Herr von Hiergeist hat einen Gast

Der kaiserliche Gesandte Josef von Hiergeist war von dem kleinen nordischen Hof, bei dem er bisher beglaubigt gewesen, zurückgerufen worden, und befand sich gerade einige Tage in der Hauptstadt, auf der Durchreise nach seinem neuen Posten im Orient. Seit etwa 10 Jahren war ihm alles nach Wunsch gegangen; der Aufstieg seiner Laufbahn, eine glückliche Heirat, drei vielversprechende Kinderchen, alles das war Schlag auf Schlag gekommen, und nun wurde der knapp Vierzigjährige für eine der verantwortungsreichsten Stellen bestimmt, wo man von ihm das Besondere verlangte. Schnell hatte er die Familie an die Küste gebracht, wo sie den Rest des Sommers verweilen sollte, um ihm erst im Herbst an seine neue Wirkungsstätte zu folgen. Alles war aufs beste geordnet, und dennoch hatte sich des Herrn von Hiergeist seit der neuen Ernennung eine Schwermut bemächtigt, die ihm zuerst als etwas ganz Fremdes erschien, sich bald aber als eine alte Bekannte herausstellte, die ihn in der Zeit der Jünglingsreife, und dann wieder am Ende seiner zwanziger Jahre heimgesucht hatte, als es sich fragte, ob er wirklich sein Leben dem Staatsdienst widmen oder in der Einsamkeit auf seinem fränkischen Gut vergraben solle. Zu dieser Möglichkeit des Entscheids trieben ihn seine Jagd- und Naturliebe, sowie ein ausgesprochenes philosophisches Bedürfnis, als er sich in eine junge Baltin verliebte, die hübsche, gesellschaftliche Erika von Pforten, die bald seine Frau wurde; um ihrer Neigungen willen erhielt für ihn das weltliche Leben einen neuen mittelbaren Sinn. So entschloß er sich zum diplomatischen Dienst. In dieser Lebensluft entwickelte sich Erika bald durch Liebenswürdigkeit und Takt zu dem Typus der Diplomatenfrau, wie sie zum Nutzen der Heimat sein soll. Fehlte es den stets freundlichen Beziehungen der beiden Gatten etwas an engvertrauter Herzlichkeit, so machten das die drei munteren blonden Kinder wieder gut. Herr von Hiergeist galt für einen der glücklichsten Menschen, der über alle inneren und äußeren Nöte hinaus war. In der Tat quälte ihn kein Ehrgeiz, noch sonst ein hitziges Verlangen; er hatte die Gaben des Glückes stets in Ruhe hingenommen und darum neidlos auch jedem Anderen das Seine gegönnt. Klatsch und Ränke der ihn umgebenden Welt, die er klug übersah, reichten nicht an ihn heran.

Trotz alledem hatte ihn nun wieder jene frühere Schwermut überfallen. Als er in ihr das alte Gespenst erkannte, erschrak er heftig. Einst hatte er es gut zu bannen gewußt, das erstemal durch das bunte Leben, das den Jüngling in der akademischen Freiheit bald reich umfing, das zweitemal durch seine Liebe zu Erika von Pforten. Welche Kraft sollte ihm jetzt zu Hilfe kommen, da er doch alles schon besaß, was man wünschen konnte?

In der Nähe der Linden gab es einen halb verborgenen Gasthof, den die Hauptstädter nicht kennen, da er ihnen in seiner prunklosen Vornehmheit »power« erscheinen würde. Dort stieg vorzugsweise süddeutscher, österreichisch-ungarischer und polnischer Adel ab und die höhere katholische Geistlichkeit; zu den Mahlzeiten erschienen mehrere Herren der verschiedenen Bot- und Gesandtschaften. In diesem Haus wohnte auch Herr von Hiergeist in einem graugrünen, eiförmigen Zimmer mit weißen Halbsäulen an den Wänden, wie es wohl in der ganzen Hauptstadt kein zweites gibt. So bequem alles eingerichtet war, dem modernen Geschmack hatte man keinerlei Zugeständnisse gemacht. Ein heller Porzellanofen, breite Tüllvorhänge, ein hoher Empirespiegel zwischen den Fenstern und das alte Mahagonibett, alles dies versetzte in die vorbismärckische Zeit. Dazu trug ein verblichenes Ölbild bei, das den König Wilhelm mit der Königin Augusta in Krinoline darstellte. Sie glichen einem gemütvollen Ehepaar, das selten seinen stillen Landsitz verläßt, in der Stadt zwar wohl weiß, was sich in Haltung und Kleidung schickt, aber ohne im mindesten tonangebend zu sein. In dieses eiförmige Gemach drang der Großstadtlärm in ferner Dämpfung, da es in einem Bogen über einem nur dem Fußgängerverkehr geöffneten Hofe lag. Dorthin war nun Herr von Hiergeist in einer nassen Augustnacht heimgekehrt, die schon die Vorahnung des Herbstes wachrief. Beim Pförtner lagen drei Briefe für ihn. Gleichgültig las er sie. Erika schrieb glücklich aus dem Bad über die Gesundheit der Kinder, über sich selber und einige gerade für den neuen Wirkungskreis wertvolle Beziehungen, die sie angeknüpft hatte. Der zweite Brief war von dem Gut in Franken und berichtete von einer überraschend guten Ernte. Der dritte enthielt die Mitteilung eines Bekannten, daß Herrn von Hiergeist vor seiner Abreise noch ein hoher Orden zugedacht war. Er warf die drei Briefe auf den Tisch, voll Grauen vor seinem Glück, das den in ihm brütenden Trübsinn zu höhnen, ja herauszufordern schien.

