Ein Michel Angelo

Erster Teil

1

An einem heißen Augusttage um die Mittagszeit begab es sich, daß des Bürgermeisters falbe Kuh in den Trog des Marktbrunnens sprang und sich allda niederlegte.

Den ganzen Morgen über war sie schon sonderlicher Laune gewesen. Als sie durch die Stallthür zur Mittagstränke wandelte, sah sie im Vorübergehen den Knecht mit störrischen und verschmitzten Augen an.

Die Kälber sprangen voraus, wandten sich an den Seitengassen um und schlugen hinten hinaus. Die übrigen Kühe schritten rüstig dahin, und so sich eine etwan dadurch verweilt hatte, daß sie ein wenig in eine offne Hausthür hineinglotzte, setzte sie sich alsbald in leichten Trab, um wieder zum Troß zu gelangen. Unterdessen wandelte die Falbe so gesammelt und gemessen hinterdrein, als ob sie mit jedem Tritt einen Schicksalsnagel ins Weltall triebe. So kam sie als die letzte an den von trinkendem Volke rings umstandnen Brunnen. Kaum war sie angelangt, so that sie einen anmutigen Sprung und setzte sich im Troge nieder.

Die in ihrem geruhsamen Trinkgeschäft gestörten Genossinnen erhoben ein solches Gebrüll, die begleitenden Knechte verübten ein solches Peitschengeknall und Geschrei, daß der Gemeinderat, der just Tagung hatte, den Diener auf Kundschaft hinausschickte. Als dieser zurückbrachte, was geschehen war, hob der erschrockne Bürgermeister die Sitzung auf, und die Väter der Stadt begaben sich persönlich an Ort und Stelle.

Der Bürgermeister schimpfte auf den Knecht, der Knecht schimpfte auf die Falbe, die Kälber bockten unverschämt und schlugen hinten hinaus, die Kühe drehten sich langsam herum und starrten den Herren vom Rat ins Gesicht; die einen thatens lautlos mit vorwurfsvollem Blick, die andern mit kläglichem Gebrüll. Zu allem Unmuß fing jetzt gerade auch noch das Glöcklein zur Mittagsschule an zu läuten. Haufenweise zogen die Schulkinder von der Mühlbrücke die Straße herab, vom untern Thor die Straße herauf und sammelten sich um den Brunnen, und wo einer von den Bürgern, die mit Seilen und Stangen zur Hilfe herbeigeeilt waren, hintreten wollte, um Hand anzulegen, mußte zuerst ein Büblein oder ein Mägdlein zur Seite geschoben werden.

Die Falbe hatte sich mit einem Horne zwischen zweien von den Eisenstängchen verfangen, worauf die Mägde ihre Kübel zu stellen pflegten, und jeden Versuch, ihre Stirne hinunterzudrücken und das Horn unter dem Stäbchen hindurch zur Freiheit zu führen, machte sie durch sanften aber ehernen Widerstand zu Schanden. Es blieb nichts andres übrig, als zum Schlosser zu schicken, daß der das Stäbchen durchfeile.

Hätte es sich um ein andres Vieh gehandelt, so hätte der Meister den Gesellen geschickt, denn er war auf das Monatsblatt eines Gewerbemuseums abonniert und nannte sich Kunstschlosser. Da es aber des Bürgermeisters Falbe in eigner Person war, erschien auch der Meister in eigner Person. Er machte sich ans Werk, und das Knirschen der Eisenfeile mischte sich in das Konzert. Jetzt war das Stäbchen gelöst, und jetzt mit kräftigem Ruck zur Seite gebogen. Nun konnte man mit Hebeln und Stricken dem Tier zu Leibe gehn. Eine Weile hindurch war das Thal erfüllt von dem Jammergebrüll der beleidigten Kuh. Dann verkündigte ein herzliches »Gottlob« des Bürgermeisters, daß das Rettungswerk gelungen war.

Der Falben trug das Abenteuer keinen Schaden ein; aber am andern Morgen lag statt ihrer die steinerne Brunnensäule im Trog. Man hatte die Hebel an sie angelegt, um die Kuh in eine bequemere Lage zu bringen. Darüber war die Säule in aller Stille geborsten, und während der Nacht war sie in den Trog gestürzt. Dabei war ihr Kopf auf die steinerne Rampe aufgeschlagen und in unzählige Stücklein zerschellt.

Der Marktbrunnen bot einen kläglichen Anblick. Das Gestell mit den Röhren war stehen geblieben. Aber das Wasser schien keine Spende mehr zu sein, sondern ein Unrat; das Ganze glich nicht mehr einem Brunnen, sondern einer Tränke.

Es war gut, daß die Brunnensäule der Gemeinde zugleich als Laternenhalter gedient hatte; wer weiß, ob sonst der Gemeinderat die Kosten an ihre Wiederaufrichtung gerückt hätte. So aber wäre der Marktplatz in den mondlosen Nächten seines Leuchters beraubt gewesen. Hatte man aber die Laterne wo anders aufhängen wollen, so hätte der Wettbewerb der Gasthäuser zum Adler und zum Hirschen einen heikeln Schiedsspruch erfordert. Denn ihre Eingangspforten, die von der Brunnenlaterne mit einem gleichen Maße von Helligkeit bedacht worden waren, waren jetzt gleichmäßig finster geworden, und jede von ihnen hätte gen Himmel geschrieen, wenn durch die neue Laterne die andre mehr Licht bekommen hätte. Darum beschloß der Gemeinderat, daß die Brunnensäule wieder aufgerichtet werde. Der Bürgermeister schellte dem Ratsdiener und befahl ihm, er solle den Meister Petermann sofort auf das Rathaus bringen.

Meister Petermann war einer von den drei Menschen des Städtchens, die das stolze Bewußtsein hatten, der deutschen Kunst zu dienen. Die Führung unter den Dreien hatte unstreitig der Kunstschlosser, schon vermöge des Kunstgewerbeblattes, von dem er alle Bände besaß bis auf einen. Der muß auch noch bei, pflegte er zu sagen, und wenn ich alle Bibliotheken der Welt durchstöbern müßte! Dabei bohrte er mit dem Zeigefinger in die Luft, gleichsam um zu versinnbildlichen, wie er sich das Durchstöbern vorstelle. Wenn ihn aber der künstlerische Enthusiasmus am gewaltigsten ergriff, dann versicherte er mit Thränen in den Augen, daß er seit seiner Jugend eine eiserne Kirchenthür im Kopfe herumtrage, und daß er nicht ruhig sterben könne, wenn er sie nicht auf Kosten irgend eines hochherzigen Stifters zum Ruhme der Stadt aufstellen dürfe.

Der Vertreter der Kunst in Holz war der Schreiner Wenzel. Hatte er nicht im Rittersaale des gräflichen Schlosses das Getäfel verfertigt und goldig blinkende Nägel in die dunkle Borte geschlagen? Seitdem beseelte ihn ein höherer Schwung, besonders in den Augenblicken, wo er seine Preise machte. Man schonte deshalb die kostbare Arbeitskraft, der Mann hatte reichlich Muße, und er wurde ein tüchtiger Bienenzüchter. Auch pflegte er des Geschäftes, an der Straßenecke zu stehen, über die Vorübergehenden zu glossieren und auf die Dinge zu warten, die da kommen sollten.

Und es kam also ein dritter Künstler in den Ort, bald nach dem französischen Kriege, das war der Bildhauer Petermann. Ehe er sich im Städtchen niederließ, mietete er sich in dem Gasthause zum goldnen Löwen ein Zimmer und durchstreifte die Gegend. Er besuchte Dorf um Dorf in einem Umkreis von gut sechs Stunden, erkundigte sich jedenorts nach dem Kirchhof und spähte über die Mauer. Wenn er zwischen den Holzkreuzen einen neuen Grabstein erblickte, dann holte er den Totengräber, ließ sich den Kirchhof aufschließen, betrachtete das Denkmal mit geringschätziger Miene, fragte, woher es bezogen sei, und was es gekostet habe, und lud schließlich den Totengräber zu einem Glase Wein ins Wirtshaus ein. Hier erzählte er, daß er viel billigere und viel schönere Grabsteine mache; es sei ein Engel des Schmerzes und ein Engel des Trostes darauf, und man könne ihn auch in Zielen bezahlen.

Als er mit seinen Ausflügen zu Ende war, schloß er mit dem Besitzer eines benachbarten Steinbruchs, wo ein graugelber, grobkörniger Sandstein gebrochen wurde, einen Lieferungsvertrag ab, kaufte sich ein Haus in der Vorstadt und fing an, Grabsteine zu machen. Er war ein fleißiger Mann, es ging ihm flink von der Hand, und die Kunstwerke, die jenseits des Grabens längs der Landstraße zur Schau standen, vermehrten sich fast unheimlich schnell.

Wenn Leute des Weges kamen, dann spähte der Meister zum Fenster hinaus, und wenn sie stehen blieben, sich die Grabsteine zu betrachten, dann trat er unter die Thüre der Werkstatt und rief: Der untere ist der Engel des Schmerzes, und der obere ist der Engel des Trostes. Und wenn die Betrachter den zweiten Grabstein beschauten, den dritten, den Vierten, und erstaunt und lächelnd einander ansahen, dann rief der scharf beobachtende Künstler: Der Tod macht alle Menschen gleich, und Schmerz ist Schmerz, und Trost ist Trost.

So dachten die Bewohner des Städtchens auch. Nach zehn Jahren sah es in dem Friedhofe aus wie in einem Irrgarten, wo ein Zauberspiegel die Wirklichkeit verhundertfacht. Wohin man auch blicken mochte, man sah dem Engel des Trostes in den offnen Mund hinein; und wenn man den Kirchhof verlassen wollte, mußte man sich zuerst an seiner Umgebung zurechtsuchen, um die Seite des Ausgangs zu finden, so sinnverwirrend umsaßen einen ringsum die Engel des Schmerzes.

Auch in die Weite und Breite schwärmten die Engel aus und ließen sich scharenweise nieder auf den Friedhöfen der Nachbarschaft.

Meister Petermann rieb sich die Hände, erweiterte den Heckkäfig für die fruchtbare Zucht und beschloß, sich nach einem Gesellen umzuthun.

Es stellte sich bald ein schlankes, hübsches Bürschlein bei ihm ein. Es sah aus wie ein Studentchen aus seiner Familie, und doch wußte man bald, daß seine Mutter nur eine arme Büglerin in einem Marktflecken droben im Oberlande war, und er selber nichts weiter als ein Steinmetzgeselle. Trotzdem nahmen sich die reichsten Bürgerstöchter zusammen, wenn sie an ihm vorüber gingen, neigten ihr Köpfchen noch ein wenig tiefer und dankten gar anmutig seinem Gruße.

Wem er wohl die vielen Blumen bringt? dachten sie, wenn er mit einem großen Strauß Anemonen oder Erika den Weinbergsweg herunterkam. Anderntags hätten sie die Blumen auf dem Müllhaufen im Gartenwinkel finden können oder auf dem Hofpflaster zerstreut unter seinem Kammerfenster. Er war ein sittsamer, wohlgezogner Junge, der in Sprache und Kleidung auf sich hielt. Wenn er am Sonntag nachmittag auf der Kegelbahn erschien, rückten die Burschen zusammen und machten für ihn den Platz neben dem Herrn Unterlehrer frei.

Weniger gern gönnten sie ihm einen andern Platz. Wenn man nämlich den Bürgermeister mit seiner Familie und Verwandtschaft nach dem Biergarten vor dem Unterthore, den sein Schwager, der Adlerwirt, eingerichtet hatte, lustwandeln sah, vermißten die Bürgersöhne selten den jungen Steinmetz in der Gesellschaft, und wenn sie glossierend hinterdrein wandelten und mit höflichem Gruße an einem Seitentische Platz nahmen, bemerkten sie zu ihrem Ärger, wie Georg und des Bürgermeisters Töchterchen, die hübsche Luise, einträchtig bei einander saßen.

Der Bürgermeister hatte dem fremden Steinmetzgesellen sein Haus geöffnet, da der verstorbne Vater des jungen Mannes einstmals in der Artilleriekaserne sein Schlafkamerad und in den Batterien vor Straßburg und Belfort sein Kriegskamerad gewesen war. Und wenn gelegentlich eine Bürgersfrau, die in dem Laden des Ortsvorstandes zwei Pfündchen Seife holte, über den Familienspaziergang des vorigen Sonntags eine anzügliche Bemerkung machte, sah die Frau Bürgermeisterin beim Abwägen so gleichmütig drein, wie wenn ihre Luise einer andern gehöre. Worüber sollte sie sich aufregen? War nicht Georg ein braver Junge? Wurde er nicht von dem alten Hagestolzen, dem Meister Petermann, gehalten wie ein leiblich Kind? Und wenn Luisens Vater ihm später unter die Arme griff mit ein wenig Kapital, hatte er dann nicht alle Aussicht, die rentable Engelbrutanstalt zu übernehmen? Was konnte sie für sich und ihr Kind besseres wünschen?

In der That gab es im Städtchen keinen zweiten Menschen, dessen Zukunft so gesichert und so behaglich schien wie die Georgs. Er brauchte nur ein paar Jahre älter zu werden und sich dann niederzusetzen just da, wo er stand, so saß er warm und behaglich in Luisens Schoß und nicht minder behaglich in Meister Petermanns Brutnest, wo die ausgeschlüpften Engel goldne und silberne Eierschalen zurückließen.

Der alte Steinmetz gönnte seinem Gesellen von ganzem Herzen das Glück, sein Nachfolger auf dem guten Plätzchen zu werden. Er hatte ihn wohl am liebsten unter allen Menschen, nicht allein, weil Georg ein eingezogner und zuthulicher Junge war, sondern vor allem deshalb, weil er sich einen gelehrigern Schüler nicht hätte wünschen können. Zwar hatte es einige Monate gedauert, bis der Geselle die beiden Engel nach dem bewährten Urbilde zu Wege brachte, an das der Meister glaubte. Ob nun unbotmäßige Phantasiegelüste daran schuld waren, Freischärlersmucken, oder ob es ihm eben nicht gelang: er hatte die Neigung, dem Engel des Trostes die Lippen zu weit zu öffnen und dem Engel des Schmerzes die Mundwinkel zu weit hinunter zu ziehen. Nur keine Übertreibung! pflegte dann der Meister zu sagen, – der Engel des Trostes ist kein Pfarrer, und der Engel des Schmerzes hat keinen Geldbeutel verloren. Solche Worte merkte sich der Bursche, und bald traf er den Sinn des Alten so vollkommen, daß die beiden, wenn sie im Magazine zwischen ihren Kunstwerken umherwandelten, selber nimmer unterscheiden konnten, was von der Hand des Meisters und was von der Hand des Gesellen herrührte.

Einige male zwar mußte der Alte den Kopf über den Burschen schütteln. Als er eines Abends in die dämmerige Werkstatt trat, sah er ihn zwischen den unvollendeten Grabsteinen stehen und mit den Händen in der Luft hantieren, als ob er knete; dabei lächelte der Junge verzückt vor sich hin. Ein andermal, als beide neben einander arbeiteten, wurde der Steinmetz durch einen unverständlichen Laut veranlaßt, nach seinem Gesellen zu schauen. Georg lehnte an einer aufgestellten Leiter, hatte den Kopf auf eine Sprosse gelegt und starrte in die Höhe. Er hielt die Hände ausgestreckt, wie wenn er etwas festhalten wollte.

Als der Meister diese Sonderlichkeiten dem Kunstschlosser erzählte, bohrte dieser mit dem Zeigefinger in die Luft, denn er wollte etwas bedeutendes sagen. Gieb acht, sagte er, in dem steckt etwas! Seitdem hatte der Schlosser ein Auge auf den Jungen.

Die Falbe des Bürgermeisters war daran schuld, daß das wasserklare Leben des emsigen Paares in Gährung geriet. Das Dasein des Alten rann zwar bald wieder still und hurtig in seinem sauberen Kanälchen dahin. Aber anders ging es seinem träumerischen Gesellen. –

Als Meister Petermann mit Georg auf dem Rathause erschienen war, wurde er von dem gesamten Gemeinderat hinausgeleitet vor den Marktbrunnen, damit er den Schaden besehe. Der abgebrochne Stumpf schaute kläglich aus dem Brunnentrog heraus. Es war eine alte Arbeit. Die Säule war von steinernen Epheuranken umwunden. Hier und dort schwammen Fischlein durch die Zweige, und großmäulige Froschgesichter schauten unter den Blättern hervor. Gegen das obere Ende hin war das Bildwerk etwa zwei Spannen weit abgesprungen.

Der Meister erkundigte sich nach den Bruchstücken des abgeschlagnen Säulenkopfes. Es stellte sich heraus, daß sie der Straßenwart in aller Frühe hinausgeführt, zerklopft und als Füllsel in verschiedne Straßenlöcher gestopft hatte.

Der Bildhauer kratzte sich hinter dem Ohre und erkundigte sich, was denn da oben eigentlich gewesen sei; wegen der großen Laterne habe er es niemals recht betrachten können. Keiner wußte Bescheid. Das älteste Mitglied des Gemeinderats wußte nur, daß etwas Gespaßiges da oben gesessen wäre, aber was es gewesen sei, wußte er auch nicht zu sagen.

Die Herren vom Rat hatten nur des Adlerwirts Büblein zu fragen brauchen. Das war ein stilles und sinniges Kind. Es hatte oft zu dem Zwerg hinaufgeschaut, der mit listigen Äuglein zu den Jungfern und Mägden am Brunnen herunter blinzte, und manchesmal, wenn das Büblein auf der Gartenmauer lag und dem Rauschen des Wassers lauschte, grübelte es darüber nach, warum wohl der Zwerg den grauen Finger auf den Mund lege.

Aber niemand im Gemeinderat dachte an des Adlerwirts Büblein, und so mußte man schließlich den Gemeindediener zum Laternenanzünder schicken. Nach einer geraumen Weile kam der herangetrollt, und von ihm erfuhr man dann, daß da oben ein kleines Männlein im Schilfe gesessen sei und den schwatzenden Mägden und Jungfern in einem fort pst! pst! hinuntergerufen habe, ohne den geringsten Erfolg.

Der Bürgermeister sah den Steinmetz an und fragte ihn, ob er sich zutraue, wieder ein solches Zwerglein im Schilfe hinaufzusetzen.

Meister Petermann machte ein bedenkliches Gesicht. Mit dem Schilfe werde er leicht fertig werden, meinte er, und zeichnete mit dem Finger ein spitzenreiches Ding in die Luft, das der alten lombardischen Königskrone ähnlich sehen mochte. Was aber den Zwerg beträfe, so halte er einen Engel für paßlicher. Wenn es den Herren recht sei, wolle er einen Engel in den Schilf setzen, etwa einen Engel des Trostes.

Seine Stimme war sicher und fröhlich geworden. Aber mit einemmale brach er ab. Er hatte einen Blick des Bürgermeister aufgefangen. Unsicher fügte er hinzu: oder eine Kugel, eine Pyramide oder sonst etwas schönes.

Die Herren schienen mit diesem Vorschlage nicht zufrieden. Etwas Gespaßiges müsse es sein, meinte der älteste Gemeinderat. Dem Meister Steinmetz traten die Schweißtropfen auf die Stirne. Der Bürgermeister sah die Verlegenheit des Alten. Da fiel sein Blick auf Georg, der bescheiden im Hintergrunde stand, und sein Antlitz erhellte sich:

Was meinst denn du, Georg?

Der Angeredete wurde blutrot und erwiderte: Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren.

Noch nicht ganz, wiederholte der Bürgermeister lächelnd und sah den Burschen eine Weile wohlgefällig an, als ob er auf weitern Bescheid warte. Dann sagte er:

Ich schlage vor, daß wir die Arbeit teilen. Petermann, richten Sie die Säule wieder her! Georg soll den Kopf auf die Brunnensäule stellen. Zerbrich dir deinen eignen, und erfinde was schönes. Bis zum Feste muß alles fertig sein. – Mach dein Meisterstück, Georg!

Es war die erste selbständige Arbeit, die Georg anvertraut wurde. Das Herz klopfte ihm nicht, und das Blut stieg ihm nicht in die Wangen. Er hörte den Auftrag wie ein leichtsinniger Schüler, der die Aufgabe niederschreibt, ohne darüber nachzudenken, ob er sie werde lösen können. Es wird schon gehen, sagte er zu sich und lächelte glücklich vor sich hin, denn er dachte an des Bürgermeisters Töchterlein und ihre Freude und ihren Stolz, wenn sie aus ihrem Kammerfenster über den Marktplatz weg nach seinem Kunstwerk schauen werde.

So ging er gleichmütig und vergnügt hinter seinem Meister und dem Kunstschlosser drein, der sich zu ihnen gesellte.

Ein schweres Problem, meinte der Schlosser, und drückte den linken Zeigefinger vor die Stirn, da darf man sich schon auf die Hosen setzen.

Es wird mir schon etwas einfallen, sagte Georg leichthin.

Nichts da! Auf die Hosen gesetzt und studiert! rief der Kunstschlosser. Und nach einer kleinen Pause, während deren er einen kleinen Widerstand in seiner Seele edelmütig überwunden hatte, fügte er warmen Blickes hinzu: Ich will dir vier – fünf Bände von meinem Kunstblatt leihen; da stehts drinnen.

2

Die helle Nachmittagssonne schien in die Werkstatt. Georg war allein. Er saß vor dem breiten Tische und blätterte die geliehenen Bücher durch, einen Band nach dem andern. Zuerst that ers in dem Gedanken an seine Aufgabe, dann gedankenlos, wie man in einem Wartezimmer Bilder beschaut, endlich im Zwang der Pflicht, um mit allen fünfen fertig zu werden. Aber ehe er den letzten Band bis zur Hälfte durchgeblättert hatte, stand er auf, es war ihm beklommen zu Mut, und das Herz klopfte ihm bis zum Halse hinauf. Der helle Sonnenschein lag auf den vollendeten und begonnenen Grabsteinen und beleuchtete die süß-traurigen und traurig-süßen Gesichter der beiden Engel, hier von vornen, dort von hinten, da von der Seite. Georg sah darüber hin. Da kam es machtvoll über sein Gemüt. Etwas andres, etwas eignes sollte – durfte er schaffen! Er erschrak, daß ihm das Herz erbebte. Aber im erschütternden Ansturme des Schreckens kam eine Freude in sein Herz, wie er sie noch nie erlebt hatte, eine hohe, angstvolle Freude, die jauchzend und zitternd über dem Abgrunde hing. Mit leisem Schritt, wie wenn er sich scheuen müßte, jemanden zu verscheuchen, ging er in den hintern Raum der Werkstatt, der im Schatten lag, und setzte sich auf die Brunnensäule nieder. Da saß er, die heiße Stirne in die Hand geschmiegt, bis sein Meister vor ihm stand und ihn mit erstauntem Blicke maß. Georg stand auf und ging still an die gewohnte Arbeit.

Der alte Steinmetz besichtigte den Schaden im Laubwerk der Säule. Das soll der Teufel reparieren! brummte er in sich hinein. Es wird das gescheiteste sein, all das unnütze Epheuzeug samt dem Getier hinwegzumeißeln. Die letzten Worte sprach er zu Georg. Der gab keine Antwort. Das nahm der Alte für Zustimmung, und bis zum Abend hatte er eine schöne Walze zurechtgemeißelt.

Georg arbeitete wortlos an einem Grabsteine, bis die Feierstunde schlug. Wie alltäglich spaltete er dann Küchenholz für die Haushälterin seines Meisters, und maschinenmäßig setzte er sich an den Tisch und aß sein Abendbrot. Meister Petermann war aufgeräumt, da er sich seiner Aufgabe so rasch und so glücklich entledigt hatte und mit der nächsten Woche wieder zu seinen Engeln zurückkehren durfte. Er ahnte nichts von der tiefen Bewegung seines Gesellen und war erstaunt, daß ihn dieser heute nicht zum Samstagsschoppen begleiten wollte.

Georg hastete in sein Zimmer und in sein Bett, obgleich der Abend erst herandämmerte. Er stützte beide Ellbogen auf das Kopfkissen und sah zum geöffneten Fenster hinaus zu dem dunstigen, mattblauen Himmel empor, der von der glühenden Sonne, die ihn durchwandert hatte, zu dampfen schien. So lag er noch, als die ersten Sternenblicke durch den Nebel irrten, und noch, als des Mondes silberner Kahn mit dem bleichen Segel durch das Himmelswasser schwamm, bis Sternenlicht und Mondenschein verdeckt wurden von der schwarzen Nacht. Erst als der erste matte Hauch des Morgenlichts, die Finsternis erweichend, über die Wipfel des Gartens quoll, fielen dem Burschen die Augen zu. Nach kurzem Schlummer schreckte er wieder auf und wurde wach. Er preßte die brennenden Augen zusammen und suchte den Schlaf. Aber der kam erst wieder an sein Lager geschlichen, als er ihn zu suchen aufgegeben hatte, und sein Geist wieder hineingestürzt war in die Wogen seiner Empfindungen.

Als er erwachte, fühlte er sich matt und elend. Ein unfruchtbarer Sturm war durch ihn hindurch gebraust. Es hatte gesungen und geklungen, gewogt und gewallt in seinem Gemüte, aber nichts war aus der Tiefe gestiegen, keine Gestalt, die ihn gegrüßt hätte: da bin ich, dein eigen! Die Wogen hatten sich selber getrunken, das Wallen war in sich verbraust, der Klang war wortlos, gedankenlos verklungen. Georg fühlte sich zerarbeitet – für nichts – ärmer als arm.

Er zog sich an und machte seinen gewohnten Kirchgang. Während er sonst bei den Burschen auf der Straße zu stehen pflegte, bis der Bürgermeister und seine Familie zur Kirche gingen, und er mit Luise einen Morgengruß getauscht hatte, eilte er heute alsbald auf seinen Platz, und nicht ein einziges mal sah er nach dem bekümmerten Mädchen hinunter, dessen Blick den seinen mit steigendem Verlangen suchte. Das einzige, was in seinen Geist Eingang fand, war, daß seine Augen bemerkten, daß der steinerne Kanzelfuß aus einem Strauße von Palmblättern herauswachse, und das einzige, was er mit Bewußtsein that, war die scheue Flucht vor Luise und ihren Eltern nach dem Gottesdienste. Um alles wollte er heute nicht zu dem üblichen Biergartengang eingeladen werden, nur heute nicht.

Nach dem Mittagessen ging er über die Wiese den Wingert hinauf und dem Walde zu. Glut hauchte die ausgedörrte Berghalde, und träger Dunst deckte den Himmel zu. Die Sonne hing in bleierner Schwere in den gespannten Nebeln. Es war, wie wenn des Himmels Schoß gebannt wäre, sodaß er kein Wetter empfangen könne, und der Dunst und die Glut, anstatt sich zu einem Gebilde zu gestalten, fort und fort, hin und wieder, auf und nieder weben müßten.

Aus dem Weinberg ging der Pfad in ein Föhrengehölz, das sich bis zum Gipfel des Berges hinaufzog. Ehe Georg in die Waldesnacht trat, pflückte er einen Strauß Weinbergsnelken, die zwischen den letzten Rebstücken dicht bei einander wuchsen. Dann eilte er über die hohlliegenden Wurzelstränge durch die brütende, lautlose Dämmerung dem Kamme des Hügels zu. Oben wehte ein Lufthauch, und junger Buchenwald empfing den Wandrer. Der verwachsene Pfad wurde so eng wie ein Rehschlupf und fiel rasch nach dem Grunde des Thales hin ab. Jetzt hatte sich der letzte Busch hinter Georg geschlossen, und er stand auf einem grünen, kühlen Waldwege. Binsenbüschel und vereinzelter Schilf zwischen dem hohen Waldgras verrieten die Nähe des Wassers, und zuweilen hörte man im Geräusche der Buchen einen hellen Klang wie Quellengeriesel.

Georg spähte suchend das üppig wuchernde Buschwerk entlang, das sich auf der andern Seite des Weges vor den hohen Buchenstämmen hinzog. Jetzt hatte er gefunden, was er suchte. Er schlüpfte durch eine schmale Lücke, die zwischen zwei Brombeerhecken offenstand, ließ sich einen kurzen, steilen Abhang hinuntergleiten und stand auf einer moosigen, von einem großen Haselnußstrauche überwölbten Felsplatte. Hinter ihm stieg der Buchenwald in die Höhe, rechts und links sprang das steile, buschige Ufer vor, ihm gegenüber ragte die dunkle, flüsternde Wand eines undurchdringlichen Erlengehölzes, und ihm zu Füßen glitt lautlos ein schwarzer Bach vorüber.

Georg legte sich auf das weiche Lager und sah dem Wasser entgegen, das wie eine geheimnisvolle Schlange durch das Gebüsch geschlüpft kam; dichter Schilf bewuchs die beiden Ufer, und seine hellgrünen Fahnen wehten bis zu den dunkeln niederhängenden Blättern empor.

Eine kurze Strecke unterhalb des Verstecks stiegen die Schilfgeschlechter von beiden Seiten so tief in das Wasser, daß sie sich in der Mitte vermischten, und der stille Bach erhob hier seine Stimme und hielt in leisem Klingen Zwiesprache mit dem flüsternden Volk. Einen Büchsenschuß abwärts leuchtete das sonnenbeschienene Dach der Mühle über die Windungen des Baches herüber. Auf dem andern Ufer knarrten Räder, man hörte Peitschengeknall und nahe Stimmen. Die Landstraße zog sich dort das Thal hinauf. Aber das Erlengebüsch längs des Baches war so dicht, daß lein Blick herüber und hinüber dringen konnte.

Georg lag da, Kinn und Wangen in die beiden Hände gestützt, und hub die Arbeit der Nacht von neuem an. Aber wie er sich auch den Kopf zerbrach, gleich Nebelbildern zog es an einem Geiste vorüber, sie zerflossen in nichts, wenn er sie anschaute, und dann schwirrte es ihm wieder vor den Augen von einer Fülle von Bildern, aber wenn er hineingreifen und eins festhalten wollte, so war die Schar zerstoben.

Das unnütze Spiel ermüdete Georgs Gedanken, sie trieben es immer matter und stellten es schließlich ein. Und durstig geworden von dem fruchtlosen Ringen, schlürfte seine Seele durch Auge und Ohr das geheimnisvolle Leben der Waldeinsamkeit, Er sah den Libellen zu, wie sie über dem Wasser tanzten. Er horchte erschrocken und entzückt auf, wenn hinter ihm des Waldes heimlich-unheimliche Geräusche laut wurden, ein kurzes Rascheln im dürren Laub, das anschwellende Rauschen im Buchenwipfel, das mißtönige Knarren irgendwoher aus der Höhe, das dumpfe Aufschlagen einer fallenden Eichel im Moos, der schwere Flügelschlag eines Raubvogels durch die erschrocknen Blätter einer Baumkrone, das knitternde Zusammenschlagen der Zweige im Gebüsch, wenn irgend etwas, vielleicht ein Wild, lautlos hindurchgedrungen war, und dann wieder das lüsterne Geraune vom Schilfe her, Vogelstimmen waren kaum zu hören. Aber wenn Georg nach dem Walde hinauf lauschte, kams ihm vor, als ob auch in den Blättern der Bäume das unruhige Vogelleben webe, das in den Spätsommertagen die gefiederten Völker kurz vor ihrem Aufbruch so leidenschaftlich umhertreibt. Es überfiel ihn mächtig die Wehmut der Herbstnähe, und ohne zu wissen, was er that, warf er eine der Blutnelken nach der andern in das vorüberfließende Wasser. Er sah den schwimmenden Blumen zu, wie sie dem Schilfe entgegen eilten und zwischen den Blättern hangen blieben.

Ihr armen Blumen, dachte er, so müßt ihr hier im Schatten verderben. Ob wohl eine den Weg hindurch findet, hinaus aus diesem Düster ins Sonnenlicht? Und er beugte sich weiter vor und warf die Blume weiter hinein in den Bach und sah mit Freuden, wie sie der Länge nach mit dem rascher fließenden Wasser dahinglitt und zwischen zwei hochragenden Stengeln verschwand.

Glück zu! dachte Georg und wartete eine Weile, als ob die entschwundne Blume zurückkehren könnte. Dann warf er eine andre, es war seine letzte, derselben Stelle zu, von der die vorige ihre glückhafte Fahrt gethan hatte, und sah der lustig dahingleitenden gespannten Blickes nach.

Schon näherte sich des Stengels Ende dem grünen Gehege, da rauschte es im Schilf, ein weißer Arm griff heraus und schob die Blätter zur Seite, der heranschwimmenden Blume entgegen tauchte eine Hand aus der Flut und ergriff sie. Dann verschwanden Arm und Hand, und hinter dem holden Geheimnis schlug der Schilf zusammen.

Aber von neuem rauschte es, und aus dem Schilfe tauchte ein Frauenleib. Die Nixe hielt die triefende Hand über die Augen und spähte den Bach hinauf. Die andre Hand legte sie auf den schimmernden Hals, wohl um die stechenden Spitzen der Blätter fern zu halten. Gleich hervorquellenden Blutstropfen leuchteten die roten Blüten über den weißen Fingern.

Georg erschrak bis ins Herz hinein. Sein Zusammenfahren verriet ihn. Es traf ihn ein erstaunter, fragender Blick des Mädchens. Dann verschwand das Bild. Die Fahnen des Schilfes schwankten noch eine Weile, dann stand alles still. Neckisch klangen die Wellen, und höhnisch flüsterten die Blätter, hinter denen die Erscheinung untergetaucht war.

Da stand der Bursche leise auf, kletterte ins Dickicht zurück und hastete den Waldhang hinauf. Oben auf dem Pfade hielt er still. Auf dem Herzen lastete es ihm zentnerschwer. Er wußte nicht, was ihn erfüllte; war es Angst? Es ging ein Schauer auf seine Seele nieder. Er mußte sich setzen, denn seine Füße trugen ihn nicht mehr. Er atmete mühsam und schloß die Augen. Da schwirrte es ihm feurig vor den Sinnen, daß ihm alles Denken verging. All sein Wesen löste sich auf in dies Flimmern, Zittern und Weben.

Mit einemmale durchzuckte es ihn wie ein Blitzstrahl. Er öffnete die Augen und sah die lichte Welt vor sich. Das Herz klopfte noch mächtig, aber das pressende Gewicht war weg, im Kopfe wirbelte es ihm, aber von lauter Gedanken.

Leichten Fußes eilte er den Weg dahin. Bald fing er an zu laufen, zu tanzen und zu springen. Er warf den Hut in die Höhe und fing ihn jauchzend wieder auf. Dann sprang er in den Wald hinein, schlang die Arme um einen Ahornstamm und preßte die Lippen auf die Rinde wie auf den Mund einer Geliebten. So that er gleich einem Unsinnigen, bis er in die Nähe des Städtchens kam. Da wurde er wieder gesetzt. Aber um eines Hauptes Länge schien er gewachsen zu sein. Seine Augen leuchteten. Es war etwas Hoheitsvolles in seinem Wesen, etwas Königliches in seinem Gruße, sodaß des Bürgermeisters Töchterlein, das ihm auf der Brücke begegnete, noch tiefer errötete als gewöhnlich und die Hand aufs zitternde Herz preßte.

Die Leute eilten ihren Wohnungen zu, denn ein Gewitter war im Anzuge. Es kam über den Wald her, aus dem Georg gekommen war. Er hatte nichts von ihm bemerkt, aber mit stillem Jubel begrüßte er die zuckenden Blitze, und als der erste Donnerschlag mächtig hinter dem Berge vorbrach, da that ihm der laute Schall innig wohl.

Auch in dieser Nacht schloß Georg kein Auge. In stiller Glückseligkeit schaute er aus seinem Lager zu dem flammenden Himmel empor.

Als hinter den ausgebrannten Wolkentrümmern die Sterne sichtbar wurden, waren sie schon vom aufdämmernden Tage gebleicht, und Georg stand, ehe ihr Licht im kühlen Morgenhauch erlosch, schon in der Werkstatt vor einem Thonklumpen, und mit zitternder Hand setzte er den Spatel daran.

Zur gewohnten Stunde schritt der Meister über den Hof der Werkstatt zu. Georg hörte den Tritt, warf ein Tuch über den Thonklumpen, und wie der Alte zur Thür hereinkam, stand der Geselle vor einem Engel des Trostes und rieb ihm die Wangenrundung zurecht. Der Meister merkte nichts von dem seligen Geheimnis, das aus den Augen des Burschen leuchtete und um seine lächelnden Lippen spielte. Wortlos arbeiteten die Zwei neben einander. Der eine hatte nichts zu sagen; dem andern war das Herz zu voll.

Als die Gänse heimgeflogen waren, stellte der Meister die Arbeit ein, zog Schurz und Kittel aus und ging in den Garten hinüber.

Da atmete Georg aus tiefer Brust auf, riegelte die Thür zu, hob das verhüllte Brett auf den Tisch, schob den Tisch ans Fenster und warf die Decke weg. Dann preßte er die Stirne an die Wand und schloß die Augen. So stand er eine Weile; dann eilte er bis zur Thür und wieder zurück. In einem finstern Winkel blieb er stehn und kauerte sich auf den Boden nieder. Mit einem freudigen Aufschrei sprang er dann wieder in die Höhe und eilte an den Tisch, um zögernd stehen zu bleiben. Erst ging er ein paar mal langsam im Gemache auf und nieder, dann faßte er sich ein Herz und griff in den Thon.

So trieb er es mit seiner Arbeit bis zum Wechsel von Dämmerung und Nacht. Dann verließ er die Werkstatt, aß einige Bissen von dem Abendbrot, das des Bildhauers Base, die diesem die Wirtschaft führte, ihm in sein Zimmerchen gestellt hatte, da der Alte bereits zum Wein gegangen war, und sah dann noch lange von seinem Lager zu den Sternen hinauf. Die frühste Morgendämmerung weckte ihn aus aufgeregtem Schlummer. Hastig zog er sich an, ging fröstelnd auf den Hof, trank einen Schluck Wasser am Brunnen und schlüpfte in die Werkstatt, wo er das wilde Spiel fortsetzte, bis der nahende Schritt des Meisters ihn wieder zu dem gesetzten Gesellen Georg machte.

So trieb ers Tag für Tag. Er wurde bleich, seine Wangen fielen ein. Aber aufrecht blieb seine Gestalt, frei und sicher der Gang. Aus seinen Augen leuchtete stolz die Freude, die der Widerschein ist der verborgnen Helligkeit, mit der die Schaffenskraft das Gemüt erfüllt. Aus seinen Gebärden und Worten wirkte der Zauber, den unbewußt die Menschen ausüben, die inmitten kleiner Dinge ganz von einem großen Gedanken erfüllt sind, und in deren Gemüt das Lied der Schöpfung wogt. Auch bedeutungslose Worte und Werke solcher Menschen gleichen den sprühenden Tropfen, die der verhaltene Springquell voraussendet, ehe er gen Himmel emporschießt.

Alle, die an Georg Anteil nahmen, empfanden die Veränderung seines Wesens. Meister Petermann wußte, daß er heimlich an dem Kopfe der Brunnensäule arbeite; er wollte sich überraschen lassen und forschte darum nicht nach. Die Base gab bei jeder Mahlzeit ihrer Bekümmerung über Georgs abnehmende Eßlust wortreichen Ausdruck und ließ sich dann jedes mal wieder von ihrem lächelnden Vetter und Herrn durch die Versicherung trösten, daß dies vom Wachsen herkäme. Auch der Bürgermeister hatte zu trösten. Seine Frauenzimmer waren betreten, daß Georg nicht mehr an dem üblichen Sonntagnachmittagswandel nach des Onkels Biergarten teil nahm. Er ließ zur Entschuldigung des Vermißten etwas von einem wichtigen Auftrag, den Georg vom Gemeinderat erhalten habe, verlauten, der ihm sein Glück bereiten könne; es sei nicht daran zu zweifeln, daß Georg etwas Tüchtiges leisten und sich für seine künftige Grabsteinfabrik das Vertrauen aller sterblustigen und erblustigen Gemüter erwerben werde. Luischen wurde von unbegrenzter Bewunderung vor dem Geliebten erfüllt, und sie verzehrte sich zugleich vor Sehnsucht nach dem fern bleibenden. Auch sie wurde bleich und hatte unruhige Träume. Wenn das holde Kind seinem Schatz begegnete, verfärbte es sich, und wenn er grüßend vorüberschritt, wankten ihr die Kniee. Einmal mußte sie inne halten vor starker Bewegung. In wirrer Verlegenheit beugte sie sich nieder, wie wenn sie etwas zu Boden gefallnes aufhebe. Da strich sie mit der Hand über den Boden hin, den sein Fuß berührt hatte. Sie wußte nicht, was sie that.

An den Sonntagen schweifte Georg nicht mehr wie früher im Walde umher, und er ließ die Blumen im Schlage unbeachtet. Auf dem nächsten Wege eilte er dem Versteck am Mühlenbache zu. Dort lag er den Nachmittag und schaute hinüber in den Schilf des andern Ufers. Zuweilen holte er den Modellierthon aus dem Beutel und hub zu bilden an. öfters aber lag er mit müßigen Händen da. Dann schloß er wohl die Augen. Da hörte ers wieder drüben rauschen und sah den schönen Leib emporgetaucht aus dem Schilf. Der weiße Arm, von dem die Perlen tropften, überdachte die Stirn, und mit dem andern Arm wehrte die Nixe den zudringlichen Blättern. Und er sah den schimmernden Hals und die geöffneten Lippen, und wie das rote Blut aus den Wangen leuchtete und in erneutem Wogenschlag zur weißen Stirne emporbrandete. Und da, jetzt, in diesem Augenblicke sah er auch wieder das seltsame Flimmern in den dunkeln Sternen, aber nur sekundenlang, dann tauchte der Kopf nieder, und das Schilfrohr schlug darüber zusammen, und die bläulich schimmernde Wasserjungfer tanzte um die Fähnchen des Schilfes.

Beim Heimgehen vermied es Georg, an der Mühle vorüber zu gehen. Die Erscheinung hatte für ihn bei all ihrem süßen Reize soviel schauerlich fremdartiges, daß er nicht daran denken mochte. daß Gertraud, die Müllerstochter, die Nixe gewesen sei. Er hatte das Mädchen zuweilen bei Luise gesehen, mit der es verwandt war, und er war gegen sie eingenommen gewesen, denn er hatte mehr als einmal gehört, daß Luisens Eltern den unvermeidlichen Verkehr ihrer Tochter mit Gertraud nur ungern sahen. Das Mädchen aus der Thalmühle galt für eine Leichtsinnige, um deren willen ihr Vater schon mehr als einen Mahlburschen habe entlassen müssen. Auch jetzt zog ihn nichts zur Mühle hin, im Gegenteile, er fürchtete sich vor ihr. Nur einmal hatten ihn ohne sein Wissen und Wollen die Füße den bequemen Weg geführt. Als er da aber den Steg und das Mühlenrad vor sich sah, erschrak er und wandte sich wieder um. Nicht um alles hätte er die schöne Gertraud jetzt in ihrem Sonntagsputze sehen mögen, nein, nicht um alles!

Von seinen Sonntagsgängen kehrte er immer niedergeschlagen zurück. Bevor er sich schlafen legte, betrachtete er noch einmal sinnend und vergleichend sein werdendes Werk beim Scheine der Ampel. In der Nacht quälten ihn angstvolle Traume. Später als sonst ging er des Montags ans Wert, und es dauerte immer eine Weile, bis ihm die Zuversicht zurückgekehrt war.

So verging der Sommer. Die Blätter des Haselnußbaumes färbten sich rot und gelb, und als Georg einmal wieder zu seinem Versteck kam, fand er den Strauch kahl und den Ruheplatz mit feuchten Blättern bedeckt. Er kehrte um, aber nicht traurig, wie er sonst wohl gewesen wäre: sein Werk war der Vollendung nahe.

3

Niemand hatte nach dem Säulenkopfe groß gefragt all die Weile hindurch. Der Meister hatte die steinerne Walze an einen Platz gerollt, wo sie nicht im Wege war, und dachte nicht weiter daran. Die Bewohner des Städtchens hatten sich an den Anblick des verstümmelten Marktbrunnens gewöhnt. Des Adlerwirts Büblein hatte den Zwerg vergessen. Nur Luise sehnte sich nach der Vollendung des Werkes, aber nicht aus ästhetischem Bedürfnis, sondern aus Verlangen nach dem Geliebten. Wenn sie aber ihren Vater fragte, wie es damit stünde, sagte er ihr: Schweige still, Kind, ich habe den Kopf voll von wichtigern Dingen.

Der Bürgermeister hatte allerdings den Kopf voll. Das landwirtschaftliche Bezirksfest sollte im Städtlein gefeiert werden. Man erwartete den Minister und viele andre Gäste von nah und fern, und in der Brust jedes Bürgers lebte die Überzeugung, daß das Fest gelingen und den Ruhm der Stadt über das Land verbreiten müsse. Aber nach alter unguter Sitte hatte man die Vorbereitungen bis auf die letzten Tage aufgeschoben. Jetzt mußte alles Hals über Kopf gehen. Die Festausschüsse waren in fieberhafter Thätigkeit. Mit den Einzelsitzungen, die in den verschiednen Wirtsstuben stattfanden, wechselten Gesamtsitzungen der vereinigten Ausschüsse. Da war der große Rathaussaal voll Wirrwarr und Durcheinanderredens bis in die tiefe Nacht hinein.

Aber aus dem Chaos stieg eine schöne Welt empor. Die Festhalle tauchte aus dem Wiesenplan und umkleidete sich mit Tannengrün. Wagen voller Laub und Fichtenzweige fuhren ins Städtlein. In den Schulsälen, im Rathaushofe, in der alten Zehntscheuer wurden Kränze gewunden. Aus den benachbarten Dörfern und Städtchen führte man Flaggen und Wimpel herbei. Der Wohnungsausschuß zog zu zwei und zwei mit Bleistift und Liste von Haus zu Haus; der Wirtschaftsausschuß brütete über dem Festessen und hielt Weinprobe um Weinprobe; der Empfangsausschuß stritt sich, ob man im Frack oder im schlichten, schwarzen Rock die Ehrengäste empfangen sollte. Derweilen wuchsen die Pforten in die Höhe, und über ihrem Tannengrün flatterten die Banner des Heimatlandes und des deutschen Reichs. Die Festwagen, auf denen die einzelnen Zweige der Landwirtschaft dargestellt werden füllten, waren fertig bis auf die Insassen und die Gäule. Die bekümmerten Gesichter der Festbereiter hellten sich auf. Die Sachverständigen stellten sich ein und untersuchten die ausgestellten Erzeugnisse. In das Gewirr der Maschinen kam Ordnung. Die Obsthalle, die Blumenhalle, die Getreidehalle, die Halle der Wurzelfrüchte, sie alle waren voll aufschüttender, anordnender, ausschmückender Hände. Aus den gastfreien Ställen der Stadt brüllte das fremde Vieh. Die Näherinnen arbeiteten in fliegender Hast, und die Mütter und Tochter halfen mit. Das ging wie Hexenwerk. Aus jedem Spiegel schaute eine anprobierende Mädchengestalt. Wenn der Abend kam, hatte jede Gasse ihre eigne Musik: hier dröhnte eine Posaune, dort gellte eine Klarinette, da schmetterte eine Trompete. Das waren die Schuhmacher, Schneider und Maurersgesellen, die die Stadtkapelle bildeten, und von denen jeder in seiner Behausung sechs neue Märsche zu üben hatte. Die Gesamtproben fanden außerhalb des Städtchens statt auf einem freien Platze, wo die Stadtkapelle sich zugleich im Marschieren üben konnte.

Da war es also kein Wunder, daß der Bürgermeister den Kopf voll hatte, und daß die Brunnensäule vergessen war.

In der letzten Sitzung der vereinigten Ausschüsse kam sie unverhofft zu Ehren. Der Adlerwirt nahm den Bürgermeister beiseite und verlangte Straßenlicht für den Eingang zu seiner Wirtschaft. Des Löwenwirtes scharfes Auge hatte die beiden im Winkel erspäht und deutlich gesehen, wie der eine eine Gebärde des Forderns machte, und der andre beschwichtigend die Achsel zuckte. Da bahnte sich der Menschenkenner einen Weg durch die Menge, trat zu den zweien und sagte: Was der Adlerwirt verlangt, verlang ich auch. Der Bürgermeister ließ sich in die anstoßende Aktenstube leuchten, rief die beiden Wirte hinein, und nach einigem Suchen fand man eine Laterne, die unter einem Stoße Gemeinderechnungen vergraben lag.

Das ist die alte Marktplatzlaterne, sagte er. Wer die von euch vor sein Haus bekomme, ist dem Gemeinderat einerlei. Macht es selber mit einander aus!

Er wollte wieder in den Saal zurückgehen. Aber die beiden Männer vertraten ihm den Weg. So geht das nicht! Wir verlangen zwei Laternen! sagten sie.

Da kam dem Bürgermeister der rettende Gedanke.

Wir stellen die Brunnensäule wieder auf! rief er vergnügt. Es ist ein Gemeinderatsbeschluß. Im Protokollbuch muß es stehen. Der Schlosser legt ein Eisen herum mit zwei Öhren; hinten stecken wir die Stadtfahne hinein, und vornen wird die Laterne eingehenkt.

Und so geschah es denn auch.

Am folgenden Frühnachmittag – es war der letzte vor dem Fest – polterte ein Pritschenwagen die Brückenstraße hinab und wendete unter viel Peitschengeknall und unter spornenden und beschwichtigenden Zurufen vor Meister Petermanns Hause um. In der Werkstatt hatte derweil ein Schlossergeselle einen eisernen Reif um das obere Ende der Säule gelegt, mit einer Niete hinten für die Stadtfahne und einem Haken vornen für die Marktplatzlaterne. Jetzt kam der Fuhrmann herein mit fünf städtischen Arbeitern. Sie wälzten die Säule über den Hof und hoben sie auf den ächzenden Wagen. Die Pferde zogen an, der Boden zitterte, die Fenster klirrten, und unter der Zeugenschaft einer großen Schar von Schulkindern wurde die ehemalige Brunnensäule in das Doppelamt eines Fahnenträgers und eines Laternenhalters eingeführt.

Meister Petermann sah dem Wagen nach, bis er um die Ecke gebogen war, dann ging er in den Garten, setzte sich auf ein Bänkchen und verzehrte einen Rettich.

Georg aber lag in der verschlossenen Werkstatt auf den Knieen vor seinem vollendeten Werke. Er hatte die Arme brünstig darum geschlungen und drückte einen Kuß auf die steinernen Lippen.

Zum letzten male mein, mein allein, flüsterte er.

Dann stand er auf. Er hatte sich gefaßt. Es that ihm weh ums Herz, und doch wars ihm feierlich und still und groß zu Mute. Er rückte den Kopf in die rechte Beleuchtung und sah ihn noch einmal mit einem langen, innigen Blicke an, als ob er von der Geliebten Abschied nehme.

Es muß ja sein, sagte er. Dann hüllte er den

Kopf mit der Decke zu, riegelte die Thür auf und eilte in den Garten, seinen Meister zu holen.

Ehe der Alte nach einem zweiten Rettich greifen konnte, der sauber geputzt neben ihm auf dem Bänkchen lag, fühlte er sich an der Hand angefaßt und sah seinem Gesellen ins tiefbewegte Antlitz. Georg zog den Verwunderten in die Werkstatt hinein, hob die Decke weg und wandte sich verschämt zur Seite.

Der Alte sah eine Weile starr auf das Werk. Dann wandte er sich an Georg.

Teufelsjunge, das hast du gemacht? rief er, und plötzlich schloß er seinen Gesellen in die Arme und küßte ihn auf den Mund. Dabei rollten dem alten Manne Thränen in den Bart.

Er faßte Georg an beiden Schultern, hielt ihn mit ausgestreckten Armen von sich und sah ihm ins errötende Gesicht. Junge, du kannst nimmer bei mir bleiben! Mit dir wills höher hinaus, das seh ich. Du bist zum Künstler geboren!

Dann eilte er aus der Werkstatt und rief: Margarethe! Margarethe!

Er rief so laut, wie er noch nie gethan hatte. Seine Base, die gerade beim Eierholen war und auf dem Hühnerleiterchen stand, erschrak so, daß sie sich am Stallthürchen halten mußte. Sie stellte den Eierkorb unter die Hühnerstängchen, kletterte herab und eilte, so schnell sie ihre Füße tragen konnten, zur Hilfe herbei.

Margarethe, schrie der Meister ihr entgegen, und seine Stimme brach vor Bewegung. Wir haben im Hause einen Michel … Bei dem Worte »Michel« schlug seine Stimme in die Fistel über.

Der Alte hielt inne. Der zweite Name des Buonarroti fiel ihm nicht gleich ein.

Ja, gewiß, einen Michel-Angelo, ja, keuchte er dann und schob die entsetzte Frau in die Werkstatt hinein.

Als Margarethe hereintrat, wurde Georg von neuem rot bis unter die Haarwurzeln.

Ach Gott, wie schön, wie schön! rief die Alte und schlug die Hände in einander. Und das hat der Georg gemacht? Und ganz alleinig? Und Ihr habt ihm kein bischen geholfen?

Ganz allein aus sich selber heraus! bestätigte der Meister.

Unter geschickter Verwertung künstlerischer Anregungen! fügte der Kunstschlosser hinzu, der unbemerkt in die Werkstatt getreten war. Beim ersten Blick hatte er die fünf Bande seines Kunstblattes auf einem Stuhle liegen sehen. Er trat zuerst hin und überzeugte sich, daß die Einbände unversehrt seien, dann besichtigte er Georgs Werk.

