Stopfkuchen

Wieder an Bord! —

Es liegt mir daran, gleich in den ersten Zeilen
dieser Niederschrift zu beweisen oder darzuthun, daß ich noch zu den Gebildeten mich zählen
darf. Nämlich ich habe es in Südafrika zu einem
Vermögen gebracht, und das bringen Leute ohne todte
Sprachen, Litteratur, Kunst-Geschichte und Philosophie
eigentlich am leichtesten und besten zu Stande. Und
so ist es im Grunde auch das Richtige und Dienlichste zur Ausbreitung der Kultur; denn man kann
doch nicht von jedem deutschen Professor verlangen,
daß er auch nach Afrika gehe und sein Wissen an
den Mann, das heißt an den Buschmann bringe;
oder es im Busche sitzen lasse, bloß — um ein Vermögen zu machen.

„Geben wir den Beweis aus der ‚verhängnißvollen Gabel‘, Eduard, daß wir immer noch unsere
Litteraturkunde am Bändchen haben!“ Eduard ist
nämlich mein Taufname, und Mopsus heißt bei
August von Platen der Schäfer in Arkadien, welcher
auf dem Vorgebürg der guten Hoffnung mit der
Zeit ein Rittergut zu kaufen wünscht, und Alles
diesem Zweck erspart.“

Wie kam er drauf? fragt Damon, der Schultheiß von Arkadien, und dieselbe Frage an mich zu
stellen, ist die Welt vollauf berechtigt.

Aber vielleicht weiß grade sie das mir mitzutheilen! Wie kommen Menschen dahin, wo sie sich,
sich besinnend, zu eigener Verwunderung dann und
wann finden?

Ich an dieser Stelle kann nur so viel sagen,
daß ich glaube, den Landbriefträger Störzer als
dafür verantwortlich halten zu dürfen. Meinen alten
Freund Störzer. Meinen alten guten Freund von
der Landstraße der Kinderzeit in der nächsten Umgebung meiner Heimathstadt in Arkadien, also — von
allen Landstraßen und Seewegen der weitesten Welt.

Nachdem man also seinen Berechtigungsgrund,
im alten Vaterlande mitzusprechen, wo gebildete Leute
reden, auf den Tisch gelegt hat, kann man hoffentlich
weiter gehen. Dieses thue ich jetzt mit der Zwischenbemerkung, daß ich absolut nicht sagen kann, ob ich
für das heutige Vaterland bloß nur allein orthographisch noch recht oder richtig schreiben kann. Es
sind selbst in dieser Richtung während meiner Abwesenheit zu große kleine Leute am Werke gewesen, und
können unter polizeilicher Beglaubigung das wundervolle ironische Wort des französischen Erbfeindes gebrauchen: Nous avons changé tout cela. Das haben
wir am verkehrten Ende aufgenommen, sagt freilich
leider der deutsche Mann nicht! Der nimmt immer
die Sache ernst, vorzüglich wo sein Vortheil, sein
Ehrgeiz, oder seine Eitelkeit mit im Spiel ist.

Aber es ist doch hübsch im Vaterlande, und
wenn dem nicht so wäre so würde ich Dieses sicherlich nicht der Rückreise-Unterhaltung wegen an Bord
des Hagebucher auf den langen Wogen des Atlantischen Oceans niederschreiben. Zum wenigsten werde
ich mir, wenn das Wetter gut bleibt, dreißig nicht
ganz unnütz verträumte Seefahrtstage — von Hamburg aus gerechnet — durch die ungewohnte Federarbeit verschaffen. Wie aber würden sich meine
Nachbarn am Oranjefluß und im Transvaalschen
über unsern gemeinsamen Vetter Stopfkuchen wundern
und freuen, wenn sie das Kajüten-Gekritzel lesen
könnten, so sie es in die Hände kriegten! Zu dem
Letzteren ist aber so wenig eine Aussicht wie zu dem
Ersteren, und unser Präsident, mein guter Freund
daheim im Burenlande, hat wirklich auch wenig Zeit
zu so was, sonst thäte er mir wohl den Gefallen und
sagte mir seine Meinung über mein Manuskript.

Es war eine sternenklare Nacht, und wir waren
auf dem Heimwege. Nicht nach dem Kap der guten
Hoffnung sondern vom „Brummersumm“. Einer
gottlob unter einem ganzen, ja auch unter einem
halben Dutzend deutscher Männer hat immer Astronomie ein wenig gründlicher getrieben als die Uebrigen
und weiß Auskunft zu geben, Namen zu nennen und
mit seinem Stabe zu deuten, wo die Andern vorübergehend in der schauerlichen Pracht des Weltalls verloren gehen und kopfschüttelnd sagen: Es ist großartig.

Man kann in vielen Wissenschaften Bescheid
wissen und sich doch bei passender, stimmungsvoller
Gelegenheit belehren lassen müssen, wo der Sirius
zu finden ist, wo die Beteigeuze und wo der Arctur
und der Aldebaran. Die den Orion kennen, sind
den Andern schon weit voraus; denn auch was die
Sternbilder anbetrifft, tappen die Meisten im Dunkeln.
So allein und einfach wie mein südliches Kreuz steht
das nicht am Himmel, und wenn nördliche Männer
den großen Bären zu finden wissen, ist das schon
viel, doch verfallen auch hierbei nicht üble Kenner
manchmal in den Irrthum, das sie den Polarstern
ihm zurechnen und nicht dem kleinen Bären.

Wir sahen auf dem Heimwege vom Brummersumm nach den Sternen. So gegen Mitternacht,
wo sie dann und wann am schönsten zu sehen sind,
und Einer am wenigsten bei seiner Betrachtung gestört wird. Zu den Stunden auf einem Feldwege
allein mit den noch übrigen Genossen seiner Jugend
zu sein — das ist etwas! Wovon man reden mag,
ob Politik, Börsengeschäften, Fabrikangelegenheiten,
Aesthetik: jeder Mann und berufenste Mitredner in
allem Diesen, darf ungehöhnt sein gescheitestes Wort
abbrechen und aufblinzelnd bemerken: Da liegt auch
was drin! — Nachher darf er natürlich eine Prise
nehmen, wenn er schnupft; ich für meinen Theil rauche
und zünde mir gern beim Anblick des unendlichen
Heeres der himmlischen Lichter eine frische Cigarre
an, denn das leuchtet doch auch; und der Mensch auf
Erden ist darauf angewiesen, gegen Alles und also
auch gegen das „Uebermaaß der Sterne“ zu reagiren.

Ja ja, und wenn man auch noch ein Deutscher
älterer Generation ist, so bleibt man doch am liebsten
bei dem Nächstliegenden, dem angenehmen Abend,
der guten Gesellschaft und was sonst so dazu gehört,
wenn man sich auch, der Abwechslung wegen, einmal auf „Siriusweiten“ in das Glitzern und Flimmern
überm Kopfe davon entfernt. Und das ist unser gutes
Erdenrecht. Es ist uns, wenigstens fürs Erste, wichtiger, zu wissen, was für Menschen hier mit uns
leben und mit welchen von ihnen man es zu thun
gekriegt hat, eben kriegt und morgen kriegen wird,
als herauszukriegen, ob der Mond und der Mars
bewohnt sind und von Wem oder Was. —

Nun mußte mir aber die Weggenossenschaft
grade dieses Abends näher liegen, als Alles, was
auf dem Mars, dem Monde, dem Sirius und der
Beteigeuze, der Venus und dem Jupiter herumlaufen
konnte. Es waren die Leute, mit denen man ging,
die Einem in der Fremde im Wachen und im Träumen,
vorzüglich im Halbwachen und im Halbtraume plötzlich vorübergleiten, oder sich in den Weg stellen!
Die, an welche man lange Jahre nicht gedacht und
an die man dann um so intensiver zu denken hat:

I, Der und Der! Ob der gute alte Kerl wohl
noch lebt und es ihm nach Verdienst wohl ergeht?…
Und nun — da — guck den Stänker — den hämischen
Schulbankpetzer! wie kommt mir der Bursche in seinen
zu kurzen Hosen und Rockärmeln grade jetzt, hier an
dieser Straßenecke am Hafen in den Sinn? hier
unter den Palmen und Sykomoren und andern
Mohren und bei der äquatorialen Hitze? Aber es
freut Einen doch, grade bei der Hitze und unter dem
exotischen, heidnischen Niggerpack, daß man in kühlerer
Zeit mal mit dem heimathländischen, germanischen
Christen zu thun gehabt hat und von ihm mit der
Nase darauf gestoßen worden ist, wie treuherzig es
in der Welt und unter den Leuten zugeht!…Herrgott, da kommt ja Maier!… Maier! aber wie von
einer Theekistenbemalung, mit dem seligen Porzellanturm von Nanking hinter sich! wie kommt denn der
liebe alte Junge und Schafskopf zu dem wundervollen Zopf und dem Mandarinenknopf vierter Rangklasse?… Herr Je, und Stopfkuchen? wie komme
ich denn gerade hier auf Stopfkuchen? auf meinen
dicken Freund Stopfkuchen, den Ersten auf unserer
Bank in der Tertia von unten auf gerechnet? Ei,
Stopfkuchen!… Stopfkuchen! —

Ich hatte weder in der Stadt noch im Brummersumm Alle wieder beieinander angetroffen. Den Einen
hatte der Tod, den Andern das Leben daraus weggeholt. Und was den Brummersumm im besondern
anbetraf, so war der Eine zu gut verheirathet und
der Andere zu schlecht, als daß sie noch die gehörige
Stimmung für die abendliche, ja manchmal auch
nächtliche Gesellschaft und Geselligkeit dort aus ihrem
Eheleben hätten herausschlagen können. Einer von
uns hatte auf den Brummersumm Verzicht geleistet
und blieb bei seinem Weibe aus ganz besonderem
Grunde, und sein Name, oder vielmehr sein Spitzname war:

Stopfkuchen.

Er wird sehr häufig auf diesen Blättern das
Wort haben; es war aber auch eine längere Zeit in
der alten Schenke die Rede von ihm gewesen, und
auf dem Heimwege unter dem glitzernden Sternenhimmel und in der langen Pappelallee auch. Ich
aber war eine geraume Zeit hinter den Andern gegangen, ohne an der Unterhaltung Theil zu nehmen
und hatte nur wiederum alte Erinnerungen lebendig
werden lassen und hatte nur gedacht:

Stopfkuchen! Und Stopfkuchen auf der rothen
Schanze! Eduard, solltest Du das Dir als den besten
Bissen vom Kuchen bis zuletzt aufgehoben haben?
Welch ein Gott hat Dir den wunderlichen Gesellen
und guten Jungen hier bis jetzt aus dem Wege geschoben? Also Stopfkuchen wirklich auf der rothen
Schanze! Und wenn sich Afrika und Europa Dir
morgen in den Weg stellt: Du schiebst sie zur
Seite und bist morgen so früh als möglich auf dem
Wege nach der rothen Schanze und zu Deinem dicksten
Freunde Stopfkuchen. Also Stopfkuchen wirklich und
wahrhaftig auf der rothen Schanze!

Ich war, wie gesagt, nach Jahren der Abwesenheit einmal wieder ihr Gast, der Gast der Heimathstadt, im Kruge zum Brummersumm gewesen, oder
hatte vielmehr endlich einmal wieder daselbst einen
Stuhl eingenommen.

Natürlich könnte man hier Gedanken, Gefühle,
Stimmungen und Anmerkungen aus der Tiefe des
deutschen Herzens, Busens und Gemüthes heraus,
noch recht erklecklich weiter und zwar ins Behaglichste
ausmalen; man thut es aber nicht, sondern bemerkt
nur das Nothwendige.

Nämlich als Kind schon begleitete ich meinen jetzt
längst verstorbenen Vater dorthin. Er hatte seine Pfeife
da stehen, doch dann und wann hatte ich ihm auch
eine neue hinauszutragen. Viele Leute werden nun
sagen: Der selige alte Herr gab da seinem Jungen
ein recht sauberes Beispiel! Und sie haben Recht,
und wissen gar nicht wie sehr sie Recht haben. Er
that es auch und gab mir ein nettes Beispiel; —
freilich nicht bloß in dieser Hinsicht.

Ich bin also Stammgast des Brummersumms
von Kindesbeinen an gewesen, und habe schon um
dessentwegen mit geheirathet, um gleich dem wackern
alten Vater, Allerlei von dorther an meine eigenen
Jungen drunten im „heißen Afrika“ weiter geben zu
können. Die verwilderten halbschlächtig deutsch-holländischen Schlingel geben gottlob unter den Buren,
Kaffern und Hottentotten manch ein Kulturmoment
weiter, was aus dem Brummersumm stammt. Sie
sagen dann gewöhnlich dabei: Mein Vater hat's
gesagt, und der hat's schon von seinem Vater, unserm
Großvater in Deutschland.

Ja, so ein richtiger deutscher Spießbürger in
in seiner Kneipe!

Man zieht die Achseln nur deßhalb über ihn,
weil man selbstverständlich stets den unrichtigen für
den richtigen nimmt. Wo in aller Welt, als wie so im
Brummersumm läßt sich denn der Spieß leichter umdrehen, auf daß man die langweilige, die dumme, die
abgeschmackte, die boshafte, die neidische Welt drauflaufen lasse? Und wo kann man kräftiger nachstoßen, um
das überleidige Unthier völlig zu Boden zu bringen?

Wie sich freilich die Frau Spießbürgerin zu dem
Brummersumm verhält, das steht auf einem ganz
andern Blatte. Auf einem ganz besondern Blatte
aber steht, wie sich meine selige Mutter zu ihm verhielt. Erst in reifern Jahren natürlich habe ich den
Sachverhalt herausgekriegt durch wehmüthig-fröhliche
Rückerinnerung, und da ist der Gesammteindruck ein
höchst erfreulicher. Das brave Weib hatte sich nicht
nur mit dem Brummersumm abgefunden, sondern
sie ermahnte dann und wann meinen Vater: „Du,
es ist wohl Zeit für Deinen Abendweg!“ Und seltsamerweise geschah dieses am häufigsten dann, wenn
Sorge, Kummer und Verdruß unser Haus in der
Stadt umkrochen und böser Lebensdunst sich darüber,
und also zumeist über ihrem theuren Haupte, zusammengezogen hatte. Es gibt wohl nichts, was
mehr für die Frau und den Brummersumm spricht.

Ich hatte auch an dem Abend, unter dessen
Sternconstellationen diese Blätter sich aufthaten, alle
möglichen alten Erinnerungen von Neuem aufgefrischt.
Sie hatten im Brummersumm gemeint, ich sei doch
recht schweigsam aus dem Kaffernlande auf Besuch
nach Hause gekommen; und sie bedachten wie gewöhnlich nicht, daß man den Mund halten und doch
die lebendigste Unterhaltung mit Einem, mit Mehreren, mit Vielen führen kann. Dazu hatte ich wirklich das Meiste vernommen, was an diesem Abend
um mich her gesprochen worden war, und ein im
Vorübergehen rasch und leicht hingesprochenes Gesprächsthema hatte mich in der That länger und eingehender beschäftigt und nachdenklicher bei sich festgehalten als die Andern um den alten Tisch herum.

Es gehört nämlich jetzt Einer von uns der
kaiserlichen Reichspost als Beamter an, und der erzählte, oder gab vielmehr beiläufig in die Unterhaltung hinein:

„Es wird vielleicht Einige der Herren interessiren,
daß man uns heute angezeigt hat, daß Störzer todt
ist. Unser ältester und weitgelaufenster Landpostbote.
Es sollte mich wundern, wenn Einer hier unter uns
wäre, dem er nicht über den Weg gelaufen wäre.“

„I, natürlich!“ klang es im Kreise. „Der alte
Störzer! Also der hat endlich auch seinen Pilgerstab in den Winkel gestellt.“

„Mit allen Ehren. Volle einunddreißig Jahre
ist er gelaufen, und wir haben uns unter dem ersten
Eindruck der Nachricht dran gemacht und haben es
ihm postamtlich nachgerechnet, welchen Weg er in
seinem Dienste treu und redlich, ohne einen einzigen
Urlaubstag zu verlangen, zurückgelegt hat. Wie viele
Male glauben die Herren, daß er hätte rund um die
Erde herum gewesen sein können?“

„Da bin ich doch neugierig!“ sagte der ganze
Brummersumm.

„Fünf Mal. Rund um den Erdball. Siebenundzwanzigtausend und zweiundachtzig Meilen in vierundfünfzigtausendeinhundertvierundsechzig Berufs-Gehstunden! Und, wie gesagt, keinen Tag hat der Glückspilz in seinen einunddreißig Dienstjahren ausgesetzt
— aussetzen müssen aus Gesundheitsrücksichten. Wie
viele der Herren würden gegen seine Beine die ihrigen
mit anhängendem Rheuma, mehr oder minder ausgesprochener Ischias und was sonst so zu den Beigaben einer seßhaften Lebensstellung gehört, mit Vergnügen ausgetauscht haben. Ach, und wenn er sie
hätte vererben können!“

„Das weiß der liebe Gott!“ seufzten verschiedene
der Herren, indem sie noch einmal hinzufügten: „Also
der alte Störzer ist todt!“ —

„Also der alte Störzer ist todt!“ hatte auch ich
gemurmelt. „Hat sich zur Ruhe gesetzt, nachdem er
fünf Mal die Weglänge um den Erdball zurückgelegt hat. Hm, hm, Den hättest Du gern auch
noch einmal gesehen und gesprochen vor seinem
allerletzten Wege, der nicht mehr zu seinen irdischen,
amtlichen gehörte!“ — Und ein unbehagliches Gefühl, eine Pflicht und Verpflichtung leichthin versäumt zu haben, überkam mich. „Mußte der Mann
es denn diesmal so eilig haben? Konnte er es keinen
Augenblick ruhig abwarten, bis Du Dich auch seiner
erinnern würdest, Eduard, um auch ihm seinen ihm
zukommenden Freundschaftsbesuch bei diesem Deinen
Besuch in der Heimath abzustatten?“

„Du mußt Dich doch Seiner vor uns Allen gut
erinnern, Eduard?“ hatte vorhin Einer am Lebenstisch mich gefragt.

„Jawohl, ich erinnere mich Seiner sehr gut,“
hatte ich geantwortet; und nun sind die folgenden
Blätter Seinetwegen, Störzers wegen, mit geschrieben
worden.

„Jawohl, jawohl, wie gut ich mich seiner erinnere!“ wiederholte ich mir, eine halbe Stunde oder
eine Stunde später, als ich im Wirthshause, in meinem
Absteigequartier in hiesiger Stadt, mit mir und den
Heimathseindrücken des eben abgelaufenen Tages allein
war. Er, Störzer, gehörte freilich zu meinen allerbesten Jugendbekannten, und mein Vater war's gewesen, der mich mit ihm bekannt gemacht und auf
seinen Umgang hingewiesen hatte indem er mir rieth:

„Sieh einmal, mein Junge, an Dem nimm Dir
ein Beispiel. Der macht sich weder aus dem Wege
noch aus dem Wetter was. Und was Alles trägt
er täglich den Leuten in seiner Ledertasche zu und
macht dabei an dem einem wie an dem andern Tage
das gleiche Gesicht.“

Der letztere Teil dieser Rede war mir damals
wohl etwas dunkel geblieben; heute weiß ich, daß
mein seliger Papa vor dem Worte: Gesicht, wohl die
dazu gehörigen Beiwörter: dumm, gleichgültig, stillvergnügt, unterschlagen hatte. Aber welch ein richtiger Junge achtet nicht einen Menschen, der ihm als
ein Muster aufgestellt wird, weil er sich weder aus
dem Wetter noch aus dem Wege etwas macht?

„Wo das Kind eigentlich wieder stecken mag?“
pflegte in jenen glücklichen Tagen meine arme selige
Mutter zu fragen.

Das Kind steckte bei Störzern, seiner Kunst,
sämmtlichen autochthonen und auch einigen exotischen
Vögeln nachzupfeifen, flöten, zirpen und schnarren,
bei seiner „Kriegsbereitschaft“ Anno Achtzehnhundertfünfzig und bei seiner — Geographie. Die Sache
war doch ganz klar, so dunkel sie auch einem den
Deckel vom Suppennapf abhebenden und vergeblich
um sich schauenden Muttergemüth sein mochte. Beiläufig, daß wir ebenfalls zur Post (damals noch nicht
kaiserlichen) gehörten und daß mein Vater in seinen
letzten Lebensjahren sogar Herr Postrath genannt
wurde, trug wohl auch das Seinige zu dem angenehmen und innigen Verhältniß zwischen mir und
Störzer bei. Wir rechneten uns einander, wie man
das ausdrückt, zu einander; und auf meinen Wegen
nicht um, sondern durch die Welt habe ich niemals
ein selten Posthorn zu Ohr bekommen, ohne dabei
an meinen seligen Vater, meine selige Mutter und
den Landbriefträger Störzer zu denken. Uebrigens
bekam Störzer auch jedesmal eine Cigarre mit auf
den Weg, wenn er dem Vater und mir draußen vor
der Stadt begegnete. Da war's wohl kein Wunder,
wenn er jedesmal, wo er mich allein traf, zu fragen
pflegte:

„Nu, Eduard, wie ist es? willst Du mit? darfst
Du mit?“ —

Ich hätte ihm doch, wenn nicht zuerst, so doch
unter den Ersten meinen Besuch machen sollen. Jetzt
war es wieder einmal zu spät für etwas. Auch die
kaiserliche Reichspostverwaltung hatte ihr Recht an
ihm verloren, holte ihn sich nicht mehr zu neuem
Marsch durch gutes und böses Wetter vor Tage aus
den Federn, oder besser, von seinem Strohsack; und
ich — ich saß bei meinem Freunde Sichert, dem
Wirth zu den drei Königen, und gedachte Seiner, wie
man Eines gedenkt, zu dem man in seiner Kindheit
aufgesehen hat und mit dem man Wege gegangen
ist, aller Phantasien, Wunder und Abenteuer der
Welt voll.

Man hat so Stunden, wo Einem alles übrige
Leben und alle sonstige Lebendigkeit zu einem fernen
Gesumm wird, und man nur eine einzelne Stimme
ganz in der Nähe und ganz laut und genau vernimmt.

„Damit ist es nun nichts, Eduard!“ hörte ich
Störzer ganz deutlich seufzen. Er hatte mir aber,
das heißt an dem Tage, damals, ein Kuckucksei in
einem Finkenneste zeigen wollen, und es hatte sich
gefunden, daß schon andere Naturforscher vor uns
dagewesen waren, und daß der Kuckuck die ganze
naturhistorische Merkwürdigkeit aus dem Busch in
dem alten Steinbruche, rechts abseits der Landstraße
und des Postdienstweges, geholt hatte.

Und wieder, von einem andern Tage her, höre
ich diese Stimme:

„Siehst Du, Eduard, wenn ich heute Deine
Mutter gewesen wäre, so hätte ich Dich an diesem
Morgen doch vielleicht nicht mit mir gehen lassen,
und wenn es auch hundertmal die großen Ferien
sind. Noch hält dies zwar Jeder, der nichts davon
versteht, für einen recht schönen Tag; aber, aber, ich
sage nichts, wie ich die Gegend hier herum und die
Wetteraussichten kenne. Mir wölkt es sich trotz allem
gegenwärtigen Sonnenschein dahinten und von so
ganz herum, aber grade aus unserer Wetterecke hinter
Maiholzen, doch ein bischen zu verdächtig auf. Willst
Du lieber noch umkehren, Eduard, so thust Du vielleicht Deinen lieben Eltern und Deinem Anzug einen
großen Gefallen. Ich will nichts sagen, aber es
könnte doch eine Stunde kommen, wo sie Dich am
liebsten zu Hause wüßten.“

Es ist nicht immer dieselbe Stimme. Es fällt
noch eine andere ein, und das ist die meinige, die
sich aber noch lange nicht „gesetzt“ hat, und sich erst
in einigen Jahren „setzen“ wird.

„In Südamerika ist ein großes Erdbeben gewesen,
Störzer. Mein Vater hat es heute früh beim Kaffee
aus der Zeitung vorgelesen. Das hat viele Ortschaften übereinandergeschmissen und darunter eine
Stadt so groß wie unsere. Donnerwetter, wer da
hätte bei sein können, Störzer!“

„Ja, Eduard, das sagten Anno Fünfzig auch
Viele von uns bei der großen Mobilmachung, wenn
alte Leute, die dabei gewesen waren von der Schlacht
bei Leipzig oder der Schlacht bei Waterloo und den
Drangsalen auf den Märschen erzählten. Nachher
war's uns Allen aber doch recht lieb, daß es diesmal
zu nichts Rechtem kam. Das größte Großmaul von
uns hatte die Geschichte bloß nur auf dem Exerzirplatz bald satt. Und selbst Karl Drönemann, den
sie zu einem reitenden Postillon bei der Kriegspost gemacht hatten, meinte: zu Hause davon nachher
zu erzählen, wiege es doch nicht auf, es vorher mit
seinem eigenen menschlichen Leben selber durchgemacht
zu haben. Das ist wie mit den Reisebeschreibungen.
Nimm da nur unsern Levalljang, wie hübsch sich das
liest, weil er es so hübsch zu Hause beschrieben hat. …
Also in Südamerika ist das große Erdbeben diesmal
gewesen? Ja, ja die Geographie ist doch die allerhöchste
Wissenschaft für uns Alle von der Post! Wieviele
sind wohl umgekommen, Eduard?“

„Na, so an die Hunderttausend. Auf das Genauste kann man das wohl nicht ausrechnen.“

„Hm, ein paar Tausend mehr oder weniger!
Einer mehr oder weniger! Ja, Einer mehr oder
weniger — weniger. Eduard, unser Herrgott muß
es doch wohl verantworten können. Ist das nicht
auch Deine Meinung?“

„Das weiß ich nicht; aber ihre dortige Brief- und Packetbestellung muß das höllisch in Unordnung
bringen, sagt mein Vater, und da kommt doch sicherlich Vieles als unbestellbar zurück. Meinst Du nicht
auch, Störzer?“

„Eines mehr oder weniger in der Welt.“

„Kaufmann Katerfeld, der da einen reichen
Bruder hat, wie meine Mutter sagte, ist auch schon
heute beim Kaffee beim Vater gewesen und hat danach
angefragt.“

„I, sieh mal, Eduard! Auch Einer mehr oder
weniger! Ja, diesen auswärtigen Katerfeld, er heißt mit
Vornamen Sekkel, kenne ich noch ganz gut aus meinen
Jungensjahren. Das muß also in Chile gewesen
sein, Dein Erdbeben; denn dahin ist der ausgewandert
und hat's zum Millionär gebracht. Und das sollten
wir Alle thun. Er ist unverheirathet geblieben, weil
ihn hier eine Gewisse nicht gewollt hat. Das kannst
Du halten wie Du willst, Eduard, denn das ist doch
die Nebensache. Sieh, sieh, also der ist mit in das
Erdbeben hineingerathen! ja, da hätte ich in Herrn
Samuel Katerfelds Stelle mich auch gleich bei Deinem
Herrn Vater, dem Herrn Postmeister nach dem Nähern
erkundigt. Aber — das verstehst Du noch nicht,
Eduard. Also Du willst auf gut und schlecht Wetter
heute Morgen wieder mit. Nun, denn nimm den
Weg unter die Füße und laß uns von dem Levalljang
sprechen. Das ist doch unser Buch! und der Welt- und Reisebeschreiber treibt Einem die trüben Grillen
aus dem Kopf. Und so ein Leben wie der sollten
wir Alle führen unter den wilden und zahmen Hottentotten. Ich habe wieder die halbe Nacht in dem
Buche studirt.“

„Du hast heute eine schwere Tasche.“

„Eine schwere Tasche!… Ja, was schreiben
die Leute! Allein die rothe Schanze! der Bauer von
der rothen Schanze! Wer mir im Amte von der rothen
Schanze und ihren Poststücken hülfe, Eduard, dem
wollte ich auf den Knieen für die Erlösung danken.
Es ist freilich heute bloß nur die Zeitung. Die trägst
Du mir wohl wieder einmal über den Graben nach
der Schanze hinüber. Nicht wahr, Du thust mir den
Gefallen? Ich sortire mir derweilen die übrigen Briefe
und Gartenlauben und Modenzeitungen an die Herrn
Oekonomen und Pastöre und Fabrikinspektoren ein
bischen handgerechter diesseits des Grabens.“

Was hätte ich damals nicht dem Landpostboten
Störzer zu Gefallen gethan?

„Natürlich bringe ich Deine Sachen zu Quakatz,
Fritze, und wenn er auch noch sehr sein Sauerampfergesicht mir schneidet, und seine wilde Katze mir am
liebsten in mein Gesicht springen möchte. Setze Du
Dich dreist untern Baum vor dem Graben und sortire
Deine Geschichten. Ich springe schon hinüber zur
rothen Schanze und nehme sie mit Sturm, wie Stopfkuchen sie nehmen will. Damit werden wir noch
fertig, ehe Dein Gewitter heraufkommt, Störzer!“

„Je, so rasch kommt's hoffentlich nicht, Eduard.“

Wir steigen nun trotz aller schlimmen Wetterzeichen
rundum am Horizont, in der Morgensonne wacker zu.

„Eine schwere Tasche!“ höre ich in meinem Absteigequartier zu den heiligen drei Königen meinen
harmlosen Jugendbekannten Störzer noch einmal
stöhnen oder vielmehr seufzen; aber wenn ich auch
noch so sehr ein Herz und eine Seele mit ihm war:
was kümmerte mich die Korrespondenz der Bauern,
der Gutherrschaften, der Fabrikleute, die er in der
Tasche über Land trug? Dafür kroch, flog, lief,
schwirrte, leuchtete, flimmerte und glänzte doch allzu
viel Wichtigeres sowohl an der Landstraße wie an
den Beiwegen. Ja, wenn sich der Kuckuck, die Grasmücke, der Igel, der Hase und diese übrige Gesellschaft, eingeschlossen die Sonne, der Schatten, der
Wind, der Regen, der Blitz und der Donner, auch
auf schriftlichen Verkehr untereinander durch Störzers
Vermittelung eingelassen haben würden, dann hätte
es vielleicht noch wundervoller sein können. Aber es
war auch so ganz gut, wo der Roggen und der
Weizen, die Kornblume und die Klatschrose rund um
ohne Dinte, Feder und Papier auskamen und sich
ohne fortgeschrittene Bildung innerhalb ihrer Isotheren
und Isothermen, freundschaftlich und geschäftlich bei
einander zu halten wußten.

Isotheren! Isothermen! Wie diese gelehrten
Worten zu den lieben Namen, den Heimathsnamen
von Allem, was „auf dem Felde“ (Sehet die Lilien
u. s. w.) wächst, paßten, so paßten sie auch zu unserer
übrigen Erdkunde (Geographie) damals. Und doch,
was für wundervolle Geographen, Erdkundige, Erdbeschreiber, wir damals waren, Störzer und ich.
Wir wären die rechten Leute damals für den alten
freundlichen und gelehrten Karl Ritter gewesen, wenn
er seine Landschaftsbilder auf die große schwarze
Tafel hinter seinem Katheder in Berlin malte.

Und wie weit man um diese Lebenszeit auf den
paar Stunden Weges von einem Dorf, Pastorhaus
und Gutshof zum andern in die weite unermeßliche
Welt hinaus kam!

Zu Hause, in Neuteutoburg, weiß ich nur zu gut,
daß die Welt, oder in diesem Falle der Erdball, durchaus nicht unabmeßlich ist, sondern daß dieser im
Aether schwimmende Kloß gar nicht so dick ist, wie
er sich einbildet. Aber wenn ich wenigstens bis zu
den Kaffern und Buren und zu einem anständigen
Vermögen gekommen bin; wem anders verdanke ich
das, als dem Landbriefträger Friedrich Störzer und
seinem Lieblingsbuch Le Vaillants Reisen in das
Innere von Afrika, aus dem Französischen übersetzt
und mit Anmerkungen von Johann Reinhold Forster?

Wie deutlich ich in den Heiligen Drei Königen die
Stimme höre: „Die Geographie, die Geographie,
Eduard! Und so ein Mann wie dieser Levalljang! Was
wäre und wo bliebe Unsereiner ohne die Geographie
und solch ein Muster von Menschen und Reisenden?
Nimm nur mal an, so Tag für Tag, Jahr ein Jahr
aus die nämlichen Wege. Jedes Dorf wie Deine
Tasche. In jedem Hause von der ältesten Großmutter
bis zum eben ausgekrochenen, jüngsten Wurm, Alles
wie Deine eigenen Leute in Deinem eigenen Hause!
Und aus jedem Hause der Ruf: da kommt Störzer!
Und in jedwedem Hause: Störzer hat die Zeitung gebracht, Störzer bringt 'n Brief! — Könntest Du das
auf Lebenszeit und immer auf denselben Wegen aushalten, Eduard, ohne Deine Gedanken und Einbildungskraft und Phantasien und Lektüre, Eduard?
Müßte Dir das nicht auch auf die Länge langweilig
werden ohne die Geographie?“

„Ne, Störzer! Denn wir haben sie auf dem Gymnasium, und da haben sie mich gestern erst ihretwegen
eine Stunde länger in der Schule behalten. Bythinien, Paphlagonien und Pontus wußte ich; aber
ich sollte alle alten Staaten von Kleinasien wissen.“

„Das thut mir Deinetwegen ja sehr leid, Eduard,
aber mir hättest Du doch einen Gefallen gethan,
wenn Du sie beim Nachsitzen noch auswendig gelernt
hättest, wenn auch bloß für mich.“

„Für Dich, Fritze? Nun denn: Mysia, Lydia,
Karia, Lycia, Pisidia, Phrygia, Galatia, Lycaonia,
Cilicia, Kappadocia, Armenia minor, das sind sie
alle; denn Bythinien, Paphlagonien und Pontus habe
ich Dir schon genannt.“

„Donnerwetter, Eduard, das ist ja grade als
ob Du uns Deutsche in allen unsern Unterabtheilungen
aufzähltest! Es klingt bloß 'n bischen hübscher und
ausländischer. Nun sieh mal, was für ein Vergnügen
muß das für Dich sein, daß Du dieses Alles so an
der Schnur hersagen kannst und Dir dabei was
denken kannst, hier auf der Landstraße mit der ganzen
altbekannten Umgebung rundherum und da — hier
— der rothen Schanze vor der Nase.“

„Campes Reisebeschreibungen sind mir lieber.
Und Du bist mir auch lieber, Störzer. Mysien, Lydien,
Karien, bringe Du das da unten in dem dumpfigen
Schulstall mal in Deinen Kopf und sehne Dich mal
nicht nach dem Le Vaillant, seinem Afrika und seinen
Hottentotten, Giraffen, Löwen und Elephanten. Stopfkuchen haben sie auch mit mir eine Stunde über den
Unsinn dabehalten. Der frägt aber nichts nach Afrika.
Denn seine tägliche Sehnsucht ist dort die rothe Schanze;
na, das weißt Du ja.“

„Das weiß ich freilich, und es ist närrisch genug
von dem Dicken — Deinem närrischen Kameraden.
Weißt Du, Eduard, wenn ich mir aus der Weltkunde
ein Faulthier vorstelle, so muß ich mir dabei immer
diesen Deinen Freund und Schulkameraden mit vorstellen. Der und die rothe Schanze!“

Die rothe Schanze! Ich hatte doch allmählich
ein wenig in all diese Erinnerungen, in diesen Wechsel
von Stimmen und Gestalten hineingegähnt und das
Bedürfniß gefühlt, nun auch Störzer seiner ewigen
Ruhe zu überlassen und selber für diese Nacht zur
Ruhe zu gehen; als mich dieser Name doch noch eine
Weile wach und bei meinem Jugendleben lebendigst
fest hielt. Die rothe Schanze!

Es überkam mich ein lachendes Behagen über
die rothe Schanze in ihrer Verbindung mit dem Dicksten,
dem Faulsten, dem Gefräßigsten unter uns von damals.

„Im Bette habe ich sie am festesten beim Wickel,
Eduard,“ pflegte Stopfkuchen zu sagen. „Wenn ich
mal träume, dann träume ich von ihr, und wer dann
Herr auf ihr ist und keinen Schulrath, Oberlehrer
und Kollaborator über den Graben läßt, das ist nicht
der Bauer Quakatz, sondern das bin ich. Ich! sage
ich Dir, Eduard.“

Und in den Traum nahm auch ich sie, die rothe
Schanze mit hinein in dieser Nacht in den Heiligen
drei Königen der Heimathstadt. In diesem Traume
sah ich ihn noch einmal in meinem Leben, so traumhaft aller Wunder voll, wie ich ihn von der Oberquarta und Untertertia aus gesehen hatte, diesen
Bauerhof, diese rothe Schanze, diesen alten herrlichen
Kriegs- und Belagerungs-Aufwurf des Prinzen Xaverius
von Sachsen, den Hof des Bauern Andreas Quakatz,
aus welchem der kursächsische Herr Prinz in den
sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts nicht
nur die Stadt da unten, sondern auch die hohe
Schule, unser Gymnasium, darin, so gründlich beschossen hatte, daß sie beide sich ihm sofort übergeben
mußten, obgleich er wahrlich nicht der erste und
größte Held des siebenjährigen Krieges war. Der
siebenjährige Krieg war ein paar Jahre länger vorüber als meine und Stopfkuchens Kindheit; aber die
rothe Schanze war noch immer vorhanden in diesem
Traume, wie sie unser Jugendideal gewesen war.

Da stieg sie auf im wohlerhaltenen Viereck.
Nur durch einen Dammweg über den tiefen Graben
mit der übrigen Welt in Verbindung! Mit Allem,
was sie der Knabenphantasie zu einem Entzücken und
Geheimniß gemacht hatte: mit den Kanonen und
Mörsern des Prinzen Xaver und mit der undurchdringlichen Dornenhecke, die der böse Bauer Andreas
Quakatz auf ihrer Höhe um sich, sein Tinchen, sein
Haus, seine Ställe und Scheunen und Alles was
sonst sein war, zum Abschluß gegen die schlimme
Welt gezogen hatte!

Ich höre ein dumpfes Rollen und Krachen in
meinen Traum von der rothen Schanze hinein, aber
es ist nicht der kursächsische Kanonendonner gegen den
König Fritz von Preußen, es ist das Gewitter, bei
dem Störzer sagt:

„Es kommt doch noch rascher über uns, als ich
mir dachte. Da, Eduard, nun thu mir den Gefallen
und laufe zu dem Adressaten Quakatz mit seinen
Sachen hinüber. Da, seine Zeitung, hier ein, zwei,
drei Briefe. Was der Mann eine Schreiberei um sich
hat! ach, Eduard, und immer ein paar mit den Gerichtssiegeln! Da, das Kind, sein Tinchen kuckt schon
um den Thorpfeiler! gib sie ihm ab, die Sachen;
ich sortire hier unter der Hainbuche derweil das
Uebrige, ehe das Unwetter ganz da ist.“

„Was willst Du von uns, dummer Junge?“
höre ich nun ein feines Stimmchen, das gar böse
thut, und zwar inmitten des Gekläffs von einem
halben Dutzend vor Wuth und Gift außer sich gerathener Haus- und Hof-Köter aller Sorten und
Gattungen. Und sie lassen es nicht bei dem Blaffen
und Zähnegefletsch. Sie fahren mir nach der Hose
und springen mir gegen die Kehle: man hätte das
vollste Recht, dabei aus jedem Traume, selbst als
älterer Herr und südafrikanischer Buer mit einem
hellen Schrei zu erwachen.

Ich bleibe aber doch darin, auf dem Damm, vor
den beiden Thorpfeilern vom Quakatzenhof auf der
rothen Schanze, und die Kinderstimme kreischt lachend
und höhnisch: „Laßt ihn! Wollt ihr herein! Das
ganze Gerichte! Präsendent, Akzessor, Reffrendar!
Kusch Alle! kusch Geschworener Vahldick! kusch Meier,
kusch Brauneberg! kusch das ganze Geschworenengerichte!“

„Da sind eure Postsachen! eure Schreibsachen
und die Zeitung, Du Giftkatze!“ rufe ich, der rothköpfigen Krabbe des Bauern von der rothen Schanze
die Korrespondenz des Bauern in die aufgehaltene
Schürze werfend, und von dem ungastlichen Anwesen
über den Fahrdamm auf das freie Feld und zu der
Hainbuche und zu Störzer zurückweichend.

„Komm, Eduard,“ sagt Störzer, wir wollen
den Weg zwischen die Beine nehmen, daß wir
wenigstens Maiholzen noch trocken erreichen. Da,
sieh mal hin, wie es dahinten schon gießt. Das ist
nun so 'n schöner Sommertag. Na, gottlob, daß
wir wenigstens die rothe Schanze und Quakatz hinter
uns haben.“

Nun war es seltsam, wie sich in dieser Nacht
in den Heiligen drei Königen Vergangenheit und
Gegenwart im Bett, Schlaf, Traum und Halbtraum
vermischte. Es rauschte und rollte, wie großer
Platzregen und schwerer Donner: ich lag im Bett
in den Heiligen drei Königen als Gatte, Vater,
Grundbesitzer und großer Schafzüchter am Orangefluß, und lief zu gleicher Zeit mit dem Landbriefträger Störzer als zwölfjähriger Schuljunge im
strömenden Gewitterschauer, unter Blitz und Donner
über das freie Feld, um Maiholzen, das gute Dorf
hinter der rothen Schanze zu erreichen — wenn
nicht mit trockenen Kleidern, so doch wenigstens bei
lebendigem Leibe.

Erst als der Kellner mit dem Rasirwasser kam,
erfuhr ich, daß es wirklich gegen Morgen noch ein
heftiges Gewitter gegeben habe, und es war wirklich
nichts dagegen zu sagen, daß der junge Mann den
höflichen Wunsch äußerte, ich möge „die Sache angenehm verschlafen haben.“

Das wirkliche Gewitter der Nacht hatte ich angenehm verschlafen, oder sein Getöse hatte sich doch
so sehr mit dem Rollen und Rauschen der Vergangenheit vermischt, daß ein Unterscheiden von Traum und
Wahrheit nicht möglich war. Nun aber hatte ich,
ehe der Kellner anklopfte, längere Zeit auf etwas
Anderes horchen müssen, was ebenfalls in Traumbeschreibungen häufig litterarisch vorkommt: die Thurmglocken der Heimathstadt. Ich hatte es Sechs schlagen
hören und Halbsieben und Sieben. Und dabei,
gerade bei diesem angenehmsten wachen Liegen und
Dehnen und Strecken im Bette und dem Glockenklang dieser Stunden, war mir ein Anderes von
Neuem lebendig in der Seele geworden — süß und
schaurig lebendig! Die Stunde nämlich, in welcher
man in der Schule zu sein hatte — im Sommer
um Sieben, im Winter um Acht, und, von mir
ganz abgesehen, Stopfkuchen schändlicher Weise auch!
Stopfkuchen! er, den „der ganze Quark garnichts
anging, wenigstens ein Beträchtliches weniger, als
den ganzen übrigen Cötus zusammen.“

Er fragte wahrhaftig garnichts danach, was „die
Leute“ (er meinte die Herren Lehrer) wußten und
lächerlicherweise ihm mitzutheilen wünschten. Er war
ganz gut so wie er war, und — kurz und gut, es
war eine Niederträchtigkeit im Sommer um Sieben
und im Winter um Acht „da sein“ zu müssen, um
sich doch nur mit völliger Verachtung strafen zu
lassen; da „alles Andere doch nichts half.“

Stopfkuchen! Wahrlich nicht der Kirchenglocken
wegen (obgleich er auch den Versuch gemacht hatte,
Theologie zu studiren) sondern einzig und allein der
Thurmuhr halber, stieg er mir nun so hell wie Störzer
in der Seele empor, mein Freund Stopfkuchen, mein
anderer Kindheits-, Feld-, Wald- und Wiesen-Freund
Stopfkuchen, den ich nur dann seinen Schritt etwas
beschleunigen sah, wenn ihn der alte Konrektor mit
der Haselnußgerte im Kreise nicht um die Welt,
sondern um die schwarze Schultafel und die ungelöste mathematische Aufgabe jagte.

Ja, zu unserer Zeit kriegte man noch die Prügel,
die Einem gebührten . . . Gott sei Dank! — „Stopfkuchen“ nannten wir ihn auf der Schule. Eigentlich
hieß er Heinrich Schaumann, und war das einzige
Kind so dürrer, eingeschrumpfelter, zaunkönighaftnervös-lebendiger Eltern, daß Die in der Stadt nicht
Unrecht zu haben schienen, die da behaupteten, er
habe in einem Kuckucksei gelegen, und sei schändlich
doloser Weise dem Herrn Registrator und der Frau
Registratorin Schaumann ins Nest geschoben worden.
Wie dem auch sein mochte: sie hatten ihn herangefüttert und ihm zu und in den Schnabel getragen,
was sie vermochten; und es war ihm gediehen.

Und wie ein Zaunkönigspaar seine Freude und
seinen Stolz an seinem dicken Nestling hat, so hatten
auch Vater und Mutter Schaumann ihren Stolz und
ihre Freude an ihrem „Dicken“, und wollten selbstverständlich auch noch nach einer andern Dimension
hin etwas aus ihm machen, nämlich etwas Großes.
Natürlich einen Pastor, Regierungsrath, Sanitätsrath
oder dergleichen.

„Die Sache könnte mir schon passen, Eduard,“
sagte Heinrich damals häufig zu mir. „Wenn nur
nicht die verdammten Vorstrapazen wären; das
schauderhafte Latein, und gar Griechisch, und nachher um Einen verrückt zu machen das Hebräische!“
seufzte er dazu und rieb sich nicht selten die Schultern
dabei.

„Und die rothe Schanze, Heinrich.“

„Die auch, Eduard, obgleich das nur eine
Dummheit von euch Andern ist. Na, mir ist's
übrigens eins, was ihr Esel von mir sagt und
denkt! Und dann läßt sich das auch garnicht in
Einem Athem nennen: das Gymnasium und Quakatzen
seine rothe Schanze. Herr Du mein Gott, wenn mich
Einer zum Bauer auf der rothen Schanze machen
wollte; ich hinge jedes Pastorhaus in der Welt drum
an den Nagel und schlüge Kienbaum mit Vergnügen
dreimal todt.“

„Aber Stopfkuchen?“

„Jawohl, Stopfkuchen! Nennt mich nur so;
ich mache mir auch daraus nichts. Wenn ich Kuchen
kriege, so stopfe ich; darauf könnt ihr euch verlassen.
Und nochmals was Quakatzen anbetrifft, so mache ich
mir garnichts daraus, was die ganze Welt über ihn
spricht. Meinetwegen kann er Kienbaum sechsmal
todtgeschlagen haben; darum bleibt er doch der Bauer
auf der rothen Schanze und hat's am besten in der
ganzen Welt. Und übrigens bewiesen ist ihm ja von
keinem Gerichte was, und wenn jetzt die ganze Welt
auf ihn hetzt, beweist das garnichts gegen ihn. Auf
mich hetzt auch die ganze Welt, und wenn ihr
morgen Blechhammern, euren Herrn Oberlehrer
Doktor Blechhammer, irgendwo am Wege abgegurgelt
fändet, dann könntet ihr dreist auch mir die Geschichte
in die Schuhe schieben und behaupten: ich sei's gewesen und habe mir endlich das Vergnügen gegönnt
und meine Rache ausgeübt. Quakatz auf der rothen
Schanze hat ganz Recht, wenn er am liebsten seinen
Wall vom Prinzen Xaver her, auch lieber mit
Kanonen als bloß mit seinen Dornbüschen bespicken
möchte gegen die ganze Welt, die ganze Menschheit.
Hu, wenn ich mal von der rothen Schanze aus drunter
pfeffern dürfte — unter die ganze Menschheit nämlich;
und nachher noch die Hunde loslassen! Du weißt
es, Eduard, und kannst es bezeugen, wie reif ich
diesmal wenigstens war. Und sie haben mich doch
wieder sitzen lassen und nicht mitgenommen in die
Obertertia! Da komme Du mal nach Hause und habe
Freude an Deinen Eltern und sonst am Leben. Na,
da soll man wohl zum Eremiten werden und sich
hinter seine Kanonen zurückziehen. Da hilft mir
nichts als wie die rothe Schanze und die Idee, daß
ich ihr Herr wäre! Du läufst mit Störzern, Eduard;
und ich liege vor der rothen Schanze — Jeder nach
seinem Geschmack — und ich denke mich, mit der
ganzen Welt und Schule hinter mir, in sie hinein,
und wie mir da das Rindvieh Blechhammer kommen
könnte. Hier — sieh mal her, Eduard! daß mich
Tinchen Quakatz gestern hier in die Hand gebissen
hat, die bissige Katze, das paßt mir ganz. Da soll
wohl Einer nicht beißen, wenn ihm Keiner seine
Ruhe lassen will? Uebrigens hat die Kröte die
Maulschelle, die ich ihr darauf versetzt habe, auch
gespürt; und als der Alte dazu gekommen ist, hat
er Jedem von uns Recht geben müssen. Spuckt
euer Gift aus, hat er gesagt. Es ist besser als es
in sich hineinzufressen, hat er gesagt. Und wenn
Einer weiß, wie Recht er da gehabt hat, so bin ich
das. Auf der untersten Bank zu sitzen und zu all'
Blechhammers Redensarten keinen Muck sagen zu
dürfen, das ist zehntausendmal schlimmer, als Kienbaum nicht todtgeschlagen zu haben und doch dafür
angesehen zu werden. Ja, sieh mich nur so drauf
an, Eduard. Du bist auch so Einer von Denen,
die sich stündlich gratuliren, daß sie nicht der Mörderbauer von der rothen Schanze oder Heinrich Schaumann sind.“

„Da verkennst Du mich aber riesig, Heinrich.“

„Garnicht, Eduard; ich kenne euch und —
Alle kenne ich euch, in- und auswendig.“

Ich hatte mich rasirt. Nämlich ich rasire mich
selber: da drüben oder da hinten im Kaffernlande
könnte man lange auf den Barbier warten, und
wenn er einen Vogel Strauß bestiege, um mit seinem
Handwerkszeug eiligst von einem Kraal zum andern,
von einem Bauernhof zum andern zu reiten und die
Kundschaft zu bedienen. Die Sonne stand hell am
Himmel und schien mir auf den Kaffeetisch. Ich
durfte meinem Wirthshausbett in den Heiligen drei
Königen das Kompliment machen, daß ich trotz Allem
einen ausgezeichnet guten Schlaf in ihm gethan hatte;
einerlei wie es zehntausend Andern vor mir darin
ergangen sein mochte.

Es war ein schöner Morgen heraufgekommen
mit Hülfe des Nachtgewitters. So frisch und licht
und leicht in seinem Anfang, daß man die Aussicht
auf einen neuen heißen Tag wohl mit in den Kauf
nehmen konnte.

„Also der alte Störzer ist todt!“ seufzte ich behaglich-wehmüthig über dem Kaffeetisch und der neuesten
Zeitung, die mir der Kellner mit den Worten gebracht
hatte: „Unser Herr schickt sie dem Herrn zuerst, weil
er meint, sie interessire ihn wohl zuerst im Hause,
da — Sie so weit aus der Fremde nach Hause
kämen. Es hätte diesmal Zeit damit bis sie in das
Gastzimmer zu den übrigen Herren herunterkäme.“

In diesem Worte des jungen höflichen Menschen
kam auch wieder ein Stück Bekanntschaft aus alter
Zeit zum Vorschein. Es war sehr freundlich von
mine host in den Heiligen drei Königen; aber
diesmal verlangte mich nicht gerade allzusehr danach,
das Neueste vom Weltgericht, nämlich von der Weltgeschichte vor die Nase zu bekommen. Ich schob das
Tagblatt sehr bald zurück und dachte nochmals:

„Der alte Störzer todt! Schade! Den hast Du
nun also schon durch eigene Schuld versäumt, Eduard.
Also nun heute unter allen Umständen nach der rothen
Schanze zu — Stopfkuchen! . . . Wie dies Alles
doch so wieder aufwacht und auflebt, ohne daß man
für seine Person weiter etwas dazu thut, als daß
man hinhorcht und hinsieht! Stopfkuchen! Was war
mir vor vierzehn Tagen noch viel übrig geblieben
von Stopfkuchen — meinem alten närrischen Freunde
Heinrich Schaumann, dem guten, dem lieben, dem
faulen, dem dicken, dem braven Freunde Heinrich
Schaumann, genannt Stopfkuchen?“

Und nun hatte ich ihn plötzlich wieder ganz!
Gerade wie ich den eben gestorbenen Störzer wieder
ganz hatte. Und es wäre sehr unrecht von mir gewesen, wenn ich dem Ersteren nicht sofort einen Besuch gemacht hätte — jetzt, da es noch Zeit war.
Ich hatte es doch eben wieder an dem Letzeren erfahren, wie bald man so einen letzten günstigen
Augenblick versäumen kann.

Ja freilich, als wir von Schulen liefen hätte er,
Heinrich, zehntausendmal leben und sterben können,
ohne daß ich, eigenen Lebens und Sterbens wegen einen
kürzesten Augenblick Zeit für ihn übrig gehabt hätte.

Wir kamen eben von einander um die Zeit, wo
man am allerwenigsten Zeit für einander hat. Die
heutige Leichtigkeit der Korrespondenz thut da garnichts
zu; denn — wer schreibt heute in der Postkartenperiode noch Briefe?

Ich sehe die ganze zweite Hälfte des achtzehnten
Jahrhunderts und ein gut Drittel des neunzehnten
den Kopf schütteln und denke an meinem Frühstückstische im Gasthause der Heimathstadt: „Wenigstens
einmal hättet ihr auch doch schreiben können —
Du und Dein Freund Heinrich.“

Na, Alles in Allem genommen und dazu ehrlich
gesprochen: was man so nennt, zärtlich hatten wir
uns auch im persönlichen Verkehr gegeneinander nicht
gehalten. Aber was man und vorzüglich in jener
Lebensepoche gute Schulkameraden nennt, das waren
wir doch gewesen, Stopfkuchen und ich. Wer von
uns Beiden dem Andern dann und wann die meisten
Haare ausgerauft, die blauesten Beulen und dickgeschwollensten Augen beigebracht hatte, das mochte
heute dahin gestellt bleiben. Es kam jetzt darauf
an, was die Zeit aus dem dicken, guten Jungen
gemacht hatte, ob er sich sehr verändert hatte, und
ob er in Folge dieser Veränderung im Stande war,
jetzt ebenfalls, wie seinerzeit der Bauer Quakatz, der
ganzen Welt und also auch mir die Pforte der rothen
Schanze vor der Nase zuzuschlagen; oder ob er nach
der gewöhnlichen, verlegen-rathlosen Frage: „Mit wem
habe ich die Ehre?“ mir beide Hände entgegenzustrecken
und mit halbwegs dem alten Schulton sagen werde:
„Hurrjeses, Du bist's, Eduard? nu, das ist aber
schön, daß Du Dich meiner noch erinnerst!“

In Anbetracht, daß er „weit draußen im Felde“
wohnte, hielt ich es nicht für nothwendig, die durch
Sitte und Gewohnheit festgesetzten groß- mittel- und
kleinstädtischen Besuchsstunden innezuhalten und war
gegen neun Uhr Morgens auf dem Wege zu ihm.

Ein wirklich feiner Morgen. In der Stadt hatte
die Polizei sich löblichst dafür an die Laden gelegt,
daß die Gassen sauber gekehrt worden waren, und
draußen im Freien, im „Felde“ hatte Mutter Natur
dafür gesorgt, daß sich Alles hübsch gewaschen hatte.
Ja, sie hatte es selber besorgt, mit Seife und
Schwamm, mit Donner und Blitz; und wie frisch gewaschenen Kindern hingen Baum, Busch, Gras und
Blume noch die Thränen ob der Operation an den
Wimpern, und manchem sah man es auch recht gut
an, wie es sich mit Strampeln und Zappeln gewehrt
hatte. Aber einerlei, überstanden war's noch mal,
und hübsch war's doch jetzt so. Die Welt glänzte,
und daß ein frisch wohlig Wehen darüber hinfuhr,
machte den Morgen auch nicht verdrießlicher; — drüben
im jungfräulichen Kaffernlande bei den Betschuanen
und Buren konnte nach einem Nachtgewitter die Landschaft nicht jugendlicher aussehen, als wie hier im
alten durch das Bedürfniß ungezählter Jahrtausende
abgebrauchten, ausgenutzten Europa.

„Und Alles noch ganz so, wie zu Deiner Zeit,
Eduard!“ seufzte ich mit wehmüthiger Befriedigung.
Dem war aber doch nicht vollständig so.

Da war zum Beispiel, bei näherer Betrachtung
früher rechts vom Wege, der nach der rothen Schanze
führt, ein ungefähr vier bis fünf Ar großer Teich,
oder eigentlich Sumpf; — der war nicht mehr da.

Früher aller geheimnißvoll wimmelnden Wunder
voll hatte man ihn jetzt zu einem Stück mehr oder
weniger fruchtbaren Kartoffellandes gemacht, und so
nützlich das auch sein mochte, schöner war's doch früher
gewesen und „erziehlicher“ auch. Der Lurkenteich
hatte das volle Recht dazu, zu verlangen, daß
ich mich mit Verwunderung nach ihm umsehe und
nachher schmerzlich ihn vermisse. Solch ein guter
Bekannter, ja vertrauter Freund! so voll von Kalmus,
Schilfrohr, Kolben, Fröschen, Schnecken, Wasserkäfern,
so überschwirrt von Wasserjungfern, so überflattert von
Schmetterlingen, so weidenumkränzt, und so — wohlriechend. Ja, wohlriechend! ja süß anheimelnd übelduftend, vorzüglich an heißen Sommertagen und wenn
man uns in der nachmittäglichen Naturgeschichtsstunde
gesagt hatte:

„Im Lurkenteich findet man Alles, was zur
heutigen Lektion gehört, in seltener Vollständigkeit.“

„Weiß Gott, sie hätten ihn lassen können, wo
er war. Sie hätten ihn lassen sollen, wie er war,“
murrte ich auf meinem diesmaligen Wege zur rothen
Schanze. „Auf die paar Säcke voll Feldfrüchte für
ihr Vieh oder sich selber brauchte es ihnen doch nicht
anzukommen!“

Es war ihnen aber doch darauf angekommen
und so war heute denn nichts mehr dagegen zu machen,
und ich hatte mich einfach in den Verlust zu fügen.
Da ich es nicht wußte, was ging es mich an, daß
die „Melioration“ einen langjährigen, durch alle Instanzen ausgefochtenen Prozeß bedeutete und das
irdische Behagen von drei oder vier städtischen Gemüsegärtnerfamilien gekostet hatte?

Da war ein anderer Prozeß, der schon von
meinen früheren Jugenderinnerungen her eine ganz
andere Bedeutung hatte: der böse Fall Quakatz in
Sachen Kienbaum.

Je weiter ich auf dem engen hübschen Feldwege,
zwischen den wogenden, morgensonnebeglänzten, feuchtfrischen, der Ernte zureifenden Kornfeldern der rothen
Schanze zu wanderte, desto deutlicher kam mir die
jetzt so völlig verhallte Aufregung von Stadt und Land
meiner Jugendzeit über den Mord an Kienbaum in
das Gedächtniß zurück. Mit immer neuen Einzelheiten — eine immer interessanter als die andere!

Dreimal hatten sie den damaligen Herrn der
rothen Schanze, den Bauer Andreas Quakatz gefänglich
eingezogen, weil sich neue „Indizien“ in Sachen
Kienbaum ergeben hatten. Und dreimal hatten sie
ihn wieder ungeköpft loslassen müssen, den Bauer
Quakatz, weil diese neuen Anzeichen und Vermuthungsgründe sich doch abermals als das auswiesen, was
sie waren, nämlich mehr oder weniger leichtfertige,
und einige Male auch heimtückisch und boshaft aufgebrachte Verdachtserregungen.