Als er wieder aufblickte, sah er sich selber in ganzer Gestalt im Spiegel. »Was ist das für ein Mensch?« fragte es in ihm, und je mehr er dem hohen Spiegelbild ein vortreffliches Aussehen, geschmeidigen Wuchs, edle Gesichtszüge, eine klare Stirn und lichte warme Augen zusprechen mußte, desto weniger schien sein Selbst damit zu tun zu haben. »Was ist das für ein Mensch?« fragte es wieder in ihm. Da trat das Bild aus dem Spiegel heraus, setzte sich auf einen der dunkelgrünen Polstersessel und sagte:

»Plaudern wir ein wenig.«

»Warum nicht?« antwortete Herr von Hiergeist und nahm seinem Gast gegenüber Platz.

»Sie sind nicht zufrieden?« begann jener.

»Nein, das bin ich nicht.«

»Was wollen Sie eigentlich?«

»Ich will gar nichts.«

»Das ist allerdings tragisch, wenn man alles hat und nichts will. Häufiger kommt das Gegenteil vor.«

»Mag sein. Sagen Sie einmal, sind Sie eigentlich wirklich?«

»Das ist eine indiskrete Frage,« erwiderte der Gast lächelnd, »besonders für einen Diplomaten.«

»Ich bin kein Diplomat«, erklärte Herr von Hiergeist entschieden, doch ohne Trotz.

»Auf einmal also nicht?«

»Ich war es nie. Sie sind einer und wollen mir nur einreden, ich sei einer, ich sei Sie …!«

»Nun, das sind Sie doch auch,« erwiderte der Andere mit herzlos spöttischer Überlegenheit.

»Nicht im geringsten, mein Lieber.«

Der Andere wurde unsicher. Herr von Hiergeist schwieg und verfolgte die Verwirrung auf dem Antlitz des Gastes aufmerksam. »Merkwürdig«, dachte er, »man braucht es ihm nur einmal entschlossen ins Gesicht zu sagen, und schon wird er schwankend. Nun aber nicht mehr locker lassen! Wer weiß, wann er mir wieder einmal so fest in die Hände gerät?« Der schweigende Blick des Herrn von Hiergeist schien den Andern immer mehr aus der Fassung zu bringen. Er versuchte es, durch Geschmeidigkeit die Lage für sich zu retten, und schien sich vertragen zu wollen: »Woher wissen Sie denn das auf einmal, daß ich nicht Sie bin, bisher hat es doch darüber keinen Zweifel gegeben?« »Zweifel hat es allerdings gegeben. Das erstemal, ehe ich auf die Hochschule zog, das zweitemal vor meiner Ehe, das drittemal seit etwas 14 Tagen; nur die Gewißheit hat mir gefehlt, daß Sie und ich nicht derselbe sind.« »Und jetzt?« fragte der Gast ängstlich. »Jetzt habe ich die Gewißheit, seitdem dieser Spiegel Sie aufgefangen hat und Sie Ihren letzten Trumpf auszuspielen gedachten, indem Sie heraustraten, um mich …«

Herrn von Hiergeist wurde plötzlich so bang, daß er kaum mehr sprechen konnte. Erst jetzt, beim Antworten, merkte er, in welcher Gefahr er geschwebt, aus der er sich mit unbewußter Instinktsicherheit gerettet hatte. Er faßte sich an die Kehle und machte eine Bewegung, die das Würgen ausdrückt.

»Wie?« schrie der Andere auf, »Sie wollen doch nicht behaupten, daß ich Sie ermorden wollte?«

»Doch,« sagte Herr von Hiergeist mit plötzlich wieder gefundener Ruhe, »das behaupte ich.«

»Unerhört!« antwortete der Gast und beteuerte seine Unschuld, aber seine Aufregung verriet das schlechte Gewissen.

»Machen wir uns nichts vor«, fuhr Herr von Hiergeist fort. »Ich behaupte nicht, daß Sie mich erwürgen wollten. Ihre Mittel zum Morden sind das Geschwätz, die Überredung, die Täuschung, die Verblendung.«

»Ah«, rief der Andere befreit, »darüber läßt sich reden. Alles, was Sie da sagen, sind einseitige Urteile, die eben so gut falsch wie richtig sein können. Erörtern wir also redlich, wer recht hat, Sie oder ich.« »Nein, das werden wir bleiben lassen; wenn ich Ihnen den Gefallen täte, dann hätten Sie bald wieder Oberwasser. Das ist aber gerade mein Vorteil, daß ich Sie nun durchschaut habe, ihre Advokatenzunge kenne. Daß Sie alles Schwarze weiß und alles Weiße schwarz machen können, ist mir bekannt. Was beweist also Ihr Schwarzes und Ihr Weißes? Es kann ja manchmal richtig sein, aber die bloße Tatsache, daß es von Ihnen kommt, macht es unbrauchbar. Ich werde künftig überhaupt nicht mehr auf Sie hören, sondern meiner eigenen Eingebung folgen.« »Wenn Sie das können, versuchen Sie es,« lachte das Gespenst, »aber Sie werden mich nur zu nötig brauchen. In einer Viertelstunde werde ich Sie meine Müdigkeit fühlen lassen. Wie werden Sie mich dann anflehen, Ihnen den Schlummer zu geben! Morgen werden Sie den Hunger meines Leibes spüren. Werde ich Ihnen nicht für Nahrung und Verdauung sorgen müssen …?«

»Nicht für mich, sondern für Sie. Sie sind der Schläfer, der Fresser, mit einem Wort: Das Tier.«

»Mag sein, mag sein,« lächelte der Andere wieder ganz überlegen; aber nur durch Sie werden meine Lüste und Nöte bewußt, und darum ist es für Sie von höchster Wichtigkeit, ob ich Lust oder Not empfinde.«

