Tagebuch einer Dame

Sonntag Reminiszere.

Fällt mir da wieder einmal das dicke leere Buch in die Hände. Die Hildegard hat es mir vor vier oder fünf Jahren zum Geburtstag geschenkt. Um meine Gedichte hineinzuschreiben. Und ach, es steht heute noch kein einziges darin.

Es war aber auch eine recht dilettantische Idee von der Hildegard. Wer wird in der poetischen Ekstase erst nach einem so stattlichen Band greifen; jeder Papierfetzen ist dann gut genug, um die göttlichsten Gedanken aufzunehmen.

Einigemal habe ich es probiert und habe das schöne Geschenk hervorgeholt und mich mit der Feder davor gesetzt; es ist mir aber stets nicht das kleinste Verschen eingefallen.

Aber ich will den schönen Band endlich gebrauchen; ich will Tagebuch-Aufzeichnungen hineinschreiben. Das ist freilich nicht sehr modern, und als Schriftstellerin gar sollte ich meine Feder zu ernsterer Tätigkeit verwenden – meine Feder und meine Zeit. Aber mein Tagebuch soll ja auch nicht Selbstzweck sein. Solche Aufzeichnungen kann man gelegentlich literarisch ausnützen. Ich will darin documents humains – wie Zola es genannt hat – aufhäufen über mich und über andere. Da kann dann später leicht einmal ein Roman daraus werden.

Wenn ich je einen Roman schreiben werde …

Einstweilen wäre mir das eine zu widrige Gattung. Mein Sinn steht nach Höherem. Wenn ich doch einmal das Opfer bringe, indem ich aus den Traditionen unserer Familie heraustrete und sozusagen eine »öffentliche Person« werde, dann soll es wenigstens um den höchsten Preis geschehen. Ja, nur um den Lorbeer des Dramatikers, nur um den Kuß der tragischen Muse mag ich in die staubige Arena hinuntersteigen, wo so oft die Kränze sich auf unwürdige Stirnen niedersenken.

*

Freitag.

Wie mich das aufregt. Bernhard schreibt wieder von der Möglichkeit, das Gut zu verkaufen. Eine große Brauereigesellschaft scheint darauf zu spekulieren. Wollen die am Ende gar eine Malzfabrik in unserm Schloß einrichten?

Armes Plessenberg! Das hättest du dir nicht träumen lassen damals, als du, eine feste Wasserburg, dem treuen Diezmann zu Lehen gegeben wurdest von Konrad dem Großen, dem ersten Wettiner, für seine tapfere Haltung in dem entscheidenden Kampf gegen Witprecht von Groitzsch, den Günstling des fränkischen Königs Heinrich des Fünften und Verbündeten aller aufständischer Slaven.

Und diese Bierbrauer sind natürlich die Nachkommen solcher Slaven. Die rächen sich nun; oder es sind gar Juden.

Ich bin außer mir. Warum ist er denn nicht Soldat geblieben, wenn er doch das Gut nicht retten will? Mit der Pächterwirtschaft, das konnte natürlich nicht lange mehr so weiter gehen. Aber wenn Bernhard nun auch die Bewirtschaftung übernähme: er versteht ja nichts von Landwirtschaft. Er hat gar keinen Sinn dafür. Wäre er wenigstens Soldat geblieben. Er könnte heut Major sein.

Aber er hatte freilich auch für das Militär keinen Sinn. Und wirklich war er für diesen Betrieb zu gebildet, zu intelligent.

Wenn ich's recht bedenke … ich würde es nie aussprechen; aber warum sollte ich es hier nicht schreiben. Unser Geschlecht, scheint mir, geht zugrunde an der Intelligenz. »Les intelligents« ist ja in Frankreich bereits zu einem Schimpfnamen geworden. Wenigstens zu einer Bezeichnung der Schwachen. Eine allzuhoch gesteigerte Intelligenz kann ein Fehler sein.

Ich bin außer mir. Und wie Mama den Brief ruhig hinnahm. Ihre Resignation empört mich. Sie nennt es christliche Ergebenheit. Schwäche ist es. Altersschwäche vielleicht. Sie trägt allerdings die Hauptschuld am Unglück; sie hat nach Papas Tod schlecht gewirtschaftet. Sie war zu unpraktisch. Sie hat vom praktischen Leben rein gar nichts verstanden. Sie war wie ein Kind.

Aber das kommt davon, wenn die Männer ihre Frauen mit Fleiß in der Unmündigkeit erhalten, ihnen am Geschäftlichen keine Teilnahme gönnen. Mama hat immer ein Leben geführt wie ein Kind; alles, was nur im entferntesten mit der leidigen Geldfrage zusammenhing, alles, was auf Geist und Gemüt auch nur einen Augenblick lang, dem flüchtigen Wolkenschatten gleich, verdüsternd einwirken kann, hat Papa aus Liebe und Zärtlichkeit ängstlich von ihr fern gehalten. Das war sehr kurzsichtig. Er starb früh, und das Unglück war da.

*

Montag, den 7. April.

Ich sollte nicht über meine Eltern zu Gericht sitzen, wie ich das letztemal tat. Ich am wenigsten. Denn ich weiß nur zu gut, wer den Grund gelegt hat zu unserem pekuniären Ruin. Mit Erröten denk ich daran.

Fünf Jahre war ich, und in dem Alter sollte doch ein Mädchen schon einigen Verstand haben. Aber immer ist bei mir die Phantasie mit dem Verstand durchgegangen. Die beiden Taglöhnerskinder waren erst drei und vier Jahre. Wahrlich, ich werde mein Leben lang vor mir selber erröten müssen.

Und dennoch muß ich bereits lebhaften Geistes gewesen sein, sonst könnte mir nicht alles noch heute so deutlich im Gedächtnis stehen, bis auf den Blick meines Vaters, als ich ihm nach der Katastrophe zugeführt wurde, diesen unendlich liebevollen, gar nicht strengen, aber seltsam ernsten Blick, der mir tief in die Kinderseele drang, daß ich in lautes Schluchzen ausbrach und Papa mich umarmen und Beruhigen mußte.

Noch lebhaft erinnere ich mich jeder Einzelheit: Wie wir die Hölzchen in der Taglöhnerswohnung nahmen aus einer Schachtel im Ofenwinkel, wie wir dann zu den großen Kornspeichern hinaufstiegen, die eben ganz leer waren – denn es war kurz nach der Ernte und noch kein Halm gedroschen – und dann durch die Obstkammern hindurch nach dem Heuboden. Ich selber habe das Hölzchen angestrichen an einem Tragbalken.

Als es dann um uns züngelte über dem dürren Heu und wie rotgoldene Schlänglein hin und her huschte, da begriffen die beiden Kleinen sofort und bekamen es mit der Angst, und die Vierjährige warf sich über die feurigen Schlangen, um sie mit Händen und Armen zu ersticken. Aber die waren schnell und liefen weiter, und überall schlüpften sie hin, und überall bäumten sie sich in die Höhe und wurden größer und größer.

War das ein Schauspiel! So was Schönes hatte ich noch nicht gesehen. Mir war wohl unendlich bang in der Brust, als ob es ein großes Unglück geben könnte, ein Unbegreifliches, Gräßliches; aber ich stand nur und machte die Augen groß auf. Das Herz stockte mir. Ich wußte nicht, was beginnen. Ich stand wie unter einem Bann. Die beiden andern mußten mich mit fortreißen, sonst wäre ich verbrannt. Wir retteten uns in die Speicher hinüber und horchten dort noch einen Augenblick auf das unheimliche Knistern.

Als wir im großen Hof ankamen, schlugen bereits die Flammen zu den Dachluken hinaus …

*

Da habe ich es nun niedergeschrieben … Mein Vater hat damals verboten – bei seinem Tod hat Mama mir's gesagt –, daß die Sache je vor mir erwähnt würde. So rücksichtsvoll war Papa.

*

24. April.

Ich zähle die Tage, bis wir nach Plessenberg gehen. Das Stadtleben ist nichts für mich. Ich mache hier, wie Schwester Hildegard sagt, immer Dummheiten, und wahr ist's, ich kann mich in den gesellschaftlichen Ton nicht schicken. Ich mag auch nicht. Ich muß immer offen herausreden, wie ich denke. Traurig genug, daß man das nicht darf, daß das Taktlosigkeit sein soll.

Ich passe nirgends hin als nach Plessenberg. Dort bin ich in meinem Element. Als Schloßfräulein, mit allen Würden und Pflichten eines solchen, da fühle ich mich bei mir selber.

Auf Plessenberg werde ich auch wieder arbeiten können. In dem hohen Turmzimmer eingeschlossen, von den Geistern der Vergangenheit umschwebt, da überkommt auch mich der Geist. Dort wird mir sicher der letzte Akt meiner »Judith« gelingen – anders, als er Hebbel gelungen ist.

Und zu denken, daß Plessenberg einmal nicht mehr unser sein sollte …

*

Sonntag Misericordias.

Ich weiß nicht, ob es recht war, was ich heute tat. Jedenfalls möchte ich es niemand erzählen – nicht einmal der Hildegard. Sie würde mich sicher wieder taktlos nennen. Mindestens unbesonnen, oder phantastisch, oder extravagant, oder was weiß ich, was.

Aber hier will ich es niederschreiben.

Ich hatte Besuch gemacht bei der Generalin und kam durch die Albrechtstraße zurück. Ich dachte an nichts weniger als an Erich, als ich ihn plötzlich – ich war noch etwa fünfhundert Schritte entfernt – mit seiner Frau aus dem Hause treten, in eine Droschke steigen und in entgegengesetzter Richtung davonfahren sehe. Mich hatte keines von beiden erkannt. Und ein seltsamer Gedanke durchzuckte mich. Ganz plötzlich kam mir's.

Ich besann mich auch keinen Augenblick. Ich stieg hinauf zu ihrer Wohnung, das Zimmermädchen öffnete. Ob die Frau Hauptmann zu sprechen sei. Das Mädchen bedauerte, eben seien die gnädige Frau und Herr Hauptmann ausgefahren. Ich nannte irgendeinen Namen, meine Karte hatte ich vergessen; ob ich das Kind nicht einen Augenblick sehen könne.

Und dann stand ich vor dem Bettchen der Kleinen. Sie schlief. Ein schmerzlicher Augenblick war's.

Von Rechts wegen gehörtest du mir, sagte ich. Etwas in mir zitterte. Ich stand und kam mir vor wie eine Norne, die dem Kinde Glück und Unglück bringen konnte. Ich mochte einen Augenblick einen bösen Blick haben. Das kleine Mädchen verzog schmerzlich das Gesicht wie zum Weinen! Da verbannte ich weit weg jeden Gedanken der Rache, freundlich mild ruhte mein Blick auf der Kleinen; ich erhob die Hand und murmelte einen Segen.

Dann schritt ich auf den Zehen aus dem Gemach, und schleunigst entfernte ich mich.

Mag mein Segen Kraft haben.

*

Aber nun fällt mir alles wieder aufs Herz, was ich Süßes und Schmerzliches mit Erich erlebt habe …

Und immer wieder kommt mir die Frage: Ob er mich wohl noch liebt? Sind diese Gedanken Sünde? Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, heißt das Gebot; für mich würde es heißen: Deiner Nächsten Mann. Aber begehre ich ihn?

Wenn ich glücklich bin in dem Gedanken, daß er mich vielleicht noch liebt, ist da Schuld dabei? Und soll's eine Schuld sein, er ist der Meineidige. Das heiligste Gelöbnis hat er gebrochen.

Meine Schuld ist die: daß ich ihn nicht hasse, daß ich nicht Abscheu empfinde bei dem Gedanken an ihn. Ich bringe es nicht fertig.

Wie oft muß ich an unsern Verlobungsmorgen auf Plessenberg denken und an den Rosenstock im Schloßgarten bei der hinteren Laube, wo er mich erwartete in der Frühe vor Sonnenaufgang. Da hat er mich geküßt auf den Mund, aber leise und ehrfurchtsvoll. Das sei nun unsere Verlobung, sagte er.

Es war der letzte Tag seines Urlaubs, zwei Stunden später reiste er mit Walter ab.

Niemand weiß um jenen Kuß. Bernhard oder Walter hätten Erich vor die Pistole gefordert. Aber wie es mit mir stand, das hatten die Brüder doch gemerkt und hatten Erich gebeten, seine Besuche bei uns zu unterlassen, wenn er nicht ernstliche Absichten habe.

Er ist nie wiedergekommen.

Einmal wollte ich mich gegen Bernhard vertrauensvoll auslassen; er schnitt mir das Wort vom Munde ab. Das sei nun einmal so. Einem armen Offizier seien die Hände gebunden. Er brauche Kaution, brauche Zuschuß. Er könne nicht heiraten, wen er wolle. Ein Prinz könne es auch nicht.

Das ist ja wohl so, darüber kann man nicht hinaus. Aber daß Erich Hesse eine Seifensiederstochter heiraten werde, hielt ich für undenkbar. Schwer Geld mußte sie haben. Seine Wohnung ist mit einem Luxus ausgestattet … in etwas protzigem Geschmack allerdings …

Heute fühle ich wohl, daß ich die Dumme war. Er hat mich gewiß heimlich noch ausgelacht.

Bernhard hätte eben in der ganzen Angelegenheit ein schärferes Auge auf seinen Kameraden haben müssen. Und auch auf mich. Er hat als Majoratsherr und Oberhaupt der Familie Pflichten, die er nach meiner Ansicht allzu leicht nimmt.

Er müßte alles tun, um seine Schwester standesgemäß zu verheiraten. Und er tut rein nichts.

Er hätte auch die Pflicht, selber zu heiraten, und zwar eine reiche Frau zu heiraten. Noch mehr als einem Offizier ist diese Pflicht ihm nahegelegt. Er hat das Gut übernommen; er hat es der Familie zu erhalten. Er ist in diesem Sinne kein Privatmann, der tun kann, was er will. Ein Prinz kann es auch nicht …

Sein fahriges Junggesellentum ist ein Verbrechen gegen die Familie.

*

Mai?

Wahrlich, es geht abwärts mit uns. Nun schreibt auch Walter, daß, wie die Sachen stehen, Plessenberg schwerlich zu halten sein wird; man müsse jetzt sein ganzes Augenmerk darauf richten, so viel als möglich herauszuschlagen.

Sind das Männer. Und ich, die einzige in der Familie, die Unternehmungsgeist hat und Energie, ich mußte ein Mädchen werden.

Es war schon nicht recht von Walter, und ich habe es nie gebilligt, daß er den Soldatenrock an den Nagel hing, um Maler zu werden. Darf so was ein Plessenberg tun? Bernhard hatte noch das Gut zur Entschuldigung. Aber Maler werden und in Paris auf dem Montmartre als Bohemien leben, wenn man im Heer seines Königs ein Anrecht auf die obersten Stellen hat. Was würde jener Botho von Plessenberg dazu gesagt haben, der als Hochmeister der Deutschherren im Jahre 1411 die Marienburg mit glänzendem Erfolg gegen den Polenkönig Wladislaw Jagello verteidigte, oder gar der treue Diezmann, der Gründer des Geschlechts, der nach der Niederwerfung des Witprecht von Groitzsch mit seinem Markgrafen in den Kreuzzug gegen die Obotriten auszog zum Schutze des Christentums und Deutschtums und im Jahre 1147 bei Stargard den Heldentod starb.

Ein Maler. Jeder Schuster kann seinen Jungen Maler werden lassen. Der alte Professor, der Hildegard Unterricht gegeben hat, war ein Taglöhnerssohn. Der Vater Böcklins war Leineweber.

Mochte Hildegard Malerin werden, gut; einem Mädchen mag das hingehen. Ein Mädchen hat keine höheren Aufgaben und Fähigkeiten. Ein Mädchen ist ausgeschlossen von kühnen Taten und Unternehmungen. Dafür kann die Kunst ihm Ersatz bieten. Auch gedeiht die Kunst, das sehen wir täglich deutlicher, besser unter den zarten Händen der Frauen als unter den kräftigeren, aber auch gröberen der Männer.

Die Kunst selbst ist eine weibliche Sache, und die Zeit wird nicht fern sein, wo ein rechter Mann es für weibisch halten wird, sich mit der Kunst abzugeben. Die Männer werden dann freiwillig dieses ganze zarte Gebiet uns Frauen überlassen, und gewiß nicht zum Nachteil der Kunst. Da wissen dann wir Frauen doch, wo hinaus. Ehemals hat man uns ins Kloster gesteckt; in Zukunft werden wir in die Kunst gesteckt werden. Und so ist es recht. Die Töchter für den Dienst der Musen – diese hehren Göttinnen wollen weibliche Priesterinnen – die Söhne für den Krieg, für den Kampf, für jeden Kampf, für jede Stelle, wo ein ganzer Mann erforderlich ist. Ein Landwirt steht ganz anders in der Hitze des Kampfes, als ein Offizier in Friedenszeiten. Aber der Landwirt muß dann auch wirklich kämpfen. Nicht die Hände in die Hosentaschen stecken wie unser Bernhard. Ein solcher, wenn er den Dienst des Königs verlassen hat, ist zweimal ein schlechter Soldat.

So, da steht es geschrieben.

Zwar, ich weiß recht gut, was Bernhard entschuldigt. In ihm steckt auch ein Künstler. Er steckt in jedem von uns. Aber daß wir uns darauf nur nichts einbilden. Der Künstler in uns ist es, der unsere Widerstandskraft erstickt, der uns unfähig macht zum Kampf. Unser Geschlecht wird daran zugrunde gehen.

Leider sieht es so aus. Höchstens habe ich noch einige Hoffnung auf den lieben Jungen, den Botho. Der ist ein strammer Leutnant, der wird das Beispiel seiner Brüder nicht nachahmen. Der soll, hoffe ich, seinem Namen Ehre machen. Seinem und unserm Namen.

*

St. Walpurgis.

Was ich gestern über die Kunst niedergeschrieben habe, könnte leicht mißverstanden werden; man könnte meinen, ich habe abfällig darüber reden wollen.

Nichts liegt mir ferner.

Ich wäre eine schlechte Künstlerin, wenn ich schlecht von der Kunst dächte.

Ich gedenke vielmehr, Großes in der Kunst zu vollbringen. Und ich denke davon so wenig schlecht, als ich schlecht vom Weibe denke, wenn ich auch weit entfernt bin, von den stupiden Gleichheitsideen der modernen Frauenbewegung.

Nicht die Arena des Kampfes, des Kampfes um die Macht, – sie wird immer die ausschließliche Domäne der Männer bleiben – die Kapellen der Andacht allein reklamiere ich für die Frauen. Und dazu gehört die Kunst. Gehört vor allem die Dichtung. Bei mehreren alten Völkern waren die Dichter Frauen.

Es kommt nur darauf an, daß wir einmal ein großes Beispiel aufstellen. Wir haben schon Annette von Droste-Hülshof. Und siehe, die vornehmste deutsche Dichterin war zugleich von vornehmem Stand; das ist ein Fingerzeig. Ihr Talent beschränkte sich freilich auf die Lyrik, das leichteste Gebiet der Dichtung. Was uns nottut, ist eine tragische Künstlerin.

Denn am entschiedensten wird der Frau die Befähigung zur Tragödie abgestritten.

Wir brauchen ein großes Beispiel.

Und wenn ich nun denke, daß ich vielleicht berufen bin … Nein, ich denke wahrlich nicht gering von der Kunst.

Die Hildegard freilich lächelt boshaft, wenn ich solche Gedanken ausspreche; sie glaubt nicht an mich. Glaubt sie überhaupt an etwas? Ihr Element ist Hohn und Spott. Sie gehört zu den verneinenden Geistern. Gescheiter ist sie ja wie ich. Aber zur Künstlerin im höheren Sinn des Wortes hat sie gewiß nicht das Zeug. Zur geschickten Handwerkerin vielleicht. Geld wird sie sicher einmal verdienen.

*

Pfingstsonntag.

Heute Botho zum Mittag essen bei uns. Wie ich ihn gern habe, den herzigen Jungen. Und wie ihm die Jägeruniform auf dem Leib sitzt. Der, glaub' ich, ist ein geborener Soldat; er wird seine älteren Brüder noch beschämen.

Er hat seit dem letzten Hofball einen Schwarm. Und niemand Geringeres ist es als die Tochter des kommandierenden Generals. Ihre Mutter ist eine italienische Fürstin, Ottilie heißt sie, wie ich. Wenn das ein Omen wäre!

*

Montag.

Am fünften Akt meiner »Judith« gearbeitet bis Mitternacht – bis mir schwindlich wurde; so war mir das Blut zu Kopf gestiegen. Dann ins Bett, aber keine Möglichkeit des Schlafs. Derselbe Zustand, wie schon oft nach der Arbeit. Eine unglaubliche Aufregung und Unruhe – und ein nicht Loskommenkönnen von gewissen Gedanken und Phantasien.

Früher habe ich so was manchmal in Heiligenlegenden gelesen, da kannte ich es noch nicht selber. Jene Heiligen klagten sich dann großer Sünden an. Aber man kann doch nichts dafür. Man tut doch nichts dazu.

Kämpfen muß man freilich dagegen. Aber, wenn es dennoch nichts nützt?

Ich bin endlich aufgesprungen, habe Licht gemacht und nach der Bibel gegriffen.

Und seltsam, ich schlug aufs Geratewohl auf und stieß im ersten Korintherbriefe im siebenten Kapitel auf den Vers: Besser freien, denn … Wie Luther das brutal übersetzt. Ich konnte es nicht über mich bringen, das Wort hierher zu schreiben, obwohl es ein Wort ist aus der Heiligen Schrift. Von sich selber sagt es Paulus, d. h. er läßt es durchblicken, daß er unangefochten in Keuschheit und Enthaltsamkeit gelebt. Aber er muß das andere doch auch gekannt haben; wie hätte er sonst wissen können, was für ein böser Zustand es ist.

Besser freien, denn …

Aber kann ein armes Mädchen nur so freien? Das liegt doch gar nicht an ihm.

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Dienstag.

Ich habe gestern zuletzt ein kaltes Bad genommen, dann bin ich eingeschlafen. So werde ich es jetzt immer halten.

Dabei eine merkwürdige Erfahrung gemacht. Ich bilde mir manchmal ein, fromm zu sein – nein, das ist zu wenig gesagt – ich bin wirklich davon überzeugt. Beten ist mir eine höchste Lust. Auch gestern in meiner Unruhe und Herzensangst habe ich gebetet. Es war nur umsonst. Aber nach dem Bad, als ich mich unvermutet im großen Spiegel sah, da bin ich in Verwunderung erschrocken vor meiner eigenen Schönheit. Ich hatte gar nicht gewußt, daß mein Körper so schön sei. Ich habe mich da sozusagen selber entdeckt. Und mit hohem Stolz hat mich der Anblick erfüllt. Und – das muß ich unterstreichen, der Stolz gab mir Kraft; der Stolz hat mich stark gemacht. Er hat mehr vermocht als das Gebet.

Wie rätselhaft!

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In den Zeitungen heute das Telegramm des Kaisers an den Präsidenten Krüger. Endlich einmal eine wahrhaft deutsche, eine wahrhaft christliche Tat. Davor fällt vieles ab, was wir seit lange gegen »Ihn« auf dem Herzen hatten. Sogar seine ewigen Verbeugungen vor Katholizismus und Papsttum kann ich ihm heute verzeihen.

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18. Juni.

Aber das ist ja eine skandalöse Geschichte. Durch einen Zufall bin ich dahinter gekommen: Bernhard hat eine heimliche Frau – oder wie man das nennt – und eine Tochter von fünf Jahren.

Dieser Heimtücker.

Nun ist's klar, warum er zu keiner anständigen Heirat kommt.

Er wird's natürlich wieder Feingefühl nennen, das ist sein drittes Wort.

Ein feines Gefühl wär's, wenn er fühlte, was er der Familie schuldig ist. Wenn er wirklich Feingefühl hätte, müßte er das begreifen: Wer ein altgegründetes Haus in Ansehen und Macht erhalten will – und erhalten müßte, schon aus Pflichtbewußtsein gegen die Angehörigen der Familie – für den darf Heirat und Ehe nicht von Liebe und Laune abhängen, das muß er dem Volke überlassen; sondern er muß die Ehe begreifen als einen der wichtigsten Faktoren der Familienpolitik, wo die Sentimentalität nichts und die weitsichtige Vernunft alles zu entscheiden hat.

Es gibt wirklich verschiedene Morale für verschiedene Aufgaben.

Er kann nur andern predigen. Als ich mich entschlossen habe, Schriftstellerin zu werden, hat er mir auch eine Moralpauke gehalten. Sie war eigentlich in hohem Grad beleidigend.

Er gäbe seine Erlaubnis zu meinem Entschluß, hat er gesagt, – wie großmütig; aber mit moderner Moralauffassung, wie man sie jetzt bei Schriftstellerinnen so häufig antreffe, soll ich ihm ja nicht kommen, jedenfalls nicht in der Praxis. Er würde mich ausstoßen aus der Familie, und nie mehr wieder dürfte ich ihm unter die Augen treten.

Na, ich habe ihm heute auch ein Wörtlein gesagt. »Ich bin keine Emanzipierte,« habe ich ihm erklärt; »aber als Künstlerin bin ich eine freie Person und nicht abhängig von dir. Und seitdem ich weiß, was du dir erlaubst – zum großen Nachteil der Familie – spreche ich dir das Recht ab, mein Richter sein zu wollen. Was mir auch einmal passieren sollte, du kannst mich verleugnen – meinet wegen, aber nicht ein Wort des Vorwurfs werde ich von dir annehmen.«

Ich war im Innersten empört. Ich weinte zuletzt vor Wut.

So traf mich Mama und wollte wissen, was es gebe. Ich sagte ihr alles. Sie war aber von allem unterrichtet.

»Und du billigst das,« rief ich aus, indem mir aufs neue die Zornestränen über die Wangen rollten. Und dann sprach ich zu Mama, wie ich vorher zu Bernhard gesprochen hatte: daß ich mir von nun an alle Bevormundung verbäte und nicht gesonnen sei, mir in meinem Betragen Vorschriften machen zu lassen. Ich würde für nichts stehen. Auch fürs Ärgste nicht. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig.

Mama war ganz klein geworden. Ich las eine ungeheure Angst in ihren Augen. »Du wirst doch deiner alten Mutter keine Schande antun wollen,« stotterte sie.

Da übermannte mich das Mitleid. Ich fiel ihr um den Hals: »Es fällt mir ja gar nicht ein,« sagte ich lachend; »ich glaube ja kein Wort von dem, was ich sage, dafür kennst du doch deine Tochter.«

Sie umarmte und küßte mich in dankbarer Rührung.

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19. Juni.

Dieser Graf Zobel kommt in letzter Zeit etwas häufig ins Haus. Er hat gegen mich ein eigentümliches Betragen, besonders, wenn wir einen Augenblick allein sind. Es scheint fast, als ob er irgendwelche Absichten hätte. Ob's aber ehrliche sind – ich meine Heiratsabsichten … Ein ritterlicher Charakter ist er jedoch ohne Zweifel. Er sollte freilich nicht solch ein Bäuchlein schon haben. Sein Kahlkopf ginge noch …

Er ist mit Bernhard zusammen ins Kadettenhaus eingetreten und ist nun bereits Major. Das könnte Bernhard auch sein …

*

20. Juni.

Mit Mama heute noch einmal eine ernste Auseinandersetzung wegen Bernhard.

Mama sagte folgendes: »Liebe Ottilie, du bist in einem argen Irrtum. Du willst keine Emanzipierte sein, du sagst immer, wie unsympathisch dir die moderne Frauenbewegung sei. Aber du scheinst doch in bedenklicher Weise ihre Anschauungen zu teilen, ohne dir's bewußt zu werden. Glaub' deiner alten Mutter, sowohl die Religion wie die Vernunft haben von jeher das Weib unter eine andere Geschlechtsmoral gestellt als den Mann, haben dieselbe Handlung anders beurteilt, wenn sie vom Weib, als wenn sie vom Mann begangen wurde, schon weil die Konsequenzen andere sind. Was die Modernen behaupten: daß Mann und Weib gleich sei, – diese Frage ist zugleich irreligiös und irrationell. Es ist die kurzsichtigste Irrlehre, die man je zu verbreiten gesucht hat. Das sagt dir in feierlicher Stunde deine eigene alte Mutter. Und sie hat sich's wohl überlegt, ehe sie so zu dir sprach.«

Sollte Mama recht haben? Ich werde ernstlich darüber nachdenken.

*

?

Also dennoch Krieg. Die armen Buren. Und diese Engländer wollen eine christliche Nation sein – sogar die christlichste, wenn man sie hört; vielleicht sogar die einzige wahrhaft christliche … Wenn der Patriotismus solche Früchte trägt, darf man ihn da überhaupt eine Tugend nennen im christlichen Sinn des Wortes?

*

(D. fehlt.)

Ein Brief von Walter. Er will nach München übersiedeln. In vierzehn Tagen schon will er von Paris abreisen.

Mir soll's lieb sein. Das gibt mir Aussicht, einmal länger in München zu wohnen. Und wirklich, darauf könnte ich mich freuen. Eine vornehme Stadt soll ja München nicht sein, vielmehr soll das Leben dort einen recht plebejischen Stil haben. Aber Künstlerluft ist dort und Freiheit: Ich sage Freiheit, man braucht die Freiheit ja aber nicht zu mißbrauchen, und Dresden mit seinem steifen dummen Ton in der besseren Gesellschaft wird mir auf die Länge tötlich.

In München wäre ich eine unabhängige Fremde, nur Künstlerin, und könnte mir einen Verkehr auswählen, wie er mir paßte. Hier bin ich zwischen die Menschen der Konvention eingepfercht, bin wie ein armer Fisch, der in einem Netz hängt; er möchte untertauchen in sein Element, aber grausame Fäden halten ihn gefangen, daß er verschmachten muß.

Von München träume ich schon lange. Ich würde die Baronin Rödern aufsuchen, die früher mit Hildegard befreundet war. Das arme Ding scheint von der Familie ganz verstoßen zu sein. Was da nur vorgekommen sein mag? Ich würde aber doch zu ihr gehen, vielleicht heimlich, ohne Walter etwas davon zu sagen, ein Künstler darf keine Vorurteile haben.

Hebamme soll die Baronin sein. Eigentlich ein schrecklicher Gedanke. Bernhard hat ihre Brüder gekannt. Die trieben es hoch. Der eine war Rittmeister bei den siebenten Dragonern; er soll lange die Mariette Seuber vom Ballett unterhalten und ungeheure Summen an sie verschwendet haben.

Wir armen Mädchen werden ungerecht von unseren Familien behandelt.

Baronin und Hebamme. Wie entsetzlich. Da darf ich Gott danken, daß ich Talent habe. Nur die Kunst kann uns Frauen bei dem Niedergang unserer Familien noch hochhalten, um so mehr müssen wir zeigen, daß wir ihrer würdig sind, indem wir unsererseits die Kunst in die Höhe bringen.

Ich bin wirklich ganz voll von dem Gedanken an München. Aber das hat noch gute Wege, und einstweilen winkt Plessenburg. Noch fünf Tage! Das wird ein Jubel sein. Wir wohnen hier in der Stadt doch elend eng.

*

Plessenberg, Petri und Pauli.

Erste Zeilen, die ich wieder in meinem achteckigen Turmzimmer schreibe. Was wird mir hier diesen Sommer über aus der Feder fließen? Werde ich meine »Judith« vollenden?

*

4. Juli.

Besuch im Dorf bei der Dräsecke. Sie hat vor zwei Tagen ein Kind geboren, das siebente, glaube ich, und klagt, daß sie schwach und elend sei. Ein Wunder ist's nicht. Das arme Weib darf sich wohl selten satt essen, und da hat ihre Schwangerschaft sie doppelt heruntergebracht.

Ein wenig sind die Leute selber schuld an ihrem Elend. Als sie noch beide bei Pachters auf dem Gut arbeiteten, brauchten sie nicht zu hungern; nun geht er zur Stadt in die Fabrik, weil er da höheren Lohn kriegt. Er bringt leider wenig davon nach Hause. Mehr als die Hälfte geht für Bier und Schnaps darauf.

Ich habe der Dräsecke gesagt, daß ich ihr für die nächsten drei Wochen alle andern Tag einen Topf Fleischsuppe und auch einen Brocken Fleisch darin schicken werde. Sie schien gar nicht einmal sehr entzückt davon. Wenn ich ihr ein paar Pfund Zucker und Kaffee versprochen hätte, wär's ihr wohl viel lieber gewesen. Die Leute sind so an ihre ewige schlechte Kaffeebrühe, vielmehr Zichorienbrühe gewohnt, daß sie eine ordentliche Nahrung gar nicht mehr zu schätzen wissen.

Von den Kindern waren die vier Jüngsten in der Stube. Sie sahen furchtbar verwahrlost aus. Es hatte sich, scheint's, seit drei Tagen kein Mensch mehr um sie gekümmert. Ich habe sie gewaschen und ein bißchen hergerichtet. Das älteste habe ich fortgeschickt, ein Brot beim Bäcker zu holen. Sie sind mehr als gierig darüber hergefallen.

Ich habe mich gewundert, wie ich's in der schlechten Luft der niederen Stube so lang ausgehalten habe.

Als ich zurückkam, fing Bernhard wieder sein altes Lied an: Ich sollte Johanniterin werden, das wäre eine vornehme, standesmäßige Versorgung; Schriftstellerin dagegen, das sei nicht viel besser als Abenteuerin. Und so ganz sicher könnte ich ja doch nicht sein, Talent zu haben.

Ich habe ihm kein Wort erwidert, habe ihn stehen lassen und bin auf mein Turmverlies heraufgestiegen.

Hier hat mich zuerst ein krampfhaftes Weinen überfallen. Nach und nach bin ich ruhiger geworden. Ich bin ja im Grund selber schuld, daß er mich immer wieder quält. Wenn ich ihm seinerzeit die Wahrheit gesagt hätte, ließe er mich längst in Ruhe.

Nun meint er immer noch, ich habe aus reiner Laune meinen Posten im Kaiserin-Augusta-Hospital verlassen, einfach, weil ich der Sache überdrüssig geworden war. Er weiß nicht, daß ich eigentlich weggeschickt worden bin.

Es hätte mich damals gedemütigt, die Wahrheit zu sagen. Gelogen habe ich ja nicht. Man hat mir bei meinem Abgang ein gutes Zeugnis geschrieben, und ich brauchte mich nicht selber schlecht zu machen. Sollte ich erzählen, daß man mich zuerst in der Männerabteilung für unbrauchbar erklärte mit der Begründung, daß mein Umgang mit den Kranken (wie der Ausdruck der Oberin lautete), zu wenig sachlich sei, daß ich zu viel Persönliches in den Verkehr hineinlegte, oder, wie sagte sie gleich? – daß ich mein persönliches Fühlen zu sehr in den Dienst mische, ja, daß mein Betragen manchmal an Taktlosigkeit streife … Und später in der Kleinkinderabteilung: daß ich oft zerstreut sei, daß man sich nicht absolut auf mich verlassen könne …

Ich war damals innerlich beschämt. Denn das alles waren doch sehr bedenkliche Zurechtweisungen, und ich hätte mit niemand davon sprechen mögen, am wenigsten mit meinem Bruder Bernhard.

Heute bin ich darüber hinaus. Seitdem ich mich überzeugt habe, daß ich zur Künstlerin geboren, können mich jene Rügen nicht mehr anfechten. Eine Dichterin soll keine Krankenwärterin sein. Was in dem einen Dienst ein Fehler ist, kann in dem andern Beruf eine Tugend und Tüchtigkeit sein.

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5. Juli.

Walter ist in München. Sein Freund Wehrmüller ist auch mit übergesiedelt. In der Nymphenburgerstraße, Haus an Haus, haben sie ihre Ateliers gemietet.

Walter schreibt ganz entzückt von der Schönheit Münchens. Man dürfe aber dabei nicht an Dresdener Nettigkeit und Sauberkeit denken, überhaupt nicht an das, was der Bürger schön nennt, oder gar, was seine Frau als reizend bezeichnet! Aber so weite großartige Perspektiven wie in München werde man nicht leicht in einer andern deutschen Stadt antreffen.

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8. Juli.

Auf Bernhard bin ich immer noch bös. Am meisten hat es mich gewurmt, daß er mein Talent in Zweifel gezogen hat.

Er hat es auch nur getan, weil er mich mit aller Gewalt zur Krankenwärterin machen möchte. Aber wenn ich mich auch nicht als Künstlerin fühlte, würde ich in diesem Beruf doch keine Befriedigung finden. Ich würde unglücklich werden. Ich bin selber viel zu gesund, um mein Leben lang Kranke zu pflegen. Lasset die Toten ihre Toten begraben, hat der Herr gesagt; das Wort kann man auch auf die Krankenpflege anwenden.

Nein, ich fühle einen zu heißen Lebensdrang in mir, um mich in einem Spital lebendig zu begraben. Ein fürchterlicher Durst nach Leben schreit in mir. Als ich jünger war, wurde ich das gar nicht so inne.

O, wenn doch Walter mich in München haben wollte …

In die gute Gesellschaft, wie sie in Dresden beschaffen ist, passe ich ganz und gar nicht. Da müßte ich notwendig versauern. Ich bin da die Überlegene – das fühle ich doch – und immer ziehe ich mir Beschämungen zu. Die andern sind natürlich vollkommen – weil sie gezirkelt sind. Ich bin eine künstlerische Freihandzeichnung.

Mir fällt da just eine Kindergeschichte ein, die charakteristisch ist. Ich war in den Ferien bei den Gräflichen von S… zu Besuch, die Töchter waren Pensionatsfreundinnen. Eines Tages, die Veranlassung weiß ich selber nicht mehr, geraten wir zusammen in Streit, die Komtesse Zoe und ich; es war im Park, die Gräfin kam zufällig dazu und machte uns ernste Vorhalte. »Ach, ruf ich aus, was ist da viel daran: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich …« Aber fast blieb mir meine wunderbare Sentenz im Halse stecken, ein solch furchtbares Gesicht machte die Gräfin. Sie hat kein Wort mehr mit mir gesprochen und dafür gesorgt, daß meine Abreise auf den nächsten Tag anberaumt wurde.

Und ich hatte doch nur geschwatzt als unbedachtes unschuldiges Kind, und hatte gedankenlos, ob sie nun passen mochte oder nicht, eine Redensart angebracht, wie ich sie eben irgendwo aufgeschnappt hatte. Die Bedeutung der Wörter war mir ja gar nicht klar.

Aber man hielt sich an die starken Ausdrücke und fand es entsetzlich, daß ich eine Komtesse Pack genannt hatte.

Der Fall ist typisch; er hat sich seither, mit unendlicher Variation, hundertmal wiederholt.

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10. Juli.

Als ich heute einige Szenen in der »Judith« durchlas, stieß ich auf den Ausdruck: »Die ganzen Einwohner.« Es sollte natürlich heißen: »Alle Einwohner.« Ich bin ordentlich rot geworden über diesen – sagen wir Sachsonismus.

Doch muß ich mir das Zeugnis geben, daß mir selten so was aus der Feder fließt. In der Umgangssprache ertappe ich mich schon öfter darauf, aber da liegt mir weniger daran.

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11. Juli.