Er setzte sein Hütchen auf und wiegte den Kopf hin und her, dann faßte er das Kinn in die linke Hand und sagte: Respekt davor! Er lüftete sein Hütchen, Es ist eine vielversprechende Arbeit. Der Georg – und der Kritiker bohrte mit dem Zeigefinger in die Luft –, der Georg hats hinter den Ohren!

Unterdessen trippelten die beiden alten Leute unter immer neuen Ausrufen der Bewunderung um Georgs Werk herum.

Margarethe zupfte vorsichtig an einem der steinernen Schilfblätter und fuhr mit der Hand zurück, wie wenn sie sich verbrannt hätte.

Gerade so ist in meinem Ort hinter dem Hochaltar ein Bild, so stecken die armen Seelen in den Flammen. Aber sie halten die Hände in die Höhe und flehen um Fürbitte, – so! Und sie streckte die flach auf einander gelegten Hände gen Himmel und sah ihnen inbrünstig nach zu den Spinnweben an der Decke empor.

Unsinn! brummte Petermann, das ist Schilf. Sie ist aus dem Wasser emporgetaucht.

Dann trat er in den Schatten, hielt die Hand über die Augen und meinte: Von der Lichtseite betrachtet ists der Engel des Trostes, aber von hier aus gleicht er mehr dem Engel des Schmerzes.

Ach Gott, was für ein schöner Wasserengel! rief Margarethe, deren Entzückung jetzt einen neuen Anlauf nahm. Nein, so was Schönes!

Sie stellte sich vor den Kopf und fuhr mit den gefalteten Händen in der Luft auf und nieder.

Der Schlosser saß vor dem Tische und suchte in seinen Büchern nach dem Urbilde von Georgs Werk. Der Steinmetz aber zog sein Schurzfell aus, wickelte die Hausmütze hinein und warf den Pack in den Winkel.

Jetzt auf und zum Bürgermeister! Der wird Augen machen! rief er. Und er schlug selber die Hülle um den Kopf, rannte ins Haus und brachte auch die Mütze Georgs mit. Dann holte er aus einem Verschlage hinter der Werkstatt ein starkes Tragbrett mit Handhaben und aufgerichteten Rändern und stellte das Kunstwerk darauf. Als Georg ihm wehren wollte, sagte er: Nichts da! Du bist der Meister, und ich bin der Geselle. Faß an, Philipp!

Aber der Kunstschlosser mußte zuerst seine Bücher versorgen. Er hatte sie auf seine linke Schulter geladen, sodaß ihm sein Strohhütchen fast über das rechte Ohr hinunter gedrückt wurde. Auf dem Rathause treff ich euch wieder, sagte er und keuchte zur Thüre hinaus.

So gehts denn nicht anders, Georg! Und sie schritten mit der werten Last vorsichtig zur Thür hinaus und über den Hof und auf die Straße und ins Städtlein hinein.

Margarethe stand vor der Hausthür und sah den beiden geliebten Menschen nach.

Nein, so was Schönes! dachte sie gerührt. Was bringt der Herr nicht fertig, so geschickt er ist. So einen schönen Wasserengel kann wohl nur ein Michel machen! Dann gedachte sie des stehen gebliebnen Eierkorbes und eilte zum Hühnerstalle zurück. Während Margarethe die Eier versorgte, tauchten Petermann und sein Geselle in das aufgeregte Gewoge des Städtleins. Sie schwiegen beide. Georg war es sonderbar zu Mute. Wie hatte er sich auf den Augenblick gefreut, wo er sein fertiges Werk hinstellen dürfte vor die Augen Luisens und all der guten Menschen, die im Städtchen hausten. Und jetzt kam eine stille Traurigkeit über seine Seele. Ein wehmütiges Verlangen ergriff ihn nach dem qualvoll seligen Zustande, da er dies Bild noch in seiner schwellenden Seele getragen hatte. Und jetzt trug er es mit seinem Meister in die Welt hinaus, und aus seinem Wesen war etwas herausgebrochen, ein Edelstein, der es durchfunkelt hatte!

Meister Petermann dagegen hätte am liebsten in die Trompete geblasen. Er spähte nach Mienen, die auf ein freies Gemüt und auf freundliche Bereitwilligkeit deuteten. Aber so vielen Menschen sie auch begegneten, niemand sah aus, als ob er sich um Georgs Kunstwerk kümmern wollte. Es glich einem Kometen, der am hellen Tage am Himmel erscheint. Das Städtchen war bei einem Geschäfte begriffen, das wie kein andres die Aufmerksamkeit verschlingt: es putzte sich. Von den Kreuzwegen her erscholl lustiges Gehämmer. Aus allen Scheunen vernahm man den Gesang kränzeflechtender Mädchen. Auf dem Turnplatze wurden mit der männlichen Schuljugend künstliche Volksspiele eingeübt. Hinter dem Gänsegarten stand die Stadtkapelle und probte den Empfangsmarsch. Weiter gegen das Stadtthor hin schlugen Seiltänzer, Kunstreiter, Reitschulbesitzer ihre Stangen in den Boden und zogen ihre Seile. An der engsten Stelle der Hauptstraße brauste eine wütende Kavalkade an den beiden vorüber; es waren die Festreiter, die zur Probe nach der benachbarten Eisenbahnstation galoppierten.

Es schien, als ob in diesem Wirrwarr Georgs Kunstwerk verschwinden müsse, wie ein Schwan, der sich in das Getrieb einer Regatta verirrt hat.

Der Steinmetz wurde verdrießlich und spürte die Last. Auch Georg war müde geworden. Und so stellten sie das Brett mit seiner Last auf die steinerne Brückenrampe. Die Träger standen daneben, beide in gedrücktem Schweigen.

Da kam ihnen ein junges Ehepaar entgegen. Mann und Frau hatten sich daheim von ihrer Arbeit losgelöst, einen kurzen Gang durch die Straßen zu machen, den werdenden Schmuck des Städtleins und die Fröhlichkeit der Schmückenden anzuschauen. Während sie Arm in Arm die Brücke hinauf schritten, kam es in aller Heimlichkeit jäh und übermächtig über sie, die volle Empfindung des Glückes, sich zu eigen zu haben, und sie waren in der Laune, Welten zu verschenken. Georgs und Petermanns Blicke fielen zu gleicher Zeit in das glückstrahlende Doupelantlitz des herankommenden Paares, und wie auf Verabredung zogen sie mit einander die Hülle von dem Bildwerk. Dann trat der Steinmetz vor, lüftete die Mütze und sagte: Das ist der Kopf, der auf die Brunnensäule hinauf kommt. Mein Geselle Georg hat ihn gemacht, ganz allein aus sich selber heraus.

Das Bildwerk verflimmerte dem glücklichen Paare in dem strahlenden Lichte, das sie umfing. Aber sie sahen in zwei bewegte Gesichter hinein. Es lag etwas rührend Schönes in der Begeisterung des Alten und in der verschämten Glückseligkeit des Jungen.

Der jungen Frau wurden die Augen feucht. Dann schaute sie mit ihrem Mann das Bildwerk an, und beide empfanden die Liebe und die Begeisterung, die es geschaffen hatten. Freundliche Worte drängten sich ihnen auf die Lippen, und der Dank und der Glückwunsch der Frau war für den Meister und für seinen Gesellen wonnig wie Sonnenschein. Als das Paar geschieden war, dehnte sich Georgs Brust wie eine Vogelbrust nach einem Maienregen, und der Steinmetz konnte nicht schnell genug eilen, die Büste auf das Rathaus zu tragen.

Der Schreiner Wenzel schloß sich ihnen an. Während heute alles arbeitete, lungerte er an der Straßenecke und wartete auf etwas Außerordentliches. Als das verhüllte Bildwerk vorübergetragen wurde, machte er sich hierzu und ging mit, als ob sich dies so von selber verstünde.

Vor dem Rathause stand wartend der Kunstschlosser. Er hatte derweilen seine Bücher im Schranke verschlossen. Die Männer eilten die Treppe hinauf. Aus dem Rathaussaale erscholl Stimmengewirr. Das wiederholte Anklopfen wurde nicht gehört. So öffnete der Schlosser die Thür, und Meister und Geselle traten mit ihrem Kunstwerke in den Saal hinein, gefolgt von ihrem Ehrengeleite.

Die Ratsstube war voll von vergnügten und angeregten Herren. Da war ein graubärtiger Professor der Chemie von der landwirtschaftlichen Hochschule und ein halbes Dutzend Assistenten und Studenten. Sie hatten den Nachmittag über Kartoffelsorten analysiert. Da waren Sportsleute, Gutsbesitzer, Fabrikherren, Maschinenmeister, Elektrotechniker, Gärtner, Bienenzüchter; da waren Bezirksräte und Vereinsvorstände und viele Einheimische, Mitglieder der verschiednen Festausschüsse, kurz eine Menge Leute, die, um Auskunft zu begehren oder Auskunft zu erteilen, andre geleitend oder von solchen geleitet, alte Bekannte zu treffen oder neue Bekanntschaften zu schließen, hierhergekommen waren und sich nun fragend und antwortend, plaudernd und scherzend vermischten und aus dem Stegreif eine Gesellschaft bildeten.

Niemand bemerkte die Eintretenden. Georg und Petermann standen mit ihrem Gepäck verlegen an der Thür, wahrend der Kunstschlosser sich in die Menge drängte, um den Bürgermeister zu suchen. Schreiner Wenzel aber trat an das nächste Aktenschränkchen und schob kurzerhand die chemischen Präparate, die hier ausgebreitet lagen, zusammen, um für die Büste Platz zu schaffen.

Halt, Liebster, Bester! rief der Professor und eilte herbei, seine Glasplättchen und seine Lupen zu retten.

Danke, es reicht schon, sagte der Schreiner, warf die Hülle auf den Boden und stellte das Bildwerk auf den frei gewordnen Fleck.

Hier, meine Herrschaften! schrie er mit seiner lautesten Stimme, und trat ausgestreckten Armes zur Seite. Hier sehen Sie das große Kunstwerk!

Alle schauten verwundert her.

Ei sieh, sagte der Professor. Haben Sie den schönen Kopf gemacht? fragte er, sich zu Petermann wendend.

Jetzt drängten sich die Umstehenden herzu und betrachteten die Büste.

Ich nicht, Gott bewahre! erwiderte der Meister fast erschrocken. Aber dort mein Geselle, Georg Schuhmacher aus Mahlburg, der hats gemacht, ganz allein aus sich selber heraus. Zwei Jahre lang hat er bei mir gelernt.

Da wünsche ich Ihnen Glück zu einem solchen Schüler! sagte der Professor freundlich und reichte dem Alten die Hand. Dann stellte er sich mit gespreizten Beinen vor Georg hin und sah ihn wohlgefällig von oben bis unten an.

Bei wem haben Sie gelernt?

Bei diesem Meister, sagte Georg, und vorher bei einem andern. Er nannte ein unbekanntes Dorf im Oberlande.

Der Professor sah nochmals die Büste mit langem Blicke an und wandte sich an Georg.

Wissen Sie, daß Sie ein Künstler sind?

Georg erschrak und wurde blutrot. Ich bin Steinmetz, sagte er.

Ja, lachte der Professor, wie der Dichter ein Schreiber ist.

Dann sah er dem Burschen forschend in die aufstrahlenden Augen und sagte nachdrucksvoll: Sie sind ein Künstler. Sie werden auf die Akademie gehen. Sie werden reisen. Sie dürfen nicht hier bleiben. Ich hoffe, daß dies nicht das letzte ist, was ich von Ihnen sehen werde, und daß das folgende noch schöner geraten wird. Ich werde mich freuen, wenn Sie mir wieder begegnen.

Er drückte Georg herzlich die Hand und wandte sich rasch ab.

Jetzt drängten sich von allen Seiten die Herren herzu, bewunderten das Werk und drückten dem jungen Bildhauer die Hand. Georg schluckte leere Luft und lächelte verwirrt, wie geistesabwesend. Das Herz klopfte in seiner Brust zum Zerspringen. Er sah sich nach seinem Meister um, und als ihm jemand vertraulich auf die Schulter klopfte, wandte er sich rasch um, in dem Glauben, dem treuen Petermann in die Angen zu schauen. Aber er sah in die geschäftsfreundlichen Mienen eines kurzen dicken Mannes, Es war der Redakteur des Amtsblattes, der aus der nahen Bezirksstadt zu dem Feste herübergefahren war.

Ein kleines Artikelchen über Ihr Werk kann Ihnen doch nur angenehm sein. Unser Blatt liegt jeden Abend auf dem Tisch unsers Landesfürsten. Er hat es schätzen gelernt, als er in unsrer Stadt im Quartier lag. Ob es Ihnen wohl einerlei ist, wenn Seine Hoheit übermorgen in der Festnummer von Ihrem Kunstwerke liest?

Der kleine Herr drückte die Augen zusammen, und seine Lider zwinkerten bedeutungsvoll. Wer weiß, wer weiß! Die Presse hat schon manchem jungen Künstler den Weg zum Glück und Ruhm gebahnt! Dann holte er Notizbuch und Bleistift aus der Tasche, faßte den Schlossermeister am Arm, zog ihn auf die Seite und führte ein halblautes Gespräch mit ihm.

Mit gesenktem Haupte und halbgeschlossenen Augen hörte er die Antworten auf seine Fragen, und während er weiter fragte, schrieb er sich Notizen in sein Buch. Bei einer der Bemerkungen des Schlossers nickte er tief mit dem Kopf und warf Georg einen achtungsvollen Blick zu.

Als er wußte, was er wissen wollte, steckte er sein Buch in die Tasche. Des Bürgermeisters zukünftiger Schwiegersohn! sagte er zu sich selbst und wiegte bedachtsam das Haupt. Dann ließ er seine grauen Augen durch die Menge schweifen, bis sie auf der vierschrötigen Gestalt eines pausbäckigen Herrn haften blieben. Vorhin schon, während der Professor mit Georg redete, hatte das rote Gesicht dieses Mannes dem alten Herrn über die Schulter geleuchtet. Es war der Landtagsabgeordnete des Bezirks.

Der Redakteur eilte auf ihn zu, faßte ihn vertraulich am Arm, was sich der andre herablassend gefallen ließ, und redete eifrig auf ihn ein. Der Abgeordnete machte eine nachlässig bedeutende Miene und hörte schweigend zu. Bei einer der Bemerkungen, die er bisher mehr verdrossen angehört hatte, ging das Aufleuchten des Verständnisses über das rote Gesicht hin, und ein achtungsvoller Blick huschte zu dem Steinmetzgesellen hinüber. Als der Redakteur fertig war, nickte sein Begleiter fast unmerklich, machte seinen Arm los und wandte sich wie unwirsch zur Seite. Nach einigen Augenblicken stand er vor Georgs Werk.

Ists erlaubt? fragte er und drehte die Büste nach vornen. Dann brach er in Bewunderung aus. Auf welcher Akademie haben Sie studiert? fragte er Georg.

Dieser errötete und sagte: Ich bin Steinmetzgeselle.

Da rief der andre aus: Sie müssen auf die Akademie! Sie müssen reisen! Unter keinen Umständen dürfen Sie hier bleiben!

Georg sagte etwas von seiner armen Mutter.

Da leuchtete das Antlitz des Abgeordneten von Menschenfreundlichkeit und Wohlwollen. Es giebt Stipendien! rief er. Mit Freuden werde ich Ihnen behilflich sein. Sie haben viel Begabung, junger Mann. Es ist die Pflicht des Landes – die klangvolle Baßstimme dröhnte durch den Saal; es wurde mäuschenstille –

… Pflicht des Staates, sage ich, so strebsame Künstler, wie Sie einer sind, zu fördern, – unbeschadet der wichtigern Ansprüche der Landwirtschaft.

Die letzten Worte wurden mit einem schönen Gestus an die Versammlung gerichtet.

Die Stille hielt an. Der Redner fühlte, daß die Situation ein Schlußwort erfordere. Er legte Georg die Hand auf die Schulter und sagte nachdrucksvoll: Gehen Sie mit Gott!

Georg wußte nicht, wie er zur Thüre hinausgekommen war. Er sah in die geröteten Gesichter seiner Geleiter hinein. Petermann griff seinem Gesellen unter den Arm und zog ihn die Treppe hinunter. Der Kunstschlosser wollte ihn unter den andern Arm fassen. Aber da rief ihn Schreiner Wenzel zurück. Der hatte bemerkt, daß die Davoneilenden die Büste vergessen hatten. Er kehrte mit dem Schlosser in den Saal zurück, und sie stellten dann beide den steinernen Frauenkopf auf das Tragbrett, huben dies auf, verließen den Saal und marschierten mit ihrer Last über den dämmernden Marktplatz. Die Hülle hatten sie im Rathaussaale auf dem Boden liegen lassen.

4

Im Thorwege des großen Bauernhofes schräg gegenüber vom Marktbrunnen warteten die beiden andern. Der Bürgermeister war nicht auf dem Rathause gewesen; so wollte man ihm das Kunstwerk in seine Wohnung bringen.

Die Männer traten in den Hof, und Fritz Wenzel lugte in den Stall hinein. Eine Magd kam mit einem Kübel auf dem Kopfe vom Hofbrunnen her.

Daheim?

Er?

Ja.

Die Magd machte eine verneinende Gebärde.

Aber Fräulein Luischen ist zu Hause?

Wenzel lachte frech zu Georg hinüber.

Ja, sagte die Magd.

In geräuschvoller Eilfertigkeit polterten die Männer die Stiege hinauf.

Die Stube, die Küche, die Kammer waren leer.

Sie wird im Garten sein, sagte der Steinmetz.

Der Berggarten zog sich hinter dem Hause steil in die Höhe, und man trat aus der obern Hausflur über ein Brücklein ins Grüne hinaus.

Sie wird in der Laube sein, sagte Georg.

Ein Zickzackweg führte in die Höhe auf einen ebenen, mit Obstbäumen bepflanzten Grasplatz. An dessen jenseitigem Ende stand eine Laube, an den grünen Hag angelehnt. Wilde Rosen rankten sich um die kunstlosen Latten, und ein breiter Holunderbaum, der jenseits des Hages stand, neigte sich über die Laube, überdeckte sie mit seinem dunkeln Gezweig, und ein Büschel der schwarzen Früchte hing schwer über dem schmalen Eingang.

Aus dieser Laube klang zweistimmiger Mädchengesang. Georg erkannte die helle, zarte Stimme Luisens. Die andre Stimme war herb, fast rauh, aber voll schwellender Kraft. Georg kannte sie nicht.

Man sah von den beiden Mädchen nichts als den hellen Schimmer der Kleider. Sie hatten ihr Lied zu Ende gesungen, und man hörte sie zusammen plaudern. Dann fing die mit der tiefern Stimme halblaut zu singen an:

Hübscher Bu',
Feiner Bu',
Komm und –

Sie brach ab, offenbar nicht willig; vermutlich hielt ihr die andre den Mund zu, denn man hörte das Geraune eines leisen Zankes in der Laube.

In diesem Augenblick stand Meister Petermann vor der Laube. Er streckte den grauen Kopf hinein und sagte: Da komm ich ja wie gerufen!

Luise stieß einen leisen Schrei aus und fuhr erschrocken zurück. Die andre hatte den jungen Steinmetzgesellen hinter dem Meister gesehen; ihr Antlitz leuchtete freudig auf, und während ihre Augen die Augen Georgs suchten, schienen ihre sich bewegenden Lippen das leichtfertige Liedchen zu wiederholen, das sie vorhin angestimmt hatten.

Jetzt kamen auch die beiden andern mit ihrer Last herangekeucht. Sie stellten das Tragbrett auf ein Bänkchen nieder, das unter einem Birnbaum am Pfade stand, und der Kunstschlosser schritt mit breiten Beinen und spitzen Füßen auf den Eingang der Laube zu. Er hielt das Strohhütchen in der Linken, krümmte den rechten Arm, machte vor dem Eingang zur Laube eine zierliche Verbeugung und sagte: Nur keine Furcht, Fräulein Luischen. Wir thun Ihnen nichts zuleide. Kunstfreunde sind gute Menschen. Dann streckte er den Ellbogen seines gekrümmten rechten Armes in die Laube hinein, während zugleich der linke Arm dieselbe anmutige Krümmung machte, und er sagte: Immer herausspaziert, das Kunstwerk zu schauen! Darf ich mir erlauben, schöne Jungfrauen?

Aber Gertraud, das Mädchen aus der Thalmühle, schlüpfte flink wie eine Schlange unter seinem Arm ins Freie hinaus. Blumen und grüne Zweige fielen aus ihrem Schoße, an Schurz und Mieder hingen verlorene Blüten. Auf dem Haupte aber trug sie ein Kränzlein aus Holunderzweigen.

Auch Luise trat jetzt, wie Gertraud mit einem Kranze geschmückt, hervor. Aber sie entging dem alten Galan nicht; er faßte sie bei der Hand und legte ihren runden Arm in den knorrigen Haken zu seiner Rechten und führte sie feierlich dem Bänkchen zu, auf dem Georgs Kunstwerk stand.

Als Luise den Geliebten erblickte, stieg ihr das Blut bis zu den dunkeln Blättern ihres Holderkränzleins hinauf; sie zog die Hand aus dem Arme ihres Geleiters und strich unwillkürlich ihre Schürze glatt. Auch an ihrem Kleide hingen hier und dort Blüten und Zweige.

Wir haben Kränze gewunden für unser Haus, sagte sie in lieblicher Verwirrung. Was wünschen die Herren?

Petermann begrüßte seinen Liebling mit herzlichem Händedruck. Das ist recht, Luischen, sagte er; denn einen Kranz brauchst du, um den Meister zu krönen. Wer ist wohl der Meister unter uns dreien?

Ich sehe zwei Meister, erwiderte Luise und sah von einem der alten Kumpane auf den andern. Der Schreiner Wenzel hatte sich nach Empfang eines Trinkgeldes davon gemacht.

Zwei Meister, ja, sagte Petermann, aber der dort ist der rechte Meister.

Luise sah auf Georg und dann auf das Bildwerk, das neben ihm auf dem Bänklein stand und im Abendsonnenglanze leuchtete.

Das ist – –

Das ist der Kopf, der auf der Brunnensäule stehen soll. Georg hat ihn gemacht ganz allein aus sich selber heraus.

Und mir bringt er ihn! jubelte es in Luisens Herzen. In Scham und Wonne stand sie da. Ihre Brust begann sich zu heben. Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder, und dunkle Glut ergoß sich über ihr Gesicht. Mit dem Lächeln der holdesten Verwirrung griff sie nach dem Kränzlein, das sie auf dem Haupte trug. Aber dann fiel ihr ein: Armseliger Holunder, so ernst und so dunkel! Es müßte ein andrer Kranz sein. Und sie ließ den Arm sinken und stand gesenkten Hauptes da.

Mit lächelndem Blick ruhten die Augen der beiden Alten auf ihr. Aber Georg hatte von all ihrer Verwirrung nichts gesehen. Mit weitgeöffneten Augen sah er Gertraud an, und ihre Blicke begegneten sich in der Glut auflodernder Flammen. Alle die Zeit her hatte die Vorstellung, daß die herrliche Erscheinung im Mühlenbach ein wirkliches Weib gewesen sei, auch nicht ein einziges mal die Ruhe seines Gemütes gestört. Aber jetzt erfaßte ihn diese Vorstellung mit furchtbarer Gewalt. Sein Herz wurde verzagt wie vor einer feindseligen Macht, von der er fühlte, daß er ihr nicht widerstehen könne. Triumphierende Freude strahlte aus Gertrauds Augen. Sie trat an das Bildwerk heran, ließ die steinernen Blätter durch ihre Finger gleiten und sagte halblaut, wie zu sich selbst: Der Schilf steht zu dicht; da schwimmen keine Blutnelken durch.

Auch sie senkte das Haupt und stand wie in stillem Besinnen da. Dann schaute sie Georg mit unsichern, flackernden Augen an. Plötzliche Röte flammte über ihr Gesicht. Ihre Augen wurden groß und starr, und in ihrem Blicke flimmerte es seltsam wirr und wild.

Wir wollen gehen! sagte Georg mit gepreßter Stimme.

Wann kommt der Vater nach Hause? fragte Meister Petermann.

Da riß sich Luise aus ihrer Verwirrung. Ich weiß es nicht, erwiderte sie leise.

Wir wollen drüben im Löwen auf ihn warten, schlug der Kunstschlosser vor. Das Kunstwerk lassen wir hier in der liebenswürdigen Obhut der beiden Fräulein.

Die Männer schieden. Als Luise Georg die Hand gab, fühlte er einen innigen Druck, und jetzt sah er das selige Lächeln, das ihr Gesicht verklärte, und sah die Thränen in ihrem Auge blinken.

Herzlich erwiderte er ihren Druck und sah sie lange an. Die Augen der andern vermied er. Mit kurzem Gruße wandte er sich ab und ging den vorauseilenden Männern nach.

Georg war sonst kein Freund des Wirtshauses. Aber jetzt sehnte er sich nach einem Trunk in lauter Gesellschaft. Er war aus dem geheimen Winkel seines seligen Schaffens hinausgetreten, und wenn er zurück schaute, sah er den Winkel nicht mehr, er war hinter ihm verschwunden. Die Welt schien ihm so kahl und nüchtern wie noch nie. Er wußte, warum sie ihm so vorkam. Die wundervolle Erregung seines Gemüts hatte aufgehört. Er bedurfte eines Ersatzes dafür, und wäre es auch ein schlechter gewesen. Als er vorhin Gertraud gegenüber stand, wollte etwas derartiges in seiner Seele aufkommen. Aber Luisens Händedruck und der Blick in ihr lieblich verwirrtes Antlitz hatte dem ein rasches Ende bereitet. Um so willkommener war ihm jetzt der Lärm, der die Zechstube erfüllte.

Seine Genossen hatten ihm an einem dichtbesetzten Tische einen Stuhl aufgehoben. Es saßen hier fremde Festbesucher, die in dem Gasthause übernachteten, und Einheimische, die den Gästen Gesellschaft leisteten. Als Georg herankam, sahen ihm aller Augen entgegen. Der alte Steinmetz und der Kunstschlosser hatten sein Lob gesungen, und der Redakteur des Bezirksblattes hatte gewichtige Urteile gefällt. Von allen Seiten wurde Georg beglückwünscht, man schüttelte ihm die Hand und trank ihm zu. Der junge Künstler fühlte sich glücklich. Er trank hastig ein Glas ums andre. Seine Wangen röteten sich. Meister Petermann war so aufgeräumt wie noch nie, und der Kunstschlosser schwamm in seinem Element.

Die Gesellschaft vergrößerte sich, Tische wurden zusammengestoßen. Jeder neue Ankömmling erfuhr alsbald die Neuigkeit von dem herrlich gelungnen Kunstwerke. Da wurde das Begehren laut, daß es hergebracht würde, damit man ihm in fröhlicher Tafelrunde die Weihe gebe. Der Rentamtmann hielt eine schwungvolle Rede und brachte ein Hoch auf den Künstler aus.

Jetzt wurde Georg von allen Seiten bestürmt, die Büste herbeizuschaffen. Der Wirt wurde gerufen, und es wurde ihm der Auftrag gegeben, den Hausknecht hinüberzuschicken in Bürgermeisters Garten, das Steinbild zu holen. Gehen Sie lieber selber mit, riet man Georg, damit dem Werke kein Unfall geschieht. Georg stand auf, nahm seine Mütze und ging mit dem Hausknecht über die Straße in des Bürgermeisters Behausung. Die Dunkelheit war im hereinbrechen, und der Vollmond stieg gerade über das hohe Dach der Nachbarscheune.

Georg war aus dem Hof in den Garten gegangen, ohne das Haus, zu betreten. Hastig stieg er den Rain hinauf. Hinter ihm ging der Hausknecht des Löwenwirts. Da sah Georg, wie eine hohe Mädchengestalt ihm in fast stürmischem Laufe, entgegenkam. Als sie ein paar Schritte von einander entfernt waren, blieben beide in demselben Augenblicke stehen. Der Pfad war schmal. Georg trat mit dem einen Fuße den Abhang hinunter, um Raum zu machen. Da ging Gertraud langsam an ihm vorbei. Ihr Antlitz war im Schatten, aber auf ihren Haaren blinkte der Mondschein. Das Holderkränzlein trug sie nicht mehr. Ihr Kleid streifte Georgs Wange, und als sie zum Gruße das Haupt senkte, glitt ihre Hand über seine Hand, und er fühlte den leisen Druck ihrer Fingerspitzen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder oben stand auf dem Pfade. Langsam setzte er seinen Weg fort und spähte den Abhang hinunter. Jetzt kam Gertraud wieder zum Vorschein, Sie schritt in derselben Richtung wie Georg. Ihre Gestalt war vom Mondlicht umflossen, und hell leuchtete ihr Antlitz. Sie schaute zu Georg empor, und wie sie so hochgehobnen Hauptes mit heller Stirn in kraftvoller Bewegung im Mondesglanze dahinging, strahlte es von ihr aus wie eine sieghafte Freude. Georg stand noch lange und sah der Entschwundnen nach, während der Hausknecht verschwiegen ein Äpfelbäumlein geschüttelt hatte und sich nun die Taschen mit den gefallnen Früchten füllte.

Als er dies Werk vollbracht hatte, kam er herzu und fragte Georg, wo denn das Steinbild stehe. Da erwachte Georg aus seinem Traume und ging rasch den Abhang vollends hinauf.

Er sah die Büste noch auf dem Bänkchen stehen. Sie blinkte im Mondlicht, aber um die Stirne zog sich ein schwarzer Schatten. Georg trat hinzu und fand auf dem Haupte der Wassernixe ein Holunderkränzlein.

Haben sies mit einander geflochten? Oder hat eine von ihnen ihr eignes Kränzlein dem steinernen Weibe aufs Haupt gesetzt? Ob wohl Luise das ihre noch trägt?

Er suchte nach dem Tragbrette. Es mußte irgendwo auf dem Boden liegen. Endlich fand er es unter dem Bänkchen. Als er sich bückte, es zu holen, wäre er beinahe ausgeglitten und zu Boden gestürzt. Er war auf einen saftvollen Knäuel zerrissener Zweige und zerdrückter Blätter getreten. Er hob eins der dunkeln Blätter auf. Es war ein Blatt vom Holderbusch.

O, wenn ihr reden könntet, ihr dunkeln Blätter! dachte Georg und sah von der bekränzten Büste auf den dunkeln Fleck am Boden. Auf welchem Haupte bist du gesessen, und auf welchem du?

Da zupfte ihn der Hausknecht am Ärmel und wies grinsend nach der Laube, Ein leises Weinen klang von dort her. Georg kannte die Stimme.

Das Weinen schwoll an und wurde zum herzbrechenden Schluchzen, das schauerlich durch den stillen abendlichen Garten klang.

Es zog Georg nach der Laube hin, dem weinenden Kinde die Thränen aus den Augen zu küssen und ihm zu sagen: Fürchte nichts, ich bin dir gut!

Aber es war, als verlege ihm das flimmernde Mondlicht den Weg in die Nacht der Laube hinein. Aus dem bleichen Duft trat eine hohe Frauengestalt und schwebte vorüber am Eingang zur Laube. Georg sah das erhobne Haupt und die blinkende Stirn und die strahlenden Augen. Die Wange, die der Ärmel ihres Kleides gestreift hatte, brannte ihm, und seine Hand und sein Knie, auf dem die Hand gelegen hatte, spürten den sanften Druck der Fingerspitzen. Mitten in das leise Weinen klang ein andrer Ton und zitterte ihm im wallenden Blut: Hübscher Bu', feiner Bu', komm!

Faß an! sagte Georg zu dem Burschen. Sie ergriffen das Brett mit seiner Last und schritten still über den Grasplatz dem Abhange zu.

Als sie vorsichtig den steilen Weg hinunterstiegen, glitt dem steinernen Frauenbild das Kränzlein vom Kopfe. Georg setzte es an seine Stelle zurück. Aber bald lag es wieder im steinernen Schilf. Da nahm Georg seine Mütze in die Hand und setzte den Kranz auf sein eignes Haupt. Jetzt ist geholfen! sagte lachend der Hausknecht.

Als sie aus dem Garten durch das steinerne Pförtlein in den Hof schlüpften, kam ein Windstoß vom Abhange her und fing sich seufzend in der Enge zwischen der Thür und den steinernen Pfosten. Georg fuhr zusammen und warf einen scheuen Blick die finstre Bergwand hinauf.

Mit lautem Jubel wurde er und sein Kunstwerk im goldnen Löwen begrüßt, und als die Zechenden das Kränzlein auf Georgs Haupt erblickten, klatschten sie in die Hände.

Die Büste wurde auf den Schenktisch gestellt. Das Beglückwünschen und das Zutrinken fing von neuem an. Meister Petermann und der Kunstschlosser nahmen Georg in die Mitte und gingen mit ihm von Tisch zu Tisch. Überall wurde ihnen Platz gemacht, oder man streckte ihnen nach Landessitte die Gläser entgegen, daß sie Bescheid thäten.

Als sie sich dem letzten Tische näherten, gerieten sie in eine Schar aufbrechender Burschen. Ihr geht schon heim?

Ach was, heim! Heut nimmer! Wir gehen in den Adler hinüber! Kommt mit!

Zwei von den Burschen ergriffen Georgs Kunstwerk, stellten es auf das Tragbrett und gingen zur Thür hinaus. Zwei andre faßten Georg unter die Arme und zogen mit ihm dem Schwarme nach. Eben so erging es dem Steinmetz und dem Kunstschlosser, der auf der Straße sein Leiblied anstimmte: 's giebt nur ein Kaiserstadt, 's giebt nur ein Wien.

Im Adler hielt der Singverein seine letzte Probe ab. Mit Jubel wurde der Kunstschlosser begrüßt, der einer der Gründer des Vereins und dessen Ehrenmitglied war. Er hielt eine Rede auf Georg. Gelächter und Beifall unterbrachen seine Worte. Die Büste wurde auf den breiten Kachelofen gestellt, und die Sänger drängten sich um sie her. Dann sangen sie Georg zu Ehren den Sängergruß, und Meister Petermann spendete ein Faß.

Vom goldnen Adler zog Georg mit einer Schar Genossen in den schwarzen Hirsch, und vom schwarzen Hirsch in den wilden Mann.

Vom Schlusse seines Triumphzugs wußte Georg nichts mehr. Wie er von seinen Genossen los gekommen war, blieb ihm verborgen; das Kunstwerk war irgendwo unterwegs stehen geblieben. Als er Arm in Arm mit seinem singenden Meister im wilden Mann am letzten Tische vorüberwankte, höhnten ihm die lachenden Burschen nach: Michel, Michel! Und dieser Klang bohrte sich den Weg durch den Nebel des Rausches hindurch bis in Georgs Bewußtsein hinein.

Zorngerötet wandte er sich um, aber sein Meister riß ihn mit sich, und so schwankten die beiden Berauschten ihrer Behausung zu.

5

Am andern Morgen eilte Georg mit verstörtem Gesicht von Wirtshaus zu Wirtshaus, um nach dem verlornen Schatze zu fragen. Im wilden Manne hörte er, daß die Kellnerin den Kopf in der Hausflur unter der Treppe gefunden und der Hausknecht ihn auf das Rathaus getragen habe. Ein Gast fügte diesem Berichte hinzu, daß das Bildwerk schon auf der Brunnensäule befestigt und schon von der Stadtfahne umflattert sei. Georg eilte auf den Marktplatz und kam gerade noch zur rechten Zeit, mit einer Kinderschar zuschauen zu können, wie ein Arbeiter in den vordern Haken des Eisenrings an der Brunnensäule die Laterne einhängte. Als der Wärter die Leiter wegthat, sah man vorn unter dem Frauenkopfe die klotzige Laterne herunterhängen wie ein unschieriges Medaillon.

Georg hätte aufschreien mögen über die Verunstaltung seines Werks, wenn es ihm nicht für einen rechtschaffnen Grimm zu jämmerlich gewesen wäre. Er war noch wie betäubt von der gestrigen Nacht. Mit umflorten Augen und schmerzendem Kopfe sah er in das fröhliche Treiben rings umher. Er empfing den Eindruck von einem ungeheuern Jubel, der aus weiter Ferne gedämpft zu ihm herüberschallte. Die Leute, die ihn mit ihren Ellbogen stießen, kamen ihm wie Marionetten vor, was sie redeten, wie Holzgeklapper. Und dann wars ihm wieder zu Mut, als wäre das Getümmel um ihn die Fortsetzung der gestrigen Huldigungen, und der Kopf, der über die Stadtlaterne herunterschaute, die eigentliche Ursache des Festes; als wäre er verpflichtet, nach allen Seiten hin dankend den Hut zu ziehen, während er dies doch nicht zustande gebracht hätte. Denn er kam sich vor wie ein versteinerter Mensch.

Er schlich nach Hause zurück und suchte von neuem sein Lager auf.

Die Versorgung der Marktplatzlaterne war das letzte Stück Arbeit des Festausschusses gewesen. Jetzt konnte der Herr Minister kommen. Es war alles fertig.

Ein wundervoller Himmel strahlte hernieder. Das Thal herunter und das Thal herauf rollten Jagdwagen und Droschken, rasselten Leiterwagen und Bernerwägelchen, und rechts und links von der aufwirbelnden Staubwolke strebten die festlich gekleideten Landleute der Umgegend in endlosem Zuge dem Städtchen zu. Durch die Straßen wandelte eine gaffende, plaudernde, lachende Menge; an den Tischen, die vor den Wirtshäusern standen, thaten sich ermüdete Fußgänger gütlich bei Wein und Brot. Dann und wann rannte ein kleiner Trupp von Buben die Straße hinab, als ob es dort unten brenne. Mit Kränzchen geschmückte Mägdlein zogen eilfertig dahin und schauten mit strahlenden Augen in die Welt hinaus. Verspätete Mitglieder des Empfangsausschusses stürmten durch das Gedränge, den Cylinderhut in der einen Hand, in der andern das Taschentuch.

Jetzt schob sich allmählich die Menge zum Festplatze hinaus. Schwarz häufte es sich vor dem verschlossenen Eingange an, als hätte sich ein schwärmendes Bienenvolk dorthin gehängt. Jeder suchte sich einen festen Platz am Rande der Hauptstraße, und allgemach erstarrte die flutende Menge zu zwei langen Mauern, die unbeweglich standen vom Festplatte bis tief ins Städtchen hinein.

Jetzt zitterte ein klirrendes Dröhnen von fern her durch die Luft. Sie kommen! sie kommen! rief es von allen Seiten. Rasch rauschte es heran, immer gewaltiger, das dröhnende Blech des Festmarsches. Leider klang gerade zur Unzeit der dumpfe Paukenschlag wie ein unhöflicher Kanonenschuß. Der Marsch brach ab, nur die Trommeln rasselten, und die Pfeifen gellten dazwischen. Jetzt zog sie vorüber, die prächtige Grenadiermusik mit ihrem Tambourmajor und dem phantastischen Schellenbaum. Und dann schwankten, von vier, sechs, acht Rossen, gezogen, die Festwagen heran, voll singender und jauchzender Burschen und Mädchen. Auf dem geschmückten Erntewagen lagen sie und reichten sich den Mostkrug von Hand zu Hand, dort dengelten sie Sensen, dort hechelten sie Flachs, hier saßen sie um den erzählenden Großväter her in der Spinnstube, dort rasteten sie von der heißen Heumahd auf grünem Rasen unter zart schattigem Birkengebüsch. Jedesmal, wenn die feurigen Rosse einen neuen Wagen heranführten, brach neuer Jubel aus, und so stieg in immer neuem Anschwall ein Singen und Klingen und Jauchzen gen Himmel, als sei alles Leid der Welt für immer und ewig in der Lust dieses Augenblicks verzehrt. Wo der letzte Wagen vorüber war, brachen die beiden Menschenmauern wie Wogenberge von rechts und links zusammen und fluteten in breitem und von Schritt zu Schritt wachsendem Strome hinterdrein. Die Pforten zum Festplatze öffneten sich, und der Strom ergoß sich wie in das weite Becken eines Weltmeeres; der Platz wurde gefüllt bis in den entlegensten Winkel.

All die Menschheit, von der vorhin das Städtchen angefüllt war, war draußen; nur die Kranken und die Wöchnerinnen waren zu Hause geblieben und etwelche Säuglinge – andre dagegen zogen auf den Armen ihrer Pflegerinnen mit in das Festgewühl.

Zu den Kranken, die zurückgeblieben waren, gehörten leider auch Georg, sein Meister und der Kunstschlosser, und Margarethe hatte viel zu viel Mitleid mit den beiden alten Herren, als daß sie sie in ihrem Jammer hätte verlassen mögen, der die Folge des Begeisterungsrausches der verwichnen Nacht war.

Die beiden Kunstfreunde saßen wehmütig bei einander vor einem Krüglein alten Weines, woraus ihnen die Wirtschafterin bedachtsam einschenkte.

Georg lag auf seinem Bett und hatte jede Herzstärkung abgelehnt.

So bringen Sie ihm wenigstens das! sagte der Kunstschlosser in kläglichem Ton. Da, den Artikel da, den da unten, den soll er lesen. Dann wird ihm vielleicht besser.

Die angegriffnen Herren versanken wieder in ihr Schweigen, und jeder nahm ein Schlücklein. Die Base Margarethe aber schlürfte zu Georg hinauf, klopfte an seine Kammerthür, und als es stille blieb, öffnete sie leise die Thüre.

Herr Georg, wachen Sie, oder schlafen Sie?

Ein Laut, der vom Bette her klang, überzeugte die Alte, daß Georg nicht schlafe.

Da, die Herren schicken Ihnen zum Trost das Festblatt. Sie sollen den Artikel da lesen, den da unten, wo ich die Stecknadel hineingesteckt habe. Dann wird Ihnen vielleicht besser.

Margarethe öffnete noch das Fenster, wünschte gute Besserung und verließ das Gemach.

Georg ergriff das Blatt, drehte sich gegen die Wand und suchte und las. Der bezeichnete Artikel handelte von ihm und von seinem Kunstwerke und redete von beiden mit überschwänglichen Lobeserhebungen. Wie man hört, so lauteten die letzten Worte, werden einflußreiche Kreise sich für den eminent begabten jungen Mann verwenden, damit die Regierung ihm zur Vollendung seiner künstlerischen Studien die Mittel gewähre.

Als Georg dies gelesen hatte, ließ er das Zeitungsblatt fallen, schloß die Augen und fragte sich: Bin ichs, oder bin ichs nicht? Wäre er in andrer Verfassung gewesen, so hätten ihm in diesem Augenblick die Ohren klingen müssen.

Es war in der That so, wie der Artikelschreiber geweissagt hatte: einflußreiche Personen bauten ihm in schönem Wettstreit die Brücke zum Künstlerberuf. Die Landtagswahlen standen vor der Thür, und der Minister entledigte sich der Aufgabe, liebenswürdig zu sein, zum allgemeinen Entzücken. Der Redakteur des Bezirksblattes verschlang jede Miene und jede Äußerung der Exzellenz, so viel er ihrer nur von seinem Platze ganz unten an der Tafel habhaft werden konnte. Besonders war er entzückt von der Art und Weise, wie der Minister seine Freundlichkeit nach allen Seiten hin ausstrahlen ließ, scheinbar gleichmäßig und doch nach wohl bemessener Abstufung, deren politische Bedeutsamkeit dem Redakteur durchaus verständlich war und seinen innigsten Beifall hatte.

Das Festessen neigte sich seinem Ende zu. Der Festzug der offiziellen Tischreden war vorüber gebraust. Alles war gefeiert worden, was auf diese Ehre Anspruch erheben mußte: der Kaiser und der Landesherr, die Regierung im allgemeinen und der Minister im besondern, der Bezirk und die Feststadt, der Bauersmann und die Bauersfrau. Da stand der Stadtpfarrer auf, denn er hielt es für sein gutes Recht, bei jedem Festmahle eine Rede zu halten. Er ging von den Präparaten der chemischen Fabriken aus und wandte deren Bedeutung für die Landwirtschaft in launigen Allegorien auf die allgemeinen Verhältnisse des Lebens an. Artig und mit Anstand führte er seine wohlstudierten Gedanken durch. Die Gäste stießen lachend miteinander an. Dieser rief jenem zu: Thomasmehl! und erhielt als Erwiderung den Gruß: Kainit! Ein andrer trank seinem Nachbar zu: Sulphurat! und wurde von dem dankenden Partner als Chilisalpeter gefeiert. Der Minister trat auf den Stadtpfarrer zu, stieß mit ihm an und sagte mit seinem Lächeln: Attisches Salz! Der Redner verneigte sich geschmeichelt. Der Minister aber ging zu dem katholischen Stadtpfarrer hinüber, dessen von Gesundheit strotzendes Antlitz leuchtete wie eine rote Aster in einer schwarzbehandschuhten Faust, und mit innigem Wohlgefallen bemerkte der Redakteur, daß die Verbindlichkeit genau den gleichen Grad inne hielt. Schauen Sie doch, wie unser Minister auch in kleinen Dingen so groß ist, flüsterte er seinem Nachbar zu; wie jetzt wieder die Parität zu wahren weiß!

Die Exzellenz kam in die Nähe. Der Redakteur erhob sich und stand erwartungsvoll da, die Hand am Champagnerglase. Der Minister aber ging vorüber und trat zu einer Gruppe plaudernder Herren. Er fragte nach etwaigen Originalgestalten des kleinstädtischen Lebens und erwähnte einen Artikel in der Festnummer der Bezirkszeitung, worin von dem Kunstwerke eines Steinmetzgesellen die Rede sei. Er erkundigte sich, ob die Arbeit wirklich so gelungen und ob der Bursche wirklich so begabt sei. Der Stadtpfarrer sprach das beste von Georg. Der Oberamtsrichter pries die Schönheit des Kunstwerkes. Jetzt trat der Abgeordnete herzu. Als er des Gegenstandes der Unterhaltung kundig wurde, warf er den beiden andern einen mißbilligenden Blick zu, denn es war sein gutes Recht, den entdeckten Künstler dem Vaterlande zu präsentieren. Er schöpfte Atem und hub an von der eminenten Begabung des bescheidnen jungen Mannes und schloß mit der unmaßgeblichen Überzeugung, daß es Sache des Staates sei, einem solchen Genie die Wege zu bahnen. Der Redakteur, der leise herzugetreten war, erspähte eine Lücke, und während der Abgeordnete Atem schöpfte, warf er bescheiden die Bemerkung ein, daß der Steinmetzgeselle alle Aussicht habe, des Bürgermeisters Schwiegersohn zu werden.

Der Bürgermeister war der einflußreichste Mann im Bezirke!

Die Exzellenz zog die Augenbrauen in die Höhe. Sie verzog keine Miene, aber ihre Ohren geruhten von der Bemerkung Notiz zu nehmen.

Jetzt kamen auch die andern wieder zum Worte, und die drei Herren übertrumpften sich in Lobeserhebungen. Es war ein erbaulicher Wettstreit.

Der Minister hörte lächelnd zu und sagte schließlich: Das muß ja ein wahrer Ausbund sein! Sorgen Sie doch, lieber Herr Bürgermeister, daß mir der Steinmetzgeselle, der den Kopf auf der Brunnensäule verfertigt hat, vorgestellt werde!

Die Tafel war aufgehoben. In angenehmer Champagnerlaune machten die Ehrengäste einen Gang durch die geschmückte Stadt.

Der Minister bewunderte alles. Als er einer Gruppe künstlicher Appenzellerinnen begegnete – es waren Ökonomentöchter aus der Nachbarschaft –, klatschte er mit den drei mittleren Fingern der rechten Hand in die flache Linke, und die Mädchen mußten ihm das Schweizer Liedchen singen, das ihn beim Vorüberfahren des Milchereiwagens so sehr entzückt hatte. Als man an der Kirche angelangt war, wies einer der Stadtväter dem Minister die Sonnenuhr am Kirchturm und erklärte ihm deren Einrichtung. Der Mann war der Meinung, daß dies die einzige Sonnenuhr in der Welt sei, und wurde in solcher Ansicht durch das gespannte Aufhorchen der Exzellenz bestärkt.

Dann gelangten die Herren auf den Marktplatz. Man zeigte dem Minister die alte Stadtfahne, erklärte ihm die Straßenbeleuchtung und setzte ihm den Plan zu einer neuen Wasserversorgung auseinander. Schließlich zeigte ihm der Abgeordnete Georgs Kunstwerk. Der Minister hob das Lorgnon vor die Augen und sah prüfend hinauf. Er lächelte über den sonderbaren Schmuck der Dame auf der Brunnensäule, dann betrachtete er aufmerksam den Kopf. Als er das Augenglas zusammengelegt und in die Tasche geschoben hatte, erkundigte er sich, wie alt der Verfertiger sei, und fragte, ob er ihn nicht kennen lernen könne.

Georg stand zum Vortreten bereit.

Als die Herren von der Tafel aufgebrochen waren, hatte der Abgeordnete einen Feuerwehrmann in Meister Petermanns Haus geschickt mit der Meldung, daß Seine Exzellenz den Gesellen Georg zu sprechen wünsche. Georg war auf seinem Lager eingeschlafen. Ein heftiges Pochen schreckte ihn auf. Als er wach geworden war, sah er seinen Meister zitternd vor Aufregung vor seinem Lager stehen. Hinter ihm zeigte sich Margarethe nach Luft schnappend, und der Kunstschlosser stand am Fußende des Bettes und wichste kunstgerecht Georgs Stiefel. Der Minister – Georg, steh auf! Mache dich flugs fertig!. Der Minister will dich sprechen.

Georg starrte seinen Meister an und stammelte: Mich?

Margarethe, ein Glas Wein! befahl Petermann und schob die alte Frau zur Thür hinaus. Dann half er seinem Gesellen auf die Beine. Während dieser die Unterkleider anzog, suchte der Meister im Schrank nach dem schwarzen Rocke, der Kunstschlosser aber setzte sich auf einen Schemel und fing an, den andern Stiefel zu wichsen. Margarethe hatte ein Glas Wein gebracht und tränkte Georg von Zeit zu Zeit, während er sich in fliegender Hast anzog. Der Steinmetz stand ihm geschäftig zur Seite und reichte ihm in die Hand, was er begehrte: die Hemdknöpfe, die Weste, die Halsbinde, den Kamm. Margarethe, die das Weinglas in der Rechten hielt, glättete und zupfte mit der Linken bald hier und bald dort.

Was will der Minister von mir? fragte Georg, während er die Uhr aufzog.

Auf die Akademie sollst du, ein Künstler sollst du werden! antwortete sein Meister.

Der Kunstschlosser aber hielt im Wichsen inne und sagte: Ich habs kommen sehen! Ich hab immer gesagt: der Georg hats hinter den Ohren.

Georg war bleich geworden. Er legte die Haarbürste aus der Hand.

Ich will kein Künstler werden. Ich will bei euch bleiben. Nie will ich was andres sein als Steinmetz.

Der Alte zwang ihm die Bürste wieder in die Hand.

Du willst bei mir bleiben? Wir zwei geschirren nimmer zusammen. Du wirst sehen!

Es ist mir ein Rätsel, wie ich das Bildwerk habe machen können, sagte Georg verzagt. Ich werde so etwas nie wieder fertig bringen.

Im Katzenjammer gewiß nicht, rief der Kunstschlosser. Aber warte nur, morgen früh wirst du anders denken!

Ist noch keine fünfundzwanzig Jahre alt, und schon ist von ihm im Blatte zu lesen! fügte Margarethe hinzu.

Georg lächelte matt. Er war nun fertig geworden und eilte mit seinen beiden Begleitern auf die Straße hinaus der Brücke zu. Sie hatten das steinerne Kreuz am Anfang der Brücke fast schon erreicht, als sie ein Schnaufen hinter sich hörten. Sie schauten um. Margarethe kam ihnen in vollem Laufe nachgeeilt. Es war ein Anblick zum Entsetzen und zum Erbarmen. Da! keuchte sie und hielt Georg ein frisches Taschentuch hin.

Um Gottes willen, es trifft sie der Schlag! rief Meister Petermann und umfaßte die nach Atem ringende mit seinem festen Arme.

Ihr müßt schon alleine gehen! rief er den beiden andern zurück. Hier hab ich nähere Pflicht.

Da ward es der alten Dame wohl und warm ums Herz, sie stützte sich auf den ritterlichen Arm, und friedevoll und glücklich gingen die zwei Leute nach ihrem Hause zurück.

Unterdessen eilten Georg und der Kunstschlosser auf den Marktplatz zu, wo nach der Aussage der Leute der Minister gerade angekommen war. Der Kunstschlosser bohrte sich den Weg durch das Gedränge bis zum Marktbrunnen; dort pflanzte er sich mit Georg hin und sorgte für gehörigen Abstand von der schiebenden Menge, damit sie sichtbar blieben.

Jetzt erblickte der Abgeordnete den jungen Künstler.

Dort steht er, Exzellenz! sagte er und rief Georg herzu. Die Menge wich aus einander. Der Kunstschlosser schritt voran. Vor dem Minister machten sie Halt und verbeugten sich tief.

Der Minister grüßte freundlich und fragte den Kunstschlosser, ob er der Meister des jungen Künstlers sei.

Der Gefragte verbeugte sich abermals tief und erwiderte: Das gerade nicht, aber sein väterlicher Kunstfreund.

Der Minister lächelte unmerklich. Dann wandte er sich an Georg. Er sah ihn wohlgefällig vom Kopf bis zu den Füßen an, reichte ihm die Hand und sagte:

Sie haben den Marktplatz Ihrer Vaterstadt – es ist doch Ihre Vaterstadt? –

Georg verneinte.

– aufs anmutigste ausgeschmückt. Man hat mir gesagt, daß Ihr Verlangen darnach stehe, sich auf der Akademie weiter zu bilden.

