Die Verdammnis der Welt

1. Kapitel

In der bleichen Einsamkeit des hochgelegenen Landes Tibet spricht die Stimme Gottes so vernehmlich aus jeder Form und jedem Laut, daß aller Kreatur schaudert vor dem Winken der stumm in die Luft ragenden Bäume und vor dem das Schweigen zerreißenden Ruf einsamer Vögel. Liegt aber gar stunden- und tagelange Stille über dem Land, da gibt es für alles, das lebt, nur die Wahl, sich selber im Innern ganz stumm zu machen und so eins zu werden mit dem angehaltenen Atem Gottes, oder in hilfloser Verzweiflung zu fliehen aus Gottes Angesicht und sich selbst den Tod zu geben, um wer weiß wie und wo in der Qual eines neuen Einzellebens wiedergeboren zu werden. Darum hatten die meisten Menschen jenes seltsamen Landes, soweit sie nicht in völliger Dumpfheit verharrten, einen Grad von Heiligkeit erreicht, der sich sogar einzelnen Tieren mitteilte. Dies erfüllte die Krähe Monstruzzi mit Zorn, denn in dem Buche Dzjan, in das die Weisen alles schreiben, was seit der Welterschaffung bis heute geschah, hatte sie gelesen, daß es in Indien ein Mittel gab, sich aus solcher Gottversunkenheit zu befreien. Zwar sagte das heilige Buch dies nur, um Vorwitzige zu warnen. Die Krähe Monstruzzi aber beschloß, nun gerade vorwitzig zu sein, die Heimat zu verlassen und die heißen Niederungen des Gangeslandes zu besiedeln, denn dort – so verriet das heilige Buch – lag der verhängnisvolle Diamant Tott verborgen, den eines Tages »der Nichtwissende« fände, um ihn »dem Wissenden« anzuvertrauen. »Der Wissende?« wer anders konnte das sein als Monstruzzi? Es galt nur, »dem Nichtwissenden« zu begegnen, der ahnungslos ihren fürchterlichen Wunsch erfüllen würde.

Noch stand Monstruzzi im Schimmer der Jugend. Ihr Mädchenreiz vermochte viel über den in blinder Liebe glühenden Bräutigam, den jungen Raben Kwun, und so willfahrte er, ohne zu wissen zu welchem Zweck, dem Wunsch der angebeteten Monstruzzi, verließ die eigene Sippe, um sein junges Glück mit ihr in das heiße Indien zu verpflanzen; aber wenn der verliebte Kwun auch sein ganzes Leben unwissend blieb, wie es das Buch Dzjan vom Finder des Steines Tott verlangte, das Juwel hatte er nicht gefunden, als ihn in der Blüte seiner Jahre der Schuß eines Bauern über einem Saatfeld ereilte. Nun hoffte Monstruzzi auf ihre Brut, aber auch diese samt Eidamen und Schwiegertöchtern fuhr in die Grube, bereits ein zweites Geschlecht hinterlassend, alle in Unwissenheit, aber tiefster Ehrfurcht vor der zauber- und sagenkundigen Monstruzzi erzogen, bis schließlich eines Morgens Winighea, der jüngste Urenkel, in das Nest zurückkehrte, statt wie sonst mit Aas und Würmern beladen, einen blitzenden Stein im Schnabel, den er schweigend vor der nunmehr hundertjährigen Urahne niederlegte. Diese sträubte ihr graues Gefieder und stieß einen leidenschaftlichen Schrei aus, der die späte Befriedigung ihres zäh festgehaltenen Lebenswunsches ausdrückte, erkannte sie doch an dem rotgelben Schimmer des Diamanten sofort den Stein Tott. Winighea hatte ihn in einer Erdfurche gefunden. Monstruzzi ergriff gierig das Kleinod und verbarg es zwischen den Abfall- und Kothaufen des Nestes, um immer wieder zu dem kostbaren Fund zurückzukehren; aber gegen Abend fühlte sie sich so schwach, daß sie merkte: nichts als die Gewißheit, den Stein noch zu empfangen, hatte ihr Leben so lange erhalten. Nun war die Sehne des Bogens entspannt. Nie würde sie selbst die Kraft des Diamanten mehr erproben können, aber gleichviel: bei ihrem Geschlecht würde er bleiben, und so beschloß sie in der Frühe des Tages den Bann der Unwissenheit zu brechen, den sie bisher über die Ihren verhängt hatte.

»Sehet her«, sagte sie zu den Versammelten mit brechender Stimme, »dieser Stein gibt dem Zweifüßler mit leiblichen Flügeln die Kraft, sich in den Zweifüßler mit geistigen Flügeln zu verwandeln, in der Zaubersprache »She-iskr-el«, im Munde des Volkes »Mensch« genannt, und jenem Geschlecht all' das Unheil zu vergelten, das er seit seinem fluchwürdigen Aufgang über die Natur gebracht hat. Denn, müßt ihr wissen, unser Geschlecht ist von Gott geliebt und auserlesen, Ihn zu rächen an seinen Widersachern, den She-iskr-els«.

Staunend hörte es das versammelte Raben- und Krähenvolk. Mit immer schwächerer Stimme fuhr Monstruzzi fort: »Winighea, der Finder des Steines, wird ihn in Gewahrsam halten, aber jeder von euch empfängt durch einmalige Berührung des Diamanten die Teilnahme an seiner Kraft. Der mit Bewußtsein ausgesprochene Wunsch vermag ihn dann jederzeit in das Wesen She-iskr-el und nach Belieben wieder in einen Raben oder eine Krähe zu verwandeln. Nur, wenn der Stein unter den Spiegel des Meeres gerät, ist seine Kraft dahin, und jeder bleibt, was er in solcher Unglücksstunde gerade ist, Rabe oder She-iskr-el.«

Nach diesen Worten verröchelte die alte Monstruzzi. Ehrfurchtsvoll erfüllten die Hinterbliebenen den ebenso einfachen wie alten Leichenbrauch, indem sie die Urmutter aus dem Nest warfen. Dann wühlten sie aus dem Unrat die Hinterlassenschaft heraus, blitzenden Flitter, Glassplitter, Tieraugen, Fischhaut und fanden darunter auch den Stein Tott, dessen Kraft alle nach Auflegung der Krallen sofort erprobten.

*

Nicht lange nach dieser Begebenheit erschien in der Stadt Venedig auf der Brücke Rialto ein buckliger kleiner Jude, der sich Winighea nannte; von sieben weiten Reisen hatte er kostbare Kleinode mitgebracht, die er nun an große Herren zu verkaufen wünschte. Er war ziemlich wortkarg, verstand aber wohl im Augenblick das rechte Wort fallen zu lassen, so daß ihm mancher Edelmann in das düstere Gewölbe nahe dem Markusplatz folgte, in dem er seine Schätze untergebracht hatte. Man fabelte von ungeheuren Summen, die der Alte dort aufgehäuft haben sollte, und es lag nahe, an ein Bündnis mit dem Teufel zu denken, zumal die Tauben der Nachbarschaft, die sich zutraulich allen Fenstern und Türen näherten, das Haus jenes Juden mieden. Statt dessen aber kam allabendlich in der Dämmerung ein Rabenschwarm geflogen, der oft sogar in ein offenes Fenster drang, aus dem bald ein ungeheures Geschrei, wie von einer erregten Volksversammlung ertönte. Auch wollten Nachbarn gesehen haben, daß Winighea im Innern des Hauses einige Raben an der Kette hielt, andere mit gestutzten Flügeln herumspringen ließ. Einen menschlichen Hausgenossen bemerkte man nicht, bis zu jenem strahlenden Junimorgen, an dem der junge Lorenzo Canori zum erstenmal dem Alten über die Schwelle folgte. Da trat plötzlich ein etwa achtzehnjähriges voll erblühtes Judenmädchen aus dem Innern des Hauses. Winighea stellte sie dem Gast als seine einzige Tochter Recha vor. Lorenzo war der flatterhafteste Bursche von ganz Venedig. Seit diesem Tag aber wurde er in sich gekehrt und düster. Die umgekehrte Veränderung nahm man an dem trübseligen Haus des alten Juden wahr. Die früher zum Teil mit Brettern vernagelten Fenster wurden geöffnet und mit Blumen geschmückt. Oft sah man dort die schöne Recha stehen, nicht selten mit heiteren Gespielinnen, und die Tauben von San Marko kamen zu ihnen und pickten die Körner aus zarten Mädchenhänden. Die Rabenschwärme sah man nicht mehr. Der bisher etwas unsaubere Alte trug nun einen schwarzen Sammetmantel mit Barett und empfing täglich den jungen Lorenzo. Dieser kaufte ihm seine Steine ab und blieb oft zu Tisch, dem Rechas Reiz und Hausfrauenkünste heiteren Zauber verliehen. Lorenzo wußte nicht, ob er sich Recha eröffnen solle, deren fremdartige Blicke ihm bald unübersteigbare Abgründe, bald märchenhafte Paradiese anzuzeigen schienen. Da holte eines Tages der Alte den Stein Tott hervor, von dem auch in der abendländischen Welt seit alter Zeit dunkle Kunde ging. Hier aber galt er als ein reiner Glücksstein, bringe er doch seinem Besitzer die Erfüllung aller Wünsche und das ist nach den Begriffen der westlichen Völker so viel wie das höchste Glück. Der Diamant war durch seinen goldgelben Schimmer unverkennbar. So verpfändete denn Lorenzo sein Landgut und erwarb das Kleinod von Winighea. Er hatte sich in der Kraft des Steines nicht getäuscht. Kaum war er dessen Besitzer, als ihm Rechas Fremdartigkeit plötzlich ganz vertraut erschien. Ihre Blicke wurden ihm verständlich wie die der einheimischen Mädchen, manchmal glaubte er sogar leise Seufzer zu hören, die ihm sein Zaudern vorzuwerfen schienen, und eines Tages hielt er Recha in seinem Arm, die ihm bis ans Ende der Welt zu folgen versprach.

Eines Morgens stand das Haus des alten Winighea wieder leer, nachdem noch in der Nacht Saitenspiel und Gesang aus den Fenstern über den Kanal getönt war. Manche wollten in einer blumengeschmückten Gondel den jungen Lorenzo mit der schönen Jüdin in das Dunkel hinausfahren gesehen haben. Gegen Morgen war ein Sturm über die Stadt gebraust, der alle Fenster und Türen losreißen zu wollen schien. Aus dem Haus des Winighea war mit Gekrächz ein Rabenschwarm gen Süden geflogen. So wenigstens berichtete Benedetto, der erste Bettler Unserer Lieben Frau, der allein in der ganzen Bettlergilde das Recht hatte einen leinenen Purpurrock zu tragen und vor der Kirche Zanipolo stets in der vordersten Reihe der Almosenempfänger liegen durfte, wofür er dem Kirchenschatz jährlich 100 Zechinen zahlte. Dieser Benedetto war ein Wesen ohne Schlaf und durchstrich, wie ein blutrotes Gespenst, die ganze Nacht hindurch die Gäßchen der Stadt. So konnte er wohl wissen, was bei Winighea geschehen war. Aber Benedetto hatte an diesem Morgen mit seinen Geschichten an der Treppe von Zanipolo kein Glück. Verstört und eilig gingen die Beter an ihm vorbei und selbst ein so seltenes Ereignis wie das plötzliche Verschwinden eines glänzenden jungen Patriziers wie Lorenzo Canori, mußte seinen Eindruck verfehlen in diesen Tagen, in denen, wer nur konnte, auf die terra ferma floh, die Stadt den Armen überlassend und der Pest, die, wie nun nicht mehr zweifelhaft war, schon seit einiger Zeit im geheimen gewütet hatte. Der rote Benedetto begegnete nun allnächtlich einem zweiten Gespenst, wenn er um die Ecken der alten Gäßchen bog, dem roten Maledetto, wie in jenen Zeiten die von Venedig die Pest nannten.

Lorenzo und Recha begaben sich nach der prächtigen Stadt Florenz, wo sich Recha taufen lassen und mit Lorenzo getraut werden sollte, aber nach einigen Tagen stellte sich heraus, daß der junge Bräutigam den Pestkeim bereits in sich trug, dem er schnell erlag. Vor der Volkswut der durch die Seuche bedrohten Stadt rettete Recha der Condottiere Marsilio. Er brachte sie heimlich auf ein Gütchen in der Nähe, umgab sie mit zwei Gespielinnen und zeigte ihr zunächst keine anderen Gefühle als die der Freundschaft und Verehrung. Aus Dankbarkeit schenkte sie ihm den Stein Tott. In der Stadt tobte inzwischen die Pest. Marsilio wagte sich nicht mehr in den Straßen zu zeigen. Hätte er, so meinte das dumme Volk, den Totschlag der Jüdin zugelassen, so wäre mit ihr der Pestkeim begraben worden. Nun fürchtete er, daß man von ihm Rechenschaft über den Verbleib des Mädchens fordern würde. Dies erfuhr Recha durch ihre Gespielinnen. Sie überwand ihre Schamhaftigkeit und flehte Marsilio an, sich auf dem Gut bei ihr in Verborgenheit zu halten. Nun vermochte er ihr seine Liebe nicht länger zu verhehlen. Die undurchdringliche Stille, mit der sie sein Geständnis aufnahm, die ihn weder ermutigte noch abwies, schuf jedoch einen Abstand zwischen ihnen, den das vertrauliche tägliche Zusammenleben nur langsam überbrückte. Gegen Ende des Sommers verkündigte ihm Recha, sie sei durch ihre Gespielinnen nun so tief in die Lehre des christlichen Glaubens eingedrungen, daß sie am nächsten Sonntag die Heilige Taufe empfangen wolle. Marsilio drang in sie, bei dieser Gelegenheit gleich die Wohltat noch eines zweiten christlichen Sakramentes zu genießen. So wurde Recha am nächsten Sonntag Marsilios Frau. Der Stein Tott hatte auch ihm die Erfüllung seines tiefsten Wunsches gebracht.

Als er gegen Morgen das Hochzeitsbett verließ, um im taufrischen Garten der jungen Gattin selbst ein paar Blumen zu pflücken, wurde er von zwei gedungenen Hohläugigen, die auf der Mauer gelauert hatten und nun plötzlich herabsprangeu, hinterrücks erstochen und ausgeraubt. »Tod dem Pestträger« schrien sie dem Verröchelnden ins Gesicht. Auf der Mauer war indessen ein Dritter erschienen, der den beiden Anderen eine Leiter in den Garten stellte, über die sie schnell entkamen.

Der Priester, der das Paar gestern getraut hatte, brachte die verzweifelte Recha schnell in das Kloster San Cosimo. Dort verbarg man sie, um sie vor dem erbosten Pöbel zu schützen, im obersten Turmgemach. Den Stein Tott überantwortete sie bei ihrer Ankunft dem Klostergut. Niemals verließ sie die enge Zelle mehr. Allabendlich umkreisten Raben den Turm. Eines Tages fanden die Schwestern zu ihrem Staunen das Nest leer.

Seit dieser Zeit regneten die Glücksgüter sozusagen über die heiligen Mauern von San Cosimo. Es verging kein Jahr, daß nicht vornehme Damen Einlaß begehrten und dem Klostergut große Reichtümer zufügten. Bald galt in ganz Italien, Spanien und Frankreich San Cosimo als die Zuflucht aller zärtlichen Herzen, die enttäuscht worden waren, und wenn an heißen Sommertagen sich die Schwestern in den düsteren Zypressenwegen ergingen und sich ihre süßtraurigen Erlebnisse mitteilten, da hätte ein Lauscher wohl den Stoff zu einem zweiten Dekameron finden können. Aber da nun einmal das gemeinsame Leid halbes Leid und die Erinnerung daran sogar Vergnügen wird, regte sich bald in den schönen Enttäuschten der Wunsch, ihr Glück noch einmal zu versuchen. Gar manche fand, daß sie selbst nur das Opfer unglücklicher Umstände gewesen war, die sich durchaus nicht immer zu wiederholen brauchten, und daß sie sich im Falle ihrer Leidensgenossinnen ganz anders als jene verhalten hätte, die nur eigner Torheit ihr Unglück dankten. Indes alle diese in Ehrbarkeit erzogenen Frauen ihre Geschichten miteinander verglichen, lernten sie von ihrem Einzelfall abzusehen und die Welt zu verstehen, so daß sie nun bald über ein Wissen verfügten, als hätten sie ihr Lebtag mit nichts anderem als Buhlen verbracht. Die Oberin selbst, eine frühere Fürstin Fruttuosi, war an Schönheit eine voll erblühte Rose; sie begünstigte die Verwandtenbesuche ihrer Schäflein mit größter Nachsicht. Wollte ein Bruder seine Schwester am Gitter sehen, so geschah es oft wie von ungefähr, daß durch ein Mißverständnis des Namens eine Andere erschien. Manche schrieben ihren Verwandten von dem Unglück ihrer Genossinnen, sodaß sich manche trostbereite Herzen für so zärtliche Leiden erwärmten. Bald kamen Briefe mit schmal gefalteten Einlagen, die an eine solche Unglückliche zu übergeben waren, und schließlich fanden Jünglinge in Frauentracht sowie Männer in Mönchs- und Priestergewändern Tag und Nacht Einlaß bei den trostbedürftigen Schwestern. Hatte man vorher das Leid zusammen getragen, so trug man nun auch die Freude gemeinsam, und bald sah das Refektorium nachts von Liebe und Wein erglühte Paare. Um die Fürstin Fruttuosi hatte sich ein Liebeshof gebildet.

Es zeigte sich, wie recht die schönen Nonnen daran getan hatten, in jenen unsicheren Zeitläuften für männlichen Schutz zu sorgen. Eines Nachts während des Karnevals – die Tischgesellschaft schwelgte efeu- und weinlaubbekränzt in leichten Gewändern heidnischer Götzen – wurde das Kloster von spanischen Horden geplündert und angezündet. Unter den Trunkenen und den Landsknechten entstand ein fürchterliches Gemetzel, aber wenigstens konnte sich keiner der Kriegsknechte rühmen, einen dieser köstlichen Frauenleiber sein genannt zu haben. Manche retteten sich mit ihren Beschützern, andere schwammen in ihrem Blut zwischen zertretenen Früchten und vergossenem Wein, welke Kränze im toten Antlitz. Die Schätze fielen den Plünderern in die Hände. Nachdem sie abgezogen waren, versammelten sich Rabenschwärme zwischen den rauchgeschwärzten Trümmern und fraßen das Fleisch vom Gebein der Leichen.

