Das Odfeld

Erstes Kapitel.

Dicht am Odfelde, in der angenehmsten Mitte des
Tilithi- oder auch Wikanafeldistan-Gaus, liegt auf dem
Auerberge über dem romantischen, vom lustigen Forstbach durchrauschten, heute freilich arg durch Steinbrecherfäuste verwüsteten Hoopthal das uralte Kloster
Amelungsborn. Will man die Geschichte, die ich hiervon erzählen kann, anhören, so ist es mir recht.
Wenn nicht, muß ich mir das auch gefallen lassen und
rede von den alten Sachen, wie schon recht häufig, zu
nur selber allein. Ist nämlich unter Umständen auch
ein Vergnügen, einerlei ob am sonnigen Sonntagmorgen, im abendlichen Alltagszwielicht, im Sommer
oder im Winter; — nur in der richtigen Stimmung
muß man sich dann mit sich selber allein finden!

Ach ja, wenn man so das Ohr an ein Bündel vergilbter Papiere, an ein würdig Pergamen, an einen
Folianten in Schweinsleder, ja oder auch an eines der
Büchelchen in Duodez mit abgegriffenem Sammeteinband, Goldschnitt und Kupfern von Daniel Chodowiecki
legt! Oft hört dann kein Kind, das eine Muschel an
das Ohr hält, von Ferne her ein geheimnißvolleres,
tiefgründigeres Tönen, Sausen und Brausen.

Man kann dann und wann sogar über seiner Materie, seinem gelehrten Rüstzeug auf beiden Armen
liegend, gründlich gelangweilt einschlafen und beim
Wiedererwachen zu seiner Verwunderung bemerken, daß
man doch etwas gelernt habe, zum Weitergeben an
Andere. Auch in dieser Hinsicht bescheert es der Herrgott den Seinen nicht selten im Traum; und es ist oft
nicht das Schlechteste, was so den Lesern zufällt —
und auch dem Geschichts- und Geschichten-Schreiber,
falls er nur nachher eben bei seinem Niederschreiben
die Augen offen und die Feder fest in der Hand behalten hat.

Schon Cajus Cornelius Tacitus soll die Gegend
um den Ith gekannt haben, wenn auch nicht aus persönlicher Anschauung. Er soll von dem Odfelde — Campus Odini, und von dem Vogler — mons Fugleri reden.
Dieses lassen wir auf sich beruhen; aber die Gegend
ist allzu fett und fein, als daß sie nicht gleichfalls der
Tummelplatz vieler menschlicher Begehrlichkeit und als
Wahlstätte weltgeschichtlicher Katzbalgereien hergehalten
haben sollte.

Römer haben sich ziemlich sicher hier auf Wodans
Felde mit Cheruskern gezerrt und gezogen, Franken mit
Sachsen und die Sachsen sich sehr untereinander. Die
alte Köln-Berliner Landstraße läuft nicht umsonst über
das Odfeld, vorbei an dem Quadhagen: Ost und Westen
konnten also, wenn sie sich etwas mit dem Prügel in
der Faust zu sagen hatten, wohl aneinander gelangen,
und daß sie bis in die jüngste Zeit ausgiebigen Gebrauch von der Weggelegenheit machten, davon wird
der Leser Erfahrung gewinnen, wenn er nur um ein
Kleines weiterblättert.

Wie hübsch ist es, wenn Brüder friedlich beieinander wohnen, und wie selten ist es! Und da es so
selten ist, so hat es zu allen Zeiten Leute gegeben, die
ihrer Nerven wegen den Verkehr und Umgang mit
ihrer Nachbarschaft nach Thunlichkeit mieden oder ihn
wohl ganz abbrachen und sich auf sich selber zurückzogen. Ein solcher Einsiedler hätte im Jahre Siebenzehnhunderteinundsechzig Magister Buchius im Kloster
Amelungsborn wohl sein mögen, und ein solcher ist
tausend Jahr früher der Gründer des Klosters unbedingt gewesen.

Das heißt so unbedingt der Gründer kann der
Mann Amelung, der vor undenklichen Zeiten, im Thal
unter dem Auerberge, oder dießmal genauer unterm
Küchenbrink, den Born, der nachher seinen Namen trug,
aufgrub, nicht genannt werden. Der Mann wollte
nichts gründen, der Mann wollte sicherlich nichts weiter
als endlich seine Ruhe vor der Brüder- und Schwesterschaft dieser Welt. Hoffentlich ist sie ihm zu Theil
geworden im Eichenschatten des Hoopthals und ist der
wilde Eber mit seinen Angehörigen auf der Eichelnsuche sein schlimmster Störenfried geblieben, bis, wie
es im Märchen heißt, eines Morgens die frommen
Rehe kamen und den lieben Freund und guten Greis
aller Unlust durch Seinesgleichen auf Erden enthoben
fanden und so weiter.

„Und so weiter!“ nämlich werden an dieser Stelle
schon leider mehr als Einer und Eine sagen, denen
es jetzt schon scheint als ob der Historiograph wieder
einmal im Stande sei, ihnen die gewohnte Unlust zuzubereiten, und — hinter Deren Rücken fahren wir fort
in unserm Bericht.

Gegründet wurde das Kloster Amelungsborn im
Anfang des zwölften Jahrhunderts von dem Grafen
Siegfried dem Jüngern von Homburg, dem man seinen
Vater Siegfried den Aeltern todtgeschlagen hatte. Aus
dem ersten Cistercienserkloster in Deutschland, Altenkamp bei Köln, holte er sich die Mönche, die die Stelle
der frommen Rehe und sonstigen lieben und betrübten
Waldthiere über dem Grabe seines Erblassers versehen
sollten. Sechs Mark Silber schenkte schon im Jahre
1125 Graf Simon von Dassel dem Convent und fand
willige Nehmer. Der erste Abt hieß Heinrich und stand
mit dem heiligen Bernhard von Clairvaux in Briefwechsel, erhielt im Jahre 1129 auch ein Belobigungsschreiben von ihm für sein Kloster, worüber großer
Jubel war, was mich nicht wundert, da es auch Andern
Vergnügen gemacht hat, mit dem heiligen Mann schriftlich oder persönlich in Verbindung zu kommen.

Im Jahre 1802 schreibt Schiller an Goethe:

„Ich habe mich dieser Tage mit dem heiligen
Bernhard beschäftigt und mich sehr über diese Bekanntschaft gefreut; es möchte schwer sein, in der Geschichte
einen zweiten so weltklugen geistlichen Schuft aufzutreiben, der zugleich in einem so trefflichen Elemente
sich befände, um eine würdige Rolle zu spielen. Er
war das Orakel seiner Zeit und beherrschte sie, ob er
gleich und eben darum weil er bloß ein Privatmann
blieb und andere auf dem ersten Posten stehen ließ.
Päpste waren seine Schüler und Könige seine Creaturen. Er haßte und unterdrückte nach Vermögen alles
Strebende und beförderte die dickste Mönchsdummheit,
auch war er selbst nur ein Mönchskopf und besaß nichts
als Klugheit und Heucheley; aber es ist eine Freude,
ihn verherrlicht zu sehen.“

„Zu der Bekanntschaft des heiligen Bernhard gratulire ich,“ schreibt Goethe. —

Auf Herrn Heinrich folgte Herr Werner, dann kam
Hoiko, dann Eberhard, dann Gottschalk, dann Theodor,
dann Arnold, dann Ratherius und so fort eine lange
Reihe, deren Namen man wohl noch weiß, aber nicht
mehr von ihren Gräberplatten aus Wesersandstein, die
zerbröckelt und verstoben sind wie die Gebeine der alten
Herren, die unter ihnen zum Ausruhen kamen. Wir
nennen von den frommen Vätern, die bis zur Reformation einander ablösten auf dem Abtsstuhl, nur noch
einen, nämlich Herrn Werner den Zweiten von Bodenwerder. Zehn Schuhe soll der Mann lang gewesen sein:
der Freiherr von Münchhausen, der ja auch von Bodenwerder war, erzählt seltsamerweise von ihm nichts, was
das Ding freilich etwas verdächtig macht. Aber wie
dem auch sei, wozu hilft alle Erdengröße, wenn in kritischen Zeiten der rechte Erdenverstand dabei mangelt?

