen in langer Reihe aufgefahren, ihre Mannschaften arbeiteten mit dem Aufgebot aller Kräfte dem Feuer Einhalt zu tun.

Jammernd und händeringend irrten Menschen über den grell von den Flammen und Pechfackeln beleuchteten Platz, um vermißte Angehörige zu suchen. Hoch aufgerichtet, den Arm um denselben Laternenpfahl geschlungen, an dessen Fuß Grete schluchzend kauerte, stand die elegante, vornehme Weltdame und starrte auf das Grab ihrer letzten Liebe, ihrer letzten Illusionen, das sich in dämonischer Flammenpracht selbst verzehrte, eine schaurige Todesfackel für die verunglückten Menschen und für ihr gestorbenes Herz.

Sie hörte nicht, daß die Menge um sie herum scheu wisperte, daß immer neue Schreckenskunden geschäftig kolportiert wurden; nur ein einziger Ausruf traf ihr Ohr und ließ sie aufzucken. »Die Norden ist gerettet, aber schwer verletzt!«

Auch Grete fuhr auf, blaß und zitternd ergriff sie den Sprechenden am Arm.

»Und ihr Retter?« stammelte sie bebend.

»Darüber bedaure ich Ihnen keine Auskunft geben zu können, ich hörte es nur eben,« sagte der Herr höflich und teilnehmend, denn das schreckliche Ereignis hatte ein menschliches Band um alle die gewoben, die daran beteiligt gewesen waren.

Grete strich das wirre Haar aus der Stirn und sah zum erstenmal ihrer Tante in das Gesicht.

»Ich sterbe vor Angst, Rose.«

»Du?! – Auch du?!« fragte Rose Marie eigentümlich langsam. Und dann setzte sie hinzu: »Es ist besser wir fahren nach Hause, die Menge, die sich hier drängt, ist unbequem.«

»Du willst fort und weißt nicht, was aus ihm geworden ist?« rief Grete fast zornig.

Da umklammerte Rose Maries Hand fest die ihre. »Still!« sagte sie halblaut, aber gebieterisch. »Hier ist nicht der Ort für – dergleichen.«

Willenlos, mit gesenktem Kopf folgte Grete ihrer Tante.

Ein Auto fuhr vorüber, Rose Marie rief es an und stieg mit Grete ein. Mochte auch ihr Herz qualvoll zucken und zittern unter dem Geschehenen, ihr Gesicht verriet wenig davon, stumm, wie seit dem Augenblick da Viktor sie verlassen, lehnte sie in der Ecke. Aber eine fieberhaft heiße, bebende Hand faßte plötzlich die ihre und drückte sie leidenschaftlich.

»Rose, o Rose, sprich doch ein Wort!« flehte Grete weinend. »Deine starre Ruhe ist unerträglich! Ich weiß doch, wie es in dir aussieht.«

Rose Marie bog sich vor und sah ihrer Nichte in das tränenüberströmte Gesicht. »Das weißt du nicht, und wohl dir, daß du es nicht weißt!« sagte sie langsam. »Schweig, Grete – ich kann kein Reden ertragen.«

»Doch! Du sollst! – Du mußt! – Rose, war es denn ein Verbrechen, was er tat? War es nicht vielmehr ein hoher Grad von Mut und Pflichtempfindung? – Uns ließ er zurück in verhältnismäßiger Sicherheit. Sie aber umgab fast sicherer Tod – und noch – ist sie ja seine Frau. – Vielleicht hat er die Tat mit – seinem Leben – bezahlt!«

»Uns ließ er zurück in einer verschlossenen Loge, ihr sprang er in die Flammen hinein nach! Begreifst du nicht, was mir das bedeutet? Ob lebend oder tot, Viktor Alten und ich gehören nicht mehr zusammen!«

»Das spricht dein Stolz, Rose, dein Herz hat nichts damit zu tun. Glaube mir, es gibt für den Mann, der todesmutig und kühn seine Pflicht tat, eine Rechtfertigung, so oder so. Laß mich hier für ihn bitten, daß es bald geschehen mag.«

Rose Marie schwieg; die Worte fanden kein Echo in ihrem Herzen.

»Wie du grausam bist!« sagte Grete. »Wo es sich um deine Eitelkeit, deine Selbstliebe handelt, kennst du keine Gerechtigkeit.«

Die Kommerzienrätin lachte auf. Ein hartes, bitteres Lachen. Gut, daß Grete so dachte. Wen ging es auch an, wie sie mit sich zu kämpfen hatte. Wie einschneidend es ihr zum Bewußtsein gekommen war, daß der Mann, an den sie ihr ganzes Herz gehängt, nicht das in ihr gesehen, was sie all die Jahre vorausgesetzt hatte. Welch eine furchtbare Demütigung lag für sie in dem stummen, fast besinnungslosen Eingeständnis, daß die andere es gewesen, die seinen Sinn beherrscht hatte – seine Frau – die sie bisher so tief unter sich stehend gewähnt. –

Ohne Gewissensbisse, ohne Skrupel hatte sie ihn einst von der losgelöst; um ihn zu ihrem Spielzeug zu machen. – Unbekümmert um das, was sie vielleicht mit spielenden Fingern zerstörte, hätte sie ihn von sich geworfen, sobald er nicht ihren Erwartungen entsprach. – Sie war stets gewohnt gewesen, alle Dinge sich nach ihrem Geschmack mundgerecht zu legen und hätte in jedem Fall eine Entschuldigung für sich gefunden. Aber das Schicksal wollte es anders. Sie liebte ihn. Willig gab sie ihm ihr Bestes, den reichen Schatz ihres Inneren, die mit tausend Schmerzen erlernte Welterfahrung, die sie besaß und machte ihn zu ihrem Herren. Großherzig, wie sie in allem war, fragte sie nach nichts, nahm ihn mit all seinen Schwächen und Fehlern, in dem vollen Bewußtsein ihres Wertes darauf bauend, daß sie ihm alles galt.

Die Probe auf das Exempel hatte sich als falsch erwiesen! – Wie das Herz ihr weh tat! Am liebste hätte sie aufgeschrien vor Schmerz, aber da saß Grete und harrte auf irgend eine Äußerung ihres Kummers, um sie zu bemitleiden! … Mitleid war ihr stets verhaßt gewesen, Trost hatte sie nie gebraucht, beides erschien ihr demütigend; und gewaltsam preßte sie die Zähne zusammen und unterdrückte den Schrei, der aus der Tiefe des gemarterten Herzens emporgequollen, mehr verraten hätte als sie gewollt. –

»Ich will zu Bett gehen,« sagte Rose Marie, als sie in ihrem Wohnzimmer stand und so totenbleich aussah, daß Grete umsonst nach einem erlösenden Wort suchte. »Der Schreck liegt mir in allen Gliedern.«

»Und er!? – Und er?!« schrie das gequälte Mädchen wieder auf, dessen Gedanken nur dies eine Entsetzliche zu fassen vermochten. »Wenn er tot ist?«

Da sagte Rose Marie halblaut, heiser, zwischen den zusammengepreßten Zähnen heraus:

»Wäre er es!« –

Entsetzt taumelte Grete zurück. Sie hörte nichts weiter als die Herzlosigkeit dieses Wunsches, sie sah nichts weiter als das starre, blasse Gesicht ihrer Tante, die an ihr vorüberschritt, um zu schlafen. Wie konnte sie, die Jüngere, mit ihrem weichen, weiblichen Empfinden Rose Maries Natur begreifen! –

Die Ampel im Schlafzimmer brannte, die blauseidenen Kissen des Bettes waren einladend aufgeschlagen, aber anstatt Ruhe zu suchen, sank Rose vor dem Diwan auf die Knie und verbarg das Gesicht in den Händen. Sie lag ganz still, keine Muskel in ihrem Körper zuckte, und doch kämpfte sie den qualvollsten Kampf ihres Lebens. Wie gering erschien ihr in diesem Augenblick das Leid der Vergangenheit! Jugend und Hoffnung standen damals ihr zur Seite und ließen überall noch einen rosigen Schimmer, einen hellen Ausblick. Jetzt aber stand sie an der Schwelle des Alters. – Ihr erkünsteltes Leben in seiner ganzen, armseligen Leere lag nackt und kahl vor ihr.

Es ist ihr, als schaue sie in ein offenes Grab, wenn sie an eine Zukunft ohne Viktor Alten denkt; dunkel und kalt weht es ihr daraus entgegen, so daß sie fröstelt. Angstvoll sucht sie nach einem Herzen, das ihr auf Erden gehört, das ihr Zuneigung entgegenbringt und um Zuneigung wirbt. – Keines! – In ihrer Jugend hatte man sie geliebt, ohne sie, die vor jedem Opfer ihrer kleinen Schwächen eigensinnig zurückwich, zu rühren. Ihre Ehe war furchtbar für das feinfühlige Aristokratenkind gewesen, und aus dem kühlen Dämmer ihrer Witwenzeit stieg immer nur ein Bild leuchtend auf – Viktor Alten! – Rose Marie stöhnte leise. –

Da schrillte grell und schneidend die Hausglocke durch das mitternächtig stille Haus. – Er! – Er lebte! – Er kam! … Sie preßte beide Hände auf das wild schlagende Herz; die Liebe, die sie soeben unter tausend Qualen zu Grabe getragen glaubte, sie war doch nicht tot, sie erwachte wieder und sah sie mit lächelnden Augen verheißungsvoll an. Grete hatte recht. Das eigene Herz wandte sich gegen sie und machte sich zum Anwalt für ihn.

Hastig riß Rose Marie das zerrissene, versengte Kleid von den Schultern und hüllte sich in ein langes, weißes Peignoir. Grete mußte ja kommen und ihr Bescheid bringen, es war nicht nötig, daß man sie noch in Toilette fand. – Viktor war ja da, reumütig, etwas abgespannt vielleicht, aber doch immerhin ein mutiger Retter, der den Tod selbst nicht gescheut hatte, ein anderes Leben zu erhalten. Ihr Zorn verwandelte sich in Stolz auf ihn. Sie lauschte gespannt. Aber niemand kam – alles blieb still.

Da hob Rose Marie beide Hände an die pochenden Schläfen.

»Gott, mein Gott!« sagte sie. »Laß ihn mir – diesen einen. Fortan will ich mein Glück nur in ihm sehen, – am eigenen Herd, – in der engsten Häuslichkeit will ich glücklich sein – glücklich machen. – Meinen Stolz will ich opfern – demütig, dankbar, selbstlos sein, nur bewahre mich vor einem einsamen Alter!«

Sie öffnete die Tür und ging über die dicken Teppiche dem Wohnzimmer zu, Viktor entgegen, den ersten Schritt zur gelobten Demut.

Es war wirklich Alten, der an dem erschrockenen Portier vorüber in die Villa Murner trat. Das Licht, das aus den Fenstern des Wohnzimmers drang, zeigte ihm, daß die Bewohner noch wachten, aber auch im anderen Falle hätte er wenig darnach gefragt.

Als er eintrat, stürzte Grete ihm entgegen, zitternd, kaum ihrer Stimme mächtig.

»Gelobt sei Gott, daß Sie leben! …« flüsterte sie und ihre ganze heiße Liebe lag in den dunklen Augen, der Bewegung, mit der sie ihm die gefalteten Hände entgegenstreckte.

Er achtete nicht darauf. Sein Gesicht war verzerrt, beschmutzt, die Haare versengt. Die linke Hand trug er in einem Verband, über die Stirn zog sich ein breiter Leinwandstreifen. Der Rock zeigte große Brandflecken, das Hemd war voll Ruß, er hatte sich bisher noch nicht die Zeit genommen, an sein Äußeres zu denken. Todesmatt taumelte er in den nächsten Sessel.

»Grete!« Seine Stimme klang heiser und gebrochen. »Ich komme mit einer großen Bitte zu Ihnen! Wollen Sie die Nacht an Marthas Krankenbett mit uns zubringen? Gregor und ich sind beide so unerfahren – sie leidet so schwer – haben Sie Erbarmen und opfern Sie uns die paar Nachtstunden …«

»Ja! Ja!« sagte sie atemlos, beglückt durch den Samariterdienst, den man ihr anbot, dankbar schon dafür, daß sie nicht länger zu qualvollem, ungewissem Fürchten und Warten verurteilt war. »Ich bin bereit.«

Sie lief eilig hinaus, um Mantel und Hut zu holen, ihr Herz war voll überströmenden Glücks. – Er war gerettet! – Die entsetzliche Vision, die sie seit Stunden gequält, war nur ein Hirngespinst gewesen, er atmete – er lebte. – Für wen er gerettet war – für wen er leben würde, darnach fragte sie nicht. Sie hatte ihn ja nie für sich begehrt. –

Als er einsam in dem wohlbekannten Zimmer saß, ließ er noch einmal die Augen matt und gleichgültig über all die wohlbekannten Dinge ringsum schweifen. Mit packender Schärfe wußte er auf einmal, daß er hier doch nur ein Fremder gewesen, der klaglos und ruhig sein Leben von allem dem zu trennen imstande war, was mit diesem Stück Vergangenheit zusammenhing. Er wußte auch, daß er dies alles hier zum letztenmal sah, daß es ein Abschied für immer war, den er in diesem Augenblick nahm.

Er sprang plötzlich auf und streckte abwehrend beide Hände vorwärts. In dem Rahmen der goldgestickten, blauseidenen Gardinen stand Rose Maries weiße, schlanke Gestalt. Langsam kam sie auf ihn zu.

»Warum erschrickst du vor mir?« fragte sie. Er ließ die Hände sinken und hob den Kopf, mit Entsetzen sah sie die Verwüstungen, die die letzten Stunden angerichtet hatten.

»Rose, – ich weiß, du hast ein Recht mich nach den Vorkommnissen des heutigen Abends zu hassen und zu verachten! – Deinem Zorn halte ich still – aber erbarme dich – laß es nach diesen furchtbaren Ereignissen, die mein Innerstes aufgewühlt haben, klar zwischen uns werden. – Dieser Zustand der Abhängigkeit an deiner Seite hat mich seit Monaten namenlos elend gemacht, ich ertrage ihn nicht länger! Ich handle schlecht, undankbar, niedrig an dir – ich weiß es. Niemand kann mich härter richten, als ich selbst – trotzdem – habe Erbarmen, gib mich frei! – Die Frau, die ich einst die meine nannte, und an der meine unverständige, gärende Jugend sich vielleicht versündigte, liegt jetzt verwundet, ihrer Schönheit beraubt, hilflos, brotlos auf dem Krankenbett; sie hat alles verloren – unwiederbringlich, und noch sind wir nicht geschieden. Ich weiß, daß ich ein Opfer bringe mit dem, was ich will, ein übermenschliches Opfer fast, an dem ich meine Kräfte erschöpfen werde, aber ich kann nicht zögern, – ich darf nicht nach meinem Wohl oder Wehe fragen, wo zum erstenmal die Pflicht unabweisbar mir gegenübertritt. Ich werde von jetzt ab für sie sorgen und arbeiten, da sie es nicht mehr kann, ihr das Verlorene nach besten Kräften ersetzen …«

Sie stand ganz still – regungslos. Das sanfte Licht im Zimmer zeigte weder die Blässe, noch die Zerstörungen, die die letzten Stunden auch an ihr vollbracht hatten. Ihre Hände hingen schlaff in den Falten des weißen Gewandes. Ohne mit der Wimper zu zucken, ohne ein Schwanken in der Stimme, sagte sie ruhig:

»Und du liebst sie!«

Er trat ihr lebhaft näher und streckte seine verbundene Hand aus. »Das Feuer, durch das ich sie getragen, hat die krankhafte Glut für sie in meinem Innern ausgelöscht, aber Mitleid ist dafür entstanden, Rose, Mitleid mit dem hilflosen Geschöpf, das von dem furchtbaren Geschick zermalmt, und nun nichts anderes tun kann, als sich dem schweren Geschick geduldig zu beugen. Begreifst du nicht, Rose, daß – ich der Stärkere, die Schwache jetzt nicht erbarmungslos zurückstoßen kann, wo ihr nichts mehr bleibt auf Erden, nichts!« –

»Als Viktor Altens Herz! Wankelmütig fürwahr und undankbar,« stieß sie schneidend heraus.

Er fuhr zurück.

»Du kannst mich freilich halten, wenn – du willst, Rose. Meine Ehre ist an dich gefesselt.«

Sie zuckte verächtlich die Achseln. »Mannesehre! Wo beginnt sie? Wo hört sie auf? Nennt doch nicht das ehrenhaft, wonach es euch gelüstet, und verurteilt nicht das, wofür ihr kein Verständnis habt! Einst verließest du sie um mich, jetzt mich um sie – morgen gelingt es vielleicht einer dritten, dich zu gewinnen.« –

Er biß die Zähne aufeinander.

»Du bist hart, Rose. Härter als ich es verdiene. Hast du nicht verstanden, daß Martha entstellt ist Zeit ihres Lebens? Sie wird nicht sterben; dem Tode habe ich sie entrissen, aber das Dasein, das sie von jetzt ab führen muß, wird für sie schlimmer sein als der Tod. Ein brennender stürzender Balken hat ihr die eine Hälfte des Gesichts zerrissen. Kannst du das ausdenken?«

Rose Marie überlief ein Schauer. Nach einer langen Pause fragte sie: »Und du willst dich trotzdem aufs neue an sie fesseln? Du, dessen Gottheit immer nur das Schöne gewesen ist! Wie willst du das ertragen?«

Er strich mit derselben ungeduldigen Bewegung, die ihm sonst eigen, über das versengte Haar. »Sie ist noch meine Frau, ich werde tun, was ich für meine Pflicht halte.«

»Sehr edel gedacht, aber, verzeih, ich traue dir diese Selbstlosigkeit auf die Dauer nicht zu.«

»Rose,« erwiderte er fast zärtlich. »Ich weiß, daß ich dir Ursache zu diesem harten Urteil gegeben habe. Ich war jung – da überwiegt der Egoismus. Aber es ist mir, als solltest du – gerade du – deren Großherzigkeit mich so oft beschämt hat, in diesem Augenblick ein anderes Wort, als das eines Vorwurfs für mich finden! – Wir sind ja alle Menschen – es wird keinem leicht das Gute zu tun, wenn der Weg dornig ist. Rose, liebe Rose! …«

Er streckte ihr seine gesunde Hand entgegen; nun das Band der völligen Gemeinsamkeit, das ihn so sehr bedrückt hatte, zwischen ihnen zerrissen war, sah er sie wieder mit dankbarem Gemüt in all ihren großen, guten Eigenschaften, sah wieder die Frau, deren Freundschaft ihn hochgehoben hatte, der er Dankbarkeit schuldig war – und alles, was er sonst noch hatte sagen wollen, erstarb ihm auf den Lippen.

Langsam, mit einem Gefühl des Erstickens, legte sie ihre kalten Finger in die seinen.