Der Minister wartete auf Antwort.

Georg bewegte lautlos die Lippen.

Sie möchten gerne Künstler werden? fragte die Exzellenz.

Georg schüttelte mit dem Kopfe und sagte leise aber vernehmlich: Nein!

Doch, Eure Exzellenz, rief der Kunstschlosser und machte eine tiefe Verbeugung. Er möchte schon, aber er ist heute –

Ich möchte lieber Steinmetz bleiben, unterbrach ihn Georg.

Der Abgeordnete riß die Augen auf. Die Umstehenden machten verblüffte Gesichter.

Sie besinnen sich vielleicht noch eines andern, sagte der Minister freundlich. Dann wandte er sich an den Bürgermeister.

Behalten Sie ein Auge auf ihn, lieber Herr Bürgermeister, und wenn er sich der Kunst zuwenden will, dann schreiben Sie an mich, kurzer Hand, an mich persönlich.

Wenn Sie sich so begabt erweisen, wie Ihr Erstlingswert vermuten läßt, dann soll es Ihnen an kräftiger Hilfe nicht fehlen.

Die Exzellenz reichte Georg und dem Kunstschlosser die Hand und schied mit freundlichem Kopfnicken.

Die beiden blieben fast allein am Marktbrunnen zurück, denn der Minister begab sich zum Amthause, um von dort nach der Eisenbahnstation zu fahren; die Bevölkerung aber, die in dem Rundgange der Exzellenz das letzte öffentliche Schauspiel dieses Festes genossen hatte, strömte auf die Wiese hinaus, um den künstlichen Volksbelustigungen zuzuschauen oder sich auf dem Tanzplatze und an den Zechtischen selbst zu belustigen.

Du Tolpatsch, du hirnverbrannter! schimpfte der Kunstschlosser. Da steht er wie ein Pudel, der Angst hat, ins Wasser zu gehn, und winselt, weil er doch so gern hinein möchte!

In der That, mit ähnlichen Empfindungen sah Georg dem dahingehenden Minister nach. Es war ihm nur halb wohl dabei, den Sturm abgeschlagen zu haben.

Seien Sie mir nicht böse! beschwichtigte er seinen väterlichen Kunstfreund. Es müßte mir anders zu Mute sein, als heute, wenn ich ins Wasser springen wollte, und wenn alle Leute hetzen, dann wird der Pudel verzagt. Gehen Sie heim und sagen Sies meinem Meister, Er wird sich doch ein bischen freuen, daß ich bei ihm bleibe, trotz aller Enttäuschung, und Jungfer Margarethe auch.

Dann ging er ein einsames Gäßchen hinauf, um dem Kunstschlosser aus den Augen zu kommen. Von dem Gäßchen bog er in einen Winkel ein, ging eine Weile zwischen Hinterhäusern und Scheunen und kam schließlich auf den Marktplatz zurück.

Er hatte rechtschaffen Hunger. Darum setzte er sich an einem der Tische nieder, die vor dem goldnen Löwen aufgeschlagen waren, und bestellte bei der Kellnerin, was gerade die Küche bot.

Es war menschenleer auf dem Marktplatz geworden. Nur ein Bäuerlein in Wäldlertracht war zu erblicken. Das kam schweißtriefend von der obern Brücke her und fragte Georg, ob er noch recht komme, den Festzug zu sehen. Georg mußte sich besinnen, ehe er antworten konnte. Er sagte dem Atemlosen, daß er um ein paar Stunden zu spät komme; aber wenn er sich beeile, könne er den Minister vor dem Amthause einsteigen und fortfahren sehen.

Das Bäuerlein dankte und stürmte die Straße dahin. Es drängte sich durch die Menge bis vor die feurigen Pferde des Bürgermeisters und sah zu, wie der Minister den gräflichen Landauer andern überließ und den demokratischen Jagdwagen des Bürgermeisters bestieg, wo er so menschenfreundlich und allen sichtbar dasitzen und so herzerfreuend die letzten Händedrücke spenden konnte.

Es war ein herrliches Fest! rief die Exzellenz den entblößten Häuptern zu, und die Pferde zogen an; der Bürgermeister selbst führte die Zügel.

Unterdessen hatte Georg seinen Hunger gestillt, und Gesundheit und Wohlbehagen strömten in seine Glieder zurück.

Er schaute zu dem Kopf auf der Brunnensäule hinauf. Wie stand der so kalt dort oben! Hatte das Frauenbild nicht recht, über seinen Schöpfer hinwegzublicken, als kennte es ihn nicht?

Georg dachte an die Ereignisse der letzten Nacht, und er schämte sich.

Vergieb mir! flüsterte er hinauf.

Wie that es ihm leid, daß er und das Weib dort oben so würdelos auseinander gegangen waren, daß er es aus seinen Armen verloren hatte ohne Gruß und ohne Kuß. Er sah hinauf mit einer Sehnsucht, wie wenn das steinerne Frauenbild beseelt sei. Und jetzt war es ihm, als ob es zu ihm herniederblicke, als ob auf den stolzen Lippen derselbe Schmerz zucke, den er empfand, und in den verschleierten Augen das heiße Verlangen brenne, das ihn zu durchglühen begann. O, wenn ich dich noch einmal hätte, dachte er und küßte in seinen Gedanken das Steinbild auf den Mund und auf die Augen und sagte ihm die tausend Schmeichelworte kosender Liebe. Das Herz schlug ihm hoch, und die Seele stand ihm in Flammen.

Georg rief der Kellnerin, zahlte seine Zeche, stand auf und ging der Festwiese zu.

6

Auf einem erhöhten Dielenboden schwangen sich die Paare in lustigem Tanz, Erst als Georg nahe gekommen war, hörte er die verschleierte, lockende Musik der Holzbläser. Die Grenadierkapelle war in die Garnison zurückgekehrt, das Stadtorchester war durch seine Leistungen erschöpft und that sich in einem Bierzelte auf Kosten des Gemeindesäckels gütlich. Darum spielte die Musik aus einem nahegelegnen Wäldlerdorfe zum Tanze auf.

Georg blieb im Schatten einer Bude stehen und übersah das fröhliche Treiben.

Luise stand an der Rampe und ließ ihre Blicke suchend über den Wiesenplan schweifen.

Georg wußte, wen sie suchte, und er kam sich in diesem Augenblick so schlecht vor wie noch nie in seinem Leben; er wußte ja, daß es nicht sie war, nach der er verlangt hatte. Er hörte wieder das leise Schluchzen aus dein Gartenhaus und schämte sich der Glut, die noch eben in seinen Adern gebrannt hatte, und das Mitleid mit dem rührenden Schmerze des lieben Mädchens überwältigte ihn.

Er trat aus dem Schatten und eilte über die Wiese dem Tanzplatze zu; er sah, wie Luisens Augen ihn fanden, und wußte, daß ihr jetzt das Herz im Busen stürmte. Aber da sah er die Andre aus dem dichtesten Gewühle hervorwirbeln. Ihr Tänzer hielt atmend inne. Gertraud sah sich nach einem andern um und flog in den Armen eines dritten und eines vierten dahin.

Ohne sich Rechenschaft zu geben, was ihm das Blut in die Wangen trieb und die Brust beengte, eilte Georg auf Luise zu, und bald schwang sich das schöne Paar im Reigen.

Sie redeten kaum ein paar Worte miteinander, Luise lag ihm hingebend im Arme. Zuweilen hob sie die Augen und sah in stiller Seligkeit zu ihm hinauf. Dann drückten sie sich leise die Hand.

Georg ward es stille und wohl zu Mute. Aber dennoch lag auf seinem Gemüte eine Beklommenheit, eine Art von Angst, und er wagte nicht um sich zu sehen. Sein Auge ruhte unbeweglich auf dem schönen Mädchen, das er umschlungen hielt, und in den Pausen ging er mit ihr auf den Wiesenplan hinaus bis auf die Landstraße, und sie wanderten der Abendsonne entgegen, bis der lockende Ruf der Pfeifen sie zu dem Vergnügen des Tanzes zurückzog.

Als sie einmal wieder der Tenne zuschritten, wurde Luise von einer Freundin gerufen, und der Stadtpfarrer, der mit seiner Frau auf der Wiese lustwandelte und sich des fröhlichen Treibens freute, redete Georg an und zog ihn in ein Gespräch über seine Absichten und über die Zusage des Ministers. Als Georg sich mit Anstand losgemacht hatte, eilte er auf die Diele hinauf, wo der Tanz wieder begonnen hatte, und suchte Luise. Da wirbelte ein wildes Paar vor ihm hin. Ich kann nimmer! sagte der Bursche und ließ seine Tänzerin los. Georg erschrak, aber in demselben Augenblick wurde er von zwei kraftvollen Armen umfaßt und in den Wirbel des Tanzes dahingerissen.

Zuerst widerstrebte er, dann ließ er sich ziehen, dann erfaßte ihn die Lust. So hatte er noch nie getanzt! Und doch wurde er nicht müde. Kannst du noch? flüsterte ihm zuweilen seine Tänzerin zu. Als Antwort umfaßte er sie fester und flog noch toller mit ihr dahin. Er sah Gertraud nicht ins Gesicht, sondern über ihre Schulter weg in die um ihn wirbelnde Menge, als ginge sein Blick ins Leere, Aber als sie ihm wieder zuflüsterte: Kannst du noch? da wandte er seine Augen ihr zu und begegnete wieder dem seltsamen starren Blick, in dessen grundloses Geheimnis zu tauchen soviel wonnevolle Lust verhieß. Es war ihm, als würde sein Wesen aufgesogen von dem unendlichen Durste dieser unheimlichen Augen, und angstvoll riß er seinen Blick los und suchte Luise. Dort stand sie und sah herüber mit großen thränenvollen Augen.

Georg rief halt! und hemmte jäh den Fuß. Sie waren an der Rampe, Gertraud bog sich im Ansturm rücklings hinüber und zog ihren Tänzer nach, an sich hin. Aber Georg riß sich los, und ohne ihr ein Wort zu sagen oder ihr noch einen Blick zu gönnen, eilte er zu Luise hinüber, die ihm gramvoll entgegenschaute.

Georg rang nach einem gleichmütigen Tone, Die tanzt gut, sagte er.

Besser als ich, erwiderte Luise hastig.

Bist du mir böse?

Ich bin dir nicht böse, ich bin nur traurig.

Du hast keinen Grund, traurig zu sein.

Da sah ihn Luise mit einem langen Blicke an, Georg schlug die Augen nieder.

Wollen wir tanzen? fragte er sie.

Wir wollen die Eltern suchen, und dann will ich heim.

Sie gingen längs der Zechtische und Trinkbuden hin, ohne die Eltern zu finden, und durchstreiften vergeblich die Wiese in die Länge und in die Quere.

Als sie wieder an dem Tanzplatze vorübergingen, fing gerade die Musik wieder an mit ihren lockenden, sehnsüchtigen Tönen. Wollen wir noch einmal? fragte er sie.

Sie schüttelte den Kopf.

Ich will heim.

Darf ich dich begleiten?

Ja.

Willst du nicht mehr deine Hand in meinen Arm legen?

Sie that es.

Es war rasch dämmrig geworden. Als sie die Wiese verließen und auf die Landstraße einbogen, rief es hinter ihnen: Michel! Michel!

Georg blieb stehen und wandte sich um.

Michel! rief es wieder, und aus einem Busche an der Straße klang ein Mädchenkichern.

Georg trat mit geballten Fäusten auf einen dunkeln Schatten zu. Aber der Bursche sprang über den Graben und verschwand im Busche, dann hörte man eilende Schritte, und zwei Gestalten eilten dem Tanzplatze zu.

Georg kehrte zu Luise zurück.

Hast du gesehen, wer es war? fragte ihn Luise.

Georg verneinte.

Es war der neue Mahlbursche aus der Thalmühle.

Und sie? fragte Georg.

Luise gab keine Antwort.

Schweigend gingen sie neben einander hin, jedes in seine Gedanken versunken.

Als sie vor dem Hause des Bürgermeisters angelangt waren, blieben sie eine Weile stehen. Ihre Hände hatten sich gefaßt.

Gute Nacht! sagte Georg endlich.

Gute Nacht! flüsterte sie innig.

Da zog Georg die süße Gestalt an sich heran und drückte einen Kuß auf das würzige Haar.

Luise entzog sich ihm mit sanfter Gewalt und eilte durch die Thüre ins Haus. –

Georg hatte in dieser Nacht einen wirren Traum. Als er am Morgen aufwachte, fragte er sich, was es doch für Augen gewesen seien, in deren Glanz er fort und fort in seinem Traume geschaut hatte?

Das war nicht Luisens thränenvoller Blick, auch nicht Gertrauds heilloses Auge. Das war nicht der verschleierte Blick des steinernen Frauenbildes. Aber was war es denn? Wo hatte er in so lichtvolle, tiefe, herzliche Augen geschaut?

Da fiel es ihm ein, und er staunte. Es war der Blick jener fremden Frau, die ihm auf der Brücke begegnet war und sein Kunstwerk und ihn mit glückverheißenden Augen gegrüßt hatte.

Was ging ihn diese Frau an?

Nur einmal wieder solche Augen sehen! sagte er laut, und als er seine Worte hörte, schüttelte er verwundert den Kopf über sich selbst.

7

Zur gewohnten Stunde stand Georg in der Werkstatt. Gottlob, daß alles dahinten liegt! dachte er, und mit Eifer ging er an die Arbeit. Aber nachdem er einige Stunden gemeißelt hatte, ließ er müde und verdrossen den Hammer sinken. So lästig war ihm die Arbeit noch nie gewesen, so langsam war der Morgen noch nie dahingeschlichen. Wie war es doch so anders, noch vor ein Paar Tagen! Da ging ihm die Arbeit von der Hand wie Hexenwerk, und er fühlte sich auch nicht ein einziges mal müde oder ungeduldig. Was war die Ursache?

Er legte die Werkzeuge aus der Hand, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und besann sich.

Damals sputete er sich, fertig zu werden, denn hinter dem gewöhnlichen Werke stand sein künstlerisches Schaffen. Den Tag über wars in den Schleier gehüllt, aber er träumte von seiner berauschenden Schönheit, während er sein Gesellengeschäft that, und wie beseelt hüpfte der Meißel vorwärts und vorwärts, damit er endlich an den geliebten Stein gelange!

An den geliebten Stein! Er dachte an das Frauenbild auf der Brunnensäule.

O wenn du doch nicht dort droben stündest! seufzte er. Wie wars eine schöne Zeit, als du noch im Werkstattwinkel lagst und niemand von dir wußte, als ich allein, – als du noch ein Klotz warst, und deine Schönheit nirgend anders lebte als hier!

Er preßte die Hand aufs Herz.

Es war ihm, als sei er aus erhabner Höhe heruntergefallen in den Staub der Werkstatt, als sei ihm ein Kleinod herausgesprungen aus dem Innersten seines Wesens, und als müsse er selbst nun wertlos und schlecht weiter leben mit dem Gefühle der tätlichen Leere in seiner Brust. Das Heimweh nach dem qualvoll seligen Zustande, wo er in Dämmerstunden mit schaffender Seele in sein Geheimnis versenkt gewesen war, ergriff ihn mit Obergewalt.

Mit wildem Blick sah er in der Werkstatt umher. Du Tropf! schrie er plötzlich auf und gab einem lächelnden Engel einen Faustschlag ins Gesicht.

Erschrocken sah der Meister von seiner Arbeit in die Höhe.

Wer ist ein Tropf?

Der Kerl da!

Petermann trat zu Georg und sah ihm kopfschüttelnd ins erregte Antlitz. Dann hielt er die Hand über die Augen und betrachtete Georgs Arbeit.

Das ist kein Tropf und auch kein Kerl, sagte er, sondern der Engel des Trostes, wie er im Buch steht. Es ist dir noch keiner so gut gelungen wie der da.

Georg schwieg. Da sah ihn sein Meister an und sagte traurig: Unser Herrgott hat dich gestern gegrüßt. Du hättest ihm danken sollen.

So sieht unser Herrgott nicht aus! erwiderte Georg bitter.

Meister Petermann fuhr fort: Sie habens alle gut gemeint. Und Recht haben sie doch. Dein Weg geht da hinaus. Er wies auf die Thür der Werkstatt.

Wollt Ihr mich los sein?

Ja! sagte der alte Mann mit einem großen Blick, und die Thränen traten ihm in die Augen. Georg, du weißt warum.

Es wird vorübergehen, seufzte Georg, und alles wird werden, wie es früher war.

Die beiden Männer wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Meister Petermann ließ oft den Meißel sinken und sah nachdenklich zum Fenster hinaus. Da mußte ihm ein glücklicher Gedanke gekommen sein. Ein fröhliches Lächeln spielte auf seinen Lippen, und er begann ein Liedchen zu pfeifen.

Auch über Tisch war er still und fröhlich, und wieder und wieder schlich das geheime Lächeln über sein Antlitz.

Als die drei vom Tische aufgestanden waren, sagte der Alte: Heute Nachmittag wird nicht gearbeitet. Wir halten Nachfeier auf dem Birnbaum.

Dann winkte er seiner Haushälterin zur Thür hinaus und gab ihr einen geheimen Auftrag.

Wenige Tage zuvor war das Allmendobst auf dem Stiele versteigert worden. Meister Petermann hatte mit großer Geduld ausgeharrt und es sich ein gutes Stück Geld kosten lassen. Er hatte es auf einen Birnbaum abgesehen gehabt, dessen kleine längliche Früchte wegen ihrer gewürzigen Süßigkeit in der Gegend berühmt waren und darum bei der Versteigerung das Geriß hatten. Diesmal war Meister Petermann Sieger geblieben.

Nach dem Mittagessen ging der Alte zu seinem Nachbarn hinüber und entlieh von ihm für den Nachmittag eine lange Leiter, denn der Baum war gewaltig in die Höhe gewachsen. Dann stand er mit seinem Gesellen wartend an der Straße, bis ein mit Gäulen bespannter Leiterwagen daher rasselte. Sie riefen dem Knechte, der die Pferde lenkend auf dem Wagen stand, er solle halten, und als sie von ihm erkundet hatten, daß er an dem Birnbaume vorüberfahre, baten sie ihn um Erlaubnis, ihre Leiter dem Wagen anhängen zu dürfen. Der Knecht versprach, die Leiter vor dem Birnbaume in den Straßengraben zu legen, und der Wagen rasselte davon.

Wohlgemut schlenderten der Meister und sein Geselle hinterdrein.

Derweilen ging die Base Margarethe zu Bürgermeisters hinüber. Sie richtete einen schönen Empfehl aus vom alten Petermann und lud Fräulein Luischen zur Birnenernte ein. Die Birnen seien am besten vom Baume herunter. Sie selber wollte so gegen vier Uhr Fräulein Luischen abholen und hinausgeleiten. Denn der Baum stehe an der Landstraße. Da sei es für Fräulein Luischen nicht geraten, allein zu gehen; ein Handwerksbursche könnte sie sonst vergelstern.

Es war ein sonniger, klarer Septembertag. Der Alte, der vergnüglich sein Pfeifchen schmauchte, hatte sich seine silberne Brille aufgesetzt und holte mit dem Obstbrecher die äußersten Früchte herunter. Georg aber saß mit dem Sack um die Schulter in der Krone des Baumes, und wenn er fünfzig Birnen gebrochen hatte, verzehrte er die einundfünfzigste zur Belohnung. Der frische Wind wehte ihm um das Haupt, er wiegte sich auf seinem Ast, daß die Krone des Baumes schwankte, er sah in den Himmel hinauf und den eilfertigen Wölklein nach, und dann schweiften seine Augen wieder über die Wälder und Hügel hin, das schöne Thal hinauf und hinab. Es war ihm wohl und frei wie einem Vogel im Baum. Er hängte den Sack an einen Baumknorren, streckte sich, daß der Wipfel sich schüttelte, und rief ins Land hinaus: Holdrio!

Holdrio! klang die Antwort fern vom Wiesenthal herüber. Er sah dort Mädchen, jenseits des Bachs, auf einer breiten Wiese. Sie schwangen den Rechen, daß die Röcke flogen, und in den raschen Bewegungen leuchteten die roten Mieder.

Wem gehört die Wiese dort drüben – dort, wo sie Heu machen? fragte Georg zu seinem Meister hinunter. Der führte in weitem Bogen den Obstbrecher, auf den Boden, ließ die gebrochnen Früchte ins Gras gleiten und sah dann ins Wiesenthal hinab. Die gehört dem Thalmüller. Und seine Leute sinds.

Der Alte ging um den Baum herum, und der Obstbrecher hob sich wieder in weitem Bogen dem Wipfel zu. Georg aber spähte nach der Wiese hinüber. Eine der Mähderinnen lehnte den Rechen an die Brust, hielt die gekrümmten Hände vor dem Munde zusammen und rief herüber: Holdrio!

Georg antwortete nicht. Aber seine Blicke kehrten immer wieder zu dem anmutigen Bilde zurück. Seine Seele trank die wechselnden Stellungen der arbeitenden Frauen; alle Bewegungen wurden durch die weite Entfernung gesänftigt und gleichsam vom Winde reizvoll herübergetragen. Seine Hände griffen in das Laub und zerdrückten Blätter und Zweige, wie wenn sie etwas fassen und gestalten müßten. Das Herz schlug ihm hoch vor Verlangen nach Weibesnähe, und er seufzte: Ein Nest im Baum! Ein Liebchen im Baum! O du glückseliges Vogelleben!

Ein Freudenschauer ging durch seine Seele, als er die Straße hinblickte und zwei wohlbekannte Frauen daherkommen sah. Neben seiner mütterlichen Freundin ging die Geliebte. Wie war sie schlank und zierlich! Hell war ihr Kleid, ein breiter Strohhut überschattete ihr Gesicht, und lustig flatterte das Band im Winde.

Leicht wie ein Reh sprang Luise über den Graben und half dann der alten Margarethe, nachdem sie ihr den riesigen Henkelkorb abgenommen hatte, den weiten Schritt zu thun über die gefährliche Tiefe hinüber.

Als Georg ihr einen fröhlichen Willkommengruß zugerufen hatte, spähte sie hinauf und suchte ihn im Baume. Jetzt fand sie ihn, ihr Antlitz leuchtete auf von rosiger Freude, und sie grüßte ihn mit Mund und Hand.

Unwillkürlich war er etwas heruntergestiegen, sie aber ging suchend um den Baum, mit gesenktem Blick. Er warf ihr Früchte zu. Der Hut hing ihr im Nacken, und das braungoldne Haar leuchtete im Sonnenschein. Aufgepaßt! rief er hinunter. Sie hielt die Hände in die Höhe und fing die heruntersausende Gabe unter anmutiger Beugung des Körpers auf. Oder sie sprang auf die Seite, um dem Geschosse zu entgehen, oder schrie leise auf, wenn ein kleiner Unhold sie auf die Achsel oder in den Nacken getroffen hatte. Dann stand sie da, vom Sonnenlicht umflossen, und sah in den Baum hinauf, nicht gerade dahin, wo Georg saß, aber nicht weit davon, in die grünen Blätter hinein.

Nicht wahr, du möchtest gern hinauf! fragte der alte Steinmetz treuherzig, als sie so dastand und sehnsüchtig in die Höhe blickte.

O nein! erwiderte Luise und errötete bis zu den ersten Haarwellen hinauf.

O doch! sagte ihr guter Freund lächelnd. Aber wie fangen wir das an?

Es war freilich ein schweres Ding. Die Leiter war viel zu hoch. Sie stand von der Straße her in die Kronzweige gedrückt und berührte keinen Ast. Wohl beugte sich ein Ast so weit herunter, daß Luise ihn bequem mit den Händen fassen konnte. Sie hätte sich wohl hinaufschwingen können, aber dies ging doch nicht an. Da rief Petermann die Base Margarethe herbei. Die mußte sich unter den Ast stellen. Dann wurde sie angewiesen, die Hände auf die gebeugten Kniee zu legen. Wie sie so dastand, die kurze, dicke Frau, da bot sie das Bild einer braven Masse von ansehnlicher Dichtigkeit und vertrauenerweckendem Bestande. Meister Petermann faßte die zierliche Gestalt unter den Armen und schwang die leichte Last auf den gekrümmten Sitz. Vorher hatte Luise einen verlegnen Blick hinauf geworfen in den Baum. Georg verstand ihn, wandte sich ab und schaute zu den Wolken empor. Das Mädchen hielt sich mit der Hand an dem Aste zu ihren Häupten und suchte das Gleichgewicht mit den schwankenden Beinen. Jetzt saß sie fest und wohlgemut wie Europa auf dem Stier. Und jetzt hatte sie sich hinaufgeschwungen auf den breiten Ast und saß nun da, eben so gefällig und bequem wie jene Schöne, deren verfängliche Geschichte den verliebten Leuten Hüon und Rezia zu erzählen der alte Scherasmin unpädagogisch genug war. Georg hatte sich weiter herunter und zu ihr hin gemacht und lag nun quer über derbes schwankendes Zweigwerk waghalsig im grünen Versteck. Mit der Linken hielt er sich an ein paar starken Gerten fest, und mit der Rechten reichte er Luisen die gelbsten Birnen oder bog ihr die Ruten entgegen, sodaß sie die Früchte selber brechen konnte. Mit einemmale hielten sich ihre Hände gefangen im grünen Laub. Er sah, wie sie das gesenkte Haupt hob und ihm zuwandte. Es war bleich, und die großen Äugen füllten sich mit Thränen. Da ließ er die Zweige oben los und schlang die Arme um ihren Nacken. Sie schrie erschrocken auf, denn er kam ins Gleiten, und sie umfaßte seine Brust, um ihn zu halten und zu sich her zu ziehen. Er aber küßte sie auf den Mund, unbekümmert, was aus ihm werde. Einen Augenblick gerieten sie ins Schwanken. Aber sie saß sicher und hielt ihn mit starken Armen. Und der Baum war ihm hold, er legte ihn nieder in ihren Schoß. Errötend bog sie sich zurück, und jetzt saß er neben ihr auf dem freundwilligen Aste. Lächelnd sahen sie auf die gute Margarethe nieder, die ihnen den breiten Rücken zukehrend auf dem Boden saß und Birnen sortierte. Fünft, siebene, neune! zählte sie. Hundert, tausend! fuhr Georg fort, und sie küßten sich. Sie schauten nach Meister Petermann aus. Wo mochte er nur hingeraten sein? Sie spähten vorwärts und rückwärts. Er war nirgends zu sehen. Nach diesem tröstlichen Befunde neigten sich die Köpfe einander zu, und sie küßten sich wieder. Die Lippen des Mädchens waren willig und still, und die des Knaben unersättlich.

Das Knarren eines Wagens schreckte sie auseinander. Luise beugte sich zurück, sodaß ihr Antlitz von dem Stamme des Baumes verdeckt wurde, Georg sprang kurz entschlossen auf den Boden. Petermanns Hausehre stieß einen Schrei aus und sah sich entsetzt um.

In diesem Augenblick fuhr ein mäßig beladner Heuwagen vorüber. Der Thalmüller führte das Handpferd. Hinter dem Wagen schritten die Mägde, den Rechen auf der Schulter. Eine Strecke hinter dem Wagen kam ein hochgewachsenes Paar. Es waren Gertraud und der Mahlbursch. Sie zögerte sichtlich, und der Gefährte machte ein mürrisches Gesicht. Als sie vor dem Baume waren, reichte sie mit einem kurzen »da!« ihrem Begleiter den Rechen und blieb stehen. Der Bursche machte Miene, das gleiche zu thun. Da sagte sie ihm ein kurzes Wort, worauf er mit blutrotem Gesichte vorwärts sprang dem Wagen nach, und als er ihn erreicht hatte, so wütend an der Mütze drehte, daß die Pferde stutzten und der Müller scheltend zurücklief.

Gertraud aber sprang über den Graben, und ohne einen Blick auf Georg zu werfen trat sie hinter den Baum und schaute zu Luisen hinauf.

Ich glaube gar, du versteckst dich vor mir, sagte sie.

Du bist es? erwiderte Luise unfreundlich.

Ja, ich bins. Darf ich Ihnen helfen, Fräulein Margarethe?

Ich bin schon fertig, erwiderte die Haushälterin unwirsch und warf die auseinandergelegten Birnen in den Korb zusammen.

Da hörte man von der Straße weiter unten ein heftiges Peitschengeknall. Gertraud horchte auf und sah hin. Im Nu hatte sie begriffen.

Unser Wagen hält dort, und mein Vater winkt, und Meister Petermann kommt gelaufen. Mein Vater will die Birnen und die Leiter mitnehmen. Nun flugs in den Sack hinein!

Der Sack stand unter dem Baume, zur Hälfte mit Fallobst gefüllt. Mit flinken Händen las Gertraud die im Grase liegenden Birnen in den Korb. Als Margarethe wehren wollte, sagte sie: Mein Vater kann nicht warten. Das Auslesen besorgt man zu Hause in der Ruhe.

Der Korb war gefüllt, Gertraud schüttete seinen Inhalt in den Sack, stellte ihn auf den Boden und umkreiste suchend den Baum.

Du könntest eigentlich auch auslesen; da droben giebts nichts mehr zu thun, sagte sie, ohne vom Boden aufzuschauen. Soll ich dir herunterhelfen?

Ich danke, ich brauche keine Hilfe, erwiderte Luise. Sie wollte sich vom Aste niedergleiten lassen, aber da befiel sie Angst, und sie sah sich verlegen nach einem Helfer um.

Georg trat herzu, breitete seine Arme aus und sagte: Springe herunter!

Luise zögerte.

Traust du mir nicht? Ich lasse dich nicht fallen!

Da glitt sie herab und wurde von Georg aufgefangen. Er hielt sie in seinen Armen, und sie lag an seinem Herzen, Aber es war etwas zwischen ihnen wie eine scheidende Wand. Luise strich sich Blätter und Staub vom Kleid.

Da steckt noch etwas, sagte Georg und zog ein Rindenstückchen aus einer Falte ihres Kleides.

Luise sah es an und sagte: Das denkt auch, wo man mich nicht haben mag, da bleib ich!

Sie winkte mit dem Kopfe nach Gertraud hinüber und sah Georg bedeutsam an. Der erwartete Blick des Einverständnisses blieb aus. Da wandte sich Luise verdrießlich von Georg ab. Sie ging den Rain entlang einer Schlehdornhecke zu. Die Schlehen sind reif, sagte sie; ich will eine Hand voll mitnehmen.

Georg wollte ihr folgen. Aber erneutes Peitschengeknall tönte vom Wagen her und mahnte zur Eile. Er sah sich um, was es für ihn zu thun gäbe, und wandte sich der Leiter zu, die noch am Baume stand.

Des Steinmetzen Base und die Müllerstochter hatten unterdessen fleißig aufgelesen.

Der Graben kommt zuletzt, sagte Gertraud zu Jungfer Margarethe. Die aber las die Birnen auf der Straße zusammen, und als sie sah, daß Gertraud wieder einen gefüllten Korb in den Sack ausgeschüttet hatte, nickte sie wohlgefällig mit dem Kopfe und sagte vor sich hin: Helfen kann sie. Und sie sah verwundert zu Luise hinüber, die teilnahmlos an der Dornhecke stand und halbreife Beeren pflückte.

Unterdessen hatte Georg die Leiter von dem geleerten Baume weggehoben und auf den Boden niedergelassen. Meister Petermann ergriff sie an dem einen Ende, der Mahlbursch am andern, und so trugen sie sie an den wartenden Wagen. Sie legten sie der Länge nach darüber und kehrten zum Baume zurück, die beiden Säcke zu holen, den mit dem gebrochnen Obst und den mit dem Fallobste.

Während Margarethe auf der Straße und auf dem Raine die letzten versprengten Birnen suchte, hatten Georg und Gertraud den Graben in Angriff genommen. Sie suchten sich entgegen, und vor dem Stamme trafen sie aufeinander. Ihre tastenden Hände berührten sich unter den Brennesseln. Georgs Hand zuckte zurück.

Brennt es? fragte Gertraud, ohne aufzublicken, und sie zog einen handgroßen Stein aus dem Unkraut hervor.

O sieh, wie schön! rief sie halblaut aus. Sie hielt ein prächtiges Ammonshorn in der Hand.

Georg und Gertraud betrachteten es, und während ihre Wangen sich näherten, glühten sie beiden.

Die hat eine Glückshand! murmelte die Alte.

Derweilen stand Luise immer noch vor der Hecke. Sie warf die gepflückten Beeren, eine nach der andern, in den Busch hinein. Das Weinen stand ihr nahe. Als sie die letzte Beere weggeworfen hatte, schaute sie zu Georg hinüber. Sie sah ihn neben Gertraud stehen, Wange an Wange. Da wandte sie sich rasch um und eilte der Straße zu. Fort! heim! schrie es in ihrem gequälten Heizen. Sie ging an dem Mahlburschen vorbei, der auf einem Steinhaufen stand und mit der Fußspitze Steine in die Wiese hinausschleuderte. So kam sie in die Nähe des wartenden Wagens. Dort stand der Meister Steinmetz, der sich mit dem Müller in ein Gespräch eingelassen hatte. Was konnte sie dem guten Manne sagen, wenn sie an ihm vorbeistürmte und er sie fragte: wohinaus?

Luise hielt ein, sie drehte sich um und ging langsam nach dem Baume zurück.

Georg bemühte sich gerade, den ersten der beiden Sacke zuzubinden, aber er verstand sich nicht auf den Kunstgriff; es gelang ihm nicht, mit dem kurzen Sackbande zurechtzukommen.

Gertraud sah ihm zu. So macht man das nicht! sagte sie. Ich verstehe es von den Mehlsäcken her. Sie trat hinzu, zog den Zipfel des Sackes kräftig in die Höhe und dann mit einem Ruck auf die Seite, drehte ihn im Kreise, bis keine Windung mehr möglich war, und im Nu hatte sie ihn zugebunden. Dann trat sie an den andern Sack heran; der war weiter hinauf gefüllt und hatte keinen festen Stand auf dem Boden. Als Gertraud ihn anfaßte, drohte er umzufallen. Georg sprang herzu und fing ihn auf, dann hielt er ihn fest, während Gertraud ihn ebenso kunstgerecht zuband. Sie beeilte sich nicht und sah Georg an, während sie zog und drehte und band. Der Ärmel war ihr zurückgefallen, und das schimmernde Weiß ihres schöngeformten Armes berührte zuweilen beinahe die Lippen Georgs. In ihrem Blick lag eine ruhige, fröhliche Sicherheit.

Was machen wir jetzt mit dem da! fragte sie und wies Georg das Ammonshorn. Soll ich es in die Wiese hinauswerfen?

Das wäre schad! erwiderte Georg.

So nimm dus! sagte Gertraud und gab ihm den Stein. Er betrachtete ihn von neuem.

Weißt du auch, was er für eine Kraft hat? fragte Gertraud. Wer ihn bei sich trägt, den haben die Mädchen gern.

Ich wills einmal probieren! sagte Georg und ließ den Stein in seine Tasche gleiten.

Da ertönte hinter ihm ein Seufzer.

Georg hörte ihn nicht, aber Gertraud sandte einen halben Blick voll boshafter Freude über die Schulter. Jetzt hatten der Müller und der Mahlbursche jeder einen Sack auf die Achsel genommen, die Base Margarethe ging hinter ihnen her, den Henkelkorb am Arm, und Gertraud stand reisefertig auf der Straße.

Wir gehen jetzt, sagte Georg zu Luise. Wo bist du denn gewesen?

Sie wandte trotzig ihr Antlitz zur Seite und gab keine Antwort.

Willst du nicht mit mir gehen?

Der Stein thut mir weh, der Stein in deiner Tasche.

Willst du ihn haben?

Ja.

Georg reichte ihr das Steingebilde hin.

Sie griff hastig darnach, holte mit dem Arm aus, und ein heller Blitz fuhr an Georgs Gesicht vorbei. Unwillkürlich folgten seine Augen dem scheuen Blick der Geliebten.

Da sah er Gertraud mit blutüberströmtem Antlitz auf der Straße stehen.

Erschrocken eilte er auf sie zu. Aber Gertraud trat zurück und sagte gleichmütig: Es ist nicht mein erstes Loch im Kopf und wird nicht mein letztes sein. Ich wasche mir die Wunde am Bach aus, und dann ist die Sache gut.

Georg hatte entsetzt bald die Geliebte angesehen, die in der Angst des bösen Gewissens zitterte, bald das blutende Mädchen. Er faßte Gertraud am Arm.

Komm, setze dich auf den Rain. Ich hole Wasser in meinem Hut, und Luise verbindet dir die Wunde.

Sie entzog ihm den Arm und sagte: Bleib bei deinem Schatz, Michel! Ich brauch euch nicht, Geht jetzt still und fromm eures Wegs. Niemand hat es gesehen, und niemand solls erfahren. Sagt meinem Vater, ich sei den Wiesenweg gegangen.

Dann reichte sie Georg die Hand.

Adieu, armer Michel! sagte sie. Adieu, böse Luise!

Vergieb mir! flüsterte diese.

Gertraud streckte ihr die Hand hin und sagte: Ihr seid sonderbare Leute. Ist das der Dank für unsre Hilfe? Willst du mir einen Gefallen thun, Luise? Gieb mir dein Taschentuch! Danke! Sieh, das meine ist voller Blut! Aber deines wird nicht viel helfen. Es ist so klein. So, gieb du mir auch das deine! sagte sie zu Georg. So kommen sie zu einander, wie sichs gehört.

Sie wandte sich, um von der Straße in die Wiese hinein zu gehen, und Georg und Luise standen beklommen und schauten ihr nach. Aber sie blieb noch einmal stehen und wandte sich um. Sie hielt Georgs Taschentuch an die Stirne gedrückt, dann nahm sie es weg und entfaltete es. Ein großer Blutflecken, war in seiner Mitte. Gertraud trat auf Luise zu und hielt ihr das Tuch vor das Gesicht.

Mein Blut an seinem Tuche! Das ist Liebeszauber! flüsterte sie ihr zu.

Dann drückte sie das Tuch von neuem an die quellende Wunde, wandte sich um und ging langsam dem Bache zu.

Luise war zusammengeschaudert. Angstvoll griff sie nach Georgs Hand. Er überließ sie ihr, aber ohne den leisesten Druck. Stumm standen sie neben einander, und ihre Blicke ruhten auf der hohen Gestalt, die im Abendsonnenschein dahin schritt. Sie hielt den Arm an der Stirne, Da weckte der gebogne Arm in Georgs Seele machtvoll die Erinnerung an jene wundersame Stunde, wo er diesen Arm, diesen Nacken, diese Schultern im Schilfe gesehen hatte in all ihrer berückenden Schönheit, und das Herz zitterte ihm im Leibe wie damals.

Luise drückte ihm leise die Hand. Er fühlte den Druck, aber er erwiderte ihn nicht.

Jetzt war Gertraud am Bache angelangt, und jetzt war sie das tiefe Ufer hinunter gestiegen und dem Auge verschwunden. Angstvoll warteten die beiden. Qualvoll war jeder Augenblick. Schau nach ihr! flüsterte Luise dem Geliebten zu.

In diesem Augenblick stieg Gertraud wieder aus der Tiefe. Sie hatte ein weißes Tuch um die Stirn gebunden. Längs des Baches ging sie hin dem Städtchen zu. Georg und Luise gingen auf der Landstraße, durch die breite Wiese von Gertraud getrennt, demselben Ziele zu. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen über das Thal hin. Sie gingen in gedrücktem Schweigen neben einander her, und immer wieder wandten sich ihre Blicke dem dahinschreitenden Mädchen zu, deren beleuchtete Gestalt von dem dunkeln Schatten der jenseits des Baches stehenden Erlenbüsche gehalten und getragen schien. Luise und Georg hatten den langsam fahrenden Wagen beinahe eingeholt, als Gertraud an dem Ende des Wiesenplans angelangt war, wo der grüne Pfad in ein enges, sich zwischen Baum- und Krautgärten hinziehendes Gäßchen einlief.

Am Eingang des Gäßchens blieb Gertraud stehen, wandte sich dem Paare zu, und Holdrio! klang es über das Wiesenthal.

Im nächsten Augenblick war sie hinter den Bäumen verschwunden.

Georgs Blick hing an der Stelle, wo sich ihre Gestalt zuletzt gezeigt hatte. Er sah sie noch zwischen den dunkeln Hecken stehen, den Hut am Arm, die weiße Binde über der Stirn, Haar und Angesicht glänzend im letzten Strahlen der sinkenden Sonne. Erst als der Sonnenblick erloschen war, wandte er die Augen ab. Sie waren ihm wie geblendet, und er senkte den Blick zum Boden.

Da hörte er ein tiefes Aufatmen an seiner Seite.

Sie steht schon lange nimmer dort! sagte Luise traurig.

Georg erwachte aus seinem Sinnen. Er errötete wie ein ertapptes Kind und sagte mit unsicherer Stimme: Die Föhren im Schloßgarten leuchteten so wundervoll. Sieh, setzt brennen die Wipfel, und jetzt ist alles dort dunkel.

Dort und hier, erwiderte Luise, wie zu sich selbst.

Da ergriff er ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht, aber ihre Finger blieben wie tot.

Du hast sie mir nimmer drücken mögen seitdem, sagte sie leise.

Er that es auch jetzt nicht, aber zog die Hand zu sich her und betrachtete die blaßroten Finger.

Wer sieht es ihr an, daß sie so etwas thun konnte! sagte er.

Sie entzog ihm die Hand und erwiderte: Ich wußte nicht, was ich that. Aber – aber vorhin hätte ich es wieder gethan!

Er sah rasch zu ihr hinüber. In ihrem Gesicht zuckte ein wilder Schmerz.

Schweigend gingen sie neben einander her, und es war beiden eine Erlösung, als sie den Wagen eingeholt hatten.

Dies geschah am Anfange des Städtchens. Sie fanden hier Luisens Eltern, die ihrer Tochter entgegen gegangen waren und an einem Fußpfade, der am Städtchen vorbei zwischen Wiesen und Garten an den hintern Berg führte, mit Petermann und Margarethe auf sie gewartet hatten. Man trennte sich hier, Petermann geleitete den Wagen, die andern schlugen den Wiesenpfad ein. Luise war froh, sich zu der alten Margarethe gesellen zu können. Georg aber wurde von ihren Eltern in die Mitte genommen. Sie waren beide ausnehmend freundlich gegen ihn. Der Bürgermeister wies bald rechts bald links. Dort den Garten habe ich vor zwei Jahren gekauft. Ein guter Bauplatz! Er ist einstweilen verpachtet. Die Wiese da drüben hat meine Frau von einer Tante geerbt. Die muß in der Familie bleiben. Eine gute Wiese beim Ort ist mehr wert als drei Äcker in der besten Lage. So ging es weiter. Zwischenhinein erzählte die Frau Bürgermeister, wie sie sich miteinander geplagt hätten und gespart hätten und vorwärts gekommen seien, wie sie es aber jetzt besser haben wollten. Sie möchten ihr Leben genießen, noch ehe sie alt würden. Ihr Mann habe an den Geschäften der Bürgermeisterei und an seinen Ehrenämtern genug Arbeit; er sehne sich darnach, die Sorge um das Gut auf jüngere Schultern zu legen. Nicht als ob der künftige Schwiegersohn alles bewirtschaften müsse. Er könne ganz gut daneben ein Geschäft betreiben, ja eine Fabrik, wenn es sein müsse, der Pachtzins sei ja in den letzten Jahren hinaufgegangen. Was sie selbst beträfe, so habe sie nun seit bald fünfundzwanzig Jahren Seife und Lichter verkauft, und sie habe es nun auch satt, ein dutzendmal in jeder Stunde in das Lädlein zu springen und den ganzen Tag über angebunden zu sein. Den Handel aber wolle sie nicht aufgeben, denn der Laden sei einmal da, und das Geschäft rentiere sich. Bisher sei Luise nicht im Laden gewesen, aber jetzt sei es Zeit, daß sie in diese Arbeit eingeführt werde, denn sie müsse das Lädchen in ein paar Jahren doch übernehmen. Wenn dann bei Luise etwas eintreten sollte, dann wäre sie, die Mutter, ja immer noch da. Dann kam der Bürgermeister auf Petermann zu sprechen. Es sei schade, daß er so bequem geworden wäre. Er sollte sich nach einem tatkräftigen Teilhaber umthun, der das Geschäft ausdehne und in rechten Flor bringe. Wenn es dem Teilhaber an Kapital fehle, so könne geholfen werden. Der Teilhaber müsse nicht notwendig im Geschäft wohnen, da sei doch kein Platz für eine weitere Haushaltung. Er, der Bürgermeister, habe zwar auch wenig Platz im Hause. Aber er habe ja Bauplätze genug, und er wolle einmal sehen, wer seiner Tochter ein molligeres Heim schaffe, als er es seiner Luise thun werde.

Georg hörte alledem mit halbem Ohre zu. Es war ihm zu Mut, als säße er auf dem Sofa und man lege ihm ein schönes Mädchen in den Arm. Warum sollte er sich das nicht gefallen lassen?

Er sah Luise vor sich hergehen in all ihrer Lieblichkeit. Er ward nicht müde, die zarte Form ihres Nackens anzuschauen und sich über die Löckchen zu freuen, die ihn begrenzten. Er dachte daran, wie sie so hingebend an seiner Brust gelegen war, und wie sie sich geküßt hatten. Und wenn er vorhin über ihre tückische Wildheit erschrocken war – mußte er sich nicht freuen, daß sie ein leidenschaftliches Herz hatte, und daß sie in der Glut ihrer Liebe zu thun vermochte, was ihr sonst unmöglich gewesen wäre?

Als sie vor Bürgermeisters Haus angelangt waren und die Base Margarethe Abschied nahm, wurde Georg von der Frau Bürgermeister aufgefordert, zum Abendessen zu bleiben. Er folgte gern. Es war ihm darum zu thun, den Schatten des Ammonshorns zu verscheuchen. Er saß Luise gegenüber. Ihre Augen kehrten immer wieder zu einander zurück. Es war ihm friedevoll ums Herz, und doch fühlte er wieder eine Beklommenheit, die keine heitere Freude aufkommen ließ.

Die Eltern waren vergnügt und gesprächig. Der Bürgermeister lobte Georgs Entschluß, beim Handwerk zu bleiben. In ein paar Jahren, sagte er, hat jedes Nest sein Kriegerdenkmal. Dann sitzen die Herren Bildhauer da mit ihrer Kunst. Das Sterben dagegen kommt nie aus der Mode. Luisens Mutter aber erzählte von den Bauplänen ihres Mannes. Er gedenke oben im Grasgarten eine Villa zu bauen. Sie erläuterte gerade, wie die Waschküche angelegt werden sollte, auf halber Höhe, zwischen den beiden Wohnhäusern, als es an der Ladenthür klingelte. Die Hausfrau stand auf, den späten Kunden zu bedienen. Georg sah ihr nach, und es war ihm, als ob es Luise wäre. Er sah in das kleine Lädchen hinein. Trüb brannte die Erdöllampe. Und hinter dem Ladentisch stand Luise und wog die Seife ab. Die ausgeschlüpfte Mutter! dachte Georg. Du, Luise, wie kommst du zu dem profitlichen Gesicht? Stellt sich das ein, wenn man Seife abwiegt?

Er blickte auf und sah in Luisens ahnungslose Augen hinein, und der Spuk war verschwunden. Aber es war ihm unbehaglich zu Mute, und er mußte sich erst wieder daran erinnern, wie diese frischen Lippen küssen konnten, und wie dieses Herz so heiß für ihn schlug.

Nach einer Weile brach er auf. Der Bürgermeister schlug ihm vor, durch den obern Garten zu gehen. Es war der kürzere Weg. Luise sagte, sie wolle Georg bis zum Pförtchen bringen, damit sie es hinter ihm verriegle. Die Eltern sahen sich unschlüssig an, der Bürgermeister gab keine Antwort. Luisens Mutter sagte: Ja, aber komm sogleich wieder.

Die Nacht war mondlos, aber sternenhell und ganz windstill. Schweigend gingen die beiden neben einander den schmalen Pfad hinauf, Georg legte den Arm um Luisens Schulter, und sie schmiegte sich an ihn. Er spürte das süße lebendige Leben sich an sein Herz drängen, und es überkam ihn die wunderbare Wonne, in finstrer, schweigender Nacht die schweigende Geliebte zu halten.

Sie waren vor der Laube angelangt. Wie eine schwarze, deckende Wolke hing das Laubdach des Holunderbaumes herunter.

Georg führte sein Mädchen in die doppelte Nacht durch die knisternden Zweige, und sie ruhten auf der Steinbank, Herz an Herz.

Hast du etwas gesagt? flüsterte Luise.

Nein! du?

Nein! Gute Nacht!

Gute Nacht!

Und sie hielten sich still, unbeweglich umfangen.

Die Mutter kommt! sagte Luise nach einer Weile. Ich höre ihren Schritt, und dort blitzt das Licht der Lampe.

Sie wand sich sanft aus seinen Armen los und trat aus der Laube. Er folgte ihr. Sie riegelte das Pförtlein auf, legte die Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund.

Wortlos schieden sie von einander.

8

Am andern Morgen kam Georg später als gewöhnlich zur Arbeit. Ein stilles Glück leuchtete aus seinen Augen. Der Meister sah ihn zuweilen lächelnd an. Die Kur war geglückt.

Georg dachte an den gestrigen Tag, und immer wieder strömte durch sein Herz die süße Wonne, die er empfunden hatte, als er friedvoll und wunschlos in der finstern Laube die Geliebte umschlungen hielt. Aber dann trat auf einmal die Gestalt der schönen Müllerin vor seine Augen, wie sie im Abendsonnenglanze an dem Heckenpförtlein gestanden und ihm den lockenden Gruß herübergerufen hatte. Er suchte sie zu verscheuchen, aber er ward sie nicht los, so innig er auch an Luise dachte, und schließlich gab er den Kampf auf; wahrend er einem Engel des Trostes die letzte Vollendung gab, sah er dies Bild unverrückt in klarer, strahlender Schönheit vor seinem Auge stehen.

So arbeitete er lange; dann trat er einmal zurück, um zu prüfen, was er fertig gebracht hätte. Er hatte sich mit dem Mund und mit den Augen beschäftigt, war aber ganz in Gedanken verloren gewesen bei seiner Arbeit. Aber wie erschrak er, als er nun sein Werk betrachtete! Das war nicht der Engel des Trostes, dessen Züge er im Schlaf hätte meißeln können! Die Augen waren weit geöffnet und grüßten voll lockenden Übermutes in die Ferne. Auf den schwellenden, üppigen Lippen lagen Kraft und Sinnlichkeit und großherzige Laune. Das war keine Gestalt aus Himmelshöhen, es war ein sündhaftes Menschenkind voller Erdenlust, und sein Holdrio! gellte wie eine Lästerung durch die frommen Gespräche der himmlischen Gesellschaft rings in der Werkstatt.

Wie kommst denn du hierher? fragte Georg. Dann aber fanden sein Auge und sein Herz Freude an dem Gesicht, er fing wieder an zu meißeln und nahm all seine Kunst zusammen. Vor seiner Seele stand klar und deutlich das schöne Müllerskind, und in voller Lust vollendete er die Arbeit. Als er endlich den Meißel weglegte und von der Fensternische aus sein Werk betrachtete, war er zufrieden. Das Antlitz trug den Ausdruck quellender Erdenlust in solch berückender Wahrhaftigkeit, daß er beim Anschauen von einem Schauer durchrieselt wurde. Da mußte er plötzlich an Luise denken, er wußte nicht, wie es kam. Er fühlte ihre Wange an der seinen und hielt ihre Hände fest, und über sein Gemüt kam es wie eine leise zudeckende Wolke; es ward Ruhe, wohin ihr Schatten fiel. Aber dabei zitterte doch sein Herz in heimlicher Angst. Es war ihm, als ob in der Tiefe seiner Brust etwas sei, wovor seine Gedanken schaudern müßten, und als ob er nie ein glücklicher Mensch sein könnte, bis das Verborgne, Unbekannte heilvoll oder vernichtend aus dem dunkeln Schoß emporgestiegen sei. Die Erregung ging vorüber, und eine tiefe Traurigkeit lastete auf seiner Seele.

Georg! rief ihm sein Meister zu. Es ist Essenszeit.

Sonst hatte er ihm dies so fröhlich zugerufen. Heute klang es matt und traurig. Sie gingen mit einander die Stiege hinauf.

Ob er wohl gesehen hat, was ich angestellt habe? fragte sich Georg, und er sah seinen Meister forschend von der Seite an.

Der Meister aber war still über Tisch. Es gab eine von seinen Lieblingsspeisen, jedoch er schob den Teller zurück und wollte nichts essen. Margarethe jammerte, Petermann sei krank geworden, und sie wollte zum Arzte laufen. Aber Petermann wehrte ab und sagte: Mir kann kein Doktor helfen. Dabei machte er ein so gramvolles Gesicht, daß Georg das Gewissen schlug, und daß er seinen Meißel verwünschte.

Nach dem Essen gingen sie wieder in die Werkstatt hinunter. Georg machte sich an einen neuen Stein und sah immer wieder nach seinem Meister hinüber. Der stand da vor seiner Arbeit und ließ die Arme hängen, wie unter der Last des schwersten Unglücks, und jetzt rollten Thränen über seine Wange.

Da konnte es Georg nicht mehr aushalten. Er trat an das Weltkind heran, setzte den Meißel über die Lippen, ein kräftiger Schlag mit dem Hammer, und der holde Reiz sprang auseinander. Dann setzte er den Meißel an das rechte Auge, ein Schlag, und eine unförmliche Höhlung klaffte im Gesicht, ein neuer Schlag, und die Stirne samt der Braue fiel über das linke Auge hinunter.