*

Eines Tages erschien in der flandrischen Stadt Antwerpen bei dem berühmtesten Edelsteinschleifer, dem Meister Schalander, ein alter Malteser namens Winighea und brachte ihm den Stein Tott, damit er ihm die richtige Brillantform mit »pavillon« und »culasse« gäbe, wie sie zur Zeit am französischen Hof verlangt wurde, seitdem der König selbst den Sancy, den größten und ältesten Diamanten seines ererbten Schatzes in dieser Weise hatte zurichten lassen. Meister Schalander machte darauf aufmerksam, daß durch das Schleifen nach der Mode der Stein an die 20 Karat Gewicht verlieren würde, aber der Malteser bestand darauf, da es sonst unmöglich sei, ihm dem König vorzulegen. Er betrog sich nicht in seinen Hoffnungen. Bald wurde er mit einem Unterhändler Seiner Majestät, wie sie sich stets in dem kunst- und gewerbereichen Flandern aufhielten, einig und begleitete ihn in des Königs Hauptstadt.

Eines Morgens wurde er in ein Kabinett zu dem großen König geführt. Es war ein glücklicher Tag für das schöne Frankreich, denn Se. Majestät hatte, wie man sich auf allen Korridoren des Schlosses erfreut zuflüsterte, heute eine vorzügliche Verdauung gehabt. In einem Alkoven kniete die Majestät auf einem Pupurkissen und ihre Lippen murmelten mit Gott. Zwei Prinzen von Geblüt stützten den König beim Aufstehen; in breiter blauer Schärpe und mit dem Degen stand er nun da. Der Aufseher über die königlichen Schnupftücher bot drei zur Auswahl und der königliche Finger wählte heute grün. Auf einen Wink des Kämmerers trat nun Meister Schalander hervor. Die königliche Hand hob den rotgelb schimmernden Stein gegen das Licht, verglich ihn mit dem wohl größeren aber ungleich weniger feurigen Sancy, der herbeigeholt worden war, und äußerte die Meinung, der Stein Tott sei ein Juwel, würdig eines Alexander oder Cäsar. Da nun aber diese beiden längst Staub waren, was blieb da jenem erhabenen Fürsten anders übrig, als den Tott selbst zu erwerben? Der Malteser empfing drei Millionen Livres, der Tott gehörte von nun an zu den französischen Kronjuwelen.

Seit dieser Zeit schien sich das Glück unzertrennlich an die Fahnen des Königs heften zu wollen, aber dann verlor er doch wieder viel von dem Gewonnenen und erlebte ein einsames Alter, wegen seiner Raubzüge, die er mit Verträgen in den Städten Rijswick und Nymwegen beschloß, in der ganzen Welt der Reißweg oder der Nimmweg genannt. Dennoch endigte er mehr als arm. Nachdem er das Land ausgesogen, mußte er im Alter, wie ein junger Taugenichts, sich mit allerlei Listen Geld beschaffen. Mitten im Glanz seines Hofes spürte er die Ohnmacht einer mißbrauchten Lebenskraft, bis er verdüstert in den Armen einer frömmelnden Beischläferin starb, die wie eine Amme ganz von dem Willen des alten Reißweg und Nimmweg Besitz ergriffen und ihn vermocht hatte, sie in geheimer Ehe zu heiraten. Seine Söhne waren längst tot, und so übernahm ein Enkel die Herrschaft über das durch Kriege verschuldete, mit Steuern bedrückte Land. Der neue König verschlimmerte diesen Zustand, denn er lebte nur seinen Lüsten. Sein heißester Wunsch war, der erste Koch des Landes zu heißen, und da er den Stein Tott besaß, erfüllte sich sein Begehren. Der König erfand die köstlichsten Gerichte. Eine geheime Krankheit aber verblödete seinen Geist, und zuletzt starb er an den Kinderblattern, die er von einer jungen Dirne erworben, halb verfaulten Leibes. Der Pöbel feierte seinen Tod durch Gassenlieder und Jubeltänze. Die Rache des Volkes traf erst seinen Nachfolger, der nichts als die Jagd liebte und seine schöne Gattin. Die Menge brach in die Spiegelgemächer ein, das Königspaar floh und hätte auch wohl die Grenze erreicht, aber da geschah es, daß sich die Kutsche um eine halbe Stunde verspätete, weil nicht so schnell auszumachen war, ob der grüne oder der blaue Kammerherr zur Rechten der Königin zu sitzen habe. So gerieten die Fliehenden in die Hände des johlenden Pöbels. Nachdem beide eingekerkert waren, wurden ihre Juwelen dem Volk gezeigt, mit deren Schweiß und Blut sie bezahlt worden waren. In der Zeit zwischen Ostern und dem Martinstag ließ man jeden Dienstag die Menge in die Prunksäle hereinfluten, wo einst die Könige geschwelgt hatten. Dort standen unter Glas, von einigen Männern der Bürgerwache beschützt, die königlichen Diamanten, darunter der gelbe Stein Tott. Dieser Anblick ließ die Wut der Massen wieder aufleben. An einem kochend heißen Augusttage erbrachen sie die Gefängnisse, in denen die Edelleute mit ihren Frauen und Kindern eingekerkert waren, erschlugen sie und warfen ihre Leichen den Raben hin. Auch stürmten sie wiederum das königliche Schloß, und bei dieser Gelegenheit verschwanden der Sancy und der Tott.

Ein neuer Reißweg oder Nimmweg stieg nun aus dem Volke selbst empor, ein zäher kleiner Mann, etwas dick und gelblich, unterwarf sich das Land der Franzen und führte seine Heere siegreich durch alle Länder. Am Abend eines Schlachttages, als sich bereits die gierigen Vögel zum Fraß niedergelassen hatten, fand man bei einem gefallenen Soldaten, einem Sohne der Stadt Paris, den Stein Tott. Man brachte ihn dem Kaiser, der ihn an sich nahm und dafür nun einen Monat lang seinem ganzen Heer doppelte Löhnung zahlte. Seit dieser Zeit wuchs der Übermut des Eroberers ins Unermeßliche. Hatte bisher sein Herz wenigstens einem Wesen gegenüber menschlich gefühlt, seiner Gattin, die mit ihm Siegesjubel und Gefahren geteilt, so verließ er sie nun, um eine in Purpur geborene leere Menschenlarve zu freien. Der Plan gelang, und der Eroberer wurde der Schwiegersohn des vornehmsten Fürsten der Erde, aber zugleich wich der Segen von ihm, der bisher von seinem Schutzgeist, der verstoßenen Gattin, ausgegangen war. Er verlor sein Heer im Eise des Nordens, und er selbst, der mit einer halben Million Menschen ausgezogen war, kam in einer Winternacht allein in sein Schloß zurück, den gelb blitzenden Stein Tott am Zeigefinger der rechten Hand. Es half ihm nichts, daß er den Schein des Glücks annahm und sich gleich am nächsten Tag dem Volk im Schauspiel zeigte: der Siegesgenius hatte ihn verlassen. Er wurde von seinen siegreichen Widersachern gleich einem Halbgott der grauen Vorzeit an einen einsamen Felsen im Weltmeer geschmiedet, wo ihm ein Rabe, der von seinen ärgsten Feinden, den Briten, zu seiner Bewachung bestellt war, langsam die Gedärme aus dem Leibe fraß. Manche glauben, er hätte, nachts qualvoll hingestreckt zwischen den leuchtenden Sternbildern und dem endlos rauschenden Meer, begnadet durch so großes Leid, plötzlich die Stimme Gottes aus der Stille des Himmels und dem Getöse der Flut vernommen, so wie die Kreatur zu Tibet, die nichts weiß vom Steine Tott. Doch wer will das bezeugen? Die Wissenden sagen es nicht, die Sagenden wissen es nicht.

Während der in den Staub gesunkene Kaiser von seiner einstigen Hauptstadt an das Meer gebracht wurde, um ihn nach jener Insel einzuschiffen, riet ihm einer seiner Vertrauten, einige Juwelen, die er bei sich führte, lieber zu Gold zu machen. In der kleinen, schmutzigen Hafenstadt fand sich ein armenischer Händler, namens Winighea; er kaufte dem Kaiser für einige Hunderttausend Franken seinen Besitz ab, darunter den Stein Tott, dessen wahren Wert und Zauber der Gekrönte nie erfahren hatte. Solches Unwissen machte ihn fast einem Kind ähnlich, und darum ist es gar nicht so unwahrscheinlich, daß er manchmal auch die Stimme Gottes vernahm, denn nur der Nichtwissende hört sie.

*

Winighea, der Armenier kannte genau die Kraft des Steines. Lange genug, so dünkte ihn, war er nun bei den Großen der Erde gewesen, wo er nur langsam den Besitzer wechselte; nun sollte er wieder schneller von Hand zu Hand gehen. Er verkaufte ihn daher zu Barcelona dem jungen Don José Ruiz y Margal, vom König von Spanien aus Madrid verbannt, da er durch sein leidenschaftliches Blut zu viel Unfrieden in die Ehen der Hauptstadt gebracht hatte. Nun sollte er die unruhige Provinz Catalonien zügeln. Seine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit öffnete ihm alle Herzen. Auf einem Frühlingsfest, wo die Dichter des Landes sich um den Ehrenkranz für dieses Jahr bewarben, verschwand Don José plötzlich mit einem schönen Blumenmädchen von der Rambla. Die Eifersucht der Brüder aber wußte das Paar nachts in einer Hafenschänke ausfindig zu machen. Nachdem ihm das Mädchen entrissen worden und er erschlagen war, wurde er von einem Matrosen ausgeraubt, der an seinem Finger einen Ring mit dem Steine Tott fand. Der Räuber flüchtete auf einen Westindienfahrer, um erst in der Neuen Welt, wo man ihn nicht kannte, seinen Reichtum zu entfalten, aber die Überstrenge des Kapitäns machte ihm diesen Vorsatz schwer. Sollte er, gegen den jener nun ein armer Hungerleider war, sich dessen Befehle länger gefallen lassen? Es gelang ihm, seine Genossen zur Gehorsamsverweigerung anzustiften, indem er ihnen für den Fall der Ankunft in Veracruz hohe Belohnung versprach. Eines Nachts drangen sie in die Kajüte des Kapitäns ein. Dieser aber und der Steuermann waren mit Pistolen versehen und wurden der Haupträdelsführer Herr; die andern sanken vor der Übermacht angstschlotternd in die Knie. Der Besitzer des Steines wurde an den Raaen des Schiffes aufgeknüpft und hing dort noch manche Sturmnacht zwischen Himmel und Erde, bis eines Morgens Krähenschwärme, welche die Leiche umflatterten, die Nähe des Landes verrieten. Der Kapitän ließ den Gehenkten herunterholen; ehe er ihn ins Meer zu werfen befahl, entdeckte er den Ring, den er begierig an sich nahm. Am Abend in einer Spielhölle hatte er märchenhaftes Glück, aber er verstand es, seine Leidenschaft zu beherrschen und wollte gegen Morgen die Beute auf das Schiff bringen; die Geschädigten indessen lauerten ihm auf, erschossen ihn von rückwärts, beraubten ihn und warfen ihn in einen Straßengraben. Der, in dessen Hände der Stein Tott geriet, war ein amerikanischer Seiltänzer, namens Stewart. Er war außerordentlich zeichen- und wundergläubig. Eine kreolische Wahrsagerin hatte ihm vor kurzen prophezeit, er würde sein höchstes Wagnis erst dann mit Erfolg unternehmen können, wenn er in den Besitz eines rotgelben Glückssteines gelangt sei. Am Abend noch trat Stewart mit sieben Silberkugeln auf das in schwindelnder Höhe aufgespannte Seil, bis in dessen Mitte er sicheren Schrittes ging. Dann blieb er stehen, warf die sieben Kugeln gleichzeitig in die Luft, fing sie geschickt wieder auf, den Blick stets nach oben gekehrt, als gäbe es keinen Abgrund zu seinen Füßen. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. Der Amerikaner machte nun einen Siegeszug durch die Neue Welt, und ungeheure Summen flossen ihm zu. Als er fast fünf Millionen Dollars beisammen hatte, kündigte er seine letzten drei Vorstellungen an, welche ihm sein Vermögen abrunden sollten. Dann wollte er sich ins Privatleben zurückziehen und der wohlverdienten Ruhe pflegen. Bei der ersten jener drei geplanten Vorstellungen riß das Seil, der Amerikaner lag zerschmettert unter der Menge.

Sein Nachlaß wurde von den Erben versteigert, der Stein Tott kam an einen fetten türkischen Händler, namens Habib.

*

Habib beschloß, den Stein Tott dem Sultan selbst zum Verkauf anzubieten. Er schiffte sich nach Stambul ein und wurde bald mit seinen Juwelen vor den Herrscher aller Gläubigen geführt. Der alte Kalif galt draußen als böse und grausam. Oft hatte er solche, die ihm gefährlich schienen, auf ein Schiff zum Essen eingeladen und sie dann auf hoher See heimlich versenken lassen; ja er bewahrte die blank geputzten Schädel vieler Feinde in samtenen Behältnissen, wie Bücher auf langen Wandbrettern aufgestellt, und es hieß, daß er in schlaflosen Nächten davor auf- und niederwandelte, einen nach dem anderen herausnehmend und sich freuend, daß die wenigstens unschädlich seien. Er war so mißtrauisch, daß er einmal, um einem möglichen Angriff zuvorzukommen, einen Gärtner erschoß, der rasch auf ihn zukam, um ihm eine seltene Blume zu reichen.

Habib fand in dem Sultan einen schönen Greis von hoher aufrechter Gestalt mit breit wallendem, noch dunklem Bart. Seine schlanken, weißen Hände prüften die Steine voll Mißtrauen. Den Tott wies er immer wieder zurück, wenn ihn Habib reichen wollte. Am Schluß kaufte er den ganzen Vorrat des Händlers, nur von dem rotgelben Diamanten wollte er ganz und gar nichts wissen. Habib verwunderte sich sehr. Er merkte wohl, daß der Sultan ein ganz ungewöhnlicher Kenner von Juwelen war, deren Wert er genau festzusetzen wußte. Wie kam es nur, daß er die Seltenheit des Tott so völlig verkannte? Aber Herrscher haben nun einmal ihre Launen.

Nachdem Habib gegangen war, ließ sich der Sultan die drei persischen Schwestern kommen, elf-, zwölf- und dreizehnjährig, deren Erziehung für den Harem seit gerade einem Mond vollendet war, und in denen der Herrscher neuerdings die Vollkommenheit selber zu besitzen glaubte. Wie junge Tauben flogen sie auf seine Knie und liebkosten ihn. Sie waren so glücklich, in ihm nicht, wie sie gefürchtet hatten, einen Wüterich zu finden, sondern einen freundlichen Vater, der ihre Künste und Reize so wohl zu würdigen verstand, während die Erzieherinnen doch immer gesagt hatten, sie wären zu nichts gut, als grobe Küchenarbeit zu tun; der Kalif würde sie nie eines Blickes würdigen, sondern peitschen lassen wie freche Hündinnen. Nun rief sie ihr Freund wieder herbei, gewiß, wie er zu tun pflegte, zu einer Überraschung. Während sie sich an seine Knie lehnten, behing er die Jubelnden mit dem neuen Geschmeide; dann mußten sie ihm wälsche Duette singen, die der Herrscher zum Staunen der einheimischen Musikanten mehr als alles liebte; die Dritte begleitete die beiden Sängerinnen auf einem von einem Fürsten gen Sonnenuntergang geschenkten schwarzen Holzschrank mit weißen Tasten, den man Piunufort nannte.

Nur von seinen Frauen war der Sultan geliebt, die alle jung und schlank waren. Er begehrte nicht, wie die meisten seiner Glaubensgenossen, die mit Mehl und Süßigkeit gemästeten, unbeweglichen Schönheiten. Manche seiner Lieblingsfrauen hatten sich aus Gram getötet, wenn sie seine Ungnade erweckt hatten. Er kannte ihnen gegenüber keine andere Strafe, als die schwerste für eine Liebende, die der Verbannung aus seiner Gegenwart. Erschraken sie auch alle zuerst, wenn der bärtige Greis plötzlich unter ihnen stand, – er liebte es, sie beim Musiküben zu überraschen und hinter ihnen stehend zu lauschen, ohne daß sie sich dessen versahen – so merkten sie doch bald, daß dieser Furchtbare für sie voll Süßigkeit war. Mit ihnen konnte er wie ein Kind werden und, auf Teppichen sitzend, sie geduldig allerlei Spiele lehren. Darum vernahm er wohl auch manchmal die Stimme Gottes, die ihn heute vom Ankauf des Steines Tott bewahrt hatte.

