Das rasende Einhorn

1. Kapitel.

Mein Besuch im Tierstaat.

Mein Schulkamerad Bernhard Postel zeichnete sich schon in früher Kindheit durch ein auffallendes Einsamkeitsbedürfnis aus. Nicht eigentlich kränklich, war er doch ziemlich zart gebaut; seine Muskeln hätten ihn gewiß nicht im Handgemenge mit den Anderen geschützt, indessen tat dies der Blick seiner dunkelbraunen Augen, die nicht ganz wagrecht zueinander standen, sondern sich nach den Schläfen etwas erhoben. Dies gab dem blassen, seinen Gesicht etwas Mongolisches. Das Eigentümlichste dieser Augen aber war, daß sie immer weit offen waren, gleichwie die Augen der Götter niemals von den Lidern bedeckt zu werden schienen. Unbefangene Burschen, die sich ihm zum erstenmal dackelhaft näherten, schreckten plötzlich vor diesen Augen zusammen und zogen sich mit jenem rätselhaft verlegenen Ausdruck zurück, den man bei Hunden bemerkt, wenn man ihnen ein Trinkglas vorhält. Zu unliebsamen Vorfällen kam es indessen niemals. Ich kann mich nicht erinnern, daß Postel je mit seinen Mitschülern oder Lehrern einen heftigen Auftritt gehabt hätte. Auch seine Erzieher wußte er in Abstand zu halten. In seinen Leistungen gehörte er zum besseren Durchschnitt. Besondere Neigung zeigte er nur für Erd-, Tier- und Pflanzenkunde, aber gar nicht für Physik und Chemie, die in den höheren Klassen die eigentliche Naturkunde ablösten. Manche wollten wissen, daß er zuhause Aquarien und Terrarien, ausgestopfte sowie lebende Tiere, unter diesen einen Storch, eine Eule und eine Fischotter besaß, die ihm wie ein Hund folgte. Er ließ aber niemand etwas davon sehen. So ging er geräuschlos durch das Gymnasium, weder geliebt, noch gehaßt, auch nicht gerade gefürchtet, nur etwas gescheut. Die Kameraden wurden sich nicht einmal seiner Seltsamkeit bewußt. Erst als ich im späteren Leben mit Einzelnen wieder zusammentraf und man die früheren Genossen im Gedächtnis wieder auftauchen ließ, da fragte man sich auch, was wohl aus dem Postel geworden sein möge, und stellte zum erstenmal fest, was er doch für ein sonderbarer Kauz gewesen war. Niemand wußte etwas von ihm, man konnte sich ihn in keinem der üblichen Berufe recht vorstellen. Nach der Abgangsprüfung war er plötzlich verschwunden, man wollte sich erinnern: ins Ausland; die unvermählte, steinalte Tante, bei welcher der Elternlose gelebt hatte, war kurz darauf gestorben.

Etwa 20 Jahre nach Postels Verschwinden pflegte ich die Sommerzeit in einem einsamen Alpental zu verbringen, wo ich im Haus des Bezirkstierarztes Grödling Unterkunft fand. An den seltenen Abenden, wo der alte Grödling gesprächig war, konnte man sich keinen besseren Gesellschafter denken, denn er hatte in seiner Jugend als Zoologe mehrere Weltreisen gemacht und sich erst nachträglich infolge eines Vermögensverlustes der Tierheilkunde gewidmet. Er kam meist spät, nachdem die Familie das Nachtmahl längst eingenommen hatte, von seinen Gängen nach den fernen Bauernhöfen zurück, setzte sich schweigend an den gebohnten Tisch in der niedrigen Stube und ließ sich von seiner vielgeschäftigen Frau das Essen auftragen. Oft beobachtete ich ihn heimlich von der Ecke aus, wo ich meist mit einem alten Bauernkalender saß. Er war ein langer, völlig fettloser Mensch in gamsledernen Kniehosen, die er wohl schon über ein Jahrzehnt trug, und einem grauen Janker, in dessen weit abstehenden Taschen er meist dunkles Kornbrot und Päckchen mit Tabak trug. Oft sah ich ihn auch in der Abenddämmerung auf seinen dünnen, aber sehnigen halbnackten Beinen unbeweglich im Garten zwischen den bunten Blumen des Phlox und des Türkenbunds bei einem kleinen Weiher stehen, wie ein Stelzvogel, der am Rand eines Sumpfs mit seinem langen Hals nach Nahrung späht. Er war übrigens ein leidenschaftlicher Fischer. In dem rotverwitterten Gesicht hatte er ein paar schlecht vernarbte Schmisse, die grauen Schnurrbartenden hingen, lang gezogen, etwas nach abwärts. Seine Augen waren grau und kühl, das Haupthaar sehr spärlich und wie Asche, die Glatze, besonders der Hinterkopf blutrot. Nach dem Nachtmahl zündete er stets seine kurze Pfeife an und starrte ins Leere. Er sprach meist unverfälscht die Bauernmundart; nur fügte dieser alte Zugvogel gern in Erinnerung an seine Reisen, wenn die Frau oder eine Magd mit einer Frage hereinkam, in seine kurzen Antworten eine fremdländische Anrede ein, wie z. B.: »Dees kannst macha wie D'wüllst, Señora« oder »Kannst ma noch an Most bringa, darling.« Auch liebte er es, die Mägde Juli und Moidl Giulietta und Marietta zu nennen. Manchmal sprach er den ganzen Abend kein Wort, aber wenn er hie und da nach einer Stunde des in die Luft Starrens und Tabakqualmens plötzlich anfing: »Sie, in Brasilien, da wackelts« oder »da hab' i halt lach'n missa, in Shangai, da hat an deitscher Angestellter …«, da wußte ich, daß er heute seine gesellige Anwandlung hatte. Bald saß ich dann bei ihm am Tisch, die Giulietta oder die Marietta brachte auch mir einen Most, ich lauschte der fesselnden Erzählerkunst des Alten, und er genoß die seltene Gelegenheit, einen Zuhörer zu haben, der ihn ganz zu würdigen verstand.

Ich befand mich schon den dritten Sommer in dem Haus. Öfters hatte mir der alte Grödling von einem in der Nähe befindlichen großen Anwesen erzählt, einem alten Bauernschloß, wie sie sich in der Gegend noch häufig aus der Zeit der Religionskriege finden. Ich hatte den burgartigen, mit mehreren Türmchen geschmückten Bau öfters inmitten von Wäldern liegen sehen und von dem Tierarzt erfahren, daß er von einem Sonderling bewohnt sei, der jeden Menschen meide, dafür aber ein um so größerer Tierfreund sei. Er habe ihn einmal vor vielen Jahren irgendwo in Texas kennen gelernt, und ihre zoologischen Neigungen hätten sie zusammengeführt. »Der Mensch woaß ja gar nöt, was a Viech is'« rief der Alte, »aber mir zwoa, der un' ich, mir wissa's, mir wissa's mir zwoa, der un' ich. I sog' Eahna, a Viech is' iberhaupt gor ka Viech, viel eher is' der Mensch a Viech.« Als jener Fremde erfahren hatte, daß Grödling Bezirkstierarzt geworden war, beschloß er, sich mit seinem inzwischen in allen Ländern zusammengekauften Tierpark in dessen Nähe niederzulassen, weil so leicht kein anderer Tierarzt zu finden war, der auch von dem ausländischen »Viehzeug« was verstand. Grödling hatte ihm jenes Bauernschloß ausfindig gemacht. Dort hauste er nun seit fast einem Jahrzehnt mit seinen Tieren. Außer Grödling betrat keine Menschenseele, nicht einmal eine Magd, sein Reich. »Ja, wer hält ihm denn das Anwesen in Stand?« fragte ich. »Das ist eben das Geheimnis, mon cher!« sagte der Alte bedeutungsvoll und starrte mich mit seinen kalten Augen an. Ich hatte nie gewagt, weiter zu fragen, freute mich aber jedesmal, wenn Grödling von selbst auf jenen Fremden zu sprechen kam. Ich war, wie gesagt, schon den dritten Sommer im Haus, als der Tierarzt zum erstenmal den Namen des Fremden erwähnte: Postel. »Vielleicht Bernhard Postel?« fragte ich erstaunt. »Jo, ganz recht, ibrigens glaub i, a Landsmann von Eahna.« Es war, als habe mir Grödling dies bisher nur zufällig, ohne Absicht verschwiegen. Leicht stellte ich nun fest, daß jener Fremde niemand anders als mein Schulkamerad Bernhard Postel sein konnte. »Grüßen Sie ihn einmal von mir!« sagte ich beim gutenachtsagen, »ich bin doch gespannt, ob er sich meiner noch erinnert.« Nach einigen Tagen lag bei meiner Frühstückstasse ein Brief, den, wie die Moidl sagte, der Tierarzt am Abend spät mitgebracht hatte. Die Schrift war ohne jeden eigentümlichen Charakter, fast eine flotte Kaufmannsschrift. Das Schreiben rührte von Postel her und lautete folgendermaßen: »Mein lieber, alter Freund, zwar hatte ich geglaubt, ich würde bis zu meinem Tod keinem Menschen außer Grödling mehr ins Auge sehen, aber als ich heute von ihm erfuhr, daß schon im dritten Sommer hier in der Nähe gerade der Einzige meiner Mitschüler lebt, den ich nicht verabscheut habe, so sah ich darin doch einen Schicksalswink. Du mußt nämlich wissen, daß mein, Dir wohl noch von der Schule her erinnerlicher Menschenhaß im Grunde gar kein Menschenhaß, sondern nur ein versteckter Hundehaß ist. Ich hasse die Menschen nur darum, weil sie so hündisch sind; gegen den Menschen an sich habe ich nichts, falls er anderen Tieren als Hunden gleicht, und irgend einem Tier gleicht jeder Mensch. Ich habe mich sogar hie und da auf meinen Reisen mit solchen etwas befreundet, hinter deren Menschenmaske ich den Papagei, das Lama oder den Bärenspinner erkannte; bei weitem die meisten Menschen aber sind und bleiben geheime Hunde, selbst die scheinbaren Schweine sind oft Hunde – Schweinehunde. In unserer Schulklasse waren nun unglücklicherweise nur Dackel; ich erinnere an Moosleitner, Sperl, Kreutzer, Kohn, von Röder, Leschitzky und wie sie alle hießen. Nur Du, mein Lieber, bist ein Dachs, das hat Dich mir immer sympathisch gemacht. Ich konnte es Dir natürlich nicht sagen, denn damals wärest Du beleidigt gewesen, und Du hättest Dich verwahrt, Du seist kein Dachs. Du bist aber doch einer, wozu da unnötige Verstellung? Heute, da Dich das Leben wohl auch reif und einsichtig gemacht hat, wirst Du das verstehen, denn das Dachshafte ist, wie mir mein Freund Grödling sagte, der selber ein Kranich ist, bei Dir so sieghaft durchgedrungen, daß Du wohl auch gegen die äußere Feststellung, – eine reine Formsache – nichts mehr einzuwenden haben wirst, zumal der Dachs kein streitbares und unaufrichtiges, wenn auch, in seiner Ruhe gestört, ein etwas bissiges Tier ist, sondern sich (im Gegensatz zum Hund) ruhig zu dem bekennt, was er ist. Ich entsinne mich noch ganz gut, daß auch Du kein großer Hundefreund warst, im Gegensatz zu allen unseren Kameraden. Wie sollte auch ein Dachs die Dackel lieben, die seinen einsamen Bau umlauern, bis sie ihn verbellen können. Ich sehe im Hund und dem Menschen nur einen Gradunterschied in der Fähigkeit etwas zu scheinen, was man nicht ist. Dem Menschen gelingt dieser Selbstbetrug weit besser, aber der Hund, dieser Freund des Menschen (statt des Hundes), dieser Verräter an der Tierwelt, versucht mit seiner verständnisheuchelnden Grimasse ganz dasselbe und zwar noch grundsätzlicher, nur ungeschickter (daher das viele Leute Rührende in seiner Art). Ich hingegen verlange kein Verständnis und finde jeden Versuch mich zu verstehen aufdringlich-hündisch. Ich lebe vielmehr voll befriedigt in der bunten Mannigfaltigkeit meines tierischen Haushalts, wo jeder an seinem Platze ist und genau das erfüllt, was seinem Wesen entspricht. Ebenso fern wie sentimentales Sichverstehenwollen ist uns völlig in sich selbst Zufriedenen alles, was an »Dressur« erinnert. Meine Löwen, Luchse, Rehe, Marabus, Bienen und Schildkröten sind alle nicht dressiert, und doch füllt jeder ein wichtiges Amt aus, weil ich jeden in Ruhe gerade das tun lasse, wozu er geschaffen ist, was die Menschen so gerne möchten, aber nie vermögen, da ja unter Tausenden von Menschen nicht Einer in seinem ganzen Leben dahinter kommt, wozu er eigentlich geschaffen ist. Die menschliche Freiheit beruht darauf, daß jeder auch das tun kann, ja oft mit Vorliebe tut, was ihn eigentlich gar nichts angeht. Die bei uns herrschende Freiheit jedoch beruht darauf, daß jeder nur das tut, was er wirklich kann und was ihn darum glücklich macht. So ist unsere höchste Freiheit tiefste Wesensgebundenheit. Wir sind daher unfrei zum Unehrlich- und darum Unglücklichsein. So werden auch wilde Tiere umgänglich und ungefährlich. Ich habe nämlich folgendes psychologische Gesetz bei ihnen entdeckt: gefährlich und bösartig sind sie nur, falls ein Wesenstrieb in ihnen gehemmt wird und sich nun durch doppelte Wucht übertreiben muß. Nur die Dichter haben bisher anerkannt, daß z. B. der Löwe der König der Tiere ist, die Tiere jedoch bestreiten ihm das in der Natur allenthalben. Ich habe nun den Löwen wirklich zum König gemacht und die Tiere durch eine Verfassung und den Bürgereid zu seiner Anerkennung gezwungen. Was ist die Folge? Der Löwe hat aufgehört ein reißendes Tier zu sein und ist ganz König. Der Wolf verschlingt keine Lämmer mehr, sondern nährt sich, seinem berechtigten Hunger entsprechend, seitdem ich ihn zum Metzger gemacht habe. Die Hyäne übertreibt sich nicht mehr selbst, indem sie Leichen frißt, da ihr der ihren Neigungen entsprechende Totengräberdienst widerspruchslos vorbehalten ist. So habe ich alle Tiere zufrieden gemacht und zu einer von den Menschen noch nicht erreichten ›Menschlichkeit‹ entwickelt.

Zum Schlusse nun, mein lieber Dachs, die höfliche Einladung, uns recht bald einmal zu besuchen und Dich von dem Gesagten selbst zu überzeugen. Ein Bau, wie er Deiner Natur entspricht, steht jederzeit für Dich bereit.«

Daß mich dieser Brief erstaunte, wird man leicht begreifen, doch setzte mich, der ich in meinem Leben viele sonderbare Menschen gekannt hatte, noch mehr als Postels eigene Seltsamkeit der überraschende Scharfblick in Verwunderung, mit dem Postel mich, den bisher nie ganz über sich selbst klar Gewesenen als Dachs erkannte. Ohne meine Person mehr als nötig in den Vordergrund dieser Geschichte drängen zu wollen, muß ich doch so viel von mir sagen, daß ich ein kleiner, rundlicher Mensch mit kurzem braunem Kraushaar und unbedeutendem, doch keineswegs dummen Gesichtsausdruck bin. Mein Gang ist etwas plump, da ich fast mit dem ganzen Fuß auftrete. Meine Gleichgültigkeit gegen alles das, was den meisten Menschen erstrebenswert erscheint, ist so groß, daß ich heute mit 45 Jahren fast wunschlos bin, da ich nämlich alles das habe, was ich brauche: jederzeit eine bescheidene Stätte, wohin ich mich zurückziehen kann, und die ungehemmte Freiheit, mich zu begeben, wohin ich will. Ich muß gestehen, daß ich bei Tag leicht ein wenig träge und mürrisch werde und gern schlafe. Ich gehe lieber in der Dämmerung als mittags aus, außer wenn die Sonne scheint, in deren Schein ich mich gern wärme. Arbeit ist mir in der Seele verhaßt, hingegen bin ich ein tiefer Denker. Sonst habe ich keine hervorstechenden Eigenschaften außer einem die Grenze der Schamlosigkeit erreichenden Trieb zur Selbsterkenntnis, der aber bisher volle Befriedigung noch nicht erreicht hatte. Die Behauptung, daß in jedem Menschen ein Tier verborgen sei und sich dem tieferen Blick leicht offenbare, habe ich öfters aufstellen hören. Was ich indessen selbst für ein Tier bin, hatte ich bisher durchaus nicht herausbekommen können, nur so viel wußte ich: weder ein Tiger noch eine Giraffe, und nun wurde mir plötzlich überzeugend klar, daß Postel recht hatte: ich bin insgeheim ein Dachs, und dieser Gedanke brachte für mich etwas geradezu befreiendes. Ich ließ mir von Grödling Brehms Tierleben geben und schlug auf: »Der Dachs, meles taxus«. Recht angenehm berührte mich zunächst das Bild jenes gemütlichen, zur Fettleibigkeit neigenden, einsam lebenden Tieres. Mit Genugtuung stellte ich fest, daß es, wenn auch überall, doch selten vorkommt, und mitten in seinem Bau einen behaglichen, mit Blättern gepolsterten Raum habe: »der Kessel« geheißen. Das Fleisch hieß es, sei eßbar und werde in China häufig auf Märkten feilgeboten, es schmecke etwas süßlich; nun meinetwegen. Innerlich jubelte ich, weil ich nun genau wußte was ich bin; freilich machte ich keine Luftsprünge, denn das ist nicht Dachsenart, aber ich mummelte mich Abends beim Schlafengehen mit besonderer Lust in die Decken, als gelte es, den Winterschlaf zu beginnen, zumal der Abend schon verfrüht herbstlich war. Daß ich in den nächsten Tagen mit dem alten Grödling meinen Freund Postel besuchen würde, war bereits ausgemacht. Der Bezirkstierarzt hatte ohnehin dort zu tun, da die Frau des Postelschen Ökonomierats Kieselhäuser zur Zeit trächtig sei und demnächst ein »Kaibi« erwarte. Ich gestehe, daß mich diese Ausdrucksweise seltsam berührte. Sie kam mir ein bißchen roh vor.

Postels Anwesen hatte die denkbar glücklichste Lage. Das Schlößchen befand sich in einem gegen Süden weit offenen Tal, das nach den drei anderen Himmelsrichtungen durch schroffe, jeden Wind abhaltende Bergwände geschützt war. Die Schroffheit reichte aber nicht bis hinab in die Talsohle. Vielmehr stieg diese nach allen Richtungen sehr sanft aufwärts, so daß die sonnenreichen Abhänge Raum boten für üppige Garten- und Baumpflanzungen. Hier blühte – wie auf einer Oase in rauher Wüste – die Mandel und reifte die Maulbeere, die Nuß und die Kastanie. Über dieser Zone halbsüdlicher Gewächse erhob sich erst Laubwald, dann tiefschwarzer Nadelwald. In allen Winkeln sah man heimliche Holzbrücken über felsige oder begrünte Schlüfte und Schründe führen. Erst oberhalb dieser Zone wuchsen nur noch zähe Alpenpflanzen, wie Almrausch und Wacholder, und darüber ragte fast gewächslose, nur von harten kümmerlichen Stauden unterbrochene Hochgebirgsöde. Dies alles bildete Postels Tierpark. Schon von weitem gewahrte man zwischen dem Grün allerlei Häuschen, Tempelchen und Kioske, auch seltsame Laute drangen einem entgegen, darüber kreisten dauernd Raubvögel in majestätischem Flug.

Es war ein trüber warmer Nachmittag, den wir zu unserem Besuch wählten. Ein schwüler Föhnwind fuhr einem wie mit feuchtem Rüssel um Wangen und Hals. Wir läuteten an dem schmiedeeisernen Tor der Umhegung. Ein freundlicher alter Bär, einem alten Leibeigenen gleichend, kam mit einem großen Schlüsselbund aus dem Pförtnerhäuschen und schloß auf. »Grüß Gott, Iwan« sagte Grödling wie ein alter Bekannter, »ist der Herr zu sprechen?« »Ist zu sprechen« antwortete Iwan mit leicht russischem Tonfall, sich verneigend und die Vorderpfoten über der Brust kreuzend. »Was machen deine Bienen?« fuhr Grödling fort. »Machen gut, Barin, machen gut«, antwortete der Bär. »Der Iwan is nämlich an vorzieglicher Bienenzüchter« erklärte Grödling. Iwan lachte vergnügt in sich hinein. Hinter dem Häuschen gewahrte ich in der Tat eine kleine Stadt von bunten Bienenhäuschen, wo sich Iwans behäbige Gattin, Maruschka, und seine beiden Kinder Kyrill Iwanowitsch sowie Eupraxia Iwanowna zu schaffen machten. Alle drei hatten den Oberkörper mit sackartigen Masken bedeckt, so daß man nur ein stattliches und zwei zierlichere Bärenhinterteile sah. Grödling klärte mich auf, daß diese Bienen sehr nützlich seien, da sie gewisse Geschwüre kunstvoll aufstechen und ihr Gift als heilendes Gegengift hineinträufeln lassen. Gerade sah ich, wie eine Eselin schon gesetzten Alters – wie Grödling erklärte: die Frau des derzeitigen Müllers (im Postelschen Verpflegungsdienst) – trübselig herantrabte, sich einem Bienenstock näherte, mit der rechten Vorderhufe ein buntes Sacktuch von ihrer geschwollenen Kinnbacke löste und sie geduldig hinhielt. Sofort ließen sich einige Arbeitsbienen darauf nieder. Frau Hinterhuber – denn so hieß die Eselin – schrie einen Augenblick erschütternd auf, aber dann sah man auf ihrem gutartigen Antlitz gleich den Ausdruck einer gewissen Erleichterung.

Wir gingen durch einen dämmerigen Laubgang. Auf einem Tritt stand, mit einer Baumschere hantierend, ein Bock, der Gärtner Seidel, der durch Tüchtigkeit und guten Geschmack das dumme Menschensprichwort vom Bock als Gärtner Lügen zu strafen sich mit Erfolg bemühte.

Postel bewohnte das Schloß schon lange nicht mehr selbst. Sein Wohnhaus war vielmehr eine Art indisches Bungalow, bescheiden aus braunem Holz gebaut mit ringsherumlaufenden Galerien um beide Stockwerke. Auf der Seitenfront standen gerade zwei Giraffen, die etwas am Dach ausbesserten. Vor der Tür krochen uns einige Igel entgegen, an deren Stacheln wir die Sohlen abstreiften. Ein zierliches Reh mit hellblauem Schleifchen ums linke Ohr öffnete die Tür und nahm uns mit Unschuldsmiene Hüte und Mäntel ab.

»Grüß Gott, Herr Rendant«, redete Grödling einen Fuchs an, der, eine dunkelgrüne Tuchmütze auf dem Kopf und einen Zwicker vorn auf der Nase, eben aus der Tür trat, den Arm voll von Hobelspänen, die seine zierliche Hand mit Notizen dicht bedeckt hatte. »Ach, habe die Ehre, Herr von Grödling, habe die Ehre« antwortete der Rendant Reinhardt mit gut gespielter Biederkeit in seinem listig lachenden Gesicht, und seine stechenden Augen blinzelten über den Zwicker hinaus. Wir wurden uns kurz vorgestellt. Grödling und der Rendant kamen sofort in ein Gespräch über Äcker, Pachten und Anwälte, einige der beschriebenen Holzspäne wurden als Belege hervorgezogen. Es schien ein ungemein geschickter Rendant zu sein. »Und unsere Patientin?« fragte Grödling. »Ach, eine unbezahlbare Geschichte«, sagte der Rendant lachend. »Sie werden sie ja sehen, die ehrsame Matrone, halb verlegen und halb stolz.« »Und der Ökonomierat?« »Der ist nur stolz, nichts als stolz«, erwiderte der Rendant mit spöttischem Kichern. In diesem Augenblick hörte man in der dämmerigen Ecke den Fernsprecher läuten. Ich hatte dort schon die ganze Zeit zwei dunkle rotbraune Tiere ihre Wesen treiben sehen und sie für Katzen gehalten, wenn mich auch die hohen Beine und die gestutzten Schwänze etwas irre machten. Nun sprang eines vom Apparat herunter – es war ein flinker Luchs mit gespitzten Ohren – und meldete dem Rendanten, daß man ihn in der Melcherei verlange. Während der Rendant an den Fernsprecher ging und mit unliebenswürdiger Stimme rief: »Nun ja doch … hab' ich doch immer gesagt – – ewig dieselbe Schlamperei …« erklärte mir Grödling, daß der Ökonomierat Kieselhäuser ein alter Ochse sei, der mit seiner Frau, einer scheckigen, etwas feisten Kuh, seit langem in friedlicher, wenn auch kinderloser Ehe lebte. Nun sei zu Ostern sein Neffe Karlchen, ein Student der reinen Philosophie, aus Halle auf Besuch dagewesen, ein junger Stier, der oft stundenlang mit verträumtem Antlitz auf einem Fleck auf der Weide stand; nachdem er vierzehn Tage lang fast kein Wort gesprochen, sei er zur Freude des Ökonomierats wieder abgereist. Im Sommer aber flüsterte Frau Kieselhäuser ihrem Gatten ein süßes Geheimnis in's Ohr. Dieser sei übrigens der Einzige, der den Zustand seiner Frau nicht mit jenem Osterbesuch des jungen Studenten in Verbindung bringe. – Inzwischen war der Rendant vom Fernsprecher zurückgekommen. Er führte uns über die schmale Holztreppe in ein teppichverhängtes Gemach, wo auf einem niederen Ruhebett, mit einer Wasserpfeife beschäftigt, mein Freund Postel lag, noch ebenso schlank und feingliedrig wie als Gymnasiast. Er trug einen persischen Schlafrock, in den bunte Vögel von blassen Farben eingewebt waren. Sein bleiches, noch immer knabenhaftes Antlitz trug er glattrasiert, das dünne Haar war ziemlich grau geworden. Er begrüßte mich mit liebenswürdiger Selbstverständlichkeit, als hätten wir uns nur eine Woche nicht gesehen. »Natürlich bleibt ihr über Nacht« sagte er und läutete zweimal. Das Reh mit dem blauen Bändchen im Haar erschien. »Wetti, für die beiden Herren die Zimmer richten.« »Ja, Exzellenz,« erwiderte Wetti und verschwand, wiederum einen angenehmen Eindruck zurücklassend. »Exzellenz?« fragte ich verwundert. »Nun als Minister Sr. Majestät« lächelte Postel, »du wirst später hören.« Der Rendant empfahl sich, da er an die Firma Hagenbeck in Hamburg zu schreiben hatte, mit der er dauernd wegen neuer Tierlieferungen in Verbindung stand.

Nachdem ich mit Postel einige Schulerinnerungen aufgefrischt hatte, erhob sich Grödling. Sein Pflichtgefühl ließ ihm keine Ruhe, und so wurde beschlossen, daß wir zusammen der Ökonomierätin einen Besuch machten. Als Postel aufstand, zog er hinter dem Rücken zwei saubere Kaninchen an den Löffeln hervor und stopfte sie zwischen die Kissen. Diese Tiere dienten ihm als Bettflaschen, da er öfters an Nervenschmerzen litt. Der warme Rücken ihres Herrn unter dem Schlafrock war ihr Lieblingsplätzchen, und sie ließen sich nur ungern von dort entfernen. Grimmig stellten sie sich auf die Hinterpfoten und rissen die kleinen Mäuler auf. Ein Blick Postels aber ließ sie sofort zahm in die Kissen zurücksinken. Während dieser im Nebenzimmer den persischen Schlafrock mit einer kurzen Jacke vertauschte, flüsterte mir Grödling mit einer bezeichnenden Handbewegung an die Stirn zu, Postel sei ein schwerer Neurastheniker und bilde sich allerlei Krankheiten ein.

