Die Akten des Vogelsangs

An einem Novemberabend bekam ich, (der Leutnant der Reserve liegt als längst abgethan
bei den Papieren des deutschen Heerbannes) Oberregierungsrath Dr. jur. K. Krumhardt, unter meinen
übrigen Postsachen folgenden Brief in einer schönen
festen Handschrift, von der man es kaum für möglich
halten sollte, daß sie einem Weibe zugehöre.

„Lieber Karl!

Velten läßt Dich noch einmal grüßen. Er ist
nun todt, und wir haben Beide unseren Willen bekommen. Er ist allein geblieben bis zuletzt, mit sich
selber allein. Daß ich mich als seine Erbnehmerin
aufgeworfen habe, kann er freilich nicht hindern;
das liegt in meinem Willen, und aus dem heraus
schreibe ich Dir heute und gebe Dir die Nachricht
von seinem Tode und seinem Begräbniß. Dieser
Brief gehört, meines Erachtens, zu der in seinen
Angelegenheiten (wie lächerlich dieses Wort hier
klingt!) noch nöthigen Korrespondenz. Seinen Ton
entschuldige. Es klingt hohl in dem Raume, in
welchem ich schreibe: Er hat die Leere um sich
gelassen, und wie ein Kind nenne ich Dich, Karl,
noch einmal Du und bei Deinem Taufnamen, es
soll kein Griff in die Zukunft sein; es ist nichts
als ein augenblickliches letztes Anklammern an
etwas, was vor langen Jahren schön, lustig,
freudenvoll und hoffnungsreich gewesen ist. Auch
Deine liebe Gattin wird den Ton verzeihen, wenn
sie auch gottlob nichts weiß von der Angst, die
wir Weiber haben können in einem so leeren
Raume. Ihre Angst im Dunkeln wird sie ja
wohl auch schon gehabt haben in ihrem Leben.

Helene Trotzendorff als ein sich fürchtendes
Kind? — Nein, doch nicht! — So ist es nicht! —
Die wilde Thörin möchte sich nur entschuldigen,
daß sie Euch ruhigen Seelen durch ihre Nachricht
den bürgerlichen und häuslichen Frieden stört.
Von jetzt an, lieber Karl, gedenke meiner als einer
mit dem Freunde zu den Todten Gegangenen; ich
wollte, ich könnte sagen: in den Frieden.

Euer Freund Leon war sehr aufmerksam, doch
Eure Frau Fechtmeisterin hat mir das Recht zuerkannt, das Begräbniß zu besorgen. Er, der
Herr Kommerzienrath des Beaux, thut mir nur die
nöthigen Wege. Nun bin ich allein mit dem Freunde
und freue mich über ihn und könnte ihm wieder
wie unter den Holunderbüschen zwischen den Buchsbaumeinfassungen der Aurikelbeete, unseren Kindheitsgärten, oder auf unseren Bergen und Waldwiesen in den Haarbusch greifen und ihn Schelm
nennen oder einen schlechten Menschen. Verdient
hätte er das heute, wie vor Jahren. Er hatte in
seinem Frieden noch denselben Zug um Nase und
Mund wie vor Jahren, wenn er mich zu Thränen
vor Ärger und Erboßung, und Dich, guter, alter
Jugendkamerad, zu einem Citat aus einem deutschen
oder lateinischen Klassiker gebracht hatte.

Die Frau Fechtmeisterin hat das große schlaue
Kind wahrhaftig wie ein kleinstes, dummstes, hilflosestes Kind besorgt und zu Tode gepflegt. Sie
ist jetzt nahe an die neunzig Jahre alt und sagt:
‚Daß ich das noch thun mußte, hat mich das ganze
letzte halbe Jahr durch auf den Beinen erhalten;
ich hatte es ihm ja aber auch so versprochen, wenn
ich auch niemals geglaubt habe, daß mal ein Ernst
aus seinem Spaß werden könne.‛ Sie konnte es
nicht wissen, daß er immer Ernst aus dem Spaße
machte! —

Wenn wir nun zusammensäßen, so könnte ich
Dir noch vieles sagen. Zu schreiben weiß ich nichts
mehr; ich bin auch sehr müde.

Mit den besten Wünschen für Dich und Dein
Haus

Helene Trotzendorff, Widow Mungo.“

„Was hältst Du so den Kopf mit beiden Händen?“ fragte mich recht spät am Abend meine Frau,
nachdem die Kinder längst gekommen waren, um mir
eine gute Nacht zu wünschen. „Hast Du heute wieder
mal kein Stündchen Zeit für uns übrig gehabt, armes
Männchen? Großer Gott, diese Berge von Akten!
Was haben wir denn eigentlich noch von Dir?“

Sie lehnte sich bei diesen Worten über meine
Stuhllehne und legte mir ihre kühle Hand auf die
Stirn.

„Die bösen Akten sind es diesmal nicht, mein
armes Weibchen. Es ist etwas viel Grimmigeres.
Was erschrickst Du denn? Dich und Deine Kinder
geht es nur recht mittelbar was an.“

Ich gab ihr den Brief der Wittwe Mungo, der
mich in dieser Nacht über die gewohnte Zeit hinaus
von dem allabendlichen Plauderstündchen im Wohnzimmer ferngehalten hatte, und Anna nahm ihn,
wenn nicht erschreckt, so doch sehr verwundert und gespannt, und sah natürlich zuerst nach der Unterschrift.

„Von Helene Trotzendorff?“

„Von der Wittwe Mungo.“

Die Pfeife war mir längst ausgegangen; ich stand
auf, um sie mechanisch wieder anzuzünden, und ging
nun in meiner Arbeitsstube auf und ab, während
Anna an meinem Schreibtische, in meinem Arbeitsstuhl Platz nahm und zwischen den freilich berghohen,
ihr so ärgerlichen Aktenhaufen das liebe Gesicht über
den unheimlich wunderlichen Brief aus Berlin beugte,
um es sofort, jetzt doch im höchsten Grade erschreckt,
wieder zu erheben und mir zuzuwenden.

„Velten todt? Unser — Dein Freund Andres!
— Und sie — Helene — die Wittwe Mungo, allein
bei ihm!“

Das Blatt zitterte in ihren Händen, als sie
weiter las; aber sie machte weiter keine Bemerkungen,
bis sie fertig war, das Schreiben niederlegte, mit
der Hand darüber strich, wie um es zu glätten.

„Aber das ist ja ein entsetzlicher Brief! In
seiner Unverständlichkeit doch gar nicht so, wie ich sie
mir nach Deinen — euren Reden und Erzählungen
vorgestellt habe, daß Unsereine trotz ihres Erschreckens
und Mitgefühls wieder einmal nicht weiß, was sie
dazu sagen soll. Velten Andres todt, und die amerikanische Thalermillionärin jetzt als seine Todtenwache,
wie es scheint in seiner leeren Dachstube. Was will
sie denn jetzt da? Ganz dumm und irre wird man
hierbei! Du lieber Gott, wie machen sich doch die
Menschen aus puren Grillen das Leben schwer und
das Sterben zu einem Komödienschluß! Na, was
siehst Du mich an? Wenn es nicht so trauriger
Ernst wäre, so möchte man wirklich sagen: Aus
seiner Rolle ist Keiner von Beiden gefallen. Und der
gute Leon ist auch natürlich wieder da und steht
dabei wie der brave Mensch im Hintergrund, der
auf dem Theater immer dabei ist, wenn so eine
Katastrophe eintritt, daß doch wenigstens Einer als
vernünftiger Theilnehmer den Kopf schüttelt. Aber
freilich — Du mußt und willst doch auch wohl als
erster alter guter Freund und Bekannter von Allen
jetzt zu ihr nach Berlin?“

„Morgen — wenn es mir irgend möglich
ist.“ —

„Weshalb sollte Dir das nicht möglich sein?
In solchem Fall darf sich jeder Mensch seinen Urlaub selber geben. Ich für mein Theil werde morgen
diesen unheimlichen Brief bei hellem Tageslicht lesen.
Jetzt ist er mir wie ein Stein auf den Kopf gefallen, und ich gehe zu den Kindern. Die Mädchen
sind eben aus dem Theater nach Hause gekommen.
Das ist in diesem Augenblick meine einzige Rettung
nach dieser Lektüre. Der Himmel bewahre sie uns
vor zu viel Einbildungskraft und erhalte ihnen einen
klaren Kopf und ein ruhiges Herz.“

„Ganz meine Meinung, liebe Anna,“ seufzte
ich, und dann ließ ich den Brief Helenens unter
meinen Aktenhaufen, zog den Arm meines klugen,
klaren und ruhigen Weibes unter den meinigen und
wir gingen zusammen zu den Kindern. — Das sind
schon ziemlich erwachsene junge Leutchen mit wenn
auch jungen, so doch eigenen Lebenserfahrungen und
Interessen: von Velten Andres und Helene Trotzendorff wußten sie nichts, oder doch nur wenig. Und
das Wenige konnte jetzt bloß ein romantisches
Interesse für sie haben. Mit den Akten des Vogelsangs hatten die persönlich nichts mehr zu schaffen.
Ob sie später einmal persönlichen Nutzen aus ihnen
ziehen werden, wer kann das wissen?

Daß mein Vater nur auf das zu dem Landesorden hinzugestiftete Verdienstkreuz erster Klasse und
den Titel Rath die Anwartschaft besaß, sagt Alles
über unsere gesellschaftliche Stellung im deutschen
Volk, um die Zeit herum, da ich jung wurde in der
Welt. In welchem juristischen Sonderfach er ein
Beamteter war, ist wohl gleichgültig, daß er aber
ein sehr tüchtiger Beamter war, haben alle seine
Vorgesetzten anerkannt, und viel häufiger von seinem
Verständniß in den Geschäften Gebrauch gemacht,
als sie ihren Vorgesetzten gegenüber laut werden
ließen. Es handelte sich in seinem Amt viel um
Zahlen, und er hatte einen hervorragenden Zahlensinn, womit, beiläufig gesagt, meistens auch ein
entsprechender Ordnungssinn verbunden ist. Beides
gab ihm eine Stellung in unserer heimischen Bureaukratie, die für unser häusliches Behagen nicht immer
von dem besten Einfluß war; denn die Vorstellung,
nicht studirt und es dadurch zu etwas Besserem gebracht zu haben, verbitterte nur zu häufig nicht nur
ihm, sondern auch uns, das heißt meiner Mutter
und mir, das Leben.

Ich habe übrigens in meiner heutigen oberregierungsräthlichen Stellung dergleichen wackere Herren
gleichfalls gottlob unter mir und hole mir nicht selten
für meinen Amtsberuf nicht nur Aufklärung, sondern
auch Rath von ihnen. Das Bild meines seligen
Vaters aber, mit dem zu dem Landesorden hinzugestifteten Verdienstkreuz erster Klasse auf der Brust,
habe ich in Lebensgröße (nach seinem Tode nach einer
guten Photographie gefertigt) über meinem Schreibtische hängen, und hole mir auch von ihm heute
noch Aufklärung und Rath, und nicht bloß in meinen
Geschäften, sondern im Leben überhaupt. —

Meine Mutter war eine Frau, deren höchste
Lebenswünsche und Ansprüche durch den Titel Räthin
ganz und gar erfüllt wurden. Sie war eine gute
Mutter und beste der Gattinnen, wenn das Letztere
vom vollständigen Aufgehen in den Ansichten, Meinungen, Worten und Werken des Gatten abhängig
ist. Sie fühlte sich wohl in der Zucht, in welcher er
sie und sein Haus hielt, und ich glaube nicht, daß sie
je einen anderen Willen haben konnte, als den seinigen.

Geschwister habe ich nicht gehabt, wenigstens
nicht solche, die so lange geathmet hätten, um von
Einfluß auf mein Leben zu werden. Den Ersatz hierfür lieferte die Nachbarschaft und zwar in ergiebigster
Weise, und davon handelt denn auch, um es hier
schon kurz zu sagen, die Akte, die ich jetzt anlege.
Wem zum Besten, wer mag das sagen? Jedenfalls
mir zu eigenster Seelenerleichterung und aus tiefgefühltem Bedürfniß nach Einem, nach Etwas, das
einen ruhig anhört, aussprechen läßt und nicht eher
dazu redet, bis das Ganze vorliegt. Daß es nicht
eine Personalakte in der wirklichsten Bedeutung dieses
Wortes ist, nimmt in meinen Augen den Aufzeichnungen nichts von ihrem Werth. —

Die Nachbarschaft! Ein Wort, das leider Gottes
immer mehr Menschen zu einem Begriff wird, in den
sie sich nur mühsam und mit Aufbietung von Nachdenken und Überdenken von allerlei behaglicher Lektüre
hineinzufinden wissen. Unsereinem, der noch eine
Nachbarschaft hatte, geht immer ein Schauder über,
wenn er hört oder liest, daß wieder eine Stadt im
deutschen Volk das erste Hunderttausend ihrer Einwohnerzahl überschritten habe, somit eine Großstadt
und aller Ehren und Vorzüge einer solchen theilhaftig
geworden sei, um das Nachbarschaftsgefühl dafür hinzugeben.

Wir zu unserer Kinderzeit hatten es noch, dieses
Gefühl des nachbarschaftlichen Zusammenwohnens und
Antheilnehmens. Wir kannten einander noch im „Vogelsang“ und wußten voneinander, und wenn wir uns
auch sehr häufig sehr übereinander ärgerten, so
nahmen wir doch zu anderen Zeiten auch wieder sehr
Antheil im guten Sinne an des Nachbars und der
Nachbarin Wohl und Wehe. Auch Gärten, die aneinander grenzten und ihre Obstbaumzweige einander
zureichten und ihre Zwetschen, Kirschen, Pflaumen,
Äpfel und Birnen über lebendige Hecken weg nachbarschaftlich austheilten, gab es da noch zu unserer
Zeit, als die Stadt noch nicht das „erste Hunderttausend“ überschritten hatte, und wir: Helene Trotzendorff, Velten Andres und Karl Krumhardt, Nachbarkinder im Vogelsang unter dem Osterberge waren.
Bauschutt, Fabrikaschenwege, Kanalisationsarbeiten
und dergleichen gab es auch noch nicht zu unserer
Zeit in der Vorstadt, genannt „Zum Vogelsang“.
Die Vögel hatten dort wirklich noch nicht ihr Recht
verloren, der Erde Loblied zu singen; sie brauchten
noch nicht ihre Baupläne dem Stadtbauamt zur Begutachtung vorzulegen. Wir hatten von ihren Nestern
unsere Hecken, Büsche und Bäume voll und unsere
Freude dran; trugen aber dessenungeachtet nicht auf
eine „Katzensteuer“ an, und schlugen oder schossen
jeden wackern Kater todt, der nach seinem Rechte mal im
Bauplan der guten Mutter Natur mit einem: „Immer
und ewig Mäuse?“ herumstieg und von der sämtlichen
Käfer-, Fliegen-, Raupen-, Schmetterlings- und
Würmerwelt nicht nur als ein Wohlthäter, sondern
auch als ein Rächer geachtet wurde.

Wohin reißt mich dieses Rückgedenken? Bedenke
Dich, Oberregierungsrath, Doctor juris K. Krumhardt
und bleibe bei der Sache! Bei der Stange! würde
Dein Freund Velten zu jener Zeit — unserer Zeit
gesagt haben. —

Mein Vater, Oberregierungssekretär Krumhardt,
hatte sein Haus im Vogelsang von seinem Vater
geerbt, und der wieder von seinem Vater. Darüber
hinaus verlor sich unsere Kenntniß des Besitzstandes
in der Nacht der Zeiten. Es war jedenfalls ein
altes Haus, das nicht nur die drei schlesischen Kriege,
sondern auch den spanischen Erbfolgekrieg miterlebt
hatte als Zeitengenosse. Das Nachbarhäuschen, das
seiner äußeren Erscheinung nach etwas jünger war,
hatte Dr. med. Andres erst bei seiner Niederlassung
in der Stadt und der Vorstadt Vogelsang käuflich
an sich gebracht. Seine Wittwe und sein Junge
gründeten ihre Wohnorts- und (möglicherweise) auch
ihre Unterstützungsberechtigung auf diesen, der Zeit
nach noch ziemlich naheliegenden „Eintrag“ ins
Hypothekenbuch; aber auch sie fühlten sich ihres Besitzthums sicher und gehörten von Anfang an dazu
— nämlich zur Nachbarschaft im alten, echten Sinne,
und mein Vater war nach dem Tode des Doktors
ganz selbstverständlich von der Obervormundschaft der
Witwe als „Familienfreund“ beigegeben worden.

Zugezogen war nur, jenseits der Grünen Gasse,
Mrs. Trotzendorff from New York, in eine Miethwohnung. Wie aber deren Kind sein Bürgerrecht
unter dem Osterberge im Vogelsang erwarb und es
aufgab, darüber mögen denn diese Akten mit allen
dazu gehörigen Dokumenten das Nähere berichten.
Ich werde mir die möglichste Mühe geben, nur als
Protokollist des Falles aufzutreten. Wenn ich dann
und wann an dem Federhalter nage, meiner Privatgefühle, Stimmungen, Meinungen und so weiter
wegen, so bitte ich die geehrten Herren und Damen
auf dem Richterstuhle des Erdenlebens, hier, in
Sachen Trotzendorff gegen Andres, oder Velten Andres
contra Wittwe Mungo, nicht darauf zu achten. Meine
Frau sagte seiner Zeit:

„Guter Gott, wie dankbar können wir doch sein,
daß Du nicht so warst wie die beiden Anderen von
euch. So haben wir doch wenigstens unser geregeltes
Dasein und unsere Kinder um uns. Aber auf deren
vernünftige, ordentliche Erziehung wollen wir auch
recht Achtung geben. Es wäre mir zu entsetzlich,
wenn eines von ihnen auch so ins Wilde wüchse!“ —

Dr. med. Valentin Andres, der Vater unseres
Freundes Velten Andres, war ein echter und gerechter
Vorstadtdoktor, ein gutmüthiger Mensch und ein guter
Arzt, welchem letztern nur die Berge und die übrige
schöne Natur für seine Liebhaberei, die Insektenkunde,
oft zu nahe lagen. Er war recht häufig nicht zu
finden, wenn er an einem Krankenbette, bei einem
Unglücksfall oder sonst in seinem Beruf höchst nötig
war. Seine Abhandlung über Cynips scutellaris;
die Gallapfelwespe, machte seiner Zeit in den betreffenden Kreisen Aufsehen und ist auch heute noch
von den Fachgenossen geschätzt. Zum Sanitätsrath
aber brachte er es nicht durch dieselbe, und das
geringe Vermögen, welches er bei seinem Tode seiner
Wittwe und seinem Sohn zu dem kleinen Hause und
von ihm als von seinem Vater und Großvater her.
Letzterer soll ein nach unseren Begriffen sehr wohlhabender Mann gewesen sein; aber wie verkrümelt
sich die Wohlhabenheit, der Reichthum in der Folge
der Geschlechter! —

Ich für mein Theil habe nur eine ganz dunkle
Erinnerung an den Doktor Andres. Mein Nachbarschaftsleben war nur mit seinem Jungen und der
„Frau Doktern“; aber seine Käfer- und Schmetterlingssammlungen in den Glaskästen an den Wänden haben
doch einen Einfluß auf mich gehabt und behalten ihn
heute noch, und sein friedliches Bild gleitet mir noch
manchmal auf einem Waldwege um unsere jetzige
„Großstadt“ entgegen.

Wie kopfschüttelnd oder lächelnd er seinem Sohn
auf dessen Wegen dann und wann erschienen sein
mag? — Und was er aus seinem Lebensvermögen
weiter gegeben haben mag an diesen, seinen Sohn
Andres — unsern Freund? — —

Was nun die Frau Doktor Andres anbetrifft,
so steht deren freundliches Bild hell und klar in
meiner Seele und kann nie darin auslöschen. Sie
hat an meiner Mutter Wochenbett gesessen und gut
nachbarschaftlich in meine Wiege gesehen; ich habe
an ihrem Sterbelager gesessen und sie in ihrem
Sarge gesehen — ebenso gut nachbarschaftlich (ich
gebrauche das Wort trotz Allem, was nachher hierüber
zu den Akten kommt). Zwischen meiner Wiege und
ihrem Sarge aber haben so viele gute, liebe, lange
Jahre des Zusamenlebens und Verkehrs von Haus
zu Haus gelegen, daß wir wahrlich zu einander
gehörten; obgleich mein Vater — ihr Familienfreund
war, sie nur selten „begriff“, sie recht häufig sehr
ängstete und dann und wann noch viel mehr ärgerte;
und obgleich meine Mutter in allem diesen der
Ansicht und Meinung meines Vaters war und
„Amalien“ fast noch weniger „begriff“ als er.

Natürlich wurzelten neun Zehntel aller Mißverständnisse in dem Vorhandensein meines Freundes
Velten in dieser auf bürgerlichem Ordnungssinn gegründeten Erdenwelt. Weshalb hatte denn aber auch
die Obervormundschaftsbehörde nach dem Tode des
Doktors der Vormünderin des Jungen den Oberregierungssekretär Krumhardt als Familienberather
beigegeben? Da mußte sich denn freilich manches zuspitzen, was von Natur keine Schärfe hatte, wenigstens
auf der einen Seite. — Mit den Gärten sind heutzutage zwar auch die Vögel im Vogelsang ausgerottet;
aber in den Wäldern jenseits des Osterberges singen
auch heute noch, traditionell, vielleicht einige davon,
was für ein sauberer Vogel Velten Andres war, und
was für eine unzurechnungsfähige Vormünderin seine
Mutter. Freilich hatte er ja auch eine Eiersammlung
seiner Zeit, bis ihn — gerade seine Mutter hier auf
dem Felde seiner Liebhabereien zurechtwies und sich
die „grausame, unnütze Spielerei“ verbat. Natürlich
unter gänzlich unberechtigtem Hinweis auf seinen
seligen Vater, der nie ein Vogelnest ausgenommen hatte.

„Aber gucke mal, da seine Käfersammlung und
seine Schmetterlinge. That es denen nicht weh, wenn
er sie auf seine Nadeln spießte?“ hätte der Sohn
seines Vaters der Mutter antworten und sie fragen
dürfen. „Da, mach Du Dir einen Eierkuchen
draus,“ sagte er jedoch nur zu mir, mir die ausgeblasene Herrlichkeit über die Hecke zuschiebend. „Die
Alte hat auch Recht, wenn sie mir dieser Dummheit
wegen die Hosen nicht mehr flicken will. Sie mufft,
und ich lege mich lieber auf Briefmarken.“

Wann hätten wir je im Vogelsang die Nachbarin
Andres „muffen“ sehen? Daß sie weinen konnte,
wußten wir daselbst. Aber muffen? Diese Schmach
konnte ihrem lieben, freundlichen Gesicht nur Unsereiner und also am besten ihr eigen Fleisch und Blut
aus seinen Schulbubenerlebnissen und Redensarten
anthun. Auf das Lachen war sie von Natur eingerichtet, oder, noch besser, auf das ruhige, stille Sonnenlächeln, das ohne irgend zu Tage liegenden Grund
eben aus der Tiefe kommt und also da ist, weil einmal ein bevorzugtes armes Menschenkind die Welt
schön sieht.

Wie muß ich heute mit Helene Trotzendorffs
Brief vor Augen daran denken, wie schön die Mutter
Velten Andres' die Welt sah!

„Die Frau ist unzurechnungsfähig, der Junge
ein verwahrloster Strick, und bei den Leuten Familienfreund spielen zu sollen und Vernunft reden zu müssen,
eine Aufgabe, die Einen zur Verzweiflung bringen
kann!“ rief mein Vater, aus dem Nachbarhause nach
Hause — unserm — seinem Hause heimkommend
und den Hut verdrießlich doch sorgsam neben meinen
Cornelius Nepos auf den Tisch stellend. „Karl, was
ist das wieder gewesen und was für eine Rolle hast
Du bei dieser neuen Albernheit gespielt? Sie haben
das Hartlebensche Gartenhaus beinahe in Brand
gesteckt, Frau.“

Ja, ich hatte den Cornelius Nepos und das
Leben des Alkibiades, des Klinias Sohn, vor mir
und das Herz voll Angst vor meinem „Alten“, und
verquollene Augen und heiße, schwarz-schmierige,
zitternde Pfoten; und zu übersetzen hatte ich:

At mulier, quae cum eo vivere consuerat,
muliebri sua veste contectum aedificii incendio
mortuum cremavit — aber das Weib, das mit ihm
zu leben gewohnt war, verbrannte den mit ihrem
Frauenrock bedeckten Leichnam in dem brennenden
Hause.

„Heraus mit der Wahrheit, Junge! Da drüben
kriegt man doch nichts anderes als Phantasterei und
Lügen zu hören,“ rief mein Vater und faßte nun
auch mich an der Schulter wie er „drüben“ wahrscheinlich den Freund Velten und „gegenüber“ die
kleine Helene Trotzendorff gefaßt und geschüttelt hatte.
Aus mir schüttelte er jedenfalls die ganze Wahrheit
heraus.

„Wir haben bloß Komödie gespielt in Hartlebens
Pavillon. Velten hat sie angegeben, weil — weil —
wir jetzt — in der Schule den Alkibiades haben!“
schluchzte ich.

„Eine schöne Komödie, die auf Brandstiftung
hinausläuft! Was meinst Du dazu, Mutter?“

Meine Mutter rang nur stumm die Hände, mein
Vater aber hatte ihr doch nun die Sache etwas deutlicher auseinanderzusetzen.

„Daß ihnen in der Schule aus den Griechen
und Römern saubere Exempel vor die Augen gestellt
werden, das ist freilich leider eine Thatsache, Frau,“
brummte er. „Und da ist denn auch so eine Geschichte von einem griechischen General — Alkibiades
heißt er — die haben sie auf dem Hartlebenschen
Grundstücke aufführen wollen und mit Streichhölzern,
Schießpulver und Kolophonium, was weiß ich, gewirthschaftet; und daß das Mädchen bloß mit verbrannter Schürze, die sie dem Musjeh Alkibiades,
ich meine dem Schlingel Velten, überdecken wollte,
aus Hartlebens getrockneten Krautbündeln herausgekommen ist, das ist auch nur ein Wunder, wie es
solchen Narrenköpfen passirt.“

„Du lieber Gott! Du lieber Gott! Und Du
bist auch wieder mit dabeigewesen, Karlchen?“ wimmerte
meine Mutter.

„Velten hat Alles gleich gelöscht mit den Händen
und mit Wasser aus dem Brunnen in seiner Mütze!“
schluchzte ich.

„Und sitzt jetzt mit den Händen in Watte und
Leinöl,“ brummte mein Vater. „Nicht einmal ein
regelrechtes Schmerzgeheul und Gewinsel kriegt man
aus ihm heraus. Verstockt beißt der Taugenichts die
Zähne aufeinander und glotzt nur von Zeit zu Zeit
angstvoll auf die Mama, was die zur Sache von sich
giebt. Ja die! Wer doch von Gottes und Rechts
wegen in Thränen schwimmen sollte, das müßte die
Frau Nachbarin Amalie sein; denn der dumme Junge
muß arge Schmerzen haben. Aber thut sie es?
Bewahre! Lieber sterben als dem zum Richtigen
redenden Nachbar und Familienfreund seine Verantwortlichkeit durch Zustimmung zu erleichtern. Natürlich beißt auch die Frau Doktor nur die Zähne zusammen, sagt nur von Zeit zu Zeit: ‚Aber Velten,
das war doch zu dumm!’ und läßt mich gewohntermaßen in den Wind und ins Blaue reden.“

„Die arme Amalie!“ seufzte meine Mutter.

„Du bedauerst sie wohl gar noch?“ fuhr mein
Vater fast gröblich sie an. „Das kannst Du Dir
dreist für andere und bessere Gelegenheiten sparen.“

Und mit einem Blick auf mich fuhr er fort:
„Na, reden wir nicht weiter hierüber. Übrigens,
um den neuen Skandal (der Dich, mein Sohn, beiläufig auch mit vor die Polizeibehörde bringen wird)
völlig auszukosten, war ich denn auch drüben bei der
dritten von euch drei lieben Jugendfreundinnen,
Adolfine — bei der berühmten (ich will kein anderes
Wort gebrauchen) bei der berühmten Frau Agathe —
unserer theuren Mistreß Trotzendorff. Nu, was ich
da zu hören bekam, das hätte ich mir vorher schon
selber sagen können. Saß die Person wieder sofort
auf dem hohen Pferde, als ob die sämmtlichen vereinigten Staaten von Nordamerika es ihr gesattelt
und gezäumt hätten! — Das habe das Kind eben
aus einem größeren Leben als das unserige hier von
drüben mitgebracht, daß es die Welt (die Närrin
sagte wahrhaftig: die Welt!), daß es die Welt nicht
mit unseren hiesigen Philisteraugen (dies ist freilich
mein Ausdruck), mit unseren hiesigen Philisteraugen
ansehe. Der Spaß sei ja gottlob wieder glücklich abgelaufen; Hartleben werde sich wohl auch zufrieden
geben, wenn man vernünftig mit ihm spreche, und
auf die verbrannte Schürze des Kindes komme es
gar nicht an; für die werde sein Papa drüben in
New York wohl noch aufzukommen wissen. — Damit
holte sie mir das naseweise Balg unter den Händen
weg und hob es, wie Niobe ihr letztes aus den Büchern
unseres Jungen, auf den Schooß. Der Hinweis auf
den Schwindler, den Erzschwindler Trotzendorff, ihren
Mann, imponirte mir aber so, daß ich nur meinen
Hut nehmen konnte und sagen: Da hört alles Eingreifen von verständiger Seite gründlich auf! Du
lieber Himmel, was für eine Nachbarschaft! Junge,
Junge, ich rathe Dir, daß Du bei den Grundsätzen
Deiner Eltern wie bei Deinen Büchern bleibst und
Dich exakt hältst. Dich wenigstens kann ich windelweich hauen, wenn Du mir bloß noch ein wenig
mehr in dem Affenspiel rundum die Purzelbäume
mitschlägst und nicht Deine bürgerlichen, gesunden,
nüchternen fünf Sinne bei einander behältst!“

„Ja, bitte, bitte, bester Karl, thue das und
mache Deinen Eltern und Deinen Herrn Lehrern
Freude!“ sagte meine Mutter. „Ach, Vater, aber
können denn die armen Frauen, die Amalie und
Agathe dafür, daß die eine ihren armen Doktor so
früh verloren hat und die andere ihren —“

Sie brach ab, und mein Vater brummte nur:
„Na, was Deine Andere dazu beigetragen hat, hier
jetzt wieder als abenteuerliche amerikanische Strohwittwe im Vogelsang zu sitzen, darüber sind die Akten
noch nicht mit allen dazu gehörigen Dokumenten versehen. Für die Doktorin mag Deine Entschuldigung
zu mildernden Umständen beitragen. Adolfine.“

Welch eine Nachbarschaft! Jawohl, das
war es, was trotz aller Warnungen und Drohungen,
Aufregungen und Ärgernisse meines braven seligen
Vaters mir den Vogelsang unter dem Osterberge bis
heute noch zu einem Zauber macht, der mich dahin
bannt, obgleich er so sehr, so ganz und gar Recht
hatte mit seinen Warnungen vor diesem Zauber.
Bin ich nicht heute der Einzige von uns Dreien, der
seine gesunden fünf Sinne exakt und pragmatisch bei
einander gehalten und es nach bürgerlichen Begriffen
(sehr wohl berechtigten!) zu einer soliden Existenz in
der schwankenden Erdenwelt gebracht hat? Und hält
mich dieser alte Zauber heute nicht mehr denn je —
der Zauber der Nachbarschaft, trotzdem daß Velten
Andres und Helene Trotzendorff auf anderen Wegen
und, nach unseren bürgerlichen Begriffen, verloren gegangen sind in der Welt und die Welt nicht gewonnen
haben? Wenigstens der arme Velten. Die hundertfache Millionärin, die Wittwe Mungo, geborene
Trotzendorff, ist ja wohl nicht ganz so sehr zu beachselzucken wie der ganz verrückte Mensch, der arme kuriose
Kerl, der Andres! Schade um ihn, wozu hätte der
es mit seinen Talenten und seinen vielen guten
Gelegenheiten, es zu was zu bringen, es in der Welt
zu etwas bringen können!

Aber pragmatisch, pragmatisch, Karl Krumhardt!
Das heißt referire Dir selber so werkmäßig als
möglich, Oberregierungsrath Doctor juris Krumhardt,
um Dir selber wenigstens Deinen Standpunkt in
Sachen Andres contra Trotzendorff oder umgekehrt
klar zu halten. Wenn nicht wegen eines anderen
Publikums, möchte es Deiner Kinder wegen wohl der
Mühe werth sein.

Wir, Velten und ich, waren ungefähr zehn oder
zwölf Jahre alt, als wir anfingen, mehr und mehr
aufzuhorchen, wenn in unsere Kinderspiele, Schularbeiten und Dummejungenstreiche der Name Trotzendorff hineinklang, mit bedenklichem Kopfschütteln von
Seiten meiner Eltern, mit bedauerndem von Seiten der
Mutter Veltens. Da hieß es in unserm Hause:
„Konnte man das nicht voraussehen?“ und im Nachbarhause: „Die arme Agathe!“ Bei uns: „Der Schwindler
mußte ja zu diesem Ende kommen, und nun schickt er
uns das leichtsinnige Geschöpf, seine Frau, auch gar
noch wieder über den Hals!“ Nebenan: „Mit so einem
armen kleinen Kinde! Und so weit her, über die
See; ganz allein mit dem kleinen Mädchen über das
große Meer!“

Die weite See, wo Robinson Crusoe seine
Wunderinsel fand und wir, Velten und ich, so gern
eben eine solche gesucht hätten; — das große Meer,
über welches Sindbad der Seefahrer schiffte und seine
tausend und ein Abenteuer erlebte, über welches
Wittington (dreimal Lord Mayor von London) seine
Katze verhandelte und vom Negerkönig drei Säcke
voll Goldstaub für das brave Thier zurückempfing:
das war es, was natürlich zuerst unsere Knabenphantasie erregte.

„Du,“ sagte Velten, „es kommt eine Frau mit
einem kleinen Mädchen aus Amerika wieder hierher
nach dem Vogelsang. Meine Mutter kennt seine
Mutter und Deine Mutter kennt sie auch.“

„Das weiß ich auch schon. Mein Vater und
meine Mutter haben aber auch seinen Vater gekannt
und sagen, er sei ein Taugenichts.“

„Davon hat meine Mutter nichts gesagt, aber
kennen thut sie ihn auch. Das ist mir übrigens ganz
Wurst; aber das Wurm! Hol mal Deinen Atlas.
So eine dumme Schürze und Zimperliese auf dem
Atlantischen Ocean, wenn wir ihn nur in der Geographiestunde haben und bloß Dummheiten vom
Doktor Klebmaier zu hören kriegen, wenn wir nicht
wissen, wie weit er reicht! Na, laß sie mir nur
kommen. Drüben bei Hartlebens haben sie sich eingemiethet; meine Mutter hat ihnen dabei geholfen.“

„Mein Vater und meine Mutter auch. Es geht
ihnen recht schlecht, und man muß sich ihrer annehmen,
sagen sie! Weißt Du, sie sind eben Alle gute Freunde
miteinander gewesen, die Alten. Ja, wir sollen uns
ihrer annehmen!“

„Meinetwegen. Was ich dazu thun kann, wird
gemacht. Von einem Mädchen mehr soll mir diesmal
noch nicht übel werden, obgleich wir des Zeugs schon
eigentlich borstig hier zu viel im Vogelsang haben.
Überall stehen sie Einem im Wege und über keine
Hecke kann man steigen, ohne daß man zwischen
einen Haufen von ihnen fällt und fünf Minuten
nachher das Gezeter angeht: Wenn Du Dich nicht
aus unserem Garten scherst, sagen wir's Deinem
Vater! Übrigens, Karlchen, kannst Du mir noch
mal Deinen Lederstrumpf leihen, ich will doch lieber
vorher, ehe die Kreatur einrückt, über Amerika nachlesen.“

Wie viele deutsche Jungen haben diese Cooperschen Lederstrumpferzählungen „für die Jugend bearbeitet“, hinübergelockt in das Land der Langen Flinte,
der Großen Schlange und des Renard subtil? Ob
das bei Mr. Charles Trotzendorff aus dem Vogelsang
auch der Fall gewesen war, kann ich nicht in den
Akten nachweisen, was seine Jugendzeit betrifft.
Aus späteren Dokumenten geht mir hervor, daß es
sich nicht so verhielt; — daß ihn weder der edle Unkas
noch der tapfere Major Heyward und auch nicht die
stolze schwarzhaarige Cora und die blonde liebliche
Alice an- und dorthingezogen hatten, sondern ganz
was anderes: etwas, was nicht das Geringste mehr
mit jener wundervollen lügenhaft-wahren Kinder-Urwaldswelt zu schaffen hatte; nämlich ganz einfach das
Geschäft in den glorreichen Vereinigten Staaten von
Nordamerika. Auch aus dem edlen deutschen Vaterlande, vom grünen Rhein und aus dem Vogelsang kann
das deutsche Gemüth die vollkommene Befähigung mit
übers Wasser nehmen, nicht nur mit Mssrs. Longbow,
Snake, Renard and Company vortrefflich auszukommen, sondern selbst sie bei günstiger Gelegenheit
dergestalt übers Ohr zu hauen, daß sie sich den ferneren
Import von dergleichen Konkurrenz am liebsten gänzlich verbitten würden. Aber das sind Geschichten aus
Väterzeiten. Ich habe wie gesagt wenig über Herrn
Charles Trotzendorff in meinen Papieren. In unserer
Heimathstadt war er Auswanderungsagent und wanderte
seiner Zeit selber aus und zwar aus zwingenden Gründen.
Seine Frau, die Freundin und Schulbankgenossin
meiner Mutter und der Nachbarin Andres, nahm er
aus dem Vogelsang mit. Sie soll in ihrer Jugendblüte sehr schön gewesen sein und war auch eine noch
nicht häßliche Erscheinung, als er sie uns dahin für
eine Zeit wiederschickte: „zur Aufbewahrung für besseres
Glück,“ wie mein Vater sagte, und wie es sich später
auch wirklich so herausgestellt hat.

Es war Veltens Mutter, an welche „Mrs.“
Agathe Trotzendorff dann und wann aus Amerika
schrieb; Velten hat bei seinem „großen Aufräumen“
wohl ein halb Dutzend Briefe mit überseeischem Poststempel in den Ofen geschoben. Soviel ich mich erinnere, war weder stilistisch noch ethisch das Geringste
daran verloren; jedenfalls ging aus ihnen hervor,
daß Mr. Charles Trotzendorff ein großer Schwindler
war, der seine Sache verstand, also Glück gehabt hatte,
es wieder haben konnte und jedenfalls im Pech sich
zu helfen wußte. Das letzte Schreiben berichtete
über ihn, daß er recht im Pech sitze, von „schlechten
Menschen unglaublich betrogen worden sei“ und
deshalb fürs erste seinen Haushalt auflösen müsse.
Wie uns, das heißt mir und Freund Velten später
die Sache klar wurde, war er damals nur mit genauer Noth an einem längeren Aufenthalt in Sing-Sing vorbeigeglitten. Jedenfalls war er nach dem
in jener Zeit noch mit einigem Recht „fern“ genannten Westen verduftet und hatte Weib und Kind
dem Vogelsang wieder zugeschoben. Was wußten
mir im Vogelsang von Mr. Fisk und der Erieeisenbahn, von Mr. Tweed, dem Tammanyring und
Sing-Sing? —

Sie kamen an, die deutsch-amerikanische Mutter
und little Ellen, das amerikanische kleine Mädchen,
und bezogen auf Hartlebens Anwesen die von uns
ihnen im Nebengebäude daselbst gemiethete Wohnung.
Der Einzug ging vor, während wir Beide, Velten
und ich, in der Schule waren. Als wir nach Hause
kamen, fanden wir unsere beiden Mütter in erklecklicher Aufregung und zitternder Rathlosigkeit bei einander
sitzend, und horchten wie Jungens horchen, wenn
ihre Mütter die Hände stumm im Schooße ringen
oder sie laut schreiend über den Köpfen ausspreizen,
als wollte ihnen nicht bloß das Himmelsgewölbe,
sondern auch die Stubendecke auf die Hauben fallen.

„Das Frauenzimmer ist ja als eine komplette
Närrin heimgekommen!“ ächzte meine Mutter.

„Du lieber Himmel, was wird das werden!“
seufzte die Nachbarin Andres.

„Weißt Du, Amalie, wie ich hier sitze?“

Veltens Mutter schüttelte den Kopf.

„Vollständig mit dem Eindruck, als ob wir —
wir Beide hier im Vogelsang Schuld daran seien, daß
Hartlebens Nebenhaus nicht Unter den Linden in
Berlin, oder noch großartiger irgendwo drüben bei
den Amerikanern in New York oder sonstwo liege.
Und mit den hundert Thalern, die der Schlingel
Trotzendorff meinem Mann für die Einrichtung geschickt hat, hätten wir selbstverständlich unserer hiesigen
Frau Herzogin häusliche Ausstattung drüben bei
Hartlebens beschaffen müssen für diese — diese, unsere
Mistreß oder Lady oder wie wir sie sonst zu betituliren haben! Bitt' ich Dich!“

„Die arme Agathe.“

„Bedauere sie gar noch! Nimm es mir nicht
übel, hier bin ich doch anders. Ich für mein Theil
werde ihr bei späterer, kommender Gelegenheit meine
Meinung nicht vorenthalten, daß sie sich in unsere
Verhältnisse zu schicken habe, und mir nicht in ihre.“

„Großer Gott, ihre Verhältnisse!“ seufzte Veltens
Mutter.

„Nun, ich meine eben ihre großartigen früheren,
nicht ihre jetzigen. Ja, da magst Du wohl wieder
recht haben, Malchen, und ich werde mich auch für
mein Theil bemühen, ihr dieselben so behaglich und
verständlich zu machen, wie es mir möglich ist.“

Ich ziehe selbstredend im besten Sinne des
übelverwendeten Wortes diese Unterhaltung der
Mütter aus den Akten. Daß wir dummen Jungen
das so nicht aufbewahrten, ist selbstverständlich. Wir
zwei — Velten und ich — wußten nur, daß etwas
ganz aus der Regel Fallendes und durchaus nicht
ganz und gar Angenehmes dem Vogelsang die Ruhe
aufgestört hatte und die Behaglichkeit für unabsehbare
Zeit (wie mein Vater meinte) zu kränken drohte.
Übrigens gewannen wir sofort die Überzeugung, daß
die Geschichte uns Beide gar nichts angehe, und mit
der „neuen Schürze bei Hartlebens“ wollten wir schon
bald fertig werden, wie mit den anderen dummen
Gänsen auf den Schulwegen, in den Gärten und
Gassen bei Sommersonnenschein und Winterschnee.

So warteten wir denn mit dem Kinn auf dem
Zaun wie zwei europäische Indianer nach Hartlebens
Wigwam hinüber.

„Aus den beiden dummen Engländerinnen,
Cora und Alice, mache ich mir gar nichts,“ sagte
Velten, „aber wenn diese Neue roth, grün, gelb und
blau angemalt käme, wie Junithau im Pfadfinder,
dann wär doch noch was, und mal was Neues hier
bei uns in der ewigen Langweilerei aus dem Cocon
gekrochen.“

„Du! Da kommt Deine Mutter mit ihr! Ach,
der Dreikäsehoch! Guck, läßt sich auch noch an der
Hand führen, und — richtig — hat natürlich geweint und zimpert noch und läßt sich nachziehen, als
ob Deine Mutter der richtige Oger wäre und ihr
bei euch zu Hause bloß von Kinderfleisch lebtet.
Na, nun mach nur, Velten, daß Du auch nach Hause
kommst. Du hast sie wahrscheinlich heute zu Tische,
— guck, da nimmt Deine Mutter das große Balg
in eurer Gartenthür gar noch auf den Arm! Na,
adjö, da rufen sie auch bei uns nach mir, und meinen
Vater kennst Du.“

Es war ein Sonnabend und keine Schule am
Nachmittag; wir lagen also am Osterberg unter einem
Busch, und ich vernahm den ersten Bericht über das
erste Zusammentreffen der Familien Andres und
Trotzendorff beim Suppennapf.

„Ja, sie waren bei uns zur Fütterung,“ erzählte
Velten. „Die englische Madame auch. Die kann
deutsch, aber sie thut manchmal, als ob sie es vergessen habe. Die Kleine kann nur englisch, das heißt
amerikanisch: Die richtige Wilde! Und sie sind
schauderhaft vornehm, das heißt, eigentlich gewesen.
Es ist übrigens nur gut, daß meine Mutter noch
vornehmer ist und auch ein bißchen englisch kann, durch
meinen Vater. So ging es denn so ziemlich glatt
ab, nur ich kriegte es natürlich zu hören von meiner
Alten, daß jetzt das Hinflegeln mit beiden Ellenbogen
auf dem Tische aufzuhören habe, und daß sich eine
Masse Anderes nicht schicke. Die Kleine hat den
Teufel in ihren Augen und greinte, und auf gelbe
Erbsen, dicke Bohnen, Steckrüben, Moorrüben und
sonst unser Futter scheint sie noch nicht recht eingerichtet zu sein. Sie hat eine Mohrin als Amme gehabt und Mohren als Bediente; aber meine Mutter
hat sie zuletzt doch zum Lachen gebracht und daß sie
mich angrinste. Ihre Mama war zuletzt die einzige
die bei ihrem Jammergesicht blieb, und nach Tische
meiner Mutter auch jetzt wieder was vorweinte.
Ellen heißt die Krabbe; auf deutsch Helene, und
meine Mutter hatte sie auf dem Sofa auf dem
Schooße und tröstete sie Beide. Da habe ich mich gedrückt, denn den ganzen Nachmittag so was auszuhalten, konnte Keiner von mir verlangen. Na,
Mitleid will ich ja wohl gerne mit haben, wie meine
Mutter verlangt; aber kriegt sie mich, dieser neuen
fremden Nachbarschaft wegen, auch noch an das
Englische, so werfe ich auf. An dem Latein und
dem Französischen haben wir gerade genug in der
Schule. Puh, Mitleiden! Hat da jemals Einer mit
uns Mitleiden gehabt, Karlchen?“

„Nee,“ sagte ich.

„Aber wie sollen wir uns denn mit der Kröte
verständlich machen, wenn wir kein Englisch können?
Auf unsern Buckel laden sie sie doch ab; darauf
nehme ich jetzt schon Gift. Übrigens habe ich auch
versprechen müssen, nicht den ganzen Nachmittag vom
Hause wegzubleiben. Drunten in unserer Laube sitzt
die ganze Prostemahlzeit beisammen und hat Mitleid.
Deine Mutter auch, Krumhardt.“

Nun bin ich mit meinen Erinnerungen wieder
am Abend jenes Tages, an welchem wir in Hartlebens Gartenhaus den Tod des Themistokles aufgeführt hatten. Es waren damals schon einige Jahre
seit der Rückkehr der Mistreß Trotzendorff in den
Vogelsang hingegangen, und Miß Ellen hatte, auch
mit unserer, Veltens und meiner Beihilfe doch allgemach ganz gut Deutsch gelernt, hörte (wenn sie
Lust hatte) auch auf den Ruf: Helene! Lene! Lenchen
und — wir waren alle drei in den echtesten und gerechtesten Flegeljahren.

Daß die Deutsch-Amerikanerin eine dumme, aufgeblasene, einfältige Gans sei, hatten wir zwei
Jungen längst heraus, und ebenso, daß sie doch ein
Gutes hatte, nämlich daß man mit ihr aufstellen
konnte, was man wollte, wenn man sie nur recht zu
nehmen wußte. Mein Vater hatte nichts gethan,
den Eindruck, den die Arme auf uns gemacht hatte,
zu verbessern. Meine Mutter war natürlich der
Meinung meines Vaters, wenn auch in einem etwas
mildern Grade. Und nur die Nachbarin Andres
war ganz und gar dabei geblieben, daß man Mitleid
mit ihr haben müsse und gab der Ansicht bei jeder
vorkommenden Gelegenheit nicht bloß Worte, sondern
fügte auch die That dazu. —

Ach, wie ich es mir jetzt überlege, kamen die
Gelegenheiten recht häufig! Viel häufiger als die
Briefe und Geldsendungen des Gatten und Vaters
Trotzendorff aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Dem wollte es noch immer nicht wieder
recht glücken, und aus meines Vaters Munde schnappte
ich das Wort auf: „Gieb acht, Adolfine, und erinnere
mich seiner Zeit an mein heutiges Wort: demnächst
hören wir gar nichts mehr von ihm. Wir und die
Stadt haben die Frau und das Mädchen allein auf
dem Halse. Von Heimathberechtigung kann ja wohl
nicht die Rede sein, aber wohin sollte die Kommune
sie abschieben, wenn der Gauner seinen Verpflichtungen
gegen seine Familie genügend nachgekommen zu sein
glaubt, oder, was mir wahrscheinlicher ist, wenn sie
ihn irgendwo da drüben an einem Strick an einem
Baume in die Höhe gezogen haben werden. Nach
oben strebte er ja auch schon hier zu Lande, aber
hier hatte er doch nur mit den ordentlichen Behörden,
Gerichten und nicht mit dem Lynchsystem zu thun.“

In einem Hause, in welchem solche Reden über
ihren Papa geführt wurden, fühlte sich weder die
Mutter noch das Kind des exotischen Sünders so
wohl und in verhältnißmäßiger Sicherheit, wie es
sich für eine treue Nachbarschaft im Vogelsang eigentlich gebührte. Da bot das Häuschen und Stübchen
der Nachbarin Andres einen behaglicheren Unterschlupf.
Es wurde dorten allen Sündern viel leichter vergeben als — bei uns. Ich habe eben wahr zu
sein, wenn ich durch diese Blätter bei meiner Nachkommenschaft irgend einen Nutzen stiften will, und
so sage ich, daß auch ich selber mich lieber bei der
Mutter Veltens zu den Sündern, als bei meinen
eigenen Eltern zu den Gerechten zählen ließ. —

Also das Unglück war wieder einmal geschehen
und hier hole ich es noch einmal hinein in die Akten
aus der feinen unaufgeschriebenen Vergangenheit,
unseren Kindertagen! Es hatte Feuerlärm im Vogelsang gegeben. Ich hatte die Hand meines Vaters
am Kragen gefühlt, meine Mutter hatte die Hände
gerungen, der Nachbar Hartleben hatte seiner „Amerikanischen“ zum zwanzigsten Mal gedroht, sie mit
ihrem Balge beim nächsten Quartal auf die Gasse
zu setzen — „einerlei, wer mir dann zu meiner
rückständigen Miethe verhilft!“ — Lenchen-Timandra
hatte sich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, auf
dem Osterberge in den Wald geschlagen und vergeblich nach sich rufen und suchen lassen, der Hauptsünder, mit seinen „nichtsnutzigen Pfoten“ wahrlich
in Leinöl und Watte, agirte in der Sofaecke den
Heros weiter, indem er seine nicht kleinen Schmerzen
so gut als möglich verbiß, und Frau Amalie seufzte:

„Junge, Junge, Dein seliger Vater! Das war
wieder ein Tag und Streich, bei dem wir Beide ihn
mit Thränen von Neuem vermissen. Großer Gott,
Velten, wen haben wir denn jetzt, der uns sagen
könnte, was aus Dir, Du Strick, noch mal werden
soll?“

„0h heaven, und mein Mann!“ ächzte Mistreß
Trotzendorff; doch da zuckte die Doktorin Andres nur
die Achseln und meinte ablehnend:

„Die Hauptsache ist jetzt Hartleben mit seiner
Drohung für Dich, Agathe.“

„Der Grobian! Der unverschämte Mensch!“
wimmerte die Exmillionärin vom New Yorker Breiten
Weg. „O, wenn doch mein Mann hier wäre.“

„Nun, nun,“ meinte Veltens Mutter, „der
würde uns wohl nicht viel helfen. Jawohl, grob
war er, der gute Nachbar, und Recht hätte er
eigentlich wohl, Ernst zu machen, und Dich mit Deinem
armen Würmchen auf die Gasse zu setzen. Velten,
Velten, was habt ihr angerichtet.“

„Puh,“ rief aber jetzt Andres der jüngere, die
umwickelten Hände erhebend und wie ein kranker
Affe grinsend, „da ist doch mein Vater noch!“

„Dein Vater? Dein armer seliger Vater?“
stammelte Frau Amalie.

„Hat der etwa nicht dem Nachbar Hartleben
und seiner Frau und seiner Schwiegermutter ein
halb Dutzend Mal das Leben gerettet? Hat er ihn
nicht wieder zurecht gebracht, als das Wagenrad über
ihn weggegangen war? Und hat Hartleben Dir nicht
geschworen, Mutter, Du solltest nicht bloß Deinetwegen
sondern auch wegen meines Vaters zu jeder Stunde
bei Tage und bei Nacht bei ihm anklopfen, wenn Du
was von ihm brauchtest? Und hat er Dir nicht zugeschworen, wenn er Dich nöthig hätte, käme er auch zu

Dir und Du solltest immer das letzte und beste Wort
bei ihm haben und dafür bedankt sein?“

„Man muß die Güte der Menschen aber auch
nicht zu sehr in Anspruch nehmen, Kind,“ lächelte
die Nachbarin Andres trotz aller Aufregung und
Sorge des Tages.

„Soll das etwa wieder ein Stich auf mich sein,
Amalie?“ fragte die Nachbarin Trotzendorff, ihr
Taschentuch in Bereitschaft setzend und im Begriff,
ihren fragbedenklichen Lebensjammer der Schlechtigkeit und Bosheit der Welt überhaupt und also auch
der Mutter Veltens aufzuladen.

„Da kommt Herr Hartleben und bringt Lenchen.“
Ich war's, der vom Fenster her dieses erlösende
Wort in diese „Gesellschaft am Krankenlager“ warf,
und es war der Kranke, der aufsprang und gegen
die Thür lief und zwar mit den Worten:

„Was schreit es denn so? . . . Wenn Herr
Hartleben ihm —“

Er kam nicht zum Schluß seiner Rede. Hartleben hatte „ihm“, das heißt dieser anderen jungen
Sünderin nicht ihren Lohn dahin aufgezahlt, wohin
er von Rechts wegen gehörte, er zog nur die „widerborstige Range“ am Arm hinter sich her durch den
Garten, und trat mit ihr ins Haus und in die
Stube und sagte, ohne sich um seine Madame Trotzendorff im geringsten zu kümmern:

„Sehen Sie doch mal nach, Frau Doktern. Ich
meine sie hat auch eine häßliche Brandwunde am
Ellbogen. Ich habe sie oben am Osterberge mit dem
Gesicht im Grase und mit dem Arm im feuchten
kühlen Erdboden und Moose begraben gefunden.
Ich war wegen einer Holzabfuhr da oben, und bin
dem verbissenen Geschluchze seitwärts in den Busch
nachgegangen. Ist das eine Komödie! ist das eine
Schwefelbande! Na, nu fangen Sie nur nicht auch an
zu schluchzen, Madame — Mistreß Trotzendorff. Lieber
Gott, Frau Doktern, und nun fangen auch Sie noch
an, den alten Hartleben wehleidig anzusehen! Ja,
das ist recht, sehen Sie erst nach dem Kinde. Nicht
wahr eine arge Brandblase. Und damit in den
Wald laufen, soweit als möglich von den Menschen
weg. Je ärger der Schmerz, desto dickköpfiger die
Verstockung, der Trotz und Eigensinn. Na, na, die
Beiden passen zusammen, Frau Doktern, Ihr Junge
und dies kuriose Geschöpfe, unser Lenchen Trotzendorff.
Ich sage nichts, aber wenn diese Zwei sich durch die
Jahre und in der Nachbarschaft noch näher aneinander heranspielen, so giebt das mal 'nen Haushalt
mit Mord und Todschlag.“

„Ich bin nicht trotzig! ich bin nicht eigensinnig!
Ich ging nur auf den Osterberg hinauf, weil Velten
wieder Alles allein für sich haben wollte und den
Großartigen spielen. Mir that es so weh, mir that
es weher als wie ihm. Karlchen weiß es, wie er ist,
und ich will mich nicht von euch Allen eine Heultrine
schimpfen lassen!“ weinte, schluchzte unter wahrem
Thränenstrome Helene Trotzendorff jetzt unter den
Händen der beiden Mütter. Das heißt, eigentlich
nur unter den Händen der Nachbarin Andres, denn
die Nachbarin Trotzendorff konnte Verwundungen
nicht gut ansehen, geschweige denn hilfebringend fest
und kräftig anrühren.