Es war Georg, als ginge dabei ein aufgeregtes Geschwirr durch all das himmlische Gefieder, das ihn in der Werkstatt umstand. Jetzt war es ruhig. Die sündhaften Augen waren blind, der Lästermund war verstummt. Unserm Freunde aber zog sich das Herz zusammen vor Weh. Er entsetzte sich, als hätte er ein Verbrechen begangen, und das verstümmelte Antlitz erfüllte ihn mit Schauder, als sei es Abels Antlitz, und er Kain, der Mörder. Sein Meißel fiel klirrend auf den Boden, der Hammer wurde in den Winkel geschlendert, daß er hoch aufsprang, Georg selbst aber sank auf einen Schemel und verbarg sein Gesicht in den Händen; er zitterte wie im Fieberschauer. Der alte Petermann aber kniete vor ihm, schlang die Arme um seinen Leib und küßte ihn auf die Wange.

Du guter Junge! du guter Junge! rief er. Gott soll dir lohnen, was du deinem Meister thust. Ich bin ein alter, blöder Werkstattsmann – ein dummer, steifer Pedant! Aber so bin ich, ich komm in keinen andern Tritt mehr hinein, und wenn der Gaul neben mir nicht gleichen Schritt hält – ich glaube, mein armer Verstand würde verrückt. Lockt es dich, ein Künstler zu sein, dann gehe in Gottes Namen! Willst du aber bei mir bleiben, dann – gelt, Georg? – dann thust du mir solches nicht wieder an?

Niemals! versprach Georg. Er stand auf. Seid so gut, Meister, sagte er traurig, und verhängt das Ding dort. Ich kann es nimmer sehen.

Petermann warf ein Packtuch über den verstümmelten Körper. Georg reckte seine Glieder, als ob er aus einem Traum erwache. Ich kann heute nichts mehr arbeiten, sagte er. Erlaubt mir, Meister, daß ich gehe.

Grüße Luise von mir, erwiderte der Steinmetz. Sie wird dich wieder froh und gesund machen.

Georg schlug den Weg zum Hause des Bürgermeisters ein. Er sehnte sich darnach, Luisens Hände zu halten und stille zu werden an ihrer Brust.

Im Hofe traf er die Magd und hörte von ihr, daß der Herr aufs Feld gefahren sei, die Frau ihr Mittagsschläfchen halte; Luise aber sei im Hause. Er suchte sie im Wohnzimmer, in der Küche, in der Speisekammer – vergeblich. Von der Speisekammer führte eine Thür in das Lädchen. Die Thür war halb offen, und Georg konnte in den kleinen Raum sehen. Es standen fünf oder sechs Frauen und Kinder darin. Hinter dem Ladentisch war Luise; Georg konnte sie nicht sehen, aber er hörte ihre Stimme.

Haben Sie heute schon wieder große Wäsche?

Nein, heute nur Kindswäsche, war die Antwort.

Man hörte das Geräusch einer aufgezognen Schublade; dann ward es stille. Wenn Georg den Kopf ein wenig vorgebeugt hätte, hätte er Luise von der Seite sehen können. Aber er fürchtete sich, es zu thun. Er wußte, daß sie jetzt Seife abwog, und es bangte ihm davor, in ihrem Gesicht den profitlichen Zug zu finden, ohne den er sich die Mutter beim Geschäft des Abwägens nicht vorstellen konnte.

Leise ging er aus der Vorratskammer in die Küche zurück und von hier in den Hausgang, Er wollte in den Garten hinaufgehen und droben unter dem Holunderbaum Luise erwarten.

Wie er nun unter den Obstbäumen hinschritt auf die Laube zu, war es ihm, als ob jemand an seiner Seite ginge und sagte: Hier kommt die Villa hin.

War es nicht Luise, die da neben ihm her schritt? Er sah halb zu ihr hinüber und dachte bei sich: Die ausgeschlüpfte Mutter!

Er stand vor der Laube und die unsichtbare Gestalt neben ihm.

Kommt hier die Villa auch hin? fragte er.

Natürlich.

Der Holunderbaum kommt also weg. Und der Birnbaum dort?

Dort kommt die Villa auch hin.

O wie schade!

Georg war zu dem Pförtchen hinausgegangen und schritt in Gedanken den Pfad hin, der nach dem Gipfel des Hügels und weiterhin zum Walde führte.

Die Gestalt war mit ihm gegangen bis an die Gartenthür. Hier blieb sie stehen, und ohne Gruß trat Georg hinaus. Er sah sich nicht um, als er den Hügel hinanschritt, aber vor seinen Augen stand die Gestalt, von der er geschieden war. Er sah sie, wie sie den Gartenpfad hinunterschritt und die Falten ihres Schurzes glättete. Gerade wie die Mutter, sagte sich Georg.

Als er eine Strecke emporgestiegen war, blieb er stehen und fragte sich, was er denn eigentlich wolle, wohin er laufe. Es war seine Hoffnung gewesen, bei Luise Frieden zu finden. Jetzt stand sie hinter dem Ladentisch und wog Seife ab, oder sie stieg den Garten hinauf und dachte an die Villa. So wollte er wiederkommen, nach einer Weile, wann die Mutter aufgewacht war und den Laden wieder besorgte, oder lieber später, wann es finster geworden war und man nimmer sehen konnte, welche Bäume weg mußten, um dem Neubau Platz zu machen.

Er verließ den Pfad und ging über die Stoppelfelder hin dem Walde zu, an den Weinbergen vorbei, und erst als er unter den hohen Föhren, die am Waldbrande wuchsen, angelangt war, hemmte er den eilenden Gang und schritt nun langsam durch das rauschende Laub in den Wald hinunter. Feuchtkalter Nebel kam aus der Tiefe, in die er hinabstieg. Still lösten sich die Blätter von den Zweigen und fielen leise zur Erde nieder. Wenn er stehen blieb, war es ihm, als hörte er es rings um sich schallen wie die gespenstischen Tritte eines ziehenden Geisterheeres, und obgleich kein Wind sich regte, meinte er doch einen Zug in der Luft zu fühlen; und wenn er dahinschritt, war es ihm, als ob er von andern, die ihn unsichtbar umdrängten, dahingerissen würde, hinaus und hinab. Er ging immer schneller, die Bäume schwanden an ihm vorbei, und wenn er zurückschaute, schienen sich ihre grauen Stämme aufzulösen im Duft und ihre dunkeln Kronen davon zu schwimmen oder in die Höhe zu entschweben, um dem gespenstigen Zuge zu folgen in die Ferne hinaus.

Jetzt hatte er die Bäume hinter sich; nachdem er durch niederes Gebüsch gedrungen war, dessen feuchtkalte Blätter ihm Hand und Wange streiften, stand er auf dem Waldpfade, der über dem Mühlbache hin ins Wiesenthal hinaus führte.

Es war auch hier schattig, denn die gegenüberliegende dicht verwachsene Buschwand hielt die Sonnenstrahlen ab. Der Boden war mit Moos bewachsen, und die Tritte gaben keinen Laut. Neben ihm rauschte das Wasser des Mühlbachs.

Georg ging langsam den dunkeln Pfad hin, dem Wasser entgegen. Schon war er dem Ausgange nah und sah das leuchtende Wiesenthal vor sich liegen, da tönte es von jenseits des Baches zu ihm herüber: Holdrio!

Er zuckte zusammen. Das war es ja, was in der Tiefe seiner Seele klang, und wovor alle seine stillen Gedanken in Angst zitterten. Er glaubte zuerst, die Stimme seiner eignen Brust vernommen zu haben. Aber Holdrio! klang es wieder, und nun sah er drüben über dem Bache Gertraud stehen. Sie war barhäuptig. Die blutige Narbe an ihrer Stirn gab ihrem Antlitz etwas Wildes.

Sie standen sich gegenüber und sahen sich an.

Was thust du hier? fragte er sie.

Ich halte Wäsche.

Die hieltest du zu Hause bequemer.

Ich bin wie du, ich schweife gerne im Walde umher.

Wo hast du denn deine Wäsche?

Es sind nur zwei Stücklein, sagte sie und wies neben sich auf den Busch. Zwei kleine weiße Tücher hingen daran.

Du kommst mir gerade recht! sagte sie. Fang auf!

Sie hatte das kleinere der beiden Tücher zusammengeballt und ihm zugeworfen. Aber gerade über dem Bach entfaltete es sich und sank nieder. Die rauschende Flut nahm es auf und trug es lustig dahin.

Laß es schwimmen, sagte sie gleichmütig. Dies hier ist das deinige. Mit dem darf es nicht so gehen.

Wickle einen Stein hinein und wirf es mir zu.

Dann würde ich auf dich zielen und dich sicherlich treffen. Und das thut nicht wohl.

Sie legte die Hand auf die Wunde.

So behalte es!

Ich hatte es lange genug, die letzte Nacht lag es auf meinem Herzen.

So machs mit ihm wieder so! erwiderte er mit bebender Stimme.

Aus ihren dunkeln Augen schoß ein Blitz.

O nein! sagte sie leise, aber du, du mußt es so machen.

Sie war einige Schritte zurückgetreten, und wie ein Sturmwind flog sie über den Bach. Er sah, wie sie auf seinem Ufer aufsprang, aber sie glitt an dem steilen Boden hinab ins Wasser hinein. Er reichte ihr bestürzt die Hand und zog sie zu sich herauf.

Du bist naß geworden?

Pah, was schadet das! Ich bin ja doch eine halbe Nixe.

Sie schüttelte ihren Rock, daß das Wasser von ihr sprühte. Dann faltete sie das Tüchlein auseinander und sagte: Siehe, man sieht den Flecken noch. Wenn es auch aus dem Kopfe floß, es war doch mein Herzblut.

Er nahm ihr verwirrt das Tuch aus der Hand und steckte es in seine Brusttasche.

Sie sah ihm zu, und ein Lächeln der Befriedigung lag auf ihren Lippen.

Meine Füße sind naß und kalt. Weißt du, wie sie wieder trocken werden? Wir wollen tanzen, tanzen wie vorgestern.

Mir ist es nicht ums Tanzen zu Mute.

So wollen wir laufen. Ich voran, und du fängst mich.

Und wie der springende Wind lief sie den Waldpfad hin.

Georg ging ihr langsam nach.

Sie flog dahin, so weit das Auge reichte, dann wandte sie sich um, und wie ein wilder Wind kam sie ihm entgegen. Ihre Wangen brannten, und die Wunde glühte dunkel wie von quellendem Blut.

Sie stand vor ihm mit wogender Brust und sprühenden Augen.

Nun ist mir heiß von den Füßen bis zum Herzen. Ob du mich wohl jetzt fangen kannst?

Da breitete er die Arme aus, und sie warf sich an seine Brust.

Sie atmete so tief, daß ihr Leib zitterte, und ihr Kopf sank matt in den Nacken zurück.

Seiner selbst nicht mehr mächtig sank er in die Kniee und zog sie zu sich nieder. Da troff dunkles Blut auf seine Wange.

Du blutest! rief er erschrocken.

Wäre es dein Blut, so tränke ichs, hauchte sie leise. Deinetwegen trag ich die Wunde. Du mußt sie mir heilen.

Was soll ich thun?

Küsse sie!

Und er küßte die hervorquellenden Blutstropfen weg. Dann sah er nieder in ihr schimmerndes Auge, und ein unendliches Mitleid ergriff seine Seele. Er gedachte seiner letzten Meißelschläge, und es schauderte ihn.

Ich habe an dir gefrevelt! flüsterte er und küßte ihre Augen, Da sah er nieder auf ihren schwellenden, zuckenden Mund.

Ich hab an dir gefrevelt, Vergieb mir! hauchte er, und sein Mund begegnete ihren wild küssenden Lippen.

Aber mit einemale ward sie kalt und starr in seinen Armen. Es war ihm, als wehe ein feuchter, kühler Hauch von ihr; die Wunde hatte aufgehört zu bluten, und ihr Gesicht war todesblaß.

Was ist dir? fragte er erschrocken.

Geh jetzt, sagte sie leise. Es zerspringt mir sonst das Herz. Aber komm wieder. Und sie flüsterte ihm ins Ohr: Heute Nacht!

Er wußte nicht, wohin er lief. Der Abend dämmerte, als er hoch oben über dem Städtlein aus dem Walde trat. Lange saß er dort auf einer Bank. Das Herz hämmerte in seiner Brust zum Zerspringen, und er hätte aufschreien mögen vor Qual.

Es wurde Nacht, und die Sterne blitzten auf. Und noch immer saß er da. Wenn ein Wagen des Feldweges einherkam, oder ein verspäteter Knecht, die Hacke auf der Schulter, trat er in den Schatten des Waldes zurück.

Stunde um Stunde verrann. Auf dem Kirchturm des Städtleins schlug es zehn Uhr. Der zitternde Ton der Glocke that ihm wohl wie die Stimme eines mitfühlenden Freundes. Und als jetzt die schmale Sichel des Mondes aus den Wolken trat und sein bleiches Licht sich über das Thal ergoß, da löste sich mit einemmale seine Seele in bittere Thränen.

Lange weinte er. Der Mond war hinter dem Berge verschwunden, als der Sturm in seinem Innern vorüber war. Er stand auf und schritt den Hügel hinab. Jetzt sah er die Bäume, den Holunderstrauch, den dunkeln Zaun von Bürgermeisters Garten. An dem Pförtlein stand eine Frauengestalt. Georg wich zur Seite und preßte die Hand aufs Herz.

Mitternacht war vorüber, als er daheim ankam. Er warf sich mit den Kleidern auf sein Bett und fiel rasch in einen tiefen Schlummer. Als der Tag graute, erwachte er. Es war vier Uhr. Er sprang auf und sah zum Fenster hinaus. Es giebt einen schönen Tag! sagte er zu sich selbst, und ein Lächeln froher Hoffnung lag auf seinen Lippen. Im Nu hatte er sein Felleisen gepackt. Er warf es über die Schulter, nahm Stock und Hut und verließ leise das Zimmer. Vor der nächsten Thür stand er still und lauschte, dann öffnete er sie behutsam. Sein Meister lag in tiefem Schlummer. Die rechte Hand lag auf der Bettdecke. Georg neigte sich nieder und küßte sie. Da schlug der Alte die Augen auf und sah Georg an. Der fromme, treue Blick der guten blauen Augen war wie ein Himmelsgruß.

Lebt wohl! flüsterte Georg. Der Meister sah ihn an mit einem Blick voll unaussprechlicher Liebe, und seine Augen schlossen sich wieder.

Auf den Zehen schlich Georg hinaus und drückte die Thür leise hinter sich zu.

Der Kammerthür, hinter der Margarethe schlief, nickte er freundlich zu, dann eilte er die Treppe hinab und hinaus in den Hof.

Als er an der Werkstatt vorüber kam, sah er zur Seite. Er dachte an den zertrümmerten Frauenkopf, und ein leiser Schauder durchfröstelte ihn.

Er that noch einen Trunk am rauschenden Brunnen, und dann eilte er ohne zurückzuschauen zum Thore hinaus.

Der bleiche Morgen hatte sein nüchternes Licht über das Städtlein gebreitet. Georgs Schritte hallten durch die Straßen.

Leb wohl, alter Freund und Gönner! sagte er, als er an dem Fenster des Kunstschlossers vorüber schritt. Er pochte an den Laden, sodaß der Spitz drinnen laut anschlug; er hörte das kläffende Bellen hinter sich, bis er in eine andre Straße bog.

Jetzt kam er an des Bürgermeisters Haus. Er blieb stehen und sah zu Luisens Fenster empor. Die Levkoyen und Geranien sahen so bleich aus, als ob sie die Nacht durchweint hätten. Sein Herz zog sich zusammen, und er lief in übermächtiger Bewegung auf die Thür zu, küßte und küßte die eiserne Thürklinke und benetzte sie mit seinen Thränen.

Dann ging er weiter, mit zuckendem Munde und feuchtem Auge. Er kam auf den Marktplatz und sah zu dem steinernen Frauenkopf empor. In der Laterne brannte noch die Flamme, und ihr bleicher Schein lag im kalten Zwielicht des Morgens unheimlich auf dem steinernen Antlitz; es sah aus wie das Antlitz einer Gestorbnen. Lebewohl! rief Georg hinauf. Kalt blickte das Auge, und die schönen Lippen schienen hohnvoll verzogen.

Einen freundlichen Blick! Wir sehen uns vielleicht nimmermehr! flüsterte Georg hinauf. Aber die Todesstarre wich nicht aus dem Angesicht, und die Lippen blieben in ihrer ausdrucksvollen Ruhe, als ob ein Hohnwort der letzte Gruß der Gestorbnen gewesen wäre.

Das Herz wurde Georg schwer, als er sich zum Weitergehen anschickte. Aber jetzt war er draußen vor der Stadt. Der bleiche Himmel ward blau, das strahlende Licht wogte heran, es war, als höre man es rauschen. Lustig klangen die Tritte des Wandrers auf der harten Landstraße. Die Nachtnebel lagen überwunden, zerrissen auf der Wiese. Und jetzt ging die goldne Sonne auf, und durch die Schöpfung strömte die Fülle ihres Lichts. Tag! Freiheit! Hoffnung! sang es Georg im Herzen; lauter lichte, gute Klänge. Und wenn auch sein Herz noch leise weinte: soweit die Morgensonne strahlte, waren aus allen Thränen funkelnde Tautropfen geworden.

Hochaufgerichtet ging Georg an der Mühle vorbei, langsamen Schrittes, mit freier Stirn und ruhigem Blick. Der Morgenwind spielte in seinem Haar.

Da that sich ein Kammerfenster auf, und Michel! Michel! rief es herüber.

Gertrauds Stimme war es nicht. Es mochte der Mahlbursche gewesen sein.

Zweiter Teil

1

Aus einem Handwerksgesellen war Georg Hochschüler geworden. Er trug nach wie vor den Arbeitsschurz des Steinmetzen und handhabte Hammer und Meißel, aber nicht mehr in der Werkstatt, sondern im Atelier der Kunstakademie. Sein Gesuch um ein Stipendium hatte einen überraschend günstigen Erfolg gehabt. Freilich reichte der Betrag auch nicht für die bescheidenste Lebenshaltung aus. Aber Georg hatte sich als Geselle ein paar hundert Mark verdient. Unter der Voraussetzung, daß auch für das folgende Jahr das Stipendium gewährt würde, waren für ein zweijähriges Studium die Mittel notdürftig vorhanden gewesen. Von seiner Mutter konnte und wollte er keinen Zuschuß erwarten; er war zwar ihr einziger Sohn, aber sie war eine arme Witwe, die sich von ihrer Hände Arbeit nährte.

Die Freiheit des akademischen Lebens kam dem jungen Manne, der bisher immer unter dem Zwange enger Verhältnisse gestanden hatte, zuerst fremd und wundersam vor. Er behielt seine Lebensgewohnheiten bei, blieb ein Frühaufsteher, behalf sich in allen kleinen Dingen, sodaß er fast keiner Bedienung bedurfte, und was Trank und Speise anlangte, gehörte er zu den sparsamsten und bedürfnislosesten der Kunstschüler. Die studentischen Sitten, die auch bei den Akademikern heimisch waren, deuchten ihn ein kindisches Spiel zu sein, und es war ihm nicht möglich, bei einem Kommerse die überschäumende Lustigkeit seiner Genossen zu verstehen, geschweige denn mitzuempfinden. Nur notgedrungen beteiligte er sich an derlei Festlichkeiten, Die übliche Geselligkeit war ihm mehr Pflicht und Last als Genuß und Erholung. Dagegen liebte er es, mit zwei oder drei Genossen eine Nacht zu durchplaudern oder die Gegend zu durchstreifen.

Mit wahrer Leidenschaft hatte er sich auf die Kulturschätze der obern Gesellschaft geworfen. Am liebsten wäre er noch in das Gymnasium eingetreten, aber da er zu alt war, wurde ihm die Aufnahme versagt. So nahm er bei einem Professor des Gymnasiums Privatunterricht im Griechischen, und seine Fortschritte setzten den Lehrer in Erstaunen; das reife Verständnis und das feinsinnige Empfinden seines Schülers entzückten ihn. Zugleich lernte er Französisch und Italienisch, wobei ihm Genossen aus der welschen Schweiz halfen. Ferner erwarb er sich die Berechtigung, Vorlesungen an der Universität zu hören, und er war nicht nur einer der aufmerksamsten Zuhörer in den Vorträgen über Geschichte der Philosophie und der Litteratur, sondern der Professor der Anatomie nannte ihn seinen tüchtigsten Schüler. Dazu kamen die eigentlichen akademischen Studien und Übungen in der Zeichen-, Modellier- und Bildhauerschule, die ihm allerdings durch seine jahrelange Steinmetzarbeit wesentlich erleichtert wurden.

Die Fülle der aufgewandten geistigen Arbeit war bei alledem überaus groß, und seine Aufnahmekraft wurde bis zum äußersten Maße angespannt. Nur dem Umstände, daß er eine jugendkräftige, kerngesunde Natur hatte, die durch stete Arbeit gestählt war und doch dabei gründlich ausgeruht hatte, war es zu verdanken, daß sein Körper der übermäßigen Anstrengung gewachsen war. Ein Bedürfnis nach eigentlicher Erholung kannte er nicht. Was wie eine solche aussah, war für ihn nur neue Arbeit. Wenn er ruhelos die Wälder durchstreifte, hing er einem Gedanken nach oder wühlte in einem Bilde, und wenn er die Meisterwerke der antiken und der modernen Dichtkunst las, war es kein Ruhen und Schwelgen, sondern ein Dahinstürmen, bis er von einer Gestalt, einem Bilde gepackt, erfüllt, erschüttert wurde. Dann griff er nach dem Modellierthon.

Alle Beziehungen zu seinem frühern Aufenthaltsorte hatte er abgebrochen. Ein Brief des Kunstschlossers war unerwidert geblieben, und als ihm einmal der Bürgermeister, den ein Geschäft in die Residenz geführt hatte, eine Karte schickte mit der Einladung, ihn in einer Weinstube zu treffen, sandte Georg eine kurze Entschuldigung dorthin. Der Bürgermeister hatte ihn vergeblich erwartet.

Aber an Luise dachte Georg treulich und innig. Er stellte sie sich vor, wie sie in dem Gartenhäuschen saß und schluchzte, wie sie im Gartenpförtchen stand und hinaussah, oder wie sie auf dem Baume saß und ihm den Mund zum Kusse reichte. Das Herz wurde ihm warm dabei, aber zu einer starken Sehnsucht oder zu einer wahrhaftigen Reue über seine abschiedslose Flucht und den Schmerz, den sie ihr verursacht haben mußte, kam es nie. Er sah das liebliche Mädchen vor sich wie ein Bild und freute sich daran, es anmutig und entzückend oder traurig und rührend zu schauen, aber er vergaß dabei, wie nahe dieser Reiz sein Herz, diese Wehmut sein Gewissen anging.

Manchmal freilich, wenn er bis tief in die Nacht gelesen hatte, und ihm die Augen brannten und der Kopf glühte, und er dann die Lampe auslöschte und sich ans Fenster setzte und in die Nacht hinaussah, kam die Erinnerung an Luise machtvoll über ihn und wurde zur Sehnsucht. Er dachte an die Stunde zurück, wo er in der finstern Laube neben ihr gesessen hatte. Er fühlte wieder die Wärme ihres an ihn geschmiegten Leibes und spürte ihren stillen Atemzug. O, daß ich jetzt deine Hände hielte in der finstern Nacht! O, daß im Gefühl deiner Nähe alles Verlangen ertränke, und mein Herz friedvoll und wunschlos würde durch dich!

Wenn sie sich ihm dagegen vom Sonnenschein umflutet vor die Augen stellte, so, wie sie manches mal neben ihm hergegangen war, zuletzt, als sie mit einander vom Birnenpflücken heimgekehrt waren, dann fühlte sein Herz nichts von diesem Zug und Drang zu ihr hin. Er schaute sie an wie eine Fremde. Ihre Umgebung ärgerte ihn dann nicht mehr. Sie schien ihm der rechte Rahmen zu diesem Bilde zu sein; und selbst der Zug um ihre Mundwinkel, den sie von ihrer Mutter hatte, und von dem er nicht wußte, ob er ihn erdichtet oder geahnt oder wirklich gesehen habe, störte ihn nicht mehr: er gehörte zum Ganzen.

Er war sich wohl bewußt, daß er Luise ein großes Unrecht angethan habe, aber er sagte sich dies mit einem gewissen Gleichmut, hinter dem das Gefühl der Notwendigkeit des Geschehenen ruhte. So schwächte sich das böse Gewissen ab zu dem Gefühle einer großen, bleibenden Verpflichtung, und mit dem Eigensinn eines Kindes, das sich selbst die Sühne gesetzt hat, glaubte er, der Verpflichtung gegen Luise dadurch genug zu thun, daß er ihr Bild künstlerisch zu gestalten suchte. Eine Porträtstatue kam ihm dabei nie in den Sinn. Wohl aber verband er eine Reihe von Frauengestalten, die ihm aus der Dichtung entgegengetreten waren und sein Gemüt erfaßt hatten, mit dem Anschauen des Bildes seiner Jugendgeliebten. Vor allen waren es zwei, an denen er in stillen Stunden, wenn er am Fenster saß oder wachend im Bette lag, in der Tiefe seines Gemüts schuf: es war Nausikaa, deren meerfrischer Liebreiz seine Seele gefangen genommen hatte, und es war die rührende Gestalt der kleinen Perdita in Shakespeares Wintermärchen. Da war es ihm wie ein pflichtmäßiges Thun, die Seele der einen wie die der andern mit Luisens Seele in eins zu verschmelzen, und wenn sich die Gestalten der beiden Königskinder aus der Vermählung mit der Gestalt der Seife abwägenden Bürgermeisterstochter loszulösen suchten, sie darinnen festzuhalten und ihnen Luisens mütterliches Erbe, das ihn aus Garten und Haus verscheucht hatte, ins Angesicht zu prägen.

Es geschah oft und viel, daß sich sein Geist in solches Schauen und Bilden verlor, denn es war das Weib, was sein Inneres erfüllte und seine Schaffenskraft lebendig machte. Und vielleicht war es gerade dem zu verdanken, daß das Leben des phantasievollen und reizbaren Jünglings rein blieb. Die Frauenseele zog ihn zum Frauenkörper hin, aber nur in seiner Beseelung erschien er ihm schön; ohne Hingebung und Liebe, ohne Glut und Leidenschaft erschien er ihm unheimlich, ja grauenvoll. Bei der Vorstellung davon empfand er etwas von dem Schauder, der ihn durchrieselt hatte, als Gertraud kalt und starr wie eine Ertrunkne in seinen Armen geruht hatte. So kam es, daß er gegen jede gemeine Versuchung gefeit war.

Auch Gertraud stellte sich zuweilen ein in seiner innern Welt. Es geschah dies besonders auf einsamen Gängen. Da sah er sie vor sich herlaufen auf moosbewachsenem Waldpfad, oder er sah ihre Glieder schimmern aus dem Schaume des Bergbachs oder aus der stillen, schattigen Flut des Weihers, oder er sah sie, wie sie ihm entgegenkam, machtvoll, überwältigend, wie wenn etwas Ursprüngliches, Ungeheures, Niebesiegtes ihren Leib zur lebendigen Seele gemacht hatte.

Bei seinen einsamen Gängen waren Goethes Gedichte seine treuen Begleiter. Er las sie unter einem Baume hingestreckt, oder er lernte sie auswendig im Gehen auf der Straße, oder er sagte sie vor sich hin, wenn er den Waldabhang hinunterstürmte:

Wen du nicht verlassest, Genius,

oder:

Welcher Unsterblichen soll der höchste Preis sein?

Einmal, als er über einem Waldsee auf einer Steinbank saß, rings vom Frühling umleuchtet, las er zum erstenmale die Braut von Korinth. Da kam die Erinnerung an Gertraud über ihn, daß er nicht umzuschauen wagte, aus Furcht, sie könnte hinter ihm stehen mit ihren gebrochnen Augen und verlangenden Lippen, mit dem Ausdruck des kalten Todes im wildesten Leben. Ihm selber unbewußt umklammerte seine Seele mit tausend Gliedern dies Bild und versank mit ihm in den Abgrund, aus dessen Tiefe die Schöpferkraft steigt. Mit geheimem Grausen wurde er sich zuweilen dessen bewußt, daß seine Seele fort und fort an dem Bilde des unheimlichen Weibes schuf. Dann kämpfte er dagegen, schlug wie mit der Faust unter die geschäftigen Dämonen seiner Gedanken und zwang Luisens Bild vor seine Seele; manchmal aber ließ er seine Phantasie walten und lauschte auf das Geraune der schaffenden Kräfte im wollüstigen Grausen der Sünde.

Trotz seines Sonderlebens war er eines der fleißigsten Glieder der Akademie. Er nahm unter den Genossen einen ehrenvollen Platz ein. Man kam ihm mit ganz besondrer Zuvorkommenheit entgegen, denn hinter ihm flüsterte man von seiner machtvollen Begabung. Er hörte von diesem Geflüster nichts und blieb von jeder Selbsteinschätzung bewahrt. Seine Studiengenossen hatten ihn gern. Sie nannten ihn einen treuherzigen Kameraden, auf den man sich verlassen könne, und der kein Spielverderber sei. Er war nicht witzig, aber er verstand es, herzlich zu lachen, er hatte nicht die Gabe, besondre Einfälle geltend zu machen, aber er hatte Sinn für den Humor andrer, und wenn er auch nie etwas außergewöhnliches von sich gab, so machte er doch nie den Eindruck eines gewöhnlichen Menschen.

Seine Lehrer behandelten ihn mit Auszeichnung, ja, einige von ihnen schmeichelten ihm geradezu. Er bemerkte es nicht, oder wenn es ihm einmal auffiel, war es ihm gleichgiltig. Er war daran gewöhnt, daß man ihn überall gern hatte, und daß man mit seinen Leistungen überall mehr als zufrieden war. Es war daheim in der Volksschule so gewesen, dann bei dem Steinmetz, bei dem er seine Lehrlingszeit verbracht hatte, und bei Meister Petermann erst recht. So nahm er auch auf der Akademie Lob und Anerkennung als etwas selbstverständliches hin.

Um so empfindlicher wurde er dadurch gereizt, daß einer seiner Lehrer ihm auch das leiseste Zeugnis der Zufriedenheit vorenthielt. Und es war dies gerade der unter seinen Lehrern, dem er vom ersten Augenblick an rückhaltslos ergeben gewesen war.

Der Name dieses Mannes klingt heute durch die gebildete Welt, und die Städte preisen sich glücklich, die ein Werk seines Meißels ihr eigen nennen. Damals war er die Zierde der Akademie. Das eigne Schaffen stellte er zurück hinter die Aufgabe, zu lehren und zu erziehen, damit das junge Künstlergeschlecht, das sich um ihn drängte, auf gesundem Wege aufwärts wandelte.

Er war schon damals ein Mann, dessen Locken winterlich schimmerten; der schmächtige Leib war vornübergebeugt, und das bartlose Antlitz von scharfen Linien durchfurcht. Aber niemand wäre es in den Sinn gekommen, ihn einen Greis zu nennen oder zu glauben, daß er je einer werden könnte. Ein Hauch hellenischer Jugend wehte ihm ums Haupt. Als Georg seinen Goethe kennen lernte, dachte er an diesen Lehrer bei den Worten:

Python tötend, leicht, groß,
Pythius Apollo.

Und dieser Eindruck wurde immer wieder lebendig, so oft er ihm nahe trat. Er wurde nicht müde, das blasse, hagere Gesicht anzuschauen mit der herrlichen Stirn, der Adlernase, den vornehm geschürzten Lippen und dem großen, hellen, dithyrambisch leuchtenden Blick, dessen Glanz aus der Tiefe eines Lichtmeeres emporstieg. Noch niemals hatte Georg so jeden Nerv angespannt, zu hören, zu lernen, wie bei diesem Meister, dessen Worte bald leise, weich, wie traumbefangen aus dem Munde kamen, wenn er mit eigentümlich gehobnem Haupte dastand, den Blick in die Ferne verloren, bald karg und herb wie bittre Früchte, wenn er das Haupt schüttelnd und die Lippen kräuselnd die Arbeit eines Schülers betrachtete.

Für Georg hatte dieser Mund nichts andres als bittre Früchte. Wenn die Genossen von dem Professor redeten, waren sie in dem Urteile einig, daß seine Kritik streng aber gerecht sei, Georg hörte solchen Bemerkungen schweigend zu und biß sich auf die Lippen. Er hatte das bittre Gefühl, daß gerade ihm und ihm allein gegenüber die Gerechtigkeit des Lehrers versage. Zwar fand er keine Unbilligkeit darin, daß der Mann, den sie alle als Meister verehrten, jedem seiner Schüler gegenüber einen andern Maßstab anlegte, und daß er an keinen mit einem so strengen Maße herantrat, als gerade an ihn; das war ein Stachel, dessen Stich ihn wohlthuend verletzte, ihn vorwärts trieb, obgleich er ihn zu Boden streckte. Aber es kam ihm vor, als ob sein Lehrer diesen strengsten Maßstab durch knauserige Härte und mißtrauische Übergenauigkeit zu einem unbilligen mache, und dies that ihm um so weher, je herzlicher seine Verehrung zu dem seltenen Manne war.

Wenn ihm bei einer Arbeit etwas wohlgelungen schien, so war er von vornherein dessen gewiß, daß dieser Vorzüge mit keinem Worte gedacht wurde, oder daß dies nur beiläufig geschah und nur in Verbindung mit einem schwerer wiegenden Tadel; und doch, obgleich Georg dies voraussah, that es ihm immer wieder im Herzen weh. Leichter trug er den Tadel, denn er hatte gelernt, daß dieser, wenn er ihm auch für den Augenblick übertrieben schien, doch immer Grund hatte. Aber es schien ihm eine Unbilligkeit, daß sich der Tadel bei seinen Leistungen immer bis in das innerste, zarteste Herz der Arbeit bohrte, bis in ihren ersten Keim, sodaß es war, als ob den andern nur Äußerlichkeiten und Nebendinge mißlängen, bei ihm aber immer die Sache von Grund aus verfehlt sei. Mehr als einmal schlich er mutlos nach Hause. Aber die Kritik schloß immer mit der gemessenen Weisung, auf dem begonnenen Wege weiter zu schreiten, und sie grub sich ihm ein wie ein treibender Sporn.

Jedoch trieb ihn der Sporn auf andre Bahn, als Georg sie gern gewandelt wäre. Als der ehemalige Geselle des Meisters Petermann aus der Sklaverei der beiden Engel befreit war, lechzte sein Herz nach der Freiheit des Schaffens, und die bisher niedergehaltne Gestaltungskraft schnellte kühn und eroberungslustig in die Höhe. Aber diese Freiheit ward dem jungen Künstler nicht gestattet, und der Eroberungszug durch die Welt der Gestalten nahm ein rasches Ende. Der kaum Befreite wurde einem neuen Zwang unterworfen, dem Zwange des methodischen Lernens. Er war dem jungen Brausekopf zuerst nicht minder unerträglich, als ihm zuletzt die Arbeit der gedankenlosen Schablone gewesen war. Aber er fühlte bald, wie heilsam ihm diese Zucht war, wie dadurch Klarheit und Ordnung in seine Entwürfe, Sicherheit und Harmonie in die Ausführung kam. Nur das that ihm weh, daß gerade ihm der Professor die Erfrischung, die ihm das freie Erfinden und Gestalten gewährte, nicht gönnen wollte, während den andern diese Freiheit unbenommen blieb. Zwar war er klug genug, einzusehen, daß gerade ihm die Beugung und das Joch methodischer Unterweisung um so nötiger war, als ihm bisher die Wohlthat des geregelten und planmäßigen Unterrichts gemangelt hatte, und auch jetzt sein geistiges Treiben in wilder Freiheit brauste; aber es erschien ihm als eine unnötige Härte, daß bei ihm alles freie Schaffen zurückgehalten wurde, und daß sein Lehrer die Schöpfungen, die er in seinen freien Stunden ausführte, als etwas gleichgiltiges und unerhebliches beiseite schob. Und doch war es ihm ein Bedürfnis, dem Professor alles, was ihm außerhalb der Akademiestunden und ihres Arbeitskreises gelang, zu zeigen, und während dieser den Versuch schweigend betrachtete, nach den Mienen des Beurteilers zu spähen.

2

Es war kurz vor dem Ende des zweiten Akademiejahres, daß Georg das Modell zu einer Nausikaa vollendet hatte. Es hatte etwa die Größe der griechischen Terrakotten. Des Alkinoos schöne Tochter war dargestellt, wie sie am Strande der See steht und dem davonsegelnden Odysseus nachblickt.

Georg hatte die Gestalt in tiefer Bewegung geschaffen. Er kam sich dabei vor, als sei er selbst dieser Odysseus, nur nicht schuldlos wie dieser, sondern er trüge schuldbeladen den Blick der thränenschweren Augen auf dem fliehenden Rücken. Und als er fertig war, da war es ihm, als müßten sich die kleinen braunen Hände in seine Hände legen und darinnen wachsen und warm werden, und als müsse er eine weiche Wange an der seinen spüren und einen leisen Atemzug, als müsse es finstre Nacht werden um sie beide und er seiner Luise zuflüstern: wir haben uns wieder; nun ist alles wieder gut!

Klopfenden Herzens brachte er die kleine Statue seinem Lehrer in das Atelier, Der Professor trat damit ans Fenster, hielt sie in der linken Hand und betrachtete sie lange. Er sagte kein Wort, aber er hob die Augen zu Georg, und ein warmer Strahl traf diesen. Dann sah er wieder schweigend das Bildwerk an.

Georg wurde schließlich verlegen. Er räusperte sich. Da stellte der Professor die Statuette auf den Tisch und sagte: Wollen Sie mir das Modell bis morgen lassen? Bis morgen um diese Zeit? Dann holen Sie es drüben in meiner Wohnung.

In so freudiger Stimmung war Georg noch nie von seinem Lehrer geschieden.

Am andern Tage stand er zur bestimmten Zeit vor der Wohnung des Professors. Er hatte sie noch nie betreten, denn der Professor hielt absichtlich alle seine Schüler von seinem Hause fern. Man wußte, daß er mit einer Tochter ein stilles, einsames Leben führte, und keiner unter den Kunstschülern war so glücklich gewesen, diese Tochter kennen zu lernen.

Das Dienstmädchen wies Georg eine Zimmerthür. Er vernahm drinnen außer der Stimme seines Lehrers noch eine andre Stimme, eine Frauenstimme.

Hat der Herr Professor Besuch? fragte er das Mädchen.

Nein, erwiderte dieses und öffnete die Thür.

Georg trat ein. Es war ein schlichtes Studierzimmer, Vor dem Schreibtisch saß der Professor in einem Armstuhl, und ihm zu Füßen saß ein dunkelgekleidetes Mädchen auf einem Schemel. Sie hielt Georgs Statuette im Schoße, und diese mußte es wohl sein, worüber sie gerade zu ihrem Vater hinauf sprach. Denn daß sie des Professors Tochter sei, erkannte Georg auf den ersten Blick. Sie hatte dieselbe herrliche Stirn, nur weiblich geformt, schmaler und weich, und den gleichen Mund, nur voller, mit einem Zug ins Üppige, mit kirschroten, blühenden Lippen. Ihr Antlitz war blaß und schmal mit runder Wange und zartem Kinn. Die Nase hatte nicht den starken Schwung, war aber edel und kühn wie die ihres Vaters. Vor allem aber hatte sie des Vaters Auge, ebenso groß und klar und aus der Tiefe herausleuchtend, nur war es nicht blau, wie das des Vaters, sondern lichtbraun.

Als Georg eintrat, wandte sie ihm die strahlenden Augen zu mit einem Blick, worin sich Neugier und Teilnahme mischten. Dann stand sie auf, erwiderte Georgs Verbeugung mit einem leisen Nicken des Kopfes, stellte die Statuette auf den Tisch und ging einer Thür am andern Ende des Zimmers zu.

Der Professor trat auf Georg zu, streckte ihm beide Hände entgegen und rief ihm zu: Willkommen! Dann trat er an den Tisch, hob die Hand in die Höhe und ließ sie, indem er Georg fest in die Augen blickte, mit den Worten: Das werden Sie besser machen! so schwer auf das Modell niederfallen, daß es unter ihr zerknirschte.

Georg stieß einen Schrei aus und stürzte an den Tisch. Er sah die Trümmer der Figur auf dem grünen Tuche liegen rings um die Faust, die sie zermalmt hatte. Dann traf sein flammender Blick das Auge des Professors, und mit gespannten Armen und geballten Fäusten trat er auf ihn zu. Sein Lehrer sah ihm mit seinem ruhigen und klaren Blick in die Augen. Aber Georg, außer sich vor Schmerz, fühlte diesmal die Macht dieses Blickes nicht. Aber ein andrer Blick entwaffnete ihn. Die Tochter war zwischen die beiden geflogen und hatte den Arm um den Vater geschlungen, als müsse sie ihn schützen. Sie sah Georg an mit dem Blick ihres Vaters, voller Größe und mit der Sicherheit einer Königin.

Georg senkte den Blick, seine Arme wurden schlaff, seine Hände thaten sich auf. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, und vorwurfsvoll rief er: Sie wissen nicht, was Sie mir verdorben haben!

Geh, Maria! sagte der Professor zu seiner Tochter. Sie verließ das Zimmer, ohne sich nach Georg umzusehen. Dieser sammelte die Brocken seines Werks, und als er den geschundnen Kopf am Hals hielt, fielen ihm Thränen aus den Augen.

Der Professor stand am Fenster und sah Georg zu. Keine Miene zuckte in seinem Gesicht.

Es war von Grund aus verfehlt, und es mußte vor Ihren Augen verschwinden. Nausikaa gleicht einem taufeuchten Apfelblütenzweig, der sich in der frischen Seeluft wiegt. Die Gestalt, die Sie schufen, glich auch einem Zweig voller Blütenknospen. Aber der Baum, an dem er wuchs, hat nie den Meereswind verspürt, und kein König hat je seine Früchte gebrochen. Er ist in einem Landgärtchen gewachsen, hinter einem stattlichen Bauernhause, und hat nicht weiter gesehen als bis zum Bienenstand und bis zum Storchennest. Ich weiß, daß Sie mich verstehen.

Georg sah bestürzt den Kopf an, den er in seiner Hand hielt, und warf dann einen schmerzvollen Blick auf seinen Lehrer. Der Mann sah in sein Herz bis zum innersten Geheimnis und hatte doch nur Hohn für ihn! Das that ihm bitter weh, sodaß sein Herz sich bäumte gegen diese Behandlung.

In kalter Ruhe fuhr der Professor fort, indem er auf die Trümmer wies:

Die da wäre nicht dem nackten Schiffbrüchigen so entgegengetreten wie Nausikaa. Die da hätte einen Schrei ausgestoßen, hätte dem Hunde gerufen; dann wäre sie nach Hause gelaufen und hätte ihrem Vater gesagt, daß draußen so einer sei.

Während der Professor so sprach, sah Georg in das Antlitz seiner Nausikaa, und es fiel von seinen Augen wie Schuppen. Sie ist von Grund aus verfehlt! schrie es in ihm, und eine Niedergeschlagenheit überzog sein Herz, daß er schier zusammengebrochen wäre.

Sie haben Recht, Herr Professor, stammelte er, ergriff seinen Hut und wandte sich zur Thür.

Da rief ihm der Professor zu: Georg! Es war zum erstenmale, daß er ihn beim Vornamen nannte.

Aber Georg hörte es nicht und ging hinaus.

Als er nun draußen stand vor der Glasthür, durch die der helle Sonnenschein hereinfiel, dachte er daran, mit welch froher Hoffnung er gekommen war, und die Traurigkeit überwältigte ihn so, daß seine Kniee wankten. Er blieb stehen, und mit zitternder Hand tastete er nach der Glasthür.

Ist Ihnen nicht wohl? fragte ihn eine weiche Stimme.

Er sah auf. Es war des Professors Tochter. Sie stand im Dunkeln, aber ihre Augen leuchteten, wie das gute Glück leuchtet.

Doch, doch! stammelte Georg und raffte sich zusammen. Da trat sie auf ihn zu, und mit einem Blick voll überströmender Herzlichkeit hielt sie ihm die Hand entgegen.

Ich weiß es ganz gewiß, sagte sie leise. Sie werden es besser machen!

Er ergriff ihre Hand und erwiderte: Ich danke Ihnen. Ihre Blicke begegneten sich und hielten sich eine Weile. Dann ließ er ihre Hand los und schüttelte traurig den Kopf.

Er wußte nicht, wie er zur Thür hinaus und die Treppe hinunter gekommen war.

Vor dem Hause blieb er stehen und sah mit finsterm Spüren in die Mienen des abgebrochnen Kopfes.

Mit meinem ganzen Herzen war ich dabei, und doch ist nichts geworden, weil es nichts ist mit mir selbst!

Ein Schulmädchen kam des Wegs daher. Er vertrat ihm den Weg und sagte: Sieh, was ich da habe!

Das Kind erschrak zuerst, dann schaute es neugierig her und rief: O, ein Puppenkopf!

Willst du den haben?

Die Kleine errötete vor Vergnügen und nickte mit dem Kopfe. Dann sagte sie zutraulich: Ich habe von der Tante Sophie eine große Puppe zu Weihnachten bekommen, aber unser Willi hat ihr den Kopf zerschlagen.

Geh zum Puppendoktor und laß dir den da drauf machen!

Das Kind griff mit beiden Händen zu, rot vor Glück, und sagte knicksend: Ich danke vielmal!

Georg sah ihr nach, wie sie spornstreichs davon rannte. Die übrigen Stücke hatte er weggeworfen. Dann ging er seiner Wohnung zu. Er ging langsam, zögernd, wie ein Unschlüssiger. Die Leute blieben stehen und sahen ihm verwundert nach.

Als er zu seiner Stube hinaufstieg und den im Schlosse steckenden Schlüssel im Sonnenscheine blinken sah, kam das Gefühl über ihn, wie einsam und verlassen er sei. Er wäre am liebsten vor der kalten Thür wieder umgekehrt. Denn was fand er da drinnen? Ein Bett, um darin zu liegen, einen Stuhl, um darauf zu sitzen, einen Tisch, um die Arme darauf zu legen. Wenn die Thür hinter ihm zu war, so war er mutterseelenallein. Aber er ging hinein.

Er trat ans Fenster und sah über den rauschenden Kanal auf die alten hochgiebligen Häuser hinab.

Was war ihm diese Stadt? Er hatte Kameraden, aber keinen Freund. Er hatte einen Lehrer, den er wie einen Vater hatte lieben mögen, aber der war herb gegen ihn und grausam. Es gab hier schöne Frauen die Fülle. Aber keine war darunter, die ihm ihr Herz zuwandte, und die einzigen Mädchenaugen, deren Blick ihm in die Seele gegangen war, hatten in demütigendem Mitleid auf ihn geschaut, als auf einen armen Jungen, dem man zureden müsse, damit ers besser mache. Er dachte an die begonnenen Arbeiten in seinem Atelier draußen in dem stolzen Gebäude der Akademie. Wozu sie vollenden? Er bekam ja doch keinen andern Bescheid als den: es ist nichts! Und wenn er auch darüber aufgebracht war, dann kam, das wußte er ja, schließlich doch die Erkenntnis: Der Mann hat Recht! Und aus dem Groll wurde Herzeleid.

Mit meiner Sache ist es nichts! Ich Narr! Wär ich bei meinen Engeln geblieben!

Er war auf einen Stuhl niedergesunken und sah trostlos vor sich hin.

Ja, jetzt fühlte er, wie die Nausikaa hätte werden müssen, aber es war ihm sonnenklar, daß er sie niemals so, wie sie sein müßte, zustande bringen werde. Und wenn all seine Liebe und all seine Kunst dabei wäre, er brächte ja doch nichts fertig als einen Puppenkopf!

Hinweg von diesen Steinen, diesen Menschen, diesen Bildern! rief es in ihm.

Er hob die Augen auf und sah zu den blauen Bergen hinüber, die fern hinter der Stadt im Abendschimmer glänzten.

Was war ihm die Welt? Es schlugen Herzen dort draußen, die hatten ihn lieb gehabt. Aber er hatte sie verachtet, zurückgestoßen, verlassen. Das war vorbei.

Er senkte den Blick und schaute in das tosende Wasser hinein, das gerade unter seinem Fenster über ein Wehr stürzte. Um dieses Rauschens willen hatte er dies Zimmer gewählt. Jetzt schien es ihm feindlich und rauh, und es war ihm, als müsse er davor fliehen.

Er eilte an den Bücherschaft und suchte knieend ein Buch, nach dem er seit Jahr und Tag nicht gegriffen hatte. Es war das Gesangbuch. Er schlug es auf. Auf der Rückseite des Deckels standen ein paar Worte, in groben, unbeholfnen Zügen hingeschrieben. Die sah er an mit feuchten Augen. Lange kniete er so. Die Stirn hatte er an ein Brett des Bücherschaftes gelehnt, und in seinen Händen lag das aufgeschlagne Buch. Dann schlug er das Buch zu, that es an seinen Platz und stand auf. Ich will zur Mutter gehen! sagte er zu sich.

Er hatte seine Mutter nicht wieder gesehen all die zwei Jahre her, seit er die Akademie bezogen hatte. Die Reise war weit und teuer, und die Ferien waren für ihn bisher eine Zeit zusammenhängender Arbeit gewesen. Auch hatte die Mutter nie den Wunsch ausgesprochen, daß er kommen möchte, und auch bei ihm war bisher der Trieb zum Lernen und Schaffen größer gewesen als die Sehnsucht nach ihr. Auch die bevorstehenden Ferien hatte er in der Stadt zuzubringen beabsichtigt. Er wollte mit Muße an die Ausführung seiner Nausikaa gehen. Aber damit war es nun nichts mehr. Und es war wohl überhaupt nichts mehr mit der Kunst – er wollte nicht an die Zukunft denken.

Georg rief seine Wirtin und bezahlte die Miete und die Hausrechnung. Dann gab er ihr einiges Geld, daß sie etliche kleine Schulden bezahle. Auf ihre Frage, wann er wiederkomme, antwortete er, das wisse er nicht; darum möchte sie nur immerhin das Zimmer an einen andern vermieten. Hierauf schrieb er einige Zeilen an einen Studiengenossen, worin er ihm Auftrag gab wegen der Sachen, die in seinem Atelier waren, und an den Hausmeister der Akademie schrieb er, daß man, wenn er bis zum Beginn des nächsten Studienjahres nichts von sich hören lasse, nur über sein Atelier verfügen möge. Dann packte er seine Habseligkeiten zusammen. Hierbei kam ihm ein Schreiben in die Hand, das zum Absenden bereit auf dem Tische gelegen hatte. Es war eine Eingabe an das Ministerium, worin er um weitere Bewilligung des bisher genossenen Stipendiums nachsuchte. Er stand eine Weile unschlüssig, mit dem Papier in der Hand. Die Aufschrift lautete an den Professor, der ihm sein Modell zerbrochen hatte. Er entfaltete den an den Professor gerichteten eingelegten Brief. Darin bat er um gütige Vermittlung und Fürsprache. Wofür? fragte er bitter, es ist genug für mich verschwendet! Er zerriß die Eingabe und den Brief und steckte die Fetzen in den Ofen.

Schnell packte er zu Ende. Seinen Koffer übergab er der Wirtin und bat sie, ihn aufzuheben, bis er weiteres melden werde.

Über all dem war es Zeit geworden, auf den Bahnhof zu gehen.

Es war noch mehr als eine Woche bis zum Schlusse des Studienjahres. Aber Georg wollte dem Manne nicht mehr unter die Augen treten, der ihm so rauh ins Herz gegriffen hatte. Er wollte niemand mehr sehen, von niemand Abschied nehmen. Er wollte nur eines: heim zur Mutter.

3

Als Georg die Hochschule bezog, war auch mit seiner Mutter eine Änderung vor sich gegangen. Nicht in ihrer Arbeit. Sie war vielmehr noch eifriger auf den Erwerb aus und machte dadurch die Frauen der kleinen Stadt oft recht ärgerlich. Denn aus Furcht, eine Kundin und einen Verdienst zu verlieren, gab sie auf jede Bestellung eine Zusage, und dies hatte zur Folge, daß sie nicht selten ein früher gegebnes Wort brechen mußte, um ihr letztes Versprechen zu halten. Wenn dann die Frau Oberamtsrichter klagte, daß sie sie gestern im Stiche gelassen hätte, und sie hätte doch sicher auf sie gerechnet, dann gab die Büglerin der Frau Kommerzienrat die Schuld, die in aller Frühe nach ihr geschickt hätte; der Frau Oberamtsrichter aber schenkte sie zum Trost den folgenden Tag, den sie allerdings schon seit langer Zeit der Frau Dekan versprochen hatte. Da sie aber die beste Büglerin im Städtchen war und alle Damen gleichmäßig behandelte, im schlimmen wie im guten, so fügten sich diese darein und waren froh, wenn sie die fleißige, pünktliche Frau doch endlich in der Hausflur vor dem Bügeltische sahen.

Die Veränderung, die in dem Leben der braven Frau vor sich ging, fand an einer andern Stelle statt. Sie wird eitel! sagten die erwachsenen Töchter, sie wird verrückt! meinten die Hausväter. Das Glück ihres Sohnes ist ihr in den Kopf gestiegen! entschuldigten die gutherzigen Frauen. Und die hatten Recht.

