Der Mensch in der Kugel

1. Kapitel

Nachdem eine Seuche die Eltern des 19jährigen Florian am selben Tage hingerafft hatte, fand er Aufnahme in dem Haushalt einer entfernten mütterlichen Verwandten, der Gräfin Delosea. Diese war eine verblühende magere Frau von etwa 40 Jahren mit lebhaften Augen und einem ungemein beweglichen Geist. Mit demselben Heißhunger verschlang ihre Phantasie Landschaften, Kunstwerke, Bücher und Menschen. Des schönen Knaben Florian hatte sie sich längst bemächtigt, als sie erfuhr, daß er Verse machte. Noch zu Lebzeiten seiner Eltern pflegte sie ihn in ihren Park zu rufen, ihn in ein kleines mit alten blassen Fresken bemaltes Sommerhaus zu setzen, eine schöne Kanne oder Vase oder Elfenbeinschnitzerei vor ihm aufzustellen und zu sagen: »Versenke dich erst in die Schönheit und dann sprich selbst.« Bei jeder Gelegenheit schenkte sie ihm schön gebundene Bücher mit den Versen der alten Dichter. Die Blätter, auf die er seine Dichtungen schrieb, bewahrte sie sorgfältig.

Florians Dichtversuche hatten nicht die Billigung seines strengen Vaters gefunden, eines reichen Handelsherrn und Konsuls in einer morgenländischen Stadt. Nicht daß er Florian hätte zwingen wollen, durchaus sein Nachfolger im Geschäft zu werden; wenn dies seiner Art nun einmal nicht zusagte, dann mochte er wählen zwischen dem Dienst im Staat oder Heer. Das hatte im letzten Jahr Florian in einen schmerzlichen Gegensatz zu dem schwärmerisch verehrten Vater gebracht. Dieser stand schon an der Schwelle des Greisenalters. Ein grauer Bart fiel ihm, sorgfältig gepflegt, über die Brust. Die Stirn war hoch und klar, das Auge blau und kühl, die Stimme klang immer ruhig, sein Wort besonnen. Alle beugten sich vor seiner Herrschergebärde. Was hätte ihn mehr freuen können, vermeinte Florian, als ein Sohn, der sein Leben der Schönheit weihte und ihm Verse zu Füßen legte? Denn daß diese dem Vater geweiht sein sollten, das stand ganz außer Frage. Wie erstaunte daher Florian, auf dem Antlitz des Vaters zum ersten Mal ernste Unzufriedenheit zu sehen, als er ihm die ersten Sonette zeigte. Ja, eine Zornesader schwoll dem Vater auf der Stirn, als der Sohn zu seiner Rechtfertigung vom Ruhm der Dichter sprach, und es stellte sich heraus, daß der göttliche Vater deren Namen kaum kannte und nicht wußte, wie sich ein Sonett von Terzinen und Stanzen unterschied. Weniger das Verbot des Dichtens, als die Enttäuschung über des Vaters Wesen erschütterte Florians Gleichgewicht so sehr, daß man ihn für einige Monate auf ein nahes Weingut zur Erholung schickte. Die Mutter, die bisher sein Dichten hatte gewähren lassen, gleichfalls ohne zu ahnen, daß darin etwas so verwerfliches liegen könne, schrieb ihm besorgt, falls es zu seiner Wiederherstellung diene, möge er es ruhig fortsetzen. Florian aber war in der Einsamkeit unter den griechischen Winzern, die ihrem jungen Herrn alle Wünsche von den Augen absahen, viel zu sehr mit Grübeln beschäftigt über seine bisherige, nun aus den Fugen geratene, glänzende und gemessene Welt, daß sich ihm keine Verse mehr gestalten wollten. In Träumen quälten ihn tierische Ungeheuer, vor denen er sich zu dem angebeteten Vater flüchtete, und, wenn er erwachte, erinnerte er sich unter Tränen, daß es diesen Vater gar nicht mehr gab. Die Mutter aber, so zärtlich er sie liebte, konnte hier nicht helfen, da sie niemals verstehen würde, um was es sich eigentlich handelte. Wahrhaftig nicht um das bißchen Dichten, das sie ihm heimlich gestattete.

Aus diesem Brüten rief Florian die Nachricht vom plötzlichen Tod der Eltern. Er war so sehr in die Fragen verstrickt, die ihm sein Leben, schier unlösbar, aufgegeben hatte, daß ihn dieses Unglück nicht im tiefsten zu treffen vermochte, vielmehr bildete sich um sein Innerstes, als sei es schutzbedürftig gegen äußere Stürme, etwas wie ein Panzer, der ihm eine starre äußere Ruhe gab. So wohnte er der Beerdigung bei, der alle Würdenträger der Stadt folgten, an der Spitze der Pascha selbst. Florian erfüllte alle Pflichten des einzigen Sohnes genau, innerlich wie erfroren.