Das Kind stand große Schmerzen aus; aber es
behielt während des Verbandes den Unheilskameraden
im Auge und rief mit dem Fuße aufstampfend: „Ja,
gucke nur. Bilde Dir nur nichts drauf ein, dummer
Junge, daß Du ein Junge bist. Und wenn uns
Herr Hartleben jetzt Deiner Dummheit wegen aus
dem Hause wirft, so will ich auch allein schuld daran
sein und gehe wieder in die Welt und nach Amerika
und suche meinen Papa. Nicht wahr, Ma, und wenn wir
den gefunden haben, dann können wir wieder auf den
Vogelsang aus unserer eigenen Kutsche heruntersehen?“

„Nun höre Einer! höre sie Einer!“ brummte
Hartleben. „Und was schwatzt der kleine Racker von
mir und was ich thun werde oder nicht? Aber da
sie denn einmal die Rede auf die Sache gebracht hat,
so wollen wir auch bei ihr bleiben. Frau Doktern,
was Hartlebens Anwesen angeht, so wissen Sie, wie
Sie dazu stehen — Sie im Vogelsang! Und also
auch zu dem Wohnungskündigen und dergleichen.
Also wenn es Madame Trotzendorff nicht mehr bei
mir — aber eigentlich bei Ihnen nicht mehr gefällt,
so muß sie das mit Ihnen ausmachen. Von wegen
meiner ist sie sicher. Wir zu unserer Zeit waren ja
eben auch Kinder und Jungen im Vogelsang und
haben ihn oft unsicher genug gemacht. Was mich
aber nicht abhält, dem Haupträuberhauptmann, dem
Musjeh Velten da ein bißchen anzurathen, sich doch
manchmal ein warnendes Beispiel an seinem Freunde
Karlchen hier, dem Karl Krumhardt zu nehmen. Wenn
ein Skandalmacher im Vogelsang existirt, dem ich
noch nicht mit einer Tracht Prügel habe drohen
oder aufwarten müssen, so ist er das. Also grüße
Du Deinen Herrn Vater, Karl, und mache ihm
fernerhin alle Freude. Mistreß — Madame Trotzendorff: Hartleben kann wohl grob, sackgrob werden,
wenn er das Recht dazu hat; aber ein Unmensch ist
er nicht und wo er sieht, daß weder Hart- noch Sanft-Dreinreden hilft, da weiß er sich auch zu bescheiden —
vorzüglich bei den Damens. Also empfehle ich mich
und, liebe Frau Trotzendorff, wenn unsere Frau
Doktern Ihrem Wurm für diese Nacht ein Lager da
auf ihrem Sofa machen würde, wie sie's auch mal
meinem kleinen seligen Hans gethan hat, so hielte
ich das für das Beste. Das Kind wird doch wohl
diese Nacht durch ein bißchen unruhig sein und Pflege
verlangen und Sie, liebe Madame, recht stören. Habe
ich schon wieder zu viel gesagt? na, denn guten
Abend rundum. Zwischen uns Beiden bleibt Alles
wie es ist, Frau Doktern.“

Er war gegangen, und Lenchen Trotzendorff
bekam ihr Lager für diese Nacht und manche
folgende im Andresschen Hause, dem rechten Nachbarhause.

„Ich bin Dir so dankbar, Amalie, aber meine
unglückseligen Nerven! Und dann bist Du ja auch
eine Doktorsfrau und selbst eine halbe Ärztin, Du
liebe, liebe Seele,“ wimmerte die Nachbarin Agathe.

Ich habe dem Nachbar Hartleben Raum zu seinen
Eräußerungen gegeben. Es lag mir daran, diesen
guten Mann aus der Erinnerung mir hinzumalen,
wie er war und sich gab zum Besten seiner Nachbarschaft. Have pia anima! sanft ruhe seine Asche: er
hat's auch um den Ritter mehrerer Orden, Dr. jur.
Oberregierungsrath Krumhardt verdient, daß der
ihn seinen Nachkommen nach den Akten, wenn auch
nicht aktenmäßig aufbewahre als ein Zeichen, wie es
vordem zuging im Vogelsang. Sein schmeichelhaftes
Wort über mich auf dem vorigen Manuskriptblatt
kommt hierbei wahrlich nicht in Betracht, sondern
vielmehr ein vollkommenes Gegentheil davon. Es
half sehr, wenn der Nachbar Hartleben seine Meinung
über den Sohn meines Vaters dahin abgab:

„Bengel, wenn ich Du wäre, so hätte ich gestern
doch nicht mit den Händen in den Hosentaschen
dabeigestanden und die Anderen allein es ausfechten
lassen.“

Ich war dann wirklich das nächste Mal nach
besten Kräften mehr mit dabei. Gewöhnlich litten
dann aber leider nicht nur die Jacken, Hosen, Nasen
und Augen, sondern auch die Gefühle der Eltern
sehr unter dieser Besserung in Nachbar Hartlebens
Sinne. Die „Frau Doktern“ hatte dann nicht nur
mit einem Waschnapf für die blutende Nase, einer
Kompresse für das geschwollene Sehorgan, sondern
auch noch mehr mit sanftüberredender Bitte im
Nachbarhause „einzuspringen“, wie Velten sich ausdrückte.

„Meiner ist natürlich der Hauptsünder gewesen.
Sagen Sie es ihm nur ja recht ordentlich, Herr
Nachbar!“ —

Mein wackerer, braver Vater! meine gute sorgenvolle Mutter! sie hatten wahrlich ihre täglichen und
nächtlichen Nöthe im Vogelsang. Leider aber tröstet
und erquickt den Menschen auf seinem Erdengange
auch die sicherste Gewißheit, daß er Recht habe, oder
es jedenfalls bekommen werde, wenig. Meine Eltern
hatten vollkommen Recht, und wußten das auch, aber
Genuß zogen sie kaum aus ihrem Wissen. Dieses
konnte sie nur darin bestärken, ihr eigen Fleisch und
Blut möglichst auf dem richtigen Wege zu erhalten,
auf daß und damit die Welt bestehe und ordnungsgemäß an nachfolgende Geschlechter weitergegeben
werde. Nach besten, treuesten, sorglichsten Kräften
haben sie so an mir gethan, und — gottlob, ich weiß,
daß meine Frau und meine Kinder mit ihren Erziehungsresultaten zufrieden sind. Sie sehen alle
mit Respekt zu dem alten Herrn Rath, dem „Großpapa“,
über meinem Schreibtische auf, und meine Frau sagt
dann auch wohl lächelnd:

„Du, es ist möglich, daß Du es nicht glaubst;
aber ich glaube, die Mama, Deine Mutter, setzte
häufiger ihren Willen gegen ihn da auf dem Bilde
durch, als ich den meinigen Dir gegenüber. Vorzüglich was die Kinder anbetrifft.“

„Sie theilten sich eben auch in die Verantwortlichkeit dafür gegenüber der Welt, mein Schatz.“ —

Ja, ja, so redet man über den Schreibtisch weg,
am trauten Winterofen, in der Gartenlaube über die,
so ihrer Arbeit für diesmal entledigt sind, über die
Gras wächst und zu denen noch einige Zeit ihre
Nächsten im Leben kommen, bis Straßenzüge, Eisenbahngeleise oder im besten Falle der Ackerpflug über
sie weggehen, und ihre Stätte nicht mehr gefunden,
doch auch nicht mehr gesucht wird.

Ja, über den Schreibtisch weg sehe ich heute
(nicht mit leiblichen Augen) auf unsern alten Kirchhof im Vogelsang, wo sie den Rath und die Räthin
Krumhardt, den Doktor und die Frau Doktern Andres
und den Nachbar Hartleben so nachbarschaftlich nebeneinander gebettet haben, und wo wir, meine Kinder,
mein Weib und ich, wo Velten Andres und Helene
Trotzendorff nicht ihre Ruhestätten bei ihren besten
Erziehern finden werden. Jetzt liegt auch er schon
zwischen Backsteinmauern und Cement-Kunsthandwerk,
der Friedhof des Vogelsangs; damals lag er noch
vollständig im Grün, und eine lebendige Hecke ging
um ihn her. Hohe Bäume überschatteten ihn und
die Vögel sangen da noch — auch die Nachtigal zu
ihrer Zeit, und hier war's, wo wir, wenn uns der
Weg zum Walde hinauf zu sonnig war, nicht Schiller
und Goethe (die hingen uns von der Schule her
aus dem Halse, wie Velten sich ausdrückte) sondern
Alexander Dumas den Vater lasen und mit seinen
drei Musketieren, wie er, die Welt eroberten.

Und dann —

Dort vor dem Thor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten,
Der Leib und die Tatzen wie ein Löw',
Ein Weib an Haupt und Brüsten.

Und dann —

Die Nachtigal sang: O schöne Sphinx!
O Liebe! was soll es bedeuten,
Daß Du vermischest mit Todesqual
All' Deine Seligkeiten?

Und wenn sich alle Schulmeister der Welt auf
den Kopf stellen, oder vielmehr fest hinsetzen aufs
Katheder: sie erobern die Welt zwischen dem sechzehnten
und zwanzigsten Lebensjahre doch nicht durch moralisch,
ethisch und politisch gereinigte Anthologien. Der
„Unsinn“, der Mondenschein, der „frivole Ungeschmack“
und die Nachtigal, der „Blödsinn“, der Lindenduft,
das ferne Wetterleuchten und die hübsche Jungfer
Lorelei im lichten Sommerkleide im Mondlicht behalten doch ihr Recht: der Spiegel behält sein
Recht; aber nicht die Rute dahinter . . .

„Das Gewitter scheint doch heraufzukommen,
Velten!“ sage ich, während wir jetzt noch im Mondlicht
neben einem Grabe stehen, auf dem eine einfache
Steinplatte in Goldschrift den Namen Valentin Andres,
Doktor der Arzneikunde, nebst Geburts- und Todes-,
Jahres- und Tagesdatum trägt; und Velten Andres
lacht:

„Laß es kommen,

Den Todten im Meere kümmert's nicht,
Er ist ja naß genug,“

und das ist wieder aus einem Poeten, den man um
diese Lebenszeit sehr gern citirt, wenn auch die
Citate wie die Faust aufs Auge passen. Aus dem
Ferdinand Freiligrath ist's, der auch nicht von den
Herren Lehrern zu den Klassikern gezählt wird, sich
selber nicht dazu zählte, und doch auf ungezählte
Hunderttausende, Millionen von Schuljungen von
größerem Einfluß ist als der Dichter des Egmont,
der Iphigenie und des Torquato Tasso. —

Seinen Vater kennt Velten eigentlich nur aus
den Erzählungen seiner Mutter.

„Nur der Mutter und meinetwegen hat er sich
was aus dem Sterben gemacht, für sich selber nichts,“
sagte der Sohn seines Vaters. „Kommt dieser Sofaheld uns hier auf dem Kirchhofe mit seinem dummen
Gewitter! Geh Du dreist nach Haus und hol Dir
einen Regenschirm, wenn Deine Alten Dich wieder
loslassen; Miß und ich bleiben hier, bis wir naß
sind bis auf die Knochen. Famos, da verkriecht sich
die holde Luna und da haben wir die Prostemahlzeit,
wie sie in Schödlers Buch der Natur steht. Komm
rasch nach Hause, Lenchen! Deine Alte kenn ich, die
wird ja rein verrückt beim leisesten Donner, und
auf meine Alte und mich wird's natürlich allein abgeladen, wenn Du morgen mit einer Schnupfennase
herumläufst.“

„Lächerlich machen lasse ich mich nicht,“ sagt
Helene und setzt sich auf einen halbversunkenen Grabstein neben dem des Doktors Andres. „Ich bleibe
hier, wie Du gesagt hast! Aber auch allein. Bilde
Dir ja nicht ein, Du Schafskopf, daß Du morgen
mit mir renommiren willst. Karlchen, nimm ihn
auf den Arm und trag ihn zu seiner Mama. Ja,
ich bleibe hier und denke an meinen Vater; — was
kümmern mich eure Todten und dummen Gewitter?
In Amerika kommt das ganz anders, und kommt
mein Vater, um uns wieder zu sich zu holen, so —
o Himmel, Velten!“

Sie hatte trotz ihrer stolzen Worte doch einen
kleinen Schrei ausgestoßen, ob des ersten, grellen
Leuchtens und rasch nachfolgenden Krachs aus der
Höhe. Sie duckte sich auch vor dem Platzregen, aber
sie biß die Zähne zusammen und blieb auf ihrem
Sitze.

„Jetzt sei keine Närrin, Lenchen. Komm mit
nach Hause.“

„Nein.“

„Thu es Karls wegen. Der arme Teufel besieht
Redensarten, an denen er wochenlang zu kauen
hat, wenn er mit verdorbenem Sonntagsstaat heim
kommt.“

„Er kann ja laufen. Ihr könnt meinetwegen
Beide laufen; ich finde meinen Weg schon allein.
Ich denke an meinen Vater in Amerika und brauche
keinen andern hier. Meine Mutter sagt, wenn er
kommt, ist er reicher und vornehmer und stärker als
Alle hier.“

„Es ist wahrhaftig Hagel dabei, und die Sache
wird ungemüthlich, Karl,“ brummt Velten. „Na, bei
schönem Wetter habe ich nichts dagegen, daß Du die
Märchenprinzeß herausbeißest, Miß Ellen; jetzt hör
auf mit Deinem Schnack; — und gehst Du nicht willig,
so brauch ich Gewalt, sagt Goethe, und nun komm
Herzchen —

Eine Wassermaus und eine Kröte
Gingen eines Abends spöte
Einen steilen Berg hinan.“

Der sechzehnjährige Signor Petrucchio hat den
Rock abgerissen und ihn dem sein wildes, phantastisches
Köpfchen mit beiden Armen gegen den niederrasselnden
Hagel- und Platzregensturm schützenden Kinde übergeworfen, das nur schwach widerstrebende aufgegriffen
und zwar mit dem ferneren Citat aus dem Sekundaner-Klassikerthum:

„Da begann die Wassermaus zur Kröte:
Warum gehen wir des Abends spöte
Diesen steilen Berg hinan?“

fügt aber hinzu: „Eigentlich ist's umgekehrt: die
Kröte hat das Wort. Ja, zapple nur, Kröte, kleine
Riesenkröte! Diesen Abend sind mir noch in Deutschland,
und Deiner Mama Vereinigte Staaten von Nordamerika und sonstigen Herrlichkeiten können mir —
kommen.“

Wie Helene und Velten von den Müttern
empfangen werden, habe ich nicht in den Akten; was
mich selber betrifft, so wird mein Vater wohl gesagt
haben:

„Endlich könnten diese Dummheiten wohl aufhören. Allotria auf dem Kirchhofe! Und übrigens
scheinst Du mir auch seit längerer Zeit schon Dich
einer recht überflüssigen, wenn nicht schädlichen Leserei
zu ergeben. Bleib' bei Deinen wirklichen Büchern
und meinetwegen auch älteren Poeten; aber laß mir
diese dummen Romane und sogenannten neueren
Dichter aus dem Hause, mein Sohn. Nebenan da
zur Vernunft zu reden, hilft ja nichts; da laß ich den
Narreteien allmählich ihren Weg; aber hier in meinen
vier Pfählen bleibt Verstand Verstand, Sinn Sinn,
Unsinn Unsinn und Schund Schund. Was ist Deine
Meinung, Adolfine?“

„Bis auf die Knochen muß der Junge durchweicht
sein. Eine wahre Überschwemmung hat er mir in
die Stube mitgebracht. Gott sei Dank, Kind, daß
Du wenigstens mit heiler Haut wieder da bist. Mir
beben noch die Glieder — das sieht schön aus
im Garten nach dem Hagel und Gewitter. Geh jetzt
hin und zieh Dir was Trockenes an und vor allen
Dingen Pantoffeln.“

Habe ich mir so sehr Pantoffeln und so sehr
„was Trockenes“ nach dem Rath meiner armen, guten
Mutter angezogen, daß man es mit Mißbehagen aus
diesen Blättern mir anmerkt?

Ich glaube nicht.

Was erzieht Alles an dem Menschen! Und wie
werden mit allen anderen Hoffnungen und Befürchtungen Eltern-Sorgen und -Glücksträume zu
nichte und erweisen sich als überflüssig oder besser,
als mehr oder weniger angenehmer Zeitvertreib im
Erdendasein!

Als ein wohlgerathener Sohn, als ein älterer
verständiger Mann, als wohlgestellter Familienvater,
als „angesehener“, höherer Staatsbeamter erzähle ich
heute weiter vom Vogelsang, und theile zuerst mit,
daß mir, wenn nicht die besten Lateiner und Griechen
auf unserm illustren Gymnasium, so doch die besten
Engländer waren. Der für diesen Unterrichtszweig vom
Staate besoldete Oberlehrer und Doktor war, obgleich
er ein ganzes halbes Jahr „in London gewesen war“,
durchaus nicht schuld daran. Wir hatten das einzig
und allein dieser „kleinen amerikanischen Krabbe“ zu
verdanken, die zuerst uns in den Vogelsang die verblüffende Offenbarung brachte, daß allerhand nichtsnutzige Sprachen nicht nur todt zu unserm Elend in
den Grammatiken und in Büchern ständen, sondern
wirklich und wahrhaftig lebendig seien und bei allerhand Völkerschaften außerhalb des deutschen Vaterlandes tagtäglich im Gebrauch und um uns im
Vogelsang zu „imponiren“.

„Imponiren lasse ich mir nicht. Schlage mal
auf im Lexikon: nasty,“ sagte Velten, lange vor
unseren Sekundaner-Mondschein- und -Gewitter-Abenden mit Heine, Geibel und Uhland in der Tasche
und im Hirn und Herzen. „Boy heißt Junge,
Bengel oder dergleichen, das weiß ich; aber Nasty
boy hat das Balg zu mir gesagt und die Zunge
herausgesteckt. Gieb mir das Buch, wenn Du es
nicht finden kannst.“

Er riß mir das Lexikon aus den Händen, fand
das Wort, und — von da an bis zu Shakespeare,
Byron und dem übrigen Groß und Klein ist wieder
einmal nur ein Schritt gewesen.

Als wir Primaner geworden waren, hatte Miß
Ellen Trotzendorff sich zu einem allerliebsten, naseweisen, eigensinnigen deutschen Backfisch herausgewachsen, aber ihr Englisch oder Amerikanisch so ziemlich
vergessen: wir aber konnten es. Velten ausgezeichnet,
ich mittelmäßig, doch auch vollkommen genügend für
ein rühmliches Schulabgangszeugniß in dieser Hinsicht.
Mistreß Trotzendorff, die mit ein paar angelernten
Phrasen von New York herübergekommen war, blieb
bei denselben: übrigens wuchs sie sich, wie der
Vogelsang sagte, im Laufe der Jahre allgemach aus
einer armen Person, die für ihre Kümmernisse nichts
konnte, zu einer kompletten Närrin heraus. Und
obgleich sie auch dafür eigentlich nichts konnte, so
ließ der Vogelsang hier doch keine Entschuldigung
gelten, ausgenommen die Nachbarin Andres, die mitleidig und geduldig bei dem Wort blieb:

„Die arme Agathe!“ —

Jawohl, wir hatten Alle unsere Noth mit der
„armen Agathe“; Jeder auf seine Weise. In der
besten die Frau Doktor Andres, in der schlimmsten
des wirklich armen Weibes eigenes Kind. Was für
eine Närrin wäre das geworden, wenn nicht der
Vogelsang in allen seinen Nuancen, Schattirungen
und Abschattirungen um es herum gewesen wäre?
Welche Bilder und Gedanken steigen mir da auf,
wie ich wieder den Brief in die Hand nehme, den
mir Helene Trotzendorff, verehlichte Mungo aus
Berlin geschrieben hat, und der mich dazu gebracht
hat, diese Blätter mit meinen Lebenserinnerungen
zu füllen!

Während mir, Velten und ich, wie letzterer sich
ausdrückte, unsern Stiefel fortgingen, wuchs unsere
Kleine auf wie eine gebannte, verzauberte Prinzessin
aus dem Märchenbuch der Brüder Grimm. Sie
war klug und schön und wurde immer klüger und
immer schöner; aber sie hatte in Lumpen zu gehen,
im wilden Walde im bloßen Hemde zu irren, auf
bloßen Füßen Wasser zu holen für die Küche und
die goldenen Haare auf der Heide als Gänsemädchen
zu strählen. Und leider war sie in ihrer Verzauberung
im Vogelsang nicht so geduldig wie die ins Elend
gerathene Königstochter der lieben Sage. In den
Bäumen am Osterberge saß sie wohl auch dann und
wann auf einem bequemen Zweig als Allerleirauh;
aber „die Haare sehr nach innen“, wie wiederum Velten
sich zierlich und bezeichnend ausdrückte. Wer sie zu
Thränen der Reue, Rührung und Ergebung bringen
wollte, mußte das fein anfangen, und gelang es
eigentlich nur der Nachbarin Andres: Thränen der
Wuth und Bosheit ihr zu entlocken, war recht leicht,
und diesen „Spaß“ machte sich Velten Andres, der
Sohn seiner Mutter, nur zu häufig. Was Helene
Trotzendorff Gutes aus dem Vogelsang in ihres Vaters
Königreich später mitgenommen hat, hat sie zum
größten Theil doch nur den Beiden zu danken gehabt. —

„Nun höre sie Einer da drüben,“ sagte um diese
Lebenszeit mein Vater, in unserer Gartenlaube beim
Sonntagsnachmittagskaffee von der Zeitung aufsehend.
„Da liegen sie sich wieder bei der Doktorin in den
Haaren — einerlei ob es Spaß oder Ernst ist; die
Passanten bleiben stehen und die Nachbarschaft legt
sich in die Fenster und hat ihren Grund dazu. Und
die Amalie lacht dazu! Endlich könnte sie doch bedenken, daß sie keine Kinder mehr sind. Junge,
Junge, wenn ich Dich nur erst glücklich auf der
Universität habe! Sieh doch mal über die Hecke,
Frau, und frage Deine Amalie, was sie nun wieder
vorhaben. — Der Lärm ist ja unerträglich.“

Jawohl, der Lärm war unerträglich, vorzüglich
für mich, der trotz seiner bessern Erziehung und Beaufsichtigung, oder gerade wegen derselben, so gern
mit dabei gewesen wäre; aber —

„Was habt ihr denn, Kinder?“ fragte, ihr
Strickzeug niederlegend, meine Mutter über den
nachbarlichen Zaun, und — da sind sie schon mit
hochrothen Köpfen, Fräulein Ellen und Velten Andres,
und hinter ihnen erscheinen die Mütter, Mistreß
Trotzendorff in Thränen — und die Frau Doktern
sagt über deren Schulter weg mit ihrem Lächeln:

„Ja, es war die höchste Zeit, daß von hier aus
mal wieder eingeschritten wurde. Jetzt reden Sie
Vernunft, Nachbar Krumhardt; ich bin mit der
meinigen vollständig zu Ende.“

Es war am Tage vorher eine Hundertdollarnote aus Nordamerika im Vogelsang angelangt, und
Mrs. A. Trotzendorff hatte, ohne alte Schulden in der
Nachbarschaft abzutragen, sofort an diesem Sonntagnachmittag ihre Vernunft walten lassen, das Wort
genommen und es behalten trotz Veltens naseweisen
unverschämten Einredens, trotz der Frau Amalie
abwehrenden Kopfschüttelns und Lächelns, ja auch
trotz ihres Lachens.

Sie hatte ein gar liebes, doch auch vielbedeutendes Lachen an sich durch ihr ganzes Leben,
die Frau Doktorin Amalie Andres; aber es wirkte
auch am heutigen Tage so wenig auf Deutsch-Amerika
wie meines braven Vaters nüchterne, ehrliche Ernsthaftigkeit.

Die neunte Woge ist ja wohl im Auf und
Nieder des Meeres die Woge der Götter und des
Glückes, und wenn das auf den Wassern mit Hilfe
des Windes wirklich der Fall ist, weshalb sollte da
nicht auch im Auf und Nieder des Menschenlebens
solch' eine neunte Woge den muthigen Schwimmer
zur Höhe heben? Nach den dann und wann aus
den Vereinigten Staaten im Vogelsang einlaufenden Briefen hob sich Mr. Charles Trotzendorff
mindestens wieder auf der siebenten, wenn nicht gar
achten Welle: „Daß er die armen Seelen, seine
Närrin von Frau und das Kind nicht ganz abgeschüttelt hat und für sie verschollen ist, ist mir freilich ein Wunder; aber ein Schwindler war er, und
ein Schwindler bleibt er, und was an seinen Rimessen
hängen mag, das möchte ich auch nicht Alles auf
meinem Gewissen haben,“ sagte mein Vater. Doch:

„O, lieber Krumhardt, bester Nachbar,“ ruft
jetzt die Frau Nachbarin Agathe. „O, mein Charles!
mein armer herrlicher Charles! mein Einziger! Ich
weiß das ja nur zu gut, wie ihr hier über ihn denkt.
Glaubt ihr, ihr hättet es mir diese langen schrecklichen Jahre durch nicht merken lassen? Wenn auch
nicht durch Worte, doch auf jede mögliche andere
Weise! Und nun schreibt er: wir könnten anfangen,
die Fühlhörner wieder aus dem Schneckenhause zu
stecken, er thue es auch. Elly, die Schneiderin kommt
doch übermorgen gewiß? O Gott und wenn ich
dann mit meinem vollen Herzen zu euch komme,
so sitzt ihr da und zieht Gesichter in mein Glück;
der Eine auf die eine Weise, der Andere auf die
andere. Ich bin ja ganz gewiß dankbar und weiß,
wie sehr ich euch für so manche Güte verpflichtet
bin; aber ich weiß auch, daß Charles ganz gewiß
seine und meine Schuld bei euch abtragen wird.
Dem Himmel sei Dank, daß ich mir und meinem
armen Kinde bald nicht mehr jeden armseligen Fetzen
auf dem Leibe nachrechnen lassen muß! Und, Amalie,
Hartleben will ich ja auch fürs erste noch nicht mein
entsetzliches Unterkommen bei ihm kündigen und mich
nach einer anständigeren Wohnung in der Stadt umsehen. Fragt doch nur Ellen, ob wir nicht ganz
genau wissen, was wir an dem Vogelsang haben,
wenigstens bis jetzt gehabt haben. Nur noch eine
kurze Zeit abwarten schreibt er ja, gottlob, also,
bitte, habt auch ihr gütigst nur noch eine kleine
Weile Geduld mit uns! Ihr sollt uns ja auch
drüben später willkommen sein, und das sage ich
besonders Dir, lieber Velten. Jawohl, Dir! Schneide
Du nur Deine Gesichter und zupfe Ellen am Ärmel!
Das Kind hat's ja leider Gottes hier in unserem
Hunger und Kummer vergessen, in was für eine
andere Welt es hineingehört von Vater und Mutter
wegen. Bester Krumhardt, in dieser Hinsicht werden
Sie ganz auf meiner Seite stehen, wenn ich unserer
guten Amalie jetzt ganz offen sage, daß der junge
Mann, ihr Sohn, unser guter Velten, nicht von dem
besten Einfluß auf — ich will mal sagen, seine Umgebung ist. Mit bloßem Gesichterziehen und spitzigen
lächerlichen Anmerkungen und allem übrigen von
der Art kommt man nicht durch die Welt, lieber
Velten, und besuchst Du uns später wirklich vielleicht
einmal auf dem Broadway, so werden Dir mein
herrlicher Gatte, Ellens Pa — und die große Welt
selber Dir das noch etwas klarer machen, als ich es
könnte und — hier Lust dazu hätte.“

Dieser Sommer-Sonntagnachmittag, der eigentlich
ganz gemüthlich und vogelsangmäßig angefangen hatte,
ging wieder einmal recht unbehaglich zu Ende. Die
Nachbarin Trotzendorff irrte sich doch sehr, wenn sie
meinte, meinen Vater durch ihre unvermuthete Hinweisung und den Angriff auf den armen guten
Velten ganz für ihre sonstigen Anschauungen, sowie
überhaupt ihre Lebensanschauung gewonnen zu haben.
Es war dem ernsten würdigen Herrn Manches nicht
recht an meinem besten Freunde, aber eigentlich
gar nichts an Mistreß Agathe Trotzendorff und gar
an Mr. Charles Trotzendorff.

Nun, was den Letzteren anbetraf, so genügte fast
immer eine wegschleudernde Handbewegung und eine
lang hingeblasene Tabakswolke, um den vollkommen
und für immer aus Raum, Zeit und Kausalität für
den Obergerichtssekretär Krumhardt hinauszuweisen.

Da er dazu aufgefordert worden ist, so nimmt
er das Wort, mein seliger Vater, und sagt der
Nachbarin Agathe seine Meinung, giebt sie vor der
gesammten Freundschaft umher zu Protokoll. Ohne
im geringsten wegen Injurien belangt werden zu
können, erklärt er sie für die albernste, unzurechnungsfähigste Gans, die jemals dem Vogelsang durch ihr
Gegacker und Geschnatter die Harmonie gestört habe.
Wie er selbst meinetwegen wohl seine Hoffnungen
hat, aber sich keine Illusionen macht, so sind ihm
Illusionen des Nebenmenschen vollkommen unerfindlich und also auch unbegreiflich. Obgleich er selber
die mehr oder weniger spärlich aus Amerika einlaufenden Banknoten und Wechsel zu deutschem
Gelde zu machen hat, glaubt er doch im Grunde an
sie nie recht und hat immer das Gefühl, der transatlantische Telegraph sei ihm bei dem Bankier mit
dem einheimischen Staatsanwalt zuvorgekommen und
zwar in lakedämonischer Kürze durch das eine Wort:
Schwindel! Er ist ein eifriger Zeitungsleser und
weiß, daß merkwürdige Sachen in der Welt vorkommen und merkwürdige Leute ein kurioses Glück
haben, nicht bloß in den Vereinigten Staaten von
Nordamerika, sondern auch im deutschen Vaterlande,
aber an seinen alten Schulbankgenossen Charles
Trotzendorff glaubt er weder im deutschen Vaterlande
noch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika;
Es giebt auch Illusionen der Verneinung. Sie
nehmen überhaupt wunderliche Formen und Farben
an, unsere — Täuschungen im Dasein auf dieser
Erde. —

Wie deutlich die verstörte Gruppe in der Gartenlaube mir heute noch vor Augen steht! Mistreß
Trotzendorff in kindischen Thränen, Helene in
trotzigen; meine Mutter in verhaltenen, verlegenen,
aber ganz und in Allem der „Ansicht des Vaters“.
Freund Velten mit einem zugekniffenen und einem
nach Miß Ellen hinüberblinzelnden Auge und überhaupt einem Gesicht wie: „Herr Gott, wozu Dein
schönes Wetter und Deine angenehme Welt, wenn
Keiner was damit anzufangen weiß?“ — und die
einzige auch jetzt dem Vogelsang vollkommen Gewachsene, „unsere Amalie“, seine Mutter, Nachbar
Hartlebens Frau Doktern — die Frau Doktorin
Amalie Andres! —

Im Grunde ist sie doch die Einzige von Allen,
vor der auch mein Vater Respekt hat und auf die
er hört, wenn er das Wort genommen hat, und sie
es nach ihm nimmt, trotzdem er als „Familienfreund“
auch ihr gegenüber das Wort: „Unzurechnungsfähiges
Frauenzimmervolk“ oft genug hinter den Zähnen
brummt. Und sie sagt jetzt, „ihr“ Kind — nicht
ihren „dummen Jungen“, sondern die „arme Kleine
von drüben überm Weg und überm Weltmeer“ zu
sich heranziehend:

„Lieber Nachbar Krumhardt, ich bitte! — Aber
ihr Leutchen, was seid ihr für ein Volk! Wie soll
sich denn Unsereins hier durchfinden, wenn Jeder
rundum Recht hat von seinem Standpunkt aus? Beste
Agathe, was hätte ich wohl und der arme Velten
diese letzten, langen, traurigen Jahre ohne den verständigen treuen Freund unserer Familie, ohne unsern
Familienfreund anfangen sollen? Und wie undankbar sind wir oft gewesen! Wie oft haben wir es
besser verstehen wollen als er! Ja, Nachbar Krumhardt, das ist nun eben Ihr Schicksal, daß Sie in
eine solche Gesellschaft von Phantasiemenschen gesetzt
worden sind und Geduld haben müssen. Wie oft
habe ich mir in schlaflosen Nächten vorgehalten: im
Grunde bist Du die Allerschlimmste, Amalie! Selbst
Agathe Trotzendorff fährt nicht so närrisch wie Du auf
den Wolken und ihren Hirngespinsten über dem Vogelsang im blauen Himmel umher. Da habe ich denn
wohl nach Entschuldigungen gesucht, und die beste nur
auf unserm Kirchhofe gefunden: Hätte der Liebe da,
der dort unter seinem grünen Hügel liegt, Dich nicht
so sehr verzogen und mit sich in die Höhe gezogen,
so möchtest Du ja auch wohl vernünftiger und verständiger in den tagtäglichen Dingen und Angelegenheiten sein und Deinen Velten besser erziehen und
dem Herrn Oberregierungssekretär weniger Verdruß
machen können. Sehen Sie, bester Nachbar, und
diese Entschuldigung hat dann gerade das Gegentheil
von meiner und Veltens Besserung bewirkt. Ich
habe mir verhältnißmäßig glückliche Thränen abgetrocknet und bin doch mit besserem Gewissen auf
meinem Kopfkissen eingeschlafen als ich mich drauf
hingelegt hatte. Und weil mir denn hier plötzlich
so in eine allgemeine Beichte hineingerathen sind, so
kann ich nur sagen, daß ich am anderen Tage nach
jeder solchen Gewissensbißnacht stets die allermöglichsten und Ihnen verdrießlichsten Einwendungen
gegen Sie hatte, bester, theurer Freund — und wie
gesagt, so haben Sie eben mit uns Geduld haben
müssen, diese letzten schweren Jahre durch, wo Sie
unsere einzige treue, sorgliche, männliche Stütze
in der nahen Nachbarschaft und der weiten Welt
waren, Herr Nachbar. Sie schütteln den Kopf, weil
ich hier so in den schönen Sonntagsabend hineinschwatze und ich bin noch nicht fertig, sondern komme
jetzt auf Agathe. Ja, Nachbar, da sehen Sie mich
nur an: gegen die habe ich die nämliche vergebliche
treue Familienfreundsrolle gespielt, wie Sie gegen
mich. Wie habe ich der, in Ihrem Sinne, Herr
Nachbar, Vernunft gesprochen, ohne das Geringste
auszurichten. Eben noch, wie Sie selber von hier
aus gehört haben. Und das Resultat? Wie immer!
Wie ich gegen Sie, Herr Regierungssekretär: Halb
Thränenfluth, halb zehn ausgespreizte arme wehrlose
dumme Weiberkrallen! Gerade so wie ich! Nur ein
kleiner, ganz kleiner Unterschied: sie sucht immer
noch ein Glück, welches es doch nicht giebt; ich will
nur aus angeborener Schwäche und Ängstlichkeit mir
manchmal nicht gern eine erträgliche Stunde verderben lassen. O ja, auch deshalb wäre es für uns
beide Frauen wohl besser, wenn ich meinen Velten
von Hause wegschickte, und ihr ihr liebes Kind auch
genommen würde, um unter bessere Zucht und
strengere Obhut zu kommen, als sie, und ein bißchen
auch ich, leisten können. Aber sie will ihre Helene
für den lebenden Vater bei sich aufbewahren, und
ich frage mich bei Allem: was würde Valentin dazu
sagen? Was würde der todte Vater zu Dir und
Deinem Velten sagen? Und das nimmt mir auch
gegen Agathe alle Waffen aus der Hand. Ja,
schütteln Sie nur den Kopf, Nachbar; Sie haben
vollkommen Recht: wir bedürfen eines Vormundes
auch wo, oder besonders wo, wie in unserem Fall,
unsere Kinder und unsere Männer für uns armen
Weibsleute mit im Spiel sind. Freilich ist's
kein dankbares Geschäft, gerade da den Vormund spielen zu müssen! Leider wissen Sie das
auch mir gegenüber aus tausendfacher Erfahrung
Nachbar Krumhardt; also“ — und so weiter und
so weiter noch eine geraume Weile.

Aber mein Vater hielt sich auch schon seit einer
geraumen Weile den Kopf mit beiden Händen um
nicht zu sagen: mit beiden Händen die Ohren zu.
Was sie sagen wollte, die Frau Doktorin Amalie
Andres, wußte er wohl; jedoch wie sie es herausbrachte, das ging ihm doch über die Bäume, nicht
nur seines Hausgartens, sondern auch des ganzen
Vogelsangs. Und noch dazu in Gegenwart der
Kinder — der Unmündigen — dieses jungen Volkes,
dem da eine saubere Heckenpredigt gehalten wurde,
auf die es sich freilich bei jeder nachfolgenden Lebensthorheit und Nichtsnutzigkeit berufen konnte.

Man brauchte da nur den Schlingel, den Velten,
anzusehen, wie der, nach außen mit dem komödiantenhaftesten Armensündergesicht, nach innen hinein seine
„gloriose Alte“ herzte und küßte und den ernsten,
treumeinenden Familienfreund zum Narren und für
einen Narren hielt.

Und dann gar die verzogene Krabbe der entmündigungsreifen Amerikanerin aus dem Vogelsang!
Dies junge Ding, das Hartleben heute mit der Peitsche
aus seinem Lieblingsbirnenbaum herunterholen wollte,
um ihm morgen den Korb mit der ganzen Ernte und
einem Blumenstrauß darauf persönlich ins Dachstübchen auf seinem Anwesen hinaufzutragen! Diese
„kleine Affe“, die einen selbst in diesen jungen
Jahren zur Verzweiflung bringen konnte mit ihren
angeborenen „Allüren“ und den aus allem, was
nichtsnutzig im Leben war, zugelernten; gleichviel ob es mütterliche Erziehung, Modenzeitung,
Leihbibliothekslektüre oder Herumtreiberei mit allen
jungen Taugenichtsen des Vogelsanges in Wald und
Feld hieß!

Ich habe diesen einen Sonntagnachmittag von
vielen Hunderten seinesgleichen, und nicht bloß im
Sommer, sondern auch in jeder anderen Jahreszeit, wenn nicht aktenmäßig, so doch aus den Akten
so deutlich und farbenfrisch als möglich zu Papier
gebracht. Es erübrigte mir also nur noch, auch zu
schildern, wie mein Vater all das Seinige: Pfeife,
Tabakskasten, Zeitung, Amtsblatt an sich nahm und
immer als ein durch Weiberlärm, Dummheit, Gezeter
betäubter, durch feuchte Taschentücher und trockenste
Albernheit aus jedwedem Konzept gebrachter Familienvater, Familienfreund und wohlmeinender Nachbar,
im Sommer die Gartenlaube, im Winter die Familienstube, hinter sich ließ und sich in sein Reich, eine Treppe
hoch, zurückzog und mich gewöhnlich mit sich nahm.
Ich verzichte drauf; aber seinen Griff verspüre ich
heute noch am Oberarm, wie ich mich in diesem
düstern Wind- und Reifmond, mit Mistreß Mungos
Brief vor mir, in jene doch so unschuldige, glückselige, sonnedurchleuchlete Zeit zurückdenke. Dann
aber sehe ich auch zu dem Bilde des alten Herrn
über meinem Schreibtisch unter einigen Gewissensbissen auf und — möchte das Nachgefühl seiner
grimmigen, aber treuen Faust an meinem Arm
wahrlich nicht missen; auch durch mein ganzes
ferneres Leben.

Und doch! Mit welchem Verdruß, Trotz und
mehr oder weniger deutlichem Widerstreben habe ich
zu jenen Zeiten, da er noch mehr als eine Erinnerung
war, jenen guten Griff erduldet! Und wie oft habe
ich mich von ihm frei gemacht und bin mit den
beiden Anderen durchgegangen im Vogelsange in den
Vogelsang und auf den Osterberg, aus der Niederung
zu den Höhen, aus dem Alltag in den Sonntag, aus
der griechischen und lateinischen Grammatik in die
Tausend und eine Nacht, aus Vegas Logarithmen,
aus der Mathematik und Arithmetik in die wirkliche
Idealität von Zeit und Raum, in das raum- und
zeitlose Jugendphantasiereich von Velten Andres und
Helene Trotzendorff!

Auf dem Osterberge waren wir auch wieder
alle drei zusammen an jenem Abend, der auf den
eben beschriebenen stürmischen Familien- und Nachbarschaftssonntagnachmittag folgte. Die zwei Anderen,
wie gewohnt, ihre eigenen Wege gehend, ich verstohlen etwas später einem verstohlenen Wink und
Zeichen Veltens folgend. Der Wald war selbst
damals schon dort oben von ziemlich wohlgehaltenen
Pfaden durchschnitten, wie man sie heute in den
Bädern als „Promenadenwege“ kennt. Hier und da
hatte sogar schon irgend ein Naturliebhaber und
Wohlthäter der Menschheit eine Bank aufgestellt, die
meisten in das Gehölz und Gebüsch hinein, doch
eine oder zwei auch an den Rand des Hügels, mit
dem Blick ins Thal und auf die liebe Heimathstadt
und hochfürstliche Residenz, halb in diesem Thale
und halb im offenen Lande.

Auf dieser Bank am Waldrande, im tiefsten
Frieden der Natur, fand ich auch diesmal die beiden
ärgsten Störenfriede des Vogelsangs, den Sünder
in die eine Ecke gedrückt, die Sünderin in die
andere, so daß in der Mitte vollkommen Raum für
mich, den guten Freund, übrigblieb. Da Neumond
im Kalender stand, so war der Abend ziemlich dunkel.
Die vereinzelten Sterne oben zählten nicht; nur die
Lichter der Stadt in der Tiefe und die Gaslaternen
ihrer Straßen und Plätze gaben einen bemerkenswerten Schein. Im fürstlichen Schloß schien „irgend
was los zu sein“, denn das leuchtete sogar sehr hell
in die warme Sommernacht hinein und zu dem
Osterberge empor. Im Walde war es still; wildes
Gethier, das nächtlicher Weile in ihm aufgewacht und
sich bemerkbar gemacht hätte, gab's nicht mehr drin;
die Fledermäuse, die ihre Kreise um uns zogen,
zählten nicht; ihre weichen Fittiche störten den Frieden
der Natur nicht. Nur vom Bahnhof her dann und
wann das Pfeifen und Zischen einer Lokomotive,
und aus den drei Bier- und Konzertgärten der letzte
Wiener Walzer, der Hochzeitsmarsch aus dem Tannhäuser und der Hohenfriedberger harmonisch ineinanderdudelnd und den Abendfrieden hier oben
wenig störend.

„So! Da sitzt ihr wieder!“

„Jawohl; und Gott sei Dank, frommer Sohn
Karl, daß auch Du noch da bist, Tugendbold! Keine
fünf Minuten hätte ich es mit dem Mädchen da
länger allein hier ausgehalten. So 'ne ganz verrückte Prise! Ist Der das Gezeter, Gezerr, Geplärr
und Geplapper da unten zu Hause auf die Nerven
gefallen! Jawohl, Dich brauchten wir gerade recht
nothwendig, Krumhardt. Da ich mit meiner Mutter
nicht gegen sie ankomme, so rücke Du ihr noch einmal
mit Deinem Herrn Vater auf den Leib und kratze
Deinen eigenen Verstandskasten aus, um ihr Vernunft zu sprechen. Da haben unsere Mütter — ich
meine meine und ihre — eine saubere Pflanze großgezogen. Höre sie nur, höre sie nur, Krumhardt!
Ja, leg nur los, Elly — Miß Ellen Trotzendorff:
die Nachbarschaft im Vogelsang ist ganz Ohr!“

„Wäre Deine Mutter nicht, Velten, so könnte
ich Dich — könnte ich Dich —“

„Erdrosseln, erwürgen, vergiften, Dir jedenfalls
mit beiden Krallen in die Haare fallen, und beide
Fäuste voll Skalp bergunter nach Hause rennen.
Da, greif zu und zieh mir die Kopfhaut ab, Mamsell
Squaw, und das übrige Fell meinetwegen mit. Mir
liegt nichts dran.“

Es war die höchste Zeit, daß ich mich zwischen
sie setzte, denn Helenchen war vollkommen bereit,
von der Erlaubniß, die ihr da eben gegeben wurde,
Gebrauch zu machen. Ihr bester Kamerad im Vogelsang hatte ihr wirklich seinen Strubbelkopf zu beliebigem Verfahren hingehalten; nun aber sprang
sie doch nur auf von der Bank und stand vor uns
am Rande des Osterberges und streckte uns die Faust
zu und schnuckte und schluchzte zwischen den zusammengeklemmten Zähnen durch:

„Und ich glaube doch an meinen Vater! Ihr
mögt alle sagen, was ihr wollt. Ihr könnt die
Nasen verziehen und rümpfen, ihr könnt den Kopf
schütteln und ihr könnt meiner Mama Sottisen
sagen, wie ihr wollt: ich glaube ihr doch, meiner
Mama! Ich glaube doch an meinen armen Vater,
er mag sein wie er will! Und was könnt ihr hier
im Vogelsang von ihm wissen? Ich, die ich als
bloßes Wickelkind hierhergebracht worden bin, weiß
doch noch mehr von der wirklichen Welt als ihr
alle — Deine Mutter ausgenommen, Velten. Aber
die ist auch eine Märchenkönigin — eine viel höhere
als die da unten, die kleine Durchlaucht da in ihrem
lächerlichen Residenzschloß da unten! Das sind ihre
Fenster — seht ihr, und so sollen meine Spiegelscheiben auch noch einmal leuchten, und noch viel
heller! Deine Mutter braucht keine Kronleuchter über
sich und keine türkischen Teppiche, und wäre sie meine
Mutter und ich ihr Kind, so wollte ich auch nichts
davon. Aber jetzt bin ich meines Vaters und meiner
Mutter Kind und eine freie Republikanerin und
Amerikanerin, und ich glaube an meinen Vater und
werde auch meine Salons haben und Bediente,
schwarze und weiße, Kammerfrauen und hohe Fenster,
Kronleuchter und Teppiche und Reitpferde und Wagen
und Pferde und meine Loge im Theater und alles
Andere! Ja, und nun geh nur hin, Velten, und
sage es Deiner Mutter, was ich gesagt habe und
daß alle ihre Güte und Lehre an mich weggeworfen
gewesen ist; aber sage ihr auch, daß ich so schreien
muß, ich weiß nicht was, nur weil ihr Alle, Alle
mich dazu getrieben habt, Jeder auf seine Art. Ach
Gott, was bin ich für ein armes Mädchen und so
unglücklich in der Welt!“. . .

Vor einem Jahre noch würde Velten Andres,
kreischend vor Vergnügen ob dieses „himmlischen
Witzes“, dieser „ausgezeichneten Komödie“, sich auf
den Kopf vor der Bank auf dem Osterberge gestellt
haben. Jetzt war dem schon nicht mehr so. Er
lachte nicht mehr, sprang nicht mehr auf, sondern
blieb ruhig auf seinem Platz auf unserer Bank; aber
faßte mich mit noch fast schärferm Griffe, als mein
Vater, am Arm und sagte, auch zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch:

„Nun höre sie, Besterzogener, Treuestbehüteter,
Verständigster und Vernünftigster unserer ganzen
Blase — ich meine nicht die herzogliche Residenzstadt — da unten: was kann der Vogelsang, meine
Mutter und Dein Vater, was — kann ich noch
dazu thun, um in diesem Mücken- dem -Nachtschmetterlingshirnkasten, Ordnung zu stiften? Also
— vivat natürlich der Papa Trotzendorff mit allen
seinen schönen Aussichten für sich, für Lenchen und
unsere Allerschönste und Beste, Lenchens Mama!
Aber ungefangene Fische kann man nicht braten,
sagte schon der weise Kikero im vollen Senat zu
meinem lieben Freunde Catilina; also — verrücktes
Herze, an Deiner Stelle setzte ich mich doch fürs
Erste mal wieder ruhig da auf die Bank neben den
braven Karl. Was? Du willst nicht? Habe ich
mich etwa heute noch nicht genug geärgert? Guck
einer, wie der Mieze die Augen im Dunkeln leuchten!
Was? Nun wohl am liebsten in den hiesigen Urwald
hinein, oder kopfüber, kopfunter bergab nach Hartlebens Anwesen und nach Hause? Na, denn meinetwegen nochmal die Hände aus den Hosentaschen! Da
kann ich meine Pauke an Dich und die Welt auch
stehend halten. Na, Wurm?“

Nun war er doch, nicht aufgesprungen, sondern
langsam aufgestanden, und sie duckte sich wirklich
vor ihm, ohne daß er sie an den Schultern niederzudrücken brauchte, und nahm mit dem Worte:
„Hansnarr!“ ihren Platz auf der Bank an meiner
Seite wieder ein. Er aber stand und redete seinerseits seinen Unsinn in den Sommerabend hinein,
wie mein Vater sich ganz gewiß ausgedrückt haben
würde.

„Recht hat sie eigentlich, Krumhardt. Ein fideler
Nachmittag war's und zwar sehr auf ihre Kosten.
Aber habe ich nicht mit ihr auf demselben Rost gelegen, während die liebe Verwandtschaft und gute
Nachbarschaft die Kohlen unter uns schürte. Um
den zehnten August herum sind wir auch. Da ist
wieder eine! Ihr habt doch für nichts Augen! Die
Thränen des heiligen Laurentius, Krumhardt; wie
Du aus der Schule besser wissen solltest als ich!
Selbst der Himmel schnuppt sich uns zuliebe. Noch
eine! Wer soll denn da keine Wünsche haben, wenn
ihm das ganze Firmament Gewährung winkt? Bloß
aufpassen, Miez, daß der Wunsch mit dem Fallen der
Sternschnuppe stimmt: nachher ist alles in Richtigkeit,
als ob die Weltregierung, der Vogelsang mit, Hand
und Siegel dazugegeben und Dein Vater, Krumhardt, die Registratur in der himmlischen Kanzlei
besorgt hätte.“

„Laß endlich mal meinen Vater aus dem Spiel,
Andres!“

„Warum denn? Sage ich denn etwa gegen den
was? Gar nichts! Ist er nicht etwa auch heute
nachmittag wieder der Einzige gewesen, der ganz und
gar Recht hatte und wußte, was er wollte? Da
nehme ich selbst meine Mutter nicht aus, denn ein
Frauenzimmer bleibt doch auch die. Ja, Elly, das
ist eben unser Jammer, daß wir Zwei doch nur von
unseren Müttern erzogen worden sind. Wie die
Flügelengel haben sie uns unter beiden Armen und
wollen uns mit in die Höhe nehmen; jede auf ihre
Weise; und wenn Dein Vater, Krumhardt, es auf
seine Weise mit Dir ebenso machen will, und auch
uns aus guter Nachbarschaft gern an den Beinen
auf dem richtigen Erdboden festhalten möchte: wer
hat was dagegen einzuwenden? Ich wahrhaftig
nicht — noch dazu so nahe vor dem Abiturientenexamen . . . da schnuppt sich wieder einer! Na,
was hast Du Dir eben gedacht und gewünscht,
Karlchen?“

Ich konnte es nicht leugnen, mit dem Wort
waren in demselben Moment alle meine Gedanken
und Wünsche bei diesem Examen gewesen. —

„Du kommst durch!“ lachte Velten. „Mit Eins A
natürlich! Selbstverständlich erlebt nicht bloß Dein
Vater, sondern auch Deine Mutter diese Ehre an
Dir. Aber nun Du, Mädchen, woran hast Du gedacht und was hast Du Dir gewünscht, als dieser
Stern fiel?“

„Ich habe ihn gar nicht gesehen. Aber das ist
auch einerlei. Für mich mögen so viele fallen als
sie wollen, ich wünsche wie immer nur eines: daß
es für mich wieder so wird wie ich es drüben gehabt
habe in Amerika als kleines Kind, ehe ich hier im
Vogelsang ins Elend gebracht wurde; ehe meine
Mama mit mir auf dem Arme zu euch hier im
Vogelsang ins Elend kam.“

„Du kriegst Deinen Wunsch, — da fiel eine,“
jauchzte Velten. „Na, was sagst Du nun, Krumhardt? . . . Also nur weiter, Du verunglückter
Paradiesvogel, verflogener Tropenengel,“ brummte er
dann. „So? Das ist also das Resultat aus Deinen
Studien im Hey und Spekter und bei Mutter Andres
und ihrem Sohn Velten:

Dick fällt der Schnee, der Wind geht kalt,
Habe kein Futter, erfriere bald.
Liebe Leute, o laßt mich ein,
Will auch immer recht artig sein!

Was? schwarz sollten wir uns hier auch wohl
noch färben, der brave Karl Krumhardt und der
böse Velten Andres, um Dir Deine verflossenen
Livreenigger ganz zu ersetzen? Und dabei soll Dein
Vater nicht wüthend werden, Krumhardt, und meine
Mutter noch immer ein und aus wissen in diesem
ihrem sogenannten Kindergemüthe? Na, da möchte
ich wahrhaftig, der Papa Trotzendorff hätte denn
bald wirklich mal wieder das Glück, was er verdient,
und käme erster Kajüte und holte Dich vierspännig,
mit Allem, was an Dir hängt, wieder weg. Mir —
wollte ich sagen, Hartleben kam es ja einerlei sein.
Meiner Mutter — da schnuppt sich wieder einer!“

Von Neuem ist Helene Trotzendorff aufgesprungen;
jetzt aber bitterlich und zornig weinend. Sie schreit
ihren besten Freund aus der Nachbarschaft fast an,
mit dem Fuße aufstampfend:

„Ich sage Dir wie Karl: laß unsere Väter
zufrieden! Was ich an Deiner Mutter gehabt habe
in eurem Vogelsang und wie lieb und gut sie ist,
das weiß ich wohl, und brauchst Du mir wirklich
nicht vorzurechnen. Und mit Deinen albernen Sternschnuppen — ja was hast Du Dir denn bei der
letzten gedacht? Bist Du besser und vernünftiger
mit Deinen Wünschen gewesen als ich? Dich kenne
ich doch, Du Phantast! Jawohl, da hat der Herr
Oberregierungssekretär ganz Recht, wenn er Dich so
nennt — wenn er Dich einen Phantasten und Seiltänzer
nennt und Dir prophezeit, daß Du noch mal den Hals
brechen wirst, einerlei, ob Du jetzt Dein Schulexamen
bestehst oder nicht, einerlei, ob Du Schuster, Schneider
Ministerexcellenz oder Alexander der Große werden
willst. Von Dir lasse ich mir eure Wohlthaten
im Vogelsang am allerwenigsten vorrücken. Da,
da fiel wieder eine, und jetzt habe ich mir gedacht:
O, wenn Du dem einmal zu Hause, das heißt
drüben über dem Meer, bei uns zu Hause Alles
vergelten könntest, was er und der Vogelsang, und
seine liebe Mutter und Alle hier an uns gethan
haben.“

„Du, die fiel, ehe Du den Wunsch hattest!“
sagte Velten.

„So? Dann wünsche Du Dir meinetwegen bei
der nächsten Schnuppe was Du willst, ich habe für
heute mal wieder genug von euren hiesigen Dummheiten und gehe nach Hause.“

„Den seligen Diogenes seine Tonne wünsche
ich mir,“ lachte Velten Andres. „Den Heckpfennig,
den Däumling und das Tellertuch der Rolandsknappen, den Knüppel aus dem Sack, das Vergnügen,
Persepolis in Brand zu stecken und ein friedliches
Ende auf Salas y Gomez. Fallet, ihr Sterne und
winket Gewährung! Übrigens habe auch ich für heute
abend genug des Blödsinns. Also:

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“

Sie machte eine Faust und holte wie zum
Schlage aus, drückte ihm aber doch nur diese geballte kleine Hand auf die Stirn:

„Du bist und bleibst ein ganz alberner Peter,
Velten. Komm, Karl; meinetwegen mag er sich in
seine Tonne stecken und sich den Osterberg allein
herunterrollen — meinetwegen über eure ganze
Stadt und den Vogelsang weg.“

„Da fiel eine!“ lachte Velten Andres. „Der
Wunsch gilt!“

Sie schlug die Hand weg, die er ihr
doch bot; er aber zog ihren Arm doch unter
den seinigen:

„Nun aber im Ernst, mach' ein Ende mit dem
Unsinn. Heute ist der Wagen mit den silbernen
Laternen für das gnädige Fräulein gottlob noch
nicht vorgefahren, und das Gequik und Gezeter von
neulich unter der Armenmannsbuche, wo Jemand erst
mit der lächerlichen Schleppe am Busch hängen blieb,
um sodann über dem Wurzelwerk sich auf die
Nase zu legen und nach seinem besten Velten um
Hilfe zu schreien, will ich nicht wieder haben. O
Thränen des heiligen Laurentius, sie werden uns
da unten vor Schlafengehen noch einmal schön die
Leviten lesen! Da freue ich mich schon auf meine
Mutter.“

„Deine Mutter ist viel zu gut für Dich!“ rief
Miß Ellen, noch einmal mit dem Ärmel über die
Augen fahrend, der letzten Zornesthränen wegen.

„Jawohl, da hast Du zum ersten Mal heute
abend Recht,“ sagte Velten. „Von der Scheußlichkeit
der Menschheit hat sie nur sehr dunkle Begriffe, und
ich thue deshalb auch mein Möglichstes, ihr nach
und nach klarere beizubringen.“

So mußte er damals schon zu denken und zu
reden; ein Herr in einem Reich, das leider auch
nicht sehr von dieser Welt war. Ich habe es in den
Akten, wenn auch nicht aktenmäßig. Ich habe dies
Alles aus Ungeschriebenem, Unprotokollirtem, Ungestempeltem und Ungesiegeltem heraus und stehe für
es ein. Ich muß es aber heute sehr aus der Tiefe
holen, daß damals auf dem Osterberge, um den
zehnten August jenes Jahres herum, wir Nachbarkinder des Vogelsangs die Thränen des heiligen
Laurentius so fallen sahen und ihr leuchtendes
Niedergleiten mit so wunderlichen Gedankenspielen
begleiteten.

Aktenmäßig kann ich es leider bezeugen, daß
er, Velten Andres, wirklich beim Maturitätsexamen
durchfiel und dem Vogelsang wieder mal eine der
Enttäuschungen und Genugthuungen bereitete, die er
dem guten Ort, so lange er sich dort aufhielt, immer
von Neuem schuldig zu sein glaubte.

