Die Schriften des Waldschulmeisters

"Weg nach Winkelsteg." — Diese Worte
standen am Holzarm. Aber der Regen hatte die altförmigen Buchstaben schier verwaschen und der Balken
selbst wackelte im Wind.

Ringsum ist dunkler, struppiger Tannenwald;
über demselben stehen ein paar uralte Lärchen empor,
deren kahles knorriges Geäste weit hineinragt in
den Himmel. Aus der Tiefe einer finsteren felsigen
Schlucht braust ein Gewässer. Unzähligemale führt
die alte Bergstraße mittelst schiefer halbeingesunkener
Holzbrücken über diesen Wildbach, bis da herein,
wo der Bergwald rechts sich lichtet und zwischen den
Wipfeln zum erstenmale die Gletscher niederleuchten
auf den Wanderer, der aus fernen, bevölkerten Gegenden kommt.

Der Wildbach gießt von den Gletschern her.
Die Straße aber wendet sich links, milderen Waldgeländen zu, um nach vielen Meilen von Oeden
und Wildnissen endlich wieder in belebte Ortschaften
einzuziehen. Das Flußgebiet entlang zieht nur ein
verschwemmter steiniger Hohlweg, über welchen der
Sturm Fichtenstämme geworfen hatte, die nun seit
Jahrzehnten lehnen und dorren.

Hier am Scheidewege stand ein hohes hölzernes Kreuz mit drei Querbalken und den bildlich
dargestellten Marterwerkzeugen der heiligen Leidensgeschichte, als Speer, Schwammstab, Zange, Hammer und den drei Nägeln. Auf einem Felsen stand
der Pfahl, wettergrau und bemoost. Eng daneben
stand der Balken mit dem Arme und der Inschrift:
„Weg nach Winkelsteg.“

Dieses Zeichen wies den verwahrlosten steinigen Weg mit dem Gefälle — gegen das enge
Hochthal, in dessen Hintergrunde die Schneefelder
liegen. In fernster Höhe, über den sanft sich hinziehenden Schneetüchern ragt ein grauer Kegel auf,
an dessen Spitze so gerne Nebelflocken hängen.

Ich saß auf einem Felsblock neben dem Kreuze,
und blickte zu jener grauen Spitze empor. Das war
der weit und breit berühmte und berüchtigte graue
Zahn — das Ziel meiner Gebirgsreise.

Als ich so dasaß, hauchte jenes Gefühl durch meine
Seele, von dem kein Mensch zu sagen weiß, wie es entsteht, was es bedeutet und warum es sosehr das Herz
beklemmt; gleichsam mit einem Panzer umgürtet, auf
daß es gerüstet sei gegen ein Etwas, das kommen
muß. Ahnung nennen wir den wundersamen Hauch.

Ich hätte vielleicht länger noch geruht auf dem
Steine und dem Tosen des Wildwassers und dem
Säuseln der Waldwipfel gelauscht; allein, mir schien,
als strecke sich der Holzarm immer länger und länger
aus, und zum Mahnrufe wurden mir die Worte:
„Weg nach Winkelsteg.“

Und wahrhaftig, als ich mich erhob, da sah
ich, daß mein Schatten schon ein gut Stück länger
war, als ich selbst. Und wer weiß, wie weit ab es
noch lag, das letzte und kleinste Dorf Winkelsteg.

Ich ging rasch und sah mich nicht viel um.
Ich merkte nur, daß die Wildniß immer größer
wurde. Rehe hörte ich röhren im Walde, Geier
hörte ich pfeifen in der Luft. Es begann zu dunkeln,
und es war noch nicht Zeit zum Nachten. Ueber
dem Felsgebirge lag ein Gewitter. Ein dumpfes
halbersticktes Murren war zu hören und nicht lange,
so erhob sich ein Grollen und Rollen, als ob all
die Felsen und Eiswuchten des Hochgebirges tausend
und tausendfach aneinander prallten. Die Bäume
über mir bogen sich mächtig hin und her und in den
breiten Blättern eines Ahorn rauschten schon die
großen eiskalten Tropfen.

Das Gewitter ging bis auf diese wenigen
Tropfen vorüber. Weiter drin aber mußte es ärger
gewesen sein, denn plötzlich brauste mir im Hohlweg ein wilder Gießbach mit Erde, Steinen, Eis
und Holzstücken entgegen. Ich rettete mich an die
Lehne hinan und kam mit großer Mühe vorwärts.

Ueber der Gegend lag nun Nebel und an den
Aesten der Tannen stieg er nieder bis zu dem feuchten Heidegrunde.

Als es gegen die Abenddämmerung ging und
als die Waldschlucht sich ein wenig weitete, kam ich
in ein schmales Wiesenthal, dessen Länge ich des
Nebels wegen nicht ermessen konnte. Der Mattengrund war bedeckt mit Eiskörnern; der Bach hatte
sein Bett überschritten und hatte die Brücke fortgerissen, die mich hätte hinübertragen sollen auf das
jenseitige Ufer, von wo mir durch das Nebelgrauen
ein weißes Kirchlein und die Bretterdächer einiger
Häuser zuschimmerten.

Es war frostig kalt und es begann zu dunkeln.
Ich rief hinüber zu den Leuten, die am Wasser arbeiteten, Holzblöcke auffingen und den Fluß zu regeln
suchten. Sie schrieen mir die Antwort zurück, sie
könnten mir nicht helfen, ich müsse warten, bis das
Wasser abgelaufen sei.

Bis so ein Gießwasser abläuft, das kann die
ganze Nacht währen. Ich wage es und wate durch
den Fluß. Aber als sie drüben diese meine Absicht
bemerkten, winkten sie mir warnend zu. Und bald
stemmte ein großer, hagerer, schwarzbärtiger Mann
eine Stange an und schwang sich mittelst derselben
zu mir herüber. Dann häufte er hart am Ufer einige
Steine übereinander und legte auf dieselben das
Brett, welches die Anderen über die Fluthen herüberschoben. Nun nahm er mich an der Hand und sagte:
„Nur fest anhalten!“ dann führte er mich über das
schaukelnde Brett an das andere Ufer.

Während wir über dem Wasser schwebten, hub
das Aveglöcklein an zu klingen und die Leute zogen
ihre Hüte ab.

Der große schwarze Mann geleitete mich über
die knisternden Eiskörner zum Dörfchen hinan. „So
ist es;“ brummte er unterwegs, „läßt der Herrgott
was aufwachsen, hauts der Teufel wieder in die
Erden hinein. Die Kohlpflanzen sind hin, bis auf
das letzte Stammel; und das letzte Stammel auch.
Der Hafer liegt auf dem Hintern und reckt seine
Knie gegen Himmel hinauf.“

„Das Wetter hat so viel Schaden gethan?“
sagte ich.

„Vom heutigen Tag an darf sich Eins den
ganzen Sommer über wieder nicht satt essen, wollen
wir für den Winter den Magen nicht in den Rauchfang hängen,“ antwortete er.

Das Dorf bestand aus drei oder vier hölzernen
Häusern, einigen Hütten, rauchenden Kohlstätten und
dem Kirchlein.

Vor einem der größeren Häuser, an dessen
Thür ein breiter, von vielen Tritten zerschleifter Antrittstein lag, blieb mein Begleiter stehen und sagte:
„Kehrt der Herr bei mir ein? ich bin der Winkelwirth.“ Er deutete bei diesen Worten auf das Haus,
als ob es das sein Ichselbst wäre.

Bald hernach war ich in der Stube. Die
Wirthin nahm mir gar behende die Reisetasche und
den feuchten Ueberrock ab und brachte mir ein
par Strohschuhe herbei: „Nur gleich das nasse
Leder aus und die Schliefschuhe anstecken; nur fein
gleich, fein gleich, ein nasser Schuh auf dem
Fuß läuft zum Bader!“ Nicht lange, so saß
ich trocken und bequem an dem großen Tische unter
dem Hausaltar und unter Wandleisten, auf welchen
der Reihe hin buntbemaltes Ton- und Porzellangeschirr lehnte. Auf dem Gläsergestelle war eine Unzahl von Kelchfläschchen umgestülpt und der Wirth
frug mich gleich, ob ich Branntwein begehre. Ich
verlangte Wein.

„Ist wol kein Tröpfel im Keller gewesen, so
lang das Haus steht,“ versetzte der Wirth, „aber
Holzapfelmost hätt’ ich einen rechtschaffen guten.“

Das war mir schon recht; aber als er in den
Keller gehen wollte, trippelte sein Weib herbei, nahm
ihm hastig den Schlüssel aus der Hand: „Geh, Lazarus, schneutz’ dem Herrn das Licht; fein geschwind,
Lazarus, wirst schon dein Tröpfel noch kriegen.“

Ein wenig brummend kam er zum Tisch zurück, reinigte den Docht der Unschlittkerze, sah mich
eine Weile so an und frug endlich: „Der Herr ist
zuletzt gar unser neuer Schulmeister? — Nicht? —
So, auf den grauen Zahn hinauf geht die Wander?
Wird morgen wol nicht gehen. Ist auch diesen Sommer noch kein Mensch hinaufgestiegen. Das muß
Einer im Frühherbst thun; zur andern Zeit ist kein
Verlaß auf das Wetter. — Nu, wie man halt schon
so nachgrübelt; ich hab’ gemeint, der Herr dürft’ der
neue Schulmeister sein. Es versteigt sich sonst wunderselten Einer da herein, der nicht herein gehört.
Auf den neuen Schulmeister warten wir schon alle
Tag. Der alte ist uns durchgegangen; — hat der
Herr nichts gehört?“

„So, Lazarus, thu’ schön fein plaudern mit
dem Herrn,“ sagte die Wirthin im zärtlichen Tone
zu ihrem Manne, als sie mir den Most und zugleich auch die Abendsuppe vorsetzte.

Das Weib war nicht mehr zu jung, aber es
war das, was die Wäldler „kugelrund“ nennen. Sie
hatte ein zweifaches Kinn und unter demselben, um
den vollen Hals, eine Silberkette. Ihre Aeuglein
guckten klug und mild hervor, wenn sie sprach und
wenn sie, mit jedem Winkel und Nagel des ganzen
Hauses bekannt und verwachsen, lustig in allen Ecken
und Enden herumregierte. Wie im Scherze regelte
sie Alles und schäckerte mit dem Gast und lachte
mit dem Gesinde in der Küche und im Vorhause.
Daß jetzt der Schauer wieder Alles zerschlagen, sei
freilich nicht gar lustig, meinte sie, aber besser sei
es allerwege, das Eis falle vom Himmel auf die
Erde, als wenn es von der Erde auf den Himmel
fiele und da oben auch noch Alles in Scherben
schlüge. Da hätt’ Eins schon gar nichts mehr zu
hoffen. Und wie sie so die Sache auslegte, sprudelte die Fröhlichkeit ordentlich aus ihr hervor, und
der ganze Kreis um sie war heiter; und Jedes schien
sich so gehen zu lassen in Dem, was es that, empfand und sagte; aber es ging doch Alles nach der
Schnur.

„Ihr habt ein treffliches Frauchen,“ sagte ich
zum Wirth.

„Das wol, das wol“ bestätigte er leise und
lebhaft, „brav ist sie, meine Juliana, aber halt —
aber halt —“ Das Wort blieb ihm im Halse stecken,
oder vielmehr, er zerbiß es, drückte und preßte es
hinab, hinab; aufsprang er und die Hände am Rücken
geballt schritt er über die Stube und wieder zurück
und goß sich ein Glas Wasser in die Gurgel.

Dann setzte er sich auf die Bank und war
ruhig; aber es war noch nicht ganz gut, er hatte
die Fäuste geschlossen und starrte auf den Tisch. —
Ich habe einmal auf einem Jahrmarkt einen Araber
gesehen, eine mächtig hohe Gestalt, knochig, hager,
rauh und lederbraun, schwarz- und vollbärtig, glutäugig, mit langer scharfgebogener Nase, schneeweißen
Zähnen, mit dichten Brauen und einem weichen,
wollartigen Haarfilze — völlig so sah der Mann
aus, der jetzt schier unheimlich vor mir brütete.

„’s gibt kein Weibel mehr, so herzensgut und
getreu,“ murmelte er plötzlich; weitere Worte zermalmte er zwischen den Zähnen.

Ich sah, der Mann war in einer sehr peinlichen
Stimmung; ich suchte ihn aus derselben zu erlösen.

„Also durchgegangen, sagt ihr, ist der alte
Schulmeister?“

Da hob der Wirth seinen Kopf: „Man kann
just nicht sagen, daß er durchgegangen ist; es hat
ihm nichts weh gethan bei uns. Ich denk’, wer
fünfzig Jahr in Winkelsteg Schullehrer, oder was
weiß ich, alles ist, der läuft im einundfünfzigsten
nicht davon wie ein Korndieb.“

„Fünfzig Jahre dahier Schullehrer!“ rief ich.

„Schullehrer und Bader und Amtmann und
eine Weil’ gar auch Pfarrer ist er gewesen.“

„Und ein Halbnarr ist er auch gewesen!“ schrie
Einer vom Nebentische her, wo sich mehrere
schwarze Gesellen, etwa Holzer und Kohlenbrenner,
bei Schnapsgläsern niedergelassen hatten. „Ja freilich,“ rief die Stimme, „da draußen bei der Wachholderstauden ist er die längste Zeit gehockt und hat
mit dem Wisch geschwätzt und den Gimpeln hat
er das Singen lehren wollen nach Noten. Hat
er wo einen scheckigen Falter erspäht, so ist
er ihm nachgeholpert den ganzen halben Tag;
— ein Halterbübel könnt nicht kindischer sein. Hat
ihn leicht gar so ein Thier fortgelockt, hat der
Alte nimmer heimgefunden, ist liegen blieben im
Wald.“

„Zur Weihnachtszeit fliegen keine Falter herum,
Josel,“ sagte der Wirth, halb berichtigend, halb verweisend, „und daß er in der Christnacht ist in Verlust gerathen, das wirst wissen.“

„Der Teufel hat ihn geholt, den alten Sakermenter!“ gröhlte eine andere Stimme in dem finstersten Winkel der Stube, am großen Kachelofen. Als
ich hinblickte, sah ich in der Dunkelheit die Funken
eines Feuersteines sprühen.

„Mußt nit, Schorschl, mußt nit so reden!“
sagte einer der Köhler, „mußt bedenken, der alte
Mann hat schneeweiße Haar gehabt!“

„Ja, und Hörner unter denselben,“ riefs vom
Ofen her, „leicht hat ihn Keiner so gekannt, den
alten Schleicher, wie der Schorschl! Meint ihr, er
hätt’s nit abgemacht gehabt mit den großen Herren,
daß wir keiner was haben gewonnen beim Lotterg’spiel! Wesweg hat denn der Kranabetsepp gleich in der zweiten Woch’, da der Schulmeister ist weggewesen, einen Amber gemacht?
Der bucklig’ Duckmauser selber hat freilich Geld
gehabt; hats vergraben, auf daß, was er selber nit
braucht, die armen Leut’ auch nit brauchen sollen.
Oh — leicht könnt’ Einer noch andere Geschichten
erzählen, wären nicht so gewisse Leut’ in der Stub.“

Die Stimme schwieg; man hörte nur das
Pfauchen der rauchsaugenden Lippen und das Zuklappen eines Pfeifendeckels.

Der Wirth stand auf, warf seinen Lodenwamms
weg und ging in flatternden Hemdärmeln einige
Schritte gegen den Ofen. Mitten in der Stube
stand er still. „So gewisse Leut’ sind in der Stube,“
sagte er gedämpft, „Schorschl, dasselb’ deucht mich
selber; aber nit beim redlichen Tisch sitzen sie vor
aller Leut’ Augen; im stockfinsteren Winkel ducken
sie sich, wie ein nichtsnutziger Schelm, wie — wie —“
Er brach ab, man merkte es, wie er sich Gewalt
anthat, gelassen zu bleiben; er zog sich schier krampfhaft zusammen, aber er blieb stehen mitten in der
Stube.

„Freilich, freilich, die Branntweinbrenner haben
den Alten nicht leiden mögen,“ sagte einer der Köhler.
Dann zu mir gewendet: „Bester Herr, Der hat’s
gut gemeint! Gott tröst’ seine arme Seel! — Hat
noch die Orgel gespielt in der heiligen Nacht, aber
in der Christtagsfrüh ist kein Gebetläuten gewesen.
Den Reiter Peter, — das ist halt unser Musikant
— hat’ er in der Nacht noch angeredet, daß der
sollt’ die Musik für den Christtag übernehmen; —
das ist sein letzt’ Wort gewesen, und weg ist der
Schulmeister. — Du heiliger Antoni, was haben
wir den alten Mann nicht gesucht. Spüren hat
man ihn nicht können, der Schnee ist weit und breit,
und gar im Wald drin, steinhart gewesen; hat Jeden
tragen, so weit er hat wollen gehen. Ganz Winkelsteg ist auf gewesen, ist alle Wälder abgegangen und
alle Straßen draußen im Land —.“

Der Mann schwieg; ein Achselzucken und eine
Handbewegung deuteten an, sie hätten den Schulmeister nicht gefunden.

Der Wirth wendete sich wieder langsam gegen
den Tisch und sagte fast traurig: „Und so haben
wir Winkelsteger halt keinen Schulmeister. Ich für
mich brauch keinen; ich hab’ nichts gelernt und werd’
nichts mehr lernen — ich leb’ so. Aber einsehen
thu’ ichs wol, ein Schulmeister muß sein. Und so
sind wir Gemeindebauern halt zusammengestanden,
daß wir einen neuen —“

Ich hatte in diesem Augenblick das Mostglas
an den Mund gesetzt, um den Rest des trefflichen
Trankes zu schlürfen. Und das war, als hätte es dem
Manne die Sprache verschlagen. Er starrte auf das
leere Glas, wollte dann sein Gespräch wieder fortsetzen, schien aber kaum mehr zu wissen, wovon er
geredet.

„Ich denk’ mir meinen Theil,“ versetzte einer
der Kohlenbrenner, „und ich sag’ dasselb’, just und
gerade dasselb’, was der Wurzentoni sagt. Der alte
Schulmeister, sagt er, hat ein Stückel mehr verstanden, als Birn sieden, ein gut Stückel mehr. Der
Wurzentoni — nicht einmal, zehn- und hundertmal
hat er den Schulmeister gesehen aus einem kleinwinzigen Büchlein beten, und im Büchlein sind alles
so Sprüchel gewesen und Zauber- und Hexenzeichen,
lauter Hexenzeichen. Wär’ der Schulmeister im Wald
wo gestorben, sagt der Wurzentoni, so hätt’ man den
Todten finden müssen; und hätt’ ihn der Teufel geholt, so wär’ das Gewand zurückgeblieben, denn das
Gewand, sagt der Wurzentoni, ist unschuldig, über
das hat der Teufel keine Gewalt! hat keine! —
Ganz was anders ist geschehen, meine Leut! Der
Schulmeister — verzaubert hat er sich, und so steigt
er unsichtbar Tag und Nacht in Winkelsteg herum —
Tag und Nacht, zu jeder Stund’. Das ist, weil er
will wissen, was die Leut’ in der Heimlichkeit thun
und über ihn reden, und weil — —. Ich sag’
nichts Schlechtes über den Schulmeister, ich nicht.
Wüßt auch nicht was, bei meiner Treu, wüßt auch
nicht, was!“

„Ei, thät der Teufel nicht mehr wissen, wie
der schwarz’ Kohlenbrenner!“ hüstelte die Stimme
hinter dem Ofen, „noch heut’ führt der alt’ Grauschädel die Winkelsteger bei der Nase herum!“

Ein gereizter Löwe könnte nicht wüthender aufspringen, als es jetzt der derbe finstere Wirth that.
Ordentlich stöhnend vor Begier stürzte er hin in den
Ofenwinkel, und dort war ein angstvolles Aufkreischen.

Da eilte die Wirthin herbei: „Geh, Lazarus,
wirst dich scheren mit diesem dummen Schorschel da!
ist nicht der Müh’ wert, daß du desweg einen Finger
krumm thust. Geh, sei fein gescheidt, Lazarus; schau,
jetzt hab’ ich dir dort dein Tröpfel hingestellt.“

Lazarus ließ nach; der Schorschl huschte wie
ein Pudel heulend zur Thür hinaus.

Lazarus hatte Haarlocken in der Faust, fahle,
zerzauste Haarlocken. Knurrend schritt er gegen den
Kasten, auf welchen ihm sein Weib ein Glas Apfelmost gestellt hatte. Fast lechzend, zitternd griff er
nach dem Glase, führte es zum Mund und that
einen langen Zug. Dann hielt er starren Auges ein
bischen inne, dann setzte er wieder an und leerte
das Glas bis auf den letzten Tropfen. Das mußte
ein fürchterlicher Durst gewesen sein. Langsam sank
die Hand mit dem leeren Gefäße nieder; tief aufathmend glotzte der Wirth vor sich hin.

So verging die Zeit, bis die Wirthin zu mir
kam und sagte: „Wir haben ein gutes Bett, da oben
auf dem Boden; aber ich sag’s dem Herrn fein
g’rad heraus, der Wind hat heut ein par Dachschindeln davongetragen und da thut’s ein kleinwenig
durchtröpfeln. Im Schulhaus oben wär’ wol ein
rechtschaffen bequemes Stübelein, weil es für den
neuen Lehrer schon eingerichtet ist; und fein zum
Heizen wär’s auch, und wir haben den Schlüssel,
weil mein Alter Richter ist und auf das Schulhaus
zu schauen hat. Jetzt, wenn sonst der Herr nicht
gerade ungern im Schulhaus schläft, so thät ich schon
dazu rathen. Ei beileib’, es ist nicht unheimlich,
gar nicht; es ist fein still und fein sauber. Mich
däucht, das ganze Jahr wollt’ ich darin wohnen.“

So zog ich das Schulhaus dem Dachboden vor.
Und nicht lange nachher geleitete mich ein Küchenmädchen mit der Laterne hinaus in die stockfinstere
regnerische Nacht, das Dörfchen entlang, an der
Kirche hin über den Friedhof, an dessen Rande das
Schulhaus stand. Das Rasseln des Schlüssels an
der Thür wiederhallte laut im Innern. Im Vorhause war es öde, und die Schatten der Laternsäulchen zuckten wie gehetzt an den Wänden hin
und her.

Da traten wir in ein kleines Zimmer, in dessen
Thonofen helle Glut knisterte. Meine Begleiterin
stellte ein Licht auf den Tisch, schlug die braune
Decke des Bettes über und zog aus dem Wandkasten
eine Lade hervor, damit ich meine Sachen dort unterbringe. Da rief sie auf einmal: „Nein, das ist
richtig, daß wir uns allmiteinander schämen müssen;
jetzt liegen diese Fetzen noch da herum!“ Sofort
faßte sie einen armvoll Papierblätter, wie sie in der
Lade wirr herumlagen: „Will euch gleich helfen, ihr
verzwickelten Wische, in den Ofen steck’ ich euch!“

„Mußt nicht, mußt nicht,“ kam ich dazwischen,
„vielleicht sind Dinge dabei, die der neue Lehrer
noch brauchen kann.“

Verdrießlich warf sie die Blätter wieder in die
Lade. Es wäre ihr in ihrer Aufräumungswuth sicher
eine große Lust gewesen, sie zu verbrennen, wie ja
unwissende Leute häufig das Verlangen haben, Alles,
was ihnen nutzlos dünkt zu vernichten.

„Der Herr kann des alten Schulmeisters Schlafhauben aufsetzen,“ sagte das Mädchen hernach und
legte eine blaugestreifte Zipfelmütze auf den Kopfpolster des Bettes. Dann gab es mir noch einige
Rathschläge bezüglich der Thürschlüssel, sagte: „So,
in Gottesnamen, jetzt geh’ ich,“ — und sie ging.

Die äußere Thür sperrte sie ab, an der inneren drehte ich den Schlüssel um, und nun war ich
allein in der Wohnung des in Verlust gerathenen
Schulmeisters.

Was war das für ein sonderbares Geschick
mit diesem Manne, und was waren das für sonderbare Nachreden der Leute? Und wie verschieden
waren diese Nachreden! Ein guter, vortrefflicher
Mann, ein Narr, ein Hexenmeister, und gar Einer,
den zuletzt der Teufel holt! —

Ich sah mich in der Stube um. Da war
ein wurmstichiger Tisch und ein brauner Kasten.
Da hing eine alte, schwarze Pendeluhr mit völlig
erblindetem Zifferblatte, vor welchem der kurze
Pendel so emsig hin und herhüpfte, als wollte er
nur hastig, hastig aus banger Zeit in eine bessere
Zukunft eilen. — Und meint ihr, ich hätte von
draußen herein nicht auch die Unruh der Kirchthurmuhr gehört?

Neben der Uhr hingen einige aus Wachholder
geschnittene Tabakspfeifen mit übermäßig langen
Röhren; ferner eine Geige und eine uralte Zither
mit drei Saiten. Sonst war überall das gewöhnliche Hausgeräthe, vom Stiefelzieher unter der
Bettstatt bis zu dem Kalender an der Wand. Die
Fenster waren bedeutend größer, als sie sonst bei
hölzernen Häusern zu sein pflegen und mit geflochtenen Gittern versehen. In diesen Gittern steckten
verdorrte Birkenzweige.

Da ich einen der blauen Vorhänge bei Seite
geschoben hatte, blickte ich hinaus in das Freie.
Es war finster, nur von einer Ecke des Kirchhofes
her schimmerte es, wie ein verlorner Strahl des
Mondes. Das war wohl das Moderleuchten eines
zusammengebrochenen Grabkreuzes oder eines Sargrestes. Der Regen rieselte; es zog ein frostiger
Windhauch durch die Luft wie gewöhnlich nach
Hagelgewittern.

Ich hatte die Alpenfahrt für den nächsten
Tag aufgegeben. ich beschloß, entweder in Winkelsteg schön Wetter abzuwarten, oder mittelst eines
Kohlenwagens wieder davon zu fahren. Brauen im
Gebirge selbst zur Sommerszeit ja doch oft wochenlang die feuchten finstern Nebel, während draußen
im Vorlande der milde Sonnenschein liegt.

Ehe ich mich ins Bette legte, wühlte ich noch
ein wenig in den alten Papieren der Schublade
herum. Da waren Musiknoten, Schreibübungen,
Aufmerkblätter und allerhand so Geschreibe auf
grobem, grauem, gelbem Papier. Es war theils
mit Bleistift, theils mit blasser Tinte, bald flüchtig
bald mit Fleiß geschrieben. Und da lagen zwischen
Blättern gepreßte Pflanzen, entstaubte Schmetterlinge und eine Menge Thier- und Landschaftszeichnungen, zumeist gar recht unbeholfen gemacht. Aber
ein Bild fiel mir doch auf, ein mit bunten Farben bemaltes, eigenartiges, komisches Bild. Es
stellte einen alten Mann dar. Der kauerte auf
einem Baumstrunk und schmauchte eine langberohrte
Pfeife. Auf dem Haupte, dessen Haare nach rückwärts gekämt waren, hatte er eine plattgedrückte,
schwarze Kappe mit einem breiten, wagrecht hinausstehenden Schilde. Aber ein Künstler war es doch,
der das Bild gemacht; im Ausdrucke des Angesichts
war er zu spüren. Aus dem einen Auge, das
ganz offen stand, blickte eine ernste und doch milde
Seele heraus; aus dem andern, das halb geschlossen
nur so blinzelte, sah ein wenig Schalkheit hervor.
In einem Hause, aus dessen Fenstern solche Gäste
lugen, ist’s nicht gar sonderlich arm und öde. Ueber
den, vom wohlwollenden Künstler vielleicht doch zu
rosig gehaltenen Wangen war es aber fast, als ob
seiner Zeit Wildbäche Furchen gerissen hätten.
Völlig spaßhaft hingegen nahm sich auf dem sonst
völlig glatt rasirten Gesichte der lange weiße Spitzbart aus; er war unter dem vorgebeugten Kopfe
wie ein vom Kinne niederhängender Eiszapfen.
Um den Hals war ein hellrothes Tuch mehrfach
geschlungen und vorne mehrfach zusammengeknüpft.
Dann kam der hohe Wall des Rockkragens und der
blaue Tuchrock selbst, ein Frack mit niederstrebenden
Taschen, aus deren Einer der launige Künstler
gar ein Kipfelchen hervorlugen ließ. Der Rock war
eng zugeknöpft bis hinauf zum Eiszapfen. Die
Hose war grau, sehr eng und sehr kurz; die Stiefel waren auch grau, aber sehr weit und sehr
lang. — So kauerte das Männchen da und hielt
mit beiden Händen genußselig das lange Pfeifenrohr, und schmauchte. Leichte Ringelchen und Herzchen bildete der Rauch . . . .

Der das Bild gemacht, ist ein Kautz gewesen;
nach dem es gemacht, der ist noch ein größerer
gewesen. Einer oder der Andere war sicher der
alte Schulmeister, der auf unerklärliche Weise verschwunden, nachdem er fünfzig Jahre im Orte
Lehrer gewesen. — „Und unsichtbar steigt er in
Winkelsteg herum, Tag und Nacht — zu jeder
Stund!“

Ich stieg ins Bett und lag und sann. Ich
ahnte nicht, wer es gewesen war, der das Haus
gebaut und vor mir auf dieser Stätte geruht.

Die Glut im Ofen knisterte matt und matter
und war im Absterben. Draußen rieselte der Regen,
und doch lag eine Stille über Allem, so daß mir
war, als hörte ich das Athemholen der Nacht. —
Ich war im Einschlummern; da erhob sich plötzlich
ganz nahe über mir ein lebhaftes Schallen, und
eilfmal hintereinander laut und lustig klang der
Wachtelschlag. Ganz täuschend ähnlich waren die
Laute dem lieblichen Rufe des Vogels im Kornfelde. Die alte Uhr war’s gewesen, die mir so
seltsam die eilfte Stunde verkündet hatte.

Und der süße Wachtelschlag hatte mein Sinnen
und Träumen entführt hinaus auf das lichte sonnige Kornfeld zu den wiegenden Halmen, zu den
blauleuchtenden Blumenaugen, zu den gaukelnden
Schmetterlingen — und so war ich eingeschlafen an
demselben Abende, im geheimnißvollen Schulhause
zu Winkelsteg.

Wie mich der Wachtelschlag eingelullt hatte,
so weckte mich der Wachtelschlag wieder auf. Es
war des Morgens zur sechsten Stunde.

Im Stübchen athmete noch die milde Wärme
des Ofens; an den Wänden und auf der Decke
lag es wie Mondlicht. Und es mußte die Sonne
schon am Himmel stehen; es war im Juli. Ich
erhob mich und zog einen der blauen Fenstervorhänge zurück. Die großen Scheiben waren grau
angelaufen; nur hie und da löste sich eine Tropfenperle und rollte hin und herzuckend nieder durch
die unzähligen Bläschen und Tröpfchen, hinter sich
einen schmalen Pfad ziehend, durch welchen das
Dunkel des braunen Kirchendaches hereinblickte.

Ich öffnete das Fenster; frostige Luft ergoß
sich in das Zimmer. Der Regen hatte aufgehört;
an der Friedhofsmauer lag ein Wall zusammengeschwemmter Eiskörner, mit niedergeschlagenen
Baumrinden und gebrochenen Reisigwipfeln gemischt. An der Kirchenwand lagen Schindelsplitter
des Daches; die Fenster der Kirche waren mit
Brettern geschützt. Einige Eschen standen am Platze,
da tropfte es nieder von den wenigen Blättern, die
der Hagel verschont hatte. Noch ragte dort das
verschwommene Bild eines Rauchfanges; was weiter hin war, das deckte der Nebel.

Ich hatte den Gedanken an die Alpenwanderung heute gar nicht mehr hervorgeholt. Langsam
zog ich mich an und betrachtete das Triebwerk der
alten Schwarzwälderuhr, welches durch zwei an
einander schlagende Holzblättchen den schmetternden
Schlag der Wachtel so täuschend gab. Hernach
wühlte ich, da es mir zum Frühstück noch zu zeitlich war, noch eine Weile in den Papieren der
Lade herum. Ich bemerkte, das außer den Zeichnungen, Rechnungen und jenen Bogen, die zu
Pflanzenmappen dienten, alle beschriebenen Blätter
eine gleiche Größe hatten und mit rothen Seitenzahlen versehen waren. Ich versuchte die Blätter
zu ordnen und warf zuweilen einen Blick auf deren
Inhalt. Es waren tagebuchartige Aufzeichnungen,
die sich auf Winkelsteg bezogen. Die Schriften
waren aber so voll von eigenartigen Ausdrücken
und regellos geformten Sätzen, daß eine Art
Uebersetzung nöthig schien, um sie der Verständlichkeit zuzuführen.

Die Mühe däuchte mir nicht abschreckend,
denn ich hoffte hier Urkunden des so entlegenen
Alpendörfchens und vielleicht gar aus dem Leben
des verschwundenen Schulmeisters zu finden. Indem
ich emsig weiter ordnete, und mit dieser Arbeit
schon völlig zur Rüste kam, entdeckte ich plötzlich
ein dickes graues Blatt, auf welchem mit großen rothen Buchstaben geschrieben stand: „Die
Schriften des Waldschulmeisters.“

So hatte ich nun gewissermaßen ein Buch
zusammengestellt; und das Blatt mit den rothen
Lettern legte ich auf Geradewohl oben an, als des
Buches Ueberschrift.

Mittlerweile hatte meine Wachtel die achte
Stunde verkündet, und auf dem Kirchthurme läuteten zwei helle Glöcklein zur Messe. Der Pfarrer,
ein schlanker Mann mit blassem Angesichte, schritt
von seinem Hause die kleine Steintreppe heran zur
Kirche. Einige Männer und Weiber zogen ihm
nach, entblößten noch weit vor der Thür ihr
Haupt oder zerrten die Rosenkranzschnur hervor
und besprengten sich andächtig am Weihwasserkessel
des Einganges.

Ich ging zur Thür hinaus und über den
hügeligen Sandboden hin. Und ich ging, weil die
Orgel gar so freundlich herausklang, zur Kirche
hinein. Da war es auf den ersten Blick, wie es
in jeder Dorfkirche ist — und doch eigentlich ganz
anders. Je ärmer sonst so ein Kirchlein ist, desto
mehr Silber und Gold sieht man in ihm funkeln;
alle Leuchter und Gefäße sind von Silber, alle
Verzierungen und Heiligenröcke und Engelsflügel
und gar die Wolken des Himmels sind von Gold.
Aber es ist nicht Silber, es ist nicht Gold; es ist
nur der Schein davon und inwendig ist eitel Holz
mit Wurmstichen. Ich kann jenem Bauersmann
nicht Unrecht geben, der, als er in der Kirche einmal Meßnerdienste verrichten mußte und dabei in
nähere Bekanntschaft mit den Bildnissen und Altären gekommen, ausrief: „Wie unsere Heiligen von
Weitem funkeln und vornehm sind, so meint man,
was der tausend wir für Himmelsmänner haben,
und wenn man sie in der Nähe anschaut, ist nichts
dahinter.“

In der Kirche zu Winkelsteg fand ich das
anders. Freilich war auch da Alles aus Holz und
größtentheils aus ganz gewöhnlichem Fichtenholz,
aber es war nicht geschminkt mit schreienden Farben, Geflunker und Gebändern und was sonst solchen Zierrath gibt; es war, wie es war und wollte
nicht anders sein.

Die Kirchenwände standen in mattem Grau
und waren fast leer. In einer Ecke des Schiffes
klebten ein Paar Schwalbennester, deren Bewohner
heute auch bei dem Gottesdienste blieben und dem
Herrn nach ihrer Art das „Sanctus“ sangen. Den
Chorboden da oben und den Beichtstuhl und die
Kanzel und die Betstühle — man sah es wohl —
hatten heimische Zimmerleute ausgeführt; der Taufstein hatte auch sein Lebtag keinen Steinmetz, und
der Hochaltar keinen Bildhauer gesehen. Aber es
war Geschmack und Zweckmäßigkeit in Allem. Der
Altar war ein hoher, würdevoll dastehender Tisch,
zu welchem drei breite Stufen emporführten. Er
war bedeckt mit einfachen weißen Linnen, und in
einem Gezelte aus weißer Seide, zwischen sechs
schlanken, aus Lindenholz geschnitzten Leuchtern stand
das Heiligthum. Was mir aber am meisten
auffiel, was mich rührte, fast erschütterte, das
war ein nacktes großes Kreuz aus Holz, welches
über dem Zelte ragte. Dieses Kreuz mochte
nicht immer da oben gestanden haben; es war
wettergrau, der Regen hatte die Fasern hervorgewaschen, die Sonne hatte Spalten gezogen.
Das war der Winkelsteger Altarbild. Ich habe
nie einen Prediger ernster und eindringlicher sprechen gehört, von Liebe und Geduld, von Aufopferung und Entsagung, als es dieses stille Kreuz
that auf dem Altare.

Dann fiel mir noch ein Zweites auf, was
fast abstach von der Armut und Einfachheit, so in
diesem Gotteshause herrschte, was aber die Stimmung und Ruhe nur noch erhöhte. An beiden Seiten des Altares waren zwei schmale hohe Fenster
mit Glasmalereien. Sie thauten ein mildes rosiges
Dämmerlicht über den Altar.

Der Priester verrichtete die Handlung; die
wenigen Anwesenden knieten in den Stühlen und
beteten still; und die mild tönende, wie in Ehrfurcht leise zitternde Orgel betete mit, war wie
eine flehende, weinende Fürsprache vor Gott für
die arme Gemeinde, die seit gestern, da das Ungewitter die Feldfrucht vernichtet, neuen Kummer trug.

Als die Messe zu Ende war, und die Leute
sich erhoben, bekreuzten, die Kniebeugung machten
und davongingen, stieg ein hübscher junger Mann
die Chorstiege herab. Ich frug ihn vor der Kirchthür, ob er es sei, der die Orgel gespielt habe.
Er neigte den Kopf. Er schritt gegen das Dörfchen hinab; ich ging mit ihm und suchte ein
Gespräch anzufangen. Er sah mir mehrmals betrübt und treuherzig ins Gesicht, aber er sagte
kein Wort; fast zitterten seine frischrothen Lippen
und er wendete sich bald und schritt abseits gegen
den Bach. Er war stumm.

Bald nachher saß ich im Wirthshause bei
meinem Frühstück. Es bestand aus einer Schale
Milch mit gebranntem Kornmehl gewürzt. Das
ist der Winkelsteger Kaffee.

Und nun — was gedachte ich zu thun?

Ich theilte der heiteren Wirthin meine Absicht
und meinen Wunsch mit: das ungünstige Wetter
in Winkelsteg abzuwarten, im Stübchen des Schulhauses zu wohnen und die Schriften des Schulmeisters zu lesen — „wenn ich dazu Erlaubniß
hätte.“

„O mein Gott, ja, von Herzen gern!“ rief
sie, „wen wird der Herr denn irren, da oben! und
das alte Papierwerk schaut sonst auch kein Mensch
an — wüßt’ nicht, wer! Davon kann sich der
Herr aussuchen, was er will. Der neue Schulmeister wird schon selber so Sachen mitbringen.
Glaub’s aber dieweilen noch gar nicht, daß Einer
kommt. Ja freilich mag der Herr oben bleiben und
ich laß ihm fein warm heizen.“

So ging ich wieder hinauf zum Schulhause.
Nun sah ich es von außen an. Es war recht
bequem und zweckmäßig gebaut; es hatte ein flaches weit vorspringendes Schindeldach, und es hatte
in diesem Vorsprunge und in seinen hellen Fenstern eine Art Verwandtschaft mit dem gutmütig
schalkhaften schildkäppchenbedeckten Antlitze jenes
Alten auf dem Bilde.

Dann trat ich in das Stübchen. Es war
bereits aufgeräumt und im Ofen knisterte frisches
Feuer. Durch die hellen Fenster starrte zwar der
düstere Tag mit dem tief auf die Bergwälder hängenden Nebel herein, aber das machte das Stübchen nur noch traulicher und heimischer.

Die Blätter, die ich am Morgen in Ordnung
gebracht hatte, die rauh und grau vergilbt waren
und eng beschrieben, Zeile an Zeile, die nahm ich
nun aus der Schublade und setzte mich damit zum
reingescheuerten Tisch am Fenster, so daß das
Tageslicht recht freundlich auf ihnen ruhen konnte.

Und was hier ein seltsamer Mann niedergeschrieben hatte, das begann ich nun zu lesen.

Was ich las, das gebe ich hier, besonders
dem Inhalte nach, gewissenhaft treu wieder.

Doch mußte an der Urschrift in der Form
Manches geändert und geglättet, es mußte gestrichen, ja beigefügt werden, wie es zum Verständnisse nöthig, und so weit es mir nach genauer
Durchforschung der Zustände erlaubt und möglich
war. Ferner mußten die absonderlichen Ausdrücke
in Klarheit, die regellos hingeworfenen Sätze in
Regeln gebracht werden. Indeß sei bemerke, daß
im Kleineren ältere Sprachformen und Wendungen, die in den Blättern sich vorfanden, beibelassen
wurden, um der seltsamen Schrift möglichst viel
an ihrer Eigenart zu wahren.

— — — Das erste Blatt erzählt nichts
und Alles; es enthält vier Worte:

Die Schriften des Waldschulmeisters.

„Lieber Gott!

Ich grüße dich und schreibe dir eine Neuigkeit. Heute ist mein Vater gestorben. Er ist schon
zwei Jahre krank gewesen. Die Leut’ sagen, es ist
ein rechtes Glück, daß er gestorben. Die Muhme-Lies sagt es auch. Jetzt haben sie den Vater schon
fortgetragen. Der Leib kommt in die Todtenkammer,
die Seel’ geht durch das Fegfeuer in den Himmel
hinauf. Lieber Gott, und da hätt ich jetzt recht
eine schöne Bitt’. Schick meinem Vater einen Engel
entgegen, der ihn weist. Für den Engel leg ich
mein Pathengeld bei; es sind drei Groschen. Mein
Vater wird recht eine Freud’ haben im Himmel,
und führ ihn gleich zu meiner Mutter. — Ich
grüße dich tausendmal, lieber Gott, den Vater
und meine Mutter.

Andreas Erdmann.

Salzburg,

Dieser Brief ist erhalten geblieben, mit ihm
hebe ich an. Ich weiß noch den Tag. Ich habe in
meiner sehr großen Einfalt just die drei Groschen
wollen in das Papier legen. Kommt selbunter die
Muhme-Lies herbei, liest mit ihren Glasaugen die
Schrift und schlägt die Hände zusammen. „Du
bist ein dummer Junge!“ ruft sie aus, „ein sehr
dummer Junge!“ Eilends nimmt sie mein Pathengeld, läuft davon und erzählt meine Sach’ im
ganzen Hause, vom Thorwartgelaß an bis hinauf
zum dritten Stock, wo ein alter Schirmmacher
wohnt. Jetzt kommen die Leut’ allmiteinander zusammen in unser Zimmer herein, zu sehen, wie
ein sehr, sehr dummer Junge denn ausschaut.

Gelacht haben sie, und so lang haben sie
gelacht, bis ich angehebt hab’ zu weinen. Und
jetztund haben sie noch ärger gelacht. Der alte
Schirmmacher mit seinem himmelblauen Schurz ist
auch da; der hebt die Hand auf und sagt: „Ihr
Herrschaften, das ist ein albernes Lachen; etwan
ist er gescheidter, wie ihr all miteinand. Geh her
zu mir, Büblein; heute ist dein guter Vater gestorben; deine Muhme ist viel zu gescheidt und ihr
Haus zu klein für dich, du kleinwinziger Bub’.
Geh mit mir, ich lehre dich das Regenschirmmachen.“

Was hat jetzo die Muhme gegeifert überlaut!
aber das kann ich mir denken: insgeheim ist es
ihr recht gewesen, da ich mit dem Alten die zwei
Treppen hinaufgestiegen bin.

Selbunter, wie mir mein Vater gestorben,
werd ich im siebenten Jahr gewesen sein. Ich weiß
nur, daß meine Eltern mit mir bis zu meinem
fünften Jahr im Waldland gelebt haben. Im
Waldland am See. Felsgebirge, Wald und Wasser
haben die Ortschaft eingefriedet, in der mein Vater
Salzwerksbeamter gewesen. Wie die Mutter gestorben, hebt mein Vater an zu kränkeln; hat seine
Stelle aufgeben müssen, ist mit mir zu seiner
wohlhabenden Schwester in die Stadt gezogen. In
einem leichteren Amt hat er wieder arbeiten wollen,
um seiner Schwester, die sich stets der Tugend der
Sparsamkeit beflissen, Dach und Nahrung redlich
erstatten zu können. Aber in der Stadt ist er krank
Jahr und Tag; nur daß er mir zur Noth das
Lesen und Schreiben lehrt, sonst hat er gar nichts
gethan. Und es ist gekommen, wie ich es im frühern Blatt aufgeschrieben habe.

Bei dem alten Mann im dritten Stock bin
ich mehrere Jahre gewesen. Wie er, so habe auch
ich einen himmelblauen Brustschurz getragen. Man
erspart dadurch Kleider. In der ersteren Zeit bin
ich mehrmals zur Muhme hinabgegangen auf Besuch; aber sie hat mich fortweg und so lange
einen sehr dummen Jungen geheißen, bis ich nicht
mehr hinabgegangen bin. Selbunter hat mein
Meister einmal das Wort gesagt: „Gib Acht,
Andreas, daß du nicht so gescheidt wirst, wie deine
Frau Muhme!“

Wir haben lauter blaue und rothe Regenschirme gemacht, haben sie dann in großen Bünden
auf Jahrmärkte getragen und verkauft. Einen großen Schirm haben wir über unsere Waare gespannt, und die Marktbude ist fertig gewesen. Und
wenn das Geschäft so gut ist gegangen, daß wir
letztlich auch die Bude verkauft, so sind wir
allbeide in ein Wirthshaus gegangen, und haben
uns was gut sein lassen. Ansonsten aber haben
wir die Waare in Bünden wieder nach Hause
getragen und daheim eine warme Suppe genossen.

Wie mein Meister über die siebzig Jahr alt
ist, wird ihm das blaue und rothe Zwilchtuch
jählings nicht mehr recht; hat müssen ein ander
Gezelt haben — ist mir gestorben. Gestorben wie
mein Vater.

Ich bin der Erbe gewesen. Zweithalb Dutzend
Schirme sind da; die pack’ ich eines Tages auf
und trag sie dem Markte zu. Auf demselbigen
Markt hab ich Glück gehabt. Er ist in einem Thal
nicht gar weit von der Stadt. Menschen in Ueberfluß, aber die Wenigsten werden sich zur Morgenfrühe gedacht haben, sie gehen auf den Markt, daß
sie Regenschirme kauften.

Kommt zur Mittagszeit jählings ein Wetterregen; wie weggeschwemmt sind die Leute vom
Platz, und mit ihnen meine Schirme. Ein alleinziger ist mir noch geblieben für mich selber, daß
ich trocken bliebe mitsammt meinem gelösten Geld.
Was läuft doch über den Platz ein Mann daher,
daß alle Lachen spritzen! Meinen Regenschirm will
er kaufen.

„Hätt’ ich selber keinen!“ sage ich.

„Hab schon manchen Schuster barfuß laufen
sehen,“ lacht der Mann, „aber hörst, Junge, wir
richten uns die Sach’ schlau ein. Bist du aus der
Stadt?“

„Ja,“ sag’ ich, „aber kein Schuster.“

„Das macht nichts. Ein Wagen ist nicht zu
haben; so gehen wir zusammen, Bursche, und benützen den Schirm gemeinsam; letztlich magst ihn
behalten oder das Geld dafür haben.“

Gottesschad’ wär’s um den feinen Rock, den
er an hat, denk ich, und sag: „So ist es mir
recht.“

Arm in Arm bin ich, der Schirmmacherbursch mit dem vornehmen Herrn in die Stadt
gegangen. Wir haben unterwegs miteinander geplaudert. Er hat es so zu fügen gewußt, daß ich
ihm nach und nach all meine Verhältnisse und
meine ganze Lebensgeschichte erzählt hab.

Der Regen hört auf; die Sonne scheint, ich
trage den Schirm noch offen über der Achsel, daß
er trocknen mag. Wir kommen zur Stadt, da will
ich zurückbleiben — es ist nicht schicksam, daß ich
mit einem so feinen Herrn durch die Stadt gehe.
Er hat mich aber freundlich eingeladen, nur mit
ihm zu kommen. Er hat mich zuletzt mit in sein
Haus geführt, hat mir Speise und Trank vorsetzen
lassen, hat mich endlich gar gefragt, ob ich nicht
bei ihm bleiben wolle, er stehe einer großen Bücherei vor und benöthige einen Handlanger in derselben.

Was weiß ich unfertiger Mensch mit der
Schirmmacherei anzufangen? Ich werde Handlanger
in der Bücherei.

Damalen hab ich’s gut gehabt. Mit meinem
Herrn bin ich zufrieden gewesen; der hat mir das
Regenschirmdach reichlich erstattet; kein gröblich
Lüftchen hat mich beleidigt unter seinem Dach.
Aber die Handlangerarbeit hat mir nicht von
Statten gehen wollen. Der helle Fürwitz ist’s gewesen; mit jedem Buch, daß ich zur Hand bekommen, hätt ich auch gleich Bekanntschaft machen
mögen. Allerweile hab ich’s mit den Aufschriftblättern und Inhaltsverzeichnissen zu thun gehabt,
und ich hab das, was mir insonderheit erfahrenswert geschienen, gar zu lesen angefangen. Auf das
Zurechtstellen und Ordnen der Bücher hab ich vergessen.

Was sagt mein Herr eines Tages zu mir? —
„Bursche, für das Auswendige der Bücher bist du
nicht zu brauchen, du mußt in das Inwendige
hinein. Mir dünkt es gut, daß ich dich in einer
Lehranstalt unterbringe.

„Ja freilich, ja freilich — das ist ja mein
heimlich Verlangen.“

„Es wird gelingen, dich in die dasige Gelehrtenschule zu stellen, du wirst rechtschaffen und
fleißig sein, wirst Unterstützung finden; es geht
rasch aufwärts und kehr die Hand, wird’s heißen:
Herr Doktor Erdmann!“

Ganz heiß wird mir bei diesen Worten. Nicht
gar lange nachher und mir ist noch heißer geworden. Mein Brotherr hat es durchgesetzt; ich bin
in die Gelehrtenschule gekommen und schnurgerade
mitten hinein in das Innere der Bücher. Aber in
der Schule, da werden Einem trutz die allerlangweiligsten Bücher in die Hand gegeben; die kurzweiligen sind allsammt verboten. Dinge, die mich
auswendig und einwendig gar nichts angegangen,
hab ich müssen in meinen Kopf hineintrichtern.
Das ist eine Pein gewesen; denn damalen haben
mir meine Jahre und Lebensumstände den Kopf
schon vollgepfropft gehabt mit tausend anderen
Dingen.

Eine mannigfaltige Speiskarte ist mein Wochenkalender gewesen. Mein Mittagstisch ist gestanden: Am Montag bei einem Lehrer; am Dienstag
bei einem Freiherrn; am Mittwoch bei einem
Kaufmann; am Donnerstag bei einem Schulgenossen, der ein reicher Tuchmacherssohn gewesen
und mich zu sich in einen Gasthof geladen hat.
Am Freitag hab ich bei einem alten Obersten
gegessen; am Samstag bei sehr armen Leuten in
einer Dachstube, denen ich dafür die Kinder im
Rechnen unterrichtet; und am Sonntag bin ich bei
meinem Schutzherrn gewesen, dem Vorsteher der
Bücherei. Auch habe ich von all diesen Menschen
Kleider an meinem Leibe getragen.

So ist es jahrelang gewesen. Da hat mich
mein Dienstagtischherr für sein Söhnlein zum
Hauslehrer bestellt. Jetzo ist’s schon besser gegangen.
Zuerst habe ich den armen Leuten in der Dachstube das Mittagsmahl nachgelassen, aber die
Pflicht empfunden, den Unterricht ihrer Kinder
fortzusetzen. Ein Weiteres ist gewesen, daß ich einmal meinen Frack anziehe — der ist sehr fein und
vornehm, ist auch für mich nicht gemacht worden —
und meine Muhme besuche. Meine Muhme macht
zierliche Bücklinge und nennt mich ihren lieben,
sehr lieben Herrn Vetter.

Wie freudig ich auch anfangs drein gegangen
bin in meinem Lernen, es ist mir gar bald verleidet worden. Da habe ich vormalen immer gemeint, in einer Gelehrtenschule würde man Himmel
und Erde erfassen, und alles, was darin ist im
schönen Zusammenhange erkennen lernen; sie thun
ja so, als ob sie das Alles zutiefst inne hätten,
die Herren Gelehrten, wenn sie im Scheine hoher
Würde über die Gasse gehen. Das hat mich sauber
betrogen. Für Einen, der nur studirt, um ein
lustiger Student sein zu können; für Einen, der
nur lernt, um dereinstmalen als „Gelehrter“ zu
prunken, oder als solcher sein Brot zu erwerben —
für so Einen mag diese Gelehrtenschule taugen.
Für Einen nach wahrem Wissen und Erkennen
Strebenden aber ist sie ein erbärmlich Ding. Ein
sehr erbärmlich Ding.

Schöne Gegenstände sind auf dem Lehrplan
gestanden. Schon in den unteren Abtheilungen
haben wir Erdbeschreibung, Geschichte, Meß- und
Größenlehre, Sprachlehre u. s. w. gehabt. Die
verkehrte Welt ist’s gewesen. In der Erdbeschreibung haben wir statt Länder- und Völkerkunde
nur die Größe der Fürstenthümer und ihrer Städte
vor Augen gehabt. In der Geschichte haben wir,
anstatt der naturgemäßen Entwickelung der Menschheit nachzuspüren, spitzfindige Staatenklügelei getrieben; der Lehrer hat allfort nur von hohen
Fürstenhäusern und ihren Stammbäumen, Umtrieben und Schlachten geschwätzt; sonst hat der Wicht
nichts gewußt. In der Meßlehre haben wir uns
mit Beispielen abgeplagt, die weder der Lehrer
noch der Schüler verstanden und im Leben schier
gar nicht vorkommen. Die Sprachlehre ist schon
gar ein Elend gewesen. Ach, die schöne arme
deutsche Sprache ist zugerichtet, daß Einem das
Herz möcht’ brechen. Seit vielen Jahren ist sie
von der welschen belagert, ja hochnothpeinlich auf
die Folter gespannt. Und wollt’s ein deutscher
Bursche einmal versuchen, seine reinen Mutterlaute
wieder zu Ehren zu bringen, allsogleich thaten die
hochgelahrten Herren zu Dutzenden herbeistürzen
mit ihrem Griechisch und Latein, um mit dem
todten Buchstaben der todten Sprachen auch den
deutschen Laut zu tödten. Ich weiß recht gut,
welch hohen Segen die Sprache des Homer und
Virgil für unsere arg geschändete deutsche Zunge
in sich trägt; davon zeugt unser Klopstock und
Schiller. Aber die gelehrten Pharisäer, von
denen ich rede, gehen auf den Buchstaben und
nicht auf den Geist. Mit überflüßigen Dingen
pferchen sie uns den Kopf voll. Die unsinnigsten
Lehrsätze, vor Jahrhunderten von verkehrten Köpfen
erfunden, müssen wir auswendig lernen; … ja,
wenn ich all das Erbärmliche wollte beschreiben! —
Und wer das dürre Zeug nicht mag und kann,
der wird von den Lehrern mißhandelt. Wir sind
schutzlos; sie haben uns in ihrer Gewalt. Beliebt
es ihnen, Spässe zu machen, so müssen dieselben
uns geistreich sein. Haben sie Zahnschmerz, so
müssen wir es entgelten. Ach, das ist ein böses
Gehetze und Geplage; für unbemittelte Bursche
schon gar ein Elend!

Während ich an der Anstalt gewesen, haben
sich drei Schüler um’s Leben gebracht. — Auch
gut, hat der Leiter der Schule gesagt, was sich
nicht biegt, das muß brechen. Und das ist die
Grabrede gewesen.

Da ist es am ersten Tage nach einem solchen
Selbstmord, daß ich daran komme, in der lateinischen Sprache über das Wesen der römischen Weltunterjocher vor meinen Lehrern und Lerngenossen
eine Rede zu halten. Ich komme geradewegs von
der Bahre meines unglücklichen Kameraden und
hocherregten Gemüthes besteige ich den Redestuhl.
„Ich will vergleichen zwischen den Römern und
den Deutschen,“ rufe ich, „die alten Tyrannen
haben den Körper geknechtet, die neuen knechten
den Geist. Da draußen in der finsteren Kammer,
verlassen und aller Ehre beraubt, liegt Einer, zu
todte gehetzt, nicht das einzige Opfer, das seine
Befreiung im Tode gesucht . . . .“

Ich mag noch einige Worte gesagt haben;
dann aber nahen sie und führen mich lächelnd vom
Redestuhl herab. „Der Erdmann ist verwirrt,“ sagt
einer der Lehrer, „nicht deutsch, sondern lateinisch
soll er sprechen. Demnächst wird Er’s besser machen.“

Bin nach Hause getaumelt wie ein Narr.
Heinrich, der Tuchmacherssohn, mein Tisch- und
Schulgenosse eilt mir nach: „Andreas, was hast
du gethan? was hast du geredet?“

„Zu wenig, viel zu wenig,“ sage ich.

„Das wird dich verderben, Andreas; kehre
sogleich um und leiste den Herren Abbitte.“

Da lache ich dem Freunde in das Gesicht.
Er faßt mich jedoch tiefbewegt an der Hand und
sagt: „Wahr ist es, bei Gott, was du gesprochen.
Wir empfinden es Alle, aber just deswegen werden
dir die Herren das Wort nimmer verzeihen.“

„Das sollen sie auch nicht,“ entgegne ich in
meinem Stolze.

Heinrich schweigt eine Weile und geht neben
mir her. Endlich sagt er: „Ein wenig klüger mußt
du werden, Andreas; und jetzt geh’ und fasse dich.“

Meine Hand zittert, da sie das schreibt; es
ist aber Alles schon vorbei.

Ein Jahr vor dieser obigen Begebenheit hat
mir mein Freund Heinrich die Unterrichtsstelle vermittelt, und zwar in dem vornehmen Hause des
Freiherrn von Schrankenheim. Meine Aufgabe ist
nicht groß, einen Knaben habe ich zu unterrichten
und für die Lehrgegenstände der Hochschule vorzubereiten. In diesem Hause ist es mir gut ergangen und ich habe nicht mehr nöthig gehabt, mein
Mittagsbrot an verschiedenen Tischen zu erbetteln.
Mein Schüler Hermann, ein prächtiger, lernbegieriger Bursche hat mich lieb gehabt. So auch seine
Schwester, ein außerordentlich schönes Mädchen —
ich bin von Herzen ihr Freund gewesen.

Aber, wie die Zeit so hingeht, da wird mir
zuweilen kindisch zu Muthe, wird mir fortweg
schwüler und unbehaglicher in dem reichen Hause.
Ein wenig ungeschickt und linkisch bin ich immer
gewesen — jetzund wird’s noch ärger. Ich habe
keinen festen Boden unter den Füßen und zuweilen
kein rechtes Vertrauen zu mir selber. Die Leute
im Hause wissen es Alle, das ich ein blutarmer
Junge bin, und sie vergessen es keinen Augenblick;
sie zeigen sich gar mitleidig und selbst die
Dienerschaft will mir oftmals kleine Geschenke zustecken.

Gerade allein mein Zögling hat Feingefühl,
ist lustig und zutraulich zu mir; und das Mädchen — o Gott, o mein Gott, das ist ein schönes,
schönes Kind gewesen.

Wenn ich des Abends gewandelt bin außer
der Stadt und über entlegene Wiesen, oder an
buschigen Lehnen hin, und es hat mir ein Blüthenblatt um das Haupt getanzt, oder es ist mir eine
Heuschrecke über den Fuß gehüpft, da hab’ ich oftmals bei mir gedacht, was es doch eine Glückseligkeit wäre, schön und reich zu sein. Die Zwerge
von dem nahen Untersberg und den Kaiser Karl
habe ich angerufen in meiner tiefen Einfalt. Heiß
ist mir geworden in der Brust; geschwärmt habe ich
von „Blumen und Sternen und ihren Augen.“ —
Von wessen Augen? da schrecke ich auf — Jesus,
was ist das? Andreas, Andreas, was soll daraus
werden? —

Dazumal bin ich achtzehn Jahre alt gewesen.
Aus Rand und Band bin ich eines Tages zu
meinem Freunde Heinrich gelaufen — hab’ ihm
Alles anvertraut. Heinrich hat mich sonst am Besten
verstanden von allen Menschen. Aber diesmal hat
er mir den Rath gegeben, ich möge mich bezwingen; es ginge fast allen jungen Leuten so, wie
mir, aber es ginge vorüber. — Kaum um fünf
Jahre älter als ich, hat er so altklug gesprochen.

So bin ich ganz allein. Da denke ich bei
mir: Gleichwohl jung an Jahren, kann ich die
Sache doch auch ruhig überlegen — trutz altkluger
Leute. Daß ich arm bin, das verspürt Keiner so,
als ich selber; daß ich bescheidener Herkunft
bin, das treibt mich, aus mir selber etwas zu
machen. Recht hat er, ich werde mich bezwingen;
aber nur, wenn ich vor meinen Lehrern stehe.
Ich werde meine eigenmächtig strebenden Neigungen bezähmen und mich mit Fleiß und Ausdauer
der Anstalt unterwerfen. Trotz all des Unsinnes
und der Ungerechtigkeit, so durchlaufen werden
muß, ist man in ein par Jahren Doktor, hochweiser Magister.

Und hochweise Magister dürfen um Freiherrntöchter freien. Eines Mannes würdig werde ich
hintreten und um sie werben. —

Noch habe ich meine Absicht in mir verschlossen; habe mich aber mit ganzer Seele meinem Studium ergeben, bin unter meinen Genossen
einer der Ersten gewesen. Prächtig ist es vorwärts
gegangen und meinem Ziele näher und näher.
Schon sehe ich den Tag, an welchem ich, ein
Mann von Stand und Würde die Jungfrau freien
werde. Im Hause haben sie mich Alle so lieb;
der Freiherr ist nicht adelsstolz und mag gerne
einen Gelehrten zum Tochtermann haben. Bin
wol in Freude und Glück gewesen. Da haben mich
meine Lehrer bei der Hauptprüfung — geworfen.

Schnurgerade bin ich nach Hause gegangen
an demselbigen Tag, bin hingetreten vor den Vater
meines Zöglings: „Herr, ich habe großen Dank
für Ihre Güte zu mir. Länger kann ich in Ihrem
Hause nicht bleiben.“

Er sieht mich sehr verwundert an und entgegnet nach einer Weile: „Was wollen Sie denn
beginnen?“

„Ich muß fortgehen von dieser Stadt.“

„Und wo werden Sie hingehen?“

„Das weiß ich nicht.“

Der gute Mann hat mir mit ruhigen Worten gesagt, daß ich überspannt und wol krank sein
müsse. Was mir geschehen, könne auch Anderen
geschehen; er wolle mich pflegen lassen, und im
Frieden seines Hauses würde ich mich wieder erholen
und über’s Jahr die Prüfung gewiß mit Glück bestehen.

Hierauf habe ich meine Absicht, fortzugehen,
noch bestimmter dargethan; ich habe es wol gewußt,
die Ursache meines Falles ist die deutsche Rede
über die lateinischen Weltunterjocher gewesen, und
in meinen Verhältnissen würde ich eine Hauptprüfung nimmer bestehen. Heinrich hat Recht gehabt.

„Gut, mein Herr,“ ist der Bescheid des Edelmannes, „ich entlasse sie denn.“

Bei wem soll ich mich verabschieden? Bei
meinem jungen Zögling? Bei der Jungfrau?
Herrgott, führe mich nicht in Versuchung! Sie ist
noch gar so jung. Sie hat mich freundlich und
heiter entlassen. Ein Schlucker geht davon, ein
gemachter Mann kehrt vielleicht wieder zurück.
Mehr Trotz als Muth ist in mir gewesen.

Meine alte Muhme habe ich noch besucht.
Jetztund, wie ich nicht mehr im feinen Frack,
sondern in einem groben Zwilchrock vor ihr stehe
und ihr meinen Entschluß sage, daß ich fortginge,
fort, vielleicht zur Rechten, vielleicht zur Linken
hin — — da hat nicht viel gefehlt, daß ich wieder
die ausdrucksvolle Bezeichnung bekomme. „Nein,“
ruft sie, „nein, aber du bist ein — ein — recht
absonderlicher Mensch! Da ist er schon völlig ein
braver, rechtschaffener Mann gewesen, und jetzt —
ach, geh’ mir weiter!“

Sie ist meine einzige Verwandte auf der
Welt.

Zu Heinrich bin ich endlich gegangen: „Ich
danke dir zu tausendmal für deine Lieb’! du getreuer Freund, wie thut es mir weh’, daß ich sie
dir nicht lohnen kann. Du weißt, was geschehen
ist. Wie du mich hier siehst, so gehe ich davon.
Habe ich etwas Bedeutendes vollbracht, so werde
ich wiederkehren und dir vergelten.“

Es ist mir nicht mehr erinnerlich, ob ich ihm
auch noch das schmerzenreiche, das wonnige Wort
ausgesprochen habe. Jung, sehr jung bin ich freilich gewesen, als ich meinen Fuß hab’ gesetzt in
die weite Welt.

Heinrich hat mich eine weite Strecke begleitet.
Am Scheidewege hat er mich gezwungen, seine
Baarschaft anzunehmen. Brust an Brust haben wir
uns ewige Treue gelobt, dann sind wir geschieden.

O: Heinrich! du gutes, du goldgetreues Herz,
du hast es gut mit mir gehalten. Und ich habe
es dir schlecht — gar höllisch schlecht gelohnt.
Heinrich! . . . .

Die Sonne geht von Morgen gegen Abend;
sie hat mir meinen Weg gewiesen. „Ade, Welt,
ich gehe nach Tirol!“ hab ich gesagt; im Tirolerland thun sich jetztund die Leut’ zusammen gegen
den Feind. Der Höllenmensch Bonaparte führt die
Franzosen ein, will uns das Vaterland zertreten
ganz und gar.

Nach etlichen Tagen steig ich zu Innsbruck
die Burgtreppen hinan. „Mit dem Andreas Hofer
will ich reden!“ sag ich zum Thorwart.

„Wer wehrt dir’s denn!“ sagt der und stößt
seinen Spieß auf den Marmelstein, daß es gerade
klingt. Ich geh durch Zimmer dreie oder vier,
eines vornehmer wie das andere; große Spiegel
an den Wänden, funkelnde Kronleuchter an den
Decken, und gar der Fußboden glänzt, wo nicht
bunte Webematten gebreitet sind, wie Glas und
Edelholz. Bauernbursche gehen aus und ein, singen,
pfeifen, poltern, rauchen Tabak und sind in Alpentracht von den derben Nägelschuhen bis hinauf zum
spitzen Hahnenfederhut. Letztlich stehe ich in einer
großen Stube; sitzen ein par bäuerliche Männer
am Schreibtisch, ein par andere stehen daneben,
laden ihre großen Pfeifen mit Tabak, halten
baierische Geldnoten über eine brennende Kerze und
zünden sich damit das Rauchzeug an.

„Will mit dem Andreas Hofer sprechen,“ sage
ich. Da steht ein Mann in Hemdärmeln mit einem
großmächtigen Vollbart auf: „Was willst denn?“

„Ich will zu der Wehr gehen?“

Der bärtige Mann — es ist der Hofer
über und über — schaut mich an und nicht allzulaut sagt er: „Bist gleichwohl noch recht jung?
Hast Vater und Mutter?“

„Nimmermehr.“

„Bist vom Land Tirol?“

„Nicht just eben, aber gleich von der Nachbarschaft her.“

„Wol ein Studiosus? willst Geistlich werden?“

„Zur Wehr möcht ich gehen und für’s Vaterland streiten.“

Nun greift er in den Ledergurt, zieht eine
Handvoll Silbergeld heraus: „Da, Bursche, Gott
gesegne’s; magst nach Wien gehen und dich beim
Karl werben lassen. Bist ein unerfahrener Mensch.
Bist unser Landsmann nicht.“

Ich mach meine Begrüßung und will mich kehren.

„He, da!“ ruft er mir nach, hält mir das
Silbergeld vor.

„Ich sage meinen Dank. Das Geld brauch’
ich nicht.“

Jetztund, wie ich das gesagt, hebt dem Mann
das Aug’ an zu glühen: „Das ist wacker, das ist
brav!“ ruft er, „kannst bleiben. Brauch’ einen
Schreiber, der eine gute Schrift und ein gutes
Gewissen hat.“

„Mein Gewissen ist auch für einen Soldaten
gut genug,“ sage ich finster.

„He Seppli!“ schreit d’rauf der Hofer, „weis’
dem Mann Messer und Stutzen bei! — Schau,
das ist brav!“ er preßt mir die Hand, „Arbeit
werden wir schon kriegen, selbander.“

Ich bin Kriegsmann, Tirolerschütz’. Arbeit
hat es bald gegeben.

Die Franzen und die Baiern, und etwan
auch die Oesterreicher hinten haben es nicht gelitten, daß in der Burg zu Innsbruck ein Bauer
sollt’ König sein. Mit Haufen ist der früher von
den Tirolern dreimal geschlagene Feind eingebrochen in’s Land. Der Stutzen ist mir besser in die
Hand gegangen, als ich vermeint. All Vergangenes
hab’ ich vergessen, nur meinen Freund Heinrich
hätt’ ich an der Seit’ mögen haben gegen den
Feind. Eine welsche Fahne hab ich genommen und
wie ich die zweit’ will holen, haben sie mich ertappt. Drei bärtige Franzen haben mir wüthenden
Knaben lachend das Wehrzeug abgenommen . . . .
Gefangen haben sie mich dann davongeschleppt,
durch das Baiern- und Schwabenland hinein in
das Frankenreich.

Ich mag die Zeit nicht wieder beschreiben.
Eine Hundenoth ist es gewesen. Eine Hundenoth,
nicht weil ich drei Jahr lang gelegen bin in der
Gefangenschaft eines fremden Landes; sondern weil
ich ein Empörer gegen mein eigen Land. Gegen
des Kaisers Willen — hat es geheißen — hätten
sich die Tiroler erhoben, denn von seiner Hand seien
sie den Baiern zugetheilt gewesen. Deutsche Landsleute selber haben es gesagt, und so ist mein Herzensunglück angegangen. — Anstatt ein Heldenwerk hast du eine böse That vollführen helfen,
Andreas; nicht als braver Kriegsmann! — aber
als Abtrünniger liegst du in Ketten.

Von einem großen Feldzug nach Rußland und
in’s Morgenland hinein wird gesprochen. Selbunder werde ich, wie viele andere meiner Landsleute, frei. Viele Andere haben der Heimat zugestrebt. Ich weiß von einer Heimat nichts; darf
nichts wissen. Blutarme Narren, wie ich einer bin,
sind in der Heimat übler daran, als anderswo.
Und als Empörer, der ich nun bin, kehre ich schon
gar nicht heim. Ich will das arge Fehl sühnen,
daß ich gegen den großen Feldherrn rechtlos die
Waffen geführt, ich will mit seinen Schaaren ziehen, um die Völker des Morgenlandes befreien
und der Hut des Abendlandes unterordnen zu
helfen. — Ein großes Ziel, Andreas, aber ein
weiter Weg! Die Deutschen haben uns den Weg
schwer gemacht, aber der Feldherr ist wie ein Blitz
hingefahren in die zerrissenen Völkerfetzen, die keinen großen Gedanken gehabt und keine große That.
Und das Heer der Russen haben wir vor uns hingeschoben über die wilden Steppen und endlosen
Schneeheiden, viele Wochen lang. Aber zu Moskau
hat der Russe den Feuerbrand geschleudert zwischen
sich und uns, mitten in seine eigene Hauptstadt
hinein. — Jetztund stehen wir zutiefst im Lande
des ewigen Winters, und sind ohne Halt und
Stätte und Mittel. Mensch und Schöpfung allmitsammt ist unser Feind gewesen. Da hat’s der
Feldherr gesehen, es geht bös’ in die Brüch’, und
wir haben uns zur Umkehr gewendet. — O, die
vielen Sturmwüsten, die hundert Eisströme, die
tausend und tausend Schneegräber, die gewesen sind
zwischen uns und dem Vaterland! — Wer marschiren kann und seine erstarrten Beine mag abschleifen bis auf die Knie; wer dem sterbenden
Gefährten den letzten Fetzen vom Leib mag reißen,
um sich selber zu decken; wer das warme Blut
will saugen aus seinen eigenen Adern, und das
Fleisch von gefallenen Rossen und getödteten Wölfen will verzehren; wer mit den Decken des
Schnee’s sich kann erwärmen und in den Flüssen
mit den Wellen des Wassers und mit den Schollen
des Eises versteht zu ringen, und obendrein den
Schreck und den Gram und die Verzweiflung weiß
zu besiegen — vielleicht, daß er seine Heimat sieht.

Erstarrt wie mein Leib ist meine Seel’ und
mein Gedanken — in einer Wildniß, unter den
schneebelasteten Aesten einer Tanne bin ich liegen
geblieben . . . .

Ein räucherig Holzgelaß, und ein lebendig
Feuer, und ein langbärtiger Mann, und ein braunfärbig Mädchen haben mich umgeben, als ich erwacht bin auf einem Lager von Flechten. Eine
Pelzhaut ist auf meinem Körper gelegen. Draußen
hat es getost wie ein wildes Wasser oder wie ein
Sturm. — Das sind gute, freundliche Augen gewesen,
die aus den zwei Menschen mich angeschaut haben.
Der Mann hat des Feuers gepflegt; das Mädchen
hat mir Milch in den Mund geflößt. In ihrer
rauhen Sprache haben sie Worte gewechselt; ich
hab kein einziges verstanden. An Heinrich habe ich
gedacht, an den lieben Laut seiner Worte . . . .
Mein Leib hat mich fürchterlich geschmerzt; der
Mann hat ihn in ein nasses Tuch geschlagen.
Das Mädchen hat mir ein kleines Kreuz mit zwei
Gegenbalken vor die Augen gehalten und dabei
etwas gemurmelt, wie ein Gebet. — Sie betet
den Sterbesegen, Andreas!