»Geh,« sagte sie mit Anstrengung. »Tue das Rechte – und laß dir an dem Bewußtsein genügen.«

Ihr Blick, der an dem seinen gehangen, senkte sich zu Boden; sie begriff plötzlich, daß sie Viktor doch niemals so völlig gekannt hatte, wie sie wähnte; ein Teil seiner Seele war ihr fremd geblieben und entschleierte sich erst in diesem Augenblick. Die Welt mit all ihren Reizungen hatte es doch nicht ganz zu ersticken vermocht. Und als er sich jetzt unter dem Eindruck des Gräßlichen zu dem Opfer seiner Zukunft entschloß, da thronte es wieder auf seiner Stirn und leuchtete ihm aus den Augen! Rose Marie hatte zum erstenmal im Leben das Gefühl des Nichtbegreifens, des Verständnislosen, ja des Sichkleinfühlens einem Menschen gegenüber. Es war ihr neu, und demütigte sie vor sich selber.

Er mißverstand ihren gesenkten Blick, ihr Schweigen.

»Leidest du sehr, Rose?« fragte er halblaut. »Ich gelobe dir wiederzukommen, als dein treuester, dankbarster Freund …«

Da lachte sie auf, ganz in ihrer alten Weise.

»Nein! Nein!« sagte sie schnell und strich mit der Hand über die Stirn. »Welche Idee! – Eine gestorbene Liebe in Freundschaft zu ändern, ist ein schauriger Gedanke! Habe keine Sorge, Viktor, ich werde weiter leben, wie ich lebte, ehe ich dich kannte. Nicht sehr heiter, aber auch nicht sonderlich kummervoll. Ich bin ja reich. Und jede Existenz, die mit Gold gefüttert ist, erträgt sich schließlich. Aber wiedersehen möchte ich dich nie – niemals.«

Eine leidenschaftliche Energie klang aus den letzten Worten; es war der Schrei des Herzens, der die kühle Ruhe der Gewohnheitsmaske durchbrach – er verstand ihn nicht.

»Ich werde dich nicht vergessen,« sagte er traurig. »Dir verdanke ich alles, was ein Mensch nur erstreben kann. Du halfst mir auf den Gipfel des Ruhms – ich werde dir ewig dankbar sein.«

Dankbarkeit statt Liebe! Da war er ja wieder, der Stein, den er ihr für Brot reichte! Das erbitterte sie.

»Ich will deine Dankbarkeit nicht,« sagte sie schroff. »Geh jetzt und laß mich allein.«

»Lebewohl, Rose!« Zögernd streckte er ihr abermals die Hand entgegen; sie berührte sie nur flüchtig. Mit ihrem ganzen Stolz wappnete sie sich, um der Qual dieses Augenblicks zu trotzen.

»Du zürnst mir!« sagte er traurig.

»Nein! Weshalb? Hätte ich ein Recht dazu? Dem Herzen lassen sich keinerlei Vorschriften machen – Neigungen kommen und gehen – du weißt ja, wie ich denke! Werde so glücklich wie du kannst – ich …«

Sie verstummte zäh. Tränen stiegen ihr in die Kehle. Während ihres ganzen Lebens hatte niemand sie weinen sehen – auch er sollte es nicht. – Mit einem schnellen Kopfnicken drehte sie sich um und ging hinaus. – Auf dem Korridor begegnete ihr Grete.

»Rose, laß mich lieber bei dir bleiben, du bist krank.«

Aber Rose Marie schob sie zur Seite.

»Mir tut nur Schlaf nötig, meine Nerven sind erschöpft. Kein Wunder nach dem Schreck!« –

Mit unbewegtem Gesicht ging sie in ihr Schlafzimmer und schob den Riegel vor. Dann hörte sie noch das Rollen des Wagens, und nun umgab sie Totenstille. – Mit weit offenen Augen lag sie im Bett und starrte zur Decke. Ihr war, als senke sich schwer und kalt das Alter auf sie herab und nähme ihr Luft und Leben. – Gegen Morgen sprang sie auf, schellte und gab Weisung, sofort zu packen.

»Ich muß fort – ich ersticke hier!« sagte sie sich, das Nachtkleid auf der Brust lüftend; und dann saß sie in ihrem Ankleidezimmer auf dem Diwan, eine wärmende Hülle umgeworfen, Saffianpantoffeln an den nackten Füßen und sah zu. Schon die bloße Gegenwart eines lebenden Wesens war ihr für den Augenblick eine Erleichterung. Nur nicht länger allein sein! Nur nicht länger die stumme Qual des ewig wiederkehrenden Refrains ertragen zu müssen: Alt und einsam! – Einsam und alt! –

Das Licht warf hellen Schein auf die Spiegeltüren, die die Zofe öffnete und schloß. Rings um die einsame Frau häuften sich Berge von Spitzen und Seide, von all den tausend Dingen, die eine Dame der großen Welt für ihre Existenz notwendig hält. Unverdrossen schleppte die Zofe, die über die sonderbare Laune ihrer Herrin nicht zu murren wagte, herbei, was Schränke und Schubladen bargen. Stumm sah Rose Marie zu. Da lag es obenauf, jenes Morgenkleid, das sie damals, als sie Viktors Übereilung großmütig mit dem Geschenk ihrer Hand auszulöschen wußte, getragen. Sie sah noch Anna Denhardts gelbes, spitzes Gesicht, ihres Schwagers unbehagliche Haltung. Sie empfand noch einmal jenes heiße Liebesgefühl, das sie kaum imstande gewesen war, zu verbergen, jene Träume von Glück, die sich an die Zukunft geknüpft hatten, – und ihrer selbst nicht mehr mächtig, neigte sie den Kopf und brach in heiße Tränen aus.

Wo waren sie hin, jene Träume? Wo war ihr Hoffen, ihre Liebe geblieben? –

Erschrocken stürzte die Zofe herbei; sie hatte ihre Herrin noch nie erregt oder gar in Tränen gesehen. Rose Marie wehrte sie ab.

»Lassen Sie nur, Anna, – der Schreck von gestern abend hat meine Nerven ganz ruiniert – eine Luftveränderung wird mir gut sein. – Morgen reisen wir! – Sie sollen mich begleiten.«

Aber sie reisten nicht. – Am nächsten Morgen war Rose Marie zum erstenmal in ihrem Leben krank. Fiebernd lag sie in den seidenen Kissen. –

XXV.

Grabesstill war es im Wohnzimmer der verunglückten Schauspielerin, obgleich zwei Menschen sich dort in der Nachtwache teilten.

In sich zusammengesunken lehnte Gregor in der Sofaecke, den Kopf in die Hand gestützt. Unruhig, voll bitterer Anklagen gegen das Schicksal, saß Viktor in der anderen Ecke des Zimmers. Zuweilen klang aus dem Nebenzimmer das Stöhnen der Verwundeten, dann sträubte der Papagei auf seiner Stange das Gefieder und krächzte ein wenig im Schlaf. Er träumte wohl, seine schöne Herrin necke ihn, wie so oft in Wirklichkeit, und dann seufzte Viktor, und Gregor sank noch um eine Linie tiefer in sich zusammen.

Auch er haderte mit dem Schicksal, der alte Mann, aber anders wie Viktor. Er zürnte der Natur, die Meisterwerke schuf und sie in unbegreiflicher Laune selbst zerstörte, während sie das unbeachtet weiter leben ließ, an dem sie nach jeder Richtung hin, sich karg erwiesen hatte. Warum konnte er nicht mit Martha tauschen? Was lag an ihm, wenn er den Rest seines Lebens hätte entstellt herum laufen müssen. Wen würde es kümmern? Ihn sicher am wenigsten!

Aber wie würde es Martha ertragen? – Der Gedanke lag ihm wie Bergeslast auf der Brust.

Aus der Kneipe, in der er seine einsamen Abende zuzubringen pflegte, hatte der Ruf: »Feuer im Theater!« ihn aufgejagt. Wie ein Wahnsinniger war er zum dramatischen Theater gestürzt, und gerade zurecht gekommen, um die erste majestätische Feuersäule zum nachtdunklen Himmel aufsteigen zu sehen.

»Martha!« – war sein einziger, klarer Gedanke. – Er wollte vorwärts, die Postenkette der Schutzleute hielt ihn zurück; er schrie auf, als jemand sagte: »Die Norden ist verunglückt!« – Und dann sah er plötzlich, durch die halbe Blindheit, in der er sich befand, einen Mann aus der Türe der Schauspieler wanken, mit einer Last auf der Schulter, von der ein langes, hellseidenes Gewand herabflog. Mit schlotternden Knien stürzte er auf Alten zu. So groß war seine Erregung, daß er gar nicht zum Bewußtsein des Wunderlichen kam, das darin lag.

»Einen Wagen!« stammelte Viktor schwankend.

Und dann saßen sie sich gegenüber, die Bewußtlose haltend; und alles, was jemals zwischen ihnen gewesen, war plötzlich ausgewischt. Das alte Gefühl der Zusammengehörigkeit verband sie wieder, als wären sie nicht einen Tag getrennt gewesen.

Der Arzt hatte Marthas Zustand nicht für lebensgefährlich gehalten, nur daß die eine Hälfte des Gesichts zeitlebens entstellt bleiben würde, das hatte er gleich gesagt, und beide hatten in dem Augenblick dasselbe Empfinden: »Viel besser sie wäre tot!« –

War doch für sie ihr weiteres Leben auf Schönheit aufgebaut. Sie war eitel, genußsüchtig, oberflächlich, die Heiterkeit ihres Naturells milderte das alles; Aber diese Heiterkeit entsprang nur dem Bewußtsein ihrer Schönheit! Was blieb ihr nun? – Viktor stand auf und trat leise an Gregors Seite.

»Wie wird sie es ertragen?« flüsterte er.

Gregor senkte das Haupt. »Ich weiß es nicht!« –

»Grete muß es ihr allmählich sagen, sie findet bessere Worte als wir.«

»Habt noch ein wenig Geduld – nicht gleich – laßt sie erst gesund werden,« stöhnte Gregor und wischte sich die feuchte Stirn.

»Sie wird nicht verlassen sein, Gregor, noch ist sie meine Frau, – noch habe ich die Pflicht, für sie zu sorgen, und bei Gott, ich denke dieser Pflicht gerecht zu werden, so lange ich lebe.«

»Du?« – fragte Gregor schroff. »Du bist mit der Kommerzienrätin verlobt! Almosen nimmt Martha nicht, so lange ich lebe.«

»Das ist zu Ende,« sagte Viktor ruhig. »Rose Marie gab mir mein Wort zurück. Martha bleibt meine Frau, ich ihr – Mann.«

»Bin ich wahnsinnig geworden oder nicht?« Gregor strich über sein Haupt. »Du! – du! – Viktor Alten! – Du stehst hier und kannst solchen Unsinn reden? Was willst du mit einer Frau, die nicht glänzen kann, die arm ist. Laß sie mir!«

»So gering hast du mich eingeschätzt?« sagte Viktor mit einem bitteren Lächeln.

»Noch viel geringer! Du hattest keine Ehrfurcht vor deiner Kunst; du hast den Tanz um das goldene Kalb mitgemacht. Du strecktest die Hand nach dem Eigentum deines Freundes aus, das selbst dem Wilden heilig ist! Und du verlangst, daß ich dem Dichter von: ›Im Zeichen der Zeit‹ ein Opfer zutraue, das in tausend Verzichtleistungen gewohnter Annehmlichkeiten besteht, im Ertragen täglicher Misère, täglicher Klagen …« Da legte sich eine weiche Mädchenhand auf die Schulter des Sprechenden.

»Sie haben unrecht, Herr Gregor, – er wäre ein guter, edler Mensch!« sagte Gretes sanfte Stimme. »Der Lohn, den er fände, wäre freilich gering, wenn er ihn nicht in sich selber trägt. Aber das wird er sicher. Über alles im Leben steht die Pflicht.« –

Sie reichte Viktor die Hand, während die andere auf Gregors Schulter ruhen blieb, – so war sie ein lebendiges Glied in der zerrissenen Kette alter Freundschaft.

»Und Sie verlangen, daß ich das alles auf Treu und Glauben hinnehme?« fragte Gregor grimmig mit einem Seitenblick in Gretes bewegtes Gesicht. »Laßt sie mir! Bei mir soll kein böses Wort sie treffen, kein rauher Lufthauch; arbeiten will ich für sie bis …« Sein Kopf sank auf die Brust, ein tränenloses Schluchzen stieg darin auf und schüttelte ihn.

Und würde Martha sich mit dem begnügen wollen, begnügen können, was er ihr bot? Es war so wenig, und sie hatte damals auch nur flüchtig empfunden, daß er seit Jahren ihr sein Dasein geweiht hatte. Hatte er ein Recht, sie für sich zu begehren, da Alten bereit war, ihr wieder eine Stelle an seiner Seite einzuräumen? Nein, das hatte er nicht! – Aber ihm graute vor dem Augenblick, wo sie erfahren mußte, was das Schicksal ihr genommen. Die anderen hatten Teilnahme, Mitgefühl für sie, er allein empfand anderes. – Und wenn er an die Zukunft dachte, so sah er das grauenvolle, entsetzliche Nichts, das ihrer wartete, angefüllt mit verzehrenden Wünschen, brennenden Klagen, jammervollem Entsetzen – und sonst nichts – nichts. – –

Tage verbrachte Martha in einem lethargischen, fast bewußtlosen Zustand. Grete wachte an ihrem Bett. Dann endlich kam der Augenblick, der sie dem Leben, der völligen Besinnung wiedergab. Sie schlug das unverletzte Auge auf und sah überrascht in Gretes Gesicht. Allmählich erwachte auch ihre Erinnerung.

»Bin ich verletzt?« fragte sie mit schwacher Stimme. »Ach, es war so furchtbar – Flammen überall – Flammen und Rauch! – Hat es mir geschadet, Grete?«

Sie hob die verbundenen Hände etwas auf, und ihr Gesicht nahm einen starren Ausdruck an.

»Wird es Narben geben?« fragte sie. »Hat der Doktor gesagt, daß es Narben geben wird?« – Dann griff sie plötzlich nach dem Gesicht. »Mein Gott, auch hier?« – Sie betastete die Bandagen bis zum Schmerzgefühl. »Grete – wissen Sie, ob es schlimm ist? – Haben Sie es gesehen?« –

Angst durchklang die Worte, eine Angst, die gewaltiger war als jeder physische Schmerz. Ihr entsetztes Gesicht, von dem nur die eine Hälfte unverletzt und unverbunden, war ein deutlicher Spiegel von dem, was sie durchgrauste.

»Sie werden bald ganz gesund sein, Martha,« sagte Grete und strich mütterlich-zärtlich über das kurzgeschnittene, blonde Haar, »aber Sie müssen auch tun, was wir von Ihnen verlangen. – Ganz ruhig sein und sich keinem quälenden Gedanken hingeben.« »Aber wenn ich Narben behielte, – rote, häßliche Narben! Ich habe einmal eine solche Frau gesehen – ein Schrecken für jeden – lieber tot!«

Angstgefoltert hing ihr Auge an Gretes Zügen.

»Wozu solche Schreckgespenster heraufbeschwören,« sagte sie mißbilligend. »Sehen Sie, da ist gleich jemand, der Ihnen solche Sachen verbieten wird.«

Gregors kahles Haupt lugte vorsichtig durch die Türspalte, auf Gretes Wink kam er näher; Martha lächelte ihm entgegen.

»Sehen Sie mich nicht an,« sagte sie. »Ich sehe so häßlich aus mit diesen Verbänden! Wenn nur erst alles gut wäre, oder –« sie richtete sich plötzlich kraftvoller auf als man ihr zugetraut und griff mit der schmerzenden Hand nach seinem Arm. – »Gregor, sagen Sie mir die Wahrheit! Bin ich entstellt? – – Nur das nicht!« –

Mit einem Stöhnen sank sie in die Kissen zurück; aus den Augen des alten Mannes hatte es ihr so seltsam entgegengeleuchtet.

»Ruhig, seien Sie nur ruhig, Martha!« sagte er, unbeholfen ihre Hand streichelnd. »Sie werden gesund – das ist die Hauptsache.«

Sie achtete nicht mehr auf seine Trostesworte. Alten war eingetreten.

»Du, hier?« fragte sie erstaunt. »Bin ich denn so krank gewesen? Ach ja – ich erinnere mich – ich wußte nicht mehr, wo ich war – Herbert stieß mich zurück, um sich zu retten, – o, der Kampf war furchtbar unter den Versatzstücken, die mir den Weg sperrten – ich habe ihn gebissen, glaube ich – aber wer kam dann, durch den Rauch? Wer hat mich gerettet?«

»Er!« sagte Gregor. Sein Leben hätte er hingegeben, wenn er in diesem Augenblick zu sagen vermocht: »Ich!« – Nichts hatte er Alten beneidet, weder Ruhm, noch Gold, noch Liebe, in dieser Minute beneidete er ihn. »Du!?« – Zweifel, Erstaunen, Schreck klang aus dem einen kleinen Wort, nichts anderes.

Viktor trat dicht an das Bett und sah in ihr blasses Gesicht.

»Glaubst du, ich hätte dich in Lebensgefahr wissen und darin umkommen lassen können?« fragte er.

Sie schüttelte schweigend den Kopf und schloß nachdenklich das Auge, offenbar dachte sie nach. – Grete winkte, daß man die Kranke allein ließe.

»Also auch hier der Lump, der Herbert,« sagte Viktor zähneknirschend draußen zu Gregor. »Mir ahnte es! Wie kam sonst Martha allein wieder auf die Bühne, nachdem alle sich gerettet hatten? Also auch hier das Recht des Stärkeren gegen den Schwächeren. Gibt es denn kein Gesetz – keinen Gerichtshof, der das nach Verdienst straft? – Wo in der Welt ist ausgleichende Gerechtigkeit, Gregor?«

»Nirgends!« sagte der alte Philosoph ruhig. –

Marthas Kräfte nahmen zu, sie besaß eine gesunde Natur, aber mit jeder Stunde wuchs ihre Unruhe, ihre Angst, daß man sie täusche, daß ihre Wunden gefährlicher seien, als man sagte, daß sich doch am Ende die Spuren nicht ganz vertilgen ließen …

Grete hatte einen schweren Stand. Martha bat, beschwor und quälte sie ohne Aufhören um die Wahrheit, und doch hätte sie nicht die Kraft gehabt, die Wahrheit zu ertragen. Aus diesem Zustande erwuchs schließlich eine hochgradige Nervenerregung.

Es war gerade, als wolle sie nicht eher gesund werden, bis sie nicht die Gewißheit hatte, in unverletzter Schönheit von ihrem Krankenbett aufzustehen, und Gretes Worte nützten ebensowenig als jeder andere Trost.

Mit Schrecken wurde das junge Mädchen sich über diesen zuerst so bestrickenden Frauencharakter klar. Eitelkeit füllte ihn ganz aus, und seine Vorzüge waren nur die schimmernd gleißenden Reflexe der Fehler. Von Tag zu Tag wuchs in Grete die Sorge um Viktors Zukunft an der Seite dieser Frau, und wenn sie auch mit ganzer Seele auf seiner Seite stand, so weit es sich um sein Pflichtgefühl handelte, ihr Herz wurde schwer, wenn sie bedachte, was die Ausführung ihn kosten würde.

