Fritz Reinhardt

Erstes Kapitel

Zwei junge Männer schritten am zweiten Pfingstfeiertag noch vor Sonnenaufgang zwischen fruchtbaren Saatfeldern am sanftabfallenden Hang des Kulm zum Steinschrot empor. Der im modischen, schwarzen Leibrock und mit dem grauen Filzhut war der junge Bergheimer Lehrer Fritz Reinhardt, sein Begleiter, dessen ländlich-kurze Jacke seinen schlanken und doch kräftigen Bau vorteilhaft hervorhob, der junge Bauer Karl Florschütz, gewöhnlich nur der Beckenkarl genannt.

Die Saatfelder und Grasraine lagen schwer voll Tau, und als aus der Hecke von Weißdorn, Hagebutten und Hiften ein Steinschmätzer erschreckt aufflog, sprühte von den Ästen, Knospen und jungen Blättern eine Wolke glänzenden Staubregens empor. Hie und da erhob sich eine Lerche schwirrend in die Luft: am Waldrand äste ein Reh, langsam, mit kaum bemerkbarem Flügelschlag zog ein Geier über den Steinschrot dahin.

Da schossen die ersten Strahlenblitze der Sonne durch die Kronen der Tannen auf dem Kulm, und wie durch einen Zauberschlag war auch das Leben der Natur erwacht. Hoch in den Lüften jubilierten die Lerchen, aus den Hecken tönte der sanfte Gesang der Rotkehlchen und Grasmücken, vom Apfelbaum schmetterte kräftiger Finkenschlag, vom Steinschrot tönte der Pfiff einer Amsel, vom Kulm melancholischer Kuckucksruf herab. Dazwischen flatterten und zwitscherten durch die Hecke rastlose Vögelscharen, ein Hase sauste in weiten Sprüngen über Stock und Dorn dem Waldesdunkel zu, Hummeln und Bienen umsummten den blühenden Klee, Maikäfer surrten von einem Blütenbaum zum andern. Kräftige Wohlgerüche durchströmten die Luft; mit dem süßen Duft der Veilchen mischte sich der eigne herbe Geruch der Birken und Tannen.

Der junge Lehrer blieb stehen, breitete die Arme aus und rief: »O, wie schön!«

Plötzlich wendete sein Begleiter das sonnengebräunte Gesicht nach ihm und fragte kurz: »Glaubst du auch, daß die Sonne stillstand zu Gideon?«

Erschreckt fuhr der Lehrer herum. »Wie kommst du darauf? – heute, jetzt?«

»Nichts! – Es fiel mir eben so ein!« entgegnete Karl kurz und wendete sich zum Gehen.

Reinhardt folgte kopfschüttelnd dem Freunde. Zwischen duftenden Hecken von Schlehdorn, der seine starren Glieder ganz und gar verhüllte in zarten weißen Blütenflaum, leitete der schmale Fußpfad mählich empor zum Wald, in dessen Halbdunkel die Wanderer bald eintraten. Gemischte Bestände von Tannen, Fichten, Birken und Buchen umschlossen in reizender Unordnung den Weg. Wo sich Tannen und Fichten fest zusammenschlossen, deckte rosiges Dämmerlicht den Moosboden. Hatte aber eine Birke oder Buche die dichtverschränkten Äste der ernsten Gesellen durchbrochen, dann leuchteten im Sonnenstrahl die Leberblümchen, Himmelsschlüssel, die weich behaarten Glocken der roten Hasenblume und die lustigen Wicken. Aus moosigem Felsen, von breitästigen, jetzt noch zartbelaubten Buchen beschattet, sprang ein frischer Quell. Fritz kniete nieder zwischen die Vergißmeinnichte, Dotterblumen und Efeuranken, die im reichen Kranz den Quellrand säumten, badete Gesicht und Hals in dem klaren Quell und rief: »Vorwärts, Karl! Das erfrischt!«

Karl lehnte an einer Buche und fragte finster: »Glaubst du, daß Moses in der Wüste mit seinem Stab Wasser aus dem Felsen schlug? Ist's möglich, daß sich das fließende Wasser des Jordans gleichermaßen selber abdämmte und stand wie eine Mauer?«

»Karl! Was bringt dich auf solche Gedanken?«

»Was kümmert's dich, wie ich darauf komme? Antworte kurz und klar: glaubst du das?«

»Es ist nicht immer gut, gleich mit der Antwort bei der Hand zu sein. Erst sage mir: was treibt dich zu solchen Fragen?«

»Ausflüchte!« lachte Karl zornig. »Ich dachte mir ja, so wird's kommen!«

Reinhardt schüttelte abermals den Kopf. »Was ist das doch?« fragte er nachdenklich. »Schon seit einiger Zeit fiel mir auf, daß du nicht mehr der alte bist; es gärt und arbeitet in dir. – Aufrichtig, Karl, hängt das mit deinen Fragen zusammen?«

»Wozu all die Präambeln? Meine Fragen, dächt' ich, wären einfach und klar – warum sagst du nicht ja oder nein?«

Fritz sah mit traurigem Lächeln dem Freunde ins Gesicht und sagte: »Ja, ja – immer gleich ja oder nein, Leben oder Tod! – Was soll ich antworten, solange ich nicht weiß, was dich zu solchen Fragen treibt?«

»Du hast recht!« begann Karl nach einer Pause und gab Fritz die Hand. »Leg' mir die Unart nicht zu sehr zur Last, ich bin oft bös' auf die ganze Welt und auf mich am meisten. Dazu hab' ich gestern Verdruß gehabt mit der Margaret, das macht mir vollends den Kopf toll!«

»Und hängt der Verdruß auch mit diesen Fragen zusammen?«

Karl antwortete nicht, langsam stieg er auf schmalem Pfad an den jäh aufstrebenden Felsen hinan. Birken-, Hasel- und Lindenbüsche wucherten üppig aus dem Geröll und den Felsspalten empor, eine feuchte Frische erquickte die Wanderer in den Dickichten, bis wohin die Sonne noch nicht zu dringen vermochte. Ein wundervoller Duft wehte den Jünglingen entgegen – überall winkte und nickte unter den Büschen das holde Maiglöckchen. Heute jedoch achtete Fritz nicht auf seine Lieblinge, die Fragen des Freundes hatten ernste Gedanken in ihm angeregt und ihn in die Zeit zurückgeführt, da die ersten religiösen Zweifel den Frieden seines Herzens störten.

Trotz seiner Unruhe und Sorgen brach er doch in ein Ach! der Überraschung und Freude aus, als er, um eine scharfe Felsenecke biegend, das Ziel des Morgenspaziergangs, die Kanzel, betrat. Wie ein Altan sprang eine Felsplatte hinein zwischen die tiefer stehenden Büsche und Bäume, deren Wipfel den Felsen wie ein Geländer umgaben, ohne die Aussicht zu hemmen.

Tief atmend blickte Fritz lange hinaus in die maigrüne Welt. Als er sich dem Freunde zuwendete, fand er ihn auf moosigem Felsen sitzen, das Gesicht in den Händen verborgen. Fritz setzte sich neben Karl und sagte: »Erzähle, gründlich, wahrhaftig, was dich drückt, dann wollen wir darüber reden. Vor allem, was hattest du mit der Herrnbauersmargaret?«

»Das wirst du bald merken!« entgegnete Karl und hob das Gesicht. »Ja, ich will aufrichtig gegen dich sein. Du mußt mir dagegen auch versprechen, daß du mir die volle Wahrheit sagst!«

»Habe ich dich jemals hintergangen?«

»So meine ich nicht! Ich hätte dir schon lang' gern meine Not geklagt, aber – ja, sieh, du mußt mir das nicht übelnehmen: Du bist nun Schulmeister, mußt das in der Schule lehren – wenn du auch wirklich anderer Meinung wärst, darfst du's ja nicht einmal sagen.«

Reinhardts Stirn legte sich in Falten. »Und was bewegt dich, mir nun doch dein Vertrauen zu schenken?«

»Ja – was soll ich sagen? Ich meinte so: – wir sind doch Freunde und können uns vertrauen, bei mir brauchst du dich nicht zu genieren, da könntest du wohl mit deiner wahren Meinung herausgehen!«

Fritz ging mit großen Schritten auf und ab. Plötzlich fragte er barsch: »Also traust du mir zu, ich könne lügen? – lügen vor meinen Kindern?«

»Fritz!« fiel ihm Karl in die Rede. »Gewiß und wahrhaftig, mit keinem Odem dachte ich daran, dich zu kränken!«

Fritz gab Karl die Hand und sagte mit tiefem Seufzer: »Das weiß ich. – Aber ich habe jetzt ernstliche Bedenken, ob wir das begonnene Gespräch auch wirklich fortsetzen sollen. Wird dein Verdacht nicht immer wieder gegen mich erwachen, besonders wenn meine Worte nicht deinen Erwartungen entsprechen sollten?«

»Sei still, ich seh' meine Dummheit ein!« rief Karl. »Nun, erst mußt du mich anhören, ich weiß, von dir erfahre ich Wahrheit! Du fragst, wann und wie ich auf solche Zweifel gekommen sei? – Das kann ich nicht sagen, nur das weiß ich, von heut und gestern sind sie nicht. Schon als Schuljunge war ich ein Grübler. Schon damals kamen mir mancherlei Geschichten der Bibel wunderlich vor, doch hab' ich meine Bedenken immer wieder bald vergessen. – Ja, und dann, es mag ein paar Jahre nach meiner Konfirmation gewesen sein, säe ich auf der Rotleite Weizen und sag' dabei den Säespruch laut her, wie mich's die Mutter gelehrt hat. Kommt der Jockenvetter vorbei, hört meinen Spruch, ruft mich zu sich und sagt: ›Bist du auch noch solch ein Brummochs und glaubst an die Fixfaxerei? Dummer Zipfel! Der Herrgott wär' zu bejammern, wenn er sich um jede Kleinigkeit kümmern sollt'. Wie wollt' er fertig werden? Sei nicht dumm, die Natur sorgt für sich selber, das andere ist Schnickschnack für alte Weiber und Brummochsen!‹ – Da stand ich, das Heulen war mir näher als das Lachen. Mich ärgerten des Vetters Worte, aber ich konnte sie nicht vergessen, und als hätte er in einen Schwarm Hornissen gestört, so summten mir die alten, lange vergessenen Gedanken durch den Kopf. Während ich nun Schritt vor Schritt über den Acker wandelte und die Saat ausstreute, mußte ich daran denken, wie in der Natur alles seinen geregelten Gang geht und eines aufs andere folgt: der Tag auf die Nacht, der Sommer auf den Winter, nach Regen Sonnenschein. Und die Saat, die ich ausstreue, die keimt, geht auf, wächst und trägt Frucht. So ist's jahraus, jahrein; kein Mensch kann sich erinnern, daß 's jemals anders gewesen wäre. Freilich verfault auch oft die Saat, oder sie wintert aus, es gibt Mißjahre und Unfruchtbarkeit – aber das hat seinen natürlichen Grund, wir Menschen ändern es mit allem Bitten und Beten nicht! – Das stimmte doch alles zu dem Jockenhannes seiner Red', und – ja, ja – von damals ging meine Not an!

Ich weiß noch, wie ich mich schon in der Schule darüber ärgern konnte, daß der Juden wegen, die doch um kein Haar besser waren als andere Völker, die Sonne stillstand zu Gideon. So grübelte ich auch über die andern Wunder, und je länger ich grübelte, desto weniger wußte ich mit ihnen anzufangen. Einmal hat meine Mutter eine Predigt vorgelesen über die Geschichte vom Jonas im Walfischbauch. Das wollte mir nun durchaus nicht in den Kopf, und da ich mich nicht mit der Farbe 'rauszugehen getraute, frag' ich: ›Mutter, warum geschehen heutzutage keine solchen Wunder mehr?‹ – Ist die alte Frau erschrocken! Ihre Hand hat gezittert, als sie die Brille auf die Stirn schob, eine ganze Weile wußte sie nichts zu sagen. ›Dummer Bub!‹ fuhr sie mich endlich an. ›Was sind das für Fragen? – Warum? weiß ich's? bin ich der Herrgott? – Vielleicht geschieht's, weil die Menschheit so verdorben ist und keinen Glauben mehr hat!‹ – – Ich fragte nicht weiter, obgleich ich übler daran war als vorher. Also Glaube gehört dazu, wenn Wunder geschehen sollen? Aber der Glaube ist doch was in dem Menschen und die Wunder tut Gott – wie das zusammenhängen sollte, konnte ich nicht finden und verfiel zuletzt darauf: wer weiß denn, ob überhaupt jemals Wunder geschehen sind? – Als ich erst einmal nimmer an die Wunder glauben konnt', war die Frage nicht mehr weit: was ist überhaupt noch zu glauben in der Bibel?«

Fritz zerschnitt einen Lindenzweig, Karl hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und blickte zu Boden. Eine Amsel pfiff dicht neben ihnen, Finken und Meisen lärmten in den Büschen, und die Maiglöckchen dufteten, aber keiner der Freunde achtete darauf. Leise erzählte Karl weiter: »Mein Elend damals ist nicht auszusagen; ich fürchtete mich der Sünde und schämte mich vor mir und den Menschen – aber die Gedanken wurde ich nicht los. Obgleich noch gar jung, mied ich Gesellschaft, ganze Sonntage lang rannte ich allein im Wald umher. Meine Mutter war in schweren Sorgen, sie meinte, es sei nicht richtig mit mir im Kopf – helfen konnte sie mir nicht, denn nicht um alles in der Welt hätt' ich ihr meine Gedanken gestanden. Zuletzt, wie ich's gar nicht mehr ertragen konnte, suchte ich den Johannes auf!«

»Immer und immer der Jockenhannes!« rief Fritz. »Nun, der Jockenhannes stand damals in großem Ansehen, war der Spezial vom Pfarrer und mit viel vornehmen Herren, Amtleuten und Förstern gut' Freund. Seine Frömmigkeit wollte freilich niemand loben, grade deswegen aber machte ich mich an ihn. Kam freilich vom Regen in die Traufe! Gerechter Gott, was mußte ich hören! Das dauerte gar nicht lang', so war mir's so dumm und wüst im Kopf, als sei mir das Hirn 'rausgenommen, und das greuliche Lachen des Hannes jagte mir eine Gäns'haut nach der andern über den Buckel. – Wie im Traum ging ich von ihm, aber daheim bei der Mutter konnt' ich es nicht aushalten, mir war, als müßten die Wände über mich fallen. Es war ein wilder Abend, der Wind pfiff und heulte, der Regen goß in Strömen – ich mußte doch hinaus und rannte die halbe Nacht in der Irre herum. Wie ich heimkam, weiß ich nicht – am Morgen war ich schwer krank. Die Krankheit half mir von den Gedanken. Wie ich meine Mutter so inbrünstig an meinem Bette beten hörte, da ist mir's warm im Herzen geworden, zum erstenmal seit langem konnte ich selber beten, und nun hatte ich Ruhe – ach, wär's dabei geblieben! Ich war glücklich und zufrieden, bis – bis der neue Pfarrer kam! Es lautet wunderlich, aber's ist doch so, unser frommer, strenger, eifriger Herr Pfarrer, der hat mich aufs neue zum Zweifel gebracht. Du wirst vielleicht gehört haben, was es für einen Rumor im Dorf gab, als es hieß, wir bekommen den Pfarrer Walter. Besonders der Jockenhannes hat Himmel und Erde rebellisch gemacht, um das zu hintertreiben. An den Sturm im Dorf hab' ich mich nichts gekehrt, so recht mit Freuden hab' ich meine Gäule zum Pfarreinzug aufs beste 'rausgeputzt, es war mir 'ne Ehr', daß ich die Pfarrkutsche führen durfte; ich meinte ja, der fromme Herr würde mich für immer vor solchen schlimmen Gedanken bewahren. Aber es kam eben wieder anders, als ich gedacht. Wie der neue Pfarrer gleich nach seinem Einzug, da er die wenigsten von uns dem Gesicht und Namen nach kannte, gleich so arg über unsere Verdorbenheit und Sündhaftigkeit schimpft, wie das alle Sonntage fortgeht und immer ärger wird, da bin ich verdrießlich 'worden. So hat mich's auch geärgert, daß Gott nur die ganz zerschmissenen Herzen annähme; daß nur die Menschen auf Gnade und Erbarmen rechnen dürften, die sich selber für ganz schlecht ansähen und sich auf der Welt nichts zutrauten. Das stieg mir zu Kopf. Das ist doch nicht anders, als verlangte Gott, daß jeder erst ein rechter Lump werden soll, ehe er ihn zu Gnaden annehme. Einzubilden braucht sich niemand was auf seine Rechtschaffenheit; wer sich aber selber gar nichts achtet und nichts Zutraut, der wird auch nichts, das ist meine Meinung! Habe ich nicht recht?« Fritz nickte nachdenklich, und Karl fuhr fort: »Ja, die Hauptsache ist noch zurück. Wie ein Schlag auf den Kopf hat mich's 'troffen, wie der Pfarrer predigt: in der Bibel sei jeder Buchstabe Gottes Wort und zu glauben. Wer nur an einem Buchstaben zweifle, der sei verdammt auf ewig.«

Fritz war aufgestanden und ging heftig auf und ab.

»Das ist mir wie ein Messer ins Herz gefahren – aus war's mit meiner Ruh'! Aus der Angst wurde bald ein rechter Trotz gegen den Herrgott. Was konnt' ich dazu, daß es eine Zeit gab, wo ich nicht alles glauben konnte? verdiente ich deswegen ewige Verdammnis? – –

Seit jener Predigt sind die alten Gedanken wieder in mir lebendig geworden, und diesmal blieben sie Herr! – Seitdem es hieß, du mußt glauben, was in der Bibel steht – seitdem war es vorbei mit meinem Glauben!

In meiner Not ging ich zum Jockenhannes. – ›Was tausend?‹ – lachte er – ›du Heiliger kommst zu mir? Was würde dein Herrgottle, der Pfarrer, sagen, wenn er das erführ'?‹ Wie er aber meinen Ernst sah, ward er auch bedächtig und redete vernünftig. Was und wie, kannst du dir denken. Und meiner Not konnt' er auch kein End' machen. Ach, Fritz, ist das ein Zustand! Ich kann nicht alles glauben, was in der Bibel steht. Auf der andern Seite kann ich dem Hannes auch nicht beistimmen. Was soll denn aus der Welt und den Menschen werden, wenn die ganze Bibel nichts gelten soll? O, Gott im Himmel! wo ist das Rechte! – Wenn ich eins nicht mehr glauben kann, wird nicht doch das Ganze hinfällig? – Fritz, rate, hilf! – So kann es nicht länger bleiben; die Gedanken lassen mir Tag und Nacht nicht Ruhe, ich tauge zu keiner Arbeit; was ich anfasse, mache ich verkehrt. Und nun hat – der Himmel mag wissen, wie sie's 'rausgekriegt – meine Mutter gemerkt, wie es um mich steht. Die alte Frau ist ganz außer sich, vermeint mich für ewig der Hölle verfallen, Tag und Nacht liegt sie mir an mit Heulen, ich soll die frevlen Gedanken lassen. Ach, und von der Herrnbauersmargaret will ich schon gar nichts sagen. Noch weiß sie nichts, nur mein Umgang mit dem Hannes macht sie stutzig. Ach, Fritz, und jetzt schon, da sie nur fürchtet, ich könne in des Hannes Fußtapfen treten, weiß sie sich vor Jammer nicht zu lassen – das herzhafte, frische Mädle ist nicht wieder zu erkennen! Was wird's, wenn sie endlich hinter die Wahrheit kommt? Sie ist resolut! So groß ihre Liebe ist, sie wird mich verlassen, wenn ich nicht im Glauben stehe, der ihr das Höchste und Größte ist! – Mein ganzes Lebensglück steht auf dem Spiel, und das bloß wegen der dummen, verrückten Gedanken!«

Fritz ging heftig auf und ab. »Habe Geduld! Du wirst wieder ruhiger werden und Frieden finden.«

»Auch den Glauben?«

»Vielleicht auch den. Sicher wenigstens Ruhe im Gemüt!«

»Vielleicht!« schrie Karl bitter und sprang auf. »Ist das dein Trost? Und wenn nicht, was nachher?«

»Dann mußt du eben ohne ihn auskommen!«

Karl sah Fritz bleich, verstört ins Auge; mit zitternder Hand hielt er ihn am Rock fest und fragte tonlos: »Ist das dein Ernst? Ist's denn möglich, daß man bestehen kann ohne Glauben?«

»Der Glaube ist verschieden!«

»Nichts, nichts! Ich lasse dich nicht entschlüpfen. Du weißt wohl, was ich meine – jetzt klar und deutlich: ja oder nein?«

»Ich bin kein Jockenhannes, der auf jede Frage eine bestimmte Antwort im Vorrat hat. Aber gesetzt auch, ich wollte und könnte so kurz und rund antworten, was ist dir damit geholfen? Karl, lerne begreifen, daß dir keines Menschen Meinung zurechthelfen kann; und wenn du die gesamte Menschheit aufrufst – du bist um keinen Schritt gefördert. Nicht von außen suche Hilfe, du kannst sie nur in dir selbst finden!«

Karl verbarg das Gesicht in beiden Händen. »Ich kann dir nicht widersprechen, ich versteh' dich freilich nur halb, allein es liegt was in deinen Worten, das mir einleuchtet – und doch, was soll aus mir werden, wenn du recht hättest? Hilf mir, du kannst, wenn du nur willst. Gib das Versteckenspielen auf – red' klar – ach, Fritz, laß mich nicht vergebens bitten.«

»Ich kann dir nicht helfen, ich nicht und kein anderer Mensch. Diese Arznei ist wohl bitter, aber heilsam, ich weiß das aus Erfahrung. Ich war auch einst in deiner Lage; ich konnte nicht mehr glauben und wollte doch meinen Glauben nicht fahren lassen. Ich stellte mich nicht minder ungebärdig als du, alle Bekannte und Freunde plagte und quälte ich, sie sollten mir helfen, und doch traute ich keinem, glaubte keinem. Zuletzt wichen mir alle scheu aus, sie mochten mich für verrückt halten und überließen mich meinem Schicksal. Ich wollte oft verzweifeln, dann wurde ich müde und traurig; danach ergab ich mich geduldig in das Unvermeidliche – und siehe, als ich mich aufgab, da war mir geholfen!«

»Wie denn?« rief Karl. »Wie stand es danach um deinen Glauben?«

»Immer ja oder nein!« sagte Fritz mit wehmütigem Lächeln. »Was kann dir an dem Wie liegen? Genug, mir war geholfen! – Höre mich ruhig an, Karl: für deine Krankheit gibt es kein Radikalheilmittel: aber sie ist nicht so gefährlich, als du meinst, nur etwas langwierig; die Heilung sicher, wenn du sie nicht selbst unmöglich machst. Vertraue mir, Karl, und befolge meinen Rat: ertrage die Zweifel wie eine Krankheit, die man austoben lassen muß. Frage nicht da und dort an in Glaubenssachen! Sei geduldig! Worauf dich jetzt kein Suchen bringt, das findest du später von selbst! Und warum willst du, bevor es zur Entscheidung kommt, deine Angehörigen, deinen Schatz ängsten? Verbirg ihnen deinen Gemütszustand, solange du mit dir selber im unklaren bist. Hast du feste Stellung genommen, dann ist es Zeit, mit der Erklärung hervorzutreten.« –

»Du verlangst viel!« sagte Karl und gab Fritz die Hand. »Das klingt wohl anders als die Reden des Jockenhannes, und damit werde ich auch nicht so bald fertig. Ist mir ein Trost, daß du die Gedanken in mir Krankheit, nicht Sünde heißt; und weil du es gar so zuversichtlich aussprichst, will ich auch hoffen, daß es wieder besser werden wird, wenn ich gleich nicht einsehe, wie das möglich sein soll. Einleuchtend ist mir, daß ich nicht aller Welt auf die Nase binden soll, was in mir vorgeht. Dafür dank' ich dir, das ist ein Freundesrat. Ich will mir Mühe geben, deinen Worten nachzukommen! Da drinnen«, dabei faßte er mit beiden Händen seinen Kopf, »ist's freilich, als hätte ein Wirbelwind alles durcheinander geworfen. Ich merke, es ist anders in der Welt, als ich bis heut gedacht; es ist da nicht alles so fest gefügt, wie ich mir vorstellte. O Herrgott, am Ende besteht alles nur in unsrer Meinung? – Laß mich nur, ich komm' nicht mehr mit Fragen. Ich will den Verlauf meiner Krankheit in Geduld abwarten.«

»Tu das!« sagte Fritz und horchte auf ein helles Lachen, das rasch näher kam. »Du wirst gleich Gelegenheit haben, deinen Ernst zu zeigen – wenn ich nicht irre, sind die Herrnbauernmädchen bald hier!«

Zweites Kapitel

Eben stieg die Sonne über den Kulm empor, als zwei Mädchen aus den Hecken des Sülzdorfer Kirchsteigs traten und langsam an den taufeuchten Heckenzäunen entlang bergauf wanderten. Mehr an der Gleichheit der Kleidung als an sonstiger Ähnlichkeit erkannte man das Schwesternpaar. Die leichten Jacken waren halb offen und ließen das buntseidne, kreuzweis über die Brust gesteckte und am Hals durch eine goldne Nadel zusammengehaltene Halstuch sichtbar werden. Die faltigen Röcke aus dunkelkariertem, feinem Wollenzeug reichten knapp bis zum Knöchel, darunter leuchteten die schneeweißen Strümpfe, und die kleinen Kommodschuhe waren blank gewichst.

Beide Schwestern waren schlanke, schöne Gestalten; Margaret, die ältere, etwas kleiner, dafür kräftiger, voller als die jüngere Anna. Ihr rundes, etwas gebräuntes Gesicht glühte in Gesundheit und Lebenslust, die frischen Lippen waren fast etwas trotzig aufgeworfen, dafür lachten ihre guten, ehrlichen Augen desto fröhlicher in die Welt. Anna war zarter, feiner gebaut, und dem entsprach auch das reizende Oval ihres Gesichtes, die reine Gesichtsfarbe, der fein geschnittene Mund. Frei stieg die Stirn empor; unter den sanft geschwungenen Brauen glänzten große, dunkle, tiefe Augen; fast waren die sinnenden Blicke dieser Augen ein wenig zu ernst, hätte sie nicht das fröhliche, herzliche Lächeln, das oft den kleinen Mund umspielte, gemildert. Das reiche, dunkelblonde, an der Stirn und den Schläfen leicht gewellte Haar war, in dicken Zöpfen verflochten, wie ein Kranz um den Kopf gesteckt. Fast schien diese Last für den schlanken Hals zu groß, denn Anna trug das Köpfchen unmerklich nach vorn übergebeugt.

Die beiden Mädchen waren die einzigen Kinder der Herrnbauernleute, der größten und wohlhabendsten Bauernfamilie in Bergheim. Da sie obendrein noch die Aussicht hatten, ihren sehr reichen Schulbauernvetter in Sülzdorf zu beerben, so gehörten sie wohl zu den reichsten Erbinnen der Gegend und wurden viel umworben. Margaret hatte aber ihr Herz schon dem Beckenkarl geschenkt; Anna aber lachte, wenn sich die Bursche um sie bemühten, und erklärte, sie habe noch gar lange Zeit zum Heiraten.

Trotz ihrer Freundlichkeit und Herzensgüte standen die Herrnbauersmädchen nicht in dem Ansehen, das man hätte erwarten sollen. Mochte nun sein, daß man ihnen ihren Reichtum und die vielen Liebhaber nicht gönnte, das Übelwollen hatte auch noch andere Gründe. Der Herrnhof war das größte Bauerngut im Dorf, ein sogenanntes Hofgut, oder, wie die amtliche Bezeichnung lautete: ein Fronhof. Solcher Fronhöfe gab es in dem Ländchen, welchem Bergheim angehörte, nur wenige; um so bevorzugter war die Stellung, welche die Besitzer unter der Bauernschaft einnahmen. Nicht von den adeligen Grundbesitzern, wie die übrigen Landleute, hatten sie ihre Höfe zu Lehen empfangen, sondern von der Landesherrschaft selbst. Da die Fronhofbauern nur unter der Gerichtsbarkeit der höchsten Landesbehörde standen, von den adeligen Gerichtsherren und Grundbesitzern keine Bedrückungen und Plackereien erduldeten, waren sie die Edelleute unter den Bauern. Kein Wunder darum, wenn sie sich mit Stolz als »Hofbauern« den gewöhnlichen Bauern entgegensetzten. Da kam die neue Zeit und verwandelte die Lehen in freies Eigentum. Der Name »Hofbauer« war bedeutungslos geworden, jeder Söldenbesitzer stand dem stolzen Hofbauern vollkommen gleich gegenüber. Nur schwer und widerwillig fügte sich der Bauernadel in die neue Ordnung, im Herzen erkannte er die neue Gleichheit nicht an. Jetzt, da ihm sein natürlicher Grund entzogen war, wucherte der Stolz um so üppiger in den Herzen empor. Solchen Stolz warfen auch die Bergheimer dem Herrnbauer vor, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. Seine Familie saß schon über dreihundert Jahre auf dem Hofe, und die Bergheimer mußten oft hören, daß sein Name der älteste im Dorfe und der Gegend sei. Das nahmen sie ihm natürlich gewaltig übel und begannen die Herrnbauersfamilie auf das gehässigste zu beurteilen. Ihr stilles, zurückgezogenes Leben, ihre strenge Frömmigkeit, ja selbst ihre Mildtätigkeit gegen die Armen wurde ihnen zum Vorwurf gemacht; man behauptete, das sei eitel Hoffart und Stolz. Am bittersten mußten Margaret und Anna den Unwillen der Bergheimer empfinden. Ihre Altersgenossen gingen nicht gern mit ihnen um; zeigten sie sich in Gesellschaft, konnten sie sicher auf Hohn und Spott rechnen. Margaret weinte, klagte und geriet zuletzt regelmäßig in heftigen Zorn, durch den sie das Übel nur vermehrte; Anna dagegen blieb ruhig und gleichgültig; sie lachte über die Spöttereien und mied die Gesellschaft, soviel sie konnte.

»Hast dich gestern wieder mit deiner Gesellschaft gezankt, weil du gar so trübselig dreinguckst?« fragte Anna die Schwester. »Bist ein wunderliches Mädle! Hast nichts wie Ärger von dem Umgang, und doch kannst du die Gesellschaft nicht lassen!«

»Bin eben zum Einsiedel verdorben!« war die Antwort. »Möcht' wissen, womit wir's verdient hätten, daß grad' auf uns alles loshacken muß!«

»Ja, wer das wüßte?« sagte Anna sinnend, und ein Schatten zog über ihr Gesicht. »Weißt, Margaret, ich tröste mich damit, daß wir die Garstigkeit der Dorfgesellschaft nicht verdient haben, und darum kann ich mich auch nimmer darüber ärgern. Zuletzt ist's ja lauter Neid und Mißgunst, weswegen sie uns plagen, drum denk' ich: 's ist besser Neider als Mitleider!«

»Was hilft mir das? Ich bin gern lustig, und zum Lustigsein gehört Gesellschaft – aber wie's jetzt steht, darf man sich kaum blicken lassen!«

»Was du doch klagst – hast du nicht den Beckenkarl? Aber jetzt ist's am End' mit dem Lamento, 's ist 'ne Sünde, den Gottesmorgen so zu verderben! Sieh nur, wie die Tautröpfle im Gras und auf den Stauden funkeln – ach, und wie die Beigele riechen, und wie die Vögel singen, 's ist nicht anders, als wollt' heut alles Pfingsten mitfeiern!«

»Ja, die Vögele, die haben freilich leicht lustig sein!« sagte Margaret und verfolgte mit ihren Blicken ein Finkenpärchen, das sich fröhlich von Zweig zu Zweig neckte. »Die haben keine Not und keine Sorgen! Und wenn sich zwei gern haben, gibt's keinen Verdruß, und niemand drängt sich dazwischen und säet Unfrieden! – –«

»Margaret, ja, was ist denn das? ich kenn' dich nicht wieder!« lachte Anna. Als sie aber die Schwester wirklich in Tränen sah, schlang sie die Arme um ihren Hals und rief: »Ach Gott, was bin ich garstig! Margaret, was ist dir passiert?«

Margaret legte den Kopf auf die Schulter der Schwester und ließ ihren Tränen freien Lauf. »Was wird's sein?« schluchzte sie. »Kannst dir's denken!«

»Und was hat's wieder gegeben?« sagte Anna und zog die Brauen zusammen.

»Ja, wenn ich's erst selber wüßt'! Denk' an: Der Karl hat mich auf gestern abend zum Lichtenannedorle bestellt, weil wir da sicher zusammen sein können. Ich geh' auch hin: aber wer nicht kommt, das ist der Beckenkarl. Endlich nach langer Zeit kommt er doch noch angerannt, aber so verstört; ich bin vor ihm erschrocken. Kaum, daß er mich grüßt, setzt er sich hin, guckt grad' 'naus, red't nicht und deut't nicht; was ich ihn auch frag', er tut, als hört' er's nicht. Zuletzt ist mir das doch außer Spaß, ich steck' mein Strickzeug zusammen und sag': ich merk', ich bin heut übrig: drum will ich nicht länger im Weg sein! Da ist er nun freilich aufgefahren, guckt mich an, als war' er aus einem Traum erwacht und bittelt und bettelt so lang', bis ich mich wieder zu ihm setz'! Ich wollt' nun natürlich wissen, was ihm den Kopf verdreht, aber keine verständige Antwort war aus ihm 'rauszubringen. Auf alle Weise sucht er den Kopf durch die Schlinge zu ziehen, und als er mir doch nimmer ausweichen kann, wird er verdrießlich und sagt, ich soll ihn in Ruhe lassen, er sei geschlagen genug: was ihn drücke, könne er mir nicht sagen, ich verstände nichts davon.«

In Annas Augen glühte es auf, und Margaret fuhr fort: »Ja, das hat mich gekränkt. Drum sag' ich: ich weiß wohl, an den Jockenhannes kann ich mich nicht rechnen, ich bin nur ein einfältiges Mädle! Tu dir meinetwegen auch keinen Zwang an, geh wieder hin zu deinem Jockenhannes, der liegt dir doch nur im Sinn! Ach du lieber Gott, hat dir da der Karl aufbegehrt, ich hab' gezittert an allen Gliedern vor Schrecken! Was ich gegen den Jockenhannes hätte? schrie er mich an. Die Schwätzerei und Hetzerei ging ihm nun grad' bis an den Hals. Wenn sich der Hannes auch nicht so fromm stellte, deswegen wäre er doch soviel wert als andere auch! So ging's lange fort, und wie ich mit keinem Wort dazwischen reden konnte, nahm ich mein Tuch über den Kopf und sprang auf und davon. Es war mir wohl, als komme Karl hinter mir drein und als hörte ich meinen Namen rufen, aber ich sah mich nicht um und verriegelte die Haustüre hinter mir. In der Nacht klopfte Karl drei-, viermal an mein Kammerfenster, ich hab' ihm nicht geantwortet!«

»So war's recht!« rief Anna, und ihre kleinen Hände ballten sich im Zorn. »Pfui auch, wie garstig! Dir und uns so was anzutun! Aber ich sag's ja, die Mannsleut' taugen allmit'nander nichts, die meinen, die Mädle wären nur dazu da, daß sie ihren Spott mit ihnen treiben. – Mir soll einmal einer kommen und schön tun wollen, ich will ihm weisen, wo Barthel den Most holt!«

»Du hast gut reden«, weinte Margaret. »Ach, Anna, wenn's Karl verdrossen hätte, daß ich ihm so den Stuhl vor die Tür setzte? Den ganzen Morgen hab' ich mich schon darüber zergrämt! Anna, was sollt' ich anfangen?«

»Ihr seid mir Leut'!« meinte Anna kopfschüttelnd. »Erst quält ihr euch bis aufs Blut und dann reut's euch gleich wieder. Geh, Margaret, von dem Karl möcht' ich nichts mehr wissen, und wenn ich ihn noch so lieb gehabt hätte; solltest froh sein, auf solch gute Art von ihm loszukommen.«

»Wie du auch schwätzest!« rief Margaret und trocknete ihre Tränen. »Was weißt denn du? Nein! vom Karl lass' ich nicht! Du weißt gar nicht, was er für ein braver Mensch ist, und erst sein weiches, gutes Gemüt – –«

»Nun, das ist lustig!« lachte Anna. »Erst klagt sie über den unartigen Buben, und nun ist sie selber die erste, die ihn in Schutz nimmt!«

»Ach, nun ja, ich hätte auch nicht gleich so obenaus sein müssen!« klagte Margaret und zerpflückte ein Veilchen. »Wenn ich ihm nur wenigstens ein gutes Wort gesagt hätte gestern nacht! Anna, ach, du lieber Gott im Himmel, meinst du wirklich, daß er mir im Ernst bös' sein könnte?«

»Närrle! Wenn er dich nur halb so lieb hat als du ihn, muß es ihm elend genug zumut' sein!«

»Ist's wirklich dein Ernst?« rief Margaret freudig.

»Geh, du bist nicht klug!« sagte Anna und bückte sich zum Bettelbrunnen nieder, um aus der hohlen Hand zu trinken. »Und da heißt's in allen Liedern, die Liebe wäre das größte Glück auf der Welt. – Weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Seit du und der Beckenkarl zusammengeht, was war da? – nichts als Plag' und Not und Elend! – Nein, da lob' ich mir's ledig sein, das ist doch lustiger!«

»Lustiger vielleicht,« entgegnete Margarete sinnend, und ihre Wangen röteten sich, »aber so schön doch nicht!«

Anna spielte mit einem Veilchen: plötzlich schmiegte sie sich eng an die Schwester, blickte ihr halb verschämt, halb neugierig in das Auge und fragte, während ihre Wangen erglühten: »Und nun sag', warum ist's so schön, wenn sich zwei gern haben?«

»Ja, wenn sich das sagen ließ'! – Das ist eben so – ja, das ist gar nicht zu beschreiben! Das ist ein Glück und eine Herrlichkeit in der Welt und in einem, den lieben langen Tag möcht' man lachen und singen. Und dabei tut's im Herzen so weh, aber 's ist doch kein rechter Schmerz, das Wehleid ist eben auch wieder so schön! Ach, geh doch, was fragst auch so dumm? Wirst schon noch selber erfahren, was die Lieb' ist, du Flattergeist, du! – Aber jetzt sei still, denk', wenn uns eins zugehört hätt'! – Komm, wir wollen Maiblümchen suchen gehn, daß wir zu rechter Zeit heimkommen.«

Stille kletterten beide zwischen die Büsche und Felsen hinan. Anna mußte viel an die Worte der Schwester denken, die ihr so unverständlich waren und dennoch ihr Herz so eigen bewegten. Was war das doch für eine Herrlichkeit allüberall! So süß wie heute hatten die Maiblümchen noch nie geduftet, so hell die Sonne noch nie gestrahlt, so tief und rein der Himmel noch nie geblaut. Es war ihr, als müsse ihr plötzlich ein unendliches, unbegreifliches Glück zufallen; eine unsäglich süße, gestaltlose Erwartung machte sie zu gleicher Zeit glühen und erzittern.

Margaret hatte das Geplauder mit der Schwester beruhigt. Heitere Bilder umgaukelten sie, ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie emsig Maiglöckchen und Herrgottsschühlein sammelte. Fast auf der Höhe des Berges meinte Anna: »Wir haben noch Zeit bis zum Heimgehen – komm, wir wollen auf der Kanzel ausruhen und uns einmal ordentlich umsehen!« Margaret war es zufrieden und seufzte: »Ach, du lieber Gott, wenn der Bekenkarl dort wär'!« Anna mußte lachen, brach aber kurz ab, denn als sie um die letzte Felsenecke bog, stand sie wirklich vor ihm.

Karl war aufgesprungen und zog die erschrockne Margaret neben sich auf den moosigen Felsen; Reinhardt, der ebensogut wie Anna empfand, daß die beiden allein sein wollten, gab Anna freundlich die Hand und wußte das schüchterne Mädchen bald zum Reden zu bringen.

Karl legte seinen Arm um Margaret, blickte ihr treuherzig in die Augen und fragte: »Bist noch bös', Margaret?«

Mit Entzücken hörte das Mädchen in diesen Worten die herzlichste Reue hindurchklingen: aber bei allem Glück darüber konnte sie doch nicht umhin, ihren Schatz zu quälen, halb wendete sie das Gesicht von ihm und sagte schmollend: »Geh, was willst von mir?«

»Ach, Margaret, sei nicht so garstig!« bat Karl und hielt ihre Hand mit Gewalt fest. »Was hast nur?«

»Und so fragst du auch noch?« unterbrach ihn Margaret.

»Nu ja, ich war gestern verdrießlich. Ist das solch großes Verbrechen, daß du so arg trotzen mußt? Komm, sei gut!«

»Verdrießlich? Weiter nichts? Nein. Karl, mit solchen Ausflüchten kommst du bei mir nicht durch! Hast du mich nicht eine gute halbe Stunde über die Zeit auf dich warten lassen? Hast du nachher nicht neben mir gesessen, als wär' ich ein Stück Holz oder gar nicht auf der Welt? Und wie du mich angeschrien hast,« – Margaret kamen die Tränen in die Augen und sie mußte den Schürzenzipfel zu Hilfe nehmen – »das war gar drüber 'naus. Und das Anschreien bin ich nicht gewohnt, dafür halt' ich mich doch noch zu gut. Und –«

»Ich hätte dich angeschrien?« unterbrach sie Karl. »Das übertreibst du! Ich war eben ärgerlich, und da mag ich lauter geredet haben, als sonst meine Art ist, von Anschreien weiß ich nichts.«

»So? Und warum darf ich nicht wissen, was dich verdrießlich macht? Paßt sich solche Heimlichtuerei?« Sie verbarg jetzt das ganze Gesicht in der Schürze und schluchzte, als wolle ihr das Herz brechen.

Karl wurde es unheimlich, ängstlich fragte er: »Herrgott, Mädle, was wird noch kommen? Ich – ich weiß gar nicht – sollt's denn möglich sein, daß ich –«

»Ja, leugne nur noch! Ach, du lieber Gott im Himmel! Karl, mit dir ist's weit 'kommen? Ich hätt' nicht gedacht, daß du solch ein Schlimmer wärst! Sei nur still! Läufst du nicht tagtäglich ins Jockenhaus? Führst du nicht Reden, daß einem die Haut schaudert? Hast du mir nicht gestern ins Gesicht gesagt: Der Jockenhannes wär' ein richtiger Mann, wenn er sich auch nicht so scheinheilig stellte als andere?«

Karl lockerte sein Halstuch und meinte kleinlaut: »Das soll ich gesagt haben? Kein Dingle weiß ich davon! – Nu, nu, fahr' nur nicht gleich auf, ich sag' ja nur, ich weiß nichts davon; du sagst's, und so wird's schon auch so gewesen sein. – Höre, Margaret, die Sache ist mir herzlich leid, ich versprech' dir, es soll nicht wieder vorkommen. Nun sei auch vernünftig und guck' mich an!«

Als aber Margaret ihr Gesicht nur fester in die Schürze vergrub, fuhr er fort: »Höre, Margaret, übertreibe nichts! Du hast nun lang' genug getrotzt, hast mich die lange Nacht vergeblich klopfen lassen und mir nun die Ohren grad' genug vollgeheult. Willst jetzt gut sein?«

Margaret empfand, daß sie nun einlenken müsse. Vorwurfsvoll sah sie ihn über die Schürze weg an und fragte: »Wie kann ich denn? Tust du nicht so recht mit Absicht alles, was mich kränken muß?«

»Margaret, jetzt gehst du wieder zu weit! Meinst du denn, mir war's gut zumut' in letzter Zeit? Laß das jetzt ruhn, denk' nicht mehr dran. Hab' ich dich gekränkt, so geschah's nicht mit Absicht und ist mir recht herzlich leid drum. Vergiß das, du sollst nicht mehr über mich zu klagen haben.«

»Ja, wenn's dein Ernst wär'? Karl, sieh mich an! Willst du nimmer solch lästerliche Reden führen? nimmer so arg dem Jockenhannes nachlaufen? Willst du auch wieder beten und in die Kirch' gehen, wie sich's für einen ordentlichen Burschen schickt?«

»Nu, nu – mach' mir nur den Kopf nicht wirbeln!« lächelte Karl und drückte Margaret an sich. »Ich will tun, was ich kann; verlang' nur nicht alles auf einmal, solche Dinge lassen sich nicht erzwingen. – Nichts da, keinen neuen Streit! Ich will tun, was ich kann, was willst mehr?« Damit zog er Margarets Gesicht zu sich nieder und verschloß ihren Mund mit einem Kuß.

Der Lehrer hatte Anna an den Rand des Felsens gezogen, machte sie aufmerksam auf die Herrlichkeit ringsum, und bemerkte mit Freude, daß nicht sein Herz allein höher schlug. Es war aber auch einzig schön, aus dem Schattendunkel des Waldes hinauszublicken in die lichtprangende, maifrische Welt! Tief unten wallte und rauschte der Wald, weiterhin dehnten sich am sanfteren Hang saftgrüne, buntgeblümte Wiesenflächen und wallende Saatfelder. Im Tal, durch welches sich das Silberband der Wertha schlängelte, lagen zerstreut im Grünen gar zierlich und sauber die Höfe und Häuser Sülzdorfs, in der Mitte das stattliche, weißgetünchte Schloß im blitzenden Weiher. Zwischen waldigen Höhen zogen sich tiefe Gründe nach dem Gebirge hin, aus deren Gebüsch Häuser und Mühlen hervorlauschten. Höher hinan, von den Rücken der Vorberge herab, leuchteten die Fenster und Schieferdächer stattlicher Ortschaften; dort wo die Talgründe sich in wilde Schluchten verloren, hütete wohl auch eine alte Ruine den Eingang in das Gebirge. Von blauem Duft umhüllt ragte das Gebirge in ernster Majestät empor, ein Bild der Ruhe, festgegründeten Daseins; weithin zog sich die Kette sanftgeschwungener Bergformen. Und kehrte das Auge in die Nähe zurück, so ruhte es mit Wohlgefallen auf dem schlanken Kirchturm Bergheims, der mit den roten Dächern aus dem Blütenschnee der Obstbäume tief unten nach Süden hin auftauchte. Weit in der Ferne begrenzten Höhenzüge von seltsamen, kühnen Formen die Aussicht; Klöster, Kapellen und Wallfahrtskirchen krönten die Spitzen und leuchteten, von der Morgensonne bestrahlt, hell herauf.

Anna hatte die Hände gefaltet und blickte tief atmend um sich; eine Weile war es still zwischen den beiden. Erst als sie tief seufzte, nahm Fritz das Wort:

»Komm, wir wollen uns auch setzen, es spricht sich besser zusammen; sieh, hier ist gerade Platz für zwei.«

»Ja, warum nicht gar, wo denken Sie hin?« lachte Anna und setzte sich weit von ihm auf einen Felsvorsprung.

»Nun? was soll das heißen? Bin ich dir nicht gut genug oder fürchtest du dich vor mir?«

»Ach, geht doch! Das würde sich schön schicken, so bei Ihnen zu sitzen!« entgegnete Anna verlegen und begann von den Blumen in ihrem Schoß auszuwählen; Maiglöckchen, Veilchen und ein Herrgottsschühlein vereinte sie zu einem Sträußchen, das sie ins Mieder steckte.

Mit Wohlgefallen ruhten des Lehrers Blicke auf dem jungen Mädchen; jetzt bemerkte er erst, wie schön sie war. Endlich begann er: »Deine Maiglöckchen erinnern mich daran, daß auch ich ausging, mir einen Blumenstrauß zu holen. Du könntest mir wohl die Hälfte deiner Blumen ablassen. Bitte, Anna!«

»Die große oder kleine Hälfte?« fragte Anna, ohne aufzublicken.

»Welche Frage!« lachte Fritz. »Und wenn ich nun unbescheiden die größere verlangte?«

»Da!« rief das Mädchen mit neckischem Augenaufschlag und hielt ihm eine Handvoll Blätter entgegen, von denen sie die zierlichen Blütenrispen gesondert hatte.

Fritz zog die schon ausgestreckte Hand hastig zurück, eine leichte Röte überflog seine Wangen, seinen Bart streichend, meinte er lachend: »Du bist mit der Strafe rasch zur Hand: mir geschieht recht; wer alles will, bekommt nichts! – Aber ich will bescheiden sein, Anna, gib mir das kleine Sträußchen und behalte das übrige.«

Anna schüttelte den Kopf. »Sie sind ein wandelbarer Mensch! Warum nun grade das? Das ist ja mein Kirchensträußchen!«

»Eben drum – gib mir's nur, ich habe nun einmal meine Freude daran!«

»Ja, ja doch, Sie sollen's haben!« lächelte Anna, nahm das Sträußchen vom Mieder, ordnete die Blumen besser und fügte noch einige zierliche Grasrispen und zart gegliederte Blätter, die neben ihr in der Felsspalte grünten, hinzu.

Fritz war eigentümlich bewegt; die Schönheit des Mädchens, die sanfte Stimme, die sich so weich in die Seele legte, brachte ihn in Erregung, deren Lebhaftigkeit ihn fast beunruhigte. – Das verlegene Schweigen unterbrach eine lustige Tanzweise, die vom Kulm, auf dem es schon geraume Zeit recht lebendig geworden war, frisch und fröhlich herüberklang. Ein fröhliches Lächeln löste die Spannung in Annas Augen, unwillkürlich markierte sie mit der Fußspitze das Tempo des Tanzes und sagte: »Horcht nur, wie sie drüben lachen! Wenn das unser Herr Pfarrer hört, was wird das wieder geben!«

Fritz wollte entgegnen, aber Karl unterbrach ihn. »Anna, ich habe eine rechte Bitte. Guck', die Margaret will heut abend nur auf den Tanz, wenn du mitgehst. Gelt, Anna, du tust uns den Gefallen?«

Anna runzelte die Stirn und warf die Lippen auf. »Was tu' ich auf der Musik? Mit mir tanzt niemand, und wenn ich den ganzen Abend bloß zusehen soll, wie sich andere vergnügt machen, dafür danke ich!«

»Ich will ja mit dir tanzen, Anna!« bat Karl. »Versprich, daß du mitkommst!«

»Du bist mir der Rechte!« lachte Anna verdrießlich. »Wenn du einen Reihen mit mir tanzest, denkst du wunder, was du getan hast!«

»So tu ihm und deiner Schwester den Gefallen, Anna!« mischte sich auch Fritz ein. »Ich werde auch mit dir tanzen!«

»Sie?« rief Anna und machte große Augen. »Nein, Herr Lehrer, das ist nicht schön von Ihnen, daß Sie Spott mit mir treiben!«

»Spott – ich? Was fällt dir ein?«

»Ach, sei'n Sie still!« sagte das Mädchen gekränkt. »Haben Sie jemals einen Tanzboden betreten oder mit einem Bauernmädchen getanzt?«

»Was schadet das?« entgegnete Fritz leicht errötend. »Dann hole ich eben das Versäumte nach!«

»Ja, wer's glaubt!«

»Warum dieses Mißtrauen?«

»Weil – ach, ich kann's ja sagen! – weil Sie stolz sind und uns Bauernmädchen verachten!« rief Anna aufspringend und die leeren Blattscheiden in die Tiefe verstreuend. Fast wie im Trotz gegen sich selber fuhr sie fort: »Ja, ist's nicht so? Wir Bauernmädchen sind Ihnen zu gering; Sie mögen bloß mit Vornehmen umgehen!«

»Anna!« rief Margaret verweisend. »Schämst du dich nicht, dem Herrn Lehrer so unartig zu kommen?«

»Und ist's nicht die Wahrheit?« entgegnete Anna trotzig.

»So laß es gut sein!« sagte Fritz. »Ich will mich bessern; übe Gnade gegen mich; versprich, daß du heut abend mit mir tanzen willst!«

Eben klang volles, melodisches Geläute von Bergheim herauf. Anna, die sich abgewendet hatte, rief hastig: »Margaret, wahrhaftig es läutet schon das erste – und sieh', von Sülzdorf, Buchbach und Windsberg kommen auch schon Kirchenleute! Komm, wir müssen eilen, daß wir heimkommen!«

»Nun, nun, bis zum Beginn des Gottesdienstes habt ihr noch lange Zeit; warum auf einmal so hastig?« sagte Fritz und trat neben das Mädchen an den Felsenhang.

Anna schlug hastig ein Tuch über den Kopf und huschte zwischen die Büsche.

»Anna – Anna! – was ist das einmal wieder? So warte doch, ich komme ja auch gleich!« rief ihr Margaret nach und machte sich von Karl los. »Ja, und was ich sagen wollte: geht uns nicht gleich nach, die Leute sind so arg schlimm, das gäbe wieder ein Gerede!«

Margaret konnte Anna lange nicht einholen. Wäre nicht ihr eignes Herz so voll gewesen, die Veränderung der Schwester wäre ihr gewiß aufgefallen. Das Köpfchen gesenkt, die sonst so fröhlich in die Welt lachenden Augen auf den Boden geheftet, die frischen Lippen fest geschlossen, schritt Anna nachdenklich dahin. Sie war sich selbst zum Rätsel geworden; warum klopfte doch das Herz so heftig, warum stieg es ihr so heiß in die Wangen, gedachte sie des abendlichen Tanzes? – Plötzlich zuckte sie zusammen. Hier auf dieser Stelle hatte sie vor wenig Minuten Margaret gefragt: was ist das mit der Liebe? Sie gedachte an Margarets Antwort; war das, was sie so mächtig bewegte, am Ende auch Liebe? – In jungfräulicher Scheu verhüllte sie ihr Gesicht tief in ihr Tuch; ihr war, als müsse sie sich vor sich selbst verbergen; ohne ein Wort zu sagen, eilte sie plötzlich leichtfüßig wie ein Reh den Berg hinab.

Margaret rief ihr vergeblich nach und schüttelte den Kopf über das wunderliche Wesen der Schwester.

Drittes Kapitel

Droben auf dem Kulm, in halber Höhe des Berges, gerade über dem Dorfe, hatte sich auf der kleinen Ebene vor dem Tannenwald eine bunte, fröhliche Gesellschaft zusammengefunden. In malerischer Unordnung standen, saßen und lagen Männer, Burschen und Knaben umher, machten es sich im weichen Moos bequem und freuten sich des schönen, arbeitsfreien Festmorgens, dem noch ein langer, freudenreicher Tag und Abend folgen sollte, blickten hinein in die grüne Welt und lauschten den lustigen Tanzweisen. Harmlose Heiterkeit belebte die Versammelten, muntere Scherze und Neckereien wurden lebhaft belacht.

Mit aufrichtiger Freude begrüßten besonders die Musikanten den Lehrer Reinhardt, als er mit dem Beckenkarl, vom Steinschrot kommend, den Platz betrat. Der Blümlesschuster, so genannt wegen seiner leidenschaftlichen Blumenliebhaberei, ein noch junger Mann, drückte ihm treuherzig die Hand und sagte: »Das lass' ich mir gefallen, Herr Lehrer, daß Sie Ihre Musikanten auch einmal außer Dienst aufsuchen! Sind schon so lang' in Bergheim und noch fast fremd unter den Nachbarn!«

»Und den Tanzboden kennen Sie noch gar nicht!« fiel der lustige Drechslersludwig ein. »Das ist nichts, Herr Lehrer! Eh' Sie nicht ein Paar Stiefelsohlen bei uns durchgetanzt haben, eh' sind Sie kein rechter Bergheimer!«

»Ja, He' Schulmeiste',« meinte der alte Bergkasper, der das R nicht aussprechen konnte, »und unte' unse'n Mädlen müssen Sie sich auch einmal umgucken! Sind Staatsmädle drunte! Da ist die Dockenline und die He'nbaue'sanne und – –«

»Schon gut, Kasper!« lachte Fritz und schüttelte dem Alten die Hand. »Ich will gleich heute abend den Anfang machen. – Ja, ja, es ist mein Ernst!« rief er, als sich Männer und Bursche um ihn drängten; »laßt mich nur wieder zu Atem kommen!«

»Heda, ist das auch eine Art, daß ihr den Musikanten die Kehlen so austrocknen laßt?« unterbrach ihn Karl und zog ein Geldstück aus der Tasche. »Wer gibt noch was, daß wir einen Gießer Bier holen lassen?«

»Karl, was machst du?« sagte Fritz. »Wenn das der Pfarrer erfährt?«

»Was da Pfarrer!« fiel der Beckenbauer ein. »Der hat uns nichts zu befehlen. Ist ein alter Brauch, daß am zweiten Feiertag die Musik auf dem Berg bläst, daran soll er nicht rütteln.«

Fritz schwieg achselzuckend und blickte bedenklich hinab in das Dorf und nach dem Pfarrhaus, ihm ahnte nichts Gutes. Richtig kam auch soeben die Pfarrmagd aus den Hecken der Gärten hervor und keuchte eilfertig den Berg hinan. Die Musik brach ab, die Männer traten zusammen und erwarteten finster das Mädchen.

»Der Herr Pfarrer verbieten die Musik und den sündlichen Lärm am heiligen Feiertag!« rief sie schon von weitem. »Der Herr Pfarrer befehlen den Musikanten, daß sie sogleich nach Hause gehen; wer nicht im Augenblick den Platz räumt, der wird sehen, was ihm geschieht!«

»Das ist starker Tabak!« meinte der Drechslersludwig. »Sollen wir uns das gefallen lassen?«

»Der Pfarrer hat uns nichts zu befehlen!« schrie der Blümlesschuster, und die Gesellschaft kam in Bewegung. Da drängte sich der Beckenbauer, Karls Bruder, vor, gebot Ruhe und rief der Magd zu: »Sag' deinem Herrn: er wär' der Pfarrer und ich der Beckenjörg von Bergheim! Sag' ihm: Der Beckenjörg ist in seinem Haus immer zu finden, wenn er was mit ihm auszumachen hat, aber heimschicken wie einen dummen Jungen läßt er sich nicht! Ich weiß auch, was sich schickt am Feiertag, ich kann Unfug so wenig leiden als der Pfarrer, drum sag' ich, wir bleiben zusammen! Den will ich sehen, der uns vertreibt! Was auch geschieht, ich verantwort's, ich, der Beckenbauer! Geh, sag' das deinem Herrn! Und nun aufgespielt, ihr Musikanten, auf meine Verantwortung!«

Die schnippische Entgegnung der Magd schnitt die losschmetternde Musik ab; von Hohn- und Scheltreden verfolgt, trat sie den Heimweg an. Vorbei war es mit der harmlosen Festfreude. Die ernsten Männer, der Beckenbauer, Ungerskasper, der Bergjörg schauten finster drein, der Paulesnikel wackelte mit dem Kopf und knurrte unverständliche Worte in sich hinein. Der Veitenbauer schalt schon laut auf den Pfarrer, und der Wagnerspaule, ein schmächtiges Männchen, dessen tiefliegende Augen unter den buschigen Brauen lauernd hervorblitzten und rastlos umherirrten, ließ sein kurzes, spitzes, höhnisches Lachen vernehmen und versicherte: so sei es ganz recht, so müsse es kommen, solle es besser in der Welt werden! Zuletzt würden ja doch auch den Dummen die Augen aufgehen, sie würden die Plackerei satt bekommen und einsehen, daß sich's ohne Pfarrer und Religion viel schöner leben lasse. Das empörte nun wieder den frommen Uhrmacherle. Er schrie Zeter über solche Lästerungen und rief Gottes Fluch und Strafgericht auf die Spötter, Sünder und Ungläubigen herab. Parteien traten zusammen und schalten heftig gegeneinander, das übermütige Jungvolk lärmte und grölte aus Leibeskräften, und die Musik brach fast nicht mehr ab. Fritz war tief verstimmt über diese häßliche Störung; als nun auch noch der Biergießer erschien, wendete er sich still zum Gehen.

»Holla – was soll das heißen?« rief ihm Karl nach. »Niemand darf jetzt den Platz verlassen, du gar nicht!«

»Herr Lehrer, Sie werden mir doch das nicht tun?« fiel der Beckenjörg ein, und der Wagnerspaule lachte: »'s Herz ist ihm in die Hosen g'fallen! Laßt ihn doch, das ist doch auch so ein Pfarrknecht und Heiligenfresser!«

Fritz kehrte um und sagte: »Ich will nicht verhehlen, daß mir die Art und Weise, wie hier dem Pfarrer Trotz geboten wird, durchaus nicht gefallen kann. Das Verlangen des Pfarrers war ungerecht, unser fröhliches Zusammensein entheiligte den Festtag nicht. Darum war es in der Ordnung, sein Begehren abzuweisen. Fahrt ihr aber so fort zu lärmen und zu toben, wie ihr angefangen, dann muß allerdings für die stillen Leute im Dorf, für die fremden Kirchgänger unser Zusammensein ein Ärgernis werden, und der Pfarrer kann sich mit Recht über Störung beklagen. Ich aber will meinem Gegner nicht selbst die Waffen in die Hände drücken – darum entferne ich mich!«

»Das ist 'ne vernünftige Red'!« rief der Beckenbauer. »Ruhe jetzt und Ordnung! wir dürfen dem Pfarrer nicht den Beweis liefern, daß er uns mit Recht für dumme Jungen achte! Ruhe und Ordnung, sag' ich! wer noch einmal juchzt, dem schlage ich alle fünf Finger hinter die Ohren! Und nun bleiben Sie bei uns, Herr Lehrer, nicht wahr?«

»Gerne!« war die freundliche Antwort. »Aber, wie ich sehe, haben die Musikanten ihre Notenhefte mitgebracht – ei, das ist schön! Eure Tänze kennen wir alle auswendig – kommt, spielt uns etwas Ordentliches, ich werde dirigieren! Wer läuft in die Schule und holt unsere Liederbücher? Denkt doch, wie schön ein vierstimmiger Gesang in das Dorf hinabklingen muß!«

Der Vorschlag fand Beifall, die Ruhe und Ordnung kam von selbst, als nun wirklich ein sanftes, getragnes Musikstück begann. Fritz sang mit seinen Musikanten ernste und heitere Lieder, zuletzt: Dies ist der Tag des Herrn.

»So, damit mag es heute genug sein!« sagte er, als nach Schluß des Gesanges vom Turm das zweite Zeichenläuten ertönte. Davon wollte die Versammlung durchaus nichts wissen, aber Fritz blieb fest auf seinem Willen: »Wir dürfen dem Pfarrer nicht Veranlassung zu Beschwerden geben, darum muß wenigstens die Musik den Platz verlassen.« Als die Choradstanten zögerten, fuhr er fort: »Ich habe nie den Vorgesetzten gegen euch herausgekehrt, war euch gefällig, wo ich konnte; darum dürft ihr meine erste Bitte nicht abschlagen. Ihr Musikanten, geht jetzt mit mir still ins Dorf zurück und rüstet euch, in der Kirche einen Choral zu blasen. Ihr geht jetzt mit – soll ich euretwegen Ungelegenheiten haben?« Das wirkte. Der Wagnerspaule schien mit seinem Anhang allerdings den Platz behaupten zu wollen; ohne Musik mochte es aber den Männern doch auch langweilig auf der Höhe werden, in kurzer Zeit war der Berghang leer.

Fritz schritt nachdenklich die Dorfstraße hinab; die Vorgänge dieses Morgens erregten die widersprechendsten Empfindungen in ihm. So hätte er fast den Pfarrer übersehen, der in dem zum Pfarrhaus führenden Baumgang neben der Gartentüre stand und ihn heftig zu sich winkte. Ihm mochte Fritz zu langsam gehen; er stieß hastig die Gittertüre auf, eilte ihm einige Schritte entgegen und rief, ohne seinen Gruß zu beachten: »Was muß ich von Ihnen erleben? Auch Sie, ein christlicher Schullehrer, nehmen teil an dieser gottlosen Sabbatschändung? Statt mit einem guten Beispiel in allen Dingen der Gemeinde voranzugehen, machen Sie diesen sündlichen Unfug durch Ihre Gegenwart erst recht zu einem Ärgernis für alle Gutgesinnten? Herr, ich warne –«

»Herr Pfarrer,« unterbrach Fritz den Eifernden, »wenn Sie mir eine Mitteilung zu machen haben, dürfte die Straße wohl kaum der geeignete Ort sein. Im übrigen feiern wir auch heute den zweiten Pfingsttag! Guten Morgen!« Ohne sich nach dem Überraschten umzusehen, eilte er seiner Wohnstube zu.

In seiner Wohnstube riß Fritz die Fenster auf, bog sich weit hinaus und sog in tiefen Zügen die frische Morgenluft ein.

Leise rauschte und flüsterte das Laub der Kastanie vor dem Haus, im Schloßgarten drüben schlugen Grasmücken und Finken, von den Fliederbüschen und Narzissen im Garten, wehten würzige Düfte herein, fröhlicher Sonnenschein lachte ins Zimmer – Fritz war wieder auf dem Steinschrot, die Vöglein sangen, die Büsche rauschten, ein Paar wunderbar tiefe Augen leuchteten auf ihn nieder, die Maiglöckchen dufteten und läuteten sanft verhallend den Frieden ein. Er betrachtete sinnend das Sträußchen, das ihm Anna gegeben. Als er es in seinem Wasserglas auf seine Kommode stellen wollte, fiel sein Blick auf eine Photographie, von der ihm ein hübsches Mädchengesicht fröhlich entgegenlachte. Fritz strich sich über die Stirn, stellte das Sträußchen auf den Ecktisch und trat an das offene Fenster.

Eben sah er durch die offenen Schallfenster, wie sich droben im Turm die Glocken in Bewegung setzten; einzelne Schläge der Klöppel machten die Glocken erzittern, bald brauste das volle Geläute herab; und die Luft über dem Dorf, der Sonnenschein selbst, der so golden auf Baum und Busch, Haus und Garten glänzte, auf den goldenen Buchstaben der Kreuze droben im Friedhof brannte, schien mitzuschwingen und mitzuklingen.

Droben auf dem Friedhof wandelten Kirchgänger zwischen den Kreuzen und hölzernen Gedenktafeln umher, im Schloßgarten, auf der Dorfgasse, unter der Planlinde standen Gruppen geputzter Menschen. Die seidenen Tücher und Schürzen der Mädchen rauschten und knitterten im Morgenwind, die frischen Farben leuchteten im Sonnenlicht. Wie ward es Fritz so wohl, als er, von feierlichen Glockentönen umwallt, hineinblickte in diese frischen Gesichter, den markigen Gestalten nachsah, die nun langsam den einladend geöffneten Türen des Gotteshauses zuschritten. Er stand ja freilich nicht mehr auf dem Boden ihres Glaubens, aber was wollte dieser Unterschied besagen? Strebten sie nicht im letzten Grund doch dem einen und gleichen Ziele zu? Ja, er war nicht einsam, ihn trennte nichts von den Gläubigen da unten; wenn auch sein Glaubensbekenntnis anders lautete, er war auch ein Glied der großen Gemeinde, die heute auf dem Erdball das Pfingstfest feierte! Ein Schauer überrieselte ihn, er empfand die Herrlichkeit der Gemeinschaft.

Der Schauer überkam ihn stärker, als er das dichtgefüllte Gotteshaus betrat; lebendige Liebe quoll auf in seinem Herzen. Mit freudigem Stolz griff er in die Tasten der Orgel, aus voller Seele konnte er einstimmen in den brausenden Gemeindegesang: Komm, heil'ger Geist, erfüll' die Herzen deiner Gläubigen!

Der letzte Hauch der Orgel verhallte – der Geistliche stand auf der Kanzel. Nach langem Gebet verlas er das Evangelium auf den zweiten Pfingsttag: Ev. Joh. 3, 16–21.

Wie linder Frühlingshauch legten sich diese Worte der ewigen, erbarmenden Liebe in das Herz des Jünglings. Das war keine Verurteilung und Verdammung, keine Trennung und Scheidung. Nicht gerichtet, selig soll die Welt werden! »
Wer die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, denn seine Werke sind in Gott getan!«

Wie wurde aber dem Lehrer, als der Geistliche an diesen Text eine donnernde Strafrede gegen den einreißenden Unglauben knüpfte!

Fritz wollte sich zwingen, nicht mehr auf den Pfarrer zu hören, allein es gelang ihm nicht, die scharfe Stimme des Predigers übertönte jeden eignen Gedanken. Und während der Prediger immer heftiger eiferte, zürnte und schalt, lag der Sonnenschein golden auf Feld und Flur, Schmetterlinge umgaukelten bunte Blüten, Vögel tummelten sich in den Zweigen, vom Kulm grüßten dunkelgrüne Tannen heran und lockten in ihre stille Schattendämmerung, vom Steinschrot kamen Bursche und Mädchen fröhlichen Herzens herab –

Endlich war der Gottesdienst zu Ende; die Zuhörer verließen aufatmend, wohl auch leise Bemerkungen wechselnd, die Kirche, nur Fritz saß noch auf der Orgelbank. Die erhabenen Akkorde des alten Meisters, die unter seinen Fingern lebendig hervorquollen, hoben seinen Geist in wunderbare Welten voll Licht und Seligkeit.

– – »Sie sollen gleich zum Herrn Pfarrer in die Sakristei!« überschrie der Uhrmacherle, der das Amt eines Klingelmeisters bekleidete, die Orgel. Fritz fuhr zusammen, mit grellen Mißtönen brach das Orgelstück ab. Langsam schob der Lehrer die Registerzüge zurück, verschloß die Orgel und schritt durch die hallende Kirche nach der Sakristei.

Der Pfarrer mußte seinen Eintritt überhört haben, er blieb über den Tisch gebeugt und zählte eifrig die Einlage in den Klingelbeutel. Fritz begann endlich stockend: »Herr Pfarrer, ich habe Ihnen heute morgen vielleicht heftiger als schicklich geantwortet, ich –«

»Schon gut!« unterbrach ihn der Pfarrer. »Schweigen Sie, bis wir allein sind!«

Das höhnische Grinsen des Uhrmacherle trieb dem Lehrer das Blut in die Wangen, unwillkürlich knitterte er seine Hutkrämpe zusammen. Seine Geduld wurde auf harte Probe gestellt, das Geldzählen dehnte sich endlos hinaus, und auch dann schien der Uhrmacherle gar keine Eile zu haben, die Sakristei zu verlassen.

Fritz machte noch einen Versuch, seine Entschuldigung anzubringen, allein der Geistliche, der die Hände in den weiten Ärmeln seines Priesterrockes verbarg und mit gesenktem Haupt vor ihm stand, unterbrach ihn auch jetzt. Mit mühsam erzwungener Sanftmut, ohne aufzublicken, sagte er: »Lassen wir das! Auch ich habe gefehlt, habe mich vom Teufel zu sündlicher Heftigkeit hinreißen lassen. Die Strafe war gerecht, und ich zürne Ihnen nicht, Sie waren nur das Werkzeug in der Hand eines Höheren, das mich züchtigen und demütigen sollte. – Aber nicht deswegen habe ich Sie rufen lassen. Junger Mann, mein Herz ist bekümmert um Ihretwillen. Ich muß Sie auf Wegen wandeln sehen, an deren Ende ich nur mit Zittern und Grauen denken kann; immer mehr sehe ich Sie versinken in die Eitelkeiten und Torheiten menschlichen Dichtens und Trachtens. Zürnen Sie mir nicht, ich darf nicht länger schweigen; nicht allein das Heil Ihrer unsterblichen Seele zwingt mich zu reden, ich bin auch verantwortlich für die unsterblichen Seelen Ihrer Schüler. Weisen Sie das Wort eines aufrichtigen, wahren Freundes nicht ab. Kehren Sie um! Geben Sie die hochmütigen eigenen Gedanken auf, wenden Sie sich ab von der eitel sich blähenden menschlichen Afterweisheit, kehren Sie zurück zur leuchtenden, ewigen Sonne der Wahrheit! Halten Sie fest daran, daß wir aus eigener Kraft nichts vermögen, daß wir ohne die unendliche Liebe unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi in ewiger Verdammnis schmachten müßten!«

»Herr Pfarrer!« unterbrach Fritz den Eifrigen – –

»Gut, gut, reden Sie nicht!« entgegnete ihm Walter mit zuckenden Lippen. »Ich will mich in Geduld fassen, hoffen, daß endlich doch die göttliche Gnade in Ihnen zum Durchbruch kommen werde. Aber Sie stehen mir nicht bloß als Beichtkind gegenüber, sondern auch als Lehrer. Mit Bedauern muß ich Ihnen sagen, daß ich mit der Zucht in Ihrer Schule sehr unzufrieden bin. Eine betrübende Unordnung ist unter der Jugend eingerissen, ein zuchtloses Wesen beginnt Platz zu greifen. Ich warne Sie ernstlich, dieses Übel durch Schlaffheit in der Zucht, durch das moderne spielerische Treiben in der Schule noch zu vergrößern. Im besonderen mache ich Sie dafür verantwortlich, daß heute abend kein Schulkind den Tanzplatz betritt!«

»Wie soll ich dafür stehen?« rief Fritz, dessen Wangen brannten. »Wohl habe ich den Kindern verboten, dahin zu gehen, allein, kann ich erzwingen, daß mein Verbot auch befolgt wird?«

»Machen Sie Übertretungen unmöglich!«

»Ah – ich verstehe! Ich soll ein wenig Polizei spielen! Allein, haben Sie ganz vergessen, Herr Pfarrer, wie Sie selbst mir bei meiner Einführung hier so dringend ans Herz legten, den Tanzboden zu fliehen wie die Pest?«

»Um eitle Vergnügungen zu suchen, ja! Etwas anderes ist es, führt Sie treue Pflichterfüllung auf diesen Tummelplatz des Teufels!«

»Ich aber erkläre Ihnen hiermit, daß ich mich niemals zum Polizeidiener werde herabwürdigen lassen!«

»Herr! Wollen Sie sich gegen Ihren Vorgesetzten auflehnen?«

»Nein, nicht auflehnen, aber unberechtigte Zumutungen abweisen!«

»Herr, Sie zwingen mich, bei der Behörde Klage gegen Sie zu erheben!«

»Tun Sie, was Sie vor Ihrem Gewissen verantworten können! Jetzt hören Sie auch mich! Der Vorwurf über einreißende Zuchtlosigkeit in der Schule trifft mich nicht, solange er als unbewiesene Behauptung in der Luft schwebt. Der Besuch des Tanzbodens von Schulkindern hängt mit der Schulzucht nicht zusammen, diese Unsitte abzustellen, ist Sache der Ortspolizei. Was die übrigen Vorwürfe und Anklagen betrifft, mit denen Sie mich überstürzten, so würden sie beleidigend sein, wären sie irgendwie haltbar. Ich empfehle mich Ihnen!« Damit verließ er die Sakristei.

Um den drängenden Fragen seiner Haushälterin, einer rüstigen Lehrerwitwe, zu entgehen, zwang sich Fritz zur Ruhe und setzte sich mit ihr zu Tisch. Aber der Bissen quoll ihm im Munde, er atmete erst wieder auf, als er ins Freie trat.

Viertes Kapitel

Ein wunderbar erfrischender, belebender Lufthauch bewegte kaum bemerkbar die Atmosphäre. Die blühenden Obstbäume dufteten stärker fast als am Morgen, und die Blütensträuße zitterten unter den Berührungen der zu Tausenden umhersummenden Bienen; die noch kurzen, saftgrünen Blätterbüschel der Saatfelder bewegten sich leise, und ein eigentümlicher kräftiger Geruch stieg von ihnen auf; die Wiesen vollends leuchteten im kräftigen Goldgelb, Weiß und Rot ihrer Millionen Blüten. Ein entzückender blauer Duft umhüllte Nähe und Ferne, ohne die Klarheit des Bildes zu trüben. Kleine zarte Wölkchen schwebten über den kräftig sich abzeichnenden Umrissen des Gebirges im reinen Himmelsblau.

Fritz tat diese Ruhe und Stille unendlich wohl; in tiefen Zügen sog er die erquickende Luft ein und empfand bald ihren anregenden Einfluß. Die übergroße Spannung wich einem ruhigeren Gleichmaß. Ruhig ward er deswegen nicht! – In ihm schrie es laut nach Genugtuung, sein Selbstgefühl verlangte gebieterisch Wiederherstellung seiner Ehre, gebührende Abweisung des Angreifers – aber dem stellte sich ein anderes Gefühl entgegen: die Furcht vor der Macht seines Gegners, das mangelnde Selbstvertrauen, was sein Urteil verwirrte. Der alte Zwiespalt seines Wesens! Er konnte Unrecht, Unterdrückung nicht ertragen, eine innere Notwendigkeit trieb ihn zum Widerstand, und doch zagte er vor den Folgen, schwankte haltlos zwischen Beharren und Unterwerfung. So auch jetzt! Und doch flammte wieder der Unmut, der Zorn in seiner Seele auf. Eines klaren Grundes war er sich nicht bewußt, aber er empfand, daß er nicht nachgeben dürfe; er empfand, daß er für immer zerbrochen, innerlich entwertet sei, lasse er sich einmal ohne ernstlichen Kampf niederzwingen.

Müde vom Denken und Zweifeln setzte er sich am sonnigen Hang unter die Schlehdornhecke. – Warum konnte er in sich nicht zur Klarheit und Einheit gelangen? Warum konnte er diesen Zwiespalt nicht überwinden?

»Ach,« seufzte er, »hätte ich jetzt eine Seele, der ich mich anvertrauen könnte!« – Traurig stützte er die Ellbogen auf seine Knie und legte das Gesicht in die Hände.

»Ei, wahrhaftig, es ist der Herr Lehrer!« rief eine tiefe, wohlklingende Männerstimme; und als Fritz den Kopf hob, blickte er in das offene, freie Gesicht des Sülzdorfer Schulbauern Jörg Vorndran, der lächelnd vor ihm stand und freundlich die Hand zum Gruße bot. »Grüß' Gott! Ist Ihnen gewiß auch gegangen wie mir – es trieb Sie auch hinaus in die Gotteswelt! Aber – entschuldigen Sie, Herr Lehrer, wie sehen Sie aus? Fehlt Ihnen was?«

Fritz war aufgesprungen und schüttelte dem Bauer die Hand. »Ja, mich litt es nicht in der Stube, aber die Schönheit des Tages war es nicht, was mich in die Einsamkeit trieb.«

»Hab' es Ihnen bereits angesehen, Herr Lehrer, 's tut mir leid, daß ich Ihnen so ungelegen in den Weg kommen muß – ich will nun auch nicht länger stören.«

Fritz wußte selbst nicht, warum ihn die einfachen Worte so wohltuend anmuteten. »Nein, nein, Sie stören nicht!« sagte er. »Eben habe ich meine Verlassenheit im stillen beklagt, als mich Ihr Anruf traf. Und ich nehme es als einen Wink des Schicksals, daß Sie mich gerade in diesem Augenblick anreden mußten.«

Der Schulbauer schüttelte leise lächelnd den Kopf. »Nichts für ungut, Herr Lehrer, ich bin gar kein Freund von Übernatürlichkeiten, und mit der Verlassenheit wird es auch nicht so schlimm sein! Liegt es nicht ganz allein an Ihnen selbst, daß Sie heute noch in Bergheim so allein stehen? Ich weiß gar wohl, Sie sehen uns Bauern ein bißchen über die Achsel an – mit Unrecht. Glauben Sie mir, Herr Lehrer, es gibt auch im Bauernstand Männer, die ihre eigenen Gedanken haben, trotz der Studierten. Hätten Sie sich nur nicht so gewaltsam von uns abgesperrt, Sie würden jetzt nicht so geklagt haben.«

Fritz schritt mit gesenktem Kopf neben dem Bauer hin und kaute an einer Blütendolde des spanischen Flieders, die er von einer Hecke gerissen. Der Vorwurf hatte ihn getroffen, und doch wollte er es nicht zugestehen. Er war froh, als der Schulbauer das Gespräch wieder aufnahm: »Ich red' offenherzig mit Ihnen, Herr Lehrer, und bitt', mir das nicht übelzunehmen. Ich weiß gar wohl, daß Sie's gut meinen und in allen Dingen nach dem Rechten suchen. Sie wollen noch mit Macht vorwärts. Sie stehen immer auf dem Sprung, uns zu verlassen, wo anders, wahrscheinlich in der Stadt, erst eine Heimat zu gründen; drum rechnen Sie sich gar nicht als im Ernst zu Bergheim gehörig – und doch sind Sie wenigstens für den Augenblick ein Bergheimer, und die Nachbarn haben ein Recht an Sie.«

»Ich werde Ihre Worte im Gedächtnis behalten«, sagte Fritz mit freiem Aufblick. »Ich könnte zu meiner Entschuldigung dies und das anführen, aber da ich Ihnen in der Hauptsache nichts entgegensetzen kann, lasse ich es lieber ganz sein!«

»Ich möchte nicht, daß es den Anschein hätte, als wollte ich mich in Ihr Vertrauen eindrängen!« lächelte der Schulbauer. »Wollen Sie mir aber etwas mitteilen, so darf ich wohl sagen, daß es bei mir gut aufgehoben ist. – Aber im Gehen redet sich schlecht – wir wollen uns setzen!«

Halbwegs zwischen Bergheim und Sülzdorf erhob sich mitten im fruchtbarsten Feldgebreite, mitten aus den im üppigsten Grün stehenden Weizenfeldern, ein niederer, steiniger, nur mit magerem, hartem Gras dürftig bekleideter Hügel. Dafür bedeckten ihn mächtige Hecken von Schlehdorn, und seine Spitze krönte ein uralter, gewaltiger Feldbirnbaum. Baum und Hecken standen in üppigster Blüte, und von weitem leuchtete der Hügel wie beschneit aus der grünen Umgebung hervor.

Dahin lenkten die Männer ihre Schritte und setzten sich auf eine breite, vorstehende Wurzel des Birnbaums. Wie war es herrlich hier oben! Ringsum leuchtete und lachte im Sonnenglanz und Frühlingsgrün die Erde. Tiefe, tiefe Stille! Nur in den Blüten summten die Bienen, droben im Kulm schrie rastlos ein Kuckuck, und leise zitternd sanken die zarten Blütenblättchen zur Erde.

Der Schulbauer stopfte seine Pfeife, schlug Feuer und drückte den brennenden Schwamm auf den Tabak. Gemächlich lehnte er sich hintenüber an den Stamm und blickte hinein in das wechselvolle Spiel von Licht und Schatten droben in der Baumkrone, hinein in das geheimnisvolle Wallen und Weben der Blüten. »Wird ein Obstjahr heuer, kommt nichts drein,« sagte er, »solcher Baumblüte kann ich mich lange nicht erinnern. – Aber jetzt reden Sie, Herr Lehrer, ich werde nicht weiter stören!«

Fritz berichtete die Vorgänge im Pfarrhofe und in der Sakristei. Als er geendet, sagte der Schulbauer: »Bös', bös'! – aber es ist die Art so, wie die Herren Geistlichen gern mit ihren Lehrern umgehen! Besonders die von der schwarzen Sorte! Ja, ja, ich versteh' wohl, wie's Ihnen zumut' sein mag, Herr Lehrer! Man sieht mir's freilich nicht mehr an, aber ich habe drei Jahre das Seminar in X. besucht, mein Examen bestanden und war danach drei Jahre Schullehrer in Sülzdorf. Wär's vielleicht heute noch, allein die Geistlichen haben mir das Schulhalten verleidet, darum bin ich nach dem Tod meines Vaters Bauer geworden. Aber der Schulmeister liegt mir noch immer im Blut, wie meine Lisbeth sagt, und sie hat recht. Ich nehme großen Anteil an den Lehrern, besonders, wenn ich so was von meiner eignen Art an ihnen spüre. Drum freue ich mich auch aufrichtig über Ihre mannhafte Weise – hätt's auch nicht anders von Ihnen erwartet!«

»Freuen? Ich weiß nicht, grade mein Widerstand macht mir Sorge!« entgegnete Fritz. »Bis heute habe ich alles Mögliche aufgeboten, einen offnen Zerfall mit dem Pfarrer zu verhüten – nun ist's vorbei! Er wird mir meine Schroffheit nie verzeihen, und wenn er seine Drohung wahr macht, wenn er Klage führt, was dann?«

»Ist's möglich, so kleinmütig sind Sie, der Lehrer Fritz Reinhardt von Bergheim?« rief der Schulbauer und nahm voller Verwunderung seine Pfeife aus dem Mund. »Wenn der Pfarrer klagt – und es ist erst die Frage, ob er es tut – ei nun, so wehren Sie sich Ihrer Haut, ans Leben wird's nicht gleich gehen!«

»Ans Leben wohl nicht, aber an meine Zukunft! Ich habe mich meinem Vorgesetzten offen widersetzt, das wird man mir, wenn es auch diesmal mit einem gnädigen Ausputzer abgehen sollte, nie vergessen. Von einer Beförderung ist keine Rede mehr.«

»Ei, um so besser, dann bleiben Sie bei uns in Bergheim!«

Fritz schüttelte den Kopf. »Mein Sinn steht nun einmal nach der Stadt; nur dort kann ich mich wohl und glücklich fühlen!«

»Ich streite nicht! Nur fragen möchte ich: Haben Sie denn überhaupt bei uns versucht, einzuwurzeln?«

Fritz blickte betroffen auf und sagte: »Sie sind ein beredter Anwalt Ihrer Heimat! – Doch wir schweifen ab! Das wäre noch der günstigste Fall, es kann auch viel schlimmer kommen. Wenn es dem Pfarrer gelingt, Mißtrauen gegen mich zu erwecken, dann wird man es an Quälereien und Nörgeleien nicht fehlen lassen, bis man mich zu einer Übereilung getrieben – und dann: fahr' wohl, Lehramt!«

»Sie sehen zu schwarz. Das Absetzen geht nicht so schnell! Und wenn auch – was tut's? Ein Mann wie Sie wird überall mit offnen Armen aufgenommen! Und nun unverzagt! Der Pfarrer wirft Sie nicht um, Sie nicht, das sage ich. Stürme wird's wohl setzen, aber nur unverzagt!«

»Ich danke Ihnen!«

Fritz atmete tief auf, eine große Last war ihm vom Herzen genommen. Die Zuversicht des Schulbauern richtete ihn auf, sein Beifall tat ihm unendlich wohl.

Der Schulbauer, der sinnend vor sich geblickt hatte, begann nach einer Weile: »'s ist traurig! Wohin man blickt, nichts als Verwirrung, eigensinniger Trotz, Gewalttat, wo's angeht, Zorn und Haß! Was soll noch aus Bergheim werden, wenn das so fortgeht? – Mir hat heute auch schon das Herz weh getan, vor Kummer konnt' ich's im Haus nicht aushalten. – Was sagen Sie zur heutigen Predigt?«

Fritz zuckte die Achseln und las die Blütenblättchen vom Rock.

Der Schulbauer schüttelte heftig den Kopf. »Warum gehen Sie nicht mit der Farbe heraus? Ich meine, darüber kann es nur ein Urteil geben – das war keine christliche Predigt!«

»So denke auch ich!« sagte der Lehrer leise.

»Ach, Herr Lehrer, ich wollte kein Wort darüber verlieren, daß er die Menschen nicht schlecht und verächtlich genug machen konnte – wenn es sich um mich allein handelte. Aber, bedenken Sie doch, was sollen die armen Leute, die sich mit ihren Gedanken nicht zurechthelfen können, mit solcher Lehre anfangen? Wenn ihnen fort und fort vorgepredigt wird: all euer Tun ist Sünde; ihr könnt gar nichts Rechtes vollbringen, wenn ihr auch wolltet; werden sie es zuletzt nicht aufgeben, was Ordentliches zu vollbringen, da es doch vor Gott nichts gilt? Wo anders möchte das vielleicht auch nicht soviel auf sich haben, aber für Bergheim ist solche Lehre ein Unglück. Haben Sie gesehen, wie sich der Jockenhannes, der Simesschuster, der Wagnerspaule, der Schulz und der Veitenbauer zublinzten? Denen war die Rede wieder Wasser auf die Mühle, nun haben sie wieder Grund, auf die Religion zu lästern. Geben Sie acht, wie es heute abend im Wirtshaus zugehen wird. – Und nun gar noch das Verbot der Musik am Morgen, der Zank mit Ihnen! Sehen Sie sich vor, Herr Lehrer! Die Jockenpartei wird die Gelegenheit auf Ihre Kosten ausbeuten, wird Sie zur Heftigkeit verleiten und für sich gewinnen wollen!«

»Mich? –«

»Haben Sie noch nicht bemerkt, wie der Jockenhannes an Sie zu kommen sucht? – Glauben Sie, das ist aufrichtig gemeint? – Oh, Sie kennen den Jockenhannes nicht! Der tut nichts ohne Absicht; wenn er etwas unternimmt, darf man sicher sein, daß es gilt, entweder ihm Vorteil zu sichern oder einen Menschen zugrunde zu richten.«

»Sie urteilen streng!«

»Nur gerecht!«

»Aber was kann er von mir wollen, was kann ich seiner Partei – wie Sie's nennen – nützen?«

»Sie sind wahrlich noch sehr fremd in Bergheim. Was Sie ihm nützen? – Seiner Sache ein Ansehen geben, das sollen Sie; als Aushängeschild möchte er Sie benützen.«

»Nicht möglich!«

»Was er mit Ihnen selbst vorhat, weiß ich nicht. Manchmal sieht's fast aus, als sollten Sie sein Schwiegersohn werden –«

»Schulbauer!«

»Erzählte er nicht erst neulich mit Lachen im Wirtshaus, Sie gingen auffällig um seine Line herum, ganze halbe Tage begleiteten Sie ihr Geigenspiel auf dem Klavier und seien ganz außer sich über ihre Fertigkeit.«

»Abscheulich!« rief Fritz, rot vor Zorn. »Um dem Drängen ein Ende zu machen, spielte ich einmal mit dem Mädchen! Schändlich!«

»Auf der andern Seite verspottet er die Lehrer, macht sich lustig über die ›Steckenmännle‹, ›Klopfgeister‹ und ›Hungerleider‹ und spricht auch so verächtlich von Ihnen, daß man nicht klug aus ihm werden kann! Gutes hat er nicht im Sinn mit Ihnen, das ist gewiß. Ich meine, er möchte Sie so recht mit dem Pfarrer und den ordentlichen Leuten in der Gemeinde verfeinden, um Sie gänzlich in seine Gewalt zu bringen. Er hat schon allerlei Reden ausgestreut, die von Ihnen herrühren sollten und die böses Blut machten, wenn ihm auch darin noch niemand recht traut. Sehen Sie sich vor, der Hannes ist ein gefährlicher Mensch!«

Fritz war heftig erschrocken; wie beklagte er, daß er sich so wenig um die Vorgänge im Dorf bekümmert. Er habe den Jockenhannes nie leiden mögen, es sei etwas in seinem Wesen, was ihn zurückstoße, allein er habe ihn für einen aufgeweckten Mann gehalten, sein Freisinn habe ihn angesprochen, wenn er gleich seine Ansichten nicht durchweg billigen könne. Besonders unangenehm sei die Art, wie er überall Zweifel und Mißtrauen zu erregen suche, als habe er einen persönlichen Haß gegen alles, was Glaube und Religion heiße.

»Persönlicher Haß – das ist's!« unterbrach ihn der Schulbauer, und Fritz erschrak fast vor soviel leidenschaftlicher Heftigkeit in Ton und Blick. »Ja, er haßt die Religion, und er muß sie hassen! All sein Freisinn ist nichts als die Furcht vor seinem Gewissen! All seine schönen Reden sind nichts als Lug und Trug! Den Teufel kümmert er sich um Aufklärung; seinetwegen möchten die Menschen ewig in Aberglauben und Torheit versunken bleiben, er würde keinen Atemzug daran wenden, ihnen zu helfen. Nichts sucht er als eignen Vorteil, und die Religion muß ihm dazu helfen, seine Anschläge ins Werk zu setzen!«

Heftig atmend stand der Bauer und wischte sich mehrmal die Stirne. Fritz wagte nicht zu fragen, er ahnte, daß sich hier ein alter, tiefgewurzelter Haß gewaltsam Luft gemacht hatte. »Herr Lehrer, entschuldigen Sie meine Heftigkeit!« begann der Schulbauer, sich mühsam zur Ruhe zwingend. »Der Hannes ist mein alter Gegner; er hat mir und meinem Schwager, dem Herrnbauer in Bergheim, das Ärgste angetan, was man Menschen zufügen kann. Und sein Haß gegen uns ruht und rastet nicht; jetzt ist er eben wieder dabei, Jammer und Elend über uns zu bringen. Geben Sie acht, der Beckenkarl wird sich bald öffentlich zum Hannes und seinem Anhang bekennen!«

»Der Beckenkarl? Was hat der Beckenkarl mit dem Haß des Hannes gegen euch zu schaffen?«

»Merken Sie auf: Der Karl ist ein braver Bursch, hat ein schönes Vermögen; er sieht die Herrnbauersmargaret gern, und der Herrnbauer hätte seine Freude, käme die Heirat zustande. Nun aber macht sich der Hannes an den unerfahrenen Burschen, der freilich auch von jeher gegrübelt hat, bringt ihn auf Zweifel und sucht ihn ganz auf seine Seite zu ziehen. Und es wird ihm gelingen, 's ist keine Frage! Und hat er erst den Karl zu seiner Lehre bekehrt, so ist's vorbei mit der Heirat; einen Freigeist, einen Anhänger vom Hannes nimmt der Herrnbauer nicht als Schwiegersohn an, und sollte darüber seine Margaret zugrunde gehen! Das weiß der Hannes, darum allein beschwätzt er den Karl. Wer weiß, vielleicht denkt er dabei auch noch andere Dinge.«

»Wär's möglich?« rief Fritz entsetzt. »Wär's möglich, daß ein Mensch so das Heiligste im Menschen mißbrauchen könnte?«

»Der Hannes hat noch – Doch nein! ich bin sein Feind, ich will ihm nicht hinterrücks Böses nachreden. Es wird noch eine Zeit kommen, da wir Gesicht gegen Gesicht stehen – dann will ich mit ihm abrechnen. – Aber warnen mußte ich Sie. Und nun leben Sie wohl; denken Sie nicht gering von mir, daß ich so wenig an mich halten konnte, die Erinnerung überwältigte mich. Besuchen Sie mich; ich meine, wir sollten öfter zusammenkommen. Grüß' Gott!«

Fritz setzte sich müde auf die Baumwurzel und sah kopfschüttelnd dem Bauer nach. Sollten die Aufregungen kein Ende nehmen? Noch war er der Sorgen nicht ledig wegen der heutigen Vorfälle, und schon wieder tat sich eine neue, größere Gefahr vor ihm auf. Waren die vom Hannes ihm angedichteten Reden dem Pfarrer hinterbracht worden? Stützten sich hierauf seine beleidigenden Anschuldigungen?

Fritz war zornig über sich, daß er bis heute wie blind an seiner nächsten Umgebung vorübergegangen war. Wie oft hatte ihn die einförmige Stille des Dorflebens bedrückt – und dicht neben ihm war Leben und Leidenschaft in höchster Spannung, nur er bemerkte es nicht! Und nun rächte es sich, daß er, wie ihm der Schulbauer mit Recht vorwarf, in Bergheim nicht hatte einwurzeln wollen; vereinsamt, ratlos, stand er zwischen den Parteien.

Droben im Birnbaum summte und brauste es, zahlreicher sanken die Blütenblättchen zu Boden; als sich zwei Raben auf den Gipfeln niederließen, kam der ganze Baum in Bewegung, das Summen ward stärker und eine weiße Wolke wehte langsam über die Saatfelder hin, bis sie im Grün verschwand. Als Fritz eine Bewegung machte, erhoben sich die beiden Vögel mit schwerem Flügelschlag und zogen schreiend hinauf zum Steinschrot.

Fritz verfolgte mit seinen Augen die schwarzen, glänzenden Punkte, bis sie droben auf der weißen Felsklippe der Kanzel verschwanden, und seufzte tief auf. Warum war die weihevolle Erhebung des Morgens nicht festzuhalten? Warum mußte gerade das, was den Menschen zur Erhebung und Stärkung geworden, soviel Verwirrung, Haß und Zorn anrichten? Fritz verfiel in trübes Sinnen, und jetzt erschienen ihm auch die schwarzen Vögel, die schreiend von seinem Ruheplatz geflohen waren, fast wie eine Warnung des Schicksals. Die milde Luft fächelte umsonst seine heiße Stirn, vergebens liefen helle Lichtstreifen über sein Gesicht, als wollten sie ihn erwecken aus seiner Versunkenheit. Er achtete nicht des bunt bewegten Lebens. Sein Herz war verfinstert. Wozu der Glaube, wenn er Zwietracht sät, die Liebe ertötet, statt des Friedens den Krieg bringt?

Fünftes Kapitel

»Geh aus, mein Herz, und suche Freud'
In dieser schönen Sommerszeit
An deines Gottes Gaben.«

So sang eine etwas rauhe, zittrige Männerstimme, und Fritz lauschte mit Bewegung dem Lied. Langsam, oft stehenbleibend und mit hellem Auge um sich blickend, kam der Lichtennikele während des Gesanges näher. Der Alte, gar sauber in ein dunkelgrünes, derbes Tuchgewand gekleidet, ging ein wenig gebeugt, aber unter dem breiten Schild der steif aufstehenden, mit breitem tellerartigen Deckel versehenen sogenannten »Weimarer« Tuchmütze leuchteten ein Paar klare graue Augen und ein schmales, freundliches Gesicht hervor. An der einen Hand führte er ein etwa vierjähriges Kind mit flachsblondem Haar, dem er, ohne den Gesang zu unterbrechen, manche frühe Glitsche aus den Feldern pflückte; in der andern, lässig auf den Rücken gelegten Hand trug er einen üppig blühenden Kirschenzweig. Als er vor Fritz stand, bot er ihm herzlich die Hand mit den Worten: »Ei, grüß' Euch der liebe Gott, Herr Schulmeister! Auch ins Freie gemacht? – Ja, heute heißt es recht: ›Geh aus, mein Herz, und suche Freud'!‹ – Mit Verlaub!« Damit setzte er sich neben Fritz auf die Wurzel.

Fritz rückte zu, gab dem Kind freundlich die Hand und fragte nach seinem Namen. – Der Lichtennikele nickte leise mit dem Kopf, Reinhardt aber sagte mit einem Seufzer: »Ja, so sollte es sein! Aber die Menschen, Nikel, die Menschen! Die verleiden einem alle Freude!«

»Ei ja, Herr Schulmeister!« nickte der Nikele bedächtig, »wer wird sich auch die Freud' an unsres Gottes Welt verleiden lassen? Hab's Euch gleich angesehen, daß Euch was über die Leber gelaufen sein muß. Aber das ist nichts, daß Ihr Euch an einem Tag wie heut' verzürnen laßt. Ei ja, mir geht's auch nicht, wie ich's wünsche, heut' wird's grad' acht Jahre, daß meine Frau auf dem Bett liegt und gepflegt werden muß wie ein kleines Kind. Wollt' mir auch das Herz recht schwer werden daheim. Hab' ich aber selber zu mir gesagt: ›Nikel, schämst dich nicht? Willst du auch anfangen zu murren wider deinen Herrgott, der dich noch keinmal verlassen hat? – Schäm' dich, Nikel!‹ Drauf bin ich mit meinem Tichterle hinaus in die Flur, da hab' ich mir bald allen Kummer vom Herzen weggesungen!«

»Sie sind ein glücklicher Mann!« entgegnete Fritz seufzend. »Nicht jedem ist solch fröhliches Herz beschieden.«

»Ei was, Herr Schulmeister, ein fröhliches Herz ist wohl eine Gabe von unserm Herrgott, aber so ganz von selber fällt es einem auch nicht zu, man muß auch das Seine dazutun, um's zu erlangen und, was die Hauptsach' ist, auch zu erhalten. – Ja, was ich sagen wollt': mit dem neumodischen Sie komm' ich nicht zu Rand. Drum tut mir den Gefallen und laßt Euch mein Ihr gefallen; sagt zu mir auch du oder Ihr, wie Ihr wollt.«

Fritz fühlte sich seltsam angeregt durch den munteren Alten, dessen herzliche, wahrhaftige Frömmigkeit ihm unendlich wohltat, und hinter dem er solch selbständiges Denken gar nicht gesucht hätte. Als habe er seine Gedanken erraten, begann der Nikele, während er mit dem Zweig vor dem Gesichte fächelte und das Kind, das von den Schlehenblüten pflückte, nicht aus dem Auge ließ: »Ja, ja, Herr Schulmeister, ich war auch nicht immer so zufrieden und fröhlich wie jetzt. Ja, ja, es wollt mich auch oft verdrießen, daß der Herrgott meine Bravheit nicht besser belohnte. Aber wenn ich meine Bibel in die Hand kriegte, da war all das dumme Zeug weg, ich freute mich meines Herrgotts und mußte rühmen, wie er mir Gutes getan über mein Verdienst und Würdigkeit. Hatt' ich's nicht trotz aller Widerwärtigkeit zu einem eignen Häusle und Gütle gebracht? Und wenn ich's dann so recht betrachtete, so fand ich bald, daß doch auch jedwedes Leid für was gut war, und daß, wenn ich in der Trübsalshitze einmal gar nimmer wußte, wo ein noch aus, unser Herrgott in aller Stille schon mit einer Hilfe nahe war. Ja, seht, und das macht mich so fest und zuversichtlich und im Herzen fröhlich. – Seht, Herr Schulmeister, das ist so mein Glauben. Deswegen meine ich aber nicht, ich allein hätte nun das Recht! – Da nehmt einmal zum Beispiel den Sülzdorfer Schulbauer! Der ist ganz anders wie ich, viel gelehrter und gescheiter. Der glaubt das wenigste, was in der Bibel steht, macht so wunderliche Auslegungen von den Geschichten, daß mir oft das Herz erzittert – und doch weiß ich gewiß, der Schulbauer steht so gut im Glauben wie ich, und der hat auch den rechten Weg gefunden.«

»Kennt Ihr den Schulbauer genauer?«

»Ei, ich denke wohl, war ich doch an die zehn Jahre bei ihm Hausmann, eh' ich mich in Bergheim ankaufte. Herr Schulmeister, so oft ich den Schulbauer nennen höre, möcht' ich die Kappe abtun! Ja, das ist ein Mann, so gibt's wenige! So herzensgut gegen jedermann, so gar kein Linsele stolz trotz seines Reichtums. Ich bin doch nur sein Hausmann gewesen und heute nur ein armes Kleinbäuerle, aber der Schulbauer mag mich sehen, wann und wo er will, er geht zu mir, bietet mir die Hand und redet mit mir wie mit seinesgleichen. Ja, dem Schulbauer hab' ich viel zu danken, der hat mir oft mit Rat und Tat geholfen. Eine Geschichte von ihm vergess' ich nicht, weil ich lebe. Der Schulbauer ist der beste Viehdoktor weit und breit, und er springt gern bei, vor allem aber der Armut. So wird er einmal zum Sülzdorfer Schuster gerufen, seine Kuh blähe gar arg. Der Schulbauer macht sich denn auch gleich mit Geräten und Instrumenten auf, und ich muß auch mit. Die Kuh ist in arger Gefahr, der Bauer arbeitet, daß er schwitzt, und endlich denkt man auch, es wird was besser mit dem Tier. Kommt die kleine Schulbauermagd gesprungen und ruft: ›Herr, geht geschwind heim, eine Kuh bläht!‹ Die Schustersleute heulen und jammern, aber der Bauer fragt bloß: ›Welche Kuh bläht?‹ ›Die alte Scheck!‹ sagt die Magd. ›Nikel, geh du heim und mach' das und das. Sag' meiner Lisbeth, ich wäre hier nötiger!‹ gibt der Bauer zur Antwort. Herr Schulmeister, dürft mir glauben, das Wort ist mir durch und durch 'gangen. Die Schusterskuh brachte der Bauer glücklich durch, seine eigene ist richtig gefallen, da kein zweites Blährohr im Dorf war. Wie der Bauer heimkommt, sagt er zur Bäuerin: ›Lisbeth, sei nicht bös', ich konnt' nicht anders. Sieh, unsre Kuh war alt und nicht viel wert, dort handelte sich's um ein junges Prachtstück; dann aber spüren wir den Verlust ja kaum, die Schustersleute aber hätten den Schlag jahrelang nicht verwunden!‹ Die Bäuerin sagte kein Wort, wie's so ihre Art ist, sie hat dem Bauer bloß die Hand gegeben. Freilich, die Bauern in der Gegend haben den Schulbauer deswegen viel verspottet, besonders der Jockenhannes konnte sich gar nicht wieder zufrieden geben, aber die Armen ehrten ihn nur um so mehr.«

»Was ging das den Jockenhannes besonders an?«

»Ei, Herr Schulmeister, kennt Ihr den Jockenhannes so wenig? Wie kann der eine gute Handlung unverspottet lassen? – Überdem besteht auch eine alte Feindschaft zwischen ihm und dem Schulbauer.«

Das Kind kam zum Großvater, beide Hände voll Schlehenblüten. Der Alte knotete sein blaugewürfeltes Taschentuch zum Bündel, füllte die Blüten hinein und sagte: »So ist's recht, mein Herzele! Wird sich deine Mutter freuen und erst gar die Fräle, bringst du den schönen Tee mit heim. So, mein Bäzele, nu geh hin und mach' das Bündele gar voll, ich wart' da beim Birnbaum – und nimm dich in acht, daß du dir an den Dörnern nicht weh tust.«

Fritz saß in tiefen Gedanken; sollte er den Alten über den Hannes ausfragen? Endlich fragte er: »Und wißt Ihr nichts über diese Feindschaft?«

»Ei nun, was man eben im Dorf so darüber munkelt. Und habt Ihr wirklich noch nichts darüber gehört?« Als Fritz verlegen verneinte, meinte Nikel kopfschüttelnd: »Ei, ja, Herr Schulmeister, nichts für ungut, aber ich muß mich ernstlich über Euch verwundern. Ihr müßt Euch doch auch gar nichts drum gekümmert haben, was um Euch vorgeht, sonst müßtet Ihr längst um die Geschichte wissen. Ja, 's ist 'ne dunkle Sach' und nicht gut drüber reden. Wie's im Grund geschehen sein mag, weiß niemand; was so unter die Leute kam, ist ungefähr das: Nach dem Tod des alten Herrnbauern, der gar ein ausbündig braver Mann war und mit seinen Kindern gar gut lebte – sein Valtin, der einzige Sohn, der jetzige Herrnbauer, hatte kurz vorher des Schulbauers Mariebärble gefreit, und der Schulbauer war hinwieder mit der Herrnbauerslisbet versprochen – also, der alte Herrnbauer war kaum begraben, so kommt der Jockenhannes und nimmt den Herrnbauerskrautacker in Anspruch. Er zeigt den Kaufvertrag und die Quittung über den Kaufschilling vor, aber der Herrnbauer und der Schulbauer verweigern den Acker abzutreten, nennen Vertrag und Quittung gefälscht, die ganze Geschichte einen Betrug. Danach kam es zur Klage und der Hannes, der Simesschuster und der Wagnerspaule haben beschworen, daß der alte Herrnbauer den Acker im ehrlichen Handel an den Hannes verkauft und auch den Kaufschilling bar erhalten habe. Seit der Zeit ist Todfeindschaft zwischen der Herrnbauersverwandtschaft und dem Jockenhannes.«

»Aber ich höre doch, die Herrnbauers waren schon immer wohlhabend, und die Krautäcker sind die besten Grundstücke in der Feldflur – was könnte den alten Herrnbauer bewogen haben, sein bestes Grundstück wegzugeben, noch dazu hinter dem Rücken seiner Kinder?«

»Grade so sagten die Herrnbauers, und ich kenne Leute, die heute noch so denken!«

»Großer Gott!« rief Fritz erschrocken aufspringend. »So hätte der Hannes falsch – –«

»Stille, Herr Schulmeister!« sagte der Alte und zog den Erregten auf seinen Platz zurück. »So was ist gefährlich zu denken, geschweige zu sagen. Der Bergbauer ließ einmal ein ähnliches Wort fallen, er wird keinem Menschen sagen, wie teuer ihm das zu stehen kam, trotzdem er damals Schulz war. Seht Euch vor, Herr Schulmeister, der Hannes hat Freunde in allen Ecken, die tragen ihm alles zu, und Ihr habt ja gesehen, die fürchten sich auch vor einem Eid nicht.«

Fritz war empört. Jetzt verstand er den Schulbauer und begriff seinen Zorn! – Und dieser Mensch wollte sich zum Apostel einer freieren Glaubensrichtung aufwerfen?

Der Alte hatte ihn nicht aus den Augen gelassen, jetzt legte er zutraulich die Hand auf seine Schulter und sagte: »Gelt, Ihr erschreckt auch, daß solch ein Mensch überall die Religion lästert und eine neue Lehr' aufbringen will? Nichts hat mich auch so sehr gegrimmt, als wenn ich sehen muß, wie die Nachbarn, die den Hannes doch so gut kennen wie ich, nun dortsitzen und die Augen aufreißen, wenn er seine Reden vorbringt, als habe er, Gott verzeih mir's, ein neues Evangelium verkündigt. Gott verhüt's, daß ich dem Hannes unrecht tu', man kann ja doch keinem Menschen ins Herz sehen – aber ich trau' ihm nicht, er meint's nicht ehrlich; um die Religion ist's ihm gar nicht zu tun. Euch vertrau' ich's,« fuhr der Alte fort und rückte näher an Fritz, »ich meine, der Hannes möchte seinem Gewissen entlaufen, drum will er den Herrgott vom Stuhl stoßen! – Denkt an mich, Herr Schulmeister, das End' wird's klarmachen!«

Fritz glühte. Das war ja fast wörtlich des Schulbauern Meinung. Plötzlich rief er: »Ist's wahr, sprengt er das Gerücht aus, ich sei sein heimlicher Anhänger?«

»Gesagt hat er dergleichen – ich hab's gleich nicht geglaubt!«

»Und welche Reden schiebt er mir unter?«

»Ei ja, habt Ihr auch davon gehört? Nun, feine sind's nicht, und wenn ich auch schon etwas vertragen kann, das wär' mir doch zu arg gewesen, zumal von einem Schulmeister, der doch seine Kinder in der Religion unterweisen soll. Aber ich sag's ja, ich hab' ihm gleich nicht geglaubt; denn wenn Ihr auch nicht so fest in der Bibel besteht, Ihr seid brav und fürchtet Gott, das merk' ich, wie Ihr meine Tichterle lehrt. Hätt' Euch schon lang' gern gewarnt: nehmt Euch vor dem Hannes, dem Simesschuster und besonders vor dem Wagnerspaule in acht. Sie möchten Euch gern vorschieben, daß Ihr die Kastanien für sie aus dem Feuer holt. Gebt Euch nicht dazu her, Herr Schulmeister, ich bitt' Euch. Nicht allein Euretwegen – tut's dem Dorf zulieb'. Ach, du lieber Gott, das Unglück ist so schon nimmer zu übersehen, aber es wird voll, wenn Ihr Euch zu ihnen schlagt. – Jetzt schon ist kein Treu' und kein Glauben mehr unter den Nachbarn – und alle Schlechtigkeit wird der Religion zur Last gelegt, hüben und drüben. Und es ist ein Unglück fürs Dorf, daß der Herr Pfarrer gar solch ein eifriger Herr ist; statt zum Frieden zu reden, gießt er mit seinen Strafpredigten Öl ins Feuer. Nun fehlt's bloß noch, daß die Verwirrung auch unter die Kinder gebracht wird. Ach, Herr Schulmeister, tut's nicht, bleibt standhaft!«

Fritz drückte dem Alten die Hand. »Nikel,« sagte er, »ich danke Euch, Ihr habt mir einen größeren Dienst erwiesen, als Ihr denken könnt. Und habt keine Sorge, ich stehe fest!« –

Wieder war es still auf dem Hügel. Die Wärme ward stärker, die Wölkchen über dem Gebirge vermehrten sich und stiegen höher, die Blütenblättchen rieselten zahlreicher nieder. Der Kuckuck schrie jetzt droben im Steinschrot, in den Weizenäckern wurden da und dort Wachteln laut und flatterten Lerchen in die Luft, jedoch noch ohne Gesang. Von Schottendorf klang das Mittagsläuten herab, und in Bergheim antworteten die Glocken.

Der Alte hatte die Hände gefaltet und blickte ernsthaft zu Boden; Fritz mochte ihn nicht stören, erst als das Geläute verstummte, begann er: »Nikel, Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen, aber nur erst einen halben. Ihr seid ein alter Mann, kennt den Hannes von Jugend auf, Ihr seht auch nicht bloß auf das Äußerliche. Tut mir den Gefallen und erzählt, was Ihr vom Jockenhannes wißt. Ich frage nicht aus müßiger Neugierde, und einen Mißbrauch Eurer Worte braucht Ihr nicht zu befürchten. – Kommt, tut's! – Und da, nehmt eine Zigarre, daß Euch der Mund nicht trocken wird.«

Nikel weigerte sich, endlich nahm er doch die Zigarre, wickelte sie jedoch sogleich behutsam in ein Papier und steckte sie in die Westentasche. »Die rauch' ich daheim, meine Alte soll sich auch darüber freuen und was davon haben!« nickte er, während er seine Tabakspfeife stopfte und in Brand setzte. Das Kind hatte wirklich das Tuch voll Blüten gepflückt und brachte sie jetzt dem Großvater, der ihm freundlich die Flachshaare glatt strich und sagte, es solle nun Schneckenhäuschen und glatte Steinchen suchen und damit spielen.

Dicke Dampfwolken von sich blasend, begann nach einigem Sinnen der Alte: »Ei ja, an den Rechten seid Ihr grad' 'kommen, Herr Schulmeister, und wenn ich alles erzählen wollt', was ich von dem Jocken weiß, in acht Tagen würden wir nicht fertig. Nun, habt nur keine Angst, werd' mich schon kurz fassen. Ja, ja, und schöne Dinge sind's auch nicht, die ich zu berichten hab'.«

Der Alte wiegte den Kopf sinnend und drückte den Tabak in seiner Pfeife nieder. »Werd' ein bißle weit ausholen müssen, 's geht nicht anders. Die alten Jocken waren blutarm und lange Jahre Hausleut' beim Herrnbauer. Weiß noch recht gut, wie der Jock meinen Alten, der doch auch nur ein Tagelöhner war, oft um eine Pfeif' Tabak angesprochen hat. Obgleich sie beim Herrnbauer warm saßen, wollt' es doch nicht vorwärts bei ihnen; beide waren liederlich. Urplötzlich wurde das anders. Der Jock bezahlte seine Schulden, schaffte sich und seiner Frau Kleider und ließ Geld sehen, kaufte – kein Mensch erfuhr, wovon – das Stephanshäusle draußen vorm Dorf, richtete einen Bier- und Schnapsschank ein und hatte bald argen Zulauf. Freilich, das Bier und der Schnaps taten's nicht; ach, Herr Schulmeister, was für Elend kam aus dem Häuschen übers Dorf! Die Weiber verfluchten die Jockenlies und spuckten vor ihr aus – aber was half's? Die Männer ließen doch nicht von dem Häusle und prügelten die Weiber, wenn sie das nicht ruhig geschehen lassen wollten. Wen die Jockenlies nicht lockte, den zog das Spiel ins Jockenhaus. Ach, es ging toll her damals! Der Veitenbauer verspielte an einem Abend zwanzig Krontaler, die er für einen Stier eingenommen hatte; der Türkenhenner den Erlös für zwanzig Simmern Weizen. Der Kirchbauer könnte heute noch in seinem Hof sitzen, hätt' er sich nicht mit dem verfluchten Spiel eingelassen – Ihr werdet gehört haben, wie er sich an Gemeindegeldern vergriff, und welch elenden Tod er fand. So könnt' ich noch viel berichten – doch um es kurz zu machen: Bergheim nahm ab, der Jock aber zu. Der Kirchbäuerin gefiel es nach dem Tod ihres Mannes nimmer in Bergheim; wahrscheinlich auch um der Schande aus dem Wege zu gehen, verkaufte sie ihren Hof. Könnt Euch das Aufsehen denken, als ihn der Jock erstand und fast ganz bar bezahlte. Der Jock war nun auf einmal ein großer Hans – Geld verdeckt ja jede Schande. Aber einen Gefallen taten ihm die Bergheimer doch nicht; wie nahe er es ihnen auch legte, keiner nannte ihn Kirchbauer, er blieb der Jock, und sein einziger Bub der Jockenhannes, bis auf den heutigen Tag.

Im Kirchbauernhaus trieb er die Wirtschaft erst ins Große, legte eine Brauerei an, und sein Hannes kam nach der Konfirmation zu einem großen Bierbrauer in die Stadt in die Lehre. Dummheiten brachte der Hannes genug mit ins Dorf zurück, sonst muß er aber nicht viel profitiert haben, denn er kümmerte sich wenig um Brauerei und Wirtschaft, er betrieb bloß Ökonomie. Nach dem Tod seiner Eltern, die in den besten Jahren rasch nacheinander wegstarben, ließ er die Brauerei und die Schenkwirtschaft eingehen.

Bald zeigte sich's, wo der Fuchs lief. Der Hannes wollte die Schande seiner Eltern vergessen machen und sich in große Bauernfamilien eindrängen. Klein fing er nicht an: kurz nacheinander bewarb er sich um die Herrnbauerslisbeth und um das Sülzdorfer Schulbauernmariebärble. Da griff er jedoch in die Nesseln. Wer weiß, ob sein Haß gegen die Herrn- und Schulbauers sich nicht von der Gelegenheit datiert?

Einen Verdruß ließ sich der Fuchs nicht merken, lachte, und auf einmal war er mit der Beckenmargelies versprochen. Sie war freilich viel älter als der Hannes, aber reich, und in eine große Bauernfamilie kam er nun doch. Eine glückliche Ehe ward es nicht, du lieber Gott, ich hab' es der Margelies von Herzen gegönnt, als sie ein baldiger Tod von ihrem Leiden erlöste.

Der Hannes trieb es schlimm, oder vielmehr in der einen Sache treibt er's heute noch schlimm. Er wollte der Reichste im Dorf sein und bei seinem großartigen Leben verbleiben, drum legte er sich aufs Geldverleihen. Ich sag' Euch, Herr Lehrer, der Hannes ist der schmutzigste Wucherer, den es geben kann. Ich red' aus Erfahrung, er hat mich auch einmal in den Krallen gehabt, und nahm sich der Schulbauer nicht meiner an, war ich ein verlorner Mann. Wen er einmal hat, den läßt er nicht los, den saugt er aus, langsam aber sicher. Und schlau fängt er seine Sache an, er hat mit den Gerichten nicht gern zu tun, aus Gründen. Sein Handel mit den Herrnbauers hatte doch großes Aufsehen erregt, auch im Amt, und danach kam noch ein böser Handel dazu.

Der Hannes war schon als Bursch ein Wilder, kein Mädchen war vor ihm sicher, und auch im Ehestand trieb er das alte Unwesen. So hieß es denn auch, der Hannes habe Umgang mit der Einzelberger Schäferin, was ein junges, ansehnliches Weiberleut' war. Macht sich danach das Jungvolk ein Vergnügen daraus, den Einzelberger Schäfer im Wirtshaus zu hänseln. Der Schäfer mußte wohl noch nichts von seiner Schande wissen; wie toll und wütend fuhr er auf, unter greulichen Flüchen verschwur er sich: bewahrheite sich das Gerede, mache er sie und ihn kalt, möge ihm dann geschehen, was da wolle. Noch ganz außer sich, verließ er das Wirtshaus – am andern Tag fand man ihn tot in seiner Schäferhütte.«

»Allmächtiger!« rief Fritz entsetzt.

»Ja, ja! An einen Unglücksfall war nicht zu denken, der Schäfer war gewaltsam erdrosselt. Uhr und Geld fehlten, auch sein Messer – das fand sich nachher aufgeklappt und blutig unter dem Bett seiner Frau. In der Hütte konnte er nicht erdrosselt worden sein; wo aber die Tat geschehen, wußte und weiß nur Gott im Himmel – den Hannes und Uhrmacherle ausgenommen, vielleicht! – ein Regen, der in der Nacht einfiel, hatte alle Fußtritte verwaschen.

Die Schäferin aber war völlig von Sinnen, saß auf ihrem Bett und weinte, kein Mensch brachte ein Wort aus ihr heraus, die Doktoren sagten, sie sei von Gedanken. Noch während der Untersuchung tat sie sich ein Leids.

Ach, waren das Zeiten! Das verstörte Wesen der Frau, das offene Messer unter dem Bett, die Vorgänge im Wirtshaus am Abend, ehe der Mord geschah, das Verhältnis zur Schäferin warfen einen bösen Verdacht auf den Hannes, und es dauerte nicht lang', so kam er in Untersuchungshaft. Wie ihn die Gendarmen abführten, brach die Margelies zusammen, von da an hat sie sich nicht wieder erholt.«

Dem Alten war längst schon die Pfeife erloschen, erschöpft schwieg er und spielte im Haar des Kindes, das zu seinen Füßen saß und leere Schneckenhäuschen auf Stäbchen reihte. Fritz sprang auf und fragte: »Und wie widerlegte Hannes den Verdacht?«

»So, daß auch kein Untädele an ihm hängen blieb. Ja, ja, Herr Schulmeister, wir Bergheimer erstaunten damals auch nicht wenig, als der Uhrmacherle auftrat und für den Hannes zeugte. Nach seiner Aussage waren sie am selben Abend, da der Mord geschah, in Schottendorf zusammengetroffen, waren in verschiedenen Wirtshäusern geblieben bis spät in die Nacht, dann nach Sülzdorf gegangen, wo sie wieder einkehrten. Sie seien da schon nicht mehr ganz nüchtern gewesen, in Sülzdorf seien sie vollends lustig geworden und geblieben bis an den hellen Morgen. Der Uhrmacherle beschwor, daß der Jockenhannes in der Nacht vom Sonntag auf den Montag nicht von seiner Seite gekommen sei. Die Aussage der Wirte, die auch beigezogen wurden, stimmte damit überein; nur wollten die Schottendorfer Wirte im Anfang behaupten, der Hannes und der Uhrmacherle könnten nicht bis in die Nacht sich bei ihnen verhalten haben, überhaupt wollten sie sich nicht recht auf den Uhrmacherle besinnen können. Da sie das aber nicht mit Bestimmtheit zu behaupten wagten, zuletzt gar einer den Hannes und Uhrmacherle noch spät unter seinen Gästen bemerkt haben wollte, so wurde der Hannes von der Anklage gänzlich freigesprochen.«

Fritz atmete schwer. »Ja, ja,« fuhr der Alte seufzend fort, »freigesprochen ward der Hannes wohl, aber der Verdacht blieb; kam doch auch manches dazu, was ihn immer wieder erneuerte. So mied der Hannes von der Zeit an Einzelberg und machte weite Umwege, um es nicht zu betreten; die Worte ›Mord‹ und ›Mörder‹ kann er schon gar nimmer hören. Das Auffällige aber war, daß der Uhrmacherle nach einiger Zeit seine Schulden bezahlte und Geld sehen ließ – kein Mensch wußte, wie er dazu gekommen war. Das gab viel Gerede. Aber die Schäferin war gestorben, beweisen konnte man doch nichts – und so verlief die Geschichte im Sand, und es wuchs Gras darüber.