„Man kann seiner armen Mutter nicht einmal
rathen, ihn gleich ganz hier zu behalten und einen
Schuster aus ihm zu machen,“ sagte mein Vater,
mein „Zeugniß der Reife“ in der Hand. „Unter
den Komödianten wäre er vielleicht noch am besten
aufgehoben, der Windsack! Da hast Du es, mein
Sohn, wie es kommen mußte. Nun geh' hin und
höre Dir an, wie nebenan die Klagelieder Jeremiä
lauten. O, ich hatte dort Vormund und nicht bloß
Familienfreund sein müssen!“

„Dann hättest Du doch wohl nur noch mehr
Ärger davon gehabt, bester Krumhardt,“ sagte meine
Mutter, mit wohlberechtigter Genugthuung über
unsern eigenen Familienstolz mich in den Armen
haltend. Für mich selbst lag an diesem Tage die
Sache so, daß ich mich des glücklichen Anlangens
an diesem Ziel natürlich sehr freute, jedoch des
Behagens darob durchaus nicht vollkommen froh
war. Dazu war Velten doch ein zu guter Freund
von mir und wußte ich zu genau, wie Vieles er
besser wußte als ich, und wie es im Grunde doch
nur die Mathematik gewesen war, die ihm das Bein
gestellt hatte. Konnte er, Velten, dafür, daß er
nach seinem Ausdruck da ein leeres Loch im Gehirn
hatte, wo das meinige nach innen vollgestopft war
und nach außen hin den betreffenden Buckel getrieben hatte? Es ist zwar eine Thorheit, aber wie
oft griff ich später meinen Jungen nach den Köpfen
und tastete sorgenvoll nach den Höckern und Gruben,
die ihnen die Begabung zum ruhigen Wandel auf
der breiten Straße der goldenen Mittelmäßigkeit verbürgen sollten! Und am bedenklichsten dann, wenn
meine Gattin einen außergewöhnlich offenen Kopf an
einem der armen Kerle bemerkt haben wollte. —

Ich ging also vor dem Freund aus dem
Vogelsang weg, um nach dem Wunsche oder Willen
meines Vaters selbstverständlich Jurisprudenz zu
studiren; und — da die Wacht am Rhein und die
am Niemen ebenfalls ihren Anspruch an mich erhoben — nach einer mitteldeutschen Universität, die
mir Gelegenheit bot, mit möglichst geringen Kosten mich
mit dem römischen Recht und dem damals gültigen
deutschen Schießgewehr bekannt zu machen; wenigstens
in den Grundzügen.

Aus dieser Zeit habe ich folgenden Brief in
den Akten:

„Lieber Freund!

Denn dafür halte ich Dich noch trotz Schiller
und aller Würde, die jegliche schöne Vertraulichkeit
zwischen Dir und mir zu einem Dinge der
Unmöglichkeit machen sollte. Du kannst es mir ja
übrigens sagen oder schreiben, wenn es Dir gar
nicht mehr paßt, das bisherige angenehme Verhältniß
zwischen uns.

Einfach großartig war es von Dir. Mathematik
sehr gut — Latein gut — Griechisch fast gut —
Geschichte und so weiter gut — deutsche Sprache
und Litteratur genügend. Mensch, Göttergünstling,
da Du ihn doch fürs Erste weniger brauchst, so
pumpe mir ihn, Deinen wohlorganisierten Hirnkasten, für nächste Ostern bloß auf acht Tage.
Auf Ehre, Du kriegst ihn bestens geschont umgehend zurück; aber die Idee, ihn aufzustülpen
und vor dem Rathe der Zehn mit ihm aufs Seil
gehen zu können, steigt mir derartig in den
meinigen, daß meine Alte eben schon gefragt hat:
‚Junge, was hast Du jetzt wieder im Kopfe?‘
Die Benachrichtigung aber: ‚Ich schreibe an
Karlchen Krumhardt, daß ich mir ein Muster an ihm
nehme,“ hat sie gottlob sofort beruhigt, ob meines
Stierens ins Blaue, und ich soll Dich von ihr
grüßen. — Mir selber liegt ja leider weniger dran,
mich nicht noch mal zu blamiren; aber der alten
Frau möchte ich doch den Verdruß, und Deinem
würdigen Erzeuger sein melancholisches Behagen
an meiner Schande nicht zum zweiten Mal zum
vollen Auskosten anbieten. Ich büffle. Und Du
Ochse treibst Dich fessellos in der süßen Freiheit
herum; und theure Angehörige, sowie Staat und
Kirche halten Dir schon die volle Krippe und den
warmen Stall bereit, wenn Du heimkehrst von
der blumigen Wiese Deiner jungen Ungebundenheit. Mir blühte bis jetzt hier im Vogelsang
bloß die Eselswiese, und wäre ich nicht ich und meine
Alte sie, so wäre die Geschichte einfach nicht zum
Aushalten gewesen, der faulen Redensarten wegen
ob meiner bodenlosen Faulheit. Na ja! Hätte
mich nicht auch unser allerhöchst Regierender, das
heißt eigentlich mehr unsere allergnädigste Landesmutter kommen lassen, um mich persönlich kennen
zu lernen und mir ins Gewissen zu reden, so
hätte allgemach meine Mutter Jedem, der sich
sonst nach mir erkundigte, nur sagen können:
‚Unterm Sofa steckt er. Locken Sie ihn mal!
Ich kriege ihn weder durch Güte noch durch Gewalt
mehr drunter weg.‘ — Cäsar und sein Glück!
Die Geschichte ist so ulkig, daß sie sogar meiner
Alten die Kummerthränen getrocknet hat. Dir,
mein Junge, schreibe ich sie nur, um sie, wenn
sie sonst brieflich an Dich gelangen sollte, aus das
richtige Maß herunterzudrücken. Eigentlich war
es Unsinn; aber da kein Anderer augenblicklich
vorhanden war, so mußte ich wohl dran: ich habe
Schlappen für die menschliche Gesellschaft gerettet! . . . Du kennst die öde Jammerseele in
Baumwolle, Watte und mit Glacé. Mußte es
dem Optimatensimpel — äh, hä, jä, nä — einfallen, auf die brüchige Stelle im Eise zu gerathen
und durchzubrechen! God gracious! würde
Mistreß Trotzendorff gekreischt haben; aber Ellie,
die das hochnäsige Vieh beinahe mit heruntergerissen hätte ins Verderben, setzte sich gottlob
nur zeternd neben das Loch, in welchem der
Tropf verschwunden war; das Übrige kannst Du
Dir denken. Ein Riesenulk, aber etwas kühler
Natur! Und mit dem Kopfe, wie eine Fliege an
der Fensterscheibe, in der feuchten Tiefe herumzusurren und vergeblich nach dem Auswege zu
suchen, auch gerade kein Vergnügen, noch dazu
mit der Verpflichtung, einen anderen Blechschädel
am Schopfe zu halten und mit nach oben zu
nehmen. Na, er — athmete lang und athmete tief
und begrüßte das himmlische Licht — Schiller ist
nicht unten gewesen, sonst würde sein Tauchergedicht um ein Merkliches kürzer sein und sich
wahrscheinlich auf ein ‚Brr! Pfui Deubel!‘
beschränken, höchstens mit dem Zusatz: ‚Lieber
nicht zum zweiten Mal!‘ Daß wir — Schlappe
und ich, nicht länger unten blieben, als nöthig
war, kann uns kein Mensch verdenken. Kurz,
also ich brachte die Honoratiorenpuppe glücklich
wieder zu Tage, fand das halbe Residenznest in
vorsichtiger Entfernung um die Bruchstelle versammelt: von dem Rest schweigt des Sängers
Bescheidenheit. So dumme verbrüllte Frauenzimmergesichter, wie die des Vogelsangs, möchte
ich aber doch nicht gern wieder um mich sehen —
um den gloriosesten Schnupfen in der Welt
nicht! Sie sämmtlich mit strömenden Augen, ich
mit fließender Nase und etwas verkrackeltem
linkem Handgelenk.

Volle vierzehn Tage hat es gedauert, bis
die Arche wieder auf dem Trockenen saß. Meine
Alte war selbstverständlich die Erste, die den
Fuß wieder auf festen Boden setzte und meinte:
‚Junge, wenn es nun nicht so gut für uns abgelaufen wäre?‘

,Cäsar und sein Glück, und Unkraut vergeht nicht, Mama!‘

Unser Backfisch betrug sich wie gewöhnlich
wie verrückt bei der Geschichte, war zum Anbeißen, und verdiente selbstverständlich mal wieder
Prügel; er war zu nett in seinem Kummer. Aber
was hatte das Balg mir einen Korb zu geben,
und mit dem Maulaffen Schlappe auf das
Windeis zu laufen? Ich wollte gar nichts sagen,
Carlos, wenn Du es gewesen wärest, den sie
gegen mich ausspielte.

Si vales, bene est, ego valeo, bis auf
die dumme linke Vorderpfote, die ich fürs Erste
noch in Windeln und Schindeln zu tragen habe.

V. Andres.“

„Schlappe“ hieß der gerettete Zeit- und Schulgenosse eigentlich nicht; das war nur sein Schulname.
Sein wirklicher Name liegt bei meinen Akten; übrigens
gehörte sein Träger zur maßgebendsten Gesellschaftsschicht unserer Landeshauptstadt und ich habe seine
Schwester geheirathet und eine gute Frau an ihr bekommen.

Ach, was helfen die besten Karten Dem in der
Hand, der keinen Gebrauch von ihnen machen kann?

Was half es Velten Andres, daß Schlappes
Papa seiner Mutter und ihm mehr als einen Besuch
machte und ihn aufrichtigst seiner hohen Protektion
versicherte? Was half es ihm, daß Serenissimus
und Serenissima ihn sich vorstellen ließen und ihm
gleichfalls ihre freundlichste Gunst versprachen?

Nichts, da er blieb, was und wie er war!

Ob ihm das Leben zu einem hölzernen Löffel
einen goldenen Napf unter die Nase schob; ob es
ihm einen goldenen Löffel in die Hand gab und
einen irdenen Napf auf den Tisch schob (was ihm
auch passirt ist), es blieb ein und dasselbe, da er auch
ein und derselbe blieb, nämlich derselbe ewig unberechenbare odd fellow des Vogelsangs — who had
no harm in him, and who had parts if he would
use them, wie man in Cambridge von einem ähnlichen
Menschen sagte, der es nach der Meinung der Vernünftigen in der Welt gleichfalls zu wenig mehr als
zu einem schlimmen Ende brachte. Da er nur sich
selber schadete, ging es ja aber auch eigentlich Keinen
was an, in welcher Weise er sich seiner Fähigkeiten
bediente.

„Es ist und bleibt eben der dumme Tropf aus
Eurem Märchenbuche, der Hans im Glück. Vom
Pferd auf den Elefanten, vom Elefanten auf den
Esel und so abwechselnd, bis er endlich einmal auf
platter Erde auf dem Rücken liegen bleiben wird,“
schrieb mir mein Vater um diese Zeit. „Die Avancen,
die ihm sein Zufallrettungswerk in der hiesigen besten
Gesellschaft in die Hand gab, hat er richtig wieder
verspielt. Wie auf unserem Bureau erzählt wurde,
haben Durchlaucht zu dem Herrn Vater Eures unter
das Eis gerathenen Schulfreundes längst bemerken
müssen: ‚Schade um den jungen Mann; ich würde
ihn gern im Auge behalten haben.‘ — Mein einziger
Trost ist, daß Du, mein Sohn, wenigstens fürs Erste
seinem verderblichen Einfluß aus dem Wege gerückt
bist. Ob er demnächst sein Examen bestehen wird,
weiß der liebe Himmel. Wenn nicht, was dann mit
ihm? frage ich Dich!“ . . .

Ich habe mich nun wirklich erst für eine Periode
von anderthalb Jahren des Näheren zu besinnen.
Man hatte damals so viel mit sich selber zu thun,
und die Tage gingen so leicht hin, daß es in der
That seine Schwierigkeiten haben würde, ganz Genaues
darüber zu Papier zu bringen. Wir sind noch in
den Ferien zu Hause beisammen: ich als Student
und er noch als Schüler, und es ist für mich ein
gewissermaßen peinliches Verhältniß. Für ihn nicht.

Auch Helene Trotzendorff ist noch im Vogelsang.
Aber sie steigt nicht mehr über die grüne Hecke oder
den Gartenzaun, bricht auch nicht mehr unter der
ersteren durch, sondern lehnt nur an ihnen: das
schönste Mädchen nicht bloß der Vorstadt, sondern
der ganzen Stadt, hochgewachsen, goldblonden Haars,
doch dunkel von Augen und Augenbrauen. Die
Nachbarn sagen, sie sei vorzeitig in die Höhe geschloddert, aber das ist eine dumme und mehrfach
auch vom Neid der Konkurrentinnen eingegebene
Redensart. Im Waldgebirge Leukos, im arkadischen
Gebiete des Pan und auf dem thrakischen Hämus
würde man anders von ihr gesprochen und sie jedenfalls unter die zwanzig amnisiadischen Nymphen gezählt haben, die sich Artemis, wie Kallimachus singt,
von ihrem Vater Zeus als Begleiterinnen ausgebeten
hatte.

Mein Freund Velten ging freilich noch weiter
und setzte mich durch philologisch-mythologische Kenntnisse über Verhältnisse in Erstaunen, von denen ich
keine Ahnung aus der Schule mitgebracht hatte.

„Dieses Frauenzimmer,“ sagte er. „Guck sie
Dir nur an, Mensch! Trägt sie nicht den von den
Kyklopen geschmiedeten cydonischen Bogen der Diana
selber? Und umklammert das prachtvolle Wurm
nicht Tag und Nacht in ihrer Einbildung die Knie
ihres Erzeugers mit der Bitte, ihr dreißig Städte
und sämmtliche Gebirge der Erde zu schenken? Kallimachus in seinem Hymnus hat's. Lies es selber
nach, wenn es Dir Spaß macht: mir macht es schon
längst kein Vergnügen mehr, sie von ihren Phantasien
abzubringen, und ich habe es auch aufgegeben.“

„Du scheinst Dich aber jetzt sehr mit solchen
Sachen abzugeben. Woher hast Du denn dieses
Alles?“

„Sehr aus mir selber,“ sagte Velten Andres,
den sie fast ein Jahr nach mir für die Universitas
litterarum reif erklärten. —

Es schien damals, drüben in Amerika, einen
kleinen Niedergang in den Angelegenheiten Mr. Charles
Trotzendorffs gegeben zu haben. Mutter und Tochter
wohnten noch bei Hartleben und warteten nicht im
Optimatenviertel der Stadt auf den völligen Aufgang
der Glückssonne von „Papa“. Mutter Andres hatte
noch mehrfach zwischen den Bäcker, den Fleischer sowie
die Milchfrau und den Kaufmann Tienemann und —
Mistreß Agathe Trotzendorff treten müssen. Aber das
ist so: ein heißer, glänzender Tag bricht öfter, als
die Leute an Regentagen glauben wollen, aus
wechselndem Gewölk hervor. Und manchmal bleibt
es denn auch für die, welche „diese Witterung brauchen“
können, „schön“ bis zum Abend. —

Wie gesagt, ich habe wenig über diese Zeit in
den Akten, was Velten und Helene anbetrifft. Mein
kluger und wackerer Vater trug den Verhältnissen
in einer Weise Rechnung, die ihm Velten Andres
am allerwenigsten zugetraut haben würde. Wenn er
mich im Vogelsang fest im Griff gehalten hatte, so
ließ er mir jetzt merkwürdig freie Bahn.

Ich darf wahrlich nicht darüber lächeln, aber
es ist so! Sein Ideal war, das, was er zu
protokolliren und in die Registratur zu nehmen hatte,
durch mich zu Protokoll und in die Registratur geben
zu sehen: „Es ist mein Wunsch, daß Du Dich zu
der besten Gesellschaft hältst. Wir, Deine Mutter
und ich, haben unser Leben darauf eingerichtet von
Deiner Geburt an. Laß mich an Dir erleben, was
ich selber nicht habe abreichen können.“

Selbstverständlich war ich daraufhin einer vornehmen Verbindung beigetreten, der schon die höchsten
Spitzen der maßgebenden Kreise unserer heimathlichen
Residenz angehört hatten als jugendfrohe Jünglinge;
und ich kann es nicht leugnen: einige Male kam
mir in dieser Lebensepoche ob meiner damaligen
Verpflichtungen und Ehren der Vogelsang dann und
wann so sehr aus dem Gesicht, daß Velten Andres
vollkommen Recht hatte, wenn er mich an den Beinen
aus den Lüften wieder herunterzog durch das Wort:

„Bengel, von hier unten aus gesehen — aus der
Froschperspektive betrachtet, bist Du wirklich großartig! perpendikular-malerisch. Schade, daß Du Dich
nicht selber so sehen kannst! Wie siehst Du den
fliegenden Göttergünstling, Mama?“

„Werde nicht unanständig, Junge,“ sagte die
Frau Doktorin. „Fliege Du nur selber erst mal so.“

„Könnte mir nur im Traume einfallen!“

„Was haben wir vom wachen Leben mehr als
unsere Träume?“ fragte unsere Frau Nachbarin, und
damit war ich denn damals schon wieder unten
im wirklichen und wahrhaftigen Vogelsang — in der
besten Nachbarschaft, die auf dieser verworrenen,
feindseligen Erde möglich ist. —

Noch einmal ging ich aus den Ferien nach
Göttingen, ehe wir beiden Nachbarsöhne wieder zusammentrafen und zwar in Berlin. Am Tage meiner
Abreise aber kam drüben bei Hartleben ein Brief an,
der Alles „zu Hause“ veränderte: die neunte Woge,
die Woge des Glückes, des Erfolges rollte heran,
goldglänzend, leuchtend, funkelnd von aller Herrlichkeit und Pracht der Welt, spülte hinein in den Vogelsang und trug zurückrauschend Helene Trotzendorff
und ihre Mutter weg daraus. Mr. Charles Trotzendorff schrieb einen kurzen Brief, in welchem er dürr,
nüchtern und wie als ob es sich so von selber verstehe, mittheilte, daß er demnächst als zehnfacher
Dollarmillionär sich die Ehre geben werde, alte
Freunde zu begrüßen und zugleich Weib und Kind
zu sich zu holen.

Wie mir mein von Vorgesetzten und Untergebenen anerkannter guter Geschäftsstil abhanden
kommt, je länger ich diese Blätter beschreibe, je klarer
und deutlicher ich mir das zu Sinnen und Gedanken
bringe, was ich hier dem Papier übergebe! Was
bis jetzt das Nüchternste war, wird jetzt zum Gespenstischsten. Sie wackeln, die Aktenhaufen, sie
werden unruhig und unruhiger um mich her in ihren
Fächern an den Wänden und machen mehr und mehr
Miene, auf mich einzustürzen. Ich kann nichts dagegen; zum ersten Mal will an diesem Schreibtisch,
jawohl an diesem Schreibtisch, die Feder in meiner
Hand nicht so wie ich; und Velten Andres ist wieder
Schuld daran. Was meinem armen Vater seiner Zeit
so oft Verdruß und Sorgen machte, das Übergewicht
dieses „Menschen“ über mich, das ist heute noch
ebenso sehr da, wie in jenen Tagen, wo er mich
durch die Hecke und über die Zäune des Vogelsangs
zu jedem Flug ins Blaue aus dem Schul-, Haus- und Familienwerkeltag wegholte und wir Helene
Trotzendorff mit uns nahmen, wenn sie uns nicht
gar voranflog.

In Berlin verfiel ich ihm sofort wieder.

Wie der Tag vor mir steht, an welchem ich
diesem „krassen Fuchs“ in der vollen Hahnenhaftigkeit meines vornehmen Verbindungsbewußtseins meinen
ersten Besuch machte, nachdem ich mir herablassenderweise seine Adresse auf der Universitätsquästur hatte
geben lassen!

„Studiosus Philosophiae Valentin Andres,
Dorotheenstraße Numero 00, Hintergebäude 3 Treppen,
Frau Fechtmeisterin Feucht,“ lautete sie, und es war
ein Apriltag nach den Osterferien, als ich mit meiner
Berliner Matrikel in der Tasche meinen Weg dorthin
nahm. Wenn das Hinterhaus hielt, was das Vorderhaus versprach, so hatte der Neuling im Weltleben
es gut getroffen; gewöhnlich ist das aber freilich
nicht der Fall. Nicht ohne Grund bin ich hier etwas
ausführlich.

An einem ziemlich eleganten Schneiderladen
(Herrenmoden) vorbei, schritt man durch den gewölbten Hausflur, vorüber an der mit Teppichen
belegten, in den ersten Stock führenden Treppe auf
einen umfangreichen Hof, über den etwas nervenschwache Gemüther sich nur mit einiger Bedenklichkeit
dem Hintergebäude zu wagen konnten. Der Eigenthümer des Hauses, einer der ersten Hufschmiede der
Stadt, bediente daselbst seine Kunden, und nicht
Jeder geht gern zwischen zwei Reihen Gäulen durch,
die ihm alle die Hintertheile zuwenden und nicht alle
ganz gutwillig ihr Schuhwerk in Behandlung geben.
Schmiedegesellen, Reitknechte, Stallknechte, Kutscher in
Livree und ohne solche walteten ihres Amtes zwischen
ihren Schutzbefohlenen, je nach dem Temperamente
derselben und dem eigenen mehr oder weniger lärmhaft. Aus der Halle des Seitengebäudes leuchteten
die Schmiedefeuer und klangen die Hämmer in das
Gewieher, die Flüche, Begütigungen und die sonst
übliche Unterhaltung zwischen Mensch und Mensch,
Mensch und Vieh, Thier und Mensch hinein. Man
hatte wirklich zu schreien, wenn man sich hier nach
der Frau Fechtmeisterin Feucht erkundigte.

Aber da war das Hintergebäude und wer mit
uneingeschlagenem Schädel oder Brustkasten zu ihm
gelangte, der fand auch wohl ohne zu fragen die
Pforte, von der aus die Treppe in den dritten Stock
emporging.

Ich hatte damals das Glück, gelangte in das
dritte Stockwerk und zog auf dem dämmrigen Vorplatze die Glocke.

„Frau Fechtmeisterin Feucht?“

„Bin ich,“ sagte eine kleine, zierliche alte Dame
zwischen fünfzig und sechzig Jahren.

„Studiosus Andres?“

„Dort jene Thür, mein Herr.“

Ich grüßte, und die kleine Frau setzte mir
einen vollkommnen Hofdamenknicks hin; meinen
Freund fand ich in einer der bekannten Berliner
Studentenbuden zu Hause und Besuch bei ihm: einen
feinen, eleganten, schmächtigen jungen Herrn mit
schwarzen Haaren, von etwas kränklicher Gesichtsfarbe und von ungemein höflich-schüchternem Wesen.
Gottlob auch bereits mit dem Hut in der Hand.

„Guten Tag, Krumhardt,“ sagte Velten, als
ob er mich noch über die Hecken des Vogelsangs
grüßte. „Bist Du da? . . . Auf Wiedersehen, des
Beaux! Übrigens könnte ich euch Leute doch auch
der Bequemlichkeit wegen gleich miteinander bekannt
machen. Mein Provinzialfreund, Herr Karl Krumhardt, der Rechtswissenschaft möglichst Beflissener —
Herr Leon des Beaux aus dem Vorderhause, seines
Zeichens —“

„O, ich bitte Sie, Herr Andres! Ich möchte
jetzt nicht stören; — wenn Sie mir erlauben —“

„Menschenkind, nehmen Sie sich alle Freiheiten
bei mir, die Ihnen angenehm sind. Ich werde mir
bei Ihnen zu Hause selbstverständlich das Gleiche
erlauben.“

„Ich bitte darum!“ rief der interessante, bleiche,
schwarzhaarige Jüngling und entschlüpfte mit scheuen
Verbeugungen, sowohl gegen Velten wie gegen mich.

„Es ist der Sohn des Schneiders aus meinem
Vorderhause,“ sagte Velten. „Seine Ahnen haben
unter Ludwig dem Neunten gegen die Ungläubigen
gestritten, haben Toulouse gegen Simon von Montfort
vertheidigt, im Löwengolf Galeeren gegen die Beys von
Tunis, Tripolis und Algier kommandirt und unter
Ludwig dem Vierzehnten, dem Edikt von Nantes und
der Frau von Maintenon zuliebe, selber auf solchen
gemüthlichen Fahrzeugen gerudert. Der Zweig des
Geschlechts, der sich unterm Großen Kurfürsten hierher
nach Berlin ins Trockene gerettet hat, scheint mir jetzt
auch sein Schäflein ins Trockene zu bringen. Ich
glaube, ich kann Dir die Firma des Beaux empfehlen
für Deinen Bedarf an Hosen, Jacken und Westen.
Die Schwester des guten Jungen heißt Leonie, Du
findest sie im Vorderhause im ersten Stock —
Blüthnerscher Flügel, deutsche, französische, englische
Litteratur und was sonst zu einer höhern Tochter
gehört. Ich kann Dich vorstellen, aber nehme die
Verantwortung nicht auf mich, denn das Fräulein
ist auch hübsch — immer noch südfranzösisches Genre.
Leonie des Beaux! Wie klingt Dir das von einer
Schneidertochter hier im Lande der Fritzen und
Karlinen? Wie mir scheint, hat die ganze Familie
ein gut Stück Romantik aus der Langue d'Oc in
den märkischen Sand durch die Jahrhunderte hineingerettet. Na kurz, die Gesellschaft gehört zu der noch
immer so genannten französischen Kolonie, und ich
benutze die Gelegenheit, mein Französisch zwischen
Leon und Leonie aufzupoliren.“

Ich hatte ihn reden lassen müssen. War das
der Mensch, dem ich im Innersten doch mit meiner
deutschen Burschenherrlichkeit zu imponiren gewünscht hatte? Es ging ein Zug von so frühreifer
Welterfahrung und Weltgewandtheit durch dies Alles,
daß ich nur verblüfft brummen konnte:

„Na, Du scheinst Dich ja auch ohne Beihilfe
recht gut außerhalb des Vogelsangs und der Schulstube orientirt zu haben!“

Da flog es dunkel über sein eben noch so
lachendes Gesicht:

„Doch wohl nicht ganz ohne das, was Du
Beihilfe nennst. Halb schob es, halb zog es, wenn
Du die Weiber zu den Menschen rechnest.“

„Du bist seit vierzehn Tagen in Berlin und
in der weitern Welt, Du krasser Fuchs?“

„Und ich habe daheim Miß Ellen Trotzendorff
aus dem Vogelsang in den Eisenbahnwagen erster
Klasse geholfen und meiner Alten über den Zaun
des Vogelsangs versprochen, es ferner gut zu machen.
Lieber Junge, in dieser Beziehung hat Deines Vaters
Gebrumm ebenfalls gar nichts genutzt: es bleibt
eben für mich bei der Weibererziehung. Soll etwa
Großvater Goethe den zweiten Theil seines Fausts
bloß für sich und eure frechdummen Litteraturgeschichtsschreiber zusammen gestolpert und geholpert
haben? Nee, nee, mein Junge! Ich habe mich von
den Weibern erziehen lassen und lasse mich von den
Weibern weiter erziehen. Geh Du nur hin; ich
bleibe bei den Müttern, bei den Frauen und bei
den Mädchen. Übrigens, Mensch, wäre es doch recht
freundlich und herablassend von Dir, wenn es Dein
erster Weg gewesen wäre, mich bei der Frau Fechtmeister Feucht aufzusuchen.“

„Gehört die etwa auch schon zu den Schürzen,
hinter denen Du Dich im Dasein außerhalb der
philosophischen Fakultät verkriechen willst?“

„Sehr!“ lachte Velten Andres.

Wir waren also wieder zusammen. Was ich
aus eigener Erfahrung und aus den Briefen meiner
Eltern von den letzten Vorgängen im Vogelsang
wußte, konnte er mir und sich nun noch einmal,
wie unsere damalige Redensart lautete, zu Gemüthe
führen. Er that es; und da er von allen Menschen,
die ich im Privat- wie im Geschäftsleben kennen
gelernt habe, der Einzige gewesen ist, dem nie etwas
drauf ankam, wann, wo, wie und vor wem er sich
lächerlich machte, so hätte er wohl einen bessern
Schreiber seiner Geschichte, als ich bin, verdient.
Wenn ich in dem einen Augenblick den vernünftigen
Leuten zu Hause Recht geben und sagen mußte, er ist
wirklich ein unzurechnungsfähiger Narr und Phantast!
so wurde mir doch schon im nächsten Moment so heiß
bei seinen Worten, Blicken und Gesten, daß ich ihm
um den Hals hätte fallen mögen: „Du bist und
bleibst doch der famoseste, beste Kerl in der Welt,
Velten! Geben Dir die Götter nur ein bißchen
Glück auf Deinem Wege, so stirbst Du nicht auf
Salas y Gomez, wohl aber, nachdem Du vielleicht
leider auch Dein Persepolis in Brand gesteckt hast,
zu Babylon. Alter Junge, was ist das aber für
ein Glück, daß wir uns von Kindesbeinen an kennen:
daß viele Andere Dich ernst nehmen, verlangst Du
wohl selber nicht!“

Er lag auf dem Sofa, mit den Beinen über der
Lehne, er saß auf dem Stuhl, er saß auf dem Tische,
er lief auf und ab, während er jetzt mir erzählte von
dem Vogelsang und Helenen Trotzendorff. Von Zeit
zu Zeit griff er nicht sich, sondern mir in die Haare
und schüttelte mir den Kopf mit einem:

„Lache nicht, Mensch! Oder ja, lache nur, denn
das thue ich ja selber über mich, wenn ich mich aus
der Haut eines von euch Pachydermen bei sogenannter
ruhiger Überlegung beurgrunze. Weißt Du, und das
Frauenzimmer kann wirklich nichts dafür! Es hat
das Seinige in wahrhaft großartiger Weise gethan,
sich mir zu verekeln. Wenn es sich da drüben in
Amerika so weiter spielt, wie hier bei uns im Vogelsang, so kann es sich, sich, sich zu was bringen in
der Welt — sagt auch meine Mutter, und bei deren
lieben, alten Falten um den Mund weiß man denn
auch nie, ob sie sich ins Rosige hinaufziehen oder
ins graueste Elend herunter. Na kurz und gut, das
Mädchen und seine Mutter ist weg, und der Vogelsang hat: Gott sei Dank! gesagt. Ich auch. Denn
dies hielt kein Mensch mehr aus — selbst meine
Mutter nicht. Ein paar Löffel von dem letzten
Rest unserer Kindersuppe hast Du ja auch noch abgekriegt; aber den Napf gründlich auszuscharren, das
hatten die Götter allein mir vorbehalten und mich
auch wahrscheinlich schon darum noch ein Jahr länger
als Dich auf der Schulbank sitzen lassen. Freilich,
den Mister Trotzendorff im Vogelsang einrücken sehen,
war allein schon das Vergnügen werth. Die Kröte!
Ich meine meiner Mutter Helenchen.

Ich habe mich aus ihrem Arm gerissen,
Doch nur mit ihr werd' ich beschäftigt sein. —

Den ‚Bazar‘, von dem nachher auch bei Schiller
die Rede ist, hielten sie ja schon längst bei Hartlebens. Lies den Quatsch Don Manuels selber nach,
und denke Dir mich, das Mädel, meine Alte, ihre
alte verkehrte Schachtel von Mama, Deine Eltern,
den alten Hartleben, kurz, den ganzen Vogelsang
in all den Glanz, der da in der Braut von Messina
zu Tage kommt, hinein. Die Sorte Schlappe und
Familie, das heißt das übrige Nest in seinen Spitzen
der Gesellschaft laß ja nicht aus der Komödie heraus
und male Dir die vier Wochen, die ihrer Abfahrt, nicht
aus dem Vogelsang, sondern aus dem Hotel de l'Europe
vorangingen, selber. Weißt Du, was Dein Vater
sagte, als wir vom Bahnhof nach Hause zogen,
Krumhardt?“

„Nun?“ fragte ich, nicht ohne einige Sorge,
meinem besten Freund sofort die Nase einschlagen
zu müssen.

„‚Es steckt doch leider viel Gemeinheit in der
Menschheit!‘ sagte er, und hatte wieder mal, wie
meistens, Recht.“

„Die alte Nachbarschaft und Freundschaft ist
also doch wenigstens bis zu der Abreise zusammengeblieben, Velten?“

„Jawohl. Aber da frage nur den alten Hartleben nach dem Dank, den er für seine langjährige
Gastfreundschaft gehabt hat von Papa und Mama
Trotzendorff!“

„Und Helene?“

Da faßte der Freund meine Schulter.

„Wäre dieser ganze Quark des Erzählens werth,
wenn die nicht auch bei uns zu meiner Mutter Kind
geworden wäre? Wie hätte man vor Lust kreischen
können, wenn man nicht selber mit an dem Wurm
erzogen hätte! Jetzt offen gesagt, ich ganz besonders
sehr, Krumhardt! Carlos, sie gehörte doch zu uns,
und so lasse ich sie auch noch nicht fahren. Sie
weiß es auch selber, was für ein gut Stück von uns
sie mit in die neue Herrlichkeit, drüben jenseits des
Oceans, nimmt. Krumhardt, ich nehme gar nichts
dafür, mich auch vor Dir bodenlos lächerlich zu
machen: es steht geschrieben, daß ich dem Geschöpfchen
bis an der Welt Ende nachlaufen soll.“

„Über Berlin?“ fragte ich, um doch etwas zu
sagen.

„Jawohl über Berlin! Habe ich mein Leben
und damit auch alle meine Wege nicht noch vor mir?“

Er hob den linken Arm, dessen gelähmtes Handgelenk ihn nur für den vaterländischen Kriegsdienst
untauglich gemacht hatte.

Es leuchtete eine solche siegessichere, lachende,
unverschämte Zuversicht aus seinen Augen, klang so
sehr aus seiner Stimme, daß er wirklich nicht nöthig
hatte, mich auch noch derartig mit der gesunden,
eisernen Rechten auf die Schulter zu klopfen, daß
ich nicht nur körperlich in die Kniee knickte, sondern
mir auch seelisch niedergedrückt, zusammengeschnürt —
kurz, klein vorkam.

Er erzählte nun des Genauern, wie sich die
letzten Tage des Aufenthalts der Familie Trotzendorff im Vogelsang abgesponnen hatten. Wie der
Glanz, den der Vater der Familie mit sich brachte,
seine Wirkung nicht bloß auf den Vogelsang, sondern
auch auf die ganze Stadt ausübte. Es mochte
wiederum nur ein trügerisches „bengalisches“ Licht
sein; aber das Meteor stand doch lang genug am
Himmel über dem Osterberge, um das Volk, das
seiner Meinung nach wahrlich nicht in Finsterniß
saß und sich durchschnittlich für sehr helle hielt, zum
staunenden Aufsehen zu bringen. Merkwürdigerweise hatten sämmtliche offizielle öffentliche Wohlthätigkeitsanstalten der Residenz, vor Allem die unter
hochfürstlichen Schutz stehenden Stiftungen und
Stifter, sodann aber auch die Kleinkinderbewahranstalten, die Krippen und so weiter, ja auch der
Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener
sich des kurzen Aufenthalts Mr. Charles Trotzendorffs im ersten Gasthof der Stadt (mit Familie)
auf eine Weise zu erfreuen, die nur für ausnehmend
nüchterne, schlechte Charaktere nichts Erstaunliches an
sich hatte. Kein anderer Ortseingeborener hatte in
so kurzer Zeit so oft in den öffentlichen Blättern
der Stadt gestanden als Mr. Charles Trotzendorff.
Seit Menschengedenken hatte kein Anderer wie er es
so verstanden, sich binnen kürzester Zeit so sehr loben
zu lassen. Daß es vom fürstlichen Residenzschloß an
bis in den Vogelsang hinein zu feine Nasen gab,
denen er zu gut roch, ließ sich freilich nicht leugnen
und also auch nicht ändern. Seine Durchlaucht verweigerte eine nachgesuchte Audienz. Mein Vater
brummte: „Schwindel!“ Veltens Mutter seufzte:
„Mein armes, liebes Kindchen!“ und der alte Hartleben meinte: „Wissen Sie, Frau Doktern, ich kann
lange zurückdenken, aber solch eine Komödie, mit solch
einem Hanswurst als Hauptperson drin, hab ich doch
noch nicht erlebt hier in der Nachbarschaft! Herrje,
was hat das Karlchen, der Kerl, zugelernt seit er vor
Jahren seinen Abschied von hier nehmen mußte!“

„Weißt Du, Carlos,“ sagte Velten Andres zu
mir, „die Alte ließ sich gerade in jenen reizenden
Wochen mal wieder das Neue Testament von mir
vorlesen, und da kamen wir denn naturgemäß auf
die Situation im Evangelium Johannis. Es war
auch Nacht, das heißt spät am Abend, und wir saßen
bei der Lampe und waren beim dritten Kapitel:
Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, mit
Namen Nikodemus, ein Oberster unter den Juden;
der kam zu Jesu bei der Nacht und sprach zu ihm —
‚Du, da hat wer geklopft,‘ sagte Mutter, und da war
sie, unsere Kleine, und, stand scheu in der Stubenthür und wagte sich nicht herein — sie wagte sich nicht
herein, gerade wie der spitzbärtige Jüd und Schriftgelehrte. Ob der aber bei seinem Besuch so geschluchzt hat wie das Kind, kann ich nicht wissen,
glaube es auch nicht. Sie hatten sie schon im Hotel
de l'Europe in Purpur und köstliche Leinwand nach
der neusten Modenzeitung ausstaffirt, aber die Hauptsache war doch das naßgeweinte Taschentuch. Mit
dem in den Händen that sie nun einen Sprung zu
meiner Alten Sessel und lag vor ihr auf den Knieen
und zog mit beiden Armen und Händen ihren Hals
zu sich herunter und winselte: ‚Tante Andres, ich
kann nicht so von euch — von Dir, Dir, Dir
fortgehen. O bitte, bitte, verzeihe mir's, daß ich's
nicht ändern kann, und daß es mir auch Vergnügen
macht! Ich habe mich auch jetzt ja nur weggestohlen,
um es Dir noch einmal zu sagen, daß ich euch —
Dich, Dich und den Vogelsang so lieb habe, und daß
es mir so leid thut, daß ich daraus fort muß! O,
könnte ich euch doch mitnehmen. Wir haben ja
nun das viele Geld und das Glück, von dem Mama
immer geredet und sich damit in unserm Elend getröstet hat; aber mein Vater lacht und sagt: Nonsense, und es ist wieder mal Alles, was ich denke
und fühle, nichts als Unsinn — Jawohl, Velten,
Du hast mir dasselbe oft genug gesagt und ich bin
oft genug wüthend darüber geworden; aber nun sage
es mir dreist noch einmal. Jetzt biete ich Dir keine
Ohrfeige mehr dafür an. Die ganze Welt kommt
mir mit einem Mal so dumm und unsinnig vor,
daß auf das Bißchen, was ich von der Sorte dazu
gebe, wirklich nichts ankommt. Tante, Tante, liebste,
beste Tante Andres, laß es mich nicht entgelten, daß
ich so gern weggehe von hier und mich so sehr auf
das neue Leben freue. Wenn Du mich nicht lieb
behältst, ist ja Alles nichts; und dem alten lieben
Hartleben sag auch, daß ich nichts dafür kann, daß
meine Eltern so grob gegen ihn gewesen sind. Zu
Dir wage ich mich ja noch bei Abend aus dem
Hotel heraus; aber zu Hartleben wage ich mich nicht
mehr bei Tage und bei Nacht; o bitte, bitte, sagt es
ihm — Du auch, Velten! — daß er immer der beste
alte Mensch gewesen ist und ich von uns allen Dreien,
Dir, Velten, Karlchen Krumhardt und mir die Einzige
gewesen sei, die es ganz genau mußte, daß es Unrecht
war, wenn wir ihn alle Tage halb zu Tode ärgerten!
Ach Gott, was hätte ich noch Alles zu sagen! O
küsse mich nur nicht, Tantchen Andres! oder doch,
doch küsse mich nur — es war ja zu schön, zu gut
hier bei euch, und wenn Du es nicht weißt, was
ich auf dem Herzen habe, so kann ich uns nicht
helfen.“

„Deine Mutter kann ich mir hierbei vorstellen,
Velten,“ sagte ich.

„So? Ja, Du hast freilich immer mehr gekonnt als ich; aber in dieser Hinsicht meine ich doch,
daß Du Dich irrst. Du meinst, sie brüllte sich das
Herz aus dem Leibe? Sie hätte die Kleine in Krämpfen
hin und hergerissen? Nicht die Idee! Famos hielt sie sich,
die alte Riesin, für meinen Geschmack in der tragischen
Stunde beinahe zu ruhig. Aber am andern Morgen
schon wußte ich natürlich, daß sie wieder mal das
einzig Richtige getroffen hatte. Das weißt Du, wie
oft sie auf uns hineingepredigt hat; aber so wie
diesmal hat sie noch nie zu Einem von uns Dreien
gesprochen: Gehe in Frieden! — Das Kind ist an
dem Abend in Frieden aus dem Vogelsang gegangen
und hat an der Gartenthür leise hingeweint: ‚Ja,
Du hast Recht; Vater und Mutter gehen freilich vor,
und ich gehe ja auch gern mit ihnen; aber Du bleibst
dicht hinter mir, Tante Male, und ich will Deine
Hand immer an meinen Rockfalten haben. Und wenn
— wenn mal — so viel — Dummes über mich hier
nach dem Vogelsang geschrieben wird, wie über Papa,
so glaubst Du es nicht eher, bis Du Velten geschickt
hast, um nachzusehen. Aber ich will auch jede Woche
selber schreiben.‘“

Ich war natürlich auch nach Berlin bloß des
Studirens wegen gekommen. Damit wurde es diesmal gar nichts. Die schlimmsten Befürchtungen
meines armen Vaters trafen ein; ich verfiel für die
nächste Zeit wieder vollständig dem Verderben, das
nach der Meinung aller Verständigen in der Heimath
von dem Freunde ausging. Ich hatte ihn wieder,
und er hatte mich wieder am Kragen, und wie sich
die Vögel mit demselben Gefieder sofort wieder um ihn
zusammengefunden hatten, das mußte ein Wunder
sein auch für Den, der an keine Wunder in dieser
nüchternen Welt glaubte.

Da war zuerst seine Wirthin, die Frau Fechtmeisterin Feucht. Ein Anderer hätte die Millionenstadt jahrelang nach der aussuchen können, ohne sie
zu finden: auf ihren jetzigen jungen Herrn, auf
„ihren Velten“ schien sie schon jahrelang gewartet
zu haben, um, „was sehr nöthig war“, Mutterstelle
an ihm zu vertreten.

Wir klopften schon am zweiten Abend unseres
Zusammenseins an ihre Thür, und er stellte mich
der kleinen Dame vor mit den Worten:

„Hier ist noch Einer aus dem Vogelsang, gnädige Frau. Ein bißchen langweilig, aber sonst auch
ein guter Kerl und erziehungsfähig, sogar ein wenig
über das Maß seiner Bildungsbedürftigkeit hinaus.“

Dem naseweisen, scharfmäuligen Pennal einen
„dummen Jungen“ aufzubrummen, wäre wohl das
Sachgemäße gewesen, aber wie immer kam ich auch
jetzt nicht dazu, meine Stellung dem Knaben gegenüber zu wahren.

„Von Jena?“ fragte die elfenhafte kleine Greisin,
noch immer die Klinke ihrer Thür in der Hand
haltend.

„Von Göttingen.“

„War zur Zeit meines Seligen auch noch ein
anständiger Aufenthalt. Bitte näher zu treten, Herr,
wenn ich recht gehört habe: Studiosus juris Krumhardt?“

Ich konnte das nur bestätigen; aber mußte mich
doch ein wenig zusammennehmen, um es mit der
nothwendigsten Höflichkeit und Freundlichkeit zu thun;
doch —

„Weshalb kommen Sie nicht von Jena?“ fragte
die Frau Fechtmeisterin jetzt schon von ihrem Sofa
aus. „Setzen Sie sich doch, Velten; und Sie auch,
Herr Krumhardt, und nehmen Sie mir meine Frage
nicht übel: ich komme nämlich von Jena, mein Mann
ist da begraben und ich bin dort jung gewesen, da
erkundige ich mich denn bei den jetzigen jungen
Herren gern so nach dort und der alten Zeit, eben
hier von Berlin aus, wo Keiner von uns eigentlich
so recht weiß, ob er dahin gehört.“

Da saß sie, ein weißhaarig Mütterchen, mit
scharfem, hübschem Altfrauengesichtchen und Augen,
die auf jeder Mensur dem Gegner imponiren mußten,
und das „Keiner von uns“ kam so selbstverständlich,
natürlich, sachgemäß heraus, mit einem Anklang von
Fechtboden und Kneipe, daß — es gar nicht anders
möglich gewesen war: sie und Velten Andres mußten
sich im Leben treffen. Der Wohnungsnachweis: Frau
Fechtmeisterin Feucht war vom Schicksal nur für
meinen Freund Velten berechnet gewesen, im Treppenhause der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. —

„So setze Dich doch, Mensch,“ sagte der junge
Weise aus dem Vogelsang, der bereits die andere
Sofaecke neben seiner Frau Wirthin einnahm; ich aber
stand freilich noch und sah mich immer noch um. Die
ganze Welt kam hier gar nicht in Betracht; aber in
ganz Deutschland gab es kein Wittwenstübchen, das
diesem glich. Mitten in diesem Berlin diese ganze
deutsche Jugend, soweit sie sich in Jena und auf
ihren Verbindungsbildern zusammengefunden hatte!
Alle Wände damit bedeckt; — dazwischen, wo nur
ein Räumchen, alles voll von Schattenrissen mit
allen Couleuren an Mütze und Band. Waffentrophäen statt des Spiegels, Schläger und Stulpen
und was sonst dazu gehört, wo nur noch was aufzuhängen war. Keine Ritterdame des romantischen
Mittelalters hatte je zu der Ausstattung ihres Ahnensaales und ihrer Kemenate so gepaßt, wie die Frau
Fechtmeisterin Feucht zu dem Schmuck und der Zierde
ihres Altweiberstübchens, wie gesagt: mitten in
diesem Berlin!

„Sie sehen sich wie Jeder zuerst bei mir um,
und wundern sich, Herr Krumhardt,“ lächelte die
feine Greisin. „Ja, wundern Sie sich nur. Seine
Messer schärft sich unser Herrgott selber, aber den
Schleifstein drehen ihm die Menschen. Da die alten
Bilder —die Fliegen sind tüchtig drüber gewesen —
sie haben auch ihr Theil an den deutschen Geschichten
der letzten Jahre. Es sind ein paar gute Klingen
drauf, die unser Herrgott nöthig gehabt hat; und
da haben wir den Schleifstein ihm mit gedreht; das
heißt nämlich mein Seliger! Ich habe nur an ihm
und euch jungen Leuten meinen Spaß — Gott verzeihe es mir! — meine Freude gehabt, denn ich bin
auch mal jung gewesen, meine Herren.“

„Das ist recht, Frau Fechtmeisterin,“ brummte
Velten, „renommiren Sie nur dem alten Mann da
mit Ihrer Jugend. Er kann's gebrauchen.“

In diesem Augenblick klopfte es an der Thür
und —

„Das ist mein Schneider!“ lachte Velten Andres.
„Nun hab ich ja meine ganze gegenwärtige Bekanntschaft in eurer Weltstadt vollständig bei einander.“

Der junge Herr aus dem Vorderhause, den ich
gestern schon in der Stube des Freundes getroffen
hatte, schob sich schüchtern herein in das Gemach der
Frau Fechtmeisterin.

„Ich darf doch?“

„Ja, kommen Sie nur, Leon,“ sagte die Frau
Fechtmeisterin. „Weshalb haben Sie Ihre Schwester
nicht mitgebracht? Aber freilich, die hat schon am
Morgen bei mir gesessen, das liebe Kind, um mir
Gesellschaft zu leisten.“

„Und um mal von was Anderem zu hören als
von des Lebens bezahlten und unbezahlten Schneiderrechnungen,“ lachte Velten.

„Redet man davon so viel bei uns, Herr
Andres?“ fragte der junge Herr und reiche Haussohn aus dem Vorderhause ein wenig vorwurfsvoll.

„Nein! Wahrhaftig nicht. Soweit ich bis jetzt
darüber urtheilen kann, des Beaux. Ich habe im
Gegentheil bereits meinem Freund Krumhardt davon
erzählt, wie kurios anders das da drüben bei euch
rauscht, klingt und tönt. Wie das da bunt durcheinander geht. Troubadourgeklimper, Albigenser Schwert- und Speergerassel, Hugenottischer Orgelklang und
Chorgesang. Der Knabe aus der germanischen Provinz ist schon fest überzeugt, daß er in diesem seinen
Berlin keine zweite gleich großartige Schneiderbude
finden wird. Da habe ich Ihnen natürlich schon
vorgearbeitet, Leon; übrigens bürge ich auch für jeden
Pump, den er bei euch anlegt.“

„Aber Herr Andres?“

„Jawohl, mein Herr Andres,“ sagte die Frau
Fechtmeisterin Feucht, „seien Sie nicht zu naseweis
und ausfallend. Dafür kennen auch wir Beide uns
doch erst zu kurze Zeit, als daß ich für alle schlechten
Witze hier bei mir den Fechtboden hergeben möchte.“

„Karl, ich werde wieder verkannt,“ seufzte kläglich mein Schulfreund aus dem Vogelsang. „Was
habe ich denn anders sagen wollen, als daß Sie
ein famoser Kerl sind, des Beaux; — ein Prachtmensch, der allen seinen großen Ahnen vor und
nach dem Edikt von Nantes die Stange hält. Hat
denn der Große Kurfürst nicht seine Leute zu euch
geschickt, um sich den Rock bei euch wenden zu lassen?
He, und da soll ich nicht einmal meinen Freund
Krumhardt in das Vorderhaus empfehlen dürfen,
um ihn hier am Ort in die beste Gesellschaft zu
bringen?“

„Das läßt sich wieder hören, Leon,“ meinte
die Frau Fechtmeisterin.

Leon des Beaux aber drückte Velten Andres mit
Thränen in den Augen die Hand und sagte schämig
zu mir: „Mein Herr, es wird mir eine große Ehre
sein, auch Ihre Bekanntschaft zu machen. Herrn
Studiosus Andres kenne ich schon, habe ich die Ehre
zu kennen.“

„Lassen Sie das Vergnügen nicht aus,“ brummte
der „Junge aus dem Vogelsang“.

„Nun sage mir vor allen Dingen, wie bist Du
eigentlich zu der Bekanntschaft mit dem, wie es
scheint, wirklich nicht übeln scheuen Jüngling, diesem
Schneider mit dem Namen Leon des Beaux gekommen?“ fragte ich später am Abend auf dem Wege
zur Kneipe den Freund.

„Wie man öfters zu allem Schönen, Nützlichen,
Guten und Angenehmen sowie dem Gegentheil kommt
— durch Zufall. Ich zog ihn wie damals Schlappen
heraus; aber diesmal nicht unterm Eise weg, sondern
aus dem Feuer — nämlich unserer schlechten Redensarten.“

„Unserer schlechten Redensarten?“

„Wenn Dir dumme Witze, anzügliche Bemerkungen, rüde Anrempeleien lieber sind und besser
klingen, mir auch Recht. Die Fabel oder Wahrheit
von der Krähe, die sich zum ersten Mal für Äsops
Lob heiter mit Pfauenfedern besteckte, kennst Du
wohl noch. Sie kam in diesem Abkömmling des
Landes des Weins und Ölbaums, der Sonne und
der Gesänge von Neuem auf die Bühne der Welt,
und ich natürlich ganz zur rechten Zeit, um meinen
Spaß und nachher auch ein bißchen meinen Ernst
daran zu haben. Das romantische Rindvieh hatte
sich an einem der ersten Tage meines hiesigen
Aufenthalts aus seiner Akademie für körperliche Bekleidungskunst im rothen Schloß in unsere Bude für
geistige Maskirung dem alten Fritz gegenüber verirrt, das heißt, sich als Hospitant in ein Kolleg über
Asthetik, in das ich auch die Nase steckte, eingeschlichen.
Dummeres gab es gar nicht, ich meine nicht den
lesenden Herrn Professor, sondern meinen Freund
Leon des Beaux; doch das Letztere wurde mir erst
klar, als ich ihn zu Hause besucht hatte. Fürs Erste
war er für mich nur das in dem Dornbusch hängengebliebene scherzhafte Schafvieh. Philister über ihn!
Der Hauptflegel, ein langer Bierlümmel mit der erbrechtlichen Anwartschaft auf den Landrath, Regierungspräsidenten oder sonst so was Schönes, der, wie sich
nachher mir erklärte, mit dem Papa des Beaux hing,
das heißt nach endlich bereinigtem Pump seine
Rechnung noch mit ihm abzumachen hatte! Wie ich
provinziales Unschuldswurm sofort in die Narrentheiding hineingerieth und mich sonderbarerweise auch der
Situation gewachsen fühlen konnte, ist mir bis jetzt
noch ein Räthsel. Es muß wohl so in mich gelegt
sein, und im Grunde war's doch auch wieder nur
der reine Vogelsang, wenn es da hieß: der Bengel
muß doch bei jedem Unsinn und Skandal das Maul
und die Faust im Spiel haben. Na kurz, Du kannst
Dir das Ding jetzt schon ausmalen. Erst Hinhorchen,
sodann ulkhaftes Vergnügen an dem Hauptwitz,
Nähergehen, Umschlagen des Spaßes in sein Gegentheil, darauf die gewöhnlichen Redensarten bis zu dem:
Herr, der dumme Junge sind doch nur Sie! . . .
Die Hauptsache war, daß ich meinen idealischen
Schneider herausriß. Was sich nachher sachgemäß
mit den Herren Kommilitonen an den Vorgang knüpfte,
ist erledigt und Rechenschaft nach Goethes sämtlichen
Werken Band eins gegeben worden. Selbstverständlich fühlte auch ich mich ein Mansen und

gedachte meiner Pflicht,
Und ich hieb dem langen Hansen
Gleich die Schmarre durchs Gesicht.

Wie sagt doch der andere Kerl aus Weimar? . . .
Die Blinden in Genua horchen auf meinen Schritt,
oder so ungefähr. Fürs Erste glaube ich mich in
dieser Hinsicht hier bei euch im großen Weltleben
gut genug geraucht zu haben. — Meinen zitternden
Schneidersohn nahm ich unterm Arm: Nu, nur
nicht ohnmächtig werden, Sie armes nasses Huhn.
Sagen Sie mir um Gottes willen, was wollten Sie
hier in dieser gemischten Gesellschaft? und dann, wo
wohnen Sie; — mein Name ist übrigens Andres. —
Meiner des Beaux — Leon des Beaux, stammelte
das Geschöpf. — Aus Paris? — Aus der Dorotheenstraße. Da wir denn so ziemlich unter einem Dache
wohnten, wie sich auswies, benutzten wir ein und dieselbe Droschke nach Hause, denn der Knabe war zum
Gehen nicht mehr ganz in der nöthigen Beinverfassung.
Daß er mir am folgenden Tage bei meiner Frau
Fechtmeisterin einen Besuch machte, war schicklich,
würde meine Mutter sagen. Daß er mich einlud,
nun auch zu ihm zu kommen und die Seinigen
kennen zu lernen, unnöthig . . . Krumhardt, ich kann
jetzt auch Dich dort einführen in die Familie!
Würde es Dir Vergnügen machen, das Haus des
Beaux und Fräulein Leonie des Beaux kennen zu
lernen?“

Wenn ich heute an jene Redensart des Freundes
denke und das Haus des Beaux, so wird es sehr
licht um mich, und der Schein geht von den Leuten
aus, zu denen ich damals geführt wurde. Der Junge
aus dem Vogelsang, von der Schulbank, aus dem
Pandektenkolleg und der Korpskneipe lernte wieder
ein Stück Erde oder Welt kennen, von dem er nichts
gewußt hatte, von dem er ohne Velten Andres auch
wohl nie etwas erfahren haben würde. Seine übrigen
gleichalterigen Lebensgenossen würden ihm wohl nicht
dazu verholfen haben; schon in der Befürchtung, sich
vor ihrer Welt durch zu genaue Bekanntschaft mit
ihrem Schneider lächerlich zu machen. —

Sie kam uns von ihrem Flügel entgegen,
Fräulein Leonie des Beaux. Ein hochgewachsenes,
ruhiges Mädchen, ein schönes Mädchen, dessen freundlichem Gesicht es nichts that, wenn sich über den
großen, aber etwas kurzsichtigen schwarzen Augen die
schwarzen Brauen dann und wann in eins zusammenzogen. Böse wollte sie dann nur selten hinsehen,
nur etwas schärfer.

„Hinweise auf das Mittelmeer, Donjons, Falkenjagd, Zelter, Windspiele und König Renés Minnehöfe
kannst Du Dir sparen, Krumhardt,“ sagte Velten.
„Ich habe sie alle schon selber gemacht. Auch den
auf den Kastellan von Couçy und die Dame von
Fayel. Übrigens, Karl, standest Du gestern vor der
lieben Kleinen gerade so dumm, wie wenn Du in
Obertertia die Uhlandsche Simpelei dem Oberlehrer
Knutmann zu deklamiren hattest.“

Er sagte dieses natürlich nicht in ihrer Gegenwart, sondern als wir wieder vor der Thür waren
und fügte hinzu: „Nun, was meinst Du zu den
Leuten?“

Man kann bei dem, was man „von den Leuten
meint“, auch ein Gefühl haben von ihrer Umgebung,
welches vollständig dazu gehört und nicht davon zu
trennen ist. Dieses traf hier ganz und gar ein, und
ich mußte nichts zu erwidern als: „Ausnehmend
anständig.“

Heute würde ich sagen: es war ein vornehmes
Haus, in welches wir gekommen waren; aber man
hat ja so seine besondere Redensart für jede Lebensepoche. — Es war ein sehr wohlhabendes Haus, das
auf dem besten Wege war, zu einem reichen zu
werden. Mir imponirte es sehr, meinem Freunde
Velten nicht im mindesten; der war da sofort da so
bei sich, wie früher bei Hartleben im Vogelsang und
jetzt bei der Frau Fechtmeisterin Feucht. Und es
war dasselbe, wie zwischen den grünen Hecken des
Vogelsangs: es kam wieder ein schönes Mädchen für
ihn an den Zaun, nur diesmal nicht, um sich mit
ihm zu zanken, zu vertragen und wieder zu zanken.
Leonie des Beaux zankte sich mit Niemand in der
Welt und vor Allem nicht mit Einem, dem sie sich
zu Dank verpflichtet glaubte, weil er gegen „unser
Kind“, ihren Bruder gut gewesen war.