Der Kunstschlosser hatte nämlich ein Exemplar des Bezirksblattes, worin der Bericht über das landwirtschaftliche Fest stand, Georgs Mutter zugeschickt und die Stelle, die von dem Kunstwerke ihres Sohnes handelte, blau angestrichen. Wenige Tage darauf schrieb ihr Georg, daß er Kunstschüler der Akademie sei, und daß ihm der Minister in freundlichster Weise ein Stipendium verschafft habe. Die glückliche Mutter brachte Zeitungsblatt und Brief Georgs altem Lehrer und dem Pfarrer, der Georg konfirmiert hatte; dann nahm sie beides mit zu ihren Kunden, bis sie es alle gelesen hatten, und bis die beiden Dokumente aussahen wie die bekannten Papiere der fechtenden Brüder. Sie selbst aber bemühte sich hochdeutsch zu reden, damit sich ihr Kind seiner ungebildeten Mutter nicht schämen müsse, wenn es einmal heimkäme. Auch kaufte sie sich zwei neue Hauben und einen Sonnenschirm und machte sich Vorhängchen an die Fenster der Wohnstube. Bisher hatte sie im zweiten Zimmer geschlafen; Georgs Bett stand in dem anstoßenden Kämmerchen. Jetzt richtete sie sich im Kämmerchen ein, daß Georg in der Stube schlafe. Freilich that ihrer schweratmigen Brust der enge Raum weh. Aber sie wollte sich frühzeitig und bei guter Witterung daran gewöhnen, damit, wenn der Sohn einmal unversehens komme, sein Bett gerüstet sei, und er durch ihren Husten nicht gestört werde. Das Wohnzimmer, das getüncht war, wurde tapeziert, und zu seiner Ausschmückung kaufte die Büglerin in einem Buchladen zwei Öldruckbilder. Nach langem Besinnen und Schwanken wählte sie »das lauschende Zöfchen« und »der Kuß auf der Treppe.« Sie entfernte den altväterlichen Haussegen und Georgs eingerahmten Konfirmationsschein und hängte die neuen Bilder an ihre Stelle. Von ihrem Nachbarn dem Sattler ließ sie sich ein Sofa machen. Es gelang vortrefflich. Wer sich darauf setzte, schwebte eine Weile auf und nieder, so kräftig und nachhaltig arbeiteten die Federn. Sie kaufte einen schönen Tischteppich mit eingewirkten goldnen Drachen, die auf Rosenknospen losfuhren, und mit grünen Fransen. Auf den Tisch stellte sie einen von Draht, Zeug und Goldfäden verfertigten Blumenstock. Jetzt war alles fertig, und sie wartete von einem Monat auf den andern, daß ihr Sohn komme und von all diesen Herrlichkeiten Gebrauch mache, Ihren Kunden aber teilte sie mit, daß sie, wenn ihr Sohn komme, nur noch des Nachmittags außerhalb des Hauses werde bügeln können, denn des Morgens müsse sie für ihren Sohn kochen.

Georg hatte seine Ankunft durch ein Telegramm angekündigt. Das Telegramm wurde der Büglerin in die Wohnung des Apothekers, wo sie gerade arbeitete, nachgetragen. Als es ihr eingehändigt war, sammelte sich die ganze Familie um die entsetzte Frau. Der Apotheker selbst erbrach es und las es der Zitternden vor. Nun half alles zusammen, die Hausfrau, die Töchter und das Dienstmädchen, mit der Bügelei fertig zu werden, sodaß die gute Mutter, die vor Freuden ganz bestürzt war, schon nach einer Stunde heimwärts eilen konnte. Vor der Hausthür kehrte sie erst noch einmal um und holte im ersten Wirtshause sechs Flaschen feinen Weins. Dann wischte sie in den Stuben ab, blies den Staub von dem künstlichen Blumenstock und ging klopfenden Herzens im Zimmer auf und ab. Endlich war die Stunde nahe. Die Büglerin wagte nicht, ihren Sohn am Bahnhof abzuholen. Sie dachte, es möchte ihm mißfallen. Darum gab sie einem Nachbarbüblein eine Hand voll gedörrter Zwetschgen, damit es Georg auf dem Bahnsteig erwarte und ihm sein Gepäck trage.

Sie hörte den ankommenden Zug pfeifen und dann wieder abfahren. Sie mußte sich auf den Stuhl am Fenster setzen, so bebten ihr die Glieder. Jetzt mußte er die Bahn überschreiten, jetzt begrüßte ihn der Bahnhofsvorstand, jetzt ging er durch den Wartesaal in die vordere Halle und auf die Straße hinaus, jetzt schritt er an der katholischen Kirche vorbei, jetzt über den Platz, und jetzt, jetzt kam er die Gasse herunter.

Als die Mutter ihren Sohn erblickte, übermannte sie der Schreck. Sie eilte in die Kammer, einen Sonntagsschurz anzuziehen.

Gleich, Georg, gleich! rief sie in die Stube hinaus, strich ihr Haar vor dem Spiegel zurecht und zupfte an der Haube. Dann kam sie zum Vorschein.

Mutter! rief Georg. Das Herz wallte ihm über, als er sie vor sich sah, die gebückte Frau mit den grauen Haaren, dem glanzlosen Auge und dem trocknen Munde, der von dem Bügeldunst wie ausgedörrt schien.

Liebe Mutter! sagte er noch einmal und schlang die Arme um sie. Die Alte wagte es nicht, auch ihre Arme um den Sohn zu legen. Sie ergriff seine Hand und sah ihm mit nassen Augen ins Gesicht.

Guten Tag. Georg! Wie geht es dir?

Sie wollte hinzufügen: Du siehst bleich aus! aber sie verschluckte das Wort und sagte:

Setz dich auf das Sofa.

Dann rückte sie den Tisch vor, damit der Sohn sich bequem setzen könne, schob ihm ein Kissen hinter den Rücken und eilte in die Küche hinaus, um zu kochen und zu braten.

Da saß nun Georg wie ein Götze auf dem Sofa, auf dem vor ihm noch niemand gesessen hatte als der Herr Stadtpfarrer und der Herr Steuerkommissär. Vor ihm stand der künstliche Blumenstock in all seiner Pracht. Und Georg wurde das Herz weich vor Wehmut und vor Glück.

Dann und wann lief die Mutter in die Stube herein, um ihn mit dem oder jenem zu bedienen. Sie brachte ihm Wein und Cigarren, schob ihm einen Schemel unter die Füße und legte ihm die neueste Zeitung hin. Oder sie blieb an der Thür stehen und fragte, ob er den Salat lieber mit oder ohne Zwiebeln habe, ob es ihm recht sei, wenn sie eine Selleriewurzel in die Suppe lege, ob sie ihm die Leberklöße kochen oder braten solle. Georg gab auf alle diese Fragen bestimmte Antworten. Es war ihm ja einerlei; aber er empfand es so süß, auf all diese Fragen der Liebe zu antworten; es war wie Kuß auf Kuß.

Ißt du nicht mit, Mutter? fragte er, als die Büglerin zum Nachtessen nur einen Teller niedersetzte.

Ich kann nicht vom Herde weg, sagte sie. Ich esse nachher.

So will ich bei dir in der Küche essen, erwiderte Georg und trug Teller und Besteck, Glas und Weinflasche in die Küche. Dann schloß er den Küchenschrank auf, holte ein zweites Glas heraus und stellte es zu dem andern auf den Küchentisch.

Da ging es heiß durch das Herz der alten Frau. Es war, wie wenn ein weißglühender Stahl in ein Bügeleisen schlüpfe. Thränen quollen aus ihren Augen.

Georg setzte sich auf den Küchenschemel und aß auf dem Schoß, was die Mutter ihm vom Herde brachte. Er schenkte beide Glaser voll, und sie stießen mit einander an. Das flackernde Feuer beleuchtete sein blasses Gesicht. Plötzlich umfaßte er seine Mutter und barg sein Gesicht in den Falten ihres Rockes. Mutter! sagte er leise, und er brach in Thränen aus. Die alte Frau seufzte tief und streichelte dem Sohne die Locken. Sie schwiegen beide. Das Herdfeuer brannte nieder und verknisterte. Es wurde finster in der Küche. Noch immer hielt der Sohn die Mutter umschlungen, und unaufhörlich liebkoste ihre Hand des Sohnes Haupt.

Dann machte sich die Frau von ihm los, zündete eine Lampe an und sagte:

Deine Schulkameraden warten auf dich im Pflug, und hinten drin im Nebenzimmer sitzen der Herr Apotheker und andre Kasinoherren, Die wollen dich begrüßen.

Ich will nicht hin, Mutter!

Gehe hin! Es wird dir leichter werden!

Laß mich bei dir bleiben, Mutter!

Thus mir zu lieb!

Also denn; dir zu lieb!

Als der Sohn an der Hausthür stand, eilte ihm die Mutter nach und drückte ihm verschämt ein Markstück in die Hand.

Georg kam früh wieder aus dem Wirtshause zurück. Die Mutter sah ihn erwartungsvoll an.

Du hättest mehr trinken sollen, Georg! sagte sie.

Ich habe genug getrunken.

Du bist nicht lustiger geworden.

Es ist mir wohl, daß ich bei dir bin.

Dann fragte ihn die Büglerin aus, was die einzelnen Herren des Kasinos zu ihm gesagt hätten.

Setze dich zu mir aufs Sofa! sagte auf einmal der Sohn.

Ich bin mein Lebtag auf keinem Sofa gesessen!

Dann setze ich mich auch nicht mehr drauf, sagte Georg, holte sich einen Stuhl und schmiegte sich dicht an die Mutter.

Wieder schoß es ihr heiß durch das alte Herz. Sie griff nach des Sohnes Hand und hielt sie fest vor sich auf dem Tisch.

Schreibst du fleißig an deinen alten Meister?

Ich hab ihm noch nie geschrieben.

Ist das recht, Georg?

Ich weiß es nicht.

Wie geht es dem Bürgermeister? forschte die Mutter weiter.

Georg schüttelte den Kopf.

Ist Bürgermeisters Luise gesund? fragte sie leise.

Was weiß ich?

Ist es aus?

O Mutter, frag nicht immer, du quälst mich so!

Da fiel eine Thräne auf Georgs Hand. Die Hand zuckte wie unter einem siedenden Tropfen, aber die Mutter hielt die Hand fest.

Bist du gern auf der hohen Kunstschule?

O Mutter! –

Es entstand eine Pause. Beide sahen vor sich nieder.

Dann hub die Mutter von neuem an: Siehst du auch den Fritz Weber, der bei den Leibgrenadieren steht?

Ja, zuweilen.

Sei nur freundlich zu ihm; ich bleiche auf ihrer Wiese. Sind deine Lehrer gut gegen dich?

So gut, als ichs verdiene.

Plötzlich wandte sich Georg um. Er sah die Mutter gramvoll und finster an.

Mutter, bist du dran schuld oder der Vater?

Die Alte erschrak bis ins Herz.

Woran, Georg?

Daß ich nichts kann! rief Georg schmerzlich aus.

Sag nicht so, Georg!

O du geschickte Mutterhand! sagte Georg und streichelte die magern Finger. Du kannst bügeln wie keine, und kannst kochen und liebkosen. Sieh meine Hand an, Mutter, die kann nichts.

O doch, sie kann! erwiderte die Mutter und drückte des Sohnes Hand an ihre welke Brust.

Georg entzog ihr seine Hand mit sanfter Gewalt, legte sie auf den Tisch und sah sie mit finstern Augen an, zuerst ihren Rücken und dann ihre Fläche.

Eine geraume Weile schwiegen beide.

Du hast recht, Mutter, sagte Georg. Nicht an der Hand fehlts. Da drinnen fehlts. Er legte die Hand aufs Herz.

Dein Herz ist gut! sagte die Büglerin.

Deins ist gut, Mutter! Laß mich es klopfen hören!

Und er legte den Kopf in der Mutter Schoß. Er war auf die Kniee niedergesunken, und die Mutter legte ihre Hände auf des Kindes Haupt. So blieben sie lange. Dann hob Georg langsam den Kopf, sah die Mutter an und sagte: Ich bin müde, Mutter!

Die Alte zündete ein Licht an und leuchtete in die hintere Stube. Georg schritt auf die Kammerthür zu.

Du schläfst hier! sagte die Mutter.

Und du?

In der Kammer.

Nichts da; ich schlafe, wo ich früher immer geschlafen habe.

Es ist aber schon alles so gerichtet.

Das ist gleich in der Reihe. Wir helfen zusammen.

Als die Betten gewechselt waren und Georg in seiner Kammer stand, öffnete die Mutter noch einmal die Thür und fragte schüchtern:

Georg, darf ich bei dir bleiben, wenn du ins Bett gehst?

Freilich, Mutter!

Und sie half ihm beim Entkleiden und deckte ihn zu.

Bist du warm, Georg?

Ja, Mutter!

Weißt du noch, Georg, wie du früher gebetet hast, wenn ich dich zu Bett legte?

Georg nickte.

Kannst dus noch?

Die Alte legte die gefalteten Hände auf Georgs Deckbett.

Da fing er an:

Abends wenn ich schlafen geh, vierzehn Engel bei mir stehn …

Georg hielt inne und lächelte. Er sah sieben Engel des Schmerzes und sieben Engel des Trostes sich gegenüber stehn.

Es ist gut, Mutter!

Amen! sagte die Alte.

Sie legte Georgs beste Kleider und ein frisches Hemd auf den Stuhl vor Georgs Bett.

Du mußt morgen früh Besuche machen!

Warum nicht gar!

Es geht nicht anders; ich bins meinen Kundenhäusern schuldig.

Nun denn, in Gottes Namen! Gute Nacht, Mutter! Gieb mir noch einmal deine Hand. Gute Nacht, du gute, gute Mutter!

Gute Nacht, Georg! Verschlafe alles, was dich drückt!

Die Alte hob Georgs Stiefel vom Boden auf und ging mit ihnen zur Stube hinaus.

Ein paar Stunden der Nacht waren verronnen. Da kam die Büglerin mit dem Lichte in der Hand in die Wohnstube. Sie nahm die beiden Öldruckbilder von der Wand und legte sie in die unterste Schublade der Kommode. Dann zog sie aus derselben Schublade den alten Haussegen und Georgs Konfirmationsschein hervor und hängte sie wieder an ihre Nägel.

4

Am andern Morgen machte Georg Besuche. Als er zurückkam und in der Küche bei der Mutter saß und aß, was sie ihm gesotten und gebraten hatte, mußte er haarklein alles erzählen, Besuch um Besuch, vom ersten Klingeln bis zum letzten Gekläff des hinter der Hausthür liegenden Hundes. Aufs genaueste ließ sie sich vor allem über die Gebärden und Worte der Besuchten Bericht erstatten, um nach dem Grade der Freundlichkeit ihr Urteil über sie zu fällen.

Hat die Frau Baronin dir die Hand gegeben?

Nein, sie hat nur mit dem Kopfe genickt.

Der Hochmutsfratz! – Haben dich Apothekers in das rote Zimmer geführt?

Ich vermute. Es war ein Zimmer mit roten Vorhängen.

Die Alte nickte befriedigt mit dem Kopf.

Wer war da?

Ich glaube alle. Den Apotheker holten sie aus dem Laboratorium herauf, und die Fräulein Paula kam aus dem Garten herbei.

Ich habe es doch immer gesagt. Apothekers sind die bravsten Leute in der Stadt; bei denen merkt man doch auch etwas von ihrem Christentum.

Nach dem Essen machte sich die Büglerin zu ihrem Kundengange fertig. Ehe sie fortging, sagte sie zu Georg:

Du wirst etwas aufbekommen haben über die Ferien. Es ist am besten, wenn du dich gleich am ersten Tage dahinter machst. In der vordern Stube ist es still; da kannst du lernen. So wollen wir es während der Ferien halten: des Morgens sind wir bei einander; ich flicke und koche, und du bist um mich herum und bästelst, was ich nicht machen kann. Des Nachmittags schaffe ich meine Sache und du die deine. Und des Abends gehen wir früh zu Bett.

So geschah es denn auch, Georgs Wangen wurden voll und rot, sein Schlaf wuchs an Länge und Tiefe. Sein Auge wurde klar und frisch. Das that die Mutterhand, die ihn fütterte und ihm das Lager bereitete.

Wochen vergingen, und es war ihm so wohl bei diesem Leben, daß er nichts andres begehrte. In den Nachmittagsstunden las er seinen Goethe, wieder und wieder, und zwischen hinein leichte Lektüre, wie er sie am Wege fand. Allmählich stellte sich der Trieb zur Arbeit wieder ein, oder wenigstens der Trieb, sich anzustrengen. Er war im Griechischen soweit gekommen, daß er den Herodot ohne sonderliche Mühe lesen konnte. Er vertiefte sich mit Wonne in die herrlichen Erzählungen des Vaters der Geschichte, und es ward ihm groß und frei zu Mut unter den klaren, schönen Menschen, die vor seinen Augen ruderten und kämpften, Städte bauten und Reiche zerstörten, Gewaltiges vollbrachten und ruhmvoll untergingen. Wenn er einen Abschnitt vollendet hatte, steckte er das Buch in die Tasche und ging zum Städtchen hinaus auf die Höhe, die dem Gebirge vorgelagert war. Stundenlang lag er auf einer Weinbergsmauer und sah ins Thal hinab. Wenn ihn ein Gewitter überraschte, flüchtete er sich in das Weinbergshäuschen und sah in die regenerfüllte, blitzdurchzuckte Luft hinaus. In solchen Stunden überlas er wieder und wieder das Durchgenommne, und so durchlebte er die große Geschichte von dem Kampfe der Hellenen um ihre Freiheit. Die Gestalten wurden ihm immer lebendiger, er sah sie vor Augen, diese großen und schönen Frauen und diese Männer voll Welterfahrung und Herzensgröße, mit den Leidenschaft sprühenden Augen und den fein beredten Lippen. Wenn das Gewitter verrauscht war, dann stieg er wohl auf die Höhe des Gebirges und sah nach den glänzenden Gipfeln der Alpen hinüber, und sein Herz schwoll von Sehnsucht, dort droben zu stehen und hinunter zu schauen und hinunter zu steigen in das sonnige Land, dessen Boden geheiligt ist durch die erhabnen Trümmer der untergegangnen herrlichen Welt. Wenn er dann durch den schweigenden Wald und die dämmernde Halde zurück wanderte nach dem Hause seiner Mutter, dann tauchten wieder die zwei Frauengestalten aus dem Nebel, das meerfrische Strandkind Nausikaa und die dämonische Korinthierin, die aus dem Grab aufsteigt und ihr geraubtes Recht fordert, das Glück der Brautnacht. Immer ausdrucksvoller und bedeutender sahen sie ihn an, und unwillkürlich griff er mit der rechten Hand an seine Seite, wo er sonst den Thonbeutel zu tragen pflegte. Wenn er in solche Bilder versunken die Straße hinschritt, legte sich ihm zuweilen wieder das Wort auf die Lippen: Wen du nicht verlässest, Genius! und mehr als einmal sagte er vor sich hin: Du sollst mir kein Modell mehr zerschlagen, du herber Meister! Und du mit den strahlenden Augen, du sollst Recht behalten, ich werde es besser machen!

Als er einmal von einer solchen Wanderung heimkehrte, begrüßte ihn die Mutter mit den Worten: Der Peitschenfabrikant war da. Er wollte dich um die Gefälligkeit bitten, seiner verstorbnen Frau einen Grabstein zu machen. Er stammt aus der Gegend, wo du Geselle gewesen bist. Auf dem Grabsteine sollen zwei Engel angebracht sein, unten der Engel des Schmerzes und oben der Engel des Trostes.

Dem Manne kann geholfen werden, sagte Georg vergnügt.

Er kannte in der Nähe einen Steinbruch, der ein vorzügliches Material lieferte. Am andern Tag ging er dorthin und fand bald einen geeigneten Block. Er erwarb ihn und ließ ihn in den Hof der Mutter schaffen.

Bald war er mitten in der Arbeit, und unter seinen Händen wuchsen die beiden Gestalten heraus, frei und groß. Wohl waren sie verwandt mit den beiden Engeln in Meister Petermanns Werkstatt, aber wie königliche Sprossen verwandt sind mit dem bäuerlichen Ahnherrn, aus dessen Lenden der Königsstamm entsprungen ist. Die beiden Engel sagten nicht mehr zwei Gesangbuchsverse her, sondern es war der Sieg des Glaubens über das irdische Weh, der Sieg des Lebens über den Tod.

Der Besteller war über die Maßen zufrieden, und ein hübsches Stück Geld kam in das Haus der Witwe, die im Einverständnis mit Georg das Geld alsbald dazu verwendete, den Gartenzaun und den Holzstall ausbessern zu lassen.

Einige Wochen, nachdem der Grabstein aufgestellt war, liefen drei weitere Bestellungen ein.

Die Mutter zeigte sie dem heimkehrenden Sohne voller Stolz und Freude.

Du hast genug gelernt, sagte sie. Bleibe hier und mache Grabsteine! Du wirst sehen, dein Geschäft blüht, und wir leben miteinander wie die Vögel im Hanfsamen.

Georg ging erregt in der Küche auf und nieder.

Die Aufträge hatten für ihn vielen Reiz, nicht um des lockenden Gewinnes halber, sondern weil sein Meißel die Arbeit verschmeckt hatte und wie vor Ungeduld zitterte, wieder an den Stein zu kommen.

Aber er sah den Weg hinaus, auf dem er den ersten Schritt gemacht hatte: er führte in die Niederung behaglichen Lebens, in die Enge der Werkstatt und in den Zwang des Geldverdienens. Niemals! sagte er sich und hob das Auge empor und sah den kühnen Pfad hinan, der über Klippen stieg und sich in die Wolken verlor, und er sah in zwei strahlende Augen hinein, die ihn grüßten und ihm winkten mit der prophetischen Verkündigung: Du wirst es besser machen.

Nein, Mutter, sagte er. Ich schreibe den drei Herren ab. Ich habe noch lange nicht genug gelernt.

So willst du wieder auf die Akademie gehen?

Nein, Mutter, ich will in die Welt hinaus, ich muß nach Italien.

Die Alte erbleichte. Sie setzte sich auf den Küchenschemel, denn die Füße wankten ihr.

Georg, bleibe im Land und nähre dich redlich! Denk an deine alte Mutter! Werde Steinmetz und bleibe bei mir!

Georg stemmte die Hände auf den Tisch, daß er sich ächzend verrückte, und sah seine Mutter an.

Ich kann nicht, Mutter!

Wer giebt dir denn das Geld? fragte die Alte tonlos.

Mutter, hilf mir, gute, liebe Mutter! rief Georg. Er kauerte vor ihr nieder und umfaßte ihren Leib.

Ich habe keins, erwiderte die Büglerin dumpf. Dann sagte sie: Die sollen dir das Geld geben, die dich zum Künstler machen wollen.

Nein, Mutter, fordere das nicht von mir! Ich will keine Hilfe mehr von andern.

Der Herr Pfarrer soll eine Bittschrift machen. Er thuts dir gewiß! sagte die Mutter.

Dazu brauch ich den Pfarrer nicht. Das kann ich selbst. Und wenn ich an den Lehrer schriebe, von dem ich am meisten gelernt habe, so würde mir wohl auch ein Reisestipendium zu teil werden. Aber das kann ich nicht, ich wills nicht thun! Ich werde ihm zeigen, daß ich ihn nicht brauche, daß ich auch ohne ihn und ohne das Staatsgeld etwas Rechtes zu stande bringe.

Er ging wieder in der Küche auf und nieder. Die Mutter schien mit einem Entschlusse zu kämpfen. Sie sah ihn an und öffnete die Lippen, dann senkte sie wieder den Kopf. Endlich sagte sie: Ich will selber zu dem Professor gehen!

Georg drehte sich jäh um und rief in wilder Drohung: Mutter, wenn du das thust!

Dann kniete er vor ihr nieder und faßte ihre Hände und sah ihr in die Augen, aus denen langsam Thränen quollen.

Mutter, Mutter, das thust du mir nicht an. Wenn du es thust, dann siehst du mich niemals wieder!

Da brach die Alte in Schluchzen aus.

Sprich nicht so, du brichst mir das Herz!

Nein, Mutter, ich will dein Herz froh und stolz machen!

Da stand sie auf und ging in die Schlafstube. Nach einer Weile kam sie wieder und reichte Georg zwei Goldstücke.

Das ists, was ich habe.

Georg legte die beiden Münzen neben einander auf den Fenstersims und sah die Mutter groß an. Das ist alles?

Die Mutter öffnete die zitternden Lippen, als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg.

In der unbefangnen Selbstsucht des Kindes hatte sich Georg all die Wochen her an den Tisch gesetzt, ohne zu fragen, woher die Mittel zu all diesem Aufwande kämen. Er wußte nicht, daß die Alte zwei Jahre gespart hatte, um ihrem Sohne gütlich thun zu können, wenn er sie einmal besuchte, und daß sie sich vorgenommen hatte, nach seinem Weggange um so kärglicher zu leben. Es war ihm nicht eingefallen, daß seine Mutter all die Wochen her, um bei ihrem Kinde zu sein und um es zu pflegen, kaum den halben Verdienst gehabt hatte. Auch jetzt kamen ihm solche Gedanken nicht.

Nach einer langen Pause, die für beide qualvoll war, sagte er:

Ich habe von meinem Vater eine Wiese geerbt, und du hast zwei Äcker in der besten Lage. Sie sind dein freies Eigentum und unser Haus auch. Mutter, ich bin ja doch dein einziger Erbe!

Es war heraus. Die Alte war auf den Stuhl gesunken, und Georg kniete wieder vor ihr nieder und barg sein erglühendes Gesicht in der Mutter Schoß.

Es dauerte lange, bis sie ihm Antwort gab.

Dein Vater und ich, wir haben nie Schulden gehabt, und ich hatte gehofft, dir einmal Haus und Gütchen schuldenfrei zu überlassen.

Sie schwieg wieder, Georg rührte sich nicht. Der Regen schlug an die Scheiben, und der Wind rüttelte am Hause.

Da kam es der Mutter vor, als ob Georg in ihrem Schoße schluchze.

Weinst du, Kind?

Er gab keine Antwort.

Sei still, Georg. Leg dich zu Bett. Dein Wille soll geschehen. Du sollst morgen haben, so viel du brauchst, fünf, sechs, achthundert Mark.

Georg schlang seine Arme um die Mutter, und sie streichelte liebkosend seine Locken.

Ich habe ja nichts in der Welt als dich allein!

Dritter Teil

1

Drei Winter waren ins Land gegangen, und der letzte von ihnen war gerade dabei, durch Rückzugsgefechte seinen Abmarsch zu verdecken. Das Wintersemester fing an, an allen Ecken und Enden aus dem Faden zu gehen, und die berühmte Akademie der Künste sah aus, als ob ihr das Kleid stückweise vom Leibe fallen wollte.

Die Lehrsäle und Ateliers lichteten sich, und selbst die Vorlesungen, deren Zugkraft am größten war, hatten von Stunde zu Stunde einen dünnern Besuch. So konnte es geschehen, daß eines Tages dem Professor ein Gast auffiel, der auf einer der hintersten Bänke Platz genommen hatte und mit der größten Aufmerksamkeit seinem Vortrage über die Geschichte der griechischen Plastik folgte. Er erinnerte sich, daß der Fremde vor der Thür des Hörsaals gestanden hatte, wo die Gäste ihn zu erwarten pflegten, um sich vorzustellen. Diese Zeremonien waren dem Professor unangenehm, und auch diesmal hatte er sich dadurch geholfen, daß er auf die Seite blickend dem Gruße des Fremden ausgewichen und durch die Thür geschlüpft war, ehe der andre seine sieben Worte hatte sagen können. Immer wieder kehrte der Blick des Professors zu dem Gaste zurück, und jetzt mußte er ihn erkannt haben. Eine herzliche Freude leuchtete in seinem Gesichte auf, er hielt einen Augenblick in seinem Vortrag inne, und als er fortfuhr, klang seine Stimme weich und bewegt, sodaß die Zuhörer unwillkürlich aufschauten. Die Augen der beiden Männer hatten sich gefunden und hatten sich gegrüßt.

Als es auf dem Läutewerk zehn Uhr schlug, verließ der Professor den Katheder und schritt durch die Reihen der grüßenden Akademiker. Er ging gradeswegs auf Georg zu, streckte ihm beide Hände entgegen und begrüßte ihn ebenso herzlich wie verbindlich, nicht wie einen Schüler, sondern wie einen Kollegen. Die Studierenden vermuteten in dem gebräunten Manne mit dem lockigen Haar und dem Vollbarte einen namhaften Künstler und traten ehrerbietig auf die Seite.

Als die beiden auf dem Gange waren, sagte der Professor zu Georg: Ich wußte, daß Sie wieder kommen würden! Dann sah er ihn mit scharfem Blick in die Mienen und sagte: Sie sehen anders aus! Er schien mit diesem Befunde zufrieden zu sein.

Während sie langsam die Straße hinschritten, berichtete Georg von seiner Reise und beschloß den kurzen Umriß mit der Mitteilung, daß er den letzten Winter in Paris und Kopenhagen zugebracht habe, daß er jetzt von Berlin und Dresden komme und im Begriffe sei, zu seiner Mutter zu reisen.

Er hatte den Professor bis an dessen Wohnung begleitet und folgte gern der Einladung, mit hinauf zu kommen.

Als sie in das hohe Studierzimmer traten, sah Georg unwillkürlich zuerst nach dem Tische, auf dem sein Modell gestanden hatte; es wurde ihm eigen zu Mute, als er daran dachte, wie er damals mit verwundetem Gemüt, in bitterm Groll, die Trümmer seiner Nausikaa im Arme durch eben diese Thür geschieden war.

Der Professor folgte seinem Blick und erriet Georgs Gedanken. Er sah ihm voll ins Antlitz und fragte:

Sind Sie mir noch böse?

Georg griff nach seiner Hand und erwiderte herzlich:

Sie hatten Recht. Ich bin Ihnen dankbar und …

Und? … wiederholte der Professor lächelnd.

Georgs Wangen wurden dunkel, ein heller, freudiger Blick traf den Professor. Aber er schwieg. Es war, als ob er nach dem rechten Ausdruck suchte.

Der Professor nahm ihm das Wort: Und Sie wollen mir zeigen, daß Sie jetzt etwas besseres machen können.

Ja! sagte Georg, und die Blicke der beiden Männer begegneten sich wieder: das ist der Grund, weshalb ich zu Ihnen komme.

Und nun erzählen Sie mir von Ihren Arbeiten und Entwürfen! Aber bevor wir uns gemütlich niedersetzen, und Sie zu erzählen beginnen, müssen Sie mir eine Bitte erfüllen!

Auch ich trage eine solche auf den Lippen.

Also? fragte der Professor.

Als Georg schwieg und ihn fragend anschaute, sagte er: Ich möchte Sie um die Erlaubnis bitten, gerade so aufrichtig und so streng gegen Sie sein zu dürfen, wie ich damals war, als Sie mein Schüler waren.

Das ist es gewesen, worum auch ich Sie bitten wollte! rief Georg.

Der Professor führte seinen Gast in einen traulichen Winkel seines Zimmers; sie setzten sich auf das kleine schwarze Sofa, das dort stand, und Georg erzählte.

Er fing mit dem Geständnis an, daß er eine zähe, schwerflüssige Natur sei. An Einfällen, woraus Entwürfe, an Eindrücken, woraus Bilder werden könnten, fehle es ihm nicht. Aber was ihn einmal gefaßt habe, das halte ihn fest und lasse ihn nicht mehr los, wie ein hartnäckiger Gläubiger. Und wenn es zum ersten, zum zweiten und zum dritten male mißlungen sei, so verbohre er sich nur um so eigensinniger hinein und ruhe lieber ganz, rege lieber Monate hindurch keine Kohle und keinen Meißel an, als daß er sich etwas neuem zuwende. Und wenn er sich auch zehnmal sage, daß es ihm nie gelingen werde, das Bild, das er immer tiefer erkenne, das sich ihm immer bedeutender offenbare, jemals aus seiner Seele hinauszustellen in die Welt, so kehre er doch immer wieder zu dieser qualvollen Sisyphusarbeit zurück, und hundert glückliche Ideen, die währenddem wie von selbst Knospen trieben, gingen darüber zu Grunde. Das sei die Ursache, weshalb er all die Zeit her nicht viel mehr geschaffen habe als Entwürfe, die er wieder habe fallen lassen; er habe an den großen Kunststätten mehr mit dem Auge studiert, als mit der Hand geschaffen.

Der Professor fragte ihn, was das für Entwürfe seien, mit denen er sich jetzt trage.

Den einen kennen Sie, erwiderte Georg.

Nausikaa?

Gewiß.

Und der andre?

Die Braut von Korinth.

Wie Sie zur Thür hereinkommt?

Nein, wie sie sich langsam und groß vom Lager erhebt, und wie, während sie die Mutter ansieht, die lebensaugende Lust allmählich der Todesstarre weicht.

Sind die beiden Ideen Ihre freie Wahl?

Georg schüttelte mit dem Kopfe, und der Professor sah nachdenklich vor sich hin.

Und welche wollen Sie zuerst ausführen?

Das ist es, was ich nicht weiß! rief Georg schmerzlich. Ich wollte das eine Bild festhalten, aber immer wurde es durch das andre verdrängt.

Der Professor lächelte und sagte: Sie wollen zuerst die Nausikaa schaffen, um einem gewissen Menschen zu zeigen, daß er jetzt kein Recht mehr habe, Ihnen das Modell zu zerschlagen.

Georg errötete und schlug die Augen nieder.

Der Professor ergriff seine Hand und fuhr fort: Wir beide wollen solchen Ehrgeiz und solche Triumphe andern überlassen; sie sind Ihrer nicht wert, und sie sind meiner nicht wert. Versündigen Sie sich nicht ein zweites mal an der holden Nausikaa. Sie ist zu liebenswürdig, als daß Sie etwas andres zu ihr ziehen dürfte, als ihr eigner Zauber. Und noch etwas, Georg! Nur dem wird es möglich sein, dies lichte Menschenkind in all seiner würzigen Lieblichkeit zu schauen, wer selber ein heiteres, klares, festes Gemüt hat. So muß der Spiegel sein, der ihr Bild trinken soll. Ich weiß nicht –

Der Professor sah Georg an.

Ist es Ihnen klar, warum sie Ihnen das erste mal mißglücken mußte?

Georg nickte. Ich hatte meine künstlerische Freiheit verloren, als ich mein Schaffen einem Vorsatze dienstbar gemacht hatte, sagte er. Dann ließ er den Kopf sinken und fügte mit leiser Stimme hinzu: denn dieser Vorsatz kam aus einem bösen Gewissen.

Der Professor war aufgestanden und ging im Zimmer hin und wieder. Plötzlich blieb er vor Georg stehen und sagte zu ihm mit fast herber Stimme:

Böses Gewissen? – das schadet uns nichts. Aber Sorgen und Grillen können wir keine brauchen. Fühlen Sie sich frei, Georg, zu unbesorgtem Schaffen? Brauchen Sie Hilfe? Kann ich etwas für Sie thun?

Der Professor hatte wieder Georgs Hand ergriffen und sah ihn mit dringender Freundlichkeit an.

Georg zog seine Hand zurück und sagte: Ich danke Ihnen, nein.

Wohlan! So gehen Sie an die Arbeit und schaffen Sie uns eine Braut von Korinth, vor der es uns graust, hinter deren rührender Schönheit der Vampyr lauert, und deren Blut kocht von der Lust aber nicht vom Leben – kocht ohne Herz. Was Sie in sich tragen an Zwiespalt und Verwirrung, an schmerzlich großen Erinnerungen und – und an bösem Gewissen, das legen Sie hinein! Und vergessen Sie alles andre! Auch die Kunst hat das Recht, zu sagen: Wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt, denn mich, der ist meiner nicht wert.

Auch Georg war aufgestanden. Das Herz klopfte ihm hoch. Er sah seinem frühern Lehrer in die sprühenden Augen und auf die zuckende Lippe; er griff nach seiner Hand, und ohne zu wissen, was er that, beugte er sich nieder und küßte sie.

Der Professor achtete nicht darauf. Sein Gesicht war bleich geworden, und die schneeweiße Locke, die vorn übergefallen war, sah aus, als ob sie von der Hand des Todes in die Stirn gestrichen wäre. Aber die blauen Augen leuchteten in wunderbarem Glanze.

Georg hatte ihm zum Abschied die Hand gedrückt und stand an der Thür.

Der Professor legte ihm den Arm über die Schulter und sagte:

Frisch ans Werk! Zur Ausstellung müssen Sie fertig sein. Georg, ich will die Freude erleben, daß das Werk meines – das Werk eines Künstlers, der früher mein Schüler gewesen ist, die Welt in Staunen setzt.

Georg stand vor der Thür in der Hausflur und atmete tief auf.

Einige Augenblicke stand er da, dann ward er inne, daß er stand, und fragte sich verwundert, warum er nicht ginge. Da fiel es ihm ein, und er lächelte. Dort neben der Glasthür hatte damals des Professors Tochter gestanden und hatte ihm den verheißungsvollen Gruß mitgegeben: Sie werden es besser machen! Er wartete darauf, daß sie aus einer der Thüren komme. Es war ihm, als müsse er einen Blick aus den schönsten Augen, die er je gesehen hatte, mitnehmen. Aber alles blieb still. In dem Zimmer, aus dem er gekommen war, hörte er den Professor auf und nieder gehen. Was stand er noch hier? Er ging. Aber unwillkürlich trat er in den Winkel, wo sie damals gestanden hatte, als ob er von dort einen Hauch ihrer Gegenwart mitnehmen konnte. Dann ging er die Treppe hinunter und schritt in tiefem Sinnen aus dem Hause.

In seinem Gasthofe fand Georg einen Brief von seiner Mutter. Als er die erste Zeile gelesen hatte, erschrak er, und als er zu Ende war, war er todesbleich geworden. Er starrte auf den Brief, und seine Hand zitterte. Die Mutter schrieb ihm, daß an Martini des letzten Jahres zwei Zinse für die aufgenommnen Pfandschulden fällig gewesen seien, und daß es ihr bis jetzt unmöglich gewesen sei, sie zu bezahlen. Die Darlehnskasse, bei der die Schulden stünden, habe bis jetzt zugewartet und neuerdings noch eine vierzehntägige Frist gegeben. Nachdem nun auch diese abgelaufen sei, habe der Verwaltungsrat in seiner letzten Sitzung beschlossen, beim Gerichte die Zwangsvollstreckung zu beantragen. Von einem Mitgliede des Verwaltungsrates habe sie gehört, daß in der Sitzung hauptsächlich von Georg die Rede gewesen wäre. Ein Teil der Herren hatte gemeint, man solle noch zuwarten, es werde aus Georg doch wohl noch etwas werden, man dürfe die Hoffnung auf den jungen Mann nicht aufgeben. Die andern aber hätten gesagt, er sei ein mißratener Künstler, und das sei die allerschlimmste Sorte von Leuten, aus denen niemals mehr etwas ordentliches werde. Schließlich sei darüber abgestimmt worden, ob Georg verbummelt wäre oder nicht. Mit Mehrheit von zwei Stimmen sei dann festgestellt worden, daß Georg verbummelt wäre, und daraufhin sei der einstimmige Beschluß gefaßt worden, ein gerichtliches Urteil zu erwirken. So werde sie wohl also bald aus dem elterlichen Hause gehen müssen. Und wohin? – Vielleicht ins Armenhaus.

Vielleicht ins Armenhaus! Mit diesen Worten schloß der Brief. Kein weiteres Wort der Klage, kein einziges Wort des Vorwurfs.

Georgs erster Gedanke war: Heim zur Mutter!

Aber was konnte er thun? Was brachte er ihr mit? Nichts. Wenn er mit leeren Händen kam, ohne etwas geleistet zu haben, dann verdoppelte er ja nur ihr Elend! Mit Fingern würde man auf sie und ihren mißratenen Sohn weisen, und die Herren, die gegen ihn gestimmt hatten, konnten sagen: seht ihr, wir haben recht gehabt!

Er warf sich auf das Bett und grub den Kopf in die Kissen. Was sollte er thun? Wenn die Ausstellung eröffnet wurde, mußte sein Werk vollendet sein. Gelang es ihm, dann war wohl der Mutter geholfen. Das war das einzige, was er für sie thun konnte. Aber wie konnte er mit freier Seele schaffen, wenn sein Herz bei der Mutter war, und wenn die fürchterliche Sorge auf ihm lastete? – Sorgen können wir Künstler keine brauchen! Ja, der Professor hatte recht! Er sprang auf und eilte im Zimmer auf und nieder. Dann warf er sich wieder aufs Bett und brach in heiße Thränen aus. Lange weinte er so. Dann wurde er still. Er stand auf und trat ans Fenster. Es kann nicht anders sein! Ich muß dich jetzt vergessen! Nur im Traum darf ich noch an dich denken!

Er schrieb ein paar Zeilen und trug sie auf die Post. Als er zurückgekommen war, nahm er den Brief der Mutter, der auf dem Tische lag, und drückte die Lippen auf den geliebten Namen, wieder und wieder. Es war ihm, als nehme er Abschied, ehe er in ein ander Land ziehe. Thränen fielen auf den Namen, sodaß der selber zu weinen schien und in Thränen zerfloß.

Georg zerknitterte das Papier, legte es auf den Fenstersims und zündete es an. Als die Flamme erloschen und die Asche verglüht war, blies er sie in den Frühlingswind hinaus.

Jetzt an die Arbeit! rief er aus.

Als der Tag verging, hatte Georg alles vorbereitet, um mit dem kommenden Morgenlicht ans Werk zu gehen. Er hatte sich von den Ateliers der Akademie, die während der Ferien leer standen, das günstigste gemietet und einen Block weißen Marmors von seltener Reinheit und Schönheit gekauft. Von dem Reisegeld, das ihm noch übrig war, hatte er so viel zurückgethan, als er für die folgenden Wochen bei den bescheidensten Ansprüchen fürs Leben brauchte, der Rest reichte gerade hin, für den gekauften Marmor die geforderte Anzahlung zu machen.

Das war nun alles abgethan, Georg warf sich mit den Kleidern auf das Bett und verbrachte eine unruhige Nacht. Lange vor Tag wachte er auf und ging nun den Rest der Nacht ruhelos im Zimmer auf und nieder. Er hatte von seiner Mutter geträumt, und jetzt dachte er an seine Arbeit. Er rang mit den Schatten, die ihn besuchten. Er hielt sie fest, wenn sie fliehen wollten, und zwang sie zu bleiben, Auge in Auge. Und wenn sie ihn übermannen wollten, dann kämpfte er mit ihnen Brust an Brust, bis er sie überwältigt hatte und sie ihm bekannten: wir sind dein eigen, und du bist unser Herr.

Als die graue Dämmerung zum Fenster herein schaute, löschte er die Lampe, verließ das Haus und eilte durch die hallende Straße nach dem Atelier.

Und als er dann in den großen, schweigenden Raum trat, in den die Mitternacht geflohen zu sein schien, denn es war hier finster, und der Marmorblock gab einen gespenstischen Schein, da ward er von der Größe seiner Aufgabe überwältigt.

Er sank auf die Kniee und griff mit den Armen empor in die grauschwarze Höhe und griff nach etwas Unendlichem, Übermenschlichem, es herabzuziehen an sein Herz. Er wußte nicht, ob er betete, ob er träumte, ob er mit seiner Stimme schrie oder nur mit seinem Herzen. Es war ihm, als ob es um ihn rausche und herniederflute, und als müsse er demütig stille halten und schweigen mit allen Sinnen, damit der Segen ihn weihe.

Als er aufstand, schaute das bleiche, kühle Morgenlicht zum Fenster herein. In Gottes Namen! rief er fröhlich, und mit hochgemuter Seele ging er ans Werk.

2

Georg hatte den Gegenstand so lange in sich herumgetragen, daß er über den Plan des Ganzen und die Einzelheiten völlig im Klaren war. So ging ihm die Arbeit rasch von der Hand. In wenigen Tagen hatte er das Modell zustande gebracht und war damit zufrieden. Er ging alsbald an den Stein. Den Gedanken, ihn zersägen zu lassen, hatte er aufgegeben, denn er war überzeugt, daß es ihm besser gelingen werde, die Korinthierin sich aus der gelösten Gemeinschaft emporheben zu lassen, wenn er sie und den Jüngling aus einem Steine herausarbeite.

Mit Frohlocken sah er, wie die beiden Gestalten aus dem Elemente hervorquollen, und Tage hindurch genoß er das Pygmalionsentzücken, daß unter seiner schaffenden Hand der tote Stein zuckte und bebte, sich schmiegte und widerstrebte, anschwoll und zurückwich, und wie dem schöpferischen Anhauch seiner Seele zwei lebendige Seelen entgegenatmeten.

Rasch war seine Arbeit so weit vorgeschritten, daß ihm lebendige Modelle not thaten. Für den athenischen Jüngling fand er einen Zimmergesellen, den er vom Bauplatze weg in sein Atelier mitnahm. Nach einigen Tagen brauchte er ihn nicht mehr. Und eben so flink war er damit fertig geworden, in das Gesicht des Jünglings die Mischung von Schrecken und Scham und liebender Sorgfalt hinein zu meißeln.

Nun kam der schwerere Teil der Arbeit. Auch für das korinthische Mädchen hatte er bald ein geeignetes Modell gefunden. Es war eine junge Frau, die jeweils ihren Säugling mitbrachte. Der lag dann in einem Korb und strampelte mit den Beinen oder kroch auf einer Matratze herum. Wenn er schrie und die Mutter gerade nach vielem Versuchen und Verbessern die rechte Stellung inne hatte, dann lief Georg mit dem kleinen Bengel im Atelier auf und nieder, bis er sich zufrieden gab. Und wenn die Mutter im Winkel hinter einer spanischen Wand ihr Kindlein säugte, und er unwillkürlich unterdessen die Schläge auf den Meißel dämpfte, da kam über ihn der Gedanke, was es für ein unendliches Glück sein müsse, ein Kind sein eigen zu nennen. Mit einer Art von Neid sah er dem Manne nach, der am Abend die Seinen im Atelier abholte. Nun war die Arbeit soweit gediehen, daß er das Modell nicht mehr brauchte. Aber der kleine Schelm streckte die Ärmlein nach der Thür aus, wenn die Mutter am Atelier vorüberging. Als sie einmal des Mittags, das Kind auf dem Arm, ihrem Manne das Essen zutrug, wurde sie von einem Aprilenschauer überrascht. Sie trug das Kind schnell hinein in das Atelier, setzte es auf die Matratze nieder und holte es dann auf dem Rückwege wieder ab. Auf Georgs Bitte that sie dies nun Tag für Tag, und es war für den einsamen Künstler die einzige Erholung, die er sich gönnte, mit dem jauchzenden Kindlein zu spielen, während er sein mitgebrachtes Mittagbrot verzehrte.

Er stand nun vor dem schwersten Stück seiner Arbeit. Es hatte ihn gebrannt, bis dahin zu kommen, aber mit jedem Schritt, womit er sich diesem Ziele näherte, war die Spannung in seiner Seele angstvoller geworden. Jetzt aber hatte er nichts andres mehr zu thun. Dies eine war übrig, der lang und langsam aufsteigenden Gestalt den Ausdruck des lebensaugenden Todes zu geben, zur Empfindung zu bringen, daß unter dieser schwellenden Brust kein Herz schlage, daß unter dieser gespannten Haut das Blut starre, daß die empfangne Glut verglühe und die zurückgewichene Todeskälte ausgreife; es galt vor allem in dem schönen Antlitz, in den weitgeöffneten Augen Erstorbensein und Gier zu mischen und darüber eine leise Wehmut und einen Traum von Mitleid zu hauchen.

Georg erschrak über die Deutlichkeit, in der sich ihm die Aufgabe offenbarte, und er spannte jeden Nerv zur innern Schau, um im Abgrund seiner Seele das gesuchte Bild zu finden. Sonst war er heimgegangen, wenn der Abend hereinbrach. Jetzt blieb er oft bis zur Mitternacht in dem spärlich erleuchteten Atelier, er freute sich beim Auf- und Niederschreiten an seinem riesengroß aufsteigenden und zusammenhuschenden Schatten, und mit leisen, leisen Meißelschägen gab er den ziehenden Gliedern der emporwachsenden Gestalt das gespenstische langsame Steigen und die Starrheit des endlos einatmenden Grabes. Und endlich legte er den Meißel aus der Hand. Er stand und sah im Dämmerschein mit wonnigem Grausen auf die Braut –

Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt
Lang und langsam sich im Bett empor.

Das war gelungen. Nun das Gesicht! Die Augen! Es vergingen zwei, drei Tage, ohne daß Georg den Meißel anrührte. An einem dieser Tage schweifte er ruhelos durch den Wald. Aber er hörte nicht die Drossel schlagen und sah nicht die Anemonen leuchten. Wer ihm begegnete, der blieb wohl stehen und dachte: den jagt das böse Gewissen dahin. An den andern Tagen weilte er im Atelier; in ruheloser Hast wanderte er auf und nieder, oder er warf sich auf die Matratze und starrte zur Decke. Wenn die Arbeiterfrau ihr Kindlein brachte, dann spielte er so wild mit ihm, daß es vor lauter Jauchzen in Weinen ausbrach.

Es war nur ein einziges Geschäft, das Georgs Seele an diesen Tagen trieb: er wühlte in den Zügen eines Antlitzes, das ihm in klarster Lebendigkeit vor den Augen stand. Hier, nirgends anders als hier allein konnte er das Bild finden, das er mit all seinen Kräften suchte. Gertraud!

Mit allen Fibern durchlebte er tausendmal den Augenblick, wo er die Wilde in seinen Armen gehalten hatte, und sie mitten im verzehrenden Kusse kalt und starr wurde, und es ihm vor ihr graute, als wäre sie tot, durch die Lustgier aus dem Wasser getrieben.

Gertraud! Wo weilte sie? In welchen Armen löschte sie ihre Glut? Aus welchen Lippen saugte sie jetzt die Lebensflamme?

Es war am Abend vor dem Tage, wo die Ausstellung eröffnet werden sollte. Die Stadt hatte den ausstellenden Künstlern ein Fest bereitet. Auch Georg war eingeladen worden, aber er hatte nicht daran gedacht zu gehen.

Er war in seinem Atelier, einsam bei seinen Gestalten. Hundertmal setzte er den Meißel an, aber eben so oft ließ er ihn wieder sinken. Er wagte nicht den entscheidenden Schlag zu führen.

Da horchte er auf. Eine ferne Musik tönte zu ihm herüber. Diese sehnsüchtigen, aufreizenden Töne hatte er schon einmal gehört. Sie weckten die Erinnerung an den wildesten Tanz seines Lebens in ihm auf: Gertraud!

Er öffnete das Fenster. Die würzige Nachtluft strömte herein. Die Sterne blitzten am Himmel. Drüben über der Straße war die Fensterflucht glänzend erhellt. Von dorther tönte die Musik.

Die leis gellende, herbe, heiße Wäldlermusik voll lüsternem Frühlingssausen zog ihn hinüber mit Gewalt. Nur einen Augenblick! dachte er. Er löschte das Licht nicht. Er wollte sogleich wieder da sein. Der Hut! Wo war er? Dort lag er auf dem Stuhl. Er stülpte ihn auf den Kopf, schloß das Atelier hinter sich ab und ging über die Straße hinüber dem Hauptgebäude der Akademie zu.

Als er ins Treppenhaus getreten war, stand er geblendet von dem Lichterglanz und der strahlenden, heitern Pracht. Zwischen blühenden Orangenbäumen und den schwellenden Polstern leuchtender Azaleen stieg er die Marmortreppe hinauf. In dem Vorraum, der in einen Garten verwandelt war, und in dessen Mitte ein Springbrunnen plätscherte, wandelten schöne Paare. Georg sah an seinen schlichten Kleidern nieder und dachte: was thue ich arbeitsschwerer Mann hier an diesem Feste der Fertigen und Genießenden? Es ist besser, daß ich mich aus dem Staube mache. Aber der Diener, der ihn wohl kennen mochte, kam auf ihn zu und sagte: Der Herr wollen auf die Galerie? Hier geht es hinauf! Er öffnete die Thür, und Georg trat in einen hellen Gang, und da ihm gerade der Einfall kam, wie doch die Bauernmusik zu diesem glänzenden Feste komme, oder ob er nur von ihr geträumt habe, so ging er den Gang entlang und stieg die Treppe hinauf. Die Galerie war mit Zuschauern dicht besetzt. Da Georg nur einen Augenblick zu bleiben gedachte, suchte er sich keinen Sitz, sondern trat an eine Säule vor, sodaß er unmittelbar vor der niedern Brüstung stand. Von hier konnte er den großen Saal vortrefflich überblicken.

Er sah in eine berückende Welt hinab. Die Pracht war die Wirtin, Freude und Schönheit waren die Gäste. Im vordern Teile des Saales saßen Frauen und Männer an kleinen Tischen, jede Gruppe für sich. Lichte Bänder von Immergrün, freundlich ernste Tannenreiskränze wanden sich, von Zwergen getragen, zwischen den Tischlein hin und schufen eine anmutige Grenze, die zusammenschloß, was sich gesucht hatte, aber den neckenden, reizenden Blicken ihr Spiel in die Ferne nicht wehrte. Der hintere Raum des Saales war von einer Bühne eingenommen, und ein Blick dorthin fand die Lösung des Rätsels, dessen Reiz Georg hierher gezogen hatte.

Ein Schäferfest wurde dort gefeiert. Ein Krämer hatte im Hintergrund seinen Tragkorb abgestellt, Schäfer und Schäferinnen drängten sich um ihn her, und er verkaufte dem um ihn schwirrenden Volke gedruckte Balladen, deren Inhalt er pries, farbige Bänder, gestickte Mieder und Perlenschnüre.