Wir umschritten den das Haus umgebenden parkartigen Garten und kamen zu den Wirtschaftsgebäuden. Da war z. B. die Schlächterei, vor der gerade der Meister, ein etwas unsauberer Wolf mit schon ergrautem wie von Motten zerfressenem Fell, damit beschäftigt war, mit jüngeren Gesellen Viertel von Rindern und Kälbern von den Haken zu nehmen. »Also manche Tiere werden auch gegessen?« fragte ich etwas verwundert. »Nicht von mir« sagte Postel, »ich lebe nur von pflanzlicher Nahrung, aber unter den Bürgern sind manche, die tierische Kost brauchen. Übrigens sind wir hier gar nicht sentimental. Wir schlachten, stechen und jagen, wie überall; nur einzelne Tiere sind lebenslänglich enthoben, so z. B. unser verehrter Ökonomierat.« Wir waren inzwischen vor dessen Häuschen angekommen. Er saß im Erdgeschoß am Fenster, den derben Ochsenkopf breit herausgelehnt, in eine alte Zeitung aus seiner Jugend vertieft. Als er sich nennen hörte, erhob er seine gutmütigen Augen und lachte laut. Er nahm die lange Pfeife aus dem Maul und rief: »Ja, aber was is denn jetzt dees, der Herr von Postel und der Herr von Grödling!« Auch ich wurde freundlich willkommen geheißen, dann traten wir ein. Die niedrige Stube mit ihren gehäkelten Sofa- und Sesselschonern und gestickten Deckchen verrieten den peinlichen Ordnungssinn eines wohlsituierten Ehepaares in mittlerer gesellschaftlicher Stellung. Von den Wänden begrüßten gestickte Sprüche den Beschauer, wie z. B.

»Ein Haus und Herd
sind Goldes wert.«

Grödling fragte gleich nach dem Befinden der Frau Rat. »Halt den Umständen entsprechend … Sie wissen ja, wie die Weiber in solchen Fällen sind« antwortete der hocherfreute Gatte, sichtlich geschmeichelt, »heut' früh wollt' sie mit ihrem Salat durchaus an Laubfrosch verschlucken.« »Nur alles gestatten Herr Rat«, sagte Grödling, »nur alles gestatten, dann gibt's a feistes Kaibi.« Wir traten ins Nebenzimmer. Die Frau Rat saß breit und buntscheckig auf dem schwarzen Ledersofa, neben ihr die Müllersfrau, Frau Hinterhuber, deren Wange inzwischen schon beträchtlich abgeschwollen war. Sie selbst war zwölfmal niedergekommen in ihrem Leben und erzählte eben ihrer bang lauschenden Gevatterin der Reihe nach jeden einzelnen Fall in aller Breite. Sie war gerade bei dem neunten Mal angekommen, als die Herren eintraten. Dieses sachliche Gespräch ging nun sofort in eine mehr sanft über die Dinge gleitende Plauderei über. Der Ökonomierat erzählte manches wissenswerte aus vergangener Zeit, was er gerade in seiner alten Zeitung gelesen hatte, so z. B., daß der Kaiser Maximilian von Mexiko erschossen worden sei, was ihrerseits Frau Hinterhuber für unmöglich hielt. Aber der Ökonomierat bewies es schwarz auf weiß. Er wollte uns gar nicht mehr fortlassen. Wir mußten noch, jeder mit einer Lupe versehen, seine Marken- und Käfersammlung anschauen, die ihm ein junger Hase in seinen Freistunden für ein weniges in Ordnung hielt. »Jeder, der eßbar ist, sucht sich halt nützlich zu machen, um enthoben zu werden« erklärte mir Grödling kichernd ins Ohr. Dann veranlaßte er noch die Frau Rat, ihm ihre breite Zunge zu zeigen, was sie aus Geschämigkeit durchaus nicht tun wollte. Ich ging taktvoll ins Nebenzimmer; dann beklopfte er ihr, wie ich durch die Tür wahrnahm, die Euter und äußerte seine hohe Befriedigung. Dem Ökonomierat versicherte er, daß die bereits verständigte Hebamme, das Pelikanweibchen Creszenz durchaus zuverlässig sei. Als wir uns wieder draußen befanden, erklärte Grödling offen, er habe nun Hunger, aber Postel meinte, der Anstand erfordere, vor dem Essen noch mit dem Gast einen wenn auch kurzen Besuch bei Sr. Majestät zu machen. »Aber da bitte mich zu entschuldigen« wandte Grödling sehr entschieden ein, »mir ist der höfische Hokuspokus verhaßt – is ja zum lachen.« »Immer der alte Achtundvierziger« spottete Postel und befreite seinen Freund von dem Besuch bei dem Löwen, dem Postel das Schloß als Palast angewiesen hatte.

Bereits zeigten sich hinter riesigen Adlerfarren die grauen Mauern. Hier war die wärmste Stelle des ganzen Parks auf sumpfigem Boden, der eine fast tropisch anmutende Üppigkeit des Pflanzenwuchses begünstigte. Die Blätter des Huflattichs hatten den Umfang von Palmwedeln, die gemeinen gelben und blauen Sumpfblumen erreichten eine geradezu phantastische Größe. Die Schierlingstauden glänzten feist und wurden mehr als mannshoch. Das von außen anspruchslose Schloß war innen königlich ausgestattet. Auf dem glänzenden Marmorboden des Vorraumes huschten vielleicht ein Dutzend Meerkatzen in grünen goldbesetzten Jäckchen umher, die Lakaien Seiner Majestät. Ein langer Riesenpinguin, der Kammerherr du jour, dem ein silberner Schlüssel über dem hellgrauen Hinterteil hing, watschelte schwerfällig heran mit hochmütig gehobenem Kopf. Er trug ein gebauschtes, weißes Spitzenjabot und eine chromgelbe Halsbinde. Dieses würdige Wesen geleitete uns über die breite Mitteltreppe; dann durchschritten wir eine Flucht von kleinen Gemächern mit Malachit, Lapislazuli und Jaspis an den Wänden; in einem nahm die Mitte eine dunkelgraue Sèvrevase ein, ein Geschenk des Zaren; in dem anderen hingen kostbare Damaszener Waffen, königliche Gaben Abdul Hamids; in dem dritten stand ein reizendes Schildplattschränkchen, das die Mitglieder des Amsterdamer Zoologischen Gartens Seiner Majestät bei ihrem Scheiden aus den dortigen Käfigen in loyaler Gesinnung überreicht hatten. Ein heißer, beizender Geruch machte sich immer heftiger bemerkbar. In dem Vorsaal standen unbeweglich etwa 30 Flamingos, jeder vor einer kostbaren Waschschüssel, viele nur auf einem Bein. Sie bildeten den Hofstaat. Ein breiter Gobelin – ein Zusammentreffen des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. mit der Jagdgöttin Diana im Wald von Fontainebleau darstellend – wurde vor der letzten Tür zurückgeschoben und wir standen in stummer Ehrfurcht vor Sr. Majestät Nebukadnezar I. Er saß in Purpur und Hermelin auf einem Goldsessel und begrüßte uns mit großer Huld. Zu seinem Füßen lag seine Mätresse, die Königstigerin Asta, ein Prachtexemplar ihrer Art. Sie schaute mich äußerst ungnädig an, während Se. Majestät mit Postel in einer mir völlig unbekannten Sprache verhandelte. Plötzlich zog sie unter ihrem schneeweißen Brustfell ein Lorgnon hervor und musterte mich damit in impertinenter Art. Gleichsam zur Entschuldigung dafür richtete nun Nebukadnezar mit tiefdröhnender Baßstimme selbst einige sinnige Worte an mich in deutscher Sprache: Mit Vergnügen, sagte er, habe er vernommen, daß die Elektrizität langsam die Welt erobert. »O Majestät«, erwiderte ich, von so viel Gnade ganz verwirrt, »es ist nicht mein Verdienst«. »Macht nichts, macht gar nichts« begütigte Se. Majestät. »Tu parles français au moins?« fragte mich Asta plötzlich, denn sie stammte aus Indo-China. Ich geriet derart in Verlegenheit, daß ich alles was ich von fremden Sprachen weiß, zusammendrängte in die Worte: »O yes, Signorina.« Sie wendete sich weg und sagte zu Postel: »Il est bien ridicule, votre ami«. Aber die Strafe für dies Benehmen folgte auf dem Fuß. Laut schlug eine Standuhr sieben. Der Kammerherr verbeugte sich vor Asta, die ihm einen zornsprühenden Blick zuwarf. Mir schien sogar, als ob Se. Majestät ihr von rückwärts einen leichten Tritt gab. Wohl oder übel, Asta mußte sich erheben; nun erst konnte ich ihre ganze herrliche Gestalt recht würdigen. Mißmutig begab sie sich, von dem Kammerherrn gefolgt, hinaus, wobei sie zwei Meerkatzen anzischte, die ihr über den Weg liefen. Später erklärte mir Postel, das Hofzeremoniell bestimme die späten Nachmittagsstunden von 5-7 Uhr für den Besuch der Königlichen Mätresse; der Abend gehöre dann einem rührend einfachen Familienleben. Es dauerte auch nur wenige Minuten, als Ihre Majestät die Königin Emeline eintrat, zwar von zwei Enten, als Hofdamen, begleitet, aber sich doch ganz bürgerlich ihrem Gatten nähernd, der ihr freundlich das Nasenbein beleckte. Zu mir sprach sie sofort mit jener alle Verlegenheit wegzaubernden Einfachheit, wie sie nur der wirklichen Vornehmheit eigen ist. Sie lobte den mütterlichen Sinn der deutschen Frau und verwarf den Sorlethapparat. Unter lautem Geschrei kugelten plötzlich sechs junge Löwenkinder herein, denen ein strenger Biber, ihr Hofmeister, kaum zu folgen vermochte. Sie stürzten sich auf den Papa und spielten dann auf dem Purpur zu seinen Füßen. Wo kurz vorher noch das schöne Mistvieh Asta gelegen hatte, entfaltete sich nun harmloses Familienleben. Dann kam Besuch: Der Viscount Reginald of Horseradish, ein englischer Vollbluthengst und Lady Arabella seine Frau, eine schneeweiße arabische Stute, aber in England erzogen. Der Viscount hatte aus seiner Sammlung einige Wappen mitgebracht, die er Sr. Majestät vorlegte. Nebukadnezar I. verabschiedete uns gnädigst. Der Kammerherr watschelte mit uns hinaus.

Postel meinte, daß wir durch diesen Abschied nichts versäumt hätten. Bis zur Tafel sprächen sie jetzt nur über Wappen. Nachher setzten sich die Majestäten mit dem englischen Ehepaar zum Whist. An manchen Abenden wurden auch von Tieren Wappen gestellt, wie lebende Bilder. So ginge es fast täglich, im Winter sei hie und da Cercle, alles ziemlich langweilig. Der Viscount und seine Gattin waren alte Freunde Postels aus Indien, wo sie zusammen Löwen und Tiger gejagt hatten. Auf niemand, sagte er, setze er mehr Vertrauen als auf diese, heute zwar nicht mehr sehr anregenden, aber treuen, alten Freunde. (O, wenn er damals schon geahnt hätte, wie er sich in ihnen täuschte.) Nebukadnezar selbst sei ein wahres Gemütstier, das ganz in seinem häuslichen Leben aufginge. Die eigentliche Regierung führe er, Postel, als einziger Minister, unterstützt von dem unersetzlichen Rendanten Reinhardt. Im Grund sei dieser kleine Hof nur eine Dekoration, die er sich von Hagenbeck habe kommen lassen; die Geschäfte gingen auch ganz gut ohne Se. Majestät. Er aber sei ein Freund der alten Überlieferungen und sozusagen konservativ, wenn auch innerlich ein völlig freier Geist. »So bin ich auch, genau so!« erwiderte ich aus aufrichtiger Überzeugung. »Aber diese Asta« fuhr ich fort, »ist eine unangenehme Person. Selten war mir ein Weib so widerwärtig.« »Du weißt gar nicht, wie recht du hast« seufzte Postel, »sie ist hier das zersetzende Element, aber ich bin selbst daran schuld. Anfangs wollte der Alte nichts von einer Mätresse wissen. Ich mußte ihn lange überreden, und auch mit der guten Emeline hat es einen langen Strauß gekostet. Als ich dann aber Asta von Hagenbeck kommen ließ, da geriet Se. Majestät in einen solchen Taumel von Verliebtheit, daß ich sie ihm nun nicht wieder abnehmen kann. Sie arbeitet dauernd gegen mich. So hat sie heimlich einen Sack voll Giftschlangen mitgebracht, die hier streng verboten sind, da sie doch zu nichts gut sind, als gemeinen Tratsch unter dem Gesinde anzustiften. Nebukadnezar und ich haben sie vergeblich beschworen die Schlangen herauszugeben, aber sie erklärt, ihre Gespielinnen nicht preisgeben zu wollen. Hier siehst du, daß auch mein Glück einen dunklen Punkt hat, von dem aus Verderben droht.« Mir schauerte vor diesen Worten böser Vorbedeutung.

Ich erfuhr ferner, daß Asta sich in einem dem indischen Palast von Agra nachgebildeten Tempel mit einem kleinen Hof von Pfauen, Paradiesvögeln, Reihern umgeben habe, dagegen den biederen Storch aus dem Tierstaat zu vertreiben strebe, um ihren köstlichen Leib vor den Schädigungen durch Nachkommenschaft zu schützen. »Du siehst, sie plant unseren Untergang«, führte Postel aus. »Ein Gemeinwesen kann sich nicht lediglich durch Einwanderung erhalten.« »Also auch hier dieses leidige Bevölkerungsproblem!« sagte ich voll Teilnahme. Astas Kammerfrau war eine Truthenne, die sie mit einem Kapaun verheiratet hatte. Dieser seichte, ungemein schwätzige Vogel hatte die Gabe, alles zu erfahren was vorging. Die Meerkatzen im Königlichen Palast zitterten vor ihm. Er nannte sich Chevalier de La Patte Engraissée, soll aber der Sohn eines Schneiders gewesen sein.

Als wir zu dem Bungalow zurückkamen, nahte die Essenszeit. Es dunkelte bereits. Im Zwielicht flogen geschäftige Fledermäuse hin und her, die kleine Lichtchen trugen, mit denen sie die Straßenlaternen anzündeten. Ich wünschte noch einen Augenblick auf mein Zimmer zu gehen. Postel führte mich selbst hinauf. Wir kamen an der Küche vorbei, wo ich einen mächtigen Eber mit weißer Mütze als Chef beim Herd stehen sah, vermittels des breiten Rüssels aufmerksam die Dämpfe aus den Schüsseln einschnuppernd. Ratten und Mäuse brachten ihm aus den anstoßenden Speisekammern, was er brauchte. »Ist das nicht unwirtschaftlich?« fragte ich. »O« erwiderte Postel, »sie halten sich natürlich schadlos, aber ihr Hunger hat auch seine Grenzen, und dafür entfernen sie mir fremdes Raubzeug«. Übrigens hatte vor jeder der drei Kammertüren ein mürrischer Hamster die Wache. Diese energischen Tierchen standen gebläht da und schienen die Vorräte ihres Herrn zu verteidigen und nur, soweit notwendig herauszugeben.

Über dem ganzen Haushalt aber stand die ehrwürdige Frau Hirsekorn, ein altes Känguruh mit ungeheurer Bauchtasche, in der sie immer allerlei Gegenstände trug, bald auszubessernde Wäsche, bald Früchte zum Einmachen, oder zu putzendes Silberzeug. Zum Abzeichen ihrer Würde hatte sie immer einen silbernen Löffel im Gürtel. Postel sagte, sie sei früher seine Wirtin gewesen, er habe über zehn Jahre bei ihr gewohnt. Wo das wohl gewesen sein mochte?

Vor meinem Zimmer überließ mich Postel dem Stubenmädchen Wetti. »Küß die Hand, gnä' Herr«, grüßte sie wieder freundlich; sie war schon für den Abenddienst umgezogen, d.h. sie hatte ihr hellblaues Schleifchen am Ohr mit einem hellgrünen vertauscht. Während ich meinen Rucksack auspackte, fragte mich Wetti (die auch Waverl genannt wurde, und mit dem Taufnamen Barbara hieß), ob ich für diese Nacht noch eine Decke wünsche, ob sie die Fenster offen lassen solle usw. Dann zeigte sie mir das an das Zimmer angrenzende Bad, das jederzeit bereit sei; schließlich blieb sie noch einen Augenblick stehen und schaute mir zu, wie ich meine Toilettesachen auf dem Waschtisch ordnete. Zuletzt senkte sie ihr sanftes Rehköpfchen und fragte mit Unschuldsmiene: »Wünscht der gnä' Herr vielleicht noch etwas?« »Nein danke, liebes Waverl« antwortete ich, aber während sie kichernd hinausging, klopfte ich ihr freundlich auf den weißen Flecken ihres runden Hinterteils. »Wer weiß?« dachte ich nachher, »hier hätte ich vielleicht Aussichten«; aber ich gehöre zu den Männern, die aus Verlegenheit im Augenblick nie ihre Aussichten auszunützen wissen.

Als ich das Eßzimmer betrat, saß man schon um den runden Tisch. Postel hatte einen dunkeln Samtflaus an, der zugleich behaglich und etwas feierlich wirkte. Neben ihm saß Grödling mit hochrotem Kopf und wie immer in verschabtem offenem Janker. Noch nie war mir Posteis Vergleich dieses hageren eisgrauen Mannes mit einem Kranich treffender vorgekommen, als in diesem Kreis. Der Rendant Reinhardt hatte die grüne Mütze abgelegt und trug einen schwarzen im Schnitt etwas spießbürgerlichen Schwalbenschwanz. Ich wurde noch mit einem alten bunten Kakadu bekannt gemacht, dem Dr. Karfunkel, einem Literaten aus der Schule Saphirs, der während der ganzen Mahlzeit schwatzte und allein dazu lachte, sowie mit einem jungen manierlichen Tapir, den Postel als seinen Neffen vorstellte, was mich einigermaßen in Erstaunen setzte. Das Essen war sehr schmackhaft und eigenartig nach Rezepten aus allen Ländern zusammengesetzt. Zu einer indischen scharfen Reisspeise z.B. gab es einen türkischen Kebab (am Spieß gebratene Hammelstückchen); dazu knusperiges norwegisches Brot und alten Bordeaux, zum Nachtisch aber einen ausgezogenen Strudel, ein Meisterstück der erst kürzlich dem Chef zur Hilfe beigegebenen Köchin Selma, eines jungen böhmischen Landschweins, aber aus rein deutschem Sprachgebiet. Mich ärgerte es etwas, daß Dr. Karfunkel mit seinen platten Späßen niemand zu Worte kommen ließ, und so ermutigte ich die etwas ungeschickten Versuche des jungen Tapirs auch etwas zu sagen. Auf meine Frage, er sei wohl Student, erzählte er erfreut, er studiere die Rechte und wolle sich der diplomatischen Laufbahn widmen. Das schien mir ein bißchen hochgegriffen, und ich fragte verwundert, ob denn da die Aussichten günstig seien, aber Postel erzählte nun, sie hätten deshalb beim Auswärtigen Amt angefragt. Von dort sei erst ein kurzer Lebenslauf verlangt und dann die Nachricht gegeben worden, die Aussichten seien durchaus leidlich, wenn auch nicht glänzend. »Und das genügt mir« rief der Tapir mit naivem Lachen, »wenn ich nur dabei bin; bringe ich es auch nicht weit, so bin ich doch immer in guter Gesellschaft«. Der Kakadu sperrte seinen schwarzen Schnabel auf und lachte sich halbtot. Der junge Tapir hingegen gab durch einen Kniff um seine Lippen zu verstehen, daß er dies für schlechten Ton hielt. Dann aber fügte er voll Genugtuung hinzu, sein Freund, das Flußpferd, sowie sein Vetter, das Nashorn hätten es, angestachelt durch seine Tante Rhinozerante, ihm gleichtun wollen und auch beim auswärtigen Amt angefragt, aber die Nachricht erhalten, es gäbe denn doch gewisse Grenzen der Zulassung, die bei aller grundsätzlichen Weitherzigkeit eingehalten werden müßten. Das hielt der verständige Tapir auch für durchaus berechtigt. Beim Obst erklärte Dr. Karfunkel, man würde den Tapir nie in die große Gesellschaft aufnehmen, da er ja Hörner habe. Das brachte den armen Jungen in keine kleine Verlegenheit. »Wie so denn Hörner?« fragte er errötend und nicht ganz sicher, »nie hat in unserer Familie jemand Hörner gehabt.« Der Kakadu erbot sich, das Gegenteil zu beweisen. »Also geben Sie dies zu: was Sie nicht verloren haben, das haben Sie noch?« »Natürlich gebe ich das zu«, erwiderte der Tapir treuherzig. »Gut; haben Sie schon einmal Hörner verloren?« »Niemals«. »Nun, also dann haben Sie noch Hörner – was zu beweisen war«, brüllte der Kakadu vor Vergnügen. Auch der Rendant und Postel lachten. Wetti, die auch bei Tisch bediente, mußte so schrecklich kichern, daß sie einen Teller mit Pralinés fallen ließ, die sich wie ein Hagel über den Kopf des werdenden Diplomaten ergossen. Der Tapir war ganz sprachlos, und ich merkte, daß ihm die Tränen nahe waren. Er kannte sich gar nicht mehr aus und senkte seinen Rüssel über den Teller. Einmal griff er sich wie zufällig an den Kopf, aber es war offenbar: er wollte sich vergewissern, ob er nun eigentlich Hörner habe oder nicht. Beim Aufstehen von der Tafel klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte: »Machen Sie sich keine Gedanken, Herr Studiosus, die Hauptsache ist, was das Auswärtige Amt sagt, und das hat zu Ihren Gunsten gesprochen.« Ein dankbarer Blick traf mich aus seinen verlorenen Augen. »Was gibt's denn heute Abend im Theater?« fragte Postel, während wir uns im Nebenzimmer Zigarren anzündeten und Schnäpse eingossen. »Heute ist Ballettabend, Exzellenz« erwiderte der Rendant. »Liebst du Ballett?« fragte mich Postel. »Und wie!« sagte ich. Man beschloß hinzugehen, und auch der junge Tapir wurde bei dieser angenehmen Aussicht wieder vergnügt.

Das Theater war ein reizender Säulenbau im Rokokostil und stand licht in dunklem Laub. Es war das alte Hoftheater einer kleinen deutschen Residenz und von Postel auf Abbruch angekauft worden. Man hatte das Material hierher geschafft und es wieder genau in der alten Weise aufgebaut. Im Innern waren alle Wände mit blassem Purpur und blinden Vergoldungen verziert. Alte in Ruhestand getretene Droschkenpferde in weißen Häubchen besorgten freundlich die Garderobe und schlossen die Logen auf. Wir kamen gegen Ende des ersten Aktes. Rehe, Gemsen, Antilopen, Gazellen, und anderes liebliche Getier spielten das Ballett: »Orpheus in der Unterwelt«, das ein junger Schwan gedichtet hatte. Er nannte sich Hyazinth, und galt für das Haupt einer verheißungsvollen Dichterschule. Seine Frau, Madame Hyazinth, war Prima Ballerina und spielte den Orpheus mit unsagbarer Grazie. Der Erfolg war daher sehr stürmisch, als der Vorhang fiel. Die Zuhörer bestanden aus Tieren aller Art. Im Parkett saßen vorwiegend die großen Säugetiere, in den vordersten Reihen alte Hengste mit großen Operngläsern und vielen Orden. Die Logen waren teilweise verglast und mit Wasser gefüllt, um den Fischen, Seesternen und Seeigeln einen angenehmen Aufenthalt zu bieten. Auch die Seegurken waren erschienen, wohl aus Trotz, weil man gerade ihnen wenig Verständnis für Ballett zuschrieb. Auf den Brüstungen und Kandelabern hatten sich Scharen großer und kleiner Vögel, Eidechsen, Ghekkos, Chamäleons und Schmetterlinge niedergelassen. In der Königsloge erschien im Zwischenakt Asta mit einem helllila Umhang, begleitet von zwei Stelzengeiern mit langem abstehendem Haar am Hinterkopf, auch Sekretären genannt, die sie in ihren Diensten hatte. Der Rendant flüsterte mir ins Ohr, es seien zwei verkappte Jesuiten.

Im Zwischenakt führte mich Dr. Karfunkel hinter die Kulissen, wo er sehr vertraut war. All das liebliche Getier lief in nervöser Hast durcheinander, meckerte sich gegenseitig unfreundlich an und zeigte wenig Geschmack für die Witze des aufdringlichen alten Literaten an meiner Seite. Schließlich aber kam Herr Hyazinth, der erfolgreiche Dichter mit kühn geschwungenem weißen Hals und zeigte sich empfänglich für die weitschweifigen Lobsprüche des Kakadus. Plötzlich sprang neben uns unter Lärm eine Tür auf. Der Schauspielregisseur und Dramaturg Dr. jur. et phil. Maki, ein Halbaffe mit gelben Augen, kam wütend heraus und erklärte, das hielten seine Nerven nicht mehr aus. Ihm folgten zwei rothaarige Nasenaffen, die sich ineinander verbissen hatten. Sie besaßen höchst bewegliche, verlängerbare Nasen. Es war gerade im Nebenzimmer eine Besprechung gewesen; da hatte jeder der beiden den Misanthropen spielen wollen, in dem Molièreschen Stück, das alljährlich zu Postels Geburtstag neu einstudiert wurde mit leicht verändertem Schluß, so daß am Ende der Menschenfeind recht behält. »Sehen Sie«, rief Dr. Maki empört, »mit solchem kleinlichen Kram hat ein Künstler wie ich täglich zu tun«. Seine Frau, das Fingertier Aye-Aye, kam heraus und legte ihm ihre langen aristokratischen Hände auf die Stirn, was ihn sofort etwas beruhigte. Sie spielte erste Salonrollen. »Greifen Sie doch zu den äußersten Mitteln!« flüsterte Dr. Karfunkel mit blitzendem Auge dem nervösen Regisseur zu. »Das werde ich auch jetzt tun!« rief Dr. Maki entschlossen. Aye-Aye wollte wieder beruhigen. »Meine Herren«, schrie aber der Doktor die zwei Nasenaffen an, »bis jetzt bin ich versöhnlich gewesen, aber auch mir stehen die äußersten Mittel …« Bei diesem Wort fuhren die zwei Schauspieler auseinander und blickten den Regisseur ängstlich an. »Sie werden doch nicht …« erwiderte einer. »Ich werde … diesmal werde ich …« drohte der Regisseur und schob die beiden wieder ganz friedlich Gewordenen in das Nebenzimmer. Aye-Aye begann sanft zu vermitteln. Der Kakadu lachte aus vollem Hals. Durch die offene Tür sah ich in dem Nebenraum ein Heer von Pavianen, Kapuziner- und Satansaffen, Schimpansen, Seidenäffchen, Orang-Utangs, Mandrils, Makaken und Brüllaffen in höchster Erregung. Sie beruhigten sich aber sofort, als Dr. Maki wieder das Wort: »die äußersten Mittel« aussprach. »Was ist denn das: die äußersten Mittel?« fragte ich erstaunt. Der alte Literat erklärte: »Es ist ein alter Theaterbrauch, von dem man als zu entwürdigend abkommen möchte, aber im Notfall muß man diesem Volk von Kindern immer wieder damit drohen, und Sie sehen ja, wie das gewirkt hat.« Wieder lachte der Kakadu, als müsse er bersten. »Aber um Gottes willen, worin besteht denn dieser Brauch?« fragte ich brennend, vor Neugier. »Nun: in der Verurteilung zum Stinktier. Wer sich schwer vergeht, dem wird, je nach dem Fall, auf einen bis drei Tage Skunks, das Stinktier, als Aufwärterin ins Haus geschickt; länger als drei Tage hat es noch niemand ausgehalten, dann tritt Starrkrampf ein«. »Das ist allerdings grausam«, sagte ich. »Aber lustig«, lachte der Kakadu. »Als Gegenstück schickte man in früheren Jahren zur Belohnung für hervorragende Zuverlässigkeit die Moschusratte als Zofe, aber unsere Damen schätzen ihren Geruch nicht mehr, er sei ihnen zu aufdringlich.«

Inzwischen läutete es zum zweiten Aufzug. Dr. Karfunkel riet, ihn nicht zu versäumen wegen der Einlage. In der Tat war diese sehr lohnend. In der Unterwelt vor dem Thron des Königs Hades, den ein gespenstischer Aasgeier mit grausig nacktem Schädel und langem Schnabel erschütternd spielte, wurden groteske stygische Tänze aufgeführt. Das Hauptstück war der Solotanz der Madame Emgallo, eines gedrungenen afrikanischen Warzenschweines, das trotz seinen ungefügen Formen gar munter einhersprang. Seine vier gelben Hauer und die runden Fleischlappen unter den Augen waren im Begriff die unglückliche Eurydike, eine blonde Gazelle, mehr als gut ist, zu fesseln, als noch rechtzeitig ihr Gatte Orpheus, gespielt von Mme. Hyazinth, aus den Lüften herabrauscht und sein lichtes Gefieder vor ihr wie ein Daunenlager ausbreitet. Voll Leidenschaft vergräbt sie sich in seinen weißen Rücken, und selbst Hades der Aasgeier zeigt sich gerührt. Diese sinnreiche Annäherung der alten Sage an zeitgemäßes Fühlen wurde sehr beklatscht. Der Dichter Hyazinth durfte sich mit seiner Gattin dreimal verbeugen. In der Loge neben uns rühmte ein älteres Zebraweibchen dem Gatten das gewiß sehr poetische Familienleben eines solchen Künstlerpaares.

