Zweierlei Herrschaft

Iktar war der mächtigste Mann im Reich. In der Einsamkeit des Felsengebirges lebend, erfuhr er durch Kundschafter alles, was geschah. Mißfielen ihm Worte oder Taten des Königs und seiner Berater, so gab er ihnen ein Zeichen. Als Bensidech, der Kanzler, z. B. die Macht des Kronrates vergrößern wollte, steckte ihm eines Morgens im Gewühl des Marktes ein Einäugiger einen Brief zu und verschwand wieder in der Menge. Bensidech las nur die Worte: »Gib dein Vorhaben auf.« Er spottete der Warnung und legte dem König Makarek seinen Plan vor. Als er zwei Stunden nach Mitternacht den Königspalast verließ, wurden seine Sänftenträger überrumpelt, Bensidech von Vermummten in ein Gehölz gebracht und dort mit einem Axthieb des kleinen Fingers der linken Hand beraubt. Dann ließ man ihn frei. Bensidech machte die Wut nur noch hartnäckiger; erst recht verfolgte er nun seinen Plan, begab sich aber nur noch mit zahlreichem Geleit ins Freie. Nichtsdestoweniger wurde eines Abends in der Dämmerung sein Troß wieder überwältigt, Bensidech selbst in eine Felsenschlucht geschleppt und dort der linken Hand beraubt. In die rechte Hand wurde ihm ein Zettel gesteckt. Bensidech las: »Das nächste Mal kostet es ein Auge.« Nun nahm Bensidech seinen Abschied und zog sich mit den Seinen in die Stille eines Landhauses bei den Mondteichen zurück, wo er lediglich den Wissenschaften lebte.

Bensidechs Nachfolger war Halela. Mehrere Jahre blieb er unangefochten. Schon lange hatte der König seine Aufmerksamkeit dem Nachbarreich gen Osten geschenkt, das von einer kinderlosen Königin beherrscht wurde. Sie war nicht abgeneigt, König Makarek ihr Land zu vermachen; alle Hoffnungen des Königs schienen sich zu erfüllen, als man gewahr wurde, daß auch der Nachbar gen Norden das Reich der kinderlosen Königin begehrte. Halela fand bald auf seinem Lager, bald in den Taschen seines Gewandes Briefe, deren Herkunft niemand erklären konnte. Darin standen genaue Berichte über die Vorgänge in den Nachbarreichen. In einem solchen Schreiben stand: Erkläre dem Nachbar gen Norden am nächsten Neumond den Krieg. Halela meldete dies dem König, aber der war unentschlossen. Er fürchtete beide Nachbarn würden sich verbünden und ihrer Macht sei sein Heer nicht gewachsen. Der Krieg wurde nicht erklärt. Am Tage nach dem Neumond fand man Halela tot in seinem Bett.

König Makarek kannte wohl Iktars geheime Macht, aber bisher hatte er sie geduldet, weil sie deutlich zu seinem Vorteil wirkte; dieser gewaltsame Eingriff in seine eigenen Entschlüsse indessen erfüllte ihn mit Zorn. Er ließ Iktar vor ein Staatsgericht rufen und drohte, falls er nicht erscheinen würde, sein Nest im Felsengebirge mit Waffengewalt auszuheben. Am Gerichtstag wurden Soldaten bereit gehalten, denn man fürchtete, Iktar möchte, falls er nicht vorzöge, sich in seiner Burg zu verschanzen, mit großem bewaffneten Gefolge erscheinen. Auch beargwöhnte man die vielen geheimen Anhänger, die er in Stadt und Land hatte.

Der Tag des Gerichts kam. Von dem mächtigen Iktar und den Seinen sah man nichts. Als aber der Gerichtshof der Form halber den vermeintlich Ausgebliebenen dreimal aufrief, siehe, da trat ein dünnes kleines Männlein in lumpigem lehmbraunem Gewand in die Schranken und sagte mit fast blödem Gesichtsausdruck in dem verrunzelten Gesicht, das einem vertrockneten Apfel glich: »Ihr riefet den Mönch Iktar, hier bin ich.«

Das Staunen war groß. Seit fast 20 Jahren hatte Iktar in dem Gebirg gelebt und die sich seiner noch erinnerten, trugen sein Bild im Gedächtnis wie eines stattlichen muskelkräftigen Mannes mit langem Kriegerbart und kühnen hellen Augen. Er hatte in seiner Jugend oft im Felde gelegen. Nun waren seine Augen scheu und klein, der Bart verschwunden, der Schädel kahl, von kränklicher gelbrötlicher Farbe. Man richtete an ihm einige Fragen, die er nicht recht zu begreifen schien, und als man ihm schließlich klar machte, er sei vieler Gewalttaten angeklagt, da schüttelte er wie geistesabwesend den kahlen Kopf, und sagte: nein, nein, Gewalttaten begehe er nicht. Dabei schien ihn die Anklage nicht im mindesten zu erregen. »Warum sollte ich es nicht sagen, wenn ich ein Mörder wäre, auch die Mörder sind von den Göttern geschaffen, damit der Kerker Bewohner und das Richtbeil Speise hat, aber ich bin Iktar, der Mönch.«

Der Gerichtshof mußte ihn freisprechen. Auch dies schien keinen Eindruck auf ihn zu machen. Er blieb ruhig auf seinem Platz sitzen, als betreffe dies alles nicht ihn. Ein Diener nötigte ihn dann zum Aufbruch. »Haben sie genug?« fragte er. »Ja, ja, Alter Ihr seid frei, Ihr könnt wieder heimgehen.«

So erhob er sich und verließ die Stadt durch das südliche Tor.

In der nächsten Woche wurde die kinderlose Herrscherin des Reiches gen Osten ermordet. Makarek rückte mit seinen Truppen ein und bemächtigte sich als rechtmäßiger Erbe des Thrones. Den Nachbar gen Norden hatte gerade in jenen Tagen ein schmerzhaftes Siechtum befallen, das ihm alle Entschlußkraft lähmte.

Makarek, der nunmehrige König zweier Reiche, beschloß eine große Kriegsflotte zu bauen. Er berief als Kanzler wiederum Bensidech, der seine Einsamkeit an den Mondteichen ungern verließ. Bald bemerkte er, daß es schwer halten würde, aus dem Volke die Steuern für die Kriegsflotte zu pressen. Makareks Zorn darüber war grenzenlos. Er erklärte: »Schaffst du mir nicht die Mittel für meinen Plan, so kostet es dich den Kopf.« Bensidech erhob die rechte Hand, sowie den Stumpf der Linken und flehte um Gnade, aber der König wollte von Gnade nichts wissen.

Bensidech hatte die Einsamkeit gelehrt, seiner Leidenschaften Herr zu werden. Haß und Rachsucht kannte er nicht. Was er allein noch liebte, war der Friede und die Wissenschaft. So sprach er denn: »Es gibt einen Mann im Reich, o Herr, der Euch die Mittel für alles schafft, wenn es sich um Mehrung der Macht handelt.« »Wer ist es?« fragte Makarek begierig. »Derselbe, dem Ihr den Besitz des Landes gen Osten verdankt: Iktar!« »Wie?« rief der König, »ist das die Wahrheit, was ich mir nicht zu gestehen gewagt?« »Wenn es Euch der selbst sagt, der Iktars Feind sein sollte, weil er ihm die Hand geraubt.« »So ruft Iktar herbei, er soll statt deiner Kanzler werden!« Bensidech atmete auf, und schon weilte seine Sehnsucht wieder bei den Mondteichen.

Iktar wurde ein königliches Handschreiben gesandt, aber noch ehe er darauf geantwortet hatte, traten auf allen Märkten des Landes, in den Schänken und den Hallen der Kaufläden redegewandte Männer auf, die vorschlugen, das Volk solle den König anflehen, huldvollst eine Kriegsflotte zu bauen, um die Handelsschiffe des blühenden Reiches sicher über die See bis an die fernsten Gestade geleiten zu können. Zu seinem Staunen erhielt Makarek zahlreiche solcher Gesuche aus allen Teilen beider Reiche. Von Iktar aber kam die Nachricht: »Der Mönch Iktar begehrt nicht weltliche Macht. Er dankt dem König für seine Huld.«

Dies war das erstemal in der Geschichte des Reiches, daß ein Diener wagte dem Ruf des Königs in ein Amt nicht zu folgen. Makarek überfiel die Wut, die er, aus Mangel an dem wahren Schuldigen, an Bensidech ausließ. Er bedrohte ihn von neuem mit dem Tode, falls die Flotte nicht gebaut werden könne. Aber sie wurde gebaut. Das Volk zahlte willig die Steuern. Nach einem Jahr durfte Bensidech, mit Ehren und Geschenken seines Königs überhäuft, zu den Mondteichen zurückkehren.