Kritische Zeiten kamen mit dem Wittenbergischen
Augustiner auch für die Cistercienser zu Amelungsborn,
und fanden ausnahmsweise den rechten Mann mit dem
allerrichtigsten Verständniß an der Spitze der geistlichen
Bruderschaft auf dem Auerberge. Andreas Steinhauer
hieß er, hatte im Jahre 1512, von deutschen Eltern
in London geboren, zum erstenmal aus schlauen Aeuglein in die verworrene Welt hineingeblinzelt und sicherlich nicht ohne Gründe in Köln Theologie studirt. Von
Bredelar aus beriefen ihn die Brüder in ihr Weserkloster als Prior, und Herzog Heinrich der Jüngere
von Braunschweig hatte bis zu seinem Tode Anno 1568
keinen getreuern Anhänger seines katholischen Glaubens
als seinen Abt zu Amelungsborn, Andreas Steinhauer.

Was helfen Einem die schönsten kritischen Zeiten,
wenn man sie nicht zu benutzen versteht? Dominus
Abbas Andreas Steinhauerius verstand's; und wo Andere
unter plötzlich veränderten Umständen das Nest hätten
räumen müssen, wußte er es noch wärmer auszufüttern
und sich sogar ganz hausväterlich gemüthlich drin einzurichten. Die grimmig-päpstische Faust im Eisenhandschuh des alten antischmalkaldischen Grimmbarts Herzog
Heinrich löste sich vom Kragen des braunschweigischen
Landes und sank, Staub zu Staub, hinunter in die Gruft
der Kirche Beatae Mariae Virginis zu Wolfenbüttel.
Julius hieß der Erbe und Nachfolger im Reich, der
neuen Lehre zuerst sogar als Märtyrer zugethan, nun
aber ihr mächtiger Gönner und Beförderer. Ich habe
Gott Amor im Verdacht, daß er dem alten Herrn
Andreas sein Märtyrerthum des Uebertritts zum Lutherthum nach Möglichkeit erleichterte vor seinem Gewissen.
Wie dem auch sei, der letzte katholische Abt von Amelungsborn legte sich sofort um auf die andere Seite
und zog auch seinen ganzen Convent mit hinüber. Und
im Jahre 1572 freiete er, der Abt, nicht der Convent,
und führte heim in's Kloster Jungfrawen Margarethen
Peinen, eines Bürgers zu Stadtoldendorf eheleiblich
und hoffentlich auch lieblich Töchterlein. Ob Sanct
Bernhard sich darob in seinem Grabe zu Clairvaux
umgelegt habe, weiß Keiner; eine Verleumdung aber
ist es, daß Vater Andreas Steinhauer seiner Eheliebsten
den Thurm der Stadtkirche zu Stadtoldendorf als
Heirathsgut verschrieben habe. Der Thurm eignet heute
noch dem Kloster Amelungsborn und nur die daran
hängende Kirche gehört löblicher Bürgerschaft. Im
Jahre 1588 ist auch dieser werthe Mann zu seinen
Vätern versammelt und in der Klosterkirche beigesetzt
worden. Sein Bild und Grabstein sind heute noch
dort zu sehen, und der Magister Noah Buchius, der
nicht einmal den Namen mit dem seligen Ahnherrn
gemein hat, hat im währenden siebenjährigen Kriege
durch vorgeschobenes Gerümpel sein Möglichstes gethan,
beides zu schützen, sowohl vor den Husaren des Generals Luckner, wie vor den austrasischen Freiwilligen
des Marschalls von Broglio und den Bergschotten Mylord Granby's.

Wie aber kam der Magister zu diesem großen Ahnherrn? Auf die einfachste Weise. Sein Ururgroßvater
Veit Buchius folgte dem alten Andreas nicht nur auf
dem Abtstuhl, sondern auch im Ehebett. Und die
Wittib war jung und angenehm, und er hatte Nachkommenschaft. Jared zeugete Henoch. Henoch zeugete
Methusalah. Methusalah zeugete Lamech; und Lamech
zeugete einen Sohn und hieß ihn Noah und sprach:

„Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf Erden, die der Herr verflucht hat!“

Möge der Trost, den wir persönlich aus dem alten
Schulmeister, dem Magister Noah Buchius gezogen haben,
vielen Andern zu Theil werden. Dies ist unser herzlicher Wunsch, wie wir uns aufrichten von den Folianten, Quartanten, Pergamenten und Aktenbündeln, ob
denen wir auf das Sausen und Brausen, das Getöne
von Wodans Felde, vom Odfelde, kurz von Ferne her
gehorcht haben im Lärm der Gegenwart, im Getöse des
Tages, der immer morgen auch schon hinter uns liegt,
als ob er vor hunderttausend Jahren gewesen wäre.

Sollen wir nun noch viel reden von den Aebten,
die noch nachher kamen? Im Grunde wäre es nicht
nöthig, da wir uns die Zwei, auf welche es uns hauptsächlich ankam, aus ihrer Reihe hervorgelangt haben.
Aber da ist noch der dreißigjährige Krieg, der dem
siebenjährigen vorangeht, und über den kommt kein deutscher
Autor in einem historischen Werke, wenn er wirklich
etwas sagen will, hinweg, ohne etwas von ihm zu sagen.
Herr Theodorus Berkelmannus aus Neustadt am Rübenberge hieß der Mann, der in das Elend hineinfiel,
einerlei ob verheirathet oder unverheirathet. Daß er
dem lutherischen Glauben anhing, genügte, um ihm
die persönliche Bekanntschaft des Generals Tilly als
durchaus nicht wünschenswerth erscheinen zu lassen.
Er suchte ihm aus dem Wege zu gehen, dem Herrn
General; und der alte Tille suchte ihn natürlich höflich am Aermel zurück zu halten. Zwischen Einbeck
und Nordheim bekam der arme Doctor der lutherischen
Theologie und Abt Berkelmann eine liguistische Kugel
auf der Flucht in die Schulter, was vor ihm noch
keinem andern Abte von Amelungsborn passirt war,
und die Kaiserlichen reinigten hinter ihm den Tempel
von ketzerischem Unrath auf ihre Weise. Gründlich! Aber
freilich nicht auf lange.

Wer nun nach seiner Meinung einen Augiasstall
zu reinigen hat, geht natürlich auf die Quelle zurück.
In unserm Falle hielt sich die Liga sogar im wahrsten
Sinne des Wortes an die Cisterne. Triumphirend
zogen die Mönche des heiligen Bernhard unter Herrn
Johannes von Meschede wieder ein im warmen Nest
über dem Hoopthal und gebrauchten geistlichen wie weltlichen Besen mit Kraft und bestem Willen — leider
nur bis zum Jahr 1631.

Ich male es mir aus, wie nach der Schlacht bei
Breitenfeld Herr Theodorus Berkelmann auf seinem
Patmos sich aufhob, hinauskrähete und mit den Flügeln
schlug, besonders mit dem lahmen Fittich! Unter dem
Geleit schwedischer Reiter zog nun er wieder ein in
Amelungsborn und soll den letzten Cisterciensermönch,
den armen Bruder Philemon, am Ohr aus dem Klosterthor geführt und auf die Kölnische Landstraße weserwärts hingewiesen haben. Wie noch die Fortun' in
dem großen Kriege wechseln mochte, in Amelungsborn
wurde der reine Glaube von nun an nicht mehr behelligt, außer vielleicht durch zu leichte Kost und durch
zu gewichtige Schulden. Herrn Theodoro folgte auf
dem jetzt ziemlich unbehaglichen Stuhl noch Dr. Statius
Fabricius, der im Grunde als der letzte wirkliche Abt
von Amelungsborn zu rechnen ist; denn nach ihm hatte
das herzogliche Consistorium zu Wolfenbüttel einen der
Zeitenklemme angemessenen Gedanken. Es schlug zwei
schwarze Brummer mit einer Klappe. „Wozu brauche
ich noch einen Abt zu Amelungsborn, wenn ich schon einen
Generalsuperintendenten zu Holzminden sitzen habe?“
fragte es, — und:

„Dich will ich belohnen mit Ring und mit Stabe,
„Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe,“

summte es noch vor Gottfried August Bürger, und
Herr Hermannus Topp rückte als der erste Generalsuperintendent von Holzminden und Abt von Amelungsborn auf die Prälatenbank der Lande Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Güter, die liegenden Gründe der
wackern, frommen und gelehrten Bruderschaft der Cistercienser waren schon längst in ein Klosteramt verwandelt
und einem Landbau-verständigen Klosteramtmann untergeben worden, was zur Kenntniß der „Hausgelegenheit“
dieser Geschichte jedenfalls mitzutheilen war. Doch die
Hauptsache kommt, wie gewöhnlich, zuletzt.