»Warum sehen Sie mich so traurig an, Gretchen?« hatte er sie eines Spätnachmittags gefragt, während Martha schlief und er ihr gegenüber am Fenster stand.

Sie seufzte beklommen.

»Ich dachte an die Zukunft – und wie alles so anders wird, als wir noch vor kurzem geglaubt.«

Er strich über die Stirn, an seiner Hand flammte das rote Feuermal; sie sah es starr an.

»Es kann nicht immer Frühling und Sommer bleiben, wir müssen auch den Herbst hinnehmen, Gretchen.« –

Ja, die Zukunft bedeutete für ihn wirklich den Herbst. – Seine krankhafte Leidenschaft für Martha war erloschen. So wie es wirklich war, lag das Leben jetzt vor ihm, und die alte, ahnungsvolle Unzufriedenheit war stärker denn je. Nur das Bewußtsein, daß er entschlossen war, seine Pflicht zu tun, söhnte ihn etwas mit sich und dem Dasein aus. –

Und nun kam ein Tag, an dem die Sonne warm und schön in das Krankenzimmer schien, und Marthas Auge mit neu erwachtem Lebensmut den tanzenden Sonnenstäubchen folgte. – Noch trug sie die Verbände, aber nur, um die grausamen Entstellungen ihr nicht eher zu zeigen, als bis sie ruhiger geworden war.

Der Arzt hatte gestern gute Hoffnung gegeben, und so zuversichtlich getan, daß auch sie unwillkürlich davon erfaßt wurde. Grete war zu Rose Marie gegangen.

Während sie dalag, spann sie Träume für ihre Zukunft. Herbert war ihr verleidet, ja sie empfand bei dem Gedanken an ihn fast etwas wie Furcht; nun konnte er ihr nirgends hinderlich sein, an welches Theater sie auch zu gehen versuchte. Freilich, am besten war es schon, sie verließ die Stadt, in K. hatte es sich doch auch leben lassen, hier fesselte sie doch nicht die Spur eines wärmeren Empfindens, das sie zum Bleiben hätte veranlassen können. Da hob sie plötzlich lauschend den Kopf; nebenan in ihrem Wohnzimmer sprach man ja – und wahrhaftig, das war Herberts Stimme! – Was wollte er? Weshalb kam er? – Instinktiv drückte sie die verbundene Seite ihres Gesichts in die Kissen und schloß die Augen. Sie hörte ganz deutlich. – Es war Herbert und der Arzt. – Jedes Wort verstand sie, obwohl beide die Stimmen tunlichst dämpften. Als wäre es die Posaune des jüngsten Gerichts, so tönte es in ihren Ohren.

»Gut, daß ich Sie heute treffe, Doktor,« sagte Herberts wohllautende Stimme. »Ich muß ganz klaren Wein über den Zustand der Norden haben. – Also niemals – in keinem Fall mehr die Möglichkeit vorhanden, daß sie wieder auftreten kann?«

»Absolut unmöglich!«

»Ja, aber mein Himmel, Brandwunden heilen doch schließlich aus, – und dann unter der Schminke! Sie verstehen – ich möchte sie nicht gern brotlos machen, da das Unglück in meinem Theater geschehen ist.«

»Aber wissen Sie denn gar nicht, Direktor, daß die eine Gesichtshälfte völlig zerstört ist? Es ist die furchtbarste Entstellung die Sie sich denken können. Schrecklich für die arme Frau!«

»Nun, dann ist meine Mission hier zu Ende! – Ob ich sie sehen will? – Nein, danke! – Ich wüßte wirklich nicht, was ich ihr sagen sollte. Arme Frau! Es kann ihr eben niemand helfen. – Schade, – sie war so schön!« –

Bewegungslos, stumm und starr, unter dem Banne des Grauenhaften das sie gehört, lag Martha noch immer still als die Stimmen längst verstummt waren. Mit beiden Füßen sprang sie plötzlich aus dem Bett und stürzte in das Wohnzimmer vor den Spiegel; dort riß sie die Binden von Gesicht und Händen. Ein schrecklicher Anblick bot sich ihr, ein Anblick so grausenerregend, daß im ersten Augenblick sich kein Laut über die fahlen Lippen drängte.

Ja, – ihre Schönheit war auf ewig vernichtet! –

Und nun erst – nun schrie sie auf! Schrill und schneidend klang der Wehlaut von ihren Lippen, als sie auf den Teppich hinsinkend, mit der Stirn gegen den Boden schlug. Aber keine mitleidige Ohnmacht war es, die ihre Sinne für einen Augenblick mit dem Schleier der Vergessenheit deckte, nur stumme, starre, maßlose Verzweiflung lag wie ein Bann auf ihr, eine Verzweiflung so furchtbar, daß sie jeden Gedanken, jedes Empfinden auslöschte.

Sie hatte das Gefühl, als stehe sie am Rande eines bodenlosen Abgrundes, in dem es nichts gab als Öde, Kälte und Leere, ein grauenhaftes Nichts. – Das war ihre Zukunft! – Da klang die Tür, Grete kam zurück.

»Martha!« rief sie erschrocken.

Und bei diesem ersten Laut einer menschlichen Stimme durchbrach die Verzweiflung den Bann des Schweigens. Aufschreiend sprang Martha empor. Mit beiden Händen packte sie die Spitzen des Nachthemdes auf der Brust und riß sie in Fetzen; Schauer schüttelten sie.

»Warum ließet ihr mich nicht sterben!? –«

Und dann stürzte sie der entsetzten Grete zu Füßen, umklammerte ihre Knie und rief in Tönen des schrecklichsten Jammers:

»Es ist unmöglich, daß ihr mich so zugrunde gehen laßt; in vollster Jugend, in vollster Kraft! Holt einen anderen Arzt, bietet ihm alles, damit ich wieder werde, was ich gewesen bin, schön! – Schön! – Seid barmherzig! –Ich kann so ja nicht weiter leben – und ich lebe doch so gern. – Die Wissenschaft kann doch nicht machtlos sein, ich habe den Mut, jeden Schmerz zu ertragen – ich werde euch helfen – aber rettet mich! Rettet mich vor dem Wahnsinn!« –

Eisig rann das Bewußtsein der Machtlosigkeit durch Gretes Herz. Sie kauerte neben Martha, hielt sie mit beiden Armen umfangen. Unaufhörlich strömten Marthas Tränen und brannten wie Feuer auf der verwundeten Wange; aber sie hörte kein Wort. – Trost? Wo gab es Trost für sie! – Was blieb ihr, nachdem ihr die Schönheit genommen? –

Mit Bitten und sanftem Zureden gelang es Grete endlich, die Kranke in ihr Bett zurückzubringen. Der erste Paroxismus der Verzweiflung war vorüber, aber nur weil ihre Kraft erlahmt war. Völlig apathisch lag sie da, als Grete Viktor und Gregor entgegenging, um ihnen das Geschehene mitzuteilen.

»Laßt mich zu ihr!« rief der alte Mann mit stockendem Herzschlag und trat eilig über die Schwelle.

Mit einem Schrei fuhr Martha in ihren Kissen auf.

»Nichts! – Nichts! – Komme niemand herein! Niemand! Keiner soll mich sehen – jetzt – wo man sich vor mir entsetzen wird! …«

»Glauben Sie das wirklich, Martha?« fragte er fast barsch, als er neben ihrem Bette stand. »Wissen Sie nicht, daß wir Sie lieb haben, ob schön oder häßlich!«

»Nein!« jammerte sie trostlos, »an mir ist nichts zu lieben außer meiner Schönheit, und ich will nicht leben ohne die. Wollen Sie mich etwa Tag für Tag, mit diesen entstellenden Narben ansehen, Gregor? Wollen Sie mich in Armut und Elend versinken sehen? Wenn Sie das ertragen können – ich kann es nicht!« schrie sie wieder in ihrer alten, wilden Leidenschaftlichkeit.

»Martha,« sagte Viktor und setzte sich neben sie auf den Stuhl, der zu ihren Füßen stand. »Sei nicht so verzweifelt. Armut und Elend sollen dir fern bleiben so lange ich lebe. Im Glück konnten sich unsere Wege trennen, im Unglück gehören wir zusammen. Reich mir die Hand zum Zeichen eines neuen, besseren Bundes, als wir ihn vor sechs Jahren eingingen.«

Sie starrte ihm mit wilder Verzweiflung in das Gesicht; daß Gregor davon geschlichen war, sah sie nicht.

»Weißt du, was ich jetzt bin?« fragte sie heiser. Dann einem plötzlichen Impulse nachgebend, riß sie den Verband ab und zeigte ihr Gesicht. »Sieh mich an!«

Ein Schauer überlief ihn. Ach, er wußte längst, daß seine Liebe zu ihr, die in den Sinnen wurzelte, in den Flammen ihren Tod gefunden, daß ein Blick auf ihr verwüstetes Gesicht sie ihm jäh aus dem Herzen gerissen hatte. Aber er beherrschte sich mit aller Kraft.

»Wir werden es ertragen lernen, weil wir es zusammen tragen, Martha!« sagte er.

»Niemals! Nie!« – Sie stieß seine Hand zurück, die sich ihr entgegengestreckt hatte. »Ich will keine Almosen – ich will nichts mehr! – Glaubst du, ein Leben an deiner Seite könnte mich locken, nachdem ich es einmal gekostet? Damals schon warst du ungerecht, als ich noch so jung und schön war – jetzt – wie würde es jetzt erst sein! – Glaubst du wirklich, ich könnte ein Hinleben ohne Zweck und Ziel ertragen, und dazu noch dankbar sein für jeden Bissen, mit dem ich meinen Hunger stille? Glaubst du, ich könnte deine mitleidigen Blicke aushalten, die mir täglich das Opfer zeigten, das du brächtest? – O, warum ließest du mich nicht sterben? Wie barmherzig wäre das gewesen!«

»Martha!« fiel Grete ihr fast streng in die Rede. »Wie ungerecht und unnötig grausam sind Sie gegen sich selbst und – uns.«

Da warf die unselige Frau beide Arme in die Luft und rang die armen, kranken Hände. »Versteht mich denn niemand! – Niemand!« schrie sie außer sich vor Qual.

Wieder schlich es leise näher, drängte sich vor Viktor, der noch immer neben ihrem Bett saß, und Gregors hängende Gestalt beugte sich über die Stöhnende.

»Ich, Martha!« sagte er, und liebkosend glitten seine zitternden Finger über ihren blonden Kopf.

Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihr Gesicht an seinen fleckigen Rock. Das wilde, leidenschaftliche Schluchzen mäßigte sich allmählich und ging in leises Wimmern über.

– »Sie wird sich mit der Zeit darein finden,« sagte Grete zuversichtlich, als die drei Pfleger am späten Abend noch zusammen saßen. »Ich will sie Tag für Tag darauf hinweisen, daß es noch andere Dinge gibt, die das Leben lebenswert machen.«

»Was ich tun kann, um ihr Los zu erleichtern, soll geschehen,« gelobte auch Viktor. Nur Gregor schwieg, er starrte in das Lampenlicht und sah alt, verfallen und runzlig aus.

Nebenan lag Martha in tiefer Betäubung. Der Arzt hatte eine Morphiumeinspritzung gemacht. Morphiumpulver standen auf dem Nachttisch, um dem ermatteten Körper wenigstens für kurze Zeit Ruhe zu verschaffen, unter roter Kuppel brannte das Nachtlicht.

Mitternacht war es, als sie plötzlich ganz wach und klar aus ihren Kissen auffuhr, mit der vollen Erinnerung an die schreckliche Gewißheit, die ihr der vergangene Tag gebracht hatte. Totenstill und einsam war es um sie. Zitternd und schwankend erhob sich Martha und warf einen Blick in das Nebenzimmer. Richtig, da lag Grete, friedlich schlafend, wie sie es vermutet hatte. Ein mattes rosa Licht schimmerte über ihre weiße Stirn aus der halb offenen Tür, und ihre Züge schienen im Schlaf verschönt und verklärt. Mit bitterstem Neid blickte Martha in dieses Mädchengesicht; noch vor kurzem hätte sie es lachend abgewiesen, sich mit ihm in Konkurrenz zu stellen; jetzt aber hatte Grete ein Recht, sich dagegen zu wehren.

Von dem Übermaß ihres Empfindens und der Kälte geschüttelt, ging sie endlich wieder in das Bett zurück. Aber da baute es sich vor ihr auf, riesengroß, entsetzlich, das Blut zu Eis erstarrend, – der Gedanke an ihr zukünftiges Leben. Sei es einsam, sei es als Viktors Frau. – Hintereinander würden ihre Tage fortschleichen ohne Hoffnung, ohne Zweck, ohne Ziel, ohne Freude! Einer wie der andere! Man würde sie ob ihres Unglücks bedauern – das war alles! – Aber sie würde sich dann stets erinnern müssen an das, was gewesen, an die Zeit ihres Glanzes, ihrer Schönheit, an die Zeit, wo der Traum ihrer Jugend sich verwirklicht hatte! – Wahrlich, die Hölle konnte nicht schlimmer sein! –

Mit zitternder Hand griff sie nach einem Spiegel und sah lange hinein, die Unterlippe zwischen den Zähnen – stumm! – Nein – keine Hoffnung! Keine! – Und dabei diese Lebensleidenschaft in den Adern, dies wilde Verlangen nach Freude und Glanz! … – – – – – Die purpurne Nachtlampe erlosch, das erste graue Morgendämmern des Wintertages brach durch die Scheiben, auf der Straße wurde es lebendig. – Aus einem schweren Traum fuhr Grete empor und schlich herzklopfend an Marthas Lager. Auf dem Boden davor schimmerte es weiß wie verstreute Schneehäufchen. – Im Bett, die gesunde Seite des Gesichtes nach oben gekehrt, lag Martha, um die Lippen ein geheimnisvolles Lächeln, kalt – tot! Schön wie im Leben! –

XXVI.

Im Osten versuchte die Sonne die schweren, grauen Wolken zu durchdringen, die düster den ganzen Himmel bedeckt hielten. Grete und Viktor standen am Fenster von Marthas Wohnzimmer und sahen hinaus in das trostlose Wetter; sie hatten noch nichts gesprochen, seit sie an Marthas Totenbett gestanden hatten. Gretes Gesicht war verweint, der Ausgang dieser Schicksalstragödie hatte sie ebensosehr erschüttert wie entsetzt.

»Trübselig wie unser ganzes Leben,« sagte Viktor endlich und zeigte zum Fenster hinaus. »Welch eine unverständliche Grausamkeit, ohne unsern Willen zu einem Dasein verurteilt zu werden, in dem wir ebenso machtlos sind, wie im Werden und Vergehen. Der einzige Trost bleibt uns nur in der Gewißheit des Nichts, das uns am Ende aller Tage erwartet.«

Grete sah ihn traurig an.

»Oder sind Sie etwa ein frommgläubiges Gemüt, Gretchen?«

»Wie sollte man sie ohne einen Glauben ertragen, die Stunden der Ratlosigkeit und Hilflosigkeit, die für jeden kommen; wie sollte man imstande sein, ohne Verbitterung Opfer zu bringen?« sagte sie leise. Ihr Blick streifte die Tür, die in Marthas Nebenzimmer führte, was sie nicht aussprach, empfand Viktor doch ganz genau.

»Nein! – Sie war nicht fromm,« beantwortete er ihr stummes Denken, »sie liebte nur sich – sich und das Leben! Aber sind wir berechtigt, ihr deshalb Vorwürfe zu machen? Gott – oder die Natur, wie Sie es nennen wollen – legte alle diese Keime in ihre Seele und ließ sie werden, wie sie war. Wen trifft der Vorwurf? Den Schöpfer oder das Geschöpf? – Freilich – für euch Frauen mag es notwendig sein, daß ihr euch in ein abhängiges Verhältnis zu einem höheren, unsichtbaren Wesen setzt; für uns nicht.«

»Und wohin flüchten Sie sich aus einer Welt voll Tod, voll Schmerz, voll feindseliger Leidenschaften?« fragte sie noch immer in demselben traurigen Ton.

Jetzt war er es, der mit der Hand auf jene geschlossene Tür wies.

»Ins Nichts!«

Er machte einen Schritt vom Fenster fort, aber nachdrücklich legte Gretes Hand sich auf seinen Arm.

»Bleiben Sie hier; Gregor ist drinnen. Es gibt Stunden, in denen wir nicht gestört werden dürfen. Sie gehören Gott und unserm besseren Teil allein.«

»Kennen Sie solche Stunden, Grete?«

»O gewiß!« sagte sie ruhig und sah in den fallenden Regen hinaus.

Forschend blickte er sie an. Merkwürdig war es doch, daß dies Mädchen, das sich so schlicht gab, das nie ein verdammendes Wort für andere hatte, ihm immer wie eine berufene Richterin jedes bösen Gedankens, jeder häßlichen Handlung erschien und trotzdem einen Hauch des Friedens mit sich brachte, dem Viktor sich selbst in den trübsten Stunden seines Lebens nicht entziehen konnte. Am liebsten hätte er in diesem Augenblick seine Stirn an ihre Schulter gelegt. Denn niemals war die ganze Schalheit alles dessen, was er erreicht hatte, ihm lebhafter vor Augen getreten, als an Marthas Totenbett. Lohnte es sich denn eigentlich zu leben?

Drinnen im Schlafzimmer, vor dem Bett der Toten, lag Gregor auf den Knien und sah mit dürstenden Augen in das blasse, süße Gesicht, das friedlich und unentstellt in den weißen Kissen lag.

»Martha! Mein Liebling!« sagte er leise, und Tränen rannen über sein welkes Gesicht. »O warum mußtest du das tun? Jetzt weißt du vielleicht, was du mir gewesen bist! Mein Kind, mein Liebstes! – Alles was dies Herz je besessen an Liebe, dir allein hat es gehört. – Warum nahmst du mich nicht mit? – Ich hätte dir ohne Zögern das Geleit gegeben auf dem unbekannten Wege, den du nun so ganz allein gegangen bist! So lange du lebtest, gehörtest du der Welt – deinen Wünschen – deiner Stellung! In dieser Stunde aber bist du mein – mein ganz allein! – Und alles was Gutes in mein armseliges Leben gefallen ist, es kam von dir! – Martha! Martha! Warum bist du allein gegangen!« – Seine zitternden Finger streichelten das kalte Gesicht der Toten, und zum erstenmal so lange er sie kannte, berührte er mit scheuem Munde die blassen Lippen. Er war der Einzige gewesen, der diesen Ausgang gefürchtet hatte.

Und als er noch einen letzten Blick in das süße Kindergesicht warf, da erfaßte auch ihn Schauer vor der Unbarmherzigkeit des Schicksals. – –

Es war ein imposantes Begräbnis, das der so viel bewunderten und gefeierten, so tief bedauerten Künstlerin zuteil wurde. Ein endloser Zug von Leidtragenden folgte dem in Blumen und Kränzen fast begrabenen Sarge.

Rose Marie stand am Fenster. Längst war jeder Groll in ihr ausgelöscht.