Das Land blühte und flößte allen Nachbarn Schrecken ein. Ließ Makareks starker Arm einmal nach, – denn er war mehr von sprunghafter Heftigkeit im Handeln, als von zäher Ausdauer – so erhielt er jedesmal irgend ein blutiges Zeichen. Genügte dies nicht, dann wurde diese Zeichensprache deutlicher. Als Makarek einmal dazu neigte, die Liebeswünsche seines Sohnes zu erfüllen, der eine Prinzessin aus einem armen Fürstentum heiraten wollte, anstatt die Tochter des Königs gen Norden, da wurde eines Nachts Makareks Lieblingsroß von unbekannter Hand erschlagen, und als er dies Zeichen nicht verstehen wollte, lag eines Morgens der Leichnam seines fast vergötterten achtjährigen Töchterchens, das ihm eine Nebenfrau spät geboren hatte, blutig auf dem Teppich des Thronsaals.

*

Alles Treiben der Menschen durchschaute Iktar. Ehe er klug geworden, war er stark von Leib gewesen. Stets von mittlerer, mehr untersetzter Gestalt pflegte er einst den Eber und den Wildstier zu jagen. Auch mit Weibern hatte er sich damals vergeudet, aber dann nach Kriegerart wenig nach ihnen und ihrer Brut gefragt. Als er später das Geheime zu durchschauen begann, erkannte, daß Macht nur im Verborgenen wirkt, und sich in das Felsengebirg zurückzog, da fühlte er auch zum ersten Mal die Hinfälligkeit des Menschenleibs, so daß kein Werk die Mühe lohnt ohne einen Sohn des Wirkenden. Darum verließ er noch manchmal die Einsamkeit und spähte in den Dörfern nach den Hüften, die würdig wären seine Frucht auszutragen zu überschwänglichem Leben. Unter den Tempeldirnen der Mondgöttin, die beim ersten Vollmond des Jahres den Fremdlingen preisgegeben werden sollten – denn der Fremdling steht unter des Mondes Schutz – entdeckte der spähende Iktar die breitbrüstige jungfräuliche Kettara. Er gewahrte sie, wie sie die Kühe der Göttin zur Tränke führte; während das Vieh gierig aus dem Teiche soff, löste Kettara den Gürtel, so daß das Gewand von der Fülle ihres Leibes herab fiel. Dann stieg sie selbst in die Flut, lachte vor Behagen in die sonnige Luft hinaus und spritzte mit dem weißen Fuß das gurgelnd seinen Durst stillende Vieh. Iktar hatte die Mutter seines Sohnes gefunden. In der Vollmondnacht kleidete er sich in ein silbernes Gewand, bespannte einen Elfenbeinwagen mit 12 weißen Gazellen, fuhr zum Tempel und verlangte die jungfräuliche Kettara im Namen der Göttin. Voll Ehrfurcht wurde sie von den Priestern hervorgebracht. Iktar hob sie auf den Wagen und jagte mit der in heiliger Scheu Bebenden in seine Felsenburg. Dort spürte Kettara zum ersten Mal die in Wollust keuchende Brust des Mannes auf der ihren, und in dieser Nacht empfing sie Iktars Sohn Jubal, nicht anders wähnend, als ein Gott habe sie umarmt.

Jubal wurde rauh gehalten. Nachdem er der Brust der Mutter entwöhnt war, ließ Iktar diese, mit Geschenken beladen, in den Tempel zurückbringen. Jubal aber lebte mit Hirten, Fischern und Jägern. Erst nachdem er deren Künste und das Waffenhandwerk genau kannte, lehrte ihn der Vater selbst die Schrift und die Ruhmestaten der Vorzeit kennen. Dann verkündete er ihm das Wesen der Götter und die Bräuche, um ihre Macht zu beschwören, die tieferen Kräfte der Natur, den Gang der Gestirne, die hohe Rechen- und Meßkunst und zuletzt die Geheimnisse der Regierungs- und Staatskunst; Jubal lernte die Regeln des Verkehrs mit Königen, mit Reichen, mit dem Volke. Überall aber wies Iktar darauf hin, wie man dieses Wissen zu seinem Vorteil benützt, indem man schnell die Schwächen der andern erspäht, die Ruhm- oder Genußsucht der Könige, die Eitelkeit der Reichen und die mannigfachen Begierden des Volks. Alles dies nahm Jubal gelehrig auf mit lebhaftem Verstand, als wären es die Regeln eines Schachspiels, das ihn wenig anging. Von dem Weibe aber erfuhr er noch nichts. Seine Freude waren lange Ritte durch die unbewohnten Wälder und Steppen seines Vaters, die von einer hohen Mauer umschlossen waren und an den wenigen Toren von zuverlässigen Wächtern gehütet wurden. Nichts bemerkte Jubal von den geheimen nächtlichen Zusammenkünften in den Gemächern des Vaters, von denen aus die Geschicke des Reichs heimlich gelenkt wurden. Iktars Plan ging dahin, das 18. Jahr des Sohnes abzuwarten, dann, ehe er Brunst litte, ein Weib zu ihm zu legen, ihn allmählich in die Staatsgeheimnisse einzuweihen, hie und da in seinen Diensten zu verwenden und zu üben, zuletzt an einige fremde Höfe zu schicken und ihm schließlich alle die verborgene Macht zu offenbaren und zu übertragen, die er selbst im Reiche besaß.

Aber der kluge Iktar hatte ohne die unvermeidlichen Zufälle der Geschehnisse gerechnet. Einst war Jubal in der Nähe der Mauer einem Eichhorn in eine Baumkrone nachgeklettert. Von hier aus öffnete sich ihm zum ersten Mal ein Blick in die Welt. Er sah auf einen abgelegenen Winkel der Mondteiche, wo einige der Tempeldirnen Linnen wuschen. Sein Blick verwirrte sich, und kaum vermochte er sich fest in den Zweigen zu halten. Eines der Mädchen bemerkte plötzlich den Jüngling in den Zweigen. Sie zeigte ihn den andern, und alle brachen in ein neckendes Gelächter aus. Jubal aber verharrte sprachlos. »Wer bist du denn?« rief eine der Dirnen, »ein Tier oder ein Mensch?« Eine Ältere mahnte die Rufende zur Vorsicht, war es doch bekannt, daß hinter jener Mauer der unheimliche Iktar hauste. »Macht nichts,« versetzte die Junge und trat näher. »Kannst du nicht sprechen?« sagte sie. »Ich kann sprechen,« erwiderte Jubal bestimmt. »Hört ihr, er kann sprechen,« sagte die Dirne zu ihren Gehilfinnen; dann wieder zu Jubal gewandt: »Komm über die Mauer und laß uns zusammen vom Brot der Götter essen.« Nun lauschten alle die Mädchen gespannt auf die Antwort. »Vom Brot der Götter?« fragte Jubal verwundert; »wie wäre das möglich?« »Das wirst du sehen,« versetzte die Sprecherin. Jubal aber erschrak und dachte: »vielleicht sind sie selbst Götter.« Die Wäscherinnen knüpften nun eilig ein paar Tücher mit den Enden aneinander und warfen einen Teil über die Mauer, den andern Teil mit gemeinsamer Kraft festhaltend. Jubal stieg, seines Willens nicht mehr mächtig, vom Baum herab, vergaß sogar vom Boden sein Gewand aufzunehmen, das er der Hitze wegen ins Gras geworfen hatte, und kletterte an den verknüpften Tüchern empor. Mit Jubel begrüßten ihn die Mädchen, als er oben auf der Mauer erschien. Sitzend schwang er sich zu ihnen hinab. Nun stand er unter ihnen in kräftigem Gliederbau, den ganzen Leib mit einem leichten hellen Flaum bedeckt. Wie Weizen war sein Haupthaar, das ihm wie einem Weib auf die Schultern fiel. Die Mädchen umringten ihn lachend und tanzten. Er aber fürchtete sie nicht, auch schämte er sich nicht, nur war er voll von Staunen und Verwunderung. Als aber ihre zarten Hände seine Haut berührten, da erwachte eine Wildheit in ihm, die er selbst nicht begriff. Ihm war, als müsse er sich wehren und wollte um sich schlagen, aber als er die Nächste, dieselbe die zuerst mit ihm gesprochen hatte, heftig ergriff, da fühlte er seine Schlagkraft schwinden. Das Mädchen blieb ihm fast bewegungslos im Arm hängen, die andern stoben auseinander und lachten über den Unerfahrenen. Jene Ältere aber, die zuerst gewarnt hatte, raunte ihm zu: »Folge deiner Freundin unter die Bäume, damit ihr vom Brot der Götter kostet.«

Bis die Sonne dicht über der Fläche des Teiches stand, blieb Jubal bei den Tempeldirnen und genoß mit ihnen Wein, Früchte und vom Brot der Götter. Er fühlte, daß das, was er hier in wenigen flüchtigen Stunden erfuhr, so schwer wog, wie alles, was ihn der kluge Vater in einem langen Jahrzehnt gelehrt hatte. Auch wußte er genau, daß dieses Götterleben mit dem andern nicht vereinbar sei und darum dem Vater verschwiegen werden müsse, der wahrscheinlich von solchen Sachen nichts wußte oder sie aufs äußerste mißbilligte.