„Aber es sind ja auch Beide ein paar Kinder,“
sagte sie später, als wir Zwei vertrauter und ganz
bekannt miteinander geworden waren. „Ihr Herr
Freund und mein armer Leon passen zu einander
wie Hand und Handschuh. Herr Andres ist freilich
die Hand. Ich freue mich recht, daß sie zusammengekommen sind, wenn auch durch eine so lächerlichtragische Thorheit meines närrischen Bruders. O Herr
Krumhardt, bitte, machen Sie meinen Bruder nicht
lächerlich! Man kann auch in einer Stadt wie
Berlin noch immer in einem stillen Märchenwinkel
aufwachsen, und das sind wir Beide, Leon und ich;
und mein Papa hat dazu geholfen (meine Mama
ist lange todt), daß wir so geworden sind — Leon
besonders, den er hat von uns Zweien immer die
unruhigste Phantasie und Seele. Übrigens ist er
doch auch ein rechter, guter Kaufmann. Er führt
die Bücher da unten in unserm Geschäft, und Papa
ist recht mit ihm zufrieden. Aber Papa ist eigentlich
auch sehr mit daran schuld, daß wir so aufgewachsen
sind in Einbildung und Träumen. Das hat sich so
von einer Generation zur andern weitergegeben, seit
wir unter Ludwig dem Vierzehnten nach Brandenburg zu dem Großen Kurfürsten gekommen sind. Ach,
Herr Krumhardt, die Kinder des Schneiders des
Beaux haben ihr Hausheiligthum und ihre Ritterbuchbibliothek wie der edle Junker Don Quixote von
la Mancha. Hat Leon Sie noch nicht hineingeführt?
Das wundert mich! Herr Vel — Herr Andres sitzt
sehr häufig dort und hat auch schon manches Merkwürdige da gefunden wie er sagt. Soll ich für Sie
da auch sagen: Sesam öffne Dich?“

„Das würde sehr liebenswürdig von Ihnen sein,
gnädiges Fräulein.“

„O, spotten Sie nur über die Firma des Beaux,
Vater und Sohn!“ —

Es war hier wirklich kein Grund zum Spotten.
Das Haus des Beaux hatte nicht nur seinen Salon,
seinen Konzertflügel sammt reichen Teppichen, Kronleuchtern, schönen Ölgemälden, Kupferstichen und
dergleichen, was sonst zum laufenden Tag gehört;
es hatte auch seine Bücherei, und in diesem nüchternen
Berlin des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts,
heraus wie aus dem siebenzehnten Säkulum in den
Einzelheiten noch viel weiter zurück in den Zeiten
und Historien, sein Museum. Wie die Leutchen es
zusammengebracht hatten, war schon an und für
sich ein historisches Wunder.

„Von unseren angestammten Familienheiligthümern haben wir wenig mitbringen können in
die Mark,“ erklärte Fräulein Leonie. „Vieles ist
geerbt oder angeheirathet; aber echt ist Alles. Papa
kommt durch seinen Beruf nicht selten nach Paris,
und dann reist er gewöhnlich auch nach Südfrankreich
und sein Vater und Großvater haben das auch so
gemacht. Papa kommt nie nach Hause ohne sich und
uns Kindern etwas von dorther mitzubringen. Bitte,
nehmen Sie Platz!“

Das sah man, als sie sich an dem schwerfälligen,
kugelfüßigen, grünbehangenen Studirtische in der
Mitte des Gemachs niederließ, daß nicht nur Alles
umher echt war, sondern daß auch sie zu diesem Raum
gehörte, und — ihr Bruder auch.

„Hier sitzen wir denn und denken uns zurück,“
sagte Leonie. „Dann liegt auch für unseren Vater,
oder gerade für den erst recht, der Tag und unser
Geschäft wie auf einem anderen Weltball. Und hier
ist an Leon und mich Alles gekommen, was wir für
unser Bestes halten, und was den Leuten mit vollem
Recht sehr komisch erscheinen muß, wenn wir damit
unter sie gerathen. Ich komme wohl nicht in die
Verlegenheit; aber mein armer Bruder von seinem
Schreibpult im Comptoir drunten leider doch dann
und wann, und so neulich wieder in Ihrer Universität, wo Herr Andres so gütig war, sich seiner anzunehmen. Er, Leon, hat es noch nicht recht gelernt,
den Traum und das Leben auseinanderzuhalten, und
kommt also nur zu oft wie ein geschlagenes Kind
nach Hause, und es kostet Wochen in diesem unseren
Phantasiestübchen, ehe er sich wieder zurechtgefunden
hat in der Welt. Wir haben eigentlich da draußen
in der Zeitlichkeit einen großen Umgang, und darunter
sucht er denn wie der alte Grieche nach Menschen,
die zu ihm passen. Ach, wenn er dann nur ausgenutzt und gehänselt würde, so wollte ich gar nichts
sagen; aber er wird auch gekränkt und bis aufs tiefste
verwundet, und wenn ich auch die Älteste und die
Vernünftigste bin — ein noch älterer Bruder von uns
ist, als ich noch ein ganz junges Kind war, bei Mars
la Tour gefallen — so kann ich doch nur allzu oft
ihm gar nicht helfen. O, wenn ein Mensch es werth
wäre, einen echten Freund zur Seite zu haben, so ist
das mein armer Bruder; und jetzt, Herr Krumhardt,
nehmen Sie es mir nicht übel, jetzt hält er wieder
einmal Ihren Herrn Freund, Herrn Andres, für
einen solchen, und ich, ich — ich weiß nicht, wie ich
Ihnen das sagen kann und ob ich es Ihnen sagen
darf: ich weiß nicht, ob ich Freude oder Angst haben
soll. Mein Bruder hat so viele Bekanntschaften gehabt, aber dies ist die erste, in der ich mich ganz
und gar nicht zurechtfinden kann. O bitte, sagen Sie
es sich selber besser als ich es kann! Aber es wäre
nicht edel und gut von Ihrem Freunde, wenn er
meinen lieben närrischen Leon noch mehr als ein
Anderer und bloß etwas feiner, also schlimmer,
als ein armes Spielzeug behandeln würde.“

Es hatte mein Freund Velten, von unserm ersten
Zusammenaufwachen im Leben und Vogelsang an,
mir nie so ganz und gar mit Allem, was in und
an ihm war, vor der Seele gestanden, wie in diesem
Augenblick. Ich hätte eine Monographie über ihn
schreiben und Doktor darauf werden können; aber
zu erwidern wußte ich hier und jetzt nichts als:

„Gnädiges Fräulein, da können Sie ganz ruhig
sein. Lustig macht sich Der nur über sich selber. Da
fragen Sie nur im Vogelsang nach. Ich will gerade
nicht sagen, daß er einen guten Ruf dort hatte in
dieser Hinsicht; aber das war doch einfach bloß darum,
weil ihn eigentlich nur drei Leute da ganz genau
kannten. Seine Mutter, ich und — Ell — Fräulein
Helene Trotzendorff.“

„Wohl eine liebe Tante von Ihrem Herrn
Freunde?“ fragte Leonie, und ich hatte mich wirklich
erst einen Augenblick darauf zu besinnen, auf wen
die Frage sich bezog. Aber es war ja auch richtig,
damals ist Mistreß Mungos Mädchenname zum
ersten Male in dem historischen Traumstübchen der
Geschwister des Beaux genannt worden.

Er ist noch oft dort erklungen. Er wurde ein
sehr vertrauter Klang da.

„Siehst Du, Karl, man findet überall die Leute,
zu denen man paßt. Wie wir hier zusammenhocken,
wir Vier jetzt, ist das nicht gerade dasselbe, wie
damals, als wir Drei aus dem Vogelsang auf dem
Osterberge im Wald lagen und das niedliche Residenznest unter uns hatten. Haben mir heute Abend nicht
ebenso dies Berlin unter uns? Nur immer über
den Dingen bleiben und möglichst wenig von ihnen
haben wollen! Fragen Sie nur den Kandidaten
beider Rechte hier, Fräulein Leonie. Der steht vor
dem Referendarexamen und beantwortet Ihnen jegliche
Frage aus und über Banausien mit Eins A. Leon,
Sie sind und bleiben ein Riese, und wenn Sie mich
noch so schafsmäßig anstarren. Was sagen Sie
übrigens zu dem letzten New Yorker Bericht meiner
Kleinen, Fräulein Leonie? Das arme Wurm
scheinen sie drüben schon sauber eingeseift zu haben;
ich wollte, ich hätte sie heute Abend auch hier bei
uns, um ihr den Kopf zurechtzusetzen. Und Sie
würden mir dabei helfen, nicht wahr, Fräulein
Leonie?“

„Sie hat Ihnen einen sehr hübschen Brief
geschrieben, Herr Andres,“ sagte Leonie des Beaux
leise. „Sie scheint in einem großen Leben zu leben
und giebt sich doch alle Mühe, treue — Freundschaft
zu halten mit — mit —“

„Dem Vogelsang, dem Osterberge, kurz, der
deutschen Kinderstube,“ lachte Velten. „Das wollte
ich ihr aber auch gerathen haben,“ setzte er ein wenig
mit den Zähnen auf der Unterlippe hinzu, und dann
kaum hörbar für sich: „Sie weiß es ja aber auch,
daß ich sie ihr ganzes Leben lang nicht loslasse.“

Leonie hatte das letzte Wort aber doch gehört.
„Giebt es solch einen festen Griff auf dieser Erde?“

„Was man will, kann man durchsetzen,“ meinte
unser alter Oberlehrer Doktor Langemann auf unserm
Gymnasium zu Hause. Fragen Sie nur Krumhardt,
Fräulein, der hat sich in seiner Lebensauffassung
auch nach dem Wort gerichtet und geht als Sieger
zu den Todten.“

„Rede kein Blech, Velten!“

„Ich bin niemals mehr gediegenes Erz gewesen
als an diesem Abend und unterm Auge des alten
Hugenottenpastors und des jungen Albigenserritters
da an der Wand. Die haben sie vielleicht ihrer Zeit
lebendig gebraten, aber haben die Zwei nicht noch heute
ihre Faust am Kragen hier meines intimen Freundes
Monsieur Leon des Beaux aus Albi? Übrigens
haben wir, Lenchen und ich, schon lange vor Ihrer
Frage, Fräulein Leonie, eine Wette auf dem Osterberge darauf hin gemacht, wer von uns Beiden den
festesten Griff habe und den Anderen zu sich holen
werde. Selbstverständlich und naturgemäß hat sie
gegenwärtig die obere Hand, und ich werde es
meiner Alten zu Hause nicht ersparen können: ich
muß hinüber zu ihr nach Amerika.“ — — — —

Es ist unaktenmäßig in den Akten: wir haben
damals solche Unterhaltungen gefühlt in Leons und
Leonies romantischem Zauberstübchen in der Stadt
Berlin. Und es sind auch solche Briefe, von denen
Velten Andres redete — Briefe, die Helene Trotzendorff hinter dem Rücken von Vater und Mutter
geschrieben hatte, dort von Hand zu Hand gegangen.
Wie sehr erwachsene, verständige, vernünftige Leute
wir draußen in den Gassen der Reichshauptstadt
sein mochten, in Leonie des Beaux' Reiche waren
wir noch dergestalt unmündig Volk, daß wir die
höchsten Ehrenstellen und Sitze im Kinderhimmel des
Evangeliums hätten in Anspruch nehmen dürfen.
Und wir wußten es natürlich nicht und hielten uns
im Gegentheil für außerordentlich weltklug. Fräulein
Leonie vielleicht ausgenommen.

Die achtete mit immer größeren, schärferen und
— ängstlicheren Augen auf den neuen Freund ihres
Bruders, auf den närrischen Velten Andres. Daß
es mir freilich damals aufgefallen wäre, kann ich
nicht sagen: ich kann es eben nicht genug wiederholen,
daß das Meiste aus dieser Vergangenheit mir selber
erst klar und deutlich wird und einen logischen
Zusammenhang gewinnt, wie ich diese Blätter beschreibe und — paginire.

Ob er, der Junge aus dem Vogelsang, je in
seinem Leben einen Begriff davon bekommen hat,
was diese großen, anfangs so freudigen, dann mehr
und mehr ernsten, traurigen Augen für ihn bedeuteten,
weiß ich nicht. Wie viele treu besorgte Blicke aus
lieben Augen gehen Einem verloren, während man auf
das Zwinkern, das Schielen und Blinzeln der Welt
rundum nur zu genau achtet und sich sein Theil
Ärger, Kummer, Sorgen, Verdruß und Verzweiflung
daraus holt!

Seltsamerweise hatte Leonie des Beaux das
größte Vertrauen zu mir, und durch mich wußte sie
allgemach ebenso gut als ich, wie es im Vogelsang
aussah, oder vielmehr (schon damals) ausgesehen
hatte. Sie kannte nicht bloß die Familie Krumhardt,
Vater, Mutter und Sohn, sondern sie kannte auch
den alten Hartleben und Mistreß Trotzendorff —
letztere in ihrer Verdunkelung wie im blendendsten
Glanze. Sie hatte an jeder grünen Hecke mitgelehnt,
in jeder Gartenlaube mitgesessen; sie kannte den
Osterberg und die zierlichen Promenadenwege und
Bänke am Rande des Waldes, und die Aussicht auf
die kleine zierliche Residenz drunten im Thal. Wovon
sie aber am genauesten Bescheid wußte, das war —
seine Mutter, die Frau Doktorin Andres und ihr
Häuschen — neben uns an, hinter dem nächsten
nachbarschaftlichen lebendigen Liguster-, Stachel- und
Johannisbeerzaun zwischen Mein und Dein im
Hypothekenbuch. Ja, wie ich das jetzt schreibe,
erfahre ich es erst, wie gut sie bei seiner Mutter
Bescheid wußte — damals — und wie sie vom
Keller bis zum Dache sich in dem kleinen Hause
unter dem Osterberge zurechtgefunden haben würde,
wenn man ihr den Thürgriff in die Hand gegeben
hätte. Ach, wie häufig geschieht das, daß wir
seufzen: „Ja, wenn Das und Das gewesen wäre,
so hätte sich Alles so leicht zum Besseren — zum
Besten wenden können! Es war ja so einfach, es
lag ja so vor der Hand! Man brauchte in der
und der Stunde, in dem und dem Augenblick nur
zuzugreifen, um das Richtige für einen ganzen
langen, guten, glückseligen Lebensweg zu treffen.
Eine Wendung von der Rechten nach der Linken,
oder umgekehrt, genügte vollständig, wenn wir nicht
so blind, so dumm gewesen wären!“ — Was wissen
wir aber eigentlich hierüber? — — — — —

Das Verhältniß zwischen Velten und Leon,
dem besten klarsten Kopfe des Vogelsangs und dem
besten harmlosesten und verworrensten der Stadt
Berlin, vertiefte sich ebenfalls immer mehr. Für
dieses weiß ich kein edleres und schöneres Gleichniß
als das sehr edle und sehr schöne: Die Freundschaft
zwischen einem lieben, klugen, bis in den Tod und
das Lächerlichwerden getreuen Hunde und seinem
Herrn, Eigenthümer und — besten Freunde. Damals!

In Velten Andres hatte der arme glückliche,
reiche Haussohn aus dem Schneiderladen Alles gefunden, was er bis dahin in Berlin und der weiten
Welt außerhalb des Familienzauberthurms vergeblich
gesucht hatte — einen von der allgemeinen Heerstraße
gleich ihm verlaufenen Genossen, der in der rechten
Weise über ihn lachte und ihm mit jedem Lachen
und Lächeln und durch jeden kameradschaftlichen
Schlag auf die Schulter, jedes Zupfen am Ohr
das Herz mit in die Höhe hinaufnahm. Nein,
das Herz nicht; nur den Kopf. —

Kein Hund und keine Liebende konnten um
diese Lebensstunde auf den Geliebten, den Herrn und
den Freund genauer achtgeben, besorgt-freudiger auf
jedes Wort, jeden Wink, jede Bewegung beim stillen
Nebeneinander und im menschenvollen Gesellschaftszimmer, kurz, bei jeder Lebenskomödienscene passen,
als Leon und Leonie des Beaux auf Alles, was
Velten Andres sagte und that, oder — nicht sagte
und nicht that. Daß er das so deutlich wußte wie
ich, glaube ich nicht: sein späterer Lebensweg spricht
dagegen. Er war es eben zu sehr gewöhnt, daß die
Leute ihm nachsahen, und er nicht über sie hinweg,
sondern durch sie durch in seine Welt hinein auf
seine Weise, die nur sehr selten mit der — unsrigen
übereinstimmte. Mit der unsrigen! denn wie oft habe
ich schon zu Hause, im Vogelsang, den Vernünftigen
dort Recht geben müssen, wenn sie meinten: „Der
Junge ist rein verrückt!“ —

Es war ein wunderlich behagliches Leben dort
bei der Frau Fechtmeisterin Feucht in Veltens erstem
Studentenstübchen und in des alten deutsch-französischen
Schneidermeisters und seiner Kinder Zaubererinnerungsraum. Von außen sah man es dem Hause in der Dorotheenstraße wahrhaftig nicht an, was es in seinem
innersten Innern barg. Daß ich, ein deutscher
Studiosus der Jurisprudenz, nach Berlin gekommen
sei, um mich in meiner Wissenschaft daselbst noch
mehr zu vervollkommnen, ging mir von Tag zu Tage
mehr aus dem Begriff verloren. In dieser Beziehung
war es ein Glück zu nennen, daß mein Aufenthalt
mir nur kurz von meinem Vater bemessen worden
war. Die Einzige, der ich zu Hause dieses Semester
hätte begreiflich machen können, war die Frau Doktorin
Andres. Die aber wußte natürlich schon sehr Bescheid,
wies auf einen Haufen Briefe aus der Reichshauptstadt
und lächelte trübe:

„Ja, ich weiß schon. Daß sich das Kind drüben in
Amerika wieder zu den Seinen finden würde, wußte ich.“

Mit einem leisen Seufzer und seinem Blick
über die nächste Nähe fügte sie hinzu und glaubte
fest an ihr eigen Wort:

„Du kennst ihn ja, lieber Karl, und weißt, wie
wenig Einfluß ich von jeher auf ihn gehabt habe.“

So reden die Weiber, wie sie das Glück und
das Elend, das Beste und das Schlimmste auf
diesem Erdball weitergeben! —

Er ist doch mein Freund gewesen und ich der
seinige. Ich habe sein Leben mit erlebt, und doch,
gerade hier, vor diesen Blättern, überkommt es mich
von Seite zu Seite mehr, wie ich der Aufgabe,
davon zu reden, so wenig gewachsen bin. Ich habe
Alles erreicht, was ich erreichen konnte; er nichts —
wie die Welt sagt — und — wie ich mich zusammennehmen muß, um den Neid gegen ihn nicht in mir
aufkommen zu lassen! Was kann ich heute an seinem
Grabhügel Anderes sein, als ein nüchterner Protokollführer in seinem siegreich gewonnenen Prozeß gegen
meine, gegen unsere Welt? Was aber würde erst
sein, wenn ich auch nicht mein liebes Weib, meine
lieben Kinder gegen diesen „verlorengegangenen“,
diesen — besitzlosen Menschen mir zu Hilfe rufen
könnte? —

Wie gesagt, ich mußte nach Haus ins erste
juristische Examen und ließ ihn in Berlin, in einer
Gesellschaft, oder besser Genossenschaft, die damals
schon nicht mehr aus der Familie des Beaux bestand.

Das Beste aus dem Vogelsang, der Form wie
dem Gehalt nach, in der Dorotheenstraße zu Berlin!
Wie in dem Stübchen der Frau Fechtmeisterin die
Trophäen des alten, seligen Jenensers Lanistra, oder
wie Leon ihn in seinen Chroniken fand: Maistre
escrimeur, ihr innerlichstes Behagen durch ein leises
Schüttern und Klirren ausdrückten! Wie die Frau
Fechtmeisterin manchmal ihren „närrischsten und liebsten
dummen Jungen“ am Ohr nahm und rief: „Jetzt
hören Sie aber auf, Sie junger Schulfuchs! Sind
wir die sieben Schwaben an Einem Spieß, oder sind
wir die vier Haymonskinder auf Einem Gaul? Ich
weiß es wirklich nicht. Und Sie, Fräulein Leonie?
Geht es Ihnen auch so wie mir, daß Sie nie recht
wissen, was das Menschenkind eigentlich für Ernst
nimmt? Ja, ob er jemals in seinem Leben schon
irgend was für Ernst genommen hat? Ich für mein
Theil habe mir seit lange nicht so oft wie jetzt meinen
Seligen hergewünscht, um diesem jungen Leichtsinn
und Phantastikus den richtigen Waffensegen zu geben,
daß die Philister ihn uns nicht auf seinem Lebenswege zum Krüppel geschlagen im Chausseegraben
liegen lassen. Velten, Velten, nehmen Sie das Wort
der Fechtmeisterin Feucht drauf an, daß sie ihrer
Zeit manche gute Klinge aus mancher festen Faust
hat schlagen sehen. Nicht Alles, was auf der Mensur
in den Lüften blitzt und leuchtet, sitzt nachher auf die
richtige Weise und bringt eine saubere Abfuhr zuwege.
Da mag man doch aufs Tapet bringen, was man
will, Herr Andres: solch ein armer, unschuldiger,
pudelnärrischer Draufgänger, mit der Gabe den Spieß
zu ärgern, wie Sie, ist mir weder in Jena noch hier
in Berlin, noch sonst in meinem lieben, langen Leben
vorgekommen. Den Herrn Leon frage ich nicht um
seine Meinung; aber was ist Ihre Ansicht, Fräulein
des Beaux?“

„Man kann auch unter den Fußtritten der Leute
auf der Landstraße und in der Gasse auf Salas y
Gomez sterben,“ sagte Leonie des Beaux leise. Damals
ging das Wort an mir vorüber in der lachenden,
lustigen Unterhaltung, wie das so gewöhnlich ist,
und ich habe mich vielleicht höchstens einen kurzen
Augenblick darüber verwundert, wie das Mädchen
dazu kam. Heute haftet mein Blick, von meinem
Schreibtisch aus, über das benachbarte Hausdach
hinweg, auf einer bewaldeten Hügelkuppe. Das ist
der Osterberg, auf dem wir, da wir noch Kinder
waren, die Sternschnuppen, die Thränen des heiligen
Laurentius, fallen sahen, und es versuchten, bei jedem
fallenden Funken einen Wunsch zu haben, um ihn
in Erfüllung gehen sehen zu können.

Einen Tod auf Salas y Gomez, das heißt
einen einsamen Tod, aber — nach dem Wege und
Siege des Welteroberers wünschte sich Velten Andres
damals.

Sein Wunsch ist ihm erfüllt worden! Er hat
die Welt überwunden und ist mit sich allein gestorben. — — — — — — — — — — — —

Also, wie gesagt, ich ließ ihn in Berlin, bestand
zu Hause ehrenvoll, und wie es mein Vater auch
gar nicht anders erwartet hatte, mein erstes juristisches
Examen, wurde der nächsten Behörde, die eine Lücke
für mich aufzuweisen hatte, als rechtskundiger Katechumene zugeteilt, entsprach den Anforderungen meiner
Vorgesetzten und sah, wie mein Papa, dem zweiten
„stärkern Licht“, das heißt der nächsten Prüfung, mit
nicht ungerechtfertigtem Vertrauen entgegen. Er kam
einige Male in den Ferien zu seiner Mutter heim,
und stellte dem Vogelsang sowie der Residenz seinen
Freund, Herrn Leon des Beaux, vor, indem er ihm
sein Bett in seinem Schülerstübchen unterm schrägen
Dache der Frau Doktorin abtrat, selber auf dem Sofa
kampirte und (auch durch mich) in der Hauptstadt
verbreitete: den Titel „Vicomte“ habe die Familie
im Laufe der Jahrhunderte einschlafen lassen, aber
die französische Republik erkenne ihn heute noch an,
und der schüchterne junge Mensch habe für Jeden,
der ihn zu nehmen wisse, einen unbegrenzten Kredit
bei seinem Herrn Vater in der Tasche.

„Das geht ja noch über Schlappe!“ seufzten
unsere Zeitgenossen in der Heimath, fügten jedoch beruhigt hinzu: „Na, er wird wohl wieder nichts
damit anzufangen wissen und seine guten Karten
nicht aus Dummheit, sondern purer Suffisance
abermals aus der Hand geben.“

„Was haben Sie den Herrschaften hier eigentlich
über mich aufgebunden?“ fragte wohl (und hatte das
Recht dazu) der Sohn und Erbe des jetzt wohlhabendsten und berühmtesten Schneidermeisters von
Berlin an der Spree, in gewohnter, schüchterner
Verlegenheit die Hände aneinander reibend. „Die
Leute sind doch ganz gewiß nicht meinetwegen so
liebenswürdig gegen mich an diesem entzückenden
Orte.“

„Bloß Ihretwegen, Leon! Ich habe nur beiläufig fallen lassen, daß Sie mein guter Freund
sind, und daß mir Ihr Herr Vater sein Haus und
einen Credit illimité, das heißt Riesenpump, bei
sich eröffnet habe. Krumhardt kann das bezeugen,
und unsere Alte da auch, Monsieur le vicomte.“

„Ja, ja!“ lachte die Frau Doktorin Andres.
„Beruhigen Sie sich aber nur, mein lieber Freund;
solchen schlimmen Ruf unter den Leuten können Sie
sich schon gefallen lassen. Es ist noch nicht die
schlimmste Art, um verlegen zu werden, wenn Einem
die Leute in den Gassen nachgucken.“

„Monstrari digito,“ entfuhr mir selbstverständlich,
und ebenso selbstverständlich fuhr Velten Andres fort
im Citat:

„Et dicier Hic est!“ fügte aber natürlich
hinzu und zwar grinsend: „Herrje, er weiß auch
hierfür ein Citat! Leon, wünschen Sie heute nachmittag im Kasinokonzert den vornehmen Fremden
zur Darstellung zu bringen, oder legen Sie sich lieber
mit mir in den Wald am Schluderkopfe und wehren
mir die Fliegen ab?“

„Aber Velten?!“ murmelte selbst die Nachbarin
Andres; doch ihr Sprößling meinte:

„Ich arbeite ja dabei an seiner Bildung, Mama.
Na, wie ist's, Leon? Und wie ist's mit Dir, Auskultatore oder zu deutsch: Aufmerker, auch, nach
Heyses Fremdwörterbuch: Sitzungszuhörer?“

Auch ich verzichtete auf das Gartenkonzert der
bessern oder besten Gesellschaft des Städtleins, und
so durchstreiften wir die Wälder auf den Hügeln
auch diesmal wieder wie in unserer Knabenzeit, und
unsere Kameradin, Helene Trotzendorff, ging wieder
mit uns. Velten hatte wieder einen Brief von ihr
in der Tasche, über den er mit seiner Mutter schon
Manches gesprochen hatte, und von dem er nunmehr
auf dem Schluderkopfe auch uns genauere Mittheilung
machte. —

Wir hatten heute alle unsere Kindermärchenwinkel in unserm frühern Zauberreich wieder aufgesucht, der Freund und ich, und uns vor dem „hohen
Gast aus der Reichshauptstadt“ nicht im mindesten
genirt. Vor wem hatte sich übrigens Velten Andres
auch je in irgend einer Weise genirt?

Er hatte uns geführt. Von Busch zu Baum,
vom Fels zum Weiher durch den ganzen Zauberwald mit einem fortwährenden „Weißt Du noch,
Karlchen, hier? Erinnerst Du Dich noch, Krumhardt,
da?“ bis auf den Schluderkopf zu einem kurios verästelten hohen Eichbaum, an dem freilich für die
drei Nachbarkinder aus dem Vogelsang ein wirkliches
Abenteuer hing —

Hier hatte sie sich einmal verklettert, und ihm
war es nicht möglich gewesen, sie aus den Lüften
und schwankenden Zweigen wieder herunterzuholen
und ihr zu festem Boden unter den Füßen zu verhelfen: ich hatte in die Stadt hinunter nach Beistand
laufen und den Nachbar Hartleben mit seinen Leuten
und mit Stricken und Leitern zu Hilfe rufen müssen.

Die Sonne war schon im Untergehen; sie leuchtete
aber auf dieser Höhe noch durch den Buschwald und
die Wipfel glühten in ihrem Scheine. Wir Zwei aus
dem Vogelsang lagen in dem hohen Grase, Leon des
Beaux saß auf einem Baumstumpfe, hatte auf den
Knieen die feinen Aristokratenhände zusammengelegt,
blickte zum Zenith und träumerisch in die Runde, sah
auf den Freund und seufzte:

„O, Herr — wenn ich es doch nur sagen
könnte, wie mir zu Muthe ist. Welch ein wundervoller Tag das wieder war —“

„Für einen Menschen, der mit Stangen im
Land der Goldorangen und Citronen, im Orient
und am Nordkap war, aus Albi stammt, den Großen
Kurfürsten in Germanien zum Pathen hat, den geschmackvollsten und nahrhaftesten Schneider von Berlin
zum Papa, sich Leon des Beaux nennt, und als
königlich preußischer Kommerzienrath dermaleinst einen
wirklichen Künstler mit der Schöpfung seines Grabdenkmals beauftragen wird! Leon, das Wundervollste
ist doch noch für Sie zurück und kommt jetzt erst.
Der Abend ist freilich schön genug dazu.“

Er, Velten Andres, sprach das so mürrisch, so
verbissen giftig, daß ich mich auf dem Ellbogen
emporstemmte, um ihn besser betrachten zu können,
und Leon ihn fast ängstlich anstarrte.

Er, im Grase liegend, die Hände unterm Kopf,
zog die bei der Rettung meines Schwagers „Schlappe“
halbgelähmte drunter hervor, wies in die Höhe:

„Der Ast da oben war es, Carlos! Da hatte
sie sich verklettert, hing, klammerte sich an und
kreischte. Ich schlafe ziemlich traumlos, aber meine
Blamage von dem Tage kommt mir doch dann und
wann immer noch Nachts im Schlafe. Das war der
meinige — mein Ast meine ich! Was durch Nachklettern und naturhistorisch als Wickelaffe zu leisten
war, glaube ich möglich gemacht zu haben. Meine
erste wirklich verlorene Lebensschlacht, des Beaux!
Den Krumhardt, den höre ich noch zetern, ehe ihm
der einzig richtige Philistergedanke kam und er zu
Thal stürzte, den Nachbar Hartleben herauf- und uns
herunterzuholen. Wißt ihr, Kinder, so ist der Mensch:
diesen Baum und was dran hing und hängt, werde ich bei
keiner Lebens-, Haupt- und Staatsaktion mehr los: es ist
das erste Mal gewesen, daß ich des Menschen Unzulänglichkeit auf dieser Erde auch an mir in Erfahrung
gebracht habe. Kein geschlagener Held, kein verblüffter
Philosoph hat mich auf seinem Schlachtfelde oder in
seinem System seit dem Nachmittag was Neues zu
lehren. Es ist nichts mit dem Heroenthum in dieser
Werkeltagswelt, Leon, und deshalb bin ich seit heute
morgen fest entschlossen, Helm und Harnisch an den
Nagel zu hängen, jeglichen Federbusch als Staubwedel zu vergeben und vor Allem das gelahrte Tintenfaß in den Gossenstein zu gießen, den Plato und
den Aristoteles zuzuklappen und Schneider zu werden!
Meine Alte billigt meinen Entschluß; an Ihren Papa
habe ich bereits geschrieben, des Beaux. Was fällt
euch an? Entzückung oder Schmerzen?“

Wir standen aufrecht auf den Beinen, Leon und
ich, und stierten auf ihn herunter.

„Bist Du nicht bei Troste, Velten?“

„Wie gewöhnlich! Sonst aber nur ein neuer
Unsinn von dem Schlingel! würde der Vogelsang
sagen,“ lachte der wirkliche Heros des Vogelsangs,
sich nur noch etwas behaglicher unter der Eiche, in
der sich einst Fräulein Helene Trotzendorff verklettert
hatte, zurechtlegend. „Ja, so ist es, meine Herren!
So halten wir uns für frei und werden an Ketten
geführt. Und die eisernen sind nicht die unzerreißbarsten; jeder im Spinnweb zappelnde Brummer
kann darüber nachsagen. Sie und Ihre liebe Schwester,
Leon, ebenfalls, aber gottlob mit frommseligen, närrischen
Traumaugen — ich bitte Sie, des Beaux, sehen
Sie nicht so dumm aus: es verhält sich so! Es ist
wahrlich keine kleine Vergünstigung der Götter, wie
ihr guten Kinder im blauen Himmel der Provence
an euren Goldfäden über der Mark Brandenburg
und der Stadt Berlin schwingen zu dürfen! . . Krumhardt. Dein Protokollführergesicht ist mir niemals so
sympathisch gewesen wie in diesem Augenblick! Wenn
Du dereinst Deinen Kindern von Deinem Jugendfreunde erzählst, so vergiß nicht, mit melancholischem
Kopfschütteln zu seiner Entschuldigung anzuführen:
Der arme Tropf konnte nichts dafür; das Mädel
hatte ihm eben eines ihrer Goldhaare durch die
Nase gezogen und zog ihn daran sich nach; — so
wurde er zum Schneider und ging für die Wissenschaft verloren drüben in der Atlantis. Der Baum
steht nicht umsonst da, und ich liege nicht ohne
Grund hier unter ihm. Drunten im Vogelsang sitzt
meine Alte vor ihrer Korrespondenz mit Amerika,
und hier in der Tasche trage ich den letzten Brief
Miß Ellens aus Saratoga: das Mädchen verklettert
sich noch einmal, und ich muß ihr wiederum nach;
es ist keine Hilfe und Abwehr dagegen!“

Auch er stand jetzt auf den Füßen. Ich hatte
ihn nie so schön, stolz und grimmig gesehen. Er
hob wie drohend die gesunde rechte Faust zu dem
schicksalvollen Geäst über uns auf, zu der luftigen
Höhe, in der sie voreinst gehangen hatten, die zwei
Kinder aus dem Vogelsang, in zitternder, wimmernder
Todesangst und im ohnmächtigen, vergeblichen Ringen
mit der Unmöglichkeit, Hilfe zu schaffen.

„Willst Du uns den Brief nicht lesen lassen,
oder vorlesen, Velten?“

Er holte ihn zögernd aus der Tasche, hielt ihn
mir hin und zog ihn rasch zurück.

„Nein! Man muß zu viel zwischen den Zeilen
lesen. Was könnt ihr davon wissen? Du gar
nichts, Karl; vielleicht noch eher etwas der Träumer
Leon da. Es ist aber Unsinn; schade, daß wir nicht
Ihr Fräulein Schwester hier mit uns haben, des
Beaux. Die würde freilich mit ihren lieben, treuen,
klugen Augen am klarsten sehen. Meine Mutter
meint, das Kind sei für uns verloren, der Aff' habe
sich schon zu hoch für den Vogelsang verstiegen und
Mr. Charles Trotzendorff sein Recht an ihn mit
Zinsen genommen. Möglich! Aber was hilft ihre
Überzeugung mir? Ich höre das arme Ding zwischen
seinen lachenden Zeilen kreischen und meinen Namen
rufen wie damals dort oben auf dem Ast. Wie
damals muß ich ihr nach! Aber diesmal wirst Du
nicht zum Nachbar Hartleben um Stricke und
Leitern herunterlaufen dürfen, alter Junge. Ich
hole sie mir aus ihrer Verkletterung diesmal ohne
fremde Hilfe. Niemals habe ich in meinem Leben
etwas so sicher gewußt wie das! Jawohl, wenn
Ihre Schwester, wenn Leonie hier wäre, die würde
mit den rechten, mit meinen Augen zwischen den
Zeilen des albernen Geschmiers lesen und mir den
rechten Waffensegen geben. A la rescousse, mon
preux chevalier! Und somit bleibt es dabei: ich
werde dem fernen Westen nicht bloß als deutscher
Doktor der Weltweisheit, sondern auch als internationaler Reisender in Herrenkonfektion imponiren.
Für ein halbes Jahr müssen Sie mir schon Ihren
Comptoirstuhl im Geschäft Ihres Herrn Vaters überlassen, Messire Leon des Beaux. Bei der Frau
Fechtmeisterin Feucht reden wir demnächst noch das
Weitere hierüber. Jetzt aber sage ich Dir, Krumhardt, sieh Du nicht so dumm aus!“

Drunten im Thal sagte seine Mutter zu mir:

„Der arme Junge! Er hat Dir erzählt, was er
jetzt vor hat, Karl, und es nutzt nichts, ihm dagegen
mit tausend Gründen zu kommen. Und ich lasse
mich leider Gottes nur zu gern mit meinem Besserwissen beiseite schieben. Da liegt der Briefwechsel, den ich mit meinem armen Kinde geführt
habe, die Jahre durch: es ist die gewöhnliche tragische
Posse. Die Welt der Gewöhnlichkeit, der Gemeinheit gewinnt es uns wieder ab, die Firma Trotzendorff behält ihr Recht; aber der Geist Gottes schwebt
zu allen Zeiten über den Wassern und bezeugt sein
Recht auf jede Weise, auch die wunderlichste. Auch
die Illusion gehört eben zu seinen Mitteln, die Erde
grün zu machen und schön zu erhalten, und Dein
närrischer Schulgenoß läßt nicht von seinen Illusionen,
lieber Karl. Er kann das Mädchen noch nicht aufgeben, und er sagt die Wahrheit, wenn er meint,
daß auch sie noch immer nur auf ihn wartet und
nach ihm um Hilfe aussieht. Möchte ich das ändern,
wenn ich's könnte? Nein, nein! Ganz gewiß nicht!
Auch ich halte ja, Gott sei Dank, meine Illusionen
noch immer fest, wenn auch nicht mit seinem lachenden Herzen. Sie ist ja auch in eurer Kinderzeit
zu meinem Kinde geworden, und ich weiß, was sie
werth ist, und unter allen Umständen — ja allen —
werth bleiben wird. Auch wenn sie ihm verloren geht.
Wenn er fern sein wird, habe ich Zeit, mir das, nicht
bloß in schlaflosen, sorgenvollen Nächten, sondern auch
da, an meinem Fensterchen im Sonnenschein, zurechtzulegen. Dein guter, treuer Vater, lieber Krumhardt, sitzt hier jetzt häufiger als sonst bei mir und
erzieht noch wie sonst an mir und meinen Kindern;
jetzt meint er, mein Junge habe nun den ersten
praktischen Einfall in seinem Leben gehabt. Soll
da Unsereine trotz ihrer Sorgen und Ängste nicht
lachen? Euer netter, reicher, junger Freund aus
Berlin, mein lieber Freund, euer Herr Leon, hat
uns auch in dieser Hinsicht einen großen Dienst erwiesen. Er hat ihn, ich meine Deinen guten Papa,
wenigstens zu einem kleinen Theil mit der Unzurechnungsfähigkeit meines Velten ausgesöhnt. Ach
Gott, von welchen Mächten werden wir doch beherrscht und hin- und her gezogen? — ‚Ich hätte den
Burschen nie für so praktisch gehalten und es soll
mich schon freuen, Frau Nachbarin, wenn ich mich
wenigstens zur Hälfte geirrt habe,‘ sagt er, Dein
Herr Vater, seit er in Erfahrung gebracht hat, daß
auch große, wirkliche Geschäftsmänner etwas von ihm
halten und ihn gar auf seinen närrischen Wegen
fördern. Sieh, Kind, ich rede ja nur so offen und
frei mit Dir, weil Du von uns Allen hier im Vogelsang der einzige wirklich Verständige bist und mit
Deinem Herzen und Gemüthe doch auch zu mir und
Helene und Deinem Freunde gehörst — weil Du
zu meinen Vogelsangkindern gehörst! Also nimm Dir
aus dem Unsinn, den ich schwatze, heraus, was Du
dermaleinst vielleicht brauchen kannst, um uns unser
hiesiges Recht, wenn nicht vor der weiten Welt, so
doch vor Dir selber, angedeihen zu lassen. Denn
sieh, eben weil ich nicht an das Glück meines Velten
im Sinne der Welt glaube, so möchte ich gerade
deshalb, als seine arme, angstvolle Mutter, Einen
haben, der in der richtigen Weise, wenn keinem
Anderen, so doch sich selber von uns mit vollem
Verständniß erzählte und sich all unser Schicksal
zurechtlegte.“

Es ist kein größeres Wunder, als wenn der
Mensch sich über sich selbst verwundert.

Wie habe ich dieses Manuskript begonnen, in
der festen Meinung von einer Erinnerung zur andern,
wie aus dem Terminkalender heraus, nüchtern, wahr
und ehrlich farblos es fortzusetzen und es zu einem mehr
oder weniger verständig-logischen Abschluß zu bringen.
Und was ist nun daraus geworden, was wird durch
Tag und Nacht, wie ich die Feder von Neuem wieder
aufnehme, weiterhin daraus werden? Wie hat dies
Alles mich aus mir selber herausgehoben, mich mit
sich fortgenommen und mich aus meinem Lebenskreise in die Welt des todten Freundes hineingestellt,
nein, geworfen! Ich fühle seine feste Hand auf
meiner Schulter und sein weltüberwindend Lachen
klingt mir fortwährend im Ohr. Ach, könnte ich
das nur auch zu Papier bringen, wie es sich gehörte; aber das vermag ich eben nicht und so wird
mir die selbst auferlegte Last oft zu einer sehr peinlichen, und Alles, was ich über den Fall: Velten
Andres thatsächlich in den Akten habe und durch
Dokumente oder Zeugen beweisen kann, reicht nicht
über die Unzulänglichkeit weg, sowohl der Form, wie
auch der Farbe nach.

Als ich als Assessor an unserem heimathlichen
Stadtgericht ihn wieder in Berlin aufsuchte, hatte er
sein Lebensmärchen ferner wieder richtig wahr gemacht und saß über den Geschäftsbüchern des Vaters
des Beaux als der „merkwürdigste Volontär, der mir
jemals vor Augen und ins Comptoir gekommen ist,“
wie der alte liebenswürdige Herr meinte.

„Sie glauben es aber nicht, Herr Assessor,“
fügte er hinzu, „wie mein Sohn an ihm hängt,
aber noch weniger, daß meine Tochter, meine Leonie,
es gewesen ist, die für alle meine Bedenklichkeiten
das Gegenwort hatte und stets behauptete: was der
junge Herr vor habe, sei keine Thorheit, Schnurre
und Grille, sondern er wisse wohl, was er wolle,
und sie würde an seiner Stelle ganz gewiß ganz
Dasselbige wollen. Er will es nämlich versuchen, in den
Vereinigten Staaten sein Glück zu machen, und da
hat er ja auch wohl Recht. Mit unserm deutschen
Doktor der Philosophie würde es da drüben in dieser
Hinsicht wohl etwas langsam gehen. Dergleichen
geistigen Überfluß schickt ihnen das alte Vaterland
schon etwas sehr reichlich hinüber und so ein alter
deutscher Schneidermeister hat vielleicht auch seine
Verbindungen in der neuen Welt und kann einem
armen, strebsamen Teufel möglicherweise eher zu
einem auskömmlichen Unterkommen verhelfen. Als
von einem armen Teufel darf ich freilich meinen
Kindern nicht von Ihrem Herrn Freunde sprechen,
Herr Assessor; also, bitte, erwähnen Sie von diesem
meinen Ausdruck nichts gegen sie. Wir sind eben
eine wunderliche Gesellschaft in diesem Hause, das
Hinterhaus eingeschlossen. Manchmal denke ich, die
einzige Vernünftige von uns Allen sitzt da hinten
hinaus, nämlich diese Frau Fechtmeisterin. Na,
schlägt Die aber auch die Hände über unsern Doktor
zusammen! Sie habe doch in Jena und sonst auf
ihren Universitäten manchen kuriosen Gesellen kennen
gelernt, aber so einen verrückten wie ihren Freund
Andres noch nicht, meint sie. Das einzige Glück ist,
daß sie sich doch nicht ausnimmt, wenn sie von der
Kolonie — der Narrenkolonie redet, die sich hier in
der Dorotheenstraße zusammengefunden habe. Die
Einzige übrigens, die mir bei der Geschichte wirkliche
Sorge macht, Herr Assessor, das ist meine Leonie.
Mein Junge findet sich schon noch zurecht im
praktischen Leben, denn auch dazu haben mir von
der Kolonie, diesmal meine ich unsere französische,
die Anlage unserm Kurfürsten seiner Zeit mitgebracht
und zur Verfügung gestellt. Wird er nicht Kommerzienrath, so wird er doch Kommissionsrath, oder das Geschäft macht ihn dazu, ob er will oder nicht. Aber
das Mädchen — was von eu — unserm deutschen Blut
in das im Laufe der letzten zwei Jahrhundert hereingekommen ist, das entzieht sich vollständig meiner Berechnung. Meinen armen Leon verstehe ich zur Noth
noch ziemlich genau aus mir selber; aber meine
Leonie — lieber Herr Assessor, ich wollte viel drum
geben, wenn ich sagen dürfte, daß ich auch ihren
Sprüngen folgen könnte. Hieße sie nicht noch wie
mir Anderen des Beaux, so merkte es der doch keiner
von uns königlich preußischen Staatsbürgern mehr
an, daß sie auch einer sogenannten Tanzmeisternation entsprungen sei. Ich habe ja gegen den Verkehr mit dem Hinterhause nicht das Geringste einzuwenden; aber etwas zu viel ist's mir doch, daß sie
nur bei der Frau Fechtmeisterin zu finden ist, wenn
man nach ihr fragt und sucht. Ich nenne sie oft
nur la Belle au bois dormante, wenn ich wieder
einen von meinen Jungen oder Leuten habe hinschicken müssen, um sie in das gewöhnliche Leben
heimzuholen.“ — —

Da war wieder der lärmvolle Hof, auf dem die
vornehmsten Rosse der großen Hauptstadt dem berühmtesten Hufarzt und seinen Gehilfen in die Kur
gegeben wurden. Da war wieder der dunkle Eingang
und die steile, enge Treppe, die zu der Frau Fechtmeisterin Feucht und ihrer wechselnden studentischen
Mietherschaar hinaufführte. Die Thürglocke hatte noch
denselben schrillen Klang wie früher, und was die
Thür öffnete, war noch dasselbige ritterliche Zwergenweiblein wie früher, und wer sich am wenigsten verändert hatte, das war die Frau Fechtmeisterin Feucht;
und wie immer mit dem Strickzeug in den Händen
und dem dazu gehörigen Garnknäul unterm linken
Arm: wohin kommen alle die Strümpfe, die solche
liebe, auf dem Altentheil und ihren Erinnerungen
sitzende alte Damen stricken? Von denen, die aus
den Händen der Frau Fechtmeisterin hervorgingen,
hätte es manch ein akademischer Bürger der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin durch manch ein
Semester statistisch ganz genau nachweisen können. —

Sie erkannte mich nicht gleich. Es lagen ja
zwei Staatsexamen zwischen unserm letzten Zusammensein und dem heutigen Besuch.

„Sie?“ rief sie dann. „Also endlich? Wenn
ich nach einem Menschen auf Erden ausgesehen habe,
so sind Sie das.“

Und mir die Thür ihres Stübchens öffnend, schob
sie mich hinein.

„Da haben wir den Zweiten aus dem Vogelsang, Leonie. Jetzt aber auf die Mensur mit mir,
Assessor Krumhardt. Sehen Sie wohl, daß Ihnen
die Schmarre über der Nase daheim bei Ihren Leuten
am grünen Tisch nichts geschadet hat! Und der Andere
Tresenhüpfer und Ellenreiter drunten bei des Beaux
Sohn und Nachfolger! Sie kennen doch Fräulein
Leonie des Beaux noch, Herr Kommilitone?“

O, wohl kannte ich sie noch! Das liebe Mädchen
erhob sich wie sonst aus ihrem Sessel, der absonderlichen, greisen Freundin gegenüber, sie schien mir noch
ruhig-schöner, stattlich-vornehmer geworden zu sein
und lächelte:

„So leicht vergißt man doch wohl seine guten
Freunde nicht, Mama Feucht! Vorzüglich wenn man
aus dem Vogelsang —“

„Nach Berlin kommt und endlich einmal wieder
die weißeste Hand aus dem Roman von der Rose
küssen möchte.“

Sie reichte sie mir, lächelnd, aber nicht zum Kuß,
und sagte: „Hier, Herr Assessor, wie sonst aus der
Schneiderwerkstatt und dem Herzen der Romantik
heraus; seien Sie uns willkommen. Da mit der
alten Treue unser altes, närrisches Spielzeug doch
auch sein Recht bei Ihnen behalten hat, Messire
Charles du Pré-aux-clercs.“

„Von der Schreiberwiese!“ rief ich, die feine
Ironie wohl verstehend. „Jawohl, jawohl, gnädiges
Fräulein! Und der Chevalier sans peur et sans
reproche da unten im Vorderhause hinter den Geschäftsbüchern des Herrn Kastellans, sitzt heute besser
zu Roß auf seinem Dreibein, mit der Feder hinterm
Ohr, als je ein Rittersmann, der in Stahl und
Eisen auszog für das Trecrestien, franc royaume
de France; und die Frau Fechtmeisterin Feucht ist
schon abgef — geschlagen, noch ehe sie sich recht ausgelegt hat für ihr Ritterthum von der Saale.“

„Wenn ein junger Mensch zuerst doch nach Jena
gehörte und vom Hausberge und dem Fuchsthurm in
die Welt hätte hineinsehen müssen, so war das doch
mein Herr Velten,“ seufzte, zugleich verdrossen und
betrübt, die Frau Fechtmeisterin. „O, dies Berlin!
Wie kann ein deutscher Student mit Berlin sein
Dasein anfangen und in Berlin hängen bleiben?
Und noch dazu ein Kind mit solchen Naturgaben wie
dieses, das meinen Seligen zu Rührungsthränen
gebracht haben würde; — trotz seiner lahmen Linken
der beste Schläger, den sie jetzt hier haben, und —
verkriecht sich nun hinter einem Comptoirtisch! Der
Kalk fällt mir darüber von den Wänden.“

„Da hat die Frau Fechtmeisterin Recht,“ lächelte
Leonie. „Die Wände drüben in Ihres Herrn Freundes
Stube, erzählen freilich mit Jammer von den
Triumphen, die dort die hohe Kunst gefeiert hat!
Und versuchen Sie sich nur mit meinem Bruder,
Herr Assessor. Die Welt kehrt sich freilich gänzlich
um: der Schneider geht auf die Mensur, und Germaniens Heldenjugend, wenn nicht auf den Schneidertisch, so doch in die doppelte Buchführung und —“

Eben hatte sich draußen in der Vorsaalthür ein
Schlüssel gedreht und ein Schritt erklang im Gange.
Die junge Dame erröthend und wie erschreckt brach ab
in ihrer Rede.

„Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M'empêchez de voir
Ma mi' Madelon,“

klang es draußen aus einem französischen Volksliede,
das uns vordem Leonie des Beaux in ihrem Salon
im Vorderhause dann und wann zum Flügel gesungen hatte.

„Da haben mir ja die Tafelrunde aus den
Contes de ma mère l'Oie wieder einmal beinahe
vollständig beisammen,“ rief Velten Andres; und
ich sehe ihn wieder vor mir in seiner Pracht, wie
man sich in der Jugend den Lord Byron und im
Alter den jungen Goethe vorstellt. Mit dem kecken,
lachenden, siegessicheren Auge und dem Schelmenzug
um den Mund — den Liebling der Götter und des
Vogelsangs, den Weltüberwinder von Leichtsinns
Gnaden. Ich habe ihn nie so wieder gesehen wie
jetzt unter den Trophäen der Frau Fechtmeisterin
Feucht, wo er uns nunmehr wie ein Kind von seinen
Plänen für die nächste Zukunft sprach, als von dem
Selbstverständlichsten, was auf dieser Erde von Jedermann vorgenommen werden könne.

Er schob es Alles aus dem Wege, was ich einzuwenden hatte; — die alte ritterliche Frau und
Leonie hatten keine Waffen gegen ihn: das schöne
Mädchen übrigens auch keine anderen als ihre
melancholisch scheuen, ihre großen, sehnsüchtigen
Augen, die ihre liebe Gewalt nur hinter seinem
Rücken kundgeben konnten und von deren ihm gehörenden Wunderreichthum er nichts wußte.

Wir waren sehr „heiter“ an dem Morgen, vorzüglich als auch Leon, der um diese Lebensstunde
zu der elegantesten Tiergartenritterschaft der jungen
Weltstadt gehörte, in Stiefeln und Sporen dazukam.

„Als ich vorhin von Ihrem dreibeinigen Roß
hinter Ihrem Pult mich herabschwang, lieber Freund,
habe ich doch auch eine Genugthuung gehabt,“ sagte
Velten. „Ihr Papa hat mich auf die Schulter geklopft und gemeint: ‚Sehen Sie, cher ami, nicht
bloß Ihre Herren Professoren können Vorlesungen
halten und Examina anstellen und Diplome verleihen,
auf welche hin selbst so 'n Belletriste wie Sie sich
durch die Welt schlagen und es in ihr zu etwas bringen
kann. Meinem eigenen Jungen sind Sie wahrhaftig
schon um mehrere Nasenlängen vor im Weltverständniß. In einem halben Jahre schicke ich Sie
dahin, wohin ich ihn befördern wollte, offen gestanden, Herr Andres, um ihn Ihren übeln Einwirkungen
zu entziehen. In Tailor made suits drüben überm
Ocean Ihr deutsches Gemüth zur Sache hinzugethan,
und Sie können dreist dort den Laden aufmachen,
wie hier am Ort mein Großpapa, Monsieur Raymond Guy des Beaux, dessen Papa, wie wir in
unserm Familienarchiv haben, dem alten Fritz nach
Kunersdorf auf den Ruinen von Küstrin im Chorrock
und Bäffchen französisch predigen und ihn trösten
durfte“.

Wie Schade, wie Schade war es, daß er auch
jetzt von den Augen, die ihn aus dem Verborgenen
auf allen Wegen und bei allen Worten begleiteten,
nichts wissen sollte, nach dem Willen des Geschicks!

Wir haben, seit ich angefangen habe, diese Akten
des Vogelsangs zu kollationiren, das bekommen, was
man einen schönen Winter nennt — erfrischenden,
jahreszeitgemäßen Frost, wenig Heulstürme, aber viel
Schnee. Auch in der Nacht, in der ich jetzt weiter
schreibe, schneit es wieder. Unaufhörlich rieselt seit
dem Nachmittag das weiße Gewirbel nieder und macht
die Erde still, glatt und rein. Wenn ich ans Fenster
und nach der nächsten Gaslaterne hinübersehe, kann
ich mich nur schwer von dem schönen Schauspiel losreißen; von allen Naturerscheinungen bringt der
Schneefall (vom warmen Zimmer aus gesehen) die
behaglichsten Bilder und Traumminuten mit sich. Der
Schnee wärmt. Ich kenne Leute, egoistische Zärtlinge,
die es sich behaglich vorstellen, von ihm zugedeckt,
als haus- und heimathloser, hungriger Wanderer auf
der Landstraße müde einzuschlafen und sich aus der
ungemüthlichen, bitteren Wirklichkeit sanft hinauszuträumen.

Erhebt euch, ihr Thäler,
Sinkt nieder, ihr Höh'n;
Ihr hindert mich ja
Meine Liebste zu sehn; —

Wie kommt es nur, daß mir das alte welsche Lied,
schön wie irgend ein deutsches — den ganzen Abend
durch nicht aus dem Sinn will? Daß ich es immer
von Neuem summen muß, während der Schnee fällt,
die Thäler ausfüllt und die Berge niederdrückt, indem
er sich weiß, farblos auf sie legt?!

Es ist nun schon lange Jahre her, seit uns
Leonie des Beaux das Lied in der Dorotheenstraße
zu Berlin zum ersten Mal sang. Die hohen Berge,
die tiefen Thäler, die weiten Meere der Erde haben
es nicht verhindert, daß Velten Andres und Helene
Trotzendorff wieder zusammenkamen; sie sind auch
nicht Schuld daran gewesen, daß sie sich nicht wiederfanden für das Erdenleben.

Der Jugendfreund aus dem Vogelsang hat sein
Wort gehalten, daß er von dem Mädchen nicht lassen
werde, daß er ihr nachsteigen werde, wohin sie sich
auch verklettert haben möge, daß er aber freilich jetzt
nicht mehr den Freund aus dem Nachbarhause zu
Thal laufen lassen werde, um den Vogelsang zur
Hilfe heraufzurufen auf den Schluderkopf.