Herr von Hiergeist fühlte sich in einer Sackgasse. »Nun sehen Sie«, sagte das Gespenst, »wie ich der Herrscher bin. Überlasse ich Sie jetzt sich selbst, dann bringen Sie sich am Ende heute Nacht vor Verzweiflung um. Damit ist aber weder Ihnen noch mir gedient: mir nicht, denn dann wäre das mir sehr erhaltenswerte Band zwischen uns allerdings durchschnitten, Ihnen nicht, denn sofort werden Sie mich mit jemand anders verknüpft sehen, da Sie ja allein unmöglich existieren können, und weiß Gott, was für einen Teufel Sie dann als Genossen bekommen! Da können Sie mit mir noch recht zufrieden sein. Weder bin ich ein Fresser noch ein Schläfer, wie Sie sagen, vielmehr nur ein Feinschmecker und ein Freund des Behagens. Ich habe gar keine ungewöhnlichen Leidenschaften; weder bin ich ein Wollüstling, noch ein Ehrgeiziger, vielmehr zeichnet mich Maß in allen Dingen aus. Wir sind ja auch bisher immer gut miteinander gefahren. Wenn nicht Ihr unseliges – wie soll ich sagen? – metaphysisches Bedürfnis wäre, könnte unser Verhältnis geradezu für vorbildlich gelten, und es gilt auch so bei allen, die uns zusammen sehen. Nun werde ich Ihnen gleich wieder einen Beweis meines Wohlwollens geben. Ich fühle eine große Müdigkeit in mir heraufziehen; sehen Sie, Sie gähnen auch schon. Wir werden in diesem behaglichen Mahagonibett herrlich schlafen. Morgen früh schreiben wir an Frau Erika und die Kinderchen, loben in einem Brief den Gutsverwalter und stellen einmal fest, was es mit dem Orden auf sich hat. Wir speisen im Klub. Nachmittags besuchen wir die hübsche Fürstin Z., die schon telephonisch nach uns gerufen hat. Welch ein Zufall, daß sie um diese Zeit in der Stadt ist; und woher sie nur weiß, daß wir hier sind? Abends gehen wir in die Oper – nein, wir warten lieber erst ab, wie der Nachmittag mit der Fürstin verläuft. Man soll den Abend nicht vor dem Tag festlegen.«

»Sie sind ein alter Spitzbube!« lächelte Herr von Hiergeist, während er sich entkleidete. Der Gast war wieder in den Spiegel zurückgetreten und lächelte gleichfalls. Herr von Hiergeist schlief ein.

Die Fürstin Z. war Polin von leidenschaftlichster Überzeugung. Den größten Teil des Jahres lebte sie im Osten des Landes als gesellschaftlich-politischer Mittelpunkt eines unruhigen, kleinen Kreises von Gutsbesitzern ihrer Nationalität an der Seite eines schweigsamen jagdliebenden Gatten, der ihre Überzeugungen im stillen teilte und sie daher äußerlich völlig gewähren ließ. Alle paar Wochen jagte sie, von einer Jungfer und einem Diener begleitet, in die Hauptstadt, wo sie nahe dem Tiergarten ein kleines Absteigequartier von 3 Zimmern mit ein paar Nebengelassen hatte, ihr »pied à terre«, wie sie es nannte. Dort verbrachte sie zunächst Stunden in erregten Gesprächen am Fernsprecher; bald fuhren Automobile vor, Abgeordnete erschienen, katholische Geistliche, fremde Diplomaten. In einem der Nebengelasse klapperten nun während einiger Tage von früh bis spät zwei ahnungslose Berliner Fräulein auf Schreibmaschinen, empfingen Botenjungen und Briefträger. Dazwischen erschienen Schneiderinnen und Putzmacherinnen mit Bergen von Kästen aus buntgeblümter Pappe. Mit ihnen verschwand die bewegliche kleine Fürstin, politische Verhandlungen schnell unterbrechend, in dem winzigen goldgelben Schlafzimmerchen, um nach 10 Minuten, obgleich es vielleicht Vormittag war, in ausgeschnittener Abendkleidung vor ihren Besuchern wieder zu erscheinen, um deren Gutachten über ihre neue Hülle entgegen zu nehmen, als gehöre das zu der eben abgebrochenen Angelegenheit; und jeder fühlte, daß dies auch wirklich dazu gehörte, denn der persönliche Einfluß der bezaubernden Fürstin auch auf die politischen Feinde war groß; da war der Sitz eines neuen Kleides ebenso wichtig wie die richtige Wortwahl in einem folgenschweren politischen Schriftstück. Die Fürstin pflegte sich nicht zu beeilen, ein solches Abendkleid wieder mit dem Tagesgewand zu vertauschen; sie führte gern, so wie sie war, die Besprechung zu Ende, saß mit ihren bloßen, schlanken Armen an ihrem Bouleschreibtischchen, warf mit ihren runden entschlossenen Händchen leidenschaftliche Schriftzüge auf einen seegrünen Papierblock, während die Herren hinter ihr standen, gebannt von den etwas widerspenstigen dunklen Nackenhärchen und den beiden schneeweißen Kugeln, die das Abendkleid gleich einer Fruchtschale halb sehen ließ. Dann entließ sie plötzlich alle Besucher auf einmal, zog sich mit ihrer Jungfer in ihr Schlafzimmerchen zurück und stieg nach einer Stunde in ein Auto in strengem Schneiderkleid, kleinem Hütchen und Schleier, »dezent« von oben bis unten, um beim Frühstück in einem der großen Gasthöfe, wo sie an irgend einem Ecktischchen erwartet wurde, wieder andere Verhandlungen zu pflegen. Hier traf sie häufig Ausländerinnen, die mit deutschen hohen Beamten oder Offizieren verheiratet waren. Die in der Regel französischen, bisweilen auch englischen Gespräche begannen meist damit, daß man sich über die Unmöglichkeit in Berlin zu leben einigte. Es lohne sich nicht einmal sich »anzuziehen«, sagte die kleine Fürstin oft, und gab zu verstehen, daß ihre äußerst »angezogene« Schlichtheit gar nicht als »Angezogensein« zu gelten habe. Damit bezauberte sie alle Frauen. Das schwere Kaliber der Toilette richtete sie nur auf Männer. Unter Frauen schien sie sich selbst auszustreichen. So schützte sie sich vor deren Eifersucht und erfuhr alle ihre Geheimnisse, auch die politischen, die sie von ihren hochbeamteten Gatten herausgelockt hatten. Dadurch war die niedliche kleine Fürstin immer genau unterrichtet über alles, was in den Reichsämtern, den Ministerien, im Bundesrat, in den Ausschußsitzungen des Reichstages und des Landtages vorging. Kein Wunder also, daß die ganze fremde Diplomatie bei ihr vorfuhr, sobald sie in ihrem Berliner »pied-à-terre« erschien.