Jubal mußte den Mädchen versprechen wieder zu kommen. Der Rückweg über die Mauer war leicht. Dicht an der äußeren Wand standen Bäume, von deren Krone aus die Höhe der Mauer zu erreichen war. Wollte Jubal künftig zu seinen Freundinnen gehen, dann bestieg er den Baum, aus dessen Zweigen er sie zuerst gesehen. Sie warfen ihm wieder die verknüpften Tücher herüber und er kletterte daran hinauf wie das erste Mal. Nicht immer waren es dieselben Mädchen, die dort am Teich Linnen wuschen. Einzelne verschwanden aus den Reihen, dafür kamen neue hinzu, doch alle waren gleich lieblich. Bald hatte Jubal ihre Künste gelernt. Er kannte die 18 Arten der Umarmung und die 23 Arten der Halbumarmung, den Königskuß und den Götterkuß, die 9 Dufträusche und die 6 Safträusche. Er kannte die 500 Strophen der milden und die 800 der feurigen Leidenschaft, die 60 der Sehnsucht, die 14 Wiegetänze und die 7 Wahnsinnstänze. Die Mädchen hatten ihn nichts mehr zu lehren, wohl aber bewarben sich alle um seine Gunst, und aus sich selbst erkannte er die 60 Arten des weiblichen Grolles, die 77 Weisen der Verstellung, die 4 Grade der Falschheit, die 9 Formen der Eifersucht, die natürliche Wärme des Herzens und die künstliche Hitze des Verstandes, das zu stillende Dürsten des Fleisches und den unersättlichen Brand der Phantasie.

Iktar fiel an dem Sohne eine große Veränderung auf. Nicht mehr nahm sein lebhafter Verstand alles gelehrig an wie die Regeln eines Schachspieles, das ihn nichts anging; sondern er widersprach oder billigte. Er weigerte sich, Gelerntes zur Probe zu wiederholen, aber im Gespräch merkte man wohl, wenn ein Samen aufgegangen war. Iktar schien es an der Zeit, dem Sohn eine Beischläferin zu geben, und eines Abends fand Jubal in seiner Schlafzelle, statt des gewohnten Dieners, Heraile, die Tochter eines Hirten. Jubal lächelte, als er sie sah und ließ sich ihre Bedienung gefallen. Wohl verwunderte er sich, daß ihm der Vater zur Bedienung ein Weib sandte – denn nichts geschah ja ohne dessen Befehl –, aber Heraile hielt Iktars prüfenden Blicken nicht stand. Gewiß war sie wohl gewachsen und reinlich, aber ihre Hände waren ungelenk, ihr Geist plump. Nachdem sie ihm die Füße gewaschen, entließ er sie. Wie ein zahmes Tier schlief sie künftig auf einer Matte vor seiner Kammer.

Jubal brannte darauf, diese Neuigkeit seinen Freundinnen am Mondteich zu erzählen. Am folgenden Tag fand er bei den Linnenwäscherinnen eine unbekannte Frau. Sie war bedeutend älter, als alle die Mädchen, doch noch schön und von Götterwuchs. Ohne daß Jubal es gewahrte, beobachtete sie seine Spiele mit den Mädchen, die zu seiner Verwunderung über seine Erzählung unfroh wurden, dann gab sie ihnen ein herrisches Zeichen, so daß sie sich entfernten, eilte auf den erstaunten Jüngling zu, schloß ihn in die Arme und rief: »Jubal, mein lieber Sohn!« Jubal zitterte am ganzen Leib. Er hatte geglaubt, daß er alles wußte von den Frauen, aber was er nun fühlte, war etwas ganz neues. Kettara setzte sich mit ihm unter den Schatten der Bäume und erzählte ihm, daß sie ihn vor 18 Jahren seinem Vater Iktar geboren habe, nun aber Oberpriesterin im Mondtempel sei. Ihr Glück, den Sohn wieder gefunden zu haben und ihn so herrlich erblüht zu sehen, war unaussprechlich. Sie küßte ihn ein um das andere Mal, und er mußte ihr genau erzählen, wie ihn Iktar hielt. »O der Grausame, der Entsetzliche,« rief sie aus. Jubal mußte versprechen, nun jeden Tag über die Mauer zu kommen.

Bisher hatte er die beiden Welten, in denen er lebte, gut auseinander halten können. So wie der Verkehr mit den Tempeldirnen seinen Geist auch für die Studien daheim lebhafter gemacht hatte, so kam ihm wiederum sein lebhafter Geist bei der Beherrschung der Mädchen zu gut. Nun aber war Jubal zum ersten Mal gänzlich verwirrt. Der Weg über die Mauer war kein tändelndes Spiel mehr, sondern er wurde nun Jubals eigentliches Leben; dennoch verzehrte er sich weniger in Unruhe als früher, wenn einmal die Pläne des Vaters den Ausflug unmöglich machten. Er bedurfte nicht so sehr Kettaras häufiger Nähe selbst, als einer Klärung seiner Gefühle zu ihr. Er dachte nicht so sehr an ihre Gestalt, als daß ihr Wesen völlig von ihm Besitz ergriffen hatte, ihn mit einer Sehnsucht erfüllte, die kein bestimmtes Ziel hatte und ihn doch zu Zeiten in der Einsamkeit des Waldes vollkommen glücklich machte. Das Einzige, was ihm mit immer größerer Deutlichkeit klar wurde, war der in ihm wachsende Haß gegen den Vater. Er begann den welken Körper des Greises, vor allem aber seine eintönige Stimme immer widerwärtiger zu empfinden. Seine kalten Lehren, wie man die Menschen beherrscht, konnte er kaum mehr mit anhören; eines Tages ließ seine Ungeduld die Worte herausfahren: »Und was ist diese Welt, deren Gesetze du mich lehrst? Du sagst mir von ihr nur, daß ich sie beherrschen soll, aber warum, was ist sie selbst, woher kommt sie und wohin zieht sie? Warum verheimlichst du mir dies, so daß alles, was du sagst, hohl wird? Hast du mich nicht mit einem Weib gezeugt? Wo hältst du dieses Weib gefangen? Warum darf ich nicht Mutter zu ihr sagen? Warum durfte ich kein Weib sehen? Was hast du mit mir vor? Warum umspinnst du mich mit Lügen?«

Von diesem Ausbruch wurde Iktar so betreten, wie einst, als er wegen seiner Verbrechen vor dem Staatsgericht stand. Nur dieses Mal war seine Scheu nicht Verstellung.

»Was denn für Lügen?« sagte er kleinlaut. »Habe ich dir nicht ein junges Weib beigelegt?« »Jene Magd?« rief Jubal höhnend. »War dies die Meinung? Nun so wisse, daß ich sie nicht berührt habe, daß sie wie ein Hund vor meiner Tür schläft.«

Iktar erschrak. Wenn dies die Wahrheit war – und daran ließ Jubals Ton für den alten Kenner aller menschlichen Verborgenheiten keinen Zweifel – dann hatte der Sohn eine andere Quelle, aus der er Erkenntnis schöpfte, und damit war das ganze Erziehungswerk untergraben.