Sie hatte durch Grete die wirkliche Todesursache, die dem großen Publikum verheimlicht worden war, erfahren, und sie vor allem begriff! – Würde sie es ertragen haben, ihrer Schönheit beraubt, ein Schrecken für jeden Fremden, für ihre Umgebung ein Gegenstand des Mitleids, weiter zu leben? Nein – rief es in ihr mit tausend Stimmen! – Marthas Entschluß wäre auch der ihrige gewesen.

Und dann mußte sie doch unwillkürlich darüber nachdenken, wie es kam, daß Martha und sie gleichartig empfanden! Grete hätte es sicher als Fügung hingenommen und ohne Murren ein trostloses Leben weiter gelebt. Aber Gretes Dasein war eben auch nicht auf äußerliche Erfolge basiert, sie brauchte weder Huldigungen noch Liebe um glücklich zu sein.

Wo aber war das Plätzchen, an dem Martha und sie ihre Seelen ausruhen lassen konnten im Alter und im Unglück? Nirgends! – Sie waren Zeit ihres Lebens Sklavinnen der Eitelkeit gewiesen; nun hatten sie keinen Ersatz, der ihnen die gähnende Leere ausgefüllt hätte, darum ging die eine in den Tod und die andere …

Rose Marie begann es zu frösteln.

»Ich muß fort!« sagte sie laut vor sich hin. »Das Reisen wird mich zerstreuen.«

Hinter dem Sarge her schritt Viktor Alten, der Gatte der Toten, neben ihm, gebeugt Gregor. Viktor sah ernst aus, aber nicht todestraurig, wie Rose Marie deutlich wahrnahm. Auch das verstand die einsame Frau am Fenster. Opfer sind sehr edel, aber welchem menschlich fühlenden Geschöpf wäre es keine Erleichterung, wenn sie ihm noch rechtzeitig von den Schultern genommen werden! –

Und dann Herbert! – Tadellos gekleidet, einen mächtigen Lorbeerkranz am Arm, den Kopf hochaufgerichtet; von den Passanten begafft, war er sich der Aufgabe wohl bewußt, einen würdigen Leidtragenden abzugeben.

Kalt und schwer fallen die Regentropfen von dem grauen Himmel hernieder; fröstelnd stehen die schwarz gekleideten Herren um das offene Grab, in dem soeben der Sarg verschwindet. – Die letzte Nordheim ruht nun unter der Erde. – Über die Totenhügel weht der kalte Wind und treibt die Trauernden heim; der letzte Akt der Tragödie, die als glänzendes Schauspiel begonnen, ist vorüber, der Vorhang gefallen, das Publikum geht nach Haus. –

»Ich werde mir einen tüchtigen Schnupfen geholt haben, es kratzt mich schon in der Kehle,« sagte Paul Herbert, sich den Kragen des Paletots in die Höhe schlagend, ganz empört zu einem Kollegen. »Eine barbarische Sitte diese Leichenbegängnisse! Abgesehen von dem Schaden an der Gesundheit, verstimmt es auch die Nerven. Wozu diese Mahnung an Tod und Vernichtung. Wer lebt – lebt eben, und wer gestorben ist, dem kann keiner mehr helfen.«

»Ein ewiger Jammer,« meinte der junge Schauspieler, »daß die Norden so elend zugrunde gehen mußte! Solch vielversprechendes Talent und ein so schönes Weib!«

»Ja! – Ja, gewiß! Aber Frauen gibt es schließlich zu Tausenden und gute Schauspielerinnen nicht minder.«

Herbert zieht das Taschentuch und drückt es vor den Mund, ärgerlich prüfend, ob sich schon die Folgen einer Erkältung im Räuspern bemerkbar machen. – Keinen Gedanken verschwendet er mehr an die Tote. Was seine Sinne einst gereizt hatte, war zerstört. – Nur der junge Schauspieler an seiner Seite seufzt. –

Auf dem Kirchhof ist es leer geworden, das Trauergefolge hat ihn verlassen, unaufhörlich strömt der Regen, in den Zypressen und Trauerweiden stöhnt der Wind.

Viktor und Gregor sind die letzten, die den aufgeweichten, lehmigen Weg zu der Pforte hinabschreiten. Die Augen des alten Mannes sehen sonderbar stumpf und lichtleer aus, er spricht kein Wort.

Plötzlich bleibt Viktor stehen.

»Wer hätte sich solchen Ausgang träumen lassen, damals – als wir in unserem Mansardenzimmer noch so glücklich waren, Gregor,« sagt er mit bitterem Ton. »Wir sind eben alle nichts weiter als Marionetten in der Hand des Schicksals. Als ich Martha heiratete, da habe ich es gut gemeint; aber es ist Wahnsinn, eines anderen Vorsehung spielen zu wollen.«

Gregor nickte stumm.

»Der Gott dort oben hinter den grauen Wolken, an den Grete glaubt, muß ein langmütiger, geduldiger, philosophischer Gott sein, wenn er all dem Elend, der Ungerechtigkeit, der Gemeinheit auf dieser Welt ruhig zusehen kann.« Er warf einen gehässigen Blick auf Paul Herbert, dessen hohe Gestalt eben um die Straßenecke verschwand.

»Wahrhaftig, es lohnt nicht zu leben! Mein Herz ist schwer, meine Nerven sind in bejammernswertem Zustand, sogar das Wetter verstimmt mich bis zum Elendsein. Morgen reise ich. Und du?«

»Ich? Ich bleibe allein!« sagt Gregor still, dreht noch einmal den spitzen, kleinen Kopf rückwärts und wirft einen letzten Blick auf das Grab, an dem die Totengräber noch beschäftigt sind. Aus den Blumen und Kränzen, die, zu einem wahren Wall aufgeschichtet, daneben liegen, hebt der Wind ein langes, weißes Atlasband. Wie ein letzter Gruß flattert es in dem öden Grau der toten Natur hinter den Davongehenden her. – –

XXVII.

An demselben Nachmittag saß Grete zu Rose Maries Füßen auf einem niedrigen Taburett; da sie dem Fenster den Rücken drehte, konnte man keinen Zug ihres Gesichtes in der halben Dämmerung erkennen.

»Also morgen kann ich endlich reisen,« sagte Rose Marie gleichgültig. »Der Arzt hat es mir erlaubt. Ich denke, wir gehen zuerst nach Nizza, Grete.«

Das junge Mädchen fuhr sich über die Stirn.

»Du, Rose, du! – Schilt mich nicht undankbar, daß ich nicht mitgehe! Ich brauche Arbeit – ich will Diakonissin werden.«

»Bist du närrisch?« fragte Rose Marie. »Diakonissin? Den ersten hergelaufenen Strolch pflegen, ihn bedienen – das ist ja zum Lachen. Du bist also doch, trotz deiner anscheinenden Vernunft, ein überspanntes Geschöpf, Grete.« »Weil ich anders empfinde als du, Rose?« fragte sie mit leisem Vorwurf. »Hat dich dein Leben denn völlig befriedigt?« Rose Marie stutzte bei der Frage.

»Wenn auch das nicht,« sagte sie endlich, »so würde ich doch niemals an dergleichen gedacht haben! Immer nur Elend sehen, Stöhnen und Seufzen hören –, Grete, das erträgst auch du nicht auf die Dauer.«

»Vielleicht doch, Rose! Du weißt nicht, was ich in deinem Hause entbehrt habe. Ich muß das Gefühl haben, zu etwas nutze zu sein! Sei mir nicht böse, Rose.«

Sie umfaßte die Hand der Kommerzienrätin, die einen Augenblick in Schweigen verharrte.

»In Gottesnamen, Kind,« sagte sie endlich spöttisch. »Jeder sucht das Glück da, wo er es zu finden glaubt, das ist Menschenrecht. Gelüstet es dich, Krankenpflegerin zu spielen, meinen Segen hast du. Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten! – Mich läßt du also allein!«

Ein Stocken, ein Zaudern – dann sagte Grete leise:

»Rose – da draußen ist jemand – er möchte dich gern sprechen – er ist ja nun ganz frei – willst du – willst du ihn nicht sehen?«

In ihrer schlanken Größe stand Rose Marie plötzlich da.

»Alten? – Nein! – Ob er frei ist oder nicht, das hat mit meinem Empfinden nichts zu tun. – Liebste Grete, ich gehöre nicht zu den bescheidenen Blumen am Wege, die sich brechen, fortwerfen und wieder aufnehmen lassen. Einmal nur das Bewußtsein, ich bin nicht mehr die erste im Herzen eines Mannes, und mein eigenes Empfinden stirbt daran, auf ewig … Sag Alten, ich laß ihn grüßen, sein ferneres Schicksal wird mich stets interessieren; aber wieder anknüpfen, was einmal zerrissen – nein!«

»Ja, Stolz ist das herrschende Gefühl in dir,« sagte Grete traurig.

»Wohl mir, daß es so ist! Etwas muß dir im Leben Panzer und Schild sein, willst du nicht eine Beute deiner eigenen Wünsche werden. Ich weiß an mir, wie schließlich alles sich wandelt – Denken, Empfinden, Anschauungen. An einer Stelle ist der Kern unseres Lebens zuletzt immer hohl … – Aber, Grete – du liebst ihn doch auch, den Mann, für den du bei mir wirbst, warum suchst du ihn nicht für dich zu gewinnen?«

»O, Rose,« rief Grete und preßte die Hände an die Brust. »Weshalb bist du so grausam. – Ja, ich liebe ihn, ich habe ihn immer geliebt, aber gibt mir das ein Recht, mich seinem Glück entgegen zu stellen?« »Glück!? – Geh und frage, was Viktor Alten unter Glück versteht,« sagte Rose spöttisch. »Immer nur das, was er nicht besitzt. – Weißt du, was ich in den letzten Tagen oft gedacht habe? – Gott sei Dank, daß ich keine Tochter habe. Was nützt es, Kinder zu haben und zu erziehen, wenn uns schließlich die Kraft versagt ist, sie auf Bahnen zu führen, die uns die Erfahrung als die besseren hat erkennen lassen. – Ob sie freilich die rechten sind? Wer kann es uns sagen! So lange wir leben, irren wir, und daß jeder auf seine eigene Weise irrt – das ist doch vielleicht unser Glück.«

Ihre großen, schimmernden grauen Augen blickten ins Weite, ein Hauch von Schwermut lag auf ihren noch immer hübschen Zügen, und Grete umschlang die schlanke Gestalt mit beiden Armen.

»O nein, Rose, Befriedigung in sich selbst ist das einzig wahre Glück.«

Rose Marie lächelte ein wenig.

»Das einzusehen haben wir Weltkinder leider keine Zeit,« sagte sie abwehrend, »und nimm mir's nicht übel, Grete, aber jedes Opfer seiner Person für eine Idee ist einfach Narrheit.«

Grete streichelte liebkosend die weiße Hand in der ihrigen. »Ich nähme so gern ein gutes Wort von dir mit, Rose,« sagte sie bittend.

Rose Marie drückte den dunklen Mädchenkopf an ihre Brust, ein feuchter Schimmer stieg in ihre Augen.

»Nimm das Glück und halte es fest, wo es dir begegnet, wie es dir entgegentritt,« sagte sie eindringlich. »Ich habe diese Kunst niemals verstanden, mir ist es immer davon geflogen. Aber freilich, ich habe auch kein entsagungsfähiges Herz gehabt. Leider! – Ja – leider!«

XXVIII.

Viktor Alten war nach Italien abgereist. – Dort, wo sein Lebensweg vor einigen Jahren sich zuerst aufwärts gewandt hatte, wollte er die Eindrücke der letzten Zeit loswerden, die in ihm nagende Unzufriedenheit mit sich und der Welt zurückgelassen hatten.

Der Bruch mit Rose Marie, den er zuerst so ungeduldig herbeigesehnt, machte sich ihm doch fühlbar; er hatte im Laufe der Zeit vergessen, was sie ihm eigentlich gewesen mit ihrem stets regen Geiste, ihren großherzigen Lebensanschauungen und dem scharfen, weltklugen Verstand.

Es gab Stunden, in denen er sich leidenschaftlich nach ihr zurücksehnte, doch scheute er eine Anknüpfung zu suchen.

Aber wenn er einsam unter Zypressen und Pinien wandelte, dann umspann seine Phantasie die Vergangenheit mit leuchtenden Fäden, und Reue quälte ihn.

Auch an Martha dachte er. Zweimal hatte sie verhängnisvoll in sein Leben eingegriffen. Er zürnte ihr nicht mehr, sein Blut war abgekühlt, noch ehe der Rasen sie deckte, aber mit Schaudern sah er den Wankelmut der menschlichen Natur, den er an sich selbst erfahren, und diese Erinnerung war nicht ohne Bitterkeit. Nur Grete – an sie dachte er gern, – Grete wurde ihm in der Erinnerung täglich lieber. Endlich schrieb er ihr auch einen langen Brief, in dem er mehr von seinem haltlosen Herzen verriet, als er beabsichtigte.

Auf diesen Brief aber kam keine Antwort.

Er begann zu arbeiten, aber er hatte das Gefühl, als fehle seiner Arbeit das lebendige Wort, der belebende Hauch, als wäre sie matt und stumpf wie seine Seele. Er sehnte sich nach Menschen, die ihn kannten, nach neuen Erfolgen, neuen Lorbeeren; aber er wollte nicht heimkehren, ohne eine Frucht seines Fleißes, und so entstand unter dem Blühen und Duften des südlichen Lenzes sein zweites Theaterstück: »Das Recht des Stärkeren«.

In einer Großstadt lebt man schnell. – Die wunderlichen, schreckensvollen Ereignisse des Winters waren fast vergessen. Rose Marie und Alten, die beiden Helden des Dramas, hatten die Stadt verlassen, Martha war tot; – kaum daß hin und wieder jemand noch von ihnen sprach. Andere Ereignisse kamen und verdrängten das Interesse an der Vergangenheit. –

Paul Herbert ließ das dramatische Theater prächtiger aufbauen als es vordem gewesen. ›Im Zeichen der Zeit‹ fiel dadurch auch der Vergessenheit anheim, und von seinem Dichter gelangte keinerlei Nachricht mehr in die Öffentlichkeit.

Plötzlich – über Nacht war der Sommer gekommen. – Ein heißer Wind wehte über die noch ziemlich kahlen Bäume und Sträucher, die Sonne brannte vom Himmel, als sei es in den Hundstagen, und die Herren trugen die Hüte in der Hand, die Stirnen waren feucht von Schweiß.

»Armer Freund!« sagte Gregor, der an einer mit Theaterzetteln und Bekanntmachungen bedeckten Anschlagsäule stand und seufzte. »Armer Freund! Der Himmel selbst ist gegen dich!« –

Dabei hingen seine Augen an dem Namen Martin Röhrs, der dort als Autor eines unter dem Titel »Alkante« neu angekündigten Schauspiels genannt war.

Die Alkante auf der Bühne! – Gregor hatte von Anfang an den Kopf dazu geschüttelt, seitdem Röhr ihn durch ein paar Zeilen in seiner eigentümlichen Schreibweise davon benachrichtigt hatte. Alle ersten Bühnen hatten sein Schauspiel abgelehnt, ein Theater dritten Ranges ihm endlich seine Pforten geöffnet.

Wie Röhr sich dazu hatte entschließen können, begriff Gregor nicht, und erst der heutige Morgen hatte ihm eine gewisse Aufklärung darüber gebracht.

Wieder hatte ihm Röhr geschrieben: »Ich fühle, daß du mich nicht verstehst, nicht begreifst, daß du ein Recht hast, mich zu tadeln. Glaube nicht, daß ich mir selbst untreu geworden bin, aber das Tier in uns ist manchmal Sieger im Kampf mit dem Geist. – Ich habe begreifen gelernt, daß Geld eine gute Sache sein kann, wenn es gilt, anderen Sorgen von der Seele zu nehmen, die so lächerlich klein und doch so gewaltig groß sein können, daß alles an ihnen zersplittert, selbst unsere Überzeugung. Die Alkante habe ich ihnen preisgegeben, aber wohin ist sie geraten! – Mittelmäßige Kräfte – mittelmäßige Ausstattung, ungünstige Theaterzeit. Und doch hängt gerade von einem bedeutenden Darsteller ab, ob Talente meiner Art überhaupt die Berechtigung zum Dasein haben. – Du siehst, ich bin auf jeden Ausgang vorbereitet und harre hier in Ruhe der Dinge, die mir beschieden sind.« –

Trotz dieser Resignation aber lag es Gregor schwer auf dem Herzen, wenn er an den Abend dachte. – Publikum und Kritik saisonmüde, und dann – ›Im Zeichen der Zeit‹ mit seiner unheimlichen Ähnlichkeit. – Er war sehr zufrieden, daß Martin Röhr die Reise nach der Hauptstadt gescheut hatte. – –

»Mein Gott,« sagte Füßlein, sich die Stirn trocknend. »Welch grauenhafte Hitze! Die drei Männer im feurigen Ofen haben auch nicht stärker geschmort als wir hier! Die ganze Premierengeschichte ist mir nachgerade zum Halse herausgewachsen!«

Dasselbe Lied sangen sie alle. Die ›Alkante‹ hatte von vornherein die Hitze gegen sich. –

Das Theater war klein, schlecht ventiliert, weit ab vom Mittelpunkt der Stadt, die Kräfte außerordentlich mäßig. Diejenigen, die von Amts wegen da waren, hatten am Ende nicht so unrecht, wenn sie ihrer Aufgabe grollten. Aber schon nach dem ersten Akt sahen sie sich erstaunt an und schüttelten die Köpfe. Das war ja derselbe Stoff, wie ihn ›Im Zeichen der Zeit‹ bot, zwar in anderer Gewandung und Fassung, aber doch zweifellos – unverkennbar. Freilich nicht so mundgerecht, so allen Anforderungen des modernen Geschmacks Rechnung tragend, als das Stück des dramatischen Theaters, aber trotzdem von einer geradezu verblüffenden Ähnlichkeit.

Im Foyer standen die Herren von der Kritik beisammen und wunderten sich rechtschaffen über das, was sie gehört hatten.

»Aber zugleich haben wir den besten Beweis, daß zwei Dinge, die sich auf ein Haar ähnlich sehen, doch nicht dieselben sind,« sagte Füßlein, sich vor dem nebelhaften Spiegel sein dunkles Bärtchen streichend. »Alten konnte sich eigentlich keine bessere Folie wünschen für seine Begabung, als dies elend langweilige Machwerk.«

»Ein Plagiat, nichts weiter,« sagte ein anderer, den letzten schalen Bierrest ausschlürfend. »Merkwürdig, mit welch eiserner Stirn manche Leute beglückt sind. Wie heißt denn der Verfasser? Röhr? Mir gänzlich unbekannt! – Nun Herbert? Wie gefällt Ihnen denn diese neue Version Ihres erfolgreichen Stückes?«

»Man wird es zu Grabe tragen!«

»Denken sie noch an Ihre Première, Herbert, zu Anfang des Winters?« fragte Füßlein. »Welch ein kolossaler Erfolg! Aber alle die Hauptteilhaber vom Winde verweht wie welkes Laub! Verschaffen Sie sich nur zum Herbst eine neue Arbeit von Alten; die zieht.« –

»Ich denke nicht daran! Nach meiner Meinung ist Alten gar nicht das Genie, das ihr in ihm seht. ›Im Zeichen der Zeit‹ war ein glücklicher Griff – wer weiß, woher ihm die Anregung gekommen ist.« –

»Seien Sie nicht so boshaft, Herbert,« sagte Füßlein und schob seinen Arm unter den des Schauspielers. »Ihr Groll gegen ihn, das weiß ich ja, stammt noch von der Norden her …«

Herbert zuckte die Achseln, ein häßliches Lächeln zog über sein Gesicht.