Die Aufnahme in den Haushalt seiner Verwandten Delosea war ihm anfangs genehm gewesen. In seinem Zimmer fand er eine Zusammenstellung der schönsten Totengesänge berühmter Dichter. Nach einigen Tagen fragte ihn die Gräfin nach seiner Muse. Er war etwas betreten, und plötzlich wurde ihm klar, daß sie von ihm ein Gedicht auf den Tod der Eltern erwartete. Dies erschien ihm wie ein Greuel, ohne daß er sagen konnte warum, denn in der Tat hatten viele Dichter solche Anlässe besungen. Der Panzer, den er um sein Inneres schloß, wurde immer härter, aber die Verwirrung im Innern selbst immer größer. Die Gräfin fühlte zu fein und war wohl auch zu klug, um ihn irgendwie zu drängen, doch eines Tages gab sie ihm einige seiner früheren Verse – die, welche ihr die besten dünkten – und bat ihn, sie ihr noch einmal zu schreiben. So hoffte sie, in ihm durch Erinnerung die Muse wieder zu erwecken. Florian konnte sich aus Höflichkeitsgründen nicht entziehen. Er ging auf ihr Geheiß in das Gartenhaus. Dort fand er einen feurigen Wein in schlanker Flasche. An der Wand hing ein Bild seiner Mutter aus der Zeit ihrer Jugend, schön mit tiefentblößten Schultern, wie Florian sie in Wirklichkeit nie gesehen hatte. Erschüttert versenkte er sich in ihren Anblick und brach zum erstenmal, seitdem er die Todesnachricht hatte, in Schluchzen aus. Die Dämmerung drang schon ein, als er mit zitternden Fingern die Verse abschrieb. Er tat es eilig und zwang sich dazu, um es schnell hinter sich zu haben. Bei dieser Gelegenheit erschienen ihm seine Gedichte selbst als das Hohlste, Unwahrste, was je ein Mensch zu schreiben sich unterstanden, ja wie niederträchtige, eitle Lügen. Mit einem Gefühl der Rache gegen die Gräfin, schwur er sich, niemals mehr zu dichten, aber als er an den harten, herrischen Vater dachte, da fiel ihm doch nicht ein, dem Feind seiner Verse im Stillen Abbitte zu leisten, nein, er glaubte ihn nun zu hassen, weil sein gleißnerisches Äußere ihn einst verführt hatte, für ihn jene Verse zu schreiben.

*

Einige Tage später schlenderte der nun erst völlig vereinsamte Florian in der Nachmittagsdämmerung durch die alten Gassen der Europäerstadt. Vor der kleinen gotischen Kirche begegnete ihm eine bescheidene Prozession mit verblichenen Fahnen und vielleicht einem Dutzend brennender Kerzen, die in die graue Luft fluteten. Er stand einen Augenblick still und sah zu, wie die Prozession in die alte Kirche hineinströmte. Plötzlich war ihm, als flute das bewegte Abendleben des Platzes durch sein Inneres, den Panzer schmelzend, der ihm während seines Aufenthaltes auf dem Weingut gewachsen war. Es war ein Gefühl des Jubels, der Jugend, des brünstigen die Welt umarmenden Wollens und zugleich der Frömmigkeit, als sei Gott in ihm. Es trieb ihn, der Prozession in die dunkle Kirche zu folgen, die von einem heimkehrenden Kreuzfahrer gestiftet war. Florian besuchte sie gern. Er war zwar im protestantischen Bekenntnis erzogen, aber er hatte das so hingenommen, wie die Regeln des guten Betragens, und niemand, am wenigsten der Vater, verlangte je eine tiefere Anteilnahme. In die katholischen Kirchen aber war er aus Lust am Ungewohnten gegangen wie in die Moscheen, um zu schauen und zu lauschen.

An diesem Tage nun war in der gewölbten Kirche alles anders als sonst. Die ganze Seite, wo der Hochaltar und daneben in Kapellen zwei kleinere Altäre standen, war mit rohen Holzlatten überzogen. Diese Holzwand wurde durch eine Galerie in zwei Stockwerke geteilt. Florian befand sich, ohne zu wissen, wie er hinaufgekommen war, plötzlich auf der Empore genau gegenüber jener Holzgalerie. Durch das Gewölbe rauschte eine zauberhafte Musik in nicht mehr irdischer Fülle. »Dies habe ich ja gut getroffen«, dachte Florian. Im ersten Stockwerk der Holzwand stand, ihm gegenüber, aus einem Büchlein lesend, ein großer magerer mohammedanischer Priester mit dunklem schmalem Gesicht und kurzem spitzen Bart. Seine bohrenden Augen hatten den Ausdruck der erbarmungslosen Askese. Er trug ein weißes talarartiges Gewand. Neben ihm schwenkte ein untersetzter russischer Mönch ein Weihrauchfaß. Dieser war in allem das Gegenteil des Mohammedaners. Sein bärtiges blauäugiges Antlitz hatte den Ausdruck einer fast kindischen Gutmütigkeit. Voll Verehrung und mit verklärtem Lächeln hüpfte er um den Andern. Sein Gesicht war braun behaart wie das des Hundemenschen, den Florian einst in einer Schaustellung gesehen hatte, und nun entdeckte er plötzlich, daß es kein anderer, als jener Hundemensch selber sein konnte. Der Bart war so lang, daß er ihm bis auf die Füße reichte. Nun hielt es ihn plötzlich nicht länger in seiner Verzückung, er hob die ungeheure Haarflechte in die Höhe, stürzte sich in die Luft und schwebte selig in der Kirche umher, wie von den Wogen der schwellenden Musik getragen, den Riesenbart als Segel benutzend.

Florian sah neben sich andere Personen stehen, gleich ihm in tiefster Andacht vor den heiligen Vorgängen versunken. Unter jenen erkannte er sich selbst als vierzehnjährigen Konfirmanden in engem schwarzen Anzug mit starrem Gesicht. »Der hat es schön,« dachte er, »wer in so frühen Jahren am katholischen Gottesdienst teilnimmt, der muß ja ein Dichter werden.« In diesem Augenblick sah Florian, daß die Holzwand versunken war. Man blickte in eine grüne Fels- und Hügellandschaft mit blaßblauem Frühlingshimmel. Auf einer Anhöhe standen drei leere Kreuze. Noch immer hörte man die schnarrenden Gebete des mohammedanischen Priesters, aber im Vordergrund schwebte der russische Mönch in seraphischer Seligkeit über einer blumigen Au; sein braunes Haarsegel umflatterte ihn wie ein Engelskleid.