Jubal war nach seinen Worten hinausgeeilt. Entschlossen, nie mehr wiederzukehren, begab er sich nach den Mondteichen. Dort fand er Kettara, der er alles berichtete und erklärte, künftig bei ihr bleiben zu wollen. Kettaras Herz jubelte, und sie vergoß Tränen der Rührung, aber den Sohn bei sich behalten konnte die Oberpriesterin nicht. Ihr verbot das Tempelgesetz jeden Anhang. Sie ließ daher den alten Gelehrten Bensidech zu sich bitten, mit dem sie, seit er an den Mondteichen wohnte, Freundschaft verband. Ihm allein hatte sie einst ihren Kummer anvertraut, als sie, von Iktar ihres Sohnes beraubt, zu den Tempeldirnen zurückgeschickt worden war. Er, der ja auch ein Opfer des Mächtigen war, verstand sie zu trösten. Er weihte sie ein in die tieferen Geheimnisse des Monddienstes, und empfahl nach drei Jahren dem König, sie zur Oberpriesterin zu ernennen. Durch jene Geheimnisse werden dem Erkennenden alle die Bilder des fleischlichen Lebens, woran die Sinne hängen, zu Gleichnissen eines tieferen Sinnes, der alles Begehren und Sehnen in höherer Schau zum Schweigen bringt. So hatte Kettara aufgehört an ihrem Mutterschmerz zu leiden, ohne darum zu den gemeinen Mitteln des Unterdrückens und Vergessens greifen zu müssen. Als Bild hatte ihn ihr Gedächtnis vielmehr treu bewahrt. Nun, da sich durch Jubals Erscheinen das Bild wiederum zu bewegen begann, begriff sie dies als Zeichen der Göttin. Sie gab sich ihrem Muttergefühl hin, nicht ohne das deutliche Gefühl, daß dies alles etwas anderes, ja viel mehr war, als das, was ihr in der Erscheinung widerfuhr.

Der greise Bensidech freute sich des Jünglings und nahm ihn auf Kettaras Bitte in sein nahes Haus auf, von wo aus der Sohn die Mutter fast täglich besuchen konnte. Bensidech versuchte Jubal leise mit seinen Geheimnissen bekannt zu machen. In der Morgenfrühe ließ er ihn gen Osten blicken, ehe zwischen zwei einsamen Felsen der blutigrote Sonnenball emporstieg, und lehrte ihn, das, was er sah, aus der einfachen Wahrnehmung zum Bild zu gestalten, und dabei zu denken: »Dies bin ich nicht!« Dann mußte er auf seinen eigenen Leib schauen und denken: »Auch dies bin ich nicht!« Wenn man dies immer wieder geduldig getrieben hatte, dann kam nach Bensidechs Lehre eine Stunde, in der alles in sein Gegenteil übersprang und der Versenkte fühlte: »Dies alles bin ich. Ich bin der Schöpfer.« So erkannte Bensidech das, wovon die Bilder nur Gleichnisse waren, indem er die Bilder zuerst sich selbst entfremdete, um sie dann in ihrer tieferen Bedeutung wiederzufinden. »So aber wie du den Sonnenaufgang betrachtest«, lehrte Bensidech, »so betrachte alles andere, deinen Haß gegen den Vater und das, was dir das Teuerste ist – ich sage nicht: deine Mutter – sondern deine Liebe zur Mutter, denn deine Mutter ist geschaffen durch deine Liebe, und auch diese Liebe ist noch Bild einer ganz anderen Liebe, über die nichts zu sagen ist, denn was man noch sagen kann, das ist sie nicht, sondern auch höchstens Bild von ihr.«

Jubal hörte voll Ehrfurcht diese Lehren. Er folgte ihnen und betrachtete in der Frühe die Morgenröte und seinen Haß und seine Liebe. Er betrachtete seine arme Vergangenheit, das kurze Spiel mit den Mädchen am Teich und die Fülle seiner Gegenwart zwischen dem verehrten Greis und der geliebten Mutter, aber das, was Bensidech erwartete, trat nicht ein. Wohl lebte sein Geist zwischen Bildern, aber je inniger er sie betrachtete, desto tiefer glühten sie auf, desto heißer umarmte er sie, desto weniger vermochte er zu denken: »dies bin ich nicht.« Eines Tages aber sagte er zu Bensidech: »Längst bin ich am Ziel. Nicht bedarf ich des Umweges der Entfremdung der Bilder, denn schon jetzt fühle ich: dies alles ist mein, die Sonne im Felsentor, deine Güte und Weisheit und die Liebe meiner Mutter. O Bensidech, dank deinem Schutze bin ich glückselig und will nichts sonst. Und zu meinem Glück gehört auch der Haß gegen den Vater; wie könnte ein Mensch der Liebe und Sonne so genießen, der nicht früher die Wüste und den Schatten gekannt hätte?«

Bensidech lächelte und sagte: »Aus dir spricht die Verblendung der Jugend. Da hilft keine Lehre. Gehe hin und sei fröhlich, aber du wirst viel leiden müssen. Dein Glück steht auf schwachen Füßen. Ich werde bald sterben, wo bleibt dann dein Schutz? So lange deine Liebe am Bild der Mutter haftet, hängt sie am verweslichen Fleisch. So lange deine Blicke die aufgehende Sonne brauchen, um das Unendliche zu schauen, bedarfst du des klebrig-wässerigen Dings, das man Auge nennt. Alles dies aber ist Schein. Ich weiß eine Geborgenheit über allem Schutz, eine Liebe über allen Bildern und eine Erkenntnis über allen Sinnen. Der Unterschied deines früheren und deines jetzigen Lebens ist nicht so groß wie du wähnst. Noch stehst du auf derselben Kugel, nur am andern Pol. Dein Vater Iktar lehrte dich die Macht, bei deiner Mutter Kettara fandest du die Liebe; aber in beiden Fällen lebtest du in den Bildern. Ziel war erst Macht über die Bilder, nun ist es Liebe zu den Bildern. Vielleicht wirst du eines Tages wieder in die Macht und dann wieder in Liebe zurückfallen und so fort, aber auf diese Weise gibt es keine Erlösung. Wer über den Bildern ist, der schwankt nicht mehr, sondern er hat Liebe und Herrschaft zugleich. Bis du das verstehst, mußt du dich wohl noch lange gefreut und noch lange gelitten haben. Nun plage dich nicht länger, dem Unendlichen ein Geheimnis abzutrotzen, für dessen Besitz du noch zu jung bist. Mein Werk ist getan, wenn ich dir für immer ins Gedächtnis gegraben habe, daß es diesen Weg zum Heile gibt, und du wirst dich seiner erinnern, wenn um dich einmal die Bilder zu schwanken beginnen.«

So sprach Bensidech. Jubal aber lebte noch zwei Jahre fröhlich zwischen ihm und der Mutter und las mit ihm die Dichter. Diese begriff er besser als die Lehren Bensidechs selbst. »Sie besitzen die halbe Wahrheit,« sagte Bensidech, »wohl vermögen sie die Bilder aus sich herauszustülpen und sich einen Augenblick als ihre Schöpfer zu fühlen, aber dadurch, daß sie die Bilder in Werke gießen, haften sie sich selbst wieder fest an sie. So vermehren sie nur die Bilder und das Feste um sich und halten sich immer wieder zurück vor dem Sturz ins ewig Fließende. Wohl sind die Dichtwerke Stufen zum Heil, aber auch zugleich Mauern, die es verhüllen. Wer über sie hinaus kommt, dem sind die Dichter führende Genien, wer aber bei ihnen verweilt, dem sind sie fesselnde Dämonen.«

Als Iktar am Abend des Fluchttages vergeblich auf Jubal gewartet hatte, und dann noch einen Tag nach dem andern, da ergrimmte er, und sein Groll sann, wie er diejenigen schlüge, die dem Sohn Aufnahme gewährten, und wie er seiner selbst wieder habhaft werden könnte. Dies alles konnte Iktar, dessen geheim wirkende Hand weit verzweigtere Ereignisse gelenkt hatte, keine schwere Aufgabe dünken, aber so groß auch sein Zorn war, der ihn zu schnellem Handeln drängte, noch größer war in den einsamen Nächten die stille Verzweiflung, welche die Härte seines Willens wie in Schleim auflöste. Hatte er gegen Morgen auch einige Stunden Schlaf gefunden, so erwachte er doch in solchem Trübsinn, daß er, im Schatten sitzend, den Kopf vornüber neigend, keines Entschlusses fähig war. Wohl hörte er die Berichte der Späher an, die bald zu melden wußten, daß Jubal bei Bensidech an den Mondteichen lebe, täglich seine Mutter Kettara sehe, im übrigen die Dichter lese und von blühender Gesundheit sei. Es wäre Iktar ein Leichtes gewesen, den alten Bensidech und Kettara zu beseitigen und den in einem offenen Gartenhaus schlafenden Jubal rauben zu lassen; einige Getreue erboten sich, dies alles in einigen Nachtstunden zu schaffen; bis zum nächsten Sonnenaufgang, – so versuchten sie einen Entschluß aus Iktar herauszulocken – konnte der Sohn wieder beim Vater sein; aber Iktar winkte ihnen ab und schüttelte nur den müden kleinen Kahlkopf. Hatte er auch nur in den Bildern gelebt, über die er Macht ertrotzt, so baute er doch nicht allein auf Fleisch und Blut und das, was im Raume ist. Zu wohl durchschaute er, daß der etwa morgen zurückkehrende Jubal nicht mehr derselbe war, den er großgezogen und der ihn verlassen hatte. Sein Werk war gescheitert. Der Sohn war nicht mehr. Eines Nachts beschloß er, auch dessen irdisches Bild durch einen Meuchler vernichten zu lassen, aber am andern Tag gab er auch diesen Plan wieder auf. Was lag ihm noch daran, was für Gebein, von Menschenfleisch umkleidet, in der Welt lebte?