Heute, Sonntag, mit der ganzen Familie in der Schloßkapelle zum Abendmahl gegangen. Nachher in der Bibel gelesen. Dabei bin ich, wieder im ersten Korintherbrief, auf den Vers gestoßen: »Das Weib ist seines Leibes nicht mächtig, sondern der Mann.« Was für ein Buch der Weisheit ist doch die Bibel! Gewisse Schlaflosigkeiten fielen mir ein, woran ich in letzter Zeit wieder öfter litt.

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13. Juli.

Aufregender Brief aus München. Walter scheint es, trägt sich mit Heiratsgedanken. Er spricht noch etwas dunkel von seinen Absichten. Doch so viel scheint mir deutlich aus seinem Schreiben hervorzugehen: daß »sie« keine von unserem Stande ist. Meinetwegen. Wenn er eine Zigeunerehe haben will … er ist einmal Maler.

Aber Mama und Bernhard sind sehr beunruhigt über die einstweilen andeutungsweise in Aussicht gestellte Schwiegertochter und Schwägerin. Bernhard hat's freilich nötig, mit seiner – – – sie soll früher Ladnerin gewesen sein. Bernhard hat ihr ein kleines Weißzeuggeschäft eingerichtet. Ich möchte die Person einmal sehen. Sie wird doch wenigstens hübsch sein. Und ihre Tochter … Die hätte ja das Recht, Tante zu mir zu sagen.

Sind das närrische Sachen. – – –

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16. Juli.

Hebbels »Judith« scheint mir immer mißlungener, je mehr ich darüber nachdenke. Der eine Hauptfehler liegt darin, daß er das einfache klare Motiv zur Tat, d. h. den Entschluß der Heldin, unnötig in einen mystischen Nebel eingehüllt hat. Und der zweite: daß er es für nötig gefunden, die Heldin ihres reinen Jungfrauencharakters wenigstens halbwegs zu berauben. Wie konnte er nur die geheimnisvolle Symbolik verkennen, die diesem Stand innewohnt in der Poesie und Religion aller Völker, diese Symbolik des Priestertums, der Gottgeweihtheit, auch des heiligen Opfers selber, des Opferlamms.

Die tiefste Mystik aller Religionen, die im Stoff lag, hat Hebbel verkannt und dafür eine eigene hineingetragen – er, der nüchterne nordische Protestant.

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17. Juli.

Hedwig von Wimmern war acht Tage zu Besuch hier; sie hat mich wieder an all unsere Mädchenstreiche erinnert, und wir mußten oft lachen über die Harmlosigkeit unserer Unternehmungen, die uns seinerzeit wahre Großtaten schienen.

Wie unschuldig war doch auch jene Badegeschichte, die wir mit furchtbar bösem Gewissen ins Werk setzten. Ich weiß nicht, wie wir auf den Gedanken kamen, aber wir faßten eines Tages den Entschluß, einmal gemeinschaftlich in demselben Kabinett zu baden. Wir hatten damals zusammen Zeichenunterricht bei dem alten Oeser und nach der Stunde begaben wir uns schnurstracks nach dem Sophienbad und verlangten eine Doppelkabine. Wir müssen recht verlegene Gesichter gemacht haben, denn ich sehe noch heute die Badefrau vor mir, die uns eigentümlich schmunzelnd zulächelte, was mich noch mehr in Verlegenheit brachte. Auch klopfte mir das Herz hörbar, als wir zusammen in die Kabine traten, und das erste, was ich tat, war, daß ich den Vorhang zwischen den beiden Bassins zuzog. So voneinander getrennt, fingen wir an, uns auszukleiden. Wir waren dabei mäuschenstill; es muß uns beiden gar nicht wohl bei der Sache gewesen sein.

Erst im Wasser gewannen wir wieder einigen Mut und machten ein lautes Geplätscher, worüber wir gegenseitig lachen mußten. Da war das Eis gebrochen und wir strampelten immer toller. Die Hedwig rief mir zu, ich sollte doch einmal zu ihr hinüberkommen; ich wagte es nicht. Es sei ja nichts daran, ich solle doch kommen! »So komm du,« rief ich zurück. Sie wollte aber auch nicht.

Wir verließen endlich das Wasser und kleideten uns an. Darnach fanden wir, daß wir uns einfältig benommen hatten.

Aber so waren wir erzogen, so tief war uns die Schamhaftigkeit eingepflanzt.

Erst vor kurzem habe ich zum erstenmal meinen eigenen Körper angeschaut. Und gewiß, es ist etwas Schönes und Heiliges um das Schamgefühl. Aber was bedeutet eigentlich die Scham? Kleine und halbwüchsige Kinder schämen sich noch nicht.

Ist die Scham eine Waffe? Ist sie ein christliches Sünden- und Schuldgefühl?

Warum schämten wir Backfische uns damals voreinander? War vielleicht doch etwas in unsern Gedanken, nur nicht klar bewußt, etwas, worin für unser dunkles Gefühl, fast möchte ich sagen, für unsern christlichen Instinkt, etwas Sündhaftes lag?

In Wahrheit ist diese Art, sich zu schämen, doch das gerade Gegenteil von absoluter Unschuld, ich könnte auch sagen, von reiner Naivität. Christlich ist sie wohl. Schiller würde sagen: sentimentalisch. Und einen großen Nachteil hat sie sicher: der naiven Kunstbetrachtung und der naiven Kunstausübung ist sie hinderlich.

Ich merke das manchmal, während ich an meiner »Judith« schreibe.

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18. Juli.

Der fünfte Akt der »Judith« macht mir fürchterlich zu schaffen.

Wer hat aber auch in unserer Zeit einen guten fünften Akt gemacht? Bei Hauptmann sind die fünften Akte fast alle zusammen erbärmlich.

Manchmal kommen mir Zweifel, ob die Geschichte der »Judith« sich überhaupt zur Tragödie eigne; ob sie zu diesem Zweck nicht vollständig umgemodelt werden müsse. Zum Beispiel so: Indem die Judith den Holofernes kennen lernt, verliebt sie sich in ihn, kann es nicht über sich bringen, ihn zu töten, und während sie miteinander die Brautnacht feiern, überrumpeln die Männer von Bethulien das Lager; Holofernes fällt im Gewühl, Judith wird in die Stadt zurückgebracht und gesteinigt.

Aber diese Motivierung wäre vielleicht zu modern empfunden. Zu sentimentalisch, wie Schiller sagen würde.

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23. Juli.

Walter hat wieder geschrieben. Er wird diesmal deutlicher. Er scheint fest entschlossen zu sein, das Mädchen zu heiraten. Er hat sie schon vor zwei Jahren in Paris gekannt. Sie sei dort Gesellschafterin bei einer deutschen Dame gewesen.

Wahrscheinlich ist Walter nur ihretwegen nach München gegangen.

Franziska heißt sie. Sie sei eine Waise, stamme übrigens aus einem großen Bauernhof aus dem Schwarzwald. Mit diesem Herkommen könnte ich mich versöhnen. Die Großbauern auf dem Schwarzwald waren immer freie Leute. Sie sind eine Art Bauernadel, Rittergutsbesitzer im kleinen.

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28. Juli.

Wegen meiner Variationen von letzthin über die Judith muß ich heut lachen. Ich hatte meinen Gedanken, die Judith sich in den Holofernes verlieben zu lassen, für Wunder wie originell gehalten; nun fällt mir ein, daß das ja eine Schillersche Idee ist: siehe Jungfrau von Orleans.

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29. Juli.

Heut, langer einsamer Gang durch die Felder. Soweit das Auge reichte, goldene Weizenflur. Darüber blauer Himmel; eine einzige große leuchtend weiße Wolke. O Sommerschönheit, wie du das Herz mit Jubel und Entzücken füllst.

In acht Tagen wird die Ernte beginnen.

Muß es schön sein, als ein wohlhabender, unabhängiger Landwirt sein Gut zu bewirtschaften. Einem solchen Manne möchte ich am liebsten Gehilfin werden. Jeder Tag wäre dann mit reicher Tätigkeit ausgefüllt. Man wäre unentbehrlich an seinem Platz und hielte sich unentbehrlich für die Welt. Das gäbe Selbstgefühl; künstlerische Beschäftigung ist dagegen nur eine feine Art Müßiggang.

Und wenn man gar zweifeln müßte an seinem Talent.

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30. Juli.

Mit Mama heut bei der Pächtersfrau vorgesprochen. War das Weib widerwärtig süßlich. Von der früheren demütigen Ergebenheit keine Spur mehr. Nun ist alles geheuchelte Kriecherei. Ja, ja, die haben ihre Schäfchen, wie man sagt, im Trockenen; geschoren haben sie das unsrige.

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30. Juli. Spät abends.

Lese seit einigen Tagen ein kurioses Buch: Liebesleben in der Natur, von Wilhelm Bölsche. Manches, z. B. was er von Schnecken berichtet, habe ich schon als Kind beobachtet, natürlich, ohne zu verstehen. Damals konnte ich oft im Frühling stundenlang am hinteren Wallgraben sitzen und dem Treiben des Getiers zusehen. Als ganz kleines Mädchen habe ich meine Beobachtungen zu Märchen umgedichtet. Später, als ich dann manches zu begreifen anfing, empfand ich öfter etwas wie Ekel; besonders bei den Fröschen. Der Anblick erweckte in mir ein eigentümliches Gruseln. Mir dämmerte die Ahnung, daß die Tiere schamlos sind.

Sie haben eben nicht vom Baume der Erkenntnis gegessen, d. h., sie sind eingehüllt in das deckende Gewand der Unbewußtheit, Innocentia. Unschuld sagt zu viel und auch wieder zu wenig.

Bölsche schildert oft allzu eingehend gewisse Einzelheiten, die doch eigentlich nur in die Naturgeschichte gehören. Sein Buch aber ist gewiß nicht reine Naturgeschichte.

Ich möchte sagen, es ist ein schlechtes Buch. Es ist sentimental, wo die Sentimentalität am wenigsten am Platze ist. Es trägt menschliche Gefühle bis in die unterste Tierwelt hinein. Überhaupt sind diese Naturforscher, oder Halbnaturforscher, unbegreifliche Leute: sie machen zuerst den Menschen zum Tier und dann das Tier zum Menschen.

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2. August.

Heureka, ich hab's. Auf einem Gang den Wiesenpfad hinauf, an den alten Weiden vorüber, fand ich ihn, den lang gesuchten goldenen Schlüssel – in hohlen Weidenbäumen sollen Elstern manchmal gestohlene goldene Gegenstände versteckt haben – fand ich den Schlüssel zum fünften Akt meiner »Judith«. Ich kam gerade an Hildegard vorüber, die unter einer der Weiden saß und Kühestudien malte, und ich habe sie leidenschaftlich umhalst und geküßt. Sie fragte mich, ob ich verrückt geworden, oder was denn los sei. Ich hielt den Finger an die Lippen. »Geheimnis,« sagte ich, »aber bald sollst du alles erfahren.«

So erfahre ich vielleicht, daß der kreißende Berg eine Maus geboren hat, sagte sie mit ihrem bekannten Nasenrümpfen. Ich werde gewiß nicht mehr expansiv gegen sie sein.

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Freitag.

Botho wird morgen kommen; er hat vierzehn Tage Urlaub. Das erstemal, daß ich mich auf den goldenen Jungen nicht wahnsinnig freue; er hätte seinen Urlaub noch aufschieben können, bis meine »Judith« fertig war. Die Kunst sagt auch: Wer Vater und Mutter, wer Bruder und Schwester mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.

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Montag.

Botho ist seit drei Tagen hier, und wir schwärmen viel zusammen herum. Er ist von der ganzen Familie gegen mich am mitteilsamsten.

Er schwärmt mehr als je für seine Ottilie. Vor vierzehn Tagen war großes Gartenfest bei der Fürstin Schönburg; da hat sie ihm drei Tänze gewährt. Das mußte fast auffallen; mit seinem andern hat sie mehr als einmal getanzt.

Sie begegnen sich täglich zur bestimmten Stunde auf der Promenade; es ist keine ausgesprochene Verabredung dabei, und es ist doch Verabredung. Sie sei die Güte selber.

Wenn der arme Junge diese Eroberung machte!

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4. August.

Heute das Manuskript der »Judith« an den Verleger abgeschickt!

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Sonnabend.

Große Aufregung in der Familie. Walter schreibt, er möchte uns die Franziska auf eine Woche oder zwei schicken, daß wir sie kennen lernen. Mama soll umgehend antworten, ob es ihr recht ist.

Sie ist noch unentschlossen, und fast bestürzt ist sie über die Zumutung. »Das heiß ich einmal einem die Pistole auf die Brust setzen,« sagte sie.

Aber sie kann doch unmöglich ablehnen. Bernhard als Gutsbesitzer möchte wohl; aber er will doch auch Walter nicht verletzen.

Ich denke, Mama schickt morgen die Einladung.

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6. August.

Bernhard heute für Graf Zeppelin geschwärmt, der im deutschen Freikorps bei den Buren sich rühmlich ausgezeichnet; so ist Bernhard. Er kann für Helden schwärmen; er selber aber bleibt ruhig hinter seinem Ofen.

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9. August.

Antwort vom Verleger. Nicht sehr ermutigend. Sechshundert Mark soll ich bezahlen als Ersatz für die Kosten.

Das käme ja hundertmal herein, meinte er, wenn mein Drama aufgeführt werde. Aber ich verspreche mir wenig vom Theater. Eine Zeit, für die Hauptmann ein bedeutender Dramatiker ist, kann unmöglich Verständnis haben für die Tragödie großen Stils.

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10. August.

Morgen kommt Franziska an. Ich bin wirklich ungeheuer begierig.

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Himmelfahrt Mariä.

Um sieben Uhr heute früh ist Franziska wieder abgereist; ich habe sie an die Station begleitet, wo ich sie vor drei Wochen auch allein mit dem Wagen abgeholt hatte. Bernhard weigerte sich, ihr die Ehre anzutun. Man dürfe nicht gleich zu weit gehen, noch sei ja die Verlobung nicht fest.

Sie hat aber allgemein einen guten Eindruck gemacht; in den ersten Tagen war sie wohl etwas befangen, aber dann wurde ihr Betragen frei und sicher. Ich habe darauf bestanden, das Schlafzimmer mit ihr zu teilen, um sobald als möglich recht intim mit ihr zu werden. Wie soll man sonst jemand kennen lernen.

Freilich bin ich ordentlich erschrocken, als sie am ersten Abend vor dem Zubettgehen ihre Nachttoilette machte und ein schwarzseidenes Nachthemd anzog. Ich konnte ihr auch meine Verwunderung nicht verbergen. Das habe sie sich in Paris so angewöhnt, sagte sie. Mir schien das eine sehr merkwürdige Sitte, und ich wußte nicht recht, was ich davon halten sollte.

Auch habe ich sie am zweiten Abend überredet, daß sie sich meiner Wäsche bediente.

Schön ist sie; schlank, fast etwas mager, mit wunderbarem bläulich-schwarzem Haar. Sie scheint von rein keltischer Rasse; neben unserer sächsischen Blondheit nimmt sie sich wie eine Südländerin aus.

Ich kann begreifen, daß Walter wahnsinnig in sie verliebt ist.

Ich wurde es fast selber, und ich habe mir gleich vorgenommen, von Walters Partei zu sein, wenn sie ihm Schwierigkeiten machen sollten.

Aber es scheint nicht. Mama äußert sich etwas zurückhaltend, aber durchaus wohlwollend über sie.

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Sonntag.

Also, dieser Schritt wäre getan; möge nun der Himmel über mein Schicksal entscheiden.

In dem Augenblick, wo München mit seinen tausend verlockenden Aussichten mir zum Greifen nahe gerückt ist und der Druck meiner »Judith« beginnt, die meinen dichterischen Ruhm begründen soll, habe ich, soviel an mir liegt, einen feierlichen Verzicht gelobt und habe für eine heilige Sache mich selber zum Opfer angeboten.

Bernhard sah mich ungläubig an, als ich ihm meinen Entschluß mitteilte. Ich las fast etwas wie Mitleid in seinem Blick, als ob er sogen wolle: Sie renommiert wieder einmal.

Aber er merkte bald, daß es mir ernst sei, und dann ist er doch fast ein wenig erschrocken. Er sagte zuletzt, daß er mir nie dazu geraten hätte, denn man brauche, wenn man sich eine Pflicht wähle, nicht gleich nach der schwersten zu greifen; wenn aber mein Entschluß nach reiflicher Überlegung feststehe, gebe er seine Einwilligung trotz schwerer Bedenken.

Sehr bestürzt war Mama; aber nachdem ich ihr in begeisterten Worten meine Gründe auseinandergesetzt, sprach sie mit vollkommener Fassung: »Ich habe es immer gewußt, daß du ein tapferes Mädchen und deines Vaters würdig bist. So möge Gott dich schützen und mir die Kraft geben, auch dieses Schwere mit christlicher Ergebung in seinen Willen zu tragen und immerdar aus seine Güte zu hoffen.«

Hildegard äußerte sich wieder sehr schnotterig. Sie meinte, es werde ja nicht grad zum äußersten kommen.

Sie irrt sich hoffentlich.

Ich habe meinen Brief an Dr. Leyds selber auf der Post einschreiben lassen; von der Antwort, die ich erhalte, hängt nun mein Schicksal für's nächste ab.

Wenn der Ruf kommt, mich soll er bereit finden.

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Mittwoch.

So sehr war ich schon lange nicht mehr mit mir zufrieden als seit meinem Schreiben an Dr. Leyds; übrigens wundre ich mich hintennach, wie rasch ich mich entschlossen habe. Am Dienstag las ich den Aufruf des Komitees, und am Freitag ging mein Brief ab. Wenn alles klappt, kann ich mich noch vor Ende September einschiffen.

Zum Glück hab ich keine besondere Ausrüstung nötig; ich bin gut versehen.

Wenn nur die Antwort nicht allzulange auf sich warten läßt; ich lebe jetzt in fieberhafter Spannung. Die täglichen Zeitungsberichte über die geradezu unglaublichen Heldentaten der Buren regen mich in einer Weise auf, daß ich kaum die nötige Ruhe finde, ein paar Zeilen in mein Tagebuch einzutragen.

Die Wunder von Tapferkeit und Widerstandskraft womit die Buren im Augenblick die ganze Welt in Erstaunen setzen, sind der beste Beweis für die Heiligkeit ihrer Sache.

Das sagt auch Mama.

Nur Hildegard läßt nicht von ihrer Art; sie sehe da nichts von einer heiligen Sache: »Jedes Tierchen wehrt sich, wenn es ihm ans Leben geht, und so liegt der Fall bei den Buren. Tierinstinkt, Kampf ums Dasein.«

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Donnerstag.

Bernhard – ich bin seit neuerer Zeit wieder stolz auf ihn – hat Hildegard gestern ordentlich die Meinung gesagt: »Was in Transvaal jetzt kämpft,« hat er uns erklärt, »sind nicht nur die Buren und die Engländer, sondern zwei Weltideen oder Weltanschauungen, zwei Ideal-Mächte: Das wahre Christentum auf der einen, und ein geheucheltes Christentum, das dem brutalsten Egoismus als Maske dienen muß, auf der andern Seite …«

»Schlechter Stil,« hat Hildegard lachend ausgerufen; »eine Maske kämpft nicht.« –

»Man kann,« bin ich ihr ins Wort gefallen, »auch im schlechten Stil große Wahrheiten sagen.«

»Ja,« erwiderte sie, »aber das wahre Christentum kämpft auch nicht, das duldet, das macht sich einen Ruhm daraus, unterdrückt und mißhandelt zu werden.«

Sie kann manchmal gräßlich sein …

Wär ich nur erst in Johannesburg!

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28. August. Goethes Geburtstag.

Den ersten Druckbogen der »Judith« heut erhalten. Hätte ihn zu anderer Zeit mit anderen Gefühlen in die Hand genommen! Jetzt bin ich mit meinem ganzen Denken bei den Ereignissen in Transvaal.

Nur ein Gedanke verbindet mich noch seelisch mit meiner Dichtung: Wenn ich ins Burenlager gehe, dann beweise ich der Welt, daß ich würdig war, eine »Judith« zu dichten; ich zeige damit, daß ich wenigstens etwas von einer Judith in mir habe.

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1. September.

Immer noch keine Antwort aus Amsterdam. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.

Dagegen ein langer Brief von Walter. Er hat sich in der Kolonie Gern bei München, zunächst Nymphenburg, eine kleine Villa gemietet und gedenkt, Ende Oktober Hochzeit zu halten. Er lädt auch mich dazu ein; mich besonders, und fügt hinzu, daß er sich freuen würde, wenn ich Lust bekommen sollte, eine Zeitlang dort zu bleiben …

Aber mich rufen jetzt höhere Aufgaben.

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Sedanstag.

Von Botho ein wahrhaft idealer Brief; der hat eben doch am meisten innere Verwandtschaft mit mir. Ist ganz begeistert von meinem Vorhaben, möchte am liebsten selber mit als Krieger, wenn er nicht in aktivem Dienst wäre. Und hab ich's nicht immer gesagt: Der ist das einzige wahre Soldatenherz in unserer Familie; »Heldenmädchen« nennt er mich.

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Dienstag, 12. September.

Heute Graf Zobel zu Besuch. Wir saßen nach Tisch auf meiner Lieblingsbank am Weiher, zuerst mit Hildegard zusammen, dann allein. Da sah Zobel mich plötzlich so eigentümlich verliebt an, daß ich ganz rot wurde und mich dann stolz und trotzig erhob. Der Graf lachte: »Sind Sie vielleicht gar,« sagte er, »noch immer in den Lümmel verliebt, den Hesse?«

»Herr Graf,« rief ich empört, »Sie werden beleidigend.«

Er erwiderte: »Ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich habe Sie verletzt, strafen Sie mich.«

Er hat eine Art, die in jeder Situation überlegen wirkt. Man läßt sich zuletzt die größte Frechheit von ihm gefallen; ich war auch bald nur noch über den andern empört. Dieser Erich Hesse, dieser Schuft, scheint ja meine Blamage der ganzen Welt ausposaunt zu haben.

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Mittwoch.

Hildegard triumphiert; nun hatte sie sich's gleich so gedacht.

Und dieser Hohn gegen mich! Sie habe mir's ja gesagt, mein exaltierter Brief werde keinen guten Eindruck machen; man werde mich für überspannt halten.

Sie hat hintennach gut reden. Die Tatsache, daß sich mehr Pflegerinnen gemeldet haben als man braucht, hat mit dem Ton meines Briefes doch nichts zu tun. Es mußten ja außer mir viele abgewiesen werden.

Aber warum gerade ich? Mein gutes Zeugnis vom Kaiserin-Augusta-Hospital hat also nicht gewirkt.

Eins muß ich sagen: Ich finde das Antwortschreiben ein wenig kläglich. Man könnte auf den Verdacht kommen, daß es in irgendeinem Punkt nicht ganz wahr ist. Meine Dienste können sie nicht brauchen, oder nur, wenn ich die Kosten der Überfahrt bestreiten wolle. Überhaupt könnten sie Geld nötiger brauchen als Leute. Also zuerst der großartige Aufruf, und dann embarras de richesse. Und zugleich die Hand, die sich nach Geld ausstreckt.

Wie wenn es gleich auf nichts anderes abgesehen gewesen wäre.

Machen wir ein Punktum dahinter.

Der Herr hat mein Opfer verworfen; drehen wir das Steuerruder, und – mit vollen Segeln auf nach München.

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München.

23. Oktober.

Ich hatte geglaubt, ich würde den Tag meiner Ankunft in München rot einschreiben in mein Tagebuch; ich bin nicht dazu gekommen. Über sechs Wochen bin ich nun hier, und erst heut habe ich es über mich gebracht, das vernachlässigte Buch aus meinem Koffer hervorzuholen.

Auch zu dichterischer Produktion hat mich München bis jetzt nicht angeregt.

Einige Kritiken, die über meine »Judith« erschienen sind, haben mich etwas niedergedrückt, fast mutlos gemacht. Sie finden alle meine Tragödie unreif und dilettantisch. Einer der Herren ist so gnädig, mehrere Genie-Blitze, wie er sich ausdrückt, darin zu konstatieren, daneben aber wimmele es von Geschmacklosigkeiten, und manchmal sei man geradzu versucht, an dem gesunden Verstand der Verfasserin zu zweifeln …

Wie artig.

Auch die Aufnahme der Dichtung bei den Meinigen hat mich schmerzlich enttäuscht. Hildegard hat mir nicht ein Wort darüber geschrieben; sie hat für nichts Sinn als für ihre Farbenklexe.

Botho schreibt, daß ihn vieles in dem Stück geradezu unangenehm berührt habe. Es stünden Stellen darin, die eine vornehme Dame niemals schreiben, geschweige denn unter ihrem Namen veröffentlichen dürfe; er habe nicht geglaubt, daß ich die Taktlosigkeit so weit treiben würde.

Der gute Junge – ich habe es dem Brief angemerkt – war ganz aus dem Konzept.

Er ist Soldat; von dem Standpunkt des Künstlers, hoch über den Konventionen, begreift er nichts.

Schon mehr hätte ich Mama zugetraut. Sie kann so vorurteilslos sein; aber auch sie wird mir nicht gerecht. Da stünden ja Dinge darin, die eine reine Jungfrau nicht einmal denken dürfe …

Wie hätt ich dann aber, bei einer so beschränkten Auffassung meines Berufs, das Thema der »Judith« behandeln sollen?

Meine ganze Familie hat eben nie etwas Modernes gelesen. Sie reden und denken von den Modernen, wie von Sodom und Gomorrha. Ich werde da einen schweren Stand haben.

Geradezu beleidigend war wieder Bernhard. Er habe es ja immer gesagt, hat er sich Mama gegenüber ausgedrückt, daß ich Tollheiten begehen würde, sobald man mir die Zügel schießen ließe.

Wenn die erst wüßten, wie manches in der »Judith« mir selber aus der Seele geschrieben ist.

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26. Oktober.

Die Kritik ist unverschämt gegen mich; aber die produktiven Schriftsteller, die ich hier nach und nach kennen lerne, behandeln mich alle als Kollegen. Das gibt ein eigenes Gefühl.

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30. Oktober.

Ein ernster strebsamer Mensch dieser Ernst Wehrmüller. Walter denkt sehr hoch von ihm als Künstler und schätzt und liebt ihn als Kameraden.

Das kleine, rothaarige Männlein ist nicht wenig stolz auf die vornehme Freundschaft. Er ist Walter außerordentlich ergeben, besonders, seitdem er bei Walters Hochzeit die Ehre hatte, mit Bernhard zusammen der zweite Brautzeuge zu sein.

Sie war recht würdig, diese Hochzeit, und Bernhard war diesmal tadellos. Er hat in seiner Tischrede nicht verfehlt, die Braut besonders feierlich anzureden und sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie durch diese Ehe Mitglied werde und eintrete in eine der ersten Familien des Königreichs.

Die Worte haben auf Franziska einen großen Eindruck hervorgebracht.

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Allerheiligen.

Mich heut endlich aufgerafft, die Baronin von Rödern zu besuchen. Hat die sich verändert! Ich würde sie auf der Straße nicht wieder erkannt haben. Ganz kümmerlich ist sie geworden in ihrem Aussehen.

Von Hildegard sagte sie: Die bringt's zu was, die hat ebensoviel Energie wie Talent.

Sie selber macht einen ziemlich mutlosen und resignierten Eindruck.

Wir saßen ungefähr ein Viertelstündchen beieinander, als es plötzlich anklopfte, worauf ein hochstämmiger, breitschultriger, schwarzlockiger Herr in die Stube trat, den mir die Baronin als Doktor Schönemann vorstellte.

Ich hatte schon viel von ihm gehört, auch von seiner imponierenden Erscheinung; aber so als Hüne mit duftigen Zeuslocken über der hohen Stirn hatte ich ihn mir doch nicht gedacht.

Er begrüßte mich herzlich als Kollege.

Er hatte die »Judith« gelesen. »Sie sind ja ein Teufelsmädchen,« rief er plötzlich aus. »Aber …

»Ja, es hat einige ›Aber‹;. Nun, wir müssen darüber reden, über ihre ›Judith‹;; warum kommen Sie denn nicht zu mir? – Was, über anderthalb Monate sind Sie schon in München und haben sich noch nicht blicken lassen? Das müßt ich Ihnen übel nehmen!«

Ich benahm mich, glaub ich, ziemlich schüchtern. Als ich mich zum Fortgehen erhob, schüttelte er mir kordial die Hand: »Also auf recht baldiges Wiedersehen.«

Von der Baronin weg ging ich zu Ernst Wehrmüller, den ich manchmal auf seinem Atelier besuche. Ich erzählte ihm meine Begegnung. »Sie haben ihn also kennen gelernt, den großen Mann,« sagte er, und sein rothaariges Alräunchengesicht verzog sich zur Grimasse.

Er kennt den Doktor Schönemann persönlich, und ich habe ihn weidlich ausgefragt. Auch was er über das Verhältnis des Doktors zur Baronin denkt; er hat aber nur die Achsel gezuckt. »Der Doktor protegiert sie, voila tout.« Und wieder die Grimasse in seinem Gesicht. »Er muß immer eine protegieren, oder auch mehrere, das ist sein eigentlicher Beruf. Wenn es übrigens keine Mädchen sein können, nimmt er auch mit Büblein vorlieb. Er päppelt sie auf, bis sie größer werden; wenn sie auf eigenen Füßen stehen können, laufen sie ihm davon und drehen ihm eine Nase. Aber er hat immer noch den Geschmack am Aufpäppeln nicht verloren, und wahrlich, man wird ihm den Ehrentitel einer Amme der deutschen Literatur nicht versagen können.«

Ich wurde ernstlich bös über seine Reden. »Sie sind die giftigste Kröte, die ich je kennen gelernt habe,« sagte ich ihm geradezu ins Gesicht; aber er schüttelte sich vor Lachen über meine Entrüstung. »Lassen Sie's gut sein,« sagte er; »die nächste an der Reihe sind Sie. Ich rate Ihnen, recht bald zu ihm zu gehen; es ist nicht klug, den Unwillen der Götter herauszufordern.«

Gewiß werde ich zu ihm gehen. Von ihm werde ich endlich ein vernünftiges Wort über meine »Judith« hören.

Ich begreife übrigens, was den gnomenhaften Wehrmüller so giftig gemacht hat: weil ich ganz begeistert war von der Kraftgestalt des Doktors.

Ein gescheiter Mensch ist er, der Kleine. Er sprüht nur so vor Witz – und Bosheit; dennoch kann er manchmal auch recht bedäppt sein. Er malt gegenwärtig an einer Eva; aber das Bild will nicht recht vorrücken. »Ja, wenn ich das rechte Modell dazu bekommen könnte,« sagte er neulich in ziemlich mutloser Stimmung und sah mich dabei seltsam an.

Er scheint sehr arm zu sein.

*

St. Martini.

Ein reizendes Häuschen, das Walter sich da gekauft hat; ein wahrhaft poetisches Künstlerheim und ein wundervolles Nest für ein junges, verliebtes Paar. Parva sed mea hat mein Bruder sinnvoll über den Eingang geschrieben.

Nur für drei ist es fast etwas zu eng; es ist auch auffallend leicht gebaut, und beide Umstände haben doch einiges Unangenehme im Gefolge. Mein Schlafzimmer liegt unter dem der Geschwister; ich höre durch die Decke fast jedes Wort, und – warum soll ich es nicht schreiben? – dieses allzu enge und nahe Zusammensein mit den beiden Liebesleuten (denn als solche gebärden sie sich mehr denn als Eheleute) ist mir manchmal recht peinlich – sie nehmen auch nicht die geringste Rücksicht auf mich.

Meine Schwägerin ist mir überhaupt manchmal unverständlich. Sie fängt oft von Sachen an zu reden, die man doch wahrlich einem jungen Mädchen gegenüber – wenn ich auch siebenundzwanzig vorüber bin – nicht zu erwähnen pflegt, wenigstens in unseren Kreisen nicht.

Es kommt mir manchmal vor, als ob sie mich förmlich reizen wolle.

Sollte sie doch nicht das sein, was mein Bruder so fest von ihr glaubt? Wenn er sich in ihr getäuscht hätte …

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Freitag, 13.

Atelierbesuch bei Wehrmüller. Wir verkehren ganz kameradschaftlich: er neckt mich viel, aber im Grunde hat er einen ungeheuren Respekt vor mir. Mir wieder geklagt, daß er kein genügendes Modell für seine Eva bekommen kann.

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Samstag.

»Ah, endlich! Es ist aber höchste Zeit, daß Sie kommen.« Mit diesen Worten empfing mich der Doktor.

Mir war vor allem wichtig, was er mir über meine »Judith« sagen werde. »Ja, ja, da haben Sie was Schönes angestellt,« begann er.

Um es kurz zu machen: Die »Judith« hätte so, wie sie ist, niemals gedruckt werden sollen. Warum ich denn nicht vorher mit dem Manuskript zu ihm gekommen wäre, da hätte alles gut werden können.

»Von Dummheiten und Ungeschicklichkeiten,« sagte er, »wimmeln ja alle Erstlingswerke; aber das muß seine Grenzen haben, wenn man ernst genommen sein will. So viel Unerfahrenheit und Naivität wie Sie, darf man niemals öffentlich preisgeben. Ja, Sie haben was angestellt.«

Ich hörte aus allem, daß der Mann sehr empfindlich war, weil ich mit meinem Besuch so lange gezögert hatte.

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16. November.

Franziska hat heute wieder recht unpassende Dinge gegen mich erwähnt. Ich habe gefühlt, wie ich einen roten Kopf bekam; ich bin aufgestanden und habe ihr ziemlich streng gesagt, daß ich von ihr erwartet hätte, sie werde die Schwester ihres Mannes zu respektieren wissen. Ganz empört habe ich das Zimmer verlassen.

Ich habe jetzt einen Verdacht: es scheint, sie glaubt nicht an meine Unberührtheit und Reinheit; sie sucht mich zu sondieren. Es ist abscheulich von ihr.

Wahrscheinlich denkt sie an gewisse Stellen in der »Judith« und zieht daraus falsche Schlüsse. Wie ekelhaft.

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17. November.

Den Nachmittag bei Doktor Schönemann.

Er hat den vierten Akt meiner »Judith« vorgelesen. »Wie Sie es nur fertig brachten,« sagte er, »so was zu schreiben. Sie hielten das wohl für sehr stark? Es ist aber nur geschmacklos. Man hört aus jeder Zeile, daß Sie noch ein Mädchen sind und von Dingen reden, die Sie nicht kennen. Wir auch, in unseren naturalistischen Flegeljahren, haben uns vielfach geschmacklos ausgedrückt; wir hatten aber wenigstens Sachkenntnis.«

Dazu lachte er zynisch und sah mich auf eine Art an, daß ich rot wurde.

Es ist, als ob alles sich gegen mich verschworen hätte, mich jeden Augenblick verlegen zu machen. Sie merken, daß ich an ihren Ton noch nicht gewöhnt bin, und lassen mich's fühlen bei jeder Gelegenheit.

Der Doktor hat mir heute seine Frau vorgestellt, und wir haben Tee zusammen getrunken.

Sie ist auch Schriftstellerin, schreibt für Familienblätter.

Ob der Doktor wohl mit der Baronin ein richtiges Verhältnis hat?

*

Dienstag, 21. November.

Ärgerlicher Brief von Bernhard; wieder die ewigen Geldgeschichten. Der Pächter dringt auf umfangreiche bauliche Reparaturen, und Bernhard kann das Geld dazu nicht bekommen, wenn wir, Botho, Hildegard und ich, unsere Hypotheken nicht gegen die neu zu errichtende Hypothek zurückstellen lassen. Ich habe Walter um seine Ansicht gefragt – er selber hat, weil er Geld brauchte, seine eigene Hypothek auf das Gut längst zurückgezogen – und wie ich mir's gleich dachte, hat er mir abgeraten, meine Zustimmung zu erteilen. Wir Geschwister könnten, wenn das so weiter geht, leicht unsere Sicherstellung einbüßen.

Ihm wär's natürlich am liebsten, wenn Bernhard verkaufte.

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Donnerstag.

Hildegard ist wütig über das neue Ansinnen Bernhards. Sie will dennoch ihre Einwilligung nicht versagen, wenn ich die meinige gebe. – Botho hat ohne weiteres zugestimmt.

Ich werde morgen früh zum Notar gehen; wir dürfen nicht kleinlich sein, wo es sich um Erhaltung des Gutes handelt und das Ansehen der ganzen Familie auf dem Spiel steht.

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Erster Adventsonntag.

Wer mir das vor drei Jahren gesagt hätte! Ach, noch vor vier Monaten … Ob sich das überhaupt in Dresden jemand denken kann? Ich meine, jemand aus unsern Kreisen!

Aber München umhüllt uns sofort mit einer ganz andern Atmosphäre. Wir treten wie in einen neuen Bannkreis. Der Genius der Kunst umweht uns mit seinem geheimnisvollen Flügelschlag.

Hat Mama nun recht, wenn sie befürchtete, wenn sie immer wieder befürchtet, München werde von schlimmem Einfluß auf mich sein?

Mama ist doch auch in hohem Grad philiströs; wir sind es allesamt. Die vornehmen Damen zur Zeit des großen Titian haben anders empfunden. Auch die Wienerinnen zur Zeit Makarts.

Und sollte ich mich schämen müssen, etwas getan zu haben, worin hohe Damen mein Vorbild waren?

Ich habe mit geholfen an der Vollendung eines hohen Kunstwerks. Nie wäre die »Eva« geworden ohne mich.

Der häßliche Gnom hat ordentlich gezittert vor meiner Schönheit, und ich muß sagen, mein Bild, wie ich es zur Seite in einem hohen Spiegel sehen konnte, hat mich selber bezaubert.

Zum zweitenmal war's, daß ich sah, ich sei schön. Und ich wunderte mich nicht über Ernst Wehrmüller, der zehn Minuten lang nicht malen konnte, weil ihm die Hand so zitterte. Aber der kleine Kerl hat sich auf die Zähne gebissen, und es ging.

Es wäre freilich nicht gegangen, ohne den ungeheuren Respekt, den er vor mir hat.

Mein Blick war unerbittlich streng, und nicht ein Wort durfte zwischen uns fallen. Die drei Male, die sich's wiederholt hat, sind nicht ein einziges Mal unsere Augen sich begegnet.

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7. Dezember.

Gestern mit den Geschwistern und Wehrmüller in Ebenhausen beim Rodeln. Dieses Vergnügen treiben bei uns nur die kleinen Kinder, aber hier in München ist alles willkommen, was nur irgendwie Lust und Ausgelassenheit zuläßt.

Es ging denn auch toll zu … Nein, diese Münchener Künstlerinnen! Daß sie nicht in Unterhosen rodelten, war alles und … ja und! Und böse Gesellschaften verderben gute Sitten. Daß ich je das Wort Unterhosen in die Feder bekommen würde, hätte ich auch nicht geglaubt.

Wie das zeitweilig, besonders, als es anfing zu dunkeln, durcheinanderpurzelte und kollerte, Männlein und Weiblein; in Dresden würde man so was einfach skandalös finden.

Die Schwägerin Franziska betrug sich gegen einige bekannte Künstler mit solcher Freiheit, daß ich nicht begreife, wie Walter das dulden mag. Unangenehm war's ihm freilich manchmal.

Wenn es so bei einem kalten unschuldigen Kindervergnügen zugeht, wie wird es da erst mit den vielbeschriehenen Redouten werden, wovon sie schon jetzt alle schwärmen. Das muß ich doch sehen. Ich werde mich, wenn es Walter nicht über sich nehmen will, von Wehrmüller einmal hinführen lassen.