»Ite, missa est!« schloß der Mohammedaner seine Gebete. Durch die ganze Kirche ging eine Bewegung der sich nach dem Ausgang Wendenden. Florian stieg in das Schiff hinab und ließ sich von ihnen treiben. Da sah er wie bei einem alten Grabstein nahe der Tür die Mutter Gottes aus dem Rahmen getreten war und sich unten auf die Steinstufe gesetzt hatte. Sie war schön mit tiefentblößten Schultern, wie Florians Mutter auf ihrem Jugendbildnis, das nun in dem Gartenhaus der Gräfin Delosea hing. Als Florian auf sie zukam und sie küssen wollte, sah er, nicht ohne Lust, doch etwas betreten, daß sie aufs Haar einer anderen Frau glich, der einzigen, die er jemals im Leben so entblößt gesehen hatte, nämlich einer gewissen Miß Wanda. Diese war eine sehr gefeierte Luftkünstlerin, die in jener selben Schaustellung aufgetreten war, wo Florian den Hundemenschen gesehen hatte. Sie pflegte sich bis an die Decke des Raumes emporziehen zu lassen, sich dort mit den Kniekehlen festzuhalten, so daß ihr Kopf nach unten hing, und mit den Zähnen ihren Gatten in der Luft zu tragen. Man erzählte, daß sie schon zwei Männer habe fallen lassen, so daß sie am Boden zerschmettert seien; zur Zeit zeigte sie sich mit dem Dritten. Diese Miß Wanda, die dem heranwachsenden Florian einst einen unverlöschlichen Eindruck gemacht hatte, war nun eins mit seiner toten Mutter, die dort aus dem Muttergottesbild hervorgetreten war und auf dem Grabstein saß. Sie drängte ihn sanft zurück und sagte: »Sieh dich um, ich habe deinen Vater in drei Stücke zerschmettert.« Florian wendete sich und sah in der leeren Kirche den Mohammedaner noch immer in strenger Haltung auf der Galerie stehen, den Mönch in der Luft schweben und einen bärtigen vornehmen Herrn in schwarzem Frack mit einem Ordensstern an der Seite, etwas mißmutig die Kirche verlassen. Als Florian sich um Erklärung wieder an die Mutter wenden wollte, sah er, daß sie die Frau eines Kaufmanns war, die sich zur großen Mißbilligung von Florians Eltern vor einiger Zeit von ihrem Manne hatte scheiden lassen. Es war ihm damals aufgefallen, daß auch sie Wanda mit dem Vornamen hieß. Jetzt hatte sie an der Hand ihren Buben in schwarzem Rock, der heute gefirmt worden war, und, vorhin noch neben Florian so andächtig auf der Empore gestanden hatte.

*

Am selben Abend noch erklärte Florian der Gräfin Delosea, es halte ihn nicht länger in der Stadt, er begehre auf das Weingut zurückzukehren. Sie hielt ihn nicht zurück. In der Nähe jenes Besitzes befand sich seit einem halben Jahrhundert eine baumbeschattete Siedlung süddeutscher Bauern, die vollkommen einem heimatlichen Dorf um einen spitzen Kirchturm glich. Florian, der die Sommermonate seiner Kindheit meist mit der Mutter auf dem Gut verbracht hatte, war zusammen mit den Töchtern des Pfarrers und des Lehrers jenes Dorfes groß geworden. Noch während seines letzten Aufenthaltes auf dem Gut, hatte er harmlos mit den beiden verkehrt, wenn er ihnen zufällig in der Dorfstraße oder zwischen den Feldern begegnete. Während er dieses Mal nach dem Gut reiste, überraschte er sich, auf dem Pferd sitzend, bei dem Gedanken an sie. Zum ersten Mal wurde er sich bewußt, wie schön es sei, daß dort jene beiden strohblonden Mädchen lebten und daß er sie so gut kannte und sich mit ihnen Du sagte. Während sein kleiner türkischer Diener, der ihm auf einem Maultier folgte, langgezogene Gesänge in die rote Abendluft ertönen ließ, näherte er sich dem von dunklen Zypressen umgebenen Gut. Die Kirchenuhr des Dorfes in der Nähe schlug 7. Er gebot dem jungen Hassan zu schweigen, hielt sein Pferd an und lauschte. Aus dem nahen Dorfe tönte mehrstimmiger, wehmütiger Mädchengesang. »Hier werde ich bleiben, dies ist meine Heimat,« sagte sich Florian, auf den wohlbekannten staubigen Wegen zwischen den Weinbergen entlang reitend. Über die Mauern grüßten ihn vereinzelte Winzer. Am Tor kam ihm der alte Verwalter entgegen, zu dem er freudigen Herzens vom Pferd herabsprang.

Am folgenden Tag war Sonntag. Florian wartete das Ende des Gottesdienstes ab und ging dann über die Felder nach einer schattigen Quelle in einem Olivenhain. Er brauchte nicht lange zu warten, da kamen die beiden Mädchen. Nun wußte er bestimmt, daß er nur um ihretwillen hierher gereist war und ging auf sie zu in einem ganz ungewohnten Glücksgefühl. Ihm war, als müßten sie ihn auch erwartet haben. Aber wie groß war sein Erstaunen, als er gewahrte, daß sie ihm auswichen! Er eilte ihnen nach, trat von rückwärts zwischen sie und hörte sich mit Selbsthaß zu, wie er eine lange, hohle Rechtfertigungsrede begann. »… Ihr wißt wohl gar nicht, wie ich hier diesen Boden liebe … dies ist doch meine einzige Heimat … ich habe nichts sonst … und ihr … ihr seid meine Kindheit, meine Jugend … Was habe ich euch denn getan, daß ihr mir nun ausweicht?« Er konnte es gar nicht glauben, daß sie sich so vor ihm verschlossen und versuchte zu scherzen. Keck hängte er sich in beider Arme ein, aber sie entzogen sich ihm schnell. »Dann sagt mir wenigstens, was ihr gegen mich habt,« drängte er, »und ich lasse euch sofort los … für immer.« »Wir haben einige von deinen lügenhaften Versen gefunden,« sagte die eine. »So einer bist du? Zu uns gehörst du nicht, du Redner!« sagte die Andere. Beide entwandten sich ihm. »Aber hört doch … ein Wort …« rief er erregt, als entschwinde ihm im Augenblick das Glück, »ich bin ja nicht so einer, diese Verse habe ich längst abgeschworen … ich hasse sie selbst … ich bin anders …,« aber schon waren die Mädchen zwischen den Oliven verschwunden.