Zwei Jahre war Iktar versunken in seinen Gram. Er sprach fast zu niemand, doch während es anfangs eine undurchdringliche Härte war, welche alle abwies, die ihn ansprechen wollten, wurde es in der letzten Zeit eher eine stille Verklärung. Vielleicht hatte auch er, nachdem sie ihm schwankend geworden, den Sinn der Bilder durchschaut.

Eines Morgens fand man den mächtigen Iktar tot auf seinem Lager. Schon seit einiger Zeit besaß einer seiner Getreuen ein Schreiben, das er nach dem Hinscheiden des Herrn sofort zu Jubal zu bringen gelobt hatte. Dieser erhielt es in einem kleinen Hain, wo er zwischen zwei Gazellen an einem Bach lagerte und gerade ein Saitenspiel stimmte. Er las: »Jubal, werde, der Du bist, denn noch bist Du es nicht, so lange Du alles, auch Deine Liebe, fühlst vom Haß aus, den Du gegen den Vater hegst. Nun ist der Vater tot, begrabe ihn selbst in der Einsamkeit des Waldes und wirf Deiner einstigen Lieben zu ihm auch Deinen Haß in die Grube nach. Dann gehe frei in die Welt. Iktar.«

Zum ersten Mal schwankten nun um Jubal die Bilder seines Lebens, auf die er so sehr vertraut hatte. Ein namenloser Schmerz überfiel ihn, aus dem ihn der Bote nur schwer herauszureißen vermochte. Bensidech erstaunte, daß er den Jüngling so völlig verändert sah. Jubal folgte dem Boten, kaum seiner Sinne mächtig. Als er die scheinbar verhaßte Mauer der väterlichen Besitzungen wiedersah, da kam sie ihm vertraut und teuer vor. Er dachte seiner kindlichen Ritte und Jagdabenteuer unter den Bäumen, der kargen Mähler bei Jägern und Hirten und der ehrfürchtigen Scheu, mit der er stets Iktar genaht, und die nichts anderes als ins Unaussprechliche gefesselte Liebe war. Als er in die Kammer trat, wo die Leiche lag, da überwältigte ihn fast das Erbarmen. Vertrocknet, bräunlich und dünn, wie eine Kindermumie, lag der einst Mächtige hilflos da, die kleinen sehnigen Hände über der Brust gefaltet, die Augen geschlossen wie in kindlichem Schlummer. Ein Ausdruck fast von Einfalt, wie ihn Iktar einst so schlau als Maske zu benutzen verstand, erschien nun auf dem Totenantlitz als sein wahres unbeherrschtes Gesicht, von allen Masken befreit. Jubal war erschüttert. Hatte er dieses verborgene Vaterantlitz nicht stets im Innersten geschaut und geliebt? Sagte es ihm, der den Vater zu hassen geglaubt hatte, etwas Neues? Nein, gerade das heimlich-unheimliche Vertrautsein mit diesem fast einfältigen Gesicht, das alle andern an dem toten Iktar heimlich erstaunte, ließ ihn mit Schrecken die Irrtümer seines ganzen bisherigen Lebens erkennen.

In der Nacht wurde er nicht müde, immer wieder die ihm hinterlassenen Worte des Vaters zu lesen, besonders die Stelle: »… so lange du alles, auch deine Liebe, fühlst vom Haß aus, den du gegen den Vater hegst.« Ja, das war so. Liebte er etwa Bensidech? Nein, nein, den Vater liebte er; da sich aber zwischen ihn und seine Liebe das Gespenst eines vermeintlichen Hasses gestellt hatte, da irrte seine Liebe haltlos umher und klammerte sich mit unnatürlicher Heftigkeit an andere: erst an jene fremde Frau, die sagte, sie habe ihn geboren, dann an jenen Alten. Ein Augenblick stieg in ihm Hohn auf gegen Bensidech und seine Lehren. Wie lauteten sie doch? Aber als Jubal sie sich prüfend wiederholte, siehe, da erschien das, was ihm jetzt geschehen, gerade ein Beweis für deren Wahrheit. Waren jetzt nicht alle Bilder in ihm schwankend geworden? Durchschaute er sie nicht nun selber? Bedeuteten sie nicht etwas anderes, als sie schienen, genau wie Bensidech gesagt? Was sich als Haß gegeben hatte, war Liebe, was wie heftige Liebe aussah, war nur Flucht aus dem Haß, und jetzt, wo dies alles durchschaut war, erschien Hohn gegen Bensidech und Fremdheit gegen Kettara, die scheinbar Geliebten, aber auch dieser Hohn und diese Fremdheit waren wieder nur Schein, nur Antworten auf die vorher zu krampfhaft gewollte Liebe zu ihnen. Wahrlich alles schwankte, Liebe und Haß, Bild und Leere, bald waren sie zwei, bald eins, bald nichts, woran sollte man sich da noch halten? »Jubal, werde, der du bist!« begann das, was der Vater schrieb. »Aber wer bin ich?« spähte er in sich hinein. Und da lag klar die Antwort: der, welcher alle jene Bilder um sich erstehen, schwanken und verschwinden, aber sich dennoch von ihnen narren ließ, als wäre auch er nur Bild unter Bildern und nicht Schöpfer von alledem. Jubal fragt, an was er sich nun halten soll? »Jubal soll sich an Jubal halten,« raunt es wie mit der Stimme des Vaters. »Werde, der du bist.« Und Jubal betastete seinen Leib und fühlte, genau wie Bensidech gelehrt: »Dies bin ich nicht,« und dann spähte er wieder in sein Inneres und fühlte: »Ich bin nicht das Bild, sondern der Bildner, ich bin nicht das Werk, sondern der Wirkende, ich bin nicht das Geschehende, sondern die Ursache, daß geschieht. Nicht liebenswerte Bilder machen mich lieben, nicht böses Geschick macht mir Furcht, sondern, weil ich Liebe bin, entstehen liebenswerte Bilder in Raum und Zeit. Wenn ich mich fürchte, ballt sich böses Geschick, bin ich voll Vertrauens, dann blaut die Luft. Wie, wenn es möglich wäre, so Herr seines Innern zu werden, daß man mit Wissen die Bilder beherrscht, und sich nicht mehr narren läßt von seinen eigenen Geschöpfen?«

Am folgenden Tag war Jubal sehr leicht zu Mute. Er erwachte und sah den Menschen Jubal im Bild des Sohnes, der seinen lieben Vater zu begraben hat, mit dem er indessen manchen Widerstreit gehabt, wie es unter Menschen Brauch ist. Der Mensch Jubal aber grämte sich nicht mehr allzu sehr, nahm den Sarg, der nicht schwer wog auf seine starke junge Schulter und trug ihn stille in die Mitte des Waldes. Dort grub er ihm ein Grab und versenkte ihn. Nochmals las Jubal, der Mensch, den Brief, den ihm Iktar geschrieben hatte, besonders die Worte: »begrabe ihn selbst in der Einsamkeit des Waldes und wirf Deiner einstigen Liebe zu ihm auch Deinen Haß in die Grube nach; dann gehe frei in die Welt.«