Eine Zeit war der Hannes nun recht still und demütig, kam wenig unter die Leute, es hieß, er wäre krank. Um diese Zeit starb unser alter Pfarrer, ein guter Herr, der sich wenig um die Welt kümmerte und darum auch mit niemand in Verdruß kam. Sein Nachfolger war ein junger Herr aus der Stadt, der eine grausam vornehme Frau mitbrachte und erschrecklich reich sein sollte. In dem stillen Pfarrhaus wurde es nun lebendig; eine vornehme Gesellschaft jagte die andere, die Gastereien nahmen kein Ende, von Amtleuten, Advokaten, Kaufleuten und Förstern ward das Haus nicht leer. Die Nachbarn schüttelten zuerst die Köpfe; als aber das Treiben immer toller wurde, da entstand eine Spaltung im Dorfe. Die Liederlichen lobten den Pfarrer und ahmten ihm nach, die Rechtschaffnen klagten ums Dorf. Und der Pfarrer trieb's wirklich toll, nicht nur im Haus; die wildesten Pferde ritt er wie der Teufel, und in allen Jagdrevieren war er, glaube ich, besser bekannt als in seinen Büchern. Seine Predigten wurden immer kürzer, oft mußte der Schulmeister für ihn lesen, und ernste Männer begannen auswärtige Kirchen aufzusuchen.

Einen starken Anhang hatte der Pfarrer natürlich auch – und der Jockenhannes war der eifrigste darunter. Er wurde wieder lebendiger, der Hannes, führte das große Wort und war womöglich noch ehrsüchtiger als zuvor. Der Pfarrer mochte ihm gefallen, er suchte an ihn zu kommen, und es dauerte richtig nicht lange, so war er der tägliche Gast im Pfarrhaus.

Die Freundschaft mit dem Hannes hat dem Pfarrer viel geschadet; wer was auf sich hielt, mochte nun gar nichts mehr mit ihm zu tun haben. Darum kümmert sich der Pfarrer nichts, und der Hannes war so recht in seinem Element. Er kleidete sich jetzt vornehm, und seine Line ging nicht mehr in die Schule, sie kriegte ›Stunden‹, wie sie's hießen, mit den Pfarrfräl'n zusammen beim Hauslehrer; auch Geige und Klavier mußte das arme Wurm lernen.

Mit der Zeit hörten die Gastereien im Pfarrhaus auf, die fremden, vornehmen Besuche blieben aus. Der Pfarrer hing sich jetzt ganz an den Jockenhannes und wurde sogar mit dem Wagnerspaule und Simesschuster spezial. Was die drei so oft im Pfarrhaus trieben, weiß ich nicht; was Gescheites wird's wohl nicht gewesen sein. So nach und nach begannen sie sich über die Religion lustig zu machen und verspotteten im Wirtshaus den Glauben, ließen auch merken, daß sie im Pfarrhaus noch ganz anders redeten. – Seht, das war der Anfang, und seit der Zeit ging der Unfug fort bis heute!

Das machte wieder viel Rumor, der Herrnbauer und Bergbauer redeten sogar von Beschwerden gegen den Pfarrer. Das kann ihm nicht verborgen geblieben sein; der Hannes wurde nun auch von Tag zu Tag hoffärtiger, er behandelte den Pfarrer beinahe wie seinesgleichen – kurzum, der Pfarrer begann auf einmal über Bergheim zu klagen und meldete sich weg. Bald danach ward er auch richtig nach Gersdorf versetzt, und allen Leuten fiel auf, wie gleichgültig der Hannes, Wagnerspaule und Simesschuster von ihm Abschied nahmen.

Und nun kam die traurige Zeit über Bergheim, in der wir noch stehen. Der Hannes nahm sich nun gar kein Blatt mehr vors Maul. ›Wißt Ihr, warum der Pfarrer so Knall und Fall fort ist? – Ich hab' ihm in die Karten geguckt, drum traut er nimmer!‹ Das war der Anfang, wie's weiter ging, nun das habt Ihr ja von ihm und seinem Gelichter selber oft erfahren. Damals sprach er es zuerst offen aus, die Religion sei eine Erfindung der Großen, das Volk in der Dummheit zu erhalten; die Pfaffen selber glaubten nicht, was sie lehrten, und lachten über die Brummochsen, die sich am Narrenseil führen ließen. – Ja, Herr Schulmeister, wäre der vorige Pfarrer ein richtiger Mann gewesen, 's kann sein, daß die Nachbarn dem Hannes das Maul gestopft hätten; so aber, was konnten sie ihm erwidern? Und der Leichtsinn war auch schon größer geworden im Dorf; das schlimmste war, der Hannes hatte die meisten Nachbarn am Bändel, und sie mußten sich vor ihm fürchten. So war er Meister Matz im Wirtshaus, und die ernsthaften Männer, da sie nichts gegen ihn ausrichteten, blieben lieber ganz weg.

›Gar keine Pfaffen mehr, bei uns und auf der ganzen Welt keine mehr, das wäre das Rechte!‹ lärmte er; da er sie aber doch nicht abschaffen konnte, hetzte er an den Nachbarn, sie sollten doch wenigstens keinen Schwarzen, keinen Pietisten ins Dorf lassen. Ging wild her damals im Wirtshaus. Wie's so geschieht bei Vakanzen, allwöchentlich brachten die Marktleute Nachrichten mit heim, und es war schier kein Pfarrer mehr im Ländle, von dem es nicht geheißen hätte, er kommt nach Bergheim. Dann gab's stets großen Rat im Wirtshaus; der Hannes und seine Speziale sorgten dafür, daß kein gutes Haar an dem Geistlichen blieb, und zuletzt wurde festgesetzt: den nehmen wir nicht. Schlimm waren sie alle, aber der Allerschlimmste war der Großbeersdorfer. ›Nur den nicht!‹ lärmte der Hannes. ›Nur den nicht! Das ist der Schwärzeste unter den Schwarzen landauf, landab! Das Dorf ist ruiniert, kommt der 'rein!‹

Und nun hieß es: der Großbeersdorfer Pfarrer kommt nach Bergheim! – und dasmal war's auch richtig. Der Hannes spie Feuer und Flammen, er kam fast nicht aus dem Wirtshaus heraus, den Bauern machte er himmelerdenangst vor dem neuen Herrn, täglich wußte er neue Geschichten von seinem Eifer und seiner Strenge zu berichten, und als handele es sich um seine eigene Seligkeit, schürte er, man solle Eingaben an die Regierung machen, und wenn das nichts hülfe, mit Einmut erklären: den nehmen wir nicht! Viele waren auch nicht abgeneigt, aber als der Hannes beim Unterschreiben den Kopf durch die Schlinge ziehen wollte, lachten die andern und traten auch zurück.

Obgleich er tüchtig ausgelacht wurde, ließ der Hannes das Hetzen doch nicht. ›Katholisch will er euch machen, an die Jesuiten und Freimaurer verkaufen! Paßt auf, das dauert nicht lang', so führt er die Ohrenbeichte ein, für jeden krummen Tritt müßt ihr euch mit schwerem Geld loskaufen. Am Sonntag müßt ihr singen und beten, daß ihr die Angst kriegt; mit Kirmse und Tänzen ist's vorbei!‹ – Das wiederholte er Tag für Tag. Zuletzt glaubte ihm wohl niemand, aber als erst ein paar Großbeersdorfer in der Stadt bei Bergheimern lästerlich über ihren Pfarrer loszogen, bekam Hannes Oberwasser. Alles schimpfte auf den neuen Herrn, und im Wirtshaus wurde ausgemacht, dem Pfarrer allen Arger anzutun, bis er klein beigebe; und besonders dürfe niemand in die Kirche, das würde am ersten wirken!

Der Pfarrer, dem hinterbracht sein mochte, wie in Bergheim über ihn losgezogen wurde, hielt in aller Stille seinen Einzug, und nun spannte alles auf den nächsten Sonntag.

Ja, Herr Schulmeister, da mußte ich doch fast lachen! Die Kirche war gerappelt voll, der Hannes und sein Anhang auf den vordersten Bänken, und es war so still in der Kirche, man hätte fast das eigne Herz schlagen hören.

Ich wußte wohl, daß der Hannes nur da war, um den Pfarrer zu belauern; aber dasmal lauschte er vergebens, er konnte kein Häckeln an der Predigt finden. Wär' unser Herr Pfarrer auf dem Weg geblieben. Ja, nach der ersten Predigt war der Hannes gar still, er hat sich kaum zu sagen getraut: wartet's ab! Wie aber der Pfarrer in seinen Eifer verfiel, dann war der Hannes wieder Meister Matz – wie's jetzt im Dorf steht, wißt Ihr selber.«

Der Lichtennikele klopfte bedächtig seine Pfeife aus, strich dem Kind die Haare glatt und klopfte die Erde aus seinem Kleidchen. In Bergheim läutete es eben das zweite Zeichen für den Nachmittagsgottesdienst. Der Nikele stand auf und dehnte die steif gewordenen Glieder zurecht. »Haben nichts übrig, Herr Schulmeister, wollen wir noch in die Kirche kommen. Geht Ihr mit den obern Weg?«

Fritz drückte dem Alten die Hand und dankte ihm im Weitergehen für den großen Dienst, den er ihm geleistet. Es sei ihm selbst unbegreiflich, wo er seine Augen gehabt; heute erst habe er gemerkt, was eigentlich vorgehe, und nun sei er sich wie verloren vorgekommen.

Nikel hatte den Zweig in den Mund genommen und nickte still. Mit schlauem Lächeln meinte er: »Ja, Ihr habt mich oft gedauert, wenn Ihr umschichtig gar so freudlos und einspännig 'rumgangen seid. Nichts für ungut, ich mein', ich kenn' Eure Raupen. Ihr möchtet weiter fliegen, höher 'nauf, haltet Euch zu gut für die Bauern. Hab' ich's getroffen? – Ei, ich nehm' das von mir selber ab. Hab' auch einmal gemeint, ich sei zu gut für einen Hintersitzer und Kühbäuerle, müßt auch höher 'nauf und im Wirtshaus bei den Großen sitzen. Jetzt seh' ich freilich: ein richtiger Kühbauer ist so nötig in der Welt, wie ein Hofbauer. Wenn alles an den Herrentisch drängt, wer soll an der Tür sitzen? und ist doch dort ein gutes Wort so nötig und oft unverlorner als droben – nichts für ungut! Herr Schulmeister, ich hab' Euch lang schon danken wollen, daß Ihr Euch mit Freundlichkeit der Kinder annehmt und keinen Unterschied macht zwischen arm und reich. Ich kann Euch nicht sagen, wie mir das immerfort in die Seel' 'nein wohltut. – Ich bin ein armer Mann und kann Euch nichts zugut' tun für Eure Müh' und Eure Plag', aber bitten möcht' ich Euch: geht nicht von Bergheim fort! Guckt, wenn Ihr nur erst eingewurzelt seid, dann wird es Euch auch bei uns gefallen. An Freundschaft wird's Euch nicht fehlen, der Schulbauer hält große Stücke auf Euch, und das ist ein Mann, solch einen gibt's auf der ganzen Welt nicht wieder. Mit dem werdet Freund, dann seid Ihr geborgen. Aber vor dem Hannes nehmt Euch in acht, das ist ein wilder, gewaltsamer Mensch. Und so großartig er sich stellt, der Wagnerspaule steckt ihn doch zehnmal in den Sack, und er merkt's gar nicht. Ja, vor dem Paule und Sime hütet Euch, das sind Heimtücker. Und nehmt mein Schwatzen nicht ungut, was ich sag', kommt aus aufrichtigem Herzen. – – Ja, beinah' hätt' ich's vergessen: Der Uhrmacher ist ein Klatschmaul und Zuträger in der Pfarr'. Und wenn Ihr mein Haus nicht verachten wollt, soll mir's 'ne große Ehr' sein!«

Die Männer schüttelten sich nochmals die Hand und trennten sich.

Sechstes Kapitel

In der Kirche traf Fritz einen jungen Mann. Er stellte sich als Kollege Schulz von Sülzdorf vor, hatte Fritz vergeblich im Schulhaus gesucht und nun in der Kirche erwartet. Fritz sah in ein gutmütiges, ehrliches Gesicht; es war weder besonders schön, noch verriet es viel Geist; die schlaffen Muskeln, der müde, schläfrige Blick der kleinen Augen ließ es ganz eigentümlich alt erscheinen, aber ein gewisser aufrichtiger, treuherziger Zug mutete Fritz an. Das Orgelspiel war eine gute Gelegenheit, ein freundnachbarliches Verhältnis einzuleiten; Roberts Augen leuchteten, als ihn Fritz zum Spiel einlud und ihm zugleich für alle Zukunft seine Orgel zur freien Verfügung stellte.

Er setzte sich seitlich von der Orgel in einen Winkel, von wo aus er die Schuljugend überwachen, ins Freie blicken und ungestört seinen Gedanken nachhängen konnte.

Hinter ihm in der Orgel klapperte der Mechanismus, die Töne rollten wirr und kraus durcheinander, die tiefen Baßtöne machten die Bretterwände des Instruments erzittern. Die Buben neben ihm, die sonst der versteckte Winkel hinter der Orgel zu allerlei Mutwillen verlockte, blickten eifrig in die Gesangbücher und sangen laut, die wenigen alten Männer, die sich in den weiten Emporen fast verloren, machten sich's bequem und schliefen ein, draußen lag heißer, blendender Sonnenschein auf Dorf und Flur, Männer gingen einzeln oder paarweise behaglich plaudernd an der Kirche vorüber, und ein Spatz saß schläfrig in einem schattigen Mauerloch des Kirchenfensters.

Die Buben schlugen die Gesangbücher zu, die Orgel wurde schwächer, noch eine Weile zitterte ein tiefer Baßton nach, dann schwieg sie ganz. Die Männer erwachten, rieben sich die Augen, blickten nach dem Pfarrer und schliefen wieder ein. – Fritz hing seinen Gedanken nach.

Die wechselvollen Erlebnisse dieses Tages zogen noch einmal an seinem Geist vorüber. Dreimal war ihm heute der Vorwurf geworden, er verachte die Bauern. Das gab ihm zu denken, heute zum erstenmal kam ihm die Frage, ob er dem Landvolk nicht unrecht getan habe.

Die Mahnung des Lichtennikele machte ihn zwar lächeln, er trachtete ja nicht nach äußerlichen Vorteilen, sondern nur nach zusagendem Umgang, nach einem voll befriedigenden Wirkungskreis. Aber daß dieser arme, bedrückte Mann solche Mahnung an ihn richten konnte, das machte ihm zu schaffen. Und nun noch diese heitere Ruhe des Gemütes, diese Teilnahme für andere trotz allen Elends, dieses Vertrauen auf das Gute im Menschen trotz aller bitteren Erfahrungen! Den Schulbauer kannte er nicht; aber hatte schon seine Ruhe, Klarheit und Bestimmtheit ihn angemutet – die Tat, die der Lichtennikele von ihm berichtete, hatte ihm sein ganzes Herz zugewendet. Hatte ihn das Gespräch mit dem Beckenkarl nicht in ein eigenartiges, selbständiges Denken Einblick gegeben? Und welch ein Reichtum des Gemüts hatte sich ihm in Anna enthüllt? Fritz seufzte unwillkürlich, und doch wehte es durch sein Herz wie die Ahnung eines unsagbaren Glückes. Und er gedachte des Sträußchens daheim, das bescheiden in der dunkeln Ecke duftete. – –

Voller Orgelklang riß ihn aus seinem Sinnen und Träumen. Wie um sich auch äußerlich von seinen Gedanken zu befreien, sprang er auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Jetzt erst empfand er die drückende Schwüle in dem geschlossenen Raum. Die wenigen Männer erwachten nun auch wieder, schlichen gähnend die Treppen hinab. Fritz erwartete vor der Kirchentür den Kollegen. In der Schule hieß er ihn herzlich willkommen. Die Haushälterin hatte den Nachmittagskaffee in der Laube vor dem Haus schon bereitgestellt, dahin begaben sich denn auch die beiden Lehrer. Fritz trug die Tabaksschachtel und zwei lange Pfeifen in der Hand. Die Laube war wohl noch licht, gab aber doch genügenden Schatten. War ein lauschiges Plätzchen, diese Laube im Lehrergarten! Ziemlich hoch über der Straße gelegen, vollkommen geschützt gegen neugierige Augen und Ohren, gab sie nach einer Seite Ausblick über grünende Baumgärten, nach der anderen ließ sie die Dorfstraße weithin übersehen, und zunächst lag der freundliche Lehrergarten mit seinen Krokus-, Aurikel-, Narzissen- und Jelängerjelieberblüten. Auf der Straße war es still, nur die Hühner gingen suchend auf und ab, und ein paar Gänse watschelten nach dem Bach herab. An der Schattenseite des Hauses saßen nähende, strickende Frauen und Mädchen, nur die alten Mütterchen gingen der Sonne nach und hüteten vom Bauholz an der Straße aus die Enkel. Drüben über dem Weg rauschte eine starke Quelle, und um die Blüten summten auch hier die Bienen.

»Ein rechter Feiertag heute!« sagte Fritz tief atmend. »So, nun langen Sie zu, dort habe ich Ihnen auch eine Pfeife bereitgestellt. Sie rauchen doch? So,« sagte er, als die Pfeifen brannten, und lehnte sich behaglich zurück, »und nun erzählen Sie. Wie gefällt es Ihnen in Sülzdorf?«

»Mir würde es auch an schlechterem Ort, als Sülzdorf ist, gefallen!« lachte Robert. »Aber ich fühle mich schon ganz heimisch. Scheinen gute Leute zu sein, die Sülzdorfer; kamen mir sehr freundlich entgegen, bin auch mit einigen schon recht vertraut.«

»Kennen Sie den Bauer Vordran, den Schulbauer?«

Robert entgegnete etwas hastig: »Den Schulbauer? Ja, gesehen und gesprochen habe ich ihn, aber das ist nicht mein Mann! Ist mir zu ernst, zu altklug. Nein, den mag ich nicht!«

»Nun, vielleicht ändern Sie Ihre Ansicht. In der Umgegend gilt wenigstens der Schulbauer für einen der charaktervollsten Männer.«

Robert murmelte etwas zur Entgegnung, das Knarren der Gartentür unterbrach ihn. Kaum hatte Fritz einen Blick durch die Zweige geworfen, als er aufsprang und zornig brummte: »Wahrhaftig schon wieder! Ist das Mädchen verrückt?«

Durch den schmalen Gang tänzelte ein stattliches, halb bäurisch, halb städtisch gekleidetes Mädchen daher. Während des Gehens nahm sie ein Tuch ab, das sie zum Schutz gegen die Sonne über den Kopf geworfen hatte; wie absichtslos strich sie über das Schürzchen, daß die schwere Seide rauschte und knitterte. Robert saß in seiner Ecke und blickte starr, mit weit aufgerissenem Munde auf das Mädchen, deren Augen mit dem Stumpfnäschen an Keckheit wetteiferten und deren rote, übermütig lachende Lippen die weißesten, glänzendsten Zähne zeigten. Der Sand knirschte und die zierlichen Schuhe knarrten, als sie mit einer leichten Wendung durch die schmale Laubentüre hereinkam. Ohne die mindeste Verlegenheit zu zeigen, gab sie den Anwesenden die Hand und sagte: »Guten Tag, Herr Lehrer! Guten Tag! – ei, das ist ja gar der neue Sülzdorfer Herr Lehrer! Das trifft sich ja schön, daß man Sie auch bald kennenlernt. Ist recht, daß Sie Bergheim aufsuchen, da werden Sie gewiß immer Gesellschaft finden. Bei uns ist es ganz anders als in Sülzdorf und auch in Schottendorf. Ei ja, ich meine, bei uns muß es jedem gefallen, die Leute sind nicht mehr so gar dumm und stöckisch als anderswo. Ei ja – Sie werden gewiß bald bei uns daheim sein, und wir wollen auch noch manche lustige Stunde zusammen verleben. Ich bin die Jockenline, mit meinem ordentlichen Namen heiße ich Karoline Metzner, Herr Lehrer, daß Sie mich doch zu nennen wissen, Ihren Namen kenne ich schon!«

Jetzt wandte sich Line an Fritz: »Herr Lehrer, ich bitte sehr um Entschuldigung. Hätte ich denken können, daß ich störe, wäre ich nicht um die Welt gekommen. Sehen Sie, mein Vater brachte mir vorgestern neue Stücke für Geige und Klavier aus der Stadt mit, und da Sie sich gar so selten bei uns machen, meinte mein Vater, ich sollte zu Ihnen und Sie bitten, daß Sie die Stücke einmal mit mir durchspielten und mir sagten, wie sie gegeigt werden müßten – es sind gar arg schwere dabei! Er meinte, Sie würden es gewiß nicht übelnehmen, daß ich Sie heute plage, Sie wüßten ja auch, daß unsereins am Alltag nicht Zeit für solche Sachen hätte!«

Fritz bat Lina, einstweilen Platz zu nehmen, weiter kam er nicht, denn Robert rief eben: »Was? Habe ich auch recht verstanden, Fräulein Lina? Sie spielen Violine?«

Lina ward rot und verbarg kichernd das Gesicht halb in ihrem Kopftuch. Robert sah allzu komisch aus in seiner Überraschung und Begeisterung. Mit den Fingern schnalzend – bei jedem Schnalzer machte er einen kleinen Hopser auf der Bank – rief er: »Herrlich! göttlich! Nein, das ist unbeschreiblich! Sie, Fräulein Lina, spielen Violine? Herrgott von Bentheim! – Nein, so was ist ganz unerhört! Aber bitte, Fräulein Lina, erlauben Sie mir, daß ich Sie begleite – bitte, machen Sie mich glücklich!«

Lina ward wirklich verlegen. Wohl fühlte sie sich geschmeichelt, aber sie ärgerte sich über dieses ungestüme Zudrängen. Ihr Unmut wurde noch größer, als auch Fritz, statt sich ihrer anzunehmen, Robert das Wort redete. Verdrießlich warf sie die schwellenden Lippen auf, spielte mit ihrem Tuch, schlug schüchtern die Augen nieder und meinte zögernd: »Ihr Vorschlag ist mir eine große Ehre, aber – ich weiß nicht, wir sind doch noch ganz unbekannt, – und – und – Sie würden sich auch nur lustig über mich machen, wenn Sie sehen, daß ich nichts kann!«

Dagegen protestierte Fritz, und sein aufrichtiges Lob versöhnte Lina etwas; wenn auch ungern, gab sie ihre Einwilligung, daß Robert sie begleite, und dieser war überglücklich.

Man ging ins Haus; Fritz ärgerte sich über das heimliche Lächeln seiner Haushälterin – also die wußte auch schon! Lina war lang' nicht mehr so zuversichtlich als im Freien. Herzlich begrüßte sie die Haushälterin und ließ sich in ein Gespräch über häusliche Dinge mit ihr ein. Mit sichtlicher Unlust gab sie endlich Roberts Drängen nach und griff zur Geige. Ihr Spiel war wirklich befangen, erst auf das Zureden Reinhardts wurde sie ruhiger. Fritz ging unmutig auf und ab; was gab das nun wieder für Gerede? Wohin sollte diese Musikspielerei führen?

Aber Robert! Die Nähe des schönen Mädchens, ihr Spiel wirkte auf ihn wie ein feuriger Wein. Längst schon konnte er nicht mehr ruhig sitzen, nach besonders gelungenen Stellen brach er mitten im Spiel ab, um schnalzend und hopsend Lina Komplimente zu machen. Zuletzt wurde Roberts Tollheit selbst Lina zu stark, halb schmollend, halb belustigt legte sie die Geige weg und sagte: »Nein, Herr Lehrer, das ist kein Spielen mehr! Wenn Sie solch tolles Zeug treiben, wie soll ich nachher Takt halten? – 's ist auch genug für heute? Ich danke Ihnen, Herr Lehrer, daß Sie so Geduld mit mir gehabt haben, muß eben sehen, wie ich's wieder gleichmache.«

»Gleichmachen?« schrie Robert und hopste und schnalzte. »Reden Sie doch nicht so, Fräulein Lina! – Das war mir ein ungeheures Vergnügen! Und ich hoffe auch, daß ich noch recht oft das Glück haben werde, mit Ihnen zu spielen!«

Lina kramte in ihren Noten und antwortete nicht; heimlich schielte sie nach Fritz, ob er nicht das Glück für sich beanspruchen würde. Schmollend warf sie die Lippen auf und den Kopf zurück, der Griff in ihre rauschenden Papiere schien zu sagen: Wart' nur, dich bezwing' ich doch noch! »Ich habe so oft schon gebeten, Sie sollten mir auch einmal etwas auf der Geige vorspielen, Herr Reinhardt, heute lasse ich mich nicht wieder abweisen. Bitte, Herr Lehrer, tun Sie mir den Gefallen.«

Da auch Robert drängte, gab Fritz nach. Robert erwies sich als notenfester Spieler, nach flüchtiger Durchsicht erklärte er mit der Begleitung fertig zu werden. Wie liebkosend strich Fritz über seine Violine, dann begann er eine Sonate von Beethoven. Robert hielt aus, das begeisterte Spiel Reinhardts riß ihn mit fort; mit klopfendem Herzen und glühenden Wangen schlossen sie.

Lina saß still auf dem Sofa, sie hatte den Kopf in die Hand gelegt und kein Auge von Fritz verwendet. Leise begann sie: »Das ist ein Spiel! Du lieber Gott! man schämt sich, nun noch eine Geige in die Hand zu nehmen. Und das Stück! Das ist eine wunderseltsame Musik, aber sie geht einem durch und durch! So was möchte ich wohl öfter hören. – Meine Tänzle da, die mag ich schon gar nimmer angucken!«

Fritz sagte lächelnd: »Solches Lob verdienen wir nicht, höchstens mein Herr Kollege, der wirklich gut spielt! Ja, herrliche Musik ist das wohl, aber die Tänze dürfen Sie deswegen nicht verachten. – Was sollte heute abend werden, wenn's keine Tänze gäbe?«

»Ei, Herr Lehrer,« entgegnete Lina munter, »ich tanze wohl gerne, das leugne ich nicht, aber so arg bin ich doch nicht darauf versessen. Es kommt alles darauf an, was man für Tänzer hat!«

»Das ist richtig!« fiel Robert schnalzend ein, »Herrgott von Bentheim, wenn die Rechten zusammenkommen – das ist 'ne Lust!«

»Sie müssen's schon oft erfahren haben, weil Sie's so grausam genau wissen!« kicherte Lina und verbarg die schelmischen Augen halb hinter ihrem Tuch.

Fritz mußte herzlich über Roberts Verlegenheit lachen; gutmütig meinte er: »Ich wollt's ihm wenigstens gönnen, daß ihm dies Glück recht bald und noch recht oft zuteil wird – meinst du nicht auch, Lina?«

Lina antwortete nicht, biß die Lippen zusammen und rollte das Schürzenband um den Finger. Plötzlich sprang sie auf und tat erschrocken, daß sie ganz das heimgehen vergessen habe. »Und kommen die Herren auch auf den Tanzboden?« fragte sie unter der Türe. »Es wäre schön, wenn die Herren einmal zeigten, daß sie die Bauern nicht gänzlich verachten. Wir Bauernmädchen sind ja freilich nicht so fein und nicht so gebildet wie die Stadtfräulein, aber es ist doch ein Unterschied zu machen unter uns, wir sind auch nicht bloß Strohköpfe und Misttrampeln, für die man uns verschreit. Nichts für ungut und auf Wiedersehn heut' abend!«

Fort war sie. Fritz schüttelte den Kopf und brummte im Auf- und Abgehen: »Das war deutlich geredet! Ein verwettertes Mädchen, die Lina!« Robert stand am Fenster, schaute Lina nach und rieb sich die Hände. Plötzlich wendete er sich nach Fritz um, hüpfte, schnalzte mit den Fingern und rief: »Ist das ein Mädchen – Nein, ein Mädchen! Herr Kollege, ein Blitzmädchen! sage ich, auf Ehre, ein Blitzmädchen! – Aber ich bitte, Herr Kollege! Wie kann man einem solchen Mädchen gegenüber gleichgültig bleiben? – Bedenken Sie doch, diese Augen, diese Lippen, diese Zähne – –«

»Herr Kollege, ich warne Sie. Die Jockenline ist reich, viel umworben – und achtzehn Jahre alt. Sie denkt ernst ans Heiraten. Nun ermessen Sie, in welche Aufregung und Sorgen Sie gestürzt würden, wollten Sie sich dem Mädchen wirklich nähern. Seien Sie vernünftig!«

»Ach, ich durchschaue Sie ganz und gar! Sie wollen nur selbst freie Bahn haben.«

»Torheit! Ich denke nicht an das Heiraten, überhaupt mag ich kein Bauernmädchen zur Frau. – Genug! Ich tat meine Schuldigkeit und habe Sie gewarnt, das weitere ist Ihre Sache. Reden wir von etwas anderem.«

»Noch eine Frage: Gehen Sie mit auf den Tanzboden?«

»Leider!« entgegnete Fritz und bat seine Haushälterin um Abendbrot für sich und Robert.

Siebentes Kapitel

Obgleich es noch hell im Freien war – die Sonne war kaum untergegangen, und das Abendrot stand glühend am Himmel – waren auf dem Tanzplatz schon die Lichter angezündet, und durch die offnen Fenster schallte die Musik und der Lärm einer fröhlichen Menge weit über das stille Dorf. Die Gassen und besonders der Platz vor dem Wirtshaus waren ungewöhnlich belebt; geputzte Mädchen standen lachend zusammen und neckten die vorübergehenden Burschen; auch diese sammelten sich da und dort in stattlichen Gruppen und ließen die silbernen Ketten der Tabakspfeifen klirren, wenn sie mit dem Absatz den Takt zur Musik traten. Lachende fröhliche Gesichter überall!

Auch Fritz und Robert waren unter den Näherkommenden. Auf Reinhardts Gesicht lag ein Schatten; er ging widerwillig, kam sich vor wie auf unrechten Wegen. Desto heller leuchtete Roberts Gesicht; man sah ihm an, wie er sich nur mit Mühe dem langsamen Gang seines Begleiters anbequemte.

Die bunten Gewänder, die wehenden Bänder, die rauschenden Seidenschürzen, die fröhlichen Gesichter und verheißungsvoll lachenden Augen hübscher Mädchen erheiterten Fritz nicht. Mit Bedauern sah er, wie sich da und dort seine Schüler scheu vor ihm versteckten. Sollte er dem Befehl des Pfarrers folgen, seine Schulkinder heimweisen? Nein! das ist Sache der Eltern, der Lehrer ist keine Polizei!

Er fuhr zurück vor dem Dunst, Staub und Tabaksrauch, der ihm schon auf der Treppe entgegenquoll und ihm fast den Atem benahm; widerwillig folgte er dem vorwärts strebenden Robert.

»O du Herrjele! Ihr Leut', ihr Leut'! Guckt an, unser Herr Schulmeister geht wahrlich selber auf den Tanzboden! Ist's auch möglich? Jedich doch, das ist ja aus der Weis'! Ob er wohl gar tanzt? und mit wem?« – »Ei, so frag'! mit wem? mit der Jockenline! mit wem sonst? War sie nicht heut' den ganzen Nachmittag in der Schul', aufgedonnert wie ein Pfau und hat gegeigt wie ein Herrgottle? Paßt auf, heut' wird's fertig!« – »Herrjele, wer hätt's gedacht, die Jockenline Frau Schulmeisterin! Nu, passen tut sie dazu, und 's Maulwerk hat sie auch! Wo wird sie aber nu erst mit ihrem Hochmut hin wollen?« – »Herrjele, ihr Leut', ihr Leut'! Paßt nur recht auf, wie er's anfängt droben und wie er sie karresiert.« So raunte und tuschelte es um ihn, und ein ganzer Haufen alter Weiber drängte nach oben. Fritz kam sich vor wie verraten und verkauft, er lechzte nach Luft und Licht; aber zurück konnte er nicht mehr, die Weiber hatten ihn eingekeilt, er mußte mit.

Im Saal konnte er sich wohl wieder regen und die Glieder zurecht recken, aber der Qualm, Staub und Rauch war noch größer als draußen. Sehen konnte er nichts als einige drehende Körper, die ihm abwechselnd kurze und lange weiße Hemdärmel zukehrten; der ganze Saal schwamm in trüben Dunstwolken, und an seiner Brille sammelten sich dicke Tropfen. Robert war verschwunden, dafür zischelte und raunte es um ihn; Fritz wußte nicht, wohin sich wenden. Ingrimmig putzte er die Augengläser; da legte sich eine Hand auf seine Schulter, und der Beckenkarl sagte: »Das lasse ich mir doch gefallen, daß du Wort hältst. Wärest du nicht gekommen, ich wär dir nicht wieder gut geworden. Komm jetzt!« Willenlos ließ sich Fritz durch die Menge ziehen; die lärmende Musik, das Lachen und Gestampfe betäubten ihn, alles schien sich um ihn zu drehen. Eine lachende Mädchenstimme brachte ihn zu sich selber, er erkannte die Herrnbauersmargaret. »Da bring' ich ihn!« rief Karl triumphierend. »Sagt' ich's nicht, er hält Wort?«

»O du gut's Herrgottle von Vierzehnheiligen!« lachte Margaret. »Und wie sieht er aus? Herr Lehrer, ist Ihnen die Gall' übergelaufen oder hat's Ihre Wicken verhagelt? Solch ein Gesicht hab' ich all mein Lebtag noch nicht auf dem Tanzboden erblickt?«

Fritz wurde verlegen, er wußte nichts zu sagen – und nun erblickte er auch Anna, die sich scheu halb hinter der Schwester verbarg, ihm auch die Hand nicht reichte. Er mußte sich abwenden, der Blick dieser Augen machte ihm Herzklopfen. Musik, Lärm, Qualm und Verdruß waren vergessen; er wußte selbst nicht, wie ihm geschah. Unwillkürlich drückte er die Hand, die er noch hielt, fester, und Margaret lachte: »Herr Lehrer, was ficht Sie an? Lassen Sie meine Hand los, ich muß tanzen!«

Fritz ging zu Anna und führte das erglühende Mädchen in den Reihen.

Groß war das Staunen der Zuschauerinnen, alle Köpfe reckten sich in die Höhe, und ein verwundertes Raunen und Flüstern lief die Wände entlang durch den Saal. Was bedeutete das? Hatte der Schulmeister die Bergheimer zum Narren oder war das Gerede mit der Jockenline wirklich nur ein leeres Gerücht? Die Neugierde war nun vollauf beschäftigt, es galt ja, den Lehrer und die Jockenline zugleich zu beobachten. Vorerst wurde aber niemand klug; der Lehrer machte ein ernstes Gesicht, die Jockenline dagegen lachte mit dem ganzen Gesicht, als sie mit dem Sülzdorfer Lehrer dahinraste.

Fritz war in wunderliche Stimmung geraten. Er konnte das Auge nicht wenden von seiner holden Tänzerin, die so leicht in seinen Armen ruhte, daß er sie kaum spürte; wie pulste es ihm so heiß nach dem Herzen von der Schulter, wo ihre Hand lag. »Was soll das?« zürnte Fritz mit sich selber. »Soll ich mich selber verlieren? Und wenn noch so schön, und wenn noch so lieb und gut – es soll nicht sein und es darf nicht! Sie ist eben doch nur ein Bauernmädchen; wir passen nicht zusammen!«

Ahnte Anna, was in der Seele ihres Tänzers vorging, da sie so wehmütig das Köpfchen hängen ließ? Seinetwegen allein hatte sie sich geschmückt, seinetwegen allein mit hochklopfendem Herzen den Tanzboden betreten. Was sie erwartete – ach, sie wagte es sich nicht zu gestehen! Und doch durchzuckte sie ein stechender Schmerz, als sie die Jockenline so selbstbewußt und siegesstolz im Saal prangen sah. Sie war ja heute nachmittag bei ihm gewesen, hatte mit ihm gespielt! – Ja, die paßte zu dem Lehrer, das war eine Frau für ihn! Anna preßte die Hand aufs Herz – sie wußte jetzt: sie liebte! Jetzt, da sie ihn zu verlieren fürchtete, verstand sie ihre Gefühle! Ein tiefes Weh quoll wie körperlicher Schmerz in ihr auf, sie rang nach Atem; sie fühlte, daß ihr Weinen Erleichterung bringen müsse, und sie mußte sich doch zurückhalten. Sie wollte den Saal verlassen und stand doch wie angewurzelt. Es war wie eine grausame Lust am eignen Schmerz, was sie zwang, auszuharren, mit eignen Augen zu sehen, wie er mit der Line schön tun würde. Und wie nun Viertelstunde um Viertelstunde verging und kein Lehrer erschien, schweiften ihre Gedanken zurück, und ihr wurde klar, daß sie Reinhardt schon lange geliebt, ohne es zu ahnen. Und als er nun kam, die Line nicht bemerkte, sie auch nicht suchte – da flammte es heiß in ihr auf. Aber die Glut sank rasch in sich zusammen. Als sie seine Ruhe sah, da wußte sie: der Line ging er nicht zu Gefallen, aber ihretwegen war er auch nicht gekommen! Und der Tanz bestätigte ihre Vermutung! Sie raffte alle Kraft zusammen, um nicht in Jammer auszubrechen. – – –

Karl sah Fritz zweifelnd an und fragte, als man nach dem Tanz zusammenstand: »Was hast nur?«

»Ich sagt's ja gleich, er sieht aus, als wären ihm die Wicken verhagelt!« lachte Margaret, die ganz ihren Übermut wiedergefunden hatte und vor Glück strahlte.

Etwas verlegen entschuldigte sich Fritz mit dem vielfachen Verdruß, der ihm heute widerfahren. Allein Margaret ließ das nicht gelten und rief: »Ei, das wäre mir 'ne schöne Sach', wenn ein jeder seinen Verdruß mit auf den Tanzboden schleppen wollte. Nichts da, Herr Lehrer! Kommen Sie, tanzen Sie auch einmal mit mir – wenn ich Ihnen gut genug bin, natürlich!«

Fritz mußte Margaret folgen, und sie sorgte dafür, daß er nicht wieder in sein Sinnen verfallen konnte, zuletzt lachte er auch mit. Plötzlich sagte sie: »Herr Lehrer, ich hab' eine rechte Bitt' und nur, um mit Ihnen reden zu können, war ich so frei und hab' Sie zum Tanz gefordert! Ja, sehen Sie, mein Karl hat sich von jeher mehr Gedanken gemacht, als gut ist – Sie verstehen schon, was ich meine. Nun ist in letzter Zeit gar der Jockenhannes über ihn 'kommen, seitdem ist's gar aus mit ihm. Ach, Herr Lehrer, Sie können nicht denken, in welcher Angst ich stehe! Und weil Sie so gut befreundet sind mit dem Beckenkarl, wollt' ich Sie bitten, leiden Sie's nicht, daß ihn der Jockenhannes verdirbt! Nehmen Sie sich seiner an – gelt, Sie versprechen mir das?«

Ohne Antwort abzuwarten, eilte sie zu Mutter und Schwester zurück. Fritz war bewegt durch dieses Vertrauen und ärgerte sich wieder über sich selbst. Sollte er denn mit Gewalt in das Dorfleben hineingezogen werden? Verdrießlich ging er Robert suchen und stand unvermutet vor der Jockenline.

Die Zusammenkunft in der Schule war zwar nicht nach ihrem Wunsch ausgefallen, doch nicht ganz unzufrieden mit dem Erfolg ging Lina heim. Die Begeisterung Roberts war ihr nicht mehr so unangenehm, es war vielleicht grade gut, wenn Fritz an anderen merkte, was sie für ein Mädchen war! Eines stand fest, heute mußte er ihr eigen werden, mochte es kosten, was es wollte.

Aber wieder mußte Robert ihren Plan verderben. Wie ein Pfeil schoß er auf sie los – Fritz stand unentschlossen an der Tür, und wahrscheinlich aus Ärger, daß ihm Robert bei ihr zuvorgekommen, ließ er sich vom Beckenkarl zu den Herrnbauersmädchen ziehen – richtig, nun mußte er auch mit der Anna tanzen. Vor Zorn zerriß sie fast das Seidenband ihrer Schürze und würdigte den in Aufmerksamkeiten zerfließenden Robert keines Wortes. Als er sie zum Tanz forderte, stampfte sie wild mit dem Fuß und kehrte ihm den Rücken zu – da stand Robert, kläglich wie ein Häuflein Unglück. Allein Fritz kam nicht – jetzt trat er sogar mit der Herrnbauersmargaret an! Also wollte er von ihr doch nichts wissen! War's möglich? Eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht. Noch kämpfte sie mit sich. Da bat Robert abermals um einen Tanz. Zähneknirschend trat sie mit ihm in den Reihen, und so wild und rücksichtslos riß sie ihn herum, als wollte sie an ihm ihren Unmut auslassen. Kaum war der letzte Ton verklungen, so ließ sie Robert stehen.

Plötzlich bekam ihr Unmut eine neue Richtung; ihr fiel ein, daß der Beckenkarl ja sichtlich alles aufbiete, den Lehrer mit der Anna, seiner künftigen Schwägerin, zu verkuppeln. Der Entschluß, Fritz zu fangen, befestigte sich dadurch; ihr galt es jetzt gleichsam als Ehrensache, die gehaßte Herrnbauersanna nicht über sich triumphieren zu lassen. Sie beschloß, ihren Angriffsplan zu ändern. Zog Fritz Annas Sanftmut an, warum sollte sie nicht auch einmal sanftmütig sein? –

Lina kannte Reinhardts Abneigung gegen die Bauern, darum wollte sie sich wenigstens vor seinen Augen nicht mit Burschen einlassen; er sollte merken, daß sie auch nach Höherem trachtete. Roberts Anwesenheit war ihr plötzlich sehr gelegen; wie zufällig wußte sie in seine Nähe zu kommen, strich so dicht an ihm vorbei, daß ihn ihre rauschende Seidenschürze streifte, und mit Blicken, wie sie eben nur Lina zu Gebote standen, fragte sie: »So allein? Sind Sie mir bös', daß Sie mich so plötzlich im Stich ließen?«

Robert riß die Augen auf, eine dunkle Röte überzog sein Gesicht. Bald fand er sich jedoch zurecht; Robert war ein Mann der Gegenwart und vieles Sinnen nicht seine Sache – überglücklich flog er mit Lina durch den Saal.

Anna hatte sich zurückgezogen und starrte sinnend vor sich nieder. Im Herzen war ihr weh; mit trübem Lächeln betrachtete sie das welke Maiglöckchen in ihrer Hand. Sie schrak zusammen, als Reinhardt plötzlich vor ihr stand und sie nochmals zum Tanz forderte. Sie hätte fliehen mögen; und doch – wie hätte sie ihn abweisen können? Wäre Fritz nicht so tief verstimmt, nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, der wehmütige Zug um Annas Mund hätte ihm nicht entgehen können. Still tanzte er dahin und war fast erschrocken, als Anna schüchtern begann: »Ich danke Ihnen recht von Herzen, Herr Lehrer, daß – daß Sie so an Ihrem Wort festhalten.«

»Was ist das?« rief Fritz errötend. »Meinst du, ich tanze nicht gern mit dir?«

»Ich will's nicht hoffen!« sagte Anna und blickte zu Boden. »Aber gern sind Sie nicht auf den Tanzboden gegangen – leugnen Sie's nicht! – Ja, was ich sagen wollte: es tut mir recht leid, daß ich heute morgen auf Sie einfuhr, als verachteten Sie uns; verzeihen Sie mir, ich sehe selbst, wir passen nicht für Sie. Und legen Sie sich meinetwegen keinen Zwang auf – ja nicht! Sie haben Ihr Versprechen gehalten, und nun ist's gut!«

»Anna – was ist das? Bist du mir bös'?«

»Ei gar!« sagte Anna, ohne aufzublicken, und ein trübes Lächeln spielte um ihren Mund. »Ja, und ich danke Ihnen auch für den schönen Morgen heute, ach, den werd' ich nicht vergessen, weil ich lebe.«

»Ich verstehe nicht, was das bedeuten soll?«

Annas Lippen zuckten. »Ja, Herr Lehrer, Sie haben Ihr Wort gehalten, bemühen Sie sich nun nicht weiter um mich. Haben Sie viel Dank für Ihre Freundlichkeit, und ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!« Sie machte sich sanft los und ging zur Mutter.

Fritz sah ihr erstaunt nach. War das nicht unleidlicher Stolz? Durchschaute sie ihn? Merkte sie, wie er sich Zwang antat, und hielt sie sich dafür zu gut? – Fritz riß sich mit Gewalt aus seinen Gedanken; er merkte, wie ihm das Mädchen gefährlicher wurde. Er ging zu den Musikanten, der Blümlesschuster und der Drechslersludwig hießen ihn mit aufrichtiger Freude willkommen, der Bergkasper aber rühmte ihn, daß er sich gleich das schönste und reichste und bravste Mädchen ausgesucht habe, nun werde er bald in Bergheim daheim sein. Verdrießlich ging Fritz davon.

Sollte er mit Lina tanzen? Eigentlich war er ihr diese Aufmerksamkeit schuldig, ohne Zögern forderte er das Mädchen zum Tanz auf. Lina führte klug ihren Vorsatz durch. Sie war erfreut, daß der Herr Lehrer sich ihrer erinnerte, machte aber sonst kein Aufhebens davon. Von den Herrnbauersmädchen sagte sie gar nichts, ließ nur durchfühlen, daß sie die Kränkung vorhin nicht verdient habe, sie jedoch dem Herrn Lehrer nicht nachtrage. Um sein Unrecht gutzumachen, ward nun auch Fritz lebendiger, und so kam bald eine lebhafte Unterhaltung in Gang, welche Annas Verwunderung und Roberts heftige Eifersucht erweckte.

Zwei Reihen tanzte Fritz mit Lina, dann ließ er sich nicht länger halten, nahm Abschied vom Beckenkarl, der ihm ärgerlich nachblickte, von Robert, der kaum seine Freude verbergen konnte, und schritt die Treppe hinab.

Achtes Kapitel

Auf dem halbdunkeln Hausflur legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter, und eine verschwommene Stimme sagte: »Ei, ei – sieh da, unser Herr Lehrer hat sein Einsiedlerleben endlich auch satt 'kriegt und macht sich unter die Menschen! – Na, freut mich, daß Sie endlich zur Einsicht kommen! – Getanzt? – Ei, so frag' auch, das versteht sich doch! – Und Sie wollen schon heim? – Nein, nein, daraus wird nichts, heute lasse ich Sie nicht los. – Ist 'ne lustige Gesellschaft beisammen, zwar auch an Brummochsen fehlt's nicht, aber die sollen uns nicht stören. Kommen Sie mit, Herr Lehrer, sind mein Gast heut'! Es wird Ihnen gewiß bei uns gefallen!«

Fritz fuhr erschrocken zurück – es war der Jockenhannes, der ihm die Hand auf die Schulter legte.

Breitspurig stand die gewaltige Gestalt vor ihm. Fritz war nicht klein, aber Hannes überragte ihn noch um halbe Kopfeslänge; der Größe entsprach sein Leibesumfang, alles war massig an ihm entwickelt. Der im Verhältnis zur hochgewölbten Brust und der Schulternbreite kleine Kopf saß etwas zwischen den Schultern auf einem wahren Stiernacken; als wolle er seine Kraft gewaltsam mildern, trug ihn Hannes etwas schief nach vorn und zur Seite geneigt. Das Gesicht war rund und voll, die Züge charakterlos, verschwommen; in den nach abwärts gezogenen Mundwinkeln lauerten Hohn und Schadenfreude; die kleinen Augen, die hinter den Fettwulsten fast verschwanden, lachten lustig in die Welt, oft aber, wenn sich Hannes unbeachtet glaubte, blitzten sie tückisch auf. Das blonde Haar war bereits sehr dünn geworden, auch im Wirtshaus trug Hannes ein einfaches, dunkelfarbiges Hauskäppchen.

Fritz stotterte Entschuldigungen, allein Hannes beachtete sie nicht; mit freundschaftlicher Vertraulichkeit zog er den Lehrer in die Wirtsstube. »Kommen Sie nur!« sagte er. »Haben sich heute wacker gehalten; Sie sollen auch sehen, daß es in Ihrer Gemeinde Leute gibt, die das zu würdigen wissen!«

Fritz wußte, woran er war. Jetzt galt es, auf der Hut zu sein.

Auch aus der gedrängt vollen Wirtsstube drang ihm ein widerlicher Dunst und Qualm entgegen; trübe schimmerten die Talglichter durch den Tabaksrauch, der wie ein dicker Nebel alles verhüllte und kaum die Gesichter der zunächst Sitzenden erkennen ließ. Alle Tische waren rundum besetzt, auch in den schmalen Gängen zwischen den Stuhlreihen drängte sich eine ungeduldige Menge. Lautes Reden, da und dort von Gelächter unterbrochen, summte und brauste durcheinander, das Geklapper mit den Zinndeckeln der Biergläser vermehrte das Getöse. Während sich Hannes und hinter ihm Fritz nach dem »Herrentisch« beim »Kafenetle« durcharbeiteten, schlug plötzlich der Holsteiner auf den Tisch und schrie: »'s Maul gehalten, sag' ich! Was seid denn ihr? – nichts seid ihr, nichts, gar nichts! Ich aber bin ein Mann! ja ich! Bin dabei gewest drin in Holstein, hab' Pulver gerochen und Kugeln pfeifen gehört! Ich bin einer – ja einer! – Bin dabei gewesen bei Eckernförde, wie der Koburger Herzog die Kanone lud. Hab' ihm selber den Pfropfer hingelangt und die Kugel. Hab' ihm beim Richten geholfen und gesagt: ›Hoheit,‹ hab' ich gesagt, ›nu ist's gut, nu fix los dermit!‹ Bum! schießt der Herzog das Stück ab – und pumps!! geht drüben Christian der Achte in die Luft! So ist's gewest, und wer noch ein Wort dagegen sagt, der hat's mit mir zu tun – ich bin der Holsteiner und ihr seid Schlafhauben!«

Alles lachte, und der Bergbauer meinte: »Der Holsteiner erzählt seine Lügen so oft, daß er sie zuletzt selber glaubt!«

»Lügen? – Lügen? – glaubt?« schrie der Holsteiner, der sich kaum auf den Füßen erhalten konnte. »Glaubt? – Wer glaubt? Der Holsteiner glaubt nichts, keinen Gott und keinen Teufel! Der Holsteiner ist einer – ist dabei gewest Anno Neunundvierzig!«

»Das ist Gotteslästerung!« schrie der Uhrmacherle aus seiner sicheren Ecke. »Wehe, wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Betsaida! Ich sage euch, es wird Tyro und Sidon erträglicher ergehen denn euch! Doch ich sage euch: es wird der Sodomer Lande erträglicher ergehen denn dir!«

»Heult das Käuzle einmal wieder?« höhnte der Wagnerspaule vom Herrentisch.

»Heulen, heulen?« fuhr der Uhrmacherle auf. »Oh, über euch böse und ehebrecherische Art! Die Leute von Ninive werden auftreten am Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße nach der Predigt Jonas. Und siehe, hier ist mehr denn Jonas. Habt ihr's verstanden, ihr – ihr Gotteslästerer? Am Tag des Gerichts werdet ihr hinausgeworfen in die äußerste Finsternis – und ihr werdet heulen – nachher aber wird das Käuzle lachen – ha, ha, ha!«

In der großen Stube war es tief still geworden, alles blickte nach dem Uhrmacherle, der heftig mit den Armen gestikulierte; manche Wange wurde bleich, manches Gesicht rötete Zorn und Schadenfreude. Fritz überlief ein Schauer, als der Uhrmacherle seine Drohungen herausheulte, dabei die Zähne zeigte und die Finger wie Krallen ausstreckte; als er dann am Schluß wahrhaft teuflisch auflachte, schrak er fast zusammen. Lauter Beifall belohnte den Uhrmacherle, als er erschöpft schwieg; aber auch die Gegenpartei ward lebendig. Alles überschrie der Holsteiner: »Wa – was? Wir sollen heu – – heulen und du willst lachen? Dich soll ja gleich ein Tausendmillionenhagel in Grund und Erdboden 'nein – 'nein –! Wart', ich will dich!« Dabei hob er sein Bierglas zum Wurf gegen den Uhrmacherle. Noch zur rechten Zeit fielen ihm seine Nachbarn in den Arm, allein das Ringen um das Glas brachte den Trunkenen vollends in Wut. Mit beiden Fäusten schlug er um sich und brüllte: »Was? Ich bin ein Holsteiner gewest, ich Hab' Pulver gerochen und mich vor keinem Dänen gefürchtet – und ich soll gebunden und hinausgeworfen werden, und die Pfarrklatsch' dort will über mich lachen – Tausendmillion! Selber muß er 'naus – der Herrgottlesfresser, der! – 'naus muß er, 'naus!«

»Der Holsteiner hat recht!« schrie es von vielen Seiten. – 'naus muß er, der Heuchler!«

»Probiert's und vergreift euch am Uhrmacherle!« schrien andere dagegen. »Er hat die Wahrheit gesagt, wer sich getroffen fühlt, soll sich was schämen!« – »Er hat Gottes Wort verkündigt! Ist's schon so weit in Bergheim, daß man um das Wort Gottes willen vor die Tür gesetzt wird? Holla – da müssen wir auch dabei sein!«

Schon drängte sich ein dichter Knäuel um den Uhrmacherle, Schimpfreden wurden gewechselt, der Tumult nahm zu. Unschlüssig stand der Wirt neben dem Schenktisch, er wollte es offenbar mit keiner Partei verderben. Schon lange hatten der Herrnbauer, Bergjörg, Ungerskasper und Schneidersnikel bedeutsame Blicke gewechselt, jetzt stand der dicke Herrnbauer auf, riß mit zitternden Händen an seiner Weste und sagte: »Schmach und Schande über ein Dorf, da solches geschehen darf, und keiner von den Männern, die dazu berufen sind, tut seine Schuldigkeit! Auseinander dort vorn – auseinander sag' ich; wenn der Schulz nimmer weiß, was er zu tun hat, dann sind noch andere Männer da. Auseinander – oder es soll euch reuen! Laßt mich's nicht zum drittenmal sagen!« fuhr er fort, und eine dunkle Röte überzog sein rundes Gesicht.

»Ei ja, 's ist auch eine dumme Unart davorn!« schrie nun auch der Schulz, der bisher ruhig am Herrentisch gesessen und den Helfern des Holsteiner heimlich zugeblinzt hatte. »Auseinander – Ruhe! Holsteiner, du hörst auf zu schimpfen, und wenn der Uhrmacherle noch einmal predigt, gebt ihm eine aufs Maul. So – auseinander! – soll ich vielleicht aufstehen?«

»Ich lass' mir Gottes Wort nicht verbieten!« lärmte der Uhrmacherle, und der Holsteiner schrie unverständliche Worte durcheinander. Als ihn seine Genossen mit Gewalt auf seinen Platz zurückbrachten, wurde er erst recht wild, kein Zureden konnte ihn besänftigen.

Der Jockenhannes hatte sich auf seinen Platz begeben und winkte Fritz näher zu kommen. Der Herrnbauer und Bergjörg rückten zusammen, daß auch an ihrem Tisch ein Platz frei wurde; Fritz tat, als bemerkte er das Winken des Hannes nicht und setzte sich neben den Schneidersnikel, der fort und fort den Kopf schüttelte und leise vor sich hinbrummelte. »He, Hansjörg,« rief plötzlich der Bergjörg den Wirt an, »ich kann dir's zwar nicht verbieten, daß du dein Wirtshaus zu einem Schweinstall machst, aber soviel sag' ich: tust du den betrunkenen Unflat da vorn nicht 'naus, geh' ich heim und betret' dein Haus nimmer wieder. Das ist doch aus der Weis', wie es zugeht. Den ganzen Abend sucht der Lump Händel und lärmt einem die Ohren voll mit seinen Holsteiner Lügen, 'naus muß er – oder ich geh'!«

»Guckt an, wie sich der Bergbauer auftörmelt!« lachte der Hannes, der bisher kein Wort geredet hatte. »Oh, Männle, das ist 'ne öffentliche Wirtsstub', da macht sich jedes vergnügt, so gut's kann. Dableibt der Holsteiner!«

»Dageblieben bleiben wir!« lallte dieser. »Den Herrgottlesfressern zum Trotz wird dageblieben!«

»Daß du mir im Augenblick das Maul hältst!« fuhr der Wirt dazwischen, der es mit dem Bergbauer nicht verderben wollte. »Setz' dich, trink dein Bier und halt's Maul, sonst – du kennst mich!«

»Nein, nein, so ist's nicht gemeint!« sagte der Ungerskasper gleichmütig. »Entweder der Holsteiner geht oder wir! Ich bin ein alter Mann, und kein Mensch kann mir ein Unrecht nachsagen. Soll ich mich von einem betrunkenen Bengel wegen meines Glaubens beschimpfen lassen? – Nein – und noch einmal nein! Du weißt jetzt, wie's steht, Hansjörg, tu nach deinem Belieben!«

»Wehe, wehe über euch Pharisäer und Schriftgelehrte, ihr Otterngezücht! Wehe, wehe dir, Jerusalem!« heulte der Uhrmacherle und sprang auf einen Stuhl. »Wehe dir, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigest, die zu dir gesandt sind! Siehe, euer Haus soll euch wüste gelassen werden!«

»Gott's ein Donner! aus der haut möcht' man fahren!« unterbrach der Bergjörg den Eifernden, »'runter vom Stuhl, schämst du dich nicht, Gottes Wort also zu mißbrauchen? – Nur noch einen Spruch bring', und ich bin der erste, der dich dem Holsteiner nachschickt! Und jetzt aufgeräumt, 'naus mit dem Holsteiner!«

»Vergreif sich einer an dem! Untersteh sich einer, den anzutasten!« schrie der Schulz, und neuer Lärm folgte diesen Worten.

»Was macht man da erst große Präambeln!« sagte der riesenhafte Michelslang, des Herrnbauern Hausmann. »'naus – eher wird nicht Ruh'!« Damit zog er den Holsteiner aus dem Knäuel seiner Anhänger, ohne daß sich ihm jemand zu widersetzen wagte, und trug den Verblüfften unter schallendem Gelächter vor die Tür.

Der Jockenhannes war bleich geworden. »Und das leidest du?« fuhr er aufspringend den Schulzen an und drängte nach vorn. »Aber noch bin ich da, der Jockenhannes, und dem Michelslang soll sein Vorwitz teuer zu stehen kommen!«

Wie von einer Feder emporgeschnellt, fuhr jetzt auch der Herrnbauer auf und keuchte: »Keinen Schritt! Was mein Hausmann getan, das verantworte ich – ich, der Herrnbauer! Keinen Schritt weiter!«

Totenstill ward es plötzlich in der Stube, atemlos blickten die Männer auf die Gegner, die sich mit wutblitzenden Augen gegenüberstanden. Der Michelslang hatte aber den Streit vernommen, rasch drängte er sich nach seinem Herrn durch: »Ei, Herr, was ich tu', verantwort' ich selber! Laßt doch den Geldsack durch, – das soll mir eine Herzensfreud' sein, dem da ein paar Knochen entzweizubrechen! He, Hannes, 'raus, wenn Ihr's Herz nicht bloß in der Zunge stecken habt! Drauf und dran, ich fürcht' mich vor Euch und der ganzen Gesellschaft nicht!«

Der Hannes war wieder bleich geworden, er nagte an der Unterlippe, und seine Augen irrten blitzschnell durch die Stube. Aber niemand erhob sich zu seinem Beistand – so war es ihm offenbar angenehm, daß sich der Schulz und Veitenbauer nun ernstlich ins Mittel legten. Er ließ sich nach seinem Stuhl zurückdrängen, setzte sich schwer nieder und sagte: »Mit Lumpen hab' ich nichts zu schaffen. Euch, Herrnbauer, werd' ich das gedenken, so wahr ich Hannes heiße!«

»Bin alle Tage zu finden!« knirschte dieser und kehrte ebenfalls auf seinen Sitz zurück. Der Michelslang aber lachte: »Hannes, was gebt Ihr mir, wenn ich mit Euch tausche? was zahlt Ihr, daß Ihr nur wieder ein Lump werdet wie ich? – Hannes, Hannes, es ist noch nicht aller Tage Abend!«

Die Ruhe war hergestellt, und die meisten Nachbarn atmeten erleichtert auf, daß die Geschichte noch so glatt abging. Ein leises Flüstern lief um die Tische; der Wagnerspaule lachte tückisch in sich hinein und senkte den Kopf noch tiefer als gewöhnlich, der Jockenhannes kniff die Lippen zusammen und trommelte heftig auf den Tisch. Fritz schüttelte leise den Kopf, auch er empfand die dumpfe Schwüle, die auf allen Gemütern lastete, auch er ahnte, daß die Jockenpartei auf Rache für diese Niederlage sinnen würde. Der Beckenbauer reichte Fritz über den Tisch hinweg die Hand mit den Worten: »Guten Abend auch, Herr Lehrer! Bei dem Lärm hat man nicht einmal Zeit gehabt, Sie zu begrüßen. Sie werden auch Ihren Part von uns Bergheimern denken – 's ist wahrhaftig ein Jammer, wie's bei uns zugeht.«

Auch andere Nachbarn begrüßten Fritz, nur der Herrnbauer und der Bergjörg regten sich nicht: sie vergaßen ihm nicht, daß er mit dem Hannes gekommen war.

»Ja, 's ist ein Jammer, wie's bei euch zugeht!« nickte der Wagnerspaule, ohne aufzublicken, »das wird man dem Herrn Lehrer nicht mehr zu sagen brauchen, er hat heut' Proben gespürt!«

»Ja, und die Geschicht' mit dem Holsteiner ist ein neuer Beweis, wie's die Frommen treiben!« knurrte der Simesschuster. »Alles soll nach ihrer Pfeife tanzen, und wer sich stemmt – mit dem macht man kurzen Prozeß, da heißt's gleich: 'naus mit ihm!«

»Wenn uns aber der Uhrmacherle die Ohren vollschreit mit seinen Dummheiten, da darf man sich nicht dagegen regen – der bleibt ruhig sitzen!« brummte der Veitenbauer.

»Ihr seid jetzt ganz still!« rief der Bergbauer und drohte mit der Faust, als der Uhrmacherle wieder auf seinen Stuhl steigen wollte.

»Will euch was sagen, ihr Herren,« begann der Hausmann ruhig, »solltet euch schämen, solch' betrunkenen Bengel auch noch in Schutz zu nehmen!«

»Du – du,« fuhr der Schulz giftig nach ihm herum, »du bist gleich still, du einfältiger Bettelkerl, was hast du dich an uns Bauern zu rechnen?«

»O, Schulz, nehmt Euch in acht, ich hab' noch nicht bei Euch gebettelt!« rief der Michelslang. »Und ich sitze da für mein Geld, wißt Ihr, und frage nach Euch gradesoviel, als Ihr nach mir!«

»Ist recht so!« nickte der Herrnbauer. »Wirt, was mein Hausmann heute verzehrt, bezahl' ich!«

»Hi, hi, hi!« kicherte der Wagnerspaule. »Der Herrnbauer ist einmal einer! Ob er dem Hausmann wohl auch das Bier bezahlte, wenn er das ihm selber sagte?«

»Geschwätz!« rief jetzt der Jockenhannes und rückte sein Käppchen. »Kennen wir die Mucker, die Pietisten und Freimaurer nicht lange? Wissen wir nicht, womit sie umgehen? Narren sind wir, daß wir uns das bieten lassen; aber jetzt ist nicht immer, und zuletzt ist die Geschichte auch für was gut. Hab' ich nicht immer gesagt, die Heuchler wollen uns das Maul verbieten und uns unter die Knechtschaft der Pfaffen bringen? – Da habt ihr's ja handgreiflich! Was hat der Holsteiner getan? Hat er weniger das Recht, seine Meinung zu sagen, als der Uhrmacherle?«

»Ich erwürg' dich, so wahr ich hier sitze, wenn du nicht das Maul hältst!« schrie der Bergbauer, als der Uhrmacherle wieder ein »Wehe!« hervorheulte.

»Tut die Augen auf, wer nicht zu den Pietisten, Jesuiten und Freimaurern gehört; tut die Augen auf, sag' ich, sonst seid ihr an die Katholischen verkauft, ehe ihr's euch verseht!« rief Hannes und schlug auf den Tisch. »Wollt ihr euch von den Brummochsen übertölpeln lassen? Denkt dran, was ich vorausgesagt, eh' der Pfarrer kam; ist nicht alles buchstäblich eingetroffen? Sind das Predigten, was wir jetzt alle Sonntage zu hören kriegen?«

»Muß mich wundern,« lachte Paule, »daß so arg gescheite Leute sich das gefallen lassen – ha, ha! Wenn mir einer sagte, das ist auf dich gemünzt, ich verklagte ihn auf dem Fleck; bin ich gleich kein Engel, soweit ist's noch nicht, daß ich mich von der Kanzel aus zum Lumpen machen lasse.«

»Und die Predigt ist noch Spaß! Wer ein Brummochs sein will, der mag in die Kirche laufen und sich schlechtmachen lassen, was geht's uns an?« schrie Hannes. »Aber es gehen Dinge vor, zu denen wir nicht stillschweigen dürfen! Wollte nicht der Pfarrer die Tanzerlaubnis verweigern? Hat er nicht dem Jungvolk das Singen auf der Straße verboten? Wer gibt ihm das Recht, unsere Gebräuche anzutasten, wie er's heute morgen probiert hat? Da soll ein Donner und ein Wetter! – – Und zu End' ist's mit meiner Geduld, Ernst muß dem Schwarzrock gezeigt werden. Er muß erfahren, daß wir lang' über die Dummheit und die Pfaffenlügen, die sie Bibel und Religion heißen, hinaus sind, daß wir uns nimmer für Brummochsen estimieren lassen. Es ist Zeit, sag' ich! Hat nicht der Pfaff heut' die Krallen gezeigt? Hat er nicht den Anfang gemacht, unsern Herrn Lehrer einzuschüchtern? Ja, ja, Herr Lehrer, wir wissen alles, und ich dank' Ihnen im Namen aller, die nicht zu den Brummochsen gehören, daß Sie sich nicht haben ins Bockshorn jagen lassen, sondern haben dem Schwarzkittel die Zähne gezeigt. Und wir freuen uns, daß auch Sie auf unsrer Seite stehen, wenn Sie's auch nicht sagen! Und nun nur unverzagt, wir stehen hinter Ihnen, und ich wollt's keinem raten, Ihnen auch nur mit einer Silbe zu nahe zu treten!«

So war eingetroffen, was der Schulbauer und Lichtennikele vorausgesagt! Der offene Kampf war ausgebrochen. Wie sich nun zu den Parteien stellen? – Fritz war bleich geworden, er fühlte die Augen aller Anwesenden auf sich ruhen, er empfand die Spannung, mit welcher Erwartung man seiner Entscheidung entgegensah. Er empfand, daß ihm Klarheit jetzt nötiger war denn je; mit Gewalt zwang er sich zur Ruhe, strich sich langsam die Haare aus der Stirn und sagte: »Ich verstehe Sie nicht! Allerdings hatte ich heute morgen eine kleine, nicht gerade angenehme Unterredung mit dem Herrn Pfarrer, aber man scheint ihre Bedeutung zu überschätzen. Überhaupt möchte ich bitten, mich in diesem Streit ganz und gar aus dem Spiel zu lassen.«

»Oh, Herr Lehrer,« fiel ihm Hannes hastig ins Wort, »ich weiß, was Sie sagen wollen! Seien Sie ganz ruhig, uns dürfen Sie trauen, wir sind keine Heuchler und Schleicher. Brauchen nichts zu verheimlichen, wir wissen alles; wir wissen, wie Ihnen der Pfarrer in der Sakristei den Marsch machte und was er von Ihnen verlangte.«

Fritz sprang so heftig auf, daß sein Stuhl umstürzte. »Was können Sie wissen?« rief er und seine Lippen bebten.

»Nur ruhig Blut! Hat der Pfaff' Ihre Schule nicht heruntergemacht und verlangt, Sie sollten heut' abend die Kinder vom Tanzplatz wegjagen? – »Ja, schauen Sie nur! Habe ich nun nicht doch recht?«

Fritz zitterte vor Zorn; er achtete nicht auf das Murmeln, das lauter anschwellend diesen Worten folgte. Grimmig ballte er die Fäuste und rief mit blitzenden Augen: »Woher wissen Sie das? Antworten Sie, von wem haben Sie diesen Bericht?«

»Von wem?« lachte Hannes, offenbar sehr zufrieden mit dem Eindruck seiner Rede. »Das ganze Dorf ist voll davon!«

»Ha, ha – wenn Sie sich besinnen wollten!« nickte der Wagnerspaule. »Sie werden wohl am besten wissen, wer noch in der Sakristei war, als die Mess' losging? Und die Türen in der Kirche sind schlecht, was kann einer dazu, wenn er draußen jedes Wörtle hört?«

Der Uhrmacherle schlich hustend und scheltend aus der Stube. Fritz war sprachlos, allein das Getöse um ihn brachte ihn bald wieder zu sich. Der Herrnbauer schlug auf den Tisch und erklärte, es sei heutzutage keinem Menschen zu trauen, der Pfarrer werde wohl wissen, was er getan.

Lauter Widerspruch der Jockenpartei folgte, aber auch Beifall und Zustimmung blieb nicht aus; Fritz nagte an der Unterlippe und blickte starr ins Licht – was sollte er tun, gehen oder bleiben? Plötzlich schlug nun auch der Jockenhannes auf den Tisch, daß die Gläser emporfuhren und schrie: »Ruhe, ihr erbärmlichen Brummochsen!« – »Hannes, mit den Brummochsen seid stet, sie könnten stoßen!« schrie der Herrnbauer. – »Ist mir lieb, daß ihr euch selber zu den Brummochsen rechnet!« höhnte der Hannes und stimmte in das Hohngelächter seiner Genossen ein. »Ruhe!« unterbrach er den Bergbauer und Ungerskasper. »Ruhe – ins Kuckucks Namen! Ich sag', wir leiden's nicht, daß dem Herrn Lehrer zu nahe getreten wird. Der gehört zu uns, und wir wollen doch sehen, ob ihn die Pfaffenknechte und Freimaurer unterkriegen! Ihr alle miteinander und alle Pfaffen im Land kommen nicht gegen ihn auf, das sag' ich – ich, der Jockenhannes!«

Der Streit erregte Aufsehen, durch die offene Tür drängte das Jungvolk herein, auch Frauen und Mädchen starrten neugierig auf Fritz. Mit hochklopfendem Herzen stand er inmitten der Parteien; mühsam hielt er an sich. Jetzt streckte er wie abwehrend beide Hände aus und sagte mit bebender Stimme, die erst nach und nach ihren Klang, ihre Festigkeit erlangte: »Halt da – jetzt laßt auch mich ein Wort reden! Mit Erstaunen höre ich, daß man auch mich in die Streitigkeiten des Dorfes ziehen will, ja, mich schon zu einer bestimmten Partei rechnet. Wer gibt ihnen das Recht, so über mich zu verfügen? – Hier vor allen Nachbarn erkläre ich öffentlich, daß ich weder der einen, noch der andern Partei angehöre, und daß ich niemandem erlaube, mich für seinen Anhänger auszugeben. Ich stehe auf eigenen Füßen. Auch die Einmischung in meine Angelegenheiten muß ich mir ernstlich verbitten; was ich begonnen habe ohne Rat und Beistand anderer, will ich auch nach eigenem Ermessen durchführen. Ihnen, Herr Schubert,« wendete er sich an den Herrnbauer: »sage ich: haben Sie gegen meinen Unterricht Bedenken, oder glauben Sie, daß ich durch meinen Lebenswandel den Kindern ein schlechtes Beispiel gebe, so wollen Sie beim Pfarramt Beschwerde erheben, hier ist nicht der Ort dazu. – Der ganzen Versammlung aber kann ich nicht verhehlen, daß die Art, wie man mich behandelte, mich auf das tiefste empörte. Verdient der Lehrer eurer Kinder nicht mehr Achtung? Erlaubt man sich noch einmal solche Rücksichtslosigkeiten, so hat man mich zum letztenmal in Gesellschaft gesehen. Gute Nacht!«

Fritz achtete nicht auf den Eindruck seiner Worte, und es war vielleicht gut, daß er die zornfunkelnden Augen und tückisch zusammengekniffenen Lippen des Jockenhannes, den giftigen Hohn auf dem Gesicht des Wagnerspaule und Schulzen, die zornige Röte des Herrnbauern nicht bemerkte. Er wandte sich rasch um, und so entging ihm auch das beifällige Nicken und Lächeln des Beckenbauern, der ihm sogar die Hand reichen wollte. Scheu machten die Gäste dem rasch dahinschreitenden Lehrer Platz, viele schlugen vor ihm die Augen nieder, das Jungvolk, vor allem die Mädchen, drängten hastig in den dunkeln Hausflur zurück. Einen Augenblick war's Fritz, als habe er Annas Augen traurig auf sich ruhen sehen, doch achtete er nicht darauf und ging davon. Jetzt erst merkte er, daß Mitternacht lange vorüber war.

Inhaltsangabe des Herausgebers.(Reinhardt benützt seine Pfingstferien zu einer mehrtägigen Thüringer Reise. Zunächst wandert er nach der einige Stunden entfernten Landeshauptstadt. Das elegante Leben, das ihm dort auf Straßen und Promenaden entgegentritt, entzückt den Dorfschullehrer ebenso wie der Besuch des herzoglichen Theaters, in dem der »Freischütz«, seine Lieblingsoper, aufgeführt wird.

Aber nicht nur die glänzende Außenseite des von ihm mit neidvollen Augen angesehenen städtischen Lebens, auch seine dunkle Kehrseite soll er kennenlernen: Die erste Enttäuschung bereitet ihm die enge, dumpfe Mietswohnung seines Freundes Braun, bei dem er zu Gast ist. Der kümmerliche Lehrergehalt zwingt den Stadtlehrer, wenn er für Frau und Kinder zu sorgen hat, zu Einschränkungen in seiner Lebenshaltung, von denen der Landschullehrer nichts weiß.

Eine zweite Enttäuschung erlebt er in der »Künstlerkneipe«, die er nach der Theateraufführung besucht: die erhoffte geistige Anregung findet er hier nicht, vielmehr enthüllt sich ihm in der bierseligen Atmosphäre sehr bald der wahre Charakter der wilden Kneipgesellen, denen jeder wahre künstlerische und sittliche Ernst fehlt.

Von ebenso zwiespältiger Wirkung ist die Reise nach dem Thüringer Wald, die er in einer größeren Gesellschaft junger Damen und Herren am nächsten Tage antritt. Voll Begeisterung nimmt er die Eindrücke in sich auf, die die an natürlichen Reizen wie an geschichtlichen Erinnerungen gleich reiche Thüringer Landschaft bietet. Die anderen jungen Leute haben für solche Schwärmerei wenig Sinn, für sie ist die gesellschaftliche Unterhaltung das Hauptvergnügen. Vor allem versteht es eine ebenso schöne wie geistreiche junge Dame, Mathilde Werner, durch ihre kokette Liebenswürdigkeit das allgemeine Interesse auf sich zu ziehen. Es ist niemand anderes als eben jenes junge Mädchen, in dem Fritz Reinhardt schon bei einer früheren Begegnung die Verkörperung seines weiblichen Ideals gefunden zu haben glaubt. Um ihretwillen hat er sich zur Teilnahme an dem Ausflug entschlossen, bei der Wiederbegegnung auf dem Bahnhof hat ihre jugendschöne, elegante Erscheinung aufs neue sein Entzücken erregt, während des vertraulichen Tête-à-Tête im Eisenbahnwagen hatte er Liebenswürdigkeiten von ihr erfahren, die ihn darauf hoffen ließen, unter allen Bewerbern um ihre Gunst der Bevorzugte zu sein. Um so größer seine Enttäuschung, sobald sie sich wieder in der allgemeinen Gesellschaft befinden: Hier peinigt sie den armen Liebhaber immer wieder durch das sehr wenig wählerische und taktvolle Kokettieren, das sie während der ganzen Reise betreibt – um ihn dann freilich immer wieder durch den raffinierten Zauber ihres Wesens an sich zu fesseln. Besonders schmerzlich ist für ihn die Entdeckung, daß Mathilde seinen Hauptnebenbuhler, dem Lehrer Reuter, einem jener Kneipgesellen, deren zügelloses Wesen so abstoßend auf Reinhardt gewirkt hat, bei gegebener Gelegenheit dieselbe vertrauliche Annäherung wie ihm erlaubt.

So kehrt Fritz Reinhardt mit sehr geteilten Empfindungen von seinem Ausflug in die ihm erst so verlockend erscheinende große Welt nach dem stillen Dorfe zurück, das vielleicht doch noch seine Heimat werden soll.)

Neuntes Kapitel

Schon am frühen Morgen vor Sonnenaufgang hatte es gewittert, aber kein erfrischender Regen erquickte die lechzenden Fluren, mit Donner und Blitz zogen die schwarzen Wolken vorüber, die schwüle, erschlaffende Hitze blieb. Sie wuchs, je höher die Sonne emporstieg, selbst ein dünner, weißgrauer Wolkenschatten, der nachmittags den Himmel bezog, minderte nicht die stechende Glut der Sonnenstrahlen. Erschöpft kam Fritz aus dem Nachmittagsgottesdienst, aber auch die nun dichtbegrünte Laube gewährte in ihrem Schatten keine Kühlung. Unter solchen Umständen war die Arbeit keine Freude.

Kurz entschlossen trug Fritz Hefte und Bücher ins Haus und schritt durch regungslose Getreidefelder, auf verbrannten Rainen dem Flusse zu. Aber auch die quälenden Zweifel, welche sich während der Reise auf seine Seele gelegt, begannen ihn jetzt in der Stille des Alltagslebens doppelt zu bedrücken. – Wo sollte er eine Heimat suchen – wo seine Lebenswurzeln in den Boden schlagen? Ach, und vor allem: was war Mathilde? Liebte er sie? – fand er wahre Gegenliebe? oder war das ganze Verhältnis nur ein unwürdiges Spiel? – – Mißmutig warf er sich unter einer breitästigen Eiche auf der Uferhöhe ins Gras.

Die Wolkenschatten verdichteten sich, nur noch als glanzlose Scheibe stand die Sonne am Himmel, ohne daß sich die Hitze gemindert hätte. Eine einzelne Wachtel schlug im weit ausgedehnten, schon silbergrau schimmernden Korngebreite, die kleinen Blütenwimpelchen zitterten an den Ähren. Vor ihm, unter den Linden- und Haselbüschen, stieg von den Grasrispen dann und wann ein Wölkchen Blütenstaub auf, und eine Hummel brummte melancholisch um den Waldklee. Drüben auf der Straße rollte lautlos ein Wagen talab, von kleinen Staubwölkchen umspielt; ein einsamer Wandrer, ein weißes Bündel auf dem Rücken, kam gemächlich die Windsberger Höhe herab. In der Tiefe ward es lebendig, Blasen, Pusten, Gelächter und Schreien ertönte, rauschend spritzte das Wasser in die Büsche und verbreitete einen erfrischenden Geruch. Eine Schar Knaben badete grade unter ihm und erinnerte ihn an sein eignes Vorhaben. Vorsichtig, seine Schüler in ihrer Lust nicht zu stören, stieg er in eine verborgene Felsenbucht nieder.

Neubelebt verließ er den Fluß, auch geistig erfrischt. Die Knaben waren schon länger verschwunden; als Fritz die Höhe erreichte, zuckte ein falber Blitz über den wunderlich gefärbten Wolkenhimmel, der die Sonne gänzlich bedeckte, dahin, und ein leiser, schüttelnder Donner folgte. Mehrere Gewitter zogen sich bedrohlich zusammen; er durfte eilen, vor ihrem Ausbruch das Dorf zu erreichen.

Heimkehren mochte er nicht, die qualmige Wirtsstube war ihm verhaßt – wohin? Er erinnerte sich seines Versprechens, den Lichtennikele zu besuchen; ein uneröffnetes Päckchen Schokoladentafeln, das er zufällig bei sich trug, erschien ihm als schickliches Geschenk für die arme gelähmte Frau, und so schritt er ohne langes Besinnen dem kleinen Häuschen zu.

Halb versteckt lag es hinter den dichtbelaubten Hecken von Hainbuchen-, Kastanien- und Stachelbeerbüschen, die das kleine Hausgärtchen umgaben, ein üppiger Weinstock rankte an der niederen Hauswand empor, umspann einen kleinen Bienenstand, verhüllte freundlich den schadhaften Zustand der Wände, in deren Löchern die Spatzen erwünschte Schlupfwinkel fanden, die nun lärmend durch das dichte Weinlaub raschelten. Ein schmaler Pfad führte zwischen Hecke und Miststätte zum Treppenvorbau empor, der, seiner Bretterverkleidung zum großen Teil beraubt, auf weichender Grundmauer drohend genug über die Miststätte hereinhing. Fast als wollte er den müde sich vornüber neigenden Giebel stützen, schlang ein prachtvoller Nußbaum seine dichtbelaubten Zweige um das kleine Gebäude.

Da sein Klopfen unbeantwortet blieb, trat er in die Wohnstube. Grüne Dämmerung herrschte in dem kleinen Raum, der Fritz durch seine Sauberkeit und freundliche Ordnung in Erstaunen setzte.

Am großen, plumpen, spreizbeinigen Tisch saß der Alte in Hemdsärmeln, die große Weimaranerkappe auf dem Kopf. Auf seinem Schoß saß sein jüngstes Enkelkind, neben ihm auf der Bank kniete ein runder krausköpfiger Bube, beide Kinder betrachteten aufmerksam die Holzschnitte einer großen Nürnberger Bilderbibel und lauschten der Erzählung des Großvaters.

Aus der Kammer nebenan drang leises Stöhnen, unterdrücktes Weinen, und jetzt ward eine milde, tröstende Stimme laut, deren Klang Fritz wundersam berührte. Wo hatte er diese Stimme schon gehört? – Unwillkürlich machte er eine Bewegung, und nun bemerkten ihn der Alte und die Kinder. Der Bube verkroch sich vor seinem Lehrer halb unter den Tisch. Nikel setzte das Kind vorsichtig auf die Bank und ging seinem Besuch entgegen. Leise sagte er: »Ei du liebe Zeit! – wahrhaftig unser Herr Schulmeister! Seid mir tausendmal willkommen! – ja, grüß' euch der liebe Gott! – 's ist halt ein armes Hüttle, in das Ihr kommt, und anbieten kann ich Euch einstweilen auch nichts – mein Annedorle und die Herrnbauers Anna sind draußen, um meiner armen Alten auch zu ihrem Sonntagsrecht, zu einem reinlichen Hemd, zu verhelfen! Ist ein gar ausbündig's brav's Mädle, die Anna; was die schon an uns und meiner Alten getan, 's ist nicht auszusagen – Gott vergelt's ihr! Seht nur das eine – schon seit vielen Jahren kommt sie alle Sonntage und hilft meine Alte umkleiden – und niemals kommt sie mit leeren Händen! Ja, und ich bitt' Euch, redet ein Linsele leis', daß wir die Weibsleut' nicht verstören!«

Fritz war tief ergriffen; die Erinnerung an den köstlichen Pfingstmorgen tauchte in ihm auf. Jetzt wußte er, warum ihn die süße Stimme so eigen bewegte. – Herzlich schüttelte er dem Alten die Hand, nötigte ihn auf seinen Platz und zog sich einen Stuhl daneben und bat ihn, in seiner Erzählung fortzufahren. Groß sah ihn der Alte an und meinte: »Herr Schulmeister, wenn ich Euch nicht für einen braven Menschen kennte, möchte ich schier meinen, Ihr wolltet mich narren. – Wie werdet Ihr, solch ein studierter Mann, auf meine dummen Reden hören mögen?«

»Nicht doch!« entgegnete Fritz. »Es ist mir Ernst mit meiner Bitte. Seht, es gibt Verrichtungen, die sehen sich so einfach, so leicht an, man meint, jeder müsse sie vollbringen können, ja, sie müßten sich ganz von selbst machen. Dazu gehört auch das Erzählen der biblischen Geschichten. Ihr selber werdet denken: ei, was ist Großes dabei, wer die Geschichten weiß, muß sie doch auch erzählen können. Aber erzählen und erzählen ist zweierlei, und die Geschichten Kindern recht zu erzählen, ist eine Kunst, die selten gefunden wird. Haufen von Büchern sind schon zusammengeschrieben worden, wie man es anfangen müsse; Ihr dürft mir glauben, ich habe mir Mühe gegeben, das Erzählen recht zu lernen, habe aber bis heute noch wenig Freude daran erlebt. – Mein Großvater war auch nur ein einfacher Bauersmann wie Ihr – und was gäbe ich darum, könnte ich die biblischen Geschichten meinen Schulkindern nur halb so schön vortragen, wie er sie mir einstens, auch bei solch alter Bilderbibel, wie Ihr sie da habt, erzählt hat. – Ich habe Euch schon ein Weilchen zugehört, Ihr versteht das Erzählen; drum fahret fort!«

Den Alten erfreute diese Bitte, zum Erzählen brachte ihn Fritz jedoch nicht. Man sprach über allerlei, und so kam man zuletzt auch auf die Vorfälle im Wirtshaus in der zweiten Pfingstnacht zu reden. »Ich freu' mich aufrichtig, daß Ihr meine Warnung nicht verachtet habt. Nicht wahr, es hat sich gezeigt, womit der Jockenhannes umgeht? – Ja, ja, Ihr habt ihn gründlich ablaufen lassen, und so war's recht, wenn auch seine Partei Feuer und Flamme gegen Euch speit, Ihr dürft Euch das nicht kümmern lassen, alle rechtschaffenen Leute sind Euch für die Abfertigung dankbar. – Ein ander' Ding ist's freilich, daß Ihr zugleich auch den Herrnbauer so herzhaft abgeputzt habt. Verdient mag er's wohl haben, dagegen sag' ich nichts, aber ein Linsele säuberlicher hättet Ihr doch an ihn kommen sollen – nichts für ungut! Der Herrnbauer ist nun einmal ein Mann von Ansehen. Müßt aber nicht ängstlich sein, Herr Schulmeister, Ihr habt auch Eure Anhänger, der Sülzdorfer Schulbauer und der Beckenkarl sollen sich rechtschaffen Euer angenommen haben. – Ja, Herr Schulmeister, sell mit dem Jockenhannes war schon recht, aber wenn mein Rat was gilt, vor den Frommen nehmt Euch in acht. Ihr habt's mit dem Pfarrer verdorben, verderbt Ihr's noch extra mit seinen getreuesten Anhängern, könnt Ihr in böse Geschichten kommen! – O du lieber Gott! da ist das Gewitter! – meine arme, arme Alte!«

Ein bläulicher Schein hatte sekundenlang das Zimmer erfüllt, jetzt krachte ein furchtbarer Donnerschlag los. Die Türe des Nebenzimmers öffnete sich, und von den schon wieder aufzuckenden blauen Flammen umspielt, erschien die Herrnbauersanna auf der Schwelle. Ohne Fritz zu bemerken, sagte sie mit klarer Stimme: »Laß mich nur, Annedorle, bei einem Gewitter gehör' ich ins Haus, man weiß nicht, was kommen kann. Unterwegs geschieht mir nichts, habe keine Angst, und vor dem Regen werd' ich ja wohl den Hof noch erreichen!«

Tiefe Dunkelheit erfüllte das Stübchen, desto blendender fackelten die Blitze herein, das Rollen und Krachen tönte ununterbrochen fort. Eben bog ein heulender Windstoß die Rebenblätter zur Seite, ein blendender scharfer Strahl schoß durchs Zimmer. Die Kinder weinten, die Kranke jammerte, und Annedorle rief, die Hände ringend: »Anna, verlass' uns nicht – die Mutter stirbt!« Fritz war wie betäubt; als eben das Mädchen aus der Tür schlüpfen wollte, ergriff er ihre Hand: »Bleib, Anna! – Bleibe, nimm dich der Kranken an!«

»Ihr, Herr Lehrer? – Wie kommt Ihr hierher?« rief Anna erschrocken und riß sich los. Doch blieb nicht Zeit zu langen Erörterungen. Die Blitze durchkreuzten, die Donnerschläge überstürzten sich, und all den Lärm übertönte das Angstgeschrei der Kranken. Tief ergriffen sah jetzt Fritz beim Schein der Blitze, wie Anna am Bett der Kranken niederkniete, ihre Hände fest an ihr Herz drückte und laut betete; zuckte die Alte auch noch immer zusammen, sie wurde doch sichtlich ruhiger. Annedorle beruhigte die Kinder, daß sie nur noch leise mit der Mutter weinten. Hoch aufgerichtet, mit entblößtem Haupt und gefalteten Händen stand dabei der Alte im Zimmer, eine heitere Ruhe lag auf seinem Gesicht, von den grellen Lichtern, von den dröhnenden Donnern unbeirrt, richtete er sein Auge nach oben und betete.

Fritz konnte nicht anders, er mußte auch die Hände falten; noch in keiner Kirche hatte er sich so tief ergriffen gefühlt. Unbeachtet ging das Wüten und Toben des Wetters

an ihm vorüber, er erwachte erst wieder aus seiner Versunkenheit, als der ärgste Sturm vorbei war. Noch immer kniete das Mädchen am Bett der Kranken, noch immer hielt sie ihre Hand an das Herz gedrückt und wagte nicht, sie loszulassen – mitten im Wetter war das Mütterchen unter ihrem Gebet eingeschlafen.

Der Lichtennikele hing einen leeren Sack als Regenmantel um die Schulter, nahm Abschied von Fritz, bat ihn um baldige Wiederholung des Zuspruchs und eilte trotz des strömenden Regens mit der Hacke auf seine Äcker, etwaigen Flutungen rechtzeitig Einhalt zu tun. Annedorle schaffte hochgeschürzt in Haus und Scheune, die Kinder fingen auf dem Treppenvorbau jubelnd die fallenden Tropfen der Dachtraufe in den hohlen Händchen auf. Fritz und Anna waren allein bei der Kranken.

Leise machte sich Anna endlich doch von der Schläferin los, knüpfte ihr Tuch über den Kopf, daß es das ganze Gesicht verhüllte, und wollte an Fritz vorbei aus der Stube huschen. »Nicht doch, Anna!« sagte Fritz und trat ihr in den Weg. »Bald wird der Regen aufhören, so lange gedulde dich! – Ja, und warum bist du vorhin so erschrocken, als ich dich anredete?«

»Wie konnte ich anders, da Sie plötzlich so ganz unvermutet vor mir standen?« entgegnete Anna leise. »Lassen Sie mich, ich muß heim, die Mutter ängstet sich gewiß um mich.«

»Willst du die Kranke allein lassen?«

»Lieber Gott!« seufzte Anna. »Das Alleinsein ist der Lichtenkunnel nichts Ungewohntes! Wenn die Arbeit drängt – wer soll bei ihr bleiben?«

»Schrecklich! – So wird die gelähmte Frau im Sommer wohl oft in das einsame Haus eingeschlossen?«

»Ja. – Lassen Sie mich jetzt, Herr Lehrer, mir wird ganz ängstlich!«

»Was ist doch mit dir?«

Als Fritz dringender fragte, sagte Anna leise: »Sie werden wohl wissen, wie mir zumut' sein mag! – Ach, Herr Lehrer, ich möchte vor Scham in den Erdboden versinken! – Sie dürfen mir glauben, es war ein großer Jammer daheim, daß der Vater in der zweiten Pfingstnacht so unmanierlich gegen Sie aufgetreten ist. Wir haben fast nicht mehr getraut, uns vor den Leuten sehen zu lassen, und die Mutter ist heute noch untröstlich. Auch der Schulvetter war ganz außer sich und hat dem Vater herzhaft die Meinung gesagt. – Ach, Herr Lehrer, was werden Sie vom Vater halten? – Und doch ist er so brav und gut. Daß er jetzt manchmal auffährt und tut, was ihm selber leid ist, daran ist bloß die grausame Verwirrung im Dorf schuld, über die er sich nun einmal nicht hinwegsetzen kann. Er meint, es sei Sünde, wenn er da ruhig zusehen wollte, und leider Gottes redet ihn auch der Herr Pfarrer täglich in größeren Zorn gegen die – die – – Sie wissen schon, gegen wen. Ach Gott, Herr Lehrer, die Schande, daß sich der Vater mit Ihnen gezankt, liegt uns schwer, schwer auf! Ach, Herr Lehrer, ich bitt' Sie, tragen Sie uns das Leid nicht nach, das Ihnen der Vater angetan.«

Sichtlich verlegen begann Reinhardt: »Ich verstehe nicht! Wer denkt daran, euch Frauen verantwortlich zu machen, wo ihr ganz und gar unschuldig seid?«

»Aber dem Vater sind Sie doch bös' – sehr bös'! Gestehen Sie nur, ich weiß ja doch!«

»Wie kannst du das wissen? Aber allerdings, sein Angriff war hart, beleidigend, Anna!«

»Ich weiß, ach, ich weiß!« schluchzte das Mädchen. »Und ich kann Ihnen ja nicht verdenken, wenn Sie erzürnt sind. – Aber was soll nun werden? So lange der Streit über die Religion im Dorf nicht aufhört, so lange ist auch der Vater nicht zu besänftigen. Zwar sieht er sein Unrecht gegen Sie ein, aber zu einem versöhnlichen Wort ist er nicht zu bringen, er behauptet, Sie hätten ihn hart genug gestraft im öffentlichen Wirtshaus und – und müßten froh sein, wenn er Ihre Reden ruhig einsteckte. Weiter bringt ihn auch der Schulbauer nicht! Ja – was soll nun werden, wenn Sie abermals mit dem Vater zusammengeraten? – O mein Gott, mein Gott!«

»Beruhige dich, Anna!« sagte Fritz gerührt. »Hier meine Hand! Der Vorfall ist meinerseits vergessen und vergeben.«

»Ich danke!« hauchte das Mädchen und wollte entschlüpfen.

Eben rief die Kranke nach Anna, und das scheue Mädchen mußte nun doch bleiben. Langsam folgte er ihr an das Bett; ein Leuchten ging über das Gesicht der Alten, als sie erfuhr, wer der Besuch sei. »Gott grüß' Euch, Herr Schulmeister!« sagte sie eifrig und streckte ihm die gesunde Hand entgegen. »Ach, ist das doch schön von Euch, daß Ihr so arme Leut', wie wir sind, nicht verachtet, daß Ihr eine Kranke auch in ihrem Elend aufsucht! Ach, Herr Schulmeister, wenn ich höre, wie die gesunden Leute draußen sich das Leben mutwillig verderben, kann ich mich im Herzen bekümmern. Ach, wenn sie erst tagelang manchmal keinen Menschen um sich hätten, und dann wochenlang immer nur die gleichen Gesichter – ach, nachher würden sie bald friedfertig und herzensgut werden. – Aber ich schwätz' Euch die Ohren voll und lass' Euch gar nicht zu Wort kommen – nehmt mir's doch rechtschaffen nicht übel, Herr Schulmeister!«

»Ei, wo denkt Ihr hin?« sagte Fritz. »Ich sehe, Ihr seid in Eurer Einsamkeit wahrlich weiter gekommen als viele, die sich draußen ihres Lebens zu freuen meinen!«

»Ich seh', Herr Schulmeister, mein Nikele hat recht, wenn er Euch lobt«, sagte die Kranke mit freundlichem Lächeln. »Ihr macht's nicht wie so viele Leute, die da kommen, über einen 'neinfallen und wunder meinen, was sie können, wenn sie einen mit allen möglichen Trostgründen überhäufen. Trost brauche ich nicht, damit werde ich selber fertig, und kommen die schwachen Stunden, da das Herz verzagen will, dann hilft kein Menschentrost. Nein, damit ist's einem Kranken nicht gedient; ein freundliches Gesicht und Geduld, die einen auch zu Wort kommen läßt: das ist die rechte Wohltat! Herr Schulmeister, Ihr könnt fast so gut reden wie da mein herzliches Annele! – Ja, das Mädle, das ist mir ein wahrer Trost, ein wahrer Gottessegen!«

»Aber Bas', was macht Ihr doch?« rief Anna und verbarg ihr Gesicht in den Kissen.

»Laß nur, Kind! das darf alle Welt wissen, was du für eine Samariterseele bist, wie mein Nikele immer sagt. Ja, meine Leute tun, was sie können, und alle Nachbarn sind gar freundlich gegen mich, aber die Anne, ja, das ist eben die Anne.« – –

Leise legte Fritz das Päckchen Schokolade auf das Bett und sagte: »Ich habe Euch eine Kleinigkeit mitgebracht, Mutter Kunigunde – der Trank soll Euch gut tun, und die Anna wird wohl wissen, wie er zu bereiten ist. Ihr seid müde und angegriffen – ruhet jetzt. Ich werde Euch nicht vergessen und bald wiederkommen, saget das dem Nikele und grüßt Annedorle und die Kinder!« –

Rasch verließ er die Stube und das Haus. Er hörte, wie ihm Annedorle erstaunt nachrief, kehrte sich jedoch nicht um, sondern schritt rasch weiter. Ein herrlicher Abend folgte dem Gewitter, erfrischende Kühle lockte nach der Schwüle des Tages ins Freie.

Fritz schritt sinnend die Dorfstraße hinab in den Grund. Ein warmes Rot lag eben auf dem jenseitigen Stammberg, der ganz in Licht und Farbe getaucht war; die Fenster der Bergdörfer brannten in rotem Feuer. Die Sonne ward noch einmal völlig frei, neigte sich jedoch rasch zum Untergang. Süßer Abendfriede lag ausgegossen über die Welt. Fritz war bewegt; tief hatte ihn die Frömmigkeit des Litennikele erschüttert. Der arme Tagelöhner stand in der erhabenen Ruhe eines Weisen vor ihm, den nichts mehr überrascht, nichts erschreckt. Wie eine Erleuchtung war ihm aufgegangen: das ist jene innere Vollendung, jene volle Erfüllung des Lebens, nach der ich so lange vergebens suche; was ich sein möchte, der Alte ist es! Und nun quälte ihn der Zweifel: sollte wirklich nur der positive Glaube die innere Vollendung ermöglichen? Eine heiße Sehnsucht nach dem Paradies seines kindlichen Glaubens erwachte, neu wurde der Schmerz über ein verlornes Glück, dessen Wert er nicht zu schätzen gewußt, solange er es besaß.

Noch ein andrer Zwiespalt lag in seiner Seele. Er liebte Mathilde, gewiß; grade jetzt in stiller Abendstunde erwachte seine Sehnsucht nach ihr mit doppelter Stärke. Aber die ganze, ungeteilte Hingabe seines Wesens an das Mädchen – das war vorbei! Es war ein kaltes, dunkles Etwas zwischen ihn und sie getreten.

Und wunderlich: Mathildens Bild thronte nicht mehr allein in seinem herzen. Neben der stolzen, selbstbewußten Schönen stand ein bescheidenes, demütiges Mädchen! – Und wunderbar! der Gedanke an das einfache Bauernmädchen legte sich wie milder Abendschein in sein verdüstertes Gemüt. Mit Ruhe und Gleichmut blickte er in die Zukunft.

So hatte er talaufwärts die Stelle erreicht, wo der Windsberger Kirchstein die Chaussee schneidet und in kürzester Frist nach Bergheim führt.

In der Stube erwartete ihn Robert und schalt verdrießlich über sein langes Wegbleiben. Das Gespräch wendete sich sofort auf die Ereignisse der Pfingstnacht. Robert meinte: »Gefreut hat mich's, daß du den groben Bauern einmal gründlich die Wahrheit sagtest; aber in deiner Haut möchte ich auch nicht stecken! Herrje! Das ist ein Aufruhr in allen Dörfern drei Stunden im Umkreis; er könnte nicht größer sein, hättest du den Herzog selber auf offner Straße geprügelt!«

»Glaub's wohl!« lachte Fritz. »Und was wird über mich geredet?«

»Werde mich hüten, das wieder zu sagen! Heiliger Gott! in deiner Haut möchte ich nicht stecken! Aber – hör' einmal – du bist doch ein rechter Heimlichkeitskrämer. Hast du mir gar nichts von deiner Reise zu berichten?«

»Wohl mancherlei! – Das später, bin heute nicht in der Stimmung!«

»So! – nicht in der Stimmung! – Ei du Heuchler! Leugne nur nicht, gesteh's: wann ist Verlobung?«

»Bist du bei Trost?« rief Fritz ärgerlich. »Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß wir in Bergheim und Umgegend sehr genau wissen, warum der Herr Lehrer Friedrich Reinhardt die Bauernmädchen so gründlich verachtet! Ja, es ist dorfkundig, wie genannter Herr auf dem Bahnhof einem ›grausam fürnehmen‹ und ›mordsmäßig schönen‹ Fräln gar arg schön getan hat! Wagst du noch zu leugnen?«

»Ekelhafte Klatscherei!« fuhr Fritz auf. »Und von wem ging das Gewäsche aus?«

»Auch damit kann ich dienen. Die alte Botenkunnel war auf dem Bahnhof, als ihr nach Thüringen abreistet! Sie hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun, als nach ihrer Heimkunft Haus für Haus die Wundermäre zu berichten. – Darf man gratulieren? – Und wer ist die stolze Schöne?«

»So weit ist es noch nicht, aber dir will ich im Vertrauen gestehen, daß mir Fräulein Mathilde Werner allerdings nicht gleichgültig ist!«

»Hurra, hoch!« schrie Robert. »Gott sei Dank! Muß dir sagen, daß ich dir doch nicht traute – von wegen Fräulein Lina nämlich! Höre, ich hoffte Fräulein Lina bei dir oder wenigstens abends im Dorf zu treffen, und nun gießt es wieder wie mit Eimern! Hilf, rat! wo treffe ich das göttliche Mädchen?«

»Mußt sie eben suchen!«

»So hilf – komm mit!«

»Danke! Viel Vergnügen!« rief er dem verdrießlich Davoneilenden nach.

Fritz war einsam im dunkeln Zimmer, preßte die Stirn an die kalten Scheiben und lauschte dem rauschenden, klappernden Regen, den dann und wann ein plötzlicher Windstoß heftiger an die Schieferwand des Schulhauses warf. Aus dem engen, befriedeten Kreis seiner Berufstätigkeit war er herausgetreten, und schon regte sich allerorts eine Bewegung gegen ihn. Feindliche Mächte rüsteten sich, seine natürlichen Verbündeten fielen ab, selbst die Teilnahmlosen waren ihm nicht günstig gesinnt.

Er fand nicht sofort die nötige innere Geschlossenheit und Ruhe, aber das war ihm klar: zurück konnte und durfte er nicht. Wie es auch ausfallen, wie man ihn auch beurteilen mochte – er mußte durch! Ruhiger suchte er sein Lager – freilich Ruhe fand er nicht!

Um dieselbe Zeit war auch Anna allein im dunkeln Kämmerlein, preßte auch ihre Stirn an die Scheiben, und während draußen der Regen an ihnen niederströmt, benetzen sie innen ihre Tränen. Ja, Anna weinte und rang die Hände; der erste große Schmerz des Lebens drückte ihre Seele zu Boden.

Lange war das frische, schöne Mädchen wie träumend durch die Welt gegangen, wie viele Bursche sich auch um sie bemühten; keiner löste den in ihrem Herzen schlummernden, ahnungsvollen Zauber. Auch noch Fritz gegenüber blieb sie lange im unklaren über ihr Gefühl, obgleich er sogleich bei seinem ersten Erscheinen bedeutenden Eindruck auf sie machte. Erst jener Pfingstmorgen machte ihr zur süßen Gewißheit, daß sie ihn liebe.

Anna fragte nicht, ob ihre Liebe auch Erwiderung finde, das eigne Gefühl erfüllte ihre ganze Seele. Erst der Abend brachte diese Frage, ach – zugleich die schmerzliche Erkenntnis, daß Fritz ihr Empfinden nicht teile. Wohl durchzuckte sie ein heißer Schmerz, allein sie blieb gefaßt, glaubte sich stark genug, zu entsagen. Sie entsagte dem Besitz des Geliebten, aber sie wußte ihn frei, niemand stand zwischen ihr und ihm, und unbewußt klang durch all ihr Empfinden und Denken ein unausgesprochenes: Vielleicht!

Da kam die Botenkunnel mit ihrer Nachricht. Es war gut, daß sie erst nach vollbrachter Tagesarbeit den Herrnbauershof aussuchte, daß es bei ihrer Erzählung ziemlich dunkel in der Stube war und so niemand die heimliche Entfernung Annas bemerkte. Zum Glück hatte auch Margaret ein Stelldichein mit dem Beckenkarl verabredet; so konnte Anna in Einsamkeit und Stille den ersten Sturm des Schmerzes austoben lassen. Ach – jetzt, da Fritz wirklich für sie verloren war, jetzt empfand sie erst, was es heißt: entsagen! Nicht allein der Schmerz zerriß ihre Seele, oft auch kam dazu ein eifersüchtiger Zorn auf die Glückliche, die Fritz besitzen sollte. Aber all diese nächtlichen Schatten konnten nicht bleibend ihre Seele verdüstern; ihr Herz war zu mild und gütig, als daß ein Unmut bleibend darin hätte aufkommen können. Sie weinte sich aus und betete nur noch um Kraft und Stärke, ihr schweres Los zu tragen. – Ihre Blässe, die verweinten Augen entschuldigte sie am Morgen mit heftigem Kopfschmerz, niemand beachtete ihr verändertes, noch mehr nach innen gekehrtes Wesen, das schwermütige Lächeln, das so oft die feinen Lippen umspielte. Sie kämpfte hart und schwer, und noch stand ihr das schwerste bevor, das Wiedersehen.

Und sie sah ihn – wie treu und gut seine Worte klangen; wie er sich mit so herzlicher Teilnahme der Armen und Leidenden erbarmte! – Welches Glück, mit ihm vereint zu sein! – Anna rang die Hände, und ihre Tränen rieselten an den Scheiben nieder – vorbei! – vorbei für immer!

Zehntes Kapitel

Nach stürmischen Regentagen lachte heute zum erstenmal wieder die Sonne vom wolkenlosen Himmel auf die neu begrünte Erde. Auch die letzten Spuren der Regengüsse hatte der Wind wieder aufgetrunken, nur eine erfrischende, fruchtbare Kühle war geblieben und lockte hinaus in Wald und Feld. Schon lange hatte Fritz seinen Schülern einen Gang durch die Flur versprochen. Kurz entschlossen schrieb er an Pfarrer Walter und bat um die Erlaubnis, die auf heute angesetzten Unterrichtsstunden für Geographie und Naturgeschichte im Freien abhalten zu dürfen. Das Kind, das den Brief an den Pfarrer besorgte, brachte keine Antwort zurück. Fritz nahm das für stillschweigende Genehmigung seines Gesuches, versah sich mit einem guten Vorrat von Baumwachs und Bast, steckte seine Lupe und seinen Taschenkompaß zu sich, die Kinder nahmen ihre Schiefertafeln unter den Arm, und so ging es jubelnd hinaus, an den Ufern des Lindenbaches aufwärts in die Berge hinein.

Der Teich in tief ausgewaschner Schlucht oberhalb des Dorfes gab zuerst Veranlassung zu mancherlei geographischen und naturgeschichtlichen Erörterungen; ein Maulwurf in der Falle, ein verspäteter Maikäfer bot weiteres Unterrichtsmaterial. Die in waldiger Fichtenschlucht unter überhängenden moosigen Felsen hervorsprudelnden Quellen des Lindenbaches führten auf eine Schilderung des großen Wasserkreislaufes, und was gab es erst im Wald selbst zu sehen! Auf der waldfreien Ebene des Lindenberges machten sie halt. Tief zu ihren Füßen lag Bergheim, dem Lauf des Baches folgend, lang hingestreckt. Frei hob sich die Kirche aus den Baummassen, welche das Schloß und die Häuser fast versteckten. Wallende silbergraue Kornfelder, daneben noch tief saftgrüne Weizensaaten umschlossen das Dorf und die Obstgärten. Weiterhin schweifte der Blick hinab in den Werthagrund, der silberglänzende Bach war fast bis zu seinem Ursprung hoch droben im Gebirge zu verfolgen. Wie leuchteten die Augen der Kinder, als ihnen Fritz mit begeisterten Worten die Schönheit ihrer Heimat pries, ihnen so manchen Ort nannte, den sie aus der Geographiestunde schon kannten und nun mit hellem Jubel begrüßten.

Gut verstanden bereits die Kinder das Geheimnis der Magnetnadel; eben gingen die größeren Knaben daran, mit ihrer Hilfe die vier Himmelsgegenden zu bestimmen, als plötzlich Pfarrer Walter aus den seitlichen Büschen trat. Mit stummem Gruß schritt er durch die erschrockenen Kinder zu Fritz, lüftete den Zylinder und sagte: »Herr – was soll das heißen? Wie können Sie wagen, ohne Erlaubnis die Schule zu verlassen?«

»Herr Pfarrer,« sagte Reinhardt, peinlich betroffen, »ich habe schriftlich um Erlaubnis zu diesem Ausflug nachgesucht und glaubte Ihr Schweigen als Gewährung auffassen zu dürfen.«

Der Pfarrer schlug die Augen zu Boden und sagte: »Sie werden mit den Kindern sofort in die Schule zurückkehren und die Versäumnis noch heute durch entsprechende Verlängerung des Unterrichts nachholen.«

Fritz drängte die ihm auf den Lippen schwebende Antwort zurück, kommandierte die Kinder zum Ordnen, und als sie ihn betroffen anschauten, sagte er: »Der Herr Pfarrer wünscht, wir sollen in die Schule zurückkehren. Damit ihr Buben jedoch eure Messer nicht umsonst geschärft habt, kommt Nachmittag nach der Schule zu mir, wir werden dann eine Hecke finden, daran wir das Veredeln der Obstbäume üben können. Achtung, Schritt gehalten, durch das Dorf singt ihr euer Turnlied! – Achtung – marsch!«

»Herr Lehrer!« rief der Pfarrer. Allein das Geräusch vieler Schritte übertönte seine Stimme, und ohne sich nach seinem Vorgesetzten umzublicken, eilte Reinhardt an der Spitze seiner Schülerschar den Berg hinab, mit Gesang durchs Dorf.

Pfarrer Walter kam ihnen auf näheren Wegen zuvor, Fritz traf ihn im Schullokal seiner wartend. Noch während sich die Kinder auf ihre Plätze begaben, begann er: »Wie gesagt, dieser Unfug muß ein Ende nehmen, ich werde es mir zur besonderen Aufgabe machen, die Ordnung in dieser Schule wiederherzustellen.«

»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Pfarrer, ich habe Sie schon auf dem Berge sehr gut verstanden!« unterbrach ihn Fritz. »Wenn ich dort eine Antwort unterdrückte, geschah es nur, um Erörterungen vor den Kindern zu vermeiden. Die »versäumte« Zeit werde ich sogleich heute pünktlichst nachholen, auch in Zukunft Spaziergänge unterlassen, obgleich die neuere Pädagogik großen Wert auf solche Ausflüge legt, der dadurch gewonnenen unmittelbaren Anschauungen willen.«

Ein Konvolut Papiere aus der Brusttasche ziehend und verächtlich auf den Tisch werfend, fuhr Walter fort: »Hier die von Ihnen eingereichten Lektions- und Stundenpläne zurück! Begreife nicht, wie Sie mir mit solchem Machwerk unter die Augen zu treten wagen können! Theoretische Hirngespinste ohne Berücksichtigung der realen Verhältnisse, abgesehen davon, daß grade das eine, was unsrer Zeit so not tut, fast ganz übergangen ist. Natürlich sind sämtliche Pläne verworfen.«

»Herr Pfarrer, die Lektions- und Stundenpläne sind auf Grund unsres Schulgesetzes entworfen!«

»Gesetz – pah! Sie wissen, Ihre Arbeit ist als untauglich verworfen.«

»Ich werde Berufung beim Kirchen- und Schulamt einlegen.«

»Tun Sie das!« rief Walter. »Soll mir lieb sein, wenn Ihnen von dem Hochehrwürdigsten Herrn Superintendenten die Augen über Ihre – Torheit geöffnet werden. Das Kirchen- und Schulamt hat bereits durch Herrn Superintendent Einsicht in Ihre Arbeiten genommen und mich zur Ablehnung aufgefordert! – Um Störungen im Unterrichtsgang zu vermeiden, habe ich Ihnen selbst Lektions- und Stundenpläne ausgearbeitet; sie werden von heute an in Ihrer Schule in Wirksamkeit treten!«

Fritz überflog die dargereichten Papiere, mit zitternder Hand legte er sie auf den Tisch. »Ist es Ihr Ernst, daß ich danach unterrichten soll?«

»Wie können Sie sich unterstehen? Diese Frage –«

»Sie weisen mich ab? – Gut denn! – ich werde Ihnen neue Pläne vorlegen – Ihre Forderungen und Ordnungen sind ganz unannehmbar!«

»Was ist das? – Sie wagen, sich Ihrer Behörde offen zu widersetzen? – hüten Sie sich! – Um Ihnen jede Ausflucht im voraus abzuschneiden, teile ich Ihnen mit, daß dieses Reglement unter den Augen des Hochehrwürdigsten Herrn Superintendent entstanden ist und in allen Teilen gutgeheißen wurde!«

»Auch das noch? – Aber sei's drum! Dennoch bleibe ich bei meinem Protest! Ich kann die von Ihnen aufgestellten Bestimmungen nicht annehmen; Ihre Ordnungen sind gegen das Gesetz. Die Hälfte sämtlicher Lehrstunden haben Sie dem Religionsunterricht oder ihm allein dienenden Disziplinen zugewiesen; hierbei kann weder ich noch die Schule bestehen. Mein Gewissen verbietet mir, Herr Pfarrer, den Staat, die Eltern und Kinder in ihren Rechten zu verkürzen, die das Gesetz verbürgt. Niemals kann ich mit diesem Stundenplan das gesetzlich bestimmte Lehrziel erreichen. – Sobald als möglich werde ich Ihnen neue kurz und einfach gehaltene Entwürfe vorlegen; die Ihrigen kann ich nicht annehmen!«

»Ihr letztes Wort?« fragte Walter, nur eine Sekunde die Augenlider hebend.

»In Gottes Namen, ja!«

»Ich will nicht antworten, wie Sie es verdienen. Zwei Tage gebe ich Ihnen Bedenkzeit, dann werde ich Entscheidung fordern und – bleiben Sie auf Ihrem Sinn, was ich nicht hoffe! – wenn auch mit schwerem Herzen tun, was Pflicht und Gewissen von mir fordern!«

Fritz verneigte sich schweigend. Staunend blickten die Kinder auf die Streitenden. Solchen Auftritt hatte wohl die Schule noch nicht gesehen. Walter ging mit gesenktem Kopf heftig auf und ab. Ohne seinen Gang zu unterbrechen, sagte er: »Sie haben nicht für nötig befunden, meinen Auftrag, Schulkinder vom Tanzplatz fernzuhalten, zu beachten. Leider geschah, was ich befürchtete, viele Schüler wurden auf diesem Sündenpfuhl gesehen; Sie werden in meiner Gegenwart die Schuldigen exemplarisch bestrafen!«

Reinhardt schoß das Blut ins Gesicht.

»Auf Befehl erteile ich keine körperliche Züchtigung, die Schule ist keine Strafanstalt!«

»Herr – glauben Sie, daß meine Geduld unendlich sei? – Erfüllen Sie Ihre Pflicht!«

»Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer! Ich bin sehr vorsichtig in der Erteilung von körperlicher Züchtigung, auch ist mir noch sehr gut in Erinnerung, wie Sie vor vier Wochen die Mutter des Kasper Scheler unterstützten, als sie wegen einer Züchtigung, die ich notgedrungen über ihren boshaften Schlingel verhängte, Klage bei Ihnen führte. Jene Demütigung, die Sie mir bereiteten, soll mir eine Warnung sein! – Züchtigen Sie selbst, wenn Sie es für durchaus notwendig halten! Wollen Sie jedoch die Sünder bloß zum Nachsitzen verurteilen, bin ich gern bereit, sie durch Strafarbeiten zu beschäftigen und während der Strafzeit zu beaufsichtigen – mehr kann ich nicht tun!«

Walter rannte wieder auf und ab, plötzlich ergriff er seinen Hut, sagte mit zuckenden Lippen: »Gut! Lassen Sie die Schuldigen eine Stunde nachsitzen und ein Gesangbuchlied auswendig lernen. Mögen Sie diesen Tag nie bereuen! Adieu!«

Fritz war allein. An eine Fortsetzung des Unterrichts war nicht zu denken, seine Erregung und Bestürzung, sein Zorn war allzu groß. Was hatte er sich bieten lassen müssen! Dort lagen seine Hefte, die Früchte jahrelanger Arbeit – dort lagen sie, vernichtet, mehr noch: verhöhnt! – Und was nun? – Fritz atmete tief auf. Einen Entschluß hatte er gefaßt, verhängnisvoll, ungewiß im Ausgang, allein ihm blieb nur die Wahl: entweder dies – oder Unterwerfung!

Längst war die Schulzeit vorüber; Fritz verschob den angekündigten Spaziergang, entließ seine Kinder, bezeichnete den Arrestanten ein Lied zum Auswendiglernen, und während sie abwechselnd heulend und leise murmelnd die Strophen ihrem Gedächtnis einzuprägen suchten, verfaßte Fritz ein Schreiben an das Staatsministerium. Nach einfachem Bericht über die heutigen Vorgänge bat er um Prüfung der eignen, vom Pfarrer verworfenen Pläne und begründete kurz, warum er die – ebenfalls beigeschlossenen – Entwürfe des Lokalschulinspektors nicht annehmen könne und bat um baldige Entscheidung. Eben siegelte er den Brief, als der Postbote eintraf. Mit klopfendem Herzen sah Fritz dem Mann nach – er trug sein Schicksal in der schwarzen Ledertasche.

Ein trauriger Nachmittag folgte diesen Aufregungen; Stunde um Stunde legte neue Lasten von Sorgen und Zweifeln auf seine Seele. Keine Arbeit erfreute, selbst die Musik erheiterte ihn nicht. Endlos dehnte sich der Tag, dennoch wurde ihm die kurze Sommernacht, die er schlaflos verbrachte, noch länger.

Gleich bei seinem Eintritt in die Schule empfand er die Wirkungen der gestrigen Vorgänge. Der Gruß der Kinder war nicht so offen und freudig als sonst, die Söhne mehrerer besonders eifriger Anhänger des Pfarrers hielten es kaum der Mühe wert, von ihren Plätzen aufzustehen. Auch die Aufgaben waren liederlich gearbeitet, die Aufmerksamkeit gering, vor allem befleißigte sich der böse Geist der Schule, der schon genannte Kasper Scheler, einer demonstrativen Rüpelhaftigkeit, und sein Beispiel wirkte ansteckend. Da alle Bitten, Ermahnungen, Drohungen wirkungslos abglitten, steckte Fritz den Störenfried vor die Tür und verkündigte ihm, daß er nach Schluß der Schule eine Stunde nachsitzen werde. Damit war die Ordnung hergestellt. Als Fritz nach einer Viertelstunde den Missetäter in das Klassenzimmer zurückrief, betrug er sich musterhaft.

So gern er gewollt hätte, das Nachsitzen glaubte Fritz dem Sünder doch nicht erlassen zu dürfen. Ein lautes Heulen, das die Dorfgasse herunterkam, erregte seine Aufmerksamkeit. Das Heulen kam naher, die Schultür wurde aufgerissen und des Knaben Mutter, die Schelerschristel, stürzte heulend und schimpfend herein. Fluchend stürmte sie auf Fritz ein: wie er wagen könne, ihren Jungen, weil er arm sei, also zu mißhandeln! Aber sie wolle ihm das Handwerk legen, gleich laufe sie zum Pfarrer, der werde wohl mit ihm fertig werden. Und sie lasse ihren Kasper ein für allemal nicht mehr brummen, jetzt im Augenblick müsse er mit ihr nach Haus! – Fritz war vor Überraschung sprachlos; er sprang auf und verlangte, sie solle sofort das Zimmer verlassen, oder er mache Gebrauch von seinem Hausrecht. Eine Flut der gemeinsten Flüche und Schimpfreden war die Antwort. Fritz schwoll die Stirnader, ohne Entgegnung faßte er die Widerstrebende und führte sie aus der Tür. Mit Gewalt jedoch drang das Weibsbild abermals in das Schullokal, unter wilden Verwünschungen und Bedrohen des Lehrers riß sie Kasper aus der Bank. Als sie trotzdem noch immer fortlärmte, gab Reinhardt dem Knaben einen Wink sich zu entfernen, den der Schlingel eilfertig befolgte, dann aber packte er die Wütende am Arm und schob sie zur Haustüre hinaus, die er hinter ihr verschloß. In sinnloser Wut schmähte die Schelerschristel auf dem Heimweg den Lehrer, wohl alle drei Schritte kehrte sie sich um und hob drohend die Faust gegen die Schule.

Fritz zitterte vor Zorn und Erregung, lange konnte er sich nicht fassen. Als er sich notdürftig gesammelt, begann er einen Bericht des Vorfalls an die Lokalschulinspektion, verlangte Schutz vor ähnlichen Roheiten und exemplarische Bestrafung der Scheler. Kaum war das Schreiben vollendet, als ihm die Pfarrmagd den schriftlichen Befehl des Pfarrers überbrachte, sogleich vor der Lokalschulinspektion zu erscheinen. Fritz knirschte!

In der Studierstube des Geistlichen traf er wirklich die heulende Schelerschristel. Sie wollte auffahren, Walter winkte ihr, zu schweigen. Ehe er jedoch selbst die Verhandlung beginnen konnte, überreichte ihm Fritz den Bericht und sagte: »Ich bitte, Herr Pfarrer, das sogleich zu lesen.« Walter öffnete zögernd das Papier, überlief es rasch, faltete es zusammen und warf es auf den mit Büchern und Schriften bedeckten Tisch inmitten der Stube.

»Ich muß mich in der Tat sehr über Sie wundern, Herr Lokalschulinspektor!« sagte Fritz, dessen Augen blitzten, indem er hoch aufgerichtet einen Schritt naher trat. »Sie scheinen wirklich zu vergessen, daß Sie zwar mein Vorgesetzter, nicht aber mein Herr sind! Ich bestehe auf meinem schriftlich eingereichten Strafantrag und verlange von Ihnen, daß Sie unverzüglich die nötigen Verhandlungen mit dem Schulamt einleiten. – Haben Sie mir sonst etwas mitzuteilen?«

»Nein!«

»Erlauben Sie mir nur noch ein Wort zu dieser!« sagte Fritz, und sich zur sehr erschrocken dreinsehenden Scheler wendend, fuhr er fort: »Merken Sie auf, Scheler! Sie haben mich in meiner Wohnung gröblich beschimpft, sogar tätlich bedroht; Sie haben meiner Aufforderung, das Haus zu verlassen, nicht Folge gegeben, ja, Sie sind, als ich Sie aus dem Zimmer entfernte, gewaltsam wieder in dasselbe eingedrungen: das ist Hausfriedensbruch! Lassen Sie sich vom Herrn Pfarrer sagen, welche Strafe auf Hausfriedensbruch gesetzt ist! Und nun geben Sie acht: wenn Sie binnen einer halben Stunde mir in meiner Wohnung vor Zeugen nicht Abbitte geleistet haben, so geht noch heute eine Klage gegen Sie auf Hausfriedensbruch an das Justizamt ab. Natürlich steht diese zweite Klage mit der hier beim Herrn Pfarrer niedergelegten in gar keiner Verbindung. Haben Sie mich verstanden?« Mit stummem Gruß verließ er das Zimmer.