*

Der dicke Habib kaufte für das empfangene Geld neue Juwelen und schiffte sich nach Indien ein, in der Hoffnung, mit ihnen den Stein Tott einem der dortigen Vasallenfürsten zu verkaufen, deren Reichtum sagenhaft ist. Er pilgerte von Hof zu Hof, wurde überall in Ehren empfangen, auch gelang es ihm die Juwelen, die er für das Kaufgeld des Sultans neu erstanden hatte, gut anzubringen; nur den Stein Tott wollten die Maharadschas nicht einmal berühren. Einer wandte sich mit Entsetzen von ihm ab, ein anderer besprengte ihn mit heiligem Wasser, ein dritter ließ das Gemach räuchern, in dem der Stein eine Viertelstunde gelegen hatte. Ein vierter murmelte Zaubersprüche, der Fünfte aber, der Habib in seinem Gesellenhain empfing, ergriff den Stein lächelnd und gab ihn dem Bringer zurück, mit den Worten: »Vergiß nicht das Glück mitzunehmen.« »Ich wollte es Euch lassen,« erwiderte Habib dienstfertig. »Was soll es denen, die Brahma besitzen?« sagte der Maharadscha; »hier läge dieses Juwel wertlos, wie taubes Gestein, indessen es im Westen Menschen gibt, die ihre eigenen Wünsche anbeten und ihnen Blutopfer bringen. Ihnen diene der Stein als Talisman, für sie hat er Kraft.« Habib, dessen Wissen von der Kraft des Steines nur auf Gerüchten beruhte, sagte: »Ihr glaubt also an eine Zauberkraft des Steins, Herr?« »Nicht für mich,« erwiderte der Weise lächelnd, »aber für die, welche an Glück und Unglück außerhalb ihrer selbst glauben.« »Also auch Unglück bringt der Stein?« fragte der dicke Habib erschreckt. »Wer an Glück glaubt,« schloß der Fürst, »glaubt doch wohl auch an Unglück. Was aber einer glaubt, das schafft er sich.«

Von diesem Tage ab war es um die Ruhe des sonst schwer zu erschütternden Habib getan. Bisher hatte er einem rosigen, fetten Riesensäugling geglichen, nun aber magerte sein Vollmondgesicht zusehends ab und seine Wangen wurden bleich. Der Boden dieses rätselhaften Landes Indien brannte ihm unter den Füßen; des verfänglichen Steines aber wollte er sich sobald als möglich entledigen. O, der bisher glückliche Habib glaubte an Glück und folglich auch an Unglück. Der Gedanke an den Tod z. B. war ihm keine Kleinigkeit, und wenn er ihm bis jetzt auch nicht nachgehängt hatte, so kam das nur daher, daß ihn das Glück seines ununterbrochen wachsenden Reichtums geradezu betäubte. Auf dieses Glück hatte er fest vertraut. Die Worte des Maharadscha aber leuchteten nun plötzlich in die Tiefe seiner Seele, und dort lag wie ein dunkles Bündel, in den Winkel gedrängt, die halb vergessene Todesangst. Nein, nein, nein, es war garnicht so ausgemacht, daß das feiste Habibglück immer dauern sollte! Je mehr es wuchs, desto näher rückte zugleich das Unglück. Das war eine furchtbare Entdeckung. Wie beneidenswert schien jener Maharadscha; ihm vermochte das Unglück nicht zu nahen, aber freilich auch nicht das Glück. Habib hatte böse Nächte. O, alles lag an dem verfluchten Stein.

In Kalkutta bestieg er den Dampfer »Thaltybius,« um nach Holländisch Indien zu fahren, in der Hoffnung, den Tott dort einem der reichen Landbesitzer zu verkaufen. In den feuchten schwülen Nächten irrte Habib schlaflos auf dem Verdeck hin und her. Sollte er sein Glück opfern, um dem Unglück zu entgehen? Wie wäre es, wenn er sich des Tott mit kühnem Wurf in die Flut entledigte und sich für den Rest seines Lebens mit dem Reichtum begnügte, den er besaß? Aber hieß dies wirklich das Glück opfern, nicht vielmehr es erkaufen? Und dann, war nicht der Maharadscha selber märchenhaft reich? Also aufs Opfern kam es gar nicht an? So viel wußte Habib aus der Lehre der Brahmanen: Man durfte besitzen, aber nicht von den Dingen besessen werden. »Besitze,« hieß es, »als besäßest du nicht.« Habib aber besaß die Dinge nicht, er wurde von ihnen besessen.

Während ihm dies eines Nachts, als er in seiner Kajüte den Tott anstarrte, bis zur Verzweiflung klar wurde, erhob sich ein heißer Monsunsturm. Das Schiff ächzte in allen Fugen. Die Gäste eilten aus ihren Kajüten, auf dem Verdeck von einem Wolkenbruch empfangen, die Schiffsoffiziere beruhigten. Ein furchtbares Krachen erfüllte die Luft. Habib verlor fast die Besinnung in dem Getümmel, das ihn umgab. Da schrie er plötzlich verzweifelt: »Ich opfere alles … das Glück,« stürmte auf das Verdeck, den Tott und seine sonstigen Schätze in der Kajüte zurücklassend. Unter dem Getöse des Sturmes sank der »Thaltybius«. Einige überfüllte Rettungsboote schaukelten bei Sonnenaufgang auf der Flut. Nach mehreren Tagen wurden sie von einem nach Kalkutta zurückkehrenden Schiff aufgenommen. Der fette Habib erschien nicht mehr unter den Juwelenhändlern der Erde, wo er eine bekannte Figur gewesen war; auch in den Bankhäusern der alten und neuen Welt, wo er sein Geld aufbewahren ließ, hörte man nichts mehr von ihm. Dagegen will ihn einer als Einsiedler, arm und mager, in dem Gazellenwald unweit Benares gesehen und von ihm den Spruch gehört haben:

»Wann er das Reich erschaut, das wahre, reine ew'ge,
das frei vom Leiden ist, das frei von allem Wähnen,
und jedes Daseinsband von ihm durchschnitten ward:
Das ist die höchste Lust, der keine andre gleicht.

Wann mitten in der Nacht im tiefen, stillen Walde,
wann Tau zur Erde fällt, die wilden Tiere brüllen,
in sichrer Bergeshöhl' der Selbstvertiefte sinnt:
Das ist die höchste Lust, der keine andre gleicht.«

2. Kapitel

Nun lag also der Stein Tott auf dem Grund des Meeres und hatte, wie das Buch Dzjan verkündigte, seine Kraft verloren. Aus dem Rabengeschlecht lebte zu dieser Zeit nur ein Einziger als Mensch und mußte es bleiben: der scharfäugige, gelbhäutige Ingenieur Winighea Blackcoffin in London. Als ihm der Untergang des »Thaltybius« aus den Zeitungen bekannt wurde, erschrak er sehr, denn er wußte, daß mit dem Talisman seines Geschlechts seine Kraft verschwunden war. Wie oft hatte sich Mr. Blackcoffins etwas verkümmerte Gestalt in einen Raben verwandelt und so die Geschäftsgeheimnisse oder die Entdeckungen anderer belauscht. Dies Verfahren brachte ihm großen Reichtum ein, und daraufhin hatte ihm die schöne, aber peinlich tugendhafte Miß Iphigenia Blubbercox, ein Stern der leichten Bühne, bereits ihr Jawort zur Vermählung gegeben. Nie wäre der einsichtige Winighea, der sich die geringen Vorteile seiner Gestalt keineswegs verhehlte, in ein so gefährliches Abenteuer gestürzt, hätte er nicht durch seine Verwandlungsfähigkeit als Rabe die Tugend seiner schönen Gefährtin leicht bewachen können. Durch das Versinken des Tott war nun diese Möglichkeit dahin. Aber so ist das Leben: weil ein feister Türke einen Stein in das bengalische Meer wirft, muß ein Londoner Ingenieur seine Heiratspläne aufgeben. Eine solche Welt ist unerträglich. Wie recht hatte also Habib gehabt, wenn er sich ihr in dem Gazellenwald von Benares entzog. Auch Mr. Blackcoffin konnte so nicht weiterleben, nur schlug er zur Bändigung des Schicksals den entgegengesetzten Weg ein: er verließ sich auf die technischen Errungenschaften seines stolzen Jahrhunderts. Wie alle großen Unternehmernaturen seines Zeitalters besaß er ein Buch, in welchem nichts als das Alphabet stand. Er blätterte eine ganze Nacht darin und suchte sich drei Buchstaben zu seinem Gebrauch aus, und zwar fiel seine Wahl auf T.O.P. So entstand der Top. Der Name wirkte wie alle Zauberformeln unwiderstehlich. Die am festesten verschlossenen Geldsäcke der Handelswelt öffneten sich für Mr. Blackcoffin, denn jeder wollte beim Top dabei sein. In allen Zeitungen sah man ganze Seiten, auf denen nur das eine Wort Top stand, entweder einmal mit Riesenbuchstaben oder 25 Mal in kleinem Druck. In einer belebten Straße wurde ein großes Kontor eingerichtet. Auf schwarzen Glasschildern und auf allen Fenstern stand mit Goldbuchstaben: Top. Ein feuriges Rad sprühte, sobald es dunkelte, das Zauberwort Top 16fach in die Nacht. In der Frühe erschienen in dem Kontor zwölf blonde Mädchen, um auf schwarzen klappernden Maschinen große Bogen vollzuschreiben, auf denen oben Top stand. Keine wagte zu fragen, was Top eigentlich sei, so ehrfürchtig fromm waren die Gemüter dieser Mädchen gegenüber dem Geheimnis, dem sie dienten. Täglich wurden Hunderte solcher Bogen von Mädchenhänden in die alte und die neue Welt geschickt, um immer mehr Menschen für den Top zu gewinnen. In einem fort kamen zustimmende, ja jubelnde Antworten, die dem Top wie einem mächtigen Heidengott huldigten. Den ganzen Tag tobten Menschen in zischenden, stinkenden Fuhrwerken heran, um mit Mr. Blackcoffin in einem kleinen üppigen Teppichgemach hinter Polstertüren über den Top zu sprechen. Manchmal rauschte auch die schöne Iphigenia Blubbercox in märchenhaften Gewändern herein. Dann schauten alle die blonden Mädchen voll schaudernder Bewunderung auf wie zu einer seligen Göttin. Abends, als Miß Iphigenia mit ihrem Bräutigam fortging, hörten die ehrfürchtigen Mädchen einmal, wie Mr. Blackcoffin zu ihr sagte: »Der Top läuft jetzt.« Die schöne Iphigenia aber erwiderte schmelzend: »O mein Liebling, du bist ein wahrhaft großer Mann.« »Welch ein Leben!« sagten die blonden Mädchen.

Eines Morgens stieg vor den Fenstern des Top aus einem der zischenden stinkenden Wagen Mr. Dibs, ein untersetzter kräftiger Mann mit backsteinrotem Gesicht und kleinen, höchst lustigen blauen Augen. Er ging, einfach und herzlich einen guten Morgen wünschend, zwischen den ehrfürchtigen Mädchen durch, gefolgt von zwei Mohren, die Kisten und seltsames Gerät trugen, und verschwand hinter der Polstertür. Nach einiger Zeit kam Mr. Blackcoffin, der sonst Wortkarge, Gestrenge mit einem fast menschenfreundlichen Gesichtsausdruck heraus, gefolgt von einem Ungetüm über Menschengröße. Dessen ungeheurer kugelrunder Kopf mit schwarzen verglasten Höhlen statt Augen und Nasenlöchern, sein gedunsener Leib, wie von einem aufrecht gehenden Bären, doch haarlos und aalglatt, waren wirklich dazu angetan, auch Mutigeren, als jenen blonden Mädchen, Schrecken einzuflößen. Alle verließen ihre Plätze, einige schrieen auf, manche blieben wie angewurzelt stehen. »Dies ist der Top,« rief Mr. Blackcoffin mit einem Gelächter, das klang, als schlügen Totengebeine zusammen. Dann riß er plötzlich dem Ungetüm den Kopf herunter, und aus dem wulstigen Rumpf ragte das gemütliche, backsteinrote Gesicht des Mr. Dibs; auch er brach in ein lautes, aber gemütliches Gelächter aus, in das die Mädchen bald einstimmten. Nun wußten sie, daß der Top ihnen nichts tat, sonst aber wußten sie nichts und begehrten auch gar nichts mehr zu erfahren. Unter einander und zu Fremden sprachen sie von jetzt ab ganz vertraulich von »unserem Top.« Ihr Top gab ihnen ja genug für die Nahrung und die dünnen, bunten Fähnchen, die sie trugen, und darum war er ein guter Top. Mr. Blackcoffin aber war der Priester des Gottes Top, und der mochte wohl alles nötige wissen. Das genügte.

Nach einiger Zeit lasen die Mädchen in der Sonntagszeitung »Damenspiegel«, daß »ihr Top« über das Meer in das Land Indien gefahren sei. Auf der ersten Seite prangte sein Bild mit dem ungeheuren Kugelkopf und den verglasten Augen, wovor sie sich einst so erschreckt hatten. Jetzt schnitten einige das Bild aus und nagelten es an die Wand in ihren Kämmerchen über der schmalen Bettstatt. Inzwischen klapperten die Maschinen weiter, die stinkenden Wagen zischten nach wie vor unter den Fenstern des »Top,« Menschen rannten wie besessen aus und ein, und gegen Abend rauschte meist die mit immer mehr funkelnden Steinen behängte Göttin, Iphigenia Bluddercox, zwischen den ehrfürchtigen Mädchen hindurch.

Eines Morgens aber erschien wieder der gemütliche Mr. Dibs. Nun hatten die Mädchen alle Scheu verloren. Sie umringten ihn und riefen laut: »Unser Top ist wieder da! Unser Top! Er ließ sich's halb verlegen, halb erfreut gefallen und rief nur immer »
How do you do? How do you do?« Dann eilte er hinein in das Teppichgemach zu Mr. Blackcoffin und überreichte ihm in einem Lederbehältnis den rotgelb schimmernden Stein Tott. Der Ingenieur betrachtete ihn aufmerksam, ohne eine Miene seines hohlen knochigen Gesichts zu verziehen, und legte ihn beiseite. »Es ist gut« war das einzige, was er zu Mr. Dibs sagte. Dann schrieb er etwas in ein langes Heft, riß die Seite heraus und gab sie dem darüber höchst befriedigten Mr. Dibs.

»O, ihr reizenden Geschöpft!« rief dieser lustig, als er wieder zwischen den jungen Mädchen durchging, die ihn von neuem umsprangen mit dem Ruf: »Unser Top, unser Top!«

Aus dem Nebenzimmer war inzwischen durch das Fenster der Rabe Winighea mit dem gelben Stein Tott im Schnabel davongeflogen. Von dem Ingenieur Blackcoffin hat niemand mehr etwas gesehen noch gehört.

Am nächsten Tage herrschte in den Räumen des Top ungeheure Erregung. Die Mädchen weinten, da sie nun dem Hunger preisgegeben waren. Die Leute, die aus den zischenden Wagen ausstiegen, brachen in Verwünschungen aus wegen der großen Summen, die sie dem verräterischen Top geopfert hatten. Da erschien gegen Mittag Mr. Dibs selbst. Alle fielen über ihn her, er solle helfen, er sei der Top. Mr. Dibs aber bestritt das voll Zorn. Mr. Blackcoffin sei der Top. Der Zettel, den er gestern von ihm erhalten und gegen den ihm die Wächter von Mr. Blackcoffins Schatz Geld geben sollten, war gefälscht. Mr. Blackcoffins Schatzkammer sei leer. Schließlich erschien in hysterischer Erregung auch die schöne Iphigenia. Sie erklärte, vertrauend auf die steigenden Preise des Thees, worin Mr. Blackcoffin in letzter Zeit hoch spekuliert hatte, habe sie sich von ihm ihre Frauenehre rauben lassen, die ihr aber für weniger als 25 000 Pfund unter keiner Bedingung feil sei. Sie würde die Rechte ihres mißbrauchten Leibes schon durchsetzen. Die Mädchen erstarrten in Ehrfurcht vor der schwindelnden Zahl. O, welch' einen Stolz besaß doch diese Göttin Iphigenia.

Es dauerte noch einige Wochen, bis die Menschen ihre Hoffnung ganz aufgaben, in dem Heiligtum des weiland Top noch etwas von ihrem verlorenen Gut zu retten. Schließlich verödeten die Räume. Der Hausrat wurde fortgetragen, aber noch immer prangte in Goldbuchstaben das Wort Top an den Fenstern.

Nach einiger Zeit zog ein neuer Gott in die Räume ein. Ich glaube, er hieß F. J. R. G. oder so ähnlich, aber dessen Dichten und Trachten gehört nicht in diese Geschichte.

*

Eines Tages erschien im sagenumwobenen Rheinland in der chemischen Fabrik von Tüchtig und Lebgut der junge Doktor der Chemie Kraft Gotthold Schläulich. Er hatte eine neue Erfindung gemacht; die er den Herren Tüchtig und Lebgut vorlegen wollte, um sie in deren Fabrik ausführen zu lassen. Das Äußere des Dr. Schläulich war wenig einnehmend. Er hatte ein finniges, stets etwas blau angelaufenes Gesicht, eine niedrige querfaltenreiche Stirn und trug über den wasserblauen Augen eine goldene Brille. Der Körper verriet ein schlechtes Knochengerüst. Dafür aber waren die Papiere, die Dr. Schläulich vorwies, um so achtunggebietender. Er war der Sohn eines kinderreichen Schullehrers aus Thüringen, hatte sich aus eigener Kraft, nämlich mit Schreibarbeiten und Stundengeben, während des Studiums selbst die Mittel dazu erworben, besaß Empfehlungen der größten Gelehrten seines Faches und legte nun eine Erfindung vor, die den Herren Tüchtig und Lebgut das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Das bartlose Antlitz des Herrn Tüchtig, der sich ganz nach der englischen Mode trug, musterte den jungen Mann. »Sie glauben also wirklich, daß das möglich ist?« fragte er. Herr Lebgut, ein Mann mehr von älterem Schrot und Korn, strich sich den breiten blonden Vollbart und sagte mit ausgesprochen sächselndem Tonfall: »Nu, mein Lieber, da wärden Se aber dem lieben Gott höllisch ins Handwerk pfuschen.« »Über etwas anderes als starke Hitzegrade und hohen Druck verfügt der liebe Gott auch nicht«, erwiderte der junge Mann sachlich. »Richtig«, bestätigte Herr Tüchtig befriedigt und reichte Herrn Dr. Schläulich seine goldene Zigarettendose. Dieser dankte, er war Nichtraucher.