Als Jubal heimgekehrt war, warteten die Getreuen seines Vaters auf seine Befehle. In ihm aber stieg das Bild seiner Mutter auf und er besuchte sie im Tempel. Sie ließ sich von ihm alle Vorfälle berichten; Jubal erzählte ihr alles äußere, aber er erwähnte nichts von seinem früheren Haß gegen den Vater, dessen Äußerungen Kettara bisher nicht zuwider gewesen waren, aber auch nichts von seiner plötzlich hervorgebrochenen Liebe, die Kettara kaum verstanden hätte. Vielmehr blickte er ihr ruhig in die Augen und erklärte ihr, daß er nun zum König gehen und ihm seine Dienste anbieten wolle. Kettara wurde betrübt, denn sie fühlte, daß die Zeit vorüber war, während der sie den Sohn täglich nahe gehabt hatte und der gemeinsame Haß gegen Iktar ihrer Liebe eine in Anklagen gegen den Unterdrücker schwelgende Gefühlsseligkeit gegeben hatte. Nun war Jubal plötzlich ein Mann geworden und in seiner Festigkeit war etwas Neues, das Kettara peinlich an Iktar erinnerte. Erst war ihr der Sohn ganz genommen und dann ganz gegeben worden, und jetzt sollte sie seinen Besitz teilen mit jemand, der niemand war, mit etwas, einer unbestimmten Macht, in der sie nichts anderes sah, als den Geist Iktars, des verhaßten Vaters, der mit dem Tod des leiblichen Iktar erst gesiegt zu haben schien. »Ach,« seufzte sie auf, »das Schicksal des Weibes ist Leid von Anbeginn, und keine Seligkeit, die es sich vorübergehend stehlen kann, vermag dies zu ändern.«

Jubal umarmte die Mutter, ohne sie ganz zu verstehen. Wollte er sie denn verlassen, blieb sie nicht seine geliebte Mutter, auch wenn er dem König diente? Sie blickte ihn prüfend an. »Es ist wahr,« sagte sie, »ich bin töricht. Will ich denn, daß du dein Leben über den Dichtern und zwischen Gazellen verträumst? Es ist besser, du gehst nun frei in die Welt.« »Dasselbe hat mir der Vater geschrieben in einem letzten Brief.« Kettara las die Zeilen, die ihr der Sohn gab. »Es ist gut,« sagte sie, »nun sind wir alle versöhnt. Gehe deinen Weg und vergiß dabei nicht deine Mutter.« Jubal küßte sie still, dann ging sie, die Tränen beherrschend, in den Tempel zum Dienst.

Hierauf besuchte Jubal den alten Bensidech und dankte ihm für seine Lehren. »Zur rechten Zeit habe ich mich ihrer erinnert,« sagte er, »und sie haben sich als wahr erwiesen. Nun will ich in die Welt gehen, und von innen heraus die Bilder beherrschen!« Bensidech schüttelte zweifelnd das Haupt, aber er gab ihm voll Liebe seinen Segen.

König Makarek freute sich, als ihm Jubal seine Dienste anbot, denn schon hatte er gefürchtet, dieser würde mit junger Kraft, aber von der alten Klugheit seines Vaters unterwiesen, die geheime Gewaltherrschaft im Reiche fortsetzen. Jubal ließ sich nun einweihen in alle Teile der Staatsverwaltung; zunächst saß er als Zuhörer im Kaiserlichen Rat.

Dank Iktars geheimen Einflüssen war das vordem arme und kleine Reich groß und blühend geworden. Die Reiche gen Norden und Osten waren nun eng mit ihm zu einem verbunden, schwer beladene Kauffahrteischiffe fuhren über die See, und kein Pirat wagte sie anzugreifen aus Angst vor den kaiserlichen Fregatten, die dauernd die Meere kreuzten. Die Heere des Kaisers erregten den Schrecken der Nachbarn, die fürchteten, es könne ihnen gehen wie den Reichen gen Nord und Ost.

Zulix, der wohlhabende Besitzer von 10 Webstühlen, hatte einen klugen Gesellen; der vermeinte, wenn man ein Mittel fände, sie durch die Kraft des Wassers zu bewegen, könne ein Mann gleichzeitig mehr als 100 Webstühle laufen lassen, oder noch besser nur einen großen, der aber mehr Arbeit verrichtete als 100 kleine. Zulix schickte den vorlauten Gesellen fort, im geheimen aber verwirklichte er dessen Gedanken, und wurde zum reichsten Mann des Landes. Ähnliches geschah in andern Gewerben. Die Handwerker konnten sich bald nicht mehr halten, denn die großen Maschinenbesitzer überschwemmten das Land planmäßig mit billigen Waren, weckten Bedürfnisse nach neuen Genüssen, hielten dann wieder die Waren zurück und gaben sie nur noch zu höheren Preisen her. Die früheren Handwerker und ihre Söhne mußten für sie arbeiten. Immer mehr Hände gewannen die Reichen für diese Knechtsarbeit. Sie boten Löhne, welche auch die heranlockten, die bisher genügsam die Erde bebaut hatten. Die Masse der Lohnarbeiter wuchs und wuchs, und dieselben, deren Hände die Waren hervorbrachten, vermehrten das Heer der Käufer. Was verschlug es, daß der Ackerbau zurückging? Schiffe brachten Getreide genug aus fernen Ländern. Dadurch wurden die Reeder reich und die Getreidehändler. Das Land verödete, die Städte schwollen an, ganz neue Städte entstanden. Mit großem Gewinn bauten Unternehmer unabsehbare Straßen von Riesenhäusern auf, in denen sich jene Massen in Unsauberkeit und Lärm zusammenpferchten, immer in einem Übergang zu etwas anderem befindlich und auf Veränderungen wartend, heute bei diesem Gewerbe, morgen bei jenem; denn ein Handwerk brauchte keiner mehr zu erlernen, es galt nur noch, die Räder der Maschinen in Bewegung zu halten, und dabei halfen selbst schlaffe schwangere Weiber und Kinder. Wohl waren viele enttäuscht. Sie fanden nicht den hohen Verdienst, den sie erhofften, und die Genüsse, die man damit kaufen konnte, aber zu verhungern brauchte keiner. So zeugten sie ohne Beschränkung Kinder, ehelich und unehelich, ohne viel zu denken, denn auch sie würden gewiß Arbeit finden und damit sogar Geld ins Haus bringen; und diese Kinder, die selbst nie das Feld und den Wald gesehen hatten, vermischten sich wieder in kaum halbwüchsigem Alter und zeugten eine schlaffe blutlose Brut.

Es gab Gelehrte, die dieses Leben genau untersuchten und mit Stolz ungeheure Zahlen herausrechneten. Sempil, der Oberrechnungsmeister, ein fast haarloser Mensch mit Gesichtszügen so scharf wie eine mathematische Figur, drängte sich oft mit seinen langen Verzeichnissen an Jubal heran, dessen verstorbenen Vater er hoch verehrte. Was verdankte man ihm nicht alles? Die Bevölkerung hatte sich – so bewies Sempil dem verwunderten Jubal an der Hand von Listen – in 20 Jahren mehr als verdoppelt, die Grundfläche des Reiches fast verdreifacht, die Warenherstellung vervierfacht usw. War das nicht Aufschwung, Fortschritt, Größe? Und wenn es nicht die Zahlen bewiesen, dann bewiesen es die Furcht und der Neid der Nachbarn. Diese Zahlen wußten alle auswendig, sie wurden in den Schulen bereits den Kindern eingeprägt, in einem Fach, das Heimatlehre hieß und früher von bunten Landschaften, Bergen, Flüssen und Wäldern gehandelt hatte.