Von allen diesen Dingen wußte man in dem amtlichen Berlin nichts. Wohl kannte man die kleine Fürstin als eine glühende Nationalpolin, aber diese Schwärmerei hielt man ihr zu gut. Man belächelte sie gönnerhaft, ohne sie im Mund der reizenden Frau ernst zu nehmen; da, wo solche Auffassungen gefährlich werden könnten, würde die Regierung schon das nötige tun. Dabei war diese kleine Frau so gutmütig und ließ sich jeden Spott von den Herren der Schöpfung gefallen, die doch alles besser wissen, und sie hütete sich wohl, durch zu ernste Betonung ihrer Grundsätze bei ihren Partnern im Gespräch die abweisende Dünkelhaftigkeit wachzurufen, die so dicht bei jenem gönnerhaften Wohlwollen der Besserwisser liegt.

Der einzige Mensch, der alles dies durchschaute, war Herr von Hiergeist. Da seine Gattin Erika von Geburt Ausländerin, Deutschrussin, war, fiel sie naturgemäß gleich in den Kreis der Berechnungen der Fürstin. Kaum war sie einmal in Berlin, so wußte es die Fürstin und verfehlte nicht, am Fernsprecher oder in Briefchen Erika durch Liebenswürdigkeiten, ja durch Schmollen zu gewinnen, obwohl Erika fast l0 Jahre jünger war und an gesellschaftlichem Rang unter der Fürstin stand. Aber diese hatte sich nun einmal in das blonde junge Frauchen vernarrt. Sie mußte sie sehen, wenn auch nur auf eine Viertelstunde, und so war die gesellschaftlich ehrgeizige Erika ein paarmal in jenen Kreis von Ausländerinnen gekommen, der sich unzufrieden spottend um die Fürstin scharte. Erikas Ehrgeiz galt aber nicht ihrer eigenen Person, sondern ihrem Gatten. Mit ihm wollte sie steigen, und so erzählte sie ihm getreulich alles, was sie sah und hörte. Ihm wurde immer klarer, daß es sich um eine nicht unbedenkliche ausländische Verschwörung handelte, welche uns zum mindesten nicht ganz freundliche Regierungen dauernd über geheime politische Vorgänge auf dem Laufenden hielt. Dies schien Herrn von Hiergeist um so gefährlicher, als er zu den Wenigen gehörte, die trotz dem allgemeinen Optimismus eine schwere Kriegsgefahr heraufziehen fühlten. Er bestärkte daher zu Erkundungszwecken Erika in dem Verkehr in jenem Kreis, der alles Deutsche herabsetzte und im selben Maße neue Anhänger gewann, als die deutsche Öffentlichkeit in ihren Äußerungen richtungsloser wurde, zwischen willfähriger Schwäche vor dem Ausland und überbetonter Schroffheit hin und her schwankend. Immer lächerlicher wurde in der Hauptstadt die Anbetung alles Fremden und zugleich immer anmaßender das Selbstlob und die Übertreibung deutscher Ansprüche. Unsere Politik wagte sich abwechselnd viel weiter vor, als sie verantworten konnte, um dann wieder viel weiter zurück zu weichen, als eines großen Reiches würdig ist. Durch ihre Leere wie durch ihre Lautheit gleich beleidigende Worte lagen in der Luft, die Genußsucht und die Gier nach Reichtum wurden im ganzen Land immer roher. Die scheinbar künstlerische »Aufmachung« des Lebens verbarg den Abkömmlingen älterer Kulturen nicht die Taktlosigkeiten und den Ungeschmack, die diesem Treiben zu Grund lagen. So kam es, daß die Urteile jenes ausländischen Klüngels nicht ganz unbegründet waren und auch von Männern wie Herrn von Hiergeist teilweise, wenn auch mit Betrübnis, anerkannt wurden. Trotzdem überschritt sein Urteil nicht einen Augenblick die Grenze, bis wohin man in jenen Tadel einstimmen konnte. Er unterschied sehr wohl den mit Recht verabscheuten neuen Berliner Geist von dem alten deutschen Wesen. Aus Erikas Berichten aber erkannte er wohl, daß es sich bei jenen Fremden nicht nur um eine ästhetisch-gesellschaftliche Ablehnung der tatsächlichen Geschmack- und Taktlosigkeiten des hauptstädtischen Lebens handelte, sondern daß irgend etwas gegen Deutschland selbst im Anzug war. Hier merkte er auf. Vor allem: was war an alledem mehr schlechte Laune, was Plan, was nur zufällige, aber nicht verschmähte Nebenwirkung? Noch suchte er nach einigen Anhaltspunkten für eine geheime Denkschrift, die er für einige maßgebende Personen ausarbeiten wollte, als er seine Berufung in den Orient erhielt.