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Sonntag, 13. Dezember.

Da habe ich nun die Bescherung. Noch vor Weihnachten!

Und wahrlich, er hätte nicht schlimmer toben können, wenn ich ihm das Schlimmste gestanden hätte, was sich nur denken läßt. »Ob ich denn ganz das Gefühl meiner Würde verloren hätte, schrie er; ob ich ihn unmöglich machen wolle in München durch meine Aufführung; ob ich nicht wüßte, was ich der Familie schuldig sei. Unerhört sei mein Betragen, ganz unerhört. Und dieser schuftige Hund, der dich überredet hat, der das von dir angenommen hat, ins Gesicht will ich's ihm sagen, daß er ein Bube ist.«

Und in unbeschreiblicher Wut stürmte er davon.

Wie Walter nur auf den Verdacht kam? Natürlich habe ich nicht gelogen, als er mich ins Gesicht fragte, sondern habe es ihm trotzig herausgesagt: Ja, ich habe ihm gestanden, dreimal sogar, und ohne daß er mich darum gebeten hat; er würde das nie gewagt haben. Ich hab's ihm angeboten aus freien Stücken, weil ich ihn für einen ernsten und bedeutenden Künstler halte.

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Montag.

Ich habe mich geweigert, das Abendbrot mit den Geschwistern einzunehmen; ich blieb in mein Zimmer eingeschlossen und sagte Franziska, als sie mich rufen wollte, der Hunger sei mir gründlich vergangen.

Walter war gerade zurückgekommen, und ich hörte ihn ins Eßzimmer stürmen. Er schien von meiner Abwesenheit gar keine Notiz zu nehmen. »Dieser feige Hund,« schrie er; »er wollte zuerst alles leugnen; dann, als mich der Zorn übermannte, wurde er blaß, wie eine gekalkte Wand. Ich hieß ihn einen Buben, der Lump hat das Schimpfwort ruhig eingesteckt.«

Das hätte ich Wehrmüller nicht zugetraut, daß er sich von Walter so behandeln ließe. Der ist ja wirklich feig; nun reut mich's fast, daß ich ihm etwas zuliebe getan.

Wie kann nur ein Mann sich von einem andern derart beschimpfen lassen, ohne Genugtuung zu verlangen? Da muß doch die Rasse, die Abstammung viel machen.

Ich glaube, ich hätte den Wehrmüller lieben können mit der Zeit bei all seiner Häßlichkeit. Nun ist er mir verächtlich, trotz seiner außerordentlichen Intelligenz, die ich bewundere, trotz seiner Kunst, die ich schätze. Er hat sich von Walter einen Buben heißen lassen und hat nicht mit einer Ohrfeige geantwortet. Leicht wäre das freilich nicht gewesen; das Männlein ist so gnomenhaft.

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17. Dezember.

Von Wehrmüller ein Brief an Walter. Furchtbar ernst, furchtbar würdevoll. Er sei jederzeit bereit, um meine Hand anzuhalten, wenn mein Bruder meine, daß er irgendwie meiner Ehre zu nahe getreten sei.

Da könnte ich ja noch Frau Wehrmüller werden.

Walter hat den Brief mit einer unsäglichen Gebärde der Geringschätzung in den Papierkorb geworfen.

So sind meine Brüder. Bärbeißig gegen jeden, der ihnen nicht als ganz vollwertig gilt; aber ob es mir auch wirklich ein Vergnügen macht, als alte Jungfer sitzen zu bleiben, danach haben sie noch nicht gefragt.

Walter war eigentlich von empörender Ungerechtigkeit gegen Wehrmüller, und nicht viel gerechter ist er gegen mich. Ich habe ihm heute erklärt, daß ich mir ein Mietzimmer suchen und ausziehen werde.

»Geh,« hat er geschrien; »ich kann dich nicht halten. Geh, renne in dein Verhängnis.«

Ich war empört über diese Rede. »Spiel nur nicht so den würdigen Protektor,« habe ich ihm hingeworfen; »ich habe mehr wie einen Grund, hier auszuziehen, ich wollte dir's schon lange einmal sagen: Du und deine Frau betragt euch manchmal derart, daß ein unverdorbenes Mädchen gar nicht bei euch wohnen kann. Ihr habt auf mich nie die geringste Rücksicht genommen; getan habt ihr, als ob ich nicht da wäre …«

Das saß. Wie sehr er auch den Entrüsteten spielte, heimlich fühlte er doch die Berechtigung meines Vorwurfs.

Fest steht, daß ich ausziehen werde. Am liebsten noch vor dem Fest, wenn es möglich wäre.

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4. Januar.

Bei einem Schuster hat Goethe in Dresden gewohnt; bei einem Schuster und seiner Frau habe ich, am Bavariaring, oben in einer Dachwohnung, ein entzückendes Zimmer gefunden, der Ruhmeshalle gerade gegenüber. Hier werde ich endlich wieder arbeiten können.

Besonders bei Nacht ist die Wirkung überwältigend. Eine solche weite lautlose Schneeebene fast inmitten einer Stadt, einer Großstadt, das gibt's nicht zum zweitenmal. Ich stehe oft stundenlang an meinem Fenster und schaue hinaus in die Schneewüste, wo dennoch Laternen brennen, ganze Milchstraßen von Laternen, wo die Bavaria mit hoher schwarzer Silhouette gegen den sternlichten Himmel steht.

Übrigens habe ich Historisches zu verzeichnen: ich war in Dresden; übers Fest, vier Tage. Die Meinigen waren sehr herzlich mit mir. Nur Hildegard fand mich ein »wenig verwildert«.

Mein Zerwürfnis mit Walter berührte ich nicht; er hatte auch nichts davon geschrieben, und Mama fand es ganz in der Ordnung, daß ich nicht mehr so nah mit den jungen Eheleuten zusammenwohne.

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Dreikönigstag.

Im schneebedeckten Englischen Garten heute Ernst Wehrmüller begegnet. Ich war verlegen, ich wußte nicht recht, was ich sagen sollte. Dann fand ich es richtig, ihm mein Bedauern auszusprechen, daß Walter so unangenehm gegen ihn war. Ich sei auch ganz überworfen mit Walter, ich sei ausgezogen.

Wehrmüller war noch mehr in Verlegenheit gewesen wie ich, ich hatte ihn nie so bedäppt gesehen; auf meine letzte Mitteilung hin aber gewann er seine Fassung wieder.

Und da bekam ich dann seltsames Zeug zu hören. An allem sei die Franziska schuld. Die habe mir aufgelauert und dann ihrem Mann den ersten Floh in die Ohren gesetzt. Die Franziska habe einen grimmen Haß auf Wehrmüller und gehe schon lange darauf aus, Walter mit ihm zu entzweien. Und warum? Weil Wehrmüller seinen Freund Walter vor ihr gewarnt hatte. Weil Wehrmüller viel schlimme Dinge von ihr wußte. Viele Andere wüßten diese Dinge auch, aber sie waren ihr nicht so gefährlich; sie standen nicht so intim mit Walter. »Ganz München kennt sie übrigens. Und Walter selber kann genug gehört haben. Die Spatzen auf den Dächern pfiffen ihre Schande. Aber verliebte Männer wollen nichts wissen.«

So Wehrmüller.

Ich war furchtbar aufgeregt über seine Rede und drang darauf, daß er mir alles sage, aber alles. Er zuckte die Achsel: »Was ist da viel zu sagen, es konnte sie eben jeder haben, wer nur wollte, bevor Walter sie gekannt hat.«

Ist das nun die Wahrheit, oder sagt Wehrmüller die Dinge aus purer Rache?

Einigen Verdacht hatte ich ja selber schon, d. h. nein, Verdacht eigentlich nicht. Aber damals auf Plessenburg das schwarze Hemd, und später ihr Vergnügen, heikle Dinge mit mir zu berühren und sich an meiner Verlegenheit zu werden: da habe ich mir doch allerlei Gedanken gemacht.

Aber ich kann es noch nicht glauben, daß mein Bruder sich so weit sollte vergessen haben.

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Dienstag, 12. Januar.

Diesen Nachmittag zum erstenmal der Doktor zum Tee auf meinem kleinen Zimmerchen. »Ganz Poetenheim,« rief er aus, als er eintrat und die Aussicht durch das Fenster bemerkte. »Und sieh nur, die Bavaria reicht den Kranz ihrer jüngsten Tochter.« Er war erst famos gemütlich; aber nach und nach …

Ob er nun wirklich in mich verliebt ist, oder ob er nur so tut aus Gewohnheit, und weil er meint, das gehöre dazu, und ich werde auch keine Ausnahme machen?

Er könnte sich doch irren. Und jetzt weiß ich allerdings sicher, daß das mit der Baronin auch nicht bloß pure Freundschaft ist.

Aber so sehr ich ihn verehre …

Ich habe angefangen, von Franziska zu sprechen und von den schrecklichen Andeutungen Wehrmüllers.

»Diese Dame,« sagte er, »ist heute die Frau Ihres Bruders, lassen wir die alten Geschichten ruhen.«

Also scheint er's auch zu wissen. Also wär's Wahrheit, das Ungeheuerliche.

Ein Plessenberg hätte eine Dirne geheiratet? Eine Dirne dürfte sich zu unserer Familie zählen?

*

München.

(Fortsetzung.)

26. Februar.

Ja, ich will von heute an wieder fortfahren, hier alles einzuschreiben, was mir für mein Leben wichtig und wesentlich erscheint.

Fast zwei Monate, wie ich sehe, habe ich keinen Eintrag mehr gemacht. Ich hatte das Tagebuch ganz aufgeben wollen; es war mir dumm und kindisch vorgekommen. Und vor allem altmodisch, unmodern mit einem Wort, auch dilettantisch, unwürdig einer wirklichen Schriftstellerin.

Aber kann ein Tagebuch nicht auch ein ernstes literarisches Werk sein?

Auf diesen Gedanken haben mich die Tagebücher der Marie Bashkirtseff gebracht, die ich diese Woche gelesen habe. Wahrlich, dieses seltsame Werk ist ein document humain hors ligne; es enthält, obwohl von einem jungen Mädchen geschrieben, mehr Wahrheit über die Seele des Weibes als zehn Romane von Zola, der zwar viel von documents humains spricht, aber nichts als documents d'animaux häuft. Durch sein Tagebuch hat sich dieses Mädchen unsterblich gemacht. Ihre Malerei würde schon heute kein Mensch mehr weiter beachten. Das ist Dutzendware, sie hat sich über ihre Begabung gewaltige Illusionen gemacht; ihre Gassenbuben in der Luxemburg-Galerie, wie altmodisch – genrehaft muten die einen heute schon an?

Aber weil sie in ihren Tagebüchern ihre Seele nackt enthüllt, so nackt, wie wir selten eine Seele zu sehen bekommen, hat sie etwas Einziges geschaffen, hat sie sich mit den großen Bekennern: Augustinus, Cardano und Jean Jacques auf eine Linie gestellt, bedeutet sie für die moderne weibliche Hysterie – ich gebrauche das Wort mehr in seinem psychischen als in seinem physischen Sinn – dieselbe tiefe und unerschöpfliche Quelle der Erkenntnis, als die heilige Therese für die große religiöse Hysterie des Mittelalters.

Sie hat die Bedeutung ihrer Niederschriften wohl geahnt; sie schreibt: On peut devenir immortel par un seul livre; par un seul tableau il n'y en pas d'exemple.

Nein, an Selbstbewußtsein hat es ihr nicht gefehlt! Das Bedeutende ist eben immer selbstbewußt. »Nur die Lumpe sind bescheiden.« In diesem Sinn will auch ich unbescheiden sein, ich will hier alles aussprechen, vielleicht, daß ich mich dabei bloßstelle; tant pis, wer andern die Augen öffnen will über ihre Nacktheit, darf nicht mit ängstlicher Prüderie die eigene Verstecken.

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27. Februar.

Ich sei verwildert, sagte Hildegard bei meinem Weihnachtsbesuch in Dresden. Ach, und damals hatte ich noch keine Münchener Redouten mitgemacht, wo man bis vier Uhr früh tanzte, meist mit unbekannten und nicht immer den feinsten Herrn, auch Champagner von ihnen annahm und dann im Luitpold tollte bis in den Morgen hinein …

Aber jetzt habe ich das Leben hier ein wenig satt. Mein Gewissen macht mir Vorwürfe. Nicht wegen all der Ungebundenheiten – ich habe eine gewisse Grenze nie überschritten, und eine Künstlerin muß das Leben kennen – aber, ich habe nichts gearbeitet, rein gar nichts.

Und darum möchte ich heraus. Ob ich nicht gleich aufpacken und nach Italien gehen sollte? Ich würde gleich nach Rom durchfahren. Florenz lockt mich in meiner jetzigen Stimmung nicht. Ich würde die strenge Kunst des Quattrocento mit ihrem ausgesprochen religiösen Charakter jetzt nicht genießen können; ich fühle, daß mein Sinn hier sich doch sehr verweltlicht hat. Und dann ist Florenz eine finstere, mittelalterliche Stadt. Selbst seine Umgebung hat etwas Enggeschlossenes; es fehlen die großen Horizonte, die Rom zu einer einzigen Stadt der Welt machen. Die Umgebung der beiden Städte ist symbolisch. Florenz war groß in der Enge, als Kleinstaat, Rom hat die Welt beherrscht.

Ach, wenn ich so manchen Sonnenuntergangs gedenke, den ich auf dem Monte Pincio erlebt habe mit Mama und Hildegard zusammen: die Kuppel des Michelangelo blau auf goldenem Grund – da war ich ein Backfisch von sechzehn Jahren …

Auch die Bashkirtseff zieht's immer wieder nach Rom.

Der Gedanke an Rom kam mir dennoch nicht von selber, der Doktor Schönemann hat mich darauf gebracht; er will auf Ostern hin, der internationale Schriftstellerkongreß, und – glaube ich – auch ein großer Freidenkerkongreß werden dort stattfinden. Er möchte, daß ich mit ihm reise.

Aber das mag ich nicht, das könnte Konsequenzen haben.

Und ich will nicht.

Ich hab's ihm rund heraus erklärt. Die schönen Reden, die er mir jeden Augenblick hält, sollen mich nicht anfechten. O, er kann so beredt sein – pro domo.

Gestern war er wieder ordentlich im Zug. Ein inkonsequenteres Frauenzimmer wie mich, meinte er, gibt es nicht mehr. Mir Logik zu predigen, da sei Hopfen und Malz verloren – gewiß gut münchnerisch gesprochen. Ich wisse gar nicht, was ich wolle. Ich sei die törichteste aller törichten Jungfrauen. Und lächerlich machte ich mich vor aller Welt. Reiner Unsinn sei's, was ich mir in den Kopf gesetzt hätte …

»Kein Mensch,« fuhr er immer eifriger fort, »glaubt auch nur, daß es Ihnen ernst damit ist. Wie sollten die Leute auch? Jedes Tierlein sucht sich das Element, in dem es gedeihen kann. Ein lebendiger Fisch am trockenen Land, das hält jedermann für ein Märchen. Das gibt es doch nicht. Und so sind Sie bald das Märchen von ganz München. Eine Jungfrau in unsern Kreisen, auf Redouten und morgens um fünf im Café Luitpold, das gibt's doch nicht. Daran glaubt doch niemand. Was nützt Ihnen aber eine Jungfrauschaft, an die niemand glaubt? Was die Menschen in diesem Punkt von Ihnen glauben, ist wichtiger für Sie als die Sache selber. Wenn man aber will, daß die Menschen etwas glauben, muß man's ihnen nicht zu schwer machen. Wenn sie an deine Fischheit glauben sollen, mußt du nicht am trockenen Land spazieren gehen, und wenn sie an deine Keuschheit glauben sollen, du törichte Jungfrau, hättest du bei Mama bleiben oder ins Kloster gehen sollen – es gibt ja moderne Klöster genug, auch protestantische. Wenn du aber in München auf Redouten gehen und morgens um fünf mit dem Dingsda, dem vom Simplizissimus, Sekt trinken willst, dann kannst du auch gleich …«

»Gut gebrüllt, Löwe,« habe ich ihm geantwortet. Er hat aber vielleicht nicht unrecht.

Tant pis.

Ich weiß eins, ich will nicht – einstweilen.

Wie lange noch? Das weiß ich nicht. Mir fällt da der Kapitän ein, mit dem wir vor zwei Sommern nach Helgoland gefahren sind. »Gnädiges Fräulein,« sagte er, »haben Sie keine Angst vor …« und er machte eine nicht gerade ästhetische Gebärde. »Vor der Seekrankheit,« rief ich stolz; »ich werde nicht krank werden, das habe ich mir vorgenommen, ich will nicht.«

»Ah, da haben Sie recht,« schmunzelte der Alte, »wollen Sie nur nicht, so werden Sie's auch nicht. Solange Sie nicht wollen, sicher nicht; nur gibt's Momente, wo das Wollen einen Augenblick nachläßt, nur einen Augenblick, und dann …«

Ja, ja, es hat damals wirklich einen solchen Moment gegeben. Wird er auch diesmal kommen? Halb schwindlig war ich schon einigemal.

Und der Doktor hat vielleicht wirklich recht; ich bin einmal aus meiner Atmosphäre heraus und …

*

3. März.

O Theresienwiese, o Bavariaring, wie vermiß ich euch! Meinen Schustersleutchen wurde nämlich gekündigt. Sie haben eine Parterrewohnung in der Heustraße genommen, und ich bin dummerweise, aus Anhänglichkeit und Gutmütigkeit, mit ihnen gezogen; aber ich werde es hier nicht lange aushalten … trotz des netten Gärtchens vor meinem Fenster.

*

Sonnabend abend.

Das ist das Merkwürdige in den Tagebüchern der Bashkirtseff: sie hat sich selber sehr wenig gekannt; wir aber, die wir sie lesen, lernen sie kennen durch und durch. Sie sagt sich fortwährend die dicksten Schmeicheleien, sie täuscht sich fortwährend über sich: wir täuschen uns nie über sie; zwischen den Zeilen flammend, steht die Wahrheit. Und wie naiv sie sein kann; sie äußert lange einen fast wahnsinnigen Neid auf die arme Breslau und scheint nicht zu ahnen, daß sie neidisch ist.

Ungerechtigkeiten der scheußlichsten Art kann sie aussprechen, und dabei macht sie fromme unschuldige Taubenaugen.

Weil sie unschuldige Augen macht, hält sie sich für unschuldig.

Sie spricht von nichts – nicht einmal von ihrer Genialität – mit solchem Aplomb als von ihrer Schönheit; aber war sie denn wirklich schön? Leute, die sie gekannt haben, behaupten das Gegenteil, und ihr Selbstbildnis im Luxembourg scheint ihnen recht zu geben. Jedoch sie selber, wenn sie von Schönheit spricht, meint ihren Körper; und jenes Bild gibt nur ihr Gesicht, auch jene Leute meinen vielleicht allein ihr Gesicht. Der moderne Mensch – im Unterschied zum antiken Menschen – ist ja darin überhaupt wie ein Bauer, ein christlicher Bauer; nur das Gesicht sieht er am Menschen.

*

Sonntag früh.

Schönemann hat es aus mir herausgelockt, daß ich Wehrmüller zu seiner Eva Modell gestanden. Er hat dazu sehr unschöne Bemerkungen gemacht; es kam fast etwas aus ihm heraus wie eine gemeine, niedere Gesinnung.

Ich erklärte ihm, nichts sei mir so natürlich wie der Zustand der Nacktheit; ich könnte mich vor einer ganzen Versammlung von Männern nackt zeigen, ohne die geringste Scham zu empfinden. Das nannte er pervers.

In was für Katechismusvorurteilen doch diese großmäuligen Immoralisten und Naturalisten befangen sein können; man sollte es nicht für möglich halten.

»Wenn wir uns unserer Nacktheit schämen, so will das doch nichts anderes heißen, als daß wir uns unserer Unvollkommenheit schämen. Wir schämen uns, weil wir uns nicht vollkommen wissen. Wenn wir ganz sicher wären, daß unsere Haut ohne Makel, und daß unsere Formen auch im strengsten Sinne nichts zu wünschen übrig ließen, würden wir nichts lieber als nackt gehen und hätten dessen keine Scham. Wir erklären uns die Scham anders, aber das kommt vom Katechismus. Wer kann dem Wunsch widerstehen, etwas wahrhaft Schönes zu zeigen? Hat je irgend jemand, vom König Kaudaules bis auf den heutigen Tag, einen Schatz vollkommener Schönheit besessen, ohne sich dessen zu rühmen? Aber so leicht man mit seinem Gesicht zufrieden ist, um so mißtrauischer ist man mit gutem Grund gegenüber seinem Körper. Hier ist es nur die sichere und absolute Vollkommenheit, vor der die Scham die Segel streicht …«

Diese Gedanken sind nicht von mir; ich habe sie aus der Bashkirtseff übersetzt.

Sie sind aber, denke ich, höchst schmeichelhaft für mich.

»Pervers,« sagte der alte Esel.

*

?

War das eine überraschende Begegnung heut nachmittag. Graf Zobel aus Dresden. An den hab ich doch auch ewig nicht gedacht. Er geht ebenfalls nach Italien, und wie der Doktor Schönemann, hat er mich aufgefordert, mit ihm zu kommen. Ich hielt es von seiner Seite natürlich für Spaß und lachte.

Aber er hatte seinen Antrag in allem Ernst gemeint, und ich muß sagen, ich war ganz betroffen, wie der Mensch, der in Dresden immer die Korrektheit selber war, so was wagen konnte. Er wollte jedoch gar nichts von meiner Empörung merken.

»Sie haben doch,« sagte er leichthin, »hier in München und in den Kreisen, in denen Sie verkehren, gewisse Vorurteile abgelegt, die wären hier kaum am Platze …«

Ich kannte den Grafen gar nicht mehr. Also so denkt man in Dresden von mir, in Dresden, in der Umgebung des Grafen Zobel. Wenn ich das dem Doktor erzählte, das wäre Wasser auf seine Mühle.

Wirklich, ich werde mich mit dem Gedanken befreunden müssen, daß ich, wie alle Welt, nach dem Schein beurteilt werde.

*

Dienstag, 7. März.

Nach langer Zeit wieder einmal ein Brief von Botho, und was für Nachrichten. Ottilie hat ihm gestanden, daß sie ihn liebt. Dieses Glück! Na, ich gönn's dem guten Jungen; er ist übrigens Oberleutnant und Adjutant beim Oberst geworden.

*

Mittwoch.

Ernst Wehrmüller malt gegenwärtig den Doktor Schönemann; er malt ihn zwanzig Jahre jünger. Der Doktor hätte das bei Gott nicht nötig; aber es scheint ihm ein kindisches Vergnügen zu machen.

Ich kam heut dazu, wie er Wehrmüller saß, und weil ich mich für seine letzte Rede ein wenig rächen mußte, sagte ich: »Na, das würde ich mir nicht gefallen lassen, wenn ich ein Mann wäre, daß man mir so schmeichelte.«

»O Mädel,« sagte er lachend, »du willst ja doch nur eine kleine Bosheit anbringen. Die Rödern, so oft sie kommt, schärft sie unserm Wehrmüller ein, mich ja nicht zu alt zu machen, und immer findet sie mich das nächstemal nicht jung genug.«

*

?

Einen Augenblick bei Walter heut; war recht ungemütlich.

Wir sind nämlich seit einiger Zeit wieder ausgesöhnt. Aber fast jedesmal, wenn ich hinkomme, gibt's einen kleinen Krach; immer will er was von mir gehört haben, was ihm nicht gefällt.

Wenn es nun erst mal was zu hören gäbe, und wahrlich, wenn ich das täte (was der Doktor Schönemann meint), ich glaube, der Trotz und der Unwille gegen den Spionierer und Aufseher Walter hätten am meisten schuld dabei.

Wenn's nicht Mama zuliebe wäre, ich ginge nicht mehr zu ihnen ins Haus.

Davon hört er nichts, was man von seiner Frau erzählt. Ich schweige aber auch; den Trumpf behalte ich in Händen.

*

13. März.

Mußte nun doch dem Doktor plaudern, mußte ihm meine Begegnung mit Graf Zobel erzählen. »Na, siehste Mädel, was habe ich gesagt?« Und er maß mich mit triumphierenden Blicken.

»Aber ich will nicht,« habe ich ihm geantwortet.

Doch seine Einladung, am Sonntag mit auf den Nockerberg zu kommen, zum Anstich des Salvator, habe ich angenommen; da soll's immer ganz besonders lustig zugehen. Der berühmte Hotto Emerich-Sauger kommt jedes Jahr nur des Salvators wegen von Berlin herüber; er hat bereits seine Ankunft telegraphisch gemeldet.

Ich werde ihn also bei dieser Gelegenheit kennen lernen. Er soll zwar wenig interessant sein, soll meistens kein Wort reden, nur trinken. Ich bin immerhin begierig auf ihn.

*

Sonnabend.

Von der Hildegard bin ich es gewöhnt, daß sie Moral paukt; nun führt sie gar meine eigene Heldin gegen mich ins Feld. »Du schwärmst in neuerer Zeit für die Bashkirtseff,« schreibt sie heut, »das freut mich, denn Du hast sie ja nur durch mich kennen gelernt.

»Aber ich bewundere anderes an ihr als Du. Was ich an ihr verehre, ist ihr Streben, ihr Ringen, ihre Energie, sich die Kunst zu erobern; ihr unermüdlicher Fleiß, ihr phänomenales Arbeiten. Sie ist für mich die große Heilige des modernen weiblichen Künstlertums.

»Ich lese in ihren Tagebüchern mit Schauern der Ehrfurcht. Sie sind mir wie eine Art Evangelium; sie richten mich auf, sie ermutigen mich, sie spornen und treiben mich, und wie oft beschämen sie mich! Wer sollte sich auch nicht klein und erbärmlich fühlen einer solchen Heldin gegenüber.

»Du aber scheinst nur aus ihr herauszulesen, was Dir in Deinen Kram paßt; da muß ich schon ein wenig nachhelfen – (natürlich, Schwesterchen muß immer nachhelfen)–und Dir auch einmal eine Stelle daraus übersetzen; Du wirst Dich noch gar verwundern, daß sie darin steht.

»›Ach,‹; schreibt sie, ›wie doch die Frauen zu beklagen sind. Die Männer sind wenigstens frei. Die vollkommene Unabhängigkeit im gemeinen Leben, die Freiheit, zu kommen und zu gehen, daheim zu speisen oder in die Kneipe zu gehen, zu Fuß ins Boulogner zu wandeln, oder ins Café: Diese Freiheit ist die Hälfte des Talents und Dreiviertel des gewöhnlichen Glückes … Aber, wird man sagen, ihr überlegenen Frauen, ihr Frauen höherer Gattung, die ihr sein wollt, warum nehmt ihr euch diese Freiheiten nicht einfach …‹;

»Dir aus der Seele gesprochen, mein Tilchen, nicht wahr? Ich sehe Dich triumphieren; aber gemach, es kommt anders.

»›Das ist unmöglich,‹; fährt Marie Bashkirtseff fort; ›denn die Frau, die sich auf diese Weise emanzipiert – wenn sie jung und hübsch ist, versteht sich – setzt sich selber auf den Index. Sie wirkt auffallend, herausfordernd, verrückt; alle Welt wird sie tadeln, und so wird sie noch unfreier sein, als wenn sie sich streng den idiotischen Sitten unterwirft …‹;

»Was sagt nun mein Schwesterchen?«

Was ich sage? Ich habe die Stelle nicht gefunden; es ist nicht unmöglich, daß die Hildegard wieder einmal mogelt, und dann geht die gute Hildegard in der Apotheose dieser schwindsüchtigen Russin doch allzuweit.

Nicht die Kunst war die Göttin, auf deren Altar sie ihr überhitztes Lebensflämmlein verbrannte. Nur ihrem bis zum Wahnsinn gesteigerten Ehrgeiz opferte sie, diente sie. Hätte sie dieses Ungeheuer auf eine andere Weise zu befriedigen gewußt, sie würde keinen Pinsel mehr angerührt haben. Sie sagte es ja selber, einen Napolean Numero 4 heiraten und, wenn auch nur für acht Tage, vor allen Sterblichen der Welt am meisten en vue zu sein, war ihr höchster Traum. Die arme, gequälte Malerei war ihr nur – wie die Franzosen so zierlich sagen – la bouche-trou de … ja, was weiß ich von was.

Hysterie habe ich es schon genannt. Ein wenig ist das auch der Fall Hildegards; ach, es ist vielleicht unser Fall überhaupt …

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16. März.

Mama ist köstlich; sie hat Angst, ich könnte in München unter anti-evangelischen Einfluß geraten und mich für katholisches Heidentum begeistern. Gerade künstlerischen Naturen sei der Katholizismus mit seiner bestechenden Sinnlichkeit von jeher gefährlich gewesen, und ob ich denn gar keinen Umgang mit evangelischen Christen hätte.

Die gute Mama; noch keinen einzigen Katholiken habe ich hier kennen gelernt. Was hier zur Literatur zählt, ist protestantisch, ist auch fast ausnahmslos norddeutsch. Ob die Leute freilich sehr evangelisch, sehr christlich sind?

Aber Mama braucht keine Besorgnis zu haben; wer so erfüllt ist vom Geiste Luthers, wie ihre sämtlichen Kinder, der läßt sich so leicht nicht ins Bockshorn jagen. Er läßt sich auch nicht locken von sinnlich phantastischen Bildern, die im Grunde doch nur Gespenster sind; er hält sich an den Herrn Jesus, und mit Martin Luther spricht er:

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben.
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.

Aber innig gerührt hat mich Mama. Sie schreibt, sie bete täglich für mich unter Tränen, wie Monika gebetet hat für ihren Sohn Augustin. Ich werde ihr einen Brief schreiben, der ihr Freude machen wird; ich werde ihr schreiben, daß ich am Sonntag, als ihrem Geburtstag, in ihrem und des Herrn frommem Gedenken zum heiligen Abendmahl gehen werde. Wir haben hier außen an unserm kleinen Kirchlein einen Prediger aus der Gegend von Ansbach mit streng lutherischem Bekenntnis.

Daß ich dem Doktor Schönemann auf den Sonntag, der Mamas Geburtstag ist, für den Salvatorkeller zugesagt habe, reut mich nun fast. Aber, ach nein, Mama wäre die erste, die mich dazu aufforderte.

Zur Buße werde ich auch Walters Einladung zum Mittagessen annehmen.

*

Eben schreibt der Doktor, daß er sich 's anders überlegt habe, daß der Sonntag auf dem Nockerberg doch allzu volkstümlich ausfallen dürfte, und daß wir deshalb erst am Montag nachmittag gehen wollten, da würden wir die Kollegen sicherer treffen; auch Sauger komme erst am Sonntag mit dem Abendzug von Berlin hier an.

Ist das nicht wie eine Fügung? Weil ich mir vorgenommen habe, am Sonntag zum Abendmahl zu gehen und Mamas Geburtstag fromm zu feiern, fügt es der Himmel, daß jeder weltlich störende Klang fehlt an diesem Tag.

Um so freieren Gemüts werde ich am Montag zu dem berühmten Berg hinaufsteigen, von dem die Freunde spotten, daß er auch dem frömmsten Münchener lieber ist als Altötting oder jeder andere noch so heilige Wallfahrtsberg im Lande Oberbayern, das bekanntlich die heilige Jungfrau zur besonderen Patronin hat.

Doch mache ich mir keine übertriebenen Vorstellungen; das Oktoberfest hat mich seinerzeit sehr enttäuscht, wahrscheinlich geht mir's mit dem Nockerberg nicht anders, nur daß ich vielleicht einige berühmte Kollegen kennen lernen werde.

Auf den Sauger bin ich besonders gespannt.

*

27. März.

*

Salvator! Retter bedeutet das Wort, Erlöser, Heiland. Aber mir, was hat mir der »Salvator« zu bedeuten?

Eine Seekrankheit?

Von einer solchen genest man; kann ich das hoffen? Oder soll ich stolz, soll ich frech sein und sagen, daß ich Genesung nicht nötig habe, daß es nur an mir liegt, ob ich mich krank fühlen will oder gesund?

*

Vierzehn Tage sind bereits darüber hingegangen, und noch bin ich nicht mit meinem Denken im reinen; alles ist schwankend geworden in meinem Hirn.

Wenn ich hier nicht den Vorsatz niedergeschrieben hätte, in meinen Aufzeichnungen ganz offen zu sein und alles zu sagen – auch was man sonst niemand gesteht – heute wahrlich fände ich kaum zu diesem Vorsatz den Mut.

*

Wenn ich recht kühl darüber nachdenke und mich frage, was verdienstvoller sei an einem Mädchen, entweder als Jungfrau zu verwelken und sich sein Leben lang zu krümmen unter dem Mitleid seiner glücklicheren Schwestern, oder einem Sohn das Leben zu geben und ihn zum Manne zu erziehen, wenn ich mir diese Frage stelle und dabei alle Vorurteile von der Hand weise, die der Egoismus der Familie im Bund mit der Kirche in uns gezüchtet hat, so kann es nur eine Antwort geben …

Wenn ich aber frage: Was ist schwerer, was ist leichter? Die Erfahrung lehrt's. Alte Jungfern zu werden, dazu haben Tausende und Abertausende den Mut, aber zu dem andern nicht.

Und das Leichtere sollte Tugend sein? Nur das Leichtere? An das Leichtere sollte sich Ehre knüpfen, an das Schwerere Schande …

*

28. März.

Ich mußte gestern aufhören zu schreiben; mein Kopf schwindelte mir, und es kam mir vor, als ob es lauter elende Sophismen wären, was ich geschrieben habe.

Ja, ich glaube es fast; jedenfalls passen die Reflexionen gar nicht auf meinen Fall. Habe ich denn gewählt, habe ich in klarem Bewußtsein und mit freiem Entschluß gehandelt?

Nicht einmal der Rausch der Leidenschaft hat mich übermannt, nur der Salvatorrausch.

So, da steht es geschrieben.

Und doch ist das Schändlichste an der Sache noch nicht ausgesprochen: daß es ein fremder Mann war, ein fremder, unbekannter, gleichgültiger Mann …

*

Ich weiß nicht, was meine Schwestern, wenn sie das einmal lesen sollten, von mir denken werden. Viele wohl werden hier mit Abscheu das Buch zuschlagen und mich für ein Ungeheuer in Mädchengestalt erklären; ich kann nichts dagegen sagen.

Doch gibt es vielleicht auch solche, die etwas mehr »Verstehen« haben. Für sie ein Wörtlein.

Oder lieber eine Frage: Mußte es denn nicht ein fremder, unbekannter, gleichgültiger Mann sein? Wäre es mit einem andern möglich gewesen? Wäre ich, selbst im Rausch des Salvators, nicht vergangen vor Scham?

Versteht ihr mich, meine Schwestern?

Wie es zugegangen ist?

O, so war ich nicht betrunken, daß ich mich nicht des kleinsten Umstandes erinnerte.

Aber ich muß erzählen, was den Tag vorher geschehen ist; das mag meinen Fall auch denen, die mich nur als Auswurf des weiblichen Geschlechts denken können, wenigstens einigermaßen verständlich machen.

Also den Tag vorher, es war der Montag. Ein Föhn war über Nacht aufgegangen, und es war, als ob der tolle, helläugige Gesell aus dem Süden, von dessen Augenlicht die Himmel widerstrahlten, als ob er den Frühling am Schopf durch die Luft dahergeführt habe.

Die Erde lag noch in den eisigen Klammern des Winters, aber in den Lüften vernahm man den Flügelschlag des Frühlings. Wir saßen zwischen zusammengekehrten Schneehaufen im Freien, und alle behaupteten, einen so zauberhaften Salvatortag hätten sie noch nie erlebt.

Über uns, in dem kahlen Geäst der Winterbäume, spielte es wie auf Harfen; das war der Föhn. Er ist überall ein Bringer von Schönheit und Glanz; er ist überall ein mächtiger Erreger unserer Sinne, überall durchflutet er unsere Nerven mit gesteigerten, elektrischen Strömen. Aber wer ihn nicht im deutschen Süden erlebt hat, wer nie in München seinem Zauber erlag, der kennt ihn nicht in all seiner Herrlichkeit; denn nach weiteren fernen Zielen bringt er nur geringe Reste mit von Kraft und Schönheit.

Im Norden wird er flügellahm, und sein Glanz erblaßt. Dort ist er alt und müd; nur wer ihm schon in München begegnet ist, auf der Maximilianstraße, oder auf der Bavariahöhe, oder draußen in Harlaching, wo der göttliche Claude Laurain Zwiesprach mit ihm gehalten, nicht weit vom Nockerberg, der allein kennt ihn in der schönsten Tollheit und Ausgelassenheit seiner Jugend.

Das war der Föhn über uns. Er bringt vieles; für den Münchener als Bestes aber bringt er den Durst.

Wir hatten uns einen guten Tisch erobert; wir waren ganz unter uns. Die größten Berühmtheiten waren da dem Sauger zulieb; denn von sich aus geht, was in München berühmt ist, niemals auf einen Bierkeller. Öffentlich Bier zu trinken, ist verpönt. Wer etwas auf sich hält, hält sich ferne von dieser Sitte des Pöbels.

Wie sie's daheim im Kämmerlein halten, weiß ich nicht; aber von öffentlichen Lokalen ist allein der American Bar fashionabel, und nur der Schnaps gilt für ein standesgemäßes Getränk. Wer's anders treibt, wird zu den Bauern gerechnet.

Schönemann allein darf ungestraft das Gesetz umdrehen.

Er würde es auch verachten, wenn man ihn einen Bauern schimpfte; er ist stolz darauf, von Bauern abzustammen.

*

31. März.

Ich bin vor drei Tagen in einer Weise unterbrochen worden, daß mir das Weiterschreiben ganz verleidet war, und daß es mich wirklich Überwindung kostet, fortzufahren.

Schönemann kam mir hereingeschneit, und mit was für einer Nachricht!

Ich war zwei Tage krank davon.

Das schlimmste, daß Schönemann seine Schadenfreude nicht verbergen konnte; ich habe ihn gehaßt in diesem Augenblick. Wozu mir sowas überbringen?

Nämlich mein Unbekannter ist gar nicht so unbekannt; er ist – ist werde mich hüten, seinen Namen zu nennen – ein junger Journalist und erzählt nun in ganz München sein Abenteuer mit mir. Dreimal soviel lügt er hinzu, und ich bin in aller Mund.

Ich bin nun wirklich, wie Schönemann sich ausdrückte, das Märchen von ganz München, und noch dazu ein lächerliches Märchen.

Zum Gespött bin ich geworden.

Und wie ich diesen Schönemann auf einmal erbärmlich finde. Gestrahlt hat er förmlich vor innerer Schadenfreude; er machte den Eindruck, als ob die Nachricht, die er mir überbrachte, seine Rache sei. Als ob er sich an mir zu rächen hätte! Er weiß wohl selber nicht, wofür; aber … Ich fand ihn heute so klein, erbärmlich fand ich ihn, den tollpatschigen Hünen.

*

1. April.

Aber ich stehe dennoch so hoch über diesem Gesindel, das zynisch über mich lacht; auch hoch über diesen Emanzipationsweiblein, die mich voll sittlicher Entrüstung ein entartetes Weib nennen, eine Schande des Geschlechts.