Bald kam die Schelerschristel – allerdings viel langsamer als vorhin – das Dorf herab. Eben gingen der Lichtennikele, der Beckenjörg und der Schreinerspaule vorüber, Fritz bat sie, einen Augenblick einzutreten, seiner Verhandlung mit der Scheler als Zeugen anzuwohnen. Groß war das Staunen der Männer, als gleich danach die im Dorf wegen ihrer Wildheit gefürchtete Scheler, von der man wußte, daß sie eben erst den Lehrer beim Pfarrer verklagt hatte, scheu und demütig in die Stube schlich, weinend dem Lehrer die Hand bot und wehmütig um Verzeihung bat. »Gut, Scheler!« sagte Fritz. »Nachdem Ihr gezeigt, daß Ihr Euer Unrecht einseht, soll es auch meinerseits vergessen sein. Wie ich Euch versprochen habe, unterbleibt nun die Klage wegen Hausfriedensbruch. – So, nun geht und überlegt künftig besser, was Ihr tut!«

Allein die Scheler mußte noch etwas auf dem Herzen haben. Zögernd brachte sie Reinhardts Schreiben unter der Schürze hervor und sagte: »Der Herr Pfarrer meinte, wenn ich Euch um Verzeihung bitte, sei Euch genug getan, und Ihr solltet auch das zurücknehmen!«

Einen Augenblick sann Reinhardt nach, dann sagte er lebhaft: »Nein, Scheler, das kann ich nicht! Was Ihr mir, dem Fritz Reinhardt, angetan, das habe ich verziehen, die Beleidigung, die Ihr dem Lehrer Reinhardt zugefügt, die muß bestraft werden. Ich will Euch sagen, Scheler, was Euch den Kopf verdrehte. Ihr hörtet gestern von Eurem Kasper, daß sich der Herr Pfarrer in der Schule mit mir gezankt. Nun meinet Ihr, mit mir sei es aus, und Ihr könntet mit mir umspringen, wie es Euch beliebt. – Entgegnet nichts, ich weiß, es ist so; ich weiß auch, es denken noch mehr wie Ihr. Aber das war falsch gerechnet, Ihr werdet es bald bitter spüren. So – geht jetzt, tragt das Schreiben wieder zum Herrn Pfarrer und sagt ihm: ich bestände auf meinem Strafantrag!«

Laut weinend rang die Scheler die Hände: »Herr Schulmeister, seid barmherzig!« rief sie. »Denkt an meine Armut! Vor Gott und nach Gott bitt' ich Euch, bringt mich nicht ins Elend!«

»Ihr tut mir leid, Scheler, aber helfen kann ich nicht!« sagte Fritz, gewaltsam sein Gefühl bezwingend. »Ihr wißt nicht, was Ihr getan habt! Alle Zucht und Ordnung in der Schule habt Ihr über den Haufen geworfen, da Ihr Euren Kasper mit Gewalt aus der Schule risset. Ihr dauert mich herzlich, Christel, aber der Schule muß ihr Recht werden, darum tragt nur sogleich mein Schreiben zum Herrn Pfarrer zurück und sagt ihm, ich bestände auf meinem Strafantrag. – So, geht jetzt, Christel, wir haben nichts mehr zu verhandeln!«

Die Männer machten große Augen; der Beckenbauer und der Schreinerspaule waren offenbar in Verlegenheit – waren sie wirklich bloß Zeugen, oder wollte der Lehrer zugleich ihnen eine Lehre geben? Fritz ahnte, was in ihnen vorging, und konnte sich eines leisen Lächelns nicht enthalten, als sie um vieles höflicher als beim Eintritt das Zimmer verließen. Der Lichtennikele allein blieb unbefangen, drückte ihm herzhaft die Hand und sagte: »So ist's gut! drückt nur herzhaft durch, da wird das Geschwätz im Dorf gleich ein Ende haben. Und der Christel ist's nur gesund, wird ihr einmal gezeigt, daß sie unrechtes Heu 'runtergeworfen hat. Das ist gar ein meisterloses Weibsbild, fragt weder nach Gott, noch nach dem Teufel! Habt's recht gemacht, muß Euch loben! – Ja, und was habt Ihr doch mit Eurer Schokelohr bei meiner Alten und den Kindern gestern für eine Herrlichkeit angerichtet – o lieber Gott, Herr Schulmeister, so was kommt ja im ewigen Leben nicht an unsereins! – Habt meine gute Alte recht erquickt! Alle Tage reden wir von Euch, Herr Schulmeister! – Kommt ja bald einmal wieder zu uns!«

Am nächsten Morgen betrat Fritz mit Herzklopfen seine Schule; er wußte, daß ihn Walter dort bereits erwartete, um vor den Kindern seine Demütigung zu vollenden. Ein heftiger Zorn quoll in ihm auf, doch nur einen Augenblick behielt die Leidenschaft in ihm die Übermacht. – Schon um seiner Kinder willen durfte er sich nicht fortreißen lassen, es galt, sich mit Ruhe und Geduld wappnen!

Langsam trat er in das Lehrzimmer, mit kalter Höflichkeit begrüßte er den Pfarrer, der mit leichtem Kopfnicken dankte, ohne von den Aufsatzbüchern der Schüler, die er prüfte, aufzublicken. Ohne sich nun seinerseits weiter um den Besucher zu kümmern, ließ Fritz einen Gesangbuchvers singen, das Morgengebet sprechen und wollte den Unterricht beginnen, als Walter sagte: »Bestehen Sie noch immer auf Bestrafung der Scheler?«

»Gewiß! – Das Interesse der Schule erfordert, daß diese eigenmächtige Durchbrechung der Schulordnung bestraft wird. Haben Sie sonst einen Auftrag für mich?«

Walter biß sich die Lippen. »Ich richte nochmals die Frage an Sie: Wollen Sie sich meinen Anordnungen in allen Stücken unweigerlich fügen, von heute an meine Pläne Ihrem Unterricht zugrunde legen?«

Reinhardt atmete tief, sein Herz schlug fast hörbar. Langsam sagte er: »Sie stellen eine Doppelfrage, Herr Pfarrer. Auf den ersten Teil entgegne ich: ja, soweit sie sich mit den bestehenden Gesetzen und mit meiner Ehre vereinbaren lassen; für Ihre zweite Frage habe ich, wie schon vorgestern, nur ein ›Nein!‹«

Eine jähe Röte schoß in Walters Gesicht, die ebenso schnell einer tiefen Blässe wich. Einen Augenblick standen sich die Gegner schweigend gegenüber. Auch die Kinder waren bleich geworden und wagten kaum zu atmen; eine beängstigende Stille lag auf dem menschenvollen Raum. Mit Gewalt sich bezwingend, schlug Walter die Augen zu Boden und faltete die Hände auf der Brust. »Ihr letztes Wort?«

»Mein letztes!«

Ein blitzgleicher Augenaufschlag, dann eilte der Pfarrer wortlos nach der Schultüre, an welcher der Stundenplan angeschlagen war. Reinhardt erriet seine Absicht, leise sagte er: »Halten Sie ein, Herr Pfarrer! Da ich nach Ihren eignen Worten bei der Ephorie auf eine Berücksichtigung meiner Beschwerden nicht rechnen durfte, wendete ich mich an Hohes Staatsministerium. Sämtliche Entwürfe – auch die Ihrigen – habe ich der hohen Behörde zur Begutachtung eingesendet – warten Sie, ehe Sie weitere Schritte unternehmen, die Entscheidung ab!«

Walter hatte eben die Hand nach dem Stundenplan ausgestreckt, langsam ließ er sie sinken, neigte den Kopf auf die Brust, dann verließ er plötzlich ohne Gruß, ohne sich noch einmal nach dem Lehrer oder den Kindern umzukehren, hastig die Schule.

– – – Etwa acht Tage nach der letzten Scene schickte Pfarrer Walter Reinhardts Entwürfe und Stundenpläne – genehmigt – zurück. Beigelegt war ein Schreiben des Schulamtes, welches dem Lehrer Reinhardt mitteilte, daß die Christiane Scheler auf seine Klage zu vier Tagen Gefängnis verurteilt sei. Seufzend befestigte Fritz den Stundenplan mit des Pfarrers Unterschrift an der Schultüre.

Elftes Kapitel

Durch das Blätterwerk der Monatsrosen- und Veilchenstöcke, die in den Fenstern blühten, fiel der rote Abendschein ins Zimmer und spielte auf dem Gesicht des Mannes, der sinnend vor sich niederblickte und gedankenvoll mit den Fingern auf dem Tisch trommelte.

Die Stube war groß, hell und sauber; die blau gemalten Wände schmückten außer dem Spiegel noch einige schlechte Lithographien und nicht viel bessere Photographien. Um den viereckigen, weit in die Stube vorspringenden, eisernen Ofen liefen, wie auch rings um die Wände, einfache Holzbänke; trotz der Sommerwärme prasselte ein tüchtiges Feuer im Ofen, und aus den beiden dickbauchigen Ofenblasen stieg der Wasserdampf in kleinen Wölkchen empor. Der Raum zwischen Ofen und Wand bis zur Stubentür – die Hell! – war mit alten Jacken, Westen, Röcken, Schürzen und Tüchern vollgehängt, der Boden mit Schuhen und Stiefeln bedeckt. Links neben der Stubentür tickte in einem Holzkasten die alte, verräucherte Schwarzwälder Uhr. Rechts von der Stubentür reichte ein schmaler, geschwärzter Wandschrank von dem Boden bis zur Decke; der offene, von Säulen getragene Zwischenraum in der Mitte zeigte ein glänzendes, zinnernes Waschbecken, darüber in der Rückwand befestigt ein ebenfalls zinnernes Wassergefäß mit zierlichem Hahn. Neben diesem altertümlichen Möbel stand ein modernes, umfängliches Pianoforte an der Wand, mit Büchern und Notenheften bedeckt. Darüber an der Wand hing eine Violine. Der Stubentür gegenüber in der Ecke stand der große Familientisch, von Holzbänken und Schemeln umgeben, die andere Ecke füllten ein neumodisches Sofa, ein lackierter Tisch, gepolsterte Stühle und ein großer, lederbeschlagener Sorgenstuhl mit beweglicher Rücklehne.

Diese wunderlich zwischen Altem und Neuem schwankende Einrichtung kennzeichnet nicht allein den Bewohner, sondern auch die Zeit. Man sieht, der Bauer ist auf dem Weg, sich zum »Ökonomen«, zum »Herrn« heranzubilden; zwar ist noch keine besondere Gesindestube eingerichtet, aber doch schon ein besonderer Raum ausschließlich für die Bequemlichkeit der Herrnfamilie möbliert.

Das Abendessen war vorüber, die Mägde spülten und räumten in der Küche, die Knechte vollendeten die Tagesarbeit in Stall und Scheune, die Kinder waren »ins Dorf« zu ihren Kameraden. Der Jockenhannes saß allein hinter dem Familientisch, vor ihm lag unbeachtet die Dorfzeitung, sinnend blickte er vor sich hin, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und nickte öfter leise mit dem Kopf. Eben tänzelte Lina sauber und nett gekleidet durch die Stube; sie warf ihr Strickzeug auf das Kanapee und kramte in den Büchern und Notenheften. Wohlgefällig ruhten die Blicke des Vaters auf seiner Tochter, und ein leises Lächeln stieg in sein Gesicht. Vergnüglich knurrte er vor sich hin, endlich meinte er: »Doch ein verfluchter Racker!«

»Wen lobt Ihr da wieder?« kicherte Lina.

»Frag' auch!« sagte der Jockenhannes und trommelte stärker. »Die ganze Welt ist von ihm voll!«

»Ja freilich! Die Schelerschristel! – Ihr Maul ist schlimmer wie eine Zeitung!«

»Die soll sich in acht nehmen!«

»Meint Ihr, er zwingt die? – Da seid Ihr garstig auf dem Holzweg!«

»Das Brummen im Loch hat schon manchen zahm gemacht!«

»Wenn das Euer Ernst ist, könnt' ich beinah' selber vor dem Reinhardt Respekt kriegen. – An die Schelerschristel habt nicht einmal Ihr Euch getraut!«

»Nu – nu!« brummte Hannes, dem eine leichte Röte ins Gesicht gestiegen war. »Bin keiner, der ins Feuer schlägt, wenn's nichts zu holen gibt als verbrannte Finger – sonst fürchte ich mich auch grad nicht, solltest das wissen. Aber der Reinhardt hat mehr Schneid, als ich ihm zugetraut. Himmelschwenselens!« rief er, die Hände reibend. »Die Brummochsen, die Jesuiter, wie sie sich krümmen, was sie für Gesichter schneiden! Vergiften, erwürgen möchten sie den Reinhardt, wenn sie nur könnten! Und nun gar erst die Himmelhunde, die Pfaffen! Muß sagen, so hat mich lang' nichts gekitzelt, wie der Streich gegen die Schwarzkittel! Wer weiß, was gäb' ich drum, hätt' ich das Gesicht von unserm Augendreher und Kanzelschreier sehen können, wie ihm der Schulmeister sagt: Halt, Pfarrer, Hand von der Butter, der Stundenplan bleibt an der Tür, bis das Ministerium gesprochen! – Potz Blitz und Hagel und alle Schwerenot! und das Ministerium macht richtig das Kraut fett; wie sich auch das Herrgottsschaf krümmt, er muß selber unter das Papier sein: ›Genehmigt, Walter, Pfarrer!‹ schreiben! – O Tausendmillion, mag das den Pfarrer gewürgt haben, bis er die drei Wörtle fertig bringt! Herrgottsakra! Ich könnt' laut in die Welt hinausschreien: endlich einmal hat der Pfaff' unrechtes Heu erwischt! Solch eine Freud' ist mir lang' nicht passiert!«

»Ihr macht auch das Aufhebens gar zu groß!«

»Du redest, wie du's verstehst! Ich sag' dir, Mädle, das ist ein Schlag für die Pfaffen, den sie lange nicht verwinden werden!«

»Geht mir doch mit Eurem Gerede!« sagte Lina leichtfertig. »Was habt Ihr und der Wagnerspaule und der Simesschuster nicht schon gegen die Pfaffen gestürmt. Und was habt ihr ausgerichtet? – Nichts, weniger wie nichts! Die Pfaffen verlachen euch, unsrer macht euch alle Sonntag auf der Kanzel schlecht, daß kein Hund mehr ein Stück Brot von euch nimmt; und je ärger ihr im Wirtshaus lästert, desto fester knebelt er euch und das ganze Dorf. Geht mir weg mit eurem großartigen Getu', wenn ihr's doch zu nichts bringt! – Sagen muß ich schon, der Reinhardt ist ein ganz andrer Kerl; er allein richtet mehr aus, wie Ihr und Euer ganzer Anhang – hätt' beinah' gesagt – Lumpenanhang! Ein dummer Narr ist er deswegen doch, wie blind und toll rennt er in sein Unglück, wo er es so gut haben könnte. Hat er auch jetzt den Pfarrer aufs Maul geschlagen, wie lang' wird die Herrlichkeit dauern? Ein andermal geht's anders, und kriegt der Pfarrer nur halbweg Oberwasser, darf er sein Bündele packen, dann hat er in Bergheim ausgelehrt!«

»Oha!« knurrte Hannes. »So geschwind geht das nicht, die Zeiten sind vorbei, wo die Pfaffen machen konnten, was sie wollten! Andere Zeiten jetzt – und andere Leute, Line! Der Pfarrer wird sich nicht an den Schulmeister wagen!«

»Werdet Ihr ihn hindern?« spottete das Mädchen. »Geht mir doch! Ja – wenn durch Schimpfen im Wirtshaus die Welt umgekehrt würde, dann wäret Ihr schon lange obendrauf, aber wie's einmal ist, wird's trotz Euch immer gehen, wie's gehen soll. Wundert mich, daß Ihr solchen Sperrangel erhebt über den Schulmeister. Solltet still sein und Euch schämen, daß solch Bürschle Euch übertrifft.«

Hannes lachte und trommelte einen lustigen Marsch. »Hab' dich ausreden lassen, weil mir's spaßig ist, wie du dich da ereiferst. Ist recht so; zeigst's, bist die Jockenline! Hergegen was deine Reden betrifft, sind sie eben ein neuer Beweis: je langer die Haare, desto kürzer der Verstand! Huschelbuschel! – brennt's? – Nur stet, Mädle; bist du die Jockenline, bin ich der Jockenhannes! vergiß das nicht! – Komm jetzt, setz' dich zu mir, hab' mit dir zu reden!«

»So tut's! Ich hör' auch von da aus, meine Ohren sind gut!«

»Deine nicht allein im Haus! Komm – will dir sagen, was dir Freude machen soll!«

Lina warf schmollend die Notenhefte auf das Pianoforte zurück, holte ihr Strickzeug, setzte sich neben den Vater, der sich seine lange Pfeife anbrannte, und fragte: »Was soll's?«

»Sollst einsehen, wie unrecht du deinem Vater getan. – Warum spielst nimmer mit dem Schulmeister? Warst doch sonst wie versessen darauf.«

Lina beugte den Kopf und zählte die Maschen ab, um ihr Erröten zu verbergen; als sie aufblickte, waren ihre Lippen verdrießlich aufgeworfen. Leichtfertig sagte sie: »Was Ihr Euch doch einbildet! – Ist einfach! Ich mag eben nimmer! Was kümmert's Euch?«

»Mehr als du denkst! Ich dachte, du würdest ihn durch das Spiel an dich ziehen.«

»Den?« rief Lina, und ihre Lippen zuckten spöttisch.

»Und warum denn nicht? Brauchst dich seines Umgangs nicht zu schämen.«

»Das ist ein Hochmutsnarr!« platzte Lina zornig heraus. »Die Bauernmädle sind ihm nicht gut genug, braucht eine ›Gebildete‹, eine, die er einmal mit Handschuhen, Hut und Schleier aufs Feld schickt!«

»Muß dich nicht schlecht haben ablaufen lassen, der Schulmeister! Ja, 's ist ein verfluchter Kerl!« sagte Hannes und lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen. Lina blitzte ihn zornig an und wollte aufspringen, Hannes hielt sie zurück. »Hab's ich's getroffen? – Nu, nu! tu' nur nicht so wild! Hätt' nicht gedacht, daß du dich vor solch elendem, seidnem Lümple fürchtest! Was? Und wenn er zehnmal nach einer Gebildeten und Fürnehmen trachtet, brauchst du dich deswegen zu verkriechen? Bist du nicht auch gebildet? Kannst du nicht alle Tage Handschuhe, Hut und Schleier tragen, wenn du willst? Vor allem: bist du nicht die Jockenline? Hm! hätt' nicht gedacht, daß du ein begonnen' Spiel so leicht aufgibst – ist nicht meine Art!«

Lina war wie mit Blut übergossen. »Wer sagt, daß ich ernstlich gewollt hab'? – Ich bin nicht auf das Glück versessen, Schulmeisterin zu werden!«

»Ist recht – ist mir aus der Seel' geredet!« nickte Hannes. »Will's ja auch glauben, obgleich du vor Pfingsten anders gedacht hast. – Wunderliches Ding! muß denn auch gleich ans Heiraten gedacht werden?«

Lina blickte überrascht zum Vater auf; Hannes legte ihr die Hand auf die Schulter und fuhr leise fort: »Merk' auf! Du wirst noch einmal einsehen, daß ich in den Lärm mit den Brummochsen nicht vergeblich angefangen habe – dein und deiner Geschwister Schaden soll's nicht sein, damit begnüg' dich einstweilen. Um aber meine Absichten zu erreichen, ist's dringend nötig, den Reinhardt auf meiner Seite zu haben. Drum will ich, daß du ihn an dich ziehst, bis – nu, bis ich ihn in den Händen habe, du verstehst mich schon, dann will ich sorgen, daß du wieder völlig freie Hand kriegst – wenn du eben willst. – Kann ich mich auf dich verlassen?«

Lina hatte längst ihren Unmut vergessen, gespannt sah sie dem Vater ins Auge; plötzlich rief sie: »Vater, es gilt! – Aber,« setzte sie plötzlich wieder nachdenklich hinzu, »wenn ich ihn auf Eure Seite bringe, bleibt's doch dabei, daß ich völlig freie Hand hab', ihn zu behalten oder abzuweisen?«

»Völlig!« rief Hannes erfreut. »Meine Hand darauf! – Abgemacht, nicht? – Nun sollst du auch weiter erfahren, daß dein Vater nicht bloß im Wirtshaus Lärm schlägt, sondern recht gut weiß, was er will. Sieh – der ansehnlichste und reichste Bursch nicht bloß in Bergheim ist der Beckenkarl, hat mich nun lang' gewurmt, daß der Aff' wie toll vernarrt ist in die Herrnbauersmargaret. Freilich, dumm ist der Karl nicht; er rechnet schlau, der Racker! Kriegt er noch den Herrnhof zu seinen Gütern, hat er ein Rittergut beisammen und ist der erste Bauer im Land. Kannst dir denken, wieviel auch dem verdammten Mucker und Pietisten, dem Herrnbauer, daran liegt, daß die Heirat zustande kommt. Hat mich lang' gewurmt, daß der Jesuit dahinten solch unverschämt' Glück haben soll. Drum hab' ich in aller Stille dran gearbeitet, der Herrlichkeit ein Ende zu machen – und ich denk', nicht vergebens!«

»Ist's möglich?« sagte Lina und blickte fast erschrocken zum Vater auf; sogleich erschien wieder der spöttische Zug um ihren Mund, lachend meinte sie: »Müßt Eure Sache allzu fein angefangen haben! Versteh' mich auf derlei Dinge, hab' aber noch nichts gespürt, daß der Karl und die Margaret auseinander kämen!«

»Wart's ab, du Hummel! Bin meiner Sache gewiß. Hab' dem Karl, du weißt, er war von jeher so ein wunderlicher Tiftler, allerlei Zweifel über seinen Glauben in den Kopf gesetzt. Ist er erst gänzlich vom Glauben abgefallen, so ist's von selber aus zwischen ihm und den Herrnbauers. Verstehst du jetzt was von meinen Absichten? – Ja, so meine ich! Ist erst der Beckenkarl gänzlich von seinem alten Umgang losgemacht, so bleibt ihm nichts übrig, er muß sich an uns halten. Und ich meine, als Beckenbäuerin in dem obern Hof zu regieren, wäre so übel nicht! – he, was sagst du?«

Lina glühte; welche Aussichten eröffneten sich ihr! Zwei – drei Fliegen auf einen Schlag! Den verhaßten Lehrer demütigen und die Herrnbauersmädchen unglücklich machen! Ihre Wangen glühten. Dennoch sagte sie mit plötzlich aufsteigender Bedenklichkeit: »Ja, wie soll das fertig werden? Eins steht dem andern im Weg! Tu' ich dem Schulmeister schön, stoß' ich doch den Beckenkarl vor den Kopf?«

Hannes knurrte zufrieden und meinte: »Wird sich machen, nur eben alles sein zu seiner Zeit! Vorläufig geht dich der Beckenkarl gar nichts an, je weniger du dich um ihn bekümmerst, desto besser. Hast Zeit und Gelegenheit genug, den Schulmeister zu leimen. Ist aber erst der Karl, wo ich ihn haben will, so wird er vor Elend und Jammer sich selber nicht kennen; im Taumel haben wir ihn, ehe er sich's versieht; bist du erst Bäuerin oder auch nur seine Braut, ist's deine Sach', ihn zu ziehen, wie du ihn gern hast. – Denke, ist recht so!«

Lina rollte das Schürzenband um die Finger. »Aber«, begann sie leise, »das ist ja doch eigentlich ein sündliches Spiel – das gibt Jammer und Elend, 's ist nicht auszusagen!«

»Ist recht, daß du mich darauf bringst. Merk' auf, Mädle!« nickte Hannes und setzte sich bequemer zurecht. »Merk's: die Welt ist ein großmächtiges Narrenhaus; Narren sind die Menschen, erst auf tausend und mehr kommt ein Kluger. Und die wenigen Klugen, Line, das sind die Herren der Welt, genießen das Leben, nehmen mit, was mitzunehmen ist, und verlachen die Brummochsen. Sind zu bedauern, die Dummen! Schleppt sich jeder mit einer extra Narrheit durchs Leben, ist aber im ganzen immer dasselbe Ding, mag's da heißen: Religion, Glaube, Gewissen, Gesetz, guter Name oder Sitte und Herkommen. Ist alles nichts als ein Stangenzaum, von den Klugen den Brummochsen ins Maul gelegt, daß sie ja niemalen von der Narrenstraße abweichen. – Ja, guck' nur, Mädle! ist alles Schnickschnack, was die Pfaffen und die Großen vormachen, die Pfeife, nach der die Narren tanzen müssen. Nichts ist in der Welt, nichts gilt, nichts besteht außer der Klugheit! Pfiffig muß man sein, Mädle? schlau wie der Fuchs. Lauf mit den Brummochsen, solang' es nicht anders geht; aber greif zu, wenn du was erreichen kannst. – Ist so, Mädle, ist nicht anders! hast nur die Wahl, Tanzbär zu sein oder Bärenführer. Meine, die Wahl ist nicht schwer, was sagst? – Ist gut! Halt nur die Ohren steif, Mädle; laß dich nicht dumm machen, laß dir nicht auch einen Stangenzaum ins Maul legen – denk', bist die Jockenline! – So, mach' deine Sachen gescheit, will keine Schande an dir erleben. Halt, noch eins!« rief er ihr nach, als sie mit klopfenden Pulsen aus dem Zimmer schlüpfte.

Hannes blickte vergnügt schmunzelnd seiner Tochter nach. »Schad', daß 's kein Bub wurde – aber auch so recht; wird niemalen zu den Brummochsen gehören!«

Er trommelte wieder auf dem Tisch, sah aber öfter durchs Fenster, als erwarte er jemand. Es dämmerte stark, als der Wagnerspaule und Simesschuster eintraten und sich nach kurzem Gruß zu Hannes an den Tisch setzten. Die kurzen Pfeifen qualmten, die auf dem Tisch liegende Zeitung gab Veranlassung zu einem Gespräch über die Welthändel; endlich meinte Paule: »Du hast uns bestellt – mach' einen Anfang, daß ein Ende wird; hab' Durst und will in Gesellschaft!«

Hannes knurrte, stand jedoch sogleich auf, entzündete ein Talglicht und forderte durch stummen Wink die Männer auf, ihm zu folgen. In der reichlich ausmöblierten Oberstube stellte er das Licht auf einen polierten runden Tisch, nahm den Männern gegenüber Platz und begann ohne weitere Einleitung: »Ist nun so weit mit unsrer Sach', daß wir entweder Ernst machen müssen mit einer neuen Ordnung oder unterducken und zu Kreuz kriechen. Denk', was das letztere betrifft, 's wird keinem von uns anstehen.«

Ein dumpfes Knurren, das halb wie spöttisches Lachen klang, war die Antwort, und Hannes fuhr fort: »Können auch nicht zurück, wollen wir nicht alle Absichten auf das Gemeindegut aufgeben. Haben freilich so ziemlich das Regiment in den Händen und einen starken Anhang, der Schulz ist ganz in meiner Gewalt und darf nicht mucken; aber ehe wir was wagen, müssen wir die Überzahl der Berechtigten so an uns ketten, daß sie gar nichts gegen uns unternehmen können. Bleiben uns immer noch Gegner genug.«

»Ja, der Herrnbauer, Bergjörg, Ungerskasper, der Schneidersnikel, die Beckenbrüder! – 's ist ein verdammter Kram!« knurrte der Simesschuster kleinlaut.

»Nu – denk', die Beckenbrüder sind so gut wie sicher; dem Schneidersnikel stopfen wir das Maul durch einen tüchtigen Brocken, wird sich nicht besinnen, wenn er sich auf Jahre 'naus umsonst mit Holz versorgen kann. Der Ungerskasper ist ein Polterhans, hat aber noch nicht eine Maus in den Sack gejagt. So blieb der Herrnbauer, der Bergbauer – sind freilich auch die schlimmsten. Könnten wir nur einen noch auf unsre Seite bringen!«

»Daran wird sich's steupern!« klagte Simon.

»Ja, auf die gewöhnliche Art ist da freilich nichts ausgerichtet!« meinte der Wagnerspaule, ohne den tief gesenkten Kopf zu erheben. »Mit unserm gewöhnlichen Speck kommen wir da nicht an. An den Bergbauer möchte ich mich überhaupt nicht getrauen, eher schon an den Herrnbauer. Ist mitsamt seiner Gottesfurcht und seinem Hochmut ein lästerlich dummer Teufel; und ich meine immer, wenn wir in dem die Habsucht erst aufregen könnten, hätten wir ihn mit Leib und Seel'. Die Religion müßt' freilich aus dem Spiel bleiben.«

»Kreuz, Blitz und Hagel!« schrie Hannes aufspringend und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Leuchter klirrte. »Paule – wenn du das fertig brächtest – du solltest verlangen, was du wolltest, es wäre dein! Red' – hast du einen Gedanken?«

»Schrei doch nicht so, die Wände haben Ohren. Dachte schon viel darüber, wie die Sach' wohl einzufädeln wär'. Ist ein heikel Ding, muß überaus fein angefangen werden. Nicht wegen dem Herrnbauer, mit dem ist wohl fertig zu werden – aber seine Weiber und der Schulbauer haben feine Nasen. Hm – ist mir doch verwichen so was eingefallen, draus, wenn wir's fein säuberlich zurechtlegten, sich am Ende wohl eine Schlinge drehen ließe.«

»Herrgottsdonner! so red'!« fuhr Hannes auf. »Was ist's?«

»Nichts vorläufig!« entgegnete Paule mit unerschütterlicher Ruhe. »Du weißt, ich red' nicht eher, bis ich mein Garn richtig auf der Weisen hab'. Laß mich dieser Tage einmal Umschau in der Gemeindelade halten, vielleicht findet sich was, das zu brauchen ist, oder es zeigt sich wenigstens eine Spur. Davon ist's für heut' genug. Was hast du weiter vor?«

»Ist mir noch nicht so recht klar. Meine, wir müssen die Brummochsen vorwärts treiben, bis sie eine rechte Dummheit ausüben, daß sie nicht mehr zurück können und sich gänzlich mit dem Pfarrer überwerfen. So eine rechte arge, auffällige, himmelschreiende Dummheit!«

»Was soll werden?«

»Was? – 'raus muß das ganze Gelumpe aus der Kirche, gänzlich losgetrennt werden von allem, was Religion und Glaube heißt. Eine freie Gemeinde müssen wir gründen – so allein werden wir völlig und auf die Dauer Herren. Haben wir sie erst aus der Kirche gestoßen, ihnen Pfarrer, Beichte, Abendmahl, Bibel und Gesangbuch genommen – wirst sehen, wie die Großmäuler zusammenschnappen, wie sie 'rumgehen, als hätten alle die Rückendarre, wie sie in ihrer Verzweiflung immer fester und fester an uns hängen. So weit muß es kommen,« rief er, und ein Blick wie ein Feuerstrahl schoß unter den buschigen Wimpern hervor, »daß wir – wir allein die Pfaffen, ja die Herrgottle selber sind. – Dann erst haben wir gewonnen!«

Der Schuster kraute sich die Haare, Hannes' Augen leuchteten, dennoch sagte er bedenklich: »Ist ein gefährlich' Spiel, ein grausam' Wagnis!«

»Du wirst alt, Hannes!« lachte Paule. »Sonst warst du nicht so bedenklich bei viel gewagteren Dingen.« Als Hannes den Kopf senkte, blitzten seine Augen durch die Brauen. »Was ist zu wagen? Die Red' ist frei, niemand kann mir verwehren, meine Überzeugung zu bekennen – kann ich was dazu, wenn sich Narren, die nichts davon verstehen, betören lassen? Sei nicht dumm, Hannes! frisch vorwärts, solche günstige Gelegenheit wie jetzt findet sich nicht wieder. Unsre Anhänger sind in einer Wut über den Pfarrer, wie nie zuvor: der Pfarrer selbst hat einen Schmiß gekriegt, den er nicht sobald vergißt, und seine Anhänger, so toll und grimmig sie sich stellen, sind ganz verdutzt. Viele sind auch nicht schlecht stutzig geworden und sind sicher zu gewinnen, wenn wir's nur schlau anfangen!«

»Ist ein verfluchter Kerl, der Reinhardt!« sagte Hannes beifällig nickend. »Hätte ihm das nimmer zugetraut!«

»Sagt' ich nicht immer, in dem steckt was?« lachte Paule. »Ja, hättest du mir gefolgt und ihn von Anfang an uns gebunden – jetzt wären wir geborgen!«

»Ist noch nicht zu spät!« fiel Hannes erregt ein. »Muß unser werden, hab' einen Pfiff, den Vogel zu locken!«

»Meinst mit deiner Line?« lachte Paule. »Gib's auf, das ist nichts! – Überhaupt: mach' dir auf den Reinhardt keine Rechnung, so ersparst du dir Verdruß und Schande!«

»Das wäre der Teufel! Meinst, weil er einem Stadtfähnle nachläuft? – O – 's war' nicht das erstemal, daß ich eine Liebschaft zerrissen und doch meinen Willen durchgesetzt habe.«

»Paß auf, der Reinhardt gibt dir noch zu denken. Ist ein Fuchs. Obgleich er lange über den Pfaffenunsinn hinaus ist, läuft er doch mit dem Betbruder, dem Hansnarren, dem Lichtennikele 'rum, sich den Rücken zu decken für Notzeiten. Auf der anderen Seite sucht er aber auch an den Schulbauer zu kommen, und das ist mir bedenklich. Halten erst die zwei zusammen gegen uns, dann dürfen wir uns vorsehen!«

Hannes ging aufgeregt auf und ab. »Und so weit darf's nicht kommen, nie und nimmer, das sag' ich!«

»Und was setzest du dran, ihn zu fangen?«

»Ist meine Line nichts?«

»Pah! An jedem Finger hat er eine, wenn er nur die Hand ausstreckt, reichere und bessere und schönere, als deinen Wildfang. – Ist ein Fuchs, der Reinhardt, ich sag's! Weiß auch schon, daß die Herrnbauersanne das schönste und reichste Mädle ist weit und breit!«

»Gift und Pestilenz 'nein! Kannst's beweisen?«

»Ich denke wohl! Aber was nützt das? Willst du ihn, so tue bald dazu und laß dich nichts reuen, der Reinhardt ist unbezahlbar. Vielleicht ist jetzt grade die rechte Zeit dazu. Mit den Frommen hat er sich durch sein Auftreten völlig überworfen, der Herrnbauer guckt ihn schon gar nimmer an: noch ist er auch mit dem Schulbauer nicht einig! – Probier's – vielleicht gelingt's wider Erwarten! – Aber fein langsam und vorsichtig mußt du an ihn kommen, nicht so ›Pflumpf! da bin ich!‹ wie am zweiten Pfingstabend. Mußt dich stellen, als ob du dich wenig um ihn selber kümmerst, mußt dich bloß an seinen Streit halten. Vor allem aber laß das unsinnige Schimpfen über Religion und Glaube. Am Anfang war das ganz am Platz, jetzt muß es ein Ende haben. Ernst mußt du zeigen in Worten und Taten, auf einen gewissen Punkt losarbeiten. Und je ernsthafter und ordentlicher du dich stellst, desto besser für uns – damit machst du auch unsern übrigen Anhang zuversichtlich, ziehst noch manchen auf unsre Seite, den das unmäßige, nichtsnutzige Schimpfen abhält.«

Eine Weile war es still: Hannes ging noch immer auf und ab; wie es gewaltsam in ihm arbeitete, zeigten seine zuckenden Gesichtsmuskeln. Paule hatte ihn erschreckt; Reinhardt und der Schulbauer zusammen waren ein Schreckbild, das ihn ängstete und quälte; seine Sorge wurde um so größer, als er, von sich selbst ausgehend, an der klug rechnenden Schlauheit Reinhardts nicht mehr zweifelte. Was sollte er ihm bieten, wenn er schon auf die reichste Erbin der Gegend spekulierte? Zugleich erfaßte ihn eine neue Wut über den Herrnbauer. Reinhardt war zwar kein Schwiegersohn, um den er ihn beneidete, aber sein Haß gegen den alten Feind war so groß, daß er ihm überhaupt nichts gönnte. Das Glück eines der verhaßten Mädchen war so gut wie zerstört; wenn Anna den Lehrer liebte, dann mußte er um so mehr an die Line gekettet werden, bis sie ihn verächtlich von sich warf. – Aber wie? hundert Pläne durchkreuzten sich in seinem Hirn, keiner erschien sicher genug.

Der Schuster saß gelangweilt am Tisch und sehnte sich ins Wirtshaus; er wunderte sich oft selber über das Vertrauen, welches er genoß; er ahnte nicht, daß er vom Hannes so gut als vom Paule als eine Art Bürgschaft für die Treue und Aufrichtigkeit des andern gebraucht wurde. Paule hatte den Kopf womöglich noch tiefer gesenkt; ein verächtliches Lächeln zog die dünnen, blutleeren Lippen in die Breite, und seine dunkeln Augen verfolgten lauernd jede Bewegung des Hausherrn. Endlich begann er gähnend: »Zerreiß dich nicht mit Sinnen so auf einmal, mit Gewalt ist dem Lehrer nicht beizukommen. Ist er um keinen Preis zu gewinnen, ei, so gibt es noch andere Wege, ihn unschädlich zu machen. Der Pfarrer sinnt Tag und Nacht auf seinen Untergang, daran ist kein Zweifel; wo ihm die Frommen, der Herrnbauer voran, einen Tritt geben können, werden sie es mit Freuden tun. Schlagen wir uns nun auch noch zu seinen Feinden und helfen nach, zum Kuckuck auch, es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir ihn nicht aus dem Dorf brächten. Wär' obendrein ein Hauptspaß, wenn uns die Frommen, vorndran der Pfaff', in die Hände arbeiten und merken's gar nicht!«

»Bist ein Satan, Paule!« lobte der Schuster.

»Ist rechtschaffen wahr!« schrie Hannes. »Kreuz, Blitz und Hagel! warum kam ich nicht selber darauf! Will er nicht nach unsrer Pfeife tanzen – ab mit ihm! Ist ein jung's Bürschle, hat Blut wie einer, so brav er sich stellt, macht zu rechter Zeit einen dummen Streich, Zeugen beweisen's seinem Leugnen zum Trotz, der Pfarrer wird mit zwei Händen solche Gelegenheit festhalten! – Denk', hab's getroffen?«

»Ganz meine Gedanken!« lachte Paule.

»So wird's gehen!« stimmte der Schuster bei.

»Und meinst du ernstlich, daß wir aus der Religion treten, eine freie Gemeinde gründen sollen? Wird uns die Geschichte nicht über den Kopf wachsen?«

»Will dir ehrlich meine Meinung sagen, Hannes«, begann Paule, aufstehend. »Über den Kopf ist uns die Geschichte lange gewachsen. Wir haben die Wahl: entweder mit Schimpf und Schande gänzlich zurück – oder vorwärts zu einer neuen Ordnung, die uns wirklich die Macht und Herrschaft in die Hand gibt, nach der wir so lange trachten. – Besinn' dich nicht, Hannes! Soll ich dir sagen, daß du und wir gar nicht mehr zurück können, wenn wir auch wollen? – Jetzt herzhaft darauflos; je eher wir unsern Zweck erreichen, desto besser!«

Hannes war rot geworden; schnaubend, die Nasenlöcher aufblasend, ging er auf und ab. »Und was soll geschehen?«

»Vorläufig sachte darauf vorbereiten, daß man ohne Religion am glücklichsten lebt, und so erst die Brummochsen an das Wort ›freie Gemeinde‹ gewöhnen: freisinnige Bücher und Zeitungen müssen bei – je gottloser, desto besser! – damit's die Narren auch schwarz und weiß vor sich haben, was sie von uns hören. Und so gehen wir Schritt für Schritt weiter; haben wir sie so recht in Jast und Hitze, nachher mag die Dummheit am Platz sein, von der du geredet.«

»Mag's sein – wüßte selber nichts Besseres!« knurrte Hannes. »Damit wären wir auch heut' fertig, will euch nicht länger vom Wirtshaus abhalten!«

»Noch nicht ganz!« lachte Paule und nickte dem Schuster zu. »Nur noch 'ne Kleinigkeit – wir brauchen Geld!«

Hannes fuhr herum, starrte ihn blinzelnd an, eine dunkle Röte stieg ihm langsam ins Gesicht, verbreitete sich sogar über Nacken und Schläfe. »Geld?« murmelte er endlich tonlos zwischen den Zähnen. »Geld? – Ist's dein Ernst, Paule?«

»Ich denke wohl!« lachte dieser und zeigte die gelben Zähne. »Mach' nur keine Umstände, und greif gleich ordentlich in den Kasten, mit ein paar Kreuzern ist uns nicht gedient!«

»Die Pest in deinen Hals!« schrie Hannes und schlug auf den Tisch. »Noch sind's keine sechs Wochen, daß ich euch fünfundzwanzig bare Gulden auf dem Tisch aufgezählt hab', und heut' schon wieder? Wer hat das halbe Gemeinderecht für euch bezahlt – wer, he? Und was habt ihr mir damals versprochen?«

»Schrei nur nicht so, kommen ohne Lärm auch zum Ziel. Das Gemeinderecht? – Pah! Zu wessen Vorteil ist's, daß wir jetzt auch in der Gemeindestube sitzen? Und mit deinen lumpigen fünfundzwanzig Gulden mach' dich nur ja nicht groß! – Ohne Präambeln! wir brauchen einmal Geld, und du wirst's schaffen!«

»Verdammt will ich sein, wenn ich noch einen roten Heller 'rausrücke! Blutsauger seid ihr, erbärmliche Blutsauger. Zehnmal mehr habt ihr mir schon ausgepreßt, als ihr mir genützt habt! Nichts mehr geb' ich, keinen Pfennig! Will mich von Lumpen, die nichts zu rate zu halten wissen, nicht zum Bettler machen lassen!«

»Besinn' dich, was du tust!«

»Willst mich angeben? – geh hin, tu's! Einen Trost hab' ich, daß ihr mir im Zuchthaus Gesellschaft leistet! Wird euch um nichts besser gefallen dort als mir!«

»Ist doch erst die Frag'! Sei nicht dumm, Hannes! wer wird dabei am meisten verlieren –du oder wir? Mache nur keine Weitläufigkeiten. Mußt uns nicht auch für Brummochsen estimieren. Was? – während du durch unsern Beistand alle Tage reicher wirst, herrlich und in Freuden lebst, sollen wir, deine besten Freunde, die dir aus mancher Patsche geholfen haben, uns kreuzlahm arbeiten und dann noch die Finger nach Erdäpfeln und Salz lecken? Nein, Hannes, so haben wir nicht gewettet! Ans Vermögen geht dir's noch lang' nicht, und die Brummochsen sorgen dafür, daß dein Beutel nicht leer wird. Hast du nicht auch die Aussicht, durch unsern Beistand alles hundertfältig wieder zu ersetzen, was du uns jetzt zukommen läßt, sind wir erst Herren in der Gemeinde? Kriegen wir dann auch einen austräglichen Brocken zusammen, werden wir dich nicht mehr plagen. – Also jetzt nicht weiter gesperrt, zähl' auf, aber mit einer Lumperei fang' nicht erst an!«

Hannes schoß wütende Blicke auf den Wagner, aber der hatte sich wieder gesetzt und den Kopf gesenkt wie gewöhnlich, er schien sie nicht zu bemerken. »Noch einmal mag's sein!« brach Hannes los. »Aber nehmt euch in acht, 's muß alles Maß und Ziel haben, und wenn ihr mich noch lang' so schraubt, weiß ich wahrhaftig nicht, ob ich nicht der ganzen Geschichte auf irgendeine Art ein Ende mache. Nehmt euch in acht, habt ihr mich gleich in Händen, ich bin doch noch der Jockenhannes! – Versprich mir wenigstens zuvor den Herrnbauer in meine Hände zu liefern!«

»Braucht's da erst eines Antriebes? Ist's nicht mein Vorteil so gut wie deiner? – Jetzt vorwärts, hol' das Geld, ich hab' Durst und will ins Wirtshaus!«

Knirschend nahm Hannes das Licht vom Tisch und ging in das Nebenzimmer. »Mach's doch nicht allzu arg!« flüsterte der Schuster ängstlich. »Der Hannes ist ein gefährlicher Mensch, dem ist alles zuzutrauen!«

»Laß mich nur machen! Verlaß dich drauf, der bäumt nicht!« zischte der Wagner durch die Zähne.

Hannes kehrte zurück und warf eine Handvoll Talerscheine auf den Tisch. »Da, nehmt! Laßt mich aber nun in Ruhe: beim Teufel, meine Geduld ist zu Ende!«

Lachend zählte Paule die Scheine, schob dem Schuster die Hälfte zu und meinte: »'s könnte zwar mehr sein, aber man sieht doch den guten Willen! Laß dir die Papierlümple nicht so zu herzen gehen, bist du erst Schulz, kommt alles wieder! Gute Nacht!«

Hannes war allein: gespannt lauschte er auf die verhallenden Schritte seiner Genossen, dann knirschte er mit den Zähnen, greuliche Flüche und Verwünschungen zischte er hervor, heftig ging er auf und ab, wilde Gedanken, finstere Entschlüsse schossen ihm durchs Hirn. Unwillkürlich erwachte die Erinnerung an seine Vergangenheit, Bild auf Bild zog leise an ihm vorüber. Von Jugend auf hatte er sich nach dem Glück gesehnt. Rastlos hatte er gerungen, gearbeitet, gefrevelt, endlich das Glück zu erlangen – und nun? War das der Preis seines Lebens?

In Armut und Elend war er aufgewachsen, schon als Knabe hatte er Unrecht, Spott und manche Mißhandlung seiner glücklicheren Kameraden erdulden müssen. Seine Eltern, arme Tagelöhnersleute, konnten sich wenig um ihn kümmern; in den Häusern, wo sie gerade arbeiteten, trieb er sich den langen Tag zwecklos herum, von den Herrenleuten aus einer Ecke in die andere gejagt, von den Kindern geprügelt und gequält, beschimpft und verhöhnt, von den Dienstboten getreten und geschlagen wie ein Hund. Oft weinte er bitterlich, dann wurde er trotzig, suchte die Unbill zu vergelten, die ihm zugefügt wurde. Dadurch verschlimmerte sich seine Lage, grausame Züchtigungen folgten seinen Rachetaten, er kam in den Ruf eines boshaften, meisterlosen Buben, überall begegnete er mißtrauischen Blicken, jedes glaubte eine gute Tat zu vollbringen, wenn es auf den »wilden Hannes« losschlug. – Auch in der Schule fand Hannes weder Teilnahme noch Gerechtigkeit. Sein aufgeweckter Geist, sein Fleiß, sein Eifer blieb unbeachtet, sein lebendiges Wesen wurde als Leichtsinn, boshafte Unruhe verdächtigt – auch in der Schule mußte er für seine Armut und Niedrigkeit büßen. Wohl klagte Hannes im Anfang den Eltern seine Not; allein der Trost, den er empfing, war gefährlicher als das Unrecht, um das er klagte. »Geschieht dir recht!« »Was bist du so dumm und läßt dich immer erwischen?« – Bald klagte nun auch Hannes nicht mehr, eine so rücksichtslose Kühnheit kam über ihn, die vor nichts mehr zurückschreckte. Was hatte er auch noch zu verlieren? Seine Kameraden schlug er bei jeder Gelegenheit; es kam zu förmlichen Schlachten, aber obgleich er allein der gesamten Dorfjugend entgegenstand, blieb er stets Sieger! Nach kurzer Zeit war der verachtete Sklave und Prügeljunge unbeschränkter Herr über seine Kameraden, jeder Blick von ihm war Befehl. Aber auch mit den Erwachsenen nahm er den Kampf auf, niemand wagte mehr ihn zu züchtigen, das ganze Dorf fürchtete den unbändigen Knaben, Hannes war der Schrecken des Lehrers und des Pfarrers.

Als Sieger ging er aus diesem Kampf hervor, allein teuer bezahlte er ihn. Der letzte Rest von kindlichem Gefühl war ertötet, der vierzehnjährige Knabe glaubte weder an Liebe noch an Gerechtigkeit, die Menschen haßte und verachtete er, sowohl in der Schule als auch später beim Pfarrer verlachte und verspottete er den Religionsunterricht. Hatte sich Gott seiner angenommen? Der Ungerechtigkeit gesteuert? Ihm beigestanden in all seinen Nöten? – Nichts war es mit dieser Hilfe, nur seiner eignen Kraft hatte er es zu danken, daß sich sein Zustand gebessert! Und sah er denn nicht täglich das gleiche sich überall wiederholen? Der Starke war Herr, der Schwache Knecht! Nur der Reichtum machte eine Ausnahme! Auch der Schwache, wenn er Geld hat, kann sich Kräfte kaufen, die für ihn vollbringen, was er selber nicht vermag. Also Stärke – ja! So reifte schon frühe der Vorsatz in ihm: reich muß ich werden, reich um jeden Preis!

Wichtige Veränderungen in den Verhältnissen seiner Eltern vollendeten seinen moralischen Untergang. Der alte Jock errichtete in dem einsamen Häuschen draußen am Lindenberg eine Bierschenke und hatte bald großen Zulauf. Hannes wußte, daß die Männer das heimlich betriebene hohe Spiel anlockte; bald kam er auch dahinter, sein Vater wisse dem Glück beim Spiel geschickt unter die Arme zu greifen. Dem frühreifen Knaben entging ferner nicht, daß auch die Mutter das Ihre beitrug, Gäste anzuziehen. Zwar verachtete er die Eltern, dennoch ließ er nie ein tadelndes Wort laut werden. Das beginnende Wohlleben behagte ihm, seiner stark entwickelten Sinnlichkeit leuchtete die täglich gepredigte Lebensweisheit nur allzugut ein: Genuß ist das Höchste und Beste im Leben! Vor allem aber schloß ihm die Aussicht den Mund, ohne Mühe durch die Eltern reich zu werden. Hannes war schon in seiner Jugend ein vollendeter Egoist: der Egoismus machte ihn schon jetzt zum vollendeten Heuchler. Nie trat er mit seiner wahren Meinung hervor, schlau wußte er die Gesinnung anderer zu erforschen, allen schmeichelte er, jedem schien er zu dienen und nützte alle für sich aus.

Die wachsende Schande der Eltern, die er nicht teilen, deren Preis er aber auch nicht missen mochte, bestimmte den klug Rechnenden, das Elternhaus zu verlassen. Er ging in der Stadt in eine große Brauerei, besuchte fleißig die Sonntagsschule, nahm viele Privatstunden; auch das hatte er eingesehen, daß die Klugheit ohne ein tüchtiges Wissen ein stumpfes Messer ist. Er lernte unermüdet, seine Lehrer staunten über seinen Fleiß. Bei aller Arbeit vergaß er auch den Genuß nicht: es waren wüste Jahre, die er in der Stadt verlebte.

Während Hannes so im Schmutz und in Gemeinheit den letzten Funken edleren Gefühls erstickte, hamsterten daheim die Eltern und scharrten Geld auf Geld zusammen für den Sohn, der sie verachtete. Der alte Jock kaufte der Witwe des Kirchbauern ihren Hof ab. Die Bergheimer wollten wissen, er habe der unglücklichen Frau nur wenig bar auszuzahlen gebraucht. Hannes kehrte nun heim, zeigte aber wenig Freude am Bierschank, beschränkte sich auf die Bewirtschaftung des Gutes: auch duldete er nicht, daß die Mutter die Gäste anlockte.

Ob die Alten merkten, wie wenig Dank ihnen der einzige Sohn wußte? Ziemlich jung starben beide rasch nacheinander, Hannes trug ein Jahr einen Flor am Ärmel, im stillen jubelte er – jetzt war seine Zeit gekommen!

Den Bierschrank gab er auf, das ererbte Wuchergeschäft betrieb er jedoch im stillen noch schwunghafter, härter, schonungsloser als selbst sein Vater. Er war wohl reicher, als er je zu hoffen gewagt, allein der Reichtum war ja Macht, Ehre, Genuß – wie hätte Hannes säumen können, sein Gut zu mehren?

Vier Wochen nach dem Tod der Eltern warb Hannes um die beiden reichsten Erbinnen der Gegend, um die Herrnbauerslisbeth und um das Sülzdorfer Schulbauernmariebärble. Hier wie dort erhielt er einen Korb. Rache, blutig, ingrimmige Rache war sein einziges Denken. Und er rächte sich! Auf den Tod verwundete er den Herrnbauer und Schulbauer. Freilich kostete ihn seine Rache einen Meineid – aber was kümmerte ihn ein Meineid? – Ein Wendepunkt wurde diese Handlung dennoch in seinem Leben, sie brachte ihn mit dem Wagnerspaule und Simesschuster zusammen, in denen er schon lange verwandte Seelen geahnt. Gegen eine ziemliche Summe wurden sie Teilhaber seines Meineids; von der Zeit blieben sie seine Freunde.

Ihres Geldes, ihrer angesehenen Verwandtschaft wegen heiratete er die Beckenmargelies. Die Ehe war ihm nur eine Form, seine Frau achtete er kaum als Haushälterin, er suchte sein Glück auswärts. Er wollte genießen – darüber vergaß er fast seine Klugheit, sein wildes Treiben brachte ihm eine Anklage auf Mord. Zwar bewies er seine Unschuld, allein die Anklage kostete seiner Frau das Leben, ihm selber seinen Ruf. Von da an begann eine neue Wendung seines Lebens. Äußerlich lebte er stiller, eingezogner, im geheimen desto ausschweifender. Wenn möglich waren sein Menschenhaß, seine Verachtung aller sittlichen und bürgerlichen Ordnungen noch größer geworden: es war ihm ein Genuß, die Moral zu verhöhnen, die Gesetze zu übertreten: mit wollüstiger Grausamkeit richtete er durch seinen Geldwucher Familie um Familie zugrunde. Um sein Ansehen herzustellen, verkehrte er in den benachbarten Städten viel mit den Herren von den Ämtern, mit Advokaten, studierten Ökonomen, mit Förstern und ähnlichen Leuten. Er wurde allmählich vornehmer, selbstbewußter in seinem Auftreten den Nachbarn gegenüber; sein Ansehen wuchs.

Aber wunderlich! Je mehr sich seine Stellung befestigte, je mehr ihn das Glück begünstigte, desto unzufriedener wurde er. Eine unruhige Hast trieb ihn umher; eine Glut brannte in ihm, die sich durch nichts löschen ließ. Oft wühlte er mit heißen Händen gierig in seinen Goldstücken und verfluchte doch dabei das Metall, das seine Sehnsucht nicht stillen konnte. Mit einer wahren Wut lehnte er sich dagegen auf und konnte doch das Gefühl nicht bannen: du bist der elendeste Mensch auf der Welt.

Schroffer und härter trat er nach allen Seiten auf, verhöhnte seine Freunde, die er verachtete, und trat rückhaltlos mit seinen religionsfeindlichen Anschauungen hervor.

Er hatte plötzlich gefunden, was ihm fehlte! Herrschen mußte er, herrschen über seine ganze Umgebung. Gefürchtet wollte er sein, gefürchtet und gehaßt. Jetzt glaubte er auch die verzehrende Glut in seinem Innern Zu verstehen – es war der Durst nach Rache an seinem alten Gegner, dem Herrnbauer, der ihm zum Trotz täglich reicher, glücklicher wurde, der nach dem plötzlichen Tod der beiden Kinder des Sülzdorfer Schulbauern auch dessen Vermögen noch erben sollte. Das erschien ihm wie persönliche Beleidigung: fallen mußte der Herrnbauer, sein Glück mußte zerstört werden um jeden Preis! Hannes glaubte weder an Wahrheit noch an Recht, weder an Frömmigkeit noch an Tugend, und dennoch belästigten ihn diese Dinge; durch ein langes Leben hatte er alles Edle unter die Füße getreten: gab es denn kein Mittel, sich diese Wahngebilde für immer vom Halse zu schaffen? – Freilich gab es eines – und jetzt jauchzte der Teufel in ihm auf! Fest stand es in ihm! Niemand mehr dürfe besser sein als er selbst: sittlich mußte er die Nachbarn verderben, nieder mußte er sie ziehen in den Schmutz des Unrechts, der Sünde, um stolz und frei unter ihnen zu stehen.

Bisher hatte ihn ein merkwürdiges Glück begünstigt, allmählich wurde das aber anders. Seine Vergangenheit erwachte. Es kostete ihm schwere Summen, um alte Sünden zu vertuschen, Schmach und Strafe abzuwenden. Sein Geldwucher reichte nicht aus, die Lücken in seiner Kasse zu decken: mit Schrecken sah Hannes jetzt im Alter sein Vermögen schwinden. Als seine schlimmsten Gegner entpuppten sich seine Freunde, der Wagnerspaule und der Simesschuster. Unverschämt beuteten sie ihn aus: mit Schrecken mußte er sich sagen, daß diese allein ihn endlich zum armen Mann machen würden. Oft kam eine entsetzliche Angst über ihn; sollten ihm die Früchte seines Lebens entschwinden? Neue Pläne schmiedete er, die Verluste zu ersetzen. Jetzt handelte es sich nicht mehr bloß darum, seine Nachbarn sittlich zu verderben, er wollte auch Herr werden über sie, Herr über das reiche Gemeindegut. Und das alte Glück schien ihn wieder zu begünstigen, der Erfolg schien gesichert. Das gab ihm zuzeiten seine stolze Sicherheit zurück. Aber es kamen auch Augenblicke, wo ihn eine trostlose Vergangenheit, eine dunkle Zukunft zu erdrücken drohte.

Schon früher waren ihm solche ängstliche Augenblicke nicht gänzlich fremd gewesen. Seit jener fürchterlichen Nacht, da er, den wütenden Stichen des sinnlosen Einzelberger Schäfers zu entgehen, diesem die Gurgel zusammenpreßte – oh! und dabei seine Riesenkraft vergaß und erst bemerkte, was geschehen, als der Mann plötzlich stumm, kalt und schwer in seinen Händen hing und nicht wieder erwachte – seit jener Nacht konnte er Dunkelheit und Einsamkeit nicht ertragen. Aber in jüngster Zeit mehrte sich sein Entsetzen, er zitterte schon am Morgen vor dem Zubettgehen. – Auch jetzt schüttelte ihn ein eisiges, unsagbares Grauen, und während er in wilder Wut über seine falschen Freunde, die ihn schmachvoll ausbeuteten, knirschte und wilde Rachegedanken in seinem Hirn umwälzte, schrak er bei jedem Geräusche zusammen, sträubte sich sein Haar in namenlosem Entsetzen!

Zitternd schlich er zur Tür, verriegelte sie von innen, und so noch zwei Türen: dann erst wagte er sich zu entkleiden. Und dreifach schloß er sich jede Nacht ab, damit niemand seine Angstschreie vernehme, wenn ihn die bösen, fürchterlichen Träume quälten, niemand ihn belausche, wenn er etwa im Schlafe seine Verbrechen ausplaudere.

»Ist das ein Leben?« seufzte er, als er sich ruhelos in den weichen Kissen umherwarf. »Soll es ewig so fortgehen? – und wie wird es enden?« – Plötzlich saß er schweißtriefend im Bett, eisige, erstarrende Todesangst kroch durch sein klapperndes Gebein, seine zitternde Hand langte nach dem scharf geladenen Doppelgewehr neben seinem Bett. – Wie, wenn ihn im Schlafe eine Krankheit überfiel und des Bewußtseins beraubte? Wenn das erhitzte Gehirn, nicht mehr von seinem Willen gebändigt, die Herrschaft über seine Zunge gewann und laut seine Schuld in wilden Phantasien hinausschrie unter die Helfer, die die dreifachen Türen nicht abgehalten? – Wie, wenn er eines Morgens nach schwerem Schlafe im Gefängnis auf feuchtem Stroh erwachte, mit klirrenden Ketten an die Mauer geschmiedet? – – Ein heiserer Schrei entrang sich seiner ausgetrockneten Kehle: »Nein, nein! so weit soll's nicht kommen! Dagegen gibt es ein sicheres Mittel!« Gespenstisch knackten die Hähne. – – – »Noch nicht! Die Angst wird wieder vorübergehen. – Und krank werden will ich nicht – ich will nicht! – Wenn ich was merke, das geringste nur merke, wie Krankheit – dann – dann ist's auch noch Zeit!« – Vorsichtig ließ er die Hähne nieder und lehnte das Gewehr an seinen Platz. Noch lange rang er die Hände: »Wenn nur das eine – das eine nicht wäre!«

Zwölftes Kapitel

Im Wirtshaus hatte sich eine zahlreiche Gesellschaft zusammengefunden, außer dem Jockenhannes und seinem Anhang auch die übrigen Bauern, natürlich von jenen getrennt. Einsam in einer Ecke saß der Sülzdorfer Schulbauer, winkte heimlich den eben eintretenden Lehrer zu sich, der sich auch rasch – um dem lästigen Zutrinken zu entgehen – zu ihm setzte.

Der Jockenhannes winkte heimlich nach seinen Kumpanen, der Herrnbauer stieß schon wieder zornig sein Glas auf den Tisch, und der Schulbauer flüsterte Reinhardt zu: »Kommen grade recht! Können was hören! Geben Sie acht, es ist was im Werk!«

Hannes tat einen tiefen Zug, legte sich behaglich in seinen Stuhl zurück, strich sich über den Mund und setzte seine unterbrochene Rede fort: »Beweise wollt ihr? habt ihr denn nicht Augen und Ohren? Gibt's denn nicht die Erfahrung an unsern eignen Pfaffen, was das geistliche Wesen zu bedeuten hat? Daß es bloß da ist, das Volk in der Dummheit zu erhalten, damit's die großen Herren leichter regieren können? Drum bleib' ich dabei: Fort mit dem ganzen Geniste, wir brauchen keine Pfaffen mehr!«

Tiefe Stille folgte diesem kühnen Wort. Sekundenlang tauchte der Uhrmacherle im trüben Nebel des Tabaksdampfes über den Köpfen seiner Nachbarn auf, verschwand aber wieder lautlos. Ehe der angetrunkene Holsteiner ins Fluchen kam, sagte der Herrnbauer: »Die Pfarrer mögen irren, will's zugeben meinetwegen. Deswegen steht der Grund fest, die Bibel bleibt immer die Bibel!«

»So – also Pfarrer irren?« sagte Paule, und seine Augen funkelten wie die einer Katze, die zum Sprung auf ihr Opfer ansetzt. »Willst nicht sagen, welche Pfarrer irren, oder meinetwegen, wie viele?«

»Ist das auch 'ne Frage? – Kann ich das wissen?« schrie der Herrnbauer erhitzt.

»Ich halt' mich an die Bibel, an Gottes Wort, da bin ich wohl geborgen, und die Geistlichen, die das gleiche tun wie unser Herr, das sind die rechten?«

»Ist nur wunderlich,« entgegnete Paule gleichmütig, »was die Pfaffen auch für eine Lehr' vorbringen, sie begründen sie allemal aus der Bibel, ein jeder behauptet auch, grade nur, wie er lehre, so und nicht anders sei die Bibel zu verstehen. Geht mir mit dem ganzen Schwamm! Ist eitel Menschenwerk, die Bibel, man spürt's, wo man sie auch anguckt. Sollen wir Bauern ewig die Narren bleiben und uns von den Geistlichen, von den Stadtherren an der Nase herumzerren und auslachen lassen? Ihr Bergheimer, wacht endlich auf! Seht euch um, wie man überall mit dem alten Gerümpel aufräumt. Überall entstehen freie Gemeinden, in denen es aus ist mit Pfaffentrug und Gewalt. – Holla, laßt mich nur ausreden! Sind keine Hottentotten, die Freigemeindler, sind tüchtige, ehrenbrave Leute, die vorwärts wollen. Pfaffen haben sie freilich nimmer, aber gelehrte Männer ziehen umher und halten Vorträge, aus denen man was Rechtes lernen kann. Sollt nicht sagen, ich binde euch was auf, habe ein Büchlein mitgebracht, stehen Reden drin, die in freien Gemeinden gehalten worden sind, hier ist's, kann's jeder lesen. Ehe ihr nun lärmt und tobt, seht, was an der Sach' ist. Ich bleib' dabei: freie Gemeinden, das ist das Wahre! Und es wär' ein Glück, wenn wir auch eine hätten!«

Weiter kam er nicht, heftiger Lärm unterbrach ihn. Die eignen Anhänger waren bestürzt, fürchteten solche Kühnheit und dachten an zeitigen Rückzug. So saßen die Freigesinnten wie auf Kohlen, waren in bitterer Verlegenheit über ihr ferneres Verhalten. Solche Rücksichten hinderten die Frommen nicht. Durch seine versteckte Aufforderung zum Abfall von der Kirche, mehr noch durch seine Angriffe auf die Bibel hatte Paule ihre wundeste Stelle berührt. Schaudernd waren sie erst verstummt vor solch unerhörtem Frevel, dann aber brach der Zorn und die Erbitterung desto gewaltsamer los. Die Freisinnigen saßen still, wußten oder wagten nichts zu entgegnen, mancher der sonst so Kecken wurde bleich. Als zuletzt der Uhrmacherle gar einen Tisch inmitten der Stube bestieg und seine schauerlichen Flüche und Verwünschungen in das Toben und Schreien hinabheulte, verfärbte sich selbst der Jockenhannes. Mit Recht begann er um die Standhaftigkeit seiner Anhänger zu sorgen, deren wachsendes Verzagen sich nur allzu deutlich auf den bleichen, verstörten Gesichtern abspiegelte.

Auch der Lehrer und der Schulbauer verfolgten mit wachsender Besorgnis den immer gefährlicher anschwellenden Tumult, dessen Ende sich nicht absehen ließ. Fritz beobachtete sorgenvoll den Beckenkarl; finster die Arme auf der Brust gekreuzt, saß er regungslos in einer Ecke, nur die jagende Röte und Blässe seiner Wangen, die glühenden Augen bekundeten den inneren Kampf.

Wie teilnahmlos hatte der Wagnerspaule den Kopf wieder gesenkt, das gewöhnliche, verächtliche Lächeln zog seine blutleeren Lippen auseinander, allein wie Kohlen glühten seine Augen durch die borstigen Brauen. Auf alle heimlichen Winke des nun wirklich verlegenen Jockenhannes antwortete er mit unmerklichem Kopfschütteln; erst als da und dort Anhänger nun ernstlich fahnenflüchtig zu werden drohten, sprang er auf und rief ein lautes »Halt!« über die Erregten hin. Augenblicklich folgte tiefes Schweigen diesem gebietenden Ruf, und jetzt das Gesicht frei erhebend, begann er: »Habt uns oft den Lärm, das Schimpfen vorgeworfen, braucht euch nun nicht mehr eurer Ruhe zu rühmen, habt gezeigt, daß ihr im Toben unsre Meister seid! Halt, sag' ich! – Wollt' euch euren Zorn zugut halten, wenn ich für mich allein die Bibel antastete, aber ich nehme das nicht allein aus mir, grundgescheite, tiefgelehrte Männer stehen hinter mir. Da hat schon vor langen Jahren ein gewisser Strauß ein Buch geschrieben, worin er haarscharf nachweist, daß die wunderlichen Geschichten in der Bibel über den Jesus von Nazareth für eitel Märlein und Fabeln zu halten sind. – Schreit nur, das Buch schreit ihr nicht aus der Welt, und fragt euren Pfarrer, ob ich euch damit belogen! – Das Buch kann ich nicht beibringen, ist zu teuer, soll auch für unsereins zu hoch gegeben sein. Aber da hab' ich ein paar andre Schriften mitgebracht. Da hab' ich eins, enthält einen wahrhaftigen Bericht der Jesusgeschichte, wie er seinerzeit von Augen- und Ohrenzeugen ist aufgesetzt worden. Haben ihn damals die Geistlichen unterdrückt, ist erst neuerlich in einem Kloster in Syrien aufgefunden und übersetzt worden. Wem das Büchle die Augen nicht auftut, dem ist überhaupt nicht zu helfen. Auch das Büchle von Renan: ›Das Leben Jesu!‹, über das soviel Lärm in den Zeitungen gemacht wurde, hab' ich mitgebracht. Hier habt ihr die Schriften; statt zu lärmen und zu toben, steckt die Nasen hinein, findet's drin schwarz auf weiß, was wir so oft schon euch vergeblich vorgepredigt. Meine nicht, daß den Büchlein wegen einer von euch seinen Glauben ändern solle. Jeder ist allein Herr seines Glaubens. Ihr sollt nur daraus ersehen, daß wir wissen, was wir reden und was wir wollen. So – das ist's, was ich sagen wollte, hinfort kann sich jeder selber helfen!«

Betreten schwiegen die Frommen, erst nach und nach fanden sie ihre Fassung wieder, schimpften und wetterten über die Schandschriften und Lumpenbücher, die, von verdorbenen Advokaten und abgesetzten Pfarrern ausgeheckt, nur den Leuten die Köpfe verwirren sollten und von der Obrigkeit gar nicht geduldet werden dürften. Diesmal trafen sie jedoch auf heftigen Widerstand. Das Selbstbewußtsein der Jockenpartei war durch die Schriften, auf welche sie sich stützen konnten, bedeutend gewachsen, das Vertrauen auf ihren Führer größer denn je. Wenn solche Bücher geschrieben, gedruckt und verkauft werden durften, wer konnte sie nun um ihrer Meinung willen anfechten oder bestrafen? Zwar dachte außer den Führern keiner an ernstliche Schritte, vor einem entscheidenden Entweder-Oder wären gewiß sämtliche Maulhelden wie geprügelte Hunde zu Kreuze gekrochen. Nur das Gefühl der Sicherheit und Straflosigkeit ihren Gegnern gegenüber machte sie übermütig, erweckte ihre Streitlust und reizte sie zum gefährlichen Spiel. Und das war es ja auch, was Hannes und Paule wollten.

Der Streit wendete sich bald den besonderen Verhältnissen des Dorfes zu. Scharfer Tadel traf den Pfarrer über sein Vorgehen in der Schule, Fritz erntete viel Lob, daß er die Ränke und Umtriebe des Pfarrers vernichtet hatte. Zu fernerem Ausharren wurde er ermahnt, ihm eifriger Beistand verheißen. Wie sich die Köpfe erwärmten, wurde der Eifer, die Kühnheit um so größer. Der Beckenjörg schlug endlich mit der Faust auf den Tisch und schrie von Bier und Aufregung glühend: »Die Schule ist die Hauptsach', darüber müssen wir die Hände halten, dort können wir dem Pfarrer ans Leben greifen! Werden erst einmal die Kinder nicht mehr zum Aberglauben erzogen, dann hört die Pfaffenherrschaft von selber auf. Drum müssen wir den Pfarrer aus der Schule werfen um jeden Preis. Öffentlich sag' ich's: Ich will nimmer leiden, daß meine Kinder mit den Bibelsprüchen, Gesangbuchsliedern und biblischen Geschichten geplagt, ich will's nicht leiden, daß sie mit Absicht verdummt und verdorben werden. Lehrt sie rechnen, lesen und schreiben, macht ihre Köpfe hell und klar, da gibt's genug zu tun. – Dank sind wir dem Herrn Schulmeister schuldig, daß er sich so tapfer seiner Haut gegen den Pfarrer gewehrt, aber noch ist lang' nicht genug geschehen. Ich sag' Ihnen, Herr Schullehrer, noch ganz anders müssen Sie dem Walter den Meister zeigen. Können's getrost wagen, wir alle stehen hinter Ihnen und leiden nicht, daß Ihnen ein Haar gekrümmt wird. Wie gesagt, mit den Bibelsprüchen und Liederversen muß es ein Ende haben, ich leid's nimmer, daß meine Buben damit geplagt werden!«

»Potz Mordsapperment!« fiel der Schulz ein. »Ist die blanke Wahrheit, stimm' in allen Stücken bei. Und ich sag' Ihnen als Schulz, Herr Lehrer, das dumme Zeug darf nimmer gelehrt werden! Ja, das sag' ich als Schulz!«

Heftiger Lärm folgte diesen Worten, legte sich aber sogleich wieder, als Fritz, der unterdessen seine Zeche bezahlt, aufstand, nach seinem Hut griff und gleichmütig sagte: »Ich bitte Sie, die Schule und mich mit Ihrem Parteihader zu verschonen. Ich versichere Sie, daß ich weder von der einen, noch von der andern Seite Eingriffe in meinen Berufskreis dulden werde!« Mit erhobenem Haupte verließ er die Stube. Noch auf dem Hausflur vernahm er das Hohngelächter, das ihm die Jockenpartei nachsendete. Plötzlich wurde es wieder still; der Schäfersbauer sagte mit tiefer Bruststimme: »Mög't über euren Schulmeister schimpfen, so sehr ihr wollt, ich acht' den Mann, der weiß, was er will; weiß es vielleicht besser, als ihr all' miteinander. Weit ist's mit Bergheim gekommen; muß sagen, so schlimm hätt' ich mir's doch nicht gedacht. Nu nu, fahrt nur fort, macht nur zu, werden euch die Augen aufgehen! Ich aber will mit Leuten, die ernstlich damit umgehen, die Religion abzuschaffen, keine Gemeinschaft haben. Hab' zu meinem Herrgott gebetet an die sechzig Jahr', soll nunmehr auch dabei bleiben; hab' auch immerdar in meinem Haus auf Frömmigkeit und Ehrbarkeit gehalten; will's nicht erleben, daß es anders werde. Drum sag' ich dir, Schulz: Der Verspruch zwischen meinem Frieder und deiner Marie ist aus, null und nichtig ist er! Nimmermehr soll mir die Tochter eines Gottesleugners als Schnur ins Haus kommen. Kannst das Handgeld morgen zurückschicken!«

Dreizehntes Kapitel

Es war Samstagabend, die Sonne neigte sich zum Untergang. Wolken von Schnakenschwärmen wogten in ihrem Scheidestrahl über den sumpfigen Rotwiesen auf und ab, von emsig jagenden Schwalben, Rotschwänzchen und Bachstelzen durchkreuzt. Über den wallenden, silbergrau glänzenden Kornfeldern huschte der Dorndreher hin und her, und die zackigen Dornenäste, zum Schutz der Saaten von den Landleuten zu beiden Seiten des schmalen Fußsteiges gesteckt, trugen an ihren Stacheln die oft noch zappelnden, braunen Junikäfer, die Opfer seiner Mordlust. Stille war es ringsum, nur in den Kleefeldern rauschte noch die Sense des Mähders, und die Mägde schleppten hochgetürmte Lasten des duftenden Krautes auf Vorrat für morgen nach dem Dorfe. Langsam, tief atmend, schritt Fritz dem nahen Sülzdorf zu. Mancherlei trübe Gedanken bewegten ihn. Die wachsende Verbitterung der Gemüter in Bergheim, die sich schon bis in die Schule zu erstrecken begann, sodann seine täglich unklarer werdende Stellung zur Gemeinde wie zum Geistlichen peinigte ihn. Er fühlte, daß stündlich ein vernichtendes Wetter gegen ihn losbrechen könne; und wenn er auch auf das Schlimmste gefaßt war, diese dumpfe Schwüle wurde ihm auf die Dauer fast unerträglich. So schritt Fritz schmerzlich bewegt im Abendschein durch die leise wallenden Roggenfelder dahin.

In der hellen, freundlichen, großen Wohnstube des Sülzdorfer Schulbauernhauses saß die ganze Familie beim Abendbrot. Erstaunt und erfreut eilte der Hausherr dem Lehrer entgegen. »Ei, welche Freude, Herr Lehrer! Kommen grade recht, setzen Sie sich zu uns und nehmen Sie vorlieb! Anna, geschwind einen Teller für den Herrn Lehrer, und rücket zusammen, ihr dort!«

Um nicht zu stören, nahm Fritz ohne Umstände die Einladung an, was ihm ein zufriedenes Kopfnicken des Schulbauern eintrug. Tief errötend war die Herrnbauersanna aus der Stube geeilt; als der Lehrer die Hausfrau begrüßt, fragte er: »Ist Anna immer bei Ihnen?«

»Ach, leider nicht!« entgegnete die schöne, etwas blasse Frau mit einem Seufzer. »Ihre Mutter will sie durchaus nicht von sich lassen, und ich kann ihr das im Grund ja auch nicht verdenken. Die ganze Woche war ich aber so unwohl, daß ich mir doch meine Pate zur Hilfe ausgebeten habe. Morgen geht sie wieder heim.«

Anna hatte unterdes einen Teller gebracht, und der Schulbauer sagte einfach: »Nun langen Sie zu!«

Über Tisch wurde wenig gesprochen. Anna saß dem Lehrer grade gegenüber, ein leiser Schimmer des Abendrotes überhauchte ihr aschblondes Haar, und Fritz erstaunte aufs neue über die Schönheit des Mädchens.

»Was hast nur, Anna?« fragte der Schulbauer nach Beendigung des Mahles. »Bist so still, und dein Mundwerk geht doch sonst wie ein Uhrwerk?«

»Ist mir eben nicht zum Reden!« entgegnete Anna leise, während eine Purpurröte ihr Gesicht übergoß; alle Tischgenossen erhoben sich, und die Kleinmagd sprach das Tischgebet.

Während die Mägde sich auf die Ofenbank setzten und eifrig strickten, nahm die Bäuerin eine Bibel aus dem Schränkchen und legte sie vor dem Hausherrn auf den Tisch.

»Kann Ihnen meinen Hausgottesdienst nicht erlassen, Herr Lehrer!« wendete sich der Schulbauer an diesen. »Ist ein Erbstück meiner Eltern selig und mir gar lieb und wert!«

Als Fritz still nickte, blätterte er in der Bibel und sagte: »Nachdem wir die Arbeit und Plage der Woche überstanden, wollen wir nun auch unsere Gedanken von den gewöhnlichen Dingen abkehren. Habe für unsern heutigen Hausgottesdienst die Geschichte vom Nikodemus ausgewählt, Evangelium Johannes, Kapitel 3, Vers 1–15. Ist mir ein liebes, wertes Evangelium; so oft ich's schon durchgelesen, nimmer habe ich's noch ausgelesen, stets fallen mir neue, gute Gedanken dabei ein. Ist etwa nicht, daß ich alles darin bis aufs Tippele verstehe, mit vielem, was darin enthalten ist, weiß ich nichts anzufangen. Aber was übrigbleibt, das ist so einfältig, so wahrhaftig, so kräftig, daß die unverständlichen Stellen wohl mit in den Kauf zu nehmen sind. – Gebt jetzt acht!«

Alle falteten die Hände und blickten ernst vor sich nieder. Als der Schulbauer zu Ende gelesen, sah er noch eine Zeit wie in Gedanken verloren in das Buch, dann schob er die Bibel etwas von sich, legte die Ellbogen auf den Tisch, die gefalteten Hände aufs Buch, blickte zur Decke und begann:

»Was mich an dem Evangelium so ganz besonders erfreut, ist, daß man den Heiland da einmal ganz allein für sich hat. Mir ist's stets, wenn ich das Kapitel lese, als wäre ich der Nikodemus, und der Herr Jesus selber säß' mir gegenüber an dem Tisch, stützte seine Arme auf, guckte mir mit seinen gewaltigen Augen bis tief 'nunter ins Herz und gäbe mir Bescheid auf all mein Leid und Herzquälen. Wird mir wohl eng um die Brust, wenn ich den Herrn leibhaftig vor mir denke, aber – wir find ja eben allein – das Herzklopfen hat bald ein End', ich weiß mich meinem allerbesten Freund nah'; was mich drückt und quält, das kommt hervor, und schon, indem ich's so in Gedanken darlege, wird mir's leichter und freier ums Herz. Ist auch ein Trost und eine eindringliche Mahnung für uns, daß sich der Herr in der Nacht zum Nikodemus setzte. Daraus ersehen wir, daß der Herr auch für die Menschen ein teilnehmend Herz hatte, die ihm ein besonderes Anliegen zu klagen hatten. Der Herr hätte ja zu dem Nikodemus sagen können: ›Was willst du? – gar noch so spät in der Nacht? Geh, ich will endlich auch einmal zur Ruhe kommen. Habe ich nicht den ganzen lieben Tag gelehrt und gepredigt? Komm morgen oder übermorgen am Tag und höre meine Predigt, so wirft du finden, was du bedarfst!‹ Neunundneunzig unter Hunderten hatten's so gemacht, aber der Herr nicht. Wer kommt, ist angenehm, zu jeder Zeit ist er bereit zu hören, zu raten, zu helfen und zu trösten. Daraus leuchtet so recht seine große Liebe hervor, und ich halt's für gar nichts Klein's, daß er sich mit dem Nikodemus so lange in der Nacht unterredet hat. Zeigt uns auch unsre Schuldigkeit. Wir vergessen so gern und so leicht, was wir unserm Nebenmenschen schulden. Wie oft wäre einem armen geplagten Herzen mit einem guten Wort aufzuhelfen, aber die bekümmerte Seele traut sich nicht an uns, weil es nicht die rechte Zeit und Stunde ist; plagt und härmt sich lieber in der Einsamkeit. Drum ist die Geschichte eine Mahnung, daß wir in allzu großer Bedrängnis getrost den aufsuchen, auf den wir eben besonders Vertrauen setzen, ohne erst ängstlich auf passende Zeit zu warten; im andern Fall aber auch, daß wir nimmer einen Betrübten abweisen, sondern jederzeit mit Freundlichkeit die Bedrängten anhören, wenn es uns auch einmal nicht recht passen will!

In Summa aber achte ich das Evangelium so recht als eine Geschichte fürs Haus. Ich meine, in jeder Stube sollte ein Nikodemuseckele sein, wo man sich hinsetzt, wenn man in seinen Gedanken mit dem Herrn Jesu allein sein möchte. Achte, wäre in jedem Haus solch stilles Eckele, es würde besser in den Familien, Gemeinden und auch im Staate stehen. Will nicht sagen, daß man mit dem Herrn Götzendienst treiben, daß man ihn vielleicht gar für einen Herrgott estimieren sollte – nein, nein! Nur einen Platz im Herzen, auch in der Stube sollte ihm jeder gönnen, denn Jesus wird immerdar der beste Tröster und Berater – der allerbeste Hausfreund bleiben, wie der Pfarrer verwichen predigte.«

Sinnend blickte der Bauer in die Bibel, strich sich über Stirn und Augen und fuhr fort: »Was nun die beiden im Kämmerlein verhandelten, verstehe ich nicht, probier's auch gar nicht, eine Deutung zu finden. Wer weiß, hat's vielleicht der Herr Jesus dem gelehrten Nikodemus mit Absicht ein bißle schwer gemacht? Item, geholfen hat er ihm doch, und in der Hauptsache können wir auch seine Reden gar wohl begreifen. Wie in allen seinen Lehren und Gleichnissen verlangt er auch hier, daß wir umkehren, gut und fromm werden sollen wie die Kinder. Ach, wenn wir es einmal dahin brächten, alle Sünde von uns abzutun, dann müßte uns ja selbst zumute sein, als wären wir neu geboren. Ein schwer' Gebot, und möchte einem wohl ängstlich ums Herz werden, wenn man die große Schwachheit der menschlichen Natur betrachtet. Aber verzagen dürfen wir nicht, sonst ist von vornherein alles verloren. Ein Nikodemuseckele vor allem im Herzen ist uns not, das wollen wir uns aus dem heutigen Evangelium mit hinübernehmen in die neue Woche, das wollen wir uns merken für alle Zeit. Und wenn wir oft ernstlich in Gedanken mit dem Herrn verkehren, wenn wir ihm ernstlich nacheifern, dann dürfen wir, wie es der Nikodemus wohl auch getan hat, bei aller unsrer Schwachheit und Unvollkommenheit uns des Spruches getrösten: Auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Amen!«

Knechte und Mägde standen auf, die Bäuerin trat an den Tisch neben den Hausherrn, betete das Vaterunser und schloß die Feier mit den Worten: »Der Friede Gottes sei und bleibe bei uns allen. Amen!«

Stille war es in der Stube; alle, auch Fritz, sannen dem Gehörten nach; nur einmal war es dem Lehrer, als ruhten Annas Augen auf ihm, doch war die Dunkelheit schon zu groß im Zimmer, als daß er sich hätte Gewißheit verschaffen können. Auf der Straße, dann im Hofe ward heftiges Weinen laut; ehe sich jemand nach der Ursache des Jammers umblicken konnte, stürmte die Schustersannemargt in die Stube, sank wie zerschlagen auf die Ofenbank, verhüllte ihr Gesicht in die Schürze und heulte und schrie so jämmerlich, daß die Bäuerin an allen Gliedern bebte. Der Schulbauer suchte sie zu beruhigen, lange vergeblich; endlich sagte er ernst: »Annemargt, wenn du was auf dem Herzen hast, so rede; du weißt, du wirst nicht taube Ohren finden – dein Geschrei aber laß sein. Rede – was ist geschehen?«

»Ach, daß sich Gott im hohen Himmel erbarm', Schulbauer!« rief nun die Frau, ohne die Schürze gänzlich vom Gesicht zu entfernen. »Eben ist mein Andres wieder toll und voll heimkommen, tobt wie besessen im Haus, prügelt mich und die Kinder, schlägt zusammen, was ihm unter die Hände kommt. Dabei flucht und lästert er, die Haare stehen einem zu Berg; fort und fort schreit er: ich bin zum Unglück auf der Welt, bin der Narr, der Sündenbock der Sülzdorfer. Aber ich habe das Lumpenleben satt; den Sülzdorfern zum Tort tu' ich's und hänge mich auf, denn die sind ganz allein an meinem Untergang schuld!«

Der Schulbauer schwieg, seine Brauen hatten sich zusammengezogen, heftig trommelte er auf den Tisch. Das erschreckte die Frau; sie brach in neues Heulen aus und schrie wie außer sich: »Ach, um Gottes-Jesus-Christi willen, helft, Schulbauer, helft! verlaßt mich nicht! Was soll aus mir und den Würmern werden, wenn mein Andres seine Drohung wahrmacht? Kommt mit, Schulbauer, und verhütet das Unglück!«

»Laß das Heulen!« sagte der Schulbauer und trat dicht vor die Frau. »Dein Schreien macht nichts ungeschehen! Lästere deinen Andres nicht, du bist soviel Schuld an dem Unglück als er! Wie oft habe ich dich gebeten: gehe freundlich mit deinem Alten um, schimpfe nicht den lieben langen Tag auf ihn hinein, halt' dich selber in Ordnung, sieh auf Reinlichkeit im Haus, sorge für ein ordentliches Essen, vielleicht ändert er sich. Hast du auf mich gehört? Und das ist's nicht allein; der Unfriede mit den Nachbarn bringt keinen Segen ins Haus, vom Schwätzen auf der Gasse wird kein Häfele voll, und das in den Häusern Umherflankieren macht keine Ziege satt! Ja, ja, sieh mich nur groß an, du bist nicht die Bohne besser als dein Andres! – Und eigentlich ist's gar nicht recht, daß ich dich noch anhöre, hast du mich nicht in der ganzen Welt verschrien als einen groben Hochmutsnarren, da ich versuchte, euch zum Guten zu lenken? – Aber einen Notleidenden werde ich nicht von meiner Tür weisen! Heute geh' ich nicht zu deinem Alten, im Taumel ist nicht mit ihm zu reden. – Mit dem Hängen wird es nicht so schnell gehen, im schlimmsten Fall schick' dein Bärble, mein Großknecht wird dann deinen Alten bewachen. Morgen komm' ich, dann legt mir euren Zustand ohne Heulen und Schreien vor, und ich will tun, was ich kann.«

»Auch auf meinen Beistand kannst du rechnen,« sagte die Bäuerin, »aber nur, wenn du dein Bärble, deine Große, sogleich bei einer ordentlichen Herrschaft unterbringst. Ist schon ein Jahr konfirmiert und kann weder stricken noch flicken, noch sonst eine Arbeit, wo soll das hinaus? Ich selbst werd' ihr einen Dienst ausmachen, daß sie in ordentliche Hände kommt. Sodann meine ich, wir nehmen die zweite, die Margelies, sogleich zu uns; Arbeit findet sich immer, und ich möchte nicht, daß das Mädle verkommt und erstarrt wie die Bärbel!« Als der Bauer zustimmend nickte, fuhr sie fort: »Also dabei bleibt's! Du hast dann nur noch dein Jüngstes zu versorgen und kannst wohl Ordnung in deinem Haus halten. Merk's nur, ich werde dir scharf auf der Haube sein. Jetzt gehe heim, siehe zu, daß du deinen Alten zur Ruhe bringst, und morgen werde ich selber nachsehen, wo's dir fehlt! – Geh jetzt heim!«

Kleinlaut schlich die Schusterin aus der Tür; auf einen Wink der Bäuerin folgte ihr Anna – Fritz erriet, zu welchem Zweck. Während die Bäuerin im Lehnstuhl ihr Strickzeug wieder aufnahm, und die Dienstboten die Stube verließen, ging der Bauer heftig auf und ab und sagte endlich: »Ist ein Jammer, wie sich die Armen immer selber im Weg stehen; das Herz tut einem weh, wenn man das Elend mit ansehen muß. – Die Annemargt, Herr Lehrer, hat lange Jahre bei mir gedient, war ein sauberes, braves Mädle. Kaum aber hatte sie ein paar Batzen erspart, kam der Hochmut über sie; sie ließ sich mit einem Knecht ein, und die Geschichte endete, wie solche Verhältnisse meistens zu enden pflegen: Die Annemarie hatte ein Kind – die Bärbel – und der Knecht zog in ein anderes Dorf. Ihre paar Gulden lockten später den Schustersandres an, der auch schon ein Kind versorgen mußte: mein Warnen war vergebens, sie heirateten sich. Hätte sich trotzdem machen können; der Schuster ist geschickt, und die Annemargt hatte mancherlei bei meiner Lisbeth gelernt. Allein die beiden außerehelichen Kinder waren das Unglück der Schustersleute. Täglich gab es darüber Verdruß, Hader und Zank, die Annemargt verlotterte, der Andres fing das Saufen an, und nun ist's so weit, daß er an Selbstmord denkt. – Ist eine schlimme Sache, Lisbeth; wenn wir den Leuten wirklich helfen wollen, ist's mit einem Geschenk nicht getan. Wie meinst, soll ich's wagen und dem Schuster mit einem ordentlichen Kapital unter die Arme greifen, daß er sich wieder Handwerkszeug und Ledervorrat anschaffen kann, und Lust und Liebe zur Arbeit wie zum Leben kriegt? Was meinst?«

»Man könnte denken, ich wäre in allem dein Widerpart!« lächelte die Bäuerin. »Tu's nur, Jörg; anders ist ja freilich den Leuten nicht zu helfen. Gibst du ihnen einen Vorschuß, kannst du dir's ja ausbedingen, daß sie sich in allen Stücken deinen Anordnungen fügen müssen. – Ist dir doch auch recht, daß ich das Mädle ins Haus nehme?«

»Hab' mich schon lange nach einem Kind gesehnt!« entgegnete der Bauer und griff nach seiner Tabakspfeife. »Bleibt's also dabei, wir machen einen Versuch, den armen Leuten noch einmal auf die Strümpfe zu helfen. – Meine Alte würde Sie nun wohl gern ein bißle im Haus 'rumführen und Ihnen noch mit einer Kleinigkeit aufwarten, Herr Lehrer, aber es ist schon spät, und Sie besuchen uns lieber recht bald einmal wieder. Ich möchte heute noch mancherlei mit Ihnen reden, in der Stube aber wird mir's so eng – wie wär's, wenn wir einen Gang durch die Felder machten? Aber, Herr Lehrer, nur unter der Bedingung, daß Sie recht bald wieder bei uns einsprechen!«

»Ich fürchte,« lachte Fritz, »ich werde Ihnen in Zukunft nur allzuoft lästig fallen!«

»Wagen Sie es darauf!« rief der Bauer und schüttelte ihm die Hand. »Ich nehme Sie beim Wort! – und nun kommen Sie!«

Vergebens sah sich Fritz nach ihr um, vergebens rief die Bäuerin nach ihr – Anna war verschwunden, der Lehrer mußte ohne Abschied von ihr das Haus verlassen.

Bald hatten die Männer die offene Feldflur erreicht und schritten auf breitem Grasrain zwischen üppig sprossenden Weizenfeldern hin. War eine jener wunderbaren, stillen Sommernächte, die das Gemüt so geheimnisvoll anregen. Hell und klar stand noch das Abendrot über den nordwestlichen Bergen. Leises Zirpen der Grillen umwogte sie, im Tal murmelte der Fluß. Fritz brach zuerst das Schweigen: »Ich bin Ihnen sehr zu Danke verpflichtet! Habe viel bei Ihnen gelernt! Wenn alle Menschen dächten wie Sie, stände es besser in der Welt!«

»Das streite ich nicht! Allein so arg schlimm sind die Menschen nicht!«

»Habe noch wenig milden Sinn, selten ein wahrhaft weiches Gemüt bei den Bauern gefunden.«

Der Bauer lachte leise. »Ohne Zweifel sind wir Bauern aus härterem Holz geschnitzt als die vornehmen Herrschaften in der Stadt, aber wir haben Herz und Gemüt so gut als die Vornehmen. Auch die Liebe, das Mitleid finden Sie bei uns, wenn Sie nur darauf ausgehen, sie finden zu wollen. – Ja, ich lasse nichts auf meinen Stand kommen. Wohl ist er in vielen Stücken nicht, wie er sein sollte, wohl ist er weit zurück in seiner Entwicklung – aber ist es allein Schuld des Bauern, daß es so mit ihm steht? Ja freilich, man nennt ihn dickköpfig, eigensinnig, hartnäckig, zäh, schwer beweglich, am Alten hängend – aber, frage ich dagegen, hat man es sich auch nur einmal im Ernst angelegen sein lassen, ihn wahrhaft zu fördern? Ach, Herr Lehrer, der Bauer war von jeher der Pudelhund und Hansnarr der großen Herren. Ich selbst kann mich noch gut der Zeit erinnern, da jeder armselige Heringskrämer und Flickschuster der Stadt mit Verachtung auf den ›dummen, groben Bauer‹ herabsah und ihn danach behandelte. Und gehen Sie in die Ämter und Gerichtsstuben – dort werden Sie erfahren, was der Bauer noch heute geachtet ist! Ist's zu verwundern, daß er zuletzt mißtrauisch, störrig, verstockt gegen alles vornehme Wesen wurde? – Die Schulen sind besser geworden, ja! – aber wie lange ist es her? und glauben Sie wirklich, daß die Verbesserung soviel zu bedeuten hat? Ich mache den Lehrern keinen Vorwurf, weiß wohl, auch die Leistungen des geringsten stehen ganz außer Verhältnis zu seinem Lohn; aber traurig ist es, daß man für das Land noch immer auch den Unfähigsten für gut genug hält. Bin der festen Meinung, daß die Volksschulen die Hebung des Volkes nicht allein möglich machen werden; aber sehr viel können sie dazu beitragen. Darum tut es mir so in tiefster Seele wehe, wenn ich sehen muß, wie Männer, die grade auf dem Lande ein Segen für ihre Umgebung werden könnten, sich so stolz und gleichgültig von den Bauern abwenden, die Zeit nicht erwarten können, da sie wieder in gebildetere Kreise zurückkehren. – Ja, Reinhardt, das gilt Ihnen!« fuhr er tief bewegt fort und nahm die Hand des Lehrers. »Lange habe ich geschwankt, ob ich auch so zu Ihnen reden dürfe, aber ich kann nicht anders, ich muß Ihnen mein Herz öffnen, ich muß Ihnen sagen, wie es mich bekümmert, daß Sie Bergheim wieder verlassen wollen. Herr Lehrer, lieber Herr Reinhardt! – tun Sie's nicht! geben Sie die Stadt auf, bleiben Sie bei uns! Sie werden auch hier glücklich werden, Sie werden es nie bereuen, dem Landvolk Ihre Kräfte gewidmet zu haben!«

Fritz war tief bewegt und betroffen. Nicht gleich fand er eine Entgegnung, der Schulbauer kam ihm zu Hilfe: »Verlange keine Antwort, Herr Lehrer, noch weniger denke ich, Sie heute zu einer Entscheidung zu drängen. Nur darum bitte ich, überlegen Sie meine Worte reiflich und versprechen Sie mir: keinen raschen, übereilten Entschluß!«

Herzhaft schlug Reinhardt in die dargebotene Hand ein und sagte: »Mit Freuden kann ich Ihnen das versprechen. Übrigens war es ohnedies nicht meine Absicht, Bergheim vor Beilegung der gegenwärtigen Wirren zu verlassen.«

»O wie glücklich Sie mich machen!« rief der Bauer und drückte Reinhardts Hand. »Das habe ich von Ihnen erwartet! Ach, mir ist eine Last vom Herzen genommen, nun habe ich Hoffnung, daß wir Sie für immer behalten werden! – Verzeihen Sie, Herr Lehrer, daß ich so über Ihre Zukunft bestimmen möchte, ach, Sie wissen nicht, welche Schmerzen mir schon der Notstand des Bauernvolkes gemacht. Gleich von Anfang erkannte ich in Ihnen den Mann, der uns schon lange not getan.

Werde Ihnen wunderlich vorkommen, nicht wahr?« fuhr er fort. »Fühle wohl, daß ich Ihnen Aufklärung über mich schuldig bin. Ist ohnedies nötig, daß wir uns gründlich kennen lernen. Ist's Ihnen recht, will ich in der Kürze meinen Lebenslauf berichten.

Stehen uns eigentlich gar nicht so fremd gegenüber, Herr Reinhardt. Wie Sie stamme auch ich aus einer Lehrerfamilie. ja, ich war selbst einige Jahre in der Schule tätig, halb und halb sind wir demnach sogar Kollegen. Seit Gründung der hiesigen Schule – länger denn 150 Jahre – waren die Vorndran hier Lehrer, immer folgte dem Vater der Sohn, bis ich endlich freiwillig das Lehramt aufgab.

Als arme Handwerker wanderten meine Voreltern hier ein, brachten es aber bald zu Wohlstand und Ansehen. Die Vorndran besorgten den Schulunterricht, der sich ja ohnedies auf den Winter beschränkte, daneben waren sie auch tüchtige Bauern. So noch mein Vater, und er meinte, auch ich sollte es nach seinem Tod forthalten. Früh schon bekam ich in Schottendorf vom Rektor und Kaplan tüchtige Privatstunden, wohl vorbereitet bezog ich mit 17 Jahren das Seminar. Ich arbeitete mit Lust unter tüchtigen Lehrern, deren volle Zufriedenheit ich mir erwarb. Weiß nicht, war es ein gewisser Hochmut über meine leichten Erfolge, oder hatte das einen tieferen Grund, eine unbestimmte Sehnsucht, die ich selber nicht verstand, trieb mich um, machte mich mürrisch, verdrossen; religiöse Zweifel, die ich an unsrer streng bekenntnistreuen Anstalt sorgfältig geheimhalten mußte, vermehrten meine Not. War eine trübe Zeit. Endlich schlug die Stunde der Erlösung. Mit guten Zeugnissen verließ ich die Anstalt und wurde sofort auf Wunsch meines Vaters diesem als Hilfslehrer beigegeben.

Neue Nöte kamen hier zu den alten. Meine innere Unruhe und Zerfahrenheit konnte dem Vater nicht verborgen bleiben: je weniger er mich begreifen konnte, desto gewaltsamer drang er auf Sinnesänderung. Bald stand ich auch in der Heimat einsam wie im Seminar, galt für überstudiert, und wurde als ein Narr verspottet. Das tat um so weher, da ich mir selber gestehen mußte, die Nachbarn hatten nicht so unrecht. Was wollte ich eigentlich? Ich meinte, ich sei eigentlich zu etwas Größerem, Höherem bestimmt, als zum Lehrer und Bauer. Mißmutig vollbrachte ich mein Tagewerk und verbiß mich tiefer in meinen Unmut, für den ich nicht einmal einen Namen hatte.

Damals fand ich Gefallen an der Herrnbauerslisbeth und war bald mit dem Mädchen einig. Aber das Glück dauerte nicht lange: die Liebe erschien mir auch wieder wie ein Hemmschuh, der mir die Erreichung meines Zieles vollends unmöglich mache.

Eine dunkle Ahnung von diesem Ziel ging mir bei dem unerwarteten Tode des Vaters auf. Ich war nun frei, unabhängig, jung, reich – nichts hinderte mich, in die Welt zu gehen, mein Wissen zu ergänzen, mir in den vornehmen Kreisen einen Platz zu erobern. In väterlicher Weise Lehramt und Bewirtschaftung eines Gutes zusammen zu betreiben, vertrug sich nicht mit den Anforderungen der Neuzeit, das hatte ich längst eingesehen, und in einer Art Zorn über mich selber, um allem Grübeln ein Ende zu machen, mir selbst jeden Rückweg abzuschneiden, legte ich mein Amt nieder, heiratete Lisbeth und wurde Bauer.

Vielfach wurde mein ›Umsatteln‹ bemäkelt: die Nachbarn nannten mich höhnend einen ›Bücherbauern‹ und prophezeiten ein baldiges, schlimmes Ende meiner Ökonomie. Das reizte meinen Stolz, es galt mir nun als Ehrensache, als untadelhafter Bauer auch vor den böswilligsten Beurteilern zu bestehen. Ich erreichte mein Ziel; bald verstummte der Spott der Nachbarn, und als ich mich erst in meinem neuen Berufe heimisch fühlte, kam mir auch meine größere Bildung zugute. Mit Eifer studierte ich neben andern Hilfswissenschaften der neueren Ökonomie besonders Tierheilkunde und darf wohl sagen, daß ich manches Unglück in den Ställen verhütete.

Glücklich aber war ich nicht; nicht die herzliche Liebe meiner Lisbeth, nicht das Gelingen meiner Arbeit, nicht das wachsende Ansehen vermochten mir Ruhe, Zufriedenheit zu geben. Mein Wirken genügte mir nicht, noch immer glaubte ich mich am unrechten Platz, zu Größerem, höherem bestimmt. Ach, meine arme Lisbeth hatte in jener Zeit viel zu leiden: ich liebte sie von ganzem Herzen, dennoch war ich nicht stark genug, die heimlichen, hochmütigen Wünsche aus dem Herzen zu reißen. Mein Glück machte mich täglich blinder, verstockter und wunderlich! – auch hochmütig und eitel. Nach und nach gewöhnte ich mich daran, mein Glück als mein eigenstes Werk zu betrachten: allein statt mich dessen zu erfreuen, wurde ich nur unmutiger. Waren mir solche Erfolge möglich in meinen engen, beschränkten Verhältnissen, was hätte ich erst leisten müssen am rechten Platz? – So sann, grollte ich, verachtete, was ich hatte, und wußte selber kaum, was ich mir wünschte.

Mein Stolz, meine Hoffnungen waren meine Kinder, Fritz und Anna. Körperlich wie geistig gleich begabt, wuchsen sie heran, allen Menschen zur Freude. In ihnen wollte ich glücklich werden, sie sollten erreichen, was mir versagt blieb. Und welche Aussichten eröffneten sich auch diesen Kindern! Nicht nur wuchs mein Vermögen jährlich, eine unerwartete Erbschaft verdoppelte es noch, dazu schien die Ehe meines Schwagers, des Herrnbauers, kinderlos zu bleiben – auch dort konnten sie einst erben! Ach, ich war in jener Zeit sehr hochmütig – und dennoch innerlich so arm!

Da kam das Nervenfieber ins Dorf – nach kaum acht Tagen mußte ich meinen Fritz, meine Anna in ein Grab sinken sehen!«

Tief erschüttert schwieg der Bauer. In stummer Teilnahme drückte ihm Fritz die Hand.

»Wie ich den ersten Schmerz überwand, weiß ich nicht. Meine Lisbeth war stärker als ich, ihr Glaube war ihr Trost, ihre Hoffnung; vielleicht war es auch die Sorge um mich, was ihr über das Leid hinweghalf. Mit mir muß es schlimm gestanden haben; hernach erfuhr ich, daß man ernstlich um meine klaren Gedanken sorgte.

War's ein Wunder, wenn ich völlig darniederlag? Einen Halt in mir hatte ich nicht – meine einzige Hoffnung war nun auch für immer zerstört, was blieb mir? Frühe schon plagten mich religiöse Zweifel, nun kamen sie mit doppelter Gewalt über mich. Wo ich ging und stand, wälzte ich den Gedanken um: gibt es Unsterblichkeit oder nicht? In meiner Herzensangst fragte ich da und dort um, Bücher auf Bücher las ich, aber alle Gründe dafür vermehrten nur meine Zweifel. Ich wollte mich zwingen, an ein Wiedersehen mit meinen Kindern zu glauben – umsonst. Ich stand an einem Abgrund, welchen mein Denken nicht zu überspringen vermochte! Reinhardt, als ich endlich nicht mehr zweifelte, da waren meine Kinder zum zweitenmal gestorben, da war mir die ganze Welt verödet – mir war alles genommen!

Wie lange das so andauerte, weiß ich nicht. Einmal ackerte ich wieder allein drüben in der Leiten. War ein wonniger Tag; in Bergheim mußte ein Begräbnis sein, die Glocken klangen klar und hell zu mir herüber. Da kam das Leid mit einer Gewalt über mich, wie noch nie: ich meinte, ich müsse in die Erde versinken. Derweil klang das Geläute fort, bald leiser, bald lauter, und die milden Töne taten mir wohl. Wie schade, dachte ich, daß es sobald verklingen wird! – Aber warum schade? sann ich weiter; muß nicht alles auf der Erde ein Ende haben? Wer weiß denn, wie bald man auch dir zum letzten Gang läuten wird? Dann liegst du still und ruhig, hörst nichts von dem Klingen und Seufzen und Weinen um dich. Und ob die Sonne dein Grab erwärmt oder die Sterne darauf herniederleuchten, ob der Frühling die Blümlein aus dem Hügel lockt, oder ob ihn Eis und Schnee deckt, und der Sturm darüber braust – 's ist alles eins! Eine Zeitlang wird man meiner gedenken, die Lisbeth wird mein Andenken in Ehren halten; aber ist auch sie erst gestorben, so bin ich und sie und die Kinder bald vergessen. Alles ist eitel! – Nur die Welt bleibt bestehen, ewig schön, ewig jung, ewig reich. Andere Geschlechter kommen, freuen und quälen sich eine Zeit, bald kürzer, bald länger, dann legen auch sie sich nieder, verschwinden unter die Erde, über ein Kleines sind sie vergessen. – Warum nun dieses Trotzen und Quälen? Führt mich nicht jeder Tag, jede Stunde dem großen Ziele alles Lebens näher? Bin ich nicht gewiß, daß ich auch über kurz oder lang das Los meiner Kinder teilen und wieder mit ihnen vereint sein werde?

Im Herzen quoll mir's wunderlich auf, der Pflug wurde mir so leicht in der Hand, als ging er von selber, und wie er die Erde wendete, schien er auch neue Gedanken mit heraufzuholen.

Zwar war es traurig, daß meine armen Kinder so frühe die schöne Welt lassen mußten. Allein auf der andern Seite war auch gerade ihnen wieder ein gar schönes Los gefallen. Ein sonniger, wolkenloser Frühlingstag war ihr Leben. Durfte ich sie beklagen? Da, Reinhardt, da dämmerte zuerst in mir auf eine Ahnung jener ewigen Liebe, die alle Welten durchdringt, die jegliches Wesen mit gleicher Innigkeit umfaßt, die jedes einzelnen Geschick so abwägt und ausgleicht, daß keiner verkürzt wird.

Noch ahnte ich nicht, welchen Schatz ich gewonnen; allein ich kehrte ruhiger heim, ein neues Leben begann von diesem Tag.

Nun ich das Geschick meiner Kinder nicht mehr trostlos beklagte, waren sie mir auch nicht mehr tot, ihre Gestalten standen in meinem Herzen auf, da lebten sie fort in ewiger Jugend und Schönheit. Die Ahnung der ewigen Liebe hatte meine Kinder vom Tode für mich auferweckt, die Welt neu belebt, mich selbst dem Leben wiedergegeben.

Nur langsam richtete ich mich auf, stand darum auch fest. Meine frühere Torheit hatte ich klar erkannt, all der unruhige Tatendrang, all die doch im Grund nur selbstsüchtigen Wünsche ruhten bei meinen Kindern im Grabe. Im Leid waren mir die Augen geöffnet worden für fremdes Unglück, wie erschreckte mich das Elend, der Jammer überall! Vermochte der Glaube an eine gerecht ausgleichende allgemeine Liebe mir nicht alle Rätsel zu lösen, so wurde er mir doch zum Heil, denn er führte mich vom Denken ab zur Tat. Ich selbst konnte ja ein Werkzeug jener ewigen Liebe werden, ich selbst konnte das Geschick der Armen und Elenden helfen ausgleichen. Und in diesem Handeln, Reinhardt, fand ich nicht nur völligen Trost und Frieden, sondern auch die wahre Erfüllung meines Lebens, die ich früher so weit ab, so hoch droben gesucht hatte. Ich lernte mich bescheiden, lernte einsehen, daß es nicht auf den Platz ankomme, den uns das Schicksal angewiesen, sondern nur, wie wir diesen Platz ausfüllen. Zu schaffen, zu wirken gibt es überall – was ist zuletzt groß oder klein? Solche Gedanken verloren sich überhaupt bald, je mehr ich ins Handeln kam! Bald sah ich ein: nicht von oben her tut Hilfe not, sondern von unten herauf! Wieviel Jammer, wieviel Elend lernte ich kennen! Großer Gott! wie sind die Herzen erstarrt und verhärtet. Da galt es helfen und fördern, da tat sich ein Arbeitsfeld vor mir auf!

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Mit Freude darf ich sagen, nicht ganz umsonst war meine Arbeit; allein meine anfänglichen Hoffnungen haben sich nicht verwirklicht. Nur im engsten Kreis meiner allernächsten Umgebung zeigten sich Spuren meiner Wirksamkeit. Und nun werde ich alt, stehe einsam wie zu Anfang – und doch ist dem armen Landvolk Hilfe nötiger denn je!«

In großer Bewegung sprach der Schulbauer: »Sie kennen jetzt mein Leben und meine Ziele! – Still, ich will keine Entgegnung, heute nicht! Seit langem schon habe ich Sie im Auge, an Ihnen hoffte ich einen Bundesgenossen zu finden, hoffte, Sie sollten mein Werk weiterführen! Ich wiederhole meine Bitte: Bleiben Sie bei uns, Reinhardt! Ja, bleiben Sie bei uns – bei mir!«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt der Bauer eilig dem Dorfe zu. Sinnend blickte ihm Fritz nach. Auch er war in großer Erregung. Sich selbst hatte er in der Schilderung des Schulbauers wiedererkannt. Das gleiche Ungenügen, die gleichen hochfliegenden, gestaltlosen Hoffnungen und Wünsche ließen ihn nicht zur Ruhe, zur Klarheit kommen. War der Schulbauer der Mann, der ihm helfen konnte? War der Weg, den er ihm zeigte, geeignet, ihn zu einem befriedigenden Ziel zu leiten?

In großer Bedrängnis schritt er heim. Lange noch ging er in seinem Zimmer auf und ab, lange floh ihn der Schlaf. Er fühlte, daß er an einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens stehe.

Vierzehntes Kapitel

Es war am Sonntagnachmittag. Drunten in Bergheim läutete es zum Mittagsgottesdienst, und ein leiser Lufthauch trug die Klänge bald voll anschwellend, bald leise verhallend über die wallenden Saatfelder dahin, bis zu den beiden Mädchen, die von der Höhe des Feuerhügels nach dem Dorf zurückblickten und dem Geläut lauschten.

Glühend brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel, allein ein sanfter Wind milderte die Glut und kühlte die heißen Wangen der Mädchen, die langsam auf schmalem Rainweg durch die sonntagsstillen Felder schritten. Als dieser in ein heiteres Wiesentälchen auslief, ließ die Herrnbauersmargaret die Schwester an die Seite kommen, betrachtete sie forschend, während sie zwischen den Heuhaufen hinschritten, und sagte endlich kopfschüttelnd: »Anna – Mädle! – was ist doch mit dir? Ist dir's angetan oder bist du verliebt? Ich kenn' dich schier nimmer! So warte doch – ganz richtig, so ist's, seit dem zweiten Pfingsttag bist du wie ausgewechselt! Red', was ist mit dir? Meinst, ich merk' nicht, wie du nachts heimlich weinst? Und gehst du nicht auch am Tag 'rum, als warst du auf den Herrgott seine Leiche geladen? Sag's, was ist dir geschehen? Gesteh's nur, du hast dich in den Schulmeister verguckt!«

Anna fuhr zurück: um die Glut zu verbergen, die ihr ins Gesicht schoß, bückte sie sich rasch nach einer Karthäusernelke am Wege und sagte anscheinend ärgerlich: »Geh! wie magst du so dumm schwätzen?«

»Was? Bist du nicht über und über wie mit Blut übergossen? Gelt, ich hab's getroffen? Mach' nur keine Umständ' – gleich gesteh's!«

»Was, willst du mich etwa zwingen?« rief Anna und richtete ihre Augen so fest auf Margaret, daß diese zu Boden blickte. »Doch nein! Komm, sei gut, Margaret, und laß mich in Frieden. Wo hätte ich mich auch in den Schulmeister vergucken sollen, da ich kaum drei-, viermal mit ihm redete? Überdem, hat er nicht einen Anhang in der Stadt?«

Margaret war offenbar nicht überzeugt, doch war nicht Zeit zur Erwiderung, nahebei leuchteten schon die Dächer des Ditterswinder Schäfershofes durch die Büsche; sorgsam strichen die Mädchen Haar und Schürze zurecht, dann schritten sie mit sittsamen Schritten dem Haus zu.

Der weite, im Sonnenbrand glühende Hofraum war wie ausgestorben: die rastlosen Hühner hatten den Mistpfuhl verlassen und sich im heißen Sand eingegraben, sogar der Kettenhund seinen Platz vor der Haustür aufgegeben und sich tief in das Stroh seiner Hütte verkrochen. Tiefe Stille herrschte, nur aus den Ställen tönte zuweilen leises Kettenrasseln und Brummen des Viehes.

Am Brunnen neben der Scheune netzten die Mädchen die Lippen und gingen dann schüchtern ins Haus. Auch hier tiefe Stille. Die helle, große Stube war leer, nur die Fliegen summten im Sonnenschein, und in der Nebenkammer wurde gewaltiges Schnarchen laut. Schüchtern setzten sich die Mädchen auf die Ofenbank gleich neben der Stubentür, verlegen blickten sie sich an, als fast eine Viertelstunde verging und in dem weiten Gebäude – außer dem Sägen und Raspeln in der Kammer – kein Laut sich regte.

Endlich klapperten Pantoffeln auf der Treppe, gleich darauf trat die Bäuerin, eine kleine runde Frau mit einem pockennarbigen, dabei freundlichen roten Gesicht und hellen unruhigen Augen, in die Stube. Beim Anblick der Mädchen hätte sie fast einen Bündel hausgemachter Leinwand zu Boden fallen lassen, doch bezwang sie ihr Staunen, legte ihre Last ab und führte mit vielen Komplimenten die »Bäsle« aufs Kanapee.

»Heiland der Welt! das ist doch drüber 'naus!« rief sie, da dicht nebenan das Schnarchen in Wahrheit fast die Wände zittern machte, und verschwand durch die Türe. Das Schnarchen brach plötzlich ab; nach langem Gähnen, während die Bäuerin eifrig aber leise redete, brummte eine rauhe Stimme: »Ei, so schwätz'! Meint man nicht, der Herrgott in Person wäre einkehrt? 's sind doch auch keine Wundertier', die Mädle?«

»Ob du gleich 'neingehst und manierlich bist, du alter Borstigel, du!« zankte die Bäuerin leise. »Du denkst auch gar nichts! Ist nicht der Frieder wieder ledig? und gibt's eine bessere für ihn wie die Herrnbauersanna?«

Anna, die jedes Wort verstanden, drückte zitternd den Arm der Schwester an sich und flüsterte: »Ach, Margaret, komm, wir wollen fort!«

»Was denn!« lachte diese. »Sei nicht dumm. Laß die Alte immer schwätzen, mit dem Frieder werden wir schon fertig. Wär' mir 'ne schöne Sache: heut' einen Verspruch rückgängig gemacht und morgen neues Handgeld ausgegeben! Nein, Bas'! da müssen wir auch drum gefragt werden! – Sei nur still, Anna, und laß mich machen!«

Bedächtig schob sich der Bauer, eine untersetzte, vierschrötige Gestalt, herein: brummend gab er den Mädchen die Hand, dann ließ er sich schwer in den Sessel fallen. »Hör', Alte,« murrte er, »von deinem Schwätzen werden die Bäsle weder satt noch froh, und mir ist die Zunge auch salztrocken. – Ach, bleib mir bei der Hitz' vom Leib mit deinem Kaffee! – Geh', hol' 'nen Krug Bier und Käs' und Brot, das ist doch ein richtig's Essen!«

Eilfertig watschelte die Bäuerin hinaus, schalt auf die verschlafenen Dienstboten, schickte die Kleinmagd nach dem Frieder aus und klapperte endlich die Kellertreppe hinab. Der Bauer fragte unterdes die Mädchen aus, wie es daheim stehe, und schob sie ohne Umstände an den Tisch, als die Bäuerin Bier und Brot bereitstellte. Heimlich hatte die Alte in der Küche noch eine eifrige Unterredung mit Frieder, ehe sie ihn an den Tisch führte und nötigte, neben Anna Platz zu nehmen. Die Angst des Mädchens gefiel ihr sehr wohl, zufrieden nickend, dachte sie: »Ist kein unebnes Mädle, gut gezogen, weiß, was sich schickt, ziert sich – meiner Treu! – als wär's ihr Ernst mit dem Erschrecken. Na, du sollst erst noch Augen machen!«

Die Mädchen drängten zum Aufbruch, dagegen erhob jedoch die Bäuerin energische Einsprache: sie tat es nicht anders, die Mädchen mußten ihr durchs ganze Haus folgen. Da gab es viel zu bewundern – die Schäfersbäuerin konnte ihren »Haushalt« wohl sehen lassen. Allein Anna gefiel ihr nun doch weniger, sie war gar so »verzagt«, hatte gar kein »Mundwerk«, zeigte gar so wenig Erstaunen und Freude. – Das arme Kind! sie hätte die Hände ringen und laut aufweinen mögen; die aufgetürmten Betten, die endlosen Laden voll Leinen, die Kammern voll Flachs – ach, sie drohten ja ihr Lebensglück vollends zu begraben. Immer ängstlicher zupfte und mahnte sie die Schwester, daß diese endlich Mitleid empfand und in ihrer bestimmten Weise erklärte: »Wir sind der Bas' recht dankbar für die Ehr', aber die Eltern haben uns nach halbflüggen Gänsen ausgeschickt, und da im Schäfershof keine zu haben sind, müssen wir weiter fragen, daß wir zur rechten Zeit heimkommen.« Alle Bitten blieben fruchtlos, nach kurzem Abschied verließen die Schwestern den Hof. Frieder schien sie geleiten zu wollen, allein Margarets spöttische Frage, ob er sich für die Zukunft vielleicht auf den Gänshandel legen wollte, hielt ihn zurück.

Kopfschüttelnd blickte die Bäuerin den Mädchen nach und hatte ihre Gedanken. Die Anne ist doch ein recht zimpferliches Dingle; die Margaret gäb' freilich eine andere Bäuerin! – Ihrem Alten sagte sie davon jedoch nichts; sie sah ihm an, wie er in Gedanken schon rechnete, welches Vermögen durch diese Heirat zusammenkomme; als ihr einfiel, daß die Anne ja auch die Pate des kinderlosen Sülzdorfer Schulbauern sei, wurde sie fast gerührt über ihren klugen Einfall von vorhin. War die Anne auch noch nicht, wie sie sein sollte, was schadete das? Kam sie nur erst in ihre Gewalt, dann lag es ja in ihrer Hand, dem Mädchen das »zimpferliche Getu'« abzugewöhnen. – Der Bauer war unterdes mit seiner Rechnung ebenfalls zu Ende gekommen. Dreimal öffnete und schloß er die rechte Faust, dann ließ er sie schwer auf den Tisch fallen, das hieß: fertig und in Ordnung, punktum! Zur Bäuerin sagte er bloß: »Auf den Herbst wird die rechte Zeit zur Hochzeit sein!«

Anna war trostlos, nur mit Mühe bewahrte sie in den Dörfern ihre Fassung: selbst Margaret schüttelte oft heimlich den Kopf und war entfernt nicht so zuversichtlich, als sie sich stellte. Frieder war als einziger Sohn Erbe eines der schönsten Höfe der Gegend – warb er im Ernst um Anna, so war vorauszusehen, daß der Vater ihn nicht abweisen würde. Zwar wußte sie, der Vater hatte seine Mädchen gern, er war im Ernst darauf bedacht, sie glücklich zu machen. Aber das Glück bemaß er eben nach seinen Ansichten; und glaubte er einmal das Rechte getroffen zu haben, dann brachte ihn keine Macht der Welt von seinem Willen ab. Schlimm war überdies, daß der Schäfersbauer durch die gewaltsame Art, wie er sich vom Schulzen und seinem Anhang losmachte, den Vater für sich eingenommen hatte. – Nachdenklich schritten sie dahin und bemerkten nicht, wie in den Erlenbüschen der Wertha verborgen ein Bursche jeden ihrer Schritte belauschte und ungeduldig ihr Kommen erwartete. Erst als sie von der Landstraße in den Fußpfad, der über die Wiesen nach Altenhausen leitete, einbiegen wollten, bemerkten sie den Lauscher, freilich zu spät, um ihm auszuweichen, denn mit freundlichem Gruß trat ihnen der Schäfersfrieder in den Weg.

Anna prallte erbleichend zurück, Margarets Wangen dagegen färbten sich hochrot, zornig blitzten ihre Augen, als sie Frieders Hand heftig zurückstieß und an ihm vorbeieilen wollte.