Dies alles machte die Menschen des Reiches vom König Makarek bis hinunter zum bescheidensten Hafenarbeiter so ruhmredig, daß dem an Stille gewohnten Jubal davon die Ohren gellten. Ungeheuer schienen ihm allerdings die Werke, welche die Menschen schufen, ihre Bauten und das netzartig verwickelte Ineinandergreifen all' der arbeitenden Hände, aber die Menschen selber waren innen kalt und hohl, gierig und voll Haß, übermüdet von Arbeit, die stets nur der Erhöhung von irgendwelchen Zahlen diente, und erhitzt in Genüssen, die sie überreizten und aufrieben. Jubal war es ein Leichtes die Unwirklichkeit zu durchschauen, die in all diesen Zahlen lag. »Alles tun sie von außen,« dachte er, »nichts von innen. Darum sind sie innen nichts, und ihr Selbst ist verknechtet an das äußere Werk.« Jubal glaubte, sein Werk im Staat müsse damit beginnen, diese Irrtümer aufzudecken und dadurch das Reich vom Niedergang zu retten; aber da erfuhr er bei den ersten bescheidenen Einwänden, die er versuchte, etwas ganz Sonderbares. Alle, die Oberen höflich oder mit feiner Spötterei, die Mitteleren unwirsch und etwas verlegen, die Unteren plump und fast beleidigend, gaben ihm alle dem Sinne nach dieselbe Antwort: »Wie kann sich einer ein Urteil anmaßen, der aus einer anderen Welt kommt und nicht die rastlose Arbeit aus eigener Erfahrung kennt?« Jubal durchschaute auch diese Lüge sofort: »Wer ihre Erfahrung hat, der ist in den Bildern befangen, wer aber die Bilder durchschaut, der kann nach ihrer Meinung nichts erfahren haben.« Und immer deutlicher sah er, daß im Reiche weder Weisheit noch Gerechtigkeit herrschten, sondern diejenigen, die sich ihrer Erfahrung rühmten im Herstellen und Verhandeln von Waren. Jubal sagte zu König Makarek: »Die, welche ihres Eigennutzes wegen am strengsten beaufsichtigt werden müssen, die, welche das Volk in Arbeit knechten und zugleich ihm seinen Bedarf zumessen, diese gerade hast du zu Herren werden lassen. Das muß dein Reich untergraben. Die Zahl der Menschen wächst, aber ihr Blut wird immer schlechter, ihr Herz immer leerer.« Makarek lächelte und dachte: »Dieser gute Jubal! ihn habe ich gefürchtet, als den Sohn seines Vaters, aber in ihm ist wahrlich nichts von dem furchtbaren Iktar;« und weil auch Makarek schnell merkte, daß Jubal von den wichtigen Dingen, die dem Land Reichtum und eine starke Macht schufen, nichts verstand und wohl auch nicht fähig war, diese Zusammenhänge trotz seinem guten Willen noch zu lernen, machte er ihn zum obersten Aufseher der schönen Künste und Wissenschaften.

Jubal war dies recht. Für ihn bedeuteten ja die Bilder nicht, was sie schienen. So versanken denn vor ihm wieder die Zahlen, die Sempil ihm täglich gezeigt, und vor ihm erschien das Bild der hohen Schulen und Akademien des Landes. Er freute sich der vielen helläugigen Jünglinge, die hierher strömten, um die Schriften der Weisen und Dichter zu den Füßen ihrer Lehrer zu lesen. Als er aber diese Männer mit Bensidech verglich, mußte er lächeln. Sie waren Sempil, dem Oberrechnungsmeister, nur zu ähnlich. Wie jener Zahlen, so verkündeten sie Worte, die sie verglichen und auswendig lernen ließen. Die voll Hoffnung herbeigeströmte Jugend höhlten sie zuerst aus durch die seelentötende Gehaltlosigkeit ihrer Reden und dann füllten sie die so geschaffene Leere behutsam und schichtweise wieder aus mit sorgfältig zusammengetragenem Wortkram. War dies gelungen, so wurde der Erfolg durch Prüfungen bestätigt und die Jünglinge wurden selbst als künftige Diener des Staates oder Lehrer der Jugend entlassen.

Jubal beschloß Abhilfe zu schaffen. Es gab in der Hauptstadt kleine Kreise von Jünglingen, die, der hohen Schulen satt, sich auf eigene Faust um jüngere Gelehrte und Dichter scharten, welche ähnlich wie Bensidech den Geist statt den Buchstaben der Schriften lehrten. Von diesen berief Jubal einige an die hohen Schulen des Landes, ließ ihnen Lehrfreiheit und gab ihnen dazu die äußere Ordnung des Amtes und ihren Schülern die Regelmäßigkeit des Unterrichts. Allmählich glaubte er so alles, was an quellenden und suchenden Geisteskräften im Lande war, herbeizuziehen zu gegenseitiger Befruchtung. Damit aber erregte er allgemein die größte Unzufriedenheit unter den Eltern der lernbegierigen Jugend. König Makarek lächelte nicht mehr über Jubal, als er die Mahnungen seiner nächsten Ratgeber, des Oberrechenmeisters Sempil, des Getreidehändlers Njeneschi, der Fabriksherrn Zulix und Quiribal und des Heerführers Grunisch hörte, der ein besonderes Auge auf die Gesinnung der Jugend haben mußte und auf ihre stete Bereitschaft, begeistert für die Gewalt und den Reichtum des Staates ihr Blut zu opfern. Des Königs Ratgeber befürchteten, daß die neuen Schulen eine müßige, dem Erwerb fremde Jugend erziehe. Schon hörte man bei ihr Worte wie diese: Reichtum sei einem Volke eher schädlich, als von Nutzen, oder: wenn Reichtum nötig wäre, so hätten ja die Väter hinlänglich dafür gesorgt, das neue Geschlecht aber könne sich höheren Dingen zuwenden.

Jubal wurde auch seines neuen Amtes entsetzt und zog sich lächelnd über seine irrende Hoffnung in die Felsenburg zurück, in der er groß geworden war. »Habe ich nicht selbst versucht die Bilder von außen zu bewegen? Wohl hätte es eine Zeitlang gelingen können, aber ich bin zufrieden, daß es nicht gelang; denn ein flüchtiger Erfolg hätte mich nur über die verborgene Wahrheit getäuscht, daß man nur von innen heraus wirken kann.«

Jubal lebte nun einige Wochen in völliger Selbstversenkung, und er erkannte dies: War es ihm schon nach des Vaters Tod klar geworden, daß nicht die Bilder unsere Gefühle hervorrufen, sondern die Gefühle erst die Bilder schaffen, so hatte er doch die Gefühle selbst noch nicht zu meistern verstanden. Ohne Zweifel haßte er Sempil, Zulix, Njeneschi und alle die, welche den König und das Volk verblendeten, aber schuf denn nicht nach seiner nun noch vertieften Erkenntnis sein Haß selbst erst diese Popanze? Wie aber dieses Hasses Meister werden? In seiner Selbstversenkung prüfte nun Jubal alle Gefühle, die er in jenen Jahren des Wirkens in der Welt gehabt hatte, und stellte sie im Bild vor sein inneres Auge. Er fand außer dem Haß gegen die Widersacher zärtliche Liebe zu der Jugend, die wie einst er selbst nach wahrem Geist dürstete. Er fand Hoffnung auf das Gelingen seines Werkes, Furcht vor seinem Mißlingen, Reue über manches im Handeln Versäumte, Triumph über manches Geglückte. Wohl hatte er während seines Wirkens in der Welt besonders Liebe und Hoffnung in sich gepflegt, aber nun erkannte er noch deutlicher als einst, da sein Haß gegen den Vater in Liebe umschlug, daß der, welcher Liebe setzt auch den Haß mitsetzen muß, daß Hoffnung immer nur die Kehrseite der Furcht ist, und daß man – ohne Blindheit – nicht das eine pflegen kann ohne das andere. Immer wieder kam das Zurückgedrängte an einer geheimen Stelle hervor. Waren nicht alle, die offen und entschieden das Gute erstrebten, stets im geheimen irgendwie widerwärtig, kalt und lieblos, und verlockten und rührten nicht die, welche ganz ins Böse verstrickt schienen, stets heimlich sein Herz? Überließ er sich der menschlichen Liebe zu der lernbegierigen Jugend, notwendig mußte er die Berater des Königs hassen. Hoffte er auf Gelingen seines Werkes, so war das doch nur möglich, weil die Furcht in ihm war, es könne mißlingen. Nun aber erkannte Jubal, versenkt in seine Tiefe, daß diese trostlose Zersplitterung in Gegensätze auch nur ein Schein war und daß im innersten Seelengrund eine unzersplitterte Einheit west, die nichts weniger ist als Alleinsein, vielmehr eine Liebe, die zwar kühl scheint gegen alle in Unterschieden Zersplitterte, aber um so wärmer ist in ihrem Kern, so warm, daß sie den Widersacher umfangen muß wie den Freund. Als Jubal im Walde sitzend, dies verstand, schlug er plötzlich die Augen auf und siehe vor ihm lag ein Stück gemeinen Tierkotes, und seine Augen füllten sich mit Tränen vor Rührung über dieses Geringste, Niedrigste, und es dünkte ihn so herrlich wie Makareks Macht und Größe. Zugleich entsann er sich der Stunde, da sich ihm vordem zum letztenmal die Augen mit Tränen gefüllt hatten. Es war an einem Abend in dem Festspielhaus der Stadt. Eine junge Sängerin von duftiger Schönheit und schmelzendem Stimmklang stand auf der Bühne, und ihre hingerissenen Freunde sandten ihr Blumen, Juwelen und Süßigkeiten hinauf, die um sie geradezu Wälle bildeten, höher als sie selbst. Sie verging fast vor dankbar lächelndem Glück zwischen all dieser sieghaften Herrlichkeit. Die Zuhörer jubelten, schrien, klopften, klatschten, stiegen auf die Bänke, und es war als ob das Leben in Schönheit, Wohlklang, Farben und Jauchzen sich nicht herrlicher entfalten könne. Nur Jubal war von unsäglicher Traurigkeit erfüllt. Er sah, wie das junge Wesen, gerade weil es so schön war und so süße Gefühle hatte und übertrug, dem Heil ferner war, als alle die sonst Verbitterten, Häßlichen, die sich in dieser Stunde einmal an der Schönheit labten. War sie nicht gerade in ihrer Lieblichkeit unwiderstehlich verführt, ganz in ihrem süßen Leib zu leben? Mußte sie nicht wähnen, das, was ihr eben widerfuhr, sei die Seligkeit, und mußte sie nicht, wenn in wenigen Jahren ihr Reiz verflogen war, desto bitterer jene Undankbaren verklagen, die ihr einst zugejauchzt hatten und sie nun beiseite warfen, wie ein verblichenes Tuch? Und würde jene Bitterkeit nicht dasselbe sein, wie die Seligkeit dieses Augenblicks: der Irrtum, ihr Leib, der sei sie, mit ihm sei sie herrlich, mit ihm sei sie elend. Jubal aber hatte vor jener rosigsten Menschenblüte dasselbe gefühlt wie jetzt vor dem Stückchen Tierkot, daß das Schönste zugleich das Kümmerlichste ist, das Kümmerliche zugleich alle Schönheit in sich hat.