Wie ein Schicksalswink erschien es ihm daher, daß die Fürstin bereits am Fernsprecher nach ihm gerufen hatte. Daß er als vielleicht Einziger ihr politisches Köpfchen nicht für ungefährlich hielt, hinderte ihn nicht, sich von ihr als Frau bezaubert zu fühlen. Dadurch aber, daß sie sich von ihm ernst genommen fühlte, wenn auch als Gegnerin, fiel er für sie gänzlich aus dem Kreis der anderen Herren heraus. Er pflegte, wenn auch ablehnend, stets mit großem Wohlwollen, ja Verständnis für das Psychologische auf ihre polnischen Beweisgründe einzugehen und ihr die deutschen in einem angenehmen Ton vorzutragen, wie etwa die Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts ihren Zuhörerinnen im Salon wissenschaftliche Belehrung gaben. »Excellence«, rief dann die Fürstin aus »quel charmant causeur que vous êtes … si tous les Allemands étaient comme vous, il y aurait moyen de s'entendre!« Auch in ihr war außer der politischen Berechnung, diesen aufsteigenden Stern und Gatten einer Ausländerin für ihre Zwecke recht nahe zu betrachten, noch etwas anderes lebendig: der weibliche Wunsch zu erfahren, ob denn dieser Herr von Hiergeist, »obwohl ein Deutscher«, wirklich so viel klüger sein sollte, als die andern; ja ihr verwundertes Herzchen gestand sich, daß Herr von Hiergeist als Mann in jeder Hinsicht, »sous tous les rapports,« in Frage kam. Darum rüstete sie gegen ihn ihre stärksten Geschütze.

Als Herr von Hiergeist am Nachmittag bei der Fürstin eintrat, fiel ihm an einem Haken im Vorzimmer der schwarze, rot gesäumte Mantel eines päpstlichen Kammerherrn auf. Schon fürchtete er, zu unrechter Zeit zu kommen, da wurde die Tür des Empfangszimmers von innen geöffnet, und Herr von Hiergeist hörte, wie sich eine weibliche Stimme von der Fürstin verabschiedete. Man lachte sich über irgend etwas halb tot und konnte mit Schwatzen gar nicht zu Ende kommen. So wurde Herr von Hiergeist zum unfreiwilligen Lauscher und hörte wie die abschiednehmende Dame triumphierend schilderte, daß es ihr gelungen sei, in ihrem Berliner Heim alles zu russifizieren: russische Küche, das war das erste, russische Bedienung, ja zum Teil in der lustigen bunten Nationaltracht. Jetzt fühle sie sich erst wieder zu Haus. »Und wissen Sie«, schloß die Sprecherin, »die Deutschen haben gar nichts dagegen. Sie fühlen ganz gut, daß das besser ist, als ihre enge kleine Art zu leben.« »Ich finde sie überhaupt zivilisierbar«, fügte eine andere weibliche Stimme mit ausgesprochen amerikanischem Tonfall hinzu. »Als wir heirateten, stellte ich meinem Mann die Bedingung, daß der Haushalt in unserer Art geführt und stets englisch gesprochen werden müsse. Er hat sein Versprechen immer ehrlich gehalten, und so kann ich mich nicht beklagen.«

Als die drei Damen heraustraten, begrüßten sie lebhaft Herrn von Hiergeist, der in der Russin die Prinzessin L., die Gattin eines deutschen Botschafters erkannte, in der Amerikanerin die Milliardärstochter Jane F., die mit einem preußischen General verheiratet war.

»O, Herr von Hiergeist,« rief die Botschafterin, eine kleine üppige Frau gegen Vierzig, mit gutmütigem grübchenreichem Gesicht, »eben sprachen wir von Ihnen.«

»Hoffentlich nicht zu boshaft?« erwiderte Herr von Hiergeist.

»O nein, Exzellenz«, versicherte die Russin, indem sie ihm ihr von Ringen blitzendes Patschhändchen reichte, »wir stellten fest, daß Sie der einzige Mann von Geist hier sind.«

»Sie sehen wirklich nicht im geringsten wie ein Deutscher aus«, fügte die welke Amerikanerin in ahnungsloser Unverschämtheit hinzu. »Warum wollen Sie mich kränken, chère Madame?« sagte Herr von Hiergeist in gespielter Demut. »Kränken, Exzellenz? Ich wollte Ihnen schmeicheln, es ist ganz mein Ernst.«

Damit rauschten die beiden Besucherinnen hinaus.

Die Fürstin führte Herrn von Hiergeist in ihr Empfangszimmer. Dort saß in einem Sessel der päpstliche Kammerherr, ein dünner blasser Mensch mit etwas scharfem Gesicht, und lächelte über einem Blatt Papier mit Zeichnungen. »Ist es erlaubt mit Ihnen zu lächeln, Monseigneur?« fragte die Fürstin. Der Geistliche gab ihr das Papier, eine Seite aus einem Witzblatt, »Der Deutsche auf Reisen« überschrieben, das einen vollbärtigen Mann in Jägerhemd in allerlei kläglichen Lagen zeigte.

»O, das müssen wir vor Herrn von Hiergeist verbergen,« sagte die Fürstin, »der ist ein furchtbarer Chauvinist.« »Ich ein Chauvinist?« lächelte der Gesandte, »aber bemühen Sie sich nicht, ich habe das Blatt schon erkannt. Ich lächle mit Ihnen, nur finde ich es ärgerlich, daß darüber steht ›Der Deutsche auf Reisen‹, statt etwa ›Herr Meyer auf Reisen‹. Einen solchen Herrn Meyer könnte ich mir gefallen lassen, aber wenn dies der Deutsche überhaupt sein soll, dann …«

»Sehen Sie, daß Sie ein Chauvinist sind …« rief die Fürstin triumphierend.