»Nu, nu!« machte Frieder verblüfft. »Was ist denn das? Tust ja, als war' ich vergiftet!«

»Ein Juckermännle bist du nicht, sonst warst du mir lieber!« entgegnete Margaret. »Kämst du mir in den Weg, biß ich dir den Kopf ab. So – weißt jetzt, wie du mit uns dran bist – geh aus dem Weg!«

»Ha, potz Schlapperment! Du Maulfixerle, was Hab' ich mit dir zu schaffen? Meinst, ich hätt' mich deinetwegen in die Büsche gestellt?«

»Wollt' dir's auch übel gesegnet haben! Im übrigen ist's Haux wie Maux, ob du mir oder meiner Schwester auflauerst, jedes ehrliche Mädle hat darüber das Recht, dir zu sagen, was du bist. – Pfui Teufel, Frieder! bist mir ein fein's Blümle! Ist das 'ne Manier? Hast's schon vergessen, was du der Schulzenmarie zugeschworen? War dir am Ende gar damit gedient, daß dein Alter den Verspruch rückgängig machte – he? Und nun meinst du wohl, du brauchst nur ein Mädle anzugucken, brauchst dich nur in die Büsche zu stecken, so wär's schon wieder fertig, und die Mädle müßten noch die Finger nach dir lecken, wenn du auch alle Tag' eine sitzen lässest? O du trauriger Kalfakter, du! Mach', daß du uns aus den Augen kommst, und laß dir nicht gelüsten, der Anna nachzugehen – du wirst ihr ansehen, welche Freude sie an dir hat! – laß dir nicht gelüsten, sage ich, es könnt' dir übel ausschlagen. Halte dich an deinesgleichen, so bist du niemand im Weg, und dir schlagt nichts fehl!«

Frieder kraute sich unter der Mütze die Haare und schaute sehr betreten den davoneilenden Mädchen nach. Margaret hatte der Zank gut getan, sie hatte sich den Unmut vom Herzen gesprochen, anders Anna. Auf alle Trostgründe der Schwester schüttelte sie traurig den Kopf. »Ach, ich gehe schweren Zeiten entgegen, ich weiß es. Aber den Frieder nehme ich nicht, und wenn ich darüber zugrund' gehe.«

Fünfzehntes Kapitel

»Soviel Mühe, mir auszuweichen, hätte sich der Herr Lehrer nicht zu geben brauchen, er durft's ja nur sagen, daß ich ihm zur Last bin, oder daß er nicht mit mir spielen mag, ich würde mich nicht aufdringlich gemacht haben. Überdies hätte ich seine Mühe nicht umsonst verlangt; so viel habe ich noch im Vermögen, daß ich die Musikstunden, die ich nehme, bezahlen kann. Übrigens könnt Ihr den Herrn Lehrer von mir grüßen und ihm sagen, er sollte sich nur nicht sorgen, die Lockenline würde ihn nicht weiter belästigen!« Damit war das Mädchen stolz aus dem Schulgarten gerauscht, und ihr spöttisches Lachen klang noch lange zurück zur verdutzten Haushälterin Reinhardts. »Ein Wettermaul hat sie!« brummte die Alte, indem sie nach der Laube zurückging, »huhu, wie das gleich blitzt und kracht! Aber lache nur, Line, lach', so laut du willst, mich machst du nicht dumm. Daß dir der Schullehrer so auffällig ausweicht, das war ein Schlag und kein kalter!«

Und sie hatte die Wahrheit getroffen, die kluge Alte. So ausgelassen auch die Lockenline auf dem Heimweg lachte, so lustig sie sich stellte – in ihr kochte ein gewaltiger Zorn. Die Notenhefte mußten ihn zuerst entgelten. Kaum hatte sie die Stubentüre hinter sich geschlossen, kaum sich durch einen raschen Blick überzeugt, daß niemand im Zimmer sei, als sich blitzschnell ihre Züge verwandelten. Das Lachen verschwand, eine tiefe Falte grub sich zwischen die Augenbrauen, aus den Augen brach ein wildes Feuer, durch die halb offenen Lippen schimmerten verdächtig die weißen Zähne. Mit einem Fluch warf sie die Hefte zu Boden, knirschend zerstampfte sie die zerstreuten Blätter mit den Absätzen.

Mit fliegenden Röcken rannte sie durch die Stube, Flüche und wildes Lachen wechselten, endlich warf sie sich aufs Sofa, vergrub das Gesicht in die Kissen, stampfte mit den Füßen und weinte vor Zorn.

Zunächst galt ihr Zorn allerdings dem Lehrer Reinhardt. Schon daß er sich überhaupt nicht fangen ließ, reizte sie, daß er sie vollends so verächtlich abwies, brachte ihren Zorn zum Ausbruch – immerhin war das nur ein Anstoß, der eigentliche Wutanfall hatte tiefere Ursachen. Trotzdem sie es verstand, ihre Vorzüge stets in das hellste Licht zu setzen, wurde sie dennoch von angesehenen, heiratsfähigen Burschen nur wenig beachtet. Vereinzelte Versuche einer Annäherung kamen wohl vor, allein sie endeten stets unerwartet rasch mit dem vollständigen Rückzug der kaum erwärmten Liebhaber, obgleich es Lina nicht an Aufmunterung hatte fehlen lassen. Wenn sie dagegen sah, wie alle Mädchen ihres Alters längst ihre Schätze hatten, allgemach ans Heiraten dachten, wie besonders die verhaßten Herrnbauersmädchen umworben wurden, dann war es mit ihrer Fassung zu Ende.

Der Eintritt ihres Vaters regte alle bösen Geister von neuem in ihr auf. War es nicht Schuld des Vaters, daß sie so vernachlässigt wurde? Zu gut wußte sie, daß alle ehrenhaften Bauernfamilien sich an seinem zweifelhaften Ruf stießen. Sodann war er nicht die Ursache ihrer heutigen Demütigung? hatte er sie nicht angestachelt, den Lehrer zu fangen? Rücksichtslos überstürzte sie den Verwunderten mit Vorwürfen. –

Hannes war erstaunt: sein Arger über die »tolle Dirne« verwandelte sich jedoch alsbald in den heftigsten Zorn auf den Lehrer, als er erst den Zusammenhang der Dinge erfahren. Dröhnend schlug Hannes mit der geballten Faust auf den Tisch und brach in die wildesten Verwünschungen und Drohungen gegen den Lehrer aus. Besonders erregte es seine Galle, daß nun abermals der Wagnerspaule mit seiner Voraussage recht behalten und über ihn triumphieren sollte. Wechselseitig überboten sich Vater und Tochter durch die maßlosesten Zornausbrüche.

Hannes wartete kaum das Nachtessen ab, dann eilte er wieder in das Wirtshaus. Als die Brüder schliefen, Stall und Küche geordnet war, verließ auch Lina, stattlich aufgeputzt, das Strickzeug in der Hand, das Haus und schritt im Mondschein langsam dem Bauholz zu, wo sich das Jungvolk zu versammeln pflegte. – Wie sie erwartet, war auch Robert unter den Burschen. Die ganze Schlauheit, die berechnende kalte Klugheit des Mädchens zeigte sich hier. Obgleich sie persönlichen Widerwillen gegen Robert empfand, ließ sie sich dennoch seine stürmische Begrüßung geduldig gefallen; trotz des lauten Gelächters der Burschen und Mädchen machte sie ihm freundliche Vorwürfe, daß er sich so lange nicht in Bergheim habe blicken lassen.

In Wahrheit hätte Lina am liebsten den Ärmsten geohrfeigt; allein sie war nicht sicher, ob ihre Gänge in die Schule nicht beobachtet und richtig gedeutet worden waren. War dies der Fall, dann konnte auch nicht verborgen bleiben, wie schmählich sie abgefahren. Das mußte ihr Ansehen aufs äußerste gefährden. In dieser Verlegenheit war ihr die Leidenschaft Roberts sehr erwünscht; blieb es auch peinlich, daß sie nur mit dem Sülzdorfer Lehrer, der obendrein solch »unansehnlicher« Mensch war, ins Gerede kam, es war immerhin besser, als wenn es ruchbar wurde, daß sie bei Reinhardt gründlich abgeblitzt war. Stellte sie sich jetzt, als seien ihr Roberts Bewerbungen erwünscht, so waren auch ihre erfolglosen Gänge in die Schule erklärt und entschuldigt; verlief sich das Gerede, konnte sie ja jederzeit Robert verabschieden und die Liebschaft als einen Scherz darstellen. Darum bezwang sie heute ihren Unmut, darum begegnete sie Robert mit einer Herzlichkeit, die diesen aus Rand und Band brachte. Schon das Gelächter ringsum sagte Lina, wie richtig sie gerechnet hatte. Es sollte noch besser kommen.

Der Schneidersmarkus, ein unglücklicher, verwachsener Bursche, in ganz Bergheim und darüber hinaus wegen seiner losen, giftigen Zunge gefürchtet, hatte auf Lina einen besonderen Groll, fast kein Abend verging ohne Streit und Zank zwischen ihnen. So rief er auch jetzt, als Lina neben Robert auf dem Bauholz Platz nahm, mit widerlichem Lachen: »Hoho, Line, hast's ja arg eilig, Schulmeisterin zu werden; betreibst die Schulmeisterjagd ernsthaft, verdienst Lob darum, 's ist nicht zu leugnen. Nur immer frisch drauflos, Line, ist's der eine nicht, ist's der andere! Torheit wär's, wolltest du dir den Kopf abreißen, da dir der dumme Reinhardt so grob die Tür vor der Nase zuwarf, solange es noch junge Schulmeister in der Welt gibt. Da ist ja zum Exempel gleich der Sülzdorfer Herr Lehrer, und ist's bei dem auch nichts, hast du gewiß schon einen neuen in Reserve. Ich sag's ja immer, es geht nichts über Vorsicht, und wer großen Vorrat hat, kommt nicht leicht in Verlegenheit!«

Lina zitterte heimlich vor Zorn bei dem schallenden Gelächter, das von allen Seiten losbrach, höhnisch lachend rief sie: »Dem Markus antworte ich gar nicht; alle Welt weiß: was er an den Beinen zu wenig, hat er am Maul zu viel, und da er sonst nichts vermag, prügelt er mit der Zunge. Wär' mir viel zu einfältig, mich mit solch traurigem Kretschwagen einzulassen!«

Lina wußte wohl, daß sie damit des Ärmsten empfindlichste Stelle berührte, aber sie wollte ihm ja wehe tun, höhnisch lachte sie darum auf, als Markus auf seinen nach auswärts gebogenen Säbelbeinen, die ihm den Spottnamen »Kretschwagen« zugezogen, eilfertig aus ihrer Nähe humpelte und giftig ausspuckend mit heiserer Stimme schrie: »Potz Katzen und Ratten! nur stet, nur stet! Immer noch besser, ein armer Krüppel und das Kind ehrlicher Eltern, als die Tochter eines Halunken, Leutschinders und – und – ich will seine Ehrentitel nicht aufzählen, würd' doch in acht Tagen nicht fertig. Wenn sich auch dein Vater stellt, als habe er den Herrgott zur Tür 'nausgeworfen und er wär' nun selber so ein Stückle Herrgott – nur stet, stet! Trotz eures Reichtums habt ihr's, du und dein Vater, noch nicht bei vier Zipfeln! Geig' nur, geig' nur; wirst's noch brauchen! Ich will's erleben, daß du vor den Türen geigst und dein Alter mit dem Bettelsack tanzt!«

Lachen und Murren folgte dieser heftigen Rede, ein Zank drohte auszubrechen, da die Anhänger des Hannes – er hatte deren nicht wenige unter den Jungburschen – diese Beschimpfung nicht dulden wollten, seine Gegner Markus in Schutz nahmen. Zuletzt schlichtete der Schmiedsaugust den Streit: »Stille seid ihr all miteinander und haltet Fried'! Die Line hat zuerst geschimpft und den Markus nicht geschont, so soll sie sich auch nicht beklagen, geht er ihr scharf zu Leib'. Wer ausgibt, muß auch einnehmen.«

Damit war die Ruhe hergestellt, wenigstens äußerlich; so sehr es auch in Markus und Lina grollen mochte, sie mußten ihren Unmut bezwingen. Lina war in sehr schlechter Laune; nicht nur erzürnte sie der Schimpf und Spott, den sie ungerächt ertragen mußte, fast mehr noch ärgerte sie sich über Robert. Während sie es geduldig litt, daß er ihre Hand drückte und zärtlich streichelte, rumorte es in ihr: »Hätt' die alte Schlafhauben nicht auch das Maul auftun und sich meiner annehmen können? O Herrgott von Bentheim, sitzt der Ölgötz nicht da und verdreht die Augen wie ein Gansert, wenn er gerupft wird? – O du! Aber wart' nur, dir zahl' ich den Ärger heim! Dir sollen noch die Augen übergehen, wenn du nur an mich denkst!«

»Ei, so laufen Sie ins drei Teufels Namen hin, wenn's Ihnen hier nicht gut genug ist, kein Mensch hält Sie auf!« fuhr sie halblaut auf Robert ein, als er sie abermals, gewiß schon zum hundertstenmal heut', um einen Spaziergang, um ein vertrautes Gespräch bat.

Plötzlich rief eine Stimme: »Der Pfarrer kommt!« Der Gesang brach sogleich ab, alle Blicke richteten sich auf den dunkelschattigen Baumgang, der nach dem Pfarrhofe führte, aus dem in der Tat soeben eine dunkle Gestalt mit hohem Hut in den hellen Mondschein der Dorfgasse trat. Bei diesem Anblick stob die lustige Gesellschaft auseinander und verschwand spurlos in den dunkeln Höfen und Gäßchen. Nur Lina blieb sitzen.

Langsam kam der Pfarrer näher, seine Augen leuchteten unter dem Hutrand, als er sich anstrengte, den Schatten des Zimmerhauses, der jetzt das Bauholz deckte, zu durchdringen. Er schien Lina nicht zu bemerken, kopfschüttelnd ging er weiter. Nach einigen Schritten rief ihm Lina keck zu: »Guten Abend, Herr Pfarrer, suchen Sie was?«

Sofort kehrte der Pfarrer zurück, schritt dicht an das Mädchen heran und sagte halblaut: »Guten Abend, mein Kind! Wer bist du, meine Tochter, die ich leider in so später Stunde auf der Gasse treffen muß?«

»Der Herr Pfarrer spaßen!« kicherte Line. »Ich heiß' Karoline Metzner, wenn mich der Herr Pfarrer nicht kennen wollen. Spät ist's übrigens noch nicht, eben hat's halb zehn geschlagen!«

»Bist du allein?«

»Ich denk' wohl! Heißt das, wenn sich niemand hinterm Bauholz versteckt hat!«

»Von hier aus kam das zuchtlose Geschrei und Gelächter! Sprich, wer war noch bei dir?«

»Ich bin keine Spitzbübin, daß man mich so fragt. Fragen Sie aber nach meinen Kameraden? – ja, die sind ausgerissen, als es hieß: der Herr Pfarrer kommt!«

Der Pfarrer stampfte mit dem Fuß. »Ich will die Namen wissen, hörst du?«

»Und die brauch' ich nicht zu sagen!« rief das Mädchen aufspringend. »Ich war dabei, Herr Pfarrer, – wollen Sie mehr wissen, tun Sie sich um!«

Heftig den Kopf zurückwerfend, sagte er hart: »Gehe jetzt nach Haus, Karoline! Mädchen haben in der Nacht nichts auf der Gasse zu tun!«

»Das möcht' ich auch wissen! – Bin übrigens kein Kind mehr, Herr Pfarrer, ich weiß selber, wenn's Zeit ist zum heimgehen!«

»Und ich befehle es dir jetzt!« rief Walter aufflammend. »Ich werde diesen nächtlichen Straßenunfug nicht länger dulden. Vorwärts – du gehst jetzt nach Haus!«

»Will doch sehen, wer mich dazu zwingt! Ist mein Lebtag so gewesen, daß sich das Jungvolk nachts im Dorf vergnügt, das werden Sie nicht ändern. Obendrein hat mir's mein Vater erlaubt, fortzugehen – ist's Ihnen nicht recht, machen Sie's mit dem aus. Gute Nacht, Herr Pfarrer!«

Ruhig, als sei nichts vorgefallen, schritt das Mädchen die Dorfstraße hinab. Der Pfarrer stand mit gesenktem Haupt wie angewurzelt, endlich kehrte er langsam um und verschwand in der Pfarrgasse. Noch hatte er das Haus nicht erreicht, als aus allen Ecken und Enden ein wildes Johlen, Lachen und Schreien losbrach. Wie vom Blitz getroffen, fuhr der Geistliche zurück, unwillkürlich ballten sich seine Fäuste. Doch wie sich besinnend legte er beide Hände kreuzweis auf die Brust und verschwand lautlos im Haus.

Im untern Dorf sammelten sich die Versprengten um Lina; sie erntete großes Lob, daß sie dem Pfarrer so mutvoll standgehalten; selbst der Schneidersmarkus gab ihr die Hand mit den Worten: »Wie du auch sonst bist, Mädle, das muß man sagen, das Herz trägst du nicht im Rucksack. An dir ist ein firmer Bursch verdorben!«

Stolz lächelnd nahm Lina das Lob hin; das war so recht ihre Sache, der Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft zu sein. Auch Robert fand sich herzu; obgleich er anders dachte, stimmte auch er schüchtern in die allgemeine Huldigung ein. Lina beachtete ihn fast gar nicht mehr, was den armen Teufel in den tiefsten Jammer stürzte.

Unterdes war die Nachricht von dem Geschehenen auch ins Wirtshaus gedrungen und hatte große Aufregung hervorgerufen. Diesmal brauchten Hannes und sein Anhang nicht zu hetzen, die Erbitterung gegen den Geistlichen war groß und allgemein. Selbst die Gemäßigten unter seinen Anhängern schalten laut über diese gewalttätige Einmischung in das Dorfleben; und als auch jetzt der Herrnbauer den Pfarrer in Schutz nahm und erklärte: der Pfarrer habe recht getan, die nächtliche Unzucht müsse ein Ende nehmen, seine Mädchen dürften schon lange nicht mehr auf die Gasse! – hu! da brach ein wildes Wetter los. Selbst der ruhige Bergbauer verlor den Gleichmut, schlug dröhnend mit der Faust auf den Tisch: »Schäm' dich, Valtin! Bist du nicht selbst in deinen jungen Jahren im Dorf mit herumgezogen? Und seit undenklichen Zeiten hat kein Mensch was Anstößig's drin gefunden, wenn sich das Jungvolk am Sonntag auf der Gasse vergnügt machte! Und an den Gebrauch soll der Pfarrer nicht rühren, das sag' ich, der Bergbauer!«

Die Freude des Wagnerspaule und Simesschusters war groß, der Hannes gar strahlte vor Vergnügen. Nicht nur hatte ihm der Pfarrer durch sein Auftreten den größten Dienst erwiesen – fast mehr noch kitzelte ihn das Lob, das einstimmig seiner Tochter gespendet wurde. Vergnüglich schmunzelnd rieb sich Hannes die Hände, durch wenige Winke verständigte er sich mit Paule und dem Schuster; das Eisen glühte, man durfte nicht säumen, es zu schmieden.

Zunächst schickte Hannes dem Jungvolk, das drunten vor dem Haus lärmte, zur Anerkennung seiner Verdienste einige Gießer Bier. Wie er erwartete, geschah es; sein Beispiel fand Nachahmung, ganz von selbst kam ein heilloses Zechen in Gang, und wie die Köpfe glühten, begannen Hannes und Paule ihre Maulwurfsarbeit. Um so leichter gelang es ihnen, die erbitterten Gemüter vollends aufzuregen, da die besonnenen Männer bald das Wirtshaus verließen. Nach kurzer Zeit hallte das Haus wider von Flüchen und Verwünschungen gegen den Pfarrer; einige der bis heute noch Unentschlossenen, voran der Beckenjörg, waren die wildesten – bald hatte es der Hannes so weit gebracht, daß das Jungvolk brüllend und grölend durch das Dorf vor das Pfarrhaus zog und dort die schändlichsten Lieder sang.

Robert hatte auch vor dem Wirtshaus Lina nicht verlassen. Wohl fühlte er, auf welchen gefährlichen Wegen er sich befand; je größer der Lärm und die Aufregung der Burschen ward, desto größer wurde seine Beklemmung. Mechanisch schickte er sich an, dem Zuge, der sich eben in Bewegung setzte, zu folgen, als ihn ein derber Stoß in die Rippen erweckte. Mit großen Augen starrte er Lina an, die ärgerlich losbrach: »Sind Sie denn ganz sinnlos? Wär' eine schöne Geschichte, wenn's 'rauskäm', der Sülzdorfer Lehrer hat auch mit vor dem Bergheimer Pfarrhaus gelärmt – dürften Ihr Bündele nur gleich packen. Gehen Sie nach Haus heute, besuchen Sie mich sonst einmal, wir könnten ja zusammen ein Musikstück einüben! – Jetzt keine Präambeln gemacht, fix fort, ehe die Bursche auf Sie aufmerksam werden!« Ehe er recht wußte, wie ihm geschehen war, stand er allein in einem dunkeln Heckengang; ohne ihn zu bemerken, zog die Gesellschaft an ihm vorüber.

Ziemlich spät erst kehrte der Jockenhannes heim; nachdem er die drei Türen wie immer hinter sich verschlossen, öffnete er ein Fenster und lauschte nach dem Singen und Schreien im Pfarrhof, nach dem wilden Lärm im Wirtshaus. Ein wildes Gelächter kam über seine Lippen. »Haha – heute hat er selber, der Pfarrer, ein Feuer entzündet, das ihn verzehren wird, ihn, den Schulmeister und – und alle meine Feinde! Nur ruhig, Hannes, ruhig und den Kopf oben behalten! Zugreifen zu rechter Zeit, um endlich für immer Ruhe zu finden!«

Sechzehntes Kapitel

Heute blieb das scharf geladene Doppelgewehr unberührt, Hannes schlief bald ein, noch im Schlaf zuckte ein Lächeln über sein Gesicht, wenn der lauter anschwellende Lärm im Pfarrhof bis in seine Kammer drang.

Groß war die Aufregung am nächsten Tag über die nächtlichen Ereignisse; der Unfug im Pfarrhof wurde allerdings scharf getadelt, aber auch mit dem rücksichtslosen Vorgehen des Geistlichen entschuldigt. Außer dem Herrnbauer und dem Uhrmacherle nahm niemand den Pfarrer in Schutz, und ohne Rücksicht auf die religiöse Parteistellung beschlossen die Männer einmütig, ihr gutes Recht zu wahren. Trotz dieser tatkräftigen Entschiedenheit lag dennoch die unbestimmte Ahnung eines hereinbrechenden Unglückes auf allen Gemütern. In den meisten Häusern war es zu ärgerlichen Scenen gekommen; fast überall endete der Streit mit Zorn und gegenseitiger Verbitterung.

Kaum ließ sich der Gendarm am frühen Morgen im Dorfe blicken, als er auch schon von der Pfarrmagd zu dem geistlichen Herrn beschieden wurde. Zwar hatte man allgemein eine polizeiliche Klage des Pfarrers erwartet, dennoch, als endlich der Gendarm ins Schulzenhaus zurückkam und dort vor fast vollzähliger Gemeinde eine weitere Untersuchung anstellte, da brachen sämtliche Nachbarn in einen Schrei der Entrüstung aus.

Daß Walter über alle Vorgänge im Wirtshaus auf das genaueste unterrichtet war, rief einige heftige Bemerkungen über den Uhrmacherle hervor, sonst war die Verwunderung nicht allzu groß. Als sich jedoch zeigte, daß er die jugendlichen Unruhestifter, die ihm die Nachtruhe verdorben, nicht nur bis auf den letzten bei Namen genannt, sondern auch viele Äußerungen, derbe Scherze oder Drohungen, wörtlich kannte – da wurde manches Gesicht vor Zorn bleich. Wer war der Verräter unter dem Jungvolk? – Ein Aufpasser, ein Angeber war im Dorf – nicht einer, wer konnte sagen wie viele? Und der den Verrat ins Dorf gebracht, das war der Geistliche, der Seelsorger der Gemeinde! – – – –

Stürmisch verlief die Versammlung. Daran war nichts zu ändern, den Schuldigen standen schwere Strafen bevor; aber auch einmütig war der Beschluß, alle Strafen auf die Gemeindekasse zu übernehmen und mit allem Ernst dem Pfarrer entgegenzutreten.

Von der Gemeindestube verbreitete sich nach der Sitzung die Verwirrung rasch durch das Dorf. »Wer ist der Spion?« klang es in Stuben, Ställen und Scheunen, am Brunnen und auf den Gassen; Männer machten ihren frommen Weibern kränkende Vorwürfe, besonders eifrige Anhänger des Pfarrers unter dem Jungvolk wurden von ihren Kameraden beschuldigt. –

Wer ist der Angeber? – Diese Frage ruhte nicht, mehr und mehr stieg die Aufregung. Vorübergehende ballten die Fäuste nach dem Uhrmacherlehäuschen, riefen Flüche und Drohungen in die Fenster – schon am Mittag packte der Alte seine Uhren zusammen und verließ Bergheim auf mehrere Tage. Eine ängstliche Schwüle lag über dem Dorf; Gerüchte auf Gerüchte flatterten auf und ab. Bald hieß es, der Pfarrer wollte Militär requirieren, die Männer mit Gewalt in die Kirche treiben, nachts die Gassen säubern lassen; ein anderes Gerücht sagte, die Jesuiten und Freimaurer seien im Anzug, um Bergheim katholisch zu machen. Am hartnäckigsten behauptete sich die Sage, der Pfarrer werde ein frömmeres Gesangbuch, einen orthodoxen Katechismus einführen. Auch bis in die Schule drang dieses Gerücht zugleich mit der Nachricht, wie gerade deswegen die Aufregung wachse. Reinhardt erschrak nicht wenig, als er ganz unerwartet für den Abend zu einer Besprechung in die Pfarre beschieden wurde.

Es mochte gegen drei Uhr sein, als Pfarrer Walter aus dem Baumgang des Pfarrhofes trat und langsam dem Kirchbauernhaus zuschritt. Die Vorübergehenden blieben auf der Straße stehen, in allen Fenstern erschienen neugierig fragende Gesichter; die Kinder verließen ihre Spiele, erkletterten Zäune und Bäume, um einen Blick in die Kirchbauernstube zu gewinnen, da und dort sammelten sich Gruppen Neugieriger – meistens Frauen – alles lauschte in atemloser Spannung nach dem Kirchbauernhaus empor. Zum erstenmal waren die beiden Todfeinde zusammen – wird Hannes nun Ernst machen? Wer wird siegen?

Die Erwartung der meisten wurde getäuscht, im Kirchbauernhaus blieb es still, weder den Pfarrer noch Hannes hörte man reden; nur einmal wurde ein kurzes, höhnisches Lachen der Lina laut. Plötzlich öffnete sich heftig die Stubentür, gleich darauf erschien der Pfarrer in der Haustür – die Bergheimer trauten ihren Augen nicht! – vom Hannes gewaltsam aus dem Haus geführt. Zwei Stufen der hohen steinernen Freitreppe drückte Hannes den Geistlichen hinab, ohne selbst die Türschwelle zu überschreiten; dann erst ließ er ihn los, stellte sich breit in die Türöffnung und rief laut, daß man es die ganze Straße hinab hören mußte: »So, Herr Pfarrer! Tut mir leid, daß ich auf solche Weise mit Ihnen verfahren muß, allein Sie zwingen mich dazu. In meinem Haus und in meiner Familie bin ich Herr, und mein Wille allein gilt. Nochmals sag' ich's: meiner Line ist's erlaubt, nachts im Dorf ihre Kameraden aufzusuchen, wie's Sitte und Brauch ist von alters her. Wer sich untersteht, den Meister in meinem Haus zu spielen, mit dem mache ich kurzen Prozeß. Merken Sie sich das für ein andermal, Herr Pfarrer, und damit holla!«

Auf der untersten Stufe stand der Pfarrer und nagte unentschlossen an den Lippen: »Wohlan, ich weiche! Aber Sie werden einstens dieser Stunde gedenken, wenn –«

»Ich wag's drauf, Herr Pfarrer!« lachte Hannes rauh. »Sparen Sie Ihren Atem und vergessen Sie nicht, Sie stehen noch immer in meinem Hofrecht!«

Ohne Gruß kehrte der Geistliche um und schritt rasch durch die atemlos lauschenden Gruppen, verfolgt von dem schallenden Gelächter des Hannes.

Dadurch aber verdarb sich Hannes selbst den Erfolg seines Sieges, das böse Lachen verdroß die Anhänger des Geistlichen. Hätten sie ihm vielleicht noch die derbe Abfertigung, die ihm im Kirchbauernhof widerfuhr, gegönnt – dieses verächtliche Lachen verletzte sie.

Eben kam der Beckenjörg mit rotem Kopf die Straße herauf. »Hast ihn abgefertigt?« schrie er schon von weitem Hannes zu. »Ist gut – ist gut! Nun komm' ich an die Reihe, und ich werd' auch meinen Mann stehen. Ha, potz Blitz und Hagel! Der Pfaff wird täglich dreister! Jetzt zitiert er mich schon vor das Pfarramt, weil ich als Heiligenpfleger nicht in die Kirche gehe, sondern meinen Knecht den Klingelsäckel umtragen lasse. Aber ich werde fertig mit ihm, ich will ihm ein für allemal die Lust vertreiben, mich ins Pfarramt zu zitieren – potz Donner auch nein!«

»Ja, putz' ihn nur ab – viel hilft viel!« lachte Hannes. »Mir wird er nicht wieder kommen!«

Gestern noch wäre dem Beckenbauer die Vorladung äußerst unangenehm gewesen, nach den gestrigen Vorfällen jedoch, und nachdem der Hannes mit so gutem Beispiel vorangegangen, schritt er mit einem Selbstbewußtsein dem Pfarrhaus zu. Die Zurückbleibenden schieden sich schärfer, während die einen den Beckenjörg lobten, sprachen die andern desto härteren Tadel über ihn aus. Plötzlich wurde die Pfarrhaustür krachend ins Schloß geworfen, gleich darauf kam der Beckenjörg, womöglich noch röter, pustend und schnaubend aus dem Baumgang hervor. »Der hat's!« schrie er Hannes zu, der jetzt gemächlich mit der langen Pfeife im Fenster lag. »Wollt' mir da wegen dem Kirchenbesuch 'ne Vermahnung geben, als wär' ich ein Schulbub! natürlich verbitt' ich mir das. Drauf sagt er: 's ist eine Sünde, wie Sie das Wort Gottes verachten! – Was, sag' ich drauf, Gottes Wort? Vor Gottes Wort habe ich allen Respekt, Ihre Lehre freilich acht' ich allerdings nicht als Gottes Wort! – Das war ihm zu stark; eine Weile sah er mich starr an, dann sagte er: Darauf habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen, Sie können gehen! – War's recht so?«

»Geh rein!« sagte Hannes, dem nicht entging, welche Mißstimmung unter dem größten Teil der Zuhörer diese Worte hervorriefen. Der Beckenjörg merkte nunmehr auch, daß er wohl kaum auf allseitigen Beifall rechnen durfte; hurtig benutzte er die Einladung, um seine Verlegenheit zu verbergen.

In der Stube zankte eben der Wagnerspaule: »Von euch darf man auch sagen: und regnet's Brei, fehlt euch der Löffel! Solche Gelegenheit, das ganze Dorf für immer zur Vernunft zu bringen, kommt nimmer wieder. Aber statt nun klug und vorsichtig zu handeln, werft ihr mit Prügeln unter die Spatzen. Da – hört nur, wie ihr unsrer Sache gedient!«

Auf der Gasse war es lebendiger geworden; das laute Gelächter der Jockenpartei ging allmählich unter in dem Murren der Gegner. Eben sagte der Bergbauer: »Wir sind doch wahrlich Narren – sündlich ist's, wie wir uns von den Gottesleugnern an der Nase zerren lassen. Es war wohl nicht schön vom Pfarrer, daß er gestern so hitzig dreinfuhr, aber sollen wir darum den Mann unsern Feinden in die Hände liefern? sollen wir darum die Religion verraten? – Gott behüte und bewahre mich, daß ich zu solchem Frevel die Hand biete. Was die Klage gegen das Jungvolk betrifft, so bleib' ich bei dem stehen, was heute in der Gemeindestube abgemacht wurde. Sonst aber will ich mit dem Hannes und seinem Anhang nichts gemein haben. Ein gutes Wort findet allerwegen einen guten Ort, unser Herr Pfarrer wird unsern Rat nicht verachten; sollte er trotzdem auf seinem Kopf bestehen wollen, sind wir wohl selber Manns genug, unsere Rechte zu wahren. Das ist meine Meinung, und wer mit mir eines Sinnes ist, der geht jetzt an seine Geschäfte.«

Diese Rede fand allgemeinen Beifall, rasch leerte sich die Gasse, und die Freisinnigen, deren Lachen längst verstummt war, sahen ziemlich verblüfft und verlegen ihren Gegnern nach.

So war die Stimmung des Dorfes gegen Abend eine wesentlich andere als am Mittag. Das gänzlich daniederliegende Ansehen des Pfarrers war bei den Frommen gewaltig gestiegen, die Gegner dagegen zeigten sich ziemlich kleinlaut. Die Scheidung zwischen beiden Parteien war fast vollständig geworden. Heute zum erstenmal nahmen im Wirtshaus die Frommen eine Reihe Tische für sich allein in Anspruch, duldeten keinen Ungläubigen in ihrer Mitte – heute zum erstenmal wurden die Anhänger des Pfarrers auf Anstiften der Jockenline schimpflich vom Bauholz verjagt!

Mit Herzklopfen betrat Reinhardt gegen Abend die Studierstube seines Vorgesetzten. Ohne ihn zum Sitzen einzuladen, teilte ihm Walter mit, der in den Händen der Schüler befindliche Katechismus sei ein elendes Machwerk, das nicht länger geduldet werden könne. Mit Genehmigung der Ephorie ordne die Lokalschulinspektion hiermit die Einführung eines neuen, zweckentsprechenderen Katechismus an.

Reinhardt warf einen flüchtigen Blick in das ihm vom Geistlichen überreichte Büchlein. Erbleichend trat er einen Schritt zurück und rief: »Herr Pfarrer, ich beschwöre Sie, lassen Sie ab von ihrem Vorhaben. Schon hat sich das Gerücht von einem neuen Katechismus verbreitet – bewahrheitet sich das, so sind die Folgen bei der herrschenden Aufregung nicht abzusehen!«

»Behalten Sie Ihre Weisheit für sich, bis man Ihren Rat begehrt! Hier ist das Buch. Morgen sogleich werden Sie die nötigen Anordnungen zur Einführung desselben treffen.«

»Nie! – zur Einführung dieses Buches werde ich nie die Hand bieten!« –

»Gut, gut!« fiel ihm Walter ins Wort. »Ich erwartete diese Antwort, werde danach meine Maßregeln treffen. Sie können gehen!«

»Treffen Sie immerhin Ihre Maßnahmen,« rief Reinhardt, »Sie werden mich auf meinem Posten finden. Dieser Katechismus ist vom Ministerium nicht als Schulbuch eingeführt. Sie haben demnach nicht das Recht zu solch gewaltsamem Vorgehen. – Ich kann gehen – und mache Gebrauch von dieser Erlaubnis!«

In großer Aufregung verließ er den Pfarrhof.

Heftig fuhr er zusammen, als in einem halbdunkeln Seitengäßchen sich unerwartet eine schwere Hand auf seine Schulter legte. »Nu, nu!« brummte der Jockenhannes, »bin kein Waldteufel und Menschenfresser, haben nicht nötig, vor mir zu erschrecken. Sah Sie aus der Pfarre kommen, merkte gleich, da ist was nicht in Richtigkeit! Wartete auf Sie, um Ihnen meine guten Dienste noch einmal anzubieten. Was wollte der Pfaff von Ihnen? Wollte er Sie zwingen, einen schwarzen Katechismus einzuführen – he?«

»Wie kommen Sie darauf?« stotterte Fritz überrascht.

»Hab' ich's getroffen? Ei, da soll auch gleich ein Himmeltausendmillionendonnerwetter den Pfaffen gleich in Grund und Boden –! Ei was, leugnen Sie nicht, ich weiß, ich hab' das Rechte getroffen, ist das Gerücht nicht auch schon unter allen Leuten? Herr Lehrer, und Sie haben sich gewehrt, Sie wollen sich das schwarze Teufelsbuch nicht aufhalsen lassen? Die Hand her, Reinhardt, Sie sind mein Mann. Haben Sie sich auch bis heute spröde gegen uns gestellt, jetzt müssen Sie die Verstellung abtun, müssen es frei, öffentlich bekennen, daß Sie zu denen halten, denen es um Fortschritt und Bildung zu tun ist. Schlagen Sie ein, Reinhardt, es soll Ihr Schaden nicht sein. Nicht nur, daß der Pfarrer unterducken muß, wenn wir Ihnen beistehen, Sie werden bald sehen, daß wir keinen Dienst umsonst verlangen! Kommen Sie, bekennen Sie sich öffentlich zu uns. Dafür stehen wir Ihnen bei gegen die Pfaffen und Schwarzen; wir machen's, daß Sie der erste Lehrer der Gegend werden. Und wer kann die Zukunft voraussehen? 's sind wunderliche Zeiten jetzt, die Welt dreht sich, der Reiche wird arm, warum soll nicht auch einmal ein Schulmeister zu Geld und Gut kommen, wenn er vernünftig ist und nicht selber dem Glück den Weg verbaut? – Kommen Sie, Herr Lehrer, schlagen Sie ein, gehen Sie mit in mein Haus, dort –«

»Ich begreife nicht, was Sie von mir wollen!« rief Fritz mit fliegendem Atem und riß sich gewaltsam los.

»Verdammt! – Teufel auch, wer hätte das gedacht?« knirschte Hannes und ballte unwillkürlich die Fäuste nach dem hastig Davoneilenden. »Gift und Pestilenz, ich habe doch mich nicht zu sehr verraten? – Bah! seine Narrheit ist viel zu groß, als daß er seinen Vorteil gegen mich wahrnehmen könnte – von der Seite bin ich sicher! Nur gut ist's, daß der Paule nichts drum weiß! – Fluch und Verdammnis auf den bockbeinigen Schulmeister! Aber bleibt mir das Glück nur noch diesmal treu, so ist er ein verlorner Mensch!«

Siebzehntes Kapitel

Inhaltsangabe des Herausgebers. (Reinhardt wandert nach der Hauptstadt, um auf die Bitte seines Freundes Braun bei der Taufe von dessen Söhnchen Patenstelle zu vertreten. Seine Mitpatin ist Mathilde Werner. Diese hat sich inzwischen durch ihr würdeloses Kokettieren gesellschaftlich so unmöglich gemacht, daß ihr für die Zukunft keine andere Aussicht mehr bleibt, als sich mit dem Manne, der sich allein noch um ihre Gunst bemüht, mit dem ihr Wesensverwandten Lehrer Reuter zu verbinden. Sobald sich dieser seiner Sache sicher weiß, entpuppt er sich auch ihr gegenüber als kaltherziger und rücksichtsloser Egoist. In der Angst vor dem ihr bevorstehenden Schicksal hat sie den verzweifelten Entschluß gefaßt, den ihr seit der Thüringer Reise durch einen recht unerquicklichen Briefwechsel immer mehr entfremdeten Reinhardt bei Gelegenheit des Tauffestes aufs neue an sich zu fesseln. Das Mittel, das sie dazu wählt, verfehlt aber seinen Zweck völlig: durch die leidenschaftlichen Vorwürfe, mit denen sie ihn unter hysterischen Weinkrämpfen überhäuft, stößt sie ihn nur noch mehr ab: in kühler, überlegner Ruhe erklärt er seine Beziehungen zu ihr für endgültig gelöst. Wenige Tage darauf veröffentlicht sie ihre Verlobung mit Reuter.)

»Anna – was ist das? – Bleib doch! – Was hast du gegen mich? Habe ich dich gekränkt? – Bleib doch!« So rief Reinhardt am Abend eines heißen Sommertags über die Hecke des Herrnbauerngartens dem schlanken Mädchen nach, das hastig dem Hause zufloh.

Hinter den gewaltigen Scheuern und dem Wohnhaus des Herrnhofs zog sich ein rings von dichten Hecken umschlossener Obst- und Grasgarten bis hinaus an die Feldflur, durch welche sich der Sülzdorfer Kirchsteig als schmaler Fußpfad schlängelte, der an der einen Hecke des Gartens entlang in den Herrnhof und das Dorf leitete. In der äußersten Ecke, dort, wo der Kirchsteig sich zwischen die Hausgärten verliert, war in der Hecke eine Linde schlank aufgeschossen und unter ihren weit ausgebreiteten Ästen hatte der Herrnbauer eine Bank errichtet. Anna und Margaret verbrachten hier manchen Abend. Heute war Anna allein zur Linde gekommen, da Margaret noch im Haus schaffen mußte. Müde von des Tages Hitze hatte sie sich an den Stamm der Linde zurückgelehnt, die Hände mit dem Strickzeug ruhten müßig im Schoß, und träumerisch hingen die Blicke in den Baumwipfeln, durch welche das Abendrot herableuchtete.

So versunken war sie, daß sie näher kommende Schritte überhörte; um so heftiger fuhr sie zusammen, als ihr eine wohlklingende Stimme einen guten Abend bot. Nur einen Augenblick blickte sie in das Gesicht Reinhardts, das über der Hecke auftauchte – und wie ein gescheuchtes Reh floh sie dem Hause zu.

Die Worte des Lehrers hemmten ihren eiligen Lauf; wie mit Blut übergossen, kehrte sie langsam zurück. Als sich nun Reinhardt wirklich entfernen wollte, sagte sie leise: »Ach, Herr Lehrer, was werden Sie von mir denken, daß ich wie ein Kind davonlief? Verzeihen Sie meine Unart – ach, es ist dumm, aber ich kann nicht dafür! – wie ich

Sie auf einmal über die Hecke hereinblicken sah, da konnt' ich nicht anders, ich mußte auf und davon!«

»Hm! Du warst doch sonst nie so zaghaft! – Gesteh's nur, du hast einen Widerwillen gegen mich.«

Anna rang heimlich die Hände, wie hilfesuchend blickte sie um sich. Leise zitternd flüsterte sie: »So kommen Sie herein, überzeugen Sie sich, wie unrecht Sie mir tun!«

Fritz kam langsam näher, freundlich lud Anna ihn ein, neben ihr Platz zu nehmen. »Meine Torheit ist mir leid genug! Nicht Ihretwillen lief ich davon! Ach, Herr Lehrer, ich bin so bekümmert – gerade heute lag es mir so schwer auf dem Gemüt, als ich so einsam im stillen Garten saß, ich konnte mir nicht helfen, ich mußte weinen. Meine Tränen zu verbergen, sprang ich auf.«

Reinhardt blickte prüfend auf das Mädchen, die schluchzend das Gesicht in die Schürze verhüllte. Leise den Kopf schüttelnd meinte er: »Dann muß ich die Störung doppelt bedauern. Erlaube, daß ich mich entferne!«

Anna kämpfte sichtlich mit sich. Plötzlich ließ sie die Schürze sinken, trocknete die Augen und sagte hastig: »Nein, bleiben Sie! Es wird mir gut tun, kann ich einmal mein Herz erleichtern, und Ihnen darf ich ja trauen.«

Anna spielte unruhig mit ihrem Strickzeug, zögernd begann sie: »Gar mancherlei ist's, was mich drückt, und ich weiß fast weder wo anfangen noch aufhören. Da ist zuerst der Unfriede, die Zwietracht im Dorf. Die Liederlichen sind obenauf, der Holsteiner führt im Wirtshaus das große Wort, daheim prügelt er Mutter, Frau und Kinder. Auf der andern Seite tun die Frommen, der Vater nicht ausgenommen, schön mit dem Uhrmacherle, da doch vorher niemand mit dem falschen Menschen umgehen mochte. Und wenn es dabei noch bliebe, aber die Zwietracht kommt auch in die Häuser und Familien. Schon sind die Beckenleute, sonst das friedfertigste Ehepaar, gänzlich auseinander, und – o mein Gott! – wie es bei uns steht, davon will ich gar nicht reden! Daneben ist kein Brautpaar seines Glückes nur einen Augenblick sicher; reißen die Eltern das Paar nicht auseinander, machen sie sich selber voneinander los. Und warum das alles? – O Herr Lehrer, ich schaudere, wenn ich täglich hören muß, daß all das Unrecht um des Glaubens willen geschehen soll!« – –

Als Reinhardt nachdenklich auf das Mädchen blickte und schwieg, fuhr sie fort: »Es ist nicht allein der Krieg im Dorf, was mir so schwer auf dem Herzen liegt: Mein Kummer ist, daß die Männer, die allein dem Unfug steuern könnten, stumm und still dem unseligen Treiben zusehen. – Ja, Herr Lehrer,« rief Anna aufspringend, »ich kann und will es nicht leugnen: was mich oft zur Verzweiflung bringt, das ist die Art, wie Sie und der Schulbauer sich zu dem Streit stellen. Antworten Sie mir: wie können Sie und er so gleichmütig mit ansehen, daß das ganze Dorf aus Rand und Band kommt? Mein Gott! mein Gott! Wissen Sie, wie man im Dorf über Sie und den Schulbauer urteilt? – Ach, ich habe mich gewehrt aus allen Kräften, ich habe euch entschuldigt und verteidigt, wie ich wußte und konnte. Wie aber Woche um Woche verging und ihr beide euch nicht rührtet noch regtet, – da quoll es auch mir heiß auf. Wissen Sie, wie man im Dorf über Sie und den Schulbauer redet? – Scheinheilige Duckmäuser werdet ihr genannt, verschlagene Spitzbuben, die den Trubel benützen, um für sich im trüben zu fischen! – O mein Gott, daß ich Ihnen das sagen muß! Aber ich kann es nicht länger zurückhalten! An was soll ich glauben, wenn ich auch am Schulbauer und an Ihnen irre werden sollte? – Reden Sie, Herr Lehrer! Wie soll ich Ihr Stillschweigen deuten?« –

Reinhardt war längst aufgesprungen – antworten konnte er nicht, lautes Schelten und Weinen unterbrach ihn.

Es waren Margaret und Beckenkarl, die soeben unter den Bäumen sichtbar wurden und langsam näher kamen.

»Nein, nein!« weinte Margaret. »Ich kann deinem Treiben nicht länger still mit zusehen! Vor Gott und meinem Gewissen könnt' ich's nicht verantworten, wollt' ich dich in deinen Sünden gewähren lassen. Ich hab' dich lieb, von Herzen lieb, Gott weiß es, drum eben muß ich dir die Wahrheit sagen, so schwer mir's auch wird!«

»Ist mir die rechte Lieb', die den andern umsonst quält und plagt!« lachte Karl rauh auf. »Zum Teufel auch, was hat meine Meinung über Religionssachen mit deiner Lieb' zu tun?«

»Ach um Gottes, Jesu Christi willen! – so weit ist's mit dir? das kannst du sagen! Gott im Himmel! ich trag's nicht! Soll ich dich für einen gänzlich verlornen Menschen achten?«

»Verlornen Menschen – warum sagst nicht gleich verdammten dazu?« brauste Karl auf. »Du bist eine gelehrige Schülerin, an dir muß der Pfaff' seine Freude haben, ist's doch, als hört' ich ihn selber reden! – Aber nun merk' auf, Margaret! Ich hab dich auch gern; deinetwegen könnt' ich Haus und Hof und alles lassen, was mir lieb und teuer ist, – nur eins kann ich nicht, Margaret! Ich kann nimmer glauben, was in der Bibel steht und was uns die Pfaffen vorschwätzen! So ist's und so bleibt's, Margaret; darum, wenn du mich gern hast, laß mich in Frieden! – Gefällt mir dein Glaube? Meinst, es wäre mir nicht auch lieber, du kämst endlich zur Vernunft, würfest endlich den verrückten, abergläubischen Kram von dir? Und mache ich dir deswegen Vorwürfe, dringe ich gewaltsam in dich, daß du meinetwegen deinen Glauben ändern sollst?«

»Daß sich Gott im hohen Himmel erbarm'! Wenn du dich nicht mehr der Sünden fürchtest, schämst du dich wenigstens nicht, mir so was ins Gesicht zu sagen? – Geh, du bist ein verdorbener, verworfener Mensch! Darfst du deinen sündhaften Unglauben an die heilige Religion rechnen? Und ich seh's kommen, wie du mich umgarnen möchtest mit den Praktiken des Jockenhannes, um auch mich mit ins ewige Verderben zu ziehen! – Aber das soll dir nicht gelingen, nie und nimmer!«

»Margaret, Margaret! Sieh dich vor, daß du das Seil nicht zu scharf spannst! Ich lasse mir viel gefallen, allein meine Geduld hat auch ihre Grenzen!«

»Und meine ist zu End', ganz und gar!« weinte Margaret außer sich. »Solch' Wesen kann ich nimmer mit ansehen! Was? Soll ich mein Gewissen beschweren, weil ich einen Menschen gern hab', der die heilige Religion lästert, den schon die Kinder auf der Gasse einen Gottesleugner schelten? – Ich sage dir, ich leid's nimmer, daß du die Kirche und die heiligen Sakramente verachtest; ich leid's nimmer, daß du der ganzen Gemeinde ein Ärgernis gibst durch deine zuchtlosen Reden; ich will's nimmer leiden, daß du dem Jockenhannes anhängst, dem erbärmlichen Menschen, der nicht wert ist, daß ihn Gottes Sonne anscheint, der von jeher unser Feind und Widersacher war.

Und nochmals sag' ich, wenn du nicht sofort umkehrst, so – –«

»Und was dann? Red' aus, was dann?« schrie Karl mit vorgebeugtem Leib und blitzenden Augen, als Margaret, wie erschrocken vor den eignen Worten, stockend schwieg.

»Margaret, Margaret! – was machst?« rief Anna händeringend, die mit Fritz unbemerkt näher gekommen war. Fritz legte seine Hand auf Karls Schulter und sagte besänftigend: »Was ist das? Karl – besinne dich!«

»Ha – du?« rief Karl und fuhr nach dem Lehrer herum. »Du – hier? – du bei der Anna? – Was hast du hier zu suchen? Was sind das für neue Heimlichkeiten?«

»Karl – komm zu dir, werde vernünftig!«

»Vernünftig? – Ho, ho, Schulmeisterle! Die Zeiten, da ich dich für was estimierte, sind vorbei! Ich habe dich hinterkommen, kenne deine Schliche, und vor mir magst du dich in acht nehmen!«

»Ich verstehe dich nicht! – Was soll das heißen?«

»Was das heißen soll? – Das soll heißen: nimm dich in acht! ich kenn' dich, und es kennen dich noch mehr! – Lügner, du! Der du glatte Worte machst nach allen Seiten, daß man wirklich meinen könnte, es wäre dir nur um Wahrheit und Gerechtigkeit zu tun! Geh mir aus dem Weg, nimm dich in acht, ich reiß' dir noch das Lügenmäntele ab, verlaß dich drauf!«

»Du bist sinnlos!« rief Fritz dazwischen. »Weißt in deiner Tollheit nicht, was du redest!«

»Sinnlos! – toll! – ja, ich bin's und ich will's sein! Zum Teufel mit der hinterlistigen, feigen Schleicherei, die sich nirgends ein herzhaft' Wort zu reden getraut, nur im Verborgenen hetzt und schürt, rechtschaffenen Menschen Ehr' und Reputation abschneidet –«

»Karl – halt ein! Vergiß nicht, daß ich mich auch von einem früheren Freund nicht beschimpfen lasse!«

Karl schlug vor Reinhardts Blicken die Augen nieder und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Plötzlich rief er mit rauher Stimme: »Schon gut! was hab' ich heute auch mit dir zu schaffen? Wir treffen uns, und dann wird sich zeigen, was dein Tugendmäntele verbirgt. – Jetzt, Margaret, höre du mich – laß das Heulen und sieh mich an. Potz Himmel und Hölle! ich will das Geflenne, das Geträtsch und das Getue nicht länger ertragen. Ich bin kein Heuchler und Schleicher! Ich glaub' einmal nicht mehr an den Pfaffenbetrug und an die Pfaffenlügen, will nicht länger den Narren und Pudelhund machen – frei will ich sein! Und die Wahrheit will ich bekennen vor allen Leuten! Und wem das nicht recht ist, der sag's – ich werde mich nicht aufdrängen!«

Ein Jammerruf unterbrach ihn. Margaret war auf die Bank gesunken, verbarg das Gesicht in ihre Schürze, ihr Körper zuckte unter den Stößen des wildesten Schmerzes; Annas Tröstungen hörte sie nicht. Jetzt sprang sie auf, stieß heftig die Schwester zurück und rief weinend: »Ich hab's lang geahnt, daß es so kommen würde; seit du dich mit dem Jockenhannes eingelassen, wußt' ich, daß unser Glück vorbei war. Frei willst du sein? – Geh, ich halte dich nicht! Mit einem Gottesleugner habe ich keine Gemeinschaft. Geh, du bist jetzt ein freier Mann, tobe und wüte gegen alles, was dir sonst heilig und teuer war – ich kenne dich nimmer. – Geh, wir sind geschieden!«

Karl erhaschte ihre Hand, allein Margaret riß sich los und eilte ins Haus. Mit weit geöffneten Augen starrte ihr Karl nach. Plötzlich warf er beide Fäuste in die Luft und schrie mit rauhem Gelächter: »Aus ist's! – Um des Pfaffen willen bin ich verstoßen – Pfaffenbetrug gilt ihr mehr als ich! – Aber es ist recht so, ganz recht ist's so! Nun endlich bin ich ein freier Mann. – Und nun soll der Tanz mit den Pfaffen und ihrem Gelichter erst recht angehen!«

Traurig blickte Reinhardt dem Fortstürmenden nach, als seine Schritte verklungen waren, wendete er sich an Anna, die halb von ihm abgewendet heftig weinte: »Bittere Vorwürfe mußte ich heute über mich ergehen lassen!« sagte er leise und trat ihr einen Schritt näher. »Zwar weiß ich längst, daß mich die streitenden Parteien des Dorfes hart anfeinden – aber daß auch ein ehemaliger Freund mich so beschimpfen kann, wie es eben geschehen, daß auch du, Anna, einstimmen kannst in die harten Beschuldigungen meiner Feinde, das tut bitter wehe! – Ich verzichte darauf, mich zu verteidigen. Nur das will ich dir sagen, dein Schulvetter und ich gehen nicht gleichgültig an der Bewegung vorüber. Da wir uns keiner Partei anschließen können, bewahren wir uns unsere Freiheit und Unabhängigkeit und halten unsern eignen Standpunkt fest: da wir jetzt noch schwach sind, stehen wir zurück, um uns nicht nutzlos zu verbrauchen. Vielleicht kommt eine Zeit, da man uns zu finden weiß und unsere anfängliche Zurückhaltung uns dankt. Bis dahin. Anna, müssen wir eben ertragen, verkannt und angefeindet zu werden: was wir vielleicht im stillen vorbereiten, den Sturm zu beschwören, wer achtet darauf? Anna, dein strenges Urteil hat mir sehr wehe getan; grade bei dir glaubte ich eines besseren Verständnisses sicher zu sein. Jetzt bitte ich dich nur, sei vorsichtig, damit du nicht ein vorschnelles Urteil bereuen mußt!« Mit kurzem Gruß verließ er den Garten.

Mit gerungenen Händen blickte Anna dem Lehrer nach: ein Schauer überrieselte sie, es ward ihr unheimlich im dämmernden, totenstillen Garten; langsam ging auch sie ins Haus zurück.

Leise hatte sie auf ihre Kammer schlüpfen wollen, allein die Mutter mußte sich nach ihr umgesehen haben, sie stand in der Hintertür des Hauses und winkte sie heran. »Anna sag', was ist um Gottes willen passiert?« rief sie der Tochter entgegen. »Kommt die Margaret ins Haus gestürmt, weiß wie ein Tuch, rennt am Vater und mir vorbei, als wären wir gar nicht auf der Welt, hört auf keinen Anruf, und jetzt liegt sie in den Kleidern auf dem Bett, redet und deutet nicht und weint, es ist zum Erbarmen. Was soll das bedeuten?«

»Was wird's sein? – Gezankt hat sie sich mit Karl, im völligen Unfrieden sind sie auseinander!« weinte Anna.

»Dacht' ich's doch! – Und was war's? – wieder wegen dem Glauben?« Als Anna nickte, setzte sich die Frau auf das Bänkchen neben der Tür, faltete die Hände und blickte mit feuchten Augen zum Himmel. »Mein Gott! was sind das für Zeiten? Irr und wirr wird man, die ganze Welt ist verdreht, alle Dinge sind auf den Kopf gestellt. Weißt schon, daß unser Hausmann seinen Hansmichel verflucht und verstoßen hat, da er nicht von der Jockenpartei lassen will? – Ach – ich bin noch ganz hin! Mit Not habe ich Vater und Sohn auseinander gehalten, allein was ich gut machte, verdarb dein Vater, der den Hausmann immer von neuem aufhetzte. So warf zuletzt der Hausmann den Hansmichel, den braven, tüchtigen Burschen, vor die Tür, verbot ihm mit harten Flüchen, je wieder vor sein Angesicht zu kommen. – Und das nennen sie Glauben! Anna, mir zittern alle Glieder – dein Vater ist nicht wieder zu erkennen, flucht wie ein Heide, niemand darf ihm nahe kommen! Und weißt du, daß die Beckenbäuerin nun wirklich nach Dammsbrück zu ihren Eltern ist? Weißt du, daß der Holsteiner seine alte Mutter prügelte, weil sie in der Bibel las und vom Beten nicht lassen will? – O Gott! Und so ist's nun wirklich aus zwischen der Margaret und Karl? – Ach, mein armes Kind! Und ich kann ihr nicht helfen.«

Sie zog Anna neben sich nieder, legte ihren Kopf an die Schulter des Mädchens und weinte. »Was werden wir noch erleben? Ach, die Angst will mir fast das Herz zersprengen! Auch der Schulvetter und dein Vater find wegen der Geschichte beim Hausmann hart aneinander geraten – Gott im Himmel, wenn auch da eine Feindschaft losbräche? – Sei still, Anna!« beschwichtigte sie, als das Mädchen zu zittern begann. – »Dich verläßt mein Bruder nicht! – Ja und noch eins muß ich dir sagen, Mädle, daß du dich nicht vergißt, hörst du's, an anderm Ort: mit dem Schulmeister seinem Anhang in der Stadt ist's nichts! Dem Schulbauer erzählt er, er sei mit dem Fräulein in der Stadt uneins 'worden; sie müsse seiner Liebe wohl auch nicht wert gewesen sein, denn noch am selben Tag habe sie sich mit einem Stadtlehrer verlobt!«

Mit einem Schrei fuhr Anna auf; ehe sich die Bäuerin besinnen konnte, war sie im Haus verschwunden.

Droben in der Kammer kniete sie an Margarets Bett nieder, zog die Jammernde an sich und flüsterte ihr schluchzend ins Ohr: »Laß uns zusammen weinen, Margaret, uns hat ein Schicksal betroffen. Ich hab' den Lehrer gern, schon lang' – aber erst seit Pfingsten weiß ich's! Und sein Anhang in der Stadt ist vorbei, und heut' hat er mich im Garten besucht, und ich hab' ihn auf den Tod gekränkt und für immer von mir gestoßen!«

Am selben Abend standen bei beginnender Abenddämmerung in dem einsam an der hintersten Ecke des Kirchbauernhausgartens gelegenen Backhaus zwei Männer in eifrigster Unterredung. Das leise Geflüster wurde allmählich lauter, und dem zwischen der Hinterwand des Backhauses und der hohen Fliederhecke verborgenen Lauscher entging kein Wort, ohne daß er nötig gehabt hätte, das Ohr an die weitspaltige Bretterwand zu drücken.

»Deine Unverschämtheit wird unerträglich!« zankte der Jockenhannes. »Meinst du, ich stehl' mein Geld, daß ich's nur so mit vollen Händen wegwerfen kann?«

»Du red'st immer nur von dem elenden Geld – von meinem Gewissen sagst du nichts!« jammerte der Uhrmacherle kläglich. »Ach Gottle, ach Gottle, mein Gewissen!«

»Verdammt auch! Laß endlich einmal das Gewinsel! Ich kann's nicht leiden, und mich betrügst du nicht! – Spar's auf für deinen Pfaffen!«

»Ja, du hast gut reden!« heulte der Uhrmacherle. »Was brauchst du nach dem Gewissen zu fragen? Du hast Geld und Gut die Hüll' und Füll'. – Hätt' ich's so. wollt' ich mich auch den Teufel um das Gewissen scheren. Aber so? Hunger leiden und sich vom Gewissen peinigen lassen! – ich dank' dafür. Und jetzt schaff' nur gleich Geld, daß ich mir auswärts auch einmal wieder 'nen guten Tag mach' und mein Gewissen vergess'. – Ach Gottle, ach Gottle! Ich bin ein räudiges Schaf im Schafstall des Herrn! Wenn der Herr Pfarrer gar so rührsam über die Verworfenheit und die ewigen Strafen redet, da wackelt mir das Herz im Leib, und der Teufel in mir brüllt auf und will 'raus, aber er kann nicht, und wer ihn hindert, das bist du – du verfluchter Mör– –«

»Daß dir der Donner und das Wetter in den Rachen schlage!« brüllte Hannes. »Wie oft habe ich dir verboten, du sollst nicht an das rühren! – Nimm dich in acht, es könnte dir einmal übel ausschlagen. Meinetwegen predige und plappere, soviel du willst, trag' auch dem Pfaffen zu, soviel du magst und kannst – nur reib dich nicht an mir und laß mich in der Pfarr' aus dem Spiel!«

»Du hast gut reden, du! – aber mein Gewissen! ach Gottle, ach Gottle. mein Gewissen!«

»Bleib mir mit deiner Narrheit vom Hals! – Da ist Geld! – Nun halt's Maul, komm mir in drei Tagen nicht wieder unter die Augen, verstanden? – Und merk's, was ich dir gesagt hab'!«

Kaum hatten die beiden das Backhaus verlassen, so rieb der Lauscher, es war der Wagnerspaule, vergnügt die Hände und brummte triumphierend in den Bart: »Endlich! Hab' lang' lauern müssen – nun hab' ich dich, Hannesle, nun bist du mein mit Leib und Seel'!« –

Im weiten Bogen umschlich er das Dorf: anscheinend harmlos kam er dann die Mergelgasse herab und traf den Jockenhannes vor seiner Haustür, da er eben ins Wirtshaus wollte. Ohne weitere Einleitung sagte Paule im Weiterschreiten: »Lärm in allen Ecken – der Rumor wird groß! Der Streit um den Katechismus ist ein erwünschter Anlaß, die Dummheit ins Werk zu setzen, die uns die Brummochsen für immer in die Hände liefern muß. Säume nicht – solche Karten kriegst du nicht wieder in die Hand.«

»Ist gut – ist gut!« nickte Hannes. »Aber wie denn – was denn?«

Ein unbeschreiblich verächtliches Lächeln zuckte über Paules Gesicht. »Du bist mir auch ein Held!« lachte er. »Mach' einen Skandal im Wirtshaus, daraus wird schon was erwachsen. – In der Geschichte wegen dem Herrnbauer habe ich auch festen Boden unter den Füßen. Fand da in der Gemeindelade eine alte Urkunde über den Ankauf der Schäferei vom ehemaligen Grundherrn. Ist freilich längst verjährt und außer Kraft, aber mit ein paar Änderungen, die nicht schwer zu machen sind, und die ich gegen gute Bezahlung auf mich nehme, kann's nicht fehlen, die Habsucht des Herrnbauern – vielleicht sogar auch des Ungersbauern oder Bergjörgs – so zu kitzeln, daß sie trotz ihrer Frömmigkeit sich mit Haut und Haar dir zu eigen geben. Nur pfiffig und klug muß es angefangen werden!«

Entgegenkommende unterbrachen das Gespräch. Leise flüsternd setzte Paule dem begierig Horchenden seine Pläne auseinander; Hannes begann zu glühen, wie Kohlen leuchteten seine Augen. – In herzlichster Freundschaft betraten sie endlich das Wirtshaus.

Achtzehntes Kapitel

Dumpfe Schwüle brütete am Morgen über der Erde. Glanzlos stand die Sonne am wolkigen Himmel, welk und verschmachtet lagen die Pflanzen am heißen Boden, die Blumen ließen müde die Köpfe hängen, nur die Nachtviolen dufteten betäubend. Die Schwalben flatterten unruhig über der Erde hin, die Sperlinge selbst hatten ihren ewigen Zank eingestellt, und die Tauben badeten unermüdlich, »'s liegt mir so schwer in den Gliedern!« klagte die Haushälterin. »Wir bekommen ein Gewitter; der Herrgott führe es gnädig vorüber!«

Matt und abgespannt betrat Fritz die Schule, und wie er sich auch mühte, er konnte die Erschlaffung nicht überwinden. Der Unterricht kam nicht recht in Fluß. Trotz der weitgeöffneten Fenster war die Schwüle fast unerträglich, müde und gleichgültig saßen die Kinder auf den Bänken, und verdrießlich irrten ihre Blicke umher.

Nach und nach verschwand die Sonne, immer neue Wolkenschichten zogen sich wie fahlgraue Schleier über den Horizont. Ohne daß man besondere gewitterartige Wolkenbildungen wahrnehmen konnte, zuckten fahle Lichtscheine am Himmel dahin, Totenstille lag auf der unbewegten Welt, nur der Donner grollte ununterbrochen. Die Kinder begannen laut zu weinen, und da es nicht weit mehr von Mittag war, der Himmel immer düsterer sich färbte, die Blitze heller leuchteten, entließ Reinhardt die zagende Jugend.

Laut jammernd empfing ihn seine Haushälterin; die alte Frau war ganz außer sich, lange erhielt er keine verständliche Antwort, endlich erfuhr er, der Jüngste Tag sei vor der Tür, zum mindesten der Untergang Bergheims ganz gewiß. Greuliche Gotteslästerungen hätten die Wilden gestern nachts ins Werk gesetzt, die Haare ständen einem zu Berge, wenn man das nur erzählen höre, und nun sehe man's ja, das Strafgericht Gottes sei im Anzug. Seufzend setzte er sich zu Tisch, allein kein Bissen wollte ihm schmecken. Flackernde Lichter durchkreuzten sich, der ununterbrochene Donner setzte dann und wann mit stärkerem Krach ein, die wachsende, stickende Schwüle waren fast unerträglich. Es ward ihm enge im Zimmer, er griff nach Hut und Schirm und wanderte hinaus ins Freie. Die ängstliche Beklemmung wuchs dort nur. Düstergrau lag der Himmel auf dem fast schwarzen Gebirge und den nächtigenden Bergen jenseits der Wertha, alles Grün verschmolz in ein lichtloses Graudunkel. Desto schroffer hoben sich die weißen Getreidefelder hervor. Fritz konnte sich einer schwermütigen Ahnung nicht erwehren, er war froh, als er einen einsamen Schnitter entdeckte; und eilte rasch auf ihn zu.

Der Lichtennikel war nicht wenig überrascht, als ihn der Lehrer anrief. »Grüß Euch der liebe Gott, Herr Schulmeister!« grüßte er zurück. »Ei, du meine Güte, habt Ihr Euch 'rausgewagt bei dem drohenden Wetter?«

»War mir daheim zu enge. – Und Ihr seid ganz allein auf dem Feld? Fürchtet Ihr Euch nicht?«

»Steh in meines Gottes Hand hier und dort – um was sollte mich's grauen?«

»Und was wird noch werden?« fragte Fritz mit einem Blick nach den Wolken.

»Wer kann das sagen? Ein schwer' Wetter hängt in der Luft – Gott führ' es gnädig vorüber!«

»Wär' ein Unglück fürs Dorf, käm' auf den gestrigen Unfug ein Unwetter!«

»Herr, die Wilden treiben's auch arg!«

Fritz nickte. »Hört,« begann er nach einer Weile, »was gab es gestern im Wirtshaus?«

Der Alte wischte sich mit dem Hemdärmel die Stirn, blickte nachdenklich in die Wolken, zerfetzte mit der Sichel die Blumenranke einer Winde und begann endlich: »Herr, ich bin ein alter Mann, habe gute und böse Tage gesehen, himmelschreiende Greuel erlebt in der Franzosenzeit, zuchtloses Wesen Anno 48 – mit dem, was ich gestern gehört habe, läßt sich nichts vergleichen. – Ja, 's muß eine angelegte Geschichte gewesen sein; als ich mit dem Schulbauer die Stube betrat, war der Lärm schon losgegangen. Ging heiß her und der Schulbauer machte sich bald davon – ich aber blieb, wollte doch sehen, auf was das hinauslaufe. Waren über den Herrnbauershausmann aneinander geraten. Der Herrnbauer schlug auf den Tisch und schrie: recht war's, daß mein Hausmann seinen Hansmichel verstoßen, im gleichen Fall tät' ich grad' so, denn in der Schrift steht: Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir! Ein Kind, das vom Glauben abfällt, gehört dem Teufel mit Leib und Seel', da ist's aus mit der Elternlieb'! – Das Toben der Wilden überschrie nun der Beckenjörg: Was? Ihr Frommen stoßt eure Angehörigen aus dem Haus, wenn sie nicht einerlei Glaubens mit euch sind, uns wollt ihr aber das gleiche Recht bestreiten? Da sieht man, was ihr für Freimaurer und Jesuiten seid, was für verdammte Spitzbuben und Heimtücker! Und nun sag' ich: gut ist's, daß meine Alte mein Haus räumte; wäre sie noch da, euretwegen jagte ich sie noch heute auf und davon! Dagegen brüllte der Ungerskasper: Ihr verfluchte Satansbrut, wie wollt ihr euren Unglauben an unsern Glauben rechnen? Aber wartet nur! In der Schrift heißt's: Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten, und was der Mensch säet, das wird er ernten! Wir wollen's noch erleben, daß ihr Gottesleugner miteinander verkommt; nachher wollen wir lachen! – Und er lachte, Herr Schulmeister, daß mir's durch Mark und Bein ging – wurde auch totenstill in der Stube. Nun aber fuhr der Beckenkarl, an allen Gliedern zitternd, auf: ist das die Lehr', die euch der Pfaff' einprägt? Auf unsern Untergang wartet ihr, freut euch darauf? Fluch und Verdammnis über die ganze schwarze Brut! Und sagt's eurem Herrgottsaffen, er soll sich vor meinem Gehöft in acht nehmen, meine Flinte ist nicht umsonst mit Posten geladen!« – Das war nun den Wilden selber zu stark, es gab einen Heidenskandal, endlich gurgelte der Herrnbauer: schießen willst du auf einen geweihten Priester Gottes – du, Karl? Und du wolltest mein Schwiegersohn werden? Meide meinen Hof! mit der Flinte drohe ich nicht, aber vor Hunden und Peitschen nimm dich in acht! – Darauf verließ er mit sämtlichem Anhang das Wirtshaus!«

Als Reinhardt bekümmert den Kopf schüttelte, fuhr der Alte fort: »Gelt, das ist grausig, Herr Schulmeister? Und doch war das ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was jetzt kam. Als die Wilden das Feld frei hatten, kamen sie erst auf den Katechismus, danach auf die Bibel. Kein gutes Haar ließen sie an dem Buch, was da für Geschichten, Vergleiche und Witze an den Tag kamen – und wenn ich hundert Jahre alt werde, das vergesse ich nimmermehr. Wunder nahm mich die Wildheit des Beckenkarl; der Bursch war völlig von Sinnen! Als sie endlich all ihr Gift und ihre Galle ausgelassen hatten, kamen sie auf den Herrgott selber. Mit Lachen bewiesen sie haarscharf, warum es keinen geben könne, und um das ja recht handgreiflich zu machen, verfielen sie gegen Mitternacht unter Fluchen und Lachen darauf, auszurechnen, wieviel Ellen Tuch wohl der Herrgott, wenn es einen gäbe, zu einem Rock brauchen würde. – Aber seht nur, die Finsternis wird immer größer. Herr Schulmeister, das wird ein arges Wetter! Kommt mit – wir wollen heim, können im Dorf nötiger sein! – Ach! war das ein Feuer und ein Schlag! – Ja, einen Rock wollten sie dem Herrgott ausmessen! Das war mir doch zuviel, mit Zittern und Zagen ging ich nach Haus – schlafen konnte ich nicht! – Herr Schulmeister, adjes! – macht, daß Ihr heimkommt, seht nach Eurem Haus, das Wetter bricht los!«

Schon war der Alte in dem niedersinkenden grauen Dunst verschwunden, und auch Fritz eilte dem Dorfe zu. – Eben prasselten die ersten Tropfen nieder, als er das Schulhaus erreichte.

Aber nur ein kurzer Guß rauschte nieder, der kaum den Staub auf der Straße löschte. Die Blitze ermatteten wieder, der Donner rollte nur noch düster in der Ferne, unmerklich erhellte sich der Himmel, doch blieb die erstickende Schwüle. Nun gerieten die Wolkenmassen am Himmel langsam und schwerfällig in Bewegung und ballten sich dichter zusammen.

Stunde auf Stunde ging hin, ohne wesentliche Veränderung. Nur wurden gegen Abend die Blitze wieder lebhafter, der Donner stärker, bestimmt ließen sich drei in voller Entladung begriffene Gewitter unterscheiden. Schon begann Fritz zu hoffen, die Gefahr werde glücklich vorübergehen, als gegen acht Uhr von Westen her eine fahlgraue, verdächtig leuchtende Wolkenwand sich tief unter den donnernden Wetterwolken hereinschob und über das Dorf dahinzog. Ein wütender, brüllender Windstoß fegte die Gassen, warf Schornsteine in die Höfe, deckte Dächer ab, entwurzelte Bäume; ein greller Blitzstrahl zuckte zur Erde, ein betäubender Donnerschlag folgte. Und nun schien ein Weltbrand in das stille Dorf hereinzuleuchten, so ohne Unterbrechung fackelten die Blitze, so sinnverwirrend ward das Gebrüll des Donners. Dazwischen rasselte und knatterte es wie Pistolenschüsse, Fensterscheiben klirrten und klangen, kleine Eisstücke sprühten ins Zimmer, laut weinend sank die Haushälterin in ihren Sessel und jammerte mit gerungenen Händen: »Barmherziger Gott! – ein Hagelschlag!«

Neunzehntes Kapitel

In wolkenloser Bläue lachte der Himmel auf die Erde, lichte Nebel wallten aus Wäldern und Gründen empor, würziger Erdgeruch wehte durch die weit offenen Fenster aus dem Garten herein, golden glänzte die Sonne auf den Kreuzen und Denkmälern droben im Friedhof, einladend waren die Kirchtüren weit geöffnet; eben setzten sich die Glocken in Bewegung, und bald brauste volles Geläute über das stille Dorf hin, ganz so wie am Pfingstmorgen.

Aber doch wie so anders!

Der Garten lag verwildert und verödet; Beete und Wege verschwemmt und zerrissen, von den Gemüsen und Blumen waren kaum hie und da einige kahle Stengel übriggeblieben. Zerrissen und zerhackt waren die Hecken, die noch gestern als undurchdringliche grüne Wand den Garten umschirmt; geknickt lagen die Zweige am Boden, weite Lücken gähnten auf. Und erst die Bäume! Fritz schnitt es in das Herz, wie sie die entlaubten kahlen Zweige so traurig in die blaue Luft emporstreckten, wie in den Schrammen und Wunden, welche die scharfkantigen Eiskiesel geschlagen, der ausgetretene Saft im Sonnenstrahl glänzte. – Wie kahl und öde die prachtvollen Baumgruppen des Schloßgartens emporstarren! Verschwunden sind die Hunderte von blühenden Rosenbäumchen, die gestern noch jedes Herz entzückten. Und wie unheimlich die scheibenlosen Fenster, die abgedeckten Dächer auf die Straßen herabschauen!

Brausend klang das Geläute über das Dorf; allein heute folgten seinem Rufe keine festlich geschmückten fröhlichen Menschen zum Gotteshause. Nur in Trauergewänder gehüllte Gestalten schlichen gebeugt durch die Gassen; oft standen sie still, um auswärtige Kirchengänger zu begrüßen, und dann erhob sich lautes Weinen, denn statt der Blumen trugen die Fremden zerhackte, geknickte, entkörnte Ähren in den Händen! – Und wunderlich war es, daß aus vielen Häusern die Mannsleute in kurzen Sonntagsjacken, die brennenden Pfeifen im Munde, hervorkamen und ohne Gruß trotzig an den Kirchgängern vorbei ins Freie wanderten.

Tief seufzend raffte Fritz seine Choralbücher zusammen und eilte auf seinen Platz in der Kirche. Ein Blick überzeugte ihn, daß kaum die Hälfte der Gemeinde sich versammelt hatte. – Sollte die Scheidung eine dauernde sein?

Was er befürchtete, traf ein – Pfarrer Walter schien seine Predigt besonders darauf angelegt zu haben, die Kluft zwischen den feindlichen Parteien so zu erweitern, daß eine Überbrückung unmöglich wurde. Sein Text war das finstere Drohwort: »Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten, und was der Mensch säet, das wird er ernten.« Schon dieses Wort allein mußte wie eine Feuerflamme in die Seele fallen, und Fritz entging nicht, wie denn auch der Bergbauer, der Ungerskasper, vor allem aber der Herrnbauer, die in finsterem Sinnen vor sich niederstarrten, plötzlich die Köpfe hoben, sich mit grimmig leuchtenden Augen zunickten.

Und nun die Predigt! Es ist wahr, Walter redete nur von der Sündhaftigkeit der Menschen im allgemeinen, er hob stets die eigne Schwachheit und Torheit hervor, welche endlich das göttliche Zornmaß gefüllt und zum Überlaufen gebracht habe, aber gerade die versteckten Keulenschläge, die er gegen seine Gegner führte, wirkten um so vernichtender. Laut mahnte er zur Reue und Buße. Allein wie sollten seine Zuhörer sich so recht demütigen, wenn sie durch alle Selbstanklagen hindurch hörten: es muß ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch welchen Ärgernis kommt, wenn der Hagelschlag zuletzt in der Tat als ein Beweis der göttlichen Gnade, Langmut und Barmherzigkeit dargestellt wurde, da ja Dorf und Gemeinde längst für den Zorn Gottes reif sein müsse, weil sich der Teufel sogar an heiliger Stätte eingenistet? – Reinhardt zitterte vor Aufregung, als der Geistliche so fast mit Fingern auf ihn wies und in der Tat alle Augen nach ihm blickten.

Fritz verließ nach dem Gottesdienst hastig die Kirche; ihm ward eng in dem Gemäuer, als rückten die Wände zusammen, ihn zu ersticken.

In dichten Gruppen standen die Kirchgänger auf der Gasse und unter der Planlinde zusammen, heftige Reden wurden gewechselt, zahlreiche Arme, noch mit den Gesangbüchern bewaffnet, durchfuchtelten die Luft. Hinter den Vorhängen der oberen Stube lauschten der Jockenhannes, Wagnerspaule und der Simesschuster. Sie schienen, während sie die Vorgänge auf der Gasse beobachteten, zugleich dem Vortrag eines vierten zu lauschen, denn sie nickten oft in das Zimmer zurück, und Fritz bemerkte deutlich, wie sich Hannes und Paule vergnügt die Hände rieben. Sein Weg führte ihn an der dichtesten Gruppe vorüber; kaum wurde er bemerkt, so stießen sich die Nachbarn hastig an, dem heftigsten Lärm folgte plötzlich eine Totenstille. Mit wutfunkelnden Augen starrten ihm die Bauern nach, manche Faust wurde heimlich drohend gegen ihn erhoben. Fritz entging das nicht; aber wenn auch eine dunkle Glut ihm ins Gesicht schoß, er hielt an sich; mit kurzem Gruß eilte er vorüber.

»Das ist auch einer von den Gottesleugnern, die das Elend übers Dorf brachten, und nicht der geringste!« schrie ihm eine wutzitternde Stimme nach. »Fluch und Verdammnis über den keinnützen Schulmeister! Das ist er – der ist's, von dem der Pfarrer predigte: der Teufel habe sich in Bergheim sogar an heiliger Stätte eingenistet!«

Wie von einem elektrischen Schlag getroffen, war Fritz schon bei dem ersten Wort zusammengezuckt; er wußte, das galt ihm!

Ganz unerwartet für seine Gegner, deren Hohngelächter plötzlich verstummte, kehrte er um und eilte mit weiten Schritten auf den Plan. Seinen Beleidiger, es war der Herrnbauernhausmann, packte er bei der Brust, schüttelte ihn heftig und rief: »Wenn ich nicht – trotz Ihrer Frömmigkeit! – den Frieden des Sonntags heiliger achtete als Sie, würde ich Sie hier vor all den Männern für Ihre Gemeinheit züchtigen, wie Sie's verdient! Sie werden sich vor Gericht demnächst zu verantworten haben. Ich ruhe nicht, bis meine Ehre wiederhergestellt ist, und sollte darüber Pfarrer Walter öffentlich vor Gericht erklären müssen, ob er in seiner heutigen Predigt beabsichtigte, mich zu verdächtigen oder nicht!«

Das drohende Murren war gleich nach den ersten Worten des Lehrers verstummt; der Schluß seiner Rede rief offenbare Bestürzung hervor. Ratlos blickten sich die Männer an, der Bedrohte jedoch hielt Reinhardt zurück, als er sich rasch entfernen wollte, und bat kleinlaut: »Ach, um Gottes willen, Herr Schulmeister, Sie werden mir doch das nicht antun und mich verklagen? Sie werden mich doch nicht ins Unglück bringen?«

»Nichts da, ein jeder sehe zu, was er redet und tut; so braucht er die Verantwortung nicht zu scheuen!«

»Herr Schulmeister, so seien Sie doch nicht gleich zum Häusle 'naus! 's war ja gar nicht so schlimm gemeint!« mischte sich der Herrnbauer ein.

»Pfui, Herrnbauer!« rief Fritz aufflammend. »Schämen Sie sich! Glauben Sie selbst an Ihre Worte?« Blaurot im Gesicht wendete sich der Herrnbauer ab, alle Nachbarn schlugen die Augen zu Boden, keiner wagte ein Wort zu entgegnen.

Fritz stand einige Sekunden unentschlossen, endlich sagte er: »Um einen Beweis meiner Versöhnlichkeit zu geben, erkläre ich mich bereit, von einer Klage abzustehen, wenn der Herrnbauernhausmann, in Gegenwart des Herrnbauern, Bergbauern und Ungersbauern, die sich als Zeugen zu unterschreiben haben, vor dem Friedensrichter die Erklärung zu Protokoll gibt – merkt auf: daß er die eben gegen mich ausgestoßenen Beleidigungen zurücknimmt und Abbitte leistet; daß endlich die drei genannten Bauern sich verbürgen, daß die heutigen Vorfälle nicht weiterverbreitet und zu Schaden meiner Ehre ausgebeutet werden!«

»Ha, Schwenselens auch, weiter nichts?« schrie der Ungersbauer, kirschbraun vor Wut. »Ist so was erhört? Können wir den Leuten die Mäuler verbieten? Was gehen uns Ihre Händel an?« »Ganz wie es Ihnen beliebt!« sagte Reinhardt kalt. »Ist heute abend nicht eine gerichtlich beglaubigte Abschrift des Protokolls in meinen Händen, klage ich morgen.«

Wie prasselte das Zornfeuer auf, als Reinhardt aus Hörweite war. »Ist's möglich?« knurrte der Schneidersnickel. »So wird uns aufgebrummt? Uns, den Bauern? Und von wem? vom Schulmeister? Was? nicht einmal der Schulmeister will sich mehr was gefallen lassen? Was? – auch so'n Hungerleider verlangt Ehr' und Respekt von uns, den Bauern? Nä – da tu' ich nimmer mit, das paßt mir gar nicht!« Damit schlich er davon.

»Hungerleider?« schrie der Ottensott. »Hungerleider? – ja 's beißt mich was! Sonstens hat's 'troffen, freilich! waren auch andere Zeiten damals. Um 'ne Faltenwurst oder gar um ein Viertel Weizen haben sie sich zum Pudelhund hergegeben, bis nach Bautzen sind sie um ein Maß Bier oder einen Schnaps gelaufen. – O, du lieber Herrgott, ja, das waren eben andre Zeiten!«

»Gott's ein Donner auch!« fiel ihm der Bergbauer ärgerlich ins Wort. »Wenn einem zuletzt die Gall' überläuft, zu verwundern ist's nicht. Auf den Feldern liegt das Unglück zu Haufen; statt zu beraten, wie der Schaden zu mindern ist, steht ihr da und schwätzt wie alte Weiber. Ich bin kein Stürmer, aber das sag' ich frei öffentlich, der Pfarrer hätte heut' was anders tun können, als die Gemüter noch mehr zu verhetzen. Dir, Michelslanger, gehört schon eins aufs Maul, daß du mit deinem Unsinn da auf öffentlicher Straße losplatzest. Und der Lehrer hat ganz recht, wenn er sich solchen Schimpf nicht gefallen läßt; an uns liegt's, ihm sein Recht zu verschaffen. Ist ein wackerer Mann, der Reinhardt, kein Untädele hängt an seinem Namen. Und jetzt redet: wann treffen wir uns beim Friedensrichter?«

»Auf mich brauchst nicht zu warten, ich komm' nicht!« gurgelte der Herrnbauer und wendete sich zum Gehen.

»Holla! so laufen die Franzosen?« rief ihm der Bergbauer nach. »Halt da, ich hab' noch ein Wort mit dir zu reden! Das Verlangen des Lehrers ist billig und gerecht. Schimpf und Schande über dich, kannst du's übers Herz bringen, einem Menschen, der dir nichts zuleid getan hat, die Ehre abzuschneiden!«

»Nichts zuleid getan?« fuhr der Herrnbauer herum. »Hat er mich nicht verwichen im Wirtshaus und jetzt wieder auf den Tod 'kränkt?«

»Und hast du's etwa nicht an ihn 'bracht? – Schwenselens auch, Herrnbauer, ich kenn' dich nicht mehr gegen früher und müßt lügen, wollt' ich sagen, du gefielst mir! Ein für allemal: Schlag sechs bin ich beim Friedensrichter; bleibt einer von euch aus, bin ich der erste, der im Amt für den Lehrer und gegen euch wie gegen den Pfarrer zeugt – richtet euch danach!«

Der Herrnbauer griff wieder mit den Händen in die Luft, als wolle er ersticken, der Ungerskasper kraute sich die Haare und blickte verlegen dem Bergbauer nach. »Gevatter,« wendete er sich an den Herrnbauer, »da ist nichts zu machen, um Sechs hol' ich dich ab ins Friedensgericht!«

Die Versammlung verlief sich sehr still. Mit großem Interesse hatten die heimlichen Beobachter in der Kirchbauernstube den Verlauf dieser Vorfälle beobachtet. »Zum Henker auch, ein verfluchter Kerl!« rief der Jockenhannes, als es unter der Linde still und leer geworden war. »Hätt' ihm nimmer zugetraut, daß er sich so ganz allein unter die wütigen Brummochsen werfen würde!«

»Das Drunterwerfen ist noch nichts!« lachte der Wagnerspaule. »Ist einer in der Hitz', gehört dazu nicht einmal besondere Courage! Aber daß er mit den wütigen Narren fertig wurde, daß er sie im Handumdrehen mit ein paar Worten zusammenschmiß – das ist eine Tat!«

»Freilich, freilich!« knurrte Hannes, nicht eben geschmeichelt. »'s ist zu dumm, daß wir den verrückten Querkopf nicht auf unsre Seite brachten!«

»Dagegen meine ich, da wäre der Schaden ebenso groß nicht. Solch ein verdrehter, halsstarriger Querkopf könnt' uns im eignen Haus schlimmes Spiel anrichten. Laß ihn doch! Solang er – wie heute – für uns arbeitet, mag er's forttreiben; stellt er sich aber ernstlich gegen uns, dann – pffft! fort mit ihm! – Holla, Hannes, wir haben Glück! – heidenmäßiges Glück! – Nicht nur gelingt die Dummheit am Freitag über alles Erwarten – muß noch lachen, denk' ich dran, wie sich die Brummochsen erhitzten, so für nichts und wieder nichts! – und dann der Schrecken im Dorf, und drauf das Hagelwetter, die Predigt – 's ist nicht anders, als wenn alles zusammen berechnet worden wär'!«

»Na, na – der Hagelschlag hätte nicht sein müssen! Meinst, 's ist 'ne Kleinigkeit, eine ganze Ernte verlieren?«

»Oh, stell' dich nicht dumm! weißt so gut als ich, daß dir das hundertfältig wiederkommt! – Hm! – hat sich der ärgste Aufruhr gelegt, wird's nun Zeit, so leise bei dem Herrnbauer und Ungerskasper anzuklopfen. Ist mir nicht leid, daß dir's bei ihnen gelingt, du hast Glück, heidenmäßiges Glück. Nur auf den Beckenkarl hab' acht, der Bursch gefällt mir nicht, nimmt die Sache gar zu ernstlich; und er war vorher so dick mit dem Schulmeister befreundet – deswegen allein schon mißtrau' ich ihm!«

»Oho! den Beckenkarl hab' ich! Wären mir alle so sicher wie der, hätte ich gewonnen' Spiel!«

»Nu, nu – Vorsicht ist zu allen Dingen nütze! – Muß dich auch loben, daß du den Uhrmacherle auf deine Seite bringst – nur sieh dich vor, der Uhrmacherle ist ein falscher Hund!«

Hannes war jach aufgefahren, seine Augen quollen aus den Höhlen, den Stierkopf halb vorgebeugt, die geballten Fäuste halb gehoben, stand er sekundenlang wortlos vor dem Paule, der sich an seinem Entsetzen weidete, tückisch unter den Brauen hervorblinzte, sonst aber nicht tat, als bemerke er den Schrecken des Hannes. »Was – was willst du damit sagen?« knirschte dieser endlich.

»Nichts weiter, als daß ihr nicht so schreien sollt, kommt ihr wieder einmal im Backhäusle zusammen!«

»Und was hast gehört? – was?«

»So tu' doch nicht so dumm – was werd' ich gehört haben? Kam an jenem Abend zufällig – nehm' öfter diesen Weg ins Wirtshaus! – die Gärten 'runter und hör', wie der Uhrmacherle Geld verlangt, und du ihn zur Ruhe setzest, weil er seine Sache nicht richtig macht!«

»Und weiter nichts?« keuchte Hannes, dem große Tropfen auf der Stirn perlten; einlenkend setzte er sofort hinzu: »Ich meine, ob du nicht am Ende dummes Zeug 'rausgehört hast, wie das leicht möglich ist!«

»Dummheiten genug!« lachte Paule vergnügt. »Und das bringt mich auf mein Anliegen. Ein Gewissen habe ich zwar nicht, wie der Uhrmacherle, aber mein Vergnügen mache ich mir doch gern – mit einem Wort: ich brauch' Geld, Hannes! – und sei kein Knicker! Damit dir's nicht zu sehr in den Beutel greift, komm' ich allein – aber sei kein Knicker, Hannes, daß sich nicht am Ende auch in mir ein Gewissen regt!«

Hannes lehnte am Fenster, den Sturm zu verbergen, der in ihm tobte. Was wußte Paule? und wie war er dazu gekommen, ihn zu belauschen? Hatte ihn ein Verdacht zum Lauschen getrieben?

»Hast dich nun bald besonnen?« sagte Paule drängend. »Hole Geld – das Warten ist langweilig!«

»Ja, ja – ich will's tun!« sagte Hannes, sich gewaltsam bezwingend. »Ist es recht, mich so zu plagen, nachdem mir eine ganze Ernte zerschlagen ist? Sei still – da ist Geld! Sei nun aber auch vernünftig in deinen Forderungen, es könnte sonst der Fall eintreten, daß ich die Wirtschaft satt bekäm'. Zehnmal mehr hast du mich gekostet, als was du mir genützt hast!«

»Laß gut sein, Bruderherz!« lachte Paule und strich vergnügt das Geld ein. »Die Zukunft bringt alles wieder ein!«

»Die Schraube hätte gleich ihre richtige Mutter gefunden!« lachte Paule, als er die Treppe hinabstieg. »Und nun ist's aus mit der Herrlichkeit! mein bist du und mein bleibst du! – Reizen darf ich ihn nicht; zwar ist er ein Furchthase, aber in der Verzweiflung, was tut ein Mensch nicht? und die Doppelflinte steht seinem Bett gar zu nahe. Ja – so muß es sein! Ruhe muß er haben, daß er noch einmal sicher wird; hat er sich dann vollgesaugt, preß ich's ihm mit einmal ab. Gequält ist er genug, die Stunde wird er so bald nicht vergessen! – Nun gilt's, den Uhrmacherle in die Schraube nehmen, denn gewiß sein muß ich meiner Sache und dann –!«

Unterdes ging Hannes in seiner Stube auf und ab, preßte beide Hände auf den kahlen Schädel und knirschte mit den Zähnen. Vergessen war der Erfolg über seine Gegner, vergessen ihre schimpfliche Niederlage durch den Lehrer, vergessen der Hagelschlag – nur ein Gedanke ringelte sich wie eine endlose Feuerschlange durch sein Hirn: Aus ist's mir dir! Das Glück hat dich verlassen! Das Geheimnis ist zerrissen, die Vergangenheit erwacht! – Die Rache kommt! – Wie? Sollte es doch wahr sein? sollte es eine ewige Gerechtigkeit geben? – sollte – sollte im Grab noch Leben sein? – dennoch ein Gott über der Welt stehen? – – »Verflucht!« knirschte er. »Nein, nein!« es soll – es kann nicht sein, ich will nicht! Ich will kein ewiges Leben! – Und wenn doch? wenn doch? was nützte mir dann die Doppelflinte? – Unsinn, Unsinn! Steh' ich etwa mit meinem Unglauben allein? Sind nicht alle Klugen seit undenklichen Zeiten einig, daß die Unsterblichkeit eine Narrheit ist? Und was kümmert mich das? steht mir nicht das Messer am Hals? – Verflucht, verflucht! Was weiß der Paule? – was ahnt er?« Wieder rieselten die klaren Tropfen von seiner eisigkalten Stirn nieder, heftiger und wilder wurde sein Gang durchs Zimmer, mechanisch spielten seine Hände mit den Hähnen des Gewehrs. Plötzlich lachte er wild auf, klirrend stellte er die Flinte in die Ecke zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Daß man doch immer wieder zum Narren wird, trotz seiner Jahre und weißen Haare! Soll ich beim ersten Schuß gleich die Flinte ins Korn werfen? – Unsinn! Hannes, wo waren deine Gedanken? – Und wenn er alles weiß, – was schadet's? Ist er mir doch schon lange überlästig durch seinen Spott und – seine Gescheitigkeit? Mit Geld ist nichts ausgerichtet, er ist ohnedies unersättlich! – Gibt's nicht Mittel, die sicher und gründlich helfen? Nur unverzagt, dem Klugen gehört die Welt! – Schon wieder der dumme Schauder! – Sieht denn ein Mensch das Blut an meinen Händen? Was quäl' ich mich? Kein Mensch denkt mehr an den dummen Schäfer! ha – freilich doch! Eben die zwei, die sind's, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen! hätte ich die vom Hals – mir wäre geholfen, ganz, für immer! Aber allein müßt ich's vollbringen, ganz allein und sicher müßt' ich gehen, ganz sicher! – Huuu! – Torheit! Einmal ins Blut getaucht, werden die Hände nimmer rein, auf ein wenig mehr oder minder kommt's nimmer an! – Ruhig, Hannes! Fort müssen die beiden Quälgeister – ich will freie Bahn haben! Erst sollen sie mir helfen, meine Ansicht durchführen, dann darf kein Teufel ihr Schicksal aufhalten!«

Noch etwas bleich und verstört, sonst aber ruhig ging er hinab in die Wohnstube. Er traf Lina in sehr schlechter Laune, rücksichtslos warf sie die Notenhefte umher, dazwischen schlug sie so heftig auf die Tasten, daß eben eine Saite klirrend sprang. »Nu, nu – was ist das? – hast einmal wieder deinen Rappel?«

»Und warum soll ich ihn nicht haben?« schrie sie. »Einen dummen Streich macht Ihr auf den andern, legt's mit Absicht darauf an, daß alle Leute mit Fingern auf Euch deuten –«

»Holla – wo willst 'naus?«

»Gehört kein übermäßiger Verstand dazu, um es zu erraten! Soweit der Schimpf Euch allein betrifft, könnt Ihr's halten, wie Ihr mögt. Aber ich will nicht darunter leiden – habt Ihr's verstanden?« Lina stand dicht vor dem Vater und stampfte heftig mit dem Fuße. »Merkt's Euch, Eurer Narrheit willen mag ich nicht zur alten Jungfer werden!«

Hannes mußte sich auf das Kanapee werfen, so schüttelte ihn das Lachen. »Dumme Trine, merkst denn nicht, daß dein Weizen bereits blüht?« rief er endlich. »Ist nicht der Beckenkarl los und ledig? Fang' ihn dir, 's ist ein Goldfisch! – das Angeln ist deine Sach'!«

»Was Ihr wieder schwätzt! Der Karl ist ja wie toll und verrückt!«

»Desto leichteres Spiel hast du!« sagte Hannes, griff nach seinem Stock und verließ die Stube. –

Fritz wanderte sinnend durch die Flur. Welch anderes Gesicht zeigte heute die Welt! Wo noch gestern ein Ährenmeer schwankte und wallte, da dehnten sich heute öde, wild zerhackte, von Wasserfluten durchwühlte, leere Stoppelfelder. Und wie? – ist das der alte prächtige Holzbirnbaum auf dem Königsbühel? Er ist fast nicht wiederzuerkennen. Kahl starren die nackten Aste empor, nur hie und da noch zittert ein einzelnes Blättchen im Winde. Das Laub hat der Hagel in den Boden geschlagen, nur zerrissene Zweige, zerknickte Aste sind umhergestreut und wohl zollhoch decken die grünen, halbentwickelten Früchte den Boden.

Ein heißer Schmerz zuckte Reinhardt durch das Herz, eine unsägliche Trauer erfüllte sein Gemüt beim Anblick dieser Zerstörung inmitten des vollsten Lebens. – Allmählich füllte sich die Flur; Greise und Kinder, Männer und Frauen zogen klagend durch die öden Felder; und Reinhardt feuchtete sich das Auge, als er sah, mit welcher Sorgfalt alt und jung die wenigen verschonten Ähren sammelten, wie die barfüßigen Mädchen und Knaben weinend die halbverdorbenen Fruchtkörner aus dem Schmutz lasen.

Die Zerstörung war furchtbar, der Schaden für den Augenblick gar nicht zu übersehen, nur ein schmaler Streifen der Flur, an der Sülzdorfer Grenze, war verschont geblieben. Was sollte für den Winter werden? – wie war bei der Zerklüftung im Dorf zu helfen?

Fritz gedachte den Schulbauer aufzusuchen, da sah er unter einem entblätterten Dornstrauch den Lichtennikele sitzen, zwischen den Knien sein Enkelkind. Die gefalteten Hände, aus denen wenige geknickte Ähren herabhingen, ruhten auf dem Flachskopf des Kindes.

Nikel stand auf, gab Fritz die Hand und sagte: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen – der Name des Herrn sei gelobt! – Aber hart ist's, Herr Schulmeister, hart – hart! Da seht, meine ganze Ernte halte ich in den Händen – und daheim hat bei dem Schrecken meine Alte ein neuer Anfall getroffen und ihr nun auch die Sprache genommen.«

»Ist's möglich?« rief Fritz erschüttert.

»Ja, der Herr prüft hart! Ihr wißt, es ist nicht meine Art, zu jammern, aber diesmal will doch mein Glaube schwach werden, so sehr ich mich dagegen wehre. Die ganze Ernte hin! – Herr, wißt Ihr, was das besagen will? Mein Gott im Himmel! woher Futter nehmen fürs Vieh und Nahrung für die Kinder? wie die Kapitalzinsen aufbringen? Und bleib' ich mit dem Zins in Rückstand, ist Haus und Hof verloren, in meinen alten Tagen werde ich zum Bettler! Ach, und was wird mit meiner Alten? was mit den Würmern, den Kindern? – Mein Gott, mein Gott, verlaß mich nicht!«

»Seid getrost, er wird nicht!« sagte Reinhardt tief bewegt. Unbesehen drückte er dem Alten seine Barschaft in die Hand mit den Worten: »Vertrauet nur dem Herrn, er wird euch milde Herzen erwecken. Zwar ich kann nur wenig tun; aber heute noch rede ich mit dem Schulbauer – verlaßt Euch darauf, es wird Rat geschafft. – Nehmt doch die Kleinigkeit, besorgt Eurer armen Frau und den Kindern eine Erquickung. Bald komme ich zu Euch ins Haus; da wird sich zeigen, was sich tun läßt. Nur den Kopf oben, Nikele! – Ihr wißt ja: wer nur dem lieben Gott vertraut, der hat auf keinen Sand gebaut!«

Ehe Nikel sich sammeln konnte, war Reinhardt weit weg. Nur unartikulierte Laute, nur Seufzer entrangen sich der Brust des Alten. So versunken war Nikel, daß er näher kommende Schritte überhörte: erschrocken fuhr er herum, als ihn Pfarrer Walter anredete.

»Guten Tag, Nikel! Ei, ei – so fassungslos? so wenig Ergebung in den Ratschluß des Höchsten? Fürwahr, grade von Euch erwartete ich etwas ganz anderes! Wie oft habt Ihr mich erfreut durch die Stärke Eures Glaubens. Ei, ei – habt Ihr schon wieder vergessen, daß wir grade für die Leiden Gott nicht inbrünstig genug danken können …?«

Die Tränen des Alten waren bei dieser heftigen Rede versiegt: groß sah er den Geistlichen an, schüttelte langsam den Kopf und sagte: »Herr Pfarrer, lügen müßt' ich, wollt' ich sagen, daß ich solche Lehre verstehe. – Nein, so weit hab' ich's noch nicht gebracht, den Herrgott um Leiden zu bitten, gar zu beten, daß er mir mein Liebstes, – meine Alte, meine Kinder und Tichterle – nehmen solle. Sonst aber, Herr Pfarrer, acht' ich, es hat eben alles sein Maß und Ziel, auch das Ertragen, und eh' man einem Menschen schwachen Glauben und Kleinmut vorwirft, sollt' man doch auch erst nachsehen, was alles auf ihm liegt.«

»Wie? – was? Redet das der Lichtennikele? – redet er so zu seinem Seelsorger und Beichtvater? – Wehe über Euch, der Ihr noch im Alter Euch betören lasset von Trug und Wahn der sündhaften Welt! – Aber sah ich es nicht so kommen? habe ich Euch nicht gewarnt, abzulassen von dem verirrten Mann, dem Schulbauer? – Und habe ich Euch nicht ernstlich vermahnt, den Irr- und Schwarmgeist, den Lehrer Reinhardt zu meiden? – Und sah ich nicht diesen Verworfenen soeben noch von Euch gehen?«

Das Geld, das er noch immer in der Hand hielt, begann plötzlich zu glühen, ein Feuerstrom schoß dem Alten nach Kopf und Herz. »Herr Pfarrer,« sagte er atmend, »was Ihr über mich saget, trage ich still, Gott Lob und Preis! Anders ist es, redet Ihr über Leute, die sich nicht entschuldigen können. – Ich laß kein Unrecht auf den Lehrer und den Schulbauer kommen. Bessere, bravere, rechtschaffenere Männer kenne ich nicht! Und ja, ich muß Euch auch das sagen; hätten der Schulbauer und der Schulmeister mich nicht alsfort in meinem Glauben bestärkt, Ihr, Herr Pfarrer, Ihr hättet mich so weit gebracht, daß ich jetzt sagen müßte: die zwei Männer haben den allein rechten Glauben, und ich nehm' ihn auch an!«

Pfarrer Walter prallte zurück. Heftig atmend senkte er den Kopf und drückte die gefalteten Hände gegen die Brust. »Wie? – höre ich auch recht? – Der alte Lichtennikel ist ein Abgefallener? wagt seinen Beichtvater und Seelsorger ins Gesicht zu beschimpfen? wagt es, den heiligsten Glauben zu lästern und zu schänden?«

»Herr Pfarrer, nichts für ungut! all' Ding hat sein Maß und Ziel, Ihr aber achtet das nicht! Wer gibt Euch das Recht, mich einen Abtrünnigen zu schelten? – Nein, Herr Pfarrer, ich halte fest am Glauben meiner Väter und hoffe damit vor Gottes Thron zu bestehen. Von Eurer Lehre aber kann ich nur wenig halten. Statt die Gebeugten aufzurichten und die Traurigen zu trösten, fallt Ihr mit harten Worten auf sie ein und erschreckt sie vollends; statt Frieden zu stiften, mehrt Ihr die Feindschaft; statt zu löschen, blast Ihr in das Feuer durch Euer übermäßiges Eifern!«

»Wie? Was untersteht Ihr Euch? soll ich mich vor Euch verantworten? – Wohl denn! Ja, ich eifere um den Herrn; sein Reich zu mehren, ist mir Lebensaufgabe. Wer der Milde und dem Eifer widersteht, der ist für mich ein Verlorner und Verdammter? und wie der Herr nicht säumte, den Feigenbaum, der nicht Frucht brachte, zu verfluchen, also zögere auch ich nicht, den faulen Bäumen, die den edeln Reben im Weinberg des Herrn Licht und Nahrung entziehen, die Axt an die Wurzel zu legen!«

»Und Ihr rechnet den Schulbauer und den Schulmeister zu den faulen Bäumen? – An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen! Ist nicht der Schulbauer der Trost und die Hoffnung aller Armen weit und breit? Und der Schulmeister! Wer kann einen Tadel an seinem Wandel finden? Und seht! – Als ich ihm meine Not klagte, gab er mir unbesehen, was er an Geld bei sich hatte; mit linden Worten vertröstete er mich auf Gottes Hilfe und versprach, daß er für mich tun werde, was er könne. Und einen solchen Menschen wollt Ihr einen Gezeichneten schelten? – Wer war mir in meiner großen Not der Nächste, Ihr oder er? – Eifert Ihr für Euren Glauben, Herr Pfarrer – mein Glaube ist das nicht, ich spür's! – Nein, wie Ihr auch eifern mögt, ich getröste mich der Worte: ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe! und wiederum: kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! – Adjes, Herr Pfarrer!«

Zwanzigstes Kapitel

»Nun Gott sei Dank, daß Sie endlich kommen!« rief am Abend desselben Tages der Schulbauer Reinhardt entgegen und zog ihn rasch in die Stube. »O Reinhardt! was sind das wieder für Geschichten! Kommen Sie in die Stube, meine Lisbeth ist krank geworden vor Schrecken, darum konnte ich heute nicht aus dem Haus; sie wird es Ihnen danken, erfährt sie endlich etwas Gewisses.«

Die bleiche Frau lehnte matt im Kanapee; beide Hände streckte sie dem Lehrer entgegen, und die hellen Tränen rollten über ihre Wangen. Seine Erzählung war traurig genug! Der Bauer vermied ein eingehendes Gespräch, und Fritz verstand bald, daß der Hausherr die leidende Frau schonen wollte; er schilderte mit Wärme den Notstand beim Lichtennikele, erwähnte sein Versprechen und bat um Beistand für die Armen. Jetzt hob der Bauer das Gesicht; ein eigentümlicher Glanz lag auf den ernsten, gefurchten Zügen des Mannes, als er einen langen Blick des Einverständnisses mit seiner Lisbeth tauschte. Aufstehend gab er dem Lehrer die Hand und sagte: »Daß Sie in meinem Namen dem Lichtennikele Hilfe versprochen haben, ist der schönste Beweis Ihrer Freundschaft, den Sie mir geben konnten. Natürlich wird den Leuten geholfen! – Ach, Reinhardt, das Elend, das ja vorauszusehen ist, hat mich den langen Tag schon umhergetrieben. Lebten wir in gewöhnlichen Zeiten, dann wäre kein Zweifel, was ich tun müßte. Allein alle Verhältnisse sind auf den Kopf gestellt. Ich stehe völlig ratlos. Anstatt durch das gemeinsame Unglück sich die Herzen erweichen zu lassen, erhitzen sie ihr Blut nur mehr, über ihrem Haß vergessen sie das Unglück auf den Feldern! So weit hat schon das Verderben um sich gegriffen, daß sogar zwischen mir und meinem Schwager, dem Herrnbauer, offener Hader ausgebrochen ist. Fast dreißig Jahre leben wir nun in Eintracht nebeneinander, keiner nahm Anstoß am Glauben des andern. Und jetzt, da unsre Haare sich bleichen, macht mir mein Schwager meinen Unglauben zum Vorwurf, nennt mich einen Verderber seiner Anna, verlangt, daß ich mich und das Mädchen bekehren soll! – Ach, Reinhardt, um mich handelt es sich nicht, aber meine arme Schwester, vor allem das Mädle, meine Anna, die machen mir Sorge. – Sehen Sie, nach dem Tod unsrer Kinder nahmen wir die Anna zu uns, und wir dürfen wohl sagen, wir haben das Mädchen mit Sorgfalt aufgezogen. Ungern ließ ich es später von mir: allein ich hatte ja kein Recht, den Eltern ihr Kind zu entziehen, obgleich ich wohl wußte, daß der Herrnbauer meine Erziehung nicht billigte und nun womöglich über den Haufen werfen möchte. Darüber konnte ich zwar ruhig sein, ich kannte ja meine Anna, und mein Glaube hat mich auch nicht betrogen. Aber was soll nun werden, wenn mit Gewalt auf das Mädchen eingestürmt wird, wenn am Ende gar der Pfarrer Walter mit Bekehrungsversuchen an sie käme?«

Reinhardt war aufgesprungen. Heimlich zitternd stieß er die Worte hervor: »Nie und nimmer darf das geschehen! Retten Sie das Kind, bewahren Sie ihm den Frieden der Seele.«

»Aber was soll ich tun?«

»Freilich, der Herrenbauer wird Ihnen das Mädchen nimmer gutwillig überlassen, aber hier gilt kein Säumen! Sie sind kinderlos, nennen Anna stets Ihre Tochter – warum bringen Sie das nicht äußerlich zur Geltung? Adoptieren Sie das Mädchen! Wie ich den Herrnbauer kenne, wird er, wenn Sie ernsthaft auftreten und eine Drohung durchblicken lassen, sich nicht lange widersetzen. Im Grund ist ihm Ihr Vermögen doch noch wichtiger als Ihr Unglaube!«

Wieder tauschte der Schulbauer einen Blick mit seiner Lisbeth, dann sagte er: »Ich danke Ihnen, daß Sie unsern eignen Gedanken Worte gegeben. Morgen gleich soll die Anna zu uns: die Krankheit ihrer Base gibt erwünschten Vorwand. – Sturm wird's setzen; meine arme Schwester! Und doch ist das immer erst eins, wenn auch die Hauptsache. Mein Schwager, Reinhardt, macht mir ernstlich Sorge! Glauben Sie, daß er mir deutlich genug zu verstehen gegeben, es sei ihm am liebsten, wenn er mir möglichst wenig begegne? – Und so bin ich neben ausgeschoben; in allem, was Bergheim betrifft, bin ich völlig lahmgelegt. So auch jetzt bei dem Hagelschlag! Wie arbeitet's in meinem Hirn, mir ist, als müsse ich hinüber und die Leute mit Gewalt zur Ordnung bringen. Aber ich darf nicht; steh' ich in Gefahr, vom eignen Schwager kränkend abgewiesen zu werden – was habe ich erst von den andern zu erwarten? Und weiter! Gewiß, Gaben werden nicht ausbleiben; aber was hilft das, wenn die Wohltätigkeit nicht geregelt wird? Da müßten Listen aufgestellt werden, was am dringendsten mangelt. Mit Geld allein ist den Folgen des Unglücks nicht abzuhelfen. Naturalgaben müßten beikommen. Dann aber, wenn sie kommen, was ist das wieder für eine Arbeit, sie gerecht zu verteilen! Geben Sie acht, Bergheim wird sich durch den schändlichen Bettel blamieren; einzelne werden die Gaben an sich reißen, aus dem Hagelschlag Kapital schlagen, während die Mehrheit daran zugrunde geht. Gern gäbe ich ja die reichliche Ernte, um den Armen drüben über diesen Schlag wegzuhelfen: aber wie soll ich's einrichten, daß ich mit meinen Gaben nicht Feindschaft errege? Da rechnet zuerst mein Schwager, trotz alles Zorns, mit Sicherheit auf mich; natürlich werde ich ihm auch unter die Arme greifen, allein so, wie er's erwartet, kann ich nicht. Er ist reich; aber die kleinen Leute, die können zugrunde gehen, die haben darum ein näher' Recht auf meinen Beistand. Wäre mein Schwager noch der alte, würden wir uns einigen – so ist nicht daran zu denken!«

»Ich bin jung und unerfahren, besonders in diesen Sachen!« sagte der Lehrer, der dem Bauer warm die Hand gedrückt hatte. »Aber weil Sie mir so ganz und gar aus dem Herzen geredet haben, möchte ich wenigstens meine Ansicht äußern. Ich meine, Sie sollten sich durch die Gefahr kränkender Abfertigung nicht schrecken lassen, das zu tun, wozu Sie Gefühl und Pflicht treibt. Gehen Sie nach Bergheim, trösten, raten, ordnen, prüfen Sie, wo es am meisten fehlt, dann erlassen Sie einen Aufruf, erklären sich zur Entgegennahme von Gaben bereit, Ihr Name schon bürgt den Gebern für gerechte Verteilung.«

»Herr Lehrer, Sie haben das Rechte getroffen!« sagte die Bäuerin. »Das ist's, was du tun mußt, Jörg! Und nun säume nicht, gehe hinüber, jetzt gleich. Mir ist besser, um mich darfst du ohne Sorge sein! Gehe, Jörg! rede zuerst mit meinem Bruder; laß dich nicht erbittern, aber sei nur auch standhaft.«

Sie duldete keinen Aufschub, und bald waren die Freunde auf dem Wege nach Bergheim. »Sie haben noch was Besonderes auf dem Herzen, hab's Ihnen lange angemerkt – reden Sie jetzt!«

»Reinhardt,« sagte der Bauer und wischte sich den Schweiß von der Stirn, »mich plagen schwere Gedanken; lange schon hätte ich mir gern das Herz erleichtert, immer kam ich nicht dazu. – Hören Sie, mit dem Hannes ist es nicht richtig; er spielt allzu hohes Spiel. So treibt es nur ein Verzweifelter! Sie wissen, welcher Verdacht auf ihn fiel, nach dem Mord des Einzelberger Schäfers. Mit Hilfe des Uhrmacherle bewies er sein Alibi – ist's Ihnen nun noch nicht aufgefallen, daß der Hannes nie selber den Uhrmacherle abtrumpft, wie arg er ihn auch in seinen Predigten beschimpfen mag?« Als Fritz erschrocken zu ihm aufblickte, nickte er traurig. »Ja, das gab mir schon lange zu denken! Neulich aber, wenige Tage nach dem Skandal im Pfarrhof, hole ich, von Schottendorf heimkehrend, den Uhrmacherle ein. Der Lump war wie gewöhnlich schwer berauscht, und ich achte zuerst nicht auf sein unsinniges Geschwätz. Als er aber nicht aufhört, über sein Gewissen zu lamentieren, das ihn nicht in Ruhe lasse, als er sich sogar jämmerlich anklagte, da schoß es mir wie ein Blitz durch den Kopf: ob das vielleicht mit dem Mord zusammenhänge, ob der Uhrmacherle sich damals mit einem falschen Eid belastet? – Heiliger Gott! wenn der Hannes wirklich der Mörder gewesen wäre? Mir ist's, als müßt' ich den Schuft entlarven. Ich verstehe Ihren erstaunten Blick! Kommen Sie, wir wollen über den Steinschrot nach Bergheim, Sie sollen erfahren, warum ich den Hannes hasse wie die leibhaftige Sünde, warum ich nicht rasten darf, bis ich ihn endlich entlarvt habe. – Muß weit ausholen, es geht nicht anders.«

»Der alte Herrnbauer war gestorben. Am Tag nach seinem Begräbnis kommt der Hannes ins Herrnhaus und sagt: ›Ich komm' ungern zu euch, aber ein jeder muß eben auf seinen Vorteil sehen. Männiglich ist bekannt, wie kurz ihr euren Alten gehalten habt; oft klagte er mir die Ohren voll und bat um meinen Beistand. Zuletzt konnt' ich's nimmer erhören und tat ihm den Willen. Die walzenden, zugekauften Grundstücke hat sich der Alte vorbehalten, als er den Hof dem Valtin übergab, und kurz und gut: ich kaufte ihm den großen Krautacker um fünfhundert Gulden bar ab unter der Bedingung, daß der Kauf erst nach seinem Tod in Kraft trete. Hier ist die Quittung, vom Alten selber ausgestellt, und da der Kaufvertrag. Wollt ihr nun den Kauf anerkennen und mir den Acker zuschreiben lassen?‹

Können sich unsern Schrecken denken; der schändlichste Betrug lag ja klar auf der Hand. Denn nicht nur war der große Krautacker unter Brüdern seine fünfzehnhundert Gulden wert und erst vor kurzem um neunhundert Gulden angekauft worden; der alte Herrnbauer hätte ja nie Geld gebraucht, selbst wenn ihn sein Valtin kurz hielt, da er die Zinsen von beträchtlichen Kapitalien einzunehmen hatte. Ein Betrug lag auf der Hand, aber mit der Quittung sowohl als mit der Unterschrift des Kaufvertrages hatte es seine Richtigkeit; zum Überfluß standen auch noch die Namen des Wagnerspaule und Simesschuster als Zeugen auf dem Papier, und Hannes erklärte uns so recht mit Hohn, sie wären jeden Augenblick bereit, vor Gericht zu beschwören, daß der Vertrag in ihrer Gegenwart in aller Form Rechtens sei ausgestellt worden.

Die Weiber weinten und wir Männer wußten uns nicht zu fassen. Endlich schlägt mein Schwager auf den Tisch und schreit, das sei ein infamer Betrug, und er solle sich aus dem Haus packen, oder er Hetze den Hund auf ihn. Die Papiere seien gefälschte Wische, des Vaters Bücher würden's klar ausweisen. – ›Des Alten Bücher?‹ lachte Hannes in der Tür. ›Ha, ha, hätt' dich doch ein bißle gescheiter taxiert! Der Alte wird sich freilich gehütet haben, die fünfhundert Gulden und den Kauf in seine Bücher einzutragen! – Also ihr wollt nicht? Mir recht, im Amt reden wir weiter!‹ damit ging er.

Können sich denken, mit welcher Angst wir meines Schwiegers Bücher und Schriften durchstöberten; natürlich fanden wir nichts. Doch ja, der alte Jock schon hatte fünfhundert Gulden von meinem Schwieger geborgt und sie stehen lassen, erst der Hannes hatte sie abbezahlt. Weiter fanden wir ein Schriftstück, worin Hannes bekennt, der Herrnbauer habe ihm für das rückgezahlte Kapital von fünfhundert Gulden eine zweite Quittung ausgestellt, da die erste verlorengegangen sei; sollte sie sich wiederfinden, so solle sie null und nichtig sein. Mir schoß damals gleich der Gedanke durch den Kopf, ob das vielleicht mit dem Betrug zusammenhänge. Ich jagte noch am selben Tag zum Advokaten, der aber zuckte die Achseln, der Prozeß begann, der Hannes und seine Eideshelfer beschworen die Richtigkeit ihrer Angaben; damit waren wir geschlagen, unsre Schande besiegelt. Hannes aber triumphierte! Was haben wir durchgemacht, ehe wir unsern Gleichmut wiederfanden. Jahre gingen dahin, mit der Zeit gewöhnten wir uns an das Unabänderliche. Etwas anderes ist an seine Stelle getreten: es ist etwas in mir, das mich immer wieder auf die Spur des Mannes hetzt, als müsse ich, grade ich, das Geheimnis seines Lebens enthüllen! Und nie war diese Empfindung stärker als jetzt, eine Ahnung liegt mir im Gemüt, die Entscheidung ist nahe. Es wird noch viel Jammer und Leid geben; aber wenn wir klug und besonnen auf unseren Posten stehen, dann muß es gelingen.«

Reinhardt drückte ihm die Hand. »Aber die Verhältnisse haben sich so zugespitzt,« rief er, »daß ein ruhiges Abwarten kaum mehr möglich ist. Wir müssen endlich aus der Reserve heraus, müssen zeigen, was wir eigentlich wollen!«

»Wohl denn!« sagte der Bauer nach einigem Sinnen. »Ich halte Sie nicht ab. Das Reden ist Ihre Sache; sprechen Sie nur aus, was uns das Herz erfüllt. Aber nicht heute und nicht morgen, nicht, solange der Schrecken die Gemüter bedrückt; nicht wahr, Sie werfen keinen neuen Zankapfel unter die Nachbarn? – Halten Sie aus! Ich muß eilen, will ich den Herrnbauer noch daheim antreffen.«

Sinnend blickte Fritz dem Bauer nach, eine neue schwere Last von Sorgen und Verpflichtungen hatte er auf seine Seele gelegt; tiefernst schritt er durch die verwüsteten Felder dem Dorfe zu.

So wäre er fast achtlos an der Linde im Herrnbauersgarten vorübergegangen, als er leise seinen Namen rufen hörte. Halb verborgen hinter den Büschen stand Anna, reichte ihm über die Hecke weg die Hand und sagte weinend: »Nur auf einen Augenblick, Herr Lehrer! Verzeiht die Störung, aber ich kann nicht anders, ich muß mit Euch reden – und – und nun ja doch, Ihr sollt mir einen Gefallen tun! – Wollt Ihr?«

Fritz entging die fieberhafte Aufregung des Mädchens nicht, die groß sein mußte, da sie ihn sogar mit »Ihr« anredete. Als er hastig nickte, fuhr sie fort: »So erwartet mich, ich habe einen Gang zu tun, Ihr sollt mich begleiten!«

Schon war das Mädchen verschwunden, und Fritz merkte am Schlagen seines Herzens, wie nun die Erregung über ihn kam. Was bedeutete das, daß gerade ihn das Mädchen zur Begleitung aufforderte, da sie ihn sonst so schroff von sich fern gehalten? Er hatte nicht Zeit zu weiterem Denken, denn eben trat Anna aus dem Heckengang.

Das Gesicht verhüllte gänzlich ein dunkles Tuch; obgleich ihm aber die Züge verborgen blieben und kaum ein Leuchten der Augen zu erkennen war, schoß doch ein Feuerstrom nach seinem Herzen, als ihm Anna nochmals die Hand reichte und er einen leisen Druck fühlte. »Kommen Sie, Herr Lehrer!« sagte sie heftig. »Es ist unartig, daß ich Sie so plage, allein ich habe auf der weiten Gotteswelt keinen Menschen, dem ich vertrauen könnte, und den Gang, den ich vorhabe, vermag ich nicht allein zu tun; ich soll dem Beckenkarl seine Geschenke an Margaret zurückstellen. Margaret liegt daheim und weint sich fast die Augen aus. Und doch – was soll sie anders tun? Seit Karl bei der Gotteslästerung vorgestern nacht an Wildheit es allen zuvortat, da ist's aus. Margaret will ihn nimmer sehen! – Doch da sind wir vor dem Beckenhausgarten, und nun kommt meine Bitte: möchten Sie wohl fragen, ob der Karl daheim ist oder nicht? Sie sind ja sein Freund oder waren es wenigstens; nicht um die Welt möchte ich mit dem Burschen zusammentreffen! – Wollen Sie?«

»Es ist ein sonderbares Verlangen, Anna!« sagte Fritz zögernd. »Hätte das nicht eine Magd oder ein Kind besser besorgen können als ich?«

»Sie haben recht, Herr Lehrer! O – verzeihen Sie meine Torheit! Gewiß, daran dachte ich vorhin nicht! Mir war so angst, nimmer hätte ich den Weg allein gewagt; wie ich dann aber Sie daherkommen sah, war mir, als müsse ich bei Ihnen geborgen sein. Ach, Herr Lehrer, verzeihen Sie mir!«

Reinhardt lauschte und hätte immer lauschen mögen. Bei jedem Wort war ihm, als werde ein finstrer Schleier von seinem Himmel hinweggezogen, als leuchte ihm immer heller die goldne Gottessonne tief hinab ins Herz. Fest drückte er die Hand auf die Brust, als wolle er dem stürmischen Schlag seines Herzens Einhalt tun, mit leiser Stimme sagte er: »Ich bin sogleich zurück!«

Wie im Traum schritt er durch den dunkeln Hof, und erst die weinende Mutter Karls rief ihm seinen Auftrag ins Gedächtnis zurück. Er vermochte die jammernde Mutter nicht zu trösten und entfernte sich rasch. »Er ist nicht daheim, Anna!« berichtete er der Harrenden. »Ich werde hier auf dich warten!«

Ein langer fragender Blick streifte ihn – sollte er sie an sich ziehen? – Nein, nicht jetzt! Gewaltsam bezwang er sich – das Mädchen ging.