Der junge bisher darbende Chemiker wurde bei Tüchtig und Lebgut angestellt mit einem Gehalt, das ihn schwindeln machte. Die Fabrik widmete ihre Kräfte seiner Erfindung. Der Gewinn sollte geteilt werden. Die Erfindung des Dr. Schläulich war nichts geringeres, als ein Verfahren Diamantenstaub zu schmelzen und aus der gewonnenen Masse neue Steine in beliebiger Größe zu bilden. Nachdem die ersten Versuche gelungen waren, beriet man, welcher Name den künstlichen Brillanten verliehen werden sollte. »Brillantin« wurde sofort fallen gelassen, um Verwechselungen mit den Erzeugnissen eines anderen Gebietes zu vermeiden. Herr Tüchtig, der seine besten Jahre in England zugebracht hatte, schlug als Name vor »Prince of Wales«. Herr Lebgut dagegen war für einen echt deutschen Namen und wollte die neuen Steine schlicht »Steinole« nennen. Das roch aber dem geschmackvolleren Herrn Tüchtig wieder zu sehr nach Stiefellack oder Putzmitteln. Seine Tochter hieß Mabel. »Nennen wir die Steine Mabel«. »Nein, dann lieber Gretchen,« warf Herr Lebgut wehmütig ein, denn so hieß sein Töchterchen, das er kürzlich im Alter von sechs Monaten begraben hatte. Wie schön schien es ihm, die Erinnerung an das aufgeweckte Kind in einer Erfindung fortleben zu lassen, die ein Triumph des Fortschritts war. Dr. Schläulich machte dieser Meinungsverschiedenheit schnell ein Ende. »Was denn für ein Name?« rief er. »Meine Steine sind echte Brillanten, und als solche geben wir sie in den Handel.« So geschah es denn auch.

Das Gehalt des Dr. Schläulich wurde verdoppelt. Zum erstenmal in seinem arbeitsreichen Leben gönnte er sich etwas Ruhe und fuhr, wovon er zeitlebens geträumt hatte, in die Berge des Landes Engadin, weil dort um diese Zeit reiche Leute aus der ganzen Welt zusammenkamen, um im sonnigen Schnee Schlitten zu fahren und auf Schneeschuhen zu laufen. In jener Welt war es, wo Dr. Schläulich zur Krönung seiner Laufbahn sich einmal die Gattin suchen wollte. So war denn die Reise nicht nur Erholung und Vergnügen, sondern, wie er sein Gewissen beruhigte, in einem höheren Sinne doch auch Geschäft und gut angewendete Zeit.

Der findige Dr. Schläulich lernte trotz seinem schwachen Körper schnell die »Sport« genannten Künste der reichen Leute. Eines Mittags stand er auf Schneeschuhen unter einer einsamen Tanne in blitzendem Weiß. Die Stimme Gottes rief in dieser Stille, als habe sie es eigens auf den Dr. Schläulich abgesehen, um ihn aus dem Gefängnis seines gehetzten Lebens zu erlösen; aber er hörte sie nicht, obwohl sie so vernehmlich war, wie im Lande Tibet. Dagegen schien ihm, als habe er den ungeheuren, von ihm selbst hergestellten Brillant an seinem Finger nie so lebhaft funkeln gesehen, wie unter dieser reinen Sonne des Hochgebirgs. Er zog den Ring ab, legte ihn auf einen Baumstumpf ins hellste Licht und entfernte sich einige Schritte, um die Wirkung zu prüfen. Er hatte nicht bemerkt, daß einige Raben, die ihm zu Häupten flatterten, sein Tun aufmerksam beobachteten. Plötzlich flog einer auf den Baumstumpf zu, bemächtigte sich des Ringes und mischte sich wieder in den Schwarm … »Verfluchtes Aas,« rief Dr. Schläulich und blickte dem schreienden Rabenvolk nach, das sich gegen einen nahen Hochwald entfernte. Da ließ sich nichts ändern, der Ring war verloren. Beim Abstieg gesellte sich zu Dr. Schläulich ein anderer Schneeschuhläufer, ein fast fleischloser Mensch mit starrem Gesicht, in dem die Haut unmittelbar über die Knochen gespannt schien, und überreichte ihm den verlorenen Ring. »Hier, dies habe ich Ihnen zurückzugeben«, sagte er kurzerhand. »Wir wollten uns Ihr Erzeugnis nur einmal ansehen. Ich bin der Zeitungsbesitzer Winighea Mischief aus New York und finde Ihren Stein geradezu vollkommen. Ich selbst habe einen gelben Diamanten, wie er nur einmal in der Welt vorkommt. Das ist aber ein äußerst unsicherer Besitz. Kürzlich ist er mir bei einem Schiffbruch abhanden gekommen. Nur unter großen Opfern konnte er durch einen Taucher wieder gefunden werden. Seitdem ich von Ihrer vorzüglichen Erfindung weiß, habe ich beschlossen, meinen Stein von Ihnen vervielfältigen zu lassen. Hier, nehmen Sie ihn an sich und machen Sie mir davon sieben ähnliche Exemplare. Den gelben Diamantenstaub, den Sie zur Verdünnung brauchen, finden Sie in diesem Säckchen.« Dr. Schläulich traute seinen Ohren nicht. Was ihn noch mehr verwunderte, ja erschreckte, als die Rückgabe seines Steines, war die Tatsache, daß dieser Mischief das Geheimnis seiner Erfindung kannte. Der schien seine Gedanken zu erraten. »Erschrecken Sie nicht. Unter der Bedingung, daß Sie mir die sieben rotgelb schimmernden Diamanten liefern, werde ich Ihr Geheimnis bewahren. Sie brauchen übrigens Ihren Urlaub nicht abzubrechen, aber wenn Sie nach Hause kommen, machen Sie sich gleich an die Arbeit. Ich zahle Ihnen eine Million Franken dafür, hier ist die Anweisung auf die Hälfte. Einer Quittung bedarf es nicht zwischen uns, Sie sind mir sicher. Ich werde selbst an den Rhein kommen, um mir zur rechten Zeit die Steine zu holen und die andere halbe Million bringen. Good by.« Damit jagte der Amerikaner auf seinen Schneeschuhen eine sonnige Halde hinab und verschwand dann hinter den Tannenstämmen. Dem verwunderten Dr. Schläulich fielen die Raben auf, die noch eine Zeit lang zu seinen Häupten schwärmten.

Er hätte seinen eigenen, naturwissenschaftlich geschulten Sinnen nicht getraut, wäre nicht der ordnungsmäßige Scheck in seiner Hand gewesen. Im Städtchen bezahlte man ihm sofort einen beträchtlichen Teil davon aus und entschuldigte sich, daß man den Rest erst in einigen Tagen da haben werde. Dr. Schläulich verfügte, daß das Geld nach Deutschland gesandt würde. Am Abend hielt er, den glückbringenden Stein Tott in der Tasche, um die Hand der schönen Miß Violett Mouthpiece aus Philadelphia an, die ihm, der nicht begriff, wie er zu solchem Glück kam, mit ihrer vertrockneten Mutter sogleich nach Deutschland zu folgen versprach, da sie dieses Land längst hatten besuchen wollen. Nach einigen Monaten erschien Mr. Winighea Mischief am Rhein, erhielt seine sieben dem Tott in ihrem rotgelben Schimmer völlig gleichen Steine und brachte die zweite Hälfte der Million. Von den weiteren Schicksalen des Dr. Schläulich, weil ihn der Leser gewiß lieb gewonnen hat, nur noch so viel: Miß Violett Mouthpiece hielt nicht, was sie versprochen hatte. Zunächst war sie doch nicht ganz so vornehm, wie sie dem in der großen Welt unerfahrenen Dr. Schläulich anfangs geschienen hatte. Was ihn als amerikanische Flottheit zuerst fesselte, machte ihm nach einiger Zeit keinen rechten Eindruck mehr. Vielmehr langweilte er sich bei ihren eintönigen und inhaltslosen Gesprächen, denn er gehörte zu den Männern, die von Frauen überrascht und angeregt werden wollen. Im Lande Engadin war dies der ihm fremdartigen Violett auch gelungen. Kaum war sie dem Einfluß der Hochgebirgsluft entzogen, als sie plötzlich um mehrere Jahre gealtert erschien. Ihre Haut wurde gelb und welk, die Züge schienen spitz. Ein bißchen unangenehm war auch, daß ihr an jeder Hand der kleine Finger fehlte, was sie im Lande Engadin gut unter Handschuhen zu verbergen gewußt hatte. Obwohl Dr. Schläulich jetzt nicht mehr auf eine Mitgift zu sehen brauchte, so war es doch peinlich, seine Braut und besonders ihre Mutter, in dauernden Geldschwierigkeiten zu sehen, die sie stets anders begründeten. Was hätten sie denn wohl angefangen, wenn sie ihm nicht begegnet wären? erwog er erst im stillen, bald laut. »Dann hätten wir einen anderen Wohltäter gefunden, Mr. Schläulich«, sagte Violett kurz, und ihres Wertes bewußt, »es gibt viele edle Menschen in der Welt.«

Schon überlegte er, wie er sich aus dieser Angelegenheit herauswickeln könnte, als Miß Violett einen Brief aus der amerikanischen Stadt ABC (sprich Ehbiszi) erhielt von ihrem Vetter Jimmy Delightfull, dem sie einige Andeutungen über ihres Bräutigams Erfindung gemacht zu haben gestand. Dieser Jimmy versprach Milliarden von Dollars, wenn Dr. Schläulich sofort selbst nach ABC käme, um dort eine Fabrik zu gründen. Nach einigen Monaten, wenn alles im Gang sei, könne er dann ruhig nach Deutschland zurückkehren. Die Reize der Miß Violett stiegen sofort wieder auf die Höhe, die sie im Lande Engadin erreicht hatten, und bald saß das glückliche Paar auf einem Dampfer nach Amerika. Angesichts der aus dem Nebel auftauchenden Freiheitsstatue der Stadt New York schwur Dr. Schläulich seiner Violett, daß er sie in ABC heiraten würde. Als sie dort angekommen waren, erfuhr Violett, daß Mr. Delightfull sich zur Zeit auf einer Geschäftsreise in den Südstaaten befand. Aber was schadet das? Inzwischen konnte man die Wartezeit ja zum Heiraten benutzen. Dr. Schläulich wurde mißtrauisch. Es kam zu Auseinandersetzungen, und schließlich zog er in einen anderen Gasthof. Eines Morgens erschien Jimmy Delightfull bei ihm in Person. Dr. Schläulich gefiel die gemütlich unbefangene Art des breitschultrigen Mannes gleich ausgezeichnet. Nichts von den überflüssigen Förmlichkeiten Europas, sondern alles Offenheit, ja Herzlichkeit. Der Amerikaner sagte, er sei ein Advokat, und Dr. Schläulich schlug vor, die Beratung gleich zu beginnen. Das war es, was Jimmy gerade gewollt hatte. Er zog Papiere und Briefe hervor, aber statt von der Diamantenherstellung zu sprechen, eröffnete er, daß Dr. Schläulich, nachdem er Miß Violett mehrmals die Ehe versprochen, zum letztenmal in amerikanischen Gewässern angesichts der Freiheitsstatue der Stadt New York, dieses Versprechen in Kürze zu vollziehen habe, andernfalls er Amerika nicht verlassen dürfe, ohne die Hälfte seines Vermögens sicher gestellt zu haben, über dessen Höhe Miß Violett genaue Aufzeichnungen besaß.

Dr. Schläulich wollte aufbegehren, man habe ihn in eine Falle gelockt usw. Jimmy gab dies freundlich zu, erklärte aber, Leute zum Zweck geschäftlicher Unternehmungen nach Amerika zu rufen sei nach dem Gesetz erlaubt, seine Braut sitzen zu lassen hingegen nicht. »Alter Freund,« sagte der gutherzige Jimmy, »seien Sie lustig. Sie sind uns in die Falle gegangen, aber was macht es? Ein Mann wie Sie mit Ihrem Gehirn hat eine große Zukunft.«

Der Advokat ließ ihn allein. In Brüten versunken hörte er kaum, daß sich die Tür des Zimmers öffnete. Violett kam herein. Sie war wie umgewandelt. Die Stolze fiel vor ihm auf die Knie, vergoß Tränen und flehte, er möge sie nicht für seine Feindin halten. Nur Liebe habe sie zu dieser List veranlaßt. Er solle sehen, daß sie ihm eine treue, aufopfernde Gattin sein werde. Jeden Wunsch würde sie ihm von den Augen absehen. So hatte Dr. Schläulich die stolze Violett freilich nie erblickt. Er äußerte dies. »Ja, Lieber,« erwiderte sie, ihre Tränen langsam bekämpfend, »so sind wir Amerikanerinnen nun einmal; stolz bis zur scheinbaren Herzlosigkeit, so lange wir eines Mannes nicht ganz sicher sein können. Haben wir aber Gewißheit, dann sind wir ebenso gefühlvoll wie eure deutschen Mädchen.« »Hm,« dachte Dr. Schläulich, der auch die deutschen Mädchen in dieser Hinsicht noch nicht erprobt hatte. Es muß hier nachgetragen werden, daß des arbeitsreichen Dr. Schläulichs bisherige Erlebnisse in der Liebe wenig geeignet sind, ans Licht gezogen zu werden. Wofür er schwärmte, das waren stark entwickelte weibliche Formen. Mochte Violett Mängel haben, ihre Büste und die Fortsetzung ihres Rückens ließen in Dr. Schläulichs Blicken nichts zu wünschen übrig. Und jetzt behauptete sie gar gefühlvoll zu sein, was der Vielbeschäftigte noch nie bei einer Frau erlebt hatte. Nun, so übel war das alles nicht! So wurde denn die Hochzeit vorbereitet. Violett blieb die hingebende Zärtlichkeit selber, Jimmy erschien täglich, ja er begann sogar Vorbesprechungen wegen der Diamanten.

Violetts Ehrentag wurde im ersten Gasthof von ABC in engem Kreis gefeiert. Außer der Mutter, die dem Whisky tapfer zusprach, und Jim, der nur Mineralwasser trank, waren einige Herren und Damen geladen, deren Sprache der sonst das Englische gut beherrschende Dr. Schläulich kaum verstand. Ihm gefielen sie wenig in ihrer lauten Lustigkeit, obwohl sie mit ihm sprachen, als seien sie Freunde und ihn sogar manchmal »alter Kerl« anredeten. Oft fühlte er Violetts Hand auf seinem Knie.

Endlich waren beide allein auf ihrem Zimmer. Die Stunde kam, da Dr. Schläulich zum ersten Mal eine anständige Frau der guten Kreise besitzen sollte. Er war etwas befangen, aber ein Blick auf Violetts Formen machte ihn entschlossen. Auch solche ehrbare Wesen – ermutigte er sich – waren, wenn man ihnen in der Vertraulichkeit nahte, Frauen wie sie die Natur erschaffen hat. Diese Annahme bestätigte sich aber in dem Falle Violetts nicht. Als der junge Gatte in der Dunkelheit ihr Lager teilte, vermißte er die schwellenden Formen, die ihn an ihr so sehr gefesselt hatten. Damit aber war der Tiefpunkt seiner männlichen Erniedrigung erreicht. Der Mann der Wissenschaft erwachte in ihm. »Erkenntnis der Wahrheit,« war das Einzige, woran ihm jetzt noch lag. Trotz Violetts hysterischem Geschrei, drehte er das Licht auf, durchwühlte die von ihr abgelegten Kleider, und fand darunter verborgen das, was er an anderer Stelle vermißt hatte. Die Wut des enttäuschten Männchens kannte keine Grenzen mehr. »Deine Schuld!« schrie sie noch obendrein; »in Amerika hätte ich das nicht nötig gehabt. Aber in Deutschland sind die Männer so entsetzliche Materialisten, da hat man mir geraten …« Er wollte Violett an den Haaren aus dem Bett reißen, doch diese blieben ihm wie ein Strohwisch in der Hand; er schlug ihr ins Gesicht, ihr Gebiß flog durch das Zimmer. Violett richtete sich mit erhabener Gebärde auf und mummelte zahnlos: »Ich bin eine Amerikanerin! Diese Mißhandlungen werden Sie mir teuer bezahlen!« Dr. Schläulich aber brach in Hohngelächter aus. Seine ganze Würde war vergessen, der Thüringer Dorfbub erwachte wieder in ihm. »Sch…amerikanerin,« rief er, »du kannst mich …« und nun folgten Ausdrücke, die sich nicht wiedergeben lassen. »Das werden Sie mir bezahlen,« mümmelte Violett in einem fort, vergeblich ihr Gebiß suchend. Dr. Schläulich aber warf seinen Mantel über den Nachtanzug und eilte hinaus. So groß die Schamhaftigkeit der Stadt ABC in Fragen der Liebe ist, so unumwunden prunkvoll zeigt sie sich in der Ausstattung der heimlichen Räumlichkeiten. In einer solchen, deren elektrischer Lichterglanz sich auf Wände von himbeerfarbenem Marmor ergoß, verriegelte sich Dr. Kraft Gottlieb Schläulich, der große Erfinder. Am anderen Morgen fand man ihn erhenkt an dem goldbronzenen Hirschgeweih, das die Fülle der Glühlampen trug. So starb der Letzte, der den allein echten Tott eine Zeit lang im Besitz gehabt hatte.

3. Kapitel.

Der Riesendampfer »Halbgott« machte seine erste Fahrt durch die blaufinstere Sternennacht, die eisig über dem kaum bewegten Weltmeer lag. In vierzehn hell erleuchteten Stockwerken, die unteren mit kleinen Luken, die oberen mit Fenstern und breiten Verdecken, lebten an die fünftausend Menschen. Es ging gegen Mitternacht. Viele waren schon schlafen gegangen. Im Zwischendeck hatten sich die dunklen Haufen der Armseligen für die Nacht nebeneinander geschichtet. Noch trugen die Fahrstühle Menschen in üppiger Abendkleidung von einem Deck auf das andere. Die kleine Bühne hatte soeben ihre Vorstellung »Dollarkönigin« beendigt, und die Zuhörer, die Damen mit funkelnden Büsten, die Herren im Frack, strebten zu den Erfrischungs- und Rauchsälen. In einer Rennbahn übten noch einige Unermüdliche das Radfahren, auf einem umgitterten Platz wurde von ein paar kostbar gekleideten jungen Mädchen ein Ballspiel zu Ende geführt. Ältere Herren verließen in Nachtanzügen eben die Bäder. Bedienstete fegten die Dampfräume, andere ließen das weite Schwimmbecken auslaufen.