Du liebes Freundeshaus in Feindesland, was
in dir weiter mit mir gewesen ist, das weiß ich
nicht mehr zu denken. Das braune Mädchen hat
seine Hand oftmals an meine Stirne gelegt. Wär’s
dazumal dazu gekommen, es wär ein schönes Sterben gewesen. Es hat sich anders zugetragen. Noch
heute hör ich den Schlag, der die Hüttenthür hat
zertrümmert. Kriegsgefährten sind eingedrungen,
haben den alten Mann mißhandelt und das braunfärbige Mädchen von meinem Lager gestoßen. Mich
haben sie davon getragen, hin durch den Sturm
und hin durch die Wildnissen — dem Heere nach.

Mir aber ist gewesen, als thäten sie mich
schleppen aus der Heimat fort . . . . Gottes ist
die Welt allüberall. Aber die Gefährten haben
mich nicht zurückgelassen; das hat mich doch wieder
im Herzen gefreut. Fest und treu will ich sein,
will zu ihnen halten und meinem großen Feldherrn dienen.

Am Rhein bin ich genesen. Und zur neuen
Frühjahrszeit ein neues Leben hab ich in mir
empfunden. Ein Bursch’, der dreiundzwanzig Jahre
zählt, hab ich geglüht für das Hohe und Rechte,
für das Gemeinsame, für die Menschenbrüder aller
Himmelsstriche; hab’ in Begeisterung mit meinen
Schaaren ausgerufen: „Ein Gott im Himmel und
ein Herr auf Erden!“ Er ist der Befreier, der
Fürstenhader muß enden. Die deutschen Stämme
müssen ein großes einiges Volk werden! — Solche
Gedanken haben mich begeistert. Des Feldherrn
finsteres Aug’, wie ein Blitz in der Nacht, hat uns
Alle entflammt. Gegen das Sachsenland sind wir
gezogen, um dort den Streit für unseren Herrn
auszukämpfen, und das schöne deutsche Land unter
seinen Schutz zu stellen.

Bei Lützen hab ich einem welschen Feldherrn
das Leben geschützt; vor Dresden hab ich dem
Blücher das Roß niedergestochen; bei Leipzig hab
ich meinen Heinrich erschossen . . . .
— — — — — — — — — —

„Andreas!“ das ist sein Todesschrei gewesen.
An dem hab ich ihn erkannt. Mitten aus der
Brust ist der Blutquell gesprungen. — Mein
Gewehr hab ich um einen Stein geschlagen, daß
es zerschmettert; waffenlos bin ich in die Schlacht
gerast; mit seinem eigenen Schwert hab ich einem
Franzosenführer den Schädel gespalten.

Was hat’s genützt? ich hab doch gegen mein
Vaterland gestritten, gegen die Brüder, die meine
Sprache reden, während ich meine welschen Gefährten kaum verstanden. Und ich hab meinen Heinrich
erschossen. Ach, wie spät gehen mir die Augen auf!

— Bist ein unerfahrner Mensch. Geh nach
Wien zum Karl! — Du getreuer Hofer, hätt’ ich
deinen Wink befolgt! — Wol, auch deine Fahne
ist gut gewesen, und herrlicher, als alle anderen
im weiten Land. Von der Stund an, da mir der
Glauben an sie aus dem Herzen gerissen worden,
ist mein Unglück angegangen. Die Lieb’ zur freien
Welt hat mich in die Gefangenschaft gebracht; die
Sühne meines eigenen Fehls hat mich in Noth
und Qual geführt; die Treue zu meinem Feldherrn und die Sehnsucht nach einem Großen und
Gemeinsamen hat mich zum Verräther meines
Vaterlandes, zum Mörder meines Freundes gemacht. — Andreas, wenn dich schon die Tugend
zum Verbrechen führt, wohin erst hätte dich böse
Absicht gestürzt? — den treuen Führer hast du
stolz abgelehnt, da hat dir Erfahrung und Führung gemangelt. — Andreas! du hast dich dem
Handwerk und der Wissenschaft und dem Soldatenleben zugewendet; Armut, Wirrniß und Reue hast
du geärntet. Fremde Menschen haben dich gehegt
und gepflegt wie einen Sohn und Bruder; sie sind
dafür mißhandelt worden. Du bringst der Welt
und den Menschen nichts Gutes; Andreas, du
mußt in die tiefste Wildniß gehen und ein Einsiedler sein! —

Im Sachsenlande, unter den Balken einer
Windmühle hab’ ich mir diese Wahrheiten gesagt.
Und darnach bin ich davon, bin geflohen durch das
Böhmen- und Oesterreicherland, bin nach vielen
Tagen in die Stadt Salzburg gekommen. Daß in
dieser Stadt mich armen, kranken, herabgekommenen
Teufel noch wer erkennen sollt’, hab ich nicht gefürchtet. Im Petershofe liegt mein Vater begraben,
den Hügel hab ich sehen wollen, ehe ich mir eine
Höhle suche in einer verlassenen Waldschlucht. Und
wie ich so auf der kalten gefrornen Erde liege,
und wieder einmal weinen kann aus tiefstem Herzen über mein noch so blutjunges und so unglückseliges Leben, da kommt ein Herr zwischen den
Gräbern gegangen, frägt nach meiner Kümmerniß
und schlägt die Hände zusammen. „Erdmann,“
ruft er aus, „Sie hier? und wie sehen Sie aus!
kaum vier Jahre davon und kaum mehr zu erkennen!“

Herr von Schrankenheim steht vor mir, der
Vater meines einstigen Zöglings.

Ich bin mit ihm zwischen den Hügeln auf
und ab gegangen, hab’ ihm Alles erzählt. Mit
nassen Augen drückt mir der Mann Geld in die
Hand: „Da, schaffen Sie sich zu essen und Kleider und kommen Sie dann in mein Haus. —
Einsiedler werden, pah, das ist kein Gedanke für
einen jungen, braven Burschen. Ihre Kleinmut
müssen Sie überwinden, ein Weiteres wird sich geben.“

Mit großer Angst bin ich in sein Haus gegangen; denn die eine Narrheit hab ich noch nicht
überwunden gehabt.

Der Herr von Schrankenheim hat mich seinem Sohne vorgestellt. Ei, das ist schon ein recht
hochgewachsener, zierlicher Herr geworden. Die Hände
am Rücken hat er eine stille Verbeugung vor mir
gemacht und nach kurzer Weile noch eine, und ist
abgetreten. Hierauf hat mich der Vater in sein
Arbeitsgemach geführt, hat mich auf den weichsten
Sessel niedersitzen geheißen.

„Erdmann,“ hebt er nachher an zu reden,
„ist es Ihr wahrhaftiger Ernst, daß Sie in die
Wildniß gehen und Einsiedler werden wollen?“

„Das ist für mich das Beste,“ antworte ich,
„ich tauge nicht unter die Menschen, die in Lust
und Freuden leben; mich haben die wenigen Jahre
meiner Jugend herumgeworfen in Irren und Wirren, von einem Land in das andere, und in der
Völker Noth. Herr, ich kenne die Welt und ich
bin ihrer satt.“

„Sie sind kaum an die vierundzwanzig
Jahre und noch nicht auf der Höhe Ihrer Kraft;
und Sie wollen verzichten auf die Dienste, die Sie
den Mitmenschen würden leisten können?“

Da horche ich auf; das Wort faßt mich an.

„Wenn Sie meinen, Sie haben bislang nur
Uebles gestiftet, warum wollen Sie sich aus dem
Staube machen, ohne der Welt, dem Gemeinsamen
auch das Gute zu geben, das gewiß in reichem
Maße in Ihnen schlummert?“

Da erhebe ich mich von meinem Sitze:
„Herr, so weisen Sie mir die Wege dazu!“

„Wohlan,“ sagt der Herr von Schrankenheim, „vielleicht kann ich es, wenn Sie wieder
Platz nehmen und mich anhören wollen. —
Erdmann, ich wüßte eine tiefe und wahrhaftige
Einsiedelei, in welcher man den Menschen dienen
und vielleicht Großes für das Gemeinsame wirken
könnte. Weit von hier, tief drin in den Alpen,
dehnen sich zwischen Felsgebirgen große Waldungen, in welchen Hirten, Schützen, Holzschläger,
Kohlenbrenner beschäftigt sind, in welchen auch
andere Menschen wohnen, wie sie sich etwa redlich
zurückgezogen, oder unredlich geflüchtet haben, und
die nun durch erlaubten oder unerlaubten Erwerb
ihr Leben fristen. Wol wahr, es sind finstere Menschen, in deren Herzen das Unglück oder noch was
Aergeres nagt. Sie haben weder einen Priester,
noch einen Arzt, noch einen Schullehrer in ihrer
Nähe; sie sind ganz verlassen und abgesondert,
und nur auf ihre Unbeholfenheit und auf ihr
eigenes ungezügeltes Wesen angewiesen. — Ich
bin der Eigenthümer der Waldungen. Ich habe
seit längerer Zeit schon die Absicht, einen Mann
in diese unwirthliche Gegend zu senden, der die
Bewohner derselben ein wenig leite, ihnen mit
redlichem Rathe beistehe, und die Kinder in Lesen
und Schreiben unterrichte. Der Mann könnte sich
gar sehr verdient machen. Es findet sich wahrhaftig so leicht Keiner dafür; es wäre denn Einer,
der weltsatt in der Einsamkeit leben und doch für
die Menschen wirken wolle. — Erdmann, was
meinen Sie dazu?“

Nach diesen Worten ist mir jählings gewesen,
als ob ich sogleich meine Hand hinhalten und
sagen müßte: Ich bin der Mann dazu. Mit den
Zuständen dieser alten Welt zerfallen, will ich in
der Wildniß eine neue gründen. Eine neue Schule,
eine neue Gemeine — ein neues Leben. Lasset
mich heute noch ziehen! — So ist das Feuer doch
nicht ganz todt; es sind zuweilen aus der Asche
noch Funken gestoben.

„Wir haben den Winter vor der Thür,“
redet der Herr weiter, „Sie bleiben den Winter
über in meinem Hause und pflegen reiflicher Ueberlegung, und wenn wieder der Sommer kommt,
und es gefällt Ihnen mein Antrag noch, so gehen
Sie in die Wälder.“

So oft ich im Vorzimmer ein Kleid hab’
rauschen gehört, bin ich erschrocken, und letztlich
hab’ ich den Herrn gebeten, er möge mich über
den Winter ziehen lassen; mit den Schwalben
würde ich wieder kommen und seinen Vorschlag
annehmen.

Er hat sich’s nicht nehmen lassen, mir die
„Mittel“ für den Winter zu spenden; dann aber
bin ich geflohen. Im Vorsaale ist eine Frauengestalt gestanden, an der bin ich vorübergehuscht,
wie ein Wicht.

Einen Tag bin ich gewandert bis in’s Waldland an den See, wo meine Kindheit und meine
Mutter begraben liegt. Und hier im Ort hab’ ich
mir für den Winter ein Stübchen gemiethet. Oftmals steige ich die Schneelehnen hinan, und stehe
unter bemoosten Bäumen, wo es mir ist, als sei
ich einmal mit meiner Mutter, mit meinem Vater
gestanden; oftmals gehe ich über den gefrornen
See, und denke an die Tage, in welchen ich im
Kahn bei Vater und Mutter über die weichen
Wellen gefahren bin. Das Abendroth ist auf den
Bergen gestanden; der Sangschall einer Almerin
hat an die Wände geschlagen. Mein Vater und
meine Mutter haben auch helle Lieder gesungen.
Das ist voreh gewesen; voreh . . . .

Ich bin in Frankreich auf der Festung gelegen drei Jahre lang; ich bin krank und sterbend
in den Wüsten Rußlands geirrt und nun leb’ ich
in dir, du mildes, trautes Stübchen am See. —
Es wär’ ja Alles gut, die Zeit der Noth versinkt,
wie ein Traumbild; — nur du solltest nimmer
aufgegangen sein, du unglückseliger Tag im Sachsenland, du wirst mich ewiglich brennen. — Heinrich, ich fürchte mich nicht vor deiner Grabgestalt;
nur ein einzigmal trete zu mir, daß ich dir sag:
es ist in Blindheit geschehen, ich kann nicht mehr
anders — mit meinem eigenen Leben will ich’s
löschen . . . .

Nun ist es gut. Ich habe mich seit vielen
Tagen geprüft; habe mein Vorleben erforscht, und
es in kurzen Worten hier aufgeschrieben, auf daß
es mir stets um so klarer vor Augen liege, wenn
neue Wirrniß und Trübsal über mich kommen
wird. Ich denke wol, daß ich die Schule des
Lebens besser bestanden habe und noch bestehen
mag, als die Schule der Bücher und todten Lehrsätze. Ich bin zur Erkenntniß gekommen und mein
Gemüth ist ruhig geworden. Wie ich meine Erlebnisse und Verhältnisse, meine Eigenschaften und
Neigungen genau überdacht habe, so glaube ich, es
ist keine Vermessenheit, den Vorschlag des Freiherrn von Schrankenheim anzunehmen.

Bin ich von außen gleichwol noch recht jung,
von innen bin ich hochbetagt. Von einem alten
Mann ein guter Rath darf wol den Waldleuten
willkommen sein.

Es ist richtig, ich gehe in den Wald. Ich
bin ausgerüstet und mit Allen fertig. Der Freiherr
hat mir in Allem seinen Beistand zugesagt. Sein
Sohn Hermann hat mich wieder mit einer freundlichen Verbeugung begrüßt. Der junge Herr ist ein
wenig blaß; er wird viel lernen. Seine Schwester
. . . . 

Meiner Muhme soll es wohl gehen. Ich habe
ihr nicht das Leid anthun mögen, das sie bei meinem Aussehen und Vorhaben empfunden hätte;
habe sie nicht mehr besucht. Nun bläst das Posthorn. Lebe wohl, du schöne Stadt!

Schon drei Tage auf der Reise. Das ist doch
ein freundlicheres Wandern, wie jenes auf den
Wintersteppen.

Vorgestern hat liebliches Hügelland mit malerischen Gebirgsgegenden gewechselt. Gestern sind
wir in ein breites freundliches Thal gekommen.
Heute geht es fort Berg auf und ab, durch grüne
Wälder und finstere Schluchten und an Felswänden
hin. Jetzt wird die Straße allweg schmaler und
holperiger; zuweilen müssen wir aus dem Wagen
steigen und niedergebrochene Steinblöcke beseitigen,
daß wir weiter fahren können. Gemsen und Rehe
sehen wir mehr, als Menschen. Die heutige Nachtherberge habe ich schuldig bleiben müssen. Die
Geldnoten, die ich bei mir habe, können die Leute
dieser Gegenden nicht wechseln. Ich hätte dem
Wirth ein Pfand gelassen, aber er hat gemeint,
wenn es sei, wie ich sage, daß ich in die Wälder
der Winkelwässer gehe und alldorten verbleibe, so
würde sich wol einmal eine Gelegenheit bieten, ihm
den geringen Betrag zuzuschicken. Es käme zu Zeiten ein Bote aus jenen Waldungen gegangen, der
dieß gerne besorge. — Die Geldnoten muß ich
zurückschicken und um kleine Münzen bitten.

An diesem vierten Tage bin ich ausgesetzt
worden.

Die Postkutsche ist ihren Weg weiter gerollt;
ich habe noch eine Weile das helle Horn klingen
gehört im Walde, darauf ist Alles still gewesen,
und ich sitze da bei meinem Bündel, mitten in der
Wildniß.

Durch die Waldschlucht rauscht ein Bach
heraus, der die Winkel heißen soll, und dem entlang ein Fußsteig geht. Er geht über Gestein und
Wurzeln und ist mit dürren Fichtennadeln vergangener Jahre besäet. Diesen Weg muß ich wandeln.

Dort, durch die Wipfel sehe ich eine weiße
Tafel blinken, das ist ein Schneefeld. — Und da
drin sollen noch Menschen wohnen? — — —

So weit hatte ich in den Schriften gelesen,
da läutete es auf dem Thurme zum Zeichen der
zwölften Stunde. Gleich darauf klopfte es an’s
Fenster: Die Wirthin schicke mir einen Regenschirm, wenn ich zum Essen gehen wolle. — Es
strömte der Regen und in zahllosen grauen Fäden
rieselte es vom Dache.

Nach Tische las ich weiter.

Im Winkel.

So will ich Alles aufschreiben. Für wen, das
weiß ich nicht; etwan für den lieben Gott, wie
dermaleinst das Brieflein, als mein Vater gestorben. All das Seltsame und Bewegende, das ich
erlebe, müßt’ mir das Herz zersprengen, dürft’
ich es nicht ausplaudern. Ich erzähle es dem
Blatt Papier. Vielleicht findet sich dereinst ein
Mensch, dem ich’s mag vertrauen, und sollt’ er
mich auch nur zum halben Theil verstehen. Ihr
stillen weißen Blätter wollt jetztund meine Freunde
sein und theilnehmen an den Tagen, die mir nun
kommen mögen. Ich trag heute noch ein frisches
dunkles Haar, und ihr seid grau zumal; etwan
überlebt ihr mich weit und seid mein zukünftig
Geschlecht.

Ein Blättchen Papier kann älter werden,
Wie das frischeste Maiblatt auf Gottes Erden,
Wie das flinkeste Gemslein am Felsenwall,
Wie das lockige Kind im lieblichen Thal.
Ein Blättchen Papier weiß und mild
Ist oft das treueste einzige Bild,
Das der Mensch zurückläßt künftigen Zeiten,
Da über seinen Staub die Urenkel schreiten.
Das Gebein ist zerstreut, der Grabstein verwittert,
Das Haus zerfallen, die Werke zersplittert;
Wer weist in der ewigen, großen Natur
In der wir gewaltet, unsere Spur?
Neue Menschen ringen mit neuem Geschick,
Keiner denkt an die alten zurück.
Da ist ein Blatt mit seinen bleichen
Tintenstrichen oft das einzige Zeichen,
Von dem Wesen, das einst gelebt und gelitten,
Gelacht, geweint, genossen, gestritten;
Und der Gedanke, dem Herzen entsprossen
In Schmerz oder Lust und tollen Possen,
Sinkt hier nieder, und der Ewigkeit Kuß
Verhärtet ihn zu einem ewigen Guß.
O, möge er geläutert in fernen Zeiten
Wieder in die Herzen der Menschen gleiten!

Meine Ankunft hier ist an einem Samstag
gewesen. Als ich am Winkelbach hereingestolpert
bin, ist mir schon hie und da so ein Waldteufel
begegnet, wie sie braun und bärtig, voll Moos
und Harz in ihren Lodenkitteln hier herumgehen.
Sie sind anzuschauen, wie verbannte dürrästige
Baumstrünke, die nach einem frischen Erdboden
suchen, auf dem sie wieder wachsen und gedeihen
mögen. Da sind sie gerne vor mir stehen geblieben, haben mit Schwamm und Stein Tabakfeuer
geschlagen und mich finster oder völlig verwundert
angeschaut. Mancher Augen haben so Funken geworfen, wie ihre Feuersteine. Andere sind wieder
treuherzig und weisen mir den Weg. Ein sehr derber und sehr stemmiger Bursche, der eine Rückentrage mit Säge, Axt, Mehlkübel und anderen
Dingen getragen hat, ist, als er mich des Weges
schreiten sieht, mißtrauisch bei Seite gestanden, und
hat gemurmelt: „Gelobt sei Jesu Christ!“

„In Ewigkeit, Amen,“ ist meine Antwort,
und als er diese hört, wird er zutraulich und geht
eine Strecke mit mir.

Endlich öffnet sich ein wenig das Thal. Es
ist ein kleiner Kessel, in welchen aus verschiedenen
Schluchten, und gar über das Gewände hernieder,
das sich zu meiner linken Hand erhebt, mehrere
Wässer zusammenfließen. Diese bilden die Winkel.
Hier ist ein sehr dicker, oberseitig plattgehackter
Baumstamm über den Bach gelegt, auf welchem
der Fußsteig hinüberführt zu einem hölzernen
Hause, das am Waldhange steht. Das ist die
Försterschaft, das einzige größere Haus in diesen
Wäldern. Weiter hin in den Gräben 
und Hochthälern sind Hirten- oder Holzschlägerwohnungen, und jenseits der bewaldeten Bergrücken,
wo schon große Blößen geschlagen sind und ein Kohlenweg angelegt ist, stehen Dörfer von Köhlerhütten.

Dieses kleine Thal heißen sie „im Winkel.“
Es ist noch fast ganz in seiner Urthümlichkeit, nur
daß das stattliche Haus mit seiner kleinen, häuslichen Umgebung darin steht, und der Fußpfad
und der Weg dahin führt.

Das Försterhaus nennen sie auch das Winkelhüterhaus. Ich bin in dasselbe gegangen, habe in
der Flur mein Bündel auf eine Truhe gestellt und
mich selbst daneben hingesetzt.

Der Förster ist just mit Arbeitsleuten beschäftigt, die ihre Rait, das heißt, ihren vierwöchentlichen Arbeitslohn einheben, wie es bei den Holzleuten so Herkommen ist.

Der Förster, ein sehr herrischer und ein sehr
rothbärtiger Mann, hat die Leute gar rauh und
kurz abgefertigt; und die Leute haben sich die
Rauheit sehr gerne gefallen lassen und gar artig
schweigsam ihr Geld eingestrichen.

Nachdem das Geschäft geschlichtet worden,
steht der Förster auf und reckt seine stemmigen
Glieder, die in echter und rechter Jägertracht stecken.
So trete ich jetztund zu ihm und überreiche ihm
ein Schreiben, das ich von dem Eigenthümer der
Wälder mitgebracht habe.

In diesem Schreiben wird alles Wesentliche
gestanden sein. Es ist mir eine gut eingerichtete
Stube angewiesen worden. Eine kernige Frau, die
da ist und umsichtig Alles ordnet, wie es ihr scheint,
daß es nöthig und gut, ist mit in die Seiten gestemmten Armen jählings vor meiner offenen Thür
stehen geblieben und hat laut und hell gerufen:
„Jerum, jerum, so schaut ein Schulmeister aus?!“

Sie hat in ihrem Leben noch keinen Schulmeister gesehen.

Ich bin bald eingerichtet, habe meine wenigen
mitgebrachten Habseligkeiten in Ordnung. Da tritt
der Förster in meine Stube. Er hat schier höflich
angeklopft. Er besieht meine Wohnung und frägt:
„Ist sie euch gut genug?“

„Sie ist gut genug.“

„Seid ihr zufrieden?“

„Ich hoffe, daß ich recht zufrieden sein werde.“

„So wird es recht sein.“

Darauf geht er mehrmals über die Dielen
auf und ab und die beiden Hände in die Hosentaschen gesteckt, bleibt er letztlich vor mir stehen:

„Und nun seht zu, wie ihr anheben und
fortkommen mögt. Ich gehe morgen davon und
komme nur jeden Samstag in das Winkel herein.
Die übrigen Tage habe ich in anderen Gegenden
zu schaffen, meine Wohnung ist in Holdenschlag,
vier Wegstunden von hier. — Gleich eine Schule
aufrichten, lieber Mann, das schlagt euch wol aus
dem Kopf. Erst müssen wir mit den Alten fertig
werden. Ihr, ich sag’s, das sind Steinschädel!
Und daß ihr’s nur gleich wißt, wir haben allerhand Leut’ da in unseren Wäldern. Nachweisen
läßt sich Keiner was Arges, aber sie sind hergezogen von Aufgang und Niedergang — weßweg,
das weiß der Herrgott. Zumeist sind es wol
Bauersleut’ von den vorderen Gegenden herein,
die sich in die Wälder geflüchtet haben, um der
Wehrpflicht zu entrinnen. Gibt auch Gesellen unter
ihnen, denen man in der dunklen Nacht nicht gerne
begegnet. Wildschützen sind sie Alle. So lange sie
nur auf das Thier des Waldes schießen, lassen
wir sie frei herumgehen; das ist nicht zu ändern
und man braucht ihrer Hände Arbeit. Wenn sie
aber auch einmal einen Jäger niederbrennen, dann
lassen wir sie wol aus dem Wald führen. Beweibet sind die meisten, aber Jeder hat die Seine
nicht vom Traualtar geholt. Werdet Leute antreffen,
die in diesem Jahrhundert noch keine Kirchenglocke
gehört und keinen Chorrock gesehen haben. Werdet
bald merken, was das bei den Leuten für Folgen
hat. — Thut es, auf welche Weise ihr glaubt,
aber ihr müßt vorerst die Leute kennen lernen.
Und wenn ihr dann meint, ihr würdet auf sie
einzuwirken vermögen, dann werden wir euch darin
unterstützen. Ihr seid noch recht jung, mein Freund,
gebt Acht und seid gescheit! — Wenn ihr wollt,
so nehmt euch die erste Zeit einen Jungen, der
euch mit der Gegend bekannt macht. Und wenn
ihr was benöthigt, so wendet euch an mich. Gehabt euch wohl!“

Nach diesen Worten ist er davon gegangen,
Das, scheint es, ist nun mein Herr; möge er auch
mein Schützer sein!

Schon in der ersten Nacht habe ich in dem
Strohbette sehr gut geschlafen. Das Rauschen, das
vom Bach heraufkommt, thut mir wol. — Es ist
der Brachmonat, aber die Sonne kommt sehr spät
über den Waldberg herauf, daß sie freundlich in
meine Stube luget.

Ich bin des Morgens hinaus in das Freie
gegangen. Wie ist es da frisch und grün
und thauschimmernd, und über die Waldberge,
so weit sie von dem engen Thal aus zu
sehen, spinnt und webt sich das bläuliche Sonnentuch über die schattigen Lehnen. Gegen die Abendseite hin streben die Vesten der Felsen auf, und
oben am Rande stehen wie Schildwachen verwitterte
Fichtenzwerge in die tiefe Bläue des Himmels
hinein. Der Rand da oben soll aber noch lange
die höchste Zinne nicht sein. Darüber kämen erst
die Matten der Almen, wo jetzt die rothen Rosen
blühen sollen in zahllosen Sträuchen; hernach
kämen wieder Felswände, an denen das milde
Edelweiß prangt und die rothen Tropfen der Kohlröschen zittern, wie ich das als Hochschüler auf
Ausflügen mehrmals gefunden habe. Ueber diesen
Felsen legt es sich wol hin in weiten unwirthlichen
Feldern des Schnee’s und des Eises, wie ich
sie gestern als eine weiße Tafel schimmern hab
gesehen.

Wenn ich in meinen Aufgaben hierunten
glücklich bin, so will ich einmal emporsteigen zu
den Gletschern. Und über den Gletschern ragt letztlich der graue Zahn, von dessen Spitze aus, wie
mir meine Wirthin hat gesagt, in weitesten Weiten
das große Wasser soll zu sehen sein. Bin ich glücklich hierunten, so gönne ich mir, daß ich von dem
hohen Berge aus einmal das Meer erschaue.

Ich bin in Krieg und Sturm durch die halbe
Welt gerast, und hab nichts gesehen, als Staub
und Stein; und jetzt in Ruh und Frieden
der Einsamkeit geht mir ein Auge auf für die
Schöpfung.

Aber — Wildschützen, Soldatenflüchtlinge,
wilde Gesellen, denen man zur Nacht nicht gerne
begegnet! — Andreas, das wird ein heißes Tagwerk geben!

Urwaldfrieden.

Mir ist es schon recht im Walde. Die wenigen Leute, die mich in den Wald gehen sehen,
lugen mir nach und können es nicht verstehen, daß
ich ein junger blühender Bursche so in der Einsamkeit herumsteige. Ei ja, freilich, ich werde von
Tag zu Tag jünger und hebe gar an, zu blühen.
Ich genese. Das macht die frische, urthümliche
Schöpfung, die mich umwebt.

Gefühlsschwärmerei treibe ich nicht. Wie er
einzieht durch die Augen und Ohren und all die
Sinne, der liebe, der schöne Wald, so mag ich ihn
genießen. Nur der Einsame findet den Wald; wo
ihn Mehrere suchen, da flieht er, und nur die
Bäume bleiben zurück.

Sie sehen den Wald vor Bäumen nicht. Ja,
noch mehr, oder zwar noch weniger, sie sehen auch
die Bäume nicht. Sie sehen nur das Holz, das
zum Zimmern oder Verkohlen, das Reisig, das
zum Besen dient. Oder sie machen die grauen
Augen der Gelahrtheit auf und sagen: Der da
gehört in diese Klasse, oder in diese — als wie
wenn die hundertjährigen Tannen und Eichen lauter
Schulbuben wären.

Mir ist es schon recht im Walde. Ich will,
so lange ich ihn genieße, von seinem Zwecke, wie
diesen Zweck die Gewinnsucht der Menschen versteht, kein Wort noch gehört haben; ich will so
kindlich unwissend sein, als wär ich erst heute vom
Himmel gefallen auf das weiche, kühle Moos im
Schatten des Waldes.

Ein Netz von Wurzeln umgibt mich, theils
saugt es aus der Erde seinen Bäumen die Muttermilch, theils sucht es den Moosboden und den
Andreas Erdmann darauf mit sich zu verflechten.
Ich ruhe sanft auf den Armen des Netzes — auf
Mutterarmen.

Geradeempor ragt der braune Stamm der
Fichte und reckt einen reichen Kranz von knorrigen
Aesten nach allen Seiten. Die Aeste haben lange,
graue Bärte — so hängen die filzigen Flechtenfahnen nieder von Zweig zu Zweig. Wohlgeglättet
und balsamtriefend ist die silberigschimmernde Tanne.
In den rauhen, furchigen, verschnörkelten Rinden
der Lärche aber ist mit den geheimnißvollen Zeichen
der zahllosen Schrammen die ganze Weltgeschichte
eingegraben, von dem Tage an, als der verbannte
Brudermörder Kain zum erstenmale unter dem wilden
Astgeflechte der Lärche geruht hat, bis zur Stunde,
wo ein Anderer, auch ein Heimatloser, den Wohlduft der weichen, hellgrünen Nadeln friedlich trinkt.

Dunkel ist’s, wie in einem gothischen Tempel;
nur der Nadelwald baut den Spitzbogenstyl. Obenhin ragen die hunderttausend Thürmchen der
Wipfel; dazwischen nieder auf den schattigen
Grund leuchtet, wie in kleinen Täfelchen zerschnitten, die tiefe Himmelsbläue. Oder es segeln hoch
oben weiße Wölkelein hin, und suchen mich zu
erspähen, mich, das Würmchen im Waldfilz, und
wehen mir einen Gruß zu — von . . . . Nein,
sie ist geborgen unter stolzem Dache von Menschenhand; ihr Wolken habt sie nicht gesehen, oder habt
ihr sie? — Ach, sie wehen von fernen Oeden
und Meeren.

Da flüstert es, da säuselt es; es sprechen
miteinander die Bäume. Es träumt der Wald.

Eine schneeweiße, große Blüte weht heran;
blühen die Nadelwälder denn nicht in den Blutstropfen ihrer purpurnen Zäpfchen? Woher die
weiße Blüte? Es ist ein Schmetterling, der sich
verirrt von seiner sonnigen Wiese und nun im
Dunkel des Waldes angstvoll gaukelt.

Wer bricht aber in den verwachsenen Kronen
die Aeste entzwei, daß sie krachen und prasseln und
in dürren Strünken niedertänzeln? Ein Habicht
braust dahin mit einem grellen Pfiff und ein
armes Waldhuhn muß sein Leben enden. Alle
Wildtauben sind auf und girren ihr Sterbegebet
— da knallt es, und nieder inmitten des schimmernden, wogenden Kranzes der Tauben stürzt der
getroffene Raubvogel. Unterwegs zum Grab will
seine Klaue noch ein Opfer haschen und in dem
brechenden Auge funkelt lange noch die Raubgier.

All mein Lebtag hab ich keine so merkwürdige Webematte gesehen, als dieses bunte, wunderbare Flechtwerk des Moosbodens. Das ist ein
Wald im Kleinen und in dem Schooße seines
Schattens ruhen vielleicht wieder Wesen, die wie
ich das ewige Gewebe der Schöpfung betrachten.
Hei, wie die Ameisen eilen und rennen, wie sie
mit ihren haardicken Armen der kleinen Dinge
kleinste umklammern, mit ihrem ätzenden Saft
alles feindliche zu vergiften meinen; sie wollen
gewiß auch noch die Welt gewinnen vor dem
jüngsten Tag.

Ein glänzender Käfer hat ihnen lange zugesehen, er denkt verächtlich über die mühsam Kriechenden, denn er selbst hat Flügel. Jetzt flattert er
übermütig empor und funkelnd kreist er hin, und
plötzlich ist er umgarnt und gefesselt in zahllosen
Stricken. Die Spinne hat an diesem Dinge schon
lange still und emsig gearbeitet; ein Schleier, wie
kostbarer keiner geflochten wird auf Erden, ist des
strahlenden Käfers Leichenkleid geworden.

Die Vöglein im Geäste wollen auch ihr
Kunstwerk stellen; sie flechten, wo das Reisig am
dichtesten ist, aus Halmen und Zweigen ein Wiegenkörbchen für ihre liebe Jugend. Und wenn ihnen
die Sonne just recht am Himmel steht, so singen
und jauchzen sie bei ihrer Arbeit, daß es in allen
Nadeln und Bäumen wiederklingt, sonst aber hocken
sie im Nest und schnäbeln und legen die zarten,
buntstreifigen Eier.

Ob es denn wahr ist, daß sich derselbe eine
rothe Faden fortspinnt durch alle Geschlechter des
Menschen- und Thierreiches bis hinab zum allerkleinsten Wesen; ob denn Alles nach dem einen
und selben Gesetze geht, was der König Salomon
gethan auf seinem goldenen Throne, und was die
träge sich wälzende Raupe thut unter dem Stein?
Das möcht’ ich wol wissen.

Husch, dort hüpft ein Reh und ein Hase,
bricht sich der gekrönte Hirsch Bahn durch das
Gestrüppe. Jeglicher Strauch thut auch so geheimnißvoll, als ob er hundert Leben und Waldgeister
in sich verberge. — Jetztund höre ich das Läuten
der Hummel. Wenn in diesen Wäldern einmal eine
Kirche gebaut würde und eine Glocke auf den
Thurm käme — so müßte sie klingen. — Auf dem
Erdgrunde liegen die scharfgeschnittenen Schattengestalten und darüber hin spinnen sich die Saiten
des Lichtes. Und die Finger des Waldhauches
spielen in diesen Saiten.

Ich trete hinaus in die Lichtung. Ein zitternder Lufthauch rieselt mir entgegen, schmeichelt mit
den Locken, küßt die Wangen, daß sie röthen. Hellgrünes Haidegebüsch mit den rothen Blüthenglöckchen der Beeren hier, und dunkelglänzendes Preiselbeerkraut, der immergrüne Lorbeer unserer Alpen,
für den würdigen Dichter des Waldes, so einer
zur Welt geboren wird. Die Waldbiene surrt
herum auf den Sträuchen und jedes Blatt ist für
sie ein gedeckter Tisch.

Und über dieser dämmernden, duftenden Flur
erhebt sich ein schwarzer Strunk, mit dem gehobenen Arm seines kahlen Astes trotzig dem Himmel
drohend, weil dieser durch einen nächtlichen Blitzstrahl ihm das Haupt gespalten. Und es erhebt sich
dort graues, zerklüftetes Gestein, in dessen Spalten
sich behende die Eidechse birgt und die schimmernde
Natter, und an dessen Fuße die breiten, durchbrochenen Blätter der Farrenkräuter, und die blauen,
allfort grußschwankenden Hütchen der Enziane wuchern. Weithin, wo sich die Quelle befreit und aus
ihrem dunkelschattigen Grunde schimmert, wachsen
an ihrem Ufer die tausend Herzen des Sauerklee’s
und der Wildkresse, die der Hirsch so gerne pflückt
und das Reh, auf daß sie ihre Lunge nicht verlasse zur gefährlichen Stunde der Flucht.

An der Lehne neben Dornstrauch und wilden
Rosen liegt vom Sturme hingeworfen seit vielen
Jahren das Gerippe einer mächtigen Fichte, schier
weiß, wie Elfenbein. Hoch ragen ihre Wurzeln
auf, wie einst ihr Wipfel, und eine Schnecke hat
sich verirrt in einen starren Zweig der Wurzel
hinaus und kann ihren Weg kaum finden zum
Erdreich zurück.

Das jauchzende Brüllen eines Stieres hallt
heran, oder das Schellen und Meckern einer Ziege.
Der Hirtenjunge hüpft herbei. Mit den Wachholdersträuchen mag er nichts zu schaffen haben, die
Nadeln stechen, die blauen Beeren sind bitter.
Aber Erdbeeren pflückt er in die Haube, oder, was
ihm lieber ist, in den Mund. Dann pflückt er das
schmale, spitzige Blatt einer Enziane, führt es zur
Lippe und bringt durch dasselbe einen Pfiff hervor,
der weithin hallt in den Hängen und den in der
Ferne andere Hirtenjungen wieder zurückgeben. Das
ist dem Völklein des Waldes das Zeichen seiner
Brüderlichkeit.

Durch das Himbeergestrüppe windet sich ein
halblahmer Pecher, oder ein schiefäugiger Wurzelgräber, oder ein dickhalsiger Waldrauchsammler,
der aus dem Ameisenhaufen die Harzkörner hervorschafft. Aus diesen Harzkörnern bereitet er den
Weihrauch, das wundersame Korn, dessen Wolkenschleier der Sterblichen Augen bezaubert, daß sie
hinsinken vor das Opferbrot und den Herrn sehen.

Am Rain bei purpurnen Eriken, unter Brombeerlaub wuchert die Süßwurzel; das ist des Hirtenknaben leckeres Gewürze, und auch die Sennin
nascht gerne davon, auf daß sie eine klingende
Stimme kriege zum Jodeln auf der Alm. Der
Sennin — merk ich — geht es oft sonderbar,
wol hat sie viele, gar rechtschaffen viele Worte auf
der Zunge, aber sie hat noch weit mehr Empfindungen im Herzen; sie hat zuletzt keine Worte für
Alle, und so drückt sie sich denn anders aus und
singt ein Lied ohne Worte, das sie hier, so weit
es klingt, den Jodler heißen.

Ich ziehe durch einen von Wildwässern des
Kares ausgerissenen Hohlweg abwärts. Bäume und
Sträuche wölben ihn zu einer düsteren Laube. Ein
kühler Lufthauch fächelt, da stehe ich am schattigen
Ufer eines finsteren Waldsees. Düsteres Gewände
und schlanke, röthlich braune Stämme des Urwaldes schließen ihn ein, und die Wipfelkronen oben
sind miteinander verschlungen zu einer dämmerigen
Decke. O, so still — so still ist’s über dem See.
Das verlorene Blatt einer Buche oder Eiche raschelt
heran, ich höre jenes ewige Klingen der tiefsten
Lautlosigkeit.

Es ist wo ein Glöcklein im Weltenraum,
wir wissen nicht im Erdengrund hienieden, oder
im Sternenkranze — das ruft uns allerwege. Und
zur ruhsamen Stund’ erfaßt unsere Seele den traulichen Klang und sehnt sich . . . . und sehnt sich
— — — — — — — — — —

Urwaldfrieden, du stille, du heilige Zuflucht
der Verwaisten, Verlassenen, Verfolgten — Weltmüden; du einziges Eden, das den Glücklosen noch
geblieben! —

Horch, Andreas! Hörst du das Klingen und
Hallen des wortlosen Liedes? Das ist das Lust- und Gotteslied der Hirten. — Hörst du auch das
ferne Pochen und Schallen? Das ist der Holzhauer
mit der Axt — der Engel mit dem Schwerte.

Bei den Hirten.

Das Hirtenvolk ist das erste gewesen. Die
Hirten sind von den Menschen, denen man in
diesen Waldbergen begegnen kann, die harmlosesten. So habe ich mit dem Hirtenvolke angefangen.

Hab jetztund auch schon ein gut Stück Schäferleben ausgekundschaftet. Bis auf die Zweie oben
in der Miesenbachhütte sind sie aber nicht allhier
daheim; die Hirten sind nirgends daheim, sind
Wandersleute. Zur Winterszeit leben sie in den
unteren, vorderen Gegenden, hausen in Bauernhöfen, denen sie angehören. Sie leben bei den
Menschen und schlafen bei den Rindern und
Ziegen. Dann kommt das Frühjahr; die Aehren
auf dem Felde gucken schon ein wenig aus den
grünen Hülsen hervor und gen Himmel auf, zu
sehen, ob nicht die Schwalben schon da. Die
Frühlingsgießbäche schwinden und trocknen. — Jetzt
thun sie ihren Viehstand aus dem Stall und ziehen
selbander den Almen zu. Die Kühe tragen klingende Schellen, die Kalben und Stiere tragen
grünende Kränze, schier, wie am Gottleichnamstag
die Knaben und Mädchen.

Bei dem Auftriebe zur Alm, wenn junge
Leute und Rinder mitsammen wandern, geht das
Bekränzen ohn’ Aergerniß ab; wenn aber nach
vielen Flitterwochen auf lichten Höhen die Rinder
zum Spätherbst wieder mit frischen Kränzen zurück
in’s Thal kommen, so trägt nicht immer auch die
Sennin den grünen Zweig noch im Haar. Auf der
Alm gibt es viel Sonne und wenig Schatten, und
das frische Wasser muß der Almbub weiten Weges
herbeischleppen — da verdorrt bigott nichts leichter,
als so ein zart Sträußlein im Lockenhaar.

Zur lieben Sommerszeit ist es da oben gut
sein. So sind sie denn gut und froh, und ich —
wahrhaftig und bei meiner Treu, ich bin’s mit
ihnen. Gram und Herzweh sind wie Glashauspflanzen, die wollen in der frischen Alpenluft nicht gedeihen. Gar der Alte, der sonst brumbeißige Ochsenhalter, der seine schwerfällige Schaar auf den Almen
weidet, hat ein lustig Pfeiflein bei sich, das trotz
der heisergewordenen Lunge des Alten noch rechtschaffen hell mag jauchzen. Allerweil singen und
blasen, sonst wird er mager, der arme, einsame
Narr, und das Oechslein nicht fett.

Und in der Sennerei, da ist’s gut bestellt;
da ist hübsch Alles beisammen. An dem Herd mit
der Flamme und den rußigen Töpfen sitzt die
Häuslichkeit. Vor dem wackelnden Tischchen an dem
kindisch aufgeputzten Hausaltar kniet die Religion.
Und wo die Bettstatt steht, da hatte Gott nichts
Besseres mehr hinzustellen vermögen. Aus rauhen
Brettern ist das Bett gezimmert, mit Moos und
Binsen gefüttert — so muß es sein, soll die
junge Almerin fröhlich darin träumen. In der
Nebenkammer stehen Kübel und Töpfe; da ist
das Milch- und Buttergeschäft, dessen Erträgniß dem Eigenthümer der Sennerei redlich zugeliefert wird.

Die ganze Wirthschaft schließen vier Holzwände ein, in denen die Almerin nächtlicher Weile
das Goldmännlein klöpfeln hört; dieses Klöpfeln
bedeutet ihr die Erfüllung des geheimsten Herzenswunsches. — Ich habe der gläubigen Aga nicht
sagen mögen, daß ich meine, das klöpfelnde Goldmännlein dürft ein fleißiger Holzwurm sein. Was
der tausend gingen auch dem Holzwurm ihre Herzenswünsche an! Diese werden aber doch erfüllt;
die einfältigen Leute da herum haben lauter
Wünsche, die erfüllbar sind. Und wie die Maid
in der Hütte, so schlummert im Stall die Herde
und der Hirtenbursche ruhigen Gewissens.

Am Morgen, da schreit die helle Sonne zum
Fenster herein. Sie schreit, es sei Zeit! da will die
Sennin mit dem Kübel in den Stall, wo unter
vier Füßen die weißen Milch- und Butterbrünnlein
fließen. Auf die Milch wartet schon die Flamme
des Herdes und auf die Suppe der Hirtenbursche.
Er jodelt und jauchzt, da vergeht die Zeit. Das
Einfachste aber ist schon, wie’s der Berthold macht:
er legt sich unter die Bäuche der Kühe und
trinkt das Frühstück gleich aus dem Euter heraus.

Just bei dem Berthold und der Aga in
der Miesenbachhütte hab ich meine Erfahrungen
gemacht. — Nimmt nach der Morgensuppe die
Aga den Korb auf den Rücken und steigt hinab
gegen die Futterwiese der Thalmulde, auf daß sie
als sorgliche Hausfrau ihrem vierfüßigen Gesinde
den Tisch bereite, bei dem es sich melken läßt.
Mahl hält die Herde den ganzen Tag; schon zur
Morgenfrühe leitet sie der Berthold auf die thaufrische Weide.

Ich habe zu solcher Stunde einmal der Aga
zugehört. Sie trillert und singt; es ist ein wundersam Liedchen:

„Wan da Winkelboch va Milch wa,
Und da Hochkogl va Butta,
Und ’s Winkelthol vul Sterz dazua,
Dös war a Fress’n mei Bua!“

Der Berthold hört’s, besinnt sich nicht lange;
auf ein so sächlich Lied gehört ein noch sächlicheres. Er steht auf der Wand und singt dem
Mädchen zu:

„Wan dei roth’s Hor va Guld wa,
Und dei Kröpfl vul Thola,
Und dei Miada vul Edlstoan,
Dös wa ma recht, dös kunt’s thoan!“

Und d’rauf sie:

„Die Thola thatn dih juckn,
Die Edlstoan thatn dih druckn,
A guldanas Hor war olls z’viel zort
Fü dein borstadn Bort.“

O, sie bleiben einander nichts schuldig, sie
wissen zu fechten.

Wie es aber nur kommen mag, daß im
Waldland für Lieb’ und Zärtlichkeit nicht so viele
und gute Worte wachsen wollen, als für Spott
und Posse? Ist schon die Lieb’ da unten nicht
gar geschwätzig, so ist sie hieroben bei den Legfähren und Kohlröschen stumm, wie der Fisch im
Wasser. Der Kuß wird hier auch nicht so gepflegt,
wie anderswo. Weiß sich aber so ein verliebter Bursch mit seiner Empfindung nicht anders
zu helfen, so faßt er sein Mädchen, wie der
Müller den Kornsack, und schwingt es hoch in
die Luft und thut ein Jauchzen dabei, daß schier
die Wolken auseinanderfahren, wenn welche am
Himmel stehen.

Der Berthold macht es um kein Tüpfelchen
anders. — Es sind zwei junge, blutarme Leute,
auf einsamer Alpenhöh’ sich selbst überlassen. Was
ist da zu beginnen? Je nun, je nun, ich denk’,
für mich dieweilen noch gar nichts.

Bei den Waldteufeln.

In dieser Wildniß gibt es Gewerbe, von
denen ich keine Ahnung gehabt habe. Buchstäblich
von der Erde, von dem Gesteine heraus graben
die Leute ihr Brot. Und von den Bäumen schaben
sie es herab, und aus dem alllebendigen Ameishaufen wühlen sie es hervor, und aus wilden,
ungenießbaren Früchten zwingen sie es durch all
die hundertfältigen Mittel ihrer Schlauheit. Daß
der Mensch doch so Alles zu finden und zu nützen
weiß! Hat er aber schon Alles gefunden und genützt? Und die Bedürfnisse, sind sie schon da gewesen, ehe die Mittel gefunden worden, oder sind
sie die Folgen der errungenen Dinge? — Wäre
das Letztere der Fall, ich hielte die tausenderlei
Errungenschaften für keinen Gewinn.

Die wüsten, verkommenen „Waldteufel“ stehen
mit den Menschenschaaren draußen in engerer
Verbindung, als man meint, und als sie es
vielleicht selbst ahnen mögen. Ei doch, sie wissen
es gar wol. Da ist gleich der Wurzner. Seine
Lodenkutte geht ihm schier bis zu den Waden
hinab; sein Hut ist ein wahres Familiendach, das
aber stellenweise schon durchlöchert ist und durchbricht. Schon von Weitem kennt man ihn. Da
oben im Gestein klettert er herum und wühlt mit
seinem krummen Stecheisen die Speikwurzel hervor.
Dabei brummt er denn gar zuweilen das Liedchen:

„Wan ih speikgrobn thua
Auf der Olm, do herobn,
Do denk ih gern auf d’Weibaleut.
Daroth’s es, wo da Speik hinkimmt?
In’s Türknland für d’Weibaleut,
Damit s’ an bessern Gruchn kriagn,
Im Türknland, de Weibaleut!“

Dieses stolze kühne Bewußtsein des Wurzners,
daß er die Frauenwelt des Morgenlandes in einen
bessern Geruch bringe, wird aber angefochten.

Dort auf der Felswand steht ein alter Gefährte, der hört das Lied; er häckelt die Messinghäftchen seines Wamses auf und öffnet seinen
Mund:

„Wanst ollaweil auf die türkischn
Weibaleut denkst,
Du Lota, so woaß ma’s schon!
Geh gwürz dih liaba selba
Mit Speik auf der Olm,
Leicht stehts da besser on!“

So necken sie sich, und das ist ihre harmlose
Seite. Aber der Waldteufel hat seinen Pferdefuß. Der rechte Waldteufel hat einen doppelläufigen
Kugelstutzen; der eine Lauf heißt „Gemsennoth,“
der andere „Jägertod.“ Könnt’ er schreiben, mit
seinem krummen Messer hätte er diese Namen in
den Stahl gegraben; aber, er merkt sich’s im Kopf,
das von Gemsennoth und Jägertod.

Wenn er einen lebendigen Geier oder Adler zu
kriegen weiß, so verschluckt er die Augen des Vogels.
Nach seinem Glauben leiht ihm das einen scharfen
Blick für sicheren Schuß. Längst hätt’ er das Graben aufgegeben und wollt’ ganz dem Wildern
leben, aber er vermeint, unter den Steinen und
Wurzeln einmal einen vergrabenen Schatz zu finden.
Schatzgraben, Gold und Edelstein unter der Erde,
das hat er im Märchen gehört und kann es
nimmermehr vergessen.

Gold und Edelstein unter der Erde! Schatzgraben! — Das Märchen hat recht; der Wurzelgräber
hat recht; der Ackersmann hat recht; der Bergknappe
hat recht. Aber der Schatzgräber hat nicht recht.

Deß acht ich, daß ich den Wurzner, oder den
Pechschaber, oder den Ameisenwühler nicht beleidige.
So Leute heben gar mit dem Wettermachen an,
daß all des Teufels ist. Blitz und Hagel kann die
Wälder vernichten weit und breit. Darum in den
Wald- und Alpengegenden die vielen schweren Gewitter, weil dahier die Wettermacher daheim. Wie
sie es aber anfangen, diese Waldteufel, daß die
Nebel aufsteigen aus den Schründen und Wetterlöchern, daß die Thaustäubchen zu Wasser verdichten, daß die Tropfen zu Eiskörnern erstarren, daß
die Eiskörner zu schweren Schlossen sich kochen,
daß aus den Wolken das wilde Feuer sprüht, daß
die flammenden Wurfspieße der Blitze hinsausen
durch die Nacht und daß die ungeheueren Rollen
der Donner sich wälzen, bis endlich Alles niederbricht zu den zitternden Menschen und Thieren der
Erde — wie sie das anfangen, das soll ein tiefes
Geheimniß der wilden Gesellen sein; ich habe es
bislang nicht zu erfahren vermögen.

Eines ist gewiß. Der Bauer der vorderen
Gegenden hat Ehrfurcht vor den Wildlingen im
Gebirge und liefert ihnen die Lebensmittel gegen
geringes Entgelt; es ist doch allfort besser, im
Beutel kein Gewinn, als auf dem Felde Schaden.

Wahrhaftig, das ist ein fürchterlicher Wahn
dieser Menschen, daß sie durch eigenes Wollen und
eigene Kraft Dinge zu wirken vermeinen, von denen
die Schöpfung den menschlichen Witz ausgeschlossen
hat für immerdar; und daß sie dagegen Dinge
verabsäumen, in denen sie durch eigenes Wollen und
eigene Kraft Großes hervorzubringen vermöchten.

Da oben hinter dem Bergrücken ist eine umwaldete Thalmulde, die sie die Wolfsgrube nennen.
Vor Kurzem bin ich in dieser Wolfsgrube gewesen.
Ich komme eben zurecht, wie sie einen Mann begraben, der weder Wurzner, noch Ameiswühler,
noch Pechschaber, noch Branntweinbrenner, noch ein
Wilderer gewesen war. Aber der allermerkwürdigste
Waldteufel. Die Sache hab ich theils selbst erfahren, theils ist sie mir erzählt und verbürgt worden.

Gearbeitet hat er gar nichts. Das ist Einer
gewesen, der sich durch Essen sein Brot erworben
hat. Sie haben ihn allerwärts den „Fresser“ genannt; einen andern Namen, halt ich, hat er gar
nicht gehabt. Das soll ein ganz verkommener
Mensch gewesen sein, aber gewaltig stark am Leibe.
Sein Haupthaar ist durch Schweiß und Harz zu
einem unlöslichen Filz verworren gewesen; da hat
er keines Hutes bedurft. Sein Bart ist gewesen
wie aus verdorrten Fichtennadeln; seine mächtigbreite Brust wie übersponnen mit zehnfachem
Spinnenweb; da hat er den Brustlatz erspart. An
seinen wuchtigen Füßen hat sich eine völlige Hornhaut gebildet; da ist ihm das Schuhwerk überflüßig gewesen. Eine fast grauenhafte Erscheinung!
ich hab ihn noch vor einigen Tagen im Winkel begegnet. Hebt, wie er mich sieht, eine Handvoll Sand
vom Boden auf und will den Sand verschlingen,
wenn ich ihm eine kleine Gabe dafür wollt’ reichen.
— Oft ist er hinaus auf die umliegenden Dörfer
auf Kirchtage gegangen, hat den Leuten was vorgefressen. Nicht Werg und Bänder und derlei
Dinge, wie es sonst Taschenspieler thun, hat er
verschlungen, sondern Tuchstücke, Leder und Glasscherben. Selbst Schuhnägel, und sie mögen noch
so rostig gewesen sein, hat er verzehrt. Gerne hat
er einen alten Stiefel oder Filzhut zerrissen, die
Fetzen mit Essig und Oel bereitet und gegessen.
Das hat ihm viel Geld eingebracht, und sein
Beutel wie sein Magen haben wol verdaut. Unsereinem thät so ein Essen nicht taugen, hat der
Rüppel gesagt, freilich wol, ein Schnäpslein muß
dazu sein, das beißt im Magen auch die Kieselsteine klein. — Jahr und Tag hat er’s trieben,
aber ein End nimmt’s mit Allem, und der Ostersonntag hat nicht viel größere Läng’, wie der
Charfreitag. Just beim Schnäpslein ist er gesessen
in Kranabethannes Hütte, und hat in seinem Uebermuth gesagt: „Kiefel dein Schwarzbrot nur
selber Hannes, ich trink den Branntwein und beiß
das Gläselein dazu.“ — Ist jetztund vom finsteren
Herdwinkel ein alter Wurzner hervorgekrochen:
„s schwarz’ Brot willst verachten? du!“ Darauf
der Fresser: „Geh her, Wurzner, dich freß ich
mitsammt deiner Krax!“ Hat der Alte
ein Würzlein hervorgezogen: „Da thät ich wol
was haben! Bursch, das ist noch ein wenig stärker,
wie du!“ — „Her damit!“ schreit der Fresser, er
rafft das Würzlein und steckt es in seinen Schlund.
— „Bist hin!“ hat der Alte gekichert, ist davon
in den Wald. — Steht nicht lang an, springt der
Fresser auf und hinaus auf den Anger. Dort stürzt
er nieder und ist todt über und über. Da haben
wir’s wol gewußt, was das Ding bedeutet. Den
alten Wurzner hat kein Mensch gekannt — der
Teufel ist’s gewesen.

Halb That, halb Mähr, so hat es der Leute
Aberglauben aufgefaßt und mir erzählt. Sie haben
den Mann auch nicht hinausgetragen auf den Holdenschlager Kirchhof. Im Moorboden der Wolfsgrube, wo nur die Binsengarbe wuchert und ihre
Flockenfähnlein wiegt, haben sie eine Grube gemacht.
In dichtes Fichtengeäste haben sie den Mann geschlungen, mit einer Stange haben sie ihn an das
Grab gewälzt bis er hinabgekollert.

Zur selbigen Stund’ ist eine kleine Schaar
von Betern über die Moorheide und durch die
Wolfsgrube gezogen. Sie war in einem Kare des
Hochgebirgsstockes gewesen, wo ein Kreuz stehen soll
im Gestein. Diese kleine Schaar ist an der Grube
stehen geblieben und hat laut für den Todten ein
Vaterunser gesprochen. Da hat jählings eine braune
Kohlenbrennerin das Wort ergriffen und in ihrer
Art ausgerufen: „Ihr Hascher, dem hilft euer
fromm Gebet just so viel, wie dem Fisch im
Wasser ein trocken Pfaidlein thät nützen. Der ist
schon dort, wo die Hühner hin pissen, das ist ja
der Glasscherbenfresser!“

„Nachher gilt das heilig Vaterunser für unsern Viehstand daheim!“ murmeln die Beter und
gehen davon.

Ein einziger Mann, ein blasser, schwarzlockiger,
völlig genickter und seltsam hastender Mann ist
noch stehen geblieben an der Grube, hat hinabgestarrt, hat mit zitternder Hand eine Scholle auf
den Leichnam im grünen Reiserkleide geworfen, hat
in der Runde umhergeblickt und die Worte gesagt:
„Mit Erden werden sie ihn doch bedecken. Seines
guten Magens wegen wird ihn der Teufel nicht
geholt haben; und etwan ist sein Herz nicht schlechter gewesen, als sein Magen.“

So die Grabrede. Und hierauf kommen ein
par Männer und scharren Erdreich in die Grube.

Ich bin später mit dem blassen, geknickten
Mann, den sie den Einspanig nennen, wieder zusammengekommen. Da habe ich an ihn die Frage
gethan: „Was ist das mit dem Glasscherbenfresser?
Das ist doch eine seltsame und märchenhafte Geschichte.“

„Seltsam und märchenhaft ist das ganze
Waldland,“ versetzt der blasse Mann, „besseren
Magen als unsereiner mag so ein Sohn der Wildniß schon haben. Und der Aberglauben ist dieser
Leute geistiges Leben.“

Nach diesen Worten hat er sich gewendet und
ist emsig von hinnen gestolpert.

Wie, Alter, bist nicht auch du selber ein
Sohn der Wildniß? Bist wahrhaftig seltsam und
märchenhaft genug. — Den Einspanig, den Einsamen nennen sie ihn, sonst wissen sie schier nichts
von ihm zu sagen.

Auch mit den Pechern hab ich schon Bekanntschaft gemacht. Der Pecher, das ist ein recht
wunderlicher Waldteufel. Man riecht ihn schon von
Weitem und man sieht ihn glitzern durch das
Dickicht. Die Hacke glitzert, mit der er das Harz
von den Bäumen schabt; die Steigeisen glitzern,
vermittelst welchen er an den glatten Stämmen
emporklettert, wie eine Waldkatze, um den Baum
auch an seiner Höhe abzuernten, oder wenn keine
Ernte ist, zu verwunden, auf daß für künftig das
Harz hervorquelle. Und die Lederhose glitzert, und
der mit Pech völlig überzogene Lodenspenser glitzert,
und die Scheide des langen Messers an den Lenden glitzert, und letztlich das schwarze Glutauge.
Wenn eine Blüthe oder eine niederfallende Tannennadel ihn streift, so bleibt sie kleben an seinem
Arm, an seinen Haaren, an seinem Bart. Wenn
eine Fliege herumtanzt oder ein Falter, oder eine
Spinne — das Thierchen bleibt kleben an dem
Manne; und bunt besetzt ist sein Kleid mit kleinen
Wesen aus dem Pflanzen- und Thierreiche, wenn
er in Wald- und Abenddunkel heim in seine Klause
kehrt. Der Pecher verwundet die Bäume gar arg
und bringt sie zuletzt um’s Leben. Der Urwald ist
dem Untergang verfallen. Die alten Tannen und
Fichten sind durch den Pecher zu Krüppeln geworden; jetzt strecken sie ihre langen Arme nach ihm
aus, möchten den Todfeind am liebsten erschlagen.

Aus dem Harze bereitet der Pecher durch das
Verfahren des Abdunstens das Terpentin und andere Oele, wie sie in den Waldgegenden gegen
allerhand Krankheiten und Gebrechen in großen
Mengen verwendet werden. Ich habe schon mehrmals zugesehen auf so einer Brennstelle, wie die
schwarze Masse kocht und brodelt, bis sie in geschlossene Thonbehälter kommt, aus welchen ihr zugewinnender Gehalt durch enge Röhren in die Zuber
und Flaschen übergezogen wird. Mit diesen Zubern
und Flaschen in einem großen Korbe geht nun der
Mann hausiren. Der Holzschläger kauft Pechöl gegen
jegliche Verletzungen, die er sich in seinen Kämpfen
mit dem Walde zuzieht. Der Kohlenbrenner kauft
Pechöl gegen Brandwunden; der Kohlenführer für
sein Roß; der Branntweiner für sein Fäßchen. Der
Wurzner kauft gegen Verrenkungen und Bauchgrimmen, das er sich durch seine meist ungekochte
Nahrung zuzieht. Das Kleinbäuerlein weiter draußen
kauft Pechöl für sein ganzes Haus und Vieh, gegen
alle bösen Zustände.

Du Pechölmann! mir nagt seit lang schon
im Herzen ein kleinwinzig Käferlein — wär’s
nicht zu tilgen mit deinem gallbitteren Oel? —

In des Pechers Klause darf man sich nicht
niedersetzen, man bliebe kleben. Und gleich kämen
die kleinen, ungewaschenen und zerzausten Rangen
heran, und krabbelten empor und ritten gar auf
den Nacken und man käme ihrer nicht mehr los.
— Das sind die lebendigen Sünden der Alten,
sagt meine Haushälterin.

Des Pechers Wohnung ist einfach genug.
Unterhalb der nackte Erdboden, oberhalb das schieferige Baumrindendach, seithalb die Wand aus
rohen Stämmen gezimmert und mit Moos verstopft. Der holperige Herd ist gleich als Tisch
eingerichtet. Unter der Bettstatt ist die Vorrathskammer für Erdäpfel, Schwämme und Holzbirnen.
Der wurmstichige Kleiderschrank ist das Allerheiligste
des Hauses, er bewahrt die geweihten Andenken
der Voreltern, das Taufangebinde der Kinder, und
den Wettermantel des Pechers, wenn er nicht am
Leibe ist. Die Fenster haben kaum so viel Glas,
daß, wie die Leut’ sagen, der „Fresser“ sich daran
einmal hätte satt essen können. „Lappen und
Strohpapier sind auch so gut, wie Spiegelscheiben,
wenn Einer kein sauberes Gesicht durchgucken lassen
kann,“ meint der Pecher. Wol, er weiß von Spiegelscheiben was, der ist nicht allfort im Wald gewesen. Gar weit, weit in der Wienerstadt ist er
wachgestanden vor Spiegelscheiben — hat ihm nicht
gefallen, ist durchgegangen, ist eingefangen worden,
ist spießruthengelaufen, ist wieder durchgegangen
und in die tiefste Wildniß herein, — läßt sich
nicht mehr fangen.

Hinter dem Schrank hängt das Schießgewehr.
Tritt einmal der herrschaftliche Jäger in’s Haus
und sieht er’s, so ist’s gut — eine Waffe muß
sein, im Wald gibt es Wölfe. Sieht er’s nicht,
so ist’s besser.

Bei des Pechers Hauswirthin ist’s auch so;
sieht man sie, so muß man bedenken, daß im vierzigsten Jahr bei Niemandem ein neuer Frühling
mehr anbricht, daß, wie das Sprichwort sagt, am
Halse ein Kropf besser ist, als ein Loch, daß einäugig nicht blind, und daß ein wenig Säbelbeinigkeit weder Schande noch Prahlerei ist. Sieht man
sie nicht, so ist’s besser.

Wie ich aber schon wahrgenommen hab,
bleibt an manchem Pecher zuweilen auch ein junges
Weibchen kleben. Viele Landmädchen sind um ein
gut Theil anders, wie die Stadtfräulein. Die
Stadtfräulein haben es zumeist nicht ungern, wenn
ihre Liebhaber recht schön weiß und zart und schlank
und gefügig sind, und zärtlich wie Tauben. Die
Landdirnen wieder mögen Einen, der recht derb
und rauh und struppig und eckig und wild ist.
Wenn Eine die Wahl hat zwischen Einem, der ihr
schäckernd die Strümpfchen stopfet, und einem Andern, der sie anwettert mit jedem Wort — so
nimmt sie den Wetterer.

Sie hat ihn ja doch im Sack. Wie geht das
Lied, das der Pecher gern singt?

„Für’s Pech hon ih mei Hackel,
Für’s Haserl mei Bix;
Für’n Jager a por dicke Fäust,
Für’s Mensch hon ih nix.
Nix is ollszweng, hot s’ gsogt,
Hot mih ba da Thür ausgjogt;
Hiazt geh ih, und prügl an Jager o,
Daß ih an Unterholtin ho.“

Indeß, wer einmal so ein Liedchen singt, der
thut dem Jäger nichts. Wer mit finsteren Gedanken
umgeht, der singt kein heiter Lied. —

Unter den Waldteufeln der Gehobeltste, Geschmeidigste und meines Ermessens der Gefährlichste
ist der Branntweiner. Er trägt ein feineres Tuch,
wie die Andern und schneidet allwöchentlich seinen
Bart. Er trägt allerwege so ein Fläschchen mit sich
herum, mit dem er vertraulich Jedem aufwartet,
der ihm in den Weg kommt. „Du,“ sagt er zum
Wurzner, zum Pecher, wenn es heißer Sommer ist,
„du, ein süß, frisch Tröpfel hätt ich da!“ Und
wenn es kalter Winter ist: „Du, los auf,
das höllisch Feuer hätt’ ich da!“

Wer trinkt, der ist ihm verschrieben, verfallen,
der kommt ihm in die Schenke.

Der Branntweiner erntet zweimal. Für’s Erste
von den Ebereschen die rothen Beeren, von den
Hagebutten, Wachholdersträuchen, vom Heidekraut,
von Allem, was hier Früchte hervorbringt. Der
Branntweiner glaubt an den Geist der Natur, der
in allen Geschöpfen lebt, und beschwört ihn hervor
aus den Früchten des Waldes, und — wie jener
Zauberer im Märchen — hinein in die Flasche;
— flugs den Stöpsel darauf, daß er gefangen ist.
Seine Brennerei ist ein förmlicher Zauberkreis
unter dem hohen, finsteren Tann, ein Kreis, wie
ihn auch die Spinne zieht und einwebt. Bald
sind ein par Fliegen da und zappeln in dem
Netze. Die Waldleute, wie sie herum- und ihren
Geschäften nachgehen, zuletzt aber kleben bleiben in
der Schenke — das sind der Spinne die Fliegen,
an denen der Branntweiner nun seine zweite
Ernte hält.

Jedes Weib räth dem Mann, er möge nicht
den Weg über den Tann nehmen, der sei so finster
und uneben, er sei auch weiter. Der Mann sieht’s
ein, hat auch gar nichts auf dem Tann zu thun,
aber — ’s ist eben ein wandelbar Ding, die Gesundheit — wie er so hinschreitet, da empfindet er
jählings so ein Drücken in der Gurgel, ein Grimmen im Bauch — ein schlimmes Grimmen, schier
wie die Magengicht. Pechöl hat er keines bei sich,
da weiß er nur noch Ein Mittel und — er nimmt
den Weg über den Tann. — „Das erste Gläschen
— sagt der Rüppel — lindert den Schmerz; das
zweite macht warm im Herz; das dritte macht
noch wärmer; das vierte macht den Beutel nicht
mehr ärmer; das fünfte mag erst recht die Glieder
spannen; bei dem sechsten wackeln schon die Tannen;
bei dem siebenten geht es glühheiß durch den Leib;
bei dem achten verlangt sich’s nach dem Weib.“

Heimwärts wankend aber flucht der gute
Mann über das „schlechte“ Weib, daß es ihm in
diesem schaudervollen Nebel mit keinem Licht entgegenkommt; und wenn er endlich — den Hut
tief und schief in die Stirne gedrückt, zur Hütte
hereintorkelt, so weiß das Weib schon, was es geschlagen hat und was es noch schlagen könnte, wenn
es sich nicht beeilte, sofort auf den Dachboden oder
anderswohin zu entkommen.

Mich närrischen Jungen stimmen meine Entdeckungsreisen heiterer, als ich’s je vermeint hätte.
Es liegt ein traurig Geschick über diesem Völklein,
aber dieses Geschick macht zuweilen ein unsäglich
spaßhaftes Gesicht. Ich halte diese Waldteufel auch
nicht für so verdorben und verkommen. Verwahrlost und ungeschlacht sind sie. Es ließe sich vielleicht
was aus ihnen machen; — nur Sauerteig muß
dazu kommen.

Aussterben wird das Geschlecht nicht so leicht.
Gerade in dem feuchten, dunkeln Waldboden gedeihen die kleinen Rangen, wie die Pilze. Die Jungen gehen den Weg der Alten, und tragen die
Wurzelkrampe, oder den Hirtenstab, oder die Pechhacke oder die Holzaxt.

Beim Pfarrer draußen in Holdenschlag ist
nur bekannt, daß die Waldkinder lauter Mädchen
sind. Die Knaben werden zumeist getauft mit dem
Wasser des Waldes; sie sind in kein Pfarrbuch geschrieben, auf daß sie vergessen bleiben draußen im
Kreisamte und im Verzeichnisse der Wehrpflichtigen.

Die Mädchen, werden sie ein wenig flügge,
gehen bald auch ins Ameisen- und Wurzelgraben,
ins Kräutersammeln, und sie wissen für Alles Absatz, und sie pflücken die Eberbeeren und die Hagebutten- und die Wachholderfrüchte für den Branntweiner. Und die Jungen, denen noch das Höschen
nicht trocken wird den ganzen Tag, helfen schon
auch den Branntwein trinken.

Vor einiger Zeit habe ich einer Kinderschaar
zugesehen. Sie spielen unter Lärchbäumen. Die
niedergefallenen Lärchzapfen sind ihre Hirschen und
Rehe, denen sie grünes Reisig vorlegen zum Fressen.
Andere laufen umher und spielen hinter Gebüsch
„Versteckens,“ „Salzhalten,“ „Geier austreiben,“
„Himmel- und Höllfahren,“ und wie sie die Schalkheiten und Leibesbewegungen alle heißen. — Man
sieht ihnen gerne zu; sie sind zwar alle halbnackt,
haben wohlgebildete und gesunde Glieder, und ihre
Spiele sind so kindlich heiter — wie ich anderwärts
noch nie Kinder spielen gesehen habe. — Hier ist
die verwundbare Stelle des gehörnten Siegfrieds,
den sie den „Waldteufel“ heißen.

Ich habe den Kleinen unter den Lärchen fortwegs zugelächelt, aber sie haben mich kaum angeblickt; nur daß sich die Jüngsten vor mir gefürchtet.
Nach einer Weile hab ich es versucht, mich in ihre
Spiele zu mengen; wie sich da die Meisten gleich
verblüfft zurückgezogen haben! Nur Wenige geben
sich mit mir ab; wie ich aber von diesen Wenigen
im Wettlaufen und Haschen einigemale überlistet
werde, da kommen auch die Andern wieder herbei.
Und bald bin ich in dem tollschwirrenden Kreise dieser jungen Menschen ein guter und gern gesehener
Bekannter. Ich schwätz’ ihnen Manches vor, noch
öfter aber lasse ich mir von ihnen erzählen. Ich
gehe zu den Kindern in die Schule, um die
Schulmeisterei zu lernen.

Von oben durch einen Strick zur Höhe ziehen
lassen sich die Waldleute nicht; wer sie für die
Höhe gewinnen will, der muß ganz zu ihnen
niedersteigen, muß sie Arm in Arm und wol auf
weiten Umwegen emporführen.

Im Felsenthale.

An den Lehnen der Voralpe und an den
Hängen des Hochzahn und seiner Gletscherketten
ziehen sich fort und fort die Waldberge hin in der
Richtung gegen Abend. Von oben gesehen liegen
sie da in der tiefen Bläue des Meeres, in ihren
Gründen die ewigen Schatten und die seltsamen
Menschen bergend.

Eine Tagreise vom Thale der Winkel gegen
Abend hin, fernab von der letzten Klause, ist jene
Stelle, von der die Waldleute sagen, da sei die
Welt mit Brettern verschlagen.

Mit Steinen vermauert wäre aber besser gesagt. Wildklüftige, fast senkrecht aufsteigende Wände
schließen hier das Waldland ab. Es beginnt der
Urstock der Alpen, in welchem die Felsschichten
nicht mehr liegen noch lehnen, sondern fallrecht
gegen Himmel ragen. Ein Meer von Schnee und
Eis mit zahllosen Klippen, an denen ewige Nebel
hängen, soll unabsehbar hingebreitet sein über die
Riesenburgen, die da oben ragen und vormaleinst
ein Eden gewahrt haben sollen, das heute versteinert und in Starrniß versunken ist. So die Sage.
Daß doch dieser wundersame Traum von einer
einstigen verlornen Glückseligkeit die Herzen aller
Völker und Volksschichten durchdämmert!

Daß jenseits des Alpenstockes wieder menschenbewohnte Gegenden beginnen, das wollen mir viele
Leute hier gar nicht glauben. Nur ein alter, schlaublinzelnder Kohlenbrenner sagt, sein Großvater
hätte wol einmal erzählt, es seien da hinten drüben
Menschenwesen, die so hohe und spitze Hüte trügen,
daß, wenn sie des Nachts auf den Bergen herumgingen, sie nicht selten damit einen Stern vom
Himmel stechen thäten. Und der Herrgott müßt des
Abends jedmal sorgsam die Wolken vorschieben,
sonst hätt’ er längst mehr kein einzig Sternlein
an seinem Himmel.

Der Schalk hat die Spitzhüte der Tiroler
gemeint.

Wo nun dieses Waldland von dem Urgebirge
begrenzt wird, sind gar verrufene Stellen. Dort
hat man schon manchen todten Gemsjäger gefunden,
dem ein Körnlein Blei mitten durch die Brust gegangen. Auch bricht, sagen die Leute, aus einer
der zahlreichen Felsenhöhlungen zuweilen ein Ungeheuer hervor, das Alles verschlingt, das aber im
Gebirge einen unermeßlichen Schatz von Edelgestein
bewacht. Wenn das Waldland noch eine Weile besteht, so muß ein heldenhafter Mann kommen, der
das Ungeheuer besiegt und die Schätze hebt. Bislang ist noch kein solcher dagewesen.