Wie überall in braunschweigischen Landen gab die
Reformation in sehr achtungswerther Weise mit der
rechten Hand das, was sie mit der linken genommen
hatte. Was die Mönche verloren, das bekamen die
Wissenschaften. Fürsten wie Stände erhielten ihre Hände
rein und können heute noch nüchtern, stolze Rechenschaft ablegen über die Anwendung der herrenlos gewordenen Güter und Besitzthümer der römisch-katholischen Kirche. Da wurde die Universität Helmstedt
errichtet, aus den Klöstern im Lande wurden „gelehrte
Schulen“ gemacht; und auch aus Amelungsborn, mitten
im Walde, wurde solch' eine „große“ Schule; und wenn
nicht alle, so hätten doch wohl manche der alten gelehrten Herren aus Cistercium her ihre Freude daran
gehabt und gern auch ein Katheder darin vor der neuen
Jugend bestiegen.

Diese Klosterschule kam sogar zu einem Ruf, besonders in der Mathematik. Zwei Jahrhunderte blühte
sie in der Stille des Weserwaldes und trug gute
Früchte. Dann aber war wieder die Welt eine andere
geworden. Die Lehrerschaft versumpfte, das junge Volk
verwilderte im Walde, die beiden ersten schlesischen
Kriege des jungen Fritz kamen dazu, und der dritte,
der siebenjährige Krieg des alten Fritze schlug diesem
gelehrten Wesen auf dem Auerberge über dem Hoopthale völlig den Boden ein. Trotz Franzosen, Engländer und Schottländern im Lande behielt Karl der
Erste zu Braunschweig-Lüneburg auch hierfür Zeit.
Wahrscheinlich nach Rücksprache mit seinen trefflichen
Männern von seinem erlauchten Collegio Carolino sah
er, daß die Sache so nicht mehr ging.

„Eine hohe Schule der Wilddiebe conveniret weder
Uns noch Unsern in Gott ruhenden Ahnen,“ meinten
Seine hochfürstliche Durchlaucht und holten den Cötus
weg aus dem Walde und die Lehrerschaft aus dem
Sumpfe.

Wer heute auf der Weser zu Berg oder zu Thal
fährt, der bemerkt bei der guten Stadt Holzminden ein
stattlich Gebäude, an dessen Giebel die Worte stehen:
DEO ET LITTERIS.

In diesen Worten wächst heute noch weiter, was
im Jahre 1124 von den Mönchen aus Cisteaux auf
dem Auerberge über dem Hoopthale und dem Brunnen
des frommen Bruders Amelung in den Boden gelegt
worden ist. Aus der Klosterschule von Amelungsborn
ist ein berühmtes Gymnasium geworden, und der jedesmalige Rector darf sich immer auch noch Prior
von Amelungsborn nennen und unterschreiben. Der
Schreiber dieses hat da, so um's Jahr Eintausendachthundertundvierzig unterm alten wackern Schulrath Kokenius, auch einmal eine Schulbank abgerieben. Er
läßt es seine erlauchten Vorfahren in der Gelehrsamkeit, die klugen und ehrwürdigen Brüder Cistercienser
durchaus nicht entgelten, wenn er wenig gelernt hat in
Holzminden. Zur Tugend der Wahrhaftigkeit ist er
jedenfalls dort angehalten worden, und wenn er mal
bei einem Datum und Faktum sein Recht als Poete zu
scharf nimmt, so sollen weder Cistercium bei Dijon, noch
Amelungsborn am Odfeld und auch nicht Holzminden
an der Weser was dafür können, und sollen sich bei
ihrem Besserwissen beruhigen dürfen. Von dem heiligen
Bernhard von Clairvaux redet er übrigens nicht ganz
so schlimm wie Friedrich von Schiller und Wolfgang
von Goethe. Daß Doctor Martin Luther den Mann
„höher denn alle Mönche und Pfaffen auf dem ganzen
Erdboden“ hielt, spricht immer mit, wenn es sich darum
handelt, in Kloster Amelungsborn Hausgelegenheit zu
erkunden.

Zweites Kapitel.

Die große Wald-Schule hatte wandern müssen, und
der Klosteramtmann war geblieben und hatte, sich die
Hände reibend, gemeint, nun sei endlich wohl für ihn
die bessere, die ruhigere Zeit gekommen und — hatte
sich sehr geirrt, wie man sich eben bei seinen Hoffnungen und Wünschen dann und wann im Leben zu
irren pflegt. Der Mann hatte für sein Theil Ruhe
und Behagen in der Welt zu wenig mit den übrigen
Zeitumständen gerechnet. Im Jahre 1761 gab es trotz
des Abzuges des Cötus keine Ruhe in und um Kloster
Amelungsborn, weder für den Herrn Amtmann noch
die andern In- und Umsassen der Stiftung Siegfrieds
von der Homburg.

Das Verhältniß zwischen der Schule und dem Amt
war immer nicht das beste gewesen; aber im Verlaufe
des achtzehnten Jahrhunderts hatte es sich derartig verschlechtert, daß es zuletzt gar nicht schlimmer mehr
werden konnte. Zu verwundern war's gerade nicht.
Sie saßen einander zu nahe und mit sich zu sehr
widersprechenden Interessen auf dem Kasten. Ihre
Anschauungen über Recht, Rechte, Berechtigungen, über
Moral, Tugend, Sitte und Gewohnheit, ja, im pursten
krassesten blassesten Sinne über Mein und Dein waren
allzu verschieden. Sitte, Gewohnheit, Recht liefen
zwischen beiden Mächten allgemach nur darauf hinaus,
sich gegenseitig den größtmöglichen Verdruß und Tort,
ja das gebrannteste Herzeleid anzuthun.

„Lieber die Franzosen so lange es ihnen beliebt
im Lande, als diese gelehrte Cumpanei von Schlingeln,
Lümmeln, Flegeln und Spitzbuben Einen Tag auf dem
Buckel!“ hatte der Klosteramtmann schon seit Jahren
geseufzt und geflucht. Ach, leider, ohne zu ahnen, wie
bald und wie sehr ihn das Schicksal beim Wort nehmen
werde!

Nun hatte er von der ganzen Schule nur noch den
Magister Buchius im Hause; aber volle Gelegenheit,
es auszuprobiren, ob es sich mit dem Herzog von
Soubise, dem Marschall von Broglio, dem Marquis
von Belsunce und dem Vicomte von Poyanne behaglicher Kirschen essen lasse als mit den gelehrten und
ungelehrten, den jungen und alten Erbnehmern der
Cistercienser von Amelungsborn.

Wir reden mit ihm wohl noch einmal darüber,
oder hören seine Meinung aus der Vergangenheit.
Für's Erste haben wir es vor allen Dingen mit dem
Magister Noah Buchius zu thun, den die Klosterschule
bei ihrer Auswanderung allein zurückgelassen hatte auf
dem Auerberge, wie man beim Auszug, halb des Spaßes
wegen, einen alten zerrissenen Rock am Nagel, einen
alten bodenlosen Korb im Winkel, ein altes vermorschtes
Faß im Keller zurückläßt, und das Alles Dem von seinen
Nachfolgern schenkt, der es haben will oder es mit in
den Kauf nehmen muß. Der Amtmann hatte den letzten
Magister von Amelungsborn mit in den Kauf zu
nehmen, nur auf allerhöchsten Spezialbefehl von Braunschweig aus, auf Gutachten herzoglichen Consistorii zu
Wolfenbüttel. Wir aber heute, wir würden wohl nicht
nach dem Herrn Amtmann in die Tage der Vergangenheit zurück gehorcht haben, wenn dem nicht so der Fall
gewesen wäre. Wir haben dann und wann eine Vorliebe für das, was Abziehende als gänzlich unbrauchbar
und im Handel der Erde nimmer mehr verwendbar
hinter sich zurück zu lassen pflegen. Wir nehmen
manchmal das auch etwas ernster, was die Menschheit
in ihrer Tagesaufregung nur für einen guten Spaß
hält. O, wir können sehr ernsthaft sein bei Dingen,
die den Leuten höchst komisch vorkommen.

Ach Gott, ach Gott, sich in einer Welt zu finden,
in der man sich gar nicht zurecht zu finden weiß! Dies
Loos war dem armen letzten Magister von Kloster
Amelungsborn im vollsten Maaße zu Theil geworden.
Als Sohn des Pastors von Bevern war er geboren
worden, in Helmstedt hatte er Theologie studirt, aber
sich auf der Kanzel nimmer auf Das besinnen können,
was er der christlichen Gemeinde aus bestem Herzen
sagen wollte. Auf drei oder vier adeligen Gütern
zwischen der Weser und der Leine hatte er das bittere
Brod des Präceptorenthums des achtzehnten Jahrhunderts gegessen und zuletzt — vor Jahren, Jahren,
Jahren — sehr verhungert an die Pforte geklopft,
durch die sein Ahnherr vordem in Würden ein- und
ausgegangen war.