Ein alter Kellermeister, der mit jüngeren Männern den großen Palmensaal aufräumte, wo die Gäste zu speisen pflegten, sagte: »Jetzt kommen wir zu dem Friedhof des Meeres. Da bin ich Hunderte von Malen vorbeigefahren. Früher haben wir immer gezittert vor den Eisbergen, die hier nachts wie weiße Gespenster herumirren und die Schiffe zertrümmern. Aber auf den neuen Dampfern hat keiner mehr Angst, bis schließlich doch wieder einmal etwas passiert!« »Was soll denn passieren?« rief ein Jüngerer, der bisher eine Operettenmelodie leise vor sich hin gepfiffen hatte. »Schau, Junge,« sagte der Alte und führte den Anderen ans offene Fenster. »Der schwarze Schatten dahinten mit den zwei leuchtenden Augen, das ist die Sandinsel mit ihren Leuchttürmen. Nur im Sommer kann man dort anlegen. Noch jetzt im Frühjahr ist der Eisgang zu hoch. Dort sind in den letzten fünfzig Jahren 918 Schiffe gestrandet. Bei Tag kann man vom Dampfer aus oft die moosbewachsenen Mastspitzen der Wracks in die Luft ragen sehen. Da liegt mancher Kamerad begraben, mit dem ich die Fahrt über den großen Teich gemacht habe, und auch wohl mancher Vorfahre von mir, der in Seglern oder Kuttern die Reise hinüberwagen wollte. Schaut nur, schaut nur das weißglitzernde Ding dort; so wahr ich lebe, das ist ein Eisberg. Hört ihr den Donner? Das sind die Wogen, die sich an ihm brechen.« »Aber einem Schiff, wie dem ›Halbgott‹ geschieht hier nichts!« rief der Jüngere. »Wer will das wissen!« erwiderte der Alte. »Dort liegen auch Luxusdampfer, schwimmende Paläste, wie man sie nennt, in Trümmern geborsten, die noch halb aufrecht stehen.« »Du machst uns keine Angst,« sagte der Junge, »der ›Halbgott‹ kann teilweise beschädigt werden, aber niemals bersten oder gar sinken. Wenn du das glaubst, dann weißt du nichts von dem, was die Technik vermag.«

*

Auf dem obersten Deck waren einige Herren in der Kabine des Kapitäns, der sie soeben verlassen hatte, um seiner Pflicht obzuliegen. Die Herren entstammten verschiedenen Nationen, aber alle sprachen englisch. Da war zunächst der Geheime Kommerzienrat Teuflin, der größte Ausfuhrhändler Deutschlands. Er sah kaum aus wie ein Mensch, eher wie ein Bewohner eines fremden Sterns. Sein Kopf war groß, rund, gelb und ohne ein Haar. Die Augen verschwanden in tiefen, verwitterten Höhlen, aber es sah aus, als könne er sie, wenn er wolle, wie Fühlhörner ausstülpen. Die Nase schien zweimal geknickt und zum Herausziehen eingerichtet wie ein Fernrohr. Die Ohren sahen aus wie zusammengerollt, aber jeden Augenblick bereit, weit ausgespannt zu werden. Dieser Mann sprach wenig, sah wie geistesabwesend, ja oft etwas einfältig aus, aber hörte umso aufmerksamer zu, während er Whisky mit Sodawasser trank. Sein Reisebegleiter war der größte deutsche Waffenfabrikant Herr von Drachenstedt. Auch er hatte etwas nicht Menschliches, denn er besaß die Schönheit eines Gottes: große stahlblaue, unbewegliche Augen und einen dichten schwarzen Bart um üppige Lippen. Im Sitzen überragte der Mann mit der hohen weißen Stirn alle anderen um mehr als Haupteslänge. Er war es, der hauptsächlich das Gespräch führte. Er wendete sich an einen viel kleineren fetten Mann, der formlos seine feisten Beinchen über einen Stuhl gelegt hatte und behaglich ein Pfeifchen rauchte. Er war kein anderer als Lord Amadill. Hinter diesem Namen aber verbarg sich auf seinen heimlichen Reisen der König der Briten, der es liebte, mit Leuten aller Art zu verkehren und sich nur, wenn es ihm gerade paßte, zu erkennen gab. Neben ihm saß sein Freund, Lord Hellsground, nach Herrn von Drachenstedt der Größte in der Runde, doch nicht so schön wie jener, sondern mit einem langen Pferdekopf und einem ungeheuren gelben Gebiß, das, wenn er lachte, stets aus dem bartlosen Mund hervortrat, und er lachte oft auf grimmige Art. Schloß er die Lippen wieder, dann konnte es vorkommen, daß der linke Eckzahn des Unterkiefers draußen blieb und über die Oberlippe ragte, bis Lord Hellsground dies wieder mit der Zunge in Ordnung gebracht hatte. Der Lord besaß mehrere englische und amerikanische, ja einige französische, italienische und russische Zeitungen. Als Sohn eines Schneiders geboren war er mit l0 Jahren Zeitungsjunge, mit 16 Jahren Zeitungsschreiber, mit 25 Jahren Zeitungsbesitzer, mit 40 Jahren Zeitungskönig, mit 48 Jahren Peer von England, mit 51 Jahren der nächste Freund des Königs. Er war der hauptsächlichste Gesprächspartner Drachenstedts. Voll Ungeduld suchte manchmal der Advokat Diavelin, Abgeordneter der französischen Kammer, zu reden, ein geisbärtiger magerer Mensch mit olivegrüner Haut und großen blitzenden Steinen im Frackhemd und an den knochigen Fingern; aber er war der englischen Sprache zu wenig mächtig, um das Wort an sich reißen zu können. Nicht viel anders ging es dem bleichen italienischen Dichter Satanelli, dessen nervöse Frauenhände ungeduldig auf den Tisch trommelten und dem russischen Diplomaten Wassili Wassiljewitsch Tschortoff, einem schon ergrauten eleganten Herrn, mit dunkel behaarten, mächtigen Händen, der meist französisch sprach. Ihm gehörten die größten Bergwerke des Uralgebirges.

Das Gespräch drehte sich um die Frage, ob es möglich sei, daß die technisch so ungeheuer fortgeschrittene Menschheit noch einmal in einen Krieg verstrickt werden könne.

»Niemals, so lange ich die Presse der halben Welt kontrolliere,« sagte Lord Hellsground.

»Niemals solange ich den Deutschen die besten Waffen liefere, denen keiner zu trotzen wagt,« rief Herr von Drachenstedt.

»Niemals, solange ich regiere,« bemerkte der Lord Amadill gemütlich; »denn die Welt wird vorziehen, gute Geschäfte zu machen und ihr Leben zu genießen.« Der König lächelte behaglich.

»Aber Majestät,« sagte plötzlich der Geheimrat Teuflin und seine Augen traten etwas vor, »wozu dann Ihre Bündnisse?«

»Eine Gegenfrage, lieber Geheimrat,« versetzte der König. »Wozu Ihre Rüstungen?« Teuflin: »Eben wegen Ihrer Bündnisse.« Lord Amadill: »Nein, diese wegen Ihrer Rüstungen.« »Köstlich,« rief der Franzose, »das nennt man das Gleichgewicht Europas.« Der König: »So ist es, maître Diavelin, und fühlen wir uns nicht alle wohl dabei? Unsere Vettern, die Deutschen, machen dabei ausgezeichnete Geschäfte, und wir ebenfalls. Keinem wird einfallen, den anderen darin zu stören.«

Der Eckzahn des Lord Hellsground ragte bedenklich über die Oberlippe.

»Aber wir Majestät,« wagte der Dichter zu sagen, »die Abkömmlinge des alten Roms, sind ein armes Land.«

»Das ist wahr,« versetzte der König leutselig, »darüber wird man demnächst reden; man wird euch etwas geben, damit ihr auch bessere Geschäfte macht.«

»Und das Testament Peter des Großen?« fragte plötzlich Wassili Wassiljewitsch auf Französisch. »Und unsere verlorenen Provinzen?« fügte Maître Diavelin hinzu. Der gemütliche König hielt seine kleinen runden Ohren zu und sagte: »Meine Herren, meine Herren, was sind das für indiskrete Fragen? Kommt Zeit, kommt Rat. Wir in diesem Kreis werden uns immer vertragen, denn, wie gesagt, wir haben ja alle dasselbe Ziel: Angenehm leben und Geld verdienen. Ist es nicht so, meine Herren?«

Der König ließ sich Champagner einschenken und stieß mit allen an. Herr von Drachenstedt sagte plötzlich: »Und wenn es Krieg gibt, dann ist das vielleicht das allerbeste Geschäft.« Alle räusperten sich; Wassili Wassiljewitsch erzählte später, er habe genau gesehen, wie der Geheimrat bei diesen Worten seines Freundes einen kurzen Augenblick lang Augen, Ohren und Nase weit herausstülpte, um sie sofort wieder einzuziehen.

»Ich protestiere, meine Herren,« rief Lord Hellsground. »Auch ich hoffe, daß wir alle ein gemeinsames Ziel haben, aber ich wäre betrübt, wenn es ein anderes sein sollte, als die Entwicklung und Verbreitung der Zivilisation.« »Seien wir offen,« erklärte Drachenstedt und seine sonst kalten Augen flammten apostelhaft, »das alles sind Machtfragen.« »Nicht für uns!« erwiderte Lord Hellsground. »Weil Sie ein Viertel der Welt erobert haben.«

»Aber mit freiwilligen Berufssoldaten, denen der Krieg ein willkommenes Abenteuer war,« warf der König ein, »dies ist der wichtige Punkt! Heute dagegen wird man kein Volk mehr in das Abenteuer eines Krieges stürzen können.« »Außer den Franzosen, wenn es den Ruhm der Nation gilt,« rief Mâitre Diavelin lebhaft. »Und außer den Italienern« erklärte Satanelli, »wenn es gilt das alte Imperium Romanum zu errichten.« »Und außer den Russen,« meinte Tschortoff, »wenn es gilt das griechische Kreuz auf die Sophienkirche zu Konstantinopel zu setzen.« »Und außer den Engländern, wenn man ihnen versprechen kann, daß sie durch den Krieg doppelt so reich werden.« Geheimrat Teuflin und Herr von Drachenstedt tauschten lächelnd Augurenblicke. »Da haben wir noch etwas besseres, um das Volk zu führen wohin wir wollen,« sagte Teuflin pfiffig. »Und das wäre?«fragte der König, dem fast unheimlich wurde. »Wir besitzen einen Zauber,« erklärte Drachenstedt schlicht, »womit wir wie Chirurgen dem Volk seinen Willen schmerzlos herausschneiden und in dem Hohlraum etwas einnähen können. Erwacht das Volk aus der Narkose, dann vermißt es nicht das geringste, ist vielmehr stolz, nicht mehr zu wollen, sondern nur noch zu sollen.« Die Zuhörer waren teils ungläubig, teils lief ihnen das Entsetzen eiskalt über den Rücken. »Wenn wir Ihnen das glauben sollen,« sagte der Russe, der so etwas am wenigsten begriff, »dann sagen Sie uns, was das für ein Zauber ist.« Diese Frage schien allen etwas kindlich, doch zu ihren, besonders Lord Hellsgrounds Erstaunen, erklärte Drachenstedt bereitwillig: »Ich will Ihnen den Zauber nennen, denn nachahmen kann man ihn nicht. Er setzt ein philosophisch gebildetes Volk voraus. Er ist der sogenannte kategorische Imperativ, mit dem ich mich anheischig mache, das Volk in jedem beliebigen Zweck einzuspannen den unser Geschäft verlangt.« »Das ist ja furchtbar,« sagte der kleine dicke König fast wimmernd, »wie nennen Sie das Ding?«

»O Majestät,« versetzte Geheimrat Teuflin fast sentimental, »Sie sind auf dem Thron geboren. Aber so ein armer Napoleon der Industrie, kann man ihm übel nehmen, daß er auch 'n bißchen nach Macht strebt?« Obwohl der Geheimrat englisch sprach, verriet doch der Tonfall dieser Rede, daß er aus Hamburg stammte. Dem König war sie offenbar sehr peinlich; da trat Mr. Winighea Mischief herein. Er war ein Freund des Lord Hellsground, dem er vor kurzem seine amerikanischen Zeitungen verkauft hatte, um sich ganz dem Juwelenhandel zu widmen.

»Setzen Sie sich, Mischief,« sagte der König erleichtert. »Was bringen Sie Neues?«

»Ich habe die gelben Steine aus meinen Koffern herausgesucht. Wie gesagt: es gibt nur sieben auf der ganzen Erde. Da Se. Majestät keinen erwerben will« – (der König winkte ziemlich lebhaft ab) – »kann, wie heute früh besprochen, jeder von den Herren einen haben.«

Er reichte den beiden Deutschen, dem Lord Hellsground, dem Franzosen, dem Russen und dem Italiener je einen Goldreif mit dem Stein Tott. »Den siebenten« erklärte er, »hat soeben der Präsident dieser Schiffahrtslinie an seinen Finger gesteckt, Mr. Smalldevil.«

»Da können Sie aber heute mit Ihrem Geschäft zufrieden sein, Mischief«, sagte der König.

»Ja, das bin ich,« erwiderte jener und rieb sich die mageren gelben Hände.

»Und nun will ich Ihnen noch etwas verraten,« fügte er hinzu, »vielleicht lachen Sie mich aus, aber wir Amerikaner sind eben so wundergläubig wie wir smarte Geschäftsleute sind. Diese Steine sind Glückssteine, und darum bedaure ich, daß Se. Majestät keinen erworben hat. Sie werden alle bald bemerken, daß Ihnen Ihre Unternehmungen unerwartete Erfolge bringen werden.«

Alle lachten, während sie noch das Feuer ihrer Steine prüften. Nur der italienische Dichter deklamierte ernst ein paar Verse von Tasso und Wassili Wassiljewitsch ging einen Augenblick in seine Kajüte, um den Ring an einer Kette mit Kreuz zu befestigen, die er um den Hals auf der bloßen Haut trug.

*

Indessen stand auf der Kommandobrücke besorgt der Kapitän Coldenhead, ein kleiner Mann mit gelbem Seehundschnurrbart. In seinem Rücken flüsterte der Präsident der Linie, Mr. Smalldevil heftig auf ihn ein, ein fetter älterer Herr mit gewöhnlichem, etwas gedunsenem Gesicht und grauem Backenbart.

»Sie erhalten 20 000 Dollars bei der Ankunft, wenn Sie den Rekord brechen, Coldenhead. Fahren Sie so schnell, wie es irgend geht. Wir müssen es dieses Mal den deutschen Schnelldampfern zuvortun. Lange genug hat es das seefahrende England ertragen, daß ein anderes Land das blaue Band des Ozeans besitzt.«

»Aber, Sie wissen nicht, wo wir uns in diesem Augenblick befinden, Herr,« erwiderte der Kapitän. »Um den Weg zu kürzen, sind wir schon viel zu weit nach Norden geraten. Hören Sie denn nicht den Donner in der Ferne? Das sind die Massen, die sich von den grönländischen Eismauern gelöst haben.«

»Oh, wir sind weit von Grönland!« lachte Mr. Smalldevil ungeduldig.

»Aber die Ströme des Windes und des Meeres treiben das Eis bis hierher. Ich habe heute abend bereits drei drahtlose Warnungen von Schiffen erhalten. Sehen Sie dort den weißen Rücken über der Flut, das ist ein Eisberg.«

Mr. Smalldevil hatte ein Opernglas um den dicken Hals hängen. Er schaute durch in der vom Kapitän gewiesenen Richtung.

»Dies kleine Ding?« fragte er erstaunt. »Je kleiner sie sind, desto gefährlicher,« sagte Coldenhead, »desto weiter ragt der unterseeische Fuß des Eisbergs, Ich sage Ihnen nur soviel, daß wir jeden Augenblick an so ein Ding stoßen können und dann Gnade uns Gott.«

»Unsinn,« schnaubte Smalldevil,»ein Grund mehr, möglichst schnell durch die Gefahrzone hindurchzueilen, der »Halbgott« ist unversinkbar. Für Beschädigungen macht Sie die Gesellschaft nicht verantwortlich. Brechen wir dieses Mal den Rekord, dann tut es nichts, in was für einem Zustand der »Halbgott« in New York ankommt. Also los, Mann! Stellen Sie die Höchstgeschwindigkeit von 24 Knoten ein, und im Falle eines Unfalls schließen Sie sofort sämtliche Schotten. Wozu haben Sie denn den elektrischen Knopf da neben sich? Heute soll etwas gewagt werden! Ich wünsche, daß wir schneller, als es je geschah, durch die Eisfelder fahren und daß diese Fahrt historisch wird.«

»Dieser Wunsch wird Ihnen in Erfüllung gehen, Mr. Smalldevil,« sagte Mr. Winighea Mischief, der plötzlich aus dem Dunkel hervorgetreten war.

»So, glauben Sie, glauben Sie?« fragte Smalldevil erregt.

»Ich weiß es, denn Sie tragen ja den gelben Glücksstein am Finger.«

»Ach was, darauf gebe ich nichts, ich glaube an die Technik.«

In diesem Augenblick ertönte ein gewaltiger Krach. Der Kapitän stieß einen Fluch aus.

»Was gibt's?« rief Smalldevil. Mr. Winighea Mischief aber brach in ein Gelächter aus und verschwand im Dunkel. Dann flog er in Rabengestalt auf und setzte sich auf die Spitze des obersten Mastes, die Dinge erwartend, die nun kommen würden.