Ich meine, ich wollte es erkennen und nennen,
das Ungeheuer . . . .

Den finsteren Sagen angepaßt ist die Gegend.
Sie ist ein todtes Thal, in welchem kein Finklein
will singen, keine Wildtaube will glucken, kein
Specht will schnattern, in welchem die Einsamkeit
selbst ist eingeschlummert. Auf dem grauen Laubmoosboden liegen zerstreut wuchtige Felsblöcke umher, wie sie von dem hohen Gewände niedergebrochen sind. Dort und da ist ein vorwitziges Fichtenbäumchen hinangeklettert auf einen solchen wettergrauen Klotz, und blickt stolz um sich, und meint,
es sei nun besser, als die andern, halbverkommenen
Gewächse unten auf dem Sandboden. — Wird
nicht lange dauern, so wirst du verhungern und
verdursten auf dem dürren Felsboden und herniederfallen. Hierum kann der Wald nicht gedeihen, und
steigt doch wo eine schlanke, kerzengerade Fichte
empor, so sind ihre Tage gezählt. Jählings kommt
ein Sturmwind niedergefahren von den Felsmulden
und legt den schönen jungen Stamm mitsammt der
losgelösten Wurzel fast sanft hin über den Boden.
Und da thut er jetztund, als wollte er eine kleine
Weile sich nur ausrasten und bald wieder aufstehen
mit seinen grünen Zweigen und weiter wachsen;
und indessen fallen ihm schon die Nadeln ab und
es schrumpft und springt die Rinde, und die Käfer
lösen sie los, und nach einer Zeit liegt das nackte,
bleiche Gerippe da, das immer mehr und mehr in
die Erde hinein versinkt, aus der das Bäumchen
einst hervorgewachsen war.

Und doch muß eine Zeit gewesen sein, in
welcher der Wald hier glücklicher gediehen ist; es
ragt ja noch hier und da der graue, gespaltene
Rest eines gewaltigen Tannenbaumes empor, oder
eines uralten Ahorn, in dessen Höhlen das Wiesel
wohnt, oder durch die der Fuchs den Eingang hat
zu seiner unterirdischen Behausung.

Die Kiefer allein ist noch kampfesmuthig, sie
will die steilen Lehnen hinanklettern zwischen den
Wänden, will wissen, wie es da oben aussieht bei
dem Edelweiß, bei den Alpenrosen, bei den Gemsen,
und wie weit es noch hinauf ist, bis zum Schnee.
Aber die gute Kiefer ist keine Tochter der Alpen,
balde faßt sie der Schwindel und sie bückt sich
angstvoll zusammen und kriecht mühsam auf den
Knieen hinan, mit ihren geschlungenen, verkrüppelten Armen immer weiter vorgreifend und rankend,
die Zapfenköpfchen neugierig emporreckend, bis sie
letztlich in den feuchten Schleier des Nebels kommt
und in demselben planlos umherirrt zwischen dem
Gestein.

Auf einem der niedergestürzten Felsblöcke dieses letzten Thales des Waldlandes steht ein Kreuz.
Es ist sehr unbeholfen aus zwei rohen Holzstücken
gezimmert; es hängt stellenweise die Rinde noch
daran. Still steht es da in der verlornen Oede; es
ist, wie die erste Kunde von dem Welterlöser, welche
der heilige Bonifaz vormaleinst in den deutschen
Wildnissen aus den Stämmen des Waldes aufgepflanzt hat.

Die Eidechse schlüpft unter dem Felsengrunde
dahin; ein Rehlein trippelt heran mit seinen
schlanken Füßen und blickt mit hochgehobenem Kopf
und klugen Augen zu dem Kreuzbilde empor. Es
will ihm schier bedünken, das Ding sei nicht so
geradewegs gewachsen auf dem Stein; es hebt
ängstlich an, hin und her zu lugen, es schwant
ihm von jenem schrecklichen Wesen, das schlank wie
ein Baum auf zwei Beinen einherzieht und den
knallenden Blitzstrahl schleudert nach ihm, dem
armen, harm- und wehrlosen Thiere. Des Entsetzens voll schlägt es seine Beine aus und eilt
von dannen.

Ich habe schon mehrmals nach der Bedeutung
jenes Kreuzes gefragt. Seit Gedenken steht es auf
dem Stein, kein Mensch kann sagen, wer es aufgestellt. Der Sage nach sei es gar nicht aufgestellt
worden. Alle tausend Jahre flöge ein Vögelein in
den Wald und das brächte ein Saamenkorn mit
aus unbekannten Landen. Alle anderen Körner
seien bislang verloren gegangen, oder man wisse
nicht, sei die Giftpflanze mit der blauen Beere,
oder der Dornstrauch mit der weißen Rose oder
ein anderes Schlimmes oder Gutes daraus entwachsen. Das letzte Korn aber habe jenes Vöglein
auf den Klotz im Felsenthale gelegt, und daraus
sei das Kreuz entsprossen. Man gehe zuweilen hin,
um davor zu beten; manchmal habe das Gebet
daselbst schon Segen gebracht, manchmal aber sei
auch ein Unglück darauf gekommen. Man wisse
also auch vom Kreuze nicht, ob es zum Heile oder
zum Unheile sei. Den Einspanig sehe man noch am
öftesten im Felsenthale und er verrichte seine Andacht vor dem Bilde; aber man wisse auch vom Einspanig nicht, ob er Gutes oder Schlimmes bedeute.

Nach mehreren Tagen der Wanderung bin ich
wieder einmal zurückgekehrt in mein Haus an der
Winkel. Mehrmals über das Kreuz im Felsenthale
und den Einspanig nachdenkend, hab ich im Winkel
von Letzterem ein Weniges erfahren.

Erstlich, wie ich eintrete in das Haus, wundere ich mich baß, daß meine, sonst recht gutmütige
Hauswirthin heute gar aufgebracht ist. Die Sache
soll so gewesen sein: Am Försterhause geht der
Einspanig vorüber. Die Haushälterin schaut just
zur Thür hinaus und denkt: ei, wenn sich nur mit
diesem seltsamen Menschen einmal ein kleines Plaudern anheben ließ, daß Eins doch ein bischen was
von ihm erfahren könnt’. Und kaum er so zufällig
sein Haupt gegen die Thür wendet, lädt sie ihn
artig ein, an der Bank ein wenig abzurasten. Er
thut’s, sie bringt ihm eilig Milch und Brot herbei
und frägt in ihrer Weise: „Ihr guter Mann
Gottes, wo kommt ihr denn her?“

„Von dem Felsenthale hernieder,“ ist die
Antwort.

„Ihr Närrchen!“ ruft das Weib aus, „das
soll ja so viel eine böse Gegend sein. Da
oben im Felsenthal ist die Welt mit Brettern verschlagen.“

Darauf der Einspanig: „Wo ist die Welt
mit Brettern verschlagen? Gar auf keinem Fleck.
Die Berge gehen weit, weit zurück hinter den Hochzahn, dann kommen die Hügelländer, dann kommen
die Ebenen, dann kommt das Wasser. Viele tausend Stunden breitet sich das Wasser, dann kommt
wieder Land mit Berg und Thal und Hügeln, und
wieder Wasser, und wieder Land und Wasser und
Land und Land —“

Hat ihn die Haushälterin unterbrochen: „Jesus,
Einspanig, wie weit denn noch?!“

„Bis heim, bis in unser Land, in unseren
Wald, in das Winkel, in das Felsenthal. — Ehrsame Frau, gibt euch Gott Flügel und ihr fliegt
fort gegen Sonnenuntergang, und fort und immerfort, der Nase und der Sonne nach, so kommt
ihr eines Tages von Sonnenaufgang her geflogen
gegen euer friedsam Haus.“

Darauf die Hauswirthin: „O du Fabelhans,
fable wen Andern an, ich bin die Winkelhüterin.
Die Milch schenk’ ich euch und redlicher alter Leut’
Wort dazu: Es ist ein Fleck, da ist die Welt mit
Brettern verschlagen. So ist der alte Glauben und
in dem will ich leben und sterben.“

Der Mann soll darauf gesagt haben: „Weib,
eueren alten Glauben hoch in Ehren! aber ich bin
den Weg schon gegangen, gegen Niedergang hin,
und von Aufgang her.“

Und dieses Wort hätte das Weib vollends
erbittert; „du bist eine Lugentafel!“ soll sie gezettert haben, „auf dich hat der Teufel seinen Heimatschein geschrieben!“

Und hierauf sei der Mann kopfschüttelnd
davongezogen.

Das gute Weib muß schon schwer auf mich
gewartet haben, um sich weiters Luft zu machen.
Als ich nach Hause komme, ruft sie mir über den
Gadern her entgegen: „Mein Eid,
mein Eid! was es doch auf der lieben Erden
Gottes für Leute gibt! Jetztund glauben sie gar
nimmer an’s End der Welt! Ich aber sag: unser
Herrgott hat’s recht gemacht, und ich bleib bei
meinem alten Glauben, und die Welt ist mit
Brettern verschlagen!“

„Freilich, freilich, Winkelhüterin! gebe ich
bei und steige gelassen über die Bretter des Hausgaderns: „Wol richtig — mit Brettern verschlagen!“

Und so bleiben wir beim alten Glauben!

Bei den Holzern.

Daß doch der Wald, wie er sich so hinbreitet
über Höhen und Thäler — unabsehbar, wie er
daliegt, grün und dunkel und weiterhin duftig
blauend am sonnigen Sehkreis — der stille, unendliche Wald — daß er doch auch seine Feinde hat!

Wie ist das eine schöne, säuselnde, rauschende,
brausende, alllebendige Ringmauer, schützend vor
dem wüsten Unfrieden draußen! Aber — Waldfried ist gestorben.

Im Forste braust der Sturmwind, schlägt
manchem jungen Tannling den lustig winkenden
Arm weg, bricht manchem trotzigen Recken das
Genick. Und in der Tiefe rauscht und schäumt in
weißen Gischten und Flocken — wie ein brauender
Wolkenstrom — der Wildbach, und wühlt und
gräbt und nagt das Erdreich von den Wurzeln,
immer weiter und weiter hinein, daß der wuchtige
Baum zuletzt schier in der Luft dasteht, und sich
oben mit starken Armen nur noch an den Nachbarn
hält, um nicht zusammenzubrechen, endlich aber doch
niederstürzt in das Grab, das ihm jenes Wasser
heimtückisch gegraben hat. Jenes Wasser, welches
er durch seinen Nebelthau gestärkt, durch seine dichten Kronen vor dem Lechzen des Windes geschützt,
durch seinen Schatten vor dem zehrenden Kusse der
Sonne bewahrt hat. — Und auf den luftigen
Wipfeln hackt der Specht, und unter den Rinden
frißt die Borke, und das Sägerad der Zeit geht
allerwege, und die Späne fliegen — im Frühlinge
als Blüten, im Herbste als gedörrte Nadeln und
Blätter.

Es geht ewig zu Ende und im Ende keimt
ewig der Anfang.

Da naht nun erst der Mensch mit seiner
Zerstörungswuth. Da schallt das Schlagen und
Pochen, da surrt die Säge, da klingt das Beil auf
das Stemmeisen im dunkeln Grunde; — wenn du
oben hinblickest über das stille Meer der Wipfel,
so ahnst du es nicht, welchen es angeht.

Aber das Stemmeisen und der Keil dringt
tiefer und tiefer; da schüttelt einer der Hundertjährigen sein hohes Haupt, er weiß doch gar nicht,
was die Menschlein wollen da unten, die kleinen,
possierlichen Wesen — er kann nicht begreifen und
schüttelt wieder das Haupt. Da geht ihm der Stoß
in’s Herz; — unten knistert es, schnalzt es, und
nun wankt der Riese, knickt ein, rauschend und
pfeifend in einem ungeheuren Bogen fällt er hin,
mit wildem Krachen stürzt er zu Boden. Leer ist
es in der Luft, eine Lücke hat der Wald. Hundert
Frühlinge haben ihn emporgehoben mit ihrer Liebe
und Milde; jetzt ist er todt, und die Welt ist
und bleibt ganz auch ohne ihn — den lebendigen Baum.

Still stehen die zwei, drei Menschlein, sie
stützen sich auf den Beilstiel und blicken auf ihr
Opfer. Sie klagen nicht, sie jauchzen nicht, eine
grausame Kaltblütigkeit liegt auf ihren rauhen,
sonnverbrannten Zügen; ihr Gesicht und ihre Hände
sehen ja völlig aus, wie von Fichtenrinden. Sie
stopfen sich ein Pfeiflein, schärfen die Hacken und
gehen wieder an die Arbeit. Sie hauen die Aeste
von dem hingestreckten Stamme, sie schürfen ihm
mit einem breiten Messer die Rinden ab, sie schneiden ihn vielleicht gar in klafterlange Stücke; —
und nun liegt der stolze Baum, der viele Menschenalter lang gegrünt und gesäuselt; dessen Großvater
vielleicht die Vollmondfestnächte der alten Germanen
beschattet — nun liegt er da in nackten Klötzen.

Der Holzhauer denkt nicht daran, kann nicht
daran denken, nur daß er sich, wenn der „Meisterknecht“ nicht zugegen, ein wenig auf den weißen
Stock mit den Jahresringen setzt, und sich wieder
ein Pfeifchen stopft, oder — wie das bei den
Waldleuten schon eine absonderliche Gewohnheit
ist — sich gar einen faustgroßen Ballen Tabak
in den Mund steckt, um einen ganzen halben
Tag an ihm zu kauen. Das Tabakkauen ist dem
Holzschläger ein großer Genuß, es ist ihm, wie
er sagt, das halbe Essen und dreiviertel Arznei.

Die Baumstämme werden in diesen Gegenden
zumeist zu Kohlen verwandelt und zu diesem Zwecke
zu Scheitern oder längeren Stücken, den „Dreilingen“ zerkleinert. Die Kohlen werden entweder zu Wagen,
oder wo der Weg zu elend ist, auf den Rücken der
Pferde und Halbpferde hinausbefördert zu den
Hammerwerken der Vorgegenden. Nur die schönsten
Stämme werden als Bauholz verwendet. Die Buchen und Ahorne und andere Laubhölzer, wie sie
hier wachsen, werden am wenigsten benützt, nur
daß sie ihr Laub für Streu und Lagerstätten liefern; sonst bleiben sie sich selbst überlassen, bis sie
inwendig verfault, ausgehölt, nach und nach
absterben und zusammenbrechen. Dann entstehen
schwammartige Auswüchse auf den vermodernden
Strünken, und es kommt der Pecher oder der
Wurzner, schlägt sich die Auswüchse los, mörsert
sie platt, beizt sie ein und bereitet so den Feuerschwamm.

Der Holzhauer weiß freilich nichts von der
Schönheit der Wildniß. Dem Holzhauer ist der
Wald nichts, als ein feindlicher Vorwart, dem er
Brot und Leben abringen muß mit dem blitzenden
Beile. Und wie ist das ein langes Tagwerk von
der Morgenfrühe bis zur Abenddämmer, eine einzige Ruhestunde nur zu Mittag. Während der
Waldteufel sein eigener Herr ist, so ist der Holzhauer der Herren Knecht. — Was die Nahrung
anbelangt, so ist der Holzschläger ein Geschöpf,
das sich von Pflanzen nährt; außer er wäre ein
tüchtiger Wilderer und ließe sich nicht erwischen.
Doch schwelgt er in der Einbildung und nennt
seine Mehlnocken gerne nach den Thieren des
Waldes. So genießt er zum Frühstück, zum
Mittagsmahle, zum Abendbrot nichts als Hirschen,
Füchse, Spatzen, und wie er seine Mehlnudeln
schon tauft. — Mich hat ein junger Mann eines
Freitags zu einem „Hirschen“ eingeladen. Ei, denke
ich, der hält den Fasttag nicht, das ist sicher der
Evangelischen Einer, die von den Bauernkriegen her
in den Alpen zurückgeblieben sein sollen. Aber jene
„Hirschen“ sind harmlose Mehlküchlein gewesen.

Achtzehn Groschen Arbeitslohn des Tages, das
ist schon eine gute Zeit; mancher Wäldler hat sich
davon ein Häuschen, Weib und Kind und eine
Ziege angeschafft. Das ist dann ein eigener Herd,
da kommt zu dem Mehlgerichte noch eine fette
Ziegenmilchsuppe, und zu der Suppe ein Häuflein
schreiender Rangen — da geht’s schon hoch her!

Indeß ist der Aufwand in der Waldhütte
nicht übertrieben. Es wird zum Glücke von braven
Familienvätern nicht viel verlangt.
„Jo, won ma’s holt hot,
Kon ma lebn noch sein Gschmock,
Für die Kinder a Brot
Und für mih an Tabok!“
heißt das Lied des Waldhäuslers.

Andere freilich, und wol die Meisten, ertränken ihr Erworbenes und ihre anspruchslose Zufriedenheit im Branntwein. Solche Habenichtse wohnen
zusammen zu Dutzenden in einer einzigen Hütte,
kochen ihr Brot an einem gemeinsamen Herd, der
in der Mitte der Klause steht. An den Wänden
ringsum sind die Strohlager aufgestellt.

In jeder Hütte haben sie einen „Goggen“
und einen „Thomerl;“ der Gogg ist ein Holzgestell
auf dem Herde, welches die Kochpfannen über dem
Feuer hält — es sind deren oft ein Halbdutzend
um die Flammen aufgerichtet. Der Thomerl ist ein
Mensch, der aber auch Hansl oder Lippl, oder wie
er will, heißen kann, aber gewöhnlich einen großmächtigen Kopf, hohe Achseln und kurze Füße hat,
der die Hände gerne bis zu den Knieen hinabhängen läßt und allweg grinst und lächelt, ohne
daß er selbst weiß, warum. Er ist das Stubenmädchen, der Küchenjunge, der Holz- und Wasserträger, allfällig der Ziegenhirt, die Zielscheibe für
ledige Spässe und — die Hausehre.

Ferner sind in jeder Holzknechthütte in irgend
einem Winkel, unter irgend einer Diele stets geladene Kugelstutzen verborgen.

Der Werktagsanzug der Holzschläger hat keinen ausgeprägten Grundzug; er ist zum Theile ein
zerfasertes Lodengewebe, zum Theile ein mattfarbiges Strickwollenzeug, zum Theile eine hornähnliche Lederrinde, alles mehr oder minder mit Harz
überklebt, nothdürftig den inneren Menschen verdeckend. Das Wahrzeichen aber ist der hohe, gelblich grüne Hut mit dem Federbusche. Der Federbusch muß wol in Ordnung sein, daran hängt,
weiß Gott, eine Wilderer- oder Liebesgeschichte,
oder ein „saggerisch Raufen.“

Aber wenn einmal die Kirchweih kommt! —
die Kirchweih muß es sein, denn Sonntags gibt’s
hier nicht, fehlt ja doch des Sonntags Herz —
die Kirche.

Zur Kirchweih aber ziehen sie hinaus zu den
ferneren Orten, und da sind sie angethan, diese
rauhen Waldmenschen, mit Frack und „Cilinder;“
— ’s ist kaum zu glauben. Aber der Frack ist ja
aus grobem Loden, mit grünem Tuche verbräumt;
ganze Bäumchen aus grünem Tuche geschnitten
prangen am Rücken über den Schössen, und an
den Aermeln, und große Messingknöpfe leuchten in
die Ferne, und ein mächtig hoher Stehkragen bildet
die Veste um den Kopf, auf welchem nun der
ebenfalls aus groben Haaren, aber mit einem breiten grünen Bande und funkelnder Messingschnalle,
breitkrempige, oben weit ausgeschweifte Cilinder sitzt.

Bis in die Alpenwildniß herein also die
welsche Mode gedrungen!

Zum größten Theile sind es gutmüthige Menschen; gereizt aber können sie unglaublich wild
werden. Da hebt ihr Blut an zu brausen, wie
gischtende Alpenbäche, wie ein Sturmwind im Forst,
und der kleinste Funken leidenschaftlicher Erregung
wird zu einem Waldbrande. Die Augen dieser
Waldmenschen, so tief sie stecken mögen hinter den
buschigen Brauen, sind klar und glühend. Deutlich
ist die Gutherzigkeit darin zu lesen und der Jähzorn.

Aber fromm sind sie, schier verdächtig fromm.
Jeder hat sein Weihwasserfläschchen und sein christlich
Anhängsel an der Brust; jeder betet seinen Rosenkranz, mit Einschließung „aller armen Seelen im Fegfeuer, und zur Erlangung von Geld und Gut, so nutzlos vergraben ist in der Erde.“ Und Jeder hat in
seinem Leben zum Mindesten Ein Gespenst gesehen.

Wie ich diese Leute bis jetzt kennen gelernt
habe, ist ihnen ein blutiger Raufhandel etwas Gewöhnliches, schier Selbstverständliches, ein Todtschlag nichts so Seltenes. Hingegen Diebstähle
kommen nicht vor.

So sind sie in den Hochwäldern. Der Holzhauer wird geboren unter dem Baume, sein Vater
gibt ihm fast eher den Axtstiel in die Hand, als den
Löffel, und anstatt nach dem Zulp greift der Kleine
nach der Tabaksblase. Wer Tabak nicht zu kaufen
vermag, der macht sich ihn aus Buchenblättern.

Just sonderliche Anmut ist ihnen nicht angeboren. Die stille Freude kennen sie kaum; sie fahnden nach gellender Lust. Selbst der Schmerz greift
nicht recht an. Wenn Einer sich mit dem scharfen
Beil in das Bein fährt, so sagt er, es thät ein
bischen „kitzeln.“ In wenigen Tagen ist Alles
wieder heil. Haut sich Einer unversehens einen
Finger weg, so ist das unselig, des — Tabakfeuerschlagens wegen.

Tannenharz und Pechöl, und ein alter Beinbrucharzt und Zahnbrecher ist in dieser waldschattigen Welt die ganze medizinische Facultät.

Heimweh ist ihr größtes Seelenleid, wenn sie
hinauskommen. Heimweh die Heimatlosen? — Das
Leid heißt vielmehr Sehnsucht nach den Waldbergen, in welchen sie einmal den Jahreslauf durchlebt.

Der schwarze Mathes.

Im Hinterwinkel steht die unheimliche Hütte.
Ich bin vor Kurzem in ihr gewesen und hab den
Raufbold Mathes, den Menschen mit der herben
Schale gesehen. Es ist ein gar kleines, hageres
Männchen, liegt hingestreckt auf einem Mooslager
und hat Arm und Kopf in Fetzen gewunden. Er
ist arg verletzt.

Die Fenster der Klause sind mit Lappen verdeckt; der Mann kann das Licht nicht vertragen.
Sein Weib, jung und anmuthig, aber abgehärmt
zum Erbarmen, kniet neben ihm und netzt ihm mit
Holzapfelessig die Stirne. Sein Auge starrt sie fast
leblos an, aber sein Mund mit den schneeweißen
Zähnen ist, als wolle er lächeln. Der Mann riecht
stark nach Pechöl.

Als ich eintrete, hockt ein blasser, schwarzlockiger Knabe und ein helläugiges Mädchen zu
seinen Füßen und diese Kinder spielen mit Moosflocken.

„Das wird ein Gärtelein,“ sagt das Mädchen, „und da baue ich weiße Rosen an!“

Der Knabe bildet aus dem Moose ein Kreuz
und ruft: „Vater, jetzt weiß ich es: ich mache den
Holdenschlager Freithof!“

Die Mutter erschrickt und verweist den Kleinen das gellende Geschrei; der Mathes aber sagt:
„Je, schreien magst sie schon lassen; den Freithof
wird auch noch Einer brauchen. Aber, Eines, Weib,
laß dem Lazarus seinen Jähzorn nicht gelten. Um
des Herrgotts Willen, nur das nicht! Du schweigst?
Du willst mein Wort nicht halten? Meinst etwan,
du verstündest es besser, als ich?! Du! ich sag’
dir’s, Weib! —“

Die Lappen reißt er von den Armen und
will sich aufrichten. Das Weib sagt ihm liebreiche
Worte und schiebt ihn sanft zurück. Mehr noch
aber schiebt die Schwäche und er sinkt auf das
Lager.

Die Kinder sind aus der Hütte gewiesen
worden, und auf dem sonnigen Wiesenplane bin
ich eine Weile bei ihnen gewesen und habe mich mit
ihnen unter Spielen und Märchenerzählen ergötzt.

Ein par Tage später komme ich wieder hinauf.
Da geht es dem Kranken ein gut Theil schlechter.
Er kann sich nicht mehr aufrichten, wenn die Wuth
kommt.

„So viel geschlagen ist er worden,“ hat mir
das betrübte Weib mitgetheilt.

Ich bin anfangs durch die Kinder eingeführt
worden und genieße im Hause des Mathes einiges
Vertrauen. Ich gehe öfters hinauf; ich will allzumal auch das Elend im Walde kennen lernen.

Einmal, als der Mathes in einem tiefen,
ruhigen Schlummer liegt, und ich neben dem Lager
sitze, athmet das Weib schwer auf, als trüge sie
eine Last. Dann sagt sie die Worte: „Ich getrau’ mir’s wol zu sagen, auf der Welt gibt es
keine bessere Seel’, als der Mathes ist. Aber wenn
ein Mensch einmal so gepeinigt worden von den
Leuten, und so niedergedrückt und so schwarz gemacht, wie er, so müßt’ er kein frisch’ Tröpfel
Blut im Leib haben, wollt’ er nicht wild werden.“

Und ein wenig später fährt sie fort: „Ich
wüßt’ zu reden, ich hab’ ihn von Kindeszeit auf
gekannt.“

„So redet,“ habe ich entgegnet, „in mir habt
ihr einen Menschen vor euch, der Herzenskummer
niemalen böse deuten mag.“

„Lustig ist er gewesen, wie ein Vöglein in
den Lüften; hell zuckt hat Alles an ihm vor lauter
Freud’ und Lebendigkeit. Und er hat’s damalen
noch gar nicht gewußt, daß er zwei großmächtige
Meierhöf’ erben sollt’; hätt’s wahrhaftig auch nicht
geachtet; am liebsten ist ihm die Erden Gottes
gewesen, wie sie daliegt im hellen Sonnenschein. —
Wartet nur, ’s ist nicht allerweg’ so fortgegangen.“

Und nach einer weiteren Weile fährt das
Weib fort: „In seinem zwanzigsten Jahr herum
mag’s gewesen sein, da ist er einmal mit einer
Kornfuhr in die Kreisstadt gefahren. Das Fuhrwerk hat ein Ueberreiter zurückgebracht; der Mathes
ist nicht mehr heimgekommen.“

„Oho! heimgekommen schon!“ unterbricht sie
der Kranke, und will sich heben. — „Es ist nichts
Unrechtes, daß du erzählst, Weib, aber wissen wirst
es nicht recht, bist ja nicht dabei gewesen, Adelheid, wie sie mich erwischt haben. Ich erzähl’s
selber. Wie ich in der Stadt mein Geschäft fertig
hab’, geh’ ich in’s Wirthshaus, daß ich mir ein
klein wenig die Zunge netz’. Auf dem Kornmarkt,
müßt’ ihr denken, wird das Red’werk trocken, bis
der letzte Sack vom Wagen geschwätzt ist. — Wie
ich in die Wirthsstuben tret’, sitzen ihrer drei, vier
Herren bei einem Tisch, laden mich ein, daß ich
mich zu ihnen setz’, und mit ihnen Wein trink’. —
Freundlich sind die Herren gewesen, eingeschenkt
haben sie mir.“

Der Mann unterbricht sich, um Athem zu
schöpfen; sein Weib bittet ihn, daß er sich schone.
Der Kranke hört es nicht und fährt fort: „Von
den Welschen haben sie erzählt, die in Ewigkeit
keine Ruh’ geben wollen, und von den Kriegszeiten und dem lustigen Soldatenleben; und gleich
darauf fragen sie wieder, wie das Korn gerathen,
was das Schäffel koste. Ich bin lustig worden, hab’
meine Freud’ gehabt, daß sich mit den weltfremden
Leuten so schön über allerhand schwätzen läßt. Da
hebt Einer das Glas: Unser König soll leben! —
Wir stoßen an, daß schier die Gläser springen; ich
schrei dreimal lauter, als die Andern: Der König
soll leben!“ — Der Kranke bricht ab, es zittern
ihm die Lippen. Nach einer Weile murmelt er
dumpf: „Mit diesem Ruf ist mein Unglück angegangen. — Wie ich wieder fort will, springen sie
auf, halten mich fest: Oho, Bursch, du bist unser!
— Unter die Werber bin ich gerathen. Fortgeführt
haben sie den jungen, noch gar nicht ausgewachsenen Menschen; — unter die Soldaten haben sie
mich gesteckt und verkauft bin ich gewesen.“

Mit den knochigen Fingern zerballt der Mathes
eine Moosflocke.

„Gräm’ dich nicht, Weib,“ stößt er hervor,
„bin schon besser. Mit meinen letzten Worten
will ich das Gezücht’ noch niederschlagen. Das
kann ich wol sagen: auf weitem breitem Feld
bin ich nicht so wild gewesen, wie auf dem Todtenbette hier. — Heim hätt’ ich mögen, heim hat’s
mich zogen mit schweren guldenen Ketten. Und
einmal, mitten in der stürmischen Winternacht bin
ich fort und heimzu geflohen. Im Rainhäusel hab’
ich mich aufgehalten bei meiner alten Base. Und
jetzt haben mich meine eigenen Landsleute verrathen. Auf einmal sind die Ueberreiter da, daß
sie mich fangen. Just, daß ich noch aus dem Häusel und in den Wald hinaufhusch’ und denk’,
wenn sie mich überlistet haben, so überlist ich sie
wieder. Zwei große Fanghunde haben umhergeschnuppert, aber ich bin durch den Bach gelaufen
und in demselben eine gute Läng’ hinan, daß die
Aeser meine Spur haben verloren. Und die Ueberreiter im Häusel haben Alles durchstöbert; in’s
Bettstroh und in’s Heu haben sie gestochen mit
ihren Messern, die Höllteufel, und die ganze Hütte
hätten sie schier umgestürzt. Wie sie mich aber nicht
haben gefunden, hat Einer sein Brennscheit meiner
alten Base auf die Brust gesetzt: Auf der Stell’
sag’, wo er ist, oder ich schieß dich nieder wie
einen Hund! — Ja, da ist er gewesen, und wo
er jetzt ist, das kann ich nicht sagen. — Vor die
Thür hinaus haben sie drauf das Weibel geschleppt,
drei Gewehrläuf’ sind auf ihrer Brust gerichtet und
insgeheim haben sie ihr zugemunkelt: Aber gleich
schrei, so laut du kannst: Geh nur her, Hiesel, die
Ueberreiter sind lang’ schon wieder davon! Willst
es nicht thun, wirst morgen begraben. — Von all
dem hab’ ich im selbigen Augenblick nichts gewußt,
wie ich so im Dickicht versteckt bin. Hab’ aber lang
gelauert und gemeint, ’s wär hell erlogen, daß sie
mich fangen. Da hör’ ich die Base rufen: Geh
her, Hiesel, die Ueberreiter sind lang schon davon!
— Ich spring’ auf und der Hütte zu, da seh’ ich
schon das Weibel die Händ’ über den Kopf zusammenschlagen, da hör’ ich schon das Lachen und
ich steh mitten drinn unter den Ueberreitern. Herrgotts Kreuz! da bin ich wol nach meinem Taschenveitel gefahren! hat mir aber Einer den Kolben
an den Arm gehaut, daß ich die Hand — die link’
Hand da — heutigen Tags noch nicht recht mag
lenken. Viel gescheidter und stärker sind sie gewesen,
als wie der arme, ausgehungerte Teufel, der
Mathes. — Und ein par Tag drauf gehts über
mich los. — Herr, wenn jeder Spießruthenstreich
ein Blitzschlag auf mich wär gewesen, und ich doch
nicht hätt’ versterben können, mir lieber zu tausendmal als so, da mich ein Mensch geschlagen und behandelt hat, wie ein leibeigen Thier. — Die zweihundert Ruthenstreiche damalen haben den Teufel
in mich hineingeschlagen. Zehnfach hab’ ich seither
die Streiche zurückgegeben, und gar an meine
Genossen im Wald, wenn mich das Blut anhebt zu jucken. Aber vermeint ist’s wem Andern
gewesen, vermeint ist’s den Spießruthenleuten gewesen. Damalen hätt’ ich das einzigmal der Herrgott sein mögen, bei meiner Seel! — in tausend
Millionen Scherben hätt’ ich ihn zerschlagen, den
verfluchten Erdboden! — Mein zerfetzter Rücken ist
mit Essig und Salz eingewürzt worden, der Heilung wegen. Oh, es hat Eil’ gehabt. Der Welsche
ist in’s Land gefahren, wie der bös’ Feind. Da
bin ich freilich auch in die Hitz’ gekommen und
hab’ drein gefeuert, wie der Höllische selber. Ein’
einzige Pulverladung hab’ ich noch gehabt, wie der
Feind ist zurückgeworfen; für dieselbig’ Kugel hätt’
ich noch wen Andern gewußt; bei uns herüben auf
hohem Roß wär’ der Rechte gesessen. Aber das
nicht, das nicht! hab’ ich mir gedacht, Aug’ in
Aug’ ihn mit den Händen herabreißen vom Schimmel und mit den Füßen in den Erdboden hineinvertreten, das wol; aber vom Hinterhalt aus, nein,
nein, das ist kein Zeug! — Das Gescheidteste hab’
ich doch noch gemacht, durchgegangen bin ich weg
vom Schlachtfeld, und einem Bauern hab’ ich meinen Mantel gegeben, daß er mich in seinem Heuwagen über Land hat geführt. Glücklich bin ich in
die Heimat zurückgekommen.“

„Und wenn ihr euere Heimat so geliebt, warum
habt ihr nicht für sie streiten wollen?“ unterbreche
ich ihn, „warum seid ihr davongegangen?“

„Mag sein, daß es eine Schurkerei gewesen,“
sagt der Mathes, „mag sein.“

„Mag das sein, wie es will,“ ist meine
Antwort, „ich kenne einen Mann, der hat nicht
nur nicht für sein Land gestritten, sondern gegen
dasselbe.“

„Ich bin in meiner Heimat nicht verblieben,“
fährt der Mathes fort, „mein Eigenthum hab’ ich
im Stich gelassen, und hab’ mich, daß sie mich
nimmermehr finden, in diese hinterste Wildniß verkrochen. — Gehetzt, gehetzt, Herr Jesus! und in
der Wildniß bin ich erst das wilde Thier geworden.
Mein Weib, du weißt es.“

Ein gellender Aufschrei war es gewesen; aber
die Worte sind wie im Entschlummern gelallt. Er
schweigt und schließt die Augen. Wie ein letztes
Auflodern der Flamme und ein Verlöschen.

„Für einen Hascher haben ihn die Leut’ gehalten, da er ist zurückgekommen,“ setzt das Weib
fort, „Groschen und Pfennige haben sie zusammengeworfen in einen Hut und ihm denselbigen Hut
wollen schenken. Dafür hätt’ der Mathes bald ein
par todtgeschlagen; er will nichts geschenkt haben.
Wie ihn darauf die Leut’ zu Dutzenden verfolgt,
ist er auf einen Lärchbaum geklettert, hat sich von
einem Wipfel auf den andern geschwungen, wie
eine Waldkatz; und da haben die Leut’ gesehen,
daß er doch kein Hascher. Aber das Hieselein haben
sie ihn spottweise geheißen. — Nachher — ja freilich wol — hat er sich ein Mädel ausgesucht —“

„Das allerschönste im Wald!“ unterbricht sie
der Kranke wieder, „und ein solcher Hoffahrtsteufel
ist in ihm gewesen, daß er — der Halbkrüppel —
demselbigen Mädchen die Treu’ nur versprochen, im
Fall er kein Schöneres mehr sollt’ finden. Heiliges
Kreuz, was ist da nicht gerauft worden! Andere
haben das Mädel auch haben wollen. Den Vornehmsten und Saubersten hab’ ich die Adelheid an
der Nase vorbei heimgeführt, und eine Bravere
hätt’ ich nimmer finden mögen.“

Wieder schweigt er und überläßt sich dem
Halbschlummer.

„Fürchterliche Schläg’ hat er oftmalen bekommen,“ sagt das Weib, „aber auf den Füßen
ist er geblieben, und da hat ihn Einer herumschleudern mögen, wie der Will’. Und weil er nie
gefallen und nimmer auf dem Boden ist gelegen,
so haben sie ihn das Stehmandel geheißen. —
Rechtschaffen gut haben wir allbeid’ zusammen gelebt,“ fährt sie leiser fort, „aber seine Wildheit
hat er nicht lassen mögen. Zu jedem Samstagabend
hat er sein Messer geschärft für das Erlholzschneiden; aber oftmalen hab’ ich gebeten: lieber
Mann, um Christiwillen, lass’ das Messerschärfen
sein! — Am Sonntag ist er zum Kranabethannes
gegangen; zu später Mitternacht ist er mir heimgekommen mit blutigem Kopf. Allerweg hat’s mir
geschwant, einmal werden sie ihn bringen auf der
Tragbahr. — Und sonst, wenn er ruhig und nüchtern gewesen, da hat’s gar keinen besseren, fleißigeren und hilfreicheren Menschen gegeben im ganzen Waldland, als den Mathes. Da hat er lustig
sein und wie ein Kind lachen und weinen können.
Freilich ist ihm, weil er Soldatenflüchtling, sein
Heimatsgut draußen im Land verfallen gewesen;
aber mit bluteigenen Händen hat er die Kinder
ernährt, und gar für andere Leut’, die sich nichts
mehr erwerben mögen, hat’s noch gelangt. Die
Kranken hat er besucht und sie getröstet, schier wie
ein Pfarrer. Wegen seiner Redlichkeit und Verläßlichkeit haben sie ihn im Holzschlag zum Meisterknecht gemacht. Und dennoch hat zum Sonntag der
Wirth die Händ’ über den Kopf zusammengeschlagen, ist das Hieselein gekommen, das sie nun schon
allfort das schwarze Hieselein geheißen haben. Ist
es auch ganz heiter und voll Gemüthlichkeit zur
Thür hereingestolpert, so ist doch darauf zu schwören gewesen, daß es ohne ein fürchterlich’ Raufen
nicht abgeht. Er hat’s nicht lassen mögen. Im
Branntwein hat er sein Elend ersäufen wollen;
aber der Branntwein hat die zweihundert Ruthenstreiche wieder lebendig gemacht. Händel hat er gestiftet, bis das helle Blut ist geronnen. Niedergeschlagen haben sie ihn und geschrieen: So, Hieselein, jetztund stiftest leicht keinen Unfried mehr! —
aber das Hieselein ist aufgestanden. Dasselb’ ist
aber wahr, nüchtern geworden, hat er Jedem Alles
wieder abgebeten. — Zuletzt aber, du meine heilige
Mutter Gottes, da ist das Abbitten nicht mehr
angegangen. — Die Holzschläger sind All’ zum
Kranabethannes gekommen, daß sie dem Raufer,
gleichwol er ihr Meisterknecht, im Wirthshaus den
Herrn einmal zeigen. Erstlich, wie sie sehen, daß er
Branntwein trinkt, ein Glas um’s andere, haben
sie angefangen, ihn zu necken und zu höhnen, bis
er wild wird und dreinfährt. Sie sind All’ über
ihn her, haben ihn niedergeworfen, haben ihm
Haar und Bart gerauft. Und zur selbigen Stund’
hat ihn der Schutzengel verlassen; eine Hand frei,
fährt er nach dem Messer, stößt es dem Köhler
Bastian in die Brust. — Jetzt haben sie den
Mathes geschlagen, daß er liegen geblieben auf der
Erden. Zwei Wurzner haben ihn heimgetragen.
Leicht bin ich morgen Witwe, und die armen
Kinder —“

Das Weib bricht in Schluchzen aus. Da
richtet sich der Mathes noch einmal auf: „Mit
euch hat’s der Herrgott recht gemacht. Etwan hätt’
ich euch doch noch erschlagen im Jähzorn. — Das
aber sag’ ich, daß ich so nicht versterben mag.
Aufsteh’ ich und geh’ zum Gericht, und klag’ Andere an, daß ich den Bastian hab’ erstochen. Von
den hinterlistigen Werbern an, die mich aus meinem Jugendfrieden in die blutige Welt geliefert
haben, wo ich geschändet worden mit Peitschenhieben und verhetzt wie ein Hund, und abgerichtet
zum Menschenmorden — — bis auf den Köhler
Bastian, der mir mit Hohn und Spott selber noch
das Messer aus der Scheiden hat gelockt — —
Alle ruf’ ich vor den Richterstuhl, Alle müssen
dabei sein, wenn mir der Freimann den Hals
bricht.“

Das Weib kreischt auf; der Mann sinkt
röchelnd auf das Moos zurück.

Da hüpfen und jauchzen die Kinder zur Thür
herein. Sie zerren ein weißes Kaninchen bei den
Ohren mit sich, lassen es in der Stube frei, und
der Knabe verfolgt es. Das bedrängte Thierchen
hüpft zum Mooslager und dem Kranken über die
Beine. Im Winkel bleibt es sitzen und schnuppert
und sieht mit seinen großen Augen angstvoll hervor. Der Knabe schleicht ihm bei, und erwischt es
bei den Beinchen. Da winselt das Thier kläglich
und beißt den Verfolger in den Finger. — „Wart
du! wart du, Rabenvieh!“ wüthet der Knabe und
wird glühroth im Gesicht, und seine Augen gehen
über und seine Lippen pressen sich, und seine Finger graben sich krampfig in den Hals des Thierchens — und ehe noch Mutter und Schwester dazwischen kommen — ist das Kaninchen todt.

Der Mathes schlägt sich die Hände in das
Gesicht und ruft, daß es mir das Herz erschüttert:
„O, fürchterlich! Jetzt lebt der Zornteufel auch in
meinen Kindern fort, das muß ich noch erfahren!“

Wenige Minuten hernach bricht der Mann in
eine schreckliche Tobsucht aus. Noch an demselben
Abend ist er gestorben.

Den schwarzen Mathes haben sie im Walde
eingescharrt, weil er den Bastian erstochen. Das
Weib hat unsäglich geweint auf dem Hügel, und
als sie endlich von dannen geführt ist worden, da
ist der Einspanig gekommen und hat ein Tannenbäumchen gepflanzt auf das verlassene Grab.

Und so bin ich in den Winkelwäldern herumgegangen. Ich bin im Hinterwinkel gewesen und
in den Miesenbachschluchten, und in den Karwäldern und in den Lautergräben und in der Wolfsgrube und im Felsenthale und auf den Triften der
Almen, und drüben in der Senke, wo der schöne
See liegt. Ich habe diese wundersame Alpengegend
kennen gelernt, und zum großen Theile auch die
Menschen, die in derselben wohnen. Ich habe mich
bei den Alten eingeführt und mit den Jungen bekannt gemacht. Es kostet Mühe und es gibt Mißverständnisse. Die besten dieser Leute sind nicht so
gut, und die schlechtesten nicht so schlecht, als ich
mir vor Zeiten gedacht habe. Ein par Ausnahmen
aber gibt es doch.

Ich muß sogar ein wenig unredlich sein; sie
dürfen es nicht wissen, weshalb ich da bin. Viele
halten mich für einen Flüchtling, und sind mir
deshalb gewogen. Ein Mensch, den diese Wäldler
gern haben mögen, muß von der Welt verachtet
und verlassen und verbannt sein, muß schier so
wild und glück- und sorglos sein, wie sie selbst.
Ich habe mich denn auch um eine Arbeit umsehen
müssen. Ich flechte Körbe aus Rispenstroh und
Weiden, ich sammle und bereite Zunder, ich schnitze
aus Buchenholz Spielsachen für Kinder. Ich habe
mich schon so sehr in dem Zutrauen der Leute befestigt, daß sie mich das Schärfen der Arbeitswerkzeuge lehren, so daß ich den Holzschlägern die
Beile und Sägen scharf zu machen verstehe. Das
bringt mir manchen Groschen ein, und ich nehme
ihn an — muß ja angewiesen sein auf meiner
Hände Arbeit, wie Alle hier. In meiner Stube
sieht es bunt aus. Und da sitze ich, wenn draußen
schlecht Wetter oder der lange Herbstabend ist,
zwischen den Weidenbüscheln und Holzstücken und
den verschiedenen Werkzeugen, und schaffe. Selten
bin ich allein dabei; es plaudert mir meine heitere
Hauswirthin vor, oder es sitzt ein Pecher oder
Wurzner, oder Kohlenbrenner neben mir, und
schmaucht sein Pfeifchen und sieht mir schmunzelnd
zu, wie ich das Alles anfange und zu Ende bringe,
und greift letztlich wol gar selber an. Oder es sind
Kinder um mich, denen ich Märchen erzähle, oder
die mit den Schnittspänen spielen, bis auch das
Spielzeug in meiner Hand fertig ist. An Sonntagen sitzt gar der Förster stundenlang bei mir,
und hört meine Erfahrungen und Pläne in Bezug
der Winkelwaldleute. Wir besprechen Allerlei, und
zuweilen schreibe ich einen langen Brief an den
Herrn des Waldes.

Die Holzschläger, die früher drüben in den
Lautergräben gereutet haben, ziehen sich immer mehr
gegen das Winkel herüber, und schon einige Male
hab’ ich durch den stillen Wald das Donnern eines
fallenden Baumes vernommen. Von der Lauterkuppe schaut seit einigen Tagen eine röthliche Tafel
herab, die sich von Tag zu Tag ausdehnt und in
der Morgensonne freundlich zwischen dem dunkeln
Grüne des Waldes niederleuchtet.

In den Schluchten der Winkel gegen die
Straße hinaus arbeiten Steinbrecher und Teichgräber; es wird ein Fahrweg angelegt, daß die
Kohlen und Holzstämme hinausbefördert werden
können.

Ich gehe gerne zu den Arbeitern herum und
sehe ihnen zu, und spreche mit ihnen, auf daß ich
mir in den Dingen einige Erfahrungen sammle.

Zuweilen aber sind die Leute doch ein wenig
mißtrauisch gegen mich, und begegnen mir mit ihren
Vorurtheilen. Ich trage gerne ein Büchelchen von
Wolfgang Göthe mit mir herum, und wo so ein
schönes lauschig Plätzchen ist, da setze ich mich auf
einen Rasen oder auf einen Stein und lese in dem
Büchelchen. Dabei bin ich schon mehrmalen aus
dem Hinterhalte beobachtet worden. Und da schleicht
im Walde das Gerücht herum, ich sei ein Zauberer und hätte ein Büchlein mit lauter Zaubersprüchen.

Ich habe nachgedacht, ob mir dieser seltsame
Nimbus für meine Pläne Anfangs nicht einigen
Vortheil brächte. Gewiß wären die Eltern leicht zu
bewegen, ihre Kinder von mir das Lesen lehren zu
lassen, wenn ich ihnen sagte: Versteht Einer nur
erst die Zaubersprüche in dem Büchlein, so kann er
teufelbeschwören, schatzgraben, wettermachen, oder je
nach Bedarf die Wettermacher unschädlich halten
nach Belieben. Ich denke, daß selbst Erwachsene
und gar Grauköpfe ihre Arbeitswerkzeuge fallen
lassen und zu mir in die Schule gehen würden. —
Von mir aber wäre es schändlich und ich thäte
dadurch nur das Verkehrte erreichen von dem, was
ich will. Nicht, daß die Leute lesen und schreiben
lernen ist die Hauptsache, sondern, daß sie von den
schädlichen Vorurtheilen befreit werden und ein
reines Herz haben. Freilich könnte ich ihnen später
Bücher der Sittenlehre unterschieben und sagen:
Da drin stehen die echten Zaubersprüche; aber die
Getäuschten hätten kein Vertrauen mehr zu mir,
und das Uebel wäre größer, anstatt kleiner.

Nicht auf Umwegen wollen wir schleichen;
eine gerade Straße hauen wir durch das Urgestämme der Wildniß.

Ich habe aus dem Buche den Leuten einigemale Lieder vorgelesen; den Mädchen das „Heidenröslein“ und den Burschen das „Christel“ gelehrt.
Gleich haben sie — ich weiß gar nicht, woher —
eine Weise dazu, und jetzt werden die Lieder im
Walde schon vielfach gesungen.

Und so ist nun der Herbst gekommen. Der
Himmel ist, wenn die Morgennebel in den Thälern
sich lösen, hell und rein und alle Wolken sind aufgesogen. Die Nadelwälder sind dunkelbraun, die
Laubhölzer sind geld oder roth, und auf der Thalwiese grünt es frisch, oder es liegt auf derselben
das matte Silber des Reifes. In diesen Wäldern
ist der Herbst buntfarbiger und fast lieblicher, als
der Lenz. Der Frühling ist ein übermüthiges
Glitzern und Schillern, Singen und Jauchzen allerwege; der Nachsommer hingegen ist, wie ein stiller,
feierlicher Sonntag. Da horcht und gehorcht nichts
mehr der Erde; da lauscht Alles ahnungsvoll dem
Himmel und der Athem Gottes säuselt stimmungsvolle Lieder durch die gold’nen Saiten der milden
Sonne.

Und hoch oben in der Buchenkrone löset sich
ein müdes Blättchen los, sinkt nieder von Ast zu
Ast und tänzelt an unendlich zarten schillernden
Spinnenfäden vorüber und hernieder zu mir auf
den kühlen schattigen Grund. — Die Menschen in
der Ferne, mit denen ich vormaleinst gelebt, was
werden sie treiben? Das außerordentliche Mädchen
blüht immer — immer — auch im Herbst; —
im Sachsenland werden die dürren Blätter wehen
über Gräbern . . . .

Einsamkeit kann einsam Leid nicht bannen.
Ich muß mich nach Dingen umsehen, die mich zerstreuen und erheben und die mich nicht einseitig
werden lassen in meiner Umgebung.

Ich habe begonnen, Pflanzenkunde zu treiben;
ich habe mit meinen Augen aus Büchern herausgelesen, wie die Eriken leben und die Heiderosen
und andere; und ich habe mit meinen Augen dieselben Pflanzen betrachtet, stunden- und stundenlang. Und ich habe keine Beziehung gefunden
zwischen dem todten Blatt im Buche und dem
lebendigen im Walde. Da sagt das Buch von der
Genziane, diese Pflanze gehöre in die fünfte Klasse,
unter dieser in die erste Ordnung, komme in den
Alpen vor, sei blaublüthig, diene zur Medizin. Es
spricht von einer Anzahl Staubgefäßen, von Stempel- und Fruchtknoten u. s. w. Und das ist der
armen Genziane Tauf- und Familienschein. O,
wenn so eine Pflanze ihre eigene, mit eitel Ziffern
gezeichnete Naturbeschreibung selbst lösen könnte, sie
müßte auf der Stelle erfrieren. Das ist ja frostiger,
wie der Reif des Herbstes.

Das wissen die Waldleute besser. Die Blume
lebt und liebt und redet eine wunderbare Sprache.
— Aber ahnungsvoll zittert die Genziane, naht
ihr ein Mensch; und mehr bangt sie vor dessen
leidenschaftglühendem Hauch, als vor dem todeskalten Kusse des ersten Schnee’s.

So bin ich der Nichtverstehende und Unverstandene. Sinnlos und planlos wirble ich in dem
ungeheueren lebendigen Rade der Schöpfung.

Verstünde ich mich nur erst selbst. Kaum nach
dem Fieber der Welt zu Ruhe gekommen und
mich des Waldfriedens freuend, drängt es schon
wieder, einen Blick in die Ferne zu thun, soweit
des Menschen Auge kann reichen. — Dort auf der
blauen Waldesschneide möcht’ ich stehen, und weit
hinaus in’s Land zu anderen Menschen sehen. Sie
sind nicht besser, wie die Wäldler und wissen auch
kaum mehr; jedoch sie streben und ahnen und
suchen dich, o Herr! . . . .

Auf der Himmelsleiter.

Eines schönen Herbstmorgens habe ich mich
aufgemacht, daß ich den hohen Berg besteige, dessen
höchste Spitze der graue Zahn genannt ist. — Bei
uns im Winkel herunten ist doch allzuviel Schatten,
und da oben steht man im Lichtrunde der weiten
Welt. Es ist kein Weg, man muß gerade aus,
durch Gestrüppe und Gesträuche und Gerölle und
Zirmgefilze.

Nach Stunden bin ich zu der Miesenbachhütte gekommen. Das junge heitere Paar ist schon
davon. Die lebendige Sommerszeit ist vorbei;
die Hütte steht in winterlicher Verlassenheit. Die
Fenster, aus der sonst die Aga nach dem Burschen
geguckt, sind mit Balken verlehnt; der Brunnen
davor ist verwahrlost und sickert nur mehr, und
das Eiszäpfchen am Ende der Rinne wächst niederwärts — der Erde zu. Die Glocke einer Herbstzeitlose wiegt daneben, die läutet der versterbenden
Quelle zu ihren letzten Zügen.

Das Gartenbeetlein, das die Sennin im
Sommer so sorgsam gepflegt hat, auf welchem
lieblich und mild die hellen Blüten haben geflammt,
wuchert jetzt wild, halbverdorrt, zernichtet. O, wie
sehnsuchtsvoll wartet im jungen Frühling unser
Auge auf die ersten Blumen des Gartens! Mit
all unseren Mitteln stehen wir dem Beete bei in
seinem Keimen; wie schützen wir es in seinem
Grünen und Blühen, mit welch’ stolzer Freude bewundern wir sein hochzeitliches Prangen! — Nun
aber beginnt unsere Liebe für den Garten mälig zu
erkühlen, wir reichen ihm nicht mehr unsere Hände.
Allein prangt er weiter und wird eine wuchernde
Wildniß von unsäglicher Schönheit. Aber umsonst
— des Menschen Gemüth ist satt geworden, und
der Garten wuchert und verwuchert und verblaßt —
unverstanden und unbeklagt.

In meinem Gärtlein wachsen brennende
Nesseln, und Hummeln summen darin. Ich sollt’
wol irgendwen haben, der es bestellt! . . . . Geht
hinweg, ihr bösen Geschichten! ein Narr könnt’
Einer werden, wollt’ man d’ran denken . . . .

Ich habe mich auf den Kopf des Wassertroges gesetzt und mein Frühstück verzehrt. Das ist
ein Stück Brotes aus Roggen- und Hafermehl gewesen, wie es hier allerwärts genossen wird. Das
ist ein Essen, wie es — buchstäblich — den Gaumen
kitzelt; recht grobkörnig und voll Kleiensplitter.
Draußen im Land, wo Weizen wächst, thät’ so ein
Backwerk nicht schmecken; hier ist es ganz der Gegenstand der Bitte: Gib uns heut’ unser täglich
Brot! — Gibt aber auch Zeiten in dieser Gegend,
in welchen der Herrgott selbst mit dem Haferbrote
kargt; da kommt gedörrtes Stroh und isländisch
Moos unter den Mühlstein.

Mir gesegne Gott das Stück Brot und den
Schluck Wasser dazu!

Nachher heb’ ich an, weiter zu steigen. Zuerst
bin ich über das Kar hingegangen, aus dessen
Mulden überall graue, verwaschene Steine hervorquellen. Dazwischen stehen falbe Federgrasschöpfe
und Flechtengefilze. Einige zarte, schneeweiße Blümlein wiegen sich auch und blicken ängstlich um sich,
als hätten sie sich gar sehr verirrt in die Felsenöde
herauf und möchten gerne wieder zurück. Von dem
einst so schönen rothen Meere der Alpenrosen stehen
die spießigen Struppen des Strauches. Ich steige
weiter, umgehe einige Felswände und die Kuppe
des Kleinzahn, dann schreite ich einer Kante entlang, die sich gegen den Hauptgebirgsstock hinzieht. Da habe ich die blendenden Felder der
Gletscher vor mir, glatt, mildleuchtend wie Elfenbein, sich hinlegend in weiten sanften Lehnen und
Mulden oder in schründigen, vielgestaltigen Eishängen von Höhe zu Höhe. Dazwischen ragen kahle
Felsthürme auf, und dort in luftiger Ferne über die
lichten Gletscher erhebt sich ein dunkelgrauer, scharfzackiger Kegel, weit emporragend über die höchsten Gipfel
des Gebirges. Das ist mein Ziel, der graue Zahn.

Ein scharfkalter Luftstrom hat gerieselt von
den Gletschern her und das ganze unmeßbare
Himmelsrund ist fast finsterblau gewesen, daß ich über
den grauen Zahn herüber jenen Stern hab erblickt,
den wir zur ersten Morgen- oder Nachtstunde so
wundersam leuchten sehen und den sie die Venus
heißen. Es ist aber doch die Sonne gestanden hoch in
dem Gezelt. Die fernen Schneeberge und Felshäupter
sind so klar und niedlich gewesen, daß ich schier
vermeint, sie lägen ein par Büchsenschußweiten vor
mir und wären aus glitzerndem Zucker geformt.

Gegen Morgen hin fällt die Gegend ab in
den hügeligen Grund des dämmernden Waldes.
Und die sonst so hochragenden Almweiden liegen
tief wie in einem Abgrunde, und dort und da liegt
das graue Würfelchen einer Almhütte, von dem nur
die eine Fläche, das Dach heraufschimmert. Von
der Mitternachtsseite heran gähnen die schauerlichen
Tiefen des Gesenkes, in deren Schatten das schwarze
glanzlose Auge des Sees starrt.

Nun bin ich ein par Stunden den beschwerlichen und gefährlichen Weg der Kante entlang
gegangen bis zu den Gletschern. Hier hab ich meine
Steigeisen an die Füße gebunden, das Ränzlein
enger geschnallt und den Bergstock fester in die
Hand genommen. Der Bergstock ist ein Erbstück
von dem schwarzen Mathes. Es sind in diesem
Stocke eine Unzahl kleiner Einschnitte, die aber nicht
andeuten, wie oft etwan sein früherer Eigner den
Zahn oder einen andern Berg bestiegen, sondern
wie viel Leute er im Raufen mit diesem Knittel
zu Boden geschlagen. Ein umheimlicher Geselle! —
und mir hat er emporhelfen müssen über die weite,
glatte Schneelehne, hinweg über die wilden Eisschründe und letztlich hinan den letzten steilen Hang
auf die Spitze des Zahn. Hat’s getreulich gethan.
Und wie gerne hätte ich von diesem hohen Berge
aus dem Mathes nachgerufen in die Ewigkeit:
Freund, das ist ein guter Stock, wärst hoch mit
ihm gekommen, hättest ihn verstanden!

Jetzt steh’ ich oben.

Wenn ich so ein Wesen thät’ sein, das sich
an den Sonnenfäden könnt’ emporspinnen in das
Reich Gottes . . . .

Unter einem Steinvorsprung auf verwittertem
Boden hab ich mich hingesetzt, hab die Dinge betrachtet. Hart um mich sind die feinen zerbröckelnden Zacken der völlig senkrecht liegenden Schiefertafeln gewesen. Ueber mir wogt vielleicht ein scharfer
Luftstrom hin; ich höre und fühle ihn nicht; mich
schützt der Felsvorsprung, die höchste Spitze des
Zahn. Auf meine Glieder legt sich die freundliche
Wärme des Sonnensternes. Die Ruhe und die
Himmelsnähe thun wohl. Ich sinne, wie das wäre
in der ewigen Ruh . . . . Und selig sein! — ewig
im Glück, ewig zufrieden und schmerzlos leben;
nichts wünschen, nichts verlangen, nichts fürchten
und hoffen durch alle Zeiten hin . . . . Ob das
nicht doch ein wenig langweilig wird? Ob ich mir
nicht etwan doch einmal Urlaub nehmen möcht’,
daß ich hier unten wieder könnt’ die Welt anschauen. Mein Gutsein dahier geht leichtlich in eine
Nußschale hinein. Aber ich meine, wenn ich einmal
oben wär; herunten wollt’ ich wieder sein. ’s ist
ein Eigenes um irdisch Freud’ und Schmerz!

Nur Eines wollt’ ich mir bedenken, ginge ich
auf Urlaub zurück. Ein gutes Engelein müßte mir
seine Flügel mitleihen; wie wollt’ ich fliegen über
die weißen Höhen und sonnigen Gipfel und luftigen Kanten, bis in die Ferne dort, wo die Säge
der Gebirgskette den lichten Himmel durchschneidet;
und auf jenem letzten weißen Zähnchen wollt’ ich
ruhen und hinblicken in die Weiten des Flachlandes und zu den Thürmen der Stadt. Vielleicht
könnte ich den Giebel des Hauses erblicken, oder gar
das Gefunkel des Fensters, an dem sie steht . . . .

Und thät’ ich das Gefunkel desselbigen Fensters erblicken, dann wollt’ ich gern umkehren und
zurück in den Himmel.

Ob es wol wahr ist, daß man von dieser
Spitze aus das Meer kann sehen? — Meine Augen
sind nicht klar, und dort in Mittag zittert das
Graue der Erde mit dem Grauen des Himmels
ineinander. — Den festen Boden kenne ich; was
Moder ist, nennen sie fruchtbare Erde. Könntest
du, mein Augenblick, nur ein einzigmal das weite
Meer erreichen! — —

Als endlich die Sonne sich so hat gewendet,
daß der blaue Schatten ist erschienen auf meiner
steinigen Ruhestatt, da habe ich mich erhoben und
bin emporgestiegen auf den allerhöchsten Punkt. Ich
habe den Rundblick gethan in die ungeheuere
Zackenkrone der Alpen.

Und darnach bin ich niedergestiegen an den
Felshängen, den Gletscherschründen, den Schneefeldern; bin hingegangen auf dem langen Grat, bin
endlich wieder herabgekommen auf die sanften,
weichen Matten. Da sind vor mir wieder die
Waldberge gewesen; aus den Thälern ist die
Dämmerung gestiegen. Diese hat mir fast wohlgethan; vor meinem überreizten Auge hat es noch
lange geflimmert und gefunkelt. Eine Weile habe
ich die Hand davorgehalten. Und als ich meinen
Blick wieder vermocht zu heben, da hat auf den
Höhen das Gold der untergehenden Sonne geleuchtet.

Wie ich zu der Miesenbachhütte komme, vor
der ich des Morgens eine Weile gesessen bin, veranstaltet der schalkhafte Zufall eine Begebenheit.

Ich denke, da ich so vorübergehen will, just
darüber nach, wie freundlich und heimatlich ein
bewohntes Menschenhaus dem Wanderer entgegengrüßt, hingegen aber, wie so eine leere, verlassene
Stätte gespensterhaft dasteht, schier wie ein hochragender Sarg. Da höre ich von der Hütte her
plötzlich ein Gestöhne.

Meine Füße, sonst recht müde schon, sind auf
einmal federleicht geworden, haben davonlaufen
wollen, aber der Kopf hat sie nicht fortgelassen,
und die Ohren haben angestrengt gelauscht, und die
Augen haben gelugt. Unter einem Winkel des
Dachvorsprunges ist ein Pfauchen und Schnaufen,
und da sehe ich gar was recht Sonderbares. Aus
der rohen, braunen Holzwand ist ein Menschenhaupt mit Brust, zwei Achseln und einer Hand
herausgewachsen, und allsammt ist es lebendig und
zappelt, und von innen höre ich, wie Knie und
Füße poltern.

Aha, denke ich, ein Dieb, der sich da drin
vielleicht die Taschen ein wenig zu voll angestopft
hat und beim Herauskriechen unselig stecken geblieben ist. — Es ist ein junger Kopf mit krausem
Haar, aufgestrichenem Schnurbärtlein, weißem Hemdkragen und rothseidenem Halstuche, wie man das
sonst in diesen Wäldern selten findet.

Wie er mich gewahr wird, schreit er hell:
„Du heiliges Kreuz, aber das ist ein Glück, daß
da Einer kommt. Erweiset mir die Gutthat und
helfet mir ein wenig nach, es braucht nur ein klein
Rukel. Das ist schon ein verflixt Fenster, das!“

„Ja, Freund,“ sage ich, „da muß ich dich
früher wol ein wenig ausfragen. Wissen thät’ ich’s,
wer dich am leichtesten könnt’ herauskriegen; der
Gevattersmann mit der rothen Pfaid, der thät’ dir
schön sachte das Stricklein an den Hals legen, ein
wenig anziehen — gleich wärst heraußen in der
freien Luft.“

„Dummheiten,“ entgegnet er, „als ob der
ehrlich Christenmensch nicht kunnt stecken bleiben, ist
das Loch zu eng. Ich bin der Holzmeistersohn von
den Lautergräben und geh’ heut über die Alm in
den Winkelegger Wald hinab. Wie ich da an der
Hütten vorbeigeh’, seh’ ich die Thür angelweit
offen, daß sie der Wind allfort hin- und herschlägt.
’s ist nichts drin, denk’ ich bei mir selber, gar
nichts drin, was der Müh’ werth wäre, daß sie’s
forttrügen, aber eine offene Thür in einem stockleeren Haus mag Eins nicht leiden; über den ganzen Winter hindurch der Schnee hereinfliegen, das
ist keine gute Sach’. Die Sennin muß es eilig
gehabt haben, wie sie ab in’s Thal getrieben hat
— das ist schon die Rechte, die Alles offen läßt. —
Nu, ich geh’ darauf hinein, mach’ die Thür zu,
und rammle von innen ein par Holzstücke vor,
steig’ nachher auf die Bank, will durch’s Rauchfenster hinaus, und verklemm mich da, das schon
des Teufels ist.“

Ich hab dem Burschen aber noch nicht getraut
und guck’ ihm eine Weile zu, wie er zappelt.

„Und stecken bleiben, meinst, wolltest nicht da
unter dem Dach, bis morgen ein par Leut’ kommen
und dich kennen thäten?“

Da knirscht er mit seinen Zähnen, und macht
die heftigsten Anstrengungen, aus seiner bösen Lage
zu entkommen.

„Muß morgen in aller Früh zu Holdenschlag
sein,“ murmelt er.

„Was willst denn zu Holdenschlag?“ sage ich.

„Nu mein Gott, weil eine Hochzeit ist!“
brummt er schon recht unwirsch.

„Und mußt leicht wol dabei sein?“

Er will nicht mehr antworten. „Jessas und
Anna, weil ich dazu gehör’!“ stößt er endlich
heraus.

„Nachher freilich, nachher müssen wir schon
trachten, daß wir dich loskriegen,“ sage ich, klettere
an der Wand ein wenig empor, und heb’ an dem
Burschen zu zerren an, bis wir die zweite Hand
heraus haben; dann geht’s schon leichter. Nicht
lange darauf, so steht er am Boden, sucht seinen
davongerollten Spitzhut auf, schlingt sich die steifgewordenen Arme und Beine ein, blickt mit hochrothem Gesicht nochmals empor zu dem Rauchfensterlein und ruft: „Du Höllsaggra, da hat’s mich derwischt gehabt!“

Dann sind wir in der Dämmerung zusammen
hinabgestiegen gegen den Winkelegger Wald. Der
Bursche hat nicht recht mit mir reden wollen. Ich
habe versucht, meine Bosheit gut zu machen, habe ihn
versichert, daß ich’s ja gleich erkannt, er sei kein Dieb.

„Und morgen wirst also zu Holdenschlag bei
der Hochzeit sein! Bist zuletzt gar der Brautführer, he?“

„Der Brautführer, nein, dasselb’ bin ich nicht.“

„Leicht hätten sie’s zu Holdenschlag auch allein
gemacht, wärst da oben stecken geblieben.“

Er zieht den Hut über die Augen, und blickt
auf die schlüpferigen Baumwurzeln, über die wir
nun hinabsteigen.

„Allein,“ meint er endlich, „nein, dasselb’
glaub’ ich nicht. Wisset, die Sach’ geht halt so zu,
allein machen sie es schon deswegen nicht, weil —
weil’s völlig so ausschaut, wie wenn ich der Bräutigam wär’.“

Dieses Wort gehört, bin ich stillgestanden, hab
den Burschen eine Weile angestarrt und gedacht,
wie das böse wäre, wenn unten die Braut und
die ganze Hochzeit harren und harren thäten, und
der Bräutigam steckt oben im Rauchfenster der
Sennhütte.

Der junge Mann hat mich hierauf höflich zu
seinem Ehrentag eingeladen. Er hat mich getreulich
geführt; wir sind hinabgestiegen durch den finsteren
Wald, bis zum engen Thale des Winkelegg.

Ein Berg von ausgeschälten Holzblöcken liegt
da; das ist der Winkelegger Wald, der auf einer
langen Riese Stamm an Stamm herangerutscht
gekommen ist. Neben dem Holzhaufen stehen die
drei schwarzen, großmächtigen Betten der Meiler,
über denen langsam und still milchweißer Rauch
emporqualmt zu den Kronen der Schirmtannen
und zum nächtlichen Herbsthimmel.

Der Holzmeistersohn von den Lautergräben
hat mich genöthigt, mit ihm in die Klause zu
treten, die unter den Schirmtannen steht. In der
Klause sind drei Menschen, zwei Hühner, eine
Katze und die Herdflamme. Sonst habe ich kein
lebendiges Wesen gesehen.

Ein junges Weib steht am Herd und legt
Lärchengeäste kreuzweise über das Feuer. Mein Begleiter sagt mir, dieses junge Weib sei seine Braut.

Hinter dem breiten Kachelofen, der schier bis
zu der rußigen Decke der Stube emporgeht, und
der mich, den fremden Eindringling, mit sehr großen, grünen Augen anglotzt, sitzt ein Mütterlein
und zieht mit unsicheren Fingern die Bundriemen
durch ein neues par Schuhe, wobei es sich allfort
die Augen wischt, die schon recht abgestanden sein
mögen, wie ein altes Fensterglas, das viele Jahre
lang im Rauche der Köhlerhütte gestanden. Mein
Begleiter sagt mir, dieses Weiblein sei die Mutter
seiner Braut, welche von den Leuten allerwege die
Rußkathl geheißen wird.

Weiter hin, im düstersten Winkel, sehe ich
eine derbe, männliche Gestalt mit entblößtem Oberkörper, die sich aus einem mächtigen Holzbecken mit
solcher Gewalt wäscht und abreibt, daß sie schnauft
und pfaucht wie ein Lastthier.

„Das ist meiner Braut der Bruder,“ erklärt
mir mein Begleiter, „er ist der Köhler dahier und
sie heißen ihn den Ruß-Bartelmei.“

Dann tritt der Holzmeistersohn zu seiner Braut
und sagt ihr, daß er da sei und daß er an mir
jenen Menschen mitgebracht habe, der allweg in
den Wäldern herumgehe und eine hohe Gelehrsamkeit
habe und der ihnen zum Hochzeitstag die Ehre
erweisen werde.

Das junge Weib wendet sich ein wenig gegen
mich und sagt: „Schauet, daß ihr wo niedersitzen
mögt, ’s geht halt so viel zerissen zu, bei uns;
wir haben nicht einmal einen ordentlichen Sitzstuhl.“

Hierauf spricht der junge Mann eine Weile
leise mit seiner Braut. Ich halte, er hat ihr die
Geschichte von der Sennhütte erzählt, weil sie auf
einmal ausgerufen: „Aber na, du bist aber doch
ein rechter Närrisch! Mußt denn überall hineingucken, oder bist es von eher so gewohnt worden,
da oben bei der Sennhütten?“

Der Bursche wendet sich zu seiner Schwiegermutter: „Gebt her die Schuh’, ihr laßt ja doch
die Löcher zur Hälfte aus; für so feine Arbeit mögt
ihr nimmer lugen.“

„Ja, du Paul, dasselb’ ist wol wahr auch,“
keifelt die Alte gemüthlich aus ihrem zahnlosen
Munde, „aber hörst, Paul, meine Ahndl hat meiner Mutter die Brautschuh eingeriemt, meine Mutter
hat’s mir gethan; und ich, für was wäre ich altes
Krückel denn auf der Welt, wollt’ ich für meine
Annamirl nicht auch einriemen.“

„Leicht kriegt ihr bald andere Arbeit, Mutterle,
beim Heideln braucht ihr nicht zu lugen,“
versetzt der Paul schalkhaft.

Da hebt die Annamirl den Finger: „Du!“

Und im dunkeln Winkel ist das vorige Plätschern und Pfauchen. Ein Mensch, der einmal so
angeschwärzt ist, wie der Ruß-Bartelmei, der vermag sich nicht mehr so leicht weiß zu waschen vor
der Welt und sollte seine Schwester gar den Holzmeistersohn von den Lautergräben heiraten.

Und mein Holzmeistersohn zieht die Riemen
in die Schuhe seiner Braut. Die Alte, einmal zu
den ersten Worten veranlaßt, kommt in’s Schwätzen:
„Und vergiß mir’s ja nicht, Annamirl,“ sagt sie, mußt
es auch probiren. Einmal wird’s doch anschlagen.“

„Daß ich den Pathengroschen sollt’ anbauen,
Mutterle?“

„Dasselb’, ja. Und unter einer Zwieseltann’
mußt du in der Hochzeitsnacht den Groschen vergraben. Das ist der Geldsamen, und wirst sehen,
in drei Tagen wird er blühen, und in drei Monaten kann er gleichwol schon zeitig sein. Die Vorfahren haben es auch so gemacht, aber allen ist’s
nicht gelungen. Gewesen ist’s so: Meine Ahndl
hat die Zeit versäumt, meine Mutter hat die Zwieseltann’ nicht mehr gefunden, und ich hab’ einen unrechten Groschen in die Erden than. Deswegen,
meine Tochter, merk’ dir die Stund’ und die Zwieseltann’, und der Groschen wird aufgehen, und Geld
genug wirst haben dein Lebtag lang.“

Die Annamirl öffnet eine alte Truhe und beginnt in den Kleidungsstücken und anderen Geräthen
herumzukramen. Ich glaube, sie hat den Pathengroschen gesucht.

Der Köhler im Winkel aber wäscht und reibt
sich. Mehrmals wechselt er das Wasser, und immer
wird es schier schwarz wie Dinte. Endlich aber
bleibt es nur grau, da läßt der Ruß-Bartelmei ab
und trocknet sich; dann kleidet er sich an, setzt sich
auf die Thürschwelle, und aufathmend sagt er:
„Ja, Leut’, die eine Haut hätt’ ich jetzt herunter
und die andere ist noch ein wenig oben.“

Dieselbe aber, die noch ein wenig oben, ist
sehr roth geworden, ist stellenweise gar noch ein
bischen braun, und es soll doch immer noch der
Ruß-Bartelmei sein, der morgen seiner Schwester
zur Hochzeit geht.