»Aber Durchlaucht, was würden Sie sagen, wenn man Ihre Nation immer nach den niedrigsten Vertretern beurteilen wollte?«

»Aber das tut man ja«, sagte die Fürstin, plötzlich mit einem düsteren Feuer in den vorher noch lustigen schwarzen Augen. »Beurteilen uns nicht fast alle Deutschen nach dem Bild von Krapülinsky und Waschlappsky?« Herr von Hiergeist war betreten. Er errötete für seine Landsleute. Dann fiel ihm ein: »Die Deutschen verstehen im allgemeinen die fremden Völker am tiefsten. Die Kehrseite davon ist freilich, daß sie in der Behandlung des einzelnen Fremden sich leicht vergreifen; das gebe ich selbst zu.« »O mit Ihnen, Exzellenz, kann man sich immer verständigen«, rief die Fürstin aus, die ihren Gast nicht hatte beleidigen, nur ein bißchen necken wollen. Schon glaubte sie etwas zu weit gegangen zu sein, und nun war sie voll naiver Bewunderung und Dankbarkeit für die Art, wie Herr von Hiergeist Herr der Lage blieb und ihr damit einen heiklen Augenblick ersparte. »Vous êtes vraiment un homme d'esprit, Excellence«, sagte sie. »Übrigens, die Elite versteht sich überall«, schloß der Kammerherr das Gespräch und empfahl sich.

»Und nun reden wir von Ihnen, mein Freund«, sagte die Fürstin, Herrn von Hiergeist zum Sitzen nötigend und dann so dicht vor ihn hintretend, daß sich ihre Knie bisweilen leise berührten. »Was macht Ihr entzückendes Frauchen, wie geht es dem kleinen Volk … O, Ihre Karriere ist erstaunlich, mein Freund … Und immer den Blick geradeaus ohne Protektion, ohne Intrige … alles verdanken Sie nur Ihrem Verdienst … O, sagen Sie nichts … Solche Männer sind selten.«

Der Diener brachte Thee. Die Fürstin schenkte ein. Als die Zuckerzange ihr nicht gleich gehorchen wollte, warf sie sie beiseite und rief: »Ach was, ich darf Ihnen den Zucker doch so in den Thee werfen?« »Vous lui donnerez la saveur de vous jolis doigts«, erwiderte der Gesandte in aufrichtigem Entzücken. Da gewahrte er sich plötzlich gegenüber in einem hohen Spiegel, der sich im Rücken der Fürstin befand. Ein Schauer durchzuckte ihn. Er dachte an das Erlebnis der vorigen Nacht. Das Spiegelbild trat wie gestern heraus, setzte sich der Fürstin gegenüber, plauderte mit ihr, streifte bisweilen ihre Hand und die Person des Herrn von Hiergeist schaute verwundert zu. »Was wollen diese beiden voneinander?« fragte er sich, »ist es Liebe oder Politik? Warten wir ab!« »Feinde sind wir?« fragte die Fürstin, in lieblichem Lächeln ihre Katzenzähnchen entblößend, »politische Feinde, sagen Sie?« Sie ließ ihm ihre Hand, deren innere Fläche er plötzlich leidenschaftlich küßte, während er mit der rechten am bloßen Arm hinaufstrich. »Aber es heißt ja: liebet eure Feinde«, flüsterte er. Ihre Lippen lagen aufeinander.

Noch immer wußte die aufmerksam zuhörende Person des Herrn von Hiergeist nicht, was hier zwischen dem Gesandten und der Fürstin vorging. Fürs erste sah es mehr wie Liebe aus, als wie Politik.

Nach einiger Zeit wurde der Diener hereingerufen und ihm ein Zettel übergeben mit einer langen Liste von Besorgungen in der Stadt, was ihn mehrere Stunden in Anspruch nehmen mußte; die Jungfer hatte heute ohnehin frei.

Die Fürstin und ihr Gast waren nun allein in der Wohnung; die Türflügel nach dem goldgelben kleinen Schlafzimmer wurden geöffnet, die schweren Vorhänge der Fenster, durch welche die Augustdämmerung eindrang, zugezogen, und eine warme Herbstbehaglichkeit verbreitete sich; aber von Politik vernahm die lauschende Persönlichkeit des Herrn von Hiergeist nichts, um so mehr aber Gekicher, Seufzen und Küsse. –

Im Westen der Hauptstadt gibt es ein kleines, fast unscheinbares Speisehaus mit einem grünen Teppich, einem Dutzend Tischen, ein paar Spiegeln und einigen kleinen Sonderräumen. Ein heute regierender Bundesfürst hat es als Thronfolger einst seinem Leibkoch eingerichtet, um in der Hauptstadt eine angenehme Zuflucht zu haben, wenn er dort mit seiner Geliebten unauffällig und auserlesen speisen wollte. Dieser Koch war eine majestätische Persönlichkeit aus Frankfurt a. M. von starkem etwas rundlichem Wuchs. Über einem langen, schwarzen Vollbart glänzte ein Paar wohlgenährter Wangen. Die hohe weiße Stirn und das üppige zurückgestrichene Haar schienen einem Künstler zu gehören. Trotzdem oder vielmehr gerade darum verschmähte er es nicht, selbst in der Küche zu stehen und nur hie und da, nach Pariser Art, in seiner weißen Berufstracht an den Tischen seiner Vorzugsgäste zu erscheinen, um mit ihnen verwickelte kulinarische Fragen zu erörtern. In seinen verschwiegenen Räumen waren schon Minister gemacht und gestürzt, Ehen zerstört und Vermögen begründet worden. Benachrichtigte man rechtzeitig den geschickten Besitzer, so konnte man leicht durch einen rückwärtigen Eingang ungesehen in einen kleinen Raum schlüpfen und in aller Verschwiegenheit mit wem man wollte sein Nachtmahl verzehren. Die wenigen, aber um so treueren Gäste hatten Kennworte ausgemacht, durch die sie sich am Fernsprecher leicht mit dem Besitzer dieser nützlichen Anstalt verständigen konnten.