Und nun ging Jubal noch eine Zeit lang ganz und gar müßig und abgeschieden, aber im stillen umfaßte er die Welt. Bald kamen die Jünglinge und ihre Lehrer, die er an die Schulen berufen hatte, von selber zu ihm, um ihm zu danken und zu huldigen. Er hörte ihnen zu, antwortete, was ihm einfiel, aber ohne die Absicht zu lehren, und doch gingen sie belehrt von dannen. Besuchte er seine Mutter im Tempel oder den alten Bensidech, oder ging er in die Stadt, überall leuchteten ihm die Augen entgegen, überrascht durch den weltliebenden Blick des Jubal. Und er erfuhr in sich selbst noch dies: Unsere innerste Liebe schafft nicht nur die Dinge um uns; wird sie bewußt, dann erlöst sie sie erst zu höherem Selbstsein. Jubal weigerte sich, der Berater der Menschen zu heißen, denn nichts wollte er mehr von außen tun. Wer ihm aber von ungefähr begegnete, dem antwortete er, im jeweiligen Bilde bleibend, und so wirkte er von innen heraus. Der geschundene Knecht fühlte sich unter seinem Blick wieder als eine Person, der kein Heil verschlossen ist, und der in Haß verhärtete Machthaber, dem alle fluchten, fühlte in Jubals Gegenwart, daß sein Machtpanzer nicht sein Alles ist. Niemand vergriff sich an ihm. Waffenlos hätte er unter Räuber gehen können, und selbst der Arm der Polizei wäre vor seinem Blick gesunken, falls etwa ein Machthaber, der ihn selbst nicht kannte, ihn zu fahnden befohlen hätte. Jeder, der ihn sah, vergaß im Augenblick, was er selbst sich und andern schien, und ahnte was er eigentlich war. Wer aber dies ahnt, der vermag in dieser Stunde nicht zu richten, noch zu schlagen.

Auch König Makarek hörte von der geheimen Wirkung, die von Jubal ausging und lud ihn ein. Wahrhaftig: Jubal war nicht mehr der Überkluge und zugleich Weltentfremdete, der er ihm einst geschienen. Er sprach wie ein einfacher Mann von Regen und Wind, vom Stand der Saaten und des Viehs. Als ihn einst Makarek um Rat fragte, wie er sich gegen den und jenen Mächtigen im Reich verhalten solle, da sagte er wie gleichgültig: »Lasse sie kommen und gehen, ihre Mäuler müssen gefüttert werden, aber sie sollen nicht alles verschlingen.« Kaum war Jubal hinausgegangen, da erschienen diese alltäglichen Worte, die auch einem verständigen Bauer hätten einfallen können, Makarek als der Gipfel aller Weisheit, und seltsam: er gewann wieder mehr Wirkung auf die, welche ihm schon über den Kopf gewachsen waren.

Unter Jubals Augen wuchs ein neues Geschlecht heran. Die, welche ihm vom Geist begnadet schienen, unterwies er, wenn es das Gespräch so fügte, in seiner Lehre selbst, zuerst verhüllt, später immer mehr entschleiert, und langsam wandelte sich jener gellende, ruhmredige Ton, der unter Iktar im Lande geherrscht hatte. Wieder gab es einen geheimen Lenker im Reich, wieder hauste er abseits in der Felsenburg Iktars, aber er gab keine blutigen Zeichen, sondern rührte leise die Herzen und nicht zum wenigsten das des alternden Königs Makarek selbst. Freilich gewann Makarek noch nicht die ganze Weisheit. Von Macht und Glanz geblendet blieb er bis ins Alter, und er belog sich selbst, als er, die Gelegenheit eines Thronwechsels benutzend, um auch noch das Land gen Westen zu erobern, wähnte, dies tue er nur, um auch jenem Land den Segen seiner erfahrenen Weisheit zu spenden. Makarek wurde besiegt und verlor auch noch einiges von den früheren Eroberungen. Nun aber gewann Jubals Wirken erst seine volle Stärke. Wohl murrte das Volk über den fehlgeschlagenen Krieg, aber nur eine Minderheit begehrte, ihn grollend zu erneuern, die Schmach der Niederlage durch neue Gewalttat zu löschen. König Makarek hingegen löschte die Schmach seiner Gewalttaten durch die Erkenntnis. Er war nun ganz weise geworden. Er verbot, unter der Jugend den Haß gegen die Sieger zu schüren. Nicht länger durften in den Schulen die großen Zahlen gelehrt werden. Diese sollten vielmehr ausschließliche Angelegenheit der Fabrikherrn und Händler bleiben, die er gewähren ließ, ohne ihnen aber noch Einfluß auf die Regierung zuzugestehen. Von selbst schloß sich das Volk ohne Zwingherrn zu gemeinsamen Arbeitsbünden zusammen, die sich freiwillig unter den Schutz des Königs stellten. Zulix, Njeneschi und alle die andern Reichen rauften sich die Haare und bestürmten den König, die Bünde aufzulösen. Sempil rechnete genau aus, in wieviel Jahren beim Bestehen jener Bünde das Volk verhungert sein würde. Der greise Makarek aber schickte die Warner lächelnd nach Hause, und nichts von dem so klar berechneten Unheil traf ein. An vielen Orten des Reiches lebten in der Einsamkeit Weise, gleich Jubal. Teils hatten sie zu seinen Füßen gesessen, teils waren sie auf eigenem Weg zur Erkenntnis der Bilder gekommen.

Als Makarek starb, ging Jubal zu dessen Sohn, der die Feuer im Tempel hütete und fragte ihn: »Kennst du den Sinn der Dinge?« »Ich vernehme«, erwiderte jener, »was in der Stille diese Feuer reden, sie sehen so aus und so«. »So kennst du die zwei Gesichter der Welt. Geh' hin und nimm die Krone.« Der Jüngling hielt sich im Herrschen zurück und das Volk wußte nur, daß er da war; dennoch wurden alle Werke vollbracht und alle Arbeiten getan. Weil er nichts von außen wirken wollte, wurde die Welt von selber recht. Das Volk wurde wieder einfacher und ehrlicher, und ohne daß es Gier zeigte, wurden süß seine Speisen, schön seine Kleider, friedlich seine Wohnungen, fröhlich seine Sitten. Dies alles erlebte noch Jubal vor seinem Tod. Kettara und Bensidech waren ihm lange vorausgegangen. Wohl hatte er sie kurz beweint, aber seine große Liebe bedurfte nicht mehr des Bildes Einzelner.

Später kamen dann wieder andere Könige, die Jubals Weisheit in den Wind schlugen, nach kurzen Machthandlungen das Reich in Krieg und Not brachten. Aber nie wurde Jubals Vorbild ganz vergessen. Immer wieder standen in der Not Weise auf, gingen in seinen Fußstapfen, zogen durch das Land oder lockten Jünger in die Abgeschiedenheit der Berge, lehrten, den Wahn der Bilder zu durchschauen, und wer wollte, der folgte ihnen nach. Ihr stilles Wirken aber rettete immer wieder das Reich vor dem Untergang.