Ich werde eingeladen, daß ich über die Nacht
in der Hütte bleibe und die Braut setzt mir gastlich eine Eierspeise vor, weil ich der „gelehrte
Mann,“ der, käme die Zeit und hätten die Kinder
einen guten Kopf, leicht zu brauchen wäre.

Der Rauch hat die Hühner aus ihrer Abendruh’ aufgetrieben; da kommen sie nun zu mir auf
das Tischchen und machen hohe Krägen über den
Topfrand in meinen Kuchen hinein. Wollen sie
zuletzt gar ihre Eier wieder zurückhaben?

Auch die Alte kommt mir immer näher, thut zweimal den Mund auf und unverrichteter Sache wieder
zu, und murmelt dann in ihr blaues Halstuch hinein:
„Ich red’s doch nicht — ’s wird gescheidter sein.“

Ich bin ihrer Furchtsamkeit zu Hilfe gekommen:
„Allfort wolauf, Mutterle?“

„Dank euch Gott die Frag’,“ entgegnet sie
sogleich und rückt mir noch näher, „diemal ja, —
unberufen. Was noch kommen wird, weiß Unsereins nicht. Und daß ich’s nur daher red’, wie ich’s
versteh’: Er ist ein gelehrsamer Mann, sagen die
Leut, nachher wird Er das Wahrsagen wol auch
kennen? — Gar nicht? — Aber das, hätt’ ich
gemeint, sollt’ so ein Mensch wol lernen. Und von
wegen dem Lottospiel, weil wir schon so weit bekannt sind: weiß Er keine Nummern?“

„Jeßtl und Josef,“ schreit jetzt das junge
Weib plötzlich auf, „eilet, eilet, Mutterle, mir
däucht, das Kätzl ist in’s Wasserschaff gekugelt!“

Da wackelt die Alte gegen den Winkel hin,
in welchem früher der Bartelmei gewesen; aber das
Kätzlein ist schon fort, ist vielleicht gar nie im
Wasser gewesen. Die Annamirl wird sich der kindischen Fragen ihrer Mutter schämen, und hat ihnen
durch obige List ein Ende gemacht.

Am andern Tag, als die Morgenröthe durch
den weißen Kohlenrauch hat geglüht, sind von allen
Seiten des Waldes her Leute gekommen. Schmuck
und geschmeidig sind alle gewesen, wie ich sie hier
noch nie so gesehen. Sie bringen Hochzeitsgaben mit.
Der Pecher kommt mit dem glänzend schwarzen
Pechöltopf: „Für die Brautleut’ zur Gesundheit.
Was will das Pechöl sagen? Habt ihr im Leben
auch Pech zu tragen, müßt ihr ihm gleich das Oel
der Geduld zutheilen. Das will das Pechöl sagen.“
Wurzner kommen mit Gesäme und duftenden Kräuterbüscheln; die Ameisgräber kommen mit „Waldrauch“; Kinder bringen Wildobst in Fichtenrindenkörbchen; Holzhauer tragen Hausgeräthe herbei. Der
Schwamelfuchs, ein altes, verhöckertes und verknorpeltes Männlein, schleppt eine großmächtige Thonschüssel heran, einen rechten Familientopf, wol für
ein ganzes Dutzend Esser. Andere bringen hölzerne
Löffel dazu; wieder Andere kramen Mehl- und
Schmalzkübel aus, und ein Kohlenbrennerweibchen
kommt ganz verlegen hereingetorkelt und steckt der
Braut ein sorgsam umwickeltes Päckchen zu. Als
diese, mit unbehilflichen Worten die Spenderin
lobend, es öffnet, kommen zwei wackergestopfte
Kapauner zum Vorschein. Das erspäht die alte
Rußkathl, die, bereits auch festlich angezogen, erwartungsvoll an den Wänden herumschleicht, und
sie flüstert zu ihrer Tochter: „Weißt wol, Annamirl,
wo die best’ Brautgab’ hinkommen muß? Jawol,
in den kühlen Erdboden hinein. Nachher kommt
eine schöne Frau in guldenem Wagen gefahren,
und an den guldenen Wagen sind zwei Kätzlein
gespannt, die graben mit ihren Pfoten die Brautgabe aus, und die Frau nimmt die Gab’ in ihre
schneeweißen Händ’ und fährt dreimal um die
Hütten herum; nachher kann kein Elend kommen in
eueren heiligen Eh’stand.“ — So klingt das Märchen von der Freya noch fort im deutschen Walde.

Die Annamirl schweigt eine Weile und dreht
die schweren, säuberlich gerupften und gefüllten Geflügel in der Hand um und um, als wären sie
schon am Bratspieß, dann versetzt sie: „Ich halt’,
Mutter, in der Erden kunnten sie verfaulen, oder
es fräßen sie die Kätzlein, und deswegen ist es,
daß ich sag’: wir essen sie selber.“

Zuletzt naht gar der feine Branntweiner mit
seinem großen vollbauchigen Plutzer, der gleich
einen prächtigen, weingeistigen Geruch verbreitet in
der ganzen Hütte. Das riecht der Ruß-Bartelmei,
der sofort herbeieilt, um zu sehen, wie so ein Tonplutzer doch eigentlich gemacht und zugestopft ist.

Aber da kommt die Annamirl dazwischen:
„Dank dir zu tausendmal Gott, Branntweinhannes,
das ist schon gar zu viel, das können wir nicht abstatten. Das ist leicht das best’ Brautgeschenk, und
so thu’ ich damit den alten Brauch.“

Behendig zieht sie den Stöpsel aus dem Plutzer
gießt den funkelnden, rauchenden Branntwein bis
auf den letzten Tropfen auf den Erdboden.

Die Alte kichert und keift: „Du Närrisch du,
allbeid’ Kätzlein werden dir rauschig; wird aber
das ein Gehetz sein!“

Als Alle beisammen, hat schon die Sonne
zur Thür hereingeleuchtet. In der Nacht ist ein
Mahl gekocht worden, das die Leute nun mit gutem
Appetit und lustigen Worten verzehren. Ich habe
ebenfalls davon genossen, und habe mich unter die
Kinder gemacht, die da gewesen und denen ich von
den Speisen in ihre hölzernen Schüsselchen gefaßt,
auf daß sie auch etwas bekommen.

Darauf sind wir Alle davongegangen. Bei
den Kohlenmeilern bleibt nur ein einziger alter
Mann zurück, der mit seinem Eisenhacken lange
vor der Thüre steht, ein kurzes, hochthürmiges
Pfeifchen schmaucht und uns schmunzelnd nachblickt,
bis wir in dem waldschattigen Hohlweg ihm verschwunden. Dann liegt nur noch die stille, freundliche Morgensonne auf den Schirmtannen.

Viele Männer des Hochzeitszuges haben sogar
Schußgewehre bei sich getragen; aber nicht nach
den Thieren zielen sie heute, in die freie Luft schießen
sie hinein, und sie halten es für eine große Feierlichkeit und Pracht, wenn es recht knallt und hallt.

Gesungen und gejauchzt wird, daß der Sommertag zittert. Herzensfreudige Lieder habe ich da gehört; Schalkheiten werden gethan, althergebrachte
Spiele unterwegs gehalten und es ist schon Mittag,
als wir zur Pfarrkirche von Holdenschlag gelangen.
Fünf Männer kommen uns entgegen mit Trompeten, Pfeifen und einer gewaltig großen Trommel.
Mit einer wahren Festfreudenwuth haut der Trommelschläger drein; und das ist ein Gehetz und mächtiges Gelächter, als der Schlägel plötzlich das so sehr
gemarterte Fell durchbricht und in den Bauch hineinschießt, um seinem Takte auf dem andern Felle
noch rechtzeitig nachzukommen. Ein Bursche schleicht
lauernd um den Zug und will uns nach alter
Sitte die Braut entführen, allein der Brauthüter
wacht. Er wacht eigentlich mehr über seinen Geldbeutel als über die Braut; denn wäre ihm letztere
abhanden gekommen, der Entführer hätte sie in ein
entlegenes Gasthaus geschleppt und der Brauthüter
hätte müssen die Zeche zahlen.

Der Bräutigam geht neben der ersten Kranzjungfrau; erst nach der Trauung gesellt er sich als
Ehemann zu seiner Gattin, und nun geht der frühere Brauthüter mit der Kranzjungfrau, auf daß
gleich der Keim zu einer neuen Hochzeit gelegt ist.
Der Brauthüter ist mir wol bekannt, er heißt
Berthold, die Kranzjungfrau heißt Aga.

In der Kirche wird Wein getrunken und der
Herr Pfarrer hält eine sehr erbauliche Rede von
dem Ehesakrament und den Absichten Gottes. Der
gute, alte Herr hat sehr schön gesprochen, aber die
Leute aus dem Walde verstehen sein Hochdeutsch
nicht recht. Erst im Wirthshause, als wir schon
Alle gegessen, getrunken und Schabernack getrieben
haben, ist für die Leutchen die rechte Predigt. Da
erhebt der alte, bärtige Rüppel sein Weinglas und
hebt an zu reden:

„Ich bin kein gelehrter Mann, hab’ keinen
Doktornzipf auf und keine Kutten an. Thät’ ich mein
Weinglas nit haben zur Hand, bei meiner Treu’,
Leut’, ich brächt’ kein gescheit Wörtl zu Stand. Daß
die Zung’ mir wird gelöst, wie es bei Moses ist
gewest, desweg’ trink ich den Wein; fällt mir auch
leichter ein schicksam Wörtl ein. — Ich bin als
der alte Bibelreiter bekannt; wär’ ich ein Rittersmann, ich ritt auf einem Schimmel durch’s Land.
Und in der Bibel, da hab’ ich einmal ein Sprüchel erfragt, der Herrgott, das Kreuzköpfel, hat’s
selber gesagt: Ist der Mensch allein, sagt er, so
thut er kein Gut; aber sind ihrer viel, so thun sie
auch kein Gut; so probir ich’s halt justament zu
zwein und zwein, und sperr’ sie paarweis’ in die
Hütten ein. Aber schaut’s, da wird gleich die
Hütten zu klein. Sie brauchen ein großmächtiges
Haus; zuletzt ist’s heilig Paradeis zu eng, sie
müssen in die weit’ Welt hinaus. Müssen hinaus
in den wilden Wald und auf stockfremde Heiden, müssen leiden und meiden und zuletzt wieder scheiden. Da hat der lieb’ Herrgott seinen
Sohn geschickt, daß er sollt die Schäflein weiden.
Ich hör’ auf das Kreuz wol drei Hammerschläg’
klingen, zur Rechten, zur Linken, zu Füßen —
da möcht’ Einem das Herz zerspringen. Darauf
ist geronnen das rosenfarbne Blut, das thut uns
den Himmel erwerben. Dir bring’ ich das Glas, o
Gotteslamm, für dein heiliges Leiden und Sterben!“

Da ist es still gewesen in der ganzen, weiten
Stube, und der alte Mann hat das Glas getrunken.

Bald aber füllt er es zum zweiten Mal und
spricht: „Ihm sei die Ehr’, aber es soll der Herr
nun in Freuden auch bei uns sein, und darum
laden wir zu diesem Ehrentag auch den Herrn
Jesus ein, wie auf der Hochzeit zu Galilä, auf
daß er uns mache das Wasser zu Wein, den ganzen Winkelbach, heut’ und alle Tag’. Und der Wein
ist hell und rein, weiß und roth zusammengossen,
wie die zwei jungen Herzen sein zusammengeschlossen
in Lieb’ und Ehr’, und sonst keiner mehr. Der
Wein wird gewachsen sein bei Sonn- und Mondenschein zwischen Himmel und Erden, so wie unsere
Seel’ von oben ist, und der Leib von der Erden.
Und der süße, guldene Wein soll Braut und Bräutigam zur Gesundheit sein.“

Das ist jetzt eine Lust und ein Geschrei, und
die Pfeifen und Geigen klingen drein, und der
Braut gießen sie Wein auf ihren grünen Kranz.

Jeder hebt nun sein Glas und bringt seinen
Hochzeitsspruch, sein Brautlied aus dem Stegreif
dar. Zuletzt torkelt die alte Rußkathl empor und
mit unglaublich heller Stimme singt sie:

„Schneid Birnbam,
Schneid Buxbam,
Schneid birn-buxbam’ni Lad’n,
Mei Schatz will a buxbam’as Bettstadl hab’n!“

Das ist ihr Trinklied und Hochzeitsspruch gewesen. Wie’s jetzt angegangen, da hab ich gemeint,
der Hall und Schall drücke alle vier Wände hinaus
in den ruhsamen Abend.

Nach und nach ist es wol wieder stiller geworden und die Leute haben ihre Augen auf mich
gelenkt, ob ich, der gelehrte Mann, denn keinen
Brautspruch wisse.

So bin ich denn aufgestanden: „Glück und
Segen dem Brautpaar! Und wenn nach fünfundzwanzig Jahren seine Nachkommen in den Ehestand
treten, so wird es in der Pfarrkirche am Stege der
Winkel sein. Das möge kommen! ich leere den
Becher!“

So hat mein Brautspruch gelautet.

Darauf ist ein Gemurmel und Geflüster gewesen und einer der Aeltesten ist an meinen Platz
getreten und hat mich höflich gefragt, wie die Rede
gemeint.

Die ganze Nacht hin hat in dem Wirthshause
zu Holdenschlag die Musik geklungen, haben die
Hochzeiter getanzt und gesungen.

Am andern Morgen haben wir das Ehepaar
aus seiner Kammer hervorgeholt. Dann ist eine
lange Weile der Brauthüter gesucht und nicht gefunden worden. Wir hätten den Berthold zu einem
uralten Hochzeitsspiele, dem Wiegenholzführen benöthigt.

Wer hätte gedacht, daß der wildlustige Bursche
in des Pfarrers Stube steht, eine ganze Alpenglut
auf seinen Wangen trägt und mit beiden Händen
die Krempen seines Hutes zerpreßt!

Der Pfarrer zu Holdenschlag geht würdigen
Schrittes die Stube auf und ab und sagt mit
väterlicher Stimme die Worte: „Zähme dich,
mein Sohn, und bete, verlängere dein Abendgebet dreimal oder siebenmal, wenn es nöthig
ist. Die Versuchung wird weichen. — Heiraten!
ein Habenichts, wozu denn? Hast du Haus und
Hof, hast du Gesinde, Kinder, daß du ein Weib
brauchst? — nun also! — Auf den Bettelstab
heiraten, die Narrheit geht nicht an. Wie alt
bist denn?“

Auf diese Frage erröthet der Bursche noch
mehr. Es ist eine schauderhafte Blödheit, wenn
Einer sein Alter nicht weiß. Und er weiß es nicht.
Um zehn Jahre wird er nicht fehlen, wenn er auf
geradewol zwanzig sagt.

„Werde dreißig, erwerbe dir Haus und Hof,
und dann komme wieder!“ ist des Pfarrers Bescheid. Darauf geht er in die Nebenstube, und der
Berthold bleibt stehen und ihm ist, als müsse er
noch was sagen — ein gewichtig Wort, das alle
Einwände zu Boden wirft und der geweihte Herr
beigeben muß: ei, das ist ganz was anders, dann
heiratet in Gottesnamen.

Aber der Bursche weiß kein Wort, das es
vermöchte zu deuten und hell zu künden, warum er
eins — ewig eins sein will mit Aga, dem armen
Almmädchen.

Da der Herr Pfarrer nicht mehr zurückkehrt
aus der Nebenstube, sondern in derselben gemächlich
sein Frühstück verzehrt, wendet sich der Bursche
endlich traurig der Thür zu, und steigt die Treppe
nieder, die Himmelsleiter des Liebesglückes, an der er
vorhin mit freudevoller Zuversicht emporgestiegen war.

Aber auf der grünen Erde angelangt, ist er
ein Anderer. Und es ist ein Arg’ gewesen, wie der
Bursche sich an diesem zweiten Hochzeitstage übermüthig toll geberdet hat.

Am Nachmittage hat sich gepaart Mann und
Weib, Bursch und Magd; der Andreas Erdmann
hat sich zum alten, bärtigen Rüppel gesellt, und so
sind wir Alle wieder zurückgegangen in die Wälder
der Winkel.

Die Schriften des Waldschulmeisters.

Vor mehreren Jahrhunderten sollen in der
Gegend der Winkelwässer Menschen gewohnt haben
die sich von Getreidebau, Viehzucht und Jagd ernährt.
— Die Winkel ist fürsorglich eingedämmt, an ihren
Ufern hin grünen gepflegte Wiesen und ein Fahrweg führt hinaus zu den vorderen Gegenden. An
den Bergen grünen Felder. — So soll es gewesen
sein. Unweit von dem Platze, wo jetzt das Holzmeisterhaus steht, zeigt ein Mauerrest die Stätte,
wo eine Kirche gestanden haben soll. Zwar geht die
Meinung, es sei keine Kirche gewesen, sondern ein
Götzentempel, in welchem sie noch dem Woutan
Meth zugetrunken und Thiere geopfert, so oft
der Vollmondschein durch die Blätter der Linden
gerieselt. Zur selben alten Zeit sei jedes Jahr ein
schneeweißer Rabe niedergeflogen von den Alpenwüsten, und diesem habe man Korn auf die Steine
gestreut, der Vogel habe das Korn aufgepickt und
hierauf sei er wieder von dannen geflogen. Einmal
aber habe man dem weißen Raben keine Körner
gestreut, weil ein Mißjahr gewesen, und weil ein
Mann die Sache für etwas Albernes ausgelegt
habe. Darauf sei der Rabe nicht mehr gekommen.
— Aber kaum der Winter vorüber, so seien von
Sonnenaufgang her wilde Völkerschaaren herangeströmt mit häßlichen braunen Gesichtern, blutrothen Hauben und Roßschweifen, auf wunderlichen
Thieren reitend, seltsame Waffen schleppend — und
gar in die Winkelwälder hereingezogen. Diese Rotten
haben geplündert und die Bewohner zu Hunderten
davongeschleppt, so daß die Gegend menschenleer
geworden.

Dann sind die Häuser und der Tempel verfallen,
das Wasser hat die Dämme und Wege zerstört und
die Wiesen mit Schutt oder Gestein übergossen.
Die Obstbäume sind verwildert; auf den Feldern
sind Lärchenwälder gewachsen, die Lärchen aber durch
Tannen und Fichten verdrängt worden. Und so sind
die finsteren, hundertjährigen Hochwälder entstanden.

Es ist nicht zu bestimmen, ob der Kern der
heutigen Waldleute von jenem vor Jahrhunderten
abstammt. Ich glaube vielmehr: so wie die alten
Bewohner durch eine an die Alpen brandende Welle
wilder Zeiten fortgeschwemmt worden sind, so sind
nach vielen Jahren in den Stürmen der Zeit
Splitter anderer Stämme in diese Wälder verschlagen worden. Man sieht es den Leuten ja an, daß
sie nicht auf sicherem Boden der Heimat fußen, daß
sie aber gleichwol den Drang haben, sich in den
Waldboden einzuwurzeln und den Nachkommen ein
gesichertes und geregeltes Heim zu bereiten.

Dennoch aber dämmert auch in diesen Menschen die Waldesgöttermähr der alten Deutschen fort.
Sie lassen im Herbste die letzten wilden Früchte
auf den Bäumen, oder behängen mit denselben ihre
Kreuze und Hausaltäre, um für ein nächstes Jahr
Fruchtbarkeit zu erlangen. Sie werfen Brot in das
Wasser, wenn eine Ueberschwemmung droht; sie
streuen Mehl in den Wind, um träuende Stürme
zu sättigen — so wie die Alten den Göttern haben
geopfert. Sie hören zur heiligen Zeit der Zwölfen
die wilde Jagd, so wie die Alten schaudernd Vater
Woutan’s Tosen haben vernommen. Sie erinnern
sich an Hochzeitsfesten der schönen Frau mit den zwei
Katzen, so wie die Alten die Freya haben gesehen.
Und wenn die Winkelwäldler draußen in Holdenschlag Einen begraben, so leeren sie den Becher
Methes auf sein Andenken. Ueberall klingt und
schimmert sie durch, die alte germanische Sage und
Sitte. Im Vordergrunde aber tönt und webt als
Herrschendes das hohe Lied vom Kreuze.

Wol die Meisten der Winkelwäldler müssen es
empfinden, was hier fehlt; nur die Wenigsten wissen
es zu nennen. Aber jener Speiker hat es getroffen,
als er vor einem Jahre bei der Köhlerhochzeit die
Worte gesagt: „Um uns schiert sich kein Pfarrer
und kein Herrgott. Dem Elend und dem Teufel
sind wir verschrieben. Für uns ist auch ein Hundsfottleben gut genug; wir sind ja die Winkler!“

Aber der Speiker kann’s noch erleben und mein
Trinkspruch wird in Erfüllung gehen. Ich bin seit
der Hochzeit wieder um ein Jahr jünger geworden.
Die Winkelwäldler werden eine Kirche bekommen.

Will ein Volk aus wilder Ursprünglichkeit sich
aufbauen zu einer schönen, ebenmäßigen Höhe, so
muß der Gottestempel zu dem Baue das Gerüste sein.

Darum beginne ich in den Winkelwäldern mit
der Kirche.

Ich habe drängen und dringen müssen. Der
Herr von Schrankenheim hat seinen Palast mitten
in der Stadt; da schallt zu jedem Fenster eine
andere Kirchenglocke herein, und zwischen den Fenstern auf zierlichen Gestellen prangen hundert Bücher
für Herz und Geist. Wer ahnt es da, was in den
fernen Wäldern so ein Klang und ein Predigtstuhl
bedeutet! Endlich aber hat es der Gutsherr doch
eingesehen, und heute sind schon Männer da, um
die Baustelle zu prüfen.

Da drüben neben dem Winkelhüterhaus, schnurgerade vom Steg herauf, der über die Winkel führt,
ist ein erhöhter Felsgrund, sicher vor Gesenken,
Lahnen und Wildwasser. Er liegt zwischen dem
Hinter- und Vorderwinkel, und von den Lautergräben, dem Miesenbachthale und dem Karwasserschlag
ist völlig die gleiche Weite bis hierher zu dem erhöhten Felsgrund. Das ist der rechte Platz für das
Gotteshaus. Ich habe einen Plan eingereicht, wie
ich mir denke, daß so ein Waldkirchlein sein soll.

Das Kirchlein sei nicht gar zu klein, damit
Alle darin Platz haben, die kummervollen und bedürftigen Herzens sind, wie es deren im Waldlande
Viele gibt und fürder geben wird. Es sei nicht
gar zu niedrig, denn der hohe Wald und die Felswände haben den Sinn verwöhnt und erweitet;
und ist es auch, daß die Menschenwohnungen hier
sehr gedrückt sind, so wird es dem Blicke doppelt
wohl thun, wenn er sich in der Wohnung Gottes
erheben kann. In den Kirchen der Städte sollte
stets ernste Dämmerung herrschen, damit sie dem
licht- und genußvollen Leben der Reichen und Großen
einen Gegensatz darbieten; in dem Gotteshause des
Waldes aber muß lichte und milde Freundlichkeit
lächeln, denn ernst und dämmerig ist der Wald und
des Wäldlers Haus und Herz. So soll die Art der
Gottesverehrung das Leben ausgleichen und ergänzen; und was der Werktag und das Haus verweigert, das soll der Sonntag und die Kirche bieten.
Der Tempel soll die Schutzstätte in den Stürmen
dieser Welt, und er soll der Vorhof der Ewigkeit sein.

Der Thurm des Waldkirchleins sei schlank
und luftig, wie ein aufwärts weisender Finger,
mahnend, drohend oder verheißend. Drei Glöcklein
mögen die Dreizahl in der Einheit Gottes verkünden und das dreitönige Lied singen von Glaube,
Hoffnung und Liebe. Einen recht schönen Platz
möchte ich der Orgel bestimmen, denn der Orgelton muß den Armen im Geiste so die Predigt
nicht verstehen — das Wort Gottes sein.

Vergoldete Bilder und prunkende Zierrathen
in der Kirche sind verwerflich; die Gottesehre soll
nicht liebäugeln mit Schätzen dieser Erde. Mit dem
Einfachen und durch das Einheitliche kann man am
beredtesten und würdigsten den Gott- und Ewigkeitgedanken versinnlichen.

Es muß aber noch des Weiteren das Zweckmäßige bedacht werden. So habe ich für die Mauern
der Trockenheit wegen Backsteine vorgeschlagen. Die
Bänke und Stühle müssen zum Ausruhen eingerichtet sein, denn der Sonntag ist ein Ruhetag.
Wenn während des Orgelklingens auch einmal
Einer einnickt, was weiter? er träumt in den
Himmel hinüber. — Für den Fußboden sind die
Steinplatten zu feucht und kalt, dicke Fichtenläden
sind dazu geeignet. Für das Dach sind des häufigen
Hagelschlages wegen weder Ziegeln noch größere
Bretterlatten anwendbar; dazu sind kleine Lärchenschindeln am Besten.

Mein Plan ist angenommen worden.

Es werden bereits Wege ausgeschlagen und
Baustoffe herbeigeschafft. Im lehmigen Binsthal
wird eine Ziegelei errichtet; an der Breitwand ist
ein Steinbruch angelegt worden.

Die Waldleute stehen da und sehen den fremden Arbeitern zu. Sie haben auch ihre Gedanken
dabei.

„Eine Kirch’ wollen sie uns bauen,“ sagt
Einer, „gescheiter, sie thäten das Geld den Armen
theilen. Der Herrgott soll sich nur selber ein Haus
bauen, wenn er nicht unter freiem Himmel bleiben
und im Winkelwald wohnen will.“

„Was sie uns nur für einen Kirchenheiligen
einlegen werden?“

„Den Huberti, denk’ ich.“

„Den Huberti? Je, der hat eine Büchs bei
sich und thät’ sich leicht auf’s Wildern verlegen.
Den mögen die Jäger nicht leiden. Ich sag’, für
uns wären die vierzehn Nothhelfer recht.“

„Geh’, die thäten uns zu viel kosten. Und der
große Christof ist auch dabei; für den wäre ja gar
keine Kirchthür weit genug.“

„Wer verlorne Sachen finden will: sanct
Antoni thut Wunder viel!“ sagt Rüppel, der alte
Borstenbart, bei dem sich jedes Wort im Gleichklang zum andern fügt, er mag die Zunge wenden,
wie er will.

Andere wünschen zum Kirchenheiligen den
Florian, der gegen das Feuer ist; aber die am
Wasser wohnen, möchten den Sebastian haben.

Ein Weiblein hat gar nicht uneben bemerkt,
in den ganzen Winkelwäldern sei kein Mensch, der
die Orgel spielen könne, da wisse man doch, daß
als Pfarrheilige nur Cäcilia die Rechte.

Darauf entgegnet ein alter Hirt: „So eine
Red’ ist keine Sach’. Die Leut’ können sich selbander helfen; aber auf das arme Vieh müßt ihr
denken! Der heilige Erhart geht uns schon herein
in das Winkel.“

Darnach ein Anderer: „Mit dem Vieh halt’
ich’s nicht. Wir brauchen die Kirch’ für die Leut’.
Und weil sich Einer schon was kosten läßt, so muß
was Rechtes werden. Ich bin kein Heid’ und ich
geh’ in die Kirch’, und ich bin für ein sauberes
Weib. Was meint ihr zu der Magdalena?“

„Du Loter,“ schreit sein Weib, „die schlechte
Person willst auf den Altar heben?!“

„Hast recht, Alte, da muß Eine sein, die mit
gutem Beispiel vorangeht.“

So rechten sie, halb im Spaß und halb im
Ernst. Den ganzen Himmel haben sie durchstöbert,
und keinen Heiligen gefunden, der Allen recht gewesen wäre.

Und es muß doch Eines kommen, das Allen
recht ist. Ich habe darüber schon meine Gedanken.

Die Waldberge lichten sich immer mehr und
und mehr, wie wenn es Tag würde aus der
Dämmerung. Die Höhenschneiden werden schartig
und es dehnt sich der Himmel. Mancher Marder
kommt um seinen hohlen Baum, mancher Fuchs um
seine Höhle. Unschuldige Vöglein und raubgierige
Geier werden heimatlos, da Wipfel um Wipfel
hinstürzt auf den feuchten Moosboden, den endlich
wieder einmal die Sonne bescheint. Winter und
Sommer hindurch sind die Holzschläger thätig gewesen. Draußen im Lande haben Holz und Kohlen
in gutem Begehr gestanden.

In diesem Sommer habe ich nicht mehr viele
freie Zeit für mich.

Draußen ist der Krieg, der, Gott weiß es,
nicht mehr enden will. Zu Holdenschlag sind schon
wieder die Hämmer geschlossen worden und es kommt
kein Kohlenwagen in den Wald. Die Holzarbeit
ist eingestellt; die kräftigsten Männer streichen müßig
umher. Da drüben in den Lautergräben sollen vor
kurz zwei Holzschläger eines Beutel Tabaks wegen
bös gerungen haben, bis der Eine dem Andern ein
Aug ausgeschlagen. Tabak ist ihre halbe Nahrung.

Ich habe den Männern den Rath gegeben, zu
den Vaterlandsvertheidigern zu gehen. Davon wollen
sie nichts hören. Sie haben keine Heimat, sie wissen
von keinem Vaterlande. Willkommen sind ihnen die
Welschen, wenn sie Geld mitbringen und eine
bessere Zeit.

Gott gebe die bessere Zeit und halte die Welschen fern!

Für mich ist es ein Glück, daß ich kühlen
Blutes bin. Das wilde Jahr hat die jungen Sprossen
meiner Leidenschaft getödtet. Nun darf ich mein
ganzes Streben auf das eine Ziel lenken: aus diesen zerstreuten, zerfahrenen Menschen ein Gemeinsames, ein Ganzes zu bilden. Ist dieses gelungen,
so haben wir Alle einen Halt. — Ich werde ihnen
und mir eine Heimat gründen. Vor Allem kömmt
es darauf an, den Freiherrn zu stimmen; sonach
muß auf die Waldleute eingewirkt werden.

Eine übermäßige Kraft scheint mir dazu nicht
nöthig zu sein, wol aber ein zähes Bemühen. Diese
Menschen sind wie Lehmkugeln; ein Anstoß, und
sie rollen eine Weile fort. Weiter kommen sie selbst,
nur geleitet müssen sie werden, daß sie einem und
demselben Ziele zustreben. Glieder sind genug, aber
spröde und unschmiegsam selbander. Wenn nur erst
die Kirche fertig ist, daß die Gemeinde ein Herz
hat; dann machen wir uns an den Kopf und bauen
das Schulhaus.

In einer der letzten Wochen bin ich mit einem
Papierbogen zu allen Hütten des Waldes herumgegangen. Da habe ich die Hausväter nach dem
Stande ihrer Wirthschaft, nach der Zahl ihrer
Familie, nach den Geburtsjahren und Namen der
Leutchen gefragt. Das Geburtsjahr kann zumeist
nur nach Geschehnissen und Zeitumständen angegeben werden. — Der ist geboren im Sommer, in
welchem das große Wasser gewesen; Die ist zur
Welt gekommen in demselbigen Winter, als man
Strohbrot hat essen müssen. Solche Ereignisse sind
hochragende Marksteine.

Das Namensverzeichniß wird nicht gar zu
mannigfaltig. Die Bewohner männlicher Art heißen
Hannes oder Sepp, oder Berthold, oder Toni oder
Mathes; die Leute weiblicher Gattung sind Kathrein
benamset, oder Maria, welch letzter Name in Mini,
Mirzel, Mirl, Mili, Mirz, Marz umgewandelt
und ausgesprochen wird. Aehnlich geht es mit
anderen Namen; und kommt Einer von draußen, so
muß er sich eine Umwandlung nach den Zungen der
Hiesigen sogleich gefallen lassen. Mich haben sie
einige Zeit den Andredl geheißen; aber das ist ihnen
ein zu großer Name für einen so kleinen Menschen,
und heute bin ich nur mehr der Redl.

Von Geschlechtsnamen wissen schon gar die
Wenigsten was. Viele mögen den ihren wol verloren, vergessen, Andere einen solchen nie gehabt
haben. Die Leute gebrauchen eine eigene Form,
ihre Abstammung und Zugehörigkeit zu bestimmen.
Beim Hansl-Toni-Sepp! Das ist ein Hausname,
und es ist damit angezeigt, daß der Besitzer des
Hauses Sepp heißt, dessen Vater aber Toni und
dessen Großvater Hansel genannt worden ist. —
Die Kathi-Hani-Waba-Mirz-Margareth! Da ist
die Kathi die Ururgroßmutter der Margareth. —
Der Stamm mag doch schon lange in der Waldeinsamkeit stehen.

Und so wird eine Person oft durch ein halbes
Dutzend Namen bezeichnet und Jeder schleppt die
rostige Kette seiner Vorfahren hinter sich her. Es
ist das einzige Erbe und Denkmal.

Das Wirrsal darf aber nicht so bleiben. Die
Namen müssen für das Pfarrbuch vorbereitet werden.
Zu den Taufnamen müssen Zunamen erfunden
werden. Das wird nicht schwer gehen, wenn man der
Sache am Kern bleibt. Man benenne die Leute nach
ihren Eigenschaften, oder Beschäftigungen oder
Stellungen; das läßt sich leicht merken und für die
Zukunft beibehalten. Ich nenne den Holzarbeiter
Paul, der die Annamirl geheiratet, nicht mehr
den Hiesel-Franzel-Paul, sondern kurzweg den Paul
Holzer, weil er die Holzstrünke auf den Riesen zu
den Kohlstätten befördert, und die Leute diese Arbeit
„holzen“ heißen. Der Schwammschlager Sepp, der
seines Vaters Name vergessen, soll auch nicht mehr
anders heißen, als der Schwammschlager, und er
und seine Nachkommen mögen angehen, was sie
wollen, sie bleiben die Schwammschlager. Eine
Hütte in den Lautergräben nenne ich die Brunnhütte, weil vor derselben eine Quelle fließt. Wozu
den Besitzer der Hütte Hiesel-Michel-Hiesel-Hannes
heißen? er ist der Brunnhütter und sein Weib ist
die Brunnhütter, und wenn sein Sohn einmal in die
Welt hinausfährt, Soldat wird oder Fuhr mann oder
was immer, er bleibt der Brunnhütter allerwegen.
So haben wir auch einen Sturmhanns; der hat
oben auf der stürmischen Wolfsgrubenhöhe sein Haus.

Einen alten, sehr dickhalsigen Zwerg, den
Kohlenführer Sepp, heißen sie seit lange schon den
Kropfjodel. Da habe ich letztlich das Männlein
gefragt, ob es zufrieden sei, wenn ich es unter dem
Namen Josef Kropfjodel in meinen Bogen einschreibe. Er ist gerne dazu bereit. Ich habe ihm
noch vorgestellt, daß aber auch seine Kinder und
Kindeskinder Kropfjodel heißen würden. Da grinst
er und gurgelt: „Zehnmal soll er Kropfjodel heißen,
mein Bub!“ Und ein wenig später setzt der Schelm
bei: „Den Namen, gottdank, den hätten wir! —
ei, hätten wir den Buben auch!“

Drüben im Karwasserschlag stehen drei buschige
Tannen, die der Holzschläger-Meisterknecht, der
Josel-Hansel-Anton zu Schutz für Mensch und Thier
hat stehen gelassen. Zu Lohn heißt der Mann Anton
Schirmtanner für ewige Zeiten.

Die neuen Namen finden Gefallen, und Jeder,
der einen solchen trägt, hebt seinen Kopf höher
und ist zuversichtlicher, selbstbewußter, als er sonst
gewesen. Nun weiß er, wer er ist. Jetztund kommt
es darauf an, dem neuen Namen einen guten
Klang zu erwerben und ihm Ehre zu geben.

Schauderlich erschreckt hat mich nur der Almbursche Berthold. „Einen Namen,“ schreit er, „für
mich? ich brauch’ keinen Namen, ich bin ja Niemand. Zu einem Weib hat mich Gott nicht gemacht, und ein Mann sein, das erlaubt der Pfarrer
nicht. Die Ehe ist mir verwehrt, weil ich bettelarm
bin. Heißet mich den Berthold Elend! heißet mich
den Satan! ich brech’ die Satzung und mein Fleisch
und Blut verrath ich nicht!“

Nach diesen Worten ist er wie ein Wüthender
davon geeilt. Der einst so lustige Bursche ist kaum
mehr zu erkennen. Ich habe in den Bogen den
Namen Berthold geschrieben und ein Kreuz dazu
gemacht.

Auch noch ein Anderer streicht in den Winkelwäldern herum, von dem ich nicht weiß, ob und
welchen Namen er trägt. Wenn doch, so kann’s ein
böser sein. Der Mann weicht mir und allen Leuten
aus; vergräbt sich oft für lange Zeit, und man
weiß nicht wo, taucht zu seltsamen Stunden wieder
auf, und man weiß nicht, warum. Es ist der
Einspanig.

In diesem Winter habe ich eine schwere
Krankheit zu bestehen gehabt. Die Ursache derselben
ist das Unglück des Markus Jäger, den ein Wildschütze angeschossen hat. Der Jäger ist drüben in
einer Hütte der Lautergräben gelegen. Ich gehe
mehrmals zu ihm hinüber, weil der Brand in die
Wunde zu kommen droht, und weil sonst Niemand
ist, der den Kranken pflegen wollte und könnte.
Anstatt die Leute hier eine Wunde mit lauem
Wasser und gezupften Leinen rein halten thäten,
kleben sie allerlei Schmieren und Salben hinein.
Das muß schon eine kräftige Natur sein, die sich
trotz solcher Hemmnisse aufrafft. Ich habe recht zu
thun gehabt, daß mir der Jäger nicht unterlegen ist.

Als ich das letztemal bei ihm bin, ist ein
stürmischer Märztag. Auf dem Rückwege sind die
Pfade schauderhaft verschneit und verweht. Stellenweise ist mir der Schnee bis zur Brust emporgegangen. Viele Stunden habe ich mich so fortgekämpft, aber es bricht die Nacht herein und ich
habe das Winkelthal noch lange nicht erreicht. Eine
unsägliche Ermüdung kommt über mich, der ich zwar
lange widerstehe, die endlich aber nicht mehr zu
überwinden ist. Da habe ich schon gar nichts Anders
mehr gemeint, als daß ich so mitten im Schnee
würde umkommen müssen, und daß sie mich im
Frühjahre finden und an der neuen Kirche im
Winkel vorüber nach Holdenschlag tragen würden.
— Dahier im Waldesfriedhof möcht’ ich liegen.

Erst nach Wochen habe ich es erfahren, daß
ich nicht erfroren bin, daß mir an demselbigen
Abende zwei Holzhauer auf Schneeleitern entgegengekommen sind, mich bewußtlos gefunden und in’s
Winkelhütterhaus getragen haben. Als ich nachher
viele Tage lang in der schweren Krankheit gelegen,
sollen sie sogar einmal den Bader von Holdenschlag
zu mir gerufen haben. Und der Bote, der den Arzt
geholt, hätte, wie er mir seither selbst erzählt, den
Auftrag gehabt, gleich auch mit dem Todtengräber
zu reden. Der Todtengräber hätte gesagt: „Wenn
mir der Mann nur das nicht anthäte, daß er jetzt
stürbe; ’s ist ja kein Loch zu machen in dieser
steinhart gefrorenen Erden!“

Es freut mich recht, daß ich dem guten Mann
die Mühe hab ersparen mögen.

Als die Gefahr der Krankheit vorbei, hat mich
erst ein recht hartneckiges Augenleiden verfolgt, das
aber noch nicht ganz gehoben ist. Ich muß noch
eine lange Zeit in der Stube verbleiben, wol so
lange, bis draußen das Thauen eingetreten und das
Wildwasser vorbei. Mir ist gar nicht einsam. Ich
schnitze in Holz, ich will mir eine Zither zusammenleimen, daß ich mich in der Tonkunst übe, bis in
der Kirche die Orgel fertig sein wird.

Es sind oft Leute gekommen, die sich neben
mir auf die Bank gesetzt und gefragt haben, ob ich
schon recht gesund sei. Die Ruß-Annamirl, die jetzt- und mit den Ihren in das Holzmeisterhaus der
Lautergräben gezogen ist, und nach der neuen Ordnung Anna Maria Ruß heißt, hat mir in der vorigen
Woche drei große Krapfen herübergeschickt. Dieselben
sind von denen, die in großer Anzahl zur Festfreude
gebacken worden, da ein kleinwinziger Ruß angekommen ist. Sie haben den Kleinen mit Krapfen getauft.

Auch die Witwe des schwarzen Mathes ist
einmal zu mir gekommen. Sie hat mich in großem
Kummer gefragt, was mit ihrem Buben, dem Lazarus zu machen, der habe die wilde Wuth. Die
wilde Wuth, das sei, wenn Einer über den geringsten Anlaß in Zorn ausbreche und Alles bedrohe.
Der Lazarus sei so; er habe das in weit höherem
Grade, als es sein Vater gehabt; Schwester und
Mutter seien in Gefahr, wenn der Knabe nur erst
kräftiger würde. Ob es gegen ein solches Elend
denn gar kein Mittel gäbe. Was kann ich der bedrängten Frau rathen? Eine stete, gleichmäßige
Beschäftigung und eine liebreiche, aber ernsthafte
Behandlung sei dem Knaben angedeihen zu lassen,
habe ich vorgeschlagen.

Unter allen Menschen der Winkelwälder dauert
mich dieses Weib am meisten. Ihr Mann ist nach
einem unglückseligen Leben gewaltsam erschlagen
und ehrlos begraben worden. Dem Kinde steht
nichts Besseres bevor. Und das Weib, vormaleinst an
bessere Tage gewohnt, ist so weichherzig und milde.

Ehgestern kommt ein Knabe zu mir, der einen
Vogelkäfig mit sich schleppt. Der Junge ist so klein,
daß er mit seinem Händchen gar die Thürklinke
nicht erreichen kann, und eine Weile zaghaft klöpfelt,
bis ich ihm öffne. Er steht noch in der Thür, als
er anhebt: „Ich bin der Bub’ vom Markus Jäger,
und mein Vater schickt mich her — der Vater schickt
mich her . . . .“

Der Schlingel hat die Ansprache auswendig
gelernt und bleibt stecken und wird roth und will
sich wieder von dannen wenden. Ich habe Mühe,
bis ich es erfahre, daß sein Vater mir sagen lassen,
er sei völlig geheilt und mir wünsche er dasselbe,
und er komme demnächst zu mir, um sich zu bedanken, und er schicke zwei übermütige Schopfmeisen,
und er möchte mir, da ich, wie er wisse, noch nicht
in das Freie gehen könne, das ganze Frühjahr in
die Stube senden.

Was fange ich mit den kleinen Thieren an?
sie flattern wirr im Käfig umher und zerstoßen sich
vor Angst die Köpfchen an den Spangen. Ich lasse
sie in unseres Herrgotts Vogelkäfig, in den Mai
hinausfliegen.

Und als endlich die Zeit erfüllt, da bin ich
eines frühen Morgens hinausgetreten in den freien
Mai. — Der Haushahn kräht, der Morgenstern
guckt helläugig über den dunkeln Waldberg. Der
Morgenstern ist ein guter Geselle; der leuchtet getreulich, so lange es noch dunkel ist, und tritt bescheiden in den Hintergrund, sobald die Sonne kommt.

Leise schleiche ich durch das Hausthor, daß ich
die Leute nicht wecke, die haben nicht wochenlang
so ausgerastet, wie ich; denen liegt noch der gestrige
Tag auf den Augenlidern, die der heutige schon
wieder wach begehrt.

Im Walde ist bereits das zitternde, rieselnde
Erlösen aus tiefer Ruhe. Wie ist eines Genesenen
erster Ausgang so eigen! Man meint, der ganze
Erdboden schaukelt mit Einem — schaukelt sein
wiedergebornes Kind in den Armen. O du heiliger
Maimorgen, gebadet in Thau und Wohlduft, durchzittert und durchklungen von ewigen Gottesgedanken!
— Wie gedenke ich Dein und deines Märchenzaubers, der sich zu dieser Stunde von der Glocke
des Himmels und von den Kronen des Waldes
niedergesenkt hat in meine Seele!

Und dennoch habe ich zur selbigen Stunde
ein seltsam Weh empfunden. — Mir ist die Jugend
gegeben und ich lebe sie nicht. Was ist mein Zweck?
Was bedeute ich? — Kurz vor diesen Tagen bin
ich seit Ewigkeit her ein Nichts gewesen; kurz nach
diesen Tagen werde ich ein Nichts sein in Ewigkeit
hin. Was soll ich thun? Warum bin ich an dieser
kleinen Stelle und zu dieser kurzen Zeit mir meiner
bewußt worden? Warum bin ich erwacht? Was
muß ich thun? —

Da habe ich mir’s von Neuem gelobt, zu
arbeiten nach allen meinen Kräften, und auch zu
beten, daß mir so schwere, herzverbrennende Gedanken nicht mehr kommen mögen.

Als die Sonne aufgeht, stehe ich noch am
Waldessaume. Unten rauscht das Wasser der Winkel
und aus dem Rauchfange des Hauses steigt ein
silberfärbig Schleierband auf und im Kirchenbaue
hämmern die Maurer.

Meine Hauswirthin hat es gleich wahrgenommen, daß ich des Morgens nicht in der Stube und
hat gezettert über meinen Leichtsinn. Und als sie
erst gar erfährt, daß ich in der kühlen Frühe auf
feuchtem Moosboden geruht, da fragt sie mich ganz
ernsthaft: ob es mir denn zu schlecht sei in ihrem
Hause, oder ob ich sonst was auf dem Herzen
hätte, daß ich mir so an’s Leben wolle; ja, und
ob ich nicht wisse, daß Der, welcher sich so auf den
Thauboden des Frühjahres hinlege, dem Todtengräber das Maaß gebe! —

Das ist ein seltsamer Waldgang gewesen, und
ich ahne, er läßt sich nicht verantworten im Himmel
und auf Erden. Wo in den schattigen Felsschluchten
des Winkeleggerwaldes das Wässerlein rieselt, da
bleibe ich stehen. — Hier auf diesen Wellen lasse
deine Gedanken schaukeln ohne Zweck und Ziel.
Du kennst die Mähr vom Lethestrom der Griechen.
Das ist ein eigen Wasser gewesen, wer davon
getrunken, hat der Vergangenheit vergessen; die
Wellen des Waldbächleins sind ein noch eigeneres
Wasser, wessen Seele auf denselben schaukelt, und
trüge er auch den Winter im Haar, der findet
wieder die längst vergangene Zeit seiner Kindheit
und Jugend.

Ich gehe tiefer hinein in die Wildniß und
ruhe im Moose und lausche der säuselnden,
immerdar klingenden Ruhe. Manches erst aufgeblühte Blümlein wiegt nah’ an meiner Brust, und
will leise anklopfen an der Pforte meines Herzens.
Und mancher Käfer krabbelt ängstlich heran, er hat
im Dickicht der Gräser und der Moose etwan den
Weg verloren zu seinem Liebchen. Jetztund hebt er
seinen Kopf empor und frägt nach dem rechten
Pfad. Weiß ich ihn selber? — Sag’ du uns an,
wo wird die Sehnsucht gestillt, die mit uns ist auf
allen Wegen? — Eine Spinne läßt sich nieder
vom Geäste; sie hat sich empor gerungen zur Höhe,
und nun sie oben ist, will sie wieder unten sein
auf der Erden. Sie spinnt Fäden, ich spinne Gedanken. Wer ist der Weber, der aus losen Gedankenfäden ein schönes Kleid weiß zu weben? —

Wie ich noch so träume, rauscht es im Dickicht.
Es ist kein Hirsch, es ist kein Reh; es ist ein
Menschenkind, ein junges, glühendes Weib, erregt
und angstvoll, wie ein verfolgtes Wild. Es ist Aga,
das Almmädchen. Sie eilt auf mich zu, erhascht
meine Hände und ruft: „Weil ihr’s nur seid, weil
ich euch nur finde!“ Dann schaut sie mich an, und
es stockt ihr der Athem, und sie vermag den Aufruhr in ihr nicht niederzudämpfen. „Es hat einen
bösen Schick!“ schreit sie wieder, „aber ein ander
Mittel weiß ich nimmer. Der bös’ Feind stellt mir
fürchterlich nach, mir und ihm gleichwol auch. Wir
fürchten die Leut’ jetztund, aber euch bin ich zugelaufen; ihr seid fromm und hochgelehrt! ihr helft
uns, daß wir nicht versinken allbeid’, ich und der
Berthold! Wir wollen in Ehren und Sitten leben,
Gebt uns den Eh’spruch!“

Ich weiß anfangs völlig nicht, was das bedeutet, und als ich es endlich erfahre, sage ich:
„Habt ihr den treuen Willen, so wird euch der
Eh’segen von der Kirche nicht vorenthalten werden.“

„Mein Gott im Himmel!“ schreit das Mädchen, „mit der Kirche heben wir nichts mehr an,
die versagt uns die Ehe, weil wir kein Geld haben.
Aber wenn der Herrgott bös’ auf uns thät’ werden,
das wäre arg! — Das Gewissen läßt mir keine
Ruh’, und zu tausendmal bitt’ ich euch, schenket uns
den Segen, den jeder Mensch kann schenken. Ihr
seid wol selber noch jung, und habt ihr ein Lieb,
so werdet ihr’s wissen, es gibt kein Lösen und
Lassen. Wir leben in der Wildheit zusammen, weil
wir uns nicht lassen mögen; wir haben keine Seel’,
die unser Freund wollt’ sein und uns Glück wollt’
wünschen von Herzen. Ein liebreiches Wort möchten
wir hören, und wenn nur Einer thät’ kommen und
sagen: wollet mit Gottes Willen und Segen einander verbleiben bis zum Tod! So ein einzig Wort
und wir wären erlöst von der Sünd’ und ein
Eh’paar vor Gott im Himmel!“

Diese Sehnsucht nach Befreiung von der
Sünde, dieses Ringen nach dem Rechten, nach der
menschlichen Theilnahme, nach dem Frieden des Herzens — wen hätte das nicht zu rühren vermögen!

„Ihr herzgetreuen Leut’!“ rufe ich aus, „der
Herrgott mög’ mit euch sein, immerdar!“

Da ist schon auch der Bursche neben dem
Mädchen gekniet. Und so habe ich etwas gethan,
was von mir gar nicht zu verantworten ist im
Himmel und auf Erden. Ich habe eine Trauung
vollzogen mitten im grünen Wald.

Doch seltsam, was in diesem Jungen steckt,
in des schwarzen Mathes Sohn. Er hat das Herz
seiner Mutter und das Blut seines Vaters. Nein,
er hat ein noch größeres Herz als seine Mutter
und ein dreimal wilderes Blut, als sein Vater.
Dieser Knabe wird ein Heiland, oder ein fürchterlicher Mörder.

Die alte Ruß-Kath siecht seit Monaten. Die
Leute sagen, es fehle ihr an jungem Blut. Das
hat auch der kleine Lazarus gehört, und gestern ist
er zu mir gekommen mit einem hölzernen Töpfchen
und dem großen Seitenmesser seines Vaters, und
hat mich aufgefordert, ich möge aus seiner Hand
Blut ablassen und es der Ruß-Kath schicken.

Er glüht im Gesicht, ist aber sonst ruhig. Ich
verweise ihm sein Ansinnen. Er schießt davon. Und
bald darnach hat er im Hofe des Winkelhüterhauses
eine Taube erwürgt — aus Zorn, aus Liebe —
ich mag es nicht entscheiden.

Ich trete hinaus zu dem todten Thiere.
„Lazarus,“ sage ich, „jetzt hast du eine Mutter
umgebracht. Siehst du die armen, hilflosen Jungen
dort? Hörst du, wie sie weinen?“

Bebend steht der Knabe da, blaß wie Stein,
und ringt nach Luft und zerbeißt sich die Unterlippe, daß Blut über den Backen rieselt. Ich drehe
ihm den eingezogenen Daumen aus und gieße
Wasser auf seine Stirne.

Ich führe ihn in seine Hütte zurück. Dort
fällt er erschöpft auf das Moos und sinkt in einen
tiefen Schlaf.

Es muß was geschehen, um das Kind zu
retten. Wie, wenn ich es zu mir nähme, sein Vater
und sein Bruder wäre, es zähmte und leitete nach
meinen Kräften, es unterrichtete und zur Arbeit
anhielte und in aller Weise seine Leidenschaft zu
tödten suchte?

Etwan hat der Knabe doch zu viel Blut . . . .
meinen die Leute.

Heute bin ich wieder im Hinterwinkel, im
Hause des Mathes gewesen. Das Weib ist trostlos.
Seit zwei Tagen ist der Knabe Lazarus verschwunden.

Das Schreckliche ist geschehen. In seinem Jähzorn hat er einen Stein nach der Mutter geschleudert. Als das geschehen, hat er einen wilden Schrei
gethan und ist davongegangen.

Auf der Grabstätte des Mathes hat man
gestern frische Spuren zweier Kniee entdeckt.

Wir haben Leute aufgeboten, daß sie den
Knaben suchen. In einer der Hütten ist er nicht.
Es wird auch an den Abgründen und Bächen
nachgespürt.

„Er hat mich nicht treffen wollen!“ jammert
die Mutter, „und das ist ein kleiner Stein
gewesen, aber auf dem Herzen liegt mir ein großer.
Einen größeren hätt’ er nimmer nach mir schleudern mögen, als daß er davon ist.“

Keine Spur von dem Knaben. Wol eine
andere Spur haben die Leute gefunden: große
Pfoten mit vier und fünf Zehen. Wölfe und Bären
gibt es in der Gegend.

Es geht das Gerücht, drüben in den Lautergräben habe ein Holzhauer gestern die halbe Nacht
mit einem Bären gerungen, bis es dem Mann
endlich gelungen sei, seinen Arm dem Thiere in
den Rachen zu stoßen, daß es daran erstickt. Ich
bin heute in den Lautergräben gewesen, dort wissen
sie nichts von der Mähr.

Dagegen hat mich Einer von dort gefragt, ob
es wol wahr, daß im Winkel drüben, ganz nahe am
Hause, ein Rudel Wölfe den Erdmann gefressen hätte.

Das sei nicht wahr, habe ich geantwortet.

Aber der Mann behauptet, er wisse das eigentlich ganz bestimmt, nur sei es wahrscheinlich heute
erst geschehen. Die Leute thäten es allerwärts erzählen, und hundert Schritte vom Kirchenbau hintan
sehe man das Blut auf dem Sandboden und Fetzen
von der Bekleidung.

Ich entgegnete, daß ich das Blut auch gesehen
habe, daß dasselbe aber von einem Lämmlein herrühre, welches die Winkelhüterin gestern Abends
eben für den Erdmann ausgeweidet habe; daß den
Erdmann also nicht die Wölfe aufgefressen hätten,
sondern daß der Erdmann das Lämmlein aufgegessen
habe, und daß besagter Erdmann ich selber sei.

Der Mann ist darauf recht verlegen und meint,
er habe mich nicht erkannt, sonst hätte er das Gerücht nicht nacherzählt, ich möge ihm nur verzeihen,
daß die Sache nicht wahr.

Das ist wie ein knatterndes Lauffeuer durch
den Wald gegangen. Im Karwasserschlag wissen sie
es, in Miesenbach wissen sie es, in den Lautergräben
wissen sie es; und ich im Winkel weiß es, daß es
Die’ bereits Alle wissen, was doch erst heute
morgens geschehen ist.

Das Töchterlein des Mathes besucht zuweilen
die Grabesstätte des Vaters und bepflanzt sie mit
Hagebuttensträuchen. Heute zur Frühe, wie es wieder
hinkommt, leuchtet ihm etwas entgegen. Auf dem
Hügel ragt ein Stab und daran flattert ein Stück
Papier. Das Mädchen läuft heim zur Mutter,
diese läuft zu mir in das Winkelhüterhaus, daß ich
kommen und sehen möge, was das sei.

Es ist sehr merkwürdig. Eine Nachricht ist es
von dem Knaben. Auf dem Papier stehen in fremden Zügen die Worte:

„Meine Mutter und meine Schwester! Habt
keinen Groll und keine Sorge. Ich bin in der
Schule des Kreuzes. Lazarus.“
— — — — — — — — — —

Die Leute richten ihre Blicke auf mich. Der
Knabe kann nicht lesen und schreiben, fast niemand
kann es im Walde. Die Leute meinen, ich sei hochgelehrt, ich müsse von Allem wissen.

Ich weiß von nichts. Die Schule des Kreuzes,
das ist ein geheimnißvolles Wort.

Das ist ein lautloses Auf- und Niedergehen
der Menschen.

Ein Tröpfchen sammelt sich am hohen Zweig
des Baumes, sickert hinaus auf die letzte Nadel,
wiegt sich und glitzert und funkelt, oft grau, wie
Blei, oft roth, wie Karfunkel. Kaum noch hat es
die Farbenpracht des Waldes und des Himmels in
sich gespiegelt, so zieht ein Lufthauch, und das
Tröpfchen löst sich von dem wiegenden Tannenzweig
und fällt nieder auf den schattigen Erdengrund. Und
der Erdboden saugt es ein und keine Spur ist mehr
von dem funkelnden Sternchen.

So lebt des Waldes Kind und so vergeht es.

Draußen ist es anders. Draußen erstarren die
Tropfen in dem frostigen Hauch der Sitte, und die
Eiszapfen klingeln aneinander und gar im Niederfallen klingeln sie und ruhen, eine Weile noch der
Welt Herrlichkeit in sich spiegelnd, auf dem Erdboden bis sie zerfließen und verthauen, wie der
Gedanke an einen lieben Todten.

Draußen treiben sie noch ein helles Geflunker
mit ihren Sterbenden und mit ihren Todten. Im
Walde hat der todte Schläfer kein Nachtlicht, wie
der lebendige keines gehabt. „Das ewige Licht
leuchte ihnen!“ ist das einzige Begehren. Die matte
Spätherbstsonne lächelt mild und verspricht ihren
ewigen Glanz, und der nächste Frühling sorgt für
Blumen und Kränze.

Nicht der todten Leiber wird im Walde gedacht,
sondern ihrer lebenden Seelen Wehe, wenn diese
sündig verstorben im Fegfeuer schmachten!

Als der hungernde Hans seinem hungernden
Nachbar auf der Au das Stück Brot hat gestohlen
und darauf war verstorben, da war der Urwald
noch nicht gestanden. Der Leib war verwesen, der
Hans vergessen, die Seel’ ist im Fegfeuer gelegen.
Die Au ist zum Walde, der Wald ist zur Wildniß
geworden; die Wölfe heulen und kein Mensch ist
weit und breit; an den Hängen des Gebirges wogen
Sommerlüste und Winterstürme, und mit jeder
Minute ein Körnlein Sand, und mit jedem Jahrhundert eine Bergeswucht rollt in die Tiefe der
Schluchten. Und die arme Seele liegt im Feuer.
Wieder kommen Menschen in die Einöden und die
Hochwälder fallen, und Hütten und Häuser erstehen
und eine Gemeinde wird gebildet — die Seele aus
alten, längstuntergegangenen Sonnen liegt in den
Gluten des Fegfeuers und ist verlassen und vergessen.

Aber ein Tag geht auf im Jahre, solch’ vergessenen Seelen zum Troste.

Als Christus der Herr am Kreuz ist gestorben
und nur noch der letzte Tropfen Blut in seinem
Herzen ist gewesen, da hat ihn sein himmlischer
Bater gefragt: „Mein lieber Sohn, die Menschheit ist
erlöst; wem willst du den letzten Tropfen deines rosenfarbenen Blutes zukommen lassen?“ — Da hat
Christus der Herr geantwortet: „Meiner lieben
Mutter, die am Kreuze steht, auf daß ihre Schmerzen sollen gelindert sein.“ — „O nein, mein Kind
Jesus,“ hat darauf die Mutter Maria geantwortet,
„wenn du den bitteren Tod willst leiden für die
Menschenseelen, so mag ich die Mutterherzenspein auch noch ertragen, ist sie gleichwol so groß,
daß sie nicht das Meer kann löschen, und wär’ die
ganze Erden ein Grab, sie nicht kunnt begraben.
Ich schenke den letzten Tropfen deines Blutes den
vergessenen Seelen im Fegfeuer, auf daß sie einen
Tag haben im Jahr, an dem sie von dem Feuer
befreit sind.“

Und so sei — nach der Sage Deutung —
der Allerseelentag entstanden. An diesem Tage sind
auch die verlassensten und vergessensten Seelen von
ihrer Pein befreit und stehen im Vorhofe des
Himmels, bis der letzte Stundenschlag des Tages
sie wieder in die Flammen ruft.

Das ist im Walde der Sinn und Gedanke
des Festes Allerseelen, und manche gute That wird
geübt auf die Meinung, den abgeschiedenen Seelen
die Feuerspein zu lindern.

Ueber den einsamen Gräbern aber brauen die
Spätherbstnebel, und junger Schnee verbirgt des
Hügels letzten Rest, und darauf haben etwa die
Klauen eines Hähers ein Kettchen gezogen — als
einziges Zeichen des Lebens, das hier oben noch
waltet — des unauflöslichen Bandes Deutung:
Um Leben und Tod ist eine ewige Kette gewunden.

In den Winkelwäldern gibt es nur ein einziges Grab, von dem die Leute wissen. Aber sie
verachten es und sie fliehen es. Und dennoch ist es an
diesem Tage des Gedächtnisses nicht einsam gewesen.

Das Töchterlein des schwarzen Mathes hat
am Grabe des Vaters wieder ein Blatt gefunden.

„Mir geht es wohl. Ich denke an meine
Mutter, an meine Schwester und an meinen Vater.
Lazarus.“

Das ist die Botschaft. Die einzige Botschaft
von dem verschwundenen Knaben seit vielen Tagen.
Die Schriftzüge sind dieselben, wie auf dem ersten
Blatte.

Keine Menschenspur geht außer der des Mädchens zum Grabe hin, keine davon. Pfade von
Füchsen und Rehen und anderen Thieren ziehen in
Zick und Zack durch den winterlichen Wald.

Es ist ein Brief geschrieben worden, daß der
Knabe um Gottes- und der Mutterwillen zurückkehren möge in die Hütte. Der Brief ist gut verwahrt über dem Grabe an dem Kreuzlein befestiget
worden. Bis zum heutigen Tag ist er noch dort,
Niemand hat ihn erbrochen.

Heute habe ich Heimweh nach den Glockenklängen, nach in Wehmuth erlösenden Orgeltönen.
Ich sitze in meiner Stube und spiele Krippenlieder
auf der Zither. Meine Zither hat nur drei Saiten;
eine vollkommenere habe ich mir nicht zu schaffen
gewußt.

Die drei Saiten sind mir genug; die eine ist
meine Mutter, die andere mein Weib, die dritte
mein Kind. Stets in seiner Familie begeht man
die Weihnacht.

Nur wenige der Waldleute gehen mit Spanlunten hinaus nach Holdenschlag zur nächtlichen
Feier. Es ist auch gar zu weit. Die Uebrigen bleiben in ihren Hütten; aber schlafen wollen sie doch
nicht. Sie sitzen beisammen und erzählen sich
Mährchen. Sie haben heute einen sonderartigen
Drang, aus ihrer Alltägigkeit herauszutreten und
sich eine eigene Welt zu schaffen. Mancher übt
alte, heidnische Sitten aus, und vermeint durch dieselben einem unsäglichen Gefühle des Herzens zu
genügen. Mancher strengt seine Augen an und blickt
hin über die nächtigen Wälder und meint, er müsse
irgendwo ein helles Lichtlein sehen. Er horcht nach
Feierglockenklingen und lieblichen Engelsstimmen.
Aber nur die Sterne leuchten über den Waldbergen,
heute wie gestern und immer. Ein kalter Lufthauch
weht über den Wipfeln; Eisflämmchen flimmern
nieder von den Kronen und zuweilen schüttelt ein
Geäste seine Schneelast ab.

Aber anders berührt in dieser Nacht das
Flimmern und das Fallen des Schnees, und die
Menschengemüther zittern in sehnsuchtsvoller Erwartung des Erlösers.

Ich habe ein einfältig Christbäumchen zusammengerichtet und dasselbe der Anna Maria Ruß
in die Lautergräben geschickt. Ich denke, die Kerzenflammen müssen freundlich spiegeln in den Aeuglein
ihres Kleinen. Vielleicht, daß gar ein Flämmchen
in’s junge Herz hineinzuckt.

In der Hütte der Witwe kann kein Christbaum sein. Auf dem Grabe des Mathes liegt sehr
viel Schnee; das Briefgehäuse aus Reisig hat eine
hohe Haube. Der flehende Brief der Mutter an
das Kind muß verderben, ohne erbrochen und
gelesen worden zu sein.

In einem Winkel der Karwässer drüben hat
sich der Berthold eine Klause erworben. Er ist zu
den Holzleuten gegangen.

Die Aga hat gestern ein Kindlein geboren.
Es ist ein Mädchen. Sie haben es nicht nach
Holdenschlag getragen. Ich bin geholt worden, daß
ich es taufe. Ich bin kein Priester und darf dem
Kirchenkalender keinen Namen stehlen. Waldlilie
habe ich das Mädchen geheißen, und mit dem
Wasser des Waldes habe ich es getauft.

Wann wird der Engel kommen, der den Stein
hinwegwälzt?

„Jerum, jerum, unser Herrgott ist gestorben?
aber wie ich schon sag’, es erfährt Ein’s halt nichts
in dieses Hinterland herein. Schau, schau, so ist er
dennoch wol einmal gestorben; ist eh’ nimmer jung
gewesen, hab’ schon mein Lebtag von ihm gehört.
Hat halt doch auch einmal fort müssen. Uh, wem
bleibt’s aus!“ — Das hat der alte Schwamelfuchs
gesagt, als er erfahren, daß zu Holdenschlag am
Charfreitag von der Kanzel verkündet worden,
unser Herrgott sei gestorben für die Sünden der Welt.

In ernster und in höchster Verwunderung meint
es der Alte, der doch zu jedem Abendgebete die
Worte sagt: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuziget, gestorben.“

Es ist Zungengebet. Das wahre Gebet betet
nur das Herz in seiner Noth, in seiner Freude,
aber die Leute werden sich desselben nicht bewußt.
In Untiefen begraben liegt noch das Ding, das wir
wahre Gottesehre oder Sittlichkeit heißen.

Die Leute eilen in der Osternacht oder am
Morgen in den freien Wald hinaus, zünden Feuer
an, lassen Schießpulver knallen und spähen in der
Luft nach dem päpstlichen Segen, der am Ostermorgen von der Zinne der Peterskirche zu Rom
ausgestreut werde nach allen vier Winden.

Es ist immer das unbewußte Sehnen und
Ringen. Man merkt, es liegt etwas begraben in
den Herzen, was nicht todt ist. Wann aber wird
der Engel kommen, der den Stein hinwegwälzt?

Der Schnee ist geschmolzen. Drüben im Gesenke donnern noch die Lahnen. Vor einem Jahre
haben wir einige Obstbäume gepflanzt; diese grünen jetzt ganz frisch, und der Edelkirschbaum treibt
fünf schneeweiße Blüthen.

Der Kirchenbau hat wieder begonnen. Die
Maurer haben sich auch schon an den Pfarrhof gemacht.
Der wird ein stattliches Haus nach dem Plane des
Waldherrn. Warum muß der Pfarrhof denn größer
sein, als etwan das Schulhaus? Das Schulhaus
soll ja für eine ganze Familie und für eine Schaar
junger Gäste eingerichtet sein; der Pfarrhof herbergt
nur einen oder ein par einzelne Menschen.

Aber der Pfarrhof soll das Heim und die
Zuflucht sein für alle Rath- und Hilfbedürftigen;
eine Freistatt für Verfolgte und Schutzlose, — der
Mittelpunkt der Gemeinde.

Als Neues in der Jahreszeit kehrt stets das
Alte wieder, die Leute leben in ihrer gewohnten
Beschäftigung und unbewußten Armuth fort.

Ich kann nicht mehr so im Walde herumgehen
um mit den Leuten zu verkehren, von ihnen zu
lernen und ihnen dafür anderweitig zu nützen. Ich
kann nicht mehr flechten und schnitzen, nicht mehr
so in der Schöpfung leben und Baum- und Blumenkunde treiben und das Erdreich ausspähen, was
etwan aus demselben für uns zu holen wäre. Ich
muß stetig bei dem Baue sein; die Arbeiter und
Vorarbeiter geben auf meinen Rath. Ich muß viel
nachdenken und Bücher und fremde Erfahrungen zu
Hilfe ziehen, daß wir nicht auf Irrwege gerathen.

Mir behagt aber die Sache bei all der Anstrengung und ich werde jünger und kräftiger.

Gestern ist der Dachstuhl aufgesetzt worden.
Viele Menschen sind dabei anwesend gewesen; Jeder
will zur Kirche sein Schärflein beitragen. Die
Witwe des Mathes und ihre Tochter arbeiten auch
im Bau. Sie sprechen kein Wort mehr von dem
Knaben. Aber letzthin hat das Weib ein Steinchen
mit aus ihrer Hütte gebracht und die Worte gesagt: „Ich möchte gern, daß dieses Sandkorn unter
dem Altar liege.“

Es ist der Stein, den der Knabe nach der
Mutter geworfen.

Das erste Fest der neuen Kirche. Aber nicht
in derselben, sondern vor derselben. Gestern ist das
Thurmkreuz aufgerichtet worden. Es ist von Stahl
und vergoldet, — ein Geschenk des Freiherrn.

Eine große Menge Leute hat sich versammelt;
es gibt doch viele Bewohner in den Wäldern.

Von Holdenschlag aber soll kein Mensch dagewesen sein, nicht einmal der Pfarrer. Letztlich
gönnen sie uns etwan gar die neue Kirche nicht? —
Wol aber ist jenseits des Winkelbaches der Einspanig
gesehen worden. Er schleicht und lauert, zerrt sein
aschenfarbig Lodentuch über das bewüstete Haupt;
hastet am Bache hin und wieder und endlich hinein
in das Dickicht. — Das ist ein seltsamer Mensch;
mehr und mehr zieht er sich zurück von den Leuten
und nur an bedeutsamen Tagen wird er gesehen.
Niemand weiß, wer er ist, von wannen er kommt,
und was er webt, das weiß kein Weber.

Auch der Holzmeister nimmt an dem Feste
theil, ist ganz außerordentlich aufgeziert und hat
gar seinen rothen Vollbart gekämmt. In der Hand
hat er einen beknopften Stock getragen, da merke
ich gleich, es geht nicht gewöhnlich zu. Und richtig,
er hält eine Rede, in welcher er sagt, daß er heute
im Namen des Waldherrn der neuen Gemeinde die
neue Kirche übergebe.

Das Kreuz trägt ein kräftiger Mann an den
Arm gebunden hinauf. Es ist Paul, der junge
Meisterknecht aus den Lautergräben. Von dem
Thurmfenster, durch das er heraussteigt, ist ein
sehr einfaches Gerüste an dem fast senkrechten
Schindeldach empor bis zur Spitze. Gelassen klettert
der Träger an den Balken hinan. Zur Spitze angekommen steht er frei aufrecht und löst sich das
Kreuz vom linken Arm. — In der Menschenmasse
ist es still, und ringsum kein Laut, als ob noch
die Urwildniß wäre an den Ufern der Winkel.
Jeder hält den Athem an, als wäre ein unbewachter
Hauch im Stande, dem Manne auf schwindelnder
Höhe das Gleichgewicht zu stören.

Paul hütet seinen Blick und seine Bewegungen
sind langsam und regelmäßig. Ich vermeine schon
ein Zucken und Wenden zu bemerken, das nicht zur
Sache gehört, schon faßt mich der Schreck — da
senkt sich das Kreuz in seinen Grund und steht fest.
In demselben Augenblicke strauchelt der Mann —
da schallt herunten in meiner Nähe ein Schrei.
Aber Paul steht oben.

Der Schrei ist aus dem Munde der Anna
Maria gekommen. Sie ist todtenblaß und ohne
noch einen Laut zu thun, setzt sie sich auf einen
Stein.

Und jetztund wird’s erst lustig. Paul zieht ein
Glas hervor, hebt es, leert es und schleudert es
nieder auf den Boden. Es zerspringt in tausend
Scherben und die Leute ringen untereinander um
diese Scherben, um solche für ihre Enkel zu erhaschen
und dereinst sagen zu können: Sehet das ist ein Theil
des Glases, aus dem bei der Aufrichtung unseres
Kirchthurmkreuzes getrunken worden.

Noch steht Paul auf hoher Zinne, Arm in
Arm mit dem Kreuze; da kommt im Thurmfenster
der graubärtige Kopf unseres Fabelhans-Rüppel
zum Vorscheine. Der zwinckert so gewaltig mit den
weißen Augenbüschen, daß man es gar herunten
bemerken kann, und hebt so an zu reden:

„Weil ich mich nicht auf die Spitz’ getrau,
so ich zu diesem Fenster herausschau. Auf der Spitz’
steht ein junger Mann, dem steht das Trinken an;
das Reden aber mir Alten. Will euch doch keine
Predigt halten; dafür wird unten die Kanzel gebaut
und dieselb’ einem rechtschaffenen Pfarrer vertraut.
Neben der Kanzel werdet ihr einen Taufstein erblicken; dem hab’ ich nichts mehr zu schicken; aber
es gibt Leut’ in der Pfarr, die brauchen so ein’
Waschtrog alle Jahr; Der Taufbrunn’ darf nicht
zu klein, im Holzhauerland muß das ein starker
Brunnen sein. Aber gleich daneben thut der Beichtstuhl stehn, da tragen sie alle Sünden hinein, sind
sie groß oder klein. Gott wird sie verzeihn; der
Beichtvater aber soll die Ohren verschließen, der
kann die Sünden von sich selber wissen. Dann ist
der Hochaltar, da schüttet man seinen Kummer aus
und geht wieder frisch und jung nach Haus. Und
der liebe Gott wird zwölf Engel senden, die werden
die Gemeinde bewachen an allen Enden. Da hör’
ich, was auf dem Thurm das Glöcklein spricht, und
seh’ leuchten das heilige Kreuz im Sonnenlicht, wie
ein Wegweiser, ein göttliches Zeichen, daß wir allzusamm’ mit Gottes Gnad’ den Himmel erreichen.
— Und weil ich heut auf diesem Thurm schon die
Glocken muß sein, so ruf’ ich es weit in’s Land
hinein, daß es hallt und schallt über Berg und
Wald, bis hin in die schöne Stadt, wo unser braver
Herr seinen Wohnsitz hat. Ich und wir All’ und
die ganze Gemein bedanken uns wol von Herzen
fein für’s Gotteshaus zur schönen Zier! und der
Engel soll uns leiten All’ zur himmlischen Thür. —
Das ist mein armer Gruß; und noch thät’ ich
meinen zum Schluß: eh’vor wir selbander im
Himmel uns freu’n, wollen wir auf Erden noch
lustig sein!“

In allen Herzen haben die Worte gezündet
und ich hätte gleich meinen eigenen Schutzengel
mögen schicken, daß er dem Herrn in der Stadt
den lieblichen Dankesgruß gebracht.