Wohl mit seines Familien-Namens und des Ahnherrn wegen hatte man ihm diese Thür nicht auch vor
der Nase zugeschlagen; sondern ihn durch sie eingelassen
und ihn zuerst auf Probe und sodann aus Gewohnheit,
Mitleid und um immer einen Sündenbock zur Hand
zu haben, im Lehrer-Convent behalten. Der Cötus
aber hatte ihn sofort bei seinem Taufnamen gefaßt
und ihn als „Vater Noah“ gewürdigt — wenn auch
leider mehr im Sinn des bösen Ham als des braven
Sem und des biederen Japhet. Daß die Generationen
von Schulbuben, die während seiner Lehrthätigkeit im
Kloster vor seinem Katheder in der Quinta vorübergingen, nicht auch so schwarz wurden wie die Nachkommen des schlimmen Ham, ob ihrer Versündigungen
an ihm, das war ein Wunder. Verdient hätten sie es
sämmtlich.

Als Dreißigjähriger war er gekommen, nun war er
den Sechzigen nahe und hatte also ein Menschenalter
im Dienst der hohen Schule zu Amelungsborn hingebracht. Seltsamerweise konnte man eigentlich nicht
sagen, daß diese Jahre wie römische Feldzüge doppelt
gezählt hatten. Er konnte trotz ihnen ein recht alter
Mann werden und „der Menschheit bis an's Hundertste
heran auf dem Halse liegen“. Solche Bosheit und
Rücksichtslosigkeit hätte sogar ganz zu seinem Charakter
gepaßt, der von seiner Mutter Brust an etwas Hinterhaltiges an sich gehabt hatte, etwas Sich-Anhaltendes,
etwas Festklebendes, etwas auf keine Manier Weg-zu-Ekelndes.

Wenn er ein Held war, so war er ein vollkommen
passiver; und diese pflegen es dann und wann vor
allen andern Menschenkindern zu einem hohen Alter
zu bringen, wenn auch nicht immer zu einem gesegneten.

Dreißig Jahre Schuldienst als der Sündenbock und
Komikus der Schule! Der gute Mann mit dem ernsthaften Kinderherzen! Der von Mutterbrüsten an alte
Mann mit der scheuen, glückseligen Seele der guten
Kinder!

Wer in Kloster Amelungsborn hätte ihn missen
mögen, da er einmal da war? Wer hätte nicht sein
Behagen an ihm genommen? Wer hätte nicht seinen
Aerger oder seinen Witz an ihm ausgelassen und zwar
ohne sich vorher nach seinen Stimmungen für Beides
ein wenig umzusehen? Im Lehrerconvent wie im gesammten Cötus wußten sie, was sie an ihm hatten und
wußten ihn danach zu schätzen.

Und doch — doch hatten sie ihn bei ihrem Abzuge
nicht mit sich genommen nach Holzminden, in die neue
gelehrte Herrlichkeit, sondern ihn zurückgelassen am alten
Ort, allein in den leeren Auditorien und Dormitorien,
vor den jetzt so gespenstischen Subsellien und in seiner
Cisterciensermönchszelle über dem Hoopthale als das
unnützeste, verbrauchteste, überflüssigste Stück ihres
Hausraths! Man hatte einfach eben wieder einmal
nicht gewußt, was man that — wer kann denn
aber im Tumult des Lebens und eines Hauswechsels
sich recht auf Alles besinnen? Freilich hatte man von
Wolfenbüttel aus auch sein Wort dazu gegeben. Dort
wußten sie noch weniger, was der Magister Buchius
werth war und glaubten mit seiner Emeritirung ganz
das Richtige zu treffen. Dreißig Reichsthaler des
Jahrs ließen sie ihm, und die Zelle des Bruders
Philemon bis zu seinem Lebensende. Und mit Kost,
Licht und Feuerung wiesen sie ihn leidergottes auf
das Klosteramt und den Klosteramtmann an. In Anbetracht, daß man sich mitten in den Kriegen des
Königs Fritzen befand, und Geld rar war, Kost, Licht
und Feuerung auch nicht Jedermann vom heiligen
römischen Reiche garantirt wurden — hätte sich der
Magister für den undankbarsten Kostgänger des allgütigen Herrgotts erachtet, wenn er darob, nämlich
über die Verweisung an den Herrn Klosteramtmann,
sich über einem Murren betroffen hätte. Herr Gott,
wo bliebe dein Titel Zebaoth, Herr der Heerschaaren,
wenn Du allen Deinen Kostgängern das Gemüthe
gegeben hättest, ihr Tischgebet und Nachtgebet so zu
sagen wie Dein letzter Magister und Quintus von
Amelungsborn, der alte Buchius? Du hast es nicht
gethan, und so ist es nicht meine Schuld, wenn auch
diese Historie einmal wieder zum größten Theil vom
Gezerr um die Brosamen handelt, so von Deinem
Tische fallen, Herr Zebaoth.

Drittes Kapitel.

„Diese Bewegung ließ uns muthmaaßen, daß der
Herr Herzog Ferdinand von Braunschweig sich dort
lagern wollte, um die noch übrigen Lebensmittel in
der Gegend aufzuzehren,“ klagt ein französischer Feldbericht aus dem Spätherbst des Jahres 1761, ehe beide
kriegsführenden Parteien zum vorletzten Male die
Winterquartiere bezogen und sich häuslich und gemüthlich
darin einrichteten. Du barmherziger Himmel, die „noch
übrigen Lebensmittel“! Was hatten diese scheuen, bescheidenen, schämigen, mit Allem zufriedenen Verbündeten der Frau Kaiserin-Königin Maria Theresia, diese
liebsten Gäste des deutschen Volkes Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht dem armen Herzog Ferdinand von
Braunschweig noch viel übrig gelassen an Nahrung für
ihn selbst, seine Leute und sein Vieh, sowohl am
linken wie am rechten Ufer der Weser, sowohl in
Westfalen wie in Ostfalen? Und sie hatten doch
wahrlich auch den Klosteramtmann zu Amelungsborn
nicht gefragt, was ihm entbehrlich sei zum Unterhalt
seiner selbst, seiner Leute und seines Viehs.

Wenn ein Mensch vom Sommer des Jahres an
über ihr freundlich Zugreifen ohne Nöthigung nachsagen konnte, so war das der Amtmann von Kloster
Amelungsborn.

Aber Magister Buchius auch.

Ja, ja, was für Witterung für den Gelehrten allezeit sein mochte; für den Oekonomen war dazumal kein
gutes Wetter. Kisten und Kasten, Scheunen und
Ställe waren leer, ohne das dießmal zu große Trockniß,
zu arge Feuchte, Hagel, Rotz, Räude, Würme und
Mäusefraß mit dem betrübten Faktum das Mindeste
zu schaffen hatten. Den Hagel, der die Saaten niederschlug, die Mäuse, welche die Scheunen und Vorrathskammern leer machten, hatte sich das deutsche Volk,
Fürsten und Unterthanen in einem Bündel, selber dazu
eingeladen. Es ist heute noch nicht von Ueberfluß,
wenn man die zwischen Vogesen und Weichsel deutschredende Bevölkerung mit der Nase auf ihre Dummheit
stößt. Bis wir zu unserer Geschichte gelangen, hat
sich der Herr von Belsunce schon verschiedene Male
recht satt gefressen im Tilithi-Gau, und es hat dem
General von Luckner wenig genützt, ihn heraus und
auf Göttingen hin zu treiben. Der theuere Erbfeind
hat dort durchaus keine Collegia über Humaniora belegt, sondern treibt von der neuen berühmten deutschen
Universitätsstadt nur in praxi deutsche Reichshistorie
nach gewohnter Weise weiter. — —

Ein trüber Tag des Novembers Siebenzehnhunderteinundsechzig neigte sich seinem Ende, als sie auf der
alten Köln-Berliner Landstraße zusammentrafen, der
Klosteramtmann von Amelungsborn und sein Hausgenosse, der Magister Buchius, der Ex-Kollaborator
am alten Ort der alten Klosterschule.