»Ach, lieber Freund, mir konnte es schließlich ganz gleich sein, wer ihr Mann war. Heiraten wollte ich sie ja nicht. Ebensowenig wie mich dies Stück aufzuregen vermag.«

»Was geht das überhaupt Sie an?« fragte Füßlein erstaunt.

»Hm! Es scheint mir doch die Frage, wer der erste Verfasser gewesen, dieser Röhr oder Alten.«

»Unsinn!« rief Füßlein betroffen. Und »Unsinn!« wiederholte er noch einmal halblaut, als schon der Parkettsessel unter ihm herabklappte.

Was im ersten Akt bereits in Erstaunen gesetzt hatte, wurde im zweiten zur Gewißheit; immer deutlicher trat die unheimliche Ähnlichkeit zwischen den beiden Stücken hervor. Auch im Publikum begann man aufmerksam zu werden, war doch kaum einer da, der nicht ›Im Zeichen der Zeit‹ gesehen hatte. Ein Strom schwatzender Menschen ergoß sich in der Pause des zweiten Aktes in die Büfetträume.

»Das ist doch eigentlich unglaublich; was soll man nur davon denken,« äußerte Füßlein erregt, der mit den Kollegen beisammen stand. »Die einfache Wahrheit ist, daß wir es mit einem Plagiat zu tun haben, weder sehr interessant, noch irgendwie amüsant – –«

»Aber voll Geist und Gedanken, wenn auch die Form verfehlt ist,« meinte Füßlein anerkennend.

»Gott, lieber Freund, was kommt es heutzutage viel auf Gedanken an, die Mache –, die Mache –, das ist das allein maßgebende, und darin hat sich unser Nachempfinder jedenfalls vergriffen …«

Die fette Stimme schwieg plötzlich, erstaunt sah sich der Mann um, es hatte jemand ihn heftig am Arm ergriffen.

»Ein Plagiat?« keuchte Martin Röhr, der von niemandem gekannt, aus irgend einem stillen Winkel zusah wie man sein Stück abschlachtete, mit blitzenden Augen und wogender Brust. »Herr – wie können Sie sich unterstehen und meine Ehre antasten!«

Er sprach laut und wild, – in dem menschengefüllten Büfettraum wurde es plötzlich still.

»Das Wort drängte sich mir auf, als wir Vergleiche zwischen der ›Alkante‹ und ›Im Zeichen der Zeit‹ zogen. Wahr zu sein ist unser Metier, mein Herr!« sagte der Kritiker mit Würde.

»Ein Plagiat! Ich – ein Plagiator!« Martin Röhr fuhr sich auflachend mit seinen schlanken, nervösen Händen durch das lange Haar. »Um das zu sein, müßte ich mich für geringwertiger halten als ich bin! – Und ist es mir nicht gegeben in eurer Sprache zu euch zu sprechen, so werde ich um des Beifalls halber, den ich entbehren kann, nicht unter die Possenreißer gehen! Aber ein Plagiat! – Wer wagt es, mich dessen zu beschuldigen?«

»Ich denke so ziemlich wie alle,« meinte einer der Herren kaustisch, »oder geben wir ihm einen anderen Namen, nennen wir es ein durch Monate getrenntes Zwillingspaar. Als Alten ›Im Zeichen der Zeit‹ schrieb, hat er sich wohl kaum eine solche Duplizität der Einfälle träumen lassen.«

Alten! – Der Name wirkte plötzlich abkühlend auf Martin Röhr.

»Ich kenne das in Rede stehende Stück nicht, meine Herren,« sagte er ruhiger. »Aber hier, mein Freund Gregor wird mir bezeugen, daß die Alkante schon vor etwa sechs Jahren entstanden ist.«

Nun sahen sie alle mit gespannten Mienen auf den grauhaarigen Mann, der unbeachtet an ein Tischchen gelehnt, mit den widersprechendsten Empfindungen auf die Urteile rings umher gehört hatte. Die alte, niemals ganz gestorbene Zuneigung für den jungen Freund kämpfte in diesem Augenblick einen schweren Kampf mit seiner Wahrhaftigkeit, er war sich klar, was jetzt ein Wort von ihm bedeute. Mußte denn gerade er es sein, der das Schwert der Vergeltung über dem Haupte dessen schwang, den er in dieser Sekunde mehr denn je liebte, trotz aller seiner Fehler? – Eine Ewigkeit schien es ihm, während der sie ihn alle anstarrten, und doch hatte es kaum einige Sekunden gedauert. Dicht vor ihm stand Röhr; er kannte es wohl, dies intensive Leuchten der blauen Augen, wenn der Mund seiner Welt- und Menschenverachtung Ausdruck gab. Was verschlug es schließlich dem, wie man ihn beurteilte; Viktor aber –, Viktor würde daran zugrunde gehen. – Röhr, das »hartnäckige Genie«, war aus anderem Stoff gemacht! Wenn er ihn nur eine Sekunde hätte allein sprechen können! Vielleicht, daß er dann mit dem Lächeln des Philosophen davon Abstand nahm, sich in den Augen derer zu rechtfertigen, die ihm so wenig galten; vielleicht, daß er dann nicht die Hand nach dem Lorbeer ausstreckte, den die urteilslose Menge ihm vorenthielt, den er schließlich doch verächtlich beiseite werfen würde, – um den aber Viktor alles geopfert hatte.

Aber es war ja keine Zeit dazu. – Alle standen sie aufhorchend, mit gespannten Mienen um ihn herum, und mitten hinein in die fast unheimliche Stille war es Gregor, als höre er den ehernen Schritt der Vergeltung nahen, um den begangenen Frevel zu rächen. Er mußte, so schwer es ihm auch fiel, der Wahrheit die Ehre geben. – Der alte Mann beugte das graue Haupt und sagte klanglos:

»Martin Röhr hat recht, – die Alkante ist seit sechs Jahren geschrieben.«

Wie ein Schwarm Spatzen flogen sie alle auseinander, nachdem sie die leisen Worte gehört hatten. Welch ein ausgiebiger Stoff! Welch eine Fülle von Material, um einen Nebenmenschen, der gewagt hatte, höher zu steigen wie die Mehrzahl, wieder zu sich in den Staub herabzuziehen.

»Das ist ja aber die Möglichkeit,« sagte Füßlein kopfschüttelnd, in dem zugigen Foyer neben Gregor auf- und abgehend.

»Sollte Alten wirklich diese Anleihe gemacht haben? Er besaß doch selbst genug, um aus sich heraus zu schöpfen.«

Gregor zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht! Wahrhaftig, in einer Zeit wie die unsere, die stets die vollste Anspannung der Denk- und Tatkraft erfordert, verwischt sich wohl leicht einmal die feine Grenze.«

»Hm! Es wird ihm viel Schaden für die Zukunft bringen.«

»Vielleicht – vielleicht auch nicht! En revanche wirft die Menge, die heute huldigend vor ihrem Götzen im Staube gelegen hat, morgen doch mit Steinen hinter ihm her. Der Kreis, in dem sich unser Sein bewegt, ist so klein, so eng; alles, was wir sehen, fühlen, empfinden, ist es denn etwas anderes als eine Reminiszenz?«

Füßlein drehte sein schwarzes Schnurrbärtchen. »Glauben Sie wirklich, Gregor, – ehrlich gesagt, – daß auch nur einer auf eine Entschuldigung sinnen wird? Ich glaube es nicht!« »Ich auch nicht!«

»Diese verwünschte Geschichte mit seiner Ehe hat ihm auch schon geschadet; dazu die Ver- und Entlobung mit der Kommerzienrätin! – Sie müssen mir zugeben, Gregor, wer ihm etwas anhaben will, findet dazu ausreichende Gelegenheit.«

»Davon bin ich überzeugt.«

»Ich fürchte, er muß noch büßen! – Gut für ihn, daß er heut abend nicht hier ist.«

Ja – gut für ihn, daß er nicht da war! – Sein Name klang auch heute von allen Lippen, aber anders wie vor einigen Monaten. – Das war ja ein geradezu sensationelles Ereignis! Altens berühmtes Theaterstück nicht seine Idee – von einem anderen entlehnt, der sich dagegen gewehrt hatte. – Kaum einer besaß die Gerechtigkeit, ihm das zu lassen, was er dabei aus eigenen gegeben und das damals die Menschen zur Begeisterung hingerissen hatte. – Es wurde einfach gerichtet! –

»Eine schauderhafte Situation,« sagte einer der Kritiker zum anderen.

Der zuckte die Achseln. »Wir können nichts tun, als uns an die Wahrheit halten. Zum Teufel! Mag Alten die Suppe ausessen, die er sich eingebrockt hat.«

»Unerhört!« sagte Herbert voll Entrüstung. »Unerhört! Mein Theater ist durch diesen Skandal gebrandmarkt.«

»Als ob das nicht völlig die goldene Ernte aufwiegt, die er durch ›Im Zeichen der Zeit‹ gemacht hat,« flüsterte hinter ihm jemand spöttisch seinem Nachbar ins Ohr.

»Dem Röhr, dem armen Teufel, fehlte nur eine Kommerzienrätin Murner; ja, man soll die Frauen nicht unterschätzen,« rief von irgendwoher eine lachende Stimme. »Die wenigstens, die verstand es! Schade, daß ich nicht Dichter bin.«

»Sie schlug gewaltig Reklame für ihn, so lange sie ihn für unbeweibt hielt; nun – das Blatt hat sich ohnehin gewandt. Ich bin doch neugierig, wie er selbst sich verhalten wird.«

Nachdenklich und allein ging Füßlein in seine Redaktion. Ihm war es höchst unbehaglich, die Stimme gegen Alten erheben zu müssen, und er wußte auch ganz genau die Folgen, die dieser Umschlag der öffentlichen Meinung für ihn haben würde. Dabei konnte er nicht hindern, daß ihm immer wieder jener Augenblick vor seine Erinnerung trat, als er in Altens Abwesenheit das halbvollendete Szenarium gefunden und Rose Marie davon unterrichtet hatte, obgleich der Autor so heftig widerstrebte. Warum? – Damals hatte er nicht begriffen, es für Künstlerlaune gehalten! – Heute ging ihm eine Ahnung des Kampfes auf, der in Altens Seele getobt haben mochte. – Wenn er damals nicht das Prävenire gespielt hätte – wenn statt seiner vielleicht Gregor dazu gekommen wäre? …

»Der Mensch ist wirklich nichts weiter als Material, das Leben, die Ereignisse erst dessen Bearbeiter,« dachte Füßlein. – Daß man Alten so schnell verdammte, schien ihn beinahe mit zu treffen; und obgleich Viktor ihm eigentlich kein besonderer Freund gewesen, fühlte er sich doch tief verstimmt.

Dabei kam er denn zu demselben Resultat, das einst Viktor Alten ersonnen, als er sein Gewissen beruhigen wollte: So packend war bei längerem Nachdenken die Ähnlichkeit der beiden Stücke gar nicht. Lebenswarm fühlend und handelnd standen die Menschen da, die Viktor Alten gezeichnet, während Röhrs Gestalten sich in nebelhaften Umrissen verloren. Warum sollten nicht beide dasselbe sagen können, wenn es jeder in seiner Weise tat! Sehen wir doch auch alle die Sonne, und jedem ist erlaubt von ihr zu erzählen. – Aber er kannte die Welt – und deshalb seufzte er. – –

Gregor und Röhr waren stumm miteinander ins Freie getreten, ehe die Alkante ganz zu Ende. Es war eine heiße, dunstige Nacht. Der Himmel bedeckt mit schwarzem Gewölk.

Martin Röhr war sehr ruhig über seinen Mißerfolg, er lächelte leise vor sich hin, dicht vor dem Theater drehte er sich noch einmal um und sah auf den Bau, der seine dunkle, von hellen Lichtern durchzogene Masse aus dem Straßengewirr heraushob. Fast spöttisch glitt sein Auge darüber hin; und indem er den Hut abnahm und mit der schlanken Hand durch sein buschiges Haar fuhr, sagte er: »Dir und all denen, die mir gezeigt haben, daß mein Platz nicht bei euch sein kann, euch wende ich immer voll Verachtung den Rücken.«

»Wenn du das willst,« fuhr da Gregor plötzlich heftig auf, »warum gabst du denn Viktor preis?«

Martin Röhr sah ihn verwundert an.

»Sollte ich mir eine Unwahrheit nachsagen lassen und noch stolz auf den Flecken sein, den sie mir zufügten?«

»Was liegt dir an dem Urteil der Menge, die du verachtest, Viktor aber ist sie Lebenslust geworden; der heutige Abend wird ihn zerschmettern.«

»Ich habe nach Recht gehandelt,« sagte Röhr langsam. »Das Recht mag brutal sein, aber es bleibt einmal die einzige Moral in dieser erbärmlichen Welt.«

XXIX.

Viktor Alten war in Verona. Er fand auch jetzt noch nirgends Ruhe vor seinen eigenen quälenden Gedanken. Das Heimweh, die Sehnsucht nach irgend etwas, das ihn mehr befriedigte als dies zwecklose Herumreisen, ließ ihn nicht los. Er sehnte sich mehr denn je nach einem Menschen, der in Liebe zu ihm hielt, in guten und bösen Tagen. Er hatte ja viel in seinem Leben erreicht – und doch – wenn er jetzt fern und einsam darüber nachsann, kam es ihm vor, als sei alles doch nur nichtig gewesen. Ruhm und Gold, – was nützten sie ihm in diesem Augenblick, wo er sich einsam und verlassen fühlte, wo das alte Gefühl von Unzufriedenheit und Leere stärker denn je in ihm erwacht war. »Ich glaube, ich werde vor der Zeit alt,« dachte er resigniert. »Das Leben, das einst mir allein erstrebenswert erschien, fängt an, jeden Reiz für mich zu verlieren. Ich komme schließlich zu der Überzeugung, daß auch uns Männern auf die Dauer äußere Erfolge und Zuckerbrot nicht genügen. Das, was tief innen in uns sitzt, dem wir in den Stunden der Einsamkeit nicht entgehen können, verlangt schließlich sein Recht, sobald der Rausch vorüber ist. Zuweilen kommt es mir vor, als wäre ich am glücklichsten gewesen, als ich noch an meine Ideale glaubte, – fünf Treppen, unter dem Dach, arm und unbekannt, aber voller Illusionen.« –

Er hatte den Kellner nach einer deutschen Zeitung geschickt. Gedankenvoll blickte er über die Spalten. Er seufzte! Der alte Mißklang zwischen Wunsch und Erfüllung überkam ihn wieder und mit ihm eine unendliche Müdigkeit. Das war die Last des Daseins, vor der die menschliche Natur in den seltenen, furchtbaren Stunden der Erkenntnis erschauert; ohne rosigen Hoffnungsschleier, ohne treibende Wünsche – nichts anderes als das leere Nichts, die Qual des Seins, ohne Wunsch – ohne Traum. –

Würde ihn das nun immer begleiten, dieses Gefühl namenloser Sehnsucht, dies Unbefriedigtsein mit dem Errungenen? –

Mechanisch glitt sein Auge über die Theaternotizen, und plötzlich verfärbte sich sein Gesicht.

Die »Alkante« war aufgeführt!

Als er die ersten Worte las, die einen totalen Mißerfolg bestätigten, kroch ein Empfinden von Selbstanklage ihm durch die Adern, und gleichzeitig die Sorge, daß man Vergleiche gezogen zwischen seinem Stück und diesem. Ein Mißerfolg! – Woran lag es denn, daß er reüssiert hatte, Röhr aber nicht? – Hatten die Leistungen der Schauspieler Einfluß genug, um trotz der Dichtergröße Leben oder Tod zu bringen? War es Rose Marie gewesen, die ihn inspiriert und vielleicht – seinen Erfolg inszeniert hatte? Würde es ihm ohne sie nun auch so gehen wie seinem Freunde Röhr?

Nein – tausendmal nein! Die Kraft, die ihn durchströmte, war echtes Feuer; er fühlte es in diesem Augenblick mehr denn je. Den Weg ebnen konnte man ihm wohl, die Schöpferkraft aber war sein eigenster Besitz.

Armer Röhr! – Die Freunde hatten ja immer gewußt, daß er, trotz seiner seltenen Geistesgaben, nicht für die Öffentlichkeit tauge. Es gehört auch ein gewisses Anpassungsvermögen dazu, ein Biegen, ein Sichschmiegenkönnen, das dem hartnäckigen Genie versagt war. Starrsinn allein bringt nichts vor sich. –

Und während er so dachte, kam es ihm vor, als hätte die Aufführung der Alkante ihn erst von jedem Unrecht freigesprochen; seine Schöpfung lebte, der Erfolg war auf seiner Seite gewesen. Röhr hatte das alles gefehlt. Vox populi – vox dei! Er hatte genommen, was niemandem gefiel und etwas daraus geschaffen, an dem man sich erfreute! – Konnten seine Freunde, konnte selbst Röhr ihm einen Vorwurf daraus machen?

Er las weiter. Füßleins Stil war ihm vertraut genug, um seine Feder sofort zu erkennen – aber plötzlich wehte ihm etwas aus den Zeilen entgegen, das ihn eisig und vorwurfsvoll berührte. Nur angedeutet war der Vorfall im Theater, der Augenblick, wo der Dichter es übernommen, für seinen gefährdeten Namen einzutreten; aber es stand da, schwarz auf weiß – nicht wegzuleugnen. Ein Plagiat – und er – er der Verdächtigte! –

Gewaltsam stieß er die Zeitung zurück, helle Röte schoß ihm ins Angesicht. – Und doch hatten sie nicht recht damit! – Dasselbe kann heute, morgen, übermorgen passieren, und es ist doch nicht dasselbe! Dasselbe kannst du sagen so oft du willst, und es ist doch nicht dasselbe! Die Empfindungen, die dich beherrschen, die äußeren Verhältnisse verändern es völlig. – Nein, sie hatten nicht recht! – –

Aber der Geschmack an der lauen italienischen Nachtluft war ihm vergällt. – Füßlein war sein guter Freund – wie würden die anderen erst schreien!

Das Mißbehagen in ihm wuchs, während er seinem Hotel zuschritt; er hatte nur einen Drang: nach Hause! Auge in Auge mit Röhr, Auge in Auge mit allen denen, die ihm jetzt seinen Ruhm nehmen wollten, würde er eintreten für das, was er getan, dafür kämpfen mit allen Waffen, die er nur finden konnte.