Im Vordergrunde standen alte Schäfer im Gespräch, und hinter einem blühenden Rosenstrauch war ein schönes hochgewachsenes Paar zu schauen. Der Jüngling redete zu dem Mädchen, das verschämt das Haupt gesenkt hielt.

Georg besann sich. Hatte er dies Bild nicht schon einmal gesehen? Er lauschte den Versen und sagte erfreut zu sich: Das Schäferspiel aus Shakespeares Wintermärchen! Dort hinten kommt der Schelm Autolykus, der die Gesellschaft begaunern wird. Und dort das Mädchen, das die Blumen austeilt, ist die liebliche Perdita, die Königin des Schäferfestes.

In den Tagen, als Georg zum erstenmale seinen Shakespeare las, hatte es ihm das liebliche Königskind angethan, und sie war ihm oft bei seinen einsamen Spaziergängen vor die Seele getreten, bis sie von Nausikaa verdrängt worden war. Darum blieb er stehen, obgleich er nur einen Augenblick hatte verweilen wollen, und er sah mit Teilnahme nach Perdita hin, obgleich sein Herz bei der Arbeit war. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, denn sie teilte unter die Gäste des Festes Blumen aus, aber er freute sich an ihren anmutigen Bewegungen. Jetzt trat sie vor einen Herrn, der eine Larve vor dem Gesichte hatte, und reichte ihm mit scherzendem Wort seine Blumen: Majoran, Lavendel, Minze, Pfefferkraut. Der Beschenkte erwiderte:

Wär ich von Eurer Herde, ich weidete nur meine Augen.

Hu, da würdet Ihr so mager, daß der Nordwind Euch durch und durch wehen würde, antwortete die Schäferin und hob das Gesicht.

Georg fing den Blick geistvoller Laune auf, mit dem sie ihre Antwort begleitete, und fuhr zusammen. Es war Maria, die Tochter des Professors. Nun sah er wieder die schönsten Augen in der Welt und fühlte in ihren Blicken die Macht des sieghaften Tages. Die Nebel wichen, und der blaue Himmel fing zu leuchten an. Maria Perdita, Maria inventa, flüsterte er vor sich hin. Er hatte alles um sich her vergessen. Das Herz schwoll ihm unter den Strahlen dieser wunderbaren Augen vor beglückender Sehnsucht. Gewaltsam riß er seinen Blick los und senkte die Augen. Nicht jetzt, sagte er leise, du verscheuchst mir die Gespenster. Du bist zu klar, zu licht, zu rein für mich. Ich brauche heute Dämmerung und einen Dämon.

Er verließ die Galerie, um in sein Atelier zurückzukehren, und war schon nahe an der Thür, die auf den Vorraum führte, als er hinter sich eine leise Stimme hörte: Holdrio!

Es war ihm, als würde er von einem elektrischen Schlage getroffen. Er blieb stehen, aber war nicht imstande, sich umzudrehen.

Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter, und die Stimme von vorhin fragte:

Kennen wir uns noch?

Gertraud!

Georg!

Es flimmerte ihm vor den Augen. Er fürchtete, es sei ein Traum. Darum faßte er sie am Handgelenk, so fest, daß sie leise aufschrie.

Bist du es wirklich?

So schau mich doch nur an!

Jetzt hob er seine Augen und sah in ihr Antlitz hinein.

Ja, du bist es, und du bist noch schöner geworden, Gertraud! Sie lachte und sagte: Du bist anders geworden. Aber du gefällst mir besser. Du bist kecker.

Er faßte sie wieder am Handgelenk, als ob er Furcht hätte, daß sie ihm entschwinde.

Hast du Zeit, Gertraud?

Ich? wozu?

Bist du allein, Gertraud?

Ja, sagte sie zögernd. Mein Vater ist hier – nicht hier oben, in der Stadt, im Gasthause. Er ist gekommen, um mich zu holen. Ich gehe gern mit ihm. Ich habe Heimweh nach dem Schilf im Mühlenbach. Morgen früh gehen wir. Er sitzt mit neuen Bekannten beim Wein und glaubt, ich läge im Bett. Ich bin hierher gekommen, weil ich hier Einen erwartete. Jetzt habe ich dich gefunden, und es ist gut.

Du mußt mit mir gehen, Gertraud! Wenn auch nur auf eine halbe Stunde!

Sie warf ihm einen scharfen Blick zu und sagte: Ich gehe voraus und erwarte dich drunten in der Mitte der Straße.

Ohne umzuschauen, ging sie zur Thür hinaus. Er wartete eine kleine Weile und folgte ihr dann. Unten fand er sie auf der Straße.

Hier hinüber! sagte er und wies nach seinem Atelier.

Er ging voran, und sie folgte ihm.

Als er die Thür zu seinem Arbeitsraum aufgeschlossen hatte und Gertraud nun eintreten ließ in den großen, dämmerigen, ungastlichen Raum, rief sie enttäuscht:

Hier?

Georg nahm sie bei der Hand und führte sie vor seine Gruppe.

Sieh dies an, Gertraud!

Sie stieß einen Schrei der Bewunderung aus.

Verstehst dus, Gertraud?

Das Mädchen sah die Gruppe aufmerksam an und sagte dann im Tone des Bedauerns:

Sie sind gestört worden.

Ja, Gertraud, von der Mutter. Sieh dir einmal die Braut genauer an.

Sie sieht aus, wie wenn sie aus dem Grab heraufsteige.

Gertraud! rief Georg erfreut und faßte sie am Arm.

Und nun sieh dir einmal ihr Gesicht näher an!

Es ist nicht erschrocken, wie das seine.

Weiter. Gertraud!

Es ist still, fügte sie leise hinzu.

Weiter, Gertraud! raunte Georg.

Es ist, – –

Sie schrak zusammen und wich schaudernd zurück.

Georgs Auge flammte. Er führte sie wieder zum Bildwerk.

Und nun ihr Mund, Gertraud!

Er hat geküßt.

Gewiß, Gertraud! Siehst du sonst nichts?

Doch! Er hat nicht genug geküßt! zischte das Mädchen.

Und die Augen, Gertraud, schau einmal die Augen an.

Gertraud sah zu den Augen empor und schwieg.

Nun, Gertraud?

Ich glaube, ich verstehe diese Augen, flüsterte sie fast unhörbar.

Sie wandte sich um und sah Georg an. Es lag in ihrem Blick ein kaltes Gefunkel, eine starre Wildheit.

Und was sagen denn ihre Augen?

Wehe dir und wehe mir! erwiderte Gertraud nach einigem Besinnen.

Georg sah sinnend vor sich nieder. Dann hob er den Kopf und fing wieder an.

Gertraud, kennst du die Geschichte von diesem Paare?

Nein.

Setze dich hier auf die Matratze, ich will sie dir erzählen.

Georg ging zurück zu seinem Stuhle, der im tiefen Schatten stand. Er drehte den Arm der Gaslampe so, daß Gertrauds Gesicht hell beleuchtet war. Dann setzte er sich, und seine Gefährtin unverwandt anblickend erzählte er:

Weißt du, was der Vampyr für ein Tier ist, Gertraud? Er ist eine Art Fledermaus, nur größer. Er kommt in stiller Nacht zu den schlafenden Menschen. Er setzt sich ihnen auf den Hals oder schlüpft ihnen auf die Brust. Da sitzt er und saugt den Schlafenden das Blut aus.

Ah! rief Gertraud.

Gefällt dir das?

Das Mädchen gab keine Antwort.

Nun geht die Sage, daß es Mädchen giebt, denen die Liebe nicht ward oder nicht genug Liebe, und die, wenn sie gestorben sind, aus dem Grabe steigen und des Nachts schöne Jünglinge besuchen. Sie liebkosen sie und saugen ihnen das Blut aus.

Ah, seufzte Gertraud.

Gefällt dir dies?

Gertraud schwieg.

Es war stille im Atelier. Georg hörte Gertrauds schweren Atem.

Diese dort ist eine solche, sagte Georg leise.

Die Glückliche! rief Gertraud.

Georg spannte jeden Nerv des Schauens an.

Sie war seine Braut, fuhr Georg fort. Aber ihre Mutter that schwerkrank das Gelübde, daß, wenn sie genese, die Tochter Nonne werden sollte. Die Mutter genas, und die Tochter ward in die Zelle gesperrt. Sie starb und wurde begraben. Der Jüngling erfuhr nichts davon. Da kam er aus der Ferne, um die Braut zu holen. In später Nacht traf er ein. Die Mutter empfängt ihn und führt ihn zum Lager. Sie verschweigt den Tod der Tochter. Da steigt die Tote aus dem Grab und geht in das Haus der Eltern. Es ist ihr, als ob sie noch lebe und aus ihrer Zelle komme. Sie tritt in das Gemach, worin der Jüngling ruht. Sie erkennen sich als Braut und Bräutigam. Sie giebt ihm ihre Kette und empfängt eine Locke von seinem Haupte. Sieh dort die Locke in seiner Hand!

Und dann?

Das Weitere siehst du.

Gertraud drehte ihr Antlitz den beiden Gestalten zu. Eine Weile blieb sie so unverwandt; darauf sah sie Georg wieder an und fragte:

Und dann?

Im nächsten Augenblick ist die Braut entschwunden, und der Jüngling sinkt sterbend auf das Bett zurück.

Gertraud sah wieder hin, zuerst auf den Bräutigam und dann auf die Korinthierin.

Er thut ihr leid, sagte sie.

Dir nicht auch, Gertraud?

O nein, – das ist ein schöner Tod.

Meinst du, Gertraud?

Sie schwieg.

Sie stützte den Ellbogen auf das Knie, legte Kinn und Wange in die Hand und sah Georg an.

Warum sitzest du mir so ferne, Georg? Fürchtest du dich vor mir?

Georg stand auf und trat ganz in den Schatten zurück.

Wir verstehen uns ja so, Gertraud, und ich sehe dich.

Und ich sehe dich auch.

Ihre Brust hob sich. Ihre Gestalt schien zu wachsen.

Ist die Geschichte wahr, Georg? fragte sie leise. Und ohne seine Antwort abzuwarten, sagte sie laut und nachdrucksvoll: Sie ist wahr. Jetzt weiß ich auch, weshalb mir vor mir selber graut.

Gertraud stand auf, lang und langsam und ging auf Georg zu.

Sie hob die Arme in die Höhe, die Ärmel des Kleides fielen zurück, und weiß wie Schnee schimmerte die Haut.

Was willst du, Gertraud? rief Georg erschrocken.

Dich! raunte sie und ging mit ausgestreckten Armen auf ihn zu.

Zurück!

Aber schon hing sie an seinem Halse, hatte ihre Arme um seinen Nacken geschlungen und bedeckte sein Gesicht mit verzehrenden Küssen.

Mit ungeheurer Gewalt kämpfte er die aufsteigende Leidenschaft nieder. Aber wie sie nun so an ihm hing und flammenhauchend Flammen suchte und das Feuer der Augen in Thränen erlosch, da war seine Kraft dahin; Grauen hatte sie gelähmt, Mitleid hatte sie geschmolzen. Er sank auf die Kniee, und sie glitt an ihm nieder. Er wollte sie von sich stoßen und zog sie an sich. Matt fiel ihr Haupt auf seine Schulter. Schwer lastete sie an seiner Brust. Ein Zittern lief durch ihren Leib. Dann ward es stille in ihr. Ihre Stirne glitt von seiner Schulter herab.

Gertraud! rief er und faßte die Zusammensinkende auf.

Sie gab keine Antwort und regte sich nicht. Er stand mit seiner Last auf. Da fiel ihr Antlitz in den Nacken zurück. Der helle Schein des Lichtes fiel darauf. Er sah in ihr Gesicht, und ein Schauer durchrieselte ihn. Er sah nach der Korinthierin hinüber und rief: Die Braut aus dem Grabe!

Er stürzte mehr, als daß er ging, dem Lager zu. Als er seine Last da niederließ, empfand er einen Schmerz an seinem Haupte. Sie hatte eine Locke erfaßt und hielt die ausgerissene um den Finger geschlungen.

Georg starrte die Locke an, und er empfand einen Schmerz an seinem Herzen wie von einer ungeheuern Angst, die es zusammenpreßte.

Er lag auf den Knieen vor dem Lager und wehrte mit beiden Händen dem Todeshauch, der ihm entgegenwehte.

Die Locke lügt. Sie scheint nur grau. Mein Herz ist jung. Ich welke noch nicht. Und du?

Er fühlte nach ihrer Hand; sie war kalt. Er horchte an ihrem Munde. Der Odem ging still und leise. Er fühlte an ihrem Herzen. Es pochte in ruhigem Schlage.

Auch du lebst. Und wenn du doch eine bist, eine wie die da, – und ich morgen sterben muß, so soll –

Er vollendete nicht. Mit Gewalt raffte er sich auf. Langsam ging er auf die steinernen Gestalten zu – er griff nach seinen Werkzeugen und setzte den Meißel an den Mund der Korinthierin.

Unbeweglich lag Gertraud auf dem Lager. Sie schien mit offnen Augen zu schlafen oder traumbefangen zu wachen. Stunde um Stunde verrann. Man hörte nichts als das Knirschen des Steins und den Zuspruch des Meißels, der bald wie zärtliches Geflüster, bald wie rauschende Küsse, bald wie leis hervorgestoßene Drohworte klang. Und der Stein war gehorsam, er wurde, was der Meister wollte.

Georg trat leise zurück, um die Schläferin nicht zu wecken, und sah das dämonische Weib an. Jetzt ist sies! sagte er leise. Auf den Zehen schlich er her. Eine Befangenheit war über ihn gekommen, als stünde er einem großen, heiligen Rätsel gegenüber, einer wunderbaren, fremden Sache, die ihn doch so nahe anging wie sein eignes Herz. Es war ihm zu Mute wie der Braut am Hochzeitsmorgen, wie dem Priester am Tage der Weihe. Und mit der scheuvollen Beklommenheit mischte sich eine stille, große Freude.

Jetzt noch eins, sagte er zu sich. Ich weiß, wie du fühlst, armer Geselle. In deinem Antlitz fehlt noch eins. Du ahnst das Entsetzliche, du fühlst den heranschleichenden Todesschreck, auf dein blühendes Leben fällt der Schatten deiner Braut, der Schatten des Sterbens.

Aber auch auf dein Antlitz soll Schatten fallen, Gertraud, er soll dein mattwildes Herz zudecken, daß es der Nachttau erfrische.

Er drehte die Lichter auf die Seite, sodaß die Ruhende im Schatten lag. Dann griff er wieder zu Meißel und Stichel und beugte sich auf das Antlitz des Jünglings nieder. Das Zucken und Rieseln und Stäuben des Steins, das schmeichelnde und drohende Werben des Eisens, – sonst kein Laut. Da verstummte die Zwiesprache. Aber vom Lager her klang ein unterdrücktes Schluchzen. Weinte sie im Schlaf? Wachte Gertraud?

Niemand hörte sie. Der Meißel war aus der fleißigen Hand gefallen. Der Meister war an seinem Werke niedergesunken und lag entschlummert auf dem Boden.

3

Es war tageshell im weiten Raume, und der blaue Himmel schaute herein, wer weiß, wie lange schon, als Georg aus dem Schlafe schreckte. Er richtete sich auf und sah um sich.

Es ist vollendet! war sein erster Gedanke. Dann kam ihm Gertraud in den Sinn. Das Lager war leer. Das Mädchen war verschwunden.

Er stand und griff sich an die Stirne. Hatte ihm alles geträumt? Das letzte, dessen er gewiß war, war die bäuerliche Musik, die vor Mitternacht in sein Atelier getönt hatte, und nun, daß er hier am Fuße seines Kunstwerks geschlafen hatte. Alles andre war doch wohl nur ein wildes Spiel seiner gepeitschten Phantasie gewesen. Aber dann sah er die steinerne Braut an. Ihr Antlitz hatte über Nacht eine dämonische Schönheit gewonnen, die ihm jetzt unbegreiflich erschien. Und über das Gesicht des Jünglings zuckte das Wetterleuchten einer noch fernen, aber heranfliegenden Angst. Auch daran hatte er vorher nie gedacht. Wie war das eine und das andre geworden? Das war gewiß, als er die Pfeifen und Schalmeien gehört hatte, da war er mit seinem Werke nicht zufrieden gewesen. Und jetzt? Es war vollendet. Er hatte ihm nichts mehr zu sagen. Er konnte gehen.

Hinaus! hinaus! rief es in ihm. Er hatte Verlangen nach frischer Luft und lichtem Tag, nach einer Wanderung in der Morgenkühle. Welche Stunde mochte es sein? Seine Uhr war stehen geblieben. Er öffnete die Thür. Eine warme Flut von Sonnenschein quoll ihm entgegen.

Noch einen Blick warf er auf sein Werk. Dann schritt er auf die Straße hinaus. Es war ein wunderschöner Tag. Der Rasen leuchtete, und das Gebüsch flimmerte im Sonnenschein, die Amseln flöteten, und die Lerchen trillerten.

Georg fühlte sich müd und abgeschlagen, aber ums Herz war es ihm froh und leicht. Er ging durch die Straßen der Stadt. Der Tagesverkehr war in voller Höhe. Nun kam er an einen Kirchturm. Es war neun Uhr vorüber. Wenige Schritte davon war das stattliche Haus des Professors. Georg stellte sich in den Schatten eines Altans, denn die Sonne schien grell über das Dach herüber, und er sah hinauf. Im dritten Stock waren zwei Fenster geöffnet, drei waren verhängt. Dort hinter den Gardinen schlief sie wohl noch. Langschläferin!

Horch, horch! Die Lerch im Äther blau.
Und Phöbus steigt bergan!

Wie kam er doch auf Shakespeare? Imogen! Nein, Perdita! Maria Perdita, Maria inventa! Daher der lange Schlummer in den Morgen hinein. Träumst du noch von deinem Schäferinnenkönigtum? So war also auch dies Wirklichkeit, kein Traum! Schlafe süß bis zum Mittag. Wenn du deine wunderschönen Augen aufschlägst, dann ist es Mittag, die Dämmerung und der Dämon sind weit, weit weg.

Halt! – Es war ihm ein Gedanke gekommen. Er schrieb auf eine Karte, die er auf einen Briefschalter auflegte, ein paar Worte an den Professor. Er bat ihn, sich seines vollendeten Werkes anzunehmen und ihm einen günstigen Platz im Ausstellungsraume zu erwirken, da er selbst sich auslaufen müsse und nach seiner Mutter sehen wolle. Er rief einen Dienstmann herbei und gab ihm die Karte, dann eilte er seiner Wohnung zu.

Er fand die Wirtin vor der verschlossenen Thür mit dem Frühstück stehen. Zum drittenmale bin ich da und klopfe, sagte sie. Wo hätte ich auch gedacht, daß Sie die ganze Nacht durchschwärmen würden! Aber es muß schön gewesen sein auf dem Künstlerfest. Sie sehen vergnügt aus, nicht wie einer, der die Nacht durchzecht hat, sondern wie ein Bräutigam, der in der Nacht vor der Hochzeit nicht hat schlafen können.

Georg lachte. Er nahm ihr das Frühstück ab und trat in sein Zimmer. Wie that es ihm wohl, die Arbeitskleider abzulegen, sich frisch zu kleiden und den Staub aus dem Gesichte zu waschen! Wie that ihm der Kaffee gut! Hastig packte er etwas Wäsche in die Reisetasche, steckte seine Brötchen hinein, hängte sie über die Schulter, griff nach seinem Stock und eilte auf die Straße zurück.

Sein Weg führte ihn über den Markt. Die Apfelsinen lachten ihn an. Er blieb stehen und kaufte sich einige. Während ihm die Hökerin herausgab, nahm sie ein unterbrochnes Gespräch wieder auf.

Es ist eine Schande, wie er sie geschlagen hat! rief sie ihrer Nachbarin zu. Auf offner Straße! Der Vater sein eignes Kind, und ein so sauberes, stolzes Mädchen! Mein Mann hats nimmer ansehen können und wollte ihm wehren. Da kam er schön an! Er war froh, wie er den Wüterich wieder los hatte. Wir haben ihnen noch lang nachgesehen. Er hat immer auf sie losgeschlagen und sie geschimpft vor den Schulkindern mit dem ärgsten Schimpfwort, das es für uns Weiber giebt. Es war eine Schande! Endlich kam ein Schutzmann und hat ihm gedroht, er würde ihn verhaften, wenn er das Mädchen nicht gehen lasse.

Die Nachbarin erwiderte: Sie wirds nicht anders verdient haben. Dem leichtfertigen Fleisch gehört es so.

Die sah nicht so aus! sagte die erste. So ein bildschönes Ding! Sie hat mich in der Seele gedauert, wie sie sich schlagen ließ und immer nur still vor sich hin weinte.

Georg hatte längst sein Geld herausbekommen. Aber er stand immer noch da.

Wollen Sie noch etwas? fragte ihn die Hökerin.

Wer war es?

Georgs Stimme bebte, als er fragte:

Wer?

Das Mädchen, von dem Sie erzählen?

Was weiß ich?

Was hat sie für ein Kleid angehabt?

Die Marktfrau kreuzte die Arme über der Brust und schwieg.

Bitte, antworten Sie mir doch, bat Georg.

Einen Unterrock und einen Überrock, sagte die Hökerin und ließ das Haupt auf die Brust sinken, als ob sie einnicken wollte.

Georg ging mit schwerem Herzen von dannen.

Wie wird Gertraud von ihrem Vater empfangen worden sein? Oder ist sie es selbst gewesen, das arme Ding, das still vor sich hin weinte, während der Vater sie mit Schlägen zum Bahnhof trieb?

Er hatte die staubige, rauchende Vorstadt hinter sich gelassen, die letzte Fabrik, den letzten Lagerplatz, die letzte Baustätte. Nun schritt er die schöne, sanft ansteigende Landstraße dahin zwischen hochgewachsenen breitastigen Nußbäumen, deren Ruten kräftige rostbraune Knospen trugen. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Die Blütenbüschel der im Feld und in den Gärten stehenden Birnbäume waren im Aufbrechen, und die Abhänge des Gebirges, an dessen Fuß die Landstraße hinzog, schimmerten von der Pracht der Kirschenblüte. Die Meisen und Finken zwitscherten und pfiffen ihre kecken, hellen Liedlein; und in den Feldern und auf den Weinbergen arbeiteten die Landleute. Alles glänzte und klang von Freude und Hoffnung.

Georg sah die Frühlingsherrlichkeit und empfand sie tief im Herzen. Aber er konnte sich nicht mitfreuen. Der Gedanke an Gertraud lastete schwer auf seinem Gemüt, und die Müdigkeit, die wie ein Gewappneter über ihn kam, ihm auf den Augenlidern lastete und ihm die Kniee niederdrückte, that ihm nicht wohl, wie sie dem Bauern thut, wenn er des Abends die Hacke in den Stallwinkel stellt, sondern sie war verbunden mit dem Gefühl einer peinlichen innern Leere und mit einer Schlaffheit, die fast unerträglich war. Es war ihm, als wäre die Braut weggezogen aus dem Hause seines Gemütes, und als wäre nun alles, was darinnen vorhanden war, wertlos und bedeutungslos geworden. Alles hing in ihm darnieder. Keine Sehne war mehr gespannt, kein Bolzen mehr aufs Ziel gerichtet, und wenn er sich auch sagte, daß er von diesem qualvollen Zustand erlöst sein würde, sobald sein Herz einen neuen Gegenstand ergriffen hätte, und dadurch seinem Schaffen eine neue Aufgabe gestellt wäre, so kam es ihm doch zugleich unmöglich vor, daß ihm je wieder dergleichen gelingen könnte. Die gelösten Organe in seinem Innern kamen seinem Bewußtsein so unscheinbar und dürftig vor, daß er sich nichts zugetraut hatte. Das Kunstwerk, das er vor wenig Stunden vollendet hatte, erschien ihm als ein Rätsel, war ihm selbst durchaus unbegreiflich. Es war ihm schon so fern gerückt, daß sich ihm die Umrisse verwischten, und es war ihm so gleichgiltig geworden, daß der Gedanke, was daraus werde, keinen Augenblick sein Herz drückte. Dagegen befiel ihn die Sorge, es möchte mißlungen sein. Er konnte die Befriedigung nicht begreifen, in der er geschieden war, und vor dem Gedanken, es wieder zu sehen, fürchtete er sich fast; es wurde ihm immer mehr zur Gewißheit, daß es ihm verfehlt erscheinen müsse, wenn er es mit nüchternen Augen anschaue.

Unter der Last solcher Gedanken war er den Tag über dahingezogen, und das Wandern schuf ihm immer weniger Freude. Darum beschloß er, schon am frühen Abend die Nachtrast zu beginnen. Es war dies in einem Dorfe mit reichen Solquellen. Die Läden des großen Badehauses waren bis auf wenige geschlossen, in den Wegen des kleinen Parks lag das faulende Laub vom vorigen Jahre, die gemauerten Tischträger und die eisernen Bankgestelle ermangelten noch der Platten und Sitzbretter. Alles machte den Eindruck einer unbehaglichen, frostigen Verwahrlosung. Um so gemütlicher wars aber drinnen in der Wirtsstube. Es war, wie wenn der große Kachelofen von der Winterfeuerung her noch nachwärmelte. Während Georg sein Abendbrot verzehrte, kamen die Honoratioren des Badeorts: der Arzt, der Apotheker, der Salinenverwalter, ein Förster mit zwei Gehilfen. Sie setzten sich um den breiten Tisch, auf dem eine rotgewürfelte Decke lag. Die Häupter waren in Rauch gehüllt. Es wurde von den Vorbereitungen auf das bevorstehende Geburtsfest des Landesfürsten geredet, von dem Verlaufe der letzten Jagd, von der Pferdekrankheit im Stalle der Salinenverwaltung, von Mitteln gegen den Rheumatismus. Die Gespräche wickelten sich in langsamem Tempo ab. Sie waren von häufigen Pausen unterbrochen, während deren man nichts hörte als das gemütliche Paffen der Pfeife, das Ticken der Uhr, die über den Häuptern der Gäste ihren Pendel gleichmäßig hin und her schwingen ließ, das leise Ab- und Zugehen der Wirtin und die eintönigen Formeln des Zutrinkens. Und welch harmlose Friedlichkeit herrschte in dieser Gesellschaft! Diese Männer duzten sich alle. Sie nannten sich mit scherzhaften Titeln wie Oberforstrat, Medizinalrat, Geheimer Kamillenrat, sie kannten ihre Verhältnisse bis auf das Befinden des Dachshundes und den Zustand des Gartenzauns.

Als Georg zu Nacht gegessen hatte, trat einer von den jungen Forstleuten auf ihn zu und lud ihn im Namen der Gesellschaft ein, sich an deren Tisch hinüber zu setzen.

Georg dankte, er sei zu müde, ein erträglicher Gesellschafter zu sein. Aber diese Freundlichkeit that ihm überaus wohl. Es war die einzige, die ihm heute zu teil geworden war.

Er ging in sein Zimmer hinauf und legte sich zur Ruhe. Wie wohl that ihm die köstliche Stille! Als er im Einschlafen war, sah er einen langen Pendel vor sich, der sich in sanften, grauen Tabakswolken regelmäßig hin und wider schwang, und er hörte ganz deutlich ein stilles, behagliches Uhrticken. Darüber schlummerte er ein.

Am andern Morgen fühlte er den Körper erfrischt, aber das Herz war ihm noch schwerer geworden. Ihr glücklichen Menschen! sagte er still, als er beim Frühstück an den Tisch hinübersah, um den die Gesellschaft gestern vereinigt gewesen war. Jeder von euch thut sein Geschäft und küßt seine Frau und hat seinen Anteil an Einfluß und Ehre in eurer kleinen Welt.

Als er aufbrach, fragte er die Wirtin, ob die Herren heute abend wieder kämen. Natürlich, war die Antwort, alle Abend, nur am Donnerstag nicht; da gehen sie in die Krone. Georg trug einen freundlichen Gruß an die Tafelrunde auf und schied aus dem Gasthause.

Auch heute war es schön. Aber der Himmel war nicht mehr so klarblau wie gestern, er war dunstig, und die Sonne brannte schon am frühen Morgen. Georg bog in ein Thal hinein und wanderte aufwärts zwischen Wiesen und Obstgärten durch stattliche Dörfer, vorbei an klappernden Mühlen und reichen Höfen. Überall sah er die fröhlichste Thätigkeit. Die Straße führte vom Thale weg auf die Höhe und zog nun zwischen Ackerfeld hin. Hier keimte die zarte grüne Saat, dort hauchte das umgebrochne Blachfeld würzigen Erdgeruch. Georg stand und sah dem Sämann zu, wie er die Furchen hinschritt und den Samen ausstreute in der Haltung eines Erdgottes, dem die Schöpferkraft dienstbar ist. Er konnte sich nicht satt sehen an diesem Bilde. Wenn er hinter einem Wagen herschritt, der von Kühen gezogen langsam, langsam dem Dörflein zuschlich, und im Vorübergehen den Bauer sah, der freundnachbarlich neben dem leeren Dungfasse saß und die träumenden Kühe lenkte, dann hatte er die Kühe streicheln mögen und dem Bauer die Hand drücken, und hätte ihnen sagen mögen: freut euch mit einander! Die Stille friedlichen Tagewerks, die ihn rings umgab, erfüllte sein Herz mit unendlicher Wehmut. Er kam sich vor, als ob er in dieser warmen, friedevollen Welt ein Fremdling wäre, der nur hindurchgehen und denen Glück wünschen dürfe, die darinnen lebten, und dann wieder hineinsteige in die Wildnis seiner eignen Welt, wo die Straße aufhörte und der Pfad sich verlor, und es nur ein Entweder – Oder gab: schwing dich empor mit königlichem Fittich, oder laß die Flügel hängen und traure.

Die Straße bog sich um die Lenden eines Hügels herum und senkte sich in eine Mulde. Ein Dörflein lag da drunten. Rüstig schritt Georg aus. Da sprang von einem Feldwege ein hemdärmliger Bursche, der eine Soldatenmütze trug, hinter einem rollenden Schiebkarren auf die Landstraße.

Mutter, halt! rief er einer ältern Frau zu, die einen Korb voll Rüben, die sie aus dem Rübenloch auf dem Felde geholt haben mochte, auf dem Kopfe trug. Die Frau blieb stehen, griff mit der rechten Hand nach dem Rande des wankenden Korbes und wandte sich langsam um.

Her mit dem Korb! rief der Bursche.

Er hatte die Frau eingeholt und hob ihr den Korb ab und stellte ihn auf den Karren.

Du hast auch noch Platz, Mutter! Als drauf!

Wo nicht gar!

Hast du Sorg, ich werf um?

Nein, Johann, ich vertrau dir gern meine Knochen.

Georg war vorübergeschritten. Jetzt hörte er hinter sich das Knarren des Karrens. Er drehte sich um und sah in das lachende, glückstrahlende Antlitz der Mutter. Er hatte noch nie ein so runzliges Gesicht so voller Sonnenschein gesehen. Als das Fuhrwerk an Georg vorbeirollte, warf die Frau ihm einen Blick zu voller Mutterstolz, als ob sie sagen wollte: Gelt du, fremder Herr, ich hab einen! Der Sohn aber wandte kein Auge von seiner Last und sang vor sich hin:

Wirf nit um, Hans!
Wirf nit um, Hans!

Jetzt wurde er keck und fuhr bis dicht an den Graben und hob die linke Deichsel in die Höhe, sodaß die Last sich über den Rand beugte. Jetzt rief die Mutter:

Wirf nit um, Hans!
Wirf nit um, Hans!

bis der Bursche wieder in die Mitte der Straße gefahren war.

Georg war stehen geblieben und sah den beiden nach, bis sie in der Dorfgasse verschwunden waren. Glückliche Mutter! Arme Mutter! dachte er dann. Was hast du von deinem Sohne? Was hat er dir bisher gethan? Er hat dich in Schulden und Sorgen, um Gut und Haus gebracht. Und was bringt er dir mit? Zwei Arme, die dich tragen und schieben? O nein! Schulden bringt er mit. Er kommt nicht, dir zu helfen, Mutter! Er kommt dir zu sagen: gieb mir alles, was du hast, bis auf den letzten Pfennig. – Wozu, Georg? – Ich muß einen Stein bezahlen. – Einen Stein! Meinen Grabstein? – Ach nein, Mutter! – Was hast du denn zu Stand gebracht, all die lange Zeit her? – Ein Bildwerk, Mutter. – Was stellt es dar? – Zwei Heiden, Mutter, einen Jüngling und ein Mädchen. – Was schaffen die mit einander? Doch nichts Unrechtes, Georg? – Ach nein, Mutter, hab keine Sorgen! – Für wen hast du das gemacht? – Für mich, Mutter, für dich, für alle und für niemand. – Was soll ich denn damit machen? – Anschauen, Mutter! – Aber davon wird man nicht satt, und davon bezahlt man keine Zinsen. – Ich weiß es wohl. – Und der Stein ist noch nicht bezahlt? – Nein, Mutter! – Den soll ich dir bezahlen? – Wenn du so gut sein willst, Mutter!

Als Georg durch das Dorf ging, war sein Schritt so hastig, als ob ihn jemand jage, und sein Gesicht war gerötet, fast verstört.

Jenseits des Dorfes stieg die Landstraße bergan. Georg mußte langsam gehen. Und die Gedanken, die in alle Winde geflohen waren, stellten sich wieder ein.

Wie könnte es so ganz anders sein, Mutter! Du könntest die glücklichste Mutter sein im ganzen Lande! Du hättest keine Sorgen mehr, nur Freude! Dein Bügeleisen würden wir aufheben, damit einmal deine Enkel, die du auf den Knieen wiegst – lauter schöne Kinder! – daran denken, wie hart es ihre Großmutter gehabt hat. Ja, du wärest glücklich, Mutter!

Und ich? Ich nicht auch? Ich lebte im Wohlstand, vielleicht im Reichtum, Ich hätte es so gut, noch viel besser als die Männer, die ich gestern sah. Wer triebe ein ehrwürdigeres und einträglicheres Geschäft? Wer küßte eine schönere Frau als ich? Und von der Macht im Städtlein und von seinen Ehren hätte ich ein gutes Stück, so viel, als ich nur immer wollte.

Unter diesen Gedanken war er auf die Höhe gekommen. Schon von fern sah er einen Wegweiser. Nach rechts ging der Weg zur Eisenbahn, die er in der Stadt verlassen hatte. Wenn er diesen Weg einschlug, konnte er noch heute Nacht bei seiner Mutter sein. Aber links ging der Weg dem Städtchen zu, wo er als Geselle gearbeitet hatte. Wenn er rüstig zuschritt, konnte er bis morgen Mittag dort sein.

Was sollte er bei seiner Mutter thun? Wie sollte er unter ihre Augen treten? Er konnte ihr nichts andres sagen als das eine: Bis ich etwas besseres weiß, will ich auf dem Rathause schreiben, den Bogen für sechzehn Pfennig. Dies Glück konnte er seiner Mutter auch noch übermorgen bereiten!

Dagegen dort! Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht. Dort war er glücklich gewesen, dort allein. Wenn er das Wort Heimat hörte, dann dachte er dorthin.

Er hatte den Weg zur Linken eingeschlagen.

Was wollte er dort? Die Menschen wieder sehen, die heimatlichen. Meister Petermann war nimmer am Leben, das wußte er. Aber der Kunstschlosser blühte wohl noch. Er wollte sein Kunstwerk wieder sehen auf der Brunnensäule droben, und den Birnbaum und den Mühlbach. Er wollte Luise wieder sehen, heimlich, verstohlen, – und Gertraud!

Er sagte den Namen laut vor sich hin und erschrak. Er hörte Wasser rauschen. Ein Bächlein schoß neben der Straße hin. Es wurde ihm bang ums Herz, als ob sie nahe wäre. Er gedachte an die Erscheinung im Mühlbache, an den wilden Tanz auf der Wiese, er sah sie, wie sie ihm auf dem moosigen Waldwege entgegenlief. Komm mir noch einmal so, Gertraud! flüsterte er in sich hinein. Zweimal bist du mir nahe gekommen, wie die Braut dem Geliebten, und beide male bist du mir aus den Armen geschwunden. So kommt die Welle, schlägt an die Brust und zerfließt am Herzen. Wenn wir uns wiederfinden am Mühlbache, dann bin ich kein solcher Thor mehr. Dann soll dir nicht mehr in der Glut des Durstes der Atem verbrennen!

Er schritt in einem Hochthale hin. Eintönig murmelte das Bächlein neben der Straße. Mit träumenden Augen blickte Georg vor sich hin. Er sah Luise, deutlich, wie ein fernes, kleines Bild. Aber er spürte Gertrauds Nähe, wie wenn sie unsichtbar da wäre. Nach ihr sehnte er sich, aber hinter der Sehnsucht lauschten Grausen und Angst. Die Sonne brannte auf die weiße, stäubende Straße. Der Himmel war dick und dunstig. Wie er so hin ging, die geblendeten Augen halb geschlossen, vergingen ihm die Gedanken. Er hörte noch eine Weile seine Schritte, dann verschwand ihm auch dieser Laut. Das Bewußtsein der Wirklichkeit war dahin.

Die Bilder, die vor seiner Seele webten, wurden zu Traumbildern. Er sah sie nicht bloß, er lebte darinnen, er sah auch sich, und sein Selbst verlor sich aus der wirklichen in die träumende Welt. Es war ihm, als ginge er in den Straßen einer Stadt.

Er sah sich um nach einem Schatten in der grellen Sonnenhitze, Dort unter dem Altan war es dunkel und kühl. Er stellte sich dahin, um zu warten, bis die Hitze vorüber gegangen sei. Gegenüber stand ein Haus. Das war ja das Haus, worin er wohnte. Im zweiten Stock waren drei Fenster offen, und drei Frauen schauten zu ihm hernieder, aus jedem Fenster eine. Ihm zunächst stand Luise. Sie hatte ihr blaues Mieder an, und an der linken Brust steckte eine weiße Nelke. Aber ihr Haar war ungeordnet, und es fehlte etwas; die zierliche, weiße Krause, mit deren Fältchen Georg so wohl bekannt war.

Im dritten Fenster stand Gertraud. Sie hatte ein Hütchen auf, das zerknittert war, und dessen Feder geknickt herabhing. Über der Stirn klaffte eine Wunde, aber es floß kein Blut heraus. In den Augen flackerte Wildfeuer, und die verlangenden Lippen waren halb geöffnet.

Als Georg den Blick von ihr wandte, dem mittlern Fenster zu, sah er dort eine dritte Frau stehen. Er kannte sie nicht, und doch war sie ihm wohlbekannt. Nein, sie selbst nicht, aber die großen, sonnenhellen Augen. Er hatte sie seines Wissens noch nie gesehen, und doch war es ihm, als wäre sie bei all dieser Wanderung neben ihm gegangen. Es ist die Frau, die auf der Brunnensäule steht, sagte er sich. Da sah sie ganz anders aus, und es war doch dieselbe.

Georg! rief es von Luisens Fenster her. Georg sah hin. Luise bewegte nur die Lippen, aber er verstand alles.

Komm und hole mich ab. Die Eltern sind schon in des Onkels Biergarten. Ich will mich sputen, daß ich fertig bin, bis du oben bist!

Und die Gestalt verschwand vom Fenster.

Georg eilte auf die Hausthür zu. Sie stand offen. Er sprang die Treppe hinauf. Aber nun war es anders als in seiner Wohnung. Er stand in einem Gange mit drei Thüren. Er sah rechts und sah links. Von beiden Seiten führte eine Treppe herauf, dort sah es aus wie hier. Von welcher Seite war er heraufgekommen? Welches war die Thür zu Luisens Zimmer? Entweder jene dort oder diese hier; aber welche von diesen zweien?

Da hörte er hinter der einen Thür einen leisen Gesang. Er öffnete, und plötzlich strömte ihm Wasser entgegen und schwoll riesenschnell an seinen Füßen empor. Und dort im Schilf saß das Wasserweib, einen Schilfkranz ums Haar. Oder war es Gertraud? Sie breitete die weißen Arme aus, und die Wogen rauschten heran und schäumten an seiner Brust in die Höhe, und die rückwärts stürzende Flut zog ihn zu dem Weibe dort.

Da raffte er die letzte Kraft zusammen und floh das Ufer hinauf und zur Thür hinaus. Er suchte sie vergeblich hinter sich zuzuschlagen. In breitem Strom schoß ihm das Wasser nach, ihn zurückzuschwemmen. Er stürzte auf den Boden und klammerte sich fest nn der Schwelle, die unter der mittlern Thür lag. Die Klinke konnte er nicht erreichen. So lag er im wütenden Wasserstrom, und hielt sich fest, und sah empor an der Thür hinauf, und er weinte und flehte: o öffne du, o laß mich ein, schon tausendmal war ich bei dir, nein, einmal nur, ein einzigesmal! Ach nur einmal noch im Leben laß mich deine Lippen küssen, deine heilig kalten Lippen, die mein Meißel schuf, o laß mich in dem kühlen Tageslichte deines Auges Schatten finden!

Da stieß er mit der Stirn an einen Baum, an den er gerannt war. Er erwachte. Es flimmerte ihm vor den Augen, und er taumelte wie betrunken. Endlich kam er zur Besinnung und fand festen Halt mit den Füßen. Er sah zurück. Die Straße war zur abschüssigen Steige geworden. Die letzte Strecke mußte er im Rhythmus gerannt sein, denn sowie er weiter schritt, wollte sich der Rhythmus wieder seiner Füße bemächtigen. Er mußte auf die Seite biegen, um der Beine wieder Herr zu werden, und um natürlich gehen zu können.

Der Kopf schmerzte ihn, und seine Glieder waren bleiern schwer. Die Sonne sank glanzlos, bleich. Ihr Licht verschwamm im Dunst.

Im Grunde lag ein schönes Dorf mit hohen steinernen Häusern. Georg beschloß, hier zu übernachten. Er setzte sich im Wirtshause mit der Familie zu Tisch und aß saure Milch, Kartoffeln und Bauernkäse. Als die Leute ihre Abendlitanei hersagten, stand er von der Ofenbank auf und betete, was ihn die Mutter gelehrt hatte:

Abends, wenn ich schlafen geh,
Vierzehn Engel bei mir stehn.
Zwei zu meinen Häupten,
Zwei zu meinen Füßen,
Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken,
Zwei, die mich decken,
Zwei, die mich wecken,
Zwei, die mir weisen
Im Traum das Paradeis.

Ohne es zu wissen, hatte er es laut gesprochen.

Dann sagten ihm alle gute Nacht, Als er schon unter der Thür war, lief ihm ein blondhaariges Mägdlein nach, barfuß, im Hemdchen. Es reichte ihm die Hand und sagte:

Gelobt sei Jesus Christus!

In Ewigkeit. Amen! erwiderte Georg. Und er suchte sein rauhes, aber reinliches Lager auf.

4

Am andern Morgen brach er frühe auf. Es war schon um sechs Uhr heiß und schwül. Die aufgebrochenen Birnenblüten zitterten an den Zweigen. Taulos war der Rasen.

In großer Beklommenheit ging Georg seines Weges. Je weiter er kam, desto langsamer ging er, nicht aus Müdigkeit, sondern weil ein sonderbares Bangen sein Herz gefangen hatte. Er vermied die Dörfer, in denen er einstmals Grabsteine gesetzt hatte, und machte so einen willkommnen Umweg. In einem abgelegnen Hofe hielt er Mittagsrast. Er erquickte sich an Birnenmost, Butter und Bauernbrot. Von hier hatte er noch zwei Stunden. Der Weg führte durch einen Fichtenwald. An dessen Rande legte er sich ins Moos und wartete, bis die Sonne weiter gerückt war. Endlich stand er auf, warf die Tasche um und ging weiter. Als er eine Strecke gewandert war, sah er den Gemarkungsstein, und dort, dort kam ihm der erste Mensch aus dem Städtlein entgegen. Es war ein alter Bauer, der mit seinen Kühen langsam daherfuhr.

Schönes Wetter! rief Georg.

Der Bauer nahm seine Mütze ab und behielt sie in der Hand, während er seinen Wagen vorüberlenkte in einen Feldweg hinein. Dann wies er mit seiner Peitsche rechts hinüber, wo über dem Bergwald ein blaugrauer Dunst lag, und mit der ausgespreizten Linken machte er eine drehende Bewegung. Als das Fuhrwerk langsam den Wiesenweg hinschlich, sah Georg, wie der Bauer, der immer noch die Mütze in der Hand hielt, hastig mit dem Kopfe schüttelte, sodaß ihm die langen, weißen Haare um die Stirne flogen.

Welch ein mürrischer Zug in dem schönen Gesicht, dachte Georg und sah dem Manne nach. Und nicht einmal einen Gruß! Nicht einmal ein Wort!

Unwillkürlich hob er den linken Arm, spreizte die Finger aus einander und drehte die Hand um ihr Gelenk.

Was hat er wohl damit sagen wollen? fragte er sich. Dort oben braut sich etwas zusammen? Oder: nichts gewisses weiß man nicht?

Eine halbe Stunde etwa war er weiter gewandert, da sah er den Kirchturm über die Bäume hervorschauen.

In tiefer Bewegung blieb er stehen.

So komme ich denn jetzt heim! sagte er laut.

Er ging langsam dahin, den Blick auf den Kirchturm geheftet.

Heim!

Er sah sich selbst, wie er mit der Hacke auf der Schulter heimschlenderte. Die Hosen waren in die Stiefel gesteckt, das Wams war über die Schulter geworfen. Freundlich grüßten ihn alle Leute, und er selber grüßte freundlich nach allen Seiten hin. Die Kinder sprangen her und gaben ihm die Hand, und die Männer tauschten gute, nachbarliche Worte mit ihm. So kam er in den Hof und schritt durch das Pförtlein in den Grasgarten. Oben stand eine Villa, nicht in städtischem Stil, sondern ein freundliches Schweizerhaus. Und unter dem Thore stand ein junges blühendes Weib. Wie war sie schön geworden, seit er sie nimmer gesehen! Ein Bild der Gesundheit und des Glücks! Und sie hielt einen blondlockigen Knaben an der Hand …

Georg war immer langsamer gegangen und schließlich stehen geblieben. Er stand im Schatten eines alten Birnbaums. Die Bienen summten um die blütenschimmernde Krone. Aus dem Städtchen klang ein Hahnenruf, und aus weiterer Ferne noch einer.

Ach Gott, du bist es ja! rief Georg aus. Das Herz klopfte ihm hoch, Thränen traten ihm in die Augen.

Dort auf dem Aste, da ist es geschehen!

Er sah in den Baum hinein, und vor seinen Augen schwebte die liebliche Gestalt auf dem breiten Aste. Luise! flüsterte er.

Während er so dastand, tanzten die Bienen um die Blüten, entschwebten der duftenden Fülle, gleich als wollten sie Atem schöpfen, und tauchten dann wieder hinein in die wonnevollen Büschel.

Endlich raffte er sich zusammen und schickte sich zum Weitergehen an.

Das Herz war ihm weich geworden, und so freute er sich an dem Anblick eines Bübleins, das auf dem Rasen drüben am Abhange neben der Straße herum kletterte und Blumen suchte.

Was thust du hier, Kleiner? fragte er das Bübchen.

Das richtete sich auf, strich sich die blonden Locken aus dem Gesicht, sah den fremden Mann an und sagte: Nichts.

Suchst du Blumen?

Der Kleine schüttelte das Köpfchen und sagte: Nein.

Du hast ja einen ganz großen Strauß. Wem bringst du ihn denn?

Niemand, sagte das Büblein.

Wie heißt du denn?

Ich heiße gar nicht.

Wem gehörst du denn?

Niemand.

Was ist dein Papa?

Ich weiß nicht. Ich wills nicht wissen.

Der kleine Mann stampfte mit dem gestiefelten Fuß auf den Boden und fügte hinzu: Ach, wozu das Gefrag da!

Georg mußte lachen.

Willst du mir ein paar Veilchen geben? Du hast so viele, und ich habe kein einziges.

Das Büblein krabbelte auf Händen und Füßen den Rain hinunter, kletterte den Grabenrand herauf und kam zutraulich zu Georg her. Es preßte den duftenden Strauß mit der linken Hand an sein Wämslein und zupfte mit der rechten Hand drei Veilchen von mäßiger Größe und Schönheit heraus.

Da, sagte es, aber nach einigem Besinnen that es eine von den drei Blüten wieder zu seinem Strauß und reichte die beiden andern dem Weggenossen.

Nur zwei? fragte Georg lachend. Du bist einmal ein Geizkragen!

Ach, sagte der kleine Bursche, du gehörst gar nicht unser!

Nach einer Weile, während der die beiden neben einander her gegangen waren, sah das Büblein begehrlich zu den zwei Veilchen empor, die sich Georg ins Knopfloch gesteckt hatte. Gelt, die sind schön? fragte es. Hebst du die auf?

Aber ehe Georg hatte antworten können, schoß das Büblein wie eine Kugel aus dem Rohre die Straße dahin.

Eine junge Frau kam ihm entgegen. Sie ließ sich zur Erde nieder, breitete die Arme aus und fing den Wildfang auf. Georg sah, wie sie das Büblein lobte und auf den Mund küßte und den Strauß bewunderte, den ihr der Kleine gab. Dann wies sie auf einen schlanken jungen Mann, der über die Wiese daher kam, und Mutter und Söhnlein machten einen Wettlauf dem Vater entgegen. Es war ein anmutiges Bild. Die liebliche Mutter hielt sich immer in gleicher Linie mit ihrem Partner, sodaß sich das Männchen jauchzend des Sieges freute. Aber als sie nun vor dem Manne angelangt war, sah die junge Frau nicht mehr auf das Söhnlein, sondern nur noch auf den Liebsten und stürzte sich ihm geradeso in die ausgebreiteten Arme, wie das Bübchen vorher ihr gethan hatte.

Georg sah, wie der Mann sein Weib an sich drückte und innig umschlungen hielt, und wie er dann den Sohn zu sich empor hob. Der Kleine griff nach dem Stocke des Vaters und ritt über den Wiesenplan der Landstraße zu. Die Frau hängte sich an des Mannes Arm, und so wandelten beide langsam hinter ihrem Vorreiterlein drein.

Georg hatte sich noch nie so einsam gefühlt, wie in diesem Augenblick. Unwillkürlich war er langsam gegangen, und so traf er mit der glücklichen Familie zusammen. Mit einem Gemisch von Neugier, Neid und Wohlgefallen schaute Georg nach dem Ehepaar hinüber. Die junge Frau prüfte den Fremdling mit forschenden Augen und wurde auf einmal rot bis zur Stirne hinauf. Es mochte ihr eingefallen sein, daß dieser fremde Mensch Zeuge ihrer Zärtlichkeit gewesen sei. Es kam Georg vor, als ob sie sich ängstlich an den Gatten schmiege. Und da durchzuckte ihn der lähmende Blitzstrahl des Erkennens. Er drückte den Hut tief ins Gesicht und sah zur andern Seite hinüber. So ging er vorbei. Und dann lief er im schnellsten Schritt dem bergenden Städtlein zu, gepeinigt von dem Gefühl, daß ihm die Leute dort hinten auf den Rücken schauten. Während er so dahineilte, erwürgte ihn fast der Ingrimm. Wie war des Bürgermeisters Töchterlein eine so schöne Frau geworden! Wie strahlte sie von Reiz und Fülle und Glückseligkeit! –

Was sind das für Leute, die dort herkommen? fragte er eine Frau, die den Korb voll Ziegenfutter auf eine Gartenmauer abgestellt hatte.

Das ist der Herr Wiesenbauassistent; der ist seit fünf Jahren hier von wegen der großen Wasserleitung, die jetzt halb fertig ist. Der hat die liebste Frau von der ganzen Welt, unsers Altbürgermeisters Tochter. Aber er verdient sie auch!

Ohne Halt zu machen ging er an dem Hause seines verstorbnen Meisters vorbei. Er roch Lohduft und sah statt der alten Werkstatt eine Gerberei; es war ihm gleichgiltig.

Müd und erschöpft kehrte er im nächsten Gasthause ein. Es war der Wilde Mann.

Und da saß er nun, drückte sich in die finsterste Ecke des Gastzimmers, worein er wie ein Flüchtling getreten war, und betrachtete die beiden Veilchen, die der Sohn seiner einstmaligen Geliebten ihm als Almosen geschenkt hatte. Ich Narr, dachte er ingrimmig, wenn ich gewollt hätte, wäre der Strauß jetzt mein!

Es wurde rasch finster im Zimmer. Der Himmel hatte sich mit Wolken überzogen, und die Wirtin zündete die Lampen an. Da leuchtete das Messingbeschläg des Schenktisches, und eine bittere Erinnerung wachte mit einemmale bei Georg auf. Das war das Wirtszimmer, wo er am Abend vor dem Feste seine Kunstreise beendet hatte. Auf dem Schenktisch dort hatte sein Kunstwerk gestanden. Dann war es von Tisch zu Tisch gewandert. Auf welcher Bank, auf welchem Brett, in welchem Winkel es schließlich stehen geblieben war, das hatte niemand gewußt. Wohl aber wußte Georg noch, daß dort an jenem Tische Burschen gesessen hatten, und daß die ihm, als er mit seinem berauschten Meister an ihnen vorüber gewankt war, Michel, Michel! nachgerufen hatten.

Während er solch trüben Erinnerungen nachhing, füllte sich allmählich das Wirtszimmer mit Gästen. Georg fürchtete sich nicht, erkannt zu werden. Ein dunkler Vollbart und eine breite Wangenschramme hatten sein Gesicht verändert. Auf mehrere von den Gästen konnte er sich wieder besinnen. Männer, die zu seiner Zeit noch braun gewesen waren, waren jetzt grau geworden. Von den Gleichaltrigen und Jüngeren erkannte Georg keinen wieder.