Er war vor dem Beginn seiner Weltfahrten
nur noch einmal zu Hause, um Abschied von seiner
Mutter und uns zu nehmen. Ich ging damals auch
schon auf Freiersfüßen, und da weiß man ja, wie
das dann geht mit dem verliebten jungen Menschen
und seinen Gefühlen für seine liebsten und treuesten
Schulbankgenossen. Ihre Sorgen und Hoffnungen,
Leiden und Freuden sind wahrlich um solche Lebensstunde nicht mehr die unsrigen. Mit einem: „Na,
dann mach's gut, Alter!“ ist der Abschied, auch unter
den besten Freunden, an einer Straßenecke, am
Bahnhof oder auf einem Hafenkai rasch abgethan.
Es ist eine Seltenheit — (immer unter besagten Umständen!), daß einem von beiden, dem Orest oder
dem Pylades, dem Kastor oder dem Pollux, dem
David oder dem Jonathan die Cigarre der Rührung
wegen ausgeht, und ist es ausnahmsweise mal der
Fall, so ist der Bewegteste, und das ist fast immer
der Zurückbleibende, im Stande, den Scheidenden um
Feuer zu bitten. —

Es war diesmal nicht mehr die ganze Nachbarschaft, welche diesem Scheidenden nach dem Bahnhof
das Geleit gegeben hatte. Meine greisen Eltern fühlten,
kopfschüttelnd, nicht die Verpflichtung dazu. „Es ist
doch zu sehr eine Narrenfahrt und ich bezweifle, daß
ich sowohl dem Jungen wie der Alten das für die
Gelegenheit gewünschte Gesicht ziehen kann,“ hatte
mein Vater gesagt; und meine Mutter hatte gemeint:
„Ich glaube auch nicht, daß Amalie dieser Aufmerksamkeit und Antheilnahme von unserer Seite bedarf.
Hat sie sich jemals im Guten und im Bösen das Geringste von uns sagen lassen? Sie haben eben Beide
immer ihren eigenen Kopf.“ —

Was bedeuteten diese Blätter, wenn ich nicht
wahr auf ihnen wäre? Im tiefsten Grunde war
ich vollständig der Meinung meiner Eltern — so lange
sie das Wort hatten und Vernunft sprachen, und
verfiel ebenso gründlich immer von Neuem schon der
wortlosen Überredungskraft der zwei Anderen aus
der nächsten Nachbarschaft. Es genügte schon vollständig, daß Velten mich lachend auf die Schulter
schlug und seine Mutter dabei mir zunickte. Eindringlicher war's natürlich, wenn die weise alte Frau
noch hinzufügte:

„Höre ja nicht auf den Narren, Freund Karl.
Bleibe Du ruhig auf Deinem Wege und halte die
Welt aufrecht; nicht bloß hier im Vogelsang, sondern
auch für den Vogelsang!“

So war es auch bei dem diesmaligen Abschiednehmen auf dem Bahnhofe. Der Lebensmuth und die
Siegesgewißheit des scheidenden Freundes überwältigten das nüchterne Besserwissen, das ich noch mit
dorthin genommen hatte, völlig. Und als mir Velten
noch sagte:

„Ich verlasse mich fest darauf, daß Du mir gewißlich meine Stelle bei der Alten vertrittst und Dich
ihrer gegebenen Falls nach Kräften annimmst,“ da
konnte ich mich nur fragen:

„Ja, wird das möglich sein und je nöthig werden können?“

Ich versprach es aber, wahrhaftig mit feuchten
Augen und stockendem Herzen — mit dem besten
Willen, seinen Platz am Herde meines Nachbarhauses
festzuhalten und die „alte Frau“ nicht einsam dort
sitzen zu lassen, während er seine Siege in der Welt
erfocht. —

Wir sahen ihn abfahren, wie damals Helene
Trotzendorff. Es war eben ein anderer Zug, ein
Vergnügungszug, angelangt und ein Gewühl aufgeregten und dem Anschein nach sehr vergnügten Volkes,
das unserer Stadt und ihrer hübschen landschaftlichen
Umgebung seinen Besuch zugedacht hatte, quoll uns
daraus entgegen. Der Morgen war schön, die Sonne
schien, ein fröhlicher Schenktisch war von einem sorglichen Komitee errichtet worden, die fremden Liedergenossen oder Sangesbrüder kamen nicht nur mit
ihrem musikalischen Hoch, sondern auch mit viel Durst
bei uns an und eine einheimische Blechmusikbande
brach mit schmetterndem Hall zum Willkommen los:
die Stadt und Residenz hatte sich sehr vergrößert und
verschönert seit dem Tage, an welchem Mr. Charles
Trotzendorff sein Weib und sein Kind aus ihr weg
und zu sich holte, und der jetzige Bahnhof, von
welchem ich nun die Frau Nachbarin, die Mutter des
Freundes, nach Hause führte, stand damals auch erst
auf dem Papier und lag noch auf den Tischen der
fürstlichen Landesbaudirektion. —

Die „Frau Doktorin“ hatte ihren Arm in den
meinigen gelegt, und sie, die bis in ihr höchstes
Alter hinein einen leichten, schwebenden Schritt gehabt hat, bedurfte auf diesem Heimwege doch einer
Stütze; ich wiederholte mir im Innersten das Versprechen, welches ich dem Freunde gegeben hatte.

Als wir das Getümmel hinter uns hatten, sah
sie sich wie erschreckt um, wie man sich umsieht, wenn
man etwas sehr Wichtiges hinter sich vergessen, oder
etwas sehr Werthvolles verloren zu haben glaubt. Dann
aber faßte sie meinen Arm mit beiden Händen, indem sie stehen blieb, zu mir glanzvoll aufsah und rief:

„Und das mußt Du doch selber sagen, bester
Karl, daß ihr Alle bis jetzt ihm gegenüber doch immer
Unrecht behalten habt! O, bitte, sprich mir nicht
dagegen! Ich habe meine Lust an ihm, meinen
Glauben an ihn, meine Hoffnung auf ihn, von jetzt
an freilich nöthiger denn je. O ihr Alle, Alle! Wir
sind so gute Nachbarn gewesen unser ganzes Leben
lang — laßt es uns bleiben — wir sind ja nur
noch so wenige beisammen! Sieh, das ist nun mein
dummer phantastischer Kopf: jetzt ist es doch wieder
ganz anders mit der Welt in Licht und Farbe, als wie
es noch vor fünf Minuten war! Da sah ich ihm noch
in die Augen und mit seinem Sieg über die Welt
auch den meinigen drin. Diese entsetzliche Blechmusik da hinter uns! . . . Wie die Leute doch so
vergnügt sein können und so geschäftig-eilig! Bitte,
laß uns etwas rascher gehen! — Wozu denn
dieser Lärm, diese fürchterliche Eile in der Welt?
Wie wird er darin zurechtkommen? Er hat das ja
leider von mir, daß er es mit nichts, wie andere
Leute, eilig hat und sich Zeit zu Allem nimmt, und
gern allein für sich sitzt, wie seine thörichte alte
Mutter. O bitte, sage es auch Deinen Eltern, bitte
sie, daß sie mich fürs Erste wenigstens allein für mich
lassen, bis ich mich wenigstens etwas wieder in mir
zur Ruhe gefunden habe. Mein Gott, sind wir
Mütter schuld daran, wenn wir unseren Kindern
unser Bestes mit auf den Weg geben und sie elend
dadurch machen? Wenn wir uns getäuscht hätten!
Es wäre zu trostlos, wenn er seinen Willen durchsetzte und den meinigen mit, und es doch nichts
weiter als ein Märchengespinnst, ein höhnisch-hübsches
Schattenspiel an der Wand wäre! Wenn er mir
das Kind heimbrächte und es doch seine Lebensbedingungen drüben hätte! Komm rasch — rasch nach
Hause, bester Junge. Der Strauß pflegt seinen Kopf
in den Sand zu stecken und die alte Doktern Andres
steckt ihren in den Vogelsang. Aber bitte, halte mir
für die nächste Zeit Deinen lieben, guten Vater vom
Leibe! Ist das nicht der Nachbar Hartleben, der sich
dort in seinem Rollstuhl in die warme Sommerluft
fahren läßt? . . . Jawohl, Nachbar, er läßt Sie
vor allen Anderen noch einmal herzlich grüßen, und
Sie thun mir einen Gefallen, wenn Sie sich heute
Abend noch auf ein Stündchen zu mir herüberschieben
lassen, daß wir noch ein wenig über ihn zusammen
schwatzen können. Wir Zwei müssen jetzt mehr denn
je treulich und fest zusammenhalten, Herr Nachbar.“

„Jawohl, Frau Nachbarin! Zumal da ich heute
mein Grundstück meiner kümmerlichen Gesundheitsumstände wegen abgegeben habe, bis auf das Haus
und den Morgen Gartenland dabei, um doch wenigstens noch ein bißchen was Grünes vom Fenster aus
im Auge zu haben. Das wird eine großartige Konservenfabrik gerade Ihnen gegenüber, Frau Doktern.
Ja, ja, die Welt verändert sich um Einen her, ohne
daß man es eigentlich merkt, wie das ja auch in der
Bibel steht. Hat mir recht leid gethan, Frau Nachbarin, daß ich unseren Herrn Velten nicht mit nach
dem Bahnhofe bringen konnte, zumal wie diesmal
vielleicht auf Nimmerwiedersehen, denn davon hilft
uns Niemand, Frau Doktern, die Jüngsten sind wir
Alten hier im Vogelsang nicht mehr, und was Einem
drüben über dem großen Wasser Alles passiren kann,
davon liest man ja tagtäglich das Menschenmöglichste
von Glück und Unglück in der Zeitung. Na, ist der
Lump — nichts für ungut, liebe Frau — dorten
ein allmächtiges Thier und unzähliger Millionär geworden, da wird's unser junger Herr ja auch wohl
machen; und wenn der mal, und vielleicht gar noch
dazu mit einer jungen Frau heimkommt, dann stellt
sich Das, was vom Vogelsang noch vorhanden ist,
sicherlich auf die Zehen und bringt ihm ein musikalisches Hoch, dreimal doller, als wie das, womit sie
da eben wieder mal vom Bahnhofe in die Berge
ziehen. Aber wie es ausfallen mag, dabei bleibt's,
Frau Nachbarin, wie sie uns auch den Vogelsang
verbauen mögen: die Aussicht zwischen uns auf einander sollen sie uns nicht verbauen. Er hat auch
mir versprochen, mal an mich zu schreiben, mein
ewiger Sappermenter, unser Tausendsasa! Ich habe
ihn so manches Mal auf den Trab bringen müssen,
und sein Mädchen, ich meine die kleine Himmelskröte
aus meiner Erkerwohnung, mit, und zwar nicht immer
mit den lieblichsten und höflichsten Worten. Aber
winken Sie mir nur mit einem Briefe von ihm,
Frau Doktern, ich lasse mich 'ranrollen mit meinen
jetzigen verdammten gichtbrüchigen Knochen und
heule mit Ihnen oder reibe mir die Hände mit
Ihnen, wie's ihm beliebt und er sich sein Leben bei
den Antipopoden einrichtet. Daß da wieder eine
Kuriosität herauskommt, das steht mir baumfest.
Diese Gewißheit ist mir doch natürlich aus meiner
Bekanntschaft und Freundschaft mit ihm herausgewachsen, wie je ein Stamm da oben in meinem
Waldeigenthum, und da kann ich mich wirklich schon jetzt
vor dieser neuen Fahrt im Geist mit meinen Gedanken
verklettern und mir die Frage stellen: was wird das
unsinnige Menschenkind nun jetzt wieder anstellen?
Na, na, liebste, beste Frau Nachbarin, jetzt machen
Sie mir kein böses Gesichte! Den Trost haben wir
doch jedenfalls aus tausendfältiger Erfahrung: Neun
Leben hat ihm ja auch die Mutter Natur mitgegeben.
Sie mögen ihn Alle besser kennen als ich; aber wenn
ihn Einer ganz genau kennt, so ist das der alte Hartleben, denn wie oft bin ich hinter dem Burschen hergewesen, mit der hellen Wuth über ihn, dem ersten
besten Knüppel und Holzscheit, oder mit beiden Händen
vor dem Bauche, um mir mein Pläsirvergnügen an
ihm zusammenzuhalten und es den Spitzbuben nicht
zu sehr merken zu lassen. Jawohl ist Dem keine
Mauer, hinter der es für ihn in allen fünf Welttheilen was zu holen giebt, zu hoch. Und was die
Mauern anbetrifft, durch die man auf Erden vor
Verdruß mit dem Kopfe rennen möchte, na, die rennt
er eben ein oder weiß auch 'nen Weg um sie herumzufinden, wovon ich ebenfalls hier im Vogelsang und
auf meinem seligen Grundstücke die allermöglichsten
Erfahrungen habe. Also machen Sie sich nur nicht
zu viele Sorgen um ihn, Frau Nachbarin. Mit Dem
hat's keine Noth, ob er als ein reicher Mann wie der
Halunke Karlchen Trotzendorff uns nach Hause kommt,
oder ob er eines Abends anklopft und sagt: ‚Da
bin ich wieder, Herr Hartleben; es ist mir diesmal
nicht geglückt und es wäre mir ein Gefallen, wenn
Sie diese Nacht einen Platz auf dem Stroh und
morgen früh einen Tausendmarkschein zum neuen
Anfangen für mich hätten.‘ Aber zu dem Letzteren noch
Eines zu Ihrem Trost, Frau Doktern! Wenn Einer
hier im Vogelsang im Stillen auf Ihren Herrn Sohn
gepaßt hat, so bin ich das und weiß: er klopft niemalen so an. Ein Kopfkissen auf dem letzten Stroh
müßte man dem schon mit vielen Finessen und Höflichkeiten ankomplimentiren. Der junge Satan
hatte das weichste Herz hier im ganzen Vogelsang —
nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich auch vor
Ihnen so rede, Herr Karl, Herr Assessor! — aber
wenn es Dem einmal gefriert, so wird ein Eisklumpen
draus, mit dem man der ganzen Menschheit den
Hirnkasten einschmeißen könnte! Und nun nehmen
Sie es nicht übel, Frau Nachbarin und Herr Krumhardt, daß ich Sie so lange aufgehalten habe, aber
ich habe ja heute auch von einem Eigenthum Abschied
genommen, das mir mein ganzes Leben durch ans
Herz gewachsen gewesen ist, und so bin ich denn bei Ihnen
mit auf dem Bahnhofe in Gedanken gewesen, mehr
als ein Anderer hier im Vogelsang, und weiß Sie
zu erkennen, liebste Frau Nachbarin. In früheren
Jahren hätten Sie mir ein Wort wie mein jetziges
nicht angesehen und geglaubt, Herr Assessor. Da
hatten Sie wohl nur gelacht über den Nachbar Hartleben, den alten Grobian. Aber so in einem solchen
Jammerrollstuhl, da hat es sich was mit der Menschen
Arm- und Beinkräften und gesunder Lunge; da schenirt sich auch Unsereiner nicht, mit seinen intimeren
Meinungen herauszugehen; und nun, Herr Assessor,
sehe ich, daß die Frau Doktern am liebsten mit ihren
Gedanken allein sein möchte, also bringen Sie sie
still nach Hause und grüßen Sie auch Ihre Eltern.
Ich als neugebackener Rentner lasse mich noch ein
Stück um die Promenade kutschiren — Herr Gott, wer
mir dies Vergnügen noch vor fünf Jahren prophezeit
hätte! Recht guten Morgen, liebe Herrschaften . . .“

So bringe ich es zu den Akten, wie der Vogelsang sprach, indem ich hundert Worte in eines ziehe,
während der Schnee der heutigen Winternacht unablässig weiter herabrieselt. Und ich muß dabei die
linke Hand übers Auge legen, während ich schreibe;
als ob mir die Sonne zu hell und blendend drauf
läge. Es ist nicht das und ist es doch. Was trübt
das Auge mehr als der Blick in verblichenen Sonnen- und Jugendglanz?

Ich habe sie häufig in meinem Berufe zu suchen,
die Verschollenen in der Welt; sie zu einem bestimmten Termin zu citiren und sie, wenn sie nicht
erscheinen, für todt zu erklären und ihren Nachlaß
den Erben oder dem Fiskus zu überantworten.
Meistens ist es armes kümmerliches Volk, das so
verloren geht und gesucht werden muß, doch von
Zeit zu Zeit ist da auch Einer oder Eine verschollen,
auf deren Wege auch den abgehärtesten Beamten
die Phantasie und das Bedürfniß des Menschen,
Wunder, wenn nicht an sich, so doch an Anderen zu
erleben, unwiderstehlich nachlockt.

Das ist nun bei meinem Freund Velten Andres
nicht im mindesten der Fall gewesen. Von Mysterien
und Romantik habe ich nicht das Geringste zu notiren. Er ist stets mit uns in Korrespondenz geblieben, hat alle Verkehrswege via Southampton,
Bremen und Hamburg, ja auch den unterseeischen
Telegraphen benutzt, um in möglichster Verbindung
mit dem Vogelsang zu bleiben. Ich bin eben in
seinem Leben über nichts im Dunkeln geblieben, als
— über ihn selber. Das war ja aber nicht seine
Schuld! Diese lag hier nur an mir, und solches
ist öfters der Fall als die Leute glauben.

Schreibe ich übrigens denn auch nicht jetzt nur
deshalb diese Blätter voll, weil ich doch mein Möglichstes thun möchte, um mir über diesen Menschen,
einen der mir bekanntesten meiner Daseinsgenossen,
klar zu werden? Aber es ist immer, als ob man
Fäden aus einem Gobelinteppich zupfe und sie unter
das Vergrößerungsglas bringe, um die hohe Kunst,
die der Meister an das ganze Gewebe gewendet hat,
daraus kennen zu lernen.

Wenn je ein Mensch für das Leben unter allen
Formen und Bedingungen ausgerüstet war, wenn je
einer das Seinige dazu gethan hatte, sich seine Schutz- und Angriffswaffen zu schmieden, so war das Velten
Andres. Mit allen den Vorzügen und Tugenden
begabt, die Ophelia aufzählt und von denen der
dänische Prinz so schlechten Gebrauch machte, ging
er wahrlich nicht von „Wittenberg“ nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und später seines
Weges weiter.

Man hat einen guten Ausdruck dafür, wenn
Einem das mühelos oder anscheinend mühelos zufällt, um was Andere sich sehr quälen müssen. „Es
fliegt ihm an“, sagt man, und beneidet den Glücklichen, zuckt auch wohl bedenklich die Achseln dabei
und zieht „im Ganzen ein solides Sitzfleisch doch vor“.
Letzteres hat auch seine Vorzüge und nimmt seinen
gebührenden Platz später im Lehnstuhl am warmen
Ofen, oder in der Julisonne fröstelnd, aber behaglich
mit vollstem Recht ein. Er, mein Freund, ist in
seinem kurzen Leben Alles gewesen: Gelehrter, Kaufmann, Luftschiffer, Soldat, Schiffsmann, Zeitungsschreiber — aber gebracht hat er es nach bürgerlichen
Begriffen zu Nichts und ich kann es auch nicht zu
diesen Akten beibringen, daß er sich je um etwas
Anderes die richtige Mühe gegeben habe, als um das
kleine Mädchen aus dem Vogelsang, die heutige
Wittwe Mungo aus Chicago. —

Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M'empechez de voir
Ma mi' Madeion. —

Es läuft immer auf, wenn auch melancholische,
so doch nüchterne Nachüberlegung hinaus; aber auch
an diesem Abend muß ich wieder seufzen: Wie
anders hätte doch sein Leben werden können, wenn
er ein Ohr gehabt hätte für die süße Stimme aus
der Heimath und Augen für die tiefen, treuen,
traurigen Blicke, die scheu, angstvoll, verstohlen ihm
hier folgten und so gern bis zum Ende, mochte das
auch werden wie es wollte, über ihn gemacht hätten.

Mit dem Hause des Beaux, das heißt dem
alten Herrn und Freund Leon ist er übrigens im
regen Verkehr geblieben; und wenn er einmal wie
des Spaßes wegen, als ein recht wohlhabender Mann,
für Deutschland wenigstens, aufgetreten ist, so ist ihm
wirklich das zum größten Theil angeflogen aus dem
großen Geschäft in der Dorotheenstraße zu Berlin.
Daß Religiosität und Geschäftssinn nicht feindliche
Geschwister sind, hat nicht allein das Haus Israel
bewiesen; auch die frommen Vertriebenen, die auf
der Mayflower „drüben“ landeten, haben das ebensowohl bewiesen, wie diese alten Hugenotten des Edikts
von Nantes in der Mark Brandenburg. Und sie
reichen sich auch heute noch die Hand durch die
ganze Welt: Synagoge, Kirche und Börse! Das
Haus des Beaux konnte einem Freunde schon
Empfehlungsbriefe nach New York oder New Orleans
mitgeben, die ihm die Wege ebneten und seinen Aufstieg erleichterten, selbst wenn er nur kam, um zum
zweiten Mal den Versuch zu machen, ein armes
Mitgeschöpf aus der Verkletterung herabzuholen,
sonst aber sich wenig aus den Herrlichkeiten der Zeitlichkeit machte.

Es ist ihm zum zweiten Mal nicht gelungen,
und mit der Hilfe aus dem Vogelsang war diesmal
gar nichts gethan. Was half es, daß ihm, wie ihm
damals der alte Hartleben mit Leitern und Stricken
beisprang, jetzt seine Mutter ihre auch in Sorgen,
Angst und Kummer immer sonnigen Briefe schrieb
und die seinigen, nach seiner Weise, immer scherzhafter,
immer lustiger, immer siegesgewisser wurden, je tiefer
er „in den Quark hineinwatete“ und in der Puppenkomödie die Fäden mit ziehen half? Sie spielten sich
da nur selber eine liebe rührende Komödie vor, die,
was die Nachbarschaft anging, Niemand zum Lachen
oder Lächeln brachte.

„Ich hätte es nie geglaubt,“ sagte mein Vater sehr
ernsthaft, „der Mensch scheint sein bisheriges Narrenwesen doch nicht ganz unnützlich getrieben zu haben.
Da hält mich eben, auf dem Wege vom Gericht her,
der Prokurist von Seligmacher und Söhne mit einem
Privatbriefe von drüben, aus der Firma Charles
Trotzendorff und Kompagnie, weißt Du, Mutter,
unserm Karl Trotzendorff, an und darin ist von ihm,
ich meine dem Jungen drüben, in einer Weise die
Rede, die ich niemals für möglich gehalten haben
würde. Der poetische Hanswurst scheint völlig ins
Gegentheil umgeschlagen zu sein. Ja, er scheint sich
eine Stellung in der dortigen Litteratur gemacht zu
haben und an einem Handelsblatt in einer Art sein
Maulwerk schriftlich bethätigt zu haben, daß es ihm,
wenn auch wohl nur zufällig, die Bekanntschaft und,
wie es scheint, Achtung eines ihrer Allergrößesten
dorten, nämlich was das Geld anbetrifft, zugezogen
hat. Das wäre denn ja recht gut und erfreulich und
so wird er sich darein ergeben, daß es mit dem
Mädchen, der jungen Dame nichts geworden ist. Bei
Seligmacher und Söhne haben sie heute morgen von
der Familie drüben, ich meine die Trotzendorffs, die
Verlobungsanzeige der Tochter zugeschickt gekriegt.
Du mußt doch mal zu der Nachbarin hinübersehen,
ob die schon was Genaueres weiß und wie sich der
Junge jetzt zu der Sache verhalten wird. Doch
dieses nur beiläufig. Ich war auch bei Arnemann;
— er ist nicht mehr abgeneigt, auf meine Bedingungen
einzugehen. Man trennt sich ja zwar nicht gern von
der hiesigen Gemüthlichkeit, aber es hat sich doch allmählich zu viel hier im Vogelsang um uns her
verändert. Die Fabrik auf Hartlebens Grundstück
versperrt mir den letzten Blick auf den Osterberg,
und dann halte ich es auch für unsern Assessor besser,
daß ihn unter jetzigen veränderten Lebensverhältnissen
die Residenz nicht hier unter den kleinen Leuten aufsuchen muß. Ich meine, Mutter, wir machen in
nächster Woche den Kontrakt über den Verkauf von
Haus und Garten perfekt.“

„Wenn Du meinst, Krumhardt,“ sagte meine
Mutter mit zitternder Stimme.

„Ich meine, daß mir diese freilich ernste Sache
schon so reiflich überlegt haben, daß wohl wenig
mehr dazu zu sagen ist. Was giebt es denn eigentlich noch, was uns hier festhalten könnte? Schon
der Schatten allein, den mir da hinten die neue
Feuermauer auf meine Rosenplantage wirft, verdirbt
mir das ganze Pläsir an der Liebhaberei. Mit dem
Kaffeetisch im Garten unter diesen Fabrikgerüchen
ist's auch nichts mehr. Unsere Plätze im letzten
Grün des Vogelsangs haben wir sicher auf dem
Papier bei der Friedhofverwaltung. Also, Junge,
Karl, Herr Assessor Krumhardt, es bleibt dabei;
der alte Pelikan hackt sich noch mal die Brust seiner
Nachkommenschaft wegen auf. Wir ziehen in die Stadt,
der veränderten Verhältnisse wegen. Laß es mich
erleben, daß ich an Dir einen herzoglichen Regierungsrath herangezogen habe, so soll es mir auch nicht
darauf ankommen, auf meine Rosen- und Aurikelnzucht zu verzichten. Man kann auch im Nothfall an
den Hyazinthen und Geranien seine Befriedigung
finden, und dafür, denke ich, mein Sohn, wirst Du eben
immer, wie für Deine alten Eltern, ein sonniges
Gelaß in Deinen neuen Gesellschafts- und Wohnungsverhältnissen übrig haben. Die Gelegenheit in der
Archivstraße, die Mutter und ich uns zum Beispiel
neulich angesehen haben, hat nach hinten heraus und
doch nach der Sonnenseite ein Altentheil, was für so
einen subalternen quieszierten Obergerichtssetretär
mit so einem, ihm Freude machenden Sohne — jetzt
kann ich Dir das wohl sagen, mein Junge! — paßt,
als ob der Bauherr seiner Zeit ihn mit seinen Bedürfnissen eigens dafür ins Auge gefaßt hätte. Nicht
wahr, Mutter, wir finden uns schon, unserm Jungen
zuliebe, in die veränderten Verhältnisse?“

„Ja, ja, ja! obgleich es mir doch schwer ankommen wird,“ schluchzte die gute alte Frau. „Freilich
rückt uns hier das Neue zu arg auf den Leib, und
wo man aus dem Fenster guckt, ist es das Alte nicht
mehr; aber weißt Du, Mann, es wird mir doch sein
als wie damals, wo man den Sargdeckel auf unser
kleines Mädchen legen wollte und ich auch nicht
glauben konnte, daß es möglich und nöthig sei. Kein
eigenes Waschhaus mehr und keinen Platz zum
Wäschetrocknen im eigenen Garten! Aber es ist ja
richtig, das schlechte Tanzlokal, das da dicht an
unserer grünen Hecke aufgewachsen ist, paßt nicht
einmal mehr zu unseren Verhältnissen, also zu unserm
Karl seinen gar nicht. Und Du hast Recht, Krumhardt,
die Eltern sind dazu da, daß sie ihre Kinder in die
Höhe bringen und in immer bessere Gesellschaft, bis
in die beste, wenn's möglich, und das ist freilich hier
im Vogelsang niemals möglich gewesen, also — wie
Gott will. Ich habe mich in so Vieles im Leben
finden müssen und werde mich auch hierein finden.
Das Kind wird es ja auch, und vielleicht auch mit
seinen Kindern einsehen, was Vater und Mutter an
ihm gethan haben und es ihnen noch in ihrem Grabe
gedenken.“

Nun hätte ich noch einmal hiergegen einreden können, um die Sache in die rechte Beleuchtung zu rücken; aber was würde es geholfen
haben? Wahrhaftig, ich bin es nicht gewesen, der
die zwei treuen, wackeren Seelen mit ihren Wurzeln
aus dem Boden hob und sie so in ihren greisen
Tagen in ein fremdes Erdreich versetzte! Ihre liebe
menschliche Thorheit war's, die da Pflicht, Pflichten,
Vorzug, Gewinn, Ehre, Lob, Ruhm und Glück sah,
wo die übrigen Millionen unserer Brüder und
Schwestern im Erdenleben — ebendasselbe sahen.
Sie hatten ihren Kopf darauf gesetzt, daß der Vogelsang nicht mehr zu ihnen „passe“, und sie nicht zu
dem Vogelsang.

„Aufgesetzt ist der Kontrakt, Frau,“ sagte mein
Vater, „und wenn es Dir recht ist, kann Arnemann
heute noch zur Ausfertigung und Unterschrift kommen,
zu einem ruhigen Schlaf kommen wir jetzt doch nicht
anders mehr.“

Meine Mutter ist also an diesem Tage nicht
mehr bei der Nachbarin Andres gewesen, um das
Genauere über das Privatschreiben aus Amerika an
Seligmacher und Söhne und Velten und Helene
Trotzendorff zu hören, ihre Theilnahme zu beweisen
und, wenn möglich, Trost zuzusprechen. Ich aber
habe mich gegen Abend noch einmal durch das Schlupfloch aus unserer Kinderzeit, das wunderreiche, damals
freilich längst wieder zugewachsene Schlupfloch in der
lebendigen Hecke zwischen den Nachbargärten gezwängt
und die alte Thürklinke, deren Griff Einem seit
Menschengedenken so häufig in der Hand blieb, von
Neuem aufgedrückt, um hier, bei der Frau Doktorin,
wo die Welt sich doch eigentlich am meisten verändert
hatte, mich an das sonnig unverwüstlich Bleibende
im Wechsel der Witterung des Erdentages zu halten.
Ich fand die Frau Doktorin allein im Vogelsang
über ihrem Brief aus den Vereinigten Staaten.

Die Abendsonne schien der Nachbarin in das
Fenster, als ich mit sorgendem schwerem Herzen zu ihr
kam, und sie hatte auch geweint, die Frau Nachbarin
Andres. Die elegante Karte, die mein Vater bei
Seligmacher und Söhne gefunden hatte, und auf
welcher Mr. and Mrs. Mungo sich allen Freunden
und Bekannten in den Vereinigten Staaten als miteinander für Glück und Unglück, für Gesundheit und
Krankheit, für Leben und Tod Verbundene empfahlen,
lag auch auf dem Nähtischchen der Frau Doktorin,
und der Begleitbrief Veltens daneben.

Die Mutter des Freundes reichte mir ihre Hand,
nachdem sie ihr feuchtes Taschentuch zwischen die
Blumentöpfe in ihrer Fensterbank geschoben hatte,
und sagte: „Sieh, das ist freundlich von Dir, Karl.
Wenn sich die Welt um Einen her verändert, hält
man sich am besten an die Jungen aus seiner alten
Bekanntschaft, an die, welche ihr Recht noch vom
nächsten Tag erwarten, lustig in der neuen Fluth
schwimmen, und aus ihrem jungen Recht an die
Zeit den Alten wenigstens den Kopf ein wenig zurechtsetzen können, wenn auch nicht das Herz. Elly hat
sich verheirathet, Velten hat geschrieben. Da ist sein
Brief und Du kannst ihn lesen. Ich hätte es nie
für möglich gehalten, daß sich der Vogelsang so sehr
für mich verändern könnte. Aber so geht es eben,
wenn der Mensch es nicht glauben kann, daß ihm
seine liebsten Hoffnungen aus dem Leben weggewischt
werden können.“

Sie sah sich hier in ihrem Stübchen, in welchem
sie unter all ihren Erinnerungen saß, wie die Frau
Fechtmeisterin Feucht in der Dorotheenstraße zu
Berlin unter den ihrigen, mit einem kummervollen
Blicke um: „Wie doch Alles dem Menschen auf einmal so ganz andere Gesichter schneiden kann! Und
doch ist es nur das eine Bildchen dort, das kleine
Lichtbild da über der Kommode, dessen liebe, lachende
Augen mir mein Altfrauenheim verwüstet und Alles
über- und durcheinander geschoben haben wie bei
einem Umzug oder nach einem Brande. Da — lies
seinen Brief! Was er dazu thun kann, daß die alte
Frau im Vogelsang nicht ganz aus ihrer Fassung
kommt, das besorgt er natürlich auf seine alte Weise.
Unter kriegt ihn auch das nicht; aber man müßte
eben nicht zwischen den Zeilen lesen können, um sich
von ihm auf diese seine Weise unterkriegen zu
lassen.“

Ach, wie diese beiden Leute bis in die feinsten
Nervenfädchen, bis in die flüchtigsten Seelenstimmungen hinein sich nachzutasten, sich nachzufühlen wußten! Sie machten einander nichts weis,
und das war, ausnahmsweise, für sie ein großes
Glück: für andere, und leider die Mehrzahl der auf
dieser Erde sich näher und nächst Angehenden, wäre
es freilich das Gegentheil gewesen. Es ist nicht
immer das Behaglichste, wenn Zwei oder Mehrere
die zusammengehören, sich zu gut verstehen. Die
einzige Möglichkeit für ein wenigstens gedeihliches
Hüttenbauen und Zusammenwohnen liegt dann
einzig und allein in dem Sichaufeinanderverstehen.
Ich habe das auch aus meiner Amts- und Geschäftspraxis sehr, sehr in den Akten. —

Velten schrieb:

„Sie haben sie uns genommen, Mutter, und
sind völlig in ihrem Recht, da sie das nach ihrer
Meinung beste Theil für sie gewählt haben. Ich
habe sie verloren; aber diesmal bin ich nicht schuld
daran, das Glück der Erde verpaßt zu haben. Du
weißt, wie oft man mir das bei Euch zu Hause
aufzuriechen gab, und, wenn die beleidigte Nase
darob nicht lief, wie die eines geschlagenen Schuljungen, sondern sich nur trocken-tückisch krauste,
nicht nur von allen Schlechtigkeiten menschlichen
Charakters, sondern auch von absoluter, bodenloser, randundbandloser Charakterlosigkeit sprach.
Ich habe das Meinige gethan, durch Stunden,
Tage, Wochen, Monate und Jahre, bei Tag und
Nacht, bei Allem, was ich gethan, überdacht und
gedacht habe, den schönen Schmetterling für mich
— für uns festzuhalten: nun stehe ich wieder
wie ein Schuljunge, und besehe an den Fingern
den bunten Farbenstaub von den Flügeln des
entflatterten Buttervogels und denke vor Allem
an die alte Frau zu Hause, die da sitzt
und sich fragt: Was für eine Nase wird er
diesmal machen? — Mutter, mein — unser
liebes armes kleines Mädchen, was würde dem
jetzt mit einem zerfließenden Liebhaber gedient
sein? Also — trocken überschlucken und ein Kreuz
über eine närrische Lebensepoche ziehen, wie über
eine Kalenderwoche, die bis Donnerstag im Sonnenschein lag und am Freitag in einen Landregen
überging! Unserm lieben Wildfang gebe ich gar
keine Schuld; — kann man überhaupt einem
Menschenkinde Schuld an seinem Schicksal geben?
Was kann die Lerche gegen den Spiegelblitz, der
sie aus der blauen Luft in die Versandtschachtel
und die Bratpfanne holt? Mit ihrem tückischen
Glanz haben sie auch unser liebes Singvögelchen
aus dem Vogelsang hernieder in ihr Netz stürzen
machen und ihr nicht nur das arme, dumme, kleine
Schädelchen und Gehirnchen, sondern auch das
schöne weite Herz eingedrückt. Sie wird eine stattliche Mistreß Mungo: die Nadel der Kleopatra,
jetzt im hiesigen Centralpark, die doch schon in
Ägypten viel gesehen hat, und hier im Lande täglich
auch noch manches sieht, sah nimmer ein schöneres,
vornehmeres Weib an sich vorbei und durch ihren
Schatten gleiten. So wächst das immer aus dem
Schlamm empor, einerlei ob am Nil oder am
Hudson! Mir fehlen wieder mal die Knöpfe am
Hemdärmel, alte Mutter zu Hause; aber Elly wird
sie mir nicht annähen, worauf wir doch so fest
gerechnet und des Lebens Seligkeit vom Vogelsang aus gegründet hatten; und das erinnert mich
nun gerade erst recht an Deinen alten Nähtisch,
auf dem dieser Brief, wenn der Ocean ihn nicht
verschlingt, demnächst liegen wird und erinnert mich
an Deinen Sessel dabei und das leere „Schawelche“
daneben und den Blick durch die Epheuranken,
über den Garten weg, auf den Nachbar Hartleben
und sein Anwesen (Strohwittwe Trotzendorff und
Töchterlein eingeschlossen) hinein in den ganzen
Vogelsang, und — ich bin wieder allein auf die
alte Frau im Korbsessel an dem Fenster angewiesen
und ein Vagabund — ein Wanderer im Leben —
zerlumpter denn je. In die hiesigen Verhältnisse
habe ich mich übrigens eingelebt, daß ich meinen
jüngsten Freunden keinen Grund zur Verwunderung
mehr gebe. Wünschest Du mich auch als Millionär
wiederzusehen wie Mr. Charles Trotzendorff? Oder
ziehst Du den deutsch-amerikanischen Staatsmann,
Muster: Karl Schurz, vor? Meine Vogelsangstudien im Englischen, unserer Kleinen zuliebe,
kommen mir jetzt wundervoll zu statten. Die
Phrasen und den Tonfall um eine „Mäh“ jauchzende Menschenansammlung zum „Bäh“ jammern
zu bringen, und das politische Thier, Mensch genannt, mit einem Strick durch die Nase oder um
den Hals, für Klios ewige Tafeln und vergänglichen Griffel als notirungswerth zu dressiren, lernt
sich bald. Sollte Freund Krumhardt, ich meine
unser Karlchen — nicht den Alten, aus seiner Geschäftspraxis demnächst mal einen neuen edlen
Kinkel nebst Spulrad und Märtyrerglorie in der
lieben Heimath für einen überseeischen Heros-Befreier zur Verfügung haben, so reflektire ich darauf
und bitte, aus guter alter Kameradschaft mir die
Vorhand zu lassen. Eine republikanische Bürgerkrone für einen Märtyrer aus dem neuen deutschen
Reich! Das Ding wird leider schwer zu finden
sein, denn den alten wahren Otto den Schützen von
seinem Wergzupfen und Wollespulen im Reichstage
zu entführen, würde ihm doch selber auch jetzt noch
nicht recht in die gelbweiße Kürassiermütze passen.
Aber wie sang Fräulein Leonie des Beaux in der
Dorotheenstraße zu Berlin?

Je ne dors ni ne veille;
Cet enfant me réveille.

Da bin ich wieder bei meinem in der Fifth
Avenue verzauberten armen Mädchen! Siehe
Goethes Epilog zu dem Trauerspiele Essex:

Hier ist der Abschluß! Alles ist gethan
Und nichts kann mehr geschehn! Das Land, das Meer,
Das Reich, die Kirche, das Gericht, das Heer,
Sie sind verschwunden, alles ist nicht mehr!

Ja, ja, was nimmt man sich Alles vor zu
Glück und Ruhm und zum Besten der Welt in der
Welt, bis der Narrenkönig dem diese Welt gehört
— siehe Schillers Jungfrau von Orleans — Einem
das Bein stellt und alle Weisen, Helden und weggelaufenen Schuljungen auf die Gefühle eines Zahnarztes, der selber Zahnweh hat, hinunterdrückt! Du
weißt es, Mutter, und kannst es mir bezeugen,
daß die Scheu der Leute, sich vor der Menschheit,
das heißt den Nächsten ihresgleichen lächerlich zu
machen, mir leider immer nur zu sehr gemangelt
hat; aber die Sehnsucht, mir selber endlich einmal
wieder lächerlich vorzukommen und somit das richtige Maaß für die Dinge dieser Erde wieder zu
gewinnen, ist mir bis jetzt auch nicht in solcher
Fülle und Üppigkeit zu theil geworden. Zu Hause
im Vogelsang, würde das wohl noch am leichtesten
zu erreichen sein, Deinem lieben Korbstuhl gegenüber und mit des seligen Vaters geliebter ersten
Originalausgabe des Wandsbecker Boten auf
Deinem Nähtische und mit der einzigen Aussicht
über Deine Buchsbaum- und Blumenbeete, meine
Stachelbeerbüsche und unsere grüne Hecke, auf den
Nachbar Hartleben und sein Anwesen. Da ginge es
wohl noch am leichtesten an, dem theuren Ahnherrn
in dem Buche, dem Vetter Andres und dem braven
Vetter Michel im eigenen Busen sein Recht wiederzugeben; aber — † ! ? † —

Frage Karl um seine Meinung hierüber, doch
— laß es lieber auch nur. Daß der Frager bei
solchen Gelegenheiten den Gefragten und seine
Antwort im Voraus ziemlich genau kennt, würde
auch diesmal und hier nichts zur Sache thun;
aber aus Deinen Briefen weiß ich ja, daß auch
um Euch dort im Vogelsang allgemach die Dekoration sich so sehr verändert, daß er — der Freund
— sich da binnen Kurzem am allerwenigsten noch
zurechtfinden wird. Aus Büschen werden Bäume,
aus Bäumen Hausmauern, aus Grün Grau. Aus
obststehlenden (freilich meistens dazu verführten)
Schuljungen werden die besten Verwaltungsbeamten
und Regierungsräthe, sowie die schärfsten Staatsanwälte, und — aus dem nichtsnutzigsten Schlingel
des Vogelsangs wird (wenigstens was ich dazu
thun kann) the most glorious tramp, der glorioseste Landstreicher, der je auf den Wegen der
Welt den anständigen Passanten einen Schauder
und Schrecken eingejagt hat, wenn er an einem
Stadtthor nach seinen Papieren gefragt wurde,
nimmer dergleichen aufzuweisen hatte und vielleicht
auch erst in irgend einem Bedford goal als alter
Kesselflicker anfangen wird, sich über the Pilgrims progress, über seines Lebens Pilgerfahrt
die letzte Rechnung abzulegen.

Meine liebe, liebe Mutter, Du kannst nichts
dafür, und mein Vater auch nicht. Solches war
mir an der Wiege gesungen, aber nicht von Dir
mit Deinem: „Buko von Halberstadt“, oder:
„Schlaf, Kindchen, schlaf, da draußen geht ein
Schaf“. Es kauert immer eine andere Sängerin
auf der anderen Seite des ersten Schaukelkahns
menschlichen Schicksals und summt ihren Sang in
ihre Hexenbartstoppeln, und der stammt von den
Müttern viel weiter hinabwärts und ist der allein
maaßgebende.

Also streich Dir die Sorgen- und Unmuthsfalten wieder einmal aus dem lieben tapferen Gesichte und halte Dich weiter an der Väter Erfahrung, daß Unkraut so leicht nicht vergeht. Sage
mit dem alten Vertrauen auf unsern eigenthümlichen,
unveräußerlichen eisernen Bestand von Familienadel: „O, dieser dumme Junge!“ — Und halte
fest: wir sind doch die Zwei gewesen, welche die
wenigsten Sorgen im Vogelsang auf unserm Hirn
und Herzen geduldet haben, und so soll es bleiben!
Veränderte Dekorationen sollen uns nie etwas anhaben; halte Deinen Platz an unserm Herde fest
und mir den meinigen: ich komme ebenso sehr
als Sieger wieder wie — Mr. Charley Trotzendorff.
Es giebt ein verschiedenartiges Achselzucken der
Leute in der Welt: ich hoffe mir das meinige,
nach meiner Weise, mit ebenso gutem Recht zu
verdienen, wie er das seinige, und das Nachgaffen
und den Neid der Welt auch. Ziehe meinetwegen
hier auch Freund Karl Krumhardt über unsere
Hecke als Kommentator bei, wenn Dir ob solchen
beglückenden Aussichten in die Zukunft doch etwas
nüchtern und unheimlich zu Muthe werden sollte. —

In der Heimath und zumal im Vogelsang bin
ich fürs Erste nichts nutze — und auch Dir nicht,
armes, tapferes Mütterchen. Übrigens sind und
bleiben wir Zwei immer beisammen, ob auch ein
paar Tropfen Wasser und einige Krümel Erdboden
mehr uns trennen. Zu den Füßen der Treue
bleibe ich sitzen, wenn es mir auch nicht vergönnt
wurde, zu den Füßen der Liebe Werg zu spinnen.
Nach dem Wocken der Omphale freut man sich
ordentlich auf den nemeischen Löwen, die lernäische Hydra, den erymanthischen Eber und vor
allem Andern auf die Stymphaliden und die
Ställe des Augias. Daß ich Dir gerade die goldenen Äpfel aus den Gärten der Hesperiden heimbringen werde, ist mir selber etwas zweifelhaft;
aber darauf verlaß Dich, und Du kannst auch in
der Nachbarschaft davon erzählen und damit renommiren: den Cerberus hole ich mir sicherlich
aus der Unterwelt herauf, wenn auch nur um das
große Schreckniß der ewigen Nacht mir beim kurzen
Lebenstageslicht so genau und gemüthlich wie
möglich zu besehen. Philosophie studiren nennt
man das vor den Kathedern nach geschriebenen
Heften — frage nur Freund Krumhardt danach, der
sich des bürgerlichen Anstands wegen sein Theil davon hat in die Feder diktiren lassen. Und vom
Lehrstuhl des Professors der Weltweisheit bis zum
Schneidertisch des Hauses der des Beaux ist auch
wieder einmal nur ein Schritt. Hab ich mir
meinen Freund Leon auf den Buckel geladen, so
soll ich ihn natürlich auch darauf behalten. Vater
des Beaux schreibt mir, der Junge werde ihm, ohne
meine Beaufsichtigung, von Tag zu Tage unter
den Händen mehr zu einem Narren und es bleibe
ihm nichts übrig als den Knaben mir nachzuschicken; eine Reise um die Erde unter meiner
Führung erscheine ihm als das letzte Mittel, den
Phantasten für den künftigen Kommissions- oder
Kommerzienrath zu ernüchtern. Ich werde also
nicht umhin können, das, wenigstens für die ersten
Stationen meiner eigenen Weltwanderung, noch
einmal zu meinem Gepäck zu legen; habe also
zurückgeschrieben: das Kind möge kommen, ich
würde das Zutrauen zu verdienen suchen. Jawohl, das Zutrauen unter den Leuten! Erhalte
mir das Deinige, alte Frau!

Dein Sohn und Erbe
Velten Andres.“

Es ist eine kalte Nacht, in der ich dies zu den
Akten hefte; aber ich habe das fröstelnde Zusammenziehen der Schulterblätter doch mehr dem klareisigen
Hauch, der von der letzten Seite dieses Briefes ausgeht, zuzuschreiben, als der Winterwitterung draußen
vor dem Fenster. Und wenn man — damals — dieses
Schreiben in der Stadt unter den Bekannten, den
Leuten, herumgezeigt hätte, würden sie alle gesagt
haben:

„Der alte ewig überhitzte Wirrkopf! Es bleibt
dabei, er kann auf nichts zu seinem Fortkommen
rechnen, als auf das Glück der Betrunkenen und die
Vorsehung, die über die Unmündigen wacht.“ —

Ich habe weiter zu berichten, was sich in der
nächsten Nähe um mich her zutrug.

Der Erste, der nach Velten den Vogelsang verließ, und auch nie wieder, was der Freund doch that,
darin vorsprach, war Nachbar Hartleben. Er sagte,
als er zum letzten Mal in seinem Rollstuhl vor
unserer Gartenthür hielt:

„Weißt Du, Junge, Herr Assessor Krumhardt
sollte ich sagen, weißt Du, ein Vergnügen ist es nicht,
so als so ein Sack voll Elend, schlechtem Appetit und
nächtlicher Wehklage und Schlaflosigkeit sich um sein
zerstückelt Anwesen rumrollen zu lassen; aber so ist
der Mensch: so lange er Luft schnappen kann, giebt
er den Athem nicht gern auf. Also da bin ich noch
und mache so lange Gebrauch von dem alten Freundschaftsverkehr über die Straße, als es angeht. Noch
pläsirlicher hielte ich den Jammer natürlich aus,
wenn mir mein Wald da oben hinterm Osterberge
nicht immer im Kopfe herumginge. Das ist der
leidige Satan! Und vorzüglich jetzt so im angenehmsten Sommer, wenn das so grün da herunterwinket und Einer mit seinem Holzverkehr und Handel,
von seinen Sägemühlenabnehmern gar nicht zu reden,
nur eine lahme Faust zurück und aufwärts machen
kann. Da gucken Sie nur, Herr Obergerichtssekretarius, wie das da oben auf meinem Schluderkopfe
im Sonnenschein liegt und Einem unter Gottes blauen
Himmel den Esel bohrt und sakermentsch Einen jetzt
nur noch dazu verlockt, eben unserm lieben Herrgott
einen bösen Leumund bei den Erbberechtigten zu
machen. Es ist ein Elend — ein Elend — ein Elend
Frau Obergerichtssekretärin, und Sie haben ganz
Recht gehabt, daß Sie die Sache über Ihr Anwesen
mit Arnemann in Richtigkeit gebracht haben. Sie
ziehen nun demnächst, und ich habe auch Ihnen und
der guten alten Zeit nachzusehen. Nun bleibt mir
nur für meine noch übrigen paar Jahre die Frau
Doktorin. Ja, ja, so wird der Mensch allgemach
von allem Guten und Angenehmen entwöhnet! Manchmal kommt's mir wirklich so vor, als sei auch das
nur zu unserm Besten von da oben so eingerichtet,
um uns den Abschied von hier unten nicht zu schwer
zu machen. Und wenn man denn wieder von den
Jüngeren und Jüngsten hört! Da hat ja wohl unser
Herr Velten — da kann ich wohl eher als hier bei
unserem Assessor sagen: unser Junge, von den Japanern hergeschrieben, daß er sich jetzt mit seinem vornehmen Berliner Freunde, den wir seiner Zeit hier
auch im Vogelsang hatten, da aufhalte und vergnügt
grüßen lasse. Passen Sie auf, Herr Nachbar, Der
bringt es gerade so gut wie unser Karlchen Trotzendorff, unser Zeitgenosse, zu was Ordentlichem da
draußen; — wenn's nur nicht immer auf Ein und
dasselbe hinausliefe am letzten Ende! Was dieses
anbetrifft, so muß man sich erst so wie ich mich jetzt in
diesem Einspänner von hinten rum kutschiren lassen
müssen, um zu dem richtigen Taxat von allem
Pläsirvergnügen im Leben zu kommen. Die Erinnerung an das Gute, was man seiner Zeit genossen
hat, ist immer noch das Beste, wenn auch leider
Gottes Verdrießlichste. Auch mit dem kleinen Mädchen,
das hier bei mir und zwischen uns im Vogelsang
aufwuchs, und unserem Velten scheint das nichts geworden zu sein. Schade drum! Die Madame oder
Mistreß war zwar die richtige Gans; aber das Wurm,
das jetzt da drüben überm großen Wasser sechsspännig fährt, gehört immer auch noch zu meinen
angenehmen Erinnerungen. Karlch — Herr Assessor,
Kinder, in welche vergnügte Wüthenhaftigkeit habt ihr
öfters den Nachbar Hartleben gebracht, und was gäbe
er heute drum, wenn er euch nur noch einmal mit
dem Peitschenstiel durch seinen Garten nachsetzen und
aufs Nachbargrundstück oder in den Wald hinausjagen könnte. Aber ich sehe, Sie haben Ihre Akten
unterm Arm, Herr Assessor, und müssen in Ihr Geschäft. Nehmen Sie es nicht für ungut, wenn ich
Sie mit meinem Geschwätz aufgehalten habe. In
so einem Marterstuhl ist man ja einzig und allein
nur auf sein Maulwerk angewiesen. Wenn ich Ihnen,
Herr Sekretär und Frau Sekretärin, mit meinem
andern noch übrigen Fuhrwerk beim Auszuge zu
Diensten sein kann, soll's gern geschehen. Dem alten
Hartleben, dem Grobian, soll man's nicht nachsagen
aus der Stadt, daß er nicht doch alles in allem ein
guter Vogelsänger Nachbar gewesen sei. Mit dem
freundschaftlichen Verkehr später, aus der Stadt heraus und hinein wird's wohl ein bißchen hapern.
Na, ich denke immer noch ein paar Jährchen es zu
machen, daß Sie mich hier auf den Rädern finden,
wenn Sie aus dem neuen Leben heraus das alte
hier am Ort mal wieder aufsuchen wollen. Recht
schönen guten Abend, liebe Herrschaften! Schieb den
Krüppel um ein Haus weiter, Lümmel da hinter
mir; die Frau Doktern hat mir versprochen, mir noch
ein weniges mehr aus ihrem Velten seinem letzten
Brief vorzulesen, und der Satansjunge hat das immer
so an sich gehabt, daß er einem mit seinen Schnurren,
Abenteuern, Meinungen und Ansichten wie mit einem
Schnaps aufwartet. Ich meine immer, einmal
mußt Du den auch noch wiedersehen, Hartleben, und
wenn er auch noch so lange seine Mutter und den
Vogelsang auf sich warten läßt!“ —

Vier Wochen später mußten wir ihn begraben, den
Nachbar Hartleben, und zu Ostern des folgenden
Jahres verließen auch wir, die Familie Krumhardt,
Vater, Mutter und Sohn, den Vogelsang. Meine
Eltern fügten sich den höheren Ansprüchen, die ihrer
Meinung nach meinetwegen das Leben an sie machte,
und ich fügte mich meinen treubesorgten Eltern.
Wer wehrt sich gegen die Liebe seines Vaters und
seiner Mutter und wenn sie auch noch so sehr mit
Sorglichkeiten, die man nicht mehr kennt, mit Thorheiten, über die man hinaus ist, und mit mancherlei
Anderem, was einem im Grunde lächerlich, ja ärgerlich vorkommt, verquickt ist?

Und wenn mir etwas ferne sein muß, so ist
das Überhebung über die subalterneren Gefühle und
Stimmungen des Menschen in seinem Dasein auf
Erden gerade an dieser Stelle! In den Akten habe
ich es nicht, aber tief in meinem innersten Bewußtsein, daß ich die theure, altgewohnte Heimathstelle mit
Allem, was mir heute mit schauernd wehmüthigen
Heimwehgefühlen in dieser kalten Winternacht nahetritt, damals leichter, viel leichter und freier athmend
aufgab, als die zwei armen Alten.

Auf der Bühne des Lebens hört man eben nicht
vor jedem Scenenwechsel die Klingel des Regisseurs.
Man findet sich zwischen den gewechselten Koulissen
und vor dem veränderten Hintergrund und verwundert sich gar nicht. Ob man sie gut oder schlecht
spielt, seine Rolle ist Jedem auf den Leib gewachsen
und das jedesmalige Kostüm gleichfalls. Nur in
seltenen stillen Augenblicken gelangt wohl ein und
der Andere dazu, sich vor die Stirn zu schlagen:
„Ja, wie ist denn das eigentlich? War das sonst
nicht anders um Dich her und in Dir? Wie kommst
Du zu allem diesen und gehörst Du wirklich hierher,
und ist das nun Ernst oder Spaß, was Du jetzt hier
treibst oder treiben mußt? Und wem zuliebe und zum
Nutzen?“

Das sind dann freilich sehr kuriose Gedankenstimmungen. Wie aus einem unbekannten schauerlichen Draußen haucht das vor den Theaterlichtern
Einen fremd und kalt an, meistens wenn die Bühne
einmal um einen her leer geworden ist; aber dann
und wann bei gefüllter Scene im Gewühl der Edlen,
Ritter, Bürger, Damen des Hofes, der Mönche,
Herren und Frauen, Herolde, Beamten, Soldaten,
kurz des ganzen zu dem ewig wechselnden und ewig
gleichen Schauspiel gehörigen Volksspiels. Und so
rasch als möglich fort damit! Dergleichen Nachdenken stört sehr bei der Durchführung der zugetheilten Rolle, bringt nur Stockungen hervor und
ein verehrliches Publikum, von der Hofloge bis zu
den höchsten Galerien zu einem ironischen Lächeln,
bedauernden Achselzucken, wiehernden Hohnlachen,
Pfeifen und Zischen. Und mit vollem Recht! Es
ist ein schweres Eintrittsgeld, das man für die
Tragikomödie des Daseins zu erlegen hat. „Paß
auf Dein Stichwort, Du da, König oder Narr da
auf den Brettern, und störe uns das Behagen nicht,
von Vergnügen kann ja so schon wenig die Rede
sein!“ —

Leider recht bald wurde um mich her die Bühne,
wenigstens für einen Augenblick, sehr leer und gab
ungestörten Raum zu jeglichem Monolog über Sein
und Nichtsein, und ob es besser sei und so weiter,
und so weiter. Nämlich meinen Eltern bekam die
veränderte Umgebung durchaus nicht; und hier
beuge ich die Stirn tief über dieses Blatt! Hätte
ich nicht doch mehr dazu thun müssen und sollen,
daß sie in ihren Greisentagen ihr An- und Einfügungsvermögen in das Ungewohnte mir zuliebe
nicht zu sehr überschätzten? Und die Braut, die ich
ihnen dann in das Haus, nein, nicht in das Haus,
sondern die Miethwohnung inmitten der Stadt, wenn
auch der „besten Gegend“ der Stadt brachte, die
wußte nichts von dem Vogelsang und brachte ihren
Sonnenschein nur für mich mit in die Archivstraße.
Die Blumenzucht in der Fensterbank konnte meinem
Vater seinen Vorstadtgarten nicht ersetzen, und noch
viel weniger die vornehme Stadtgegend meiner
armen Mutter den Verkehr über die lebendige Hecke
und die von einem blühenden Apfelbaum zum andern
auf eigenem sicherm Grund und Boden ausgespannte
Waschleine und was sich an behaglichem Verdruß
und verdrießlichem Wohlbehagen daran knüpfte.
Wenn ich mir jetzt, mit dem Kopfe in der Hand,
überlege, was ich dagegen thun konnte, daß sie ihren
Willen, auf ihrem und — meinem Wege aufwärts
als grämliche Sieger zu fallen, nicht bekamen, und
mir sagen darf: „Wenig!“ so ist das auch ein Trost,
aber nur ein geringer, und man hat erst an seine
eigenen Nachkommen und deren Tröstungen zu
denken, ehe man sich wieder beruhigter, gelassener
vor solch einem Aktenbündel, wie dieses hier vorliegende, im Sessel zurechtrückt. —

Jawohl, mein Weg ging aufwärts in der
Rangordnung des Staatskalenders und der bürgerlichen Gesellschaft: meine Eltern starben — die
Mutter zuerst und der Vater ihr bald nach; und ich
heirathete. Daß ich ihnen „Schlappes“ Schwester als
liebe Braut und gute Tochter zuführte, war der
beiden guten und lieben alten Leute letzte Freude
und drückte ihnen das letzte Siegel auf die Gewißheit, daß auch ich ein guter braver Sohn gewesen
sei, daß ich allen ihren Erwartungen entsprochen
habe und mich auch fernerhin aller hohen und
höchsten Ehren und Genugthuungen unserer Welt
im Kleinsten würdig erweisen werde und also aller
durch zwei ganze treusorgliche Elternleben aufgewendete
Ängste, Mühen, Kümmernisse und Entsagungen werth.