Heftig weinend kehrte sie zurück. »Kommen Sie!« rief sie ihm flüchtig zu und eilte wie ein gescheuchtes Reh davon. Erst auf dem Bänkchen unter der fast kahlen Linde im stillen Baumgarten wurde sie ruhiger. Tief aufatmend begann sie leise: »Ach, ist das ein Jammer und eine Not, überall, wohin man blickt. Die alte Beckenbäuerin ist ganz zerbrochen, nicht mehr zu erkennen ist die Frau, so hat sie das Leid mit ihren beiden Buben angegriffen. Und erst meine arme Margaret!«

»Es ist gewiß sehr traurig!« sagte Reinhardt nachdenklich. »Es gibt ja keinen herberen Schmerz, als dabeistehn und zusehen müssen, wie auch die besten Menschen, die von der Natur selbst füreinander geschaffen scheinen, in Verwirrung geraten, sich fremd werden, Leid auf Leid bereiten, bis endlich eine bittre Trennung den Schluß bildet.«

Anna hatte den Kopf erhoben, fast atemlos lauschte sie seinen Worten. Redete Fritz nur im allgemeinen oder ahnte er, was in ihrem Herzen vorging? Galten ihr im besonderen diese Worte? – Anna wagte den Gedanken nicht auszudenken; die Entgegnung erstarb ihr auf den Lippen, trotz des dunkelnden Abends verhüllte sie sich dichter in ihr Tuch, mit gesenktem Kopf lauschte sie, als der Lehrer nach kurzer Pause fortfuhr: »Es ist traurig, besonders, wenn solche Verwirrung allgemein wird. Dann ist ja Klage und Schmerz natürlich. Und doch ist es gerade in solchen Zeiten Pflicht, darauf zu achten, daß der Schmerz nicht selbst wieder zur Gefahr wird. Mit Jammern und Klagen ist nichts geholfen. Es gilt den Kopf hoch, den Willen frei zu halten. Was die Zukunft für Karl und Margaret in ihrem Schoße birgt, weiß ich nicht. Wie aber auch die Entscheidung fallen mag, eines glaube ich zu wissen: beiden wird dieses Leid zum Segen ausschlagen. Ob sie je wieder so glücklich werden, wie vordem, ist sehr fraglich – stärker, klarer werden sie gewiß! Auch hier – –«

»Ich danke Ihnen, Herr Lehrer!« fiel ihm Anna ins Wort. »Sie haben mir eine Last vom Herzen genommen, die mich zu ersticken drohte. Ich verstehe Sie! Sie wollten mir sagen, daß auch die Verwirrung im Dorf ihr Gutes habe und die Menschen besser machen könne. Herr Lehrer, Ihre Worte taten mir gut, sie sollen mich noch oft trösten, wenn das Herz verzagt werden will; ach, ich werde Hilfe brauchen, denn schwere Zeiten werden kommen. Was soll ich's Ihnen leugnen? Der Pfarrer hat dem Vater die Hölle heiß gemacht wegen meines Unglaubens, wie er's nennt, und nun soll ich mich bekehren! Heute war er länger als eine Stunde über mir – Gott im Himmel, ich weiß nicht, was er von mir will, ich versteh' ihn nicht! Aber das weiß ich: treibt er's noch oft so, komme ich entweder von Gedanken oder es passiert sonst ein Unglück!«

Fritz war aufgesprungen und rannte mit geballten Fäusten auf und ab. Leise weinend sagte nach einer Pause das Mädchen: »Ja, ich bedarf des Beistandes, und Sie sind außer der Mutter und den Patenleuten der einzige Mensch, dem ich mich ohne Rückhalt anvertrauen darf. Lassen Sie mich ausreden, Herr Lehrer! – Gar schwer lag es mir auf der Seele, daß ich Sie neulich so bitter gekränkt; Gott weiß es, ich meinte es nicht so böse, als es herauskam; mein Jammer war eben zu groß, da ich auch am Schulbauer und an Ihnen irre wurde! Können Sie mir verzeihen?«

Fritz rannte noch immer auf und ab, alles in ihm war im wildesten Aufruhr; während er Verwünschungen gegen den Pfarrer ausstieß, liefen ihm die Tränen über die Wangen.

Eben erschien in der hinteren Haustür die Mutter und rief nach ihr, Anna stand zitternd auf. »Herr Lehrer,« sagte sie leise, »können Sie mir diesen Trost nicht geben?«

Die Mutter rief dringender – Fritz konnte nicht reden, er haschte nach der Hand des Mädchens, ein heißer Tropfen fiel darauf – Anna riß sich los und verschwand im Haus.

Lange stand Fritz unter der Linde und blickte hinein in den Abend, dann stürmte er ziellos durch die Flur. In seinem Herzen sang und klang es: nun muß sich alles, alles wenden!

Spät in der Nacht traf er plötzlich den Schulbauer, der sich auf dem Heimweg befand. Der ernste Mann schüttelte den Kopf über seine verworrenen Reden und sah ihm bedenklich nach, als er ohne Gruß davonstürmte, da er ihm mitteilte, daß Anna morgen schon, und zwar für immer, nach Sülzdorf ziehe. »Was ficht den Reinhardt an, daß er nachts einsam durch die Felder rennt? Potztausend! das fehlte nur, daß der Reinhardt auch noch toll würde!«

Einundzwanzigstes Kapitel

Wieder war es ein Sonntagnachmittag. Klarblau wölbte sich der Himmel über die grüne Erde. Ein leichter Wind kühlte angenehm die Glut des Nachmittags und trug von den Wiesen um Sülzdorf den Duft des Herbstheues, von den frischgestürzten Brachäckern kräftigen Erdgeruch herüber.

Fritz schritt auf dem Sülzdorfer Kirchsteig durch die sonntagsstillen Fluren dahin. Als er von der Höhe des Königsbühels das Sülzdorfer Schulbauernhaus so freundlich aus dem Grün seiner Obstbäume hervorleuchten sah, da ging ein Leuchten über sein Angesicht.

Er blieb nicht lange unter dem alten, grausam heimgesuchten Birnbaum, eine sehnsüchtige Ungeduld trieb ihn weiter. Dennoch entging ihm nicht, wie die unverwüstliche Lebenskraft der Natur die ärgsten Spuren der so unvermutet hereingebrochenen Zerstörung bereits verwischt hatte. Der Baum freilich stand noch kahl, zersplitterte Aststumpen starrten traurig in die Luft, aber überall brachen neue Zweige hervor, zartes junges Laub schmückte wie ein Goldschimmer die mächtigen Glieder. Die Schleh- und Kreuzdornhecken standen bereits wieder in vollem Laub. Ein üppiger Rasenteppich schmückte den Hügel, die Äcker waren frisch gepflügt, und ein grüner Schimmer, der wie ein zarter Duft vom braunen Grund sich abhob, kündete das fröhliche Gedeihen der Notsaaten, die dem Futtermangel abhelfen sollten.

Fritz eilte nach Sülzdorf hinab. Der Schulbauernhof war, wie er befürchtet, leer; etwas enttäuscht trat er in die Stube. Die Bäuerin, die matt und angegriffen auf dem Sofa lag, mußte ihn schon lange erwartet haben, denn sie winkte ihn zu sich, hielt seine beiden Hände fest zwischen den ihren und sagte: »Ach bitte, Herr Lehrer, entschuldigen Sie, daß Sie meinen Jörg und die Anna nicht mehr zu Hause antreffen. – Ich weiß nicht, was mit dem Kind ist, nicht wiederzuerkennen ist sie, so hat sie sich verändert, seit sie bei uns ist. Müde und bleich schleicht sie herum, oft sind die Augen verweint, an nichts nimmt sie Anteil, nichts macht ihr mehr Freude. In den letzten Tagen wurde es immer schlimmer; gestern abend blieb sie bis lang nach zehn Uhr in der Stube, danach hörte ich sie lange in ihrer Kammer weinen, und heute kam sie ganz verstört und verblaßt herab. Und doch, wie ich auch bat, gesteht sie nicht, was sie drückt; das einzige, was man aus ihr herausbringt, ist: laßt mich und quält mich nicht! – Da ich das Leid nicht mehr ansehen konnte, ruhte ich nicht, bis mein Jörg einspannte, um mit ihr ein Stück in den Wald hineinzufahren, vielleicht heitert sie das auf. Abends werden sie dann zum Konzert kommen. Gelt, Herr Lehrer, Sie nehmen es nicht übel, daß Jörg nun Ihnen sein Wort nicht gehalten hat, und Sie nach Schottendorf zu Fuß gehen müssen? – Ach, Sie glauben nicht, wie uns das Kind so viele Sorgen macht!«

Fritz brachten diese Worte in nicht geringe Aufregung. Er kannte den Grund von Annas Kummer. Auf ein Zeichen seiner Liebe hatte das arme Kind gewartet, und da es ausblieb, verzehrte sie sich in Sehnsucht und Jammer. Alles Blut trieb ihm dieser Gedanke nach dem Herzen, mühsam behauptete er seine Fassung, hastig eilte er davon. Wirre Gedanken durchkreuzten sein Hirn; Angst und Sorge, Kummer und Selbstanklage, daneben auch wieder selige Hoffnungen durchfluteten sein Gemüt. An fröhlichen, geputzten Menschen rannte er ohne Gruß vorüber.

Je näher er Schottendorf kam, desto belebter wurde die Straße. Geputzte Landleute zogen von allen Seiten dem Marktflecken zu; es lockte das angekündigte Konzert zum Besten der durch den Hagel geschädigten Bergheimer, vielleicht mehr noch der darauffolgende Ball. Viele Bekannte grüßten Reinhardt, und da man wußte, daß er bei dem Konzert mitwirken werde, hatte er viele Fragen zu beantworten. Er antwortete heute kürzer als gewöhnlich, mit guter Art wußte er sich von den Begleitern loszumachen, heute mußte er allein sein. Heute sollte sich ja sein Geschick für alle Zeiten entscheiden!

Im großen Saal des Ratswirtshauses war er schon lange mit Schmerzen erwartet worden; von den Musikfreunden, die das Konzert veranstalteten, wurde er so in Anspruch genommen, daß er Unmut und Sehnsucht gänzlich vergaß. Erst in der Pause zwischen Probe und Konzert kam er zu sich selber, aber auch sogleich in neue Unruhe. Der Schulbauer und Anna waren nicht angekommen. Schon füllte sich der Saal – der Schulbauer kam nicht. Sollte Anna etwas zugestoßen sein? Wollte sie ihm nicht begegnen? Der Saal füllte sich mehr und mehr; fröhliche Gesichter glänzten unter den hellstrahlenden Lichtern; weiße Ballkleider leuchteten, daneben schimmerten die buntfarbigen Anzüge der Landmädchen. Ein erwartungsvolles Summen lief durch den Saal. Reinhardt merkte von dem allen nichts, er wußte und empfand nur: Anna fehlte. Mit jeder Minute wuchs seine Unruhe, sein Herz schlug fast hörbar; er fühlte, daß es ihm ganz unmöglich sein würde, seine Solopartien durchzuführen, wenn Anna wegblieb.

Der Dirigent rief den gemischten Chor zum Eröffnungschor zusammen, schon hob er Ruhe gebietend den Stab, da entstand an der Türe eine Bewegung. Während die ersten Akkorde durch den Saal brausten, drängten sich der Schulbauer und Anna durch die Menge und fanden endlich ziemlich in der Mitte des Saales ihre Sitze. Singen konnte Reinhardt nicht, überhaupt war die ganze Welt um ihn versunken, er sah nur die eine, die Schönste unter allen.– Alles in ihm drängte nach der Geliebten – und er mußte ausharren mitten unter den eifrig singenden, ängstlich taktierenden Männern, er konnte sie nicht begrüßen, ja, er wußte nicht einmal, ob ihre Blicke, die ernst und sinnend auf den Sängern ruhten, ihm galten.

Doppelt verdrießlich war ihm nach beendigtem Gesang das Zudrängen der jungen Damen, die es darauf angelegt zu haben schienen, seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Fast ein wenig unhöflich verabschiedete er sich rasch und verschwand in dem dunkelsten Hintergrunde. Erst als er mit der geliebten Geige vor das Publikum trat, quoll es ihm warm im Gemüt auf; was er spielte, galt ja nur allein ihr. Freilich aufblicken durfte er nicht, wollte er nicht Gefahr laufen, daß sich vor seinen Augen Decke und Wände in Bewegung setzten und der Saal mit all den Lichtern, blitzenden Augen und fröhlichen Gesichtern in ein gestaltloses Chaos zusammenschmolz, in dem er rettungslos untergehen mußte! Reinhardt begann sein Solo, schon beim ersten Ton wurde es ihm hell und frei im Gemüt; auf leuchtenden Lichtwellen schwamm seine Seele! Er übertraf sich selbst, rauschender Applaus belohnte sein Spiel. – Jetzt hob er das Auge, er sehnte sich nach einem Blick des Einverständnisses, des stillen Dankes – vergebens! Anna, noch bleicher als zuvor, hatte das Köpfchen tief gesenkt, sie schien ihn gar nicht zu bemerken, ihr Geist weit in der Ferne zu schweifen. – Fritz verbeugte sich leicht, schloß seine Geige still in den Kasten und setzte sich, des Lobes seiner Freunde nicht achtend, in die dunkelste Ecke.

Und Anna?

Mit glühender Sehnsucht hatte sie nach jenem Abend, der ihr die Liebe Reinhardts zu enthüllen schien, auf Bestätigung ihrer Ahnung gehofft. Dazwischen kam allerdings ihre Übersiedlung nach Sülzdorf; und die Geschäftigkeit des Schulvetters, der täglich nach Bergheim eilte und meistens erst spät in der Nacht heimkehrte, sagte ihr, daß Reinhardt unmöglich jetzt kommen könne. Als dann aber Tag um Tag verging und Reinhardt noch immer fernblieb, ja nicht das kleinste Lebens- und Liebeszeichen ihr zukommen ließ, da erfaßte sie eine namenlose Angst; schlaflos verbrachte sie die Nächte, in heißen Kämpfen verzehrten sich ihre Kräfte; sie fühlte, wie eine zweite Entsagung ihr an das Leben greifen werde. Ihre Hoffnung blieb das Konzert in Schottendorf. Reinhardt hatte sie eingeladen, gewiß kam er zuvor noch einmal. Allein es verging der Freitag, es ward Nacht am Sonnabend – Reinhardt blieb aus. – Ach, wie dehnte sich der Tag so endlos, und dennoch wie zitterte sie vor der Entscheidung, als nun endlich der Abend herabsank und der Wagen über das holperige Pflaster Schottendorfs rumpelte.

Schon begann der erste Gesang, als sie mit dem Vetter den Saal betrat. Ihr Auge suchte Reinhardt – dort stand er unter den Sängern und Sängerinnen – ob er sie wohl bemerkte? Als sie ihn nun aber von jungen Damen umringt sah, da wurde es dunkel vor ihren Blicken, sie merkte nicht mehr, was um sie vorging; krampfhaft ballte sie die Hände, die Zähne biß sie zusammen, um sich aufrecht zu erhalten. Endlich war das Konzert zu Ende. »Fort – hinaus, ich ersticke!« flüsterte sie dem erschrockenen Schulbauer zu; auf seinen Arm gestützt, wankte sie in ein stilles Zimmer des Gasthofes, dort sank sie auf das Sofa und weinte.

Der Schulbauer war ratlos. Anna duldete nicht, daß er den Arzt rief, nur allein wollte sie sein und dann – nach Hause!

Fritz stand inzwischen teilnahmlos unter Freunden und Bekannten, die ihn beglückwünschend umdrängten. Er achtete nicht auf ihre Lobeserhebungen, seine Augen suchten Anna und den Schulbauer, die plötzlich verschwunden waren. Da legte sich eine Hand auf die Schulter, der Schulbauer stand neben ihm und sagte: »Grüß' Gott, Reinhardt! Komme nur, um Abschied zu nehmen – aber wie sehen Sie aus? Was ist Ihnen?«

»Wo ist Anna?« fragte Fritz tonlos.

»Nicht weit, und meine Pferde warten schon vor dem Wagen auf uns.« –

»Führen Sie mich zu ihr! Und nicht wahr, Sie lassen uns auf wenige Minuten allein?«

Wortlos schob der Schulbauer den Lehrer in Annas Zimmer, schloß sachte die Türe hinter ihm und kehrte in den Saal zurück. Ihm war so wunderlich zumute; er gedachte seiner verstorbenen Kinder, ihre Gestalten tauchten vor ihm auf und schienen ihm still selig zuzuwinken, als wollten sie sagen: wir sind nicht mehr tot, dein Alter soll nicht einsam und freudlos enden! Es wurde ihm weich um das Herz – sachte ging er nach Annas Zimmer zurück, leise fragte er durch die Türspalte: »Darf ich?«

Und nun wußte er selbst nicht, wie ihm geschah. Von weichen Armen fühlte er sich umschlungen, warme Lippen ruhten auf den seinen, heiße Tränen brannten auf Stirn und Wangen; dazwischen hörte er sich Vater nennen, um seinen Segen bitten. »Meine Kinder! – meine geliebten Kinder!« schluchzte er. »Anna – Herzensanna, ist's nun gut?«

»Alles – alles!« war die leise Antwort.

»So seid gesegnet! – Und nun zur Mutter!«

Nach wenigen Minuten schon rollte das Gefährt durch die stillen Gassen Schottendorfs. Weithin schimmerten die hellerleuchteten Fenster des Tanzsaals, und die fröhlichen Tanzweisen übertönten sogar dann und wann den Hufschlag und das Wagenrasseln. Doch achtete niemand von den Insassen darauf; der Schulbauer blickte oft hinauf zu den hellstrahlenden Sternen und wischte sich manchmal die Augen. Reinhardt und Anna aber hatten die ganze Welt vergessen.

Bei der Einfahrt ins Dorf ließ der Schulbauer die Pferde in raschesten Lauf fallen, gewaltig klatschte er mit der Peitsche. Die Wirtshausgäste fuhren an die Fenster; obgleich er nicht gesehen werden konnte, nickte ihnen der Schulbauer zu und flüsterte: ja, ja, guckt nur! Der Schulbauernhof ist nimmer verödet, dreierlei bring' ich ihm: Kinder und Erben, ein Brautpaar – ach, und vielleicht das Glück!

Aus dem Schulbauernhaus schimmerte ihnen Licht entgegen. Ein Knecht nahm dem Bauer die Pferde ab. – »Lisbeth,« sagte er mit bewegter Stimme, »ich bringe ein Brautpaar! – Freue dich, wir haben wieder einen Fritz und eine Anna!«

Der Leuchter in ihrer Hand begann zu klirren; aber in Annas Armen fand sie mit den Tränen auch die Fassung. Fest drückte sie auch Fritz an ihr Herz, dann schob sie die beiden etwas von sich und sagte leise: »Herr, mein Gott, ich danke dir, mein Herz ist voll Lobens und Preisens. – Herr Lehrer – Fritz, ist's denn wahr? haben Sie wirklich das Kind, meine Anna, gern? – Willst du wirklich unser Sohn sein?« – – – – – – –

Es war weit nach Mitternacht, als Fritz endlich nach einem langen Kuß Anna von sich drängte und rasch das Haus verließ. Am Hoftor erwartete ihn der Schulbauer, drückte ihm nochmals die Hand: »Also bleibt's dabei – morgen ist Freierei in Bergheim. Hast recht! halbe Zustände taugen nichts; der Herrnbauer soll wissen, wie es steht, sich in die Ordnung fügen und dich gleich von vornherein als seinen Schwiegersohn anerkennen. Es wird ihn schwer ankommen, ist ihm aber nicht zu ersparen. Sei nur ganz ruhig, so toll er sich stellen mag, ich bring' ihn zahm! Und nun, Fritz, mein Herzensfreund, mein Bruder – nun auch mein Sohn: vergiß nicht und halte alle Zeit daran fest: hier stehst du auf deinem Erbe und dereinstigem Eigentum – hier, ganz allein hier ist deine Heimat!«

Am nächsten Tage warf sich Fritz nach der Schule mit Herzklopfen in die besten Kleider; der schlimmste Augenblick rückte näher. Selbst das zuversichtliche Lächeln des Schulbauern, der ihn nach dem Herrnhof abholte, vermochte ihn nicht zu erheitern.

Die Bäuerin kam ihnen in Sonntagskleidern entgegen, drückte Fritz heftig weinend die Hand, schob die Männer in die Stube und schloß leise die Türe hinter ihnen. Der Bauer saß in Hemdärmeln, die Weste weit geöffnet, blasend und schnaubend am Tisch; die eine Hand lag krampfhaft geballt schwer auf seinem Knie, in der anderen zitterte die kurze Tabakspfeife so heftig, daß die silbernen Ketten klirrten. Den Gruß seines Schwagers beantwortete er durch ein unmerkliches Kopfnicken; den Lehrer schien er nicht zu bemerken. Reinhardt war sehr bleich geworden, unschlüssig, ob er gehen oder bleiben solle, folgte er zögernd dem Schulbauer, der unbefangen, als sei diese Aufnahme ganz in der Ordnung, dem Tisch zuschritt. Grade diese Bestimmtheit reizte den Herrnbauer, plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Ha, potz Schockschwerenot auch 'nein! Was soll's? Ist noch nicht genug Komödie gspielt? Soll ich im eignen Haus noch zum Narren gehalten werden? Oha! – uff!« stöhnte er und riß auch den letzten Westenknopf auf, während ihm der Schweiß in dicken Tropfen auf der Stirn stand. »Also darum mußt' das Mädle aus dem Haus? Darum mußt' sich meine Schwester krank stellen und sie an sich locken? Herrgott's ein Donner auch! Und du hast noch das Herz, mir unter die Augen zu treten? Meinst du wirklich, der Herrnbauer ist kindisch 'worden, daß er sich jede Affenschande, die man ihm antut, ruhig muß gefallen lassen? Oha – noch bin ich Manns genug, selber meine Kinder unterzubringen. Ich bin der Vater, ich! Und da sitz' ich, sag': aus ist's mit der Dummheit! Ich will keinen Schulmeister in meiner Familie, die Hungerleider sollen sich zu ihresgleichen halten, eine Herrenbauerstochter ist für solche Lumpen nicht gewachsen. Und den Reinhardt vor allem will ich nicht, den erst recht nicht! – He, Sie,« fuhr er Reinhardt an, »was wollen Sie in meinem Haus? was stehen Sie noch da? – Soll ich deutlich reden, he?«

Der Schulbauer faßte Reinhardt am Arm, zog ihn zum Tisch und drückte ihn auf die Bank nieder. »So!« sagte er, »hier ist dein Platz, und hier bleibst du! An das Poltern meines Schwagers mußt du dich nicht kehren, der Verstand wird ihm schon wiederkommen, hat er sich erst ausgetobt. – Hör', Schwager, es könnt' mir fast leid werden um dich, daß du so sinnlos plappern magst. Für Schulmeister sind Herrnbauerstöchter nicht gewachsen? was? War ich nicht auch Schulmeister? Und habt ihr's euch nicht zur besondern Ehr' gerechnet, daß ich um die Herrnbauerstochter freite? – Schäm' dich, Valtin! hast du ein Bedenken gegen den Herrn Lehrer Reinhardt, der durch mich in allen Ehren um deine Tochter Anna anhält, so rede vernünftig, und es wird sich alles finden!«

»Alles finden – oha!« schrie der Herrnbauer dagegen. »Mit mir sollt ihr nicht so leichtes Spiel haben als mit dem dummen Ding, meiner Anna! Herrgotts ein Donner auch! Schändlich, niederträchtig bin ich betrogen worden. Erst verdirbt mir der eigne Schwager mein Kind, macht mir's abtrünnig vom wahren Glauben, und nun will er's auch noch verkuppeln an einen hergelaufenen Kerl, den kein Mensch kennt, von dem man weder weiß, wem er angehört, noch was er eigentlich ist und hat! – Aber oha! – Ich bin der Vater, ich! Heute noch muß die Anne heim; und hab' ich sie erst wieder unter meiner Fuchtel, will ich ihr die Dummheiten bald ausgetrieben haben!«

»Halt da – was ist das?« rief der Schulbauer und horchte nach dem Hausflur, wo eben die Bäuerin weinend bat: »Ich bitt' Sie um Gottes willen, Herr Pfarrer, reden Sie zum Guten, machen Sie meine Kinder nicht unglücklich!« – Eine klagende Mädchenstimme mischte sich ein, ihre Worte machte jedoch der Herrnbauern unverständlich, der tief aufatmend sagte: »Meinst, Schulbauer, ich bin so dumm und geb' mich wehrlos in deine und meiner Weiber Hände, wie früher wohl? Oha – die Zeiten sind vorbei! Daß du's und dein Schulmeister nur weißt: bestellt hab' ich mir den Pfarrer zum Beistand gegen euch – und nun will ich sehen, wer recht behält!«

Damit stand er schwerfällig auf und ging nach der Tür. Der Schulbauer war nun auch bleich geworden; aber seine Augen blitzten, und während er heftig mit den Fingern auf den Tisch trommelte, sagte er: »Gut, daß ich die Weiber zurückhielt; die Geschichte wird ernsthafter, als ich dachte. Nun den Kopf hoch, Fritz, jetzt mußt du selber ins Feuer.«

Auf der Schwelle erschien eben Pfarrer Walter; vom Hausherrn ehrfürchtig begrüßt, wechselte er mit diesem einige leise Worte, dann nahm er im großen Lehnstuhl Platz, den der Herrnbauer diensteifrig an den Tisch schob.

Die Augen der Bäuerin waren vom Weinen gerötet, aber völlig trocken und klar; ihre Wangen glühten, der Mund war schmerzlich verzogen, zeigte aber einen Zug tatkräftiger Entschlossenheit, der ihre Ähnlichkeit mit dem Schulbauer scharf hervorhob. Fest drückte sie die in Tränen aufgelöste Margaret an sich, strich ihr sanft über Stirn und Augen und sagte weich: »Beruhige dich, Margaret! ich, deine Mutter, verlasse dich nicht; ehe ich zugebe, daß du an den Schäfersfrieder verhandelt wirst, eher lasse ich's aufs äußerste ankommen. Auch vor dem Pfarrer mußt du nicht erschrecken, er wird ja wissen, was seines Amtes ist!«

»Herrgotts ein Donner auch!« schrie der Herrnbauer. Walter fuhr halb vom Sessel auf, sich besinnend ließ er sich jedoch wieder zurückfallen, faltete die Hände und schlug salbungsvoll die Augen zur Decke auf. Ohne im geringsten darauf zu achten, öffnete die Bäuerin nochmals die Tür und rief in den Hausflur: »Hansmichel und Annedorle – wer von Knechten und Mägden im Haus ist, kommt 'rein in die Stube, ihr sollt mit anhören, was da verhandelt wird. Weil denn einmal der Pfarrer dabei sein muß, soll's auch gleich richtig öffentlich werden!«

Diesmal fuhr Pfarrer Walter in die Höhe: »Herr Schubert, ich muß energischen Protest erheben gegen solche Profanation der heiligsten Angelegenheiten!«

Der Herrnbauer bedurfte dieser Anreizung nicht, er brüllte die schüchtern eintretenden Dienstboten an und hieß sie zum Teufel gehen. Als sich darauf die Dienstboten unentschlossen anblickten, sagte der Schulbauer: »Nichts – ihr bleibt da! Was der Herr Pfarrer da von Entweihung der heiligsten Angelegenheiten sagt, ist dummes Zeug. Nein, ihr bleibt, verstanden? Jagt euch euer Herr deswegen aus dem Dienst, so kommt zu mir; ich werde euch versorgen!«

»Ist nicht nötig, bei mir wenigstens nicht!« fiel ihm Hansmichel, der Hausmann, der sehr gealtert aussah, ins Wort. »Ich bleib' ganz für mich selber und werd' die Folgen tragen – die Geschicht' da geht mich näher an, als Ihr denkt!«

»Gut, gut, Hansmichel!« nickte der Schulbauer, während der Herrnbauer wieder, blies und schnaubte. »Setzt Euch und gebt acht; man kann nicht wissen, ob wir nicht Euer Gedächtnis in Anspruch nehmen müssen!«

Der Blick, der bei diesen Worten zornig und drohend auf dem Geistlichen ruhte, jagte diesen abermals aus dem Sessel auf. Schon öffnete er den Mund, da legten sich plötzlich die Lider langsam über die funkelnden Augen, der Kopf senkte sich, und nur die blutlosen Lippen bewegten sich. Der Mann rang gewaltsam mit seiner Heftigkeit, aber nur äußerlich bezwang er sich; wie der Zorn in ihm fortkochte, kündete nur allzu deutlich das Anschwellen seiner Stirnadern. So stand er, die Hände fest vor die Brust gedrückt, mehrere Sekunden; wie er jedoch fühlen mochte, daß alle Blicke auf ihm ruhten, hob er langsam den Kopf, schlug die Augen zur Decke und begann: »Zu rechter Zeit haben Sie mich gerufen, Herr Schubert, und mit der Hilfe unsres hochgelobten Herrn und Heilandes soll es unsren vereinten Mühen wohl gelingen, die schwerbedrohte Ordnung Ihres Hauses aufrechtzuerhalten. – Wehe dem Haus, wenn darin verloren wird das eine, was not tut! Wehe – dreimal wehe aber dem Haus, in dem unter der Maske der Freundschaft oder gar auf die Rechte der Blutsverwandtschaft sich stützend der offenbare Irr- und Wirrgeist sich eindrängt und den frommen Kindesglauben zu untergraben sucht durch seinen Aufkläricht!«

»Halt da, Herr Pastor!« rief der Schulbauer. »Wir sind nicht gekommen, Sie schimpfen zu hören. Was mich insbesondere betrifft, so ist mir sehr gleichgültig, was Sie über mich denken. – Ich rede jetzt zu dir, Schwager, und zu dir, Schwester! Eure jüngste Tochter Anna und der Herr Lehrer Reinhardt haben sich gern und wünschen in den Ehestand zu treten, dazu erbitten sie euren Segen! Ich denke, wenn ihr gerecht sein wollt, werdet ihr gegen die Wahl eurer Tochter nichts einwenden können, zumal ich – –«

»Rede nicht weiter, Bruder!« fiel ihm die Bäuerin ins Wort und faßte Reinhardts Rechte. »Man soll nicht sagen, die Herrnbäuerin hat erst auf das Drängen ihres Bruders eingewilligt. Nein! ich geb' meiner Anna völlig recht; ich hab' den Herrn Lehrer lang in der Stille beobachtet, er ist brav und wird mein Kind in Ehren halten. Frei und offen bekenn' ich: keinen bessern Schwiegersohn wüßt' ich mir zu wünschen!«

»Herrgotts ein Donner! da soll doch auch gleich! Steht's so? steckst du auch unter einer Decke mit der Schulbauernsippschaft? Hast vielleicht gar kuppeln helfen? he?« schrie der Herrnbauer auffahrend und beugte sich, kirschbraun im Gesicht, mit erhobener Hand über den Tisch.

»Mäßigung, Mäßigung!« sagte Walter leise und legte seine Hand auf die Schulter des Bauern, der sofort an sich hielt, schnaubend und blasend auf seinen Stuhl zurücksank. Walter dagegen trat einen Schritt vor, richtete seine Augen durchbohrend auf die fassungslos weinende Bäuerin, schlug sie dann fromm zur Decke empor, legte die Fingerspitzen vor der Brust zusammen und begann: »Der Herr wird Ihnen, geliebter Freund, die Sünde nicht anrechnen; hat doch nur der Schmerz Ihnen die harten, unchristlichen Worte ausgepreßt! Und der Schmerz – ist nur allzu gerecht! Im Namen des Herrn, der mich unwürdigen Knecht zu seinem Diener berufen, sage ich Ihnen, Sie tun recht, sich mit aller Kraft gegen die Verlockungen einer glaubenslosen Welt zu stemmen. Es gilt die unsterbliche Seele Ihres verirrten Kindes, ach, daß ich es aussprechen muß – Ihrer beiden verlornen Kinder unsterbliche Seelen gilt es zu retten! Was wollen vor solcher Aufgabe alle irdischen Rücksichten besagen? Und wenn in diesem Kampf die trotzigen Herzen Ihrer Töchter gänzlich gebrochen werden, daß es für sie kein Aufstehen im alten Wesen mehr gibt – desto besser. Besser die Kinder dem Fleische nach verloren und ihre unsterblichen Seelen gerettet wissen!«

Margaret hatte längst zu weinen aufgehört; mit trocknen, unheimlich glänzenden Augen starrte sie auf den Geistlichen; die Bäuerin rang fassungslos die Hände: »Meine Kinder, meine Kinder!« jammerte sie, wie zerbrochen sank sie mit dem Oberkörper auf den Tisch, krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Der Schulbauer knirschte mit den Zähnen, und seine Augen funkelten; eben wollte er aufspringen. Reinhardt hielt ihn zurück und sagte zornbebend: »Laß ihn – er wird jetzt an mich kommen!«

Ohne auf das zu achten, was um ihn vorging, fuhr der Pfarrer mit stärker anschwellender Stimme fort: »Ja, geliebter Freund, Sie tun recht, wenn Sie Ihre Tochter – sei es selbst mit Gewalt – von einer Verbindung mit diesem Menschen, diesem Reinhardt, abhalten, der längst der Hölle verfallen ist.«

»Endlich – endlich höre ich mich nennen!« rief Reinhardt am ganzen Körper zitternd. »Im Namen Gottes fordern Sie Herrn Schubert auf, mir die Hand seiner Tochter Anna zu verweigern, da ich, längst der Hölle verfallen bin. Wollen Sie, Herr Pfarrer, sogleich vor diesen Zeugen erklären, was Sie mit diesem unklaren Ausdruck eigentlich sagen wollen?«

Der Hausmann war aufgestanden, näher getreten, seine funkelnden Augen ruhten durchdringend auf dem Geistlichen. Walter war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten; langsam, jedes Wort abwägend, begann er endlich: »Was ich aussprach, ist meine innerste Überzeugung. Sie sind vom rechten Glauben abgefallen, sind versunken in Wahnwitz und Irrtum. Darum kann ich nicht anders, ich muß meine Beichtkinder, soviel in meinen Kräften steht, vor den Gefahren Ihres Umganges behüten.«

Ein bitteres Lächeln spielte um Reinhardts Lippen, als er entgegnete: »Abgefallen vom rechten Glauben! – Vor Zeugen frage ich Sie: haben Sie außer meiner Ihnen mißfälligen, freieren religiösen Richtung noch andere Gründe, die Sie bestimmen könnten, als ehrlicher Mann vor einer ehelichen Verbindung mit mir zu warnen? – Sie schweigen?« –

Dem Pfarrer brach der Schweiß hervor, wie abwehrend streckte er die Hände gegen den nun ebenfalls sich erhebenden Schulbauern aus. Nach einem wilden Blick auf den Hausherrn, der sich nicht rührte noch regte, rief er: »Ich protestiere gegen die Art, mit der Sie alle auf mich einstürzen! Vergessen Sie nicht, in meiner Person steht ein geweihter Priester vor Ihnen. Und Kraft meines Amtes –«

»Halt da! –« unterbrach ihn der Schulbauer. »Mit dem Pfarrer sind wir fertig! Jetzt verlangen wir nur noch von dem ehrlichen Mann die Beantwortung einer Frage, die so bestimmt gefaßt ist, daß sie nicht mißverstanden werden kann. Werden Sie reden?«

Atemlos lauschten die Anwesenden. Der Pfarrer hatte den Kopf gesenkt, die ineinandergefalteten Finger zuckten krampfhaft. Erst nach einer Pause sagte er langsam und leise: »Außer seiner religiösen Verirrung vermag ich bis heute nichts aufzuführen, das gegen ihn spräche, aber –«

»Aber?« fuhr jetzt der Schulbauer auf. »Nach solch einer Erklärung noch ein Aber? Herr, glauben Sie mit Männern Ihr Spiel treiben zu dürfen? Mit Ihnen sind wir fertig! – Und nun frage ich dich, Schwager, ernstlich, ob du einwilligst in die Verlobung der jungen Leute? Merke auf, Valtin, und denke daran, daß ich niemals mit leeren Drohungen um mich werfe. – Seitdem uns Gott die eigenen Kinder genommen, haben wir immer die Anne als unser Kind geachtet, und in der Stille stand fest, daß sie einmal den Schulbauernhof erben und uns im Alter pflegen sollte. Ich und meine Lisbeth hielten es darum auch für selbstverständlich, daß wir bei Annas Verheiratung einmal das erste Wort dreinzureden hätten. Ich kann dich natürlich nicht zwingen, in Annas Verlobung mit Reinhardt zu willigen; aber die beiden lieben sich, sie passen zusammen, beide sind rechtschaffen – es ist alles vorhanden, was nach menschlicher Voraussicht eine Ehe glücklich machen kann, darum sollen sie um leidigen Geldes und Gutes willen – denn Reinhardts Armut ist doch dein Hauptgrund gegen ihn – nicht getrennt werden. Bleibst du auf deinem Trotz – gut, dann nehmen ich und meine Lisbeth den Lehrer an Kindes Statt an und setzen ihn als unsern Erben ein. Wenn ich sodann für den künftigen Besitzer des Sülzdorfer Schulbauernhofes um meine Pate anhalte – ich meine, dann wirst du mir nicht zum zweitenmal einen Korb geben. – Brauchst nicht aufzufahren, dein Blasen und Schnauben ficht mich nicht im geringsten an. Setzest du mir und deiner ganzen Familie deinen Starrkopf entgegen, was soll ich große Rücksichten auf dich nehmen? – So, Valtin, entscheide dich nun, ich möchte der Sache ein Ende gemacht sehen, ehe meine Weiber ankommen. Rede jetzt – ja oder nein!«

Mit schwer aufgestützten Fäusten, kirschbraun im Gesicht, in ohnmächtiger Wut die Augen rollend, saß der Herrnbauer am Tisch. Als er nicht redete, trat ihm der Pfarrer näher und sagte feierlich: »Herr Schubert! Der versuchende Satan tritt an Sie heran, seien Sie stark, daß Sie seinen Lockungen widerstehen. Bedenken Sie – –«

»Herrgotts ein Donner auch – soll man ganz verrückt werden?« schrie plötzlich der Herrnbauer den verblüfften Geistlichen an. »Hol' Sie der Geier mit Ihrem Gefasel! Habe ich Sie deswegen holen lassen, daß Sie mir noch die Ohren vollwinseln? – Ha, Potz Schockschwerenot! bleiben Sie mir vom Hals, sag' ich! Was verstehen Sie, was für mich auf dem Spiel steht? Grad' satt hab' ich Ihr Gewinsel! 's ist auch dumm von dir, Schulbauer, daß du nicht gleich mit der Farbe 'rausgingst, der ganze Lärm war zu ersparen. Was will ich machen, die Händ' sind mir völlig gebunden, – so mag's in Kuckucks Namen sein – der Reinhardt soll Verspruch mit der Anna halten, ich sag' nicht nein. Aber macht mir auch keine Weitläuftigkeiten, bleibt mir vom Leib mit feierlichen Geschichten. Ich geb' meine Einwilligung, damit Punktum! – Hätt' ich's hintertreiben können, ich wollt's an nichts haben fehlen lassen!«

Reinhardt biß sich die Lippen, der Schulbauer trat kopfschüttelnd ans Fenster. Völlig verblüfft und ratlos starrte der Pfarrer vor sich nieder. Weinend ging die Herrnbäuerin zu Reinhardt, schlang ihre Arme um seinen Hals und schluchzte: »Von ganzem Herzen heiße ich dich willkommen als meinen lieben Sohn. Dir gönne ich meine Anna; du bist sie wert, sie verdient auch einen Mann, wie du bist. Bleibet brav, das Glück wird dann nicht ausbleiben, und kommt Unglück, ist's zu tragen. Ich kenn' die Herzensnot meiner Anna um dich, sie hat schwer gelitten deinetwegen, gedenke ihr das, wenn böse Stunden kommen; vergiß nicht, solche Liebe, wie ihre, wird man selten finden.«

»Wird's endlich ein Ende nehmen?« schnaubte der Herrnbauer. »Ich dächt', 's wär' Zeit, daß man wieder zur Ruhe käm', und hab' ich mir nicht derartige Herrlichkeiten ausdrücklich verbeten? – Heut' habt ihr mich überrumpelt, dafür sage ich: am Sonntag hält die Margaret Verspruch mit dem Ditterswinder Schäfersfrieder. – Nicht gemuckt dagegen, sonst tret' ich anders auf. So, nun sind wir, denk' ich, fertig – ich wüßt' nicht, was die Herren noch hier zurückhielte. – Marsch an die Arbeit, ihr da vorne! Ich werde sorgen, daß ihr die Versäumnisse doppelt und dreifach einbringt!«

»Ja, geht jetzt!« wendete sich nun auch die Bäuerin an die Dienstboten. »Nur Ihr, Hausmann, Ihr bleibt! – Nein, Valtin, wir sind noch nicht fertig. Der liebe Gott weiß, wie hart mir's ankommt, gegen meinen Valtin, mit dem ich seit dreißig Jahren in Frieden gelebt, nun im Alter noch aufzutreten. Aber ich kann nicht anders, ich weiß nirgends mehr Hilfe. – Fast auf den Knien hab' ich meinen Alten gebeten, er soll von seinem Willen lassen und die Margaret nicht an den Schäfersfrieder zwingen. – Ich habe sonst nichts gegen den Schäfersfrieder und gegen seine Eltern; aber wenn auch meine Margaret ihn besser leiden könnte, ich möchte ihn nicht zum Schwiegersohn. Wer so gleichmütig wie der von einem Mädle, dem er jahrelang zu Gefallen ging, lassen kann und hernach um jedes Mädle freit, das ihm seine Eltern vorschlagen, dem vertraue ich mein Kind nicht an. – All meine Bitten und meine Vorstellungen waren bei meinem Alten vergebens, täglich quält er mich und mein Kind; und wenn er nun auf seinem Willen bleibt, wie es das Ansehen hat – dann bleibt mir auch keine Wahl: ich geh' mit meinen Kindern zu meinem Bruder! Brauchst nicht aufzufahren, Valtin, ich hab's wohl überlegt, was ich tun will.«

Rasch verließ sie mit Margaret die Stube.

Dem Herrnbauer traten die Adern an Stirn und Hals wie Stränge hervor, gurgelnd und blasend schlug er mit der Faust auf den Tisch und wollte auffahren. »Bleib sitzen und red' kein Wort!« schrie jetzt der Schulbauer. »Das sind ja heillose Geschichten! O mein Gott, was muß geschehen sein, bis mein Mariebärble in solche Verzweiflung gejagt wurde! – Gehen Sie, Herr, ich meine, Sie müßten selbst fühlen, daß Ihre Rolle in diesem Haus ausgespielt ist. – Und nun, Valtin, höre du mich! Ich will den Verhältnissen vorläufig nicht weiter nachgehen; aber wenn ich nur die geringste neue Klage von meiner Schwester oder der Margaret höre, dann nehme ich beide unfehlbar zu mir, und, Valtin, habe ich erst die Frauen in Sicherheit, dann rede ich anders mit dir, verlaß dich darauf! – Valtin, Valtin, mußte es so weit kommen? Denke nur, die Schande, die du über dich und uns gebracht!«

Der Herrnbauer hatte den Kopf sinken lassen und antwortete nicht. Plötzlich wendete sich der Hausmann, der bisher stille durchs Fenster geblickt, nach ihm um und sagte mit steigender Heftigkeit: »Ja, Herr, Ehre habt Ihr Euch samt dem Pfarrer in meinen Augen nicht erworben. Pfui Teufel auch, sind das unsaubere Händel! Da wird um des Glaubens willen das ganze Dorf auseinandergerissen; um des Glaubens willen mußte ich meinen Hans, mein einziges Kind, den braven Jungen, verstoßen! Mein Fluch komme über mich – und über Euch! – Ja, über Euch, Herr! Denn Ihr und der Pfarrer war't es, die mich zu der Untat getrieben! – Daß Ihr's wißt, Herr, heut' noch such' ich Aussöhnung mit meinem Hans, und mit Euch will ich nichts mehr zu schaffen haben. Der Hohensteiner Pachter hat mir einen Dienst angeboten: noch in der Woche ziehe ich nach Hohenstein. – Ihr könnt mich verklagen, daß ich unter der Zeit aus dem Dienst geh' – ich laß es drauf ankommen; tut Ihr's, dann nehmt Euch auch vor mir in acht! Morgen halten wir Abrechnung!«

Ohne Gruß verließ er das Zimmer; der Herrnbauer saß mit tiefgesenktem Kopf regungslos, und der Schulbauer sagte schmerzlich: »So, mit dem geht ein großes Stück unserer Ehre!«

Näherkommendes Wagenrassel unterbrach die peinliche Stille, und Fritz eilte hinaus, der Schulbäuerin und seiner Braut vom Wagen zu helfen. Wie war ihm das Herz so schwer, als er das holde Mädchen erblickte, die nun sein war vor Gott und der Welt, als ihre Augen fragend auf ihm ruhten, als sie ihm sehnsüchtig die Arme entgegenbreitete. Fest drückte er sie an sich. »Seid stark und gefaßt!« flüsterte er dann den Frauen zu. »Dein Vater willigt in unsre Verbindung, Anna, aber sonst steht es schlimm!«

Während auf dem Hausflur die Mutter weinend ihre Tochter in die Arme schloß, weinend die Hände des Brautpaares ineinanderlegte, während Margaret so kurz als möglich der heftig erschrockenen Base die Vorgänge im Hause berichtete, saß der Herrnbauer unbeweglich, nicht einmal hatte er seine Stellung verändert. Noch immer traten die Hals- und Stirnadern wie Stränge hervor, seine geröteten Augen irrten unstet umher, durch die Finger der festgeschlossenen Fäuste lief ein Zucken, als wolle er einen Gegner zermalmen. Der Zorn glühte in seinen Adern, bittrer Haß fraß sich in sein Herz. Er haßte den Pfarrer, daß er ihm nicht geholfen, er haßte den Schulbauer und Reinhardt, und ging seine Bitterkeit gegen Weib und Kind auch noch nicht bis zum Haß, weit davon entfernt war sie nicht.

So saß der eigensüchtige, gewalttätige Mann noch immer blasend und schnaubend auf seinem Platze, als nun wirklich der gehaßte Schullehrer mit Anna Hand in Hand eintrat, gefolgt von den übrigen Frauen. Als fürchte er, es könne ihn ein trügerisches Schattenbild äffen, rieb und wischte er sich die Augen, und als er sich nun doch von der Wirklichkeit des Gesehenen überzeugen mußte, da schlossen sich seine Fäuste wieder, und das krampfige Zucken wetterleuchtete durch die Finger. Anna war vor ihm niedergekniet, aber ob sie gleich die harten Hände mit heißen Tränen überströmte, sie vermochte die Fäuste nicht zu öffnen, ihr Bitten und Flehen um seinen Segen verhallte ungehört. Aufspringend stieß er sein Kind zurück und schrie mit dumpfer, heiserer Stimme: »Zum Teufel mit dem Gewinsel! Wozu die Verstellung? Mich betrügst du doch nicht! – Meinen Segen willst du? – Haha, das macht mich lachen! Bleibt mir vom Leib mit euren Faxen und laßt mich in Ruh' fürderhin! – Der Verspruch ist geschehen, ich erkenne ihn an – damit basta! Alle Sperenzen verbitt' ich mir, und je eher mein Haus wieder leer wird, desto lieber soll mir's sein!«

Krachend schmetterte er die Türe hinter sich ins Schloß, bald hörte man ihn drunten im Hof unter den Dienstleuten herumwettern und fluchen. Weinend saßen die Frauen zusammen, besonders Anna war ganz fassungslos, sie verbarg das Gesicht im Schoß der Mutter, ihre heiße Hand zuckte in den Händen Margarets, die sie fest umschlungen hielt. Reinhardt blickte finster vor sich hin. Der Schulbauer, der hinter dem Tisch saß und das Gesicht lange in beide Hände verborgen hatte, stand plötzlich auf und sagte: »Hört, so ist das nichts! Eine schwere Prüfung ist über uns 'kommen, und größere werden uns noch bevorstehen! Hoffen wir aber, daß die Zeit Klarheit schaffen wird! Laßt das Weinen! Wer wird so arg kleinmütig tun? Wir haben alle getan, was wir mußten – und vergeht doch nicht, wir haben auch in allen Stücken unsern Willen erreicht. Eine festliche Verlobung wäre mir freilich lieber, aber was uns heute abgeht, holen wir an der Hochzeit nach! – Kümmert euch nicht zu sehr, du, Schwester, und du, Margaret; ihr seid nicht verlassen; braucht ihr Beistand, habt ihr den Fritz ganz in der Nähe und ich bin ja auch nicht weit! – Seid unverzagt, ihr habt vorerst doch wenigstens vor dem Pfarrer Ruh', so wird's im übrigen auch wieder besser werden. Kommt jetzt, Lisbeth, Anna und Fritz – wir wollen heim, in der Stube wird mir's eng und heiß!«

Der Herrnbauer war verschwunden, das verbitterte den ohnedies schweren Abschied noch mehr. Und auch die Heimfahrt blieb traurig. Anna und Fritz sahen nicht aus wie ein glückliches Brautpaar. Fritz duldete es nicht lange in Sülzdorf, beim Abschied sagte er: »Fasse dich, Lieb! – sei stark, vertraue deiner Liebe und mir – hoffe und glaube, es muß doch endlich alles gut werden!«

Anna schlang ihre Arme um seinen Hals, mit Küssen schloß sie seinen Mund. – – – –

Leise rauschte der Nachtwind in den Erlen der Wertha, in den Haselsträuchern des Weges; leise murmelnd zogen die Wellen des Flusses talab und sendeten weiße Nebel über den Grund, als er langsam in schweigender Nacht dahinschritt.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Inhaltsangabe des Herausgebers.(Der Sülzdorfer Kollege Reinhardts, Robert Schultz, den Lesern als ein junger Mann von leidenschaftlichem Temperament und wenig gefestigtem Charakter schon bekannt, hat sich, da er sich in seinem Berufe höchst unglücklich fühlt, einer verrufenen Gesellschaft leichtsinniger junger Leute in dem benachbarten Städtchen Schottendorf angeschlossen und sich in ihrem Kreise einem Taumel wilder Vergnügungen hingegeben. »Bereitwillig – so erzählt der Dichter – halfen ihm seine neuen Freunde aus Geldverlegenheiten, bereitwillig machten sie die Mittelspersonen bei anderen, schlimmeren Angelegenheiten: zu spät gingen Robert die Augen über seine ›Freunde‹ auf. Eines Tages erhielt er einen Brief aus der Hauptstadt. Eine Dirne, die bis vor wenigen Wochen in Schottendorf gedient hatte, teilte ihm mit, sie befinde sich in Umständen, die eine schleunige Heirat nötig machten … Wolle er den Schlechten an ihr spielen, so werde sie ihn verklagen.« Jetzt verlangen auch seine Freunde, die er um Hilfe bittet, plötzlich ihr Geld zurück; als er ihre Forderungen, die seine wirkliche Schuld weit übersteigen, nicht anerkennen will, drohen sie ihn ebenfalls zu verklagen.

In seiner Verzweiflung begeht er einen Selbstmordversuch; durch einen glücklichen Zufall aber wird Reinhardt gerade im rechten Augenblick an den Ort der Tat geführt, um den Freund von seinem unseligen Vorhaben abbringen zu können. Er hilft ihm nicht nur durch tröstenden und mahnenden Zuspruch innerlich zurecht, sondern er erweist ihm auch tatkräftige Hilfe, indem er aus seinen eigenen Ersparnissen Roberts Gläubiger befriedigt und sich mit dem angesehensten Advokaten der Hauptstadt, dem Justizrat Stein, wegen einer finanziellen Abfindung der Dirne in Verbindung setzt. Dieser aufopfernde Freundschaftsdienst erfüllt den Verzweifelten wieder mit neuem Lebensmut, gibt aber auch, wie der weitere Verlauf der Handlung zeigt, den Feinden Reinhardts willkommene Gelegenheit, gegen den verhaßten Lehrer bei den Bergheimern, die nur von seinen äußeren Maßnahmen erfahren, den eigentlichen Zusammenhang aber natürlich nicht kennen, die schlimmsten Verdächtigungen auszustreuen.

Wieder war es Sonntag, wieder klangen die Glocken über das Dorf, und wieder wie so anders als zu Pfingsten, wie so anders als am Sonntag nach dem Hagelschlag! Die Glockenklänge brausten dahin in alter Herrlichkeit, aber wie wenige folgten ihrem Rufe? Fast nur alte Frauen und Kinder sah man zur Kirche gehen. Dagegen ging es in den meisten Häusern geräuschvoll her; die Stille des Sonntags war dahin. Knechte und Mägde schlürften mürrisch in Alltagskleidern durch Ställe und Scheunen, die Hausfrauen keiften und weinten, die Männer fluchten und wetterten; dazu pumpte der Webstuhl des Taubenleinwebers und knirschte die Säge in der Werkstatt des Wagnerspaule. – Doch ja, jetzt klangen Haustüren, Männertritte wurden laut; haben sich die Männer vielleicht nur verspätet? Sieh sie nur an, die Männer, die eben aus den Häusern treten! Geputzt sind sie wohl, aber ist die brennende Tabakspfeife im Munde nicht ein Hohn auf den langen Kirchenrock? Und die Bücher, die sie unter dem Arm tragen, sind noch schlimmer als die brennenden Tabakspfeifen. Stolz schreiten die Männer dahin im lauten Gespräch, das oft ein schallendes Gelächter unterbricht; verächtlich blicken sie auf die wenigen, scheuen Kirchgänger herab, lachend nicken sie den Genossen zu, die ihnen aus den Fenstern des Wirtshauses mit vollen Biergläsern zuwinken!

Reinhardt fröstelte es in der verödeten Kirche. Nicht nur die Wilden fehlten, auch viele Fromme blieben aus; sie zogen wahrscheinlich vor, zu Hause eine Predigt zu lesen, statt sich über die gewohnten Strafpredigten des Pfarrers zu ärgern. Reinhardts Blut kochte, als der Gesang gar so dünn und traurig klang! Die Predigt, die sich heute besonders gegen die Volksverführer und Jugendverderber wendete, stimmte ihn nicht ruhiger.

Sein Zorn erwachte aufs neue, als ihn das Taufglöckchen noch vor dem Nachmittagsgottesdienst zur Kirche rief. Heute empfand er bestimmt, daß er es nicht mehr lange neben Walter aushalten werde.

Den Kirchhof und Weg vor der Kirche fand er – wie bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich – von neugierigen Kindern und Weibern angefüllt. Er mahnte zur Ruhe und eilte in die Kirche, deren Türe er leise hinter sich ins Schloß drückte. Der Täufling war der Sohn eines Wilden – Grund genug für Walter, eine donnernde Strafrede loszulassen, obgleich der Vater gar nicht zur Kirche gekommen war, die Mutter, eine stille, fromme Frau, die, in ihrem Kirchenstand kniend, in Tränen zerfloß, und die Taufzeugen, ein paar junge Leute aus einem Nachbardorf, erstaunt dreinschauten und offenbar nicht wußten, wodurch sie den Zorn des Geistlichen erregt hatten. Reinhardt kehrte sich ab und hing seinen Gedanken nach. Dabei entging ihm, wie die Kinder vor der Türe ungebührlich laut wurden. Plötzlich legte Walter sein Buch auf den Taufstein, rannte nach der Tür, riß sie auf und stürzte hinaus unter die Kinder und Weiber. Ein Schreckensschrei übertönte das Schelten und Drohen des Pfarrers; Geschrei, Heulen, Weibergekreisch folgte. Schwer atmend trat Walter an den Taufstein zurück und vollendete unter Zittern und Beben der Taufzeugen die Handlung.

Reinhardt suchte die trostlose Mutter zu beruhigen, als der hämisch lachende Uhrmacherle heranschlich und ihn vor den Pfarrer in die Sakristei beschied. »Sagt dem Herrn, ich wäre von selbst gekommen!« fertigte er den Erschrocknen ab.

Nachdem der Taufzug die Kirche verlassen hatte, trat Reinhardt in die Sakristei. Den Uhrmacherle, der an ihm vorbeischlüpfen wollte, hielt er zurück. »Ihr bleibt! Ihr sollt meinetwegen nicht in Versuchung kommen, in der Kirche zu lauschen!«

Walter entgegnete darauf nichts; mit tief gesenktem Kopf, die Hände in den weiten Ärmeln seines Priesterrocks verborgen, rannte er auf und ab. Mit zuckenden Lippen, ohne die Blicke zu erheben, brach er endlich los: »Herr, allzu lange habe ich Ihr verderbliches Treiben mit angesehen. Aber nun, da die Wirkungen Ihres Tuns täglich sichtbarer werden, die Zuchtlosigkeit Ihrer Schule schon so weit gediehen, daß die Kinder sich nicht entblöden, den Gottesdienst zu entweihen – nun kann auch ich nicht länger schweigen. Melden Sie sich freiwillig von Bergheim ab, und ich will vergessen, was Sie gesündigt! – Sie haben die heutige Störung des Gottesdienstes verschuldet. Ich werde sorgen, daß die Sache streng bestraft wird – und wehe Ihnen, wenn noch das geringste vorfällt! – Jetzt gehen Sie! Merken Sie, auch in Ihrer Schule werde ich mit Ihnen ins Gericht gehen!«

Reinhardt bebte vor Zorn und Aufregung. Dennoch fühlte er, daß er an sich halten müsse; ein Wort zuviel an dieser Stätte mußte ihm verhängnisvoll werden. Gewaltsam den Zorn niederzwingend, sagte er langsam: »Wohl, Herr, tun Sie, was Ihres Amtes ist. Machen Sie sich aber auf einen harten Kampf gefaßt, wenn Sie ernstlich daran denken sollten, mich wegen der heutigen Störung des Gottesdienstes zur Rechenschaft zu ziehen. Es waren nicht vorzugsweise Schulkinder, die den Lärm verursachten, sondern kleines, noch nicht schulpflichtiges Volk, sowie ältere Frauen, auf welche sich mein Einfluß nicht erstreckt. Und nun erlauben Sie mir eine Frage: was hat wohl die Taufhandlung mehr gestört: das harmlose Lachen der Kinder vor der Tür oder Ihre heftige Unterbrechung des Vortrags, Ihr Davonrennen, Ihr Schelten und Drohen? Glauben Sie mir, Herr, wäre der Täufling mein Kind gewesen – Sie hatten die Taufhandlung nicht vollendet!«

Der Pfarrer hemmte plötzlich sein Aufundabgehen, halb abgewendet von Reinhardt senkte er den Kopf und nagte an den Lippen. Leise sagte er: »Ich gestehe – ja, ich habe mich übereilt! Der Geist ist wohl willig, das Fleisch ist schwach! Aber das mindert in nichts Ihre Schuld, Herr! Ich werde mich vor Gott demütigen und meine Strafe auf mich nehmen; aber auch Sie sollen büßen für Ihr Versäumnis! Denn ohne Ihre Gleichgültigkeit bei Ausübung Ihrer kirchlichen Ämter, ohne Ihre erbärmliche Disziplin in der Schule, die man füglich besser Unzucht nennen sollte, hätte da je solche Störung vorkommen können?«

»Gut!« entgegnete Reinhardt verächtlich. »Klagen Sie! Es wird dadurch Klarheit in unser Verhältnis kommen. Meine Schulzucht nennen Sie Unzucht? Klagen Sie, ich bitte darum!«

Ohne das Rufen des Pfarrers zu beachten, verließ er die Sakristei. Dem Uhrmacherle, der ihn auf Nachmittag vier Uhr in das Pfarramt beschied, gab er kurz zur Antwort: »Sagen Sie dem Herrn Pfarrer, nach den heutigen Vorfällen habe ich persönlich nichts mehr mit ihm zu verhandeln; er soll mich verklagen!«

Sein Herz zog ihn nach Sülzdorf; voll Sehnsucht rüstete er sich, dorthin zu gehen, als die Herrnbauernmagd ins Zimmer stürzte und ihn im Namen ihrer Herrin sogleich in das Herrnhaus beschied. Das verstörte Mädchen war verschwunden, ehe er eine Frage an sie richten konnte. Was mochte auch dort wieder vorgefallen sein?

Im Herrnhaus traf er den Herrnbauer am Tisch sitzen. Der Kopf hing tief herab auf die Brust, so daß seine Gesichtszüge, vollständig beschattet, nicht zu erkennen waren. Die linke Hand lag auf der Tischplatte; krampfhaft umschloß sie eine Tabakspfeife, deren silbernes Kettengehänge leise klirrte; die rechte Faust war fest auf den Schenkel gestützt, durch die Finger lief ein heftiges Zucken. Bei Reinhardts Gruß erhob er wie erschreckt das Gesicht, strich sich über Augen und Mund und sagte gedämpft: »Sind Sie's, Schulmeister? – Ist gut, daß Sie kommen! Der Teufel ist los drinnen beim Weibsvolk! – Verrückter Unsinn! Als ob's nicht vorauszusehen war, daß der Beckenkarl über kurz oder lang Freierei mit der Jockenline machen würde!« – Reinhardt seufzte unwillkürlich tief auf – also das war es! Der Bauer mußte seine Bewegung für Zustimmung nehmen, bedeutend zutraulicher fuhr er fort: »Setzen Sie sich zu mir, Schulmeister, wir sind ja doch nun einmal Leut' und gehören zusammen. Hätt' einen Vorschlag – sollt' Ihr Schaden nicht sein, wollten Sie vernünftig sein.«

»Meine Bereitwilligkeit versteht sich von selbst, wenn es gilt, Ihnen gefällig zu sein!« sagte Reinhardt und holte sich einen Stuhl.

Der Bauer sendete ihm einen lauernden Blick nach und spielte, ungewiß, wie er beginnen sollte, mit den Ketten seiner Pfeife. »Hören Sie!« nahm er endlich das Wort, »mit dem Beckenkarl ist's also aus, die Margaret ist frei wie der Vogel in der Luft. Nu ist das aber ein arger Schimpf für das Mädle, daß der Bursch, der sie verlassen hat, vor ihr Freierei macht. Alles müßt' ihr nun daran liegen, sobald als möglich auch Verspruch zu halten. Ich mach' denn auch vorhin dem Mädle den Vorschlag, sie sollt's dem Karl, dem Maulaffen, zum Possen tun und sich heut' noch mit dem Schäfersfrieder verfreien! Potz heiliges Kreuz! da kam ich schön an! Fuhren nicht die Weibsbilder auf, als habe ich in ein Hornissennest geschlagen? – Nun hört, Schulmeister! Ich hab' mir's nun einmal in den Kopf gesetzt, die Margaret und der Frieder sollten ein Paar werden. In der einen Sach' wenigstens will ich meinen Willen haben! – Also, Schulmeister, Sie gelten was bei dem Weibervolk, Ihnen ist's ein leichtes, sie zum Nachgeben zu bringen – tun Sie Ihr möglichstes! Schulmeister, bringen Sie die Sach' fertig – ich will Sie forthin als meinen besten Freund achten!«

Reinhardt war schon lange wieder aufgestanden; traurig sagte er: »Es tut mir herzlich leid; aber in dieser Sache kann ich Ihnen nicht zu Willen sein – und wenn mein eigenes Geschick auf dem Spiel steht!«

Der Bauer antwortete nicht, sein Kopf hing wieder tief auf der Brust, und seine Finger zuckten. Seine Wut war grenzenlos, am liebsten hätte er den Lehrer sogleich niedergeschlagen. »Wartet nur!« kochte es in ihm. »Noch ist nicht aller Tage Abend. Ehe ihr euren Willen durchsetzt, rede ich auch noch einmal darein – ich, der Herrnbauer! Und der Schulmeister besonders soll sich in acht nehmen – o Pestilenz, wenn ich einmal Gelegenheit hätte, an ihn zu kommen! Aber wartet nur – noch bin ich da, ich, der Herrnbauer!«

Reinhardt war zu den Frauen gegangen. Margaret war trostlos; nicht der Verlust des Geliebten war es allein, der sie so gänzlich niederwarf; ein unsäglicher Schmerz fraß an ihrem Herzen, daß Karl ihr auch das Leid antun und gerade die Line freien konnte. Die Mutter wieder war in höchster Angst um ihr Kind, daneben auch erregte sie die Herzlosigkeit ihres Mannes, der sogar in dieser Stunde, ungerührt von solchem Jammer, nur an seine Pläne dachte. Reinhardt hatte viel zu beschwichtigen, die Bäuerin ging ernstlich damit um, nach Sülzdorf zu flüchten, und langer Zeit bedurfte er, bis er ihr diesen Gedanken ausredete.

Lange erst nach Mitternacht verließ er das Haus. Hell strahlten die Fenster des Kirchbauernhauses durch die Nacht, heller Jubel, lautes, fröhliches Gelächter schallte ihm entgegen. Reinhardt hüllte sich schauernd in seinen Überrock und beschleunigte seine Schritte. Er konnte ja nicht ahnen, wie trotz des lauten Jubels so wenig Freude an der Festtafel zu finden war, welche friedlosen nächtlichen Gedanken sich hinter lachenden Augen und Lippen verbargen. Und hätte Reinhardt vollends den Bräutigam heimwanken sehen, so zerstört und gebrochen, hätte er gesehen, wie der bleiche Bursche zusammenzuckte, als er sein altes Mütterlein, die durch nichts zu bewegen gewesen war, das Kirchbauernhaus zu betreten, mit tränennassen Augen, über das Bibelbuch gebeugt, seiner harrend antraf – hätte er gesehen, wie der bleiche Bursche auf seine Kammer floh und sich stöhnend auf seinem Lager umherwarf – sein Kummer wäre noch größer gewesen, als jetzt sein Zorn war.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Freudlos war das schönste Fest des Jahres für Bergheim vorübergegangen. Lange vorher schon hatten sich beide Parteien gerüstet, an der Kirmse endlich einmal gegen die Feinde durchzugreifen. Keine Partei wollte der andern die Ehre des Plantanzes unter der Dorflinde vergönnen; schon vom frühesten Morgen an umdrängten Männer und Jünglinge beider Lager den Platz, der heute – zum erstenmal seit undenklichen Zeiten – ungeschmückt blieb. Eine dumpfe Stille lag auf dem Dorf, scheu und ängstlich schlüpften Weiber und Mädchen über die Gassen, finster schweigend gingen die Männer aneinander vorüber.

Heiter lachte die goldene Herbstsonne vom wolkenlosen, lichtblauen Himmel auf Dorf und Flur und schimmerte auf den bunten Seidentüchern, Schürzen und Bändern der Mädchen und Frauen, die sich in den Straßen drängten. Aber kein Auge achtete der Herrlichkeit; ängstlich irrten die Blicke nach den Männern, die in zwei dichtgedrängten, scharf getrennten Haufen den Plan umstanden und sich mit finsteren Blicken maßen. Jetzt klang Musik das Dorf herab und herauf, zwei Züge festlich geschmückter Planjünglinge und Planjungfrauen näherten sich der Dorflinde. Jeder verlangte den Plan für sich allein und bestritt dem andern das Recht zum Ehrentanz unter der Dorflinde. Die Worte wurden schärfer und schneidender. Plötzlich lösten sich die Züge, Weiber und Jungfrauen, die fremden Musikanten – die Bergheimer spielten in Sülzdorf – flohen, der friedliche Tanzplatz wurde zum Schlachtfeld, und ein wildes Chaos menschlicher Gestalten wälzte sich unter der Dorflinde hin und her.

Das war der Beginn und Schluß des Festes. Die Regierung, Wiederholungen des Skandals fürchtend, verbot Spiel und Tanz und sorgte durch einquartierte Gendarmen dafür, daß dem Verbote Folge geleistet wurde. Der Gewalttat war damit ein Riegel vorgeschoben, den Hader konnte die Regierung nicht beseitigen; gewaltsam zurückgedrängt fraß die Flamme des Hasses nur um so verderblicher im stillen um sich.

Eine Partei war mit dem Stand der Dinge zufrieden. Die Frommen hatten von einer gründlichen Niederlage der Wilden einen gänzlichen Umschwung der Dinge erwartet. Nun aber war der erwartete Sieg nicht nur ausgeblieben, es zeigten sich im eigenen Lager bedenkliche Vorboten der Uneinigkeit, und als gar die Frommen ohne Ansehen der Person gleich den Wilden zur Strafe gezogen wurden, da erwachte in vielen Herzen erst recht der Unmut, und mancher der sonst eifrigsten Vorkämpfer für Religion und Glauben trug sich mit Abfallsgedanken. Was nützte es den Gläubigen, daß sie alle Sonntage zur Kirche liefen, sich vom Pfarrer die Hölle heiß machen ließen, wenn sie die Gottesleugner nicht einmal prügeln durften? – Anders waren die Schlüsse, welche die Wilden aus den Kirmesereignissen zogen, und doch trafen sie so ziemlich mit den Ergebnissen der Frommen überein. – Wo blieb denn die Gleichheit und Freiheit, welche ihnen der Jockenhannes tagtäglich vorgerühmt? Wann kamen endlich die goldenen Zeiten, die sie erhofft? Was hatte man bis heute gewonnen? Lustig gelebt? Das wohl, aber das mußte teuer genug bezahlt werden, des Jockenhannes, auch des Wirtes Bücher zeugten davon. Freiheit? – Ja, wo blieb die Freiheit, wenn man auch im neuen »Glauben« seine Schulden bezahlen, verzinsen und steuern mußte, um nichts besser daran war als die übrigen Brummochsen auch? – Der Jockenhannes, der Wirt machten um diese Zeit den Versuch, bei ihren Schuldnern die Schraube ein wenig straffer zu ziehen – wie bereuten sie ihr Vorgehen, wie lenkten sie schleunig wieder ein! Der Jockenhannes erkannte mit Grauen, wie seine Gewalt über seine Anhänger auf tönernen Füßen stand, wessen er sich zu versehen hatte, ertappte man ihn auf krummen Wegen. Seine Anhänger dagegen spürten, daß ihr Leithammel bei aller Brüderlichkeit in aller Stille seinen Vorteil meisterlich wahrnahm. Man erinnerte sich wieder seiner Vergangenheit und fand, daß sein gegenwärtiges Treiben nur allzu gut dazu stimme. Eine dumpfe Ahnung schlich durch die Reihen der Wilden, sie seien in ein unsauberes Spiel verwickelt worden. Mißtrauische Augen umlauerten den Hannes, Wagnerspaule und Simesschuster, manche Verwünschungen wurden ihnen heimlich nachgerufen, viele ihrer Anhänger sannen auf Abfall. – Das hatte eben auch der Wagnerspaule ausgesprochen und dadurch den Jockenhannes in nicht geringe Bestürzung versetzt, Heftig ging er in seiner Oberstufe auf und ab, blickte eine Zeit mit finster gerunzelter Stirn hinaus in den Novemberregen, trommelte an die Scheibe und sagte endlich zornig: »Du hast recht, Paule! Schon lange spüre ich, es liegt was in der Luft, und doch, wie ich mich auch zersinne, ich komme nicht dahinter, was es ist! Der Donner schlage den nichtsnutzigen Halunken in die Glieder! – Ja, ja, seit der Kirmse gärt es! Die Prügelei war unser Unglück! Hat sie nicht den Ämtern willkommene Gelegenheit gegeben, die Nase in unsre Sachen zu stecken? Ist's zu verwundern, wenn die ewigen Quälereien zuletzt die Brummochsen kopfscheu machen? Paule, Paule – wir hätten die Prügelei um jeden Preis verhindern müssen!«

»So?« lachte dieser tückisch. »Wie meinst du, hätten wir das anfangen sollen? Sei nicht dumm, die Prügelei war nicht zu hindern, die lag in der Luft wie ein Gewitter. Und hätten sich nur die Narren ordentlich austoben dürfen, so wäre alles in Ordnung. Daß keine Partei unterlegen ist, das ist das Unglück. Nun kocht und braust es inwendig, will irgendwo hinaus und kann das rechte Loch nicht finden, –'s steht schlecht um uns, Hannes, recht schlecht.«

»Und das sagst du so gleichmütig?« schrie Hannes, dunkelrot im Gesicht. »Blitz und Donner auch! Was soll ich machen? – Mit deinem heillosen Lachen! So rede doch! Was ist zu tun? Soll ich den Lumpen nicht doch noch einmal aufs Leder knien? Mein Guthaben einklagen? – wenn sie Ernst spüren, werden sie schleunigst zu Kreuz kriechen!«

»Entweder das, oder sie wenden um und fahren dir nach der Gurgel!« lachte Paule. »Hannes, ich weiß nicht, du bist nimmer der Alte, ich werde manchmal irr' an dir! – Mit unsern alten Mitteln ist's aus, damit jagen wir keine Mäuse mehr in den Sack. Mit ganz neuen Stücken müssen wir kommen! Wenn wir zum Beispiel den Herrnbauer und Ungerskasper, wenn auch nicht grad' offenbar, so doch merklich genug auf unsere Seite brächten – das wäre eine Leimrute, auf der die Gimpel sämtlich kleben blieben. – Setz dich, Hannes, und hör' mich an! Du – oder vielmehr wir – haben bei alledem Glück über Glück. Die Freierei seiner Anna mit dem Schulmeister hat den Herrnbauer völlig kopfscheu gemacht, zumal nun auch aus der Geschichte mit dem Schäfersfrieder nichts zu werden scheint. Wie ich's voraussagte, ist's eingetroffen: der Haß gegen den Schulmeister nimmt den Herrnbauern völlig ein; der Mensch ist zu allem fähig, wenn er dadurch nur den Schulmeister los wird!«

Hannes war aufgesprungen. »Redest du das nur so aus dir, oder hast du Beweise?«

»Setz dich und merke, was du an mir hast!« lachte Paule, und seine Augen funkelten wie Kohlen unter den Brauen hervor. »Ohne lange zu schwätzen, handelte ich und machte mich ein paarmal, ganz zufällig natürlich, an den Herrnbauer. Zuerst sah er mich wohl groß an und tat, als ob er meine halben Reden nicht verstehe; aber es war nur der Trotz von früher, der ihn noch stieß: wäre er seiner Neigung gefolgt, hätte er mir gleich beide Hände hingelangt – ich sah's ihm wohl an! Den haben wir, Hannes, 's ist kein Zweifel! Und nun nicht gezögert! Der Herrnbauer und Ungerskasper müssen unsern Anhang aufs neue an uns ketten; denn auf den allein können wir uns nicht stützen!«

Als ihn Hannes mit weit offenen Augen und Lippen anstarrte, strich er sich über den Mund, ein Lachen zu verbergen, zog zwei altersgraue Papiere aus der Tasche und legte sie offen auf den Tisch. »Hier ist die Urkunde über den Schäfereiankauf aus der Gemeindelade – hebe sie gut auf, wenn du sie nicht lieber verbrennen willst. Und hier« – dabei schlug er auf den zweiten, gleich dem ersten beschriebenen und mit Siegeln versehenen Bogen – »hier ist meine Arbeit! Sieh dir die Schrift und die Siegel genau an; wenn du mein Machwerk außer dem Inhalt von der echten Urkunde unterscheiden kannst, heiße ich Hans. Siehst du – selbst das Wasserzeichen im Papier ist das gleiche. Ich habe im Vertrag nur wenig geändert, desto wirksamer und sicherer muß er sein. Nun gib acht! Als damals die Bergheimer Bauern von ihren Grundherren das Hutrecht und die Schäferei ankauften, wurde der Anteil eines jeden an der Schäferei, den Waldhutungen und den Triften nach seinem Geldbeitrag zur Kaufsumme ausgeschlagen. Der Herrnbauer, die Beckenbrüder, der Ungerskasper und Bergbauer wären danach die Meistberechtigten. Die Beckenbrüder und den Bergbauer habe ich geringer angesetzt, denn die könnten uns mit ihrer dummen Rechtschaffenheit das ganze Spiel verderben; dafür habe ich den Kirchbauern- und Schulzenhof unter die Höchstberechtigten gestellt. Euch vier, als die Höchstberechtigten, geht nun natürlich die Geschichte am meisten an, ihr habt das Recht, auch gleichsam die Verpflichtung, die Sache in die Hand zu nehmen – wenigstens könnt ihr mit gutem Schein so sagen! – Seitdem nun alle Feudallasten abgelöst wurden, ist der Vertrag in Vergessenheit geraten, kein Mensch denkt mehr daran, und er gilt ja auch nichts mehr, seitdem jeder auf seinen Gütern treiben kann, was er will. Nur mit den Waldhutungen ist das so ein Ding. Die werden so mir nichts, dir nichts zum Gemeindegut gerechnet. Ich weiß nicht, ob die Erben und Nachfolger der Schäfereikäufer diese Waldstücke nicht in Wahrheit für sich in Anspruch nehmen könnten. Doch mag das sein, jedenfalls würden die Waldparzellen die Kosten eines Prozesses nicht austragen. Bei dem Punkt habe ich in meiner Urkunde solch eine verlorne Bemerkung eingefügt, die sich nach allen Seiten drehen und wenden läßt. – Wer das nun grade 'rauslesen will, kann, auf dieses Papier gestützt, ein gut' Teil des besten Gemeindewaldes für die Schäfereibesitzer in Anspruch nehmen – und das ist der Köder, auf den der Herrnbauer und Ungerskasper anbeißen sollen.«

»Ja – zum Henker auch!« schrie Hannes, »das ist alles gut und schön! Aber warum hast du die Geschichte nicht als ganz sicher und fest hingestellt?«

»Wozu? Gerade solch halb zweifelhafte Sache reizt am meisten. Überdem, wenn der Schulz – du darfst natürlich zuerst in der Sache gar nichts tun, mußt eher dagegen sein, dich zum Beitritt nötigen lassen – wenn also der Schulz seine Sache gescheit anfängt, werden weder der Ungerskasper, noch der Herrnbauer die verfängliche Stelle beachten. Dein Hinhalten und Bedenken muß sie völlig sicher machen. Sodann aber bist du des Herrnbauers gewiß, wenn du dich stellst, als gäbest du nur ihm zu Gefallen nach, verlangtest dagegen, daß er dir gegen den Schulmeister beistehe. Dem widersteht der Herrnbauer nicht, und wo der Herrnbauer steht, ist auch der Ungerskasper!«

»Millionenhagel!« schrie Hannes und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Du bist ein verfluchter Kerl!«

»Natürlich handelt es sich um eine Versteinung des strittigen Waldes,« fuhr Paule, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort, »und da gilt es vor allem aufpassen. Ihr müßt es dahin bringen, daß euch – den Schulzen und dich, mehr dürfen nicht um die Sache wissen – der Herrnbauer und der Ungerskasper zu einer heimlichen, eigenmächtigen Vertagung drängen; es paßt sich gut, daß ihr vier grade die Märker seid. Du und der Schulz, ihr müßt euch stellen, als willigt ihr nur gezwungen, aus Gefälligkeit gegen die andern in die Versteinung. Ist der Betrug fertig – nun könnt ihr den beiden mit der zweifelhaften Stelle in der Urkunde die Hölle heiß machen, daß sie nicht das Herz haben, die Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen und auf ihr Recht zu klagen; denn ruchbar darf die Sache nicht werden, damit wäre alles verloren. Die Lagsteine müssen heimlich wieder weg – Grenzverrücker bleiben der Herrnbauer und Ungerskasper dennoch, und daß sie euch zu dem Unrecht drängten, das liefert sie für immer in eure Hände.«

Hannes war aufgesprungen und lief auf und ab, sein ganzes Gesicht glühte. »O – o!« stöhnte er halblaut. »Wenn das gelingt! O – den Herrnbauer in meiner Gewalt – O, dann hab' ich gewonnen, dann muß auch von andern Seiten –« Er vollendete den Satz nicht einmal in Gedanken, unwillkürlich hatte er sich nach Paule umgesehen und erschrak vor dem Blick eiskalten Spottes und höhnischer Verachtung, der ihm unter den buschigen Brauen hervor entgegenblitzte. Hannes durchzuckte dieser Blick wie ein Dolchstich – hatte Paule seine Gedanken erraten? Wußte er, mit welchen Plänen er sich trug?

Paule aber hatte längst den Kopf wieder sinken lassen und lachte in seiner heimtückischen Weise vor sich hin. »Juble nicht zu früh! – Ja, wenn der Reinhardt nicht wäre – der Reinhardt und der Schulbauer, 's sind das zwei böse Steine im Weg!« sagte er halblaut.

»O – jetzt fürchte ich sie nicht mehr!« rief Hannes. »Was wollen sie auch machen? – Gerade sie sind's ja, die den Herrnbauer zu uns treiben! Und arbeiten ich und der erst zusammen, so müßte es ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir einen lumpigen Schulmeister nicht zu Fall brächten!«

»Hm, hm – ist ein verfluchter Kerl, der Reinhardt – der hat zähes Leben wie 'ne Katze. Was richtet der Pfarrer gegen ihn aus? Nichts; mit all den großen Herren, die hinter ihm stehen – nichts! – Meinst, er verklagt ihn wegen dem Skandal in der Kirche, wie er gedroht? O, ich weiß aus sichrer Hand, er denkt gar nicht dran! 's ist eigentlich schade um den Reinhardt; wie er dem Pfaffen mitspielt, ist ganz unerhört. Weiß der Kuckuck, vor dem Burschen hab' ich Respekt. Gnade uns Gott, käme der einmal hinter unsre Schliche!«

»Verdamm' dich samt deinem Unsinn!« rief Hannes. »Mußt du den Teufel an die Wand malen? Wahrlich, du greinst ja wie ein Schulbub' – 's könnt' einen selber anstecken, hört man dich so barmen!«

»Nu, nu –'s soll mich freuen, kommt die Furcht nicht einmal ernstlicher an uns!« entgegnete Paul höhnisch. »Bis jetzt haben wir nichts zu fürchten, noch ist er nicht auf rechter Spur, und was er auch sonst tut, unwissentlich arbeitet er doch allein uns in die Hände. Daß er den Pfarrer jetzt wieder so gründlich ins Bockshorn gejagt hat, ist reiner Gewinn für uns. Denn einmal vertrat da der Reinhardt ganz wacker unsre Interessen, sodann aber – und das ist die Hauptsache – muß diese neue, schimpfliche Niederlage den Pfarrer in die tollste Wut bringen. Nur zu – nur immer zu so!« rief er, die Hände reibend, »Ha, ha! – ich seh's kommen, daß der Pfarrer wie der Herrnbauer noch blind und toll wird und unsre Hilfe gegen den Schulmeister mit Dank annehmen wird, hat er erst sein Pulver gänzlich verschossen! O, das Gaudium, wenn der fromme Herr bei uns um Hilfe betteln ging! Und er wird kommen, so gewiß ihm der Reinhardt in keinem Punkt nachgibt! Und wenn wir ihm mit einem Mittelchen an die Hand gehen, das gewissen Erfolg verspricht – er wird nicht forschen, wo wir es gefunden; im Eifer wird er nicht darauf achten, ob es auch die Hand rein läßt, die es angreift! Ha – wenn wir das erreichten – wieder zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!«

»Und das wird, Hannes!« fiel ihm Paule ins Wort mit ganz verändertem, geschmeidigem Wesen. »Hat der Pfarrer sich nur erst mit uns eingelassen, dann ist er unser mit Leib und See!'; denn wie könnt' er noch Pfarrer sein, käm' das an den Tag? Und damit du siehst, wie ich mich für dich aufopfere, will ich dir noch eins sagen: Mit dem Sülzdorfer Schulmeister stand's schlimm; nicht nur, daß er in Schulden stak bis an den Hals, obendrein hatte er Umgang mit einem liederlichen Weibsbild von X., die in Schottendorf diente. Das Mädle verließ auf einmal ihren Dienst in Schottendorf und zog heim – da ist was nicht sauber. Wart' doch ab, was noch kommt! Auf einmal stecken der Sülzdorfer und unser Schulmeister, die sich sonst kaum grüßten, tagtäglich beisammen; der Robert Schulz aber bezahlt seine Schulden auf einem Brett und der Reinhardt läuft alle Wochen ein paarmal zu dem Justizrat Stein in X.«

»Hm – und was kümmert das uns?«

»Hannes – so besinn' dich doch! Rechne: kaum hat das liederliche Weibsbild Schottendorf verlassen, werden der Reinhardt und der Schulz die dicksten Freunde; der bezahlt auf einmal – kein Mensch weiß, wo er das Geld her hat – seine Schulden, und dieser läuft sich fast die Beine ab nach einem Advokaten, der mit der liederlichen Dirne in einer Stadt wohnt! Nun – bringst du noch immer nichts zusammen? Wie die Sachen stehen, ist freilich unschwer zu erraten; aber könnte es nicht auch anders sein? Wär's zu verwundern, wenn plötzlich ganz seltsame Gerüchte auftauchten?«

»Ha, Schwerenot auch! – bist du rein des Teufels?« fuhr Hannes auf. »Wenn solche Gerüchte entständen – ha – wenn sie richtig zugestutzt dem Pfarrer zugeleitet würden – – –«

Hannes ging wieder heftig auf und ab, in seinem Gesicht arbeitete und zuckte es. Paule ließ ihn eine Weile gewähren, dann sagte er leise, mit einer Herzlichkeit, die ihm wunderlich stand: »Nun – habe ich meine Schuldigkeit getan? Ich meine selber, du könntest mit mir zufrieden sein. Nun beweis' auch, daß du meine Arbeit anerkennst, Hannes – ich brauche Geld!«

Hannes hemmte plötzlich seinen Umgang, sein eben noch strahlendes Gesicht zeigte den tiefsten Verdruß. »Bist du bei Sinnen?« fuhr er grob heraus. »Nichts – keinen Heller! Hab' ich dir nicht erst verwichen mehr 'geben, als ich vor mir verantworten kann? Der Donner schlag 'nein, was mußt du auch das Geld ausstreuen, als war' das eitel Dreck? Nichts – ich habe heute nichts für dich!«

»Du, ich hab' lang' gemerkt, daß ich dir nichts mehr gelte, wie ich mich auch für dich plage!« klagte Paule kleinlaut. »Andere Leute sind dir lieber, du siehst dich nach neuen Freunden um. Aber nimm dich in acht, Hannes! Wem willst du künftig trauen? Den Beckenbrüdern? Hm! – Der Karl ist dein Schwiegersohn noch nicht, und wenn er's wäre, fragt sich 's, ob es dir nützt. Der Schulz, der Veitenbauer? – Bah! Der Simesschuster? – Hannes, der Schuster macht mir ernstlich Sorge. Der Bursch ist auf einmal so still geworden, er geht einem aus dem Weg, so weit er kann, im Wirtshaus läßt er sich nimmer blicken, dabei seufzt er und verdreht die Augen, schwätzt von seinem Gewissen – wie, wenn der einen dummen Streich machte? – Was du nun gar für einen Narren an dem Uhrmacherle gefressen hast, verstehe ich vollends nicht. Was hat er dir genützt, oder was versprichst du dir für Vorteile von ihm? Was er dir aus der Pfarr' zuträgt, kann doch das ewige Geld nicht wert sein, das du ihm zufließen läßt?« Als sich Hannes heftig gegen das Fenster wendete und an die Scheiben trommelte, fuhr er langsam fort: »Hannes, sei nicht dumm – überleg', was du tust. Meinst du, es fällt andern Leuten nicht auch auf, daß der liederliche Uhrmacherle, ohne zu arbeiten, plötzlich so mit Geld um sich wirft? Meinst du, eure Zusammenkünfte bleiben verborgen? Sei kein Narr, Hannes! Noch bist du lange nicht am Ziel, treue Freunde sind dir nötiger denn je. – Sei kein Narr!« rief er drohend und stand auf. »Wir wollen Freunde bleiben, weil wir uns gegenseitig nicht entbehren können. Geh, hole Geld – sei kein Kniller! – Wiegen meine heutigen Berichte nicht allein ein Kapital auf? Geh, damit wir zeitig ins Wirtshaus kommen; es gilt nun öffentlich gegen den Schulmeister aufzutreten, des Herrnbauern wegen. Geh, vielleicht treffen wir heute mit dem Schulmeister zusammen, es ist heute sein Wirtshaustag; die Gelegenheit dürfen wir nicht unbenutzt vorübergehen lassen – geh!«

Vierundzwanzigstes Kapitel

Ein rauher, wilder Novemberwind zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die mühselig auf unergründlichen Wegen, von Sülzdorf kommend, Bergheim zustrebten. Er riß die Worte dem Sprechenden vom Munde weg und zerstreute heulend die schwachen Laute. Dennoch unterbrachen die Männer ihr Gespräch nicht einen Augenblick.

»Ich fürchte,« sagte der Schulbauer zu Reinhardt, »dem Herrnhaus steht noch schweres Unheil bevor. Es ist kein Zweifel, der Herrnbauer brütet über bösen Gedanken, und umsonst umschleicht ihn der Wagnerspaule nicht. O, ich kämpfe täglich mit mir selber, allein in einem Punkt werde ich nicht Herr über mich, die rachsüchtigen Gedanken gegen den Jockenhannes wollen sich nicht unterdrücken lassen! – O wenn ich den einmal unschädlich machen könnte! Aber noch ist nicht aller Tage Abend, und es finden sich doch Fäden, die sich aber vielleicht einmal zu einer Schlinge für ihn drehen lassen. Fritz – das Blut steigt mir zu Kopfe, wenn ich so da und dort Spuren finde, die es zur Gewißheit machen, daß Hannes doch ein Mörder ist, wenn ihn auch die Gerichte damals freisprachen!«

»Jörg! Was redest du?«

»Stille! der Wind hat Flügel und Ohren! Merke: es ist gewiß, der Uhrmacherle, sonst des Hannes Todfeind, hat mit diesem heimliche Zusammenkünfte; ich weiß ganz gewiß, das Geld, das der Lump in allen Dörfern ausstreut, hat er von Hannes! Weiter: der Hannes war an jenem Tag, da der Mord geschah, nachts nicht mehr in Schottendorf. Der Bundorfer Schäfer, ein liederlicher Geselle, der, um seinen Schuldnern zu entgehen, in derselben Nacht heimlich seinen Dienst verließ und nach Amerika ging, ist heimgekehrt und suchte bei mir ein Unterkommen. Er wußte noch nichts von dem Mord; als ich ihm die Umstände berichtete, verblaßte er sich und sagte: ›Herr, den Mörder kenn' ich! Am selben Tag hütete ich gegen Abend im Holz an der Einzelberger Grenze. Auf einmal schlägt mein Hund an und stellt den Jockenhannes, der von Bundorf 'raufkommend durch die Büsche kriecht. Da ich mir denke, was er vorhat, mach' ich mir den Spaß, ihn um Tabaksfeuer anzureden!‹ Der Mann steht in meinem Dienst und ist bereit, jeder Zeit seine Aussage vor Gericht zu beschwören!«

»Und du? Warum klagst du nicht?«

»Was gilt ein Zeuge, dem Hannes zehn falsche gegenüberstellen kann? Nein, so gewiß diese Aussage in meinen Augen den Täter feststellt – vor Amt kann ich damit noch nichts ausrichten, da müssen noch schlagendere Beweise dazukommen. O, wenn ich nur einen Haken wüßte, an den Uhrmacherle zu kommen – denn daß der auch falsch geschworen, steht fest, nachdem mein Schäfer den Hannes allein durch die Büsche kriechen sah. Wo aber war der Uhrmacherle an jenem Abend? Mein halbes Vermögen gäbe ich darum, könnte mir hier jemand auf die Spur helfen!«

»Wie lange aber kann das noch dauern, bis du weitere Anhaltspunkte findest?« rief Fritz. »Und was wird mit uns in der Zeit? Sollen wir dem Schurken Frist geben, sein Bubenstück zu vollenden? – Jörg, ich kann nicht länger mehr schweigen, ich fühle auch, ich darf nicht. Gehe du deine Wege, mich aber laß offen den Schurken entgegentreten! – Die Wilden scheinen es darauf anzulegen, mich ins Feuer zu treiben; wo ich mich blicken lasse, fallen sie mit Spott und Stachelreden über mich ein. Ich kann und darf nicht länger schweigen, will ich nicht den Vorwurf der Feigheit auf mich laden!«

»Recht so, Fritz! Dasselbe dir zu sagen, begleite ich dich heute. Tue das, tritt ein für deine und meine Überzeugung. Gebe der Himmel, daß ich dir bald zu Hilfe kommen kann. Noch eins, Fritz! Wie steht es mit unserm Schulmeister? Was bedeuten deine Gänge zu dem Justizrat Stein?«

Überrascht kehrte sich Fritz nach dem Freunde um. »Ich tat, was du an meiner Stelle getan haben würdest; ich suche einem Verirrten zu helfen; mehr kann und darf ich nicht sagen.«

»Gut, gut, Fritz! Wir kennen uns, du weißt, ich vertraue dir. Nicht meinetwillen fragte ich. Die Verhältnisse unsres Lehrers sind auffallend, eure plötzliche Annäherung und ihre Folgen sind so ungewöhnlich, daß es bösem Willen leicht werden könnte, deinem Namen einen Makel anzuhängen. Darum fragte ich. Warum kommt Schulz nicht zu mir?«

»Ich verhinderte ihn, er soll sich erst deiner Achtung wert machen. Laß ihn vorerst noch; wenn ich die rechte Zeit gekommen glaube, werde ich dich bitten: nimm dich seiner an.«

Sie waren in die Nähe des Wirtshauses gekommen, dessen hell erleuchtete Fenster schimmernde Streifen über die feuchten Straßen warfen, und aus dem ihnen lautes Reden und Gelächter entgegenschallte.

Es war, wie der Schulbauer sagte; die Wilden erwarteten Reinhardt, sein langes Wegbleiben gab ihnen Gelegenheit, ihn zu verspotten. Der Herrnbauer saß mürrisch neben dem Paulesnikel, Ungerskasper und Bergjörg; sein rotes Gesicht erhellte sich jedoch im gleichen Maße, als sich des Bergbauers Züge verfinsterten. Je härter über den Lehrer geurteilt wurde, desto freundlicher blinzelte er auf den Ditterswinder Schäfersbauer, was dieser mit zufriedenem Grinsen und heimlichen Kopfnicken erwiderte. Plötzlich wurde es stille im Zimmer, dunkelrot im Gesicht wendete der Herrnbauer sich ab – der Schulbauer und Reinhardt waren eingetreten. Freundlich begrüßten beide den Lichtennikele, der sich ausnahmsweise hier herein verirrt hatte, und nahmen neben ihm Platz, ohne den Herrnbauer oder sonst jemand zu begrüßen.

Die Stille in der raucherfüllten Stube wurde ungemütlich, Erwartung lag auf allen Gesichtern, und doch schien selbst der Wagnerspaule zu zögern, das Gespräch wieder aufzunehmen. Nikel stieß Reinhardt an und flüsterte ihm heimlich zu: »Es ist was im Werk dort, die droben am Herrentisch haben's auf Euch abgesehen. Nehmt Euch in acht, Herr Schulmeister!«

Der Wagnerspaule hatte unterdes das Gefecht durch leichtes Geplänkel eröffnet. Er spottete über die Lehrer, wußte manche lustige Geschichte über ihre Armut und Torheit zu berichten, die mit Jubel aufgenommen wurde. Allmählich kam man auf den Stolz der Lehrer zu reden. »Unerträglich ist ihr bettelstolzer Übermut!« schrie Hannes. »Zwei solcher Klopfgeister wollten um meine Line herschnurren – ich habe beiden gezeigt, wo Barthel den Most holt und mir das Haus rein gehalten! Donner und Hagel! Das fehlt noch, solche Hungerleider, die man erst ein Jahr oder noch länger durchfüttern muß, daß sie im Sonnenschein nur einen Schatten werfen, solch ein Lausewenzel sollt' mein Schwiegersohn werden? Brrr! mich schüttelt's, wenn ich nur an die Möglichkeit denke!«

Der Herrnbauer hatte seinen Kopf auf die Brust sinken lassen und seine Faust ruhte wieder schwer auf dem Schenkel. Am Herrentisch schien man eine Antwort des Lehrers erwartet zu haben; als sie jedoch ausblieb, sahen sich die Wilden – der Simesschuster fehlte auch heute am Herrentisch – genötigt, bestimmter auf ihr Ziel loszugehen. Der Paule eröffnete abermals den Angriff. Diesmal nannte er das Kind beim rechten Namen, und Reinhardt nickte dem Schulbauer lächelnd zu. Seine Wirksamkeit in der Schule wurde der härtesten Kritik unterzogen, und da man ihm weder Untüchtigkeit noch Nachlässigkeit vorwerfen konnte, mußten sich seine Gegner darauf beschränken, seine religiöse Stellung anzufechten. Freilich war das gerade der Punkt, mit dem in Bergheim alle Leidenschaften sicher und schnell zu entflammen waren. Als darum Hannes und Paule über die Zustände der Schule ein großes Klagelied anstimmten, fielen die Frommen lebhaft ein. Ein großes Geschrei erhob sich wider den Lehrer, besonders auch seine sogenannte Parteilosigkeit wurde bitter angefeindet; stürmisch forderte man, daß er endlich einmal Farbe bekenne.

Reinhardt hatte sich erhoben. Ruhig überblickte er die Versammlung, und merkwürdig, die lautesten Schreier verstummten zuerst; bald trat an Stelle des Lärmes eine erwartungsvolle Stille. Mit voller Bruststimme begann Reinhardt: »Auf eure Schmähungen zu antworten, halte ich unter meiner Würde. In einem Fall habt ihr recht: Ihr könnt Klarheit verlangen über meine Stellung zu den Parteien im Dorf.

Was zunächst mein Glaubensbekenntnis betrifft – worauf die Versammlung so großes Gewicht zu legen scheint – so habe ich das schon bei anderen Gelegenheiten gründlich dargelegt. Ich wiederhole es heute nicht noch einmal.

Man hat mir Heuchelei, Achselträgerei vorgeworfen, weil ich mich an keine Partei angeschlossen. Jedermann muß sofort klar geworden sein, daß meine religiösen Ansichten mit keiner Partei zusammenstimmen. Dem Herrn Metzner und Genossen bin ich nicht radikal genug, sie verzeihen mir nicht, daß ich weder dem Herrgott die Berechtigung zu seinem Dasein bestreite, noch aus Christus einen ganz gewöhnlichen Aufklärer und Revolutionsmann machen lasse, daß ich die Bibel nicht kurzweg als Lügenbuch abtue, überhaupt Kirche und Religion, und was sonst noch damit zusammenhängt, nicht kurzerhand zu den Toten werfe. Den Frommen bin ich nicht buchstabengläubig genug, das trennt mich für immer von ihnen; wer mag auch Gemeinschaft mit einem ewig verdammten Menschen haben? So stehe ich allein, mitten zwischen beiden Parteien. Ist es nun Heuchelei, Achselträgerei, wenn ich, von allen Seiten verleumdet und angefeindet, dennoch meinen Standpunkt unverrückt festhalte, bei jeder Gelegenheit nach rechts und nach links meine Überzeugung vertrete? Ich meine, solch ein Verhalten verdiene wohl einen ganz andern Namen!

Ich glaube zur Klarlegung meines Standpunktes genug gesagt zu haben. Da man aber so stürmisch auf mich eindrang, will ich doch die Gelegenheit benützen, auch einmal mein Urteil über die streitenden Parteien auszusprechen.

Was zunächst den religiösen Standpunkt der Frommen betrifft, so habe ich dagegen nichts einzuwenden. Wie ich Achtung meiner eignen Überzeugung verlange, respektiere ich auch fremde religiöse Meinungen. Freilich setze ich dabei voraus, daß sie aufrichtig sind. Betrachten wir aber diese Stützen der Religion genauer. Finden wir bei ihnen besondere Tiefe des religiösen Gefühls? Sie sind religiös, weil sie von Jugend auf dazu erzogen wurden; sie beteiligen sich eifrig an den kirchlichen Gebräuchen – nicht aus Herzensbedürfnis, sondern weil nun einmal Gebet und Kirchengehen als Freipaß in das Himmelreich gelten. Und die sittliche Bewährung? – Hier kommen wir vollends auf ihre wunde Stelle. Anstatt die traurigen Wirren im Dorf als Mahnung zu nehmen, ernstlich mit sich selbst zu Gericht zu gehen, was finden wir? – Den alten Schlendrian; ja, man ist eher noch lässiger in Erfüllung auch der einfachsten Pflichten geworden, da man sich ja mit dem Herrgott auf einem guten Fuß weiß. Und eben dieses Bewußtsein, welche Auswüchse hat es erzeugt! Welche pharisäische Selbstgerechtigkeit ist eingerissen unter unsern Frommen! Heuchelei ist an der Tagesordnung; Herrschsucht, oft die gemeinste Rachsucht, Neid und Scheelsucht, treibt zum Kampf gegen die ›Wilden‹, der angeblich um der Ehre Gottes willen geführt wird.

Wer kann nun im Ernst verlangen, daß sich ein ehrlich vorwärtsstrebender Mann dieser Gesellschaft anschließen solle?«

Tiefe Stille herrschte, nur der Herrnbauer blies und schnaubte. Die Frommen hatten die Köpfe gesenkt, keiner wagte eine Entgegnung. Nach einem tiefen Zug aus dem Bierglas fuhr Reinhardt fort:

»Unter den Frommen werde ich längst als Gottesleugner und Glaubensverächter verketzert; ich bin nun aber weder ein Gottesverleugner, noch ein Religionsverächter. Aber eben weil ich den Geist des Christentums höher stelle als äußere Formen, muß mir das Treiben der Partei, die sich um Herrn Metzner sammelt, im höchsten Grade anstößig sein!

Was wollen diese Leute? Fraget um, außer den Führern hat niemand auch nur eine Ahnung von dem Ziel dieser Bewegung. Vorläufig lärmt man gegen die kirchlichen Ordnungen, gefällt sich in sinnlosen, kindisch lächerlichen Gotteslästerungen; ja, in neuerer Zeit scheint man in der Tat mit der Religion äußerlich so ziemlich fertig geworden zu sein; wenigstens spricht der an die Stelle eines unregelmäßigen Kirchenbesuches getretene außerordentlich pünktliche Wirtshausbesuch dafür. Äußerlich, sage ich; wie es in den Seelen aussieht, wer weiß es? Weiter ruft man fortdauernd nach Aufklärung und Freiheit! Welcher Art die ›Aufklärung‹ ist, welche die Wilden suchen, weiß ich nicht. Etwas Besonderes muß aber an ihrer Aufklärung nicht sein, denn statt daß es nun lichter in ihren Köpfen wird, statt daß sie sich durch Klugheit, verständiges Wesen und wachsende Bildung vor uns auszeichneten, versinken sie täglich tiefer in sinnlos wildes Treiben. Freiheit wollen sie. Meinen sie damit aber das Recht, ihre Ansichten frei bekennen, ungestört nach ihren Überzeugungen leben zu dürfen? Wer hat dieses Recht je bestritten? Nein, frei sein, das heißt für sie: die Herren im Dorf; herrschen wollen sie, um Raum zu bekommen für ihre Leidenschaften, die zu befriedigen ihre gewöhnlichen Mittel vielleicht bald nicht mehr ausreichen dürften!«

Hannes sprang auf und griff in die Luft, während seine blauen Lippen bebten. Mit stärkerer Stimme fuhr Reinhardt fort: »Ich bin von den Führern der Partei, den Herren Metzner und Scheler, von einer gewissen Zeit ab mit ihrer besonderen Feindschaft bedacht worden. So ehrenvoll mir dies ist, so hat es doch seine unangenehme Seite, die nämlich, daß es mich zwingt, ihnen auch einmal öffentlich zu erwidern. – Lebhaft beklage ich, daß mir heute noch nicht schlagendere Beweise für die Nichtswürdigkeit dieser Herren zu Gebote stehen – da es denn aber von jener Seite darauf angelegt zu sein scheint, mich zum äußersten zu treiben, da Herr Metzner mich sogar in meiner Gegenwart beschimpft, will ich ihm die richtige Antwort nicht vorenthalten. All das Geschwätz von meiner Bewerbung um die Lina ist erlogen; von einer Abfertigung kann keine Rede sein, da mir nie beikam, mich um das Mädchen zu bewerben. Erinnert sich niemand mehr, wie mich die tolle Dirne überlief? Wie es eine Zeit gab, da die Herren Metzner und Konsorten von Liebe und Güte gegen mich überflossen? Ach, wenn gewisse Leute unter den Wilden wie unter den Frommen wüßten, welche Anstrengungen Herr Metzner und Scheler machten, mich für ihre Partei zu gewinnen, sie würden mich vorsichtiger beurteilen. Und so spreche ich in öffentlicher Gesellschaft frei aus: ich verachte Herrn Metzner und Scheler als gewissenlose Schurken! Zwischen uns besteht Krieg auf Leben und Tod; nicht eher werde ich ruhen, bis entweder ich unterlegen oder jene Schurken entlarvt sind!«

Eine merkwürdige Bewegung entstand um den Herrentisch. Abgerissene Flüche, wilde, unartikulierte Laute durchbrachen das Getöse. Man schien sich dort hinten Bahn brechen zu wollen und auf unerwarteten Widerstand zu stoßen, der zugleich den Zorn steigerte und doch am vollen Losbruch hinderte. Eine Weile blickte Reinhardt in das Getümmel, dann verließ er, vom Schulbauer, dem Lichtennikele und noch einigen begleitet, rasch die Wirtsstube. Nikel und der Schulbauer nahmen mit herzlichem Händedruck stumm Abschied; an seiner Gartentür traf Reinhardt mit dem Bergbauer zusammen. »Gott segne Sie für Ihr mannhaftes Wort«, sagte der tiefbewegte Mann. »Sie stehen nicht mehr allein, von dieser Stunde gehöre ich zu Ihnen mit Leib und Seele!«

Als sei ein Wirbelwind in einen Haufen dürrer Blätter gefahren, so prasselte nach Reinhardts Entfernung die Gesellschaft auseinander. Der Boden schien ihnen unter den Füßen zu brennen, selbst ganz gefüllte Biergläser ließen sie im Stich, sonst nicht die Art der Bergheimer! In wenigen Minuten war die Stube leer, der bestürzte Wirt schlich kopfschüttelnd von Tisch zu Tisch. Am Herrentisch saßen allein der Schulz, Wagnerspaule und Jockenhannes – war es Zufall, daß ihnen gegenüber der Herrnbauer noch blies und schnaubte?

Karl Schubert war der erste, der ins Freie stürmte. In seinem Kopf brauste und dröhnte es; ihm klang nur das eine Wort in den Ohren: betrogen! Ob ihm gleich der Wind die Mütze entführte und den Regen ins Gesicht peitschte, er achtete nicht darauf und rannte im weiten Kreis um das Dorf. »Betrogen!« pochte und hämmerte es in seinen Schläfen: »betrogen!« brannte es in seinem Hirn, betrogen – und durch meine Schuld betrogen! Sagte nicht der Lehrer voraus, wie es kommen würde? – O warum glaubte ich ihm nicht, der mich doch nie betrogen? – Und was soll aus mir werden? Umkehren? – Zu spät! nie kann mir Margaret verzeihen, was ich an ihr gesündigt!«

Spät in der Nacht erst kehrte er heim. Seine Mutter, die noch weinend über der Bibel wachte, erschrak zum Tod über sein verstörtes Aussehen. Allein ihre besorgten Fragen, ihre ängstlichen Klagen schien der Sohn nicht zu hören, stöhnend warf er sich auf die Bank hinter dem Tisch und legte das Gesicht auf die Arme.

Ein Pochen an das Fenster schreckte die Bäuerin auf. Als sie zitternd den Flügel öffnete, prasselte ein Windstoß in das Zimmer und verlöschte die Lampe, draußen aber sagte ihr Ältester, der Beckenjörg, in einem Ton, den sie lange nicht mehr vernommen: »Mutter, wo ich Euch weh' getan, verzeiht mir, von heute an werde ich ein anderer Mensch, ich bin zur Einsicht 'kommen. Und macht Euch bereit, morgen in der Frühe soll Euch mein Knecht nach Dammsbrück fahren. – Mutter, bringt mir Frau und Kinder mit; Ihr dürft nicht abgehen drüben ohne mein Mariebärble und meine Kinder – habt Ihr's verstanden? Sagt meinen Schwiegerleuten und meinem Mariebärble, ich wollte jede Straf' auf mich nehmen, nur soll mich mein Mariebärble nimmer allein lassen, ich ertrag' das Leben nimmer. Gelt, Ihr tut das, Mutter? Der Herrgott wird's Euch lohnen!«

Karl hatte inzwischen seine Lage nicht verändert, die dringenden Fragen der Bäuerin schien er zu überhören. Als ihn nun aber die Mutter weinend bat, den Umgang mit dem Jockenhannes aufzugeben, die Freierei mit der Lina rückgängig zu machen und sich mit der Herrnbauersmargaret auszusöhnen, da fuhr er, wie aus einem Traum erwachend empor, blickte wild und verstört um sich. »Zu spät!« rang es sich keuchend aus seiner Brust los, damit rannte er aus der Stube.

Der Nordwind heulte um die Giebel, die Dachrinnen rauschten, der Regen prasselte an die dunkeln Fenster des hochragenden, stattlichen Kirchbauernhauses. Der Herr des Hauses wankte fassungslos hinter dreifach verschlossenen Türen im dunkeln Zimmer herum, kalten Todesschweiß auf der Stirn, das geladene Doppelgewehr in der Hand.

»Verloren!« stöhnte Hannes. »Alles verloren! Der Schuster sinnt auf Verrat, der Uhrmacherle ist ein sinnloses Vieh, der Paule ist mir auf der Spur – und nun auch der Schulmeister! Warum habe ich ihn nicht erkauft um jeden Preis? – Verloren! Der heutige Abend ist mein Untergang! – Sah mich der Beckenkarl nicht an, als wolle er mir an die Gurgel fahren? Ist nicht auch der Beckenjörg von mir abgesprungen? – Und was ist das für ein Leben? Warum sind mir jetzt die drei Finger immer kalt wie Eis? Warum durchschauert's mich, so oft ich mein Halstuch binde? Soll ich das Elend ewig mit mir herumschleppen? Warum mache ich nicht ein Ende? –

Aber wenn es nun mit dem Fingerdruck doch nicht aus wäre? Wenn es eine Ewigkeit gäbe? Einen gerechten Gott? – Wenn die Toten aus ihren Gräbern aufstiegen? – Und doch, kann's drüben schlimmer sein? Kann es ärgere Pein geben, als ich sie jetzt schon erdulden muß? Wie? Soll ich auch noch den Menschen in die Hände fallen, meine Feinde über mich jubilieren hören, mich in Gerichten und Gefängnissen langsam zu Tode martern lassen, während mir das drüben dennoch unverkürzt bleibt? Was zaudere ich noch? Was auch kommen mag, schlimmer kann es nicht werden – vorwärts! –

Und soll ich dem Schulmeister den Triumph gönnen, daß er mich auf den ersten Anlauf über den Haufen wirft? Soll ich mir nachreden lassen, ein trauriger Schulmeister habe mich, den Jockenhannes, gründlich überwunden? – Bleibt mir der Schuß nicht immer gewiß? Warum nicht wenigstens erst versuchen, meine Gegner zu demütigen, daß sie ihr Lebtag mit Herzklopfen an den Jockenhannes denken? Und steht es denn überhaupt so schlimm, daß ich feige die Flinte ins Korn werfen müßte? Der Uhrmacherle und der Wagnerspaule, der Schuster auch, die müßten freilich stumm gemacht werden seiner Zeit – warum sollte mir das nicht gelingen? Und jetzt weiß ich auch, was mir so schwer auf dem Gemüt liegt. – Gewissen? Hätte ich nur erst die Mitwisser vom Hals, dann wollt' ich mit dem Gewissen wohl sanft schlafen! – Und warum denn verzagen? Habe ich nicht den Herrnbauer so gut wie sicher? Und die heutige Rede dem Pfarrer in der richtigen Weise hinterbracht – wenn das dem Schulmeister nicht den Hals bricht, dann will ich ein Schulbube werden und nochmal das Abc lernen! Und wenn die Rede des Schulmeisters die Brücke würde, mich ernstlich mit dem Pfarrer zu verbinden? Er ist ein heiliger Mann, niemand leugnet's! – Wenn ich erst Ordnung um mich geschaffen habe, dann mache ich meinen Frieden mit dem Herrgott, der Pfarrer muß meine Sünden wegbeten, und dann will ich ja auch fromm und gut werden, mild und barmherzig!«

Heiße Tränen rollten dem Mann in dunkler Kammer über die Wangen, er hörte nicht, wie der Sturm gespenstisch um das Haus heulte, an Fenstern und Laden rüttelte und den Regen prasselnd auf Gassen und Dächer niederwarf.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Voller Glockenton brauste vom Turm herab in die winterlich öden Gassen des Dorfes und kündete den Bewohnern, daß abermals ein müder Erdenpilger heimgegangen und nun sein letztes Ruhekämmerchen finden solle. Da und dort, an Haus- und Scheunenecken, in Höfen und Durchgängen standen Gruppen von Weibern und Kindern zusammen, ihr leises Geflüster wurde oft durch Weinen unterbrochen. Draußen aber in der Badergasse standen zu beiden Seiten schwarzgekleidete Männer und Frauen, sie erfüllten auch den kleinen Lichtenhof, in dessen Mitte ein schmuckloser braunlackierter Sarg aufgebahrt stand. Eben zog Reinhardt mit seiner Schuljugend, der das Kreuz vorgetragen ward, in den Hof und sang ein Sterbelied, in welches die Frauen ringsum leise weinend einstimmten. Danach hoben die acht Träger den Sarg auf die Schultern, aus der Haustür wankte der weinende Lichtennikele, vom Schulbauer sorglich gestützt; die Herrnbauersanna geleitete das Annedorle, die Schulbäuerin und Herrnbäuerin führten die Kinder. Sie folgten dem langsam dahinschwankenden Sarg, dem die Schuljugend mit dem Kreuz, Pfarrer Walter und Reinhardt vorausschritten, hinter ihnen ordnete sich zwanglos ein langer Zug. Im tiefen Herzen bewegt, wandelte Reinhardt inmitten seiner Kinder durch stille Gassen der Kirche und dem Gottesacker zu. Ein scharfer Wind hatte sich erhoben, pfiff rasselnd durch die blattlosen Baumzweige, klapperte mit den Holzkreuzen, raschelte in den dürren Totenkränzen und trieb die armen Blattleichen im tollen Wirbeltanz über den hartgefrornen Boden. Der kurze Dezembertag neigte sich bereits; eben öffneten sich die grauen Wolken, die den ganzen Tag den Himmel bedeckt, die untergehende Sonne übergoldete mit roten Lichtern den Sarg, der schon über der Grube schwebte und nun mit der Sonne zugleich verschwand. Der Grabgesang der Kinder verhallte, unterdrücktes Schluchzen klang leise nach, dann wurde es still, alle Häupter entblößten sich – Pfarrer Walter stand am Grab.

Der Priesterrock flatterte im Wind, während Walter mit tiefgesenktem Haupte leise betete. Endlich hob er das bleiche Gesicht; die Blicke zum Himmel gerichtet, die gefalteten Hände fest auf die Brust gedrückt, begann er mit lautschallender Stimme: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich hernach aus dem Grabe auferwecken! Amen! – Ob die Tote, deren sterbliche Reste wir soeben der Erde übergeben, in diesem Glauben starb, weiß ich nicht. Meine Erfahrung spricht dagegen. Nicht allein, daß sie, sonst das gewissenhafteste Beichtkind, in letzter Zeit jeden Zuspruch ihres Beichtvaters verschmähte und in diesem sündhaften Trotz nur allzusehr von den Ihren und – sogenannten Freunden bestärkt wurde, sie verlangte auch nicht nach den Gnadenmitteln unserer heiligen Religion, sie ging hinüber in die Ewigkeit, ohne sich durch den Genuß des heiligen Nachtmahls für die letzte große Reise zu bereiten. – Sie ist tot, unsre arme, beklagenswerte Mitschwester, die noch in ihren letzten Tagen ihren Herrn und Heiland in ihrem alten Herzen verriet und kreuzigte! Sie steht vor Gott, und wir können sie nur seinem Erbarmen empfehlen, wir können nur für die arme Seele beten!«

Heftiges Weinen brach gewaltsam hervor, als Walter, augenscheinlich selbst aufs höchste erregt, eine Pause machte und mit dem Taschentuch über Stirn und Augen fuhr. Viele Männer waren bleich geworden, der Bergbauer und Beckenjörg verließen mit hallenden Tritten den Gottesacker, der Beckenkarl lehnte an einem Baum und blickte wirr und wild um sich, der Schulbauer bebte vor Zorn an allen Gliedern, dennoch gab er sich Mühe, den Lichtennikele zu beruhigen, der wie außer sich die Hände rang und leise stöhnte: »Meine Annekunnel! meine gute, gute Annekunnel! womit hast du das verdient!«

Und doch war dies nur ein schwaches Vorspiel gewesen, die eigentliche Strafpredigt kam nun erst. – Das Weinen der Frauen verstummte, ein Flüstern ging durch ihre Reihen, immer weiter zogen sie sich von der trauernden Familie zurück, bald stand der Lichtennikele mit Tochter und Enkeln vereinsamt; nur der Schulbauer, seine Lisbeth, die drei Herrnbauersfrauen hielten noch bei ihm aus. Anders war der Eindruck bei den Männern. Diese Weise, die Toten zu verunglimpfen, war selbst den Gleichgültigen zuviel.

Als nun der Pfarrer nach Beendigung seiner Rede in der Tat ein Gebet für »Abgefallene« abzulesen begann, konnte der Schulbauer nicht länger an sich halten. Festen Schrittes trat er neben Walter an das Grab, streckte ihm seine Hand entgegen und rief mit hallender Bruststimme: »Halt da! – Kein Wort weiter!« Vor den blitzenden Augen des Schulbauern wich der Pfarrer unwillkürlich zurück; erstaunt drängten die Nachbarn heran und schoben ihn noch weiter vom Grab ab. Ehe sich der Geistliche fassen konnte, war er von dem Grab gänzlich abgeschnitten, und der Schulbauer begann zu der atemlos lauschenden Versammlung zu sprechen: »Ihr Nachbarn, ihr seid gewiß mit mir eines Sinnes, daß wir nicht gekommen sind, die selige Anna Kunigunde Winkler vor ihrem offenen Grabe schmähen zu hören. Die letzte Ehre wollten wir ihr erzeigen, indem wir sie zu Grab geleiteten. Ihr alle habt die Selige gekannt; wer ist unter euch, der ihr eine Schlechtigkeit vorwerfen könnte? Fürwahr, die Schläferin da drunten bedarf unsrer Rechtfertigung nicht, ihr Leben selbst zeugt für sie. Wenn ich dennoch für sie eintrete, so geschieht das nur, um der Wahrheit vor allen Menschen zum Recht zu verhelfen. Ja, ich kann's nicht geschehen lassen, daß dein Andenken beschimpft wird, du gute Kunigunde! Ich kenne dich von Jugend auf, lange Jahre lebten und arbeiteten wir zusammen; allezeit habe ich dich treu erfunden in allen Stücken, im großen und kleinen. Freudig bekenn' ich's: niemals war eine bessere Magd, niemals eine bessere Hausfrau auf meinem Hof. Und wie du dich bewährt hast in fremden Diensten, so auch im eignen Haus; wir alle sind Zeugen deiner großen Treue, Liebe und Güte, wir alle wissen, daß die Tränen, die dir dein Nikel, dein Annedorle nachweinen, aus dem Herzen kommen. Und wer ist unter uns, der sich nicht gewundert hätte über die immer gleiche Geduld, mit der du dein schweres Leiden getragen, über die freudige Ergebung in den Willen Gottes, über dein unwandelbares Gottvertrauen? Wer kann vergessen, wie du auch noch im größten leiblichen Elend so liebreich um die Deinen sorgtest? Und um dir volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so bekenne ich, daß du im vollen freudigen Glauben an den Herrn Jesus, den du dein lebelang als dein Heiligtum gehütet hast, auch gestorben bist! – Und so schlafe in Frieden, du müde Erdenpilgerin! Ruhe sanft, ach, dir wird die Erde leicht sein, du glaubensstarke, glaubenstreue Dulderin! Der Friede Gottes, der schon bei Lebzeiten dein Herz erfüllte, wird auch um dein Grab wehen und fortdauernd für dich zeugen. Ja, schlummere in Frieden, treue Seele, dein Andenken wird in unseren Herzen leben und unsre Liebe bleibt dir gewiß. Schlummre sanft im stillen Kämmerlein!«

»Amen – Amen!« schluchzte Nikel. »Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr erleuchte sein Angesicht über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen – in Gottes Namen: Amen!«

Reinhardt hatte längst seinen Chor um sich gesammelt; ehe der Pfarrer dreinfallen konnte, erklang in sanften Akkorden der Schlußgesang.

Tief ergriffen standen Männer und Frauen um das Grab, selbst die härtesten Gemüter waren bewegt; aus manchem Auge sprach die Frage: ist's möglich – der Schulbauer, der sich so unverzagt seiner alten Magd und Hausmannsfrau annahm, dessen Worte so viel christlicher klangen als die des Pfarrers, das soll ein Abgefallener sein? – –

Nur Walter war ungerührt. Ein grenzenloser Zorn kochte in ihm. Die Heiligkeit des Ortes würde ihn nicht abgehalten haben, den Schulbauer zu unterbrechen; allein plötzlich stand der bleiche, verwilderte Beckenkarl neben ihm. Walter erschrak vor den düsteren Blicken des Jünglings. – Er rang mit Macht gegen den »teuflischen« Zauber, der ihm Zunge und Glieder lähmte, allein, ehe er die alte Herrschaft über sich gewann, wendete sich die Versammlung schon zum Gehen. Was nun tun? – Während er noch mit sich selber rang, ging der entscheidende Augenblick vorüber; die dumpf auf den Sarg dröhnende Erde klang ihm wie ein verhängnisvolles: Zu spät! Hastig trat er dem Schulbauer in den Weg. »Wissen Sie, was es bedeutet, einen geweihten Diener der Kirche gewaltsam in Ausübung seines Amtes zu hindern? Sie sollen Ihren Übermut bereuen; heute noch werde ich eine Klage gegen Sie erheben!«

»Weiter wissen Sie nichts?« entgegnete der Schulbauer verächtlich. »Gut, klagen Sie, ersparen Sie mir dann doch noch eine Mühe! Ja, glauben Sie, Herr, ich und der Lichtennikel würden diese offenbare Beschimpfung einer Toten so ruhig hinnehmen? Klagen Sie, lassen Sie mich strafen. Aber wir werden uns dann an einem Ort gegenüberstehen, an dem keine Rücksicht meine Zunge bindet; und ich freue mich darauf, Ihnen vor Gericht meine ganze Herzensmeinung sagen zu können!«

Walter verbarg die Hände in den Falten seiner weiten Ärmel und blickte dem Schulbauer nach. Das Murmeln und Raunen der Umstehenden weckte ihn aus seiner Versunkenheit; den Kopf tief gebeugt schritt er langsam dem Pfarrhofe zu. In seiner Studierstube schloß er sich ein; dort fiel die Maske der Ruhe, Sicherheit und demütigen Siegesgewißheit! Aus dem unfehlbaren Glaubenshelden wurde ein schwacher, von Zweifeln zerrissener Mensch. Oft schon hatte er äußerliche Niederlagen und Demütigungen erlitten – mit jener stolzen Unnahbarkeit, welche seine Freunde bewunderten und seine Gegner fast mehr noch als seine Rücksichtslosigkeit fürchteten. Heute war das anders. Er hatte gezweifelt, geschwankt – darum war er unterlegen! Und schlimm! Auch seine Gegner, seine Freunde selbst mußten seine Niederlage erkannt haben. Wohin sollte das führen? Walter lag vor dem Bilde des Gekreuzigten auf den Knien, er rang im heißen Gebetskampf mit Gott. – Umsonst – die frühere Sicherheit und Klarheit fand er nicht wieder. Den Blick des Schulbauern konnte er nicht vergessen; das verstörte Gesicht des Beckenkarl, seine verwilderten Blicke peinigten ihn. Es lag eine furchtbare Anklage in diesem bleichen, leblosen Gesicht! Es stand zwischen ihm und Gott. – Die ganze Nacht brannte Licht in der Studierstube des unglücklichen Mannes.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Reinhardt hatte von jeher mit besonderer Vorliebe in seiner Schule den Gesang gepflegt. Anfangs waren seine Bemühungen wenig glücklich gewesen, jetzt aber konnte er sich an dem reinen dreistimmigen Gesang seiner Schüler erfreuen. Um nun den Kindern nach sauren Wochen eine Freude, den Eltern einen Genuß zu bereiten, faßte Reinhardt den Plan zu einem Schulfest. Noch andere Gründe bestimmten ihn hierzu. Er hoffte durch solch ein Fest Teilnahme für die Schule überhaupt zu erwecken, vielleicht durch seine Kinder die Herzen der Eltern zu rühren; vor allem wollte er die Gelegenheit benützen, eine Christbescherung für arme Kinder anzuregen.