Auch der Kunstschlosser trat herein. Auf seinen kurz geschornen weißdurchschimmerten Haaren saß stutzerhaft ein kleines, gelbes Strohhütchen mit blaugeflammtem Bande. Er nahm am mittleren Tische Platz, ließ seine Äuglein herumblinken und redete in getragnem Tone und mit spitzfindigen Worten von der neuen Wasserleitung.

Die Wasserleitung war der Gegenstand des Gesprächs an allen Tischen. Auch der Marktbrunnen wurde zuweilen genannt.

Georg horchte auf. Er bemerkte aus den Reden, daß die Gäste fast lauter Handwerker waren, solche aus der Stadt und solche aus der Umgegend, und daß an diesem Abend noch etwas bevorstand, was diese Leute anging. Als die Wanduhr die neunte Stunde schlug, tranken die Männer ihre Gläser aus und verließen das Zimmer.

Sind Sie nicht auch Liebhaber? fragte die Wirtin. Es ist jetzt Zeit. Gehen Sie nur diesen Herren nach. Die gehen alle zur Versteigerung aufs Rathaus.

Georg leerte sein Glas, nahm Hut und Stock und verließ gleichfalls das Zimmer. Die Tasche ließ er auf der Bank liegen.

Er ging den Männern nach und mischte sich unter sie. Als er den Marktplatz erreicht hatte, senkte er die Augen. In der zerfahrenen und gedrückten Stimmung, in der er war, wollte er seinem Kunstwerke nicht ins Antlitz schauen. Im Trosse dahin schreitend kam er an eine Stelle, wo der Boden aufgerissen und ein tiefer Graben durch einige Bretter überbrückt war. Zur Rechten sah er die dunkeln Umrisse des Marktbrunnens. Er senkte das Haupt noch tiefer, und nach wenigen Schritten trat er ins Rathaus ein.

Er ging mit den andern in den großen Bürgersaal hinauf. Das weite Gemach füllte sich. Im Hintergrunde war ein Tisch, auf dem drei Stehlampen standen. Es waren dies die einzigen Lichter. Die Männer setzten sich auf Schrannen nieder oder standen an den Wänden umher. Georg begab sich in die hinterste und dunkelste Fensternische. Ein leises Gemurmel erfüllte den dämmerigen Saal. An dem Tische saß der altgewordne Stadtschreiber und schrieb, was ein junger Mann, wohl der neue Bürgermeister, ihm leise vorsagte.

Georg sah sich in dem düstern Raume um.

Wie war es hier doch so festlich und hell gewesen, so laut und fröhlich zu jener Stunde, als er sein Kunstwerk hierher gebracht hatte! Dort hatte es gestanden, auf dem Aktenschränkchen an der Thür, woran sich jetzt die wartenden Männer lehnten, und dort hatten sich die bewundernden Herren gedrängt. Georg lebte jene Augenblicke nochmals durch, sah den Chemiker und den Abgeordneten vor Augen. Von allen Seiten hatten sich ihm glückwünschende Hände entgegengestreckt. Und jetzt? Er war hereingekommen wie ein zugelaufner Hund. Wenn das Geschäft aus war, das diese Männer zusammengeführt hatte, so gingen sie auseinander, jeder nach Hause. Er aber, wenn er nur das Lokal verließ, ehe es der Ortsdiener zuschloß – das war das einzige, was man von ihm begehrte. Sonst konnte er sehen, wo er bliebe. Keiner sah ihm nach.

Da erfaßte ihn die Sehnsucht, sein Werk zu sehen. Alles war anders geworden, er selbst am meisten, keiner kannte ihn ja. Nur eins war geblieben, wie es damals war: das Gebilde, das zu schaffen ihm Gott vergönnt hatte. So lange der steinerne Kopf noch dort oben auf der Brunnensäule stand, so lange hatte sein Schöpfer auch noch eine Heimat auf Erden.

Mit plötzlichem Entschlusse wandte sich Georg um und sah auf den Marktplatz hinaus. Aber die Nacht war schwarz; er konnte nichts unterscheiden.

Unterdessen hatte die Versteigerung begonnen und war ihren Lauf gegangen. Georg hörte mit halbem Ohre, wie die einzelnen Arbeiten, die durch die Weiterführung der bisherigen Wasserleitung erfordert wurden, von den Handwerkern in lebhaftem Kampfe ersteigert wurden.

Aufmerksam wurde er, als der Bürgermeister, der die Verhandlungen leitete, auf den Marktbrunnen zu sprechen kam. Schon vorher hatte er von gußeisernen Brunnen gehört, und es war ihm haften geblieben, daß ihre Lieferung von dem Vertreter eines großen Eisenwerks ersteigert worden war.

Jetzt kommen wir zur Versteigerung des alten Marktbrunnens, sagte der Bürgermeister. Wer bietet etwas auf den Trog? Er besteht aus lauter guterhaltenen Sandsteinplatten.

Ein Steinhauer aus einem benachbarten Dorfe eroberte nach heftigem Ringen den Trog.

Die Röhren und die Kübelstäbchen werden als altes Eisen verkauft. Wer will die Brunnensäule? Die Liebhaber haben sie draußen vor dem Rathause liegen sehen.

Georg stutzte.

Mehrere Steinhauer und einige Maurer stritten sich darum. Ein Maurer aus dem Städtchen blieb Sieger.

Gehört das Mundstück auch dazu? fragte er.

Der Kopf? Nein, der wird besonders versteigert, sagte der Bürgermeister. Und dann schickte er den Ratsdiener hinaus in den Rathausschuppen, den Kopf zu holen.

Nach einer Weile kam der Diener mit Georgs Kunstwerk zur Thür herein. Er trat an den Tisch und hielt es auf seiner Schulter.

Georgs einstmaliger Gönner, der Kunstschlosser, ergriff eine der Lampen und beleuchtete die Büste von rechts und von links.

Sind Liebhaber da? fragte der Bürgermeister.

Ja, rief eine Stimme dicht vor Georg.

Dieser neigte den Kopf vor und erkannte Luisens Gatten.

Sie? fragte sein Nachbar verwundert.

Ja, ich, antwortete der junge Mann kurz.

Die Versteigerung begann.

Eine Mark, rief der Liebhaber.

Eine Mark zehn, überbot eine fette Stimme.

Was will denn der Bachjörg damit? fragte einer.

Er will es als Vogelscheuche in den Garten stellen, sagte jemand lachend.

Nein, er will es als Gewichtstein in seinen Sauerkrautständer legen, meinte ein andrer.

Potz Blitz, rief ein dritter, ich brauche auch einen Gewichtstein, nämlich an mein neues Hofthor. Die Racker lassen es immer offen stehen, und da läuft das Geziefer der ganzen Welt herein. Eine Mark zwanzig.

Eine Mark dreißig, rief wieder der Wiesenbauassistent.

Und jetzt boten sich die drei Männer immer um zehn Pfennig in die Höhe, bis mit einer Mark und siebzig Pfennigen der erste Liebhaber das Feld behauptete.

Eine Mark siebzig zum zweiten und le …

Aber ehe der Bürgermeister vollenden konnte, rief eine Stimme aus der Fensternische: Zwei Mark.

Mehrere Köpfe wandten sich um, auch Luisens Gatte. Aber die Gestalt dort hinten stand ganz im Finstern.

Drei Mark.

Drei Mark zehn.

Vier Mark.

Vier Mark zehn.

Georg hatte den Inhalt seiner Börse in die linke Hand geschüttet und die Barschaft rasch mit den Augen überflogen. Nur eine kleine Silbermünze behielt er in der rechten Hand zurück. Dreiundzwanzig Mark und vierzig Pfennige, rief er.

Eine Bewegung ging durch den Saal.

Und zehn Pfennig mehr, sagte der andre ruhig.

Dreiundzwanzig Mark und sechzig Pfennig, rief Georg und warf das Münzchen zu dem übrigen Geld.

Und siebzig Pfennig, bot der unerbittliche Gegner.

Dreiundzwanzig Mark und sechzig Pfennig und eine silberne Uhr und eine silberne Kette, rief Georg.

Es war totenstill im Saal geworden.

Luisens Mann war aufgestanden und zu Georg in die Nische getreten.

Ich ziehe mein letztes Gebot zurück, rief er, er soll es haben für dreiundzwanzig sechzig!

Das geht nicht, das geht nicht, rief ein Dutzend Stimmen. Der Gemeindesäckel kann alles brauchen, auch silberne Uhren und Ketten.

Georg schritt von seiner Nische an den Banken vorbei auf den Tisch zu. Alle Köpfe reckten sich, ihn zu betrachten. Die Männer, die im Gange standen, wichen scheu auf die Seite. Der Kunstschlosser griff an sein Hütchen, das er während der Verhandlungen auf dem Kopfe behalten hatte, und sagte mit unsicherer Stimme: Auch wieder hier?

Georg sah ihn nicht an und gab keine Antwort. Er zählte das Geld auf den Tisch, während der Kunstschlosser hinter seinem Rücken in die zu ihm hingestreckten Ohren muschelte. Dann legte Georg Uhr und Kette zu dem Gelde, packte sein Werk, umschlang es mit den Armen und ging zur Thür hinaus, die ihm der Ortsdiener öffnete.

Michel, Michel! rief eine Stimme hinter ihm, sodaß er es noch hörte. Der Ortsdiener aber rief ihm freundschaftlich nach: Stolpern Sie nicht! und machte die Thür zu.

5

Es war stichdunkel in der Flur des Rathauses. Georg tastete vor jedem Schritt mit der Fußspitze. Hier fing die Treppe an. Von der Wucht der steinernen Last niedergestemmt fiel jeder Tritt schwer und hart auf die Stufen. Nach der letzten Stufe sank Georg in die Kniee. Mühsam richtete er sich wieder auf. Die Rathausthür war zum Glück offen, Georg trat ins Freie.

Die Nacht war schwarz. Die erleuchteten Fenster der umliegenden Häuser boten das einzige Licht. Vorsichtig war Georg einige Schritte vorwärts gegangen. Jetzt stand er an dem Wasserleitungsgraben.

Ich will dich da hinunterwerfen, sagte er zu dem steinernen Kopfe. Er war auf das Brett getreten, das den Graben überbrückte, und hielt sein Kunstwerk über den schwarzen Schlund.

Wenn sie dich im Grabe ließen! murmelte er. Aber sie werden dich ausgraben, und die Buben werden ihren Spott mit dir treiben. Du hast einen ehrlichen Tod verdient. Dann soll dich der Straßenwart begraben.

Er rückte vorsichtig und langsam zurück, bis er von dem Brett wieder auf den Boden getreten war; dann schritt er auf den Marktbrunnen zu.

Da ist dein Vorfahr zerschellt, hier sollst auch du sterben! Und er faßte das Bildwerk mit umspannenden Händen, und langsam hob er es in die Hohe, über seinen Kopf hinauf, und jetzt schleuderte er es auf die Trogwand des Marktbrunnens. Ein gewaltiger Schlag, ein dumpfes Gepolter, ein Klirren zerbrechender Scherben, – und dann war alles still.

Georg bückte sich und tastete. Hier sind Schilfblätter, hier ist eine Hand, hier ein Schädelknochen mit Ohr, hier eine Achsel mit dem Armstumpf und der rechten Brust, – o, es war eine schöne Frauenbrust!

Georg richtete sich in die Höhe und atmete tief auf. Er sah zum Himmel empor; der war sternenlos. Sein Blick schweifte an den erleuchteten Fenstern hin. Dort drüben stand des Altbürgermeisters Haus. Er murmelte: Die da ist tot, und die dort hinten erwartet ihren Mann. Wenn er heimkommt, dann erzählt er von mir, und es graust ihr vor mir, und sie schlüpft an sein Herz und flüstert: Gottlob, daß ich dich habe!

Er trat einen Schritt vor und sah sich um. Die hellen Fenster und die schwarzen Mauern jagen mich hinaus, flüsterte er. Ich weiß eine, der ich willkommen bin!

Er überschritt den Graben und bog in die durch Laternen erhellte Straße ein. Hier war der Wilde Mann. Georg trat ein. Die Wirtsstube war leer. Er schnallte die Tasche auf, zog ein frisches Hemd heraus und legte es an Zahlungsstatt vor die erstaunte Wirtin hin. Dann hängte er die Tasche über die Schulter und verließ ohne Gruß die Stube. Seinen Stock ließ er auf dem Tische liegen.

Er bog vor dem Hause in eine Seitengasse ein und ging auf Umwegen nach dem Marktplatz zurück, dann an dem Brunnen vorbei, ohne an das zerschmetterte Frauenbild zu denken. Seine Seele glühte in dem leidenschaftlichen Verlangen, einen Gruß der Liebe zu hören, willkommen zu sein, eine Heimat zu finden an einem warmen Herzen. Gertraud! Er ging die Hauptstraße entlang gegen den obern Ausgang des Städtchens zu. Jetzt lag das letzte Haus hinter ihm.

Und so schritt er in die finstere Nacht hinaus.

Da wars ihm, als höre er einen Schritt hinter sich. Er blieb stehen und lauschte. Aber er hörte nichts als das Rauschen des Baches ihm zur Seite.

An ihr Kammerfenster will ich pochen. Dann kommt sie und schließt es auf. Wer ist es? Ich bin es! Heiße mich willkommen! – Willkommen, du Lieber! Endlich bist du da! Und dann will ich sie umfassen. Küsse mich! Küsse mich!

Er eilte weiter. Kein Stern stand am Himmel. Kein Schein kündete, daß hinter der Finsternis eine Helle sei. Ein Windstoß kam das Thal herunter. Es rauschte dort drüben über dem Bach in der schwarzen Finsternis, wo der Wald aufstieg, eine Nacht in der Nacht.

Der Wind wehte heftiger. Den Hut riß er mit. Und das Sausen und Brausen drüben im Walde schwoll an und überwogte das Rauschen des Baches.

In ihr Auge will ich schauen und ihren Mund küssen, und ihr Lachen will ich hören und mit ihr lachen!

Er lachte laut auf. Dann sah er erschrocken um

sich. Der Wind war weit weg, der Wald war verstummt, und der Bach rauschte wieder.

Das Mühlrad ließ sich noch immer nicht hören.

Georg stand still. Er mußte schon weit gelaufen sein, wohl an der Mühle vorbei. Der Weg vor ihm stieg an. So mußte die Mühle hinter ihm liegen.

Er kehrte langsam zurück. Die Nacht war noch finsterer geworden. So ging er eine Weile, aufmerksam lauschend und mit den Blicken die Finsternis durchbohrend. Jetzt blieb er stehen. Dort lag ein bleicher Schein in der Finsternis. Er beugte sich nieder und tastete mit der linken Hand nach dem Rande der Straße.

Ja, hier ging die Brücke über den Wiesengraben, und dort drüben mußte die Mühle stehn.

Georg ging langsam über die Brücke. Dann hielt er zögernd den Fuß an, und dann that er noch einen Schritt. Und so ging er weiter und weiter.

Es knisterte seltsam unter seinen Füßen, Er stand wieder still und trat einen Schritt zur Seite. Er tastete mit der freien Hand umher und griff in die schwarze Luft. Noch einen Schritt, da stieß er den Fuß an, daß er schmerzte. Er tastete. Es war ein Balken, der auf dem Boden lag, und wie er zufaßte, bröckelte es von dem Balken ab, wie wenn er morsch und faul wäre. Ein eigentümlicher Dunst stieg aus dem Boden und versetzte ihm den Atem.

Georg richtete sich wieder auf. Die Haare sträubten sich ihm vor Entsetzen. Da zerriß ein Blitzstrahl den Himmel, und eine bleiche Helle huschte über den Boden hin.

Vor sich ein paar Schritte jenseits des Balkens hatte Georg etwas gesehen, das sich lang und schwarz am Boden hinstreckte. Zitternd stieg er über den Balken und ging in der Finsternis darauf zu. Jetzt stieß er an. Er griff vor sich. Es war eine Mauer. Hier war sie mannshoch, hier geborsten und in einen Steinhaufen zertrümmert.

Georg kletterte die Steine empor und setzte sich. Er war wie zerschlagen.

Gertraud! Gertraud! rief er in die Nacht hinaus.

Da flammte ein neuer Blitz, und wieder und wieder einer. Der Donner rollte die Berge entlang. Von allen Seiten des Firmaments zuckten die Strahlen. Sie beleuchteten mit sausender Fackel gespenstisch den Boden. Überall rußige Mauerreste, verkohlte Balken.

Gertraud! Gertraud! rief Georg, so oft ein neuer Blitz aufzuckte.

Einige Schritte vor ihm stand ein angekohlter Thürpfosten, an dem das eiserne Beschläg herunterhing. Ein blauer Schein huschte drüber hin bei jedem Blitze.

Da bist du ja! schrie er. Er sprang auf, kniete nieder und hielt beide Hände ausgestreckt.

So blieb er unbeweglich, bis es wieder am Himmel aufflammte. Er starrte mit aufgerissenen Augen nach dem Pfosten hin.

Dich kenn ich nicht! sagte er und fuhr schaudernd zurück.

Er wartete auf einen neuen Strahl.

Von rechts siehst du aus wie der Engel des Trostes und von links wie der Engel des Schmerzes … wer … bist du?

Und er stand auf und ging, immer nach dem Bilde schauend, langsam rückwärts.

Da schüttete der Himmel seinen grellsten Glast zur Erde nieder.

Was schaust du mich so an? schrie Georg in den brüllenden Donner hinein. Du gehörst ja gar nicht unser! Ich … fürchte mich … vor dir.

Er brach zusammen. Aber während über seinen todmüden Körper bleierner Schlaf sank, hatte seine Seele keine Ruhe, sondern spann unablässig weiter an den Wahnsinnsgebilden seiner Phantasie.

Es war ihm, als erhöbe er sich wieder von dem Trümmerhaufen, auf den er gesunken war. Er fühlte, daß es ihn zu dem Wasser zog, und während ihn das Gewitter umtobte, ging er langsam an dem Bache hinab.

Das Firmament war eine tosende Brandung aufgepeitschter Flammen. Die Feuerhelle wogte über die Erde und warf gigantische Schatten in einander. Der Donner brüllte, ohne Atem zu schöpfen. Wie ein Wasserfall kams den Wald herunter gerauscht. Das war der Sturm. Die Buchen von drüben und die Erlen von hüben warfen ihre Arme in einander. Es prasselte im Schilf.

Georg hatte sich niedergekauert in den empörten Schilf und weinte vor sich hin: Das ist nicht recht von dir, Gertraud, daß du nicht kommst!

Da legten sich weiche Arme um seinen Hals, und Frauenbrüste wallten ihm entgegen.

Wer bist du? stieß er hervor in schauderndem Entzücken.

Du hast mich gerufen, und da bin ich, flüsterte es an seinem Halse. Ich war dort, – weißt du noch? – dort. Nie ist es schöner im Schilf als im Wetter. Da hörte ich dich rufen. Und nun komm!

Wohin?

Wo ich war.

In den Schilf? rief er entsetzt.

Nein! flüsterte sie fast unhörbar. Wo ich vorher war.

Wo warst du denn?

Wo wir jetzt wohnen.

Wer?

Mein Vater und ich.

Ist dort Raum für mich?

Wir rücken zusammen.

Und dein Vater?

Der ist stumm und blind und ach, so kalt.

Ein eisiger Hauch wehte ihn an, daß ihm das Herz schauderte.

Da zerriß ein machtvoller Strahl den Himmel, und er sah sie vor sich stehn in ihrer unheimlichen Schönheit wie eine Nixe, die dem Wasser entstiegen ist. Die dunkeln Haarstränge hingen über die schimmernde Achsel. Er sah sie vor sich, die wehvoll und lustvoll gebrochnen Lippen und schaute hinein in die starren Augen, in denen die Gier flimmerte, wie ein Flammenblick im Eis.

Geh allein nach Hause! Ich kann nicht mit dir gehen! sagte er schaudernd.

Da strich es an ihm nieder in die Dunkelheit. Er hörte leises Weinen zu seinen Füßen. Er beugte sich nieder und griff in ihr triefendes Haar.

Weinst du, Gertraud?

Sie gab keine Antwort.

Da kniete er zu ihr nieder und legte den Arm um ihren Nacken.

Er spürte, daß sie zitterte. Du frierst! Sei vernünftig, geh nach Hause.

Mit dir! hauchte sie.

Du mußt allein gehen, Gertraud!

Warum hast du mir denn gerufen?

Da zog es ihn zu ihr nieder. Sie legte ihre Arme um seinen Hals. Komm!

Die Lippen begegneten sich. Ihr Kuß war ein langes, stilles Saugen. Ein heißer Strom brach aus seinem Munde, Flamme, Blut, Leben. Das Herz that ihm zum Sterben weh, und tötliches Entsetzen schütterte ihm das Mark.

Da durchzuckte ihn der Gedanke, was ihn retten könnte. Ein Wort! Wenn er dies eine Wort gewänne. Er knirschte mit den Zähnen und riß sich frei und rief: Maria! Da glitt es an ihm hinunter wie eine niederschlagende Welle.

6

Als Georg die Augen öffnete, sah er in den lichten Tag hinein. Aus dem Wiesenthal klang Wachtelruf. Der Morgenwind rauschte durch den Wald, und Lerchenwirbel rieselte vom schimmernden Himmel hernieder.

Gott sei Dank, es war nur ein Traum! sagte er zu sich.

Dann sah er umher und richtete sich verwundert auf. Wo war er? Er saß auf einem Schutthaufen und war umgeben von den Trümmern einer Brandstätte. Der klarblaue Himmel schaute herein, und ringsum zwitscherten die Vögel in den Zweigen.

Georg besann sich. Wie war er hierher gekommen? Die Ereignisse der letzten Nacht traten ihm nach einander vor die Seele, aber sie lagen vor ihm, wie ein wüstes Trümmerfeld daliegt, über das eine Hochflut gerauscht ist. Was war Traum, was Wirklichkeit?

Der Kopf schmerzte ihn, und er fühlte sich wie zerschlagen. Hier mußte er von der Erschöpfung übermannt niedergesunken und eingeschlafen sein. Es stand wieder vor ihm, wie er sich in dem grausigen Wetter unter Blitz und Donner den Weg in diese Trümmer getastet hatte. Aber was war dies für eine Stätte?

Ein jähes Entsetzen durchschüttelte ihn: hinter ihm rauschte der Bach, da drüben glänzte die Landstraße, und thalauf thalab lagen die wohlbekannten Hügel. Kein Zweifel, das waren die Trümmer der Mühle!

Wo sind die Menschen, die hier gehaust haben? Und die, die in dieser Nacht an seinem Halse hing, wo kam sie her? wo weilt sie jetzt?

Es schauderte ihn, als er sich dies fragte. Er sprang auf und wandte sich um, dem Bache zu, als müßte ihm dieser, dessen Rauschen in seinen Ohren tönte, antworten können. Da sah er einem zerlumpten Manne ins Gesicht, der an einer Mauer stand und mit einer Mischung von Angst und Neugier zu ihm herüberschaute. Der Mann hatte einen Stecken in der Hand, mit dem er den Schutt durchsucht haben mochte. Ihm zu Füßen stand ein Holzkorb, der mit gefundnen Eisenstücken halb gefüllt war.

Als Georg hastig auf ihn zugehen wollte, nahm der Mann eilig seinen Korb auf die Schulter und wollte sich davon machen.

Angenehmer Morgen, sagte er, und seine Stimme zitterte vor Angst. Heute Nacht wars nicht so angenehm!

Georg blieb stehen, wandte sich dann zurück und setzte sich wieder auf den Schutt; die Kniee wankten ihm, und er fühlte sich schwach. Lassen Sie sich durch mich nicht stören, sagte er. Ich habe mich gestern Nacht verirrt und suchte hier während des Gewitters Zuflucht.

Der Mann stellte seinen Korb wieder auf den Boden, warf eine Hand voll Eisenstücke hinein, die bei einander auf dem Boden lagen, und fuhr dann in seiner Arbeit fort. Er wühlte mit seinem Stecken den Schutt auf und zog heraus, was ihm brauchbar schien. Dabei murmelte er unverständliche Worte vor sich hin.

Wann ist denn die Mühle abgebrannt? Wie ist das gekommen, und wo sind die Müllersleute? fragte Georg. Krieg die Kränk! rief der Mann. Er hatte die Hand an einem spitzen Eisen, das er aus einem verkohlten Brett herausziehen wollte, verletzt, sodaß sie blutete.

Ist es bei Nacht geschehen? fragte Georg wieder.

Grad unter den Nagel ists gegangen! Verdammt weh thuts. Da muß man den Schmerz töten!

Er zog eine Flasche aus seinem Kittel, zog mit den Zähnen den Kork heraus und träufte Branntwein auf die Wunde.

Die Hand zuckte ihm vor Schmerz. Gelt, du Simpel, murmelte der Mann, das brennt! Was sagst jetzt, du Aff?

Und er schlenkerte den Finger. Dann hielt er die Schnapsflasche an den Mund und trank.

Das thut besser! sagte er, als er abgesetzt hatte, und lachte albern vor sich hin. Er sperrte den Mund auf, daß es greulich anzusehen war, deutete mit dem Finger darauf und sagte: Da will er hinein, das ist das rechte Loch. Und er trank von neuem.

Wann ist das Unglück geschehen? fragte Georg wieder.

Der Mann hatte seine Flasche wieder in den Kittel gesteckt und den Stecken vom Boden aufgehoben.

Gerad alleweil, sagte er, aber der Schmerzen ist im Schnaps ersoffen.

Ich meine das Unglück mit der Mühle.

Der Mann richtete sich auf. Das? Ist denn das ein Unglück? Ja so! Richtig! Sie sind ja all miteinander –

Der Mann murmelte ein Wort zwischen den Zähnen, das Georg nicht verstand.

Wo sind die Müllersleute hingezogen? fragte Georg.

Der Mann sah Georg an.

Die? Gelt, Sie sind nicht aus der Gegend?

Nein.

Wo sind Sie denn her?

Das ist einerlei.

Sind Sie auf der Walz?

Ja. Wo wohnen jetzt die Müllersleute?

Metalldreher?

Nein.

Aha! Etwas höheres, Monteur? Oder Techniker? So was?

Ja. Aber gebt mir doch Antwort. Ich möchte wissen, wo die Müllersleute hingezogen sind.

Gelt, Sie sind mit dem Müller bekannt?

Ein wenig.

Oder mit der Tochter? Der Mann grinste Georg an.

So gebt mir doch einmal Antwort auf meine Frage! Wo sind die Müllersleute jetzt?

Der Mann gab zuerst keine Antwort. Er suchte gebückt in einem aufgewühlten Schutthaufen und zog einen eisernen Riegel heraus. Dann sagte er:

Die sind ausgewandert!

Ausgewandert? Wohin denn?

In eine bessere Welt, oder in eine schlechtere; was weiß ich! Der Teufel soll den holen, ders Bücken erfunden hat!

Sind sie denn verbrannt? rief Georg entsetzt.

Verbrannt? So tappig hats das Mädel nicht gemacht!

Gertraud?

Gertraud? äffte der Mann nach. Gelt, sie war einmal eine Bekanntschaft von Ihnen?

Georg hatte sich abgewandt, um seine Erschütterung zu verbergen.

Der Mann sah zu ihm hin.

Grad dort, wo Sie sitzen, da ist er gelegen! sagte er. Wer? rief Georg und sprang auf.

Der Müller. Er ist noch im Stall gesteckt, als der Giebel eingestürzt ist. Da sprang er aus den Flammen. Aber er war nicht flink genug. Der Balken war flinker, der hat ihn auf den Schädel getupft, und da lag der Müller, maustot.

Und Gertraud?

Die? Ach mein Vater! mein Vater! hat sie geschrieen und sich über ihn geworfen mitten in die Flammen hinein! Man hat sie hinaustragen müssen alle zwei. Der Müller hat alle Viere hängen lassen, und sie hat sich steif gemacht wie ein Ofenrohr. Aber dann hat sie fußeln können, wie sie dem Gendarm davon ist!

Dem Gendarm?

Ha ja, – Brandstiftung!

Georg barg das Gesicht in die Hände.

Gelt, Sie haben Zahnweh?

Wie kam die Unselige dazu? fragte Georg tonlos.

Sie ist vorher zu selig gewesen! Der Alte hat ihr die Seligkeit austreiben wollen mit dem Besenstiel und dem Feuerhaken und einem Seilende. Er hat sie gehauen, daß sie tanzte. Das war eine Gugelfuhr. Ei du meine Güte! Er hat ihr die Kleider weggenommen, als sie im Bette lag, und hat sie in ihre Kammer gesperrt. Drauf hat sie das Fenster hinaus geschlagen und ist hinausgestiegen, im Hemd, und ist in die Scheuer und hat ein Feuerlein angemacht.

Warum war sie von ihrem Vater so furchtbar mißhandelt worden? Georg war todesbleich, als er so fragte.

Der Mann war an den Bach getreten und raffte dürres Laub von einem Eichenbusch. Er kam wieder in die Brandstätte herein und legte das Laub auf das gestohlene Eisen in seinem Korb.

Sie ist eine läufige gewesen, so eine Randel! Drum hat sie ihr Vater in die Hauptstadt gethan zu einer Tante. Aber er hat ihr nicht getraut. Unter die Haube mit ihr, dann mag sie ihr Mann hüten, hat er gedacht. Er hat so einen an der Hand gehabt, so einen Mehlfreund, dem war sie recht gewesen. Drum ist der Alte in die Stadt gereist, um sie zu holen. Er hat sich mit seiner Schwester verzürnt und die Gertraud zu sich in sein Wirtshaus genommen. Der Mehlfreund kommt auch und führt die Gertraud zu einem Vergnügen, was nichts kostet, so zum Zusehen. Aufs Zusehen hat aber die Gertraud ihr Lebtag nichts gehalten. Wie deshalb ihr Zukünftiger ein bischen fort ist, so in die Restauration hinunter, denkt sie: ich hab das Zusehen dick! Und wie er wieder herauf kommt, sieht er sie fortgehen. Er denkt: sie wird wieder kommen, und wartet eine Weile. Dann geht er ihr nach, und wie er auf die Straße kommt, sieht er gerade noch, wie sie hinter so einem Schlapphut herläuft, einem Farbenkleckser. Hinein in die Bude! So ein bischen abseits! Verstehen Sie mich?

Der Mann kauerte auf dem Boden nieder und zerrte an einer Kette. Als er sie herausgezogen hatte, legte er sie in den Korb und steckte den verwundeten Finger in den Mund. Dann stand er auf und ging langsam auf den noch stehenden Thürpfosten zu.

Ob der Mehlmann hinein geguckt hat, weiß ich nicht, fuhr er fort. Aber wie sie morgens früh wieder anrückt, sagt er zum Alten: Bedank mich schön, bedank mich schön. Ich will keine offne Thür eintreten.

Der Mann machte von dem Thürpfosten das eiserne Beschläg los.

Was ist aus Gertraud geworden? fragte Georg mühsam. Er zitterte vor der Antwort.

Gelt, Sie sind noch nüchtern? Wollen Sie einmal dran?

Der Mann streckte Georg die Flasche hin.

Ich danke! Was ist aus ihr geworden?

Auch gut! Sie trinken bloß Champagner. Was aus dem Mädel geworden ist? Wie sie ihren Vater vorüber tragen, sagt sie zum Gendarm, sie möchte ihren Vater noch einmal sehen. Der Esel sagt: Meinetwegen. Sie geht hin und beugt sich über ihren Vater, und dann auf und davon, und dem Mühlbach zu. Haltet sie! fangt sie! ruft der Gendarm, und ein Haufen Buben springt ihr nach. Sie fliegt aber wie der Wind, als durchs Gebüsch, bis an den Bach. Dort macht sie einen Sprung, da, plumps, ins Wasser hinein. Sie hat schwimmen können wie eine Ratte. Aber sie hat nicht schwimmen mögen. Steigt mir wohin ihr wollt! hat sie gedacht, – ich fahr abwärts. – Man hat die zweie in ein Loch gelegt.

Tot? schrie Georg. Er hob entsetzt die Hände in die Höhe. Aber plötzlich ließ er sie sinken. Es schüttelte ihn ein Grauen, daß ihm die Glieder bebten. Wer war die gewesen, die heute Nacht an seinem Munde gesaugt hatte? Wo war sie hergekommen? Er preßte die Hand aufs Herz. Es war ihm, als ob das Leben drinnen schwände.

Der Mann schlug vor Vergnügen mit den flachen Händen auf die Kniee und rief: Komedi, Komedi! Dann stellte er sich an die Wand und grinste schamlos.

Hinaus, du Scheusal! schrie Georg in flammendem Zorn und sprang auf ihn zu.

Der Mann zuckte zusammen und brüllte vor Angst wie ein Tier. Dann floh er, ohne umzuschauen, der Landstraße zu. Den Korb mit dem gestohlenen Eisen ließ er stehen.

Georg aber schlug die Hände vors Gesicht. Der Zornesausbruch hatte seine Seele aus dem Banne des Entsetzens gelöst und dem Schmerze zurückgegeben. Er weinte bitterlich.

Die Sonne hatte die Mittagshöhe erreicht, und noch immer saß Georg auf dem Schutthaufen. Eine bleierne Traurigkeit drückte ihm das Herz nieder. Ich bin schuld an ihrem Tode! sagte er unzähligemale vor sich hin. Ich habe sie dem Stein geopfert. Plötzlich fiel ihm ein: sie hat meine Locke mitgenommen. Er stand auf und sah mit scheuem Blicke umher. Dort ist der Bach! flüsterte er schaudernd. Ich kann dir nicht folgen, Gertraud, ich habe eine Mutter! Mutter, Mutter, sagte er vor sich hin. Er war aufgestanden und verließ die Ruine, ohne es recht zu wissen. Er schaute sich nicht um. Gesenkten Hauptes schritt er die Landstraße hin. Wer dem barhäuptigen Manne begegnete, sah ihm erstaunt nach. Er sah weder rechts noch links, suchte keinen Schatten auf und hielt keine Rast. So ging er im Sonnenbrande dahin durch den Staub, auf den das regenlose Gewitter der letzten Nacht kein Tröpflein hatte fallen lassen.

Er durchzog Dorf um Dorf. Wenn sich die Landstraße dem Bache näherte, sodaß er das Gemurmel des Wassers hörte, schreckte er zusammen und beschleunigte seinen Schritt. Laß mich, Gertraud, flüsterte er dann, ich muß zu meiner Mutter! Wenn der Sonnenschein breit über der Wiese lag, dann sah er sie, wie sie unmittelbar vor ihm von der Landstraße über die Wiese dem dunkeln Erlengebüsch zusprang. Einen schaudernden Blick warf er hinüber und eilte vorbei. Wenn er ein Mühlrad rauschen hörte, schloß er die Augen und ging wie auf der Flucht. Dann zog es eiskalt hinter ihm her und küßte ihm den Nacken und wehte ihm um die Glieder. Verschone mich, Gertraud, flehte er dann; dein Vater ist tot, aber meine Mutter lebt.

Endlich hatte er die Eisenbahnstation erreicht, von wo er nach dem Wohnorte seiner Mutter fahren konnte. Aber er hatte keinen Pfennig in der Tasche. Er ging in ein Wirtshaus und verkaufte der Wirtin den Inhalt seiner Tasche mitsamt der Tasche selbst. Dann kaufte er sich eine Fahrkarte, tauschte von einem Bäckergesellen eine Mütze gegen sein Taschenmesser ein, verzehrte ein kärgliches Mittagbrot und wartete am Bahnhof, bis der Zug abging.

Nach dritthalbstündiger Fahrt kam er daheim an. Die Nacht brach herein. Die Abendglocke läutete. Hier und dort wurde ein Fenster hell.

Georg zog die Mütze ins Gesicht und eilte durch Seitengassen dem Hause der Mutter zu. Jetzt hatte er es erreicht. Das Fenster der Wohnstube war erleuchtet. Er trat in die finstere Flur und tastete nach der Klinke. Da hörte er drinnen ein Kind weinen und darauf begütigende Worte, die eine fremde Frauenstimme sprach.

Entsetzt zog er die Hand von der Klinke zurück. Er schlich wie ein Dieb zum Hause hinaus und lief, ohne umzublicken, die Straße zurück.

Gedankenlos ging er fort, bis er an das Ende des Städtchens kam. Da besann er sich. Wo wollte er hin? Zu seiner Mutter! Aber wo war sie?

Langsam ging er zurück. Er hielt sich im Schatten der Häuser. Klopfenden Herzens kam er an einer Gruppe schwatzender Burschen vorbei. Er kannte sie alle. Sie schwiegen still, als er vorüber ging, und er fühlte, daß sie ihm nachschauten. Dort kam ihm der Postverwalter entgegen, der seinen gewohnten Abendgang zum Biere machte. Georg bog vor ihm in eine Seitenstraße ab. Er kam bis vor eine offne Thür, aus der ein heller Schein auf die Straße fiel. Er wußte, daß der Wurstler und seine Frau hinter den Tischen standen, und daß jeden Augenblick ein Dienstmädchen heraustreten könne. Da kehrte er dicht vor der Ladenthür um und ging zurück. Der Postverwalter schritt hart an ihm vorüber und schaute scharf zu ihm her; aber Georg neigte den Kopf und wartete im Schatten, dann bog er um die Ecke und ging die Hauptstraße weiter. Aber da ihn dieser Weg zu dem hellerleuchteten Marktplatze führen mußte, bog er in ein finstres Gäßchen ein, das an der Kirche vorbei zum Gewerbskanal führte. Vor sich sah er ein großes, schwarzes Gebäude, dessen hoher Giebel gespenstisch in die mondklare Nacht hinausragte. Ganz oben im dritten Stock flimmerte ein Lichtchen aus einem Fenster, sonst war alles finster. Es war das Armenhaus. Da krallte sich die Angst um sein Herz. Mit zitternden Füßen stieg er die steinerne Treppe empor und tastete sich in den finstern Gang hinein bis zur Stiege und schlich, sich am Geländer haltend, die knarrenden Stufen hinauf. Als er oben war, griff er nach der Wand und tastete an der feuchten Mauer hin. Da kam er an ein Fenster. Ein trüber Schein fiel herein. Er strengte die Augen an und erkannte im Hintergrunde den zweiten Aufstieg. Er kletterte die leiterartige Treppe empor. Statt des Geländers diente ein Strick. Als er oben angelangt war, stand er in der schwärzesten Finsternis. Er tastete um sich und über sich und stieß mit der Hand an den Treppenbalken der dritten Stiege. Nach einigen Schritten stand er auf der untersten Stufe. Er griff mit der Hand rechts hinaus und griff widerstandslos in die Finsternis. So hielt er sich links an der modrig riechenden Mauer und stieg empor durch die Nacht in die Nacht. Jetzt sah er einen Lichtschimmer vor sich, der durch einen Thürspalt drang. Das Herz klopfte ihm bis zum Halse empor. Er hielt die Thürklinke in der Hand. Und jetzt öffnete er.

Eine alte Frau saß im Bett und hatte einen Fuß auf einen Stuhl gelegt. Sie wickelte gerade einen Lumpen um den Fuß.

Gott sei Dank, es ist nicht die Mutter, sagte Georg laut. Die Frau schaute auf und schüttelte entsetzt den Kopf. Da trat Georg an ihr Bett, legte seinen Geldbeutel mit den letzten Pfennigen darauf und verließ lautlos die Stube.

Es war ihm leicht ums Herz geworden. Im Nu stand er wieder unten auf der Straße. Der Mond war hinter dem Armenhaus hervorgetreten und füllte die Gasse mit seinem Glanze. Georg ging den Gewerbskanal entlang und dann über eine Brücke in die Vorstadt hinaus. Er verbarg sich nicht mehr vor den Leuten. Als er an einer Frau vorüberkam, sagte er mit lauter Stimme: Guten Abend.

Es war der einzige Mensch, der ihm hier außen begegnete. Georg ging langsam. Bei jedem Häuschen schaute er nach der dunkeln Pforte und in die erleuchteten Fenster. Vor einem Häuschen blieb er plötzlich stehen. Er sah eine Gestalt sich in der kleinen, von einer Lampe erhellten Stube bewegen. Jetzt kam die Gestalt ans Fenster, dies öffnete sich, und – Mutter! rief Georg, Mutter! Ein Aufschrei, und der wiedergekommene Sohn beugte sich weinend auf die Hände seiner Mutter nieder.

7

Die Mutter hatte ihr Haus verlassen müssen. Die Darlehnskasse, die ihre Hauptgläubigerin war, hatte es bei der Versteigerung zum Anschlag übernommen. Die Büglerin hatte sich zwei Stuben hier in der Vorstadt gemietet. Der Raum war zu eng für ihre Habseligkeiten gewesen. So hatte sie das Sofa an den Sattler verkauft, der es ihr gemacht hatte. Der Mann zahlte nicht einmal den halben Preis. Als der Meister ihr das Geld auf den Tisch zählte, legte sie die beiden Öldruckbilder dazu, die sie damals für ihren Sohn gekauft hatte, um auch ihrerseits der Kunst zu huldigen: das »lauschende Zöfchen« und »den Kuß auf der Treppe.« Die kriegen Sie drein! sagte sie.

Der Meister hatte die Kunstwerke am Fenster betrachtet, und sein Geselle, ein himmellanger Bengel, schaute ihm dabei über die Schulter. In das Herz des Sattlers kam ein Gefühl der Erhabenheit, Wie fürstlich mußte er bezahlt haben, da die Frau sich gedrungen fühlte, noch etwas dazu zu geben! In dem Gefühl, ein hochherziger Mensch zu sein, griff er in die Hosentasche, und nachdem er eine Zeit lang zwei Münzen, eine größere und eine kleinere, zwischen den Fingern hin und her geschoben hatte, zog er die Hand aus der Tasche und legte noch ein halbes Markstück auf den Tisch; es war die kleinere der beiden Münzen.

Noch andern Hausrat hatte die Büglerin verkauft. Aber sie hatte es nicht vermocht, sich von allen Prachtstücken zu trennen, mit denen sie damals die künstlerische Laufbahn ihres Sohnes geschmückt hatte. Der grüne Teppich mit den goldnen Drachen, die nach Rosenknospen schnappten, lag noch auf dem Tische, und auf der Kommode stand hinter der Hausbibel der künstliche Blumenstock. Die Blätter der Alpenveilchen waren freilich etwas kümmerlich geworden und durch alten Staub getrübt, und dadurch, daß mehr als einmal Thränen auf die Blüten gefallen waren, war das Schmuckstück nicht schöner geworden.

Die Büglerin hatte oft geweint in diesen Tagen. Daher kam es wohl, daß ihre Augen so rot waren. Aber nicht allein die Augenränder waren rot, auch auf den Wangen glühten rote Flecken.

Die leuchteten ordentlich, als die Mutter das Haupt ihres Sohnes in den Schoß und an ihren Leib drückte, und keuchend flog der Atem aus ihrer Brust.

Jetzt bist du wieder da, Georg, und alles ist gut.

Ein krampfiger Husten brach in ihre Worte hinein. Georg hielt sie in seinen Armen, bis der Anfall vorüber war. Dann sah er sich im Zimmer um. Die Dielen waren feucht und kalt, und an den getünchten Wänden stand das Wasser.

Hier kannst du nicht wohnen, Mutter, das ist dein Tod!

Kannst dus ändern, Georg?

Heute nicht, und morgen noch nicht, Mutter. Aber ich wills ändern und kanns ändern. Nur mußt du mir versprechen, Mutter –

Was, Georg?

Daß du –

Georg barg sein Gesicht in die Hände und schluchzte.

Daß ich noch so lang lebe, Georg? Das steht bei Gott! Und nun sage, Kind, was bringst du mir mit?

Nichts.

Hast du ein Amt? Hast du Brot?

Georg schüttelte den Kopf.

Da wurde die Alte von einem furchtbaren Husten befallen. Endlos war die Qual der armen Brust. Dann wurde der Husten leiser und kürzer, und jetzt erstickte er in einem gurgelnden, quellenden Laut. Ein Blutstrom brach aus dem Munde der Büglerin.

Als das Schreckliche vorüber war, trug Georg seine Mutter auf ihr Lager und stürzte dann zum Hause hinaus, den Arzt zu holen. Dieser hatte noch die Wohnung inne, die Georg von früher her kannte, und folgte Georg auf dem Fuße nach. Er untersuchte die Kranke und schüttelte bedenklich den Kopf. Die Lunge sei angegriffen, sagte er, und die Mutter bedürfe, um wieder gesund zu werden, einer fortwährenden, aufmerksamen Pflege, diese könne ihr am besten zu teil werden, wenn sie in das Spital gebracht würde. In der Wohnung, worin sie liege, sei eine Genesung ganz ausgeschlossen. Georg erwiderte, daß er am nächsten Tage für eine andre Wohnung sorgen werde: er werde seine Mutter selbst verpflegen.

Als der Arzt gegangen war, lief Georg in die Apotheke, und während die verordnete Arznei angefertigt wurde, eilte er in den obern Stock zu der Frau des Apothekers und erzählte der erstaunten und erschrocknen Frau, was sich zugetragen habe, und bat sie, dafür besorgt zu sein, daß seiner Mutter während der Morgenstunden des folgenden Tages, an dem er abwesend sein müsse, die nötige Pflege zu teil werde. Die herzensgute Frau versprach, ihrer treuen Büglerin diesen Dienst zu thun, und dankte Georg, daß er sich mit seiner Bitte an sie gewandt habe. Die warme Teilnahme und herzliche Hilfbereitschaft that Georg innig wohl, er drückte der alten Dame die Hand und eilte zu seiner Mutter zurück.

Er fand sie eingeschlummert. Und nun saß er an ihrem Bett. Er lauschte auf ihre Atemzüge und betrachtete wehmütig das bleiche Antlitz mit den eingefallnen Wangen und den schmalen, blaßroten Lippen. Wenn sie wachte, schüttelte er ihr die Kissen auf, reichte ihr die Erfrischungen, die zur Hand waren, und nötigte ihr mit sanfter Gewalt die Arznei auf. Dann setzte er sich wieder an ihr Bett.

Er war todmüde, und seine Pulse jagten im Fieber. Der Schlaf kam über ihn wie ein Gewappneter. Um ihn zu verscheuchen, stand er auf und ging leise auf und ab. Aber der Schlaf war dicht hinter ihm geblieben, und jetzt hielt er ihn wieder fest in der Gewalt seiner zwingenden Arme. Georg taumelte ans Fenster. Es stand offen, denn die Nacht war lind. Georg wollte sich hinausbeugen, aber er sank auf einen Stuhl, unter der schweren Hand des Schlummers, die sein Haupt niederdrückte. Da war es ihm, als ob er sinke und sinke, immer tiefer hinab, einem rauschenden Gewoge entgegen. Gespenstische Schatten flogen an ihm vorüber, lautlos, feindselig. Er suchte sich zu halten, hier an einem Baume, dort an einem Strauch, aber der Stamm ward in seiner Hand zu Nebel, und die Zweige des Gesträuchs zerflossen zwischen seinen Fingern wie Wasser. Immer lauter und lauter rauschte es in der Tiefe, jetzt spritzten die Wogen ihm entgegen, und er ward umschlungen von weichen umstrickenden Armen. Ein Todesschreck fuhr durch sein Herz. Du bist es, Gertraud! schrie er in der höchsten Angst. Da wachte er auf.

Er bebte am ganzen Leibe, und der Kopf schmerzte ihn. Durch die geöffnete Thür fiel der bleiche Schein der Lampe. Er richtete sich schlaftrunken auf und ging hinüber zu der Mutter Bett. Schütze du mich! flüsterte er und nahm die bleiche Hand, die auf der Decke lag, zwischen seine Hände.

Aber kaum hatte er sich auf den Stuhl am Bett gesetzt, so nickte er wieder ein, und wieder sah er Gertraud. Sie hatte die Kleider an, in denen er sie zuletzt gesehen hatte. Sie stand vor ihm auf dem hellen Dielenfleck, der mitten im schwarzen Zimmer lag. Hier kannst du mir nichts thun, ich bin bei meiner Mutter, sagte er zu ihr. Da sah er in ihrer Hand die Locke, die sie ihm ausgerissen hatte. Gieb mir die Locke wieder! flehte er. Sie schüttelte den Kopf und sah ihn vorwurfsvoll an. So geh doch fort, bat er, ich muß dorthin, wo du stehst, der Mutter Milch warm zu machen! Aber sie blieb und sah ihn unverwandt an mit ihren großen, traurigen Augen. Er suchte nach dem Wort, das kräftig sei, sie zu verscheuchen, aber er fand es nicht. Da hob er die Hand und schlug nach der Gestalt. Sie warf ihm einen langen Blick zu und verschwand. Er aber hatte die Hand am Rande des Bettes aufgeschlagen und erwachte. Da war der Lichtstreif auf dem dunkeln Boden. Er hörte eine Maus in der finstern Stubenecke nagen, und schwarze Käfer krochen über die erleuchtete Diele hin. Die Kranke schlummerte ruhig. Georg griff nach der Uhr und wunderte sich, daß sie ihm fehlte. Es dauerte eine Weile, bis er sich besonnen hatte, wo sie geblieben sei. Auch das ist also wahr! sagte er schmerzlich und ging leise in das Nebenzimmer, wo die Wanduhr tickte. Es ging auf vier Uhr.

Georg! rief es in der Krankenstube.

Der Sohn eilte an der Mutter Bett.

Wie geht es dir?

Besser! Ich habe gut geschlafen und so schön geträumt!

Was hat dir denn geträumt, Mutter?

Ich saß in unserm alten Hause mit deinem seligen Vater auf dem Sofa. Die Sonne schien freundlich zum Fenster herein. Da ging die Thür auf, und du kamst herein, Georg, aber du warst noch ganz klein. Dein Vater nahm dich auf die Kniee, aber du stiegst zu mir herüber in meinen Schoß. Da sagte ich zu deinem Vater: Jetzt weiß ich nicht, ist es unser Georg, oder ists sein Bub? Dein seliger Vater legte den Finger an die Stirn und sagte ganz nachdenklich: Du, ich weiß es auch nicht.

Die Alte lachte leise vor sich hin.

Gott sei Dank, daß du wieder lachen kannst!

Es ist aber doch schändlich!

Was, Mutter?

Nicht einmal den halben Preis hat er bezahlt!

Wer denn!

Der Sattler für das schöne Sofa. Und es war doch noch ganz neu. Außer dir hat nur noch der Herr Stadtpfarrer darauf gesessen.

Sei ruhig, Mutter, wir kaufen es wieder! Die Alte schwieg. Georg machte ihr Milch warm. Als er die Mutter getränkt hatte, legte sie sich behaglich in die Kissen zurück und sagte:

Der Herr Steuerkommissar auch.

Was ist mit dem?

Der hat auch darauf gesessen.

Georg lächelte. O du gute, gewissenhafte Mutter!

Er hatte sich wieder an ihr Bett gesetzt und ihre Hand ergriffen.

Mutter, jetzt muß ich dich gleich verlassen. Aber heute Abend bin ich wieder da. Die gute Frau Apotheker wird dir eine Pflegerin schicken.

Wo gehst du hin Georg?

Zu meinem Professor.

Muß das sein?

Ja, Mutter, ich will Hilfe holen.

Die Büglerin seufzte tief. Sie sah Georg mit flehenden Augen an und sagte mit matter Stimme:

Georg, es mag sein, ich liege auf dem Sterbebett. Versprich mir eines: Kehre zum Handwerk zurück! Thus heute noch, damit ich ruhig sterben kann.

Georg wandte sich ab. Red nicht von deinem Sterben, Mutter!

Versprich mirs, Georg!

Ich verspreche dir, Mutter, daß du an mir noch Freude erleben sollst. Heute noch bring ich dir Hilfe!

Die Mutter schloß halb die Augen. Ein harter Zug lag um ihren Mund. Als Georg ihr die Tasse mit Milch reichte und sie bat: Mutter, trink! schüttelte sie den Kopf.

Nach einer Pause begann er wieder: Mutter, willst du mir sagen, wo du dein Geld hast? Du weißt, ich muß in die Stadt, und ich habe keinen Pfennig.

Die Alte that, als ob sie nichts gehört hatte. Ein Zug harter Verschlossenheit lag auf ihrem Gesicht. Sie drehte sich gegen die Wand, schwieg auf alle Fragen und wies alles, was ihr Georg darreichen wollte, von sich.

Der Morgen graute, und die Stunde war nahe, zu der Georg auf den Bahnhof eilen mußte. Jeden Augenblick konnte die bestellte Pflegerin eintreten.

Georg schlich in das vordere Zimmer, um die Mutter, die eingeschlafen schien, nicht zu wecken. Wo mochte die Mutter ihr Geld haben? Er zog die unterste Schublade der Kommode heraus und griff hinein. Richtig, hier in der Ecke in einem Schächtelein lag Geld. Das oberste Stück war der Größe nach ein Thaler. Diese Summe reichte gerade für die Fahrt. Daneben lag ein in Papier eingewickeltes Paket. Georg riß einen Fetzen von dem Papiere, schrieb mit Bleistift seinen Namen darauf und den Betrag, den er entnommen hatte, und legte den Zettel in das Schächtelchen. Dann schob er leise die Lade zurück und erhob sich, um wieder zur Mutter zurückzukehren.

Aber wie er sich zur Thüre wandte, schrie er auf vor Entsetzen. Wie ein Gespenst stand seine Mutter auf der Schwelle. Sie hatte den Arm drohend erhoben.

Er wollte sie in die Arme schließen, aber sie wehrte sich wider seine Berührung.

Mutter! rief er jammernd, es ist ein Thaler, und drinnen liegt die Quittung. Da schwankte sie und drohte umzufallen.