Als hierauf der Paul glücklich vom Thurme
zurückkommt auf den festen Erdengrund, hat ihn
sein Weib mit beiden Armen empfangen: „Gott
gibt dich mir mit eigenen Händen zurück!“

Darauf gehen sie dem Hause zu, das heute
eine laute Schenke geworden ist. Und siehe die
Fügung, da ist der Paul nach wenigen Stunden
auf dem breiten, ebenen und grundfesten Boden des
Wirthshauses nicht mehr so sicher gestanden, wie
oben auf der Spitze.

Das erhöhte Kreuz aber hat seinen Arm
huldreich ausgebreitet über die Kirche und über
das Wirthshaus.

Es wird aber nicht wahr sein, was man über
den Sohn unseres Waldherrn redet. Der junge Herr
soll es toll treiben. Es haben auch der Reichthümer
allzuviel auf ihn gewartet, als er in dieser Welt
ist angekommen. Ei freilich läßt sich mit klingendem
Namen und klingender Münze im Leben etwas machen.

Aber ich habe dem guten Hermann ja gesagt,
woher das Brot kommt und was Arbeit heißt.
Freilich, das Eine hat mir nicht gefallen wollen,
daß er niemals auf die Arbeiter des Feldes und
auch niemals auf die Blumen des Frühlings und
auf die Blätter des Herbstes hat geachtet.

Doch nein, Hermann, du kannst so sehr nicht
irren. An deiner Seite steht ja der heiligste, treueste
Schutzgeist, den Erde und Himmel je geboren hat. —

Ei, komme doch einmal herein in unseren
schönen, stillen Wald!

Morgenroth und Edelweiß.

Zuweilen ist mir im Winkel hier doch gar
recht einsam zu Herzen. Ich weiß nun aber ein
Mittel dagegen; ich gehe zu solchen Stunden hinaus
in die noch größere Einsamkeit des Waldes; und
ich bin in derselben sogar schon nächtlicher Weile
gewesen, und habe die schlummernde Schöpfung betrachtet und Ruhe und Befriedigung empfunden.

Nacht liegt über dem Waldlande. Der letzte
Athemzug des vergangenen Tages ist verweht. Die
Vöglein ruhen und träumen und dichten künftige
Lieder. Aber die Käuze krächzen und Aeste seufzen
in ihren Stämmen. Die Welt hat ihr Auge geschlossen, aber ihr Ohr thut sie auf der ewigen
Klage der Menschen. Wozu? ihr Herz ist Felsgestein und nimmer zu wärmen. Ei, sie wärmt ja
mit ihrer Ruhe und mit ihrem Blick. — Oben
drängt sich Gestirn an Gestirne, es tanzt seinen
Reigen und freut sich des ewigen Tages. — Auch
dem Walde naht der Morgen wieder, schon winken
ihm die Zweige.

Es naht der junge König auf Wolkenrossen
vom Aufgang her geritten und bohrt seine glutlodernden Lanzen in das Herz der Nacht, und diese
stürzt nieder in dämmernde Schluchten, und von
felsiger Zinne rieselt das Blut.

Alpenglühen nennen es die Leute.

Zu dieser Jahreszeit wäre es auf dem grauen
Zahn gut sein. Während unten in finsteren Thälern
die Menschen ausruhen von Mühsal, und träumen
von Mühsal, und sich stärken zu neuer Mühsal —
stehen da oben die ewigen Tafeln in stiller Glut,
und um Mitternacht reicht über dem Zahn ein Tag
dem andern die Hände.

„O, das ist ein schönes Licht!“ hat der alte
Rüppel einmal ausgerufen, „das leuchtet hinaus in
die weite Fern, das leuchtet mir hinein in mein
tiefes Herz, das leuchtet mir hinauf zu Gott dem
Herrn!“

In meiner Seele ist zuweilen eine so seltsame
Empfindung; Sehnsucht nach dem Weiten, nach
dem Unbegrenzten ist nicht ganz der rechte Name
dafür; Durst nach dem Lichte möchte ich sie heißen.
— Mein armes Auge, du vermagst der dürstenden
Seele nicht genug zu thun; du wirst in dem Meere
des Lichtes noch ertrinken.

Ich bin dieser Tage wieder auf dem Zahn
gewesen. Bald werde ich ja an den Glockenstrick
geknüpft sein, wenn andere Leute Feiertag haben.
Es sei, der Glockenstrick ist ein langer Athem, der
sagt mit jedem Zug den Menschen was Gutes und
lobet Gott.

Ich habe von dem hohen Berge aus nach den
Niederungen geschaut, aber das Meer hab ich nicht
gesehen. Ich habe gegen Mitternacht geschaut bis
zu den fernsten Kanten hin, von da aus man vielleicht das Flachland könnt’ sehen, und die Stadt
und den Giebel des Hauses, und das Gefunkel der
Fenster . . . .

Und wie lang’ müßtest du fliegen, du Blick
meines Auges, bis hin in’s Sachsenland zum
Grabe! . . . .

Der scharfe Wind hat meine Gedanken abgeschnitten. Da bin ich wieder niederwärts gestiegen.

An einem Ueberhang des Grates habe ich
etwas recht Freundliches gefunden.

Das habe ich am Gestade des fernen See’s
von meiner Ahne schon gehört, und das habe ich
von den Menschen dieses Waldlandes wiederholt
vernommen, daß in der Sonne drin die heilige
Jungfrau Maria am Spinnrade sitzt. Sie spinnt
Wolle von schneeweißen Lämmlein, wie sie im
Paradiese weiden. Da ist ihr einmal, als sie bei
dem Spinnen eingeschlummert und vom Menschengeschlechte hat geträumt, ein Flockchen der Wolle
auf die Erde gefallen, ist hängen geblieben an
einem hohen Felsen, und die Leute haben es gefunden und Edelweiß geheißen.

Zwei Sternchen davon hab ich abgepflückt und
sie an meine Brust gethan. Das eine, das ein wenig
röthlich leuchtet, sei Heinrichroth genannt, das andere,
schneeweiße, das . . . . lasse ich bei seinem alten
Namen.

Als ich gegen Abend zu den Wäldern und
Geschlägen niederkomme, stößt mir was unsäglich
Liebliches zu. Da sehe ich unweit meines Fußsteiges
eine Schichte frischgrünen Grases; es duftet mir so
einladend entgegen, und so denke ich, daß ich hinschreite dazu und meine ermüdeten Glieder darauf
ein wenig rasten lasse. Und wie ich nun zur Grasschichte komme, sehe ich darin ein Kindlein schlafen.
Ein blüthenzartes, herziges Kindlein, sorglich in
Linnen gewickelt. Ich bleibe stehen, und wahre meinen Athem, daß er nicht in Verwunderung ausbreche und so das Wesen wecke. Ich vermag kaum
zu denken, wie es komme, daß dieses hilflose, blutjunge Menschenkind zu dieser Stunde an dieser entlegenen Stelle sei. Da klärt es sich schon auf. Von
der Thalmulde wankt eine Grasladung heran, und
unter derselben schnauft die Aga, die für ihre
Ziegen Futter sammelt, und das Kind ist ihr
Töchterchen — meine Waldlilie.

Das Weib ladet hierauf den Grasvorrath auf
ihren Rücken und das Kind auf ihre Brust, und
wir gehen zusammen dem Thale zu.

Ich bin an demselben Abende in ihre Klause
eingekehrt und hab Ziegenmilch getrunken. Der
Berthold ist spät vom Holzschlage heimgekommen.
Die Leutchen führen ein kümmerliches Leben; aber
sie sind guten Muthes, und die junge Waldlilie ist
ihre Glückseligkeit.

Als der Berthold an meiner Brust das Edelweiß sieht, sagt er mit dem Finger drohend: „Ihr,
gebt Acht, das ist ein gefährlich Kraut!“

Ich verstehe ihn nicht, da setzt er bei: „Das
Edelweiß hätt’ schier meinen Vater getödtet und das
Edelweiß will mir die Lieb’ zu meiner schon verstorbenen Mutter vergiften.“

„Wie so, wie so, Berthold?“ frage ich.

Da erzählt er mir folgende Geschichte: Auf
der andern Seite des Zahn, vom Gesenke hinaus,
ist ein Forstjunge gewesen, der hat ein Sennmädchen lieb gehabt. Aber das ist gottlos stolz gewesen
und hat eines Tages zum Forstjungen gesagt:
„Bist mir ja recht und ich mag dein werden, aber
eine Gewährschaft mußt du mir geben von deiner
treuen Lieb’. Bist ein flinker und prächtiger Bursch;
schlagst mir’s ab, wenn ich ein Edelweiß verlang’
von der hohen Wand herab?“

„Mein Leben, ein Edelweiß sollst du haben?“
jauchzt der Bursch, denkt aber nicht daran, daß sie
die hohe Wand die Teufelsburg heißen, weil sie
unbesteigbar ist, weil an ihrem Fuß sechs Martertafeln stehen, von Wurznern und Gemsjägern zeigend, die herabgestürzt. Und die Sennin bedenkt es
nicht, daß sie die siebente Martertafel begehrt.

Aber dasselb’ ist wol wahr, daß Einem die
Lieb’ toll den Kopf verrückt. Der Forstjunge hat
sich aufgemacht noch an demselbigen Tag.

Er besteigt das niedrigere Gewände, über welches der Holzhauer mit seiner Kraxe noch wandeln
muß; er erklettert Hänge, an denen der Wurzner
seinen Speik aussticht; er schwingt sich über Schluchten und Klippen, denen kaum mehr der Gemsjäger
traut. Und er erreicht endlich jene schaudervollen
Stellen an der Teufelsburg, die unter sich den zerrissenen Abgrund, über sich das senkrecht aufsteigende
Gethürme haben.

Auf einem nächsten Felsvorsprung ist ein
Gemslein gestanden, das hat lustig sein Haupt
erhoben und spottend auf den Burschen herübergeschaut. Es ist nicht geflohen, da oben ist das
Wild der Jäger und der Mensch das hilflose
Wild. Das Gemslein scharrt mit dem Forderfuß, da fliegen weiße Flaumschüppchen auf. —
Edelweiß.

Der Bursche weiß wol, er hat sein Auge zu
wahren, daß das Rad in seinem Haupte nicht anhebt zu kreisen. Er weiß wol: blickt er empor am
Gewände, so ist es der Abschied vom Himmelslicht,
und senkt er sein Auge niederwärts, so schaut er
in sein Grab.

Nicht die Gemse, der Boden, auf dem sie
steht, ist heute sein Ziel. Einstemmt er den Alpenstock und windet sich und schwingt sich. Blau und
grau wird es um sein Auge. Funken tauchen auf
und kreisen und vergehen. Nichts sieht er mehr,
als das Lächeln der Sennin, da schleudert er den
Stock von sich, da hebt er an und hüpft und springt
in weiten Sätzen. Und die Gemse macht sich auf
und setzt wild über sein Haupt, und der Forstjunge
sinkt hin auf das weiße Bettlein des Edelweiß.

Am zweiten Tage nachher hat der Oberförster
bei den Leuten nachfragen lassen, ob der Forstjunge
nicht gesehen worden sei. Am dritten Tage haben
sie das Sennmädchen gesehen im Walde laufen mit
gelösten Haaren und ringenden Händen. Und an
dem Abende desselben Tages ist der Forstjunge auf
einen Stock gestützt durch das Thal geschritten.

Wie er herabgekommen von der Teufelsburg,
das hat er keinem Menschen erzählt, noch vielleicht
erzählen können. Edelweiß hat er bei sich getragen — einen Strauß an der Brust — einen
Kranz auf dem Haupte; schneeweiß, edelweiß sind
seine Haare gewesen.

Und das Sennmädchen, das sich in seinem
Uebermuth an dem braunen Lockenkopf versündigt,
hat jetztund das Weishaupt geliebt und gepflegt,
bis es selbst ein solches geworden in späten Jahren.

Fast schön hat der Berthold diese Geschichte
erzählt und letztlich beigesetzt, daß er von dem
Forstjungen und der Sennin das Kind sei.

Wenn ich in den Wäldern herumgehe zu großen
und kleinen Leuten, und von den ersteren lerne und
die letzteren lehre, so sehne ich mich oftmals zurück
zum Steg der Winkel. Da haben die letzten Jahre
her die Leute um das Winkelhüterhaus mit Axt und
Hammer so herumgearbeitet und ich hab selber zuweilen ein wenig meine Hand daran gelegt. Und
nun ich die Augen einmal aufmache und die Dinge
betrachte, sehe ich, daß wir ein Dorf haben.

Neben dem Hause sind ein par Hütten aufgerichtet worden, anfangs nur für die Bauarbeiter,
und nun werden sie zu ständigen Häusern eingerichtet. Und da ist der Martin Grassteiger, ein
Kohlenbrenner aus den Lautergräben herübergekommen, und hat zwei solche Hütten um eine ganz
erkleckliche Summe erkauft und zur Verwunderung
der Leute gleich baar ausbezahlt. Aus den pechschwarzen Kohlen werden funkelnde Thaler gemacht,
hat die alte Ruß-Kath einmal gesagt. Und mit
planken Thalern hat der Grassteiger die Hütten bezahlt, und nun ist er ein ansehnlicher Mann.

Der Pfarrhof ist der Vollendung nahe und die
Kirche ebenfalls, und darnach kommt das Schulhaus
dran; — o Gott, ich erlebe eine sehr große Freude
in diesen Wäldern.

Gestern zur Abendstunde haben wir die Kirche
zum erstenmal zugesperrt. Es ist der Baumeister,
der Tischler aus Holdenschlag, der Holzmeister dabei
gewesen, aber ich weiß nicht, wie es gekommen,
daß, wie wir auseinandergegangen, der Schlüssel
mir in den Händen ist verblieben. Ja so — ich
bin ja der Schulmeister. Ich weiß es selber kaum,
daß ich es bin, und da schreibt mir letztlich der
Waldherr, er sei mit meinem schulmeisterlichen Wirken im Walde recht zufrieden. Was thue ich denn?
Geschichten erzähle ich den Kindern, und weise ihnen
mancherlei Kleinigkeiten des Waldes, die sonst zeitlebens kein Mensch hier noch beachtet hat, mit denen
aber die Kinder tolles Wesen treiben und ihre
Freude haben.

Die vordersten Fenster in der Kirche, zwischen
welchen der Altar kommt, sind mir nicht ganz recht.
Die Scheiben sind so hell, und das thut mir zuweilen im Auge weh. Und es schaut die Waldlehne
und der Holzschlag herein. Ei, das wäre was Rechtes
für den Sonntagsbeter, da thät’ er im Gedanken
allfort Holz hacken, statt seine arme Seele demüthig
dem lieben Gott vorzuführen, und er thät’ die geschlagenen Stämme zählen und die Stöcke und die
Reisighaufen und solche Dinge, um deren Anzahl
er sich sonst die ganze Woche nicht kümmert. Da
muß das Gebet schon wie ein Blutquell aus dem
Herzen strömen, wenn der Gedanke dabei nicht durchzugehen trachtet, und so muß man die Kirche wie
eine Burg bewahren, daß der Sonntag nicht hinaus
und der Werktag nicht herein kann.

Die beiden Fenster müssen mit Glasmalereien
versehen werden, und das will ich besorgen. Ich
habe mir rothes, gelbes, blaues und grünes Papier
kommen lassen und arbeite nun schon seit Tagen
als Bildschnitzer bei verschlossenen Thüren.

Ueber den Kirchenheiligen sind die Leute noch
nicht einig geworden. Aber ich habe darüber meine
Gedanken. Stellen wir gar keinen auf. „Leute,“
hab ich gesagt, „stellen wir gar keinen auf. Jeder
soll sich den seinen denken nach Belieben. Die Heiligen sind unsichtbar und im Himmel; wir könnten
sie nur aus schlechtem Holz nachmachen, und das
thäte sie leicht verdrießen.“

„’s mag wol richtig sein,“ haben Einige auf
diesen Vorschlag geantwortet, und wir ersparen die
Unkosten.“

Den Altartisch hat ein Vorhacker vom Karwasserschlag gezimmert. Der Vorhacker ist ein armer
Mann mit reichem Kindersegen; er hat aber für
die Kirchenarbeit kein Entgeld genommen. — „Auf
eine gute Meinung thu’ ich’s,“ hat er gesagt, „für
die Meinigen thu’ ich’s, auf daß mir keines stirbt
und keines mehr dazukommt.“

Der liebe Gott muß nicht recht verstanden
haben; kaum ist der Altartisch fertig, rückt dem
Vorhacker der neunte Bub auf die Welt.

Um zu zeigen, daß es eine Ehre ist für den
Wald, wenn so ein armer Mann ein gemeinnütziges
Werk vollbringt, so nennen wir den Vorhacker, weil
er auch einer ist, der seinen Namen nicht weiß, —
den Franz Ehrenwald. — Der Name reicht für
seine neun Buben und für Weiteres.

Der Franz Ehrenwald ist ein geschickter und
strebsamer Kopf. Weil ihm der Altartisch gelungen
ist, so will er sich nun ganz auf das Zimmer- und
Tischlerhandwerk verlegen. Er hat sich schon eine
Unzahl Werkzeuge gesammelt und zwei Körbe voll
von Hobeln, Reifmessern, Bohrern, Sägen, Beilen,
Stemmeisen und Dingen verschafft, die er gar nicht
anzufassen weiß und sein Lebtag nicht brauchen
wird. Aber die Werkzeugkörbe sind sein Stolz und
seine schwache Seite, und seine Buben können ihm
keinen größeren Aerger verursachen, als wenn sie in
ihren eigenmächtigen Tischlerarbeiten ihm etwan
einen Bohrer verschleppen oder ein Messer schartig
machen. Sie mögen nur brav das Handwerk lernen,
die zwei Körbe werden ja einmal ihre Erbschaft sein.

Ich habe mehrere Pläne für Wohnhäuser gezeichnet, wie sie gebaut werden sollen, daß sie dauerhaft, licht, luftig, leicht heizbar, für die Lebensweise
der Leute geeignet und geschmackvoll sind. Nach solchen Plänen hat der Franz Ehrenwald bereits
mehrere Häuser begonnen. Eines davon gehört dem
Meisterknecht Paul in den Lautergräben. Die Bauten sind nicht kostspielig, da der Waldherr das Holz
dazu umsonst gibt; auch sollen sie, sagt man, steuerfrei bleiben.

So fängt das Geschäft des Meister Ehrenwald
prächtig an; er muß sich Gehilfen nehmen und
seine Buben werden ihm zu wenig. Auch geht er
bereits mit einem Plan für sein eigenes Haus um.
Letztlich, als ich einmal unten am Bach stehe und
Forellen fische, kommt er plötzlich, ich weiß gar
nicht von woher, auf mich zu und lispelt mir geheimnißvoll in’s Ohr: „Glaubt mir, mein neues
Haus wird saggrisch toll, saggrisch toll wird’s!“
Kein Mensch sonst ist in der Nähe gewesen und
die Fische sind auch in der Winkel taub. Aber
saggrisch toll — flüstert er leise — wunderprächtig
wird sein Haus! Der Mann ist schier kindisch vor
Glückseligkeit; er ist auf seinem Fahrwasser; früher
ist es gar Keinem eingefallen, daß man auch in
den Winkelwäldern stattliche Wohnungen bauen
könne.

Auf dem Kreuzwege.

Oben, in der Oede des Felsenthales steht ein
hölzernes Kreuz. Es ist dasselbe, welches emporgewachsen sein soll aus dem Saamenkorne des
Vögleins, das alle tausend Jahre in den Wald
fliegt.

Ich bespreche mich mit dem Förster und einigen
der Aeltesten. Hernach frage ich den alten Bartkopf und Fabelhans Rüppel, der sonst auch just
kein wichtig Geschäft hat, ob er mit mir gehen
wolle hinauf in die Karwässer und in das Felsenthal, und ob er mir das bemooste Kreuz wolle
herabtragen helfen in den Winkel.

Und so gehen wir an einem hellen Herbstmorgen davon.

Beiden ist uns unsäglich wohl gewesen. Dem
schattendunkeln Winkelbach haben wir Dank gesagt
für sein Schäumen und Rauschen. Dem Wiesengrün haben wir Dank gesagt, daß es wiesengrün ist,
dem Thaue und den Vögeln und dem Reh und
dem ganzen Wald haben wir Dank gesagt. — Wir
steigen über glatten Waldboden, wir steigen über
verwittertes Gefälle und bemoostes Gestein. Die
Bäume sind alt und tragen lange Bärte, mit jedem
steht der Fabelhans auf brüderlichem Fuße. Unter
den Weben der Moose begegnen uns Käfer, Ameisen, Eidechsen; wir grüßen sie alle, und lustflunkernde Schmetterlinge laden wir ein, daß sie mit
uns kommen sollten zum Kreuze. Ei, die kleine
bunte Welt hat davon nichts wissen wollen.

Mein Gefährte ist ein sehr seltsamer Kauz.
Wer ihn nicht kennt, der kann ihm nicht glauben.
Aber unter den Waldmenschen gibt es einmal die
wunderlichsten Sondergestalten. Draußen in der
durchgebildeten und abgeschliffenen Welt nennt man
solche Erscheinungen große Geister; hier heißen sie
Narren und Halbnarren.

Der Rüppel ist so ein Halbnarr. Sie heißen
ihn auch den Fabelhans, weil er allfort was zu
fabeln weiß; und sie heißen ihn den Reim-Rüppel,
weil er — und das ist die Merkwürdigkeit —
nicht zehn Worte sprechen kann, ohne zu reimen.
Es ist eine tollwitzige Gewohnheit. Seine ganze
Lebensgeschichte hat er mir unterwegs in Reimen
erzählt. Die Reime haben zwar gottslästerlich geholpert; aber wer soll auf so steinigem Waldboden
nicht holpern und stolpern? — Ich will es doch
versuchen, mir seine Geschichte einzuprägen.

„Ein Küsterbüblein bin ich gewesen,“ hebt er
an, „draußen in Holdenschlag steht’s noch zu lesen.
Wenn ich den Strick hab’ geschwungen und die
Glocken haben geklungen, hab’ ich den Takt gesungen und den Schwenkel nachgeahmt mit meiner
Zungen. Beim Ministriren hab’ ich wol andächtig
die Orgel genossen, hab’ dem Pfarrer Wein in den
Kelch gegossen; aber unter dem Wasserkrüglein hat
er gleich gezuckt; kaum ein Tröpflein, ist er schon
davongeruckt. Wasser und Wein als Fleisch und
Blut, das ist unser höchstes Gut, aber wer in den
Kelch zu viel Wasser thut, der verdirbt das rosenfarben’ Christiblut. — Als ich von der Kirchen
bin fortgekommen, hat mich ein Schmied in die
Lehr’ genommen. Der Blas’balg hat mit Gleichmaaß angefangen und der Hammer ist taktfest mitgegangen, und der Ambos hat geklungen, sind die
Funken gesprungen, und Alles hat sich gefügt und
gereimt, als wär’ es gehobelt gewesen und geleimt.
Gerade meinem Meister hat’s nicht angepaßt, da
hat er mich nach dem Takt beim Schopf gefaßt.
Und schaut, bei diesen taktfesten Dingen, Klingen,
Singen und Springen, hab’ ich zum stillen Feierabendfrieden baß angefangen Reime zu schmieden.
Aber, wie auch geschmiedete Reime gerathen, es
sind keine Hufeisen, sind keine Spaten, und der
Eisenschmied hat den Reimschmied bald verjagt
hinaus in den Wald. — Im Wald hab’ ich Moos
gezupft und Wurzeln und Kräuter gerupft, bin
federleicht geworden und mit dem Reh gesprungen,
bin lustig geblieben, hab’ mit den Vöglein gesungen.
Der Förster, ein Vetter von mir, hat gedacht, ich
kunnt bei dem Lungern gar leicht verhungern, und
hat mich zum Jäger gemacht. — Wie ich die erste
Büchs hab’ umgehangen, haben die Thier’ im Wald
ein Freudenfest begangen. Ich hab’ nach dem Wild
geschossen und die blaue Luft getroffen, da bin
ich dem Reh auf Versfüßen nachgeloffen. Das ist
gar stehen geblieben: ich kunnt nach Belieben mich
setzen auf seinen Rücken; auf so ungleichen Bein’,
das sehe es ein, könne das Gehen nicht glücken. —
Und schaut, kaum hab’ ich das Wild mir zur Freundschaft genommen, bin ich mit dem Förster in Feindschaft gekommen, und von meinem Jagen und
Schießen, will er gar nichts mehr wissen. — Bin
eine Weil’ in der Welt herumgegangen, hab’ allerlei
angefangen; mit allerhand Herren thät’ ich verkehren; theils haben sie mir gutherzig den Dienst
aufgesagt, theils haben sie mich mit Stecken davongejagt. — Und schaut, so schleift es fort und so
werd’ ich alt, und so holper’ ich wieder zurück in
den Wald; und das ist mein Aufenthalt. Und wenn
ich wo Leute find’, die gutherzig und lustig sind,
so mach’ ich mich bescheiden und mit Freuden
daran, und singe sie an; und singe zur Tauf’ und
Hochzeit und anderer Lustbarkeit um mein Stücklein
Brot; ist’s auch schwarz und trocken, gesegne mir’s
Gott! bin ich gesund und wird mir die Zungen
nicht lahm im Mund, so leid’ ich keine Noth. Und
ist es Zeit, so kommt der Herr Tod, ich bin bereit
und gehe heim, und das ist der allerbeste Reim.
Und hör’ ich singen und posaunenklingen, so steh’
ich wieder auf. Und das ist des Reim-Rüppels
Lebenslauf.“

Ich möchte den Mann die wilde Harfe oder
den Waldsänger heißen, oder den evangelischen
Sperling; er säet nicht und erntet nicht und bettelt
nicht, und die braven Winkelwäldler ernähren ihn
dennoch, während draußen im weiten Land die
Sänger verhungern.

Nach vielen Stunden sind wir endlich hinaufgekommen in das Felsenthal. Als wir am zerrissenen
Gewände hingehen, in deren Klüften das Grauen
schlummert, und als wir mitten in den niedergebrochenen Klötzen das Kreuz ragen sehen, theilt
mir mein Begleiter mit, es thät’ ihm scheinen,
als husche dort eine Menschengestalt zwischen den
Steinen. Ich aber habe außer uns zweien Niemanden bemerkt.

Vor dem Kreuze stehen wir still. Auf dem bemoosten Felsklotz ragt es, wie es vor vier Jahren
geragt, wie es nach der Menschen Sagen seit unvordenklichen Zeiten gestanden. Wetterstürme sind
über ihn hingezogen und haben die Rinde gelöst
von dem Holze; sie sind dem Kreuzbilde nicht weiter gefährlich worden. Aber die milden Sonnentage
haben Spalten gesprengt an den Balken. — Das
Himmelsauge wölbt sich in lichter Bläue über den
verlornen Weltwinkel. Die niedergehende Sonne
blitzt schräge hinter dem Gefelse hervor und spinnt
in den uralten, kahlästigen Baumrunen und bescheint
den rechten Arm des Kreuzes. Ein braunes Würmchen kriecht über den Balken dem sonnigen Arme
zu, doch kaum es den Arm erreicht, ist die Glut
erloschen. — Ein Kieferschabkäfer lauft an dem
Stamme empor und eilt unter das letzte Rindenschüppchen, um etwan die Puppe einer Ameise zu
erhaschen. — Dem ist das bestrahlte Kreuz ein
Gottesreich; dem ist es ein Tummelplatz seines
Strebens und Genießens.

Unserer Gemeinde möge es das Erstere sein!

Es ist gut, daß kein Mensch weiß, wer den
Pfahl im Felsenthale gezimmert und aufgestellt hat.
Denn niemals sollen sich unter den Anbetenden
jene Hände falten, die das Bild der Gottheit geschnitzt haben. Von dem Berge Sinai herab hat
Moses die Gesetztafeln geholt, als wahres Bild
Gottes. Erst als die Israeliten aus ihrem eigenen
Geschmeide und mit eigenen Händen ein Bild geformt, ist ein Götzenbild daraus geworden.

Als wir auf den Fels gestiegen, um den Kreuzpfahl abzulösen, hat der Rüppel sein Gesicht bedeckt
mit beiden Händen. „Wir brechen den Altar im
Felsenkar!“ ruft er in Erregung, „bei wem soll
nun im Sturme beten der Baum und das verfolgte
Reh am Waldessaum?“

Mir selbst haben die Hände gezittert, als wir
das Kreuz ausheben und auf unsere Schultern
nehmen. Ich habe es so getragen, daß der Querbalken an meinem Nacken gelegen, wie ein Joch;
der Rüppel hat den Stamm nachgeschleppt.

Und so gehen wir mit der Last hin zwischen
den Klötzen und zwischen den einzelnen Baumrunen.
Als wir zu dem Hange kommen, da bricht die
Abenddämmer an.

Die ganze Nacht sind wir mit dem Kreuze
gegangen her durch die Waldungen. In den Schluchten und Engpässen ist es ganz grauenhaft finster
gewesen und an manch alten Stamm hat unser
Pfahl gestoßen. Wo der Weg über Höhen geht, da
rieselt durch das Geäste das Mondlicht, und wir
schreiten hin über die milden weißen Tafeln und
Herzen, die auf dem Boden liegen.

Mehrmals haben wir das Kreuz auf die Erde
gestellt und uns den Schweiß getrocknet; gar wenig
haben wir mitsammen gesprochen. Nur einmal hat
der Rüppel den Mund aufgethan und folgende
Worte gesagt: „Das Kreuz ist schwer und herb;
mag’s nur tragen, bis ich sterb’. Aber thun sie mich
begraben, so möcht ich ein grünes Bäumlein haben,
das nicht zusammenbricht auf mein Gebein, das
aufwächst gegen Himmel im Sonnenschein!“

Da ist es bei so einem Ablasten, daß neben
uns eine dunkle Gestalt über den Weg huscht. Sie
streckt eine Hand aus, deutet auf einen breiten
Stein, und dann ist sie verschwunden. Wir haben
beide diese Erscheinung bemerkt, aber wir haben
kein Wort gesagt, und erst, als wir auf der Wiese
der Karwässer das Kreuz wieder aufrecht auf die
Erde stellen, so daß dessen tiefer Schatten ruhesam
über dem thauigen Grasgrunde liegt, sagt der Alte:
„Wie in den bitteren Leidenstagen der Herr das
Kreuz auf den Berg hat getragen, und wie er mit
seinen schweren Lasten auf einem Stein hat wollen
rasten, da tritt aus dem Haus ein Jud’ heraus,
und sagt: der Stein gehört mein. Und der Herr
schwankt weiter in seiner Pein. — Und selbiger
Jud’ kann nicht sterben und ruhen, muß heut’ noch
wandern von Landen zu Landen, von einem Jahrtausend zum andern, in glühenden Schuhen.“ —
Dann nach einer kleinen Weile fährt der Rüppel
fort: „Und weil in der heutigen Nacht wir mit
dem Kreuze gehen, so haben wir gar den ewigen
Juden gesehen. Er hat uns geladen ein zur Ruh’
auf den Stein, das wäre gewesen nicht unsere
Rast, aber die Ruhe sein.“

In der Kohlstatt der hinteren Lautergräben
haben uns vier Männer aus dem Winkelthale
erwartet. Diese nehmen uns das Kreuz ab, legen
es auf eine grünsprossige Bahre und tragen es
davon.

Wie wir herauskommen zu unserem Thale,
da bricht der Tag an. Und es klingt und zittert
ein Ton durch die Luft, der nicht vergleichbar ist
mit Menschengesang und Saitenspiel und aller
Musik auf Erden. Schon jahrelang habe ich diesen
Ton nicht gehört, weiß ihn kaum mehr zu deuten.
Wir alle stehen still und horchen; es ist die Glocke
von unserer neuen Kirche.

Während wir im Felsenthale gewesen, sind die
Glocken angekommen und erhöht worden.

Wie ich an diesem Morgen das Glöcklein
gehört, da habt ich es nicht lassen mögen, habe
laut gerufen: „Leute, jetzt sind wir nimmer allein!
alle Gemeinden draußen läuten zu dieser Stunde;
wir haben mit ihnen den gleichen Morgengruß,
den gleichen Gedanken. Wir sind nicht mehr stumm
wir haben unsere gemeinsame Zunge auf dem
Thurm, die in Freude und in Trübsal spricht,
was wir empfinden, aber nicht vermögen zu sagen.
Und der ewige Gottesgedanke, der allüberall weht
und webt, aber nirgends faßbar, und in keinem
Bilde und durch kein Wort voll und ganz ausgedrückt werden kann, im klingenden Reife der
Glocke allein nimmt er Gestalt an für unsere
Sinne und wird faßbar unserem Herzen. Und so
bringst du uns, du süßer Glockenklang, trostreiche
Botschaft von außen und von innen und von
oben!“

Die Männer haben mich angestaunt, daß ich
rede, und was es denn viel zu reden gäbe, wenn
Kirchenglocken läuten; das höre man draußen zu
Holdenschlag doch alle Tage. Nur der gute Rüppel
ist bei Seite geeilt und hinter die Erlenbüsche hin,
auf daß er unbeschadet von meiner heiseren Rede
den reinen Glockenton hat hören können.

Vor der Kirche sind sehr viele Menschen versammelt, um die Glocken zu vernehmen und das
Kreuz zu sehen. Jenes Kreuz, das entsprossen
ist aus dem Samenkorne, so das Vöglein hat gebracht, welches alle tausend Jahre einmal durch den
Wald fliegt.

Sonntag ist!

Der erste Sonntag in den Winkelwäldern.
Die Glocken haben es schon im Morgenroth verkündet, und da sind die Leute herbeigekommen aus
dem Hinterwinkel, aus dem Miesenbacheck, von den
Lautergräben, von den Karwassern, und aus allen
Klausen und Höhlen der weiten Wälder. Heute
machen sie nicht Holzer oder Kohlenbrenner, oder
was sie eben sonst sind, heute zum erstenmal
schmelzen sie zusammen in Eins, in einen Körper
und heißen: die Gemeinde.

Die Kirche ist fertig. Ueber dem Altartische
ragt das Kreuz aus dem Felsenthale; es steht hierorts so anspruchslos und schier so stimmungsvoll,
wie es dort in der Einsamkeit gestanden. Unter
den Leuten werden Aeußerungen gehört, das sei das
wahrhaftige Kreuz des Heilandes. Wenn sie Trost
und Erhebung in diesem Gedanken finden, dann
ist es, wie sie sagen.

Das Gezelt des Heiligsten ist ein Geschenk des
Freiherrn; die Kerzenleuchter und das Speisegitter
hat der Ehrenwald geschnitzt. Wer doch die zwei
schönen Altarfenster mit den Glasmalereien gespendet
hat, werde ich gefragt. Es ist gut, daß die Fenster
so hoch sind, sonst müßte man es wol merken, daß
über den Glastafeln nur buntes Papier klebt. Die
beiden Fenster stellen in einem grünen Dornenkranze
mit rothen und weißen Rosen die zwei Gesetztafeln
Moses vor. Ueber dem Altare und dem Kreuze ist
ein Rundfenster mit dem Auge Gottes und den
Worten: „Ich bin der Herr, dein Gott, der
dich befreit aus der Knechtschaft. Mache dir kein
geschnitztes Bild, um es anzubeten.“

Der Pfarrer von Holdenschlag, der hier gewesen, um die Weihe und den Gottesdienst zu vollziehen, hat mir bedeutet, die obigen Worte paßten
nicht. „Du sollst allein an einen Gott glauben!“
müsse es heißen. Ich antworte, daß ich die angewendeten Worte in einer sehr alten Bibel gelesen hätte.

Der Schulmeister von Holdenschlag hat die
Orgel gespielt, die einen sehr reinen, innigen Klang
hat. „Die Freuden und Schmerzen im Herzen, die
der Mund nicht kann sagen und klagen, die sprudeln aus Musik hell und klar, wie ein Bronnen in
der Sonnen!“ sagt der alte Waldsänger.

Wie ich mich auf der Zither geübt habe, so
übe ich mich nunmehr auf der Orgel. Jeder liebliche
Ton ist ein Eimer, der niedersteigt in das Herz
der Andächtigen und die Seele emporhebt zum
Altare Gottes.

Der Pfarrer von Holdenschlag hat eine Predigt gehalten über die Bedeutsamkeit der Kirchweih
und der Pfarrkirche und über das Leben des Menschen vom Taufstein bis zum Grabe. Da fällt mir
ein, daß wir noch keinen Friedhof haben. Kein
Mensch hat daran gedacht oder denken wollen, so
oft auch die Rede vom Taufstein gewesen. —
Meine ganze Andacht ist weg, und während hernach
bei der Messe der Schleier des Weihrauches aufsteigt, habe ich immer daran denken müssen, wohin
wir doch den Friedhof legen werden. Und nach dem
Hochamte, da Alles herausströmt auf den Platz zu
den Verkaufsbuden der Hausirer, um die Schätze
und Künste zu betrachten, die nun die Welt der
neuen Gemeinde im Winkel hereinzusenden beginnt,
steige ich den Hang hinan bis zur sanften Hebung,
über die sich der finstere Hochwald hinzieht gegen
das Gewände. Dort lege ich mich auf die abgefallenen Fichtennadeln des Bodens. Ich bin schier
abgespannt von den ungewohnten Erregungen des
Ereignisses und versuche des Friedhofes wegen, wie
sich’s hier oben ruhen läßt.

Vom Platze herauf höre ich das Geschrei der
Marktleute und das Gesurre der Menge.

Vielen ist aber die Kirche nicht recht, weil
noch kein ordentlich Wirthshaus dabei steht. Ei, der
Branntweiner Hannes ist ja doch da, der hat sich
unter Eschen ein Tischchen aufgeschlagen und große
Flaschen und kleine Kelchgläser darauf gestellt. „Was
wär’ das für eine steintrockene Kirchweih, wenn wir
nicht trinken thäten!“ sagen die Leute, und der
Bursche will auch seiner Maid ein Gläschen zahlen.
Und der Teufel ist ein frommer Mann, der will
jede neue Kirche nachmachen, aber es wird halt
immer ein Wirthshaus daraus. Der Schenktisch ist
sein Hochaltar, die weißgeschürzte Wirthin sein
Priester, das Gläserklingen sein Glocken- und Orgelspiel, des Wirths Säckel sein Opferstock, die Spielkarten sind sein Gebetbuch und wenn Einer in
Rausch und Zank niedergeschlagen wird, so ist das
sein Opferlamm.

Das ist der Schatten von der Kirche. Und
der Arbeiter legt sich nach der heißen Woche nur
zu gerne in den Schatten.

Bei dem Mittagsmahle, das wir selbander im
Winkelhüterhause eingenommen, hat es der Holzmeister schon erzählt, der Graßsteiger will um Erlaubniß einkommen, daß er eine Schnapsschenke
errichten dürfe.

Den Wirth hätten wir schon, aber wo steckt
unser Pfarrer?

„’s wird auch Keiner hereinwollen in diesen
mit Brettern verschlagenen Weltwinkel,“ meint der
Holdenschlager.

„Gelt, Hochwürden!“ schreit die Winkelhüterin
in’s Gespräch hinein, „wahrhaftig, das sag’ ich
hundertmal. Fort möcht’ ich von dieser Einöden,
heut lieber wie morgen. Es ist nichts anzuheben
in diesem Winkel. Wie wär’ es Unsereinem so
handsam gewesen, daß Ein’s an Sonntagen ein
wenig Branntwein ausgeschenkt hätt’, aber halt ja,
der Graßsteiger ist der Hahn im Korb!“

„He,“ lacht der Pfarrer, „Wirthshäuser! wird
noch ein belebter Ort werden, dieses Winkel — Winkel
— ei, die Gemeinde hat ja noch gar keinen Namen?!“

Ueber den Namen der Gemeinde ist nicht blos
nachgedacht, es ist ein solcher sogar schon bestimmt
worden. Wie soll die Waldpfarr heißen? Den
Leuten wäre die Erörterung dieser Frage eine willkommene Veranlassung gewesen, bei dem neuen
Wirth zusammenzukommen und die Gemeinde mit
Schnaps zu taufen. Aber wir taufen mit Wasser.
Unser Wasser heißt die Winkel; über die Winkel
führt dahier seit unvordenklichen Tagen ein Steg;
wenn ihn das Wasser fortgerissen, so hatten ihn
die Leute wieder gebaut, weil er hier, am Kreuzpunkte der Thalschluchten und der Waldpfade unentbehrlich ist. Den Platz um das Winkelhüterhaus
nennen sie kurzweg „am Steg.“

Am Steg, am Winkelsteg steht die neue Kirche.
Und Winkelsteg, so heißt sie, und so heißt die
Gemeinde. Unser Waldherr Schrankenheim hat’s
unterschrieben.

Wie unsere Kirchweih eingeläutet worden, so
wird sie ausgeläutet. Da hat sich an diesem Tage
noch etwas sehr Erregendes zugetragen. Die Holdenschlager Herren und der Förster sind fortgewesen;
am Winkelsteg ist es wieder still. Es dunkelt schon
früh und im Hochgebirge liegt der Nebel. Es ist
bereits finster, da ich zu meinen Glocken gehe.
Heute zum erstenmale brennt das rothe Aemplein
am Altare, das nun fortan das ewige Licht geheißen
werden wird, und nimmer verlöschen soll, so lange
das Gotteshaus steht. Das ist die Wacht vor dem
Herrn.

Wie ich in die Kirche trete, sehe ich in dem
matten Schein am Speisegitter eine Gestalt. Da
kniet noch ein Mensch und betet. Wenn Einer so
lange leben muß in dem Elende des Tages, so
wird hernach völlig der Sonntag zu kurz, da man
bei dem lieben Gott eingekehrt ist, oder bei sich
selber. — So denke ich und trete vor, daß ich den
Beter aufmerksam mache auf das Absperren der
Kirche. Wie mich aber die Gestalt bemerkt, rafft
sie sich auf und will fliehen. — Zuletzt ist das
gar kein Beter, sage ich und fasse den Davoneilenden und sehe ihm in’s Gesicht. Ein junger
Bursche ist’s.

„Was wirst du roth, Schelm!“ rufe ich.

„Ich bin kein Schelm,“ antwortet er, „und
ihr seid auch roth; das ist von der Ampel.“ Da
sehe ich ihn recht an. Wer wird es gewesen sein?
Der Lazarus ist’s gewesen, der verschollene Sohn
der Adelheid.

Ich habe die Hände über den Kopf zusammengeschlagen und ein Geschrei erhoben mitten in der
Kirche.

„Junge, was ist das mit dir um Gotteswillen, wo bist du gewesen? wir haben dich gesucht,
deine Mutter hat dich ausgraben wollen aus dem
Gesteine der Alpen. Und wie bist du heute da,
Lazarus! ja, das ist schon gar aus aller Weis’!“

Der Knabe ist dagestanden und hat auf
meine Worte gar nichts geantwortet — nicht ein
Wörtlein.

Darauf habe ich geläutet. Lazarus ist neben
mir gestanden; seine Bekleidung ist eine Wollendecke, seine Haare gehen ihm über die Achseln
hinab, sein Antlitz ist gar blaß. Er sieht mir zu,
er hat noch keine Glocke läuten gesehen. Und was
ich empfinde! jetzt hab ich eine hellklingende Zunge,
jetzt kann ich das Ereigniß ja verkünden hin in
die Berge.

Endlich kommt meine Haushälterin: was denn
das Läuten bedeute, ein halbdutzendmal habe sie
schon den „englischen Gruß“ gebetet und ich höre
noch nicht auf!

Da lasse ich den Glockenstrick wol fahren und
deute auf den Jungen: „Seht, endlich ist er da.
Habt ihr das Läuten denn nicht verstanden? Der
Lazarus ist gefunden.“

Besser als jegliche Glocke weiß solche Mähr
ein Weib zu verkünden. Kaum eilt die Winkelhüterin zetternd davon, sind ich und der Lazarus
schon von Menschen umringt. Ich weiß kaum, wie
ich die Sache erzählen soll und der Junge murmelt
ein- um das anderemal: „Paulus,“ und sonst sagt
er kein Wort.

Wir fragen ihn, wer Paulus sei; statt auf
die Frage zu antworten, versetzt er mit seltsam
scheuem Blick: „Er hat mich hergeführt zum Kreuz.“
Und laut und angstvoll ruft er: „Paulus!“ Seine
Zunge ist unbeholfen, seine Stimme völlig fremdartig.

Wir führen ihn in’s Haus; die Hauswirthin
stellt ihm zu essen vor. Traurig blickt er auf den
Eierkuchen, wendet den Kopf nach allen Seiten und
immer wieder zurück auf den Kuchen, und rührt
keinen Bissen an.

Allmiteinander reden wir ihm zu, daß er essen
möge. Seine mageren Hände strecken sich aus dem
Lodenüberwurf hervor und nach der Speise aus,
aber sie zucken wieder zurück und der Junge zittert
und hebt endlich an zu schluchzen. Später bittet er
um ein Stück Brot, das er mit Heißhunger verschlingt. Dabei fallen ihm die schwarzen Locken
über die Augen herab, er streicht sie nicht zur
Seite. Zuletzt taucht er das Brot in den Wasserkrug und ißt mit gesteigerter Gier und trinkt das
Wasser bis auf den letzten Tropfen.

Wir stehen herum und wir sehen ihm zu und
wir schütteln unsere weisen Häupter und wollen
fragen und fragen; und der Junge hört nichts und
starrt in die Spanlunte, die an der Wand leuchtet,
oder zum Fenster hinaus in die Dunkelheit.

Noch in derselben Nacht haben ich und der
Graßsteiger den Knaben hinaufgeführt in den Hinterwald zu seiner Mutter Hütte. Ein parmal hat er
uns davon und die Lehnen hinanklettern wollen in
den finstern Wald. Stumm wie ein Maulwurf und
scheu wie ein Reh ist er gewesen.

Wir kommen zu des schwarzen Mathes Haus,
die schwarze Hütte genannt. Da liegt Alles in tiefer
Ruh. Das Brünnlein flüstert vor der Thür; das
Geäste der Tannen ächzt über dem Dache. In der
Nacht hört man auf solche Dinge; am Tage ist,
wenn Einer so sagen dürfte, das stete Tönen des
Lichtes, da wird dergleichen selten beachtet.

Der Graßsteiger hält den Knaben an der
Hand. Ich stelle mich an ein Fensterchen und rufe
hinein durch die Papierscheibe: „Adelheid, wacht
ein wenig auf!“

Da ist drinnen ein kleines Geräusch und ein
verzagtes Fragen, wer denn draußen.

„Der Andreas Erdmann von Winkelsteg ist
da und noch zwei Andere,“ sage ich. „Erschreckt
aber nicht. In der neuen Kirche hat sich ein Wunder zugetragen. Der Herr hat den Lazarus erweckt!“

In der Hütte leckt mehrmals ein rother Schein
an den Wänden, wie matte Blitze zu sehen. Das
Weib hat an der Herdglut einen Span angeblasen.

Sie leuchtet uns zur Thüre hinein, aber als
sie den Knaben sieht, fällt der Span zu Boden
und verlischt.

Da ich endlich wieder ein Licht zu wege
bringe, lehnt das Weib an dem Thürpfosten und
Lazarus liegt auf dem Angesichte. Er wimmert.
Der Graßsteiger hebt ihn empor und thut ihm die
Locken aus dem Antlitz. Die Adelheid steht fast
regungslos in ihrem ärmlichen Nachtkleide; nur in
ihrer Brust ist eine mächtige Unruhe. Sie legt die
beiden Hände über die Brust, sie wendet sich gegen
die Wand und lechtzt nach Athem, ich habe gemeint,
sie bricht uns zusammen. Letztlich wendet sie sich
zum Knaben und sagt: „Bist wol einmal da,
Lazarus?“ — Und zu uns: „Thut euch ab dort
auf der Bank, will gleich eine Suppe kochen!“ —
Und wieder zum Knaben: „Zieh’ die nassen Schuh’
aus, Bub!“

Er hat gar keine Schuhe an den Füßen;
Sohlen aus Baumrinden hat er angebunden.

Das Weib geht zum Bette, weckt das Mädchen, es möge schnell aufstehen, es sei der Lazarus
gekommen. Das Mädchen hebt an zu weinen.

Die Suppe steht fertig auf dem Tisch; der
Knabe starrt mit seinen großen Augen den Tisch
und die Mutter an. Und jetzt erst bricht das Mutterherz los: „Mein Kind, du kennst mich nimmer!
Ja, ich bin alt geworden über die hundert Jahr!
wo bist mir gewesen diese ewige Zeit! Jesus
Maria!“ Sie reißt das Kind an ihre Brust.

Lazarus starrt zur Erde; ich merke wol, wie
seine Lippen zucken, aber er bricht nicht in Weinen
aus und er sagt kein Wort. Er muß Bedeutsames
erfahren haben; seine Seele liegt unter einem Banne.

Als er hierauf seinen Lodenüberwurf austhut,
um auf das frischbereitete Lager zu steigen, langt
er aus diesem Ueberwurf eine Handvoll grauer
Körner und streut sie mit einem Schlag über den
Fußboden hin. Kaum das geschehen, hebt er an,
sich zu bücken und die Körner, Steinkügelchen sind
es, wieder aufzulösen. Er zählt sie in seiner Hand
und sucht dann in allen Fugen und Winkeln, und
hebt mit Sorgfalt jedes der Körnchen, und zählt
und sucht wieder, und sucht mit großer Gelassenheit
eine lange Weile auf dem Estrich der Hütte, bis
er das letzte Stückchen hebt und ihm die Zahl in
der Hand voll ist. Und selbunter haben wir den
Jungen zum erstenmale lächeln gesehen. Darnach
thut er die Steinknöpfchen wieder in die Tasche
seines Ueberwurfes und geht zu Bette.

Er schläft bald ein.

Wir sind noch lange am Herd gestanden bei
der Spanlunte, und haben unsere Gedanken ausgesprochen über das Seltsame, wie es mit und in
diesem Kinde ist.

Der Knabe Lazarus muß in einer wunderbar
mächtigen Schule gewesen sein. Von seinem Jähzorn ist kaum eine Spur mehr, nur geht, wenn er
erregt ist, ein kurzes, blitzartiges Zucken durch sein
Wesen. Er wird auch wieder fröhlich und heiter.
Von seinem Leben im Jahre seiner Abwesenheit
will er nichts Rechtes aussagen. Paulus hätte ihm
verboten, mehr zu reden, als nöthig. Zuweilen erzählt er aber doch, nur sind die Worte unklar und
verwirrt, schier wie Traumrednerei. Er spricht von
einem Felsenhause und von einem guten, finsteren
Manne, und von Bußübungen, und von einem
Kreuzbilde.

Lebhaft und bestimmt werden seine Worte nur,
wenn er in der Lage ist, seine und des finsteren
Mannes Ehre irgendwie vertheidigen zu müssen.

In der Gemeinde wird viel von dem „Wunderknaben“ gesprochen. Einige glauben, Lazarus sei
bei einem Zauberer in der Lehre gewesen und werde
noch große Dinge vollbringen.

Der alte Waldsänger sagt, er thäte meinen,
nun müsse bald der Messias erscheinen; Lazarus
sei der neue Vorläufer, Johannes der Täufer, der
sich in der Wüste genährt von Heuschrecken und
wilden Schnecken.

Gott walte es. Ein thätiger und herzenswarmer
Pfarrer wäre für Winkelsteg der Messias. Aber es
ist, wie der Holdenschlager gesagt hat, es will
Keiner herein in die verlornen Waldthäler.

Ich bin der einzige, der die Kirche verwaltet,
läutet, orgelspielt, singt und vorbetet, wenn Sonntag ist. Die Täuflinge und Todten müssen nach
Holdenschlag wie vor und eh.

Was geht das mich an? gar nichts geht’s
mich an. Aber ich bringe es doch nicht aus dem
Kopf, was mir der Förster von dem jungen Herrn
erzählt hat.

Mit Verweichlichung seines Körpers sei es
angegangen, mit losen, lockeren Spielen, Gelagen,
Schlemmereien und Ausschweifungen gehe es weiter.
Bah, wir sind Freiherr, wir sind Millionär, wir
sind ein schöner junger Mann, also dreinfahren! —
So hat’s der Förster ausgelegt. — Ei, der wird’s
so genau nicht wissen.

Hermann soll in der Hauptstadt sein, weit
von daheim und von seiner Schwester. Ja, selbunder wäre freilich Alles möglich. — Gott schütze
dich, Hermann! Es wäre auch nicht schön von mir,
dem Schulmeister, wenn sein erster Schüler ein . . . .

Heb’ dich weg, du häßliches Wort! Hermann
ist ein braver, junger Mann. Was weiß der
Förster!

Die Gegend altert schnell. Die Berge werden
grau und kahl; der Wald wird verbrannt; in allen
Thälern rauchen Kohlstätten.

Mit Mühe habe ich es durchgesetzt, daß sie
da oben an der Hebung einen kleinen Schachen
stehen lassen. Der soll das letzte und bleibende
Stück Urwald sein und unter seinem Schatten sollen
die todten Winkelsteger ruhen.

Der Pfarrhof ist fertig. Die Pfarre ist längst
ausgeschrieben. Einen Lacher thun sie, wenn sie es
lesen: „Das mag eine saubere Seelsorge sein in
diesem Winkelsteg; der Meßopferwein besteht aus
Holzäpfelmost, die Hostie aus Hafermehl. — Je,
wenn in Winkelsteg der Pfarrer verhungert, so ist
er selber Schuld, warum speist er nicht Baumrinden; die Waldkatzen kommen ja auch davon.“

Winkelsteg ist bös’ verschrieen; es wäre aber
so arg nicht. Ich kriege für das, daß ich die Kirche
versorge und zuweilen auf den Predigtstuhl steige,
um den Leuten ein bischen zur Erbauung vorzulesen, reichlich Mehl und Wildpret. Die Leute
sagen, es sei Schade, daß ich nicht Pfarrer geworden.

Von der Herrschaft des Waldes sind Messengelder geschickt worden, daß in der Gemeinde Winkelsteg ein Gottesdienst gestiftet und gebetet werde auf
eine gute Meinung. Es hat sich die Tochter des
Hauses vermählt.

— — — Gott sei Dank, daß mein Körper
und mein Geist hier so reichliche Beschäftigung
findet. Dieser Einspanig gibt Nachdenken; der ist
ein wahrhaftiges Fragezeichen.

Oefter und öfter wird er im Orte gesehen; gebückt, wie ein leibhaft Fragezeichen, gebückt und
krumm, so geht er einher. Noch immer aber weicht
er den Leuten aus; und wer ihm doch nahe zu
kommen weiß, um eine Frage an ihn zu stellen,
dem gibt er eine Antwort, die drei Fragen gebiert.
Auch in der Kirche ist er schon gesehen worden,
ganz zu hinterst in der Nische, wohin der Beichtstuhl kommen soll.

Der alte Rüppel hält das Wesen ganz entschieden für den ewigen Juden. — Nun, so viel
mag ich selber glauben: der Einspanig ist ein
Theil desselben. Der ganze ewige Jude hat aber
viele Millionen Köpfe.

Da hätten wir nun auf einmal einen Pfarrer,
und zwar einen so seltsamen, und der so geheimnißvoll ist, wie unser Altarbild, das Kreuz aus
dem Felsenthale.

Am letzten Tage des Heumonats, zur Mittagszeit ist es gewesen. Ich gehe in die Kirche, um die
Gebetglocke zu läuten. Da steht der Einspanig auf
der obersten Stufe des Altares, und übt die Förmlichkeiten des Messelesens.

Ich sehe ihm eine Weile zu. Er liest die
Messe, wie sie der Holdenschlager nicht vollendeter
darbringt. Als er aber damit fertig ist, ernsthaft
von den Stufen niedersteigt und mit niedergeschlagenen Augen dem Ausgange zuwandelt, da ist es
doch meine Pflicht, daß ich ihn anhalte und zur
Rede stelle.

„Herr,“ sage ich, „ihr tretet in dieses Gotteshaus, wie es ja Jeder darf, der aufrichtigen Herzens ist; aber ihr steiget zu dem Allerheiligsten
empor und übet Dinge, die nicht Jedem zustehen.
Ich bin der Hüter dieses Hauses und habe euch zu
fragen, was euer Treiben bedeutet?“

Er ist dagestanden und hat mich mit großer
Gelassenheit angeblickt.

„Guter Freund,“ sagt er hierauf mit einer
Stimme, die wie eingerostet knarrt und schrillt:
„Die Frage ist kurz und leicht; die Antwort ist
lang und schwer. Weil ihr aber das Recht habt,
sie zu verlangen, so habe ich die Pflicht, sie zu
geben. Bestimmet den Tag, an welchen ihr hinaufgehen wollet zu den drei Schirmtannen in der
Wolfsgrube.“

„Wozu?“ sage ich.

„Die Antwort liegt nicht auf dem Wege.
Unter den Schirmtannen mögt ihr sie erfahren.“

„Wol,“ sage ich, „wenn es so ist, so will ich
mich am nächsten Sonnabend um die dritte Nachmittagsstunde bei den drei Schirmtannen in der
Wolfsgrube einfinden.“

Er neigt den Kopf und geht davon.

Ich will von diesem Vorfalle einstweilen den
Leuten nichts melden. Das ist ein Narr! würden
sie aufschreien allmiteinander.

Mag ja sein. Ich werde zu den Schirmtannen
gehen und vielleicht Näheres über den Mann erfahren. Finde ich so viele und so schöne Narrheit
in ihm, wie in dem alten Rüppel, so bin ich zufrieden. Sollte es in Winkelsteg schon mit Pfarrhof
und Schulhaus nicht gehen, so bringe ich doch
etwan einen lustigen Narrenthurm zu weg.

Und das ist besser.

Die Antwort des Einspanig.

Im Tannenwalde herrscht tiefe Trauer; wie
Todtenklage, wie Grabesschauer, so weht’s durch
der Wildniß umnachtete Mauer. Dahingestreckt am
Waldessaum in’s Leichenbett aus moosigem Flaum,
gemordet liegt der urälteste Baum. — O, seht den
Mörder über die Steppe fahren, er rast in Verzweiflung mit fliegenden Haaren, verfolgt und gegeißelt von rächenden Schaaren. — Den armen
Mörder, o laßt ihn ziehen, ihm ist’s gegeben, Unheil zu sprühen. Und neu aus dem Tode wird
Leben blühen.

Nicht der alte Rüppel ist es, der mich ansteckt,
daß ich schon am frühen Morgen solche Zeilen
schreibe, sondern eine innere Bewegung, die mich
bei der Kunde von dem Sturme erfaßt, hat sich in
Worten Luft gemacht.

In dieser Nacht hat ein Sturm gehaust. In
Winkelsteg haben wir nichts verspürt; nur ein
schweres Getose ist gehört worden von Mitternacht
her. Im Schachen des Gottesackers ist kein Wipfelchen geknickt.

Wie ich aber nun, da ich in den neuen Geschlägen drüben Geschäfte habe, über die Lauterhöhe
geh’, ist mir der Weg zehnfach verlegt durch wild
zerzauste, zersplitterte, in Kreuz und krumm gefallene
Bäume. Ein starker Harzduft weht in den Gräben;
zahllose Waldvögel flattern heimatlos umher, denn
ihre Nester sind zerrissen. Hier und da machen sich
schon Holzhauer an das Gefälle, daß sie die Stämme
glätten und schälen. In den Holzhauerhütten soll
das eine fürchterliche Nacht gewesen sein. Einigen
hat es den Dachstuhl zerrissen, daß am Morgen
die treibenden Wolken des Himmels hineingeschaut
auf den Feuerherd und die wirren Strohstätten.
Bei den Köhlern im Karwasser ist ein abgerissener
Fichtenstamm auf einen Meiler gefallen, so daß das
Feuer herausgebrochen ist und die hingepeitschten
Flammen schier einen Waldbrand erzeugt hätten.
Der Berthold soll wie wüthend mit dem Dämpfen
des Feuers gearbeitet haben und dabei mit seinem
linken Fuß arg zu Schaden gekommen sein.

Manch wüste Scharte ist den Wäldern geschlagen, und als ich am Nachmittage zu den
Schirmtannen in der Wolfsgrube komme, sehe ich,
daß die mittlere geknickt ist. Sie ist von den dreien
die mächtigste und wol die älteste gewesen.

Auf dem hingestreckten Stamm, der sein wildknorriges Geäste tief in den Erdboden gebohrt hat,
sitzt der Einspanig.

Er hat sich ein Wollentuch um die Schultern
gelegt, und über das Tuch wallen die Strähne des
schwarzen Haares mit seinen vielen grauen Fäden.
Die Beine hält der Mann über einandergeschlagen,
darauf stützt er seinen Ellbogen, und auf diesen das
gesenkte Haupt mit dem blassen Antlitz.

Da ich nahe, erhebt er sich.

„Ihr kommet doch,“ sagt er, „und ich hätte
beinahe nicht kommen können. Die Sturmnacht
hat meine Behausung gesperrt; sie hat einen Felsklotz vor den Ausgang gewälzt.“ Und nach einem
schweren Athemzug, der wieder an das Tosen eines
Sturmes gemahnt, sagt er das trübselige Wort:
„Vielleicht wäre es besser gewesen, diese Nacht
hätte mich in der Felsenhöhle begraben für alle
Zeit, als daß ich euch heute die Antwort gebe. Da
ich sie aber gebe, so gebe ich sie euch am liebsten.
Ich habe Rechtschaffenes von euch gehört, und freue
mich der Gelegenheit, euch näher zu kommen. Meine
Antwort, junger Mann, ist eine schwere Last;
helfet mir sie tragen, wie ihr ja auch die Mühsal
der anderen Waldbewohner auf euch geladen habt.
Ich weiß wol, ihr versteht Priesteramt zu vertreten;
so seid mein Beichtvater und erlöset mich von
einem Geheimniß, von dem ich nicht weiß, ist es
eine schwarze Taube oder ein weißer Rabe. —
Wenn es aber wäre, daß ihr mich nicht solltet begreifen können . . . .“

Er hat eingehalten; in seinem Blick ist etwas
wie Mißtrauen gelegen.

Ich versetze hierauf, daß ich ihn nach nichts
fragen wolle, als nach der Ursache seines Gebahrens am Altare unserer Kirche.

„Da fragt ihr mich ja nach Allem!“ ruft er
mühsam lachend aus; „da fragt ihr mich nach
meinem Lebenslauf, nach meinem Seelenweh, nach
meinem Teufel und nach meinem Gott. — Gut,
gut, kommt nur her und setzet euch zu mir auf
diesen Stamm. Besser schickt sich keine Stätte für
meine Antwort, als eine aus Vernichtung gebaute.
So setzet euch auf diese Rune!“

Mir wird schier unheimlich. Im Tann ist es
still, daß man das Aechzen des Geästes vernehmen
kann; oben aber fliegt das Gewölke dahin von
einem Gewände zum andern.

Ich setze mich neben den Mann, in dessen
Augen und Worten aber vielmehr Kraft liegt, als
man in dem gebückten, sich schwerschleppenden Einspanig hätte vermuthen können.

Ja, der Einspanig geheißen, weil er nie in
Gesellschaft eines zweiten gesehen worden. Und
jetztund sitzt das Zweispan auf dem Stamme:
Die Frage und die Antwort.

„Wisset, was das ist, ein Herrenkind?“ frägt
der Mann plötzlich und starrt mir in’s Gesicht. —
„In einem Palast geboren, in einer goldenen
Wiege gewiegt werden. Der rauhe Erdboden ist
verdeckt mit weichen Geweben; die brennenden
Sonnenstrahlen und Wetterwolken des Himmels sind
verhüllt mit schweren Seidenvorhängen; für jeden
leisen Wunsch eine Dienerschaar; — eine Gegenwart voll Ebenmaaß und hundertfach gehüteten
Glückes; eine Zukunft voll Genuß und hoher
Würden: das heißt Herrenkindschaft. Auch ich bin
ein Heerenkind gewesen, und als solches ärmer,
wie ein Bettelknab’. Ich habe es aber zur Zeit
nicht gewußt und erst als ich der Jahre zwölf oder
vierzehn gezählt, ist mir die schreckliche Frage erwacht: Mensch, wo hast du deine Mutter? —
Meine Mutter hat mir das Leben gegeben und
das Sonnenlicht; — ihr eigenes war’s gewesen —
bei meiner Geburt ist sie gestorben.

Meinen Vater habe ich selten gesehen; er ist
auf Jagden oder auf Reisen, oder in der großen
Stadt Paris, oder in Bädern. Meine Liebe, für
Vater und Mutter mir in’s Herz gegeben, verschwende
ich an meinem Hofmeister, der stets um mich ist
als Lehrer und Gesellschafter, und der mich sehr
lieb hat. Er ist Priester und gehört dem Orden
der Gesellschaft Jesu an. Er ist ein mildfreundlicher, heiterer Mann und sehr fromm und gut.
Oft, wenn er in unserer Hauskirche die Messe gelesen, hat er ein verklärtes Antlitz gehabt, wie der
heilige Franz Xaver auf dem Altare. Ich erinnere
mich noch, daß er mir einmal vertraut hat, wie er
bei der Messe oft in Seligkeit schwebe, denn da
habe er wiederholt Eingebungen, daß ich, sein lieber
junger Freund, zu großen, göttlichen Dingen erkoren
sei. Daraus habe ich seine außerordentliche Liebe zu
mir wahrgenommen.

Und nun soll ich eines Tages diesen meinen
einzigen Freund verlieren. Da ist zur selben Zeit ein
arges Gesetz herausgekommen und in den Ländern
regt sich die Verfolgung gegen den Orden der Gesellschaft Jesu. Mein guter Hofmeister muß fort,
bitterlich weint er, als er von mir Abschied nimmt.
Aber in einem Zustande der Erleuchtung spricht er
die Zuversicht aus, daß wir nach überstandener
Trübsal uns wieder sehen würden.

Und siehe, das priesterliche Wort ist über alles
Erwarten schnell in Erfüllung gegangen. Nach wenigen Monaten schon ist mein Erzieher wieder im
Hause. Er ist aus dem Jesuitenorden getreten;
gehört nun den „Vätern des Glaubens“ an; somit
hat er wieder Schutz in unserem Lande.

Ich bin zum Jünglinge herangewachsen. Meinen Hofmeister liebe ich, wie einen älteren Bruder.
Oft habe ich ihn insgeheim um seine heitere Ruhe
beneidet und um das stille Glück seiner Seele. In
mir hat sich zur selbigen Zeit ein Unstätes zu regen
begonnen. Im Hause ist es mir zu eng, im Freien
nicht weit genug; ist es still, so verlangt mir nach
Lärm, und habe ich Lärm, so sehne ich mich nach
Stille. Mein Drang ist gewesen wie ein blinder
Mann auf der Heide, der, von Angst und Hoffen
gepeitscht, fiebernd tappt nach dem leitenden Pfad
und ihn nicht finden kann.

Da sagt mir einmal mein Erzieher: Das,
lieber Freund, ist der Fluch der Kinder der Welt.
Das ist die rasende Sehnsucht, die trotz allen
Gütern und Genüssen der Erde keine Sättigung
finden kann, außer sie flieht in die Burg, die
Christus gegründet hat auf Erden, in das Reich
Gottes der heiligen Kirche.

— Wenn du zu mir sprichst — entgegne
ich — du weißt, daß ich ein katholischer Christ bin.

— Das bist du nur in deinem geistigen Leben
— sagt er — aber dein Leib, dein Herz ist es,
was so wild nach Erfüllung lechzt. Deinen Leib,
dein Herz mußt du in das Reich Gottes auf Erden
einführen. Mein lieber Freund, alle Tage bete ich
zu Gott, daß er dich so glücklich lassen werden möge,
als ich es bin, daß du wie ich ein Bruder Jesu
Christi werdest zum Heile deiner Seele und zum
Wohle des heiligen Glaubens.

Von diesem Tage an, als mein geistlicher
Hofmeister so gesprochen hat, empfinde ich die Last
und das Unstäte in mir doppelt schwer; aber, als
ich mich ernstlich prüfe, sehe ich, daß es mir unmöglich wäre, der Welt zu entsagen.

— Du hast mich nicht verstanden, sagt hierauf mein Erzieher einmal, und es wundert mich,
daß du nach den vielen Jahren christlicher Erziehung
deinen Freund so mißverstehen kannst. Wer sagt
dir, daß du den Freuden der Welt entsagen sollest?
Die Freuden der Welt sind ein Geschenk Gottes;
aber sie nicht genießen, seiner selbst willen, sondern
zu Gottes Ehre, das ist es, was uns wahre Befriedigung gewährt.

So geht mir nun ein neues Leben auf; mein
sittliches Gefühl, das mich sonst zurückgehalten, eifert
mich jetzt an, daß ich all den verlangenden Sinnen
meines Wesens Sättigung verschaffe. In Freude
und Genuß Gott dem Herrn dienen — so gibt es
keinen Zwiespalt mehr in diesem Leben.

Mein Freund lächelt und läßt gewähren. Die
Welt ist schön, wenn man jung, und auch gut,
wenn man reich ist. Ich lasse mir sie sehr gut
sein; ich will ihren süßesten Becher leeren, ehe ich
am Altare den Kelch des göttlichen Opferblutes
trinken soll.

Und nach wenigen Jahren habe ich den Freudenbecher geleert, bis zum Bodensatz. Da eckelt mich,
da bin ich satt und übersatt. Und die Welt langweilt mich.

Und nun, da ich mittlerweile auch großjährig
geworden, hat mein Freund wieder ein Wort gesprochen, und auf seinen Rath habe ich mich entschlossen, dem Dienste Gottes und dem Heile der
Menschen zu leben. Ich trete in den Orden der
„Glaubensväter,“ und gerne thue ich nun das Gelübde der Geduld und der Keuschheit und der
Armut. Mein ganzes Vermögen fällt dem Orden
zu, und ich leiste das Gelöbniß des unbedingten
Gehorsams.

Und nun — — da ist eines Tages ein
Mädchen zu mir gekommen, das ich früher oft gesehen. Jetzt darf ich es nicht kennen. Es bittet mich,
daß ich es mit dem Kinde nicht verlassen möge;
es bittet um Gottes Willen. Allein — ich bin
bettelarm, darf mich auch für sie an niemand
Andern wenden, ich habe ausschließlich nur meinem
Orden zu leben — so gebietet es der blinde Gehorsam.

Wenige Tage darnach ist das Mädchen als
Leiche aus einem Teiche gezogen worden. — Unsäglich weine ich an der Brust meines priesterlichen
Freundes, dieser schiebt mich sanft von sich und sagt:
Gott hat Alles wohl gemacht!“

Nach diesen Worten ist der Mann, den sie
den Einspanig nennen, wie erschrocken zusammengefahren. Ein Häher ist über unseren Häuptern
dahingeflattert. Hierauf greift der Einspanig rasch
nach meiner Hand und ruft:

„Heute noch bin ich vermählt mit ihr. In
jeder Nacht steht sie mit dem Kinde vor meinem
Lager. Mein Orden hat einen schönen leuchtenden
Stern, aber nur einen einzigen, das ist der Marien-Cult. Mancher Jüngling, der von äußeren Geschicken in den Orden gedrängt, entsagen muß,
blickt begeistert und liebeglühend auf zu der Jungfrau mit dem Jesukinde. Mir aber wird das
liebliche Bildniß zum Gespenst, ich sehe in demselben stets nur das betrogene Mädchen.

Ich bin zum Priester geweiht worden und
habe für meine weltlichen Titel und Würden nichts
als den Namen Paulus erhalten. Aber meines
Standes wegen darf ich ein Glied überspringen
und werde aus dem Novizen gleich zum Professen
gemacht. Es braucht keine besonderen Vorstudien
dazu, da sie mir ja mein Erzieher gegeben seit
meiner ersten Kindheit an. Ich bin für den Orden
vorbereitet worden, viel eher, als ich oder mein
Vater es geahnt haben.

Ich habe Natur und Vermögen geopfert und
meinen eigenen Willen; und nur Eines habe ich
noch besessen, das Vaterland. Auch daran kommt
die Reihe. Es wird unserem Orden vorgeworfen,
er sei — möge er sich nennen, wie immer —
nichts, als verkappter Jesuitismus, dessen Zwecken
er in Allem diene. Und als solcher sei er nach dem
bestehenden Gesetze des Bodens im Lande verlustig.
Fast war ich zu schwach gewesen, meine Heimat
und meinen betagten Vater zu verlassen; allein,
da gibt es kein Auflehnen des Herzens. Wir sind
Märtirer zur größeren Ehre Gottes; und sosehr
bin ich Schwärmer, daß mir dieser Gedanke Halt
und Entschlossenheit gibt, mich von Allem loszureißen.

Wir sind nach Wälschland gezogen. Zu Rom
lebt Pius der Siebente, der Freund unseres Ordens.
Ich habe die Gräber der Apostel und Märtirer
besucht; ich habe gewähnt, in dem gottgesegneten
Lande ein stillbeschauliches Leben führen zu können.
Allein, Gebet und erbauliche Betrachtung ist nicht
immer Sache der Gesellschaft Jesu. Bald werden
wir ausgesandt zu heißer Arbeit im Weinberge des
Herrn. Ich weiß kaum mehr durch welche Vermittlung, aber auf einmal sehe ich mich versetzt in
eines der Länder, die gegen Abend liegen, und zwar
unter Veränderung des Ordensnamens, an den Hof
des Königs. Vielleicht ist es meine Abkunft, vielleicht
die feine Erziehung, die ich genossen, vielleicht auch
meine Gelehrsamkeit oder eine gewisse Klugheit, die
ich mir nach und nach angeeignet, oder es kann
meine Körpergestalt gewesen sein, die schön genannt war — oder all das zusammen oder noch
ein Anderes, das mich befördert hat, ich weiß
es nicht.