Auf dem Tisch seines Zimmers lag ein Brief Gregors und ein Paket Papiere. Er wußte nach dem ersten Blick, daß es die Kritiken der »Alkante« enthielt. Mit fetten, schwarzen Buchstaben grinste ihm zu oberst die »Morgenröte« entgegen. Nur widerwillig entfaltete er sie, mit einem Gemisch von Zorn und Ekel las er den hämischen Bericht. Keinem dieser Leute hatte er jemals etwas zuleide getan, und doch schlachteten sie mit Behagen seinen guten Namen und wiesen wiederholt darauf hin, daß ein Mann, der sich vor der Welt als ein solcher Virtuose der Verheimlichung gezeigt habe, wie es in bezug auf seine Ehe mit der Norden geschehen sei, sich nicht wundern dürfe, wenn man ihn auch in allen anderen Dingen danach beurteile.

»Gar mancher,« hieß es zum Schluß – »versteht meisterlich, ein paar erborgte Krücken sich zuzulegen und die Mitwelt glauben zu machen, seine eigene Kraft befähige ihn, so fest auf dem bevorzugten Platze zu stehen – bis endlich ein unerwarteter Zufall die dreiste Anleihe enthüllt.«

Viktor knitterte die Zeitung zusammen und warf sie auf den Boden; ihm war die Lust zu weiterer Lektüre vergangen. Nur mit Überwindung öffnete er noch Gregors Brief, der für ihn nun nichts wesentlich neues mehr enthielt. Nur ein paar Worte gaben ihm zu denken. »Jede Unwahrheit, selbst ein stillschweigendes Zulassen muß gebüßt werden; das ist einmal das eherne Gesetz der Moral,« schrieb der alte, grauhaarige Mann, in dessen Leben sich kein einziger dunkler Fleck befand. »Wenn du noch dazu die Kraft in dir fühlst, so komme zurück.« –

Zwei Tage später trat Viktor Alten, direkt vom Bahnhof kommend in Gregors Zimmer.

All die so lange schweigend aufgespeicherte Erregung brach sich bei dem Anblick des Freundes Bahn. Schon in der ersten Stunde redete Viktor sich die Sophistereien vom Herzen herunter, die er so sorgsam ausgegrübelt hatte, um vor sich selbst gerechtfertigt zu sein, und von denen er annahm, daß sie auch seinem Freunde genügen müßten. Er horchte sehnsüchtig auf dessen erstes zustimmendes Wort.

»Und wenn das alles wahr ist, was du sagst, und wenn sie dich wirklich nur verleumdet hätten,« sagte Gregor kopfschüttelnd, »glaubst du, daß es so leicht ist, den Ruf eines, wenn auch unschuldig Verdammten, wieder herzustellen? Wenn die Welt die Wahl hat, von zwei Meinungen eine zu glauben, sie wählt die schlechtere. Da es nun einmal so ist, was wunderst du dich?«

Viktor trat ganz nahe an ihn heran und legte ihm die Hände auf die Schultern.

»Gregor, alter Freund, du sprichst immer nur von den anderen, was sagst denn du selbst?«

Der alte Mann strich sich mit unwirscher Miene die grauen Haare fest. »Du hast unrecht getan, und die einfache Gerechtigkeit fordert eine Sühne. Geh mir mit all den Sophistereien, weiß ist weiß, schwarz ist schwarz.«

Schwer setzte sich Viktor auf den nächsten Stuhl.

»Also gerichtet!« sagte er tonlos. Und das ganze luftige Kartenhaus von Gründen und Gegengründen, das er sich so sorgsam aufgebaut, fiel in Trümmer.

Mit schrägem Blick streifte ihn Gregor.

»Da du aber einmal gefehlt hast, so sei deine Buße ein selbständiges, besseres Werk.«

»Ich habe es wenigstens versucht; kaum acht Tage Arbeit noch, und mein Stück ist fertig,« sagte Viktor. Er hob wieder zuversichtlicher den Kopf. »Ich weiß, es ist gut.«

»Und damit wirst du die Menge wieder für dich haben. Heute ruft sie: Steinige – steinige! Morgen – Hosianna!«

»Wie erbärmlich dann, um solchen Wankelmut zu buhlen!« Viktor sprach es verächtlich. »Wozu denn überhaupt jedes Streben in der Welt! Genuß sollte unser einziges Losungswort sein, und wenn schließlich die Sinne versagen – dann der Tod. Das wäre das einzig Positive, um das es sich zu leben lohnt.«

Gregor lächelte spöttisch.

»Deine Blasiertheit sitzt dir wie ein weiter Rock, du drapierst ihn zwar nach Kräften, aber unversehens guckt der alte Viktor Alten doch wieder hervor. Die Ideale sterben nicht so leicht, mein Sohn, und so lange du an ihnen die Welt missest, wird es dir schlecht ergehen.

Wie Reif war der Vorgang bei der Aufführung der »Alkante« auf die Beziehungen gefallen, die Alten noch mit seinen früheren Kreisen unterhalten hatte. Vielleicht bildete er sich das zum großen Teil ein, aber jedenfalls litt er ebenso sehr darunter, als wenn es Wirklichkeit gewesen. Er hatte Füßlein in seiner Redaktion aufgesucht, es aber unglücklich getroffen, denn der war gerade sehr beschäftigt und konnte nur mit halbem Ohr hinhören, als Alten von seinem neuen Stück gesprochen. Was er halb und halb gehofft hatte, eine Notiz darüber im Feuilleton zu lesen, blieb jedenfalls aus, und voll grollender Bitterkeit zog er sich nun ganz von all seinen früheren Bekannten zurück. In seinem sensitiven Empfinden kam es ihm vor, als sähen sie alle in ihm nur noch eine gefallene Größe. Sein »Recht des Stärkeren«, das wußte er zuversichtlich, würde ja der Hebel sein, durch den er sich mit einem Schlage wieder emporschwang. Daß ihm aber drastisch vor Augen geführt wurde, auf wie tönernen Füßen doch all die Errungenschaften der letzten Zeit gestanden, auf die er so stolz gewesen, nahm dem Blick in die Zukunft allen Reiz.

Öfter denn je fragte er sich: Wozu?! Nie im Leben wirst du völlig ausgefüllt werden von dem, was du jetzt an all seiner Nichtigkeit erkannt hast. – – –

In einer solchen Stimmung war es, daß er, sich auf die Straßenbahn schwingend, unter den Mitfahrenden Grete erkannte.

Sie trug das schlichte Kleid des Hospitals, in das sie eingetreten war, und die Kopfbedeckung mit dem schmalen, schneeweißen Streifen daran, der ihr dunkles Haar noch mehr hervorhob. Es schien ihm, als hätte er noch nie Muße gehabt, ihr feines Gesicht so eingehend zu studieren, als müsse er sich ordentlich satt trinken an dem Ausdruck des Friedens und der jungfräulichen Reinheit, die diese Züge wiederspiegelten. War sie glücklich geworden in dem selbsterwählten Beruf? Hätte Rose Marie, hätte Martha je diesen frommen Frieden auf dem eingeschlagenen Wege erreichen können? So viel ihnen auch das Geschick in den Schoß geworfen, das Ende würde immer das gleiche gewesen sein: Unbefriedigte Resignation! –

Sprachen Gretes liebliche Züge auch von Resignation? Wenn es der Fall war, so konnte sie weder bitter noch schmerzlich sein. Ihr Auge blickte so klar und zufrieden, fast fühlte er etwas wie Neid in sich aufsteigen. Und dann – dann fiel ihm ein, daß er einmal geglaubt hatte, sie liebe ihn – und in diesem Augenblick schämte er sich dessen. Wie hätte sie ihn, den Haltlosen, stets seiner Phantasie nachjagenden Mann lieben können, da doch eine solche Fülle von Kraft in ihr lag, daß sie unbeirrt ihren Weg gefunden hatte, trotz der schäumenden Lebenswogen, die sie in Rose Mariens Haus umrauscht hatten.

An einer Haltestelle erhob sich Grete und trat auf den Hinterperron heraus. In diesem Moment erst gewahrte sie Alten, den sie noch in Italien glaubte. Ein heißes Rot stieg in ihr Gesicht.

»Herr Alten!« stammelte sie fast tonlos.

Er sprang mit ihr vom Wagen und bot ihr auf der Straße stehend, die Hand.

»Lassen Sie mich Sie begrüßen, Fräulein Grete,« sagte er. »Ich hatte oft Sehnsucht nach Ihrem Gesicht! Geht es Ihnen gut?« –

Sie lächelte ein wenig, sein Ton hatte so zweifelnd geklungen, und wie eine stürmische Frage tauchte es in seinen Augen auf.

»Sehr! Ich bin zufrieden. Kann man mehr von sich sagen?«

»Wenn ich es Ihnen nicht angesehen hätte, würde ich es kaum glauben.«

»Unterschätzen Sie nicht das Bewußtsein, nützlich zu sein!« sagte sie ernst. »Bei Rose Marie kam ich mir trotz aller ihrer Güte und Liebe stets unnütz vor; jetzt ist das anders, und ich arbeite gern.«

»Gab es für Sie im Leben nichts anderes zu tun als dies?« fragte er und sah sie an. »Es kommt mir vor, als wäre diese Stellung doch nur ein gewaltsames Heilmittel gewesen.« Wieder errötete sie langsam, und ihre Stimme zitterte ein wenig.

»Wenn alle Gewaltmittel so einschlagen, darf jeder Patient dankbar sein; ich bin ganz glücklich – ganz wunschlos, Herr Alten.«

Ihre Versicherung verursachte ihm fast Pein, das alte Ungestüm regte sich wieder.

»Sie sind ein kristallklares, aber blutloses Wesen, Grete,« sagte er fast spöttisch. »Sie reizt nichts zum Zorn, nichts zur Liebe – unbeirrt gehen Sie Ihren Weg.«

Die Lippen ein wenig aufeinandergepreßt, sah sie still vor sich hin.

»Haben Sie Zeit?« fragte er, auf eine Bank unter blühendem Flieder deutend. »Nur einen kurzen Augenblick aus alter Freundschaft! – Wo kommen Sie her?«

Sie setzte sich, ihre Knie zitterten ein wenig. Nach einer anstrengend durchwachten Nacht war ihr dies Wiedersehen zu plötzlich gekommen, es hatte alles in ihr aufgerührt, was sie still begraben glaubte.

»Von einem Gestorbenen,« sagte sie leise.

Er stieß mit dem Stock in den Sand.

»Nun ja, Fäulnis, Verwesung, ewige Leere, ewiges Schweigen ist das Ende aller Dinge! Lohnt es sich darum zu leben? – Weshalb beantworteten Sie meinen Brief nicht, Gretchen?« –

Sie senkte den Kopf, er sah nur noch die blasse, glatte Haut der Wange, über die Sonnen- und Schattenreflexe huschten.

»Weil es mir weh tat, Ihnen keinen Trost geben zu können,« sagte sie endlich. »Wir können uns nicht verstehen, zwischen uns liegt die Welt.«

»Zuweilen aber, in einsamen Stunden, trägt meine Sehnsucht mich über sie hinaus, und dann, Grete, dann müßte ich Ihnen wohl einmal begegnen.«

Ehe sie antworten konnte, lachte er auf, und das schloß ihr den Mund. Nach einer Pause erzählte er ihr in einer Art, die halb zornig, halb spöttisch war, von der Alkanteaufführung und deren Folgen.

»Ich weiß es,« sagte sie ruhig, erwähnte aber kein Wort davon, daß Rose Marie ihr geschrieben und in welcher Art. – »So, Sie wissen! – Nun, was sagen Sie?« –

Er hatte den Arm auf die Lehne der Bank gestützt und sah forschend in ihr Gesicht. In all dem schattenlosen Licht ringsum sah sie bleich und erschöpft aus, die Erregung des Wiedersehens war gewichen. – »Es scheint mir, daß Sie ein – unverzeihliches Unrecht begangen haben, Herr Alten.«

Er mußte wohl eine andere Antwort erwartet haben, seine Brauen zogen sich allmählich finster zusammen, er nagte an der Unterlippe.

»Schnell bereit mit einem verdammenden Urteil – wie immer!« sagte er fast wegwerfend. »Geschieht mir recht, – ich kenne ja Ihre Intoleranz gegen mich.«

»Röhr war Ihr Freund – er vertraute Ihnen,« sagte sie und sah ihm furchtlos in das Gesicht.

Er hatte einen kleinen dürren Zweig aufgehoben, der auf der Bank gelegen, bog ihn hin und her, und als er brach, warf er ihn ungestüm zu Boden.

»Ich will vor Ihrem kritischen Bedürfnis durchaus keine Sonderstellung für meine Person beanspruchen,« sagte er kühl. »Verdammen Sie mich also – und – leben Sie wohl, Fräulein Grete.« –

Er ging, und sie sah ihm nach. – Es war noch dieselbe elastische, hochaufgerichtete Gestalt, derselbe Mann, den sie so innig – ach, noch immer so innig – liebte! Er zürnte ihr jetzt – sein verbittertes Gemüt hatte Trost bei ihr gesucht; das begriff sie auf einmal wie eine Offenbarung, aber statt der erhofften Teilnahme hatte sie ihn mit ihrem gerechten, aber mitleidslosen Urteil getroffen, – sie, die ihn noch liebte – die zu ihm hätte stehen sollen …

»Und ich konnte doch nicht anders!« sagte sie endlich, die Hände ineinander legend. »Ich konnte nicht anders!«

XXX.

Viktor Alten beneidete seit einiger Zeit die Droschkenschofföre um den gesegneten Schlaf, mit dem sie der Mittagssonne ebenso trotzten, wie der monddurchhellten Sommernacht; ihm begann er immer mehr zu fehlen.

Zuerst schob er es auf seine Verstimmung, dann auf die Hitze, endlich aber gestand er sich ein, daß das wochenlange Warten auf Nachricht über sein Stück, ihn so rastlos und unwirsch machte. Daß man ihn warten ließ wie einen unbekannten Neuling, ihn, den Helden der vergangenen Saison, dessen Name doch überall den Erfolg verbürgen mußte, das begriff er nicht. Natürlich hatte er es an ein anderes Theater der Stadt gegeben, dessen Direktor ihn im vorigen Winter oft und oft darum angegangen hatte, wenn sie sich im Hause der Kommerzienrätin getroffen. Damals hatte er achselzuckend und lächelnd die Bitte abgeschlagen; jetzt aber, seit er an dem Stück »Das Recht des Stärkeren« schrieb, hatte er sich stets mit Genugtuung der lobenden Worte des Direktors erinnert. Nicht er würde unter dem Zerwürfnis mit Herbert zu leiden haben, für den war der Schlag viel empfindlicher, wenn er einen Autor wie ihn verlor.

Viktor Alten hatte nur ein Ziel vor Augen.

Wenn er, losgelöst von allen bisherigen Beziehungen, an einem fremden Theater mit einem neuen Stück, dieselben Lorbeeren erntete wie im vergangenen Winter – dann würde er in den Augen aller völlig entsühnt sein, durfte den Kopf stolzer heben, fester war ihm dann der Boden unter den Füßen.

Er sehnte sich nach dieser Genugtuung; von Tag zu Tag schien ihm der Druck unerträglicher, der jetzt auf ihm lastete; es war ihm unbegreiflich, daß man ihn so lange warten ließ, sein Stück war doch gut, die feste Überzeugung hatte er.

Eines Morgens brachte der Postbote ihm ein als Wertsendung deklariertes Paket. – Sein Stück!

Er erblaßte, als er den Umschlag löste. Das hatte er gar nicht in Betracht gezogen, nicht für möglich gehalten. – Ein sehr höflicher, aber völlig nichtssagender Brief lag dabei. Der Direktor bedauerte aufrichtig; zu viel vorhandenes Material, ungeeignete Kräfte; – er müsse leider darauf verzichten, das Stück für seine Bühne zu erwerben.

Viktor biß die Zähne aufeinander. Eine dunkle Ahnung von der wirklichen Ursache der Ablehnung tauchte in ihm auf. Man scheute sich, seinen Namen vor das Forum der Öffentlichkeit zu stellen, man fürchtete das Publikum, die Kritik – weiß Gott wen.

»Feiglinge!« sagte er laut und schlug dröhnend mit der Hand auf den grauen Pappdeckel. Seine großen, dunklen Augen verloren für einen Augenblick allen Glanz, als lösche man hinter ihnen ein Licht aus.

Aber er wollte nicht dulden, daß man ihm die Möglichkeit nahm, zu beweisen, daß er schaffen konnte, trotz der Qualen der letzten Zeit, daß es kein Diebstahl gewesen, den er damals begangen.

Er griff nach seinem Hut, um den Direktor persönlich aufzusuchen; eine Sekunde darauf legte er ihn wieder aus der Hand.

Sollte er etwa betteln? Nein! Er hatte das nicht nötig, er nicht; in ihm schlummerte die Schöpferkraft, die jene reich machte, und wenn sie ihn abwiesen, war es nur ihr eigener Schade. Er würde es tragen.

Mechanisch blätterte er in dem zurückgekommenen Manuskript; aus jeder Zeile leuchtete ihm das befreiende Selbstbewußtsein entgegen, daß sie gut war. – Nicht eine Minute zweifelte er an sich selbst.

Und unter diesem Gefühl setzte er sich hin und schrieb einen kurzen, höflichen Brief an den Direktor einer zweiten Bühne, sein letztes Geisteskind beifügend.

Ein melancholisches Lächeln zog über sein schönes, ernstes Gesicht. »Wie sich doch die Zeiten ändern!« dachte er unwillkürlich. An dieses noch so junge, erst im Werden begriffene Institut hatte er kaum jemals gedacht. – Nun überschlug er im Geiste den Vorteil, den es dem Leiter dieser Bühne bringen würde, mit einem wirksamen Stück, das seinen Namen trug, die Saison zu eröffnen. Das hatte sich der gewiß nicht träumen lassen! Und wie würde Herbert sich ärgern, wenn das Konkurrenzunternehmen mit dem ersten Schlage ihn so weit überflügelte.

– – – Diesmal brauchte er nicht so lange zu warten.

Kaum zwei Wochen später lag das »Recht des Stärkeren« heimgekehrt wieder auf seinem Pult.

»So schwer es mir wird, auf die Erwerbung ihres Stückes verzichten zu müssen,« schrieb der Direktor, »sehe ich doch leider keine andere Möglichkeit vor mir. Ihr Stück verspricht viel, vollen Erfolg; aber ich wage es trotzdem nicht. Die Gründe brauche ich Ihnen wohl nicht erst klarzulegen …«

In ohnmächtigem Zorn schlug Viktor mit der geballten Faust auf das Manuskript. Dann überfiel ihn jäh Entmutigung, einsam saß er da, den Kopf an die Lehne des Sessels gepreßt. – Waren sie wirklich vorüber, die Tage des Glanzes und Ruhmes? Durften sie ihn richten, weil er nichts anderes getan, als etwas zum Leben erweckt hatte, das zwar ein anderer zuerst erdacht, ihm aber den Pulsschlag der Daseinsfähigkeit nicht zu geben vermocht hatte? – Er dachte an seine Kämpfe, an sein Widerstreben – und abermals schrie es in ihm auf: zu hart! zu hart! –

Er trocknete sich die Stirn. Ein nie gefühltes Mitteilungsbedürfnis überkam ihn plötzlich; er ging zu Gregor.