Florian stand allein. Einen Augenblick wollte ein tiefer Schmerz in ihm aufsteigen, aber dann wurde sein Gesicht hart und er sagte sich: »Es muß auch so gehen.«

Auf dem Gut hielt es ihn nicht lange. Voll Unruhe ritt er sich müde in der eintönigen Umgebung. Blieb er aber zu Hause, so vermochte er kein Buch zu lesen. Es trieb ihn, durch die kühlen Räume des weißen Hauses auf und ab zu wandern, dann wieder in den Oleandergarten oder in die Weinberge zu gehen. Mit halbem Ohr hörte er nur hin, wenn ihn einer seiner Leute ansprach, und es wurde ihm klar: diese Einsamkeit ertrug er nicht. So beschloß er zu wandern.

2. Kapitel

Nachdem Florian einen ganzen Tag durch steiniges, verbranntes Land geirrt war, kam er am Abend in ein armseliges Dorf, dessen Bewohner in Erdhöhlen und dürftigen Lehmhütten wohnten. Von dem dünnen Minareh der niedrigen Moschee aus hatte eben der Muezzin die Stunde zum Abendgebet ausgerufen. Vor den Höhlen und Türen sah man einzelne Männer knien und sich auf ausgebreiteten Teppichen gen Osten neigen. Hinter dem Dorf lag ein niedriger Lehmhügel, auf dem eine einsame Hütte stand. Vor ihr hockte ein Mann in der gelben Abendsonne. Als er Florians ansichtig wurde, winkte er ihn herauf. Dieser folgte dem Wink und erkannte den mohammedanischen Asketen, den er neulich in der Kirche in dem Büchlein lesen gesehen. Der Hockende erhob sich. Seine lange magere Gestalt umgab ein gelbes Leinengewand. »Ich habe dich erwartet,« sagte er. »Bleibe bei mir. Meine Lehre ist so, daß ein verständiger Mensch, nachdem er den Widersinn der Welt erfahren, sie erkennen und darin Meister werden kann.«

Was sollte Florian tun? Seine Füße waren müde, sein Geist verworren und seine Seele wund. So teilte er die Hütte des Scheichs, nährte sich wie er von dem harten Brot und den dürftigen Gewächsen, welche die Dorfbewohner in frommer Scheu brachten, schlief auf hartem Lager, ließ sich im Sommer von der Sonne dörren und wusch sich im Winter in einer eiskalten Quelle. Die Lehre des Scheichs aber war so: »Es gibt nur Eines, das ist Gott, und dieses Eine kann jeder erkennen und bekennen, der die Finger zur Faust zusammenschließt und nur den Zeigefinger emporhebt. Auf der flachen Hand liegen Wollust und Streitlust, diese müssen von den Fingern erdrückt werden. In den Fingern selbst aber liegt Sehnsucht und Berechnung, Schöpferlust und Vernichtungstrieb; darum muß sich auf sie die Handfläche pressen. Nur der eine Zeigefinger rage frei empor, denn in ihm ist die Einheit Gottes.«

Drei Jahre lang saß Florian mit zusammengekrampften Händen neben dem Scheich auf dem Gebetsteppich, und richtig, es gelang ihm alles dessen, was früher seinen Geist verwirrt und sein Herz gequält hatte, Meister zu werden, in der Erkenntnis, daß alles Vielfältige der Erscheinung eines ist im Sein Gottes. Aber im geheimen dachte er: Der Scheich kennt nicht die ganze Lehre. Eines Tages sagte er: »Durch mich selbst wird mir etwas offenbar, was ich nicht mit den Fingern und der Handfläche erdrücken kann, weil es göttlich ist, und was doch auch nicht in der Einheit des erhobenen Fingers ausgedrückt wird. Wie willst du das erklären?« »Es kann nur teuflisch sein,« erwiderte der Scheich schnell, »wenn es nicht begriffen ist im Zeichen des aufgehobenen Finger.« »Es ist nicht teuflisch,« erklärte Florian. »Deine Lehre führt nur zur Beherrschung der Gedanken und Begierden, nicht zur Seligkeit.« Und Florian verließ den Scheich und wanderte weiter nach dem Fuß des Gebirges, das bläulich am Rande des gelben Wüstenlandes hinzog.

*

Nach einigen Tagen vernahm Florian seit langer Zeit zum erstenmal wieder das Rauschen eines Hains und das Flüstern kleiner zwischen den Stämmen hinquellender Bäche. Langsam stieg er aufwärts über den lockeren Waldboden, während er dem Gezwitscher der Vögel und dem Summen der Insekten lauschte. »Wie habe ich doch alles dies bei dem Scheich vergessen können?« fragte er sich, und ihm wurde plötzlich wieder zu Mute wie in jener Dämmerstunde vor der alten Kreuzfahrerkirche. Jubelnde, brünstige Lust zum Dasein erfüllte ihn, und zugleich wußte er, daß es Gott war, den er vernahm, aber nicht der Gott des Scheichs, der nur im Zeigefinger lebte und alle anderen Finger in die Fläche der Hand zu pressen befahl. Während Florian verzückt und wie fragend in das Waldinnere schaute, war ihm plötzlich, als fügten sich die braunen Zweige und das Blätterwerk zu einem bärtigen Menschenantlitz, das ihn still betrachtete. Er erschrak heftig, aber schnell beruhigten ihn die freundlichen blauen Augen des fremdartigen Antlitzes und der breit lächelnde rote Mund. Er trat näher und sah hinter den Bäumen eine kleine Holzhütte und davor einen viereckigen gerodeten Platz, auf dem sorgfältig Gemüse und Blumen angebaut waren. An einem Stamm war eine Ziege gebunden, die jener bärtige Mann molk. Florian erkannte in ihm den russischen Mönch, der in der Kirche den betenden Scheich selig umschwebt hatte.