Nach der Vorstellung gingen Postel und Grödling schlafen. Dr. Karfunkel führte mich und den Tapir, der offenbar nicht nachtragend war, noch weiter. Auf den Dachfirsten und in den Zweigen bemerkte ich häufig Uhus, die dem Nachtwächterberuf angehörten. Es gab Kaffeehäuser, wo ungeratene Füchse, entfernte Verwandte des Rendanten, als Kellner bedienten und bis spät in die Nacht vereinzelte Tiere auf Nachrichten aus der Heimat warteten, welche die Regierung entgegenkommend telephonisch bekannt gab. Es war ein ewiges Gewoge brauner, grauer, schwarzer, gelber, gefleckter und getupfter Rücken am Fernsprecher.

Übrigens war der Nachrichtendienst sehr unpünktlich. Postel selbst legte gar keinen Wert darauf. Manche Ereignisse erfuhr man erst nach vielen Monaten, wie man später in einem krassen Falle sehen wird. Besonders erregt zeigten sich an jenem Abend die Leoparden, Jaguare und Tiger, da in Indien Aufstände sein sollten. Der Zahlkellner Franzl, ein alter Fuchs, schien näheres zu wissen; aber gerade weil ein junger Leopard immer wieder so ungeduldig fragte, ob das Nachttelegramm noch nicht da sei, wollte er nichts rechtes sagen, schürte vielmehr durch halbe Andeutungen noch die Ungeduld. Dann gingen wir in eine nahe »american-bar«, die ein gut konserviertes altes Lama hielt. Hier verkehrten hauptsächlich die Schauspieler. Sie saßen auf hohen Stühlen und tranken aus Strohhalmen vom Lama mit würdevoller Miene gemischte Getränke. Der Tapir zeigte große Sachkenntnis in den verschiedenen Flips und Cocktails. Wir ließen ihn bestellen.

»Noch etwas können Sie heute Nacht anschauen … wollen Sie?« fragte Dr. Karfunkel zwinkernd. »Gottvoll!« jauchzte der Tapir. »Warum nicht?« sagte ich, und so gingen wir nach einem versteckt gelegenen Tempel, einer Art Gartenhaus mit herabgelassenen grünen Läden, das im tiefsten Schlaf abseits von der Straße erstarrt zu sein schien. Kam man aber näher, dann sah man rote Gluten durch die Laden- und Türritzen leuchten. Ich ahnte noch nicht, welchen Schicksalsweg ich in jenen Augenblicken ging.

2. Kapitel

Ich werde Bürger des Tierstaates

»Dieser Tempel heißt: Maison Pompadour, auch kurz die Maison« erklärte Dr. Karfunkel. »Die Besitzerin, die berühmte Rosa ist eine alte Jugendfreundin von mir, früher ein patentes Weiberl sag' ich Ihnen – na heute – – Schau'n Sie mich an … Sic transit gloria mundi …« Die Pforte öffnete sich von selbst. Eine höchst solid wirkende ältere Fasanenhenne begrüßte uns schlicht und wies uns zur Tür des anstoßenden Salons. Dort wimmelte es zwischen hohen mit Blumen bemalten Spiegeln von Katzen aller Art, sowie Häsinnen, besonders aber Lämmern. Man sah die Heidschnucke aus der Lüneburger Heide, das ungarische Zackelschaf, das Stummelschwanz- sowie das Fettschwanzschaf, das Bergamasker, das Rhön- und das Frankenschaf, besonders selbstgefällig spreizte sich das Merino, auch sächsisches Elektoralschaf genannt; auf Liebhaber des Besonderen wartete das dunkle Negritto sowie das französische Rambouillet. Der junge Tapir war in seinem Element. Er schien hier sehr bekannt und beliebt zu sein. Sofort saßen ihm zwei Meerschweinchen mit bittenden Augen, ein Schwesternpaar, auf dem Schoß; Blanche, die Angorakatze sprang auf seinen Nacken und rieb das Fell an seine Wangen. Mit dem munteren Rambouillet sprach er französisch, eine gute Übung für seine künftige diplomatische Laufbahn. Bald bestellte er Champagner. Vorsichtig näherte sich ein feister Wombat, der bisher in einer Ecke mit einem Murmeltier gespielt hatte. Es war – wie Dr. Karfunkel mir erklärte – ein früherer Mädchenschullehrer, der aber wegen zu großer Liebenswürdigkeit gegen seine Zöglinge den Dienst hatte verlassen müssen. Nun verbrachte er seine Nächte hier, wo er sich als Faktotum nützlich zu machen wußte und manchen Brosamen vom Tisch der Genießenden aufschnappte; so auch jetzt ein Glas Champagner, das der Tapir freigebig kredenzte. Wummi – so wurde der ehemalige Lehrer von seinen Freundinnen genannt – hatte trotz seiner untersetzten Gestalt große Körperkräfte und war darum von nicht geringem Nutzen für ein Haus, das dem besseren Publikum vorbehalten bleiben sollte, aber in den späten Nachtstunden doch auch recht zweifelhaftes Gesindel anzog. Erst vorige Woche hatte ihm ein junger Büffel (ein Drescher im Dienst des Ökonomierats) fast ein Auge ausgeschlagen, und darum trug Wummi ein schwarzes Seidenläppchen über der Wunde, was ihm sehr drollig stand. Überhaupt schien er das Bild gutmütigen Humors. Auch war er ein höchst dankbares Publikum für Dr. Karfunkels dauerndes Gewitzel und für die Großtuerei des jungen Tapirs.

Dr. Karfunkel führte mich hinüber in den kleinen mit bunten Papierfächern und Öldrucknacktheiten geschmückten Privatsalon seiner Freundin Rosa, der Besitzerin. Sie gehörte der weitberühmten Gattung des gemeinen bayerischen Landschweins an und war allerdings heute nicht mehr schön. Sie lag breit, mehr bräunlich als rosig, auf einem Ruhebett, ihre 10 Zitzen unbefangen den Blicken darbietend, rauchte eine dicke Zigarre und hatte einen Maßkrug vor sich stehen. Über ihr hing das Bild eines Engelchens, das ein Spruchband hielt mit den Worten:

»Wo ich bin, und was ich tu,
Sieht mir Gott mein Vater zu.«

Vor ihr stand Moische Schönheit, ein Lämmergeier mit dicker dunkler Kopf- und Halsbefiederung und hakenförmigem Schnabel; er las von einem schmutzigen Telegrammformular ab, daß noch mehrere Kartoffelsäcke an der galizischen Grenze ruhten, während von Hamburg feine Bananen zu erwarten seien. »Passen Sie auf,« flüsterte mir der bewanderte Dr. Karfunkel ins Ohr, »das ist Fräulein Rosas rühriger Agent. Kartoffelsäcke und Bananen sind geheime Kennworte der Mädchenhändler für gröbere oder feinere Ware.« Höchst aufmerksam hörte der Schakal Poldi dem Lämmergeier zu und flüsterte dann heftig mit Rosa. Diese erklärte sich mit allem einverstanden. Poldi war ein brauner borstiger Bursch und zweifellos der Herd des sehr üblen Geruchs, der den kleinen Salon erfüllte. Wie mir der Doktor erklärte, war er Fräulein Rosas derzeitiger Liebhaber; er besaß eine rätselhafte Macht über sie und erpreßte von ihr die reichlichen Beträge, die sie einnahm. Oft hatte sie Dr. Karfunkel, dem alten uneigennützigen Freund, ihr Leid geklagt, und er riet ihr immer, sich doch von dem Poldi zu befreien. Mehrmals hatte sie sich das auch fest vorgenommen, aber dann hieß es immer wieder: »I woaß nöt, wos dees is', der Poldl hot mi rein verhext – i kann ihm nöt bees sein – i woaß, daß er a grundschlecht's Viech is, a grundschlecht's, aber wann er mi so herrisch a'schaut, dann muß i doan, was er verlangt. Und dann, woaßt, kann er auch wieder sehr lieb sein, der Poldi.« »Interessant, nicht wahr,« schloß Dr. Karfunkel, der Psycholog, »der letzte Funke Idealismus im Herzen einer alten Sau.«

Moische Schönheit und der Poldi entfernten sich nach Erledigung ihrer Geschäfte, und nun war Fräulein Rosa ganz Liebenswürdigkeit gegen uns. Den Dr. Karfunkel schien sie wirklich sehr zu schätzen. Über seine Witze, die hier einen erheblichen Grad derber waren, als vorher, konnte sie sich vor Lachen wälzen. Plötzlich hörte man im oberen Stock einen großen Lärm, Schreien, Stampfen, Umfallen von Gegenständen. »Ja, was waar' dann jetzt dees?« rief Rosa auf einmal wieder in geschäftlichem Ernst. Sie schlug mit ihrer dicken Klaue auf eine Klingel. Die Pförtnerin – die schlichte Fasanenhenne, die uns geöffnet hatte – trat herein und berichtete ruhig und sachlich, die Neue, die Frieda wolle nicht tun, was der junge Herr Siegfried von ihr verlange. »Wüll net dhoan …?« rief Rosa aufgebracht, »waar' net ibel … Herkommen soll's, die Frieda …«

Wieder gab mir Dr. Karfunkel die gewünschten Aufklärungen. Herr Siegfried war ein bekannter Lebemann, ein Alligator und Sohn des derzeitigen Hauptteilhabers des Warenhauses Gebrüder Kaiman Co. Die Begründer, zwei Nilkrokodile, gehörten zu den ältesten Mitgliedern des Postelschen Reiches und hatten durch ihre alte orientalische Herkunft Ansprüche auf den Verkehr in den ersten Kreisen. Da waren sie plötzlich, veranlaßt durch ihre amerikanischen Verwandten Kaiman auf den Postel von Anfang an widerwärtigen Gedanken gekommen, ein Warenhaus zu gründen, in das sie durch ihr listiges Lächeln und ihre biederen Augen alle kauflustigen Weibchen zu locken wußten, so daß kaum ein anderes Geschäft neben ihrem bestehen konnte. Die Kaimans merkten wohl, daß trotz ihren ungeheuren Umsätzen ihr Ansehen, besonders bei Hofe nicht zu vergleichen war mit der einstigen Stellung ihrer älteren Verwandten vom Nil. Um dem abzuhelfen, setzten sie sich mit den Kammerherren, den Riesenpinguinen, ins Einvernehmen, bezahlten deren Schulden und ließen durch sie Se. Majestät wissen, daß sie das Geld für eine Akademie der Wissenschaften herzugeben gewillt seien, falls sie den Kommerzienrattitel erhielten. Der den Wissenschaften sehr geneigte König Nebukadnezar konnte diesem Anerbieten nicht widerstehen. Die Gebrüder Kaiman wurden Kommerzienräte. Zur Feier dieses Ereignisses gaben sie ein großes Fest, bei dem tatsächlich die beste Gesellschaft erschien, darunter natürlich die Kammerherren, ja selbst der Viscount Reginald Horseradish, wenn auch ohne Lady Arabella, sowie der Oberrichter, ein Edelfalke, der sogar seine Frau mitbrachte. Selbstverständlich war auch Dr. Karfunkel dabei. Postel hatte sich wegen Kopfschmerzen entschuldigt. Am nächsten Tag ordnete er durch Geheimerlaß an, daß künftig im dienstlichen Verkehr das Wort »Gauner« durch »Kommerzienrat« zu ersetzen sei. Auf den amtlichen Maueranschlägen, welche die Zeitung ersetzten, las man nun häufig: »Ein berüchtigter Kommerzienrat hat gestern abend in der Dämmerung auf der Landstraße einen vom Viehmarkt heimkehrenden Bauer ausgeraubt.« Oder: »Mehrere halbwüchsige Kommerzienräte haben unter ihrem Anführer, dem in Kommerzienratskreisen sogenannten schwarzen Ferdl, einen Einbruch in einer Villa versucht.« Die Gebrüder Kaiman schäumten vor Wut. Nun half ihnen ihr Titel nichts mehr. Der erste Abend, an dem sie die gute Gesellschaft bei sich gesehen hatten, war auch der letzte gewesen. Nur Dr. Karfunkel ging noch hin, aus psychologischem Interesse, wie er sagte, das aber wohl auch durch die vortreffliche Tafel des Hauses gestützt wurde; denn was Kaimans an gesellschaftlichem Ansehen fehlte, das suchten sie nun durch einen, den Hof selbst überstrahlenden Aufwand zu ersetzen. Um aber auf den jungen Herrn Siegfried zurückzukommen, so galt er für einen ausgemachten Nichtstuer, der das von dem Vater dem Volk abgelockte Geld wieder unter das Volk brachte. Er war ein alltäglicher oder vielmehr allnächtlicher Stammgast in der Maison Pompadour. Der junge Tapir haßte den Emporkömmling, da er es ihm an Freigebigkeit nicht gleich tun konnte. Dafür aber kehrte er stolz seine gesellschaftliche Überlegenheit gegen ihn hervor.

Während mir Dr. Karfunkel dies alles erzählte und Rosa vor Wut über jene unbotmäßige Frieda fast in Krämpfen lag, hörte man ein großes Geschimpf auf der Treppe. Die Tür sprang auf. Herr Siegfried stürzte herein mit weit aufgerissenem Rachen und Augen von abgrundtiefer Bosheit. Er schrie, was für Summen er schon hier im Haus gelassen habe und beklagte sich über Undank. Neben ihm war die Pförtnerin auf einen Sessel gehüpft, auch der Tapir näherte sich in einigem Abstand, überlegen lächelnd, und ein Gewimmel von Katzen, Häsinnen, Murmeltieren und besonders Lämmern stand umher. Wummi trug die beiden Meerschweinchenschwestern auf der Schulter, damit sie auch etwas sehen konnten. »Die Frieda soll kumma!« befahl Rosa. Ängstlich trat ein sehr herziges nettes Exemplar der braunen Hausziege hervor. O, wie mir bei ihrem Anblick das Herz zu klopfen begann! Alles schwieg erwartungvoll, nur der Tapir rief dazwischen: »Gottvoll, geradezu gottvoll!« »Was san denn dees für Geschichten?« fragte Rosa streng. »Nein, quälen laß' ich mich nicht, dazu bin ich nicht da,« erklärte Fräulein Frieda in reinem Deutsch sehr entschieden, wenn auch mit dünner zitternder Stimme. »Recht hat sie!« flüsterte Dr. Karfunkel. »Ach was,« rief Rosa, »dees g'heert zum Handwerk, dees wär's erste Mal, daß sich oane in der Mäso Bumbadur beklagt; an Spaß muß ma' hier vertrog'n kenna, sonst hättst ja nöt z'kumma braucha; die ersten Dog' hob' i' a Ricksicht g'numma un' a Mitleiden mit dir g'hobt, weil ma' ja sicht, daß du's Geschäft net g'wehnt bist, aber hiazt hoasts o'weitn. Hiazt gehst glei' mit dem Herrn Siegfried un' dhust olles, was er verlangt.« »Seien Sie doch nicht so blödsinnig,« schrie Herr Siegfried, »Sie sollen's ja nicht umsonst tun, hier ist ein Hunderter.« Unter den in der Tür stehenden Katzen, Häsinnen, besonders aber den Lämmern entstand ein erregtes Gemurmel. »Da waar' a jede froh,« sagte Rosa; der Chor schien dies zu bestätigen. Fräulein Frieda aber blieb fest bei ihrem Nein. »So – so, willst mir kumma …«, schrie nun Rosa, ganz blaß werdend und sprang auf. »Des G'schäft willst mir verder'm, d' Kundschaft abschrecka, dees gibt's fei' nöt … hiazt werden mir a mol sehn …« Rosa war im Begriff, sich tätlich auf Fräulein Frieda zu stürzen. Ich hatte bisher mit einer Erregung zugehört, die meinem stillen Dachsgemüt sonst fremd war. Wie schon gesagt, ich hatte beim weiblichen Geschlecht infolge meines Ungeschicks nie rechtes Glück gehabt, aber ich wußte doch manches von glücklichen Freunden, so z. B. auch, wie man ein schutzloses Mädchen in Fräulein Friedas Lage mit einem Wort allen Verfolgungen entziehen kann. In mir war plötzlich eine ganz ungewohnte Entschlossenheit gereift. Etwas handelte in mir, von dem ich nicht weiß, ob ich es selbst war. Ich sprang vor, stellte mich vor Fräulein Frieda hin und rief: »Niemand rührt meine Braut an!« Dies wirkte wie ein einschlagender Blitz. Allgemeines Schweigen. Herr Siegfried schaute mich erstarrt an, Rosa blickte unentschieden. Der Tapir fand zuerst die Stimme wieder und rief: »Gottvoll.« Nun riß auch Dr. Karfunkel den schwarzen Schnabel auf und lachte aus vollem Hals. »Dees is ja gor net wohr,« schrie nun Rosa, »Sie san ja gor net der Breitigam von der Frieda.« Ich aber schlang den Arm um das bebende Opfer und erklärte: »Ich war Friedas Bräutigam, ehe sie durch Unglücksfälle in dieses Haus geriet und bin es nun wieder.« Unter den Katzen, Häsinnen und besonders den Lämmern hatte die Stimmung plötzlich umgeschlagen. Ich fühlte deutlich, daß alles auf meiner und Friedas Seite stand, auch die Murmeltiere und Meerschweinchen blickten uns freundlich an. Wummi schien zu erwarten, daß es zur Feier des Ereignisses bald etwas zu trinken gäbe. Rosa fand schnell ihre Geistesgegenwart wieder. »Also, wenn's Eahna Braut is', dann nehmen 'S glei' mit. Ihr Koffer aber bleibt hier z'wegen die Schulden, wo's noch hat.« »Was denn für Schulden?« rief ich entrüstet. »Laß doch, Bubi« (dies war das erste Wort, das Frieda an mich richtete) »sie soll alles behalten, wenn ich nur von hier fortkomme.« »Gottvoll!« rief der Tapir. Mir aber wurde die Lage klar: ich hatte mich nun so zu sagen mit Fräulein Frieda verlobt. War auch zunächst mein Erstaunen über diese Tatsache groß, so empfand ich sie doch gar nicht als unangenehm. »Also gehen wir!« sagte ich aufs Geratewohl, ohne zu wissen wohin. »Ich will nur meinen Mantel …« flüsterte Fräulein Frieda. »Nix wird mitg'numma!« rief Rosa, aber Dr. Karfunkel legte sich ins Zeug. Die Fasanenhenne holte Fräulein Friedas Mantel. Indessen flüsterte diese mir zu, sie könne zu ihrer Schwester gehen.

Als wir allein draußen waren, fiel sie mir, ihren Tränen freien Lauf lassend, um den Hals und rief ein über das andere Mal aus: »Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr, wie soll ich Ihnen danken?« Außerhalb der »
Maison« kam sie zunächst gar nicht mehr auf den Gedanken mich »Bubi« anzureden. Ich war tief bewegt und wagte zu sagen, wie glücklich mich das alles mache. Wir blieben vor einem niedrigen Häuschen stehen. Frieda klopfte lange an die Tür, bis sich oben ein Fenster öffnete. Ihre Schwester Ingeborg, gleichfalls eine Hausziege und Studentin der Medizin mit einem Kneifer auf der Nase, erschien und fragte etwas ärgerlich, was es gäbe. Frieda rief: »Ich bin dort nicht mehr, bitt' dich, laß mich ein.« »Ich komme!« sagte Ingeborg unfreundlich. »Studentin der Medizin?« sann ich. O, wie verschiedenartig doch das Schicksal mit den Ziegen spielt! Nach einigen Augenblicken öffnete sich die Haustür, Frieda trat ein, nachdem ich ihr versprochen hatte, morgen um 10 Uhr zu kommen, um alles weitere mit ihr und ihrer Schwester zu überlegen.

Ich war voll Glück, trotz meinen 40 Jahren zum ersten Mal im vollen Rausch einer großen Liebe. Nicht ganz leicht fand ich den Weg zum Bungalow zurück. Da trat der Mond aus den Wolken, was ich für ein gutes Vorzeichen meiner weiteren Geschicke nahm. Zwischen den Bäumen erkannte ich das Bungalow. Als ich läutete, öffnete mir, mich mit funkelnden Augen anblitzend, der Nachtpförtner, ein schwarzer Panther. Gegen Morgen träumte ich voll Seligkeit, ich bewohnte abseits von allen Menschen mit meiner geliebten Frieda eine selbstgebaute Höhle in stillem, friedlichen Dachsenglück.

Am nächsten Morgen brachte mir Wetti das Frühstück. Se. Exzellenz ließ sich entschuldigen wegen einer Audienz beim König. Mir war es recht, niemand sehen zu müssen und gleich zur Geliebten eilen zu können. Fräulein Ingeborg öffnete mir die Tür selbst und führte mich in ihr Studierzimmer, an dessen Wänden die Bilder großer Frauen der Geschichte hingen: Semiramis, Katharina von Rußland, Mary Wollstonecraft und Lily Braun. Auf dem Schreibtisch stand eine Rose in einem chemischen Reagenzglas. Trotz einer ausgesprochenen Familienähnlichkeit waren die beiden Schwestern so verschieden wie möglich. Was an Frieda liebliche Grazie war, erschien hier als entmutigende Dürre; wirkte Frieda tänzerisch beweglich, so machte Ingeborg den Eindruck nervöser Fahrigkeit. Übrigens war sie bedeutend älter als meine Braut. Sie setzte sich in ihren Klubsessel vor dem Schreibtisch und bot mir einen Sitz gegenüber an.

»Sittliche Vorurteile sind mir fern,« begann sie das Gespräch streng sachlich. »Ich habe Frieda bei mir aufgenommen, obwohl … doch nichts mehr davon. Welches sind Ihre Absichten?«

Dies alles brachte mich in größte Verwirrung. Nicht um Absichten zu äußern, war ich hierher gekommen, sondern um von Frieda zu erfahren, was zu tun sei, damit unser Glück bald vollkommen werde. In meiner Verlegenheit fragte ich nach Frieda. »Sie wird schon kommen,« antwortete Ingeborg ausweichend, »ich möchte erst mit Ihnen allein sprechen, denn meine Schwester ist leider ein haltloses Geschöpf, das jedem Mann alles glaubt.« »O, da muß ich aber bitten …«, erwiderte ich, »haltlos? Sie hätten heute Nacht ihre Haltung bewundert.« »Nun gut, aber was haben Sie für Pläne?« »Pläne? Alles das ist so schnell gegangen …« »Besitzen Sie Mittel?« »Einige Mittel besitze ich,« erwiderte ich überrascht. »Nun gut. Wenn's Ihnen mit Frieda ernst ist, dann werden Sie wohl auch etwas für ihre Zukunft tun wollen?« »Natürlich.« »Das wollte ich hören. Also Frieda hat keine schlechte Schulbildung. Unser Vater war Rechnungsrat in Magdeburg. Wenn Sie ihr 1 bis 2 Jahre aushelfen wollen, dann könnte sie eine Handelsschule besuchen und dann wirtschaftlich selbständig werden.« »Eine Handelsschule?« fragte ich ganz verständnislos, »wozu denn das?« »Nun, das erste, was nun geschehen muß, wenn sie nicht in den alten Sumpf zurücksinken soll, ist doch, daß sie auf eigenen Füßen steht, sich ihr Schicksal selbst bestimmt. Will sie Sie dann, wenn sie gefestigt dasteht, in freier Selbstbestimmung heiraten, so ist das natürlich Friedas Sache.« Gegen Ingeborgs Worte war nichts zu sagen und dennoch … Hatte ich das alles getan, um Frieda in eine Handelsschule zu schicken? Und ich – ein Dachs, der die Zurückgezogenheit liebt – wo sollte ich denn so lange bleiben? Von einem idyllischen Glück hatte ich geträumt, nicht von Handelsschulen. Übrigens was hatte denn diese alte Ziege da hineinzureden? »Ich will Frieda sprechen,« rief ich und fühlte, daß die Entschlossenheit der letzten Nacht wiederkehrte. »O, ich habe schon mit ihr gesprochen, Frieda ist mit allem einverstanden. Wenn Sie ihr die Mittel geben, reist sie mit mir schon diese Woche nach München, wo ich studiere. Sie wird dann bei mir wohnen, denn einen Halt braucht sie vorderhand noch.« »Und ich?« fragte ich. »O, Sie sind uns natürlich stets willkommen.« »Ich will aber nicht in der Stadt leben.« »Wir zwingen Sie ja nicht.« Da saß ich in einer schönen Zwickmühle. Sollte Frieda wirklich ganz in der Gewalt der Schwester sein? »Ich kann gar nichts sagen, ehe ich mit Frieda gesprochen habe,« erklärte ich. »Sie können Frieda jetzt im Augenblick nicht sehen, sie ist zu angegriffen und liegt noch zu Bett.« In diesem Augenblick aber öffnete sich die Tür und herein kam – – meine geliebte Frieda selbst, in einem hellblauen Morgenrock, der sie vortrefflich zu ihrem braunen Fell kleidete. »Daggi, mein Daggi,« rief sie aus und lag in meinen Armen. »Ich habe schon Angst gehabt, du kämst nicht mehr, und nun bist du hier und ich wußte es nicht.« Wer sollte daraus klug werden, stand es doch in genauem Gegensatz zu alle dem, was vorher Ingeborg gesagt hatte? »Hör mal, Frieda,« begann ich, »ist es deine Absicht mit deinem Fräulein Schwester diese Woche nach München zu fahren und dort die Handelsschule zu besuchen?« »Wenn du es willst, Daggi, ich tue alles, was du willst, nur darfst du mich nicht zu lang allein lassen.« »Nein, ich will es ja gar nicht, aber ich denke, ihr beide wollt es?« »Frieda!« rief nun Ingeborg mit durchbohrendem Blick durch ihren Zwicker, »erinnere dich an alles, was ich dir heute nacht gesagt habe, und was du mir in den Huf versprochen hast!« »Ich erinnere mich ja …« sagte Frieda verwirrt, »also dann ist es vielleicht gut, wenn ich in die Handelsschule …« Nun begriff ich den Zusammenhang und sagte: »Weißt du was, Frieda, zieh dich an, wir machen zusammen einen Spaziergang.« »Das ist ein guter Gedanke,« rief Ingeborg, »machen wir uns fertig.« Das war nun wieder das Gegenteil dessen, was ich gewollt hatte, nämlich mit Frieda allein sein. Beide Schwestern gingen ins Nebenzimmer. Von dort hörte ich heftiges Streiten, und schließlich kam Frieda verweint heraus und rief: »Daggi, nimm mich mit, wohin du willst, wo wir Ruhe haben. Hier bleibe ich nicht.« Wieder schloß ich sie in die Arme. Sie hatte sich inzwischen angekleidet. Ingeborg rief empört: »Ich habe es mir ja gedacht, daß kein Ernst und keine sittliche Kraft in dir ist. Wieder einer mehr, das ist alles.« Nun brach aber Friedas offenbar lang aufgespeicherter Groll heraus: »Das sagst du mir? Du Bild der Unschuld? Hast du vielleicht keine Liebhaber gehabt, Du …« »Ha, ha, ha,« meckerte Ingeborg und setzte ihren Zwicker fest, »wer leugnet denn das? Ich habe mich aus innerer Freiheit denen gegeben, welchen ich wollte, aber du … so eine wie du …« »Bitte lassen Sie das!« rief ich dazwischen, »Frieda bereut alles, was sie getan hat, und darum ist sie jetzt rein. Sie hingegen rühmen sich Ihrer Abenteuer. Für das Gefühl eines Mannes ist das viel widerwärtiger.« »Sind Sie etwa ein Mann?« höhnte Ingeborg. »Nun ja, ich weiß es, ich bin nur ein Dachs, aber doch ein gesund empfindender Dachs, der das Herz am rechten Fleck hat.« »O Daggi!« rief Frieda gerührt, gerade daß du ein Dachs bist, das gefällt mir ja so gut. Du verstehst das Herz eines Mädchens viel besser, als so ein Drauflosgeher.«

Tiefbewegt führte ich sie hinunter. Wir gingen schweigend unter die nahen Bäume und setzten uns auf eine Bank. Ich hatte den größten Augenblick meines Lebens hinter mir und fühlte mich zum ersten Mal als Sieger. Frieda liebte mich und Ingeborg war geschlagen. Was sollte aber nun geschehen? Als ich Frieda erzählte, daß ich ein alter Freund Postels sei und bei ihm wohne, schöpfte sie Hoffnung. Von Postels Güte hatte sie viel gehört, außerdem sei er hier allmächtig, allmächtiger als selbst der König, und sie sei bereit, jede beliebige Stelle anzunehmen. Ich beschloß, Postel nach dem Mittagessen alles zu entdecken. Bis dahin waren noch zwei Stunden Zeit, und wir genossen den sonnigen ersten Morgen unseres Glücks in vertraulichen Gesprächen unter den Bäumen. Frieda erzählte mir von ihrem traurigen Leben. Sie hatte wie Ingeborg ein kleines Erbteil gehabt, aber während die Schwester es gut anlegte und auf die Hochschule ging, hatte sie es ihrem Bräutigam ausgeliefert, der dafür in Greifswald studieren sollte. Statt dessen versoff er das Geld und ließ sie sitzen. Dann kam die Zeit, wo ihr alles gleichgültig wurde, und so war sie schließlich dem Lämmergeier Moische Schönheit in die Krallen geraten, der ihr in gebirgiger Gegend und guter Luft eine Stelle als Jungfer versprochen hatte. So war sie in die Maison Pompadour gekommen, ohne zu wissen wie, aber schließlich war ihr auch das gleichgültig geworden. Nur 5 Tage sei sie übrigens dort gewesen, als ihr Blick gestern abend zum ersten Mal den meinen getroffen. Nur meine Anwesenheit habe sie zu ihrer entschlossenen Haltung ermutigt. Sonst hätte sie vielleicht doch dem grauslichen Herrn Siegfried Kaiman seinen Willen getan. »Welche Fügung des Schicksals!« rief ich aus. »Auch ich war an einem toten Punkt meines Lebens angekommen. Doch davon ein ander Mal.« »Daggi, du mußt mir auch alles erzählen!« sagte sie.