»Komm mit, wir wollen spazieren gehen, in der Stadt ist die Luft unerträglich,« sagte er mit so verstörtem Wesen, daß der Freund ihn betroffen ansah.

»Was hast du?« fragte er in seiner kurzen Art.

»Ich?« Viktor warf den Kopf in den Nacken. »Lohnt es sich wirklich, davon zu sprechen? – Ist es nicht eigentlich zum lachen? – Zum lachen!« – Aber sein Ton klang anders als seine Worte, matt und hoffnungslos.

»Du hast dein Stück zurückbekommen,« sagte Gregor ruhig und setzte sich den alten zerknüllten Schlapphut auf den kahlen Kopf.

»Wer hat dir das gesagt? Pfeifen es etwa schon die Spatzen von den Dächern?« fuhr Viktor auf.

»Dein Gesicht und – meine Ahnung! Aber nun höre einmal auf mich.«

Sie gingen schweigend durch die sonnendurchglühten, staubigen Straßen. Im Park vor der Stadt mußte es kühler, dunkler und stiller sein als hier. Viktor drückte die Hand an den schmerzenden Kopf. Da stießen sie unerwartet auf Füßlein, der ihnen entgegenkam.

»Na ja, Glück muß der Mensch haben,« sagte er munter. »Eben wollte ich zu Ihnen, Alten, und Sie zu einem Spaziergang abholen; da laufen Sie mir, noch dazu beide, über den Weg.«

»Sie – mich?« fragte Viktor mißtrauisch. Er sah schon seit längerer Zeit in jedem früheren Bekannten seinen Feind. »Das ist mir mindestens unerwartet.«

»Aber hoffentlich nicht unwillkommen.«

Unerwartet durfte es Alten schon sein. Füßlein hatte sich allerdings in letzter Zeit merklich von ihm zurückgezogen, und vielleicht weil dem Redakteur darüber etwas das Gewissen schlug, war er jetzt doppelt liebenswürdig.

»Ich wollte mich eigentlich halb und halb von Ihnen verabschieden, Alten,« sagte er. »In der nächsten Woche verreise ich, will mir einmal die Mitternachtssonne etwas vorscheinen lassen. Sie sollten auch etwas Ähnliches beginnen. – Sie sehen miserabel aus.«

Viktor zog sein Tuch und trocknete die Stirn, während er etwas Unverständliches murmelte; dabei fiel aus seiner Rocktasche der zerknitterte Brief des Theaterdirektors auf den Kies des Parkweges. Füßlein bückte sich und hob ihn auf, als er ihn Alten reichte, fiel ihm deutlich die Unterschrift in die Augen.

Der hatte den Vorfall erst bemerkt, als er Füßleins Blicke auf dem Namen ruhen sah. Gereizt, wie er durch seinen körperlichen Zustand war, schoß ihm ein Blutstrom in das Gesicht, seine Augen funkelten.

»Pardon,« sagte Füßlein, »es war nicht meine Absicht, in Ihre Angelegenheiten zu dringen.«

»Aber da es nun einmal geschehen ist, freuen Sie sich – freuen Sie sich, wie die ganze Meute, die ihr an meine Fersen geheftet habt!« rief Viktor heftig.

Unter einem dunkelbelaubten Baum stand eine Bank völlig im Schatten, auf die zeigte Füßlein.

»Setzen wir uns, Alten. – Da wir doch einmal, gegen meine eigentliche Absicht, auf dies Thema gekommen sind, will ich Ihnen ehrlich und freundschaftlich meine Meinung sagen. Ich weiß, daß man Ihnen Ihr Stück zurückgegeben hat, unbeschadet seines Inhalts, – und ich muß mich vernünftigerweise auch auf die Seite der Vorsichtigen stellen. Das Publikum ist unberechenbar. Wer steht Ihnen dafür, daß nicht einige Übelwollende, Skandalsüchtige sich veranlaßt fühlen, Ihnen gegenüber die Rolle der Nemesis zu spielen? So tolerant wir uns meist selbst beurteilen, so gern und willig sind wir bereit, an andern einen Schritt vom Wege ›streng aber gerecht‹ zu verurteilen. – Es war ein heilloses Unglück, daß die Geschichte öffentlich wurde; vertuschen läßt sich nicht viel. – Nehmen wir einmal an, Ihr nächstes Stück schlägt wieder ein; glauben Sie, man läßt Ihnen dann kampflos den Lorbeer? Da verdächtigt und verleumdet man Sie erst recht nach Herzenslust und reißt so lange an den vermeintlichen falschen Federn, bis ein Stück Herz mit zum Teufel gegangen ist. Aber was kümmert das diese stolzen Gerechten! – Und wie soll sich die Kritik zu Ihrem neuen Werk stellen? Lobe ich es, weil es wirklich gut ist, so verdächtigt man mich als Ihren Freund, lobe ich es nicht, weil es mir nicht gefällt, so sind Sie erst recht geliefert. Die süße ›Morgenröte‹ läßt sich natürlich keine Seite der Sache entgehen. Jawohl, die Presse ist eine Macht, aber manchmal kommt sie mir vor wie ein auf beiden Seiten geschliffenes Schwert, mit dem man sich leicht selbst verwunden kann. Und um dem Faß völlig den Boden auszuschlagen, drückt mich der Anteil, den ich ahnungslos an Ihrem – na, sagen wir ehrlich – Unrecht genommen habe. Man sah Ihnen damals ja die Gewissensnot an.«

»Es hat mich viele – viele bittere Stunden, viel Kampf und Qual gekostet,« sagte Viktor tonlos, »und reichlich habe ich dafür gebüßt.« Er wischte sich wiederholt mit dem Tuch über die Stirn, der Schimmer des grünen Laubes über ihm ließ ihn noch viel bleicher und elender aussehen.

Füßlein legte ihm die Hand auf den Arm.

»Hören Sie, Alten, ich bin ein Mann von Vernunft, das, was man auch einen alten Praktikus nennen kann. Lassen Sie der Welt, unserer Welt, erst Zeit Sie etwas zu vergessen; es hing zuletzt manches Wunderliche daran. Lassen Sie ›Das Recht des Stärkeren‹ in Gottesnamen aufführen, aber später – nach einem Jahre vielleicht, oder zweien – unter einem andern Namen, und dann wenn möglich in Herberts Theater; er ist doch immerhin der berufenste Darsteller solcher Menschen, wie Sie sie schildern.«

Viktor wollte auffahren, ihm war zumut als krampfe sich eine kalte Hand um sein Herz, als müsse er ersticken. Seinen Namen sollte er verleugnen – seinen ruhmgekrönten Namen! – War die Sühne nicht zu groß für das, was er getan? – Ihm versagte die Sprache, mit einem Stöhnen sank er schwer gegen die Rücklehne der Bank, das seltsame, ohnmachtähnliche Gefühl, das er jetzt zuweilen spürte, kam in verstärktem Maße wieder. Wie im Traum hörte er nur noch, daß Füßlein sagte:

»Tun Sie wirklich etwas für sich, Alten, – und nun, Gott befohlen – auf froheres Wiedersehen …« Wie im Traum sah er ihn gehen, und dann – er wußte nicht, ob nach Minuten oder Stunden, beugte er sich plötzlich vor, sah Gregor in das Gesicht und murmelte:

»Hast du es gehört? Viktor Alten soll von der Bildfläche verschwinden. – Der Kranz ist fort!«

»Gib mir dein Stück,« sagte Gregor, »ich will es lesen.«

Ein schwermütiges Lächeln zog über Altens Gesicht. Es war das erstemal, seit er abtrünnig geworden, daß Gregor mit einem Wort seine Arbeiten erwähnte; ihn selbst hatte er zwar in seinem Herzen wieder an den alten Platz gestellt, von seinen Schöpfungen aber bisher nie Notiz genommen. –

Am nächsten Tage schon machte sich Gregor mit dem Manuskript auf den Weg, was er gelesen, hatte seine Erwartungen bei weitem übertroffen. Das war echtes, quellendes Talent, das ihm daraus entgegensprudelte, ein Talent, das keiner fremden Anleihe bedurft hatte, um groß zu werden. Er zürnte dem Freunde nach dieser Erfahrung fast noch mehr, daß er so leichtsinnig handeln konnte; aber er sah es jetzt doch mit ganz anderen Augen an. Und noch völlig hingenommen von alledem, was er Viktor sagen wollte, passierte es ihm, daß er Paul Herbert fast umrannte, ohne ihn zu erkennen.

»Wohin denn so eilig und so in Gedanken,« sagte der große Mime in seiner gönnerhaften Manier und warf einen neugierigen Blick auf das Manuskript, das Gregor unter dem Arm trug.

»Zu Alten; ich will ihm gratulieren, sein neues Stück ist ein Meisterwerk!« rief Gregor erregt.

»Hm!« Der Schauspieler spielte mit seinem Berlocke, in dem wortlosen Ton lag Zweifel und ein Gemisch von hämischer Bosheit und Verachtung.

Gregor ärgerte der Laut.

»Sie zweifeln daran, Herr Direktor?«

»O bewahre, ich glaube Ihnen gern,« beeilte sich Herbert zu versichern, da er merkte, daß Gregor nichts von dem Zwist zwischen ihm und Alten wußte.

»Sie dürften sich freuen, wenn Sie es hätten,« sagte Gregor und machte lange Schritte.

»Halten Sie Ihr Urteil für kompetent? Laien täuschen sich wohl noch öfter darin, wie Fachleute.«

»Kann sein, hier scheint mir aber jeder Zweifel ausgeschlossen.«

»Wo will Alten damit hin?« fragte Herbert nach einer kleinen Pause. Ein Kassenstück wäre ihm sehr willkommen gewesen.

»Warte nur,« dachte Gregor heimtückisch, »dir werde ich die Trauben hoch hängen.«

»So viel ich weiß, zum Direktor Lucius,« sagte er gleichmütig. Er rechnete, daß Herbert wohl kaum von der Rücksendung seines Konkurrenten eine Ahnung haben würde, und das erwies sich richtig. Das erstemal hatte er die Hände mit im Spiel gehabt, das zweitemal war ihm unbekannt. Der Schauspieler fuhr herum.

»Zu Lucius? Aber das ist absurd!« stieß er hervor.

»So? – Warum?«

»Wissen Sie was,« begann Paul Herbert nach einem längeren Nachdenken, »lassen Sie mich doch das Stück einmal lesen – Alten braucht nichts davon zu wissen. Es ist zwar sehr schwierig, ja fast unmöglich, nach all den Vorkommnissen ein Stück von ihm zu bringen, aber – wenn es wirklich gut ist – vielleicht läßt sich ein Mittelweg finden.«

»Warum hinter Altens Rücken?« fragte Gregor herausfordernd. Er hatte den Direktor so weit, wie er ihn haben wollte und freute sich dessen im stillen.

»Das wäre meine unumstößliche Bedingung!« sagte Herbert entschlossen.

Gregor überlegte. – Er kannte seines Freundes krankhafte Eitelkeit, die jetzt verblutend am Boden lag und seine physische Gesundheit mit sich riß, er sah deutlich, daß die Schläge der letzten Zeit ihn zu einem kranken Manne gemacht, er wußte, daß Anerkennung, nach der er sich jetzt so verzweifelt sehnte, besser wirken würde, wie alle Medizin. Er gab nach.

»In drei Tagen erwarte ich aber das Manuskript zurück,« schärfte er Herbert ein, und der Direktor versprach es.

Am Abend des zweiten Tages schon suchte er Gregor in seiner öden Wohnung auf. Das Stück ließ ihm keine Ruhe. Er hatte mehr darin gefunden, wie selbst Gregor geahnt und war fest entschlossen, es für sich zu gewinnen, koste es was es wolle. Über das Wie hegte er noch Zweifel, nur daß es geschehen müsse, stand in ihm fest.

Er traf Gregor vor dem Kamin sitzend und im Begriff, einen Pack alter Zeitungen, Briefe und was sich sonst im Laufe der Zeit aufgesammelt hatte, zu verbrennen. Es war Gregor ein schauriger Gedanke, daß einstmals, im Falle seines Todes, unberufene Hände in seinem Nachlaß wühlen könnten, deshalb pflegte er von Zeit zu Zeit in dieser wirksamen Manier aufzuräumen. Bei Herberts Eintritt stand er von seiner Beschäftigung auf und blickte ihm gespannt entgegen.

»Noch pünktlicher, wie ich versprach,« sagte der Schauspieler, das Manuskript auf den Tisch legend, während er mit einem Gefühl des Grausens sich in dem kahlen, unkomfortablen Zimmer umsah. »Das Stück ist gut – sehr gut!«

»Sie wollen es also spielen?« fragte Gregor und rieb sein stoppeliges Kinn.

»Ich? Wo denken Sie hin! – Haben Sie überlegt, was ich damit riskiere? Wer gibt mir Bürgschaft, daß es mir nachher nicht ebenso geht, wie beim ›Zeichen der Zeit‹? Daß plötzlich der eigentliche Verfasser auftritt und mich dem Spott der Mitwelt über meinen unerschütterlichen Glauben aussetzt. Sie etwa?«

»Ich glaube, Sie dürfen diesmal unbesorgt sein,« warf Gregor scharf hin, denn Herberts Benehmen reizte ihn.

»Glauben! – Glauben!« wiederholte der Direktor achselzuckend. »Gut! Bleiben wir einstweilen beim Glauben. Wie soll ich mich aber dem Publikum gegenüber rechtfertigen, wenn dieses auf seiner eigenen Meinung beharrt, und diese der unseren entgegengesetzt ist? Das sind alles Dinge, über die man nicht so leicht hinweggehen kann, lieber Freund.«

»Der Teufel ist Ihr Freund!« knurrte Gregor, sich umdrehend und seine Papiere ineinanderschiebend. »Lassen Sie es bleiben; niemand zwingt Sie zu etwas, das Ihrem feinen Gefühl so ausdrücklich widerstrebt.«

»O!« rief Herbert. »Sie verstehen mich völlig falsch! Als Fachmann kann ich mich bei aller Anerkennung über die Schwierigkeiten nicht hinwegtäuschen, aber schließlich könnte man sie vielleicht verringern. Die Hauptsache ist nur Alten selbst. Sie wissen, er ist eitel und von sich überzeugt wie …«

»Wie nur Künstler sein können,« unterbrach ihn Gregor sarkastisch mit einem nicht mißzuverstehenden Blicke.

»Vielleicht sähe er in meinem Vorschlag eine absichtliche Beleidigung,« fuhr Herbert unbeirrt fort, »deshalb würde ich um Ihre Vermittlung ersuchen. Sie wissen, zwischen uns besteht eine gewisse Verstimmung – der Norden wegen. Aber der Direktor des dramatischen Theaters und Paul Herbert sind eben nicht dieselben, sobald es sich um die Pflicht handelt, und ich sehe nicht ein, weshalb der Autor des Stückes ›Das Recht des Stärkeren‹ nicht auch eine absolut neutrale Persönlichkeit werden kann. Denn, sehen Sie, das wäre meine einzige Bedingung: der Zettel darf weder den Namen Altens tragen, noch er selbst einem Hervorruf folgen …« Mit dem Kitzel befriedigter Rache, sich an dem Schlage berauschend, den er damit dem Gehaßten versetzte, stand Herbert mitten im Zimmer. »Will er das, so bin ich jeden Vormittag in meinem Büro zu sprechen und …«

»Nein, das will er nicht!« rief Viktor, die Tür aufstoßend und eintretend. Sein Gesicht war rot und heiß, seine Augen flammten. »Niemals!« – Und er ballte die Hände zu Fäusten.

Mit einer geschickten Wendung war Herbert ihm ausgewichen.

»Wie kommst du her?« fragte Gregor betroffen, zugleich besorgt in das Gesicht sehend, das nun wieder in schnellem Wechsel Leichenfarbe annahm.

»Ich hörte vom Vorraum aus fast das ganze Gespräch; Gregor! Alter Freund! Dem da! – Dem hast du mein Stück aus falschem Mitleid mit mir überlassen wollen?«

»Du hörtest, daß es gut ist!«

»Ja! Und wenn der es sagt, dann muß es so sein! Aber Sie können meine Antwort gleich selbst haben, Herr Direktor, es erspart Ihnen Zeit. Niemals wieder, so lange ich lebe, soll ein Werk von mir über Ihre Bühne gehen, niemals! Und entsagte ich damit allen Ansprüchen auf Erfolg. – Nehmen Sie das, abgesehen von allem anderen, als Revanche für die arme Martha, deren Mörder Sie gewesen sind!« –

»Ich bitte dich, Viktor,« Gregor faßte den Freund am Arm, »mäßige dich, denke an deine Gesundheit.«

»Als ob mir überhaupt an dem ganzen elenden Dasein noch etwas läge. Diese Natter da hat ihr Gift unnütz verspritzt, mich trifft es nicht mehr. Ja, Viktor Alten ist tot – und zwar so, daß nichts mehr von ihm übrig bleiben soll.«

Seine Augen glitten rastlos durch das Zimmer, ohne doch etwas zu sehen, es war, als spräche er mit sich selber.

»Als ich noch ein kleiner Knabe war,« begann er leiser, »da sagte mir meine Mutter, daß sich jedes Unrecht räche – und ich weiß, daß ich Unrecht tat, als ich ›Im Zeichen der Zeit‹ schrieb. – Der Stoff gehörte ja Röhr. – Aber es war kein Diebstahl, – kein gemeiner Diebstahl, den ich damit beging! – Sie kam doch immer wieder und klopfte so bittend bei mir an, die arme, lebendig begrabene Alkante, und sah mich an mit den Augen meiner Hertha. Ich konnte gar nichts anderes mehr denken, meine Phantasie war die Herrin, die mich das Unrecht begehen hieß. Ich mußte – ich konnte nicht anders. – Aber was wißt ihr davon – von meinen Kämpfen.«

Er faßte mit den Händen die Stirn und drückte sie heftig.

»Nun ist hier drinnen alles hohl und leer,« fuhr er klagend fort. »Der Weg, der mich noch weiter hinaufführen sollte, ist verschüttet und voller Steine, der Kranz im Äther verschwunden, öde und dunkel ist mir die Zukunft. Aber eins will ich noch tun…« seine bisher umflorten Augen hellten sich plötzlich auf, elastisch hob er den Kopf, »ich selbst will büßen, was ich verbrach, so gut ich kann.«

Er griff schnell nach dem Manuskript, das unbeachtet auf dem Tisch lag und schleuderte es ins Feuer. »Einen Schatz für einen Schatz! Wer kann königlicher ausgleichen als ich es nun getan?«

Gregor und Herbert stürzten gleichzeitig hinzu, um das geopferte Werk zu retten; mit ausgestreckten Armen und funkelnden Augen wehrte ihnen Viktor.

»Er ist verrückt geworden!« sagte Paul Herbert halblaut zu Gregor.

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Krank wohl, aber nicht verrückt. Kennen Sie nicht das Wort: Auge um Auge, Zahn um Zahn? Er hat seine Rechnung bezahlt!« –

»Es war ein Meisterwerk!« grollte Herbert, der nun die erhofften Goldströme verschwinden sah, »Sie hätten es nicht leiden dürfen, Gregor.«

Der Alte lächelte.