Hier saßen nun der Gesandte und die Fürstin gegen ½ 10 Uhr beim Essen in einem kleinen Kabinett unter orangefarbig umschleierter Lampe. Die Persönlichkeit des Herrn von Hiergeist erkannte, daß hier zwei Menschen wie irrende Sterne aus verschiedenen Himmelsrichtungen einander begegnet waren und während einiger unvergeßlicher Stunden ihr Licht miteinander vermischt hatten.

»Und du reisest wirklich schon in den nächsten Tagen in diesen dummen Orient?« fragte die Fürstin, als ihr Freund nach Tisch zu ihr auf das Sofa gerückt war und lächelnd in ihre rätselhaften schwarzen Augen blickte, die etwas feucht schimmerten.

»Ich kann es nicht ändern.«

»O, es ist gräßlich einen Deutschen zu lieben«, schmollte die Fürstin, ihre etwas fleischige Unterlippe vorschiebend, »immer ist ihm die Pflicht das Erste; ich hasse die Pflicht, die man wegen einer angebeteten Frau nicht übertreten darf.«

»Ein paar Tage darf ich vielleicht zugeben, Liebste«, erwiderte der Gesandte leichthin.

In diesem Augenblick blitzte ein boshafter Glanz des Triumphes in den Augen der Fürstin.

»Also du bist doch auch von Fleisch und Blut?« sagte sie spitz, »das hätte ich gar nicht erwartet. Wirklich, er opfert mir ein paar Tage!«

Dies alles bemerkte die genau beobachtende Persönlichkeit des Herrn von Hiergeist sehr deutlich. Sie ergriff den Gesandten am Arm, stieß ihn nach dem gegenüberliegenden Spiegel, der sein Bild sofort aufnahm, und die Person des Herrn von Hiergeist riß mit unerwarteter Gewalt die überraschte Fürstin an sich.

»Du gehörst mir, Henriette,« flüsterte er, »ganz und gar mir, weißt du das? Ich werde dich lieben, aber du mußt alles tun, was ich befehle, versprichst du das?« Sie sah seine lichten Augen klar und tief über ihrem heißen Antlitz leuchten. »Versprichst du es mir?« drängte er. »Ich verspreche was du willst,« lallte sie, »ich bin dein, ganz dein, du bist der Einzige, mache mit mir, was du willst.«

»Das werde ich tun,« sagte Herr von Hiergeist. »Noch frage ich mich, ob ich dich nicht lieber vernichten soll, denn ich kenne das ganze Gewebe, das deine Fingerchen gesponnen haben.« »Vernichte mich, Geliebter, wenn es dir gut scheint«, flüsterte die Fürstin, überwältigt ohne jede Furcht, »aber wenn du mich verschonst, dann mußt du mich lieben.«

Er hielt sie eine Zeitlang im Arm und schaute prüfend in ihre gar nicht mehr rätselhaften, sondern kindlich frommen Augen.

»Also du schwörst mir, daß du, ehe ich abreise, auf dein Gut zurückkehrst und niemals, niemals wieder deine Händchen in die Politik steckst. Das Netz, das du hier gesponnen hast, blase ich fort, sobald du es nicht mehr hältst.« Die Fürstin brach in Tränen aus. »Ich schwöre dir, was du willst«, sagte sie, »ich habe das alles ja nur getan, weil ich so unglücklich, so einsam, so ohne Liebe war.«

»Gut, ich glaube dir. Das zweite was ich verlange, ist leichter zu erfüllen. Wir werden uns unsere Kreise gegenseitig nicht stören. Du bleibst bei deinem Gatten und bringst mir den Frieden meiner Familie nicht in Gefahr. Ich liebe Erika nicht, ich gebe ihr nichts, was nur der Geliebten, der Angebeteten gebührt, aber du wirst die Mutter meiner Kinder ehren.« »Und die Geliebte, die Angebetete bin ich?« lächelte die Fürstin, wie ein Kind, das hören will, daß es die Eltern am liebsten haben.

»Die bist du!« flüsterte er und erstickte sie fast in einem Kuß, »aber gerade darum laß ich dich nicht leben, wenn du …«

»Nichts weiter … ich habe geschworen … und wann sehen wir uns …?«

»Wann ich nur immer kann. Du wirst stets wissen, wo ich bin.«

Als er sie heimbrachte und sie beseligt in seinem Arm lag, sagte sie:

»Nein, ich habe mich geirrt, du bist kein fürchterlicher Deutscher, du bist viel fürchterlicher, du bist ein Teufel!«

»Kann denn der Teufel lieben?«

»Oder bist du vielleicht ein Gott?«

*

Als Herr von Hiergeist nach diesen klärenden Ereignissen wieder sein grünes eiförmiges Zimmer betrat, war er seinem Gast völlig gewachsen. Er winkte ihm selbst und forderte ihn auf aus dem Rahmen des Spiegels herauszutreten. Während jener ihm die Stiefel und Kleider auszog, sagte er zu ihm:

»Unsere Beziehungen sind wohl jetzt klar?«

»Gewiß, Exzellenz.«

»Dummes Zeug! Sie haben mich nicht Exzellenz anzureden! Sie selber sind die Exzellenz, meine Person hat damit nichts zu tun, sie kann sich ebensogut in einem Brahmanen wie in einer abendländischen Exzellenz, in einem Holzhacker oder einem Freudenmädchen verkörpern. Sie sind zufällige Inkarnation, das haben Sie sich nun ein für allemal zu merken!«