»Ich habe dich erwartet, Väterchen«, sagte jener, »das Mahl ist gerade bereit, setze dich dort vor die Hütte. Ich komme gleich zu dir.«

Florians anfängliches Erstaunen wich einem plötzlichen Erinnern, als habe er dies alles schon einmal vor Urzeiten erlebt, oder als sei es ihm längst so vorausgesagt worden. So folgte er dem Mönch, ohne ein Wort zu sagen, als spiele er eine ihm wohlbekannte Rolle in einem Bühnenspiel.

Der Mönch brachte ein zinnernes Becken, in dem sich Florian die Hände wusch. Dann aßen sie von den Erzeugnissen des Gartens, Brot und Käse und tranken einen leichten Wein. Der Mönch war lustig und pries seine Gaben mit kindischer Freude. Nach dem Essen schlug er Florian auf die Schenkel und sagte: »Während der heißen Nachmittagsstunden wollen wir ruhen, Väterchen. Später, wenn es kühl wird, legen wir uns unter die Bäume, und ich sage dir meine Lehre. Sie ist so, daß ein verständiger Mensch, nachdem er das unnütze Leid dieser Welt erfahren, sie erkennen und darin Meister werden kann.«

Florian legte sich auf ein einfaches Lager und schlummerte ein unter den heimlichen Geräuschen der Waldbäume. Er schlief traumlos und tief, wie niemals in der Hütte des Scheichs, wo sein Schlaf stets unruhig und von Träumen gequält gewesen war. Beim Erwachen aber war ihm zu Mute, als sei er während der zwei Stunden durch die kühle Tiefe der sommerlichen Erde gefahren und habe den Gott berührt, den der Scheich ihm verschwiegen hatte. Der Mönch brachte ihm schwellende Früchte an das Lager, bot sie ihm an, und biß selber mit seinen starken Zähnen in das kühle süße Fleisch, so daß der Saft ihm in den langen braunen Bart perlte.

Florian blieb bei dem Mönch, nährte sich mit ihm von den Gewächsen seines Gärtchens und der Milch der Ziege. Häufig brachten fromme Wallfahrer dem heiligen Mann ein Huhn, einen Fisch oder andere Leckerbissen, die der Mönch, lachend vor Lust über Gottes gute Gaben am Feuer des Herdes sorgsam zubereitete.

Solange der Sommer währte legten sich beide täglich entkleidet in die Sonne einer Waldblöße und kühlten sich dann in dem Bach; der etwas fette behaarte Mönch brüllte und stöhnte vor Wonne, wenn ihn das lebendige Wasser überrieselte, und die Vögel flatterten erschreckt auf. Im Winter verbrannte er Baumstämme in dem Ofen und bereitete Thee, den gläubige Verehrer auf langen Pilgerfahrten gebracht hatten. Oft setzte er sich abends an eine Orgel und sang dazu mit tiefem Baß, weltlich und geistlich, und Florian war, als schwebe er mit ihm über schründiges Felsenland und blumige Auen, so wie er ihn einst in der Kreuzfahrerkirche durch die Luft fahren gesehen hatte. Am Vorabend der Feste sperrte er sich mit Florian in eine überheizte Zelle, und wenn sie beide in Schweiß gebadet waren, dann schöpfte er aus einem dunklen Faß kaltes Wasser und übergoß Florian, der dann ihn übergießen mußte, und dabei sprang er wie im Sommer im Bad brüllend vor Lust umher, daß die ganze Holzhütte durch den winterlichen Wald dröhnte, als sei hier ein wilder Bär gefangen.

Die Lehre des Mönches aber war so: »Es gibt nur Eines, das ist Gott, und dieses Eine kann jeder erkennen und bekennen, dessen Seele rein ist wie die eines Kindes. Seine Seligkeit preist die Gaben Gottes, und die Streitenden überwindet er durch sein freundliches Auge. So hält er in sanft geschlossener Hand die bösen Geister der Wollust und der Streitsucht gefangen. Statt Sehnsucht und Berechnung hat er Vertrauen, und Gott gibt ihm stets gerade das, was er braucht, wie den Lilien auf dem Feld. Statt zu schaffen und zu vernichten, schaut er Gott an in seinen Werken, und alles was geschehen soll, geschieht von selbst; statt über Gottes Wesen zu grübeln, lobsinget er um die Wette mit den Vögeln.«

Drei Jahre blieb Florian bei dem Mönch und pries mit ihm Gott in täglicher Freudigkeit und genoß seine Gaben reichlich. Es gelang ihm der Zweifel Meister zu werden, die ihn bei dem Scheich gequält hatten. Nicht länger brauchte er die Hände zusammenzukrampfen, um über dem Vielfältigen der Welt nicht den Einen zu vergessen. Die Seligkeit des Mönchs teilend, lernte er vielmehr den Einen gerade im Schauen der von ihm geschaffenen Vielfalt zu erfassen, und nicht mehr bedurfte er seines Zeigefingers, um ihn zu bekennen. Aber im geheimen dachte er: »Der Mönch kennt nicht die ganze Lehre.« Eines Tages sagte er: »Durch mich selbst wird mir etwas offenbar, was nicht in der Vielfalt der Dinge liegt, weil es eines und göttlich ist, und was doch auch nicht jenseits der Dinge ist, weil ich es in mir selbst trage. Was kann das wohl sein?« »Hühnchen,« erwiderte der Mönch lachend, »du bist auch nur ein Ding, ein Gottesgeschöpf.« »Aber was ich fühle, ist nicht Geschöpf, sondern Schöpfer,« erklärte Florian, »deine Lehren führen nur zur Kindschaft, nicht zur Gottheit selbst.«

Und Florian verließ den Mönch und wanderte weiter in eine große Stadt, die jenseits des Waldgebirges lag.