»Er hat sich sein Gewissen damit freigekauft, das ist besser als aller Erfolg.« –

Zornig rannte der Direktor davon. Im stillen hielt er nun alle beide für verrückt. – –

Viktor hatte sich umgewandt und starrte in die Flammen, langsam krochen sie an dem dicken Papier hinauf; es kohlte, der feurige Rand fraß sich gedankenschnell weiter und weiter, hoch auf züngelte plötzlich eine Flamme – glimmend und schwarz blieb ein Häufchen Asche zurück, die allmählich in sich selbst zerfiel und in winzigen Flöckchen auseinanderstob. Die gierigen Flammen hatten ihr Werk getan. Schließlich waren nur ein paar armselige Fetzen von alledem übrig geblieben, auf das Viktor so große Hoffnungen gesetzt hatte. – Spurlos verweht wie ein welkes Blatt, das der Sturm davonträgt, war sein bestes Werk. –

Und wenn die Sühne auch nur eine ideale war, es erleichterte ihm doch das Herz und nahm für einen Augenblick den Druck von ihm, der ihm in der letzten Zeit geradezu unerträglich geworden.

Von den Aschenresten wandte er sich stumm zu Gregor; stumm streckte ihm dieser die Hand entgegen. –

Aber dann begann wieder das unheimliche Schwindelgefühl, und totenblaß, vor den Ohren ein Singen und Klingen, versuchte er instinktiv, das Fenster zu erreichen. Er kam nicht so weit. Mitten im Zimmer verließ ihn die Kraft; an die Wand taumelnd, lehnte er sich mit dem Rücken dagegen, er öffnete den Mund zum Rufen, seine Stirn wurde feucht, seine Hände kalt, kein Ton kam aus der zusammengepreßten Kehle. Hart schlug er, besinnungslos, auf den Boden des Zimmers nieder. –

Als Gregor den gefährlich Erkrankten in das eigene Heim geschafft und vom Arzt erfahren hatte, daß ein Nervenfieber ausgebrochen sei, das bei dem geschwächten Zustande des Kranken das Schlimmste befürchten ließ, fuhr er noch denselben Abend ins Krankenhaus, um Grete zur Pflege zu holen.

Sie war gerade im Begriff, nach einer anstrengenden Krankenwache die Ruhe zu suchen. Sie eilte hinab in das Sprechzimmer.

»Alten ist krank?« fragte sie fast atemlos, ehe er noch gesprochen und sah ihn aus verängstigten Augen an.

»Der Doktor fürchtet das Schlimmste!« gestand er traurig.

»Ich komme.«

Eine Stunde später stand sie an Viktors Bett. Ihrem erfahrenen Auge war die Gefahr deutlicher sichtbar als Gregor, und sie saß die ganze Nacht, Worte der Verzweiflung, des Gebetes murmelnd. Erst gegen Morgen hatte sie sich zu ihrer gewohnten, pflichttreuen Ruhe und Ergebung durchgerungen, aber ihre Augen waren trübe, ihr Gesicht bleich und eingefallen. Schwere Tage folgten. Gregor sah mit Staunen, welchen Anstrengungen der zarte Mädchenkörper gewachsen war. Hatte er sie bisher hochgeschätzt, so begann er sie nun zu bewundern, und dann zog ein Gefühl warmer Zuneigung für sie in sein einsames Herz, als ihm plötzlich unvermutet die Erkenntnis aufging, daß die Wurzel dieses täglichen Heroismus, der sich durch kein Wort, keine Klage verriet, der niemals ermüdete, oder in seiner Sorgfalt nachließ, nichts anderes sein könne als Liebe … jenes echte, unwandelbare Gefühl, das nicht jedem beschieden ist und doch die reichste Gottesgabe in sich schließt. –

XXXI.

Monate waren vergangen, als Viktor zum erstenmal die Erlaubnis vom Arzt erhielt, aufzustehen. Seitdem er die Besinnung wieder erlangt, war seine einzige Beschäftigung, Gretes Bewegungen mit den Augen zu folgen, und allmählich war in ihnen ein Ausdruck von Zärtlichkeit erwacht, der sich aber nur hervorwagte, wenn sie es nicht sah. Er fühlte sich unter ihrer Obhut ruhig und friedlich wie ein Kind, sprach wenig, fragte nach nichts. Die Außenwelt schien alles Interesse für ihn verloren zu haben.

Sie aber dachte mit Schrecken daran, daß jede Stunde sie dem Augenblick näher brachte, an dem es wieder scheiden hieß. Sie hatte ihn immer geliebt, so lange sie denken konnte – gewiß – aber es schien ihr doch, als sei er in dieser letzten Zeit, schwach, krank, hilflos, allein auf ihre Fürsorge angewiesen, ihr noch ganz anders ans Herz gewachsen, als koste sie diesmal das Scheiden ein Stück Leben. Aber gerade, weil sie das fühlte, weil die Angst sie beständig quälte, sie könne sich doch vielleicht einmal halb unbewußt verraten, entschloß sie sich zu einem Gewaltmittel.

Als er sorgfältig in Decken und Kissen gehüllt am offenen Fenster saß, durch das die weißen Herbstfäden zusammen mit dem letzten, warmen Sonnenschein hineinzogen, ging sie an das entgegengesetzte Ende des Zimmers; die Flaschen und Schachteln dort ordnend, die noch von seiner Krankheit her herumstanden, und ihm dabei den Rücken wendend, wollte sie ihren Entschluß aussprechen, ihn zu verlassen. Sie hoffte so leichter ihre Erregung zu verbergen.

Da kam er ihr zuvor.

»Es ist Herbst geworden, Gretchen,« sagte er mit matter Stimme, »Herbst überall! Auch mein Herz ist ganz ruhig; ich weiß gar nicht mehr, daß mich je etwas geschmerzt oder erfreut hat. – Wollen Sie nicht etwas näherkommen, Gretchen? Die Luft ist so schön.«

Sie stützte die Hand auf den Tisch, ging aber nicht zu ihm, ein gepreßter Atemzug hob ihre Brust.

»Die Schwäche wird sich bald verlieren, Herr Alten, und dann kommen auch neue Gedanken wieder,« antwortete sie mit etwas rauher Stimme. »Da Sie nun so weit sind, ist meine Mission hier zu Ende. Heute abend will ich in das Krankenhaus zurückkehren.«

Er sah sie tödlich erschrocken an.

»Ist das Ihr Ernst, Grete? Mein Gott, wie soll ich Sie entbehren lernen! Sie waren so gut zu mir. – Freilich – ich sehe ein – Sie sind mager und blaß geworden, Sie müssen sich erholen – ich habe kein Recht, Sie zu halten.«

»Daran denke ich nicht,« wehrte sie ab. »Arbeit – Arbeit allein ist es, die mir not tut.« – Sie dachte mit Entsetzen an die kommenden, langen Stunden, in denen sie mit ihren Gedanken doch unablässig bei ihm sein würde. Eine lange Pause. –

»Wenn Sie wüßten, wie entsetzlich einsam mir das Leben jetzt vorkommt,« begann er seufzend. »Wie verzweifelt ich mich nach einem Herzen sehne, das mit mir fühlt – eins mit mir ist – das mich liebt. – Sie bemitleiden mich, Gretchen, mich – die gefallene Größe!«

»Sie werden wieder arbeiten,« unterbrach sie ihn hastig. »Alles wird werden wie einst …«

»Nein!« sagte er sehr bestimmt. »Das ist vorbei! Ich werde nie wieder für das Theater schreiben, nie! Auf diesen Ruhm habe ich das Recht verloren, und auch nicht mehr den Willen dazu. Vielleicht ist der Gott in meinem Herzen, den Sie einst zu wecken versuchten, doch nicht ganz tot; ich will ihn wenigstens suchen.«

Heißes Rot stieg flammend in ihr Gesicht, ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie sagte:

»Und wenn Sie herzenseinsam sind, Herr Alten – Rose Marie ist es auch …«

»Ich bin ihr Dank schuldig – gewiß, verkennen werde ich das nie, aber Rose war am wenigsten geschaffen, Herzenseinsamkeit zu bannen. Sie wollte mir einen Platz neben sich geben, in ihrer Sphäre, meine Gefährtin sein, vielleicht sogar manchmal meine Vorsehung; aber das ist es ja nicht, wonach ich mich sehne, Grete! Zuweilen kommt es mir so vor, als sei das echte, wahre Glück meines Lebens fünf Treppen hoch, unter dem Dach wohnen geblieben, während ich herabstieg, um es unten zu suchen. – Und da stehe ich nun – einsam – ein Mann, dessen Jugend dahin ist, mit gestorbenen Lebenshoffnungen und lerne zu spät einsehen, daß die Ideale, die wir aus materiellen Rücksichten verleugnen, sich doch gegen uns kehren, indem sie uns zu unserem eigenen Schaden an Leib und Seele beweisen, daß sie bestehen und Macht haben, daß wir sie ungestraft nicht verleugnen dürfen, weder vor der Welt, noch vor uns selber.« Gretes Augen leuchteten, ihrer selbst kaum bewußt, kam sie langsam auf ihn zu.

»Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Alten, wollen Sie umkehren auf dem Wege, den Sie bis jetzt gegangen sind.«

»Ja! Sobald ich erst kräftiger bin, verlasse ich die Stadt, vielleicht gesunde ich vollends in der Einsamkeit.«

Er sah sie an, eine tiefe, unaussprechliche Sehnsucht trat in die dunklen Augen, die sich fest auf sie hefteten.

»Und daß ich gehen muß, ohne den Mut finden zu können, einem menschlichen Wesen mein Herz ganz zu öffnen – so gehen muß, Grete – das ist eine bittere, aber gerechte Strafe. Meine Fehler sind zu feurigen Schwertern geworden, die mir den Eingang in das zu spät erkannte Paradies wehren.«

Es war, als zöge der stille Blick seiner Augen sie gegen ihren Willen immer näher; jetzt stand sie dicht vor ihm, sehr blaß, aber sehr ruhig.

»Es gibt kein verschlossenes Paradies, es gibt überall Türen und Tore, die hineinführen,« sagte sie.

Ihre Augen sanken ineinander, und ein stilles Feuer entzündete sich in ihnen.

»Grete!« sagte er ganz leise.

Als wäre das eine lange, lange Rede, so antwortete sie darauf.

»Ja, ich will! – Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!«

Sie kniete neben ihm nieder und legte ihren Kopf auf sein Knie, ihre Tränen flossen.

»Ist es möglich – Grete!« Seine Stimme zitterte noch vor Schwäche, als er mit leisem Finger über ihren braunen Kopf strich, aber das reinste Glück strahlte aus seinen Augen und wischte den letzten Rest von Herbheit und Müdigkeit aus seinen Zügen.

Da sah sie zu ihm auf. »Ich liebe dich ja so grenzenlos – ich habe dich schon immer – o, immer geliebt!« flüsterte sie.

Und da nahm er sie in seine Arme, so fest, als hätte er sie gegen Erde und Himmel zu verteidigen. »Nun halte ich dich bis in alle Ewigkeit!« sagte er laut und feierlich. »In guten und bösen Stunden – nichts darf uns mehr trennen! Vereint wollen wir den Weg zurückfinden, zu meinen verlorenen Idealen!«

XXXII.

Altens hatten die Stadt verlassen und Gregor war mit ihnen gezogen. Ganz wie schon einmal, und doch wie anders! Das machten Gretes helle Augen, ihre sanfte Stimme, die Rücksicht und Fürsorge, die sie jedem einzelnen widmete. – Er gedachte Marthas noch oft in stillen Stunden, er pflegte jährlich zweimal ihr Grab aufzusuchen, um es zu schmücken, aber Grete war ihm nicht weniger an das Herz gewachsen, und vollends mit Viktor lebte er wieder in der alten innigen Gemeinschaft.

Rose Marie hatte dem Paare gleich nach seiner Verlobung die herzlichsten Glückwünsche geschickt, war aber weder zur Hochzeit noch später in die junge Häuslichkeit gekommen.

»Wozu?« schrieb sie auf Gretes Brief. »Ich sehe nicht ein, weshalb wir durch ein unnötiges Wiedersehen alte Geschichten wieder aufrühren wollen. Ich wünsche euch alles Glück, seid dessen versichert, aber da es dadurch nicht fester wird, daß ich es mir mit eigenen Augen betrachte, so laßt euch an meinen Wünschen genügen. Mich würde so etwas wie der Heiligenschein einer Märtyrerin zwischen euch schmücken, und dazu habe ich gar kein Geschick, ich glaube auch nicht, daß er mich kleiden würde. – Im übrigen denkt nur nicht, daß ich etwa unglücklich bin! In meinem Alter verwindet man Enttäuschungen schnell, das Leben macht uns schließlich alle mehr oder minder zu Philosophen …«

»Ganz die Alte,« sagte Grete seufzend und legte den Brief beiseite. »Immer möglichst wenig Herz zur Schau getragen, alle Dinge rücksichtslos berührend, selbst wenn es ihr Schmerz macht, – und doch weiß ich, unter Rose Maries Gleichmütigkeit schlägt ein gutes, warmes Herz, dessen sie sich nur schämt, und das niemand entdeckt hat, weil es so tief versteckt lag. Hätte ihr der Himmel nur ein großes, tiefes Gefühl, eine echte Leidenschaft geschickt, wahrhaftig, ich glaube, sie wäre eine andere geworden.«

Viktor küßte seine junge Frau.

»Du trägst eben in jeden ein Stück deines Herzens,« sagte er. »Aber alle Frauen sind nicht so. Und ob Rose Marie Herz hatte? – Ich habe niemals so etwas bei ihr entdeckt.« –

Ungerecht war er bei diesen Worten, aber – er hatte sie ja niemals geliebt! –

Und nun war mehr als ein Jahr vergangen! –

Nicht das Geringste hatte Viktor in dieser Zeit zu schaffen vermocht, so viel er auch versuchte; die Kraft wollte mit dem Willen nicht Schritt halten. Es war, als habe die Krankheit seine Phantasie erschöpft. – Er schob es auf seine Krankheit, in Wahrheit aber war er ein Verirrter, der den Weg nicht zurückfand, obgleich er ihn eifrig suchte.

Mit der Periode, die zwischen dem Beginn seines Schaffens und dem Heute lag, hatte er endgültig gebrochen. Er wollte nicht mehr äußeren Ruhm und Ehre, er wollte Befriedigung, volles Genügen in sich selber, er sehnte sich zurück nach der stillen Schaffensfreudigkeit der ersten Jahre. Was er damals erstrebt hatte, im Überschwang der jugendlichen Begeisterung, heute, als gereifter Mann, mit den gemachten Lebenserfahrungen hinter sich, heute fühlte er, daß er imstande wäre, es zur Tat werden zu lassen, wenn die alte Kraft noch in ihm gewesen wäre. Aber es ließ sich nicht herbeizwingen, dieses Spinnen und Weben der Phantasie.

Eines Tages kam er zu Gregor und setzte sich ihm gegenüber. Der alte Mann sah sofort, daß etwas Tiefernstes ihn bewegte; unruhig wartete er, was Viktor ihm zu sagen habe.

»Ich habe es aufgegeben, um die versiegte Kraft zu kämpfen,« sagte Viktor traurig. »Mein Talent ist dahin. Ach wahrhaftig, Gregor, man ist nur einmal – einmal jung und traut sich die Welt aus den Angeln zu heben. Die Ikarusflügel, mit denen ich damals so zuversichtlich den Flug gen Himmel unternahm, sie sind geschmolzen, meine Ideale, die ich treulos verließ, wenden mir rächend, jetzt, wo ich sie suche, den Rücken. – Ich muß mich bescheiden. Noch bin ich in den Verhältnissen, mir einen anderen Beruf zu suchen. Ein Mann, der Frau und Kind hat, darf nicht müßig sein, wenn er es ehrlich meint.«

Gregor sah ihn ungewiß an. »Und du glaubst, daß du dann glücklicher sein wirst?«

»Glücklicher nicht, aber wenigstens kann ich für die Meinen sorgen, das scheint mir auch etwas wert. Und vielleicht kommt auch da das Glück, wer kann es wissen.«

»Ja, du hast recht!« sagte Gregor nach kurzem Bedenken. »Sprich mit Grete.«

Viktor stand auf. Je eher die Sache abgetan war, desto besser schien es ihm. –

Als er durch sein Arbeitszimmer ging, warf er einen schmerzlichen Blick auf seinen Schreibtisch. Er gedachte der qualvollen Stunden, die er davor zugebracht, ringend mit sich selber. Es sah friedlich und anheimelnd dort aus. Die ersten Veilchen dufteten in einem schmalen, hohen Kelchglase, denn der Frühling kam, und breit lag ein Sonnenstrahl auf dem leeren, gebrochenen Papier.

Er ließ sich auf einen Sessel nieder und stützte den Kopf in die Hand. So war es denn jetzt entschieden, er wechselte seinen Beruf. Und mit allem Ernst, mit aller Kraft wollte er dem neuen Ziel nachstreben.

Im Nebenzimmer sang Grete ihr Kind in den Schlummer, ein kunstloses Lied, eine einfache Melodie. Schmeichelnd, ihm halb unbewußt, drängte sich die Melodie in sein Ohr. Draußen brannte die Sonne, die ganze Natur war lenzesfroh. Regungslos saß Viktor. Die leisen Töne, die aus dem Nebenzimmer kamen, erweckten in ihm halb unbewußt ein Meer von Gedanken, von Empfindungen. Es war ihm, als sähen ihn die Ideale plötzlich wieder mit den alten, strahlenden Märchenaugen an, und ohne sein Zutun spann die Phantasie auf einmal wieder vor seinen geistigen Augen ihre goldenen Fäden. Der lang verschüttete Quell in seinem Innern sprang auf, und wie ein breiter Strom durchflutete ihn die alte Schaffenskraft, das alte Siegesbewußtsein.

Im Nebenzimmer klang das Lied noch immer fort.

Langsam erhob sich Viktor und trat über die Schwelle. Das Kind in ihrem Schoß schlief friedlich, mit lächelnden Augen sah sie ihm entgegen. Er kniete neben ihr nieder und lehnte den Kopf an ihren Arm.

»Singe weiter!« bat er.

Und sie sang das alte Schlummerlied für Mann und Kind, ein Lächeln um die Lippen.

Da hob er den Kopf.

»Grete!« sagte er mit leuchtenden Augen. »Grete, ich bin genesen! Ich kann wieder denken, arbeiten, schaffen, dein Lied – dein Lied hat mich wachgesungen aus der dumpfen Betäubung der letzten Zeit. Dir danke ich alles Gute, alles Hohe in meinem Leben. Du bist nicht müde geworden, mich aufzurufen zum Kampf gegen mich selber, gegen alles, was nichtig ist im Leben. Der Gott in mir ist wieder wach! – ›Neues Leben‹ soll mein bestes Werk heißen, denn du bist es gewesen, die mich dazu erweckt hat, und dir will ich es weihen – dir – mein geliebtes Weib!«