Nebenbei: Walter hat mir geschrieben, daß er mich von nun an verleugnen werde und mir sein Haus – es war nicht nötig – aufs strengste verbiete. Mama gegenüber werde er Schweigen beobachten, die Wahrheit wäre ihr Tod; aber Bernhard werde er alles schreiben, damit er seine Maßregeln treffen könne …

Gut gebrüllt, Löwe.

*

Ich hatte schlecht von mir gedacht, ich war mir im höchsten Grad verächtlich vorgekommen; aber nun, da andere über mich zu Gericht sitzen, steigt die Schale meines Selbstbewußtseins.

Und ich habe wieder Mut, mir zu vergegenwärtigen, wie alles gekommen ist.

*

Über uns im kahlen Geäst der Winterbäume spielte es wie auf Harfen; das war der Föhn. Die Berühmtheiten waren alle gekommen; der große Generalkapellmeister Lindow mit seinem feingeschnittenen jüdischen Profil saß zwischen dem berühmten Lyriker Grünzer und der dicken Schlotterstiel, deren letzter Roman »Halbgott« in sechs Wochen neun Auflagen erlebt hat.

Neben Grünzer saß Weidlich, der die berüchtigten Brettl-Lieder und unanständigen Komödien schreibt; er flüsterte Grünzer fortwährend Zoten ins Ohr, aber so, daß unsereiner sie auch hören konnte. Mich fragte er einmal ganz laut, ob ich meine Jungfernschaft noch immer auf Lager hätte, und ich glaube, er war nicht einmal betrunken.

Mir scheint, dieses Volk nimmt mich als Dichterin nicht ernst, oder hält mich gar für ein bißchen dumm. Sich so Reden herauszunehmen; Grünzers breitflächiges glattes Gesicht strahlte wie geölt bei der Sottise, und er wollte auch seinen Senf dazugeben. »Heiraten Sie nur nicht, Fräulein,« sagte er. Ich fragte: »Warum?« »Da können Sie nicht länger Jungfrau bleiben.«

Dummerweise wurde ich über den Blödsinn ganz verlegen, bekam einen roten Kopf und fand keine Antwort. Die dicke Schlotterstiel kam mir zu Hilfe. »Mädchen können heutzutage immerhin,« sagte sie, »das Heiraten eher wagen als Männer,« und da Grünzer nach dem Grund fragte: »Nun, weil Männer doch nicht so leicht durchgehen.« Das saß; man sagt, daß Grünzer, seitdem seine Frau ihm mit dem kleinen Italiener durchgebrannt ist, einen schwarzen Flor um seine Leier gewunden habe und an einem Band Klagelieder dichte. Oft übermanne ihn aber die Wut, und das Klagelied werde zu einem Schimpflied! Solche hat er in der »Jugend« einige abdrucken lassen.

Es war außerdem erschienen der berühmte Dramatiker Bissig. Dieser Mann hat eine Art Löwenphysiognomie, aber wie der Fötus eines Löwen; war auch da der Baron von Zachen mit seinen schönen Locken und noch schönerer Halsbinde, der erst kürzlich mit seiner Novelle »Das sechste Gebot« ein allgemeines großes Aufsehen und einen kleinen besonderen Skandal erregt hat.

Ich saß zwischen Schönemann und Sauger. Einmal war es sehr drollig; Schönemann, der einen Augenblick weg war, führte an der Hand ein niedliches Frauchen, eine wirklich hübsche Jüdin und bot ihr Platz bei uns. »Die Dame,« sagte er, »befindet sich auf der Hochzeitsreise; sie hat eben im Gedränge ihren Mann verloren, und ich habe ihr unsern Schutz angeboten.«

Er lud die Fremde zum Sitzen ein; sie war ein kleines naives Provinzmädel, und es brauchte nicht viel Hin- und Herredens, bis sie gestand, was ihr brennendster Wunsch sei: nämlich von den Münchener Berühmtheiten eine oder die andere kennen zu lernen. »Aber sowas kommt ja nicht an unsereinen,« fügte sie schmerzlich hinzu.

»Und wen wünschen Sie sich denn am meisten,« fragte Lindov. »Am meisten,« rief sie aus, »den Herrn Generalkapellmeister Lindov; ich hatte so gehofft, daß er eine Oper dirigieren werde, während der drei Tage, wo wir hier sind.« Lindov schmunzelte.

»Und Ihr nächster Wunsch?«

»Otto Bissig,« rief sie, »ich habe drei Stücke von ihm auf unserm Stadttheater gesehen.«

»Und dann?«

»Dann Hans Heinrich Grünzer; ich habe mir nach und nach seine sieben Bände Gedichte von meinem Bräutigam schenken lassen; viele davon kann ich auswendig, z. B. ›Nimm, Henker, dieses Beil.‹;«

Man kann sich denken, wie wir uns gegenseitig anschauten. Grünzers breitflächiges glattes Gesicht strahlte wie geölt.

»Und dann?«

»Dann den Doktor Schönemann; ich habe eine Pensionsfreundin, die mit ihm in Briefwechsel steht. Da habe ich immer besonders seine Handschrift bewundert.«

Schönemann wollte mit einer Bemerkung herausplatzen, aber die Schlotterstiel hielt ihm den Mund zu.

»Und dann?« fragte Lindov stereotyp weiter.

»Den Freiherrn Hans von Zachen,« kam es etwas zögernd heraus.

»Ah,« machte Lindov und drohte mit dem Finger: »Man hat das sechste Gebot gelesen!«

Das Frauchen wurde rot.

»Und nun kommt der Hanswurst,« rief Weidlich, wie wir alle aufs höchste belustigt; »aber nach mir zu fragen, würden Sie sich gewiß schämen, gnädige Frau; mein Name ist Franz Weidlich.«

»Sie scheinen allerdings der Hans Narr zu sein,« sagte das Frauchen spitzig; »es wundert mich, daß Sie sich nicht gleich für den Herrn Generalkapellmeister ausgeben.«

»Pardon,« rief Lindov; »so bescheiden ist Weidlich nicht; übrigens habe ich die Ehre, mich als diesen Lindov vorzustellen.«

»Und ich als Otto Bissig.«

»Und ich als Schönemann mit der schönen Handschrift.«

»Und ich als Hans Heinrich Grünzer.«

»Und mich bekommen Sie drein, als Berliner, ich bin Hotto Emmerich Sauger.«

»Männi, Männi,« rief das Frauchen und sprang vom Tisch auf; sie hatte ihren Mann entdeckt.

Sie hatte übrigens einen ganz roten Kopf bekommen. »Nehmen Sie mir's nicht übel,« rief sie, »aber wenn man jemand an seinen Tisch einlädt, treibt man nicht nachher seinen Spott mit ihm. Da ist kein Witz dabei!« Und fort war sie.

Der komische Zwischenfall trug nicht wenig dazu bei, uns alle in die heiterste Laune zu versetzen. Lindov erzählte eine drollige Anekdote nach der andern.

Grünzer gab ungeschminkte Erlebnisse mit Waschermadln und Kellnerinnen zum besten; Zachen berichtete Dinge, die nicht viel anders klangen, von Komtessen und Kommerzienratstöchtern. Otto Bissig war mehr als je Löwe im embryonalen Zustand, brüllte aber nichtsdestoweniger so laut wie ein wirklicher Löwe; zwischenhinein stichelte er gegen Schönemann, den Mädchenfänger mit der schönen Handschrift, wie er sagte, den Generalbeichtvater des deutschen Parnasses, dem alle hübschen Backfische und alle Sekundaner, die in der Schule nicht weiter kommen, ihre poetischen Sünden beichten, und der für alle Absolution hat und Indulgenz, namentlich aber für die Backfische, auch wenn sie vierzigjährig sind … er zischte dabei förmlich.

Weidlich sagte der dicken Schlotterstiel unzweideutige Zärtlichkeiten; kurz, der Salvator begann zu wirken. Schönemann wurde dithyrambisch … (»augenblicksbesoffen« übersetzte es der Kritiker Klingebusch, den ich ganz vergessen hatte); aber nicht besoffen von Salvator, sondern von seinem eigenen Geist, hingerissen von seiner eigenen Beredsamkeit.

Einen Augenblick hatten ihn die Neckereien des Dramatikers verstimmt; aber auch nur einen Augenblick. Er fand ein paar Bemerkungen, die den zischenden Löwen-Embryo plötzlich ganz stumm machten, und nun fühlte er sich in seiner Kraft, und eine Beredsamkeit kam über ihn, daß seiner dagegen aufkommen konnte. Obwohl, außer Lindov, der älteste, wirkte er als der jüngste; immer mehr berauschte er sich an seiner eigenen Rede. Er wurde lyrisch, und während Grünzer, der Lyriker, der geeichte Lyriker, zynische Gemeinheiten auskramte und der »große« Dramatiker Schweinereien aus dem Bordell erzählte, improvisierte Schönemann Gedichte in Prosa.

Er war bezaubernd. Ich hatte ihn noch nie so gesehen, und ich spürte, wie eine Kraft von ihm ausging und meinen Willen knickte, wie der Gewitterwind ein Schilfrohr.

Er apostrophierte den Föhn, er sprach einen Dithyrambus auf den Föhn, der über uns in dem kahlen Geäst der Winterbäume wie auf Harfen dazu spielte …

*

Schönemann war vorher, um dem fremden Frauchen Platz zu machen, hart an mich herangerückt, daß sein Knie das meine berührte. Er behielt auch jetzt diese Situation bei; ich fühlte manchmal sein Bein mit leise schmeichelndem Druck sich an das meine schmiegen. Er wurde auch auf einmal ganz still, und ich empfand es klar: er hatte jetzt keinen andern Gedanken als mich.

Ich zitterte innerlich. Einmal fühlte ich sanft seine Hand auf meinem Schenkel. Ich war im ersten Augenblick empört; aber ich fürchtete, Aufsehen zu erregen und von neuem Gegenstand des Gespötts zu werden, wenn ich rückte oder sonst ein Zeichen gab. Übrigens merkte ich zu meinem Erstaunen, daß mir seine Aufdringlichkeiten zum erstenmal nicht wie sonst zuwider waren.

Ganz wohlig überkam's mich. Ja, ich empfand es wie eine schmerzliche Entbehrung, als Schönemann, ich weiß nicht warum, plötzlich von mir abrückte. Ja, was ich nie für möglich gehalten, ich ertappte mich einmal dabei: mein Knie hatte das seine gesucht …

An einem Tisch nebenan sangen sie den letzten Berliner Gassenhauer: »O Susanna.« Sie erfanden dazu immer neue Strophen, eine unflätiger als die andere. Mir wurde – ich will ja nichts verschweigen – mir wurde siedendheiß, und immer die lauernden Blicke des Grünzer und des Weidlich, was wohl der unflätige Gesang für einen Eindruck auf mich machte.

Schönemann merkte meine Verlegenheit; er neigte sich an mein Ohr: »Hör nicht hin,« flüsterte er, »das sind Schweine, Saukerle sind's – aber sei auch nicht unnötig länger grausam gegen einen Freund.«

Ich fühlte wieder seine Hand auf meinem Schenkel; ich wußte in diesem Augenblick: wenn er dich heute nach Hause bringt … ich dachte den Gedanken nicht zu Ende.

*

2. April.

Eine Stimme in meinem Innern sagt mir, es sei geschmacklos, hier weiter zu erzählen; es sei undelikat von einer Frau, gewisse Dinge auszusprechen, oder auch nur andeutend zu verraten. Diese innere Stimme war schuld, daß ich gestern im Schreiben innegehalten habe.

Aber ich habe nachgedacht.

Im Leben, in der Gesellschaft, im lebendigen Verkehr mit andern ist es gewiß tadelnswert, die Gesetze der Wohlanständigkeit zu verletzen, die jeder Frau heilig sein müssen. In einem Kunstwerk, das vor allem unter den Gesetzen der Schönheit steht und des Geschmacks, ist natürlich jede Geschmacklosigkeit, und was daran grenzt, ein Verbrechen. Aber was ist ein Tagebuch? Eine Auseinandersetzung mit mir selber. Hier kann es nur ein Gesetz geben, das der Wahrheit und Offenheit; denn Wahrheit und Offenheit habe ich mir gelobt vor allem.

Und nur indem ich die ganze Wahrheit sage, kann ich falsche ungünstige Lichter zerstreuen. Kein Mensch kann verpflichtet sein, sich als Karrikatur zu zeichnen, nicht einmal vor sich selber.

*

Schönemann hat mich nach Hause gebracht. Der Heimweg war schön – so lang er war. Schönemann drang darauf, daß wir zu Fuß gingen, und ich war wie ein zitterndes Reh an seinem Arm.

Als Mädchen in etwas jüngeren Jahren, da hat man sich wohl manchmal ausgedacht, wie einem zumute sein müßte in dem Augenblick, wo der Bräutigam einen mit seinem Arm umfaßte und das zitternd bangende Bräutchen liebevoll stützend, drängend, schmeichelnd, hinaufgeleitete in die Brautkammer.

Das erlebte ich nun auf dem nächtlichen Heimweg.

Zu Hause (es hilft nichts, ich muß alles sagen) – wurde er dringender, als sei jede Sekunde ein unwiederbringlicher ewiger Verlust. Aber auf einmal verdüsterte sich sein Blick, seine Züge wurden schlaff; ein mürrisches, ärgerliches Wesen trat an ihm hervor. Er überhäufte mich mit Vorwürfen, mit fast kränkender Rede, wie ich ihn gequält hätte seit Wochen.

Warum das in dem Augenblick, wo ich ihn nicht mehr quälen wollte, wo jeder Widerstand in mir gebrochen war, wo mein ganzes inneres Wesen sich ihm entgegensehnte und nur die weibliche Schamhaftigkeit mir äußerliche Zurückhaltung auflegte?

Ich begriff nichts mehr in seinem Wesen; der ganze Mann war mir ein Rätsel. Alles in mir schrie, daß ich ihm gehörte … aber er nahm mich nicht.

Er wurde immer düsterer und finsterer, immer unwilliger, unwirrscher; er hatte seine Zärtlichkeiten längst eingestellt. Voll Erstaunen und Unbegreifen sah ich ihn vor sich hinstieren.

Er sagte zuletzt, er habe zu viel Salvator getrunken; er sei berauscht.

Und er schickte sich an zum Gehen. Ich fragte ihn, ob er mich am Nachmittag zu einem Spaziergang abholen werde; er antwortete mürrisch, er wisse es nicht. Mit einem kurzen, knappen Kuß verabschiedete er sich.

Den Zustand, in dem er mich zurückließ, mag ich nicht beschreiben. Ich schlief erst gegen Morgen ein, und als ich um Mittag herum aufwachte, da fühlte ich mich wie zerschlagen an allen Gliedern.

Übrigens, ich konnte an nichts denken als an ihn. Ich war voll von ihm, und ich erwartete ihn.

Ich zweifelte gar nicht, daß er kommen werde; ich konnte mir's nicht anders denken.

Und ich wurde unruhiger und aufgeregter von Viertelstunde zu Viertelstunde.

Ich konnte an nichts anderes denken als an ihn; ich war voll von ihm. Ich lauschte auf jeden Laut vor der Türe.

Um halb vier Uhr schellte es draußen; ich glaube, ich tat einen Freudenschrei.

Nur der Briefträger war's; ein Brief für mich. Ich zitterte, er war von ihm.

Wie ich den Umschlag aufriß! Es war gar kein richtiger Brief, es war das Gedicht an den Föhn, das er auf dem Nockerberg gesprochen, nur mit einigen Abänderungen. Ganz geändert war der Schluß; er lautete:

Föhn du leuchtender strahlender,
Wie Schwanenflaum
Berührt uns dein Fittig,
Dein silbern-weißer;
Wollüstig weich,
Wie mit kosender Frauenhand
Streichelst die Wangen uns,
Du Schmeichler,
Und bist doch voll Tücke.
Wohl bringst du Schönheit,
Doch nimmst uns die Kraft
Und machst schlaff
An Amors Bogen
Die spannende Sehne,
Daß zur Erde machtlos
Niedersinkt der Pfeil.
Voll Tücke bist du,
Und eh' wir's versehen,
Schüttest Güsse uns über die Ohren,
Es ist zum Lachen –
Wehe
Wer dir vertraut.

Wirklich schüttete es draußen wie mit Kübeln. Ich hielt das Gedicht für einen Vorboten und wartete von neuem.

Ich wartete eine Stunde, ich wartete zwei. Zuletzt hielt ich es nicht mehr aus zwischen den engen vier Wänden, und trotz des strömenden Regens machte ich mich auf und nahm ein Tram nach dem Nockerberg.

Qui a bu, boira, dachte ich, das Wort wird sich sicher an ihm bewähren.

Am Tag zuvor war ich nicht in den Saal gekommen; ich betrat ihn jetzt zum erstenmal. An der Tür schlug mich's fast zurück. Eine dicke, stinkende Luft umfing mich; ein fürchterliches Tohuwabohu von Blechinstrumenten und gröhlenden Menschenstimmen betäubte mich.

Ich fand dennoch den Mut, einzutreten. Drinnen konnte man sich kaum vorwärtsbewegen, so voll war's, und jeder Mann, dem ich nahe kam, schien mich als seine Beute zu betrachten. Und was für pöbelhafte Reden, was für rohe, tierische Gesichter. Auswurf der Menschheit schien alles, was mir vor die Augen kam. Ein tiefer Ekel erfaßte mich.

Ich nahm mich aber zusammen; ich wehrte mich so gut ich konnte, aber nach fünf Minuten fühlte ich meine Kraft sich erschöpfen und meinen Mut klein werden; ich wollte umkehren.

Da plötzlich sah ich ihn; in allernächster Nähe. Er saß perorierend zwischen zwei Frauen von geradezu gemeinem Aussehen. Von dem, was er sagte, konnte ich nichts verstehen, aber die beiden Frauen brachen jeden Augenblick in das roheste Gelächter aus.

Ich schämte mich für ihn.

Und ich war fest entschlossen, mich unbemerkt zurückzuziehen. Aber da hatte er mich bereits entdeckt.

Was sich zuerst auf seinem Gesicht spiegelte, war Verlegenheit, gemischt mit Unwillen. Doch erhob er sich rasch und trat zu mir heran. Aber angenehm war's ihm nicht, das sah man. Er wollte mir einen Platz an seinem Tisch anbieten; ich machte eine Gebärde des Abscheus.

Aber ich nahm es an, daß er irgendwo Platz suchte für uns beide.

»Was waren denn das für Damen?« fragte ich, als wir endlich saßen.

»Ach, biedere Handwerkerfrauen, die sich einen lustigen Nachmittag machen.«

»Und damit kannst du dich unterhalten?«

»Kind,« antwortete er barsch, »das verstehst du nicht. Wer das Volk schildern will, muß es kennen in allen seinen Schichten. Nicht jeder kann sich Tragödien hohen Stils aus den Fingern saugen.«

Er verhöhnte meine Dichteransprüche.

Ich hatte aber nicht die Kraft, ihm zu zürnen. »Ich hatte auf dich gewartet den ganzen Tag,« sagte ich sanft; »ich danke dir für das schöne Gedicht.« Unsere Augen begegneten sich; in den meinigen mußte viel zu lesen sein. Er fühlte sich geschmeichelt; er sah mich zum erstenmal wieder freundlich und liebevoll an.

»Du hast mich gesucht?« sagte er weich.

Ich winkte, ich fühlte, daß mir Tränen in die Augen kamen. Er legte sanft seinen Arm um meine Hüfte, und er gab mir wieder liebe und gute Worte.

Wir blieben lange; er nötigte mich oft zum Trinken.

Wenn ich es heute überlege, so scheint mir, daß er mich, ich weiß nicht warum, mit Absicht berauschen wollte.

Ich ließ es mir gefallen, weil er immer sanfter und zärtlicher zu mir wurde.

Nur zu lange blieben wir. Endlich aber brachen wir auf; wir nahmen einen Wagen.

Wieder fühlte ich mich fortgetragen, fortgehoben, wie im Sturm hingeführt von den Armen der Liebe, zitternd, bebend, bangend.

Diesmal waren wir schnell zu Hause; leider. Nur die Fahrt war schön. Auf meinem Zimmer dieselben Unbegreiflichkeiten … dieselbe unverständliche dumpfe Wut gegen mich.

Kurz, dieselben quälenden, marternden, aufreizenden Stunden der Verstimmung, der Ratlosigkeit, und vor allem der Verletzung meines Zartgefühls. Dann Zorn, Vorwürfe, ja Beleidigungen.

Wo ich – ohne Überlegung, ohne Wollen, rein instinktiv einem natürlichen Schamgefühl gehorchen mußte, tat er verletzt, beleidigt, sprach von Prüderie, von Komödienspiel. Aber – war er denn nicht hundertmal stärker als ich? Konnte er als Mann meine Verteidigung so mißverstehen?

Ich drängte ihn zum Gehen.

Als er mich verlassen hatte, warf ich mich entkleidet auf mein Bett und ein heftiger Weinkrampf schüttelte und rüttelte meinen ganzen Körper. Eine Viertelstunde mochte ich so gelegen haben, da klopfte es an meinen Laden.

»Was wird er wollen?« Ich hatte keinen andern Gedanken; ich sprang von meinem Lager in die Höhe, ich riß das Fenster auf, und – ehe ich mich's recht versah, stand – stand ein fremder Mann in meinem Zimmer.

Ich kannte ihn vom Sehen; er hatte mich öfter auf der Straße gegrüßt.

Aber nun genug der Einzelheiten.

Auf diese Weise ist mir's geschehen, da ist nun nichts weiter zu beschönigen.

Daß es ein Lump sein mußte, dem ich in die Hände fiel, ist meine ganz gerechte Strafe. Ein Gutes aber ist dabei: von Schönemann bin ich geheilt – –

Einer weniger Unwissenden und Unschuldigen hätte dazu freilich der erste Abend genügt.

*

3. April.

In unsern Kreisen ist eine Ohrfeige der tödlichste Schimpf, den man einem Mann zufügen kann; bei den Griechen, lese ich in Schopenhauer, war es dagegen nicht im geringsten Grad beschimpfend, einen Schlag erhalten zu haben. Was ist es nun, wenn ein Mann die Schwachheit eines Weibes überrumpelt und seinen Körper überwältigt? Mein inneres Wesen ist unberührt geblieben.

Man muß einfach aus seinem Gedächtnis wegwischen, was zu denken unangenehm ist.

*

Montag.

Schönemann hat die Protektion mir gegenüber abgelegt und es sich zur Regel gemacht, wo er mich trifft, einen gereizten, feindlichen Ton gegen mich anzuschlagen. Zuerst habe ich mich darüber empört; allmählich belustigt mich die Sache.

*

Mittwoch.

Der – glaube ich – liebt mich. Der einzige, der mir nichts von Liebe (oder was die andern so nennen), zu sagen wagt. Wenn er nur nicht so häßlich wäre.

Mit seinen roten Haaren und dem sonnenfleckigen Gesicht könnte ich mich noch abfinden, lieber ein häßliches intelligentes, als ein schönes dummes Gesicht; – aber der Knirps hat auch noch krumme Beine …

Witz und Bosheit hat er allerdings für zehn. Wenn sein Vater kein Jude war, war es der Großvater sicher. Seine Feigheit damals gegen Walter …

Ich habe ihn heute darüber zur Rede gestellt; er hat sich nicht schlecht verteidigt. Er habe sich im Unrecht gefühlt; als Freund meines Bruders hätte er mein Anerbieten damals zurückweisen müssen, da er wohl gewußt, wie Walter so was auffaßte. Zweifellos sei Walter dann in seiner Heftigkeit zu weit gegangen; aber wer zuerst Unrecht getan, dürfe sich nachher nicht über Unrecht beklagen. Er wisse übrigens ans sicheren Anzeichen, daß mein Bruder sein Auftreten bereue und gern eine Aussöhnung herbeiführen möchte.

Ich mußte ihm innerlich beistimmen, obwohl wir Menschen einer edlen Rasse in Beleidigungssachen grundverschieden empfinden. Beleidigung verlangt Genugtuung, das ist oberstes Gesetz der Ritterlichkeit. Kein Mann aus unsern Kreisen dürfte und möchte sich dem entziehen.

Wir sind dennoch nicht schlechtere Christen als andere, im Gegenteil. Wenn wir stolz vor den Menschen sind, so sind wir um so demütiger vor Gott. Wir verteidigen, streng genommen, auch nicht unsere Ehre, sondern Gottes Ehre in uns. Denn Gott hat den Adel eingesetzt zum Vorbild und Leitstern der Masse. Ein Stern muß hell leuchten. Der Adel ist zugleich der Schild des Königs, ein Schild aber muß blank sein und ohne Flecken …

*

Was mich heute am meisten gerührt hat: Wehrmüller hat eine »Judith« entworfen. Das ist eine offenkundige Huldigung an mich. Er hat es auch ausgesprochen: Das solle meine Judith werden; nicht irgendeine, meine Judith wolle er malen.

Ich glaube nicht, daß die Judith von einem Maler schon einmal so dargestellt worden ist. Wehrmüller hat den kühnsten Moment erfaßt: Holofernes ist eben vor Ermattung eingeschlafen, und Judith neben ihm in voller Unordnung, die Blicke von Lust sprühend, von Lust der Rache, hat sich halb vom Lager erhoben und greift nach dem Schwerte, das am Kopfende des Bettes in seiner Scheide hängt.

*

Donnerstag.

Im englischen Garten bin ich heute Mittag dem Grünzer und Weidlich begegnet; sie haben getan, als ob sie mich nicht kannten.

Nun ja, auf dem Nockerberg haben sie auch kein ernstes Wort an mich gerichtet. Und so ist mir's auch schon mit anderen ergangen. Sie nehmen mich alle als Kollegen nicht ernst; denn sie haben alle nicht die »Judith« aber die höhnischen Kritiken darüber gelesen.

So ein Kritiker darf ungestraft moralisch morden, darf öffentlich unsere Ehre in den Kot treten.

Es herrscht eben heute im Reich der Kunst das Plebejertum. Zur Zeit der ritterlichen Minnesänger war das anders; aber auf die Ritter folgten die Handwerksmeister – und ihre Nachkommen.

*

Freitag.

Dieser Brief von Mama hat noch gefehlt. Als ob mein Katzenjammer nicht schon groß genug gewesen wäre. Als ob ich mir nicht selber sagte jeden Tag, daß die Luft hier meiner dichterischen Produktion nicht günstig ist, daß ich seit meiner »Judith« nichts mehr gemacht habe, als ein halbes Dutzend Entwürfe, die ich alle nachträglich wieder verwarf.

O, ich könnte ja auch, wie andere, Novellen und Romane zusammenschmieren, haufenweise, und Lesefutter für den geistigen Pöbel liefern …

Nein, ich könnte es eben nicht. Auch nicht, wenn ich wollte.

Und das ist mein Stolz. Zum Glück überhebt mich meine kleine Rente der Notwendigkeit, die Kunst als Broterwerb, als Gewerbe mißbrauchen zu müssen.

*

Sonnabend.

Den Nachmittag bei Wehrmüller. Seine Judith (meine Judith) macht schöne Fortschritte. Er spricht diesmal nicht von Modellnot; aber ich weiß auch ohnedies, was er auf dem Herzen hat.

Und warum nicht, wenn ich sein Werk damit fördern kann? Es ist ja auch meines.

Ich fürchte nur … Unsinn.

*

Sonntag Lätare. In der Frühe.

Immer noch liegt mir Mamas Brief im Magen. In Wahrheit aber kommt das alles gar nicht von Mama, ich höre aus jeder Zeile die Hildegard heraus.

Sie hat früher schon immer so geredet; sie war immer dagegen, daß ich nach München ging. Sie wußte dann immer die und jene Malerin anzuführen, die nicht ohne Talent gewesen wären, die bei X. oder Y. in Dresden schon schöne Fortschritte gemacht hätten; sie seien dann nach München gegangen, und man habe nichts mehr wieder von ihnen gehört, als höchstens von der einen oder andern, daß sie dort ein skandalöses Leben führten. Nicht die Kunst locke so viele nach München, besonders gewisse junge Damen, sondern das freie Leben dort. Die Kunst sei nur Vorwand; das Resultat sei Liederlichkeit. Wem an seinem guten Ruf gelegen sei, ginge niemals als alleinstehende junge Dame nach München usw.

Dummes Zeug; wer natürlich kein Talent hat, wird nirgends etwas leisten. Und »wem an seinem guten Ruf gelegen ist …« ich denke, der Künstler, ob Mann oder Frau, habe sich vor allem um seinen künstlerischen Ruf zu kümmern; sein gesellschaftlicher Ruf hat daneben wenig zu bedeuten.

Hildegard ist eben Philister; man trifft ihrer genug unter den Malern und noch mehr unter den Malerinnen. Die Malerin hat zu viel Teil am Handwerk und damit am Banausentum; Flügel, um hoch über allen bürgerlichen Begriffen, auch über allen bürgerlichen Schranken zu schweben, gibt uns allein die Beschäftigung mit der Dichtung.

Hildegard tut sich so viel darauf zugute, daß sie bereits Bilder verkauft; Herrgott, ein Schuster verkauft auch Schuhe. Ist da ein Ruhm?

Es ist wahr, ich habe seit längerer Zeit nichts geschrieben, aber dabei sind mir mehr Ideen durch den Kopf gegangen, als so eine arme Malerin, die bereits Bilder verkauft, auch nur zu ahnen vermag. Und dabei ist Hildegard – sie müßte keine Plessenberg sein – ein hoher Geist im Vergleich zu vielen andern. Ich habe auch noch nie an ihrem Talent gezweifelt, wie sie an dem meinigen.

Das ist unrecht von ihr; wir haben, ach, schon selber genug Stunden des Zweifels und der Kleinmut.

Seit Monaten habe ich sie öfter, als ich sie zu bekommen mir zugetraut hatte, öfter, als ich mir eingestehen mag, aus Angst, das Übel noch zu vergrößern …

*

Am Abend.

Ich habe diesmal wohl befürchtet, daß es so kommen werde. Mein Gefühl hat es mir deutlich gesagt. Warum ich dennoch nicht ausgewichen bin?

Weiß man das denn? Will man überhaupt? Hat man überhaupt einen Willen? Oder ist etwas in uns, ein Geheimnisvolles, Unbegreifliches, Mächtiges, das uns stößt dahin, dorthin?

Ich weiß nicht.

Wenn ich mir noch einreden könnte, daß ich ihn liebe.

Ich bin weit davon entfernt. Ich finde ihn ja so lächerlich häßlich.

Mit der Liebe, scheint mir, da machen sich auch viele eine Komödie vor. Verlobte z. B. sind immer verliebt, wenn sie's auch vorher gar nicht waren. Auch die Dichter, besonders im Roman, nennen das Wort oft eitel.

Ich glaube, bei mir war's Mitleid. Ich sah, daß er nicht arbeiten konnte, trotz allem Aufwand von Selbstbeherrschung, daß seine Hand zitterte, daß er Qualen litt. Meine Stellung und Draperie, wie sie das Bild verlangte, war freilich auch so … Und als dann einmal sein Blick voll unsäglicher Angst mich stumm fragte, da sagte der meinige »ja«.

Er mag dann freilich eine rechte Karrikatur von einem Holofernes gewesen sein.

Ja, es war Mitleid. Eine mitleidige, gute Seele, so hat man mich immer genannt.

*

Dienstag.

Ich habe den Roman gelesen »Aus guter Familie«, von Gabriele Reuter. Dieses kühne Werk hat mich über vieles in meinem Tagebuch beruhigt. Denn die Dinge, die hier eine Frau doch quasi von sich selber bekennt, wenn auch nicht direkt, sind mindestens so stark als meine eigenen Bekenntnisse hier. Es sind andere Dinge, aber nicht weniger heikler Art, und niemand würde einer Frau den Mut zugetraut haben, ein solches Buch zu schreiben. Das ist ein ganz phänomenales Buch.

Als Kunstwerk, als Werk der Dichtung, mag es anfechtbar sein; aber als psychologische Offenbarung kann man es nicht hoch genug anschlagen. Dieses Werk wird ewig seinen Wert behalten.

Wie schade, daß die Verfasserin München verlassen hat und nach Berlin gezogen ist; ich habe ihr aber einen langen begeisterten Brief geschrieben.

Mittwoch.

Diese Überraschung! Dieser Jubel! Eine solche reine, stürmische Freude ist mir lange nicht geworden.

Es klopft an meiner Türe, und wer tritt herein? Botho. Botho, der liebe, der herzige, der goldige Junge.

Er hat acht Tage Urlaub genommen, um zum erstenmal München zu sehen. Er hat nur Walter davon benachrichtigt, mich wollte er überraschen.

Und wie ihm das gelungen ist!

Seine brüderliche Zärtlichkeit gegen mich war rührend. Wie ist der anders als Walter!

Er hat mich förmlich beschämt. Er kann, wie eine Mutter von ihrem Kinde, nichts Unrechtes von mir denken, und er nimmt es Walter im höchsten Grade übel, daß der und seine Frau Klatschereien über mich (wie er sich ausdrückte) Gehör gegeben hätten. Ein Bruder müsse einer Schwester mehr glauben als der ganzen Welt. Er könne mir nur recht geben, wenn ich mich einstweilen weigerte, zu ihnen zu kommen. An Walter sei es, den ersten Schritt zu tun und mir Abbitte zu leisten.

Wie das wohltut, ein solches brüderliches Vertrauen, selbst – wenn man es nicht ganz verdient.

*

Mittwoch abend.

Ich bedauere es jetzt gar nicht so sehr, mit Walter überworfen zu sein. Ohne das hätte ich Botho immer nur mit den andern zusammen, so habe ich ihn zwar weniger, aber für mich allein, das ist mir lieber.

Botho ist entzückt von München; das freut mich. Er wird Hildegards Anschauungen energisch bekämpfen.

Er findet wohl auch das Volk und seine Sitten roh, ganz im Jägertum und Bauerntum stecken geblieben; aber gegen das schäbig-blutarme Wesen unserer Sachsen sei diese Volkskraft hier, wenn auch noch so roh und ungeschlacht, wahrhaft wohltuend.

Allerdings, so viel Intelligenz wie in Dresden, glaubt er auch nicht, daß in München zu finden ist.

*

11. April.

Ich hatte mir vorgenommen, während Bothos Hiersein nicht zu Wehrmüller zu gehen, und hatte es ihm auch geschrieben. Aber da nun die andern zusammen einen Ausflug nach Starnberg gemacht hatten, langweilte ich mich daheim auf meinem Zimmer, und so bin ich hingegangen, aber mit dem festen Vorsatz, diesmal stark zu sein.

Ich war wieder schwach.

Und Botho, der so ahnungslos ist.

Ich glaube gar, der ist noch jungfräulich. Das tut bei ihm seine schöne, ideale Liebe, die bewahrt ihn vor vielem. Mit welcher Begeisterung er von seiner Ottilie spricht.

Aber was für merkwürdige Sachen da unterdessen vorgefallen sind! Der General, der ihn zu sich rufen läßt und ihm rund heraus erklärt, daß er sich nicht die geringsten Hoffnungen machen dürfe auf die Hand seiner Tochter, unbekümmert darum, was das alberne Mädchen ihm auch allenfalls schon gesagt oder noch sagen möge …

Und verbietet ihm, seiner Tochter je wieder zu schreiben, oder sonst, außer dem streng gesellschaftlichen, einen Verkehr mit ihr zu suchen …

Aber Botho sagt: Er habe ihr Wort, das sei ihm Pfand genug. Hundert Briefe könnten ihm nicht mehr sagen.

Und auf der Promenade sehe er sie auch dreimal wöchentlich, das könne ihm niemand verbieten, und was ihm dann ihr Blick sage, enthalte mehr Seligkeit für ihn, als alle Worte der Sprache auszudrücken vermöchten.

Er ist überaus glücklich und voll Zuversicht.

*

Freitag.

Leider hat nun der gute Junge noch einen rechten Skandal hier erleben müssen.

So entrüstet, so empört hatte ich ihn noch nie gesehen. Wie außer sich kam er zu mir.

Diese Person ist also auch noch dumm zu ihrer Frechheit. Sieht's dem Botho nicht an, was für ein reines harmloses Kind der ist. Vergreift sich so; fällt so hinein.

Botho schämte sich fast, mir die Sache nur zu erzählen. Ich hatte Mühe, ihn dahin zu bringen, daß er einigermaßen mit der Sprache herausrückte: wie er, heute zum erstenmal, das Frühstück verschlafen hatte, wie ein Geräusch ihn aufweckte, wie er verwundert die Schwägerin Franziska mit dem Teebrett an seinem Bette stehen sieht.

»Es ist schon sehr spät,« sagte sie, »du mußt einen furchtbar leeren Magen haben; wenn du erlaubst, werde ich dir eine Tasse Schokolade einschenken, hier ist auch Zwieback …«

Und wie er umsonst ablehnte, wie sie einen Stuhl an sein Bett rückte, wie sie ihm einschenkte und ihn bediente, wobei immer die seidenen Ärmel ihres Morgenrocks über ihre nackten Arme zurückfielen; wie sie – gar nicht zu glauben – man hörte eben im Atelier ihren Mann die Staffelei rücken – wie sie plötzlich mit nackten Armen ihn umschlang, wie ihr Morgenrock auseinanderklaffte, die einzige Hülle ihres jungen Körpers …

Fast wurde Botho auch über mich bös. Er konnte nicht begreifen, daß ich nicht in stärkeren Zeichen Scham und Entrüstung äußerte, weil er nicht ahnte, was ich alles von dem Weibe wußte.

Ich sagte nur immer: Der arme Walter!

Mehr brachte ich nicht heraus, mehr mochte ich nicht sagen. Ich fühlte wohl, daß ich kein Recht habe, auf eine andere Steine zu werfen.

Mir tut vor allem leid, daß Botho einen Vorwand nehmen und noch heute abreisen will. Sein Urlaub dauert noch drei Tage.

*

Sonnabend vor Judika.

Heute im Café Luitpold habe ich eine Bekanntschaft gemacht, die leicht – und es hängt das wahrscheinlich nur von mir ab – in meinem Leben Epoche machen könnte.

Heimlich in meinem Innern sage ich mir jeden Tag, daß es hier nicht so weiter geht. Einmal, das scheint mir immer wahrscheinlicher, werde ich hier nie zum Arbeiten kommen. Und dann mit Wehrmüller, wir können das doch nicht so forttreiben.

Wenn ich seine Häßlichkeit bedenke, überkommt mich eine namenlose Scham. Und doch werde ich, wenn ich ihn unglücklich sehe, immer wieder schwach sein.

Nach Dresden möchte ich nicht mehr gehen, ich müßte dort zu viel heucheln, ich könnte es nicht. Ja, wenn mir Plessenberg freistünde.

Aber da macht Bernhard Bedingungen, die ich nicht eingehen mag. Er verlangt z. B., ich solle, außer im Pfarrhaus, keine Besuche machen und allen Verkehr mit den Dorfbewohnern unterlassen.

Da hätte meine Gegenwart dort gar keinen Sinn.

Und jetzt, bei bevorstehendem Sommer, kann ich auch nicht an Italien denken.

Da muß ein fremder Mensch mir erscheinen …

Ganz zufällig, pflegt man zu sagen; aber kann es in der Schöpfung und Weltregierung Gottes einen Zufall geben?