*

Die Nacht war ganz klar, nur leichte Nebel lagen auf dem Meer, viele Reisende vergnügten sich beim Tanz, andere hörten noch im Musiksaal Spiel und Gesang zu, als jener Krach ertönte, das Schiff stehen blieb und alle elektrischen Lampen erloschen. Man hörte die Hebel knarren, durch die der Kapitän mit einem Ruck die Maschinen zum Stillstand brachte und die wasserdichten Türen schloß. Im Vertrauen auf die Unversinkbarkeit des ›Halbgott‹ zeigten die Menschen mehr Neugier als Furcht. Fackeln und Laternen wurden angezündet und warfen ein ungewisses Flackern umher. Man umringte die Deckoffiziere, die erklärten, es handele sich um eine kleine Schraubenstörung. Einige Reisende, die schon zur Ruhe gegangen waren, stürmten in schnell übergeworfenen Kleidern die Treppen hinauf, aber sie beruhigten sich, als sie von Lachenden empfangen wurden, die am Reeling lehnten; darunter waren vertrauenerweckende alte Seeleute der Mannschaft, welche sie »ängstliche Landratten« nannten. Dennoch wurden Rettungsboote klar gemacht. Die in der Nähe Stehenden ließen sich hineindrängen. Die Boote wurden hinabgelassen. »Nur eine Vorsichtsmaßregel,« rief ein wohlgelaunter Offizier, »zum Frühstück werden alle wieder an Bord sein.« Dieses Vertrauen steckte an. Viele lachten und gingen Karten spielen oder in die Kajüten zurück. Indessen ruderten aber die gefüllten Boote schnell davon. Dies, erklärte der lustige Offizier, geschehe nur, damit nicht ein Boot beim Niederlassen in ein anderes falle, was doch kein Spaß sei. Nein, das sei wirklich kein Spaß, bestätigte mancher.

*

In der Kabine für drahtlose Telegraphie, die sich nächst der Kommandobrücke befand, schliefen zwei junge Beamte, Smyder und Skelly. Plötzlich steckte der Kapitän den Kopf durch die Tür und rief: »Schnell aufstehen. Wir haben einen Zusammenstoß mit einem Eisberg. Rufen Sie um Hilfe!«

Die beiden sprangen aus ihren Kojen. Smyder eilte schlaftrunken an den Apparat. Skelly sagte lachend: »Was der Alte für Angst hat!« Smyder gab das Notsignal CQUD, und Skelly belustigte sich damit die Buchstaben als Wort auszusprechen und machte Zkwud, zkwud. In zehn Minuten war die Antwort des Dampfers van Broedermann da, der mit Volldampf zu kommen versprach. Als Skelly zum Kapitän eilte, um dies zu melden, fand er das Verdeck bereits voll aufgeregter, schreiender Menschen. »Es ist ernst,« rief er, zurückkehrend, Smyder zu, der im Nachtanzug am Apparat saß und weitere Verbindungen suchte. Unten ließ eine Musikkapelle einen amerikanischen Tanz toben, obwohl immer neues Krachen das ganze Schiff erschütterte. Eisige Kälte drang herein. Skelly kleidete sich an und warf dem arbeitenden Kameraden einen Rock über die Schultern. Dieser merkte mit Schrecken, daß der Apparat immer schwächer ging. Der Kapitän kam zurück und sagte, im Maschinenraum sei Wasser eingedrungen. Das konnte Smyder dem van Broedermann noch mitteilen. Er arbeitete unausgesetzt weiter, den Mantel über den Schultern, keinen Blick hinter sich werfend, während die Panik der vom Tod Bedrohten immer lauter wurde. Skelly half dem nun aufrecht am Apparat Stehenden in die Kleider und warf sich und ihm Rettungsgürtel um. Der Kapitän rief beiden zu: »Ihr habt eure Pflicht getan; mehr kann nicht geschehen. Jetzt mag jeder an sich selbst denken. Während Skelly in einem Gefach Geld zusammenkramte, eilte ein Mensch vorbei, der Smyder mit einem Griff den Rettungsgürtel abzog. Noch immer hörte man die Musikkapelle wie in großer Entfernung.

*

Plötzlich erglühte die elektrische Beleuchtung wieder und goß Lichtfluten über die sich wie wahnsinnig in einander verquirlenden Menschen, welche, die Männer stoßend und tretend, die Weiber kratzend und beißend, den Weg nach den Rettungsbooten suchten. Die Verdecke waren zerquetscht, die Seiten des Schiffs und die wasserdichten Abteilungen aufgerissen. Die oberen Galerien und einige Rettungsboote lagen zersplittert in den niederen Stockwerken, dazwischen erschlagene Menschen und heulende Verwundete. Der Kapitän kommandierte laut von seiner Brücke aus. Durch das ganze Schiff tönten Rufe: »Alle Passagiere an Deck.« Aus dem Maschinenraum scholl ein fauchender Lärm wie von brüllenden Tieren. Weit ausgeschnittene Damen voll Diamanten, andere in spitzenbesetzten Nachtkleidern wurden fast erdrückt und gebärdeten sich so hilflos, daß sie, vor den Rettungsbooten stehend, nicht hineinzusteigen wagten; andere wollten sich von ihren männlichen Angehörigen nicht trennen, bis man sie schnell umfaßte und sie hineinwarf, wo sie am Boden liegen blieben. »Alle Mann zurück,« riefen die Offiziere; an die Boote herandrängende Männer wurden mit Revolvern ferngehalten, einige Schüsse fielen, Salpetergeruch stieg auf, man sah geschwärzte Gesichter. Andere Männer, die den Frauen den Vortritt lassen wollten, wurden dagegen von rückwärts in die Boote gestoßen. Eine hochschwangere Frau rief aus dem Boot ihrem auf dem Schiff verbliebenen Gatten zu: »Auf Wiedersehn in New York.« Einige sprangen nackt über Bord, in der eisigen Flut klammerten sie sich an die massenhaft herumschwimmenden Eisschollen.

Plötzlich geriet das Schiff unter der Gewalt des einströmenden Wassers ins Schwanken und legte sich stark auf die Seite. Aus dem Zwischendeck, von wo aus viele auf herabgelassene Flöße sprangen, hatte ein Knäuel zerlumpter Menschen in bunten Lappen, die halbnackten Weiber mit Säuglingen auf dem Arm, den Weg hinaufgefunden, weil sie glaubten, die Reichen würden zuerst gerettet; da wollten sie teilhaben, denn vor dem Tod sind alle gleich. Nun wurde der Kampf um die Rettungsboote immer erbitterter. Manche fielen leer in die Flut hinab und erschlugen dort einige Schwimmende, während sie anderen eine Zuflucht gewährten. Wiederum ertönte ein Krachen und Zischen, das alles bisherige Getöse an Kraft übertraf, die Schiffskessel barsten unter der Berührung mit der eisigen Flut. Viele Menschen wurden aus den unteren Räumen über Bord geschleudert. Das Meer kochte einige hundert Meter weit auf in weißem Gischt. Noch immer tönte von irgendwoher Musik, und zwar der amerikanische Choral: »Näher mein Gott zu Dir.«

Nicht wenige Menschen waren innerlich so gelähmt, daß sie willenlos jeden Eindruck aufnahmen, der sich ihnen bot. So standen einige um ein altes Ehepaar herum, das sich Arm in Arm hielt. Vergebens hatten Matrosen versucht, sie zu trennen und die Frau in ein Rettungsboot zu schleppen. Der Mann erzählte ruhig, daß er und seine betagte Gattin in jahrzehntelanger Arbeit zusammen ein großes Vermögen erworben hätten und nun auch gemeinsam in den Tod gehen wollten. Die Zuhörer klammerten sich offenen Mundes an diese Worte wie geängstigte Kinder an die beruhigende Märchenerzählung der Mutter. In der Nähe ertönten Revolverschüsse. Zwei Männer, die sich umschlungen hielten, hatten sich erschossen und fielen rittlings über den Reeling in die Flut. Das Beispiel fand Nachahmung. Ein junger Mensch schoß einem Mädchen in die Schläfe und dann sich selbst. Schon wartete ein Dritter, um dem Toten die rauchende Waffe zu entreißen und auf sich selbst zu richten.

Der folgende fand die Ladung verbraucht und warf die Waffe ärgerlich beiseite. Ein alter Herr, dessen Frau und Kinder um keinen Preis ohne ihn die Boote hatten besteigen wollen, eilte in den Speisesaal und kam schnell zurück, die Arme voll von Flaschen mit starken Schnäpsen, als hätte er in einem überfüllten Vergnügungslokal dank seinen Ellenbogen doch für sich und die Seinen Erfrischungen erobert. Er teilte die Beute unter sie aus. Wie wohl oft in glücklichen Zeiten zog der besorgte Vater seinen Pfropfenzieher heraus. Der Älteste schlug seiner Whiskyflasche an der Wand den Hals ab und reichte sie der Schwester. Alle küßten sich, dann setzten sie, dicht beisammen stehend, die Flaschen an die Lippen und versuchten die scharfen Getränke auf einen Zug zu leeren. Die Frauen sanken schnell zu Boden. Die Männer setzten ein paar Mal an, bis sie hintaumelten. Den Alten überkam zuletzt noch eine plötzliche Heiterkeit, und er pries den Herandrängenden sein Mittel eines schmerzlosen Todes, nach dem Speisesaal deutend, wo noch Whisky in Hülle und Fülle sei, dann fiel auch er nieder.

Nachdem der Kapitän Coldenhead alles getan hatte, was in seinen Kräften stand, erklärte er zwei Offizieren: »Ich ziehe vor, auf meinem Schiff zu sterben, als im Wasser.« Er eilte in seine Kajüte, wo ihn die beiden Offiziere einholten, um ihn am Selbstmord zu hindern. Er entwischte ihnen, sprang über Trümmer von Masten und Holzwänden, und schoß sich, hinter einem Schornstein verborgen, in den Mund. Eine hohe Woge spülte den Leichnam sofort ins Meer.

*

Noch immer lag die See spiegelglatt unter dem sternenhellen Himmel. Die Rettungsboote waren vorwiegend von Frauen und Kindern besetzt, doch bei weitem nicht bis auf den letzten Platz, während noch zahllose Ungerettete von dem Schiff herunterriefen. Hunderte von Menschen mit Rettungsgürteln schwammen in der Flut zwischen Eisschollen, halb erstarrt die Berührung der Boote suchend. Hände wurden ihnen entgegengestreckt und mancher wie im Traum heraufgezogen, um dann sofort in Bewußtlosigkeit zu versinken. Andere Schwimmende hörte man plötzlich wild aufgurgeln, ehe sie versanken. Einzelne Boote wurden von den sich außen Anklammernden gekippt und die sich schon gerettet Wähnenden versanken.

Um diesem Schicksal zu entgehen, befahl Mr. Smalldevil, der aufrecht in einem wenig besetzten Boot stand, einem Matrosen, die sich an den Rand klammernden Hände mit einem Beil, das zum Durchschneiden der Taue gedient hatte, abzuhacken. Einige Totenhände blieben an dem Boot hängen. Manche von den Insassen der Rettungsboote waren wie gebannt von dem zauberhaften Anblick, den das ganz langsam in die dunkle Flut sinkende erleuchtete Schiff bot, dessen Schornsteine schwarzen Rauch, Flammengarben und Wolken von Glutfunken ausspieen. Raketen stiegen auf, eine letzte Hoffnung auf Hilfe. Die unheimlichsten Geräusche waren hörbar, als ob alle Maschinen im keuchenden Kampf gegeneinander arbeiteten. Das Schiff tauchte mit dem Vorderteil ein, wie ein riesenhafter Wasservogel. Bis zuletzt ertönte zwischen den jammernden Hilferufen von irgendwoher eine Musik. Noch immer sprangen viele Menschen herab in die Flut, während andere oben mit sich kämpften, ob sie den Sprung wagen sollten; wieder andere standen still am Reeling, dem wirren Schauspiel wie aus einer anderen Welt zusehend, den Tod erwartend. In einiger Entfernung erhoben sich blauweiß schimmernd, oft völlig in weißen Gischt getaucht, die Flanken eines weiter südlich treibenden Eisbergs.

Sechs Stunden trieben die Frierenden in den Booten auf dem bedrohlichen Eisfeld umher. Einige starben, andere begannen laut zu husten, als müßten sie ersticken und zitterten im Fieber. Frauen hielten in den Armen wimmernde Säuglinge, deren Mütter nicht aufzufinden gewesen waren. Manche der rudernden Männer verließ die Kraft, so daß einzelne Frauen gezwungen waren, zeitweise die Ruder zu ergreifen. Die schweren Eismassen drängten die Boote in immer größere Entfernung voneinander. Auf einigen brannten Laternen, die den anderen immer noch die Richtung anzeigten. Noch sah man am Nachthimmel die ungeheure Masse, das leuchtende Schiff, bis es plötzlich in die Tiefe schoß, leeres Dunkel zurücklassend.

Da erschienen gegen Morgen Lichter in der entgegengesetzten Richtung; es war der durch den drahtlosen Telegraphen zu Hilfe gerufene Dampfer van Broedermann, der, wie versprochen hatte, mit Volldampf zur Unglücksstelle eilte. Alle Boote strebten ihm in der gespenstischen Dämmerung entgegen. So verwirrt es beim Verlassen des ›Halbgott‹ zugegangen war, so einfach vollzog sich nun alles. Kaum ein Dutzend Boote mit etwa je 50 Insassen und einige Flöße mit Zwischendeckern, meist Russen und Polen, waren gerettet worden. Sie schwammen alle so weit voneinander entfernt, daß sie sich beim Anlegen an den van Broedermann kaum störten. Viele Gerettete vermochten nicht aufzustehen, geschweige denn allein das Fallreep zu erreichen; ihre Füße waren erfroren oder zerquetscht. Mit Mühe wurden sie hinaufgebracht, von festen Armen umfaßt und sofort in Betten gebracht.

Die Reisenden des van Broedermann stellten ihre Kajüten zur Verfügung und gaben warmes Zeug her. Bettdecken wurden als Notkleider für Frauen und Kinder zurecht geschnitten. Die Ärzte stellten viele Fälle von Lungenentzündung sowie Arm- und Beinbrüche fest. Bei jener Hochschwangeren, die den Gatten auf dem »Halbgott« zurückgelassen, hatten die Wehen begonnen; sie wurde in die Kapitänskajüte gelegt. Es fanden sich im ganzen sieben Säuglinge von unbekannter Herkunft. Eine Mrs. Theodosia Spinsy von stattlicher Figur, auf der Adlernase einen Kneifer, dessen schwarze Schnur sie über dem rechten Ohr trug, lief erregt in einem lila Schlafrock umher und erzählte immer wieder, die rudernden Männer seien alle ohnmächtig geworden. Wenn nicht die Frauen entschlossen eingegriffen hätten, wären die Boote zweifellos im Eis stecken geblieben. Endlich stieß sie auf einen Journalisten in Pyjamas, der sie sich nicht entgehen ließ und alle ihre Angaben auf einen Block schrieb. Sie war die erste, die im stand war und Lust bezeugte, Zusammenhängendes über die Vorgänge berichten.

*

Was nun unsere Freunde betrifft, die wir beim Champagner in der Kapitänskajüte des »Halbgott« verlassen haben, so war es ihnen inzwischen vorzüglich ergangen. Ihnen hatte Mr. Coldenhead sofort reinen Wein eingeschenkt. Gleich nach dem Zusammenstoß trat er in seine Kajüte und sagte ihnen, noch hoffe er zwar das Schlimmste abzuwenden, für die nächste Stunde bestehe überhaupt keine Gefahr, doch sei es vernünftig, sich auf alles vorzubereiten. Die sturmerprobten Männer begaben sich darauf in aller Ruhe in ihre nahen Luxuskajüten, nur Signor Satanelli war etwas nervös. Sie zogen warme Westen an, doppelte Socken, feste Stiefel, hüllten sich in ihre Pelze und versahen sich mit Halstüchern und gutem alten Brandy. Es versteht sich, daß sie alles an sich nahmen, was sie von Wertsachen und Papieren mit hatten. Lord Hellsground ließ sich vom Kapitän die zwei zuverlässigsten Matrosen rufen und versprach jedem fünftausend Dollars. Sie machten gleich ein von den anderen etwas getrennt befindliches Rettungsboot klar. Lord Hellsground erklärte, den linken Eckzahn zeigend, den inzwischen zurückgekommenen reisefertigen Herren, er mache sich ein Vergnügen daraus, sie zu einem kleinen »trip« einzuladen. Mr. Coldenhead berichtete, daß der van Broedermann bereits Rettung versprochen habe. Es war also nichts anderes zu befürchten, als ein paar Stunden auf der kalten Flut treiben zu müssen. Was bedeutete das für Männer wie Lord Hellsground, der ein eifriger Robbenjäger war?

Inzwischen hörte man von den darunter liegenden Verdecken Schreien und Stöhnen, aus dem Maschinenraum ertönte bedenkliches Getöse, die Dampfsirenen machten einen betäubenden Lärm. Der Italiener, der in seinem eleganten Straßenpelz etwas schlotterte, meinte, es sei nun wohl Zeit, das Boot zu besteigen. So fuhren die Herren unbemerkt ab, zunächst nach der entgegengesetzten Richtung, wie die anderen Boote. Der Rabe Winighea aber saß auf seinem Mast und kreischte vor Lust.

In einiger Ferne umkreiste das Boot die Unglücksstelle. Hie und da ergriff einer der Herren selbst die Ruder, um sich durch Bewegung etwas warm zu machen. Selbst der dicke kleine König versuchte dies eine Weile. Der Italiener erinnerte angesichts des sinkenden Schiffs an Dante. Geheimrat Teuflin hatte alle seine Sinnesorgane fest eingezogen und schien wie erstorben. Wassili Wassiljewitsch küßte sein Kreuz. Maître Diavelin rief dauernd: »
Ah les malheurex, les malheureux,« wobei er die eigene Rettung sichtlich rauschhaft genoß. Nur Herr von Drachenstedt und Lord Hellsground berieten sachlich. Als der van Broedermann in Sicht kam, hatten sie gleichzeitig den Gedanken, es würde besser wirken, wenn man erst die anderen Boote anlegen ließe. So erschien ihr glückhaftes Schiff als letztes im Augenblick, als die ersten Sonnenstrahlen flach über die Flut fielen. Ein bißchen steif vom langen Sitzen im Boot stiegen die in ihre Pelze Gehüllten am Fallreep hinauf in vortrefflichster Frühstücksstimmung. Der erste, der sie oben begrüßte, war Mr. Winighea Mischief. »Nun, bringen meine gelben Steine nicht Glück?« fragte er. »Sie alle sind vom Schicksal noch zu großen Dingen aufgespart!«

Im Offizierssalon stand der Teetisch mit blitzendem Silbergerät. Eine angenehme Wärme kam aus dem Kamin, an dem ein kleiner Diener Weißbrot röstete. Ein Grammophon spielte ganz gedämpft, fast wie eine Spieldose: »
God save the King.« Dies alles war das Werk Mr. Mischiefs.