„Ja, Eduard, wer erschlug den Hahn Gockel?“
fragte Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen,
trübselig, kopfschüttelnd und sich hinter den etwas sehr
abstehenden Ohren kratzend, als ich mit ihm zum letzten
Mal nach unserm Abgang von der Schule auf der
Höhe des Weges stand, von wo aus man das Kriegswerk des Comte de Lusace, des Prinzen Xaver von
Sachsen zuerst — auch heute noch — vollständig in
seiner ganzen Wohlerhaltenheit vor Augen hat. Es
ist dieselbe Höhe, auf welcher ich im nächtlichen Halb- und Ganz-Traum anhielt zum Briefsortiren unter
der alten Hainbuche, gegenüber dem Dammwege, der
— heute auch noch — über den Graben zu dem
Eingangsthore von Quakatzenhof führt.

Die Hainbuche hatte ich nun zu vermissen. Auch
sie war wie der Lurkenteich der Melioration, der Feldverbesserung zum Opfer gefallen. Sie hatte wahrscheinlich für das Bedürfniß der hungerigen Gegenwart zu viel Schatten über das Ackerland geworfen, oder
zu sehr ihre Wurzeln im Grund und Boden ausgebreitet.
Doch, gottlob, die rothe Schanze war noch vorhanden,
wie sie, freilich wahrhaftig damals nicht zur Melioration
der Gegend, im Jahre Siebenzehnhunderteinundsechzig
aus dem Grund und Boden vom alten grimmigen
Maulwurf Krieg aufgeworfen worden war. Und ich
stand ihr nun wieder gegenüber und dachte zurück an
uns Zwei: Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, und mich, und an das, was Stopfkuchen
damals aus dem frischesten Miterleben heraus über
den Fall Kienbaum contra Quakatz, oder Quakatz
contra Kienbaum, und was mehr oder weniger damit
zusammenhing, über Tinchen Quakatz zu bemerken
hatte.

Wie ein angehender Beflissener der Gottesgelahrtheit sah er nicht aus; denn bei den jungen Herren
pflegt die Wohlbeleibtheit, die er, Stopfkuchen, schon
damals aufzuweisen hatte, erst später zu kommen,
wenn sie auf nahrhafter Pfarre am eigenen Tische
nachholen, was sie am Freitische seinerzeit versäumt
haben. Aber er war gut, herzensgut. Er versuchte
es wenigstens, seinen Eltern zu Liebe, sich in das
gedeihlichste Amt der Erde hinein zu hungern. „Was
thut man nicht, einer nicht nur verbohrten, sondern
auch verweinten Mama und einem wahrhaft wüthend
auf das nächstliegende beste Brodstudium für den
Herrn Sohn erpichten Alten gegenüber? Man will
doch dem Greisenpaar nicht die schönsten Hoffnungen
knicken. Und etwas wünschen die beiden guten Leute
doch auch dafür zu haben, daß sie Einen in diese
Welt voll abgenagter Knochen, trockner Brodrinden
und höchst gesunden, klaren, erquickenden und vor Allem
billigen Brunnenwassers hineingesetzt haben, Eduard!“

Eben von mir niedergeschriebene und von einem
treuen, herzlichen, kindlichen Gemüthe zeugende Eräußerungen sind selbstverständlich auch eine Erinnerung. Er
tröstete sich nur von der Sekunda bis zum Abiturientenexamen recht häufig damit. Aber damals — an jenem
Tage des Abschiednehmens wenn nicht von der Jugendzeit, so doch von der Kinderzeit; an jenem Tage, wo
wir Beiden: ich und er, für lange, lange Zeit zum
letzten Male unter Störzers Hainbuche vor der rothen
Schanze standen, sagte er ganz was Anderes; er sagte:

„Da ist sie! Mitten unter ihrem Kriegsvolk.
Nun höre und sieh nur die Hunde, wie sie hier herüber
blaffen und uns die Zähne zeigen! Famose Köter!
wenn ich an irgend etwas im Leben meine Freude
habe, so sind sie es. Nu guck nur, wie gut sie die
Parole gefaßt haben, und wie sie es verstehen, alles
unnöthige Pack vom Tinchen Quakatz und von der
rothen Schanze abzuwehren. Sag selber: hätte der
lächerliche Musjeh in französischen Diensten, der Herr
Graf von der Lausitz, der Herr Prinz Xaver von
Kursachsen, den Wall da drüben besser spicken können,
als der Bauer Quakatz?“

„Nu ja, Heinrich; es paßt eins zum andern:
Haus, Hof und Graben — Vater, Tochter und
Wachtmannschaft.“

„Das thut's. Gottlob! Und nun will ich Dir
noch etwas sagen, Eduard, wenn Du es mir nicht
übel nehmen willst. Nämlich jetzt wär's mir doch
lieber, wenn Du Dich auf dem Wege hierher mir
nicht aufgehängt hättest. Den Damon und Pythias,
den David und Jonathan, und wie die Musterfreunde
sonst noch heißen mögen, hätten wir bei anderer Gelegenheit, auf einem andern Spazierpfade in entgegengesetzter Richtung von der Stadt und der rothen
Schanze vor unserer demnächstigen Trennung spielen
können. Aber da Du ein guter Kerl und wirklich
mein Freund bist, so bleib meinswegen, da ich es nicht
ändern kann. Aber die Liebe thust Du mir, und
lösest Dich möglichst in Luft und unverbrüchliches
Schweigen auf, und nachher, drunten in der Stadt,
machst Du mich in der übrigen Bekanntschaft nicht
lächerlicher, als es unbedingt nöthig ist. Die rothe
Schanze hat es mir nun einmal angethan, und das
arme Mädchen darüber unter seiner Hundebande kann
auch nichts dafür, wenn es mich gleichfalls zu einem
Narren gemacht hat. Es ist eben so geschrieben und
ich habe einfach das Schicksal in mich hineinzufressen.
Guten Tag, Fräulein Valentine!“

„Guten Tag, Herr Schaumann.“

Sie sah, wie sie mit untergeschlagenen Armen
am Thorpfeiler lehnte, nicht danach aus, als ob es
in Wahrheit ihr Ernst damit sei, Jemandem in der
Welt einen guten Tag zu bieten. Man blickte unwillkürlich danach um, ob nicht eine geladene Büchsflinte neben ihr am Eingang der Schanze lehne, oder
ob sie nicht ein scharfes, spitzes Messer in der rechten
Faust unter der linken Achsel verborgen und zum
schnellen Gebrauch bereit halte. Auch so was wie
von einer wilden Katze hatte sie an sich, die im Nothfall keiner künstlichen Waffe bedurfte, sondern nur
Jedem mit den echtgewachsenen Krallen ins Gesicht
zu fahren brauchte und sich mit den Zähnen festzubeißen, um in jedem Kampfe für sich und um ihres
Vaters Haus, Hof und Herd die Oberhand zu behalten.

Nicht groß und nicht klein, nicht mager und
nicht fett, nicht hübsch und nicht häßlich, nicht städtisch
und nicht dörfisch, nicht Kind und nicht Jungfrau
stand sie, Valentine Quakatz, des Mordbauern Andreas
Quakatzen einzige Tochter und bewachte ihres blutig
berüchtigten Vaters Anwesen, die rothe Schanze, in
der friedlichen, sonnebeglänzten, laubgrünen und ährenblonden Landschaft.

Ich rufe nicht mehr: „Da sind eure Postsachen,
eure Schreibsachen, eure Zeitung, Du rothe Giftkatze,“
Störzers Amtsgeschäfte am Eingangsthor der rothen
Schanze ausrichtend. Sie aber, Fräulein Quakatz,
duckt die Hunde wie damals und fast mit den nämlichen
wunderlichen Zurufen wie damals. Die Köter beruhigen sich langsam und widerwillig, und behalten
uns, leise fortknurrend, fest und mißtrauisch im Auge.

„Der Vater ist nicht zu Hause,“ sagt Valentine.
„Und die Leute sind im Felde,“ fügt sie hinzu.

„Schön!“ sagt Stopfkuchen. „Da sind wir
ja wieder einmal unter uns Beiden, Tinchen; denn
Dem da habe ich es eben schon klar genug auseinandergesetzt, daß er sich gegenwärtig vollständig als Luft
zu betrachten habe. Natürlich, wenn er nicht mein
bester Freund wäre, würde ich ihm meine Meinung
in Hinsicht auf seine heutige völlige Ueberflüssigkeit
hier noch deutlicher zum Bewußtsein gebracht haben.
Aber er ist mein Freund, und also auch, natürlich
so weit das mir paßt, der Deinige, Tinchen; und
so dumm bist Du nicht, Mädchen, daß Du nicht Bescheid wüßtest, daß er über euch, die rothe Schanze,
so gut Bescheid weiß, wie die übrige edle, christliche
Menschheit auf fünf Meilen im Umkreis. Herrgott,
darum allein könnte man schon mit Wonne Theologie
studiren, um einmal so recht von der Kanzel aus
unter sie fahren zu dürfen, die edle Menschheit nämlich!
Und nun kommt endlich ins Haus. Die letzte Nase voll
des üblen Geruches der rothen Schanze zum Mitnehmen
in die reinere, die bessere Luft da draußen, jenseits
der eben erwähnten fünf Meilen!“

Zum „Sich äußern“ — zum „Worte machen“ —
zum „Reden halten“, kurz zum „Predigen“ war er
immer sofort da, der dicke Heinrich. Wenn es darauf
angekommen wäre, müßte er unbedingt heute, wenn
nicht cismontaner Pabst, so doch Kardinal oder zum
mindesten Archiepiscopus; aber wahrhaftig nicht der
jetzige Bauer auf der rothen Schanze sein.

„Wo ist denn der alte Mann?“ fragt er für's
Erste noch.

„Wieder vor'm Gericht in der Stadt,“ spricht
grimmig die Tochter und Erbin der rothen Schanze.
„Er hat's ja wieder mit dem Schulzen von Maiholzen
da gehabt und ihm die Faust vor's dumme Gesicht
gehalten und ihn in der alten Sache wegen Kienbaum
von Neuem einen Verleumder geheißen. Da ist er
denn von Neuem verklagt worden.“

Und Stopfkuchen zeigt, daß er ungemein melodisch
zu flöten versteht. Er läßt seine Gefühle in einer
langgezogenen Kadenz verklingen und nimmt sie thätlich wieder auf, indem er den Arm dem Mädchen
um die Hüften legt, und, zu mir gewandt, sagt:

„Schöner konnten wir's ja wieder mal nicht
treffen.“

Da aber begibt sich etwas, was vor Allem diesen
längst vergangenen Jugendtag mir wieder in vollster
Lebendigkeit vor die Seele stellt: Valentine Quakatz
gibt ihre Wacht am Eingangsthor der rothen Schanze
auf, — vollständig! Der bösverkniffene Mund wird
zu einem weinerlichen verzogen; — das Mädchen
kämpft, kämpft mit seinen Thränen, aber sie sind
mächtiger als es. Tinchen schluchzt, weint laut hinaus
und springt Stopfkuchen nicht mit den Fingernägeln
ins Gesicht, sondern legt sich ihm um den Hals,
hängt ihm am Halse und jammert:

„Heinrich, Du bist zu schlecht!“

„Na, na!“

„Du bist so schlecht wie die ganze andere Welt.“

„Na, so hetze mir doch Deine Köter an den
Hals, verrücktes Frauenzimmer! Was sagst Du dazu,
Eduard? ich so schlecht wie die ganze übrige Welt?“

Ich sage garnichts. Ich stehe nur wie ein
dummer Junge mit offenem Munde und sehe wie
der dicke Freund das Mädchen — ein Mädchen, wie
als was ganz Selbstverständliches, ebenfalls im Arme
hält, ihm auf den Rücken klopft, ihm über die Haare
streichelt, ihm das Kinn aufhebt und ihm einen Kuß
gibt. Ich sehe wie er mühsam hinten an der Rocktasche nach seinem Taschentuch angelt, wie es ihm
gelingt, dasselbe hervorzuholen, und wie er mit demselben dem Mädchen — einem Mädchen, einem
fremden, erwachsenen Mädchen die Thränen aus den
Augen wischt, und ich sehe Stopfkuchen mit einem
Male mit ganz anderen Augen an, als mit welchen
ich ihn bis zu dieser verblüffenden Stunde gesehen
habe. Blutübergossen wünsche ich mich bis in die
fernsten Fernen weg und möchte zugleich Den mal
sehen, dem ich folgte, wenn er mich beim Ellbogen
nähme und sagte: „Komm Eduard, Du hast doch
hier garnichts zu suchen!“ —

Glücklicherweise hat Stopfkuchen aber viel zu
viel mit dem Mädchen zu thun, und widmet mir
nur dann und wann beiläufig eine höfliche Bemerkung.

„Herze von 'ner Gans, kann ich denn was dafür?
Gehe ich etwa aus freien Stücken? Muß ich nicht?
habe ich nicht die Verpflichtung, wenigstens einmal
durchs Examen zu fallen, meinen guten Eltern zu
Liebe? Wie gerne ich Dir zu Liebe hierbliebe,
Tinchen, das weißt Du, also sei ein gutes Mädchen
und laß das dumme Gewimmer. Guck nur wie der
Tapps, der Eduard guckt und sich überlegt, was er
zu Hause Alles erzählen kann! Da — hast Du noch
mal mein Taschentuch, und nun blamire uns nicht
länger in freier Luft. Glaubst Du, daß darum der
Herr Graf von der Lausitz diesen Wall aufgeworfen
habe, daß Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen,
von ihm herab sich dem Nest drunten von seiner
weichsten Seite zeige? Bilde Dir das nicht ein.
Bombardiren werde ich noch mal von ihm aus
das Philisterthum da unten, daß der kursächsische
Staberl-Xaverl sich heute noch als balsamirtes Leder- und Knochenbündel in seiner Fürstengruft darüber
freuen soll. Komm mit, Eduard, da Du da bist.
Wir wollen endlich hinein ins Haus; denn nämlich,
Eduard, nicht immer holt man draußen in der freien
Luft am freisten Athem, welche Erfahrung ich Dir,
mein Junge, zu möglichem Gebrauche gern gratis
überlasse. Dumme Witze verbitte ich mir natürlich,
jetzt hier und nachher drunten in der Stadt im Kreise
Deiner lieben Verwandten und nähern und weitern
Bekannten. Wir Drei sind also ganz allein auf der
rothen Schanze? Wundervoll! Sag's Deinen Kötern
so eindringlich als möglich, was sie zu thun haben,
Tinchen.“ Fräulein Valentine wendet sich zu ihrer
vierbeinigen Wachtmannschaft, das heißt, sie hebt die
Faust gegen sie und schüttelt dieselbe dann gegen die
lachende, freundliche Sommerlandschaft jenseit des
Grabens. Das bedeutet, daß das Vieh noch weniger
als sonst Jemandem ungestraft den Eintritt in das
Bollwerk des Grafen von der Lausitz gewähren soll.
Und es versteht das und antwortet mit einem dumpfen
giftigen Gewinsel und Geknurr: wir Drei aber haben
jetzt wahrhaftig wundervoll den Nachmittag allein
auf der rothen Schanze. —

Erfreulich war der Anblick gerade nicht, wenn
man die Hunde und das Thor hinter sich hatte.
Verwildert und verwahrlost erschien Alles umher, jede
Arbeit nur halb und widerwillig und nachlässig gethan.
Es war keine rechte Ordnung im Garten, im Hofe, im
Hause, und in der Scheune wahrscheinlich auch nicht.
Alles Geräthe lag und stand umher wie man es eben
aus der Hand hatte fallen lassen oder bei Seite gestellt hatte. Das Gebüsch und Unkraut wuchs ungehindert. Die Jauche konnte sich keine besseren Tage
wünschen, als wie auf der rothen Schanze, und sie
suchte sich denn auch ihre Rinnsale, wo es ihr beliebte. Die Hühner scharrten, wo sie wollten im
Garten. Enten und Gänse watschelten ebenso, wo
sie wollten im Hofe und im Hause. Dem Stallvieh
sah man es an, daß der Herr häufig nicht zu Hause
war und auch dann nicht sein Auge, wie es sein
sollte, bei ihm hatte. Daß das Kind vom Hause
nicht Alles allein besorgen konnte, und daß das Gesinde es deshalb sehr „sachte angehen ließ“, das war
nur zu augenscheinlich. Was aber den letzteren Punkt,
das Gesinde, anbetraf, so hatte das mit dessen Nichtsnützigkeit seine besten Gründe. Der Bauer auf der
rothen Schanze hatte sich, was Knechte, Mägde und
Jungen anging, eben mit dem zu begnügen, was
Niemand sonst mochte — mit dem Abhub und dem
Bodensatz der Gegend.

Es that für einen rechtlichen Menschen, für ein
ordentliches Mädchen nicht gut, auf der rothen Schanze
zu dienen und da ehrlich nach der Ordnung zu sehen.
Hoher Lohn und gute Behandlung kamen dort garnicht in Betracht. Jeder Groschen, den der Bauer
Quakatz hergab, hatte ja einen Blutgeruch an sich.
Wer von der rothen Schanze kam und einen anderen
Dienst suchte, der brachte denselben Geruch in den
Kleidern mit, und man ließ es mit verzogener Nase
ihm merken und schickte ihn um ein Haus weiter. Bis
der Bauer Andreas Quakatz endlich eingestand, daß er
Kienbaum todtgeschlagen habe, oder bis der Hof auf der
rothen Schanze im Ganzen unter den Hammer gebracht,
oder noch besser für Maiholzen, im Einzelnen ausgeschlachtet worden war, konnte sich hieran nichts,
garnichts ändern. Und die Erbtochter der rothen Schanze,
Valentine Quakatz, änderte auch nichts, garnichts
daran; sie hatte nur ihr bitter Teil an der bösen
Vervehmung mitzutragen. Es ist Stopfkuchen, der
wie die langen Wogen des Weltmeeres mich wieder
auf dem „Hagebucher“ der neuen Heimath zu tragen,
fragt:

„Was meinst Du, Eduard? Sieht das hier
nicht niedlich aus?“ —

Knecht und Magd haben, da der Herr wieder
mal in „Beleidigungs- und Ehrensachen-Kränkungsgeschäften“ vom Hause ist, sich ihre Arbeit nach Gutdünken draußen gesucht, liegen vielleicht auch irgendwo unter einem Busch und lassen unsern Herrgott
den besten Meister sein. Kein Laut ringsumher als
das Schrillen der Grillen oder das Gekreisch zankender
Spatzen auf den Dächern und in den Hecken! Auch
Tinchen schluchzt nicht mehr zornig aus sich heraus
oder erbittert-giftig in sich hinein. Sie ist uns
voran in die Stube gegangen, ohne sich danach umgesehen zu haben, ob wir ihr auch gefolgt sind. Wir
sind ihr, doch ein wenig scheu und befangen, gefolgt,
und nun sitzt sie am Tische, mit dem Rücken an der
Wand und hat beide Arme, die Hände flach ausgebreitet, auf die altersschwarze Eichenplatte gelegt, und
Stopfkuchen und ich stehen vor ihr und sehen in
der dunklen niederen Bauernstube vom Licht da
draußen geblendet, auf sie hin; — man kann eine
Meile weit jede Fliege summen hören. Ja, die Fliegen
der rothen Schanze! sie haben das Schanzwerk des
Prinzen Xaver von Sachsen auch nicht aufgegeben.
Sie sind noch vorhanden in der Stube des Bauern
Quakatz, einerlei, ob er Kienbaum todtgeschlagen
hat oder nicht. Es giebt nichts innerhalb der vier
Wände was sie nicht beschmitzt haben; vor Allem
die Bilder an den Wänden: die zehn Gebote, des
Jägers Begräbniß, den unter die Räuber gefallenen
Mann im Evangelio. An des Jägers Begräbniß
haben sie mit allen übrigen Thieren sehr Theil genommen und dem Sarge alle Ehre erwiesen. Ebenso dem Wort: Du sollst nicht tödten. Es hängt
übrigens kein neues Bild zu ihrer Begutachtung an
der Wand. An der Schanze des siebenjährigen
Krieges ist selbst die neueste Weltgeschichte vorbeigezogen, ohne ein Zeichen hinterlassen zu haben. Kein
Schlachtenbild aus Neu-Ruppin vom Düppelsturm,
keins von Sechsundsechzig, keins von Siebenzig. Nicht
Kaiser Wilhelm, Fürst Bismarck und Graf Moltke!
was ging die Weltgeschichte den Bauer von der rothen
Schanze an? Er hatte seinen Kienbaum; er hatte
viel zu schwer an seinem eigenen Dasein auf dieser
Erde zu tragen, um sich viel um das anderer Leute
kümmern zu können und wenn es die Ersten dieser
Welt waren! Ihm hatte diese Welt, überall in seinem
Hause, wo er auf eine Wand sah, Kienbaum daran
gehängt, und er brauchte dazu nicht Malerkunst und
Glas und Rahmen: er sah den Mann jederzeit und
selbst bei geschlossenen Augen so genau und deutlich
vor sich, wie kein Maler, und wenn es der allerbeste
gewesen wäre, ihn ihm hätte malen können.

Ich gaffe von dem bunten Bilderbogen der zehn
Gebote verlegen und unruhig auf das uns anstarrende
Mädchen, da sagt Heinrich:

„Nun, Tinchen, laß das dumme Zeug und stiere
die beiden besten Lateiner und firmsten Griechen des
diesmaligen Oster-Abgangs-Schwindels, — grinse
nicht, Eduard! — aus ihrer guten Meinung von sich
selber heraus. Ja, armes Wurm, die süße Kinderzeit liegt nun unwiderruflich hinter uns, der Ernst
des Lebens — weine nicht, Eduard! — beginnt, und
lebten wir noch in vernünftigeren Zeiten, so würde
ich Dir vorschlagen, Herze: steig hinter Deinem Ritter
auf den Gaul, faße mich um die Taille, und halte
Dich fest. Komm kurz und gut mit mir. Aber es
geht nicht, Eduard. Was können wir dafür, daß
wir wenigstens das eine Mal nicht von den Eseln
aufs Pferd kommen? daß wir einfach morgen mit
der Eisenbahn fortmüssen? Tinchen, mein Herzenstinchen, sieh mich nicht so dumm an; was ich meinen
Herren Eltern aus dem ersten Semester mitbringen
werde, weiß ich nicht; aber Dir bringe ich den alten
Stopfkuchen wieder. So wahr jetzt der Himmel blau
über uns ist, und die Erde grün wird und immer
grüner: ich will nicht umsonst meine täglichen Prügel
der rothen Schanze wegen gekriegt haben! ich will
nicht umsonst meine einzigen guten Stunden in
diesem Jammerthal auf dem Anstand dem alten
Quakatz und seinem kleinen Tinchen gegenüber verlebt
haben! Wenn Sie es verlangen, Fräulein Valentine, so hinterlasse ich Ihnen das auch schriftlich!“

Es fuhr wie ein Schauder durch den ganzen
Körper der Tochter des alten Quakatz; dann aber
sagte Valentine:

„Ich will nichts Schriftliches. Was von Schriftlichem hierher kommt, das nimmt auch mein Vater am
liebsten nur, wenn es ihm auf die Mistgabel gelegt und
zugereicht wird. Nachher faßt er es an wie eine
glühende Kohle. Und Du, Du — noch besser wär's
wenn gar kein Mensch eine Zunge hätte zum Sprechen,
zum Lügen, zum Sticheln — Du auch!“

„Ich auch?“ fragte Stopfkuchen; aber ohne jeden
Ausdruck der Ueberraschung, des Gekränktseins oder
gar der Entrüstung. Indem er sich halb zu mir
wendete, sagte er:

„Ein bischen mehr könntest Du selbst bei den
heutigen tragischen Umständen bei Dir selber bleiben,
Tinchen; und Du, Eduard, jetzt kannst Du wirklich
mal für die Lebenspraxis was lernen. Du auch!
Dies Wort ist großartig, und dann sieh Dir mal das
Gesicht an, was sie mir zu der Sottise schneidet. Das hat
man nun davon, daß man einem Frauenzimmer von
Kindesbeinen an seine schönsten freien Sommer- und
Winternachmittage und die Ferien ganz gewidmet
hat. Hat die Person wohl eine Ahnung davon,
wie viele Prügel etcetera man ihretwegen von Erzeugern und Lehrern hingenommen hat ohne einen
Muck zu sagen? — Du auch! Mädchen, Mädchen,
wenn das Schaf, dieser Eduard, hier nicht bei uns
stände, ich würde Dir und Deinem verrückten Alten
und der rothen Schanze meine Zuneigung noch einmal
in einer Weise deutlich machen, die sich wahrhaftig
nicht gewaschen haben sollte.“

Nun läuft wieder ein Zucken über die Schultern
unter dem buntbäuerlichen Brusttuch. Die Erbtochter
der rothen Schanze schielt wie ein nur halb gebändigtes
und zum Bessern überredetes oder vielmehr verschüchtertes Thier zu dem angehenden Kandidaten aller
denkbaren Brodstudien, Schaumann, auf; sie will mit
beiden Fäusten auf den Tisch schlagen, aber es geht
nicht. Sie läßt die Arme schlaff am Leibe herunter
sinken und schluchzt:

„Ich habe Keinen gerufen, um sich um mich zu
bekümmern!“

„Ne,“ sagt Stopfkuchen. „Ja, da hat sie Recht,
Eduard! Ich bin ganz von selber gekommen und
habe mich ihrer angenommen. Du weißt es ja,
Eduard.“

Ganz so genau, wie der Freund zu meinen
schien, wußte ich es doch nicht. Nur das wußte ich,
daß es während unserer ganzen „Jugendzeit“ in dieser
Hinsicht und nach der Anschauung sowohl des Hauses
wie der Schule keinen verrücktern Bengel gegeben
hatte, als Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen.
Wie ich mit dem Landpostboten Friedrich Störzer
gelaufen war, so hatte er sich vor der rothen Schanze
festgelegt — „wie die Katze vor dem Mauseloch,“
wie er sich selber ausdrückte. Um mit Einem zu
gehen oder gar zu laufen dazu war der gemüthliche
Knabe viel zu faul; aber sich durch einen Reisbreiwall ins Schlaraffenland hineinzufressen, dazu war
er im Stande, und dieses war bis jetzt die Meinung
der Welt und also auch die meinige über ihn gewesen. Das war es einzig und allein, was ich damals
an jenem Abschiedstage über sein Verhältniß zu —
dem Mädchen, zu Tinchen — Valentine Quakatz
wußte. Meine Dumme-Jungens-Seele dachte nicht
daran, daß die verschüchterte, verwilderte, rothhaarige
Krabbe des Bauern Quakatz etwas anderes als eine
sehr beiläufige Rolle bei seiner Verliebtheit in die
rothe Schanze des Prinzen Xaver von Sachsen spielen
könne. Ich und die Welt von damals konnten es
doch wahrhaftig nicht wissen, daß Stopfkuchen auch
nach solcher Richtung hin romantischer Gefühle
fähig sei.

Es war eine Luft in der niedern schwarzen
Bauernstube, die Keinem gefallen konnte. Und der
Bauer Andreas hatte einen deutlichen Gang auf
ihrem schwarzen Fußboden ausgetreten, vom Fenster
bis nach dem Ofen.

„Da geht er, so lange ich weiß,“ sagt seine
Tochter, „und ich sitze hier und höre ihn mit sich selber
sprechen, die halbe Nacht durch, bis er mich zu Bette
jagt. Du mußt es wissen, Heinrich, weshalb Du
zu mir gekommen bist und Dich an die rothe Schanze
herangemacht hast; aber Dein Herr Freund, der Herr
Eduard kann nichts davon wissen, wie es jetzt mir
hier bei Deinem Abschiede zu Sinnen sein muß. Aber
wenn er so freundlich sein will, kann er später vielleicht einmal Zeuge sein, daß ich Dir nach meinem
Tode die rothe Schanze vermacht habe mit Allem was
dazu gehört; denn mein Vater hat doch keinen Andern,
dem er sie in sein Testament setzen kann, als nur
mich, außer den Hunden draußen am Thorweg.
Wollen Sie so gut sein, Herr Eduard, da Sie heute
mitgekommen sind, daß Sie es später einmal vor
dem Gerichte mit bezeugen, daß die rothe Schanze,
wenn mein Vater und ich nichts mehr von der Welt
brauchen, einzig und allein Herrn Schaumann gehört?“

Wie es für den Menschen, einen körperlich so
angelegten Menschen so rasch möglich zu machen gewesen war, weiß ich nicht; aber das Faktum war
vorhanden: er, Stopfkuchen, sitzt hinter dem alten
Eßtisch des Quakatzenhofes neben der Erbtochter desselben und hat seinen Arm ihr um die Schulter gelegt
und ruft:

„Jetzt hört es aber auf! Dummheit läßt man
sich wohl gefallen, aber doch nur bis zu einem gewissen Grade, sagt Kollege Blechhammer da unten,
Eduard. Sieh Dir noch einmal die Quakatzenburg
von inwendig an, alter Junge. Wer weiß, ob Du
sie so in Deinem Leben wieder zu sehen kriegst! Hier
mein Ideal — meine Burg, mein Haus! da draußen
die holde Flur, wo wir als Knaben spielten. Morgen
also die Universitas litterarum und das hohe Meer
des Lebens! Verflucht poetisch und verlockend für
zwei abgehende Pennäler. Wisch Dir die Augen,
Du liebste närrische Bauergans und thu mir den Gefallen und komm wieder mit ins Freie. So wie
man den ersten Athemzug hier innen thut, hat man
genug davon und schnappt nach der Luft da draußen.
Vivant omnes virgines — komm, virgo — kratze
und spucke nicht, virago! Ja wehre Dich nur,
Fräulein! Sie sollen mich nicht umsonst da unten
Stopfkuchen benamset haben; ich werde ihnen zeigen,
was dem Herz und dem Magen bekommt.“

Er hatte das Mädchen um den Leib gefaßt, er
hob es hinter dem Bauerneßtisch hervor, er trug es
weg, trug es aus dem Hause und setzte es wieder
hin auf den Wall des Prinzen Xaver von Sachsen.
Valentine ließ es sich ruhig gefallen, und ich — ich
folgte verblüfft, betäubt, zweifelnd — kurz, Stopfkuchen hätte gesagt: „wie ein Schaf!“ Wenn aber
Stopfkuchen jetzt auch noch Flügel entfaltet hätte und
mit der Erbtochter von der rothen Schanze, mit dem
Kinde von Kienbaums Mörder langsam, aber immer
höher, höher, höher in den blauen Frühlingshimmel
aufgestiegen wäre, so hätte ich willenlos mir auch
das gefallen lassen müssen und hätte höchstens fragen
dürfen: „Ist es denn die Möglichkeit?“

Wir standen wieder auf der grüngrasigen Wallhöhe des alten Kriegskunststücks des Herrn Grafen
von der Lausitz — wir beiden angehenden Studenten
und Valentine Quakatz: Heinrich und Tinchen Arm
in Arm.

Plötzlich stieß der närrische Mensch, Stopfkuchen,
einen jauchzenden Ruf aus, schlug mich auf die
Schulter, daß ich in die Kniee schoß und sagte wie
aus tiefstem Magen heraus:

„Und es ist, Eines ins Andere gerechnet, doch
so ungemüthlich nicht, daß der Sachse und der Franzos
Anno Siebenzehnhunderteinundsechzig das Nest da
unten nicht gänzlich ausgerottet, und also auch uns
unmöglich gemacht haben. Wie nett es eigentlich,
so im Ganzen, da doch liegt und durch die Güte des
Herrn dem siebenjährigen Kriege zum Trotz liegen
geblieben ist. Ja, Flur, wo wir als Knaben spielten —
Eduard! sieh sie Dir noch mal an, alter Junge, und
gehe hin und lerne was, auf daß Du ihr einmal
ebenfalls Ehre machst und ihren guten Ruf bei den
Leuten aufrecht erhältst. Du aber, Tinchen, kümmere
Dich gar nicht um sie. Was ich und Du und Dein
Papa von ihr zu halten haben, das wissen wir und
von dem — unserm Standpunkt mach' ich es vielleicht doch möglich, Prediger oder Staatsanwalt in
ihr zu werden. Eine standfeste, haltbare Kanzel
würde freilich zu ersterm Lehr- und Straffach wohl
gehören,“ seufzte er, seine derbe biedere Rechte erst
betrachtend und sie dann zur Faust geballt der
Heimathstadt drunten im Thal ebenfalls wie zu vorsichtiger, genauer Betrachtung hinhaltend.

„Da sitzen sie nun auf ihren Bockstühlen, Dein und
mein Alter, Eduard, und haben keine Ahnung davon,
von welcher Höhe aus Stopfkuchen sie betrachtet,
oder, nach Eurer Ausdrucksweise, auf sie 'runterkuckt.“

„Goldne Abendsonne, wie bist Du so schön!“
summte ich, wie um die Rede auf was Anderes zu
bringen; aber Stopfkuchen ließ selten von einem
einmal begonnenen Gedankengange leicht ab.

„Natürlich ist sie schön; — vorzüglich wie wir
hier an des Herrn Prinzen von Sachsen Wallböschung
der endlich gewonnenen Freiheit wirklich Mensch sein
zu dürfen, uns erfreuen. Sieh 'mal da flammt sie
grade in den Fenstern des Schulkarzers, sowie in denen
unseres Provinzialgefangenhauses. Der reine Märchenzauber! Hättest Du wirklich nie das Bedürfniß gefühlt, Freund meiner Kindheit, o Du mein Eduard,
Deinen greuligen Alten, so wie ich den meinigen,
und vorzüglich um die Zeit der Versetzung in eine
höhere Klasse edelster deutscher Menschenbildung, dort
hinter einem jener Gitter unschädlich gemacht, in
Sicherheit sitzend zu wissen?“

Und diesen Menschen hatten wir nicht nur für
den Dicksten, Faulsten und Gefräßigsten unter uns,
sondern auch nicht nur für den Dummsten unter
uns, sondern auch überhaupt für einen Dummkopf
gehalten, o wir Esel!

Und wer ihn auch jetzt wieder, nicht etwa von
seinem Gedankengange abbrachte, sondern ihn darin
im bedachtsamen, ruhigen Schritt bestärkte, das war
nicht der feine, wohlgesittete, mit dem besten Schul-Abgangs-Zeugniß versehene Eduard aus dem Posthause, sondern das war Tinchen Quakatz von der
rothen Schanze, deren Vater man es leider nur nicht
hatte beweisen können, daß er Kienbaum todtgeschlagen
habe, und der darum im Bann, wenn nicht der
Welt, so doch seiner nächsten Umgebung, was dasselbe
ist, ging, und sein Kind natürlich mit.

Valentine Quakatz hatte auch von der Schanze
des Prinzen Xaver, von ihrem vervehmten Wall
aus auf die Stadt und die in der Sonne blitzenden
Fenster derselben hinabgesehen, nun wendete sie sich
ab und wischte sich mit der Hand und dem Schürzenzipfel die Augen.

„Mir ist ein Thier hineingekommen, oder der
Glanz beißt mich, daß sie thränen; und ihr — Du
denkst wieder, ich heule.“

Und jetzt ballte sie die Hand und schüttelte sie
gegen die glitzernden Fenster des Provinzialgefangenhauses:

„Aber ich heule nicht. Heinrich hat ganz Recht,
es ist dumm, nur zu weinen. Es beißt mich der
Glanz auch nur in die Augen, weil ich so lange und
so oft hier habe stehen müssen, wenn er dahinter
saß, da unten, hinter den Fenstern, in seinem Gefängniß, mein Vater, mein lieber, liebster Vater.
Und weil ich Keinen hatte —“

„Und weil sie Keinen weiter hatte als mich,
Eduard. Und weil ich auch nun wieder gehe, in
Abwesenheit ihres Alten. Na ja, da siehst Du mal
wieder, lieber Eduard, was das Leben ist, und wie
das Vergnügen denn immer bloß als bloßer Schaum
droben aufschwimmt. Jetzt bitte ich Dich, setze Dich
mal in meine Stelle und suche mit euch dummen
Jungen, seinen lieben Eltern und was sonst dazu
gehört, zum Trotz, aus so 'ner verschüchterten, zur Feldkatze verwilderten Dorfmieze wieder ein niedliches,
nettes, reinliches, schnurrendes, gurrendes, liebes,
liebstes kleines Mädchen zu machen. Na, nun thu
noch mal die Schürze von den Augen und sieh mich
mit ihnen an; sonst beißt es mich in meinen Augen
auch, und das möchte ich doch hier des klugen, gebildeten Eduards wegen lieber vermeiden. So ist's
Recht, und nun laß uns die Zähne aufeinanderbeißen.
Ich kann wahrhaftig nichts dafür, daß andere Leute
das Recht zu haben behaupten, etwas Anderes aus
mir, zu machen als was in mir steckt. Da hast Du meine
Hand darauf, Jungfer Quakatz: ich komme wieder
und behalte mir bis dahin alle meine Rechte hier an
dieser Erdstelle vor, und den seligen Kienbaum soll
doch noch der Teufel holen. Sage es Deinem Vater,
wenn er nach Hause kommt, daß ich es gesagt habe,
Tinchen. Und Du, feiner Eduard, bitte, sieh gütigst
noch mal hinein in die schöne Landschaft und auf
die liebe Vaterstadt — Schade daß jetzt grade nicht
die Glocken dazu läuten. So ist's recht, verlegener
Jüngling — — —

Ich sehe mich wirklich um — verschüchtert, verstört, verlegen. Ich sehe hinaus in die Landschaft
und auf die Stadt drunten im Thale — kurz, —
ich sehe weg, und vernehme im klingenden, summenden Ohre, hinter meinem Rücken, auf der alten Wallhöhe des siebenjährigen Krieges, rasch hintereinander
folgende Töne, die ich nur mit dem Namen Stopfkuchen ganz und gar in Einklang zu bringen weiß.
Dazwischen ein unterdrücktes Geschluchz und Gekicher
und dazu die Worte: „Ach Heinrich, Heinrich!“

— — — — — — — — — — —

Als ich wieder aufsehe, ist weiter nichts vorgefallen, als daß die Jahre hingegangen sind,
und daß die langen Wogen des großen Meeres
unter dem Schiffe weiter rollen, und es gegenwärtig
gutmüthig, ohne zu arges Rollen, Schütteln und
Schüttern weiter tragen, dem Kap der guten Hoffnung zu.

Zuerst sah das Ding noch grade so aus, wie
es vor Jahren ausgesehen hatte. Nur daß es heute
in anderer Beleuchtung, als an jenem Abschiedstage
vor mir lag; nämlich im frischen, hellen Tagesschein,
so um zehn Uhr Morgens.

Noch immer derselbe alte Wall und Graben,
wie er sich aus dem achtzehnten Jahrhundert in die
zweite Hälfte des neunzehnten wohl erhalten hatte.
Die alten Hecken im Viereck um das jetzige bäuerliche Anwesen, die alten Baumwipfel darüber. Nur
das Ziegeldach des Haupthauses, das man sonst über
das Gezweig weg und durch es hindurch noch von
der Feldmark von Maiholzen aus gesehen hatte, erblickte man heute nicht mehr. Dieses brachte mich
denn darauf, daß die Hecken doch wohl gewachsen
und die Baumkronen noch mehr über der Quakatzenburg sich verdichtet haben müßten. Es mußte unbedingt im Sommer noch schattiger als sonst auf der
rothen Schanze geworden sein, und um dieses würdigen zu können, mußte man eben wie ich die Linie
gekreuzt haben, um noch einmal nach Hause zu kommen,
und sonst auch überhaupt jetzt dort zu Hause sein,
wo es durchschnittlich im Jahre recht heiß ist, und
wo der Schatten manchmal ganz bedenklich mangelt.

Ich sah hin, die Hände vor dem Leibe übereinandergelegt; und ich sah mir Alles, da ich ja
Zeit hatte, und Niemand auf der weiten Flur mich
störte, und die Lerchen in den Lüften nicht störten,
sehr genau an, ehe ich den Graben des Grafen von
der Lausitz überschritt.

Da fiel mir denn bald noch ein Anderes auf.
Wie es innerhalb der rothen Schanze aussehen mochte,
außerhalb derselben, so weit ihr Reich ging, erschien
mir das Ding verwahrloster denn je.

Sonst sah man es doch, trotz aller Vervehmung,
dem Dammweg sehr an, daß der kriegerische Aufwurf im fetten Ackerboden dieser Landschaft zu der
Umwallung eines friedlichen Bauerhofes geworden
war, daß Menschen und Vieh darüberhin ein- und
ausgingen, daß Mist- und Erntewagen darüberhin
fuhren, daß der Mensch, trotzdem daß Kienbaum von
hieraus todtgeschlagen worden war, auch hier noch
seiner Nahrung und seinem Behagen nachging.

Dem schien jetzt nicht mehr so zu sein. Eine
Römerstraße, auf der vor, während und nach der
Völkerwanderung Tausende todtgeschlagen worden
waren, konnte im laufenden Saekulo nicht mehr
überwachsen und von Grasnarbe überzogen sein, wie
die alten Radgleise und Fußspuren, die über den
Graben des Prinzen Xaverius von Sachsen auf dem
Dammwege des Bauern zu der rothen Schanze führten. Es leitete jetzt nur noch ein ganz schmaler,
schmaler Fußpfad, ohne Radgleisen, Huf- und Klauenspuren daneben, durch das hohe Gras. Quendel,
blaue Glockenblumen, Löwenzahn, Thymian und was
sonst im Grunde das meiste Recht hier hatte, brauchte
sich nicht mehr scheu wegzuducken, oder sich von Huf,
Klaue und Schuhsohle Alles gefallen zu lassen.

„Nun soll es mich doch wundern,“ dachte ich.
„Es ist doch wirklich, als ob das Gras auch hinter
Ihm wieder aufgestanden sei!“ und damit setzte ich
den Fuß auf den Damm und in den engen Pfad,
der zu Stopfkuchen hinüberführte, wie er vordem
zum Bauer Andreas Quakatz hinübergeführt hatte,
und — hielt noch einmal an. Es war noch ein
Drittes jetzt hier am Eingange anders geworden als
sonst: wo steckten die Hunde?

Ja, wo waren die Hunde der rothen Schanze?
Die Wächter der Quakatzenburg? Wo war die durch
stille Winter- und Sommernächte, vorzüglich wenn
in ihnen der Vollmond am Himmel stand, weithin
ins Land, ob ihrer guten aber lauten Wacht bekannte
und berüchtigte Wachtmannschaft?

Wir haben im Kaffernlande auf unsern Gehöften
ihrer auch und haben sie nöthig; aber nun war es
mir wieder ganz deutlich: ich war nie in der Welt
auf bösere Hunde getroffen, als die der rothen Schanze,
und ich hatte nie ein Gebell böser Hunde — selbst
wo ich wieder an es zurückdachte, so vermißt, als wie
hier am Eingangsthor dieses deutschen Bauerhofes.

Die nächsten Schritte gegen die Quakatzenburg
belehrten mich, daß diese Wache abgelöst, aber keineswegs aufgegeben worden sei. Eine andere Mannschaft hatte sie bezogen und der Empfang durch dieselbe sprach wahrlich für friedlichere Zustände als die
von vergangenen Zeiten.

Wir kennen Alle die alten hübschen behaglichen
Bilder, auf welchen am Thor mittelalterlicher Städte
der Stadtsoldat auf der Bank unter dem letzten Edikt
seines Senatus populusque, die Brille auf der Nase,
den Bierkrug zur Rechten, die Feuer-Schloß- und
Stein-lose Flinte zur Linken, in idyllischer Ruhe und
Beschaulichkeit an seinem Strumpf strickt. Ich habe
selber solch ein Bild, Spitzweg gezeichnet, draußen zu
Hause, drunten in Afrika, an der Wand über dem
Sopha und Sophatisch meiner Frau, (es muthet mich
dann und wann um so mehr an, weil unter dem
letztern, dem Sophatisch meiner Frau nämlich, ein
Löwenfell zum Fußteppich dient) und ich fand es
nicht ohne Behagen wieder, hier zu Hause am Thor
der rothen Schanze. Nur wurde von dem jetzigen
Wachtinhaber des weiland Prinzen Xaverius von
Sachsen und Kienbaums Mörder, des Bauern Quakatz, nicht gestrickt.

Es wurde gesponnen.

Er saß nicht an, sondern auf dem rechten Thorpfeiler, der jetzige Wachtmann der rothen Schanze.
Er saß mit Würde da in der Morgensonne und sah
ruhig, gelassen, zu mir hinüber — und er spann
dabei. Sein Spinnen hinderte ihn aber nicht, auch
den Schnurrbart zu streichen, ja, er fuhr sich mit
der wehrhaften Faust sogar über die Ohren (was
beiläufig in seiner Kompagnie bedeutet, daß Besuch
kommt) und strich sich die Nase und nieste dabei. Ich
war ganz dicht bei ihm, als er einen Satz that, und
langsam, stattlich und über die Schulter gleichmüthig
nach mir zurücksehend, mir voranging, hinein in
Quakatzenhof: der „Kapitän Hinze“, der „weiße
Mann“, der wirklich fleckenlos weiße Kater — der
Hauskater der Schanze des Comte de Lusace.

Er blieb noch einmal stehen und schlenkerte erst
die rechte, dann die linke Pfote ab; denn es hing da
immer noch etwelcher Thau am Grase, wo der
Lindenschatten noch auf letzterem lag. Er sah mich
noch einmal an und ging langsam wieder weiter, als
wolle er mir den Weg zeigen; er betrachtete mich
unbedingt nicht als Feind, und ging auch wahrlich
nicht mehr, um die Hunde zu holen und Tinchen
Quakatz mit einem Feldstein in der Kinderfaust, und
den Vater Quakatz mit dem ersten besten Prügel, oder
gar der Mistgabel, oder der Holzaxt! Es gab wohl
nichts Einladenderes als ihn, den Hauptmann Hinze;
und das wozu der neue Wachtkommandant der rothen
Schanze einlud, winkte ebenfalls nicht ab und rieth
zu schleuniger Umkehr und eiligem Rückzug.

Ganz Stopfkuchen!

Stopfkuchen, wie er sich selber wohl tausendmal
in seinen schönsten, elegischsten Jugendträumen als
Ideal gesehen hatte.

O welch ein Frühstückstisch vor dem Binsenhüttchen, das heißt dem behaglichen, auch auf Winterschnee und Regensturm behaglich zugerichteten deutschen
Bauerhause, — vor dem Hause, am deutschen Sommermorgen, zwischen hochstämmigen Rosen, unter Holunderbüschen, im Baumschatten mit der Sonne drüber und
der Frau, der Katze, dem Hunde (jetzt ein ruhiger,
verständiger, alter Spitz) den Hühnern, den Gänsen,
Enten, Spatzen und so weiter, und so weiter,
rundum! Und solch ein grauer, der Jahreszeit angemessener, jedem Recken und Dehnen gewachsener
Schlaf- oder vielmehr Hausrock! und solch eine offene
Weste und solch eine würdige, lange Pastorenpfeife,
mit dem dazu gehörigen angenehmen Pastorenknaster
in blauen Ringeln in der stillen Luft!

„Stopfkuchen!“

Es gab nur ein Wort, und dieses war es, was
ich murmeln konnte, wie ich jetzt stand, und, wie der
Marquis von Carabas, dem Kapitän Hinze meine
weitere Einführung in die Behaglichkeit überließ.

„Stopfkuchen!“ murmelte ich, während ich stand
und darauf wartete, daß man, just aus seinem Wohlsein heraus, noch einmal in meinem Leben Notiz von
mir nehme auf der rothen Schanze.

Selbstverständlich war's die Frau, welche die
Störung zuerst bemerkte, zu dem Fremden hastig aufsah und ihren Mann anstieß:

„Aber Heinrich? Ein Herr! Da ist ja wer!“

Ich habe es nicht gehört, aber ich bin nicht nur
fest überzeugt, sondern ich weiß es gewiß, daß ihr
Heinrich nichts weiter als: „Na?!“ gesagt hat, als
er wenig erfreut, die Zeitung sinken ließ und die
Nase erst seinem Wachtkapitän zu, sodann nach seinem
Thoreingang hin und zuletzt dem Eindringling in
seinen Morgenfrieden entgegen hob.

„Entschuldige den Störenfried, lieber Alter.
Eduard nanntest Du, freilich vor langen Jahren,
einen Freund, wenn er auch kein junger Baron war,
sondern nur aus dem Posthause da unten stammte,
Schaumann,“ sagte ich, wie vollständig aus dem
heißen Afrika in seine wonnige Kühle hinein ihm näher
tretend. Die Frau legte das Strickzeug auf den
Kaffeetisch, der Mann legte beide fleischigen Hände
auf beide Lehnen seines Gartenarmstuhls, wand sich
langsam in die Höhe. in seiner gediegenen Breite
nun noch mehr zur Erscheinung kommend, und —
sprang vor. Er that einen Sprung! Es war der
Sprung eines überfetten Frosches, aber ein Sprung
war es!

Das Wort nahm ihm jedoch noch einmal die
kleine, zarte Frau vom Munde weg.

„Jesus, Heinrich,“ rief Valentine Schaumann,
geborene Quakatz, „es ist wirklich und wahrhaftig
Dein Freund Eduard!“

„Halte doch mal meine Pfeife, Tinchen,“ sagte
Stopfkuchen, und dann nahm er mich, wenn auch
nicht in seine Arme, so doch an meinen beiden Oberarmen, hielt mich so eine Weile fest, aber doch von
sich, besah mich ganz genau und fragte:

„Bist Du es? Bist Du es wirklich doch noch
einmal? Die Möglichkeit ist es ja!“ setzte er
hinzu.

„Es ist die Wirklichkeit, alter Heinz, und ich
freue mich, Dich — die rothe Schanze — nein, Dich
und Deine Frau so wohl zu sehen! Du hast —“

„Dich garnicht verändert. Bleibe mir, an jedem
warmen Tage wenigstens, mit der verruchten Redensart vom Wanste. Der andere Hohn: Mensch, aber
wie dick bist Du geworden! kommt ja doch gleich
hinterdrein. In der Beziehung könnt ihr Alle —“

„Schaumann, ich freue mich so sehr, Dich so,
gerade so, wieder zu finden!“

„Na, na, im Schatten geht es ja wohl noch an.
Da zerfließt man seinem bestem Jugendfreund nicht
sofort als ein Schemen in den Armen. Er ist es
wirklich, Tinchen! er hat wahrhaftig die Freundlichkeit
gehabt, sich auch Unserer noch zu erinnern.“

„Stopfkuchen?!“

„Das Wort schmeckt wenigstens noch ein Bischen
nach andern jüngern Tagen und lebendigeren Gefühlen;
aber die Thatsache bleibe dessenungeachtet bestehen.
Geehrter, weshalb kommst Du jetzt erst auch zu Uns?
Soweit lesen wir die Zeitungen hier oben auf
Quakatzenburg noch, daß wir aus der Gasthofsliste
wissen, wie lange Du Dich da unten bereits aufgehalten und natürlich einer Menge Anderer das Vergnügen Dich wiederzusehen, geschenkt hast. Nu denn,
das ist denn ja sehr freundlich von Dir.“

Wie Jeder, der mit Recht wegen einer Versäumniß am Ohr genommen wird, suchte ich nach
einer Ausrede und fand diesmal folgende:

„Das Beste erspart sich der verständige Erdenbewohner stets bis zuletzt. Dieses war, wie ich mich
ungemein deutlich erinnere, auch Dein Grundsatz in
den Tagen unserer Kindheit und Jugend, lieber
Heinrich.“

„Davon bin ich völlig abgekommen,“ erwiederte
Stopfkuchen. „Seit einigen Jahren schon nehme ich
das Beste zuerst, lieber Eduard, und verlasse mich
nicht mehr darauf, daß man ja Zeit habe und das
Butterbrod sicher und fest in beiden Fäusten halte.
Na, lassen wir die Komplimente! das Glück ist Dir
diesmal wenigstens noch günstig gewesen: einen fetten
Happen hast Du Dir an mir aufgehoben! was?“

„Nun, nun, bester Schaumann —“

„Und Du — wie stehst Du denn so dumm da,
Mieze? Quakätzchen? Da der Mann sich als Mensch,
Bruder und Freund wenigstens annäherungsweise
legitimirt hat nach Menschenbrauch, so biete ihm
wenigstens ein Stuhl, und noch eine Tasse Kaffee
an, wenn der noch warm ist. Setze Dich wenigstens
einen Augenblick, Eduard, wenn Du Zeit hast; und
dann — Du, sieh sie Dir einmal an! — Das ist
sie! Tinchen; Tinchen Quakatz. Na, was meinst
Du, Eduard? Ueber mich hast Du Deine Meinung,
Dir unbewußt, durch Blick, Mundaufsperren, Hand- und Fußmimik bereits geäußert. Jetzt sage es mir
dreist aufrichtig, wie Du sie konservirt findest?“

Die Handbewegung, der Blick und, was sonst
zu dieser Vorstellung der Frau Valentine Schaumann
gehörte, nichts ist davon zu beschreiben. Auch von
dem Ton nicht, mit dem das Wort „Mieze“ gesprochen wurde.

Und Quakätzchen?!

Eine geborene Quakatz, die Tochter von Kienbaums Mörder, Andreas Quakatz, die sich bei ihrem
Eheherrn zu einer „Mieze“, ja, wie ich nachher merkte,
sogar zu einem „Müschen“, mit längster, zärtlichster
Dehnung auf dem ü ausgewachsen hatte, und jetzt
mir Platz im Sommermorgen und am Frühstückstisch auf der rothen Schanze machte, die muß doch
beschrieben werden!

Ich hatte sie als Kind nur hager gekannt; —
„klapperig“ nannte es Stopfkuchen; aber sie hatte es
nicht so wie Stopfkuchen gemacht, sie hatte nicht ihre
Körperveranlagung im Laufe der Jahre zur höchsten
Potenz ausgebildet. Sie war nicht in dem Grade
dürr geworden, wie er dick geworden war. Sie war
nicht eingehuzzelt unter seinem Regimente, in dem
Schatten, dem beträchtlichen Schatten, den er warf.

Sie war ein wohlgebautes, behagliches Persönchen geworden, mit einigem Grau im Haar, wie
man es so gegen das vierzigste Jahr wohl gelten
lassen muß. Ich sah sie mir natürlich zuerst darauf
an, ob sie wohl noch die Hunde über den Dammweg
auf „uns Jungens“ und die übrige Welt hetzen könne;
ich sah sie mir sehr genau darauf an, und ich freute
mich. Vollständig hatte sie den wilden, manchmal
halb irren Blick ihrer Kindheit und „Jugendblüthe,“
der aus ihrer trostlosen Vervehmung damals stammte,
verloren. Und als sie lächelnd die ersten Worte auch
an mich gerichtet hatte, wußte ich nach diesen ersten
Worten, daß sie seit lange nicht mehr das verschüchterte,
mit bösen Worten, Steinen und Erdklößen beworfene
Bauermädchen vom Quakatzenhof war. Es war
durchaus nicht nöthig, daß mein Freund Schaumann
es für nothwendig zu halten schien, meine Aufmerksamkeit noch reger zu machen und zwar mit den abgeschmackten Worten:

„Ja, ja, Eduard, Bildung steckt an, und ich bin
immer ein sehr gebildeter Mensch gewesen, wenn
ihr da unten es auch nicht immer Wort haben
wolltet. Und dann, Eduard, studirt man manchmal
auch nicht ganz ohne Nutzen für die oder den Nebenmenschen — das Kochbuch.“

„Wer es nicht wüßte, daß wir seit lange
recht gute, gute Bekannte sind, der müßte das
hieraus doch sofort merken,“ sagte freundlich zierlich
Frau Valentine Schaumann, und weder im Salon
der Madame Recamier, noch dem der Madame
de Staël, noch dem der Frau Varnhagen von Ense,
die ihrer Zeit Rahel genannt wurde, konnte etwas
Feineres und Besseres mit einem bessern und feinern
Lächeln bemerkt werden.

Ich hatte es damit vollständig heraus, daß ich
hier am Ort in der Heimath den Fuß zuerst auf einen
verzauberten Boden gesetzt habe, auf welchem die
Enttäuschungen der Heimkehr doch vielleicht noch einem
rechten, echten, wahrhaftigen, wirklichen Heimathsbehagen Raum geben konnten. Nach zehn Minuten
einer Unterhaltung, die sich nur auf unser Wiederaneinanderherantreten bezog und garnichts Bemerkenswerthes an sich hatte, wollte uns die Frau verlassen
und ins Haus gehen, dem Gatten verständnißvoll zunickend, nachdem Stopfkuchen gesagt hatte:

„Du Mieze, natürlich rastet der Fremdling heute
im gelobten Lande. In der Abendkühle können wir
ihn dann ja ein bischen auf seinem Wege nach der
Stadt und Afrika zurückbegleiten.“

Ich war wohl nicht mit der Absicht gekommen,
so lange zu verweilen; aber ich bin doch wirklich gern
den Tag über auf der rothen Schanze geblieben; nachdem ich meinerseits gerufen hatte:

„O, Frau Valentine, wohin wollen Sie? Bleiben
Sie sitzen. Man muß aus Südkaffraria und über
die Tropen auf Besuch nach Hause gekommen sein,
um wirklich zu erproben, wie wohlig es sich zu Hause,
an einem Morgen wie der heutige vor einem solchen
Hause sitzen läßt!“

„Nicht wahr?“ sagte Stopfkuchen. „Da hörst
Du's mal wieder, Tinchen Quakatz! Uebrigens geh'
Du nur ruhig hin; der fremde Herr erzählt uns nachher wohl das Genauere von seinem Hauswesen da unten,
dahinten. Das macht man wahrhaftig am besten und
gemüthlichsten bei Tische ab. Laß Du Dich nicht von
ihm jetzt abhalten; geh' Du ruhig an Dein Geschäft,
Müschen. Dieser abenteuernde Afrikaner wird seine
richtige Desdemona wohl auch schon anderswo gefunden haben, und Du kriegst doch nur die schönen
Reste seiner Schnurren und Seelenstimmungen. Geh
Du ruhig in Deine Küche — doch die Hauptsache.
Auch ihm!“

Und der Gatte warf der Gattin einen schmunzelnd
verständnißinnigen Blick zu und zog sich mit der
Handkante vor der Gurgel her, den Gestus des Halsabschneidens aufs Vollkommenste zur Darstellung
bringend.

„Heinz hat wahrhaftig Recht, Herr Eduard.
Die Herren müssen mich wirklich für einige Augenblicke entschuldigen. Sei nur ruhig, Schaumann,
ich weiß schon!“

Sie entschlüpfte, und ein Weib, das von einem
alten Mörder, von Kienbaums Mörder abstammte
und ebenfalls mit Mordgedanken umging, konnte
wahrlich dabei nicht lieber und gutmüthiger und behaglicher mir zunicken und mir ihre Freude darob
zu erkennen geben, daß sie mich heute Mittag bei
Tisch haben werde. Aber es lag auch eine Welt
voll Vertrauen in der Rauchwolke, die ihr der Gatte
aus seiner Pfeife nachblies mit den Worten:

„Alte — Achtung! Das Afrika verwöhnt seine
Leute. Ein in der Asche gebratener Elephantenfuß
soll keine Kleinigkeit sein. Tinchen, das wäre doch
endlich ein wahrer, guter Ruf, wenn dieser fremde
Herr daheim, zu Hause, bei sich, von uns Beiden
mit Vergnügen erzählen — müßte!“

„Welch eine wirklich liebe Frau,“ sagte ich.

„Nicht wahr?“ fragte Stopfkuchen, und fügte
hinzu: „Was — und wie gut konservirt?“

Und dann saßen wir einige Zeit in Nachdenken
und die Behaglichkeit der Stunde versunken, und bemerkten es währenddem erst allmählich, daß nach und
nach um uns her eine Bewegung entstand. Es kam
nämlich ein Aufhorchen, ein Umhersehen, ein Schnabelzusammenstecken in das Federviehvolk um den Frühstückstisch der rothen Schanze, — Alles in Folge eines
heftigen Gegackers und Gekreisches aus dem Hofraum
hinter dem Hause. Und nicht ohne Grund, denn von
dorther über das niedrige Gatter um den obbemeldeten Hof, war ein einzeln Huhn mit gesträubten
Flügeln und einigen Federn im Schwanze weniger,
gelaufen gekommen und hatte böse Mär gebracht.