Ein fremder Mensch und doch bekannt. Bekannt aus schönen Träumen und Phantasien. Ein Ideal von Mann in seinem Äußern: schlank, schwarzbraunes weiches Haar, die schönen Lippen nur gerad verdunkelt vom Bart, kurz, der Typus einer Schönheit, die in Norddeutschland jeder als fremd, als exotisch empfinden würde, und die, wenn sie in Dresden auftritt, fast sicher einem österreichischen Offizier angehört.

Und dazu Poet … Im übrigen freilich kein St. Georgen-Ritter mit goldenem Schild und blitzendem Schwert; überhaupt kein Ritter, sondern Chemiker.

Aber das ist ganz modern.

Ich bin Fatalist. Ich glaube, daß das Schicksal mir den Fremden mit den braunen Rehaugen an den Weg gestellt hat; ich will darum meinen Willen in der Schwebe lassen, nicht von mir aus zugreifen, dem Schicksal nicht vorgreifen, vielmehr dem Schicksal die Entscheidung überlassen, d. h. ruhig zuwarten, was sich daraus entwickeln mag. Er kann ein Retter sein; er kann auch ein Verderber sein.

*

Am spätern Abend.

Sogar sein Name ist poetisch; er heißt Georg Ringwald.

Und der poetische Schwarzwald ist seine Heimat. Weite blumige Matten, voll Sonne zwischen dunklen Tannen, waren der Spielplatz seiner Jugend, und diese Erinnerungen sind, wie er sagt, die Seele seiner Gedichte.

Sie waren leider in keiner Buchhandlung in München vorrätig; ich hätte sie um alles in der Welt gern gehabt, und gleich.

Er hat mich aber nur ausgelacht, das habe er zum voraus gewußt. Die Buchhändler hätten ja immer nur solche Bücher vorrätig, die jedermann schon kennt, wenigstens dem Namen nach; niemand aber sei deswegen bekannt, weil er ein Lyriker ist, sondern weil einer bekannt ist, sei er (für die Buchhändler und Kritiker) ein Lyriker.

Er liebt solche Paradoxe, aber er lacht auch selber darüber.

Sein ganzes Wesen ist eine schöne, unschuldige Heiterkeit. Er kann auch sich selber sehr lustig verhöhnen. Er versichert mit dem gewinnendsten Lächeln von der Welt, daß die Poesie und die Chemie eine geheimnisvolle, innere Verwandtschaft hätten, die aber die gewöhnlichen Esel von Lyrikern durchaus nicht einzusehen vermöchten.

Oder, daß er sich in Mannheim durchaus wie auf dem Schwarzwald vorkomme, so groß sei die Ähnlichkeit. Auf dem Schwarzwald würden, durch die modern-staatliche Forstkultur, die Wälder immer rechteckiger und quadratischer, und auch Mannheim bestände, wie man wisse, nur aus vollkommenen Quadraten; statt der Tannen aber hätte Mannheim Wälder von Schloten, die, wie jene, durch ihre schwarzen Rauchkronen nicht einen Sonnenstrahl hindurchlassen.

Er wohnt nämlich in Mannheim. Er ist dort städtischer Beamter, ich glaube im Gesundheitsamt, oder wie man so etwas heißt.

Seltsamerweise erinnere ich mich gar nicht, wie wir zusammen ins Gespräch kamen.

Wir waren aber auf einmal mitten darin. Er hatte so eine kindliche, unschuldige Art zu fragen, daß man ihm nicht böse werden konnte.

Er schwärmte sehr für München und bedauerte schmerzlich, daß sein vierzehntägiger Urlaub nun schon zur Hälfte herum sei. Als er hörte, daß ich München bereits ein wenig satt hätte, konnte er das gar nicht begreifen.

»Sie gehen damit um, München zu verlassen,« rief er fast erschrocken aus – sein Schrecken hatte was Komisches – »aber München ist ja die einzige Stadt, wo der Mensch freie Luft um sich fühlt, wo jemand wie Sie überhaupt leben kann.«

Und er sah mich erstaunt an, wie man jemand ansieht, den man für nicht recht gescheit hält …

Zehn Minuten später war er schon ganz Feuer und Flamme für den Gedanken der ihm plötzlich gekommen: Ich solle nach Heidelberg ziehen. Gleich solle ich mit ihm kommen. Er wolle mir behilflich sein, eine schöne Wohnung zu suchen, am Schloßberg oben, am Rand der Kastanienwälder, hoch über dem schönen Neckartal …

Und wir würden Freunde werden. Er käme dann in seinen freien Stunden zu mir, wie zu seiner Muse. An schönen Sonntagen und Feiertagen machten wir Ausflüge in den schönen Odenwald, in den Schwarzwald.

Er schwärmte. Und als er mich nachdenklich werden sah, wurde er wärmer, dringender, malte immer mehr goldenes Licht in seine Zukunftsbilder …

Ich lachte ihn aus, aber es war mir damit nicht recht ernst. Seine Worte hatten mehr Eindruck gemacht, als ich mir selber gestehen wollte.

Und leider habe ich ihm das, wie es fast schien, nicht genug verheimlicht.

Denn gewiß handelt es sich auch hier wieder um nichts anderes als den gemeinen, brutalen Mannesegoismus, der sich einmal etwas vorsichtiger verhüllt als gewöhnlich.

Ich habe diesmal scharf beobachtet. Er dachte zuerst nur, was er aussprach. Auf einmal aber veränderte sich der Glanz seiner Augen: neue, unerwartete, wollüstige Perspektiven taten sich vor ihm auf, aber er hütete sich, davon zu sprechen. Nur an mich dachte er zuerst, nur noch an sich dachte er nach zehn Minuten. Nur freundschaftliches Wohlwollen gegen einen sympathischen Menschen war das Motiv seines ersten Vorschlags, nach zehn Minuten war dieses unschuldige, rein menschliche Wohlwollen erstickt vom Egoismus dessen, der Besitz ergreifen möchte: Ich habe diesmal scharf beobachtet.

Ich werde ihn heute abend hart behandeln – denn ich habe ihm versprochen, nach dem Theater ins Hofbräuhaus in den großen Saal oben zu kommen. Ich werde ihm zeigen, daß ich ihn durchschaue …

Heidelberg könnte mich schon locken; damit wäre auch Mama einverstanden. Sie hatte von jeher eine Art poetische Schwärmerei für diese Stadt. Zarte Gefühlsfäden verknüpften immer ihr Denken mit diesem Ort deutscher Studentenromantik. Papa und zwei Brüder von ihr haben in Heidelberg studiert. Mit Papa war sie auf ihrer Hochzeitsreise dort.

Ich glaube, sie wäre glücklich über meine Wahl. Ich werde ihn aber hart behandeln heute abend, ich werde nur Hohn und Spott haben für seine Schwärmerei … Es klopft, er wird hoffentlich die Kühnheit nicht gleich so weit treiben; ich habe ihm ausdrücklich verboten, mich abzuholen.

*

Auch der noch … Wenigstens ein Billett von ihm: »Von Italien zurück. Seit zwei Tagen hier. Werde mir die Ehre geben, morgen nachmittag um vier Uhr gnädigem Fräulein meine Aufwartung zu machen.

Eberhard Graf Zobel.«

Und ich werde mir die Ehre geben, nicht zu Hause zu sein; fehlte noch.

*

Nach Mitternacht.

Eine Stelle aus Mamas Brief von heute früh soll hier stehen; sie sei mir zugleich Stütze und Sporn. Mama schreibt: »Viele, die nichts von Dir hören, fangen an, an Deinem Talent zu zweifeln, und ich fürchte, sogar Deine Schwester Hildegard gehört dazu, obwohl ich bis jetzt glaubte, daß sie die Ungläubige nur spiele. Mein liebes Kind, gräme Dich nicht, daß ich Dir das schreibe. Ich möchte Dir gewiß nicht wehe tun damit; denn ich, Deine Mutter, siehe, ich glaube an Dich. Ich glaube an Dein Talent, wie ich an Deine Reinheit glaube. Du brauchst beides. Das eine muß seine Kraft schöpfen im andern. Um die Gnade Gottes, als drittes, müssen wir beten. Du betest doch täglich, liebes Kind? Unterlaß es nie; ich selber bete täglich für Dich, und dann ist meine Zuversicht dreifach …«

*

Es reut mich jetzt, daß ich die Einladung des guten Ringwald nach Kloster Schäftlarn nicht angenommen habe.

Er hat mich schon fast gewonnen für seinen Plan.

Ich hatte hart gegen ihn sein wollen. Statt dessen hat er seinerseits mich mit Strenge behandelt und mir ernste Vorwürfe gemacht, daß ich seit meiner »Judith« – ich hatte sie ihm ins Hotel geschickt – nichts mehr geleistet, daß ich nicht das dringende Bedürfnis gefühlt, über diesen ersten Versuch und seine Ungeschicklichkeiten hinwegzukommen und ihn in Vergessenheit zu bringen durch ein besseres Werk.

Ich saß auf einmal ganz klein neben ihm.

Das wäre am Ende wirklich der Mann, der mich richtig anzufassen wüßte. Kein Verderber, ein Retter.

Warum habe ich nur seine Einladung nicht angenommen? Ich war doch fest entschlossen, den Grafen nicht zu empfangen; mit der Fahrt nach Schäftlarn wäre ich über alles hinausgewesen. Warum tat ich es denn nicht, warum denn nur nicht?

*

Montag.

Zwei Männer an einem Tag. Es könnte die Überschrift einer Novelle sein, oder eines Lustspiels …

Und also gibt es doch immer noch weitere Stufen als man gemeint hat, nach der Höhe, wie – nach der Tiefe.

Aber nur, wenn wir aufwärts steigen, tun wir es mit Willen und Wissen, abwärts gleiten wir. Mit Vorsatz tun wir das Gute, das Böse überkommt uns, überrumpelt uns, übertölpelt uns …

Wer auch würde gewisse Dinge tun, wenn er ihnen vorher ins häßliche Antlitz geblickt hätte? Er sah sie nicht vorher, sie kamen von hinten an ihn herangeschlichen.

*

Ich wollte um keinen Preis den Grafen empfangen. Ich fürchtete mich vor ihm, ich weiß selber nicht warum, und ich ging nach dem Mittagessen zu Wehrmüller.

Nur weil ich mich vor dem Grafen flüchten wollte, bin ich hingegangen; ich wußte ja, was kommen werde, und es graute mir. Ich dachte an meine unglaubliche Schwäche diesem Manne gegenüber, und die Schamröte stieg mir ins Gesicht.

Auch kehrte ich an seiner Türe wieder um. Ich ging ins Café Luitpold, in der unwahrscheinlichen Hoffnung, Georg Ringwald dort zu treffen. Lange saß ich vor meiner Kaffeetasse und sah nach dem fremden Manne aus, wie nach einem Retter.

Und dann bin ich doch zu Wehrmüller gegangen, und es war wie immer.

Und als ich gegen sieben Uhr nach Hause zurückkehrte, stieß ich unter der Haustür mit Zobel zusammen. Er sagte, er wäre schon dreimal dagewesen, und da er morgen abreise …

In verbindlichster Form lud er mich dann zum Abendessen ein, und ich war leider nicht rücksichtslos genug, seine Freundlichkeit abzulehnen; wir gingen zusammen zu Schleich.

Und heute früh um zehn Uhr, als Georg Ringwald kam, um mich verabredeterweise für die Pinakothek abzuholen, war der Graf noch bei mir, und ich mußte den Armen abweisen lassen.

Der Graf, der noch in Unterhosen war und gerade eine Tasse Tee schlürfte, war so zynisch, zu verlangen, ich solle den Menschen hereinkommen lassen; er möchte gern sehen, was einer in einem solchen Fall für ein Gesicht macht.

Na, na, Ringwald würde vielleicht mit stolzerer und selbstbewußterer Verachtung dreingeblickt haben, als der gute Graf sich's dachte, der mit seinem Bäuchlein und Kahlkopf nicht gerade die beste Figur machte.

*

Mittwoch.

Buch meiner Beichten, häßlicher Rätsel voll, ehe ich dich einpacke – denn Georg Ringwald ist noch einmal gekommen, und ich gehe mit ihm – was wollte ich nur gleich schreiben …

Machen wir einfach einen dicken Strich, so:

***

Heidelberg.

»Alt-Heidelberg, du feine.«

Na, die Gerüche sind nicht immer fein in den alten, schmutzigen Gäßchen; aber ich wohne darüber.

Hoch darüber, am alten steilgepflasterten Schloßbergweg, zwischen all dem bunten Plunder von Neubauten, burgartigen Korps-Häusern und nicht weniger phantastisch getürmten und gegiebelten Protzenwohnungen, steht ein hohes solides Haus aus der Barockzeit; es ist in der Mitte, auf vier Fenster Breite, um einen Stock höher als an den Seiten, und in diesem Ausbau wohne ich.

Die Räume nach hinten hat Frau Schellmayer inne, eine brave Waschfrau, die nur gern zynische Sprüche im Munde führt; die zwei saalartigen Stuben nach vorne hat sie vermietet. Mein Wandnachbar ist ein fleißiger Student, der Tag und Nacht über seinen Büchern sitzt.

Ich werde mir ein Beispiel an ihm nehmen.

Und gottlob, daß ich wieder anständig wohne. Seit meinem kleinen Mansardenzimmer am Bavariaring war mir nicht mehr behaglich zwischen meinen vier Wänden. Es war eine rechte Dummheit, daß ich damals aus reiner Gutmütigkeit mit den Schustersleuten in die Heustraße gezogen bin; denn ein Entscheidendes in meinem Leben, woran ich nicht gern denke, weil es häßlich war, hätte nicht so kommen können, wie es gekommen ist, ohne diese niedere Wohnung an der Erde.

Nun liegen wieder tief unter mir nicht nur die engen, feuchten Gassen, sondern auch die sonnigen Dächer darüber. Wie eine phantastische, frischgepflügte, braune Landschaft breitet sich's unter mir aus, rote Türme ragen daraus empor, und jenseits des Flusses grüßen hängende Gärten über schimmernden Landhäusern zu mir herüber.

Romantischer könnte man, selbst in diesem romantischen Heidelberg, nicht wohnen.

*

Später.

Merkwürdig, dieser Abschied von Schönemann. Redete mich mit »Sie« an, war ganz von oben herunter, und hielt mir eine regelrechte Moralpauke. Aus mir werde im Leben nichts; ich wisse selber nicht, was ich wolle; hatte alle Hoffnung auf München gesetzt, aber Redouten und Fasching und Atelierfeste wären mir lieber gewesen als ernste Arbeit, aber auf Redouten habe noch niemand ein Meisterwerk geschaffen.

In diesem Ton ging's weiter, ganze Tiraden von Moral. Er wollte wohl die andere Moral, die er mir solange gepredigt hatte, damit wett machen.

»Rein verloren,« fuhr er fort – als ob ich das nicht selber wüßte – »rein verloren war für Sie der Aufenthalt in München, wo um Sie herum dennoch soviel Großes und Schönes geschaffen wurde. Aber umsonst habe ich Sie mit den ersten schaffenden Geistern in Berührung gebracht, und dann sollte München schuld sein, daß Sie nichts arbeiteten, und Sie hatten's genug und schielten sehnsüchtig über die Alpen, als richtiger Romantiker.

Ja, so tun alle Faulenzer. Was soll man denn in Italien, als in Kunstdusel sich auflösen; wer sich sucht, geht nicht dahin, nur wer sich verlieren will, wem es graut vor sich selber. An Italien ist ehemals unser Reich zugrunde gegangen; an Italien ist später unsere Kunst krank geworden. Warum sind Sie denn aber nicht wirklich hingegangen? Sie wollten ja doch nur los von sich selber; das erreicht man dort, das haben schon die Hohenstaufen dort gewonnen.«

»Auch Goethe?« warf ich schüchtern hin.

»Schweigen Sie,« schrie er; »haben Sie etwa den sichern, unverrückbaren Schwerpunkt eines Goethe, um den diese große Natur sich drehte, wie eine Welt um ihre Achse? Und Sie wollen ja gar nicht mehr hin, nach Heidelberg wollen Sie jetzt, in ein Gelehrten-Krähwinkel – zugleich Schlupfwinkel aller verhockten Romantik, von wo die Romantik sich die Gasse eroberte und den Markt, nachdem sie die hohe priesterliche Gebärde und die Harfe und den Philosophenmantel abgelegt und ein pausbackiger und schnurrbärtiger Stabstrompeter geworden war. Nun, also meinen Segen zur Trompeterei. Die gelehrten Brahminen und Pagoden werden alle mit dem Kopf wackeln, wenn Sie anfangen zu tuten; denn Blechmusik, wenn sie nur recht laut und vulgär ist, dringt sogar durch Brahminenohren, so dick und so lang sie sind …

Nach Heidelberg, in dieses Nest gelehrter Maulwürfe, die mit unglaublicher Ausdauer die Humusschicht unserer Kultur durchwühlen – und froh sind, wenn sie Regenwürmer finden – und denen das Augenlicht vergeht, sobald sie einmal an die Sonne und die frische Lust gestoßen werden …«

Er hielt diese Rede stehend; in seiner ganzen Größe, die schwarzen Locken in die Höhe gesträubt, stand er vor mir. Ich hatte mich in seinen Lutherstuhl gesetzt und blätterte in einer französischen Broschüre über Félicien Rops, die gerade vor mir lag, und wo recht lüsterne Dinge zu sehen waren. Als er es bemerkte, riß er mir das Heft aus der Hand.

Seine Stimmung schlug auf einmal um; er legte mir väterlich die Hand auf die Schulter: »Du meinst vielleicht, ich wußte nicht, warum du nach Heidelberg gehst, oder du meinst, ich hätte einen Zorn, weil ich's weiß. O, ich gönne ihn dir.«

Ich wollte protestieren; er ließ mich nicht zu Worte kommen.

»Er war gestern bei mir,« fuhr er fort; »ich war schnell hinter dem Geheimnis, er ist ehrlich in dich verschossen, und wenn er's auch dir angetan hätte, ich könnte es begreifen. Er ist übrigens nicht nur schön, er hat wirklich Talent, und vielleicht vermag die Liebe mehr bei dir als die Vernunft. Unter seinen Händen könntest du vielleicht noch was werden, wenn er stark genug ist; ich glaub's aber nicht.«

Er sagte dann im ganzen viel Schmeichelhaftes über Ringwald, den er längst kennt.

Mich ließ er nicht zu Worte kommen, und kurz und unwirsch schob er mich zuletzt zur Tür hinaus. Ich wollte seiner Frau Adieu sagen; sie sei nicht zu Hause.

Ich stand draußen auf dem Vorplatz; ich wußte nicht wie. Ich fühlte mich wie hinausgeschmissen.

*

Spät in der Nacht.

Natürlich habe ich mich auch bei Wehrmüller verabschiedet; das war ein wenig peinlich. Das kleine Männlein wurde einen Augenblick ganz blaß.

»Ich hätte es wissen können, daß du mich nicht liebtest,« sagte er dann; »ich wollte mit Gewalt mich selber anlügen. Ich hätte es wissen können, daß du bloß Mitleid für mich hattest.«

Ich wußte nicht recht, was ich sagen sollte, und es kam wohl ein bißchen dumm heraus, als ich äußerte, seine »Judith« sei ja jetzt so weit, daß er mich nicht mehr brauchte; denn ich bemerkte, daß ihm schon wieder der Spott um die Lippen zuckte.

Wenn er witzig wurde, fühlte ich ihn mir immer gewaltig überlegen, und ich hatte dann ordentlich Angst vor ihm.

Ich ließ es nicht so weit kommen; ich eilte weg.

Er hatte recht: ich konnte ihn nicht lieben; aber ich hatte viel Freundschaft für ihn.

Werde ich Ringwald je lieben können? Er würde glücklich werden, und er verdiente es. Aber liegt das in meiner Macht?

*

Mitternacht vorüber.

Ich kann nicht zweifeln, daß er mich aufrichtig liebt, und zum erstenmal fühle ich das ganze Lebensglück eines Menschen in meine Hand gelegt …

Das heißt: liegt es wirklich in meiner Hand?

Das muß ich immer wieder fragen. Denn er braucht Liebe, ehrliche Liebe, um glücklich zu werden; er würde nicht eine andere Sache sich für Liebe vortäuschen lassen. Hängt das aber von meinem Willen ab, Liebe zu geben? Kann man geben, was man nicht hat, auch wenn man es hundertmal wollte?

Wie zart und rührend sich seine Liebe äußert! Aber wiewohl er mich unendlich rührt, nichts in meiner Seele zittert mit, wenn ich gleichsam sein zitterndes, bebendes Herz in der Hand halte, wie einen gefangenen Vogel …

Wahrlich, ich weiß nichts damit anzufangen.

Ich bin manchmal ganz verzweifelt. Sollte das eine Strafe des Himmels sein für meinen frivolen Leichtsinn, daß mir das Herz verschlossen worden ist für die Seligkeiten der Liebe?

Ich bin schon tödlich erschrocken bei dem Gedanken.

Aber das wird nicht sein. Er ist wohl einfach nicht der Mann, der mich zur Ganzheit restlos zu ergänzen vermag, vielleicht – vielleicht, weil er von geringerer Abstammung ist, weil er mir nicht ebenbürtig ist.

Daran muß etwas sein.

Und wenn das, was dabei mitspricht, auch nur ein Ergebnis ist aus der Macht der Erziehung.

Denn nie habe ich es mir denken können – schon in der Kleinmädchenzeit –, daß ich je einen Mann lieben würde, der nicht zu unsern Kreisen gehört. Das mag, wie gesagt, die Erziehung in mich gelegt haben. Aber warum sollte nicht auch schon das Blut seine Sprache reden und einen Willen der Wahlverwandtschaft unbewußt äußern?

*

In der Frühe.

Einstweilen kann ich ihm für seine ehrliche Liebe nichts bieten, als vollkommene Ehrlichkeit meinerseits.

Ich werde ihm meine Tagebücher zu lesen geben. Das ist grausam für ihn – er hält mich natürlich für unberührt; er ist in diesem Sinne unschuldig wie Botho, hat überhaupt innerlich viel Ähnlichkeit mit ihm – das ist grausam, aber vielleicht ist es eine große Wohltat für ihn, indem es ihn heilt von seiner Leidenschaft; aber das wird er sich nun freilich nicht wünschen.

Wünsche ich mir's?

Wenn ich aufrichtig sein soll … es ist süß, sich geliebt zu wissen, und wie selig muß es erst sein, zu lieben, wo man geliebt wird?

Ich werde ihm doch meine Tagebücher geben; es muß absolute Reinlichkeit zwischen uns sein. Und wenn ich's recht überlege, brauche ich nicht zu befürchten, daß sie ihn heilen.

Es schickt sich gut, daß ich hier in Heidelberg ein neues Heft angefangen habe, da doch in dem alten mit dem schönen Einband – für meine Gedichte hatte mir's Hildegard einst geschenkt – nur noch wenige Blätter frei waren, und ich auch auf diese Weise den Beginn eines neuen Lebens an ein äußerliches Zeichen knüpfen wollte.

*

?

Ich bin ganz von Universitätsbüchern umgeben, von Chroniken und Stadtgeschichten. Bis ich wieder durch einen glücklichen Anstoß zur dichterischen Produktion komme, will ich wenigstens ein wissenschaftliches Studium mit Ernst treiben. Ich wollte es mit der Philosophie probieren; ich hatte mir Schopenhauer geben lassen »Die Welt als Wille und Vorstellung«, aber ich bin nicht weit damit gekommen. Meistens war der Rede Sinn mir dunkel, und sein dummer Teufel von »Wille«, den er recht eigentlich als Gott proklamiert, konnte mir keineswegs imponieren; vielleicht verstehe ich eben den Mann einfach nicht. Ich hatte immer das Gefühl, im Blinden zu tappen.

Nein, Philosophie ist nicht für mich, das ist zu hoch über dem Boden der Realität, und ich brauche Boden unter meinen Füßen; ich muß mich an Tatsachen halten können.

Braucht man überhaupt Philosophie als gläubiger Christ? Ist nicht alles im Christentum symbolisch ausgedrückt, was die Philosophie uns lehren kann?

In neuerer Zeit haben sogenannte Philosophen sich den Anschein gegeben, das Christentum zu widerlegen. Bernhard, der alles liest, sagt mit Recht, sie täten das aus purer Eitelkeit und Originalitätssucht; sie wollten das Christentum aus der Welt schaffen, damit sie ihre eigene Lehre, die, soweit sie Wahrheit ist, allein aus dem Christentum stammt, um so ungescheuter als ihre Erfindung und Offenbarung ausgeben können. Um sich an seine Stelle zu setzen, leugnen sie den heiligen Geist.

Wie dieser Tolstoi, der nichts lehrt, als was die großen Heiligen des Mittelalters, ein heiliger Franz von Assissi z. B., viel konsequenter gepredigt, und nicht nur gepredigt, sondern in die Tat umgesetzt haben … und der dennoch tut, als ob er der erste sei, der allererste, der Askese und Nächstenliebe, Solidarität der Menschheit predige und Keuschheit, für deren Erfinder er sich fast ausgibt, und man sich nur wundern muß, daß er nicht ein Patent darauf genommen hat – in seinen alten Tagen.

Er tut wirklich, als ob er vom ganzen Mittelalter, von der ganzen Geschichte der Kirche rein gar nichts wüßte. Oder er gibt sich absichtlich für einen solchen Ignoranten aus, nur um recht original zu erscheinen.

Und die ganze europäische Presse unisono stößt in die Posaune seines Ruhms, und nicht eine Stimme ruft ihm zu: »Nicht so laut, Herr Graf, nicht so aufdringlich; ist alles schon dagewesen.«

Ich habe nie begreifen können, wie einer ein Graf sein und so wenig historischen Sinn haben kann. Wer nur Gegenwart hat, das Tier, der Bauer, wird sich freilich um keine Vergangenheit kümmern; wer aber, wie wir alten Geschlechter, selber Geschichte hat, wie sollte der nicht leidenschaftlich historische Studien lieben?

Für mich waren sie von Kindheit auf eine wahre Leidenschaft, und daß ich in München kein Bedürfnis danach spürte, daß ich sie ganz vergessen konnte, ist ein weiterer Beweis von meiner sozusagen entwurzelten Existenz in der verfluchten Stadt, wo ich, losgerissen vom natürlichen Boden der Tradition, wie ein Rohr im Winde schwankte.

Droben in den wunderbaren Ruinen des alten Schlosses ist auf einmal wieder der Geist der Historia über mich gekommen.

Der Geist der Romantik, würde Schönemann sagen. Sei's drum. Historischen Sinn hatten die Romantiker; die »Modernen« nennen das vielleicht ihre Schwäche, ich nenne es ihre Stärke.

*

Quasimodogen.

Diese Schweinerei!

Wozu nur der Staat gut ist, wenn er solche Dinge unter seinen Augen geschehen läßt? Wozu bezahlt er denn sein Heer von Beamten? Die malerischen Straßenräuber hat man ausgetilgt; aber wie harmlos – und romantisch – waren diese armen Teufel gegen die modernen Bankdirektoren, die unter dem Schutz der Gesetze gleich Millionen stehlen, Milliarden stehlen!

Das ist ja aber der Ruin von vielen Tausenden kleiner Leute, und der Adel von ganz Sachsen muß da bluten. Aller Grundbesitz ist in Frage gestellt. Armes Plessenberg! Nun wird es um dich geschehen sein.

Und wie hat man sie immer gerühmt, diese »Leipziger Bank!« In Dresden besonders, wo die »Dresdener Bank« wie absichtlich gegen sie gegründet war.

Da hat's nur immer geheißen, wenn von der »Dresdener« die Rede war, ja, diese Judengesellschaft, diese Börsenjobberbande. Die »Leipziger«, im Gegenteil, die galt fast als ein aristokratisches Institut, für ein solid christliches Geschäft. Die vornehmsten alten Handelshäuser in Leipzig, besonders aber der Landadel war daran beteiligt.

Dem König konnte man kein höheres Vertrauen entgegenbringen.

Und nun dieser skandalöse Zusammenbruch. Eine Schande ist's für unser ganzes Königreich. Mit einer ausgesprochenen Verbrecherbande, Trebergesellschaft, schreibt Mama – ich kenne Treber nur aus der Geschichte vom verlorenen Sohn – stand diese vornehme »Leipziger Bank« in Verbindung, scheußlich.

Nun wird der Direktor ein paar Jährlein ins Zuchthaus kommen. Ist das eine Genugtuung für die Geprellten, für die schamlos Bestohlenen?

Ein solcher Skandal! War's nicht mit der Pommernbank – oder wie sie offiziell hieß – schon gerade genug?

Ich habe auf Mamas Brief hin die Frankfurter Zeitung gelesen. Was da zwischen den Zeilen hervorschaute, hatte fast ein Gesicht wie die Schadenfreude.

»Ernste Blätter – wie die Frankfurter Zeitung! – hätten längst,« so hieß es ungefähr in dem Artikel, »hätten längst zur Vorsicht ermahnt. Aber niemand habe der Warnung geachtet; vielmehr habe man die warnenden Andeutungen verdächtigt als Konkurrenzneid, als berechnetes Börsenmanöver –«

Kein Wunder! Wenn die ausgesprochen jüdische Presse eine Bank zu verdächtigen suchte, die mit dem Geld des christlichen Adels arbeitete; was sollte man davon halten?

Ob die verschlossenen Depots intakt sind, weiß auch die heutige Frankfurter Zeitung nicht, obwohl sie, wie mir scheint, am liebsten das Gegenteil glauben möchte, natürlich!

Wenn aber das der Fall ist, da sind wir ja vollkommen am Bettelstab; Mama und wir Geschwister alle …

*

Dienstag.

Endlich von Bernhard eine sichere Nachricht über unsere Depots in der »Leipziger Bank«.

Sie sind unberührt.

Na, das ist kein kleiner Stein vom Herzen. Wir können also höchstens unsern Kontobetrag verlieren, der allerdings für Mama und Bernhard eine recht hübsche Summe ausmacht.

Mein eigenes Guthaben beträgt fünfzehnhundert Mark – darunter neunhundert, die Wehrmüller vor acht Tagen, also nur wenige Tage vor dem Bankerott, abschläglich für mich eingezahlt hat.

Ich hatte ihm die Summe – im ganzen fünfzehnhundert Mark – in München gepumpt; hätte er sie doch lieber behalten, nun ist sie sowieso futsch.

*

Dienstag abend.

Georg hat mir Verse geschickt; ich muß sie hier aufschreiben:

Als Hirtenknabe zwischen Blumen liegend,
Von Königstöchtern träumt ich und von Feen,
Die abends Mütterchen, ihr Jüngstes wiegend,
In Märchenzauberkreisen mich ließ sehen.
Doch nur in Traum und Phantasie erschienen
Dem Sonntagskind so hohe fremde Wesen,
Im Leben mußt ich schuften, mußte dienen
Und bin zuletzt von Traum und Wahn genesen.
Nun, da von ungefähr ich dir begegnet,
Da dufteten um mich die Blütenbäume,
Da hab ich dankbar mein Geschick gesegnet,
Da wurden Wirklichkeit die Kinderträume.

Ob ich danach noch den Mut haben werde, ihm mein Tagebuch zu geben?

*

28. April.

Königlicher Kammerherr ist er also geworden …

Der Graf Zobel nämlich. So steht's gedruckt auf seiner Karte, die ich eben erhielt.

Kein Wort dabei, nicht einmal ein Gruß …

Der ist nicht sentimental; würde ihm auch bei seinem Bäuchlein und Glatze schlecht anstehen.

Als ich die Karte gerade erhalten hatte, kam Ringwald, und seltsam, seine Gegenwart tat mir weh; aber nicht, weil ich weich geworden wäre, im Gegenteil, ich fühlte etwas, wie Härte und Grausamkeit in mir aufsteigen.

Hatte mir die Karte etwa weh getan und bewirkt, daß ich wieder weh tun mußte?

Ich gab Georg mein Tagebuch …

*

2. Mai.

Drei Tage Stillschweigen. Er muß längst alles gelesen haben; er hat das Buch gewiß am ersten Abend ganz durchgelesen. Ein seltsames Angstgefühl überkommt mich.

Wenn ich seine Liebe getötet hätte, diese Liebe, die mich bereits so warm und wohlig wie eine schützende Hülle zu umgeben schien; wenn ich es denke, fröstelt mich.

Ich glaube, ich würde unendlich unglücklich, wenn ich ihn verlieren sollte.

Liebe ich ihn denn, ohne es zu wissen?

*

2. Mai. Am Abend.

Es hat ihn tief erschüttert, und seine Liebe war mit erschüttert. Zum Glück hatte sie bereits zu tief Wurzeln geschlagen; sie lag, so drückte er sich aus, wie tot am Boden, aber sie konnte nicht sterben, und sie hat sich wieder aufgerichtet.

Und wahrlich, ihre Kraft hat eine schwere Probe bestanden.

So wurde ich die Seine, indem ich mir im innersten Herzen schwur, den Bund, soviel an mir liegt, als einen Ehebund zu betrachten, der mich bindet und verpflichtet im Heiligsten meines Gewissens.

*

Vor dem Schlafengehen.

Ich glaube, ich liebe ihn; wenigstens bin ich glücklich in seiner Liebe, wie ich es lange nicht war.

*

Beim Frühstück.

Mir ist's, als ob ich lange einen dumpfen häßlichen Traum geträumt hätte, von dem ich nun zu hellem schönem Bewußtsein erwacht bin.

Wie konnte ich nur das alles seither für Wirklichkeit halten!

Das Häßliche kann niemals wirklich, kann niemals wahr sein. Es wird uns vorgelogen von boshaften, teuflischen Dämonen, die für Augenblicke oder Zeiten Gewalt über uns bekommen, sei es durch unsere Schuld, sei es durch den Ratschluß höherer Mächte. Ich glaube nicht an die Wirklichkeit des Häßlichen.

*

Später.

Georg ist schön! Ich wußte nicht, daß der Mann so schön sei.

Wahrlich, der Mann ist schöner als das Weib, und eine höhere Schönheit ist die schöne Kraft als die schöne Weichheit und Zartheit. Die Gewalt, wenn sie schön ist, ist schöner, als was ihr erliegen muß. Jupiter war auch als Stier ein höchster Gott, und es muß wohl Liebe gewesen sein, was mich den Geliebten als Gott empfinden ließ, als er sich zu mir herniederneigte zur Umarmung.

Zum erstenmal erzitterte ich, und heilige Schauer überliefen mich. Ich erlebte die große Wollust, die ich bereits für eine Lüge der Dichter gehalten hatte; ich genoß seinen Leib wie eine göttliche Offenbarung, ich glaubte an kein Häßliches mehr.

Nur häßliche Träume, blöde, dumpfe, hatten mich einst gequält, und ich hatte sie für Wirklichkeit gehalten.

Ist es nun Liebe, dieses neue, helle, jauchzende Glück?

*

Georg glaubt es. Er zweifelt nicht mehr an meiner Liebe, und sein Glaube macht ihn, wie er sagt, unaussprechlich glücklich.

Er erlebt auch die Liebe zum erstenmal. Er weinte gestern in meinem Schoß vor Rührung und Dankbarkeit; er wußte sich gar nicht zu fassen vor Glück.

Er hatte es noch nicht gewußt, daß Frauenliebe in einem solchen Grad beseligen kann.

*

***

Liebespaare sollten in Frühlingsgärten wohnen, gleich Schmetterlingen, die aus Blumenkelchen Nahrung trinken.

Frau Schellmeyer grinste mich heute an, daß es mir die Schamröte ins Gesicht trieb, weil ich wohl merkte, daß sie am Schlüsselloch gespäht hatte. Wie gemein; sie wird mir nun widerwärtig sein, und doch brauche ich sie.

*

Nach seinem Weggang.

Unsere Liebe ist so rein sinnlich – daß das Seelische, wenigstens bei mir, gar nicht in Betracht kommt! Höchstens, daß sich unsere Intelligenzen berühren!

Wahrlich, ich wurde ihm erst geneigt, als ich das erstemal seinen herrlichen Körper nackt vor mir sah.

*

Donnerstag.

Neulich träumte ich von einem Kind; aber er will keins haben. Geliebte soll ich ihm sein; Mutter – wozu auch?

Der Student neben uns beunruhigte ihn gestern lebhaft, und endlich überwand ich mich, ihm zu versprechen, daß …

Wunderliche Wesen, diese Männer! Als ob die physische, geschlechtliche Vermischung nicht etwas rein Äußerliches wäre – das absolut mit der Liebe nichts zu tun hat, höchstens trägt sie zur Erhöhung des Glückes bei …

*

***

Wenn Georg nicht neben mir ist, entsinne ich oft mich kaum seiner Züge. Nur der Duft und die Berührung seines Körpers …

»Lilith« hat er mich genannt, »Schlange« und »Sünde« in jener Nacht, wo ihn mein Körper »verrückt« machte, wo seine Finger meinen Hals preßten, weil ich mich ihm »entzog« – – – –

»Lilith«, lese ich in Rosetti, war das »Weib ohne Seele«, das Adam vor Eva geliebt hat …

*

***

Immer wieder ist mir's ein Rätsel, daß ich meines Äußeren wegen geliebt werde, und daß einer dies Äußere allein besitzen will …

Kommt nicht auch der Leib des Herrn allen zugute, ohne daß er deshalb geringer wird oder ärmer …?

*

***

Einem nur »gehören?« Ach, Unsinn! Womöglich an einen nur denken sollen? Wir Frauen sind zweifellos elastischer im Denken – im Fühlen – in allem! Warum soll ich mich denn langweilen, wenn er fort ist!

Da kommt von ihm eine Karte.

As soon as a thing is imposed on me as an obligation, my aptitude for doing it is gone; what I ought to do is what I can't do, lese ich in Rosetti.

*

Wieder hat er mich heute mühsam erobern müssen, denn er kam mir ganz fremd vor in seiner – Abspannung und mit einem häßlichen, großen Hut und schwarzem Mantel.

Ich wurde kälter und kälter – ein Elementarwesen! Aber als ich ihn abgedankt hatte, kam er wieder zurück, kam er doch über mich und bezwang mich und wärmte mich.

Es war ein Kampf heute wieder – grausam, wie neulich … Er biß mich wieder, und würgte mich – vor »Liebe« …

*

Nach der Sonntagspredigt.

Über die völlige Selbstlosigkeit des glaubenden Menschen predigte heute der schöne Universitätsprofessor, und daß ein solcher, weil er immer nur höhere Ziele im Auge hat, alles Weltliche als Bagatelle behandelt. Nun also! so geht's mir mit dem Geschlechtlichen! Als Priesterin meiner Kunst habe ich kein Gewissen …

*

***

Seinen Körper lieb ich, denn er paßt zu dem meinen. Viele Männerkörper sah ich schon: jeden Alters und Standes – aber seines Körpers wegen bin ich ihm hergefolgt …

*

***

An Italien darf ich nicht denken, wo ich vielleicht – – einen Prinzen erobert hätte! Geliebte zu werden von einem Fürsten! Durch ihn über Tausende herrschen – mit ihm Gewaltiges schaffen – politisch. Das wäre, was ich brauchte …

*

***

Oder als »Schmetterling von Blume zu Blume« – allen zur Freude! warum nicht? Und in allen die Sehnsucht erhalten …

*

Mittwoch. Früh.

Abgespannt und äußerst müde kam er heute zu mir, und wir waren so traulich beisammen, ganz ohne »Mißton«, und zum erstenmal war ich ihm so nahe – so seelennahe – und er erzählte mir von seiner Kindheit und von seiner Mutter und fand mich rosa und eine lichtsuchende und lichtbedürfende Sonnenblume …

*

Spät am Nachmittag.