Mit Eifer ging er an die Ausführung, stieß aber auf vielfache Hindernisse. Zunächst gab Walter die Erlaubnis zu dem Fest nur widerstrebend. Von den Bergheimern selbst wurde die Sache mißtrauisch aufgenommen; eine Sammlung zur Bestreitung der unvermeidlichen Ausgaben fiel so kläglich aus, – Pfarrer Walter, der Jockenhannes und der Herrnbauer verweigerten einträchtig jeden Beitrag! – daß Reinhardt sein Vorhaben aufgegeben haben würde, hätte es nicht der Schulbauer durch einen namhaften Beitrag sichergestellt.

Und so saß er nun, arbeitete einen Vortrag aus, schrieb Einladungen, Programme, Textzettel und Singstimmen, hielt Proben ab und nahm sich kaum Zeit zum Essen. Als er nachmittags die Ordnung des Festsaales nochmals in Augenschein nahm, berichtete der Blümlesschuster, das unablässige Hetzen mache die Musikanten kopfscheu, sie weigerten sich, abends mitzuwirken; der Holsteiner schrie ihn an: »He – was ist das wieder für 'ne neue Mode, den Leuten 's Geld aus der Tasche zu locken? Was, sollen unsre Kinder zu Seiltänzern und Spielern gemacht werden? Oha! meine Kinder sollen Sie einmal nicht zu Narren und Affen machen, das sag' ich! Soll sich eines unterstehen und den Tanzboden betreten, alle Knochen schlage ich ihm zusammen, daß Sie's wissen!«

Fritz hielt gewaltsam an sich; den Holsteiner würdigte er keiner Antwort, dem Blümlesschuster entgegnete er: »
Sie verlassen mich nicht, das weiß ich; Ihren Kameraden sagen Sie, ich würde mein Fest vollenden ohne ihre Hilfe!«

Wie tapfer er sich auch stellte, in seinem Innern sah es anders aus. Mit Zagen sah er dem Abend entgegen, der ihm so leicht verhängnisvoll werden konnte. Es sollte noch schlimmer kommen. Weinende Kinder schlichen zu ihm auf die Stube und berichteten, daß sie abends nicht mitwirken dürften, trotz ihres früher gegebenen Versprechens hatten es die Eltern verboten. Fritz mußte nun von Haus zu Haus laufen, bitten und schöne Worte geben, damit nur das Fest zustande kommen könne. Müde, an allen Gliedern wie zerschlagen, das Herz voll Unmut und Bitterkeit, kehrte er endlich heim.

Eine Befürchtung erfüllte sich nicht; seine Schüler waren lange vor der festgesetzten Stunde fröhlich geschmückt im Schullokal versammelt und harrten mit Ungeduld der Dinge, die da kommen sollten. Als er so viele glänzende Augen voll Liebe und Erwartung auf sich gerichtet sah, da wurde es ihm weit um das Gemüt; alle Not, alle Sorgen versanken.

Jetzt führte Reinhardt sein Häuflein nach dem zum Festsaal bestimmten Tanzboden. Ja – der halbdunkle, kalte Raum, dessen Wände von Eiskristallen schimmerten, sah freilich einem Festort wenig ähnlich, aber er war gedrückt voll Menschen, und immer neue Besucher drängten herein. Die am meisten gescholten und gespottet, nahmen die ersten Plätze ein, selbst der Hannes und sein Schatten, der Wagnerspaule, fehlten nicht; nur der Herrnbauer war konsequent geblieben, er saß wahrscheinlich im unteren Wirtshaus und würgte an seinem Grimm. Da drängte – Fritz traute seinen Augen kaum – durch die Zuschauer auch Pfarrer Walter und nahm auf der vordersten Sitzreihe – neben dem Jockenhannes Platz. Was führte den hierher? Reinhardt sollte nicht lange in Ungewißheit bleiben; während er noch seine Kinderschar ordnete, sagte Walter laut zu seinem Nachbar, dem Schäfersbauer von Ditterswind: »Ich bin gekommen, um durch meine Gegenwart unchristlichen Unfug unmöglich zu machen und dieses sogenannte ›Schulfest‹ auf angemessene Grenzen zurückzuführen!«

Der Hannes und seine Genossen lachten überlaut, Reinhardt biß die Lippen zusammen. Es sollte noch besser kommen. Walter hatte ein Programm erhalten, überlas es flüchtig, runzelte die Stirn, winkte Reinhardt zu sich und begann heftig: »Sie haben hier einen Vortrag auf das Programm gesetzt; was soll das heißen?«

»Ich glaube, das Programm ist verständlich genug!« entgegnete Reinhardt vor Zorn zitternd. »Ich werde eine Ansprache halten!«

»Bah! – solchen Unsinn kann ich natürlich nicht gestatten! Wenn eine Anrede nötig ist, werde ich sie übernehmen. Verstanden?«

»Jawohl! Dagegen erkläre ich: das Programm bleibt, wie es ist! Sie haben von vornherein jede Mitwirkung abgelehnt. Das Schulfest ist meine Sache, hier habe allein ich zu bestimmen, und heute wenigstens sollen Sie mir die Freude nicht verderben. Verstanden?«

Walter blickte ihm starr in die Augen, seine Lippen zuckten, seine Schläfen pochten, und unwillkürlich schlossen sich seine Hände. Doch Reinhardt hielt unbewegt stand, nach einigen Sekunden zog sich Walter leise murmelnd auf seinen Sitz zurück. Atemloses Schweigen lag über der Menge; selbst der Hannes wagte diesmal keine Bemerkung.

Die Gesänge und Deklamationen nahmen ihren Anfang. Die Deklamationen, frisch und fröhlich vorgetragen, gewannen alle Herzen. Auch die Gesänge für gemischten Chor wurden beifällig aufgenommen; das von der ersten Schülerin vorgetragene Rückertsche Gedicht: Des fremden Kindes heil'ger Christ! lockte vielen Frauen die Tränen in die Augen, und Reinhardt begann seinen Vortrag, ohne daß der Pfarrer Einspruch erhoben hätte.

In schlichten, warmen Worten wies er auf das nahe bevorstehende Weihnachtsfest hin, schilderte dann kurz das Glück der Erwachsenen und verweilte etwas länger bei der Weihnachtsseligkeit der Kinder. Dann, an das eben deklamierte Gedicht anknüpfend, erinnerte er an den Jammer der armen Kinder, denen kein Lichterbaum strahlt und keine Gaben winken, ja, denen oft selbst das höchste Gut des Kindes mangelt, die Elternliebe.

»O, ihr Eltern,« fuhr er fort, »denen ein gütiges Geschick einen gesicherten Wohlstand bereitete, laßt eure Herzen rühren durch das Bild jenes armen, verlassenen Kindes, von dem der Dichter uns erzählt! Gedenket im Glück der Not der Kinder, die, mit den euren vereint, hier um mich versammelt sind! Lasset mich nicht vergebens bitten, helfet mir den armen unter diesen meinen lieben Schülern eine Christbescherung bereiten! Ein böser Geist der Zwietracht und des Zornes ist in unserm Dorfe heimisch geworden. Noch hat er in der Kinderwelt nicht Eingang gefunden; aber es ist höchste Zeit, vorzubauen, daß die Stürme, welche in den Herzen der Eltern wüten, nicht auch die Kinderseelen ergreifen! Was – ich frage euch Väter und Mütter! was soll werden, wenn der Zorn und Haß mit den Kindern groß wächst? Noch ist es nicht so weit, noch ist die Jugend unberührt geblieben von den Leidenschaften der Erwachsenen. Ihr Männer von Bergheim: um eurer Kinder, eurer eigenen Zukunft und der des Dorfes willen, höret auf meine Stimme! Vergesset nur einmal, was euch scheidet; stellt die unschuldigen Kinder zwischen euch und reichet euch über ihnen die Hand zum guten, löblichen Werk! Um der Kinder willen vergesset euren Hader, stehet einträchtig zusammen und helfet auf Weihnachten den armen Kindern eine Christfreude bereiten!«

Tief atmend reichte Reinhardt dem ältesten Sohn des Jockenhannes und der Tochter des Bergbauern bekränzte Teller und sagte, kaum imstande, seine Bewegung zu bemeistern: »Gehet hin, meine lieben Kinder, die ihr reich seid und der Gaben nicht bedürfet – gehet hin und sammelt für die Armen unter euren Mitschülern! Lasset euch die Mühe nicht verdrießen, helft mir bei euren Eltern, Verwandten und Nachbarn bitten und mahnen, damit das Wort erfüllet werde: lasset die Kindlein zu mir kommen!«

Der Eindruck dieser Rede war groß, Totenstille herrschte in dem menschengefüllten Saal, nur unterbrochen durch das Schluchzen der Frauen. Auf den vorderen Bänken entstand eine Bewegung! der Beckenkarl, der während des Vortrags bleicher und bleicher geworden war, drängte nach dem Ausgang und verließ den Saal.

Der Jockenhannes und der Wagnerspaule hingegen lachten, daß sie sich den Bauch hielten. »Verrückter Unsinn!« schrie Hannes und schlug klatschend auf sein Bein. »Über das Schimpfen sag' ich nichts, das macht mich lachen; aber daß der Schulmeister mit anderen Leuten ihrem Geld ein Christkindle machen möcht', das ist doch stark! Hm – na, dumm ist der Schulmeister nicht, und wer ihm glaubt, was kümmert's mich. Ich aber will verdammt sein, wenn ich ihm mit meinem Gelde zu seinen Praktiken helfe!«

»'s Geld – freilich, 's Geld!« kicherte der Wagnerspaule ins Ohr des Veitenbauern. »Er wird's freilich brauchen können, der Schulmeister! Man weiß ja – –« den Schluß bildete ein unverständliches Gemurmel. Der Veitenbauer schickte die Rede sofort weiter, und nun wußten natürlich die Wilden, was sie zu tun hatten.

Der Pfarrer stand heftig auf und fuhr auf Reinhardt ein: »Warum teilen Sie mir nicht mit, daß Sie auf eine Christbescherung hinarbeiteten, die ins Werk zu setzen längst mein Lieblingsgedanke ist? Durch Ihren Vortrag haben Sie meinen Plan vollständig zerstört – und so, wie Sie die Sache anfassen, darf ich es nicht geschehen lassen. Schaffen Sie Ruhe, ich werde sogleich noch einen Vortrag halten, um Ihre Verstöße wieder gutzumachen!«

»Daß Sie mit Ihrem Plan zu spät kommen, ist nicht meine Schuld; Sie hätten eben nicht warten sollen, bis ein anderer den Gedanken zur Tat machte. Wie Sie mein Vorhaben beurteilen, ist mir völlig gleichgültig. Sie verdienten wohl eine andere Antwort, doch ziehe ich vor – um der Kinder und Ihrer Feinde willen! – meine Gedanken über Ihr Benehmen für mich zu behalten. Merken Sie sich aber, Sie sind hier mein und der Kinder Gast, und haben gar nichts zu bestimmen! Merken Sie sich das!«

Der Pfarrer schoß einen finsteren Blick über die Versammlung, als wolle er sich überzeugen, ob er wohl von dort her auf Beistand zu rechnen habe. Das Ergebnis mußte wenig befriedigend ausgefallen sein; ohne Entgegnung, den Kopf tief gesenkt, kehrte er auf seinen Platz zurück und spielte gedankenvoll mit seinem Hut.

Die Sammlung war unterdes beendet worden – ein Blick auf die Teller trieb Reinhardt das Blut ins Gesicht, so lächerlich gering war der Ertrag. Auf seine Bitte übernahmen der Berg- und Beckenbauer das Geld – es betrug wenig über sechs Gulden; sie versprachen auch die Christbescherung mit ins Werk setzen zu wollen, und Reinhardt, der seinen Unmut und Kummer kaum mehr verbergen konnte, beeilte sich, das Programm zu Ende zu bringen.

Der Saal wurde von Tischen und Stühlen geräumt, die Kinder durch Bratwürste und Bier erquickt, dann folgte ein Tanz. Reinhardt vernahm viel Lob über das Fest und den Gesang, allein zu Ruhe und Freude sollte er heute einmal nicht kommen. Dem Wirt und Musikanten stachen die gesammelten sechs Gulden in die Augen; von verschiedenen Seiten wurden Fritz Andeutungen gemacht, das Geld vollends zu Bier und Bratwürsten für die Kinder, Musikanten und sich selber zu verwenden. Als Fritz dergleichen Aufforderungen nicht verstehen wollte, kam der Schulz, zog ihn beiseite, drückte ihm ein Geldstück in die Hand und flüsterte ihm zu: »Haben's fein gemacht, 's ist aus der Weis', was Sie für ein verfluchter Kerl sind! Besonders, daß Sie den Pfarrer so abgeputzt haben, hat mir in die Seel' 'nein wohl getan! Da – 'ne Kleinigkeit für Ihre Müh' – nehmen Sie's nur, es ist für Sie! Das mit der Christbescherung war eine fetzen Red', aber es ist ja doch bloß so gered', hihi – bin ich doch auch nicht vergebens um die Großen 'rum, hihihi! weiß schon, was solches Gered' bedeutet! Und nun sein Sie nicht dumm, Herr Schulmeister, lassen Sie Bier und Bratwürste auffahren, Sie haben ja Geld – was da, Christbescherung! Gescheit muß man sein – hihihi!«

Reinhardt hatte stark Lust, dem Schulzen durch eine Ohrfeige zu antworten, besann sich jedoch eines Besseren, betrachtete das Geldstück und sagte so laut, daß sich eine Anzahl Weiber umdrehten: »Jawohl, Herr Schultheiß! Sie haben ganz recht, man darf sich von gemeinen Schuften durchaus nichts einblasen lassen. Seien Sie nur ganz ruhig, Herr Schultheiß, das Geld bleibt unverkürzt den armen Kindern, und ich werde nicht versäumen, Ihnen noch öffentlich zu danken und Ihr Beispiel zur Nachahmung zu empfehlen. Allen Respekt vor Ihnen, Herr Schultheiß! Es ist schön, daß Sie mir noch besonders fünfunddreißig Kreuzer für die armen Kinder in die Hand drückten; solche Großmut hätte ich von Ihnen nicht erwartet. Nochmals meinen herzlichsten Dank, werde nicht verfehlen, Ihre edle Gesinnung bekanntzumachen. Sonst – wie gesagt – seien Sie ruhig; wer mir noch einmal von Bier und Bratwürsten zu reden beginnt, dem werde ich antworten, wie er's verdient!«

Der Schulz riß Maul und Augen auf und verschwand in aller Stille, als sein Lob in allen Ecken von den Tagelöhnersweibern gesungen wurde. Allein Fritz sollte bald spüren, wie gefährlich es ist, einen »Großen« vor den Kopf zu stoßen. Plötzlich kündigten die Musikanten den Gehorsam, der Wirt schoß wie eine Rakete in den Saal, schimpfte und wetterte über den Unfug, gebot Feierabend und begann die Lichter auszublasen. Der Pfarrer unterstützte natürlich den Wirt; aber auch der Schulbauer, der Berg- und der Beckenjörg legten sich ins Mittel. Nach einem heftigen Zank verließ der Pfarrer den Saal, der Wirt zündete schimpfend die Lichter wieder an, die ihm der Schulbauer bezahlt hatte, und auch die Musikanten schlichen wieder herbei. Aber Reinhardt wies sie barsch ab; er selbst und der Schulbauer griffen auf dem Orchester nach den Geigen und spielten, vom Blümlesschuster unterstützt, lustig auf.

Die Lust des kleinen Völkchens war groß, und Reinhardt schaute mit leuchtenden Augen in das Gewühl. Und doch hoben oft tiefe Seufzer seine Brust. Seine liebsten Hoffnungen waren abermals vereitelt. Die Herzen der Eltern waren ungerührt geblieben; statt zur Brücke zu werden, hatte das Schulfest den Abgrund erweitert. Als ihm die Kinder zum Abschied die Hand drückten, wischte er sich heimlich die Augen. –

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Das war ein freudloses Weihnachtsfest für das unglückliche Bergheim. Graue Regenwolken zogen tief und schwer am Himmel dahin, ein heulender West warf den Regen prasselnd auf Dächer und Gassen und verwandelte die grundlosen Wege in reißende Gießbäche. Endlos dehnte sich die Nacht, und kaum hatte eine graue, trostlose Dämmerung sich durch den Wolkenhimmel gekämpft, so senkten sich schon wieder die Schatten des Abends auf Dorf und Flur. Auch auf den Seelen lag eine schwüle Atmosphäre; wie draußen die Finsternis mit dem Licht, so rangen auch in den Gemütern feindliche Mächte.

Die Wilden setzten alle Hebel an, die Christbescherung in der Schule zu stören. Der Schulz – in seiner kindischen Torheit – plauderte seinen Zusammenstoß mit dem Lehrer aus und wurde natürlich nicht wenig verlacht. Es gab auch Männer unter den Wilden, die an solchem zweideutigen Wesen des Dorfoberhauptes ernstliches Ärgernis nahmen. Um diesen übeln Eindruck zu verwischen, steuerten die Häupter eine ansehnliche Summe zusammen und verteilten sie unter ihre Anhänger mit der Bedingung, daß ihre Kinder an der Bescherung in der Schule nicht teilnehmen dürften. So fanden sich kaum drei oder vier Kinder ein, der Schein der Wachslichter schimmerte auf enttäuschten und unmutigen Gesichtern. Die Kinder hofften natürlich, die ganze Bescherung sei allein für sie bestimmt, als nun Reinhardt mit Zustimmung des Becken- und Bergbauern die Geschenke der Weggebliebenen für spätere Zeiten aufbewahrte, erregte das den Neid der Beschenkten – nach kurzem Dank rannten sie heulend nach Hause. »Lassen Sie sich das nicht anfechten, Herr Lehrer! Gut gemeint war es wenigstens, hoffentlich sieht's übers Jahr anders aus!« tröstete der Bergbauer, allein Reinhardt schüttelte traurig den Kopf. Wer mochte übers Jahr an seiner Stelle hier walten? Er dankte fast Gott, als er endlich durch die Rabennacht einsam dahinwanderte, als Regen und Hagel toll und wild auf ihn niederprasselte – das paßte zu seiner Stimmung.

In Sülzdorf kam er zur Armenbescherung. Groß war der Jubel und der Dank; aber aus Annas Augen leuchtete eine schwüle Glut, die Bäuerin saß matt im Lehnstuhl, und der Bauer war merkwürdig zerstreut und vergeßlich. Kaum hatten die Armen die Stube verlassen, da lag, ehe er noch seine Geschenke für Anna und die Patenleute auskramen konnte, das Mädchen an seinem Hals, ganz aufgelöst in Jammer und Tränen; auch die Bäuerin begann laut zu schluchzen, und der Hausherr trommelte finster an die Scheiben, an denen draußen der Regen in Strömen niederrann. »Setz' dich, Fritz!« sagte er auf Reinhardts bestürzte Frage. »Was wir beide lange befürchteten, das ist nun eingetroffen! Der Herrnbauer, mein Schwager, ist zum Jockenhannes übergegangen und hält öffentlich zu ihm!«

Fritz sprang vom Stuhl auf und starrte sprachlos dem Bauer ins Gesicht. »Ja – was guckst du?« fuhr der Bauer fort. »Will das auch dir nicht in den Kopf? O, unsre Ehre! unser guter Name! – Werde heute nach Bergheim berufen – schwant mir gleich ein Unheil! In Bergheim finde ich das Haus in Aufruhr; der Bauer brüllt und wettert, meine Schwester ist halb ohnmächtig, die Margaret stand ihrem Vater entgegen, bleich wie 'ne Leiche, aber ruhig, eiskalt, keine Ader zuckte in ihrem Gesicht, obgleich der Bauer wild genug mit den Fäusten um sie herumfuchtelt. Wie sie mich sieht, bricht sie zusammen und weint. Lange frage ich vergebens, was los ist, endlich brüllt mich der Bauer selber an: ›Meinst, ich verkriech' mich vor dir? Hast mir schon genug Unheil ins Haus gebracht! Aber ich fürcht' mich nicht und heute noch mache ich reinen Tisch. Du betrittst mein Haus nimmer, merk' dir's! Gott's ein Donner auch, ich bin selber Manns genug, in meinen vier Pfählen Ordnung zu halten, und wenn ihr euch allesamt auf den Kopf stellt – ich tu' doch, was ich will und was ich für recht halte. Dem Hannes sein Glauben kümmert mich nichts, es sind mehr' Leut', denen nicht zu trauen ist, und ich muß mir ihren Umgang gefallen lassen. Und wenn mir der Hannes zu meinem Recht hilft, ist er mein Mann, euch und aller Welt zum Trotz. Und wenn mir die Dirne da noch ein Wort in meinen Kram redet, dann hat sie sich's selber zuzuschreiben, fällt's übel aus! Was? Soll ich mir in allen Stücken auf der Nase tanzen lassen? Ich bin der Herrnbauer!‹ Damit rannte er hinaus. – Um was es sich eigentlich handelte, konnt' ich nicht erfahren, die Weiber wußten selber nichts. Nur so viel ist gewiß, daß er mit dem Hannes und dem Schulzen zusammensteckt und mit ihnen oft halbe Tage lang in der Flur herumrennt. War er schon vorher schlimm gegen seine Weiber, so ist er jetzt ein völliger Teufel. Zum Ausbruch kam der Lärm, da er die Margaret nun doch an den Schäfersfrieder zwingen will. Morgen sollte Verspruch sein. Da bäumte sich denn auch das Mädle auf! Zum erstenmal tritt sie dem Vater entgegen; das Kind muß ihn mit Reden scharf getroffen haben, der Alte war ja wie sinnlos; Gott allein weiß, was geschehen wäre ohne meine Dazwischenkunft. Kannst dir denken, daß die Weiber gleich mit mir nach Sülzdorf wollten – mit Not und Mühe brachte ich sie so weit, daß sie wenigstens noch abwarten. – Darauf such' ich den Herrnbauer und finde ihn im Hof bei dem Schäfersbauer. Nicht schlecht fahr' ich auf die beiden los – im Nu ist der Zank fertig! Den Schäfersbauer macht es stutzig, da ich ihm rundweg erkläre: wenn er die Heirat mit der Margaret und seinem Frieder erzwingt, enterbe ich das Mädle, nicht einen roten Heller bekommt sie von mir. Überdem sei ich auch noch da und würde mich um meiner Schwester Kind annehmen; auch die Gewalt eines Vaters habe ihre Grenzen. Der Schäfersbauer geht fluchend davon, und nun kommt der Herrnbauer über mich! Heiliger Gott! Ich habe viel erlebt, solch eine Wut aber habe ich noch nicht gesehen. Mit einer Pflugreute geht er mir zu Leib – mit Not erwehre ich mich seiner; lange dauert's, ehe ich ihm das Eisen entreiße. In der Stube höre ich die Margaret jammern: ›Die Mutter stirbt!‹ Nun steigt mir's auch heiß auf, im Nu liegt der Bauer am Boden und ich knie ihm auf der Brust. Gott im Himmel! ich – meinem leiblichen Schwager! – O, Fritz, das verwinde ich nimmer! Das Röcheln des Bauern bringt mich zu mir selber, ich fahr' empor, helf' ihm auf die Beine, bitte um Verzeihung, er antwortet mir nicht, sein böser Blick – du kennst diesen Blick! – ist seine einzige Entgegnung. So lasse ich ihn laufen, um nach meiner Schwester zu sehen. Ich finde die Weiber gefaßt und ruhig. Unser Zusammenstoß gab ihnen die Besinnung wieder, sie dankten Gott, daß es noch ohne Unglück abgegangen war. Unter Tränen baten sie mich, das Haus zu verlassen, meine Anwesenheit müsse den Bauer nur noch mehr reizen. Wie ich sie nun auch bitte, gleich mit mir nach Sülzdorf zu gehen, meine Schwester und die Margaret bleiben fest – sie sind zum Glück klüger als ich! Nach diesem Zank dürften sie den Vater nicht verlassen, sagten sie; solange es irgend möglich, wollten sie bei ihm aushalten, im allerschlimmsten Fall würden sie in Sülzdorf Zuflucht suchen, eher nicht. So drängten sie mich fast mit Gewalt aus der Stube; ich mußte gehen, mit dem Bewußtsein: statt den Frauen eine Stütze zu werden, hatte ich ihre Lage verschlimmert! Mir war, als sei ich vor den Kopf geschlagen, im Hirn brauste und siedete es! Was hatte ich getan! Wie ich so durch das Heckengäßle taumle, steht plötzlich der Herrnbauer – er muß mich erwartet haben – triefnaß, noch mit dem Schmutz seines Falles an den Kleidern, vor mir, blasend und schnaubend. Lang' kann er nicht zu Wort kommen, Stimme und Atem versagen ihm, wie ein Irrsinniger greift er mit beiden Händen in die leere Luft. Endlich sprudelt und gurgelt er: ›Schmach und Schande über dich! Du hast mich beschimpft, auf meinem eignen Grund und Boden hast du die Hand wider mich erhoben! Unglück und Schande hast du über mein Haus gebracht und nun auch noch die Hand gegen mich erhoben! Wir sind geschieden! Mein Haus und Hof ist für dich nicht mehr auf der Welt; treffe ich dich noch einmal auf meinem Grund, so gibt's kein Erbarmen für dich!‹ – Ich hörte das wie im Traum; mir war die Kehle wie zusammengeschnürt, kein Wort brachte ich über die Zunge. Als ob das ganz in der Ordnung wäre, nicke ich dem verstutzten Herrnbauer zu, dann wende ich mich und gehe langsam wie im Traum nach Sülzdorf. Erst der Jammer meiner Weiber daheim brachte mich zu mir selbst! – Das ist's, Fritz! Gern hätten wir zu dir geschickt, aber wozu? Helfen kannst auch du nicht, hast ohnedies schon genug zu tragen, und das Unglück erfährst du immer noch zu früh! Und wie soll's enden? Arme Kinder, was wird euch bevorstehen?«

Fritz saß regungslos und starrte in das Licht. Er machte keinen Versuch, die weinenden Frauen zu trösten – er hörte ihr Weinen auch nur wie im Traum. »Weine dich aus, Anna!« sagte er aufstehend. »Einen Trost weiß ich nicht! Denke und grüble nicht – hier hilft kein Denken, es verwirrt nur und öffnet der Verzweiflung Tür und Tor. Trage und sei still! – Ich gehe, morgen komme ich! Lebt wohl!«

Der Schulbauer begleitete ihn bis an das Hoftor. »Trage – trage! Freilich gibt es keinen andern Trost, und was bleibt uns zuletzt übrig? – Und doch, meine ich, das Schicksal müsse zu zwingen sein! Ich bin dem Hannes auf der Spur, dem verfluchten Mörder! Die Kreise ziehen sich enger und enger um ihn zusammen! Ich habe den Schurken, aber – es ist zum Verzweifeln – sooft ich auch zugreifen will, springt er ab, und ich muß aufs neue auf die Suche! O Fritz, mein Hirn dreht sich im Kreise, wirre, wilde Gedanken schießen auf! – Halte du den Kopf oben, Fritz! wir brauchen deinen Beistand!«

Der feste, ernste Mann, der das schwerste Schicksal getragen und überwunden, lag an Reinhardts Hals wie gebrochen, sein Atem rang sich schwer aus der Brust empor. Und um Häuser und Scheunen heulte der Sturm, pfiff durch die Spalten der Türen und Tore, trillte die Wetterfahne auf dem Schloßturm und zerzauste das Haar des alten Mannes. Droben am Himmel wogten schwarze Massen dahin, oft schien sich das treibende Wolkenmeer auf die Erde zu senken, Regen sprühte nieder und durchnäßte das Haar des alten Mannes! Sturm und Wetter überall! – War denn alles Licht aus dem Leben genommen?

O nein! Wie strahlten die Fenster des Jockenhauses so hell durch die Nacht, Musik schallte das Dorf herab, im fröhlichen Tanz drehten sich Bursche und Mädchen – recht dem Pfarrer zum Trotz, aus dessen Wohn- und Studierstube das Licht nur in dünnen Streifen durch die Spalten der festgeschlossenen Läden blitzte. Ihr Gelächter übertönte oft noch das Pianoforte. Und der Hannes saß breit unter seinen Genossen, und der Beckenkarl flog in den Armen der Line dahin. – Wie schon einmal wendete sich Fritz schaudernd ab. Hätte er nur wenige Stunden später in die Herzen derer schauen können, deren Glück ihn so erregte! Der Beckenkarl war freilich wie toll und rasend im Arm seiner Braut dahingeflogen; allein seine bleichen Wangen röteten sich nicht, der starre, tote Blick wollte sich nicht beleben. Die Mädchen blickten scheu auf ihn und flüsterten: »Mit dem Karl ist's nicht richtig! Blickt er nicht drein, als wäre um ihn leere Luft und als müsse er in weiter Ferne etwas suchen? Oder – Gott sei bei uns! als sähe er einen Geist?« – Sie hatten recht, die Mädchen. Des Burschen Geist war weit weg, umflatterte ein stilles dunkles Haus, in dem ein armes, verlassenes Mädchen weinte und klagte. Lina war die Zerstreuung ihres Bräutigams nicht entgangen, sie ahnte, wohin seine Gedanken schweiften. Eine Zeitlang hielt sie mit Gewalt an sich; als aber ihre Gespielinnen die Köpfe zusammensteckten, als der Wagnerspaule so giftig-höhnisch lachte, als selbst der Vater den Burschen vergeblich zur Rede stellte, da war es aus mit ihrer Selbstbeherrschung. Glühend, zitternd und weinend vor Zorn erklärte sie dem Erstaunten: sie wisse wohl, was er im Kopf habe; er solle sich nur keinen Zwang auflegen und hinlaufen, wohin ihn seine Gedanken zögen. Sie halte ihn nicht, und seine Geschenke könne er nur auch gleich mitnehmen, vielleicht machten ihm die wo anders gutes Wetter! – Tiefe Stille folgte diesen Worten. Alles blickte erschreckt auf Karl, dessen Augen verwundert umhergingen. Der Wagnerspaule schlug eine kurze, höhnische Lache auf, der Hannes dagegen fuhr fluchend auf seine Tochter ein und kam gerade noch recht, zu verhindern, daß sie in ihrer sinnlosen Wut dem Bräutigam die empfangenen Weihnachtsgeschenke vor die Füße warf.

Karl stand wie aus einem Traum erwacht; langsam strich er sich über die Stirne. Es war nicht das erstemal, daß er seine Braut zornig sah, so wild war sie noch nie gewesen. Als sie ihm die Geschenke vor die Füße werfen wollte, griff er still nach seiner Mütze und verließ langsam das Haus. Der Regen schlug ihm ins Gesicht – er schien es nicht zu bemerken, trotzdem er nach wenigen Schritten bis auf die Haut durchnäßt war, beschleunigte er seinen Gang nicht im mindesten. Tief seufzte er, als er durchs Fenster die Mutter noch über die Bibel gebeugt sah. Leise schlich er ins Haus, auf seine Kammer, setzte sich auf seine Lade und stützte den Kopf in die Hände. Wirre Gedanken kreuzten sich in seinem Hirn. Er dachte an Margaret und an Reinhardt! Wie glücklich, wie reich war er gewesen durch Liebe und Freundschaft! Beides hatte er in sinnloser Wildheit von sich geworfen, um frei zu werden. – Frei wollte er werden im Denken und Handeln, und er war zum Werkzeug eines Mannes geworden, den er verachten und hassen mußte. Je genauer er den Hannes und seine Freunde kennenlernte – und als er erst einmal des Burschen sicher zu sein glaubte, ließ Hannes vor dem künftigen Schwiegersohn allmählich die Maske fallen – desto größer wurde sein Schmerz. Oft war er nahe daran, die Fesseln, die ihn so schmerzlich verwundeten, gewaltsam zu zerreißen, Versöhnung zu suchen mit dem Mädchen, das seinen Verlust – er wußte es ja – nie und nimmer verschmerzte. Aber ein ihm selbst unerklärbares Etwas hielt ihn zurück. Freiwillig hatte er Lina sein Wort gegeben – sollte er dieses Wort brechen? Durch eine neue Untreue sein Glück erkaufen? War das überhaupt zurückzukaufen? – Lange kämpfte er mit sich selbst ohne Entscheidung; jeden Morgen beseufzte er sein Geschick und schleppte die Ketten weiter. Da kam die Rede Reinhardts im Wirtshaus – tief erschüttert wankte er heim; dann die Leichenfeier der Lichtenkunnel – sein Herz klopfte bei der Rede des Schulbauern, das war ihm wie aus der Seele gesprochen! Der Schulbauer, Reinhardt, sie waren frei und selbständig; ohne Menschenfurcht verfochten sie, was sie für wahr erkannt! Und er? – ein Sklave war er eigner und fremder Leidenschaft, ein Werkzeug fremder Pläne und Absichten. Mit dieser Erkenntnis war ein Feuer in ihm aufgebrannt, das nimmer erlosch! Als dann beim Schulfest Reinhardt so herzhaft und unverzagt zu den Bergheimern redete, da übermannte ihn der Schmerz, er mußte den Saal verlassen. Sein Herz drängte nach Versöhnung mit dem Freund, der – er fühlte es – ihm allein helfen konnte. Allein abermals drängte sich ein dunkler Schatten zwischen Wünsche und Entschlüsse. Wenig Beachtung schenkte er den schändlichen Gerüchten, die mit höhnischer Schadenfreude von Hannes und seinen Genossen über Reinhardt verbreitet, jetzt gewannen sie plötzlich eine ernste Bedeutung. Der Schein zum mindesten sprach gegen Reinhardt, seine plötzliche Freundschaft mit Robert, seine häufigen Gänge zu dem Justizrat Stein ließen kaum eine andere Deutung zu, als ihnen Hannes gab. Wie, wenn Reinhardt in der Tat die Welt täuschte, wenn seine Rechtschaffenheit und Bravheit nur ein Mantel war, der sein wahres Wesen verhüllte? – Heute, als Karl am Weihnachtsabend einsam auf seiner Kammer saß, kamen diese Widersprüche mit verdoppelter Gewalt über ihn. Was bedeutete die plötzliche Annäherung des Hannes an den Herrnbauer? Was konnte den stolzen, strengen Hofbauer veranlassen, mit seinem Todfeind in Verbindung zu treten?

Was sollte aus ihm werden? Konnte er auf die Dauer zu dem Hannes stehen, den er verachten, hassen mußte? – Konnte, durfte er ein Mädchen heiraten, in deren Nähe sein Herz zu Eis erstarrte? Wie aber konnte er sich frei machen aus den Fesseln, die er sich in seiner Torheit selbst angeschmiedet? – Frei! – Karl stöhnte. Für ihn gab es keine Freiheit mehr. Schon wurde er von den Nachbarn mit zweifelnden Blicken angesehen, man traute ihm nicht mehr, verlachte ihn, seit er so plötzlich in die ihm gestellten Fallen gegangen war. Brennend heiß quoll es in ihm auf: »In Bergheim ist deine Rolle ausgespielt! Deines Bleibens kann nicht länger sein!« Karl preßte die Stirne an die kalten Scheiben, an welche das Wetter schlug. Also das war das Ende! – Auswandern! – Arme Mutter! Aber – es muß sein!

Nicht bloß der Beckenkarl starrte finster hinaus in die Nacht! Die unerwartete Entfernung des Bräutigams machte der Lust im Kirchbauernhaus ein rasches Ende. Auf der Stirn des Hausherrn kündete ein Wetterleuchten das nahende Gewitter, niemand mochte seinen Losbruch abwarten. Das Jungvolk huschte geräuschlos aus der Tür, der Wagnerspaule gratulierte im Weggehen der Lina, daß sie beizeiten beginne, ihren künftigen Gemahl an ihre Art zu gewöhnen, die alte Base schlüpfte seufzend auf ihre Kammer. Bald standen sich Vater und Tochter allein gegenüber. – Das Gewitter brach los. Zuerst versuchte Lina ihren alten Trotz hervorzukehren, dem Vater die Stirne zu bieten; aber als sie der wilde Mann, dessen Fäuste sich schmerzhaft in ihr Fleisch gruben, auf das Kanapee niederschleuderte, da lähmte ein tödlicher Schrecken ihren trotzigen Mut. Es war durchaus nicht das erstemal, daß sie ihren Vater in solcher Wut sah. Stets hatte sie gelacht; je mehr die Hausleute zitterten, desto lustiger. Nie kehrte ja auch der Vater seinen Zorn gegen sie, in der größten Wildheit nahm er sich gegen die Tochter zusammen. Warum heute nicht mehr? – Hannes war unterdes mit geballten Fäusten auf und ab gerannt; hörbar knirschte er mit den Zähnen. »Fluch und Verdammnis!« brach er los. »Hat sich alles gegen mich verschworen, soll mein Untergang mit Gewalt herbeigeführt werden? Muß mein eigen Fleisch und Blut dazu helfen, mich zu verderben? – Mädle, Mädle!« schrie er und schüttelte die Tochter von neuem: »Du hast Freiheit gehabt in allen Stücken, jeden Wunsch habe ich dir erfüllt; aber Gnade dir Gott, läßt du dir beikommen, meine Wege zu durchkreuzen! Morgen gleich in der Frühe muß die Sache mit dem Beckenkarl in Richtigkeit kommen – verstanden? – Kein Wort dagegen, ich will's, und du tust's! Nimm dich in acht, Mädle! Der Karl muß dein Mann werden, aufs Wollen oder Mögen kommt's hier nicht an, er muß – verstanden? Richte dich danach, leg' deiner Wildheit Zaum und Zügel an, schlimm für dich, müßt' ich's tun – und es geschieht, kommt nochmals solch eine Geschichte vor. Nimm dich in acht – 's geht an Leib und Leben, da gelten keine Rücksichten mehr!«

Er nahm eines der Lichter und schlich aus der Stube. Lina saß aufrecht und blickte ihm mit großen Augen nach. Sie empfand nicht den Schmerz der blutunterlaufenen Druckflecken an ihren Armen, sie hatte nur einen Gedanken: was bedeutet das? Erst wild wie ein Stier, schleicht der Vater jetzt auf seine Kammer wie ein gebrochener, alter Mann. Lina blickte lange und starr ins Licht, allmählich wich aus ihrem Gesicht alles Blut; erdfahl, ein Bild des Schreckens, der Verzweiflung saß sie da, dunkle Geschichten aus ihrer Kindheit kamen ihr ins Gedächtnis, sie erinnerte sich, was die Leute ihrem Vater nachredeten; sein geheimnisvolles Treiben brachte sie mit jenen Gerüchten in Verbindung, sein Leben, sein Umgang, seine letzten Worte – plötzlich vergrub das stolze, wilde Mädchen ihr Gesicht in die Kissen des Sofas, um einen lauten Schrei der Verzweiflung zu ersticken! – Lange nach Mitternacht fand sie die Base schluchzend und weinend in der kalten Stube; erst nach langem Zureden ließ sich das in Tränen aufgelöste Mädchen zu Bett bringen; allein wie die Alte auch bitten und drängen mochte, kein Wort kam über ihre Lippen.

Hinter seinen, heute mit doppelt ängstlicher Vorsicht dreifach verschlossnen Türen wandelte Hannes ruhlos auf und ab. Abermals waren die Gespenster seiner Vergangenheit erwacht und ängsteten ihn mit den Schreckbildern eines nahen Verhängnisses. Ja, das Gebäude von Lug und Trug, das ihn bisher geborgen, krachte und wankte in allen Ecken! Der Herrnbauer und Ungerskasper waren ja freilich gewonnen, allein dieser Erfolg legte ihm selbst neue Fesseln an und gab dem Wagnerspaule, den er hassen und fürchten mußte, neue Gewalt über ihn. Des Lehrers Ruf war freilich durch die ausgestreuten Gerüchte arg geschädigt, aber was nützte das, wenn nicht bald ein Hauptschlag den Lehrer völlig zu Boden warf, ihm die Möglichkeit nahm, sich zu rechtfertigen? Und was hatte er durch den Untergang des Lehrers gewonnen, so lange ihm der Schulbauer gegenüberstand? Der Uhrmacherle wurde täglich liederlicher, selten sah man ihn noch nüchtern; wenn er sich trotzdem bis heute im Vertrauen des Pfarrers erhalten, so konnte das nicht mehr lange dauern. Verstieß aber Walter den Verkommenen, dann war er völlig verloren. Wie lange konnte dann sein Geheimnis noch bewahrt werden, das auf der Zunge eines wahnsinnigen Säufers lag? Auch der Simesschuster ängstete ihn. Der Mensch war so still geworden, floh die Menschen, schloß sich in seine Stube oder irrte einsam durch die Flur. Mit welchen Vorsätzen trug er sich? Wie stand er endlich mit dem Wagnerspaule? Wußte der schlaue Heimtücker um den Mord in Einzelberg? – Und wenn nicht, was lag daran? War er nicht dennoch hilflos in die Hände des unersättlichen Blutsaugers gegeben, dessen Übermut und Hohn täglich unerträglicher wurden? Hannes rang die Hände. Wie sollte das enden? Sein Vermögen schmolz furchtbar zusammen, seitdem ihn die Rücksichten zwangen, seinen Wucher aufzugeben. Womit sollte er Paule und den Uhrmacherle auf die Dauer befriedigen, da sich trotz aller Arbeit und Mühe noch nicht die geringste Aussicht zeigte, das Gemeindevermögen in seine Gewalt zu bekommen? Wurden nicht seine Anhänger täglich schwieriger und unfügsamer? Zeigte ihm nicht der Abfall des Beckenbauern, das störrige Wesen des Beckenkarl, was er zu erwarten hatte, kam es zum Hauptschlag? Und doch war das alles noch nicht das Schlimmste, sein gefährlichster Feind war und blieb der Schulbauer. Spürte der nicht allen seinen Schritten nach? Warum nahm er den Bundorfer Schäfer in seine Dienste, den er doch gar nicht brauchte? Warum forschte er so unablässig danach, wo sich der Uhrmacherle an jenem Unglückstage herumgetrieben?

Hannes gab das Sinnen und Grübeln auf. Heute griff er nicht nach dem Gewehr; das blieb ihm ja immer als letztes Mittel. Auch die Gedanken an eine gerechte Vergeltung, an Gott und Ewigkeit wies er trotzig ab. Er hatte einmal versucht zu beten – damit war es nichts, und Hannes war nicht der Mann, der sich vergebens plagte. Deswegen hatte er den Vorsatz, sich mit Gott auszusöhnen, – wenn es am Ende doch einen gab – nicht aufgegeben. Dazu aber mußte ihm der Pfarrer helfen – und die Zeit war noch nicht gekommen. Viel mußte noch geschehen, ehe er daran denken durfte! Erst galt es, auf Erden sicher stehen, dann konnte man ja auch an den Himmel denken.

Hannes kam in dieser Weihnacht nicht ins Bett. Er lehnte am Fenster und starrte hinaus in die Finsternis. Stunde nach Stunde verkündete die Schlaguhr an der Wand; der Nachtwächter begann sein Amt und dankte ab, das Licht war lange tief in den Leuchter hineingebrannt und zischend erloschen – und noch immer stand Hannes am Fenster; wilde, düstere, blutige Gedanken arbeiteten in seinem Hirn. –

Lichtlos gingen die Feiertage vorüber. Die Wolken schwanden nicht, der Regen prasselte fort, auch das neue Jahr brachte neue Stürme; der reinigende, klärende Frost, mit fast schmerzlicher Ungeduld herbeigesehnt, blieb aus. –

Die Aufregung, welche sich sogleich in den ersten Tagen des neuen Jahres der Gemüter bemächtigte und das ganze Dorf wieder in Bewegung brachte, ging nicht vom Pfarrer Walter aus, obgleich er den Mittelpunkt des Streites bildete. – Lange vor Beginn des Konfirmandenunterrichtes hatten der Jockenhannes und der Wagnerspaule dagegen geeifert, Walter den Religionsunterricht zu übertragen. »In Grund und Boden verdirbt er die Kinder durch seine Lehre, durch die Bibelsprüche und Liederverse, die er auswendiglernen läßt!« lärmten sie, und diesmal blieben ihre Worte selbst bei den Frommen nicht ohne Eindruck, da allerdings aus Walters früherer Pfarrei sehr bedenkliche Klagen gerade über seinen Konfirmandenunterricht laut geworden waren. Lärmend beschlossen die Wilden im Wirtshaus, ihre Kinder in Schottendorf oder Einfelten konfirmieren zu lassen. Die Frommen hielten das natürlich für leeres Geschrei, die Wilden mochten es selbst nicht allzu ernstlich meinen. Der Bergbauer sagte gar nichts, ging dafür in desto tieferen Gedanken herum. Dennoch trat eine große Spannung ein, als der Tag zur Anmeldung der Konfirmanden heranrückte! – unstreitig war es ein folgenschwerer Schritt, machten diesmal die Wilden ihr Wort wahr. Doch hatte es nicht das Ansehen, die Wilden waren mäuschenstill, niemand rührte an die heikle Sache. Da durchlief eine sonderbare Mär das Dorf. Der Bergbauer solle beim Pfarrer gewesen sein, sich nach der Weise seines Unterrichtes zu erkundigen; natürlich habe Walter den unberufenen Frager derb ablaufen lassen. Der Bergbauer jedoch habe, ohne sich auf weitere Verhandlungen einzulassen, seine Tochter beim Schottendorfer Superintendent zum Konfirmationsunterricht angemeldet. Nun trat auch der Kriegsrat der Wilden zusammen; an die treuesten Anhänger des Hannes wurde der Befehl ausgegeben, die Anmeldung bis auf weitere Anordnung zu unterlassen. Pfarrer Walter war außer sich, als ihm fast ein Drittel seiner Konfirmanden fehlte; er zürnte, schalt, drohte. Groß war die Aufregung unter Wilden und Frommen – was wird der Pfarrer tun?

Schon darüber schüttelten ernste und strenge Leute den Kopf, daß Walter bei den Wilden Besuche machte und sich aufs Bitten legte. Das Erstaunen wurde aber zum Schrecken, als Walter den Jockenhannes aufsuchte, dort mit dem Wagnerspaule, Schulzen und Veitenbauer eine Beratung abhielt, in deren Folge die Wilden ihre Kinder ungesäumt beim Pfarrer anmeldeten. Damit hatte der Streit sein Ende gefunden, die Wilden schickten ihre Kinder in die Pfarrschule, und der Geistliche hatte scheinbar einen vollständigen Sieg errungen. Scheinbar! In Wahrheit war er gänzlich geschlagen! – Was war das? Der Bergbauer, einer der ersten Männer in der Gemeinde, bis vor kurzem der eifrigste Anhänger des Pfarrers, schickte nach einer Verhandlung mit dem Pfarrer sein Mädchen nach Schottendorf in die Pfarrschule, und Walter ließ das geschehen? Dagegen den Wilden, die doch nur aus Trotz, um ihm einen Streich zu spielen, ihre Kinder von der Pfarrschule fernhielten, denen lief er zu Gefallen? Menschen, die nach seinen eigenen Worten längst mit Leib und Seele der Hölle verfallen waren, mit denen verhandelte er? Sogar des Jockenhannes Beistand rief er an? Des Mannes Hilfe nahm er in Anspruch, den er öffentlich verflucht und verdammt hatte? Waren etwa der Hannes und die Wilden umgekehrt? Nun, stiller waren sie geworden; man merkte, sie schonten, nahmen Rücksichten, wollten da und dort nicht anstoßen und den Herrnbauer, Ungerskasper, den Pfarrei selbst nicht zu Gewaltschritten drängen. Sonst aber trieben sie freilich ungescheut das alte Wesen fort. Wie sollte man sich nun das Verhalten des Pfarrers erklären? War es Furcht vor den Wilden, was ihn zu solch schimpflicher Nachgiebigkeit bewog? War es etwas anderes, Schlimmeres? – Das Gefühl sträubte sich gegen solche Annahme, und doch war die Befürchtung nicht abzuweisen. Wohl wurden Stimmen laut, die darauf hinwiesen, wie er auch bei dem Bergbauer nichts unversucht gelassen, wie aber all sein Bemühen an dem starren Sinn des Bauern gescheitert sei. – Und das war es nicht allein, was die Gemüter ängstete. Schon vorher hatte der Abfall des Bergbauern Aufsehen erregt, allein die zugleich erfolgende Scheidung des Beckenbauern von den Wilden machte diesen Schritt minder auffallend. Nun aber kam die Annäherung des Herrnbauern und Ungerskasper an den Jockenhannes, und so laut sie auch versichern mochten, daß sie, was den Glauben betreffe, dem Hannes so feindlich gegenüberständen denn je, niemand glaubte daran, um so weniger, als unter den vernünftigen Bergheimern früher schon im stillen die Vermutung ausgesprochen worden war, der übermäßige Eifer des Herrnbauern für die Religion möge wohl weniger in Glaubenstreue als im persönlichen Haß seinen Grund haben. Und nun dennoch diese Annäherung? Wie sollte man sie erklären? Was immerhin den Herrnbauern bewogen haben mochte, sich mit Hannes einzulassen, es blieb eine Ungeheuerlichkeit. War sein Haß gegen den Hannes grundlos, oder hatte er ihn nur geheuchelt? War seine vielgerühmte Frömmigkeit von jeher nur Schein und äußerliches Wesen, oder gedachte er dadurch nur persönliche Interessen zu fördern? So grübelten nicht allein die Frommen; die Wilden waren nicht minder bestürzt. – Das gärte in den Gemütern; die ohnedies verwilderten Gemüter verbitterten völlig, gegenseitiges Mißtrauen vernichtete die letzten Bande gemütlicher Teilnahme, die bisher noch die Nachbarn verbunden hatten. Um das Unglück voll zu machen, wurden nun auch die Frauen von der Bewegung ergriffen, und ihre leidenschaftliche Heftigkeit riß die Männer vollends in den wildesten Strudel.

Und Reinhardt, der Schulbauer und ihre Freunde? Den Schulbauer hatte sein häuslicher Jammer völlig übernommen; der Bergbauer, Beckenjörg und Lichtennikele standen zögernd, unentschlossen von ferne, und auch Reinhardt war nicht mehr der alte. Der Kummer um seine Lieben drückte ihn nieder, zugleich ängstete ihn jenes unheilvolle Etwas, das nicht weichen wollte und seinen Horizont verdüsterte, ohne doch Gestalt und Farbe zu gewinnen. Freilich – nur für ihn hüllte es sich in den Schleier des Geheimnisses, im Dorf selbst gewann das Gerücht täglich größere Bestimmtheit. Warum war er auch fast täglich mit dem Sülzdorfer Lehrer zusammen? Was hatte Reinhardt so eifrig mit dem Justizrat Stein zu verhandeln? Zu welchem Zweck kündigte er auf der städtischen Sparkasse solch bedeutendes Kapital? – Vor allem aber, war er nicht vom Wagnerspaule und Jockenhannes mit der Dirne, die so plötzlich Schottendorf verlassen mußte, in der Stadt zusammengesehen worden? Reinhardts beharrliches Schweigen über die Sache war ein weiteres Argument seiner Gegner. War zu glauben, daß er in der Tat noch nichts von dem Gerücht wußte? War es möglich, daß er die feinen und groben Anspielungen, die es von allen Seiten regnete, wirklich nicht verstand? O, der Reinhardt war ein Fuchs, ein Hauptspitzbube, so rechnete man, hier zeigte sich das schlagend. Dumm stellte er sich, bis die Sache mit Geld zugedeckt war, dann lachte er sich ins Fäustchen, wer darf ihm dann etwas vorwerfen?

Zu verwundern war, daß auch den Herrnbauers- und Schulbauersleuten, daß vor allem Anna all diese Gerüchte fremd blieben. Hielt die Teilnahme mit den ohnedies schwer genug heimgesuchten Familien die Zungen im Zaum? Sorgten Hannes und Genossen wohl selbst dafür, daß die Gerüchte nicht allzu offenbar wurden, vorzeitig die Betreffenden erreichten und eine Enthüllung herbeiführten? Genug, während die Verleumdung auf Fledermausfittichen von Haus zu Haus huschte und sich auch schon in benachbarte Orte verirrte, ahnten die am meisten Beteiligten – Reinhardt ausgenommen – nichts von dem neuen Wetter, das gegen sie heraufstieg.

Achtundzwanzigstes Kapitel

In Schottendorf war heute außerordentlich reges Treiben; auf dem kleinen Marktplatz vor der Kirche erhoben sich acht bis zehn Bretterbuden, ausgestattet mit all jenen Herrlichkeiten, die das Herz der lieben Jugend, aber auch der Bauernburschen und Bauernmädchen schneller schlagen lassen – buntem Trödelkram und schrecklichem Zuckergebäck. Auch den wirklichen Bedürfnissen des Lebens versuchten einige Buden Rechnung zu tragen, dies gelang aber nur unvollkommen. Eine Leipziger Messe war der Schottendorfer Lichtmeßmarkt nicht; zu haben war da nicht viel, Bier und Prügel etwa abgerechnet, desto bequemere Gelegenheit bot sich dem Jungvolk, seine Ersparnisse in den Trödel- und Zuckerbuden, in Wirtshäusern und Tanzböden loszuwerden. Der Handel lockte wenig Menschen nach Schottendorf, dennoch waren die Märkte zahlreich besucht, sie galten als beliebtes Stelldichein für die ganze Umgegend; alt und jung traf sich hier, Freundschaften wurden erneut, Bekanntschaften gemacht, und manche Ehe war nicht im Himmel, sondern in Schottendorf geschlossen worden. So drängte sich auch heute trotz des schlechten Wetters und des unergründlichen Schmutzes auf Markt und Gassen eine lustige, geputzte Menge um die wenigen Buden, in den Wirtsstuben war fast kein Platz mehr zu bekommen, und von den Tanzböden schmetterte lustige Musik herab.

Es war noch ziemlich früh am Abend, das eigentliche Vergnügen begann erst, viele, besonders jugendliche Marktgänger strömten aus den umliegenden Ortschaften herbei, neben tüchtigen Eichenstöcken vorsorglich auch mit Laternen bewaffnet, als zwei Männer, unbekümmert um das lustige Treiben in Gassen und Häusern, das Städtchen bereits wieder verließen. In dem hohen Kirchhoftor neben dem Gottesackerkirchlein, das einigermaßen Schutz vor dem heulenden Westwind gewährte, versuchte der Jockenhannes – das war der eine der Wanderer – mit Schwefelhölzern eine Zigarre zu entzünden, was ihm trotz aller Mühe nicht gelang. Sein Begleiter, eine erschreckend magere, kleine Gestalt mit einem wahren Totenkopf statt des Gesichtes, der Altenhäuser Fuchsmüller, stand indes auf der Straße, und ein spöttisches Lachen zog seinen zahnlosen Mund fast bis an die Ohren auseinander. Sein altmodischer, mausgrauer Rock mit unvernünftig kurzer Taille und endlosen, bis an die Knöchel reichenden Schößen flatterte im Wind und ließ ein Paar einstmals gelb gewesene, glanzige Lederhosen, darunter schwarze Strümpfe und kurzschäftige, plumpe, arg bespritzte Stiefeln sehen. Auf der Brust wurde der Rock durch den Riemen eines dick vollgestopften Büchsenranzens zusammengehalten, und unter der schäbigen, fast haarlosen Pelzmütze mit weit abstehendem Schild quollen verwirrte weißgraue Haare in langen Strähnen hervor. Als der Hannes fluchend sein Vorhaben aufgab, lachte der Fuchsmüller: »Das kommt von dem vornehmen Wesen, Hannes! Ich bin bei meinem alten Feuerzeug 'blieben und steh' mich gut dabei. Je ärger Wind und Wetter, desto leichter wird's! Sieh!« Dabei strich er mit einem Feuerstahl über einen gewöhnlichen Kieselstein und reichte Hannes ein Stück glimmenden Schwammes.

Hannes setzte seine Zigarre in Brand, dabei musterten seine Augen den Alten von oben bis unten; als er dann den Kieselstein zurückgab, meinte er kopfschüttelnd: »Ja, du bist das leibhaftige Altertum geblieben! Hm – na, ein jeder nach seiner Art, aber alles mit Maß und Ziel. Wer dich so daherkommen sieht, der glaubt's nicht, daß die schönste Mühle im Werthagrund dir schuldenfrei zugehört und obendrein im Sekretär ein ganz Fächle voll Papieren liegt!«

»Wozu auch?« lachte der Müller und verzog den Mund. »Dafür schwört auch jedermann, der dir begegnet, du wärest gewiß ein schwerer Bauer! – wenn er dich nicht kennt. Siehst du, da gleicht sich's aus!«

Hannes hob den Kopf. »Und was soll das heißen?«

»Nichts! Ist eben ein Vergleich!«

»Aber ein dummer, ein erbärmlich dummer!« schrie Hannes. »Habe wahrlich schon gescheitere von dir gehört!«

»Glaub's, glaub's! 's kommt eben drauf an, mit wem man's zu tun hat!«

Hannes zerbiß seine Zigarre; als jedoch der Müller nicht tat, als bemerke er seinen Unmut, begann er, als sei nichts vorgefallen: »Geschäfte?«

»In dem Nest? – Wenn ich Geschäfte machen will, bleibe ich daheim.«

»Wirst doch noch laufen müssen; die Brummochsen wollen dir ihr Getreid' nimmer geben, weil du an nichts glaubst!«

»Hab's gemerkt! Hat heute der Herrnbauer ein ganzes Fuder in die Totenmühle gefahren. Haha – da ist freilich frommes Korn und gottesfürchtiger Weizen am rechten Fleck!«

Hannes wollte sich ausschütten vor Lachen über diesen »Hauptwitz«. Danach brannte er seine Pfeife am Stummel des Alten an und meinte ganz wie zufällig: »Hätt' auch noch einen Vorrat Weizen!«

»Ist brändig und lag im Wetter. Wieviel?«

»Daß dich der Teufel!« fuhr Hannes auf, besann sich jedoch und fuhr fort: »Ein Simmerner fünfundzwanzig, können auch dreißig sein!«

»Wie hoch?«

Hannes kaute an seiner Zigarre und redete mancherlei von schlechten Zeiten, Hauskreuz und Ochsenkauf.

»Mach's kurz!« lachte der Müller. »Dich brennt's auf die Nähte, brauchst bar Geld, und das gleich –«

»Kreuzmillion!« schrie Hannes wieder. »Ich, der Jokkenhannes –«

»Brüll' doch nicht so unvernünftig! Wenn dir meine Art nicht gefällt, was hängst dich an mich? Meinst, der Fuchsmüller ist in Altenhausen von der Welt abgesperrt? So alt ich bin, habe ich noch gute Augen, und wenn ich so nachts wachen muß, hör' ich manchen Hund heulen. Weiß lang, daß deine Geldbrünnle ausgeblieben sind, und daß dir deine Blutigel das Herzblut aussaugen! Dreihalbezwanzig Batzen fürs Viertel – keinen roten Heller mehr. Willst du, liegt das Geld bereit, sobald du die Frucht bringst!«

Hannes wurde rot und bleich und griff mit den Händen in die Luft. Sein Begleiter jedoch qualmte ruhig fort, und so lachte Hannes endlich gezwungen auf: »Was du nicht weißt! bist ein verfluchter Kerl! Aber ist's zu verwundern? Ihr Müller seid ja als Hauptspitzbuben bekannt! Ist schad' drum, daß ich nicht mehr um dich sein konnte, wär' am Ende noch ein andrer Kerl geworden!«

»Was denn? Vielleicht ein ehrlicher? Weil du unter den dummbraven Bergheimer Schöpfen ein Spitzbub' worden bist! – Übrigens, so ganz unrecht hast du nicht, deine grausame Dummheit hat mich schon mehr denn einmal gejammert!«

»Oho – mach' dich nur nicht gar so groß! Ha, Himmelsakrament auch, was ist das für 'ne Art? Geht man so mit seinen Freunden um?«

»Ich wüßt' mich nicht zu erinnern, daß ich dich jemals dazu gerechnet hätte –«

»So?« schrie Hannes im hellen Zorn. »Will's da hinaus? O du neunhäutiger Heimtücker! – Aber lotweise soll mich der Teufel holen, wenn ich dir jemals über den Weg getraut. Bloß und blank auf des Wagnerspaules Zureden hab' ich mich an dich gemacht!«

»Hab' ich's doch gedacht, daß von dir die Geschichte nicht ausging!« rief der Müller und lachte, daß er fast erstickte. »Der Wagnerspaule, ja, der Wagnerspaule, das ist einer – zehnmal steckt er dich in den Sack und tut dich wieder 'raus, und du merkst's gar nicht!«

»Schon gut, ich streite nicht – kein Tag ist vor dem Abend zu loben!« giftete Hannes. »Wer zuletzt lacht –«

»Du,« unterbrach ihn der Müller, »mach' dir keine dummen Gedanken! Dem kommst du nur mit Gewaltstreichen bei, und ich dächte, daran hättest du genug!«

»Was? Wie? Was heißt das? Blitz und Hagel! ich will dir das Lästern vertreiben!«

»Du? Was willst du machen, mich verklagen? hahaha!«

Hannes knirschte mit den Zähnen. »Verdammt! Ist's ein Wunder, wenn die ganze Welt über einen 'reinfällt, da einen auch die verlassen, die zu einem stehen müßten! Verdammt auch!«

»Dein Fluchen ändert gar nichts! Wer hat dich geheißen, an mir einen Rückhalt suchen? Ich nicht!«

»O! Also dachtest du uns zu benützen? Durch uns deine Absichten durchzusetzen?«

»Und wenn, dürftest du mich darum schelten?«

»Schon gut! Gift und Pestilenz auch! Aber es ist gut, daß ich das weiß. Merk's: mit der Schulzenmarie ist es aus, die Gedanken auf das Mädle laß dir vergehen!«

Wieder lachte der Fuchsmüller hell hinaus und brachte dadurch den Hannes völlig aus der Fassung. Als er wieder zu Atem kam, sagte er: »Hannes, du hast wahrlich Unglück! Ja, ja, es gab eine Zeit, da sich der alte Wolf in mir regte, da ich mein Alter vergaß und meinte, solch jung' frisch Mädle wär' kein übler Bissen – pfui Teufel! – Aber eh' mir der Wolf wirklich ins Gehirn stieg, faßte ich ihn ab und legte ihn an die Kette. Ist das nicht mein Verdienst! Im Gegenteil! O, euer Geschwätz hatte mich alten Narren völlig verrückt gemacht, ich war scharf dran, den dümmsten Streich meines Lebens ins Werk zu setzen. Einem einfältigen, blutjungen Ding von Mädle verdanke ich's, daß es so weit doch nicht kam. Ja, ja – reiß nur die Augen auf – es ist so, die Schulzenmarie selber hat eure Praktiken durchkreuzt und groß' Unheil verhütet. Hätte sie sich wild und ungebärdig gestellt, mit Heulen und Schreien meinen Antrag abgewiesen – wer kann sagen, was geschehen wäre? Widerstand erregt mein Geblüt; aber daß sich das arme Wurm von Mädle so still in ihr Unglück fügte, bei aller Traurigkeit mir weder durch ein Wort noch durch einen Blick zürnte – Tausendmillion! – Das verstutzte mich, war das Heuchelei oder sonst was? Grad' auf den Kopf frage ich sie, wie sie den Gedanken ertragen könne, mich zum Manne zu kriegen; darauf sah sie mich groß an, wurde rot und bleich und meinte: ›Warum nicht? Mein Glück ist einmal dahin, und seit mich der Schäfersfrieder so leicht vergessen hat, ist's da drin in meinem Herzen tot. Schlimmer wie daheim kann ich's nirgends kriegen, und daß Ihr alt seid, ist mir noch obendrein ein Trost. Ihr werdet von mir nicht verlangen, was ich nicht geben kann. Ehren und pflegen will ich Euch wie eine Tochter, und wenn Ihr mir dafür manchmal ein gutes Wort gönnt, mehr will ich nicht.‹ – So hatte ich freilich nicht gerechnet. Ich wagte nicht, sie anzublicken; so war ich noch nie geschlagen worden, noch dazu von solch jungem Ding! Nun ging mir ein groß' Licht auf, und zur Strafe für mich selbst legte ich mir auf, nun grade dem Mädle zu ihrem Glück zu verhelfen, aller Welt zum Trotz sie zur Schäferbäuerin zu machen!«

»Ha, Himmelsakrament! So steht's? Also darum dein Hinhalten? Darum dein heimlich' Wesen?« schrie Hannes und schlug mit den Fäusten durch die Luft. »Aber holla, Müller! Magst du zehnmal Fuchsmüller heißen, ein Fuchs bist du nicht! Ein Schleicher und Heimtücker bist du, daneben aber ein dummer Teufel! Meinst du wirklich, wir werden uns von dir mit sichtlichen Augen solche Nase drehen lassen? – Oha! –«

»Man soll auf der Welt nichts verreden, Hannes!« kicherte der Alte. »Grad' weil ich Beistand brauche, redete ich mit dir! Du selber sollst mir helfen, meinen Willen durchzusetzen!«

Hannes sprang unwillkürlich zur Seite und starrte mit solchem Ausdruck des Entsetzens auf den Müller, daß dieser in ein neues Gelächter ausbrach. »Meinst, ich sei verrückt? Beruhige dich, Hannes, meine Gedanken sind so klar wie nur je; und was ich da rede, ist mir bitterer Ernst!«

Hannes hatte sich gefaßt, er ärgerte sich über seinen Schrecken, und nun kam auch seine Wut zum Ausbruch. Unter den greulichsten Flüchen verschwor er sich hoch und teuer, er werde dem Müller seine Schlechtigkeit heimzahlen.

Der Müller ließ ihn austoben, endlich sagte er: »Halte einmal an, Hannes, hören und Sehen vergeht einem bei deinem Gebrüll. Höre mich. Ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, die Schulzenmarie soll Schäfersbäuerin werden; und was ich mir vorgenommen, davon laß ich nicht. Dir mag es ungelegen kommen, das ist aber nicht zu ändern. Sieh, Hannes, ich weiß von dir und deinem Leben mehr, als dir lieb sein kann. Wenn ich mich heute zu deinen Feinden schlage, bist du morgen ein toter Mann. Aber es verlangt mir nicht danach, in fremdem Schmutz zu wühlen, überdem bist du von Feinden umstellt und wirst dich nimmer lange wehren.«

Hannes war erdfahl im Gesicht geworden, seine Augen starrten gläsern, ein Zittern ging durch seine Glieder; um nicht zusammenzubrechen, mußte er sich an einen Chausseebaum lehnen. Plötzlich schien er sich zu besinnen, sein Gesicht belebte sich, jede Muskel zuckte und arbeitete, ein wildes Feuer brannte in den Augen auf. In ein helles Gelächter ausbrechend, schrie er: »Ho, ho – Müller, Müller, diesmal bist du doch auf dem Holzweg! Sag' dir, Müller, besser haben meine Sachen nie gestanden, nie war ich mehr obendrauf als eben jetzt. Holla! – was? Hab' ich nicht den Herrnbauer und Ungersbauer niedergelegt? Ist nicht auch der Pfaff morsch entzweigebrochen? Steht nicht auch dem Schulmeister – dem Hund! – das Messer an der Kehle? – Hoho, Müller, ganz so dumm, wie du ihn machst, ist der Jockenhannes doch nicht, und paß nur auf, seine Zeit kommt erst!«

»Seine Zeit! – ja, ich meine, die ist schon da!« sagte der Fuchsmüller und steckte seine Pfeife ein. »Hannes, um dich steht's noch schlimmer, als ich dachte. – Wer fallen soll, wird blind! – Wahr ist's: der Herrnbauer und der Ungerskasper sind in deiner Gewalt; wahr ist's auch, den Pfarrer hast du morsch über den Wurzeln weggebrochen – aber was hast du damit gewonnen? Meinst du nun, die lassen sich nach Gefallen von dir lenken und zu deinem Nutzen mißbrauchen? Laß sie nur erst merken, daß du sie betrogen, und sieh zu, was geschieht! In seiner Wut ist der Herrnbauer zu allem fähig, und in Wahrheit ist seine Grenzsteinverrückung kein so großes Verbrechen, da er sie im guten Glauben an sein Recht ausführte. Willst du aber den Herrnbauer im guten Glauben belassen – wie nun, wenn er sein Recht öffentlich anerkannt wissen will, vielleicht hinter deinem Rücken einmal Schritte tut? Hannes, merkst du nicht, daß dir der Wagnerspaule durch die Grenzverrückung den schlimmsten Dienst erwiesen hat? – Danach hast du ja freilich dem Pfarrer den Boden unter den Füßen genommen, kommt sein heimlicher Verkehr mit dir ans Licht. Aber meinst du, daß er dich deswegen schonen wird, wenn er dich erst ganz kennenlernt? Oh – wenn ich euer Treiben betrachte, weiß ich in Wahrheit nicht, soll ich lachen oder mich ärgern über so viel Dummheit und Schlechtigkeit. Pfui Teufel, ist das ein widerlich' Treiben! Nicht nur, daß ihr euch wechselsweise belügt und betrügt, ein jeder belügt sich selbst noch extra. Da hat der fromme Pfaff' gewiß seine schweren Bedenken, daß er sich mit dir eingelassen; aber er tröstet sich, daß er ja ein gutes Werk vollbringt, wenn er deine Seele dem Teufel aus den Krallen reißt. Und du? O, du wölfisches Schafsgesicht! Während du dem Pfaffen die Zähne ins Genick schlägst, denkst du doch im stillen daran, durch seine Hilfe endlich einmal deinen Frieden mit Gott und der Welt zu machen – mit Gott, den du mit aller Mühe nicht aus der Welt und deiner Hundeseele hinausbeißen konntest!«

»Müller!« schrie Hannes und streckte die Hände wie abwehrend nach ihm aus. »Müller! – Bist du der leibhaftige Teufel – oder was redet sonst aus dir?«

»O – dir habe ich, ohne ein Teufel zu sein, in der Seele gelesen und könnte dir noch ganz andere Dinge berichten. Hannes, die Blutsaat geht auf! Nicht bloß den Uhrmacherle peinigt seine Mitschuld, auch dem Wagnerspaule, dem Simesschuster – obgleich sie davon frei sein mögen – ist der Dunst des Menschenblutes, das einst von deiner Hand triefte, ins Hirn gestiegen! Und wenn sie auch noch schweigen könnten – du bist dennoch verloren; der Sülzdorfer Schulbauer, dein grimmigster Feind, ist dir auf der Spur. Dein sinnloses Vorgehen gegen den Reinhardt, den Herrnbauer und Ungerskasper, dein Anhang mit dem Pfarrer reißt auch den letzten Erdbrocken los, an den du dich geklammert! – Hannes, Hannes! Weißt du, über was der Simesschuster brütet? Kann nicht der Uhrmacherle dein und sein Geheimnis in der Trunkenheit ausplaudern? Wer kann sagen, ob nicht eben jetzt der Wagnerspaule dich an den Schulbauern verkauft?«

Der Wind war stärker geworden, brauste in den Tannen droben auf den Bergen, pfiff durch die Äste der Bäume am Wegrain und drückte schwere Wolkenmassen in das Tal nieder, die den Abend rasch in dunkle Nacht kehrten. Hannes schwankte stöhnend dahin, manchmal schlug er fluchend mit den Fäusten um sich, dann wieder rang er die Hände und murmelte leise. Längst hatte er seinen Stock verloren, jetzt riß ihm ein Windstoß den Hut vom Kopf, ohne daß er es bemerkte. Plötzlich haschte er nach des Müllers Hand, mitten im Straßenschmutz kniete er vor ihm nieder: »Hilf, Müller! Verlaß mich nicht! Rette mich; du kannst, wenn du willst! Du verachtest auch die Menschen, du glaubst auch an nichts im Himmel und auf Erden, du weißt auch, daß man unter die Füße treten muß, was sich in den Weg stellt! Du mußt mir helfen, Müller!« heulte Hannes. »Ich bin deinesgleichen, ich gehöre zu dir! O – steh mir bei, schütze mich vor den Teufeln, die mir nach dem Herzen langen – vertreib – vertreib das Gespenst – da – da! – Siehst du nicht, wie er mit dem Messer nach mir zückt? O – und meine Arme sind lahm – ich kann ihm – nimmer – die Kehle zu – –«

»Kommt die Vergeltung jetzt schon?« schrie der Müller, riß Hannes gewaltsam empor und schleppte ihn weiter. »Rasest du, daß du solche Dinge auf offener Straße in die Welt hinausschreist? Helfen kann ich dir nicht, wenn ich auch wollte – aber durch mich soll das Verhängnis nicht über dich kommen. – Fort, fort!« schrie er Hannes ins Ohr, der stöhnend zusammenknickte. »Bei mir suchst du Hilfe, und doch tust du, als wolltest du um jeden Preis den Marktleuten in die Hände fallen? Auf – auf und fort!« Als Hannes endlich wieder zu sich zu kommen schien, stöhnend neben ihm herwankte, fuhr der Müller fort: Deinesgleichen sei ich, sagtest du? O pfui Teufel! – Jawohl, ich glaube weder an Gott noch an den Teufel, an nichts – nichts im Himmel und auf Erden! Und was die Menschen Gewissen nennen – ha, ha! – davon hab' ich all mein Lebtag nichts gespürt! Die Angst und Furcht vor der Zukunft und ihren Geheimnissen, die alle Menschen, auch dich, du erbärmlicher Jammerlappen! durchs Leben hetzt und quält, die kenne ich nicht! – Du hast nie gewußt, was du bist und was du willst, ich bin seit langem nicht mehr darüber im Zweifel – das ist der Unterschied zwischen uns. Ich, wie ich da in meinen Schuhen stehe, bin ein erbärmliches Geschöpf, um dessen Vorbild ich den Weltenmacher, wenn's einen gäbe, weder loben noch beneiden möchte; ein Tier, dem die Natur, oder wer sonst dafür verantwortlich ist, die Zähne und Krallen, die Hörner und Fänge, den Pelz und die Federn ins Gehirn gelegt hat. Das ist der Unterschied von andern Tieren, und das nennen die Narren, die dem Herrgott ins Konzept geguckt haben wollen, nachher Geist und machen ein Geschrei darüber, als wäre das wunder was! – o pfui Teufel! Und weil ich weiß, worauf der ganze Gram hinauslauft, darum kann ich die ganze Art nur verachten! Daß jedes Tier von seinen Kräften und Gaben Gebrauch macht, ist Natur; aber daß eine Art ihrer Vorzüge wegen über sich selbst hinaus möchte und in abgeschmackte Faseleien verfällt, das ist ein Ekel. All das Geplärr, womit die Pfaffen und andere Spitzköpfe die Leute verdummen, läßt sich zuletzt auf die Lehre zurückführen: friß oder du wirst gefressen. – Das ist dein Glauben auch? Ja freilich, wenn's ans Fressen geht, dann bist du immer vornedran; aber damit ist's doch nicht abgetan, du dummer Hannes! Es hat alles sein Maß und Ziel, und wenn die Menschen sich nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten sollen, so muß es auch für das Fressen eine Grenze geben. Mach dich satt, das ist erlaubt; erwischst du einen besonders fetten Brocken, ist's ein Glück; mußt du Hunger leiden – heißt's eben den Gürtel fester schnallen! So ist's! Wer aber das Fleisch ganz allein für sich haben will, der wird zuletzt toll, und in seiner Tollheit richtet er sich selber zugrunde. – So! Tausendmillion, ist das ein wüster Winter, meint man nicht, der Sturm wolle schon wieder die Erde auseinanderreißen? Das wird eine wilde Nacht, wollte, ich wäre daheim. – Du aber, Hannes, mach' keine Dummheiten! Besinn dich, vielleicht findest du doch noch einen Durchschlupf! Nur vor deinen Krallen und Zähnen nimm dich in acht, die müssen im Hirn stecken, merk's! Damit gute Nacht!«

Neunundzwanzigstes Kapitel

»Herr Lehrer! Ach, um Gottes, Jesu Christi willen – so wachen Sie doch auf!«

»Ja, ja doch! Sind Sie's, Frau Kräußlich? Was ist los?«

»Herr Gott im hohen Himmel, erbarme dich unser! Hören Sie denn nichts? Allmächtiger Gott, das war wieder ein Stoß, das ganze Haus erzitterte! Stehen Sie auf, Herr Lehrer, in allen Häusern ist Licht! Solch ein Unwetter ist noch nicht erlebt worden! Gott sei uns gnädig und barmherzig! – der Jüngste Tag bricht an!«

Reinhardt war nun völlig munter geworden. Rasch fuhr er in die Kleider und ging zu Frau Kräußlich, die fassungslos auf dem Sofa in seiner Arbeitsstube die Hände rang, laut weinte und zähneklappernd Stoßgebete murmelte. Und freilich, ihre Angst war nur allzu begründet. Ein Orkan raste draußen mit einer in dieser Gegend ganz unerhörten Heftigkeit. Wie ein beutegieriges Raubtier umtobte der Sturm, Eingang suchend, das hohe, freiliegende Schulhaus, ein Gebrüll, Krachen und Donnern erfüllte die Luft, wie es Reinhardt nie gehört, es wurde nur übertönt von den furchtbaren Stößen, die das Haus in seinen Grundfesten erbeben machten. Reinhardt versuchte kaum, die Haushälterin zu trösten. Ohnedies hätte er sich doch kaum verständlich machen können, denn eben rasselte ein Schornstein über das Dach. Durch die zerschlagenen Ziegel fand der Wind Eingang in das Haus, und nun wurde das Heulen, Pfeifen, Rasseln und Klappern wahrhaft betäubend. Es war sechs Uhr morgens; wie lange der Orkan schon gewütet, wußte Reinhardt nicht; aber er empfand, daß dem Haus Gefahr drohte, wenn die Gewalt des Sturmes nur noch um ein geringes stieg.

Das war eine lange, bange Stunde, die er verlebte. Endlich, als die Nacht einer grauen Dämmerung wich, schienen die Elemente ihre Wut ausgetobt zu haben. Das Brüllen und Heulen verstummte, der Wind wurde schwächer, dem wildesten Aufruhr folgte eine verhängnisvolle Ruhe und Stille.

Langsam brach der Tag an, sein zunehmendes Licht enthüllte nach und nach die fürchterliche Verwüstung dieser einen Nacht. Viele Bäume lagen entwurzelt oder geknickt am Boden, die wenigen noch stehenden waren grausam mitgenommen. Im ganzen Dorf war fast kein Schornstein ganz geblieben, alle Dächer mehr oder minder beschädigt, das Kirchdach fast ganz abgedeckt. Fritz wischte sich die Augen – täuschte ihn das graue Licht oder lag ein Nebel auf dem Lindenberg? Wo war der prachtvolle Tannenwald geblieben? – Wo gestern noch der herrlichste Tannenwald gerauscht, da war heute Wildnis und Verwüstung.

Heute war es ihm fast lieb, daß seine Schüler ausblieben. Nachdem er dem Pfarrer Nachricht gegeben, daß und warum er den Unterricht ausfallen lassen müsse, knöpfte er sich in seinen Überrock und eilte durch den inzwischen wieder stärker gewordenen Sturm den Lindenberg hinan.

Er traf fast schon die ganze Gemeinde auf der Höhe. Alle standen stumm und starr vor dieser Verwüstung. Da lagen Tausende von schlanken, weißschimmernden Stämmen kraus durcheinander gewirrt, manche unverletzt in ihrer stolzen Schönheit, andere grauenvoll zersplittert. Da und dort ragten Stammstumpfen aus dem Chaos, aus dem Boden gerissene Wurzeln starrten gen Himmel, ja mancher Riese hatte bei seinem Fall die Erde klaftertief, klafterweit losgerissen und hielt sie jetzt mit seinen zähen Wurzeln hoch in die Luft, daß die Heidel- und Preißelbeersträucher über den Tannenzweigen wehten. Ein erschütternder Anblick!

Auch der Jockenhannes und Herrnbauer keuchten schwerfällig die Höhe heran, sichtbar beide in großer Aufregung. Ihr Gespräch, wenn auch leise geführt, war heftig und schien nach dem oftmaligen Stehenbleiben, den leidenschaftlichen Gestikulationen zu urteilen, fast in einen Zank auszuarten. Flüchtig nahmen sie die Verwüstung in Augenschein, zogen dann den Schulzen und Ungerskasper beiseite; mit verstärkter Heftigkeit wurden die Verhandlungen fortgesetzt.

Fritz konnte kein Auge von dem Jockenhannes verwenden, so sehr hatte ihn sein Aussehen erschreckt. Der Mann war furchtbar gealtert, seine Gestalt gebrochen, seine Züge welk. Was war mit dem Mann vorgegangen?

Reinhardt hatte nicht Zeit, darüber nachzugrübeln, Lärmen und Schreien der Nachbarn riß ihn aus seinem Sinnen.

Trotz der Warnung vorsichtiger Männer kletterten übermütige Waghälse zwischen die noch knarrenden, sich dann und wann verschiebenden Stämme hinein. Ganz unerwartet kehrten sie zurück und berichteten, die gestürzten Stämme hätten Lagsteine bloßgelegt, die, wenn auch verwittert und ganz bemoost, die Grenzstriche merkwürdig deutlich zeigten und den Wald in ziemlich gleiche Teile teilen müßten, wenn man die dazugehörigen Steine auffinden könne. Begreiflich rief diese Nachricht große Aufregung hervor: der ganze Lindenberg war von jeher Gemeindeeigentum gewesen, niemals geteilt oder auch nur vermessen worden – was sollten die Grenzsteine in seiner Mitte bedeuten, wie sollten sie dahin gekommen sein? – »Das ist ein dummer Unsinn!« schrie der alte Grundmüller. »Ich hab' seinerzeit den ganzen Lindenberg mit niedergeschlagen und wieder angepflanzt. Damals blieb kein Zoll Boden, der nicht umgewühlt worden wäre, aber von Grenzsteinen war nichts zu spüren! Unsinn, dummer, wo sollten die Lagsteine herkommen?«

Allein die Entdecker blieben hartnäckig auf ihrer Behauptung. Schließlich kletterte alles, was nur konnte, hinein in die Verwüstung. Voran der Beckenkarl und sein Bruder; sie waren auch die ersten, die zurückkehrend den Fund bestätigten. Die auf dem bloßgelegten Grenzstein angedeutete Linie verlor sich bergab im Wirrsal des Waldbruches, dort war vorläufig nichts zu machen; weiter hinauf wies sie jedoch in minder beschädigte Waldesteile, und dorthin machte sich sofort die ganze Versammlung auf den Weg, um womöglich sogleich der rätselhaften Geschichte auf den Grund zu kommen. Reinhardt hätte sich gerne angeschlossen, doch mußte der Wald im allzu großen Bogen umgangen werden, um an die bezeichneten Stellen zu gelangen; der erweichte Boden war aber grundlos. So beschloß er, lieber heimzugehen.

Den Jockenhannes, Herrnbauer, Ungerskasper und Schulzen hatte er ganz vergessen, jetzt sah er sie vor sich, wie es schien in größter Eintracht, dem Dorfe zustreben. Ehe er sie einholen konnte, verschwanden sie im Gemeindehaus. In der Haustüre lehnte Lina; obgleich ihre Augen auf die Gasse gerichtet waren, schien sie ihn doch nicht zu bemerken, wenigstens erwiderte sie seinen Gruß nicht. Fritz prallte unwillkürlich zurück, so hatte sich das stolze, selbstbewußte Mädchen verändert. Fast nicht wieder zu erkennen war sie, so schmerzlich war der Mund zusammengepreßt, so bleich waren die Wangen, solch wilder Schmerz sprach aus den matten, verschleierten Augen, den Falten der sonst so klaren Stirn.

Daheim traf Fritz eine neue Schreckenskunde. Mehrere Mädchen, Reinhardts beste, bravste Schülerinnen, hatten sich weinend geweigert, fernerhin die Pfarrschule zu besuchen. Auf heftiges Drängen der Mütter gestanden sie endlich, der Pfarrer habe bei Erklärung des sechsten Gebotes solch schreckliche Sachen vorgebracht, daß sie vor Scham nicht zu bleiben gewußt. Nun bringe er die Sachen bei jeder Gelegenheit aufs neue: die Buben hatten sich das gemerkt und quälten die Mädchen, wo sie sich nur blicken ließen. Dazu wiesen sie Bibelsprüche vor, die sie auswendig lernen sollten, die den ehrlichen Weibern das Blut ins Gesicht jagten. Dabei kamen leider noch mehr Dinge an den Tag. So sollte Pfarrer Walter wöchentlich mindestens einmal den Bibelspruch: Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen! zum Thema einer eingehenden Besprechung wählen, in welcher das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern in eigentümlicher Weise beleuchtet wurde. Im wesentlichen lief die Sache stets auf die Ermahnung hinaus, die Kinder sollten alle Ermahnungen und Befehle ihrer Eltern mit der größten Vorsicht aufnehmen, ernstlich mit ihrem Gewissen darüber zu Rate gehen und in allen zweifelhaften Fällen, auch bei anscheinenden Kleinigkeiten, den Rat des Seelsorgers darüber einholen.

Zu einer andern Zeit würden solche Vorgänge höchstens eine stille Entrüstung gegen den Pfarrer hervorgerufen haben; bei der ohnedies schon herrschenden religiösen Aufregung unter den Frauen war ihre Wirkung gefährlich, zumal seit einiger Zeit das Gerücht ging, der Jockenhannes schleiche heimlich des Nachts in das Pfarrhaus. Ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können, empfanden alle Frauen, daß ihr heiligstes ernstlich bedroht sei. Reinhardt erschauerte, als er sie mit aufgelösten Haaren, schreiend und dem Pfarrer drohend durch das Dorf ziehen sah.

Aufgeregt durch ein langes, mühsames, vergebliches Suchen nach den Grenzsteinen, von deren Vorhandensein sich nunmehr alle durch den Augenschein überzeugt hatten, kehrten die Männer in das Dorf zurück. Heulend empfingen sie die Weiber, die Beschuldigungen gegen den Pfarrer, die sie ihnen zuschrien, riefen im Nu eine neue Aufregung hervor. Und diesmal war die Erbitterung gleich stark unter den Wilden wie unter den Frommen! Man war einig: solcher Unfug war nicht zu dulden.

Es war nicht anders, als ob heute sich alles Unwetter über Bergheim entladen sollte. Ehe die Männer dazu kamen, dem Pfarrer ins Haus zu rücken, brach ein neuer Sturm herein, der wenigstens vorläufig diese Absicht vereitelte.

Während noch die Männer auf der Gasse zusammenstanden, begann das Gemeindeglöckchen vom Turme zu wimmern. Erstaunt blickten sich die Nachbarn an, dann eilten die Besitzer des Gemeindevermögens, welche allein die politische Gemeinde bildeten, in die Gemeindestube.

Auch Reinhardt war bei dem unerwarteten Klingen des Gemeindeglöckchens aufgefahren und fragte sich erschrocken: was bedeutet das? – Lange sollte er nicht im unklaren bleiben, nach wenigen Minuten schon sah er die Versammlung wieder auseinanderstäuben. Bleich und verstört rannten die Männer durch die Gassen nach ihren Wohnungen: wo sich eine Gruppe bildete, ertönte wüster Lärm: die Weiber, die noch da und dort zusammenstanden, stoben nach kurzem Bericht heulend und schreiend auseinander.

Reinhardt sah den Lichtennikele das Dorf herabwanken und winkte ihn zu sich. Keuchend trat der Alte ins Zimmer und sank ächzend auf einen Stuhl; es dauerte lange, bis er reden konnte. »Hättet nicht zu winken brauchen, war ohnedem auf dem Weg zu Euch! – O mein Gott! Herr Schulmeister! daß ich auf meine alten Tage solche Dinge erleben muß! – Ist's denn möglich? – Herr Schulmeister, paßt auf, das ist der Anfang vom End'; wer fallen soll, wird blind und übermütig! – Ach, Ihr werdet nicht klug aus meinem Geschwätz! Habt nur Geduld mit meinem alten Kopf; was ich erlebt, kann auch einen jungen aus Rand und Band bringen. Denkt, wir haben kaum Platz genommen in der Gemeindestube, so hält der Schulz einen langen Vortrag des Inhalts: Die Ungerechtigkeit habe lange genug in Bergheim regiert; es sei Zeit, daß endlich das Recht zur Geltung komme. In der Gemeindelade liege die Urkunde über den einstmaligen Schäfereiankauf. Daraus geht klar hervor, daß das Lindenholz zur guten Hälfte nicht der Gemeinde, sondern den Schäfereibesitzern gehöre. Sie, der Hannes, Herrnbauer und Ungerskasper, seien schon lange damit umgegangen, ihr besonderes Recht an den Wald in Anspruch zu nehmen; jetzt, da durch den Waldbruch die alten Grenzsteine bloßgelegt, dadurch ihr Recht sonnenklar an den Tag 'kommen sei, legten sie die Hand auf den Waldbruch. Nur was über die aufgefundene Grenze hinausgehe, gehöre der Gemeinde, das übrige verbleibe den ehemaligen Besitzern der Schäferei und werde nach der in der Urkunde vorgemerkten Anteilschaft der einzelnen verteilt. Als dann der Schulz die Anteilschaft der ehemaligen Schäfereibesitzer auseinandersetzt und es sich zeigt, daß nach der neuen Teilungsart der Jockenhannes, Herrnbauer, Schulz und Ungerskasper fast alles allein bekämen, für die andern nur ein elender Rest verbleibe, wir Armen und Geringen aber völlig leer ausgingen, da brach der Sturm los. Der Bergbauer schrie: die Urkunde kenne er ganz genau von der Zeit her, da sein Vater Schulz gewesen! Von Waldhutungen möge darin wohl die Rede sein, nimmermehr sei jedoch solcher Rechtsanspruch, wie ihn der Schulz soeben erhoben, daraus herzuleiten. Die Alten wären auch keine Strohmänner gewesen und hätten ihre Rechte wahrgenommen. Man solle die Urkunde auflegen, dann müsse ja sogleich offenbar werden, ob hier ein Narrenstreich oder ein Betrug vorliege, hu! – begehrten da der Herrnbauer und der Ungerskasper auf, aber der Grundmüller trat dicht vor sie hin und schrie ihnen ins Gesicht: ›Daß dich der Hund beißt! meint ihr, ihr jagt uns ins Bockshorn? Holla, dasmal habt ihr euren Kram nicht fein genug angefangen. Die Grenzsteine sind da, niemand leugnet's, ich habe den einen selber gesehen! Aber ins Holz geflogen sind die Steine nicht, irgendwer muß sie gesetzt haben; und kommen wir dahinter, wer euch den Gefallen getan hat, Gott sei ihm gnädig! Alt und verwittert sind die Steine freilich – aber der Herrnbauer hat allein genug vermooste Grenzsteine, um damit den ganzen Gemeindewald wegzulagen. Nehmt euch in acht, ihr vier! denkt nicht, wir hatten vergessen, wie ihr in den letzten Wochen tagelang im Flur herumgestrichen seid!‹ Da hätte freilich nicht viel gefehlt, wären der Herrnbauer und der Ungerskasper dem Grundmüller an die Gurgel gefahren, nun legten sich aber auch die Beckenbrüder, der Veitenbauer dazwischen, es kam zu einem Lärm und Aufruhr, daß man sein eigen' Wort nicht verstand. Der Herrnbauer und Ungerskasper wehrten sich mit Händen und Füßen, aber sie waren doch arg erschrocken über die Worte des Grundmüllers, der Schulz war weiß geworden wie die Wand, und der Hannes ließ den Kopf hängen, leckte mit der Zunge und fingerte durch die leere Luft. Einmal hatte es beinahe das Aussehen, als wollte er in seiner alten Weise losbrechen; er kam aber nicht über den Anfang hinaus. O Herr, ich habe schon mancherlei gesehen – den Anblick vergesse ich nicht, weil ich lebe. Auf einmal springt der Beckenkarl auf und schreit: ›He, Hannes, Ihr seid doch der Anstifter! – ich frag' Euch: wollt Ihr allsogleich die Urkunde aufzeigen und Euer Wort geben, daß ihr nichts davon wißt, wie die Grenzsteine in den Wald gekommen sind?‹ – Ich sage, Herr, totenstill war's auf einmal in der Stube, nur der Herrnbauer blies und schnaubte, fing auch an nach Fliegen zu haschen, der Ungerskasper wischte sich den Schweiß ab, und der Schulz schmatzte und leckte, wie er nur tut in höchster Angst. Da er keine Antwort kriegt, der Hannes an ihm vorbei in die leere Luft guckt, als gehe ihn die Geschichte gar nichts an, bricht der Karl in ein greuliches Lachen aus. ›Steht es so? Nun, keine Antwort ist auch eine Antwort! – und ich Tölpel habe mich so lange von euch an der Nase herumführen lassen! O, ich könnte gleich! Aber hier vor öffentlicher Gemeinde erkläre ich, daß ich nicht der Schwiegersohn eines Mannes werden kann, auf dem ein so schändlicher Verdacht liegt. Die Freierei zwischen mir und der Jockenline ist null und nichtig! Da!‹ schrie er und warf dem Hannes einen goldenen Ring vor die Füße. ›Da habt Ihr das verfluchte Fangeisen zurück! Aber wir treffen uns weiter, Hannes, ich rechne mit Euch ab!‹ Damit rannte er hinaus! Der Herrnbauer wird blau und braun und wieder totenbleich. Er wollte auffahren, aber konnte nicht, ein Stöhnen rang sich aus seiner Brust los – mein Gott im Himmel! – die Haare stiegen mir darüber zu Berge!«

»Und Hannes?«

»Der Hannes? O, Herr Schulmeister, was da auf dem Stuhle saß, das war nicht mehr der Jockenhannes, das war ein zerschmissenes, zerschlagenes Menschenkind! Der Hannes saß da, leckte und fingerte und rührte sich nicht. Ich war so ziemlich der letzte in der Gemeindestube, ich sah noch, wie seine drei Genossen auf ihn losfuhren; er sagte auch jetzt nichts, ächzend stand er auf, wie ein Mann von siebzig Jahren klammerte er sich an Tisch und Stuhllehne. Ich konnte den Anblick nicht ertragen, ich machte, daß ich hinauskam. O, Herr Schulmeister! was soll werden? Ein Betrug liegt vor, ein schändlicher Betrug, kein Mensch zweifelt daran! Ob der Herrnbauer und der Ungerskasper selber vom Hannes hintergangen wurden, was ich zu ihrer Ehre glauben will, ob sie wissentlich mithandelten, das macht, wie die Sachen liegen, gar keinen Unterschied. Daß sich der Herrnbauer überhaupt so mit dem Hannes einlassen konnte, das ist das Unglück! Sein guter Name ist dahin, den Flecken löscht nichts aus! – So traurig das sein mag, muß ich doch sagen: wenn's nur das wäre! Aber denkt doch: die Wilden wüten wider den Hannes, der sie belogen und betrogen, der sie in den Unglauben hineinhetzte, um sie nachher an den Pfaffen, an die Katholischen, an die Jesuiten – was weiß ich? – zu verraten. Die Frommen wieder speien Feuer und Flamme gegen den Herrnbauer und Pfarrer, die beide um schnöden Gewinstes willen die Religion verleugnen, ihre eignen Lehren so niederträchtig zuschanden machen! Schon schreien die Leichtfertigen von beiden Parteien: da sehe man klar, wie Religion, Tugend und Rechtschaffenheit überhaupt nichts anders wäre als ein Hafenklapper für die Dummen. ›Lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben!‹ singen sie dem Holsteiner nach. Fressen und Saufen, dabei an sich reißen, was zu erlangen – das sei die allein wahre Lehre. Wer nichts mehr habe, müsse eben zugreifen, wo der Haufen zu groß. Der Hannes habe es sein Lebtag so gemacht und sei ein großer Mann dabei geworden! Nur pfiffig müsse man es anfangen, dürfte sich nicht erwischen lassen! – Denkt, wohin das führen soll? Die Ernsten wieder schreien, die Religion sei in Gefahr! Mit Gewalt ziehe man Gottes Strafgericht über Bergheim herab, wenn man dem gottlosen Treiben nicht schleunigst ein Ende mache. Das ist nun besonders den Weibern nach der unglückseligen Geschichte in der Pfarrschule in die Köpfe gestiegen, viele gebürdeten sich wie toll! Überall eine Wut gegen den Hannes, den Herrnbauer und den Pfarrer, es ist nicht auszusagen! – Herr Schulmeister! was soll geschehen, das Unglück abzuwenden? Ach, mein Gott, und grade jetzt muß der Schulbauer verreist sein! Was soll geschehen?«

Fritz hatte das letzte offenbar nur halb gehört. Während er in die Stiefeln fuhr, fragte er: »Ist sonst nichts beschlossen worden?«

»Beim Bergbauer sollen wir zusammenkommen – es soll ja unverzüglich eine gerichtliche Klage anhängig gemacht werden. – Ja, und jetzt fällt mir ein, warum ich bei Euch sitze: geht mit zum Bergbauer, Herr Schulmeister, vielleicht könnt Ihr etwas tun!«

»Habt Ihr Auftrag, mich zu bestellen?«

»Das nicht, wozu bedarf's das? – Macht keine Umstände!«

Reinhardts Lippen zuckten. »Geht nur, Nikel, wenn man mich braucht, weiß man mich zu finden, aufdrängen werde ich mich nicht. Überdem bin ich vielleicht an andern Orten nötiger!«

Nikel ließ einen Augenblick, wie im Zweifel mit sich selbst, den Kopf sinken. Plötzlich nickte er, stand auf. »Ihr mögt recht haben, Herr Schulmeister! Nichts für ungut, und wenn's Euch paßt, will ich weiter berichten!«

Als er die Tür hinter sich geschlossen, murmelte er: »Nein, ich glaub's nicht, und wenn die ganze Welt gegen ihn aufsteht. Und ich kann's ihm nicht sagen, und wenn's Unrecht ist – ich kann nicht!«

Reinhardt sah dem Alten lange mit starrem Auge nach. »Also doch!« seufzte er aus tiefer Brust. »Welches dunkle Geheimnis entfremdet mir die kaum gewonnenen Herzen?

Warum bin ich geächtet, ausgestoßen? – und jetzt, wo jeder Blutstropfen drängt, helfend einzuschreiten? – Soll ich mich aufdrängen? Kann ich nicht verlangen, daß mir Freunde Aufrichtigkeit beweisen? Ist es nicht ihre Pflicht, mich zu warnen; wenn Verleumdung meine Ehre antastet? O – daß mich der Beckenjörg und der Bergbauer heute vergessen können! Doch sei's drum! Ich werde nicht um das bitten, was ich fordern könnte!«

Er eilte in das Herrnbauernhaus. Der Bauer saß mit tiefgesenktem Kopf blasend und schnaubend am Tisch. Bei Reinhardts Anblick färbte sich sein Gesicht dunkelrot, seine Fäuste ballten sich. Schwerfällig richtete er sich auf, als koste es ihm Mühe, das Gleichgewicht zu behaupten, breitspurig schritt er aus dem Zimmer; draußen hob er drohend die Fäuste gegen das Zimmer und knirschte: »O – und wenn alles fehlschlägt, du Halunke wirst mich bald zum letztenmal aus meiner Stube verdrängt haben.«

Die Bäuerin und Margaret traf Reinhardt in der oberen Stube. Bleich, tränenlos und still hielten sie sich umschlungen. Reinhardt wußte wenig zu sagen, vorläufig galt es geduldig das Unvermeidliche tragen. So sehr er die Fassung und Ruhe der Frauen bewunderte, konnte er doch eine schmerzliche Empfindung nicht unterdrücken. Aus ihrem ganzen Wesen wehte ihm Eiseskälte entgegen. Mit bitterem Schmerz fragte sich Reinhardt, ob diese plötzliche Kälte mit der scheuen Zurückhaltung seiner übrigen Freunde in Verbindung stehe? – Wie es aber auch in seinem Herzen zuckte, er blieb fest, selbst da, als die Bäuerin plötzlich mit hervorbrechendem Weinen ihn bat, doch lieber jetzt das Haus zu verlassen und einige Zeit zu meiden. Er kenne ja den Zorn des Bauern; bei seiner jetzigen Wildheit müsse man das Schlimmste befürchten, und helfen könne er ja doch nicht.

Schweigend griff Reinhardt nach Hut und Stock, leise verließ er Stube und Haus, langsam, den Kopf tief gesenkt, schritt er durch den blätterlosen Heckengang, Sülzdorf zu. »Ausgestoßen!« klang es in seiner Seele. »Wie bald werde ich völlig heimatlos durch die Welt irren!« Tiefe Schwermut drückte seinen Geist nieder. In einer Art traumhafter Versunkenheit sah er auch Anna sich weinend von ihm abwenden, sah sie in weiter Ferne verschwinden. –

In den Armen seiner Anna kam er zu sich selber. Der Schmerz war hier größer als in Bergheim, und sein Trost kam um so mehr zur rechten Zeit, als die Abwesenheit des Schulbauern, der in das Unterland nach Samengetreide gefahren war, die Frauen völlig rat- und hilflos machte. Tiefatmend genoß Reinhardt das Glück seiner Liebe. Noch war er hier daheim, diese Herzen gehörten ihm noch ungeteilt, aber wie lange noch? Gewiß, Anna war treu, schwere Proben würden ihre Liebe nicht erschüttert haben, aber ob sie auch dem Wetter, das gegen ihn heraufzog, widerstehen würde, wer konnte es sagen? Mit dem Versprechen, oft wiederzukehren, noch heute an den Schulbauer zu schreiben, nahm er bald Abschied; im dämmernden Abend kehrte er heim.

Die Freunde hatten seiner nicht begehrt, selbst der Lichtennikele war nicht zurückgekehrt, um, wie er versprochen, mindestens Bericht zu erstatten. Er war vergessen, vielleicht schlimmer als das: als unwürdig verworfen, ausgeschlossen! Fritz hatte Mühe, die aufquellende Bitterkeit gegen sein unseliges Geschick niederzukämpfen. Der Entscheidungskampf war da! Finster ins Licht starrend, hatte Reinhardt nur mit halbem Ohr gehört, was ihm die Haushälterin berichtete, daß die Nachbarn in hellen Haufen dem Pfarrer ins Haus gerückt und sich arg mit ihm gezankt, wie aber der Pfarrer fest geblieben und vom Nachgeben nichts habe wissen wollen, ferner, wie am selben Nachmittag der Bergbauer mit dem Veitenbauer und Beckenjörg in die Hauptstadt gefahren, um durch den Justizrat Stein den Hannes, Schulzen, Herrnbauer und Ungerskasper zu verklagen. Er wurde erst aufmerksam, als sie vom Hannes zu berichten begann. »Ja, der Hannes,« erzählte die Alte, »ist freilich gar bald wieder in seine Wildheit verfallen, und die Nachbarn, die schon gemeint, sie könnten ihn zwischen den Fingern zerkrümeln, haben sich garstig verrechnet. Er hat die allzu Vorwitzigen ablaufen lassen, daß sie wohl zum zweitenmal nicht an ihn kommen. Aber der Alte ist er doch nimmer, wie hart er sich auch stellt, er ist zerbrochen – ja, ja, und sein schlechtes Gewissen guckt ihm ja aus den Augen heraus! Hu! – möchte nicht um alles Geld in der Welt in seiner Haut stecken; alle Leute sind einstimmig, er habe den Einzelberger Schäfer und mehr als einen falschen Eid auf dem Gewissen – daß sich Gott erbarm'! Ja, und der Teufel ist ja auch in allen Ecken bei ihm los. Der Beckenkarl hat die Freierei zerrissen! – Wie das der Hannes seiner Line erzählt, ist das Mädle morsch zusammengebrochen, und jetzt liegt sie zu Bett, red't nicht und deutet nicht! Niemand leidet sie um sich als ihre alte Base, ihren Pater kann sie nicht ersehen, wenn er nur die Kammer betritt, schreit sie und gebärdet sich wie toll und wird erst wieder ruhig, wenn er geht. Alle Leute sagen, das wär' nicht bloß wegen dem Beckenkarl, dahinter stecke mehr; der Line Art sei nie gewesen, sich um etwas zu kümmern, da müsse es schon dick gekommen sein, bis es das Mädle so niedergeworfen! Auch mit dem Wagnerspaule hat sich der Hannes gezankt, die Leute sind auf der Gasse stehengeblieben, so haben sie gebrüllt. Zuletzt müssen sie sich doch geeinigt haben, denn sie gingen zusammen zum Schulzen, der auch schon ganz zusammengefallen ist und herumgeht, wie das bittere Leiden! Ach, Herr Schulmeister, was werden wir erleben?«

»Und nun gar das Unheil im Dorf! – Viele sind schon zum Altenhäuser Fuchsmüller gelaufen, dort Belehrung zu suchen: die alte Drechslerkäther dagegen behauptet, der Teufel sei ihr leibhaftig erschienen und habe gesagt, der dritte Teil aller Bergheimer gehöre ihm, und nächstens würde er sie holen. Das hat sich die tolle Schmiedsev in den Kopf gesetzt; sie will sich nun absolut die Kleider vom Leibe reißen, weil sie in Sack und Asche Buße tun müsse, daneben hüpft und springt sie wie besessen herum, schreit sinnloses Zeug in die Welt und behauptet, das wären geistliche, liebliche Lieder und Psalmen! Mit Gewalt mußte sie eingefangen werden, drei Männer vermögen sie kaum zu halten, dabei hält sie Predigten und weissagt, der Jüngste Tag breche herein, daß den Leuten die Haare zu Berge steigen. – Ach, es ist eine Angst und Verzweiflung im Dorf, es ist nicht auszusagen – wenn das nicht bald anders wird, gibt es noch viel Unglück! – Ich selber weiß nimmer, wo mir der Kopf steht; das Singen und Beten in allen Häusern, das Fluchen und Lästern dazwischen, das Predigen und Weissagen auf den Gassen, die Zeichen und Wunder, die wie Pilze aus der Erde schießen – dabei die Geschichte mit dem Hannes und dem Herrnbauer, der Prozeß, von dem niemand weiß, was er noch Schlimmes bringen kam – es ist, als ob es einen mit Gewalt dazu treibe, unter die Leute zu laufen und einzustimmen in das Heulen und Beten. Ach, Herr Schulmeister! – und Sie sitzen auch so stumm und starr! Wissen Sie keinen Trost? Haben Sie nichts, daß man sich daran aufrichten kann?«

»Schickt Euch in die Zeit, denn es ist böse Zeit! – Weiter kann ich nichts sagen, Frau Kräußlich. – Gute Nacht!«

Noch lange saß Reinhardt unbeweglich und starrte hinein in das flackernde, zuckende Licht. Eintönig klang es in seinem Herzen: »Denn es ist böse Zeit!«

Dreißigstes Kapitel

Die Abendglocke tönte verhallend von Bergheim herauf in die waldige Schlucht, durch welche Reinhardt, von Dammsbrück und Einzelberg kommend, dem Dorfe zuschritt. Mild klangen die trauten Töne herein in den Waldgesang, in das Brausen und Sausen droben in den Wipfeln der gewaltigen Tannen, in das Murmeln des Quells drunten in moosiger Felsschlucht. Reinhardt, sonst so empfänglich für alle Naturlaute, blieb heute ungerührt: nur ein tiefer Atemzug hob seine Brust, als er jetzt bei den Tuffsteinbrüchen ins Freie trat, und es dürfte schwer zu sagen sein, ob ihn der Anblick des stattlichen Dorfes zu seinen Füßen, über dessen rotbraunen Dächern so heimelig anmutend eine leichte blaue Wolke schwebte, diesen Seufzer auspreßte, oder ob er der grauenvollen Wildnis des Waldbruches dicht nebenan galt. Reinhardt lehnte sich auf seinen Stock, kreuzte die Arme über der Brust und murmelte: »Und darf ich klagen, daß ich als Ausgestoßner herumirren muß, wo ich so gerne meine Heimat finden möchte? – ›Haben Sie auch bei uns einwurzeln wollen?‹ Wer hätte geahnt, daß der Schulbauer mit diesen Worten mein Urteil sprach! Ja, ich irrte schwer, aber ich büße diesen verhängnisvollen Irrtum fast allzu hart.«

Reinhardt ließ den Kopf auf die Brust sinken und schien nicht zu bemerken, daß allmählich die Nacht ihren Mantel über die Erde breitete. »Warum ziehen sich die Freunde von mir zurück, statt mich offen und ehrlich zur Rede zu stellen? Mein Gott! wenn sich meine Ahnung bestätigt, wenn es wirklich dieser Verdacht ist, der meinen Namen schändet, wie soll ich meine Ehre reinigen, ohne wortbrüchig zu werden? Wie mich retten, ohne Robert dem Verderben preiszugeben? Und es ist so – es ist so!«

Mechanisch setzte er sich in Bewegung, stolpernd schritt er den Berg hinab, oft griff er an die fieberheiße Stirn, wie um die furchtbaren Gedanken, die dahinter arbeiteten und wühlten, zu beschwichtigen. »Gewißheit! – heute noch Gewißheit!« murmelte er, als er in die Heckenwege einbog.

Eine dunkle Gestalt stand mitten im Weg. »Sind Sie es, Herr Lehrer?« hörte er den Beckenkarl fragen, als er ausweichen wollte. »Ich habe mit Ihnen zu reden, schwere Dinge! Kommen Sie, in einer der Höhlen der Tuffsteinbrüche sind wir wohl sicher vor Lauschern!« Ohne Antwort abzuwarten, schritt er den Weg, den Reinhardt gekommen, zurück, und der Lehrer folgte ihm stillschweigend. In den Steinbrüchen fühlte sich Reinhardt an der Hand ergriffen, dann ging es über rollende Schutthaufen in eine schwarz durch die Nacht heraufgähnende Tiefe.

»Wir sind wohl eigentlich Feinde«, begann Karl mit heiserer, unsicherer Stimme. »Unterbrich mich nicht, laß mich reden, es ist jetzt nicht Zeit zu Auseinandersetzungen! Wir sind eigentlich Feinde; allein du hast mir ja oft versichert, daß du mir meine Torheit nicht nachträgst, und ich wüßte niemand, an den ich mich wenden könnte. Überdies geht dich die Sache auch nahe genug an. – Also, kommt heute die Schulzenmarie zu mir ins Haus, kann vor Weinen lange nicht zu Worte kommen, sie habe ein Gespräch zwischen ihrem Vater und dem Jockenhannes angehört – anhören müssen. – Ihr Vater, der Schulz, war wie toll auf den Hannes eingestürzt: wo das hinauswolle mit der Holzgeschichte? Warum er dem Herrnbauer und dem Ungerskasper nicht widerstanden? Warum er sich zu der tollen Geschichte in der Gemeindestube habe treiben lassen? Was nun werden solle, wenn die betrügerische Grenzsteinsetzung an den Tag komme? Der Hannes habe auf alle solche Klagen und Vorwürfe lange nicht geantwortet, endlich sei er mit solch wildem Toben und Fluchen gegen den Wagnerspaule losgebrochen, daß ihr das Herz gezittert habe. ›An allem ist der Lump, der Gauner und Erzhalunke schuld!‹ habe Hannes geschrien, ›Der Paule schwätzte mir die Geschichte mit der Urkunde ein und ruhte nicht, bis ich auf die Leimrute ging! – Warum ich mich zu der Geschichte in der Gemeindestube habe treiben lassen? Was blieb mir übrig, nachdem einmal die Lagsteine aufgedeckt waren, diente an das Tageslicht hätten kommen sollen? Was wollte ich machen, dem stierköpfigen Herrnbauer gegenüber? Sollte ich's darauf ankommen lassen, daß er, bei fortgesetzter Weigerung unsererseits, in seiner sinnlosen Wut unser ganzes Geheimnis auf einmal bloßlegte? Ist mir schwer genug 'worden, in die Verkündigung unsrer Ansprüche zu willigen; das weiß der Teufel! es war eben der einzige Ausweg, der uns blieb. Wenn nichts anderes, haben wir wenigstens Zeit gewonnen, das ist schon immer etwas! Und jetzt gilt's eben, alle Gedanken zusammennehmen, um einen Ausweg zu finden; der Ungerskasper. besonders der Herrnbauer, müssen für uns die Zeche bezahlen, so oder so: jetzt gilt's unsre Köpfe durch die Schlinge ziehen und sie allein in der Falle stecken lassen! Danach war's abermals zu einem heftigen Streit zwischen den Männern gekommen, endlich wurden sie aber doch einig: was sie weiter verhandelten, konnte Marie nicht mehr verstehen. – Sei nur still, ich weiß, was du sagen willst. Es ist klar, daß hier ein schändlicher Betrug vorliegt, nicht minder gewiß, daß der Herrnbauer den bübischen Ränken des Hannes zum Opfer fiel. Kein Jammern und Klagen hilft darüber hinweg, der Herrnbauer hat sich zur Grenzverrückung verleiten lassen. Kommt das an den Tag, ist er ein verlorener Mann! Die Gefahr ist groß: morgen schon ist die erste Gerichtsverhandlung in der Waldgeschichte. Es gibt nur eine Rettung für den Herrnbauer: so schnell als möglich, heute noch, muß er sich mit seinen Gegnern vergleichen. – Nur so kann er vielleicht noch von den Gerichten und vom Hannes loskommen. Aber bald muß der Vergleich geschlossen werden, heute noch, verstanden? Dazu sollst du helfen, deswegen habe ich dich erwartet. Frage nicht weiter, rede nicht: du kennst jetzt alle Verhältnisse so genau als ich: an dir liegt's nun, großes Leid von der Familie abzuwenden. Gern ginge ich selber ins Herrnbauernhaus, den Bauern zu warnen, Gott allein weiß es, wie gern! Aber ich habe mich dort fremd gemacht, handle du für mich mit. – Ja, und noch eins: grüße Margaret. Sage ihr, ich hätte sie immer geliebt und nie vergessen. Für meine Torheit hätte ich grausam gebüßt, und die Strafe würde erst mit meinem Tode enden. In Deutschland sei meines Bleibens nicht, in Amerika wolle ich versuchen, ein neues Leben anzufangen. Sage ihr, ich würde sie niemals vergessen, ich würde ledig bleiben. Ja, das sage ihr, und ich lasse ihr alles Glück wünschen, und wenn sie in Freundlichkeit manchmal an mich denken wolle, sollte mir das ein rechtschaffener Trost sein. So – und nun eile, du hast keinen Augenblick mehr übrig.«

Ehe Reinhardt ein Wort entgegnen konnte, war er allein. Sein Auge hatte sich an die Finsternis gewöhnt, als grauer Nebelbogen zeichnete sich der Ausgang der Höhle vom dunkleren Hintergrund ab, darauf schritt er zu, tastete sich ins Freie, kletterte an den Schutthalden empor und ohne erst heimzukehren, eilte er sogleich in den Herrnhof.

Es war eine jener finsteren Nächte, wie sie dieser Jahreszeit eigentümlich sind. Alle Wohnzimmer im Dorf waren ungewöhnlich hell erleuchtet, aus den Fenstern fluteten breite Lichtströme auf die Straßen; und Fritz war es, als huschten viele dunkle Gestalten, einzelne hell bestrahlte Gesichter an ihm vorüber; auch traf ein verworrenes Summen und Brausen, das Geräusch halb unterdrückter Stimmen sein Ohr. Zu jeder anderen Zeit würde ihm diese ungewöhnliche Bewegung in dem sonst so stillen Dorf aufgefallen sein; heute achtete er aber nicht darauf, eine unsägliche Angst trieb ihn vorwärts.

Auch der Herrnhof war hell erleuchtet. Reinhardt erschrak, als ihm auch aus der oberen Stube Licht entgegenschimmerte. Als er die hohe, runde Steintreppe emporstieg, sah er den Bauer hastig im Zimmer auf und ab gehen und mit geballten Fäusten vor sich hin in die Luft schlagen; aus seinen Augen blitzte ein Strahl boshafter Freude, um seinen Mund zuckte giftiger Hohn und Triumph. Der Bauer fluchte und wetterte, Reinhardt glaubte mehrmals seinen eigenen Namen hindurchzuhören. Die Magd, die ihm erst nach langem Klopfen öffnete, zeigte verweinte Augen und prallte bei seinem Anblick erschrocken zurück. Wie einer unwillkürlichen Regung folgend, drückte sie die Tür wieder ins Schloß und eilte in den oberen Stock. Fritz hatte nicht Zeit, über seine sonderbare Lage zu grübeln; vorsichtig wurde abermals der Riegel zurückgeschoben, Reinhardt fühlte sich an der Hand ergriffen, in das Haus, durch einen endlosen Gang in eine dunkle Kammer gezogen. Seine Hand wurde frei, die Türe schloß sich unhörbar, ein Feuerzeug klapperte; als endlich nach langem, vergeblichem Mühen das Licht brannte, stand Reinhardt Margaret gegenüber. – Aber wie sah das Mädchen aus! Reinhardt trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Eine erschreckende Blässe deckte ihr Gesicht; mit beiden Händen mußte sie sich an den Tischrand klammern, um nicht umzusinken, ein Zittern lief durch ihren Körper, und die weitgeöffneten, unnatürlich glänzenden Augen starrten mit solchem Ausdruck des Entsetzens auf ihn, als sei er wirklich ein Geist und nicht ein Wesen von Fleisch und Blut.

»Margaret!« rief Reinhardt, dem es vor den Ohren zu klingen begann, im Tone tiefsten Schmerzes.

Heftig winkte ihm das Mädchen zu schweigen, sie konnte nicht reden, ein Tränenstrom entstürzte ihren Augen; sie warf sich aufs Bett und vergrub ihr Gesicht in die Kissen.

Reinhardt strich sich mehrmals über Stirn und Augen, fühlte, wie seine Gedanken sich zu verwirren begannen; gewaltsam die Betäubung abstreifend, fügte er: »Margaret – was bedeutet das?«

Das Mädchen mußte seine Anwesenheit vergessen haben, heftig fuhr sie empor und starrte ihm mit weit aufgerissenen Augen in das Gesicht. Erst nach und nach schien ihr ein Verständnis der Situation aufzudämmern, die Verwirrung wich von ihrem Gesicht, aber nur, um dem Ausdruck tödlichsten Schreckens Platz zu machen. Zitternd, die Hände ringend, flüsterte sie: »Reinhardt – Sie hier – hier in diesem Hause? – Wissen Sie nicht, fühlen Sie nicht – o mein Gott im Himmel! – haben Sie wirklich das Herz, uns – o ich weiß nicht, was ich rede, die ganze Welt dreht sich um mich! Um der blutigen Wunden unsres Heilands willen, Reinhardt, mußte das sein?«

»Margaret! Was bedeuten deine Worte, was ist geschehen?«

Das Mädchen hatte sich aufgerichtet, mit einem unbeschreiblich kummervollen Blick sah sie auf Reinhardt nieder. »Auch das noch? Und Sie scheuen sich wirklich nicht, mir unter die Augen zu treten? Und wenn Ihnen unser Jammer nichts gilt, sollten Sie nicht den gerechten Zorn des Vaters fürchten, der –«

»All die vielen Worte sind mir völlig unbegreiflich!« rief Fritz aufwallend, alle Vorsicht vergessend. »Wohl ahne ich, daß ein schweres Unglück über mich hereingebrochen sein muß, wozu dann aber diese geheimnisvollen Reden, da dir meine Bestürzung gesagt haben muß, wie gänzlich unvorbereitet mich dieser Schlag trifft? – Sprich! mache dieser Folter ein Ende! Rede – wessen beschuldigt man mich?«

Statt der Antwort verhüllte Margaret mit lautem Jammerruf das Gesicht. Mit steigender Heftigkeit fuhr Reinhardt fort: »Du schweigst? Also auch hier bin ich verurteilt, ohne daß mir nur ein einziges Wort zu meiner Verteidigung gestattet wäre?«

Ein wilder Schrei auf dem Gang unterbrach ihn. »Wer ist's? Fluch und Verdammnis! – er – er in meinem Haus?« brüllte der Herrnbauer und schlug dröhnend mit den Fäusten an die Tür. »Aufgemacht! ich will dem Vogel zeigen, was es heißt, sich mit Gewalt in ehrliche Familien eindrängen! Aufgemacht! ich will ihn zeichnen, den Buben! Aufgemacht! oder ich trete die Türe ein, und Gnade Gott dem, der dem Hund in mein Haus geholfen!«

Reinhardt trat erbleichend zurück, Margaret stand hoch aufgerichtet und lauschte trocknen Auges dem Toben des Vaters, der dumpf brüllend an der Tür arbeitete. »Auch das noch!« stöhnte das Mädchen. »Fort, fort jetzt, Reinhardt, hier gilt kein Besinnen! So lieb dir dein Leben ist,« flehte sie mit gerungenen Händen, »um Annas und meines Vaters willen – fort! Das Fenster ist niedrig – schnell, schnell!«

»Aber du? Was wird mit dir?« rief Reinhardt.