„Was hat denn das Vieh? wer hat denn jetzt
wieder Kienbaum todtgeschlagen?“ fragte Stopfkuchen,
seinen Tauben nachstarrend, die plötzlich von ihrem
Schlage sich erhoben und in angstvollen Kreisen
über unsern Häuptern und über den grünen Lindenwipfeln der rothen Schanze, allmählich zu silbernen
Pünktchen im Himmelblau werdend, sich entsetzt umschwangen.

„Das Zeugs ist ja wie rein toll!“ sagte er; ich
aber that natürlich, als ob ich nicht die geringste
Ahnung davon habe, daß der ganze Aufruhr und
Schrecken der Natur sich von mir herleite, daß meinetwegen Frau Valentine Stopfkuchen auf der rothen
Schanze in der Küche gerufen habe: „Stine, wir haben
heute einen Gast, und wenn mich nicht Alles täuscht,
einen aus fremden Ländern her sehr verwöhnten.
Was fangen wir an? Mein Mann hat ihn zu Tische
gebeten, und wir haben für so Einen, der von so
weit herkommt, eigentlich garnichts Ordentliches im
Hause.“

„Na ja, so muß es uns immer zur unrechten
Zeit über den Hals kommen,“ hatte dann wahrscheinlich Stopfkuchens guter, zweitbester Küchengenius gerufen und — sicherlich hinzugesetzt: „Na, ganz so
schlimm ist es wohl noch nicht mit ihm, dem fremden
Herrn, und uns hier auf der rothen Schanze. Die
Hühner und den Taubenschlag haben wir ja immer
gottlob noch bei der Hand.“

Ich wußte es auch noch von meiner seligen
Mutter her, was die Antwort und der Trost war:
„Für eine gute Bouillon wollen wir jedenfalls sorgen,
Stine. Die lassen sich auch die Verwöhntesten gefallen.“

Frau Tinchen Schaumann hat an dem Tage aber
noch aus ihrer eigenen Speisekammer und was noch
besser: aus ihrer eigenen guten Seele „mit einem
Stein vom Herzen“ hinzugesetzt: „Und dann haben
wir ja auch, Gott sei Dank, den Schinken in Burgunder liegen. Also denn, Stine, rasch in den
Hühnerhof und auf den Taubenschlag. Der fremde
Herr bleibt bis zum Abend, und es ist ein alter
Freund von meinem Mann, und es ist auch mir
eine große Freude, daß er nach so langen Jahren
und von so weit her hier noch einmal auf der Schanze
zu Besuch ist!“

Es möchten vielleicht Manche auf dem Schiffe
gern wissen, womit sich eigentlich der Herr aus der
Burenrepublik so eifrig litterarisch beschäftige? was
er schreibe, worüber er jetzt knurre, jetzt seufze und
jetzt lache? Es ist aber Keiner unter der ganzen
Reisegesellschaft, dem ich es vollständig klar machen
könnte, wie sich ein vernünftiger Mensch auf einer
solchen Fahrt, so mit einem längst gegessenen und
verdauten Schinken, und wenn auch in Burgunder,
so eingehend noch einmal beschäftigen könne. Wir
haben Deutsche, Niederländer, Engländer, Norweger,
Dänen und Schweden, die ganze germanische Vetternschaft, an Bord des Leonhard Hagebucher; aber sie
würden mich Alle mehr für einen Narren, als einen
mit ein wenig Weltverschönerungssinn begabten
Teutonen nehmen, wenn ich heute Abend im Rauchsalon
ihnen einige Seiten aus meinem diesmaligen Logbuch
und Reisemanuskript, aus der Kriminalgeschichte
Stopfkuchen vorlesen würde. Ich lasse das wohl
bleiben; aber ich bleibe auch bei meinem Manuskript,
wenn das Wetter und der Wogengang es erlauben.
Ich bin eben oft genug im Leben zu Schiffe gewesen,
um zu wissen was das Behaglichere ist auf einer längern
Fahrt. Es ist eine große Täuschung, zu meinen, daß
auf den großen Wassern alle Augenblicke etwas Merkwürdiges vorkomme, und daß eine germanische Reiseverwandtschaft immer ungemein humoristisch, gemüthvoll, feinfühlig und — interessant sei. . . .

Nämlich den frischen Schinken in Burgunder
und die gute Hühnersuppe fanden wir auf dem
Mittagstisch; aber soweit sind wir ja wohl noch nicht.
Wir sitzen noch hinter Stopfkuchens zweitem Frühstück unter den alten Linden von der Quakatzenburg auf
der rothen Schanze, Freund Heinrich Schaumann und
ich, und der Eßtisch drinnen im Hause wird eben
erst in die Mitte der Stube gezogen, um von Frau
Tinchen und einer zweiten Magd derselben für das
Haupttreffen, die Hauptbefriedigung des täglichen
Nahrungsbedürfnisses „gedeckt“ zu werden.

„Endlich doch einmal ein Mensch, der ein vorgesetztes Ziel erreicht hat, ohne daß es ihn nach dem
Anlangen enttäuscht hat!“ sagte und seufzte ich, in
die nochmals dargereichte Cigarrenkiste greifend.

„Ein bischen viel Uebergewicht,“ brummte Stopfkuchen. „An heißen Tagen etwas beschwerlich, lieber
Eduard. Vorzüglich bei den doch immer nothwendigen
Geschäftsgängen.“

„Ja, hast Du denn wirklich noch solche nothwendige Gänge zu machen, lieber Heinrich? Hast
Du wahrhaftig noch nicht mit Allem was für Unsereinen so draußen herum liegt und besorgt werden muß,
abgeschlossen? Liegt nicht alles das draußen vor
Deinen wundervollen Wällen des Prinzen Xaver
von Sachsen?“

„Was wohl soviel heißen soll als: bist Du nur
dazu da, auf der rothen Schanze nach dem Lebensunbehagen des Vaters Quakatz die Behaglichkeit des
Daseins in Deiner feisten Person zur Darstellung zu
bringen? Jetzt leihe mir mal gütigst Deinen Arm,
Eduard. Eine Weile dauert es wohl, ehe wir zu
Tisch gerufen werden; also kann ich Dir, wenn es Dir
gefällig ist, vorher noch Festung, Haus und Hof —
my house and my castle — wie das Alles unter
meiner und Tinchens Herrschaft geworden ist, etwas
genauer zeigen. Uf! — langsam! nur nicht zu hastig.
Weshalb sollen wir uns nicht Zeit nehmen? Was
könnte ich Hinhocker einem Weltwanderer gleich Dir
Merkwürdiges zu weisen haben, was ein solch rasendes
Drauflosstürzen erforderte? Nur mit aller Bequemlichkeit, Freund! Wandeln wir langsam, langsam,
und zwar zuerst noch einmal um den Wall des Herrn
Grafen von der Lausitz, segensreichen, wenn auch nicht
gloriosen Angedenkens.“

„Segensreichen Angedenkens? Das sagte die
Stadt da unten, so wie die Umgegend im Jahre
Christi Siebenzehnhunderteinundsechzig grade nicht.“

„Aber ich sage es heute. Was geht mich die
hiesige Gegend und Umgegend an? Die schöne Aussicht
darauf von Quakatzenburg aus natürlich abgerechnet.“

Ich war jetzt so gespannt auf das, was er mir
zu zeigen hatte, daß ich wirklich mit einiger Mühe
meinen Schritt aus den Goldfeldern von Kaffraria
nach seinem Schritt von der rothen Schanze mäßigte.
Und zum erstenmal nun in meinem Leben umging
ich auf dem Walle selbst das Schanzenviereck des
Prinzen Xaver; als Junge und als junger Mensch
hatte ich es mir ja nur von jenseits des Grabens,
vom Felde, von dem „Glacis“ dann und wann ansehen können. Und die Jahre zählten! Es ging
freilich heute etwas langsam damit; denn der Jugendfreund hatte in Wahrheit meinen Arm nicht bloß der
Zierde und Zärtlichkeit wegen genommen. Seine
Pfeife nahm er natürlich auch mit, hielt sie im
Brande und deutete mit ihrer Spitze hierhin und
dorthin, wo er meine, nach seiner Meinung durch
allerlei Weltumsegelungen zerstreute Aufmerksamkeit,
hinzuwenden wünschte.

Wir wandelten oder watschelten wieder durch
seinen Gartenweg, zwischen seinen Johannis- und
Stachelbeerbüschen, seiner brennenden Liebe, seinen
Rosen und Lilien, seinem Rittersporn und Venuswagen empor zu der Brüstung seiner Festung. Als
Geschichtsforscher und als Philosoph der rothen Schanze
erwies er sich von Augenblick zu Augenblick größer —
bedeutender. Und dabei hatte er sich in seiner wohlgefütterten Einsamkeit und in den Armen seiner kleinen,
herzigen Frau zu einem Selbstredner sondergleichen
ausgebildet. Er fragte, und er gab gewöhnlich die
Antwort selber, was für den Gefragten stets seine
große Bequemlichkeit hat.

„Woher stammen im Grunde des Menschen
Schicksale, Eduard?“ fragte er zuerst, und ehe ich
antworten konnte (was hätte ich antworten können?)
meinte er: „Gewöhnlich, wenn nicht immer aus
Einem Punkte. Von meinem Kinderwagen her —
Du weißt, Eduard, ich war seit frühester Jugend
etwas schwach auf den Beinen — erinnere ich mich
noch ganz gut jener Sonntagsnachmittagsspazierfahrtstunde, wo mein Dämon mich zum erstenmal hierauf
anwies, in welcher mein Vater sagte: ‚Hinter der
rothen Schanze, Frau, kommen wir gottlob bald in
den Schatten. Der Bengel da könnte übrigens auch
bald zu Fuße laufen! Meinst Du nicht?‘ — ‚Er ist
so schwach auf den Füßen,‘ seufzte meine selige Mutter,
und dieses Wort vergesse ich ihr nimmer. Ja, Eduard,
ich bin immer etwas schwach, nicht nur von Begriffen,
sondern auch auf den Füßen gewesen, und das ist
der besagte Punkt! Ich habe mich wahrhaftig nicht
weiter in der Welt bringen können, als bis in den
Schatten der rothen Schanze. Ich kann wirklich
nichts dafür. Hier war mein schwacher oder, wenn
Du willst, starker Punkt. Hier faßte mich das
Schicksal. Ich habe mich gewehrt, aber ich habe
mich fügen müssen, und ich habe mich seufzend gefügt. Dich, lieber Eduard, haben Störzer und Mr.
Le Vaillant nach dem heißen Afrika gebracht, und
mich haben meine schwachen Verstandeskräfte und
noch schwächeren Füße im kühlen Schatten von
Quakatzenhof festgehalten. Eduard, das Schicksal benutzt meistens doch unsere schwachen Punkte um uns
auf das uns Dienliche aufmerksam zu machen.“

Dieser Mensch war so frech-undankbar, hier wahrhaftig einen Seufzer aus der Tiefe seines Wanstes
hervorzuholen. Natürlich nur um mir sein Behagen
noch beneidenswerther vorzurücken. Ich ging aber
nicht darauf ein. Den Gefallen meinerseits jetzt
noch tiefer und mit besserer Berechtigung zu seufzen,
that ich ihm nicht.

„Ruhig, Eduard,“ sagte ich mir. „Sollst doch
zu erfahren suchen, was er noch weiter mehr weiß
als Du.“

Ich ließ ihn also am Worte, still von einer
Ecke des alten jetzt so friedlichen Kriegsbollwerkes,
aus dem Schatten heraus, in die sonnige, weite
Landschaft mit meiner Heimathstadt, ihren Dörfern,
Wäldern, nahen Hügeln und fernem Gebirge hinausschauend.

„Ja, da hast Du den ganzen Kriegsschauplatz
von Schaumann contra Quakatz vor Dir,“ sprach
Stopfkuchen. „Sieh Dir die Landschaft ja noch einmal
an, ehe Du Dich wieder nach Deinem herrlichen
Afrika verziehst. Es ist und bleibt doch eine nette
Gegend! was?“

„Freilich, freilich! Man braucht gerade nicht
aus Lybien zu kommen oder wieder dorthin abreisen
zu müssen, um das dreist behaupten zu können.“

„Und dann was Alles in ihr passirt ist, Eduard,“
sagte Stopfkuchen, mich leicht mit dem Ellbogen in
die Seite stoßend. „Von alten Historien will ich
garnicht anfangen; aber nimm nur bloß diesen
himmlischen siebenjährigen Krieg an!“

„Bester Freund —“

„Für diesen göttlichen siebenjährigen Krieg und
den wundervollen alten Streithahnen, den alten Fritz
habe ich immer meine stillste aber innigste Zuneigung
gehabt.“

„Liebster Heinrich —“

„Jawohl, etwas von dieser herzlichen Neigung
in mir dämmert Dir vielleicht heute auch noch wohl
aus unschuldigen Kinder- und nichtsnutzigsten Flegeljahren auf. Eduard, wäre ich heute nicht Stopfkuchen, so möchte ich nur Friedrich der Andere in
Preußen — in der ganzen Weltgeschichte nur Fritz
der Zweite gewesen sein. Ich weiß nicht wie es mit
Deiner Bibliothek im Kaffernlande bestellt ist, aber,
bitte, nenne mir einen Andern aus der Welt
Haupt- und Staatsaktionen, der für Unsereinen etwas
Sympathischeres als Der an sich haben kann! So
dürr — ausgetrocknet, mit seinem vom Rheinwein
seines Herrn Vaters her angeerbten Podagra etwas
schwach auf den Füßen, aber immer in den Stiefeln!
Immer munter bei sich selber im Halloh, Geheul und
Gebrüll der Parzen und der Kanonen. Mit seinem
Krückstock, seiner Nase voll Schnupftaback, seiner mit
Siegellack eigenhändigst reparirten Degenscheide —
scharfklingig, frech und spitzig, was man jetzt schnoddrig
nennt, gegen die allerhöchsten Damen, Frau Marie
Therese, Frau Elisabeth, Frau Jeanne Antoinette;
was ich freilich meiner allerhöchsten Dame, meines
Tinchens wegen, nicht ganz und gar billigen kann.
Aber dagegen sein Appetit. Tadellos! Gut in seiner
Kindheit, in seiner Jugend; aber über alles Lob erhaben bei zunehmendem Alter. Hätte ich wo ein
Wort zu verlieren, so wäre es bei dieser Betrachtung,
so wäre es hier. Der Mann verdaute Alles! Verdruß, Provinzen, eigenes und fremdes Pech, und
vor Allem seine jeden Tag eigenhändig geschriebene
Speisekarte. Eduard, dieser Mensch wäre auch Herr
der rothen Schanze geworden, wenn er ich gewesen
wäre. Eduard, wenn ein Mensch was dazu gethan
hat, mich zum Herrn, Eigenthümer und Besitzer von
der rothen Schanze und somit auch von Tinchen
Quakatz zu machen, so ist das immer der alte Fritz
von Preußen, selbstverständlich immer in Verbindung
mit seinem herzigen, mir so unendlich werthvollen
Gegner auf dieser Erdstelle, dem Prinzen Xaverius
von Sachsen, kurfürstlicher Hoheit.“

Der Mensch, Heinrich Schaumann genannt Stopfkuchen redete einen solchen Haufen von Gegensätzen
zusammen, daß ich garnicht mehr im Stande war,
zu seufzen: „Nun, das soll mich doch weiter wundern,
worauf dieses hinauslaufen kann.“

„Setzen wir uns doch lieber,“ meinte Heinrich.
„Ich sehe es Dir an, daß ich Dir noch ein wenig
konfus erscheine. Vielleicht kommt das noch besser;
aber ich kann es nicht ändern. Diese Bank hier
habe ich übrigens nur aufstellen lassen, um dann
und wann nicht selber meinen historischen Boden
unter den Füßen weg zu verlieren. Wenn ich Dir
aber langweilig werde, höre ich auf der Stelle auf,
Interessantester aller Afrikaner und Bester aller alten
Freunde.“

„Ich bitte Dich, Stopf— bester Freund!“

„Sage dreist, Stopfkuchen, Eduard. Ich höre
gern auch heute noch auf das alte liebe Wort; und
von den alten Freunden, die es mir in schönern
Jahren so sehr scherzhaft aufhingen, muß ich Dir
doch zuerst reden, um meinem seligen Schwiegerpapa von Kienbaums Angedenken allmählich näher
zu kommen. Also — dieses war der Anfang der
Historie von Heinrich und Valentine, von Kienbaum,
vom Meister Andreas Quakatz und von der rothen
Schanze. Du sitzest doch gemüthlich, Eduard?“

„Ich habe selten in meinem Leben gemüthlicher
gesessen. Aber unterbrich Dich doch nicht immer
selbst, alter, wunderlicher Freund! Mir scheint es
jetzt wahrlich, ich sei nur deshalb einzig und allein
in die alte Heimath auf Besuch gekommen, um Dich
zu hören.“

„Sehr schmeichelhaft! also auch deshalb zuerst
von den alten Freunden! von euch nichtsnutzigen,
boshaftigen, unverschämten Schlingeln, die ihr, so
lange ich euch zu denken vermag, euer Bestes gethan
habt, mir die Tage meiner Kindheit und Jugend zu
verekeln.“

„Stopfkuchen, ich bitte Dich —“

„Jawohl, Stopfkuchen! Was konnte ich denn
dafür, daß ich schwach von Beinen und stark von
Magen und Verdauung war? hatte ich mir die
Kraft und Macht meiner peristaltischen Bewegungen
und die Hinfälligkeit meiner Extremitäten und überhaupt meine Veranlagung zum Idiotenthum anerschaffen? Hätte ich die Wahl gehabt, so wäre ich
ja zehntausendmal lieber als Qualle in der bittern
Salzfluth, denn als Schaumanns Junge, der dicke,
dumme Heinrich Schaumann, in die Erscheinung
getreten. Sauber seid ihr mit mir umgegangen,
und habt euer schändliches Menschenrecht genommen.
Leugne es nicht, Eduard!“

„Du gibst keine Ausnahme zu, Heinrich?“

„Keine! Soll ich etwa Dich ausnehmen, Du
mein bester, liebster Freund? Bilde Dir das nicht
ein! frage nachher nur Tinchen bei Tische, was sie
darüber denkt. Sie hat Dich ja auch damals mit
den Andern vor ihres Vaters Burgwall gehabt. Hast
Du nicht mit den Wölfen geheult, so hast Du mit
den Eseln geyhaet, und jedenfalls bist auch Du mit
den Andern gelaufen und hast Stopfkuchen mit seiner
unverstandenen Seele gleich wie mit einem auf die
gute Seite gefallenen Butterbrod auf der Hausthürtreppe, auf der faulen Bank in der Schule und am
Feldrain vor der rothen Schanze sitzen lassen. Jawohl,
hast Du Dich schön nach mir umgesehen, wenn Du,
nicht etwa etwas Besseres, sondern wenn Du etwas
Vergnüglicheres wußtest.“

„Heinrich, das kannst Du doch wirklich nicht
sagen!“

„Eduard, säße ich sonst so hier? Und dann —
übrigens, mache ich Dir einen Vorwurf daraus?
Habe ich euch — Dich nicht laufen lassen, und habe
ich nicht etwa mein Butterbrod aus dem Erdenstaube
aufgehoben und es gefressen — mit einem Viertel
Wehmuth und drei Vierteln Hochgenuß in meiner —
Einsamkeit? Habe ich euch — habe ich Dich etwa
nicht ruhig laufen lassen? Habe ich mich je euch
durch Gewinsel hinter euren leichter beschwingten
Seelen und bewegungslustigern Körpern her, noch
lächerlicher als ich schon war, gemacht?“

„Wahrhaftig nicht! Und um der Wahrheit die
Ehre zu geben, ich — wir haben Dich einfach sitzen
lassen, wie und wo Du Dich hingesetzt hattest.“

„Seht ihr! Siehst Du! Und ich hoffe es Dir
im Laufe des Tages doch noch zu beweisen, daß
auch die einsame Hausthürtreppe, der unterste Platz
in jeder Schulklasse, der thränenreiche Sitz am Wiesenrain den Menschen doch noch zu einem gewissen
Weltüberblick und einem Zweck und Ziel im Erdendasein gelangen lassen können. Zum Laufen hilft
eben immer nicht schnell sein, lieber Eduard.“

„Das weiß der liebe Gott!“ seufzte ich aus
voller Seele, aus allen Lebenserrungenschaften und
vom untern Ende Afrikas her.

„Ein Indianer am Pfahl konnte es unter dem
Kriegsgeheul und Hohngebrüll seiner Feinde nicht
schöner haben als Stopfkuchen in eurem muntern
Kreise. Nette Siegestänze eurer Ueberlegenheit habt
ihr um mich armen maulfaulen, feisten, schwitzenden
Tropf aufgeführt. Und so helle Köpfe waret ihr
allesammt! Jawohl habe ich mein Brod mit Thränen
gegessen in eurer lieben Kameradschaft. Was blieb
mir da anders übrig, als mich an meinen Appetit
zu halten und mich auf mich selber zu beschränken
und euch mit meinen herzlichsten Segenswünschen
die Rückseite zuzudrehen.“

„Heinrich —“

„Na, na, laß das nur sein. Es liegt jetzt
hinter uns Beiden, und Tinchen ist in ihrer Küche
für Dein und mein Wohl heute beschäftigt, wie es
sich gehört. Das Herzblatt! laß uns jetzt dem näher
zu kommen suchen, und also — Vivat der Prinz Xaver
von Sachsen, und nochmals und zum dritten Male
hoch der Comte de Lusace, Prinz Xaverius von
Sachsen!“

„Er lebe! aber was er mit Deiner — meiner
— unserer und Deiner Frau Geschichte zu thun hat,
das bleibt mir augenblicklich noch ein Räthsel, Schaumann! Du hast eben wohlberechtigte Worte zu mir
gesprochen; aber Deinen Grafen von der Lausitz,
Deinen mir völlig unbekannten Prinzen von Sachsen
brauche ich mir doch nicht so ohne Weiteres gefallen
zu lassen, Heinrich! Jetzt, ehe Deine Frau zum
Essen ruft, was hat dieser sonderbare Prinz Xaverius
mit ihr, mit Dir, mit mir noch zu thun an diesem
wundervollen, windstillen, himmelblauen, blättergrünen, sonnigen Sommermorgen?“

Das Schiff stößt heute ein wenig mehr als
gestern.

„Und wenn Du auch die halbe neue Weltgeschichte mit erlebt und in Afrika selber mitgemacht
hast, Eduard; Das mußt Du doch auch noch wissen,
daß in meines Vaters Hausgiebel eine Kanonenkugel
stak und heute noch steckt, die er — der Xaverl —
damals, im siebenjährigen Kriege zu uns in die
Stadt hineingeschossen hat! Sei nur ganz still und
unterbrich mich nicht; wir kommen dem Tinchen an
ihrem Küchenherde auf der rothen Schanze näher und
immer näher. Nämlich sie war meines Vaters Stolz,
nicht das Tinchen, sondern die Kanonenkugel. Sie
war ja eine Merkwürdigkeit der Stadt, und mein
erstes Denken haftet an ihr: „Die ist von der rothen
Schanze gekommen, Junge,“ sagte mein Vater, und
nun sage mir, Eduard, hast Du da hinten in Prätoria oder wie ihr es und euch nennt, etwas Besseres
als eine Kugel im Gebälk oder in der Hauswand,
um Deinem Jungen oder Deinen Jungen den Verstand für irgend etwas aufzuknöpfen? So ein Wort
schlägt ein und haftet im Gehirn und in der Phantasie
wie die Kugel selber in der Mauer. „Sie kommt
noch aus dem Kriege des alten Fritz her, Heinrich,“
sagte mein Vater. „Paß in der Schule ordentlich
auf, denn da können sie Dir das Genauere darüber
erzählen!“ — Na, ich habe um alles Andere in der
Schule Prügel gekriegt, nur um den siebenjährigen
Krieg nicht; und daran ist die Geschützkugel des
Prinzen Xaver an unserer Hauswand, die Kugel,
die von der rothen Schanze hergekommen war, Schuld
gewesen, und sie hat mir denn auch so im Laufe
der Zeiten zum Tinchen Quakatz und zu der rothen
Schanze verholfen. Nachher bei Tische, hoffe ich,
sollst Du es mir ganz aufrichtig sagen müssen,
daß Du es doch recht behaglich bei uns findest.“

„Habe ich denn das nicht schon verschiedene
Male gesagt?“

„Nein. Wenigstens noch lange nicht nach Würden.
Denn was weißt Du denn eigentlich bis jetzt Genauestes von uns? Aber Menschenkind mußt Du
denn immer unterbrechen? Menschenkind, begreifst
Du denn gar nicht, wie viele verhaltene Reden, wie
viel verhaltener Wortschwall in einem nicht zum Zweck
und auf die Kanzel gekommenen Kandidaten der
Theologie stecken können? Da, sitze still und gucke
in die schöne Gegend und auf die Heimathsgefilde und
laß mich mir endlich mal Luft machen! einem Menschen
gegenüber Luft machen, der nicht da unten in das
alte Nest hineingehört, sondern der morgen schon
wieder auf dem Wege nach dem untersten Ende vom
alleruntersten Südafrika ist, also nicht die Geschichte
vom Stopfkuchen und seiner rothen Schanze in sein
nachbarliches Ehebett und in seine Stamm-Kneipe
weiterträgt.“

„Ich sage gar nichts mehr, bis Du selbst mich
dazu aufforderst, oder bis Deine liebe Frau es
wünscht.“

„Schön, lieber Junge! Damit thust Du mir
eine wahre Wohlthat an. Also kommen wir zuerst
zu der Schicksalskugel an Rendanten Schaumanns
Hause. Allein that sie es natürlich nicht. Es hatte
sich im Hause auch ein alter Schmöker erhalten.
Meine Mutter hatte ihn jahrelang benutzt, um einem
wackelnden Schrank den mangelnden vierten Fuß unterzuschieben. Der half mir weiter. Nicht der Schrank,
sondern der Schmöker! Es war ein Lokalprodukt, das
die Geschichte der Belagerung unserer süßen Kindheitswiege durch den Prinzen Xaver von Sachsen,
wenn nicht wahr, so doch für ein Kindergemüth um
ein Bedeutendes deutlicher ausmalte. Den Klassiker zog
ich unter dem Schranke vor, den las ich lieber als den
Cornelius Nepos, und von dem aus kam ich, Eduard,
sei ruhig, wir kommen Tinchen immer näher! zu dem
lebendigen alten Schmöker Schwartner. Selbstverständlich erinnerst Du Dich noch an den alten Schwartner,
den Registrator Schwartner?“

Ich erinnerte mich selbstverständlich, aber schüttelte
natürlich eben so selbstverständlich das Haupt.

„Ja so: Er soll ja nicht dreinreden!“ brummte
der Herr der rothen Schanze und fuhr fort in
seiner Seelenerleichterung, ohne daß er durch mich
aufgehalten worden war. „Der alte Schwartner in
seinem alten schwarzen Hause unter den dunkeln
Kastanien der Kirche gegenüber. Es spukte in ihm,
weißt Du noch, Eduard? In dem Hause natürlich;
aber — in dem alten Herrn auch. In dem alten
Herrn haben nach seinem Tode oder vielmehr endlichen völligen Austrocknen die Doktoren nicht einen
Tropfen Flüssigkeit mehr gefunden; obgleich er aller
Humore voller steckte als die ganze übrige Stadt.
Und beim Abbruch seines Familienhauses, nachdem
man vorher die Kastanienbäume niedergeschlagen hatte,
haben die Arbeiter mehr als einmal am hellen Mittage
die Aexte, Schaufeln und Spitzhacken hingeworfen und
haben sich unter den Schutz der Hauptkirche gegenüber geflüchtet, weil plötzlich ein Schrecken über sie
kam. Ihr Gelehrten schiebt das ja wohl auf den
alten Bockfüßler Pan; die städtische Arbeiterbummlerschaft aber schob's auf den alten Bockfüßler Schwartner.
Na, mit dem letztern Alten habe ich denn so ganz
hinter euerem Rücken, ihr lieben hellen Schulkameraden,
Kameradschaft gemacht, und zwar mit Nutzen in vielen
Dingen, von denen Ihr Feldhasen nicht die geringste
Ahnung haben konntet. Sitze nur ruhig, Eduard;
ich führe Dich nicht zu weit ab: wir bleiben einfach
bei der rothen Schanze und kommen meinem Tinchen
immer näher. Uebrigens wird sie hoffentlich nun
auch bald uns zu Tische rufen.“

Ich hätte hier wirklich etwas sagen können; aber
ich bezwang mich und that es nicht. Stopfkuchen
fuhr, seine Pfeife besser in Brand ziehend fort:

„Also die Kugel an meines Vaters Hause hatte
zuerst auf meine kindliche Phantasie gewirkt; der alte
Schwartner wirkte zuerst auf meinen historischen Sinn.
Und den historischen Sinn im Menschen erklären heut
zu Tage ja viele Gelehrte für das Vorzüglichste was
es überhaupt im Menschen gibt. Ich bin nicht dieser
Ansicht. Ja wenn man sich immer nur an was Angenehmes erinnerte! . . . Aber, einerlei, der alte
Schwartner hatte historischen Sinn und erweckte denselben auch soweit es möglich war, in mir. Daß ich
mich mit ihm, immer dem historischen Sinn! einzig
und allein auf die rothe Schanze zu beschränken wußte,
spricht, meines Erachtens zuletzt denn doch dafür, daß
noch Etwas in mir lag, was selbst über den historischen
Sinn hinausging. Wie ich eigentlich zuerst in sein
Haus gekommen bin, weiß ich nicht recht. Er hat
mich wahrscheinlich die Kanonenkugel an unserm Hausgiebel oder die rothe Schanze angaffend gefunden, eine
verwandte Seele in mir gewittert und mich mal mit
sich genommen. Wir kamen jedenfalls bald auf den
kameradschaftlichsten Fuß. Wer mich brauchte und
in meines Vaters Hause nicht vorfand, der hatte
mich nur beim alten Registrator Schwartner zu suchen,
da fand er mich ziemlich sicher. ‚Schulkenntnisse,
Heinrich,‘ sagte der alte Schwartner. ‚Erwirb Dir
ja Schulkenntnisse und vorzüglich Geschichte. Ohne
Geschichtskenntnisse bleibt der Gescheuteste ein dummer
Esel, mit ihr steckt er als überlegener Mensch eine
ganze Stadt, ein ganz Gemeinwesen wissenschaftlich
in die Tasche. Brauchst da bloß mich anzusehen,
den bloßen Subalternenbeamten, der ihnen allen doch
allein sagen kann, wie es mit ihnen eigentlich steht.‘
Viele allgemeine Geschichtskenntniß habe ich nun freilich doch nicht aus der Freundschaft des alten Herrn
gezogen; aber die Geschichte des siebenjährigen Krieges
und der rothen Schanze die weiß ich von ihm, mag
es meinetwegen mit dem Uebrigen bestellt sein und
bleiben wie es ist. Ja, ja, Eduard, sein, des alten
Schwartners Großonkel oder Urgroßonkel hatte als
damaliger Stadtsyndikus den Prinzen Xaverius
persönlich gesprochen. Der Prinz hatte ihm seine
Dose geboten, aber ihm seinen Beitrag zur Contribution
und Brandschatzung nach gewonnener Stadt leider
nicht erlassen. Er, der Herr Registrator, bewahrte
auch noch viele andere Sachen in seinem gespenstischen
Familienhause zum Angedenken an jene unruhige
Zeit auf: ein Sponton in der Ecke hinter seinem
Schreibtische, Pläne und Kupferstiche an den Wänden,
Stühle, auf welchen die Urgroßmutter und die Großmutter mit dem preußischen Stadtkommandanten gesessen
hatten, einen Tisch, von welchem die Einquartierung
eine Ecke abgeschlagen hatte, und vor allen Dingen
Rechnungen, Rechnungsbücher, Abrechnungen! Na,
sie hatten blechen müssen, das sage ich Dir, Eduard!
Der liebe Gott beschirme Deine Urenkel in Afrika
vor derartigen lieben Angedenken; oder gebe ihnen
wenigstens den behaglichen historischen Sinn des
alten Schwartner, der durchaus keinen Groll darüber
mehr in sich trug, der nur noch sein Vergnügen aus
der Sache zog, und dem nichts als sein Interesse an
dem Dinge geblieben war. Er hatte einen ziemlich
großen Plan der Stadt aus dem Ende des vorigen
Jahrhunderts an der Wand neben seinem Sopha
hängen, und wenn er nicht draußen im Felde diese
närrische verjährte Belagerung mit mir traktirte, so
docirte er sie mir von diesem Sopha aus, und ich
mußte auf der Karte mit dem Finger nachfahren,
meistens natürlich zwischen der Stadt und der rothen
Schanze hin und her. Und nun steh' mal auf und
komm mal her, Eduard.“

Und nun, wie als ob ich aus meinem Leben
und aus Afrika nicht das geringste Neue und für
ihn vielleicht auch Merkwürdige zu erzählen gehabt
hätte, zog er mich an den Rand seines Burgwalls
und deutete mir mit dem Finger dieses so grenzenlos
unbedeutende Stück Welthistorie, Kanonenlärm, Bürgerangst, Weiber- und Kindergekreisch, Brand und Blutvergießen: da und da stand Der und Der. Das Corps
combiné der Royal François et des Saxons war
zwanzigtausend Mann stark. So und so viel Franzosen
und so und so viel Sachsen. In der Stadt lag eine
Besatzung von sieben bis achthundert Mann Invaliden
und Landmiliz unterm alten Platzmajor von Stummel,
sein Nachkomme lebt noch in der Stadt als quiescirter
Gerichtsassessor, und man sieht es ihm wahrhaftig
nicht an, daß er einen Heros zum Ahnherrn gehabt
hat; nach dem Brummersumm geht er, wie ich höre,
jeden Nachmittag, und auch Du hast ihn da vielleicht
noch wieder angetroffen, Eduard, und auch um seinetwillen, Deinen Freund Stopfkuchen und dessen rothe
Schanze bis heute verabsäumt. Es war doch eigentlich
nicht hübsch von Dir.“

Letzteres mochte sein; aber wenn mir natürlich
jetzt Alles an Stopfkuchen und der rothen Schanze
von Neuem sehr interessant und sympathisch war, so
war ich doch eigentlich nicht um das was er mir
bis jetzt von sich und allem Seinigen vorgetragen
hatte, nach seiner Festung, seiner Xavers- Quakatzen- und — Valentinenburg hinausgegangen. Ich hatte
wenigstens nach Möglichkeit nachgeholt, was ich unfreundlicher Weise verabsäumt haben mochte an dem
fürchterlichen Langweiler, dem feistesten meiner Jugendfreunde.

Dem mochte nun sein wie ihm wollte: in einer
Beziehung hatte ich etwas ganz Wunderbares ganz
sicher noch vor mir — Stopfkuchens Mittagessen.
Nachdem die Düfte vom Hause her immer nahrhafter
und delikater geworden waren, schaute Frau Valentine
Schaumann, geborene Quakatz, um den Busch hinter
unserer Bank und fragte mit dem liebsten, einladendsten
Lächeln auf dem Gesicht: Ob es den Herren gefällig sei? —

Es war den Herren gefällig.

Heute, unter der Linie, habe ich zwar die Glocke
des Schiffskochs nicht überhört, aber ich habe ihr
doch auch nicht Folge geleistet. Ich bin von Tische
fort und bei meinem Manuskript geblieben. Mit dem
Appetit des Nordländers ist es zwischen den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks leider nur zu
häufig so so, und Die sind schon gut dran, die in
jenen schönen Gegenden sich wenigstens noch mit Behagen oder doch ohne Mißbehagen an frühern Tafelgenuß und bessere Verdauung erinnern dürfen.

„Na, Tinchen, da hast Du denn endlich einmal
wieder einen Andern, der Dir seinen Arm bietet,“
sagte Heinrich, seine Pfeife an die Gartenbank lehnend
und seinen Schlafrock um sich zusammenziehend, was
die einzige Verbesserung und Verschönerung seiner
Diner-Toilette blieb, während seine Frau im hübschen
und geschmackvollen, im tadellosen, feiertäglichen Hauskleide zu uns gekommen war. „Nämlich,“ fügte er
hinzu, Stopfkuchen nämlich: „So habe ich sie gewöhnt, Eduard, daß ich mich in dieser Hinsicht allmählich auf sie verlassen kann. Sie reicht mir stets
unaufgefordert den Arm und ich habe ihn nöthig.
Aber, wie gesagt, Weib, reiche ihn heute ihm. Eines
so werthen und seltenen Gastes wegen verzichte ich
auch mal darauf. Also geht nur voran, ihr Beiden,
ich folge langsam in eurer lieben Spur.“

Das that er wirklich, und da es jetzt in Wahrheit
zu Tische ging, auch ohne sich nochmals unterwegs
niederzulassen, oder gar in den siebenjährigen Krieg,
auf den Prinzen Xaver von Sachsen und die Belagerung unserer Heimathsstadt zu fallen. Dicht hinter
uns her erreichte er das Haus, welchem auch ich jetzt,
sonderbarerweise, zuerst am heutigen Tage in nächste
Nähe trat. Bis jetzt war es aber zu gemüthlich unter
den Linden vor ihm — dem Hause — gewesen. Und
was aus einer blutigen Kriegesschanze und aus dem
vervehmten, verrufenen Unterschlupf von Kienbaums
Mörder zu machen gewesen war, das hatte Stopfkuchen
daraus gemacht. Solches konnte ich ihm zugeben
und darauf konnte er unbedingt stolz sein. Er hatte
es verstanden, hier die bösen Geister auszutreiben,
das bemerkte man auf den ersten Blick, wenn man
Quakatzens Heimwesen noch gekannt hatte. Er aber
sagte, ohne sich auf der Schwelle etwas zu Gute zu thun:

„Komm denn herein, lieber Junge. Wenn der
Mensch mit seinen höheren Zwecken, nach dem Dichterwort, in die Höhe wachsen soll, so sollte er von rechtswegen mit seinem zwecklosen guten Gewissen sich unangegrinst in eben dem Verhältniß ruhig in die
Breite ausdehnen dürfen. Aber komme der schlechten
Welt mit diesem bescheidenen Anspruch! Na die
Hausthür des alten Quakatz habe ich übrigens meinetwegen noch nicht breiter machen lassen müssen. Eduard,
es freut mich ungemein, Arm in Arm mit Dir diese
Schwelle überschreiten zu können.“

Damit schob er seine Frau von mir ab und sie
vor uns ins Haus. Er watschelte richtig Arm in Arm
mit mir hinterdrein, nicht ohne vorher noch einen
Augenblick stehen geblieben zu sein und mich auf die
Ueberschrift seiner Thür aufmerksam gemacht zu haben.
Ich traute meinen Augen nicht; aber es stand wahrhaftig da, in großen weißen Lettern auf schwarzem
Grunde angemalt, zu lesen:

Da redete Gott mit Noah und sprach:
Gehe aus dem Kasten.

Und als ich den Dicken darob wirklich nicht ganz
ohne Verwunderung ansah, lächelte dieser behaglichste
aller Lehnstuhlmenschen überlegen und sprach:

„Weil ihr ein bischen weiter als ich in die
Welt hinein euch die Füße vertreten habt, meint ihr
selbstverständlich, daß ich ganz und gar im Kasten
sitzen geblieben sei. Ne, ne, lieber Eduard, es ist
wirklich mein Lebensmotto: Gehe heraus aus dem
Kasten!“

Ich würde Einiges zu erwiedern gehabt haben,
aber er ließ mich wahrlich wiederum nicht zum Worte,
sondern fuhr fort:

„Was sagst Du aber schon hier draußen zu den
kleinen Verschönerungen, die ich an Tinchen Quakatzens
Erbsitz vorgenommen habe. Hier auswendig am
Hause, meine ich. Nicht wahr, hell und freundlich? —
alles was Pinsel und Farbentopf in dieser Hinsicht
ins Erheiternde zu thun vermochten!“

Er hatte gewiß nicht nöthig, mich noch besonders
aufmerksam zu machen. Die Verschönerungen mußten
jedem der die Mördergrube auf der rothen Schanze
ehedem in ihrer ärgsten Verwahrlosung gekannt hatte,
auffallen.

„Sieh mal,“ sagte Stopfkuchen, „auf den Noahkasten habe ich Dich bereits aufmerksam gemacht; jetzt
schüttele einmal in der Phantasie eine andere Deiner
Weihnachtsschachteln aus. Dorf oder Stadt — steht
auf dem Deckel derjenigen, die ich meine. Kippe
dreist um auf den Tisch und suche mir mein Weihnachtsmusterhaus heraus! Was? Hast Du's? Schön
himmelblau die Mauern, schön zinnoberroth das Dach,
Fenster und Thür kohlenpechrabenschwarz, nur der
Schornstein schön weiß. Es gibt auch nette Paläste,
Häuser und Hütten in anderen Farben in der
Schachtel, aber ich habe Tinchens wegen ein helles
Himmelblau gewählt. Dem sieht hoffentlich Niemand
mehr Kienbaums Blut ab, sondern es sagt höchstens
dann und wann Jemand: ‚Dieser alte Schaumann
auf der rothen Schanze ist doch ein ganz verrückter
Hahn, und es ist nur zu hoffen, daß ihn seine brave
Frau fest unter ihrer Kuratel hält‘.“

Die brave Frau auf dem Hausflur wendete sich
auf dieses letzte Wort um und sagte lächelnd:

„Heinrich, ich bitte Dich! vor diesem Deinem
Freunde brauchst Du Dich doch nicht ganz so närrisch
wie vor den Anderen anzustellen.“

„Aber immer doch ein bischen darf ich — was
alter Schatz?“

„Was kann ich dagegen machen? sagen Sie selber
aus ältester Bekanntschaft mit ihm, Herr Eduard!“
lachte Frau Valentine, und dabei stand auch ich an
Stopfkuchens Arm auf seinem Hausflur und fiel in
ein neues Erstaunen.

„Ja aber, was ist denn Das?“ entrang sich, um
im gehobenen Ton zu bleiben, das Wort meinen
Lippen.

„Ein Bruchtheil meines geologischen Museums.
Die Pièce de résistance, die Krone, mein Mammuth,
werde ich Dir nach Tische zeigen,“ sagte Schaumann.

Ich stand starr.

„Es ist die Liebhaberei meiner alten Tage,“
fuhr der dicke Freund fort. „Etwas muß der Mensch
doch immer haben, woran er sich hält, wenn er dem
Gebote des Herrn nachkommt und aus dem Kasten
geht. Was wunderst Du Dich? Für alle Ewigkeit
reicht doch selbst der Prinz Xaver von Sachsen nicht
aus, um einem Einsiedler oder vielmehr Zweisiedler
durch die Stunden, Tage, Wochen und Jahre ein
Liebhabereibedürfniß behaglich zu stillen. Aber sei
nur ruhig, Eduard; dies ist meine Sache, dieses sind
meine Knochen! Du kriegst die Suppe von ihnen
nicht, Tinchen hält sich mehr an was Frischeres mit
mehr Fleisch darauf. Ich hoffe, Du wirst ihre Kochkunst, meinem osteologischen Museum zum Trotz loben
und draußen im Säkulum gleichfalls bestätigen, daß
man auf der rothen Schanze nicht bloß an den Knochen
nagt. Uebrigens sehe ich zu meinem Erstaunen, daß
Du derartigen Dilettantenwahnsinn bei mir am
wenigsten gesucht hast.“

„Das muß ich sagen!“

„Der Zauber des Gegensatzes, Eduard. Einfach
der Zauber des Gegensatzes! Werde Du mal so fett
wie ich und suche Du nicht Deinen Gegensatz — also
hier diese Knochen! Dein Hausarzt wird sicherlich
nichts dagegen einzuwenden haben. Der meinige
hält zum Beispiel mein Herum -Kriechen -Keuchen
und -Klettern in den umliegenden Kiesgruben und
Steinbrüchen der Feldmark um die rothe Schanze für
sehr wohlthätig für meine Konstitution. Seinen
Redensarten nach sollte es mir manchmal vorkommen,
als sei die Sintfluth nur meinetwegen eingetreten;
nämlich blos damit ich mir unter ihren Ruderibus,
ihren schönen Resten die mir so nothwendige Bewegung
mache. Und mit ganz ähnlichen Redensarten legt
auch Tinchen, wie sie sich ausdrückt, meiner Narrheit
nichts in den Weg. ‚Das kommt davon‘, fügt sie
höchstens hinzu, ‚wenn der dicke Bauer der rothen
Schanze sein ganzes Ackerland der Zuckerfabrik Maiholzen als Rübenacker hingibt.‘“

„Mensch!“ rief ich. „Jetzt laß uns endlich zu
Tisch! Deine Frau wartet und ich habe es unbedingt nöthig, auch mit Deiner Frau über Dich zu
reden!“

„Aber erst nach Tische!“ grinste Stopfkuchen.
Er „bat“ darum, wie man das in solchen Fällen
sittiger zu bezeichnen pflegt, fügte auch noch hinzu:
„Daß ich mich auf dem Wege zum Essen und beim
Essen ungern aufhalten und nur sehr ungern stören
lasse, weißt Du ja wohl noch aus alter lieber Jugenderinnerung?“

Ich warf noch einen Blick auf die an den
Wänden der alten „Bauerndehle“ auf Börten und in
offenen Schränken aufgestapelten Versteinerungen aus
der Umgegend der rothen Schanze, und trat noch
einmal in meinem Leben in die Wohnstube des
Bauern Andreas Quakatz zur linken Seite des Hausflurs, und an den Tisch, den auch Stopfkuchen zu
einem Eßtisch gemacht hatte, und auf welchem Tinchen
Quakatz vor so vielen Jahren in meiner Gegenwart
in Trotz, Grimm, Angst und Verzweiflung mit den
Armen und mit dem Kopfe lag.

„Wie freue ich mich, Sie wieder hier zu sehen,
Herr Eduard,“ sagte Frau Valentine Schaumann.

— — — — — — — — — — —

Ich reichte ihr in Wahrheit bewegt die Hand
über Stopfkuchens in Wahrheit wunderbar gedeckten
Eß- und Lebenstisch. Aber Stopfkuchen drängte: ich
hatte die Serviette zu entfalten und zu Löffel, Messer
und Gabel zu greifen. So konnte er, Heinrich, doch
nicht drängen, daß ich mich nicht auch hier schnell
noch umgesehen hätte. Es hatte sich auch hier Manches
verändert.

„Ja, guck nur,“ sagte er. „Hier kannst Du es
richtig sehen, wie sie mich gegen den Strich zu kämmen
pflegt. Nichts als meinen Koprolithenschrank habe
ich hier hereinschmuggeln können. Da steht er in
der Ecke und da sitzt sie Dir gegenüber und erwartet,
daß Du ihr Deine Komplimente über ihren guten
Geschmack machst. Sie hat den Raum von ihren
Jugenderinnerungen gründlich gereinigt haben wollen,
und der Schatz hat das Recht dazu gehabt. Erfreuliches
hing nicht an den Wänden, stand nicht umher —
diesen Eßtisch ausgenommen — und verkroch sich noch
weniger in den Winkeln. Wir haben aber den väterlichen und urväterlichen Hausrath vom Quakatzenhof
nicht verauktionirt. Wir haben ihn den Flammen
übergeben, theilweise auf dem Küchenherde, zum größten
Theil aber da draußen unter den Lindenbäumen. Da
haben wir ein Feuer angezündet, am schönen Sommertage im Sonnenschein zwischen zehn und elf Uhr
Morgens. Da haben wir den alten wüsten Wust
in die reinen blauen Lüfte geschickt. O, wie haben
wir alle süßen, heimlichen, sentimentalen Gemüthsstimmungen auf den Kopf gestellt! Ei ja, wie haben
wir die rothe Schanze durch Feuer von ihrer Krankheit
geheilt! Sieh, Eduard, wie das Kind sich heute noch
ihrer, wie die Leute umher sagten: unzurechnungsfähigen, grenzenlosen Herzlosigkeit freut — diese Mordbrennerin. Sieht sie aus, als ob sie sich durch das Aufwärmen ihrer eigensten That jetzt noch den Appetit
verderben lassen würde?“

So sah sie wahrlich nicht aus! Frau Valentine
Schaumann lächelte über unsern Suppennapf mich
an und sagte:

„Merken Sie es wohl, wie gründlich Heinrich
mich erzogen hat? Ich habe auch garnichts dagegen,
wenn er es Ihnen nach Tisch noch gründlicher erzählt, wie er das angefangen hat, und wie er mich
auch heute noch auf der Schulbank sitzen hat. Das
heißt, Alter, Dein Nachmittagsschläfchen hältst Du
erst wie gewöhnlich, denn Herr Eduard wird aus
seinem heißen Afrika wohl auch ein wenig daran gewöhnt sein.“

„Wenn Eduard zu schlummern wünscht, schlummre
ich gewiß auch ein wenig ihm zu Liebe. Mit den
gewöhnlichen Gewissensbissen der ärztlichen Rathschläge
wegen. Und hat Dir Gott 'nen Wanst beschert, so
halte ihn — und so weiter. Na, der Herr beschere
uns Allen einen sanften Sophatod.“

„Du gehst mir heute und von heute an jeden
Tag auf der Stelle nach dem Essen mit Deinem
Freunde oder mit mir in den Garten und auf den
Wall!“ rief Frau Valentine. „Heinrich, ich bin im
Stande und blase noch einmal ein Feuer unter den
Linden an und verbrenne Dir alle unsere Sophas
unterm Leibe.“

„O Du süße, umgekehrte indische Wittwe in spe!“
grinste Stopfkuchen, und dann war er eine geraume
Zeit wieder einmal ganz bei der Sache, nämlich nur
bei Tische, ganz und gar, einzig und allein, nur bei
Tische! Wir speisten vorzüglich, und eine Viertelstunde lang sagte er einmal kein Wort. Der Behaglichkeit und der Kühle wegen blieben wir auch mit
dem Kaffee und bei der Cigarre fürs Erste im Hause,
und Tinchen Quakatz saß bei uns, und ging ab und
zu, freute sich ihres Mannes, und, wie es gottlob
schien, auch des Jugendfreundes desselben, und wir
verzichteten alle Drei auf den Nachmittagsschlummer
zur „Feier meines Besuchs.“

Im behaglichsten Moment des Verdauungsprozesses legte sich dann Stopfkuchen in seinem Sessel zurück,
schlang über dem weitaufgeknöpften Busen die Hände
ineinander, drehte die Daumen umeinander, seufzte
wollüstig und — fragte:

„Und nun Eduard, machen wir Dir noch den
Eindruck einer Mörderhöhle? Würdest Du Dich vor
dem seligen Kienbaum und der Mitternacht fürchten
und dankend ablehnen, wenn wir Dir ein Bett im
Hause anböten? Sag es ganz offen heraus, wenn
es Dir im Geringsten noch nach Blut und Moder
auf der rothen Schanze riecht.“

Hoffentlich erwartete er, daß ich nun aufspränge,
mit Händen und Füßen abwehrend, donnernd dreimal: Nein! brülle. Aber den Gefallen that ich dem
fast unheimlich behaglichen feisten Geschöpf doch nicht.
Ich sagte ihm ganz ruhig;

„Auch Deine antediluvianischen versteinerten Gebeine draußen riechen mir nach nichts mehr. Selbst
Deine Koprolithen da im Schrank kann die feinste
Dame dreist als Briefbeschwerer gebrauchen, wenn
Niemand sie fragt, und sie Keinem mittheilt, was das
eigentlich ist. In die Gespensterkammer von Quakatzenhof würde ich mit Vergnügen ziehen, wenn meine
Zeitumstände es erlaubten. Daß Deine liebe Frau
mir im Schlafe den Hals abschneiden könne, glaube
ich nicht; aber — was Dich selber freilich anbetrifft,
so möchte ich Dich wirklich jetzt noch am freundlichen
Nachmittage ausfragen, ehe die spukhafte Nacht kommt.
Wundervolle Menschenkinder — unbegreiflicher Mensch
— wie habt ihr — wie hast Du es angefangen,
den bösen Geist und Gast der rothen Schanze zu
bändigen?“

„Ich habe Kienbaum völlig todtgeschlagen,“ sagte
Stopfkuchen. „Weiter brauchte es ja nichts. Der
Schlingel — will sagen, der arme Teufel hatte freilich ein zähes Leben; aber — ich — ich habe ihn
untergekriegt. Wenn ein Mensch Kienbaum todtgeschlagen hat, so bin ich der Mensch und Mörder.“

„Du? Heinrich, mir —“

„Willst Du dabei sein, wenn ich's ihm ins
Genauere auseinandersetze, Tinchen?“ wendete sich
Heinrich an seine Frau, und sie meinte lächelnd:

„Du weißt es ja, daß Du mich nicht dabei
nöthig hast, Alter. Wenn Dein Herr Freund es gestattet, so horche ich lieber wie bisher von Zeit zu
Zeit ein wenig hin, daß Du mir nicht allzusehr ins
Phantastische und Breite fällst.“

„Ich ins Breite und Phantastische, Eduard?!“

„Aber ich würde den Herren vorschlagen, sich
doch lieber mit dem alten Elend wieder draußen unter
die grünen Bäume zu setzen. Sie, Herr Eduard,
hören gewiß lieber draußen im Freien davon. Ich
räume derweilen hier auf und komme nachher —“

„Mit meinem Strickzeug,“ schloß Heinrich Schaumann den herzigen Rath und Vorschlag ab.

Er nahm seine Cigarrenkiste unter den Arm,
ich bot ihm wieder den meinen; die Frau trug ein
brennendes Licht in die stille Sommerluft hinaus,
und so saßen wir noch einmal unter den Linden,
und ich wehrte eine letzte Tasse Kaffee ab, und —
jetzt könnte ich Jeden fragen, ob's nicht merkwürdig
sei, auf einem Schiffe, auf dem sogenannten hohen
Meer, auf der Rückreise in das ödeste, langgedehnteste
wenn auch nahrhafteste Fremdenleben so von dem
sogenannten heimischen, vaterländischen Philisterleben
zu schreiben? . . .

„Ja, ja, Eduard,“ sagte Stopfkuchen, „gehe
heraus aus dem Kasten! Einige werden in die Welt
hinausgeschickt, um ein König- oder Kaiserreich zu
stiften, Andere um ein Rittergut am Kap der guten
Hoffnung zu erobern, und wieder Andere blos um ein
kleines Bauernmädchen mit unterdrückten Anlagen
zur Behaglichkeit und einem armen Teufel von geplagtem, halb verrückt gemachtem Papa einzufangen
und es mit Henriette Davidis Kochbuche und mit
Heinrich Schaumanns ebenfalls schändlich unterdrückten
Anlagen zur Gemüthlichkeit und Menschenwürde etwas
bekannter zu machen.“

„Gehe heraus aus dem Kasten, Heinrich.“

„Ihr Anderen, als ihr noch auf Schulen ginget,
glaubtet vielleicht, eure Ideale zu haben. Ich hatte
das meinige fest.“

„Das weiß ich zur Genüge; Du hast es mir
heute schon öfter gesagt: die rothe Schanze“

„Nein, durchaus nicht.“

„Nun dann soll es mich doch wundern, was
denn!“

„Mich!“ sprach Stopfkuchen mit unerschütterlicher
Gelassenheit. Dann aber sah er sich über die Schulter
nach seinem Hause um, ob auch Niemand von dort
komme und horche. Er hielt die Hand an den Mund
und flüsterte mir hinter ihr zu:

„Ich kann Dir sagen, Eduard, sie ist ein Prachtmädchen und bedurfte zur richtigen Zeit nur eines
verständigen Mannes, also eines Idealmenschen, um
das zu werden, was ich aus ihr gemacht habe. Das
siehst Du doch wohl ein, Eduard, obgleich es freilich
die reine Zwickmühle ist: damit ich ihr Ideal werde,
mußte ich doch unbedingt vorher erst meines sein?“

„Aus dem Kasten, nur immer weiter heraus
aus dem Kasten!“ murmelte ich. Was hätte ich sonst
murmeln sollen?