Ich habe nach einiger Zeit ein einflußreiches
Amt in der Staatskanzlei erhalten. Und mein Wahlspruch ist gewesen: Sei ein geheimes Rad im
großen Werkskasten des Staates und leite das Volk
nach den Absichten Gottes. — Die Absichten Gottes,
die sind freilich nur dem Statthalter zu Rom bekannt gewesen.

Geschmeidigkeit, Sanftmut, Heiterkeit und Duldsamkeit sind die Tugenden, deren ich mich zu befleißen gehabt habe. So bin ich der Freund des
Hofes geworden, der gerne gesehene Gesellschafter,
der gesuchte Rathgeber; und wenn ich in der Schloßkapelle meine Messe gelesen habe, so ist die gesammte hohe Frauenwelt vor dem Altare auf den
Knieen gelegen. Endlich bin ich Beichtvater des
Königs geworden.

Um diese Zeit kommt mir aus Rom ein
ehrendes Anerkennungsschreiben zu, mit der Ermahnung zu fernerer Klugheit. Klugheit? Selbstverständlich handle ich ohne Hinterhalt, wie es mir
Kopf und Herz eingibt. Es ist aber ein schönes
Leben für mich gewesen. Die Welt lächelt, und mir
gefällt ihr Lächeln wieder. Leicht trage ich das Gelübde der Armut, denn ich wohne im Königspalast.
Treu bleibe ich dem Gelübde der Entsagung, denn
was ich genieße, das genieße ich nicht mir, sondern
Gott zu Liebe. Auch das Marienbild mit dem
Kinde in unserer Schloßkapelle habe ich wieder
inbrünstig zu ehren vermocht.

Da bricht eine bewegte Zeit an. In der Welt
wüthet die Empörung; auch in unserem Lande gährt
ein Aufruhr. Oefter als sonst versammelt der König
die Großen des Reiches um sich, und angelegentlicher wird die Beichte, die er an jedem dreißigsten
Tag mir ablegt.

Da kommt eines Tages an mich ein Befehl
aus Rom; er ist mit einem großen Siegel verschlossen. Als ich ihn gelesen und erwogen, lehnt
sich etwas in mir auf und frägt laut: Wie habt
ihr das Recht, euch zwischen König und Volk zu
drängen und das Gesetz von dem Altare des Vaterlandes zu reißen! — Da sehe ich plötzlich, welch
eine Gewalt mir in die Hand gegeben ist und nun
erst verstehe ich die Ermahnung zur Klugheit. —
Mein Gewissen warnt mich; ich horche anfangs
unentschlossen seiner Stimme, dann werde ich kühn
und ersticke es.

Ich hätte den Schritt gethan, und vielleicht
wüßte die Geschichte heute von einer zweiten Bartholomäusnacht zu erzählen; — da erhalte ich zur
selben Zeit die Nachricht von dem Tode meines
Vaters. Das rüttelt mich auf. Kindesliebe, Schmerz,
Sehnsucht, Heimweh, Schuldbewußtsein und Reue
schneiden in meinem Herzen, graben in meinem
Gehirne. Ich schreibe nach Rom, daß ich in meinem Schmerze unfähig sei zu Allem.

Was ist die Antwort darauf? Dieselbe gebietet
mir: ich möge bei Hofe um meine Entlassung
bitten, denn ich würde mich ehestens einschiffen
nach Ostindien.

Dieser Auftrag schmettert mich vollends nieder.
Anstatt in’s Vaterland, wohin mein Herz mich zieht
mit allen seinen Adern, soll ich in einen fernen
Welttheil reisen. Warum? Zu welchen Zwecken?
Wer frägt? Die erste Satzung des Ordens lautet:
blinder Gehorsam!“

Hier hat der Mann seine Erzählung unterbrochen. Mit den Fingern ist er sich über seine
blassen, hageren Wangen gefahren bis herab zu den
kohlschwarzen Bartstoppeln des Backens. Sein Auge,
in welchem Unruhe und Müdigkeit gelegen, hat sich
schwermüthig empor zur Höhe gewendet. Da oben
haben die finsteren Wolkenlasten nicht mehr hingejagt, sondern angefangen, sich an den Felswänden
niederzusenken. Tiefe Stille und Dämmerung ist
gelegen über dem Waldkessel der Wolfsgrube.

Und endlich fährt der Einspanig fort: „Vier
ewige Jahre, vier ewige Sommer habe ich mit
einigen Gefährten in dem heißen Indien verlebt.
Die Beschwerden sind groß gewesen, aber größer
noch die innere Noth, das erwachte Bewußtsein
eines verfehlten Lebens. Nur in der strengen Erfüllung des Priesterberufes habe ich einigen Trost
gefunden, denn rein und selbstlos ist nunmehr mein
Amt gewesen. Nicht mehr für besondere Vortheile
eines Bundes haben wir gearbeitet, sondern für
das große, gemeinsame und göttliche Erbe der
Menschen, für die Gesittung. Wir haben den Hindus europäische Sitten und Denkweise und Gottesverehrung gepredigt. Ihren Steppen haben wir den
Pflug gegeben, auf ihren Berghöhen haben wir
das Kreuz gepflanzt. Wir predigen ihnen die Gotteslehre der Selbstaufopferung und Liebe. Anfangs
haben sie Mißtrauen und Verfolgung gegen uns,
endlich aber öffnen sie ihr Herz. Als Boten des
Himmels haben sie uns verehrt, und eine hohe
Meinung haben sie von dem Volke im Abendlande,
dessen Gott ein Mensch geworden, um durch sein
Leben die Liebe und durch sein Sterben die Aufopferung zu lehren.

Bereits haben wir in Dekan eine christliche
Gemeinde zu Stande gebracht, da kommen abendländische Schaaren, Engländer und Franken, bekriegen Theile des Landes und unterjochen sie. Da
handelt es sich nicht mehr um die christliche Liebe,
sondern um Reis und Gewürze. Und vorbei ist es
gewesen mit dem Glauben der Hindus an unsere
Lehre. Ermorden haben sie uns wollen. Auf ein
fränkisches Schiff haben wir uns geflüchtet und sind
zurückgekehrt nach Europa.

Nun sehe ich endlich mein Vaterland wieder.
Eine andere Zeit ist, und unser Orden hat Boden
und Schutz im Lande. Aber das Volk war von
der Geistesrichtung der letzten Jahre sehr beeinflußt
worden und hat stückweise gar gedroht, von der
katholischen Kirche abwendig zu werden. So hat
für uns eine neue schwere Arbeit begonnen. Wir
werden planmäßig vertheilt in Stadt und Land.

Da ich mich am Königshofe nicht bewährt
habe, ich auch auf den Reisen verwildert und
aus dem Geleise der gesellschaftlichen Verhältnisse
gekommen bin, und da an mir ferner mehr Gewissensskruppel als Klugheit zu merken ist, so
trifft mich das böse Los: ich werde den Volksmissionären zugetheilt. Kaum kann ich meine Geburtsstadt und das Grab meines Vaters besuchen,
ehe ich fort muß in das Gebirge. Mit drei Genossen wandere ich von Gegend zu Gegend, um in
bestimmten Pfarrkirchen sogenannte Missionen abzuhalten. Das ist ein fast so schwieriges Wanderleben, wie jenes in Indien gewesen. Aber in diesen
Verhältnissen muß unsere Priesterschaft eine ganz
neue Seite hervorkehren. Bei hohen, mächtigen
Herren sind wir die Heiteren, Geschmeidigen, Duldsamen gewesen; bei den wilden Völkern die Apostel
der Cultur, die strengen aber liebevollen Lehrer
des Christusglaubens. Hier aber, bei dem verknöcherten, trägen, leichtsinnigen und noch dazu durch
neue Grundsätze verdorbenen Landvolke müssen wir
erscheinen als ernste Warner, als gewaltige Richter
der Sünde. Mit Gott und Himmel und Liebe richtet
man bei solchen Leuten nichts aus, damit hat der
Ortsseelsorger sich abgemüht genug. Wir predigen
von Teufel und Hölle und ewigen Peinen.

Anfangs, da kommen sie mit Uebermuth und
Neugierde zur Kirche herein, um die Wanderprediger
zu sehen; aber als sie die dumpfen Worte von der
Noth der Seelen, von der Gefahr des irdischen
Lebens, von der drangvollen Sterbstunde und von
dem schrecklichen Gericht des Gerechten hören, da
heben sie an zu erbleichen. Bald liegen sie zerknirscht
und bebend vor dem schwarzverhüllten Altare, bald
drängen sie sich zu unseren Beichtstühlen. Den Kindern wird gedroht mit der Verdammniß der Eltern,
den Eltern mit dem Verderben ihrer Kinder. Der
erwachsenen Jugend wird jeder Blutstropfen ihres
blühenden Lebens verflucht; den Ehleuten wird die
Liebes- und Kindesfreude vergällt. Und den Greisen
wird das nahe Ende dargestellt in schrecklichen Zügen.
Für Alle die einzige Rettung ist: Bekehrung zur
Buße. — Da rutschen sie auf den Knieen um
den Altar, da versagen sie sich den Bissen Brot
bis die Sonne niedergeht, da thun sie Sand in
die Schuhe und wallen zu fernen Kirchen und entlegeneren Kapellen, um Ablaß zu erbitten.

Vor jeder Kirche haben wir ein hohes, kahles
Kreuz aufgestellt. Christus ist für euch gekreuzigt
worden, jetzt kreuziget euch selbst in Abtödtung
und Buße.

Ich bin in Eifer gerathen, der mich fortgezogen
hat in dem, was unseres Amtes gewesen, und der
mich fortgerissen hat in eine Schwärmerei, die ich
bislang an mir nicht gekannt habe. Wie eine wildlodernde Gottesoffenbarung steht es vor meiner
Seele: Die Buße ist das Einzige, was uns erlösen kann.

Wie lebendig und lustig es im Dorfe auch
gewesen ist, wo wir eingezogen: es wird bald still
in den Gassen und öde auf den Feldern und Wiesen.
Das Gotteshaus ist die Zuflucht geworden; und
wie rasch die Bewohner bereit sind, das Irdische
gegen das Himmlische zu vertauschen, zeigen die
Früchte der Erde, die verwahrlost verderben, während die Leute in den Kirchen beten.

Und selbst die Regierung hat es eingesehen,
wie im Lande eine allgemeine und gründliche Bekehrung Noth thut. Wo doch Einer ist, der zum
Sonntag, während in der Kirche Gottesdienst ist,
auf dem Dorfplatze sitzt, sich sonnt und seine
Pfeife schmaucht, da weisen Wachmänner mit messerbepflanzten Gewehren den Glaubenslauen in die
Kirche.

Das ist eine erfreuliche Zeit gewesen für unseren Orden, und er ist stark und heimisch geworden im Lande, wie er es in dem Grade früher nie
gewesen war.

Was aber mich anbelangt: glücklich bin ich
nicht. Wenn die Stunden der Begeisterung vorüber,
so ist eine Oede in mir und ein Dämon, der mich
fortweg abwenden will von dem heiligen Beruf,
welcher die große Aufgabe hat, die übermüthige
Menschennatur zu bändigen und der Einheit und
Allgemeinheit unserer Kirche zuzuführen. Ich habe
diesen Dämon bekämpft durch Arbeit und Gebet,
denn ich habe ihn für den Teufel gehalten. Er wird
aber was Anderes gewesen sein. — Nicht wahr,
jetzt kommt schon die Nacht?“

Fast verwirrt hat mich der Mann angeblickt,
als hätte er von mir die Beantwortung seiner
Frage erwartet.

„Die Nacht kann das noch nicht sein;“ habe
ich entgegnet, „der finstere Nebel legt sich so über
den Wald.“

„Ja, ja,“ fährt der seltsame Erzähler wie
träumend fort, „es kommt die Nacht. Junger
Freund, ihr werdet sehen, es kommt die finstere
Nacht.“

Nun ist es eine Weile so still, daß man vermeint, den Nebel spinnen zu hören in dem Geäste
der Tannen. Nachher fährt der Mann wieder fort:

„In einem großen Dorfe ist es gewesen. Ich
sitze noch spät Abends im Beichtstuhl. Die Kirche
ist endlich leer geworden und die Ampel des Altares
legt ihren mattrothen Schein schon an die Wände.
Ein einziger Mann steht noch neben dem Beichtstuhle und scheint unentschlossen, ob er sich nähern
oder auch die Kirche verlassen soll.

Ich winke ihm. Er schrickt zusammen, tritt
näher und sinkt auf die Kniee vor dem Schuber
des Beichtstuhles. Sein Bekreuzen ist ein krampfhaftes Zucken der rechten Hand über das Gesicht.
Er sagt nicht das übliche Gebet; in wirren und
hastigen Worten theilt er mir sein Bekenntniß mit.
Dann faltet er die Hände so fest ineinander, daß
sie zittern und stammelt die Bitte um Lossprechung.
— Mein Herz steigt empor zu den Lippen, ich will
dem Geängstigten Worte des Trostes sagen. Aber
unwirsch stoße ich mein eigen Herz zurück in die
Brust; denn die Satzung verlangt in diesem Falle
unerbittliche Strenge. Das Verbrechen ist kein ungewöhnliches gewesen; es kommt oft genug vor.
Nehmen wir zum Beispiel, der Mann hätte sich an
dem Gute seines Nachbars vergangen.

Und wie er stumm so dakniet, entgegne ich in
ruhiger Weise: das Unrecht könne ihm nicht verziehen werden vor Gott, so lange es nicht bis auf
das letzte Pünktchen gut gemacht.

— Gutmachen, das kann ich nicht, versetzt er,
mein Nachbar ist fortgezogen; ich weiß ihn nicht
zu finden.

— So wandert durch die Welt, ihn zu suchen;
besser die Füße abgehen bis auf die Kniee, als daß
die einzige, kostbare Seele ewig verloren gehe.

— Aber mein Weib, meine unmündigen
Kinder! ruft er und fährt sich mit den Händen
über die Stirne.

— Umsomehr Seelen stürzet ihr mit euch
in das Verderben, wollt das Unrecht ihr nicht
sühnen.

— Um Gotteswillen, ja, ich will fasten, beten,
will Almosen geben zehnfach mehr, als was ich betrogen.

— Alles fruchtlos. Vor dem Betrogenen müßt
ihr es sühnen, wenn Der es vergibt, so wird auch
Gott es streichen aus dem Buche des Lebens.

— So soll ich jetzt fort und suchen, die
ganze Welt durchsuchen? schreit er fiebernd; ist
der Herr nicht am Kreuz gestorben, daß er die
Sünden der Welt auf sich nehm’? Mord und Todtschlag werden verziehen, und mir kann meine Verirrung um Christi Bluteswillen nicht vergeben sein?

— Markelt nicht mit dem gerechten Gott im
Himmel! rufe ich erbittert, daß sich da Einer auflehnt gegen den Höchsten, jeder Tropfen des rosenfarb’nen Christiblutes wird dem Lästerer zu einer
Flammenzunge des höllischen Feuers. Dreimal höher
ist der Himmel, seit er durch das Kreuzopfer ist
erkauft worden; und neunmal tiefer ist die Hölle,
seitdem die Menschen drei Nägel geschlagen durch
Christi Händ’ und Füße.

Ueber diese meine Worte ist ein Aufstöhnen,
ein Fluchwort, und ich höre den Schall der Tritte
eines Davoneilenden. Dann bin ich in der nächtigen
Kirche allein.

Ich trete aus dem Beichtstuhle, kniee hin vor
den hochragenden Altar und bete lange für den
Verstockten. Und wie ich so emporblicke zu dem
Bilde der Königin der Beichtiger, da ist es mir,
als trete sie plötzlich hervor aus der Nische — sie,
mit dem Kinde, in blutrothem Schein.

Der Thür eile ich zu, auf daß ich den erquickenden Abend im Freien erlange. Siehe, da ist
der Ausgang verschlossen.

Ich habe die Sperrstunde nicht wahrgenommen.
Die Kirche ist entlegen vom Orte; das nächste
Haus ist die Todtenkammer. Da hört es Keiner,
wie man auch rufen wolle.

So bin ich eingeschlossen in den düsteren
Raum, in welchem ich so oft von dem leidigen
Teufel gesprochen und von der ewigen Höllenpein.
— Dort im heiligen Gezelt thront der ewige Gott
in Wesenheit und Wahrheit; jetzo bist du mit ihm
allein, jetzo wirst du Rechenschaft ablegen, wie du
als sein Stellvertreter unter den Menschen die hohe
Lehre hast verkündet.

Nein, ich habe es nicht vermocht, hinzublicken
auf den Altar; das schreckliche Bild steht dort, wie
in der Luft, das rothe Licht schwebt auf mich zu.
Ich eile auf den Zehenspitzen von einem Winkel
zum andern, verkrieche mich endlich wieder in den
Beichtstuhl und ziehe den Vorhang zu.

So bin ich dagesessen mit höchst erregten
Sinnen. Ich meine, jetzt und jetzt müsse sich der
Vorhang bewegen und eine kalte Hand hereinfahren
nach meinem treulosen Herzen. Aber es bleibt ruhig
und still, nur daß zuweilen auf dem Thurme die
Uhr ihre Viertheile schlägt — und am hohen Fenster, durch das nun der Mond hereinscheint, zuweilen
eine Fledermaus vorbeihuscht. Ich lehne mich an
die Rückwand und schließe die Augen; der Schlaf
kommt nicht . . . . Gedanken sind gekommen.

Ja, sonst knieen sie da draußen vor dem
Schuber, die armen Sünder, und erforschen das
Gewissen; und heute erforscht es der Beichtiger
selbst einmal. — Ich habe zurückgeblickt auf mein
ganzes Leben. Wie ist es so bewegt, wie bin ich
arm und einsam gewesen! Meinen Vater habe ich
verlassen, wie er mich ja nicht gehalten hat; mein
Erzieher ist von mir gezogen worden, als er mich
in die Wirren der Welt geschoben hat; in dem
Teiche ist ein flammendes Herz verloschen. Da habe
ich keinen Freund mehr auf der weiten, weiten
Erden. Wie ein Spielzeug bin ich geworfen worden
über Land und Wasser. Was ist gemeint gewesen
mit meinen hohlen Thaten? Was ist erstrebt worden? Habe ich wohl gethan? Ich bin Priester;
habe ich Gott verehrt mit meinem Herzen? — Ich
bin Vermittler; habe ich Gott versöhnt mit den
Menschen, und diese mit sich selbst? — Wenn ich
dereinst vor Gottes Richterstuhl stehe, wenn die
Wagschale sinkt mit meiner Uebelthat; ist eine
Seele, die das Zünglein hält und ruft: er hat
mich gerettet, er sei erlöst!

Und als es in mir so ringt und schreit, da
ist plötzlich ein klägliches Stöhnen vor dem Schuber
des Beichtstuhles, als kniete jener Mann noch davor
mit seiner Schuld. Ich fahre empor, aber — es
hat mich betrogen; — öde und still ist es, und
das helle Mondlicht rinnt durch das Fenster.

So sind meine Jahre verronnen, die goldenen
Jahre — in den Sand. — Guter Freund, ein
solches Unglück könnt ihr nimmer verstehen. —
Endlich hebe ich an schmerzlich zu weinen.

Gewiß, ich hätte in meinem einflußreichen Stande
die Menschen geliebt und ihnen gedient. Abgeleitet
bin ich worden; und mein einziger Freund ist nicht
mein Freund gewesen. — Wie viele Jahre sind
mir noch gegeben, daß ich sie mißbrauche? Nein
und nimmer. O Gott führe mich weg von deinem
Altare, dem ich ein unwürdiger Diener gewesen;
führe mich aus deinem Tempel, in dem ich deinen
Namen eitel genannt. Und von den Menschen führe
mich weg; ich habe dich ihnen so gottlos gefälscht.
Führe mich zu einer stillen, einsamen Stätte, wo
ich mich selbst erlösen kann!

Diese Sehnsucht hat sich wie Thau gelegt auf
mein Gemüth; ruhiger ist es geworden und meine
Augen sind gesunken.

Jetzt aber höre ich plötzlich von außen eine
Stimme, die Pater Paulus! ruft, und eine zweite:
Wenn ihm nur nichts zugestoßen! — Pater Paulus!
ruft es wieder. — Endlich befreit! denke ich und
will mich erheben, auf daß ich antworte. In demselben Augenblick höre ich fürchterlich aufschreien:
Jesus Maria! da ist er, da hängt er am Strick!

Ich thue einen Schrei, der in dem Kirchenschiffe gellt und von dem ich selbst erschrocken bin.
Da ist draußen noch ein Klageruf und ich höre,
wie sich die Leute eilig wieder davonmachen. Der
Aufschrei in der Kirche, mein Hilferuf, hat sie verscheut. Ich bin allein. Erregt bin ich, daß mir der
Athem stockt. Mitternacht schlägt es. Und wie?
Draußen hängt Einer am Strick? Sie haben doch
so gerufen. Hatten sie nicht mich gesucht und geschrieen: Da ist er, da hängt er am Strick?

Auf mein Angesicht bin ich gefallen: Heiliger
Gott, bewahre mich vor Selbstmord!

Aber jetzo steigt plötzlich eine Ahnung in mir
auf. Wie, wenn es der Mann ist, dem ich zur
späten Abendstunde die Lossprechung verweigert und
den Trost? dessen nach Vergebung ringende Seele
ich in ihrer Verzweiflung zurückgestoßen habe?
Wenn er hingegangen ist und sich das Leben genommen hat?! Wer ist sein Mörder, o Herrgott
im Himmel! — In derselben Stunde, guter Freund,
habe ich Schreckliches ausgestanden. Das Klappern
der Todtengerippe habe ich in meinem fiebernden
Zustande gehört; den Selbstmörder habe ich baumeln gesehen an der Kirchhofsmauer, und wie er
mich angrinst mit starrem Auge! — Und aus den
Tiefen des Teiches steigt ein Weib empor mit dem
Kinde, und seine feuchten Locken werden zu Schlangen und legen sich um meine Glieder. Und all die
unerlösten Seelen kommen, denen ich die Verdammung gepredigt. Und inmitten steht das hohe Kreuz
und eine Stimme höre ich rufen: Du hast den
Heiland getödtet in den Herzen, du hast ihnen das
schwere Kreuz aufgebürdet, das Kreuz ohne Heiland.
— Gottesmörder!“

Aechzend ist der Mann hingesunken auf das
Geäste des Baumes. Kaum habe ich es vermocht,
ihn wieder aufzurichten. Nebelfeuchtes Wildfarrenkraut reiße ich ab und lege es auf seine glühende
Stirne.

„Erzählet ein andermal zu Ende,“ sage ich,
„und gehen wir heute in unsere Wohnungen, es
kommt wahrhaftig schon die Nacht.“

Er hat sich aufgerichtet, ist mit den Zipfeln
seines Mantels über die Augen gefahren.

„Heute ist der Frieden in mir,“ sagt er
hierauf ruhig, „aber so oft ich an dieselbe
Stunde denke, glüht mein Blut wie Höllenflammen.
Nun jetzo wird es schon besser. — Wie ich meine
Augen wieder aufthue, da schaut das Morgenroth
zu den Fenstern herein. Wie ein mildes Lächeln
liegt es auf dem Altare und auf dem Bilde der
Mutter Gottes. — Ich habe mich aufgerichtet und
ein Gelöbniß gethan, und da ist es mir in meinem
Gemüthe gewesen, als müsse Alles, Alles gut enden.

Bald darnach haben die Schlüssel der Kirchenthüre gerasselt; der Schulmeister tritt herein, und
einer der Ordensbrüder und noch andere Leute. Sie
brechen in ein Frohlocken aus, als sie mich sehen,
und führen mich an der Hand in das Freie. Sie
erzählen, wie sie mich gesucht, wie sie wol einen
Schrei gehört in der Kirche, wie sie aber in ihrer
Verwirrung gemeint hätten, es sei eine Geisterstimme. Sie führen mich abseits vom Friedhofe,
denn dort ist an einem eisernen Grabkreuze der
Selbstmörder gehangen.

Ich habe mich nachher in mein Zimmer verschlossen und bin in demselben verblieben den ganzen Tag. Ich hätte an dem Tage eine Predigt halten sollen über die Buße und die Erbarmungen
Gottes. Ein anderer meiner Genossen hat es für
mich gethan. Die Leute hätten sich erzählt, ich sei
die Nacht über absichtlich in der Kirche geblieben
und habe Offenbarungen gehabt, denn ich sei der
Frömmste unter den Vieren.

Spät Abends, als ringsum Alles geschlafen,
habe ich auf ein Blatt Papier die Worte geschrieben:
Lebt wohl, meine Brüder. Forschet nicht nach mir.
Meine neue Mission heißt Selbsterlösung.

Und dann habe ich genommen, was mein,
und bin aus dem Hause gegangen und aus dem
Dorfe, und der Landstraße entlang die ganze Nacht.

Planlos ist mein Wandern. Ich überlasse mich
dem Zufall. Ich habe nichts zu verlieren; nur aus
dem Bereiche der belebteren Gegenden trachte ich
fortzugelangen. Ich habe meine Richtung gegen das
Gebirge genommen.

Als der Morgen graut, bin ich zwischen Waldbergen; ein Wildbach rauscht mir entgegen. Ich
trinke aus dem Wasser und ruhe auf einem Stein.
Da kommt so ein Waldmensch des Weges, der zieht
seine Kopfbedeckung ab vor meinem priesterlichen
Kleide. Ich erhebe mich und bitte den Mann, daß er
mir den Weg weise, ich wolle weit hinein in’s Gebirge, bis dorthin, wo der allerletzte Mensch wohnt.

— Der allerletzte Mensch, der wird wol der
Kohlenbrenner, der Ruß-Bartelmei sein, hat der
Mann geantwortet.

— So weiset mir den Weg zum Ruß-Bartelmei und bedeckt euer Haupt.

— Habt ihr mit dem Köhler was zu schaffen?
frägt er dreister, da wir schon auf dem Wege sind,
ihr, der Köhler ist leicht schwarz an Leib und Seel’;
den mögt ihr nimmer weiß waschen. Nun, weil er
halt wildert. Schlechter wie Andere wird er auch
nicht sein. Was wollt ihr ihm denn?

Ich glaube, ich habe dem Frager von einer
weitläufigen Verwandtschaft was gesagt. Da bleibt
er stehen und sieht mich an: Verwandtschaft! thät’
mich wol freuen! Der Ruß-Bartelmei bin ich halt
selber.

Ich gehe mit dem Manne über Berge und
durch Schluchten. Bis zur Mittagszeit sind wir bei
seinem Hause.

Drei Tage bleibe ich bei den Leuten. Schwarz
sind sie freilich. Bei einem Volke des Morgenlandes
ist schwarz die Farbe der Tugend und der Seligen;
sie malen dafür den Teufel weiß. — Ich habe das,
in der Meinung, ihm ein Gefälliges mitzutheilen,
dem Kohlenbrenner gesagt. Der aber guckt seltsam
aus seiner Hutkrempe hervor und entgegnet: Nachher
wäre der Pfarrer in der Kirche ein Teufel und auf
der Gasse ein Engel.

Am dritten Tage, nachdem ich und der Bartelmei viel und über Vieles miteinander gesprochen
und uns gegenseitig Theile aus unserer Lebensgeschichte erzählt (die seine ist kohlschwarz und die
meine noch schwärzer), da frage ich ihn, ob er mein
Freund sein wolle. Ich hätte vor, in der Wildniß zu
leben und zu arbeiten für meine Seele, und wolle
redlich bestrebt sein, in der Einsamkeit Gutes zu stiften, da man unter Menschenschaaren auch mit bestem
Willen nicht immer das Rechte fördere. Als Freund
habe er mich gegen Entgeltung mit den allernothwendigsten Bedürfnissen zu versehen, des Weiteren
aber mich als Geheimniß zu bewahren.

Der Mann hat sich lange besonnen; dann
sagt er: So, ein Einsiedler wollt ihr werden? Und
da soll ich der Rab’ sein, der euch das Brot vom
Himmel bringt?

Ich erkläre, daß ich mir das Brot selbst suchen
wolle, daß man aber auch Kleidungsstücke und
andere kleine Dinge bedürfe, und daß ich nicht ermangeln würde, mit meiner kleinen Habe dafür zu
danken.

So ist er bereit, mir zu dienen. Nur müsse
ich ihm auch einmal eine Gefälligkeit erweisen, und
vielleicht eine ganz absonderliche. Er habe schon
auch sein Anliegen.

Ich habe das Köhlerhaus verlassen und der
Bartelmei hat mich geführt noch weiter in die
Wildniß hinein. Bis in das Felsenthal bin ich
hinaufgekommen; da sind gar keine Menschen mehr,
da ist nur der Urwald und das starre Gewände.
Und hier ist es mir recht gewesen; in einer verborgenen Höhle, an der eine Quelle vorbeirieselt,
habe ich mich eingerichtet. Im Felsenthale ist ein
hölzernes Kreuz gestanden, das seiner Tage auch
ein verlorner Waldmensch aufgerichtet haben mag.
Das ist mein Versöhnungsaltar. Ein Kreuz ohne
Heiland, wie ich es sonst den bedrängten Seelen
vorgehalten, war mir nun selber geworden.

Und so, junger Freund, habe ich nun gelebt
in der Einsamkeit, habe mit den Wurznern und
Pechern gearbeitet. Und so ist Jahr um Jahr verflossen. Von Entbehrung will ich nicht reden, schwerer
ist mir das Gefühl des Verlassenseins geworden,
und die Sehnsucht nach den Menschen hat mich oft
unsäglich gepeinigt. Nur der Gedanke, daß Entsagung meine Sühne ist, hat mich getröstet. Oft
aber bin ich hinaus in die Thäler gegangen, wo
Menschen wohnen in lieber Geselligkeit. Ich habe
mich gelabt mit dem Bewußtsein ihrer Gewissensruhe und Zufriedenheit und bin wieder zurückgekehrt
in das ewig einsame Felsenthal zu meiner Höhle
und zu dem stillen Kreuze auf dem Steingrunde.

Der Kampf in mir aber ist, statt geringer,
größer und schwerer geworden, und zuweilen kommt
mir der Gedanke: was ist das für ein Leben in
lahmer Thatlosigkeit, in der man Niemandem nützt,
sich selber doch verzehrt? Kann das Gottes Wille sein?

Zurückkehren in den Orden, das wäre unmöglich. In der offenen Welt leben unter dem
Schilde eines abtrünnigen Priesters, das wäre ein
zu großes Aergerniß an der treuen Berufserfüllung
im Allgemeinen. Was bleibt mir übrig, als für
das Völklein des Waldes nach Kräften wohlthätig
zu wirken? Aber ich weiß es nicht anzufassen. Mit
trockenen Predigten stiftet man nicht immer das
Wahre. Den Teufel habe ich ja so lange gerufen,
bis er mir selber gekommen; Gott und die christliche Liebe lehren? Damit bin ich in Indien schlecht
gefahren. So habe ich gar keine Neigung mehr,
den Menschen mit Worten zu dienen.

Wo ich Kinder sehe, da gehe ich auf sie zu,
daß ich ihnen ein Liebes könnte erweisen; aber sie
haben sich vor mir gefürchtet. Ich bin gemieden
und nirgends gern gesehen, selbst in der Hütte des
Bartelmei nicht mehr. Ich bin auch so seltsam, so
unheimlich; zuletzt hat mir vor mir selber gegraut.
Ein Verbannter lebe ich im Felsenthale und zwischen dem Gestein lechze ich nach Wohlthun. Und
ich bin doch wieder davongeschlichen gegen die
Wässer hinaus.

Dem altersschwachen Weiblein habe ich die
Holzschleppe vom Rücken genommen, auf daß ich sie
in seine Klause trage. Dem Hirten habe ich die
Herde von dem gefährlichen Gewände abgeleitet.
Und im Winter, wenn gar keine Menschen sind
weit und breit, habe ich mit dürren Saamen und
wilden Früchten die Vöglein gefüttert und die Rehe.
Geweint habe ich über diesen meinen armseligen
Wirkungskreis und vor dem Kreuze habe ich gebetet: Herr, vergib! und nur einmal laß mich was
Gutes vollenden!

Und so habe ich, in der Absicht, etwas Rechtes
zu vollbringen, den Jungen aus dem Hinterwinkel
zu mir genommen. Ich hatte gehört, daß er von
seinem Vater die Tobsucht geerbt haben soll. Ich
habe bedacht, daß, wie der Mathes daran zu
Grunde gegangen, so auch der Lazarus daran zu
Grunde gehen müsse, könne durch eine entsprechende
Zucht dem Uebel nicht gesteuert werden. Auch habe
ich bedacht, daß ein schwaches, weichherziges Weib
nimmer im Stande ist, dem gefährdeten Kind die
strenge Leitung, die nöthig ist, angedeihen zu lassen.
Da habe ich eines Tages im Walde den Knaben
am Grabe seines Vaters getroffen. Er hat erbärmlich geweint und ist nicht von mir geflohen wie
andere Kinder. Und als ich ihn frage, was ihn
denn sosehr betrübe, da antwortet er, er hätte einen
Stein geschleudert nach seiner Mutter, und so wolle
er jetzt sterben.

Ich entgegne ihm, er möge getrost sein; ich
hätte auch einmal so einen Stein geschleudert gegen
Menschen, aber nun wäre ich in die Wildniß gegangen, daß ich Buße thue und einen besseren
Mann aus mir mache. Und ich frage ihn, ob er
es auch so halten wolle. Der Knabe hat mich
flehend angeblickt und ja gesagt.

So habe ich ihn mit mir genommen in das
Felsenthal und in mein Haus. Ueber ein Jahr habe
ich ihn bei mir behalten, auf daß ich ihn an strenge
Ordnung hielte und seine wilden Anfälle zu unterdrücken suchte. Täglich haben wir vor dem Kreuze
gemeinsam unsere Andacht verrichtet. Und ich habe
dem Knaben erzählt die Geschichte von dem Gekreuzigten, habe ihm mit aller Wärme meines Herzens dargestellt die Liebe, Geduld und Sanftmut
des Heilandes, und ich habe gemerkt, wie das Gemüth des Knaben davon ergriffen worden ist. Es
ist ja ein herzensguter Junge.

Wir haben zusammen gearbeitet, haben Waldfrüchte, Kräuter und Schwämme gesammelt zu unserer Nahrung. Hirsche und Rehe haben wir nicht
geschossen, wie der Lazarus einmal vorgeschlagen.
Stühle und Fußmatten flechten wir für unsere
Felsenwohnung und für den Branntweiner, der sie
an den Mann zu bringen weiß. Viel Brennholz
sammeln wir und einen kleinen Schutzwall führen
wir auf vor unserem Eingang. Gehe ich in die
Lautergräben oder in die Winkelwälder hinaus, so
bleibt der Knabe willig im Felsenhause und arbeitet
allein. Gerne hat er mir von seiner kleinen Schwester
erzählt, aber nie ein Wort von seiner Mutter,
gleichwol er im Traume oft genug von ihr gesprochen hat. Ich habe es ihm angemerkt, wie sehr
das Gewissen seiner That ihn hat gepeinigt.

Auf daß sich der Knabe an Geduld und Sanftmuth übe, habe ich ein Mittel erfunden, das, wie
seltsam und einfältig es auch aussehen mag, doch
eine schätzbare Wirkung in sich trägt. Ich fasse einen
Rosenkranz aus grauen Steinperlen zusammen, und
diesen Rosenkranz muß mir der Lazarus allabendlich
abbeten, ehe er zu Bette geht. Aber nicht mit dem
Munde abbeten, sondern mit den Fingern und mit
den Augen. Er muß nämlich alle Perlen von der
Schnur streifen, daß sie auf den Erdboden hinkollern; und nun ist seine Aufgabe, daß er die in
alle Winkel gerollten Kügelchen mühsam wieder
zusammensuche und auflese. Anfangs hat er bei
dieser mühsamen Arbeit sein Zucken wol bekommen;
aber da er dadurch dem Geschäfte nur hinderlich
statt förderlich ist, so hat er es nach und nach mit
mehr und mehr Fassung verrichtet, trotzdem das
Suchen oft stundenlang dauert, bis er die letzte und
allerletzte Perle findet. Und endlich hat er es mit
einer Ruhe und Selbstüberwindung gethan, die verehrungswürdig ist. — Kind, sage ich einmal, das
ist das schönste Gebet, das du Gott und deiner
Mutter zu Liebe thun kannst, und damit erlösest du
deinen Vater. Da blickt mich der Junge mit seinen
großen Augen glückselig an.

Wir haben nicht gar viel miteinander geschwätzt,
aber um so gewichtiger und überlegter ist jedes gesprochene Wort gewesen. Er scheint mich lieb gehabt
zu haben, er hat jeden Wunsch meiner Augen zu
erfüllen gesucht. Nach meiner Weisung hat er mich
den Bruder Paulus geheißen.

Wol, es ist eine gewagte Art gewesen, wie
ich den Knaben zu mir gerissen und geschult habe;
aber ich mag hoffen, daß er glücklich auf einen
besseren Weg geleitet ist. — O, mein Freund, wie
oft habe ich mir gesagt: Einem, und wenn auch
nur Einem Menschen mußt du von allen Seelengaben, die dem Priester zu Gebote stehen, die Gabe
der Selbstbeherrschung eigen machen, dann bist
du erlöst.

Ich habe mich im Laufe des Jahres oft nach
der Mutter des Knaben umgesehen; und sosehr ich
mich selbst an den Knaben gewöhnt, habe ich doch
den Tag ersehnt, an welchem ich dem armen Weibe
das verschollene Kind wieder zurückgeben kann, wie
ein Stück reinen Goldes nach der Läuterung.

Da finden wir eines Abends das Kreuz nicht
mehr auf dem Steingrunde. Es war dagestanden,
ehe ich das Felsenthal durchwandelt und an seinem
Fuße Erbauung und Zuflucht gefunden. Es war
unser Gottesaltar gewesen und das Zeichen der
Entsagung und Selbstbeherrschung. Und nun starrt
uns die moderige Grube an, aus dem es emporgeragt.

Wer hat mir auch dieses Einzige noch weggenommen? Soll es Kohlen geben oder eine Herdflamme in der Hütte? Ist der weite Wald nicht
mehr groß genug, legen sie die Hand noch an das
Kreuz? Was hat es ihnen gethan? Oder schnitzt
Einer den Heiland dazu? Oder hat es ein Kranker,
ein Sterbender holen lassen, auf daß er davor bete?

So habe ich an jenem Tage gefragt und gegrübelt. Und am Abend noch eile ich durch das
steinige Thal und meine, irgendwo müsse mein
Gotteszeichen liegen. Ich laufe in den Wald hinab,
den Fußsteig hin, da sehe ich zwei Männer, die
das Kreuz auf den Schultern tragen.

Und nun ist es mir eingefallen, es kommt in
die neue Kirche am Steg, die Wäldler stellen es
auf den Altar. Sie verehren es, wie ich es verehre; auch sie wollen Entsagung und Aufopferung
lernen; auch sie sind Menschen, die streben und
ringen nach dem Rechten, wie ich. Da ist in mir
eine Freude erwacht, die mir schier das Herz hat
zersprengt. Um den Hals fallen hätte ich euch
mögen, euch, der ganzen Gemeinde. Ich gehöre ja
zu euch — ein Pfarrkind.“

„Ja, jetzo ist keine Zeit mehr für müßige
Gedanken,“ fährt der Einsiedler fort. „Kurze Zeit
darnach habe ich den Lazarus fortgeführt aus diesem Felsenthale und hinaus zur neuen Kirche, auf
daß er vor dem Kreuze bete. Ich habe ihn von
Herzen gesegnet, denn ich habe wol gewußt, daß er
mir nicht mehr zurückkehren wird in das Felsenhaus.

Und allein habe ich weiter gelebt, wol verlassener als je, und doch beruhigter, und mein Herz
hat sich gehoben, als wollte der Bann anheben zu
schwinden. Oefter und öfter bin ich hinausgegangen
zur neuen Kirche, in der mein Kreuz steht. Und
die Menschen haben mich nicht mehr gemieden;
Almosen haben sie mir gereicht, auf daß ich beten
möge vor Gott für ihr Seelenheil. Daraus habe
ich wol mit Beschämung ersehen, daß sie mich für
besser halten, als sich selber.

Ich bin auch wieder in das Haus des Bartelmei gegangen, in dem sie mehr von mir wissen,
als in den anderen Hütten. Des Köhlers Mutter,
die Kath, ist schon seit Jahren krank, die bittet
mich, daß ich um Gottes Erbarmung Willen doch
einmal eine Messe für sie lese zu einem glücklichen Sterben. Das habe ich dem alten Weiblein
gerne versprochen und die Messe habe ich gelesen und zwar vor meinem Kreuze in der Kirche
am Steg.“

So weit hat der Mann erzählt.

Wir schweigen beide eine gute Weile. Endlich
habe ich die Worte gesagt: „Wie sich das schon
wunderbar fügt im Lebenslaufe, so ist das vielleicht
euere letzte Messe in unserer Kirche nicht gewesen.“

„Ich habe euch die schuldige Antwort gegeben,“
versetzt der Einspanig, „was daraus für euch, für
mich erwächst, davon kann heute noch nicht gesprochen werden.“

Mit diesen Worten hat er sich von dem Holzstamme erhoben. Und wie er nun so aufgerichtet
vor mir steht, da ist er jünger und größer, als er
sonst geschienen. Einen tiefen Athemzug hat er gethan und plötzlich hat er heftig meine Hände gefaßt
in die seinen und mit bebender Stimme gerufen:
„Ich danke euch, ich danke euch!“

Und hierauf ist er hastig davongegangen.

Er schreitet aufwärts in der Richtung gegen
das Felsenthal. Ich schreite abwärts in die Lautergräben und gegen Winkelsteg.

Meine Schuhe stoßen oftmals an Gestein und
Gefälle. Eine nebelfeuchte finstere Nacht liegt über
den Wäldern.

So ist mein Mißtrauen gegen den Einsiedler
glücklich zu Schanden geworden.

Wenn Einer auf die Welt verzichtet, sie mag
ihm sein, was sie will, und jahrelang in der Wildniß lebt unter unsäglichen Entbehrungen und mit
eisernem Willen die Sehnsucht seiner Seele bekämpft — dem ist es ernst. — Zu welchem Zwecke
wäre er auch in die Wälder gegangen, lange ehvor
am Steg noch ein Kirchenstein gelegen, zu welchem
Zwecke hätte er sich gemieden gemacht von den
Leuten und seinem Wohlthätigkeitsdrang nur im
Verborgenen zu genügen gesucht? — Und vor meinen Augen hat er die Fasern seines Herzens entwirrt, daß ich zutiefst hineinsehe in sein Inneres,
wie es auch dasteht in der Schuld.

Oft habe ich mir gedacht, der erste Seelsorger
in Winkelsteg darf kein Gerechter sein, sondern ein
Büßer. Nicht ein Mann sei es, der nie gefallen,
sondern einer, der aus dem Falle ist aufgestanden.
In der Tiefe und Finsterniß der Wäldler muß er
stehen und sich zurechtfinden können, auf daß er
diesen Menschen vorauszugehen weiß empor zur
lichten Höhe.

Das ist sauber! das ist possirlich! das ist
schon gar zu lustig, jetzund!

Ich habe heute den ganzen Tag gelacht und
geweint.

Es wird nur eine scherzhafte Mähr sein, aber
sie wird allenthalben ernsthaft erzählt. Und bei dem,
was bislang schon zu hören gewesen, kann es ja
möglich sein.

Verspielt soll er uns haben, der schlechte
Mensch!

Verspielt, uns sammt und sonders, die ganzen
Winkelwälder mit Stock und Stein, mit Mann
und Maus und mit dem Andreas Erdmann, verspielt am grünen Tisch in einer einzigen Nacht.
Und verspielt an einen Juden.

Sei es, wie es sei, wir wollen an unserem
Tagwerk weiter arbeiten. Ich bin heute in dem
Miesenbachwald gewesen, um die Bäume zu besehen,
die für den Schulhausbau bestimmt sind. Sie müssen
im Christmonat gefällt werden; das ist für Bauholz
die beste Schlagzeit; über den Sommer können sie
trocknen und im nächsten Herbst muß der Bau aufgeführt werden.

Als ich an der Schwarzhütte vorübergehe, tritt
der Einspanig heraus. Er hat den Lazarus besuchen
wollen; der Knabe ist aber nicht daheim, der ist
jetzt Ziegenhirt bei den Holzern im Vorderwinkel.
Adelheid soll dem Einspanig anfangs bittere Vorwürfe gemacht haben; hierauf aber habe sie ihr
Gesicht in die Schürze verborgen und schluchzend
ausgerufen: „Ich weiß es wol, ihr habt euch das
Himmelreich verdient mit meinem Kinde!“

Ich und der Einspanig sind mitsammen gegen
Winkelsteg gegangen. Leute, die uns begegnen, lachen
sich die Hälse dick über die Geschichte, daß wir verspielt seien. Der alte Rüppel sagt, er schneide dem
Moisi zu Ehr seinen Bart nicht mehr und trage
zumal das Kreuz wieder hinauf in das Felsenthal.

„Ja, ja,“ sage ich zu meinem Begleiter, „so
sind wir jetztund jüdisch, und in unserem neuen
Tempel kriegen wir einen polnischen Rabi herein.
So säuberlich hat uns der junge Herr Judas
Schrankenheim verrathen.“

Da bleibt der Einspanig stehen und starrt
mich an. Vom Fuß bis zum Kopf und wieder
vom Kopf bis zum Fuß starrt er mich an und
sagt endlich: „Ihr seid mir sonst nicht dumm vorgekommen, Erdmann.“ Und da wir wieder einige
Schritte gegangen sind, versetzt er: „Ein ordentlicher
Mensch sollte so alberne Dinge nicht glauben. Wie
kann uns der junge Herr Schrankenheim denn verspielt haben? mit dem besten Willen nicht. Er ist
nicht Herr über die Güter seines Vaters und noch
gar nicht großjährig.“

Da glotz’ ich einmal drein.

Eine Bergeslast ist mir vom Herzen gefallen;
aber im zweiten Augenblick bin ich wieder erschrocken.
Ich hab’ ja noch gestern vor aller Leute Ohren den
jungen Herrn einen schlechten Menschen geheißen.

Das wird mich noch in der Ewigkeit martern.
Aber, wenn ich ein Ehrenmann bin, so mach’ ich’s
gut. Ein lockerer Vogel mag er ja sein; aber redlich und hochherzig bist du, Hermann, und das
müssen die Leute wissen. An drei Sonntagen nacheinander verkünde ich es von der Kanzel: Unser
junger, zukünftiger Herr, Hermann von Schrankenheim, ist redlich und brav. Gott erhalte ihn! —
Und das Schmachwort bitte ich dir ab bis zu meinem Tode.

Der Einspanig ist bei mir eingekehrt. Eines
meiner Stubenfenster geht gegen die Kirche und den
Pfarrhof hinüber. An demselben sitzen wir und verfallen in ein Gespräch, das zwei Stunden lang
dauert.

Wir können jetzt, wenn schön Wetter, die Zeit
schon nach Stunden messen; der Franz Ehrenwald
hat an die Mittagsseite des Thurmes eine Sonnenuhr gemalt.

Als der Einspanig fort ist, schreit die Haushälterin: „Wie närrisch, jetzt hat uns der Kukuk
Den auch wiederum in’s Haus getragen.

„Der Kukuk?“ entgegne ich, „ja wol, dieser
Mann ist selber wie der Kukuk, hat kein Nest, muß
ruhlos von einem Baum zum andern flattern, ist
überall gemieden und nirgends daheim. Aber im
Lenz hören wir ihn doch gern, denn er bringt uns
ja das Frühjahr und er ist ein Wahrsager und
zählt uns die Lebensjahre vor.“

„Ja,“ schreit das Weib, „und fabelt uns
himmelblau an, wie mich damalen; und ist ihm
die Welt leicht nicht mit Brettern verschlagen, so
ist es sicherlich sein Kopf. Geht mir weg mit
euerem Einspanig!“

Wenn die gute Winkelhüterin wüßte, was ich
in einer Stunde darauf dem Freiherrn für einen
Brief geschrieben habe!

Hier im Walde ist Tag und Nacht, ist Winter
und Sommer, ist Friede und Noth, ist Sorge und
Brot, und ist zuweilen ein wenig Behagen im
Ausruhen von der Arbeit. So schleppt es sich fort.
Der Wagen der Zeit hat bei uns das vierte Rad
verloren, da geht es zuweilen schief und unschön,
aber es geht.

Draußen, sagt man, wollen sie wieder die
Welt umkehren. Von Krieg wird gesprochen. Um
uns Winkelsteger kümmert sich kein Mensch mehr.
Aber ich erlebe eine Freude. Mehrere junge Winkelsteger wollen sich freiwillig anwerben lassen zu den
Soldaten. Das ist ein Anzeichen ihres erwachten
Bewußtseins, daß sie ein Vaterland und eine Heimat
haben, die sie vertheidigen müssen. — Es ist eine
erste schöne Frucht der jungen Gemeinde.

Das Wäldermorden ist für eine Zeit eingestellt;
draußen sind die Hämmer geschlossen. Viele heben
jetzt an, die Geschläge zu reuten und daraus Aecker
zu machen. Aus Holzschlägern und Kohlenbrennern
werden Ackersleute. Das ist gut; der Holzschläger
vernichtet, aber der Bauer richtet auf.

Von der Herrschaft ist auf ein Ansuchen von
mir hin ein Schreiben gekommen: Jetzt sei nicht
die Zeit für Kirchen- und Pfarrergeschichten; wir
sollten uns behelfen.

Das ist ein sehr weiser Rath. Aber die Leute
wollen nicht mehr in die Kirche gehen. „Wenn es
keine Mess’ und keine Predigt gibt,“ sagen sie,
„still beten kann Eins auch unter dem grünen
Baum.“ Sie stellen sich aber nicht unter den grünen Baum, sondern in die Branntweinschenke.

Die Herde zerstreut sich wieder, wenn kein
Hirte ist.

Der Förster ist auch davon, da er in anderen
Gegenden zu walten hat. So bin ich allein mit
meinen Winkelstegern, wie Moses mit den Israeliten
allein ist gewesen in der Wüste.

Die Gebote sind verkündet, aber die Leute
bauen wieder an dem goldenen Kalb. Und Manna
fällt nicht mehr vom Himmel.

Heute ist der Einsiedler aus dem Felsenthale
in unserer Kirche vor dem Altare gestanden, hat
die Messe gelesen.

Das Kirchengeräthe haben wir aus Holdenschlag, wie es dort in der Pfarrkammer gelegen
und nicht mehr benützt worden ist. Im Meßkleide
haben die Mäuse Löcher gefressen, aber die Spinnen
haben diese Löcher wieder zugewoben.

Ich habe die Orgel gespielt. Die Kirche ist
just so groß, daß man es vom Chor aus noch
sehen kann, wenn dem Priester am Altare Tropfen
im Auge stehen.

Die Leute haben wenig gebetet und viel geflüstert. — Dieser Einspanig, das ist zuletzt ja der
zweite heilige Hieronimus.

Und der Waldsänger hat mir nach dem Gottesdienst die Worte gesagt: „Habt ihr den ewigen
Juden gesehen? Er hat in den Leidenstagen für
den Heiland das Kreuz getragen heut’ hinauf nach
Golgatha. Er ist erlöst, Hosanna!“

Ich habe dem Einsiedler die Worte mitgetheilt
und beigesetzt: „Laßt euch die Rede freuen; der
Mann ist voll des heiligen Geistes!“

In Wälschland haben sie Händel. Ansonsten
ist es blinder Lärm gewesen und unsere Vaterlandsvertheidiger sind wieder zurückgekommen. Es geht in
das alte Geleise und wir stecken dem Wagen der
Zeit das vierte Rad wieder an.

Ich habe die Leute veranlaßt, daß sie unter
sich ein Oberhaupt wählen, auf daß jemand sei,
der Verordnungen ertheile, Streitigkeiten schlichte
und die Gemeinde zusammenhalte.

Sie haben den Martin Graßsteiger gewählt
und nennen ihn nun den Richter.

Und bei derselben Versammlung hat der neue
Richter den von dem Waldherrn anerkannten, zukünftigen Schullehrer der Gemeinde Winkelsteg vorgestellt.

Dieser Schullehrer bin denn ich. Die Leute
sagen, das hätten sie längst schon gewußt, daß ich
der Schulmeister sei. Der Graßsteiger sagt, es müsse
Alles auch Form Rechtens geschehen.

Wenige Tage nach dem Obigen läßt der
Richter durch mich die Pfarrerwahl ausschreiben.
Darüber lacht Alles. — „Sollen wir aus den
Pechhackern und Kohlenbrennern Einen wählen?
’s wird aber Keiner taugen. Studiert ist für uns
Winkler gleich Einer genug, aber so närrische Gewohnheiten haben unsere Männer, keine Pfarrerköchin mögen sie leiden.“

So machen sie ihre Spässe, wissen aber recht
gut, auf wen es abgesehen ist.

Und sie haben ihn auch gewählt.

Wir sollen uns selber behelfen, hat der Waldherr gesagt; so haben wir uns selber beholfen.

Der Einsiedler aus dem Felsenthale ist Pfarrer
von Winkelsteg.

Die Ruß-Kath ist gestorben.

Sie ist neunzig Jahre alt geworden. Ihr
letzter Wille ist, daß man ihrer Leiche feste, nagelbeschlagene Schuhe anziehe; sie würde den Weg
aus der Ewigkeit oftmals zurückmachen müssen auf
die Erde, um zu sehen, wie es ihren Kindern und
Kindeskindern fortan gehe. Der Weg aber sei voll
scharfer Dornen.

Die Ruß-Kath ist die erste, die sie in
die Walderde unseres neuen Friedhofes hinabthun
werden.

Auf zwei Stangen haben sie zwei Männer
herübergetragen aus den Lautergräben. Der weiße,
noch harzduftende Tannenbrettersarg ist mit Erlstrauchbändern auf der Bahre befestigt gewesen.
Der Ruß-Bartelmei und sein Schwestermann Paul
Holzer mit einem Knäblein sind hinter den Trägern
dreingegangen. Sie haben laut gebetet und stets
auf die Wurzeln der Bäume geblickt, über die sie
geschritten. Auch die Träger haben sehr behutsam
gehen müssen, denn der Boden mit dem Spätherbstreif ist jetzt gar schlüpferig.

Vor Jahren soll es gewesen sein. Da haben
sie von den Almen einen Hirten herabgetragen, um
ihn draußen auf dem Holdenschlager Kirchhof zur
Ruhe zu bringen. Wie sie sich da oben an den
schmalen Steigen der Miesenbachwände herauswinden, strauchelt einer der Träger, und der Sarg
rollt über den Hang und stürzt in den Abgrund,
so daß nicht Ein Splitterchen davon mehr gesehen
worden ist.

Der Todtengräber zu Holdenschlag aber hat
bezahlt werden müssen.

Wir Winkelsteger haben keinen Todtengräber.
Wir können ihn nicht ernähren. Wenn doch einmal
Einer stirbt, so thut er’s nicht eher, als bis sein
letzter Groschen verthan ist. So müssen eben ein
par Holzerburschen her und die Grube ausschaufeln.
Sie verlangen nichts dafür, sie sind froh, wenn sie
aus der Grube frisch und gesund wieder hervorkriechen mögen.

Während der Todtenmesse ist der Sarg ganz
allein vor der Kirche auf der harten Erde gestanden.
Da kommt ein Vöglein geflogen, hüpft auf den Sargdeckel und pickt und pickt, und flattert wieder
davon.

Der Rüppel hat es gesehen; und das sei,
habe es ihn nicht betrogen, der Vogel gewesen, der
alle tausend Jahr’ einmal in den Wald kommt
geflogen.

Nach der Messe haben wir die Ruß-Kath
hinaufgetragen zum bereiteten Grab. Die Angehörigen blicken starr in die Grube.

Nach der Einsegnung hat der Pfarrer eine
kurze Rede gehalten. Ich habe mir davon nur gemerkt, daß wir durch den Tod der Unsern an
Gleichmuth gewinnen für die Widerwärtigkeiten dieses
Lebens, und einen ruhigen, ja vielleicht freudigen
Hinblick auf unseren Tod. Jede Stunde sei ja ein
Schritt dem Wiedersehen zu; und bis uns jene
Pforte der Vereinigung wird aufgethan, leben unsere
Heimgegangenen fort im heiligen Frieden unseres
Herzens.

Er kann’s auslegen. Wie es Unsereins wol
auch empfindet, aber man weiß die Worte nicht
dazu. Er hat die Sach’ nicht verlernt, und ist er
gleich jahrelang oben im Felsenthal gewesen.

Jetzt ist aber auch noch ein Anderer gekommen.
Der Rüppel schiebt sich sachte vor, da machen ihm die
Leute Platz: „Schauen, was der Rüppel heut’ weiß!“

Und als der Waldsänger auf dem Erdhügel
steht und den Spattenstiel als Stock in der Hand
hält, daß er auf dem lockeren Grund nicht strauchelt, und als er einen Blick hinabthut auf den
Schrein, da hebt er an zu reden:

„Geboren ist sie worden vor neunzig Jahren.
Ihr Lebtag ist sie mit keinem Rößlein gefahren.
Mit ihren Füßen ist sie gegangen thalab und bergauf ihren ganzen mühseligen Lebenslauf. Sie ist
beigesprungen den Leuten in Kummer und Nöthen,
und dabei hat sie hundert par Schuh’ zertreten.
Und andere hundert par Schuh’ thät sie wagen,
um ihren Kindern das Brot auf den Tisch zu
tragen. Und weitere hundert par Schuh sind zerrissen
auf Schmerzenswegen, die sie hat wandeln müssen.
Für Tanz und sonstige Lustbarkeiten fürwahr, thät’
sie brauchen nicht ein einziges Paar. Dann hat sie
angezogen die letzten Schuh’, und fortgegangen ist
sie in die ewige Ruh’. Die heiligen Engel thaten
ihre Seele führen wol durch das Fegfeuer bis zu
den himmlischen Thüren. Und unter der Erde thut
ruhen der arme Leib in seiner hölzernen Truhen. —
Schlaf wohl, Kathrin, in deiner neuen Wiegen, wir
werden bald an deiner Seiten liegen; bis der Herr uns
thut wecken zu seinen heiligen Schaaren, auf daß wir
mit Leib und Seel’ in den Himmel mögen fahren!“
— — — — — — — — — —

„Der Rüppel wäre der Pfarrer für die Winkelsteger!“ hat nun der Mann gesagt, den sie den
Einspanig geheißen.

Als wir, ich und der Pfarrer, mit der Schaufel
einige Erdschollen auf den Sarg geworfen, tritt der
Ruß-Bartelmei ganz betrübt zu uns und frägt,
was uns seine Mutter denn gethan habe, daß wir
ihr noch in das Grab die Klösse nachschleuderten?
Da haben wir es ihm dargelegt, daß das einen
letzten Liebesdienst bedeute, und daß Erde die einzige Gabe sei, die man einem Todten zu Lieb
könne reichen.

Darauf hebt der Bartelmei an und schaufelt
Erde hinab, bis man kein Stückchen mehr sieht von
dem weißen Schrein und die Gräber ihm die
Schaufel sanft aus der Hand nehmen, auf daß sie
die Grube schließen.

Nach dem Begräbnisse sind sie in das Wirthshaus des Graßsteiger gegangen und haben sich mit
Branntwein erfrischt … so wie auch die Alten
ihren Todten haben nachgetrunken.

Gott zählt seine Leute auch in Winkelsteg und
da darf ihm Keines fehlen.

Kaum ist auf dem Friedhofe das Gräblein
zugemacht, wird in der Kirche das Taufbecken aufgethan. Der erste Todte und der erste Täufling an
Einem Tage und — aus Einer Familie.

Auf demselben Waldweg, den heran vor ein
par Stunden der Sarg ist geschwankt, haben zwei
Weiber ein neugebornes Kind herübergetragen aus
den Lautergräben.

Das Kind ist eine Enkelin der Ruß-Kath und
gehört der Anna Maria.

Es klopft an die Kirchthür, thät’ bitten um
die Taufe und heißen möcht’ es gern: Katharina.

Die Schriften des Waldschulmeisters.

Die sechzehn Jahre her, seit ich in den Winkelwäldern bin, weiß ich keinen solchen Schnee, als
in diesem Jahre. Schon seit Tagen kommt mir
kein Einziges mehr in die Schule. Die Fenster
meiner Stube sehen aus, wie Schießscharten. Wenn
es noch ein wenig so fortgeht, so sind wir allmiteinander verschneit. Zweimal des Tages wird von
mir bis zum Pfarrhofe ein Pfad ausgeschaufelt,
der an der Thür des Graßsteigerhauses vorübergeht.

In dem Graßsteigerhause haben wir, ich und
der Pfarrer, unser gemeinschaftliches Mittagsmahl.
Das Frühstück bereitet sich jeder in seiner Wohnung.
Am Abende kommen wir stets zusammen, entweder
im Pfarrhofe oder bei mir im Schulhause.

Wie es nur denen in den Gräben und Karwässern gehen wird! Da drüben ist ein Schneegestöber noch viel wüster, als im Winkel. Es liegen
um diese Zeit in den Häusern viel kranke Leute,
und es werden sich keine Wege machen und erhalten
lassen, daß sie einander beispringen könnten. Und
über die Lauterhöhe zu kommen ist schon gar eine
Unmöglichkeit. Die Markstangen, die an den Steigen stecken, gehen kaum mehr aus dem Schnee
hervor; die Lasten auf den Bäumen reißen die
Aeste ab und brechen die Stämme. Des Schneiens
ist kein Ende. Keine Flocken fallen mehr, es ist ein
schweres, undurchsichtiges Staubwirbeln. Und die
Hauben der Geäste und Pfähle, und die Dachgiebel
bauen sich höher von Minute zu Minute.

Wenn ein Wind kommt, so rettet das vielleicht den Wald, kann aber zu unserem Verderben
sein. Eine Stunde Sturm über die lockeren Schneelehnen her, und wir sind begraben.

Der Pfarrer hat alle Waldarbeiter, denen nur
beizukommen ist, gedungen, daß sie Pfade herstellen
in die Lautergräben, Karwässer, und daselbst von
einer Hütte zur andern. Einmal sind sie richtig
hinübergekommen, aber die Rückkehr ist wieder die
neue Mühe. Die verschneiten Leute drüben werden
doch vorgesorgt sein; sie haben ihre Welt ja in
ihren Hütten.

In einer Klause des Karwasserschlages soll
wol schon seit fünf Tagen die Leiche eines alten
Mannes liegen.

Der Pfarrer hat sich heute Schneeleitern an
die Füße gebunden, um bei den Kranken Besuche
zu machen. Aber der Schnee ist zu locker, der
Mann hat wieder umkehren müssen. Nun macht er
Paketchen zusammen, sie sind aus der Speisekammer
unseres Wirthes und sollen durch kräftige Holzhauer in die Lautergräben zu den Kranken getragen
werden.

Das sind kurze Tage und doch so lang. Ich
habe meine Zither, habe die neue Geige, die mir
der Pfarrer zu meinem jüngstvergangenen Namenstage hat bringen lassen; ich habe andere Dinge,
die mir sonsten Zerstreuung geboten haben. Aber
jetzt muthet mich nichts an. Stundenlang gehe ich
in der Stube auf und ab und denke nach, was
dieser Winter noch für Folgen haben kann. Es gibt
Hütten genug in den Gräben, wo die Leute mit
ihren Schaufeln nicht gewesen sind. Wir wissen
nicht, wie es in denselben aussieht.

Auf daß ich mich von der drückenden Thatlosigkeit erlöse, habe ich heute die Lade unter der
Ofenbank aufgemacht und meine alten Tagebuchblätter herausgenommen, um nachzuschlagen, was
die Gemeinde seit ihrem Bestehen für Schicksale
gehabt.

Da sehe ich, es ist seit zehn Jahren nichts
mehr geschrieben worden. — Zwei Dinge mögen
die Ursache gewesen sein, daß ich die Aufzeichnungen
unterbrochen habe. Erstens ist das Bedürfniß nicht
mehr in mir gewesen, meine Gedanken und
meine Empfindungen aufzuschreiben, da ich an
unserem Pfarrer einen vortrefflichen Freund gefunden habe, dem ich mich unverholen mittheilen
kann, wie er sich mir mittheilt, und mir seine seltsame Lebensgeschichte dargelegt, ehe er mich noch
gekannt hat. Das ist einer der Wenigen, die durch
Drangsale geläutert edel und rein aus den Wirren
und Irren der Welt hervorgehen. Die Wäldler
lieben ihn von Herzen; er leitet sie nicht durch
Worte bloß, sondern mehr durch seine Thaten.
Seine Sonntagspredigten erhärtet er an den Wochentagen durch Beispiele. Er opfert sich auf, er ist
den Leuten Alles. Seine Haare sind nicht mehr
schwarz, wie vormaleinst im Felsenthale, sein Gesicht ist ernst und heiter wie Regenbogenschein. Die
Betrübten blicken ihm in die Augen und empfinden
Trost.

Gerne erzählt er, wenn wir auf der Bank
oder um den Tisch beisammen sitzen, von der weiten,
schönen Welt, von fremden, merkwürdigen Ländern,
von den Wundern der Natur. Pfeifenfeuer gehen
dabei aus, denn Alles hört ihm zu mit Ohren und
Mund. Nur die alte Frau aus dem Winkelhüterhause erklärt des Pfarrers Erzählungen für vorwitzige Fabeleien; ein ordentlicher Priester, meint
sie, müsse hübsch von Himmel und Fegfeuer reden,
und nicht allweg von der Erden. Sie horcht aber
zu und schmunzelt.

Vor mehreren Jahren hat die kirchliche Behörde unsere Pfarrerfrage einmal aufgetischt, hat
unseren Vater Paul nicht anerkennen wollen, sondern einen Neuen hereinzustellen Miene gemacht.
Hei! da haben die Winkelsteger zu toben angefangen und die Sache ist beim Alten belassen worden.
Dagegen aber wird Winkelsteg draußen nicht als
Gemeinde und Seelsorge anerkannt, sondern als
eine Niederlassung von Halbwilden und verkommenen
Menschen, wie sie das früher gewesen.

Um so besser, so lassen sie uns fürder in
Ruh, und wir können ungefährdet und unbeschränkt
— wie sie es draußen nicht können noch wollen —
dem Ziele einer Mustergemeinde zustreben.

Die zweite Ursache der Vernachlässigung meines Tagebuches ist die viele und mannigfaltige
Arbeit, die mein Beruf mir auferlegt.

Anfangs ist es der Bau des Schulhauses gewesen, der mir keine Ruhe gelassen. Es ist denn
hergestellt worden, wie ich es für die wichtige Sache
am Zweckmäßigsten halte.

Das Haus ist aus Holz aufgeführt. Das Holz
regelt den Wärmezustand besser, als der Stein,
auch zerstreut es mehr die Dünste und gibt frische
Luft. Dann ist mir darum zu thun gewesen, den
Leuten einen zweckmäßigen und geschmackvollen Holzbau als Muster aufzustellen. Es ist zu meiner
Freude die leichte, zierliche und doch haltfeste Art
meines Schulhauses und seine bequeme Eintheilung
und Einrichtung schon vielfach nachgeahmt worden.
Meine Fenster, Thüren, Maurer- und Schlosserarbeiten werden bereits von der ganzen Umgebung
als mustergiltig betrachtet.

Um das Haus ist ein Garten und ein geräumiger Spielplatz mit Werkzeugen für körperliche
Uebungen angelegt. Das Haus ist zum Schutze
gegen die Unbill der Witterung ringsum mit einem
breiten Vordache versehen, aber so, daß es dem
Lichte des Inneren nicht Eintrag thut. In der Schulstube ist vor Allem auf die Gesundheit der Kinder
Rücksicht genommen worden. Die Bänke stehen nicht
zu dicht aneinander und die Tischläden sind hoch,
damit sich die Schüler das gebückte Sitzen nicht
angewöhnen. Bei dem Lesen lasse ich den Schüler
aufstehen, damit er das Buch von den Augen in
entsprechender Entfernung halten kann. Die Fenster
sind so vertheilt, daß das Licht den Arbeitenden
von der linken Seite oder von rückwärts kommt.
Zum Ablegen der Ueberkleider ist ein Vorkämmerchen
eingerichtet, auf daß bei schlechtem Wetter uns die
Ausdünstung der Nässe nicht gefährlich wird. Den
Wärmegrad der Stube suche ich immer mit jenem
von draußen in einem guten Verhältniß zu halten,
damit die Ein- und Austretenden nicht ein zu jäher
Wechsel treffe.

Was meine Wohnung im Schulhause anbelangt, so ist sie nicht groß, aber sehr traulich.
Und tausendmal traulicher noch macht sie mir jene
Winterfahrt durch Rußland, der ich zuweilen wie
eines wilden Traumes gedenke. — Wol, ich bin
seit jenem Traume um viele Jahre jünger geworden;
wie mich die Stürme der Welt zu Boden geschlagen, so habe ich mich aufgerichtet an der Ursprünglichkeit des Waldes.

Ein weit schwereres Amt als die Schulangelegenheiten und eine weit größere Pflicht ist mir die
Ueberwachung der geistigen Gesundheit der mir
Anvertrauten. Klugheit und für ihren eigenen Vortheil zu denken und zu handeln lernen sie leicht;
aber sich dem Ganzen und Gemeinsamen anzupassen,
daß ihr Dasein mit jenem der Mitmenschen und
jenem der Außenwelt im Allgemeinen stimme, das
findet sich viel schwerer. Es ist einmal so. Das
erste und allererste Lebenszeichen, welches in dem
jungen Menschenkinde die aufkeimende Seele von
sich gibt, ist die erste Offenbarung der Selbstliebe.
Ob Menschenliebe daraus wird, oder Selbstsucht,
das entscheidet die Erziehung.

Was die Erziehung und Belehrung der Kinder
anlangt, so sind dazu die gewöhnlichen Regeln allhier nicht brauchbar. Es läßt sich darüber nichts
sagen und nichts schreiben; die Erfahrung muß es
geben und der Erzieher muß sich nach dem Zögling
richten. Richtet sich doch auch unser Pfarrer nach
den Leuten. Wo die Menschen sich nicht nach ihm
kehren, da kehrt er sich nach den Menschen.

Gleich ein Beispiel dafür: Der Lazarus
Schwarzhüter sieht des Graßsteigers Töchterlein
Johanna gern. Das Töchterchen mag auch den
Burschen leiden; so gucken sie zusammen. Jetzt hat
aber der Pfarrer das Zusammengucken so junger
Leute verboten. Gut, er hat das Recht zu predigen;
sie gucken zusammen und vermeinen dazu auch ein
Recht zu haben, ein Recht, von dem der Lazarus
erklärt hat, daß sie nimmer davon lassen wollen.

Wolan, denkt sich der Pfarrer, sie sollen sich
haben; zusammenbinden werde ich die Leutchen —
fester, als ihnen vielleicht lieb ist.

Waldlilie im Schnee.

Uns ist ein Stein vom Herzen. Das Unwetter
hat sich gelegt. Ein ganz leichter Wind ist gekommen, hat die Bäume sachte von ihren Lasten erlöst.
Ein par mildwarme Tage sind gewesen, da hat sich
der Schnee gesetzt und man kann mit Fußleitern
gehen, wohin man will.

Es hat sich in dieser Zeit aber doch was zugetragen drüben in den Karwässern. Der Berthold,
dessen Familie von Jahr zu Jahr wächst, und von
Jahr zu Jahr weniger zu essen hat, ist ein Wilderer
geworden. Der Holdenschlager versteht es besser, als
Unsereiner, der ein weichmüthiger Spiegelfechter ist
sein Lebtag lang. Arme Leute dürfen nicht heiraten,
sagt der Holdenschlager. Nun, nach Sitte und
Brauch haben sie freilich nicht geheiratet, aber vor
mir sind sie gekniet im Walde … und — jetzt
hungern sie allmiteinander.

Meinetwegen? Nein, nein, mein Segen bedeutet ja nichts. O Herrgott, Dein ist die Macht,
und mich lasse nicht noch einmal versinken in
Schuld und Verzweiflung!

Ist also ein Wilderer geworden, der Berthold.
Das Holzen wirft viel zu wenig ab für eine
Stube voll von Kindern. Ich schicke ihm an Lebensmitteln, was ich vermag; aber das genügt nicht.
Für das kranke Weib eine kräftige Suppe, für die
Kinder ein Stück Fleisch will er haben und schießt
die Rehe nieder, die ihm des Weges kommen.
Dazu thut die Leidenschaft das ihre, und so ist der
Berthold, der vormaleinst als Hirt ein so guter,
lustiger Bursch gewesen, durch Armuth, Trotz und
Liebe zu den Seinigen, recht sauber zum Verbrecher
herangewachsen.

Einmal schon bin ich vor dem Förster auf den
Knieen gelegen, daß er es dem armen Familienvater um Gotteswillen ein wenig, nur ein klein
wenig nachsehen möge, er werde sich gewiß bessern
und ich wolle mich für ihn zum Pfande stellen.
Bis zu diesen Tagen hat er sich nicht gebessert;
aber das Geschehniß dieser wilden Wintertage hat
ihn laut weinen gemacht, denn seine Waldlilie liebt
er über Alles.

Ein trüber Winterabend ist es gewesen. Die
Fensterchen sind mit Moos vermauert; draußen
fallen frische Flocken auf alten Schnee. Berthold
wartet bei den Kindern und bei der kranken Aga nur
noch, bis das älteste Mädchen, die Lili, mit der
Milch heimkehrt, die sie bei einem nachbarlichen
Klausner im Hinterkar erbetteln muß. Denn die Ziegen im Hause sind geschlachtet und verzehrt; und
kommt die Lili nur erst zurück, so will der Berthold
mit dem Stutzen in den Wald hinauf. Bei solchem
Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen.

Aber es wird dunkel, und die Lili kehrt nicht
zurück. Der Schneefall wird dichter und schwerer,
die Nacht bricht herein und Lili kommt nicht. Die
Kinder schreien schon nach der Milch, den Vater
verlangt schon nach dem Wild; die Mutter richtet
sich angstvoll auf in ihrem Bette. „Lili!“ ruft sie,
„Kind, wo trottest denn herum im stockfinsteren
Wald? geh’ heim!“

Wie kann die schwache Stimme der Kranken
durch den wüsten Schneesturm das Ohr der Irrenden erreichen?