Der Wind fuhr über die Stoppeln; aber die, welche
das Korn gesäet hatten, hatten es wahrlich, wie gesagt, zum
wenigsten Theil für sich selber geerntet. Die Waldungen
trugen überall Spuren, daß Heereszüge sich ihre Wege
durch sie gebahnt hatten. Ueberall Spuren und Gedenkzeichen, daß schweres Geschütz und Bagagewagen
mit Mühe und Noth über die Straße und durch die
Hohlwege geschleppt worden waren! Zerstampft lagen
die Felder und Wiesen. Kochlöcher waren überall eingegraben; Aeser von Pferden und krepirtem Schlachtvieh
noch unheimlich häufig unvergraben in den Gräben und
Büschen und an den Wassertümpeln der Verwesung
überlassen. Es war weder für den gelehrten noch den
ökonomischen Mann ein Anblick zum Ergötzen, und sie
machten Beide die Gesichter danach, als sie an diesem
Vierten des Wind- und Reifmonds an einer Wendung
der Straße in der Nähe des Dorfes Regenborn plötzlich vor einander standen.

„Er auch noch hier draußen, Magister?“ schnarrte
der Amtmann, sein spanisch Rohr dem alten Herrn
dicht vor den Füßen grimmig in den Boden stoßend.
„Steht Er wieder da und gafft und seufzt Seiner vergangenen Herrlichkeit und Seinem passirten Elend nach?
Wurmt es Ihm denn immer noch so sehr, Herr, daß
Er einen um den andern Tag hier herauslaufen muß,
um seiner gottverdamm — seiner Sauschule nachzubölken
wie eine Kuh, der der Schlächter das Kalb abgeholt
hat? Er sollte doch wahrhaftig Seinem Herrgott danken,
daß Ihm noch Niemand die Stubenthür eingetreten hat
und Er dahinter, wenn Er will, in Ruhe sitzen kann
mit allen Seinen unturbirten Schrullen, Grillen und
Phantasirereien. Wer doch in Seiner Haut steckte, Herr!
Herr, nehme Er's mir nicht übel, trifft man Ihn so
auf dem Spazierwege, so wird's Einem erst richtig klar,
in welchem Elend man selber itzo seine Tage zu versorgen hat, einerlei ob man das Haus voll hat von
den Völkern Seiner Durchlaucht oder des Marschalls
von Broglio. Hu, wer den Caraman und den Chabot
schinden wollte, wie sie den Klosteramtmann von Amelungsborn geschunden haben!“

Der letzte Seufzer stammte noch aus den Tagen
des Septembers und Octobers des Jahres, wo der Generalmajor von Luckner wohl sein Möglichstes gethan
hatte, um dem Grafen von Caraman und dem von
Rohan Chabot den Aufenthalt in Amelungsborn zu
verleiden, aber noch lange nicht genug, um der Stimmung des Amtmanns gegen die beiden Herren gerecht
zu werden.

Die „Geschicklichkeit“ des Herrn Generals von Luckner
hatte leider nur für kurze Zeit „Mittel gefunden, den
Feind aus der schönen Gegend, die er besetzet hatte“, zu
vertreiben. Die streifenden Schaaren der kriegführenden
Parteien drangen schon von Neuem auf einander in
der „schönen Gegend“, und der Amtmann von Amelungsborn hatte heute nicht ohne seine Gründe dem eigenen
Jammer zu Hause den Rücken gewendet, um mit den
nächstgelegenen Bauern über den ihrigen Rücksprache
zu nehmen. Daß sie das Beispiel des wackern Ostfriesen Hajo Cordes nachahmen und sich mit der Art
ihrer Haut wehren möchten, verlangte er wahrlich nicht.
Eine Verordnung des Marschall Duc de Broglio hatte
er als „Baillif du lieu“ ihnen von Neuem einzuschärfen
gehabt. Wer in den von den Truppen Seiner Allerchristlichsten Majestät in Besitz genommenen Hannoverschen und Braunschweigischen Landen sich mit seinen
„Effekten, Pferden, Horn- und anderm Vieh“ vor den
hohen Alliirten der römischen Kaiserein in die Wälder
flüchtete und nicht sofort zurück kam, wenn die Carabiniers und Husaren von Berchini, die Dragoner von
Languedoc und Orleans, wenn Regiment Beaufremont,
Regimenter Pikardie, Auvergne und Navarra oder gar
die Freiwilligen von Austrasien und die Garde Lorraine
in's Dorf rückten, dem wurde einfach das Haus angesteckt, die zurückgelassene Großmutter zu Tode geprügelt,
er selber aber ohne Gnade vor seiner Thüre gehängt,
wenn man ihn mit seinen Habseligkeiten in den Schluchten und Klüften ertappte, aufgrub und in sein Dorf
zurück geschleppt hatte.

„Und fünfzehn vierspännige Wagen für den Commissaire de guerre zu jeglicher Stunde bereit,
Leute —“

„O du barmherziger Himmel!“ hatten die Hohlenberger, die Golmbacher und die Negenborner geheult,
und der Klosteramtmann von Amelungsborn hatte wohl
einigen Grund für den Ton, mit welchem er seinen
alten gelehrten Leibzüchter gröblich anschnauzte:

„Treibe Er sich nicht länger draußen unnützlich
herum, wenn ich Ihm rathen darf, Magister. Komme
Er mit nach Hause. Wozu stehet Er da und starret
in die Bestialität, da Er es nicht nöthig hat? Was
sieht Er wieder im Himmel und auf Erden, was andere
Leute nicht sehen? Des Herrn Güte und der Menschen
Wohlgefallen an einander? Er übergelehrter Rab'
mitten im dritten schlesischen Kriege! ho, ho, da, ich
nehme Ihn unter'm Arm, daß man doch Einen auf
dem Weg nach Hause hat, an den man sich halten kann.
Was Er mir werth ist in Seinem und meinem Leben,
das weiß Er ja.“

Magister Buchius hatte einigen Grund, wenn auch
aus andern Gründen, das Weiße im Auge zu zeigen
wie die Negenborner, die Golmbacher und die Hohlenberger — auch die nächsten Nachbaren des Klosteramtmanns von Amelungsborn; — willenlos wendete
er, wie so oft in seinem Dasein, um und ließ sich dem
Belieben eines Andern nachziehen.

Dießmal auf der aufgeweichten, zerfahrenen Landstraße, die von Hause her und nach Hause zurückführte,
und die er am Nachmittag wirklich nur beschritten
hatte, um aus der unruhigen Gegenwart nach einer
ebenso unruhigen Vergangenheit sich zurück zu träumen.
Wie ihm sein unwirrscher Begleiter seine bis dato uneingestoßene Stubenthür rühmen mochte: das öde Feld
und der ruinirte Handels- und Kriegs-Pfad konnten
nur zu oft doch auch als Zuflucht für ein vom Lärm
der Zeit verwirrtes, betäubtes Menschen- und Homme
de lettres-Gemüth vorzuziehen sein.

„Hat Er es denn wirklich noch immer nicht aufgegeben, Buchius, hier den Weg nach Holzminden hin zu
laufen, wie Seinem verlorenen Glücke nach? Glaubt Er
denn immer noch, sie werden eine Abgesandtschaft schicken,
um Ihn mit Lorbeerblättern, Pauken und Trompeten
sich nachzuholen, weilen sie doch eingesehen haben, daß
sie Ihn nicht missen und entbehren können?“ fragte der
Amtmann wiederum und setzte nochmal hinzu: „Er
sollte doch wahrhaftig an Seinem vergangenen Pläsir
und Aerger genug haben und sich Seines otium cum
dignitate in Ruhe freuen.“

„Cum dignitate,“ seufzte der alte Herr im schäbigen
Schwarz und in Schnallenschuhen neben dem untersetzten,
vierschrötigen Begleiter in Stulpenstiefeln und im grünen
Flaus, und ein wehmüthiges Kopfschütteln begleitete
das Wort.