„Ihr hattet mich mal wieder allein unter der Hecke
sitzen lassen, ihr Anderen, und waret eurem Vergnügen an der Welt ohne mich nachgelaufen. Und
am Morgen in der Schule hatte mich Blechhammer
mal wieder wissenschaftlich zum abschreckenden Beispiel
verwendet als Bradypus. Ich kann ihn heute noch
nicht nur citiren, sondern lebendig auf die Bühne
bringen, mit seinem: ‚Seht ihn euch an, ihr
Anderen, den Schaumann, das Faulthier. Da sitzt
er wieder auf der faulen Bank, der Schaumann,
wie der Bradypus, das Faulthier. Hat fahle Haare,
wie welkes Laub, vier Backenzähne. Klettert langsam
in eine andere Klasse — wollt' ich sagen: klettert
auf einen Baum, auf dem es bleibt, bis es das letzte
Blatt abgefressen hat. Schuberts Lehrbuch der Naturgeschichte, Seite dreihundertachtundfünfzig: kriecht auf
einen anderen Baum, aber so langsam, daß es ein
Jäger, der es am Morgen an einem Fleck gesehen
hat, auch am Abend noch ganz in der Nähe findet.
Und dem soll man klassische Bildung und Geschmack
an den Wissenschaften und Verständniß für die Alten
beibringen!‘ — Na, Eduard, Du bist auch mit einer
von meinen Jägern gewesen, wenn auch keiner von
den allerschlimmsten: wie findest Du mich, nachdem
Du mich am Morgen an einem Flecke gefunden hast
und mich jetzt am Abend noch ganz in der Nähe
desselben wiederfindest?“

Was sollte ich anders sagen, als:

„Du wolltest von den grünen, den lebendigen
Hecken unserer Jugend reden, alter Heinrich, alter
lieber Freund! Erzähle weiter. Erzähle, wie Du
erzählst.“

„Meinetwegen. Ja wohl, ihr habt sie ja wohl
noch in voller grüner Fülle und möglichst unbeschnitten
um eure Felder und Gärten in Afrika? Hier reuten
sie sie allmählich überall aus, die Hecken. Da drunten
um das Nest herum, in welchem wir jung geworden
sind und grüne Jungen waren, haben sie sie glücklich
alle durch ihre Gartenmauern, Eisengitter und Hausmauern ersetzt. Es ist wirklich als könnten sie nichts
Grünes mehr sehen! Selbst hier draußen fangen
sie schon an ein Ende damit zu machen. Na, laß
sie, ich habe für mein Theil noch die Wonne genossen,
mich drunter zu legen, heute in die Sonne, morgen
lieber in den Schatten. Unter der Hecke hätte ich
überhaupt geboren werden sollen und nicht in so
einer muffigen Stadtkammer nach dem Hofe hinaus.
Ueber die Hecken hätten meine Windeln gehängt werden
sollen und nicht um den überheizten Ofen herum.
Heinrich von der Hecke oder vom Hagen! nicht wahr,
das wäre etwas für mich, den Eroberer der rothen
Schanze und der dazu gehörigen Tine Quakatz gewesen, lieber Eduard? Herr Heinrich von der Hecke,
wieviel würdiger, edler, bedeutungsvoller das doch
klänge als Kandidat Schaumann, ehelicher Sohn
weiland Oberundunterrevisors Schaumann und dessen
Ehefrau und so weiter mit allen bürgerlichen Ehrenhaftigkeiten. Und noch dazu da ich im Grunde doch
auch es, mein Tinchen, unter ihr, der Hecke, der grünen,
sonnigen, wonnigen, der ganz und gar lebendigen
Hecke gefunden habe, da ich unter ihr mein Fräulein,
die mir bestimmte Jungfer, meinen scheuen Heckenspatz für diese diesmalige sauersüße Zeitlichkeit eingefangen habe. ‚Geh' da weg, Junge,‘ sprach die junge
Dame, mir die Zunge zeigend: ‚Die Hecke gehört
meinem Vater, und da hat Keiner ein Recht daran
als wir.‘ — ‚Bauergans! dumme Trine,‘ sagte ich,
und damit war die erste Bekanntschaft gemacht. Sehr
mit eurem Zuthun, lieber Eduard; denn was ließet
ihr mich so allein im Grase unterm Haselnußbusch
in Vater Quakatzens Reich? ‚Ich bin keine Bauerngans, und ich bin keine Trine,‘ rief die Krabbe.
‚Ich bin Tine Quakatz. Geh' weg von unserem
Brinke, Stadtjunge! Das sind meine Nüsse, dies
ist unsere Hecke und unser Brink; und weil es unser
Brink und unsere Hecke ist, so werfen sie auch gleich
mit Dreck. Sie haben's mir wieder in der Nachmittagsschule verabredet und es sich versprochen.‘ —
Ob das eine Warnung sein sollte, kann ich nicht
sagen; jedenfalls kam die Benachrichtigung zu spät.
Denn im selbigen Augenblick schon hatte ich die Pastete
über den Kopf, an die Nase, in die Augen und theilweise auch ins weitoffene Auslaßthor der Rede; war
jedoch, trotz meiner weichen Füße, wieder im nächsten
Augenblick über die Hecke und hatte den ländlichsittlichen Attentäter mit seiner Faust voll frischaufgegriffener Ackerkrume am Kragen und zu Boden. Im
allernächsten Augenblick die ganze junge Dorfsbande,
Jungen und Mädchen und Köter über mich her, und
Tinchen mit den Nägeln in den Gesichtern und den
Fäusten in den Haaren der Gespielen und Gespielinnen,
und sämmtliche Hundewachtmannschaft von der rothen
Schanze über den Dammweg uns zu Hülfe! Reizend!
ich fühle die Püffe heute noch und greife heute noch
nach hinten und vorn mir am Leibe herum. Dann
mit einem Male der Graben des Prinzen Xaver
und die Wallhecke des Bauern Quakatz zwischen uns
und dem Feinde! Herrgott, wie lief mir das Blut
aus der Nase, und wie wischten sie drüben mit
den Jackenärmeln das ihrige von den Mäulern und
kreischten und schimpften und warfen mit Steinen
herüber: ‚Kopfab! kopfab! Kienbaum! Kienbaum!
Tine Quakatz, kopfab, kopfab!‘ Herrgott, und
dann der wirkliche Schrecken bis ins Mark, sowohl bei mir, wie bei der Menschheits-Entrüstungs-Kundgebung von drüben, jenseit des Grabens. Da stand
Er — die drüben rissen aus wie die Spatzen vor
dem Steinwurf, da stand er hinter mir, zum ersten
Mal in meinem Leben dicht neben mir: der Mordbauer von der rothen Schanze, der vervehmte Mann
von der rothen Schanze, der Bauer Andres Quakatz,
Kienbaums Mörder! Im Grunde war es doch
eigentlich nur eure Schuld, daß ich seine Bekanntschaft
so zuerst machte und nachher sie mehr und mehr suchte.
Ein Mensch, den seine Zeitgenossen unter der Hecke
liegen lassen, der sucht sich eben einsam sein eigenes
Vergnügen und läßt den Andern das ihrige. — Ja,
mein seliger Schwiegervater an jenem Tage! mich
schien er gar nicht zu sehen; er sah nur auch über
die Hecke nach dem kreischenden, immer noch mit allem
möglichen Wurfmaterial schleudernden Schwarm unserer
und seiner Gegner. Und statt etwas dazu zu bemerken, wandte er sich wieder und ging gegen das
Haus zu, Kienbaums Mörder. Er konnte hier nichts
auch für sein Kind thun und er mußte uns allein
mit der Sache fertig werden lassen. Doch die einzige Bewegung, die er gemacht hatte, hatte freilich schon
genügt, das junge Dorfvolk im panischen Schrecken
aus dem Felde zu scheuchen. ‚Komm, Junge, an den
Brunnen!‘ sagte Tinchen. ‚Wie siehst Du aus! Deine
Mutter, wenn Du noch eine hast, schlägt Dich todt,
wenn sie Dich so sieht.‘ Siehst Du, Eduard, da steht
er noch. Es ist derselbe alte Ziehbrunnen, und liefert
ein braves Wasser. Der Schacht geht ziemlich tief
durch das Schanzenwerk des Grafen von der Lausitz,
bis in den Grund der Erde. In Afrika habt Ihr
kein besseres Wasser meine ich, und wenn Du einen
Trunk daraus wünschest, so wende Dich nachher nur
an Tinchen. Sie windet den Eimer heute noch so
wie damals auf. Damals aber sagte sie: ‚Wenn wir
und unser Vieh nicht daraus trinken müßten, so hätte
ich schon längst ein paar von ihnen drunten liegen!‘
und dabei drohte sie mit der Faust nach dem Dorfe
zu, und alle Köter der rothen Schanze bellten nach
derselben Richtung hin. Nun wusch ich mir das Blut
ab, und dann tranken wir Beide aus dem Eimer,
indem wir daneben knieten und die Köpfe neben einander in ihn hinein versenkten. Es war auch eine
Art Blutsbruder- oder schwesterschaft, die da auf solche
Weise gemacht wurde. Als wir uns aber die Mäuler
getrocknet hatten, meinte das Burgfräulein von
Quakatzenburg: ‚Wenn Du Dich fürchtest, jetzt bei
Hellem allein nach Hause zu gehen, so kannst Du
hierbleiben bis es dunkel geworden ist, Stadtjunge.
Sie lauern Dir sicher am Dorfe auf; da kenne ich
sie. Sie prügeln Dich durch, und so ist es Dir vielleicht lieber, Du läßt Dich Abends wegen Ausbleiben
von Deinem Vater oder Deiner Mutter durchprügeln.‘
Ihr habt mich nie in der Schaar eurer Helden mitgezählt, Eduard. Von euch hellumschienten Achaiern
hätte ich nimmer das beste und also auch ehrenvollste
Stück vom Schweinebraten in die Hände gelegt bekommen. Wieviel mehr Heroenthum, unter Umständen,
in mir als wie in euch steckte, davon hattet ihr
natürlich keine Ahnung. Wenn ich mein Rückenstück
vom Spieß mit gebräuntem Mehl bestreut haben
wollte, so hatte ich es mir hinter eurem Rücken selber
anzurenommiren: ‚Ich fürchte mich vor nichts in der
Welt und vor dem Pack aus Maiholzen garnicht.
Derentwegen gehe ich schon bei Tage zu jeder Zeit;
aber weil Du dies gesagt hast bleibe ich doch hier,
jetzt gerade!‘ Der Herr Registrator Schwartner und
der Prinz Xaver von Sachsen hatten in diesem
Augenblick nichts mit dem gruselnd-süßen Gefühl,
endlich innerhalb der verrufenen, geheimnißvollen
rothen Schanze zu stehen, zu thun. ‚Der Vater ist
wieder im Haus, und wir sind vor ihm sicher,‘ sagte
meine jetzige Frau. ‚Du bist gut gegen mich gewesen, Stadtjunge, Du brauchst Dich diesmal also
nicht vor mir zu fürchten. Ich werfe Dich nicht in
den Brunnen. Sollen wir zuerst in den Birnbaum
steigen, oder willst Du lieber erst meine Kaninchen
sehen und meine Ziegen? Wir haben auch kleine
Hunde. Von denen läßt der Vater aber diesmal
nur einen bei der Alten liegen; wir haben noch genug
auf dem Wall. Wenn es der Vater mir nicht verboten hätte und ich sie mit nach draußen, da nach
der Hecke im Felde draußen, nehmen dürfte, und
wenn ich sie hetzen dürfte; so sollte mir Keiner aus
Maiholzen noch mit gesunden Beinen und heilen
Schürzen, Röcken und Hosen herumlaufen. Guck nur,
wie sie auch Dich drauf ansehen, daß ich sagen soll:
Pack an! faß, faß, faß an!‘ Dem war gewiß so.
Sie hielten mich alle giftig genug im Auge und umknurrten mich böse. Na, ich bin ihnen allmählich doch
näher gekommen, Eduard. Da, Du da, komm Du
mal her, Prinz! Siehst Du, das ist noch einer von
der alten Garde, oder stammt wenigstens noch von
ihr her. Auch er hätte eigentlich schon längst den
neun Gewehrläufen oder der Blausäure verfallen
müssen, wenn ich das Herz dazu aufbrächte. Meine
Frau will natürlich auch nichts von so einer wohlthätigen Gewaltthat hören, und selbst meinem guten
Kater da würde die Sache gewiß leid thun. Nun,
ich hoffe, eines Morgens finden wir ihn mal in einem
Winkel heimgegangen zu seinen Vätern und aus dieser
bissigen Welt heraus im Hafen als angelangt verzeichnet.“

„Sollte ich seine Bekanntschaft vielleicht schon
gemacht haben, als wir vor unserm Abgang zur Universität hier Abschied von einander nahmen, Heinrich?“

„Kaum möglich. So alt wird kein verständiger
Hund. Höchstens ein vernünftiger Mensch.“

„Entschuldige, daß ich Dich unterbrochen habe.
Erzähle weiter, Stopfkuchen.“

„Nicht wahr, für den Schwiegersohn von Kienbaums Mörder erzähle ich hübsch gemüthlich? Ja, ja,
es war im vollsten Sinne des Wortes eine Mordwirthschaft, in welcher ich mich zum einzigen Haus- und Familienfreunde auswuchs! Die Versicherung
kann ich Dir geben, Freund, daß nur sehr selten ein
Schwiegervater sich seinen Schwiegersohn in so kurioser
Weise groß und allgemach ans Herz gezogen hat wie
Vater Quakatz mich, seinen dicken, braven Heinrich.
Und dann der Heckenspatz, dem ich im Getümmel des
Kampfes Salz auf den Schwanz gestreut hatte, oder
vielmehr der Schmetterling, auf den ich mit blutender
Nase und blauem Buckel die Schülermütze gedeckt
hatte. Ja, ja, so einen saubern fängt sich nicht jeder
ein, der auf diese Jagd ausgeht! Herrjeh, wie das
Frauenzimmer in jenen Tagen aussah! solch ein
Bündel, wie meine selige Mutter gesagt haben würde,
solch ein vom Regen gewaschenes, von der Sonne
getrocknetes, vom Winde zerzaustes, hülfloses, mutterloses, sich selber die Kleider flickendes, sich nach dem
Modejournal der rothen Schanze selber zusammen
kostümirendes Bündel! und mit diesem Haut-gout
von Blut, Moder und ungesühntem Todtschlag, diesem
Kienbaums-Geruch an sich! Weißt Du, was sie,
Frau Schaumann sagte, als sie mir unten im Grase
von oben aus den Zweigen des Birnbaums ihre
Birnen zuwarf? Sie meinte: ‚Er ist jetzt im Hause,
mein Vater, und wenn er Dich nicht sieht, ist es mir
doch lieb und das Beste. Ich weiß es von Allen im
Dorfe und auch unten in der Stadt, daß er Kienbaum
todtgeschlagen hat, und ich glaube es nicht. Darauf
lasse ich mich todtschlagen von euch Allen, daß er es
nicht gethan hat, aber das weiß ich auch, daß er die
ganze Welt, und Dich auch, Stadtjunge, vergiften
könnte. Das glaube ich fest! Er sagt es, daß er
alle unsere Hausmäuse und unsere Feldmäuse und die
Hamäuse auch gern frei laufen und Schaden thun
läßt, weil er euch nicht an den Hals kann.‘ Was
konnte ich darauf anders sagen als: Tinchen Quakatz,
dann sieh nur zu, daß er mich in der Naturgeschichte
als Haus-, Feld- und Hamaus mitzählt; denn morgen
komme ich noch einmal wieder nach der rothen Schanze,
wenn ich nicht nachsitzen muß. ‚Mein Vater hat
auch sitzen müssen; aber sie haben ihn doch immer
wieder frei geben müssen. Sie können ihm mit aller
Gewalt nichts anhaben. Es kann ihm Keiner beweisen, daß er Kienbaum todtgeschlagen hat.‘“

In diesem Augenblick trat Frau Valentine wieder
einmal aus dem Hause, kam aber diesmal mit ihrem
Arbeitskörbchen und setzte sich zu uns, indem sie ihren
Stuhl dicht an den ihres Mannes rückte.

„Nicht so nahe auf den Leib, Kind!“ seufzte
Stopfkuchen. „Ist das ein gedeihlicher Sommer
Guter Gott, die Leute draußen auf dem Felde, die
keinen Schatten haben, oder sich doch nicht in ihn
hineinlegen dürfen. Wir sind nämlich eben im Schatten
der rothen Schanze angelangt, Eduard und ich, und
ich erzähle ihm grade, wie Du mir zum ersten Mal
den Kopf, das heißt das Maul, die blutende Nase
gewaschen hast, und wie ich ein Held war, und wie
gern unser seliger Papa die Mäuse hätte laufen
lassen und die ganze Menschheit vergiftet hätte.“

„Lassen Sie sich nur nicht zu argen Unsinn von
ihm aufreden,“ sagte Frau Schaumann freundlich,
indem sie ihre Nadel ruhig einfädelte. „Manchmal
ist er auch heute noch ganz in der Stille zu Allem
fähig, grade wie als dummer, kleiner Junge. Nun,
Sie kennen ihn ja, Herr Eduard!“

„So wie das Weib kommt, geht die Kritik und
der Zank los!“ sprach Heinrich, mit ausgebreitetstem
Bauch und Behagen seinem Weibe die Hand auf den
Kopf legend. „Das arme Wurm! wenn es mich mit
meinen Dummheiten nicht gefunden hätte! Nun, wo
waren wir denn stehen geblieben, Herr Eduard?“

„Unter dem Birnbaum. Wahrscheinlich unter
jenem dort.“

Wir sahen alle drei nach der Richtung hin, und
Frau Valentine nickte nachdrücklich.

„Richtig,“ sagte ihr Mann. „Sie saß drin und
ich saß drunter. Sie pflückte und ich fraß. Eduard,
ihr habt meiner körperlichen Anlagen wegen meine
geistigen stets verkannt. Ihr Schlaumichel, Schnellfüße, gymnasiastische Affenrepublik hattet keine Ahnung
davon, was in einem Bradypus bohren und treiben
kann. Mit der Krabbe, dem Mädchen da, war ich
im Reinen. Die war nunmehr meine Freundin und
meine Schutzbefohlene, und ich ihr Schutzpatron, ihr
Sankt Heinrich von der Hecke; das war ja selbstverständlich —“

„Lieber Mann —“

„Liebe Frau, und ebenso selbstverständlich, ich
will lieber sagen folgerecht, kam jetzt, unterbrich mich
nicht immer, Alte, kam jetzt der Alte dran. Und da
machte sich die Sache denn natürlich auch. Ihr, Eduard,
hieltet mich für dumm und gefräßig; er hielt mich
wohl auch für gefräßig, jedoch aber auch, meine allgemeine Unschädlichkeit dazu gerechnet, für ein Licht
in einem gewissen Theil des Dunkels, das sein Leben
umgab, sein armes Leben, Tine!“

Die letzten paar Worte waren so gesprochen,
daß sein Weib doch den Stuhl wieder dicht an ihn
heranrückte. Sie legte auch ihre Hand auf die seine,
und er schlug den Arm um sie und sagte auf einmal: „Tine, meine alte Tine Quakatz.“

Dann wendete er sich wieder zu mir, und ich
wußte jetzt schon, den Wechsel im Ton zurecht zu
legen.

„Nämlich am nächsten Tage nach der Heckenschlacht fand ich mich natürlich zum zweiten Mal in
Registrator Schwartners Zauberreich, und diesmal
saß ich im Baum, einem niedern Apfelbaum — dem
dort. Und diesmal stand Tinchen drunter mit aufgehaltener Schürze, und wieder stand der Alte plötzlich da und sah nun stumm zu mir hinauf, und das
Wetterglas schien auf Sturm zu weisen. ‚Vater, er
will nur unsere Befestigung verstudiren,‘ sagte Tinchen,
vielleicht doch auch etwas zaghaft. ‚Er kommt mit den
Geschichtsbüchern von der Belagerung her und sie
haben sein Haus von hieraus beschossen.‘ — ‚Komm
lieber doch erst mal da herunter,‘ sagte Vater Quakatz.
Und wie rasch selbst ein Bradypus, ein Faulthier, von
einem Baum herabsteigen kann, das bewies ich jetzt.
Da stand ich vor Kienbaums Mörder, und wenn ich
nicht erwartete, nun gleichfalls todtgeschlagen zu
werden, so war doch auch Tinchen der Meinung: der
alte Herr werde wenigstens über den Graben ins
freie Feld deuten und mit Nachdruck sagen: ‚Jetzt
scher Dich.‘ — Es kam aber anders, er sagte nur:
‚Meinetwegen;‘ was sich doch nur auf mein Verstudiren seines Anwesens beziehen konnte. Nachher
dachten wir, er werde sich nun wieder nach seiner
Art umdrehen und weg gehen; aber auch das kam
anders. Er blieb und fragte: ‚Du gehst auf die
Lateinschule? — ‚J, j, j, ja, Herr Quakatz.‘ —
‚Kannst Du es lesen? das Lateinische meine ich.‘ —
‚J, j, ja,‘ stotterte ich und dachte an nichts Böses.
— ‚Dann theilt Euch die Aepfel, und nachher komm
mal in die Stube. Du sollst mir was aus dem
Latein übersetzen.‘ — Da saß ich denn freilich fest
drin. So hatte ich das Wort vom Latein-Lesen
nicht verstanden. Da rufe ich den gelehrten Afrikaner,
den Eduard, zum Zeugniß auf, wie gründlich ich von
Papa mißverstanden worden war, Frau! Wer aber
in der Falle sitzt, der sitzt drin; und nach einer unheimlichen, zögernden, apfelkauenden Viertelstunde noch
draußen saß ich noch mehr drinnen, saß ich mit dem
vervehmten Mann von der rothen Schanze in seiner
Stube, unserer heutigen Eßstube, Eduard, der Stube
da, die Du in ihrer damaligen dumpfigen Ungemüthlichkeit bei unserm Jünglingsabschied kennen gelernt hast, Eduard. Da mein Zögern dem alten
Herrn zu lange gedauert hatte, war er noch mal in
den Garten gekommen, hatte mich am Oberarm gepackt, in seine Mörderhöhle geführt und mich am
Tische unter dem Groschenbild von Kain und Abel
auf die Bank gedrückt und zwar mit den Worten:
‚Was schlotterst Du, Junge? ich schneide Dir den
Hals nicht ab.‘ — Nachher ging er zu einem Schrank
ich habe ihn heute durch meinen Koprolithenbehälter
ersetzt, nahm ein dickes Buch in Schweinsleder hervor,
legte es vor mich hin auf den Tisch, nachdem er
eine Weile darin geblättert hatte, setzte sich zu mir,
wie zu einem erwachsenen Mann und Rechtsanwalt,
setzte den harten, knochigen Zeigefinger auf eine Stelle
und sagte: ‚Hier, Lateiner! Mache Du das mir mal
auf Deine Art deutsch klar, ein Wort nach dem
andern. Es ist das Korpusjuris, das Korpusjuris,
das Korpusjuris, und ich will es mal von Einem
auf deutsch vernehmen, der noch nichts von dem
Korpusjuris, von dem Korpusjuris weiß!‘ Die Stelle
war mit Rothkreide kräftig unterstrichen und ein Ohr
war ins Blatt eingeschlagen, und Alles deutete darauf
hin, daß hier öfters ein vor Aufregung zitternder
Daumen und Zeigefinger gestanden hatten. Ich aber
saß vor dem Buch und rieb mir weinerlich mit den
Handknöcheln die Augen: so weit waren wir noch
nicht in der Schule, daß wir dem Bauer Andreas
Quakatz das Buch aller juristischen Bücher hätten auslegen können. Und wie in der Schule mich duckend
stotterte ich endlich: ‚Herr Quakatz, blos wenn ich die
Worte wissen sollte, müßte ich mein Wörterbuch hier
haben, und das habe ich unten in der Stadt.‘ —
‚Dann hole es und bringe es morgen mit heraus.
Ich bin ein Narr, daß ich so mit Dir rede; aber die
Welt hat mich ja so gewollt, und Du bist mir gerade
so gut als wie ein Anderer, wenn ich zu Einem über
meine Sache reden will. Es ist aus, ich will keine
Gelehrten, keine Afkaten, keine Großgewachsenen mehr
bei mir und meiner Sache. Du sollst mir klug
genug sein, daß ich auf Dich hereinreden kann, wie
zu einem Vernunftmenschen. Die Alten, unsere Vorfahren haben es auch so gemacht, daß sie sich an die
Dummen und Unmündigen gehalten haben. Junge,
Junge, meine Tine sagt, daß Du heraus gekommen
bist, um die rothe Schanze zu verstudiren. Verstudire
sie, und kriege es mir heraus, wer Recht hat, die
Welt oder der Bauer auf der rothen Schanze! Du
hast Dich meiner Krabbe aus Gerechtigkeitsgefühl angenommen, ich habe es hinter der Hecke vom Wall
mit angesehen, nun will ich's mal darauf hin probiren,
ob es wahr ist, wie es geschrieben steht: in den
Mäulern der Unmündigen will ich der Wahrheit eine
Stätte bereiten. Kriegst Du es mir heraus, wer
Kienbaum todtgeschlagen hat, so schenke ich Dir und
dem Herrn Registrator Schwartner die rothe Schanze
mit allen Historien vom siebenjährigen und dreißigjährigen Kriege, und ziehe ab von ihr mit meinem
Kinde und dem weißen Stabe in der Hand. Das
Mädchen erzählt mir, sie lassen Dich auch allein sitzen,
so probire es, kriege heraus, wer Kienbaum todtgeschlagen hat, und ich verschreibe die rothe Schanze Dir
und allen Deinen Rechtsnachfolgern.‘ Ja, ja, Frau
Valentine Schaumann, geborenes Quakätzlein, so ging
er mit allen Deinen Rechtsansprüchen an die Welt
um; aber wenn ein unzurechnungsfähiger, gefräßiger,
weichfüßiger Bradypus im Stande war, Dir zu dem
Deinigen in ihr zu verhelfen, so bin ich das gewesen,
Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. Zuerst
aber winselte ich den Bauer von der rothen Schanze
noch einmal an. ‚Herr Quakatz, ich weiß doch garnicht ob ich es kann. Ich bin bei der letzten Versetzung wieder nicht mit nach der Obertertia gekommen.‘
— ‚Probir's!‘ sagte der zukünftige Schwiegervater,
und sein Töchterlein stieß mir den Ellbogen in die
Seite, als wolle sie sagen: ‚Thu auch mir den Gefallen;‘ und als wir wieder draußen im Garten
standen, flüsterte sie mir zu: ‚Sei doch nicht so dumm,
er weiß ja selbst vor dem schlimmen Buch nicht was
er will. Es ist ja auch nur weil er Keinen, Keinen,
Keinen hat, außer den Afkaten, die er nicht mehr
will, mit dem er reden kann. Und morgen redet er
Dich wohl gar nicht mehr darauf an: es ist ihm just
eben nur in den Sinn gekommen, weil Du ihm als
Gelehrter in den Weg gekommen bist. Bring Du
Dein dickstes Buch mit heraus. Er kann Dich ja
jetzt hier auf unserm Hofe sehen, und Du kannst zusehen
und es probiren, was Du für uns herauskriegst.‘ —

„Na ja, Frau, Du kannst es dem Eduard eigentlich viel besser berichten, wie ich denn so von Zeit zu
Zeit herausgekommen bin nach der rothen Schanze,
um endlich ganz da zu bleiben. Daß ich dem Mordbauer auf der rothen Schanze nicht das Corpus juris
ins Deutsche übertragen habe, das steht fest. Aber
das steht auch fest, mein Herz, mein Kind, Du altes,
gutes Weib, und Du afrikanischer Freund, daß ich
es beiläufig, und fast ohne mein Zuthun herausgekriegt
habe: wer Kienbaums Mörder gewesen ist — wer
Kienbaum todtgeschlagen hat.“

Ohne Sturm oder gar Wirbelsturm sind wir
bis jetzt glücklich durchgekommen. Aber gestern Mittag
ging plötzlich über den „Hagebucher“ der Ruf: „Feuer
auf dem Schiff!“ und es blieb nur der Schiffskoch
ruhig; denn der wußte es ja anfangs allein, woher
der Brandgeruch stammte. Er wußte allein von dem
alten wollenen Strumpf, welcher ihm unter seine
Steinkohlen und auf seinen Küchenherd gerathen war.
Der nichtsnutzige Nigger hatte ihn im nordischen
Hamburg noch am eigenen Fuße gehabt; aber unterm
Äquator hatte er die schönen Reste davon eben entbehrlich gefunden.

Wie als wenn eben vom Hause her auch der
Ruf: „Feuer! Feuer auf der rothen Schanze!“ erschollen wäre, war ich aufgesprungen und stand Frau
Valentine aufrecht am Tische und hatte ihr Strickzeug weit von sich geschleudert.

„Ist es die Möglichkeit?“ stammelte ich. „Frau
Valentine —“

Die Frau stand nur bleich und wortlos und
starrte aus weit offenen Augen auf ihren Mann.

„Es ist die Möglichkeit gewesen,“ sagte dieser.
„Es ist eine altbekannte Sache, auch der Dummste
kann einen Zweck erreichen, wenn er nur seinen
Dickkopf fest dran und draufsetzt. Ja, Kinder, ich
weiß es heute, wer Kienbaum todtgeschlagen hat.“

„Aber Deine Frau! So sieh doch nur Deine
Frau an! Mensch, Mensch, hat denn Deine Frau
ebenfalls bis heute, wie alle andern —“

„Meine Frau erfährt von meinem Wissen in
diesem Augenblick gleichfalls das erste Wort. Das
kannst Du ihr doch ansehen, Eduard. Aber so setze
Dich doch wieder, Tinchen! Liebes Herz, Alte, liebe,
gute Alte, bleib doch ruhig. Erinnere Dich, was wir
ausgemacht haben. Erst wenn mir die Pfeife über
einer Sache ausgeht, kommt an Dich die Reihe
Jodute! zu rufen, mit den Beinen zu strampeln, die
Arme aufzuwerfen und der Welt mit Thränen oder
Grobheiten aufzuwarten. Kinder, thut mir den Gefallen und sitzt still!“

Wie es mit seiner Tabakspfeifenverabredung beschaffen sein mochte: dem Ausgehen war seine Pfeife
eben doch nahe. Aber er brachte sie durch einiges
Saugen daran richtig wieder zu hellem Brande,
blies eine blaue Wolke in die liebe Sommerluft,
und — ja, kurz, war eben nicht ohne Grund von
uns Stopfkuchen genannt worden! Da sein Weib
sich wirklich wieder hinsetzte, blieb mir nichts Anderes
übrig, als dasselbe zu thun.

„Heinrich!“ murmelte angstvoll, flehend die Frau.
Ich brummte unwillkürlich: „So gehe doch heraus aus
dem Kasten, Ungeheuer!“ aber Stopfkuchen sagte, stoßweise, immer noch an seinem Weichselrohr saugend,
„Aber — Kinder — so — laßt mich doch — die
Geschichte von der völligen Eroberung von Quakatzenburg in Ruhe erzählen, wenn ihr sie wissen wollt.
Unterbrecht mich doch nicht immer! Diese ewige
Aufgeregtheit in der jedesmaligen, eben vorhandenen
Menschheit, bis sie sich hinlegt und todt ist! Fallt
mir doch nicht bei jedem dritten Worte ins Wort,
wenn wir bis zum Abendessen mit der Sache fertig
sein sollen.“

Der Mensch sprach wahrhaftig vom Abendessen
wie von der Hauptsache bei der Sache. Es blieb
nichts übrig als ihn faulthierhaft in seinen Baum hinaufsteigen zu lassen; aber selbst für jemand, der auf
allerlei Kreuz- und Querzügen rund um den Erdball
auch das Seinige ruhig erlebt zu haben glaubte,
wurde diese Kaltblütigkeit allgemach zu unheimlich.

„Herze, schenk mir noch eine Tasse Kaffee ein
und gib Eduard auch eine. Du regst Dich doch
nicht auf, Kind? Welch' ein wundervoller Tag hier
in der Kühle mit der heißen Welt da draußen! So
— noch ein Stück Zucker.“

Das arme Weib kam dem Wunsche nach; aber
wie eine Traumwandlerin, wie eine Hypnotisirte.
Auf den Topf und die Tassen blickte sie nicht; —
nur immerfort auf den Mann, und zwar wie auf
einen, von dem man nicht weiß, ob man ihn ferner
liebbehalten, oder sich vor ihm zu Tode fürchten soll.

„Ich bitte Dich, Heinrich —“

„Thue das nicht. Du weißt doch, Kind, daß
Du das nicht nöthig hast! Kenne ich nicht alle Deine
Wünsche im voraus? Ich sage Dir, Eduard, nicht
einmal an den Augen brauche ich sie ihr abzusehen,
wie andere, gewöhnlichere gute Ehemänner. Du erfährst alles, Tinchen. Es thut ja nun Niemand
mehr Schaden und hilft keinem zu Schadenfreude,
den alten verjährten, muffigen Schrecken mit der
Zange anzufassen, ans Licht zu ziehen und in der
Sonne vorsichtig mit der Fußspitze umzuwenden.
Übrigens steht es bei euch: soll ich fortfahren, wie
ich angefangen habe, oder wünscht ihr einen kurzen
Aufschluß in drei Worten?“

„Fahre fort, Menschenkind!“ mußte ich nun doch
rufen, und die Frau sagte, mehr denn je wie im
Banne gehend: „Ich kann nichts dagegen machen; es
wird ja auch wohl das Beste sein, wie Du es verstehst.“

„Dann bleiben wir noch ein Weilchen in der
Idylle und lassen Kienbaum Kienbaum sein, so
lange als möglich,“ sagte Stopfkuchen. „Was sollen
auch die versteinerten Gesichter? ziehe ich euch eines?
Ne, dafür hat man sich eben das schlechte Beispiel
des Bauern auf der rothen Schanze zur Warnung
dienen lassen. An seinem Elend konnte man wohl
lernen, ruhig, gleichmüthig den Weltlauf an sich herankommen zu lassen. Natürlich mit einer Anlage hierzu
muß einer auch in die Welt hineingesetzt worden sein:
es braucht nicht jeder die Forsche zu haben, das neue
Deutsche Reich aufzurichten, hinzustellen und zu sagen:
Nun könnt ihr und so weiter . . . Jawohl, lieber
Eduard, laß nur jeden auf seine Weise heraus aus
dem Heerdenkasten gehen. Da war zum Exempel der
Heinrich Schaumann, den ihr Stopfkuchen nanntet.
Er hat wenigstens mal ganz und gar nach seiner
Natur gelebt, hat gethan und hat gelassen was er
thun oder was er lassen mußte; — ist es dann am
Ende nachher seine Schuld, wenn in irgend einer
Weise doch etwas Vernünftiges dabei herauskommt?
Garnicht. Für diese Verantwortlichkeit danke ich ganz
und gar. Da ich nicht in einer netten, saubern,
durchaus behaglichen Welt leben kann: was kümmert's
mich, ob ich in einer verständigen und vernünftigen
lebe? Plato, Aristoteles, der selige Kant —“

„Mensch, Mensch, Mensch, mach mich nicht ganz
verrückt!“ rief ich, mit beiden Händen nach beiden
Ohren fassend, und Stopfkuchen sprach lachend:

„Siehst Du, Eduard, so zahlt der überlegene
Mensch nach Jahren ruhigen Wartens geduldig ertragene Verspottung und Zurücksetzung heim. Darauf,
auf diese Genugthuung habe ich hier in der Kühle gewartet, während Du mit Deinem Le Vaillant im
heißen Afrika auf die Elephanten-, Nashorn- und
Giraffenjagd gingest oder Dich auf andere unnöthige
Weise ab- und ausschwitztest. Also bleiben wir noch
ein wenig in der Idylle, ehe wir von Kienbaum
und wie er zu Tode kam, weiter reden. Nachher
magst Du ja selber beurtheilen, ob Du Deine, seine
oder meine Geschichte für die wichtigere hältst. Sei
nur ruhig, Tinchen, und verlaß Dich auch heute noch
einmal auf Deinen Mann! Du bist Partei, aber Du
weißt es ja: Dein Mann nimmt immer Deine Partei!“

Wir ließen also, da wir mußten, Kienbaum
fürs Erste noch ungerächt weiter modern und blieben
in der Idylle.

„Ich glaube, ich habe Dich schon einige Male
aufgefordert, Eduard, meine Frau Dir anzusehen;
aber jetzt bitte ich Dich von Neuem: Guck sie Dir
noch einmal an. Wie sie da so niedlich sitzt! Kannst
Du es heute noch für möglich halten, daß sie einmal
wie eine in eine Wildkatze verzauberte Jungfer, die
auf ihren Erlösungsritter wartet, dagesessen hat?
Mich brauchst Du wohl ja nicht weiter darauf anzusehen: mein Ritterthum fiel euch, und also auch
Dir, von früher Jugend an, umfänglich imponirend
in die Augen, und ihr habt's mich genug entgelten
lassen. Aber die Narren haben mich doch unterschätzt.
Sage Du es ihm, Alte, wie viele Schock Leihbibliothekspaladine ich eigentlich in mir hatte und sie
offenbarte, als Du mir zum erstenmal gesagt hattest:
‚Du, mein Vater mag Dich, also besuche uns nur.‘
Nein, sage es dem guten, lieben Eduard nicht, er
benutzt sonst sofort die Gelegenheit, sich mir als bloß
verleumdeten Pylades aufzuspielen und zu behaupten,
er habe mich nie verkannt. Bleiben wir bei Deinem
Alten, Weib. ‚Natürlich komme ich morgen wieder
und nicht bloß eurer Birnen wegen. Dein Alter ist
ein ganz famoser Kerl, und wenn der wen todtgeschlagen hat, so hat der's dreidoppelt verdient gehabt. Mit seinem dicken Gesetzbuche und mit meinem
Latein ist das natürlich nur dummes Zeug; aber
mit der Kugel, die von der rothen Schanze bis an
unser Haus geflogen ist, nicht. Und wenn ich dem
alten Schwartner erzähle, daß Dein Vater mich in
die rothe Schanze hineingelassen hat, so schenkt er mir
vier Groschen und dann paß auf, dann gibt's hier
auch Kuchen und nicht bloß Äpfel und Birnen.
Morgen bin ich wieder da.‘

Da am folgenden Tage weder Vater und Mutter,
noch der Klassenlehrer den Riegel vorschob, war ich
wieder da. Na, Tinchen, und wer durfte gründlicher
Triumph krähen. Der Prinz Xaverius von Sachsen
von der rothen Schanze aus über die Stadt, oder
Schaumanns dicker, dummer Junge von der Stadt
aus über die rothe Schanze?“

„Du!“ sagte Frau Valentine, und zu mir sich
wendend, fügte sie hinzu: „Es hilft uns nichts; wir
müssen ihm seinen Willen und Weg lassen.“

Wir ließen ihm seinen Willen und Weg, und
er watschelte auf dem letzteren weiter, mit dem sichern
Bewußtsein, uns in seiner Hand zu haben.

Erst stopfte er seine Pfeife von Neuem, dann
seufzte er: „Da die Welt von ihm, dem Schanzenbauer, nichts mehr wissen wollte, weil sie nicht genug
von ihm herausgekriegt hatte; so suchte er, nach seinem
angeborenen Menschenrecht, ohne sie auszukommen,
so gut es ging. Eigentlich ging es schlecht, denn er
steckte zu der Aufgabe weder in meiner Haut noch
in meinem Gemüthe. Er war viel zu dürr und viel
zu lebendig und viel zu gesellig dafür angelegt. Die
Räthsel und die harten Nüsse kommen nur zu häufig
an die Unrechten. Was hätte es mir Feistling gemacht, unter dem Verdachte, Kienbaum todtgeschlagen
zu haben, durch die Welt zu vegetiren? Garnichts!
Oder die Sache würde sogar einen gewissen Glanz
auf mich geworfen haben; denn die Welt würde
sicherlich gesagt haben: ‚I sieh mal! eigentlich sollte
man es dem faulen Strick garnicht zutrauen, und
zu dumm ist der Bengel im Grunde auch dazu.‘
Aber der Vater Quakatz? was blieb ihm übrig, um
nicht ganz verrückt zu werden, als seinen Sinn und
seine Gedanken auf allerlei Dinge zu richten, auf die
vor ihm noch kein Bauer auf der rothen Schanze gekommen war? Daß ich, Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, ihm dabei zu Hülfe kommen
konnte, mochte Zufall sein, war aber unbedingt
Schicksal. — Da war zuerst die Geschichte seiner
Burg; und ich sagte ihm: ‚Herr Quakatz, von hier
aus hat der Prinz von Sachsen eine ganze Menge
Menschen drunten in der Stadt ums Leben gebracht.‘

‚Ja, Junge, in der Schwedenzeit.‘

‚Nein, Herr Quakatz. So lange ist's noch gar
nicht her. Im siebenjährigen Kriege ist's gewesen.‘

‚Kannst Du mir welche mit Namen nennen?‘

‚Nein, aber ich kann den Herrn Registrator
Schwartner nach ihnen fragen und sie Ihnen bei
ihm aufschreiben. Er hat sie alle schriftlich.‘

‚Dann bring mir mal das Register mit heraus,
Dicker. Aber sag' nicht, daß ich es habe haben wollen.
Sie möchten sich sonst wieder was denken.‘

„Und an einem der nächsten Tage schon steckten
wir statt über dem Corpus juris, die Köpfe über
meiner Abschrift aus der Sammlung des alten
Schwartner zusammen, und der Bauer auf der rothen
Schanze suchte herauszubringen, welche Leute heute
die Rechtsnachfolger der Todtgeschlagenen von Siebenzehnhunderteinundsechzig waren und möglicherweise
die Rechtsnachfolger des Grafen von der Lausitz
darob verklagen konnten. Was für ein Trost damals
für den Papa hierin lag, Tinchen, war mir zu jener
Zeit dunkel. Heute glaube ich es zu wissen. Von
den Knochen der jüngern Vergangenheit gingen wir
sodann zu denen der wirklichen Vorwelt über; und
groß und bedeutend für mich war der Tag, lieber
Eduard, an welchem mich der Bauer Quakatz zum
erstenmal in einen verschlossenen Stall führte und
auf einen sonderbaren Haufen zeigend fragte: ‚Was
ist das Junge?‘ Ja, was war es? ein ziemlich vollständiges Mammuthsgerippe war's und — ‚ich bin beim
Kiesgraben hinterm Hofe drauf gestoßen,‘ sagte der
Bauer; ‚es liegt wohl noch mehr da; denn diese
Schanze ist wohl so eine Anschwemmung von der
Sündfluth her. Junge, Junge, von der Sündfluth her!
Du weißt es nicht, wie es dem Bauer auf der rothen
Schanze zu Muthe ist, wenn er in der Bibel von der
Sündfluth liest; aber wenn Du in Deinen Büchern
über das Knochenzeug was hast, so bringe es auch
mit heraus; aber sage keinem Menschen davon, welch
einen versteinerten Drachen Kienbaums Mörder zu
seinem Troste in seiner Kiesgrube gefunden hat.‘ —
Ich habe keinem Menschen damals davon gesagt,
welch interessanten Fund Tinchens Vater gemacht hat;
aber wenn heute der Briefträger — nicht mehr Freund
Störzer — nach der rothen Schanze herauskommt, so
hat er, außer der Zeitung, gewöhnlich irgend etwas
von irgend einer geologischen oder sonst in das Fach
schlagenden Gesellschaft für Herrn Schaumann. Die
Vorstellung, in einer spätern Schicht auch mal unter
den merkwürdigen Versteinerungen gefunden zu werden,
hat für den gemüthlich angelegten, denkenden Menschen,
so viel Anregendes, daß sie ihn, und noch dazu wenn
er Zeit dafür hat, unbedingt in die Petrefaktenkunde
und die Paläontologie führt. Und Du brauchst bloß
noch einmal die paar Schritte an die Brüstung unserer
Schanze zu thun, Eduard, und Dir die Umgegend
noch einmal in Beziehung hierauf zu betrachten, um
sie plötzlich auch noch nach einer ganz neuen Richtung
hin, höchst interessant zu finden. Zwischen der Trias
und der Kreide nichts als Wasser, und die erste
nächste Insel, dort der blaue Berg im Süden! Wenn
das Feuchte sich in der Eocänzeit etwas zurückzog,
in der Miocänzeit es, was man jetzt nennt, trocken
wurde, und wenn es in der Pliocänzeit sogar dann
und wann hier über der rothen Schanze schon staubte:
so war das dem Bauer auf derselben ganz einerlei;
der fragte nur danach, wer in der Welt etwas von
seinem Verhältniß zu Kienbaum wußte, oder gewußt
haben konnte. Aber mir, dem heutigen Bauer auf
der rothen Schanze, ist es im Laufe der Jahre nicht
einerlei geblieben. Der Doktor hatte Tinchen nämlich
gesagt: ‚Bei der Körperbeschaffenheit ihres Herrn
Gemahls giebt es garnichts Vernünftigeres für ihn
als diese Liebhaberei und sein Herumkriechen in
Steinbrüchen und Kies- und Mergelgruben; — je
mehr er bei seinem Knochensuchen schwitzt, desto besser
ist's für ihn und Sie.‘ Und, lieber Eduard, wenn
je ein Weib eine närrische Liebhaberei ihres Gatten
befördert hat, so ist es Valentine Quakatz auf diesen
ärztlichen Ausspruch hin gewesen. O Eduard, in der
Tertiärzeit soll es hier noch so heiß gewesen sein, wie
heute bei Dir zu Hause im heißesten Afrika, und wäre
ich damals hierhergekommen, so wollte und könnte ich
ja garnichts dagegen sagen. Aber ich bitte Dich, erst
in der Eiszeit — in der Eiszeit — ist unter den ersten
Säugethieren auch der Mensch hier auf der rothen
Schanze aus Asien eingewandert — und da soll ein
Nachkömmling von ihm heute im Sommer nicht
schwitzen, wenn er pietätvoll und wissenschaftlich nach
den ersten Spuren seiner Vorfahren hier um den
Aufwurf des Prinzen Xaver von Sachsen herum
nachsucht!“

— — — — — — — — — — —

Keine Möglichkeit, heute weiter zu schreiben.
Das Schiff stößt allzusehr. Hohle See. Kapitän
unnahbar. Matrosen sehr beschäftigt und vernünftigerweise ungemein grob. Niggersteward besoffen.
Passagiere — „hol der Henker das Heulen! sie überschreien das Ungewitter und unsere Verrichtungen!
Heigh, my hearts! cheerly, cheerly, my hearts!
yare, yare!“ — Siehe den Sturm, ein Zaubermärchen von William Shakespeare, aber sieh ihn —
wenn es Dir irgend möglich ist — ja nur von
einem sichern Sperrsitz oder sonst behaglichen Theaterplatz aus mit an.

Zwei Tage und zwei Nächte durch hat das Unwetter gedauert. Die „Riesen ängsteten sich unter
den Wassern,“ und „die bei ihnen wohnen“ auch.
Wer wäre da nicht gern herausgegangen aus dem
Kasten, wenn er's nur gekonnt hätte?! Wahrlich der
Herr hat mir wieder einmal große Wunder auf dem
großen Meere gewiesen, und wie gemüthlich ist's nun
um so mehr jetzt, immer noch mit seinen kleinen und
großen Heimaths-Erinnerungen und Erfahrungen auf
Quakatzenburg bei Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen zu Gast zu sein und den dicken Freund zu
seiner Frau sagen zu hören:

„Aber, Kind, was geht Dich und Eduard eigentlich Deines Vaters und meine Spezialliebhaberei und
die Petrefaktenkunde überhaupt an? Was geht es euch
an, wie lange der Ocean über der rothen Schanze gestanden hat, ehe die Möglichkeit vorhanden war, daß
Kienbaum in ihrer Umgebung todtgeschlagen werden
konnte? Wieviel ergötzlicher ist es doch, davon zu
reden, daß der Herr nach der Sintfluth wieder aufgehen
ließ Gras, Busch und Baum, und daß er Blüthen gleich
Weihnachtslichtern dran steckte und allerlei Früchte
daran hing, lieblich dem Auge und angenehm dem
Gaumen! Eduard, wie oft soll ich es Dir sagen,
daß man den edlen Namen Stopfkuchen nicht ohne
die dazu gehörigen Leistungen trägt? Welch ein
Leben und Futter in dieser Hinsicht hier auf der
Schanze! O Tinchen, o Valen — ti — ne, und
so mit Dir unterm Busch, kauend und schmatzend,
und der Andern lächerliche, mühesame Papierdrachen
über dem Herbstfelde im Blau!“

„O Heinrich,“ unterbrach hier noch einmal die
arme Frau, „bester Heinrich, ich bitte Dich himmelhoch, mach Dich nicht schlechter —“

„Gefräßiger willst Du sagen —“

„Meinetwegen auch! aber bitte, bitte, mach Dich
doch in diesem schrecklichen Augenblick, wo mir alle
Glieder beben von Deinem Worte über Kienbaum,
mach Dich jetzt nicht gräßlicher als Du bist. Bist
Du denn allein der Obstbäume und der Stachelbeeren wegen zu — mir — uns herausgekommen
aus der Stadt?“

„Ganz gewiß nicht, Schatz. Die Speisekammer
und die Milchkammer hatten auch ihre Reize. Nimm
nur mal die frische Butter und das Bauernbrot an!
Und Euren Käse! Für mich hatte die ganze klassische
und moderne Welt nur deshalb geschrieben und
drucken lassen, um das nöthige Einwickelpapier herzustellen. Nämlich, Eduard, ich stopfte mir nicht nur
den Hals, sondern auch die Taschen voll.“

„Er ist unverbesserlich!“ seufzte die Frau, sich zu
mir wendend. „Ich habe es eigentlich auch schon von
unserer ersten Bekanntschaft an aufgegeben, ihn zu
bessern und versuche es nur manchmal noch bloß des
Anstandes wegen vor fremden Leuten und liebem Besuch.
Aber jetzt im Ernst, o Gott ja, im herzbebenden Ernst,
ich rede nun wohl selber zu Deinem Freunde ein
Wort von unserm damaligen Verhältniß, wenn —
wenn Du uns nicht doch vorher sagen willst —“

„Nein, das will ich nicht. Wann etwas heute
gottlob Zeit hat, so ist es das! Du hängst und
köpfst ihn nicht mehr, Schatz. Es ist zu spät. Es
geht heute Keiner mehr Kienbaums Mörder an den
Kragen als der Todtenrichter; und freilich, wer weiß,
ob nicht gerade der uns Drei heute hierher bestellt hat
zu seinen Schöffen und Beisitzern?“

„Heinrich, meines armen Vaters Tag- und
Nachtgespenst —“

„Laß es noch einen Augenblick, Kind. Sieh in
das wonnige Blau über uns, blicke in Eduards
dürres, aber wohlwollendes, wenngleich auch etwas
verlegen gespanntes Kafferngesicht, und bleib noch ein
klein bischen in unserm Idyll. Erzähle ihm meinetwegen auf Deine Weise unsere Liebesgeschichte. Ich
gebe Dir mein Wort darauf: was das andere anbetrifft, so kommt es wahrhaftig nicht darauf an, ob
Du das Genauere ein paar Minuten früher oder
später erfährst. Dein Vater, unser Vater ist mit
unserer Hülfe in Frieden beruhigt hinübergegangen,
und Kienbaums Mörder wird die Mitwelt und die
Nachwelt auch nichts mehr anhaben können, als mit
dem ungewaschenen Maul. Und letzteres auch dann
vielleicht nur, wenn ihr — Du und Eduard —
morgen den Mund darüber nicht würdet halten können.“

Die Frau schüttelte noch einmal über das bessere
Wissen und Verstehen ihres Mannes den Kopf,
dann legte sie die gefalteten Hände auf den Tisch
und blieb ebenfalls noch bei ihrem und seinem Lebensidyll, und es kam freilich, trotz aller Melancholie und
der Aufregung und Spannung der Stunde, herzig
und lieblich heraus, wie sie — erzählte, ehe Stopfkuchen das Geheimniß der rothen Schanze offenbarte.

„Ich kann es gar nicht sagen, wie lieb es mir
war, daß der Junge zu uns kam,“ sagte sie. „So wie
mich, weiß ich doch Keinen in meiner Bekanntschaft,
dem es als Kind so ergangen wäre, als wie mir.
Armes Volk in der Stadt und auf dem Lande muß
auch wohl das Seinige ausstehen; aber wir hier auf
der Schanze gehörten ja gar nicht zu dem armen
Volk, und doch — wenn ich unter der Hecke geboren
wäre und meiner Mutter aus der Kiepe in das öffentliche Mitleid gefallen wäre, hätte ich es besser gehabt
wie als des Bauern von der rothen Schanze einziges
wohlhabendes Kind und seine Tochter! Daß ich bei
meinen Erlebnissen und Erfahrungen im Dorfe, in
der Schule, auf dem Felde, auf der Wiese nicht
hundertmal mehr als mein seliger Vater ein wirklicher
Mörder geworden bin, das ist nichts weiter als ein
unendliches großes Wunder. Was ich habe sehen,
hören und fühlen müssen, seit ich mich zuerst in die
Welt finden mußte, das steht in gar kein Buch zu
schreiben.“

„Hm,“ murrte Stopfkuchen, „vielleicht lohnte es
sich gerade gegenwärtig mehr als manches andere.“

„Nein, Heinrich! es war doch zu häßlich.“

„Gerade darum,“ brummte Heinrich Schaumann,
doch seine Frau rief jetzt:

„Ich habe Dich reden lassen, nun laß auch mir
das Wort, da Du mich doch einmal dazu aufgefordert
hast. Und Herr — Herr —“

„Eduard —“

„Ja denn, wenn unser lieber Freund, Herr
Eduard, so gut sein will, mit unsern kleinen Erlebnissen hier in der Einsamkeit heute vorlieb zu nehmen.“

„Einsamkeit?!“ grinste Stopfkuchen. „Na ja, Dem
da wird es in seiner afrikanischen Wüste freilich wohl
manchmal zu lebendig um ihn her. Wenn ich mir
wo eine ewige Sabbathstille hindenke, so ist's grade
die Gegend, die er sich ausgesucht hat, unser lieber
Freund — Herr — Eduard.“

Ich bezwang mich und schlug den Dicken mit
seinem lächelnden Verständniß für mein Dasein und
meine exotischen Errungenschaften nicht hinter die
Ohren, ich nahm die Hand seiner Frau und sagte:
„Lassen Sie alles, liebe Freundin, liebe Frau Valentine und erzählen Sie mir für meine Einsamkeit von
sich und dem Vater und der rothen Schanze.“

„Ja von uns dreien alleine weiß ich auch nur
was. Ich bin niemals auf einer Insel im Meere
gewesen, aber wie ich mir das vorstelle, so waren
wir drei zusammen wie eine Insel im Meere.“

„Aber ein sauberer Brei, dickflüssig, graugelb, mit
grünen Schimmelflecken qualmte statt der blauen,
karaibischen See drumherum und roch nach Pech,
Schwefel und noch viel Schlimmern!“ brummte der
Unverbesserliche.

„Können Sie sich, Herr Eduard, wenn Sie sich
als ein gehetztes Thier und alleingelassenes Kind in
der Welt finden, einen bessern Aufenthaltsort für
sich denken, als wie diese unsere alte vergessene
Kriegesburg?“

„Ganz gewiß nicht, Frau Valentine.“

„War es nicht schlimm, daß ich selber als so
junges Kind die Hunde habe mit bösartig gegen die
armen Menschen machen müssen? Aber war es nicht
gut, nach der Schule in Sicherheit da auf dem Walle
zu sitzen und das Dorf und die Stadt und die bösen
Blicke und bösen Worte und das Geflüster und Gucken
auch der Besten und Vernünftigsten unter sich zu
haben? O Gott, man sollte sich heute noch schämen,
weil man so oft, eigentlich tagtäglich aus seiner letzten
Schanze heraus die Zunge hat ausstrecken und mit
Steinen werfen und die armen treuen Tiere hat
hetzen müssen! Heinrich hat's eben erzählt, wie mein
seliger Vater auch hinter ihm stand und kein Wort
sagte. Großer Gott, so hat er ja immer hinter mir
gestanden, seit ich ins Denken und Nachdenken hineingekommen bin. Es konnte mir ja auch nur ganz
langsam ins Klare wachsen, weshalb er so wild auf
die Menschen war und Keinem gut, als dann und
wann einem Advokaten, der ihm nach dem Munde
gesprochen hatte. Es ist schlimm, es als Kind von
Kindern erfahren zu müssen, daß man allein sein
soll in der schönen Gotteswelt! Und wenn ich auch
tausendmal sagte und weinte und schrie: ‚Lügner!‘
sie machten mir doch hinterm Rücken des Schullehrers
immer dieselben Zeichen, wie als wenn man Einem
einen Strick um den Hals legt oder nach einem
Schlachtochsen mit dem Beile ausholt. Wenn der
Vater mir dann und wann über die Haare fuhr,
wenn wir den Winterabend ohne ein Wort gesessen
hatten, ich im Winkel und er im Winkel, und wenn
er sagte: ‚Ich kann nicht helfen, Du, Wurm, geh'
zu Bett und schlafe Du, ich komme und sehe nach,
ob Du nichts mehr von Dir weißt!‘ ja, dann hatte
ich einen Trost, der mir das Herz in die Kehle trieb.
Manchmal bin ich wieder in später Nacht aus dem
Bette gekrochen und bin an die Stubenthür auf
nackten Füßen geschlichen und habe ihn dann noch
ohne Schlaf sitzen sehen. Ach, Herr Eduard, es
haben wohl wenige Leute so wenig geschlafen, wie
mein armer seliger Vater! Und dann die Dienstboten, — die Knechte und Mägde: o wie hat es da
an einem Haar gehangen, daß ich wirklich schlecht,
wirklich vielleicht zu einer Mörderin oder Todtschlägerin wurde! Sie brachten mir jedes Orgellied und
alles was sich sonst in der Art auf dem Jahrmarkte
kaufen läßt, und sangen es mir, und pfiffen mir es
und, wenn sie zu einander davon redeten und bloß
nach mir dabei hinübersahen, so war's noch schlimmer.
Auf jede grüne Wiese, wo andere Kinder Blumen
pflücken und Ringelkränze von Kuhblumenstielen machen
durften, wurde mir ein Galgen hingebaut; und mitten
unter die Erdbeeren, die Heidelbeeren und Himbeeren
im Wald ein Schaffot. Der Hirte und der Pflugknecht im Felde, die Weiber und Mädchen beim
Rübenjäten und Kartoffelroden, hatten alle ihre Geschichten für mich und gaben sie mir mit nach Hause,
auf den Wall von meines Vaters Schanze und nachts
mit unter das Deckbett, das ich im heißesten Sommer
oft über mich zog, auf die Gefahr hin, darunter vor
Herzbeben und Grauen zu ersticken. O wie manche
Nacht habe ich mich in den Kleidern ins Bett gesteckt, weil es mir, und nicht bloß beim Wintersturm,
sondern auch im Sommermondschein davor zu arg
graute, die Schuhe und die Röcke auszuziehen.“

„Du armes Kind,“ murmelte ich unwillkürlich.

„Ja wohl, Du armes Kind, Eduard,“ brummte
Stopfkuchen. „Ich armes Kind habe mich natürlich
in meiner Jugend so kläglich anstellen können, wie's
mir beliebte: das machte auf Niemanden einen bemerkenswerthen Eindruck. ‚Der Bengel wird von Tag
zu Tag muffiger!‘ das war das Einzige was ich zu
hören kriegte.“

Dabei fingen aber des Dicken Äuglein an sonderbar zu leuchten und er klopfte mich aufs Knie und
fragte:

„War es nicht Zeit, daß ich mich der Sache annahm? war es nicht das Beste was wir thun konnten,
als unser Elend zusammen zu werfen und unsern
Jammer in Einem Topfe ans Feuer zu rücken? Und
ist nicht das Resultat erquicklich? Habe ich die hagere
Wildkatze von Quakatzenburg nicht recht hübsch und
rund und nett und fett herausgefüttert und sie behaglich mit dem gewöhnlichen und deshalb um so
komfortabelern Weiberstrickzeug in die behagliche Sophaecke niedergedrückt? Na, Du solltest Mieze jetzt einmal
beim Wintersturm und Sommermondschein drin spinnen — schnurren und purren hören!“

„Ich habe das Wort, Heinrich!“ meinte lächelnd
die liebe Frau.

„Das hast Du. Hast es immer. Und immer
das letzte. Behalt es auch meinetwegen; ich wollte
nichts weiter bemerken, als daß wir heute nicht mehr
des Abends weder das große noch das kleine Malefizbuch lesen, Tinchen. Nämlich, Eduard, höchstens stört
sie mir jetzt mit der Frau Davidis in der Hand das
Nachdenken und paläontologische Studium, indem sie
kommt und mit dem Zünglein um die Lippen neue
Triumphe vorkostend, die Frage stellt: ‚Du, Alter,
sollen wir uns mal an dieses Rezept wagen?‘ Ich,
lieber Eduard, habe selbstverständlich auch für diesen
Verdruß nur die eine Antwort: dem Muthigen gehört
die Welt. Heraus aus dem Kasten!“

Frau Valentine behandelte vernünftigerweise
ihren Feinschmecker mit seinem berühmten Kochbuch als
Luft und fuhr, gegen mich gewendet, in ihrem Recht,
jetzt einmal selber zu erzählen, fort. Gottlob, wirklich
wie aus der Sophaecke heraus, wenn auch mit einem
feuchten Leuchten in den Augen und einem verschluckten
Aufsteigen in der Kehle, gleich einem Kinde, das aus
erlittenem, aber vergangenem Kummer in das Lachen
der Gegenwart übergeht.

„Ja, es war schlimm. Und es war die höchste
Zeit, sowohl für meinen Vater wie für mich, daß wir
endlich einen Kameraden kriegten — einen, den unsere
Hunde über unsern Graben und Dammweg passiren
ließen, ohne daß sie ihm an die Kehle fuhren und
ihm unser häuslich Glück und Behagen entgegen
kläfften und heulten. Anfangs konnte ich es doch
nicht wissen, daß der Junge aus der Stadt auch für
meinen Vater brauchbar war. Zuerst war er ja nur
für mich gegen die Dorfkinder eingetreten und hatte
sich die Nase blutig schlagen lassen. Da nahm ich
ihn auch nur meinetwegen zwischen den Hunden durch
mit auf die Schanze und brachte ihn an den Brunnen,
daß er sich wenigstens ein bischen wieder waschen
konnte. Aber es wieß sich zum Segen für Vater
und Kind, für die rothe Schanze aus, daß es doch
mehr mit ihm an sich hatte durch Gottes Güte.
Nicht wahr Heinrich?“

Das letzte Wort war ein Fehler von der Frau.
Damit hatte sie ihrem dicken Haupt und Herrn vollständig wieder das Heft in die Hand gegeben. Glücklicherweise hatte er aber eben etwas zerstreut den
Wolken seiner Pfeife in die Baumwipfel nachgesehen
und brummte nur: „Hast immer Recht, Alte! Was
war es denn eigentlich — wo warst Du stehen geblieben? ja so! na, Eduard, gewinnst Du bald die
Überzeugung, daß wir drei, Vater Quakatz, sein Tinchen
und der faule Schaumann aus der Stadt hier —
hier keinen Vierten zwischen uns gebrauchen konnten?“

„Nein, den brauchten wir damals nicht!“ rief
Frau Valentine Schauman, ohne meine Meinung
über die Sache abzuwarten. „Wenn meinem Vater
und mir der liebe Gott nur Einen gab, so war
das völlig genug! Aber Dem mußte ebenfalls alles
andere gleichgültig oder zuwider sein: nur wir und
die rothe Schanze nicht! Der mußte alles mögen, was
der Bauer Quakatz und sein kleines Mädchen geben
konnten, ohne sich vor dem Mord- und Schinderkuhlengeruch, der dran hing, zu ekeln und zu fürchten.
Und, Herr Eduard, dazu, dazu hatte der Stadtjunge,
der mich vor den Dorfjungen und Mädchen in seinen
Schutz genommen hatte, unter der Hecke da drüben
auf der städtischen Feldmark gelegen! Und dazu hatte
er auch genug Latein, daß er es meinem Vater in
seinem dicken Wörterbuch nachschlug und übersetzte
für seine Schriften und Akten, wo der selbst seinem
Advokaten nicht mehr traute. Herr Eduard, bitte,
achten Sie jetzt gar nicht auf meinen Mann! Er
mag nachher, bis er mit Ihnen als angehender
Student hier stand und von uns Abschied nahm, in
seinen Schulzeiten noch etwas mehr gelernt haben,
— das kann ich nicht beurtheilen, aber für die rothe
Schanze war er damals genügend mit allen Kenntnissen ausgestattet. Er brachte nicht bloß die Hunde
zur Ruhe, er brachte auch meinem seligen Vater
ruhigere Stunden.“

„Nu höre sie, Eduard! Ja, ja, aber sie hat
Recht: die Klugen haben wahrhaftig lange nicht so
viel Behaglichkeit in die Welt gebracht und so viele
Glückliche drin gemacht, wie die Einfältigen.“

„Ganz sicher, Heinrich! Mein seliger Vater
meinte das wenigstens auch. Er drückte sich nur
etwas anders aus. ‚Tinchen,‘ sagte er, ‚ich will
nichts dagegen sagen, daß dieser dicke, stille Junge
sich an uns herangemacht hat. Wenn Du mit ihm
auskommen kannst, soll es mir Recht sein. Mich stört
er nicht, und man hat doch Einen in der Stube, der
nicht zu den Andern gehört.‘“

„Das war ein großes Wort von Deinem verstorbenen Herrn Vater, Frau Valentine Stopfkuchen,“
grinste Heinrich Schaumann unverbesserlich drein.