»Fort, fort!« schrie Margaret in Verzweiflung. »Willst du uns mit Gewalt unglücklich machen?«

Ein Sprung brachte Reinhardt ins Freie, im selben Augenblick sprang auch die Tür krachend auf und der Herrnbauer stürzte in die Kammer. Reinhardt, unfähig sich zu bewegen, lehnte am Stamm eines Apfelbaumes. Der Herrnbauer stand sekundenlang regungslos, ein Röcheln rang sich keuchend aus seiner Brust los. Dann erst schien er Margaret zu bemerken, und nun wendete sich all sein Zorn gegen das Mädchen. Reinhardt stand mehrmals auf dem Sprung, in die Kammer zurückzukehren, sich zwischen Vater und Tochter zu werfen. Aber sein Beistand war unnötig. An der unerschütterlichen Ruhe des Mädchens zerschellten die Wogen des väterlichen Zornes. Mehr als einmal hob der wilde Mann die Fäuste gegen sein Kind, immer wieder ließ er sie langsam sinken. Schritt für Schritt wich er zurück, und als könne er ihren Blick nicht ertragen, verließ er endlich fluchend die Kammer. Margaret lauschte seinen Tritten, als sich endlich die Stubentür hinter ihm geschlossen, sank das Mädchen weinend auf die Knie, leise wimmernd rang sie die Hände; sie schien nicht beten zu können; verzweiflungsvoll den Kopf schüttelnd, verließ auch sie die Kammer. Reinhardt erinnerte sich später dieser Vorgänge wie eines dunkeln, wüsten und wilden Traumes. Eines klaren Gedankens war er längst nicht mehr mächtig, lediglich von der furchtbarsten Seelenangst getrieben, eilte er ziellos durch die Nacht und erschrak fast, als er plötzlich vor dem Sülzdorfer Schulbauernhaus stand. Anna mußte er sehen und sprechen, sie mußte über seine Zukunft entscheiden. Leise klopfte er an das Fenster, ein Zittern ging durch seine Glieder, was wird der nächste Augenblick bringen? Leben oder Tod? – –

Er mußte wohl erwartet worden sein. Noch während er pochte, öffnete sich leise die Haustür, weiche Arme schlangen sich um seinen Hals, heiße Küsse brannten auf seinen Lippen, sein Gesicht wurde mit Tränen überströmt.

Lange hielten sich die Liebenden sprachlos umschlungen, keines wagte das erste Wort zu sprechen aus Furcht vor der Unterredung, die doch folgen mußte. Endlich brach Reinhardt das Schweigen; hastig, so kurz als möglich, berichtete er seine Erlebnisse im Herrnhause. »Was ist das, Anna? Wessen beschuldigt man mich?«

Erschreckend ließ ihn Anna los. »Gott im Himmel! Du weißt nichts? Und nun kommst du zu mir? Von mir willst du Aufklärung? – O mein Gott!«

»Also auch hier verurteilt und verstoßen?« flüsterte Reinhardt heiser und stieß das Mädchen von sich. »Und noch immer weiß ich nicht, um was es sich handelt! Rede, Mädchen! wenn deine Liebe keine Lüge – sprich! Was es auch sein mag, ich will es wissen. Sprich, Anna! mache der Qual ein Ende! Diese Ungewißheit macht mich noch wahnsinnig.«

»Nein, Geliebter! – Alles, was ich bin und habe, ist dein; Blut und Leben gebe ich für dich mit Freuden – nur das eine kann ich nicht! Wie wollte ich dir jemals in die Augen sehen, würden diese bösen Worte meinen Lippen entfliehen? – Nein, mein Reinhardt, dringe nicht in mich, quäle mich nicht! Eher sterben als das aussprechen! Eile, Reinhardt, daheim wirst du Aufklärung finden, von mir verlange nicht das Unmögliche. Laß dir mein Schweigen gelten als ein Zeugnis meiner unwandelbaren Liebe, meines felsenfesten, unerschütterlichen Vertrauens auf dich. Wie dich auch die Welt verurteilt und beschimpft – ich glaube an dich! Und nun Fassung, Fritz! – Mut, Geliebter! Schwere Dinge harren deiner, aber nur Mut! ich weiß, es muß noch alles gut werden!«

Liebkosend strich sie ihm die verwirrten haare glatt, fest drückte sie ihn an ihr wild schlagendes Herz, mit Küssen bedeckte sie seinen Mund. »So, und nun gehe, daheim ist deine Anwesenheit nötig! Vergiß nicht, ich bin und bleibe dein, immer, unter allen Umständen! Gott segne dich, mein Einziger! Glaube, wir sehen uns fröhlicher wieder!«

Fritz stand einsam in der stillen Nacht. Von einer Sorge hatte ihn Anna befreit; mit feuchtem Auge hob er die Arme dankend zum Himmel. – Freilich hatte sie auch seine Ungewißheit vermehrt. Anna sprach von einem Geschehenen – damit konnte sie doch nicht ein bloßes Gerücht meinen! Daheim sollte er Aufklärung finden – wie aber die Ungeduld so lange ertragen? Sie war näher zu haben – Robert mußte Aufschluß geben! – Kaum gedacht, war er schon auf dem Weg zur Schule. Das Haus war öde und verlassen, wohl eine Viertelstunde pochte Reinhardt an Tür und Laden – keine Antwort. Endlich öffnete sich in dem Nachbarhaus ein Fenster, und eine Alte, die Reinhardt als Roberts Aufwärterin kannte, rief ihn mürrisch an: »Herr Jeses, was gibt's denn? So lärmt doch nicht so arg. Wer seid Ihr denn eigentlich?«

»Wo ist der Herr Lehrer?« fragte Reinhardt kurz.

»Ach, du lieb's Herrgottle im hohen Himmel droben, ist's denn möglich, seid Ihr's wirklich selber, Herr Schulmeister?« schrie die Alte im Ton tiefsten Entsetzens. »Ach du lieber Gott! mir zittern alle Glieder! Ha, sagt mir nur um alles in der Welt, Herr Schulmeister, ist's denn wahr, was Euch die Leute nachreden? Ach Jeses, Jeses – –«

»Wo ist Euer Herr Lehrer?« unterbrach Reinhardt den Wortschwall.

»Ach, du Herjedig! so laßt einen doch erst zu Atem kommen. Unser Herr Schulmeister? Daß sich Gott erbarm'! – und von dem Jammer wißt Ihr auch noch nichts? Der ist ja heut', kein Mensch denkt an was Unrecht's, auf einmal todsterbend krank geworden, hat sich auf'm Fleck auf die Eisenbahn fahren lassen und will nun heim zu seinen Eltern, da er in Sülzdorf doch niemand hat, der sich so recht seiner annehmen könnte. Aber so redet doch, ist' –«

»Ich danke!« entgegnete Reinhardt kurz und hatte längst das Dorf hinter sich, ehe die Alte sich von ihrem Erstaunen erholte.

Robert krank? So plötzlich? Und sogleich nach Hause abgereist, nach der Heimat, die er bis heute fast allzu auffällig gemieden? Was war hier geschehen? – Waren schlimme Nachrichten von der Hauptstadt eingelaufen? Hatte die Dirne, die Fesseln des Justizrats Stein durchbrechend, ihre Drohungen wahr gemacht, sich auf kürzestem Wege die Anerkennung ihrer Rechte erzwungen? Es war gar nicht denkbar, daß dieser Fall eintreten konnte; und wenn, dann hätte gewiß Justizrat Stein ihn von dem Scheitern seiner Verhandlungen in Kenntnis gesetzt. Nein, das war es nicht – aber was sonst? Und wenn nun seine Ahnung eintraf, wenn das Gerücht ihm die Schande auflegte, die er von Robert abwenden wollte, wie sollte er seine Ehre retten, ohne den Freund preiszugeben? –

Von einer wahren Todesangst gehetzt, jagte er, keines Hindernisses achtend, querfeldein Bergheim zu.

Das Dorf war finster und stille geworden, nur in der Schule war noch Licht. Die Haushälterin mußte ihn erwartet haben. Atemlos stürmte er in das Zimmer, auf dem Tisch lag ein großes amtliches Schreiben, zitternd riß er es auf und sank totenbleich auf das Sofa zurück – das hatte er nicht erwartet: er war seines Amtes entsetzt! – –

Das Weinen und Klagen seiner Haushälterin erweckte ihn aus seiner Betäubung. – Der Schlag kam eigentlich nicht unvorbereitet, schon lange hatte er diesen Ausgang erwartet – nun er aber Wirklichkeit geworden, traf er ihn doch wie ein gänzlich Unvorhergesehenes.

»Ja, ja, es ist so, Frau Kräußlich!« sagte Reinhardt träumerisch weich, »ich bin abgesetzt!«

Die Frau, die Reinhardt in letzter Zeit so oft gequält, haschte nach seiner Hand und drückte sie schluchzend an ihre Lippen. »O Herr, das ist ja nicht möglich, das kann ja nicht sein! Mögen die Leute sagen, was sie wollen, – nein, nein, so weit kann es nicht kommen! Der Lichtennikele hat's auch gesagt, und der glaubt auch nicht an die Sülzdorfer Geschichte, und im Grunde glaubt kein Mensch daran, und alle Nachbarn warten bloß darauf, daß Sie sagen: es ist nicht wahr! und dann sollen Sie sehen, wer Sie von Bergheim wegbringt!«

Reinhardt griff an den schmerzenden Kopf. Tonlos hauchte er: »Und wenn ich das nun nicht sagen könnte?«

Die Frau blickte erschrocken auf. »Aber Sie werden es sagen. Ich weiß es, und der Lichtennikele weiß es auch. Und wenn Sie es nicht sagen wollen, dann tu' ich's – gewiß und wahrhaftig! Was? – ich bin eine alte Frau und versteh' mich auf so was, und sollte fünf Jahre um Sie sein und das nicht sagen können? Und auch andere werden für Sie zeugen, zuerst einmal der Schulbauer und der Lichtennikele, und was weiß ich? Und das müßt' doch mit dem Teufel zugehen, wenn ehrliche Menschen mit dem Jockenhannes und dem Pfarrer – die beiden haben Ihnen doch bloß die Brühe eingebrockt – nicht sollten fertigwerden! Ach was da, Herr Lehrer, am Ende ist die Geschichte gar nicht einmal so schlimm, solchen Lärmens gar nicht wert. – Und jetzt tun Sie mir einmal den Gefallen und nehmen Sie den Zettel da einmal gründlich vor. Sie haben ihn ja kaum angesehen! Daß man doch auch endlich in Wahrheit erfährt, wie die Sachen eigentlich stehen!«

»Und warum erfahre ich erst jetzt, welche Gerüchte über mich umgehen?« fragte er unmutig. »Das ganze Unglück konnte vermieden werden, wenn ich rechtzeitig gewarnt wurde!«

Die Frau trat erbleichend zurück: »Mein Gott, was sagen Sie? O, Herr Lehrer, wer hätte es übers Herz bringen können, Ihnen solche Dinge zu sagen? – Aber jetzt nehmen Sie das Schreiben vor – es steht gewiß nicht so schlimm, als wir fürchten!«

Fritz schüttelte den Kopf. Allerdings war von förmlicher Absetzung nicht die Rede; allein was an seine Stelle trat, war im Grunde wenig besser. Vieler und schwerer gegen ihn eingelaufener Klagen wegen war Reinhardt vorläufig von allen dienstlichen Verpflichtungen suspendiert und sogleich auf morgen nach Haidach vor das Kirchen- und Schulamt zur ersten Vernehmung geladen. Als die Haushälterin in Jubel ausbrach, schüttelte Reinhardt traurig den Kopf und sagte: »Gute Frau Kräußlich! – glauben Sie mir, mein Schicksal ist so gut wie besiegelt! Die Vernehmung ist nur noch eine Form – denn daß die Herren droben ihrer Sache sicher sind, das beweist zur Genüge die rücksichtslose Härte ihres Vorgehens!«

»Gott behüte uns vor solchem Unglück!« rief die Frau. »Nein, das kann ja nicht sein! Sie werden sich rechtfertigen – und was kann man Ihnen dann anhaben?«

Reinhardt war aufgesprungen. »Frau Kräußlich,« keuchte er, »wissen Sie es wirklich gewiß, daß – ob man wirklich als Grund meiner Absetzung die Geschichte –«

»O lieber Gott im Himmel, wie wäre daran zu zweifeln? Weiß ich es doch aus des Pfarrers eigenem Mund!«

»Wo trafen Sie mit dem zusammen?«

»Mein Gott, wo sonst als hier in dieser Stube?«

»Walter? – Und was hatte der hier zu suchen in meiner Abwesenheit?«

»Ei, eben in Ihrer Abwesenheit sehr viel, meine ich! Er verlangte durchaus die Schlüssel zum Lehrzimmer und zum Schulbücherschrank.«

»Ha!! – Und Sie?«

»Bin eine Lehrersfrau, Herr Reinhardt, konnte mir so ungefähr denken, was das bedeutete. Und so erklärte ich dem geistlichen Herrn kurz und rund, die Schlüssel kämen ein für allemal nicht aus meinen Händen. – Hu, prasselte der Herr auf, am liebsten hätte er mich wahrscheinlich zum Hause hinausgeworfen. Gut, schrie er, dann werde ich mir den Eingang gewaltsam verschaffen! Da sagte aber der Lichtennikele, der Lärm hatte ihn herbeigezogen: »Halt da, Herr Pfarrer! Was mit dem Herrn Lehrer vorgegangen ist, weiß ich nicht, frage auch nichts danach, meinetwegen soll er auch abgesetzt sein, Sie werden das ja wohl am besten wissen. Aber ich leid's nicht, daß Sie wie ein Dieb hinter seinem Rücken über Reinhardts Sachen herfallen. Hand von der Butter, Herr Pfarrer! In der Schule haben Sie jetzt nichts zu suchen, das machen Sie mit dem Herrn Reinhardt selbst ab.« Der Lärm hatte mehr Leute herbeigezogen; sie alle stimmten dem Lichtennikele so laut bei, daß der Pfarrer in aller Stille abzog. Aber – da, sehen Sie, welches Denkmal er sich gesetzt hat!«

Die Haushälterin hatte das Licht ergriffen und leuchtete in den Hausflur. Reinhardt traute seinen Augen kaum – die Tür des Lehrzimmers, der Schulschrank waren mit Walters Petschaft versiegelt. Mit den Zähnen knirschend, riß Reinhardt die Siegel ab und trat in das Lehrzimmer.

Der eigentümliche Schulgeruch, der ihm entgegenwehte, die langen Reihen leerer Bänke, von denen ihm täglich so viel frische Kinderaugen voll Liebe entgegenleuchteten, das Lehrpult, das er jeden Morgen mit größerer Freude betrat, die Wandtafel und Wandkarten, Lese- und Rechenmaschinen, selbst Schwamm und Kreide – wie mutete ihn alles so wundersam an! Jetzt erst empfand er, wie fest er mit seinem Berufe verwachsen war, wie die Schule seine wahre Heimat geworden. Er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen – von diesem Ort sollte er ausgetrieben werden wie ein Verbrecher, mit Schmach und Schande bedeckt! Ein heißer Zorn quoll in ihm auf, aber dieser Zorn wurde für ihn befreiend. Die Gegner mußten es eilig haben, ihn gänzlich loszuwerden; vielleicht auch hofften sie ihn zu überraschen, da sie ihn von heute auf morgen zur Verteidigung vorforderten und obendrein die Anklagepunkte verschwiegen – sollte er sich im ersten Anlauf niederwerfen lassen? Nein, nicht allein seinetwegen, auch der Kinder wegen mußte er feststehen. Allein auf sich die Entscheidung zu nehmen, durfte er nicht wagen – der Schulbauer aber war verreist, und wem sollte er sich sonst anvertrauen? Da kam es über ihn wie eine Erleuchtung; zu Justizrat Stein! Wer konnte besser raten und helfen als der edle Mann, der ihm in letzter Zeit mit solch wahrhaft väterlicher Vertraulichkeit entgegengekommen war? Ja, Stein mußte einen Ausweg finden, seine Ehre zu retten, ohne Robert dem Verderben preiszugeben!

Frau Kräußlich schüttelte verwundert den Kopf, als Reinhardt mit einer Ruhe und Bedachtsamkeit, die grell gegen seine eben noch gezeigte Aufregung abstach, seine Präparationshefte, Pläne und sonstigen Schriften zusammenpackte, sodann Pult und Bücherschrank sorgfältig verschloß, die Schlüssel zu sich steckte und dann in das Wohnzimmer zurückkehrte.

Nachdem er die Hefte weggeschlossen, sagte er tiefaufatmend: »So – nun mag Walter suchen! Ihnen, Frau Kräußlich, danke ich. Ihre Treue soll Ihnen unvergessen sein. Ich aber muß noch heute in die Hauptstadt – lassen Sie nur, hier hilft kein Bitten! Ängstigen Sie sich nicht zu sehr um mich, vielleicht kommt es doch anders, als Pfarrer Walter hofft.«

Ehe sich die Alte von ihrem Staunen erholte, hatte Reinhardt das Haus verlassen; zu spät fiel ihr ein, daß er wahrscheinlich nicht zu Abend gegessen – sie konnte ihn nicht mehr zurückrufen.

Fritz wanderte einsam durch die schweigende Nacht. Justizrat Stein war sein Trost – der Mann konnte helfen, er mußte es tun! Eine Abweisung fürchtete er nicht – wie aber, wenn der Mann vielleicht verreist war? Unwillkürlich beschleunigten sich Reinhardts Schritte, die alte Unruhe und Angst kam über ihn, der klare Schweiß perlte auf seiner Stirn. Bald wurde Reinhardt von einem wilden Heer der Sorgen, Befürchtungen und Einbildungen durch die Nacht gehetzt. Wie? – Wenn ihm Stein nicht helfen konnte, ohne Roberts Existenz auf das Spiel zu setzen! – Dann war der schändende Verdacht immer erst ein Klagegrund, in dem Schreiben aber stand ausdrücklich: »wegen vieler schweren Anklagen und Beschwerden!« Was konnten das für Klagen und Beschwerden sein? – Was sollte werden, wenn er sich verblüffen ließ? Wenn er sich im ersten Augenblick nicht zu helfen wußte, nicht die rechten Worte fand, sich verwickelte, widersprach? – Ein schmerzlicher Druck auf die Brust erschwerte das Atmen, und diese körperliche Pein vermehrte wieder seine Seelennot. Er sah sich schon verloren, seine Angst wurde zur Verzweiflung! Wie von Furien gehetzt, jagte er durch rauschende, brausende Wälder, aus deren Tiefe ihn höhnende, gellende Stimmen anriefen.

Endlich erreichte er das freie Feld, ein dunklerer Streif in der Ferne verkündete das Ziel seiner Wanderung – allein plötzlich fühlte er sich so schwach, ein Zittern ging durch seine Glieder, er mußte sich setzen. Ein wütender Heißhunger peinigte ihn, und jetzt erinnerte er sich, daß er seit Mittag nichts gegessen. Mühsam schleppte er sich fort, kalter Schweiß bedeckte seine Stirne – nur mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft zwang er sich vorwärts.

Zitternd schwankte er durch die Straßen der Stadt. Feurige Kreise rollten vor ihm durch die Luft, die Häuser begannen sich im Wirbeltanz zu drehen. Dennoch empfand er kaum die wütenden Hungerschmerzen, so groß war seine Aufregung – mußten nun doch die nächsten Minuten Entscheidung bringen, ob er auf Stein rechnen durfte oder nicht.

So schnell ging das nun wohl nicht mit der Entscheidung. Wohl eine Viertelstunde mußte Reinhardt läuten, ehe ein verschlafener Hausgeist erschien, um ihn zum Teufel gehen zu heißen, »hier sei weder ein Doktor noch 'ne Apotheke!« Nach viertelstündigem Verhandeln ließ endlich der Hausgeist Reinhardt ein, hieß ihn im Vorzimmer warten und ging ihn dem Herrn melden. Diesmal kam er überraschend schnell zurück: Reinhardt solle sich aufs Ohr legen und zu geeigneter Zeit wiederkommen, nachts gebe der Herr Justizrat keine Sprechstunden.

»Und ich muß ihn sprechen, sagen Sie ihm das, ich muß, und jetzt gleich, verstanden? Was zögern Sie noch, sehe ich aus wie einer, der die Leute zum Vergnügen aus dem Schlaf stört? Meinen Sie, ich sei drei Stunden zum Spaß durch die Nacht gerannt? Melden Sie mich auf jede Gefahr – ich muß den Herrn sprechen.«

Der Diener kraute sich verlegen die Haare, die Entschiedenheit Reinhardts wirkte aber doch: knurrend machte er sich abermals auf den Weg. Reinhardt, der das Sprechzimmer des Justizrats schon kannte, folgte ihm sogleich in den zweiten Stock. Fast unerträglich wurden die körperlichen und geistigen Qualen, die ihn peinigten: er fühlte, wie es mit seiner Kraft zu Ende ging.

Diesmal mußte Reinhardt wieder länger warten. Endlich öffnete sich die Tür des Sprechzimmers, der Justizrat, in einen dicken Schlafrock gehüllt, leuchtete mit hocherhobenem Licht hinaus in den Vorfall! und schrie Reinhardt gereizt an: »Plagt Sie der Teufel, Herr, oder sind Sie von Sinnen, daß Sie einen geplagten Menschen –« hier brach er plötzlich ab. kam rasch näher, sah Reinhardt forschend ins Gesicht, faßte ihn unter den Arm, führte ihn sorgsam wie eine Mutter in sein Privatkabinett, drückte ihn in den weichsten Sessel und fragte weich: »Mein armer, lieber Freund, was ist geschehen?«

Reinhardt konnte nicht reden, er zog das Regierungsdekret aus der Tasche und gab es dem Justizrat.

»Aah! – so, so!« machte der Justizrat. »Das erklärt freilich alles! Und haben Sie eine Ahnung – aber mein Gott! was ist Ihnen? Sind Sie krank?«

»Mir ist in der Tat sehr übel«, flüsterte Reinhardt, dem eine Ohnmacht zuging. »Ich glaube, ich habe seit vorigen Mittag nichts gegessen.«

Dunkel erinnerte sich Reinhardt, wie der lange Schlafrock des Justizrats in lächerlichen Sprüngen durch das Zimmer hüpfte, und wie sich der alte Joseph vergeblich bemühte, die wild gewordenen Schlippen einzusaugen. Dann stieg ihm ein köstlicher Braten- und Weinduft in die Nase: später stellte er tiefsinnige Betrachtungen darüber an, warum man nicht mit jeder Hand zugleich Messer und Gabel handhaben könne. Allmählich teilte sich der Nebel, der seine Umgebung verhüllte; die Gegenstände traten klar und bestimmt hervor. Er sah Joseph eilfertig Teller und Flaschen herbeischleppen, zuletzt sah er auch den Justizrat sich gegenübersitzen und ihn lächelnd beobachten. Beschämt legte Reinhardt Messer und Gabel nieder und stotterte: »Herr Justizrat, ich weiß nicht – ich muß wohl –«

»Einen schauderhaften Hunger gehabt haben! ha, ha, ha!« schrie der Justizrat, dem die Lachtränen über die Backen rollten. »So habe ich lange nicht einhauen sehen! beneide Sie wahrlich um Ihren Appetit! Stoßen Sie an, Reinhardt! der Wein wird Sie völlig restaurieren. Auf Ihr Wohl! – Und nun tun Sie mir den Gefallen und genieren Sie sich nicht; Sie sehen, die Vorräte reichen! Wenn Sie Ihre inneren Angelegenheiten geordnet, dann nehmen Sie eine Zigarre, und dann lassen Sie uns über Ihre äußerlichen Angelegenheiten plaudern. Vor allem aber, weder Dank noch Entschuldigung. Sie wissen, ich kann beides nicht leiden. – Noch eine Flasche Rüdesheimer, Joseph! – ah, da ist sie schon! Geh jetzt zu Bett, Alter; wir werden uns später schon allein zurechtfinden. – So, nun trinken Sie und lassen Sie hören. Die Suspension danken Sie Ihrem Pfarrer, natürlich! Und haben Sie eine Ahnung, welcher Art die dieser Suspension zugrunde liegenden Klagen sein könnten? – Echauffieren Sie sich nicht, ich verstehe Sie vollkommen, Ihre Verbindung mit mir ist aufgefallen, man hat unsern Verhandlungen nachgespürt und daraus bestimmte Urteile und Schlüsse gezogen. So so, hm hm! Die Sache ist vollständig klar. – Haben Sie vielleicht Anhaltspunkte, welche geeignet wären, möglicherweise ein Licht auch über die übrigen Anklagen zu verbreiten? – Keine? – nun das schadet nicht, wir werden ja sehen! – Mein lieber junger Freund, es freut mich von Herzen, daß ich in der Lage bin, Ihnen nützlich zu werden. Ich bin auf morgen ebenfalls nach Haidach ins Justizamt vorgeladen; ist es Ihnen recht, fahren wir zusammen nach dem Städtchen, und da mein Termin erst auf elf Uhr angesetzt ist, Sie aber schon um neun Uhr vorgeladen sind, so werde ich Sie vor das Kirchen- und Schulamt begleiten und Ihre Sache führen. Ich glaube,« setzte er lächelnd hinzu, »daß meine Gegenwart hinreichen wird, Ihre Angelegenheit in ein anderes Stadium zu heben. – Nur keinen Dank, keine Explikationen, ich kann dergleichen nicht leiden! Und nun kommen Sie, hier ist Ihr Zimmer, rauchen Sie gemächlich Ihre Zigarre zu Ende und dann schlafen Sie getrost, Ihre Angelegenheiten stehen gut! Die Hauptfrage ist schon zu Ihren Gunsten erledigt – eben heute habe ich den Vergleich mit dem bewußten Frauenzimmer abgeschlossen und ihr die Abfindungssumme ausgezahlt! Schlafen Sie ruhig, Reinhardt, wie es dem guten Gewissen zukommt, Ihre Ehre steht über jeder Anfechtung!«

Der Justizrat drückte die Tür leise ins Schloß.

Einunddreißigstes Kapitel

Die Geschäftszimmer des Justizamtes in Haidach lagen mit denen des Landratamtes in einem alten, schloßartigen Gebäude. Der Landrat war zugleich Vorsitzender des Kirchen- und Schulamtes. In der gemeinschaftlichen Wartestube saßen bereits der Veiten- und Bergbauer neben dem Beckenjörg; sie erstaunten nicht wenig, als ihr abgesetzter Lehrer in Begleitung des hochgeachteten Justizrates eintrat. Sie wollten sich zu einer Besprechung um ihn drängen, allein Stein wies sie lächelnd ab. »Vor allem wollen wir eurem braven Lehrer zu seinem Recht verhelfen; dann stehe ich euch zu Diensten!« – Seine Uhr ziehend fuhr er fort: »Neun Uhr! Wo ist der Bureaudiener? Er möge dem Kirchen- und Schulamt Herrn Lehrer Reinhardt und Justizrat Stein melden!«

Reinhardt biß die Lippen zusammen, als er diesmal so wunderbar rasch vorkam. Im Sitzungszimmer saß Superintendent N. neben dem Landrat. Beide vermochten den Ausdruck einer unangenehmen Überraschung nicht zu verwischen. Der Landrat erhob sich und schien dem Justizrat entgegengehen zu wollen. Dieser winkte lächelnd: »Bleiben Sie ganz ruhig, ich komme als Rechtsbeistand des beklagten Herrn Lehrer Reinhardt! Ich hoffe, man würde meinem Klienten auch ohne meine Anwesenheit nicht zugemutet haben, die Verhandlungen stehend abzumachen.«

Der Landrat biß sich die Lippen, riß am Klingelzug und befahl dem hereinstürzenden Bureaudiener Stühle zu bringen. »Ich weiß in der Tat nicht, Herr Justizrat,« begann er, sichtlich verlegen an den Bartspitzen drehend, »ob es dem Lehrer Reinhardt gestattet werden darf, seine Verhandlungen vor dem Kirchen- und Schulamt durch einen Rechtsanwalt führen zu lassen!«

»Ah, bah!« – sagte Stein mit feinem Lächeln. »Lassen Sie das, Herr Landrat, ich weiß ja doch, daß Sie mich nicht zurückweisen werden. Wollen Sie gefälligst die Verhandlungen beginnen? Meine Zeit ist gemessen!«

Als der Landrat auf einige Worte, die ihm der Superintendent zuflüsterte, nur ärgerlich die Achseln zuckte und in seinen Akten kramte, erhob sich Stein und sagte ernst: »Ehe ich mich auf weiteres einlasse, erkläre ich das gegen den Lehrer Reinhardt von Bergheim eingeleitete Strafverfahren für völlig ungesetzlich und erhebe dagegen Protest. Ich behalte mir auch alle Schritte vor, die nötig sein werden, um die hier vorliegende Umgehung des Gesetzes energisch zu ahnden, sowie auch um meinem Klienten für alle Schädigung, die er an seiner Ehre oder sonstwie erlitten, vollste Genugtuung zu verschaffen!«

Der Landrat war unruhig geworden. »Herr Justizrat, wollen Sie nicht bedenken, daß Sie sehr hart und – und schnell urteilen? Wollen Sie nicht erst Beweise abwarten für, für –«

»Ich verlange meine Angabe wörtlich zu Protokoll zu nehmen. Die Beweise für die Richtigkeit meiner Anschauung werden die Verhandlungen bald genug klarstellen. Wollen Sie die Anklagen gefälligst vortragen?«

Nachdem der Landrat wieder lange in seinen Papieren gekramt, erhob er ein ziemlich dickes Konvolut Papiere und begann zu lesen. Nach einem salbungsvollen Eingang berichtete Pfarrer Walter, daß er sich leider genötigt sehe, gegen den Lehrer Reinhardt von Bergheim Beschwerde zu führen, da alle Mittel des ihm zustehenden Besserungsverfahrens ohne Wirkung geblieben seien.

»Dagegen erhebe ich Protest!« rief Reinhardt erregt. »Pfarrer Walter leitete nie das gesetzlich vorgeschriebene Besserungsverfahren gegen mich ein. Man stelle mich diesem Mann gegenüber und sehe zu, ob er diese Angabe aufrechtzuerhalten wagt!«

»Wollen Sie diese Bemerkung zu Protokoll nehmen«, sagte Justizrat Stein kalt.

Der Landrat las weiter. Die Beschwerden zerfielen in allgemeine und besondere. Über die ersteren – Reinhardt wurde, ohne weitere Beweise natürlich, als Atheist, Umsturzmann, als sittenloser Mensch denunziert – lachte der Justizrat. »Pastorengalle! Ohne Beweise erkläre ich diese Anschuldigungen für böswillige Verleumdung! Weiter!«

Die tatsächlichen Anklagen drehten sich um bekannte Vorgänge, Walter zeigte ein gutes Gedächtnis. Reinhardt wurde des Trotzes, Ungehorsams, der Beleidigung seines Vorgesetzten am Morgen des zweiten Pfingsttages, bei Rückempfang seiner Lehrpläne, angeklagt; besonders war sein eigenmächtiger Spaziergang und die Weigerung, auf Befehl die Kinder zu züchtigen, hervorgehoben. Seine Ablehnung des neuen Katechismus war gehässig verdreht, auch seine Versäumnisse bei der Kindtaufe, seine folgende abermalige Beleidigung des Pfarrers nicht vergessen worden. Zuletzt wurde auch des Schulfestes als einer Eigenmächtigkeit gedacht und als großes Verbrechen dargestellt, daß der Lehrer seinem Vorgesetzten das Wort verweigerte.

Ehe Reinhardt zu Wort kommen konnte, rief der Justizrat ungeduldig: »Lappalien! Nicht wert, darüber ein Wort zu verlieren; wenn Herr Pfarrer Walter diesen Geschichten so große Bedeutung beilegte, warum klagte er nicht sofort?«

»Ja, warum klagte er nicht?« rief Reinhardt, der aufgesprungen war. »Über sämtliche hier angeführte Beschwerdepunkte kam es zwischen uns zum offenen Streit, der stets damit endete, da mich Walter eines Unrechts nie überführen konnte, daß er mir mit Klage drohte. Man stelle mich dem Mann gegenüber, dann werde ich Punkt für Punkt beantworten!«

»
Bon – bon!« lächelte Stein. »Vergessen Sie nicht, das ins Protokoll aufzunehmen! – und nun weiter. Ich will nicht hoffen, daß man ähnlicher Vorgänge wegen Amtssuspension über Reinhardt verhängte!«

Der Ephorus erhob Hände und Augen, allein der Landrat warf ihm einen Blick zu, der ihn rasch zur Ruhe brachte.

Allerdings begann nun der Pfarrer mit schwerem Geschütz aufzurücken. Nachdem er der religiösen Verwirrung im Dorf gedacht, den Abfall vom Glauben beklagt, kam er wieder auf Reinhardt, und diesem wurde geradezu schuld gegeben, daß die Verwilderung solche Höhe erreicht. Als Gründe wurden angegeben: seine verderbliche, destruktive Lehre, seine schlechte Schulzucht, sein schlimmes Beispiel!

»Zum erstenmal fast höre ich die Schule nennen!« rief der Justizrat. »Aber das sind ja leere, inhaltlose Behauptungen! Tatsachen – wo sind die Tatsachen?«

Die Tatsachen blieben aus, die Schule wurde nicht weiter erwähnt, vielmehr wurde Reinhardt angeklagt, er habe oftmals gotteslästerliche Reden, Geschichten, welche darauf abzielten, das Ansehen des Pfarrers zu untergraben, im Wirtshaus mit angehört, ohne dagegen einzuschreiten; ferner habe er unter den strenggläubigen Christen für seine eigene materialistische Weltanschauung agitiert und manche fromme Seele verwirrt und verführt. Besonders bei seiner Verlobung im Hause des Bauern Schubert habe er den Pfarrer Walter gröblich beleidigt, in der Würde seines Amtes gekränkt und seinem Ansehen geschadet.

»Vorläufig habe ich auf sämtliche Beschuldigungen nur eine Antwort: ich verachte sie!« rief Reinhardt. »Wagt Walter diese Klagen aufrechtzuerhalten, möge er Zeugen und Beweismittel beibringen, da soll es an einer Antwort meinerseits nicht fehlen.«

»Sie führen eine sehr hohe Sprache, junger Mann«, keuchte der Superintendent. »Ich fürchte nur, Sie werden dieselbe bedeutend herabstimmen, wenn nun die Hauptpunkte der Anklage hervortreten.«

»Endlich ein Wort von Hauptpunkten!« sagte der Justizrat ungeduldig. »Vorwärts!«

Der Landrat las: »In einer wahrscheinlich zu diesem Zweck veranstalteten Versammlung im Bergheimer Wirtshaus hielt Reinhardt einen Vortrag, in welchem er offen sich zum Atheismus bekannte, seine Feindschaft gegen alles, was Kirche, Religion und Glauben heißt, offen darlegte und unsrer heiligen Religion den Krieg erklärte!«

Reinhardt war furchtbar bleich geworden. Nicht mehr imstande, an sich zu halten, schmetterte er seinen Stuhl auf den Boden und rief: »Ha, ich beginne zu ahnen, aus welcher Quelle Walter schöpfte! Aber diese Beschuldigung ist schändlich! Ich selbst enthalte mich jedes Wortes zu meiner Verteidigung – in der Wartestube sitzen Bergheimer Männer der verschiedensten Parteien; man rufe sie, sie mögen für mich zeugen!«

Der Landrat begann heftig auf und ab zu gehen.

»Geht nicht – ist ganz untunlich!« rief er endlich. »Wir haben hier nur Ihre eigenen Angaben zu vernehmen; alles weitere muß späteren Verhandlungen überlassen bleiben!«

»Geht nicht?« fiel der Justizrat erregt dazwischen. »Wie? Sie verhängen ohne weiteres Amtssuspension, und jetzt wollen Sie dem Angeschuldigten die Mittel verweigern, seine Ehre sofort herzustellen? Herr, wie soll ich dieses Verfahren nennen? Werden Sie sofort die Genannten herbeirufen und ihre Aussage zu Protokoll nehmen oder wollen Sie es auf weitere Schritte meinerseits ankommen lassen?«

Sekundenlang blickten sich die beiden Juristen zornglühend in die Augen, dann aber riß der Landrat an der Klingel und befahl, ohne die Einwürfe seines Beisitzers nur im geringsten zu beachten, sämtliche in der Wartestube anwesenden Bergheimer hereinzuführen. Ein ängstliches, dumpfes Schweigen herrschte in dem großen, hellen Zimmer; der Justizrat schaute angelegentlich in einen kleinen Hof hinab, der Landrat ging heftig hinter dem grünen Tisch auf und ab, und der Ephorus begann mit steigender Unruhe und Verlegenheit auf seinem Stuhl umherzurücken. Endlich traten die Bergheimer ein und sahen sich mit großen Augen um. Es waren außer dem Beckenjörg, Veitenbauer und Bergjörg auch noch der Schulz und der Ungerskasper. Mit kurzen Worten legte ihnen der Landrat den Zweck ihres Hierseins dar; als sie seine Frage, ob sie sich auf Reinhardts Vortrag erinnerten, ob er ihnen in den Hauptsachen noch gegenwärtig sei, einstimmig bejahten, las er ihnen die betreffende Stelle der Anklageschrift vor und knüpfte daran die Frage, ob diese Angaben der Wahrheit entsprächen.

Bleich und verstört starrten die Männer bald sich, bald Reinhardt, bald den Landrat an. »Und das hat unser Pfarrer berichtet?« fragte der Bergbauer leise und strich sich über die Augen. »Unser Pfarrer? – Und deswegen ist unser Herr Lehrer abgesetzt worden?« – Dem Schulzen wurde so übel, daß er sich setzen mußte, der Veitenbauer und der Ungerskasper schüttelten die Köpfe, des Beckenbauern Augen funkelten wie Kohlen, hörbar knirschte er mit den Zähnen. Als der Justizrat vollends den Männern die Bedeutung und Tragweite des Satzes: »Reinhardt hielt einen Vortrag, in welchem er sich offen zum Atheismus bekannte!« auseinandersetzte, begann auch der Bergbauer nach einem Stützpunkt zu suchen, der starke Mann zitterte sichtbar vor Aufregung, der Beckenbauer aber brach los: »Das hat der Pfarrer geschrieben? Wahr und wahrhaftig? Mit seiner Unterschrift bezeugt? – Und den verfluchten Judas trifft kein Donnerschlag? Seine Lügenzunge wird nicht schwarz? Seine Finger verdorren nicht? – O lassen Sie nur, Herr Landrat, ich weiß sehr wohl, wo ich bin und was ich rede! Strafen Sie mich, so sehr Sie wollen, lassen Sie mich einsperren – mir gleich, aber 'runter muß vorher, was mir auf dem Herzen liegt, 'raus muß es, was da drinnen würgt, ich erstick' sonst! – Heiliger Gott! das hat unser Pfarrer geschrieben? Unser Pfarrer? Herr, mein Gott, mir brennt's im Gehirn! – Und nun lassen Sie schreiben, das ist alles erstunken und erlogen, kein wahrer Buchstabe drin! Den Herrgott hätte unser Lehrer geleugnet? Der Religion und dem Glauben den Krieg erklärt? – Was? hat er nicht ausdrücklich gesagt, ich ehre und liebe den Glauben? Ich bin kein Feind des Christentums, kein Spötter, kein Religionsverächter? – Und der Pfarrer wagt das zu schreiben? Auf elende Lügen und Klatschereien seiner Zuträger hin schändet er einen Menschen und macht ihn unglücklich? – Schreibt's nur auf, was ich gesagt, ich vertret's! Und noch einmal sag' ich: das sind ausgestunkene Lügen!«

Der Justizrat lehnte in der Fensternische und blickte angelegentlichst auf seine Fingernägel, der Landrat kniff die Lippen zusammen und spielte mechanisch mit einem Bleistift, der Ephorus aber war aufgesprungen, streckte beide Hände von sich, als müsse er etwas Entsetzliches abwehren; unruhig, wie Hilfe suchend, irrten seine Augen umher.

Ächzend erhob sich der Bergbauer, stützte sich auf den grünen Tisch und begann mit bebender Stimme: »Ich bin ein ruhiger Mann, hab' wenig an dem Treiben im Dorf teilgenommen und allzeit festgehalten am Glauben meiner Väter – fragt um, man wird mir das bezeugen. Drum ist mir der G'satz da von unserm Pfarrer wie ein Messer ins Herz gefahren; ich kann's nicht zusammenbringen, daß der Mann, den wir allsonntäglich zweimal auf der Kanzel sehen, solche Streiche macht. Ich nehme natürlich an, daß er auch hintergangen und betrogen worden ist, aber das macht nichts besser. Ja, ja – mir brennt's auch im Kopf und reißt's im Herzen, und was das für neues Unheil in Bergheim geben wird, daran mag ich nicht denken. In Gottes Namen lassen Sie schreiben, Herr Landrat, ich sag' auch, das sind schändliche, niederträchtige Lügen, was der Pfarrer schreibt. Die Red' war eine wackre, tüchtige Red', wie lang' keine gehört worden ist in Bergheim, und ich bin dem Herrn Lehrer heut' noch dankbar dafür. Das war nichts als die runde, klare Wahrheit, und wenn sie scharf war und manchen gebissen hat, so ist das nur seine Schuld. Wenn man mehr wissen will, soll man nur den Lichtennikele fragen, der weiß die ganze Red' auswendig. – Und nun ihr Männer, bezeugt ihr, ob ich nur ein Wort zuviel gesagt hab'!«

Der Ephorus rang heimlich die gefalteten Hände, der Schweiß stand in dicken Tropfen auf seiner Stirn. Als er jetzt salbungsvoll auf die Männer einzureden begann und sie ermahnen wollte, doch in dieser hochernsten Angelegenheit ihre Worte zu bedenken – fuhr ihn der Landrat barsch an: »Wollen Sie die Männer beeinflussen? Können Sie noch immer nicht die Finger aus dieser unsauberen Geschichte lassen, die Sie, Sie und Pfarrer Walter mir aufhalsten? Schweigen Sie und lassen Sie die Bergheimer Männer reden – was habt ihr zu sagen, Schultheiß, Veit Wendler. Kaspar Unger?«

»Sehr viel oder auch sehr wenig, wie man's nimmt!« sagte der Ungersbauer. »Muß vorausschicken, daß ich bis heute unwandelbar unserm Pfarrer vertraut habe – ich sehe jetzt, mehr als gut war. Dagegen der Schulmeister Reinhardt war nie mein Mann, sein fürnehmes, hochmütiges Wesen war mir zuwider, sein freies Denken in Sachen des Glaubens mußte ich höchlich verdammen, und, um es gradeaus zu sagen, ich könnt' den Schulmeister nicht leiden und hab' ihm nicht über den Weg getraut. Was nun die Red' betrifft, so bin ich davon nicht so erbaut wie der Bergbauer; sie war nach meiner Meinung nichts Ganzes und nichts halbes, nicht gehauen und nicht gestochen. Von Gottesleugnung, Feindschaft wider den Glauben, Krieg gegen die Religion war aber nichts in der Red' zu spüren, nicht's Dingle, konträr', eh'r ließ sich das Gegenteil behaupten. So schwer mir's wird, und ich sag' euch, ihr Herren, ihr könnt gar nicht verstehen, was mir der Pfarrer mit der Geschicht' angetan, was er für ein Unheil in meinem alten Kopf angerichtet hat! – ich muß auch sagen, an der Anklage ist kein wahres Wort!«

»Will mich nicht besser machen, als ich bin,« begann der Veitenbauer zu poltern, »muß sagen, die Geschicht' macht mir 'nen Heidenspaß, und wenn mir je was nicht gefällt, so ist's, daß der Schulmeister so ganz ungeprellt davonkommen soll. Hab' ihn nie leiden können, den Schulmeister, und hab' auch kein Hehl daraus gemacht. Seine Überg'scheidigkeit, sein Tugendstolz lagen mir wie Steine im Magen; besonders seine Rede, worin er uns freisinnige Männer 'runterrunkste, als wären wir seine Schulbuben, werd' ich ihm in drei Tagen nicht vergessen. Aber wenn ich den Schulmeister nicht leiden kann, so bin ich dem Pfarrer spinnekatzenfeind, und es ist mir eine Freude wie groß, daß dem seine Herrlichkeit solch dreckig's Ende nimmt, und man auch weiß, was eigentlich hinter der Heiligkeit in Wahrheit steckt. – Was? Das gehört nicht daher? Grad' gehört das daher, kein Tippele nehm' ich zurück, und ich verlang' sogar, daß jedes meiner Worte ins Protokoll kommt! Und nun sag' ich mit dem Beckenjörg, was da der Pfarrer in seinem Bericht gegen den Schulmeister vorbringt, das sind ausgestunkene, meschante Lügen! Punktum!«

»Und Ihr, Schultheiß?« fragte der Landrat.

»Ich hab' nicht viel zu sagen, die Männer haben die volle Wahrheit geredet, ganz Bergheim kann nicht anders sagen, wird's vorgefordert!«

»Heillose Geschichten das! Wie wollen Sie Ihr unverantwortliches Vorgehen entschuldigen? Glauben Sie nicht, daß ich mich auch diesmal wieder zum Sündendeckel für Sie hergebe; haben Sie den Karren verfahren, so sehen Sie selbst zu, wie Sie ihn wieder flott bekommen!« schrie der Landrat den fassungslosen geistlichen Herrn an. »Ihr Männer, ihr könnt jetzt gehen, das Protokoll wird euch später zur Genehmigung und Unterschrift vorgelegt werden.«

»Nicht doch«, fiel ihm der Justizrat in die Rede, der eben mit seltsamem Lächeln aus seiner Fensternische hervorkam und an den grünen Tisch trat. »Lassen Sie die Männer ruhig hier, das Hauptstück der Anklage ist ja doch wohl noch zurück, und es kann für den Lehrer Reinhardt nur wünschenswert sein, wenn einige seiner Gemeindeglieder selbst Zeugen werden, wie er sich auch von dem letzten und schwersten Vorwurf reinigt.«

»Herr, spricht der leibhaftige Satanas aus Ihnen?« gurgelte der Ephorus, der aufgesprungen war, sich halb über den Tisch beugte und mit hervorquellenden Augen schreckensbleich den Justizrat anstarrte. »Woher können Sie wissen? –«

»Echauffieren Sie sich nicht, Hochwürden«, lächelte der Justizrat boshaft. »Um Sie zu beruhigen, beeile ich mich zu sagen, daß meinerseits der Fürst der Hölle nicht im geringsten inkommodiert wurde. Es gehört ja in der Tat wenig Scharfsinn dazu, vorauszusehen, daß ein Gerücht, das, so grundlos es sein mag, trotzdem seit längerer Zeit in Bergheim spukte und die Ehre des Lehrers Reinhardt so empfindlich verletzte, von Herrn Pfarrer Walter mit Vergnügen benützt werden würde. Wollen Sie, Herr Landrat, die Stelle der Anklageschrift vorlesen, welche die Gerüchte über Reinhardts unsittliches Verhältnis mit einer liederlichen Dirne in Schottendorf zur Sprache bringt?«

Der Superintendent hatte alle Haltung verloren, sein Atem ging keuchend, in dicken Tropfen stand ihm der Schweiß auf der Stirn: als wolle er den Ereignissen, die solch unerwartete Wendung nahmen, Einhalt tun, erhob er bald beschwörend die Hände, bald öffnete er den Mund. Doch kam kein Wort über seine Lippen, und auch die Hände mußte er machtlos wieder sinken lassen. Auch die Bauern waren aufgefahren, wie vom Blitz getroffen; sie standen eng zusammen, tauschten leise Bemerkungen, und ihre Blicke irrten ängstlich fragend durch das Zimmer.

Der Landrat las mit unsicherer Stimme. Den Schluß der Beschwerdeschrift bildete wirklich die Darstellung der in Bergheim über Reinhardt umlaufenden Gerüchte.

Erwartungsvoll ruhten aller Augen auf Reinhardt und dem Justizrat: Reinhardt nagte an der Unterlippe, der Justizrat betrachtete aufmerksam seine Finger. Leise, aber vollkommen verständlich begann er endlich: »Ich will alle naheliegenden Betrachtungen unterdrücken: was bleibt mir auch noch zu sagen übrig, nachdem soeben ein schlichter Landmann solch vernichtendes Urteil über dieses Verfahren ausgesprochen? Ja – mir reißt's auch im Hirn und brennt es im Herzen über solch leichtfertigen Frevelmut!«

Tiefe Stille herrschte in dem weiten, hellen Gemach, als der Justizrat tiefatmend schwieg. Golden lachte die Sonne herein, flimmernde Staubkörperchen wirbelten durch die breiten Lichtstreifen, einige vorzeitige Fliegen summten an der Decke, selbst ein Schmetterling gaukelte vor dem Fenster auf und ab. Tiefe Ruhe lag auch draußen auf der sonnenglühenden Straße, nur zuweilen tönte das harmlose Lachen und Jauchzen spielender Kinder herein. Plötzlich hielt ein Reiter vor dem Amtsgebäude, säbelrasselnd sprang er aus dem Sattel, spornklingend schritt er über den Gang draußen, dann wurden mehrmals Türen auf und zu geworfen, auf den Korridoren begann ein hastiges Rennen, Laufen und Flüstern, das ebenso plötzlich endete, wie es begonnen.

Auch der Justizrat hatte, wie alle Anwesenden, einen Augenblick nach dem Lärm draußen gehorcht, jetzt begann er mit voller Stimme: »Ich spreche in dieser letzten Anklage nicht als Rechtsbeistand des Lehrers Reinhardt, sondern nur als sein Entlastungszeuge, da sich, wie ja in der Anklageschrift ausgeführt wurde, jene schmachvollen Gerüchte hauptsächlich auf Reinhardts Verkehr mit mir gründeten. Die Verhandlungen, die ich im Auftrag des Herrn Lehrer Reinhardt leitete, gehören nicht hierher, es genügt vollkommen, wenn ich, der geschworene Rechtsanwalt und Notar Stein, auf Grund meiner Notariatsakten hiermit erkläre: jene Gerüchte, auf die Pfarrer Walter seine Anklage stützte, sind völlig grundlos! Reinhardts Ehre ist so makellos, wie nur die des besten Mannes sein kann!«

Schon nach seinen ersten Worten waren der Berg- und Beckenbauer abwechselnd erblaßt und wieder dunkelrot geworden, mit jedem Wort war ihre Erregung gestiegen und jetzt eben machte sich ihr überwallendes Gefühl gewaltsam Luft. »Mein Gott! – O Herr, mein Gott!« schluchzte der Bergbauer, dem die Tränen über die Wangen rollten, »o Herr Lehrer – nun ist alles gut, nun sind Sie unser für allezeit! Nimmer dürfen Sie uns verlassen, und wer nur mit dem Aug' gegen Sie zuckt, der hat's mit mir zu tun! Ich bin ja freilich nicht wert, daß Sie mich noch angucken: warum hab' ich Ihnen nicht mehr vertraut als Ihren Feinden? Aber, Herr Lehrer, Gott weiß es, wie es in meinem Herzen riß und brannte, als das Gerücht über Ihre Schlechtigkeit immer mehr Schein gewann! und wie Sie nachher so verstört 'rumgingen, o Herr Schulmeister, was ich da ausgestanden – und nicht ich allein! – das ist nicht auszusagen. Gottes Zorn und Verdammnis aber über Ihre Feinde, die so wissentlich auf Ihren Untergang hinarbeiteten! Kommen Sie, Herr Lehrer, wir wollen heim! Wir wollen Abrechnung halten mit dem Hannes und dem Pfarrer, wir wollen aufräumen im Dorf! – O mein Gott im Himmel, nun Sie gereinigt sind, nun ist ja alles gut! – O Herr Lehrer, nehmen Sie's doch nicht ungut, aber sagen Sie mir nur ein einzig's Mal rund und klar, daß Sie mit dem Weibsbild nichts zu schaffen haben!«

»Das will ich Euch sagen, mein guter Alter!« entgegnete der Justizrat, der bewegt dem Bauer die Hand drückte. »Ich habe Euch achten gelernt und ich merke, Ihr liebt Reinhardt auch! Und Ihr dürft ihm vertrauen, auf meine Ehre versichere ich Euch, Reinhardt kennt jene Dirne gar nicht, hat noch nie ein Wort mit ihr gesprochen!«

»Also ist's erlogen, daß der Wagnerspaule sie und den Herrn Lehrer in der Stadt zusammen gesehen?« fragte der Beckenjörg zähneknirschend. »Schändlich! Hört ihr's, Schulz und Veitenbauer? Hört ihr, was eure Leithammel für Früchte sind? Aber verdammt will ich sein, wenn das nicht ihr letzter Streich war – ich schwör's: von heute an ruhe und raste ich nicht, bis ihr Schelmenhäfele aufgedeckt ist. Und Ihr, Kasper, macht, daß Ihr heimkommt, es wird Arbeit für Euch geben. Gott sei Eurem Pfaffen gnädig, kommen diese Streiche aus: ich möcht' nicht in seiner Haut stecken, wird's ruchbar, wie er mit dem Hannes und seinen Konsorten heimlich' Spiel gegen den Lehrer trieb!«

Während dieses Zwischenfalles, der sich viel rascher abspielte, als er erzählt werden kann, rannte der Landrat, hochrot im Gesicht, an den Bartspitzen kauend, hinter dem grünen Tisch auf und ab; so oft er in seine Nähe kam, duckte der Schreiber unwillkürlich hinter seinem Pult zusammen; er war ein Wetterkundiger und wußte, ein Gewitter zog herauf. Der Superintendent saß vollständig hilflos auf seinem Stuhl und folgte mit wachsender Angst dem immer heftiger werdenden Gang des Landrates. Bei der laut hinausgeschrienen Bedrohung des Pfarrers Walter wurde er womöglich noch bleicher, doch schien die wachsende Gefahr auch etwas wie Entschlossenheit in ihm zu wecken. Er machte einen Versuch aufzustehen, blieb aber sitzen und begann: »Herr Landrat, ich weiß in der Tat nicht, bin ich im Kirchen- und Schulamt, oder hat mich das Unglück in eine Bauernkneipe geführt! Solche Zustände muß ich mir allen Ernstes verbitten; ich verlange, daß Sie dafür Sorge tragen, daß die Würde meines Amtes hier besser respektiert werde!«

»So? – verlangen Sie das? – wirklich?« – fiel ihm der Landrat mit voller Lungenkraft ins Wort, indem er sich dicht vor ihm hinstellte und einen Aktenband in voller Wut auf den Tisch schmetterte. »Herr! wo hatten Sie Ihre Gedanken, als Sie auf diese hirnlose Sudelei hin sofort Amtssuspension über den Lehrer Reinhardt verhängten? heute noch geht eine Reklamation an das hohe Staatsministerium ab. Tragen Sie die Folgen Ihres Tuns, ich wasche meine Hände in Unschuld! Und zum besonderen Vergnügen gereicht es mir, Herrn Lehrer Reinhardt von allen Beschuldigungen freizusprechen und ihn in all seine Rechte und Ehren einsetzen zu können. Ein Extrabote wird sofort ein Reskript an Pfarrer Walter besorgen, das als vorläufige Satisfaktion für Herrn Lehrer Reinhardt gelten mag. Pfarrer Walter wird Ihnen, Herr Lehrer, unverzüglich vor dem gesamten Schulvorstand Abbitte leisten und Ehrenerklärung geben, womit die Amtssuspension von selbst in Wegfall kommt!«

Der Justizrat lächelte und wiegte sich vom Absatz auf die Zehen; eben öffnete er den Mund, als eine neue Störung ihn unterbrach und die Sitzung unerwartet beendete.

Schon länger war ein Rennen und Laufen, ein Rufen und Schreien auf den Gängen und im Hof laut geworden; ein Bernerwagen rasselte im vollen Galopp vor das Haus. Plötzlich öffnete sich die Türe, der Justizamtmann steckte den Kopf herein und rief: »Entschuldigen Sie, meine Herren, wenn ich störe – ah, da sind Sie ja, Herr Justizrat, Sie eben suche ich! Unser Termin ist aufgehoben – droben in Bergheim muß rein die Hölle los sein! Eben bekomme ich vom Staatsanwalt eine Depesche: Der Bauer Johannes Metzner, bekannt unter dem Namen Jockenhannes, wurde wegen erhobener Anklage auf Mord, Meineid und ausgezeichneten Betrugs verhaftet. Man fand ihn im erbitterten Kampf mit seinem ehemaligen Freund, dem Wagner Scheeler, den man halbtot aus den Händen des Bauern riß. Besagter Scheeler bestätigte sofort sämtliche Anklagen. Ein Hauptzeuge, der Schuhmacher Simon Fischer, ist verschwunden, ein anderer, der Jakob Brückner, vulgo Uhrmacherle, ein notorisch verkommenes Subjekt, wurde erhängt gefunden, jedoch noch rechtzeitig abgeschnitten und in Sicherheit gebracht. – Eine ganz famose Geschichte, sage ich Ihnen, halb Bergheim kompromittiert.«

»So kommen Sie doch nur herein!« rief der Landrat ärgerlich. »Kommen Sie und berichten Sie ausführlich – sehen Sie nicht, daß sich hier Männer befinden, die die Sache nahe genug angeht?«

»Ah, da sind ja Bergheimer!« nickte der Amtmann und schlüpfte ins Zimmer. »Schlimme Sache, sehr – sehr schlimme Sache! Hm, und nun gar auch noch die Verwicklung mit dem Lehrer Reinhardt!«

»Reinhardts Angelegenheiten sind geordnet,« sagte der Justizrat kurz, »die ganze Anklage hat sich, wie zu erwarten stand, in nichts aufgelöst. Reden Sie – Sehen Sie nicht die Aufregung dieser Männer? – Was hat die Katastrophe so unerwartet herbeigeführt? Was soll das heißen: das ganze Dorf ist kompromittiert?«

»Hm – so, so! Nun, gratuliere Herrn Reinhardt von ganzem Herzen zu dieser Wendung! – Ja, was die Katastrophe in Bergheim betrifft, so wurde sie von einem Sülzdorfer Bauern, Georg Vorndran heißt er, herbeigeführt!«

»Von wem?« rief Reinhardt, dessen Haare sich zu sträuben begannen.

»Georg Vorndran heißt der Bauer, der gestern mitten in der Nacht den Staatsanwalt herauspochte und den Jockenhannes des Mordes und Meineides anklagte – ich entsinne mich, daß der Mann sich dieses Mordes wegen schon einmal in Untersuchungshaft befand. – Er brachte solche gewichtige Beweise bei, daß sich der Staatsanwalt sofort in Person nach Bergheim begab! Die Gerichtsdeputation und Gendarmen fanden das Haus leer; vor einer verschlossenen Tür im obern Stock, aus der ihnen wilder Lärm entgegendrang, fanden sie die Tochter des Bauern ohnmächtig. Da alle Rufe nach Einlaß unbeachtet blieben, wurde die Tür gesprengt. Zwei Männer wälzten sich keuchend am Boden; mit Mühe riß man sie auseinander, der eine, der Wagner, war fast erwürgt. Die Uniformen der Gendarmen brachten den Bauer zur Besinnung mit Riesenkraft schleuderte er seine Häscher von sich, stürzte ins Nebenzimmer und sofort krachte ein Doppelschuß. Den Bauer fand man am Boden liegend, blutend, wimmernd – der Schuß war schlecht gezielt, hatte ihm nur die linke Schulter furchtbar zerschmettert. Der Mann wollte keinen Verband dulden, er tobte und raste gegen seine Fesseln. Endlich wurde er ruhiger. Als er den Wagner gebunden zwischen den Gendarmen erblickte, brach er in ein wildes Lachen aus, rief nach dem Staatsanwalt und begann die umfassendsten Geständnisse abzulegen, die eine Menge der angesehensten Bauern Bergheims auf das ärgste kompromittieren, darunter vor allem den Herrnbauer, Ungersbauer und den Schultheißen. Auch Pfarrer Walter soll in diesen Geständnissen bös' weggekommen sein.«

In ihrer Aufregung hatten die Anwesenden einen heftigen Lärm vor der Türe gänzlich überhört, jetzt sprang diese auf und ein Bureaudiener meldete: »Herr Justizamtmann, wir halten den Kerl nicht länger auf!« Draußen rief eine zornige und doch ängstliche Stimme: »Laßt mich durch, sag' ich! ich muß hinein und sollt' ich euch alle niederschlagen wie Kälber!« Reinhardt war aufgesprungen; doch ehe er zu Worte kam, prasselten plötzlich zwei Bureaudiener und ein Gendarm wie aus der Pistole geschossen weit hin durch die Stube und stürzten fluchend und wetternd fast unter den Tisch, hinter ihnen drein schalt eine zornige Stimme: »Was, ihr erbärmlichen Jammerprinzen? Fast zuschanden habe ich meine Gäule gejagt, um nichts zu versäumen, und ihr wollt mich vor der Tür aufhalten? Oho – zwanzig wie ihr sind mir noch gar nichts!« Zugleich stürmte ein vierschrötiger Bauernbursche herein, dessen leuchtende Augen forschend die Versammlung überflogen.

»Jakob, was führt dich hierher?« riefen der Lehrer und die Bergheimer aus einem Munde.

»Gott sei's gedankt, daß ich Euch endlich finde!« seufzte der Bursche. »Ach, daß sich Gott im Himmel erbarme! Im Herrnhof ist eitel Jammer und Elend. Der Jockenhannes–«

»Weiß schon!« fiel ihm Reinhardt bebend ins Wort. »Weiter – was ist im Herrnhof geschehen?«

»Ihr wißt das Unglück schon? Nun denkt Euch, der Hannes hat angegeben, er, der Schulz, der Herrnbauer und der Ungerskasper hätten im Gemeindewald mit Absicht die Grenze verrückt, um sich das Gemeinde –«

Zwei gellende Schreie unterbrachen den Knecht. Der Ungerskasper war in die Knie gesunken und raufte sich die Haare, der Schultheiß lag in Zuckungen am Boden. Eine unbeschreibliche Verwirrung erfolgte. Während der Justizamtmann, von den Bureaudienern unterstützt, den lallenden Schultheiß aufzurichten versuchte und den Gendarm nach einem Arzt schickte, schlich der Superintendent wankend hinweg. Die drei übrigen Bergheimer drängten fassungslos um den Knecht, der endlich auf das freundliche Zureden des Justizrats in seinem Bericht fortfuhr: »Der Bauer ist wie zerbrochen, redet und deutet nicht; der Schulbauer, der feste Mann, ist ganz außer sich, tobt wider sich selber, und die Weiber – o Herr Lehrer, nun gar erst die Weiber! Nur die Anna hat den Kopf oben behalten. ›Jakob,‹ sagte sie, ›uns kann nur einer helfen, mein Fritz. Spann' an und hole ihn – hier ist ein Brief! Sag' ihm, er solle kommen, seine Anna ruft, und er solle doch ja den Justizrat Stein mitbringen. Jage die Pferde zu Tod, nur bringe bald meinen Fritz und den Justizrat!‹ Hier ist der Brief – und nun eilt, Herr, macht vorwärts, die Not ist groß!«

Zitternd riß Reinhardt den Brief an sich; während er las, beredete sich der Justizrat Stein leise mit dem Justizamtmann, dem Landrat und dem eintretenden Arzt. Da der Anfall des Schultheißen nicht gefährlich war, wurde er auf den Bernerwagen gehoben, auch die übrigen Bauern setzten sich auf und fuhren ab. Reinhardt merkte von dem allen nichts, mit weit geöffneten Augen starrte er noch immer in den Brief.

Der Justizrat legte sanft die Hand auf seine Schulter: »Fassung, Freund! Zusammenraffen, es gibt Arbeit für Sie!« Statt der Antwort reichte ihm Reinhardt den Brief, und der Justizrat las mit Bewegung die wenigen Zeilen:

»Geliebter! Wie so anders stehe ich Dir heute gegenüber als gestern. Glänzend bist Du gerechtfertigt – der arme Robert! Er hatte von Deiner Absetzung gehört, konnte das Unglück nicht mit ansehen und floh zu seinen Eltern: von dort schrieb er an mich, entdeckte mir alles, bat mich, ich solle seinen Brief dem Pfarrer vorlegen, um Dich zu retten, er gehe nach Amerika. O Fritz, wie bin ich so stolz auf Dich, mein Einziger! – Roberts Brief hielt ich natürlich zurück, ich schrieb ihm auch sofort, er solle doch erst einen Brief von Dir erwarten, ehe er einen entscheidenden Schritt wage.

Ach – nun aber das Unglück, das gräßliche Unglück! Unser ganzes Haus ist zerstört, alles wie zerrissen und zerstreut. Wir leben und wissen kaum, daß wir noch leben; wir sind daheim, und doch so gottverlassen, so einsam, so fremd! Selbst der Schulbauer – von dem Vater und uns Frauen gar nicht zu reden – hat den Kopf verloren. Doch nein, ich will nicht lügen – ich bin gefaßt, ruhig und klar. Ich habe solch fürchterliche Nacht durchkämpft, daß mir kein Schrecken mehr etwas anhaben kann. – Und doch! – O Fritz! – Fritz! mein Herz erzittert, ich kann es nicht in Worte fassen, was mich anweht wie Grabesluft – Du mußt mich verstehen! – Gott, Gott! – mein Vater – doch nein, ich kann's nicht in Worte fassen! – Ich glaube an Dich, Fritz, Du bist allein mein Trost, meine Hoffnung! Ich vertraue Dir, Fritz! – O, was hat das Wort heute für einen andern Sinn, als gestern! – Ich glaube an Dich, Fritz! – Und nun eile, eile. Wir alle harren mit Sehnsucht und Schmerzen Deiner! Ist noch Hilfe möglich, liegt sie in Deiner Hand. – Eile, Fritz, eile! Jede Minute mehrt die Angst und die Verzweiflung! – Bringe Justizrat Stein mit – und eile, Fritz, eile; komm, hilf tragen, tröste und richte auf
Deine Anna!«

»Und was stehen Sie noch hier und sehen mich an?« rief der Justizrat rauh, während doch seine Augen feucht glänzten. »Auf, Reinhardt, mein Wagen wartet.«

Zweiunddreißigstes Kapitel

»Genug! – Ich danke Ihnen, Reinhardt!« sagte der Justizrat und drückte dem Lehrer warm die Hand, als der Wagen langsam an den ersten, etwas entfernt vom Dorf gelegenen Häusern vorbeifuhr. »Vorläufig weiß ich genug und will nun versuchen, was sich machen läßt. Schlimm steht es um Ihren Schwiegervater – meine Hoffnung, die entehrende Strafe von ihm abzuwenden, ist sehr gering. Also die Brüder Florschütz, der Bergbauer, Veitenbauer, der Grundmüller sind Männer von Einfluß. – Bon, bon! Hoffentlich sind unsre Haidacher Zeugen schon heimgekehrt und haben vorgearbeitet, indem sie Ihre glänzende Rechtfertigung publik machten! – Hören Sie das Summen und Brausen, den dumpfen Lärm? O weh! in dem armen Dorf scheinen allerdings alle bösen Geister entfesselt zu sein! – Kopf in die Höhe, Reinhardt! Zuletzt muß sich jede Verwicklung lösen, so oder so. Mut, mein Freund! – Hier steigen Sie aus! Ich will vorläufig allein rekognoszieren und bei dem Wiedersehen, das Sie erwartet, ist ein dritter vollständig überflüssig!«

Ehe Reinhardt recht wußte, wie ihm geschah, stand er unfern der Schule mitten auf der Straße. Langsam schritt er endlich dem Herrnhof zu. Er mußte die Hände an die pochenden Schläfe pressen: wie hatte er diesen verlassen und wie sollte er ihn wieder betreten! Bei jedem Schritt klopfte sein Herz heftiger; nun in plötzlicher Hast eilige Schritte, nun ein Sprung um die Ecke und –

»Anna!« – »Mein Fritz!«

Wie lange sich die Liebenden umschlungen hielten – war es ein Augenblick oder eine Ewigkeit? – sie wußten es nicht.

Im Hausflur erwartete ihn der Schulbauer, schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte: »Fritz – wie findest du mich wieder! Rache war mein Dichten und Trachten, Tag und Nacht! Nun habe ich erreicht, was mich im Wachen und Träumen verfolgte – und schaudernd stehe ich vor meinem Werk! Ich wollte retten – helfen! O, und droben im Kirchbauernhaus liegt ein Mädchen im Wahnsinn, der Aufruhr brüllt und tobt durch das Dorf, die Verzweiflung wandelt die Menschen in wilde Bestien – und all das ist mein Werk! Und damit noch nicht genug! – Komm, sieh, auch das habe ich getan!«

Er hatte die Stubentür geöffnet; ohne ihm einen Blick in sein Gesicht zu verstatten, zog er Reinhardt in die Stube: »Da sieh!«

Was er sah, war freilich so schrecklich, daß Reinhardt fühlte, wie auch ihn der Jammer zu überwältigen drohte. Im Lehnstuhl saß, lag, hing eine Gestalt, in der kaum der Herrnbauer wieder zu erkennen war. Das gedunsene Gesicht war wachsbleich, von blauen Adern durchzogen, die halbgeschlossenen Augen waren gebrochen, der Unterkiefer hing weit herab wie bei einem Toten, nur der keuchende Atem, dann und wann dumpf hervorgestoßene Worte zeugten, daß noch Leben in dem Körper war. Eben murmelte er: »Weg, du Teufel! – Weg die Urkunde! – Mein Recht – die Urkunde – weg, du Teufel, weg! – Kein Grenzverrücker, o, o! – Nicht ins Zuchthaus – ich nicht – der dort, der – der Teufel – o! –«

»Bauer, Bauer!« rief Reinhardt, dem dieser Jammer durch die Seele schnitt. »Erwacht, kommt zu Euch! Er ist ja fort, der Teufel, Ihr seid sicher vor ihm, und wir, Eure Kinder, Eure besten Freunde sind um Euch. Und wir schützen Euch! verlaßt Euch darauf, es darf Euch nichts geschehen! Kommt zu Euch, Vater! Ich habe den Justizrat Stein mitgebracht, der wird Euch schützen.«

Wunderbar! Bei dem Worte Vater ging ein merkwürdiges Jucken durch das Gesicht des Leidenden, der Mund schloß sich, die Augen irrten wie staunend umher, um endlich auf Reinhardt haften zu bleiben. Und nun bekamen sie allmählich Glanz, das Gesicht belebte sich, hastig stieß der Bauer die Worte hervor: »Fritz, Fritz, bist du's? Bist du da? – Näher, näher! gib mir deine Hand!« Und die Hand des Lehrers ergreifend, führte er sie mühsam nach seinem Kopf und legte sie über seine Stirn. »O! wie das gut tut!« flüsterte er leise, in eine schlafartige Betäubung zurücksinkend. »O – tut das gut! Wie das löscht, das Feuer in meinem Hirn, und wie das wärmt! – Fritz, verlaß mich nicht, hilf, hilf mir, du kannst es, ich weiß! – Verzeih mir, Fritz, und nimm die Hand nicht weg, sie ist so sanft und warm! Ich war schlecht, ich verdiene nicht Mitleid und Barmherzigkeit, aber mit den Grenzsteinen bin ich unschuldig, durch die Urkunde hat mich der Hannes betrogen, ja, betrogen! – Ach, Fritz, ich bin hart gestraft – hart, hart! Wie das Unglück über mich hereinbrach, da wollte ich verzweifeln. Die Schande, die Schande ist allzu groß. Wer weiß, was geschehen wäre? ich sah immer nur das Zuchthaus vor mir, hohe Mauern, vergitterte Fenster, eiserne Türen. Und die Mauern rückten enger zusammen, drückten mich auf Brust und Hirn; ein Teufel – er hatte das Gesicht des Hannes – rasselte mit einer Kette und schrie mir ins Ohr: »Zuchthaus, Zuchthaus!« und andere Teufel rollten und rasselten mit Kugeln, wie sie den Züchtlingen angeschmiedet werden, und alle heulten, lachten und brüllten: ›Der Herrnbauer im Zuchthaus, ha, ha, der Herrnbauer im Zuchthaus!‹ – Ach, Fritz, das war fürchterlich – die Angst, o, die Angst und Qual!«

Der Bauer seufzte tief auf und drückte Reinhardts Hand fester auf seine Stirn. Anna kniete neben dem Lehrer und dem Vater; sie hatte Reinhardts noch freie Hand in die des Vaters geschoben und bedeckte beide mit Küssen und Tränen. Der Schulbauer lehnte mit gekreuzten Armen, tiefgesenktem Kopf, bleich und stumm am Tisch, die drei Frauen hatten sich fest umschlungen und blickten in tränenloser, angstvoller Erwartung auf den Vater und Reinhardt.

Reinhardt war viel zu bewegt, als daß er hätte sprechen können. Tief seufzend, noch immer ohne die Augen zu öffnen, nahm der Bauer endlich seine Erzählung wieder auf: »Das war eine große, große Not, und ich verloren darin, wenn nicht der unbarmherzige Gott zu rechter Zeit Hilfe gesendet. Als die Angst mir schier das Hirn verbrennen wollte, da legte sich eine weiche, warme Hand auf meine Stirn – genau da, wo jetzt deine liegt – und meine Anna flüsterte mir ins Ohr: ›hoffet und vertrauet auf den allgütigen Gott, Vater, er wird uns Hilfe senden! Mein Fritz, Vater, wird Euch retten.‹ Nimmer, nimmer werde ich diese Worte vergessen, sie klangen wie Engelsgesang! Wie eine Erleuchtung vom Himmel kam es über mich: ja, der Reinhardt, der wird mich retten. Verlaß mich nicht, Reinhardt, daß nicht die alte Verzweiflung wieder über mich kommt!«

»Was sind das für Reden!« rief Reinhardt tieferschüttert. »Laßt ab, Ihr wißt nicht, wie Ihr mich beschämt! Nicht nur mir habt Ihr den Trost und die Beruhigung zu danken; Euer Kind, Eure Anna war es, deren reine Seele die Teufel von Euch scheuchte! Danket Gott, daß er Euch mit solchem Kinde beglückt! Nun aber erwacht und ermannt Euch! Treue Freunde umgeben Euch; was geschehen kann, das Unglück abzuwenden, geschieht!«

Der Bauer öffnete nun endlich die Augen, blickte hell und klar um sich, zog Anna und Fritz näher und flüsterte: »Ja, Gott ist barmherzig und gnädig! Meine Kinder, meine guten Kinder, euch gab er mir zur Rettung!«

Die Frauen schlossen sich schluchzend in die Arme, der Schulbauer zog Reinhardt stürmisch an seine Brust und rief: »Die Anna hat's getroffen, du bist in Wahrheit uns zum Trost gesendet!«

»Darf ich kommen?« fragte der Justizrat durch die halb geöffnete Tür. »Da all mein Klopfen unbeachtet blieb, muß ich wohl zu dieser Art Anmeldung meine Zuflucht nehmen. Also – darf ich kommen?«

Anna sprang auf und flüchtete sich zu der Mutter, der Bauer selbst machte einen Versuch sich zu erheben, der Schulbauer aber eilte dem Justizrat entgegen, schüttelte ihm kräftig die Hand und rief tiefaufatmend: »Nur herein – kommen gerade recht! Die erste Verwirrung ist durch den da, den Sie ja auch schon als Vermittler kennen, glücklich gelöst. Kommen Sie, wir wollen Ihren Befehlen willig gehorchen und nichts versäumen, was zu unserer Rettung beitragen kann.«

Der Justizrat blitzte mit seinen scharfen Augen durch das ganze Zimmer, besonders auf Anna und dem Schulbauer ließ er seine Blicke prüfend ruhen. Kaum merkbar mit dem Kopfe nickend, schüttelte er nun ebenfalls dem Schulbauer herzhaft die Hand. »Freue mich in der Tat aufrichtig, Sie so gefaßt und geistesklar zu finden; nach dem, was ich gehört, war ich auf einen andern Empfang gefaßt. Und Sie haben ja auch an Reinhardt solch wackeren Beistand, wie Sie ihn nur immer wünschen können. Ohne Einleitung lassen Sie uns rasch an die Klarlegung der allerdings ziemlich schwierigen Verhältnisse gehen, meine Zeit ist gemessen, und es gilt auch rasch handeln, wollen wir dem Unglück zuvorkommen. – Aber, Reinhardt, wollen Sie mir nicht Ihre Braut vorstellen, daß ich ihr sagen kann, wie ich sie schätze und hochachte? – Ei, ei! Sie sind doch nicht etwa gar eifersüchtig auf mich?«

Dieser Scherz erreichte vollkommen seine Absicht, die ängstliche Spannung der Gemüter legte sich; als sie die Männer so ruhig und zuversichtlich sahen, atmeten auch die Frauen freier auf, die aufrichtige Hochachtung und Teilnahme, die der Justizrat so ungezwungen für das erglühende Mädchen an den Tag legte, gewann ihm vollends alle Herzen. Ruhiger setzte man sich zur traurigen Beratung.

Der Justizrat war bereits sehr tätig gewesen, freilich ohne rechten Erfolg, er war doch auf größere Hindernisse gestoßen, als er erwartet. Der Staatsanwalt wie die Herren vom Kreisgericht waren erbittert über den Herrnbauer, der durch seinen gedankenlosen Anschluß an den Jockenhannes so viele neue Verwicklungen geschaffen und die Verwirrung im Dorf ins Maßlose gesteigert hatte. Wohl hatten die Aussagen der beiden Hauptverbrecher, die der Fund der echten Urkunde im Kirchbauernhaus bestätigte, zur Genüge dargetan, daß der Herrnbauer und der Ungerskasper – das wahre Verhältnis des Schultheißen zur Tat war noch nicht aufgeklärt – durch die gefälschte Urkunde schändlich betrogen worden waren. Allein das wollten die Herren vom Gericht durchaus nicht als Entschuldigung gelten lassen; die eigenmächtige Abgrenzung des Waldes blieb unter allen Umständen ein höchst strafbares Vergehen, um so mehr, da beide als geschworene Märker verpflichtet waren, jede ungesetzliche Grenzveränderung zu verhüten. Das Toben des wilderregten Volkes vor den Fenstern, das laut nach Gerechtigkeit schreie und strenge Bestrafung der Schuldigen fordere, mache eine Vertuschung völlig unmöglich, selbst wenn man von oben her dazu geneigt wäre.

Der Bauer legte sein Gesicht auf die Arme, die Frauen weinten laut, Reinhardt und der Schulbauer waren sehr bleich geworden und sahen starr vor sich nieder. »Ja, es stand sehr schlimm, trotz aller Vorstellungen beharrte der Staatsanwalt auf den härtesten Maßregeln!« sagte der Justizrat. »In der höchsten Not – es galt die Verhaftung der drei Schuldigen wenigstens vorläufig abzuwenden – nahm ich meine Zuflucht zu einem – allerdings gewagten – Mittel, und das Mittel half: ich berichtete dem Staatsanwalt genau den Stand der Dinge in Haidach. Natürlich war ihm sofort ebenso klar als mir selbst, in welche bedenkliche Lage der Superintendent und Landrat kommen müßten, machten Sie von dem gesetzlich zustehenden Recht des Rekurses bei höchster Staatsbehörde Gebrauch. Ich erlaubte mir der Phantasie des Staatsanwaltes ein wenig zu Hilfe zu kommen, schilderte ziemlich lebhaft die unzähligen Verdrießlichkeiten, die der Regierung unausbleiblich erwachsen müßten, beharrte er auf dem Rechtsstandpunkt. Der Mann verstand natürlich sofort, wo ich hinauswollte, es bedurfte kaum noch einer leisen Andeutung meiner intimen Beziehungen zu den leitenden Regierungskreisen, um ihn sehr nachdenklich zu machen. ›Sie stellen mich vor eine schlimme Alternative, die unter Umständen sogar gefährlich werden kann,‹ meinte er achselzuckend, ›und doch ist Ihr Vorschlag nicht unbillig. Wenn der Lehrer Reinhardt, um öffentliches Ärgernis zu verhüten, den starren Rechtsstandpunkt verlassen wollte, warum sollten wir als Gegenleistung nicht ebenfalls eine mildernde Beurteilung der Sachlage eintreten lassen? – Gut denn, bringen Sie mir die bündige Versicherung, daß sich Reinhardt mit der Wiederherstellung seiner Ehre begnügen will – die ja bereits tatsächlich erfolgt ist – so will auch ich, wenigstens vorläufig, von strengen Maßregeln absehen und auch fernerhin einer versöhnlichen Beilegung der beklagenswerten Verirrung sonst höchst achtbarer Männer nicht im Wege sein.‹ – So stehen die Sachen. In Ihrer Hand, Reinhardt, liegt die Entscheidung. Sie können mich desavouieren, denn ich handelte ohne Instruktion. Dann muß ich freilich gestehen, daß meine Mittel völlig erschöpft sind; akzeptieren Sie jedoch meine Idee, wollen Sie sich mit der moralischen Niederlage Ihrer Gegner begnügen, mit der erkämpften glänzenden Rechtfertigung vor Zeugen zufrieden sein, so steht Ihrem Schwiegervater meine ganze Kraft auch fernerhin zur Verfügung, und ich glaube wohl versichern zu dürfen, daß meine Bemühungen nicht ohne Erfolg sein werden. Entscheiden Sie nun, Reinhardt, die Zeit drängt!«

Aller Augen richteten sich erwartungsvoll auf Reinhardt, dessen Wangen zu glühen begannen. »Bedarf es hier einer Entscheidung? O, edler Mann, wie sollen wir Ihnen danken?«

»Still, still!« wehrte der Justizrat ab. »Noch sind wir nicht am Ziel! Ich eile in die Stadt, um noch heute weitere Schritte in unserer Sache zu tun, die um so mehr Aussicht auf Erfolg haben, je früher sie geschehen. Halten Sie sich bereit, Reinhardt, mir zu Hilfe zu kommen, wenn ich Ihres Beistandes bedarf; seien Sie wachsam und vorsichtig, denn noch ist unser Sieg mehr als zweifelhaft. Behalten Sie auch die Bewegung im Dorf im Auge, die Erregung ist groß; was mich besonders erschreckt, ist die Wildheit der Frauen. Seien Sie wachsam, bieten Sie alles auf, die erhitzten Massen von gewaltsamen Handlungen abzuhalten! Nicht verzagen, Herrnbauer! die Gefahr wird vorübergehen, und vergessen Sie nie, daß es Ihr Schwiegersohn ist, der Ihnen Hilfe brachte. Nochmals: ich hoffe auf glückliche Lösung der Verwirrung; sobald etwas Entscheidendes geschieht, gebe ich Nachricht.«

Reinhardt und der Schulbauer gaben dem Justizrat das Geleit bis an den Wagen. Lange blickten sie dem Scheidenden nach. Der Lärm droben im Dorf wurde indes immer bedrohlicher: was mochte da vorgehen? Einen Augenblick schwankte Reinhardt, ob er nicht nachsehen solle, was es gebe? – doch nur einen Augenblick, dann flog er die Treppe hinan. So schnell ging das, daß der Schulbauer verwundert den Kopf schüttelte, als er sich so unerwartet allein im Hofe fand.

Anna hatte ihn erwartet, zog ihn an ihr Herz, fuhr liebkosend mit den Fingern durch sein Haar, flüsterte ihm die süßesten Liebesworte und Schmeichelnamen ins Ohr.

»Mir ist, als läge eine Ewigkeit dazwischen, seit ich dich zum letztenmal in meinen Armen gehalten!« flüsterte Reinhardt.

»Und ist es nicht eine Ewigkeit, die zwischen jetzt und unserem letzten glücklichen Zusammensein liegt?« sagte Anna sanft weinend und zog Reinhardt fester an sich, als fürchte sie ihn zu verlieren.

»Komm, Geliebte, ruhe dich aus an meiner Brust. Und nun berichte mir die dunkeln Vorgänge der furchtbaren Nacht. Was hattet ihr über mich erfahren? Wie war euch so plötzlich die schreckliche Kunde geworden?«

»Du verlangst Schweres von mir!« flüsterte Anna leise zitternd. Doch höre: Gestern nachmittag kam der Jockenhannes zum Vater, machte ein trübseliges Gesicht, sprach viel von seiner Teilnahme und daß er gekommen sei zu trösten. Die Mutter meinte erst, der Hannes sei verrückt geworden, aber nur zu bald sollte ihr der wahre Grund seines Kommens klar werden. Er stellte sich verwundert, daß die Eltern noch nichts wußten, da doch schon seit Wochen das Dorf voll sei von deiner Schande. Und nun berichtete er Sachen über dich, die man nicht nacherzählen kann, und zuletzt kam denn die Nachricht, daß dir soeben der Pfarrer das Absetzungsdekret zugeschickt habe, du aber seist nirgends zu finden, wahrscheinlich habest du Lunte gerochen und das Weite gesucht. – Diesmal drängte die Mutter selbst, der Vater mußte zum Pfarrer. Der bestätigte nicht nur alles, er machte die Sache noch viel schlimmer. Der Vater kam heim, toll und rasend, und der Jockenhannes sorgte dafür, daß der Zorn nicht geringer wurde. Natürlich wurde sogleich ein Bote nach Sülzdorf geschickt, und das Ende seines Berichtes war: die Verlobung sei null und nichtig, bei Fluch und Enterbung sei mir verboten, noch ein Wort mit dir zu wechseln.

Mir wurde schwarz vor den Augen – die Base war ohnmächtig geworden. Ich ging halb betäubt herum, ein Berg lag auf meinem Hirn, und mein Herz war wie von eisernen Reifen zusammengepreßt. Das Haus wurde nicht mehr leer von heulenden Weibern, und eine erzählte immer schauderhaftere Geschichten als die andere. Es war noch nicht das Schlimmste, du seiest aus dem Rottensteiner Wasser aufgefischt worden, vor Schrecken sei der arme Lehrer Robert Schulz übergeschnappt und werde – deinetwegen! – von Gendarmen zu seinen Eltern geführt!

Daß ich nicht zusammenbrach, ist mir jetzt selbst unverständlich – und doch auch nicht! Je schlimmer die Nachrichten kamen, desto gewisser wurde mir: das ist ja alles nicht wahr! Und nun kam es über mich, daß du, von der ganzen Welt verachtet und angefeindet, ganz allein auf mich angewiesen seist. Daß ich deinetwillen stark und gefaßt sein müsse: und bei allem Leid quoll es in mir auf wie Freude!«

»O du treue, tapfere Seele!«

»Nein, nein, Fritz, du mußt mich nicht loben; es kamen auch Augenblicke, da die Angst mich überwältigen wollte. Das böse: wenn es aber doch so wäre, was dann? brachte ich nicht zum Schweigen, und die Verzweiflung war mir oft nur allzu nahe. – Ich wußte, daß du kommen würdest. Solange ich dich erwarte, war das Leid noch erträglich, ich hatte doch die Hoffnung, dich zu sehen – ein Wort von dir konnte ja all das Unglück enden. Wie du aber in Angst und Verzweiflung zu mir kamst – o Reinhardt, da wurde die Hölle in meinem Herzen lebendig! Und als du von mir gingst, von Zweifeln zerrissen, von Sorgen zu Boden gedrückt, Reinhardt, da kniete ich am Bett der Base nieder und biß in die Kissen! und die Nacht war so ruhig und still – so fürchterlich still! Kein Stern schimmerte, kein Licht leuchtete, kein Laut traf mein Ohr, als das einsame Ticktack der Uhr, das Brausen des Windes, das Murmeln des Baches. – Da habe ich verstehen lernen, was es heißt: und führe uns nicht in Versuchung! Meine Not war groß; oft lockte es mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus in die Nacht. Wohin? Das wußte ich nicht, was lag auch daran? Nur fort – weg aus diesem Jammer, weg aus dem furchtbaren Sinnen und Grübeln!«

»Ich war schwach, Fritz – sehr schwach! – Und doch, wie unwahrscheinlich das klingen mag – an deiner Treue, deiner Rechtschaffenheit habe ich nicht einen Augenblick gezweifelt – mein Gott, das wäre ja mein Tod gewesen! Wunderlich! Das lag wie ein dumpfer Trost in mir: es ist dein Tod, bestätigt sich Reinhardts Untreue!«

»Die Nacht war lang – o, so unendlich lang! Zuletzt kam doch der Morgen; aber wie verändert war die Welt, wie so öde, so farblos, selbst die Sonne war bleich und glanzlos. – Dann kam Roberts Brief! Ach, Fritz! dem Leid hatte ich widerstanden, der Freude widerstand ich nicht. In den Armen der Base erwachte ich wieder – und nun wußten wir beide nichts anderes zu tun als zu weinen. – Freilich auch dies Glück war von kurzer Dauer; ein Bote rief uns nach Bergheim, und nun kam Schlag auf Schlag, das Unglück erst recht zu Haufen! – Ach, Fritz, mir ist's noch immer wie im Traum, daß ich dich in meinen Armen halte; immer ist es, als müsse ich mich umsehen, als stehe hinter mir ein neues Unheil! – Fritz, sage: hast du mich lieb? Denkst du nicht geringer von mir, daß ich so schwach und klein war?«

»Armes Kind!« flüsterte Reinhardt und drückte einen Kuß auf die Stirn des Mädchens, das sich wie ein Kind in seine Arme schmiegte. Wie kannst du so fragen? Ach, Herzlieb, wie soll ich dir jemals deine Liebe und Treue vergelten?«

»Nicht so, Reinhardt! Aber lieben mußt du mich allezeit – ich habe es empfunden, wie ich ohne deine Liebe nicht mehr leben kann. – Und nun berichte du! Ja, sage mir, was führte dich gestern nachts noch ins Herrnbauernhaus?«

Reinhardt strich sich über die Stirne, blickte eine Weile starr vor sich nieder, dann fuhr er auf: »Großer Gott, das weißt du nicht? Und die Margaret auch nicht? Mein Gott, wie konnte ich das vergessen! Rufe deine Schwester, Mädchen! Deine Schwester, Mutter und Base, die Männer – eile dich, Anna, eine frohe Botschaft erwartet euch.«

Anna blickte verwirrt zu dem Geliebten auf; wie von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, eilte sie hinaus. Bald drängte sie die staunenden Eltern und Verwandten ins Zimmer; Margaret hing an Annas Halse, diese mußte das sonst so starke, frische Mädchen mehr tragen als führen.

Reinhardt sagte weich: »Fasse dich, Margaret, der Beckenkarl liebt dich noch, im Herzen blieb er dir treu, was auch geschehen sein mag; und er ist auch deiner Liebe und Treue nicht unwürdig geworden.«

Margaret schlang ihre Arme um den Hals der Schwester und verbarg ihr Gesicht. Die Frauen und der Schulbauer standen erschüttert, der Herrnbauer sank seufzend in einen Stuhl, stützte die Arme auf den Tisch und legte das Gesicht in die Hände.

»Gestern abend wartete der Beckenkarl meine Rückkunft von Dammsbrück ab, zog mich in die Steinbrüche, teilte mir ein Gespräch zwischen dem Jockenhannes und Schulzen mit, das die Schulzenmarie zufällig mit angehört und ihm vertraut hatte, und das den schändlichen Betrug mit der Urkunde vollständig enthüllte: Freue dich, Margaret! Der Beckenkarl trug mir auf, deinen Vater zu warnen, ihn zu einem schleunigen Vergleich mit seinen Gegnern zu bewegen, ehe die Grenzverletzung offenkundig werde. Deshalb kam ich gestern – du weißt, was mich hinderte, meinen Auftrag zu erfüllen.«

»Gott im Himmel! was bin ich für ein elender, erbärmlicher Mensch!« stöhnte der Herrnbauer.

»Und sonst trug er dir nichts auf?« hauchte Margaret kaum hörbar.

»Wohl – aber du mußt nicht erschrecken, Margaret! Karl ist nur verwirrt und verdüstert im Gemüt – kann es anders sein? Er trug mir auf, dir zu sagen, daß er dich nie vergessen habe und dich nie vergessen werde! Jetzt sähe er seine Torheiten ein, freilich komme alle Reue zu spät. Er habe seine Ehre verloren, seines Bleibens könne nicht länger in Bergheim sein, er wandere aus. Aber dein Bild würde er auch in Amerika treu im Herzen tragen; da er dich nicht zum Weibe bekommen könne, bleibe er ledig. Er hofft, daß du manchmal in Freundlichkeit seiner gedenken werdest. – Dies sein Auftrag, den ich dir nicht vorenthalten darf. Aber nun nicht so kleinmütig, nicht so ängstlich, Margaret. Begreifst du nicht, daß diese Worte nur ein Ausdruck seines Kummers, seiner Reue sind? Kann er jetzt anders sprechen? – Fasse dich, Schwester!«

»Hab' Dank, Fritz! Laßt mich jetzt allein, ich brauche Ruhe. Ja, jetzt glaube und hoffe ich selber – Karl war gestern nacht dreimal an meinem Fenster! Sag ihm, Fritz, ich gehörte ihm an mit Leib und Leben, jetzt und immer.«

Anna ließ sich's nicht nehmen, die Schwester zu begleiten. Eine Weile war es still im Zimmer. Reinhardt unterbrach das Sinnen. »Wir werden heute einmal die schmerzlichen Bilder aus der Vergangenheit doch nicht los, so laßt uns auch gleich gründlich damit aufräumen. Wie im Traume ist mir, als hätte ich gehört, du, Schulbauer, habest die furchtbare Entscheidung herbeigeführt. Ist dem so? Und wenn, wie war das möglich?«

»Lange fürchtete ich diese Frage. Aber du hast recht, ausweichen können wir der Vergangenheit nicht; wir werden alle freier atmen, wenn sich auch das letzte Dunkel lichtet«, entgegnete der Schulbauer. »Ich werde mich kurz fassen.

Weiß nicht, wie das kam, Haß und Rachsucht liegt doch sonst gar nicht in meiner Natur; aber in der letzten Zeit ließ mir der Gedanke an den Hannes nicht Rast, nicht Ruhe. Tag und Nacht verfolgte mich sein Bild, der Gedanke wurde fast zur fixen Idee in mir: du mußt noch seine Schlechtigkeit aufdecken, ihn der Gerechtigkeit überliefern. Schlimm war, daß ich diesmal meine Not allein tragen mußte; was in mir vorging, konnte ich niemand klagen – auch dir nicht, Fritz!

So sorgte und quälte ich mich allein. Und es war auch wirklich nicht anders, als sei das Schicksal selbst mit dem Hannes im Bunde. Ein undurchdringlicher Nebel verhüllte die Schreckenstat in Einzelberg, ich konnte dem Hannes nicht beikommen. Und doch, wenn ich nun in halber Verzweiflung die Hetze aufgab – dann blitzte gewiß irgendwo ein Licht auf, das endlich Klarheit versprach, und von neuem begann die Aufregung und Qual.

Um nur auf andere Gedanken zu kommen, machte ich mich auf die Fahrt ins Unterland, Samengetreide für die Sommersaat einzukaufen. Ich hatte in Bergheim darüber gesprochen und wunderte mich nicht besonders, als am Tage der Abfahrt der Simesschuster völlig zur Reise gerüstet in Schottendorf an meinen Wagen tritt und sagt, er müsse auch hinab ins Unterland, ob ich ihn nicht mitnehmen wolle. War mir freilich keine Freude, allein abweisen mochte ich den armen Kerl nicht, und so stieg er denn auf. Fiel mir bald sein verstörtes Wesen auf; hatte aber selbst den Kopf zu voll, mich viel um andere zu kümmern, obendrein war mir der Gefährte lästig. Ich atmete auf, als wir endlich M. erreichten, wo sich, wie der Schuster sagte, unsre Wege trennten. Kamen spät und hundemüde in M. an, ich freute mich zum erstenmal seit langem auf mein Bett und auf die einsame Weiterfahrt.

Eben wollte ich mein Licht löschen, als der Schuster in mein Zimmer schlich. ›Zieh dich an, hab' mit dir zu reden‹ sagt er, setzt sich aufs Kanapee, starrt ins Licht und hat auf mein Drängen nur die eine Antwort: ›Zieh dich an, es ist kalt!‹

Als ich ihm endlich gegenübersitze, zieht er ein Arzneifläschchen und einen Brief aus der Tasche. ›Schulbauer, hört mich ruhig an. Ich ertrage die Angst und Qual nimmer, die mich Tag und Nacht umtreibt. Ich dacht' schon oft dran, meinem Leben ein Ende zu machen – aber – weiß nicht warum – mir graut vor dem Selbstmord. Ich hab' lang gegrübelt, ob es für mich nicht einen Ausweg gebe, das zu umgehen und der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen, ohne deswegen im Zuchthaus zu verkommen. – Bleibt sitzen, Bauer! Seht, in dem Glas ist Gift, genug, ein Regiment umzubringen. Macht Ihr Miene aufzustehen oder sonstwie Leute beizuziehen, bin ich eine Leiche. Drum hört mich vernünftig an. Ihr sucht an den Jockenhannes zu kommen – in dem Papier habt Ihr die Beweise für den Einzelberger Mord und andere Geschichten, die Euch sehr nahe angehen. Halt da, Bauer – noch ist das Papier mein! Ihr seht, ich hab' das Papier in ein Kuvert gesteckt und gleich adressiert – und nun merkt auf. – Mein jetziges Leben ist mir ganz unerträglich. Offen gestanden sterbe ich aber nicht gern, ich möchte lieber in der Welt draußen probieren, ob ich nicht das Unrecht vergangner Tage gut oder wenigstens vergessen machen kann. Ich bin aber arm, und mit leeren Händen fängt sich ein neues Leben schlecht an. Drum dachte ich an Euch! Ich habe Euch und den Herrnbauer schwer gekränkt durch jenen falschen Schwur, der mich zum elenden Menschen machte – vergeht das Gift nicht, Bauer! – Wenn Ihr mir sagt, Ihr wollt sehen, ob Ihr mir mit der Zeit vergeben könnt, was ich an Euch verbrochen, und versprecht, beim Herrnbauer ein versöhnlich' Wort für mich zu reden – wenn Ihr mir auch ein kleines Reisegeld und was für den Anfang drüben über dem Wasser zukommen lassen wollt – dann ist das Papier Euer. Im andern Fall bleibt mir eben nichts als das Gift, und Ihr tut mir dann wohl den letzten Gefallen und gebt den Brief auf die Post oder besorgt ihn gleich selber an den rechten Ort.‹«

Der Schulbauer war aufgesprungen und ging heftig auf und ab. »Will nicht sagen, wie mir zumute war – zum zweitenmal möcht' ich solches nicht erleben. Natürlich gab es für mich kein Besinnen. Das Versprechen von wegen der Verzeihung kam mir schwer an, doch brachte ich's fertig; am Geld lag mir nichts, ich gab ihm, was ich entbehren konnte, und versprach ihm nachzuschicken, daß er zufrieden sein solle, nachdem ich mich überzeugt, daß er mich mit dem Papier nicht angelogen. Nachdem ich ihm noch drei Tage Vorsprung versprochen, schieden wir – der Schuster reiste mit dem nächsten Zug ab über Köln nach Havre, um sich dort einzuschiffen.

Nun begann erst meine Not. Mit dem Urteil des Hannes in der Tasche mußte ich mich drei lange Tage in der Fremde umhertreiben – was das heißen will, kann niemand begreifen, der es nicht erfahren. Endlich kam eine Depesche, der Schuster hatte sich eingeschifft und schwamm Amerika entgegen; nun war kein Halten mehr. Pferde und Wagen ließ ich in M., mit dem Nachtzug eilte ich in die Hauptstadt unseres Ländchens – noch in der Nacht brachte mein Papier das Kreisgericht in Bewegung, mit grauendem Morgen waren wir in Bergheim – was weiter geschah, ist bekannt!«

Dreiunddreißigstes Kapitel

Der Abend dunkelte bereits, und noch immer saß die Familie beisammen. Reinhardt stand am Fenster und lauschte dem wieder einmal stärker anschwellenden Brausen aus dem Dorf. Die Knechte hatten berichtet, daß schon den ganzen Nachmittag eine hocherregte Menschenmenge vor dem Wirtshaus auf und ab flutete, die Weiber in wildester Aufregung die ohnedies von Bier und Branntwein glühenden Männer noch mehr aufstachelnd. Welche Gedanken die Menge bewegten, ging nur allzu deutlich aus den wilden, lästerlichen Drohungen gegen den Jockenhannes und den Pfarrer hervor. Die Anwesenheit der Gerichtspersonen hielt die Menge noch im Zaum. Was aber sollte werden, wenn jene das Dorf verließen? Wenn das nächtliche Dunkel die Leidenschaften noch mehr anstachelte?

Während Reinhardt noch dem Getümmel droben lauschte, ging die Tür auf, der abgesetzte Schultheiß wankte herein, umfaßte seine Knie und jammerte: »Herr Lehrer! – schützen, retten Sie mich!«

»Sind Sie von Sinnen?« rief Reinhardt erschreckt und riß sich gewaltsam los. »Stehen Sie auf – stehen Sie auf und reden Sie vernünftig!«

»Nein, nein, ich stehe nicht auf, bis Sie mich erhören!« heulte der fassungslose Alte und rutschte dem Lehrer mit gerungenen Händen nach. »Sie müssen mir helfen, Herr Lehrer, ich stehe nicht auf! Herr Lehrer, ich weiß, wie Sie mit dem Justizrat stehen, und der Justizrat kann alles! Und wenn Sie Ihrem Schwiegervater durchhelfen, müssen Sie mir auch beistehen. Der Herrnbauer ist um nichts besser als ich, und er hat dasselbe verbrochen wie ich! – Herr Lehrer, Herr Lehrer, sagen Sie, daß Sie mich nicht verlassen wollen!«

»Herr meines Lebens! so muß ich mir kommen lassen!« ächzte der Herrnbauer.

Reinhardt rief: »Halt, Schultheiß! lassen Sie den Herrnbauer aus dem Spiel, Sie haben kein Recht, sich mit ihm zu vergleichen. Er mag gefehlt haben, so schwer er will, immer bleibt er der Betrogene, Sie aber sind ein Betrüger!«

»Ach, Herr! was sagen Sie? Bedenken Sie, was das Wort bedeutet, was das aus mir machen kann?«

»Nichts, das Sie nicht schon sind! Lassen Sie mich, ich weiß, in welchem Verhältnis Sie zum Jockenhannes in dieser Sache standen!«

»Barmherzigkeit – Barmherzigkeit!« heulte der Alte. »Ruinieren Sie mich nicht! – Denken Sie an meine Kinder, an meine armen Kinder! Wollen Sie meine Kinder unglücklich machen? in Schimpf und Schande stürzen?«

»An Ihre Kinder soll ich denken? Ha, und haben Sie Barmherzigkeit geübt, als Ihre Marie, das brave, gute Mädchen, vor Ihnen kniete und weinend flehte, sie nicht an den alten Fuchsmüller zu zwingen? Haben Sie nicht Ihre Tochter mit dem Fuße von sich gestoßen, in ihre Haare gegriffen? Und Sie wagen jetzt um Barmherzigkeit zu flehen? – Gehen Sie! Für Sie kann ich nichts tun! Stehen Sie auf – ich höre Schritte – gehen Sie! Was in meinen Kräften steht, werde ich aufbieten, eine friedliche Lösung herbeizuführen – kommt Sie auch Ihnen zugut', soll mir's lieb sein. Und jetzt gehen Sie, ich habe nichts mehr mit Ihnen zu schaffen!«

Ein dumpfes Gebrüll scholl, plötzlich anschwellend, vom Dorfe herab; der Lärm kam näher. Einzelne unerwartet in den Hof stürzende und ebenso schnell wieder verschwindende, wutheulende Frauenzimmer waren die Vorboten der sich heranwälzenden tobenden Menge. Anna und Margaret stürzten schreckensbleich in das Zimmer; Anna umklammerte Reinhardt, Margaret umschlang den Hals des zitternden Vaters. Der Schulbauer drängte die jammernden Frauen in die Kammer, in der Türe sammelten sich die Knechte und blickten verstört auf den bleichen Schulbauer. »Was ist zu tun?« fragten sie leise.

»Abwarten!« flüsterte der Schulbauer durch die geschlossenen Zähne. »Wehren bis aufs Blut, kommt es zum äußersten! Schließt Türen und Fenster, bewehrt euch, so gut ihr könnt, und wartet ab!«

Die Knechte verschwanden, an ihrer Stelle drängten sich dunkle Gestalten in die Stube. »Reinhardt, Schulbauer – was ist das? Wie sollen wir das verstehen?« schrie der Beckenjörg. »Sitzt da, legt die Hände in den Schoß, während im Dorf der Teufel los ist, alles drunter und drüber geht und die Tollköpfe nicht mehr zu halten sind? Da – nun habt ihr die Wilden im Hof! Sie, Reinhardt, sollen der Anführer der Wilden werden, sollen helfen das Teufelsnest, wie sie das Jockenhaus nennen, ausbrennen, die Teufelsbrut – seine Kinder – zertreten. Hören Sie? da sind sie schon, und haben sie erst Feuer und Blut gesehen, dann geht's gegen den Schulzen, Ungerskasper und Herrnbauer! hören Sie das Gebrüll? – Großer Gott, was soll werden!«

Das Weinen der Frauen übertönte auf Augenblicke den Lärm draußen. Reinhardt drängte Anna sanft von sich. »Licht, Mädchen! Laßt das Weinen, zum Jammer ist später Zeit. Licht!«

»Und das ist die Hälfte des Elends!« rief der Bergbauer. »Seit die Gerichtsherren das Dorf verlassen haben und entgegen unseren Vorstellungen alle Gendarmen mitnahmen, ist auch bei den Frommen die Teufelei zum Ausbruch gekommen. Keine Stunde mehr wollen sie den Pfarrer im Dorfe leiden. Kommen sie dazu, sein Haus zu stürmen, erreicht der Mann nicht lebendig die Flurgrenze.«

Der Herrnbauer lag längst mit dem Gesicht auf den Armen und stöhnte; als die Lichter erschienen, beleuchteten sie erdfahle, sorgenvolle Gesichter.

»Hört, sie rufen nach mir!« sagte Reinhardt lebhaft, indem eine leichte Röte seine Wangen färbte. »Vorläufig hat dieses Haus noch nichts zu fürchten. Aber dem Kirchbauernhaus droht Gefahr, gelingt es nicht, die Wütenden zu besänftigen! Schulbauer, – wie, wenn du dich der Unglückseligen im Kirchbauernhaus erbarmtest? Willst du?«

Der Schulbauer, in dem plötzlich ein neues Leben erwacht schien, hing hastig Pulverhorn und Schrotbeutel um, nahm das Doppelgewehr von den Stangen über dem Ofen, prüfte das Schloß und versah es mit Zündkapseln. »Ja, dort ist mein Platz! Weil ich lebe, wird ihnen kein Haar gekrümmt.«

»Ich gehe mit Euch!« rief nun auch der Beckenjörg. »Wollen sehen, ob die schreienden Lumpen da draußen sich an zwei Männer und zwei Doppelflinten wagen; aber vorwärts, wir müssen uns im Haus verrammeln, ehe sie an uns kommen! Halten Sie wenigstens die Tollköpfe auf, solange Sie können, Herr Lehrer.«

»Wir bleiben hier, Nikel«, wendete sich der Bergbauer an den Lichtennikele, während der Schulbauer und Beckenjörg davonstürmten. »Wer kann wissen, ob nicht auch hier Hilfe not tut?«

Unterdessen wurde der Lärm im Hofe immer größer. »Reinhardt! 'raus! – Der Schulmeister 'raus! – Was versteckt er sich? – Er soll 'raus, zu uns! – Wir sind seine Freunde, wir gehören zu ihm und er zu uns! – Was hat der Schulmeister bei dem Grenzverrücker zu tun? – Wir sind seine Freunde, wir ganz allein, denn uns hat der Hannes betrogen wie ihn. – Zu uns soll er, zu uns muß er!« so brüllte und heulte die Menge durcheinander.

»Gott erbarme sich des Dorfes!« flüsterte der Lichtennikele und blickte scheu nach dem ächzenden Herrnbauer. »Wenn nicht ein Wunder geschieht, ist alles verloren.«

»Sie kommen!« rief ein Knecht durch die Türe. »Was sollen wir tun?«

»Ich komme gleich, haltet die Haustüre frei!« rief Reinhardt. »Fort, Anna, hier hilft kein Weinen! Bringt den Bauer und die Weiber in die Oberstube, ihr Männer, und sorgt, daß sie uns nicht in die Quere kommen. Vorwärts!«

Ein neuer Sturm draußen beflügelte den Eifer der Männer; fast gewaltsam führten sie die Frauen und den Bauer nach oben. Nur Anna riß sich los. »Ich lasse mich nicht einsperren!« rief sie, »mein Platz ist hier; was Fritz geschieht, soll auch mich treffen!«

Im Freien war es noch heller als in der Stube; das Abendrot stand golden am westlichen Himmel; eben als Reinhardt die Freitreppe betrat, begannen die leichten Wolken über dem Dorf zu glühen; grellrote Schlaglichter beleuchteten scharf das Herrenhaus und den Lehrer. Unwillkürlich verstummte die Menge und wich zurück, dann erhob sich ein Murmeln, das alsbald zu gewaltigem Brausen anschwoll: »Seht – seht doch! Ein Wunder – ein Zeichen vom Himmel! – Der Herrgott selber zeigt uns den Mann, den er auserwählt! – Seht nur, seht! wie sein Gesicht leuchtet! wie sich der Himmel über ihm auftut! Gott selber redet zu uns und zeigt uns sein Wohlgefallen an unserem Tun!« Schon knieten die Weiber an der Treppe nieder, langsam drängten die Männer nach, der Veitenbauer, vom Holsteiner und anderen geleitet, trat vor, nahm seine Mütze ab und rief: »Herr Lehrer, in Gottes Namen kommen Sie herab und nehmen Sie sich unser an. Lange haben wir Sie verkannt und verachtet – jetzt aber ist uns klar, daß Sie uns vom Herrgott selber gesendet sind, uns zu unserm Recht zu verhelfen und uns zum rechten wahren Glauben zurückzuführen. Wir haben schwer gefehlt, aber daran ist bloß der üble Teufel, der Erzhalunke, schuld, den heute sein Schicksal erreicht hat; der hat uns verführt, am wahren Glauben irre gemacht, uns zu lästerlichem Treiben verleitet, obendrein uns noch betrogen um Hab und Gut, und hätte nicht der Herrgott ein Einsehen gehabt, hätt' er uns noch die Haut über die Ohren gezogen. Fluch und Verdammnis über den Hund!«

»Fluch und Verdammnis über den Hund!« heulte es im grausen Echo nach. »Der Erde gleich muß sein Haus gemacht werden, zum ewigen Gedächtnis für alle Gottesleugner! – Fort, fort – ans Werk! Hat uns Gott nicht selber gezeigt, was wir zu tun haben? Sagen nicht die brennenden Wolken, daß der Herrgott Feuer und Blut von uns verlangt? – Auf an die Arbeit! Voran, Schulmeister! Ihr sollt uns führen! vorwärts – der Herrgott will's! – In Gottes Namen: nieder mit dem Kirchbauernhaus, zum Teufel mit der Jockenart! – Dann aber in die Kirche – in die Kirche! Der Schulmeister muß für uns beten, uns mit dem Herrgott versöhnen! – Vorwärts! – Im Namen Gottes, Schulmeister, voran! –«

»Ja, macht voran, was steht Ihr und guckt uns an?« brüllte der wankende Holsteiner. »Nur keine Präambeln, Schulmeister, Ihr seid unser Mann; Euch brauchen wir, daß es doch auch ein Ansehen hat! Kommt 'runter, oder wir holen Euch!«

»Haltet – haltet ein!« rief Reinhardt, den es schauderte. »Seid ihr rasend? wollt ihr euch und das Dorf verderben?«

»Hoho! als wenn noch was zu verderben wäre!« schrie eine wilde Stimme aus dem Haufen, »'runter, Schulmeister, oder wir holen Euch!«

»Besinnt euch, kommt zu euch selber! Wollt ihr zu Mördern und Brandstiftern werden?« entgegnete Reinhardt.

»Holla – was soll das heißen?« brauste es in der Tiefe auf. »Will der Schulmeister Männle machen? sich auf die Hinterfüße stellen? – Hoho – Schulmeister, nehmt Euch in acht! wir verstehen keinen Spaß und leiden's nicht, daß Ihr zu dem Spitzbuben, dem Herrnbauer, haltet. Der muß dran so gut wie die andern – Ihr aber gehört zu uns, verstanden?«

Reinhardt preßte schaudernd seine Hand auf das wild schlagende Herz. Drunten tobte die fanatische Menge; immer stürmischer wurde das Verlangen, daß er der Führer werde bei ihrem ruchlosen Treiben. Was sollte er tun? gehen oder bleiben? Entsetzliche Wahl! Hing nicht das Wohl oder Wehe des Dorfes von seinem Entschlusse ab? – Zum Glück rissen ihn die Wilden gewaltsam aus seinem Denken und führten die Entscheidung herbei.

Des Verhandelns überdrüssig, eilten der betrunkene Holsteiner und noch drei, vier seiner Gesellen die Treppe empor, die Sache auf kürzestem Wege zu erledigen. »Mit muß er«, brüllte der Holsteiner. »Der Schulmeister ist jetzt der erste Mann im Dorf, der muß unserer Sach' ein Ansehen geben und im schlimmsten Fall uns decken. Mit muß er!«

Diese Worte, der ihnen auf dem Fuß folgende gewaltsame Angriff weckten Reinhardts Zorn. Ein kurzer Kampf auf der Treppe; ehe die Knechte zu Hilfe kommen konnten, wälzten sich drei der Angreifer, darunter der Holsteiner, brüllend vor den Füßen ihrer Genossen, die übrigen warteten die gleiche Beförderung nicht ab.

Diese Probe furchtlosen Mannesmutes verfehlte ihre Wirkung nicht, das Brüllen verstummte; fast unwillkürlich erweiterte sich der Kreis um die Treppe. Aber auch Reinhardt brachte diese Tat Befreiung und Klarheit; die Entscheidung war gefallen, darüber war er nicht mehr im Zweifel. Während das Abendrot und die rosig angehauchten Wolken allmählich verblaßten, und die Dämmerung sich über Dorf und Hof legte, begann Reinhardt mit mächtig hallender Stimme den um ihn wogenden Wilden ins Gewissen Zu reden.

Kühn und gewaltig war diese Rede des zürnenden, hochgemuten Mannes! Ohne Scheu nannte er das Treiben der Empörer bei dem rechten Namen, rief ihnen ihre Vergangenheit ins Gedächtnis, geißelte mit schneidenden Worten ihre Charakterlosigkeit, ihre an Wahnwitz grenzende Tollheit, die noch gestern Gott geleugnet und gelästert, heute von demselben Gott Zeichen sehen wollte, die zum Mord und Brand aufforderten, und schloß endlich mit einem düsteren Gemälde der unausbleiblichen Folgen ihres unsinnigen Tuns.

Auch das verbittertste, verhärtetste Gemüt konnte sich dem Eindruck dieser Worte nicht verschließen. Mehr und mehr erweiterte sich der Kreis um die Treppe, das Heulen und Toben verstummte gänzlich, nur dann und wann brauste ein gedämpftes Murmeln auf. Die Frauen waren verschwunden, selbst manche Männer drängten heimlich nach dem Ausgang. Reinhardt entging das nicht, aber die Hoffnung, die Gemüter dauernd beschwichtigt zu haben, zeigte sich eitel. Den Holsteiner wurmte seine Niederlage, zugleich erbitterte es ihn, daß nun doch aus dem schönen, mancherlei geheime Hoffnung weckenden Skandal nichts werden sollte. Als nun aus dem Murmeln allmählich Stimmen auftauchten, die Reinhardt entschieden recht gaben und zur Besonnenheit und Ruhe mahnten, brach der wilde Geselle los: »Was? seid ihr Männer? laßt euch von dem Lumpenschulmeister anhunzen? auf sein Geplärr zieht ihr die Schwänze ein? Ha, Himmelschwerenot! ohne den Vielschwätzer wäre nunmehr die Arbeit lang' getan! Was da! – will uns der Schulmeister nicht beistehen, zehn Pfaffen lecken die Finger danach, unsre Sünden um den Preis der Bergheimer Pfarrei wegzubeten! – Merkt ihr denn nicht, worauf der Fuchs hinaus will? Vom Herrnhof will er uns abhalten, will's nicht zugeben, daß wir dem alten Dachs da drinnen die Höhle räuchern und das Fett ausbraten! – He, holla! schlagt ihn nieder, den Spitzbuben, tut er noch einmal das Maul auf; und nun nimmer gesäumt! Voran, zuerst nieder mit der Jockenart, danach halten wir weitere Abrechnung! He da – dran und drauf!«

Wenn er auch keinen durchschlagenden Erfolg erzielte, einen Teil der Wilden wenigstens brachte der Holsteiner in Bewegung. Aber auch Reinhardts Zorn flammte hell auf. »Gut denn,« rief er. »Geht, versucht euer Heil als Mörder, Mordbrenner und Räuber! Geht, steckt die Höfe eurer Feinde in Brand; was liegt daran, geht das ganze Dorf in Flammen auf? – Ihr habt ja nach solchen Taten nichts mehr zu verlieren, und an freiem Quartier wird es euch nicht fehlen! Geht – versucht es, eure Rachepläne ins Werk zu setzen, aber meint nicht, daß es euch so leicht gelingen werde. Den Kirchbauernhof halten der Schulbauer und Beckenbauer mit geladenen Gewehren besetzt; – kommt Not an den Mann, machen sie Gebrauch davon, zweifelt nicht. Auf einen heißen Empfang müßt ihr gefaßt sein; freilich müßt ihr euch beeilen, denn sowie der erste Schuß fällt, gehen reitende Boten in die Dörfer ab und bieten die Mannschaft auf, und kommen wir mit denen über euch, dann sei euch Gott gnädig!«

Das wirkte, und als nun gar die Nachricht kam, der Schulbauer und die Beckenbrüder mit ihren sämtlichen Knechten hätten das Kirchbauernhaus verrammelt, in allen Fenstern lehnten geladene Doppelflinten; als es nun im Herrnbauernhaus lebendig wurde, zahlreiche Männer mit Laternen in der Türe erschienen und Reinhardt umdrängten, als die Lichter die zornigen Gesichter der Sülzdorfer Schulbauernknechte und Hausleute beleuchteten und die blanken Gewehrläufe in ihren Händen blitzten, da wurde es plötzlich sehr still im Hof. Der Holsteiner und seine Genossen waren spurlos verschwunden.

Kaum war der Rachetaumel verschwunden, so begannen, vom Gefühl ihrer Schuld und Verworfenheit überwältigt, die noch anwesenden Weiber um Gnade und Erbarmen zu jammern; das Heulen steckte die Männer an, und nun war es erbärmlich anzusehen, wie die eben noch tobende Menge zerknirscht am Boden kniete, heulend, jammernd, betend die gerungenen Hände zum Himmel emporreckte und Reinhardt bestürmte, mit ihnen in die Kirche zu ziehen, für sie zu beten und sie mit Gott zu versöhnen. Voll Abscheu wendete sich Reinhardt ab; allein entziehen durfte er sich dem wahnwitzigen, unglücklichen Haufen nicht, so gab er sich denn alle Mühe, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Endlich gelang ihm auch, die größte Aufregung zu beschwichtigen; als er heilig und teuer gelobt, morgen, am Sonntag, einen besonderen Gottesdienst – ohne den Pfarrer – mit ihnen abzuhalten, verließen die Wilden ganz anders als sie gekommen den Hof.

»Wo kommt ihr her?« fragte Reinhardt die Sülzdorfer.

»Die Anna hat uns geholt!«

Reinhardt nickte, und ein glückliches Lächeln umspielte für den Augenblick seine Lippen. »Ist gut so! – Der Ruhe ist nicht zu trauen; wer weiß, wie wir eurer Hilfe noch bedürfen. Vorläufig verhaltet ihr euch still!«

Aufatmend trat er ins Haus. Anna zog er heftig an sich: »Du mein wackeres, tapferes Mädchen!«

»Nein, nicht tapfer!« entgegnete Anna, noch immer leise zitternd. »Das war nicht Tapferkeit, sondern eitel Furcht und Schwäche, was mich nach Sülzdorf trieb. Ach, Fritz, ich konnte es nicht mit ansehen, daß du so hilflos den Wilden preisgegeben warst. Da ich nicht an deiner Seite stehen durfte, floh ich vor meiner eigenen Verzweiflung! Ich flog mehr als ich lief! Gott sei Dank, daß es nicht zu spät und nicht vergeblich war!«

»O, Herr Schulmeister,« sagte der Lichtennikele, der mit dem Bergbauer aus der oberen Stube herabgekommen war, »sind das Zeiten! Den Augenblick vergeß ich nicht, weil ich lebe, da die Wilden gegen Euch losstürmten! Mir zittern noch immer die Knie! Ach, mein Gott, was wäre aus dem Dorf geworden ohne Euch?«

»Ja, Kind und Kindeskinder können es Ihnen nicht danken, was Sie heute an uns getan!« sagte der Bergbauer bewegt.

Reinhardts Antwort unterbrach der Eintritt des Grundmüllers, dem Söhne und Mühlknappen, alle bewaffnet, nachdrängten. »Daß dich der Hund beißt! – ist denn der Teufel los?« schrie der Alte. »Wollen wir dem Herrnbauer zur Hilfe gegen die Wilden – ist alles ruhig, als gäb's gar keinen Wilden im Dorf. Dagegen sind die Frommen drauf und dran, das Pfarrhaus zu stürmen und den Pfarrer über die Grenze zu jagen. – Hört nur, wie sie toben!«

»Was ist zu tun?« rief der ratlose Bergbauer. »Gott allein weiß, was geschieht, fällt der Pfarrer heute in ihre Hände! Sollen wir's geschehen lassen, daß auch die Wilden wieder rebellisch werden?«

Reinhardt, der bisher aufmerksam nach dem Toben gelauscht, nickte. »Das ist die größte Gefahr! – Grundmüller, Ihr seid ein resoluter Mann! laßt Eure Söhne mit je einem Sülzdorfer die Wirtshäuser besetzen. Kein Licht darf angezündet, kein Tropfen Bier oder Branntwein ausgeschänkt werden – verstanden? Mit den übrigen Männern patrouilliert Ihr im Dorf auf und ab und macht nötigenfalls Gebrauch von euren Gewehrkolben!«

»Ist recht – ganz recht!« schrie der Müller, »daß dich der Hund beißt. Ihr seid ein ganzer Mann! – Verlaßt Euch auf mich, wir halten Wirtshäuser und Gassen rein!«

»Nikel, Ihr bleibt im Herrnhof!« fuhr Reinhardt fort. »Ihr, Bergbauer, benachrichtigt die Männer im Kirchbauernhaus, wie die Sachen stehen, und führt soviel Mannschaft Ihr auftreiben könnt von hinten herum in den Pfarrhof.«

»Und Sie wollten sich abermals dem Schwarm entgegenwerfen,« rief der Bergbauer entsetzt. »Allein? – Haben Sie noch nicht genug an dem Sturm mit den Wilden?«

»Wer soll's für mich tun? – Nichts da, Bergbauer! Fort, Eure Aufträge sind wichtig, von ihrer pünktlichen Ausführung hängt viel ab!«

»Und diesmal laß ich dich nicht!« rief Anna außer sich und umschlang seinen Hals. »Ich ertrag's nicht, dich zum zweiten Male in solcher Gefahr zu sehen!«

Die Türe sprang auf. Ein Mädchen mit aufgelöstem Haar und verwirrter Kleidung stürzte herein, mit irrem Blick schaute sie um sich, umfaßte Anna und schluchzte mit erlöschendem Atem: »Hilfe – Hilfe!«

»Dorette – was bedeutet das? – Wo kommst du her?« fragte Anna.