Er trug sie zum Bett zurück und legte sie sachte darauf nieder.

Als er kaum damit fertig war, kam die erwartete Frau zur Thür herein. Georg setzte sie mit fliegenden Worten in Kenntnis über den Zustand der Mutter. Die Pflegerin fühlte den Puls und gab beruhigende Versicherung. Es war die höchste Zeit, auf den Bahnhof zu eilen. Er warf noch einen Blick in das blasse Antlitz der Kranken.

Adieu, Mutter! flüsterte er.

Dann lief er auf die Straße und dem Bahnhofe zu. Er erreichte den Zug gerade, als er im Abfahren war, sprang hinein und gab dem Schaffner den Auftrag, ihn zur rechten Zeit zu wecken. Dann drückte er sich in die Ecke, und im Nu war er in Schlaf gesunken.

8

Es war neun Uhr vorüber, als Georg in der Stadt ankam. Sein Weg führte ihn an dem Ausstellungsgebäude vorüber. Dort stand wohl sein Bildwerk. Große, mit Abbildungen verzierte Plakate fielen ihm in die Augen, die die Eröffnung der Kunstausstellung anzeigten. Aber was lag ihm jetzt daran; Geld mußte er haben, Geld, um die Mutter aus ihrer traurigen Lage zu retten, das verlorne Haus wieder zu gewinnen und ihr den Trost mitzubringen, daß ihr Sohn kein Taugenichts sei.

Jetzt hatte er die Wohnung des Professors erreicht. Er war atemlos, darum wartete er eine Weile, bis er fühlte, daß er werde sprechen können. Dann eilte er die Treppe hinauf. Er besann sich diesmal nicht und wollte ohne Scheu vor seinen Lehrer treten: in dieser großen Not durfte er zu ihm kommen, das wußte er.

Als er oben vor der Glasthür stand und die Klingel gezogen hatte, kam ihm die lähmende Frage in den Sinn: Wenn er nicht zu Hause wäre?

Die Thür öffnete sich, und er stand einem Dienstmädchen gegenüber.

Der Herr Professor ist verreist! erwiderte es auf Georgs Frage. Es ist noch nicht bestimmt, wann er zurückkommt. Georg wandte sich langsam um.

Kann ich dem Herrn Professor etwas ausrichten? fragte das Mädchen. Georg gab keine Antwort.

Er stand wieder auf der Straße. Wo sollte er hin? Wohin er wollte! Es war einerlei, wohin er ging.

In einer Art von Betäubung ging er die Straße hin. Unwillkürlich bog er in die Gasse ein, wo seine Wohnung lag. Als er dessen inne wurde, beschleunigte er seinen langsamen Schritt. Es fiel ihm ein, wie er aussehen müsse in seinen verstaubten Kleidern, die Bäckermütze auf dem Kopfe! Und es hungerte ihn. Frische Wäsche, frische Kleider, einen Schluck warmen Kaffee! Es war jetzt das Notwendigste. Dann mußte er sehen, was sich weiter thun ließe.

Als er in seinem Hause angelangt war und die Treppe hinauf eilte, begegnete er seiner Wirtin, die gerade, den Henkelkorb am Arm, bedächtig herabkam, um die Markteinkäufe für den Sonntag zu besorgen.

Um Gottes willen, Herr Schumacher, rief die Frau, wo kommen Sie her, wie sehen Sie aus? Ihre Augen schauen ja heraus wie aus einem Brunnenloch!

Georg bat sie nur um frisches Wasser zum Waschen, und daß sie ihm eine Tasse Kaffee koche. Er sei jetzt eilig und nur einen Tag hier und brauche weiter nichts.

Die Frau öffnete ihm kopfschüttelnd die Wohnung und brachte ihm das Nötige, und während sie ihm ein Frühstück bereitete, kleidete sich Georg um. Der Kaffee erfrischte ihn. Aber das Gemüt wurde ihm nicht frei, und er grübelte, was nun werden sollte. Er hatte der Mutter versprochen, daß er ihr Hilfe bringen werde; und wenn er nun mit leeren Händen kam, wie konnte er ihr unter die Augen treten? Würde sie sich da nicht zur Wand hin drehen und an dem Gedanken erwürgen: Mein Sohn hat mir nichts gegeben als Worte und Lügen bis in meinen Tod! Es mußte ihr Tod sein.

Aber hatte er denn nicht sein Kunstwerk? Sollte sich unter den Geschäftsleuten, die von der Akademie ihr Brot hatten, keiner finden, der ihm seine Korinthierin abkaufte? Er war bereit, sie zu jedem Preise herzugeben, der ihm groß genug schien, der Mutter das Elternhaus wieder zu gewinnen. Sollte er sich an einen der Agenten wenden, die die Verkäufe der Kunstwerke vermittelten? Er kannte keinen von ihnen. Zwar hätte er von dem Hausmeister in der Akademie ihre Namen erfahren können, aber er wußte, wie zäh diese Herren waren, und daß sie Barvorschüsse niemals leisteten. Aber da war noch der Mann, der ihm den Marmorblock geliefert hatte: der konnte ihm vielleicht helfen. Zu ihm beschloß Georg zu gehen.

Er machte sich auf den Weg und ging durch die weite Stadt bis zu ihrem entgegengesetzten Ende. Die Sonne brannte heiß, der Schweiß troff ihm von der Stirn. Jetzt spürte er doch die Aufregungen und die Anstrengungen der letzten Tage wieder in den Gliedern; er war matt und todmüde und schleppte sich nur mühsam hin durch den Staub der Vorstadt, an den geteerten Bretterwänden entlang, über die Eisenbahnschienen, immer weiter hinaus. Jetzt hatte er das Haus erreicht. Er fand den Mann beim Frühmahle. Verwundert sah der den Fremden an, und als Georg seinen Namen genannt hatte, sagte er: Sie wollen mir die zweite Rate bringen für den Marmorblock?

Nein, erwiderte Georg, ich möchte Sie bitten, mir noch fünfzehnhundert Mark zu geben, dann ist das Kunstwerk Ihr Eigentum.

Der Mann sah Georg vom Kopf bis zu den Füßen an. Das sind faule Fische, sagte er.

Wie viel wollen Sie mir geben? Begleiten Sie mich, wir wollen die Arbeit ansehen! Wenn Sie mir bieten, was ich aufs genauste brauche, so gehört das Werk Ihnen.

Ich habe jetzt keine Zeit, sagte der Mann unwirsch, und ich lasse mich überhaupt auf solchen Handel nicht ein. Bei sich aber dachte er: Wenn der Termin für die zweite Zahlung verstrichen ist, lege ich Beschlag auf sein Werk!

Georg ging wieder nach der Stadt zurück. Die Füße wollten ihn nicht mehr tragen. Er sah sich nach einer Bank um, nach einem Balken, einem Steinhaufen, um sich niederzusetzen. Aber nichts dergleichen war in der Nähe. Da sah er vor sich ein Wirtshaus. Er trat ein und setzte sich an eines der kleinen Tischchen. Die Kellnerin kam und fragte ihn etwas; er nickte mit dem Kopfe. Die Kellnerin blieb wartend stehen, dann ging sie und brachte ihm eine Flasche Bier.

Georg erschrak und wurde rot vor Scham. Hatte er wohl noch so viel Geld, daß er die Flasche bezahlen konnte? Er fragte, was sie koste, und griff in die Tasche. Es reichte gerade noch. Er bezahlte, gab der Kellnerin seine letzte Münze zum Geschenk und goß sich das Glas voll. Aber er vergaß das Trinken, und nach einer Weile nahm er seinen Hut und ging wieder auf die Straße hinaus. Wie im Traume ging er in der Richtung fort, in der er aus der Thür getreten war, und hatte bald die Stadt im Rücken. Er war noch müder als vorher, aber eine innere Unruhe trieb ihn vorwärts. Rechts und links standen die kahlen Bäume einer Akazienallee, die zu einem Wäldchen führte. Als er am Ende der Allee angelangt war, sah er einen Wasserspiegel durch die Bäume blinken. Da ging es ihm ahndungsvoll auf in seinen fiebernden Sinnen, und in die trostlose Wüste seines Gemüts traten wieder Bilder und Gedanken.

Gertraud! Du hast deinen Vater umgebracht, und ich bringe meine Mutter um. Vatermörderin und Muttermörder, die gehören zu einander!

Er ging dem lockenden See entgegen.

Du hast nimmer leben können, Gertraud. Und du hast recht gehabt. Einen andern Frieden gabs für dich nicht mehr in der Welt. Für dein Herz, das wild in der Liebe war und wild im Leid, gabs keinen Balsam als das Wasser im Bach.

Du hast mich nicht umsonst besucht dort in der Gewitternacht und heute an der Mutter Bett. Du hast meine Locke mitgenommen zum Pfande, daß ich komme, und sie zieht mich dir nach, Gertraud. Ich komme! Nicht bei der frommen Mutter suche ich meinen Platz. Die stößt mich von sich. Geh weg, du hast mir alles genommen und nichts gegeben als Worte und Lügen, geh weg, du Prahler, du Dieb, du doppelter Mörder! Aber dir bin ich nicht zu schlecht. Gertraud, ich komme zu dir!

Er war durch das dürre Laub geschritten unter den kahlen Bäumen hin, und jetzt hatte er das Ufer erreicht.

Der Wasserspiegel glitzerte im Mittagssonnenschein. Leichte Wellen plätscherten am Strande, denn ein sanfter Wind strich über den See.

Georg schaute das Ufer entlang. Am obern Ende des Sees lag das Wasser schwarz da im Schatten hoher Fichten, und das Ufer war mit Schilf bewachsen bis tief in den See hinein.

Hier ist es zu sonnig für dich, Gertraud, du liebst die schwarze Flut und den überhängenden Schatten und den Schilf. Dort will ich dich suchen.

Er schritt am Ufer hin. Der weiche Rasen verschluckte seine Tritte. Aber je näher er dem dunkeln Schatten kam, desto lebendiger ward es ihm in der starren Seele, und als er unter den Fichten stand, überwältigte es ihn, er legte die Hände auf sein Gesicht und schluchzte: Ich elender Mensch!

Da schreckte ihn ein Rauschen auf, und als er sich umsah, stand vor ihm eine Frauengestalt, die aus dem Büschicht hervorgetreten war und mit erstauntem Blick zu ihm herübersah.

Georg sah sie an, fuhr zurück und rief: Maria!

Eine Blutwelle schlug zu ihren Wangen empor. Er aber starrte sie an, als wäre sie eine Erscheinung aus einer andern Welt. Ich träume nicht, Sie sind es!

Warum sollten Sie träumen? erwiderte Maria. Sie sah Georg an und erschrak. Erst jetzt bemerkte sie, wie verstört er aussah.

Ich dachte Sie anders zu sehen, fügte sie hinzu.

Ihr Vater hatte Recht, mir das Modell zu zerschlagen! rief er schmerzlich. O hätt ich keinen Meißel mehr angerührt! Oder wär ich zum Handwerk zurückgekehrt!

Ja wissen Sie denn nicht? rief sie voller Erstaunen aus. Waren Sie noch nicht in der Ausstellung? Ihr Werk erregt die Bewunderung von allen. Wer es gesehen hat, ist tief bewegt und möchte Ihnen danken.

Sie streckte ihm die Hand entgegen. Georg ergriff sie nicht.

Ja, ich weiß es, erwiderte er mit trübem Lächeln, die Korinthierin lebt. Aber Sie wissen nicht, wie teuer ihr Leben zu stehen kommt.

Maria sah ihn angstvoll an. Die Ruhe Ihrer Seele kommt wieder, sagte sie leise. Ganz gewiß, sie wird wieder kommen, wenn die Erregung vorbei ist, in die ein solches Schaffen des Künstlers Seele versetzen muß.

Das ist es nicht! erwiderte Georg. Mein Werk hat ein Haus zerstört und einem Wesen, das mir teuer war, das Leben gekostet.

Maria erbleichte.

Wir wollen uns dorthin setzen, sagte sie und ging rasch auf eine Bank zu.

Er folgte ihr langsam und setzte sich neben sie.

Sie haben mich vorhin bei meinem Namen gerufen, fuhr sie mit bebender Stimme fort. Ich will Sie jetzt nicht fragen, warum Sie dies thaten. Aber Sie haben es gethan. Was Ihnen das Recht giebt, mich vertraulich genannt zu haben, sei das Vertrauen. So will ichs gelten lassen. Sie haben vielleicht niemand sonst. Wollen Sie mir vertrauen?

Da sah er sie dankbar an und reichte ihr stumm die Hand.

Und dann erzählte er ihr von Gertraud. Er that es mit zarter Scheu und mit der Schonung, die der Toten gebührte, aber in aller Wahrhaftigkeit seines Herzens. Er erzählte ihr, wie Gertraud ihn zum Künstler gemacht hätte, wie sie ihn zuerst hatte schauen und empfinden lassen, was Leidenschaft sei, wie ihre Leidenschaft, groß und tief und urgewaltig, sich seiner eignen Seele mitgeteilt und sie hinausgetragen hatte über die kleine Welt des gewöhnlichen Lebens. Er erzählte, wie der Gedanke an Gertraud sich mit dem Eindruck des Goethischen Gedichtes vermählt, wie er sie bei all seinem Schaffen vor Augen gehabt hatte. Und dann erzählte er von jener Nacht im Atelier, wo er sein Werk vollendete, und von der Gewitternacht und ihrem grausigen Gesicht auf der Brandstätte und von der Enthüllung, die der Morgen gebracht hatte.

Als er geendet hatte, war es still zwischen den beiden. Die Vögel sangen in den Zweigen, und fröhliche Kinderstimmen klangen aus dem Gebüsch. Maria aber verhüllte ihr Gesicht mit dem Tuche und weinte.

Georg hatte sich das Herz leicht und wieder schwer geredet. Es that ihm so wohl, von all der Qual seiner Seele sprechen zu können, aber indem er von ihr sprach, legte sie sich ihm wieder von neuem aufs Herz.

Und dann sprach er von seiner kranken Mutter, in welcher Not sie sei, und wie er heute mit der Hoffnung gekommen wäre, bei Marias Vater Hilfe zu finden, und wie er dann, dem Wahnsinn nahe vor Verzweiflung, hierher gekommen sei und geglaubt habe, es sei nun alles aus.

Maria nahm das Tuch vom Gesicht weg und sah Georg mit einem Blick voll tiefsten Mitleids an. In ihren Augen blinkten Thränen.

Ihren Vater habe ich bitten wollen, fuhr Georg fort, daß er das Bildwerk verkaufe, und daß er das Geld dann so verwende, wie es für die Mutter am besten ist.

Warum sollte denn mein Vater das Geld für Ihre Mutter verwenden? Warum nicht Sie?

Vor Marias klaren Augen mußte Georg den Blick senken.

Wären Sie nicht krank, so würde ich Sie schelten! sagte sie fast heftig. Aber wie wenn das Wort ihr leid thäte, fügte sie rasch hinzu: Sie tragen keine Schuld an Gertrauds Tod, und auch Ihre Kunst ist rein von Schuld. Darum haben Sie auch nicht das Recht, am Leben zu verzweifeln. Sie dürfen an Gertraud denken ohne Grauen. Und wenns auch anders wäre, Sie haben eine große Pflicht: Sie müssen heim zu Ihrer Mutter. Kommen Sie! Geschwind, daß Sie Ihren Kleinmut bereuen.

Sie eilte quer durch das Gebüsch auf den breiten Parkweg zu. Georg folgte ihr fast willenlos. Rasch hatten sie die Straße erreicht. Eine leere Droschke fuhr daher. Maria hob den Arm. Der Kutscher hielt die Pferde an und sprang vom Bock.

Nach der Kunstausstellung! befahl Maria.

Kommen Sie, rasch! rief sie Georg zu.

Es war ihm traumhaft, wie in einem Märchen, zu Mute, als er neben ihr saß und mit ihr durch die Straßen fuhr.

Maria aber sah nach der andern Seite zum Fenster hinaus. Es lag ein wundersam freundliches Lächeln auf ihren Zügen, und doch perlten Thränen in ihren Augen.

Während sie beide schwiegen, ging ihr durch den Sinn, was sich wenige Tage vorher zugetragen hatte.

9

Am Tage vor seiner Abreise saß der Professor mit seiner Tochter beim Frühstück. Der fleißige Mann hatte schon eine Stunde gearbeitet, ehe er zum Kaffee herübergekommen war, und es that ihm jetzt wohl, ein Stündchen bei seinem Kinde zu sitzen, ehe die eigentliche Arbeit des Tages begann. Die Preisverteilung sollte heute stattfinden.

Wie hast du unsern Tisch heute so schön geschmückt! Die schönsten Azaleen aus deinem Zimmer. Und du hast dich auch selbst geputzt. Was ist denn heute?

Der Professor sah Maria an und strich ihr liebkosend über das braune Haar.

Sie wurde verwirrt und errötete.

Es ist heute ein so herrlicher Frühlingstag, und ich bin so froh; es ist mir zu Mut, als ob ein Festtag wäre!

Der Professor lächelte. Ich glaube, er selber kann nicht glücklicher und stolzer sein, wenn er den Preis bekommt, als du sein wirst, sagte er.

Ja, das ist wahr, rief Maria feurig, ich freue mich unendlich darauf!

Der Professor machte sich zum Gehen fertig. Maria hatte ihn auf die Flur begleitet.

Und doch heißt er Schumacher! sagte er spottend. Wie kann ein Mensch, der so einen Handwerkernamen hat, ein großer Künstler sein? hat einmal jemand gesagt!

O, rief Maria, damals hatte ich noch nichts von ihm gesehen!

Sie sah in die Weite, wie wenn zwar die Rede zu Ende wäre, aber nicht der Gedanke.

Der Professor ergänzte die Rede, indem er sagte: Und ihn selber auch noch nicht.

Maria rief: O du bist häßlich! Aber sie entzog ihm die Wange nicht, als er sie zum Abschied küßte, und mit einemmale schlang sie die Arme um seinen Nacken und flüsterte ihm ins Ohr: Du giebst ihm den Preis! Wenn du es thust, dann sagen alle andern ja.

Ich will mir zuerst noch einmal sein Werk anschauen, ohne alle Liebe; wer weiß, Maria, am Ende stimme ich doch mit nein.

Sie schüttelte energisch den Kopf und sah ihn siegesgewiß an.

Es war ihre Gewohnheit, den Vater die Treppe hinunter zu geleiten bis zur Hausthür. So that sie auch heute.

Ich komme heute nicht zum Essen. Aber weißt du was? Iß du heute in der Ausstellung. Wir werden um ein Uhr eine Pause machen. Dann essen wir zusammen, nicht im großen Saale, sondern im kleinen Zimmer zur rechten Hand, wo die kleinen Tische stehen. Wir essen dann selbdritt. Ich werde noch einen mitbringen.

Maria war blutrot geworden. Wen? stammelte sie.

Einer, der nein gesagt hat, sagte der Professor scherzend.

Die giebt es nicht! rief Maria und nickte dem grüßenden Vater freundlich zu.

Sie eilte die Treppe hinauf und setzte sich ans Klavier. Aber bald stockte ihr Spiel, und sie sah sinnend vor sich nieder.

Wie war es doch gekommen, daß ihr das Geschick dieses Mannes so am Herzen lag, so, daß ihr selbst das Herz klopfte bei dem Gedanken an seinen bevorstehenden Sieg? Ihr Vater hatte ihr viel von dem jungen Handwerker erzählt, in dem ein großer Künstler stecke. Sie hatte über seinen Namen die Lippen gekräuselt, weil ihr Vater über die Teilnahme gescherzt hatte, die sie dem jungen Künstler zuwandte. Der Professor pflegte oft mit ihr über die Angelegenheiten seiner Kunst und seines Berufes zu sprechen. Er gab auf ihr Urteil große Stücke, ohne sich eigentlich dessen bewußt zu werden, und da keiner seiner Schüler seinem Herzen so nahe stand wie Georg, so hörte Maria immer wieder seinen Namen und sah immer wieder seine Arbeiten. Und da sie einmal den Satz aufgestellt hatte, daß ein Mensch, der Schumacher heiße, kein Künstler sein könne – ein Satz, an dessen Wahrheit sie am wenigsten glaubte –, so strengte sie allen Scharfsinn ihres seit früher Kindheit geübten künstlerischen Urteils an, Fehler in Georgs Arbeiten zu entdecken. So war es auch Maria gewesen, die in dem Modell der Nausikaa den bürgerlichen Zug entdeckt hatte. Sie ist vollendet schön, hatte sie zu ihrem Vater gesagt, aber sie ist kein Königskind. Als sie aber dann Zeugin war von dem Schmerze des Künstlers, wurde sie von dem tiefsten Mitleide für ihn erfüllt, und es war ihr ein Trost bei dem schmerzlichen Gedenken an jenen Auftritt, daß sie dem Tiefbetrübten ein warmes Wort hatte mitgeben dürfen. Damals hatte sie ihn auch zum erstenmale gesehen, und er hatte ihr nicht mißfallen. Von jenem Tage an war ihr Urteil über Georg wie umgestimmt. Wenn der Vater ihn des Trotzes anklagte, nahm sie ihn in Schutz, und wenn der Professor von seines Schülers Undank sprach, dann versicherte sie, daß er wiederkommen werde. Sie hatte dabei die geheime Überzeugung, daß auch das Wort, das sie ihm gesagt hatte, mithelfen werde, ihn zurückzuführen. Wie triumphierte sie, als der Professor eines Tages voller Freude erzählte, daß Georg bei ihm gewesen sei! Mit welcher Spannung hörte sie zu, als der Vater von Georgs Plan sprach, die Braut von Korinth zu gestalten! Und da jene Arbeitersfrau, die Georg zum Modell gedient hatte und zu demselben Dienste zu dem Professor kam, nicht genug gutes von dem Herrn Schumacher erzählen konnte, und da der kleine Peter, der auch Marias Liebling war, mit Händen und Füßen vor Vergnügen strampelte, wenn seine Mutter ihn fragte, ob er zum Herrn Schumacher wolle, so wurde Maria überzeugt, daß Georg auch ein rechtschaffnes Herz habe und ein edler Mensch sei. Der Altar, den das Künstlerkind dem großen Künstler, die Professorentochter dem Schüler ihres Vaters, das warmblütige Mädchen dem wackern Jüngling aufgebaut hatte, war festgegründet im innersten Herzen, und eine warme Flamme brannte darauf bei Tag und bei Nacht.

Und wie horchte sie dann auf, als ihr Vater ihr erzählte, daß ihm Georg den Auftrag gegeben habe, sein fertig gewordnes Werk zur Ausstellung zu bringen! Sie war voller Glück, als ihr Vater tief bewegt von Georgs Atelier zurückkam und mit wenigen aber vielsagenden Worten seiner Bewundrung Ausdruck gab. Und als sie nun selbst in dem stillen Atelier vor dem Werke stand, da wurde sie vom Eindruck überwältigt. Ihre Augen waren feucht, als sie schied. Still ging sie neben ihrem Vater her, und daheim schloß sie sich in ihr Zimmer und schüttete ihr Herz in Thränen ans. Bei jedem Besuch der Kunstausstellung erfuhr sie den gewaltigen Eindruck von neuem, und sie wurde durch die Wahrnehmung beglückt, daß es den andern Besuchern gerade so erging. Es war für sie wie ein persönlicher Triumph, wenn sie die stille Schar der Betrachtenden beobachtete und nie den Weg an Georgs Kunstwerk vorbei finden konnte, ohne durch ein Gedränge zu schlüpfen. Sie konnte sich nicht mehr verhehlen, daß ihr Georg so teuer geworden war, wie kein Mensch außer ihrem Vater. Eine stille, sichere Freude kam in ihr Herz. Sie wußte, daß sie ihn bald sehen werde, und daß es dann auch ihm ein Bedürfnis sein werde, ihr in die Augen zu schauen und ihrer Verheißung zu gedenken: Sie werden es besser machen. –

Und dann war sie in die Ausstellung gegangen zu dem verabredeten Stelldichein, und der Vater war gekommen und hatte die beglückende Botschaft gebracht, daß Georg den Preis errungen habe. Sie hatte ihre Bewegung kaum verbergen können. Und doch war eine Enttäuschung in der Fülle ihres Glückes, denn der dritte, den der Vater mitgebracht hatte, war nicht, wie ihr Herz gehofft hatte, Georg gewesen.

All das fuhr ihr wieder durch den Sinn, während sie neben dem auf so seltsame Weise gefundnen der Ausstellung zufuhr. Und heute, wie war es da gewesen?

Der Vater war seit zwei Tagen fort, und sie erwartete ihn erst morgen zurück. Sie hatte sich an das Klavier gesetzt und gespielt. Dann war sie aufgestanden und ruhelos von einem Zimmer ins andre gegangen. Sie hatte zum Fenster hinausgehorcht auf den Amselschlag im Garten. Wie die Zeit sich schleppte! Sie war dann in ihr Zimmer hinauf gegangen, um sich in ihrer eignen bescheidnen Kunst zu üben, und hatte eine Weile gezeichnet. Dann war sie aufgesprungen und zu ihren Büchern geeilt. Sie hatte Goethes Gedichte herausgeholt und das Büchlein aufgeschlagen. Ich wußte doch, daß du kommen würdest! dachte sie.

Welcher Unsterblichen
Soll der höchste Preis sein?
Mit niemand streit ich;
Aber ich geb ihn
Der ewig beweglichen
Immer neuen
Seltsamen Tochter Jovis,
Seinem Schoßkinde,
Der Phantasie.

Dann hatte sie die Braut von Korinth aufgeschlagen. Aber sie hatte das Buch beiseite gelegt. Er braucht keinen Dolmetsch, hatte sie gedacht, und wenn der Dolmetsch Goethe heißt.

Wie die Amseln lockten und die Finken schlugen! Es hatte sie gedrängt, hinaus zu gehn in die Frühlingswelt. Da war sie in den Park geeilt und ging nun langsam zwischen dem jungsprießenden Rasen unter den breitästigen knospenden Kastanienbäumen dem flimmernden See entgegen. Sie hatte an ihn gedacht, wann er wohl kommen werde, wie er wohl aussehen werde in seinem Glück, wie ihre Begegnung wohl verlaufen werde. Sie war ihm einigemale begegnet, ohne von ihm bemerkt zu werden, als er aus seinem Atelier nach Hause eilte. Sie kannte seinen Gang, seine Miene. Ob ihm wohl der nachdenkliche Zug immer eigen sei, oder ob er auch anders in die Welt hineinschauen könnte?

In solche Gedanken vertieft hatte sie mit einemmale vor dem gestanden, mit dem sie sich all die Zeit her in ihrem Herzen beschäftigt hatte. –

Der Wagen war vor dem prächtigen Portale des Ausstellungsgebäudes vorgefahren. Ein Diener eilte herzu und öffnete den Schlag. Maria stieg aus und befahl dem Kutscher zu warten.

Kommen Sie mit, das ist alles, was Sie zu thun brauchen, sagte sie zu Georg.

Sie traten in die vordere Halle ein. Zwischen den Porphyrsäulen, die das Gewölbe trugen, standen die ausgestellten Werke der Bildhauerkunst. Maria führte Georg zu einem Sofa, das in einem lauschigen Winkel zwischen Lorbeer- und Orangenbäumen stand, und von einer plötzlichen Regung ergriffen, eilte sie auf einen der Lorbeerbäume zu, brach einen Zweig und reichte ihn Georg.

Dem Preisgekrönten! sagte sie mit lieblichem Lächeln, während ihr Thränen in die Angen traten und ihre Wangen sich röteten.

Als er auffuhr und sie fragend ansah, bat sie nur eilig: Warten Sie hier auf mich; wills Gott, so komme ich bald wieder. Schauen Sie derweilen dort hinüber!

Sie verschwand, indem sie unter die Menge eilte.

Georg zitterte vor Aufregung, als er seinen Blick nach der bezeichneten Richtung hinwandte. Hoch erhöht auf einem dunkeln Sockel stand sein Bildwerk. Es war umdrängt von einer staunenden, flüsternden Menge. Halblaute Ausrufe der Bewunderung wurden laut. Georg vernahm nichts davon. Das Herz schwoll ihm von namenlosem Glück; ein Hochgefühl, wie er es noch nie empfunden hatte, hob ihm die Seele. Er fühlte, wie ein Thränenstrom ihm das Herz befreite. Dem Dämon, der aus den Augen der steinernen Braut schaute, war die Gewalt genommen. Er sah nichts mehr als nur sein Werk. Alles Geräusch der Welt war verklungen. Seine Seele war voll von dem einen Gefühl und dem einen Gedanken: Es ist gelungen!

Währenddem eilte Maria durch das Gedränge.

Spähend durchwanderte sie einen Saal nach dem andern. Ihr Herz klopfte hoch. Es war erfüllt von der Sorge, daß sie den nicht treffen möchte, den sie suchte. Wenn er hier nicht war, sie wußte nicht, wo sie ihn finden sollte!

Sie war bis an das Ende gelangt und eilte nun mit steigender Angst zurück. Sie hatte Georg so zuversichtlich Hilfe zugesagt. Wie konnte sie vor ihn treten, ohne ihm Hilfe zu bringen?

So kam sie wieder in die Skulpturenhalle zurück. Dort saß der Mann, der auf ihre Hilfe hoffte. Was sollte sie thun? Wie sie unschlüssig um sich blickte, hörte sie plötzlich neben sich eine Stimme, deren Klang sie wie ein Blitzstrahl durchzuckte. Sie drehte sich um: da stand er, der Gesuchte, der Dritte vom letzten male, der alte Freund ihres Vaters. Es war der Direktor einer großen Galerie. Er hatte während des Mahles an jenem Mittag mit großer Bewunderung von Georgs Kunstwerk gesprochen und war immer wieder auf den Wunsch zu reden gekommen, die Braut von Korinth für seine Anstalt zu erwerben.

Maria begrüßte den Freund ihres Vaters mit strahlender Freude.

Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein, daß Sie mich aus dem Banne der dämonischen Augen retten! Freilich nicht zur Freiheit, fügte er lächelnd hinzu, denn jetzt muß ich Ihnen in die Augen schauen!

Ist es Ihnen Ernst mit der Absicht, die Gruppe zu kaufen? fragte Maria.

Gewiß! Ich habe ja Ihren Vater gebeten, mit dem Künstler zu verhandeln.

Das können Sie jetzt selbst thun. Der Künstler ist hier. Und nun bitte, kommen Sie mit mir einen Augenblick auf die Seite.

Der Direktor führte Maria in den Schatten einer Gruppe von Orangenbäumen. Maria erzählte ihm in fliegender Hast, was sie von Georgs Lage wußte und ahnte. Ich habe noch einen Käufer in Sicht, sagte sie, einen russischen Fürsten. Darum bieten Sie nur einen guten Preis!

Der Direktor lächelte. So viel als ich überhaupt für diesen Zweck zur Verfügung habe, erwiderte er; seien Sie unbesorgt. Und nun führen Sie mich zu dem Künstler.

Dort sitzt er! sagte Maria und wies auf Georg.

Bitte, stellen Sie mich vor!

Maria ging auf Georg zu, und als sie die beiden Männer mit einander bekannt gemacht hatte, ging sie still beiseite.

Zu ihrer Freude sah sie den warmen Blick der Teilnahme aus den klugen und guten Augen des alten Direktors, und dann den hellen Schein des Glücks in dem Antlitze Georgs.

Rasch war das Gespräch der beiden zum Abschluß gekommen. Der Direktor sah sich nach Maria um. Sie trat freudig herzu und fragte: Ist alles in Ordnung? Georg überließ dem Direktor die Antwort. Ihm selbst war das Herz zu voll.

Sie verließen zusammen die Halle und traten auf den freien Platz hinaus, wo der Wagen wartete. Die beiden Herren stiegen ein.

Wohin? fragte der Kutscher.

Zum Bahnhof! erwiderte Maria, die am Wagenschlag stand.

Zuerst aber zur Reichsbank! entschied der Direktor.

Die Pferde zogen an. Die beiden Herren sahen sich umsonst nach Maria um. Sie war in der ab- und zuströmenden Menge verschwunden. Hinter einer Säule verborgen sah sie dem davonrollenden Wagen nach. Er soll vor meinen Augen nicht die seinen niederschlagen und: Danke! stammeln, sagte sie zu sich selbst.

10

Die Sonne war noch nicht untergegangen, als Georg in seinem Heimatstädtchen eintraf. Er eilte in die Hütte, wo seine Mutter wohnte. Leise trat er in das vordere Zimmer und winkte der Pflegerin heraus. Die Mutter war noch schwach, aber unmittelbare Gefahr war keine mehr vorhanden. Sie hatte nicht ein einziges mal nach Georg gefragt, aber im Fieber oft von ihm geredet. Die letzte Bemerkung begleitete die Pflegerin mit einem bedeutungsvollen Blick. Georg bat die Frau, bei der Mutter zu bleiben, bis er wiederkomme; dann eilte er auf das Kontor der Darlehnskasse.

Als er dem Kassierer seinen Namen nannte, beglückwünschte ihn dieser zu seinem herrlichen Kunstwerke, von dem die heutige Abendzeitung so großes rühme, und dem der erste Preis zu teil geworden sei. Er holte das Blatt und wies Georg den Artikel. Als Georg ihm dann das Begehren mitteilte, das Haus seiner Mutter zurückzukaufen, und sich bereit erklärte, die Kosten der Versteigerung zu ersetzen und dem Mieter noch ein Neugeld zu zahlen, da ging der Beamte mit Freuden auf alles ein und erbot sich, noch heute abend zu dem Mieter zu gehen und ihn zum sofortigen Ausziehen zu bewegen.

Es mag kosten, was es will, sagte Georg.

Mit Geld ist alles zu machen, erwiderte der Kassierer. Er hatte in der Verwaltungsratssitzung dagegen gestimmt, daß Georg verbummelt sei, und hatte nun das Gefühl, ein Verdienst an dessen glänzendem Erfolge zu haben.

Dort kommt der Vorstand unsrer Kasse, sagte er und wies zum Fenster hinaus. Wir können jetzt alles gleich in Ordnung bringen.

Aber die beiden Männer warteten vergeblich auf den Herrn Vorstand. Auch dieser hatte den Artikel, der von Georgs Kunstwerk handelte, gelesen. Nun aber war gerade er es gewesen, der den Antrag gestellt hatte, daß Georg als verbummelt zu betrachten sei, und er hatte diesen Antrag mit besonderm Nachdruck verteidigt. Deshalb zog er es vor, als er draußen im Hausgange von dem Diener erfuhr, daß Georg innen sei, an der Thür vorbei zu huschen und sich wieder davon zu machen, denn es war ihm eine selbstverständliche Sache, daß Georg die Namen derer kenne, die ihre Stimmen gegen ihn abgegeben hatten. Die Verhandlungen waren zwar geheim, aber sie hatten natürlich soviele Ausgangslöcher in die Öffentlichkeit, wie die Zahl der Abstimmenden betrug.

Als der Herr Vorstand nicht erschien, ahnte der Kassierer den Zusammenhang der Sache. Er versprach Georg, alles zu ordnen, und gab ihm die Zusicherung, daß er am nächsten Nachmittag in die alte Wohnung zurückkehren könne.

Georg eilte nun zu seiner Mutter zurück. Eine kurze Strecke vor dem Häuschen begegnete er dem Herrn Vorstand. Dieser machte ein grimmiges Gesicht. Aber als er in respektvoller Ausbeugung an Georg vorüberschritt, zog er den Hut und grüßte so tief, wie er noch niemanden gegrüßt hatte. Er gab seinem Gruße einen heroischen Nachdruck in die Tiefe hinunter, wie wenn er Wasser schöpfen wollte. So schritt der Herr Vorstand an Georg vorüber.

Dieser traf seine Mutter schlummernd. Er schickte die Wärterin in die andre Stube, setzte sich an das Bett der Kranken und beobachtete liebevoll ihren Schlaf. Das Herz war ihm schwer von Sorge, und doch wieder so leicht und so dankbar, wie wenn nun alles gut werden müßte.

Als die Mutter erwachte, beugte sich Georg über ihr Bett und sagte:

Mutter, ich bin wieder da.

Du bists, Georg?

Ja. Der Thaler, den ich von dir geliehen habe, liegt wieder an seinem Platz.

Ists wirklich so. Georg?

Gewiß! Sieh, Mutter, hier ist das Schächtelein.

Die Alte griff hinein und nickte befriedigt, als sie das Thalerstück oben aufliegen fühlte.

Mutter, nun will ich dir etwas aus der Zeitung vorlesen, das handelt von deinem einzigen Sohne.

Und er las der Mutter den Artikel vor, der an diesem Tage soviel Aufsehen im Städtchen verursacht hatte.

Er lächelte unter Thränen, als er las.

Die Augen der Mutter leuchteten. Jetzt werd ich wieder gesund! sagte sie. Dann griff sie nach dem Blatt und fragte: Was ists für eine Zeitung?

Georg nannte den Namen.

Die liest der Herr Dekan nicht! sagte die Alte mühsam. Ein Hustenanfall suchte sie heim.

Georg nahm sie in die Arme, bis der Husten vorüber war.

Dann sagte er: Sei unbesorgt, Mutter. Der Herr Dekan wirds auch erfahren.

Und nun erzählte er, daß er sein Kunstwerk verkauft habe. Er nannte eine Summe Geldes, die der Mutter so ungeheuer groß erschien, daß sie glaubte, nicht recht gehört zu haben.

Gewiß. Mutter, soviel ists, versicherte Georg, und er legte eine Hand voll Banknoten auf ihr Bett.

Das gehört nun alles dir, Mutter. Und morgen ziehen wir wieder in unser altes Haus. Es ist wieder dein Eigentum.

Da quollen der alten Frau die Thränen aus den Augen. Du liebes Kind, sagte sie, vergieb mir!

Georg beugte sich tiefbewegt über ihr Bett und küßte ihr die Thränen von den Wangen.

Am zweitfolgenden Tage fand der Umzug statt. Als die Kranke durch das vordere Zimmer ihres wiedergewonnenen Hauses geführt wurde, rief sie: Ach, das Sofa ist wieder da! Georg, Georg, wie viel hat er dir abverlangt?

Nicht zuviel. Mutter!

Und alles ist wieder, wie es war!

Als sie am gewohnten Platze ruhte, wo jeder blinde Handgriff sein rechtes Ziel fand, und jeder Sonnenblick seinen gewiesenen Fleck, da wurde die Alte rasch wieder gesund. Schon am vierten Tage ärgerte sie sich über die Pflegerin, und am fünften Tage schickte sie sie fort. Am folgenden Tage empfing sie Besuch. Der erste Besuch war die Frau Dekan. Als sie auf dem Sofa saß, mußte sich Frau Schumacher zu ihr setzen; die Frau Dekan thats nicht anders. Nach langem Sträuben nahm sie endlich hocherglühend auf ihrem Sofa Platz. Die Frau Dekan führte die Unterhaltung mit der Bemerkung ein, daß es zwar ihr nächstes Anliegen sei, der guten Frau Schumacher zu der Auszeichnung ihres Sohnes und zu ihrer Genesung Glück zu wünschen; daß sie zugleich aber auch in ihrer Eigenschaft als Präsidentin des Frauenvereins hergekommen sei. Es wäre schon lange der Wunsch der Damen gewesen, sich der Mitarbeit einer so erfahrnen und ortskundigen Frau zu erfreuen, und sie bitte sie herzlich, dem Vereine beizutreten und sich an den Versammlungen und Arbeiten der Mitglieder zu beteiligen.

Die frühere Büglerin sah verschämt vor sich nieder und glättete mit der rechten Hand die Falten ihres Schurzes.

Wenn die Frau Dekan meinen, dann will ich so frei sein.

Als sie später Georg dieses Ereignis berichtete, fügte sie hinzu: Siehst du, das ist jetzt mein erster Preis.

Sie war wieder leidlich hergestellt, geflickt und gestopft, wie sie sagte, als Georg in die Hauptstadt zurückkehrte. Am letzten Tage sah sie ihn zuweilen mit stillem, fragendem Blicke an, und als er Abschied nahm, sagte sie zu ihm: Du siehst so vergnügt aus, Georg, ich glaube gar, du hast etwas Liebes dort!

Georg wurde rot und sagte nicht nein.

Aber daß es nur eine Hohe und Feine sei! beschwor ihn die Mutter. Geld braucht sie keins zu haben; das haben wir genug.

11

Georg hatte Gertraud nicht vergessen. Als er zum erstenmale wieder sein Atelier besuchte, trat er leise auf, wie wenn es ein Sterbezimmer wäre; und wenn er am Modelliertische stand, in seine stille Arbeit versunken, dann schwebte immer wieder ihr Schatten vor seinem Blick, oder er hörte das stille Weinen dort aus dem Winkel, wo die Matratze lag. Besonders aber rief immer wieder das Wasser die Erinnerung an Gertraud in ihm wach. Er konnte den stillen Spiegel des Sees im Parke nicht sehen, das Rauschen des Bachs, der sich in den See ergoß, nicht hören und an den schilfbewachsenen kleinen Weihern, die weiter unterhalb im Walde den Bach bei seinem Gang zum nahen Strom geleiteten, nicht vorübergehen, ohne daß die alten Bilder wieder vor seiner Seele auftauchten und ihn mit Schwermut erfüllten.

Georg verkehrte jetzt als ein täglicher Gast in dem Hause des Professors, und es war, als gehörte er ganz zu der kleinen Familie. Dem Alten war es eine Erfrischung, mit dem jungen Freunde umzugehen, den er lieb gewonnen hatte wie einen Sohn, und er beobachtete mit stiller Freude, wie sich Georg und Maria im unbefangnen Verkehr immer mehr an einander anschlossen. Sie machten zu dritt regelmäßig am Abend Spaziergänge ins Freie hinaus. Da suchte dann Maria, die es wußte, was Georgs Herz bewegte, die Männer vom Wasser abzulenken, wenn sie in dessen Nähe kamen. Es wurde ihr nicht immer leicht, da ihr Vater gerade für diese Wege eine besondre Vorliebe hatte. Einmal gelang es ihr nicht; ihr Vater kehrte immer wieder zum See zurück, so oft sie auch einen Vorwand gefunden hatte, von ihm abzubiegen.

Ich glaube, du bist wasserscheu, sagte ihr Vater ärgerlich und ging mit großen Schritten geradewegs auf den See zu.

Jetzt war nichts mehr zu ändern. Aber Maria wollte nun Georg wenigstens davor bewahren, ein Gespräch führen zu müssen; sie sah, wie sich sein Kopf gesenkt hatte und seine Gedanken dem alten Banne verfielen. Darum nahm sie ihren Vater in Beschlag und war so voller Laune und Einfälle, daß der Alte sich von ihr fortziehen ließ, und Georg sich selbst überlassen blieb. Aber Georg dachte wohl an Gertraud, doch wurde sein Herz nicht mehr von der gewohnten Bangnis befallen. Das Gedenken an Gertraud zog durch sein Herz wie die entschwebenden Akkorde eines wehmütigen Liedes, das uns traurig stimmt, aber keinen Schmerz bereitet. Und wie er so hinter den beiden am Seegestade hinging, und sein Blick voll Sehnsucht auf der edeln Gestalt des jungen Mädchens ruhte, und er sich bewußt wurde, wie teuer sie ihm war, da hatten Schilf und Wellenschlag ihren unheimlichen Zauber verloren. Der Mond war aufgegangen am Abendhimmel, und sein silberner Schein zitterte wie ein aufgerollter Fächer auf der sanftbewegten Fläche. Wo du bist, Maria, verschwindet alles Grauen, du Lichthelle, du Reine! dachte er.

Sie ging dicht an den Vater geschmiegt am Ufer hin und sah auf den See hinaus. Und wie sie ihm so ihr schönes, vom zarten Licht des Mondes verklärtes Gesicht halb zuwandte, da gedachte Georg an den König Alkinoos und sein Kind Nausikaa, und sein Herz erzitterte und lauschte auf: von fern her klang ein froher, goldner Ton, ein vorauseilendes Locken aus dem daherrauschenden Liede der Schöpfung. Freue dich, Herz, bald bist du wieder erfüllt von seinem hehren Flügelschlag und trunken in der Wonne des Schaffens!

Als Georg in seine Wohnung zurückgekehrt war, blätterte er in seinem Skizzenbuche. Bald hatte er das Blatt gefunden, das er suchte. In den stillen Tagen, die er während der Krankheit der Mutter zugebracht hatte, hatte er eines seiner Traumgesichte aufs Papier geworfen. Drei Frauen schauten aus drei Fenstern heraus, rechts Luise, links Gertraud. Als er damals das Gesicht der mittleren zeichnen wollte, hatte er an Maria gedacht, aber seine Hand hatte gezittert, sein Gemüt war noch voll Wellenschlags. Es muß die stille Stunde einer großen, heiligen Freude sein, hatte er sich damals gesagt. Und diese Stunde war jetzt da. Die Frau in der Mitte bekam ein Antlitz, eine Seele, einen Namen.

Am folgenden Morgen begann Georg den Entwurf zu einer Nausikaa. Der stürmische Drang der Leidenschaft blieb diesmal seinem Schaffen fern, aber es war getragen von einer stillen, gesammelten Kraft, durchleuchtet von einer immer lichter werdenden Freude. Er sagte den Freunden nichts von seinem Werk. Aber Vater und Tochter spürten es, daß seine Seele schuf, und beide wußten, woran.

Als Georg mit dem Modell fertig geworden war, ging er zu dem Lieferanten, der ihn jetzt voller Respekt behandelte, um sich einen Stein auszuwählen. Als er dies Geschäft besorgt hatte, fiel sein Blick auf einen dunkeln Wildblock von kraftvollen Formen. Es war ein Findling. An den darf kein Meißel, sagte er zu sich. Wilde Rosen müssen ihn überspinnen. Das ist der rechte Stein auf Gertrauds Grab. Er kaufte ihn zu dem ausgewählten Marmorblock und ließ beide in sein Atelier schaffen. Auf dem Heimwege fiel ihm ein, daß noch ein andres Grab sei, das einen teuern Toten berge. Meister Petermann! Ob wohl deine beiden Engel auf deinem Grabe sitzen? Ob wohl deine Erben den letzten Grabstein, den dein Meißel schuf, mit dem übrigen Inventar zu Geld gemacht, oder ob sie ihn auf dein Grab gestellt haben? Georg beschloß, an den Kunstschlosser um Auskunft zu schreiben. Und nach acht Tagen bekam er auch folgende Antwort:

Hochgeschätztester Herr und Kunstfreund!

Zunächst habe die Ehre, mich dero Wohlergehen sowie förderlicher Gesundheit gütigst zu versichern. Es hat mich sehr gefreut, aus meinem Kunstgewerbeblatt, sowie aus den gewöhnlichen Blättern zu entnehmen daß Sie die in Sie gehegten Erwartungen wird enttäuscht, sondern geradezu erfüllt haben. Ich habe es immer gesagt zu meinem Freund Petermann selig sowie auch zu andern Leuten: in dem Georg steckt etwas!

Was nun anbelangt die Grabsteinverhältnisse auf dem Grabe des seligen Petermann, so sind dieselben nicht vorhanden. Der Verblichne hat nämlich die politische Gemeinde und den Spitalfonds zu Erben eingesetzt. Die Erben befinden sich im Prozeß, und der gute Petermann selig hat es keinem von beiden recht gemacht, sondern sie sagen, daß er ganz allem an dem teuern Prozesse, wo die Advokaten so viel verdienen, die alleinige Schuld trage. Darum wurden die Grabsteine alle verkauft, und Meister Petermann selig hat keinen bekommen. Wenn Sie, hochgeschätztester Herr und Kunstfreund, das Grab des verdienten Mannes mit einem Monumente zieren wollen, so wird es mir eine Freude sein, die Sache schönstens zu besorgen und Ihnen die Rechnung für gehabte Auslagen zu präsentieren. Ich selbst bin anfangen alt, der Atem geht ein wenig schwer, aber ich halte mich wacker auf den Beinen. Es wäre jetzt die rechte Zeit, die eiserne Kirchenthür, die ich seit frühester Jugend in meinem Kopfe herumtrage, zu Ehren meiner lieben Vaterstadt auf Kosten eines edeln Stifters aufzustellen, ehe die alte Kirchenthür repariert wird, weil sonst das Geld hinausgeworfen wäre. Da Sie, hochgeschätztester Herr und Kunstfreund, in dero Edelmut beschlossen haben, das Grab unsers seligen Meisters mit einem Grabsteinschmucke zu versehen, so ergebe ich mich der süßen Hoffnung, daß dero Edelmut auch an unsre arme Stadtkirche und an Ihren väterlichen Kunstfreund stiftenderweise gedenken werde. Ich habe mir aus meinem Kunstblatte eine schöne Zahl bemerkenswertester Motive zusammengestellt. In der Hoffnung, daß Sie in dankbarer Erinnerung empfangner Anregungen meiner anklopfenden Bitte geneigtes Gehör schenken, zeichne mit vielen tausend Grüßen

Ihr gehorsamster
Philipp Lattich, Kunstschlosser

Nachdem Georg diesen Brief empfangen hatte, ging er in vergnügtester Laune noch einmal zu seinem Lieferanten hinaus und kaufte den schönsten Marmorblock. Und dann machte er sich in behaglicher Stimmung an die Arbeit. Das Ideal seines Meisters hatte er ja treu im Busen bewahrt. Unten meißelte er den Engel des Schmerzes. Seine Mundwinkel hingen nicht weiter hinunter, als recht und billig war, denn dieser Engel hatte ja keinen Geldbeutel verloren. Und oben dem Engel des Trostes öffnete er den Mund nur soweit, daß ein Gesangbuchverslein hindurchschlüpfen konnte; die Leichenpredigt hielt ja nicht dieser Engel, sondern der Herr Pfarrer hatte sie schon gehalten, recht und schlecht.

Er dachte daran, wie er den Grabstein schon einmal wieder gemeißelt hatte im Hause seiner Mutter, und wie die glücklich gewesen war, als sie gesehen hatte, daß er etwas könne. Und es erhöhte sein Behagen, wenn er sich vorstellte, wie sie nun warm und wohlig daheim in ihrem Häuschen sitze, behaglich im Sonnenschein an ihrem Fenster; nicht mehr geplagt von der Sorge um ihre Bügelkundinnen, und von der Angst um ihren großen Jungen, für den sie jetzt ungezählte Strümpfe strickte, und zu dem sie jetzt mit liebendem Herzen herüberdenken mochte.

Als der Grabstein fertig war, schickte ihn Georg mit dem Findlingsblock an den Kunstschlosser und erhielt bald darauf die Nachricht, daß alles schönstens besorgt sei, nebst einer umfangreichen Rechnung über Auslagen, Spesen, Zeitversäumnis und eigne Arbeit. Was das bescheiden berührte Anliegen meiner Wenigkeit betrifft, so schloß der zweite Brief des Kunstschlossers, so hat es damit kein so eiliges Bewandtnis, indem daß ich mich sehr wacker fühle und noch mehrere Jährlein zu leben gedenke.

Nach diesem Zwischenspiele nahm Georg den andern Marmorblock in ernsten Angriff. Die Arbeit ging ihm leicht von der Hand. Seine Seele war hochgemut und frei, und doch ganz versenkt in sein Schaffen.

Und als er dann eines Abends zur gewohnten Stunde in des Professors Wohnzimmer eintrat, lag eine stille Fröhlichkeit in seinem Wesen. Sein Blick flog immer wieder zu Maria hinüber, und ein eignes Lächeln spielte um seine Lippen.

Sie sind fertig? fragte der Professor.

Georg nickte.

Darf ich morgen kommen?

Ja.

Aber als Georg dann am andern Morgen dem Besuche die Thür öffnete, machte er ein bestürztes Gesicht: er sah Maria in die Augen.

Sie begrüßte ihn mit unbefangner Freundlichkeit, ohne lange um Entschuldigung zu bitten, daß sie mitgekommen sei. Es war dem Vater selbstverständlich erschienen, die Tochter mitzubringen.

Wo ist sie denn? fragte der Professor. Ah, hier, hinter dem Vorhang. Er trat auf ihn zu, als wollte er ihn hinwegziehen, aber Georg wehrte in tiefster Verwirrung. Dabei warf er einen flehenden Blick auf Maria.

Was ist denn das? rief der Professor betroffen. Es steckt doch nichts Unrechtes hinter dem Vorhange?

Maria sah erstaunt bald den einen, bald den andern an. Mit einem kräftigen Ruck schob der Professor den Vorhang zur Seite.

Maria! rief er in tiefster Bewegung aus. Er stand da in Schauen versunken. Seine Lippen zitterten. Das ist ein Klang aus reingestimmter Seele! sagte er endlich und reichte Georg die Hand, der todesblaß zurückgetreten war und Maria nicht anzublicken wagte. Dann sah der Professor wieder auf das Bild. Ist denn mein Kind wirklich so schön? sagte er leise.

Bei dem Ausrufe ihres Vaters war Maria alles Blut zum Herzen gedrungen, dann strömte und wogte es vom stürmenden Herzen wie die Hochflut, die über das Ufer hereinbricht. Sie stand da, mit Glut übergossen, gleich einer Träumenden. Dann wandte sie sich plötzlich zu ihrem Vater. Sie schlang die Arme um seinen Hals und barg in überströmender Zärtlichkeit das weinende Angesicht an seiner Brust.

Maria, hat ers jetzt zu deiner Zufriedenheit gemacht? Wie lohnst du dem Künstler? fragte der Professor, indem er zärtlich ihren Kopf in die Höhe zu richten suchte. Den Lorbeer gabst du ihm schon. Was hast du noch für ihn?

Da hob Maria das bräutliche Antlitz. Sie sah Georg an mit einem Blick voll unendlicher Liebe und streckte ihm die Arme entgegen.