„Es war nur das Wort von einem Manne,
der seinen Kopf und sein Herz seit Jahren, Jahren,
Jahren mit beiden Händen hatte zusammenhalten
müssen, auf daß ihm beides nicht in Wuth und Angst
und Grimm und Schaam zerspringe. Wenn Einer
damals nicht zu den Andern gehörte, Herr Eduard,
so war das mein Mann. Nicht etwa weil er gerade
so was Besonderes an sich gehabt hätte, sondern
gerade vielleicht weil er das nicht hatte, und auch an
uns in unserer Verscheuchung und Verschüchterung
nichts Besonderes fand und mit uns wie mit ganz
gewöhnlichen sonstigen Menschen in Verkehr und
Umgang kam!“ —

Frau Valentine hatte natürlich nicht im geringsten eine Ahnung davon, welch ein wunderbar
Zeugniß und Lob sie jetzt meinem Freunde ausstellte,
und wie sehr sie mich zu den ganz Gewöhnlichen, den
ganz Gemeinen, an jedem Wege Wachsenden warf:
zu denen, die nur dreist in die Welt hinaus und
nach Afrika laufen mochten, um ihre trivialen Abenteurerhistorien zu erleben. Mein dickster Freund
grinste wieder nur, war sich aber sicherlich klar über
alles.

Die Frau fuhr fort:

„Er saß mit meinem Vater in der Stube und
er lag mit mir auf unserm Wall gegen die Menschheit unterm Busch. Ja, gegen die Menschheit, Herr
Eduard; denn jetzt warfen sie mit ihren Steinen auch
nach ihm über den Graben; aber nicht lange. Ihre
jungen Herren Kollegen und Schulkameraden haben
doch nicht ganz genau gewußt, was mein Mann
damals war —“

„Alte!“ lachte Stopfkuchen.

„Ach ja! ich drücke mich wieder falsch aus. Nun
denn: sie wußten nicht ganz vollkommen, was Du
alles in Dir hattest, Heinrich, und was Du alles
thun und sagen konntest, wenn Dir ein Erdkloß, der
eigentlich doch nur für Kienbaums Mörder bestimmt
war, an Deinen Kopf flog. O Herr Eduard, Ihr damaliger Freund konnte sich damals schon in den
ersten großen Sommerferien als den Herrn der rothen
Schanze betrachten. Er hatte sie, und zwar für mich
mit, einem schlimmen Feinde abgewonnen; und nun,
da ich mich nun nicht mehr nachts so arg vor Anderen
zu fürchten brauchte, lag ich manchmal ganz wütend und
fragte mich, weshalb ich es eben von ihm litte?! Denn,
Herr Eduard, er behandelte mich eigentlich garnicht
gut bei seinem Ritteramt! Dumme Gans war noch
der mildeste Ehrentitel, den er mir zukommen ließ.
Und wehe mir, wenn ich es merken ließ, daß auch
ich meinen Vorrath von Kosenamen zur Hand hatte
aus meinem Verkehr und Krieg mit den andern
Kindern! Und wenn ich mich durch Thränen wehren
wollte, da war's noch schlimmer. Da hieß es höchstens:
‚Sie hat den besten Platz in ganz Deutschland und
sie mault! Mädchen, sitze Du mal auf meinem —‘„

„Podex,“ rieth Freund Heinrich.

„Platz in der Schule,“ fuhr Frau Tine fort,
doch lieber einen zarten Ausdruck für das Ding
wählend. „Freilich, es mochte ihm, was den anbetraf, manchmal zu Hause und in der Schule auch
nicht zum Besten gehen. Nun, auf der rothen Schanze
saß er dann mit seinen Sünden ebenso sicher als wie
ich. Beim Mordbauern Quakatz that ihm keiner
noch mehr was darum zuleide, sondern im Gegentheil! Er war mir vielleicht auch darum gerade recht
und zu meinem und meines seligen Vaters Umgang
passend, weil auch er recht häufig was auf dem Gewissen hatte und noch mit den Thränenspuren auf
den Backen zu uns heraus kam und dort von der
Wallbrüstung auf die ganze Stadt und die ganze
Schule ungestört hinunterbrummen und grummeln
und schimpfen konnte. Schrecklich faul muß er damals gewesen sein, Herr Eduard.“

„Meine jetzigen süßen Daseinsbedingungen in
dieser Hinsicht läßt sie gelten, Eduard. Aber ich
imponire ihr doch auch ein wenig durch meine Petrefakten und die gelehrte Korrespondenz, die sich daran
knüpft. Man kann schon seinem Weibe was unter
die Nase halten, wenn man Mitglied von einem
halben Dutzend paläontologischer Gesellschaften ist.
Und Eines blüht ihr noch. Meine Abhandlung über
das Mammuth und seine Beziehungen zu der rothen
Schanze, dem Prinzen Xaver von Sachsen und dem
Bauer Andreas Quakatz nebst angehängtem Exkurs
über das Megatherium wird ihr unbedingt gewidmet.
Wer weiß, ob das Riesenfaulthier ihr nicht noch den
Kranz der Unsterblichkeit auf die Haube — wollt'
ich sagen die Locken drückt?“

„Gott soll mich bewahren!“ lachte Frau Valentine,
fügte aber hinzu: „O Gott, wohin bringt er mich
und uns durch seine Art und Weise, Herr Eduard.
Er weiß es, wer Kienbaum todtgeschlagen hat, und
hier sitze ich und rede alles dumme Zeug durcheinander, bloß weil er's so haben will. O mein armer,
armer Vater! Und wenn er, meinen Mann meine
ich, mit dem Ärmel um die Augen Staub und
Feuchtigkeit durcheinander gerieben hatte —“

„Dreck und Thränen willst Du sagen, Herze.“

„Jawohl, und mit dem Jackenärmel! Und wenn
er dann zuweilen noch nach dem — Rücken griff und
sich zwischen den Schulterblättern rieb, dann sagte
mein seliger Vater —“

„‚Geh' hin und schneid' ihm erst ein ordentliches
Butterbrot und gib ihm ein ordentlich Stück Wurst
dazu. Der hat auch das Seinige ausgestanden und
weiß in seinen jungen Jahren schon, was an der
Welt ist.‘ Nun, das that ich denn auch, und dann
gingen wir zu den Käsen, den Stachelbeeren, den
Birnen, Äpfeln und Pflaumen und was sonst so die
Jahreszeit zu seinem und meinem Troste gab. Ja,
Herr Eduard, in dieser Hinsicht war die rothe Schanze
vom sächsischen Prinzen ganz für ihn geschaffen.
O, was er aber auch durch seinen Herrn Schwartner
von ihr alles wußte! O Gott, wie ich sie noch sitzen
sehe, ihn und meinen armen Vater, wie sie die Geschichte vom siebenjährigen Kriege traktirten und wie
es so Schade sei, daß die arme Stadt da unten
damals nicht ganz in'n Klump geschossen worden sei!“

„Das Wort traktiren hat sie von mir, Eduard,“
schmunzelte Stopfkuchen; doch Frau Valentine lächelte
und seufzte weiter:

„Ich hielt ihn schon damals für den gelehrtesten
und weisesten aller Menschen. Daß ich ihm das
aber damals schon auf die Nase band, konnte doch
keiner von mir verlangen; denn dazu war er doch
noch zu dumm, und ich zu sehr in der Wildheit und
Wuth gegen alles aufgewachsen. Er brachte mir,
ohne daß ich es ihm merken ließ, von so vielen
Dingen ein Verständniß und an so manchen Sachen
Geschmack bei —“

„Das Wort Geschmack hat sie von mir, Eduard.“

„Und da kam er mit meinem Vater zu der
Überzeugung, daß kein Hahn mehr nach dem hochberühmten Herrn Prinzen von Sachsen und seinem
Mordkriege krähe, und daß auch einmal nach dem
Herrn Oberlehrer Blechhammer und uns Andern,
und — und — und Kienbaum auch kein Hahn mehr
krähen, kein Hund mehr bellen und kein Mensch mehr
die Nase verziehen werde, und daß es bei allem auf
der Erde nur ankomme auf ein gutes Gewissen und
Genügsamkeit —“

„Genügsamkeit hat sie von mir.“

„Natürlich! Alles habe ich von Dir!“ rief Frau
Valentine jetzt wirklich etwas zitterig, aufgeregt,
ärgerlich. „Nun, da ist es ja noch ein Trost, daß
Du mir wenigstens das gute Gewissen als mein
eigenstes Eigenthum läßt! Und wenn ich denn einmal
die Genügsamkeit auch von Dir haben soll, so hat
doch gewiß wenigstens etwas davon auch schon in
mir gelegen, und Du hast mir nur —“

„Das Verständniß aufgeknöpft. Da hat sie
Recht, Eduard. Ich sage Dir, Eduard, Du hast in
der Hinsicht gar keinen Begriff davon, was und
wieweit Alles in ihr verstöpselt lag und darauf
wartete, daß ich komme und den Korkzieher mitbringe.
O Alte, Alte, liebe, beste, alte Alte: wie hätten wir
zwei auch sonst so gut zu einander gepaßt. O Tine,
Tine, Du und ich, des Gottes schöne Trümmer —
na, haben wir denn nicht von Anfang an zu einander gehört und halten wir nicht bei einander bis
zum allerletzten? Du vom alleräußersten Ende von
Afrika, Du, Eduard, was ist Deine Meinung?“

Vor Jahren hatte ich weggeguckt; diesmal sah
ich genau hin, wie sich die Zwei den Arm um die
Schulter legten und sich aneinanderdrückten und sich
einen lauten Kuß gaben. Sie zierten sich diesmal
garnicht mehr vor mir; aber Heinrich hatte freilich
heute auch eine glänzende Glatze und in Valentinens
Haar mischte sich hier und da ein vorzeitig silbernes
Fädchen; aber hübsch war's doch, und es that der
Sache durchaus keinen Abbruch, daß Stopfkuchen ein
bischen fett war und seine kleine, gute, tapfere Frau der
Aphrodite von Melos garnicht glich.

„Ich sage Ihnen, lieber Herr Eduard,“ sagte
Valentine, ihre Haube unbefangen wieder zurechtrückend, „wenn ich mich jetzt als erwachsene alte
Frau in meinen Zustand als Quakatzens Mädchen
von der rothen Schanze zurückdenke, und es mir überlege, wie es gekommen ist und wie es die Vorsehung
angefangen hat, daß ich durch Heinrichs Bekanntschaft
aus einem verwilderten Thier zur Ruhe und ins
Menschliche hineinkam, so soll mir Keiner meinen
Glauben an den lieben Gott aus der Bibel und
dem Gesangbuche streichen: auch selbst der, mein
Alter, nicht mit seinen Knochen und Versteinerungen
und seinen Briefen und Drucksachen von seinen gelehrten Gesellschaften. Und wenn er tausendmal nicht
mehr an ein Wunder glaubt und eine höhere Regierung: zu einem halben Wunder muß er sich mit
seinem wissenschaftlichen Besserwissen doch bequemen.
Denn daß so ein Junge so einen segensreichen Einfluß auf so ein Frauenzimmer ausübt, von meinem
armen seligen Vater dabei garnicht zu reden, das ist
doch nicht bloß ein halbes Wunder, das ist ein
ganzes, ein doppeltes, ein dreidoppeltes! Sie haben
es wohl gelesen, was er über unsere Hausthür geschrieben hat: Gehe heraus aus dem Kasten. Das
ist eigentlich dummes Zeug; denn das hat auf uns
hier gar keine Beziehung. Ich habe darüber die
Bücher Moses nachgelesen; es betrifft bloß die Arche
Noah und den Vater Noah und möglicherweise noch
seine Familie und seinen Thierbestand. Die Redensart
hatte damals mein Heinrich auch noch nicht an sich.
Vielleicht erinnern Sie sich noch an seinen damaligen
ewigen Trost, Herr Eduard?“

Leider erinnerte ich mich nicht mehr, und Stopfkuchen sah mich nur erwartend, grinsend an und half
mir nicht ein. Wenn ich ihm in unsern Schultagen
„einhelfen“ sollte, dann grinste er nicht; dann sah er
anders aus als wie heute.

„Na, Eduard?“ Das war das einzige, auf was
er sich heute einließ.

„‚Friß es aus und friß Dich durch!‘ lautete
seine damalige Redensart,“ sagte Frau Valentine
und ließ es in Ton und Ausdruck zweifelhaft, ob
sie heute noch völlig ihre Billigung habe. Doch jetzt
ergriff Schaumann genannt Stopfkuchen wieder das
Wort und seufzte zwar weich und elegisch, aber voll
Behagen:

„Und meinetwegen könnt ihr sie mir auch mal
in Goldschrift auf meinen Grabstein setzen lassen.
Natürlich ohne irgendwem die Möglichkeit zu nehmen,
eine noch bessere zu finden.“

„O Gott,“ seufzte seine Frau, „damals setzte er
gewöhnlich noch hinzu: ‚Es gibt keine andere um
durch's Leben zu kommen, Tinchen!‘“

„Meinst Du nicht auch, daß alle anderen mehr
oder weniger auf Schwindel beruhen, Eduard? Oder
hast Du in dieser Beziehung wirklich einige neue
Erfahrungen vom alten nobeln Onkel Ketschwayo
mitgebracht? Na, mal 'raus damit: was habt ihr
dem Manne auf sein Heldengrab gesetzt, nachdem
der brave Kaffer sein stolzes Königsleben aus und
sich durch Euch Englishmen, Dutchmen und Deutsche
Burengesellschaft durchgefressen hatte? Aber entschuldige, Schatz, ich meine Dich, Madame Stopfkuchen, wir sind immer noch bei Deiner Idylle und
nicht der unseres theuern afrikanischen Gastfreundes.“

Die Frau Valentine warf mir einen Blick zu,
der wieder nur bedeuten konnte: Wer kann wider
Gott und Groß-Nowgorod? Es war gegen den
Menschen nicht anzuerzählen. Sie gab es auf, nahm
dafür ihr Strickzeug wieder und überließ ihren Dicken
seiner Rednergabe und, wie sie sich ausdrückte, seinem
doch besseren Verständniß. Daß sie wohl hoffte, auf
diese Art am Ende doch noch etwas früher zu erfahren, wer Kienbaum todtgeschlagen und das Lebenselend ihres Vaters dazu auf dem Gewissen gehabt
hatte, trug wohl dazu bei, daß sie sich den Anschein
gab, von jetzt an ruhig weiter zu stricken.

„Ich sagte ihr also ganz einfach, wenn mal die
Welt wieder ein wenig mehr als gewöhnlich die Katze
gegen sie gespielt hatte, oder, was auch vorkam, sie
die Katze gegen die Welt zu spielen wünschte und
mit ausgespreizten Krallen fauchend gegen sie anfuhr,
bemerke beiläufig die sich hier ganz von selber
gebende, weich hinfließende Alliteration, Eduard; ich
sagte ihr also: ‚Schatz, friß mich nicht; aber Mädchen
friß es aus und friß Dich durch und, bei Gott, ich
helfe Dir dabei!‘ Mit dem herzigen Wort und Rath
nahm ich sie am Wickel, holte sie so peu à peu aus
sich heraus und mir allgemach die ganze rothe Schanze,
den Papa Quakatz eingeschlossen. Wir fraßen es zusammen aus und fraßen uns durch, wir armen
Würmer. Für Alles, mit welchem ich meinerseits da
unten in der Stadt und in eurer Schule nicht aus
mir herauskommen durfte, hatte ich hier oben freiesten
Spielraum. Da entwickelte sich was ich an Lyrischem
und Epischem in dem hatte, was ihr da unten als
mein gemüthliches Fett zu bezeichnen pflegtet. Was
ich an Dramatischem in mir hatte, ließ ich natürlich
ruhig in dem, was Ihr meinen Wanst benamsetet,
latent bleiben. Das erfordert zu viel Kapriolen,
Fratzen und Phrasen, und es ist, Gott sei Dank,
immer noch hie und da Einem gestattet, ore rotundo,
seine Serviette oder, wie man itzo im teutschen Vaterlande sagt, sein Tellertuch unterm Kinn festzustecken
und über seinen Sesquipedalien die Hände in einander zu legen und die Daumen um einander zu
drehen. Würde ich hier heute bei dem Tinchen,
diesem Quakätzchen hier, so sitzen wie ich sitze, wenn
ich der rothen Schanze damals ebenfalls dramatisch
gekommen wäre? Gewiß nicht, lieber Eduard. Diesem
Kriegsaufwurf des Herrn Grafen von der Lausitz,
diesem Punktum auf hiesiger Feldmark hinter dem
Wort: Kindlein liebet Euch unter einander! war nur
durch die Lyrik und Epik beizukommen, und Das
habe ich denn auch besorgt! was, Tinchen Quakatz?
Ich kann es nur immer von Neuem wiederholen,
Eduard: ihr habt mich verkannt; die Schätze in
meinem Busen lagen euch, offen gesagt, dummen
Jungen viel zu tief. Dazu gehörte eben ein schlaues
kleines Mädchen, um die herauf zu angeln. Du persönlich, Eduard, liesest höchstens mit Deinem Freunde
Störzer und bereitetest Dich durch des alten Le
Vaillants Geschichte von wilden Eseln, Giraffen,
Elephanten, Nashörnern, sauberen Namaquamädchen
und aus der Historie vom bravsten der braven aller
Hottentotten Swanepöl auf Dein Kaffern-Eldorado
vor. Den biedern Bauern Klaas Baster wirst Du
wahrscheinlich allmählich auch gefunden haben und
ihn in sentimentalen afrikanischen Stimmungen an
den Busen schließen; aber den biedern Heinrich Schaumann hast Du jenerzeit auch nicht gefunden, sondern
ihn nur mit den Übrigen von uns als Stopfkuchen
unter der Hecke belassen. Verzeihe die Abschweifung:
bei dem Bauer Quakatz und seinem verwilderten,
zerzausten Kätzchen, da erklang die Zauberharfe, da
griffen die Geister der rothen Schanze hinein und entlockten ihr die Töne, welche euch europäischen gezähmten Eseln, Affen und Rhinozerossen, so das
fürstliche Gymnasium alle Nachmittage um vier aus
dem Kulturpferch herausließ, auf, wie ihr euch
freundlich ausdrücktet, auf kompletten Blödsinn hinzudeuten schienen. O Eduard, wenn ich heute, jetzt,
endlich doch einmal zu dem Genuß käme, ein theatralisches Interesse an meiner eigenen Person zu nehmen!
Aber damit ist es selbst heute, heute, wo Du wieder
da bist, nichts! Ich kriege es nicht fertig, und so
bleibe ich ohne Arme- und Beine-Schlenkern sitzen,
wo ich mich hingesetzt habe: auf der rothen Schanze.
Mach' nur keine Gesichter, Tinchen, ich bleibe bei
der Sache. Du weißt es ja; wie närrisch ich reden
mag, ich bin immer bei Dir. Da sei nur ganz
ruhig; kein Kind hält sich so krampfhaft fest am
Rocke seiner Mutter, wie ich mich an Deiner Schürze
und — Eduard hat ja heute bei uns gegessen und
wird mir also einmal in seinem Leben beistimmen —
vor allem an Deiner Küchenschürze! Ja, lieber
Eduard, kein Winkel im Hause, kein Fleckchen im
Garten, kein Mauerwerk, keine Bank, kein Busch und
Baum und, wieder vor allem, kein Viehzeug auf der
rothen Schanze, die nicht allgemach ein lieber Schein
und Schimmer überlief aus dem Robinson, aus dem
Ferdinand Freiligrath, aus den Gebrüdern Grimm,
dem Hans Christian Andersen und dem alten Musäus!
Ich war feist und faul; aber doch nun gerade, euch
Allen zum Trotz, noch vor meiner Kenntnißnahme
des Weisen von Frankfurts bester Table d'hote ein
Poet ersten Ranges: der Begriff war mir garnichts;
ich nahm Alles unter der Hecke weg, mit dem
Sonnenschein des Daseins warm auf dem Bauche,
aus der Anschauung! Es zog Einer den Andern in
seine Kreise oder vielmehr in seinen Kreis: Tinchen
mich, ich Tinchen. Aber an dem Tage, an welchem
auch der Papa Quakatz hinter mir zum erstenmal
fragte: ‚Wie war die Geschichte, Junge?‘ da hatte
ich ihn ebenfalls beim Wickel. Erinnerst Du Dich
noch, Valentine? Es war die Geschichte von den
beiden unüberwindlichen, kugelrunden Müllern, die
sein Interesse erweckte. Ja, dahin hatte es die Welt
mit ihm und Kienbaums Morde gebracht, daß er
auch so Einer hätte sein, und so sich wappnen mögen.
Ein Wamms mit Kalk und Sand und, zur Verbindung, mit geschmolzenem Pech gefüttert, hinten
und vorn beblecht mit alten Reibeisen und Topfdeckeln,
darunter drei bis vier Hemden, darüber neun lodene
Röcke; zur Abwehr und zum Angriff zwei Spieße,
eine Armbrust, ein Zweihander eine Manneslänge lang
und auf die Wirkung in die Ferne ein Bogen mit
Pfeilköcher!“

„Ja, ja,“ seufzte Frau Valentine, „und endlich
eine Wohnung in einer Wüste hinten an der Welt!
Ach ja, und wenn auch er nicht gestorben wäre, so
lebte auch er heute noch, wie die Märchen endigen.
Der arme, arme, liebe Vater! Und er, er hätte es
sicherlich nicht ertragen, daß Du uns so lange darauf
warten läßt, wer an seiner Statt Kienbaum todtgeschlagen hat! für wen er, er, der Arme, Arme,
durch sein ganzes Leben hat unschuldig büßen
müssen!“

In diesem Augenblick wurde die arme Frau
abgerufen, und Stopfkuchen benutzte die Gelegenheit,
um mir zuzuflüstern:

„Hoffentlich bleibt sie uns jetzt fünf Minuten
vom Halse. Vom Papa spreche ich, jetzt im Vertrauen ganz offen gesagt, am liebsten hinter ihrem
Rücken, wenn ich einmal davon sprechen muß. Und
sie hat es auch eigentlich nicht gern, wenn ich in
ihrer Gehörweite wirklich mal aufrichtig an meine
innerste Meinung über ihn anstreife.“

Schön Wetter auf See! Wie hätte ich mein
Garn aber auch so fortspinnen dürfen, wie es eben
geschehen ist, wenn dem nicht so gewesen wäre?
Halcyonische Tage haben uns, die letzte Woche durch,
das Geleit über das große Meer gegeben. Infolge
davon angenehme Stimmung auf dem Schiff und
wenig Störung des „sonderbaren Herrn im Rauchzimmer, der von Hamburg an ununterbrochen über
seinem Geschäftskonto brütet und wahrscheinlich erst
am jüngsten Tage damit zu Stande kommen wird.“

Die Herrschaften und die Leute haben aber Recht
mit ihrer Verwunderung, ihrem Lächeln und Kopfschütteln, Kopfzusammenstecken und Flüstern. Da sitzt
ein sonderbarer Herr auf dem guten Schiff Hagebucher,
und sonderbar von ihm ist's im hohen Grade, gerade
auf dem hohen Meer den Versuch zu wiederholen,
das Leben mit einem Fingerhut ausschöpfen zu
wollen! . . . . . .

Was aber würden die Herren und Damen, die
einigemale sogar den Versuch gemacht haben, mir
beim freundschaftlichen Auf-die-Schulter-Klopfen über
die Schulter auf die „absonderliche Schreiberei“ zu
sehen, sagen, wenn ihnen der Versuch gelungen wäre?

Wahrscheinlich nichts weiter als:

„Nun, das hätte er zu Hause auch bequemer
haben können.“

Darin würden sie sich aber doch auch irren. Ich
hätte das nicht zu Hause bequemer haben können,
und deshalb eben schrieb ich's auf dem Schiffe mir
auf, um es späterhin, zu Hause, im Wirrsal der
Tage für einen möglichen stillern Augenblick bequem
zur Hand zu haben. — — —

Seinen Stuhl mir näher rückend, sagte Stopfkuchen, noch einmal einen vorsichtigen Blick nach dem
Hause sendend: „Evasit — sie trippelte ab. Jawohl,
Eduard, wenn die Welt irgendwo und wann das
Recht hatte, einem ducknackigen, mürrischen, widerwärtigen Patron, kurz einem unangenehmen Menschen
mit dicker, die Oberlippe einsaugender Unterlippe und
malayischen Wülsten hinter den Ohren — einen
Mord als sein kleinstes Verbrechen zuzutrauen, so
war das bei meinem seligen Schwiegervater — Gott
hab ihn selig! — der Fall. Im Grunde war er
ein greuliger Kerl, dem keiner Deiner bösartigsten
schlimmsten Kaffern das Wasser reichte. Eine mißtrauische, stänkerhafte, auf Kisten und Kasten hockende
Bauernseele vom faulsten Wasser! Ob er Kienbaum
todtgeschlagen hat, der alte Quakatz, wirst Du ja
wohl nachher noch erfahren; aber daß ich ihn nicht
drei oder drei Dutzend Male todtgeschlagen habe, das
war keine Kleinigkeit, das sage ich Dir jetzt schon.
Es gehörte eben eine Natur, oder wenn Du lieber
willst, ein Gemüth wie das meinige dazu, um so
einem mißglückten Ebenbilde Gottes an den Kern zu
kommen! Nun, weißt Du, Eduard, Apfel, Reis und
Mandelkern frißt der kleine Affe gern; aber auch
Nüsse mag er, und knackt sie ihres süßen Inhalts
wegen: seines süßen Inhalts wegen habe ich denn
auch den Bauer Andreas Quakatz auf der rothen
Schanze, mit der rothen Schanze geknackt. Freilich
nicht ohne die harte Nuß eine erkleckliche Weile aus
einer Backentasche in die andere gewälzt zu haben
und mit allen Backenzähnen und aller Kinnbackenkraft dran gewesen zu sein. Ob er Kienbaums wegen
gehängt zu werden verdient hätte, wollen wir immer
noch auf sich beruhen lassen. Aber aus manchem
andern Grunde hätte er sicherlich verdient, wenn nicht
gehängt, so doch geprügelt zu werden. Vor allen
Dingen seines Tinchens wegen. Sie läßt sich immer
abrufen, wenn darauf die Rede kommt. Diesen
närrischen Frauenzimmern ist eben die Pietät auf
keine Weise auszutreiben; und, beiläufig, man mag
sich manchmal darüber ärgern wie man will; man
stellt sich und Andern doch nur sehr selten die Frage,
wozu dieses gut sei? Gut — das heißt, großer Gott,
die Welt war schlecht gegen das Kind von der rothen
Schanze; aber so schlimm wie der Papa, der Bauer
auf der rothen Schanze war sie doch nicht gegen es.
Da hielt sie ihm noch lange nicht die Stange! Die
Schule war arg und meine Herren Eltern waren
gerade auch nicht von der liebenswürdigsten Sorte;
aber so verschüchterten sie mich doch nicht, wie der
alte Quakatz seine Krabbe zu verschüchtern verstand.
Aus der alleruntersten Schublade seiner verstockten
Seele holte er sein Wesen gegen sie; und tausendmal
mochte er meinetwegen Kienbaum todtgeschlagen haben
und der Menschheit, ihr jüngstes Gericht eingeschlossen,
es ableugnen: so — in solcher Weise brauchte er
seinen Verdacht nicht auf sein eigen Fleisch und Blut
abzuladen! Eduard, leugne es nicht: ihr habt mich
dann und wann nicht bloß für einen faulen, sondern
auch für einen feigen Burschen taxirt; doch wirklich
mit Unrecht. Ihr armen Hasen, deren ganzes Heldenthum
auf dann und wann eine zerrissene Hose, einen Buckel
voll Schläge, oder ein paar Stunden Karzer hinauslief! Die rothe Schanze hättet ihr mal erobern sollen!
Das wäre etwas gewesen, was einen neuen Plutarch
auch für euch wünschenwerth gemacht haben würde.
Und dann der Oberlehrer Blechhammer, wenn der
mal wieder in meinem Kopfe mit der Stange gestört,
nach der Eule der Minerva geforscht hatte und von
Neuem zu der Überzeugung gekommen war, daß da
vielleicht eben noch eine Eule, aber freilich nicht die
der Pallas Athene gesessen hatte! War der brave
Mann — Gott erfülle alle seine Verheißungen an
ihm und rangire ihn unter seine beflügeltsten Engel!
— war der alte ciceronianische Kochinchinaknarrhahn
einer Würdigung meiner Lebensaufgabe fähig? Wahrlich nicht! im höchsten Pathos dieses aus der Erinnerung herausgesprochen. Doch ich schweife ab;
— der warme Tag öffnet Einem so angenehm alle
Poren des Leibes und der Seele! Wo war ich denn
eigentlich, was die Hauptsache anbetrifft? Ja wohl,
natürlich, immer noch beim Vater Quakatz. Du
großer Gott, wo in aller Welt haben wir, ich und
Tinchen uns vor Dem verkrochen? wie und wo haben
wir hier unter dem Schutze Sancti Xaverii, comitis
Lusatiae vor seiner Unvernunft Unterschlupf suchen
müssen, nachdem ich schon längst Vernunft zu ihm
geredet hatte und stellenweise auch damit durchgedrungen
war?! Im Taubenschlag, im Schweinestall, auf dem
Heuboden, im Wandschrank, hinter und unter dem
Bett. Wo suchte er nicht sein Kind mit dem Prügel und
der Peitsche in der Hand? Ihr Helden führtet derweilen eure Indianergeschichten, euren Fenimore
Cooper draußen im Felde dumm und phantasielos
genug auf: ich schützte Cora und versteckte Alice im
Leben und in der Wirklichkeit, wenn nicht in der
Felshöhle, so doch hinter dem Küchenschrank und ließ
den verrückten, wüthenden alten Mingo mit geheimstem
wollüstigstem Grausen suchen und hörte ihn schnüffeln
und sein Kriegsgeheul erheben. Wenn dann Tinchen
flüsterte: ‚ich habe ihm die Schnapsflasche auf den
Küchentisch gestellt!‘ so weiß ich es heute ganz genau
zu taxiren, wie viel mehr sie auf Miß Cora als auf
Miß Alice zugeschnitten war. Damals wußte ich es
noch nicht so und hielt mich mehr als mir zukam
für den edlen urwalderfahrenen Lederstrumpf. Aber
die Hauptsache war natürlich, daß der Alte die Flasche
fand. So wie wir sein ‚Hugh‘ vor ihr hörten, waren
wir einmal noch gerettet, und die Welt und die rothe
Schanze gehörten uns wieder allein! Aus Pietät
steht sein Sorgenstuhl, wie Du bei Tische bemerkt
haben wirst, noch immer hinter dem Ofen, und wenn
ich jetzt darin sitze und mir überlege, wie ich damals
schon den Fall Kienbaum gegen Quakatz frühreif ansah
und sagamorenhaft dem aus seinem Feuerwasserdusel
erwachenden armen Kerl sagte: Herr Quakatz — —
— Du liebster Himmel, da ist sie schon wieder!
keinen Augenblick hat man doch Ruhe vor ihr. Na,
Eduard, dann das Weitere vielleicht bei Sonnenuntergang.“

Da war sie wieder, und wenn ich sie wieder
ansah, wie sie vom Hause her näher kam und wieder
zu uns trat und ihrem Mann die Hand auf die
Schulter legte, hätte ich mir dreist alles „Weitere“
von ihm schenken lassen dürfen. Die Hauptsache
wußte ich jedenfalls.

Der schöne Nachmittag aber war, ohne daß ich
es gemerkt hatte, was freilich selbstverständlich war,
ruhig immer mehr gegen den Abend hin vorgeschritten.
Es war selbst für unsern Dicken allgemach angenehm
kühl unterm Lindenbaum geworden, und er bezeigte
nun Lust, „sich ein wenig die Füße zu vertreten.“
Er bot seiner Frau den Arm, und bei sinkender
Sonne umschritten wir jetzt das Viereck des alten
Kriegswalles auf seinem äußersten Rande: Stopfkuchen
natürlich ohne die lange Pfeife dabei aufzugeben.
„Du bemerkst, ich habe mir hier wie ein anderer
Gefangener von Chillon einen Pfad ausgetreten; aber
dazu auch einige Bänke hingesetzt. Seine Aussicht
in die Weite wünscht der Genügsamste in dieser Beziehung zu haben; behält er seine Bequemlichkeit sich
dabei vor, so verdenke ich es ihm nicht, sondern lobe
ihn. Wie Du gleichfalls bemerkst, Eduard, bin ich
auch hier immer unter der Hecke geblieben.“

Dem war so. Die vier Bänke auf den vier
Ecken der rothen Schanze hatten alle ein schattig
Gebüsch hinter sich, und man konnte sich wohl auf
ihnen in die Luft der Jugend: unter der Hecke zu
liegen — zurückträumen. Der Pfad war wohl betreten aber auch wohlgepflegt: „ich pflege hier auch
im Winter meine Welt und die der Übrigen ins
Auge zu fassen,“ sagte Stopfkuchen. — Die Aussicht
nach Norden und Süden, nach Osten und Westen
war so ziemlich geblieben wie sie in unserer Kinderzeit war. Da war in der Tiefe die Stadt, da zur
Seite Dorf Maiholzen, da der Wald, da das freie
Feld und da die fernen blauen Berge liegen geblieben.
Behaglich schliefen darunter und darin Heinrich Schaumanns Floren und Faunen sämmtlicher wissenschaftlichen
Erdballsperioden, Formationen und Übergangsperioden, das Riesenfaulthier eingeschlossen und mit
eingeschlafen. Darüber der Sommerspätnachmittagssonnenschein. Nur eine oder zwei neue Eisenbahnlinien durchschnitten jetzt die Ebene. Und der Zug,
der eben auf der einen die Stadt verlassen hatte und
mit langgezogener weißer Lokomotivenwolke der Ferne
zuglitt, erinnerte mich in diesem Augenblick wieder
daran, wie wenig Halt und Anhalt ich jetzt noch in
der Geburtsstadt, in den Heimathsgefilden habe.

Statt mir aber mit einem Hinweis auf die
neuen Verkehrsmittel aufzuwarten, zog Heinrich
Schaumann sonderbarerweise sein Tinchen nur noch
ein bißchen zärtlicher an sich und sagte:

„Ja, Alte, nicht wahr, auch der Winter ist
hübsch hier, es läßt sich leben auf Quakatzenburg,
und man sehnt sich so leicht nicht fort? Das kann
man aber im Grunde überall haben, lieber Eduard,
den ich doch wohl auch einen Baron, und noch dazu
einen südafrikanischen nennen darf. Man muß nur
von jedem Ort den von Rechts- und Ewigkeitswegen
dran haftenden Spuk auszutreiben verstehen, und man
sitzt immer gut. Eine gute Frau ist freilich nicht von
Überfluß dabei. Sitze Du selbst hier mal mit einer
bösen, Eduard.“

„Ein vernünftiger, wenn auch halb närrischer
Mann gehört doch aber auch dazu,“ meinte Frau
Valentine zugleich seufzend und lächelnd, und Stopfkuchen sprach mit allem Nachdruck:

„Selbstverständlich!“

Wir saßen ebenso selbstverständlich bereits wieder.
Auf einer der Bänke, von denen aus man die Stadt
und Dorf Maiholzen vor sich hatte.

„Ein halbvernünftiger wenn auch ganz und gar
nicht närrischer Mann und Mensch kann Einem überall
den weichsten Sitz und die schönste Aussicht und Gegend
verleiden,“ fuhr Heinrich fort. „Ja, ja unser guter,
seliger Vater! Weißt Du wohl noch, Tine, wie der
mich hier mal um den Wall jagte, wie der unzurechnungsfähige, alberne wüthende Achill den einzigen
anständigen, ordentlichen Charakter in der ganzen
Ilias? Und weißt Du wohl noch, wie damals die
Sache ganz anders ausging als wie vor Troja und
in der Iliade? Damals stellte ich dem unberechtigten
Verfolger das Bein und so kam er kopfüber kopfunter
hinunter in den Graben des Prinzen Xaver von
Sachsen, und Du, Tinchen, konntest wieder aus Deinem
Versteck im Keller zum Vorschein kommen und mir
behilflich sein, den armen Teufel fernerweit zu Bette
und zu besserer Besinnung zu bringen.“

„Der Vater, der arme Vater! O Gott ja, ja!
aber, Heinrich, so haben wir ja noch niemals hiervon
vor anderen Leuten gesprochen!“

„Ich glaube, ich habe es Dir schon bemerkt,
Schatz, daß wir heute eben auch nicht mit anderen
Leuten, sondern mit einem von uns zu thun haben.
Dieser hier zeigte doch schon in seiner Kindheit Mitgefühl, und ging als der letzte, wenn die andern mich
unter der Hecke liegen ließen. Und als Jüngling
— na, Eduard, nicht wahr, Du nimmst in diskreter
Weise theil an der letzten Entwickelung dessen, was
Dir vor Jahren, als wir nicht mehr unschuldige
Kinder, sondern mehr und weniger schuldenbehaftete
Jünglinge waren, hier — da drüben jenseits des
Grabens aus dem Gesichte kam?“

Ich nickte, nicht zu dem Dicken, sondern zu seiner
Frau hinüber, wie man nickt, wenn man innigstes
Mitgefühl nicht durch Worte kundgeben kann.

Valentine sagte:

„Als mein Mann, das heißt, damals Heinrich,
auf die Universität abgehen wollte, und Sie, Herr
Eduard mitbrachte am letzten Tage, da drüben hin
auf den Feldrain zum Abschiednehmen, da hatte sich
schon vieles hier verändert, und wo es zum Bessern
war, da war er, mein Mann — Heinrich wirklich
sehr betheiligt. Wie er das auf seine närrische Weise
Ihnen ja auch bereits schon mitgetheilt hat. In dieser
Hinsicht braucht er freilich vor keinem Menschen was
zu verschweigen von uns, der rothen Schanze und
meinem armen seligen Vater.“

„Ja, es ist eine reizende Gegend heute im
Sommergewande, Eduard,“ seufzte Stopfkuchen, mit
der Pfeifenspitze um den Horizont herumdeutend, als
ob er mir da etwas ganz Neues zeige. „Aber schön
war doch auch die Winternacht, in der ich hier auf
Quakatzenburg bei der verlorenen Tochter als verlorener Sohn im Ernst an den Fensterladen klopfte!
was, Tinchen Quakatz? wie, kleine Mieze?“

„Heinrich, Heinrich, es ist ja Dein Busenfreund,
der Dich jetzt so ausführlich hierüber sprechen läßt,
und so will ich ihm zu liebe auf Deine spaßigen
Dummheiten nicht eingehen, sondern es auch ihm
sagen: wenn ich tausend Jahre alt würde, so könnte
ich doch die Nacht nicht vergessen. Ja, Herr Eduard,
es ist so wie er sagt. Und er ist ein viel klügerer
und gelehrterer Mensch als wie er sich stellt, und
mir gegenüber stellt er sich auch nur so an, weil er
weiß, daß wir von Anfang an zu einander gehören
und nicht ohne einander leben können. Glauben
Sie ihm ja nur nicht Alles was er an Dummheiten
vorbringt: er hat es selbst in den schlimmsten und
besten Augenblicken, die der Mensch auf dieser Erde
erleben muß, zu dick hinter den Ohren. Ja, ja, ja,
er kam damals zur rechten Zeit! meinen Vater hatte
zum erstenmale der Schlag gerührt, und ich war
einundzwanzig Jahre alt geworden und die Herrin
auf der rothen Schanze. O du grundgütige Barmherzigkeit, was für eine Herrin! Mit was für einer
Welt auf dem Hofe und rund umher! Seine Witze
konnte Heinrich ja natürlich auch dabei nicht lassen.
Ich habe es aber in seinem Konversationslexikon
nachgeschlagen, weshalb er mich mitten in meinen
Thränen Kaiserliche Majestät nannte. Die Frau
Kaiserin Maria Theresia meinte er mit mir und
hatte wohl nicht Unrecht.“

„Moriamur pro rege nostro Maria Theresia,“
brummte Stopfkuchen. „Sie will die Schmeichelei
bloß wieder hören in Deiner Gegenwart, Eduard.“

„Der Doktor hatte mich wohl getröstet, daß es
für diesmal noch nichts auf sich habe, und der Vater
war auch schon wieder aus dem Bett und ging an
meinem Arm und an einem Stocke herum, aber daß
er sein gesundes Menschenverständniß ganz und völlig
wiedererhalte, das wollte der Doktor mir nicht
versprechen. Auf Alles mußte ich mich für ihn besinnen, für Alles was er sagen wollte, die Worte
finden. Und er wollte immer reden und mir so
Vieles sagen und hatte doch für nichts mehr das
richtige Wort. Und von keinem Menschen, und wenn
er noch so gut wußte, wie er hieß, konnte er den
richtigen Namen finden. Da erfand er auch neue,
o was für schlimme für alle seine Bekannten!“

„Höre sie nur, Eduard!“ rief Stopfkuchen.

„Nein, hören Sie sie nicht, Herr Eduard, sondern
lassen Sie mich so schnell als möglich hierüber wegkommen. Ach ja, und der Knecht hatte mir an dem
ganz besondern Nachmittage wiedermal die Faust
unter die Nase gehalten und die Magd mir den
Kochlöffel vor die Füße geworfen. Einen von den
Hunden wenigstens hatte ich ja immer bei mir, um
mich mit ihm im letzten Nothfall zu wehren; aber an
dem Sonntage hatten sie mir auch gedroht, sie mir
alle zu vergiften. Ei freilich, wenn sie dieses ausgeführt hätten, ehe Heinrich kam, so wäre ich freilich
bis dahin ganz verrathen und verkauft und in ihren
Händen gewesen.“

Es läßt sich nicht schildern, wie ruhig die Frau
alles dieses jetzt erzählte: man mußte sie dabei sehen,
ansehen. Stopfkuchen stopfte seine Pfeife aus einer
Schweinsblase, die er mühsam, ächzend aus seiner
Schlafrocktasche emporwand. Frau Valentine erzählte
weiter:

„Es war Sonntag und in Maiholzen Durchtanz;
Knecht und Magd mir gegen meinen Willen durchgegangen und im Dorf und auf dem Tanzboden.
Es war ein wüster Wintertag gewesen, und am Abend
wurde es noch wüster, und es kam ein Schneewehen —“

„Eine Mauer um uns baue,
Sang das fromme Mütterlein,“

summte Stopfkuchen: aber sein Weib rief:

„O nein, das that damals das fromme Mütterlein
garnicht. Sie redete nur auf ihren Vater im Lehnstuhl hinein, denn der war unruhiger als wie je, und
immer verwirrter aus seinen eigenen und Anderer
Mordgeschichten und Jurisprudenzen und Scharfrichtersachen. Den Namen Kienbaum, ja den konnte
er immer finden und sagen! an diesem Abend; immer
hatte er ihn auf der Zunge. Ja wohl, singen —
an dem Abend, Heinrich? In jedem Schneeanwehen
gegen die Fenster und das Haus und die Gräben
der rothen Schanze: Kienbaum! Kienbaum! Kienbaum!
Singen? Nicht mal vor Angst! Aber todt wäre ich
gerne gewesen, Herr Eduard! und da kam es mir
fast wie eine Erlösung: ja, wenn jetzt so eine Bande
bei euch einbräche, Deinen armen hülflosen Vater
und Dich unnützes Geschöpf todtschlüge, und Alles
nähme, was ich ihnen gerne gönnte, Alles, Alles,
und über euch das Haus in Brand setzte und so
dem Jammer, der Verlassenheit, dem Schimpf und
der Schande auf einmal ein Ende machte! Singen?
Ja wohl, nach dem Fenster hinhorchen und zwischen
den Sturmstößen darauf passen, ob es nicht endlich,
endlich als eine Gnade von Gott so komme! ob sich
nicht endlich in dieser Hinsicht draußen was rühre!
Aber es rührte sich nichts als, wie gesagt, der Wind
und die Fensterläden, und dann und wann eine Stallthür, die der Knecht offen gelassen hatte, und die hin
und her schlug. Dazu im Haus allerlei Spuktöne
und ein Eulenschrei vom Scheunengiebel. O, so da
zu sitzen und mit den krampfigen Händen zwischen
den Knieen, den Vater von Kienbaum, Galgen und
Rad murmeln zu hören, bis die Hunde allesammt mit
einemmale anschlugen, als ob auch noch der ganze
siebenjährige Krieg auf der rothen Schanze von Neuem
angehe!“

„Philosophie der Geschichte, Eduard!“ brummte
Heinrich. „Auch der alte Fritze hatte keine Ahnung
davon, wie nahe er dem Hubertusburger Frieden
war, als die Kaiserin Katharine ihm seinen guten
Freund Peter abgurgelte und ihre Russen ihm wieder
aus den Händen, unter der Nase und aus seiner
Ordre de bataille wegnahm. Es kam nur der Hubertusburger Frieden für die rothe Schanze, Eduard.“

„Nämlich selbst der Vater, den sonst so etwas
damals gar nicht mehr aufregte, fuhr aus dem Stuhl
und zitterte und wimmerte leise: ‚Jetzt kommen sie!‘
Und ich, die ich mir alles schon längst für solche
Fälle zurechtphantasiert hatte: was thust Du, wenn
es mal mitten in der Nacht so kommt? ich griff nach
dem Hackemesser, das ich mir immer unter die Kommode
geschoben hielt und faßte es hiebgerecht und sagte so
gelassen wie möglich: ‚Einer wenigstens geht mit,
wenn es endlich so sein soll!‘ Es kam aber gottlob
anders.“

„Selbstverständlich!“ brummte Heinrich.

„Die Hunde, die sich eben noch die Seele aus
dem Leibe gebellt hatten, gaben mit einemmale keinen
Laut mehr; und ich dachte auch da schon wieder an
Gift, ohne zu bedenken, daß das doch recht schnell
gewirkt haben müßte. Ich hatte das Ohr am Fensterladen und das Hackmesser mit der Schärfe auf der
Fensterbank zum Schlag bereit; da — da — na,
Herr Eduard, wie fuhr ich zurück!“

Jawohl, wie fuhr auch ich, der Herr Eduard,
der Gastfreund der rothen Schanze zurück, als mein
Freund Heinrich trotz seines Fettes mit jugendlichfrischestem Nachdruck anstimmte:

„Was kommt dort von der Höh?
Was kommt dort von der Höh?
Was kommt dort von der ledern Höh?
Si, sa, ledern Höh!
Was kommt dort von der Höh?“

„Stopfkuchen?!“

„Ja wohl, Stopfkuchen, Herr Eduard!“ sagte
Frau Valentine lächelnd. „Sollten Sie es für
möglich halten, Herr Eduard, daß dieses närrische
Menschenkind sich in dieser Nacht vor unsern Fensterladen wirklich und wahrhaftig mit dem dummen
Liede bemerklich machte? und natürlich umwinselt
und umschmeichelt von allem Hundevolk der rothen
Schanze? Nach dem ersten Blaff Alles so still und
stumm vor Verwunderung wie ich nach seinem ersten
albernen Verse! aber es dauerte doch eine geraume
Weile, ehe ich mich so weit gefaßt hatte auf den
Schrecken, daß ich dem Narren die Hausthür aufschließen konnte; ich —“

„Da hörst Du eben wieder einmal wie sie, seit
wir uns kennen, von ihrem ihr von Gott vor- und
aufgesetzten Herrn und Haupte redet. Tinchen, nimm
Rath an und blamire euer Geschlecht hier in Europa
nicht unnöthigerweise. Bedenke, der Mann, dieser
Eduard, kommt als Gatte aus Afrika: da sind die
Weiber äußerlich wohl etwas schwärzer als ihr; aber
inwendig —“

„Natürlich viel weißer. Ich weiß das ja, oder
wenn ich es nicht weiß, so gestehe ich es gern zu;
aber laß mich dafür auch ausreden, bester Heinrich.
Ich öffnete ihm also, Herr Eduard, und er kam herein. Ja, Herr Eduard, und wie von der Vorsehung
geschickt zur richtigen Stunde; denn gleich nach ihm
kam der Knecht betrunken und wollte mich erst küssen
und mir dann die Kehle zusammendrücken. Und
die Magd, die ein Sonntagstuch von mir trug,
nannte in meiner Gegenwart meinen Vater noch
einmal einen alten Mörder und rieth ihm, sich doch
selber an dem Nagel an der Thür aufzuhängen, da
er dem öffentlichen Galgen entgangen sei. Sie waren
beide sehr lustig und spaßhaft und hatten beide keine
Ahnung davon, wer da jetzt hinter dem Schrank
stand und sich die Scene mit anhörte und mit ansah.
Ja, er trat zur rechten Zeit hinter dem Schranke vor
und seinerseits auf die Scene: der Herr und Meister
und das Haupt der rothen Schanze, mein —“

„Liebes Dickerchen — Heinrich Stopfkuchen —
in wohlthuendster Fülle der Erscheinung, Eduard, und
mit allem Humor und Animus, aber auch mit der
dazu gehörigen Faust für die Sache.“

„Ja, ja, und wem nicht die Kehle in dieser
Nacht zusammengedrückt wurde, das war die Tochter
von der rothen Schanze! und wer der Magd nicht
das Schuhband aufzubinden hatte, das war ebenfalls
die Tochter von der rothen Schanze.“

„Und wer einfach und ganz gemüthlich auf den
Tisch schlug, die nöthige Ordnung wieder herstellte
und dem alten Herrn im Lehnstuhl das Kissen zurechtrückte und das junge Mädel mit dem blutdürstigsten
aller Hackmesser um die Hüften nahm und ihr den
ihr in dieser Nacht bestimmten Kuß aufdrückte, daß der
Schmatz alles Sturmgeheul draußen übertönte, das war
ich! Wenn es Dich langweilt, Eduard, sag' es ja!
wir Beide von der rothen Schanze können jeden Augenblick mit unsern Dummheiten aufhören, und Dich
von Deinen erzählen lassen. Auf meine Frau brauchst
Du nicht die geringste Rücksicht zu nehmen in Deinen
Gefühlen. Ich thue es in den meinigen auch nie.“

„Diese Redewendung wird jedenfalls allmählich
langweilig, Schaumann.“

„Schön!“ sagte Schaumann und behielt jetzt
das Wort wiederum für längere Zeit allein. Ich
legte nur einen Augenblick leise wieder meine Hand
auf die der Frau Valentine, was soviel hieß als:
„Es ist wundervoll!“