In der Nähe vom Karlstor ging ich heute an dem ehemaligen Korpshaus der Sachso-Borussen vorüber. Sie haben sich seit kurzem auf halber Höhe des Schloßberges ein neues gebaut, hoch und stolz wie eine Ritterburg, wogegen das alte bescheiden bürgerlich aussieht. Ich habe dieses heut zum erstenmal entdeckt, und ich war davon seltsam wehmütig den ganzen Tag, weil ich immerfort an Papa denken mußte, der nie so heiter wurde in den letzten Jahren seines Lebens, als wenn er auf seine Heidelberger Erinnerungen zu sprechen kam.

Ich bin lange vor dem stillen alten Hause stehen geblieben, und ich suchte mir Papa vorzustellen als jungen Studenten von neunzehn Jahren. Ich meinte jeden Augenblick, er müsse aus der Türe heraustreten, Arm in Arm mit seinen Kameraden.

Die Studenten müssen damals lustiger ausgesehen haben wie heute, jedenfalls malerischer, nach den Bildern, die von Papa übrig sind, zu schließen. Sie hatten damals noch nicht den billigen Ehrgeiz, mit den bessern Kaufmannsgehilfen im steifen Modegigerltum zu wetteifern. Sie trugen noch nicht den geschmacklosen Stehfallum-Kragen, der wie ein eisernes Halsband die Kehle schnürt. Der lose umgeschlagene breite Kragen ließ den Hals frei, zum Teil sogar die Brust; man zog noch mit buntverschnürtem Servisrock und mit langen Pfeifen durch die Straßen und war weniger korrekt, weniger geschniegelt in seiner Haltung wie in seinem Anzug. Man fühlte sich als Musensohn und nahm den Schneider noch nicht für die größte Wichtigkeit im Dasein.

Im Hintergrund hat wohl auch die Philisterseele gelauert bei den meisten. Im wesentlichen wird das damals nicht anders gewesen sein wie heute; aber das platte Strebertum mußte sich mehr verbergen, und bis zu einem gewissen Grad hat sicher die allzuweit getriebene äußerliche Korrektheit die harmlose Heiterkeit getötet.

Wenigstens bin ich von dem Studentenleben hier sehr enttäuscht; Papas Erzählungen haben mir ganz andere Bilder und Farben gegeben.

Dabei darf man freilich nicht vergessen, daß die Erinnerung immer die Dinge vergoldet.

Aus dem gleichen Grund sind selbst die schmerzlichsten Erinnerungen nur ein Hauch des erlebten Schmerzes. Als Papa vor neun Jahren starb, da glaubte ich, nie im Leben wieder froh werden zu können; nun muß ich nur immer denken, wie wohl mein Leben geworden wäre, wenn er gelebt hätte.

Wahrscheinlich wäre ich dann längst standesgemäß verheiratet, und hätte am Ende gar schon ein Häuflein Kinder um mich her.

*

Gespräch.

O.(am Morgen bei heiterem Himmel voll Lerchenfrohsinn. – Nachmittag wieder Regen. Wird empfindlich kalt.)

O Wonnemonat, deutscher! (Fröstelt; zündet im Ofen ein mächtiges Holzfeuer an; in ihr gedämpfte Stimmung).

G.(müde von der Arbeit).

In stillem Zusammensein auf dem Sofa bis tief in die Dämmerung.

G. Bei dir erhole ich mich immer! – Liebst du mich?

O. Ich weiß nicht! Warum soll ich dir's immer sagen?

G. Man wird nie müde, es zu sagen, wenn man liebt.

O. Ich kann es nicht immer sagen! Ich weiß nicht, was man eigentlich Liebe nennt.

G. Liebe ist, wenn sich eine Frau eher zerschlagen – eher verbrennen, eher zerhacken läßt, ehe sie sich einem andern gibt.

O. Ich verstehe das nicht unter Liebe. Ich verstehe darunter ein allmähliches, seelisches Ineinanderhineinkriechen – das andre – das körperliche – ist rein äußerlich – ein notwendiges Übel in den meisten Fällen – in diesem – in unserm Fall eine Erhöhung des Genusses der Glückseligkeit.

G. Du liebst mich nicht, wenn du so reden kannst.

O.(ihn ernst ansehend) Heute früh war ich, siehst du, glückselig! wie ich's gar nicht mehr für möglich gehalten hätte. Wie ich's nicht verdiene … (Weint.)

G.(küßt ihr die Tränen weg). Ich weiß schon! Du Süße! Du Süße!

O. Bist du nun endlich zufrieden?

G.(horcht nach dem Nebenzimmer). Ja, mein Glück wäre vollkommen, wenn die Nachbarschaft nicht wäre – die zu nahe hörbare Nachbarschaft.

O. Ich glaube aber, ich kann für mich gutsagen! (Nach langem, seligem Schweigen.)

O. Sieh! Das hat auch noch keiner bei mir fertig gebracht, daß deine leiseste Berührung mich durchrieselt …

G.(nickt ernst mit dem Kopf, küßt sie). Dein Kuß ist so süß.

O. Und du hast immer gleich meine Zunge. Wenn das nicht alles Beweise sind.

G. Ja, aber wenn du's fertig bringst, doch an andere zu denken …

O. Dafür kann ich doch nicht.

G.(mit einem unterdrückten Fluch, wirft sie weg, tritt an's Fenster).

O.(ihm scheu in die Augen sehend). Georg, jetzt – ja – jetzt will ich dir's einfach versprechen – freiwillig – und du weißt, ich halte Versprechen … bis zum äußersten will ich's nicht kommen lassen.

G.(vorschnell). Ich danke dir. Das beruhigt mich.

O. Es gefällt mir ja auch keiner außer dir mehr! Es kommt mir vor, als ob es gar keine Männer weiter gäbe …

G. Drei Tage werde ich dich nun nicht sehen, sondern arbeiten. Aber dann komme ich einmal unvermutet …

O.(lachend). Das kannst du gar nicht. Ich weiß ja, wann dein Zug kommt.

G.(fängt wieder an unruhig zu werden, steht auf, um sich fertig zu machen). Ich kann nicht fort. Du bist so schön heute wie noch nie … Der Student ist fort! Auch die Wirtin …

Beide im Bett, in ihrer Nacktheit vom Scheine des offenen Feuers beleuchtet.

O. Die Hochzeitsfackel, die uns leuchtet. Mensch! Mensch! was gebe ich dir alles! Erst habe ich dir meinen Körper gegeben – dann meinen Geist, dann meinen Leuchter, – dann mein Herz – aber meine Seele – nein, die behalte ich …

G. Die gibst du dem Teufel.

G. Und den bringe ich auch noch mal drum! Habe ich so viele Männer drum betrogen, da werde ich einen dummen Teufel doch auch noch drum bringen können. (Lacht. Nach einer Pause) Ich werde statt Georg in Zukunft Schorschel sagen, da ich doch nun ein Heidelberger Mädel bin.

G. Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht eitel brauchen! Ich bin der Herr, dein Gott. Das ist das erste Gebot.

O.(lachend.) Das andere aber ist dem gleich: Du sollst den Nächsten lieben als dich selbst.

G. Nein! Das heilige Gesetz ist: Du sollst keine andern Götter haben neben mir! …

*

G. Du weißes Lämmchen.

O. Lämmchen? Aber Lämmer beißen nicht.

G. Kalt bist du heute. Du liebst mich nicht!

O. Ich weiß es nicht; ich glaube, ich habe keine Seele! Kennst du Andersens Märchen von der Seejungfrau?

G. Dein Körper ist heute wieder so süß und so grausam, so was Grausames hast du heute, wie die Seeschlange von Böcklin, wie du so da liegst. (Sieht ihr in's Auge, packt sie an der Gurgel.)

O.(sieht ihn ernst fragend an, schüttelt dann lächelnd mit dem Kopf).

G. Ja, wirklich, ich glaube, ich könnte dich erwürgen! Wenn du mich wütend machtest, könnte ich dich erwürgen, aus Liebe natürlich! Laß mal sehen, ob ich es könnte? (Würgt sie.) Du wehrst dich nicht? Ich glaube, du würdest dir's ruhig gefallen lassen.

O. Ja, ich würde mich sogar freuen! Dann wär es mit einmal vorbei!

G. Hängst du so wenig am Leben? Dann müßtest du ein Kind haben.

O.(drängt ihn fort).

G. Ich kann nicht fort von dir – ich muß dich immer noch einmal haben! … Ganz mein gehörst du. Sag, liebst du mich ein wenig?

O. Ja, ich glaube fast. Wenigstens liebe ich deinen Körper.

G. Das ist schon viel, das übrige findet sich.

O.(ist aufgestanden, schürt, in ihrer Nacktheit vom roten Schein überstrahlt, das offene Feuer, wirft Scheite in die Glut, steigt wieder in's Bett, dreht sich von ihm ab, schaut träumerisch ins Feuer).

G.(küßt sie in einem fort auf den Rücken und in den Nacken).

O.(beginnt zu zittern … Wunderbare Vereinigung … Verliert einen Augenblick das Bewußtsein, dann.) Du, ich glaube, diesmal …

G. Nicht sprechen.

O. Warum nicht?

G. In der Kirche und im Bett gibt es heilige Augenblicke, wo … (Beißt sie in den Hals, küßt sie wütend in den Nacken, preßt sie zum Ersticken.)

O. Du. Ich glaube jetzt nicht mehr – ich weiß …

G. Ich wußte es schon lange.

O. Von mir?

G. Nein, von mir! Und von dir fühle ich's manchmal.

Von deinem Körper kann ich mich heute gar nicht trennen, deine Wärme tut mir so wohl. Dein Körper duftet so süß heute.

Dein Duft ist heute so rein; er berauscht mich, wie eine berauschende Blume – wie süße Milch … Wie hast du doch auch deinen Körper so jungfräulich frisch erhalten?

O. Durch lange Keuschheit!

G. Wenn ich dich als Jungfrau bekommen hätte, da hätte ich Sorge getragen, daß du nicht an einen andern geraten wärest.

O.(lachend.) Ei, wie denn? Wie hättest du das angefangen?

G. Ich hätte dich geschützt und gehütet …

O. Wie hättest du das machen können?

G. Nicht durch Gewalt, durch Liebe …

(Endlich trennen sich beide).

*

Am Sonntag. Sehr spät.

Georg war zum erstenmal vom Samstag auf den Sonntag bei mir. Zum erstenmal habe ich für uns zwei den Frühstückstisch gedeckt, das war dann ungeheuer gemütlich.

Ich habe Georg Tee und Sahne eingeschenkt und die belegten Brötchen zurecht gemacht; ich war so glücklich, ihn zu bedienen. Wir fühlten uns recht wie verheiratet.

Fast muß ich lachen, wenn ich zurückdenke. Wir hatten uns vorgenommen, einen Ausflug zu machen, aber es gefiel uns zuletzt so sehr in der stillen Behaglichkeit des Zimmers, in dem ungestörten, beruhigten Beisammensein, daß uns trotz des schönen Wetters des ersten warmen Frühlingstages nicht das geringste Verlangen ankam nach den sonntäglich gelangweilten Menschen, diesen Sklaven knechtischer Arbeit, die sich eine Woche lang nach dem faulen Sonntag sehnen, und dann, kaum losgebunden von der Arbeit, sich heimlich schon wieder nach dem Joch umsehen, weil sie gar nicht wissen, was sie ohne Arbeit – und wenn nicht gerade der Biertisch vor ihnen steht – mit sich selber anfangen sollen, die alle Welt anöden und durch die eigene innere Öde weit im Umkreis den tiefsten Wald um seine Stimmung bringen.

Wir blieben zu Hause den ganzen Sonntag und haben uns nicht eine Minute gelangweilt.

Wir hatten das Zimmer gut verschlossen – übrigens war der ganze Pavillon ausgeflogen – und das Bett so nahe ans Fenster gerückt, daß wir von unserm Lager aus … ich brauche nicht mehr zu sagen. Wir waren wie auf offenem Dach nach antiker Vorstellung.

Mit Entzücken genossen wir in den süßmüden »Pausen«, wie die ganze Stadt tief unter uns lag, nicht nur die feuchten Gassen, sondern auch die sonnigen Dächer darüber, wie sie sich gleich einer phantastischen, braunen (frisch gepflügten) Landschaft unter uns hin erstreckten und rote Türme daraus emporragten; wie jenseits des Flusses über schimmernden Landhäusern hängende Gärten zu uns herübergrüßten, und wie über den Gärten, die Weinbergwege hinauf um den Heiligen Berg herum, das Volk in Masse, wie Ameisengewimmel, herumkrabbelte.

Wie auf offenem Dach, nach antiker Vorstellung, waren wir auf unserm Lager.

Aber den nächsten Samstag, da wollen wir schon am Abend irgendwo hinausfahren, mitten in den Odenwald hinein, wo kein Sonntagspublikum hinkommt.

*

Montag.

Diese Frau Schellmeyer!

Ich merkte heute sofort, daß sie mit ihren Reden um eine Sache herumging, wie die Katze um den heißen Brei; endlich brachte sie's heraus: Ich solle nicht allzu gutmütig sein; ob denn der Herr Doktor wenigstens meine Pension bezahle?

Sie brachte es wirklich fertig, mir das ins Gesicht zu sagen. Und dabei war sie ganz mütterliche Besorgtheit. Sie hat wirklich viel Teilnahme für mich. Sie möchte mich tadeln, nicht weil ich nach ihrer Meinung Ungehöriges tue, sondern weil ich keinen Vorteil daraus ziehe. Sie kann es offenbar nicht begreifen, wie man so dumm sein mag.

In ihren Manieren ist sie gar nicht roh; sie hat sogar ziemlich viel Schliff, und sie muß in ihrer Jugend hübsch gewesen sein. Sie sagt, sie sei eine Lehrerstochter aus dem hessischen Odenwald und sei mit fünfzehn Jahren als Dienstmädchen nach Heidelberg gekommen.

Aber das Volk hat nur rohe Begriffe von Ehre … d. h. es hat oft überraschend feine … es kommt ganz darauf an …

Aber ich muß schon dem Grafen und Kammerherrn recht geben. »Ich bin überrascht von ihrer Vorurteilslosigkeit,« sagte mir der in München; »die Männer werden Sie auch deswegen um kein Haar weniger achten. Nur halten Sie ihre Rente zusammen, daß Sie unabhängig bleiben, daß Sie sich nie einem Mann zu verkaufen brauchen. Noch stehen Sie auf der Höhe und dürfen den Kopf hoch halten; das andere wäre der Abgrund, in dem Sie immer tiefer sinken müßten.«

Das ist auch meine Meinung.

*

Montag nachmittag.

Ich habe mir heute auf der Universitätsbibliothek eine Geschichte des Heidelberger Schlosses geben lassen. Das bloß ästhetische Genießen, das ewige Schwelgen in Stimmungen vor diesen märchenhaften Ruinen, die gerade jetzt der Frühling umzieht mit seinen jungen Laub- und Blütenkränzen, drohte mich manchmal fast zu vernichten. Wie trunken, taumelnd fast, meiner selbst nicht mächtig, durchwandelte ich nun schon so oft die geheiligten Mauern.

Aber der schöne Rausch nicht allein, auch der Katzenjammer kommt vom Wein. Der Rausch geht vorüber, und man fühlt sich innerlich matt und elend. Vom moralischen Katzenjammer ist viel die Rede; aber wer lehrt uns dem geistigen Katzenjammer vorbeugen? Man darf dem Rausch nicht trauen. Also rechtzeitig einen abkühlenden Trunk frischen Wassers – eine Dosis Wissenschaftlichkeit.

Meine Dosis besteht sogar aus zwei dicken Bänden.

Ich halte das Leben nicht aus an einem Ort, dessen Geschichte ich nicht kenne: ist das eine Stärke oder eine Schwäche? Ein Künstlerbedürfnis ist es sicher nicht. Aber ich habe es einmal, trotzdem ich mich als Künstler fühle. Es wird wohl im adligen Blut so liegen. Wessen Vorfahren der Geschichte angehören, der wird sich notwendig überall für's Historische interessieren.

*

Die Nachbarschaft ist gar zu eng mit dem Studenten: Frühmorgens, wenn ich singe und pfeife – er pfeift auch manchmal und scheint mir zu antworten …

Seine Stimme ist hell, wie die meine – seine schlanke Figur sah ich in der Silhouette …

Wahrhaftig, ich suche ihn nicht …

Aber ich glaube, ich bringe ihn zur Verehrung …

*

Pah! Er will mich ja nicht anders haben als treulos. Ich reize ihn. Ich stimuliere ihn, wie seine Zigarren. Er will ja meinen stets wachen Widerstand haben. Was küßte er mich sonst auf den Nacken, wo er doch weiß, daß dann das Tier in mir los wird …

Und ich brauche den steten Kampf gegen ihn ebenfalls.

Unsere Körper aber, wie wachsen sie schön zusammen …

*

Donnerstag.

Gestern machten wir zusammen einen Spaziergang, zum erstenmal in die vollerblühte Frühlingswelt hinein. Auf den Höhen über der Bergstraße war es so einsam, und ein Moment war da, nach Sonnenuntergang, auf einem Weinbergspfade zwischen einem herben Kastanienhain und einer Schar von Blütenbäumen – schweigenden Gottesbräuten – dazwischen glühten die Lichter aus der Stadt herauf, um uns im Grase schlafende Gänseblümchen, am Himmel die blitzende Venus – da ruhten wir …

*

***

Es ist merkwürdig, daß ich mir jetzt ein Kind von ihm wünsche, einen Knaben! Und daß ich an die Schwierigkeiten und Ängste nicht mehr denken kann, die ein solches Ereignis begleiten würden …

*

***

Slavisch-sächsischer Blutmischung, aber mehr slavischer, nennt er mich entstammend, sich aber keltisch-fränkischer Abstammung. Wie in der Geschichte, so müßten also auch wir uns ergänzen – oder bekämpfen!

*

Montag.

Da habe ich mir nun selber unsern ersten großen Ausflug halb verdorben.

Es konnte ein Tag reinsten Glückes sein. Und glücklich waren wir auch, glücklich bis zum Taumel, zu Anfang und zu Ende; aber das Glück wurde unterbrochen durch Angst und Verdruß. Ich glaubte schon alles vernichtet.

Doch war der leidige Zwischenfall vielleicht nur Würze unseres Glückes, das ohne den bittern Zusatz wohl gar ein wenig fad geschmeckt hätte und im höchsten Moment weniger berauschend gewesen wäre.

Ich hatte doch vor acht Tagen den Frühstückstisch entzückend gedeckt. Das Tischtuch war blendend weiß, und die Teeschalen waren blütenblattdünnes japanisches Porzellan; aber was war das alles gegen gestern? Da frühstückten wir – im hintersten Odenwaldwinkel – unter einem blühenden Kirschbaum, in dem viel tausend Bienen mit leisem Gesumms ihren Morgentrank nahmen, und eine Frühlingswiese breitete sich als Teppich um uns her; im Gärtlein nebenan blühten weiße Narzissen, purpurne Aurikeln, feuerfarbene Kaiserkronen.

Der Kaffee war schlecht, aber eine sahnige Milch und goldgelber Blütenhonig entschädigten dafür.

Bequem gebettet waren wir nicht gewesen in dem einfachen Bauernwirtshaus; aber das Zurückdenken an die Federngruft von Bett, in dem wir uns doch bald zurecht fanden – Liebende setzen sich über noch größere Hindernisse hinweg – gab uns einen Stoff mehr zu ausgelassener Heiterkeit.

Georg besonders war in königlicher Laune. Und ich – ich wurde übermütig. Ich verdarb mit einem Streich das schöne Morgenglück. Ich sprach von meinem Zimmernachbarn, dem Studenten.

Der junge Mensch hatte mir ein paar Tage zuvor einen Besuch gemacht, und ich redete so von ihm, daß jeder Liebende ein wenig eifersüchtig werden mußte. Es sollte eine Neckerei sein, weiter nichts. Aber Georg wurde tiefer davon getroffen. Ich sah plötzlich, wie er erblaßte und seine Züge sich verzerrten. Da erschrak ich.

Ich wollte seine Hand fassen, um ihn zu begütigen; er stieß mich zurück. Dann saß er da, wie versteinert von Schmerz. Eine tödliche Wunde saß ihm tief im Herzen; das war deutlich zu sehen. Alle Reden, womit ich die böse Wirkung meiner vorherigen Worte zur Harmlosigkeit umstempeln wollte, waren vergeblich.

Er warf mir einmal einen fürchterlichen Blick zu. In dem Blick lag ausgedrückt: Ich habe ja deine Tagebücher gelesen; ich konnte wissen, was du für ein Scheusal bist.

Nun bereute ich; es war zu spät.

Aber wie hatte ich an so was denken können. Ein wenig reizen, nicht verwunden hatte ich ihn wollen.

Wir brachen dann auf, und viele Stunden lang zogen wir nebeneinander stumm durch die junge Frühlingswelt dieser rauhen Gebirgsgegend. Unter den Weißdornhecken am Weg dufteten die Veilchen und an den Rainen und Halden standen, unregelmäßig verteilt, Baum an Baum in weißem Brautschmuck. Über den grünen Saaten aber, hoch am Himmel, schmetterte die Lerche ihre Liebesfanfaren auf uns hernieder. In der Ferne läutete hier und da eine Sonntagsglocke.

Mir war es zum Weinen weh ums Herz. Ja, es war kein Wunder, daß man mich für ein Scheusal hielt.

Er an meiner Seite stöhnte manchmal wie ein verwundetes Wild.

Unser Weg führte jetzt an einem Waldsaum entlang, und aus der Tiefe des Gehölzes rief ein Kuckuck. Und immer schwieg der Mann an meiner Seite. Ich aber hielt nicht länger an mich. Das Gefühl der Unschuld träufelte einen Tropfen Empörung in meinen Schmerz. Ein heftiges Schluchzen schüttelte mich.

»Wenn du mich so behandeln willst,« stieß ich schluckend hervor, »warum hast du mich nicht an die Bahnstation gebracht.«

Er blitzte mich wild an. Ich fühlte, er hätte am liebsten hinausschreien mögen vor Schmerz. Plötzlich packte er mich an den Schultern.

»Töte mich immerhin,« rief ich. Ich fühlte mich am Boden und seine Hand an meiner Kehle. Der Drang zu morden, sah ihm aus den Augen.

*

Weiter den Waldsaum entlang schritten wir Hand in Hand; wir lächelten uns an. Nichts würzt so den Becher der Leidenschaft, als ein bißchen Mißverständnis, das bereits die Liebe in Haß zu verkehren drohte.

Ich aber kenne Georg nun erst. Ich habe bei dieser Gelegenheit in einen Abgrund von Leidenschaft geblickt, den ich doch vorher nicht geahnt hatte.

Und daß ich ihm für immer ein wenig unheimlich sein werde, weiß ich nun auch.

Das ist aber vielleicht gar kein Unglück.

*

Gespräche auf dem Ausflug.

(Unter dem Kirschbaum, beim Frühstück, nach der Verstimmung.)

O.(beobachtet G. zärtlich). Oh, die bösen Falten. (Versucht vergebens, sie ihm wegzuwischen.)

G.(wendet sich unwirsch ab).

O. Nun komm, gib mir einen Kuß.

G.(entzieht sich ihr).

O. Komm, wie kann man nur unter einem solchen weißen Gotteswunder so unartig sein.

G. Du warst sehr artig, sehr liebenswürdig.

O. Schau nur, wie die Blüten mich alle ansehen, die haben Mitleid mit mir, die weißen Miserikordiasblüten; denn siehe, just heute ist der Sonntag Misericordias Domini.

Die armen Blüten begreifen nicht …

Warum nur die Maler nie Akte malen unter Blüten. Ich würde mich gleich nackt darunterlegen und würde mich gar nicht schämen; es sind ja meine Schwestern, die weißen Blüten.

G.(schweigt hartnäckig).

O.(schaut traurig durch die Blüten hindurch in den blauen Himmel. Bienengesurr in der Krone des Baumes, eine Kirchenglocke in der Ferne.)

(Später, nach der Versöhnung. Beide wandern lange durch den Wald, kommen an ein einsames Gehöft. Davor drei spielende Kinder und eine Hündin, Dackel, mit ihren Jungen. Lassen sich von der Bäuerin einen großen Topf Dickmilch und Schwarzbrot geben. Setzen sich auf die Treppensteine, machen Mittag.)

O.(wundert sich über die offene Freiheit des fränkischen Bauernhofs).

G. Da kann man überall mit dem Heuwagen hineinfahren.

O. Bei uns nicht. Bei uns ist alles geschlossen, alles feiner und kleiner wie wir selbst.

G. Hat seine Vorteile. Ich glaube, ich liebe heute an dir ganz allein das kleine feine Dingchen, wo man auch nicht mit dem Heuwagen hinein kann.

O. Nur das allein. Da bist du dumm. Heute früh hat mir jemand ganz was anderes gesagt.

G. Was für ein jemand?

O. Das sage ich nicht.

G. Er wird dir geschmeichelt haben.

O. Auf dem Dorf ist man ehrlich – wenn man auch sogar ein Spiegel ist.

(Kehren nach ihrem ländlichen Mahl in den hohen Buchenwald zurück. Gelangen in eine gründämmrige Mulde.)

O.(entkleidet sich; will sich dem Freund in ihrer Nacktheit zeigen als Frühlingsfee. Ihre Haut ist weißer als die weißen Buchenstämme. Sonnenblitze fallen durch die Dämmerung auf ihre Brüste und ihre Schenkel, verfangen sich in ihrem gelösten Haar und vergolden es).

G.(muß sie küssen).

O. Nun bin ich wieder glücklich, du auch?

G. Ja, wenn du nicht immer ein solches Augenblickstierchen wärest.

O. Man lebt nicht, wenn man nicht im Augenblick lebt. In solchen Momenten darf man nicht denken.

G. Echte Liebe nimmt immer Ewigkeit für sich in Anspruch. Wenn sie auch nichts weniger als ewig ist, im Augenblick muß sie sich für ewig halten, sonst ist es keine wahre Liebe.

O. Ich finde aber, die Liebe, die sich der Flüchtigkeit bewußt ist – wie ich – genießt viel intensiver.

G. Du würdest an dauernde Liebe glauben, wenn du nicht selber ein so flüchtiges und oberflächliches Ding wärest. Vom Willen freilich hängt so was nicht ab. Deine Natur ist eben darnach.

*

Sprechen auf dem Heimweg über Ottiliens Versuch im Kaiserin-Augusta-Hospital. G. findet es empörend, daß so viel junge und gar hübsche Frauen geopfert werden, um Kranke und Lebensunfähige noch eine kurze Spanne hinzuzäppeln. Er nennt das, das Leben dem Tod opfern, die scheußlichsten Hekatomben, die je eine Religion erfunden.

Wenn es junge Mädchen sind, sagt er, werden sie nicht nur geopfert, sie müssen auch verrohen in ihrem innersten Wesen. Im heidnischen Altertum und im katholischen Mittelalter hat man aus zarten Jungfrauen höchstens Vestalinnen, Priesterinnen gemacht.

*

***

Wie dieser Mann aus einem Bauernbuben eines abgelegenen Schwarzwalddorfs sich hat entwickeln können zu einer Unabhängigkeit und Höhe der Gesinnung neben stürmischer Leidenschaft – und dabei Empfindungszartheit – das ist mir ein immer neues Rätsel und Wunder.

Freilich ohne dies Wunder wäre ich seiner längst müde …

*

17. Mai.

Mit dem historischen Roman unserer Familie geht's auch nicht so schnell, wie ich mir gedacht hatte. So was verlangt ungeheuere Vorarbeiten, und ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht vorher einstweilen etwas Leichteres schreiben sollte, etwa meinen eigenen Backfischroman, mit Erich Hesse, eine Art roman sentimental, ich meine Herzensroman, mit der allgemeinen Wahrheit: Daß in Fällen, wo sich höhere Geistes- und Seelenkultur mit höherer sozialer Stellung verbindet, ein Herzensbetrug – »von dem niemand nichts weiß« – viel schwerer wiegt und etwas Grausameres ist, als auf niederen Stufen des menschlichen Seins selbst die brutalste Verführung.

*

***

Ce sont vraiment de belles ruines ce n'en sont point comme il y en a, ou l'on ne voit rien du tout. Das sprach heute droben auf dem Schloß eine dicke alte Französin. Ist das nicht eine wunderbare Mischung von Vernünftigkeit (
bon sens) und platter Nüchternheit – bourgeoisie – mit einem Wort, echt Biedermeier.

Das braucht kein Gegengift gegen Stimmungsschwelgerei und Trunkenheit.

*

18. Mai.

Was mich besonders glücklich macht: daß Georg so hingerissen ist von meiner körperlichen Schönheit. Er findet manchmal wahrhaft dithyrambische Worte dafür.

Ich wußte ja, daß ich schön sei, obwohl mir's kaum je ein Mensch gesagt hatte. Auch der Doktor Schönemann nicht. Aber ich habe die besten Antiken von Rom und Neapel gesehen, nicht nur so gesehen wie viele andere. Ich habe sie mir eingeprägt. Förmlich eingetrunken mit Künstleraugen habe ich sie. Vor der Venus des Giorgione in Dresden stand ich wie oft und habe in Gedanken Vergleiche angestellt.

Ich wußte, daß ich schön sei, wenn mir's vielleicht auch niemand angesehen hat. Ich war ja immer unvorteilhaft angezogen – in diesem Punkt hat uns Mama eine höchst mangelhafte Erziehung zuteil werden lassen. – Und das Sichtbare, die Hände ausgenommen, erhebt sich freilich kaum über das Mittelmäßige. Besonders in Stirn und Nase kommt stark das slavische Blut zum Ausdruck, von dem Mama etwas viel wegbekommen hat.

Ich muß auch da an die Bashkirtseff denken. Ihr Bildnis im Luxembourg verrät wahrlich nichts Überwältigendes. Eher das Gegenteil. Und doch kann es die Bashkirtseff in ihren Tagebüchern nicht satt bekommen, von ihrer seltenen Schönheit zu reden. Sie meint dann wohl immer ihren Körper.

Aber warum hat sie ihn nicht gemalt? Sie hat uns doch auch ihre Seele nackt gemalt, die keineswegs durchaus schön ist.

Wohl aber wird sie sie dafür gehalten haben. Und so war sie am Ende gar mit der Schönheit ihres Körpers auch im Irrtum.

Mein Selbsturteil aber hat einen Zeugen gefunden, einen mit Künstleraugen, der mir mehr bestätigt als ich geahnt, der täglich neue unbewußte Geheimnisse meiner Schönheit entdeckt und dafür Worte findet und Bilder, die des Hohen Liedes würdig wären.

Muß ich nicht glücklich sein?

Doch mit meinem Glück überkommt mich zugleich eine unaussprechliche Scham in dem Gedanken, was für plumpe Hände und Lippen einst an den Becher meines Körpers rühren durften

*

19. Mai.

In meinem gestrigen Eintrag war ich ungenau und zugleich ungerecht. Ungerecht gegen den Kammerherrn. Nein, der war nicht blind und nicht von plumpen Händen. Etwas hatte er sogar vor Georg voraus. Reiche Erfahrung, die Möglichkeit weitgehender Vergleiche.

Unter mehr als hundert Frauenkörpern, die er geformt, war kein einziger, so beteuerte er mir in München, der sich an Ebenmaß und tadelloser Plastik auch nur von weitem mit dem meinigen messen könnte.

Dieses Urteil eines Kenners durfte ich nicht unterdrücken.

Zudem habe ich es genug von Künstlern aussprechen hören, eine wie seltene Sache ein schönes Weib sei hinsichtlich der plastischen Form. Wenn die Männer von heute die gebildeten Sinne der Griechen hätten, o weh! Auch sei es sicher, daß ein gewisses Laster kulturell hochstehender Männer durchaus keine Krankheit sei, sondern ein rein ästhetisches Bedürfnis. Warum eine Krankheit? Es falle doch den Griechen gegenüber keinem Menschen ein, in dieser Sache von Krankheit zu reden; man habe vielmehr ganz andere Erklärungen, denen sich ausnahmslos die ernstesten Gelehrten angeschlossen hätten. Warum also heute Krankheit? Darin liege doch ein ganz blödsinniger Widerspruch. Aber nachdem man lange genug alles als Verbrechen erklärt habe, glaube man jetzt, alles als Krankheit erklären zu müssen …

Wer war's denn aber nur, der mir seinerzeit diese Rede gehalten hat? Richtig! Wehrmüller. Und daß ich den auch vergessen habe bei meinem gestrigen Eintrag!

Aber er war häßlich, und ich hatte immer Ekel; was kann man da Gescheiteres tun als vergessen?

*

Heidelberg.

(Fortsetzung.)

Mittwoch nach Pfingsten.

Wieder einmal habe ich wochenlang mein Tagebuch vernachlässigt. Mein Roman »Erste Liebe« hat mich zu sehr in Anspruch genommen.

Ob er auch was wird? Wie immer, kommen mir Zweifel; es liegt doch vielleicht zu wenig in dem Stoff. Der einzige originelle Zug, der sich in äußerer Handlung ausspricht, ist mein improvisierter Besuch an der Wiege des Kindes in Abwesenheit Erichs und seiner Frau.

Wenn ich das gut in Relief bringe … aber wird es genügen?

Ich bin wieder sehr entmutigt; nun, mag's denn meinem Tagebuch zugute kommen. Meine Erlebnisse der letzten Tage muß ich überhaupt notwendig aufschreiben.

Es waren die Pfingsttage, und worauf wir uns schon so lange kindlich gefreut, wir haben es ausgeführt: wir sind in den Schwarzwald gefahren.

In St. Georgen, einer Station der Schwarzwaldbahn, sind wir ausgestiegen; von hier wollten wir zu Fuß nach dem Titisee wandern, dann den Feldberg besteigen und am dritten oder vierten Tag mit der Höllentalbahn nach Freiburg fahren.

Wir waren gegen Mittag in St. Georgen angekommen, und hatten also bis zum Abend eine schöne Wanderzeit vor uns.

Hier aber war es fast noch Vorfrühling. Wir wanderten durch eine Landschaft von melancholischer Eintönigkeit: grüne Matten und weitzerstreute schwarze Waldflecke; nur hier und da in geschützter Einsenkung, von einem Wasserrinnsaal durchzogen, war es stellenweise bunt von Blumen, von Anemonen und Ranunkeln und den großen gelben Butterblumen, die üppig zu ganzen Haufen standen, wo es zu ihren Füßen rann und rieselte. Ich raunte leise:

Als Hirtenbüblein unter Blumen liegend,
Von Königstöchtern träumt ich und von Feen,
Die abends Mütterchen, ihr Jüngstes wiegend,
In Märchenzauberkreisen mich ließ sehen.

Georg sah mich dankbar und glücklich an.

Dann führte unser Weg durch den Wald. Da standen zwischen üppigem Moos die schönen Fiederblätter des Engelwurzfarn, dazwischen streckte der mythische Bärlapp seine schlanken grünen Finger hervor, und von den alten Riesentannen hingen graue Flechten in langen, bartigen Zotteln. Ich hätte jauchzen mögen vor Lust und Entzücken; es war mir, als sehe ich zum erstenmal in meinem Leben den Wald. Wirklich war er mir in solch geheimnisvoller Schönheit noch nicht vorgekommen.

Langgezogene Töne eines Singvogels durchzitterten von Zeit zu Zeit die tiefe Stille; Georg erklärte mir, es sei der Kreuzvogel.

Wir hatten uns an der Hand gefaßt und wanderten wie im Traum.

Wir schwiegen lange; wir fühlten unsere Seelen so innig verschmolzen, so eins in Fühlen und Denken, daß wir der Worte nicht bedurften.

Ich erlebte einen der schönsten Glücksmomente meines Lebens.

Erst spät am Abend näherten wir uns einem Dorfe in einer Talmulde. Ein massiger Kirchturm mit zweiseitig abgeschrägtem Schindeldach ragte daraus empor; nur etwa ein Dutzend Häuser lagen um die Kirche gruppiert, die meisten Gehöfte schauten in zerstreuter Vereinzelung von den grünen Halden und Lehnen hernieder. Das Ganze wies auf alteingesessenes Großbauerntum.

Georg nannte mir den Namen des Dorfes; er klang mir seltsam im Ohr, wie wenn ich ihn schon in sehr wichtigem Zusammenhang gehört hätte. Freilich bin ich dir bekannt, schien er mir zu sagen, besinne dich nur, du wirst schön überrascht sein, wenn du mich erkennst.

Aber umsonst sagte ich den Namen wiederholt vor mich her.

Ein breit daliegender reicher Bauernhof zunächst der Kirche, mit zwei riesigen Linden auf dem Rasenplatz davor, trug auf einer ausgedehnten Tafel die Inschrift: »Gasthaus zu den drei Raben«. Die Gaststube war niedrig, aber von verblüffender Ausdehnung und ganz in brauner Holztäfelung.

In der Ecke des weit vorspringenden grünen Kachelofens, an einem altmodischen Schragentisch, nahmen wir Platz. Es war empfindlich kühl geworden, und die leise verhaltene Wärme des Ofens tat wohl. Besetzt war sonst nur noch ein Tisch in der vorderen Ecke der Stube, wo das große hölzerne Kruzifix hing. Hier saß ein halbes Dutzend junger Burschen und spielte Karten; auch ein Soldat war darunter.

Während Georg mit dem Wirt verhandelte – es war eine kräftig große, nur ein wenig vorgebeugte Gestalt, mit seinem altem Bauerngesicht, so, wie Hans Thoma hie und da eines verewigt – mußte ich immer wieder den Namen des Dorfes leise wiederholen, und auf einmal hätte ich fast laut hinausgeschrien. Plötzlich erinnerte ich mich …

Ja, das mußte es sein; wenigstens der Name stimmte. Ich hatte ihn wie oft von ihr aussprechen hören; es müßte nur sein: Dorfnamen wiederholen sich gern.

Ich brannte vor Ungeduld, bis ich meine Frage beim Wirt anbringen konnte.

»Franziska Reichenbühler,« wiederholte der Wirt langsam, »wohl, wohl.«

Also es war so. Ahnungslos war ich in den Geburtsort meiner Schwägerin geraten.

Sie selber hätte das wohl auch nie geahnt; sie hätte sonst den Namen gewiß ewig verschwiegen.

»Kennen Sie die Franziska? Da sind Sie am Ende gar …« Der Alte lupfte sein gesticktes Käppchen.

»Ich bin Ottilie von Plessenberg.«

»Das trifft sich gut,« erwiderte er, »da drüben sitzt grad eben der Felix, ihr Ziehbruder, und kartelt. Schauen's den Soldaten, das ist der Felix; er ist über Pfingsten in Urlaub.«

Der junge Mann wurde herbeigerufen, und was ich nun erfuhr, trieb mir die Schamröte ins Gesicht.

Die Franziska hatte also gelogen von vornherein; sie war gar nicht von alter Bauernaristokratie. Ihre Herkunft war vielmehr so beschämend als möglich. Als uneheliches Kind einer Taglöhnerstochter, die bei ihrer Geburt starb, war sie der Gemeinde anheimgefallen, und gegen eine jährliche Vergütung war sie auf dem Hof des Bauern Hablützel aufgezogen worden.