*

Nach dem Frühstück ließ sich der Präsident der Linie, Mr. Smalldevil, bei den Herren melden. Bleich und erregt kam er herein. Seine Backen waren blau. Der kräftige Körper beherrschte kaum das Zittern. »Man sucht einen Sündenbock, meine Herren« rief er, »und wer ist da geeigneter, als der Präsident? Dabei bin ich Privatpassagier, wie jeder andere. Es sind Journalisten an Bord, meine Herren. Sie bedrängen den drahtlosen Telegraphen. Wenn Sie ahnten, was da unten vorgeht, es ist die reine Revolution. Rund herausgesagt, meine Herren… Majestät… Hier suche ich Schutz, ich bin ein Familienvater.«

Mr. Smalldevil knickte zusammen, mit einem Riesentaschentuch die blutrote Stirn wischend. Lord Hellsground zeigte sein Gebiß, Geheimrat Teuflin zuckte mit Nase und Ohren. Der König aber sagte: »Nun meine Herren, ich denke, leben und leben lassen sei auch hier unser Grundsatz!« Sofort wiederholte Tschortoff diese Worte, und auch die andern stimmten ein. So wurde unter dem Vorsitz des Lords Hellsground »das Komitee der Überlebenden« gegründet, der Kapitän des »van Broedermann« gebeten den Telegraph zunächst zu sperren und unter den Geretteten hervorragende Persönlichkeiten in den Offizierssalon zu bitten. Dem Komitee traten bei: der berühmte amerikanische Philantrop Isidor Niederhofheim, Major Froghhickler, der persönliche Adjutant des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der New Yorker Theaterdirektor Flegenhaus, Mr. Cardeza, die bekannte Sportsautorität, Mr. Cosmo Hippack, der erfolgreiche Romanschriftsteller, Mr. Geo Measeframe, der größte Briefmarkensammler der Welt, das erschütternde Medium Hama Hamalamion, der Kupferkönig Mr. Lawche-Jubiet, der Kohlenkönig Thomas Oxenham und der Schweinekönig Angel Chibinaze. Diese Herren setzten ein Schriftstück auf, das sich die allein authentische Darstellung der Vorgänge nannte, – gewissermaßen aus der Vogelperspektive gesehen, wie Mr. Winighea Mischief treffend bemerkte – mit dem Zweck »sensationelle und übertriebene« Meldungen zu verhindern. Es begann folgendermaßen: »Die Unterzeichneten sind betrübt, gezwungen zu sein, einem jener fürchterlichen Ereignisse gegenüberzutreten, die manchmal im Rate der Vorsehung beschlossen sind, die unsere Vorsicht zunichte machen, die eine noch so kühne Phantasie sich nicht ausdenken kann, und die uns empfinden läßt, wie arm unsere Worte sind. Wir können unserer Bewunderung dafür nur unvollkommenen Ausdruck geben, daß die besten Traditionen der See beobachtet, daß willig alle erdenklichen Opfer gebracht worden sind. Insbesondere sind wir einem glücklichen Zufall dankbar, daß der Präsident der Linie selbst, Mr. Smalldevil, als Privatpassagier usw. usw.« Dieses Schriftstück ließ Mr. Smalldevil sofort durch Schreibmaschine vervielfältigen, steckte die Bogen in Briefumschläge, und legte Schecks auf eine Bank in New York bei. Die Briefe ließ er durch den Obersteward an die Journalisten, Beamte, Politiker und sonstige hervorragende Personen auf dem Schiff verteilen.

Die Vorwürfe, Mr. Smalldevil habe den Kapitän zur Übereilung der Fahrt veranlaßt, und sei im Augenblick der Gefahr unter Zurückdrängung Anderer zuerst in ein leeres Boot gestiegen, dessen Bemannung er selber bestimmte, die laienhafte Behauptung, statt des Schwimmbades und der Radfahrbahn hätte man auf dem »Halbgott« lieber für die dreifache Zahl von Rettungsbooten sorgen sollen, waren fast verstummt, als sich der van Broedermann New York näherte. Vielmehr waren alle Überlebenden nun überzeugt, daß sich die Ausbootung in musterhafter Ordnung vollzogen und jeder Einzelne sich als Held erwiesen habe. Man entsann sich sogar besonders bewunderungswürdiger und rührender Einzelheiten im Verhalten des Mr. Smalldevil. Seiner Entschlossenheit allein verdankte man z.B., daß die Frauen zuerst gerettet wurden. Er war gesehen worden, wie er selber zwei von den Säuglingen unbekannter Herkunft auf den Armen zu den Booten trug. Inzwischen wurde in der Kapitänskajüte ein amerikanisches Knäblein geboren, dem die beglückte Mutter zur Erinnerung den Vornamen »Halbgott« gab.

4. Kapitel.

In der Stadt New York verbreitete sich im Lauf des Nachmittags die Nachricht, der größte Dampfer der Welt habe bei seiner Jungfernreise Schiffbruch gelitten. »Eine der üblichen Übertreibungen«, dachte man, »die ungeheuren Maschinen sind jedem Orkan gewachsen, Zusammenstöße verhindert auch im dichtesten Nebel die drahtlose Telegraphie. Vielleicht ist der unversinkbare Dampfer irgendwo aufgelaufen und beschädigt. Aber so etwas ›Schiffbruch‹ zu nennen, lächerlich!« Gegen Abend konnte auch schon die Gesellschaft mitteilen, die Unglücksbotschaft habe sich glücklicherweise nicht in dem anfangs gefürchteten Umfang bestätigt. Sämtliche Reisende und Mannschaften seien gerettet dank der raschen Hilfe, die zahllose, durch Funkspruch herbeigerufene Schiffe dem durch einen Eisberg gefährdeten Riesendampfer geleistet hätten – wieder ein Triumph der drahtlosen Telegraphie und des glänzend bewährten neuen Schottensystems, wodurch die beschädigten Schiffsteile durch wasserdichte Türen sofort abgesperrt würden; so sei der »Halbgott« imstand trotz seinen Teilzerstörungen aus eigener Kraft dem sicheren Hafen zuzustreben. Berichterstatter veranstalteten telephonisch Rundfragen bei Sachverständigen, welche alle darin übereinstimmten, daß ein Schiff wie der »Halbgott« unversinkbar sei. Dies las man in den Abendblättern.

Gegen Mitternacht waren die Hauptstraßen wie gewöhnlich von den aus den Theatern und Musikhallen Zurückkehrenden überflutet. Unter dem betäubenden Geschrei wurde von Horden schmutziger Buben noch feuchtes Druckpapier verteilt mit dem Bericht, der »Halbgott« sei gegen Morgen gesunken, fast alle Reisende hätten den Tod gefunden. Der vorwiegend elegant gekleideten Masse bemächtigte sich ein Zittern, als sei ihr Glaube an alles das getäuscht worden, worauf ihr ganzes Dasein, ihre Arbeit, ihre Genüsse, ihre Frauen, Pelze und Brillanten beruhten. Es war wie der erste, unterirdische Stoß eines Erdbebens. Schnell aber fanden die anfänglich Fassungslosen eine Richtung für ihre chaotische Erregung. Plötzlich schien allen, der Schiffbruch sei gar nicht das Schlimmste, sondern die Lügenhaftigkeit, mit der man ihn den Tag über verheimlicht hatte. »Sind wir Kinder, denen man die Wahrheit verbergen muß?« riefen viele, und nun hatten alle diese Hilflosen plötzlich etwas zu tun, nämlich zu beweisen, daß sie keine Kinder seien. Zu diesem Zweck standen auf Plätzen und in hellen Sälen der großen Gasthöfe sofort Sprecher auf und versammelten Beifall Rufende um sich. »Hört, hört«, »Schande, Schmach« tönte es aus den Massen zwischen die Worte der Redner. Manche setzten schriftliche Proteste auf gegen die Schiffahrtsgesellschaft und sammelten Unterschriften. Jeder amerikanische Mann und jede amerikanische Frau fühlte in diesem Augenblick, wie es auf sie ankam. Die Herren reichten den von Ringen blitzenden Frauenhänden, die aus zarten Handschuhen schlüpften, ihre Füllfederhalter.

Am dichtesten drängte sich die Menge vor dem 24stöckigen Bau der Gesellschaft selbst. Hier herrschte das niedere Volk vor: oft aber drängten sich Herren und Damen zwischendurch, um den Eingang des Hauses zu erreichen. Journalisten im Zylinder gingen mit verantwortungsvoller Miene aus und ein. Manche sprachen, wurden aber derart überschrien, daß nur die Nächststehenden etwas verstanden. Der Vizepräsident der Gesellschaft hatte den Journalisten versprochen, die volle Wahrheit zu sagen, er hoffe bald Gutes berichten zu können, da man mit vielen Schiffen in Verbindung stehe, die Botschaften vom »Halbgott« erhalten hatten, aber die Zahl drahtloser Äußerungen sei so groß, daß die auf den Dampfern arbeitenden Beamten offenbar verwirrt seien und die vielfach sich kreuzenden Fragen teils als Antworten weitergegeben hätten. Dies möge man doch einsehen und entschuldigen. Schwer beklagte sich der Vizepräsident über den Mißstand, daß zahllose Privatleute aus Liebhaberei auf den Dächern ihrer Häuser drahtlose Telegraphenstationen hätten, die Nachrichtenbruchstücke auffingen, willkürlich zusammensetzten und dadurch die allgemeine Verwirrung steigerten.

So war es möglich, daß kurz nach Mitternacht bereits alle größeren Zeitungen ausführliche Berichte gaben. Die republikanischen Blätter malten wie auf Verabredung in den schwärzesten Farben, die demokratischen in den rosigsten. Diese versprachen die Rettung der überwiegenden Mehrheit, als werde das in den geheimnisvollen Räumen der Zeitungspaläste entschieden. Einige zweifelten sogar noch an dem Untergang des Schiffes. Manche parteilose Blätter hatten die Parole, die Schiffahrtsgesellschaft anzugreifen. Sie wisse mehr, als sie sagen wolle. Corruption! 24 Stunden lang sei das Unglück verheimlicht worden, um vorher die Rückversicherung der eigenen Interessen und der befreundeten Verfrachter durchführen zu können. Diese Blätter wußten bereits, daß zwölf Millionen Briefe und für über 100 Millionen Dollars Edelsteine untergegangen seien. Eine einzige Reisende hatte beim Betreten des Schiffes dem »purser« Schmuck im Wert von drei Millionen abgegeben. Das Schiff sei so groß gewesen, daß man darauf Hasenjagden veranstaltet hätte. Die Geretteten seien alle Reisende erster Klasse, darunter, wie man höre, der Papst, der beabsichtige, dem Präsident der Vereinigten Staaten einen Besuch zu machen.

*

Vor dem Palast der Gesellschaft wächst die Menge gegen Morgen mit jedem ankommenden Untergrund und Hochbahnzug. Mehrere Dutzend Wachmänner müssen die Eingänge freihalten für die Verwandten und Freunde der Reisenden. Alle fragen nach der sogenannten »Schreckenskammer«, wo die neuesten Berichte zuerst ausgehängt werden. Die Namen der angeblich Geretteten sind meist unverständlich, die Vornamen sind verwechselt. Miß Hanny Balyoung gilt für gerettet, aber ein Mr. Hannibal Young wird gesucht. Ein Herr Mirfanti soll am Leben sein, aber eine Mutter zittert um Miß Fanti. Die beiden Schwägerinnen des Richters Nasersill stehen deutlich auf der Liste, nicht aber seine Frau, die mit ihnen dieselbe Kajüte hatte. Viele werden ohnmächtig, als beim Verlesen neuer Listen die gesuchten Namen nicht vorkommen, andere warten totenbleich in verhaltener Erregung, einige knien weinend am Boden, laute Dankgebete ausstoßend. Am schlimmsten sind die Smiths und Browns daran. Natürlich sind viele mit diesem Namen gerettet, aber wer weiß, ob es die Ersehnten sind. Die Gattin eines großen Bankherrn stellt unbegrenzte Mittel zur Verfügung für einen Sonderdampfer, der ihren Sohn lebend oder tot bringen soll.

Dauernd wird der Name des Vizepräsidenten gerufen. Als er sich einen Augenblick zeigt, wird er ein Lügner genannt. Um 11 Uhr schließt er sich in seine Kanzlei ein und weigert sich, wieder hervorzukommen. Dies verursacht Zornausbrüche in der Schreckenskammer. Die erbitterte Menge wirft Steine in die Fenster, so daß die Schreibtische in die Tiefe der Zimmer gerückt werden müssen. Alle zwei Stunden erscheint ein feierlicher Herr, ein Beauftragter des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der durch so eifrige Einholung der Neuigkeiten seine warme Anteilnahme beweisen will.

Immer malerischer werden inzwischen die Berichte der Zeitungen. Man spricht von über 20 Eisbergen, deren Größe genau in Ziffern angegeben wird. Mit allen Einzelheiten schildert man den Todeskampf in der eisigen Flut zwischen Wracks und Trümmern, Heldentaten und Gemeinheiten. Photographische Einzelheiten von der Unglücksstätte begleiten den Text. Niemand fragt, wie das möglich ist, da ja die Technik alles vermag.

Gegen Mittag kamen endlich die ersten sachlichen Nachrichten des Van Broedermann. Der authentische Bericht des Komitees der Überlebenden erschien, und dann eine vollständige Liste der 800 Geretteten von 5000. Namensmißverständnisse ließen sich durch Gegenfragen nun schnell aufklären. Den ganzen Nachmittag noch ertönten in dem Palast der Gesellschaft Freudenausbrüche und Jammerrufe, aber die Gewißheit, wenn sie auch schrecklich war, beruhigte sofort die ganze Stadt. Abends erfüllte dünner Nebel und eisiger Regen die Straßen von Newyork. Die Nachricht kam, daß der van Broedermann trotz dem Nebel mit Volldampf weiterfahre, weil der Zustand mancher an Bord befindlichen Geretteten jede Verzögerung gefährlich erscheinen lasse. Zwei Straßenviertel in der Nähe der Landungsstelle wurden polizeilich abgesperrt. Nur die Angehörigen der Reisenden und selbstverständlich die Berichterstatter und Photographen erhielten Einlaßkarten. Längs der Straßen, die zu den Docks führten, fuhren lange Reihen von Ambulanzen. Die Ärzte erwarteten etwa 250 dringend hilfsbedürftige Personen. In einem Schuppen waren etwa 150 Särge aufgestellt. Fuhrwerke mit Pferden und Automobilen harrten in langen Reihen. In den naheliegenden Spitälern wurden Säle bereit gehalten. Frauenausschüsse der Einwanderungsbehörden erwarteten die Zwischendecker, die nicht von Verwandten aufgenommen werden konnten. Alle Flaggen auf den im Hafen befindlichen Schiffen und Gebäuden wurden auf Halbmast gesetzt.

*

Bebend wartet die zur Landungsstelle zugelassene Schar im feinen Abendregen auf ihre Angehörigen. In den Schuppen wird unter Leitung von Ärzten fieberhaft gearbeitet, um den schnellen Transport der Verwundeten auf Bahren zu ermöglichen. Gespenstisch ragt eine drehbare Luftbrücke empor, über welche die Ankömmlinge den Dampfer verlassen sollen. Für die Reisenden der l. Klasse sind Pfähle mit großen Buchstaben errichtet, wo sich die Angehörigen nach dem Alphabet aufstellen sollen; aber es entsteht Verwirrung. Ein Thaumthorpe wartet auf eine Chas-Minanhan. Hat er sich unter T. oder C. aufzustellen? Natürlich unter C.; aber unter denen, welche es bisher von selbst richtig gemacht haben, entsteht das Gerücht, sie stünden falsch, die Namen der Wartenden seien maßgebend. Alles läuft wieder durcheinander. Gegen 11 Uhr wird die Spitze des dunkeln Van Broedermann sichtbar. Das Docken vollzieht sich schnell. Nach fünf Minuten wird die Laufbrücke hochgezogen. Photographen haben Laternenstangen und Pfähle erklettert. Unaufhaltsam flammen Blitzlichter auf und blenden die Blicke der sich Suchenden. Vom Verdeck wie vom Land aus streben Hunderte von Augen vergeblich die dunstige immer wieder grell zerrissene Regenluft zu durchdringen.

Zuerst ergoß sich ganz unerwartet von einer unbeachteten Stelle des Dampfers aus ein Strom von Zwischendeckern, die, im Augenblick, als sie festen Boden unter den Füßen fühlten, schnellstens irgendwohin liefen. Dadurch versperrten sie den Platz zwischen Ankömmlingen und Angehörigen, die sich nicht erkennen konnten. Schließlich gelang es den Schutzleuten, die Wartenden in ein doppeltes Spalier am Ende der Laufbrücke zu ordnen.