„Die Geschichte war ganz einfach,“ sagte Stopfkuchen, und einfach so: Draußen, und im wissenschaftlichen Brotstudium, hatte es mir absolut nicht gepaßt. Ich fiel dabei für meine Natur viel zu sehr
vom Fleisch. Es mag der Welt unglaublich erscheinen,
aber es ist dessenungeachtet doch lächerlich wahr:
auch die vergnüglichste Seite des Universitätslebens
war nichts für mich. So eine deutsche alma mater
ist doch die reine Amazone. Sie hält Dir die eine
Brust hin und Du saugst oder saufst. Sie dreht
Dir die andere zu und Du empfindest Dich in der
That als das bekannte Thier auf dürrer Haide. Jeder
Blick in eure Gerichtsstuben, auf eure Schulkatheder
und Kirchenkanzeln und in eure Landtage und vor
allem in den deutschen Reichstag zeigt, was dabei
herauskommt, soweit es unsere leitenden gelehrten
Gesellschaftsklassen anbetrifft. Entschuldige, Tine, ich
bin gleich wieder bei Dir; aber wenn man so einem
alten lieben gelehrten Afrikaner gegenüber auf sein
Studentenleben kommt, geht Einem das Herz auf,
wie die Welt sagt. Da ist es denn aber für Dich
gleich ein wahres Glück, Tinchen, daß mich der
Bursche hier schon auf Schulen da unten in dem
Neste im Thal nicht für den Gerichtsstuhl, das
Katheder, die Kanzel und das Reichstagsmandat,
sondern für die rothe Schanze hat mit erziehen helfen,
indem auch er mich unter der Hecke hat liegen lassen,
meiner schwachen Füße wegen. Von meinen Fäusten
hatte er eben meiner angeborenen Gutmüthigkeit wegen,
nicht die genügende Ahnung. Aber es ist einerlei,
denn es ist so: was ein Mensch bei mäßigen Geistesgaben, schwachen Füßen und einer unmäßigen Anlage
zum Fettwerden aus sich für die Jungfer Quakatz
und den Prinzen Xaver und die rothe Schanze machen
konnte, das ist gemacht worden. Was, Tine Schaumann? wie, Tine Quakatz? Für Dich, armen, zerzausten
Spatz ließ mich die Weltentwickelung unter der Hecke
in der Sonne liegen und auf der Studentenbude im
Schatten und Tabacksgewölk. Um Dich, Himmlische,
nach Deinem vollen Werthe zu erkennen, machte es mir
für sechs Semester einen Platz am Freitische der Universitas litterarum aus. Fasse es ganz, Eduard, Stopfkuchen am Freitische! Das alte Mädchen da neben Dir
schiebt ihr Entsetzen in jener stürmischen Winternacht
auf alles Mögliche, nur nicht auf das Richtige,
nämlich auf den Knochenfinger, mit welchem ich
an ihren Fensterladen pochte. Laß Du Dir mal,
um Mitternacht in Afrika, von Freund Hein an
den Laden klopfen und erschrick nicht vor seinem
dürren Knöchel! Hat mich nicht das Studiren
meines eigenen Knochengerüstes im achten Semester
auf meine jetzige Liebhaberei gebracht? Hat mir
nicht mein sogenanntes Brotstudium die fürchterlichst
günstigste gute Gelegenheit geboten, das vorsintflutlichste Riesenfaulthier wissenschaftlich einwandsfrei tadellos zu rekonstruiren? Auf diese Wissenschaft hin hätte
ich freilich Doktor werden können; aber — schweigen
wir davon, die Erinnerung an das Studiren greift
mich heute noch zu sehr an! . . . Als ich wieder zu
Hause ankam, roch es hinter mir ganz verdammt
nach verbrannten Schiffen, und zwar nach meinen
eigenen. Ich wußte es ganz genau, daß ich weder
das Katheder, noch die Kanzel und den Richterstuhl
je besteigen werde! Auch zur praktischen Ausübung
der Arzneikunst reichte meine Kenntniß der Osteologie
doch nicht aus. Meine Mutter war todt. Freunde
hatte ich nicht — auch Du theuerster meiner Freunde,
warst in der Ferne, wenn ich nicht irre bereits als
Schiffsarzt ununterbrochen auf dem Wege zwischen
Hamburg und New-York und New-York und Hamburg. Was mein Vater sagte? nun so juckt es mich
natürlich, das meinige dazu zu bemerken; aber ich
lasse es doch lieber. Es mischt sich da zum bissigen Nachtragen doch etwas wie Gewissensbisse ein. Er war
recht grob und hatte sehr das Recht dazu. Als er
mir erklärte, da die Welt nichts mit mir anzufangen
wisse, so könne ich nicht verlangen, daß er zum zehnten
Male den Versuch mache, mit mir was zu beginnen,
war mir in der That nichts geblieben, was ich dagegen einwenden konnte. ‚Geh zu Deinem Mordbauern, dem Quakatz!‘ brauchte er gerade nicht mir
vorzuschlagen; aber es war kein übler Rath. Ob er
an jenem unbehaglichen Abend, an welchem wir das
Fazit unseres gegenseitigen Verhältnisses in der Welt
und im Leben zogen, der Meinung war, daß ich ihn
auf der Stelle befolgen werde, weiß ich nicht, glaube
ich eigentlich auch nicht. Aber er rief mich auch nicht
zurück, als ich ihm von der Thürschwelle zumurrte:
‚Moriturus te salutat!‘ Der gute Alte! Er hätte
freilich für seine dürren Subalternbeamtengefühle
einen strebenderen, einen weniger gemüthlichen, einen
weniger bequemen, einen weniger feisten Sprößling
verdient: aber konnte ich dafür, daß ich sein Sohn
war und er nicht der meinige? . . . Gottlob, wir
können ja jetzt ohne Gewissensbisse und Reuegefühle
darüber lächeln — was, Tinchen, alte Sibylle? Wir
sind doch noch auf den allerbesten Fuß mit einander
gekommen. Dort, hinter uns, unter den Linden hat
auch er noch manchmal sich seinen Nachmittagskaffee
von meiner Frau einschenken lassen. Und er hat sich
sogar auch noch für meine und Tinchens Knochen —
unsere Urweltsknochen meine ich — interessirt. Er
stieg nämlich nach seiner Pensionierung mit Vorliebe,
weniger der schönen Natur wegen, als um ihrer selbst
willen um die rothe Schanze herum und hat mir mehr
als einmal von seinen Spazirwegen einen aufgepflügten Kalbsschädel oder ein Schinkenbein mitgebracht und es meiner Sammlung einverleiben
wollen mit der Überzeugung einen Fund für mich
gethan und alte Sünden durch ihn an mir wieder
gutgemacht zu haben. Nun, in jener Nacht, oder
vielmehr an jenem Nachmittag und Abend waren
wir natürlich so weit in Güte noch nicht mit einander.
Der alte Herr hatte eben die Überzeugung gewonnen,
daß ich ihm jetzt bis zum längsten auf der Tasche gelegen habe, und gab es mir zu verstehen, wie der
Vater Jobs seinem Hieronymus. Laß mich Dich verschonen, Eduard, mit Einzelheiten, die sich in die
Tage und Stunden zwischen meiner letzten Heimkehr
ins Vaterhaus und meinem endgültigen Verlassen
desselben drängten. Ich stand plötzlich mit sehr beunruhigtem Gewissen und mit einem herzlichen Mitleid mit dem alten Mann draußen in der Straße
im wehenden Sturm und treibenden Schnee und
konnte dreist von Neuem die bittere Frage an das
ewige Dunkel und die gegenwärtige Finsterniß stellen:
Wer hatte eigentlich das Recht Dich so als geistigen und
körperlichen Kretin so hier hin zu stellen: So! —?“ —
Glücklicherweise war im Goldenen Arm Licht, und da
ich doch in der Straße nicht stehen bleiben konnte,
ging ich hinüber und fand die Gesellschaft, die mir
augenblicklich allein gemäß war, und mit ihr die
Lösung der eben aufgeworfenen Frage. Es war
gottlob noch so früh am Tage, daß selbst die trostlosesten Philister der Stadt noch nicht zu Bette waren.
Da fand ich und nahm ich meinen Trost, wo mir
aller Welt Schönheit, Weisheit und Tugend zu
garnichts von Nutzen gewesen sein würde. Juchhe,
lauter gute alte Bekannte, die sich zwischen Schoppen
und Schoppen immer das Beste wünschten, und mir
natürlich auch — an diesem Abend sogar in ausgibigster Fülle! Ich kam ihnen gerade zur rechten
Zeit bei sinkender Unterhaltung und epidemischer
Maulfäule wahrhaftig als ein gefundenes Fressen;
und ich hatte bloß hinzuhorchen, um von ihnen die
Antwort auf jenes große fragende Warum hinzunehmen. Es hätte mir jedermann im Kreise gern
auch einen Bleistift geliehen, wenn ich den Wunsch
ausgesprochen haben würde, mir den Schicksalsspruch
ihres Mundes lieber doch auch noch zu notiren.
Dies war aber durchaus nicht nöthig. Gottlob haben
es mir die Götter, die mir so Vieles versagte gegeben, mich betreffende Reden und Redensarten an
mich herankommen zu lassen, das dazu passende Gesicht dabei zu machen und nöthigenfalls mit den darauf
passenden Gegenbemerkungen aufzuwarten. Ihr habt
diese Gabe lange nicht genug an mir gewürdigt,
lieber Eduard; ihr waret wohl noch nicht reif genug
dafür. Nun, für ein paar Schoppen reichte es an
jenem historischen Abend auch noch, und bei denen
vernahm ich denn das Meinige, überlegte mir das
Meinige und fand das Richtige. Selbstverständlich
kam sofort bei meinem Eintritt in das alte wohlbekannte Eckzimmer die Rede auf mich. Man war
so freundlich, sich zu freuen, mich noch zu sehen: je
später der Abend, desto schöner die Leute! Aber daß
man bereits ziemlich genau wußte, wie es mit mir
daheim im Vaterhause stehe, war klar und quoll
rundum auf in jedem lautern Wort und leisen Geflüster. Wenn sie auch um alles in der Welt nicht
gern in meiner Haut gesteckt hätten, so hätten sie
doch allesammt unmenschlich gern gewußt wie ich mich
bei so bewandter Lebenslage in ihr fühle. Mit dem
Humor der Verzweiflung, wie ja wohl das Wort
lautet, schenkte ich ihnen denn reinsten Wein ein,
nahm diesen Herren vom Spieß, diese, ihre edle
Väterwaffe ab und ließ sie kneipengerecht darauflaufen. Was hätte ich an diesem in der That recht
ungemüthlichen Abend vor dem Sturz in den Abgrund
Besseres beginnen können, um — deutsches Gemüth zu
zeigen? Daß ich von Universitäten endgültig weggegangen sei, gab ich zu; aber die genauen Umstände
stellte ich nunmehr in das rechte Licht. Daß von
Zwang oder dergleichen die Rede gewesen sei, lag
ja vollständig außer Frage; doch daß ich herzlicher
Bitte und langem wiederholtem, inständigem Zureden
endlich, vielleicht allzu gutmüthig Folge gegeben habe,
mußte jetzt doch, und noch dazu bei so passender Gelegenheit und in so trautem, teilnehmendem Kreise
bester Bekannter, Schul- und anderer Freunde, klar
gestellt werden. Eduard, ich hatte Humor an jenem
Abend! Nicht den des Satans, aber den eines armen
Teufels, welchen ein Mißverhältniß zwischen körperlicher und geistiger Veranlagung faktisch unfähig machte,
mit dem was gedeihlich durch den Lebenstag hastet,
wettzulaufen. Ja, Denen zeigte ich an jenem Abend,
wie man einer öden Welt auf dem Wege zum Ideal
voranlaufen, und welche üble Folgen ein zu gutes
Beispiel in dieser Hinsicht haben könne. Da standen
in meiner Generalbeichte die Wirthe vor den leeren
Bänken, die vollen Fässer hinter sich, da saßen die
Mädchen im Kämmerlein und verschluchzten ihre
jungen Seelen, weil sich meine sämmtlichen Mitstrebenden ein zu gutes Exempel an meinem Streben
genommen hatten. Sämmtliche Studirende sämmtlicher
Brotwissenschaften saßen so sehr über ihren Büchern,
daß verschiedene Male die Feuerwehr alarmirt werden
mußte, ob des Dampfes der von ihren Köpfen aufstieg. Da ging es denn nicht anders: die Ärzte —
Sanitäts- und Medizinal-Räthe mußten sich einmischen,
der Verein für öffentliche Gesundheitspflege mußte
einschreiten. Die ersten gingen selber in corpore,
der letztere schickte seinen Vorsitzenden sowie zwei Abgeordnete, und alle verlangten sie ein und dasselbe
vom Profax, nämlich meine schleunige Abreise; (guck
mal, Eduard, wie das Tinchen hierbei so vergnügt
wie die Maus aus der Heede guckt!) gerade als ob
Mutter Eruditia, unser germanisches verschleiertes
Bild zu Sais, einen Menschen von meinem Gewicht
so leicht wie einen Floh aus dem Gewande schüttele!
Sie kamen auch zu mir. Sie schickten auch mir eine
Deputation, eine Abordnung. Wenn nicht mit der
Aufforderung, so doch mit der Bitte: ‚Gehe uns
aus dem Kasten!‘ Wer hätte so herzlichem Anflehen
widerstehen können; zumal da auch von Hause ein
ähnliches Rufen kam. Ich ging ihnen aus dem
Kasten, und noch am Bahnhof war mancher, der
sich schluchzend mir an den Hals hing: ‚Bruder, laß
uns das wenigstens von Deinem Wissen, wofür Du
zu Hause gar keine Verwendung hast.‘ Natürlich
sagte ich, mit einem Fuße im Wagen: ‚Gerne!‘ und
sagte damit keine Unwahrheit. Ich konnte ihnen in
dieser Hinsicht mit Vergnügen Vieles da lassen. Ich
war im Goldenen Arm wirklich gut im Zuge, spaßhaft in das Nichts zu sehen, bis ich plötzlich die
Maulschelle heiß und brennend spürte, den Schlag
auf die ironische Nase, den ich mir so wohl verdient
hatte, nicht bloß an meinem armen kümmerlichen
Erzeuger, sondern auch an diesen wohlverdienten und
wohlverdienenden braven Philistern und guten Leuten
und Staatsbürgern. — Sagte Einer: ‚Es geht also aus
allem diesem einzig und allein hervor, Heinrich, daß
Du Dich allein und einzig die ganzen Jahre durch
auf Deine rothe Schanze, den seligen Kienbaum und
Deinen Freund Quakatz einstudirt hast.‘ — ‚Was?‘
frage ich. — ‚Nu, was ich sage, und worin mir die
andern Herren hier am Tische beistimmen werden:
so wie Du jetzt bist, können sie gerade jetzt Dich
wirklich vielleicht recht gut da brauchen. Vermißt
haben sie Dich da oben ja wohl lange genug.‘ —
O, wie der Mensch Recht hatte! nicht wahr, Valentine Quakatz? Das ganze große Wort: Volkes
Stimme, Gottesstimme! hielt mir in ihm grinsend
das Gehörorgan hin, und ich konnte ihm nicht hinter
den Löffel schlagen. — Wie, Valentinchen Quakatz?
Ich konnte dem Manne, der da für Tausende sprach,
nur freundschaftlichst näherrücken, die Allgemeinunterhaltung abbrechen und mich noch eine Viertelstunde
ihm allein widmen, das heißt, ihn, und durch ihn
die Tausende hinter ihm gemüthlich ausfragen. Nachher
ging ich; aber nie vorher hatte ich mich und nie
nachher habe ich mich so fest auf den Beinen gefühlt wie an jenem Abend als ich nun aus der
überheizten Kneipe, aus dem Bier-, Grog- und
Tabaksdunst in den wehenden Wintersturm hinaus
trat und die weichen Füße in den fußhohen Schnee
setzte. Willst Du genau erfahren, Eduard, was im
bürgerlichen Leben das Richtige ist, so frage nur beim
nächsten Spießbürger an. Der sagt es Dir schon!
Ich kann es natürlich nicht wissen, wie das bei euch
in Afrika ist, aber hier in Deutschland spricht man
immer dann nachher von Intuition, Führung von
Oben, Zuge des Herzens, Stimme des Schicksals,
Vorsehung und dergleichen. — Gegen den Wind wäre
es mir wohl unmöglich gewesen. Mit dem Winde
ging es, und merkwürdigerweise um so besser, je
weiter ich die Gassen der Stadt und ihre Gärten
hinter mir ließ. Er fegte gegen die rothe Schanze,
der Wind, und über die Höhenrücken trieb er den
Schnee vom Pfade und schob mich schnarchend aber
gutmüthig, als meine auch er: ‚Wo wolltest Du an
diesem Abend wohl anders hin als zum Vater Quakatz,
Heinrich?‘ — Auch den Graben des Prinzen Xaver
hatte der gute Dämon zugeweht und den Übergang
klar gemacht; aber dann kam die weiße Mauer am
Thor und an der Hecke, durch den Garten bis an
die Fensterladen: na, ob Schnee oder Reisbrei: Stimme
des Schicksals, Zug des Herzens, Führung von Oben,
und nicht zu vergessen, von Unten der Stammgast im
Goldenen Arm, Alles half. Ich war dazu geboren
worden, mich durchzufressen ins Schlaraffenland und
in Jungfer Quakatzens weiche, weitgeöffnete Arme.“

„O, aber Heinrich!“ rief erröthend Frau Valentine Schaumann.

„Sammetpfötchen, behalte die Krallen eingezogen!
wir erzählen ja nur Eduard aus Afrika hiervon, und
der sagt es unter seinen Kaffern und seiner Frau nicht
weiter.“

Auf dieses Wort hin wendete sich die Frau
Valentine wieder zu mir und sagte:

„Sie haben ja die Thiere jetzt auch wohl persönlich kennen gelernt: sagen Sie doch mal, bester
Herr Freund aus Afrika, haben Sie es zu Ihrer
Zeit, ich meine Ihrer Jung — jüngern Zeit, wohl
je für möglich gehalten, daß mein Heinrich Löwenaugen machen könne?“

„Nein!“ erwiderte ich sofort und kurzweg. Wenn
es einen Helden gab, den die schroffe Verneinung
nicht kränken konnte, so war das mein Freund
Schaumann.

Er lachte auch nur herzlich; nahm aber doch,
ebenso rasch und kurzweg, seiner Gattin das Wort
wieder vom Munde und sagte:

„Aber ich habe sie gemacht, Eduard. Ich habe
sie um mich herumgeworfen. Löwenaugen! Prinz
Xaver von Sachsen konnte, als er von der rothen
Schanze aus die Kapitulation eures Nestes drunten
entgegen nahm, keine größern in die Welt hineinwerfen. ‚Die Augen wurden Teller‘, singt ein Dichter
jener Tage, kannte aber natürlich noch nicht die,
mit welchen ich, von unserm Neste da unten aus, Besitz
von der rothen Schanze, Tinchen Quakatz und dem
Vater Quakatz, sammt Knecht, Magd, Kienbaum —
kurz von der ganzen Mordgeschichte nahm. Da reichten
Teller lange nicht. Er soll auch, eurem Kommandanten gegenüber, auf den Tisch geschlagen haben,
Eduard, dieser erhabene Siebenjährige“ Kriegs-Heros;
aber ich bezweifle es, daß er nach dem Schlage so
mit der brennenden Faust an den Mund fuhr und
den schmerzlichen Übereifer wegsog wie ich, nachdem
ich das unbotmäßige Vasallengesindel der rothen Schanze
geduckt hatte. Nachher machte ich mich selbstverständlich näher an dies kleine Mädchen hier und triumphirte
auch da über allerhand Dummheiten und Widerspenstigkeiten. Solltest Du es für möglich halten,
Eduard, daß sie mich halb durch ihre Thränen und
halb durch ihr Lachen fragte: ‚Aber sage mal Heinrich, geht denn dieses so? und schickt es sich so für
mich und für uns mit dem ganzen Dorf und der
ganzen Stadt mit allen Augen und Brillen auf uns?‘
Im Grunde genommen war dieses nur eine andere,
das heißt den Umständen angemessene Wendung für
das schämige Wort: ‚Sprechen Sie mit meiner Mutter!‘
Und ich that dem Gänslein den Gefallen, klopfte
diesmal nicht auf den Tisch, sondern dem guten Kind
auf die Schulter, seufzte schmachtend: ‚Sie sollen mich
nicht umsonst Stopfkuchen benamset haben, Fräulein,
und da sitzt ja der Papa, den können wir um das
Übrige fragen; Den hat die Welt sicherlich ganz genau
gelehrt, was sich auf der rothen Schanze schickt.‘ An
diesem Abend wurde es freilich mit solcher Frage noch
nichts. Ein vernünftiges Wort war an diesem Abend
mit Vater Quakatz noch nicht zu sprechen; die Scene
von vorhin war ihm zu arg auf die Nerven gefallen.
Er saß da, schlotternd vor Angst, blödsinnig weinerlich jetzt; aber doch immer fest bei seiner Behauptung: ‚Mord und Todtschlag! Mord und Todtschlag!
aber ich bin's doch nicht gewesen, Herr Präsidente!‘
Gott sei Dank, erkannte er mich aber doch zuletzt und
begriff, daß ich für diese Nacht eine Schlafstelle in seiner
Burg brauche, und nahm die Hausmütze ab und
murmelte: ‚S'ist der dicke gelehrte Junge aus der
Stadt! s'ist Heinrich! wenn er sein Latein bei sich
hat, kann er dableiben. Gib ihm eine Birne, Tine
und mach ihm ein Bett; aber gib ihm auch die Axt
mit. Mit der soll er jedem den Schädel einschlagen,
der sagt, daß ich Kienbaum todtgeschlagen habe.‘ —
Das sah selbst Tine ein, daß sie hier nichts weiter
machen konnte, als mich machen zu lassen. Und es
ging ja denn auch ganz gut. Ich bekam meine
Schlafstelle zum erstenmal auf der rothen Schanze,
und am andern Morgen schien die Sonne auf den
Schnee, und — ich werde heute noch poetisch! — wie
auf ein ausgebreitetes Brautkleid aus der Krinolinenzeit. An diesem andern Morgen hatte das Herze natürlich auch einen außergewöhnlich guten Kaffee gekocht, und bei demselben ließ ich das Ingesinde
vortreten, und der Bauer auf der rothen Schanze stellte
mich bei vollständig klarem Bewußtsein dem Reich
als Major domus, oder, wie er sich ausdrückte, als
den neuen Administrator vor. Das Gericht, das sich
früher in seinem Leben so viel um ihn gekümmert
hatte, schien ihn in der letzten Zeit gänzlich aus den
Augen verloren zu haben. Es schien sein Interesse
an ihm nur als an Kienbaums Mörder genommen
zu haben; und das war jetzt und zwar was alle betheiligten Parteien anging, ein Glück und ein Segen;
wenn Du die Freundlichkeit haben willst, Eduard, nach
dem heutigen Tage zu schließen. Emerentia, ich
glaube Sie werden gerufen.“

„Er war noch nicht von Gerichtswegen entmündigt worden, unser armer, lieber Vater, Herr
Freund!“ schluchzte Frau Schaumann. „Heinrich,
Du brauchst jetzt wirklich nicht mehr mit Litteratur-Personen und Geschichten zu kommen, um zu sagen
was Du zu sagen hast. Ja, Herr Eduard, es war
so! sie hatten dem Vater nur noch keinen Vormund bestellt von Gerichtswegen bis Heinrich kam, wenn es
auch manchmal noch so nöthig gewesen wäre. Und es
war auch noch nicht so nöthig; denn am nächsten
Morgen begriff er ganz gut, um was es sich für ihn
und für mich handelte, und jetzt kam es erst heraus,
wie sehr die Vorsehung ihre Hand im Spiel gehabt
hatte als sie Heinrich mit dem unglücklichen Bauern
von der rothen Schanze bekannt machte.“

„Der Blindeste konnte die Sterne sehen, die
hier geleuchtet hatten. Erst mit Dreck schmeißen und
dann einander in die Arme. Und was die Befähigung, eine Landwirtschaft zu führen, anbetrifft,
na, Eduard, so weißt Du ja auch wohl ein wenig
aus Deinem afrikanischen Bauernleben wie sich das
macht. Dir kam die Geschicklichkeit aus der innersten
lebendigen Natur, mir flog sie unter der Hecke an
und auf Tinchens Birnenbaum und in der Speisekammer der rothen Schanze. Ich hatte Tinchen Mist
aufladen sehen, und — was thut die Liebe nicht? —
ich nahm ihr die Gabel aus der Hand und probirte
die Kunst ächzend ebenfalls. Der Mensch ist doch
nicht allein auf Messer und Gabel angewiesen in
dieser Welt, und eine Serviette bekommt er auch nicht
umgebunden bei jedem Lebensgericht so ihm auf den
Tisch gesetzt wird. Braucht sie auch nicht. Aber das
Kind, das gnädige Fräulein, das Burgfräulein von
Quakatzenburg schickte ich doch lieber wieder mit
wiedergewaschenen Händen in die Küche. Reinlichkeit ist doch eine Tugend, Eduard! Man schätzt sie
an der Hottentottin und man nimmt sie als etwas
Selbstverständliches an seiner europäischen Geliebten.
O Gott, wie dankbar war mir dies kätzlich reinliche,
gute alte junge Mädchen da, als ich ihr die Möglichkeit
bot, unterzutauchen wie Schundkönigs Tochter und
aufzutauchen wie Prinzeß Schwanhilde. Sag es
selber: ist es nicht so, Lichtalfe, o Du Herrin meines
Lebens?“

„Er erzählt das wie er es weder vor Gott und
den Menschen und selber kaum vor seinem besten
Freunde verantworten kann; aber es ist so — es
war so!“ rief Frau Valentine zwischen Lachen und
Weinen. Und wie ihr ging es mir beinahe auch,
was das Lachen und das Weinen anbetraf. Zu einer
Äußerung darüber aber kam ich nicht; denn natürlich
grinste Stopfkuchen:

„Was für mich die Hauptsache bei der Geschichte
war, war das Vergnügen, das ich mir in den Gefühlen, durch die Gefühle der Gegend und der Umgegend bereitete. Nur so lange der Schnee hoch lag,
und er thürmte sich in den Tagen nach meiner Ankunft auf Quakatzenburg sehr hoch, hatte ich das
Tinchen, den Papa und das Ingesinde ganz allein
für mich. Kein Gott hatte sich je in einer dichtern,
weißen Wolke dem Nachstarren der Menschheit so
entzogen als wie ich. Die Welt hatte fürs Erste
Thauwetter abzuwarten, ehe sie mich wiederbekam.
Nachher aber hatte sie mich als die merkwürdigste
Thatsache seit dem deutsch-französischen Kriege; und
wochenlang war der historische Vorgang in der
Spiegelgallerie zu Versailles garnichts gegen das
geschichtliche Faktum: ‚der dicke Schaumann ist Großknecht auf der rothen Schanze geworden! Wer will,
kann hinausgehen und ihn im Februarschmadder
Klüten treten sehen und Quakatzens Hofgesinde zusammenreißen hören!‘ — Und sie gingen hin und
kamen und sahen sich fürs Erste vorsichtig von Weitem
über den Graben des Prinzen Xaver das Phänomen,
das Portentum an. Nach Tinchen hatte beim Mistauf- und abladen natürlich Niemand geguckt; aber
nach mir schauten sie aus, und wenn ich jemals
einen Spaß in der Welt gehabt habe, so war's damals, wo ich zum erstenmal nicht bloß Geschmack
sondern auch Geschick entwickelte.“

„Herr Eduard, er erzählt greulig; aber es ist
wirklich, wirklich so gewesen, wie er's auf seine alberne
Weise vorbringt!“ rief die Frau hier wieder drein.
„Er ist unser erster und letzter Knecht geworden, als
ob er's von Ewigkeit an gewesen wäre; als ob ihn
nie mein seliger Vater hingeschickt hätte, um sein lateinisches Wörterbuch zu holen. Es ist ihm von der
Hand gegangen, als ob er von Jugend auf dabei
gewesen wäre als Ökonom, als Landwirth, als Bauer
auf der rothen Schanze. O guter Gott, wie habe ich
damals geschluchzt oder meine Thränen verbissen, wie
habe ich geweint vor Jammer und Frohlocken! natürlich nur vom Küchenfenster aus, wo er nichts davon merken konnte. Es war ja zu unnatürlich!“

„Natürlich war es zu unnatürlich; nämlich daß
Jakob um Rahel sieben Jahre lang dienete,“ grinste
Stopfkuchen. „Etwas kürzer machten wir doch die
Sache ab. Ich nahm sie, und sie nahm mich bedeutend früher; und jetzt ganz kurz, o Du mein
Jugendfreund: es war jammerschade, daß Du nicht
mit bei der Hochzeit warst; denn da würdest Du mich
zum erstenmal nach Verdienst gewürdigt haben.
Und wenn Du an dem Tage gerufen hättest: ‚O,
dieser Stopfkuchen!‘ so würdest Du zum erstenmal
vollkommen Recht mit dem Worte gehabt haben,
sowohl was die Braut wie was das Festmahl anbetraf. Die reine Hochzeit des Camacho, nur daß
ich auch die Maid für mich selber behielt! Du weißt,
Eduard, daß ich, unter meiner Hecke, allerlei durcheinander zusammenlas. Aber Du erfährst vielleicht
erst heute, daß es in der ganzen Weltpoesie nur eine
Schilderung gibt, welche mich selber poetisch stimmt,
stimmte und stimmen wird: die Hochzeit des Camacho!
O welch einen Hunger muß der Sennor Miguel bei
der Ausmalung der Vorbereitungen zu der wunderbaren schmalzreichen, bratenfettglänzenden, zuckeriginkrustirenden Abfütterung gehabt haben! seinen südländischen, mäßigen, nach Ziegenfellschläuchen duftenden
Durst selbstverständlich gar nicht mitgerechnet. Unter
der Hecke noch hatte ich mir schon als Junge fest
vorgenommen, nur bei ähnlichen, oder vielmehr nur
bei gleichen Kesseln, Pfannen, Töpfen und Bratenwendern auch einmal ein Mädchen glücklich zu machen!
Jetzt war ich so weit und konnte die Gegend einladen,
mir über die Hecke bei dem Vergnügen zuzusehen.
Tinchens Meinung war das so; aber nicht die meinige, und das bräutliche Kind gab nach, wenn auch
seufzend: ‚Aber es hat ja Keiner das um uns verdient!‘ — ‚Grade deshalb,‘ sprach ich, ‚einen Spaß
will doch der Mensch an seinem ernsten Hochzeitstage
haben, also laß mir dies Vergnügen. Und dann sollst
Du mal sehen: der Scherz lohnt sich zugleich und hat
Folgen.‘ — ‚Du meinst, sie vergeben uns nachher das
Leid, das sie uns angethan haben, und die rothe
Schanze darf sich wieder sehen lassen unter den
Leuten?‘ — Auf diese lächerliche Frage antwortete
ich gar nicht; sie war zu entschuldigen, aber zeugte
doch von allzuwenig Menschenkenntniß. Ich wusch,
wie Euer Ketschwayo sich ausgedrückt haben würde,
Eduard, meine Speere in den Eingeweiden der umwohnenden feindlichen Stämme: frei Futter wurde
für den Tag ausgerufen, so weit das Gerücht von
Kienbaum und Kienbaums Mörder gereicht hatte,
und ich habe sie Alle, oder doch beinahe Alle, auf
Quakatzens Hofe gehabt an dem menschenfreundlichsten Tage meines Lebens. Sie haben uns Alle,
bis auf Wenige, welche ich für magenkrank hielt, die
Ehre gegeben: der Fleischtopf rief, und Alle, Alle
kamen, und ich stand am Thor und empfing sie,
begrüßte sie und lud sie ein, noch näher zu treten:
mit allen Kulturerrungenschaften der Jahrtausende im
Busen. Ich bin fest überzeugt, ich habe der Welt
nie so dick und zwar so dick-deutsch-gemüthlich ausgesehen, wie an jenem sonnigen Sommermorgen. Die
Hunde hatte ich eingesperrt, doch davon später!“

„Ich kann dies nicht mehr anhören!“ rief Frau
Valentine. „Ich kann es wirklich nicht, Herr Eduard.
O, und Dein alter, guter Vater, Heinrich?!“

„Jawohl, der kam auch, zum erstenmal in seinem
Leben über den Graben des Prinzen Xaverius, und
zwar in seinem Hochzeitsfrack, und bedauerte an diesem
festlichen Tage zum erstenmal in seinem Leben es nicht
mehr, mich in die Welt gesetzt zu haben. Hätte ich
Dich denn genommen, Wurm, wenn ich nicht genau
gewußt hätte, wie niedlich und töchterlich, schwiegertöchterlich Du Dich gegen den braven alten Hämorrhoidarier benehmen würdest? Wie er sich mir zu liebe
nachher sogar auf die Paläontologie geworfen hat,
habe ich Dir ja wohl schon erzählt, Eduard? Die
Hauptsache übrigens an jenem Tage, Tinchen, war
nicht mein Vater, sondern Deiner.“

„O Gott, ja, ja, ja!“

„Wir hatten ihn nämlich ausnehmend wohl
unter uns, Eduard. Auch Doktor Oberwasser, Du
kennst ihn ja als Langdarm, wie ihr ihn zu unserer
Zeit im Gegensatz zu mir nanntet, und hast ihn vielleicht im Brummersumm eben so feist jetzt als wie mich
wiedergefunden — also auch Doktor Oberwasser war
mit herausgekommen und gab uns die Versicherung:
‚Unter guter Pflege, bei freundlichem Eingehen auf
seine Schrullen und bei möglichster Vermeidung alles
Widerspruchs kann euch der alte Sünder noch lange
auf dem Halse liegen.‘ — Nun, wir haben ihn gottlob noch eine geraume Zeit bei uns behalten, und
an jenem festlichen Tage als leuchtend psychologisch
Exempel des Wandels des Menschen unter Menschen.
Was war mir Freund Oberwasser? Ich rieb mir verstohlen die Hände, ob meiner eigenen psychiatrischen Behandlung des Vaters Quakatz! Der nahm, weiß Gott,
ganz selbstverständlich, den Honorationenzusammenlauf
auf der rothen Schanze, der fröhlich meinetwegen stattfand, für eine Ehre und Ehrenerklärung, die ihm angethan wurde. Und das brauchte mir Freund Langdarm
wahrlich nicht noch anzuempfehlen, und dem Tinchen
auch nicht, daß wir ihn bei seiner Höflichkeit, seinen
Komplimenten und seiner innerlichen Genugthuung
ließen. Übrigens saß er dann doch auch wieder in
seinem Ehrenstuhl wie ein echter Roi des gueux;
denn das hatte ich mir auch nicht nehmen lassen, ich
hatte ihm auch Die eingeladen, welche ihn niemals
aufgegeben hatten. Ein ausnehmend reichhaltiges
Lumpenkontingent von unter den Hecken und Landstraßen weg war nicht von dem Wall und Graben
seiner kursächsischen und königlich polnischen Hoheit
zurückgewiesen worden. Die Fahne mit dem Salve
hospes wehte für Alle, und alle Hunde lagen, wenn
nicht an der Kette, so doch im fest umfriedeten Hofraum, für heute und von nun an für immer ihrer
Wacht auf der rothen Schanze entledigt. Wenn aber
wer vor den gefülltesten Freßnäpfen und umgeben
von Bergen abgenagter Knochen mit Hochzeit feierte,
so war sie es, die alte, treue, gute Wachtmannschaft
der alten rothen Schanze und meiner jungen Frau!
Ich stahl mich gleich nach dem Tusch oder Trinkspruch aufs Brautpaar, aus dem Kreise der Freunde
und Bekannten fort und ging mal zu ihnen hinein
in ihren abgeschlossenen Bezirk hinter dem Hühnerhofe. Sie lächelten mich sämmtlich an, das heißt,
sie wedelten sämmtlich mit den Schwänzen bis auf
den Braven, der es nicht konnte, weil ihm ein Maiholzener Halunke den wohlwollenden Appendix dicht
an der Wurzel abgehackt hatte. Der aber rieb zärtlich winselnd seine Nase an meinem Bein und gestand mir so zu: ‚Na ja, Du weißt es wirklich, was
das Beste für uns hier auf der rothen Schanze ist!‘
— ‚Nach meinem Mädchen habt ihr das wohl zuerst
herausgeschnüffelt?‘ fragte ich dagegen, dem alten
Veteranen die Hand aufs Haupt legend. Ich meine,
Eduard, wir hatten Beide recht: der Eine mit seiner
Bemerkung, der Andere mit seiner Frage.“

„Ich sage garnichts mehr!“ sagte Frau Valentine Schaumann.

„Und da hast wieder Du Recht,“ seufzte Heinrich,
trotz der Abendkühle sich immer doch noch mit dem
Taschentuch über die Stirn fahrend. „Aber wenn
Du doch noch etwas sagen willst, so komm jetzt damit
heraus und nicht wenn Eduard wieder weg ist, sowohl heute Abend wie später auf seinem weitern Wege
nach Afrika. Nun? Sprich aus!“

„Nein!“ sagte Frau Valentine, mit dem Taschentuch sich an die Augen fahrend.

„Schön. Es wird Eduarden aber auch wohl so
am liebsten sein; denn was soll dieser Weltwanderer
und Abenteurer auf seiner demnächstigen Fahrt über
das große Weltmeer eigentlich von uns denken, wenn
das mit unsern Lebensabenteuern und unserer Erzählungsweise noch lange auf diese Weise weitergeht?“

Etwas Besonderes ist auf dem Schiffe nicht vorgefallen und scheint auch nicht passiren zu sollen.
Wir haben Sankt Helena angelaufen. Aber ich war
schon einmal in Longwood und habe mir nicht zum
zweitenmal die Mühe gegeben, die entsetzlichen Treppen
zu steigen, um die abgebleichten, zerfetzten Tapeten zu
sehen, auf welchen das Auge von den Pyramiden,
von Austerlitz, Jena, Leipzig und Waterloo in
seinen letzten Lebensfieber-Tagen und -Nächten das
Muster gezählt hatte. Ich gehe an Deck, wo der
Kapitän den Kindern auf seinem Schiffe, natürlich
aus der ersten Kajüte, den Kindern zu liebe, noch
einmal einen Haifisch hat fangen lassen, aus dessen
Bauche sich aber gottlob diesmal nichts dem Menschen
allzu Greuliges entwickelt. Das Vieh hat naturgeschichtlich-ausnahmsweise keinen Menschen gefressen,
hat kein halb verdautes Matrosenbein, oder keine,
noch auf ein Brett gebundene Kindesleiche in sich.
Es hat nur gegessen, was ihm sonst aus der Naturgeschichte als zu seiner Nahrung gehörig geboten
wurde, und ich gehe bei ruhigstem Wogengang wieder
hinunter in den Rauchsalon und lasse Stopfkuchen
weiter erzählen.

Er that's; denn die Unterbrechung an dieser
Stelle meines Logbuchs kam nicht auf seine Kappe.
Er berichtete:

„Am Morgen nach der Hochzeit traf natürlich
nur das ein, was ich schon längst im voraus gewußt
hatte. Ich lag auf der rothen Schanze, wenn auch
nicht an der Kette, so doch im beschlossenen Bezirk.
Und daß der gefüllte Freßnapf dazu gehörte, war
für sämmtliche Festgäste des vergangenen schönen Tages
im mehr oder weniger behaglichen Nach-Verdauungsgefühl Glaubensartikel Numero Eins im antheilnehmenden Hinblick auf mein ferneres Lebensglück.
Ja, ich hatte es nun, was ich hatte haben wollen.
Ich saß mitten drin in meinem Ideal, und ich war
mit meinem Ideal allein auf der rothen Schanze.
Am Lendemain stand ich mit meiner jungen Rosigen
auf dem Wall, der unser junges Glück umschloß und
sah auf Dorf und Stadt hinunter und in die schöne
Natur hinaus und ließ mich recht unnöthigerweise auf
eine Verständigung ein. ‚Kind,‘ sagte ich, ‚daß wir
jetzt ins Weite gehen, geht nicht. Dazu habe ich
mir doch nicht so große Mühe um Dich gegeben.
Wir haben annähernd den Papa wieder unter uns
Menschen. Es war zwar nicht hübsch anzusehen, wie
die Verbindung sich wiederherstellte; aber was hilft
es? es muß doch unsere Sorge sein, daß sich der
Zusammenhang nicht wieder löse. Also — pflegen
wir den Vater weiter, wie ich angefangen habe!
Solltest Du später einmal Berlin, Petersburg, Paris,
London, Rom und dergleichen doch zu sehen wünschen,
so watschele ich natürlich mit, oder hinter Dir drein.
Aber Eile hat es damit nicht. Augenblicklich haben
wir noch ganz andere Dinge und Herrlichkeiten vor
der Hand.‘ Das hatten wir in der That. Die rothe
Schanze zu erobern, war verhältnißmäßig recht leicht
gegen die Aufgabe, sie zu erhalten und sich in ihr,
und das letztere noch dazu mit Sack und Pack, mit
Weib und Schwiegervater. Tinchen, es ist mein
bester Freund, dem ich hiervon jetzt erzähle, und er
kann Alles hören.“

„Mich hast Du freilich schon lange gewöhnt,
Alles von Dir zu hören,“ seufzte Frau Valentine
Schaumann.

„Meinst Du?“ fragte ihr Mann. „Heute Abend
noch hoffe ich Dir das Gegentheil zu beweisen. Wenn
es irgend möglich ist, lasse ich Dir morgen von
Andern zutragen, was ich Dir heute Abend noch
sagen könnte.“

„O Gott, doch nicht in Sachen Kienbaums?“

„Ich war unbedingt der schwerwiegendste lateinische Bauer, den die Göttin der Geschichte der Landwirthschaft je auf ihre Wagschaale gelegt hat, Eduard.
Ich bestellte den Acker, von dem ich aß, aber ich sah
auch die dazu gehörigen schriftlichen Dokumente und
sonstigen Papiere im Schreibschranke meines armen
närrischen Schwiegervaters nach. Ich bestellte auch das
Vermögen, welches er in Schuldverschreibungen, also
nicht bloß in rund um die rothe Schanze liegenden,
nicht nur in paläontologischer Hinsicht fruchtreichen
Gründen besaß. Des Volkes Stimme erklärte mich
darob für den Schlauesten aber auch Gewissenslosesten
aus seiner Mitte. Es hat so was, wie Du weißt,
lieber Freund, von Zeit zu Zeit nöthig, um sich selber
vor sich selbst eine ethische Haltung zu geben. Du
lieber Himmel, wie waren sie mit dem Andres Quakatz,
mit Kienbaums Mörder, trotzdem, daß sie garnichts
von ihm wissen wollten, in Geldangelegenheiten intim
umgegangen! Was Alles hatte sich vertraulich, Zutrauen gegen Zutrauen setzend, an ihn gemacht mit
schlechten und guten Aktien, mit Pfandscheinen, Hypotheken, Bürgschaften und was sonst im wechselnden
Verkehrsleben vorkommt. Bei drei Feuerversicherungsagenten hatte der alte Herr die rothe Schanze versichert, weil sie ihm versichert hatten, daß sie fest
überzeugt seien, er habe Kienbaum nicht todtgeschlagen.
Ich gebe Dir da einen Faden in die Hand, an dem Du
Dich, so weit es Dir beliebt, in das dunkle Labyrinth,
in das ich den Tag einzulassen hatte, zurücktasten
magst. Mir erlaß eine weitere Ausführlichkeit. Kurz
und gut, der Fluch Adams, soweit er den Acker, das
Graben, Hacken, Pflügen, die Kartoffel-, Heu- und
Getreideernte angeht, war eine Erholung gegen das
nächtliche Graben, Pflügen und Roden am Schreibtische. Uh je, Eduard, hätte ich da nicht das Tinchen,
das Kind mit seinem Strickzeuge, seiner Welterfahrung,
seinen, am Abend öfters recht altklugen, aber am
andern Morgen manchmal zum Erstaunen schlauen
Zuflüsterungen bei mir gehabt! und die beiden arbeitsharten Bauernpfötchen, wenn sie mir meine zwei weichen
Bildungsmenschenhände von den fiebernden Schläfen
sanft herniederzog: ‚O Heinrich, Du thust es ja mir
zu liebe, und, sieh nun mal zu, den fehlenden
Rest von Kleynkauers Schuld findest Du vielleicht
noch auf seinen Schwiegersohn, der den Ausspann
drunten in der Stadt hat, und auf seine zugekaufte
Wiese hinter seinem Hause, ins Schuldbuch eingetragen!‘ — Eduard, auch Du hast es im Kaffernlande zu einem Vermögen gebracht: bitte, überhebe
Dich nicht Deiner Anstrengungen dabei! Sieh, da
fängt das Kind zu guterletzt auch noch an zu weinen,
weil sie es mir überlassen muß, Dir zum Schluß
mitzutheilen, daß es uns — ihr und mir — gelungen
ist, dem Vater ein bißchen von seinem Recht an der
Lebenssonne in den Belagerungsaufwurf des Comte de
Lusace, den Ofenwinkel hinein und auf das wirre
Haupt und über die geschwollenen Kniee und die
tauben Füße leuchten zu lassen.“

„Ja, ja, ja, Herr Eduard!“ schluchzte die Erbtochter der rothen Schanze, Quakatzens Tochter; doch
Heinrich Schaumann schien weniger denn je in diesem
Logbuch des Lebens Sinn zu haben für solche Rührung.
Er zog bloß die Augenbrauen etwas tiefer herunter
und murrte (zum erstenmal in seiner Erzählung
machte sich hier so etwas wie ein leises Knurren
geltend) und murrte: „Ja, ja, ja! da sie mich zu
grüßen hatten, so grüßten sie auch ihn wieder, und
der Mensch ist so, Eduard! es machte dem greisen
Sünder wirklich Spaß, es machte ihm das höchste
Vergnügen, noch einmal seine Zipfelkappe vor der
albernen Welt freundlich zum Gegengruß lupfen zu
dürfen. Er ist hinübergegangen in der vollen Überzeugung, unter der Menschheit in integrum restituirt
worden zu sein. Was für eine Ehrenerklärung ihm
drüben, droben, vom aller- allerhöchsten Thron und
Gerichtssitz zu theil geworden ist, kann ich leider nicht
sagen. Und nun — nun, Tinchen, altes, tapferes
Herz, und Du, Eduard, fernster, das heißt entferntest
wohnender Freund meiner Jugend, nun werde auch
ich ihm sein letztes Recht zu theil werden lassen. Wer
weiß, ob der höchste und letzte Richter mich nicht
bloß deshalb so fett und so gelassen in die hiesige
Gegend abgesetzt hat? Was die Gelassenheit anbetrifft, soll er wirklich den Richtigen an mir gefunden
haben. Also, wenn Du nichts dagegen hast, begleite
ich Dich nachher ein Stück Weges auf Deiner Rückfahrt nach Afrika.“

„Heinrich?!“ rief die Frau, beide Hände zusammenschlagend.

„Frau Valentine Schaumann?!“ mimte der
Gatte ihr den Ton alleräußerster Verwunderung nach.

„Herr Eduard,“ rief die Frau, „er hat mir Rom,
Neapel, Berlin und Paris und dergleichen nicht gezeigt, und ich hatte auch nie ein Bedürfniß danach;
aber er hat selber auch nie ein Bedürfniß danach
gehabt! Er hat seit unserer Verheirathung keine
sechsmal den Fuß über unser Besitzthum und seine
Knochensucherei in der nächsten Nähe hinausgesetzt.
In die Stadt geht er nur, wenn ihm eine Behörde
dreimal ein Mandat geschickt hat und zuletzt mit Gefängniß droht! Er macht mich schwindlig mit so
einem Wort, wie er eben gesprochen hat!“

„So sind die Weiber!“ seufzte Stopfkuchen. „In
Paris, Berlin und Rom hatten wir eben nicht das
Mindeste zu suchen; aber in der Stadt dort unten haben
wir heute Abend ausnahmsweise noch ein Geschäft.
Wir, Frau Valentine Schaumann, geborene Quakatz!
Solltest Dich doch auch heute Abend noch einmal
darauf verlassen, daß ich weiß, was für unsere Gemüthlichkeit das Zweckmäßigste ist?“

„O Heinrich, das weiß ich ja!“ rief die Frau,
zitternd den Arm ihres Mannes fassend und ihm
ängstlich in die Augen sehend. „Aber das ist heute
Abend doch ganz was Anderes als wie sonst! Du
erzählst freilich den ganzen Tag durch nach Deiner
gewöhnlichen Art das Schlimmste und das Beste,
das Herzbrechendste und das Dummste wie als wenn
man einen alten Strumpf aufriwwelt; aber jetzt
solltest Du damit aufhören und Rücksicht auf mich
nehmen: gerade wenn Du mich auch zu allen übrigen
Frauen auf Erden rechnest. Es ist mein Vater, von
dem Du so erzählst! es ist meine kümmerliche Kinderangst und Jugendnoth, von der Du so sprichst!
Und — Herr Eduard, er stellt sich ja auch nur deshalb so albern, weil er es wieder nicht an die große
Glocke hängen will, was er eigentlich Gutes an uns
gethan hat! Nun sieh mir in die Augen, bester
Heinrich, bester Mann, und habe noch einmal Mitleid
mit mir! Es ist des Vaters letzter vollständiger
Rechtfertigung wegen, weshalb Du jetzt mit Deinem
Freunde in die Stadt willst; und — und Du willst
mich nicht dabei haben! O Mann, Mann, ich gehöre aber doch dazu, und Du mußt mich dabei sein
lassen. Nicht wahr, Du nimmst mich mit Dir in
die Stadt?“

„Nehme ich Dich mit in die Stadt?“ murmelte
der jetzige unbestrittene Herr auf der rothen Schanze,
trotz aller rührenden Bitten seinem Weibe nicht in
die Augen schauend, sondern, nachdenklich und zweifelnd,
nur nach oben sehend. Erst nach einer geraumen
Weile sagte er: „Wie Du willst, mein Kind. Hm,
hm, wenn Deine Küche — wenn Du nicht meinst,
daß Du in Deiner Küche — Eduard bleibt doch auch
wohl zum Abendessen —“

„Mensch, Mensch,“ rief aber jetzt ich, „Unmensch,
ich bin satt! Jetzt hörst Du endlich hiermit auf,
und quälst mir Deine Frau in diesem Augenblick
nicht länger! Was hast Du ihr? was hast Du uns
zu sagen? Kannst Du es denn wirklich nicht hier
auf Deiner Verschanzung, in dieser Stille, bei diesem
Abendschein über unserer Erde mittheilen?“

„Du wünschest lieber hier im Freien mit dem
Graun zu Nacht zu speisen und Dich zu sättigen mit
Entsetzen, Eduard? Hm, hm, hm —“

Und jetzt nahm er zärtlich sein Weib in seine
Arme und küßte es und streichelte ihm die Wangen
und fuhr ihm kosend, beruhigend über das Haar:

„Mein Herz, mein Kind, mein Trost und Segen,
es ist so ein alberner, alter, abgestunkener Unrath, den
ich aufzuwühlen habe, weil es am Ende wohl nicht
anders geht. Wie gern hielte ich den letzten, öden,
faden Geruch, der davon aufsteigen wird, ganz fern
von unserer Verschanzung, wie Eduard eben die Sache
mit dem ganz richtigen Namen genannt hat! Das
kann ich nicht; aber — ich kann Dir davon erzählen
in dieser Nacht, so nach Mitternacht, wenn wir Beide
die Nachtmützen übergezogen haben, — ich kann Dir
dann auch besser, wenn alles still ist, über Quakatzenburg — oben die Sterne und unten die Gräber,
sagt der alte Goethe — die dazu gehörigen Bemerkungen machen —“

„Ich bleibe zu Hause und warte wieder auf Dich,
Heinrich,“ sagte die Frau. Sie weinte, sie war in
großer Aufregung, und ihr Dicker war unerträglich
für jeden Andern, in seiner Art, sich zu geben und
Andere dran theilnehmen zu lassen; aber sie war nicht
bloß eine gute, sondern sie war auch eine glückliche
Frau.

„Siehst Du, das war wirklich im Grunde meine
Meinung, Tinchen! Da — hier dieser gute Freund,
dieser Eduard, reist morgen — übermorgen, oder in
drei Wochen ab und zwar zu Schiffe. Er geht, wie
man das im hohen Ton nennt: aufs hohe Meer.
Dort weht gewöhnlich ein frischer Wind, und der
Mann sieht auch unterwegs nur lauter andere Gesichter, nicht wie wir hier immer dieselbigen. Dem
glücklichen Kerl will ich frisch diesen Duft der Heimath
von der Lagerstelle aus mit auf die Reise geben,
und dann ist er gewissermaßen auch sogar dazu berechtigt. Er steckt persönlich viel tiefer mit drin, als
er es sich jetzt noch vermuthet. Ja, ja, guck nur,
mein Junge! mach' mir nur große Augen! Also,
Du willst wirklich nicht mit uns zu Abend essen?
Na, dann unterhalte Du jetzt meine Frau so lange,
bis ich die nöthige Toilette gemacht habe.“

Er erhob sich schwerstöhnend von der Bank auf
dem Walle des Prinzen Xaverius, griff, die erloschene
Pfeife in der Linken, mit der Rechten zärtlich seinem
Weibe unters Kinn und sagte:

„Ja, bleib Du lieber hier Oben in der guten,
lieben Luft unserer Schanze, Herz. Es ist ein zu
angenehmer Abend und zu hübsch still, nur noch mit
den späten Lerchen in der Luft! Diesem Weltwanderer
wird der Seewind und vielleicht so 'n kleiner Schiffbruch mit interessanter Rettung und dergleichen den
fatalen Geruch von da unten wieder aus der Nase
fegen. Und dann sehe ich ihn leider vielleicht in
meinem ganzen Leben, nach seiner Abreise natürlich,
nicht wieder und habe ihm also auch nicht Beruhigung,
Seelenruhe zuzusprechen und Gespenstergesindel aus
der Phantasie weg zu kehren. Aber mit Dir — zwischen
uns, mein armes Herz, ist das eben eine andere
Sache. Dich habe ich nun einmal bei gutem und
bei schlechtem Wetter, bei Zahn- und Leibweh und
allen übrigen Lebensnöthen und Gebresten auf dem
Halse, und zugleich die Pflicht, doch auch mich in
jeglichem Verdruß und Elend, bei jedwedem Gespenstersehen aufrecht zu erhalten. Was willst Du jetzt
persönlich Dein altes Näschen in den Olimsblutundverwesungsquark hinein stecken? Siehst Du, ich bringe
nur Eduard ein Stück Weges auf den Weg und
nachher — nach Mitternacht; — na, wie gesagt,
Eduard, jetzt unterhalte Du meine Frau ein bißchen:
ich bin sofort wieder bei euch.“

Er wackelte schwerfällig dem Hause zu, und sein
Weib und ich sahen ihm von der Bank aus über die
Schultern nach, sahen ihn unterwegs noch einmal
anhalten, um seinen Kater zu streicheln und sahen
ihn in der Thür mit der Überschrift: Gehe heraus
aus dem Kasten! verschwinden. Dann erst griff die
Frau wieder nach ihrem Taschentuch und rief:

„Was sagen Sie nun zu ihm? Hier sitze ich
nun in der lieben Abendsonne so still und gut, wie
er sagt. O ja! und Sie, lieber Herr Freund, sehen
es mir auch nicht zu sehr an, wie sehr diese heutige
Nachricht mich innerlich aufregt! Ein Anderer als
wie Sie, der selber soviel durchgemacht hat, würde
auch ganz gewiß meinen: dies ist denn doch eigentlich
zu arg! und er hätte ganz gewiß nicht Unrecht. Aber
so ist er nun, — meinen Heinrich meine ich. Er
erfährt das Wichtigste und Schrecklichste, was Herz
und Seele bewegen kann und läßt dabei seine Pfeife
nicht ausgehen. Sagt keinen Laut bis es ihm paßt!
Und ich — ich, meines armen Vaters Tochter, ich
habe so eine unruhvolle, schlimme Kinderzeit, mit
Steinwerfen, Fingernägelkratzen gegen Jedermann
durchlebt, daß ich mich gern und willig nun in
meinen jetzigen Jahren in Alles füge und bei seinem
Besserverstehen nach nichts frage, sondern auch meine
Ruhe behalte, obgleich das eigentlich leider Gottes
garnicht in meiner Natur liegt. Ich weiß es ja
wohl, daß wir jetzt, Gott sei Dank, hier auf der
Schanze so still für uns hinleben, daß wir für Alles
Zeit haben. Daß wir für Alles die Zeit abwarten
können, wo wir uns Alles sagen, am Mittage oder
um Mitternacht: das Schlimmste und das Beste. Ich
kenne auch gottlob, jede Fiber in seiner Seele und
daß er kein Geheimniß vor mir hat; denn sonst
würden wir ja auch nicht so leben, wie wir leben:
aber was zu arg ist, ist zu arg! und eine Tochter
bleibt doch immer eine Tochter, und eine Frau eine
Frau, ja und, Herr Eduard, und ein Frauenzimmer
ein Frauenzimmer: er kennt Kienbaums Mörder, er
kann ihn vielleicht heute schon aufs Schaffot bringen,
und er hat des Bauern Quakatz Tochter von der
rothen Schanze zum Weibe und nimmt die Sache so,
als stecke er den Kopf aus dem Fenster und sage:
‚Schwül genug war's den Tag über, vielleicht giebt
es doch ein kleines Gewitter!‘ . . . . Ich bitte Sie,
bester Herr, was sagen Sie hierzu?“

„Daß ihr Zwei das glücklichste Ehepaar seid,
das sich je zu einander gefunden und in einander
hinein gelebt hat! Und daß Stopf — mein Freund
Heinrich vollkommen Recht hatte, wenn er unter seiner
Hecke liegen blieb und hinter uns anderen jungen
Narren höchstens dreingrinste, wenn er uns unsere
Wege laufen ließ, oder wie wir damals meinten,
laufen lassen mußte.“

„O, Herr Eduard, nennen Sie meinen Mann
dreist auch vor meinen Ohren Stopfkuchen! den
Namen verdient er ebenfalls mit vollem Rechte,“
lächelte trotz ihrer Aufregung und durch ihre Thränen
Frau Valentine. „Das heißt,“ fuhr sie dann aber
doch zärtlich allem Mißverständnis vorbeugend fort,
„daß er das Leben und sein Gutes hastig und gierig
in sich hineinstopfe, kann man wirklich auch nicht
sagen. O nein, wie er sich die gehörige Zeit beim
Essen nimmt, so thut er's auch in allen anderen
Angelegenheiten und Dingen. Wir erfahren's ja eben
gerade zu jetziger Stunde im allerhöchsten Maaße!
Aber es ist nun einmal so, und daß ihn der liebe
Gott so zu meinem Besten erschaffen hat, davon bin
ich nicht bloß im Großen und Ganzen fest überzeugt.
Ich hoffe es in meinen stillen liebsten Stunden gleichfalls, daß ich auch meinerseits so von der Vorsehung
wie ich bin für ihn gemacht bin, und daß es wohl
auch ihm recht einsam und elend in der Welt wäre,
wenn er mich nicht darin gefunden hätte! Aber daß
wir hier auf der rothen Schanze Jedermann draußen
als ein wunderliches, wunderliches Gespann vorkommen müssen, das glaube ich Jedem, der es mir
sagt, auf sein Wort, da ich es mir selber oft genug
selbst sage . . . . . Liebster Himmel, ist er denn schon
mit seinem Anzuge fertig? ohne mich dreißig Mal
dazu gerufen zu haben, selbst wenn er bloß auf seine
versteinerten Knochenexpeditionen gehen will? O Gott
ja, ja, auf welche noch ältere und viel schlimmere
Todtengräberei will er aber auch jetzt gehen?“

Da war er wieder. Halb Pfarrherr, halb Landbebauer, aber ganz der dicke Schaumann! — Er trug
jetzt einen langen, schwarzen Lastingrock, eine aufgeknöpfte Sommerweste, ein loses Halstuch, einen breiträndigen braunen Strohhut und war in seinen hellen
Sommerhosen geblieben. Einen derben Gehstock führte
er auch mit sich und hatte ihn jedenfalls zu seiner
Stütze nöthig. Gegenwärtig aber nahm er ihn unter
den einen Arm und legte den anderen um sein Weib:

„Küsse mich, Andromache, und sieh mir nach
von der Mauer von Ilion; aber ängstige Dich um
Gotteswillen nicht um mich. Den hellumschienten
Achaier von da unten, möchte ich sehen, der es fertig
kriegte, Patroklos Schatten zu Ehren und zur Rache,
den dicken Schaumann um seinen Burgwall herum
in Trab oder Galopp zu bringen. Da hast Du noch
einen Kuß und nun laß mich aus Deinen Armen.
Ich gebe Dir mein Wort darauf, ich komme heil
und möglichst unverschwitzt wieder nach Hause und
bringe Dir auch, wenn nichts Hübsches so doch recht
Beruhigendes mit. Eduard wird dabei sein, wie ich
das Blut bespreche, Kienbaums Manen Genugthuung
verschaffe, und auch meinerseits die Erynnien veranlasse, endlich hübsch die Thür hinter sich zuzumachen
und die rothe Schanze in Ruhe zu lassen.“ —

Ich hatte nun Abschied von der lieben Frau
Valentine zu nehmen, und natürlich zu versprechen,
daß mein erster Besuch nicht der letzte gewesen sein
solle. Der Freund schritt mir über seinen verwachsenen
Dammweg voran, ohne sich um zu blicken; ich aber
that das noch mehrere Male und sah des Bauern
Quakatz Tochter auf der Höhe der Kriegsschanze des
Prinzen Xaver von Sachsen stehen. Eine tiefe Rührung,
doch eine behagliche, überkam mich dabei und aus
vollem Herzen sagte ich:

„Die Gute! Sie hat es wahrhaftig wohl verdient, daß ihr weich gebettet werde. Heinrich, möget
ihr noch lange unter euren grünen Sommerbäumen
und an eurem Winterofen sitzen und der Welt ihren
Lauf lassen.“

„Amen! und nachher in Ein Grab gelegt werden
und ein Menschenalter durch spuken gehen und einer
respektablen Nachbarschaft zum Überdruß werden,“
sagte Stopfkuchen. —

Es begegneten uns bald Leute, die uns erst
verwundert anstarrten, und wenn wir ihnen vorbei
waren, stehen blieben, uns nachblickten und sicherlich
murmelten:

„Jeses, der dicke Schaumann hier draußen?!“

Dieses Aufsehen, das wir machten, nahm zu,
je mehr wir uns der Stadt näherten und bürgerliche,
städtische Gruppen oder Einzelläufer als Abendspaziergänger uns entgegen kamen.

Einige Male wurden wir nun auch angehalten
und die verwunderte Frage: was ihn denn in die
Stadt treibe? wurde dem Freunde in Worten und
persönlichst nahe gelegt.

„Höflichkeitsgeschäfte! Mein Freund Eduard
fährt nach dem Kap der guten Hoffnung nach Hause,
und ich bringe ihn bloß ein bißchen auf den Weg.
Übrigens hat er auch heute Mittag bei mir gegessen.“

Mehr als einmal vernahm ich dann das Wort:

„Ist es die Möglichkeit?“ . . . .

War der Tag schön gewesen, so war der Abend
wundervoll. Tiefer Friede in der Natur, und die
Stadt still und reinlich! Es war immer ein Gemeinwesen gewesen, das auf Reinlichkeit, Ordnung,
grüne Bäume auf den Marktplätzen und in den
breiteren Straßen, auf sprudelnde Brunnen und was
sonst hierzu gehört, viel gehalten hatte. Auch die
Weltgeschichte, das heißt in diesem Falle der Prinz
Xaver von Sachsen mit seinem Bombardement und
nach ihm mehrere große Brände hatten das Ihrige
gethan, die Stadt dem laufenden Tage hübsch und
wohl erhalten zu überliefern, indem sie manch altes
Gerümpel aus dem Wege geräumt hatten. Es war,
alles in allem ein Gemeinwesen, in das man gern
Abends vom Felde und aus dem Walde nach Hause
kam, und in welchem man dreist die Fenster öffnen
durfte, ohne sie sofort wieder schließen zu müssen
mit dem Ächzwort: „Pfui Deibel, stinkt das heute
mal wieder!“ —

„Lecker, was?“ meinte Stopfkuchen, als wir die
zierlichen Anlagen, die sich rund um den Ort zogen,
erreichten. „Es mußte Dich doch recht anheimeln,
Eduard, als Du neulich den Fuß wieder hersetztest?
Der verwöhnteste Kaffer muß hier Bürgermeister,
Magistrat und Stadtverordnete loben! wie?“

„Ja wohl, ja wohl!“

„Hm, hm, und die Kindermädchen mit den süßen
Kleinen auf den Bänken — alle diese lieben Abendlustwandler und Wandlerinnen. Alles so gemüthlich,
so behaglich — so — unschuldig! und nun versetze
Dich mal in meine Stimmung, wie ich hier neben
Dir wandle, mit der Macht und eigentlich auch der
höchsten Verpflichtung, diese Idylle heute abend noch
in den nächsten Band des neuen Pitaval zu bringen!
Jawohl, ja wohl, hier gehe ich neben Dir bis jetzt
bloß als der dicke Schaumann durch den Stadtfrieden
— wenn sie morgen von ihm aus nach der rothen
Schanze hinüber- und hinaufsehen, werden sie nur noch
vom geheimnißschwangern, sühneträchtigen Schaumann reden, und mich den giftgeschwollenen Bauch
blähen sehen: Eduard, Du ahnst es doch nicht ganz,
wie unangenehm mir diese Geschichte mit Kienbaum
ist, und wie fürchterlich es mir gegen die Natur geht,
daß gerade mir die endliche Abwickelung der Sache
aufgeladen worden ist! Mir! mir! und noch dazu
wenn ich mir dabei vorstelle, was für eine Menge
Volks ich im Namen der sogenannten ewigen Gerechtigkeit in das himmlischste Entzücken versetze! Denke
Dich in meine Nächte, wie ich mir die Leute
sämmtlich persönlichst in der Phantasie vor die Seele
halte und bei jedem Einzelnen mich frage: ‚Was?
Dem zum Spaße? Dem zum Vergnügen? Dem
zur Genugthuung?‘ — Du lieber Gott, wenn ich
nicht doch auch in dieser Hinsicht eine gewisse Verpflichtung gegen das Herz — ich meine meine Frau
hätte, Eduard! Eine geborene Quakatz bleibt sie ja
nun einmal; und so geht es Einem hier immer noch
in Europa, wenn man in anrüchige Familien hineinheirathet.“

Wie die Stadtidylle morgen sich zu dem Körperumfange meines Freundes stellen mochte: mir schwoll
er heute schon von Augenblick zu Augenblick mehr
über jeglichen Rahmen hinaus. Und wie seine brave,
gute, nette, niedliche Frau war ich ihm ohne jegliches
Wort und Widerwort verfallen: mußte ihn reden
lassen, ließ ihn reden, und wartete, jedesmal wenn
er mal aufhörte mit innerlichster Spannung, daß er
wieder anfange, sich gehen zu lassen und zu reden. —

Trotz aller Annehmlichkeit der Heimathstadt vermieden wir sie doch fürs erste: Stopfkuchen führte
mich um den „Wall.“ Weshalb, sagte er nicht und
ich fragte auch nicht danach. Ich hielt es wirklich
allmählich für das Beste, mich ruhig in seiner Weise
von ihm führen zu lassen.

Dieser Wall, den einst der Prinz Xaverius von
der rothen Schanze aus beschossen hatte, war jetzt in
allerliebste Spaziergänge umgewandelt worden. Theile
des früheren Stadtgrabens waren auch noch vorhanden
zu hübschen Teichen auseinandergezogen, umkränzt
von Pappeln, Trauerweiden und Lustgebüsch. Es
liefen vom Kern der Stadt Haupt- und Nebenstraßen
auf diese Lustwege hinaus, und eine der Nebenstraßen
führte gleich hinter den Baumreihen und dem Zier-Buschwerk auch zu dem Viertel der „kleinen Leute“. Wir
nannten das zu meiner Zeit: „Matthäi am Letzten“,
und es hieß auch wohl noch so.