Ich brachte sie in ein Gasthaus und gab ihr etwas Geld, daß sie sich zu essen bestellen könne und versprach ihr, sie in zwei Stunden wieder unter den Bäumen zu erwarten. Bis dahin hätte ich mit Postel alles besprochen.

Zum Mittagessen war in dem Bungalow dieselbe Gesellschaft versammelt, wie gestern abend. Dr. Karfunkel machte dauernd kleine Anspielungen auf die Vorfälle der Nacht. Er hätte gar zu gern gewußt, wie es weitergegangen war. Der Tapir hatte einen gehörigen Brummschädel, aß nur Saures und trank Sodawasser dazu. Grödling legte sich nun nicht länger Zwang auf, er hatte völlig Kranichgestalt angenommen und tat als sei es nie anders gewesen. Nach Tisch bat ich Postel um ein Privatgespräch. Wir gingen in das Zimmer, wo er uns gestern empfangen hatte.

Gespräche, wie das mir nun bevorstehende, gehören zum unangenehmsten, was es für mich gibt. Auch fehlt mir darin alle Übung. Unwillkürlich folgte ich jedoch dem Beispiel, das mir am Morgen die für solche Auseinandersetzungen offenbar sehr begabte Ingeborg gegeben hatte; und es ging zu meinem eigenen Erstaunen vortrefflich.

»Ich kenne deine Grundsätze nicht,« begann ich, »ich für meinen Teil bin duldsam gegen Mädchen, die das Opfer unglücklicher Verhältnisse geworden sind.« »Dafür habe ich volles Verständnis,« ermutigte Postel. Nun ging ich soweit zu sagen, ich könnte mich z. B. eher in ein Mädchen verlieben, das ich in einem gewissen Haus finde, als in so eine moderne Person, die grundsätzlich für freie Liebe eintritt. Postel lachte zustimmend. »Ich setze natürlich voraus, daß jenes Mädchen in jenem Haus sehr unglücklich ist.« »Natürlich, denn wenn sie sich dort glücklich fühlt, dann läßt man sie am besten drin.« »Ganz recht; aber auch dann …,« überstürzte ich mich und verlor den Faden, »auch dann noch wäre sie mir lieber, als so eine freche, wie ihre Schwester Ingeborg mit dem Zwicker … aber ich versichere dich, Frieda war nicht glücklich, sondern sehr unglücklich … Sie ist keine geborene Dirne, sondern ihr Vater war Rechnungsrat in Magdeburg … viel eher ist ihre Schwester eine, die ihr Erbteil gut angelegt hat … Sicher hat Frieda den Männern weniger Geld abgenommen, als ihr Bräutigam, ein Greifswalder Student ihr … was sagst du zu solcher Gemeinheit?« Ich kam in eine derartige Erregung, daß mir die Tränen in die Augen traten. Postel verstand alles, offenbar war er auch schon durch Dr. Karfunkel vorbereitet. »Ja, mein Lieber,« sagte er behaglich, »mich freut das alles offen gestanden sehr, denn schon hatte ich die Absicht, dich hier festzuhalten, nur fehlte noch der Magnet. Werde Bürger unseres Gemeinwesens, und lebe hier glücklich mit deiner Frieda!« »Also das geht? Dir ist es recht … Keine Handelsschule?« »Nichts ist einfacher,« erwiderte Postel … »Ingeborg muß ohnehin fort von hier, sie hat mir schon zuviel Unannehmlichkeiten verursacht. Dann könnt Ihr ihr Häuschen bewohnen.« Vor mir öffnete sich der Himmel. »Auch meine beiden Bibliothekare,« fuhr Postel fort, »zwei Marabus, beklagen sich fortgesetzt über diese Ziege Ingeborg. Jeden Tag kommt sie in die Bibliothek und stört die Leser durch ihre albernen Gespräche. Ich gebe zu, daß ein Teil der gelehrten Besucher aus Gnus, Kamelen und älteren Eseln besteht, aber wir haben auch nicht wenige junge Adler und Falken, die sich den Wissenschaften widmen. Unsere Spezialität ist Philosophie, Religionswissenschaft und Mystik, darin sind wir ziemlich komplett; Ingeborg aber verlangt immer planmäßig das, worin wir schwach sind und schwach bleiben wollen, nämlich Schriften über Aufklärung, Bürgerkunde und ähnlichen Häckerling. Auf der Gasse lachen selbst die Lämmer über sie und fühlen sich überlegen, da sie mit ihren blauen Schleifchen wenigstens als Kopfkissen dienen können, aber diese Ingeborg ist zu nichts nutz, als zu stören.« Dies alles war mir aus der Seele gesprochen. Ich reichte Postel die Hand und schwur ihm den Bürgereid. »Nun muß ich dir freilich einiges über unser Gemeinwesen mitteilen, auch eine Art Bürgerkunde,« sagte er fein lächelnd. »Also, du wirst schon bemerkt haben, daß dies hier kein gewöhnlicher zoologischer Garten ist, und daß Hagenbeck mehr für die Masse als für die einzelnen Persönlichkeiten sorgt. Diese sind – das muß ich dir verraten – wie du und ich Menschen, die aber zugleich ihren Tiercharakter sich hier frei entfalten, statt ihn in ausschließlichem Menschendasein da draußen verkümmern zu lassen. Du hast bereits gesehen, daß Grödling nicht nur einem Kranich gleicht, sondern wirklich – unbeschadet seinem Menschentum – einer ist. Er verbringt sein Doppelleben abwechselnd hier und daheim als Bezirkstierarzt. Morgen geht er wieder nach Hause zurück, um seinen menschlichen Geschäften nachzugehen. Ähnlich ist es mit meinem Neffen, dem Tapir, mit meiner Wirtschafterin, Frau Hirsekorn, dem Kängeruh, mit dem Schwesternpaar Frieda und Ingeborg, meinen lieben alten Horseradishs und neuerdings auch mit dir, der du dich immer bestimmter zum Dachs bekennst, ohne deine menschlichen Vorzüge zu verleugnen; im Gegenteil, durch solches offenes Bekenntnis wird endlich in uns Friede zwischen dem tierisch-triebhaften und dem menschlich-geistigen Dasein. Beide kommen nun abwechselnd zu ihrem Recht ohne sich zu bekämpfen, sich zu besonderer Betonung herauszufordern oder sich gegenseitig ins Halbdunkel zu verdrängen, von wo die grollenden Triebe auf Umwegen nach Ausdruck zu ringen pflegen. Schau mich nur an. Für mich gibt es keine quälenden Zwiespalte mehr.«

Ich schauerte zusammen bei diesen Worten, deren Wahrheit mir sofort greifbar war wie der Stuhl, auf dem ich saß. Aber, was für ein Tier war denn eigentlich Postel? Diese Frage, so mächtig sie sich mir aufdrängte, wagte ich indessen nicht auszusprechen. »Wir haben hier natürlich auch viele reine Tiere, Nichts-als-Tiere, die geschlachtet, gejagt und gegessen werden, ferner zahllose, vom eigentlichen Tierschicksal enthobene Menschentiere, in denen das Tierische die Grundlage ist, aber das Menschlich-geistige gelegentlich durchbricht. Während die Tiermenschen wie du durch persönliche Beziehungen den Weg hierher gefunden haben, stammen die Menschentiere vorzugsweise von Hagenbeck, so z. B. Se. Majestät selbst, sowie seine Familie und sein Hof. Daraus siehst du, daß bei uns zwei Rangordnungen sich gewissermaßen durchkreuzen. Äußerlich halten wir alle Konventionen ein. Se. Majestät ist natürlich der Oberste, aber der Mächtigste d. h. der Schöpfer des Reiches bin ich, der sich mit dem bescheidenen Ministertitel begnügt und auch diesen nur zum Schein trägt. Bin ich etwa in meiner Seelentiefe ein Minister? Worauf beruht aber dies alles? Darauf, daß ich ein Tiermensch bin, Se. Majestät aber nur ein Menschentier ist. Natürlich ist in der äußeren Stellung meine Wirtschafterin, Frau Hirsekorn, nichts, aber auch sie gehört als Menschentier zu der geheimen Aristokratie, die schließlich hier durch eine Art Magie alles aufrecht erhält. Auch deine Frieda ist ein Menschentier im Gegensatz zu den Katzen, Häsinnen und besonders den Lämmern in der Maison Pompadour. Darum begünstige ich Eure Beziehungen. Wäre deine Wahl auf eine Häsin oder gar ein Lamm gefallen, dann hätte ich dich gebeten, dich in der Maison so gut zu unterhalten, wie du magst, mich aber mit diesen Privatsachen in Ruhe zu lassen. Du hättest mich dann ebenso konventionell gefunden, wie jetzt weitherzig.« Ich war sprachlos gegenüber solcher reinsten Weisheit. Postel fuhr fort: »Ich bemerke noch, daß es den Menschentieren bis jetzt noch niemals gelungen ist, wirkliche menschliche Gestalt anzunehmen, und das ist vielleicht gut so. Dadurch bleibt ihre Entwicklung rein seelisch.« »Aber dann begreife ich nicht, warum du nicht dem Hund …« »Schweig mir vom Hund,« rief Postel gereizt, »der ist das Zerrbild dessen, was ich will. Gerade der vermenschlicht sich nicht, weil er sich gänzlich charakterlos dem Menschen versklavt. Dem Hund kannst du alles zumuten, er ist der Intellektuelle unter den Tieren, der alles versteht und nichts wesenhaft verwirklicht, das ist uninteressant; aus den anderen Tieren aber kannst du nur das machen, was in ihrem Wesen liegt. Der Hund bleibt Hund mit all seinem Getu, aber der Löwe wird König, der Ochs Ökonomierat und der Uhu Nachtwächter, aber nichts sonst. Doch genug davon. Der Form wegen mußt auch du ein kleines Amt annehmen, denn das ist hier so Brauch.« »Gern,« rief ich, »je kleiner, desto besser, sozialen Ehrgeiz habe ich gar nicht.« »Wie alle Tiermenschen,« erwiderte Postel befriedigt. »Es fiel mir gestern bei Tisch auf, daß du eine gute Weinzunge hast.« »Allerdings,« rief ich geschmeichelt, »ich kann sogar die Jahrgänge unterscheiden … das ist eine der wenigen Sachen, die ich von Grund aus verstehe.« »Nun, dann mache ich dich hiermit zu meinem Kellermeister. Der bisherige ist auch ein Dachs wie du, aber nicht ein Tiermensch, sondern ein Menschentier. Er ist längst zum Ruhestand reif, alt, brummig und erzählt immer wieder die alten besoffenen Geschichten. Du kannst, wenn du willst, sein Amt übernehmen. Natürlich wird dir als Tiermensch alle grobe Arbeit von den echten Dachsen abgenommen. Von dir verlange ich nur die Leistungen deiner feinen unterscheidenden Zunge beim Ankauf neuer Fuder zur Versorgung meiner Tafel und der des Hofes, für die ich verantwortlich bin. Natürlich rechne ich oft auf deine Gesellschaft.«

So war denn alles aufs beste geordnet. Ich traf Frieda, wie verabredet, unter den Bäumen und versetzte sie durch meine Mitteilungen in höchstes Glück. Einige Tage wohnte sie in dem Gasthaus, wo sie gespeist hatte. Es stellte sich heraus, daß die dortige Buchhalterin auch eine Ziege aus Magdeburg war. So hatte sie gleich eine Freundin. Nach wenigen Tagen bezog Ingeborg die Münchener Hochschule, ohne sich von uns zu verabschieden, und wir nahmen das Häuschen in Besitz.

Wir machten es uns in den kleinen Räumen sehr behaglich. Die in der Haushaltung recht liederliche Ingeborg hatte es freilich arg verschmutzen lassen. Wir mußten den Kammerjäger kommen lassen, einen etwas in sich gekehrten Raben, der uns schnell von der Schwabenplage befreite. Die Bilder der 4 größten Frauen verschwanden von den Wänden und machten märchenhaft-poetischen Darstellungen von Schwind und Spitzweg Platz, die uns Postel schickte, und von denen Frieda geradezu bezaubert war. Sie besaß eine romantische Seele aber hatte gar nicht gewußt, daß Kunst etwas so schönes ist. Im Elternhaus hatte man die Wissenschaft über die Kunst gestellt.

Nun folgten die glücklichsten, wenn auch knapp bemessenen Wochen meines Lebens. Frieda erwies sich als vortreffliche Hausfrau, nur fast zu sparsam. Ein Dienstmädchen wollte sie durchaus nicht nehmen, obwohl stellenlose junge Kälber und Gänse hinreichend zur Verfügung standen. Sie war so glücklich, wieder einen geordneten Haushalt, wie einst in Magdeburg, zu haben, daß sie alles selber machen wollte. Nur eine alte Waschbärin, Frau Schupp, kam in der Frühe als Aufwärterin, eine wortkarge Person, aber von goldenem Gemüt. Sie war uns nach vierzehn Tagen so ergeben, als hätte sie uns als Kinder auf den Armen getragen. »A so a guate Herrschaft hätt' sie gar net geglaubt, daß es noch gäb. Der gnä' Frau koane Arbeit zu viel, und der gnä' Herr so ruhig und bescheiden.« An großen Reinmachetagen half ihr ihre Nichte Mizzi, ein niedliches Katzenfrett. Teppiche und Möbel klopfte ein Dromedar, das von Haus zu Haus ging und zu uns Mittwochs kam.

Wir fanden Kaufläden für alles, wo Katzen und auch Ziegen bedienten, sowie Handwerker für jedes Bedürfnis. Ein Guanako betrieb mit einem Alpakaweibchen ein Polstermöbelgeschäft. Sie hatten eine Tochter, die selbst wie ein Sofa aussah, da ihr weißgraues Haar ihr bis an den Boden herab über die Beine hing. Hier vervollständigten wir unsere Einrichtung. Ein Hummer erwies sich als vortrefflicher Damenschneider beim Vervollständigen von Friedas fast nur aus bunten Morgenröcken und einem Mantel bestehender Garderobe, die Fräulein Rosa auf polizeilichen Befehl doch hatte ausliefern müssen. Drei Krebse waren die stets lustigen Gesellen des Schneiders. Für die gewöhnlichen Kleider genügte eine alte Heuschrecke, die »auf Stören« ging und bisweilen auch zu uns ins Haus kam. Es war eine komische Person, in jeder Hinsicht anspruchslos, nur um ½ 11 Uhr morgens bestand sie auf einem Gläschen Rotwein; das schien dem alten dürren Körper für den ganzen Tag die nötige Kraft zu geben. Ein älteres, aber sehr gut erhaltenes Reiherweibchen und ein junges Kolibri waren Modistinnen. Ein Sumpfbiber und eine Fischotter hatten sich als Schuster zusammengetan. Manchmal bekam Frieda Migräne, dann lieferte der Apotheker, ein hurtiges Eichhorn, Aspirin. Ein Fuchs unterhielt ein vortreffliches Lebensmittelgeschäft, vor allem hatte er stets frisches Geflügel. In dem Juwelierladen einer Elster kaufte ich Frieda in den ersten Tagen einen Ring. Ein Übelstand, den ich nicht verschweigen will, war die noch mangelhafte Kanalisation. Zwar sah man einige aufgewühlte Straßen, in denen Heere von Molchen unter der Leitung eines Maulwurfs Röhren legten, aber bis zur Beendigung dieses großzügigen Werkes hatte es noch gute Weile. Inzwischen erschien in den Häusern von Zeit zu Zeit ein übelriechender, aber im Grund gutartiger, ja humorvoller Wiedehopf mit einem kleinen Lokomobil und einem langen Schlauch, durch den er die Senkgrube ausleerte. An solchen Tagen speisten wir im Gasthaus.

Nach dem Frühstück sah es Frieda gern, wenn ich ausging, da vormittags ein Mann im Haushalt immer stört. Ich wartete nur die Post ab, die mir Grödling ebenso wie mein Gepäck pünktlich nachsandten – Briefe und Drucksachen wurden von Tauben, Telegramme von Schwalben, Pakete von Renntieren, Geld von Beutelratten gebracht – und begab mich zuerst in den Postelschen Weinkeller, um nach dem Rechten zu sehen und dann, da selten etwas zu tun war, in die Bibliothek, wo ich meine etwas vernachlässigten philosophischen Studien wieder aufnahm. Mit den beiden Marabus, den Bibliothekaren, hatte ich mich bald befreundet. Oft plauderten wir angeregt über das »Ding an sich«. Der eine war sehr ernst und schwur auf Kant und die deutschen philologischen Methoden, der andere war ein ausgemachter Skeptiker, um nicht zu sagen Zyniker. Oft sah ich, wie er beim Lesen, tief in die Blätter gebeugt, behaglich seinen Kropf streichelte und sich heimlich ins Fäustchen lachte. Er war gerade mit dem Ordnen von Pamphleten und Karrikaturen aus den vierziger Jahren beschäftigt, um sie später als Separatdrucke zu veröffentlichen unter dem Titel: »Sardellen für satirische Näscher.« Hübsch nicht wahr?

Sonntags gingen Frieda und ich zusammen in die Kirche. Obwohl ich katholisch bin, sie aber Protestantin war, bot dies keine Schwierigkeit. Es gab nämlich nur einen großen Tempel für alle Bekenntnisse – eine verkleinerte Hagia Sophia. An der Decke des Rundbaues sah man in geheimnisvoll einfallendem bläulichem Licht in Riesengröße das in einem Kranz von Goldflammen strahlende Auge Gottes; in den zahlreichen Nischen aber hatte jedes der zahlreichen Bekenntnisse einen Raum zum eigenen Gottesdienst. Für mich hatte der protestantische Kult selbst wenig anziehendes. Der Pfarrer, eine große Spinne von der Gattung Weberknecht mit langen dünnen Gliedmaßen vermochte mich nicht zu erbauen, dafür aber entschädigte reichlich der Organist, ein noch ganz junger Elefant, der allsonntäglich herrlich Bach und Händel spielte, so daß Anhänger aller Bekenntnisse hier zusammenströmten. In der katholischen Nische war die Musik nicht annähernd auf dieser Höhe, dagegen fand der Priester, ein Dompfaff mit schwarzem Käppchen und zinnoberroter Brust durch zündende Beredsamkeit den Weg zum Herzen. Zwei junge Raben dienten ihm morgens bei der Messe und abends beim Rosenkranz als Ministranten. Als Philosoph besuchte ich natürlich auch die anderen Nischen. In der israelitischen knüpfte ich sogar eine schätzenswerte Bekanntschaft an mit dem hochgelehrten, vielsprachigen Rabbiner Dr. Feiwe Philo, einem alten Nilkrokodil aus der durch kein amerikanisches Kaimanblut verfälschten, echten Linie. Er führte seinen Stammbaum zurück auf die alten alexandrinischen Juden, deren Nachkommen über Spanien, wo sie sehr geehrt wurden, nicht durch die erniedrigenden polnischen Ghettos nach Mitteleuropa gekommen seien. Er fühlte sich ganz und gar als Aristokrat. Feiwe bedeutete soviel wie Phöbus; Philo war sein Gelehrtenname, in Erinnerung an seinen großen Ahnen Philo von Alexandria. Viel Zuspruch hatte er übrigens nicht. Die jüdische Gemeinde war klein. Die Gebrüder Kaiman entledigten sich ihrer Pflichten gegen die Synagoge durch Stiftungen; dagegen erschien der Mädchenhändler Moische Schönheit regelmäßig am Freitag Abend. Er war streng orthodox und beklagte sich, daß hier das Passahfest nicht streng genug nach dem Ritus begangen würde. Dr. Feiwe hingegen war selbst aufgeklärt und neigte zum Zionismus. In der russischen Nische sah man hauptsächlich Bären und Wölfe vor dem bunten Ikonostas knien. Der Pope war ein Stachelschwein, ebenso harmlos wie wehrhaft aussehend. Besonders besucht war die mohammedanische Nische, aus der ein Minareh ins Freie emporwuchs. Von dessen Galerie aus rief der Muezzin, eine schneeweiße Eule, die Gläubigen viermal im Tag zum Gebet. Da sah man denn allerlei Getier heranziehen, Giraffen, Strauße, Zebras und viele andere. Die indische Nische, auch außerordentlich besucht – von Tigern, Leoparden, unzähligen bunten Vögeln und Schlangen – war zweigeteilt. In der brahmanischen Abteilung lag der Priester, eine bunte Abgottschlange in dicken Windungen vor dem vierköpfigen, vierarmigen Brahmabild, das auf einer Lotosblume saß, während das Brahmaputrahuhn um ihn herum seltsame Schritte vollführte; in der buddhistischen Abteilung gab es keine Priester; dagegen wimmelte es von Mönchen: Raupen, Larven und Faltern, welche die Lehre von der Seelenwanderung bekannten. Auch hier waren die Gläubigen teils Elefanten und Strauße. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tiergattung nicht notwendig auch einen bestimmten Glauben bedingte. So war z. B. Seine Majestät katholisch und hatte ihre Hauskapelle in der Residenz. Fast in jeder Nische sah man Getier aller Art, nur wogen überall andere Arten vor. In der Nische der Parsi war der Feuersalamander Priester. Totengräberkäfer trieben Ahnenkult. Das Präriehuhn besorgte in einer Nische sämtliche Sekten der neuen Welt zugleich. An einer Seitenwand hing dort die verblaßte Photographie von Mrs. Eddy, der Begründerin der christlichen Wissenschaft. In dieser amerikanischen Kirche wurde nach dem Gottesdienst Thee gereicht und zwanglos geplaudert über Wetter und Geld. Dort sah ich oft Mr. Puma, einen jungen amerikanischen Silberlöwen, der später eine unheilvolle Rolle im Tierreich spielen sollte. Schon damals fiel mir der Gegensatz auf zwischen der furchtbaren Bosheit seines Gebisses und den andächtig blickenden Augen. Auch die Heilsarmee hatte guten Zulauf, zum Teil Häsinnen und besonders Lämmer, enttäuschte einstige Insassen der Maison Pompadour. Als wir hier vorüberkamen, drückte mir Frieda in heimlicher Aufwallung heftig die Hand, als danke sie mir, daß ich sie vor dieser Zuflucht bewahrt habe. Zwei Perlhühner ehrten das Andenken an Mrs. Blavatsky. Mit Schauern der Ehrfurcht erfüllte mich eine Nische, in der nordische Tiere, Riesenwale, Eisbären und Polarfüchse, Schneehasen, Schneeammern, Kolkraben, Eiderenten und Möwen noch zu Odin beteten. Der Priester war ein Elch. Übrigens gab es hier viele Proselyten neueren Datums, Stiere, Affen und Ochsen, die den Protestantismus verlassen hatten; ja sogar ein Olm und ein Axolotl waren darunter, dieser war Professor der Germanistik, jener Zeitungsschreiber, beide nur auf ihren Ferienwanderungen durch die deutschen Ströme und Bäche im Tierreich verweilend.

Der Spätsommer brachte noch viele schöne Nachmittage, die wir mit Ausflügen in die abwechslungsreiche Natur ausfüllten. Frieda war eine völlig schwindelfreie Kletterin. Kaum vermochte ich ihrem munteren Schritt zu folgen, wenn wir die Nadelwaldzone hinter uns ließen und in die kahlen steinigen Höhen kamen. Die sonst Ängstliche schien über Felsen und Abgründen in ihrem Element. O wir waren durchaus nicht in allem ähnlich, aber wir achteten unsere gegenseitige Verschiedenheit. Dachs und Ziege gleichen sich nicht, aber sie ergänzen sich darum um so besser. Ich bedarf, um nicht zu grüblerisch zu werden, munterer Bilder um mich; Frieda hingegen, die sprunghaft Haltlose, bedarf des Schwergewichts eines besonnenen Genossen. Völlig einig waren wir nur in der Liebe zur Sonne, in deren Schein wir oft selig lagen, am Ufer eines kleinen Sees. Ein Walfisch ersetzte dort das Dampfschiff mit zwei Seehunden als drolligen Schiffsjungen. Oft fuhren wir auf seinem bequem eingerichteten Rücken umher, Kaffee trinkend und Kuchen essend, uns an dem Geplätscher der zwei Springbrunnen erfreuend, die aus seinen blumenumpflanzten Spritzlöchern gerade emporstiegen. Es gab auch eine Schwimmanstalt mit Sonnenbad. Frieda erklärte, sie könne zwar ganz gut schwimmen, täte es aber ungern; nun, jeder hat seine Schwächen. Ich schwamm dagegen oft hinaus. Ein älteres Walroß, dessen forscher Schnurrbart nicht lange über seine Gutmütigkeit täuschen konnte, war Schwimmlehrer. Seekühe gaben verschämt das Badezeug heraus. Eine etwas Gesprächige hieß Emma. Sie erzählte mir, daß im Winter hier viel Eissport getrieben würde. Dann kämen die Eisbären aus ihren gefrorenen Palästen in kleidsamen grünen Anzügen herunter und zeichneten sich durch elegantes Schlittschuhlaufen aus. Sogar Quadrille tanzten sie. Dagegen gewöhnten sie sich nur widerwillig an das Skilaufen.

Nur mit Wehmut kann ich der Herbstabende denken, wenn wir in der Dämmerung heimkehrten. Oft kamen wir von den Höhen herunter und sahen zwischen den Tannen die Lichter der Behausungen schimmern. Wie glücklich erschien uns dann unser Heim. Manchmal gingen wir auch nach dem Abendessen noch ins Brettl. Der »star« war dort ein Star, der als Komiker auftrat (Stil Papa Geis), ein Gürtel- und ein Schuppentier waren unübertrefflich als musikalische Clowns; ein Papagei als Damenimitator ließ Frieda Tränen lachen; ein Erdferkel war als Nackttänzerin der ausgemachte Liebling der Offiziere, prächtig anzuschauender Hirsche.