»Durch's Küchenfenster! – Hilfe – Hilfe! – Ach, mein Gott, sie stürmen das Haus! – Der Jammer ist nimmer anzusehen! Der Herr läßt sich nicht blicken, die Frau schwankt herum wie ein Geist, die Kinderchen liegen in den Ecken auf den Knien, ringen die Hände und beten für den Vater – o, das Herz möcht' einem zerspringen! – Was steht ihr noch da? In Gottes Namen, eilt, ehe es zu spät ist!«

»Wirst du mich auch jetzt noch halten, Anna?« fragte Fritz leise, und als sich Anna weinend abwendete, griff er nach seinem Hut mit den Worten: »Auf denn! Tue jeder seine Schuldigkeit!«

Grellroter Fackelschein umleuchtete das Pfarrhaus, wildes Toben, Bedrohungen des Pfarrers und seiner Familie, stürmisches Begehren nach Einlaß, Fluchen und Schreien schallte Reinhardt entgegen, als er klopfenden Herzens den steilen Hügel zum Pfarrhof hinankletterte. Nach wenigen Sekunden stand er abermals einer fanatischen, tobenden Menge gegenüber, allein die Situation war noch gefährlicher. Nicht nur standen ihm hier, als er auf der Pfarrtreppe vor der Haustüre Posto faßte, die Anführer unmittelbar gegenüber; ein Blick über die wutverzerrten Gesichter, über die in wahnsinniger Glut leuchtenden Augen belehrte Reinhardt, daß er hier einen heißeren Kampf zu bestehen haben werde.

Reinhardts Erscheinen wurde mit tobendem Beifallsgebrüll begrüßt. »Hurra – der Schulmeister! Hoch der Schulmeister! Das ist unser Mann, der muß uns führen und leiten! Hurra – Hurra – nun kriegt die Sach' ein Ansehen! Kommt gerade recht, Schulmeister! Hat Euch der Pfaff' am tollsten mitgespielt, sollt Ihr auch das Recht haben, zuerst Hand an ihn zu legen! Hurra, Schulmeister, dran und drauf!«

»Traut ihm nicht, dem Hund!« schrie jetzt der Holsteiner, der gewaltsam nach vorn drängte. »Das ist ein infamer Neunhäuter! Ihr meint, der wär' zu eurem Beistand 'kommen? – ha, ich weiß besser, was der Spitzbube vorhat! – Kurzen Prozeß: schlagt ihn nieder und brecht die Tür auf, so ist alles zu End'!«

»Stopft dem Unflat das Maul – was hat der bei uns zu suchen?« tönte es aus dem Haufen. »Der Schulmeister soll leben – hoch und übermal hoch! Der ist unser Mann! Hat lang das Pfaffenhäfele abgedeckt und dem Schwarzrock aufgebrummt, daß ihm die Ohren sausten! Hurra! zu Euch stehen wir mit Leib und Seel'! Euern Glauben müßt Ihr uns lehren, religionsfrei wollen wir werden wie Ihr, wollen auch nicht länger in der Dummheit herumtappen und uns von den Schwarzen schurigeln lassen! Ein Donner auf die Pfaffen mitnander – uns soll keiner mehr kommen! Hurra, vorwärts – dran und drauf!«

»Halt doch, ihr Nachbarn!« rief Reinhardt. »Was soll der Lärm? Was habt ihr vor?«

»Ho, ho – was heißt das? Nehmt Euch in acht, Schulmeister!« brauste es auf. »Was wir wollen? – unser Recht wahren; dem gottverdammten Satanspfaff' Moses und die Propheten auslegen, daß ihm der Buckel raucht, dem Heuchler und lügnerischen Schleicher den Fuchspelz abziehen, die ganze Brut über die Flurgrenze schaffen und zum Teufel jagen! – Platz, Schulmeister! gebt Raum oder es geht Euch schlecht! – 'raus mit dem Pfaffen, wir wollen Abrechnung halten!«

Von den qualmenden Kienstöcken, deren Flammen durch die Zweige der Bäume züngelten, rot bestrahlt, von einer tobenden Menge umwogt, lag das Pfarrhaus still und tot zwischen Büschen und Bäumen – und welch' Entsetzen mochte durch die Gemächer irren, deren Fenster die qualmenden Flammen widerspiegelten? – Reinhardt strich über die schmerzende Stirn, aber ihm blieb nicht Zeit zum Sinnen. Schon kam das vielköpfige, vielgestaltige Ungeheuer näher, mit Gewalt wurde er zur Seite geschoben, Fäuste und Füße, sogar schon eine Axt donnerten gegen die Tür. Was blieb Reinhardt übrig, als ebenfalls Gewalt zu brauchen? Er selbst wußte nicht, wie es kam, plötzlich fühlte er die Axt in seiner Hand, und vor der hochgeschwungenen blitzenden Waffe wichen die Angreifer unwillkürlich zurück. »Sagt' ich's nicht, er ist ein falscher Hund?« brüllte der Holsteiner. »Nieder mit dem Schulmeister!«

»Zurück – zurück!« rief Reinhardt. »Solange ich's hindern kann, betritt niemand das Haus!«

Ein dumpfes Toben, ein neuer, allgemeiner Sturm war die Antwort. Ein Steinhagel prasselte gegen das Haus. Fensterscheiben klirrten, zerbrochene Laden klapperten, die Türe hallte dumpf wider von Steinwürfen und Balkenstößen. Reinhardt rang verzweifelt gegen die Übermacht; eben taumelte er, von einem furchtbaren Schlag auf den Kopf getroffen, halb betäubt gegen die Wand, als die Gegner zu weichen begannen. Sich gewaltsam aufraffend, sah sich Fritz von einer Schar wohlbewaffneter Männer umgeben, an ihrer Spitze der Schulbauer, die Beckenbrüder, der Bergbauer, Veitenbauer und Grundmüller, die schon der Zahl nach den Stürmenden wohl gewachsen waren. Das sahen auch diese sofort ein, murrend zogen sie sich zurück, und eine sehr erregte Verhandlung entspann sich zwischen den feindlichen Nachbarn. Mit Trotz machten die ehemaligen Frommen das uralte Herkommen geltend, mißliebige Geistliche über die Flurgrenze zu bringen, um sie so für immer los zu sein, und beharrten auf der Ausführung ihres Vorhabens. Dieses Herkommen erkannten natürlich Reinhardts Freunde nicht an, sondern erklärten einfach, daß sie unter allen Umständen die Ruhe und Ordnung im Dorf streng aufrechterhalten würden. Als nun auch die Drohung der Fanatiker, mit den Waffen in der Hand ihren Willen durchsetzen zu wollen, auf die Ordnungspartei, die sich überdies mit jedem Augenblick verstärkte, nicht den geringsten Eindruck machte und die Männer mit Einmut erklärten, sie müßten es eben darauf ankommen lassen – da wurden die Gegner doch stutzig und kleinlaut. Nach abermaligen längeren Verhandlungen willigten die Angreifer widerstrebend ein, ihr gewaltsames Vorhaben für heute aufzugeben; dafür sollte sofort Reinhardt den Pfarrer zu der Erklärung bewegen, daß er nie mehr die Bergheimer Kirche betrete und sich sofort auf eine andere Stelle melde. »Herrgottseindunner!« schrie der Mäurerslang, der sich zum Führer seiner Partei aufgeworfen. »Für heut' ist die Geschichte doch verpfuscht – durch Euch verpfuscht, Schulmeister, merkt das! Doch wollen wir's Euch nicht nachtragen, tut Ihr sonst Eure Schuldigkeit! Meine, es müßte Euch soviel als uns daran gelegen sein, den Himmelsschwerenöter da drin bald los zu sein! – Also, bringt Ihr den Pfaffen zur Einwilligung, ist's gut! Betritt er aber morgen die Kirche, gibt es Mord und Totschlag! Dann wird der Pfaff' doch über die Grenze geschafft, und wenn sich Himmel und Hölle dazwischenlegen!«

Diese Rede fand lebhafte Zustimmung in der Ordnungspartei; der Beifall versöhnte die Aufgeregten vollends. Als nun der Holsteiner abermals lärmen und hetzen wollte, machte man mit ihm und seinen betrunkenen Gesellen kurzen Prozeß und sperrte sie in das Spritzenhaus, wo sie nun Zeit hatten, ihren Rausch auszuschlafen.

Die Fackeln erloschen, die Menge verlor sich zwischen den Bäumen, nur Reinhardt blieb mit seinen Freunden und den zuverlässigen Männern noch beisammen, um beim Schein einiger Laternen weiter zu beraten. Plötzlich wankte Reinhardt, der Schulbauer fing ihn auf und schrie erschrocken: »Mein Gott! was ist das? Und überall Blut? – Was ist geschehen?« – Reinhardt antwortete nicht; kalt und schwer lag er in den Armen seines Freundes!

Vierunddreißigstes Kapitel

Reinhardt saß in der freundlichen Pfarrstube, deren zerschlagene Fensterscheiben die dicht zugezogenen Vorhänge und festverschlossenen Läden verbargen, im weichen, bequemen Lehnstuhl, schwach und angegriffen vom Blutverlust und der Aufregung dieses Abends. Die Pfarrerin, deren blasse, stille Züge noch deutlich die Spuren der überstandenen Schrecken zur Schau trugen, war eifrig bemüht, durch kalte Umschläge, Binden und Kompressen die Blutung zu stillen. Ihre dunkeln Augen füllten sich mit Tränen, ihre Hände zitterten, so oft sie die geröteten Tücher abnahm, und die drei reizenden Mädchen von 8–12 Jahren, die ihr eifrig zur Hand gingen, kaltes Wasser und Leinwand beitrugen, schluchzten leise. »Stille doch, ihr guten Kinder!« tröstete Reinhardt lächelnd und strich der Jüngsten sanft über das volle Haar. »Wer wird so ängstlich sein? Gut, daß sich die unbedeutende Schramme tüchtig ausblutet – desto geschwinder wird sie heilen! – Frau Pfarrerin, Ihr Wein tut mir wahrhaft gut – dürfte ich noch um ein Glas bitten? – Ich danke von Herzen! – Ah – das gibt neues Leben! – Sehen Sie, nun ist auch die Blutung schon vorüber! – Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden, daß Sie meiner Braut einen neuen Schrecken ersparten! – Und euch, ihr lieben Kinder, euch werde ich meinen Dank noch besonders abstatten!«

»O Reinhardt!« flüsterte die Frau weinend, indem sie sich tief niederbeugte, »reden Sie nicht von Dank! – Mein Gott, o, mein Gott! Mir erzittert das Herz! Meinen Mann zu retten, wagten Sie Gesundheit und Leben, nachdem – o, mein Gott! – und er wird es Ihnen nicht danken!«

»Stille doch, verehrte Frau!« sagte Reinhardt herzlich und drückte ihre Hand. »Was ich getan, war meine Pflicht, sonst nichts.«

»O Reinhardt, das waren bittere Stunden! Nicht die Angst um die wilden Männer war das Schrecklichste! – Und Sie wollen mit meinem Manne reden? – jetzt? Wird er Sie anhören?«

»Er muß! – Ich komme im Auftrag der Gemeinde, er darf mich nicht abweisen!«

»Werden Sie verlangen, daß er die Kirche nicht mehr betritt?«

Reinhardt zuckte die Achsel. »Das ist sein Tod!« weinte die Frau. »Ach, und darauf geht er nie und nimmermehr ein! – Gott, Gott, wie wird das enden?«

»Wollen Sie nicht selbst einen Versuch wagen, ihn milder zu stimmen? – Ich meine, auch Ihnen müsse daran liegen, Bergheim sobald als möglich zu verlassen!«

»So werden Sie im Ernst seine Entfernung verlangen?«

»Empfinden Sie nicht, daß er sich hier unmöglich gemacht hat?«

»Es ist hart, einen Ort so verlassen zu müssen!«

»Die Härten sind einmal in der Welt, verehrte Frau! – Ist es nicht besser, der einzelne nimmt ein Ungemach auf sich, als daß eine ganze Gemeinde ins Verderben gestürzt wird?«

»O Reinhardt, wenn Sie wollten –«

»Verehrte Frau! – so nicht! Bedenken Sie, es handelt sich hier nicht um persönliches Wollen und Belieben.«

»O, ihr harten Männer! – Und wenn sich mein Mann weigert, Ihre Vorschläge anzunehmen?«

»So werde ich unverzüglich der Gemeinde Bericht erstatten und zu weiteren Maßregeln treiben!«

»Aber was dann?« schluchzte die Frau, die Hände ringend.

»Warum quälen Sie sich und mich? Was bleibt uns dann übrig, als uns an die Regierung zu wenden? – Lassen wir das! Wollen Sie nicht lieber einen Versuch machen, Ihren Herrn Gemahl milder zu stimmen?«

»Ich – ich? Ach, er wird mich nicht anhören! Er duldet nie eine Einmischung in sein Amt!«

»Allein hier handelt es sich nicht bloß um amtliche Entschließungen, auch um Familienfragen, und dabei darf doch die Stimme der Hausfrau nicht umgangen werden! Gehen Sie, verehrte Frau, melden Sie uns als eine Gemeindedeputation und benutzen Sie die Gelegenheit! – Und noch eins! Die Ruhe scheint zwar völlig hergestellt, allein dem Frieden ist doch nicht zu trauen. Ich möchte, wenn Sie es erlauben, für die Nacht gerne eine Art Hauptwache hier errichten und wollte Sie bitten, uns ein Zimmer anzuweisen, das …«

»Ach, Sie nehmen mir abermals einen Stein vom Herzen. Fast wagte ich nicht meinen Wunsch um eine Sicherheitswache auszusprechen, und doch wäre es mir schrecklich gewesen, mit meinen Kindern allein sein zu müssen! Natürlich steht Ihnen das ganze Haus zur Verfügung!«

»Nicht doch! Wir wollen nicht genieren. Wie wäre es, wenn Sie die Konfirmandenunterrichtsstube für uns heizen ließen? – Gut! – Und nun bitte, wollen Sie uns anmelden? –«

Die Kinder waren lange wieder zu Bett gegangen, und als die Frau Pfarrerin die Stube verließ, war Reinhardt mit seinen Freunden allein. »Armer Junge, wie geht's?« rief der Schulbauer.

»Die Wunde ist trotz der großen Blutung kaum bedeutend, allein der Hieb war gut gemeint; seit einiger Zeit empfinde ich ein ganz wunderliches Brummen und Dröhnen im Hirn! – Jetzt aber berichtet: wie fandet ihr das Kirchbauernhaus? – wie steht's im Dorf?«

»Den Umständen nach gut!« nickte der Beckenbauer, »wenn ich gleich nicht behaupten will, daß es mir besonders behaglich zumute ist. Die Wirtshäuser sind besetzt, Schleichwachen durchziehen das Dorf – die Sülzdorfer Männer tun gute Dienste – und der Holsteiner mit seinen Saufbrüdern ist im Spritzenhaus sicher aufgehoben.«

»Und wer blieb im Kirchbauernhaus?«

»Wirst's wohl kaum erraten!« sagte der Schulbauer bewegt. »Als ich vorhin abends vom Herrnhaus dahin kam, fand ich den Beckenkarl bei der Line. Ist doch ein braver Bursch', der Karl, bei Gott! Also, der Karl bemühte sich um das noch immer halb ohnmächtige Mädchen, und ich hörte ihn sagen: Lina, du weißt, wie ich an dich gekommen bin; du weißt auch, daß ich die Herrnbauersmargaret nimmermehr vergessen kann. – Heute aber kann ich deinen Jammer nimmer mit ansehen. Aus freier Wahl sage ich dir: in meinem Hause bist du nicht fremd, und wenn du willst, bist du in vierzehn Tagen Beckenbäuerin! – Ja, ja, Fritz, ich war auch ganz erstaunt, wie wurde mir aber erst, als nun die Line begann: Gott segne dich für dieses Wort, Karl! Das hat mir wohlgetan! – Ach, ich bedarf der Teilnahme, soll ich nicht zugrunde gehen. – Hab' Dank für deinen Antrag! Annehmen kann ich ihn nicht! – Ich habe schwer gefehlt, Karl, ich war ein unnütz, hoffärtiges Ding – lieber Gott! Ich könnt' vielleicht sagen, ich wäre auch anders geworden, hätte sich jemand in aufrichtiger Liebe meiner angenommen – allein was nützt solch' Reden? – Ach, Karl, ich bin grausam heimgesucht! Tröste nicht, für mein Leid gibt's keinen Trost! – Nochmals, habe Dank für deinen Antrag, du hast's gut gemeint, Gott wird dich dafür segnen! Aber du hast kein Recht mehr über deine Hand, die gehört der Margaret und soll ihr bleiben, und eigentlich wäre auch im Herrnhaus dein Platz; aber sie wird es dir wohl verzeihen, wenn du dich noch eine kleine Weile einer Verlassenen annimmst. – Tröste nicht, Karl, mir nützt kein Menschentrost! Was aus mir wird, weiß ich noch nicht; aber sei unverzagt, zugrunde gehe ich nicht, ich darf ja nicht, schon um der Geschwister willen nicht!«

Der Schulbauer nickte freundlich, als er den ungeduldig fragenden Blick des Lehrers bemerkte. »Kannst du zweifeln? Die Line und ihre zwei Brüder sind einstweilen im Herrnhaus einquartiert; wir sind schon ganz gut befreundet, mit Freuden haben mir die Kinder versprochen, zu mir nach Sülzdorf zu ziehen. Und so sollen wir, wenn du uns auch die Anna entführst, dennoch nicht ohne Kinder sein!«

»Ja, es sind wundersame Zeiten!« sagte der Bergbauer und wischte sich heimlich die Augen. »Was ich heute erfahren, wiegt ein ganzes Leben auf! – Der Beckenkarl hat's übernommen, vorläufig den Kirchbauernhof in Ordnung zu halten!«

»Gott sei Dank – es wird Licht!« seufzte Fritz aus tiefstem Herzen.

»Ja, daß dich der Hund beißt!« meinte der Grundmüller und kraute sich die Haare. »Wenn uns der da droben keinen Strich durch die Rechnung macht. – Ich wollt' wir wären fertig mit ihm!«

Die Frau Pfarrerin kehrte zurück. Die Augen, noch mehr gerötet, deuteten auf heftiges Weinen; mit zuckenden Lippen, bebenden Händen winkte sie Reinhardt ins Nebenzimmer, dort sank sie in einen Sessel und brach in krampfhaftes Weinen aus. »Gott – deine Prüfungen sind allzu hart! – Wie ich voraussagte! Er beharrt auf seinem Willen, verbittet sich die Deputation, will keinen Vorschlag auch nur anhören. Und morgen will er aus Anlaß dieser bedauerlichen Vorfälle noch eine besondere Betstunde halten!«

»Will er auch mich nicht hören?«

Die Augen der Frau erweiterten sich, fest drückte sie die Hände auf die Brust, mühsam brachte sie ein kaum hörbares »Nein!« hervor.

»Bitte, Frau Pfarrerin – es tut mir leid, daß ich Sie plagen muß, aber leider kann ich es nicht ändern! – bitte, sagen Sie dem Herrn Pfarrer: der Lehrer Reinhardt verlange in dringenden, unaufschiebbaren Angelegenheiten sofort den Pfarrer von Bergheim zu sprechen. – Um mich nicht einer zweiten Abweisung auszusetzen, werden Sie erlauben, daß ich Sie sogleich begleite!«

Im Wohnzimmer bat er die Männer, ihn in der Konfirmandenstube zu erwarten, damit die Frau Pfarrerin nicht länger gestört werde. »Der Herr Pfarrer wünscht mich allein zu sprechen!« wendete er sich an den Bergbauer und Grundmüller. »Zu rechter Zeit werde ich euch rufen lassen.«

»O, daß dich der Hund beißt!« platzte der Grundmüller heraus. »Mein Verlangen nach dem geistlichen Herrn ist nicht gar groß! Werdet nur allein mit ihm fertig; ist grad' so gut, als wären wir dabei gewesen, Euer Wort gilt!«

Die Hausfrau seufzte tief, dann schritt sie mit dem Licht voran die Treppe empor. Fritz wollte sich zwingen, ruhig zu sein, allein sein Herz begann doch heftig zu schlagen, als er sich dem Studierzimmer näherte. Die Tür war verschlossen, auf schüchternes Pochen erfolgte keine Antwort. Fritz empfand herzliches Mitleid mit der armen Frau, die heftig zu zittern begann und in Tränen ausbrach. Er führte die Willenlose ruhig die Treppe hinab: »Ruhen Sie aus, Sie sind angegriffen! – Keine Sorge, der Herr Pfarrer wird mir den Eintritt nicht weigern!«

Zum zweitenmal schritt Fritz durch das schweigende Haus, das noch vor kurzem von solch wildem Lärm umtobt war. Das Licht knisterte und flackerte, wunderliche Gestalten huschten wie Gespenster durch die Flure und das Treppenhaus – eben schlug es auf dem Turme elf Uhr! Er griff sich an die fieberheiße Stirn, Schwindel wandelte ihn an, doch nur einen Augenblick. Kräftig pochte er an die Türe; als auch jetzt keine Antwort erfolgte, sagte er laut: »Herr Pfarrer, ich, der Lehrer Reinhardt, habe in dringenden Dienstangelegenheiten mit Ihnen zu verhandeln – wollen Sie öffnen?«

»Es ist Mitternacht! Kommen Sie zu einer passenderen Zeit, jetzt muß ich allein sein!« klang es dumpf zurück.

»Außerordentliche Ereignisse heben die gewöhnlichen Formen des Verkehrs auf; ich muß mit Ihnen reden und zwar sogleich. Öffnen Sie!«

»Morgen ist Sonntag, und ich muß mich auf den Gottesdienst bereiten! Verlassen Sie mich, es sollte mir leid sein, müßte ich Sie als Eindringling abfertigen!«

»Betrachten Sie mich als was Sie wollen, aber im Namen Ihrer Pflicht – öffnen Sie! Herr, die Folgen über Sie, beschwören Sie durch Ihren Starrsinn einen neuen Sturm herauf! Öffnen Sie!« Der Riegel klirrte zurück, Reinhardt trat rasch ein, jeder mit einem Licht in der Hand, standen sich die Gegner gegenüber und maßen sich mit zornfunkelnden Blicken. – »Sie werden zu verantworten haben, daß Sie sich mit Gewalt in das Heiligtum eines Geistlichen drängten und seine wichtigsten Arbeiten störten!«

»Lassen Sie dergleichen Deklamationen, die schlecht zu Zeit und Umständen passen. Wie? – Sie wagen nach den heutigen Verhandlungen im Schulamt mir noch zu drohen? Wagen mir noch von Verantwortung zu sprechen? Sie? –«

Der Leuchter begann in der Hand des Geistlichen zu klirren, die Flamme flackerte und knisterte und erleuchtete grell das blutlose Gesicht, in dem eine schauerliche Veränderung vorging. Die halbgeöffneten Lippen schlossen sich, die Zornesfalten der Stirn verschwanden, die zusammengezogenen Augenbrauen zogen sich empor, die eben noch funkelnden Augen quollen stier und glanzlos aus ihren Höhlen hervor. Als erblickte er eine Furchterscheinung, so starrte Walter auf Reinhardt, unwillkürlich streckte er abwehrend seine Hand nach ihm aus. Plötzlich kehrte er sich um, setzte klappernd den Leuchter auf den runden Tisch inmitten der Stube, eilte nach dem kleinen Betpult unter dem großen Christuskopf, warf sich auf die Knie, rang die Hände und begann heftig zu beten.

Reinhardt ward starr vor Staunen, ein heimliches Grauen überschlich ihn fröstelnd beim Anblick des im heißen Gebetskampf ringenden Mannes. Er gewann es doch nicht über sich, den Betenden zu stören. So stand er einsam im matt erleuchteten Zimmer, das nur allzu deutlich die Spuren der großen Aufregung seines Bewohners zeigte. Überall waren Papiere unordentlich durcheinandergeworfen, ganze Haufen halbgeöffneter amtlicher Schreiben deckten zu beiden Seiten des Schreibpultes den Boden, Papierfetzen, oft zusammengeknüllt, waren durchs Zimmer gestreut. Sonderbar kontrastierte mit diesen Zeichen eines heftigen, aufbrausenden Charakters der im Winkel kniende eifrig betende Mann! – Der Sturm brauste um das Haus, warf den Regen prasselnd an die Fenster, zerrte und riß den Pflaumenbaum hin und her, daß seine Äste an der Wand hinschurrten und ächzten, summend verkündete die Turmuhr Viertelstunde um Viertelstunde, die Lichter waren tief herabgebrannt, knisterten und rauchten, und noch immer rang der Mann nach Fassung.

Endlich – Reinhardt hatte sich eben vorgenommen, ihn anzurufen – erhob sich Walter. Er war noch bleicher als vorher, seine Züge verstört, seine Augen glanzlos. Ohne Reinhardt anzusehen, legte er die Hände aufeinander, als verstecke er sie in den weiten Ärmeln seines Priesterrockes, senkte den Kopf tief auf die Brust, schlich mit müden Schritten auf und ab und begann endlich so leise, so tonlos, daß sein Sprechen fast mehr einem Rascheln trockenen Laubes ähnelte, als menschlichen Lauten: »Der Herr legt mir schwere Prüfungen auf, meine Beharrlichkeit zu erproben. Und ich höre, wie die Welt mich verdammt, wie man meine Niederlage bejubelt; ich sehe, wie selbst Freunde mich als einen Gottverlassenen beklagen! Allein noch bin ich nicht besiegt! Der Gott, der mich erniedrigte, wird mich auch erhöhen, bin ich treu erfunden! Und ich will nicht wanken, nicht zagen und klagen! Sollt' ich mich nicht freuen, daß mir ein solches Kreuz auferlegt, solche Bewährung mir vorbehalten ist?«

Walter aber hatte sich hoch aufgerichtet, das Feuer des Eifers brannte wieder auf seinen Backenknochen, die Augen leuchteten in unheimlicher Glut. »Ja,« rief er, »vor der Welt und ihren Augen haben Sie gesiegt. – hier,« er deutete mit der Fußspitze verächtlich nach dem Haufen Briefe, »hier wurde mir vom Schulamt der Bescheid, daß alle meine Anklagen falsch, grundlos! – nach einer Verhandlung von wenigen Stunden! – Genug! Sie sind völlig gerechtfertigt, natürlich mit allen Ehren in Ihre Stelle wieder eingesetzt; obendrein bin ich angewiesen, Ihnen volle Genugtuung zu geben, was ich hiermit abgemacht haben will.«

»Was aber wohl keineswegs hiermit abgetan wäre, läge mir an Ihren Erklärungen auch nur das allergeringste. Sie hätten sich sogar das ersparen können. Deswegen bin ich auch nicht gekommen –«

»Natürlich kann ich nicht erwarten, daß sich Ihr Hochmut nach dem heutigen Siege mindert!« unterbrach ihn der Pfarrer. »Merken Sie auf! Meine heutige Niederlage, um dem Sprachgebrauch der Welt zu folgen, ist in meinen Augen nichts als eine Prüfung des Höchsten! Sie mögen die Herren im Amt täuschen – mich täuschen Sie nicht, ich durchschaue Sie, und auch nicht ein Jota meiner Anklagen nehme ich zurück! Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist noch nicht gesprochen, das Kirchen- und Schulamt ist nicht die letzte Instanz! Sie sind ein Feind der Kirche, ein Materialist, ein um so gefährlicherer Gegner jeder Moral, alles Glaubens, als Sie Ihre gotteslästerlichen Irrlehren hinter hochklingenden Worten zu verbergen, durch ein äußerlich anständiges Leben die Menschen für sich einzunehmen wissen. Ich werde nicht ablassen, Ihnen entgegenzuarbeiten, bis Sie aus der christlichen Schule entfernt sind! Darum werde ich meine Anklagen stets aufrechterhalten in allen Stücken und so oft wiederholen –«

»Auch die wegen unsittlichen Umgangs mit einem Weibsbild aus Schottendorf?« fragte Reinhardt, der sehr bleich geworden war.

Walter fuhr zurück. »Ach – hier, ja hier wurde ich selbst belogen! hier trifft mich keine Verantwortung!«

»Keine?« rief Reinhardt schneidend. »Ah! war mein Leben nicht wenigstens eines Versuches wert, die Wahrheit dieser Gerüchte zu prüfen, ehe Sie dieselben als Anklagen benützten? – Doch wir sind fertig zusammen, persönlich habe ich mit Ihnen nichts mehr zu schaffen! Sie müssen selbst fühlen, daß nach Ihren letzten Worten ein ferneres Verhältnis zwischen uns ganz unmöglich ist. Entweder Sie oder ich verlassen Bergheim – ein drittes gibt es nicht!«

»Der Erfolg macht Sie übermütig!« rief Walter, der wieder bleich geworden war. »Ha, Sie bauen auf die Bewegung im Dorf, auf den plötzlich gegen mich losgebrochenen unmotivierten Zorn! Täuschen Sie sich nicht! Der Sturm wird vorübergehen – und endlich wird das arme, betörte Volk seine wahren Freunde erkennen. – Der Gewalt trotze ich, der Lärm eines tollen Pöbelhaufens schreckt mich nicht, zumal wenn ich, wie hier, der unsauberen Quelle der Aufregung so nahe bin!«

Reinhardts Wunde brannte, seine Schläfen pochten, aber er bezwang sich. »Grade über letzteren Punkt scheint Ihre Frau Gemahlin anderer Meinung!« sagte er kalt.

»Ah – wie ist mir?« rief Walter zurückfahrend und griff mit der Hand an die Stirn. »Mein Gott – träume ich? Sagte sie mir nicht, Sie hätten für uns –«

»Lassen Sie das und kommen wir endlich zur Sache!« unterbrach Reinhardt rauh. »Ich stehe hier im Auftrag hiesiger Gemeinde, besonders aber derjenigen Partei, die bis heute treu und fest zu Ihnen gestanden. Mancherlei Ereignisse, die Sie wohl kennen, haben Ihre Anhänger erschreckt und aufgeregt. Das bisherige Vertrauen verwandelte sich in tiefes Mißtrauen. Besonders Ihr Verhältnis zum Jockenhannes erschreckt und ängstet die armen Leute. In dem Augenblick, da Sie sich mit dem Jockenhannes einließen, waren Sie ein aufgegebener Mann! – Genug! Ich habe die Anklagen, welche Ihre Anhänger gegen Sie erheben, nicht zu wiederholen, ich habe Ihnen nur ihren Willen mitzuteilen. Man will Sie nicht langer auf der Kanzel dulden; man verlangt, daß Sie die hiesige Pfarrstelle niederlegen. Dies mein Auftrag! Nicht verhehlen darf ich Ihnen, daß man fest entschlossen ist, diese Forderung möglicherweise mit Gewalt durchzusetzen. Ein Aufruhr ist nicht zu verhüten, betreten Sie morgen die Kirche. In Anbetracht nun der Sachlage –«

»Nein – nein – nein!« schrie plötzlich der Pfarrer und rannte wie toll in der Stube auf und ab. »Stille, kein Wort weiter! Der versuchende Teufel soll mich nicht überwinden! Von Christus habe ich mein Amt empfangen, er hat mich auf diesen Posten gestellt – und ich werde ihn behaupten, ob auch die ganze Hölle sich tobend wider mich erhebt. – Gehen Sie – sagen Sie denen, die Sie schickten, ich bleibe – ich bleibe allen Gefahren zum Trotz, und morgen und immer werde ich die Kanzel besteigen. Keine menschliche Gewalt soll mich von dem Posten verdrängen, den mir mein Heiland anvertraut; nur ein Ruf Gottes kann über mich bestimmen, nur seiner Stimme werde ich gehorchen.«

»Ha! – und was erwarten Sie nach den heutigen Vorgängen noch für einen besonderen Ruf Gottes?« rief Reinhardt und trat mit flammenden Augen dicht vor den Geistlichen. »Wenn Ihnen die Vorgänge dieses Tages nicht das Gewissen rührten, wenn selbst der Umstand, daß Ihre gehaßtesten Feinde sich Ihren ehemaligen Freunden entgegenwerfen mußten, um sie samt Weib und Kind vor ihrer Wut zu schützen – wenn das alles Ihnen noch nicht als warnender Ruf Gottes gilt – auf was wollen Sie warten? Hoffen Sie auf persönliche Offenbarung Gottes? Herr – empfinden Sie nicht, auf welche schiefe Bahn Sie geraten sind, ahnen Sie nicht, daß Sie im Begriff stehen, sich göttliche Unfehlbarkeit anzumaßen?«

Entsetzt fuhr Walter zurück; mit weit aufgerissenen, gläsernen Augen starrte er auf Reinhardt und streckte wie abwehrend beide Hände nach ihm aus. »Nein – nein – und immer nein! Es ist nicht wahr! ich stehe auf dem rechten Grund, auf dem ewigen, unzerstörbaren Grund des allein wahren seligmachenden Glaubens! Und was ich getan, war recht!«

»Zum letztenmal,« unterbrach ihn Reinhardt barsch, »willigen Sie darein, freiwillig Bergheim baldmöglichst zu verlassen? Werden Sie morgen die Kirche meiden?«

»Nie – nie!«

»Unsel'ger Mann! Haben Sie noch nicht genug Unheil angerichtet? Wollen Sie mit Gewalt Ihre ehemaligen Anhänger zum Verbrechen treiben? Ihre Familie vielleicht für immer elend machen? – Noch einmal frage ich: wagen Sie die Verantwortung auf sich zu nehmen, wenn morgen das Gotteshaus der Schauplatz gewaltsamer Auftritte wird?«

Walter lag wieder vor dem Christuskopf. Endlich richtete er sich mühsam auf. »Ich habe schwer – schwer gerungen! Aber der Himmel bleibt mir verschlossen, keine Erleuchtung von oben erfrischt meine Seele. – Sei's drum, und wenn ich fehle, Gott wird mir diese Schwachheit verzeihen! Um eine Schändung des Heiligtums zu verhüten, will ich morgen und in den nächsten Tagen die Kirche nicht betreten! Gehen Sie jetzt – ich muß allein sein!«

»Sie werden sich nicht abmelden?«

»Nein, nein – nie! Ich bleibe, bis mich ein Ruf Gottes gehen heißt!«

»Wohl denn! Wir werden versuchen, Ihnen einen solchen Ruf zu verschaffen!« Ohne Walters erstaunte Frage zu beachten, verließ Reinhardt rasch die Stube. –

»Ja, er ist ein harter Mann und hat mir heiß gemacht!« berichtete Reinhardt den Freunden, die ihn ungeduldig erwartet hatten. »Viel habe ich nicht erreicht, vom Wegmelden ist keine Rede, er bleibt!«

»Daß dich der Hund beißt!« schrie der Grundmüller und schlug auf den Tisch. »Das ist eine saubere Geschichte! Und was nun?«

»Ja, jetzt gilt es eben arbeiten!« seufzte Reinhardt. »Soviel ist gewiß: einer von uns muß gehen – er oder ich! Zusammen können wir nicht länger bleiben!«

»Beim Teufel! dann wollte ich, Sie hätten heute den Leuten Raum gelassen – jetzt wäre das Feld rein!« wetterte der Beckenbauer. »Und was soll nun geschehen?«

»Vor allen Dingen muß die Ruhe erhalten werden!« entgegnete Reinhardt. »Ich habe wenigstens sein Wort, daß er morgen und in den nächsten Tagen die Kirche nicht betreten will. Das ist schon etwas. Um neue Aufregung zu vermeiden, muß dem Volk die Weigerung Walters verschwiegen bleiben – morgen halten wir Gemeindeversammlung und beraten eine Petition an das Staatsministerium. – Also vorsichtig, meine Freunde, daß nicht ein neuer Sturm losbricht! – Die alten Herren mögen nun heimgehen und ausruhen; der Beckenbauer, Bergbauer und ich halten Wache, hoffentlich wird keine weitere Störung vorfallen!«

Der Grundmüller war mit dieser Anordnung sehr einverstanden, der Schul- und Bergbauer weigerten sich jedoch entschieden, Reinhardt zu verlassen, und auch der Beckenbauer ging erst, als sein Bruder Karl eintrat und erklärte, die Nacht hierbleiben zu wollen.

Der Schulbauer und Bergbauer machten es sich auf dem Sofa bequem, und ihr kräftiges Schnarchen bekundete bald ihren gesunden, festen Schlaf. So saßen sich die ehemaligen Freunde bald ungestört gegenüber. Lange blickten sie sich prüfend in die Augen, dann streckte Karl dem Freunde die Hand entgegen und sagte leise: »Fritz!«

»Karl!«

Abermals blickten sich die Männer lange ins Auge, fest und fester schlossen sich die Hände zusammen.

»Ich habe dir unrecht getan, habe dich gekränkt, schwer beleidigt!« begann Karl heftig atmend. »Kannst du verzeihen?«

»Davon ist gar nicht die Rede. Du hast mir wehe getan, ja – doch dir selbst am wehesten. Überdies hast du alles Vergangene mehr als ausgeglichen durch dein Vertrauen zu der Zeit, als alle von mir abfielen.«

»Ich habe den Gerüchten nie geglaubt.«

»Du hast es bewiesen! Komm an mein Herz, du Treuer!«

»Noch nicht! Höre mich an. Du weißt, ich wollte auswandern. Es war das mein Ernst. Jetzt, wo eigentlich jeder ein neues Leben anfangen muß, jetzt, wo ich mich wieder frei und ledig fühle, kommt mir das Scheiden schwer an. – Darf ich bleiben? Kann ich erwarten, daß man meine Torheiten vergißt, mich trotzdem für einen rechten Mann estimiert?«

Fritz lächelte. »Weiter!«

Karl wurde rot und schlug die Augen zu Boden. »Du hast mir noch nichts gesagt, ob du meinen Auftrag in allen Stücken ausgerichtet, und wie er aufgenommen ward.«

»Schlecht, Karl, so schlecht, daß du gar nicht daran denken darfst, auszuwandern!«

»Ich klopfte gestern nacht dreimal vergeblich an ihr Fenster.«

»Natürlich vergeblich, weil ich erst heute dazu kam, deinen Auftrag auszurichten!«

»Gott im Himmel! wär's möglich? – Und Margaret? – Der Herrnbauer?«

»Alle warten nur auf dein Kommen!«

Karls Hand zitterte leise in der Reinhardts; er wurde bald rot, bald blaß. Endlich sagte Reinhardt: »Du hast noch etwas auf dem Herzen. Sprich dich aus, aber mach's kurz, vergiß nicht, Margaret wartet!«

Karl holte tief Atem, fuhr sich mit der Hand ins Halstuch, als würde es ihm da zu eng; leise sagte er: »Fritz – du täuscht dich in mir, ich komme nicht, wie du mich erwartet hast.«

»Erkläre dich!«

»Du sagtest einmal, du hofftest nicht, daß ich zum positiven Glauben zurückkehren würde.«

»Nun? – was weiter? Meinst du nun, weil es doch geschehen, würde ich gering von dir denken? – Hast du vergessen, was ich damals noch hinzusetzte?«

»Nein! – Aber ich komme mir mit meiner wilden Tollheit selbst so verächtlich vor, daß ich meine, allen Leuten müsse es mindestens ebenso ergehen. Wird man meinem Glauben Vertrauen schenken?«

»Was die Leute jetzt über dich urteilen, darf dich nicht anfechten: für die Zukunft zwinge sie, daß sie an deine Aufrichtigkeit glauben müssen.«

»Also verachtest du mich wirklich nicht, wenn – wenn –«

»Du wieder gläubig würdest? – Nein – darum nicht, wohl aber hängt es von der Art deines Glaubens ab, in welchem Verhältnis wir künftig stehen werden.«

»Dann bin ich getröstet!«

»So komm an mein Herz, du braver Mensch! – Und nun weiß ich ein Haus, wo ein treues Mädchenherz voll schmerzlicher Sehnsucht auf dich hofft und harrt. – Sieh, schon dämmert der Morgen, und ihr habt euch viel zu sagen! Geh hin, Bruder! – gesegnet sei euer Bund!«

Reinhardt stand am Fenster und blickte hinein in den aufschwimmenden hellen Streifen am fernen Horizont, durch dessen blasses Licht noch die Sterne schimmerten. Unwillkürlich falteten sich seine Hände. Da fühlte er sich umschlungen, er wandte sich und lag an der Brust des Schulbauern. »Mein Sohn, mein geliebter Sohn!« flüsterte der alte Mann, in dessen Augen ein Schimmer wie ein Widerschein der fernen Morgenröte glänzte. »Wohl ist die Welt schön, groß und reich – nie habe ich das so lebhaft empfunden, als eben jetzt. Ich schlief nicht; wirst du zürnen, daß ich eure Unterredung anhörte? Einen neuen Bundesbruder haben wir gewonnen! – Wie töricht, über den Wert positiven Glaubens zu streiten! Wer will den Menschen schelten, der gläubig zum Himmel die Augen erhebt, um von daher Ideale zu holen, die er in sich nicht gefunden? – Und nun komm, du bedarfst der Ruhe. – Mache dir's bequem in diesem Lehnstuhl, schlafe, mein Sohn! Du hast die Ruhe verdient!«

Der Schulbauer führte Reinhardt in den Sessel und half ihm zu bequemer Lage. Das aufquellende Morgenrot vor sich, schloß sich bald des Ermüdeten Auge zum süßesten Schlummer.

Fünfunddreißigstes Kapitel

Ein klarer, kalter Februarmorgen tagte, als endlich die Wächter das Pfarrhaus verließen. Der hartgefrorne Boden tönte unter den festen Männertritten, dann und wann klirrte und splitterte das dünne Eis der Pfützen im Weg.

Die Brust dehnend und mit Lust die erquickend frische Luft atmend, sagte Fritz: »Wird ein schöner Tag heute trotz der Nebelstreifen, die noch in den Bergen hängen. Möge das als gute Vorbedeutung gelten!«

Im Herrnhof wurden Fritz und der Schulbauer längst erwartet. Als glückliches Brautpaar kamen ihnen Karl und Margaret entgegen. Der Schulbauer schloß den Jüngling fest in seine Arme, Reinhardt aber flüsterte dem Mädchen zu: »Habe ich's recht gemacht? Sieh, Margaret, du warst auch einmal irre an mir, und doch habe ich in der Stille getan, was ich konnte. Viel war es wohl nicht, aber ich denke, getäuscht habe ich dein Vertrauen auch nicht – wie?«

Margaret konnte nicht antworten, hatte dazu auch nicht Zeit, denn Anna meinte, die Begrüßung habe nun lange genug gedauert, und eigentlich habe sie doch das nächste Recht auf Fritz. Mit einem Blick, gemischt aus Stolz, Sorge und liebevollem Vorwurf, hing sie sich an seinen Hals. »O du böser Mensch du!« flüsterte sie ihm ins Ohr. »hast du nicht an deine arme Anna gedacht, als du dich den Wütenden entgegenwarfst, unbekümmert um Leben und Gesundheit? Und – o mein Gott! – wie willst du das verantworten, daß du mich ruhig zu Hause sitzen lassest, während deine Wunde von anderen Frauen gepflegt wird? Dafür sollte ich dir ernstlich böse sein!«

»Wirklich? Wie aber, meine gestrenge Herrin, wenn ich gar nicht daran denke, mich zu entschuldigen? Wenn ich die mir zur Last gelegten Vergehen offen zugestehe und mich demütig der Gnade meiner holden Richterin empfehle?«

»Das ist alles sehr schön,« sagte der Schulbauer ernsthaft, »und ich würde mit Vergnügen noch länger Zeuge dieser erbaulichen Verhandlungen sein, wenn nicht ein verlockender Kaffeeduft mich ernstlich daran erinnerte, daß ich seit gestern abend nichts gegessen habe – und der Verbrecher da auch nicht, Anna!«

»Ach, bist du abscheulich, Pate!« rief Anna und flog an seinen Hals. »Geh nur, geh mit deinem Schützling, ihr Männer taugt eben alle nichts!« Damit schob sie die beiden in die Stube.

Der Herrnbauer saß schon mit der übrigen Familie und den Dienstboten beim Frühstück. Der Mann war in dieser Nacht sehr gealtert, doch sah er nicht mehr so hoffnungslos drein als gestern. Beim Anblick Reinhardts flog ein Freudenschimmer über sein müdes Gesicht; er ging ihm entgegen und führte ihn auf den Platz an seiner Seite. »Und wo ist meine Frau, wo sind Line und die Kinder?« fragte der Schulbauer.

»Heim!« sagte die Bäuerin. »Den Kindern wurde es unheimlich in Bergheim, was leicht zu denken ist, und auch die Schwägerin wollte Haus und Hof nicht länger allein lassen!« –

Auch hier hatte das Tageslicht erfrischend auf die Gemüter gewirkt. Die dumpfe Betäubung war gewichen, und wenn man sich auch über die Gefahren der Lage nicht täuschte, so wagte man doch wieder auf eine glückliche Lösung zu hoffen. Reinhardt verabschiedete sich bald, um sich auf den Gottesdienst vorzubereiten, den er an des Pfarrers Stelle zu leiten hatte.

Mit freudigen Gefühlen betrat er seine Wohnung, wie heimelten ihn die vertrauten Räume so wohlig an. Mit leuchtenden Augen sah er sich um – das alles hatte er sich ja zurückerobert; nun erst war das Haus seine Heimat!

Vom Turm klang das erste Zeichen für den Gottesdienst. Wie quoll es in seiner Seele so lebenswarm auf, wie machte der Gedanke sein Herz pochen, daß er zur versammelten Gemeinde reden, so viele bekümmerte Herzen trösten und erquicken sollte. Er wählte aus den ihm zu Gebote stehenden Erbauungsschriften eine Betrachtung über die Worte: »Friede sei mit euch!«

Er kam nicht dazu, dem Schmerz Raum zu geben, daß es ihm als Lehrer nicht gestattet war, in seiner Weise, aus dem übervollen Herzen heraus zu der Gemeinde zu sprechen. Es war kurz vor Beginn des Gottesdienstes, als Karl verstört in sein Zimmer stürzte. »Und du bist noch hier? Weißt du nicht, was im Dorfe vorgeht?« keuchte er atemlos vor Aufregung. »Ein Gerücht behauptet, der Pfarrer werde dennoch in die Kirche kommen, möglicherweise mit Gewalt sich Eingang erzwingen. Es heißt, er habe Militär reklamiert, und ein ganzes Bataillon sei schon auf dem Weg nach Bergheim. Schon ist das ganze Dorf auf den Beinen. Das verrückteste Zeug wird geplant. Die einen wollen im Lindentaler Grund dem Militär einen Hinterhalt legen, die andern die Dorfgassen mit Ketten versperren; die Klügsten aber reden davon, dem Militär zuvorzukommen und den Pfarrer auf alle Fälle gleich aus dem Dorf zu schaffen.«

»Ach, du liebster Herrgott im hohen Himmel droben, Herr Lehrer, es geht schon wieder los!« jammerte die Haushälterin in der Tür. »Schwarz voll Menschen ist das Dorf, und die Preußen und Weimaraner rücken zu vielen Tausenden mit aufgepflanztem Bankenet an, und alle haben geschworen, sie verschonten nicht das Kind im Mutterleib, kämen sie ins Dorf! Ach, du mein Herr Jesus! – ich mach' mich davon, ich verkriech' mich in die Steinbruch'! – Da – ein Brief vom Herrn Pfarrer!«

Reinhardt riß das Kuvert ab und griff sich erbleichend an die Stirn. Da stand es schwarz auf weiß: »Sie haben mich gestern zu einer Erklärung getrieben, die, in der Überraschung mir abgezwungen, von mir nicht für verpflichtend angesehen werden kann. Ich nehme mein Wort zurück. Ich werde predigen und beim Gottesdienst alle Amtshandlungen verrichten. Im Namen Gottes! – Ich kann nicht anders. Amen. – Walter!«

Sprachlos blickten sich die Freunde in die Augen, sie fanden nicht die Worte für ihren Zorn. »Was tun? In wenigen Minuten muß es zur Kirche läuten! Soll nun doch das Unglück noch über das Dorf hereinbrechen?« rief Karl.

»Hast du Mut? Willst du eine Handlung wagen, die allerdings im schlimmsten Fall schwere Verantwortung nach sich ziehen kann?« fragte Reinhardt.

»Wenn es nichts Unrechtes ist – ja!«

»Willst du den Pfarrer mit Gewalt zurückhalten? Ihn in seiner Stube bewachen?« Als Karl erbleichend zurücktrat, fuhr er fort: »Verstehe mich, wir nehmen den Tumult draußen zum Vorwand, halten ihn im Zimmer fest, um ihn vor seinen Feinden zu schützen. Kannst du dich auf deinen Knecht verlassen?«

»Wie auf mich selber!«

»So sage ihm, was er wissen muß, dann eile mit ihm durch den Hinterhof in die Pfarre. Schnell – aber vermeide jedes Aufsehen!«

Reinhardt eilte nach der Pfarre. Karl hatte nicht zuviel gesagt, fast die gesamte männliche Bevölkerung war auf den Beinen, mit Gewehren, Dreschflegeln, Mistgabeln, Knütteln oder ähnlichen Waffen versehen. Reinhardt war sofort umringt, lange kam er nicht zum Wort; als er sich endlich verständlich machen konnte, wollte sich die Menge nicht beruhigen lassen. Dennoch blieb die Zuversicht des Lehreis nicht ohne Einfluß; als nun auch noch der Schulbauer, Bergbauer, Paulesnikel, Beckenjörg, sogar der Veitenbauer ihn unterstützten, verschwanden die Waffen, und die friedlichen Gesangbücher traten an ihre Stelle, einstimmig erklärte aber die Menge, betrete der Pfarrer die Kirche, so gebe es ein Unglück! Wilde Flüche begleiteten den Lehrer auf dem Weg zur Pfarre.

Karl und sein Knecht erwarteten Reinhardt bereits und schlüpften mit ihm ins Haus. Im Hausflur kam ihnen die Pfarrerin mit gerungenen Händen entgegen und schluchzte: »Verhüten Sie ein Unglück – halten Sie meinen Mann zurück um jeden Preis!«

Reinhardt nickte ihr freundlich zu und eilte nach oben. Vor der Stubentür bedeutete er seinen Gefährten zu warten, bis er sie rufe, dann trat er, ohne anzuklopfen, in die Stube. Der Pfarrer war bereits im Ornat, beim Anblick Reinhardts prallte er zurück. Eine jähe Röte flammte über sein Gesicht, dann schrie er: »Hinaus, unsauberer Geist! – Was wollen Sie hier?«

»Sie vor einem Wortbruch bewahren!« entgegnete Reinhardt leise. »Herr Pfarrer, Sie werden bis nach Schluß des Gottesdienstes dies Zimmer nicht verlassen. Ich begehe damit einen Akt der Gewalt; es steht in Ihrer Hand, mich später dafür bestrafen zu lassen. Die Männer, die Sie bewachen werden, handeln nur in meinem Auftrag, unter meiner Verantwortung. Erschweren Sie sich und ihnen die Situation nicht durch unnötigen Widerstand. – Kein Wort, es ist doch umsonst!«

Reinhardt verließ das Zimmer, Karl und sein Knecht traten ein und setzten sich zu beiden Seiten der Türe. Eben wurde der Gottesdienst eingeläutet, und Walter rannte wie toll im Zimmer auf und ab. Der Knecht, der sich auf seine Mission nicht wenig einbildete, kraute sich hinter den Ohren und meinte: »Ja, Herr Pfarr'r, 's sind sakermentsche Kerle! Aber lassen's nur sein, Ihnen wird kei' Haar gekrümmt, kei' Haar! Das sag' ich!«

»Ich muß in die Kirche – ich muß! Laßt mich hinaus, Leute!« schrie Walter.

Der Knecht meinte, der Pfarrer müsse eben des Ansehens wegen ein »bißle so tun«, als liege ihm grausam viel daran, in die Kirche zu kommen. Schlau lächelnd nickte er dem Pfarrer beistimmend zu, als wollte er sagen: schon recht, nur zu so, wir verstehen uns! – kraute sich stärker und sagte: »Ja, das ist schon nix, 'naus därfen's net! Gott's ein dunner, das gäb' 'ne schöne Schweinerei! Nä – na! Dableiben müssen's! da beißt die Maus kein' Faden ab! Aber getan wird Ihnen auch nix, Herr Pfarr'r – daher sind wir da!«

Der Knecht, sehr zufrieden, seine Weisheit an den Mann gebracht zu haben, nickte seinem Herrn verständnisvoll zu, als ihm dieser, heimlich mit der Faust drohend, Schweigen gebot. Der Pfarrer wurde jetzt erst auf seine Wächter aufmerksam. Er trat näher; als er aber dem jungen Bauer ins Gesicht blickte, prallte er zurück. Wo hatten ihn diese Augen schon einmal erschreckt? Ja, ja, dort am Grab der alten Lichtenkunnel war es gewesen, wo er vor diesen Augen gezittert! Schon dort hatten sie ihm das Wort im Munde gefesselt; würde er heute diese stummen Blicke überwinden, die ihn trafen wie Anklage und Verdammung zugleich? – Still saßen sich die Männer gegenüber; schwerlich ahnte Karl, welche furchtbaren Stürme Walters Brust durchtobten.

Und vom Turm erklang brausend das volle Geläute über das Dorf!

Keinen Sonntag hatte das Geläut geschwiegen; aber warum klang heute das Geläute so ganz anders als vorher? Warum traten den Kirchengängern, die im endlosen Zug, von allen Seiten kommend, den Türen des Gotteshauses zuströmten, die Tränen in die Augen? Warum falteten so viele Männer und Frauen, alte und junge, die Hände und sahen mit Blicken heißer Liebe hinauf zu den Schallfenstern, aus denen die trauten Klänge machtvoller niederbrausten? Ja, das war es – heute war wieder das Sonntagsgefühl über das ganze Dorf gekommen, jenes wunderbare, unbeschreibliche Gefühl, das den Geist durchschauet wie Ahnung eines höheren, reineren Daseins, jenes Gefühl der herzlichsten Vereinigung mit Gott und den Nebenmenschen, das den Bergheimern so lange abhandengekommen war, erstickt in der Parteiwut und den hocherregten Leidenschaften. –

Mit pochendem Herzen und glühendem Gesicht stand Reinhardt auf dem Chor und blickte hinab in den hereinflutenden Menschenstrom. Alle profanen Gedanken waren aus seiner Seele verschwunden, sein ganzes Denken und Sein war ein inbrünstiges, wortloses Gebet. Trotz der Menschenmenge war es tief still in der weiten Halle, die so klein und eng erschien in diesem rings aus allen Brüstungen, Winkeln und Pfeilern hervorwachsenden Wald von Gesichtern. Selbst die Schritte der Ankommenden waren gedämpft, und voll brauste das Geläute durch das Gotteshaus.

Reinhardt überlief es, als er in die Tasten griff, und die Töne der Orgel so majestätisch daherrollten, und als die Gemeinde das Lied anstimmte: Komm, Gottes Geist, komm höchster Gast! – Da konnte er nicht anders, er mußte auch seine Stimme mit dem Gesang der Gemeinde vereinigen!

Und als nun die Töne verhallten, lautloses Schweigen die weiten Räume deckte, als er vor dem Altar stand, rings von hocherregten Gesichtern umgeben, als hundert glänzende Augen erwartungsvoll auf ihn blickten, da kam es über ihn mit unwiderstehlicher Gewalt. Die Worte wurden in seinem Herzen lebendig, sie hatten sich auf seine Lippen gedrängt, ehe er selbst recht wußte, wie ihm geschah. Buch, Zeit, Ort – alles war vergessen, sein ganzes Gemüt eine Empfindung: Friede sei mit euch! – Und wunderbar! Woher kamen ihm plötzlich all diese Bilder und Gleichnisse, die sich wie von selbst fügten? Er wußte es nicht, aber das fühlte er, daß ihm die Worte frisch, klar und lebendig über die Lippen quollen wie ein lebendiger Strom, und von der Begeisterung durchglüht, gab er sich ganz der Bewegung des Augenblicks hin. Was er sprach? – Wer zählt die einzelnen Wellen des gewaltig dahinflutenden Stromes? Es war wohl eine Deutung des Wortes: Friede sei mit euch! eine Beziehung dieses goldnen Spruches auf die gegenwärtigen traurigen Verhältnisse, vor allem aber eine Mahnung, ein heißes, inbrünstiges Bittgebet: Friede sei mit euch! – Und als er, durchglüht und durchschauert von dem, was er aus seinem Innersten dahingab für seine Gemeinde, die er so sehr liebte; als er mit einer Begeisterung und Freudigkeit, die aus seiner heiligsten Überzeugung quoll, den unbeschreiblichen Segen des Friedens ausmalte, immer und immer auf die Mahnung, auf die Bitte zurückkam: Friede sei mit euch! – da belebten sich die Gesichter, die ihn im dreifachen Kranz umgaben; die Hände falteten, die Augen feuchteten sich. Ein wunderbares, unbeschreibliches Brausen, dem kein Ton, kein Geräusch zu vergleichen, erfüllte die Hallen, und als nun endlich Reinhardt in tiefster Bewegung schloß: »Friede sei mit euch!« – da brauste wie rollender Donner ein dreifaches »Amen!« durch die Kirche, und als sei nun eine Steigerung der Feier nicht mehr möglich, erhob sich einmütig die Versammlung und verließ still die Kirche.

Hochaufgerichtet verließ auch Reinhardt das Gotteshaus, dessen Türen er zu schließen befahl; tiefatmend sog er die würzige, weiche, sonnenwarme Frühlingsluft ein, und als über den nahen Kirchäckern die erste Lerche dieses Jahres ihr Frühlingslied anstimmte, da fand der Jubelgesang ein lebendiges Echo in seinem Herzen. Viele Männer und Frauen schienen ihn erwartet zu haben, allein mit freundlichem Gruß eilte er an ihnen vorüber – jetzt konnte er nicht reden, sein Herz zog ihn zu Anna. Aber als ihm an der Ecke des alten Schulzenhauses eine Greisin schon von weitem zunickte, ihr Enkelkind ihm schüchtern ein Händchen voll der ersten Frühlingsblumen entgegenhielt, da konnte er freilich nicht vorbeigehen. Die kleine Blumenspenderin küßte er, der glückselig lächelnden Alten versicherte er mit einer Bestimmtheit, vor der er selber erstaunte: nun sei alles gut! – dann aber eilte er, die Blumen in der Hand, hinab in den Herrnhof.

Anna, noch im vollen Kirchenschmuck, schöner denn je, kam ihm entgegen und lag lange wortlos an seiner Brust; die Mutter aber drückte mit freudigem Stolz seine Hand an ihre Brust und flüsterte leise: »Du bist mein lieber Sohn!« Der Schulbauer sagte einfach: »hast's recht gemacht!« Der Herrnbauer – er war nicht in der Kirche gewesen – drückte ihm still die Hand. Margaret schmollte mit dem still vor sich hinlächelnden Karl und versicherte ihm, es sei Sünde und Unrecht, daß er diese Kirche versäumt. »Schilt ihn nicht, Margaret!« sagte Reinhardt. »Dein Karl hat heute dem Herrgott auf seine Weise gedient: was ihn von der Kirche abgehalten, das war eine wackere Tat, die uns allen zugute kam!«

Ruhe und Sammlung war jedoch auch heute unsern Freunden nicht beschieden. Noch war das Mittagessen nicht vollendet, als schon der Schultheiß, Ungerskasper, Beckenbauer, Bergjörg, Paulesnikel, der Grundmüller und der Veitenbauer sich zu einer vorläufigen Beratung einstellten, und kaum hatte man sich über die Vorschläge geeinigt, die der Gemeindeversammlung vorgelegt werden sollten, als ein Bote einen Brief des Justizrats überbrachte, der Reinhardt unverzüglich in die Stadt berief. Schon die Verhandlungen waren nicht geeignet gewesen, die noch immer verzagten Gemüter zu erheitern, dieser Brief versetzte vollends alle in heftige Bestürzung. Selbst Reinhardt konnte seine Unruhe nicht völlig bezwingen, und mit Herzklopfen betrat er die Gemeindestube.

Seine Sorge war nur allzu berechtigt; solch stürmische Versammlung mochte die alte Gemeindestube wohl selten erlebt haben. Alles schrie und tobte durcheinander. Erst als Reinhardt, der Schulbauer – als Vertreter seines Schwagers – die Beckenbrüder und andere ernstlich mit Aufbruch drohten, wurde es stiller, und der Bergbauer übernahm den Vorsitz. – Mit Schmerz mußte Reinhardt nun bald merken, daß sein Gebet: Friede sei mit euch! noch nicht erhört, daß seine Mahnungen völlig wieder vergessen seien. Da war von Friedfertigkeit, Milde, Versöhnlichkeit nichts zu spüren. Zwar die Petition an die Regierung, in der in ziemlich energischer Sprache um baldige Versetzung des Pfarrers Walter und sofortige Amtssuspension des Genannten gebeten wurde, fand lauten Beifall, und in wenig Minuten war sie mit den Unterschriften sämtlicher Nachbarn bedeckt. Als nun aber Reinhardt nach längerer Rede mit dem Antrag hervortrat: Die Gemeindeberechtigten sollten von einem Prozeß gegen den Jockenhannes, Schultheißen, Ungersbauer und Herrnbauer in Sachen des Gemeindewaldes absehen, da der Jockenhannes ja ohnedies schwerer Strafe entgegengehe, die andern Beteiligten aber nach dem Geständnis des Jockenhannes von ihm durch eine gefälschte Urkunde betrogen und zur heimlichen Grenzveränderung verlockt worden seien; da ferner durch den Prozeß der Gemeinde nicht der geringste Vorteil erwachse, derselbe vielmehr bloß unsägliches Elend über viele Familien bringe und die Ehre bis jetzt gänzlich unbescholtener Männer für immer vernichte – während durch einen gütlichen Vergleich nicht nur all jenes Unheil verhütet, sondern auch das Interesse der Berechtigten am sichersten gewahrt werden würde: da brach ein Sturm des Unwillens los, wie ihn Reinhardt nicht für möglich gehalten hätte. Die wenigen Getreuen ausgenommen, die den Antrag vorher mit durchberaten, erklärte sich die Versammlung einstimmig dagegen und verwarf den Antrag, ohne sich auf eine Debatte darüber einzulassen. Ja, die Heißsporne, der Holsteiner natürlich voran, bedrohten sogar den hart, der ähnliche Vorschläge einbringen werde.

Reinhardt saß wie auf Kohlen, der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn. Mit wachsender Besorgnis sah er dem Ende der Versammlung entgegen – wenn die Gemeinde hartnäckig jeden Vergleich zurückwies, auf Bestrafung der Schuldigen beharrte: wer konnte dann den Herrnbauer retten? Und es kam noch etwas dazu, seinen Unmut zu steigern. Der Holsteiner hatte weder den Sturz von der Treppe, noch das unfreiwillige Nachtquartier im Spritzenhaus vergessen; für beides hatte er Reinhardt Rache geschworen, und jetzt schien der Augenblick gekommen, sie ins Werk zu setzen. Von seinen Genossen unterstützt, begann er erst so allgemein über die Zudringlichkeit gewisser Menschen zu lärmen, die sich in alles mischen, was sie nichts angehe. Als er damit Anklang fand, wurde er dreister, wendete sich direkt gegen Reinhardt, dessen Anwesenheit er als eine Schande für die ganze Gemeinde darstellte und dessen augenblickliche Entfernung er verlangte. Wie auf Verabredung fielen die Erhitzten über den erstaunten Lehrer her, schrien mit dem Holsteiner um die Wette, man kenne seine Praktiken! Nur den Herrnbauer wolle er aus der Patsche ziehen, und weil er allein das nicht könne, solle die Gemeinde für ihn die Säcke Zu Markte führen! Aber man sei nicht so dumm, um anderer Vorteil willen sein Recht aufzugeben. Das sei von jeher die Folge gewesen; wer zu weit greife, kriege etwas auf die Finger! und das sollten zehn Schulmeister und Schulbauern dem Herrnbauer nicht ersparen, daß er im Zuchthaus darüber nachdenke, was es heiße, die Grenze verrücken! Er, der Schulmeister, tue allsfort das Gegenteil von dem, was andere ehrliche Leute wollten. Aber man habe seine Art nun dick satt, und er solle nur gleich das Maul halten, oder man werde sich ihn vom Halse schaffen!

Es waren freilich nur wenige, die so schrien, allein da sie das Lärmmachen aus dem Fundament verstanden, machte ihr Unfug Eindruck, und wer nicht gerade entschieden fü Reinhardt war, hütete sich wohl, für die Ordnung einzutreten; man mußte doch erst sehen, wo das hinauswollte, und dem Schulmeister wie dem Schulbauer schadete es ja auch nichts, wurden sie einmal gedemütigt.

Des Lärmens müde, griff Reinhardt nach Hut und Stock, zerriß die Petition in kleine Fetzen und wendete sich zum Gehen. Allgemeines Staunen und tiefe, tiefe Stille folgte. Was das bedeute? fragten einige verzagte Stimmen.

Das war es aber, was Reinhardt gewollt. Hoch richtete er sich auf und rief: »Was das bedeutet? – O, nicht viel! Ihr habt mir ja soeben deutlich genug gesagt, daß ich hier gar nicht mitreden darf. Sodann aber, wenn auch jetzt euer Mißtrauen noch gegen mich dauert, wenn ihr darauf besteht, meinen Schwiegervater unglücklich zu machen, dann ist meines Bleibens nicht länger in Bergheim, und es liegt für mich durchaus kein Grund mehr vor, für die Entfernung Walters zu arbeiten. Freilich, ich hätte euch am Ende auch wenig nützen können, doch würde sich auf meine Bitte gewiß der Justizrat Stein der Sache angenommen haben, und was dessen Wort gilt, wißt ihr alle. Damit ist es nun natürlich auch vorbei. So – nun gebt Raum, ich will fort!«

Der Holsteiner war abermals spurlos verschwunden, die langen verblüfften Gesichter, die Reinhardt umgaben, schienen durchaus nicht geneigt, seinem Wunsche nachzukommen. »Warum laßt ihr mich nicht durch? Was starrt ihr mich an wie ein Wundertier?« fuhr Reinhardt auf die Umstehenden los. »Eine saubere Gesellschaft seid ihr, das muß ich sagen! Bis heute noch bedauerte ich euch; jetzt sehe ich, ich tat euch unrecht, ihr seid in der Tat noch viel schlechter und verdorbener, als ihr bis heute an den Tag gegeben! – Ihr macht mir zum Vorwurf, daß ich mich meines Schwiegervaters aus allen Kräften annehme? – Ihr? selber Väter und Schwiegerväter? Ha, wißt ihr, was ihr damit getan? Welche Saaten ihr für die Zukunft ausstreutet? Schmach und Schande über euch, die ihr die heiligsten Ordnungen mit Füßen tretet, nur um eurem Haß zu genügen! – Und es ist nicht einmal wahr, daß ich bloß darauf ausgehe, meinen Schwiegervater zu retten! Was ich für ihn erreiche, kommt es nicht auch dem Ungerskasper und Schulzen zugut? Und nun merkt auf, ihr Tugendhelden, die ihr im Gefühl eurer Unschuld so großartig über eure Nachbarn richtet! – merkt auf: In Wahrheit vertritt mein Antrag in gleicher Weise eure eigenen Interessen wie die der Grenzverrücker. Willigtet ihr ein, daß der Prozeß gegen eure unglücklichen Nachbarn niedergeschlagen wird, so hieß das mit andern Worten: Ihr wünschtet, daß überhaupt durch die traurige Vergangenheit ein dicker Strich gezogen und so endlich dem Dorfunglück ein Ende gemacht wird. – Da ihr jedoch auf strenge Bestrafung der Schuldigen besteht, so hat das die Bedeutung: Ihr fordert strengste Untersuchung aller vom Jockenhannes und seinen Helfern ausgehenden Ungesetzlichkeiten. – Habt ihr aber auch bedacht, wohin das führen wird? Welche schmutzigen Geschichten an den Tag kommen werden? – Gewiß, der Schultheiß, der Herrnbauer und der Ungerskasper werden furchtbar bestraft – aber, wie mancher von euch selbstgerechten Richtern dann ebenfalls im Gefängnis Zeit hat, über den Unterschied zwischen Recht und Unrecht nachzusinnen – wer kann das voraussehen? – So! das wollte ich euch noch sagen! Und nun gebt Raum, ich will fort!«

Ein Murmeln und Flüstern ging durch die Menge, ein Räuspern und Drängen begann – Raum, daß ein Mann hätte durchkommen können, wurde jedoch nicht, im Gegenteil, die Masse schloß sich fester zusammen. Das Flüstern schwoll bald zu lautem Murren, Schelten und Drohen an, und plötzlich schrie der Mäurerslang: »Potz Blitz und Wetter! so wollt ich doch, daß der neunschwänzige Teufel den nichtsnutzigen Holsteiner lotweise holte – und uns dazu! Sind wir denn unreife Buben oder haben wir Häckerling, wo andern Leuten das Gehirn sitzt, daß wir allsfort in den Tag hineinwüten und uns von jedem Lumpen und Maulmacher heut' daher, morgen dorthin, immer aber in den Dreck zerren lassen? Himmelschwenfelens auch! Satt hab' ich die Wirtschaft, dick satt! Und der Herr Lehrer hat recht von A bis Z; dagegen ist nichts linsengroß einzuwenden. Und das sag' ich, kommt mir noch einmal so'n Hasselant und Stänker und will ehrliche Leute überschreien, hat er's mit mir zu tun! – Und Sie, Herr Lehrer, haben's die Gütigkeit und machen Sie den G'satz gegen den Pfarrer noch einmal, weil wir jetzt alle beisamm' sind, und während wir unterschreiben, setzen Sie's auf: die Bergheimer Gemeinde verlangt, daß die Sach' gegen den Ungerskasper und Herrnbauer – der Schulz ist's freilich nicht wert, das war von jeher ein Kniebohrer und Pfennigfuchser, aber setzen Sie ihn nur auch 'nein, damit doch dem Teufel die Freud' nicht gänzlich verdorben wird – also daß die Sach' gegen die drei niedergeschlagen wird, hergegen daß auch sonst auf dem Jockenhannes, dem Wagnerspaule und Uhrmacherle ihr Geschwätz nichts gegeben, keine alten abgetanen Geschichten aufgerührt und den Lumpenkerlen wegen den Nachbarn hintennach Ungelegenheiten gemacht werden. Punktum! – Können Sie das merken, Herr Lehrer, oder soll ich's noch einmal hersagen? Brauchen sich nicht zu genieren, dürfen's herzhaft sagen, nehm's Ihnen nicht für ungut, denn seh'n Sie, ich bin auch ein Mann von Kopf, wenn ich auch mit der Feder nicht umzugehen weiß. – Und ihr da hinten,« schrie er nun plötzlich seine Nachbarn an, »ihr Klößmichel und Bierbankrutscher, ihr alten Lausewenzel ihr – wer was dagegen zu sagen hat, 'raus mit ihm, daß ich ihm's Lästermaul stopfe! – 's kommt keiner? – Na, 's ist auch euer Glück, denn der Mäurerslang hat's nicht bloß im Kopf, der hat's auch in den Fäusten! – So, nun geht her, unterschreibt und enthaltet euch hernachmals jeglicher Einrede, sonst soll euch gleich ein siediges Himmeldonnerwetter die vernagelten Strohköpfe verhageln. Punktum!«

Reinhardt blickte verwundert drein, solche Art der Beweisführung war ihm neu. Aber sie wirkte, das war doch die Hauptsache, und die Nachbarn schienen nichts Besonderes in dieser Standrede zu finden, umgekehrt, das heitere Murmeln bekundete, daß allen durch diese kurzgefaßte Entscheidung ein großer Stein vom Herzen genommen worden war. Alles drängte sich zur Unterschrift, Reinhardt erntete viel Dank und Lob, der Mann des Tages war aber entschieden der Mäurerslang. Als er nun gar noch nach Beendigung der Geschäfte Reinhardt vertraulich auf die Schultern klopfte und sagte: »So – das hätten wir nun rund! – Nun machen's aber, daß Sie in die Stadt kommen und fahren Sie ernsthaft durch, reden Sie deutsch mit den Herren – etwa so: Gott'seindunner! – verstehen Sie mich? – Und nur keine Angst nicht, Herr Schulmeister! die großen Herren sind auch keine Herrgottle, und ich steh' hinter Ihnen, ich, der Mäurerslang!« – da schüttelten viele Nachbarn bedenklich den Kopf, und der Beckenkarl sagte auf dem Heimweg: »Weißt du, Fritz, daß sich der Mäurerslang heute einen Platz im neuen Ausschuß erschimpft hat? Ja, vor nichts hat das Bauernvolk solchen Respekt, als vor richtiger, herzhafter Grobheit!«

Vor dem Bernerwagen schnaubten schon im Herrnhofe die Rosse, nach kurzem Abschied stiegen Fritz und Karl auf, und fort ging es in sausender Flucht.

Sechsunddreißigstes Kapitel

Der Justizrat war über Reinhardts langes Ausbleiben fast ungeduldig geworden; die Berichte, die Reinhardt erstattete, versöhnten ihn jedoch vollständig. – »Viktoria!« rief er und ging, die Hände reibend, auf und ab. »Der Sieg ist unser, und, was nicht gering anzuschlagen, er wird noch heute erfochten. Wir werden erwartet – drum vorwärts! Mut, Reinhardt! Lassen Sie sich nicht verblüffen, Sie selbst sind der beste Anwalt Ihrer Sache, reden Sie frei von der Leber weg. – Vorwärts, der Präsident des Ministeriums, Geheimrat v. P., erwartet uns, wir werden dort auch den Herrn Generalsuperintendent antreffen.«

Unterwegs plauderte der Justizrat: »Sie sehen, Ihre Angelegenheit, die Vorfälle in Bergheim machen Aufsehen! Darf nicht verhehlen, daß man in den höchsten Kreisen Ihnen sehr übelwollte und sehr stark für Ihre Gegner Partei nahm. Doch konnte man sich der Logik der Tatsachen nicht verschließen und mußte zugestehen, daß Ihnen schweres Unrecht geschehen, daß man Ihnen Satisfaktion schuldig. – Nur verbesserte dies die Stimmung nicht gegen Sie, da man vor den Verlegenheiten erschrak, die durch Sie – so behauptete man mit rührender Konsequenz – der Regierung bereitet würden. Nun begann aber auch der Landrat gegen Superintendent K. und Pfarrer Walter zu stürmen, und der Landrat, ein Mann, dessen Energie und rücksichtslose Derbheit selbst von seinen Vorgesetzten gefürchtet wird, versteht das Stürmen. Nun begann auch in den Augen der Herren Ministerialräte die Angelegenheit entschieden andere Farbe zu gewinnen, und eine klägliche Eingabe des Superintendent K. vollendete den Umschwung der Anschauungen. Als nun noch die Bergheimer Ereignisse dazu kamen, erreichte der Unwille gegen Pfarrer Walter seinen Höhepunkt, meine Vermittlungsvorschläge wurden mit Begierde aufgenommen. Im Prinzip ist der vorgeschlagene Vergleich längst angenommen, nur möchte man noch ein wenig mit Ihnen feilschen. Man wird Sie gelinde in die Presse nehmen, um – wenn auch nur dem Scheine nach – einen Ausgleich zwischen Ihnen und Walter herzustellen, der – wer kann es wissen – sich vielleicht im Laufe der Zeit als eine Unterwerfung – hm, hm – was weiß ich? – herausstellen könnte! Nur das eine merken Sie sich, Sie Stein des Anstoßes! – man möchte Sie mit dem Pfarrer versöhnen – versöhnen – verstanden!«

»Sehr wohl!« entgegnete Reinhardt und hob den Kopf. »Ist gut, daß in meiner Brieftasche die Antwort bereitliegt.«

»Und die wäre?«

»Nicht einen Augenblick länger ertrage ich Walters Inspektion. Er oder ich – einer muß weichen, und zwar sogleich!«

»So?« knurrte Stein, während er ihm heftig die Hand drückte. »Und wissen Sie, Sie Querkopf und Störenfried, wem all das Unheil, das Sie anrichten, in die Schuhe geschoben werden wird? – Sie müssen doch zuletzt die Zeche bezahlen, Sie ganz allein! Und wie lautet jetzt Ihre Antwort?«

»Ich habe nur eine!«

»Nun so rennen Sie hin in Ihr Unglück! Und denken Sie nicht, bei dem Justizrat Stein Hilfe zu finden, kommen Ihnen die Hunde endlich doch über das Fell!«

Damit fand das Gespräch ein Ende – die Herren betraten die Wohnung des Ministerialpräsidenten. Reinhardts Herz klopfte heftig. Das war jedoch nicht bloß Scheu vor dem hohen Herrn, es war auch Sorge, ob er im entscheidenden Moment auch das rechte Wort, den rechten Entschluß finden werde.

Auch hier mußte man ihn bereits erwartet haben, denn nach kurzer Vorstellung, und nachdem man um den runden Tisch Platz genommen, begann der Geheimrat sogleich von den Geschäften zu sprechen. Der Justizrat bat, ehe man in die Verhandlung eintrete, doch erst den Bericht Reinhardts über die gestrigen und heutigen weiteren Ereignisse in Bergheim vernehmen zu wollen, die, nach seiner Ansicht, die Sachlage wesentlich änderten.

Die beiden Ministerialräte tauschten einen Blick, dann begann der Geheimrat langsam, indem er ein offnes Schreiben erhob und es so hielt, daß Reinhardt Walters Schriftzüge erkennen konnte: »Sie sind uns nicht mehr ganz fremd, diese bedauerlichen Vorgänge; wir sind sehr gespannt auf Ihren Bericht, Herr Lehrer, und ich bitte, mit möglichster Genauigkeit den Stand der Dinge darzulegen.«

Wie wohl tat Reinhardt diese ruhige Höflichkeit, deren gehaltene Ruhe keineswegs Kälte oder Gleichgültigkeit atmete. Mit dankbarem Aufblick begann Reinhardt ruhig, klar und besonnen seine Erzählung; er hielt sich streng an die Wahrheit, nur hie und da erlaubte er sich abzuschwächen, zu mildern. – Der Geheimrat spielte mit Walters Bericht, Reinhardt entging jedoch nicht, daß er da und dort ein Wort unterstrich, ein Zeichen an den Rand machte. Fast mit jedem Worte wuchs die Aufmerksamkeit der Ministerialräte, sie tauschten häufig Blicke, begleitet von kaum merklichem Kopfschütteln.

»Pfarrer Walter berichtet, Sie seien in dem Tumult vor seinem Haus verwundet worden – warum übergehen Sie das?«

»Ich glaubte, da dieser unbedeutende Zwischenfall mich allein betrifft, ihn verschweigen zu dürfen!«

Der Geheimrat nickte dem Justizrat leise zu: »Fahren Sie fort!«

Es erfolgte lange keine Unterbrechung, erst als er Walters Brief von diesem Morgen erwähnte, zog der Generalsuperintendent seine Stirn in Falten, der Geheimrat machte einen großen Strich in den Bericht und fragte: »Haben Sie diesen Brief hier?«

Reinhardt überreichte ihn; heftig den Kopf schüttelnd, gab ihn der Geheimrat dem Generalsuperintendenten, dieser dem Justizrat. Reinhardt setzte seine Erzählung fort, als er sein summarisches Verfahren gegen Walter wahrheitsgetreu darlegte, sprang der Geheimrat auf und rief: »Herr! – das taten Sie? Wissen Sie, welches Vergehens Sie sich schuldig machten?«

Reinhardt entgegnete: »Ich war mir vollkommen klar bewußt, daß ich eine strafwürdige Handlung beging, als ich Pfarrer Walter gleich einem Gefangenen Wächter setzte; dennoch tat ich es, und ich würde auch jetzt noch im gleichen Falle das nämliche tun!«

Der Geheimrat ging heftig auf und ab, der Generalsuperintendent betrachtete eifrig seine Nägel, der Justizrat lächelte leise und sagte: »Ich denke nicht daran, die eigenmächtige Handlung des Herrn Lehrer nur im geringsten zu entschuldigen; – nur ist mir aufgefallen, daß Herr Pfarrer Walter in seinem Bericht gerade diesen höchst gravierenden Tatbestand gänzlich unerwähnt gelassen zu haben scheint. – Das möchte wohl zu bedenken sein!«

Der Geheimrat nickte, ohne seinen Gang zu unterbrechen: der Geistliche sagte leise: »Vollenden Sie, Herr Lehrer!«

Er hatte wenig hinzuzusetzen, allein was er noch beifügte, erregte die Aufmerksamkeit der Ministerialräte im höchsten Grade. Als er aufatmend schloß, fragten beide: »Und nun?«

Reinhardt stand auf.

»Sie kennen den Willen der Gemeinde in betreff des Herrn Pfarrers, den Ihnen dies Schreiben noch spezieller darlegen wird, und leider kann ich nicht anders, ich muß bitten: wenn die hohe Staatsregierung diese Petition verwerfen sollte, möge sie zeitig Maßregeln treffen, die neue Störungen der öffentlichen Ruhe und Sicherheit unmöglich machen. Bei einem zweiten Aufruhr würden die wohldenkenden Männer nicht imstande sein, Ausschreitungen zu verhüten.«

»Sie sind Partei – nicht?« sagte der Geheimrat finster. »Das entschuldigt, wenn Sie schwarz sehen!«

»Ja, ich bin Partei!« sagte Reinhardt freimütig. »Aber wenn ich zu schwarz sehe, was noch abzuwarten ist, so kommt das vielleicht daher, daß ich den Tollköpfen Auge in Auge gegenüberstand!«

»Ich vermisse in dieser Petition Ihren Namen, Herr Lehrer?« fragte der Geheimrat nach einer Pause, in der er die Unterschriften geprüft. »Wie kommt das?«

»Dieses wird die Lücke ergänzen!« lächelte Reinhardt und überreichte ein zweites Schreiben.

»Sie sind sehr kühn – außerordentlich kühn!« rief der Geheimrat, während sich seine Stirn in Falten legte. »Sie, der Sie als Bittender zu uns kommen, eine große Gnade von der Regierung zu erlangen wünschen, Sie beginnen in solchem Tone zu reden?«

»Mit dem Schicksal meines unglücklichen Schwiegervaters hatte dieses Gesuch nichts gemein. Exzellenz, nach der ausführlich berichteten Unterredung mit Herrn Pfarrer Walter in vergangener Nacht können wir beide nicht einen Augenblick länger im dienstlichen Verhältnis stehen. Schon seit einem Jahr hat mir Walter versichert, er werde nicht ruhen, bis er mich zum mindesten aus dem Schulamt gedrängt. Ich nahm dies schweigend hin. Nun er aber in vergangener Nacht klar und deutlich ausgesprochen, daß er meine Rechtfertigung vor dem Gericht nicht anerkennt, nachdem er mir versichert, daß er sein früheres Urteil über mich nicht im geringsten modifiziere, seine Anklagen sämtlich aufrechterhalte – nun ist ein längeres Zusammensein unmöglich. Entweder er geht oder ich!«

»Sie fordern sogar sofortige Entscheidung, das ist wenigstens – stark!«

Reinhardt zuckte die Achseln. »Nicht eine Stunde kehre ich in die alten Verhältnisse zurück. Wenn ich dies Zimmer verlasse, ist entweder Walter seiner Lokalschulinspektion enthoben und seine Versetzung von Bergheim gewiß, oder ich bin aus dem Staatsdienst ausgeschieden!«

Der Geheimrat stand am Fenster und spielte mit der Vorhangschnur. Plötzlich wendete er sich in das Zimmer zurück und sagte rauh: »Und wie, mein Herr, verhält sich Ihre heutige Forderung zu den Vorschlägen, die uns Herr Justizrat Stein überbrachte?«

»Ich erlaube mir an meine Erklärung zu erinnern, daß meine heutige Forderung mit jenen Vorschlägen in keiner Verbindung steht!«

»Ah – meinen Sie wirklich?« rief der Geheimrat, während ein böses Lächeln um seine Mundwinkel zuckte. »Sie werden erlauben, daß ich um nähere Erklärung bitte.«

»Der Herr Staatsminister scheinen allerdings die ganze Sachlage wesentlich anders aufzufassen als ich. Ich beeile mich, meine Anschauungen zu entwickeln. Zunächst ändert meine heutige Forderung die gestrigen Vorschläge allerdings nicht. Wie auch die Entscheidung Ew. Exzellenz ausfallen mag, es steht ganz in meiner Hand, ob ich von dem mir gesetzlich zustehenden Recht der Beschwerde gegen das Kirchen- und Schulamt Gebrauch machen will oder nicht – und darauf, wie sich Ew. Exzellenz gewiß erinnern werden, gründeten sich ganz allein die Vorschläge des Herrn Justizrates! – Sodann aber muß ich noch einer andern Auffassung energisch widersprechen! Ew. Exzellenz sagten vorhin: ich komme als Bittender, ich suche eine große Gnade zu erlangen. Als Bittender stehe ich nun allerdings vor Ihnen, aber keineswegs als einer, der um eine Gnade bettelt!«

Als der Geheimrat blitzschnell nach dem Lehrer herumfuhr und ihn mit großen Augen fixierte, senkte der Justizrat den Kopf, wahrscheinlich ein leises Lächeln zu verbergen. Doch Reinhardt ließ sich nicht beirren, mit Ruhe und Klarheit fuhr er fort: »Allerdings auf den ersten Blick erscheint mein Verlangen sonderbar. Die Gerechtigkeit ist ja ihrem Wesen nach nicht erkauflich. Da nun einmal mein Schwiegervater Strafe verwirkt hat, so kann diese nie, auch nicht durch ein ähnliches Opfer, abgekauft werden; die Strafe kann – vom Rechtsstandpunkt aus – nur in Gnaden erlassen werden. Allein neben dem geschriebenen, harten, mitleidlosen Recht gilt in der Welt noch ein reineres, höheres Recht. Ich weiß keinen Namen für jenes Gesetz, das lieber versöhnt als entzweit, aufbaut statt zu vernichten. Und im Namen dieser höheren Gerechtigkeit, im Namen der Humanität stehe ich hier und bitte um Niederschlagung des Prozesses gegen meinen Schwiegervater und seine beiden Unglücksgenossen. Ich erbitte das nicht als eine Gnade, sondern Kraft jener höchsten Gerechtigkeit, als eine Erfüllung des Rechtes.

Wollten Ew. Exzellenz mir noch einige Worte gestatten? – Es hat den Anschein, als entspringe mein Gesuch aus rein persönlichen Motiven. Ohne solche Motive gänzlich in Abrede zu stellen, darf ich behaupten, daß ich mich mit dem gleichen Eifer für die Gesetzesübertreter verwenden würde, auch wenn ich keinem verwandtschaftlich nahestände. Ich halte sie nicht für so schuldig, als es der Wortlaut des Gesetzes ergibt. Ihre Tat ist nur ein Ausfluß der furchtbaren Verwirrung, die alle Verhältnisse in Bergheim auf den Kopf gestellt hat. In Bergheim sind alle moralischen und gesellschaftlichen Ordnungen schwer erschüttert – ein Zeugnis dafür diese beispiellose sittliche Verirrung sonst durchaus braver und unbescholtener Männer. Sie sind die unglücklichsten Opfer dieser heillosen Verwirrung, aber nicht die einzigen. Wenn Hohe Staatsregierung auf gründliche Untersuchung besteht, beschwört sie Geister, die sie nicht leicht wieder los wird. Das halbe Dorf muß mindestens auf die Anklagebank wandern, Zorn, Haß und Rachsucht schwillt zu einem endlosen Strom an – das Ende ist klar: völliger Ruin der Gemeinde. – Glauben Sie nicht, daß nur meine Schwarzseherei solches Ende kommen meint – hier, diese zweite Petition der Bergheimer Gemeinde, die noch gestern so lärmend auf strenge Bestrafung aller Schuldigen drang, mag beweisen, mit welchen Sorgen man der Entwicklung dieses Prozesses entgegensieht!«

»Ah, Sie sind ja außerordentlich reichlich mit dergleichen Dingen versehen!« rief der Geheimrat unmutig, griff aber dennoch hastig nach dem Papier, dessen Inhalt er genau prüfte. »Ah – das klingt allerdings anders! Nach den Berichten des Staatsanwalts über die Stimmung in Bergheim hätte ich dies nun und nimmer erwartet. – Ah – so! – Hm! Nun, entweder sind die Zustände draußen in der Tat schlimmer, als wir bisher annahmen, oder – Sie haben Ihren Einfluß sehr geschickt zu verwerten gewußt!«

Reinhardt schoß das Blut in das Gesicht. »Einfluß? Ich? Ah, Ew. Exzellenz, spricht der Schlag, den ich vor dem Pfarrhaus empfing, und der nur zu aufrichtig gemeint war, auch für meinen Einfluß auf die Massen? – Möglich allerdings, daß ohne meine Dazwischenkunft die Bergheimer heute noch forttobten, wie sie gestern begonnen; wenn es aber meinen Gründen gelang, ihnen in der größten Erregung so bald die Augen zu öffnen, spricht dies gegen mich?«

Der Geheimrat gab die Petition dem Geistlichen und ging mit großen Schritten auf und ab. Der Justizrat blickte ihm stirnrunzelnd nach und sagte mit scharfer Betonung: »Ew. Exzellenz, ich erlaube mir die Bemerkung, daß durch diese Petition, die ich kenne, die ganze Verwicklung in ein neues Stadium getreten ist. Die Entscheidung kann jetzt, nach meinem Dafürhalten, nicht mehr zweifelhaft sein!«

»Erlauben mir Ew. Exzellenz nur noch wenige Worte!« sagte Reinhardt tiefatmend, indem er einen Schritt näher an den Tisch trat, als der Geheimrat noch immer zögernd schwieg. »Ew. Exzellenz, daheim erwartet eine ganze Gemeinde mit Angst und Zagen die Entscheidung, die ich bringen werde. Möglich, daß die Furcht die Oberhand behält und die Nachbarn vor ungesetzlichem Treiben bewahrt, komme ich mit abschlägiger Antwort heim; möglich aber auch, daß die Verzweiflung die Menschen völlig in Bestien verwandelt. Ein Wort von Ihnen kann zum Segen und Fluch werden – o, zögern Sie nicht, Ew. Exzellenz, sprechen Sie es aus, das Wort der Versöhnung, geben Sie uns den Frieden wieder!«

»Auch ich«, warf der Justizrat ein, »schließe mich der Bitte meines Freundes an. Zögern Sie nicht, dieser heillosen Angelegenheit ein Ende zu machen. Bedenken Ew. Exzellenz, dieser Augenblick kommt nicht wieder; sind erst die Verhältnisse in Fluß geraten, vermag keine Macht der Welt sie aufzuhalten. Geben Sie dem Dorf den Frieden, nach dem man sich sehnt; Sie können dies unbedenklich tun: die Hauptverbrecher gehen ja ihrer Strafe entgegen – lassen Sie es damit genug sein!«

Des Geheimrats Stirn entwölkte sich; mit gnädiger Handbewegung lud er die Herren ein, ihre Sitze wieder einzunehmen. Er selbst zog den Generalsuperintendent in eine Fensternische, wo er lange und eifrig mit ihm verhandelte. Endlich kehrten beide zurück, und der Geheimrat sagte zu Reinhardt: »Die Staatsregierung erkennt mit aufrichtigem Danke Ihre Bemühungen um Aufrechterhaltung der Ordnung an. Ihre und Ihrer Gemeinde Wünsche sollen gründlich in Erwägung gezogen und wenn irgend möglich erfüllt werden.«

»Nein, nein!« rief Reinhardt aufspringend. »Damit lasse ich mich nicht abweisen! Gott weiß es, die fürchterliche Ungewißheit daheim ist nicht mehr zu ertragen. – Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende! – halten Ew. Exzellenz mir meine Aufregung zugute. Mir ist zu übel mitgespielt worden, als daß ich mich noch einmal auf die Zukunft vertrösten lassen könnte. Entweder ja oder nein! Ich kann nicht eine Minute länger unter Pfarrer Walter stehen; ein Aufschub der Entscheidung muß mir als nein gelten und den Kampf herbeiführen, den ich so gern vermeiden möchte. Ew. Exzellenz – noch einmal – geben Sie mir, geben Sie dem unglücklichen Dorf den Frieden!«

Alle waren aufgesprungen, der Justizrat – er war bleich geworden – legte, als wolle er ihn schützen, seine Hand auf des Freundes Schulter; der Geistliche suchte den zornglühenden Minister zurückzuhalten. In diesem peinlichen Augenblick trat ein Diener ein, der dem Geheimrat ein großes Schreiben präsentierte. Mechanisch öffnete er es und überflog den Inhalt – während des Lesens verfärbte er sich, murmelte: »Ah – das ist ja sichtbar Gottes Finger!« Darauf winkte er dem Generalsuperintendent und verschwand abermals mit ihm in der Fensternische.

Als er zurückkehrte, begann er sichtbar bewegt: »Meine Herren! Gott selber hat entschieden! Wissen Sie, der Wagner Paul Scheler machte in dieser Nacht einen Fluchtversuch, stürzte von bedeutender Höhe und blieb auf der Stelle tot; der Uhrmacher Jakob Brückner mußte noch in der Nacht ins Irrenhaus gebracht werden, dort tobt er im schrecklichsten Delirium tremens wahrscheinlich bald in den Tod – und soeben wird mir die Nachricht, daß auch der Bauer Johannes Metzner nach schrecklichem Leiden seinen Wunden erlegen ist.« Als ihn Reinhardt und der Justizrat erschüttert anblickten, gab er Reinhardt die Hand und fuhr fort: »Die Hand des Höchsten hat meine letzten Bedenken gehoben. Die Hauptverbrecher sind der menschlichen Gerechtigkeit entrückt, damit sind die Haupthindernisse einer friedlichen Lösung beseitigt. Gehen Sie, Herr Lehrer, bringen Sie den Ihren, Ihrer Gemeinde den Frieden. Pfarrer Walter ist von heute zum Pfarrer in Reichenbach ernannt. Auch darauf werden wir Bedacht nehmen, einen Mann milden und versöhnlichen Sinnes an Walters Stelle zu setzen. – Alles Vergangene sei vergeben und vergessen! Gehen Sie; bringen Sie Ihrer Gemeinde die Friedensbotschaft! Halt – auch der Antrag des Bauern Jörg Vorndran von Sülzdorf ist angenommen; er wird demnächst als Vormund der Metznerschen Kinder verpflichtet werden.«

Reinhardt faßte die Hand des Geheimrats und flüsterte: »Dank – heißen Dank! Edler Mann, in vielen Herzen haben Sie sich ein Denkmal errichtet – –«

»Lassen Sie das!« rief der Geheimrat und entzog ihm seine Hand. »Nicht mir gebührt Dank, ich erfüllte nur meine Pflicht. Sie – Sie haben sich Verdienste erworben, und – fast beschämt stehe ich vor Ihnen, daß ich mich soeben zur Heftigkeit hinreißen ließ! Auch hier vollkommne Indemnität nach allen Richtungen – wie? Sie haben nicht nur meine Teilnahme erweckt, sondern auch meine vollkommene Hochachtung erworben. – Gehen Sie, mein lieber Herr Reinhardt, wir werden uns wieder treffen!«

»Ja, gehen Sie!« sagte der Geistliche bewegt. »Bald komme ich nach Bergheim, Sie in Ihre vollen Ehren einzusetzen!«

Wie er auf die Straße kam, wußte Reinhardt nicht. Die so unerwartet gekommene günstige Entscheidung, nachdem alles verloren schien, verwirrte ihn vollständig: das unfaßbare Glück, das so gewaltsam auf ihn hereinströmte, machte ihn schwindeln und glühen.

Wie im Traum hörte er den Justizrat sprechen, und eine unklare Erinnerung blieb ihm, als habe der ernste, strenge Mann mit tiefer Bewegung seinen Mut, seine Festigkeit anerkannt. Er konnte nichts tun, als ihm dankbar die Hand drücken, zum Sprechen war ihm das Herz allzu voll.

Karl wartete schon; auf ein Wort des Justizrats warf er laut jubelnd seine Mütze in die Luft, dann lief er nach den Pferden.

Joseph zog seinen Herrn zur Seite und flüsterte ihm eine Meldung ins Ohr: als er dann rasch die Türe des Vorzimmers öffnete, erhob sich ein junger Mann, starrte verwirrt auf Reinhardt und warf sich stürmisch an seine Brust. »Robert!« rief Fritz erstaunt. »Robert, ist's möglich? Wo kommst du her?« Wenige Worte genügten zur Aufklärung dieses unerwarteten Zusammentreffens. Stein hatte noch am selben Morgen, da ihn Reinhardt aus dem Schlafe störte, an Robert geschrieben und ihm den Stand der Dinge mitgeteilt. Gestern hatte dieser, den Angst und Sorge fast aufgerieben, den Brief erhalten und sich entschlossen, sogleich den Rechtsanwalt selbst aufzusuchen. Der Justizrat hatte sich entfernt, kehrte mit einigen Papieren zurück und sagte sehr ernst: »Hier, Herr Robert Schulz, übergebe ich Ihnen Ihre Ehre und gerettete Zukunft. Vergessen Sie nie, was Sie dem Lehrer Reinhardt schulden, ihm allein danken Sie Ihre Rettung. Vergessen Sie nicht, Herr, wenn auch Ihre Schuld vor den Augen der Welt getilgt ist, vor Gott und Ihrem Gewissen besteht sie fort. Ich hoffe, daß Sie das Kind, das Ihren Namen tragen sollte, nicht vergessen werden; um dieses Kindes willen hoffe ich, daß wir später recht oft in geschäftliche Verbindung treten werden – verstanden? Und nun den Kopf in die Höhe; mit Mut, Vertrauen und Freudigkeit beginnen Sie ein neues Leben!«

Eben als Karl vorfuhr, ließ der Justizrat einen Champagnerkork knallen und füllte die Gläser. »Ohne Rede!« rief er, als die Glaser klangen. »Auf das Wohl Reinhardts, des wackeren, braven Mannes! Auf sein Wohl, eine glückliche, gesegnete Zukunft und auf dauernde Freundschaft!«

Karl klatschte ungeduldig mit der Peitsche. »Fort, fort!« sagte Stein und umarmte Reinhardt. »Fort jetzt, Bergheim wartet! – Bald sehen wir uns wieder, denn lange wird die Hochzeit nun nicht mehr verschoben werden, und, Reinhardt, auf Ihre Hochzeit lade ich mich zu Gast mit Frau und Kind – verstanden?«

Schon saßen Reinhardt und Robert auf dem Wagen, als atemlos ein Ministerialbote herankeuchte und im Auftrag des Geheimrats Reinhardt ersuchte, ein Ministerialdekret, das er überreichte, noch heute an Pfarrer Walter gelangen lassen zu wollen. Reinhardt war wenig erfreut über diesen Auftrag, doch ahnte er, daß der Geheimrat ihn dadurch völlig beruhigen wollte, und so steckte er das Schreiben in die Tasche. Noch ein Händedruck, noch ein Gruß – die Pferde zogen an, und fort ging es.

Die Abendsonne vergoldete die Landschaft, glühend leuchteten die fernen Schneegipfel des Gebirges herein, und ein kräftiger Wind kühlte die Wangen Reinhardts, als sie ins Freie kamen. Karl knallte wie toll mit der Peitsche und jauchzte oft hell auf, daß die Pferde wiehernd bäumten, wie rasend dahinjagten und die harmlosen Wanderer erschrocken und schreiend aus dem Weg liefen. In träumerisches Sinnen versunken saß Reinhardt, – und dennoch entging eigentlich nichts seiner Aufmerksamkeit. Er beobachtete die Emmerlinge und Meisen, die sich in den Chausseepappeln zankten und hetzten, und freute sich ihrer Munterkeit; er betrachtete teilnehmend die scharenweise aus der Stadt heimkehrenden Landleute und ergötzte sich an ihren zufriedenen Gesichtern und heitern Blicken. Gewiß, sie freuten sich auf ihr Daheim! – Wie durchschauerte es den stillen Fahrgast – er hatte ja jetzt auch eine Heimat! In den Dörfern nickte er freundlich den bedächtig dem Wirtshaus zuwandelnden Männern, den in den Haustüren stehenden Frauen, die, einen Säugling auf dem Arm, vom Abendsonnengold bestrahlt, zufrieden neugierig dem dahinrasenden Gefährt nachblickten, zu, und am liebsten hätte er in das Jubeln und Jauchzen der frohen Kinder einstimmen mögen. Wie erquickte ihn der Sonntagsfriede ringsum – jetzt, da er, Frieden im Herzen, auch seinen Lieben, einem ganzen Dorf den Frieden bringen durfte! –

Wie lange ihm auch die Fahrt währte, er fuhr doch verwundert auf, als ein heller Anruf sein Ohr traf – und er, erwachend, sich in Ditterswind sah. Von quälender Ungeduld getrieben war ihm der Schulbauer mit einer ganzen Schar Nachbarn entgegengefahren. Während die übrigen in lauten Jubel ausbrachen über die von Karl berichtete Freudenbotschaft, sich die Hände schüttelten und immer wieder hell hinausjauchzten, lagen sich Fritz und der Schulbauer lange stumm in den Armen. –

Beim Stammberg ward haltgemacht. Die Männer eilten in den Gemeindewald und kehrten bald mit schlanken Tannenbüschen zurück, durch welche sie die Wagen in grüne Lauben verwandelten. Auch die Rosse, Hüte und Mützen wurden geschmückt, dann ging es weiter in sausender Flucht, nur mit Mühe vermochten die Lenker die scheuenden Pferde im Zügel zu halten.

Schon bogen die Gefährte nach der Grundmühle ab, als plötzlich das Jauchzen und Peitschenknallen verstummte, die Pferde zu langsamem Schritt eingezügelt wurden. Reinhardt blickte erstaunt auf, was das bedeute – da sah er, wie alle Begleiter die Mützen abnahmen, zugleich schlug tiefes Summen und Sausen an sein Ohr, und der Schulbauer flüsterte ihm zu, während ihm das Wasser in die Augen trat: »In Bergheim läuten sie den Frieden ein! – Ehre sei Gott in der Höhe!«

Und so war es! Auch Robert und Reinhardt wurden die Augen feucht, als sie im tiefen Schweigen, nur von den immer machtvoller anschwellenden Glockentönen umbraust, langsam die steile Schleifgasse emporfuhren. Bald wurde es um die Wagen lebendig; als sie endlich in das Dorf selbst einrückten, wogte ihnen ein gewaltiger Menschenstrom entgegen, drängte sich um die Wagen und riß sich um Reinhardts Hand. Und die Glocken klangen fort, und Männer und Weiber, Jünglinge und Jungfrauen, Greise und Kinder jauchzten, schluchzten und lachten: »Friede! – Friede!«

Vor dem Dorfbrückchen gab Reinhardt dem Beckenkarl einen Wink; da gerade eine Lücke sich auftat, hieb dieser auf die Pferde und bog im Galopp in den schmalen Weg nach dem Herrnhof ab. Den Empfang im Herrnhof übergehen wir. Anna ließ seine Hand nicht aus der ihren, und der Herrnbauer sagte: »Du hast Großes an mir und an uns allen getan. Ich kann dir nicht danken, aber beten werde ich für dich alle Tage, und mein Segen wird auf dir ruhen!«

Und die Glocken tönten fort!

Robert war verschwunden, er wurde nicht vermißt. – Die Nachricht vom Tod des Jockenhannes und Wagnerspaule, vom Geschick des Uhrmacherle rief große Erschütterung hervor, doch der Schulbauer sagte: »Friede mit der Asche der Toten! mögen sie nun ruhen, da sie im Leben nie Ruhe fanden. Eine gnädige Fügung: ihr rasches Ende, für sie, uns und besonders ihre hinterlassenen. Nun erst ist der Friede gesichert, nun erst können wir sagen: es ist alles gut!«

»Ja, es ist alles gut!« flüsterte Anna ihrem Bräutigam zu. »Heute nachmittag kam der Fuchsmüller mit dem Schäfersfrieder ins Schulzenhaus; auch die Schulzenmarie ist Braut!«

Es wurde stille im Zimmer, nur die Glocken tönten fort.

Da wurde es im Hofe lebendig, Kopf an Kopf drängte sich drunten, hundert Augen blickten erwartungsvoll zu den Fenstern empor – aber wie so anders als gestern! Und plötzlich brauste es drunten los: »Unser Herr Lehrer soll leben – dreimal hoch! Und der Herrgott vergelte ihm, was er an uns getan und erhalte ihn uns noch lange Jahre – hoch! hoch! hoch!«

Reinhardt schüttelte den Kopf, drängte Anna von sich, eilte hinaus und winkte Schweigen. Sofort legte sich Totenstille über die Menge, nur das Geläute brachte die Luft in zitternde, brausende Schwingungen. »Nicht doch, Freunde!« rief Reinhardt mit hallender Stimme, »nicht mir gebührt die Ehre, ich tat nichts als meine Schuldigkeit! Einer ist es, der ewige Geist der Wahrheit und Liebe – er allein half uns zum Frieden: ihm allein sei Preis, Ehre und Ruhm! Eine böse Zeit ist überwunden, auf glücklichere, schönere Tage hoffen wir – kommt, laßt uns die Sitte unfrei Vorfahren – denn von heute an gehöre ich ganz und für immer zu euch – laßt uns die ehrwürdige Sitte unsrer Vorfahren nicht vergessen. Kommt, rufet die Musikanten, versammelt euch unter der Dorflinde, daß wir Gott danken für seine Gnade und Barmherzigkeit!«

Während die Menge, von Reinhardt geführt, schweigend nach der Dorflinde zog, umfluteten die Glockenklänge einen Mann, der unter dem Christuskopf kniete und in fassungsloser Erregung die Hände rang. Ein offner Brief lag auf dem Boden: neben ihm kniete seine Frau, drückte seine fieberheiße Stirn an ihre Brust, und ihre Tränen rieselten in sein Haar. »Heinrich, Heinrich!« bat sie weich. »Fasse dich! lasse ab von dieser Verzweiflung, die mich noch töten wird! – Fasse dich! Ist es nicht ein Ruf Gottes, der dich nach Reichenbach führt?« Und als er zusammenzuckte, drückte sie ihn fester an sich. »Heinrich, frevle nicht! Du forderst überall Demut und Ergebung, und den eigenen Willen kannst du nicht beugen? Du selbst haderst mit Gott? Willst dich nicht unterwerfen? – Heinrich, komme zu dir! Höre auf die Stimme Gottes, verstocke dich nicht gegen seine Offenbarungen, die furchtbar gegen dich zeugen. Gib auf diesen eifernden Zorn! Beachte die Lehre, die dir Gott selber gibt! – Heinrich, Heinrich! O gedenke des Heilandswortes: Selig sind die Barmherzigen! selig sind die Sanftmütigen!«

Vom Turme klangen die Glocken, und von der Dorflinde herüber brauste unter Trompeten- und Posaunenhall der uralte Jubelgesang herüber:

Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, Der große Dinge tut an uns und allen Enden!

Letztes Kapitel.

Wieder lächelte ein Pfingstmorgen auf die grüne Erde. Duft und Glanz überall, nur aus den tiefen Tälern und verstecktesten Waldschluchten stiegen die leichten Morgennebel zum Himmel, um spurlos in der unendlichen Bläue zu zerfließen. Eine Fülle von Licht lag ausgegossen über Millionen kaum geöffneter, fruchtglänzender Blüten und Knospen: noch war der Wald durchsichtig, nur ein zarter, flaumiger, grüner Schleier wob sich über die Ferne. Prachtvoll stiegen die schlanken, zierlichen Birken aus dem Gewirr dichtverschränkter Äste in die blaue Luft; ihr zartgrüner, duftender Blätterschmuck glänzte und flimmerte im Morgenlicht: ließ aber ein Lufthauch diesen Blätterflaum erbeben, dann schien von den Birken ein goldgrüner Funkenregen zu sprühen!

»Grüß dich Gott, du grüner Wald!« erklang jetzt eine fröhliche Stimme aus der Schlucht des Bettelbrünnleins in Steinschrot, und zwei schlanke Männergestalten tauchten zwischen Fels und Gebüsch auf.

»Das Lied hat freilich recht: ja wunderschön ist Gottes Erde und wert, auf ihr vergnügt zu sein!« meinte der zweite, als sie atmend die Kanzel betraten. »Aber, Fritz, die Schönheit der Welt allein tut's doch nicht! Denke doch, als wir voriges Jahr um diese Zeit hier standen, war die Pracht und Herrlichkeit ringsum nicht minder groß – und wie wenig spürte ich davon!«

»Wer uns vor einem Jahr vorhergesagt, was uns erwartete, – wir hätten ihn verlacht! Und wirklich, wenn ich jetzt die Welt im fröhlichen Sonnenschein liegen sehe und der Wald rauscht, der Fluß glitzert, die Wiesen und Felder sind grün, und Sülzdorf und Bergheim verstecken sich gerade so in die Blütenbäume, wie ehedem auch – da möcht' ich fast an die Stirn greifen und fragen: war denn das alles nur ein wilder, wüster Traum? – Ja, ist's denn in Wahrheit möglich, daß ich mich von ihm zum Gottesleugner machen und an die Line schwätzen ließ? – Und gar der Herrnbauer? Ist's wirklich geschehen, daß wir seinet- und des Pfarrers wegen eine wahre Revolution durchmachten? – Und doch, was frage ich? Ist dir's nicht auf die Stirn geschrieben, daß du es warst, der allein feststand als alles zusammenbrach? Daß du uns allen, dem ganzen Dorf zum Frieden verholfen hast? – Ach, Fritz, ich bin so stolz auf deine Freundschaft, sie macht mich so glücklich, eben drum werde ich eine heimliche Sorge nicht los, sie möchte nicht von großer Dauer sein.«

»Karl – was sind das für Gedanken?«

»Weiß wohl – aber sie sind nun einmal da und wollen nicht weichen. Wirst du auch bei uns bleiben?«

»Welche Frage! Warum sollte ich Bergheim verlassen, zumal da Anna mein Weib wird?«

»Anna? – sie wird dich weder halten noch hindern. Doch genügt dein Wort, und nun erst gehe ich mit Freuden in die Kirche.«

Karl sah dabei seinem Freunde fest in die Augen und drückte seine Hand. Zu einer weiteren Antwort hätte er auch kaum Zeit gefunden, denn allmählich war es in den Klippen und Felsen lebendig geworden.

Eben betraten auch der Justizrat und der Schulbauer die Kanzel, der Lichtennikel, der Beckenjörg und Bergbauer folgten ihnen. Der Justizrat hatte die Aussicht genossen, jetzt wendete er sich mit leuchtenden Augen zu den Männern, die ihm alle bekannt waren: »Ein reizendes Plätzchen hier, gewiß; aber erquicklicher als die Naturpracht ringsum ist mir der Anblick der kleinen Gemeinde, die sich so zufällig hier zusammengefunden. Ja, eine Gemeinde! Wie verschieden nach Beruf, Stellung und Denkungsweise, – wahrlich es fehlt nur der Fuchsmüller, dieser Menschenfeind mit einem Herzen voll Liebe, dieser eingefleischte Materialist, der so viele Gläubige beschämen könnte – alle fühlen wir uns einig, fest zusammengehörig, zusammengeschlossen durch das Band reinen ernsten Strebens! Wir sind hier ein kleiner Kreis, der sich um unsern Reinhardt zusammenschließt, allein jeder von uns, ist er nicht in seiner Welt ebenfalls ein Mittelpunkt? Wir sind keine Weltverbesserer, keine Gesellschaftsretter! Die treue, aber unscheinbare Arbeit auf beschränktem Raum ist unsre Losung! – Ich bin freudig bewegt, mich in einem Kreis von Männern zu sehen, die, wie ich, die freie, selbständige, treue Arbeit zu ihrem Lebenszweck machten. Und dieser Arbeit, der wir alles danken, was auf der Welt Schönes und Großes das Herz erfreut und den Geist erhebt, – ihr gelte ein stilles, aber begeistertes Hoch! – Wir haben ein Recht, heute und hier diese Arbeit zu feiern, ist sie es doch allein, der unsere beiden Brautpaare ihre Vereinigung verdanken!«

Eben als vom Kulm die ersten Akkorde der Musik herübertönten, wurde der Heimweg angetreten. Karl machte den Vorschlag, die Musikanten aufzusuchen; die Gesellschaft war damit einverstanden und überraschte wirklich Musikanten und Zuhörer. Ein fröhliches Getümmel entfaltete sich auf der kleinen Hochebene, die Choradstanten, voran der Blümlesschuster, wurden nicht müde, ihrem Herrn Lehrer zu gratulieren, und der Bergkasper nickte wohlgefällig: »Sagt ich's nicht, he' Lehje', wi' haben Pjachtmiidele im Dojf? Ja, ich hab' mi' lang denkt, mit de' Anna wi'ds doch noch authienisch!« Von lustigen Klängen umrauscht, stieg die Gesellschaft heiter nach dem Dorf hinab.

Der Herrnhof war in einen Birkenwald verwandelt, der die improvisierten Tafeln und Bänke fast versteckte. Klopfenden Herzens sprang Reinhardt die hohe Freitreppe empor, aber fast erschrocken prallte er zurück, als ihm in der Stube eine weiße Gestalt entgegenkam. Sprachlos starrte er auf das schöne Mädchen, das in weißem, an der hohen Gestalt in weichen Falten niederfließenden Kleide, von einem kostbaren Schleier umwallt, vor ihm stand. Er konnte den Blick von der wunderbaren Erscheinung nicht wenden.

Die Justizrätin drohte ihm mit dem Finger: »Sie sind ein schlimmer Mensch, was auch mein Mann sagen mag! Freuen wir uns alle monatelang auf die Überraschung, können den Augenblick nicht erwarten, da Sie hereintreten werden und meinen, beim Anblick dieser Fee müßten Sie vor Entzücken außer sich geraten – statt dessen stehen Sie da wie ein Stock! Justizrat, du magst ein ganz passabler Jurist sein, aber was die Männer betrifft, werde ich künftig allein meinen Augen trauen!«

»Also das war der Zweck des geheimnisvollen, wochenlangen Besuches in der Stadt?« rief Fritz, nachdem er Margret, die Herrnbäuerin, Schulzbäuerin und das Lichtendorle begrüßt hatte. »Aber wie, Anna, wenn ich mich nun revanchierte? Du wirst dich, Herzlieb, schon lange nach dem Brautbukett umgesehen haben – erschrick nicht, es kommt keines. Nie mochte ich die unförmlichen Blumenteller in den Händen der Bräute leiden. Denkst du daran, wie du mir heute vor einem Jahre im Steinschrot dein Kirchensträußchen so freundlich darreichtest? Sieh, hier habe ich dir eine Gegengabe bereitet. Es ist freilich nur ein bescheidenes Sträußchen, aber ich selbst habe es für dich gepflückt, und da die Maiglöckchen uns die Liebe ins Herz läuteten, so ist es nicht mehr als billig, daß sie uns auch zum Altar begleiten!«

Mit einem Freudenruf warf sich Anna an seine Brust; ihre Umarmung unterbrach eine allgemeine Bewegung; als sie aufblickten, stand – Lina vor ihnen. Fast war die Arme nicht wieder zu erkennen, so bleich und leidend schaute das schmale Gesicht aus den schwarzen Hüllen hervor. Laut weinend küßte sie Margaret und Anna, Karl gab sie mit abgewandtem Gesicht die Hand, Reinhardt drückte sie zwei Myrtenkränze in die Hand und schluchzte: »Für Sie und Karl! – Ich passe wohl nicht hierher, aber ich mußte kommen. Nehmen Sie die Kränzchen, zum Zeichen, daß Sie mich nicht verachten. Nehmen Sie – es wird mir ein Trost sein in der Stunde, da er und Margaret vor dem Altar stehen. Verzeiht und denkt an mich!« – Damit war sie auch schon wieder verschwunden.

Weinend befestigten die Bräute die Myrtenkränzchen, und Karl sagte, während er sich die Augen wischte: »Margaret – daß du mir das Kränzchen anheften kannst und daß ich es tragen darf, das macht mein Glück voll. Und Lina ist ja schon unsere Schwester, von heute an aber wollen wir sie auf den Händen tragen und unsern Teil dazu tun, daß sie auch noch glücklich wird!«

Der Herrnbauer rief nach dem Ehrenpokal. Er war sehr hager geworden, und sein dünnes Haar silberweiß. Golden glänzte der Sonnenschein herein, lag schimmernd auf Tischen und Fußböden, die Blätter der Birken flüsterten leise: sonst war es tief still in der Stube und im Haus. Der Schulbauer füllte den Pokal bis an den Rand; kaum war er damit zu Ende, so begannen die Glocken zu läuten. Mühsam, von seinem Schwager unterstützt, erhob sich der Hausherr, nahm sein Käppchen ab, faltete die zitternden Hände und sagte: »Das walte Gott! Mit demütigem Herzen bekenne ich: Gott hat alles wohlgemacht! Ohne das Leid und den Jammer hätte ich dich, Fritz, nimmer zum Sohn bekommen, wurdest du gleich mein Tochtermann, und auch dich, Karl, hätte ich niemals geachtet, wie du es verdient. Mit Freuden gebe ich euch meine Töchter, ich weiß, ihr werdet sie in Ehren halten. So segne euch der allmächtige Gott, wende gnädig allzuviel Leid, allzu schwere Prüfungen von euch und verleihe euch Beständigkeit. – Mein Gott! erhöre mich, segne die Kinder! Amen! – Komm, Mutter! Zum letztenmal stehen wir hier als Hausmutter und Hausvater – in wenig Minuten zieht der neue Herrnbauer ein – Gott segne ihn! – Mutter, trinke mir den Ehrenbecher zu – so! Meine Kinder! Ihr lieben Gäste! – der letzte Trunk, den ich als Herrnbauer aus dem Ehrenpokal tue, gilt dem Wohl meiner lieben Kinder! Gebe Gott, daß ihr, Fritz und Karl, dereinst mit gleicher Freudigkeit das Hausregiment euren Kindern übergebt! das walte Gott!«

Die Glocken klangen zu den offenen Fenstern herein, während der Becher stille reihum ging! Als er leer auf den Tisch zurückkam – auch die Dienstboten waren von dem Reihetrunk nicht ausgeschlossen worden – sagte der Herrnbauer: »In Gottes Namen! Der Herr segne euren Ausgang und Eingang!«

Er winkte den Schulbauer neben sich und schritt, wenn auch mühsam, mit ihm voraus; das Käppchen behielt er in der Hand, auf seinem Gesicht lag ein wunderbarer Glanz. Ihm folgten die beiden Brautpaare, dann ordnete sich zwanglos ein langer Zug. Im Hof war es längst lebendig geworden, außer den Zuschauern erwarteten hier die festlich geschmückten, von Robert Schulz geführten Schüler ihren geliebten Lehrer. Alle Kinder trugen Maiblumen und Birkenzweige, die sie dem Brautpaar auf den Weg streuten. Unter den Klängen eines Marsches bewegte sich der Zug durch die über Nacht entstandene Birkenallee nach der Kirche; in das Geläute mischte sich ein ununterbrochenes Gewehrfeuer, das oft zu wahren Salven anschwoll.

Auf der Dorfstraße schloß sich ein zweiter Hochzeitszug an: die Schulzenmarie und der Schäfersfrieder. Unter ihren Begleitern befand sich zum allgemeinen Erstaunen auch der Fuchsmüller. Sauber gekleidet war der wunderliche Alte, rasiert hatte er sich jedoch nicht, und aus der Tasche seines langen Rockes guckten neugierig seine Pfeifenspitze und die Schnüre seines Tabaksbeutels hervor. Das Erstaunen wurde noch größer, als der Justizrat dem Alten die Hand reichte und ihn neben sich zog. Vor der Kirche trat er aus dem Zug, setzte sich gemächlich auf die Kirchhofsmauer und pampelte mit den Beinen. Bald stand sein Stummel in voller Glut, und während er manchmal nach dem »Ja« der Brautleute horchte, konnte er es nicht unterlassen, die ihn umdrängenden Weiber und Kinder durch abscheuliche Fratzen zu erschrecken. Auf der Mauer sitzend, erwartete er die Rückkehr des Hochzeitszuges; ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen oder das Pampeln seiner Beine einzustellen, reichte er von seiner Höhe herab den jungen Ehepaaren die Hand mit der Mahnung, den Unverstand des Lebens so gescheit wie möglich zu tragen.

»Vorwärts, Herr Gleichmann!« rief ihm der Justizrat zu. »Was sitzen Sie auf der Mauer wie ein hungriger Spatz? Vorwärts! – zum Schmaus! Ich werde Sie später aufsuchen, um ein Stündchen mit Ihnen zu verplaudern!«

»Obligiert – aber die Fuchsmühle liegt doch zu weit ab!« nickte der Alte und krabbelte auf die Erde. »Nä – für 'nen alten Spatz wie ich, ist's vorbei mit Lust und Freude. Hab' dem närrischen Ding, der Marie, den Willen getan und bin mit ihr bis an die Kirche; nu' ist's gut, und ich kriech' wieder in mein Nest. Allerseits viel Vergnügen!«

Damit machte der Alte linksum und steuerte durch den dichtesten Menschenschwarm dampfend seinem Altenhause zu. –

Was soll nun noch viel berichtet werden? Die Hochzeit wurde still und einfach gefeiert; nur die vertrautesten Freunde waren geladen. Desto lebhafteres Treiben entfaltete sich unter den Birken im Herrenhof. Dort wurden zuerst die Kinder, dann die Armen gespeist; Tische und Bänke wurden nicht einen Augenblick leer.

Am Abend gab die Gemeinde den Brautpaaren einen Ball, der zugleich als offizielles Friedens- und Versöhnungsfest galt. Solch' fröhliches Fest hatten die Räume wohl noch nie gesehen. Die einzige Störung verursachte das baldige Verschwinden des Lehrerpaares; sobald es bemerkt wurde, machte der Blümlesschuster den Vorschlag, dem jungen Ehepaar eine »Ehre« anzutun, einen Fackelzug und ein Ständchen zu bringen.

»So ist's jeeecht!« schrie der Bergkasper. »Nun wi'd die Sach' uthientisch!«

Schon wurde allgemein zum Aufbruch gerüstet, da stieg der Justizrat im Saal auf einen Stuhl, winkte Schweigen und rief: »Im Namen unseres Freundes Reinhardt und seiner jungen Frau danke ich für die Teilnahme, die ihr ihnen bewiesen. Den Fackelzug und das Ständchen aber laßt sein, das störte den Ball allzusehr, und wir sind ja alle hier, uns recht vergnügt zu machen. Reinhardt nimmt gewiß den Willen für die Tat und ist euch dankbar, wenn ihr euch nicht stören laßt. Ihr wißt, wie es ihm Freude macht, wenn die Leute recht fröhlich sind!«

»Sell ist richtig!« schrie der Mäurerslang. »Der Herr Justizrat hat's getroffen, das weiß ich, denn ich bin mit dem Herrn Schulmeister absonderlich spezial und kenne ihn inwendig und auswendig wie meinen Hosensack, denn ich bin auch ein Mann von Kopf. Drum sag' ich selber: Dageblieben bleiben wir, pumptum! Aufgespielt, Musik! 'nen anmutigen Walzer! Wenn's der Herr Justizrat erlaubt, hol 'ich die Frau Justizräten! – ich weiß auch, was sich schickt, denn ich bin ein Mann von Kopf! Hurra, juhch!«

»Recht so!« lachte der Justizrat. »Ehe ihr aber den Tanz beginnt, stimmt ein: ein Lebehoch dem Lehrer Reinhardt und seiner jungen Frau!«

Und ein »Hoch« brauste auf, das selbst die Trompeten und Posaunen nicht zu übertönen vermochten; es brauste hinaus durch die offenen Fenster in die stille Sommernacht und umflutete das dunkle, schweigende Schulhaus, auf welches die ewigen Sterne niederfunkelten, während verheißungsvoll im fernen Osten der erste Schimmer des Morgenrotes aufglühte.