Wahrlich, ich schreibe nicht, um in diesen Blättern
Komödie zu spielen und von Thränen zu fabeln und
zu faseln, die auf irgend eine Seite der Handschrift
gefallen seien (ich weiß es ja eigentlich selber nicht,
wie sich dieses Alles plötzlich infolge jenes Briefes
aus Berlin, den Helene Trotzendorff, den Mrs. Mungo
schrieb, in den tagtäglichen Aktenwechsel auf meinen
Schreibtisch schiebt!), aber ich nehme mir wieder die
Muße, zu dem Bildniß über diesem Schreibtische,
dem alten theuren Herrn, mit dem verkniffenen
deutschen Schreibergesicht und dem zu dem Landesorden hinzugestifteten Ehrenkreuz erster Klasse auf
der Brust melancholisch-dankbar aufzuschauen.

„Wer hatte es besser mit Dir im Sinne als
Der?“ — — —

Der Weg nach dem Friedhofe jenseits des
Vogelsangs führte noch immer durch unsere vordem
so grüne Kindheitsgasse. Jetzt vorbei an den Plätzen,
wo vordem Hartlebens weitgedehntes Anwesen gewesen war und meiner Eltern Haus, mein Vaterhaus
und ihrer Väter Haus gelegen hatte.

Es ist eine Redensart: „Ich komme selten mehr
in die Gegend!“ Wie schwer sie einem aufs Herz
fallen kann, das sollte ich am Begräbnißtage meines
Vaters im vollsten Maaße erfahren.

Ich war nicht so häufig in die Gegend gekommen, wie ich gesollt hatte, und nun war gerade
die rechte Gelegenheit, um zu erkennen, wie sehr sie
sich verändert hatte, nicht seit unseren Kinderjahren,
sondern seit dem Tage, an welchem die Nachbarin
Andres, die Frau Doktern, dort von uns Allen allein
zurückgelassen worden war.

Es giebt auch eine Redensart: „Das ist mir
bis jetzt nicht aufgefallen!“ und dann kommt plötzlich die Gelegenheit, der Augenblick, die Stunde, der
Tag, wo das um so eindringlicher Einem ans Herz
gelegt wird. Ich hatte wirklich so viel mit meinen
persönlichen Lebensangelegenheiten, mit mir selber zu
schaffen gehabt, daß ich mich um das, was hinter
mir lag und wenn auch in nächster Nähe, wenig bekümmern konnte, und der Vogelsang war mir davon
nicht ausgenommen gewesen. —

Zwischen den neuen Mauern der Fabriken,
Miethshäuser, Tanzlokale war's allein die alte Frau,
die Mutter Veltens, welche, wie sie es dem Sohne
versprochen hatte, nicht von ihrer Heimstätte gewichen war, und trotz des neuen Lebens, das ihr
von allen Seiten unbehaglich, spöttisch, ja drohend
sich andrängte, ihr Häuschen, ihr Gärtchen, ihre
lebendige Hecke festhielt. Wieviel Vernunft hatten
meine Eltern deswegen die letzten Jahre hindurch
vergeblich auf sie hineingeredet!

„Er hat seinen Willen gewollt und hat ihn nun
in aller Herren Länder zu Land und Meer: ich habe
den meinigen hier im Vogelsang und wenn es auch
nur des Kitzels wegen wäre, der mir zukommt, wenn
er heimkommt und ich ihn frage: ‚Na, Velten, wie
war's denn draußen?’“ antwortete in den verschiedenartigsten Variationen (auch je nach der Jahreszeit
verschieden) die Frau Doktorin Andres im Vogelsang
auf Alles, was ihr Häuserspekulanten, sachverständige
Freunde und wohlmeinende Freundinnen vortragen
mochten, um ihr den Sinn zu brechen und ihr zum
Besten zu rathen. Es war mit der Frau jetzt immer
noch ebensowenig anzufangen wie vor Jahren, wenn
mein Vater als „Familienfreund“ von einer Erziehungskontroverse mit ihr nach Hause kam.

Und nun war es kaum acht Tage her, daß
er zum letzten Mal in dem kleinen hartnäckigen Häuslein gewesen war, um sich in der altgewohnten, treufreundschaftlich-nachbarlichen Weise zu ärgern und
sich wieder zu vertragen mit der Frau „Exnachbarin“.
Nun stammte der wertheste Kranz auf seinem Sarge
aus dem letzten Hausgarten des Vogelsangs, und
Veltens Mutter hatte ihn selbst gebracht und mit
mir und meiner jungen Frau, die nichts mehr von
dem Vogelsang wußte, neben dem schwarzen Schrein
gesessen und mir mehrfach die Hand aufs Knie gelegt und geseufzt:

„Ich werde ihn sehr, sehr vermissen, Deinen
guten Vater, bester Karl! Nun bin ich die Letzte
von den Alten unterm Osterberge. Manchmal in
dem jetzigen Lärm dort um mich her, wenn ich so
von meinem Strickzeug am Fenster aufsehe, kommt
es mir doch wirklich vor, als gehöre auch ich nicht mehr
dahin; aber ich habe es ihm ja versprochen, daß er
mich jederzeit dort in seines Vaters und seinem eigenen
alten Wesen noch vorfinden soll, und so muß ich
noch etwas bleiben. Wer verdunkelt Einem nun noch
mit einem: ‚Auf ein Wort, Frau Nachbarin!‘ das
Fenster, um Einen fester in der Gewißheit, zur Seite
und gegenüber die beste liebste Nachbarschaft zu haben,
nach dem Vorgucken und Besuch wieder sich selbst zu
lassen? Kommt ihr jungen Leute, so könnte man
sich so vorkommen wie ein ein halb Jahrhundert vor
der Erlösung für einen Augenblick aufgewachtes Dornröschen, das sich nicht seinem Prinzen in Mantel,
Federbarett und Tricot, sondern einem durch die Hecke
gedrungenen Liebhaberphotographen gegenüber findet.
Ja sieh, lieber armer Junge, so schwatzt die alte
Doktern Andres ihren gewohnten Unsinn selbst am
Sarge Deines Vaters, ihres guten, treuesten Freundes!
Aber glaub mir, wenn ihr ihn morgen früh durch
den Vogelsang geleitet, so sieht ihm über ihren Zaun
dort eine Freundin mit nassen Augen und vollem
Herzen nach und sagt: Da begraben sie einen Mann,
den Dir das Schicksal dort an die Hecke gesetzt hatte,
um Dir ein Muster an ihm zu nehmen, Dein ganzes
Leben lang, Mutter Andres! Alles für unsere
Jungen! Natürlich er auf seine Weise, ich auf die
meinige. Und daß seine Art gut war, das bezeugt
ihm am besten die kleine Frau hier hinter ihrem
feuchten Taschentuch, Karl. Ziehen Sie es mir noch
einen Moment hinunter, Kindchen, und geben Sie
mir einen Kuß, und nun gute Nacht, und habt ferner
euren Trost aneinander und gönnt uns Alten unsere
Ruhe, wenn unsere Schlafenszeit gekommen ist.“

Es war ein schöner, sonniger Morgen, an
welchem wir meinen Vater begruben. Mit einem
stattlichen Gefolge, an dem er wohl seine Genugthuung haben mochte, und wie es ihm da, wo man
sonst wohl am wenigsten an so etwas denkt, auf
seines Lebens Höhe, als etwas sehr Wünschenswerthes,
sehr Erstrebenswerthes erschienen sein mag. Wie oft
hat er von dem Fenster unseres Wohnzimmers aus
die Kutschen gezählt, die bei solchen Gelegenheiten
die Theilnahme der Besten im Volke leer, aber würdig
zur Darstellung bringen! . . . Und nicht, daß ich nun
von einem erhabeneren Standpunkt hierüber weggesehen hatte: o, als der rechte Sohn meines Vaters
habe ich sehr genau darauf geachtet, wer ihm und mir
die gebührende Ehre gab und wer nicht. —

Aber wo war das Fenster im Vogelsang, an
dem die Krumhardts seit Generationen von Vater
zu Sohn ihre statistischen Bemerkungen in dieser
Hinsicht gemacht hatten, bis — sie selber für einen
Andern in gleiche hineinfielen? Ein vierstöckiges Haus
hatte Arnemann auf das alte Familiengrundstück gesetzt, und vom Erdstock bis zum Dache kamen Dutzende
von Gesichtern jeder Art an die neuen Fenster, um
das „schöne Begräbniß“ zu sehen. Und was sonst
ein lieber, zum Übrigen, Gleichen gehöriger Schmuck
der Feld- und Gartengasse gewesen war, das Stück
grüne Hecke der Frau Doktor Andres, das war nunmehr ein Etwas, das seine Zeit ganz und gar überlebt hatte und durch sein Nochvorhandensein nur
kümmerlich-lächerlich wirkte.

Und wie an dem betrübten Tage, in dem
traurigen Zuge mein Auge doch nur diesen grünen
Punkt in all dem neuen fremden Mauerwerk suchte
und sich der Exbürger des Orts mit einer Art
von Heimwehgefühl dort festzuklammern suchte! Und
nun — gerade vor dem Anwesen der Familien
Krumhardt und Andres redeten die beiden würdigen
geistlichen Herren, zwischen denen ich hinter dem
Sarge schritt, so treulich und wohlmeinend das
Passende auf mich ein, daß es eine rechte Unhöflichkeit von mir gewesen sein würde, wenn ich ihnen
nicht nach rechts und nach links hin das Ohr geliehen
hätte! So habe ich damals trotz allem nur flüchtig
hingrüßen können nach der greisen Freundin und
Nachbarin an dem zerfallenden morschen Gartenthürchen und ganz außer acht gelassen, daß sie nicht
allein an der Pforte zu ihrem so tapfer festgehaltenen
Reiche stand, um den Familienfreund vorbeiziehen
zu sehen. Es hätte auch doch wohl eine Störung
im Zuge gegeben, wenn — Velten Andres an dem
Morgen aus seinem Garten sofort an meine Seite
getreten wäre! — — — — — — — —

Er hat sich an das Ende des Zuges angeschlossen
und mich also auf dem ernsten Wege davor bewahrt,
Aufsehen durch eine augenblicklich unschickliche Aufregung über ein plötzliches unvermuthetes Wiedersehen
zu erwecken. Auf dem Friedhofe selbst aber, wo die
frühere Freundschaft auch jetzt noch nach Möglichkeit
gute Nachbarschaft hielt und ihren Grundbesitz im
Grundbuche, wenn auch nicht Hypothekenbuche, fest
zusammen hatte schreiben lassen, konnte er mir die
Überraschung nicht ersparen.

Dicht neben seinem Vater war dem meinigen
die Grube gegraben (Nachbar Hartleben lag nur ein
paar Schritte weiter ab, und der übrige Vogelsang,
hier noch immer im Grün, und mit der Aussicht auf
den Osterberg und Schluderkopf, rundum) und standen
die Schaufeln für die Liebes-, Ehren- und Achtungsgabe des Grabgefolges in die frisch aufgeworfenen
Schollen fruchtbaren Gartenbodens gestoßen.

Und wenn man den gleichgültigsten Kanzleiverwandten, den langweiligsten Klub- und Stammtischgenossen so mit einem dieser Spaten die letzte Achtung
erweist, liegt nicht nur die nächste Umgebung, sondern
die ganze Welt in einer Beleuchtung, die für den
Schreibtisch und den L'hombretisch kaum die rechte
sein würde: begrabe aber Deinen Vater, Deine Mutter,
Dein Kind, und achte dann, in dem Licht, das eben
kein Licht ist, darauf, wer Dir zu dem „Erde zu
Erde“ das Werkzeug in die Hand giebt und an wen
Du es weitergiebst! . . .

In die Hand reicht es uns Christenleuten nach
geschriebenem und ungeschriebenem Recht die Kirche,
wenn es gewünscht worden ist; aus der Hand nahm
es mir der Nächste mir zur Seite und sagte:

„Das war ein wohlmeinender, braver und kluger
Mann, Krumhardt. Mögen Deine spätesten Enkel
noch süße Früchte mit seinen wackeren Knochen vom
Baume des Lebens werfen . . .“

Velten! . . . Velten Andres! Nun verletzte ich
doch den Anstand, indem ich zurücktretend dem Chef des
Entschlafenen, der nach mir nach der Schaufel hatte
greifen wollen, auf den Fuß trat. Den Spaten
reichte Velten ihm:

„Bitte, Herr Obergerichtspräsident.“

Später sind keine Störungen mehr vorgefallen.
Es ist nur gethan und gesagt worden, was bei solchen
Gelegenheiten gethan und gesagt zu werden pflegt.
Ich, der ich mehr als ein Anderer (auch als der
Freund) von den Vorzügen des alten Herrn Kenntniß
hatte und überzeugt war, kann es bezeugen, daß mir
nichts über ihn gesprochen wurde, was nicht die volle
Wahrheit war. Als wir ihn dann ließen, und ein
Jeder, der ihm die letzte Ehre gegeben hatte, aus
solcher Störung des tagtäglichen Tages- und Geschäftslaufs heimging oder fuhr, hatten wir, der
Vater und der Sohn, es freilich uns gleichfalls gefallen lassen müssen, was dann noch mehr oder
weniger anekdotenhaft aus dem Lebensverlauf des
Obergerichtssekretärs Krumhardt heraufgeholt wurde,
bis noch näherliegender Tages- und Daseins-Gesprächstoff den Ruhenden in seiner Ruhe ließ neben
seinen nächsten guten Nachbarn: seinem Weibe und
dem Doktor der Heilkunde Valentin Andres. — —

Er fuhr nicht mit mir nach Hause. Er sagte
mir auf dem Kirchhofe nur noch: „Später, mein
Junge! Wir haben für Alles Zeit;“ brachte mich
aber doch an den Wagen an der Friedhofspforte,
ließ den hohen Chef des weiland Obergerichtssekretärs
Krumhardt und seinen Sohn einsteigen, drückte mir
über den Schlag noch einmal die Hand: „Ich hoffe
Dich schon heute noch gemüthlicher sprechen zu können.
Guten Morgen, Alter.“

„Was war denn das für ein eigenthümlicher
Herr, lieber Assessor?“ fragte der hohe, amtlich dem
Hause Krumhardt Vorgesetzte; und als ich ihn, so
weit das möglich war, darüber in Kenntniß gesetzt
hatte, sagte er:

„Hm, hm, ja, ich erinnere mich dunkel. Der
Sohn eines Vorstadtarztes und ein toller Christ vor
Jahren. Nahm nicht einmal Seine Durchlaucht
einiges Interesse an ihm? Jawohl, jawohl, ganz
richtig! Andres! Eine Zeitlang hatte der junge
Mensch hier wirklich die besten Avancen. Sie und
er waren Nachbarn, Herr Assessor, und scheinen noch
in freundschaftlichem Verkehr mit ihm zu stehen.
Man hielt ihn damals für ein junges Genie; aber
er ist uns doch, wie das gewöhnlich zu geschehen
pflegt, dann bald gänzlich aus den Augen gekommen.
Es würde wirklich auch mich ein wenig interessiren,
zu erfahren, was jetzt eigentlich aus ihm geworden ist.“

Wahrscheinlich hat der würdige Mann es nur
auf die Zeit und Umstände, unter welchen er seinen
Wunsch äußerte, geschoben, daß ich ihm nur sehr
ungenügend Aufklärung gab. —

Zu Hause fand ich, was man zu finden pflegt,
wenn man von einem solchen Geschäft heimkehrt: das
Haus nach Möglichkeit gereinigt und aufgeräumt —
nach der Katastrophe so viel frische, sonnige Alltagsluft als möglich eingelassen — nach Möglichkeit Alles
in der alten Ordnung — so wenig als möglich
Stearin-, Chlor- und Blumengeruch: das alte Geräthe
in gewohnter Ordnung, nur noch etwas peinlicher,
um Einen herum und — eine Lücke in sich, eine
Leere, eine Öde um sich, die natürlich je den Umständen nach mehr oder weniger empfindlich empfunden
werden. Aber ich konnte auch mein gutes kleines
Weibchen in der schwarzen ernstgemeinten Trauerkleidung in den Arm nehmen und „Schlappen“, dem
jüngsten Regierungsrath des Landes und meinem
Schwager, sowie einigen anderen, meiner Frau zum
Trost und zur Aufrichtung gegenwärtigen Mitglieder
ihrer Familie für ihre Theilnahme danken.

„Es ist doch recht betrübt, daß Du heute gar
keine eigenen Verwandten hast,“ sagte, nachdem sie
Alle ihre Pflicht gethan hatten und gegangen waren,
meine Frau, sich an meinem Schreibtische an meine
Seite schmiegend und gottlob so dicht als möglich.
„Armer Mann! Aber mich hast Du doch und nicht
wahr, das ist doch auch ein Trost? Und nun wollen
wir von jetzt an noch fester zusammenhalten und uns
immer lieber haben — nicht wahr, Du armer lieber
Mann? Und daß Du Dich gleich wieder in Dein
Arbeitszimmer gesetzt hast, das ist sehr Unrecht von
Dir und gehört sich gar nicht! Deine Frau gehört
heute zu Dir, und wenn Du nicht zu mir herüberkommst, so bleibe ich hier bei Dir und draußen habe
ich schon Bescheid gegeben: sie sollen, wenn es nicht
ganz und gar nöthig ist, keinen Menschen mehr zu
uns hereinlassen!“

Bei Allem, was der Mensch auf Erden je der
Götter Wohlwollen, die Güte Gottes genannt hat,
konnte es mir noch deutlicher gemacht werden, was
ich an sicherm Eigenthum, an dem Reichthum dieser
Erde gewonnen hatte, was mir davon gegeben worden
war auf meinem Wege bis zu diesem betrüblichen
Tage? —

Wir blieben den Tag über für uns allein. Als
ich meiner Kleinen aber von der Heimkehr Velten
Andres' erzählte, sagte sie:

„Ah, der gehört natürlich zu uns, Dein bester
Freund! Ich kenne ihn ja eigentlich kaum; aber
wie oft ist bei uns, in meiner Eltern Hause, von
ihm und was er an meinem Bruder gethan hat, die
Rede gewesen! Ich war zu jener Zeit, als er für
uns sein Leben gewagt hat, noch ein zu junges Kind,
um seine Heldenthat ganz zu fassen; aber ich sehe
heute noch meine Mutter in Ohnmacht und im Weinkrampf und meinen Vater außer sich. Nachher ist
leider weniger gut von ihm gesprochen worden und
Papa hat ärgerlich gemeint, es sei Schade, daß so
ganz und gar nichts mit ihm anzufangen sei; und
dabei bin ich denn, weißt Du, auch so nach und nach
herangewachsen, und habe mir meine eigene Meinung
gebildet, und Du bist gekommen und hast mir dabei
geholfen, das heißt, Du weißt es wohl selber ambesten, wie Du mich nicht nur aus meines Vaters
Hause, sondern auch in alle möglichen anderen Ansichten über Gott und die Welt hinein und für Dich
zurechtgezogen hast. Nun weiß ich heute fast ebenso
gut wie Du in eurem alten Vogelsang und um
Helene Trotzendorff und die Frau Doktorin Andres
und Deinen Velten und alles Übrige Bescheid —
freilich, wenn ich auf einen Menschen gespannt sein
muß, so ist das Dein Freund Velten, aus dem Keiner
von euch je recht klug geworden zu sein scheint,
nimm das mir nicht übel. Und ganz derselbe wie
sonst nach eurer Beschreibung scheint er auch geblieben zu sein. Ich wäre in seiner Stelle jetzt schon
längst bei Dir — noch dazu an solch einem bösen,
schmerzlichen, traurigen Tage wie heute!“

So plauderte sie und versuchte es immer von
Neuem mit dem linken Zeigefinger mir die Stirnfalten
wegzustreichen und mir über den „traurigen Tag“
leichter hinwegzuhelfen.

Es war ein wunderlicher gespenstischer Tag, ein
unruhiger Tag, trotz der Stille, in der die Welt uns
Zwei ließ, oder der Anweisung an der Vorsaalthür
zufolge lassen mußte. Der frische Hügel auf dem
Vogelsangkirchhofe war nicht Schuld daran: so etwas
drückt den Menschen nur in den Winkel und womöglich
einen dunkeln, drückt ihn nieder in einen leer gewordenen Großvaterstuhl, oder auch wohl auf ein niederes
Kinderschemelchen, drückt ihm die schwere Hand auf
die Augen, auf die Stirn. Unruhe in die Glieder bringt
das nicht; ich aber hatte den ganzen Tag über Unruhe
in den Gliedern, denn ich begriff noch weniger als
meine Frau, wo Velten jetzt eigentlich blieb?

Es konnte doch keine Täuschung gewesen sein!
Ich hatte ihn doch plötzlich auf dem Kirchhofe an
meiner Seite gesehen! Er hatte zu mir gesprochen;
ich fühlte noch immer den Druck seiner Hand auf
den meinigen; und — ich hatte im Auf- und Abschreiten durch das Zimmer Momente, in welchen ich
nicht mehr an ihn glaubte und einen Eid über seine
Rückkehr in die Heimath nicht zu den Akten abgegeben
haben würde. Als er dann in der Dämmerung
kam, fand er mich über dem Reichsstrafgesetzbuch,
dem Paragraphen: Fahrlässiger Meineid, und in der
kopfschüttelnden Gewißheit, daß die meisten Justizverbrechen hierbei begangen werden, und daß Jupiter,
der über die Schwüre der Verliebten lacht, über die
Urtheile der hier zuständigen Richter sehr häufig mit
den Zähnen zu knirschen hätte. — Daß ich solches
aber jetzt hier niederschreibe, beweist nur auch, in
welche Ferne mir heute, in dieser Winternacht, während
der Schnee noch immer ununterbrochen niederrieselt,
jener so dunkle unruhvolle Sommersonnentag, der
Tag, an welchem ich meinen Vater begrub und an
welchem Velten Andres ihm vom Hause seiner Mutter
aus die letzte Ehre erwies, gerückt ist.

Er aber, mein Freund Velten, steht wieder gerade
so gespenstisch wie damals neben meinem Sessel, legt
mir die Hand auf die Schulter und fragt:

„Nun, Alter, noch nicht des Spiels überdrüssig?“

Da habe ich denn in dieser heutigen kalten,
farblosen Winternacht, mit den ewig von Neuem sich
aufhäufenden Aktenstößen um mich her, mit all den
Enttäuschungen, Sorgen, Ärgernissen, die nicht nur
das öffentliche Leben, sondern auch das Privatleben
mit sich bringt, und im grimmen Kampf mit dem
Überdruß, der Enttäuschung, der Langenweile und
dem Ekel an der schleichenden Stunde, doch noch einmal ein: „Nein!“ gesagt, dem stolz-ruhigen Schatten
gegenüber, der so wesenhaft Velten Andres in meinem
Dasein hieß.

Ich habe und halte meiner Kinder Erbtheil.
Das Spielzeug des Menschen auf Erden, das ja
auch einmal meinen Händen entfallen wird, wollen
sie aufgreifen, und ich — ich fühle mich ihnen
gegenüber dafür noch verantwortlich! —

Doch jener Sommertag, an welchem sich der
Freund über das letzte Stückchen lebendiger Hecke
im Vogelsang lehnte, um dann seinem, ihm vom
Staate gesetzten Vormund oder „Familienfreund“,
dem alten Obergerichtssekretär Krumhardt auch die
letzte, Ehre zu erweisen, ist ja noch nicht vorüber in
diesen Blättern. Die Dämmerung zieht sich in jener
Jahreszeit weit in die Nacht hinein, und wie gesagt,
er kam erst in der Dämmerung, der Freund, und ein
neuer Morgen leuchtete über dem Osterberge auf,
ehe er wieder ging und beim Abschiednehmen lächelte:

„Nun, hab' ich die Scheherezade oder den
Märchenerzähler im Karawanserai zu Bagdad vergnüglich gespielt? Seht nur —

Der Tag im bräunlich rothen Mantel
Betritt im Osten dort die thauige Höhe!

Aber, ihr habt es so gewollt, Kinderchen: und Eines
ist sicher: in meinem Leben wißt ihr jetzt fast
ebenso gut Bescheid wie ich selber. Was meint die
gnädige — die junge Frau? Nicht wahr, sie faßt
nachher ihr Stück bestes Eigenthum fester und etwas
ängstlich in die Arme: ‚O Gott, Karl, und mit
diesem entsetzlichen Menschen bist Du aufgewachsen
in eurem Vogelsang und hast mir von ihm so gut
gesprochen, wenn einmal wieder in den letzten Jahren
die Rede auf ihn gekommen ist? O, wie dankbar
müssen wir dem lieben Gott Beide sein, daß er noch
früh genug ein Einsehen gehabt und ihn auf alle
vier Straßen der Welt verwiesen und ihm nur Gras
und Welle, Sonne und Wind gelassen, aber Dich
Armen, zu Deinem Besten mir hier anbefohlen hat!’“

„Sie bleiben doch nun auch, wenigstens für
einige Zeit, hier bei uns?“ fragte Schlappes Schwester;
er aber wendete sich wieder zu mir:

„Die alte Heldin dort hinter der letzten Hecke
des Vogelsangs! Der Brief, in dem ich ihr meinen
Besuch von Southampton aus anmeldete, ist erst
heute Morgen hier angelangt. So fand sie mich
gestern Abend an unserer Gartenthür lehnend, als
sie von Dir und Deines Vaters Sarge nach Haus
kam. Ich brauche ein Jahr mindestens, um ihr für
den diesmaligen Schrecken, den ich ihr einjagte,
Genugthuung zu geben. Du lieber Himmel, sie da
in den Armen zu halten, und die alten guten Redensarten im alten Ton wieder zu hören! O, wie oft
habe ich in der Fremde ihr: Du dummer Junge!
im Ohr gehabt, — und nun es sich wieder zwischen
Lachen und Weinen sagen lassen zu dürfen! Eine
Stunde hatte ich am Zaun zu warten, bis sie mit
dem Hausschlüssel kam, den verlaufenen Hund einzulassen. Da habe ich Zeit gehabt, mir die neue
Mauerwerksherrlichkeit zu betrachten, in der sie —
sie allein das Ihrige — das Unserige festgehalten
hatte; — und für wen? für wen? Da stand der
Narr, der von der Schmetterlings- und Seifenblasenjagd heimgekommene Narr und suchte nach rechts und
nach links und nach gegenüber die alten Freunde
und Bäume — fremde Gaffer und fremde Mauern
um sich her. Sie haben es ihr zugebaut, das sonnige,
grünende, blühende, lachende Familienerbe; sie aber
hat Freund und Freundin, Nachbar und Nachbarin,
Busch und Baum gehen und fallen sehen, hat dem
Schalten über ihren Aurikelbeeten standgehalten
und ihren Sessel vor ihrem Nähtischchen an ihrem
Fenster nicht weggerückt. Sie hat alle Tatzen weggeschlagen und nicht ihret- sondern meinetwegen.
Gnädige Frau, Karl Krumhardt — meinetwegen! . . .
Meinetwegen hat sie, wie weiland die Juden in
Jerusalem die Riemen von den Sätteln und das
Leder von den Schilden abgenagt und das Heiligthum gehalten unter dem Fabriklärm von Hartlebens
Grundstück her und der Tanzmusik aus dem Tivoli
und der Centralhalle. Ob ich als Bettler oder als
Millionär, wie weiland Mr. Charles Trotzendorff,
heimkam, ist ihr wohl recht gleichgültig gewesen;
über ihrer Häkelnadel, ihrem Strickstrumpf, hinter
ihrer lieben Brille, hat sie nur die Gewißheit festgehalten: ‚Den Schlingel, das arme Kind kenne ich
zu gut, um nicht zu wissen, wie das fest darauf
rechnet, sich noch einmal hinter meiner Schürze zu
verstecken und sich an meinen Rock zu klammern und:
Mama! Mama! zu heulen. Wer sollte um den
Narren Bescheid wissen, wenn ich nicht? Hätte er
mir das Kind, die Helene heimbringen können, so
wäre es freilich etwas Anderes gewesen; aber das
ist wohl nicht seine schlimmste Fehljagd nach dem
Glück gewesen, daß Mistreß Mungo nicht in das
letzte Grün des Vogelsangs hineinpaßte.‘ — Jetzt
laßt mich gehen, Leutchen; jawohl, gnädige Frau,
für einige Zeit bleibe ich im Lande, und nun machen
Sie kein zu bedenkliches Gesicht hierzu. Ich lasse
Ihnen Ihr wohlerworbenes Eigenthum. Sehen Sie
da lächelt Freund Krumhardt — selbst nach seinem
traurigen Tagesgeschäft. Es geht doch nichts über
eine trauliche Abendunterhaltung so bis in den
nächsten Morgen hinein!“

Ob ich gelächelt habe, kann ich nicht sagen; aber
das weiß ich, daß, als er gegangen war und wir
nun wieder allein bei der schon in den Tag hineinglimmenden Lampe waren, meine Frau sich wie angstvoll an mich drängte, mir die Arme um den Hals
warf und rief:

„Welch ein Mensch, welch ein lieber und unheimlicher Mensch! Also das ist Dein Freund? Mit
dem bist Du aufgewachsen in eurer Vorstadt, während
in meiner Eltern Hause Niemand von euch wußte.
O, jetzt begreife ich es, daß Der einem Menschen das
Leben retten kann, bloß um sich über ihn lustig zu
machen, wie er über meinen Bruder Ferdy! Daß er
um ein thörichtes Mädchen seine Mutter, sein Vaterland, seine Aussichten in der Heimath aufgeben konnte,
und — sieh — so recht sagen kann ich es nicht,
aber ich fühle es und weiß es sicher, daß, wenn er
nachher scherzhafte Briefe an seine Mutter über seine
Täuschungen und Enttäuschung geschrieben hat, die
ihm aus dem Herzen und einem ruhigen, für mich
als ein armes Frauenzimmer etwas zu ruhigen
Herzen gekommen sind. Mit welchem Lächeln er
von Dir, mein bester Karl, als von meinem Eigenthum sprach! Sieh, wir wissen nicht, wie er jetzt
heimgekommen ist, ob mit Geld oder ohne; aber ein
Eigenthum hat Der nicht mehr in der Welt und an
der Welt, und was für mich und Unseresgleichen sehr
trostlos ist: will es auch nicht haben. Was kann
denn Der von alle dem, was uns Anderen Freude macht,
noch gebrauchen? Und was kann ihm noch Sorge
machen und Schmerz und Verlust fürchten lassen, nach
Allem, was er uns erzählt und wie er zu uns gesprochen hat in dieser Nacht? Der hat keines Menschen
Hilfe und Trost mehr nöthig, — auch Deinen nicht,
Karl. O, das ist ein sehr gefährlicher Mensch; jetzt begreife ich wohl, daß hier in unserer kleinen Welt
Niemand etwas mit ihm hat anfangen können, daß
nirgends für ihn ein Ruheplatz gewesen ist. Aber
ist es ein Glück, so unverwundbar auf seinem Wege
durchs Leben zu werden wie dieser, Dein Freund
Velten, der an Allem, was uns Anderen begegnen
mag, jetzt nur Antheil nimmt wie wir auf unserem
Theaterplatz, einerlei, ob es das Lustigste oder das
Traurigste, das Dümmste oder das Klügste, das
Häßlichste oder das Schönste ist, was vor ihm
aufgeführt wird? Und was noch schlimmer ist,
auch in ihm! Ich schwatze wohl thörichtes Zeug;
aber wie hätte ich in meinen Kreisen je erfahren
können, daß es so etwas in der Welt geben kann?
Daß Menschen über das Leben und den Tod, über
Alles, was uns Anderen wichtig, süß oder bitter ist,
so ruhig werden könnten? Ach, Karl, der ist doch
noch ganz anders, als wie Du ihn mir geschildert
hast. Und, weißt Du noch eins — eure arme
Leonie in Berlin, von der Du mir erzählt hast, begreife ich wohl; aber die Andere — die hier aus
dem Vogelsang, ganz und gar nicht. Wenn sie,
diese Helene Trotzendorff, nicht doch nur, euch
närrischen dummen Leuten gegenüber zum Trotz, eine
ganz gewöhnliche dumme Gans gewesen ist, hat sie
eine schwere Verantwortung auf sich genommen. Ich,
für mein Theil, ich —“

„Nun, mein Herz?“

„Ich hätte auf diesen greulichen Menschen gewartet und mein Recht an ihn nicht so leicht hingegeben!“

Es war nach dem Begräbnißtage meines Vaters.
Die Kleine sah nach all den schlimmen, wunderlichen
und abenteuerlichen Aufregungen, zwischen der erlöschenden Lampe und dem kommenden Tageslicht
übernächtig, abgespannt, ja völlig unglücklich drein,
aber lächeln mußte ich doch über das mir scheutrotzig zugerufene Wort. Sie aber sprang auf aus
ihrer Sofaecke, blies die Lampe aus und rief:

„Ja, es ist mir ganz einerlei, ob Du lachst oder
brummig siehst: Dein Freund Velten Andres gefällt
mir ausnehmend, und ich kann das um so ruhiger
sagen, als ich hier gar nicht für mich spreche.“

„Und für wen?“

„Für uns Alle. Jawohl! Und da meine ich
etwa nicht bloß, wie Du mir natürlich abzusehen
glaubst, uns arme, in die Konvenienz gebannte
Frauenzimmer, denen da mal was Neues aufgeht,
sondern euch mit, ja, euch Männer vor Allem! Wir
nehmen doch höchstens ein etwas tieferes Interesse
an solch einem neuen Phänomen an unserem beschränkten Horizont; aber ich glaube, wäre ich ein
Mann, und noch dazu einer aus der hiesigen Stadt
und Gesellschaft, so müßte ich dann und wann neidisch
auf solch einen übrigens im Grunde gräßlichen
Menschen werden.“

Ach, und er war so gut, und hielt sich so still,
und that keinem seiner hiesigen Mitmenschen was —
fast ein volles Jahr im Vogelsang. Fast ein volles
Jahr hindurch gab es in der fast zur Großstadt
herangewachsenen Residenz keinen kleinbürgerlicher
von seinen Renten lebenden Rentner (wenn auch nicht
in Schlafrock und Pantoffeln) als wie Velten Andres.
Das Interesse an ihm erlosch bald vollständig; wie
Mr. Charles Trotzendorff war er wahrlich nicht heimgekehrt; übrigens wußte auch seine jetzige Nachbarschaft im Vogelsang kaum noch etwas von Joseph;
das heißt in diesem Falle von dem Doktor Andres
und seiner Familie.

Gegen alle Schulfreunde und sonstige Jugendgenossen hatte er im Verkehr eigentlich nur das eine Wort:

„Schauderhaft müde.“

Wenn, er dann gähnend vielleicht noch hinzugesetzt hatte:

„Ausschlafen!“ und der gute Freund mehr und
mehr zu dem Bewußtsein gelangte, daß er seinerseits
eigentlich nichts mitzutheilen habe; so war es denn
freilich für beide Theile das Beste, wenn solche Unterhaltung nicht fortgesetzt wurde, sondern der Verkehr
überhaupt unterblieb. Helläugig, lebendig, wach und
das Spazierstöckchen schwingend, ging dann der „Besuch“, in der festen Überzeugung:

„Wieder einmal Einer, der zu große Rosinen
im Sack hatte und nachher das gewöhnliche Pech im
Leben gehabt hat. Schade um den alten, lieben Kerl!“

Ich habe selber einigen solcher guten Leute von
dem Fensterstuhl der Frau Doktorin mit das Geleit
gegeben bis zu dem morschen Thürchen in der letzten
grünen Hecke des Vogelsangs, ihnen, an dieser Hecke
lehnend, nachgesehen, und, wenn ich es konnte, meine
Gedanken haben dürfen über das Wachen und das
Schlafen in dieser Welt.

Aber auch mir gegenüber verhielt der Freund
sich schweigsamer, als es mir eigentlich recht schien.
Ich erfuhr über seine Erlebnisse im Grunde jetzt aus
seinem Munde nicht mehr, als was er im Laufe der
Jahre darüber an seine Mutter geschrieben hatte.
Auf einem Spaziergange gelangten wir auf dem
Osterberge auch wieder einmal auf die Stelle, von
wo wir drei Kinder: er, Helene Trotzendorff und ich
einst um den Laurentiustag die Sternschnuppen fallen
sahen und unsere Wünsche für das Leben gehabt hatten.

Ich erinnerte ihn daran und er legte mir die
Hand gelassen auf die Schulter und sagte ohne alle
Aufregung, ohne Lächeln, aber auch ohne Stirnrunzeln:

„Mir haben sie so ziemlich Wort gehalten, die
fallenden Sterne. Einem bescheidenen Gemüth wird
schon das Seinige zu theil, und weiß es sich zu bescheiden, wo es nicht anders geht. Was wünschte
ich mir damals doch? Wenn ich nicht irre, den
Heckepfennig, den Däumling und das Tellertuch der
drei Rolandsknappen. Ich habe das Alles gehabt
und habe es noch, so weit es mir zum täglichen
Gebrauch nöthig ist. Auf das Vergnügen, Persepolis
in Brand zu stecken, verzichtet man, wenn man sein
letztes Schulheft in den Ofen gesteckt hat. Auch ein
‚berauschter Triumphtod zu Babylon‘ erscheint mir
nicht mehr als das löblichste Exit homo sapiens,
ab geht der Narr. Ich wünsche nüchtern zu sterben,
oder wenn Du lieber willst — vollkommen ernüchtert.
So eigenthumslos als möglich. Übrigens habe ich
ein gutes Gedächtniß und es war kaum nöthig, daß
Du mich eben auf diesem Platze an jenen Sommerabend erinnerst. Auch von der Tonne des Diogenes
war ja wohl damals bei solch' einem fallenden Stern
die Rede? Nun, in der habe ich mich jetzt, der
alten Frau da unten zuliebe, in ihrem Ofenwinkel
gewälzt, oder wälzen dürfen. Man muß sich Alles
gefallen lassen, lieber Krumhardt. Und auch die
Menschen nicht in ihren Illusionen stören. Die alte
Frau da unten im Vogelsang zum Beispiel ist noch
immer der Meinung, daß ihr Söhnchen die Welt
durch seine Thatkraft überwunden habe und weiter
überwinden werde. Die scherzhafte Idee, in mir
einen Helden meinem Vater und dem Vaterland,
der Hebamme und der Menschheit überliefert zu haben,
hat sie so manches Jahr durch und vorzüglich jetzt
während meiner längeren Abwesenheit so fröhlich
und heiter aufrecht erhalten, daß es eine Sünde
wäre, ihr die Illusion zu nehmen. Hier hört auch
für mich das Spiel mit der Welt auf: das wäre ein
zu schlechter Spaß, Der nun noch als Wolke vor die
Abendsonne ziehen zu wollen! Beiläufig, ich habe
ihr einen ihr ausreichend imponirenden Haufen
Dollars auf den Tisch gelegt, soll ich vor ihr nun
auch meine leeren Taschen umwenden und ihr sagen:
Mama, Du hast vergeblich das letzte Grün aus dem
Vogelsang für das Geschöpf, das auch sehr, sehr
Dein Geschöpf ist, für den dummen Jungen, Deinen
Velten festgehalten!? — Ich habe oft im Leben
Komödie spielen müssen, vorzüglich in den letzten
Jahren, und wie der Kaiser Augustus hätte ich mich
meiner Begabung dafür wohl rühmen dürfen: jetzt
und hier am Platz aber, dieser alten Frau gegenüber,
fällt es mir schwer, das Wort vom Schlafen, dem
Ausschlafenmüssen wie vor den Andern als ein
Scherzwort, und um Fliegen — wollte ich sagen
Narren abzuwehren, festzuhalten. Nein, nein, die
Sonne ist ihr übergenug verbaut worden; das Licht,
das ihr in ihrem stilltapfern, lieben, schönen Leben
von mir ausgegangen ist, soll ihr nicht ausgehen, so
weit das an mir liegt! Sie soll ihre Freude an mir
behalten!“

Ich konnte dem Mann, über den also wirklich
Niemand etwas Genaueres wußte als ich, nur stumm
die Hand drücken; eine mündliche Erwiderung gab
es hierauf nicht.

Velten lächelte:

„Es war um das Jahr Siebenzehnhundertsiebenundsechzig und der größte Egoist der Litteraturgeschichte also achtzehn Jahre alt, da er seinem Freunde
Behrisch den Rath zusang:

Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde;

und er hat selber sein Leben in Poesie und Prosa
danach eingerichtet und es ist ihm wohl gelungen.
Es war im Salon der Mrs. Trotzendorff als mir
beim zufälligen Blättern in allen möglichen Bilderbüchern jenes Wort des frühreifen Lebenshelden in
Puder, Kniehose, seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen in dem rechten Augenblick wieder vor die
Augen kam. Unser Dämonium bedient sich viel
öfter als man merkt, solcher Mittelchen, um uns
unter die Arme zu greifen, sowie auch um uns davor
zu behüten, uns lächerlicher zu machen, als unbedingt
zum Fortbestehen der Welt durch den Verkehr von
Hans und Grete nöthig ist. Man kann auch von
einem achtzehnjährigen Jungen was lernen, zumal
wenn der Genius dem Bengel die Stirn berührt hat.
Es war der Gesellschaftsabend, an welchem mir
unsere Kleine aus dem Vogelsang zum ersten Mal
ganz deutlich machte, was Alles zu einem elenden
Gut auf der wankenden Erde werden kann. Verse
habe ich nie gemacht; aber die Fähigkeit habe ich
doch, im Komischen wie im Tragischen das momentan
Gegenständliche, wenn Du willst, das Malerische, das
Theatralische jedesmal mit vollem Genuß und in
voller Geistesklarheit objektiv aufzufassen: ich habe
an jenem, der alte Goethe würde sagen bedeutenden
Abend dem Papa Trotzendorff das Blatt aus seinem
Renommirtischexemplar gerissen, es fein zusammengefaltet und in die Brusttasche geschoben. Manchen
Leck in meinem Lebensschiff habe ich bis zum heutigen
Tage damit zugestopft, und — jetzt, meine ich, haben
wir die schöne Natur von diesem Aussichtspunkt aus,
auf dem wir voreinst unsere Wünsche an die fallenden
Sterne knüpften, genug bei hellem Tage besehen und
wir können gehen.“

Wir gingen — stiegen noch einmal den Zickzackweg am Osterberge hinunter. Jetzt konnte da nicht
mehr Elly unter der Armenmannsbuche über eine
Wurzel stolpern und sich eine blutende Nase holen.
Der Weg war „planirt“ worden, und wo der schöne,
alte, morsche Baum seine Zweige über ihn gestreckt
hatte, stand jetzt eine weiß gestrichene Zinkfigur, eine
Nachbildung der Canovaschen Hebe und daneben
deutete an einem anderen wohlgepflegten Pfade eine
Hand auf einer Tafel nach einem „Asyl für Nervenkranke“, dessen Aufblühen in seinem Waldbesitz am
Schluderkopf Vater Hartleben glücklicherweise auch
nicht mehr erlebt hatte und also auch nicht deshalb
keine Ruhe in seinem Grabe zu haben brauchte.
Um die späte Nachmittagsstunde war die Gegend hier
von Spaziergängern und Spaziergängerinnen recht
belebt. Es begegneten uns mehrere, die uns grüßten,
oder die ich zu grüßen hatte; und die öfters einen
Blick über die Schulter nach meinem Begleiter zurückwarfen. Daß uns Jemand begegnet sei, der etwas
aus ihm „zu machen gewußt“ hätte, oder ihn nur
annähernd richtig in seine Lebensordnung und seine
Erfahrungen über menschliche Zustände und Schicksale
hätte einordnen können, habe ich nicht in den
Akten.

Am allerwenigsten konnte das mein Schwager
„Schlappe“, der uns auch entgegenstieg, seinen Weg
sich nach gewissen rothen und gelben Zeichen — Kurzeichen — an den Bäumen regelnd, um ein ihm
gottlob nur hypochondrisch angeflogenes Herzleiden im
Keime zu ersticken.

„Siehe da, die beiden Seelenverwandten! Die
zwei Inseparables aus der Voliere da unten, eurem
Vogelsang. Habe bei Deiner Mama über die stadtbekannte, drollige letzte Hecke gesehen, Velten, und
mich über die liebe alte Dame wieder einmal recht
gefreut. Diese beneidenswerten Nerven! Unter der
Konzertmusik aus dem Tivoli das fürstliche Intelligenzblatt zu lesen und sich doch dabei freundlich nach
der Gesundheit eines Nebenmenschen erkundigen zu
können! Und mit solchem Behagen auf dem Gesicht!
Wie befindest aber eigentlich Du Dich, alter Mensch
und Räthsel der hiesigen Menschheit? Velten, verantworten kannst Du's beinahe nicht, wie Du die ortsangehörige Alltagswelt, so weit sie noch zu Dir hinreicht, intriguirst. Man sieht Dich nicht, man hört
Dich nicht, Du könntest allgemach die Wohlwollendsten
dahin bringen, sich bei der Polizeidirektion nach Dir
zu erkundigen oder sogar das edle Institut auf Dich
aufmerksam zu machen. Kommen so die Welteroberer
nach Hause, oder ist das nur eine neue Weise von
Dir, der Residenz das Problem zu lösen, wie man
Weltüberwinder wird?“

„Die älteste, einfachste und behaglichste Weise,
sowohl was die Welteroberung als was die Weltüberwindung angeht, lieber Rath bei der Regierung,“
sagte Velten Andres.

„Man trägt ein Wort von Dir in der Stadt
herum über Ausschlafenmüssen,“ sagte der Schwager.
„Der Freiherr von Münchhausen beim seligen Landgerichtsrath Immermann hat ein ähnliches. Nicht
wahr, Du machtest mich neulich darauf aufmerksam,
Karl? Unsereiner kommt ja zu dergleichen Lektüre
leider zu selten, und ich habe wirklich noch nicht Zeit
gefunden, in dem Buche nachzulesen, inwieweit
Deine Redewendung uns gegenüber eine scherzhafte
Reminiscenz daraus ist. Nun, Andres, vielleicht bist
Du selber gelegentlich so freundlich, mir nähere Auskunft darüber zu geben. Aber ich habe die Herren
wohl schon zu lange aufgehalten; — so geht das eben
immer, wenn ältere Zeit- und Altersgenossen, Schulbankgenossen, auf solchen altbetretenen Wegen einander begegnen! Schönsten guten Abend, liebe Leute,
und meine Grüße an Deine Gattin, Krumhardt.“

Im Vogelsang saß auch ich noch ein Stündchen
unter der Konzertmusik aus dem Tivoligarten mit
dem Freunde und seiner Mutter. Er wußte jedenfalls sein gefühllos gewordenes Herz wohl zu verbergen und auf der wankenden Erde an diesem festen
Punkte es wie vordem leichtbewegt in all den Lichtern,
Farben und Schatten, die Menschen im wahrsten
Sinne miteinander verwandt machen, spielen zu
lassen. Wie da der Schatten der hohen Brandmauer,
der jetzt von meiner Eltern und meinem Heimwesen auf
uns fiel, wieder sich lichtete! Wie es wieder wie
Abendsonne aus unserer, Veltens und meiner Kinderzeit, und aus der Zeit, da Amalie, Agathe und
Adolfine auch noch Kinder, junge Mädchen, Bräute
und junge Frauen waren, durch Baumgezweig nur
tanzende Schatten auf die kleine Laube warf und
den Tisch drin, auf welchem Veltens Vater noch seine
Rezepte für die ganze Nachbarschaft unter dem Osterberg schrieb! Da war freilich auch wieder nicht die
Rede von großen Abenteuern; aber noch weniger
von einem Blatt, das in der fünften Avenue zu New
York aus einem Salontischbuch gerissen worden war.
Da gewann eine liebe Vergangenheit ihr Recht wieder
und behielt es für eine gute Stunde von Neuem mit
seinem: Weißt Du wohl noch, Mutter? und ihrem: Denkt
ihr wohl noch daran, ihr bösen Jungen? — Der
Nachbar Hartleben kommt in Hausschuhen mit der
letzten Anklage gegen den Schlingel, den Velten, über
die Gasse, um sich von der Frau Doktern das Versprechen abnehmen zu lassen, seiner „Madame“ Trotzendorff die Miethe zu stunden und ihr eine neue Tapete
in die Wohnstube zu kleben. — „Und nun das
Wurm da,“ brummt der Nachbar, „ja, Frau Nachbarin, da drückt es sich an Sie an und macht
fromme Augen, als ob es noch niemalen ein Wässerlein getrübt und heute meinen Pudel frisirt hätte.
Ich hätte Ihnen das Vieh mitgebracht, aber es
schämt sich seiner Verunstaltung, daß es kein Prügel
und keine Bratwurst unterm Sofa hervorkriegen.
Mit ihrer Mutter Putzschere ist die Krabbe daran
gewesen und hat das Beest verschnitten, daß kein
Mensch es mehr herauskriegt, wo es in der Naturgeschichte hingehört. Jawohl, Frau Doktern, Gottes
Lohn reicht hier nicht aus, da müssen Sie schon das
Ihrige dazu gethan haben, auf daß ich mir solche
angenehme Inquilinenschaft von einem Jahre ins
andere gefallen lasse und sogar noch dankbar bin.“

— Wir sind Kinder — junges Volk — und das
schönste Mädchen des Vogelsangs lehnt sich als Jungfrau über Veltens Mutter: „Bei Dir bleibe ich
auch in der weitesten Ferne und bitte, bitte, nimm
es Mama nicht übel, was sie Dir heute wieder gesagt
hat, nach dem Briefe von Papa. Sie kann ja nichts
dafür, daß wir nirgends recht hinpassen. Ich auch
nicht, liebste, beste Tante Andres! Und ich durch
Deine Güte und Liebe und Barmherzigkeit noch
weniger als Mama!“ . . .

Ja, weißt Du noch, Velten? Erinnerst Du Dich
wohl noch daran, Krumhardt? — „Wie steht es denn
mit euren Schularbeiten für morgen, Jungen, wenn
ich fragen darf?“ Es ist mein eigener braver, sorglicher Vater, mein seliger Vater, der in Schlafrock und
Hauskäppchen mit der langen Pfeife an die Hecke gekommen ist, wo jetzt die hohe Brandmauer des Nachbarhauses sich erhebt. Und meine Mutter mit dem Strickzeug in der Hand und dem Garnknäuel unterm Arm
kommt auch unserer Laube heran. Es ist mehr und
mehr wie eine Wiederbringung im Fleisch für den
Vogelsang: in Fleisch und Blut, mit jedem Gestus
und Tonfall sind sie wieder da bei der Frau Doktorin
Andres, Alle sind sie wieder heraufgestiegen und —
am lebendigsten für den Mann neben der heiterschönen Greisin, der auf seiner Brust das Blatt trägt
mit dem ersten Vers der dritten Ode an Behrisch:

Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde;

und im grimmigsten Ernst sein Leben nunmehr darauf
eingerichtet zu haben glaubt.

Wenn ich dann nach Hause komme, finde ich
vielleicht meinen Schwager bei meiner Frau sitzen,
und er fragt mich:

„Nun sage mir, hast Du noch immer nicht genug
von diesem maulfaulen, bodenlos langweiligen, gänzlich
verödeten Patron, diesem Mister, Senhor oder Monsieur Andres, Deinem Freund Velten? Sieh mich
nur, bitte, nicht in der veralteten, vorwurfsvollen
Weise an, lieber Krumhardt; auch das intensivste
Dankbarkeitsgefühl muß sich allmählich einem solchen
unnahbaren, unfaßbaren, ewig gähnenden und ewig
grinsenden Burschen gegenüber abstumpfen. Weiß
der Himmel, wir sind ihm seiner Zeit mit den möglichsten Avancen nahe gegangen; aber wie er uns
jetzt heimgekommen ist, möchte ich doch manchmal
wünschen, es habe mich damals ein Anderer aus der
kühlen Pfütze heraufgeholt, und ich dürfe ihm, ohne
im nächsten Abendblatt auf die Eselswiese getrieben
zu werden, sagen: Mensch, laufen Sie mir noch
einmal in den Weg, so mache ich den Verein für
öffentliche Gesundheitspflege auf Sie aufmerksam und
denunzire Sie als endemisch gefahrbringend.“

Er war nicht ohne Witz, mein armer seliger
Schwager Schlappe. Durch ein Herzleiden ist er uns
nicht entrissen worden vor einem Jahre.

Ich nehme wieder einmal über diesen Blättern
die Stirn zwischen beide Hände und wundere mich
von Neuem und suche es mir zurecht zu legen,
weshalb und warum in dieser Weise ich sie, nun
schon durch so manche lange winterliche Nacht, mit
solchen Zeichen und Bildern fülle.

Da ist mir aber heute aus Lessings litterarischem
Nachlaß eine Seite unter die Augen gekommen, auf
welcher der Wolfenbüttler Bibliothekar über seinen
„Ungenannten“ schreibt:

„Ich habe ihn darum in die Welt gezogen,
weil ich mit ihm nicht länger allein unter einem
Dache wohnen wollte.“

Ich glaube das ist's! — Oder doch ähnlich so.
Mein ganzes Leben lang habe ich mit diesem Velten
Andres unter einem Dache wohnen müssen und er
war in Herz und Hirn ein Hausgenosse nicht immer
von der bequemsten Art, — ein Stubenkamerad, der
Ansprüche machte, die mit der Lebensgewohnheit der
Anderen nicht immer leicht in Einklang zu bringen
waren, ein Kumpan mit Zumuthungen, die oft den
ganzen Seelenhausrath des soliden Erdenbürgers verschoben, daß kein Ding anscheinend mehr an der
rechten Stelle stand. Ich hatte es versucht — wer
weiß wie oft! — während er draußen sich umtrieb
und ich zu Hause geblieben war, ihn auf die Gasse
zu setzen. Das war vergeblich, und nun — da er
für immer gegangen ist, will er sein Hausrecht fester
denn je halten: ich aber kann nicht länger mit
ihm allein unter einem Dache wohnen. So
schreibe ich weiter. —

Mein erster Junge wurde mir geboren, und ich
bat selbstverständlich Velten zu Gevatter; er aber
lehnte die Pathenschaft ab, der kirchlichen Formeln
wegen, die damit verknüpft sind.

„Kann ich dem Geschöpf irgend einmal in seinem
Leben nützlich sein, was ich übrigens, der Verschiedenheit der Jahre wegen, bezweifle, so wird das
gern geschehen,“ sagte er. „Ausgeschlossen ist's ja
nicht, daß wir einmal einander später im Leben begegnen und eine Strecke miteinander gehen; kann
er mich dann gebrauchen, so soll er den Freund seines
Vaters an mir finden. Jetzt nenne ihn nur ruhig
Ferdinand nach Deinem Schwager Schlappe. Das
und Du genügen, um ihm aus den Windeln in die
Hosen zu helfen. Deine kleine, gute Frau hast Du
auch wohl nicht gefragt, ob sie wirklich und aufrichtig mich für ihr Würmchen als einen wünschenswerthen Führer und Begleiter, sowohl im wilden
Walde der Welt, von dem sie gottlob nichts weiß,
als auch im hiesigen geregelten Lebensverkehr, den
sie zu eurem Glück ausgezeichnet kennt, in die
Standesamtsliste und das Kirchenbuch eingetragen
sehen möchte? Ich bezweifle beides — Deine Anfrage
und ihre Zustimmung.“

Was das eine anbetraf, irrte er sich, bei dem
andern hatte er nicht Unrecht.