„Ja, ja,“ lachte der Amtmann, „da mag Er wohl
Recht haben mit Seinem Stöhnen. Viel Glorie war
nicht in der Art, wie man Ihn auf's Altentheil schob,
und ich kanns Ihm nicht verdenken, wenn Er auch noch
eine Pique auf die saubere hochgelahrte Gesellschaft hat,
die Ihn so ganz und gar nicht mehr brauchen konnte,
sondern Ihn hier bei uns ganz allein Seiner eigensten,
angeborenen Dignität überließ. Nu, die hat Er aber
ja auch sicher — das nimmt Ihm anjetzo Keiner mehr,
daß Er nun der Gelehrteste und Weiseste in ganz Kloster
Amelungsborn ist. Da wende Er sich nur dreist an
mich, wenn Ihm Einer auf dem Amt, Mensch oder
Vieh, dagegen anbocken will — ha, ha, ha, ho, ho,
ho, ho.“

Es war ein ungeschlachtes Lachen, welches die Rede
des Mannes beschloß, aber so ganz übel war sie doch
nicht gemeint, die Rede nämlich. Der Amtmann von
Amelungsborn wußte ganz genau, was er an seinem
„letzten Ruderum“ von seiner „verflossenen Klosterschulschande“ hatte. Freilich was er ihm bieten konnte,
wußte er auch und machte in der übelsten Laune am
liebsten Gebrauch von seiner Macht, einer armen vor
Weisheit unbrauchbaren Kreatur des Herrgotts, das
kümmerliche Leben noch mehr zu verkümmern.

„Der Herr Amtmann wissen, wie ich freilich mit
meinem Leben und Frieden auf Dero Wohlmeinen und
guten Rath in allen Dingen angewiesen bin,“ sagte der
Magister, doch sein Begleiter kam nicht zu einer zweiten
Lache. Ein seltsam Phänomen und Naturspiel zog die Aufmerksamkeit beider Männer an und hielt sie dauernd fest.
Sie standen still und sahen Beide auf.

Vom Südwesten her über den Solling stieg es
schwarz herauf in den düstern Abendhimmel. Nicht
ein finsteres Sturmgewölk, sondern ein Krähenschwarm,
kreischend, flügelschlagend: ein unzählbares Heer des
Gevögels, ein Zug, der nimmer ein Ende zu nehmen
schien. Und vom Norden, über den Vogler und den
Ith zog es in gleicher Weise heran in den Lüften, wie
in Geschwader geordnet, ein Zug hinter dem andern,
denen vom Süden entgegen.

„Ich bitte Ihn, Herr,“ rief der Amtmann. „Sie
fliegen wohl ihrer Natur nach zu Haufen; aber hat
Er je dergleichen Vergadderung des Gezüchts wahrgenommen?“

„Wahrlich nicht! O sehe der Herr doch, es ist als
würden sie von kriegserfahrenen Feldherren geführt.
Sie halten an. Sie schwenken wie zur Schlachtordnung
ein. Sie rüsten sich wie zur Bataille.“

„Bei uns! Herr, bei uns! Dort über dem Odfelde, über dem Quadhagen! So sehe Er doch, sehe Er
doch, Magister! Soll man denn hier seinen leiblichen
Augen trauen dürfen? Sie fahren wahrhaftig auf sich
los, sie brechen aufeinander ein, dort dem Quadhagen
zu und über dem Odfelde!“

„Ueber dem bösen Gehäge — dem Campus Odini,
dem Wodansfelde! Man sollte es fast als ein Praesagium nehmen, daß sie sich gerade diese Stätte zur
Ausfechtung ihrer Streitigkeiten auserwählt haben. O
siehe, siehe, siehe, und immer mehr, immer neuer Zuzug von Mittag wie von Mitternacht. Ei wahrlich, da
wird uns die Vergünstigung, einem seltenen, einem einzigen Schauspiele beizuwohnen.“

„Herr, das nennt Er eine Vergünstigung?“ rief
der Klosteramtmann von Amelungsborn, doch in diesem
Moment, bei diesem wunderbaren, vor ihren Augen sich
abspielenden Spectakulum war er dem letzten wirklichen
ortsangehörigen Magister der alten Kulturstätte in keiner
Weise mit seinen Bemerkungen und dergleichen gewachsen.

Der alte Herr stand ihm und der ganzen gegenwärtigen Welt entrückt ob der „Vergünstigung“, die
ihm hier und jetzt zu Theil wurde, nämlich vielleicht
dermaleinst von einem wirklichen Portentum aus eigener
Erfahrung und vom persönlichen Aspekt her nachsagen
oder gar auch schreiben zu dürfen.

Jetzt war er es, der den Arm seines tagtäglichen
Leib- und Lebens-Despoten gefaßt hielt und den verstörten Mann mit ausgestrecktem Zeigefinger und mit
glänzenden Augen hinwies auf das, was sich da in den
Lüften zutrug.

„Es ist ein Prodigium!“ rief der Magister. „Sehe
der Herr, wie das unvernünftige Vieh zu den verkündigenden Boten des barmherzigen Gottes wird. Es sind
fremde Schaaren, wohl ausländische, die da weit vom
Südwesten kommen und denen das Volk vom Norden
zur Abwehr entgegen eilet. Ei wanne, wanne, sie
kommen wohlgeatzet von den westfälischen und kurfürstlich hessischen Champs de bataille, die Fremden. Aber
nun ist ihre Kost dorten minder geworden und jetzt
ziehen sie auf neuen Raub nordwärts, voran den assyrischen Feldobersten, den Herren von Soubise und Broglio! Sehe der Herr Amtmaun genau zu; gebe Er mit
mir acht, was da werden wird —“

„Heiß und kalt wird's Einem bei Gott bei der
Geschichte,“ murmelte der Klosteramtmann von Amelungsborn. „Aber was meinet der Herr Magister denn,
was da werden kann?“

„Eine Tröstung oder — eine Warnung, wie es
geschrieben stehet: Und wer auf dem Dache ist, der
steige nicht hernieder, etwas aus seinem Hause zu holen.
Und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht um, seine
Kleider zu holen. Wehe aber den Schwangern und
Säugern zu der Zeit!“

„Und das Alles in meiner Feldmark!“ murmelte
der Amtmann. „Und was soll die Tröstung für uns
sein, Magister Buchius?“

„Daß das Heer vom Norden Recht behalte! Daß
Seine Durchlaucht, der Herr Herzog Ferdinand, sich
wiederum zur richtigen Stunde dem fremden Greuel,
den welschen Landverwüstern entgegen werfe mit den
Seinen.“

„Was faselt Er, Magister? Hat Er nicht so gut
wie wir Andern vernommen, daß der Herzog in seinem
Hauptquartier zu Ohr, jenseits der Weser, seit lange
in schwerer Krankheit darniederliegt? Weiß Er nicht,
daß der gute Herr sich wohl nie wieder davon erholen wird?
Weiß Er nicht, daß des Königs Fritzen linker Arm im
Absterben ist, daß Seine Durchlaucht der Prinz Ferdinand bei Wellinghausen dem Feinde seinen letzten
Sieg abgewonnen hat? Weiß Er nicht, Magister
Buchius —“

Der Magister hatte nicht den kleinsten Augenblick
Zeit für seinen hochgewaltigen Haus- und Brodherrn
übrig. Seine Aufmerksamkeit war ganz allein auf diese
mirakulöse Schlacht der Raben, der Vögel Wodans
über Wodans Felde, über dem Odfelde gerichtet. Mit
erhobenen Armen und Stock focht er die Schlacht mit.
In seinem gelehrten Gehirn drehte es sich im Tummel
wie dort in den Lüften dem Mons Fugleri zu. Armin
und Germanicus, Sachse und Franke, die Liga und
der Schwed' sie lagen sich, in Einen Knäuel verbissen,
wiederum im Haar im Gau Tilithi, dem Ithgau, und
der Magister Noah Buchius war von seiner Schule
hinter sich gelassen worden, hatte so lange das Leben
gehabt, um dieses Portentums mit eigenen Augen und
bei vollen klaren übrigen Sinnen theilhaftig zu werden,
und die Anwendung daraus zu ziehen für den eben
vorhandenen Tag und die gegenwärtigen schreckens- und
sorgenvollen Zeitläufte.

Es wäre sicherlich aber auch für den nüchterneren
und in den exakten, den empirischen Wissenschaften besser
beschlagenen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts
dieser Luftkampf nicht ohne Interesse gewesen, und es
hatte sich für ihn, wenn er den schreibenden Ständen
angehörte, wohl verlohnt, einen Artikel darüber an die
nächste Zeitung einzusenden und ornithologische Aufklärung in der Sache zu erbitten. Wir aber halten
uns mit dem letzten gelehrten Erben der Cistercienser
von Amelungsborn einzig an das Prodigium, das
Wunderzeichen, und danken für alle fachwissenschaftliche
Belehrung: wir lassen uns heute noch gern da an den
Zeichen in der Welt genügen, wo besser Unterrichtete
ganz genau das — Genauere wissen.