*

Während Florian durch die Schluchten zog, sagte er sich: »Die Einsiedler haben nur die halbe Wahrheit, weil sie sich der Welt entziehen. Wahrlich zu früh habe ich mich von der Welt abgekehrt. Mag sie eitel sein, nun will ich auch den Mut zur Eitelkeit haben und sie ergründen, damit mir das Leben nicht Stückwerk bleibe, sondern rund werde.«

In der Stadt lebte ein Oheim Florians, den er nie gesehen hatte, ein Bruder seines toten Vaters, und wie einst jener, ein reicher Kaufherr. An dessen Palast klopfte Florian eines Abends an. Er trug ein bestaubtes Mönchsgewand. Der Diener, der ihm öffnete, sah ihn prüfend an. Florian hatte etwas auf ein Papier geschrieben, das er dem Hausherrn zu bringen befahl: der schnelle Tod der Eltern habe ihn einst so sehr verwirrt, daß er allein auf Reisen gegangen sei; nun aber gedenke er irgend etwas zu unternehmen und wie andere Männer seines Standes zu leben. Er bitte den Oheim um seine väterlichen Ratschläge.

Dieser empfing ihn in einem üppigen Teppichgemach mit Höflichkeit, doch nicht ohne ein kühles Mißtrauen. Florian erkannte in dem alten Mann sofort den weißbärtigen Herrn, den er in der kleinen Kreuzfahrerkirche gesehen hatte. Wie damals trug er einen schwarzen Frack und einen Ordensstern an der Seite. Er hatte für den Abend Gäste geladen, die bald kommen mußten. Etwas unschlüssig blickte er auf Florians Kleidung. Dieser lachte und sagte mit einer weltlichen Sicherheit, die er als Knabe, da er noch in der Welt lebte, nicht besessen und noch weniger beim Scheich oder beim Mönch erworben haben konnte: »Lieber Oheim, ich sehe, meine Kleidung setzt dich in Verlegenheit; aber vielleicht leiht mir einer meiner Vettern einen Anzug, und dann werde ich deinem Tisch keine Unehre machen.« Diese freie Art gefiel dem Alten. Er ließ Florian in ein Zimmer für Gäste bringen. Bald darauf kamen seine zwei ihm ziemlich gleichaltrigen Vettern mit Kleidern zu ihm, voll Neugier nach dem seltsamen Verwandten. Die beiden halfen in dem blühenden Geschäft ihres Vaters und wurden von ihm gut gehalten. Sie hofften bei Florian Gelegenheit für ihre Spottlust zu finden, aber der Vetter empfing sie mit überlegener Fröhlichkeit und versprach gleich, ihnen nächstens zu erklären, warum er in so seltsamem Aufzug reise, so daß sie vorsichtig schwiegen. Bald war er angekleidet wie sie selbst und sah genau aus wie ein anderer junger Mann seines Standes. Nur die ausgeprägten Linien seines Gesichtes und die hohe Stirn unterschieden sich von dem nichtssagenden Gesichtsausdruck der beiden hübschen Vettern.

Als sie den Speisesaal betraten, ging Florian zwischen ihnen und hielt sie beide untergefaßt. Während er sie bat, seine Unwissenheit aufzuklären über alle weltlichen Dinge, die ihm in den sechs Jahren seiner Einsamkeit entgangen sein mochten, und es schien, als habe er von sich selber die geringste Meinung, hatten sie sich ihm in ihren sonst hochmütigen Herzen bereits unterworfen. In der Gesellschaft gefiel der junge Verwandte ausnehmend. Er erzählte bescheiden einiges von seinen gelehrten Studien, die er auf seiner langen Reise, besonders in Klöstern, gemacht habe, und die ihn in gefährlichen Gegenden zwangen, um vor Räubern sicher zu sein, Mönchskleider zu tragen; aber dies alles sei er jetzt überdrüssig, er wolle sich nun irgendwie betätigen. Dies fand den größten Beifall der Anwesenden, die meist große Handelsgeschäfte betrieben; sie wußten wohl, daß Florian der alleinige Erbe seines Vaters war.

»Unsere Geschäfte sind so,« sagte der Oheim, »daß ein verständiger Mensch, der sich etwas in der Welt umgetan hat, sie leicht erlernt und durch sie Reichtum erwerben kann.«

Schon in den nächsten Tagen erklärte Florian sich bereit, sich mit Geld an den Geschäften des Oheims zu beteiligen, und von nun an lebte er wie ein Sohn im Hause.

Sieben Jahre blieb Florian bei den Kindern der Welt. Er freite Rosabella, seine schöne Base, die ihm zwei Kinder gebar, und führte für den alternden Oheim bald die wichtigsten Geschäfte.