Eigentlichen gesellschaftlichen Verkehr hatten wir nicht, vermißten ihn aber auch nicht im geringsten. Friedas Vergangenheit hätte doch vorläufig ihre Einführung in die Familien mit Damen verhindert. Ihr genügte es, bisweilen ihre Freundin, die Buchhalterin, zum Kaffee, zu laden. Dann sprachen sie zusammen über Magdeburg. Etwas peinlich war uns der Besuch des Privatgelehrten Karl Pfahl, eines Kuckucks, der in einem Paket Eier seiner Frau brachte und Frieda allen Ernstes das Angebot machte, sie, natürlich gegen einen entsprechenden vorherzuzahlenden Tagespreis, auszubrüten. Seine Frau habe nämlich dazu keine Zeit, weil sie ihm bei einer wissenschaftlichen Arbeit helfen müsse. Was der sich wohl einbildete! Natürlich warf ich ihn hinaus. Über bösartigen Klatsch hatten wir uns übrigens nicht zu beklagen, da wir uns nirgends vordrängten. Nur die Ökonomierätin, deren Entbindung nahe bevorstand, soll einmal von Frieda als von »dieser Person« gesprochen haben. Auch die »jeunesse dorée« zeigte anfangs einiges Interesse. Bisweilen balzten – trotz der Jahreszeit – Auer- und Birkhähne vor unseren Fenstern in den possierlichsten Stellungen. Frieda stand hinter den Vorhängen und lachte sich halb tot. Etwas mehr Eindruck machten ihr die Räder schlagenden Pfauen, aber gefährlich konnten auch sie ihr nicht werden. Sie wußte zu gut, was sie an mir hatte. Immerhin veranlaßten mich diese Ereignisse, unsere Trauung zu beschleunigen. Sie wurde eines Sonntags im Tempel von dem Dompfaffen vorgenommen. Friedas Stimme war vor Rührung tränenerstickt, als sie das laute und vernehmliche Ja aussprechen sollte. Nun war unser Glück vollkommen. Auch wirtschaftlich ging es uns ganz gut. Mein Gehalt war so reichlich, daß ich einen Teil davon auf die Bank tragen konnte, die von zwei Polypen, einem Brüderpaar, geleitet wurde.

Ich speiste bisweilen abends bei Postel in der gewohnten Gesellschaft und traf hie und da die beiden Bibliothekare im Kaffeehaus. Gegen Ende des Winters gab ich ein kleines Herrenessen, wobei ich sie mit Dr. Feiwe Philo zusammenbrachte. Auch Postel erschien, der sonst nie in Gesellschaft ging, außer zu den unvermeidlichen Veranstaltungen des Hofes; er freute sich, daß es mir gelungen war, gerade die geistreichsten Leute zueinander zu bringen. In der Tat – ich muß es selbst sagen – hatten die Gespräche jenes Abends eine geradezu attische Würze. Die Spaße des Dr. Karfunkel, den ich wohlweislich nicht geladen hatte, wurden nicht vermißt, das kann ich wohl versichern. Frieda zeigte bei Tisch ihre glänzendsten Hausfraueneigenschaften. Sie hatte alles allein gemacht mit der einzigen Hilfe unserer Aufwärterin Frau Schupp, der alten Waschbärin. Das niedliche Katzenfrett Mizzi bediente. Bei Tisch hatte Frieda den Ehrenplatz. Sie war in helllila gekleidet und leicht ausgeschnitten. Die Herren konnten ihr gar nicht genug Schmeicheleien sagen. Beim Braten brachte der lustige Marabu einen Toast auf sie aus, den sie beim Dessert mit einem Glas Champagner schüchtern erwiderte. Dann war sie plötzlich mit feinem Takt verschwunden, ehe sich noch bei den Herren das Bedürfnis nach Untersichsein fühlbar gemacht hatte. So wurde sie geradezu vermißt.

Der alte Rabbiner hatte merkwürdige Handschriften mitgebracht, die gerade in einem syrischen Kloster gefunden worden waren. Sie gaben ganz neue Einblicke in das semitische Heidentum vor der monotheistischen Jahwereligion. Postel erklärte dies für neue Offenbarungen. Der Ernste der beiden Marabus ging auf den Inhalt nicht ein, legte vielmehr die philologische Methode an und bestritt die Echtheit der Handschrift; aber der gelehrte Philo setzte ihn durch seine Begründungen völlig matt. Der lustige Marabu freute sich, weil wieder ein neuer menschlicher Wahnsinn entdeckt sei. Ich war als Wirt entzückt, daß der Abend so interessant verlief. Postel kündigte dem Rabbiner für morgen seinen Besuch an. Er wünschte die Handschriften für die Bibliothek zu erwerben. Als sich spät nach Mitternacht die Herren verabschiedet hatten – wir wußten nicht, daß dies der letzte glückliche Abend im Tierreich gewesen war – fand ich Frieda noch wach. O die Schelmin! Sie wollte noch von mir das Lob ihrer Hausfrauenleistung hören. Oft hatte ich nachts zu ihrer Freude in ihren Armen auf eine halbe Stunde Dachsgestalt angenommen. In dieser Nacht, dem Höhepunkt meines Glückes, lösten sich unsere Arme überhaupt nicht. Der junge Tag sah mich zum erstenmal als Dachs.

3. Kapitel

Revolution

Am folgenden Nachmittag in der Dämmerstunde – ich hatte natürlich wieder die gewohnte Menschengestalt angenommen – schickte Postel Wetti zu mir herüber mit der Bitte, so schnell wie möglich in wichtiger Sache zu ihm zu kommen. Ich traf ihn in seinem Empfangszimmer in lebhaftem Gespräch mit dem Rendanten und Grödling, der sehr lange nicht bei uns gewesen war; noch hatte er nicht Zeit gehabt, sich in einen Kranich zu verwandeln, was er sonst im Tierreich immer sofort tat. Von draußen brachte er die Nachricht, daß seit mehreren Monaten die Länder Europas in einem furchtbaren Krieg lägen, dessen Ende nicht abzusehen sei. »Wenn es weiter nichts ist,« sagte ich, der ich nun völlig weltentfremdet war, »was geht das uns hier an?« »Dachsisch gesprochen, sehr wahr,« sagte Postel, zum erstenmale nicht ganz freundlich zu mir, »aber so einfach ist es nicht. Wir können uns hier nicht gegen Angriffe von außen verteidigen. Unser Offizierkorps besteht zwar ausschließlich aus Edelhirschen, aber die Mannschaften taugen nicht viel. Ich habe in der Hoffnung, dadurch den Frieden im Innern zu erhalten, lediglich Faultiere anwerben lassen, die Tag und Nacht in den Wipfeln der Bäume zubringen und schwer zu Märschen zu brauchen sind. Zwar leben noch einige bärtige Auerochsen, die aber als Militäranwärter längst im Steuerdienst beschäftigt werden. Unsere Unterseekräfte – Zitteraale, Zitterochsen und Zitterwelse – setzen zur Anwendung Hochwasser voraus. Die Giftschlangen sind ganz und gar unzuverlässig. Nur die Insektenheere sind zahlreich und vortrefflich organisiert. Sie vermöchten aber nicht einen Angriff auf unsere Mauern abzuschlagen, nur den bereits eingezogenen Eroberer sehr zu belästigen, während er alles verwüstet. So ist die Lage mein Lieber!« »Ja, aber wer sollte uns denn hier angreifen?« fragte ich. »Zunächst wohl niemand. Aber wie ich dir neulich schon sagte, haben wir zwischen den zahlreichen Tieren und Menschentieren auch einige Tiermenschen aus den verschiedenen, jetzt einander feindlichen Ländern. Wir sind in unseren früheren Vaterländern noch militärpflichtig und man wird nicht davor zurückschrecken, uns zu holen, die einen zum Dienst, die anderen in die Konzentrationslager. Das einzige Mittel, unsere vollkommene Neutralität anerkannt zu sehen ist daher korrektes Handeln gegen die kriegführenden Mächte. Unsere Militärangelegenheiten müssen einwandfrei erledigt werden. Darauf halte ich!« »O, ich bin seit meiner Jugend für dienstuntauglich erklärt«, sagte ich leichthin. »Ich auch,« erwiderte Postel, aber Grödling sagt eben, daß die Dienstuntauglichen neu gemustert werden sollen.« »Unerhört!« rief ich aus, »ich bin ja doch ein Dachs. Wie kann ich denn da Kriegsdienste tun?« »Sehr wohl!« sagte Postel, »wir werden dir nicht widersprechen, aber du bist nicht nur ein Dachs, sondern auch ein Mensch, und dein Menschliches wird man möglicherweise verlangen.« »Ich pfeife auf mein Menschliches,« rief ich außer mir, »hier bin ich glücklich und in meinem Element. Hier will ich bleiben. Übrigens werden wir das gleich haben.« Ich trat einen Augenblick hinter eine spanische Wand. Kurz darauf kam ich wieder als Dachs hervor. Es war zum erstenmal, daß ich mich, außer vor Frieda, so zeigte. Postel und Grödling waren zunächst sprachlos. »Das hätte ich allerdings nicht gedacht, daß du schon so weit bist!« sagte Postel nach einigem Schweigen. »Nun, und das übrige ist reine Formalität,« erklärte ich.

Hier muß bemerkt werden, daß nur ganz wenigen Tiermenschen die Fähigkeit blieb, sich beliebig zurückzuverwandeln. Worauf diese Fähigkeit eigentlich beruhte, ist schwer zu sagen, weder auf einer besonderen Willenskraft noch auf besonderem körperlichen Geschick – diese beiden Eigenschaften gerade habe ich nicht – wohl eher auf einer sehr bestimmten inneren Bewußtheit seiner selbst. Frauen z. B. besaßen diese Fähigkeit fast nie. Waren sie einmal Tiere geworden, so blieben sie es meist ganz. Oft hatte ich z. B. Frieda beschworen, sich mir einmal menschlich zu zeigen, aber mit einer Mischung von Verlegenheit, Scham, Traurigkeit und auch Ärger war sie dieser Forderung stets ausgewichen. Ich solle sie doch endlich damit in Ruhe lassen, schmollte sie manchmal, und ich mußte ihr versprechen, sie nicht mehr damit zu quälen. Dabei zeigte sie aber bereitwillig Photographien, wie sie früher als Menschenkind ausgesehen hatte, nämlich sehr herzig, nur vielleicht ein bißchen zu mager. Ihre Schwester Ingeborg dagegen besaß die Fähigkeit der Verwandlung manchmal, wenn auch unvollkommen. Es hieß, daß diese Ziege in München auf der Hochschule, wenn auch nicht ganz menschlich, so doch menschenähnlich erschien.

Ich schrieb noch am Abend an die Militärbehörde meiner früheren Heimat, in meiner Eigenschaft als Dachs könne sie nicht auf mich rechnen. Frieda, vor der ich kein Geheimnis hatte, verbrachte bis zum Empfang der Antwort recht ängstliche Tage, die ich ihr dadurch versüßte, daß ich dauernd in Dachsgestalt blieb. Auch die alte Frau Schupp zeigte darüber Freude und sagte ein über das andere Mal: »Ja so a liabe Herrschaft, so a liabe!« Nach wenigen Tagen kam die militärische Antwort. Auf meinem eigenen Briefbogen stand in soldatischer Kürze: »Das könnte jeder sagen!« Nun wurde ich doch etwas ängstlich, aber noch größer war meine Wut. Ebenso knapp schrieb ich darunter: »aber nicht jeder kann es beweisen.« Grödling bestätigte mir als beamteter Tierarzt meine Dachshaftigkeit. Ich legte das Gutachten bei und erhielt nun die Antwort: »Sie sind auf Grund bezirkstierärztlichen Attestes wegen Ihrer Dachshaftigkeit vom Militärdienst befreit.« Frieda war glücklich. Ich eilte sofort zu Postel, der nun mit Hilfe Grödlings für alle Tiermenschen, auch die Ausländer, auf dieselbe Weise die Erlaubnis des Bleibens im Tierreich erhielt. Nur der Schakal Poldi sowie der Wolf in seiner Metzgerei bangten etwas vor der Einberufung als Sanitätshunde, denn es verlautete, daß nicht selten Vertreter einer Art von den wenig individualisierenden Feldwebeln durch einen Federstrich auf eine andere Art einfach »umgeschrieben« wurden; aber solche Befürchtungen bewahrheiteten sich bei uns nicht. So war denn die äußere Gefahr für unsere Gemeinschaft abgewendet, doch im Innern herrschte Gärung, seitdem sich die Kunde von dem Weltkrieg unter den aus allen Gegenden der Erde stammenden Tieren verbreitete, die naturgemäß sehr verschiedene Sympathien hatten. Postel sah die Verhältnisse äußerst schwarz. Ich konnte das gar nicht verstehen und verharrte noch lange in meiner angeborenen Sorglosigkeit. Er hielt es für notwendig, daß wir uns nun täglich berieten. In der Abenddämmerung kamen wir in Menschengestalt zusammen. Einmal traf ich einen Herrn mit rotem Schnurrbart in mittleren Jahren in grünem Jägeranzug am Eingang des Bungalows. Er begrüßte mich freundlich, wie einen guten Bekannten. Ich konnte mich gar nicht erinnern, wo ich ihn schon gesehen hatte, so bekannt mir das gewandte Wesen und der äußerst kluge Blick des Rotbärtigen auch erschienen. »Sie kennen mich nicht?« fragte er lachend, »nun so schauen Sie mich doch einmal genau an!« Da erkannte ich plötzlich schon an der grünen Tuchmütze und dem vorn auf der Nase sitzenden Zwicker unseren Rendanten Reinhardt in Menschengestalt. Er lachte listig über meine Überraschung. Wir gingen hinein zur Beratung. Grödling war bisweilen einige Tage abwesend und brachte Nachrichten über den Krieg, der Rendant berichtete über die Vorgänge innerhalb unserer Mauern. Es war nicht länger daran zu zweifeln, daß eine starke, vorläufig noch heimliche Bewegung im Gang war, die an die Niederlage der Mittelmächte glaubte, in deren Gebiet wir uns befanden. Mochten Befürchtungen vor den vermeintlichen siegreichen Feinden oder ideelle Überzeugungen zugrunde liegen, jene heimliche Bewegung hatte ein ausgesprochen republikanisches Ziel und richtete sich gegen den Thron Seiner Majestät und gegen den Minister Postel. Das war dem Rendanten außer Zweifel. Eines Tags fing er einen höchst verdächtigen Briefwechsel auf zwischen Asta, der Königlichen Mätresse, und jenem bereits gelegentlich der amerikanischen Sekten erwähnten Silberlöwen Mr. Puma. Die Briefe waren chiffriert. Der Rendant legte sie unserem Diplomaten, dem jungen Tapir, vor, aber der versagte völlig. Mit solchem Zeug, erklärte er grinsend, gäbe er sich doch nicht ab. Ich wies auf den alten Philo hin, und mit dessen Hilfe brachte der Rendant in der nächsten Nacht heraus, daß die Absicht einer Palastrevolution bestand. Der König Nebukadnezar sollte gestürzt und an seiner Stelle Mr. Puma, der amerikanische Silberlöwe, als Präsident der Tierrepublik ausgerufen werden, um die gewiß bald einziehenden Feinde der Mittelmächte jubelnd zu empfangen. Der Rendant, vor dem alle Postbeamten instinktiv zitterten, brachte es fertig, daß ihm heimlich die Briefe ausgeliefert, nach der Entzifferung aber an ihre Adresse besorgt wurden, damit sich die Schuldigen immer mehr enthüllen sollten. Wir hatten nun fast jeden Tag einen neuen Brief. Zunächst zeigte sich Asta offenbar selbst mißtrauisch gegen Mr. Puma, aber er bewies, mit Hinweis auf Brehms Tierleben, daß in der neuen Welt, der Silberlöwe den Löwen der alten Welt überall vollwertig »ersetzt«. Je weiter jener denkwürdige Briefwechsel fortschritt, desto mehr gelang es dem schlauen Amerikaner die Königstigerin für sich zu gewinnen. Aus ihren Briefen aber merkte man, wenn auch verhüllt, welchen Preis sie für ihre kostbare Hilfe verlangte: als gesetzmäßige Gattin Mr. Pumas Präsidentin der Republik zu werden. Damit stieß die Kurtisane bei ihm, der in streng puritanischen Begriffen großgezogen war, zunächst auf schier unüberwindlichen Widerstand; aber die Schlaue ermüdete nicht; sie fand bald eine unerwartete Hilfe bei dem Viscount Reginald of Horseradish und seiner Frau, der Lady Arabella. Diese den ältesten Rassen angehörigen Aristokraten – die Vollblutahnen des Viscount waren lange vor Wilhelm dem Eroberer in England gewesen, ja wahrscheinlich mit Hengist und Horsa herübergekommen – diese beiden Aristokraten, sage ich, die als »
distinghuihsd foreigners« seit Gründung des Tierstaats Postels Gastfreundschaft genossen, ihres alten Freundes, mit dem sie einst, als sie noch Menschen waren, in den Dschungeln Löwen gejagt hatten, diese stolzen Briten, die mehrmals die Woche mit dem Königspaar Whist gespielt und die Königl. Mätresse, als eine mehr französische Einrichtung (»
a rather french institution«) in prüdester Verurteilung wie Luft behandelt hatten, diese beiden schrieben eines Tags eigenhändig Grüße unter Astas Brief an Mr. Puma und beglückwünschten ihn zu seiner Verlobung mit einer ebenso schönen wie verständigen Dame, mit der auch sie neuerdings die herzlichste Freundschaft verbinde. Als der Rendant dies Postel vorlas, wollte er es nicht glauben; so sehr hatte er auf die treue Freundschaft mit dem englischen Ehepaar gebaut. Er verlangte das Schriftstück zu sehen. Wenn er auch die Geheimschrift nicht entziffern konnte, so erkannte er doch die Unterschrift seiner Freunde Reginald und Arabella. Postel stand bleich auf. Er ging ins Nebenzimmer und dort hörte man ihn schluchzen. Zum erstenmal kam mir der Gedanke, sein mir bisher unerforschlicher Tiercharakter sei, wie der Charakter jenes Engländers, der eines edeln Pferdes – – und vielleicht hatte er einst im stillen Lady Arabella geliebt, die schlohweiße Araberstute?

Der Brief des nächsten Abends zeigte die Verschwörung reif. Mr. Pumas religiöse Bedenken gegen die Ehe mit Asta waren verschwunden, nachdem Mitglieder des ältesten Adels der alten Welt ihre Gesellschaftsfähigkeit anerkannt hatten. Er versprach die Ehe. Am folgenden Tag trafen sie sich im Haus ihrer englischen Gönner zum Thee. Die ganze Zeit waren wir erstaunt gewesen über die genauen Nachrichten, welche die Verschwörer von den Ereignissen der Außenwelt hatten, denn den Menschentieren verbot ein Gesetz das Verlassen des Reichs, waren sie doch für hohe Summen von Hagenbeck erworben; sie gehörten trotz Rang und Reichtum Postel. Die Tiermenschen dagegen, zu denen der Viscount und Lady Arabella gehörten, bedurften eines Passes zum Austritt aus dem Reich. Der Rendant entdeckte bald den Weg, den die Nachrichten nahmen. Er ging über den Pförtner Iwan, jenen russischen Bären, der mir einst das Tor des Tierreichs geöffnet hatte. Dieser dumme Kerl ließ sich durch Schnaps und süße Kuchen bestimmen, Astas Giftschlangen den Verkehr mit der Außenwelt zu gestatten.

Jetzt war es nach Grödlings dringendem Rat höchste Zeit für uns, ebenfalls zu handeln. Der Rendant aber meinte, noch müsse erst genau erforscht werden, wie weit die Verschwörung reiche, damit man wisse, auf wen man sich stützen könne, auf wen nicht. Er war in der letzten Zeit mit seinen etwas geringwertigen Verwandten, den Kellnern in den Gasthäusern, wieder in Verbindung getreten und hatte bemerkt, daß diese, besonders ein gewisser Pepi, schon mancherlei wußten. Das mußte ausgenutzt werden. Eines Tages kam sogar Dr. Karfunkel und machte törichte Andeutungen. »Wissen Sie schon – es gibt ein Revolutiönchen … meine Herren – – wer macht mit?« Als das der Rendant hörte, bot er allen seinen Einfluß auf Postel auf, daß er den alten in solcher Zeit gefährlichen Schwätzer in Stubenarrest nähme. Postel gab achselzuckend seine Einwilligung. Der Verrat seiner englischen Freunde schien im Augenblick alle eigene Tatkraft in ihm gelähmt zu haben. Auch ich bin, wie der Leser schon weiß, kein Willensmensch und, wenn auch sehr klug, so doch gar nicht schlau. Grödling war ein prächtiger Mensch von viel gesundem Verstand, aber ohne Feinheit. Wie froh konnten wir daher sein, daß wir einen Mann wie den Rendanten auf unserer Seite hatten!

Trotz meinen genannten Schwächen vermochte auch ich in den nächsten Tagen eine sehr nützliche Spur anzugeben. Durch Frieda, der ich von diesen Staatsangelegenheiten nichts erzählte, schon, um so lange wie möglich ihre Ruhe zu bewahren, erfuhr ich eines Tages verdächtige Vorgänge, die ihre Freundin ahnungslos geschildert hatte. In dem Gasthaus, wo jene Magdeburgerin angestellt war, gab es ein Sonderzimmer, in dem sich seit einigen Wochen Leute verschiedener Art fast allabendlich versammelten. Was die da eigentlich trieben, war nicht ganz klar. Es wurde abwechselnd geschrieen und geflüstert. Unter anderem solle wohl eine Zeitung gegründet werden. Einmal sei nachts ein recht bös aussehendes englisches Pony herangetrabt und habe – das hatte die Magdeburgerin, die schon beim Schlafengehen war, von ihrem Fenster aus deutlich im Laternenschein erkannt – Säcke mit Geld gebracht, die ein großer olivengrüner Ochsenfrosch, früherer Advokat, an sich nahm. Mehrere Unken und Kröten seien dann mit Gequak aus dem Dunkel getreten, und der Ochsenfrosch habe ihnen, sichtlich mit Widerwillen, von dem Geld gegeben. Sie aber seien damit nicht zufrieden gewesen, vielmehr streitend in jenes Hinterzimmer zu den anderen zurückgegangen, wo die ganze Nacht geschrieen, gekräht, gebrüllt worden sei. Am lautesten aber sei die Stimme jenes Ochsenfrosches gewesen, der übrigens von Tag zu Tag größer und dicker würde. Die Nachrichten über eine Zeitungsgründung waren natürlich äußerst wichtig. Postel hatte bisher Zeitungen für überflüssig gehalten. Wichtige Vorgänge wurden in der Frühe am Regierungsgebäude angeschlagen. In den Kaffeehäusern konnte man sie, wie schon gesagt, in der Nacht vorher durch Fernsprecher erfahren. Für Leselustige stand im übrigen die Bibliothek offen.

Am folgenden Abend berichtete Postel von einem Besuch beim Oberrichter, einem Falken, bei dem er den Oberstaatsanwalt, einen Habicht, zum Gabelfrühstück getroffen hatte. Beide Herren waren gerade damit beschäftigt gewesen, über die verdächtigen Vorgänge im Staat eine Denkschrift an den Minister zu beraten, die nun durch seinen Besuch überflüssig wurde. Postels Nachrichten über den Ochsenfrosch kamen sehr gelegen. Dieser war dem Gericht als eine äußerst gefährliche Persönlichkeit wohl bekannt: völlig gesinnungslos, aber von hervorragender Beredsamkeit, unfähig zu jeder Mäßigung im Ton – und darum bei Gericht nicht mehr zugelassen –, aber von glühendem Ehrgeiz erfüllt, war er sicher als Zeitungsmann hervorragend geeignet zur Volksverhetzung. Leider aber war ihm nicht beizukommen, da der Polizeipräsident, ein Vogel Strauß, von alledem nichts wissen wollte. Dieser war ein leidenschaftlicher Statistiker, steckte den ganzen Tag seinen Kopf in die Meldelisten, in denen er von Jahr zu Jahr immer eingehendere Angaben verlangte. Er ordnete darin die Bewohner nach stets neuen Gesichtspunkten, so nach ihrer Empfindlichkeit gegen die Temperatur, nach ihrem spezifischen Gewicht, ja nach der Stärke ihres Begattungstriebs und der Menge ihres Kotes. In dieser mehr wissenschaftlichen Tätigkeit ließ er sich ungern durch praktische Anforderungen stören.

»Das muß aufhören!« erklärte Postel am Abend ärgerlich. »Der Mann wird abgesägt werden.« Der Rendant aber wußte besseren Rat. Eine Personenänderung an so sichtbarer Stelle würde die Verschwörer nur aufmerksam machen. Man solle sie in dem Wahn lassen, die Polizei sei schlaff, damit sie sich desto unvorsichtiger gebärdeten. Inzwischen hatte er schon mit einem Iltis und zwei Frettchen eine Geheimpolizei eingerichtet und hoffte, bald alle unzuverlässigen Bürger des Staats genau zu kennen. Der Rendant brachte nun wieder allabendlich wichtige Nachrichten. Zu derselben Zeit, um die wir bei Postel berieten, kamen in einem Geschäftsraum im Warenhaus von Kaiman & Co. Mr. Puma, Herr Siegfried, der Alligator, und der Ochsenfrosch zusammen. Lady Arabella erschien bisweilen tief verschleiert. Das Geld, das der Ochsenfrosch zur Gründung der Zeitung erhalten hatte, stammte von Kaiman & Co., das Pony war ein zuverlässiger Kammerdiener des Viscounts. Ohne die Befehle seines Herrn zu prüfen, führte er sie aus. Das Bedenklichste war, daß unter den Lehrern nicht wenige als Mitarbeiter für das Zeitungs-Unternehmen gewonnen waren, und zwar vorwiegend junge Gimpel und Kreuzschnäbel. Immerhin bestand die Mehrheit aus wachsamen Hähnen, die ihre Stimmen laut dagegen erhoben. Auch die Spechte, Finken und besonders die zahlreichen Käuze unter den Lehrern erwiesen sich als durchaus zuverlässig. Bei den Lehrerinnen kam recht Betrübliches vor; manche braven Hennen ließen sich von dem Ochsenfrosch beschwatzen. Die Zeitung sollte unter dem Titel: »Der Wahrheitsbrüller« in den nächsten Tagen erscheinen. Einen Probeabzug hatten die tüchtigen Frettchen aufgefangen und auf Postels Schreibtisch sorgfältig unter eine Schildkröte im Winterschlaf gelegt, die als Briefbeschwerer diente. Der Rendant verlas abends das Blatt. Der Ochsenfrosch zeichnete verantwortlich unter dem Namen: Dr. Mordar. In einem Leitartikel bekannte er sich zu den Gedanken der französischen Revolution, die ein niederträchtiges Absperrungssystem bisher von dem Tierstaat ferngehalten habe. Er wendete sich hauptsächlich an die Massen von Tieren, in denen die Sehnsucht schlummerte, Menschentiere zu werden; ferner an die Menschentiere selbst, die laut und vernehmlich ihre aufsteigenden Brüder willkommen heißen sollten, und zuletzt an die Tiermenschen, die endlich von ihrem Hochmut ablassen und anerkennen müßten, daß zwischen Menschentieren und Tiermenschen überhaupt kein Unterschied mehr sei. Postel sagte, fast enttäuscht: »Nun, wenn er weiter nichts will, solche Ansichten mögen ruhig geäußert werden.« Der Rendant dagegen fand sie, als erste Bresche in die Mauer der bestehenden Zustände, gefährlich. »
Principiis obsta!« sagte Grödling. Dieser humanistische Anklang gefiel mir. Eine ältere Henne, die Vera zeichnete, hatte einen Aufsatz beigesteuert: »Die große Sehnsucht«. Sie berichtete von der verschwiegenen Tragödie der Tierseele, besonders der weiblichen, der es doppelt schwer gemacht würde, das Menschentier zu entwickeln, denn zu der Unterdrückung durch die Tiermenschen käme bei ihr noch die Knechtung durch die eigenen Männchen. Zum Beweis berichtete sie – alle Scham der Hennen beiseite lassend – recht Unerfreuliches vom Hühnerhof. Der Rendant unterbrach sich lachend, während er dies las. Ihm wären diese Zustände längst bekannt, sagte er, er fände sie nur so komisch in Hennenbeleuchtung. Auch Grödling bestätigte als Arzt die Richtigkeit der Behauptungen, hielt sie aber für in der Natur begründet. »Gerade dies bestreitet nämlich die Verfasserin,« sagte der Rendant, »hören Sie weiter: ›daß diese schmählichen Verhältnisse nicht in der Natur liegen, beweisen die freien Familienverhältnisse der Muscheln, die ich durch eine befreundete Auster auf das genaueste kenne. Dort nimmt das Weibchen, wenn es selbst Befruchtung wünscht – nur dann, also gänzlich freiwillig – den von dem Männchen abgesonderten Befruchtungsstoff durch das Atmungswasser auf. Auch sind bei den Muscheln die Lasten des Brütens bezw. der Schwangerschaft nicht einseitig der Frau auferlegt. Der Mann ist verpflichtet, die junge Brut noch eine Zeit lang in den Kiemen zu tragen. Dürfen wir nun nicht dieselben Menschenrechte verlangen, welche die von uns als niedere Tiere oft verachteten Muscheln in noch höherem Maß als die Menschenfrauen selber haben? Aber verzweifeln wir nicht! Die große Sehnsucht ist in uns erwacht, und Sehnsucht ist auch eine Macht!‹« Postel wurde sehr nachdenklich. »Ja, die große Sehnsucht ist nun glücklich da,« sagte er, »das Unglück ist nur, daß sie ein Dr. Mordax für seinen Ehrgeiz ausnützt!« »Was für eine große Sehnsucht eigentlich?« fragte ich, höchst betroffen, um mehr zu hören. »Nun, die Sehnsucht aus der Tierheit herauszukommen,« fuhr Postel fort, »so wie unsere Sehnsucht uns aus dem Menschlichen heraustrieb. Ach, wie traurig, wie hoffnungslos traurig, daß die Tiere gerade in dieses Menschliche hineinwollen.« »Ausgemachter Wahnsinn!« rief ich beifällig, »wenn sie doch wüßten, wie glücklich wir sind, daß wir es ausziehen können, wie einen Handschuh, und wie gern wir ins Tierreich zurückkehren!« »Hältst du das aber für ein letztes Ziel?« fragte mich Postel fast vorwurfsvoll. Ich fühlte, wie ich errötete und schämte mich zum ersten Mal ein bißchen meiner Dachshaftigkeit. »Ich sehe kein anderes …,« sagte ich. »Nun, bald wirst du es sehen. Anfangs macht es immer Spaß, neue Kleider an- und auszuziehen, aber ein Lebensziel ist das nicht.« »Ich habe ja außerdem meine geliebte Frieda,« dachte ich; nichtsdestoweniger: in diesem Augenblick war der erste Zweifelskeim in mein junges Dachsenglück gesät. Aber lassen wir diese persönlichen Dinge. Beschlossen wurde in jener denkwürdigen Sitzung, daß man diese mehr geistig-moralische Bewegung mit Schonung behandeln und die Zeitung ruhig erscheinen lassen, dagegen die Person des Dr. Mordax genau beobachten, gegebenenfalls beseitigen solle. Ich schlug vor, man müsse Gegenschriften veröffentlichen. Wer aber war dazu geeignet? Ich selber etwa? wie Grödling meinte. Um Gottes willen, ich habe eine, wie ich zugebe, krankhafte Scheu vor der Öffentlichkeit.