Wohl eine Stunde währte der Kampf des Gevögels, dem die zwei mit so mancherlei Daseinsbedingungen an einander geketteten Männer an diesem Abend
auf ihrem Wege nach Hause zuschauen durften. Sie
hatten aber unwillkürlich ihre Schritte, der Wahlstatt
zu, beeilt, Kloster Amelungsborn zu ihrer Rechten liegen
lassen, ohne an die Heimkehr zu denken. Krächzende
Nachzügler vom Süden her, in Haufen oder vereinzelt,
begleiteten sie in den Lüften fort und fort.

„Nehme Er meinen Arm und achte Er nicht auf
Seine Strümpfe und Schuhe, Magister,“ rief der Amtmann. „Wir müssen das Ende observiren, gehe es wie
es will.“

Sie kamen in den Wald, östlich von Hohlenberg
und nördlich vom Kloster, und kamen aus dem Gehölz
beim letzten Tagesschimmer auf das Odfeld hinaus, und
hatten nun wirklich vor sich — will sagen, über sich
die Schlacht so weit das Auge reichte in der Dämmerung, zwischen dem Vogler und dem Großen Wolf bis
gegen den Ith hin, und es war wahrlich wie ien
Zeichen des Herrn in der Höhe!

Es war ein Wirbel von Tausenden und aber
Tausenden von Streitern in der Luft, hier im Knäuel
geballt sich drehend, dort im Einzelkampf der Führer
auf einander stoßend und nicht von einander lassend,
bis der Unterlegene sterbend oder todt zur Erde niederflatterte oder schoß. Wie bei Châlons sur Marne —
auf den Katalaunischen Feldern, ein spukhaft Gewoge
von Leidenschaft, Grimm und Haß!

„Sehen der Herr Amtmann, ist es nicht, als ob
die, so am Idistaviso schlugen, die, so dem Kaiser Carolo
Magno und dem Herzog Wittekindus in die Bataille
folgten, auf dem alten Blutort wieder lebendig worden
wären? So hetzten sie im Gewölk, König Etzel der
Hunne, Aëtius der Römer und Theoderich und Thorismund der Westgothen Könige! Wären die rechten Leute
jetzo an unserm Platze, Kindern und Kindeskindern
könnten sie von diesem Phänomenon erzählen, auch wohl
es in den Druck geben.“

„Aber wir Zwei sind am Orte, und uns brennet
dieser jetzige dritte schlesische Krieg auf die Nägel. Was
helfen mir in meiner täglichen Noth Seine grasbewachsenen Olimswelthistorien? Sage Er, wenn Er's weiß,
was kann dieses Gesicht für uns arme Teufel in
Amelungsborn bedeuten?“

Der Magister, immerfort aufwärts in das schaurige
Luftkriegsspiel starrend — zuckte die Achseln. Zugleich
aber griff er zu und hielt den Stockschlag auf, den der
Klosteramtmann nach einem der aus der Schlacht herabgestürzten und verwundet vor seinen Stiefeln flatternden Kämpfer thun wollte.

„Herr?!“ rief er.

In demselben Augenblick kam's von der Weser her
— ein unbestimmtes grimmes Murren, ein dumpfes
Dröhnen. Einmal — zweimal! zum dritten Mal und
nun fest anpochend wie ein Faustschlag an eine ferne
Thür.

„Das Canon!“ murmelte der Amtmann von Amelungsborn.

„Ja, sie sind wiederum auf dem alten Krieges- und
Heereswege. Ist es von Höxter her oder von Holzminden; sie greifen sich noch einmal an der Pforte nach
der Kehle um den Thorschlüssel,“ sagte der Magister
Buchius. „Morgen mögen wir sie vielleicht von Neuem
hier haben, hier am Ith, auf dem Odfelde, im Quadhagen.“

„Da ist uns der Teufel schon lange nicht bloß an
die Wand gemalet worden,“ murrte der Klosteramtmann.

„Freilich. Aber es war hier bei uns doch nur
Kinderspiel gegen das, was sie da drüben in Westfalen
von wirklichen großen Bataillen zu erleben und auszustehen hatten. Nun mag aber wohl der liebe Herrgott
auch uns seine wahre Zuchtruthe zeigen wollen, und
sendet seine Raben vorher seinem Sturm, uns zur
letzten Warnung. Der Herr Marschall von Broglio
und der Herr Prinz von Soubise wären thörichter als
sie sind, wenn sie sich bei währender böser Krankheit
des Herrn Herzog Ferdinands die günstige Gelegenheit
entgehen ließen, Seiner Durchlaucht Vaterstadt Braunschweig mit zu ihren Winterquartieren zu gewinnen.
Da müßte denn freilich der Zug über Einbeck gehen,
und wenn die hohen Alliirten von Hameln her doch
noch versuchten einen Riegel vorzuschieben, so möchten
wir hier endlich auch einmal des Anblicks einer geordneten Schlacht theilhaftig werden, das agmen compositum, vielleicht auch quadratum, das aciem instruere
— subsidiis firmare, ja auch vielleicht die Aufstellung
in quincuncem, so jedes Durchbrechen der Linie verhindern soll, vor unseren Thüren mit eigenen Augen
kennen lernen. Polybius, Hyginus, so wie Vegetii
epitome institutorum rei militaris —“

Der Amtmann sah seinen langjährigen, oft nur zu
wohlbekannten Hausgenossen, den von der hohen Schule
in Holzminden und dem Consistorio zu Wolfenbüttel
für überflüssig und abgängig erachteten Magister Noah
Buchius an wie ein ganz neues — Portentum. Jedenfalls aber wie völlig zu dem immer noch vor seinen
Augen in der Luft sich abspielenden zugehörig. Aber
zu dem, was er in diesem Augenblick dem guten Manne
sagen wollte — konnte, kam er nicht.

Was der Grund war, weiß kein Mensch. Wie als
wenn eine Stimme von Oben, einerlei ob aus dem
christlichen Himmel, oder vom Ida, oder aus Walhall
her Halt geboten hätte, war urplötzlich die Schlacht der
Krähen über dem Campus Odini, dem Odfelde zu
Ende! Die streitenden Raben-Heeres-Haufen lösten sich
von einander, es geschah ein Aufschwirren im Ganzen
wie mit einem Ruck. Ein Auseinanderstieben nach allen
vier Winden hin. Nach dem gespenstischen, unheimlichen Getöse, dem Gekreisch und Gekrächze des Zorns
der Kreatur plötzlich die allertiefste Stille! Eben Alles
Grimm, Wuth und Lebendigkeit, nun Alles leer am
Himmel und nun nur noch die Gefallenen, die Todten
und Wunden am Erdboden und das volle Abenddunkel
über der Welt!

Die beiden Männer standen ob dieses Endes des
Prodigiums fast noch betroffener als durch das Wunderzeichen selber. Sie gafften eine ziemliche Zeit stumm
in die stille Höhe. Wer da oben den Sieg davon getragen hatte in der Lüfteschlacht, ob das Volk vom
Norden oder das vom Süden, das blieb bei solchem
Ausgang ganz unentschieden.

Nach einer geraumen Weile erst bückte sich der
Magister und erwischte den gefallenen schwarzen Kämpfer,
nach welchem der Amtmann vorhin mit seinem spanischen Rohr schlagen wollte, am Fittich und hob ihn
behutsam auf. Der Amtmann aber schüttelte sich.

„Er kann das so ruhig? Mir grauete beinahe davor.“

Viertes Kapitel.

Der Magister hielt seinen Gehstock unterm Arm
und den schwarzen, leise zappelnden und erschöpft sich
wehrenden Streiter zwischen beiden Händen, behutsam
und mit allem Mitleid gegen die Kreatur, betrachtend
vor sich. Nun zog er sein Sacktuch, und an den geschickten Griffen, mit welchen er den Vogel hineinband,
erwies sich einleuchtend, daß er nicht nur aus seinen
Büchern, sondern auch von seinen Scholaren etwas gelernt habe; daß er nicht umsonst an einer hohen Wald- und Wildniß-Schule zum Katheder hinan- und von demselben herabgestiegen sei.