Als wir uns der Gegend näherten, fiel es mir
recht aufs Herz, wie gut bekannt ich vor Zeiten daselbst gewesen war, wie gute Freunde ich auch dort
gehabt hatte, und was nun Alles zwischen den Kindertagen und dem heutigen Tage für mich lag.

„Herrgott, und auch Störzer!“ fiel mir ein.
„Auch Der! Und Du wolltest wieder an ihm vorbeigehen?“ Der Gedanke kam mir wirklich zur rechten
Zeit. Was ich nach der Nachricht von Brummersumm
her versäumt hatte, konnte ich ja jetzt noch nachholen
und dem alten, treuen Freunde einen Besuch abstatten.
Er war in seinem Leben und Berufe fünfmal um
die Erde gewesen, ohne von Hause fortgekommen zu
sein: nun konnte ich, den seine Lebensfahrten so
weit von Hause weggeführt hatten, doch noch einmal
im Vorbeigehen bei ihm eintreten, und ihm vielleicht
überm unteren Ende des Sarges die Hand auf die
müden Füße legen.

Ich nahm den Arm meines Führers:

„Heinrich, ich erinnere mich eben! Es sind
kaum hundert Schritte weit. Da liegt sein Haus —“

„Wessen Haus?“

„Ja wohl, Du hast Recht mit der Frage. Der
Mensch kommt nie über den Egoismus weg, Alles
nur in seinen eigenen Gedankenzusammenhang hineinzuziehen. Eben fällt mir ein, daß der alte, selige
Freund, mein alter Landstraßenfreund Fritz Störzer
dort hinter dem Buschwerk liegt. Wenn es Dir nicht
ein zu weiter Umweg ist, Heinrich, so laß uns einen
Augenblick abbiegen. Jetzt möchte ich dem alten zur
Ruhe gelangten Wanderer doch noch einen Besuch
machen. Was Du nachher noch zu sagen hast, weiß
ich ja noch nicht; aber sei Deine Räthsellösung auch
noch so grimmig; ich glaube, ich kann mir ein Stück
beruhigender Antheilnahme jetzt am besten von dorther
holen.“

„Wenn Du meinst? Ei wohl, das ist sein
Schornstein hinter den Baumwipfeln. Der brave
Störzer! Nun, Zeit haben wir zu dem, was Du
meine Räthsellösung nennst nachher immer noch, und
ein großer Umweg zu dem alten, guten Kerl ist's
gerade auch nicht. Ich bin ganz zu Deiner Verfügung.“

So bogen wir ab von dem „Wall“, hatten aber
gerade jetzt noch einem Ehepaar, das mit Töchtern
seinen Abendspazirgang um ihn herum machte,
und den dicken Schaumann auch kannte, Rede zu
stehen auf die verwunderte Frage: „Herrje, wie kommt
denn das, daß man Sie einmal in der Stadt sieht?“

„Es macht sich eben so“, erwiederte Stopfkuchen
gemüthlich. „Ich weiß im Grunde eigentlich auch
selber nicht, wie ich zu dem Vergnügen komme.“

Es war ein Glück, daß unser Weg zur Seite ab in
das am wenigsten respektable Viertel der Stadt führte;
die Herrschaften würden uns sonst wohl gern ein
Stück weit drauf begleitet haben: diese Begegnung
war doch zu interessant! —

Es giebt viele Unmündige in jenem, durchaus
nicht nach dem Muster größerer Städte unfreundlichen, unheimlichen Stadttheile; und sie befanden sich
um diese liebe Abendstunde natürlich alle in den
Gäßchen und Sackgäßchen. Vollkommene Rührung
überkam mich nun, wie ich daran dachte, wie lange
und doch wie kurz es her sei, daß auch ich, unter
den Augen Störzers hier die Rinnsteine abgedämmt
und den Leuten den Weg versperrt habe. Und noch
immer standen die Mütter mit den Kleinsten auf
dem Arm in den Hausthüren, und noch immer roch
es nach Eierkuchen und Ziegenställen, und noch immer
wurde Salat gewaschen. Der symbolische Begleiter
des Evangelisten Matthäus ist ja eigentlich ein recht
schöner Engel; aber im Sankt Matthäusviertel da
war und ist das nicht der Fall. Da ist es das
Schwein, das Haupt- Segens- und Glücksthier des
„kleinen Mannes“, und man hörte es behaglich
grunzen aus einem näheren oder ferneren Stall. Es
roch auch wohl nach ihm; aber — mir sollte einer im
Viertel Matthäi am Letzten mit kölnischem Wasser und
dergleichen kommen! zumal in einer Zeit, wo auch die
türkische Bohne noch blühte — roth! das schönste Roth
der Erde — ein Wunder von Schönheit und Nutzbarkeit, wenn sie sich zwischen den Häusern des kleinen
Mannes über die Zäune hängt oder hinter denselben
an ihren Stangen sich aufrankt. Man muß freilich
eben für dies Alles riechen, sehen und fühlen können,
und wer das nicht kann, der gehe hin und werde
Liebhaber-Photograph. Es ist aber nicht nöthig, daß
er sich selber photographiren lasse, ich habe ihn schon
in meinem Album in Südafrika, und der dicke Schaumann hat ihn auch in dem seinigen auf seiner Schanze
Quakatzenburg. —

Von der abendlichen Stille draußen im freien
Felde habe ich schon geschrieben; aber die friedlichste
Landschaft macht längst nicht den Eindruck der Ruhe
wie so ein Gäßchen am Feierabend bei den „kleinen
Leuten“, wie man sich heute ausdrückt; oder „an
der Mauer“, nämlich an der Stadtmauer, wie man
im Mittelalter sagte. Und ich hatte auch einst hier
hineingehört hinter dem Rücken meiner Eltern und
unter der Protektion meines guten Freundes Fritz
Störzer, und das Herz ging mir auf und zog sich
wieder zusammen unter dem Gefühl: wie sehr das
Alles vergangen sei, und als was für ein Held und
mit was für einem Sack voll Erfahrungen und Errungenschaften auf dem Buckel ich nun hier wieder
ankomme!

Wir bogen jetzt um die Ecke, hinein in das
Sackgäßchen, in dem das Haus, das ich noch so gut
kannte, lag; und auch da fand ich auch heute wieder
das, was ich in meiner Kinderzeit so oft hier mit
schauerlichem aber gar nicht unangenehmen Nerven- und Seelenkitzel mitgenossen hatte: ein Hineingucken
auf einen Hausflur, wo ein Sarg steht.

Alles wie sonst! Nur Alles noch ein wenig
mehr zusammengeschrumpft: der kleine Platz enger,
die Häuser niedriger, die Fenster zusammengedrückter,
die Hausthüren schmaler.

Und sie drängten sich Alle wieder um eine Hausthür; die Kinder und die Frauen mit Kindern auf
dem Arme, die alten Frauen und zwei oder drei
alte Männer, diese alle mit den Abendpfeifen im
Munde: es stand ja wieder einmal ein Sarg auf
einem Hausflur!

Sie drehten alle uns den Rücken zu, und machten
uns verwundert Platz, als wir ihnen über die
Schultern auch mit in die Thür zu sehen wünschten.
Sie verwunderten sich aber noch viel mehr als wir
gar in die Thür traten.

Es schien Niemand zu Hause zu sein als der
alte Störzer, und auch der schlief; lag ruhig in dem
engen schwarzen Gehäuse, welches da auf drei Stühlen
stand, mit den Lichtern, die morgen früh beim ehrenvollen Begängniß angezündet werden sollten, auf
einem vierten Stuhle neben sich. Daß der liebe
Freund, der getreue, müde Wandersmann auch unter
Blumen und Kränzen lag, verstand sich von selber.
Das kostete um diese Jahreszeit im Matthäusviertel
nichts, und die Nachbarschaft that gern das Ihrige
hierin, ihre Theilnahme zu bezeigen.

Es stand noch ein Stuhl auf dem Flur, auf
welchem die Hauskatze saß und ernsthaft auf die alten
und jungen Gesichter sah, die in die Hausthür guckten.

„Puh,“ seufzte Stopfkuchen, „ich habe doch meine
Energie ein wenig überschätzt. Schwül und heiß!“
Er hob den Strohhut von der schweißglänzenden
Stirn und trocknete sich den Kopf mit dem Sacktuch.
„Entschuldige, Eduard,“ sagte er, hob den Stuhl
an der Lehne, ließ das Thier hinuntergleiten und
setzte sich selber: „Einen Augenblick, Eduard, und
ich bin vollständig wieder zu Deiner Verfügung.“

Das oder dergleichen sagte er, während ich stand
und augenblicklich wenigstens nichts zu sagen, sondern
nur recht viel mit dem mehr oder weniger dunkelen
Gefühl, das bei solchen Gelegenheiten die Oberhand
gewinnt, zu thun hatte.

„Fritze Störzer! Der alte Störzer!“ . . . und
ich that, was ich vorhin mir vorgenommen hatte: ich
legte die Hand auf den Sarg, dahin wo die Füße
ruhten, die, wie die Herren im Brummersumm ausgerechnet hatten, fünfmal um die Welt gewesen waren.
Stopfkuchen fächelte sich immer noch mit dem Taschentuch kühlere Luft zu.

Der Mensch aber muß bei solchen Gelegenheiten
irgend etwas sagen.

„Du konntest nichts dafür; aber Du bist eben
unter Deiner Hecke liegen geblieben, Heinrich!“ sagte
ich. „Ich aber bin mit ihm gegangen, gelaufen,
habe mit ihm seinen trefflichen Tröster, den Le Vaillant
studirt! Und wenn mich ein Mensch von seinen
Wegen auf die meinigen hingeschoben und mich nach
Afrika befördert hat, so ist dieser hier, mein alter,
guter Freund, mein ältester Freund Friedrich Störzer
es gewesen. Möge er sanft ruhen!“

„Amen!“ sagte mein Freund Heinrich Schaumann wieder aufstehend. „Jawohl! das kann ich
ihm ja wohl auch wünschen — von unter meiner
Hecke weg! Er gehörte nicht zu den schlimmsten
Lebens- und Weggenossen. Er war ein halber Idiot,
aber er war ein braver, ein guter Kerl. Na, —
dann ruhe auch meinetwegen sanft, grauer Sünder,
Du alter Weltwanderer und Wegschleicher. Nun
laßt endlich aber auch mich aus dem Spiel und
macht die Geschichte drüben unter euch Dreien aus,
ihr Drei: Kienbaum, Störzer und Quakatz!“

Er hatte eine Faust gemacht; aber er legte sie
so leise auf das Kopfende des Sarges, wie ich meine
offene Hand auf das Fußende.

„Was?“ fragte ich zusammenfahrend, und Schaumann sagte:

„Ja.“

Der Kapitän behauptet, daß er so einen Menschen
wie mich (er drückte sich englisch aus und sagte
Gentleman), so lange er fahre, noch nicht auf seinem
Schiffe gehabt habe. Er war eigens meinetwegen
hinuntergekommen, um mich heraufzuholen und auch
mir die Berge von Angra Pequeña auf unserer Leeseite zu zeigen, und ich hatte nur geantwortet:
„Komme gleich,“ und hatte vergessen, zu kommen
und hatte den braven Alten nicht einmal davon benachrichtigt, daß ich diese Berge bereits kenne. — Ich
wollte nach seiner Hand greifen, nicht nach der des
Kapitäns, sondern nach der Stopfkuchens, als er,
Heinrich, mir warnend zunickte und mit dem Daumen
kurz zur Seite deutete. Da sah ich, daß wir Beide
jetzt nicht mehr allein neben dem Sarge standen.

Es war eine Frau, auch mit einem Kinde auf
dem Arme und einem andern an der Schürze, aus
der Stube gekommen und stand verweinten Gesichtes,
verlegen, verwundert und sagte:

„Guten Tag die Herren! das ist doch zu gütig
von Ihnen. Ja, da liegt nun der Vater! so ein
guter Mann für uns! Sie kenne ich wohl, auch
durch Ihre liebe Frau, Herr Schaumann; aber der
andere Herr, der uns hier auch die Ehre schenkt in
unserem Kummer, hat er ihn auch gekannt, unseren
lieben Großvater?“

„Freilich, liebe Frau Störzer. Es ist ja recht,
Sie haben erst nachher hier ins Haus geheirathet:
dieser Herr hat seinerzeit den Schwiegerpapa ganz
gut gekannt, wenn auch nicht so gut wie ich. Das
ist wohl Ihr Kleiner da auf dem Arm — der Enkel?
und hier am Rock die Enkelin?“

„Ja, ja, liebe Herren! und wir Drei sind nun
nur noch allein übrig und wissen heute noch nicht in
unserer Verlassenheit, was aus uns werden soll, da
der Großvater nicht mehr da ist. Wer hätte das so
schnell für möglich halten sollen? Er war noch so
rüstig zu Fuße! Er hätte gut noch manch liebes
Jahr gehen können in seinem Amte! Es war ja
immer eine Verwunderung hier im Viertel über ihn
und sein Stolz dazu, daß er immer noch auf den
Beinen sich hielt wie der Jüngste.“

„Nun, das kann in einem Alter wie das seinige
freilich nicht jeder von sich behaupten, und das ist
doch auch ein Trost, liebe Frau; und das Übrige
wird sich ja auch wohl finden und machen. So eine
rüstige, junge Frau bloß mit Einem auf dem Arm
und Einem an der Schürze! Man schlägt sich schon
durch und im Nothfall helfen auch wohl Andere. Was
hat er denn für einen Tod gehabt, Frau Störzer?“

„Ja, Gott sei wenigstens dafür Dank! einen
recht guten! . . . Viel leiden hat er nicht müssen, sagt
der Herr Doktor. Und das soll man ihm auch wohl
gönnen; denn auf der Seele hat ihm wohl Nichts zu
schwer gelegen. Daß aber jetzt gerade Sie so gütig
sind und hier zu uns an sein letztes Ruhebett treten,
das ist mir fast wie eine Schickung, Herr Schaumann! Nämlich gerade bei Ihnen, Herr Schaumann,
oder auf Ihrer rothen Schanze ist er in seinen letzten
Tagen und Stunden recht häufig anwesend gewesen.
Er hat immerfort nach der Schanze hinausgewollt:
da hätte er noch eine wichtige Sache und Bestellung.
Davon hat er immerzu gesprochen und von einer
Bestellung bei Ihnen, das heißt bei Ihrem seligen
Herrn Schwiegervater, dem seligen Herrn Quakatz,
dem man — nun Sie wissen ja und nehmen's wohl
nicht übel — geredet. Wir mochten ihm zusprechen,
wie wir wollten; er ist immer dabei geblieben, daß
er nach der rothen Schanze hinaus müße: er hätte da
noch etwas abzugeben gegen Quittung. Aber dies
waren auch seine unruhigsten Einbildungen, und
dabei ist er zuletzt, ohne daß es Einer gemerkt hat,
sanft eingeschlafen.

Heinrich zuckte die Achseln, sah mich an und
nach den Kinder-, Weiber- und Alt-Männergesichtern,
die in der Hausthür auf den Sarg gafften. Er
deutete auch nach diesen hin und fragte:

„Nun, was ist Deine Meinung, Eduard? Seinen
Schlaf störe ich nicht dadurch: soll ich jetzt die Welt
da von der Gasse hereinrufen an sein Kissen? Soll
ich nun selber von dieser Stelle aus ore rotundo
das Geheimnis ihr kundmachen? Oder findet sich
doch noch ein passenderes Organ der Mittheilung?
Oder — vielleicht — wünschest Du selber —“

Ich brauchte nicht zu antworten, selbst wenn ich
es gekonnt hätte. Der Mann von der rothen Schanze
nahm meinen Arm, sagte der Schwiegertochter des
Seligen noch einige tröstende Worte, die sich auf den
Gemüsegarten, den Butter- und Eierhandel von
Quakatzenburg bezogen, täschelte die Enkel auf die
Köpfe und so traten wir wieder hinaus in die Welt
vor der Thür, schritten durch die Gaffer und brachten
den Abendhimmel nicht zum Einfallen über dem
Sankt Matthäusviertel.

Ja, ich selber! in der nächsten Gasse erst fragte
ich, aus meiner Betäubung durch einen halben Welteinsturz erwachend:

„Was nun? Wohin nun? Willst Du mich in
meinen Gasthof begleiten, Heinrich?“

„In Deinen Gasthof? Hm! Wieder in ein
Privatzimmer daselbst? Hm, hm! Weißt Du, Eduard,
ich bin so lange nicht aus dem Kasten gekommen,
habe seit Jahren in keiner echten und gerechten Kneipe
gesessen: ich hatte es wohl zu behaglich kneipgerecht
bei meinem alten Mädchen zu Hause, unter unsern
Bäumen, hinterm Ofen, hinter unsern Wällen, kurz
im Kasten! Aber jetzt spüre ich das Bedürfniß
danach, die Ellbogen so auf so einen Tisch am Wege
zu stemmen und das Leben durch die große Gaststube
und auf der allgemeinen Landstraße vorbeipassiren zu
sehen. Komm Alter, wir sitzen vor Deinem Abschied
und Deiner Abreise noch einmal im Goldenen Arm!“

Ich sah noch alles nur wie durch einen Schleier:
die Gassen, die mit uns gehenden oder uns begegnenden Menschen, vernahm die Stimmen, das Wagengerassel wie im Traum und fand mich plötzlich
wirklich an einem Fenstertisch im Goldenen Arm
sitzend, indem ich Stopfkuchen pustend Platz nehmen
sah und ihn aufathmend seufzen hörte:

„So!“
und nach einer Weile:

„Ja, ja, ja, ja, wer erschlug den Hahn Gockel?“

Um diese Stunde des Tages war in einer so
soliden Stadt wie die unserige noch Niemand in der
Schenkstube des Goldenen Arms vorhanden als das
Schenkmädchen, die Sommerfliegen, die für den Abend
blank gescheuerten Lindenholztische, die Stühle und
Bänke, die auswärtigen Zeitungen vom gestrigen
Tage, nebst dem heutigen „Abendblatt“ der städtischen
Pressen. Wir kamen so früh, daß die Kellnerin ganz
verwundert aufschaute, als wir eintraten. Aber es
fand sich auch hier, daß man den dicken Schaumann
von der rothen Schanze ganz gut persönlich kannte,
ohne daß er oft den Fuß von seinem Wall in die
große Welt hinaussetzte.

Heinrich wurde natürlich von der jungen Dame
mit seinem Namen begrüßt und indem sich dieselbe
nach unseren Befehlen erkundigte, fragte sie höflich
auch nach dem Befinden meines Freundes.

„Kind, erst etwas Kühles, dann die warme Antheilnahme. Herz, früher pflegte des dicken Schaumanns wegen immer frisch angestochen zu werden!“

„Und es ist auch diesmal geschehen. Grad als
wenn wir Sie erwartet hätten, Herr Schaumann.“

Es kam ein säuberlich Getränke. Stopfkuchen
hob den Krug, beäugelte Farbe und Blume, sog,
setzte ab, reichte den Humpen geleert hin, kniff wahrhaftig die Mamsell in die Backen, als komme er noch
jeden Abend als Stammgast. Dazu nannte er sie
dann sein „liebes Mäuschen.“ Der Stoff mußte
also ganz seinen Beifall haben.

Es wurden zwischen ihm und dem Mädchen noch
einige Scherzreden gewechselt, bis er mit einem Male
sich wieder zu mir wendete:

„Nun aber zu unserm Geschäft, lieber Eduard.“

Das Fräulein verstand den Wink, zog sich in
ihren dunkeln Winkel hinter dem Schanktische zu
ihrem Strickstrumpf zurück und sah nur von Zeit zu
Zeit um die Schranckecke nach unsern Bedürfnissen
aus. Wir beiden Andern am offenen Fenster, mit
dem Ellenbogen nach alter Weise auf dem Tische und
dem Bierkruge vor uns, hatten hier am Platze
Quakatzenburg, das Viertel Sankt Matthäi am Letzten,
das deutsche Volk und die Welt „so im Ganzen“ eine
genügende Zeit für uns allein.

„So macht es sich ja wirklich ganz behaglich,
und jedenfalls viel besser als wie ich es mir in unnöthigerweise überreizter Phantasie manchmal zurecht
gerückt habe,“ brummte der Freund. „Du glaubst
es mir vielleicht nicht, Eduard, aber es ist doch so:
ich habe mir manchmal den Kopf darüber zerbrochen,
zu welcher Tagesstunde, an welchem Orte, und zu
wem ich am bequemsten und liebsten von, von —
nun von dem Hahn Gockel reden würde. Es macht
sich Alles, Alles doch gewöhnlich leichter, als man es
sich unter seinen Beängstigungen einbildet. Diese
Stunde gefällt mir ausnehmend, dieser Ort paßt mir
ganz, und das Kind hinter seinem Schenkentisch, kann
mir auch nur von der allerhöchsten Weltregierung
dahin gesetzt worden sein.“

„Heinrich?!“

„Eduard? . . Nun bitte ich Dich aber dringend,
Eduard, daß Du Dich auch fernerhin als bloßen
Chorus in der Tragödie betrachtest. Fahre Du dreist
morgen wieder ab nach Deinem Kaffernlande und
singe mir da meinetwegen soviele Begleitstrophen und
Begleitgegenstrophen zu der Geschichte wie Du willst:
ich für mein Theil denke doch nur: da habe ich dem
guten alten Kerl doch noch eine nette Erinnerung an
die alte gemüthliche Heimath mit aufs Schiff gegeben.“

Ich konnte nur durch eine matte Handbewegung
antworten; Stopfkuchen warf noch einen Blick in die
Gasse und einen hinter den Schenktisch und sagte:

„Von allen Menschen, so auf Erden um diese
grausame und erschreckliche Historie herumwandelten,
schnüffelten und sich die Köpfe zerbrachen, hätte von
rechtswegen ich der letzte sein sollen, dem das Vergnügen, sie vor einer gemalten Leinwand und zu
einer Drehorgel kund zu machen, aufgehalst werden
durfte. Meinst Du nicht, Eduard?“

„Aber nein — nein! Du, der Mann und Eroberer der rothen Schanze! der Schützer und Trostbringer der armen Valentine, der — Rechtsnachfolger,
ja der Rechtsnachfolger des Bauern Quakatz!“

„Ach was! ich meine natürlich dem Charakter
und der körperlichen Veranlagung nach, Menschenkind! Ich hatte doch sowohl dem einen, wie der
andern nach garnichts damit zu thun. Was hatte
der dicke Schaumann vor und von der rothen Schanze
mit Kienbaums Morde und Kienbaums Mörder zu
schaffen, soweit es auf die juristische Lösung der Frage
ankam? Nichts! Garnichts! Nun, das Schicksal hat's
mir so bestimmt, und ich kann denn weiter nichts
dagegen machen, als mir wenigstens die Form vorzubehalten oder auszuwählen. Kommt dieselbe der
Weltregierung und allerhöchsten Justiz nicht dramatisch
effektvoll genug heraus, so ist das nicht meine Schuld.
Na, wenn mich Meta, da hinter der Anrichte, noch
nicht ganz versteht, so würde mich ein gewisser Stratforder Poet gewiß schon verstehen und sich auf der
Stelle vornehmen, auch aus mir mal was Dramatisches
zu machen.“

„Riefen Sie, Herr Schaumann?“ fragte es über
die ‚Anrichte‘ und um den Gläserschrank herum.
„Wünschen Sie etwas?“

„Nein, Herz. Jetzt noch nicht; aber bald. Bleib
jedenfalls in der Nähe: wir brauchen Dich ganz gewiß noch und ich kann durchaus nicht ohne Dich
fertig werden.“

„Ich bin immer hier und höre mit beiden
Ohren.“

„Schön, bist ein gutes Mädchen. Also, lieber
Eduard, wir, meine Frau und ich, haben Dir vorhin
den Tag über unter unsern Bäumen und hinterm
Wall des Prinzen Xaver Einiges über die letzten
Jahre unseres alten Herrn, unseres Vaters Andres,
mitgetheilt und Du wirst daraus entnommen haben,
daß es unser Bestreben gewesen sein mußte, sie ihm
so behaglich als möglich zu machen. Das ist uns
gottlob, soweit es eben möglich war, gelungen. Zu
dieser Aufgabe konnte mich die ewige Gerechtigkeit
schon eher, sowohl meiner Körper- wie Geistes-Konstitution nach, auch mehr nach meinem Geschmack
nützlich verwerthen. Dagegen hatte ich garnichts einzuwenden. So gut wie mir selber konnte ich auch
einem Andern und noch dazu dem Vater meiner Frau
vulgo Schwiegervater, ein Kopfkissen unter den Kopf
legen. Das ländliche Geschäft hob ich uns natürlich
bald so viel als möglich vom Nacken. Der Herrgott
hatte es wohlwollend so eingerichtet, daß die besten
Zuckerrüben der ganzen Gegend auf unserm Grund
und Boden wuchsen. So verpachtete ich den größten
Theil der Äcker vortrefflich an die nächste Zuckerfabrik;
und führte auf dem Reste von Tinchens Erbgute
persönlich den Pflug nur soweit zu Felde als das
eben zu dem gewohnten Behagen meines Bauermädchens gehörte. Dein afrikanisches Kolonistenauge
wird es Dir gezeigt haben, lieber Eduard, daß es
heute gar so übel nicht aussieht, sowohl auf der rothen
Schanze, wie um sie her. Ich mache übrigens gar
kein Hehl daraus, daß der Schwiegervater, der Bauer
Andreas Quakatz, auch abgesehen von seinem Grundbesitz, ein vermöglicher Mann war; daß er Geld hatte,
einerlei woher das stammte, ob von Kienbaums
Morde oder nicht.“

Es fuhr hastig ein Weiberkopf aus dem
Winkel vor.

„Ja, es ist recht, Schatz! komm her und fülle
ein. Dem Herrn da auch noch einen Schoppen,“
sagte Stopfkuchen. „Er, Eduard, ich meine der alte
Andres, wußte nur nichts mit dem Mammon anzufangen, als ihn höchstens den Advokaten in seiner
Sache in die Taschen zu stecken. Dabei steckte ich
einen Pfahl mit einem Strohwisch und der Inschrift:
‚Lasset die Todten ihre Todten begraben. In andern
Geschäftsangelegenheiten wende man sich an Heinrich
Schaumann, Rentner. Sprechstunden nach Verabredung.‘ Einen Hinweis auf Euern Scherznamen
‚Stopfkuchen‘ ließ ich aus, denn der verstand sich ja
bei Jedermann auf Meilen Weges in der Runde von
selber, wo es sich um mich und gar noch in meiner
jetzigen Verbindung mit der rothen Schanze handelte.
Bleiben wir bei dem richtigen Herrn derselben. Sie
hatten ihm Knochen genug in den Weg geworfen:
ich gewann ihn für die Paläontologie. Ich nahm
ihn mit auf mein Feld hinaus. Am Stock, auf
Krücken, im Rollstuhl, nahm ich ihn mit an meine
Steinbrüche, Kies- und Mergelgruben und überzeugte
sein armes, konfuses Gehirn vollständig, daß diese
Knochensuche sehr genau mit der Zuckerraffinerie und
also auch mit dem Steigen und Fallen unserer Fabrikaktien zusammenhänge. Hatte ich ihm als dummer
Junge durch mein Latein imponirt, so imponirte
ich ihm jetzt durch Paläozoologie und Paläophytologie.
Tinchen, der ich von Frauenrechtswegen, mit meiner
Lieberhaberei lächerlich vorkommen mußte, wußte sie
in dieser Hinsicht aber doch zu schätzen, ja, weinte
Thränen der Rührung, der dankbarsten Rührung über
sie. Als wir unser Olimsfaulthier gefunden hatten, und
ihr Papa, kindisch-kichernd und behaglich grunzend
sich die Hände in seinem Lehnstuhle rieb, nannte auch
sie es ein herziges Geschöpf und großartig, und räumte
ihre beste Wäschekammer aus, um einen würdigen
Aufbewahrungsplatz für das Scheusal zu schaffen. —
Was soll ich Dir noch viel davon reden, Eduard?
Wir halfen unserm Vater so gut als möglich über
seine letzten Lebensjahre weg, und ließen, nach Verordnung des Arztes, Kienbaum so wenig als möglich
an ihn heran. Wenn ich mich bescheiden mal rühmen
will, so sage ich: ja, es ist mein Stolz und darf mein
Stolz sein, daß ich diesem langweiligen Spuk ein
Ende gemacht habe, daß ich diesem Gespenst die dürre
Lemurengurgel zudrücken und ihm mit den Knieen den
modrigen Brustkasten einstoßen durfte, daß der dicke
Schaumann es war, der das Gerippe zu Staub verrieb. Das andere Gerippe, unsern allgemeinen Freund
Hein hielt ich freilich nicht dadurch von der rothen
Schanze ab. Das fraß den Bauer Quakatz wie es
den Prinzen Xaver von Sachsen gefressen hat, von
Kienbaum garnicht mehr zu reden. Und wenn ich
meinerseits zuletzt doch noch einmal einen Wall hätte
gegen es aufwerfen können: wer weiß, ob ich es
gethan hätte? Es war doch eine Erlösung, als wir
dem alten Herrn das letzte schwere Deckbett aus guter
Dammerde auflegten. Er selber hat sich wohl in
seinem Leben kein leichteres über den Kopf gezogen,
und er thut jedenfalls heute noch einen guten Schlaf
darunter nach den ungemüthlichen Träumen, die ihm
der sogenannte helle lichte Tag seines Vorhandenseins
in der Präsenz- und Steuerliste des Menschenthums
beschert hatte. Wir begruben ihn in Maiholzen an
einem wunderschönen Sommermorgen, ganz in der
Frühe. Das Dorf war natürlich vollständig an der
Versenkung versammelt; aber wir hatten auch Herrschaften aus der Stadt dabei. Da war zum Beispiel
der Exekutor Kahlert, der in der heiligen Frühe in
Amtsgeschäften bei uns draußen sich eingefunden hatte,
da war Schneidermeister Buschs Junge, der unserm
Pastor die neue Hose herausgebracht hatte, in welcher,
wie ich Dir gleich auseinandersetzen werde, der geistliche Hirt meine Rede hielt. Da war Fräulein
Eyweiß, die durch ihre Brunnenkur zu uns hinausgeführt worden war und die ihre Karlsbader Brunnenflasche auf einem der nächsten Grabsteine abgestellt
hatte, um sich freier ihrer angenehm-gerührten Theilnahme an dem immer interessanten Vorgang überlassen zu können. Auch den Landbriefträger Störzer,
der auch in seinem Amte schon draußen war, sah ich
in der Versammlung am Grabe. Meta, Sie sind
doch noch da? Grausame Schöne, willst Du denn
wirklich den dicken Schaumann von der rothen Schanze
verdursten lassen?“

„O, Gott, ja, ja! gleich! Oh, wie Sie das Alles
so erzählen, Herr Schaumann, da muß man ja zuhören!“

„Nicht wahr, Kind? . . Also Eduard, da auch
Du noch zuhörst: wenn es einen Menschen in der
Welt gibt, außer Dir natürlich, mit dem ich mich
gut stehe, so ist dies mein angepfarrter Seelsorger,
der Pastor von Maiholzen. Wir thun uns einander
garnichts; aber wir halten das behagliche Nebeneinanderleben in der gemüthlichsten Weise aufrecht. In
der letztern Hinsicht thun wir einander sogar alles
zu Gefallen was wir nur können. Er weiß in allen
menschlichen Dingen Stopfkuchen zu schätzen und ich
ihn. Selbstverständlich war ich am Tage vorher,
das heißt vor dem Begräbniß, bei ihm und besprach
mit ihm die Sache. Ich traf ihn, oben an seiner
Dachrinne hängend. Es hatte einer seiner Bienenstöcke geschwärmt, und der Weisel war auf die Idee
gekommen, sich dort festzusetzen. Ich hielt dem zweitdicksten Mann der Gegend die Leiter und korrigirte
ihm nachher in der Laube ein wenig in sein Manuskript
hinein. Letzteres ist aber nur eine kulturelle Redensart: der Mann spricht aus freier Hand und — gut,
wenn er in der Stimmung ist. Und zu der Stimmung
des Menschen kann der Nebenmensch ein Erkleckliches
beitragen. Ich that dies, und als wir später an dem
warmen Abend mit einem Wetterleuchten am Horizont
an seiner Gartenpforte von einander Abschied nahmen,
sagte er: ‚Seien Sie ganz ruhig, Herr Nachbar;
ich bin vollständig Ihrer Ansicht.‘ Am andern
Morgen redete er denn auch, möglichst annähernd
Das, was ich zu sagen hatte. Ich räusperte mich —
nein, er räusperte sich und sprach: ‚Nun sieh mal,
christliche Gemeinde, da liegt er — mausetodt!‘

„O Gott, Herr Schaumann, das kann der Herr
Pastor doch nicht gesagt haben!“ klang es hinter dem
Schenktische hervor.

„Ich bin dabei gewesen, Kind. — Todt ist er und
ihr lebt. Er ist so todt wie Kienbaum, den er, nach
der Meinung der Mehrzahl von uns, todtgeschlagen
haben soll. Er steht nun vor dem Richter, der das
letzte Wort in dieser dunkeln Sache sprechen wird:
sollten wir jetzt wenigstens nicht doch ein wenig mehr,
hier am Ort, in uns gehen und uns fragen: haben
wir dem stillen Mann hier vor uns nicht doch vielleicht zu viele Steine des Ärgernisses in den Weg
geworfen? Christliche Gemeinde, meine lieben Brüder
und Schwestern, haben wir nicht doch vielleicht etwas
zu lauthalsig Racha über ihn geschrien? Wenn er
nun da an den schwarzen Deckel pochte, und noch
einmal wenigstens für einen Augenblick herausverlangte, um sein Verdikt von da oben her schriftlich
uns zuzureichen, was würden wir da thun? wer
würde die Hand ohne Bangniß nach dem Blatt ausstrecken? O, liebe Brüder und Schwestern, beim
Hochzeitsmahl der beiden verehrten Hauptleidtragenden
sind wir wohl so ziemlich alle hier im Kreise anwesend gewesen; aber ich wünschte auch, es wären
wenigstens Einige von euch vorgestern Abend mit
mir nach der rothen Schanze gegangen, daß sie sich das
friedliche Gesicht des eben Entschlafenen hätten ansehen können. Da hätten wohl Einige, die schon in
solche Gesichter haben sehen müssen, sicherlich gesagt:
Dieser muß trotz allem eines sanften Todes gestorben
sein! —

Christliche Gemeinde, wenn er Kienbaum nun
doch nicht todtgeschlagen hätte?… Hätte er da nicht
vor dem letzten Richter sein Wort sprechen dürfen?
Ich glaube, er hat die Erlaubniß erhalten; und wie
ich ihn kennen gelernt habe (er war kein weicher
Mann) hat er geächzt: ‚Herr, Herr, was ich sonsten
gesündigt haben mag, das haben sie da unten mich
schon reichlich büßen lassen durch Mißachtung, scheele
Blicke, Fingerdeuten, Abrücken im Kruge und Alleinlassen bei jeder Haushaltsnoth. Wenn ich nun als
ein vergrellter, in seinen Erdengrimm verbissener
Mann zu Dir komme, Herr des Himmels und der
Erden, so zieh von meiner Strafe im ewigen Leben
meine tagtägliche und allnächtliche Büßung da unten in
der Sterblichkeit ab, grundgütiger Gott. Und vergib ihnen in Maiholzen und der Umgegend auch,
was sie nach unserer armen Menschenweise an
mir zuviel gethan haben.‘ — Liebe Brüder und
Schwestern, wir wissen alle bis zu dieser Stunde
noch nicht, wer eigentlich Kienbaum todtgeschlagen hat.
Der Bauer Andreas Quakatz von der rothen Schanze
ist todt und hat Rechenschaft über sein Leben abgelegt;
aber vielleicht — christliche Gemeinde, ich sage vielleicht! — vielleicht geht noch ein Anderer im Leben
umher als ein lebendiges Beispiel davon, was der
Mensch aushalten kann mit einer Blutthat auf der
Seele und dem täglichen und nächtlichen Bewußtsein,
einen Andern, einen Unschuldigen dafür aufkommen
zu lassen! Wenn dieses der Fall ist — wenn Kienbaums Mörder noch lebt; dann — o dann, christliche
Gemeinde, laß uns auch für ihn, ihn — hier, hier
an diesem Grabe ein stilles Gebet sprechen, wie für
den beruhigten Todten in diesem Sarge vor unsern
Füßen. Den beiden Hauptleidtragenden, vor allem
der Tochter, sage ich noch: ‚Der Herr sprach: Weine
nicht! und er gab ihn seiner Mutter.‘ Wer aber von
uns, geliebte Brüder und Schwestern, noch über das
Grab hinaus, über den Bauer Andreas Quakatz auf
der rothen Schanze, seine Nachkommen und sein Erbe
mit seinen schlimmen Gedanken anhalten will, der
lasse wenigstens seine Hand von dieser Schaufel, auf
welche ich jetzt die meinige lege. Dies Grab will
dessen Beihülfe zu seiner Ausfüllung nicht. Amen.“

„Amen! o Gott, o Gott!“ murmelte es hinter
dem Schenktisch.

„Es kam nun das, zwischen den übrigen liturgischen Formeln nie seine Wirkung verfehlende: ‚Von
Erde bist Du genommen; zu Erde sollst Du wieder
werden,‘ und die Schaufeln gingen von Hand zu
Hand mit einer bangen Hast, mit einem Eifer, wie
ich noch nicht bei ähnlichen Fällen zu bemerken die Gelegenheit hatte. Sie warfen alle dem übelberüchtigsten
Menschen der Gegend die drei Spaten voll Mutterboden nach. Alle bis auf Einen! — Es gab das
bekannte dumpfe Gepolter und die dazu gehörigen
Gefühle: letztere diesmal im verstärkten Maaße. Es
war als wünschte Jedermann, sich wenigstens zuletzt
noch auf diese Weise mit dem Andres Quakatz im
Guten abzufinden. Sie wünschten vielleicht doch auch
ein wenig Dorf Maiholzen in der Wertschätzung der
rothen Schanze zu rehabilitiren. Ich als der jetzt am
nächsten zu dem alten Bollwerk des Prinzen Xaver
von Sachsen Stehende, bekam natürlich zuerst vom
Todtengräber die Schaufel in die Hand und that die
drei Würfe. Und nun weiß ich wirklich nicht, liebster
Eduard, wie es kam, daß ich bei dem dritten so für
mich hinmurmelte: ‚Für Kienbaums Mörder.‘ Schönen guten Abend Herr Müller!“

Der Gruß galt einem draußen in der Gasse
unter dem Fenster vorbei Wandelnden, und dieser
hielt verwundert an: „I, Herr Schaumann, auch
mal wieder am alten guten Ort? Nun, das ist brav.
Na, dann halten Sie mir den Platz fest; ich denke
in einem halben Stündchen ist unser Stammtisch
wieder so ziemlich vollzählig beieinander.“

„Ich reichte den Spaten dem mir jetzt nächst
Stehenden und sah in ein sehr merkwürdiges Gesicht.
Den Spaten hätte ich eben so gut ins Leere reichen
können. Er fiel zu Boden und wurde erst von einem
Nachdrängenden, dem Ortsvorsteher aufgegriffen. Der,
dem ich die Höflichkeit hatte erweisen wollen, war
unter das Volk, das heißt unter die Weiber und
Kinder zurückgewichen, und hatte sie, meine Höflichkeit meine ich, wahrscheinlich nicht bemerkt. Mich
aber durchfuhr es: ‚Was ist das? was soll das?‘
und dann: ‚Bist Du verrückt, Stopfkuchen, oder kann
dies wirklich etwas zu bedeuten haben?‘ — Es hatte
Niemand außer mir, auch meine Frau nicht, im
Kreise um das Grab des Bauern von der rothen
Schanze bemerkt, daß eben etwas Absonderliches geschehen sei, daß Einer die drei Schaufeln für den
Todten mit dem Zeichen Kains auf der Stirne verweigert habe.“

„Herr Schaumann!“ klang es hinter dem Schenktische, und ich hörte trotz aller eigenen Erregung, das
Mädchen die Hände zusammenschlagen.

„Und Du, Du, Heinrich, was thatest Du?“

„Ich? Ich führte fürs Erste meine Frau nach
Hause. Für diese armen Würmer ist's wirklich nichts,
so blind, betäubt, verbiestert durch ihre Thränen in
solche Grube auf den erdkloßüberhäuften Sarg hinunter zu gucken und lange dabei stehen gelassen zu
werden. Ich hatte doch vor allem ihr erst das zu
sagen, auf was man einem liebsten Menschen gegenüber unter solchen Umständen an Kirchhofsgemeinplätzen angewiesen ist. Maiholzen half mir übrigens
dabei mit bestem Willen. Sie wollten Alle auf dem
engen Wege zwischen den Gräbern uns die Hand
drücken, und Einige kamen auch und redeten: ‚Herr
Schaumann, wenn es Ihnen und der Frau recht ist,
so lassen wir Alles nun vergessen und begraben sein.
Es ist ja ganz richtig wie der Herr Pastor sagte, zu
scharf soll Keiner mit dem Andern ins Gericht gehen,
und, Alles in Allem genommen, hatte der Selige
doch auch seine guten Seiten, und Mancher hätte sich
da ein Muster an nehmen können.‘ Darauf antwortete ich denn höflich, und dann überschritten Tinchen
und ich, Gott sei Dank, den Graben des Herrn
Grafen von der Lausitz und waren also wieder in
unserer Schanze, und die Welt lag draußen, und im
Hause war es still, und kühl unter den Bäumen.
Und die Hunde kamen, und in ihren Augen lag ein
gewisser Vorwurf, daß sie nicht mit zum Grabe genommen worden waren — sie. Und Miezchen kam
und rieb sich zärtlich an Frau Valentine Schaumann,
einer geborenen Quakatz. Und Valentine sank in
der dämmerigen Eßstube auf einen Stuhl, und
schluchzte sich weiter aus. Die halbe Dämmerung
und die Kühle mußten aber doch auch ihr wohlthun
nach dem hellen, heißen Licht auf dem Friedhofe —“

„Und Du, Du — Du?“

„Ich? Nun was sollte ich denn anders thun,
als sie sich ausweinen lassen und sie dabei von Zeit
zu Zeit sanft auf den Rücken klopfen? Als sie
dann in die Küche hinausgerufen wurde, stopfte ich
mir natürlich eine Pfeife und überlegte.

„Du überlegtest!“

„Was sollte ich denn anders thun? Auf was
Anderes ist denn ein Mensch angewiesen, den man
unter der Hecke hat liegen lassen? Vor allen Dingen
ruhig Blut, sagte ich mir. Zeit nehmen, Stopfkuchen!
und die fünf Sinne zusammen, Dicker! . . . Ja, was
war das nun? Hast Du wirklich da Etwas gesehen?
Der? . . . Der? Dieser brave, alte Biedermann und
Dummkopf? Die Sache ist eigentlich zu dumm und
es wird Einem selber immer dummer, je mehr man
darüber nachdenkt. Einfältig und gutmüthig genug
sieht er freilich aus; aber das hindert nicht bei dergleichen. Hm, die Kraniche des Ibykus über dem
Maiholzener Dorfkirchhofe? Großartig wäre es, wenn
jetzt eine Schaufel Erde weniger in die Grube es Dir
zuwege gebracht hätte, in die Welt zu schreien: Hier
ist er! der ist's! Fort mit ihm zum Prytanen! — —
Hm, hm, aber Der? Zu dumm! das reine Friedhofs-Morgensonne-Gespenst! weiter nichts, dicker Schaumann! . . . Dann aber wieder: Du hast aber doch
etwas gesehen, und nicht bloß gesehen, sondern auch
gefühlt. Was steckte in der plötzlichen tauben Empfindung im Magen, dem Summen und Glockengeläut in den Ohren und dem scharfen, klaren, geistigen Ruck: Da, da, da! Jetzt, jetzt, jetzt!? . . .
Sollte sich nicht auch einmal unter Deiner Speckhülle
etwas melden, was — na, Eduard, der Überlegung
war das doch werth: mir ging glücklicherweise die
Pfeife dabei aus, und ich hatte sie wieder anzuzünden.“

„Du hattest sie wieder anzuzünden.“

„Es ist nämlich eine häufige Erfahrung von mir,
daß man bei rathlosem Nachdenken, in ausnehmend
seelischer Konfusion nichts Besseres thun kann, als die
ausgegangene Pfeife von Neuem anzustecken. Die
Zündhölzer habe ich gewöhnlich zur Hand, aber eine
liebe Gewohnheit ist es mir, trotz ihnen in die Küche
zu gehen, zu meiner Frau, und mir vom Herde einen
brennenden Span zu holen. ‚Ja, gehen Sie nur
zu ihr, Herr,‘ sagte mir die Magd in der Stubenthür. ‚Sie weint doch zu bitter allein in das Feuer!‘
— Und so ging ich und stellte mich zu dem Tinchen
und sagte ihr: ‚Nun hör auf, Herz!‘ Sagt sie: ‚Es
ist ja auch nur noch zur Erleichterung, Heinrich; und
ich bin ja in Sicherheit und Ruhe hier bei Dir auf
der rothen Schanze; und es ist jetzt ja alles so einerlei,
wer Kienbaum todtgeschlagen und dem Vater das
Leben verbittert hat. Ach, wenn mir doch nur Keiner
mehr davon spräche!‘ — Da war denn die Erleuchtung! — Sie hob die Bratpfanne vom prasselnden,
knackenden, flackernden Feuer, und ich nickte dem
Funkensprühen und den Rauchwolken in den dunkeln
Rauchfang hinauf nach. Da sie es wieder selber
sagt, daß Du der rechte Mann für sie gewesen bist,
so bleibe das ferner. Verdirb ihr die Sicherheit und
Ruhe nicht, laß ihr die guten Tage, und — was
das Andere anbetrifft: na, so frage den alten Mann
selber! Aber, Stopfkuchen, hat es für unsern Herrgott diese langen Jahre Zeit gehabt, so wird's jetzt
auf ein paar Tage mehr auch nicht ankommen.
Frage bei passender Gelegenheit so ruhig als möglich
den alten Mann selber aus, Stopfkuchen. Mach es
fürs Erste mal mit ihm alleine ab. Bleib fürs Erste
mit der Geschichte mal wieder ganz für Dich unter
der Hecke.“ —

Die Kellnerin setzte dem feisten Folterknecht ein
frisches Glas hin und zwar mit unsicherer Hand.
Aus weit geöffneten Augen starrte sie ihn an; aber
aber auch sie war nicht mehr fähig, ihm darein zu
reden.

„Dein Wohl, Eduard! Einige Tage nach dem
Begräbniß gab sich denn auch schon die erste Gelegenheit. Ich bekomme einen Brief und sage: Na,
Störzer, das soll mich doch wundern, was für eine
Unruhe Sie da wieder mir ins Haus schleppen. Ist
Antwort darauf? — Der Alte sieht mich natürlich
ob der Dummheit der Frage verwundert an und
meint: ‚Wie kann ich denn das wissen, Herr Schaumann? Das Briefgeheimniß ist uns ja doch garantirt, und ich bin wohl der Letzte, der es bricht.‘ —
Richtig, alter Freund! Jawohl, mit den Geheimnissen anderer Leute soll man vorsichtig umgehen.
Nun, wissen Sie, es ist wieder ein heißer Morgen;
lassen Sie sich draußen einen kühlen Trunk geben.
Ich möchte wissen, ob ich Ihnen, wenn Sie heute
wieder vorbeikommen, eine Antwort auf die Molestirung mit nach der Stadt zu geben habe. — ‚Ich
danke Ihnen freundlich für die Erfrischung; aber ich
— ich will doch auch ohne sie auf Sie draußen auf
der Bank warten. So lange Zeit habe ich hier wohl.‘
— Sind Sie nicht wohl, Störzer? Wo fehlt es denn?
— ‚In allen Gliedern; man wird doch eben mit der
Zeit auch alt, Herr Schaumann.‘ — Da haben Sie
Recht, grauer Lebenskamerad. Na, es kommt Jeder
einmal zur Ruhe, das haben wir ja auch vorigen
Mittwoch mal wieder gesehen. Auch der Bauer
Quakatz, mein Schwiegervater, hat das Warten aufgegeben und endgültig das Gesicht nach der Wand gedreht. — Der Alte wendet sich ohne was zu sagen
und geht vors Haus. Ich erbreche im Hausgange
den Briefumschlag und kann mich, Gott sei Dank,
auch in jetziger Stimmung noch über den Inhalt
erboßen. S'ist eine Einladung zum nächsten paläontologischen Kongreß in Berlin und weiter nichts.
Unsinn! das möchten sie wohl! Dich da in dem
Neste mit Deinem Mammuth Arm in Arm! Ja schön!
Mir das? Lächerlich! Sind denn die Leute so dumm,
oder kennt die Welt Stopfkuchen so wenig? Was
Der aufgegraben hat, das behält er und läßt es sich
keinesfalls durch schöne Redensarten und weltlichen
Mammon abschwindeln. — Ich gehe also zu meinem
Alten hinaus und sage ihm: ‚Es ist wirklich keine
Antwort nöthig, Störzer. Um das Briefschreiben sind
wir noch einmal glücklich herumgekommen.‘ — ‚Kann
mir auch Recht sein, Herr Schaumann. Was kommt
auch bei dem vielen Geschreibe heraus? Guten
Morgen also, Herr Schaumann!‘ — ‚Leben Sie
wohl, Störzer, und schonen Sie Ihre alten Beine.
Denken Sie wirklich immer noch nicht daran, sich
endlich auch mal zur Ruhe zu setzen?‘ — Da zuckt
der Graukopf die Achseln; aber es zuckt ihm zugleich
etwas durch das dumm-gutmüthige wetterfeste Gesicht.
‚Es thut es noch nicht, Herr Schaumann. Man ist
das eben so gewohnt geworden, und so hat Unsereiner eigentlich seine Ruhe mehr auf der Landstraße
als wenn er so hinterm Ofen oder auf der Altvaterbank vor dem Hause stille sitzen sollte. Ja, wenn
man nur des Nachts seine Ruhe im Bette hat, so
ist man schon zufrieden.‘ — ‚Hm, ja — des Nachts
im Bette! Ja freilich, das sagte schon der weise
Salomo oder Sirach, wenn man da liegen und schlafen
soll, so kommen Einem die Gedanken, die man des
Tages bei Regen und Sonnenschein auf der Landstraße vertreten hat, und leiden es nicht. Wie oft
bin ich da zu meinem seligen Schwiegervater hingetreten und habe ihm zugeredet: Na, Vater? so lassen
Sie doch die Knie zwischen den Armen weg und
legen Sie sich nieder; — es ist Alles in Sicherheit
und Frieden auf und um der rothen Schanze. Ja,
Störzer, alter Freund, Sie hätten sich doch einen
Trunk von meiner Frau einschenken lassen sollen zur
Auffrischung. Was haben Sie denn? Tine Quakatz
gibt's gern und ein freundlich Gesicht dazu, vorzüglich so einem langjährigen guten Bekannten, wie
Sie. Wirklich, Störzer, Sie machen ja wieder ein
Gesicht wie, wie — neulich — dort auf dem Maiholzener Kirchhofe, als ich Ihnen an unseres seligen
Vaters Grube den Spaten zureichen wollte. Wissen
Sie wohl, lieber Störzer, daß Sie mich eben lebhaft
an des Bauern Quakatz Mienen erinnerten, wenn
man ihm wieder mal so durch die Blume zu verstehen gegeben hatte, daß doch er — er — Kienbaum
todtgeschlagen habe? Störzer, Sie sollten doch daran
denken, sich endlich zur Ruhe zu setzen! Sie werden
doch zu alt und knickebeinig für die Last, die Ihnen
das Schicksal als Ihr Theil vom Gewicht der Welt
auf den Buckel gelegt hat.‘ — Darauf antwortete,
sagte er denn — wenn man es antworten, sagen
nennen konnte — ja, ich möge wohl Recht haben,
er wolle es noch einmal mit seinen Kindern bereden.
Und dann ging er — wenn man das Gehen nennen
konnte, und ich ließ ihn laufen und sah ihm bloß
so lange nach vom Wall des Herrn Grafen von der
Lausitz, bis er auf dem Wege nach Maiholzen um die
Buschecke bog. Ändern ließ sich nun für mich nichts
mehr an der Sachlage, so gern ich es gemocht hätte;
aber die Beruhigung, endlich mal über Etwas ganz
im Klaren zu sein, bedeutet oder bringt nicht immer
dem Menschen Das, was er, erleichtert aufathmend,
eine Beruhigung nennt. Was nun? ist gewöhnlich
für besagten armen Teufel und geplagten Erdentropf
an seine genauere Kenntnißnahme im gegebenen Fall
geknüpft, und so auch bei mir. Was würdest Du
in meiner Stelle auf die Frage in diesem Falle gethan haben, Eduard?“

Es kommt wirklich nichts darauf an, was ich
damals geantwortet habe oder antworten konnte. Es
genügt, daß Er, wahrscheinlich ohne meine Antwort
abzuwarten, fortfuhr: „Was mich anbetrifft, so glaubst
Du sicherlich, daß ich wieder zuerst zu meiner Frau
ging, irrst Dich jedoch. Diesmal ging ich zuerst
hinten in die Kammer zu meinem Riesenfaulthier, besah
mir dessen saubere Reste noch einmal und sagte:
‚Alter Gesell was hätte es denn Dir ausgemacht, wenn
Stopfkuchen ein paar Wochen oder ein paar Jahre
Dich später aufgedeckt hätte?‘ Und nachdem das
gute Thier mir die genügende Antwort gegeben hatte,
ging ich wieder zum Tinchen und besah auch das mir
wieder einmal genau, von der Frisur bis zu den
Schuhspitzen; und dabei dachte ich denn ausnahmsweise auch mal ein bißchen an mich. Ich streichelte
dem Herzen die Backen: so unsägliche Mühe hatte es
mich gekostet, dies behagliche, reinliche, zierliche Rom
aufzuerbauen — und nun sollte das alles umsonst
sein? Und warum? wegen wessen? wofür und wozu?
Kienbaums wegen? Der ewigen und der menschlichen
Gerechtigkeit wegen? Ich sah mir mein Weib an,
sah mir die Zeitgenossenschaft an und nahm Jeden
aus der letzteren, so weit sie um die rothe Schanze
herum wohnte, vor. Um nachher von der Gesammtheit keinen Vorwurf zu verdienen, nahm ich es mit
jedem Einzelnen ernst; und — ich fand nicht Einen
drunter, dem ich persönlich verpflichtet gewesen wäre,
ihm sofort bekannt zu machen, wer in der That
Kienbaum todtgeschlagen hatte. ‚Aber die ewige Gerechtigkeit?‘ wirst Du fragen, Eduard. Ja, sieh mal,
lieber Freund, in deren Belieben hatte es, meiner
Meinung nach, denn doch lange genug gelegen, das
Ihrige zur Sache zu thun. Da sie es nicht gethan
hatte und den Vater Quakatz allein hatte suchen lassen,
so hatte sie, so hatte sie von seinem Schwiegersohn
garnichts zu verlangen: ich aber durfte sie dreist ersuchen, jetzt meine Frau mit den widerwärtigen Geschichten wenigstens so lange als es garnicht anders
ging, in Ruhe und Frieden zu lassen. Blieb also
nur die Frage: Aber Du? Nämlich ich, lieber Eduard,
Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. — Dir
sitzt doch nun mal der Floh im Ohr, Heinrich! willst
und kannst Du ihn wirklich ruhig sitzen lassen, ohne
den Kitzel wenigstens weg zu jucken? Ein Gott
hätte man sein müssen, um das zu können, und,
wie ich mich auch schätzte, auf diesen hohen Standpunkt, oder bis zu dieser, wenn Du lieber willst,
Dickfelligkeit hatte ich mich noch nicht erhoben, und
da sagte ich mir denn: Na, so kratze Dich, da es
juckt und wo es juckt! sitze erst mal selber zu Gerichte
über den verjährten Sünder: nimm ihn mal unterwegs vor, aber allein! Ist Dir in der Sache schon
einmal allein der Präsentirteller unter die Nase gehalten worden, so macht sich das sicherlich auch zum
andern Male. Laß sie Dich nicht umsonst Stopfkuchen genannt haben. Friß auch dieses für Dich
allein herunter. Und am liebsten auch wieder unter
der Hecke, so unterm Brombeerbusch, bei ruhigem
blauem Himmel und heller Sonne, mit den Feldgrillen als Beisitzern und dem Angeklagten, dem
Landbriefträger Friedrich Störzer auf dem Chausseegrabenrand Dir gegenüber. . . . Aber, Kind, Meta,
so laß Dich doch endlich mal wieder sehen! Heraus
da aus dem dunkeln Winkel und hier an den Tisch,
Mädchen!“

Der Folterer klappte mit dem Hammer an die
Daumschrauben — nein, er klopfte mit dem Deckel
seines Kruges, und Meta bleich, aufgeregt, mit
fliegendem Athem wankte hinter ihrem Schenktische
hervor.

„O Gott, Gott, Herr Stopf — Herr Schaumann,
lieber Herr Schaumann, ich kann ja nichts dafür,
aber —“

„Gehorcht hast Du. Nun, weißt Du, dann
mach es Dir bequemer, setz Dich her und höre weiter.
Aber erst noch einen Schoppen und dem Herrn da
— nein, der scheint nicht mehr zu wollen; aber er
hat auch nur zugehört und seinen genauesten Freund
reden lassen. So! jetzt rücke her, Herz, und laß Dir
erzählen. Deine Abend-Stammgäste kommen ja wohl
bald? Ich höre die Schritte der großen Bruderschaft
der Erde nahen, und siehst Du, Eduard: besser konnte
sich die Sache garnicht machen: der alte Störzer ist
todt, hat seinen fünfmaligen Marsch um die Erde
vollendet, und zu dem Tinchen kommt morgen Frau
Fama auf ein halbes Stündchen zum Besuch und
setzt sich zu der Erbtochter der rothen Schanze eine
Weile auf den Grabenrand des Prinzen Xaver von
Sachsen; und ich habe es nachher wirklich behaglicher
mit meinen dazugehörigen Kommentaren. Das
Glas ist aber schlecht eingeschenkt, Jungfer!“

„O Gott, darauf achten Sie noch? Darauf
können Sie jetzt achten, Herr Schaumann?“ schluchzte
das entsetzte, zitternde junge Ding.