Der alte Literat, Dr. Karfunkel, den der Rendant vorschlug, wurde von Postel sofort abgelehnt. Er würde das Ganze als Witz betrachten und nur Wortspiele hervorbringen. Noch immer befand er sich in Stubenarrest, wo er sich übrigens ganz wohl fühlte, seit man ihm auf seinen Wunsch zur persönlichen Bedienung eine Katze aus den älteren Jahrgängen der Maison Pompadour beigegeben hatte. Mit dieser schwatzte er den ganzen Tag, und sie war eine gute Zuhörerin.

Schließlich fielen mir als etwaige Verfasser von Gegenschriften die zwei Bibliothekare ein, und das fand Beifall. Ich besuchte beide am folgenden Morgen in ihrem Amt; der Skeptiker lehnte sofort lachend ab, er wisse von diesen Fragen nur eins ganz gewiß, sagte er, nämlich, daß er nichts davon wisse. Der Kantianer hingegen strich sich würdevoll den Kropf und erklärte sich zu einer Gegenschrift bereit. Das Zeitungsblatt ließ ich in seinen Händen. Über diesen Erfolg wurde ich am Abend beglückwünscht. Inzwischen hatte Postel das Offizierskorps, die Edelhirsche, kommen lassen und die heimliche Mobilisierung befohlen. Schon am Nachmittag meldeten sich freiwillig die drei alten bärtigen Auerochsen vom Steueramt, frühere Feldwebel. Sie erklärten sich in ausgesprochen ostpreußischer Mundart bereit, das gesamte Hornvieh zu einer regulären Truppe auszubilden. Sie erhielten die nötigen Vollmachten und den Titel: Feldwebel-Leutnant. Natürlich konnten solche Schritte nicht geheim bleiben. Eines Nachmittags erschien Dr. Mordax mit einigen Gimpeln und Kreuzschnäbeln unter den Bäumen der Faultiere und forderte sie zum Verweigern des Militärdienstes auf. Diese aber lachten ihn laut aus und warfen allerlei Unflat auf ihn und die Seinen. Sie seien Faultiere und wollten es bleiben, riefen sie hinunter. Was ihre Vorgesetzten sagten, das täten sie, denn das sei bei weitem das Bequemste, er aber hätte ihnen gar nichts zu sagen. »So tief ins Volk reicht diese infame Reaktion,« rief Mordax und blähte sich.

Unter den Edelhirschen befand sich ein sehr findiger Kopf, dessen Namen man bisher nie gehört hatte, und der sich nun plötzlich ganz unentbehrlich machte. Freiherr v. Sturmfeder war ein Tiermensch, während seine, übrigens vortrefflichen, Kameraden Menschentiere waren. Er wies zuerst auf die fabelhaften technischen Fähigkeiten gewisser, bisher zu wenig beachteter Insekten hin. Sofort wurde ihm aufgetragen, aus weißen Ameisen, den sogenannten Thermiten, ein Pionierregiment, sowie aus Wespen und Hummeln Flugdienstabteilungen einzurichten. Die Bienen wurden ihrer hervorragenden, schon geschilderten Heilfähigkeiten wegen für den Sanitätsdienst vorbehalten. Von äußerster Wichtigkeit schien es Sturmfeder, daß wir uns des Königlichen Schlosses als unseres Standquartiers versicherten, da die Gegner über das einzige mit diesem an Größe und Stärke wetteifernde Gebäude, das Warenhaus Kaiman & Co. verfügten. Es traf sich günstig, daß das Bungalow, sowie der Grundbesitz des Ökonomierats, der zum Intendanten ernannt wurde, und viele kleine Häuser in nächster Nähe lagen. Um aber dieses Gebiet zu befestigen und darüber verfügen zu können, war es notwendig, endlich die Ruhe Sr. Majestät zu stören.

Im Palast Nebukadnezars hatte sich bisher nichts geändert. Wir wußten durch die Frettchen, daß noch jeden Nachmittag die königliche Mätresse zu den Füßen Sr. Majestät lag und abends das verräterische englische Ehepaar noch immer zum Whist kam. Schweren Herzens gingen am nächsten Tag Postel, v. Sturmfeder und ich zum König. »Das wird ein schwerer Gang,« sagte Postel beim Weggehen, »es handelt sich darum den alten Herrn in einer Audienz von nicht weniger zu überzeugen, als von der Gefahr, in der seine Dynastie schwebt, vom Verrat seiner alten Hausfreunde und seiner vergötterten Geliebten; auch ein jüngeres Herz trüge so viel Unglück auf einmal schwer.«

Wir wurden huldvollst empfangen. Se. Majestät nahm gerade das zweite Frühstück, ein gebackenes Straußenei, das ihm ein loyaler Untertan gelegt hatte, mit einem Glas Madeira, und lud uns sofort zum Mithalten ein. »Seltene Gäste, wirklich sehr seltene Gäste!« rief der König wohlgelaunt mit leicht vorwurfsvoller Anspielung auf Postels in der letzten Zeit begreiflicher Weise spärlichen Besuche. Von ernsten Mitteilungen, auf die Postel gleich hinwies, wollte Se. Majestät heute ganz und gar nichts hören. »Morgen, mein Lieber, morgen ist auch noch ein Tag für ernste Mitteilungen. Heute wollen wir noch einmal fröhlich sein. Wer weiß, wie lange wir es noch können? Ich besonders, ich bin ein alter Mann.« Während uns Se. Majestät selbst die Gläser voll goß, packte mich ein Grauen. Wir hatten diese entsetzliche Ahnungslosigkeit etwa eine halbe Stunde ertragen, als schließlich Sturmfeder sich in seiner ganzen Pracht aufrichtete und kurzweg erklärte: »Gestatten mir Ew. Majestät eine dringende militärische Meldung!« »Eine militärische Meldung?« fragte der Fürst vergnügt, »aber gewiß, mein lieber Sturmfeder, ich liebe militärische Meldungen, überhaupt das Militär … ans Herz gewachsen … meine eigenen Kinder …« Se. Majestät sprach etwas abgebrochen. Durch die Gesellschaft hatte er sich hinreißen lassen, dem Madeira mehr zuzusprechen, als Grödling ihm sonst zu erlauben pflegte. Sturmfeder aber sagte nun in wenigen Sätzen das Furchtbare, was er zu berichten hatte. Se. Majestät hörte ihn sprachlos an. Erst begannen seine Augen zu funkeln, dann riß er den Rachen weit auf und stieß ein so markerschütterndes Gebrüll der Verzweiflung aus, wie es niemand mehr dem Alten zugetraut hätte. Plötzlich streckte er alle viere von sich und fiel auf den Rücken. Erstarrt lag er in dem Thronsessel. Wir waren ihm kaum zu Hilfe geeilt, als auch schon ein Heer von geschäftigen Meerkatzen aus allen Türen hereinsprang. Das Gebrüll war bis in die Gemächer der Königin gedrungen, die geängstet hereinbrach. Als sie ihren Gatten starr ausgestreckt daliegen sah, warf sie sich über ihn und erhob ein Gewinsel von einer Durchdringlichkeit, daß es fast mit dem Verzweiflungsgebrüll, welches soeben ertönt war, wetteiferte. Auch die Kinder kamen herbeigeeilt und jammerten laut. Ich rannte sofort in das Bungalow hinüber, um Grödling zu holen. Ich fand ihn im Gespräch mit dem Rendanten. Dessen erstes Wort war: »Geheim halten! Wenn die Mätresse und die Engländer kommen, muß man sie im Palast verhaften!« »Ausgezeichnet!« rief ich. Wir folgten Grödling in den Palast, wo sich inzwischen nichts geändert hatte. Schonend entfernten wir die Königin, Postel führte sie am Arm in den Nebenraum. Grödling stellte Hirnschlag fest. »Übrigens nicht überraschend bei der fortgeschrittenen Arterienverkalkung des alten Herrn!«

Postel blieb den ganzen Tag im Schloß. Wir andern gingen nach dem Bungalow zurück. Politisch, erklärte der Rendant, habe das Ereignis seine zwei Seiten. Der alte Herr in seiner Vertrauensseligkeit sei vielleicht im rechten Augenblick gestorben. Nun habe Postel freiere Hand. Die Hauptfeinde würden uns schon heute in die Falle gehen. Leider ging von dieser Prophezeiung nichts in Erfüllung. Wie sich das Gerücht vom Tod Sr. Majestät im Reich verbreitete, ist rätselhaft geblieben. Später erst erfuhren wir, daß die Feinde unter der Leitung des Chevalier de La Patte Engraissée eine Gegenspionage unterhielten. Vermutlich waren einige der Meerkatzen bestochen. Kurzum: weder Asta noch das englische Ehepaar erschienen mehr im Schloß. Dagegen brachte »Der Wahrheitsbrüller,« dessen erste Nummern wenig Beachtung gefunden hatten, an diesem Abend mit fetten Buchstaben folgende Nachrichten: »Rätselhafter Tod Sr. Majestät des Königs – – ein geheimnisvoller Morgenbesuch – – das verhängnisvolle Frühstück – – Der Madeirawein des neuen Kellermeisters.« Niemand wurde offen angeklagt, aber es war deutlich zu verstehen gegeben, daß Postel sich mit Hilfe des Heeres der Alleinherrschaft bemächtigen wolle und den König mit Madeira vergiftet habe. Die Erwähnung meiner bescheidenen Person war mir mehr als peinlich. Nie schien uns die Welt derart auf dem Kopf zu stehen. Postel, dieser Schöpfergeist, dem schon der Ministertitel lästig war, der dies ganze Reich geschaffen hatte samt seinem Herrscher, der diesen König und seinen Hof jeden Augenblick wieder an Hagenbeck verkaufen oder gegen etwas anderes umtauschen konnte, sollte selber nach einer äußeren Herrschaft streben, die er innerlich längst besaß. O, wie dumm mußte doch dieser olivegrüne Dr. Mordax sein!

Am selben Abend berieten wir, ob nicht der Augenblick zum Handeln nun gekommen sei. Wir erwogen die Verhaftung des Dr. Mordax. Von Sturmfeder, der zum Generalstabschef ernannt worden war, schlug die Verhängung des Belagerungszustandes vor. Da erschien der Bibliothekar im Bungalow und schwang die Blätter seiner Gegenschrift. Erst, meinte er, sich in unsere Beratung mischend, solle man dem Dr. Mordax mit geistigen Waffen begegnen. Seine Gegenschrift müsse über Nacht gedruckt werden. Von der gesunden Vernunft des Volkes sei, sobald es die Schrift gelesen habe, die einstimmige Ablehnung des Dr. Mordax zu erwarten. Postel war einverstanden. Die Luchse telephonierten sofort an die Druckerei, die von einer Schar schwarzer Borken- und Bockkäfer genossenschaftlich betrieben wurde. Der Bibliothekar trug das Manuskript selbst hinüber. Wir anderen blieben zu Tisch im Bungalow. Gegen 10 Uhr kam der erregte Marabu zurück und brachte die ersten noch nassen Fahnenabzüge. Postel, v. Sturmfeder, Grödling, der Rendant und ich erhielten jeder ein Exemplar; sofort begannen wir zu lesen. Der Marabu stand in der Mitte auf dem Taburett, wo das Rauchzeug lag, und schaute im Kreis umher, um unsere Mienen zu studieren und zu erraten, bei welcher seiner Perioden die Leser gerade entzückt verweilten. Er sah aber nichts von dem, was er erwartete. Grödling war der erste, der einen Laut von sich gab. »Hm,« sagte er, »no, ich hab' ja kein Urteil in solchen Fragen.« Postel legte mit ärgerlichem Ausdruck das Blatt weg. Der Rendant fand, daß die Ausführungen ohne Zweifel von vielen Kenntnissen zeugten. Der Generalstabschef meinte, ihre Veröffentlichung könne auf keinen Fall schaden. Ich schwieg zunächst, war aber höchst verwundert über die Talentlosigkeit, die sich mit so viel Wissen verband. Den revolutionären Ideen des Dr. Mordax setzte der Bibliothekar den kategorischen Imperativ Kants entgegen. Gegen den »haltlosen Freiheitsbegriff« stellte er den »ehernen Pflichtbegriff,« ohne aber zu sagen, worin eigentlich dessen Halt bestünde. Als Mittel gegen die »große Sehnsucht« empfahl er die Arbeit, die Leistung. »Wenn wir keine besseren Gründe haben« rief ich aus, »dann sind wir dem Untergang geweiht.« »Wir haben bessere!« sagte Postel seherhaft, und wir alle blickten auf ihn. »Und die wären?« fragte der Bibliothekar spitz. »Die Ereignisse, nicht Buchstaben werden sie offenbaren.« »Also ist meine Arbeit umsonst gewesen?« schäumte der Marabu, »ich bestehe aber auf ihrem Druck!« »Erregen Sie sich nicht!« rief Postel. »Ich schließe mich der Äußerung unseres Generalstabschefs an. Ihre Arbeit ist völlig unschädlich und Sie können sie drucken lassen. Hiermit erteile ich Ihnen sogar den Titel eines Professors. Sie können ihn gleich auf das Titelblatt setzen lassen.« Der Marabu blickte zuerst ungläubig. »Wie soll ich das verstehen, Ew. Exzellenz?« fragte er. »Wörtlich,« erwiderte Postel, »gehen Sie nur gleich in die Druckerei und sorgen Sie für Ihr Werk.« Das genügte dem plötzlich nach der Öffentlichkeit so lüstern gewordenen Gelehrten. Mit vielen Verbeugungen eilte er hinaus. Nur noch so viel von ihm, daß er bis zum Untergang des Reiches jede Woche zwei vaterländische Broschüren von derselben Art, wie die erste, hervorbrachte. Das Seltsamste aber war dies: diese Arbeiten wurden gelesen, ja gekauft und viel beredet, aber irgend eine Wirkung auf die Ereignisse hatten sie nicht im mindesten.

Nach diesem Zwischenfall wurde die Gesamtleitung dem Generalstabschef übergeben. Nun folgten die Ereignisse Schlag auf Schlag. Noch in derselben Nacht wurde Dr. Mordax aus seinem Bett geholt und in das Gefängnis gebracht, dessen Direktor, ein finsterer Ichneumon ohne Sinn für Spaß ihn sofort wissen ließ, daß er, falls er brüllen würde, Dunkelarrest im Keller zu gewärtigen habe, und zwar in einer Zelle mit gepolsterten Wänden, aus der ihn niemand hören könne. So schwoll er langsam ab und hielt sich ruhig. Nachdem der Belagerungszustand angeordnet war, wurden die Truppen um den Palast zusammengezogen. Postel eilte zu der Königinwitwe, mit der er zusammen eine Regentschaft bildete, die bis zur Großjährigkeit des jungen Königs Nebukadnezar II. dauern sollte. Die Königin war kaum von dem Leichnam ihres Gatten zu entfernen, der in der Nacht von Meerkatzen in der Schloßkapelle aufbewahrt wurde. Alles dies gab Postel noch vor Sonnenaufgang durch öffentliche Anschläge bekannt.

Ich kam erst spät nach Mitternacht zu meiner geliebten Frieda zurück. Bebend hatte sie mich erwartet, da sie aus der Zeitung, die ihr Frau Schupp geholt hatte, wußte, daß auch ich in Verdacht und Gefahr stand. Die Waschbärin, die sonst abends nach Hause ging, schlief auf dem Sofa, da Frieda nicht hatte allein bleiben wollen. Als sie meine Schritte hörte, eilte sie mir im Nachtgewand entgegen. »O Daggi,« rief sie, »du lebst … nun bin ich schon zufrieden.« Wir packten in aller Eile das Notwendigste in einen Koffer und trugen ihn mit Hilfe von Frau Schupp selbst hinüber in das Bungalow. Schon hatten wir einen Militärkordon zu passieren. Von Maulwürfen wurden Gräben gezogen, rührige Thermiten bauten aus Lehm und ihrem eigenen Kot Wälle, die zusehends in die Höhe wuchsen. Überall aus dem Dunkel hörte man Schnaufen und Stampfen des Hornviehs, das hier unter dem Befehl der Auerochsen biwakierte. In den Bäumen saßen die Faultiere, die als Klettertruppen verwendet wurden und in ihrer schon erprobten Königstreue verharrten. Ich brachte Frieda mehr tot als lebendig durch das Lager. In dem Bungalow wurde ihr gleich ein Zimmerchen mit gutem Bett angewiesen, während Frau Schupp, unsere Waschbärin, in der Kammer der Frau Hirsekorn, des sorglichen Känguruhs, liebreiche Aufnahme fand. Ich veranlaßte Frieda, sich sofort niederzulegen, nun sei ja keine Gefahr mehr. »Aber doch nur falls wir siegen?« fragte sie. »Postel weiß immer noch eine Rettung!« sagte ich in unbedingtem Vertrauen auf seine Kraft, ohne mir aber selbst Rechenschaft geben zu können, wie ich das im einzelnen meinte. Die Notwendigkeit, Frieda zu beruhigen, verlieh mir selbst Ruhe und Mut. Ich gab ihr ein leichtes Schlafmittel und ging dann wieder in das Beratungszimmer zurück. Postel war gerade aus dem Palast zurückgekommen, wo alles geordnet war. Zwei des geheimen Einverständnisses mit Asta überführte Meerkatzen, Gustav und Molly geheißen, hatte er aufknüpfen lassen, als die ersten Opfer dieser weiterhin noch sehr blutigen Ereignisse. »Auch du,« sagte er zu mir, »mußt nun deine Gaben in den Dienst des Ganzen stellen. Ich ernenne dich hiermit zum Geschichtsschreiber des Reiches. Du wirst in alles Einblick erhalten und hast dir nur täglich deine Aufzeichnungen zu machen zur späteren Ausarbeitung.« Diese Aufgabe war mir sehr willkommen. Es war eine ruhige, meinen Gaben entsprechende Arbeit. Ihre Veröffentlichung ging mich nichts an. Ich hatte sie nach Vollendung einfach abzuliefern, die Regierung würde dann damit machen, was sie wollte. Keiner ahnte damals, unter welchen Umständen ich sie ausarbeiten, und daß sie niemals zur Ablieferung kommen würde. Noch in derselben Nacht entstanden die ersten Notizen zu dieser Erzählung.

Gegen Morgen erst begab ich mich zu Frieda zurück, die ich wie ein ahnungsloses Kind in süßen Träumen fand. Ich legte mich an ihre Seite und schlief ein. Schon nach einigen Stunden aber weckte uns das Getümmel unter unserem Fenster. Wir sprangen auf und sahen zwischen uns und den in der Nähe liegenden Häusern ganze Herden von Tieren. Den Hauptstock bildeten Allgäuer, Bayerische, Schwyzer und holländische Stiere, aber auch an Büffeln, ja, an Zebus und Bisons, sogar an Elefanten fehlte es nicht. Dieser Anblick konnte einem schon Vertrauen auf unseren Sieg geben. Helle Frühlingssonne lag über dem ganzen Bild. Eilig liefen die schlanken, aber kräftigen Edelhirsche zwischen dem schweren Getier umher und erstatteten Sturmfeder Bericht, der über einen Tisch gebeugt saß, auf dem Karten lagen. Gleichzeitig hielt er dauernd das Hörrohr eines Fernsprechers ans Ohr und empfing so Berichte von anderen Stellen des Lagers. Kamele bildeten den Train und trugen in Säcken Proviant umher. Leider verfügten wir über keinerlei Waffen. Der friedliche Postel hatte sie im ganzen Reich nur für Ausnahmefälle gestattet, auch die Gegner konnten daher kaum Waffen haben. Nach dem Frühstück erstattete v. Sturmfeder und der Rendant, der nach Übernahme der Regentschaft durch Postel zum Minister ernannt worden war, dem Regenten Bericht über die Lage. Ich durfte als Geschichtsschreiber an einem Tischchen mit Schreibpapier sitzen und zuhören. Über unsere Kräfte habe ich schon berichtet. Der Gegner verfügte über fast alle wilden Katzen, Tiger, Leoparden, Panther usw. Auch das kleine Raubzeug wie Marder, Wiesel, Ziesel, Ratten und Mäuse hatten sich ihm in großer Anzahl angeschlossen. Bären und Wölfe standen auf beiden Seiten. Der Feind hatte sich in dem Kaimanschen Warenhaus verschanzt. Von Sturmfeder plante einen schleunigen Angriff. Nachdem er gesprochen, berichtete der Minister, was seine vortreffliche Geheimpolizei ermittelt hatte: der Puma habe sich offen an die Spitze der Aufrührer gestellt und halte seit gestern Abend auf dem Balkon des Warenhauses Kaiman Reden. Uns klage er offen des Königsmordes an und empfehle unsere Bestrafung und die Einsetzung der Republik. So suche er sich gleichzeitig die Träger der alten Loyalitätsinstinkte für den verstorbenen König und die von neuen Freiheitsinstinkten bewegten Leser des »Wahrheitsbrüller« zu verbünden. »Wie geschickt!« rief Grödling aus, der zum Chef des gesamten Sanitätswesens ernannt worden war und sich zur Sicherheit ein großes rotes Kreuz auf den Rücken hatte malen lassen. »Ja,« seufzte der Minister, »leider sind sie äußerst geschickt. Die Königstigerin Asta steht in einem von Kaiman & Co. geschenkten echten Spitzengewand rechts von dem Puma auf dem Balkon und streut Rosen ins Volk.« »So haben sie also auch noch die Romantik und die Ästhetik auf ihrer Seite,« bemerkte ich. »Und das Geld!« fuhr der Minister in seinem Bericht fort; denn links von dem Puma steht der Alligator Siegfried, der dem Volk einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung unter der Republik verspricht und zum Zeichen dessen Geldstücke unter die Masse wirft.« »Dem gegenüber aber ist ihr Heer nicht viel wert,« fiel Sturmfeder wieder ein. »Mit dem Raubzeug werden wir fertig. Nicht unbedenklich sind dagegen die Scharen der Insekten, über die sie verfügen. Sämtliche Flöhe, Wanzen, Läuse, Fliegen, Tausendfüße usw. stehen auf ihrer Seite und können uns sehr lästig werden; ebenso die Giftschlangen.«

Die nächsten Tage, die von beiden Seiten zur Mobilmachung benutzt wurden, brachten noch manche wichtige, teils auch komische Ereignisse, die ja nirgends auf der Welt ausbleiben. Die Redaktion des Wahrheitsbrüllers, so erfuhr der Minister, war nach der Verhaftung des Dr. Mordax zu Kaiman & Co. überführt worden; es hatte sich sofort ein früherer Volksschullehrer, der Kreuzschnabel Pipifox, zur Schriftleitung bereit erklärt, aber der eigentliche Leiter war nun der Puma selbst. Er bewies dabei äußerstes Geschick. Die Ausführungen unseres Professors wurden täglich mit besonderem Hohn behandelt. Oft sah ich unter unseren braven Truppen einzelne Mannschaften beisammen stehen und gläubig den Sinn der professoralen Auslassungen erforschen, dagegen lasen unsere eigenen Offiziere diese Schriften gar nicht, sondern nur ihre witzige, wenn auch von Bosheit durchsetzte Widerlegung durch den Feind. Wer dafür den Geist lieferte, ist nicht bekannt geworden, denn der Puma war bei aller Gewissenlosigkeit und Tatkraft nichts weniger als geistreich. Mir scheint, daß Asta selbst hier ihre Tatze im Spiel hatte, doch ist das nicht erwiesen. Sehr auffällig, aber nur für den, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, war, daß von Tag zu Tag im »Wahrheitsbrüller« weniger von der »großen Sehnsucht,« aber immer mehr vom »wirtschaftlichen Segen« zu lesen war, den die Republik bringen sollte. Der Alligator Siegfried predigte Nationalökonomie; er sprach von ehernen wirtschaftlichen Gesetzen der Entwicklung, die das Glück aller mit mathematischer Sicherheit bringen müßten, falls nur nicht die Machtgelüste Einzelner oder einer aristokratischen Sippe diese Entwicklung hemmten. Aus der Gedankenwelt des Pumas, dieses alten Puritaners, stammte wohl ein Aufsatz, der ausführte, so wie die Seele durch vertrauensvolle Bereitschaft alle Hindernisse beseitige, daß die göttliche Gnade ohne weiteres einströmen könne, genau so müsse sich das Volk nur bereit halten, damit die – doch auch von Gott gegebenen – wirtschaftlichen Gesetze sich an ihm verwirklichen könnten und zum Lohn den Wohlstand brächten. Die Henne Vera verlangte leidenschaftlich die weibliche Dienstpflicht. Der Kreuzschnabel Pipifox befaßte sich vorwiegend mit der gerechten Verteilung der Ehren. Er forderte für jeden Volksschullehrer den Titel Professor, für jeden Hausmeister den Titel Hausbesitzer, für jeden Journalisten den Titel Dichter. Diese Erörterung brachte eine Flut von »Stimmen aus dem Leserkreis«. Kaufleute z. B. verlangten den Titel Wirtschaftsrat für jeden, der ein selbständiges Geschäft hatte; dafür hätten sie nichts einzuwenden, falls die Geistlichen aller Bekenntnisse Herr Kardinal, die gemeinen Soldaten Herr Leutnant angeredet würden. Vera verlangte den Doktortitel für jede Frau, die geboren hatte, auch wenn es außerehelich war. Ihr selbst war dies einmal vor längerer Zeit vorgekommen.