Dessen Lehre aber war so: »Meistere die Natur, so bist du, der Mensch, der Erbe und Nachfolger des abgesetzten Gottes, den du nicht länger in der Verborgenheit zu suchen brauchst. Sei nützlich durch deine Arbeit, unterlasse Schädliches, so bedarfst du keines Gewissens, denn du förderst die Zeit und die kommenden Geschlechter.«

Es gelang Florian, die Untätigkeit zu überwinden, die ihn bei dem Mönch gelähmt hatte. Nicht länger brauchte er wie ein Kind zu warten, bis ihm der Zufall Früchte in den Mund wachsen ließ; vielmehr lernte er, selbst zu säen und das zu ernten, was er aus besonderer Ursache gesät hatte. Aber im geheimen dachte er: »Die Kinder der Welt kennen nicht die ganze Lehre.« Eines Tages sagte er zu seinem Oheim: »Durch mich selbst wird mir etwas offenbar, was nicht tätiges Handeln und doch Wirken ist. In eurer Arbeit ist es nicht. Wohl verändert euer Werk selbstherrlich das Antlitz der Erde, ohne nach dem Willen Gottes zu fragen. Wohl habt ihr mit Arbeit und Pflicht, Geld und Maschinen die Welt von der früheren Gottesknechtschaft befreit, aber ihr habt sie entgöttert. Ich indessen kann nicht ohne Gott leben. Ist der alte Gott tot, dann müssen wir selber Götter sein.« »Aber das sind wir ja,« rief der Oheim heiter. »Nein, das seid ihr nicht. Wohl seid ihr nicht mehr des Schöpfers Knechte, aber ihr seid Knechte eures eigenen Geschöpfs. Was kann da wohl die Ursache sein?« »Das weiß ich nicht,« erwiderte der Oheim erstaunt; »aber erkläre du mir, Neffe, wie es möglich ist, daß jemand, der so überflüssigen Fragen nachsinnt, dabei so ersprießliche Handelsgeschäfte macht, wie du. Man merkt doch wohl, daß du nicht wie wir mit Herz und Seele dabei bist.« Florian lächelte und sagte: »Ich habe, als hätte ich nicht; ich besitze, doch ich werde nicht besessen. Aber nun bin ich auch des äußeren Scheins überdrüssig, ich will wieder in die Verborgenheit gehen.«

Der Oheim erschrak. Um diese Zeit wollte die Regierung seines Heimatlandes eine große Eisenbahn quer durch die Länder des Ostens bauen. Er selbst gab den größten Geldanteil dazu, und Florian führte die Geschäfte mit der heimatlichen Regierung und den Behörden des Sultans. Er überwandt ebenso leicht den Übereifer seiner Landsleute, die taten, als hinge ihre Seligkeit von dem Bau der Bahn ab, wie die Trägheit der heimischen Behörden, die taten, als brächte die Bahn ihre Seligkeit in Gefahr. Wenn sich Florian jetzt von den Geschäften zurückzog, dann konnte wieder alles scheitern.

»Jetzt in dieser entscheidenden Stunde willst du uns verlassen?« sagte der Oheim. »Aber freilich, dir sind ja alle diese Dinge gleichgültig, darum versuche ich es gar nicht erst, dich zu erinnern, daß ich für dich ein zweiter Vater bin, daß von diesem Unternehmen das Schicksal meiner und deiner Kinder abhängt, daß die Dankbarkeit … die Pietät … die Pflichten gegen unser fernes Vaterland …«

»Genug, genug, lieber Oheim,« rief Florian lachend, »gerade weil mir alle diese Worte gleichgültig sind, ist es mir auch gleichgültig, ob ich sie noch einige Zeit länger höre oder nicht. Keine Angst, ich werde dieses Geschäft zu Ende führen, eben weil es mir nichts wichtiges ist.«

»Nun, ich danke dir,« atmete der Oheim auf. »Aber was ist dir eigentlich wichtig? Ich fürchte, nur dein Ich.« »Gerade für mein Ich will ich nicht das Geringste,« schloß Florian das Gespräch.

Die Geschäfte machten eine große Reise Florians notwendig. In der Nacht vorher sprach er so zu seiner Gattin: »Dein Sinn weiß sich eins mit dem Schein dieser Welt. Du liebst Feste und Bewunderer, schönen Schmuck und Lustfahrten. Ich tadle dich darum nicht. Jeder ist was er sein will. Nur wünsche ich dir: wann das Leid zu dir kommt, daß es dich mutig zur Erkenntnis des Weges finde. Heute ist es zu früh, dir mehr zu sagen, du würdest nicht verstehen und darum streiten. Du bist nun frei, denn ich scheide mich von deinem Bett. Nichts bindet dich als die Gesetze dieses Hauses deines Vaters und deiner Kinder. Ich bin nicht dein Feind, nur bin ich dir hinfort fremd.« Die schöne Rosabella erschrak ein wenig ob des Ungewohnten solcher Sprache; als sie sich aber vergewissert hatte, daß sich nichts ändern sollte es sei denn dies: sie schlief künftig allein, daß sie keine der gewohnten Freuden zu opfern brauchte, ihnen eher freier nachgehen konnte, da sagte sie zu Florian: »Ich danke dir für deine Offenheit. Menschen von Vernunft verständigen sich leicht.« Florian lächelte über ihre kühle Ruhe und küßte ihr zum Abschied die Hand. Dann trat er an das Lager seiner schlummernden Kinder, betrachtete sie lange und flüsterte: »Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich euch begegnen und euch führen. Ihr werdet früh leiden« – er warf einen Blick auf Rosabella, die in einem Handspiegel ihre morgendliche Gesichtsfarbe prüfte – »und darum auch früh erkennen.«