„Herz,“ war ich gegengefragt worden, „hast Du
Dir das ganz genau überlegt? Der Name Valentin
schon ist jetzt so ungewöhnlich, und — Velten! . . .
Velten! Ach, wenn nur nicht von dem Namen gerade
hier in der Stadt und in meiner Familie immer so
wunderlich die Rede gewesen wäre! Ich habe ja
wahrhaftig nichts gegen Deinen Freund — im Gegentheil, Du weißt es selbst, wie interessant er mir ist,
weil Alles, wenn er zu Besuch kommt, Alles, worauf
die Rede kommen mag, in Façon und Farbe so ganz
anders ist, als wie ich und wir in unseren Kreisen
es bis jetzt gesehen haben. Du bist ja auch und doch
ein guter, verständiger Mensch und mein lieber Alter
geblieben, trotzdem er Dein bester Freund von Kindesbeinen an ist — nein, nein, nein, in der Hinsicht
habe ich gar keine Befürchtungen, aber komm und
sieh Dir das Kind an — bitte, komm und sieh es
mit den Fäustchen vor seinem Herzensmäulchen im
Schlaf in seinem Bettchen, und bitte, bitte, laß es
nicht Velten taufen! Er ist ja so gut und klug und
edel, Dein Freund; aber hart ist er doch, oder doch
hart geworden in seinem Leben, und ich möchte mein
Kind, unsern lieben Jungen, doch hier bei uns behalten, in unserm gewöhnlichen gewohnten Leben —
ich weiß nicht, wie ich es sagen und ausdrücken soll,
aber ich könnte jetzt das arme Würmchen nicht Velten
rufen, und es später mal als alte Frau so nach Hause
kommen sehen, wie die herzige alte Frau, eure Frau
Doktor aus dem Vogelsang, Deinen Freund Velten!“

Selbstverständlich hat mein Schwager Ferdinand
meinen Erstgeborenen über die Taufe gehalten. —

Und nun habe ich es auch mir selber wieder
deutlich zu machen, wie es zuging, daß ich eigentlich
nichts von Bedeutung über seinen letzten Aufenthalt bei
uns in der Heimathstadt zu den Akten bringen kann,
als eben sein abermaliges und letztes Weggehen aus ihr.
„Das macht sich so!“ sagen die Leute, und ich habe
auch für mein Theil nichts in der Hand, womit ich
mich gegen dieses Wort urältester menschlicher Erfahrung wehren könnte.

Es machte sich auch zwischen Velten Andres und
mir so. — Er hatte mir wenig zu sagen; ich ihm
eigentlich gar nichts. Meine Amtsgeschäfte vermehrten
sich gerade in diesem Sommer sehr, und dazu kam
das Kind im Hause, dem gegenüber er sich auf einen
Standpunkt stellte, auf den ihm meine Frau noch
weniger als auf irgend einen anderen folgen konnte.

„Wenn er sich gar nicht um es bekümmerte,
wollte ich gar nichts sagen,“ meinte sie oft vollständig entrüstet. „Das kann man von euch Mannsleuten eben nicht verlangen, wenn ihr nicht zufällig
persönlich dazu gehört. Aber die Art und Weise wie
er es mir aus den Kissen nimmt und es mir von hinten
und vorn besieht und die Nase rümpft und lästerlich lacht und den Kopf schüttelt und seine Reden
und Redensarten dabei, die lasse ich — die lassen
wir — wenigstens Ferdy und ich uns lieber nicht
gefallen. Und daß Du das oft so ruhig anhörst,
Männchen, begreife ich auch nicht. So ein armes,
herziges Geschöpfchen und noch dazu vor seiner Mutter
Ohren, einen Ausbund von einem Esel, einen Narren
zu nennen, der auch besser gethan hätte, zu bleiben,
wo er war, das schickt sich nicht, und mein Bruder
Ferdinand mit seinen dümmsten Witzen ist mir immer
noch lieber, als dieser Dein Freund, dem, leider
Gottes für ihn! sein Spaß so bitterer Ernst ist, daß
ich ihn bedaure und mir ganz schlecht zu Muthe wird
und ich ihm meinen Jungen sofort aus den Händen
risse, wenn er ihn, Gott sei Dank, nicht von selber
gleich wieder hergäbe!“

Eine Frau, die einen Freund ihres Mannes
nicht an der Wiege ihres Kindes leiden kann, ist
ein gewaltig hindernder Faktor in so einem Verkehr
von Haus zu Haus: ich erinnere mich nur eines
einzigen freundlichen Sonnabendnachmittags, an
welchem unser Kinderwagen auch in die letzte Gartenlaube der Nachbarschaft des Vogelsangs hineingeschoben wurde, um meiner Frau zu dem Ausrufe zu
verhelfen:

„O Gott, diese liebe alte Dame! Ist es denn
eine Möglichkeit, daß die Deinen Freund Velten so
in den Armen gehalten und so abgeküßt hat, wie
ich unsern Ferdinand, sowie wir wieder zu Hause
sind?“ —

Es war so um die Mitte des Septembers geworden. Seit vierzehn Tagen oder drei Wochen
hatten wir uns wieder einmal nicht in unseren
Wohnungen aufgesucht, waren uns auch auf Spazierwegen nicht begegnet, als mich an einem warmen,
stillen Spätnachmittage plötzlich so ein Gefühl überkam, als sei ich schuld hier an einem Versäumniß
und als brauche man im Vogelsang keine der mir
möglichen Entschuldigungen gelten lassen. Dieses
Gefühl wurde so peinlich, daß ich ganz ärgerlich nach
dem Hut griff mit einem: „Dieser Mensch hat doch
wahrhaftig mehr Zeit als Unsereiner!“

Ich ging zu ihm und — schickte nach einer halben
Stunde einen Boten zu meiner Frau mit der Benachrichtigung, daß sie mich nicht zum Abendthee zu erwarten habe; vielleicht werde ich auch ein wenig spät
in der Nacht erst heimkommen. Was sollte ihr
mit ihrem Kindchen an der Brust solch ein spätabendliches Erschrecken für eben diese Nacht? —

In dem alten schmalen Buchsbaumgang kam mir
der Freund von dem Häuschen zu der letzten grünen
Hecke unserer Jugendzeit entgegen, mit dem Gesicht,
das er aller Welt machte, nachdem er sich wieder bei
uns „eingewöhnt“ hatte. Und solch ein Gesicht läßt
sich denn auch einem guten oder besten Freunde gegenüber nicht leicht in andere Falten legen.

„Sieh, das ist freundschaftlich von Dir,“ sagte
er. Ich blickte nach dem offenen Fenster der Frau
Doktorin hin und da sie mir nicht wie gewöhnlich
freundlich von dorther zunickte, fragte ich, wie man
so fragt:

„Was macht die Mutter?“

„Auch die wird sich freuen, Dich zu sehen!“
und so schüttelten wir uns die Hände und schritten
dem Hause der Nachbarin Andres zu. „Noch einmal
zu sehen, wäre wohl das richtigere Wort, lieber
Alter!“ sagte Velten Andres und dabei faßte er
freilich meinen Arm wie mit eisernem Griff — wie
um mich bei sich festzuhalten und aufrecht in meinem
Erschrecken, und sah nicht dabei drein wie Einer, der die
Welt für einen guten oder — schlechten Spaß hält,
unter allen Umständen aber nur für einen Spaß!. . .

„Die Mutter — Deine Mutter —“

„Es geht ihr seit acht Tagen nicht zum Besten,
doch seit gestern —“

„Hat es sich zum Besseren gewendet? Aber
Mensch, und wir haben von alledem nichts gewußt?
Wie unrecht das von euch gewesen ist. Ihr wißt
doch, welche Theilnahme —“

„Die alte Nachbarschaft sich schuldig ist.
Selbstverständlich! Es war ihr freundlicher Wille.
Weshalb wollen wir die lieben Leutchen in ihrem
Behagen beunruhigen? meinte sie und hatte Recht,
wie immer in ihrem sonnigen Leben. Es ist ein
altes Unterleibsleiden, das sich von Neuem gerührt
hat; aber es hat sich in der That jetzt zum Besseren gewendet. Komm also und sieh selber. Ich habe unter
meinen besonderen Freunden, den Chinesen in San
Francisco eine Zeitlang als Ati Kambang, zu Deutsch
der Herr Sanitätsrath, eine Rolle gespielt. Ja, sie
ist auf gutem Wege!“

Ich verbiß, was ich von Unbehagen, Selbstvorwürfen und Ärger über den Menschen an meiner
Seite in mir hatte, und trat wieder einmal über die
ausgetretene liebe Schwelle des „Doktorhauses“ des
einstigen Vogelsangs.

Was für Schatten von draußen jetzt darauf
hinfallen, was für Töne auf es hineinkreischen mochten,
im Innern nichts verändert! Alles an seinem Platze
wie vor Jahren. Da des Freundes Schülerpult
neben dem Schreibtisch des Vaters. Sein Bücherbrett
mit den abgegriffenen Schulausgaben der lateinischen
und griechischen Klassiker und der Weihnachts- und
Geburtstagslitteratur von Robinson über den Steuermann Sigismund Rüstig und die Lederstrumpferzählungen bis zu den billigen Schillerausgaben der
deutschen Klassiker. An den Wänden zwischen und
neben den Familienphotographien und was sonst sich
da zu finden pflegt, die selbstgefertigten Glaskasten
mit den Käfer- und Schmetterlingssammlungen des
letzten Velten Andres. Lauter Dinge und Sachen,
die mir heute noch lebendiger sind, als der Inhalt
meines eigenen Hauses und der Stube, in welcher
ich in dieser Nacht dieses aus meinen Akten hervorhole, um es revidirt ihnen von Neuem beizufügen!

Wie hatte sich in den paar Tagen, da ich sie
nicht gehört hatte, die theure, wohlbekannte Stimme
verändert, die mir aus dem hinter der Familienstube
gelegenen Schlafzimmer entgegenklang!

„Velten! — um Gottes willen —“

„Aber Du bist noch da, Junge? Der Zug geht
um sechs Uhr. Steh auf, Velten, um sechs Uhr geht
der Zug. Der Zug geht um sechs Uhr und Du mußt
noch packen. Steh auf, Junge, der Koffer schließt
nicht recht, Du mußt aufstehen, Velten, der Zug geht
um sechs Uhr. Du mußt Deine Reisetasche packen,
Velten. Junge, um sechs Uhr geht der Zug!“

„Seit gestern beschränkt sich hierauf ihre ganze
Vorstellungsfähigkeit und ihr Ausdrucksvermögen. Sie
hat ihr schönes, heiteres Leben durch still gesessen;
nun ergreift auch sie die Unruhe. Wir Menschen in
ihrem jetzigen Zustande haben das dann und wann
so an uns, daß wir für uns oder Andere zur Reise
zusammenpacken lassen, oder selber zusammenpacken,
gerade wenn die Fahrt zu Ende, der Weg zurückgelegt ist. Tritt näher und setze Dich, Du störst sie
nicht durch Deinen Besuch.“

„Armer Freund.“

„Ja, so verflüchtigt sich auch dieses liebe Bild!“

„Aber Junge, Junge, Du versäumst den Zug,
wenn Du nicht aufstehst! Steh auf, Velten! Packe
Deinen Koffer, um sechs Uhr geht der Zug. Packe
Deine Reisetasche,“ klang es aus den Kissen der
Sterbenden, und die Wärterin, eine mir auch wohlbekannte alte Freundin aus dem Vogelsang, Riekchen
Schellenbaum, meinte:

„Sie ist nur ein bißchen unruhig, die Frau
Doktern, aber Schmerzen und Ängsten hat sie gottlob
weiter nicht mehr, Herr Velten.“

„Jawohl, das sind nun alle ihre Sorgen, Krumhardt, daß sie mich zur rechten Zeit aus dem Bett
kriegt, daß ich meine Reisetasche, meinen Koffer packe,
nichts vergesse und den Zug zum Glück nicht versäume,“ sagte der Sohn, sich über die Mutter beugend
und leise und zärtlich ihre Hand nehmend.

„Velten, Velten, Du versäumst wahrhaftig den
Zug, wenn Du nicht aufstehst und Deinen Koffer
packst! Sieh, da kommt die Sonne schon!“

Leise strich der Sohn über die Stirn der Mutter
und wendete sich zu mir:

„Das letzte war ein neues Wort. Die anderen
wiederholt sie, wie gesagt, seit anderthalb Tagen.“

„Das wird ein schöner aber heißer Tag,“ murmelte die Sterbende mit einem leisen Seufzer und
dann blieb sie still und schien in einen ganz vorstellungslosen, traumfreien Schlaf zu sinken, nur daß
ihre Athemzüge schwerer und schwerer wurden.

„Einer der Schlimmsten, die ich gesehen habe,
war der alte Hartleben, Herr Velten,“ sagte, wie um
ein tröstendes Wort dazu zu geben, Riekchen Schellenbaum. „Dem kam der ganze Schluderkopf, ich meine
sein Waldbesitzthum dran, in seinen letzten Tagen und
Nächten über den Leib. Lauter gefällte Stämme!
und Alles wollte über ihn hinrollen. Ja, das war
ein schwerer Kampf! Aber, wie Herr Andres ganz
richtig sagen, das sind so unsere Phantasien.“

„Das Lungenödem wird wohl erst in der Nacht
eintreten,“ sagte Velten. „Ihr Tag ist zu Ende,
und es ist ein schöner, ruhiger und vor Allem nicht
zu heißer Tag gewesen. Alle ihre Sorgen sind von
mir gekommen: dies, daß ich auch jetzt die Zeit nicht
versäume, war nun ihre letzte. Ob das animalische
Herz nun ein wenig schneller oder langsamer erlahmt,
ist wohl von keiner Bedeutung. Mutter! meine
Mutter! Liebe, alte Mutter, Du mein einziger,
wirklicher Freund, was habe ich Dir heimgebracht
als meine Kunst, auch vor Dir Komödie spielen zu
können und Dir Deinen freundlichen Daseinstraum
nicht zu stören? Ja, ja, Freund Carlos, und auch
ich kann sagen, daß ich meine Rolle dieses letzte
Jahr durch gut durchgeführt habe: sie schläft ein in
der Gewißheit, mich mit einem Herzen so reich, so
leichtbewegt, so fest, so siegessicher, so unverwundbar
wie das ihrige zurückzulassen . . .“

„Velten!“

Er wendete sich zu der greisen, sechzigjährigen
Wärterin, dem „Riekchen Schellenbaum“ all unserer
Nachbarfamilien, mit einem stummen Wink; dann
nahm er mich am Arm und führte mich aus der
Kammer fort und bot mir eine Cigarre an. Er
zündete eine an, und so lehnten wir wieder in dem
kleinen Garten an der letzten grünen Hecke unserer
Jugendzeit. Ich fröstelnd in dem kalten Mauerschatten
von meiner Eltern Anwesen her, und ohne zu wissen,
was ich ihm sagen sollte. So sprach denn auch ich,
wie unbewußt und nicht zu ihm, sondern für mich
den furchtbaren Rath:

„Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde.“

„Der schickte seine Vulpius nach Frankfurt am
Main, um den Hausrath seiner Mutter zu versteigern;
aber der Thor hatte selbst sich schon längst einen
neuen gesammelt und sammelte weiter daran, um
ihn Erben zu hinterlassen, denen er schwer auflag.
Ja, so seid ihr, Karl Krumhardt! Du hast es
ebenfalls recht behaglich in Deinen sicheren vier
Wänden und doch aus dem alten, verschwundenen
Neste, weiland hier zur Linken, manches mit in das
neue Haus hinübergenommen, was Kindern und
Kindeskindern dereinst schwer aufliegen wird.“

Nun wendete er sich von der lebendigen, staubigen,
gemeinen Vorstadtgasse ab und gegen sein Elternhaus,
sagte jedoch weiter nichts: ich aber habe oft, oft an
seinen Blick und die begleitende Bewegung mit der
lahmen Linken damals denken müssen, und jedesmal
waren dann meine vier sicheren Wände drohend,
beängstigend auf mich eingerückt, es war mir bänglich
und asthmatisch zu Muthe, ich traute auch dem zierlichen Stuck des Plafonds nicht: ja, ich fühlte mich
dann jedesmal recht unbehaglich in meinen vier
Pfählen und im Erdenleben überhaupt.

Er hatte Recht gehabt, der Freund. Am späten
Abend war das Todesathmen eingetreten und gegen
vier Uhr Morgens hatte sich auch „dieses liebe Bild
verflüchtigt“. Wer kann ein Lächeln, den Klang
einer Stimme, das Neigen einer Stirn, die Bewegung,
den Druck und die Wärme einer Hand in den —
Akten festhalten?

Als ich gegen neun Uhr zu Velten kam, fand
ich ihn ruhig bereits mit den nöthigen Vorbereitungen
und Formalitäten zur Beerdigung beschäftigt. Ich
wollte ihn, auch im Auftrage meiner Frau, aus
seinem leeren Hause mit in unsere Gastzimmer
nehmen, aber er wollte nicht. Lächelnd wies er die
dringende, wiederholte Bitte ab.

„Ich bin euch dankbar, Kinder,“ sagte er, „und
könnte wohl auch kommen, wenn die Kleine jetzt nicht
ihren Buben hätte. Soll ich eine karthagische Mutter
aus ihr machen, die ihr Wurm dem Moloch opfert?
Ich glaube, sie sähe es in meinen Armen ebenso
gern, wie in denen des feurigen Götzen. Sie hat
mich nach braver Frauenart zu gut kennen gelernt
im Laufe der letzten Zeit, und ich müßte doch wohl
einmal mich über eure Wiege beugen und dem
Jungen den Finger hinhalten. Weißt Du, Karl,
wir wollen der Guten solches Schwanken zwischen
Freundschaft und Mißtrauen, zwischen Neigung und
Abneigung ersparen. Und übrigens ist auch Die da
nebenan in ihrem stillen Frieden mir immer auch noch
Gesellschaft und zu Rath und Trost da. Wir danken
euch bestens, alter Freund; aber laßt uns nur unsere
letzten Zwiegespräche in diesen Tagen allein miteinander halten. Wir haben noch Einiges miteinander
abzumachen, wobei selbst die freundlichst und freundschaftlichst gesinnten Dritten nur fremd wirken können.“

Dagegen war nichts zu sagen; aber ein Achselzucken eigentlich auch nicht recht angebracht. Ich
sah also den Freund nur am Begräbnißtage wieder.

Wir gaben auch der Frau Doktorin Amalie
Andres die letzte Ehre, — diesmal ein kleines Geleit,
doch um das Grab eine gar ehrenvolle Corona:, die
ältesten und älteren Leute (meistens geringen Standes)
aus dem Vogelsang, die noch die ganze Nachbarschaft,
wie sie da jetzt unter ihren Hügeln schlief, im Leben
gekannt hatten. Und Manche kamen mehr oder weniger
scheu heran und gaben Velten und mir die Hand
und sagten: „Das war eine liebe Frau, die Frau
Mutter und erst der Herr Vater, der Herr Doktor,
Herr Velten! Bei uns Alten behalten sie ihr Andenken, wie sie jetzt da so bei einander liegen nach
Gottes Willen, und nun nehmen Sie es sich nur
nicht zu viel zu Herzen, Herr Velten, Herr Andres!“

Kinder spielten jetzt nicht mehr an Mondscheinabenden auf dem Friedhofe des Vogelsangs. Es
war eine hohe, solide Mauer um ihn gezogen worden,
ein schweres, eisernes Gitterthor sperrte ihn ab und
eine strenge Kirchhofsordnung regelte den Besuch.
Und —

— vor dem Thor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten,
Der Leib und die Tatzen wie ein Löw',
Ein Weib an Haupt und Brüsten.

Der Morgen nebelig und grau und regendrohend
— der erste Herbsttag des Jahres — werde ich je
einen Leser haben, kann ich ihn auf eine Seite zu
Anfang dieses Aktenkonvoluts verweisen, wo die
Sphinx auch auf dem Kirchhofe des Vogelsangs nur
vor dem mondbeglänzten, romantischen Zauberschloß des
Daseins lag, nicht vor dem Leben selbst, vor Beth-Chaim, dem „Hause des Lebens“.

„Der Jude oder semitische Hellene hat von seinem
Recht als Poet Gebrauch gemacht, als er, wie mir
anderen Prosaiker auch, die löwentatzige Belle aux
énigmes vor die falsche Thür als Hüterin und
Räthselaufgeberin legte,“ sagte Velten, als wir auf
dem Heimwege vom Kirchhofe auf jene unsere Kinderspiel- und Mondscheinabende kamen.

Als ich ihn dann noch einmal aufforderte und
dringender bat, wenigstens jetzt meine Gastfreundschaft
anzunehmen, erwiderte er:

„Ich bin da wirklich nichts nutz. Man nimmt
zu leicht Leute, ohne es zu wollen, auf Wege mit, wo
sie nicht hingehören; und Du hast einen großen und
angenehmen Verkehr, den ich nicht gern stören möchte.
Aber, lieber Alter, Du selber wirst mich nie stören:
weißt Du, komm Du zu mir! Auch ich glaube demnächst für die beste Gesellschaft und angenehmste
Unterhaltung sorgen zu können.“

Er blieb also in seinem Häuschen, und als ich
ihn natürlich schon am folgenden Tage wieder dort
aufsuchte und nach seinen Plänen für die weitere
Zukunft fragte, meinte er lächelnd:

„Die ist gesichert. Beruhige Dich und Alle, die
Interesse daran nehmen, in dieser Hinsicht völlig.
Gerade nicht hier am Ort, doch habe ich gerade am
Ort hier die schönste Gelegenheit, sie noch sicherer zu
stellen, ich erwarte nur noch das erste Ofenfeuer
dazu.“

„Das erste Ofenfeuer?“

„Mir ist niemals ein Winter zu meinem Fortkommen im Leben mehr zu paß gekommen, als wie
der diesjährige. Jawohl, demnächst heizen wir,
Krumhardt.“ —

Ja, und er ist so gut wie sein Wort gewesen.
Als das Wetterglas seines Vaters nach Reaumur
unter zwölf Grad in der Wohnstube seiner Eltern
sank, fing er an zu heizen, und zwar mit seinem
Erbtheil aus und vom Vogelsang. Er heizte mit seinem
Hausrath.

Es war Riekchen Schellenbaum, die am Tage
nach dem ersten Ofenfeuer nicht zu mir, sondern zu
meiner Frau mit der Nachricht kam:

„Mit der seligen Frau Doktern ihrem Nähtisch
hat er angefangen. Ich bin fast des Todes geworden als er ihn im Hofe entzweischlug und mich
mit den Beinen Feuer anmachen ließ. Mit den
Schubladen und Allem, was drinnen war, hat er
selbst weiter geheizt! Der arme Herr! O, wenn doch
der Herr Assessor mal kommen würde und nach ihm
sehen! Heute Morgen hat er des seligen Herrn
Vaters Schreibtisch von der Wand abgerückt, und ich
bin auch nur in der Stadt, weil er mich um eine
Säge hineingeschickt hat.“

„Du weißt, wie ich ihm entgegengekommen bin,
Karl!“ rief meine Frau. „Ich habe ganz gewiß
mein Möglichstes gethan, um ihn Deinetwegen gern
zu haben; aber hat mich nun mein innerliches Gefühl getäuscht? Jetzt magst Du sagen, was Du willst,
ich sage: großer Gott, wie kann nur ein Mensch so
sein wie dieser, Dein Freund? Und Dem hast Du
Dein Kind, meinen armen Jungen am Altar in die
Arme geben wollen! O Gott, wie kann ein Mensch,
ich meine, Gott sei Dank, nicht Dich, so ohne alles
Gefühl sein?“

„Es ist ein unbezahlbarer Mensch,“ meinte
Schlappe, der dazu kam, lachend. „Ob er je zu
irgend einer Zeit seines Lebens recht bei Troste gewesen ist, weiß ich nicht; aber sage mal, Schwager,
würde es unter diesen neuen Schnurren nicht doch
zu Deiner Freundespflicht werden, ihn unter Kuratel
stellen zu lassen? Eure Familie hat ja wohl schon
seit Generationen das Onus, das Haus Andres zu
bevormündeln?“

Ich war den Tag über wirklich nicht in meiner
Schreibstube zu entbehren und hatte mich durch vielfachen und vielfarbigen Menschenverdruß, und viel
Menschenangst und Elend durchzuarbeiten, aber ich
wurde ihn nicht aus dem Sinne los, ja, um desto
weniger aus dem Sinne los, je mehr sich mir des
Menschenthums Anhängsel aufdrängten. Es waren
meistens wieder nur Eigenthumsfragen, zu denen auch
ich mein lösendes Wort geben sollte, und das Gezerr
und Gebelfer, der Grimm und Hohn, mehr oder
weniger unter der Maske des dem Menschen eingeborenen Gerechtigkeitssinnes zu Tage blühend. Und
dann war es doch wieder ein anderer Übergang aus
meinem ruhigen, behaglichen Heim, von dem Kamin,
wo mein Weib mit ihrem Kindchen an der Brust
auf niedrigem Schemel leise ihr Wiegenlied sang, zu
dem Ofen im Vogelsang, vor dem der wunderliche
Freund sich frei machte — nicht von den Sachen,
sondern von dem, was in der Menschen Seele sich
den Sachen anhängt und sie schwer und leicht, kurz
zu dem macht, was wir Anderen im Leben ein Glück
oder ein Unglück zu nennen pflegen.

Ich konnte ihm bei meinem Eintritt weiter nichts
sagen, als:

„Es ist unheimlich warm bei Dir, Velten!“

„Gemüthlich! . . . Deutsch-gemüthlich, was? Ihr
habt ja den Ausdruck, macht Anspruch darauf, ihn in
der Welt allein zu haben, also bleib auch Du ganz
ruhig bei ihm, Krumhardt.“

„Laß uns nach Möglichkeit vernünftig sprechen,
Andres —“

„Ich habe die Jungfer Schellenbaum heute
morgen um eine Säge in die Stadt geschickt; sie wird
selbstverständlich bei euch gewesen sein, mit den
Händen über dem Kopfe und sämmtlichen Geisteskräften
in Unordnung: Bringst Du das Entmündigungsdokument für mich schon mit, mein Carlos?“

„Wir wissen wenigstens in unserm Alltage schon
Bescheid über das, was Du hier begonnen hast und
wirklich weiter zu treiben scheinst; aber Du könntest in
unserer Alltagswelt doch einen Unterschied zwischen mir
und den Übrigen machen. Velten, was soll dies sein?“

„Ein äußerliches Aufräumen zu dem innerlichen,
liebster Freund! Ein leichtbewegtes Herz und so
weiter — wozu nützen uns die weisesten Aussprüche
großer Lehrer, wenn man ihnen nichts weiter entnimmt, als eine Stimmung für den Augenblick? Ein
Hinweis darauf, daß der Meister selber keinen Gebrauch von seinem Diktum gemacht habe, verschlägt
nichts. Hat er sein leichtbewegtes Herz durch seine
achtzig Jahre mit sich geschleppt, so ist das seine
Sache gewesen und hat auch vielleicht zum Vortheil
der Litteraturgeschichte — um sie interessanter zu
machen — so sein müssen. Soll deshalb kein Anderer
die Fäden abschneiden dürfen, die ihn mit dem Erdenballast verknüpfen? Ja, ich heize in diesem Winter
mit meinem hiesigen Eigenthum an der wohlgegründeten Erde, mit meinen Habseligkeiten aus dem
Vogelsang.“ Er sprach das Wort „Habseligkeiten“ in
einer Weise aus, die man im Werkeltagsverkehr nicht
zu hören bekommt.

Ja, er heizte durch den seltsamen Winter mit alle
dem, wovon sich andere Leute nur sehr schwer, und
wenn es gar nicht anders geht, und manchmal nur
mit Thränen in den Augen trennen. Und er trieb
das Ding äußerst systematisch und hatte dabei an
mir einen Zuschauer und Theilnehmer, der nur durch
seine Ruhe abgehalten wurde, mit einem: „Aber
Velten, auch das?“ mit beiden Händen dreinzugreifen und dem Autodafé Einhalt zu thun.

Ich wehrte mich vergebens gegen das Interesse,
das ich von Tag zu Tage mehr an dem seltsamen
Zerstörungswerk nahm. Meinem Weibe gegenüber
den abscheulichen, den „unsinnigen Menschen“ noch
zu rechtfertigen, hatte ich bald aufgegeben, aber bald
wär's auch nöthig geworden, daß ich mich nur noch
verstohlen vom Hause nach dem Vogelsang weggeschlichen hätte.

„Karl, Karl,“ jammerte meine arme gute Kleine,
„o, Karl, bitte, bitte, werde mir nicht so wie Der!
Bitte, denke immer an uns, an das Herze da in der
Wiege und auch ein bißchen an mich, wenn Du
Deinen Freund nicht lassen willst, nicht lassen kannst!
Er hat ja freilich keine Familie wie Du; aber ich
habe doch noch erst die letzte Nacht geträumt, auch
Du habest mich mit unserm Jungen — ich meine
unsere letzte Photographie — verbrannt wie er die
Bilder seiner Eltern und seiner als ganz kleines Kind
gestorbenen Schwester! O bitte, da nimm uns,
Ferdy und mich, doch lieber jetzt gleich mit und
schieb uns in euren Ofen in Deinem Vogelsang!“

Worin lag nun der Zauber, der mich selbst
solche herzzerreißende Klagelaute überhören ließ, mich
gegen das einstimmende Winseln meines Erstgeborenen
taub machte und mich jeden Tag nach der alten
Heimstätte trieb, die jetzt zu einer Stätte der Vernichtung geworden war?

Wahrlich nicht ein unbewegliches, unbewegtes
Herz, sondern ganz das Gegentheil!

Wohl selten ist je einem Menschen die Gelegenheit geboten worden, seine „besten Jahre“ in die unruhvolle Gegenwart so zurückzurufen, wie mir in
Velten Andres' Krematorium. Wie wir im Vogelsang in der Nachbarschaft trotz Allem doch wie eine
Familie gelebt hatten, das erfuhr ich nun noch einmal
im reichsten Maaße und konnte meine Lebensakten in
wünschenswerthester Weise dadurch vervollständigen.
Der Wanderer auf der wankenden Erde schob aus
seinem Hausrath kaum ein Stück in den Ofen oder
auch auf den Küchenherd, an dem nicht auch für mich
eine Erinnerung hing und mit ihm in Flammen
aufging und zu Asche wurde. Vom Keller bis zum
Dache war in dem Häuschen kein Nagel eingeschlagen,
an welchem nicht auch für mich etwas aus den Tagen
hing, wo wir die Räthselaufgeberin vor dem Thore
des Lebens eben nur dem Haupt und den Brüsten
nach kannten und noch nicht den Tatzen nach.

Es war ein Zurück- und Wiederdurchleben vergangener Tage sondergleichen. Die Woche, in der
wir uns mit der Entleerung der Boden-Rumpelkammer des Hauses beschäftigten, vergesse ich in
meinem ganzen Leben nicht, und ich schreibe nicht
ohne Grund: wir! Was wühlten wir da alles auf
aus dem Familienplunder der „Frau Doktern“? Sie
hatte sich von nichts trennen können, was je dem
Gatten und dem Sohn lieb gewesen und überdrüssig
geworden war. Sie hatte es ihnen aus den Augen
gerückt und sich selber, sozusagen, ein Hausmuseum
daraus gemacht. Wie wog der Sohn des Vaters
Ziegenhainer in der Hand, wie holte er aus einem
Kasten mit allerhand abgängigen chirurgischen Instrumenten seine Cerevismütze hervor und drehte sie in
den Händen! Wie kam mir mit dem Schaukelpferd,
das ich unter dem Dachwinkel hervorzog, jener Weihnachtsabend zurück, an welchem wir es zuerst ritten
und Velten meinte: „Ich hatte mir ein Thier mit
Rädern und wirklichem Fell auf den Wunschzettel
geschrieben; aber sage nur nichts davon.“ Er hat
es damals auch bald mir allein überlassen, es war
nichts für ihn; ich aber hätte ihn auch nun noch
gern gefragt: „Auch das in den Ofen?“ und ihn
gebeten: „Laß es mir für meinen Jungen!“

Es wäre eine psychologisch-philosophische Abhandlung darüber zu schreiben, weshalb ich weder die
Frage noch die Bitte that, sondern selbst es mir auf
die Schulter lud und es ihm die Treppe hinunter
zum Küchenherd trug. Ja — er hatte mich auch jetzt
wieder unter sich, es war von meiner Besitzfreudigkeit
aus keine Abwehr gegen seine Eigenthumsmüdigkeit: ich habe ihm geholfen, sein Haus zu leeren
und sich frei zu machen von seinem Besitz auf
Erden! —

Aber es ließ sich nicht Alles verbrennen, woran
für diesen grimmigen, ruhebedürftigen, unstät gewordenen Gast im Leben, wie wir Juristen uns ausdrücken, ein pretium affectionis haftete. Metall,
Glas und Porzellan brannten nicht, und doch wollte
er auf seinen ferneren Wegen sich nicht mit der Vorstellung plagen, wer jetzt die Feder in seines Vaters
Tintenfaß tauche und aus seiner Mutter Mundtasse
trinke, und auf welcher Kommode, im Trödel erhandelt,
die Bronzeuhr stehe, auf die man nie rechnen konnte,
wenn man einmal im Hause Andres die richtige
Tageszeit zu wissen wünschte, und die doch mit ihrem
zirpenden Glockenschlag so viele gute Stunden ein- und ausgeläutet hatte. Wir kamen auch hierüber
weg. Zerstören ist leichter als aufbauen: ein altes
wahres Wort, das mein armer Freund seinerseits
ebenfalls so in die Praxis übersetzte, daß, wenn ich
zu Weib und Kind heimgekommen war, meine Frau
mitten in der Nacht oder gegen Morgen sich auf
dem Ellbogen aufrichtete, mir über die Stirn strich
und rief:

„Mann, nun schläfst Du ja wieder nicht! Großer
Gott, ist er denn nicht bald fertig? Ich halte Dies
nicht länger aus und Du auch nicht!“

„Beruhige Dich, mein Kind —“

„Wie kann ich mich beruhigen, wenn solch ein
Unhold Dich mir unter den Händen austauscht und
allmählich zu einem Anderen macht? Oder ist das
etwa nicht so? Glaubst Du, ich merkte es nicht, wie
Dir jetzt von Tag zu Tag mehr so Manches überdrüssig, einerlei und zur Last wird, was doch zum
Leben gehört? O, mein bester Karl, wenn wir,
Ferdy und ich, Dir auch einmal zur Last würden, wie
Deinem entsetzlichen Freunde sein Hausrath und sein
Haus in eurem unheimlichen, schrecklichen Vogelsang!“

Nachher wurde es mir in dieser Nacht doch wieder
etwas zweifelhaft, ob ein leichtbewegtes Herz ein elend
Gut auf der wankenden Erde sei und der Freund im
Rechte, sich davon frei zu machen.

Daß er sich wie Herostrat für das Pantheon
der Weltgeschichte vorbereite, behaupteten gegen das
Ende des damaligen Winters nur die alten guten geistreichen Bekannten vom Schlage Schwager Schlappe
und Genossen, und hatten ihren souveränen Spaß
daran. Die Mehrzahl des Theiles der Stadtbevölkerung,
der von ihm wußte, blieb dabei, er sei einfach für
das Landesirrenhaus reif; und doch schlug die
Stimmung mehr und mehr für ihn um. Und daran
war dann wie gewöhnlich eine Minderzahl schuld,
die meistens ihre Meinung nur so beiläufig über ihn
aussprach, der er aber doch sehr im Kopfe herumgegangen sein mußte und auf deren Worte Manche,
ja Viele etwas gaben. Als mir ein hoher Chef sagte:
„Ein drolliger Patron; aber unter Umständen eigentlich
zu beneiden und nachahmungswerth!“ wußte ich, daß
nicht nur völlige Billigung, sondern auch der Neid
aus ihm redete und, jedenfalls, längere nachdenkliche
Beschäftigung mit diesem Menschen, der „die thebaische Wüste in den Vogelsang übertragen zu wollen
schien“. Letzteres Wort stammt jedoch nicht aus den
juristischen Kreisen der Residenz, sondern aus den
theologischen. Der augenblickliche Lieblingsprediger
der Stadt (unverheirathet) sprach es. —

Zu Anfang März war Alles vernichtet, woran
für ihn und sehr oft auch für mich eine Erinnerung
gehaftet hatte, und was er nicht in anderer Leute
Händen oder Besitz, sei es zu Nutzen oder Vergnügen,
wissen wollte. An den Wänden deuteten auf abgeblaßten Tapeten dunklere Flecke an, wo Bilder
gehangen hatten. Was die Bücherschränke und Regale
anbetraf, so konnte es darin und darauf nicht öder
aussehen als in eines anderen berühmteren Phantasiemenschen Studirstübchen, nachdem der Pfaffe, der
Barbier, die Haushälterin und die Nichte dort Kehraus gemacht hatten. Der späte Enkel sehe sich in
seinen eigenen vier Wänden um, denke sich Alles
fort, was in irgend einer Weise was zu sagen, was
vertraute und vertrauliche Form und Farbe für ihn
hat und erlasse es mir, von diesem Aufräumen
malerisch weiter zu schreiben. Hat ihn sein Eigenthum
an und auf der Erde auch schon einmal in der
rechten Art beängstet, so wird er auch wohl die
richtige Art und Weise, den Kopf zu schütteln, herausfinden. Überhebung von gesichertem Besitz her und
dürftiger Scherz aus momentanem Behagen wird
kaum etwas damit zu thun haben. Aber er selber,
Velten Andres, ließ dem Omnia exeunt seiner Vogelsang-Tragödie sowohl nach griechischem wie nach
englischem Muster noch ein Satyrspiel folgen, das
ihn aber diesmal beinahe — nicht mit der Sanitätsbehörde, sondern mit der Polizei in Konflikt gebracht hätte.

Er lud den Vogelsang wie zur Plünderung
eines abgerupften Weihnachtsbaumes in sein Haus ein.

Er gab den noch vorhandenen alten guten Bekannten der Nachbarschaft alles das preis, was ohne
eine Bedeutung für ihn war und erregte dadurch
natürlich einen Zusammenlauf, der für einige Stunden
den Verkehr in der Gasse völlig unterbrach.

Eingeladen hatte er mich nicht zu diesem letzten
Kehraus; aber ich kam dazu, und zwar mit meiner
Frau am Arme, von einem Nachmittagsspaziergang
über den Osterberg.

„Was ist denn das da vor Deines Freundes
Hause, Mann?“

Sie hatte die ersten Anemonen und Leberblümchen da oben im Walde gefunden und gepflückt
und drückte sich mit dem Frühlingsstrauß ängstlich
an mich an.

„Siehst Du's, da hat er es! Sie stürmen ihm
das Haus! Was hat er nun wieder Neues —
Schändliches angefangen — Dein — Freund?“

Es sah in der That bedrohlich aus; und wir
hatten Mühe, durch den menschenvollen Garten zu
der Hausthür zu gelangen, die er aus den Angeln
hatte heben lassen, und mit welcher auf der Schulter
ein alter Hausknecht weiland Nachbar Hartlebens
durch das Gewühl das Freie zu erreichen suchte. Nun
fand es sich aber, daß es doch im Ganzen lauter gute
alte Bekannte und Freunde waren, die er sich aus
den „letzten Gassen“ und von den Zäunen des Vogelsangs mit dem Wort: „Seht zu, Kinder, was ihr
von dem Kram gebrauchen könnt!“ eingeladen hatte,
wie der König im Evangelium das Volk zu seinem
Festmahl. Sie machten auch gern Platz, so viel es
ihnen möglich war und zogen die Mützen, und Einigen,
denen ich zu hoch gestiegen war, als daß sie mir die
Hand hätten reichen können, mußte ich sie hinhalten:
„Na, alter Freund, das geht hier lustig zu!“

„Ja, sagen Sie mal, Herr Assessor! So was
hat der Vogelsang gewiß noch nicht erlebt. Zu
so was gehörte einzig und allein unsere selige
Frau Doktern und unser Herr Velten, der Herr
Sohn!“ . . .

Es ging freilich nicht bloß gierig, sondern auch
lustig zu. Aus dem benachbarten Tivoligarten hatte
das Getümmel nicht nur die Kellner und Kellnerinnen,
sondern auch fast das gesamte Personal des eben dort
vorhandenen „Theatre-Variété“ hergezogen, um „sich
den Spaß anzusehen.“ Miß Athleta, die stärkste Dame
der Welt und Signor Volcano, der Feuermensch, die
„größte Sensationsnummer der Gegenwart“, John
Arden, der Weltmeisterschaft-Springer und die drei
Schwestern Larsen, die internationalen Excentrique-Sängerinnen, Fräulein Miranda, die Piston-Virtuosin
und Herr German Fell, von der Anthropologie genannt „das gefundene Mittelglied“, der unübertrefflichste Affendarsteller beider Hemisphären: sie waren
alle wie von Velten Andres zu seinem Kehraus gerufen und traten mit den Geladenen aus dem alten
Vogelsang die letzten Buchsbaumeinfassungen der
„Rabatten“ der Frau Doktern nieder und schienen
von der neuzugezogenen kopfschüttelnden Nachbarschaft
und der verblüfften Polizei allein für die Sache das
volle Verständniß mitgebracht zu haben.

Und Velten schien das auch zu wissen und behandelte sie als hochwillkommene Ehrengäste. Im
Sturm der Plünderung behielt er Zeit für einen
Händedruck mit dem von der Wissenschaft so lange und
schmerzlich vermißten und endlich gefundenen Anthropomorphen mit nicht hervorstehendem Eckzahn,
wie für einen Händedruck mit Miß Athleta, bei dem
er aber schmerzzuckend das linke Bein hochzog und
die Luft zischend zwischen seinen auf die Unterlippe
gesetzten Zähnen durchblies.

Nimmer war mein Honoratiorentöchterlein, mein
Weib, Schlappes Schwester, in so ausbündig zweifelhafte Gesellschaft gerathen, wie jetzt und hier. Immer
ängstlicher drängte sich die liebe, kleine Hand mit dem
Schneeglöckchenstrauß vom Osterberg mir an, je weiter
wir gegen die jetzt thürlose Hauspforte vordrangen.

„O Gott, Mann!“ flüsterte sie, als aus der Mitte
der ihn lachend vertraulich umdrängenden Sisters
Larsen, der drei internationalen „Excentrique“-Sängerinnen, der Freund auch ihr lächelnd die Hand
entgegenstreckte:

„Aber, gnädige Frau, wie freundlich von Ihnen!
Doch weshalb so spät?“

„Der greulige Mensch! Dachte er etwa auch,
ich sollte ihm bei seinem letzten menschenfeindlichen
Aufräumen helfen?“ sagte meine arme Kleine auf
dem Heimwege und nachher, trotz Allem, noch öfter,
wenn die Rede auf ihn kam. Augenblicklich stammelte
sie nur:

„Wir kamen zufällig über den Osterberg, Herr
Andres; und hier durch den Vogelsang.“

„O und wie Sie mir recht kommen, Frau
Assessor, gnädige Frau,“ ächzte hinter uns eine halb
durch Thränen, halb durch Lachen erstickte Weiberstimme. Eine harte, abgearbeitete Weiberfaust beförderte die größte Sensationsnummer der Gegenwart, den Feuermenschen Volcano, aus dem Wege,
packte dann mich am Oberarm, schob uns, mein
Weib und mich, gegen die Hausthür der Frau
Doktor Velten vor, und dann — auf den Sohn der
besten Frau des Vogelsangs mit zitterndem Zeigefinger
deutend, kreischte Riekchen Schellenbaum:

„Ja, Karl — Herr Assessor, wollte ich sagen;
die ganze Stadt sollte man hierzu zusammenrufen!
Ja, die Herrschaften kommen zur richtigen Stunde,
um ihm, dem Herrn da, zu sagen, daß dies eine
Sünde und Schande ist! Hier der Frau Assessorin,
Herr Velten, habe ich mein Elend ja wohl schon seit
Monaten des Abends klagen dürfen; aber heute reicht
das nicht mehr aus. Hier vor allen Leuten muß ich
es ausrufen und ausschreien, was ich ausstehe und
ausgestanden habe. Bin ich schon im Irrenhause,
oder soll ich erst herein? O Gott, Herr Velten,
wenn mich doch die selige Frau Mutter mit hinunter
in ihr ruhiges Grab genommen hätte — zehntausendmal wäre mir das lieber gewesen, als wie daß ich
diesen Winter durch das liebe Ihrige selber mit in
meiner Schürze habe in den Ofen und auf den
Küchenherd tragen müssen! Lieber Herr Assessor,
Herzenskarlchen, ich habe ja auch zu Ihnen gehört,
und Sie auf den Armen getragen, und auch bei
Ihren lieben Eltern bin ich ein- und ausgegangen
in guten Tagen und habe zugegriffen in bösen —
Sie können es mir bezeugen, daß ich mich habe zusammennehmen können und ihm nicht die guten,
lieben Sachen vor die Füße geschmissen habe und
nicht die Schürze über den Kopf geschlagen habe und
ihm nicht wie eine Verrückte aus dem Hause gelaufen
bin! Nun gucke Einer, wie mich das schwarze Mohrengesicht hier aus dem Tivoli angrinst! Nicht wahr,
Herr Assessor, da von Spukmeyers seligem Grasgarten her, und hier, wo ich auf Ihres Herrn Vaters
Grundstück als junges Kindsmädchen auch ihm das
Laufen gelehrt habe, ihm, der sich jetzt diese Gesellschaft hergebeten hat, um sich mit anzusehen, wie er
sein Vater- und Mutterhaus zu einer Brandstatt und
Räuberhöhle macht. Da holt sich die lahme Brandten
ihr ungesegnet Theil am Eigenthum mit dem Waschfaß,
in dem ich ihm seiner seligen Mutter Hemden gewaschen habe! Vor meinen Augen, als ob ich allein
zu gar nichts gehörte, und ich kein Herz im Leib
hätte, was sich vor Wehmuth und Gift umwenden
könnte! Als ob ich allein in diesem Juchhe an
meinen Thränen versticken müßte! Gehen Sie mal
weg, Mamsell Luftspringersche — da schleppt sich,
wahrhaftigen Gottes, die Bande aus dem Hungerwinkel mit meinem — mit der seligen Frau Doktern
Küchenschrank, als wenn ich nicht jetzt noch den
Schlüssel dazu in der Tasche hätte! Nach dem soll
mir aber wer kommen! Die guten Sachen! Und
als ob man selber gar nicht vierzig Jahre lang
damit hantiert hätte und sie kennte! — Alles wie
vor die Hunde. Wer die besten Zähne hat zuerst
damit dran! — Oh, die Ruppsäcke! Wie beim jüngsten
Gericht. Jawohl, am jüngsten Gerichtstage, Herr
Andres, da wird auch noch die Frau Mutter gegen
Sie auferstehen und Ihnen sagen, daß Dieses hier
wirklich nicht in der Ordnung ist und nach Menschenordnung zugeht, nicht wahr, Herr Assessor, nicht wahr,
Frau Assessorn?“

Sie stand ihm jetzt dicht, Nase gegen Nase,
gegenüber, dem Liebling des Vogelsangs, den sie
voreinst auf den Armen getragen, dessen Mutter sie
zu Tode gewartet hatte und der ihr nun Solches
anthat. Giftig bohrten ihre Augen in seine ruhigen,
freundlichen. Die Fäuste zitterten und zuckten ihr,
wie vor dem Zuschlagen. —

„Das ist nun leider so, Riekchen,“ lächelte der
Unmensch. „Den Küchenschrank hat die Familie
Steinbeiß aus dem Hungerwinkel, aber den Schlüssel
hast Du. Die Hausthür hat auch schon einen Liebhaber gefunden; aber den Schlüssel dazu habe ich
noch — es ist mein Letztes von meinem Besitzthum
im Vogelsang. Willst Du ihn?“

Er hob ihn in die Höhe, wie wenn man einem
Kinde oder einem Hunde etwas Begehrenswerthes
zeigt; meine Frau klammerte sich immer fester an
mich an und flüsterte: „Es ist scheußlich!“ Aber die
alte, treue Dienerin des Hauses Andres, erst mit
beiden Armen weit um sich greifend, wie nach etwas
im Leeren Vergangenen, reckte die dürre Faust auf
und kreischte:

„Jawohl, zum Zeugniß von der Welt Dank
und Lohn! Und zum Andenken an den Herrn Vater
und die Frau Mutter, und mögen sie sich nicht in
ihren Gräbern umwenden wegen Ihnen, Herr Velten,
und das ist mein letzter Wunsch und Abschied, Herr
Andres.“

Er legte den Schlüssel zu seinem leeren oder ausgeleerten Vaterhaus nun dem vor Gift und Galle
zitternden alten Mädchen in die Hand, die ihn bei
seinen ersten Schritten auf der Erde mitgehalten und
ihm geholfen hatte, seine Mutter auf dem Todtenbett
für den Sarg zurecht zu legen. Die Schellenbaumen
aber griff ihn und fuhr mit ihm ab und zwar mit
einem Laut wie ein verwundetes Thier, und der Vogelsang lachte ihr nach und das Theatre-Variété aus dem
Tivoli gleichfalls, als ob dieser „spaßhafte und kuriose
Herr“ jetzt seinen besten Witz zu seiner „Generosität“
als Zugabe gegeben habe.

„Herrschaften, ein Schuft, wer mehr giebt, als
er hat!“ rief jetzt aber er, sich auf seiner Hausthürtreppe hoch aufrichtend und seinen Festgästen freundlich aber fest die Thür in der Gartenhecke weisend.
Und es ward leer um ihn, wie es in seinem Hause
geworden war. Aus dem war freilich nicht das Geringste mehr zu holen. Die letzten Nachzügler aus
der alten Freundschaft des Vogelsangs waren schon
belastet mit Sparren, Bohlen und Brettern, die auf
den völligen Abbruch hindeuteten, an uns vorbeigeschlüpft: aber auch von ihnen hatten einige doch
scheu, verlegen und wie verdutzt ob der Sache noch
eine freie Hand hingehalten und gesagt: „Wir bedanken uns auch recht schön, Herr Andres.“

Auch das Theatre-Variété hatte genug von dem
Spaß und sich empfohlen. Alle sehr heiter bis auf
den Affenmenschen. Der schien mit einem Male auf
allen ihm von der Wissenschaft und den Herren
Darwin, Häckel, Virchow, Waldeyer und so weiter
auferlegten Werth verzichten zu wollen. Dieser Künstler
zögerte noch einen Augenblick, verlegen, schüchtern, als
ob er noch etwas zu sagen habe, aber nicht recht damit
aus sich heraus könne. Plötzlich jedoch fiel der „Thierheit dumpfe Schranke“ unter Gesten und Mimik, die
den homo sapiens als Publikum zu hellem Jauchzen
hätten bringen können; er stieg, sozusagen, aus
dem Pavian oder Gorilla heraus, die geschmeidigen
Muskeln steiften sich und — Menschheit trat auf die
entwölkte Stirn: Herr German Fell aber trat auf
Velten Andres mit einer Hölzernheit zu, die ihn in
der Meinung verschiedener älterer Herren aus meiner
Kanzleiverwandtschaft sehr gehoben haben würde, bot
ihm die Hand und sagte:

„Mein Herr, Sie haben mir während der letzten
Monate dann und wann nebenan die Ehre gegeben;
Sie verzeihen also, wenn ich mir heute hier bei Ihnen
das Vergnügen gemacht habe. Bei so kurzer und
vager Bekanntschaft würde es — suchen Sie das
bessere Wort — würde es unangebracht sein, wenn
ich um Ihre Freundschaft bitten wollte; Sie werden
mich jedoch auch nicht verachten, weil ich dann und
wann etwas mehr als Andere Affe bin. In gedrückten
Mußestunden pflege ich mich jedenfalls immer noch
wie andere von uns Primaten mit transcendentaler
Menschenkunde zu beschäftigen; ich habe ebenfalls einige
Semester in Wittenberg studirt, ehe ich zu den Anthropoiden ging. Mein Herr, Ihr Ruf ist während der
letzten Wochen auch zu uns, und also auch zu mir gedrungen; ich habe dann und wann mit Interesse ein
Stündchen mit vor Ihrem Ofen gesessen. Siehe da,
habe ich mir gesagt, auch einmal wieder Einer, der
aus seiner Haut steigt, während die Übrigen nur
daraus fahren möchten! Mein Herr, ich wünsche
einen recht guten Abend und nicht bloß für den
heutigen Tag.“

„Mein Herr,“ rief aber jetzt Velten Andres, der
seinen unheimlichen Wandnachbar aus dem Theatre-Variété mit immer steigendem Erstaunen hatte reden
lassen, „mein Herr, nun bitte ich doch, mir genauer
zu sagen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe —“

„Mit Einem vom nächsten Ast, mein Herr. Vom
nächsten Ast im Baum Yggdrasil. Man kann sich
auf mehr als eine Art und Weise dran und drin
verklettern, mein Herr. Mit unseren Personalbezüglichkeiten dürfen wir uns wohl gegenseitig verschonen. Auf bürgerlich festen Boden hilft wohl
Keiner dem Andern wieder hinunter; aber reichen wir
uns wenigstens die Hände von Zweig zu Zweig.
Mein Herr, ich danke Ihnen.“

Wofür er dankte, sagte er weiter nicht. Meine
Frau hat es nie begriffen, ich aber habe mir auch
nicht die vergebliche Mühe gegeben, es ihr begreiflich
zu machen. Sonderbarerweise reichte auch unser
Freund Velten seine Hand nur wie mechanisch und
ohne eigentlich genaues Verständniß der Sache her.
Herr German Fell drückte sie ihm, ließ sie fallen,
sah den verkletterten Nachbar in der Weltesche mit
dem ganzen melancholischen Chimpanseernst in das
verdutzte Gesicht, schurrte, sozusagen, ganz und gar
wieder in seine Kunst, das Leben zu überwinden,
hinab und folgte, runden Rückens, so sehr als möglich
Vierhänder, den Theatre-Variété-Genossen, die den
halben Winter durch im Tivoli hinter meines Vaters
Grundstück auf Spukmeyers „seligem Grasgarten“
meinem Jugendfreunde die verständnißvollsten Nachbarn in Stadt und Vorstadt gewesen waren.

Nun hatten wir sie für uns allein, die verwüstete Kindheitsidylle. Leise zog meine Frau an
mir, doch wagte sie nicht einmal flüsternd ihren
Wunsch, die Leere und Öde auch so schnell als möglich
hinter sich zu lassen und mich mitzunehmen, auszusprechen. Ich aber konnte so noch nicht scheiden, ich
konnte den armen Freund, dem eben so grimmig
Recht und Unrecht gegeben worden war, nicht in seiner
thürlosen Hauspforte allein stehen lassen. Ich mußte
noch nach Herrn German Fell ein Wort für unsern
letzten Abschied vom Vogelsang finden, und ob der
Ton mehr oder weniger gezwungen herauskam, ich
schlug den Freund lachend auf die Schulter:

„Sieh auf, alter närrischer Mensch! Ein leicht
bewegtes Herz ist ein elend Gut auf der wankenden
Erde und die vollgültigste Gegenzeichnung des Wortes
hast Du eben in wunderlichster Weise erhalten. Sie
würden es rundum selbst nicht der Zeitung glauben,
wenn man es ihnen durch die erzählte, daß es Euresgleichen heute noch giebt und auch nicht bloß vor
Zeiten mal in der thebaischen Wüste oder auf der
Straße nach Olympia gegeben hat. Du hast Deinen
Willen gehabt und durchgeführt, nun thu aber auch
uns den Gefallen und komm wenigstens für die
letzten Tage und Nächte in der Heimath mit uns
nach Hause.“

Wir standen jetzt in dem Wohnzimmer seiner
Eltern, in dem er so gründlich mit seinem besten
Eigenthum aufgeräumt hatte, der eigenthumsmüde
Mann, der freie Weltwanderer. Und er sah auf und
um sich her, wie Einer, der einen Schlag vor die
Stirn erhalten hat und sein Selbstbewußtsein nur
mühsam wieder zusammenfindet. Er that mir in
tiefster Seele leid und zu helfen war ihm nicht: er
hatte aus seinem verödeten Vaterhause den Nachbar
im Gezweig des Baumes Yggdrasil mit sich auf
allen seinen ferneren Wegen durch das Dasein zu
schleppen. Mich und mein zitterndes, ihre Angst und
ihre Thränen hinunterschluckendes Weibchen mochte
er schon los werden aus der Erinnerung an seinen
letzten Abend zu Hause; aber Herrn German Fell
nicht. Der blieb ihm darin! —

„Ich möchte doch heute Abend noch einmal
der Vorstellung da neben mir an beiwohnen. Wie
man doch Seinesgleichen, so was zu Einem gehört,
nur dadurch und dann kennen lernt, wenn es Einem
so im Gedränge den Ellbogen in die Seite setzt;
nicht wahr, Karl? Den Affenmenschen aus dem
Tivoli dürfte ich Ihnen doch wohl nicht als Freund,
Gast und Gastfreund mitbringen, gnädige Frau?
Also bitte, Kinder, laßt es dabei, daß wir einander
so wenig als möglich durch unser Vorhandensein in
dieser wimmelnden Welt geniren. In einer geschäftlichen Angelegenheit muß ich freilich auch vom
Deutschen Hofe aus Dich belästigen, lieber Carlos.“

Ich fühlte den Arm meiner Frau immer mehr
an meiner Brust erzittern. Sie hielt in der heißen Hand
noch immer ihr armes Sträußchen erster Frühlingsblumen; jetzt aber entfiel es ihr und verstreute sich
auf dem schmutzigen, zerstampften Fußboden unter
Scherben von zerschlagenem Geschirr, Tapetenfetzen
und werthlosesten Trümmern von Hausgeräth.

„Komm Du mit nach Hause!“ flüsterte sie.
„Ich halte dieses nicht länger aus! O, mein armes
kleines, liebes Kind zu Hause! Bitte, komm, ich muß
zu meinem Kinde — Das laß ich mir nicht nehmen,
wenn er auch Dich verwirrt. Ich halte mein Eigenthum an der Welt fest! Bleib, wenn Du willst —
ich will nach Hause und zu meinem Kinde! Ja, bleib,
bleib und steige mit ihm und seinem anderen Freunde,
dem gräßlichen Affenmann, so hoch Du willst aus
unserm armen lieben Leben in die Höhe: ich will
zu meinem Kinde und meinem Eigenthum an der
Welt!“

Sie ist uns fortgelaufen, mit dem Arm und
Ellenbogen vor den Augen, selber wie ein Kind, das
sich vor einem Schlage fürchtet.

„Gute Nacht, Velten.“

„Gute Nacht, Krumhardt.“ . . .