Militärisch waren in diesen Tagen zwei erfreuliche Ereignisse zu verzeichnen. Eine in ihrer Kriegslust kaum zu bändigende Schar von Mungos hatte sich freiwillig zur Bekämpfung ihrer Erbfeinde, der Giftschlangen, bereit erklärt. Sturmfeder übernahm persönlich die Organisation dieses wichtigen Truppenkörpers. Gleichzeitig meldete sich ein wackeres Fähnlein von Opossums zur Vernichtung der Insekten und kleineren Nagetiere. Sie gaben eine tatsächlich verblüffende Probe ihrer Kunst. In haarigen Knäueln zusammengezogen, verstanden sie sich stärkeren Feinden gegenüber tot zu stellen, und verlangten, man solle zur Probe nur fest auf sie losschlagen. Sie bewiesen, daß solche Schläge sie nicht veranlassen konnten, aus ihrer Ruhe herauszutreten. So waren sie immer wieder zu neuen Angriffen aus dem Hinterhalt fertig, wenn der Gegner sie längst für unschädlich hielt. Auch sie wurden unserem tapferen Heere eingereiht. Ferner erschien der Heldendarsteller des Theaters, ein breitschultriger Gorilla. Er hatte unter seinen Kollegen die Menschenaffen, Schimpansen und Orang-Utangs, vermocht, sich freiwillig zu melden; Pavian und Mandrill dagegen blieben streng neutral. »Das Theater hat nichts mit Krieg zu tun,« sagten sie, von ihrem Standpunkt auch wieder mit Recht.

Im Bungalow hatten wir noch einigen Zugang von schutzlosen Freunden. So bat Dr. Feiwe, das Nilkrokodil, um Aufnahme, die man ihm nicht verweigern konnte. Zwar machte seine Lebensweise einige Schwierigkeiten und die arme Wetti hatte es nicht leicht mit ihm. Sie beklagte sich oft bei Frieda. Der alte Rabbiner schlief nämlich in einer Wanne, in der das Wasser immer warm gehalten wurde. Wetti mußte also nachts zweimal aufstehen, um im Badeofen nachzulegen. Dafür war der alte Gelehrte nun auch sehr zufrieden, nannte sie sein gutes Waverl, und lachte ihr freundlich zu, wenn er behaglich in seinem warmen Wasser lag. Auch an Trinkgeldern ließ er es nicht fehlen. Übrigens erwies er sich bald als nützlich. Die Königin-Witwe wünschte den Leichnam ihres allerhöchsten Gemahls einbalsamieren zu lassen, und da stellte sich heraus, daß Dr. Feiwe diese Kunst früher eifrig als Liebhaberei betrieben hatte und sie noch immer verstand. Einzelheiten, die ihm entfallen waren, fand er im Herodot, den ein tapferes Frettchen nachts – nicht ohne Gefahr – aus der außerhalb des Kordons gelegenen Bibliothek holte.

Ein anderer, weniger erwünschter Gast war Fräulein Rosa, die Besitzerin der Maison. Die Offiziere hatten in den letzten Nächten bei ihr den Champagner nur so in Strömen fließen lassen, aus Freude darüber, daß es nun endlich losginge. Ihr wurde dabei unheimlich zu Mut. Verzweifelt durchbrach sie eines Nachts den Kordon und verlangte Einlaß im Bungalow. Sie wünschte Dr. Karfunkel zu sprechen. Was sollte man tun? Postel befahl, sie zu ihm einzulassen, da der alte Schwätzer ja jetzt doch nichts mehr schaden könne. Dr. Karfunkel soll äußerst erstaunt und zunächst nicht angenehm berührt gewesen sein über den Besuch seiner einstigen Freundin. Von ihr erfuhr er erst, daß die Revolution, über die er noch vor kurzem gewitzelt hatte, nun wirklich ausgebrochen sei. Seine Federn sträubten sich vor Angst. Dann sei er plötzlich – so erzählte die ihm beigegebene Katze – wie ein Kind an Rosas Busen gesunken und habe gejammert: »Das müssen wir alten Leute noch zusammen erleben! Wer hätte das je geglaubt!« Rosa habe, über diesen Ausbruch gerührt, Tränen vergossen. Dann erzählte sie, daß der ausgeschamte Schakal Poldi, der ausgeschamte, sich seit einiger Zeit nicht mehr habe blicken lassen. (Sie wußte nicht, daß er verhaftet war, nachdem ihn einer unserer Leutnants in der Maison mit dem Ohr an einer Tür gefunden und als gedungenen Zwischenträger Mr. Pumas entlarvt hatte.) So war es ihr gelungen, die Kasse zu retten. In der Tat trug sie über dem Bauch einen klirrenden Sack. Moische Schönheit sei in der Maison zurückgeblieben und erkläre allen Leuten, er verstehe nichts von Politik und Revolution; so hoffe er die Maison während der Stürme die nächste Zeit durchhalten zu können. Dr. Karfunkel mußte wieder lächeln. Er lobte Rosas Klugheit und versprach: »Wenn wir aus dem Schlamassel herauskommen, dann heiraten wir.« »Arthur!« seufzte Rosa, denn so hieß Dr. Karfunkel mit dem Vornamen. Es versteht sich, daß die ihm beigegebene Katze nun anderweitig verwendet werden mußte. In der mit Arbeit für die vielen Gäste überbürdeten Küche fand sie unter der Herrschaft des Ebers genug zu tun. Das späte Idyll zwischen Dr. Karfunkel und Rosa wurde indessen nicht gestört. Natürlich speisten sie für sich auf ihrem Zimmer. – Noch über einen Hausgenossen ist zu berichten, den jungen Tapir. Er stand überall hemmend im Weg, schwatzte bald in der Küche, bald mit den Offizieren und erzählte jedem, er habe sich schon vormerken lassen für die Verhandlungen des Friedenskongresses, da man dabei sicher französisch sprechen würde, und das könne er aus dem ff.

In den letzten Tagen vor unserem ersten Sturmangriff spielte sich noch eine rührende Szene ab. Ein altes Steinadlerpaar erschien und wünschte »den Herrn Regenten« dringend zu sprechen. Sie machten einen recht herabgekommenen, geschundenen Eindruck. Das Männchen hatte sich etwas an den Hals gebunden, was erst nicht recht erkenntlich war, weil es immer rutschte. Das Weibchen rückte es stets wieder vorsorglich zurecht. Die Beiden meldeten nichts geringeres an, als ihre Anwartschaft auf den freigewordenen Thron. Sie legten Papiere vor, darunter notariell beglaubigte Abschriften von Hagenbeckschen Kaufverträgen und Rechnungen, aus denen sie beweisen wollten, daß dem Steinadler für den Fall des Ablebens des Königs Nebukadnezar die Thronfolge versprochen worden sei. Richtig ist, daß Hagenbeck den verstorbenen älteren Bruder des Steinadlers früher einmal für den Thron empfohlen hatte. Nun meinte der Alte, dadurch sei dessen Anspruch auf ihn übergegangen. Fast mittellos, habe erst sein hochseliger Bruder und nun er mit seiner treuen Gemahlin auf den Tag gewartet, der den Glanz seines Hauses weithin erstrahlen lassen solle. Er deutete auf das Ding an seinem Hals, welches sich nun als der ausgestopfte Kopf des hochseligen Bruders erwies, und mit dem er sich das gewaltige Äußere eines zweiköpfigen Adlers hatte geben wollen. Als Postel die Haltlosigkeit dieser Thronansprüche mit Hinweis auf die reichliche Nachkommenschaft Nebukadnezars dargelegt hatte, blickte sich das alte Paar so traurig an, daß es Postel ins Herz schnitt. »Wenn ich etwas anderes für Sie tun kann,« sagte er, »sehr gern …« Der Adler schwieg in verlegenem Stolz, aber sein Weibchen stieß ihn an und ermunterte: »Nun sag's doch, August.« »Vielleicht ist der Titel Vizekönig und ein kleines Jahresgehalt möglich …« stotterte er. »Aber gewiß, gewiß,« erwiderte Postel gütig. Er fertigte gleich ein Schriftstück aus, das er siegelte und dem Adlerpaar überreichte. Es erfüllte ihre Wünsche. Sie horsteten von nun an in einer Dachkammer, wo sie bis zu ihrem baldigen Untergang noch eine kurze glückliche Zeit verlebten. Die mitleidige Frieda ging manchmal zu ihnen hinauf, und es gelang ihren geschickten Pfötchen, dem Alten den zweiten Kopf so gut zu befestigen, daß es wie natürlich aussah und er beglückt den ganzen Tag in den Spiegel schaute. Frieda aber redeten die beiden Alten immer Frau Hofgeschichtsschreiberin an, was sie mir voll Entzücken erzählte. O vanitas, vanitatum vanitas!

Auf alle Fälle waren wir nun eine recht bunte Gesellschaft im Bungalow, die unter weniger bedrohlichen Verhältnissen sehr interessant hätte sein können. So aber wurde bei Tisch wenig gesprochen. Nur der alte Steinadler redete viel. Er hatte noch die Kaiserkrönung Napoleons I. mitgemacht. »Merkwürdig,« dachte ich bei mir, »daß jemand, der so viel gesehen und erlebt hat, nicht interessanter zu erzählen versteht,« denn schließlich lief alles, was er sagte, immer wieder auf langweilige genealogische und besonders heraldische Fragen hinaus. Gleich in den ersten Tagen machte er mit seiner Frau einen Besuch bei der Königin-Witwe, die sie aber etwas frostig empfangen haben soll. Frieda hatte vorher wiederum bei der schwierigen Kopftoilette helfen müssen.

Kurz bevor die Feindseligkeiten begannen, erhielten wir noch einmal Nachrichten aus dem Lager der Feinde, wo innere Zwietracht herrschte. Der Zaunkönig nämlich hatte eine nicht unbeträchtliche Gruppe von Tieren um sich versammelt, die sich gegen die Republik erklärten, vielmehr ihn auf den Thron erheben wollten. Alle kleinen Nagetiere, Eichhörnchen, Wiesel, Ziesel, Nörze, viele Vögel und Insekten waren auf seiner Seite, vorwiegend lustiges Getier, dem der Puritanismus des Pumas zuwider war. Die Aussichten des äußerst volkstümlichen Zaunkönigs sollen gar nicht schlecht gewesen sein, als in einer Volksversammlung im Onyxsaal des Kaimanschen Warenhauses der Puma im Tone tiefer Betrübtheit erklärte, er sei traurig erklären zu müssen, daß das Privatleben seines ehrenwerten Gegners nicht ganz rein sei. Der Zaunkönig lachte darüber laut und unbekümmert. Es war aber tatsächlich nicht zu leugnen, daß er, der in seinem sorgfältig von der Gattin betreuten Nest aus Moos, seinen Würzelchen und dürren Blättern ein musterhaft geordnetes Familienleben führte, daneben noch mehrere, höchst liederlich gebaute Nester hatte, in die er seinem Weibchen grundsätzlich nicht den Zutritt gestattete. Diese Enthüllung, die Mr. Puma im einzelnen nicht selbst machte, sondern (wohl auf Bestellung) die Henne Vera, erregte nun freilich die Versammlung aufs höchste. Seine Anhänger bestürmten den Zaunkönig, sich gegen solche Angriffe zu verteidigen. Er hüpfte auch ganz lustig auf die Rednerbühne, setzte sich zwischen die Lampe und das Wasserglas und erklärte leichten Sinns diese Nester seien bloß Spielnester, in denen gar nichts schlimmes geschehe. So naiv aber war niemand, das zu glauben. Unter dem Geschrei der Versammlung mußte der Zaunkönig sich zu seinen Freunden flüchten, die seine Verteidigung auch nicht zu befriedigen schien. Nun sprang ein Hermelin an seine Stelle auf die Rednertribüne und rief mit durchdringender Falsettstimme, es wolle zu der noch nicht hinreichend geklärten Privatmoral des Herrn Vorredners keine Stellung nehmen, vielmehr sei es ihm um einen Grundsatz, nicht um eine Person zu tun. »Wir,« so rief es kühn, »verlangen einen König, oder – den Frieden mit dem Gegner!« Diese Worte hatten zweifellos große Wirkung, die verriet, wie schwache Wurzeln doch die republikanische Idee in den Herzen des Volkes geschlagen hatte. Da aber führte Mr. Puma seinen Meisterschlag aus. Leberleidend, wie er immer war, trug er stets einen Laubfrosch als Eisbeutel im Rücken. Diesen zog er wütend hervor, warf ihn unter die Versammlung und schrie: »Dann macht diesen hier zum König!« Der Frosch fand sich schnell in seine Rolle und quakte: »Ach ja … ach ja!« Das bewirkte einen solchen Heiterkeitserfolg, daß die Idee des Königtums selbst in Lächerlichkeit erstickt wurde. So rettete Mr. Puma die Situation für sich, weniger durch seine Persönlichkeit, als dadurch, daß es keine andere Persönlichkeit gab.

4. Kapitel

Untergang und Erleuchtung

Der Sturmangriff, den unser Generalstabschef geplant hatte, wurde ausgeführt. Ich entnehme die Einzelheiten der Schilderung den Berichten der Meldeoffiziere, die während der Schlacht dauernd im Generalstabszimmer des Bungalows aus- und eingingen, wo ich meinen Schreibtisch neben Postel und Sturmfeder hatte. Eines Morgens führten unsere kühnen Offiziere die laut brüllenden Hornviehherden gegen das Warenhaus. Die Eisenläden vor Tor und Fenstern hielten dem furchtbaren Ansturm der Hörner nicht stand. Die Scheiben klirrten zusammen, und von allen Seiten gleichzeitig brachen unsere Stiere, Büffel, Bisons, und hinter ihnen die Elefanten auf die im Onyxsaal gerade zu einer Ansprache versammelten Tiger, Leoparden, Panther und Marder ein. Zunächst entstand eine allgemeine Panik, während der Mr. Puma als Erster an einem Kandelaber hinaufkletterte, von der aus er im Sprung die Galerie gewann. Von hier aus befeuerte er seine Truppen, die schnell ihre Geistesgegenwart wieder fanden und sich wütend auf das Hornvieh stürzten. Sehr viele von ihnen wurden niedergetrampelt, so daß man ihre Knochen knirschen hörte. Andern aber gelang es auf die Nacken und Rücken der Edelhirsche, Stiere und Büffel zu springen, und sich dort zu verbeißen, so daß schwarze Blutströme über die Felle rannen. Oft kam ein Nebenmann einem also Gequälten zu Hilfe und stieß dessen Peiniger ein Horn in den weichen Bauch, aus dem dann die blutenden Gedärme hervorquollen. Manches so zugerichtete Raubtier ließ nun von seinem Opfer ab und schleppte sich fort, seine Eingeweide am Boden herziehend, um in einer Ecke heulend zu verenden. Ein fürchterlicher Brodem von Blut und Schweiß erfüllte den Saal und ein Gebrüll erscholl, als sei die Natur selber wahnsinnig geworden und kreische auf durch die Schlünde ihrer stärksten Geschöpfe. Mr. Puma stand auf der Galerie und schrie unverständliche Worte zwischen die Kämpfenden. Viel mutiger benahm sich Asta, die Königstigerin. Sie stand unerschütterlich auf der Rednerbühne, von wo aus sie alles übersah, und leitete selbst den Kampf. Von den Treppen neben und hinter ihr fluteten immer neue Tiere in den Saal, denen sie furchtlos die besten Angriffspunkte wies. Da gelang es plötzlich einem Bison, sich den Weg zu ihr frei zu machen. Den ungeheuren Schädel fast bis zum Boden gebeugt, gelang es ihm, ihrer von unten habhaft zu werden, und sie auf seinen Hörnern aufzuspießen. Ihr herrliches helles Fell war im Nu blutüberströmt. Der Puma brach auf der Galerie in ein gräßliches Geschrei aus, kam ihr aber nicht zu Hilfe. Dagegen biß ein kühner Leopard dem Bison ins Gemächt, so daß er aufbrüllend zu Boden fiel. Asta wurde von Panthern von den Hörnern ihres Gegners heruntergezogen und lag nun am Boden, geschützt von einem Kreis fauchender Katzen. Noch einmal erhob sie ihr in diesem Augenblick wahrhaft majestätisches Haupt und schrie mit einer hohen, schon hysterisch überspannten Stimme, die allen Lärm wie ein Blitz dumpfes Gewölk durchdrang: »
Vive la liberté!« Dann sank sie zurück und verschied. Dieser wirklich erschütternde Augenblick brachte den Kampf kurz zum Stehen. Auch unsere braven Truppen erhoben die schweren, blutübertrieften Köpfe und horchten auf so unerhörten Laut. Der Tod ihrer Führerin verwirrte die Feinde sichtlich. Vergebens brüllte der Puma: »
Never mind – go on – go on,« aber diese kümmerlichen Worte hatten keine Wirkung mehr nach jenem Beispiel von Heldentum, das man eben erlebt hatte. Die Truppen des Feindes wären nun ohne Zweifel erbarmungslos von den Unseren niedergetrampelt worden, wenn nicht plötzlich einer Meerkatze aus Astas persönlichem Dienst gelungen wäre, eine Seitentür einzuschlagen, aus der nun – offenbar verspätet – ein bunt geflecktes und gestreiftes Geringel von Giftschlangen hervorbrach. Die kleinen Vipern und Ottern schossen auf unsere Truppen zu, die großen krochen langsamer, aber furchtbar züngelnd heran: schwarz und gelb gefleckte Klapperschlangen, hellgelbe Brillenschlangen, mit Zacken gezeichnete Kreuzottern und purpurn und himmelblau geringelte Korallenschlangen. Als dies unser Oberst sah, gab er schnell entschlossen den Befehl der Ablösung vom Feind. Diesen Angriff abzuwarten, hätte geheißen, unsere tapferen Truppen nutzlos zu opfern. Was von dem halb zerrissenen Hornvieh noch laufen konnte, kehrte um und gewann über Haufen von Leichen das Freie. Auf die Schlangen aber stürzte sich jetzt unsere wackere Mungoschar und richtete großen Schaden an. Die Opossums machten sich über das kleine Raubzeug her, das sich nun hervorwagen konnte, ohne befürchten zu müssen, zertrampelt zu werden. Ihre Taktik, sich tot zu stellen, bewährte sich gut. Der Gorilla mit seinem Menschenaffen war bis auf die Galerie gelangt. Ihn gelüstete, ein Wort mit Mr. Puma selbst zu reden, aber dieser war plötzlich spurlos in einem feuer- und einbruchssicheren Geldschrank verschwunden, den er sich für alle Fälle vorher mit einem Luftloch und Nahrungsmitteln hatte versehen lassen. So mächtig der Gorilla daran rüttelte, gegen dieses Wunderwerk der Zivilisation war seine Urkraft ein Nichts. Wohlweislich zog auch er sich mit den Seinen zurück, als er die völlige Unmöglichkeit einsah, in diesem Augenblick sein Ziel zu erreichen. Gänzlich unsichtbar geblieben war der Alligator Siegfried. Offenbar glaubte er wirtschaftlich genügend beigesteuert zu haben durch Überlassung seines teuren Onyxsaales als Schlachtfeld.

So ging dieser erste Schlachttag vorüber. Wir setzten uns abends zu Tisch, in der Meinung, einen Sieg zu feiern. Unser Bericht, der überall angeschlagen wurde, enthielt die volle Wahrheit: der Kampf war ausschließlich auf feindlichem Boden ausgefochten worden und hatte dem Feind ungeheuren Verlust an Truppen und Material gebracht. Die Haupturheberin der Revolution, Asta, war gefallen. Auch wir hatten wohl Verluste zu beklagen, die aber in keinem Verhältnis zu denen der Gegner standen. »Bei denen drüben mag es jetzt übel aussehen!« sagte bei Tisch Sturmfeder. Wie staunten wir aber, als uns gegen 10 Uhr die Nachricht kam, daß drüben ebenfalls Sieg gefeiert wurde. Das Warenhaus und die angrenzenden Straßen waren farbig erleuchtet, von festlicher Menge durchflutet. Man riß sich um die Sonderausgabe des »Wahrheitsbrüllers.« Der aber verkündete, der Feind sei unter furchtbaren Verlusten zurückgeschlagen, die eigenen Truppen hätten den Kampfplatz behauptet, das feindliche Unternehmen sei als völlig gescheitert zu betrachten. Von uns begriff das niemand, selbst unser schlauer Minister Reinhardt nicht. Nur der alte Rabbiner wunderte sich nicht. Vor sich hin lächelnd, sagte er nur: »Kriegspsychologie.«

Mit Postel, der den ganzen Abend sehr wortkarg und niedergeschlagen gewesen war, stand ich kurz vor dem Schlafengehen noch eine Viertelstunde auf der Galerie des Bungalows unter einem klaren Sternenhimmel. »Nun, und wenn wir siegen sollten, unwidersprochen siegen sollten,« sagte er, »was dann? Mein Werk ist zerstört. Während die da drüben den Tieren die Menschenrechte verkünden, bereiten sie in Wahrheit den völligen Rückfall in die Tierheit.« »Aber das wird eben unser Sieg unmöglich machen!« rief ich, von Sturmfeders Zuversicht stark gemacht. »Aber wieso denn?« fragte Postel, »haben wir uns nicht ihnen schon unterworfen, indem wir den gräßlichen Krieg überhaupt mit ihnen führen? Ich wollte das Menschentier schaffen, nun muß ich selbst, wenn wir nicht untergehen wollen, das Tier wieder entfesseln.« »Ja, aber doch nur vorübergehend und im Rahmen unserer eisernen Disziplin.« »Gleichgültig, du wirst sehen, wohin das führt. Ein Rückfall bleibt es. Mit dem Menschentier ist es nichts und mit dem Tiermenschen auch nichts.« »Ja, das Tier muß eben überwunden werden.« »Das sagst du, der Dachs?« erwiderte Postel; höhnisch fügte er hinzu: »Ja so, ich habe ganz vergessen, daß du jetzt Geschichtsschreiber bist. Aber warum gehst du nicht gleich zu den Menschen zurück?« »Zu den Menschen?« fragte ich, »um keinen Preis. Ist es denn bei denen besser? Die zerfleischen sich doch zur Zeit auch im Weltkrieg, und was sie nachher tun werden, das ist sicher auch wenig verlockend.« »Also was muß überwunden werden?« fuhr Postel fort, »das Tier? Nein, der Mensch.« »Sollen wir lieber ganz vertieren?« »Das gewiß nicht; aber es muß ein anderer Weg gefunden werden mit Umgehung, mit Überspringung dieses mißlungenen Dings, das man Mensch nennt.« »Das verstehe ich nicht!« »Und gerade du wirst es verstehen, der du jetzt an der Grenze stehst, wo auch du weiter weder Tier noch Mensch sein kannst. Schau nur einmal recht tief hinein in deinen Abgrund!« Ich erschrak. Zu den Menschen zurück? Unmöglich. Mich in die Erde vergraben und ganz verdachsen? Ebenso unmöglich. Postels Reich, wo ich allein noch zu leben vermochte – und wie glücklich! – stand vor dem Untergang. Das war klar, wenn sein eigener Schöpfer so redete. Wohin also? Mich in den Kampf stürzen und ruhmvoll untergehen? Für was? Für das Reich der Menschentiere oder Tiermenschen, dessen Untergang in der Idee ich gerade eben begriffen hatte, woran sein etwaiger Sieg im Stoff nichts ändern konnte? »Zeig mir einen Weg!« rief ich verzweifelt aus. »Noch ist nicht Zeit,« antwortete er, »aber halte dich bereit!«

In diesem Augenblick hörte man ein mächtiges Flügelrauschen. Der Sternenschimmer verdunkelte sich, und auf der Galerie neben Postel ließ sich ein ungeheurer schwarzer Kondor nieder. »Endlich!« rief Postel, wie aus einem bösen Traum erlöst, »endlich, Meister, bist du zurückgekehrt! Lange genug habe ich geharrt auf das Wort!« Ich erschauerte und meine Blicke hefteten sich in die funkelnden Augen des Vogels, dessen Kopf kühn wie aus einer Halskrause von buntem Gefieder hervorwuchs. »Das ist der Retter!« wußte ich. »Laß uns allein,« flüsterte Postel.

Ich ging auf mein Zimmer. Frieda erwartete mich mit der gewohnten zärtlichen Ungeduld. Zum ersten Mal fühlte ich mich in meilenweiter Ferne von ihr; nicht als ob meine Gefühle zu ihr abgekühlt oder gar erstorben gewesen wären. O, sie waren da wie immer; aber mein Selbst war nicht mehr in diesen Gefühlen. Ich sah mir zu, wie ich Friedas Zärtlichkeiten empfing und erwiderte, aber mein Selbst schwebte wo ganz anders. Die Gute hat kaum etwas davon bemerkt, denn daß ich etwas ernster und stiller war, als sonst, entsprach ja nur zu sehr der äußeren Lage. Die Nacht über schlief ich nicht. Mir fiel ein, daß mir Postel am Anfang meines Aufenthaltes im Tierreich erzählt hatte, auch er habe einen Meister, der ihn von Zeit zu Zeit besuche und ihm stets »das Wort« bringe; er nannte ihn, den in der heutigen Welt höchstfliegenden Weisen Zarathustra. Den schwarzen Vogel hatte er Meister angeredet; und war nicht der Kondor das sich am weitesten erhebende Tier? Von den höchsten Bergspitzen der Erde stiegt er noch einmal ebenso hoch in den Azur. Ich fühlte: diese Nacht ist entscheidend für Postel, für mich, für uns alle; der Welt wird ein neues Wort gebracht: aller Kleinmut war von mir geschwunden. »Schau nur einmal tief hinein in deinen Abgrund!« hatte Postel gesagt. Das wollte ich nun furchtlos tun. Ich wußte ja schon das Eine: es gibt kein Zurück, weder zum Menschen, noch zum Tier. Also: nur ein Vorwärts, ein Aufwärts zur höchstfliegenden Weisheit des geheimnisvollen Meisters! Aber meine Dachshaftigkeit? Ich fühlte sie nicht im mindesten mehr als Hemmnis in jener außermenschlichen Wunderwelt als jede andere Form. Unter Menschen nur ein Dachs … aber dort … die Letzten werden die Ersten sein.

Täglich wurden nun Sturmangriffe gemacht, wie der beschriebene. Der Erfolg war jedesmal derselbe. Wir brachten dem Feind ungeheure Verluste bei und zogen uns abends in unsere Stellungen zurück, was er als Flucht nach ergebnisloser Anstrengung deutete. Dieses ewige Einerlei der äußeren Dinge, so gräßlich es war, wurde geradezu langweilig. Den Anblick der zurückkehrenden, oft halb zerfleischten und zerfetzten Tiere vermied man möglichst als etwas äußerst Widerwärtiges und Unabänderliches, aber erschüttert oder siegesfroh, wie am ersten Tag, war man bald nicht mehr. Hatte ich schon früher gern die Blicke von außen nach innen gewendet, so tat ich es jetzt, einer so entsetzlichen Wirklichkeit gegenüber, fast ausschließlich. Der äußere Kampf und seine Ergebnisse wurden mir fast gleichgültig, dagegen wartete ich hochgespannt auf jedes Wort Postels, denn ich wußte: nur von ihm konnte mir die Lösung des Rätsels all dieser nutz- und sinnlosen Greuel kommen. Der Kondor muß nach kurzer Zwiesprache noch in derselben Nacht, in der er gekommen, das Bungulow verlassen haben. Von Postel war indessen seine Traurigkeit völlig geschwunden. In stiller Heiterkeit saß er zwischen uns und den Greueln, die jeder Tag brachte, gegen keinen und nichts lieblos, aber doch so, als sei er schon von einer anderen Welt. Fragen an ihn zu stellen, wagte niemand.