Mit sechzehn Jahren hat der Bauer sie weggeschickt, weil sie in keiner Weise mehr gut tun wollte.

Dann hatte man im Dorf nie wieder etwas von ihr gehört, bis vor zwei Jahren; da kam ein Brief von ihr aus München an den Bürgermeister wegen der nötigen Papiere zu ihrer Verheiratung mit dem Grafen von Plessenberg.

So hatte sie es geschrieben.

Infolge dieses Briefes war im Dorfe wochenlang von nichts die Rede gewesen, als von der Franziska Reichenbühler, die einst ein Gemeindekind war und nun eine Gräfin wurde. So kam es auch, daß der Rabenwirt sich so schnell an ihren Namen erinnerte, der ihm vorher, wie jedem andern, längst aus dem Gedächtnis entfallen war.

Ich aber konnte nicht widerstehen, ich mußte eine kleine Rache üben. Ich ließ mir, was ich sonst nie tue, eine Ansichtskarte von den »Drei Raben« geben – denn welches noch so verlorene Wirtshaus hätte heut keine Ansichtskarten – und schickte sie ihr. Kein Wort dazu; sie wird schön erschrocken sein.

In hohem Grad entrüstet war ich über Walter. Das liebe Brüderchen muß doch zuletzt durch die amtlichen Papiere alles erfahren haben. Was er sich da nur von ihr hat weismachen lassen, noch einmal nachträglich!

Sei es: Wenn ein Mensch durchaus betrogen sein will … aber daß er nun auch uns belog, seine Familie, das war doch schändlich.

Wie hatte Wehrmüller recht in allem, was er über das Frauenzimmer sagte. Und Botho, den ein feines Gefühl gewarnt hat, und der nachher die erste scheußliche Erfahrung mit ihr machen mußte!

Ich selber sollte freilich Walter etwas milder beurteilen; sie hat ja mich sogar bestochen mit ihrer Schönheit, sogar das schwarze Hemd hat mir an ihr imponiert, so 'ne Gans war ich.

Aber hinweg von mir, Lüge! Hinweg, moralisches Elend!

Ich denke an den andern Tag, an den verzauberten Titisee; ich denke an die Kuppel des Feldbergs, an rauschende Wasser zwischen schwarzem Moos und gelben Blumen – aber große, unendliche Natur, wer vermag deine Schönheit auszusprechen?

Nur noch ein Wort über Freiburg.

Nie in München hat mich der Katholizismus im geringsten sympathisch berührt, auch nicht in seinen Kunstschöpfungen, die alle, außer der Frauenkirche, dem späten Katholizismus angehören, dem Katholizismus des Barock und des Jesuitismus, dem Katholizismus eines Leo, eines Louis – Louis Quartorze, eines, na, sagen wir eines August des Starken.

Und ein solcher Stil sollte aus der Religion geboren sein! Nein, die große babylonische Hure, um mit Luther zu reden, war seine Mutter, nämlich die Hoffahrt der Welt; der religiöse Wahnsinn aber war sein Vater, und Herrschsucht und Sinnlichkeit waren seine Ammen.

Den Künstlern mag sowas schmeicheln; aber was hätte eine solche Kunst dem religiösen Gemüt zu sagen? Vor allem, was hätte der Geist dieser Kunst mit dem Christentum zu tun? Eine solche Kunst mag noch so stolz und hochmütig auf den Protestantismus sehen; sie ist doch seine glänzendste Rechtfertigung.

Was anderes ist dieser Münster zu Freiburg. Seine Fenster aus dem dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert sprechen eine Sprache wie blutige Symbole; ihre tiefe, reiche Symphonie in Farben ist wie die Orchestration zu »O Haupt, voll Blut und Wunden«, und wahrhaft religiöse Schauer wehen einen an von diesen Nischen und Gewölben; man fühlt sich in dem Haus der ewigen Sakramente.

Wahrlich, dieser Münster könnte ein schwaches Gemüt zum Katholizismus verführen!

Und warum?

Es ist klar: weil er aus einer Zeit des Katholizismus stammt, wo sich der Protestantismus noch nicht davon losgelöst hatte, sondern noch darin stak, wo sozusagen der Protestantismus noch die Seele des Katholizismus war.

Nachher hat sich die Seele von ihm getrennt. Der Geist des Christentums ist von ihm ausgezogen und in der hohlen Form hat der Jesuitismus sich eingenistet, wie Spatzen in einem verödeten Schwalbennest.

*

*

Pfingstwoche. Donnerstag.

Bin ich ein schlechter Mensch, oder bin ich nur eben ein Weib? Muß ich mich verachten, oder wäre es möglich, daß andere auch so sind?

Ich sehe mir ernst und prüfend ins Gesicht, und wahrlich, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll.

Dieser Pfingstausflug! Wie seltsam!

Ist nicht er es, der das gewisse Etwas in meiner Natur, das ich für immer versunken glaubte in dunklen Tiefen, wieder aufgepeitscht hat? Ich hielt, was ich davon zurückbrachte, für heiligste Exaltation. Ich fühlte meine Seele blühen wie den Frühling draußen.

Und ehe man sich versteht, soll man sowas als Giftblüte erkennen und ihre Frucht als Sünde …

Ich dachte zuerst wahrhaftig nichts Böses. So wenig als das erstemal, als er mich besuchte. Warum soll ein so naher Zimmernachbar mich nicht hin und wieder besuchen? Er ist zudem Historiker; wir haben also gemeinsame geistige Interessen.

Wirklich bewegte sich das Gespräch lange Zeit ausschließlich auf dem Gebiet unserer Studien. »Lange Zeit« ist falsch? eigentlich haben wir diesen Boden überhaupt nicht verlassen, es blieb ja alles unausgesprochen.

Was denn?

Ich weiß es nicht zu nennen; es war aber plötzlich da. Die Erinnerung an Georgs Eifersucht muß es hervorgerufen haben. »Wenn ich sie nun rechtfertigte, diese Eifersucht!« So ein ähnlicher Gedanke muß mir durch den Kopf gefahren sein. »Warum auch nicht, da er mir's doch zutraute?«

Nicht, als ob ich mit Vorsatz gehandelt hätte; aber ich ertappte mich plötzlich darauf, wie ich meinen Besucher mit Augen anblickte, daß er ganz unruhig wurde. Vielleicht wurde ich mir an dieser Wirkung erst meines Betragens bewußt, immer stärker irritierte ich ihn; ich sah seine Augen klein werden und voll unsicher flackernder Lichter.

Ich aber weidete mich an seinem Zustand. Ich fühlte mich geschmeichelt; das war ruchlos, aber es war so.

Er jedoch wagte nicht; er wurde im Gegenteil immer schüchterner.

Fast zitternd erhob er sich endlich, um sich zu verabschieden.

Und – es war ruchlos – aber es muß ausgesprochen werden: ich blieb enttäuscht zurück.

Drüben in seinem Zimmer hörte ich ihn unruhig auf und ab gehen, und zum erstenmal dachte ich daran, daß der Ärmste ja fast jedes Wort hören mußte, wenn Georg bei mir war …

In welchem Gemütszustand mochte er jetzt sein?

Es war unterdessen dunkel geworden; ich zündete die Lampe an und ließ mir mein Abendbrot von Frau Schellmeyer zurichten. Immer mußte ich hinüberhorchen, während ich meinen Milchreis löffelte und dazu den Tee schlürfte, der aus Versehen etwas braun geworden war.

Immer mußte ich hinüberhorchen.

Er ging sonst am Abend fast immer auf längere Zeit weg, heute blieb er, und jeden Augenblick vernahm ich ein Geräusch, das mir absichtlich hervorgebracht schien.

Als ich zu Bett ging, hörte ich ihn immer noch drüben, und zum erstenmal fühlte ich, daß seine Nähe mich am Einschlafen verhindern werde.

Darüber fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, an meiner Tür den Riegel vorzuschieben; zum erstenmal, seit ich hier wohne, hatte ich das vergessen. Ich wollte aufstehen und das Versäumte nachholen.

Wollte ich wirklich? Ich glaube wohl, aber ich unterließ es dann.

Und ich dachte immer: er muß es wissen, daß ich nicht verriegelt habe.

In welchem Gemütszustand mochte er jetzt sein?

Ich dachte auch: ob er dieser Kühnheit fähig wäre, und ich fand keinen Schlaf, Stunden und Stunden lang. Gequält wälzte ich mich in meinem Bette; er mußte es hören.

Manchmal hatte ich Mühe, ein Stöhnen zurückzuhalten.

*

Ich habe mir geschworen, auf diesen Blättern rückhaltslos alles zu sagen; aber das kann ich nun doch nicht aussprechen, wie es möglich wurde, daß ich endlich einzuschlafen vermochte.

*

Es ist kühler Morgen. Ich sehe mir ernst und prüfend ins Gesicht, und wahrlich, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll.

Bin ich wirklich soviel schlechter als andere – die sich nicht verpflichtet haben, solche Dinge niederzuschreiben?

*

19. 6.

Gestern wollte ich ihm abschreiben; ich fühlte mich seiner so unwürdig, da sah ich die Zeichnungen, die ich auf unserer Pfingstreise gemacht habe, und mußte mich seiner Güte erinnern.

Aber ich fürchtete mich vor seinem Kommen … Und doch, wie er mich heute solange warten ließ, wie mir das Fernbleiben seinerseits nun fast gewiß schien, war doch mein ganzes Innere in Unordnung, und ich jubelte »Gott sei Dank!« als er endlich kam. Und er brachte mir purpurne Nelken mit und sein neues Buch »Kinder vom Wald« mit einer feurigen Widmung.

*

Es war mir fast eine peinliche Überraschung. Ich hatte alle Mühe, ihm meine Beschämung und Verlegenheit zu verbergen; er aber war zärtlicher und liebevoller als je. Er nannte mich wiederholt seine angebetete Frau.

*

Jetzt weiß ich, warum Buhlerinnen wahre Liebe nicht erwerben können, oder diejenigen quälen müssen, die sie ihnen schenken, weil immer einmal bei diesem oder jenem geringfügigen Anlaß ihnen eine Erinnerung aufstößt an einen vorigen und sie viel Selbstbeherrschung haben müssen, um eine Bemerkung darüber immer zurückzudrängen.

Eine einzige gedankenlose Bemerkung von mir hat ihm eine schlechte Nacht und böse Träume gemacht.

Er liebt mich wirklich, und ich habe es jetzt in der Hand, einen guten und bedeutenden Mann aus ihm zu machen, oder vielleicht einen Schurken, denn er ist aller Leidenschaften fähig …

*

Johannis.

Fast ein Vierteljahr sind wir jetzt beisammen, und so stürmisch war er eben heute wieder, wie in der ersten Nacht.

Merkwürdig, daß das Physiologische an der ganzen Sache eigentlich nichts weiter ist als ein Nervenreiz, und diese Nervenreizbarkeit kann durch grobe und feine Dinge, kann, außer durch verächtliche Stimulantien, durch körperliches und geistiges working veranlaßt werden; das Selische ist eigentlich Nebensache, wenigstens bei den Männern.

Bei Frauen ist es anders.

*

26. 6.

Heute hat er mir ein Wort gesagt, das mir zu denken gab, nämlich: ich sei früher doch eigentlich eine richtige Dirne gewesen!

Und so anders bin ich unter seiner Führung geworden – oder vielmehr, so sehr bin ich auf den Standpunkt der vornehmen Dame wieder zurückgekommen, daß ich mich über diesen Ausdruck empörte. Warum kümmern wir Frauen uns um das Urteil der Männer, warum haben wir nicht unsern eigenen Moralkodex? Sind wir gebildeten, unabhängigen Frauen nicht Souveräne? Die Hetären des Altertums verehrte man.

Er meint, das Charakteristikum der Dirne sei das Vielmännertum – ich meine, die Käuflichkeit. Unser Charakteristikum dagegen ist die stete Schenke-Willigkeit und -Freudigkeit, und zum Schenken muß man vor allem jederzeit Freiheit haben … und bis zu einem gewissen Grad reich sein, auch geistig, seelisch.

*

In der Nacht.

Ich habe ein Bild vor Augen; es verfolgt mich überall. Gravitätische Männer in phantastisch königlichen Gewändern verneigen sich vor einer Mutter und ihrem Kinde. Man möchte sich darüber verwundern, aber da sieht man den Himmel aufgetan in seiner Glorie und himmlische Heerscharen sich herunterneigen. Das Kind hebt segnend ein Händlein; die Mutter weiß nicht, wie ihr geschieht. Heilige Männer, Ritter und Bischöfe, stehen ernst zur Seite.

Es ist das Bild des Freiburger Hochaltars von Hans Baldung Grien.

Das Werk ist in jedem Sinn erstaunlich. Frömmigkeit und Fleiß haben da zusammengewirkt, um ein Wunder hervorzubringen.

An Genie denkt man bei dem Bilde fast nicht; aber etwas wie sittliche Kraft geht davon aus.

Und wer kennt es? So viele, die in Exstase geraten, wenn der Name eines obskuren italienischen Klosters ausgesprochen wird, wo vielleicht ein süßlicher Pietro Perugino zu sehen ist, sind achtlos an dem großen deutschen Werk vorübergegangen, und so viele andere.

Freiburg ist ein besuchter Fremdenort, und vieles suchen und finden die Fremden dort, nur nicht Hans Baldung Grien.

Wenn er in Florenz hinge oder in Siena, würden ihn wohl mehr Deutsche sehen.

Einige Schuld hat die deutsche Ängstlichkeit innerhalb der Kirchen. Die Protestanten schließen ja ihre Kirchen vollständig ab, und etwas hat der deutsche Katholizismus davon angenommen; man bewegt sich in einem deutschen Dom nicht so frei wie in einem italienischen.

Der deutsche Katholizismus hat im Guten und im Schlimmen viel vom Protestantismus angenommen; natürlich mehr Gutes, weil der Protestantismus überhaupt nichts Schlimmes hat.

Denn die Sache mit dem Verschließen der Kirchen, worüber Papa sich so oft ungehalten geäußert hat, ist doch eine Geringfügigkeit, und im Grunde hatte Papa unrecht. Er war ein wenig Romantiker, auch darin, wie er in Plessenberg die Schloßkapelle dekorierte. Die sah wirklich immer ganz katholisch aus, und der junge Pastor – ich habe es wohl bemerkt – hat öfters Anstoß daran genommen, wenn er auch das offene Wort nicht gewagt hat.

Papa war wirklich Romantiker; er war vielleicht darum ein so schlechter Wirtschafter. Seine Freundschaft mit dem Prinzen Georg war ihm ein wenig zu Kopf gestiegen und hatte sein klares, protestantisches Gewissen ein wenig getrübt.

Die Kirchen zu verschließen, ist ja doch ganz in der Konsequenz des protestantischen Prinzips. Darnach ist die Kirche offizieller Versammlungsort der Gemeinde; zu diesem Zweck tut sie sich auf. Der einzelne braucht keine Kirche; er kann in seinem Kämmerlein beten.

Bei dieser Gelegenheit muß ich auch gestehen, daß ich hier noch nicht zum Abendmahl gegangen bin. Mir sind diese reformierten Prediger zuwider und die ganze reformierte Lehre. Das ist schon gar nicht mehr Religion; das allein echte ist doch das Luthertum. Was die Reformierten über das Abendmahl bekennen, da wär's doch wahrlich Sünde, es von ihrer Hand zu nehmen.

Diese Gründe habe ich auch Mama geschrieben, als sie mir neulich wieder einmal ins Gewissen geredet, und sie hat mich darum gelobt. Sie verabscheut auch die Reformierten.

*

27. Juni.

Ich muß oft darüber nachdenken, womit es zusammenhängen mag, daß ich, wenigstens in Gedanken, Georg so schnell untreu werden konnte. Und war's wirklich nur in Gedanken?

Ich habe mir schon eingeredet: Weil unsere Ehe eben doch illegitim ist. Aber das kann's nicht sein. Eher, weil's eine Mesalliance ist.

Ja, da liegt's; er ist mir eben doch nicht ebenbürtig. Da sickert dann doch – bei aller Hochachtung – nach und nach, ohne daß man's merkt, ein Tropfen Geringschätzung hindurch und schadet der Liebe.

*

30. 6.

Das waren zwei liebliche Tage – zu Schiff auf dem Rhein bis nach Oppenheim mit seinem lebendig empfundenen, gotischen Münster. Und dann zu Fuß am Rhein hin nach Nierstein, wo wir in einer Weinlaube saßen unter Rosen und blühenden Linden bei herrlichem Wein – ganz, wie man so was in den Büchern liest. Die Nacht in einem Dorfwirtshaus war behaglich, aber wir mußten getrennt schlafen. Am Morgen des Peter- und Paul-Tages dann, im goldenen Mainz – da genossen wir einen Tag sonnigsten Glückes. Wir waren im Dom und in der Jesuitenkirche. Überall lustige, heitere Bevölkerung, schöne blonde Frauen und Mädchen im sommerlichen Putz. Und dann ein fünfstündiges, träumerisches Nachhausgleiten, ganz allein beieinander auf einem prächtigen weißen Schiffe, bei einer Flasche goldenen Rheinweins.

»Willst du meine Freundin sein?« fragte er mich beim Wein abends. »In allen berühmten Liebesverhältnissen ist die Geliebte zugleich des Mannes Freundin gewesen!«

Ich bin auch Freundin. Aber er verlangt von mir eine Selbstaufgabe, deren ich nicht fähig bin. Und so muß ich mich immer gegen ihn zur Wehr setzen.

*

Dienstag, 2. Juli.

Nein, diese Überraschung; die Meinigen sind köstlich. Die lieben die Knalleffekte.

Es klopft, ich rufe »herein«, und wer steht vor mir? »Hildegard« …

Ich habe nur gerade hinausgeschrien, so war ich erschrocken.

Sie aber, wie immer obenhin, als ob das nichts wäre, so ein unglaubliches Hereinplatzen: Sie sei auf der Reise nach Paris, sie wolle dort in die Carriereschule eintreten auf ein halbes Jahr, oder auch ein ganzes; und da wolle sie doch die Gelegenheit benutzen, einmal bei mir »nach dem Rechten zu schauen«.

Das war ihr Ausdruck.

Also schnodderig wie immer. Im übrigen fand ich sie gealtert und ein wenig verhärmt. Es hat mich aber nicht im geringsten verwundert, daß sie bei mir – doch nicht ohne einige kleine Boshaftigkeiten – das Gegenteil konstatierte.

Ich erfuhr dann einen Haufen Neuigkeiten, darunter recht unerfreuliche.

Die schlimmste: daß Bernhard nun endgültig alle Hoffnung aufgegeben hat, das Gut zu halten. Der unglückselige Zusammenbruch der Leipziger Bank hat vollends dem Faß den Boden eingeschlagen.

Unser Opfer im letzten Jahr, das Zurückschreiben unserer Hypotheken – oder wie der Justizrat es genannt hat – war also ganz umsonst gewesen. Hildegard meint, diese Operation könne uns unter Umständen verhängnisvoll werden; wir hätten nie einwilligen sollen.

Ich war außer mir über die Nachricht.

»Aber um Himmels willen,« rief ich aus, »was will denn Bernhard anfangen, wenn Gut und Schloß verkauft werden?«

»Das weiß er wohl selber nicht,« antwortete Hildegard trocken. »Sage aber nur nichts,« fügte sie hinzu, »Mama läßt trotz allem nichts auf ihn kommen.«

»Denkt er denn noch daran, Berufspolitiker zu werden, und für die antisemitische Partei zu arbeiten?«

Hildegard zuckte die Achsel. »Möglich, Hanswurst genug wäre er dazu …«

Das war ihr Ausdruck. Ich bin fast bös geworden. So darf man von den Antisemiten denn doch nicht reden.

Bei Hildegard weiß man indes nie, was Ernst oder Scherz ist.

Sie hat dann von Walter gesprochen: Ihr Leben scheint sich recht kümmerlich anzulassen. Von seinem Vermögen hat er sich bei seiner Verheiratung den letzten Rest auszahlen lassen – die Frau hatte ja rein nichts – außer den schwarzseidenen Hemden – und mit dem Verdienen, ›na, darüber weiß ich doch auch ein Wörtlein‹; – um mich ihres Ausdrucks zu bedienen. – Und bei all dem ein zweites Kind im Anzug.

Natürlich erzählte ich Hildegard das Neueste, was ich über Franziska erfahren – wenn ich ihr auch niemals sagen würde, was ich alles von Wehrmüller weiß – und wahrhaftig, die Hilde war wieder köstlich. »Und vom Vater sagst du nichts?« war alles, was sie auf meine Erzählung erwiderte.

»Bei unehelichen Kindern,« setzte sie dann hinzu, »fragte man doch nach dem Vater; so was kann immer noch ein Fürstenkind sein; hast du mir nicht einmal von einem schwarzen Hemd erzählt, in das eine goldene Krone gestickt war?«

So ist meine Schwester; immer boshaft. Namentlich, wo sie Poesie wittert. Alles Poetische muß sie verspotten. Sie erinnerte sich, daß ich mir früher auf der Plessenburg auf unsern Weiher immer einen schwarzen Schwan gewünscht hatte mit goldenem Krönlein …

*

Mittwoch.

Ich habe Hildegard von Georg erzählt; zuerst beiläufig. Zuletzt habe ich ihr alles gestanden, zitternd, was sie dazu sagen werde.

Sie sagte lange gar nichts. Dann: »Du mußt es ja wissen, ob du glücklich bist.«

Ich war höchlichst erstaunt über so viel Milde und Vorurteilslosigkeit.

»Ja, Schwesterchen,« sagte sie, »wenn wir Mädchen aus guter Familie einmal anfangen, die Hoffnung aufzugeben, daß – verzeihe, wenn ich manchmal zynisch bin – daß unsere Jungfräulichkeit sicher mit standesgemäßer Versorgung bezahlt wird, da denken wir darüber auf einmal ein wenig anders als in der Hochzeit, ich meine in der Blütezeit unserer Jugend; wir denken darüber wie über eine Sache, die – na, die täglich mehr von ihrem Wert verliert.«

Sie wollte ihn kennen lernen. Ich habe ihm telegraphiert, und er hat uns zum Abendessen abgeholt. Hildegard wollte in den Perkeo gehen; natürlich, wer geht nicht in den Perkeo, wenn er von Dresden kommt! Aber ich befürchtete, wir könnten dort den Herrn von Krantz treffen, einen weitläufigen Vetter von uns, der seine Oberstenpension in Heidelberg verzehrt, und mit dem ich die Bekanntschaft in Heidelberg nicht erneuern möchte. Mich hat er ewig nicht gesehen, aber die Hildegard würde er wohl sofort erkennen. Georg schlug die »Kümmelspalterei« vor; er hat immer den glücklichsten Einfall.

Die Kümmelspalterei ist nämlich eine uralte und uraltmodische Weinstube, von der ich überzeugt bin, daß schon Papa da verschiedene Bowlen getrunken hat.

Als wir eintraten, fuhr Hildegard ordentlich zurück. Ich war darauf gefaßt und hatte mich auf dem ganzen Weg heimlich gefreut. Sie dachte sich nämlich so was wie ein Dresdener oder Leipziger Weinrestaurant, mit vergoldeten Tapeten und hohen Spiegeln, mit venezianischen Kronleuchtern und blendenden Gedecken – und sah nun eine enge, kleinbürgerliche, fast ärmliche Bäckerstube vor sich mit ungedeckten und unsauberen Tischen, mit einem Gerüchlein nach muffigem Mehl, mit zwei Packträgern und einem Hökerweib vor großen Humpen Apfelweins, und einem Tisch voll Stammgästen, die auch nicht gerade der eleganten Welt angehörten.

Der Wirt wies uns in ein Hinterzimmer. Hier hingen gelbe Studentenmützen um einen Wandschrank mit burschenschaftlichem Monogramm, und Hildegards Züge erheiterten sich ein wenig.

Ich mußte lachen. »Wir sind hier im Weinland,« sagte ich stolz, »da ist der Wein eine gemeine Sache, und die Weinstuben sind es auch. Erinnerst du dich nicht mehr an die italienischen Spelunken? Nur wo der Wein ein exotisches Gewächs ist, macht man ein Aufsehen mit ihm.«

Zuletzt war Hildegard doch sehr zufrieden. Besonders, als zum Nachtisch ein prachtvoller Kirschenkuchen anrückte, fand sie diese ganz »süddeutsche Spezialität« – das war ihr Ausdruck – gar nicht übel.

Und was die Hauptsache ist: Georg gefiel ihr. Sie machte mir hintennach ein Kompliment nach dem andern, was man von ihr doch gar nicht gewöhnt ist.

Sie fand wohl seine Manieren nicht gerade »distinguiert«, wie sie sagte, aber doch auch nicht unfein. Man merkt, sagte sie, daß er aus einer Rasse stammt, wo selbst im Bauern ein Stück alter Kultur steckt.

Ganz und gar imponierte ihr sein »Physisches«. »Nein, rief sie aus, sich so was bei uns in Sachsen als Landgewächs zu denken. Lächerlich. Unter diesen fahlblonden Mopsgesichtern. Und solche farbigen Menschen bringt der Schwarzwald hervor? Das ist ja fast unverfälschtes, altes Römerblut. Oder es ist das ganz mysteriöse Blut der uralten Kelten.«

Man denke sich, was ich empfinden mußte bei solchen Worten.

Nur daß Georg katholisch ist, hat ihren Enthusiasmus ein wenig gedämpft.

*

Freitag.

Georg ist Katholik, aber ein ungläubiger. Er hat keinen Zusammenhang mehr mit seiner Kirche. Er liebt das Wort nicht, aber ich glaube, er ist Atheist. Das gefällt mir nicht, aber ist mir doch lieber, als wenn er Jesuit wäre und zur Beichte ginge.

Er verteidigt übrigens die Jesuiten immer sehr ernsthaft gegen meine Angriffe. Ob es ihm aber wirklich Ernst damit ist, oder ob er mich nur damit reizen will, habe ich noch nicht herausgebracht.

»Führende Jesuiten waren immer sehr vorurteilslose Menschen,« ist einer seiner Lieblingssätze, wenn wir streiten.

Georg ist der Kirche vollkommen entwachsen, er behauptet es wenigstens; aber manchmal ist mir's, als hörte ich die alten Sklavenketten noch an seinen Füßen rasseln. Er ist wenigstens immer noch sehr voreingenommen für seine Kirche.

Er nennt das Pietät. Ein erwachsener Sohn, pflegt er zu sagen, braucht seiner Mutter nicht mehr zu gehorchen; er wird sie aber immer ehren als seine Mutter.

Nein, es kann keiner aus seiner Haut. Ein Katholik schon gar nicht.

Georg ist das beste Beispiel dafür. Gegen den Protestantismus zeigt er sich manchmal geradezu von einer bornierten Gehässigkeit. »Ihr Protestanten bildet euch wirklich zu viel ein,« sagte er neulich; »ihr solltet etwas bescheidener sein; ihr solltet zugeben, daß an der gesamten europäischen Kultur, dem höchsten Gut der Menschheit, die katholische Kirche einen ganz andern Anteil hat als der Protestantismus, dessen Verdienst ich keineswegs leugnen will« …

»O, Jesuit,« rief ich ganz empört, »er leugnet, aber erklärt zugleich, er wolle nicht leugnen; ist das nicht echt jesuitisch?«

Er lächelte. Natürlich, Jesuit ist für ihn kein Schimpfname.

»Dann behaupte wenigstens nicht,« rief ich von neuem, »daß du innerlich aus deiner Kirche heraus bist; bis über die Ohren steckst du noch darin!«

»Du meinst, weil ich nicht im Protestantismus bin?« erwiderte er mit markierter Überlegenheit. Und dann erklärte er: »Liebes Kind – so nennt er mich mit Vorliebe, bei religiösen oder philosophischen Kontroversen – liebes Kind, aus der katholischen Kirche gibt es zwei Auswege. Der eine führt aus einer schmalen, schwindligen Brücke über den morastigen Schloßgraben – wenn man bei einer Kirche von einem Schloßgraben reden kann – hinweg ins Freie, hinaus ins Freie, in – ich weiß nicht, wie ich mich stark genug ausdrücken soll – ins absolut Freie, das den Himmel zum Dach, die göttliche Sonne zum Fenster und die Wolken zu Vorhängen hat. Diesen Ausgang habe ich genommen. Der andere Ausweg ist ein unterirdischer, dämmeriger Gang, und man gelangt dabei in einen etwas öden Raum, der den Leuten viel freier und weiter erscheint als die Kirche, weil er viel mehr und viel hellere Fenster hat, und weil keine Bilder und keine Statuen ihn verengen, mit einem Wort, in den Protestantismus. Alle Leute, die zu Schwindel neigen, nehmen, wenn sie aus der Kirche heraus wollen, diesen zweiten Ausweg, im Geiste wenigstens, wenn auch nicht nach der äußeren Form – auch alle diejenigen, denen zwar der Weihrauchduft der Kirche mit der Zeit unleidlich geworden ist, die sich aber vor Schnupfen fürchten in der frischen, freien Luft; denn es ist unglaublich, wie wenig Menschen, physisch und geistig, ein starkes und unabweisliches Bedürfnis nach frischer Luft haben.«

Ich bin dumm, daß ich mich manchmal über solche Reden ärgere. Georg ist Atheist, er haßt das Christentum; es ist also nur natürlich, daß ihm der Katholizismus sympathischer ist als der Protestantismus, der das reinere und strengere Christentum darstellt.

*

7. 7.

Heute Nacht war ich auf einer öffentlichen Auktion, wo die Plessenburg versteigert und um einen Spottpreis losgeschlagen wurde. Käufer war der kleine bucklige Simonson, der Lumpensammler und Makler aus Niederwasser bei Neuplessenberg …

Solch Zeug träume ich jetzt hier und da. Der Gedanke an den Gutsverkauf läßt mich keinen Augenblick los.

So weit kann es mit einer Familie kommen, die zum historischen Adel des Landes gehört. Zum historischen, das will was heißen. Wo sind denn die Geschlechter, die noch heute, so wie wir, auf ihrem Urlehen sitzen, von dem sie ihren Namen haben? Und nun diese Schmach!

*

11. Juli.

Gestern eine zweite Rheinfahrt mit Georg. Wir waren wieder mutterseelenallein auf dem ersten Deck.

Denn Mannheim ist eine Stadt, wo – und das ist ihr Eigentümlichstes – niemand Zeit hat, zur Lust auf dem Rhein zu fahren. Solche Menschen gibt es in Mannheim nicht. In diesem Sinne haben die Mannheimer den Rhein, ihren Rhein, noch gar nicht entdeckt. Sie kennen ihn als wunderbares Arbeitstier, im übrigen finden sie ihn sterbenslangweilig. Wenn man in feineren Kreisen, sagt Georg, von einer Rheinfahrt spricht, wird stillschweigend vorausgesetzt, daß man in Mainz zu Schiff gegangen ist; zu gestehen, daß man das in Mannheim getan habe, würde einem ein wenig schmeichelhaftes Mitleid eintragen.

Wenn die Menschen Augen hätten, wäre das anders. Aber nur, wo eine marktschreierische Berühmtheit seit lange ihre Stempel und Plakate hingeklebt hat, sehen sie, oder geben vor, zu sehen. Hunderte von Menschen, die nie auf eine Blume am Wegrand achten, die auf der einsam sonnigen Heide niemals einen Zauber in ihrer Seele verspürt, die nie am Erlenbach im stillen Wiesengrund mit Entzücken gewandelt sind und nie Erlkönigs Töchter mit den Augen Schwinds im Abenddämmern weben sahen: sie gehen alljährlich unter vielem Geschrei in die Alpen. Mit der stillen Schönheit der heimischen Natur wissen sie nichts anzufangen, aber mit den Berggipfeln und Gletschern – können sie renommieren.

Unsere gestrige Fahrt wird mir unvergeßlich sein. Sie begann im Morgengrauen, der Rhein stand hoch, fast auf Uferhöhe. Die Altwasser des rechten Ufers mit ihren grünen Wieseninseln und Pappelpflanzungen, mit ihren brüchigen Weidengeländen und Schilfbuchten waren weithin übersehbar und erschienen dem Auge als unbetretene und unbetretbare Wasserwüsten der Urzeit, wo die einsam stillsitzende Rohrdommel mit eingezogenem Hals philosophisch vor sich hinbrütet, wo die Scharen des weißgestirnten Wasserhuhns, wo der goldgesprenkelte Regenpfeifer und die blauspiegelnde, weithin leuchtende Wildente, und der zierlich geschöpfte, hochstelzige Reiher ihr geheimnisvolles Wesen treiben.

Die Sonne stieg über den Odenwald empor, die Pappeln in der kühlen grauen Morgenluft entzündeten sich wie grüne Flammen, die Ebene rollte sich auf in der Fülle ihrer Fruchtbarkeit, dampfend und rauchend, weithin dunkel umrahmt von blauen Gebirgszügen, hinter denen, immer ferner, höhere Kuppeln aufragen; im Westen der mythische Donnersberg, den Blick nicht einengend wie in Hochgebirgstälern, sondern ihn fortziehend in unbegrenzte Weiten.

Dann steht die Sonne strahlend hoch über dem Strom, der weit hinaus funkelt und blitzt von ihrem goldenen Licht; über den fernen Bergen aber steigen weiße Sommerwolken auf. Eine brütende Hitze fliegt über der heißatmenden Ebene. Und siehe, ehe man sich's versieht, ist der weite Himmel über uns schwarz und schwer, und auf der Ebene liegt es fast wie Nacht … Doch nicht Sterne funkeln, sondern zackige Blitze zucken.

Nicht das Gewitter ist so unvermutet schnell über uns heraufgezogen, wir selber, auf dem pfeilschnell hingleitenden Schiff sind in das Gewitter hineingefahren.

Wir fahren unter ihm hin. Der Donner umrollt uns. Blitze fahren zischend in die verdunkelte Flut, Regen klatscht auf das Segeldach des Schiffes. Wir fahren aber nicht nur unter dem Gewitter hin, wir fahren auch unter ihm weg, und indem wir jetzt eine Biegung des Stromes umschiffen, liegt die Gewitternacht mit ihren unheimlichen Stimmen bereits hinter uns, und die strahlende Sommerschönheit mit ihrem goldig-blauen Geleucht und weißen Schimmer umfängt uns von neuem.

»Noch nie machte ich die Fahrt,« sagte Georg, »ohne in Ergriffenheit und Entzückung anzubeten, ohne im Geist in die Knie zu sinken, wie der Mensch bei Klinger, vor der großen, weiten, reichen Schönheit dieser ungekannten und ungeschätzten, heimatlichen Landschaft …«

Einmal plötzlich, gerade hinaus über dem breiten Strom, hinter einem dunklen Wald von Eichen, erhebt sich, hoch in der Luft stehend, finster und massig, vieltürmig, in glücklicher perspektivischer Verkürzung, einer sagenhaft-phantastischen Burg ähnlich, der Dom von Worms, der Dom des Nibelungenliedes …

Wem einmal so in fast gespenstischer Schönheit der Dom von Worms erschienen ist, der sollte sich eigentlich den Eindruck nicht verderben dadurch, daß er der poesieumwobenen Erscheinung allzunahe tritt. Gespenster sollte man sich nicht in der Nähe ansehen.

Es gibt ja in Worms, das sich von seiner grausamen Vernichtung durch Melac erst in allerletzter Zeit wieder aufzuraffen anfängt, einige seltsame, alte Dinge zu sehen, z. B. eine mittelalterliche Synagoge, die in der Nähe ähnlich märchenhaft wirkt, wie der Dom in der Ferne. Aber gerade dieser kann in der Nähe nur enttäuschen. Besonders hat man das Gefühl, daß es seinem Schöpfer mehr darum zu tun war, sich dicke, schützende Festungsmauern zu bauen, eine Art Zwingburg unter religiösem Vorwand, als Hallen der Anbetung zu schaffen, Hallen für Jubelfeste der Christenheit, für den südlich-orientalischen, grandios-heiteren Pomp des katholischen Gottesdienstes.

So meinte nämlich Georg. Und in der Tat, ohne die Rokokoaltäre und Rokokogitter im Chor, würde der Dom rein protestantisch wirken.

»In diesem gedrückten, engen Kellerloch haben dann auch die deutschen Bärbeißer einen der größten Päpste der Weltgeschichte abgesetzt, der selber – einen urdeutschen Adelsnamen trug. Sie haben sich dabei ein wenig renommistisch benommen,« meinte Georg spöttisch.

In Worms aber ist man mit Recht auf nichts so stolz als auf das Lutherdenkmal. Und ganz Deutschland teilt diesen Stolz.

Nur natürlich Georg nicht. »Der genial-religiöse Paul de Lagarde,« sagte er, »hat dieses Monument die Wormser Ofenausstellung genannt. Das sollte wohl ein ästhetisches Urteil sein. Doch könnte einem das Denkmal vielleicht auch in anderer Beziehung nicht ganz gefallen, etwa aus dem Umstand, daß der große Luther hier von einigen Vertretern des finstersten und lebensfeindlichsten Fanatismus umgeben ist, wodurch fast vordringlich und ausschließlich eine Seite seines Wesens betont wird, die zum Glück keineswegs seine stärkste Seite war, und worauf zum Wenigsten seine ragende Größe und fortwirkende Bedeutung sich gründet.«

Darin konnte ich ihm nicht ganz unrecht geben.

*

***

Hildegard hat mir Vorwürfe gemacht, weil ich in München seinerzeit nichts von Graf Zobel geschrieben. Mama habe ihn vor kurzem bei der Exzellenz – das ist Mamas Schwester, die Frau Generalin von Rohna – getroffen, und er habe sehr begeistert von mir gesprochen. Mama aber sei unwillig gewesen, weil sie von dieser Begegnung nichts gewußt habe.

Das war wirklich unklug von mir. Ich hätte harmlos berichten sollen – natürlich, soweit das möglich war.

Am wenigsten wußte Hildegard von Botho zu erzählen. Die beiden waren ja auch immer wenig intim zueinander, und ich glaube, von seiner heimlichen Flamme spricht er wenig oder gar nichts mit ihr; er mag den Ton nicht, den Hildegard in solchen Dingen gern anschlägt.

Sie hat mir's auch rund heraus gesagt, daß sie an seinen Erfolg nicht glaubt. Wir hätten fast Streit dessentwegen miteinander bekommen.

*

16. Juli.

Neue Aufregung. Georg wird sich verändern. Er hat, ohne mir etwas davon zu sagen, um eine Stelle an der chemischen Landes-Versuchsanstalt in Karlsruhe eingegeben, und er hat sie – obwohl er sich geringe Hoffnung gemacht – zugleich mit der Ernennung zum Professor gestern erhalten. Am ersten Oktober hat er das neue Amt anzutreten.

Er ist dann Staatsbeamter mit bedeutend höherem Gehalt und entsprechenden Pensionsansprüchen. Und natürlich schwimmt er in Glück. Er hat dreiundzwanzig Mitbewerber besiegt, gewiß schmeichelhaft für sein Selbstbewußtsein. Ich sogar bin nicht wenig stolz darauf.

Aber die Hauptsache: »Nun können wir heiraten,« sagte er triumphierend.

Es war für ihn also selbstverständlich, daß ich ihn heiraten wolle, und daß ich nur auf seinen Antrag gewartet hatte.

Aber darin könnte er sich gewaltig geirrt haben. Ich war sehr unangenehm berührt von der Sicherheit seiner Voraussetzung und ließ es ihn deutlich genug merken.