Ich holte meine Anna erst an der zweitnächsten
Straßenecke ein. Als ich mein Eigenthum wieder an
mich nehmen wollte, weigerte es sich dessen durch
mehrere Gassen. Mit fast bösem Blick wies die
Kleine, statt meinen Arm zu nehmen, nach dem Vogelsang zurück:

„Ich habe dem Herrn Generalsuperintendenten,
versprochen, Dir für gut und böse zu gehören, und ich
habe mir selber versprochen, nur da zu sein und zu
bleiben, wo Du bist und gehst und stehst, Karl; aber —
dahin bringst Du mich nicht mit zehn Pferden wieder!
Dahin setze ich in meinem Leben meinen Fuß nicht
wieder. O lieber Gott, was machen Deine Menschen
aus Deiner schönen Welt!“ — — —

Ich habe den Freund im Leben nicht wiedergesehen. Als er am nächsten Tage nicht zu mir kam
und ich am Abend im „Deutschen Hofe“ nach ihm
fragte, wußte man nur, daß er seine Rechnung berichtigt habe, aber nicht, ob er sich noch in der Stadt
aufhalte.

Von London aus machte er es schriftlich mit mir
ab, es unserem Riekchen Schellenbaum amtlich und
gerichtlich glaubhaft zu machen, daß zu dem Hausschlüssel, mit dem es als mit seinem „einzigen Andenken“ abgefahren war, auch der „neue Bauplatz“,
einer der besten im neuen Vogelsang, gehöre.

Ich habe eine längere Pause in der Abfassung
oder Niederschrift dieser Annalen und Historien des
alten Vogelsangs machen müssen. Als ich das letzte
Blatt zu den Akten brachte, schneite es noch; nun
läuft wieder ein grüner Schimmer über den Osterberg
und meine Kindertragen Hände voll von den
nämlichen Frühlingsblumen, die ihre Mutter
in Velten Andres' verwüstetem, ausgeleertem
Heimwesen aus der Hand gleiten ließ, ins
Haus.

Wir hatten viel Sorge im Hause. Wir fürchteten,
unsern ältesten Sohn, den seiner Zeit Velten nicht aus
der Taufe hatte heben wollen, am Typhus zu verlieren; aber der Junge ist uns erhalten geblieben
und munter wieder auf den Beinen, und ich habe
die Feder zum Besten seines Hausarchivs von Neuem
aufgenommen. Wir sind im März eines neuen
Lebensjahres, und ich halte wieder den Brief in der
Hand, den mir Mrs. Mungo im November des
vorigen Jahres aus Berlin schrieb.

„Velten läßt Dich noch einmal grüßen. Er
ist nun todt. Wir haben unsern Willen bekommen.
Er ist allein geblieben bis zuletzt, mit sich selber
allein, ohne Eigenthum an der Welt.“ . . .

Könnte ich ihr doch — könnte ich von hier an
Helenen Trotzendorff die Feder in die Hand geben
und sagen:

„Nun schreibe Du weiter. Schließe das Aktenstück ab!“ . . .

Ich habe in den langen Jahren kaum etwas
von dem Freunde gehört. Nach Hause, wenn man
bei ihm nach seinem vernichteten Hause diesen Ausdruck gebrauchen könnte, ist er nicht wieder gekommen,
und geschrieben hat er an mich auch nicht. Aber da
mich meine Stellung in unserem kleinen Staatswesen
dann und wann nach Berlin führte, so bin ich mit
dem Hause des Beaux in einiger Verbindung geblieben. Kommerzienrath des Beaux — Leon des
Beaux hält, trotzdem er längst zu den bedeutenderen
Bankiers und Kapitalisten der Reichshauptstadt gehört, das alte gute Verhältniß aus „unserer Universitätszeit“ noch aufrecht. Das väterliche Geschäft
in der Dorotheenstraße besteht aber nicht mehr (aus
einem Schneiderladen gelangt man ja wohl nicht zu
dem Titel Kommerzienrath?) und Leon selber bringt
die Rede nie darauf, und sie gern auf etwas Anderes,
wenn sie darauf kommt. Da ich auch jetzt in seinen
Geschäftsstuben nichts zu thun habe, kenne ich ihn
nur in seinem Familien- und Gesellschaftskreise in
seiner Villa einer vornehmen Vorstadt. Er ist auch
verheirathet und hat eine gute, für ihn passende Frau
bekommen. Er ist Vater von zwei Kindern, einem
Sohn und einer Tochter. Der Junge wird Friedrich
gerufen, das Mädchen Viktoria: die traditionellen alt:
französischen Familientaufnamen der des Beaux aus
dem Languedoc figuriren nur noch in den Taufscheinen der Kinder. Die jetzige Madame des Beaux
weiß nichts mehr von dem Familien-Wunderwinkel
in der Dorotheenstraße, wo Leonie und Leon des
Beaux ihr, ihres Vaters und ihrer Väter Eigenthum
in Angestammtem und Zuerworbenem festhielten und
ihren Lebensstolz drauf gründeten. Sie, Frau
Wera des Beaux, vordem zweite Liebhaberin am
***theater, hat sich in den guten Leon trefflich hineinzufinden verstanden; sie ist eine tüchtige Berliner Hausfrau und zugleich eine vornehme Frau, die die
Stellung ihres Gatten wohl zu wahren weiß; aber
von Albi, Simon von Montfort, Raimund von
Toulouse, Peter von Castelnau weiß sie nichts, die
Bartholomäusnacht kennt sie nur aus den Meyerbeerschen Hugenotten und das Edikt von Nantes —

„Für das muß ich eigentlich dem Himmel unbeschreiblich dankbar sein,“ sagte sie mir einmal
lachend an ihrem Theetisch. „Wie sollten ohne es
Leon und ich uns wohl in der Welt zusammengefunden
haben, Herr Oberregierungsrath?“

Fritz und Viky, die beiden Kinder des lieben
harmlosen, freundlichen Paares, wissen nur von Sedan,
Gravelotte, der dritten Einnahme von Paris und
von Kaiser Wilhelm und seinen „Paladinen“; von
den Paladinen der „Tante Leonie“ aber wenig mehr.
Sie sind eben eine geraume Zeit nach Sedan, Metz
und der dritten Einnahme von Paris in die deutsche
Welt hineingekommen, und das Eigenthum ihrer Vorfahren väterlicher Seite hat kaum noch viel Bedeutung
für sie. Was in der Dorotheenstraße noch pietätvoll
zusammengetragen worden war, das dient in der
jetzigen Villa des Beaux in den Gemächern nur noch
hie und da zur Zier, und im Salon der Frau
Kommerzienräthin schaut der erste brandenburgische
Ahnherr, der Sieur Antoine des Beaux, dem der
Große Kurfürst seiner Zeit die Hand geschüttelt hat,
von der Wand aus seinem Clair-obscur ernst, aber
auch ruhig in das Plein-air des laufenden Tages
hinein. Das Bild hat Kunstwerth: von wieviel Wänden
wird es wohl noch auf fremde Leute hinuntersehen?

Und Leonie? Leonie des Beaux?

Von der wissen die Kinder ihres Bruders nur
zu sagen, daß sie sehr gut, aber nur einmal auf längere
Zeit zu ihnen und Papa und Mama vom Rheine her
gekommen sei, ohne daß Einer im Hause oder sonst
Jemand sehr krank gelegen habe.

Leonie des Beaux hatte sich wie Velten Andres
ihres Eigenthums an der Welt entledigt, sie war
Diakonissin zu Kaiserswerth geworden und diente dem
Herrn jetzt auf einer „Arbeitsstation“ in Deutsch-Lothringen. Da ich die Feder auch nicht in ihre Hand
legen kann, hatte ich dieses zu den Akten zn bringen,
ehe ich weiter schreibe in Sachen Velten Andres
und — Helene Trotzendorff. — — —

Ich bin wieder auf dem ersten Blatt der
Chronik des Vogelsangs.

„Du mußt und willst doch auch wohl als erster
guter alter Freund von Allen nach Berlin?“ hatte
meine Frau an jenem Novemberabend gefragt, und:
„Morgen, wenn es mir irgend möglich ist,“ hatte
ich ihr geantwortet. Dann waren wir Beide, Anna
und ich, zu unserem jungen Volk gegangen, um
uns zu vergewissern, daß wenigstens da noch Alles
in Ordnung auf Erden sei. Am anderen Mittag
war ich in Berlin. Meine Stellung in unserem
Staatswesen erlaubte mir, den nöthigen Urlaub,
wenigstens für einige Tage, mir selber zu geben.

„Erkälte Dich nicht, Alter,“ hatte meine Frau
gesagt. „Bedenke Deinen Rheumatismus und denke
auch ein wenig an Deine Jahre und daß wir im
November sind.“

Ich bedachte freilich Manches in meinem Blitzzuge; auch nicht zum mindesten meine wohlgezählten
achtundvierzig Lebensjahre. Würde ich aber noch
einmal von meinen Thüren, die ein Bedienter öffnete,
von meiner behaglichen Luftheizung, meinen amtlichen Aussichten auf die Zukunft und darin den
Titel Excellenz, ja, würde ich auch nur noch einmal
von Weib und Kindern reden, so liefe das nur auf
eine Wiederholung von schon Gesagtem hinaus.
Während einer unbehaglichen Wirthstafel hatte ich
mir zu überlegen, ob ich am Besten erst den
Kommerzienrath des Beaux in seiner Villa oder
Mistreß Mungo im Kaiserhof von meiner Ankunft
benachrichtige und ihnen die weitere Führung überlasse. Zwischen drei und vier Uhr Nachmittags aber
stand ich allein in der Dorotheenstraße vor dem
Hause, in welchem die alte Hugenottenfamilie zum
letzten Mal ihre Lebensandenken zusammengehäuft
und Velten Andres eigenthumslos seinen Weg über
die Erde beendet hatte. Seit meinen Studentenjahren war ich nicht wieder in diese Gegend der
Stadt gekommen und von dem Hause war nur die
Nummer geblieben, was die Gassenseite anbetraf.
Vater des Beaux nahm nicht mehr das Maaß der
oberen Zehntausend der Stadt, und der Hofschmied
beschlug nicht mehr die Hufe ihrer Rosse in der
Dorotheenstraße: nach der Gassenseite hin hatte sich
die Dekoration vollständig verändert, soweit ich
meiner Erinnerung trauen konnte. An der Architektur der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des Jahrhunderts emporblickend, konnte ich, mit dem Briefe
Helene Trotzendorffs daheim auf meinem Schreibtische, in meinen und des Vogelsangs Aktenkonvolut,
mich nur fragen:

„Frau Fechtmeisterin Feucht? Ein Irrthum ist
doch wohl ausgeschlossen?“

Ich habe auf meinem Wege durch meinen Beruf
und vorzüglich während der zwei Jahre, in welchen
ich zu Hause der Oberstaatsanwaltschaft als Mitarbeiter zugetheilt war, in mancherlei Örtlichkeiten
mich zurechtzufinden gelernt. Hier hatte ich nur den
Neubau zu durchschreiten, um merkwürdigerweise in
dem neuesten Berlin das wenn nicht älteste, so doch
ältere noch vollständig an Ort und Stelle zu finden. Das
weite lärmvolle Gehöft des Hofhufschmieds war überbaut
worden und bis auf einen brunnenartigen, lichtlosen
Lichthof verschwunden. Doch der Frau Fechtmeisterin
Feucht und ihrem Reich hatte die Zeit nichts anhaben können. Ich fand sie Beide noch, wie sie vor
Jahren gewesen waren; das Hintergebäude der großen
Firma des Beaux und die Frau Fechtmeisterin. Sie
hatten sich Beide gar nicht, oder nur ganz unmerklich
verändert, das eine, rauchgeschwärzt, mit jetzt seinen
hundertundzwanzig, die andere, weiß, zierlich, das
richtige Märchenweiblein mit fast ihren neunzig
Jahren auf dem Nacken! —

Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M'empêchez de voir
Ma mi' Madelon —

Wie kam es, daß auf den dunkeln, steilen
Treppen, die zu der alten Frau hinaufführten, dieser
Vers, daß die süße Stimme, die das Lied uns in
dem vornehmen Salon des Vorderhauses so oft gesungen hatte, mir plötzlich wieder in den Sinn kam?
Es waren doch eigentlich nur wenige Jahre her,
daß wir dort in dem Zauberwalde Brozeliand zusammensaßen und über der Berliner Schneiderwerkstatt aller romantischen Wunder voll, provençalische Minnesänger, altfranzösische Chroniken und
hugenottische Streitschriften und Liederbücher durchblätterten, und nun schien mir nichts davon übrig
zu sein als dieser Ton, dieser Vers! Und schauerlich
merkwürdig kam mir dazu eine spätere Winternacht
in das Gedächtniß zurück und ein anderer Vers, aber
nicht aus einem französischen Volksliede, sondern
aus einem deutschen Klassiker. Im stillen, von
seinem Eigenthum an der Erde sich leerenden Vaterhause im Vogelsang murmelte ihn Velten Andres
bei seinem Vernichtungs- und Befreiungswerk vor
sich hin:

Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde.

Dorotheenstraße Numero 0 — Hintergebäude —
Frau Fechtmeisterin Feucht — Studiosus Valentin
Andres! Ich zog im dritten Stockwerk wie ein eben
Erwachender die Glocke und erkannte auch ihren Klang
wieder.

„So etwas mußte es wohl sein, was uns Zwei
noch einmal im Leben zusammenbringen konnte,
Herr Krumhardt,“ sagte dann ganz dieselbe Stimme,
die vor Jahren mich so oft freundlich begrüßt und
auch dann und wann gar mütterlich gewarnt und
gescholten hatte. „Sie treten wohl erst einen Augenblick bei mir ein, ehe Sie in sein Zimmer hinübergehen, Herr Oberregierungsrath. Sie hat Sie wohl
nicht so früh hier in Berlin erwartet; aber mir
konnten Sie nicht früh genug kommen. In meinem
Alter kann man ja wohl Alles leicht nehmen, aber
Dieses wird mir doch zu schwer allein zu tragen.
Seit dem Morgen sitzt sie wieder auf seinem Bett,
mit den Ellbogen auf den Knieen und den Kopf
zwischen den Händen.“

„Sie? Allein mit ihm? Helene? Helene
Trotzendorff?“

„Die große amerikanische Dame. Haben Sie
nicht auch von ihr und ihren Reichthümern in der
Zeitung gelesen?“

Die alte Frau faßte mit ihrer dürren, altersharten, kühlen Hand meine heiße.

„Kommen Sie, Herr. Es hat Zeit, daß Sie zu
ihr gehen. Sie scheint nichts mehr von Zeit und
Stunde zu wissen; aber seit sie mir gesagt hat, daß
Sie kommen würden, sind mir in der Erwartung
die Minuten zu Jahren geworden, denn gegen wen
könnte ich so meiner Seele Luft machen, wem könnte
ich hiervon so erzählen als wie Ihnen? Wem kann
man denn so was begreiflich machen als wie Einem,
der auch mit dazu gehört hat von Anfang an?“

Die Sonne geht um diese Jahreszeit gegen
halb fünf Uhr unter. Die breiten Straßen, die
großen Plätze der Stadt lagen noch in ihrem Lichte;
in dem Stübchen der Frau Fechtmeisterin Feucht
war es merkwürdigerweise noch hell, das Stückchen
Himmelszelt vor dem Fenster, für den Novembernachmittag lichtblau und wolkenfrei wie am schönsten
Sommermorgen. Wohl ein Vierteljahrhundert war
hingegangen, seit ich zum ersten Mal zwischen diesen
vier Wänden gestanden und verwundert umher und
von der Bewohnerin auf die Wände gestarrt hatte.
Nun stand ich wieder so; — während in den langen
Jahren um mich her nichts an seinem Platze geblieben war, hatte sich hier nichts verändert. Die
Zeit, die mit so leiser, sanfter Hand über die Stirn
der kleinen greifen Elfin gestrichen hatte, hatte auch
in ihrer Umgebung nichts von der Stelle gerückt,
nichts in den Winkel geworfen, nichts unter den
Auktionshammer gebracht, nichts — in den Ofen
geschoben. Die Frau Fechtmeisterin Feucht allein
von uns Allen hatte ihr Eigenthum noch vollständig
beisammen, und da stand sie nun wie damals mit
dem Strickzeug in den Händen und dem Garnknäul
unter der Achsel und deutete plötzlich um sich herum
auf die Waffentrophäen und die ungezählten Schattenbilder vergangener Burschenherrlichkeit und seufzte:

„Weshalb mußte Der, an den ich von euch
Allen als den Letzten mein ganzes Herz gehängt
hatte, mir so was zuleide thun? Setzen Sie sich,
Herr Oberregierungsrath.“

Da saß sie mir wieder gegenüber, am Fenster
wie die Frau Doktern im Vogelsang, in ihrem Korbstuhl und mit ihrem Strickzeug, aber diesmal Gespinnst und Knäul im Schooße und sagte:

„Er hat drüben — jetzt bei der Frau Mungo,
einen Vers über sich an die Wand geschrieben, den
können Sie nachher lesen, jetzt aber muß ich es erst
von der Seele los sein, was ich mit ihm erlebt habe
— ich, das alte, alte Weib, mit dem Kinde, ja mit
diesem Kinde, dem jungen Menschen!“

Sie hatte bei ihren Jahren wohl Recht, so von
Velten Andres und auch von uns Andern als Kindern
zu reden, und sie sprach auch wie eine märchenerzählende Großmutter in der Dämmerstunde; ich
konnte nur sitzen und hören.

„Was meinen Sie wohl, wie Ihnen zu Muthe
wird, Herr Oberregierungsrath, wenn plötzlich so ein
unbekannter alter Mensch vor Ihnen steht und fragt:
‚Frau Fechtmeisterin, nehmen Sie immer noch dumme
Jungen in Kost und Logis?‘ Und dann Ihnen sagt:
‚Ich bin Der und Der!‘ und Sie nachher nur sagen
können: ‚Ja, Kind, dann komm herein!?‘”

Sie erwartete natürlich keine Antwort auf die
Frage, sondern fuhr mit der Hand auf meinem
Knie fort:

„Ich vergesse den Tag in meinem Leben nicht. Es
ist am letzten fünfzehnten Juni gewesen, am Nachmittage,
so um diese Tageszeit, wo es bei mir klingelt, und
ich frage, mit wem ich die Ehre habe, und der Besuch
sagt: ‚Ich bin der Studiosus der Weltweisheit Velten
Andres. Wissen Sie, Frau Fechtmeisterin, und da
Ihr Zettel noch immer aushängt und meine alte
Bude zufällig frei ist, möchte ich sie noch einmal
wiederhaben.‘ — Herr Oberregierungsrath, wenn ein
Gespenst Sie am hellen lichten Tage auf die Schulter
klopft und Ihnen einen Namen wie vom Kirchhof
her nennt, können Sie nicht heller als wie ich
schreien: ‚Was wollen Sie? Wer wollen Sie sein?‘
Eine gute halbe Stunde hat's gedauert, ehe ich mich
in ihn, meinen Schlimmsten und meinen Besten gefunden und mich noch mal über den lieben Gott
gewundert habe, daß er mich auch Dieses noch bei
Lebenskräften und gesunden Verstandessinnen erleben
lassen will. Seine Zeit wollte es freilich haben,
bis ich mir aus dem gegenwärtigen Spuk meinen
alten lieben Sohn von damals herausgeholt hatte
und an ihn glauben konnte. Nicht daß er, mein
Velten, etwa wie ein Spuk ausgesehen hätte; nein,
ganz respektabel grau, nur mit ein bißchen zu viel
Haut und zu wenig Fleisch auf den Knochen und
müde, Herr Oberregierungsrath! Müde, müde! wie
Einer, der seit einem Menschenalter nicht von den
Füßen gekommen ist! Todtmüde von seinem Wege
durch sein junges Leben! Natürlich nöthige ich ihn
denn aufs Sofa und da sitzt er und sagt nichts,
aber lacht; und das, Herr, das Lachen hat meinem
letzten Zweifel ein Ende machen müssen. Menschenmöglich ist es ja nicht; aber Ihre Stube ist frei,
Velten,‘ habe ich gesagt. ‚Soll ich nach Ihrem Gepäck schicken, oder wollen Sie es selber holen — ich
weiß nicht woher?, — ‚Ja, das weiß ich auch nicht!‘
lacht er mich wieder an und reicht mir über den
Tisch da seine Brieftasche. ‚Meine Papiere für die
Polizei und die Miethe wie schicklich pränumerando,
behalten Sie gleich den ganzen Bettel, ich gehe heute
früh zu Bette.‘ — ‚Und keine Wäsche? Und keine
Bücher?‛ — ‚Nichts!‘ — ‚O du lieber, lieber Gott, so
kommen Sie zu der Fechtmeisterin Feucht zurück?‘ —
‚So!‘ sagt er nur und reicht mir über den Tisch die
Hand, und ich fühle wohl, daß die ein bißchen
fieberisch ist; aber meine ist ja desto kälter und so
fasse ich fest zu und rufe: ‚Ja, wenn das so ist, bleibst
Du natürlich bei mir. Es ist zwar spät am Tage für
mich; aber für Einen langt's wohl noch. Dich füttere
und flicke ich mit unseres Herrgotts Hilfe noch
heraus!‘ Ja, ja, Herr Oberregierungsrath, in dem
Augenblicke habe ich den Mann Du genannt, als hätte
ich ihn wie ein Kind auf dem Arme! Daß das nicht
so war, konnte ich damals ja noch nicht wissen. Aber
drüben sitzt die Frau auf seinem leeren Bett; ich
darf Sie wirklich nicht so lange aufhalten hier bei
mir, Herr Krumhardt, Sie sind nebenan wohl nöthiger.
Also kurz: er hat sein letztes halbes Jahr bei mir
zugebracht und ist bei mir gestorben. Mühe hat er
mir nicht gemacht und Unkosten auch nicht; aber (und
hier leuchteten die Augen der fast Neunzigjährigen
wie die eines greisen Feldherrn über ein Schlachtfeld) Freude hat er mir auch jetzt wieder gemacht:
er war doch der Närrischste, aber auch der Tapferste
von euch Allen. Schade, daß er zu feine Nerven
mitbekommen hatte und so, so, so sein Leben führen
und so, so zum Ende kommen mußte, wenn er nicht
als euer Aller Narr oder im Irrenhause zu Grunde
gehen wollte.“

„Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde,“

murmelte ich bis ins Tiefste durch das ruhige Wort
der verstandesklaren Greisin erschüttert.

„Das ist es, was er drüben mit Kohle an die
Wand geschrieben hat. Nun sitzt die Frau Mungo
davor und hält den Kopf mit beiden Händen darüber,
das arme Ding. Als ob sie die Schuld davon trüge,
daß euer Velten eigenthumlos über und von der Erde
gegangen ist! Was hilft es mir, daß ich der lieben
Seele zurede: ‚Du konntest nichts daran ändern,
Herz;‘ es mußte eben auch einmal einen solchen
Egoisten zu euch Anderen, wenn auch nur der Rarität
wegen, in der Welt geben. In ein Kloster, wie
meine liebe Leonie, konnte Der nicht gehen. Mitleiden
hat er wohl gehabt, aber ein barmherziger Bruder
steckte nicht in ihm. Oh, wie die Zwei sich zum ersten
Mal wiedersahen bei der Fechtmeisterin Feucht, die
barmherzige Schwester aus dem Diakonissenhause am
Rhein und Dieser von allen Straßen der Welt, Beide
ohne Eigenthum auf und an der Erde!“

„Leonie des Beaux und Velten Andres?“
stammelte ich.

„Ja, die Beiden auch. Sie erinnern sich der
Zeit wohl, wo das Vorderhaus noch stand, und wir
Alle, selbst ich, noch jung waren. Nun war es im
September, und er hatte sich vollkommen bei mir
eingerichtet, das heißt eigentlich ich ihm Alles. Nicht
aus meinem Geldbeutel; in seiner Brieftasche hat er
genug Scheine aus aller möglichen Herren Länder
gehabt, daß ich ihm davon nicht bloß noch ein halb
Dutzend Hemden, sondern auch alles Übrige besorgen
konnte — nach seinem jetzigen kuriosen Leben wohl
noch auf Jahre hinaus. Auch in der Leihbibliothek
hatte ich ihn abonniren müssen; denn ausgegangen
ist er kaum mehr; da entschuldigte er sich immer mit
seinen kranken Füßen. Auf seinem alten Studentensofa und seinem Bett hat er gelegen und den lieben
langen Tag und auch manchmal die Nacht durch gelesen, Alles, was ihm einmal gefallen hat in seiner
Kindheit und Jugend, und immer aus den alten,
schmierigen, ekligen, zerrissenen Bänden von Olims
Zeiten. Brachte ich ihm ein, neues Exemplar, ließ
er's liegen und meinte: ‚Mutter Feucht, das ist das
Rechte nicht.‘ — Ja, ja, man konnte sich bei Allem
irgend etwas denken, aber man mußte sich wirklich
sehr in seine Grillen und Schrullen hineinfinden.
Und sehen Sie mal, Herr Oberregierungsrath, das ist
jetzt denn auch wirklich mein Stolz und meine Freude,
daß er mit denselbigen, ich meine die Schrullen und
Grillen, nur bei mir eine Unterkunft gesucht hat.
Ja, er ist freilich nicht der einzige von meinen alten
Herren, dem gegenüber ich die Jüngere geblieben
bin mit Gottes gnädigem Beistand. Aber da brauchen
Sie nur auf die Straße hinauszugucken: wenn so
Eine von uns über ihre Jugendschwäche herausgekommen ist, da weiß sie schon ihren ihr vom Herrgott
anbefohlenen Wackelkopf und Knickebein auch an der
Linden- und Friedrichstraßenecke durchs Gewühl zu
dirigiren. Überheben Sie sich ja nicht über Ihre
liebe Frau unbekannterweise, Herr Krumhardt. Wenn
Sie die jetzt gut behandeln und handhaben, thut die
Ihnen vielleicht auch noch mal das Gleiche.“

Der letzte Schein der Herbstsonne war längst
von dem Stückchen Himmelszelt vor unserm Fenster
gewichen; die Dämmerung kam rasch, und ich hätte
gern hier das Protokoll abgekürzt; aber wenn wer
jetzt was zu den Akten zu geben hatte, so war das
doch die Frau Fechtmeisterin Feucht, und ich unterbrach
sie nicht durch überflüssige Bemerkungen meinerseits,
zumal sie selber sagte:

„Ich komme sofort auf die Hauptsache, Herr
Oberregierungsrath, aber ihr Herz hat Unsereine auch
voll bei solcher Sache!“

Ich konnte, nachdem sie sich die Augen getrocknet
hatte, nur die beiden lieben tapferen Knochenhände
fassen, in die sich Velten Andres zu seiner letzten
Pflege gegeben hatte.

„Herrgott, wie habe ich dann seine und meine
Stube voll gehabt von der vergangenen Zeit.
Wie er es erfahren hat, daß sein Freund wieder da
sei und im alten Quartier, weiß ich nicht; aber er
war auch sofort da, der Herr Kommerzienrath, und
was es dann für Scenen zwischen ihnen gegeben
hat, davon weiß auch Niemand zu erzählen als ich.
Wie haben sie in Güte und in Gewalt an ihm gezerrt
und gezogen, daß er mit ihnen kommen sollte! Als
wenn es bei Dem jemals der Welt Pracht und Herrlichkeit gethan hätte! Sein Behagen hat er wie alle
anderen Leute durch sein Leben haben wollen, aber
nur auf seine eigene kuriose Art, und so hat er es
zuletzt nur bei der Fechtmeisterin Feucht finden können.
Und der Herrgott hat ihm Gnade dazu geschenkt;
eigentlich so recht krank ist er gar nicht gewesen; sein
Herz hat nicht mehr gewollt, haben dem Herrn
Kommerzienrath seine Doktoren gesagt. Er ist auch
gar nicht weiter von Fleisch gefallen, sondern im
Gegentheil. Er schob es auf seine Füße, daß er lieber
lag als ging; aber die hätten wohl auch ausgehalten,
wenn das dumme Herz gewollt hätte. Das hatte
aber Alles, Alles aufgegeben und so auch seine Füße.
Sehen Sie, Herr Oberregierungsrath, an meinem
armen Velten habe ich erst als Neunzigjährige gelernt,
daß es eine Dummheit ist, wenn man sagt: der
Mensch braucht nur zu wollen. Dieser wilde Mensch
konnte nicht mehr wollen, und so hätte ihn auch
Schwester Leonie mit dem besten Willen nicht wieder
auf die Füße stellen und in den Tumult draußen in
unserer Dorotheenstraße stoßen können, selbst wenn
sie gewollt hätte! Aber wenn Eine auch schon aus
dem Menschenlärm heraus ist, so ist das meine
Leonie, meine Leonie des Beaux! Sie ist zuerst mit
ihrem Bruder gekommen; aber dann auch allein. —
Oh, wenn ich an die alte Zeit in dem alten Vorderhause denke, wie schön sie war, ich meine meine Leonie,
und wie schön sie spielte und ihre alten französischen
Lieder sang und Alles mitten in diesem Berlin wie
ein fremdländisches Märchen war — oh! . . . Aber
nun war dies jetzt noch tausendmal mehr wie aus
einer andern Welt heraus, als wie das Frühere.
Stellen Sie sie sich nur vor, die Beiden, gerade die
Beiden, die so wieder aus ihren jungen Tagen und
Phantasien sich so wieder bei der Fechtmeisterin Feucht
zusammenfinden mußten und nichts mehr um sich
und in sich von der Erde Herrlichkeit und was sonst
der Mensch zu seinem Wohlbehagen und seiner Freude
als sein Eigenthum um sich festhält und für es
nicht bloß mit dem Schläger, sondern auch mit Mund,
Hand und Herzen auf die Mensur tritt! Sehen
Sie, Herr Oberregierungsrath, nacherzählen kann ich
es nicht, aber verstanden und mitgefühlt habe ich,
was da im letzten Monat zwischen diesen zwei
Menschenkindern vorgegangen ist. Zusammen hätten
Die nie kommen können, aber sich darüber aussprechen,
wie sie durchs Leben gekommen sind, das konnten
sie und das haben sie gethan und sind friedlich und
ruhig voneinander geschieden — ganz ruhig, viel,
viel ruhiger als damals im Vorderhause, wo sie das
Leben noch vor sich hatten. Aber — großer Gott,
das ist ja vollständig Nacht, und die arme Frau da
drüben hat noch immer kein Licht!“

Völlig Nacht war es wohl noch nicht; aber volle
Abenddämmerung freilich.

„Bitte, gehen Sie jetzt hinüber; ich komme mit
der Lampe nach,“ sagte die Frau Fechtmeisterin, und
zögernd, bangend erhob ich mich, betäubt, mühsam
nach Athem ringend stand ich und suchte vergeblich
nach irgend etwas in mir, was mir den wunderlich
schweren, schreckenvollen Weg zu der Thür da drüben
leichter und lichter machen konnte. Es giebt so
Augenblicke, Zeiten, Umstände im Menschenleben, wo
man es vollkommen vergessen hat, daß sich in der
Welt im Grunde nachher „Alles von selber
macht“.

Wie ist eben jetzt, da ich dieses bei offenem
Fenster und Frühlingssonnenschein an einem geschäftslosen Feiertagsmorgen zu den Akten des Vogelsangs
bringe, dem alten Gemeinplatz wieder sein volles
Recht geworden! —

Der Frühlingsanfang fällt immer in den Monat
März, aber in diesem Jahr sind auch die hohen Ostern
hineingefallen. Ich schreibe am Morgen des ersten
Ostertages, und über das Nachbardach sieht mir noch
immer, unverdaut, die höchste Kuppe des Osterbergs
auf den Schreibtisch. In der Frühlingssonne liegt
der liebe Hügel schon, auf dem wir unsere glücklichsten
und ahnungsvollsten Jugendträume träumten und
die Sterne fallen sahen, noch einige Wochen und das
junge Buchengrün wird von dem Osterberge herüberleuchten : wie sich auch das immer wieder von selber
macht!

Aber was hilft es dem Menschen in seinem
einzelnen Bedrängniß, daß Himmel und Erde jung
bleiben und sein Geschlecht auch? Gegenwärtig
blendet mich über meinem Protokoll der Glanz von
Himmel und Erde, und ich muß dagegen mit der
Linken die Augen verdecken, wenn die Rechte die
Feder weiter führen soll. „Kind, erst nach der Kirche!“
hat meine Frau glücklicherweise vorwurfsvoll zu
meiner musikalischen Ältesten gesagt: ich würde sonst
mich auch wohl selber gegen den Flügel und die
junge Frühlingslust in Tönen im zu nahe gelegenen Nebengemach haben wehren müssen. —

Von selber hatte es sich trotz meines innerlichsten
schaudernden Widerstrebens gemacht, daß ich in dem
Gemache stand, wo Velten Andres gestorben war
und Helene Trotzendorff auf seiner leeren Bettstatt saß.

Helene Trotzendorff! Unsere Elly aus dem
Vogelsang — verwittwete Mistreß Mungo — unsere
Helene. Mit den Ellenbogen auf den Knieen und
dem Kopf in den Händen, im letzten grauen Tageslicht des Monats November — die Öde um sich her —
eigenthumlos, besitzesmüde in der Welt, sie, die in
New York zu den reichsten Bürgerinnen der Vereinigten
Staaten gerechnet wurde!

„Ellen!“

„Bist Du das, Karl?“ fragte sie, das Gesicht
langsam aus den Händen erhebend.

Wie viele Jahre waren es her, daß wir unsere
Stimmen nicht mehr gehört hatten? Und wie sie
nun aus dem langen Zeitraum sich so fremd und
doch so bekannt entgegenklangen!

Sie richtete sich auf zu stattlicher Höhe. In der
Erinnerung hatte ich sie, wenn nicht klein, doch von
nur mittlerem Wuchs und zierlich gelenkig. Alle
Hügel, Büsche, Mauern, ja auch Bäume um den
Osterberg herum konnten ja davon berichten, wie sie sich
durchzuwinden, zu springen und zu klettern wußte.
Nun stand sie in dem letzten grauen Licht des
Novembertages so ganz anders als Die, auf welche ich
mich die letzten Tage vorbereitet hatte, um ihr hilfreiche
Hand in einem großen Schmerz zu leisten. Später
bei Tageslicht würde ich wohl gesehen haben, daß sie
noch immer eine schöne Frau war, trotz dem Silber,
in das sich ihr goldenes Haar verwandelt hatte, doch
das geht zu den Akten wie so manches Andere von
geringer Bedeutung. Als die Frau Fechtmeisterin jetzt
mit der Lampe kam, sah ich auch auf ihrer weißen,
klugen, vom Alter nur leicht gefurchten Stirn das
Wort geschrieben:

„Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde.“ —

Sie reichte mir jetzt erst die eine Hand her,
dann auch die andere, und über die Schulter nach
dem leeren Bett zurückblickend sagte sie:

„Wie gut von Dir, daß Du auf meinen Brief
so rasch durch Dein Kommen geantwortet hast. Ich
hätte Dich gern früher hier gehabt, aber — er wollte
es nicht. Eure gute Leonie und mich hat er sich um
sich gefallen lassen müssen, wohl oder übel. Da habe
ich, da haben wir auch unsern Willen gehabt! Sie,
eure Leonie, ist nun wohl schon wieder in ihren
Frieden heimgekehrt; aber ich — ich habe noch nicht
wieder gehen können. Ja, Karl, ich habe hier gesessen und auf Dich gewartet, um Dir von uns zu
sprechen — von ihm und mir, und wenn es auch nur
wäre, um einen bessern Platz in Deinem Gedächtniß
zu bekommen, als ich ihn bis jetzt gehabt habe, seit
er Dir zuletzt bei euch — im Vogelsang von mir
gesprochen hat.“

Nun hätte ich ihr sagen müssen, wie wenig von
ihr zwischen uns die Rede gewesen war in der Zeit,
da Velten Andres mit seinem Eigenthum in der
Heimath aufräumte; aber die Frau Fechtmeisterin
ließ mir glücklicherweise nicht die Zeit.

„Ja, sprechen Sie sich nur aus, armes, liebes
Frauchen; der Herr Oberregierungsrath ist immer ein
guter Zuhörer gewesen,“ sagte sie und fügte kopfschüttelnd bei: „Wo die Leute aus so verschiedenen
Welten kommen wie jetzt bei mir, da muß man ja
wohl für Jeden ein anderes Wort haben. Fräulein
Leonie —“

Mistreß Mungo fuhr mit einem so wilden
Schulterzucken auf, daß die Alte nur noch einmal
den Kopf schüttelte, die Lampe ein wenig weiter in die
Mitte des Tisches rückte und — Helene Trotzendorff und Karl Krumhardt mit Velten Andres allein
ließ. —

„Er wollte nichts mehr um sich haben, der verrückte Mensch,“ hatte mir vorhin die Frau Fechtmeisterin noch mitgetheilt. „Nichts weiter brauche er,
als einen Tisch, einen Stuhl und ein Bett. Du
lieber Gott, als ob hier jemals bei meinem jungen
Volk vom Überflüssigen hätte die Rede sein können!
Er aber schob Alles und Jedes von sich ab und mir
vor die Thür. Ja, sehen Sie sich nur drüben um.
Um ein festes Herz zu kriegen, hat er sich zu einem
Thier, zu einem Hund gemacht; — sehen Sie sich
nur bei ihm um, Herr Oberregierungsrath.“

Das that ich nun bei dem trüben Licht der
kleinen Lampe und empfand nichts von einer Befreiung von der Schwere des Erdendaseins in dieser
Leere, sondern im Gegentheil, den Druck der Materie
schwerer denn je auf der Seele. Ich hätte freier
geathmet im Staube, der aus hundert Fächern die
Wände uns verenget, unter dem Trödel, der mit
tausendfachem Tand in dieser Mottenwelt uns dränget.
Die Luft entging mir, und es war mir eine Erlösung aus traumhaft wüstem Bann, als mich doch
noch eine Menschenstimme ansprach, und die Freundin,
unsere Freundin, sagte:

„Laß uns niedersitzen, lieber Karl;“ und mit
hartem Lächeln hinzufügte: „erzählend trübe Mär
vom Tod der Könige.“

Sie sprach das Dichterwort englisch: „Let us
sit upon the ground, and tell sad stories of the
death of kings,“ und als ich nach dem Stuhl griff,
ließ sie sich wieder auf der eisernen Bettstatt nieder,
von der sie sich bei meinem Eintritt erhoben hatte,
und deutete auf den Platz ihr zur Seite:

„Dahin, mein Freund! Erinnerst Du Dich wohl
noch der Bank auf dem Osterberge, von welcher aus
wir vor hundert Jahren einmal die Sterne fallen
sahen und die Götter versuchten, indem wir unsere
Wünsche und Hoffnungen damit verknüpften?“

Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern
fuhr hastig fort, als fürchte sie sogar, durch eine
Zwischenrede in ihrem wilden Drange, ihrer Seele
Luft zu machen, aufgehalten zu werden:

„Seht,“ (sie sprach, als ob Velten noch wie
damals zwischen uns sitze), „ich hätte mir lieber die
Zunge abgebissen, als ganz wahr davon gesprochen,
wie ich mir mein Lebensglück dachte. Und ihr kanntet
das ja auch zur Genüge; meine arme Mutter hat
gut dazu geholfen, und ich kannte euer Grinsen und
Lachen. Das war euer albernes Jungensrecht, und
er vor Allem hat Gebrauch davon gemacht — nicht
bloß im Vogelsang und auf dem Osterberge, sondern
auch im großen Leben, drüben in Amerika, in London,
in Paris und Rom, wo mir nachher einander getroffen haben! Und wir haben einander wieder getroffen, Karl. Wie wir uns sträuben mochten, wir
mußten einander suchen — bis in den Tod, bis auf
dieses harte Bett, in allem Sturm und Sonnenschein
des Daseins bis hinein in diesen Novemberabend.
Das war noch stärker als er, und er hielt sich für
sehr stark; ich aber kenne ihn in seiner Schwäche.
Da er sich nicht anders gegen mich wehren konnte
und mich überall in seinem Leben, in seinen Gedanken
und Träumen und in seinem Thun fand, da er mich
nicht aus seinem Eigenthum an der Welt los wurde,
mußte er ja allem Besitz entsagen, alles Eigenthum
von sich stoßen und hat — doch vergeblich — den Vers
dort an die Wand geschrieben! Es war ja auch nur
ein thörichter Knabe, der mit seinem leichtbewegten
Herzen zuerst in jenen nichtigen Worten Schutz vor
sich selber suchte!“

Sie wies auf die ärmlich weißgetünchte
Wand, auf die letzte Spur von Velten Andres'
Erdenwanderschaft; dann nahm sie das Gesicht in
beide Hände und senkte das Haupt tiefer, und ein
Frostschauer schien ihr über den Nacken zu laufen.
Nun griff sie nach meiner Hand und drückte sie zusammen, daß sie schmerzte:

„Sprich nicht zu mir, Karl! Was könntest Du
sagen? Laß mich sprechen! Wen habe ich denn auf
der ganzen weiten Erde, zu dem ich von mir reden
könnte? Ich, die ich die ganze weite Erde zum Eigenthum habe und nur die mit Gold gefüllte Hand
hinzuhalten brauche, um meinen Willen zu haben,
wie ich ihn auf dem Osterberg in mein Herz desto
zorniger verschloß, weil ihr schon zuviel davon wußtet!
Wäre ich doch wie Andere, die sich damit trösten
können und es auch thun, daß sie verkauft worden
seien, daß es von Vater und Mutter her sei, wenn
sie gleich wie Andere auf dem Markte der Welt eine
Waare gewesen sind! Aber das wäre eine Lüge,
und gelogen habe ich nie, und feige bin ich auch
nicht, und wenn er was von mir wußte, war es
das. Was ich geworden bin, ist aus mir selber,
nicht von meiner armen Mutter her und noch weniger
von meinem Vater. In unserm Vogelsang unter
unserm Osterberge war ich dieselbe, die ich jetzt war,
wo ich hier lag vor diesem Bett und ihn mit meinen
Armen umschlossen hielt und auf seine letzten Worte
wartete. Da strich er mir mit seiner Hand noch
einmal über die Stirn und lächelte: ‚Du bist doch
mein gutes Mädchen!‘ Das war auch wie in unseren
Wäldern zu Hause, wo er mich mit dem Worte
tausendmal zum Küssen und Kratzen, zu Thränen
und zum Fußaufstampfen brachte. Was wußte eure
weiche, fromme Leonie von ihm und mir? Deine
liebe Frau zu Hause, in Deinem lieben Hause, Karl,
könnte da vielleicht noch mehr von uns wissen, denn
die lebt nicht allein im Traum, sondern hat Dich
und ihre Kinder und nicht bloß die Geschichte ihrer
Väter von vor Jahrhunderten und ihr Reich Gottes
von heute. Was hatte diese Fromme, Milde, Sanfte
sich zwischen mich und ihn zu drängen? Was wollte
sie hier? Ich, ich, ich, die Wittwe Mungo hatte
allein das Recht, in diesem leeren Raum mit ihm
den Kampf bis zum Ende zu ringen. Auch ihn zu
begraben hatte ich keinen von euch nöthig, auch euren
Herrn Leon nicht, obgleich ich mir dessen Freundlichkeit gefallen lassen habe. Was hattet ihr ihm in seinen
letzten Tagen und Stunden hinsprechen können, was
ihm den alten Glanz in seinen Augen festgehalten
hätte? Lache nicht über meine greisen Haare, über
das verrückte alte Frauenzimmer. Vor zwei Jahren
war ich, ich, die Wittwe Mungo, mit meiner Jacht
von Brindisi nach Alexandrien gekommen und er als
Dolmetscher auf einem Pilgerschiff durch den Suezkanal von Dscheddah; da haben wir uns auch getroffen im Hotel an der Wirthstafel. Was wißt
ihr hier im Land von uns Beiden? Damals hat auch
er mich seine alte Nilschlange genannt — oh, ich habe
seinetwegen mir ja die ganze Gelehrsamkeit von Poughkeepsie zusammentragen müssen in mein armes Hirn: sie
waren auch in unserm Alter, der Mark Anton und
seine ägyptische Königin. Sie waren auch alte Leute,
er über die Fünfzig hinaus, sie vierzig Jahre alt,
und haben doch ihren Kampf um sich kämpfen müssen
bis zum Tode, bis sie beide todt waren. Sie zuletzt!
Ja, auch ich lebe noch und habe noch meine ganze Herrlichkeit um mich her und sie nicht verloren wie die
Ägypterin die ihrige bei Aktium. Ja, merkst Du, ich
habe seinetwegen Geschichte und auch Litteraturgeschichte
getrieben. Da ist noch ein ander Paar aus meinen
Büchern. Am achtzehnten Oktober Achtzehnhundertdreizehn hat euer alter Goethe — nicht mehr der
junge, der uns den giftigen Vers gab, den Vers, der
unser Leben vergiftet hat! — ja, was wollte ich
sagen? ja, hat euer alter Goethe sein letztes schönes
Gedicht gemacht — auf die Elisabeth von England,
die ihrem Liebsten den Kopf abschlagen lassen mußte.
Das konnte die Wittwe Mungo — nein, das konnte
Helene Trotzendorff nicht, wie gern sie ihm auch oft
den Fuß auf das Herz, das gefühllose Herz gesetzt
haben würde! Sie hat ihm nur die Hand darunter
legen dürfen — hier auf seinem Sterbebett, in seiner
Todesstunde, darunter legen müssen! Wie konnte
sie anders, die Witwe Mungo, da er sie nicht erwürgt und sie auch nicht angespieen hatte — da der
arme Komödiant das elendeste Gut auf dieser Erde,
das leichtbewegte Herz trotz aller Reime eurer Poeten
und aller Sprüche eurer Weisen in seiner Brust hatte
behalten müssen, so süß und so bitter wie ich, die
arme Komödiantin, das meinige, trotzdem daß ich
mit dem Vogelsang und dem Osterberg auch unser
liebes fürstliches Residenzschloß im Thal und die
ganze Stadt und das halbe Herzogthum aus meinen
amerikanischen Eisenbahnen und Silberbergwerken
kaufen könnte?! Sein weises, thörichtes Haupt in
meiner leeren Hand — meiner leeren, leeren besitzlosen Hand: oh wie Schade, daß Du kein Versmacher bist, Du guter Freund Karl, sonst solltest
Du über Velten Andres' und Helene Trotzendorffs
Sterne, Wege und Schicksale ein Lied machen. Ob
Du ein Philosoph bist, weiß ich nicht; aber daß Du
ein kluger, guter, verständiger Mann bist, das weiß
ich; und so wenn wir jetzt wohl auf Nimmerwiedersehen von einander scheiden, dann gehe heim zu
Deiner lieben Frau und Deinen lieben Kindern und
erzähle den letzteren zu ihrer Warnung von Helene
Trotzendorff und Velten Andres und wie sie frei von
allem Erdeneigenthum ein trübselig Ende nahmen.
Schreib in recht nüchterner Prosa, wenn Du es
ihnen, der bessern Dauer wegen, zu Papier bringen
willst, und laß sie es in Deinem Nachlaß finden, in
blauen Pappendeckeln, wie ich sie immer noch unter
Deines guten Vaters Arme sehe; und da er darauf
schreiben würde: ‚Zu den Akten des Vogelsangs‘,
so kannst Du das ihm zu Ehren auch thun, ehe Du
sie in Dein Hausarchiv schiebst — ein wenig abseits
von Deinen eigensten Familienpapieren.“ — — —

Diese Blätter beweisen es, daß ich — diesmal
ein wenn auch treuer, doch wunderlicher Protokollführer — nach ihrem Willen gethan habe, doch abseits von meinen und der Meinigen Lebensdokumenten
werden sie nicht zu liegen kommen. Die Akten des
Vogelsangs bilden ein Ganzes, von dem ich und mein
Haus ebensowenig zu trennen sind, wie die eiserne
Bettstelle bei der Frau Fechtmeisterin Feucht, und
die Reichthümer der armen Mistreß Mungo. Der
Menschheit Dasein auf der Erde baut sich immer von
Neuem auf, doch nicht von dem äußersten Umkreis
her, sondern stets aus der Mitte. In unserem
deutschen Volke weiß man das auch eigentlich im
Grunde gar nicht anders.

So habe ich wenig mehr zu der Sache beizubringen. —

„Du solltest mit mir nach Hause kommen, Helene,“ sagte ich wieder, nachdem wir von unserem traurigen Sitz aufgestanden waren. „Wenigstens für einige
Zeit. In meiner Frau würdest Du eine liebe Freundin
finden, und auch die Kinder würden Dir nicht mißfallen. Laß uns nicht so, laß uns nicht hier scheiden.
Komm zu uns, komm mit mir in die alte Heimath
und erwarte dort den Frühling! Die Bank auf dem
Osterberge steht noch, und wir sollten da noch einmal
zusammen sitzen in der Abendsonne und die Wälder,
die Hügel, das Thal, die Welt und den Vogelsang
auch noch einmal zu uns reden und uns rathen lassen
auf der wankenden Erde. Glaubst Du nicht, daß
sie auch Dir eine andere Sprache sprechen werden,
als diese dunklen Wände und der nichtige Spruch
dort, dem kein Mensch weniger Folge gegeben hat,
als sein Verfasser?“

Sie hat den Kopf geschüttelt, die arme reiche
Frau, die Wittwe Mungo, wie seiner Zeit Velten in
seinem thür- und fensterlosen Hause im Vogelsang.

„Laß mich, bester Freund,“ sagte sie. „Was
sollte die Wittwe Mungo bei Deinen lieben Kindern
und Deiner guten Anna? Ich wollte Dich ja auch
nicht bei seinem Begräbniß haben, Karl. Frage die
alte Frau da draußen, wie glücklich ich hier — jetzt
— in meinem Besitz, meinem Eigenthum, meinem
Reichthum in der Welt gewesen bin. Was hätte die
Heilige, die Französin, eure — seine Leonie ihm
noch in sein todtes, taubes Ohr flüstern können? Aber
ich, ich habe das gekonnt, nachdem ich ihm die Augen
zugedrückt hatte und ihn im Arm hielt, die Nacht
durch. Ich habe ihm viel zu erzählen gehabt, wie
es mir ergangen ist im Leben, seit dem Abend, an
welchem er in meines Vaters Hause das Blatt aus
dem Buche riß, und da hat er mir vergeben; denn
weißt Du, wie er jetzt gelächelt hat in seinem befriedigten Willen, das hat aus meinem wilden,
albernen, kranken Hirn das Lächeln verscheucht, mit
dem er mir in New York das Blatt hinhielt: Sei
gefühllos! Siehst Du, das — sein Gesicht, sein
gutes Lachen eine Stunde nach seinem Tode, das
gehört nun mir für alle Zeit, mein einziges Eigenthum für alle Zeit. So mein Eigenthum, daß auch
Niemand mit mir nur darüber reden soll, und deshalb kann ich auch mit Dir nicht nach Hause gehen;
die Heimath würde mir und ihm nur zu verwirrend
dreinreden und mir an meinem einzigen Besitz auf
Erden zerren und zupfen. Auch die Berge und
Thäler der Heimath würden sich nur zwischen uns,
zwischen Velten Andres und Helene Trotzendorff
drängen. Ich kann sie nicht wiedersehen, und sie
sollen mir sein Gesicht so lassen, wie ich vorgestern
das Tuch darüber gedeckt habe.“ —

Da habe ich es auch ihr, wie seiner Zeit Velten
gegenüber, aufgeben müssen, die im Alltage Fremdgewordene in mein Haus einzuladen als lieben und
kranken Gast; sie aber hat die Frau Fechtmeisterin
Feucht geküßt und ihr weinend den Kopf auf die
Schulter gelegt und geschluchzt:

„Mutter, daß Du nicht mit mir kommen wirst,
das weiß ich; also sieh, damit man uns, Dich und
mich, nie von hier austreiben könne, habe ich dieses
Haus gekauft, Deines lieben Stübchens und dieser
vier Wände wegen. Euer Freund, Herr Leon, ist
mir auch dabei behilflich gewesen, lieber Krumhardt.
Sie mögen wohnen bleiben und ihr Leben und ihre
Geschäfte treiben da draußen, der Gasse zu; was
kümmert uns das?! Aber hier soll Niemand weiter
ein Recht haben, als die Frau Fechtmeisterin Feucht
und Helene Trotzendorff. Ich werde wohl noch oft
und weit in die Welt hinaus müssen, ihr Guten;
aber wo ich auch sein mag, will ich die Sicherheit
dieses meines Eigenthums haben; denn nicht wahr
Mutter, Du läßt mir diesen Raum und duldest nicht
daß sie die Worte da an der Wand übertünchen!
Und wenn ich zu Dir komme, nimmst Du mich auf
wie — ihn?“

„Aber Kind, ich bin neunzig Jahre alt —“

„Wenn ich nicht zu Dir komme wie Velten
Andres, und Du hast mich nöthig wie er Dich, so
merke ich das und erfahre es, wo ich auch sein mag.
Fürs Erste gehe ich ja auch nicht weit von hier weg.
Laß es so sein, wie ich sage!“ — — — — — —

Nun schritten wir durch die menschenvollen
Gassen der Stadt, die Wittwe Mungo und ich. Um
uns her schienen sie wirklich noch ein anderes heftiges,
leidenschaftliches Interesse an dem Besitz und Eigenthum
der Erde zu nehmen. Ich weiß es in der That nicht,
um was für ein staatliches, politisches, soziales Problem
es sich unter den Leuten handelte, welche Menschenversammlung einberufen oder auseinandergetrieben
worden war, und über welche Frage man wieder
mal nicht einig hatte werden können. Namen von
Führern im Gezerr klangen um uns her — sehr
berühmt für den Tag, sehr zeitungsgerecht — mit
Wuth, Hohn, Spott oder jubelndem Beifall ausgesprochen oder herausgeschrieen. Es handelte sich
sicherlich um hohe Dinge; aber wie viele Leute gab
es da in dem Gedränge, die der Wittwe Mungo
höflich Platz gemacht haben würden, wenn sie gewußt
hätten, wer die Frau in Trauerkleidung an meinem
Arm war, und über welche Mittel sie verfügte, den
Neid der Menschheit zu erregen und Menschen glücklich zu machen!

Sie wohnte natürlich im berühmtesten Gasthause
der Stadt, und ich brachte sie bis zu dessen Thür:

„Was thun wir weiter mit der Nacht?“ fragte
sie in dem Lichterglanz, inmitten der herbeieilenden
Dienerschaft. „Willst Du noch ein Stündchen mit
heraufkommen, und sollen wir noch ein wenig von
anderen Sachen plaudern? Unsere Gesandtin hat
mir heute Morgen geschrieben und mich dringend gebeten, den heutigen Abend bei ihr nicht zu versäumen. Willst Du mich dahin begleiten? Wir
werden sehr willkommen sein, und Mr. Irving, der
berühmte Komödiant, ist aus London inkognito hier.
Willst Du den Monolog: To be or not to be von
ihm hören? Der Herr wird mir einer Tournee
drüben bei uns zuliebe gewiß gern den Gefallen thun.“

„Lebe wohl, Helene. Laß uns Beide dazu thun,
daß wir einander noch einmal wiedersehen, gefesteter
in uns auf der wankenden Erde.“

„Können wir das? Ja, so lebe wohl für heute,
mein Freund, mein Freund, und habe Dank dafür,
daß Du zu mir gekommen bist. Ich wußte keinen
Anderen, den ich rufen konnte!“

So haben wir wieder Abschied von einander
genommen. Ob für immer, wer kann's sagen? Ich
hätte nun noch auch diesmal Freund Leon aufsuchen
können in Berlin, aber ich wußte es ja, daß ich die
Schwester Leonie nicht mehr bei ihm finden würde.
Es war mir wirklich unmöglich, seinem Lebensbehagen
jetzt die rechte Theilnahme entgegenzubringen, seine
Wera singen, seine Viktoria Klavier spielen zu
hören und mit ihm den Erben der Troubadourharfe,
der Albigenserlanze und des Hugenottenschwerts der
Ahnen, seinen braven Friedrich vom Kadettenhause
zu Lichterfelde durch alle möglichen neuen kriegerischen
Ehren der Familie bis zu dem Prädikat Excellenz
zu begleiten.

Eine schlaflose Nacht in meinem Gasthause; dann
der Morgen und die Heimfahrt: — Trüber Tag. Feld!
— Die Wälder, Felder, Dörfer, Städte und die Bahnhöfe mit ihrem Getreide im triefenden Novemberregen und Nebel. Am Spätnachmittag vom Regen
und Nebel gleichfalls verhangen, der Osterberg und —
ein erstes Aufathmen!

Das Haus, die Frau und die Kinder! . . . Und
so gegen Mitternacht am warmen Ofen, in allem Behagen Leon des Beaux', Annas Seufzer:

„Mein Gott, und sie weiß gar nichts mit ihren
ungezählten Millionen anzufangen?“

„O doch! Sie hat Land und Meer um den Erdball zur Verfügung. Sie baut Paläste, Krankenhäuser,
kauft Bücher, Bilder, Bildsäulen, unterstützt —“

„Aber das ist doch gar nichts! Das ändert an
ihr und an der Welt nichts. Ach, ich sollte an ihrer
Stelle sein!“

„Du?“ fragte ich gespannt. „Was wolltest Du
denn mit ihrem vielen Gelde beginnen?“

„Nun — ich habe doch meine Kinder?!“ —
— — — — — — — — — — —

Es ist ein lichtgrüner, schöner Frühlingstag, an
welchem ich dieses zu Papier bringe. Ich könnte auf
dem Blatte den spätesten Nachkommen noch einmal
mit hinaufnehmen auf die Bank im Sonnenschein
von heute auf dem Osterberge; aber ich schließe:
>Die Akten des Vogelsangs.