„Da, setz Dich her, Krabbe, und sperre jetzt
weiter die Ohren auf, und nachher den Schnabel
meinetwegen so weit Du willst: des Menschen Maul
thut heute in dieser Angelegenheit keinen Schaden
mehr. Wenn das Schicksal will, daß Leute zusammenkommen, weiß es das schon einzurichten. Ich that
in diesem Falle garnichts dazu: ich ging meine Wege
und ließ Störzer die seinigen gehen: ihm irgendwie
hinter einem Busch einer meiner Hecken aufzupassen
und ihn beim Kragen zu nehmen, lag nicht in meiner
Natur. Meine Wege? Sie führten mich nimmer
weit über meinen Grenzwall hinaus; aber doch von
Zeit zu Zeit wenigstens ein wenig hinein in die
Feldmark. Bist Du Mitgründer und Aktieninhaber
einer Zuckerfabrik, so siehst Du auch in Afrika dann
und wann nach Deinen und der Andern Rüben, so
faul Du auch sonst auf Deiner Löwenhaut liegen
und Gier-Maul-Affen feil halten magst. Auf einem
dieser beschwerlichen Gänge kam es denn zu der
Auseinandersetzung. Du weißt, wo die kaiserliche
Poststraße von der Stadt her nach Gleimekendorf durch
das Bauerngehölz, den Papenbusch, führt. Die
Schlupfpfade unserer Jungenszeit laufen heute noch
kreuz und quer, aber theilweise immer auch noch auf
die Landstraße zu. Der Busch ist ein wenig höher
geworden; aber der Graben, der ihn auf beiden Seiten
der Landstraße von derselben scheidet, ist ganz derselbe
geblieben. Man muß ihn überspringen, oder hindurchsteigen, wenn man auf den Heerweg will. Und
letzteres war meine Absicht. Ja, ja, nur nicht zappeln,
Mariechen oder Metachen! Ich bin ein wenig breit
— auch in meiner Schöne-Geschichten-Erzählungsweise.
Aber dafür sind andere Leute desto kürzer, und so
gleicht auch das sich im Großen und Ganzen immer
wieder aus. Ob die Zweige auf dem lieben Waldpfade um mich her sehr rauschten und raschelten, als
ich fürderschiebend sie auseinander bog, weiß ich
nicht. Jedenfalls wurde der Mann, der da mit dem
Rücken gegen den Busch auf dem Grabenrande saß,
durch mein und der Erinnyen Näherkommen nicht
sofort aus seiner Beschaulichkeit aufgestört. Ausnahmsweise kamen die Letzteren auch mal wieder als Eumeniden. Meinetwegen, wenn sich Zürnen und
Wohlwollen im gegebenen Falle vereinigen ließen,
war das mir wahrhaftig Recht! — ‚Guten Tag,
Alter! Hier ist's ja wohl gewesen?‘ und er gab den
Gruß nicht zurück, und die Frage beantwortete er
dadurch, daß er herum und emporfuhr und seinen
Wanderstab mit so verzerrtem Gesicht und mit solch
einem festen Griffe faßte, daß ich unwillkürlich auch
den meinigen erhob und rief: ‚Sind Sie verrückt,
Störzer? Soll etwa hier am Ort der gute Freund
Schaumann dran? Na, ich meine, wir lassen es bei
dem Einen bewenden, und die Welt hat auch wohl
genug gehabt an — Kienbaum!‘ Darauf begab sich
etwas, was ich mir so nicht voraus hingemalt hatte.
Daß das arme Menschenkind seinen Knüttel fallen
ließ und den dicken Stopfkuchen für den Jüngstengerichts-Boten in Person nahm und abwehrend beide
zitternde alte Arme ihm entgegenstreckte, das war in
der Ordnung; aber von Überfluß war's, daß es sich
selbst fallen ließ und mit einem: ‚Herr! Herr! o
Jesus, Sie wieder?‘ die Böschung hinabrutschte, sich
in seinen Chausseegraben legte und zwar auf's Gesicht —
beide Hände drunter, vor den Augen, wie ein Kind,
mit racheanlockend-hochgehobenem Hintertheil. Da
hatte ich die Bescherung! Ich bin fest überzeugt,
wenn ich je in meinem Dasein ein Nußknackergesicht
gemacht habe, so ist's damals gewesen. Was blieb
mir nun anderes übrig, als ebenfalls in den Graben
hinunter zu ächzen und den armen Schächer an der
Schulter zu rütteln und ihm zuzureden: ‚So beruhigen Sie sich doch nur, Störzer! Es ist ja die
ganzen langen Jahre für Sie recht gut gegangen; also
richten Sie sich wenigstens auch jetzt noch mal auf
und zeigen Sie noch einmal Ihr Gesicht. Ich gebe
Ihnen mein heiliges Wort darauf, Alter, daß ich
mit Ihnen ganz verständig und ruhig über die Sache
reden werde.‘ Ja rede einmal Einer zu Einem von
euch, lieber Eduard, in einem solchen Falle mit Ruhe
vernünftig! Es dauerte eine geraume Weile ehe
auch diesem betrübten Sünder das bekannte Zucken
über die Schulterblätter lief und er noch durch andere
Zeichen und auch Laute bewies, daß er verstehe, was
der gute Bruder im Erdendurcheinander auf ihn hineinspreche. Nachher haben wir denn freilich eine ziemlich inhaltvolle Vertrauensstunde auf dem Grabenrande
beieinander sitzend mit einander zugebracht. Es würde
gewiß ein zu starkes Stück gewesen sein, wenn der
alte Bursche mit seinem beneidenswerthest dicksten Fell
der ganzen Gegend auch jetzt noch nichts von seinem
Geheimnisse durch die Poren hätte durchsickern lassen
wollen. Meinst Du nicht auch, lieber Eduard?“

Ich meinte gar nichts mehr. Ich hörte den
jetzigen Mann von der rothen Schanze, den Erbnehmer
des Mordbauern Quakatz so sprechen im Goldenen Arm,
und saß zu gleicher Zeit auch am Grabenrand im
Papenbusch mit meinem Freund Friedrich Störzer
und hörte Den reden von Afrika und wie schön es
da sein müsse und wie angenehm es sich von den
Abenteuern und der Friedfertigkeit dorten lesen lasse
in dem wunderschönen Buche vom Herrn Levalljang.

Stopfkuchen legte die Hand auf den Deckel seines
Kruges.

„Jetzt noch nicht, liebes Kind. Nachher vielleicht
noch einen letzten mit dem fremden Herrn hier zum
guten Beschlusse. Ja, ja, ja, Eduard, was liegt doch
Alles zwischen des Lebens Anfang und Ende? Und
wie klar und nett legt sich so Alles auseinander und
nebeneinander, wenn man mal dazu kommt, es sich
zu überlegen, wie die Sachen denn eigentlich möglich
gewesen sind. Von Dir, den Dein Freund Störzer
mit seinem Monsieur Le Vaillant nach dem Kaffernlande beförderte, rede ich nicht; von Störzer selber
und dem Bauer Quakatz und seinem Tinchen und so
ein bißchen beizu von mir ist die Rede. Und da
sagte Störzer denn jetzt zu mir: ‚Ja, ich bin's gewesen, und ich habe es die ganzen langen Jahre getragen, daß ich es gewesen bin, und daß sie nach
mir vergeblich gesucht haben.‘ — ‚Hm, und weiter
haben Sie sich nichts dabei gedacht, als ob man Sie
wohl finden werde?‘ — ‚O, du meine Güte!‘ —
‚An meinen armen Schwiegervater haben Sie zum
Exempel nicht gedacht?‘ — ‚O Gotte doch ja, Herre!
aber nur so recht eigentlich nicht, liebster Herre!
Es hat mir zwar wohl recht leid gethan, wie er so
um Nichts und wieder Nichts hat verkümmern müssen
in seiner unverdienten Verlassenheit; aber ändern
habe ich ja doch nichts dran können! Und er war
dabei ja auch immer ein wohlhabender Mensche und
hatte sein reichliches Auskommen und hat auch zurückgelegt. Das war doch ein Trost, und sie konnten
ihm ja auch niemals viel anhaben von Gerichtswegen!
Aber denken Sie nur ja nicht, daß es mir nicht
immer ein Angehen gewesen ist, der rothen Schanze
von Amtswegen nahe zu kommen. Und wenn es
möglich war, schickte ich auch immer einen Andern mit
den Briefschaften und der Zeitung hinein. O, Herr
Schaumann, Herr Schaumann, von Amtswegen mußte
ich ja auch tagtäglich, tagtäglich, tagtäglich da vorbei,
wo — wo ich die That begangen habe. Von dem
Elend half mir auch Keiner; gerade wie ich dem Andres
auf der rothen Schanze nicht von seinem Verdruß
meinetwegen helfen konnte!‘ — ‚Nicht helfen konnte,
Störzer?‘ — Nein, Herr! leider nicht! denn es war
gegen die Natur. Ach, Barmherziger, wenn ich es
nur ausdrücken könnte, wie ganz und gar es gegen
meine Natur war!‘ — ‚Eine saubere Natur, Störzer!‘
— ‚Wie oft, Herr, habe ich dasselbe mir gesagt, hier
wo wir sitzen, auf den Knieen, wenn ich den Busch
und die Straße für mich allein hatte!‘ — ‚Hier?‘
— ‚Ja, hier im Papenbusch auf der Stelle, wo ich's
ihm heimgezahlt habe, was er von Kindesbeinen an
an mir gesündigt hatte. Wenn es über das rechte
Maaß dabei gegangen ist, so habe ich vor dem barmherzigen Gott die langen, langen Jahre schwer an
der Verschuldigung und der Bangniß getragen. Es hat
mir zu gar keinem Troste verholfen, was Kienbaum
für ein Mensch und im Besondern gegen mich gewesen
ist. Ich habe es aber auch zuerst am andern Tage
vernommen, was meine That gewesen ist! Hätte ich
ihn hier vor mir liegen sehen, hätte der Bauer von
der rothen Schanze, der Herr Schwiegervater, wohl
nicht meine Schuld auf sich zu nehmen brauchen: da
hätten sie mich ganz gewiß bei der Leiche gefunden
und mich gleich mit sich nehmen können vor den
Richter. Die eine Nacht zwischen dem einen Abend
und dem einen Morgen hat es gemacht, daß mich
mein Gewissen doch verhältnißmäßig in Ruhe gelassen
hat, daß aber dafür mir und dem Herrn Papa die
schwere, schwere Lebenslast aufgelegt worden ist.‘ —
‚Hm, hm, Störzer, es läßt sich hören, was Sie da sagen;
aber ein etwas zu gemüthliches und jedenfalls sehr bequemes Gewissen ist's doch, was Sie in Ihrer Brust
tragen. Ihre Posttasche da könnte ungefähr dieselben
Gefühle, wie Sie für den Inhalt der Briefschaften
in ihr hegen.‘ — ‚Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen,
Herr Schaumann, und wie es in so schrecklichen
Sachen mit Anderen ist, weiß ich auch nicht; aber
Eines weiß ich, daß es ja nun heraus ist, und durch
Ihre gütige Vermittelung die Menschheit sich ja nun
wird beruhigen können. Und was den lieben Herrgott angeht, ach Gott, so muß ich mich in bitterer
Reue damit vertrösten, daß er Kienbaum gekannt
hat, und mich in meinen jungen Jahren auch gekannt
hat und besser als ein Anderer Bescheid weiß, wie
es gekommen ist.‘ — ‚Ja wohl, aber besser Bescheid
möchte doch auch ich jetzt darum wissen.‘ — ‚Was
Sie nachher mit mir machen wollen, das liegt ja
nun ganz bei Ihnen. Um mich selbst ist es mir
nicht mehr — Kinder und Kindeskinder müssen aber
zu sehen, wie sie sich mit dem Geruch, den der alte
Großvater ihnen hinterläßt, abfinden. So ein oder
zwei Jahre fehlen wohl noch an der Verjährung.
Ich dachte ich brächte es noch bis dahin! aber das
ist nun eben wieder mal ganz anders gekommen.
Also, wenn auch nur des Herrn Schwiegervaters wegen,
thun Sie was Sie müssen, Herr Schaumann, und
für Recht halten!‘ —‚Darüber später. Erzählen
Sie jetzt, wie die Sache war und sich zugetragen
hat.‘ — ‚Ach, das ist es ja gerade, daß da garnicht
viel zu erzählen ist, so schlimm es auch ausgegangen
ist. Es ist nicht einmal über ein Mädchen oder über
Geld und Geldeswerth, wie es sonst zwischen Anderen
zugeht, zwischen uns beiden hergekommen. Es hat
sich nur bloß gemacht durch den bösen Feind, wie es
sich hat machen sollen. Wir sind nämlich in einem
Alter, Kienbaum und ich, und haben in zwei Wiegen
gelegen, die, sozusagen, Wand an Wand standen und
sind miteinander aufgewachsen und haben Einer den
Anderen ganz genau kennen lernen können. Es war
nicht viel an ihm, Herr Schaumann, und es ist mir
diese lieben langen Jahre durch, manchmal wenigstens
ein kleiner Trost gewesen, wenn ich dieses Wort
über ihn auch aus Anderer Munde habe vernehmen
dürfen.‘ — ‚Ein sauberer Trost, unglückseliges
Menschenkind!‘ — ‚Jawohl, unglückseliges Menschenkind! da haben Sie Recht; aber dafür und dessenungeachtet und gerade darum hat man wohl das Recht,
jede Tröstung auf dem schweren Wege mitzunehmen.
Herr, Herr, wie hat mir Der meine Wege schwer
gemacht von Kindsbeinen an, von Schulwegen an
bis auf diese königliche Landstraße hier! Er ist es
gewesen, der mir auf der Schulbank den Schimpfnamen Storzhammel erfunden und für mein Leben
angehängt hat. Er ist es gewesen, der mir von der
Schulbank an von allen Menschen am meisten den
Unterschied zwischen Armuth und Wohlstand und
zwischen einer langsamen Besinnlichkeit und einem
hellen Kopf mit Bosheit und großem Maul zu erkennen gegeben hat. Herr, Herr, sein Blut klebt an
mir, und ich will es heute noch durch meines gerne
abwaschen, wenn das so wie jetzt so von selber sich
macht, ohne mein Zuthun: aber Herr, Herr, er —
Kienbaum muß auch für das Seinige aufkommen,
was er mir an Angst vor ihm und Zorn und Wuth
und Verdruß gegen ihn von Kindesbeinen an fast
tagtäglich aufgelegt hat. Denn der liebe Herrgott
hatte ihn ja auch in seinem Beruf nachher auf die
Chaussee gesetzt als reichen Viehhändler. Herr, wenn
da an jeder Ecke ein früherer alter Raubritter auf
mich und meine Briefschaften gelauert hätte, hätte es
nicht schlimmer sein können, als sich ewig sagen zu
müssen: ‚Gleich kommt wieder Kienbaum angefahren
und bietet Dir die Tageszeit auf seine Weise.‘ Herr
Schaumann, Sie sind hier als ein guter, stiller
Mensch bekannt, und ein stiller Mensch bin auch ich
mein Lebtag gewesen und für mich hingegangen,
und habe Alles gehen lassen und auch ihm jahrelang
seine Briefe in Gleimekendorf ins Haus getragen
und mir von Amtswegen seinen Gift und Hohnspott
gefallen lassen, bis mir in der Schreckensstunde hier,
hier im Papenbusch sein und mein Schicksal, und des
Herrn Schwiegervaters kummervolles Schicksal auch,
auf den Hals gefallen ist. Herr, Herr, und so wahr
ich lebe, nur durch mein halbes Zuthun und ganz
durch den schrecklichen Zufall! Daß es nur ein Zufall gewesen ist, das weiß der höchste Richter und
hat mich auch wohl nur dessentwegen doch in ein
verhältnißmäßig ruhiges hohes Alter kommen lassen,
und das ist denn so mein zweiter Lebenstrost gewesen bei Gewittersturm und Hagel, Schnee und Hitze
auf der Chaussee, tagein tagaus mit sich selber alleine
und seinen Gedanken. Ja, Herr Schaumann, Jeder
macht sich das auf seine Weise zurecht. Nicht wahr,
Sie machen es sich auch eben auf Ihre Weise zurecht,
was nun Ihre Pflicht gegen mich und Ihre liebe
Frau und den alten Quakatz und Kienbaum ist?‘ —
‚Ich wollte freilich Ihr lieber Herrgott hätte einen
Andern damit betraut, Störzer!‘ — ‚O lassen
Sie sich Das nicht anfechten; ich bin bereit, da
es jetzt so mit der Offenbarung gekommen ist. Heute
— morgen — übermorgen! Und es soll mir kein
irdischer Gerichtsherr beim Verhör eine Lüge nachsagen. Darauf lege ich Ihnen schon jetzt einen heiligen Eid ab.‘ — Stopfkuchen mit Storzhammel im
Beichtstuhl als Beichtvater und Kind, mein guter
Eduard! — ‚Was soll man machen,‘ spricht das Letztere,
das Beichtkind, ‚wenn man eigentlich ohne jegliche
Wehr und Waffe gegen jeglichen Schlingel von
Jugend auf geboren ist? O Gott, Gott, Gott, es
ist ja gewißlich ein Mord gewesen, den ich an Kienbaum begangen habe; aber es gehört eben Alles dazu,
im Kleinen und Allerkleinsten, wie im Groben und
Allergröbsten was mir der Mann als Junge und
junger Mensch und Mannsmensch angethan hat. Und
mir hat Kienbaum so ziemlich Alles angethan, was
kein Junge vom andern erträgt! Wenn seine Püffe
und Knüffe beim alten Kantor Fuhrhans mir an
der Haut haften geblieben wären, so wäre heute
kein weißer Christenflecken mehr an mir, sondern Alles
blau, grün und gelb. Und wenn die Wuththränen, die
ich hinter ihm drein verschluckt habe, jetzt ausbrächen,
so gäb's drei Eimer voll! Ich habe Ihnen wohl
vorhin gesagt, es sei über kein Mädchen so gekommen,
aber dabei ist doch eins gewesen. Nämlich beim Militär. Als wir zwei beim Militär auch vom Herrgott
wie aneinander genagelt waren. Ich wollte nichts
von ihr, aber ich habe sie ihm, mit seinem Kind bei
sich aus dem Wasser geholt, in der ganzen Garnitur
Numero zwei, und es wäre besser gewesen, ich hätte
sie drin gelassen die zwei armen Geschöpfe. Um die
Alimente hat er sich nachher weggeschworen, und so
ist das Kind unter der Hecke verkommen und sie im
Zuchthause. Aber davon will ich garnichts sagen;
denn im Grunde ging das mich doch eigentlich
weiter nichts an als im allgemeinen menschlichen
Gefühl. Aber sein Wohlstand! . . . Ich habe auch
vorhin bemerkt, daß es nicht um Geld und Geldeswerth zwischen uns zum Schlimmsten gekommen
ist, und das verhält sich auch so. Ich war ihm
nichts schuldig und er mir nichts. Doch daß ihn
sein Geschäft und Reichthum auf die Landstraße führen
mußte, das war das Böse. Daß der Viehhandel das
Richtige für ihn war, wenn auch nicht immer für
seine Käufer und Verkäufer, das ist sicher; aber weshalb konnte ihn der liebe Gott denn nicht auf eine
andere Weise zu seinem Besitz kommen lassen und
mußte mich ihm immer tagtäglich, tagtäglich, tagtäglich mit seinem Hohn und Spott und Stolz zusammenbringen? Er hatte den Hof in Gleimekendorf gekauft, mitten in meinem Amtsberufsbezirk, und so
mußte er an mir vorbei, aufgepustet zu Pferde oder
zu Wagen — an mir zu Fuße. Unsere jungen
Herren auf der Post haben es sich schon lange vorgenommen, sich es mal auszurechnen, wie oft ich jetzt
zu Fuße um die Welt gelaufen bin. Damals mochte
ich nach meiner Berechnung wohl einmal drum herum
gewesen sein, aber es genügte, wenn mir tagtäglich
so ein Halunke begegnen mußte, der von seinem
Wagen, wenn er Sie von hinten treffen kann, Ihnen
auch mit der Peitsche einen Schnipser giebt und im
Davonjagen Sie hohnneckt: ‚Bäh, bäh, Storzhammel!
lauf Dich zum Teckel, bring mir die Lujedors und hol
Dir Deinen Briefgroschen; Kienbaum ist mein Name!‘
Herr Schaumann, damit geht es denn bis einmal
zum Überfließen. Und zum Überfließen ist es gekommen; und wenn es nicht eine so schauderhafte
That wäre, wäre garnichts Besonderes dran. O Du
lieber, barmherziger Himmel, wovon hängt es doch ab,
daß der Mensch seine ruhigen Lebensstunden und Nächte
und sein reines Gewissen behält; oder sie sich oder einem
Andern wie Ihrem Herrn Schwiegervater, Herr Schaumann, hier sein ganzes Dasein verderben muß? Gerad
so ein schöner Abend wie heute war's, bloß ein
bißchen gewitterschwüler als wie heute. Und ich hatte
einen sauern Tag gehabt — die Tasche voll und
dazu ein halb Dutzend Geldbriefe, was mir immer
das Beschwerlichste gewesen ist, von wegen der Verantwortlichkeit und genauer Eintragung und nachheriger Abrechnung im Bureau. Ich fühle es durch
alle Knochen, wie ich von Kräften bin, und schleiche
her und komme hierher in den Papenbusch, als die
Dämmerung sich eben ins Gehölz genistet hat. ‚Der
ewige Jude bist Du doch nicht, Störzer,‘ sage ich
mir. ‚Fünf Minuten wird's ja mal Zeit haben,‘ und
da faßt mich der Teufel, oder der liebe Herrgott
will's, und ich setze mich die fünf Minuten hier
auf den Grabenrand: o hätte mir doch der Himmel
lieber fünf Minuten vorher einen durchgehenden, vierspännigen Heuwagen über den Leib gehen lassen!
‚Und jetzt fehlte Dir noch Kienbaum bei Deinem jetzigen
Kaputsein,‘ muß ich auch noch sagen. Und in dem
nämlichen Augenblick muß ich auch schon aufhorchen,
denn dort um die Ecke her kommt Räderwerk, und
ich höre schon von Weitem wie Einer auf seine Gäule
haut und schreit; ‚Verfluchte Karnaljen!‘ Da fährt's
mir giftig durch: ‚Na, da haben wir das Vergnügen
schon!‘ und ich wußte, daß mir heute wieder mal
garnichts von meinen Molesten geschenkt werden sollte.
Ich mache mich auch auf Alles gefaßt; aber, ich fasse
diesmal in der Gewitterluft auch nach meinem Stocke
neben mir und sage mir: ‚Störzer, im Nothfall sei
mal 'n Mann und wehre Dich gegen den höhnischen
Grobsack!‘ Aber auch dies kommt anders, wie meistens
bei solchen Gelegenheiten. Als mich Kienbaum sitzen
sieht, zieht er die Zügel an und hält mit seinem
leeren Viehwagen. Ich denke: ‚na heute hat er's
gut im Sinne,‘ und so ist's auch gewesen. Er hat
mal ausnahmsweise einen noch Schlauern als wie er
gefunden. Wie sich nachher ausgewiesen hat, Ihren
Herrn Schwiegervater, den Bauer von der rothen
Schanze, Herr Schaumann. Der Ochsenhandel ist
nachher vor Gericht breit genug getreten worden als
Indizium gegen den Bauer Quakatz von der rothen
Schanze. Daß der Herr Schwiegervater nach dem
Geschäft am Morgen, am späten Abend auf dem Wege
nach Gleimekendorf gesehen worden ist, das war
das zweite Indizium, wie Sie wissen, Herr Schaumann. Es hatten zu Viele in der Stadt, im blauen
Engel vernommen, wie sie sich um Mittag einen
Schuft, Halunken und Spitzbuben um den andern
an die Köpfe geworfen haben; aber an wem soll's
denn nachher so ein Mensch wie Kienbaum, wenn er
die unterste Hand im Spiel gehabt hat, besser auslassen, als an so Einem wie ich? ich bitte Sie! . . .
Ihr Herr Schwiegervater und er haben sich nicht
mehr im Papenbusch getroffen, aber auf mich, seinen
Storzhammel, trifft Kienbaum daselbst — hier —
hier — an diesem Platze gerade zur richtigen Stunde
für seine Gefühle. Er hält seinen Wagen an, und
ich bin aufgestanden und habe meine Tasche zurecht
gerückt und meinen Stock fest gefaßt. Ich sehe ihn in
der Dämmerung sein Gesicht auf seine Weise verziehen, und da schreit er mich schon an: ‚Richtig,
Storzhammel! Na, sitzt er wieder und brütet Anderen die Eier aus? Hast Dich heute mal wieder
für fünf Groschen zum Teckelhund gelaufen, Du
Blödbock? Nimmst es mir doch nicht übel? sind ja
die besten Kameraden von der Schulbank und dem
Regiment her! Da, — reich mir die Hand mein
Leben!‘ und damit haut er mit seiner Peitsche, was
er nach seiner Manier für einen guten Spaß hält,
nach mir hin, daß sich die Schwippe mir um den
Arm legt und mir einen blutigen Striemen über die
Hand zieht. So arg hatte er's wohl nicht im Sinn
gehabt; aber was nun kam, das mußte eben dadurch
kommen. Ich lasse den Stock fallen und greife im
Schmerz nach ihm auf dem Erdboden; aber dafür
kommt mir, barmherziger Gott, an seiner Statt, der
nächstliegende Feldstein in die Hand. Gedacht habe
ich mir nichts bei dem Wurfe und gezielt habe ich
auch nicht; aber getroffen hat er — durch Gottes und
des Satans Willen. Ich sehe, wie der Mann nach
der Seite schwankt und den Zügel schüttelt. Die
Pferde ziehen an, der Wagen fährt an mir vorbei
in die nächtliche Dämmerung herein. ‚Nimm's mit
nach Hause und leg eine kalte Messerklinge drauf,
Du Lump!‘ rufe ich nach. Ob er es noch vernommen
hat, kann ich nicht sagen. Meine Meinung ist nachher in mancher bangen Nacht und Stunde gewesen,
daß er's nicht gehört haben kann. Es ist mir
trotz meiner Wuth wohl etwas kurios, daß er mit
seinem Kurs nicht auf der Straße nach Gleimekendorf bleibt, sondern rechts um, dort in den Wald- und Holzweg nach der rothen Schanze einbiegt, aber
geachtet hab ich in meiner Wuth auch nicht weiter
drauf, sondern bin nach Hause gegangen und habe
bis nach Hause an meinem wunden Handgelenk gesogen wie ein geschlagenes Kind. Was nachher sich herausgestellt hat, Herr Schaumann, wissen Sie ja selber
eben so gut als ich. Sie wissen, wie die Gäule auf dem
Holzwege in den Schlenkerschritt gefallen sein müssen
und auch wohl stundenlang ganz stille gehalten haben,
bis sie sich auf dem Feldwege um Mitternacht nach
Gleimekendorf auf ihren Hof und vor ihren Stall
gefunden haben. Da kommen sie mit Laternen und
gucken in den Wagen und finden Kienbaum im
Stroh, und die Doktoren haben es herausgekriegt,
daß es ein Schlag oder Wurf an die linke Schläfe
gewesen sein muß, der das Unglück gemacht hat.
Alles steht in den Akten ganz genau, nur ich nicht.
Ich komme nur beiläufig darin vor, als wie Einer,
den Kienbaum auch noch auf der Chaussee getroffen
und mit dem er sich unterhalten hat. Ach Gott, Herr
Schaumann, weshalb hat mich der Herrgott so geschaffen wie er mich geschaffen hat, wenn er mir dies
Schreckniß dazu schaffen wollte? Der Menschheit und
der Juristerei ist es nicht zu verdenken, daß sie in
dieser Sache sich an Quakatz gehalten hat und nicht
an den Landbriefträger Störzer. In seiner Natur
und Stellung zu ihm lag's, Kienbaum todtzuschlagen.
In meiner nicht! Gott sei Lob und Dank, sie haben
mich wenigstens nicht zum Zeugen gegen ihn, Ihren
Herrn Schwiegerpapa, aufgerufen. Da hätte ich mein
schweres Herz auf den grünen Tisch legen können;
aber mich so nach angstvollen Nächten und einsamem
Tagesmarsch von selber angeben — — ich habe es
versucht, aber es ist nicht gegangen — ich habe es
wollen, aber ich habe es verschoben — immer weiter
verschoben, und so sind die Jahre hingegangen, und
dem Bauer auf der rothen Schanze ist es trotz seinem
Verdruß immer besser ergangen. Die stille Angst,
die stille Angst durch ein Menschenalter, Herr Schaumann! Mit jedem Briefe habe ich sie tagtäglich
durch ein Menschenalter rund um die rothe Schanze
her und auf ihr den Menschen abgeben müssen und
habe es doch nicht können — habe mich doch nicht
selber angeben können als den Thäter von der That,
als Kienbaums Mörder. Herr, Herr, es ist zwar
eigentlich zu spät, aber ich lege Ihnen kein Hinderniß
in den Weg; — Sie brauchen mich nicht an der
Schulter zu nehmen: ich folge gern und gutwillig,
wenn Sie mich jetzt, heute Abend, in die Stadt
bringen und dem Ersten am Thor sagen: ‚Der ist's
gewesen! er hat es eben ganz von selber gestanden!‘“
— — — — — — — — — — —

„Was ist denn das? Noch kein Licht hier?“
sagte der erste Stammgast. „Bald sollen wir uns
unsere Erleuchtung wohl selber mitbringen? Meta,
Sie! wo stecken Sie denn?“

„Hier, Herr Staatsanwalt! o Gott, ja, gleich!“ rief
das Mädchen mit zitternder Stimme. Auch das angezündete Streichholz zitterte in ihrer Hand, und es
gelang ihr nur nach wiederholt mißlungenen Versuchen, das Separatzimmer der besten Männer im
Goldenen Arm in ein helleres Licht zu setzen.

„Siehe da, die Herren!“ sagte der Staatsanwalt.
„Was Schaumann, und nun wollen Sie gehen,
da wir eben kommen? Ei was, Stopfkuchen, alter
dicker Freund, und Du, Eduard, jetzt bleibt einmal
sitzen wie in andern schönern Zeiten. Was noch
von der alten Corona in diesem Jammerthal vorhanden ist, verzeiht es mir nie, wenn ich euch jetzt ruhig
laufen lasse; den Einen nach seiner rothen Schanze, den
Andern nach seinem schwarzen Afrika. Meta, jedem
der Herren auch noch einen Schoppen! Kinder, das
ist ja zu famos, das kann ja endlich mal wieder ein
fideler Abend nach der guten alten Art werden. Na,
ihr bleibt? was?“

„Wie gerne, wenn es ginge, und mein Leibarzt es mir nicht untersagt hätte,“ lachte Stopfkuchen.
„Ach, wenn Sie nur eine Ahnung davon hätten,
Schellbaum, wie streng mir der Mensch, der Oberwasser geistige Aufregung jeder Art untersagt hat,
Sie ließen mich wie in anderen schöneren Zeiten ruhig
unter meiner Hecke.“

Wir nahmen unsere Hüte. Das Zimmer hatte
sich jetzt schon mehr gefüllt; aber glücklicherweise mit
Stammgästen, die nichts mehr von Joseph wußten
und den dicken Schaumann nur von Hörensagen und
von Ferne kannten. So kamen wir glücklich endlich
hinaus auf den Vorplatz, und dorthin kam die arme
Meta, zitternd vor Aufregung, uns nach.

„O Gott, o Gott, Herr Schaumann; aber ich
habe ja Alles mit angehört! ist es denn möglich?
Und die Herren da drinnen! darf es denn jetzt Jeder
wissen? darf Auch ich jetzt Alles den Herren heute
Abend sagen?“

„Alles, mein Kind.“

Dem Kapitän wird die Sache immer unheimlicher. Eben sagt er:

„Herr, daß das Trinkwasser auf dem Schiffe
ausgeht, das passirte früher öfter, kann auch heute
noch vorkommen und hat seine Unbequemlichkeiten;
aber was sagen Sie, wenn ich Ihnen thränenden
Herzens signalisiren muß: Sir, wir sind beim letzten
Droppen Dinte angekommen? Well, da ist es ja ein
wahres Glück, daß wir von morgen an nach dem
Tafelberg ausgucken können.“

„Das ist es, old friend!“

Und der alte Seebär stieg wieder auf Deck kopfschüttelnd, und vor sich hinbrummend, daß so 'ne
verdammte Schreiberei gottlob doch nur eine Ausnahme auf dem Wasser sei. Ich bin fest überzeugt,
in drängender Noth hätte er mich für den Unheilsvogel auf seinem Schiff genommen und ohne große
Gewissensbisse über Bord in die tosende See befördert, um die übrige Ladung durch das sühnende
Opfer zu retten. — —

Wir, Stopfkuchen und ich, aberstanden wieder vor
dem Goldenen Arm unter dem stillen, warmen, dunkeln
Sommerabendhimmel, und ich trocknete mir die Stirn
nicht weniger ab wie der erstaunliche, dicke Freund.
Er hatte die Geschichte von Kienbaums Morde nicht
bloß mit seiner dröhnigen, langweiligen Redegabe
von sich gegeben; er hatte sie auch ausgeschwitzt, sie
durch die Poren aus sich herausgelassen. Ich aber,
hatte ich darum draußen soviel zu Wasser und zu
Lande erlebt, um in dem stillen Heimathwinkel vor
Stopfkuchen und Storzhammel zu stehen wie vor etwas
weder von mir noch von irgend einem andern
Menschen je Erlebten?

Wer von Beiden war mir nun der Unbegreiflichste, der Unheimlichste geworden? O dieser Störzer!
O dieser Schaumann! — Mein alter, ältester Kinderfreund und Spielkamerad Kienbaums Mörder! Er
der mich im Grunde doch ganz allein auf die See
und in die Wüste durch seinen Le Vaillant gebracht
hatte, dem ich mein „Rittergut“ am Kap der guten
Hoffnung einzig und allein durch seine Unterhaltungen
auf seinen Weltwanderungen auf seinen Landstraßen
und Feldwegen zu danken hatte. Es war nicht auszudenken: jedenfalls jetzt — augenblicklich nicht weiter
darüber zu reden.

Stopfkuchen begleitete mich zu meinem Gasthofe,
und an dessen Thür that ich wenigstens noch eine
Frage an ihn.

„Willst Du nicht noch einen Augenblick mit
heraufkommen?“

„Lieber nicht,“ meinte Heinrich. „Meine Frau
hat sich schon seit Jahren nicht mehr um mich geängstigt. Um diese Tageszeit bin ich immer zu
Hause. Nun, es ist freilich heute mal eine gerechtfertigte
Ausnahme. Was thut man so einem lieben, alten,
fremdgewordenen Freunde nicht Alles zu Gefallen, um
ihm das alte Nest wieder heimelig und vertraulich
zu machen! Wir sehen Dich doch noch einmal vor
Deiner Abreise, Alter? Du mußt Dir doch noch
das Gesicht ansehen, was meine Alte macht, nachdem
sie auf die mir angemessenste Weise durch Andere erfahren haben wird, was ich ihr — nach der sicheren
Meinung der Welt morgen — schon längst selber
hätte sagen sollen. Gute Nacht denn für diesmal,
Eduard! Habe Dank für Deinen Besuch: das war
wirklich heute endlich mal wieder ein etwas ungewöhnlicherer Tag für die rothe Schanze.“

„Gute Nacht, Heinrich,“ sagte ich; augenblicklich
nicht im Stande, ihm noch etwas Anderes zu bemerken,
und er schien dieses auch für ganz selbstverständlich
zu nehmen, denn er watschelte ruhig durch die angenehme Nacht seiner festen Burg im Leben zu, mich
mit ihm, seiner Frau, seinem seligen Schwiegervater,
mit Störzer und mit Kienbaum nun im „Hotel“
allein lassend. Wenn ich ihn je in vergangenen
Jahren, wie er sich ausdrückte, unter seiner Hecke
seinen Gedanken, Gefühlen, Stimmungen, kurz sich
selber allein als eigenster Austrägalinstanz anbefohlen
hatte, so zahlte er mir das heute mit tausendfachen
Zinsen zurück und ließ mich ihm nachgucken in die
Nacht hinein, wie selten einem Menschen nachgeguckt
worden ist.

Nun war ich unter meiner Hecke, in meinem
heimathlichen Absteigequartier allein, und hatte die
Nacht vor mir, um zu überlegen, was ich den Tag
über erlebt hatte. Als aber die Morgensonne mir
ins Fenster und auf die Bettdecke schien, und ich das
Facit von Wachen und Traum zog, fand ich, daß
ich mich sonderbarerweise eigentlich nur mit Frau
Valentine Schaumann geborener Quakatz, und verhältnißmäßig recht wenig mit Kienbaum, Störzer,
dem Papa Quakatz und mit Stopfkuchen beschäftigt
hatte.

Die Gute! Die Arme und Gute! . . .

Und konnte man es Stopfkuchen verdenken, daß
er um sie und ihre rothe Schanze, um deren Behaglichkeit willen, endlich auch die irdische Gerechtigkeit als das Gleichgültigere, das weniger in Betracht
Kommende angesehen hatte? So wahrscheinlich bald
nach Mitternacht hatte ich mich ganz in des Dicken
Stelle, das heißt seine Haut versetzt, das heißt, war
in dieselbe hineinversetzt worden. Ich war zu seinem
Leibesumfang angeschwollen und hatte mich auf die
Höhe seiner behaglichen Weltverachtung erhoben und
hatte gesagt: „Dem dürren Afrikaner, diesem Eduard,
wollen wir nun doch einmal aus dem alten Neste
heraus imponiren und ihm beweisen, daß man auch
von der rothen Schanze aus aller Philisterweltanschauung den Fuß auf den Kopf setzen kann. Dem
wollen wir einmal zeigen, wie Zeit und Ewigkeit sich
Einem gestalten können, den man jung allein unter
der Hecke liegen läßt, und der da liegen bleibt, und
um die Seele auszufüllen nach Tinchen Quakatz sucht,
und um den Leib bei Rundung zu erhalten, die rothe
Schanze erobert, und in Mußestunden von letzterer
aus auch den gestern vergangenen Tag als wie einen
seit Jahrtausenden begrabenen Mammuthsknochen aufgräbt.

Da überlegte ich mir in dieser Nacht, erst außerhalb des Wirthshausbettes und dann in demselben,
den mir eben vergangenen Tag noch einmal von
Stunde zu Stunde, von Wort zu Wort. Und mehr
und mehr kam mir wieder zum vollen Bewußtsein
der alte ganz richtige Satz vom zureichenden Grunde,
wie ihn der alte Wolf hat: Nihil est sine ratione
cur potius sit, quam non sit; und wie es der
Frankfurter Buddha übersetzt: „Nichts ist ohne Grund,
warum es sey.“ — Wie mich der Le Vaillant, übersetzt von Johann Reinhold Forster, in der Bibliothek
des Landbriefträgers Störzer zu den Buren in Prätoria
gebracht hatte, so hatte der Steinwurf aus Störzers
Hand nach Kienbaums Kopfe den Freund zu Tinchen
Quakatz geführt und ihn zum Herrn der rothen Schanze
gemacht. Und so, wenn Kienbaum nicht Kienbaum,
wenn Störzer nicht Störzer, wenn Stopfkuchen nicht
Stopfkuchen und Tinchen nicht Tinchen gewesen
wären, so wäre auch ich nicht ich gewesen und hätte
gegen Morgen über diese Mordgeschichte in den
ruhigsten Schlaf versinken und daraus erwachen können
mit den beruhigenden Gedanken an das „afrikanische
Rittergut“, und an mein Weib und meine Kinder
daheim:

„Nun, die Sache hat sich ja noch ganz erträglich
gemacht.“

Fertig war ich freilich noch nicht mit ihr,
der Sache nämlich. Das sollte ich sofort von dem
Gesicht des Kellners ablesen, als ich die Zimmerglocke
gezogen hatte, und der Jüngling mich erst eine geraume Weile angaffte, ehe er meinen Wunsch nach
frischem und nach warmem Wasser begriff. Und schon
erschien Freund Sichert, der Wirth selber hinter ihm
und starrte mich gleichfalls an und rief:

„Aber, Herr, ist es denn möglich? Ich bitte
tausendmal um Entschuldigung, aber Sie sind ja der
Erste aus der Stadt, der's ganz genau von Herrn
Schaumann vernommen hat, wie es eigentlich gewesen
ist! Und es sind auch schon einige von Ihren verehrten Herrn Bekannten unten im Speisesaal gewesen,
und haben sich erkundigt, ob Sie noch nicht auf seien,
und ob es sich denn wirklich so verhalte mit Kienbaum
und mit Störzer?“

„Nun ja, lieber Sichert. Es wird es ja wohl.“

„Es ist doch nicht möglich! Ein Theil der Stadt
ist ja freilich schon gestern Abend, gestern Nacht, vom
goldenen Arm aus darüber in die größte Aufregung
gerathen. Leider waren Sie bereits zur Ruhe gegangen als die Überraschung auch noch zu mir drang,
und ich nahm mir die Freiheit nicht —“

„Mich zu wecken und sofort um die genaueste
Auskunft anzugehen. Ich danke Ihnen verbindlichst
lieber —“

„Aber, mein Gott, Sie verzeihen, bester, verehrtester Herr, Sie sind doch auch ein Stadtkind und
gehören so zu sagen noch zu uns, und womit man
sich die langen Jahre so schwer und interessirt
herumgetragen hat — wenn da nun mit einem Male
eine so merkwürdige Aufklärung kommt! . . . Und
dieser alte Störzer! Es hielt ihn ja Keiner für mehr als
für einen guten, unschädlichen, alten Mann und
Hammel! und heute Morgen begraben sie ihn, dem
Arme der irdischen Gerechtigkeit vollständig entzogen!
Und unser verehrter Herr Schaumann von der rothen
Schanze, der doch schon längst so viel zur völligen
Aufklärung hätte thun können! der so viel dazu hätte
thun können —“

„Uns noch eine letzte angenehm-unheimliche Aufregung zu verschaffen. Na, na, lieber Sichert, dazu war
er eben zu dick, zu unbeholfen, zu schwerfällig, oder
wie Sie es sonst nennen wollen. Auch wohl ein
wenig zu gutmüthig und für seine Bequemlichkeit besorgt. Und dann — na, dann war es ja doch auch
eine so alte Geschichte, eine so verjährte Sache, die
im Grunde ja Niemand mehr was anging als vielleicht
noch ein wenig seine Frau — Herrn Schaumanns
Frau, eine geborene Quakatz. Ja, weshalb sollten
die Beiden und noch dazu von ihrer jetzigen ganz
sichern Schanze aus um den alten, guten Störzer
die hohe Justiz bemühen, ihr auf die Sprünge helfen,
um sie eigentlich doch nur dadurch zu beschämen?
Überlegen Sie das einmal.“

„Ich kann es doch nicht fassen!“ seufzte mein
Herr Wirth und ging, kopfschüttelnd und durchaus
nicht befriedigt von mir. Ich aber faßte mich an
die Stirn: Du lieber Himmel, wie sehr hatte
Stopfkuchen Recht! Schon was ich jetzt über mich
nur kommen sah, genügte vollständig, um mich nunmehr ganz in seine Situation während der Zeit nach
einem plötzlichen Aufmerken an dem schönen Sommermorgen beim Begräbniß seines Schwiegervaters zu
versetzen. Sofort aber folgte auch die Überlegung:
„Und nun kannst auch Du mit ausbaden, was der
Dicke hinter aufgezogener Zugbrücke der Welt so lange
als möglich so schnöde als möglich vorenthalten hat!
Und der Feistling ist auch jetzt noch im Stande, seine
Schanze um sich und sein Weib herum noch mehr
in Vertheidigungszustand zu setzen, die Bulldoggen,
Fleischer- und Schäferhunde, die giftigen Spitze, kurz alle
die bissigen Wächter seines seligen Schwiegervaters
wieder aus der Gruft zu beschwören, und Dir, Eduard
es ganz allein zu überlassen, die Sache Störzer-Kienbaum gegen die Menschheit auszutragen!“

Daß der Mensch trotz seiner einladenden Worte
noch einen zweiten Besuch von mir erwartete, glaubte
ich nicht mehr. Und ich habe es schon gesagt: die
rothe Schanze war der letzte Ort der Heimath, dem ich
noch einen Besuch schuldig gewesen war. Geschäfte
hatte ich nicht mehr zu Hause. Alle lieben und alle
schlimmen Erinnerungen hatte ich von Neuem geweckt
und konnte sie aufgefrischt mit nach Kaffraria nehmen.
Wenn ich durchging vor den Manen Kienbaums, ließ
ich kaum ein Bedauern, sondern nur höchstens eine
kurzlebige Verwunderung über den raschen Aufbruch
hinter mir zurück. Es war niemand von beiden
Geschlechtern vorhanden, der mir den Rock zerrissen
haben würde bei dem Versuche, mich „wenigstens
noch ein paar Tage“ zurückzuhalten.

Wie wäre es denn, wenn Du den Kopf aus
der Geschichte zögest, Eduard; und Dein Theil daran
sofort mit auf das Schiff nähmest?

Mit dem Wort oder vielmehr Gedanken stand
ich bereits nicht mehr auf dem festen Boden des
Vaterlandes, ich stand wieder auf meinen Seebeinen
auf den beweglichen Planken über dem großen Gewoge des Oceans, und es blies mir ein sehr erfrischender Meerwind ins Gesicht.

„Ich gehe!“ sagte ich, und — ich ging wirklich
und wahrhaftig. Stille Vorwürfe ließ ich dabei
außer Acht, und für laute war ich ja immer noch in
Afrika zu finden, und hätte da gern Jedem Rechenschaft abgelegt, das heißt ihm dies, mein Schiffstagebuch zu lesen gegeben.

Übrigens kostete es doch einige List und Mühe,
bloß die Heiligen drei Könige unverhindert hinter
sich zu lassen. Nur durch etwas was einer Bestechung
recht ähnlich sah, gelang es mir, meine Rechnung
sogleich und hinterm Rücken meines Herrn Wirthes
zu erhalten. Es kostete mich Geld, aber ich fand
einen dienstwilligen Geist, der mich des Hotelwagens
überhob und mir mein Gepäck ganz verstohlen auf
einem Schubkarren zum Bahnhof beförderte. Ich
verkleidete mich nicht, ich schlug mir nicht den Theatermantel um die Ohren und zog den Schlapphut über
die Nase herab; aber ich verzog mich auch nicht auf
dem offenen geradesten Wege, sondern entschlüpfte durch
die Hinterpforte und den Hausgarten der Heiligen
drei Könige. Aus dem Garten brachte mich ein
zweites Pförtchen in einen mir aus der Kinderzeit
wohlbekannten, gottlob noch vorhandenen engen Pfad
zwischen andern Gärten, Stallungen und sonstigen
Hintergebäuden. Hätte ich Kienbaum todtgeschlagen
und wären mir die Häscher auf den Fersen gewesen,
ich hätte nicht behutsamer verduften können; und ich
pries es jetzt als ein wahres Glück für mich, daß
sich in der Stadt doch verhältnißmäßig wenig während
meiner letzten Abwesenheit verändert hatte und ich mit
dem alten Haus- und Ortssinn auch auf den weniger begangenen Wegen auskam.

Es war gegen neun Uhr als ich nicht durch die
Stadt, sondern um sie herum hinter den Gärten zum
Bahnhof wanderte. Daß dieser Weg durch das
Matthäiviertel führte, hatte ich bei meinem Wunsche,
die Hauptstraßen zu vermeiden, nicht mit in Betracht
gezogen und mich also nicht zu sehr zu verwundern
über das Getümmel, in welches ich trotz aller augenblicklichen vorsichtigen Menschenscheu gerieth.

Es wäre übertrieben, wenn ich sagen wollte, daß
die halbe Stadt auf den Beinen war, um dem Begräbniß des Landbriefträgers Störzer mit anzuwohnen:
aber ein gut Theil der Bevölkerung war doch versammelt in den Gassen und Gäßchen, um seine Behausung her. Und darunter nicht bloß Fräulein
Eyweiß mit ihrer Brunnenkruke, sondern auch mehrere
Bekannte aus dem Brummersumm.

Daß man da stehe und auf den Zug warte, um
dem Alten mit ein ehrenvolles Geleit zu seinem Grabe
zu geben, äußerte Niemand. Aber Jedermann hatte
gewiß das Recht, seiner Morgenbequemlichkeit oder
seinen Geschäften ein paar Augenblicke abzuzwacken,
um jetzt, im letzten Augenblick, einen Blick auf die
schwarze Truhe zu werfen, die den augenblicklich
merkwürdigsten Menschen, nicht bloß der Stadt
sondern auch der Umgegend auf weithin, barg. Sie
wollten Alle den guten, alten, dummen Kerl, diesen
alten Störzer, der in seinen vierundfünfzigtausendeinhundertvierundsechzig Amts-Gehstunden mit seinem
schweren Gewissen fünfmal um die Erde herum gewesen war, und der die ganze Stadt von oben bis
unten so lange, lange Jahre hatte reden lassen, ohne
ein Wort zu sagen, — sie wollten ihn, Kienbaums
Mörder — ihn oder wenigstens seinen Sarg doch noch
einmal sehen!

Und schon bekam ich einen freundschaftlichen
Schlag auf die Schulter:

„Je, Eduard! Du mußtest freilich vom Kap
der guten Hoffnung mal nach Hause kommen, um
uns hier diese Überraschung mitzubereiten. Wir haben
es gestern Abend im Arm schon ziemlich zu einander
gebracht wie ihr — Du und Schaumann gestern auf
der rothen Schanze euren Gefühlen Luft gemacht
haben werdet. Das war aber vortrefflich von Dir,
daß Du dem Dicken endlich zu einer mittheilsamen,
redefreudigen Stimmung verholfen hast. Dieser Stopfkuchen! Ja, so ist er immer gewesen! Ja, ja, Du
mußtest erst kommen, daß es so kommen konnte!
Ohne Dich, Eduard, hätten wir noch lange darauf
warten können, zu erfahren, wer eigentlich Kienbaum
todtgeschlagen habe. Und dieser alte Störzer: man
weiß wirklich nicht, ob die Geschichte durch ihn unheimlicher oder so zu sagen, ganz gemüthlich wird.
Aber wie gesagt, hauptsächlich was sagst Du zu
Stopfkuchen? Ist er nicht göttlich? Ist er nicht
immer noch ganz der Alte?“

„Ganz der Alte. So leicht verändern wir uns
nicht. Aber Du verzeihst: geht Deine Uhr richtig?“

Der Freund sah nach ihr:

„Auf die Minute. In zehn Minuten halb zehn.“

„Dann hab ich keinen Augenblick mehr zu versäumen. Der Zug nach Hamburg geht in zwanzig
Minuten ab.“

„Du reisest nach Hamburg?“

„Und ein wenig weiter. Ich reise ab nach Afrika.
Es freut mich sehr, daß ich Dich eben noch getroffen
habe, um auch Dir für diesmal aufs Herzlichste Lebewohl zu sagen.“

„Aber Eduard? Eduard, Du scherzest! wie kommt
denn das so rasch, so plötzlich?“

Glücklicherweise kam in diesem Augenblick der
kümmerliche, ärmliche Leichenzug um die Ecke und
überhob mich der Antwort. Der so wunderlich aller
irdischen Sühne entschlüpfte Todtschläger ging dem
Freunde doch noch mehr über allen Spaß als wie
meine plötzliche Abreise. Das Schauspiel fesselte so
sehr seine ganze Aufmerksamkeit, daß ich gleichfalls
entschlüpfen konnte, nachdem auch ich dem Sarge
meines ältesten Freundes in der Stadt noch einen
letzten kurzen Blick hatte schenken können.

Dieser arme Sarg — jetzt mit einem Gefolge,
das nur aus einer Frau mit einem Kinde auf dem
Arme und einem an der Schürze bestand! . . .

Sie hatten alle das Geleit verweigert, die sonst
wohl dazu gehört haben würden. Auch die kaiserliche
Post hatte es nicht mehr für schicklich erachtet, ihre
niedern Bediensteten dem alten Weltwanderer, dem
guten Beamten aber sehr verstohlenen Mordgesellen
hinterdrein zu schicken; und sie war ganz gewiß dabei
nicht im Unrecht, sie hatte vollkommen Recht.

„Nun, er hat es sich und dem unglücklichen
Frauenzimmer ja schon gestern Abend versprochen,
hier an Kinder und Enkel zu denken,“ sagte ich, den
Bahnhof erreichend. Es ging gerade ein früher Vergnügungszug südwärts durch, und es wimmelte von
lustigen Fahrgästen mit grünen Zweigen an den Hüten,
Liederbüchern in den Taschen, Futterkobern und Körben
und allem, was sonst zu solchem beschwerdenschwangern
Ausflug aus dem Alltage heraus gehört: ich hätte
in kein richtigeres Getümmel für meine Stimmung
hineingerathen können. So war die Welt!

Mit einiger Mühe gelangte ich in den nach dem
Norden abgehenden Zug; aber es war keine unliebe
Mühe, und ein Kind habe ich dabei nicht über den
Haufen gerannt, auch keinem Weibe durch einen übereiligen Ellbogenstoß den Ausruf: „O mein Gott!“
entlockt. Aber mich fest hinsetzend in gottlob der
Wagenecke seufzte ich:

„So, Stopfkuchen!“ . . . und fügte erst nach
einer Weile hinzu: „Ja, im Grunde läuft es doch
auf ein und dasselbe hinaus, ob man unter der Hecke
liegen bleibt und das Abenteuer an sich herankommen
läßt, oder ob man sich von seinem guten Freunde
Fritz Störzer und dessen altem Le Vaillant und
Johann Reinhold Forster hinausschicken läßt, um es
draußen auf den Wassern und in den Wüsten aufzusuchen!“

Ein schriller Pfiff, ein Zischen, ein Schnaufen
und Schnauben, ein immer beschleunigteres Athemholen
und Ächzen und die Heimathstadt mit allem geistigen
und körperlichen eisernen Bestand des Menschen, mit
Lebenden und Todten, mit Vater und Mutter, Onkel
und Tante, mit Freunden, Schulmeistern, guten und
bösen Kneipgesellen, mit Kirche und Markt lag hinter
mir. Und der Brummersumm, der goldene Arm und
die heiligen drei Könige und — Stopfkuchen auch.

Nein! der Letztere doch nicht. Dafür zog sich
doch mein ganzer Aufenthalt in der Heimath jetzt zu
sehr um seine dicke Person zusammen seit dem
gestrigen Tage. Sie konnten auch daheim, ohne sich
unter ihren Hecken weg zu rühren, was erleben und
es in wundervoll erleuchteter, in lichter Seele zum
Austrag bringen. Die Menschheit hatte immer noch
die Macht, sich aus dem Fett, der Ruhe, der Stille
heraus dem sehnigsten, hageren, fahrigen Conquistadorenthum gegenüber zur Geltung zu bringen. Heinrich
Schaumann, genannt Stopfkuchen, hatte dieses mir
gegenüber gründlich besorgt. Ich fuhr wahrlich nicht
ab und vorbei, ohne nach seiner Schanze auszusehen
von meinem Eilzuge.

Anderthalb Eisenbahnminuten von der Stadt
führte ja die Bahn unter der rothen Schanze hin,
und man hatte, einen Augenblick lang, einen recht
guten Überblick über den Kriegsmaulwurfshaufen
Seiner Hoheit, des Herrn Grafen von der Lausitz,
Prinz Xaver von Sachsen. Wallböschung, Baumwuchs
und Hausdach hoben sich scharf und klar ab vom
blauen Sommermorgenhimmel, und mit schärfster,
wunderlich wehmüthiger und vergnüglicher Aufmerksamkeit wartete ich auf das Vorbeifliegen und das Abschiednehmen im Vorbeifliegen.

Und ich erfaßte alles nach Wunsch genau. Es
waren nur zwei helle Pünktchen, aber sie waren da
in der sonnenhellen, grüngoldnen Heimathslandschaft.
Er stand auf seinem Wall in seinem Sommerschlafrock und hatte sein Tinchen bei sich — eben so sicher
wie seine lange Philisterpfeife. Sicherlich auch hatte seine
Frau ihren Arm in den seinigen geschoben, und wenn
sie nun endlich auch wußte, wer Kienbaum todtgeschlagen habe, so wartete sie doch im vollen Verlaß
auf ihren Heinrich das Anspülen jener Welt draußen ab,
die gestern Abend ebenfalls erfahren hatte, wer Kienbaum
totgeschlagen habe. Sie genossen trotz allem, was
ihnen aus der letzteren Thatsache aufwuchs, den
schönen Morgen. Es lagen da jetzt Zwei, die man
vordem hatte abseits liegen lassen, unter der Hecke,
und blieben nun ruhig liegen, was auch die Welt,
die Welt da draußen, zu ihrer unbegreiflichen Indolenz
sagen mochte:

„O dieser Stopfkuchen!“ —

Hätte er eine Ahnung davon gehabt, daß sein
„guter Freund Eduard“ da unten an ihm vorbeifahre,
so würde er sicherlich seine Pfeife in die Luft erhoben
und seine Hauskappe geschwenkt haben. Und dann
würde auch Frau Valentine Stopfkuchen, geborene
Quakatz ihr Taschentuch haben wehen lassen. Die
aber würde vielleicht dazu gesagt haben:

„Das ist doch aber eigentlich unbegreiflich von
ihm!“

Was mein dicker Freund Heinrich Schaumann
anderes als: „Hm!“ hätte erwiedern können, kann ich
nicht sagen.

Vorbei die rothe Schanze! aber doch ein Glück
diese Sicherheit, daß sie ruhig liegen blieb, wo sie lag
und wie sie lag; daß ich sie wie sie war, im Gedächtniß behalten konnte: als einen sonnenbeleuchteten
Punkt im schönsten Heimathsgrün.

Schon ersuchte mein Wagengegenüber mich
höflichst, des Zuges wegen doch lieber das Fenster
auf dieser Seite zu schließen, da der Wind von der
Seite komme und das entgegengesetzte offen stehe.
Da auch die Sonne als Hitzespenderin in das betreffende Fenster schien, kam ich gern dem Wunsch
der Dame nach. Ich zog die Scheibe herauf und
die blauen Vorhänge zusammen, und ich kann es
nicht leugnen, daß mir die blaue Dämmerung ganz
wohl that nach dem kurz-scharf-angestrengten Ausschauen in den scharf-hellen Morgen hinein mit seinem
blendenden Gelb und Grün und den beiden winzigen
Figürchen auf dem Walle der rothen Schanze — nach
dem letzten Ausgucken nach dem guten dicken Freunde
und der lieben, guten Freundin Valentine Schaumann
in der Jugendheimath! So etwas von Kohlenstaub
aus der Lokomotive war mir so schon ins rechte Auge
geweht.

Aber noch etwas will ich nicht leugnen: nämlich
daß mich das blaue Licht oder die lichtblaue Dämmerung,
in der ich bei der Abfahrt von der Heimath die Augen
schloß, um mich erst wieder an die rechte Beleuchtung
zu gewöhnen, trotz dieser Gewöhnung dennoch bis
Hamburg, bis auf das Schiff — bis in diese Stunde
begleitet hat. Vernünftige Leute werden wohl sagen:
„Ja, worauf fällt der Mensch nicht, um sich bei
günstiger Fahrt und auf fast zu ruhiger See die
Zeit zu vertreiben? Na, das ist eben Geschmackssache,
nach was für einem Auskunftsmittel man in der
Langenweile greift.“

Ganz etwas Ähnliches sagte der Kapitän, der
eben herunter kam und meinte:

„Wissen Sie wohl, lieber Herr, daß Sie das
einzige Merkwürdige sind, was ich auf dieser Fahrt
erlebt habe? Etwas von schlechtem Wetter kommt
doch immer vor, aber diesmal nicht das Geringste;
denn den Squall von neulich rechnen Sie wohl selber
nicht. Da oben fangen wir jetzt an, nach dem Tafelberg auszugucken, aber, zum Henker, Herr, mir wäre
es doch jetzt die Hauptsache, wenn Sie mich mal
sehen ließen, was Sie diesen ganzen Monat hier auf
meinem Schiffe zusammengeschrieben haben.“

„Es würde Sie wirklich wenig interessiren,
Kapitän. Die reine Privatsache!“ sagte ich und
klappte das Manuskript zu.

A[…]n auch auf Deck stieg, um mit den
Ander[…]elberg aus dem Meer aufsteigen zu
sehen, und als wirklich ein blaues Wölkchen am
Horizont vom Schiffsvolk für den berühmten Berg
[…]lärt wurde, mußte ich mich doch an die Stirn
[…]en und fragen:

„Eduard, wie ist denn das? Du bist wieder
„ — — — —

Es dauerte noch anderthalb Tage, ehe wir landen
konnten, und während dieser Zeit wanderte ich noch
recht oft auf der Landstraße der Heimath mit dem
Landbriefträger Störzer, und hörte Den mit sonderbaren Seitenblicken auf die rothe Schanze vom Le
Vaillant und von dem Innern Südafrikas erzählen;
zu aller froh-unruhigen Gewißheit: nun hängt bald
Dein Weib wieder an Deinem Halse und dazu Deine
doppelläschgige deutsch-holländische Brut Dir an den
Rockschößen:

„Vader, wat hebt gij uns mitgebracht uit het
Vaderland, aus dem Deutschland?“