Doch wie ich seine große Bestürzung sah; tat es mir leid, sein Glück so plötzlich getrübt zu haben, und ich suchte ihn wieder aufzurichten. »Wir werden noch darüber reden,« tröstete ich.

Ich bin ja im Grunde nicht abgeneigt. Es wäre für mich sogar eine ganz gute Partie. Aber ich habe ein Bedenken; so, wie ich mich kenne, habe ich Furcht vor dieser Ehe.

Es ist ja möglich, daß die wirkliche Ehe eine genügende Schutzwehr bildet gegen Vorkommnisse, wie neulich mit meinem Zimmernachbarn. Aber wenn ich mich darin irrte? Ich bin schwach.

Diese Ehe könnte ein großes Unglück werden.

Und wäre es nicht ein unverantwortlicher Frevel, sie einzugehen bei solchen Zweifeln?

Ich will jedenfalls streng mit mir ins Gewissen gehen, und mit Georg will ich offen reden über meine Bedenken. Sein Schicksal sei in seine Hand gelegt.

*

17. Juli.

Heute auf der Stiege dem Studiosus begegnet. Er errötete und grüßte hastig und verlegen. Er stolperte sogar äußerst ungeschickt.

Ich aber errötete innerlich, indem ich langsam die Treppe hinunterstieg, und »Tilchen, Tilchen,« sagte ich zu mir selber, »die Schüchternheit eines Dummen ist deine ganze Tugend.«

*

18. 7.

Am fünfzehnten habe ich Schönemann einen netten Brief zu seinem Geburtstag geschrieben; ich war doch begierig, mal wieder etwas von ihm zu hören. Und was antwortete er mir?

In Worten gar nichts, aber in einem großen Kuvert, und nicht verschlossen, schickt er mir eine Photographie von drei männlichen Akten – Nacktheiten von abstoßender Indezens.

Ich war zuerst empört; dann überkam mich eine namenlose Traurigkeit.

Als Georg gegen Abend kam, hatte ich verweinte Augen; ich konnte mich nicht entschließen, ihm die Wahrheit zu sagen, ich schämte mich zu sehr.

Meine Niedergeschlagenheit kam aber durchaus nicht allein daher, daß ich in der Sendung eine beleidigende Absicht vermutete. Die Sache an sich machte mich schon traurig.

Im Kunstwerk entzückt mich die Nacktheit; aber diese brutale Natur, so absichtlich ins grelle Licht gestellt, verletzte mein Schamgefühl in einer Weise, daß ich mich tief unglücklich fühlte …

Eigentlich ist mir das selber ein wenig ein Rätsel, und ich frage mich umsonst, wie es kommt, daß man vor der Natur so erschrecken kann.

Als ahnungsloses Mädchen meinetwegen, selbstverständlich; aber wer seit Monaten in mythologischen Szenen vor der olympischen Tiergottheit selig-bang erzitterte ohne Sündegefühl und störende Scham …

Liegt meinem unglücklichen Erschrecken nur irgendein versteckter Atavismus zugrunde, oder ist ein höherer Sinn dahinter zu suchen?

Da ich doch einmal daran war, nach München zu schreiben, hat auch Wehrmüller ein Briefchen bekommen.

Seine Antwort zeigt die alte freundschaftliche Anhänglichkeit. Kein Wort, das aus verletzte Eitelkeit weist.

Und er hätte wahrlich einigen Grund dazu. So schmerzlich mein Weggehen gerade ihm gewesen sei, schreibt er unter andern, so wolle er's doch nicht bedauern, weil er überzeugt sei usw. »Auf den Knien,« heißt es dann wörtlich, »auf den Knien danken Sie Ihrem Doktor dafür, daß er Sie von München weggenommen hat, das war eine rettende Tat.«

Wehrmüller übertreibt ein wenig; aber im Grunde hat er Recht.

Über die zurückgezahlte Schuld kein Wort. Und allerdings hatte ich auch nichts davon geschrieben. Keinen Dank. Ich hatte rein nicht daran gedacht. Ich bin manchmal so. Eigentlich schrieb ich den Brief nur, um ihn im Scherz zu schelten, daß er das Geld mir nicht noch ein wenig aufgehoben hat, das nun durch den Bankkrach für mich verloren ist; aber während des Schreibens vergaß ich das, was die Hauptsache sein sollte.

*

13. 8.

Von München konnte ich weggehen; aber kann man auch von sich selber weggehen, loskommen von sich selber?

Das kann man eben nicht, ich habe es gestern wieder erfahren.

Ein Vetter von Georg ist Amtsrichter in einem kleinen Städtchen an der Bahnlinie Heidelberg-Würzburg. Adelsheim heißt der Ort. Die beiden sind sehr befreundet, und Georg sprach schon lange davon, daß wir den Vetter einmal zusammen besuchen wollten. Am Samstag nachmittag kommt er reisefertig an: »Wollen wir nach Adelsheim fahren? Ich habe zwei Tage frei. Am Montag ist Maria Himmelfahrt, das ist ein Feiertag bei uns.«

Eine Stunde später saßen wir im Zug, der durch das Neckartal sauste, an Obsthalden vorüber und Buchenwäldern, an mittelalterlichen Stadtmauern mit Burgen und Türmen auf der Höhe, jetzt hart am Ufer des Flusses hin, dann lang durch die schwarze Nacht unterirdischer Straßen.

Später war's ein anderes Bild. Spitzgiebelige Dörfer mit braun-moosigen Ziegeldächern lagen an Bächen hin oder an seichten Hügeln hinauf, und weithingestreckte über abgerundete Höhen ausgebreitete Wälder hüllten tiefe grüne Wiesentäler, von Forellenwassern durchflossen, in unendliche Stille und Einsamkeit.

Wir stiegen endlich aus. Ein Herr in halb jägerlichem Anzug, mit zwei gelbbraunen, langhaarigen Hühnerhunden an der Koppel, grüßte vom Bahnsteig herüber. Es war der Herr Oberamtsrichter. Georg hatte ihn benachrichtigt.

Die Familienähnlichkeit der beiden Vettern war auffallend. Doch schien der Amtsrichter etwas untersetzter, vielleicht nur, weil er breiter in den Schultern war, was durch die Jagdjoppe besonders hervortrat. Auch mochte er ein halbes Jahrzehnt älter sein.

Während wir uns herzlich begrüßten, stießen mich die beiden Rüden leise an, wie wenn sie sagen wollten: Wir gehören auch dazu.

Es waren wundervolle Tiere; ich konnte nicht anders, als dem Amtsrichter mein Kompliment deswegen zu machen.

Wir waren übrigens nicht in Adelsheim. Der Schnellzug hatte dort nicht gehalten. Wir waren eine Station weiter.

Osterburken hieß der Ort, und Georg hatte mir schon unterwegs davon gesprochen, als von einer alten Römergarnison am Limes, wo vor einigen Jahren ein Altar der Diana Abnoba ausgegraben und ein umfangreiches Kastell aufgedeckt worden war.

Wie mir das in den Ohren klang, ganz märchenhaft. Ich zitterte vor freudiger Aufregung, denn wir dachten uns Wunder, wenn wir in Dresden von solchen Dingen hörten. Und natürlich wollte ich gleich hin.

Meine Enttäuschung war groß; denn was war's? Eine Art Schacht, aus dem verschiedenes schwarzes Mauerwerk hervorsah, das einmal alles Mögliche gewesen sein konnte – vielleicht ein bäuerlicher Kuhstall.

Die Fetzen einer alten Handschrift mögen einem Gelehrten, der sie lesen kann, viel sagen; aber was sagen sie meinem Auge?

Ebenso diese Mauerreste. Mir fielen die Worte jener alten dicken Französin ein, auf dem Heidelberger Schloß:

Ce sont vraiment de belles ruines, ce n'en sont point comme il y en a, ou l'on ne voit rien du tout.

Das war doch eine ganz gescheite Rede. Dummheit aber ist es, pflichtschuldig auch: dort zu bewundern, wo die eigenen Augen doch so viel wie nichts sehen, rien du tout. Man nennt solche Menschen »Gebildete«.

Zu diesen gehörte offenbar der Wirt, wo wir später einen Erfrischungstrank nahmen. Er hatte bloß seine Dorfschule besucht, aber er sprach wie ein Gelehrter. Vor allem, wie ein gelehrter Narr. Man hörte ihm an: Wenn er die Wahl gehabt hätte zwischen dem Heidelberger Schloß und dem Römerkastell … Ein vielsagender Name genügte ihm, wenn auch von der Sache nichts da war.

Allerdings bewahrte er den Schlüssel zur Einfriedigung des »Kastells«!

Und einen sehr gescheiten Einfall hatte er: Ob wir vielleicht zum Abendessen blieben, er habe Forellen gefangen. Ein Rehziemer sei bereits gespickt und dürfte bloß in die Pfanne gelegt werden. Ich wollte protestieren gegen solche Üppigkeit.

Der Oberamtsrichter wehrte mir: »Wenn Sie ahnten, für wie wenig Geld hier so was zu haben ist!« Georg sagte: »Beruhige dich. Das sieht so improvisiert aus, aber ich wollte wetten, er hat alles mit dem Wirt vorher verabredet. Und er wußte wohl, was er tat. In seinem Amtsnest wär's nicht so gemütlich geworden, und den Weinkeller hat er hier auch längst durchprobiert.«

Es wurde dann sehr »gemütlich«, nämlich sehr heiter, und die Herren beschlossen, mit meiner Zustimmung, zu Fuß nach der amtsrichterlichen Residenz zu wandern. »Unter den flammenden Sternen der Hochsommernacht,« sagte Georg.

Es war eine zauberhaft schöne Nacht, überraschend hell, die goldenen Sterne standen fast auf blauem Grunde. Nur über den Wiesen lag ein weißlicher Duft, aus dem das Erlengebüsch, den Forellenbach entlang, schwarz aufragte.

Wirklich, es war eine zauberhaft schöne Nacht; wir hätten zu zweien sein sollen. Aber drei mit zweierlei Geschlecht, das taugt nicht in solcher Nacht. Es taugt überhaupt nicht.

Der Amtsrichter hatte mir galant seinen Arm angeboten. Nichts natürlicher. Aber nun reizte es ihn, ein wenig Komödie zu spielen, mir im Scherz den Hof zu machen und seinen Vetter damit zu necken. Ich ging darauf ein, auch Georg, der mit gutem Humor die Rolle des Eifersüchtigen spielte.

Dennoch fühlte ich bald heraus, daß wir den Scherz eigentlich etwas zu weit trieben, und daß die ganze Komödie meinem Freund sehr wenig gefiel, wenn er's auch nicht merken ließ.

Wenn einer einmal im Ernst eifersüchtig war, mit dem ist in diesem Punkt nicht zu scherzen.

Aber wie es so geht, wir trieben's immer toller, und auf einmal konnte Georg seines Mißbehagens nicht mehr Herr werden; er verstummte plötzlich.

Das nahm der Amtsrichter übel, er sagte, Georg solle sich schämen. Auch lenkte Georg, so vernünftig war er, schnell wieder ein; aber eine kleine Verstimmung blieb heimlich zurück. Sogar Flick und Flock schienen es zu merken.

Und es kam Schlimmeres dazu. Der Amtsrichter bewohnte allein eine riesige Dienstwohnung, es war also ausgemacht, daß wir nicht ins Gasthaus gingen; ich sollte das Fremdenzimmer für mich haben, Georg im Bett seines Vetters schlafen und dieser es sich auf seinem Diwan zurecht machen. Die Vorbereitungen waren in diesem Sinn zum voraus getroffen. Die beiden Herren begleiteten mich an mein Zimmer – es war spät – und Georg wünschte mir fast kühl eine gute Nacht, was den Amtsrichter von neuem zu einer Neckerei herausforderte.

»Ärgert dich's vielleicht,« sagte er mit verstohlenem Blinzeln zu mir hin, »daß dein Schlafzimmer etwas weit abliegt? Ich stelle dir gern, hier gegenüber, meinen Diwan zur Verfügung.«

»Gute Nacht!« rief Georg mit einer Lustigkeit, die mir etwas gezwungen schien.

Als ich schon halb eingeschlafen war – vielleicht hatte ich aber auch ganz und gar schon geschlafen – glaubte ich plötzlich ein Geräusch gehört zu haben und hatte das deutliche Gefühl, als ob jemand vor meinem Bett stünde. Mein erster Gedanke war: »Wenn es der Amtsrichter wäre!« Ich erschrak aber darüber keineswegs, ich war schon ganz gefaßt auf ein Abenteuer und stellte mich schlafend. Unterdessen glitt es in mein Bett und schmiegte sich an mich; ich stellte mich immer noch schlafend. Eine Hand griff nach der meinen … ich erkannte Georg.

Den ganzen andern Tag – ich fühlte es wohl – war er innerlich traurig. Hatte er erraten am Abend, daß ich nicht schlief, und hatte er mein Zittern gefühlt, mein Zittern und Bangen vor dem Abenteuer, das ich vermutete, und gegen das ich mich doch nicht wehrte?

Hatte er einen Blick getan in den Abgrund meines Wesens?

Und da ertappe ich mich darauf, daß diese Frage mich erschreckt. Aber war es denn nicht mein Wunsch, daß er meine gefährliche Natur erkennen und jeden Gedanken an eine Ehe mit mir aufgeben möge? Habe ich mich in mir selber getäuscht? Wäre ich am Ende doch unglücklich, wenn ich ihn wieder verlöre?

*

19. August.

Zu einer andern Zeit, wie wäre ich empört, wie wäre ich moralisch entrüstet gewesen! Aber wer sich wie ich jeden Augenblick auf innerlicher Untreue ertappt, hat der ein Recht »den ersten Stein aufzuheben?«

Ich war noch nie innerlich so zerknirscht, so ergrimmt über mich selber, wie in diesem Augenblick – vielleicht nur aus Ärger, und weil ich durch mein eigenes Verhalten mich jenes Rechts begeben habe.

Und doch möchte ich der Abscheulichen, der Niederträchtigen ins Gesicht speien.

Ja, ich bin wie außer mir.

Um die Seidschitz handelt es sich – ich mag sie nicht mehr mit meinem Namen nennen, einst war ich stolz darauf.

Sie hat also den armen Botho nicht nur einfach gefoppt; sie hat als echte Schauspielerin – nicht umsonst stammt sie von einer Italienerin ab – auch für den nötigen Eklat, für die nötige Publizität gesorgt.

»Der gute Botho ist wie vernichtet,« schreibt Mama; »man spricht so oft vom Blitz aus heitern Himmel, das war eher schlimmer; denn dieser Blitz war von ausgedachter, perfider Tücke geschleudert, nicht vom blind waltenden Zufall. Noch acht Tage zuvor hatte sie ihn auf dem Gartenfest bei Rohnas so auffallend ausgezeichnet, daß es den Kameraden auffiel und Botho von allen Seiten beglückwünscht wurde. Zu mir sagte der herzige Junge am andern Tag: ›Ach Mama, es ist fast zu viel Glück für mich wenig verwöhnten Menschen; man wird mich unheimlich beneiden.‹;

»Und nun denke Dir, wie er vorgestern in die Kaserne kommt, fallen ihm zuerst die scheuen Blicke der Kameraden auf; aber als Glücklicher will er keinen Argwohn aufkommen lassen, und herzlich und vergnügt wünscht er allseits guten Morgen. Da werden die Gesichter noch verdutzter; man weiß offenbar nicht, wie man sich benehmen soll. Erich Hesse, der, wie du weißt, am vertrautesten mit ihm steht, ergriff endlich das Wort: ›Du scheinst die Nachricht ja gut aufgenommen zu haben, lieber Botho,‹; sagte er.

»›Was für eine Nachricht?‹;

»Also er kannte sie noch nicht. Die ganze Stadt hatte in der Frühe die Anzeige erhalten, nur er nicht; die ganze Stadt sprach in diesem Augenblick von der Verlobung des Grafen Hallstein mit Ottilie von Seidschitz.

»Nur Botho war noch in der Unwissenheit, stand ahnungslos vor den lauernden Kameraden. Welche Situation!«

*

Was ist da noch zu sagen? Armer Botho! Ich finde weiter kein Wort.

*

20. 8.

Georg hat mir heute ein Geständnis gemacht, das er gescheiter für sich behalten hätte.

In jener Nacht, bei seinem Vetter, habe ich ihn – ich war ärgerlich, ohne es zu wissen, warum – barsch weggeschickt, und wahrlich, ich begriff hintennach selber nicht, wie ich so grausam hatte sein können, allerdings auch nicht, wie er so dumm sein konnte, mir zu folgen. Und heut – er war beglückt, weil ich wegen der Heirat einige Hoffnung durchblicken ließ – heut gesteht er mir, daß er in jener Nacht Höllenqualen der Eifersucht ausgestanden, daß er zuletzt seine Schlafzimmertüre geöffnet, um bis in den Morgen hinein das leiseste Geräusch auf dem Flur zu belauschen …

Ich mußte an Graf Zobel denken. Der hätte sich weder auf diese Weise aus meinem Bett jagen lassen – es war doch so, wie wenn man einen unartigen Jungen wegschickt – noch hätte er sich je dazu bekannt, wie ein hinausgesperrter, winselnder Hund auf der Lauer gelegen zu haben. Bei einem Mann, wie Zobel, sowas nur zu denken, ist einfach eine Lächerlichkeit.

Wahrlich, Georg müßte etwas stolzer sein.

*

Sonnabend, 23. 8.

Brief von Hildegard; sie wohnt in Chambre garnie auf dem Mont-Martre. Wer hätte ihr das zugetraut? Und was sie wieder einmal für eine feine Nase verrät. »Apropos,« schreibt sie, »wenn er dich etwa heiraten will, greif zu!« Nicht eine Silbe hatte ich gegen sie fallen lassen, die sie zu einer solchen Annahme berechtigen konnte.

*

***

Ich bin einstweilen keineswegs entschlossen, »zuzugreifen«; aber ich habe nun doch in einem Brief an Mama andeutungsweise von der Sache geschrieben, von seiner Person, seinen Verhältnissen.

Und Mama hat, weniger burschikos, aber ganz in demselben Sinne geantwortet wie Hildegard. Vorausgesetzt, schreibt sie, daß ich nicht in Verhältnisse komme, die mein Talent schädigen.

Ach, mein Talent! Ich glaube kaum mehr daran.

*

27. 8.

Georg wird immer dringender. Nun hab ich ihm heut offen mein Bedenken ausgesprochen.

»Das hab ich mir alles auch gesagt,« antwortete er, »aber mir ist nicht bang. Du bist weich wie Wachs, du bist so gut, du wirst mich nicht unglücklich machen.«

»Ich bin eine Hetärennatur; man hat es mir oft genug wiederholt.«

»Um so mehr brauchst du einen Mann, der dich vor dir selber schützt. Du bist grenzenlos gut, lieb und gut, und wenn du schwach bist, meine starke Hand wird dich halten.«

Ob seine Hand stark genug sein wird, das ist die Frage.

Wenn er zu spät einsähe, daß er sich getäuscht …

Ich habe mir von neuem Bedenkzeit auserbeten.

*

***

»Meine starke Hand wird dich halten.« Wenn ich's ihm nur zutrauen könnte; nur bei einem wär ich dessen sicher – dem Grafen.

Er ist auch der einzige, der mich in Wahrheit »genommen« hat, dem ich mich verfallen fühlte kraft einer übermächtigen Gewalt, die innerlich von ihm ausging. Vor ihm allein hatte ich keinen Willen; wie ein ängstliches Hündchen duckte sich mein Wille vor seinem gebietenden Blick, sogar sein Bäuchlein und seine Glatze vergaß ich darüber.

Allen andern habe ich mich frei geschenkt, oder was noch weniger schmeichelhaft für sie ist, aus augenblicklicher Apathie überlassen, auch aus Mitleid.

*

Goethes Geburtstag.

Ich hatte bis jetzt nie die »Wahlverwandtschaften« gelesen; es ist fast eine Schande. Aber dieser moralisierende Herr Mittler und gleich zu Anfang die langweiligen Gespräche über Gartenanlagen haben mich immer abgeschreckt, und ich bin nie über die ersten Seiten hinausgekommen. Ich wußte nicht einmal, daß mein Name darin vorkommt, ja, daß er der Name der Hauptheldin darin ist …

Literaturgeschichte: Sehr gut! hat mich einst der Professor Himmelhaber zensiert. Ja, die schlechten Zensuren allein sind nicht immer die ungerechten, die guten können es auch sein!

Und dabei hat wahrscheinlich diese Goethesche Ottilie bei mir Pate gestanden; ich erkenne da Papas romantische Neigungen. Gewiß bin ich auf diese Weise zu dem altmodischen Namen gekommen; denn wer heißt denn heut noch Ottilie? Ja so, die … aber daran will ich nicht mehr denken. Nicht nur der Name ist unmodern, der Typus ist es noch mehr.

Die edle Entsagung, das ist nicht mehr modern. Wenigstens gibt es das nicht in modernen Romanen – außer vielleicht in schlechten.

Ich habe nämlich jetzt endlich das Buch gelesen. Wie ich dazu kam? Nun, man langweilt sich doch manchmal. Ich saß da gestern nachmittag an meinem Fenster, und lange genügte es mir, mich in den Anblick da draußen zu versenken.

Ich träume ja lieber, als ich lese. Wie sagt Hebbel in seiner Judith, die sonst nicht sehr gescheit ist? – na, nun kommt mir der Wortlaut der Stelle nicht!

Nebenbei: Überall liest man jetzt von den Aufführungen dieser Judith; fünfzig Jahre hat das gebraucht. In wieder fünfzig Jahren führt man vielleicht die meinige auf …

Ich träume lieber, als ich lese, sagte ich. Aber manchmal brechen die Fäden ab. Ich griff zu einem Band Goethe, ich blätterte; plötzlich lese ich: »Aus Ottiliens Tagebuch.«

Ich bin ganz erschrocken. Sind denn meine Tagebücher schon einmal gedruckt?

Und nun, natürlich, machte ich mich an die Lektüre.

Es ist aber wirklich ein altmodisches Buch. Ein sonderbarer Kauz, dieser Goethe manchmal. Seinen Wanderjahren – die ich auch noch nicht gelesen habe – gibt er den Untertitel: »Oder die Entsagenden.« Er hätte das auch vor die Wahlverwandtschaften schreiben können.

Aber sowas imponiert den Moralisten; sie vergessen nur, daß es ein alter Herr ist, der ewig das Lied der Entsagung singt. Da ist doch nichts Besonderes zu rühmen, und wenn dann unter den Epigonen ganz Junge uns dieses Lied vorleierten, so war das vollends albern.

Die moderne Literatur hat endlich diesem Geleier zum Glück ein Ende gemacht.

Ob nun das wohl zum Gescheiten oder zum Dummen gehört, was ich da geschrieben habe?

Georg behauptete nämlich vorgestern: In mir seien zwei Ottilien, eine sehr gescheite und eine ganz dumme. Es sei überraschend, was ich manchmal für gescheite Dinge sage, und dann wieder rede ich so scheckig, daß man meinen könne, ich sei im Kopf nicht ganz richtig.

Ich mußte an Tantchen Suse denken, von der wir das auch immer sagten.

Und dennoch will er mich heiraten.

*

Sedantag.

War das eine Nachricht! Ganz verstört bin ich diese drei Tage herumgelaufen, und noch immer bin ich wie betäubt.

Also das Gut ist verkauft, Park und Schloß inbegriffen.

Nun, darauf war ich gefaßt seit Hildegards Besuch. Aber, wer es gekauft hat?

Erich! dieser Hohn; Erich Hesse hat die Plessenburg gekauft.

Darum hatte er als armer kleiner Leutnant die Frechheit, das sechzehnjährige Schloßfräulein zu küssen, das dumme Ding, das sich nicht denken konnte, daß in einem Leutnantsrock ein Bube stecken könnte.

Durch das arme Fräulein konnte er freilich das Schloß nicht bekommen; er mußte vorher die Tochter des reichen Seifensieders heiraten.

Bei mir wollte er nur einmal seine Unwiderstehlichkeit erproben.

Und natürlich war er auch indiskret, der Elende, und hat wohl gar Schlimmeres dazugelogen. Ich habe immer sowas vermutet; seine Kameraden haben sich auf Bällen oft so eigentümlich gegen mich betragen, und die Anspielung, die Graf Zobel einmal gemacht hat …

Wenn Bernhard ein Kerl mit Schneid gewesen wäre, so hätte er damals, als ich ihm die Sache erzählt, den Menschen gefordert, der seiner Schwester das zugefügt, und hätte ihm eine Kugel vor die Lappen geschossen.

Aber der hat die Achseln gezuckt. »Kindereien.«

Dafür muß er's nun erleben, daß der Sohn des Schulmeisters aus Görlitz ihn zum Schloß seiner Väter hinauswirft.

Hinterrücks! Denn natürlich hätte Bernhard das Gut diesem Hesse nie verkauft, das hätte ihm doch die Eigenliebe nicht erlaubt; aber der Verkauf ging durch einen Unterhändler, und der eigentliche Käufer wurde nicht genannt.

Ob Bernhard dieselbe Summe anderwärts herausgeschlagen hätte? Hesse hat es sich wohl was kosten lassen, gerade den Mann aus dem Sattel zu heben, in dessen mütterlichem Haus er sich so oft hatte füttern lassen als armer Kadett, wenn sie Sonntags Ausgang hatten, und später wieder als Leutnant, wo er so manchen Urlaub auf Plessenburg verleben und sich's wohl sein lassen durfte – allerdings auch manche Beschämung hatte hinnehmen müssen wegen seiner gar zu schäbigen Equipierung.

»Er wird wohl bald,« schreibt Mama, »seinen Abschied nehmen, um als Schloßherr auf der Plessenburg zu residieren.«

*

Und nun weiß ich auch, warum ich mit meinem Roman nicht mehr vorwärts kam; diesen göttlichen Ausgang zu erfinden, wäre ich allerdings nicht imstande gewesen. Die Wirklichkeit ist manchmal kühner als Dichterphantasie.

*

3. September.

Solche Nachrichten können einen mürbe machen. Ich bin nun fest entschlossen, Frau Professor zu werden; vielleicht gebe ich doch noch eine gute bürgerliche Hausfrau ab.

*

3. 9. abends.

Mir ist heute ein Einfall gekommen. Georg liebt über alles sein altes Mütterchen, er hält hohe Stücke auf sie; er spricht von ihr, wie von einer Art Sybille oder Seherin alten Stils und sie ist auch ganz gewiß eine außerordentliche Frau.

Er will schon lange, daß ich sie kennen lernen soll; ich werde ihm den Vorschlag machen, daß wir sie nächsten Samstag besuchen: sie soll mein Orakel sein. Wenn ich ihr rückhaltlos gefalle, wenn ich ihr volles Vertrauen gewinne – sie wird sich Georg gegenüber offen aussprechen – so soll mir das sein wie die Stimme Gottes, und ich will mit ihm vor den Altar treten in Glauben und Zuversicht.

*

9. 9.

Na, das hätte ich nun auch nicht erwartet. Ein Brief von Hauptmann Hesse.

Ich war erst empört, wie über eine Frechheit. Ich vermutete den reinen Hohn dahinter; aber nach ruhiger Überlegung sah ich die Sache anders.

Er bittet mich, ihm dasselbe geschäftliche Vertrauen entgegenzubringen, wie meinem Bruder Bernhard, und meine Hypothek auf dem Gut stehen zu lassen.

Was kann das heißen? Nötig hat er's sicher nicht.

Ich kann mir seinen Brief überlegen, wie ich will, immer komme ich darauf hinaus, daß sich hinter seiner Bitte eine zarte Aufmerksamkeit versteckt. Was eine Gunst von seiner Seite ist, erbittet er von mir als Gefälligkeit; er weiß, wie mir's schmeichelt, durch meine Hypothek noch sozusagen Mitbesitzerin von Plessenberg zu sein.

Wahrlich, ich hätte ihm das nicht zugetraut. Demnach muß damals doch ein Funken echter Verehrung unter dem Strohfeuer seiner sogenannten Liebe geglimmt haben.

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Montag, 9. 9.

Ich habe Georg von meinem Plan gesprochen; er hat mir die Hand geküßt aus Rührung und Dankbarkeit. Ich ließ ihn darauf feierlich schwören, mir alles, Günstiges und Ungünstiges, was seine Mutter über mich äußern wird, mit peinlichster Strenge zu berichten.

Er zweifelt keinen Augenblick, wie die Entscheidung ausfallen werde, und ich selber bin nun ungeheuer begierig auf das alte Mütterlein und freue mich darauf.

*

Dienstag.

Endlich wieder einmal etwas Angenehmes. Wehrmüller schickt die noch rückständigen sechshundert Mark; er hat seine Judith verkauft.

Die fünfzehnhundert Mark hatte ich ihm geliehen gleich am Anfang unserer Bekanntschaft; ich hatte längst nicht mehr daran gedacht und war ihm nicht bös gewesen, wenn er vergessen hätte, sie zurückzuzahlen; doch kommt mir die Summe jetzt sehr gelegen, und ich bin froh darum.

Ich freue mich um so mehr, als sie aus dem Erlös der Judith stammt – wenn ich auch allerdings an das Bild und seine Geschichte jetzt nicht denken sollte.

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Freitag.

Also morgen und übermorgen wird sich mein Geschick entscheiden. Georg hat sich für den Nachmittag frei gemacht, ½1 Uhr geht unser Zug, wir werden zur Zeit des Abendessens bei der Mutter eintreffen.

Georg freut sich darauf, wie ein Kind auf Weihnachten.

Mir, wenn ich ehrlich sein will, ist es doch nicht recht wohl bei der Sache. Eigentlich betrüge ich die alte Frau, wenn sie von mir eine Meinung empfängt, die besser ist als die Wirklichkeit.

Fast reut mich mein Vorschlag nun. Mir scheint, ich spiele ein unredliches Spiel.

Nein, wirklich, mir ahnt nichts Gutes.

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Mittwoch.

Mein Geschick, scheint es, hat sich entschieden, und wie anders, als wir beide gedacht hatten!

Die Frage ist: wer entschieden hat.

Ich?

Die Menschen, nach ihrer gewöhnlichen Art zu urteilen, werden es sagen.

Aber ist nicht vielmehr der Zufall schuld und die dunkle, geheimnisvolle Macht, die den Zufall herbeigeführt hat?

Ohne diese geheimnisvolle, dunkle Macht, wofür ich keinen Namen habe, hätte es doch gar nicht so kommen können!

Seien wir historisch.

Reise und Besuch bei der Mutter ganz dem Programm gemäß ausgeführt. Herrliche Alte! Seltener Mensch! Ich ganz Verehrung zu ihren Füßen, erobere auch sofort ihr Herz, sah es gleich, brauchte nicht erst zu warten, was sie zu Georg über mich sagen werde, und war natürlich zu sehr geschmeichelt durch meine Eroberung, um noch etwas anderes zu denken.

Georg ganz Triumph, ganz Glück!

Auf der Heimfahrt schwimmend in Seligkeit!

So am Sonntagabend.

Am Montag schrieb er mir entzückende Zeilen, fast heilige Worte; am Dienstag erhielt er (wohl mit der Nachmittagspost auf seinem Laboratorium) – folgenden Brief: »Armer Freund, es ist alles aus. Einer, der schon einmal mein böser Dämon war – Du kennst ihn aus meinem Münchner Tagebuch – ist gekommen und hat mich von neuem an sich gerissen. Ich muß in deinen Augen eine Elende sein, eine Verworfene; verdamme mich und vielleicht – beklage mich! Jedenfalls vergiß mich!«

Der Brief war ein vergifteter Dolch in ein Herz voll Liebe und Vertrauen; und ich hatte ihn geschrieben, ihm, der noch kurz vorher zu mir gesprochen hatte: »Du bist grenzenlos gut, lieb und gut.«

Wir waren am Sonntag mit dem letzten Zug, der nach Mannheim ging, in Heidelberg angekommen; Georg, der durchaus nicht wollte, daß ich zu Fuß nach Haus ginge, hatte mir mit Benutzung eines Aufenthalts von fünfzehn Minuten eine Droschke besorgt, und mit bräutlichem Kuß hatte ich mich von ihm verabschiedet.

Schon vorher hatten wir ausgemacht, daß ich am andern Tag auf den Abend zu ihm käme, denn wir pflegten in der letzten Zeit jede Woche einmal bei ihm zusammen zu sein. Er hatte eine kleine Wohnung mit drei Zimmern und wohnte in seinen eigenen Möbeln. Man war bei ihm mehr zu Haus als bei mir.

Auf meiner Stube angekommen, und als ich schon im Begriff stand, zu Bett zu gehen, ohne auch nur ein Licht anzuzünden, fällt mir plötzlich auf meinem Fenstertisch, wo ich nie Papiere abzulegen pflegte, ein kleines weißes Viereck in die Augen, das um so mehr leuchtete, als gerade der Mond seinen Schein darauf warf. Ich trat hinzu und erkannte die Visitenkarte des Grafen. Ich konnte im Mondlicht ganz deutlich lesen:

Graf Zobel
Kgl. Sächs. Kammerherr.

Er hatte sie mir ja längst geschickt, die Karte; nur konnte ich mich durchaus nicht besinnen, sie in den letzten Tagen in der Hand gehabt zu haben, und begriff nicht, wie sie da auf den Tisch kam.

Im Bett strengte ich noch kurze Zeit mein Gedächtnis an, wie die Karte aus den Tisch gekommen sein konnte; darüber schlief ich ein.

Als Frau Schellmeyer mir am andern Morgen das Frühstück brachte, meldete sie: Ein Herr habe gestern nachmittag die Karte abgegeben; er werde heute noch einmal die Ehre haben …

Seltsam: ich zitterte am ganzen Leib bei dieser Nachricht. Ich konnte keinen Bissen frühstücken vor Aufregung.

Dann faßte ich den Entschluß, sofort nach Mannheim zu fahren; ich hatte einen Schlüssel zu Georgs Wohnung, das war eine sichere Zuflucht.

Ich machte mich rasch zurecht, nahm, wie immer, mein kleines Reisetäschchen zu mir und stahl mich davon, ohne Frau Schellmeyer ein Wort zu sagen.

In einem Delikatessengeschäft in der Hauptstraße machte ich einige Einkäufe für unser Abendbrot – ich hatte von vornherein Georg die Mühe solcher Besorgungen abgenommen –, und also mit Vorräten versehen, steuerte ich dem Bahnhof zu.

Aber kann der Mensch seinem Schicksal entrinnen?

Als ich gerade in die Märzgasse einbiegen wollte, um das »Plöck« zu gewinnen, eine Nebenstraße, wo man kaum je einem Fremden begegnet, da stand Er vor mir.

Ich erschrak. Er konnte sich nicht darüber täuschen, daß ich vor ihm floh; aber er ließ sich nichts anmerken.

Ich gestand ihm frei, was ich vor hätte. Er lächelte, aber nicht unhöflich, nicht indiskret; er »erlaubte« sich bloß die Bemerkung, daß es zu meinem Besuch vielleicht am Nachmittag noch Zeit wäre. Er selber reise um vier Uhr ab. Ich werde doch nicht so grausam sein wollen, ihn bis dahin allein zu lassen; er käme überdies direkt von den Meinigen.

Er hatte recht; es wäre unartig gewesen, ihm auszuweichen wie einem bösen Tier. Und dann, da er um vier Uhr abreiste … genau um vier Uhr fünfzehn Minuten ging der Zug, mit dem ich sonst immer nach Mannheim fuhr.

Es ging gerade ein Dienstmann vorüber; er hielt ihn auf, und indem er mir meine Tasche abnahm: »Bringen Sie das an den Bahnhof,« befahl er, »und geben Sie's im Handgepäck ab, den Schein dafür hinterlegen Sie am Büfett erster Klasse.«

Ich war gefangen.

Er schlug vor, irgendwo draußen im Freien zu Mittag zu essen; wir fuhren nach dem Kohlhof.

Als der Kellner zum Nachtisch den Champagnerkübel brachte, sah ich den Kammerherrn vorwurfsvoll an; er lachte.

Zehn Minuten später saß ich drüben im Wald, wie ich glaubte, in sicherem Versteck: ich war ihm geschickt entschlüpft. Abermals war ich feig vor ihm entflohen, denn noch war mein Wille einigermaßen aufrecht.

Ich hätte mir sagen sollen, daß, wer Feigheit verrät, sich selber verloren gibt.

Ich hätte mir auch sagen sollen, daß er, gereizt wie er nun war, mich hartnäckig suchen würde.

Und doch hat er mich wieder nur durch einen Zufall entdeckt. Zwei heidelbeersuchende Kinder hatten mich gesehen; sie brachten ihn auf die Spur.

Und mein grünes Versteck, das mir zur Rettung sein sollte, wurde mir zur Schlinge.

Und er: »Das hast du gut gemacht,« sagte er lachend, »du verstehst zu verschönern; ohne diese romantische Flucht …«

Er glaubte nicht, daß es mir Ernst gewesen wäre. Diese Beschämung habe ich verdient.

Als ich trotzdem noch von Mannheim sprach, sagte er kalt und verächtlich, ich solle mich doch nicht lächerlich machen.

Wir blieben die Nacht auf dem Kohlhof …

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21. September.

Drei Tage sind verflossen seit meinem Brief an Georg.

Werde ich nicht einen Schrei des Schmerzes von ihm hören? Wird er ganz in schweigender Verachtung darüber weggehen?

Warum bin ich eigentlich noch hier? Warum bin ich nicht gleich mit Zobel abgereist, der mir den Vorschlag machte, diesmal mit ihm nach Italien zu gehen. Er will sogar in München acht Tage auf mich warten. Warum bin ich noch hier?

Ja, warum?

Ich wage es mir selber nicht zu gestehen.

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23. September.

Ach, wie war der weit entfernt, in schweigender Verachtung darüber wegzugehen. Er hat geschrieben, Georg hat geschrieben.

Einen Brief voll Schmerz und Traurigkeit; einen Brief … Leider ist ein gewisses Mitleid der Liebe tödliches Gift. Sein finsterer Schmerz schnitt mir in die Seele, seine schwarze Traurigkeit umhüllte mich wie mit Nacht.

Aber in seinem großen Schmerz wimmerte etwas mit, peinlich, seine Schwäche. Allzu schwach, allzu weich zeigt ihn sein Brief. Er hat mich damit enttäuscht, und die Art, wie er mir seine Verzeihung anbietet, hat mich beleidigt, hat ein garstiges Mitleid, hinter dem die Verachtung lauert, in mir aus einem Winkel hervorgelockt, aus einem Winkel meiner Seele, wo sie finster ist und bös, wo noch andere Dinge lauern als Verachtung.

Aber warum bin ich nicht gleich abgereist? Hatte ich denn noch etwas gehofft?

Ich glaube.

Ein Ausweg wäre gewesen, ein Mittel gab es; ich hatte bangend darauf gewartet.

Diese drei Tage und diese drei Nächte hatte ich darauf gewartet mit Zittern und Beben, gewartet, daß er kommen werde, nicht mit Wimmern und Winseln, sondern mit dem harten Blick der Rache und des Zornes. Unter seinen Faustschlägen und Fußtritten hätte ich die wilde Kraft seines Zornes gespürt und nicht anders empfunden als Kraft seiner Liebe. Seine Rache wäre meine Sühne geworden; ich hätte mich quitt fühlen können.

Aber so.

Es ist aus. Ich werde morgen reisen.

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