Auf ihr erschienen zuvörderst 2 vergnügte junge Burschen, darauf brennend, ausgefragt zu werden, dann Damen in arg hergenommenen Abendkleidern, mit hellen Umhängen, andere in Schlafröcken mit zurechtgeschnittenen Wolldecken über Nachtkleidern und mit schlecht aufgestecktem Haar. Die Männer trugen meist bis an das Kinn zugeknöpfte Mäntel oder waren in Plaids gehüllt ohne Kragen, das Hemd oben offen. Einige Augenblicke herrschte betretene Stille, die aber bald durch lautes Aufschluchzen und hysterische Schreie der sich Umarmenden unterbrochen wurde. Männer trugen wimmernde Frauen unter Küssen davon. Gruppen brachen in Jubelgeschrei aus. Einzelne Verwundete wurden an Schultern und Beinen, andere auf Tragbahren herausgetragen. Zwei mit erfrorenen Füßen stützten sich auf die Arme ihrer Begleiter. Dann kamen wieder fröhliche junge Menschen, Damen mit sorgfältiger Frisur, die bewußte Zuversicht zur Schau trugen. Kaum von ihren Angehörigen begrüßt, suchten sie bald mit überstürzten Worten, bald mit Mitteilungen, die schon für die Berichterstattung zurechtgemacht schienen, einen größeren Kreis. »Also schildern Sie mir bitte Ihre Gefühle, als Sie die ersten Toten sahen!« fragte ein Berichterstatter eine junge Dame, und beschrieb einen Block. »Ihr Name?« »Miß Grace Freakes.« »Ich danke.«

Etwas wie Verachtung schien die ursprünglichen Reisenden des Van Broedermann zu treffen, die fast verlegen den Dampfer verließen. Sie schämten sich gewissermaßen, nicht Schiffbruch erlitten zu haben. Andere wieder drängten sich zwischen die vom »Halbgott«, damit man sie auch für wichtige Personen halten sollte.

*

Unsere glücklichen Freunde zogen es auch hier vor, sich im Hintergrund zu halten, bis das allgemein Menschliche seinen Ablauf genommen hatte. Dann traten sie in ihren Pelzen wie die Überlebenden einer ausgestorbenen mächtigen Fauna wuchtig auf die Laufbrücke. Gegen die Photographen hatten sie sich durch die hochaufgeklappten Kragen geschützt. Die Berichterstatter beugten sich vor ihnen, wie vor Göttern. Sie begaben sich gleich in den ersten Gasthof der Stadt.

Am folgenden Tag gingen sie ihren Geschäften nach. Mr. Smalldevil fuhr sofort nach Washington und verlangte, vor dem Senat vernommen zu werden. Seine Unschuld erwies sich sonnenklar. Das ganze Komitee der Überlebenden hatte sie ihm durch Unterschrift bezeugt.

Mr. Winighea Mischief war schon während des Landens spurlos abhanden gekommen. In Rabengestalt hielt er sich in der Nähe Smalldevils, von dessen Nachtkästchen er, als das Fenster offen stand, eines Tages den Stein Tott wieder stahl. Er tauchte dann in der Stadt ABC auf, wo unsere alte Freundin, die Witwe Violett Schläulich geb. Mouthpiece dem Advokaten Jimmy Delightfull unter der Bedingung ihres ersten Mannes Geschäftsgeheimnis zu verraten versprochen hatte, daß er sie heiratete; dies war geschehen und Mr. Delightfull stellte bereits Brillanten her. Mr. Mischief ließ bei ihm den Tott wiederum vervielfältigen und fand bald Käufer unter den reichsten Leuten des Landes, deren Geschäfte ins Märchenhafte wuchsen.

Der gemütliche dicke König fuhr bald wieder nach Hause zurück, wo ihn in nächster Zeit ein Herzschlag traf. Vielleicht hätte er länger gelebt, wäre er im Besitz des Steines Tott gewesen, den er so entschieden verschmäht hatte. Seine Reisegenossen vom »Halbgott« dagegen, die ihre gelben Steine wie ihre Augäpfel hüteten, blühten und gediehen in wachsender Macht.

Der Geheimrat Teuflin und Herr von Drachenstedt wurden gewissermaßen zu ungekrönten Königen ihres Landes. Alles in ihrer Heimat vollzog sich nun wie von selbst nach ihren Bedürfnissen und Wünschen. Der Ausfuhrhandel wurde zum Hauptgeschäft aller Weltklugen, auch das Volk erkannte bald, daß nur er Reichtum, d. h. Glück brächte; und selbst die, welche sich früher gegen die Reichen erhoben hatten, taten dies nur noch zum Schein und beruhigten sich immer schnell, wenn ihnen wieder ein größerer Anteil an dem Reichtum d. h. dem Glück zugesichert war. Die Rückständigen, welche ein einfaches Leben vorgezogen hätten, konnten sich nicht mehr widersetzen. Sie wurden zum Glück, d. h. zum Gelderwerb gezwungen; denn wer sich nicht daran beteiligte, konnte sich nicht mehr in die Würde der Armut zurückziehen, sondern verfiel mit den Seinen dem Gestank, dem Schmutz, der Krankheit, dem Hunger und schließlich dem Gesetz.

Der große Zauberer aber, der all' diesen Segen über das Land brachte, die Armut gewissermaßen unmöglich gemacht hatte, wenn einer nur tüchtig Hand anlegte, war der bescheidene, sich gern im Hintergrund haltende, schlichte Geheimrat Teufelin mit dem gelben Stein Tott am Finger. Wenn ihm sein Kaiser einmal die Hand drückte und seine Verdienste lobte, wurde er stets verlegen, als fürchte er, seine Nase, Augen und Ohren nicht beherrschen zu können, und sein großer gelber Kopf überzog sich rosa.

Freilich hielt auch Lord Hellsground seinen Stein hoch in Ehren. Nach dem Tod seines Königs war ein schwacher Mensch auf den Thron gekommen, den Lord Hellsground völlig beherrschte. Er ärgerte sich über Teuflins Erfolge; größtenteils gingen sie ja auf Kosten des reichen Landes Lord Hellsgrounds, das bisher allein das große Geheimnis gekannt hatte, wie man aus Menschen geldverdienende Maschinen macht. Lord Hellsground benutzte nun seine Macht, und auch ihn führte der gelbe Stein von Erfolg zu Erfolg. Nicht einen Augenblick dachte er daran, Teuflin in dessen Weise zu übertreffen. Dann hätte er wie jener im Tag zwölf Stunden arbeiten müssen. Lord Hellsgrounds Sinn – das muß man anerkennen – stand überhaupt weniger nach Gold, da er davon bereits viel mehr hatte, als er brauchte. Er wollte sich nur in dessen Genuß nicht durch Teuflins unermüdliche Arbeit stören lassen. So benutzte er die vielen Zeitungen, die er in der ganzen Welt besaß und verbreitete die Meinung, Teuflins Waren seien zwar billig aber schlecht. Als dies Teuflin erfuhr, lachte er und dachte: nun, dann müssen wir künftig noch zwei Stunden länger arbeiten und bessere Waren machen. Auch damit hatte er Glück. Jetzt verbreitete Hellsground überall die Meinung, der Handel sei für Teuflin nur ein Vorwand. In Wahrheit wolle er alle Länder erobern. Da erschraken die Völker sehr und entdeckten, daß allerdings überall in der Welt, wohin man auch blickte, in allen Ländern wie aus Fugen und Ritzen hervorgekrochen, Abgesandte Teuflins wimmelten, Waren brachten und Geld forttrugen.

Längst bevor Teuflin hinter das Geheimnis gekommen, waren die Menschen anderer Länder von Lord Hellsground in halbe Maschinen verzaubert worden, aber doch nur in halbe. Der schlaue Lord hatte ihnen reichlich Freiheit zum Spielen und Genießen gelassen. Nun aber sandte Teuflin seine vervollkommneten Menschenmaschinen über See. Dagegen konnte niemand aufkommen, denn keiner wollte wie jene 12 oder 14 Stunden im Tag arbeiten. Was nützte einem denn unter solchen Bedingungen das viele Gold? Alle Völker haßten nun die Abgesandten Teuflins, und Lord Hellsground schürte den Haß, so sehr er konnte. »Man kann sich nicht anders helfen«, dachten alle, »man muß diese Arbeitsteufel totschlagen.« »Nichts anderes als Neid und Trägheit«, dachten Teuflin und seine Scharen selbstgefällig, aber das war es nicht allein. Jene Halbmaschinen verteidigten ihre andere Hälfte, die menschlich geblieben war, die lieben, hassen, genießen, vielleicht auch betrügen und stehlen, jedenfalls nicht tüchtig werden, sondern menschlich bleiben wollte. Das Land Lord Hellsgrounds hatte indessen nicht genug Soldaten um die Arbeitsteufel totzuschießen. Da wandt er sich an seinen Freund Maître Diavelin, der, seit er den gelben Stein besaß, ebenfalls die Geschicke seines Volkes im geheimen lenkte. Zwischen seinem Land und dem Teuflins bestand ein uralter Grenzstreit, der aber nun seit fast einem halben Jahrhundert geruht hatte und zu Gunsten der Nachbarn entschieden schien. Angesichts des allgemeinen Hasses gegen Teuflins Abgesandte war es leicht, diese Streitigkeiten wieder aufzurühren. Im Falle es gelang die Arbeitsteufel zu besiegen, konnte man auch jene verlorenen Länder wieder gewinnen. Auch an Wassili Wassiljewitsch Tschortoff und den Dichter Satanelli schrieb Lord Hellsground. Hatten sie auch mit Teuflins Land keine persönlichen Streitigkeiten, so doch mit dessen besten Freunden, und außerdem haßten sie ihn alle persönlich, weil er auch in ihre Länder mit seinen zahlreichen Abgesandten eingedrungen war. Alle diese Länder besaßen im Gegensatz zu Lord Hellsgrounds Land große Heere. Diese wurden nun noch vergrößert und neu bewaffnet, um das Land der Arbeitsteufel zu vernichten. Wassili Wassiljewitsch und der Dichter Satanelli kosteten bald die Lust, als Retter ihres Vaterlandes daheim gepriesen zu werden.

Jetzt war der Augenblick gekommen, wo der Stein Tott auch Herrn von Drachenstedt Glück bringen sollte. Angesichts der seinem Land drohenden Gefahr ließ sein Kaiser von ihm Tag und Nacht Waffen herstellen, so daß seine Reichtümer ins Grenzenlose wuchsen. Indessen wurde Hellsground mit seinen Zeitungen immer mächtiger in der Welt. Die Schulden des Dichters Satanelli wurden von seinem Lande bezahlt, das er, auf allen Straßen laut bejubelt, in feurigen Hymnen pries. Maître Diavelin wurde als Präsident der offen anerkannte Herr seines Landes.

In der Heimat Wassili Wassiljewitschs war man am weitesten zurück. Noch nicht einmal zu Halbmaschinen im Hellsgroundschen Sinne waren die Menschen geworden. Darum hatten dort die Arbeitsteufel fast ganz freie Bahn gehabt. Wassili Wassiljewitsch stellte sich daher an die Spitze aller derer, die darauf brannten, nach dem bequemeren Hellsgroundschen Verfahren reich zu werden, so daß selbst sein Kaiser vor ihm zitterte und ihn gewähren lassen mußte.

So waren alle glücklich, die einst mit dem König auf dem »Halbgott« gefahren waren. Oft dachten sie an die königlichen Worte zurück: »Wir haben ja alle dasselbe Ziel: angenehm leben und Geld verdienen.« Wie hätten sie da ernstlich an Krieg denken sollen? Wozu denn solche Gewaltmittel? Wie recht hatte jener weise König gehabt! Verdiente nicht Hellsground genug durch seinen Pressefeldzug und hielt er nicht dadurch Teuflin hinreichend in Schach? Und fanden nicht Teuflins Scharen noch genug Länder, wo man sie einließ, wenn Hellsground sie irgendwo hatte hinauswerfen lassen. Vor allem aber: war jene von Hellsground genährte Feindseligkeit nicht wieder höchst willkommen für Drachenstedts Waffengeschäft, und alle diese zahllosen Menschenmaschinen, die davon Nutzen zogen? O, der alte Winnighea Mischief hatte nicht gelogen. Der Tott war ein Glücksstein. Er brachte Macht und Erfolg allen denen, die ihn trugen oder seinen Trägern folgten, und, wenn sie auch untereinander erbitterte Feinde waren, der Wunderstein brachte doch beiden Teilen Macht und Erfolg: nur scheinbar bekämpften sich die Besitzer des Tott, denn sie wollten ja alle dasselbe, aber gerade dieser Scheinkampf brachte es ihnen. Das wußten sie ganz gut, und darum glaubten sie auch alle, es würde niemals zum wirklichen Krieg kommen. Vor allem war Teuflins und Drachenstedts Kaiser durch nichts in der Welt zu einer Kriegserklärung zu drängen. Da kamen eines Tages die beiden auf den Gedanken, ihm einen Tottstein zu schenken, mit dem Bemerken, seine Herstellung bedeute den höchsten Sieg des einheimischen Geistes über den Verstand. Der Herrscher nahm den Stein huldvoll an. Als es dann aber gelegentlich einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit den Nachbarreichen zu einer Spannung kam, weil schließlich keiner dem andern mehr traute und jeder fürchtete, der Gegner möchte ihn doch einmal überraschend angreifen, da fand jener Herrscher plötzlich, von Drachenstedt und Teuflin gedrängt, den Mut zur Kriegserklärung. Ihm hatte ja jener Zustand der Welt nie so recht gefallen, und nun glaubte er, würde ein kurzes luftreinigendes Gewitter eintreten, aber es änderte sich nicht das Geringste. Die Besitzer des Steins Tott und ihre Gefolgschaft stiegen in beiden Lagern an Reichtum und Macht immer höher, während alle Völker die Stimme Gottes zu vernehmen glaubten und im Feind den Widersacher Gottes zu bekämpfen wähnten. Diavelins Ruhmrausch, Hellsgrounds Geldversprechen, das Testament Peters des Großen, der Traum des Imperium Romanum und vor allem der kategorische Imperativ täuschten die Erwartungen der ihre Völker leitenden Zauberer nicht. Drachenstedts Waffen hatten unter dem Segen des Steines Tott Erfolge, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte, aber Hellsgrounds Zeitungen ebenfalls und so lebten alle herrlich. Teuflin verdreifachte seinen Reichtum durch Lieferungen an das Heer, an Maître Diavelins Hals hingen die Fürstinnen und Prinzessinnen, die Drachenstedts siegreiche Waffen aus den kleinen Nachbarländern vertrieben hatten. Tschortoff untergrub mit Hellsgrounds Beistand den Kaiserthron, um wie in den anderen Ländern die Macht ganz in die Hände der Geldmänner zu bringen, und der Dichter Satanelli erhielt einen funkelnden Stern, wodurch er Vetter seines Königs wurde und das Recht auf dessen Kuß erhielt. Die Sippen Winigheas aber schwelgten Tag und Nacht bei fettem Mahl auf den Schlachtfeldern. Ja, der Stein Tott war der Stein des Glücks.

*

Die Weisen von Tibet, welche die Weltereignisse in das Buch Dzjan eintragen, schrieben: »Die Zeit der Menschen hat sich erfüllet. Halb Tiere und halb Götter wirbelten sie Jahrtausende hindurch zwischen Gut und Böse, zwischen Lust und Leid, und so blieben sie menschlich. Dem Teufel aber war gegeben worden, sieben Steine in der Welt zu verstecken. Wer sie fand, der verlor seine Seele, aber gewann für seine kurze Lebensspanne Erfüllung seiner Wünsche und die Macht über die Menschen. Sechs dieser Steine sind, nachdem ihr Zauber Jahrhunderte lang abwechselnd die Geschicke der Menschen verwirrt, ins Weltmeer gesunken, wo sie ihre Kraft eingebüßt haben. Auch der letzte, der goldgelbe Stein Tott, der funkelndste von allen sieben, lag auf dem Grund der See, und nun hätte die Welt, befreit von der Macht des Teufels, sich erlösen können. Aber den Menschen ist gelungen, auf den Grund des Weltmeers zu steigen und selber Edelsteine zu schaffen. Der Tott wurde gehoben und vervielfacht. Wieder kamen 7 Unglückssteine in die Welt, dieses Mal nicht versteckt, sondern alle gleichzeitig in Menschenhänden, und sie können immer weiter vervielfacht werden.

Gab es früher einzelne Teufel und blieben die Massen menschlich, so ist es heute umgekehrt. Die Völker selber haben sich mitsamt ihren heimlichen Leitern dem Teufel verschrieben; die offenen, scheinbaren Herren aber, die Fürsten und die Heerführer merken dies nicht. Die Welt ist für immer verdammt und ihre Geschichte, die eine Geschichte ihrer langsamen Errettung hätte sein sollen, ist zu Ende. Auch aus den Völkern kann keine Rettung mehr kommen, denn es gibt keine Völker mehr, sondern nur noch halb willige, halb unwillige, aber stets ahnungslose Gefolgschaften der Tottbesitzer, die sie glauben machen, sie handelten für Ideale und aus Pflicht. So wissen sie nicht einmal, daß sie dem Teufel dienen, und der kann ihnen sogar das schuldig bleiben, was in früheren Jahrhunderten die ihm Verschriebenen von ihm verlangten: Schrankenlosen Sinnengenuß ohne Plage. Darum läßt sie der Teufel ruhig gewähren und zeigt gar keine Eile sie zu verschlingen. Was sie sich einander tun, ob sie sich tödlich zerfleischen oder friedlich berauben, ob einzelne sich zu gemeinsamen Beutezügen verbünden, oder dann wieder wegen der Beute über einander herfallen, solche Dinge sind nicht wert im Buch Dzjan verzeichnet zu werden. Aber gerade weil Gott nicht mehr in der Welt ist, sondern nur noch der Teufel, gerade darum spricht heute die Welt umso deutlicher als je zu den Einzelnen, die hören wollen. Nie sprach Gott so vernehmlich als durch sein Schweigen, und auch das Geschrei Satans ist Gottes Wort, das sagt: dies bin ich nicht. Einzelne haben schon heute verstanden, viele ringen allerorts danach, bald zu verstehen. Schon sehen wir sie auf stillen schmalen Pfaden zu uns kommen. Sie winden sich heraus aus der Hölle der seelenzerstampfenden Maschinenmenschheit, glauben deren Zauberformeln nicht mehr und brauchen sie darum auch nicht mehr zu fürchten.

Nur die Geschichten jener befreiten Einzelnen, der werdenden Gottmenschen und der wirkenden Menschengötter wird den weiteren Inhalt bilden des Buches Dzjan.«

*

In der bleichen Einsamkeit des hochgelegenen Landes Tibet aber spricht die Stimme Gottes, unbeirrt durch alle jene Begebenheiten, so vernehmlich wie je aus jeder Form und aus jedem Laut.