Einige Tage darauf befand sich Florian in der Stadt seiner Kindheit, wo er die Geschäfte des Oheims bald zu Ende führte. Er sann, wenn er abends durch die wohlbekannten alten Gassen wanderte, viel nach über das letzte Gespräch mit dem Oheim. »Es ist wahr,« sagte er sich, »wenn man sich von allem befreit hat, was die Menschen für wichtig halten, dann steht man vor ihnen in seiner nackten Selbstsucht und wird ein Grausen für die Andern, deren Selbstsucht nicht geringer ist, nur besser bekleidet. Es gibt keine andern als selbstsüchtigen Gedanken und Taten. Jeder will das Beste für sich und kann es erringen, nämlich das, was er für das Beste hält. Es sind nichts als Irrtümer, das Beste im Reichtum, im Genuß, in der Pflicht, in der Liebe zu Geschöpfen zu sehen. Der Erkennende, der es in Gott sucht, muß der größte Selbstsüchtige sein. Seiner Seligkeit muß er alles opfern. Ich will in der Verborgenheit leben, nichts als mich selbst besitzen, aber nichts für mich haben, und scheine darum durch meine Selbstliebe und meinen Verzicht gleich unmenschlich.«

An einem andern Abend, als alle die lärmend, trinkend und lachend beisammen saßen, welche das große Geschäft abgeschlossen hatten, und nun glaubten bis auf weiteres ihre Seligkeit erreicht zu haben, schlich sich Florian hinaus in die holprigen mondbeschienenen Gassen und sagte sich: »Wirklich in mir ist etwas, was nicht von Menschenart ist. Was dieser Art das Gut des Lebens scheint, Eltern, Heimat, Liebe, Reichtum, Wissen, Glaube, erfolgreiches Tun, Genuß, Weib und Kind, habe ich ebenso schnell ergriffen wie von mir geworfen, aber nicht aus Lauheit, sondern weil etwas anderes in mir offenbar werden will, was nicht von Menschenart ist. Es hat mich vom Scheich und vom Mönch fortgetrieben, und nun auch wieder von den Kindern der Welt.«

Während er so sann, kreuzte die Gasse eine kleine Prozession mit einigen Fahnen und Kerzen. Florian folgte ihr. Bald befand er sich auf dem kleinen Platz vor der alten Kreuzfahrerkirche. Er folgte der Prozession unter die dunkle Wölbung. Während sie hinter dem düsteren Gestühl des Hochaltars verschwand, blieb Florian bei der Muttergottes am Eingang stehen. Vor ihr brannte ein einsames Licht. »Ob sie wieder wie damals aus dem Rahmen treten und mir mütterlich etwas offenbaren wird?« Er vertiefte sich in ihre Züge, die ihm immer einzigartiger lebendig wurden. War es Sinnestäuschung, daß sie sich bewegten oder war er nicht vielmehr plötzlich frei von aller bisherigen Täuschung seines Wesens durch die Schleier der Sinne? Was war wirklich, was nicht? Was war zeitlich, was ewig? Ein Schritt auf den Steinfließen der Kirche klang wie durch Äonen im Weltenraum, der Weihrauchduft stieg aus dem Abgrund lebendiger Vergangenheit auf, und in der flammenden, flackernden Kerze zerschmolz die Zeit. Die Muttergottes trat nicht aus dem Rahmen und blieb auch nicht wie ein Bild darin, denn es gab kein außerhalb und innerhalb mehr, nicht mehr im Bild gefesseltes Sein. Sie hielt das Kind in ihren Händen und ließ es gleichzeitig zerrinnen, und Florian war selbst dieses Kind und noch viel mehr und er fühlte: Es braucht mir nichts offenbart zu werden, denn alles ist nun offenbar. In der Goldkuppel unter dem Hochaltar leuchtete durch Kerzendämmerung das weiß bärtige Antlitz Gottes, des Schöpfers, und das Kind schaute aus den Armen der Mutter zu ihm, und er zu dem Kind. Da rollte sich unter dem Auge Gottes das Muttergottesbild nach innen zu einer Kugel zusammen und die äußere Wand der Kugel war das Bild des Schöpfers aus der Kuppel. So wurden Vater und Kind eins in der Kugel von außen und von innen und Florian schwebte mitten in der Kugel und die Kugel schwebte zugleich in ihm, und nicht länger war er leidendes Geschöpf sondern zugleich bewegender Schöpfer. Die Kugel leuchtete auf und strahlte nach allen Seiten und verschwebte durch die Kirchentür in die Stadt.

Als Florian heimkehrte, gab es keine Fragen mehr für ihn. Nachdem ihm erst das Leben Bild und ganz fremd geworden war, hatte er plötzlich die Zeichen erkannt, welche die Bilder, außer ihrem Inhalt, noch waren. Das aber, was diese Zeichen bedeuteten, war ihm eben so vertraut, wie unsagbar, das war er wiederum selbst in Nähe und Ferne, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er lebte wieder freundlich mit Weib und Kindern im Haus des Oheims und seiner Vettern, die er, wenn sie ihn fragten, weiter beriet. Ob er in der Welt weilte, er blieb in der Verborgenheit der Kugel, ob er in der Einsamkeit wohnte, überall und jeden Augenblick spiegelte ihm die Kugel die Welt. Der frühere Florian war nur der Punkt auf der Kugel, wo sich Gott auf eine seiner unzähligen Weisen im Endlichen bewußt wird, und der erlöste Florian ließ Gott still liebend gewähren, ohne sein Wirken wie die Kinder der Welt durch Handeln, oder durch erzwungenes oder träges Nichthandeln wie die Einsiedler zu stören.

Die Kinder der Welt aber mußten sich die Ehrfurcht und Liebe irgendwie erklären, die Florian allen einflößte, die ihm nahten. So priesen sie ihn den heranwachsenden Söhnen als Muster eines tüchtigen Bürgers und pflichttreuen Gatten und Vaters, der auf den bewährten Wegen seiner verdienten Vorfahren wandelte. Florian aber fühlte sich unter ihnen in dieser Maske, die sie ihm auflegten, noch verborgener vor der Welt, als er es je beim Scheich und beim Mönch gewesen war.