»Jawohl, Exzellenz!«

»Schon wieder? Ich wiederhole Ihnen, Sie sind die Exzellenz, seien Sie es nur ganz und gar; aber das scheint Ihnen schwer zu fallen. Bald sind Sie voll Anmaßung und meinen wunder, was eine Exzellenz bedeutet und dann sind Sie wieder lächerlich klein und reden meine metaphysische Person mit Exzellenz an, als wäre das für sie ein Ehrentitel. Also Sie sind die Exzellenz, dabei bleibt es. Ich selbst bin über allen Titeln und werde überhaupt nicht angeredet. Sie haben nun alles nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen, was ich Ihnen aus meinem für Sie unerforschlichen Ratschluß auftrage.«

»Und das wäre?«

»Zunächst werden Sie noch eine Zeitlang Gesandter bleiben und Ihre Pflicht tun; Orden und Ehren mögen Sie annehmen, so viel Sie wollen; ich schaue Ihnen dabei lächelnd zu; Sie werden Erika gegenüber weiter ein guter Gatte und den Kindern ein besorgter Vater sein. Verstanden? Dieser kleinen Fürstin werden Sie die Glut Ihrer abenteuerlichen Leidenschaft widmen, aber Sie müssen das süße Ungeheuer stets etwas im Zaum halten. Es muß zahm bleiben und darf keine Politik mehr treiben, womit ich nicht gesagt haben will, daß Sie sie nicht doch bei Gelegenheit sich etwas vorwagen lassen dürfen, um sie dann plötzlich mit kühnem Griff zu fassen und, wenn es sein muß, niederzuzwingen. Das alles machen Sie, wie es Ihnen Vergnügen macht! Nur verbitte ich mir ein für allemal, daß Sie je wieder metaphysisch zu werden trachten. Darum ist Ihnen vor allem das Studium der deutschen Philosophie mit Ausnahme Nietzsches, bis Sie gegen ihre Fallen gesichert sind, streng verboten. Sie sind mit all Ihren schönen Gefühlen, Idealen, ethischen Grundsätzen, welche die deutsche Philosophie durch Anleihen bei meiner Kraft in Ihnen hervorbläht, rein physisch, der Vergänglichkeit unterworfen. Metaphysisch d. h. ewig und göttlich bin allein ich, die Person. Solange Sie die in Ruhe lassen, ist Ihnen alles erlaubt!«

»Aber was bin ich denn nun eigentlich!« fragte der Gast kleinlaut. »Bin ich überhaupt jetzt noch etwas?«

»Ja und nein. Sie sind mein Ich, mein gewordenes und darum auch sterbliches Ich, das sich die Person in ihrer göttlichen Einsamkeit erschuf, um zwei zu sein, um sich im Spiegel selbst zu erleben; ohne schöpferisches Gestalten wäre Gott ein erhabenes Nichts. Darum zerreißt er allaugenblicklich seine Einheit ins Werden und Vergehen der Vielgestalt, die sehnsüchtig in ihn zurückwill, aber zugleich blind an der Vereinzelung festhält und sie dadurch immer schmerzhafter macht. Doch wem sage ich das? Wer kennt diese Hölle besser als Sie? In dem heutigen Erlebnis aber habe ich Sie von Ihrem eigensinnigen Willen erlöst, der Ihrer Sehnsucht zu dienen bisher im Weg stand. Sie sind nun etwas, soweit Sie von meinen Gnaden sind; Sie sind ganz und gar nichts, soweit Sie von sich aus etwas zu sein meinen. Sie sind mein Erlebnis und darum ewig; Sie sind nur ein buntes Spiegelbild und darum zugleich nichtig, Sie sind ein Gespenst, aber ein farbiges. Ich spiele mit Ihnen wie Gott mit dem Leviathan. Ich lasse Ihnen das Seil locker, aber das Ende behalte ich doch stets in der Hand, bis es mir gefällt, Ihre Form im Abgrund des Todes zerschellen zu lassen. Sie sind Ich; der eben zu Ihnen spricht aber ist Gott. Nun wissen Sie alles, und jetzt stören Sie meine schauende schöpferische Seligkeit nicht mehr. Dies war unser letztes Gespräch, künftig verkehren wir nur noch in Zeichen, Bildern, Symbolen.«

Der Leib Seiner Exzellenz, des Kaiserlichen Gesandten Herrn Josef von Hiergeist schlief ein und erwachte am folgenden Tage heiter, befreit von der Schwermut, die ihn in den letzten Wochen heimgesucht hatte. Er blieb noch eine Zeitlang im diplomatischen Dienst. Später lebte er meist zurückgezogen auf seinem Gut, wo ihn Frau und Kinder oft besuchten. Im Winter kam er auch manchmal zu ihnen in die Hauptstadt, wo er die Gesellschaft weder suchte noch scheute. Jeden Tag war ihm nun, als sähe er die Welt zum erstenmal. Ein Kind kommt aus dem Haus, die Sonne blitzt in einer Glaskugel, beim Nachbar kräht ein Hahn oder bellt ein Hund, blutrote Blüten quellen aus dem Fenster, ferne tost ein Zug. Herr von Hiergeist lebte über allem Jauchzen und aller Müdigkeit seines Ichs. Göttlich liebte er sich selbst in der Welt und die Welt in sich selbst. So liebte Herr von Hiergeist Erika und die Kinder und die Bauern und die Häusler um seinen Besitz und die Tiere des Waldes und des Feldes und die hauptstädtischen Straßenverkäufer und Kutscher und unter allen diesen liebte er natürlich auch die kleine Fürstin Henriette, die still und fromm geworden war und nun niemals mehr ein Unheil anrichtete.