Je finsterer und stürmischer die Nacht wird,
desto tiefer sinkt in Berthold der Hang zum Wildern und desto höher steigt die Sehnsucht nach
seiner Waldlilie. Es ist ein schwaches, zwölfjähriges
Mädchen; es kennt zwar die Waldsteige und Abgründe, aber die Steige verdeckt der Schnee, den
Abgrund die Finsterniß.

Endlich verläßt der Mann das Haus, um sein
Kind zu suchen. Stundenlang irrt und ruft er in
der sturmbewegten Wildniß; der Wind bläst ihm
Augen und Mund voll Schnee; seine ganze Kraft
muß er anstrengen, um wieder zurück zur Hütte
gelangen zu können.

Und nun vergehen zwei Tage; der Schneefall
hält an, die Hütte des Berthold wird fast verschneit. Sie trösten sich überlaut, die Lili werde
wol bei dem Klausner sein. Diese Hoffnung wird
zu nichte am dritten Tag, als der Berthold nach
einem stundenlangen Ringen im verschneiten Gelände die Klause vermag zu erreichen.

Lili sei vor drei Tagen wol bei dem Klausner
gewesen, und habe sich dann bei Zeiten mit dem
Milchtopf auf den Heimweg gemacht.

„So liegt meine Waldlilie im Schnee begraben,“ murmelt der Berthold tonlos. Dann geht
er zu anderen Holzern und bittet, wie diesen Mann
kein Mensch noch so hat bitten gesehen, daß man
komme und ihm das todte Kind suchen helfe.

Am Abende desselben Tages haben sie die
Waldlilie gefunden.

Abseits in einer Waldschlucht, im finsteren,
wildverflochtenen Dickichte junger Fichten und Gezirme, durch das keine Schneeflocke vermag zu
dringen, und über dem die Schneelasten sich wölben
und stauen, daß das junge Gestämme darunter ächzt,
in diesem Dickichte, auf den dürren Fichtennadeln
des Bodens, inmitten einer Rehfamilie von sechs
Köpfen ist die liebliche, blasse Waldlilie gesessen.

Es ist ein sehr wunderbares Ereigniß. Das
Kind hat sich auf dem Rückweg in die Waldschlucht
verirrt und da es die Schneemassen nicht mehr
überwinden können, sich zur Rast unter das trockene
Dickicht verkrochen. Und da ist es nicht lange allein
geblieben. Kaum ihm die Augen anheben zu sinken,
kommt ein Rudel von Rehen an ihm zusammen,
Alte und Junge; und sie schnuppern an dem Mädchen und sie blicken es mit milden Augen völlig
verständig und mitleidig an, und sie fürchten sich
gar nicht vor diesem Menschenwesen, und sie bleiben und lassen sich nieder, und benagen die Bäumchen und belecken einander, und sind ganz zahm;
das Dickicht ist ihr Winterdaheim.

Am andern Tage hat der Schnee Alles eingehüllt. Waldlilie sitzt in der Finsterniß, die nur
durch einen blassen Dämmerschein gemildert ist,
und sie labt sich an der Milch, die sie den Ihren
hat bringen wollen, und sie schmiegt sich an die
guten Thiere, auf daß sie im Froste nicht ganz
erstarre.

So vergehen die bösen Stunden des Verlorenseins. Und da sich die Waldlilie schon hingelegt
zum Sterben und in ihrer Einfalt die Thiere hat
gebeten, daß sie getreulich bei ihm bleiben möchten
in der letzten Sterbstunde, da fangen die Rehe
jählings ganz seltsam zu schnuppern an und heben
ihre Köpfe und spitzen die Ohren und in wilden
Sätzen durchbrechen sie das Dickicht und mit gellendem Pfeifen stieben sie davon.

Bald darnach arbeiten sich die Männer durch
Schnee und Gesträuche herein und sehen mit lautem
Jubel das Mädchen, und der alte Rüppel ist auch
dabei und ruft: „Hab’ ich nicht gesagt, kommt mit
herein zu sehen, vielleicht ist sie bei den Rehen!“

So hat es sich zugetragen; und wie der
Berthold gehört, die Thiere des Waldes hätten sein
Kind gerettet, daß es nicht erfroren, da schreit er
wie närrisch: „Nimmermehr! mein Lebtag nimmermehr!“ Und seinen Kugelstutzen, mit dem er seit
manchem Jahre Thiere des Waldes getödtet, hat er
an einem Stein zerschmettert.

Ich habe es selber gesehen, denn ich und der
Pfarrer sind in den Karwässern gewesen, um die
Waldlilie suchen zu helfen.

Diese Waldlilie ist schier mild und weiß wie
Schnee und hat die Augen des Rehes in ihrem
Haupte.

Von dem Sohne unseres Herrn wollen die
Gerüchte nicht schweigen. Wenn es auch nur zur
Hälfte wahr ist, was von ihm gesagt wird, so ist
das ein toller Mensch. So fährt kein Vernünftiger drein.

Ich will mir’s doch anmerken und demnächst
seinem Vater schreiben. Hermann möge einmal in
unseren Wald hereinkommen und sehen, wie es
allhier aussieht und wie arme Leute leben.

So Gebirgsreisen können auch von Nutzen sein.

In der heiligen Christnacht sind die Leute
schon wieder von allen Seiten herbeigekommen. Die
von den Spanlunten abgefallenen Glühkohlen sind
lustig hingeglitten über die Schneekruste wie Sternschnuppen.

Viele Wäldler sind in ihrer Sehnsucht nach
der mitternächtigen Feier ein gut Stück zu früh
daran. Da die Kirche noch nicht aufgesperrt und
im Freien es so kalt ist, so kommen sie zu mir in
das Schulhaus. Ich schlage Licht und da ist bald
die ganze Schulstube voll Menschen. Die Weiber
haben weiße, bandartig zusammengelegte Tücher um
das Kinn und über die Ohren hinaufgebunden. Sie
huschen recht um den Ofen herum und blasen in
die Finger, um das Frostwehen zu verblasen.

Die Männer halten sich fest in ihren Lodengewändern verwahrt. Sie behalten die Hüte auf
den Köpfen, sitzen auf den Tischbrettern der Schulbänke und besehen mit wichtigthuender Bedächtigkeit
die Lehrgegenstände, welche die Jüngeren den Aelteren erklären. Einige gehen auch über den Boden
auf und ab und schlagen bei jedem Schritte die
gefrornen Schuhe aneinander, daß es klappert. Fast
Alle rauchen aus ihren Pfeifen. Der Urwald ist
auszurotten, aber das Tabakrauchen nimmer.

Ich kleide mich rasch an; ich soll in der
Kirche doch der Erste sein.

Jählings klopft es sehr stark an die Thür.
Die Waldleute klopfen nicht, wer ist es also? Eine
weiße Schafwollenhaube guckt herein, und unter der
Haube steckt ein alter Runzelkopf mit schneeweißen
Lockensträhnen. Alsogleich erkenne ich den Waldsänger. Heute trägt er einen gar langen, fahlen
Rock, der bis zu den Waden hinabgeht und mit
Messinghäckelchen zugeknöpft ist. Darüber hängt ein
Schnappsack und eine Seitenpfeife, und auf einen
Hirtenstab stützt sich der Alte und seinen braunen,
weltumfassenden Hut hält er in den Händen. Dieser
Hut ist seine Hütte und sein Heim und seine ganze
Welt. Ein guter Hut, denkt er, ist das Beste im
Weltgetümmel, und der Erde Hut nennen sie den
Himmel.

„Was hocket ihr denn da, ihr Bärenhäuter!“
ruft der Rüppel laut und lustig, „draußen scheint
schon lang die Sonnen! — Gelobt sei der Herr,
und ich bring’ euch die wundersame Mähr, die sich
heut zugetragen hat drunten in der Betlehemstadt.
Hört ihr keine Schalmei und kein Freudengeschrei?
So luget zum Fenster hinaus, taghell beleuchtet ist
jedes Haus!“

Die Leute stecken ihre Köpfe richtig zu den
Fenstern; aber da ist nichts, als der finstere Wald
und der Sternenhimmel. — Was sollten sie ansonsten denn noch sehen?

Der Alte guckt schmunzelnd nach links und
nach rechts, wie viel er wol Zuhörer habe. Sonach
stellt er sich mitten in die Stube hin, pocht mit
dem Stocke mehrmals auf den Fußboden und hebt
so an zu reden:

„Da steh ich allein draußen auf der Heid,
und schau schläfrig herum weit und breit, und treib
meine Schäflein zusamm; hab dabei gehabt ein
wutzerlfeist’s Lamm. Und wie ich das anschau eine
Weil, da hör ich ein G’hetz und ein G’schall, grad
hoch in der Luft, es ist wahr, und sie musiziren
sogar. Ich hab nit g’wußt, was das bedeut’t, und
wer denn da tobt so mit Freud. Die Lämmlein
sein g’sprungen drauf eins nach dem andern auf;
das feiste hat so lieblich plärrt, wie es das Wunder
hat g’hört. Drauf seh ich — hab g’meint, ’s ist
ein’ Mähr, kleine Bub’n fliegen in Lüften umher,
wie die Spatzen und die Fledermäus grad, fliegen
sie hin über die Betlehemstadt. — Ein Engel fliegt
grad auf mich zua, den frag ich: was gibt’s denn
heut, Bua? Da schreit er gleich lustig und froh:
Gloria in excelsis Deo! — Das kunnt ich, mein
Eid nicht verstehn: Geh, Bübel, mußt deutsch mit
mir red’n; ich bin ein armer Hirt in der G’mein,
und die Lämmlein können auch nit latein. — So
mach sich der Hirt nur geschwind auf und geh Er
nach Betlehem drauf, dort wird er finden ein neugebor’n Kindelein; ja gar ein wunderschön Kind,
liegt zwischen Esel und Rind. Nicht in einem
Königssaal, nur in einem Ochsenstall liegt unser
eing’fatschter Gott, der uns hilft aus aller Noth.
— Ei, ei, sag ich, Alles recht schön, aber Eins
kann ich doch nicht versteh’n: Was steh’n denn für
bucklige Rösser dabei? Die heilig drei König sein
da alle drei. Guld, Weihrauch und Myrrhen, das
ist nit gar viel für drei solche Männer, wenn
man’s nehmen will. Thät’ ich ein heilig drei König
sein, Roß und Wagen ein Pölsterl fein, und für’n
alten Vater ein gut’s Glaserl Wein, und für die
jung’ Mutter, statt Weihrauch schon eh ein gutes
Stückel Butter und ein Hollerthee, und statt die
gallbitteren Myrrhen einen Zuckerhut; solche G’schenk
stünden den heilig drei König gut. — Jetzt, d’Hüt
legt’s auf die Seiten, die Stecken auf die Erden,
daß wir uns bekennen vor Gott unserem Herrn.“

Langsam läßt der alte Mann Stock und Hut
zu Boden gleiten; er sinkt auf die Knie und faltet
die Hände:

„Wenn’s einmal geschehen sollt, daß der Herr
Vater Dein, dich, du lieb Jesulein, zu sich nehmen
wollt, so streck dein Händl, und nimm uns beim
Schopf; aber gib Acht, daß du uns nicht wegreiß’st
den Kopf, und ruck an, und heb uns All’ hinauf
in den guldenen Himmelssaal, Amen.“

Das ist des alten Sängers „Botschaft,“ die
er während der Weihnachtszeit in allen Häusern
verkündet.

Wir haben ihm einen kleinen Botenlohn gegeben, da murmelt er noch ein par heitere Sprüche
und humpelt wieder zur Thür hinaus.

Die Leute sind ganz schweigsam und andächtig
geworden; und erst, als die Kirchenglocken zu läuten
anheben, werden sie wieder lebendiger und verlassen,
unbeholfen in Worten und Geberden, die Stube.

Ich habe das Licht ausgelöscht, das Haus verschlossen und bin in die Kirche gegangen. In der
Kirche ist es licht, wie am hellen Tage, nur zu
den Fenstern schaut die schwarze Nacht herein. Jeder
hat ein Stück Kerze, oder gar einen ganzen Wachsstock mitgebracht, denn in der Christnacht muß jeder
seinen Glauben und sein Licht haben. Die Leute
drängen sich zum Kripplein, das heute an der
Stelle des Beichtstuhles aufgerichtet worden ist. Ich
habe vor mehreren Jahren aus Linden- und Eschenholz die vielen kleinen Figuren geschnitzt und sie
zur Versinnlichung der Geburt Christi zusammengestellt. Es ist der Stall mit der Krippe, dem Kindlein mit Maria und Josef, mit Ochs und Esel, es
sind die Hirten mit den Lämmlein, die heiligen
Könige mit den Kameelen; es sind andere spaßhafte
Männchen und Gruppen, wie sie Freude, Wohlthun
und Liebe zum Christkinde nach der Leute Auffassung ausdrücken sollen. In der Luft hängen die
Engel und die Sterne und im Hintergrunde ist
die Stadt Betlehem.

Was der Rüppel weiß zu sagen in Worten,
das will ich durch diese Bilder erzählen. Und die
Leute erbauen sich baß an dieser wundernärrischen
Darstellung. Aber sie halten sie, Gott sei Lob, eben
nur wie ein Bild, von dem sie wissen, daß es nichts
bedeuten und nichts wirken kann, als die Erinnerung.

Mit einem Heiligenbilde auf dem Hochaltare
wäre das anders; das hätten sie Jahr um Jahr
und in allen Lebenslagen vor Augen, das thäten
sie gleich zum Herrgott selber machen.

Auf dem Chor ist in dieser Nacht Unheil gewesen. Der Pfarrer stimmt schon das ambrosianische
Loblied an, ich sitze an der Orgel und ziehe zur
hohen Festfreude alle sechs Stimmenzüge auf —
da platzt jählings der Blasebalg, und die Orgel
stöhnt und pfaucht und gibt keinen einzigen, klingenden Ton. Meiner Tage bin ich nicht in solcher
Verzweiflung gewesen, als in dieser Stunde. Ich
bin der Schulmeister, der Choraufseher, ich muß
Musik machen; und die Musik ist ja eigentlich das
Fest und ohne Musik gibt es in der Kirche gar
keine Christnacht. Aller Leut’ Herzen hüpfen, aller
Leut’ Ohren spitzen sich der Musik entgegen, da
schürft mir der Teufel jetzt den Blasbalg auf. Ich
habe meinen Kopf in die Hände genommen, hätte
ihn am liebsten zum Fenster hinausgeworfen. Vergebens hüpfen meine Finger alle zehn über die
Tasten hin; taubstumm ist das ganze Zeug und
wie maustodt.

Der Paul Holzer, sein Weib und die Adelheid von der Schwarzhütte, die auf dem Chore
neben mir sitzen, merken wol meine Pein, aber sie
rücken nur so her und hin und hüsteln und räuspern
sich und heben an in hellen Stimmen zu singen:
„Herrgott, dich loben wir all!“

Das ist mir Oel in’s Herz gewesen.

Aber das Lied wird bald aus sein und darnach kommt das Hochamt, und da muß Musik,
Chormusik sein um alle Welt.

Holpert der alte Rüppel die Treppe herauf:
„Schulmeister! will schon heut die Orgel schweigen,
so nimm die Geigen!“

„O Gott, Rüppel, die ist zu Holdenschlag
beim Leimen!“

„Und kunnt ich auch die Geigen nicht zu Wege
bringen, so thät ich bei meiner Treu die Kirchenlieder frei auf der Zither singen!“

Für dieses Wort habe ich den Alten so stürmisch umarmt, daß er bis in’s Herz hinein erschrocken ist. Ich eile und hole die Zither, und bei
dem Hochamte klingt auf dem Chor ein Saitenspiel, wie es in dieser und etwan auch in einer
andern Kirche niemalen so gehört worden ist. Die
Leute horchen, der Pfarrer selber wendet sich ein
wenig und thut einen kurzen Blick gegen mich herauf.

Und so ist mitten in der langen Winternacht
zu Winkelsteg das Christfest gefeiert worden. Leise
zittern, mild wiegen die Saitentöne; sie singen dem
neugebornen Jesukindlein das Wiegenlied und dem
Menschen den Frieden. Und sie schrillen und wecken
das schlafende Kind, ehe der falsche Herodes kommt;
und sie trillern ein Wanderliedchen für die Flucht
nach Egypten.

Ich spiele den Meßgesang, spiele Lieder, wie
sie meine Mutter gesungen, und mein Nährvater,
der gute Schirmmacher, und im Hause des Freiherrn die Jungfrau …

Und letztlich weiß ich selber nicht mehr, was
ich kindischer Mann der Gemeinde und dem heiligen
Kind hab vorgespielt in dieser Christnacht.

Ich werde den Winkelstegern noch so verrückt,
wie der Reim-Rüppel.

Nach dem Mitternachtsgottesdienst hat der
Pfarrer durch mich die Aermsten der Gemeinde, die
Alten, die Breßhaften, die Verlassenen, zu sich in
den Pfarrhof rufen lassen.

Je! da ist es noch heller, wie in der Kirche!
da ist mitten in der Stube ein Baum aufgewachsen,
und der blüht in Flammenknospen an allen Aesten
und Zweigen.

Da gucken die alten Männlein und Weiblein
gottswunderlich drein, und kichern und reiben sich
die Augen über den närrischen Traum. Daß auf
einem Baum des Waldes eitel Kerzenlichter wachsen,
das haben sie all ihrer Tage noch nicht gesehen.

— Jenes Wundervöglein von den tausend
Jahren, sagt der Pfarrer, sei wieder durch den
Wald geflogen, habe ein Saamenkorn in den Boden
gelegt und dem sei dieses Bäumchen mit den
Flammenblüthen entsprossen. Und das sei der dritte
Baum des Lebens. Der erste sei gewesen der Baum
der Erkenntniß im Paradiese; der zweite sei gewesen
der Baum der Aufopferung auf Golgatha; und
dieser dritte Baum sei der Baum der Menschenliebe, der uns das Golgatha der Erde wieder zum
Paradiese gestalte. Im brennenden Dornbusch habe
Gott vormaleinst die Gebote verkündet, und in
diesem brennenden Busche wiederhole er es heute:
Du sollst den Nächsten lieben, wie dich selbst!

Hierauf hat der Pfarrer die Kleidung und
Nahrung vertheilt, wie die Gaben bestimmt gewesen
und die Worte gesagt: „Nicht mir danket! das
Christkind hat’s gebracht!“

„Du mein, du mein!“ rufen die Leutchen zu
einander, „jetztund steigt uns das Christkind schon
gar in den Wald herein! Ja, weil wir halt
eine Kirche haben, und so viel einen guten Herrn
Pfarrer!“

Der Rüppel, auch einer der Beschenkten, ist
allein kindischer, wie die Andern all mitsammen.
Er eilt um den Baum herum, als thäte er das
Christkind suchen im Gezweige. — „Aber mein!“
schreit er endlich, „die Sonne darf nicht bös auf
mich werden, aber ich weiß kein Licht auf der
Erden, weiß keins zu nennen, das so hell thät
brennen, wie dieser Wipfel mit seinem Gipfel!
Seid fein still und lauscht! Hört ihr’s, wie’s in
den Zweigen rauscht? Wie die Spatzen fliegen die
Engelein und bauen ein Nest für’s Christkind zum
heiligen Fest. Der Weiße dort, der Kleine — Flügel
hat er noch keine — der wär’ jetzt schier herabgefallen. Geh, lass’ dir ein par Steigeisen theilen
vom Schmied, ich will sie schon zahlen. Schau, ich
hab heut ein warm Jöpplein kriegt, und in jedem
Säckel ein Thaler liegt. — Und du, mit dem guldenen Haar, sag, wann kommt ihr gar zu allen
anderen Bäumen in unseren Wald? auf daß ihr
bald thätet anzünden die Lichterkronen zu tausend
Millionen!“

Keinen Löffel voll hat der alte Rüppel gegessen, als die andern beim Graßsteiger warme
Suppe genießen. Und als Stroh in die Stube getragen und ein Lager bereitet ist worden, daß die
Leutchen nicht in der Nacht zu ihren fernen Hütten
wandern müssen, da ist der Rüppel hinausgegangen
unter den freien Himmel, und hat die Sterne gezählt und jedem einen Namen gegeben.

Und der aufgehende Morgenstern hat den
Namen „Vater Paul“ erhalten.

Der Pfarrer hat sich mehrmals an den Waldherrn gewendet, auf daß den Kleinbauern hier, die
sich den schlechten Boden mit vieler Mühe nutzbar
gemacht haben, dieser Boden gegen Entgeld zu eigen
überlassen werden möge. Es ist aber kein Bescheid
zurückgekommen. Es heißt, der alte Herr sei auf
Reisen und der junge in der Hauptstadt, und die
Welt sei zu weit und die Hauptstadt zu laut, als daß
so ein Wort aus dem Walde gehört werden könne.

Wir Winkelsteger bleiben denn Lehensleute.

Heute habe ich die Nachricht von dem Tode
meiner Base, der Muhme-Lies, erhalten. Sie hat
mich zu ihrem Erben eingesetzt. Alte Jugendbekannte, die sich seit zwanzig Jahren nicht mehr
um mich gekümmert haben, beglückwünschen mich
zur Erbschaft. Ich weiß aber noch nichts Näheres.
Wie viel kann die alte Frau denn besessen haben?
Wol war sie reich gewesen, hat aber Alles in
Glücksspielen versetzt.

Und wenn nur Ein Groschen ist, und wenn
gar nichts ist — bei meiner Seel’, so freut es
mich doch, daß sie meiner gedacht hat. Sie hat mir
es stets wolgemeint. Jetzt hab ich gar keinen Verwandten mehr auf dieser Welt.

In den Winkelwäldern müssen die kirchlichen
Feste und Darstellungen das ersetzen, was sie draußen
in der Welt die Kunst nennen.

So wie ich nach meinem armen Können für
die Weihnachtszeit ein Kripplein aufgestellt, so hat
nun der Ehrenwald mit seinen Söhnen ein Grab
Christi geschaffen.

Da stehen im Seitenschiffe der Kirche vier
hohe, mit Bildern aus der Leidensgeschichte gezierte
Bretterbogen, wie Eingangspforten, die von der
vordersten bis zu der hintersten immer enger und
dunkler werden. Und im dämmerigen Hintergrunde
ist in einer Nische die Grabesruh Jesu, und darüber
der Tisch für das Heiligste, umgeben von einem
Kranze bunter Lampen. An beiden Seiten des
Grabes stehen zwei römische Kriegsknechte zur Wacht.
Bei der Feier der Auferstehung verschwindet der
Leichnam und in dem Lampenkranze erhebt sich das
Bild des auferstandenen Heilandes mit den Wundmahlen und mit der Fahne.

Ein tiefer Reiz liegt in der ganzen Begehung.
— Die Fastenzeit schreitet vor, wird ernster und
ernster; die Musik verstummt wochenlang, die Bildnisse verhüllen sich. Es naht die Charwoche, der
würdevolle Palmsonntag, der geheimnißreiche Gründonnerstag, der düstere, tiefbetrübte Charfreitag, der
stille Samstag. In der ernsten Ruhe liegt ein Ahnen
und Sehnen und leise mahnt des Profeten Wort:
Sein Grab wird herrlich sein! — Noch einmal
verdüstert sich das Gotteshaus, wie Golgatha in der
Finsterniß; aber die rothen und grünen Lampen
glühen, die Festkerzen strahlen — da erschallt hell
und freudevoll der Ruf: Er ist auferstanden! —
Jetzt klingen die Glocken, klingt die Musik, knallen
die Pöller; und die Fahnen wehen, und die
Menschenschaar zieht in das Freie, und ihre Lichter
flammen in Abenddämmerung hin durch den Wald.

In den Städten haben sie einen noch viel
größeren, einen schweren Prunk. Aber wo nehmen
sie die Stimmung und wo nehmen sie die wahre,
hoffende Freude an der Auferstehung, die in der
gläubigen Armut liegt!

Ich hebe bereits an, aus der Erbschaft Bauten
aufzuführen. Ich baue mir in Winkelsteg ein großes,
schönes Haus, größer, wie der Pfarrhof. Den Plan
dazu hab ich schon fertig. Aber ich selber mag
darin nicht wohnen, so lang ich, gleichwol so jung
an Jahren, die Schulmeisterei mag betreiben. Einmal dem alten Kropfjodel gebe ich im Hause ein
Stübchen; und die alte, kinderlose Brunhüterin
aus den Karwässern führe ich hinein und die kranke
Aga; dann führe ich den Markus Jäger herbei,
der erblindet ist, und den Josef Ehrenwald, den
ein fallender Baum geschädigt hat. Und Andere und
Andere, und so wird das große Haus nach und
nach voll werden. Es torkeln viele mühselige Leute
herum in den Winkelwäldern.

Einen Arzt und frische Arzneien stelle ich ihnen
auch her, das heißt, wenn das Geld auslangt.
Dann nehme ich possirliche Leute auf, die viel
Musik machen und ansonsten allerhand unterhaltlich
Spiel treiben. Ein Armenhaus muß man nicht
auch noch mit Einsamkeit und Trübsal umgeben;
die lustige Welt soll ihm zu allen Fenstern hereinlugen und sagen: ihr seid auch noch mein und
ich lass’ euch nicht fahren!

Den Baugrund für dieses Haus brauche ich
heute noch nicht zu zahlen, denn ich baue einstweilen
mein Schloß nur so in die Luft hinein. Die Erbschaft ist noch nicht da. Aber es heißt, meine Base
hätte im Glücksspiel große Summen gewonnen.

Dem alten Rüppel werde ich im neuen Armenhause das freundlichste Kämmerlein weisen. Der
arme Mann ist schier ganz verlassen. Seine Sprüche
lohnen die Leute kaum mehr mit einem Stück
Brot. Sie haben vergessen, wie sie vormaleinst zu
festlichen Stunden so oft von den heiterfrommen
Liedern erbaut worden sind, wie sie gelacht und
geschluchzt haben dabei, und wie sie so oft zu einander gesagt haben: „’s ist, wie wenn der heilige
Geist aus ihm thät reden.“

Freilich wol ist bei dem Alten heute nicht mehr
viel zu holen und er wird schon recht kindisch und
närrisch. Jetzund hat er sich aus Baumästen einen
Reifen gebogen und in demselben eitel Strohhalme
wie Saiten aufgezogen. Das ist seine Harfe, er
lehnt sie an seine Brust, legt die Finger auf die
Halme und murmelt seine Gesänge.

Es ist ein wunderlicher Geselle, wenn er so
dasitzt auf einem Stein im Waldesdunkel, gehüllt
in seinen fahlfarbigen, weiten Mantel, umwuchert
von seinem langen, schneeweißen Bart, von seinen
schimmernden Lockensträhnen, die voll und wild über
die Achsel wallen. Sein starres, thautrübes Auge
richtet er zu den Wipfeln empor, und singt den
Vöglein, von denen er es gelernt.

Die Thiere des Waldes fürchten sich nicht vor
ihm; zuweilen hüpft ein Eichhörnchen nieder vom
Geäste auf seine Achseln und macht ein Männchen
und sagt ihm was in’s Ohr.

Seine Worte werden immer unverständlicher,
so wie seine Lieder. Er paßt seine Gesänge auch
nicht mehr den Menschen und ihren Gelegenheiten
an. Er singt tolle Liebes- und Kindeslieder, als
träume er seine Jugend. Wenn der Weißbart zur
Sommerszeit unbeweglich auf einer Bergeshöhe sitzt,
so meint man von Weitem ein Sträußchen Edelweiß zu sehen.

Dann laufen alle Käfer und Ameisen an
seinem Rock und krabbeln an seinem Bart empor;
und Hummeln umkreisen sein Haupt, als ob wilder
Honig in demselben wäre.

Der Pfarrer hat mir eine Besorgniß mitgetheilt.

Er sagt, es sei möglich, daß ich ein reicher
Mann würde. Und als reicher Mann zöge ich fort
in die Welt, um all die Wünsche mir zu erfüllen,
die ich in der Einsamkeit ausgeheckt und großgepflegt
hätte. Ganz selbstlos sei kein Mensch.

Diese Aeußerung hat mir eine ruhlose Nacht
gekostet. Ich habe mein Herz erforscht und wahrhaftig einen Wunsch in demselben gefunden, der
weit über die Winkelwälder hinausgeht.

Aber mit Gut und Geld ist er nicht zu erfüllen. Sie ist vermählt …

Was lästerst du, Andreas? Dein Wunsch ist
ja erfüllt. Sie ist glücklich.

Heute haben sie in den Lautergräben den
Sturmhans von der Wolfsgrubenhöhe todt gefunden.
Es ist an der Leiche der Bart versengt. Die Leute
sagen, eine blaue Flamme, die aus dem Munde
hervorgestiegen, habe ihn getödtet. Sie erklären es
sich so: Der Sturmhans habe sehr viel Wachholderbranntwein getrunken, habe sich dann etwan eine
Pfeife anzünden wollen, und anstatt des Tabaks
habe der Athem Feuer gefangen und dem Manne
die Seele herausgebrannt.

Gut zur Hälfte wird das wol richtig sein.

Heute ist mir meine Erbschaft behördlich zugewiesen worden.

Sie besteht aus drei Groschen und einem Brief
von der Muhme-Lies.

Der Brief liegt bei:

„Lieber Andreas!

Ich bin alt und krank und hilflos. Du bist,
Gott weiß wo, im Gebirge. In meiner Krankheit
denke ich über Alles nach. Ich habe dir wol Unrecht gethan und bitte dich um Verzeihung. Dieses
Geld drückt mich am meisten, es ist dein Pathengeschenk; du hast es seiner Tage für deinen Vater
in den Himmel schicken wollen. Ich habe es dir
damals genommen. Nimm das Andenken zurück,
Andreas, und verzeihe mir. Ich will ja ruhig
sterben. Gott segne dich, und Eines muß ich dir
noch sagen: wenn du zu hinterst im Gebirge bist,
so gehe nicht mehr in die Welt zurück. Alles ist
eitel. In guten Tagen sind mir meine Freunde
getreu gewesen; jetzt lassen sie mich in der Armut
sterben.

Ich küsse dich viel tausendmal, mein lieber,
einziger Blutsverwandter. Wenn mich Gott in den
Himmel nimmt, so will ich deine Eltern grüßen.

Deine bis in den Tod
liebende Muhme
Elise.“

Seit drei Jahren schon sammeln wir Geld
für einen Traghimmel. Aber wir Winkelsteger können uns den Himmel nicht kaufen. Wir müssen
uns selber einen machen.

Der alte Schwamelfuchs hat aus grünenden
Birkensträußen ein tragbares Zelt gebaut, auf daß
wir zu diesem Feste das Hochwürdigste nach gebührender Weise aus der Kirche in das Freie tragen
können.

Das ist ein feierlicher Umgang gewesen im
Sonnenschein. Und die Leute, von dem harten
Winter endlich befreit, haben hellen Lobgesang gesungen. Im Walde haben wir geruht, und der
Pfarrer hat mit dem Heiligsten den Segen gegeben
nach allen vier Gegenden des Himmels hin.

Es ist noch nicht erhört worden, daß mitten
im Gottesdienst ein weltlicher Mensch so seine
Stimme hätt’ erhoben. Der alte Rüppel hat’s gethan und das ist sein Frohnleichnamsspruch gewesen:

„Klinget alle Glöckelein, singet alle Vögelein;
der große Gott kommt aus himmlischen Thüren,
geht im grünen Wald spazieren. Er rastet süß auf
dem grünen Rasen, wo die Hirschlein und Rehlein
grasen. Er sagt sein erstes, mächtiges Wort, da
steigen alle Blümlein aus der Erden hervor. Er
spricht sein zweites mit hellem Schall, das weckt
jeglich Saamenkorn im Thal, daß es mag reifen
und werden zum täglichen Brot. Und gegen Ungewitter Noth ruft er sein drittes Wort; da müssen
die Donner schweigen und die Blitze sich neigen,
und vor seinem Hauch sind die bösen Schlossen in
Wasser zerflossen. O, dir sei Preis und Ehr’, du
großmächtiger Herr! Und wirst du einstmal dein
letztes Wort sprechen, so werden die Berge beben
und die Felsen brechen; werden die Himmel krachen,
werden die Todten erwachen; wird das Feuer die
Welt vernichten. Zu dieser lieblichen Stund’ im
grünen Wald sei gebeten, o Gott in Brotesgestalt:
thu’ uns gnädiglich richten!“

Der alte absonderliche Mann weiß an’s Herz
zu stoßen mit seinen Worten. Erschüttert und gehoben sind wir wieder zurückgekehrt zur Kirche. Und
das grüne Birkengezelt mit den weißen Tragsäulen
wird über dem Altare stehen, bis seine tausend zarten Blätterherzen werden verwelkt sein.

Endlich ist die Antwort in Bezug der Grundablösung in unserem Pfarrhofe eingelangt.

Der Gutsherr gibt dem Pfarrer zu verstehen,
er möge sich als gewissenhafter Seelsorger, der er
sei, nicht auch noch weltliche Sorgen aufbürden.

Des Weiteren steht nichts zu lesen.

Von einem sterbenden Waldsohne.

Wer hätte das vor Zeiten von dem Einsiedler
im Felsenthale gedacht! Die Thatlosigkeit nach dem
bewegten Leben, die Abgeschiedenheit von den Menschen hätte ihn schier zum Narren gemacht.

Es ist wunderbar gekommen. Nur die großen
Sorgen und kleinen Leiden eines Waldpfarrers, nur
der einförmige und doch so vielseitige und vielbedeutende Zustand einer Waldgemeinde in seiner
Ursprünglichkeit und Abgeschlossenheit ist das Rechte
für ihn, das ihn gerettet hat.

Nun hat er sich hineingelebt in die Verhältnisse, kennt jedes seiner Pfarrkinder inwendig wie
auswendig und leitet es mit seinen Beispielen.

Es wüthet jetzt eine böse Seuche in den
Winkelwäldern; es wird uns der Friedhof zu klein,
und wir können schier die Todtengräber nicht auftreiben; die kräftigsten Männer liegen auf dem
Krankenbette.

Der Pfarrer ist Tag und Nacht nicht daheim,
sitzt in den entlegensten Hütten bei den Kranken,
sorgt für Seelentrost und auch für leiblich Wohl,
hat ihm gleichwol der Freiherr gerathen, sich nicht
mit weltlichen Dingen zu befassen.

Letztlich, da er doch einmal daheim in seinem warmen Bett schläft, klopft es jählings an’s
Fenster.

„’s ist eine rechte Grobheit, Herr Pfarrer!“
ruft es draußen in der wüsten, pechfinsteren Nacht.
„Ein Versehgang ist in die Lautergräben hinüber.
Wir wissen uns nicht zu helfen. Steht uns bei;
mein Bruder will versterben!“

„Wer ist denn draußen?“ frägt der Pfarrer.

„Die Anna Maria Holzer bin ich. Der
Bartelmei will uns verlassen.“

„Ich komme,“ sagt der Pfarrer, „wecket nur
auch den Schulmeister, daß er die Laterne und das
Heiligste bereite. Das Läuten soll er lassen, es
schläft ja Alles.“

Das Weib hat mich aber doch gebeten, daß
ich die Zügenglocke läute, auf daß auch andere
Leute für den Sterbenden beten möchten. Und als
der Pfarrer darnach zwischen den Häusern hingeht
und das Weib mit der Laterne und dem Glöcklein
vorauswandelt, da knieen an den Hausthüren schlaftrunkene Menschen und beten.

Es ist eine stürmische Winternacht; der Wind
saust über die Lehnen und pfeift durch das kahle,
gefrorne Geäste der Bäume. Schneestaub wirbelt
heran und verlegt den Weg und stiebt in alle Falten der Kleider.

Das Weib eilt mit Hast voran und die rothen
Scheintafeln der Laterne zucken auf dem Schneegrunde hin und her; und das Glöcklein schrillt unablässig, aber die Töne verklingen im Sturmwind,
und die Menschen des Dörfleins sind wieder zur
Ruhe gegangen, und auch ich bin, nachdem ich den
Zweien eine Weile nachgeblickt, in meine Stube
zurückgekehrt.

Ich will es aber niederschreiben, was dem
Pfarrer in derselbigen Nacht begegnet ist. Es ist
durch kein Beichtsiegel verschlossen.

Als unser Vater Paul an dem Bette des
Kranken steht, sagt dieser: „Gedenkt es der Herr
Pfarrer noch, wie Er in die Karwässer gekommen
ist? Gedenkt Er’s? ’s ist lang vorbei; wir Beid’
haben seither wol was erfahren, sind eisgrau geworden, bei meiner Treu!“

Der Pfarrer ermahnt den alten Kohlenbrenner,
sich durch angestrengtes Reden nicht aufzuregen.

„Und kann Er sich erinnern, was ich damalen
hab’ gesagt: ich hätt’ auch mein Anliegen und
kunnt leicht einmal von einem geistlichen Herrn eine
große Gefälligkeit brauchen. Dieselb’ Zeit ist jetzt
da. Ich lieg’ auf dem Todbett. Den Ehrenwald-Franz hab’ ich schon angeredet, daß er mir die
Truhen zimmert. Und mit meinem Leib thät’s nachher in Richtigkeit sein; — aber mit meiner Seel’!
Pfarrer, verzeih’ mir’s Gott, die ist dir schwarz
wie der Teufel.“

Der Pfarrer sucht zu sänftigen und zu trösten.

„Warum denn?“ frägt der Bartelmei, „bin
ja gar nicht in Verzweiflung. Weiß gleichwol, daß
Alles recht muß werden. — Was macht denn der Herr
Pfarrer für Geschichten mit seiner weißen Pfaid? Nein,
das brauch’ ich nicht; wir thun die Sach’ kurzweg ab.
Wenn Einer so auf dem letzten Stroh liegt, ist
man zu nichts mehr aufgelegt. Thu’ sich der Herr
nur setzen. — Das sag’ ich aber gleich, mit dem
Glauben steht’s bei mir schlecht; glauben thu’ ich,
wenn ich’s recht will sagen, an gar nichts mehr.
Der Herrgott ist selber Schuld, daß ich so bin
herabgekommen. Er hat auf mich schön sauber vergessen. Er hat mir’s versagt, und er hätt’s in
seiner Allmächtigkeit wahrhaftig bei meiner Seel’
leicht thun mögen! — Ich mag davon ja wol reden.
Selbunter, wie die Sepp-Marian ist gestorben, die
ein wenig mein ist gewesen, hab’ ich an ihrem Todbett gesagt, Marian, hab’ ich gesagt, wenn du
jetztund mußt verlöschen, du junges Blut, und ich
allein sollt verbleiben meiner Tage lang, so ist das
die größte Grausamkeit von Gott im Himmel oben.
Aber wissen möcht’ ich’s, Marian, und vor meinem
Tod möcht’ ich’s wissen, was es mit der Ewigkeit
ist, von der sie sagen allerweg, daß sie kein End’
hätt’, und daß die Menschenseel’ in ihr thät’ fortleben. Es ist nichts Rechtes zu erfahren, und da
sollt’ Einer fremder Leut’ Reden glauben und etwan
wissen Die auch nichts. Und jetzt, Marian, hab’
ich gesagt, wenn du doch wol fort mußt, und du
bist in der Ewigkeit weiter, gleichwol wir dich begraben haben, so thu’ mir die Freundschaft und
komm’, wenn du kannst, mir noch einmal zurück,
und wenn’s auch nur ein Viertelstündlein ist, und
richt’ mir’s aus, damit ich weiß, wie ich dran bin.
— Die Marian hat’s versprochen, und wenn sie
kann, so wird sie’s halten, davon bin ich überzeugt
gewesen. — Darauf, wie sie verstorben, hab’ ich
viele Nächte nicht schlafen mögen, hab’ immer gemeint, jetzt und jetzt wird die Thür aufgehen, wird
die Marian hereinsteigen und sagen: ja, Bartelmei,
magst wol glauben, ’s ist richtig, ’s ist eine Ewigkeit drüben und du hast eine unsterbliche Seel’! —
Was meint der Herr Pfarrer, ist sie gekommen? —
nicht ist sie gekommen, gestorben und todt und weg
ist sie gewesen. Und seither — ich kann mir nicht
helfen — glaub’ ich schon an gar nichts mehr.“

Er schweigt und horcht dem Tosen des Wintersturmes. Der Pfarrer soll eine Weile in die flackernde
Spanflamme gestarrt und endlich die Worte gesagt
haben:

„Zeit und Ewigkeit, mein lieber Bartelmei,
ist nicht durch einen Heckenzaun getrennt, über den
man hin- und herhüpfen kann, wie man will. Der
Eingang in die Ewigkeit ist der Tod; im Tode
streifen wir alles Zeitliche ab, denn die Ewigkeit
ist so groß und unendlich, daß nichts Zeitliches in
ihr bestehen kann. Darum ist der Verstorbenen auch
dein vorwitzig Wort ausgelöscht gewesen und alle
Erinnerung an das zeitliche Leben. Frei von allem
Erdenstaub ist sie in Gott eingegangen.“

Thu’ Er das lassen, Herr Pfarrer,“ unterbricht
ihn der Kranke, „es drückt mich auch gar nicht.
Ist das, wie es ist, es wird schon recht sein. —
Aber einen andern Hacken hat’s, mit mir selber
bin ich noch nicht in der Ordnung. Ich bin nicht
gewesen, wie ich hätt’ sein sollen, aber ich möcht’
gern meine Sach’, und Andere thuen auch gern
ihre Sach’ richtig stellen. Lang hab’ ich nicht
mehr Zeit, das merk’ ich wol, und desweg hab’
ich den Pfarrer aufschrecken lassen mitten in der
Nacht, und will ihn zu tausendmal bitten, daß
Er’s wollt vermitteln. Jetzt — ’s ist zwar heimlich
geblieben, aber sagen will ich’s wol: ein arger
Wildschütz bin ich gewesen; viel Rehe und Hirschen
hab’ ich dem Waldherrn gestohlen.“

Hier bricht der Köhler plötzlich ab.

„Und weiter?“ frägt der Pfarrer.

„So! und ist Ihm das noch nicht genug?“
ruft der Alte, „aufrichtig, Herr Pfarrer, sonst weiß
ich nichts. — Meine Bitt’ wär’ halt nachher die,
daß mir der Herr Pfarrer bei dem Waldherrn mein
Unrecht wollt’ abbitten. — Hätt’s wol lang selber
schon gethan, hab’ mir aber allfort gedacht, ein
Weilchen wartest noch zu; könntest leicht wieder was
brauchen vom Wald herein, müßtest später noch
einmal abbitten, wär’ mir unlieb. Desweg wart’
ein wenig und thu’s nachher mit Einem ab. —
Allzulang hab’ ich gewartet; jetzt kann ich nimmer.
Der Waldherr ist, wer weiß wo, zu weitest weg.
Aber gelt, der Herr Pfarrer ist so gut, und gleicht’s
bei ihm aus mit einer christlichen Red’ und thut
sagen, ich hätt’s wol bereut, könnt’ es aber nicht
anders mehr machen. — Jetzt, gewesen ist’s halt so:
die Kohlenbrennerei gibt wol ein schwarz Stückel
Brot, aber wenn Einer zum Feiertag einmal so einen
Bissen Fleisch dazu wollt’ beißen, so muß man
schnurg’rad mit der Büchs hinaus in den Wald.
Man kann’s nicht lassen, und wenn sich Einer noch
so lang spreizt, ’s ist gar Schad, man kann’s nicht
lassen. — Wenn sie mich etwan einmal erwischt
hätten, die Jäger, so wär’ jetztund das Gered’ nicht
vonnöthen, und ich müßt dem Herrn Pfarrer nicht
so schmerzlich zu Gnaden fallen. — Ei, der tausend, jetzt hab’ ich mich dennoch wol angestrengt;
es steigen mir die Aengsten auf.“

Sie haben ihn mit kaltem Wasser gelabt. Der
Pfarrer hat seine Hände gefaßt, hat ihn mit guten
Worten versichert, daß er bei dem Waldherrn Verzeihung erwirken werde. Darnach hat er dem Kranken die Lossprechung ertheilt.

„Bedank’ mich, bedank’ mich fleißig,“ sagt
drauf der Bartelmei mit leiser Stimme, „nachher
wär’ ich so weit fertig, und — Pfarrer, jetzt thät’s
mich bei meiner Seel’ schon selber freuen, wenn es
wahr wär’, dasselb, von der Ewigkeit, und wenn
ich nach der unruhvollen Lebenszeit und nach dem
bitteren Tod schön langsam könnt’ in den Himmel
einrücken. Wär’ wol eine rechtschaffen bequeme
Sach’, das!“

So hat sich in dem armen, schwerkranken
Mann das hohe Bedürfniß und die Sehnsucht nach
Glauben und Hoffen ausgesprochen. Unser Herr
Pfarrer hat ihn dann gefragt, ob er die heilige
Wegzehrung empfangen wolle.

„Nicht vonnöthen,“ ist die Antwort gewesen.

„Mußt doch, Bruder, mußt doch,“ meint die
Anna Maria, „einem Geistlichen, der mit dem
heiligen Leib unverrichteter Sach muß zurückkehren,
tanzen die Teufel nach bis zur Kirchenthür!“

„Du närrisch Weibmensch, du!“ schreit der
Bartelmei, „jetztund Kindergeschichten erzählen, daß
dich der Herr Pfarrer recht mag auslachen. — ’s
wär mir doch alleins und gern möcht ich das Teigblättlein verschlucken, daß der Herr unangefochten
könnt’ nach Haus gehen, aber ich halt nichts drauf
und da, hab’ ich oftmalen gehört, wär’s eine großmächtige Sünd’, wollt’ Einer in vorwitziger Weis’
das Sakrament empfangen.“

Auf dieses Wort hat der Pfarrer des Kranken
Hand wol innig gedrückt. „Hochmüthig, Bartelmei,
mußt du desweg nicht werden, jetzt in deinen alten
Tagen; aber das sag’ ich dir, du denkest schon das
Rechte. Du bist tugendreich, du glaubst an Gott
und an der Seele ewiges Leben; ob du dir’s
gestehen magst oder nicht, ob du das heiligste Brot
zu dir nimmst oder nicht, rein ist dein Herz und
dein ist das Reich und die Seligkeit!“

Da soll sich der alte Mann hoch emporgerichtet haben; die Hände hätte er ausgebreitet,
mit nassen Augen hätte er gelächelt und gerufen:
„Jetzt hab’ ich das Rechte gehört. Der Pfarrer
mag so gut sein und mir die Wegzehrung reichen.
Nachher mag er kommen, der Knochenhans — Jesus,
Jesus! was ist das? die Marian!“ schreit der
Bartelmei plötzlich. Dann richtet er die Augen nach
der Spanflamme und flüstert: „Ja, Mädel, wo
steigst denn du daher heut’ in der finstern Nacht?
Marian! Botschaft bringst mir? — Botschaft?“

Immer höher richtet er sich auf, immer wiederholt er das Wort „Botschaft!“ endlich sinkt er
zurück und schlummert.

Nach einer Weile schlägt er die Augen auf
und sagt mit matter Stimme: „Bin ich kindisch
gewesen, Schwester? Ein närrischer Traum! Es
steigt mir das Geblüt so auf. Ich verspür’s, lang
wird’s nimmer dauern; es kommt mir schon der
Brand zum Herzen. — Ich muß euch behüt’ Gott
sagen, allen miteinander. Hab’ auf deine Kinder
Acht, Schwester, daß sie dir nicht in den Wald
laufen mit der Büchs. — Für die Truhen ist der
Ehrenwald schon bezahlt. — Und thut mich fleißig
waschen; will nicht als der kohlschwarze Ruß-Bartelmei in den Himmel eingehen.“

Als das Morgenroth durch die Fensterlein
schimmert, ist der Mann todt. Sie ziehen ihm sein
Sonntagsgewand an und legen ihn auf das Brett.
Seiner Schwester Kinder besprengen ihn mit Wasser
des Waldes.

Gestern haben wir ihn begraben.

Das geht toll zu. Das ganze Graßsteigerhaus
wollen sie umkehren; über den Kirchplatz johlen sie
hin und treiben Unfug.

Im Pfarrhofe liegt ein Bauernknecht, dem
haben sie den Kinnbacken zerschmettert.

Faschingsonntag ist da. An die Seuche wird
nicht gedacht. In das Wirthshaus kommen sie zusammen und trinken Branntwein; sie sind heiter
und lachen und necken sich. Es röthen sich die Gesichter, da will Jeder sticheln und spotten, aber
Keiner mehr geneckt sein. Eines krummen Wortes,
eines schellen Blickes, oder auch eines Mägdleins
wegen — entsteht ein Streit. Es setzt Backenstreiche
mit flacher Hand — das ist zu wenig; sie schlagen
mit den Fäusten drein — ist auch zu wenig; sie
brechen Stuhlfüße, schwingen sie mit beiden Armen
wüthend, lassen sie niedersausen auf die Köpfe.
Das ist genug. Streckt sich Einer auf dem Boden.
Die Unterhaltung ist aus.

„Seid gescheit, Leutchen,“ hab ich beim Graßsteiger unten einmal gesagt, „wollt ihr an den
Ruhetagen so wüst sein, so weicht der Segen von
euerer Arbeit, und es kommt noch eine böse Zeit
über Winkelsteg.“

Da thut sich ein Meisterknecht aus dem Schneethale hervor: „Weil wir Wildlinge sind, desweg
bleiben wir arme Teufel? Glaub’s schon auch. Recht
hat er, der Schulmeister; gerauft wird nimmer,
und ich sag’ dir’s, Graßsteigerwirt, wenn noch
einmal ein Raufhandel geschieht in deinem Haus,
so komm ich mit einem Zaunstecken und klieb euch
Allen die Schädel auseinand!“

Es steckt einmal so in den Leuten. Nur daß
bei solchen Händeln der Lazarus nicht mitthut, das
ist mein Trost. Sie wollen wol mit ihm anhäckeln,
aber da macht er sich aus dem Staub. Es zuckt
zuweilen in ihm, aber er dämpft wacker nieder. Er
ist ein Mann durch und durch. Auch ist die Juliana
ein Schutzengel und hilft ihm getreulich, daß er
sich beherrsche.

Der Förster hat den Lazarus wollen auf das
Land hinaus befördern; wenn Einer einmal ein so
seltsames Geschick habe, wie dieser junge Mensch,
meint er, so müsse auch ganz was Besonderes aus ihm
werden. Aber der Lazarus will nicht fort vom Walde.
Er wird ein braver Mann, und zu etwas Besserem
könnte er es auch draußen nicht bringen, und wollt’
ihn gleich Kaiser und König an seinen Thron setzen.

Ein gutes Zeichen ist, daß er keinen Branntwein trinkt. Der Branntwein ist Oel in’s Feuer
und so geschehen die bösen Händel.

Wir Gemeindehäupter trinken nie einen Tropfen
davon. Nun, trinken wir nicht, umsomehr bleibt
für die Anderen.

Der Pfarrer hat schon mehrmals scharf vor
diesen Getränken gewarnt. Letztlich hat er in seinem
Zorn den Branntwein einen Höllenbrunnen, ein
Gift für Leib und Seele, und die Branntweinbrenner und Schenker mit heller Stimme Giftmischer geheißen.

Der alte Graßsteiger hat an seiner Nase hinabgelugt, und nicht lange darnach hat er bekannt werden
lassen, daß bei ihm frischer Obstmost angekommen sei.

Der Kranabethannes aber hat es so glatt
nicht abgehen lassen. Mit einem größeren Stock,
als er sonst gewöhnlich bei sich trägt, ist er vor
zwei Tagen im Pfarrhofe erschienen.

Er klopft an die Thür; und selbst als der
Pfarrer schon zweimal vernehmlich herein ruft, klopft
er noch ein drittesmal. Schwerhörig ist er nicht;
er will nur zeigen, daß, wenn gleich ein Waldteufel,
er bei den Herren doch Schick und Anstand zu halten
weiß, und wäre es auch vor seinem Feind, den er
heute niederschmettern will.

Endlich in der Stube, bleibt er eng an der
Thür stehen, preßt die Hutkrempe in die Faust und
murmelt in seinen fahlen Stoppelbart: „Hätt’ ein
Wörtel zu reden mit dem Herrn Pfarrer.“

Der Pfarrer bietet ihm freundlich einen
Stuhl.

„Hätt’ ein kleines Anliegen,“ sagt der Mann
und bleibt auf seinem Flecke stehen, „bin der
Branntweinbrenner vom Miesenbachwald, ein armer
Teufel, der sich seinen Brotgroschen mit blutigen
Händen muß erwerben. Arbeiten mag ich gern, so
lang mir altem Manne Gott das Leben noch
schenkt, wiewol mich die Leute schon niederdrucken
möchten und mir die Kundschaften abzwicken.“

„Setzet euch,“ sagt der Pfarrer, „ihr seid
erhitzt, seid etwan recht gelaufen?“

„Gar nicht. Hübsch stad bin ich gegangen,
und hab’ unterwegs gedacht bei mir selber, daß
keine Gerechtigkeit mehr ist auf der Welt, und bei
keinem Menschen mehr — bei gar keinem, er mag
noch so heilig ausschauen. Was ist denn das für
ein Pfarrer, der einem armen Familienvater seiner
Gemeinde das letzt’ Stückel Brot aus der Hand
schlägt? — Ist und trägt schon die ehrlich’ Arbeit
nichts, recht, so muß Einer halt stehlen, rauben;
wird wol besser sein, als wenn ein armer Abgematteter so ein Tröpfel Branntwein in den Mund
thut; — ist ja der Höllbrunnen das!“

Der Mann schnauft sich aus; der Pfarrer
schweigt; er weiß, daß er den Sturm vertoben
lassen muß, will er bei ruhigem Wetter säen.

„Und wer den Höllbrunnen braut,“ fährt der
Mann fort, „der muß wol mit dem Teufel bekannt
sein. Die Leut’ schauen mich auch richtig für so
Einen an. Sollen Recht haben. Aber wenn ich
schlecht bin, aus mir selber bin ich’s nicht. Und
wer mir mein Geschäft verdorben, der wird wol
anderweitig für mich sorgen. Herr Pfarrer! umsonst
bin ich nicht da!“

Der Branntweiner vergißt ganz seine gewohnte
Geschmeidigkeit und nimmt schier eine bedrohliche
Stellung an.

„Wenn ihr der Branntweiner vom Miesenbachwald seid,“ sagt der Pfarrer in seiner Gelassenheit,
„so freut es mich, daß ich euch sehe. Da ihr so
selten nach Winkelsteg herauskommt, so habe ich
schon zu euch gehen wollen. Wir müssen miteinander
schwätzen. Ihr gebt den Winkelwäldlern keinen
Branntwein mehr, da seid ihr ein Ehrenmann, ein
großer Wohlthäter der Gemeinde. Ich danke euch,
Freund! — Und auch euere Umsicht ist sehr zu
loben. Es ist doch wahr, daß ihr jetzt mit den
Kräutern und Harzen anhebt? Wol, und ich bin
ganz euerer Meinung, daß ihr es höher bringt,
wenn ihr aus den Kräutern und Harzen und Wurzeln Arzeneien, Oele und kostbaren Balsam bereitet
und draußen im Lande dafür Abzugsquellen suchet.
Ich gehe euch nach meinen Kräften und Erfahrungen
gerne dabei an die Hand. Ei gewiß, das ist ein
guter Griff, den ihr gemacht habt und in wenig
Jahren seid ihr ein wohlhabender Mann.“

Da weiß der Branntweiner gar nicht, wie ihm
geschieht. Er hat gar keinen Griff gemacht, hat
niemals an Balsam und Oelerzeugung gedacht;
aber die Sache kommt ihm auf der Stelle so vernünftig und faßlich vor, daß er dem Pfarrer nicht
widerspricht und schmunzelnd als angehender Balsamerzeuger den Kopf wiegt.

„Und solltet ihr, lieber Freund, vorläufig
etwas für Weib und Kind benöthigen — mein
Gott, zu Anfang behilft man sich, wie man kann —
so mag ich gerne, gerne mit einer Kleinigkeit dienen.
Ich bitt’ euch recht, mich ganz als eueren Freund
zu kennen!“

Der Hannes hat ein unverständliches Wort gebrummt, ist aus dem Hause gestolpert, hat seinen
Knittel über den Rain geschleudert.

Die kirchliche Behörde fängt wieder an. Ihr
ist unser Pfarrer noch immer nicht rechtmäßig genug;
sie will ihm die Kirche verschließen.

Die Kirche, die wir gebaut haben mit dem
Schweiße unseres Angesichtes!

Es ist still genug in unserer Kirche; Vater
Paul hält den Gottesdienst in den Krankenstuben
und auf dem Friedhofe. Die Leute kommen nur
mehr in den Särgen zur Pfarrkirche heraus. Die
Seuche ist zur „Sterb“ geworden. Die Schule ist
schon seit Monaten geschlossen.

Es geht die Sage, der Pfarrer wäre Schuld
an der Seuche, da er das Branntweintrinken abgesagt. Der Branntwein sei das allersicherste Mittel
gegen Ansteckungen.

Der Hannes lauert. Erst jetzt lehnt sich sein
Stolz auf gegen den Pfarrer, dessen Schalkheit und
Milde er vor wenigen Wochen unterlegen ist.

Es ist ein immerwährender Kampf gegen das
Geschick und gegen die Bosheit. Wer ausharrt im
Ringen und seiner inneren Ueberzeugung genug thut,
der erlangt das Ziel.

Heute ist unser Pfarrer gestorben.

So hat sich noch Keiner selbst erlöst, wie
dieser Mann — dieser seltsame Mann, der an
einem Fürstenhof regiert, in Indien gepredigt und
in der Höhle des Felsenthales gebüßt hat.

Alle Irrpfade des Priesterthums hat er
durchwandeln müssen, bis er das Wahre gefunden:
den Armen im Geiste ein Helfer und Freund
zu sein.

Er hat sich in den Häusern der Kranken seinen
Tod geholt. Die Verlobung des Lazarus Schwarzhüter mit der Juliana Graßsteiger hat er gesegnet.
Ein kleines Unwohlsein hat ihn von der Feierlichkeit
weg auf seine Stube gerufen. Er hat sie nicht
mehr verlassen. Und ein guter, getreuer Hirt, hat
er uns in seiner letzten Stunde noch das Bedeutsamste gelehrt, das Sterben. Wie ein lächelndes
Kind ist er entschlummert. Wir, die wir es gesehen,
fürchten Keiner mehr das Sterben; und wir haben
uns zutiefst gelobt, nach seinem Vorbilde streng
unsere Pflichten zu erfüllen.

Und ich kann’s nicht glauben. Ohne Ruh’ und
Rast schau ich zum Fenster hinaus, ob er nicht des
Weges kommt in seinem braunen Rock. Er hat sich
schon ein wenig stützen müssen; ist schon gebeugt
gewesen unter seinen weißen Haaren.

Ohne Ruh’ und Rast geh’ ich am Pfarrhofe vorüber; es ist kein Klopfen mehr an den
Fensterscheiben, es lächelt kein freundliches Gesicht
heraus.

Da stehe ich still und meine, ich müsse laut
seinen Namen rufen.

Und ich kann es nicht glauben, daß er dahin ist.

Bei dem Leichenbegängnisse ist der Holdenschlager Pfarrer dagewesen. Er hat sich baß gewundert über die allgemeine Trauer, die in den
Winkelwäldern herrscht.

Selbst der Branntweiner Hannes ist zum
Grabe gekommen und hat eine Scholle hinabgeworfen. Nur der alte Rüppel ist nicht zu sehen
gewesen; der hat wol im Urwaldfrieden das Grablied gesungen. Zu Winkelsteg haben nur die Glocken
gesprochen.

Und als letztlich auch die Glocken stumm geworden, da sind die Leute still davongezogen in ihre
armen, zerstreuten Wohnungen.

Nur ich allein stehe noch da und starre hinab
auf den falben Tannensarg. Vor achtzehn Jahren
habe ich den Mann das erstemal gesehen. Er ist
am Grabe gestanden, das sie in der Wolfsschlucht
dem „Glasscherbenfresser“ gegraben. Seit zwölf
Jahren ist er Pfarrer zu Winkelsteg gewesen.
Heute blicke ich nieder auf seinen Schrein; ja,
das ist der Schlußpunkt zu der Antwort des Einspanig.

Wie ich darüber noch sinne, kommt die alte
Haushälterin des Winkelhüterhauses, meine ehmalige
Wirtin, herbeigewackelt. Sie guckt auch in die
Grube, fährt sich mit der Hand hastig über das
Gesicht, tappt nach meinem Arm und sagt: „Gott
geb’ ihm den ewigen Frieden! Das ist ein braver
Mann gewesen. Aber ein Fabelhans auch — ein
arger Fabelhans! Wie ein toller Vogel ist sein
Sinn herumgeflogen in der weiten Welt, und auf
keinem Fleck, hat er gesagt, wär’ die Welt mit
Brettern verschlagen. Und jetzt — gucket einmal
recht hinab, Schulmeister! da unten ist sie — Gott
geb’ ihm den ewigen Frieden — da unten ist sie
mit Brettern verschlagen.“

Das Wort ist gesagt und hastig humpelt sie
auf ihren Krücken davon.

Die Alte hat Recht. So unbegrenzt der menschliche Geist auch fliegen mag in den Weiten, sein
großes Ziel wird umschlossen von den Brettern des
Sarges. — Glücklicher Schläfer, dir ist ein unendlicher Raum jetzt die Truhe. Noch nicht lang, und
dir war zu eng die unendliche Welt. —

Großer Dichter, vergib, daß ich dein Wiegenlied zur Grabschrift wandle.

Die Seuche ist erloschen. Man sieht viele
blasse, abgehärmte Gesichter umherwandeln.

In den Mulden der Waldberge und in den
Schluchten der Felsen schießen Wildwässer zur Tiefe.
Im Miesenbachgraben und in den Karlehnen donnern die Schneelahnen. Hoch über den Firnen
blaut der Himmel.

Da wir in der Kirche keine Auferstehungsfeier haben, so drängt es die Leute, das Osterfest
in anderer Weise zu begehen.

Der Charsamstag ist vorbei; das Thurmkreuz
der Kirche schimmert im Abendroth viel glühender
als sonst. Es wird heute aber nicht Nacht; ein
neues Leben steht auf. Die Leute gehen im Festkleide aus ihren Wohnungen hervor. Ein neuer Tag
bricht an am Abende und zahlreiche Festfeuer leuchten
auf den Höhen. — Wer von diesen Menschen
weiß es denn, daß auch die alten Deutschen zu
dieser Jahreszeit der Göttin des Frühlinges Freudenfeuer haben angezündet?

Wem nur dieser Einfall ist beigekommen? Da
oben auf dem Bühel steht ein alter, einzelner
Fichtenstamm; den haben sie vom Fuß bis zum
Wipfel mit dürrem Gezweige, Moos und Stroh
umflochten.

Wenige Schritte seitwärts haben sich die Leute
um ein kleines Feuer versammelt, und singen Lieder.
Weiber mit verdeckten Handkörben sind auch dabei
und Kinder spielen mit gefärbten Eiern.

Es ist schon spät in der Nacht; der Lazarus
will mit der Lunte gehen, daß er die Osterkerze in
Brand stecke, da huscht durch den finsteren Wald
der alte Rüppel herbei, reißt seine Binsenhaube
vom Haupte und sagt: „Gelobt sei Jesu Christ,
der am Kreuz gestorben ist!“

Wir sind Alle hellverwundert, daß der Alte
wieder einmal unter die Leute geht, und ich will
ihn sogleich einladen, daß er sich zu mir und dem
Graßsteiger setze, wo wir einen Mostkrug stehen
haben.

„Dank für die Ehr’!“ sagt der Rüppel, und
zieht seine Strohharfe unter dem Rock hervor, und
in die Flamme hineinstarrend hebt er an zu reden:

„Komm just von Jerusalem her. Alle drei
Kreuz auf dem Berg Kalvari stehen leer. Christi
Leib haben sie gelegt in ein neues Grab, die Seel’
ist gefahren zur Hölln hinab. Die Altväter thäten
warten schon hart. Dem Abraham hat das Feuer
versengt den langen Bart; der Moses ist schon
tausend Jahr im Rauchfang gesessen und hat auf
seine zehn Gebot vergessen. Der Adam, der vorwitzig’ Mann, und die Eva haben gehabt kein
Röcklein nit an — die thät’ das Feuer wol saggrisch
beißen. Das Paradeis ist ihnen schon lang verheißen, und durch die Leidensnoth und den bittern
Tod thät’s ihnen jetzt Christus erlauben. — So
hat mir’s der recht’ Schächer erzählt, den linken
thät’ ich’s nit glauben.“

„Nu, Rüppel,“ sagen die Leut, „wenn du
sonst nichts mehr weißt, so bist auch grad kein
heiliger Geist.“

Unbekümmert um diesen Spott fährt der Alte
fort: „Am heutigen Morgen sind unsere lieben
Frauen zum Felsengrab gegangen schauen. Ist ein
Junggesell gesessen auf dem Stein; die Magdalena
gucket schon vorwitzig drein, kreiselt ihr güldenes
Lockenhaar fein und denkt: wie alt mag er sein?
— Mit Verlaub, schöner Herr, was macht ihr da?
die Jungfrauen fragen. — Mit Verlaub, schöne
Jungfrauen, sucht ihr den Herrn? thät’ der Junggesell sagen, aber der liebe Herr Jesus ist nit mehr
hie, der ist auferstanden schon in allerfrüh; den
mögt ihr spazierend im Garten erlangen, oder er
ist hinab in die Stadt zum Frühstück gegangen. —
Da haben die Frauen für die fröhliche Mähr ein
Trinkgeld wollen geben Gott zu Ehr; aber der
Junggesell ist gelaufen zum Himmel hinein; ich
thät’s auch — thäten mich tragen meine alten
Bein.“

Wieder schweigt der Rüppel. Da aber Keiner
die Anspielung auf ein Trinkgeld verstanden hat, so
fährt er fort: „Der Herr Jesus geht spazieren im
Wald, thät’ sich ausruhen von bitteren Leiden; ein
Hirtenknab’ steht auf stiller Haid, der thät’ weiße
Schäflein weiden. Thät’ weiden die Schäflein und
weinen dabei, gar bitterlich, bitterlich weinen. Da
fragt ihn Herr Jesus: was weinst du mein Kind,
es thut ja die Sonnen scheinen! — Ja freilich,
sie scheint auf den Rasen grün, der mir meinen
Vater thut decken; und der Heiland ist gestern am
Kreuze gestorben, wer wird mir den Vater wecken?
— Da spricht der liebe Herr Jesus: Mein Kind!
siehst du die Felsen beben? Der Herr ist erstanden,
wird wecken dereinst die Todten zum ewigen
Leben.“

Der alte Mann schweigt und starrt in die
Flamme. Sein Haar und Bart ist im Scheine des
nächtlichen Feuers roth wie Alpenglühen.

Und der Schein des Feuers fällt in rothen
Bändern hin durch das Gestämme auf die frischen
Gräber des nahen Kirchhofes.

Eine schwere Stille ruht über der Versammlung, als erwarte sie schon diese Osternacht die
Auferstehung der Todten.

Da richtet sich jählings der Kopf des Alten
wieder auf, anmutig zart gleiten seine Finger über
die Saiten aus Stroh; wie Schalkheit zuckt es in
seinen Zügen, und als wollte er seine frühere Rede
ergänzen, sagt er mit fast kecker Stimme: „Der
Hirtenknab’, der junge Tropf, schüttelt ungläubig
seinen großen Kopf. Da langt ihm der Herr die
Hand hin zumal, und weist ihm sein heiliges
Wundenmal; just so fürwahr, und das Wundmal
ist groß, wie ein Groschenstück gar …“

Ueberzeugend genug streckt der Greis die hohle
Hand aus, und Mancher legt richtig ein Wundmal hinein — einen guten Pfennig oder ein
Groschenstück.

Der Alte bedankt sich gar fein; hat hierauf
die Hand über die Flammen gehalten, und die
Gaben sind in die Glut gefallen.

Dann ist er im Walde verschwunden.

Warum er die Geldstücke, die einzigen Gaben,
die er seit langer Zeit erhalten haben mag, in das
Feuer geworfen hat, das können wir uns nicht
erklären.

Der Graßsteiger hat den armen Mann suchen
lassen, um ihn für die Ostern an seinen Tisch zu
führen. Der Rüppel ist nicht gefunden worden.

So geht’s immer tiefer in die Nacht; zum
großen Glück eine recht milde, warme Nacht, denn
Keiner, auch von den erst Genesenen keiner ist zu
bewegen gewesen, nach Hause zu gehen.

Der Stand eines Sternbildes weist die Mitternacht, den Beginn des Ostertages. Da fährt ein
Flämmchen in den strohumwundenen Baum, und
eine gewaltige Osterkerze lodert hoch über dem
Waldthale gegen den Sternenhimmel auf.

Nun jubeln die Kinder und die Weiber,
jauchzen die Männer; aber weiterhin, als Hall und
Schall vermag zu dringen, leuchtet die Feuersäule
und verkündet dem Waldlande ringsum den Ostertag.

Und zur selbigen Stunde haben die Weiber
ihre Handkörbe aufgedeckt, auf daß die Gottesgaben
darin, Brot, Eier und Fleisch, der liebe Osterhauch
mag befächeln. Und so ist unserem Festbrote die
Weihe zu Theil geworden, die der Vater Paul uns
für diese Ostern nimmer vermag zu spenden.

Erst gegen Morgen ist die Osterkerze, deren
hochstrebende Flamme sie gar in den Miesenbachgräben sollen gesehen haben, verlodert zusammengebrochen.

So sind wir von dem seltsamen Osterfeste
heimgekehrt in unsere Hütten.

Von diesen Tagen an, Andreas, wirst du
nicht mehr jünger. — Jünger? wer hat dich gelehrt
so närrisch zu schwätzen? Zähl’ deine Eisfäden auf
dem Haupte, zähle sie, wenn du kannst! du alter
Mann!

Ich meine, der Pfarrer hat mich mitgenommen.

Von unserem jungen Herrn hört man wieder
seltsame Dinge. Und diesmal sind sie amtlich erhärtet. Hermann hat die Güter des Vaters übernommen und ist demnach unser Herr.

Als Angebinde hat er den Winkelstegern alle
rückständigen Arbeitsleistungen und die Grundeinzahlungen auf zehn Jahre hinaus nachgesehen. Das
ist ein guter Anfang. Die Winkelsteger wissen ihre
Dankbarkeit nicht anders zum Ausdrucke zu bringen,
als daß sie in der Kirche eine zwölfstündige Andacht halten, um für die Gesundheit des jungen
Herrn zu beten.

Hermann soll kränklich sein.

Gestern ist der Berthold zu mir gekommen.
Seit jenem Tage, da er sein vermißtes Kind unter
den Thieren des Waldes gefunden, wildert er nicht
mehr, sondern arbeitet mit Fleiß und Schick in
den Holzschlägen, und seine Kinder erwerben sich
ihr Brot durch Sammeln von Waldfrüchten, Wurzeln und Kräutern.

Der Mann hat mir gestern ein Bündel gedörrter Blätter gebracht; dieselben wüchsen nur drüben im Gesenke und besäßen eine wunderbare Heilkraft, die auch der jahrelang kränkelnden Aga die
Gesundheit wieder gegeben hätte. Die Lili habe die
Blätter gesammelt und getrocknet und da sei es
ihnen beigefallen, dieselben dem jungen, gnädigen
Herrn Schrankenheim zu schicken; es sei kein Zweifel,
daß er bei entsprechendem Gebrauche des Krautes
genesen würde. Ob ich nicht so freundschaftlich sein
wolle, die Arznei zu übermitteln.

Ich habe es dem Berthold zugesagt.

Alpenroth.

Der Waldsänger ist nun auch verstummt. Sein
ganzes Leben und Sterben ist angelegt, wie ein
rosenprangender Dornstrauch in der Wildniß.

Ich habe seine wunderlichen Worte so gerne
aufgeschrieben; nun lege ich sein Ende nieder in
diesen Blättern.

Der Kropfjodel hat auf der Zahnalm eine
Hirtenhütte. Und in dieser Hirtenhütte hat er zur
Sommerszeit zwei übermüthige Söhne, welche die
Rinder versorgen und zu ihrem Zeitvertreib allerhand Tollheiten begehen. In letzter Zeit hat sich
der Rüppel bei ihnen aufgehalten und ihnen durch
seine wunderlichen Lieder und Strohharfenspiele
Spaß gemacht. Der Alte ist schon völlig verwirrt
und gar zum Erbarmen schwachsichtig gewesen. Und
das ist den Jungen just ein rechtes Spielzeug.
Allerwege ist der Alte der Bock, auf dem sie reiten;
und er läßt es nicht ungerne geschehen; es freut
ihn schier, daß er noch wo Anwerth hat; zu anderen Leuten taugt er nimmer.

Des Abends ist der Rüppel stets in die Hütte
gekommen, hat was zu essen erhalten und die
Nachtruhe auf dem Heuboden.

Da ist es eines frühen Morgens, daß der alte
Rüppel vor der Hütte auf einem thaufeuchten Stein
sitzt. Er spielt auf der Strohharfe und wendet seine
matten Augen empor gegen das Morgenglühen der
Felsen. Gellt ihm jählings ein wüster Schrei in
das Ohr. Er schrickt empor, da stehen die Jodelbuben neben ihm und lachen. Der Alte blickt sie
gutherzig an und lächelt eben auch ein wenig.

„Thust strohdreschen, Rüppel?“ frägt der Veit
und deutet auf die sonderlichen Saiten.

„Und schon so zeitig!“ sagt der Klaus.

Der Alte wendet sich: „Ihr wisset das, von
der Morgenstund?“ Dann legt er die Hände an
die Lippen und lispelt den Burschen vertraulich in’s
Ohr: „Sie hat Gold im Mund!“

„Geh!“ entgegnet der Klaus spottend, „du,
da beißt sie sich ja die Zähne aus!“ — Die Hirten erheben über diesen ihren Einfall ein tolles
Lachen.

„Da, da oben habt ihr’s ja, das Gold, da
oben!“ Der Alte deutet zitternd gegen die glühenden Wände.

„Ja, du Rüppel, das ist wahr!“ sagt der
Veit ernsthaft, „das ist richtig Gold; geh’ nur
hinauf und schabe es herab.“

Der Greis blickt befremdet drein.