Aus dieser inneren Hochspannung wurde ich durch neue, noch gräßlichere äußere Ereignisse herausgerissen. Eines Abends führte mich Postel wieder auf jene Galerie, wo neulich der Kondor erschienen war und sagte: »Nun ist es soweit, die völlige Auflösung beginnt. Angefangen hat es mit den Hyänen. Du weißt, sie sind unsere Totengräber. In den ersten Tagen haben sie sich auch noch gut gehalten und Leichen beider Parteien von dem Schlachtfeld geräumt. Jetzt bemühen sie sich nicht einmal, sie bis zum abseits gelegenen Friedhof zu tragen, geschweige denn zu begraben, vielmehr …« Postel hielt inne. »Was tun sie mit ihnen?« fragte ich in banger Ahnung. »Nun, was sie außerhalb unseres Staates zu tun pflegten, sie nähren sich davon!« »Scheußlich,« sagte ich. »Aber das ist noch nicht alles. Das Beispiel hat angesteckt. Alles, was früher Aas zu fressen gewohnt war, schleicht nachts aus beiden Lagern auf die Schlachtfelder und mästet sich am Fleisch der Feinde und Kameraden. Zuerst kamen die Geier – Herr Moische Schönheit, der sonst nicht koscher genug gekocht haben konnte, gab das Zeichen dazu – andere Vögel folgten, besonders Raben und Krähen; sehr zahlreich sind die Ratten, selbst die aus unserer eigenen Wirtschaft sind dabei; die Krebse aus der Schneiderei des Hummers ließen auch nicht lange warten, und zuletzt kamen, dafür in um so größerer Schar, die Käfer. Die Hälfte der Angestellten unserer Druckerei geht hin. Und stell' dir vor: heute früh hat man vor der Dachkammer des alten Adlerpaares, das sich bisher so anständig hielt, stinkende Haufen von Knochen und Gewöll gefunden. Alle Tiere fallen in den Urzustand zurück. Unsere Stiere haben bereits die ihnen vorgesetzten Hirsche angegriffen. Die Iltisse und Frettchen unserer Polizei schnuppern dauernd um die Schule, nicht mehr weil sie bei den Hähnen und Hennen aufrührerische Gesinnung vermuten, sondern weil sie in ihnen schmackhafte Braten wittern. Unser alter Metzger, der Wolf, ist in die Maison eingebrochen, nicht etwa aus irgend einem harmlosen Johannistrieb, sondern um dort einige Lämmer zu zerreißen. Ich könnte dir noch viele Beispiele sagen. Nur noch dieses eine: Ihre Majestät steht selbst in dringendem Verdacht, heute Nacht mit ihren Jungen die ganze Familie unseres Schneiders zerrissen zu haben. Der Guanako mit seinem Alpakkaweibchen und der sofaähnlichen Tochter wurden heute früh halb aufgefressen in ihrer Werkstatt gefunden. Die Blutspuren führen zum Palast bis vor die Zimmer der Königin, die den ganzen Tag ihre Gemächer nicht verlassen hat. Kurzum, der Staat löst sich zusehends auf!« »Schauerlich!« sagte ich. »Schauerlich?« fragte Postel überlegen, »meinetwegen, dann leben wir eine Zeit lang in Schauern. Was liegt daran?« »Aber dein eigenes Werk, der Tierstaat?« »Geht zu Grunde, wie jede Übergangsform. Wäre es nicht gräßlich, wenn das Leben stillstünde, das Werdende in einem endgültigen Sein erstarrte, statt zu vergehen und neues Werden zu gebären? Du glaubst nach an Sein und Tod. Für meinen Blick aber ist alles Sein nur noch ein wechselnder Schein, und darum gibt es auch keinen eigentlichen Tod. Stirb und werde!« Mit dem Verstand begriff ich diese Worte, im Inneren fühlte ich Schauer vor ihrer Erhabenheit; aber sie mir zu eigen machen, ihnen zu folgen, vermochte ich noch nicht. Mehr wollte Postel fürs Erste nicht sagen.

In den nächsten Tagen trat das Schauerliche des äußeren Geschehens in seine letzte Phase: Die Insekten der Feinde waren bis zu uns vorgedrungen. Mit Flöhen, Wanzen, Läusen fing es an. In keinem Bett fehlte das Ungeziefer, selbst die Königin-Witwe, die äußerlich trotz dem furchtbar auf ihr lastenden Verdacht noch einwandfrei zu leben schien, sah die erste Wanze ihres Lebens, die sie anfangs für ein Marienkäferchen hielt und auf einem Blumentopf pflegte. Erst als die Tierchen in Massen auftraten, bissen und stanken, mußte ihr der Pinguin, nach wie vor ihr Kammerherr, vorsichtig die Wahrheit über die Tierchen sagen, die sie anfangs in königlicher Umgebung für unmöglich hielt. Gegen die Plage half noch reichliche Anwendung von Insektenpulver. Bedenklich wurde, als die ersten Skorpione sich von der Decke fallen ließen. Auch davor konnten wir im Bungalow uns noch durch Netze schützen. Furchtbar dagegen litten unsere Truppen: Giftfliegen, Hornissen, ja vereinzelte Tsetsefliegen bedeckten sie und machten sie kampfunfähig. In die klaffenden schmerzenden Wunden nistete sich das wimmelnde Geziefer und barg dort seine Brut. Dauernd wurden die gequälten Tiere mit kaltem Wasser besprengt. Unsere eigenen Insekten, die Bienen, vergaßen ihre Pflichten als Sanitätssoldaten, bedrohten uns vielmehr selbst. Nicht anders gebärdeten sich die Hummeln und Wespen. Immer gefährlichere Insekten rückten heran. Meine arme Frieda wurde das Opfer eines indischen Sandflohs. Trotz meiner wiederholten Warnung war sie immer wieder barfuß im Schlafzimmer umhergelaufen. Eines Tages war ihr linkes Hinterfüßchen etwas geschwollen. Sie weigerte sich, Grödling rufen zu lassen, es ginge auch so vorüber. Am Abend war schon das ganze Bein von der Geschwulst ergriffen. Grödling mußte sofort zur Amputation schreiten, konnte nicht einmal die Sicherheit geben, daß das Gift nicht schon in den Rumpf vorgeschritten sei. Ich verbrachte die bängste Nacht meines Lebens an Friedas Leidenslager. Nun fühlte ich wieder, wie eng wir miteinander verwachsen waren, aber gleichzeitig wurde mir immer gewisser, daß ich sie jetzt verlieren würde, daß sie zu dem alten Leben gehörte, das vor meinen Augen zugrunde ging, daß mein neues Werden sich ohne sie verwirklichen müsse. Während ich bei der mit einem starken Schlafmittel Betäubten wachte, jedem Atemzug folgend, und dachte: »O ich verzichte auf alles neue Werden, wenn nur sie mir noch eine Zeit lang im alten Sein erhalten bleibt«, da fühlte ich plötzlich ein scharfes Gekribbel auf dem rechten Oberarm. Grödling hatte uns alle eindringlich davor gewarnt, in solch einem Falle gedankenlos an die kitzelnde Stelle zu greifen. Ich schlug also vorsichtig, aber zitternd, den weiten Ärmel des Nachthemdes zurück und sah im Schein der Nachtlampe ein schauderhaftes, schwarzes Tier, wie einen vielfüßigen dicken Wurm, gut einen Fuß lang, auf meiner Haut sitzen. Das war der so gefürchtete indische Tausendfuß oder Skolophender. Gerade von ihm hatte Grödling voll Befürchtung gesprochen. Erschreckte man das die Körperwärme suchende Tier durch die leiseste Bewegung, dann krampfte es sich ins Fleisch und ließ nicht mehr los. Schnitt man auch dann den Leib mit dem Messer weg, die zahllosen feinen Füße waren durch nichts zu entfernen und bildeten scheußliche, schließlich das ganze Blut verseuchende Geschwüre. Hielt man aber ruhig aus, dann war gewiß, daß das grauenhafte Tier sich nach einiger Zeit wieder entfernte. Zwei Stunden saß ich nun still, nachdem ich vorsichtig dem Arm eine Stuhllehne untergeschoben hatte. Das Ungeheuer rührte sich nicht. Diese mir wie ein Wunder aufgezwungene bewegungslose Ruhe in dem Augenblick, wo das Teuerste, das ich besaß, neben mir aus diesem Leben hinüberschlief, war die Stunde, in der ich den tiefsten Blick in den Abgrund des Seins tat; Tod und Verwesung, hoffnungsloses Seelenleid und bohrender Körperschmerz bedrohten mich so überwältigend, daß ich laut, aber in starrer Bewegungslosigkeit verbleibend, schrie: »Nein, ich will nicht mehr«. Da wurde mir plötzlich gewiß, daß man alles Grausen des Daseins mit furchtlosem Wissen und Willen genau so sicher bewältigen kann, wie diesen Tausendfuß, der noch immer ohne sich zu rühren, auf meinem Arm saß. Machte ich ihn durch meine eisige, äußere Ruhe nicht völlig unschädlich? Was geschah denn eigentlich? Ich saß zwei Stunden in der Nacht still und dachte an die ewigen Dinge. War das ein Unglück? Nicht vielmehr das Beste, was es gab? War das ganze Entsetzen vor diesem Ungeheuer nicht von mir geschaffen, so wie ich mir jetzt diesen Ewigkeitsblick schuf? Ich habe also die Wahl: ich bin frei, entsetzliche Endlichkeit oder tiefblickende Unendlichkeit zu leben! Der Tausendfuß selbst ist keine Wirklichkeit. Nur, wenn ich meine Hand, in irrem Selbsterhaltungstrieb nach ihm greifen lasse, nur dann bohrt er sich, oder vielmehr bohre ich ihn, das willenlose Werkzeug meiner rasenden Hand in mein Fleisch. Ich bin also frei, frei von dem um mich zerfallenden Leben, ja von dem neben mir zu Tod verwundeten Tierleib, denn auch meine Liebe zu Frieda ist mein Geschöpf. Diese Liebe bin ich selbst; in leiblicher Verstrickung habe ich sie an das gebrechliche Ding Frieda geknüpft, und ich entknüpfe sie nun wieder, sie in mein unendliches Selbst zurückziehend. Wozu brauche ich noch Friedas Verkörperung in einem Tierleib, wenn meine Liebe und mein Selbst eins sind? Fort mit allem, meinetwegen auch mit dem eigenen Tierleichnam! Mit großem Interesse betrachtete ich nun den Tausendfuß und bewunderte den Reichtum seiner zahllosen Glieder. Auch er, der eben noch der bittere Feind meines Lebens schien, so wie Frieda seine süße Freundin, auch er war, so wie er da saß, nichts als ein gleichgültiger Tierkadaver wie mein eigner Leib, wie die sterbende Geliebte an meiner Seite. Das Nachtlicht erlosch. Ich sah und fühlte nichts mehr. Ich schlief ein.

Im Morgengrauen trat Grödling ein, um die Operierte zu sehen. Ich erwachte. »Was haben Sie denn?« fragte er mich. Noch saß ich in derselben Stellung wie in der Nacht, den bloßen Arm auf eine Stuhllehne gestützt. Der Tausendfuß war nicht mehr zu sehen. Eben wollte ich Grödling davon berichten, als er etwas erschreckt an Friedas Bett trat. Sie war kalt.

Ich schaute ihn ruhig an, als er es mir sagte und beugte mich dann über sie, meinen menschlichen Tränen freien Lauf lassend. Man ließ mich tagsüber bei ihr. Postel kam gegen Mittag und drückte mir die Hand. So aufrichtig mein Schmerz um sie war, die Erlebnisse der Nacht blieben in ihrer Macht bestehen. Ich wußte, daß ich zusammen mit Frieda den Tod meines früheren Lebens gestorben war. Ich hielt mich nicht zurück, ihm nachzuweinen, wie auch der bei einem Abschied weint, der dabei doch unerschütterlich entschlossen ist, die Reise in die ungewisse Fremde zu machen. Draußen überstürzten sich nun die Ereignisse. Am selben Tag gelang es dem Gorilla, der Tag für Tag nichts anderes im Sinn gehabt hatte, den Puma im Kampf zu stellen. Der hatte gerade einen Leitartikel für den »Wahrheitsbrüller« diktiert und dann plötzlich in einem Anfall von Wildheit der Maschinenschreiberin, einer Antilope, die Gurgel durchgebissen. Die ihm durch seine puritanische Erziehung auferlegte Selbstbeherrschung verließ ihn auch hier nicht ganz. Ehe er sich der Gier seines Blutdurstes an der Ermordeten in sicherem Behagen zu überlassen wagte, schlich er vorsichtig an die Tür, um sie zu verriegeln. Da trat dem nach allen Seiten Spähenden plötzlich der Gorilla gegenüber, umschlang ihn mit seinen ungeheuren Armen und erwürgte ihn. Ein Mungo überfiel am selben Tag den Alligator Siegfried, der sich dauernd in der Stahlkammer des Kellers aufhielt und nur einmal am Tag die Tür öffnete, um einem alten treuen Gnu den Nachtstuhl hinauszureichen und gleichzeitig Nahrung zu empfangen. Diesen Augenblick benützte der Mungo. Den eigenen Untergang für nichts achtend, sprang er dem Alligator geradeaus ins Maul und verbiß sich in dessen Zunge, so daß Herr Siegfried unter dumpfen Würgen erstickte. Das Gnu stand wie angewurzelt dabei, half aber dann dem selbst halb erstickten Mungo aus den Zähnen des verhaßten Herrn Siegfried heraus.

Damit waren wohl die Häupter der feindlichen Verschwörung sämtlich vernichtet, und unser Sieg schien gewiß. Aber was bedeutete dieser Sieg, wenn man ihn näher betrachtete? Auch bei uns war furchtbares geschehen. Einer der Auerochsen hatte sich den Befehlen des Generalstabchefs widersetzt, und als dieser ihn in Arrest zu führen befahl, folgte niemand. Vielmehr zerquetschte der Unbotmäßige unseren prächtigen Sturmfeder an der Mauer.

Diese Nachrichten brachte mir gegen Abend Postel selbst in das Sterbegemach, wo indessen Frau Schupp und die gute Wetti die Leiche aufgebahrt und Kerzen angezündet hatten. Ich hörte Postel ruhig an, ohne Erschütterung, aber bereit, alles zu tun, was nötig war. »Das Kriegsglück hat sich für uns entschieden,« sagte Postel, »aber der Tierstaat ist kein Staat mehr, sondern ein zoologischer Garten, dessen Käfige offen stehen. Was bleibt uns da anders zu tun übrig, als ihn zu verlassen?«

In diesem Augenblick ertönte ein furchtbares Krachen, das zugleich von draußen und innen kam. Postel riß die Türe auf; da sahen wir, daß die Hälfte des hölzernen Bungalows in einem Augenblick zusammengebrochen war. Zwischen dem zerbröckelten Gebälk der Treppe lag der Möbelauswurf der aufgeborstenen Zimmer. Hilferufe winselten uns aus allen Ecken entgegen. Die Katzen und Ratten des Haushaltes sprangen blutend wie irr auf den Trümmern umher. Der Eber in der Küche steckte mit dem Hinterteil im Schutt und brüllte laut. Nicht weniger verzweifelt wälzte sich Fräulein Rosa in ihrem Blut. Auf einem Türpfosten saß mit gesträubten Federn laut schreiend Dr. Karfunkel, während ihn das alte Adlerpaar feindselig umkreiste. Grödling und der Minister befanden sich im Erdgeschoß und schienen unversehrt; sie machten sich daran Verwundete hervorzuziehen. Postel und ich standen wie gelähmt auf dem noch erhaltenen Treppenabsatz.

»Auch dies war zu erwarten,« sagte Postel schließlich. »Das ist das Werk unserer weißen Ameisen, der Termitenabteilung. Von innen haben sie das Gebälk des Hauses angefressen. Nun gibt es kein Bleiben mehr.«

Postel machte sich Grödling und Reinhardt gegenüber durch Rufen bemerkbar. Diese gaben Zeichen des Staunens und der Freude. Eine Leiter lag im Garten. Man stellte sie an und Postel forderte mich auf, mit ihm hinunterzusteigen. Da fühlte ich, daß hier noch etwas war, außer meiner Person, das ich nicht zurücklassen konnte. Ich warf einen Blick auf Friedas Leiche. »Unmöglich!« sagte Postel kurz. »Denke doch … die Hyänen …« beschwor ich ihn. »Du hast recht,« erwiderte er. Er stieg zuerst einige Stufen hinunter. Ich trug die Leiche vom Bett ihm entgegen und so brachten wir sie mühsam hinab.

Außer dem Gewinsel, das noch immer aus den nicht zu bewältigenden Trümmern zu uns drang, herrschte in der Nähe der Bungalows auffällige Ruhe. Sofort nach dem Tod Sturmfeders hatte sich alles Hornvieh am Boden gelagert oder graste in dem Garten oder stand stier umher. Niemand dachte daran, heute den Sturmangriff zu erneuern. Die ganze Umgebung sah friedlich aus wie ein Viehmarkt am frühen Morgen. Bald sah man, erst schüchtern, dann beherzter die Insassen der Maison Pompadour, die Affen des Theaters, das Geflügel der Schulen hervorkommen. Was im feindlichen Lager geschah, weiß ich nicht. Noch eine Zeit lang hörte man von dort Brüllen wie von heftigen Kämpfen.

Wir suchten vergeblich noch Verschüttete zu befreien, aber ohne sie retten zu können. So erlag der Eber schnell seinen Wunden. Von Frau Schupp, Frau Hirsekorn und dem armen Vaverl war keine Spur zu finden. Sicher lagen sie unter den Trümmern begraben.

»Nun aber sobald wie möglich fort von hier!« rief Postel. »Welch ein Wunder!« bemerkte ich, als Grödling und Reinhardt in ihre im Erdgeschoß liegenden Zimmer traten, um sich reisefertig zu machen, »daß gerade unsere Räume erhalten blieben.« »Kein Wunder!« sagte Postel. »Wir alle waren durch meinen Willen geschützt, so lange der Staat durch mich bestand. Jetzt aber ist mein Wille gänzlich entspannt, und wir sehen uns wieder einer wilden Tierwelt gegenüber. Sie wird sich freilich hier nicht halten können, denn mit meinem sie bändigenden Willen ist ihnen auch ihr Menschliches genommen, das sie eine Zeit lang über ihre Tierheit erhob und unabhängig von Klima und gewohnter Nahrung machte. Diese tropischen Bestien und Insekten werden nun, ihrer menschlichen Anpassungsfähigkeit wieder beraubt, hier schnell verhungern oder erfrieren. Die, welche mögliche Lebensbedingungen finden, fallen erinnerungslos in ihre Tierheit zurück. Grödling und Reinhardt werden wieder Menschen. »Und wir?« wagte ich zu fragen. »Wir beide haben nachher noch ein Wort zusammen zu reden.« Grödling und Reinhardt waren inzwischen aus ihren Zimmern zurückgekommen; Grödling sah aus wie einst, als er mich hierher gebracht hatte, trug einen Lodenrock und einen prallen Rucksack; Reinhardt hatte wieder seine grüne Schirmmütze auf und eine altmodische Reisetasche in der Hand. Aus ihren Abschiedsworten ging hervor, daß Grödling wie bisher seine Bezirkstierarztstelle ausfüllen würde. Reinhardt war auch nicht besorgt. Er konnte jeden Augenblick in fürstlichen Dienst eintreten; er kannte die ganze österreichische und ungarische Hocharistokratie. Ein Mann von seinen Fähigkeiten findet immer ein Unterkommen. Der Abschied war herzlich wie nach einer längeren, gemeinsam gemachten Reise, doch nicht empfindsam. Beide Männer gingen dem Ausgang zu. Da sahen wir plötzlich wie Dr. Karfunkel mit gellendem Geschrei aus den Lüften sie umflatterte. Lachend erlaubte ihm Grödling, sich auf seiner Schulter niederzusetzen und mit ihm in die Welt zurückzukehren. Er wird wohl dem alten Kakadu das Gnadenbrot gegeben haben. Von unseren übrigen Hausgenossen hörte ich nichts mehr. Der junge Tapir war schon nach dem Tod Astas, als die Aussichten auf einen französisch sprechenden Friedenskongreß im Tierreich schwanden, nach Berlin gefahren, um sich dem Auswärtigen Amt zur Verfügung zu stellen zum Zweck der Beeinflussung der öffentlichen Meinung in neutralen Ländern. Der alte Rabbiner lag begraben unter den Trümmern des Bungalows. Auch die klagende Stimme des Fräulein Rosa war inzwischen verstummt. Das alte Adlerpaar kreiste hoch in den Lüften. Das Gebrüll aus dem Lager der Feinde nahm merklich ab. Die Raubtiere hatten sich wohl gegenseitig vernichtet. Um uns kroch entkräftet und schläfrig allerlei Ungeziefer, aber ohne Lust zum Angriff. In den Bäumen saßen neugierig und jämmerlich frierend die Affen. Postel und ich standen allein zwischen den Trümmern des verendenden Tierreichs. Neben uns auf dem Rasen lag die Leiche meiner Frau. Überall verbreitete sich ein schauerlicher Aasgeruch.

»Und nun will ich dir deinen Weg zeigen«, sagte Postel. Ich folgte ihm in den nur wenig beschädigten Keller, den Raum meiner früheren, freilich sehr geringen Tätigkeit. Hier stand noch unberührt Faß neben Faß. Am Ende des Ganges war eine eiserne Tür, die immer verschlossen gewesen war, mich aber bisher nie gekümmert hatte. Postel zog einen Schlüssel hervor und öffnete. Ich blickte in einen langen düsteren Gang, der hie und da von oben etwas Licht erhielt. »Wenn du von hier aus eine halbe Stunde weiter gehst«, sagte Postel, »gelangst du unter einer vermoosten Waldbrücke ins Freie. Dort findest du leicht einen Ort, wo du die Tote begraben kannst. Vergiß nicht, nebenan aus dem Gärtnerhäuschen einen Spaten mitzunehmen.« »Und dann?« fragte ich, als Postel schwieg, wieder etwas bang. »Dann?« antwortete Postel, »das mußt du nun selbst wissen. Du bist jetzt weit genug.« »Du sagtest doch vorhin …« stotterte ich, »zeige mir wenigstens den Weg!« »Den Weg?« Postel lächelte. »Du glaubst nach alledem noch an den Weg? Den Weg gibt es nicht, sondern nur für jeden seinen Weg, und den kann keiner dem anderen zeigen. Nur nennen kann ich ihn dir, da ich dich so weit erkannt habe. Menschen- und Tierleben sind wie gesagt für dich so erschöpft wie für mich. Also was bleibt? Die Entwicklung zum Gotttier, wenn nicht zu noch Höherem.«

Das war offenbar das neue Wort, das der Kondor gebracht hatte: das Gotttier. Es riß in mir den tiefsten Seelengrund auf, aus dem es wie eine lang unterdrückte Stimme widerhallte. »Du wirst verstehen« fuhr Postel fort, »daß jetzt nichts mehr zu sagen ist. So tief schaut keiner in den andern. Finde selbst deine neue Gestalt, die kein anderer Gott dir geben kann, nur du allein. Mir wirst du noch einmal begegnen, aber auch dann wirst du nichts mehr von mir hören, sondern nur schauen. Ob ich noch einmal eine Welt schaffen werde, weiß ich nicht, aber ich will nichts verreden, die Ewigkeit ist lang. Wenn ich es tue, so wird es eine Götterwelt sein ohne Menschenzusatz.«

Postel drückte mir die Hand wie vorher Grödling und Reinhardt, und dann ging er zwischen den Fässern zurück, so daß seine Tritte in den Kellergewölben hallten. In mir waren alle Worte verstummt, aber heiß glühte neues Werden in meinem Blut. Inzwischen erfüllte ich wie eine Maschine die letzten Aufgaben des alten Seins. Ich ging wieder zwischen den Fässern zurück und stieg ans Tageslicht empor. Im Gärtnerhaus fand ich einen Spaten. Der Bock Seidel, offenbar von einem Raubtier zerrissen, schwamm in seinem Blute, an dem sich Fliegen letzten. Ein Rabe, unser alter Kammerjäger, hackte dem Leichnam die Augen aus. Ich lud mir Friedas Leiche auf die beiden Schultern, so wie auf den alten Bildern der gute Hirte das wiedergefundene Lamm trägt, und dann durchschritt ich den Gang, den mir Postel im Keller geöffnet hatte. Nach einer halben Stunde kam ich unter der vermoosten Brücke ans Licht zurück. Ich befand mich in rauschendem Sommerwald. Schnell war in der weichen duftenden Erde eine Grube geschaufelt. Ich legte sie sorgfältig mit Zweigen aus und bettete die Leiche hinein. In der Nähe fand ich Farren, sowie blaue und gelbe Waldblumen in großer Fülle. Damit bedeckte ich die Tote und schaufelte zu. Mit welken Blättern machte ich die Stelle unkenntlich.

Ohne nachzudenken tat ich alles dies. Auch das Weitere ergab sich ohne jedes Besinnen oder gar Zweifeln. Ich nahm vorläufig wieder Dachsgestalt an und grub mir einen verborgenen Bau. Zeitweise vermenschlichte ich mich wieder und ging in die Städte. Einmal mietete ich mich sogar auf vier Wochen in einer nahen Stadt der Voralpen ein, empfing dort Geld und Briefe, wie früher, aß im Gasthaus; in solcher Lage schrieb ich aus pietätvollem Andenken an Postel diese Aufzeichnungen, die man finden soll, wenn ich die Tier-Menschenform ganz verlassen habe, denn dies wird geschehen, sobald der Götterkeim, der mich befruchtet hat, ausgetragen ist. Schon bin ich frei von allem, was Menschen und Tiere berührt, von ihren Tugenden und ihren Lastern, von Idealen und Sehnsucht, von allen Satzungen und Gewissensbissen, doch wandle ich lauschend, ja liebend, aber ohne Verstrickung, zwischen den Wundern des tierisch-menschlichen Seins umher, geführt von einer schattenhaften Hand, der ich mich ganz vertraue. Zu tief war mein Blick ins menschlich-tierische Leben, als daß mich von dort noch irgend etwas verwundern, versuchen oder erschrecken könnte. Für den ist das Einzelne nicht mehr gut oder schlecht, der gottwerdend im Einen Ungeschiedenen lebt.

Mein Bau ist nicht ferne von der alten Stätte des Tierreichs. Sinnend besuche ich sie bisweilen, denn Sinnen ist alles, was ich jetzt tun darf, um das göttliche Wirken in mir nicht zu stören, dessen Erfüllung mir nun gewiß ist, seit ich Postel dort an einem föhnigen Nachmittag noch einmal begegnet bin, wie er verheißen hat. Gesprochen wurde nichts, aber ich habe ihn in seiner Gotttiergestalt geschaut. Von weitem hörte ich zuerst ein Schäumen und Schnauben, wie Meeresbrandung und wie Marschmusik dröhnenden Hufschlag; dann brachen wie von einem Sturmwind die Zweige prasselnd auseinander und vorüber raste mit feurigem Götterblick ein schneeweißes bärtiges Einhorn.

*

Diese Aufzeichnungen wurden dem Herausgeber im Herbst 1916 von Bauern des Alpengebiets übergeben. Unter folgenden Umständen sind sie gefunden worden: Ein Dachs sollte aus einem Bau aufgestöbert werden. Die Hunde waren keck in die beiden Gänge hineingelaufen, um, wie sie in ähnlichen Fällen oft getan hatten, das Tier in seinem Kessel zu stellen; aber unter deutlichen Anzeichen eines außerordentlichen Schreckens, mit Winseln und Beben, waren sie sofort wieder zurückgekommen. Durch nichts ließen sie sich veranlassen, den Bau wieder zu betreten. In der Annahme, es müsse darin irgend ein gefährliches Tier sein, häufte man mit Petroleum getränkten Werg in die Eingänge und über den Bau und legte Feuer an. Plötzlich sah man, wie sich unter dem Brand die Erde hob, als wenn ein riesiger Maulwurfhaufen entstünde. Aus Rauch und Flammen flog rauschend ein gold- und rotgefiederter Vogel von Adlergestalt hervor und erhob sich mit erstaunlicher Schnelligkeit so hoch in die Lüfte, daß er bald nur noch als ferner Punkt zu sehen war. In den Fängen hielt er etwas, das er über den Köpfen der Bauern fallen ließ. Es waren die Blätter, die sie dann dem Herausgeber, als einen »g'studierten Herrn« übergaben. Dieser erhielt schließlich auf die Frage, wie denn der Vogel näher beschaffen war, nur noch die Antwort: »Akkurat so, wie das goldne Viech auf dem Schild von der Versicherungsgesellschaft Phönix«.