„Da kriegst du einen ganzen Korb voll Gold
zusammen, und etwan mehr noch!“ sagt der Klaus,
„da kannst du dir ein goldenes Schloß bauen und
einen goldenen Tisch kaufen und einen goldenen
Wein und eine goldene Frau und eine goldene
Harfe!“

„Eine goldene Harfe!“ murmelt der Rüppel
und seine Augen leuchten auf. Dann fährt er sich
mit der Hand über die Stirne. — Er hat das vom
goldenen Morgen zuerst selber gesagt, aber nur im
gleichnißweisen Sinne des Sprichwortes. — Und
jetzt sollte es wirklich so sein?

„Und das Zeug da gibst du des Graßsteigers
Esel in die Krippe!“ ruft der Veit.

Bei diesem Spott auf seine Harfe soll es wie
der Schatten einer Wolke über des Alten Antlitz
gezogen sein.

„Du Veit!“ droht er, „mein Harfenspiel, das
legt dir nichts vor dein Ziel. Das laß du in Ruh!“

Das Wort reizt die Burschen. „So spielt
man auf dieser Harfe!“ ruft der Veit und fährt
mit der Hand über die Saiten, daß es rauscht und
alle Halme springen. Dann sind sie davongelaufen.

Der Alte sitzt noch eine Weile und bewegt
sich nicht. Er starrt auf die zerrissene Harfe, er
wischt sich mit beiden Händen die Augen, er will
sich aus dem Traume helfen; er kann es nicht
glauben, daß es wahrhaftig sei. Sein Alles und
Einziges haben sie ihm zerstört — sein Saitenspiel.

Erst als oben in den Felsen schon der helle
Sonnenschein liegt, erhebt sich das alte Weißhaupt.
Den Astreifen mit dem Strohgewirre hat er sich
umgehangen, zu den goldigbeleuchteten Wänden hat
er emporgestarrt, und mit schweren Schritten ist er
davongewankt, hinan gegen die Schroffen, über
welche ein Wasserfall stürzt und niederrieselt, im
Sonnenleuchten zu sehen wie flüßiges Gold . . . .

An dem Abende desselben Tages ist es, daß
die beiden Hirten wieder lustig um den Herd ihrer
Hütte wirten, wie sie es gewohnt. Sie kochen
Mehlklößchen, welche sie „Fuchsen“ nennen, da sie
fuchsbraun geröstet sind. Die Herde ist von ihren
Weiden geholt und in die Sicherheit des Stalles
gebracht.

Lustig sind die Jodelbuben allerwege, aber
zum Feierabend am lustigsten. Ist der alte Harfner
in der Hütte, so necken sie diesen; ist er nicht da,
so necken sie sich selbander. Der Harfner ist heute
noch nicht da, so hüpft der Klaus wie ein Affe
dem Veit auf die Achseln, reitet auf dessen Nacken,
läßt ihm die Beine vorne herabhängen und ruft:
„Esel, wer reitet?“

„Einer über dem andern.“

So treiben sie es. Dann verzehren sie ihre
Mehlfuchsen und mit dem Pfannenruß streichen sie
sich Schnurrbärte an. Nach einem Schnurrbart
geht ihr Sinn, und ein Mägdlein möchten sie
küssen, weil das — nach dem Sprüchwort — den
Bartwuchs fördert. — Der alte Rüppel könnt’
aus seinem Bart Silbersaiten spinnen für die
Harfe.

Heute ist der Alte noch nicht da; hat ihn
etwan doch der Spaß am Morgen verdrossen? —
Die Burschen mögen davon nicht reden. Eine gelinde Reue verspüren sie, und ein Stück Mehlfuchs
thun sie in eine Holzschüssel und tragen die Holzschüssel auf den Heuboden und stellen sie auf die
Lagerstätte des Alten. Dabei faßt sie schon wieder der
Schalk; sie verrammeln das Lager mit Rechen und
Heustangen. — Und nun wird der Alte kommen
und sich die Nase anrennen und rechtschaffen brummen und zuletzt auf den Mehlfuchs stoßen. Und
der Mehlfuchs wird ihn für Alles versöhnen.

Die Burschen haben in derselbigen Nacht
prächtig geschlafen. Und als sie erwachen, sind in
den Wandfugen schon die goldenen Saiten des
Morgens gezogen.

Das Lager des Alten aber und das Mehlgericht ist noch unversehrt und verrammelt mit Rechen
und Heustangen.

Der Klaus geht zu der Herde; der Veit geht
in das Freie. Und das ist heute wiederum eine
Morgenfrühe! Frisch und klar und thauig die Almen
und Wälder, der Himmel reingeküßt von Morgenluft. Und hoch auf den Zinnen des nahen Felsgewändes leuchtet die Sonne. Ein Vöglein wirbelt
übermüthig auf dem Giebel der Hütte, und der
Brunnen plätschert lustig in den Trog.

Der Veit geht zum Brunnen. Die Aelpler
waschen sich des Morgens Hände und Gesicht so
gerne am kalten Quell. Das schwemmt sofort
alle Schläfrigkeit hinweg, und macht Auge und
Herz heiter — heiter wie der junge Tag. Veit
kraut mit den Fingern emsig sein wirres Haar zurecht und hält die beiden Hände unter die sprudelnde Rinne. Wohl thut die rieselnde Kühle, Veit!
Aber — da spinnt sich im Wässerlein heran ein
blutrother Faden, und er schwimmt und schlingelt
und ringelt sich in der hohlen Hand. Erschrocken
zieht der Bursche die Arme zurück und starrt in die
Rinne, auf der ein zweites, drittes Fädchen und
Fäserchen heranschwimmt, und er starrt in den Trog,
wo die Fäden und Fasern sich winden und einen
und theilen und lösen.

Veit eilt in den Stall: „Klaus, komm’, es
sind heut’ so Dinger im Wasser!“

Klaus kommt und sieht und sagt halblaut:
„Das ist Blut!“

„So ist da oben eine Gemse in’s Bächlein
gestürzt,“ versetzt Veit.

„Aber, daß der Rüppel nicht da ist!“ sagt
der Klaus, und ein wenig später setzt er bei: „der
thät’s leicht kennen, ob es Gemsenblut.“

Der Veit ist todtenblaß; „Klaus,“ sagt er,
„steig’ mit hinauf in die Schlucht!“

Sie sind dem Wässerlein entlang gegangen;
es rieselt wieder klar.

Tiefer und tiefer steigt die Sonne nieder an
den stillen Felsen; höher und höher und mit jedem
Schritte hastiger steigen die beiden Burschen empor
und zwängen sich durch enge, schattige Schluchten,
wie sie das Wasser in wildem Wettertoben gerissen,
oder in ruhigem Zeitenlaufe gehöhlt hat. Die Burschen sagen kein Wort zu einander, sie winden sich
durch wildes, thaunasses Himbeergesträuche und
Knieholz; sie klettern an den schroffen Wänden
hin; sie hören ein Rauschen. Sie kommen der Stelle
nahe, wo das Wässerlein wie ein Goldband über
die sonnige Wand stürzt.

„Da ist ein Strohhalm,“ sagt der Klaus
jählings. Es sind zwei aneinandergeknüpfte Halme.
Und daneben liegt der Reifen aus Tannengeäste.
An den Gestrüppen des Hanges hängt mancher
Halm zerrissen und zerknittert und darunter in der
Tiefe des Grundes –

In der Tiefe ist der alte Mann gelegen.

Der Kopf ist zerschmettert; in der linken Hand
hält er starr gepreßt den Zweig eines Alpenrosenstrauches. Über die Rechte rieselt das Wasser.

So haben sie ihn gefunden. Wer kann es
sagen, wie der alte Mann verunglückt ist? Etwan
hat er da oben nach dem Golde des Alpenglühens
gefahndet, auf daß er sich eine neue, goldene Harfe
erwerbe. Und da ist der mühselige Greis herabgestürzt über das Gewände in die Schlucht. Noch
im Fallen hat er sich halten wollen am Rosenstrauche. – Und das ist des Waldsängers Ende.
Ein glühendes Röslein prangt am gebrochenen
Zweig in der Hand des Todten.

An diesem Fronleichnamsfeste haben wir ihn
in die Erde gelegt. Gar viel Leute sind nicht dabei
gewesen. Aber die Waldvögelein auf den Wipfeln
des Schachens haben ihrem Sangesbruder ein helles
Schlummerlied gesungen.

So arm hat Keiner geschienen in den Winkelwäldern als dieser Mann, und so reich ist Keiner
gewesen. Das allwaltende, allumfassende und unfaßbare heilige Sängerthum des Volkes hat in
diesem seltsamen Manne seine Verkörperung gefunden.

Auf Vater Pauls Grab steht ein Kreuz
aus dem Holze einer uralten Tanne. Auf des
Sängers Hügel pflanze ich einen jungen, lebendigen Baum.

Mit den Jodelbuben haben wir ein Elend.
Sie wollen oben in der Almhütte nicht mehr
bleiben; sie sollen in den Nächten ein ewiges
Klopfen und Stöhnen auf dem Heuboden vernehmen. Mitten im Sommer muß der Kropfjodel
abtreiben und die Hütte sperren. Der Veit will
sich an keiner Quelle mehr waschen. Er sieht in
jedem Brunnen Blutstropfen, die sich anklagend an
seine Hand wollen legen. Es ist dieselbe übermüthige
Hand, welche die Harfe des Alten zerbrochen.

Die Schule ist auf einige Wochen geschlossen.
Die Kinder helfen bei der Ernte; diese ist spät
reif geworden und muß nun noch vor dem Frost
gewonnen werden. Oben auf den Felsenhöhen gibt
es schon Schneestürme.

Ich hätte doch wieder einmal hinaufsteigen
mögen auf den hohen Berg, auf daß ich könnte
hinausblicken. Ich lebe gar so vereinsamt in mich
hinein. Die Alten sind mir weggestorben; die Jungen habe ich erzogen, aber nicht zu meinen Genossen. Ich bin ihr Schulmeister. Den Schulmeister
lassen sie in Frieden ziehen, und wenn er, alt und
grau, auf seinem einschichtigen Bänklein sitzt, so
meinen sie, ein Schulmeister müsse so sitzen.

Der neue Pfarrer ist ein junger Mann, der
schickt sich besser für sie; der thut mit im Wirtshaus und auf der Kegelbahn. Als er sich letztlich
aus der Kreisstadt das neue Meßbuch verschrieben,
hat er auch Spielkarten kommen lassen.

Der Lazarus und sein Weib, die Juliana,
sind Besitzer des Graßsteigerhofes; sie setzen das
Wirtshaus fort, handeln mit Tabak und allerhand
Kleinigkeiten. Gar ausländische Kleiderstoffe sind
bei dem Graßsteiger zu haben. Es gibt Leute in
der Gemeinde, die nicht mehr mit den Loden- und
Zwilchjacken Vorlieb nehmen, die was Besonderes
am Leibe haben wollen; so aus Spaß, sagen sie
heute noch. Aber ich achte, die Sucht bekommt bei
Zeiten einen andern Namen.

Manchmal durchstreifen, wie voreh, Häscher
unsere Gegend, um Schwärzer und Soldatenflüchtlinge einzufangen.

Ich erzähle die Dinge wieder nur meinen geduldigen Blättern; sie bewahren die Geschehnisse
länger in Erinnerung, als ich und ganz Winkelsteg.
Es ist mir Pflicht geworden, unsere Schicksale aufzuzeichnen. Dereinst werden andere Menschen sein;
sie sollen auch von uns wissen.

Zuweilen kommt Hagel und großes Wasser
und vernichtet die Ernten und schleudert die strebsamen Ackerbauwirte in der Entwicklung ihres
Wohlstandes auf Jahre zurück.

So auch wieder in diesem Jahre. Die Leute
dörren nun das Stroh, bringen es in die Mühle
— es sind deren ein halb Dutzend im Thale —
und das wird das Brot für den Winter sein.

In meinem Leben ist kein Wettersturm und
kein Sonnenschein.

Aber ich will mein Frühjahr und meinen
Sommer haben, und jetzt habe ich zu meiner Wanduhr eine Vorrichtung gemacht. Die Metallschelle des
Schlagwerkes habe ich weggethan und dafür aus
zwei Blättchen und einer Feder ein Ding zusammengethan, das zu jeder Stunde den Wachtelschlag
nachahmt. Hier in der Gegend hört man die
Wachtel kaum alle drei Jahre einmal; aber in
meiner Stube bleibt es nunmehr Sommer zu allen
Jahreszeiten. Ich und die Kinder haben eine rechte
Freude daran.

Da draußen im Holdenschlager Graben, durch
den jetzt eine neugebaute Straße zieht, dort, wo
die Winkelsteger Gemeinde begrenzt ist, haben die
Bauern ein Wetterkreuz setzen lassen. Es hat drei
Querbalken, an denen die bildlichen Leidenswerkzeuge
des Herrn ragen. Das Kreuz wird als Schutz gegen
böse Wetter hoch verehrt. Der uralte Schwammelfuchs aber meint, dasselbe sei mehr schädlich als
nützlich; es lasse die bösen Wetter, die ja alle vom
Zahn herabkämen, nicht weiter, und so müsse es
sich über Winkelsteg entleeren.

Auf die Meinung des Schwammelfuchs hin
haben die Bauern das Wetterkreuz richtig niederreißen lassen. Hingegen haben nahe an derselben
Stelle die Holdenschlager ein ganz ähnliches aufgestellt, auf daß die Gewitter hier gebannt und
nicht hinaus auf ihre Felder sollen gelangen können.

Jetzt sind die Winkelsteger in doppelter Verlegenheit und ich, — ihr Lehrer, mit ihnen.

Schulhalten und nichts als Schulhalten, und
die Hirngespinste unter diesen Filzhüten sind nicht
umzubringen. Schulhalten! es ist viel, und dennoch
ist es ein thatenloses Leben. Wie ist das anders
gewesen zur Zeit, als wir die Gemeinde erweckt
haben! — Es gäbe auch heute noch genug und
übergenug zu schaffen und zu erschaffen; aber der
alte Pfarrer ist gestorben und der neue schiebt mich
bei Seite.

Ich bin so alt noch nicht und thäte noch arbeiten. Ein par Stunden schulhalten, Schreibbogen
liniren, Federn und ein saueres Gesicht schneiden,
ein wenig Brennholz klieben und die par Geschäftchen in der Kirche, das macht meinen Kopf leer
und meine Zeit nicht voll.

Der Schlaf ist bald satt und wenn ich, bis
die lange Nacht vergeht, im Bette müßig liege,
so ist das noch das Allerschlechteste. Da kommen
mir Gedanken zum Närrischwerden — alte Zeiten,
alte blüthenzarte Gesichter und todtenblasse — ja
zum Närrischwerden. Und dann höre ich eine
Stimme: ich hätte meinen Weg verfehlt, könnte
in Glanz leben und sehr glücklich sein . . . .
Aufspringe ich vom Lager, die Geige reiße ich
von der Wand und hebe an zu scharren an den
Saiten, auf daß ich die Gespenster wieder verscheuche.

Und die Saiten, die wissen mir besseren
Trost; sie flüstern, ich möge zufrieden sein, ich hätte
das Glück gehabt, ersprießlich für das Allgemeine
zu arbeiten; ich hätte den Hang, stets der Vollkommenheit meines eigenen Wesens zuzustreben; ich
hätte die Herrlichkeit der Schöpfung um mich, ich
hätte die Geister aller großen Menschen in meinen
Büchern versammelt. Ich würde noch Manches nach
meinen Kräften wirken und dereinst mit Befriedigung die Augen schließen.

Ich habe mir wieder, wie seiner Tage einmal, aber ernstlicher vorgenommen, in meinen freien
Stunden des Sommers mich mit der Pflanzenwelt
abzugeben, sie wissenschaftlich zu zerlegen und zu
betrachten. Aber wie geht es mir dabei? Da habe
ich heute ein Pflänzlein gefunden, gepflückt und hier
auf meine Mappe gelegt.

Mich reut der Mord. Es ist so frisch und
hold gestanden am Rain und hat seine kleinen
Arme ausgestreckt, den lieben Sonnenschein zu
umarmen. O, zürne mir nicht, du liebholdes Wesen,
du bist in deiner Jugend gestorben, es hat dir ein
Menschenauge gelächelt, es hat dich ein Menschenherz geliebt . . . .

Und so geht es mir. Zu schluchzen hab’ ich
angefangen, ich altes Kind. Und das heißt Pflanzenkunde treiben? — Andreas, für die Wissenschaft
bist du verloren ganz und gar; du bist ein
Träumer.

Letztlich habe ich wieder einmal das Zeichnen
versucht, habe eine Karte von den Winkelwäldern
gemacht. Hätte ich nur auch die Meßkunst gelernt;
das gäbe jetzt ein anregendes und nützliches Geschäft. Denn diese Gegend muß nun doch auch der
Welt zurechtgelegt werden.

Waldlilie im Srr.

Jählings ist was Unvorhergesehenes gekommen.

Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben
von meinem einstigen Schüler, unserem jetzigen
Herrn. Hermann schreibt mir, daß er jene Kräuter,
die ich ihm von einem Holzer gesandt, richtig verwendet habe und seither eine große Linderung in
seinem kränklichen Zustande empfinde. Dieser Umstand habe ihn auf den Gedanken gebracht, das
Gebirge, welches er bisher ohnehin noch nicht kenne,
zu besuchen und in der milden Frühherbstzeit einige
Tage daselbst zuzubringen. Er beabsichtige ganz
allein zu reisen, denn die Menschen, namentlich die
Städter, seien ihm unsäglich zuwider; das sei wol
eine Eigenheit seines abgespannten Zustandes, aber
er könne sich derselben nicht entschlagen. An den
Reichthümern der Welt habe er sich krank genossen,
in der Ursprünglichkeit der Alpen, in ihren Wildnissen wolle er Heilung suchen. — Er erinnere sich
noch an mich, seinen ehmaligen Lehrer; er erinnere
sich auch meiner Verdienste um die Winkelwäldler,
und er bitte mich nun, ihm im Gebirge ein Führer
zu sein und mich an dem bestimmten Tage in der
Ortschaft Grabenegg einzufinden.

Grabenegg, eine gute Tagereise von hier
entfernt, ist keine Ortschaft; es sind nur einige
Steinschlagerhütten, die an der Zillerstraße stehen
und von einer dort auslaufenden Bergschlucht den
Namen haben.

Ich habe mich denn an dem bestimmten Tage
in Grabenegg eingefunden, habe dort den Waldherrn erwartet, der in einem gemietheten Wagen
auch richtig angekommen ist. Dann bin ich mit ihm
weiter gegen das Hochgebirge gefahren.

Der Herr hat mich völlig erschreckt; ich habe
ihn schier nicht mehr erkannt, aber er hat mich auf
den ersten Blick als den Andreas begrüßt. Sein
Gruß ist höflich und kalt gewesen, und der arme
Mann ist lebenssatt.

Bis zum ersten Felsenthore führt der Fahrweg.
Hier hat der Herr das Fuhrwerk zurückgeschickt, und
wir sind auf rauhen Steigen, wie sie das Hochwild
getreten, in die Wildniß hineingegangen, auf deren
wilden Höhen die Eisfelder liegen. Der Herr ist
vorangeschritten, fast finster und trotzig, zuweilen
mit der Begier des Jägers, der dem Hirsch auf der
Fährte ist. Ich habe nicht gewußt, wohin und was
der Mann will; er auch nicht. Ich habe gewaltige
Angst gehabt, daß wir für die Nacht kein Obdach
finden könnten, habe dem Herrn dieses Bedenken
mitgetheilt; er hat darüber eine helle Lache geschlagen und ist weiter gestürmt.

Da ist mir jählings der Gedanke beigefallen:
Andreas, du wanderst mit einem Irren! — Wäre
der graue Zahn vor mir niedergestürzt, sosehr hätte
mein Herz nicht erbebt, als in diesem Gedanken.

Ich habe gefleht und gewarnt, ich habe ihn
nicht zu halten vermocht; nur an Hängen ist er
stehen geblieben, hat einen Blick in den Abgrund
gethan, um sofort wieder weiter zu eilen. Alle
Glieder haben ihm gezittert, große Tropfen sind ihm
auf der Stirne gestanden, als er in der Abenddämmerung an einer Felsenquelle zusammengebrochen ist.

Ich habe in derselbigen Stunde meinem lieben
Gott Alles, Alles versprochen, wenn er uns ein
Obdach finden ließe. Er hat mich erhört. Unweit
der Quelle habe ich in der Kluft zweier Wände
eine Klause entdeckt, wie solche gerne von Gemsjägern aufgerichtet und zum Schutze benützt werden.

Und unter diesem Dache, mitten in den
Schauern der Wildniß ist ein Feuer angemacht
und dem Freiherrn aus Moos und Strauchwerk
eine Ruhestätte bereitet worden.

Wir verzehren, was wir bei uns haben und
trinken Wasser. Als das Mahl vorüber ist, lehnt
sich der Herr aufathmend an die Mooswand und
haucht: „Das ist gut! das ist gut!“

Und nach einer Weile richtet er sein Auge
auf mich und sagt: „Freund, ich danke Ihnen,
daß sie bei mir sind. Ich bin krank. Aber hier
werde ich genesen. Das ist ja das Wasser, von
dem der angeschossene Hirsch trinkt? — Ich hab’
es toll getrieben — sehr toll! Ist kein Spielzeug,
der Mensch. Schließlich bin ich zum Glücke den
Aerzten entkommen. Ich mag in keinem Metallsarg
liegen, er riecht nach Prunk, nach Gold und Seiden, nach erkünstelten Thränen — pfui!“

Zu meinem Troste ist er bald eingeschlummert. Ich habe die ganze Nacht gewacht und auf
Mittel gesonnen, den armen, kranken Mann unter
Menschen zu bringen. Wir sind weit ab; wollen
wir nach Winkelsteg, so müssen wir über das
Gebirge.

Am andern Morgen, als ich bereits ein neues
Feuer angemacht habe und als schon die Sonnenstrahlen durch die Fugen blicken, erwacht der Mann,
übersieht anfangs wie staunend seine Lage und
sagt: „Guten Morgen, Andreas!“

Hierauf hebt er sogleich an, sich reisefertig zu
machen.

„Ich will auf den hohen Berg hinaufsteigen,
den sie den grauen Zahn heißen,“ versetzt er, „ich
will diese Welt einmal von oben ansehen. Begleiten
Sie mich und machen Sie, daß wir noch einen
oder zwei Männer mitbekommen. Haben Sie keine
Sorge meinetwegen; mir ist besser. Gestern ist ein
böser Tag gewesen. Wie friedlos und heimatlos bin
ich durch die wüsten Gegenden gezogen, ohne Ziel.
Mir selber hätte ich entrinnen mögen, wie ich denen
da draußen entronnen bin. Der ganze Jammer
meines Elendes war über mich gekommen. Aber
diese Luft heilt mich — oh, diese reine, heilige Luft!“

Als wir aus der Klause treten, müssen wir
die flachen Hände über die Augen halten. Es ist
ein mächtiges Leuchten. Die Aeste des Tanns sind
goldig roth und in den Schatten des Geflechtbodens zittern Thautropfen. Viele davon trinken
schon von den glühenden Quellen der durch das
Geäste rieselnden Sonne. Auf den Wipfeln jauchzen die Vogelschaaren. Eichhörnchen hüpfen herum
und lugen nach Morgenbrot und Gespielen. Eine
junge Buche wiegt ihre reisigen Blätter im milden
Hauche des Morgens.

Da lächelt Hermann.

Wir schreiten weiter. Wie lichtes Nebelgrau
schimmert es uns zwischen den finsteren Stämmen
entgegen. Ein fast kalter Lufthauch zieht. Da lichtet
sich jählings der Wald und jeder Baum am Rande
streckt seine Arme aus — weist lautlos vor Ehrfurcht ein wunderbares Bild.

Ein stiller See liegt da, weit hingedehnt,
blau, grün, schwarz — wer kennt die Farbe? An
den Ufern der Morgenseite erhebt sich über graues
Gestein der hohe, dunkle Bergwald, mild umschleiert
von den Lichtfäden der Sonne. An dem gegenüberliegenden Strande baut sich eine ungeheuere Felswand, hinter der sich Höhen und Höhen, Hänge
und Hänge schichten, bis hinan zu den höchsten
Riffen und Zinnen und Zacken am Saume des
blauen Himmels. Mannigfaltig und herrlich über alle
Beschreibung zieht sich das Hochgebirge hin in einem
ungeheueren Halbrund. Hier unten noch Lehnen,
Rasen und sammtgrüne Filze der Wachholdersträuche.
Dann die milchweißen Fäden der niederstürzenden
Wasserfälle, deren Tosen von keinem Ohre vernommen in den Räumen der Lüfte verhallt. Dann
die Geröllfelder, die Schuttriesen, jedes Steinchen
klar gezeichnet in der reinen Luft; dann Klüfte mit
Schatten, mit Schründen, mit Schnee; dann verwitterte Felsgestalten, wüst und hochragend, dämonenhaft in ihrer Ungeheuerlichkeit und ewigen Ruhe.

Ein Steinadler schwingt sich im Blau, jetzt
wie ein schwarzer Punkt, jetzt wie ein silbernes
Blättchen umkreist er eine Felsenspitze. Und in den
fernen Höhen aufgerichtet, sanft lehnend, lichte
Gletscher und röthlich leuchtende Tafeln der Wände,
in welchen stetig meißelt der Griffel der Zeit, um
einzugraben in den Bau der Alpen die ewige Geschichte und die ehernen Gesetze der Natur . . . .

Ich sehe es noch, sehe Alles noch vor meinen
Augen — es ist der See im Gesenke mit dem
Bergstocke des grauen Zahn.

Ich habe Aehnliches schon geschaut, und dennoch hat mich die Herrlichkeit hingerissen. Der Freiherr aber steht da wie ein Stein. Seine Augen
haben sich verloren in dem unendlichen Bilde; seine
Lippen saugen bebend die Seeluft ein.

Darnach sind wir hinabgestiegen zu den schattigen Ufern des Sees. Hier plätschert das Wasser
an den stumpfkantigen Steinen.

„Der See kann auch wild sein,“ hat hier der
Herr bemerkt, „sehen Sie, wie weit den Hang
hinan die Steine glatt geschwemmt sind.“

Aus diesen Worten habe ich ersehen, daß Hermann ein verständiges Auge für die Natur besitzt.
— Freilich, freilich kann dieser See ein wüster Geselle werden, so mild und lieblich er heute ruht. —
— — Und jetzt kommt jählings das Wundersame,
dort unten, wo das Gebüsche der Wilderlen in den
See taucht — dort guckt ein Menschenhaupt aus dem
Wasser hervor! Es hebt sich das Haupt und von
den braunen, langen Locken und von dem blühenden Antlitz rieseln die Tropfen der Fluth. Hals
und Nacken sind ein wenig sonnengebräunt, aber
die sanftgebauten, wiegenden Achseln schimmern
durch das Wasser wie schneeweißer Marmor. Ein
junges, schönes Weib, eine Wasserjungfrau! Weiß
Gott, ein Dichter könnt’ Einer werden, wahrhaftig!
— Und es hat sich noch mehr zugetragen.

Der Waldherr ist kurzsichtiger als ich, und
hat sich dem Bilde genähert; in demselben Augenblicke ist die Gestalt untergesunken und nur die
Erlen haben gefächelt über dem Wasser und sonst
haben wir nichts mehr gesehen.

Hermann starrt mich an. Ich starre in den
See. Der wirft im Hauche sanfte Reifen, schwarze
Linien, ist hier spiegelglatt, dort zitternd und rieselnd. Und das Haupt taucht nicht mehr hervor.

Minuten vergehen. Ich spähe mit Herzklopfen
nach dem badenden Wesen; wer weiß, ob es schwimmen kann? Mir fährt es durch den Kopf: Wie,
wenn sich das Mädchen aus Schamgfühl im Wasser
vergräbt?

Nach einer Weile der Angst und Noth habe
ich das athemlose Kind aus den Wellen hervorgezogen. — Mit der wenigen Erfahrung, die uns
zu Gebote steht, haben wir sein Leben wieder erweckt, sein siebzehnjähriges Leben. Und siehe das
wildscheue Wesen! Kaum erwacht und von unseren
Händen bekleidet, hat ihm die Angst Kraft geliehen,
ist es aufgesprungen und hingeflohen am Waldhange.

Der Herr hält sich den Kopf mit beiden Händen.
„Andreas!“ ruft er, „mein Uebel kehrt wieder; ich
habe Erscheinungen, eine Fee habe ich gesehen!“

„Das ist keine Fee,“ gebe ich ihm zur Antwort, „das ist die Tochter jenes Holzers, der dem
gnädigen Herrn die Kräuter geschickt hat.“

Die Waldlilie ist es gewesen.

Heute ist der Herr mit dem Schimmel des
Graßsteiger davongefahren.

Aus der Besteigung des Zahnes ist nichts geworden. Als uns am See die Waldlilie entschwunden gewesen, hat Hermann gesagt: „Mein Schicksal
ist erfüllt; ich steige nicht auf den Berg. Führen
Sie mich in Ihr Winkelsteg, Andreas.“

Und in Winkelsteg ist er drei Tage verblieben,
hat unsere Einrichtungen betrachtet und zum Theile
belobt, hat sehr viel von unserem Wasser getrunken.
Die Leute haben es nicht glauben wollen, daß das
der Waldherr sei; ein Weiblein hat gemeint, der
Waldherr müsse einen goldenen Rock tragen, und
dieser Mann hat einen aus grauem Tuche. Sein
Gesicht ist wie mit Aschen bestreut, aber unter der
Asche merke ich Funken. Vor wenigen Tagen habe
ich gesagt, er sei lebenssatt; heute meine ich schier,
er sei lebenshungerig. Es ist recht seltsam. Gestern
hat er den Berthold zu sich gerufen, daß er das
Heilkraut bezahle.

Der Rothbart ist längst versetzt; so ist der
Berthold Förster in den Winkelwäldern geworden
und wohnt nun mit den Seinen im Winkelhüterhause. In wenigen Tagen wird die kirchliche Trauung des Försters mit dem Weibe Aga still vollzogen werden. So hat es der Herr angeordnet. Zu
tausendmal freut es mich: Hermann hat eine kerngesunde Seele; ein Kranker kann so rasch und
sicher nicht handeln. Aber ein seltsamer Mensch ist
er doch. Ehe er davonfährt, kommt er zu mir in
das Schulhaus, zieht mich zu sich auf eine Bank
nieder und sagt: „Schulmeister! sie hat ihr Magdthum höher gehalten, als ihr Leben; hätte ich denn
geglaubt, daß es ein solches Weib gibt auf Erden?
Da unten in den Palästen wohnen die Schamlosen
und Gefallsüchtigen. Mir haben sie arg mitgespielt.
O, mir ist Alles da draußen zum Ekel geworden.
Sie, Erdmann, haben voreinst die Welt von unterherauf gesehen, kennen gelernt und sind davon satt
geworden. Ich habe die Welt von oben hinab
durchschaut. Das ist eine ganz neue Seite, voll
Glanz und Pracht, aber so niederträchtig wie die
andere. Mir ist nichts Außerordentliches widerfahren, Erdmann, ich habe nur gelebt und bin
unglücklich gewesen. Ich gehöre auch herein in diesen Wald — Andreas — ich gehöre auch herein!
Aber ich muß wieder zu meinem alten Vater. Gott
bewahre, daß ich sie mit mir nehme! glückselig,
daß sie die Welt nicht kennt! Ihnen vertrau’ ich
sie, Schulmeister. Hat sie das Bedürfniß, Einiges
zu lernen, so lehren Sie sie; hat sie das Bedürfniß
nicht, so ehren und bewachen Sie sie, wie eine
wilde Lilie im Wald. — Und bewahren Sie das
Geheimniß, Schulmeister. Wenn ich genesen kann,
so werde ich wiederum kommen.“

Und nachdem er mit seinen mächtigen Worten
die großen Aenderungen vollzogen hat, ist er mit
dem Knecht und Schimmel des Graßsteiger gegen
Holdenschlag gefahren.

Andere hat das Leben, wie es unser junger
Herr geführt, zu Grunde gerichtet; ihn hat es zum
Sonderling gemacht. Sein tiefangelegtes Wesen ist
zwar erschüttert, aber nicht gestürzt worden.

An demselben Tage, als des Morgens Hermann von hier abgereist ist, sind drei Steckbriefe
angekommen. — Der junge, gnädige Herr von
Schrankenheim, seit längerer Zeit schon an einer
großen Schwermut leidend, sei in Verlust gerathen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach sei er in das Gebirge
gezogen, denn er habe sich mit Kleidern versehen,
wie sie Bergreisende tragen. — Und nun sind die
Kleider, ist mein ganzer, lieber Zögling Hermann
beschrieben gewesen, so genau wie ein entsprungener
Sträfling.

Gut, er wird ja zurückkehren. Er hat seine
Waldbesitzungen bereist, was weiter? Sollt’ er denn
just in der Weise der Reichen reisen? Sollte ein
Schrankenheim denn niemals aus seinen Schranken
treten dürfen?

Das ist einmal ein Herr für Winkelsteg, Gott
sei Dank!

Und mir ist Heil widerfahren, ist ja doch der
Berthold und seine Familie gerettet. Ich habe die
Leute so schwer auf meinem Gewissen getragen.

Die unklaren Worte unseres Waldherrn, die
er mir bei seinem Abschiede gesagt, sind zum Theile
klar geworden. Die Waldlilie besucht das Schulhaus und wir üben uns im Lesen und Schreiben
und Allem, was daranhängt, so weit ich selber
Bescheid weiß. Sie ist gar fleißig und gelehrig,
kann selbstständig denken und wird von Tag zu
Tag schöner.

Für’s Erste ist sie in ihren Namen hineingewachsen und hat etwas von einer Lilie an sich;
so schlank und weiß und mild, und doch verspürt
man auf ihren runden Wangen und auf ihren
frischen Lippen den Kuß der Sonne. Für’s Zweite
ist ihr von den Rehen jener langen Winternacht
was geblieben, die anmutige Behendigkeit und das
Auge . . . .

Du, Andreas! Siehst du jeden deiner Schüler
so genau an?

Ja, sie gefällt aber Allen.

Sie gefällt den Armen, denen sie beizustehen
weiß. Manchen Traurigen hat sie schon getröstet
durch ihre milden, warmherzigen Worte; manchen
Verzagten hat sie erheitert durch ihren liebholden
Gesang. Und es ist zu herzig, alle Kinder von
Winkelsteg kennen die Waldlilie und hängen ihr
an. Thät’ nur der Pfarrer noch leben, der hat an
so Leuten seine Freude gehabt.

Und ritterlich ist das Mädchen, trutz wilder
Thiere und böser Leute steigt sie im Gebirge umher,
um Früchte und Pflanzen zu sammeln. Es steht ja
geschrieben auf ihrer Stirne: „Machtlos ist vor
dir alles Böse!“

Letztlich bringt sie mir eine blaue Enziane
mit hochrothen Streifen, wie solche nur drüben im
Gesenke wachsen.

„Bist du wieder am See gewesen, Lili?“
frage ich. Da wird sie roth, wie die Enzianstreifen
und lauft davon.

Etwan hat sie es gar nicht gewußt, daß ich
einer jener Männer bin, von denen sie in ihrem
Wildbade überrascht worden, vor denen sie sich in
ihrer Noth dem Verderben in die Arme gestürzt,
und von denen sie der Eine an’s trockene Land
gezogen hat?

Der Vorfall muß ihr wie ein Traumbild
sein, er möge nie mehr erwähnt werden.

Aber von dem feinen Waldherrn, der ihre
Familie aus Noth und Armut gezogen, spricht sie
mit Freude und Begeisterung.

Es hat sich erfüllt. Die Anzeichen sind in der
Luft gelegen seit jenem Tage im Vorsommer, an
welchem Hermann, wie neu erwacht zum kräftigen
Manne, in Winkelsteg wieder angekommen ist und
als sein Erstes mich nach der Waldlilie gefragt hat.

Er findet keinen Gefallen mehr an den lauten,
schwelgenden Kreisen, von so Vielen die „Welt“
genannt, aber nichts weniger, als die Welt bedeutend. Den gefährlichen Wendepunkt hat er glücklich
überstanden. Er ist nun eingetreten in das gereifte
Leben, in welchem man nach der Schönheit der
Schöpfung und nach dem inneren Werthe des Menschen frägt. — Die Waldlilie ist eine wundersam
schöne Jungfrau geworden, und meine Mühe um die
Ausbildung ihrer Seelenanlagen ist herrlich belohnt.

So hat es sich erfüllt. Der Schrankenheimer
hat seine Schranken durchbrochen. Vor zwei Tagen,
am Feste der Himmelfahrt des Herrn, ist in unserer Kirche der Waldherr mit der Waldlilie getraut worden.

Hermann hat drüben am See im Gesenke ein
Sommerhaus bauen lassen wollen, um mit seiner
Gattin alljährlich einige Frühherbstwochen daselbst
zu wohnen. Aber die Waldlilie hat ihn gebeten,
das zu unterlassen. Sie liebe jene Gegend, aber sie
könne den See nicht besuchen.

Sie haben uns verlassen und sind davongezogen
in die schöne Stadt Salzburg.

In Einöde und Einförmigkeit vergehen die
Jahre; warum nennt mich Niemand den Einspanig?

Die junge Frau hat sich seither doch besonnen,
am See im Gesenke steht das Sommerhaus. Da
geht es in den Wochen des Frühherbstes gar lebendig zu, und die Bergwände bewachen das Familienglück unseres Herrn.

Der Förster und Großvater mit seinem Weibe
wohnt jahraus jahrein in dem Hause am See;
und die Geschwister der Frau von Schrankenheim
dürfen auf ein besseres Los hoffen, als jenes, von
dem ihnen an der Wiege ist gesungen worden.

Der alte Herr von Schrankenheim hat noch
zwei Enkel gesehen, ehe er zu Salzburg im Winter
des Jahres 1840 verstorben ist.

Winkelsteg hat durch das Haus im Gesenke
nichts gewonnen. Dorthin ist eine gute Straße gebaut worden, von dort aus werden die Wälder bewacht
und die Arbeiten geleitet. Dorthin kommen die Besuche
fremder Herrschaften, dort werden die großen Jagden
angestellt. Das Haus in dem voreh so öden und
verrufenen Gesenke ist das Herrenhaus; und
Winkelsteg bleibt die arme Bauern- und Holzschlägergemeinde, und die Zustände zu Winkelsteg werden
nicht besser, und der Schulmeister zu Winkelsteg . . . .

Laß das gut sein, Schulmeister.

Heute Nacht ist dem Reiterbauer in den Karwässern ein Knäblein geboren worden. Sie haben
es zur Taufe gebracht. Da der Pfarrer auf einige
Tage verreist und das Kind schwächlich ist, so habe
ich ihm die Nothtaufe gegeben. Auf den Wunsch
des Vaters bin ich gleich auch der Pathe gewesen.
Die drei lieben Herrgottsgroschen, meine Erbschaft
von der Muhme, vormaleinst auch mein Pathengeschenk, jetztund soll sie der kleine Peter haben.

Als ich in den Wald gekommen bin, habe ich
die Menschen zerstreut, verkommen, ungezählt gefunden. Heute sehe ich ein neues Geschlecht.

Um die Kirche steht ein Dorf. Um das Dorf
stehen Aepfel- und Birnbäume und tragen Früchte;
in allen Winkeln ist versucht worden, aus Wildlingen Edelbäume zu ziehen; großentheils ist es
gelungen.

Zum Sonntag kommen schmucke Menschen aus
allen Gräben. Die Männer tragen als Eigenart
schwarze Knielederhosen und grüne Strümpfe; die
Weiber bauschige Sammtspenser und wunderspaßhafte Drahthauben mit Vergoldung und Bänderwerk. Das ist keine Kleidung mehr, wie sie im
Walde wächst. Sonst haben sie die Leinwand von
ihren Flachsäckern, den Loden von ihren Schafen,
das Schuhleder von ihren Rindern, die Felle und
Pelze von ihrem Wildstande getragen; heute streichen Hausirer in den Winkelwäldern um, schleppen
werthvolle Rohstoffe fort und lassen Prunk und
Flitter dafür da. „Aus Spaß“ haben die Leute
anfangs die neuen unzweckmäßigen Dinge genommen,
heute haben sie sich hineingelebt und die Sach’ ist
zum Bedürfniß geworden.

Die Jungen sind wol weit vielseitiger, als die
Alten, aber auch weit anspruchsvoller; auch haben
sie mir zu wenig Sinn und Ehrfurcht für das
Alte, aus dem sie hervorgegangen sind. Nur den
Tabak rauchen sie, und den Branntwein trinken sie
noch, wie es die Alten haben gethan.

Was kann der alte Schulmeister allein machen?
Ach, lebte der alte Pfarrer noch!

Der kleine Reiter Peter, mein Pathenkind, ist
ein ganz holder Junge; aber es ist ein großes
Unglück mit ihm geschehen, er hat durch einen Fall
aus dem Bette die Stimme verloren.

Gerne wollte ich ihm die meine überlassen,
für mich hat sie keinen Anwert mehr. Meine
Stimme ist heiser geworden, da wird nicht mehr
auf sie geachtet.

Ich weiß nicht, wie das für mich nun werden
wird. Ob es nicht am besten wäre, ich nähme auf
einige Wochen Urlaub und ginge davon.

Draußen zieht das Kriegsvolk, in den Städten
verrammelm sie die Gassen und Straßen und reißen
die Paläste ein. Eben deswegen kommt sie ja. Die
Frau des Feldherrn kommt, Hermanns schöne
Schwester, die mich so hat närrisch gemacht.

Im Hause am See ist kein Platz mehr, so
flüchtet sie sich mit ihren Kindern zu uns.

Das Winkelhüterhaus wird für sie eingerichtet.
Wie danke ich Gott, daß unser Winkelsteg ihr eine
Zuflucht bieten kann in dieser Zeit!

Ich will denn doch nicht weggehen. Will bleiben und sehr stark sein und mich nicht verrathen.
Ich will ihr einmal recht in’s Auge schauen, ehe
ich sterbe.

Ich sehe es wol, Gott meint es gut mit mir.
Ihr Auge wird die dunkelnden Waldberge lichten,
ihr Athemhauch wird die Alpenluft mildern und
weihen. Und zieht sie auch wieder davon, Winkelsteg, wo sie geweilt, wird meine Heimat sein.

Vor den Eingang des Hauses bauen wir einen
schönen, hohen Bogen aus Tannengezweige, und
wir bekränzen den Altar in der Kirche.

Alles wird fein bereitet, aber kein Mensch
denkt daran, daß die Steine aus dem Wege geschafft werden müssen. Solche Frauen haben zartere
Füße, als Unsereiner im Gebirge.

Jetztund klaube ich schon einen Tag und zwei
Nächte an den Steinen des Weges. Die Leute laß
ich lachen und es ist nur gut, daß der Mond
scheint.

Jetzt sind sie da. Sie und die zwei Kinder
und die Dienerschaft. Da hätte ich freilich die
Steine nicht wegzuräumen gebraucht; sie sind mit
Roß und Wagen gekommen.

Bei der Ankunft sind schier alle Winkelsteger
auf dem Platze versammelt gewesen. Der Pfarrer
hat eine Begrüßung gehalten; ich habe mich in das
Schulhaus verkrochen. Aber ich bin im Herzen erschrocken; just vor meinem Fenster sind sie ausgestiegen, und da hab ich gemeint, sie wollten zu
mir herein.

Ich habe sie sehr gut gesehen; sie ist jünger
geworden. Kaum aus dem Wagen gehoben, lauft
sie einem Falter nach. — Das ist aber ihre jüngste
Tochter gewesen. Sie selber . . . .

Bei meiner Treu, ich hätt’ sie nicht mehr
erkannt.

Sie hat alte Spiegel mit goldenen Rahmen,
aber so treu ist keiner, daß er, wie mein Herz, ihr
herrliches Bild so bewahrt hätte bis auf den heutigen Tag.

Das Bild ist jetzt verloschen und meine Jugend wie Nebel zergangen.

Gestern bin ich den ganzen Tag im Gebirge
herumgestiegen, bin gar auf dem Zahn gewesen.
Unterwegs hab ich mich zehnmal gefragt: Warum
steigst du hinauf, du altes Kind? — Oben wird
die Antwort sein, hab ich gedacht. Ich habe die
Alpenkrone gesehen, ich habe in die blauende Tiefe
des Gesenkes geblickt, wo an der schwarzen Tafel
des Sees das Herrenhaus liegt, ich habe gegen
Mittag hin mein Aug’ angestrengt, mein schon
recht schwaches Aug’, aber — es ist gar umsonst.
So oft ich hinauf mag klettern, das Meer hab ich
noch immer und immer nicht geschaut.

Man soll es sehen können, heißt es, aber
an einem klaren Wintertag. — Jetztund hab ich
sonst nichts mehr zu wünschen, so will ich das
Eine noch.

Bei meinem Herabsteigen habe ich einen
Strauß von Alpenrosen, Edelweiß, Kohlröslein,
Speik, Arnika und anderen Blumen und Pflanzen
gesammelt, hab ihn vornehm auf meinen Hut gesteckt, wie ein tollverliebter Bursch. Für wen trägst
du den Buschen heim? — Ich? für Weib und
Kind. — Hei, du verrückter Alter, du!

Aber, wenn ich weg von ihr bin, wie da oben
auf der Alm, so sehe ich doch wieder, daß sie
hold ist. — Einen Alpenblumenstrauß wird sie
von mir nehmen, ich will ja recht artig und nicht
zudringlich sein. — Hätt’ ich nur eine einzige Ader
von dem alten Rüppel, wie wollt’ ich ein Lied hersagen, das sich zum Strauß thät’ schicken!

So meine Gedanken; es ist schrecklich, wie ich
noch übermüthig bin.

Wie ich herabkomme zur Lauterhöhe, wo der
Schirmtanner ein Kreuz hat setzen lassen und wo
heute auf dem Waldanger des Holzmeisters Rinder
grasen und lustig dabei schellen, setz’ ich mich zur
Rast unter einen Baum. Ich gucke auf einen argverwüsteten Ameisenhaufen hin. Nur wenige der
Thierchen kriechen rathlos herum auf der Trümmerstätte ihres Fleißes.

Ich merke es, ein Ameisengräber ist dagewesen,
hat den herrlich eingerichteten Staat zerstört und
beraubt. Aus den geraubten Harzkörnern bereitet er
Weihrauch für den Altar des Herrn; mit den geraubten Eiern füttert er gefangene Vögel, die frei
sein sollten im Himmelslichte, die aber in der Gefangenschaft schmachten ihr Lebtag lang, weil sie das
Unglück haben, die Lieblinge der Menschen zu sein.

Es ist die Sage, daß über den Grabhügel
eines Ameisengräbers keine einzige Ameise geht.

Aus dergleichen Gedanken weckt mich ein Zupfen
an meinem Hut; ich wende mich, um zu sehen,
wer mich neckt. — Eine braune Kuh steht da und
zerkaut mit Behagen meinen Alpenstrauß.

Bin aufgefahren, hab das vorwitzige Rind
mit meinem Stab wollen züchtigen, da fällt es mir
ein: Gutes Thier, etwan machen meine Blumen
dir mehr Vergnügen, als ihr; so gesegne dir sie
Gott! Sie trinkt dafür deine gute Milch.

Als ich zum späten Abend in das Dorf herabkomme, sind ihre Fenster hell beleuchtet; dieselben
Fenster, durch die ich vor Jahren so oft habe nach
ihr ausgeguckt.

Einen Spaß muß man auch haben.

Einer von den Bedienten der Frau, der Jakob,
ist ein Kreuzköpfel. Können thut er Alles; er kann
musiziren, kann schneidern und schustern und kann
zeichnen; gar komödiespielen kann er. Die Frau muß
aber solche Dinge nicht recht leiden mögen, denn
der Jakob kommt allerweg zu mir in das Schulhaus herab, wenn er seine Künste üben will. Da
hab ich meine Kurzweil und muß oft närrisch lachen.

Ich habe dem Jakob einen Pfeifenkopf geschnitzt,
dafür schenkt er mir allfort den besten Tabak. So
schnitzen, sagt er, das könne er nicht. Die Höflichkeit
hat mir noch kein Mensch gesagt, wie der Jakob.
Auch macht er mir allerhand Schwänke vor; auf
dem Kopf kann er stehen, bauchreden kann er, wahrsagen kann er und kartenaufschlagen. Meiner Tag
hab ich keinen so geschickten Menschen gesehen. Aber
Eines habe ich ihn gebeten, in Gegenwart der
Schulkinder möge er nicht allzuviel so Künste treiben; — ’s ist mir lieber.

Letztlich hat mich der Jakob gar gezeichnet.
Auf Ehre, ich hab nicht sitzen wollen, aber er hat
mich herumgekriegt, bis ich all meinen Staat um
mich gethan, dort auf dem Holzblock Platz gefaßt
habe. Er hat mich gezeichnet und mit Farben bemalt, daß es eine Herrlichkeit ist. Das rothe Halstuch ist gar zum Sprechen getroffen.

Das Bild hat er mir geschenkt. Ich guck’ es
heimlich an; aber Jesus Maria! die Schulkinder
dürfen mir’s nicht sehen!

Will’s wol fleißig verstecken.

Hab gemeint, ich werd’ mich recht an ihre
Kinder machen. Aber sie sprechen eine welsche
Sprache, und die versteh ich nicht. Der junge Herr
ist fortweg bei Pferden und Hunden; das Mädchen
möchte sich auf den Wiesen umhertreiben bei den
Blumen und Käfern. Aber das wird ihr verwiesen,
da es nicht Sitte sei. Sie ist schon völlig zu groß,
um glückselig sein zu dürfen.

Dieser Tage ist Hermann — verzeih’ mir’s
Gott, daß ich ihn allfort noch so nenne — vom
Gesenke herübergekommen, um seine Schwester zu
besuchen. Die Frau hat sich krank gemeldet. Der
Jakob sagt, die Beiden hätten kein rechtes Zusammensehen. Die Gnädigste erkenne keine Schwägerin an,
die nach Tannenpech rieche.

Heute hat die Frau eine Tafel gegeben und
dazu den Pfarrer und den Graßsteiger eingeladen.
Mir ist ein Stück Braten, eine Buttertorte und
ein Glas Wein in’s Haus geschickt worden.

Zum Glücke geht ein Bettelmann vorbei, daß
mir die Speisen nicht verdorben sind.

So sind heute zwei Bettelmänner abgespeist
worden.

Bei der Tafel sei von mir gesprochen worden,
sagt der Jakob. Die Frau habe erzählt, ich hätte
als armer Student in dem Hause ihres Vaters eine
Weile das Gnadenbrot genossen, dann sei ich aus
der Schule davongegangen und als Vagabund zurückgekehrt; dann hätte mich ihr Vater um Gotteswillen in den Wald gethan und mir das Brot
gegeben.

So weißt du heute mehr, als gestern, Andreas
Erdmann; aber kein graues Haar desweg, es thäte
die weißen entstellen.

Nun sind sie wieder fort. Jakob hat mir ein
schwarzes Beinkleid und einen weißen Handschuh
dagelassen.

Die Grundablösungen sind bewilligt worden.
Die meisten Bauern von Winkelsteg sind nun ihre
eigenen Herren. ’s ist ihnen von Herzen zu gönnen.
Aber ihre Augen sind seither schlechter geworden;
Jeder sieht mich nicht, wenn ich des Weges an ihm
vorüberkomme.

In diesem Sommer bin ich wieder auf dem
Berg gewesen. Hab schon gemeint, ich sehe es gegen
Mittag hin. Ist aber nur ein Nebelstreifen gelegen.

Ich habe mir bei dieser Bergfahrt, ich weiß
nicht, durch das grelle Licht der Wetten, oder durch
einen scharfen Wärmewechsel, wieder das böse
Augenleiden zugezogen, das viele Wochen gewährt
und mich an meinem Berufe gehindert hat.

Ich denke, dem stummen Reiter Peter sollte
man ein wenig Musik lehren. Er muß doch was
haben, um sein Herz auszulegen.

Es ist unglaublich, wie das weh thut, wenn
man Alles in sich verschließen muß.

Der Peter hat Schick; er spielt schon auf der
Zither und auf der Geige. Später muß er mir an
die Orgel. Die Winkelsteger werden auch in Zukunft
noch ihr Meßlied haben wollen. Ich werde nicht
immer sein.

Der Graßsteiger, oder wie sie ihn jetzt heißen,
der Winkelwirt, ist mir gut, und er ist gegen Jeden
gut; ganz Winkelsteg hat an ihm einen Freund.
Aber seine alte Krankheit will sich wiederum melden.
Wenn ihn zuweilen etwas erregt, so muß er gar
sehr mit sich kämpfen. Ich hab gesagt, er sollt’
wieder anheben mit den Rosenkranzkügelchen, thäten
aber vielleicht nicht mehr viel helfen; es ist große
Gefahr vorhanden, daß er in’s Trinken kommt.
Der ging’ zu Grund’, wenn er nicht eine so brave
Frau hätt’. Die Juliana weiß mit ihm umzugehen,
ihr zu Lieb’ leidet er den bittersten Durst.

Der Branntweiner Schorschl — der Hannes
ist schon todt — wirft mir dann und wann die
Fenster ein. Er hält mich für seinen größten Feind,
weil ich die Kinder vor dem Branntwein warne.

Die Fenster verklebe ich mit Papier. Die
Kinder warne ich vor Schädlichem, so lang’ ich lebe.

Der Pfarrer ist uns ausgetauscht worden gegen
einen blutjungen. Der Blutjunge sagt, die Seelsorge sei arg vernachlässigt, und will das Krumme
auf einmal gerade machen. Er ordnet Betstunden,
Buß- und Bittgänge an. Seine Predigten sind
scharf wie Lauge. Und es gibt so viele wunde
Herzen.

Seit der neue Pfarrer da ist, bin ich in der
Schule schier überflüssig geworden. Er füllt die
Stunden mit Glaubensunterricht aus.

Die Kinder haben mehr Fähigkeit, als ich je
erfahren — den ganzen Katechismus kennen sie
auswendig.

Der Kaiser und der Papst sollen miteinander ein
eigenes Gesetz für das Seligwerden herausgegeben
haben, und seit ewigen Zeiten ist zu Winkelsteg
nicht so viel vom Teufel gesprochen worden, als jetzt.

Heute ist öffentliche Schulprüfung gewesen.
Der Dechant von der Kreisstadt ist da. In Glaubenssachen ist er sehr zufrieden. Was das Uebrige
anbelangt, hat er den Kopf geschüttelt. Beim Kommen hat er mich artig gegrüßt, beim Fortgehen hat
er mich kaum angeblickt.

Oft sitze ich eine lange Weil’ da oben im
Schachen unter den alten Bäumen. Dieser Schachen
ist noch übrig geblieben von den großen Wäldern,
über dessen Gründen sich die Gemeinde breitet, als
ein in die Kette der Menschheit eingereihtes Glied.

Ich mag unter dem Schachen sitzen, so lange
ich will, kein Mensch ruft mich.

Wenn die Todten nur nicht gar so fest schliefen!

Ich bin ein alter Späher. Meine Augen sind
krank und müd’ und gucken doch zuweilen was aus.

Durch den Bretterzaun habe ich es gesehen,
wie der Reiter Peter das Schirmtannermädchen an
der Hand gefaßt und nicht mehr lassen hat wollen.
Durch tausend Geberden hat er ihr was erzählt,
das Blut ist ihm in die Wangen gestiegen, aber das
Mädchen hat fortweg gesagt: „Nein, Peter, nein.“

Da hat der Junge jählings die Geige bei der
Hand und spielt der Rosa ein Stück vor, das ich
ihm nicht gelehrt hab. Wundersam ist es gewesen,
wie ich es meiner Tag nimmer hätt’ gemeint, daß
der Peter spielen könnt’.

Ja, und so lang hat er’s getrieben, bis ihm
die Rosa ist an den Hals gefallen: „Hör’ auf,
mir thut’s bitterlich weh! Peter, ich hab’ dich
ja gern!“

’s ist ein Gescherr mit den jungen Leuten.
Hat so ein Bursch’ keine Stimm’ zum Schwätzen,
so hebt er seine Liebschaften gar mit der Geige an.

So ein Tagebuch ist doch ein treuer Freund.
Was man ihm auch anvertrauen mag, es vergißt
nichts und plaudert nichts aus.

Wenn ich diese Schriften durchsehe, so kann
ich es gar nicht glauben, daß ich das Alles mit
erlebt und geschrieben habe. Es sind wunderliche
Geschichten.

Ich bin doch einmal wer gewesen! Aus einem
alten Mann bin ich ein junger geworden; aus dem
jungen wieder ein alter, halbblinder, dem bei dem
Meßliede schon die Noten tanzen auf dem Blatt.
Die Leut’ haben mich bei Seite geschoben . . . .

Mein Gott, Anderen geht es auch nicht besser.
Ich verlang’ ja nichts; ich hab mein Theil gethan
und bin’s zufrieden.

Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr
aus diesen Wäldern gekommen.

Und die Waldleute entstehen, leben und vergehen dahier und steigen in ihrem ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg, wo man
die Herrlichkeit kann sehen, und am hellen Wintertag das Meer.

Das Meer! wie wird es da leicht und weit
im Herzen! Dort zieht ein Kahn, steht ein Jüngling darin, der winkt —

Heinrich! Was ist das? —

Der Narr! Versitzt seine Lebenszeit im Winkel
und hätt’ ein Schiffer werden sollen!

Die Laufbahn ist kurz. Vom Winkelhüterhause
bis hinab zu der Kirchhofsmauer rutschen sie auf
ihren Brettchen und Schlittchen dahin über den
gefrornen Schnee. Und wie sie dabei zettern und
mit leuchtenden Augen und Wangen die Sache beeifern! — Ich warte auf den Reiter Peter, er
kommt mit seiner Geige, daß wir zusammen das
neue Krippenlied versuchen. Einstweilen gucke ich
den lustigen Kindern zu und schreibe.

Pelzhauben haben sie auf, die Kleinen, und
eine ganze Weile haben sie zu trippeln und zu
schnaufen, bis sie mit ihrem Fahrzeug oben ankommen — und unten sind sie in zehn Augenblicken.
Lange Müh’ und kurzer Genuß! Wird sich aber
noch Einer seinen Kopf an die Mauer rennen!

Die böse Mauer! Wie wollt’ ich auf meinem
Schlitten hingleiten über Berg und Thal, über
Länder und Wässer — und nimmer zurück!

Der Peter kommt. „Schlaf süß, schlaf in
heiliger Ruh,!“ Das Lied ist so lieblich, und
morgen —

Das letzte Blatt.

— und morgen —

Mit diesen Worten enden die Schriften.

Zwei lange Regentage hatte ich gelesen. Aus
dem vorigen Jahrhundert hatte ich mich durch ein
seltsames Leben herangelesen bis zu dem letztvergangenen Weihnachtsfeste.

— und morgen —

Der Kopf war mir heiß und schwer, ich blickte
nach der Thür. Der Mann muß ja hereintreten
und weiter schreiben, was am nächsten Morgen gekommen, wie es weiter gewesen war. Denn das ist
kein Abschluß und kein Abschied, das ist ein hoffender Blick in die Zukunft, ein Aufathmen, ein
Morgenstern.

Fast wie eine Ueberzeugung empfand ich’s:
der Schulmeister lebt. In der Fremde wird er
wandern und irren, der arme Mann mit der großen
Sehnsucht, die keinen Namen hat. Es ist die Sehnsucht, die wir Alle empfinden, ob seichter, ob tiefer,
die Sehnsucht nach dem Ganzen, Allgemeinsamen,
nach dem Wahren aber Unfaßbaren, in dem unsere
drängende, strebende, bangende Seele Ruhe und
Erlösung zu finden hofft.

Mir war, als müßte ich auf und davon und
den alten, guten, kindlichen Mann suchen allerwege.
— Was war das für ein seltsames Streben und
Ringen gewesen! Ein vergebliches Aufraffen nach
den Zielen der Gesellschaft; ein krampfhaft unterdrücktes Auflodern jugendlicher Leidenschaft, ein verzweifeltes Hineinstürzen in die Wirren des Lebens,
ein begeisterter Flug durch die Welt, ein furchtbares
Erwachen aus Täuschung, ein Fliehen in die Oeden
der Wildniß, ein stilles, stetes Wirken in Ergebung
und Aufopferung, ein großes Gelingen, eine tiefe
Befriedigung. Da naht das Alter, ein junges Volk
und neue Verhältnisse bieten keine Gelegenheit zu
Thaten mehr; ein betrübtes Zurückziehen in sich
selbst, Verlassenheit und Einsamkeit, Zweifeln, Grübeln und Träumen und ein stilles Ergeben und
Versickern. In Alter und Unbehilflichkeit und Einfalt ist er ein Kind geworden; ein in Träumen
lächelndes, glückliches Kind. Aber die Sehnsucht und
das Ahnen des Jünglings ist ihm geblieben. Und
ein großer Lohn ist ihm geworden, ein Entgelt,
das uns mit seinen Schicksalen versöhnt, ein Entgelt, wie es die Welt nimmer gibt und geben kann,
wie es nur aus treuer Erfüllung des Lebens entsteht: der Frieden der Seele.

Die Wachtel der Uhr schlug achtmal. Ich verschloß die Blätter sorgsam in die Lade und ging
hinab gegen das Wirtshaus. Es dunkelte schon;
eine frostige Trübe lag allerwärts und eine scharfe
Luft strich durch den feinrieselnden Regen.

Der Lazarus stand vor der Hausthür, wendete
sein Gesicht nach allen Himmelsgegenden und sagte:
„’s wird anders werden.“ Er sagte es zu sich
selbst. Er hatte gewiß keine Ahnung, daß der junge,
fremde Mensch, der ihm nun nahte, seine ganze
Geschichte wisse.

Der Wirt war an demselben Abend recht redselig, aber ich war schweigsam und begab mich bald
wieder in mein Schulhaus zur Ruhe.

Wie sah ich nun Alles ganz anders an, als
vor zwei Tagen. Völlig daheim war ich in diesem
Alpendörfchen, in welchem ich gleichsam in dem
Schulmeister jung gewesen und alt geworden.

Und der Mann, der die Gemeinde gegründet
und großgezogen mit seinem Lebensmark, sollte
fremd sein und vergessen?

Nein, er ist überall zu verspüren. Unsichtbar
steigt er in Winkelsteg herum Tag und Nacht,
zu jeder Stund’! — hatte der Kohlenbrenner
gesagt.

Der nächste Morgen war so hell, daß er mir
durch das geschlossene Augenlid drang. Als ich es
öffnete, sah ich einen lichten, klaren Wintertag.

Ich sprang auf. Es hatte geschneit; die weiße
Hülle lag über dem ganzen Thale, auf allen Dächern und Bäumen. Der Himmel war rein.

Bald war ich gerüstet zu meiner Alpenfahrt.

„Heut wol!“ sagte die Wirtin, „heut ist es
fein auf der Höh’, wenn dem Herrn der Schnee
nicht irrt. Wer Geduld hat, sag’ ich fort, der erwartet Alles auf der Welt, gar ein schön’ Wetter
in Winkelsteg. Mitnehmen muß der Herr halt
wen.“ Dann zu ihrem Manne: „Du, leicht will
sich der Reiter Peter einen feinen Führerlohn verdienen?“

„Der Reiter Peter,“ sage ich, „der ist mir
schon recht; das Schwätzen unterwegs ist mir ohnehin zuwider.“

„Ei, der Herr weiß es schon, daß der Peter
nicht schwätzt; ja, der ist fein still, hat er die Geigen nicht bei sich.“

Der Peter war jener stumme, junge Mann,
der mir vor zwei Tagen nach der Messe an der
Kirchthür begegnete. So stieg ich denn mit dem
Taufpathen des Schulmeisters, mit allem Nöthigen
wol versorgt, das Gebirge hinan.

Der Schnee war weich und leuchtete in der
Morgensonne. Bald standen die niedergedrückten
Pflanzen und Blumen wieder auf, und die Vögel
sangen und hüpften in dem Geäste und schüttelten
das Geflocke von den Bäumen. Frisch und neulebendig grünte es zwischen dem rosigangehauchten
Weiß, und in einer großen Klarheit lagen die
Waldberge. Es war in einer wundersamen Weise
der Sommer vermählt mit dem Winter.

Wir gingen an dem Schachen des Friedhofes
vorüber; der Peter zog seinen Hut vom Kopfe und
trug ihn so lange in der Hand, bis wir an dem
Gottesacker vorbei waren. Die alten Bäume flochten hoch über den wenigen Gräbern die Aeste und
Kronen so in einander, daß es war, wie in einem
gothischen Dome. Wol legte sich über den Wipfeln
der Schneeschleier hin, im Schatten auf den Gräbern aber prangte frisches Gras und Moosgeflechte,
und darüber ragten und lehnten an den Stämmen,
oder lagen verwahrlost hingestreckt die grauen, bild- und inschriftlosen Holzkreuze.

Ich wollte mir die Ruhestätte des Vater Paul
und des Reim-Rüppel zeigen lassen. Der Peter sah
mich fragend an; davon wußte der junge Mann nichts.

Später kamen wir auf einen Bergsattel.

„Wir sind auf der Lauterhöhe?“ frug ich
meinen stillen Gefährten. Er nickte bejahend mit
dem Kopfe. Ich dachte an den zerstörten Ameishaufen, an das Rind, das den Alpenstrauß fraß,
an die Schirmtannen da hinten, an den Schirmtanner, und plötzlich frug ich den Peter: „Die
Schirmtanner-Rosel, die kennst du?“

Er wurde roth wie eine Alpenrose.

Von diesem Bergsattel aus hatte sich gegen
Mitternacht hin eine ganz neue Gegend aufgethan;
Thäler und Waldberge zogen sich in tiefer Klarheit hin; links erhoben sich Felswände, die weit
über die Wälder weg einen schründig durchbrochenen Wall bildeten. In dieser Richtung hin
dachte ich mir die Gegenden der Lautergräben,
Karwässer, der Wolfsgrube und des Felsenthales.

Der Weg führte thalab, wir aber bogen links
ein und stiegen durch Fichtenwald, Zirmgesträuche
immer höher empor bis zu den Almenblößen, die
sich hinanziehen gegen die hochragenden Felsmassen.

Die Schneehülle war hier zwar etwas dichter
und spröder, hinderte aber nicht sonderlich im Wandern. Ein paar Hütten standen da, aus deren Dachfugen Rauch hervordrang und in deren Ställen die
Rinder schellten. Diese mußten heute Heu fressen,
aber nach dem Schnee sollen gute, warme Tage
kommen. In welchem Fenster dieser Hütten wol
der Meisterknecht Paul gesteckt sein mochte?

Wir schritten weiter; bald merkte ich, daß
mein Begleiter selbst den Weg nicht kenne. Wir
gingen den Felsen zu, stiegen an den Mulden
empor, wie ich mich erinnerte, daß der Schulmeister
gegangen war, und endlich kamen wir auf das
Grat.

Das Bild war unvergleichlich. Der Schulmeister
hat es geschildert.

Wir gingen dem Grat entlang; ruhten dann
ein wenig, um uns mit Brot und Fleisch zu
laben und die Steigeisen an die Füße zu schnallen.
Hierauf gingen wir langsam über das Gletscherfeld
hinan gegen den Kegel.

Die Luft war außerdentlich rein und ruhig
und fast kalt; ich empfand in mir eine Frische und
ein Wohlbehagen zum Aufjauchzen. Je näher wir
der Spitze kamen, desto behender förderten wir
unsere Schritte; auch der Peter war lustig geworden.

Nun waren wir oben, standen auf der Spitze
des Zahn. Mir war zu Muthe, als wäre ich
schon früher mehrmals auf dieser Höhe gewesen.
Um uns lag in einer unendlichen Runde — wie
der Schulmeister sagt — die Krone der Alpen.

Selbst dort über den weiten Wäldern, im
sonnendurchwobenen Mittag ragten die Kanten und
Spitzen eines neuen Gebirgszuges noch deutlich und
darüber hinaus, schnurgerade hingezogen lag ein
schimmerndes Band — das Meer!

Mir war zu Muthe, als müßte ich fortrasen
hinab von Fels zu Fels und hin über Berg und
Thal, den Schulmeister zu suchen, ihm zuzurufen:
„Kommet und sehet das Meer!“

In lauter Begeisterung und in stiller Versunkenheit habe ich wol lange hinausgestarrt. Dann
stiegen wir einige Schritte niederwärts unter den
Steinvorsprung, an welchem der Mann vor fünfzig
Jahren gesessen war und geträumt hatte.

Hier schien die Sonne gar mild und von
einigen Steinklötzen war der Schnee bereits weggeschmolzen. Wir setzten uns auf solche trockene
Klötze und hielten Mahlzeit. Der Peter spielte
mit seinem Stock im Schnee; er zeichnete Buchstaben hin; ich meinte, er wolle mir etwa seine
Gedanken und Empfindungen anfschreiben. Aber er
zerstörte die Zeichen wieder und es war nur loses
Spiel.

Mein Auge schweifte hinaus, flog von einem
Berg zum andern, bis zu den fernsten, italischen
Höhen. Es glitt hin auf den sonnigen Fluthen, es
trank vom Meere. Ueber den Wassern sah ich das
Lichtwogen der mittägigen Sonne. Ein blauer
Schatten senkte sich vor meinem Auge, Sternchen
stiegen auf und nieder . . . .

Plötzlich gellte neben mir ein wilder Schrei.
Der Bursche war emporgesprungen und wies mit
beiden Händen gegen den hügeligen Schneeboden hin.

Ich forschte nach der Ursache, da waren
Buchstabenzeichen, da war aufgewühlter Flaum,
da war —

Es war grauenhaft zu sehen. Von der Schneehülle halb bloßgelegt starrte ein Menschenhaupt hervor.

Nur wenige Augenblicke war der Bursche
schreckerstarrt, thatlos dagestanden; dann eilte er,
die grauenvolle Erscheinung von der Schneehülle
vollends zu befreien. Mit Fieberhast arbeitete er,
und als ein ganzer Menschenkörper dalag, da ächzte
er kläglich, verbarg sein Gesicht, sank mir in die
Arme und wimmerte.

Da lag ein alter Mann, gerollt in einen
braunen Mantel, die Züge fahl und eingetrocknet,
die tiefliegenden Augen geschlossen, die wenigen
Locken des Hauptes wirr und weiß wie der Schnee.

Wie mir in dieser Stunde war, das ist unbeschreiblich.

„Kennst du ihn?“ frug ich den Burschen.

Er neigte traurig den Kopf.

„Ist es der Schulmeister?“ rief ich aus.

Der Peter neigte das Haupt. —

Als wir endlich einige Fassung gewonnen
hatten, huben wir an, den Todten näher zu betrachten. Er war sorgsam in den Mantel geschlagen,
an die Schuhe waren Steigeisen geschnallt, daneben
lag ein Bergstock. In dem halboffenen Ledertäschchen
fanden sich einige verdorrte Brotkrummen und ein
zusammengerolltes Stück Papier. Nach diesem griff
ich und zog es auseinander. Da standen Worte,
Worte in schiefen, regellosen Zeilen, mit Bleistift
unsicher hingedrückt.

Die Worte sind leserlich und lauten:

„Christtag. Ich habe bei Sonnenuntergang
das Meer gesehen und das Augenlicht verloren.“ — — —

So hatte er sein Ziel geschaut. Als Erblindeter hatte er das Blatt beschrieben, das letzte
Blatt zu seinen Schriften. Dann hatte er sich wol
hingelegt auf den Steinboden, hatte die eisige Winternacht erwartet und war in derselben gestorben.

Wir bauten aus Steinen einen Wall um den
Todten und wölbten ihn nothdürftig ein. Dann
stiegen wir nieder zu den Almen und den kürzeren
Weg über Miesenbach nach Winkelsteg.

Des andern Morgens zur frühen Stunde
stiegen ihrer Viele empor gegen den grauen Zahn,
und ich mit ihnen. Der alte Schirmtanner war
auch dabei, der wußte Vieles von dem Schulmeister
zu erzählen und seine Worte stimmten mit den
Schriften überein.

Und so trugen wir den alten Andreas Erdmann, der in der trockenen, kalten Alpenluft fast
zur Mumie vertrocknet war, herab in das Thal der
Winkel zur Pfarrkirche, die unter seinem Walten
erbaut worden war; trugen ihn auf den Friedhof,
den er selbst angelegt hatte im Schatten des
Waldes.

Die Nachricht, der alte Schulmeister sei aufgefunden worden, hatte sich bald verbreitet in den
Winkelwäldern, und Alles strömte herbei zum Begräbnisse, und Alles pries den guten, braven Mann.
Der Winkelwirt weinte wie ein Kind. „Der hat
meinen verlassenen Vater gesegnet auf dem Todbett!“ rief er. Den Peter mußte der Schirmtanner
von der Bahre hinwegführen.

Der Förster vom Herrenhaus war da. Ganz
in der Nähe des Grabes wuchs eine Waldlilie.

Der Branntweiner Schorschl hielt Einigen,
die am Friedhofseingange standen, eine Rede; er
habe nichts, gar nichts gegen den Schulmeister gehabt, doch der Schulmeister sei eigensinnig gewesen.
Das Eine sei zu bedenken: hätte der Schulmeister
ein Fläschchen Wachholderbranntwein bei sich gehabt, er wäre nicht erfroren.

Zur Abendstunde unter Fackelschein ist der
gute, alte Mann in die Erde gesenkt worden.

Die Schriften, zu denen ich in so eigenthümlicher Weise gekommen bin, habe ich mir von der
Gemeinde Winkelsteg erbeten, auf daß ich sie der
Oeffentlichkeit übergebe, als Zeugenschaft von einem
armen, reichen, fruchtbaren und selbstlosen Leben in
der Verborgenheit des Waldes.

In tiefster Bewegung habe ich das letzte Blatt
mit den Bleistiftworten zu den Schriften gelegt.
Schlage nach, mein Leser, es wird dir ein seltsamer
Umstand nicht entgehen: Das erste Blatt ist von
einem Kinde an das Jenseits gerichtet. Und von
demselben Kinde wird nach der Erfüllung der
Zeit das letzte Blatt gleichsam aus dem Jenseits
herübergesandt, uns Ringenden auf Erden als des
Vermächtnisses Siegel mit der Inschrift:

Entsagung und Ergebung!