Der Amtmann sah seinem Beginnen anfangs verwundert stumm, sodann aber mit ängstlich-unwilliger
Remonstranz zu und meinte zuletzt:

„Er wird mir doch das Unthier nicht gar mit sich
nach Hause schleppen wollen?“

„Ich möchte es wohl, mit des Herrn Amtmanns
gütiger Permission. Sei es ad memoriam dieses seltsamen Abends, sei es zur Genossenschaft in der Einsamkeit der Winterstube.“

„Der Einsamkeit?!“ ächzte der Klosteramtmann von
Amelungsborn. „In dieser Zeit des immerwährenden
Tumults! … Und als ob wir der unnützen Fresser
nicht genug auf dem Hofe hätten! Und gar Solchen?!“

„Der Herr, der die Raben speiset, wird auch für
diesen wohl noch ein Bröcklein abfallen lassen,“ sagte
Magister Buchius. Leiser setzte er hinzu: „Hat er
doch auch für mich zu jeder Zeit das Nothwendigste
übrig gehabt.“

„Er ist und bleibt ein schnurriger Patron, Herr,“
brummte der Amtmann. „Ich weiß es ja aber wohl,
es ist nicht so leicht, wie es aussieht, Ihm Seinen
Willen zu wenden, wenn Er sich einmal wieder eine
neue Grille eingefangen und in den Kopf gesetzt hat.
Eh vraiment, Sein Gott sei Dank zum Satan verzogener Conventus, Lehrerschaft und Schlingelschaft, hat
wohl gewußt, was er an Ihm gehabt und aufgegeben
hat. Na, zum wenigsten mache Er jetzt der Hantierung
mit dem Geschöpf ein Ende und komme Er mit nach
Hause; wenn Er sich nicht vielleicht auch noch ein paar
Leichname von diesem kurieusen Champ de bataille in
den Taschen zum Abendbraten mitnehmen will. Es
wird vollständig Nacht sein, ehe wir am Kloster sind;
und wer weiß, was für neueste Nachricht und allerneuestes Malör uns dort erwartet, nach diesem Por —
Por — Prodigium, oder wie Er es sonst nennt, was
wir hier eben mit leiblichen Augen gesehen und mit
aufgehobenen Schwurfingern bezeugen können, obgleich
man es eben so gut im Traum hätte träumen
können.“ —

Es war freilich vollkommene Nacht, als beide Männer
den alten Mauerbezirk der weiland Cistercienser von
Amelungsborn und das gewölbte Eingangsthor erreichten: der Eine mit seinen Lebensnöthen und Sorgen im
bitteren Ringen, der Andere seiner Daseinskümmerniß
zum Trotz im kindlichen Vertrauen auf das Geschick
und voll wunderlichen Behagens ob der Ausbeute seines
melancholischen Abendganges auf der Landstraße seiner
emigrirten Schule nach, und aus der Vogelschlacht unter
dem Mons Fugleri, auf dem Wodansfelde, seinem und
des C. C. Tacitus Campus Odini, dem Odfelde. Wie
gern wäre wohl ein anderer lieber Mann mit dem
Magister Noah Buchius gegangen und hätte auch wohl
zu seinem Contentement das blaugestreifte Sacktuch mit
dem schwarzen Vogel getragen! Doch dieser Andere,
genannt Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg auch
Bevern, königlich preußischer General-Feldmarschall und
General en chef der königlich großbritannischen und
churhannöverschen Armeen, hatte leider eben etwas Anderes zu thun, als seinem freundlichen guten Herzen,
seinen Neigungen, Stimmungen, Schrullen und Grillen
Folge zu geben. In seinem rothen englischen Generalsrock und mit dem Stern des schwarzen Adlers des Königs Friedrich hatte er noch bei weitem weniger nach
seinem Behagen zu fragen, wie der Magister Buchius
mit seinem Vogel im Kopf und im Taschentuch. Er,
der große Feldherr mit dem Kinderherzen, der Siegesheld, der dereinst ob seiner Mildigkeit nur unter der
Rechtswohlthat des Inventars von seinem Neffen beerbte Gutsherr von Vechelde, hatte eben, mühsam von
seinen Fieberlager zu Ohr sich erhebend, seine Schaaren
von Neuem zurecht zu rücken auf dem großen blutigen
Spielbrett des siebenjährigen Krieges. Und dießmal
zum Schutze seiner eigenen Geburtsstätte auf dem kleinen
Mosthause in der Stadt Braunschweig.

„Luckner von Ringelheim an der Innerste, nach
Lutter am Barenberge gegen den Stainville. Der Erbprinz von Hildesheim über die Leine bei Papenborn
gradaus über Limmer und Alfeld gegen die Hube bei
Einbeck, um Monsieur de Broglio den Weg zu verlegen! Mylord Granby mit General-Lieutenant von
Scheele, Lieutenant Colonel Beckwith, General-Major
Pincier mit den Bataillons von Zastrow, Laffert, Imhoff, Maxwell, Keith, den Campbells und den Wallisischen
Grenadieren, mit Kopplow, Warnstedt und der Bückeburgischen Artillerie, mit den Reitern des Obersten
Harway, drei Schwadronen von den Elliots, zwei von
den Greys, zwei von Ancram, zwei von Moystin über
Coppenbrügge, Cappelnhagen unter allen Umständen auf
Wickensen, um die hohlen Wege zu besetzen, die über
Eschershausen nach Einbeck führen. Hardenberg mit
Bose, Bremer, Joncquieres und den hannoverschen Jägern unter Oberst Friedrich von Bodenwerder auf Stadtoldendorf, um dem Herrn General-Lieutenant von
Poyanne da den Rückweg abzuschneiden. Wir selber,
lieber Westphalen, unter Gottes gnädigem Beistand mit
Conway, Kielmannsegge, Waldgrave und Howard,
zwischen Hastenbeck und Tundern über die Weser und
auf den Höhen, den Ith entlang gleichfalls nach Wickensen. Wenn Alles gut und vorzüglich Hardenberg nicht
fehl geht, würden wir wohl den Herrn Marquis von
Poyanne in der Falle haben und dem Herrn Herzog
und Marschall de France einen braven Strich durch die
Rechnung machen. Meinen Sie nicht auch, lieber Westphalen?“

Der damalige Geheimsecretär Seiner Durchlaucht
und spätere Canonicus am Dom Sanct Blasii zu Braunschweig, ist ganz der Ansicht seines Herrn und Freundes
gewesen und hat auch das Seinige zur Ausführung des
guten Plans gethan. Den beiden Herren am Klosterthor von Amelungsborn hat er freilich keine Mittheilung
von der Lage der Dinge zwischen Göttingen und Wolfenbüttel, zwischen der Weser und dem Harz machen können.
Sowohl der Klosteramtmann wie der Magister Buchius
mußten die Sachen nehmen, wie sie ihnen kamen, und Beide
hatten wohl eine Ahnung, daß der Invalide im Sacktuch des Magisters, der schwarze Kämpfer mit dem gelähmten Fittich für den Augenblick wenigstens am behaglichsten aus der Affaire heraus sei. Sie fanden
jedenfalls ihr Haus- und Heimwesen von Neuem in
einer erklecklichen Aufregung vor und hatten abermals
Mühe, im Elend der Zeit den Kopf oben zu behalten.
Auch Magister Buchius trotz seiner Erlebnisse und Erfahrungen im dreißigjährigen Schul-Leben und Kriege
und seiner Studien im Polybio, im Hygino und in des
Vegetii Epitome institutorum rei militaris.

Er war ein Mann der Ordnung dieser Klosteramtmann von Amelungsborn; aber halte einmal Einer
Ordnung im Hause in Zeiten wie die eben vorhandenen! Nach dem Abzug der Schule aus seinem Reich
hatte er gemeint, nunmehro sein Reich nach seinem
Sinne zu lenken; doch bitter hatte ihn das Jahr Eintausendsiebenhundertundeinundsechzig getäuscht. Er faßte
auch diesen Abend beim Eingehen in sein Hofthor sein spanisch Rohr mit einem schweren Seufzer
und mit der Gewißheit, daß seine Anwendung ihm
wenig helfen werde, fester. Sie wußten auch im
Kloster schon, daß das Kriegeswetter dräuender denn
je heranziehe, daß weniger denn je auf Schonung vom
Feinde zu rechnen sei und — die Raben hatten sie
auch über ihren Köpfen ziehen sehen: Menschen und
Vieh, Alt und Jung, Mann und Weib — Alles war
in Bewegung in Amelungsborn und erwartete den
Herrn und Meister, seinen Rath und Trost.

„Sie kommen zu Tausenden und Hunderttausenden!
Sie verschonen dießmal nicht das Kind im Mutterleibe.
Dassel brennt wieder einmal! Der ganze Solling steht
in Feuer. Ueber Erichsburg und Lüthorst sind sie
schon mit der Hauptmacht hinaus. In Stadtoldendorf
sind die hellblauen Dagoner wieder, und die Schweizer
sind auf dem Wege hierher und sind wieder die
Schlimmsten, wie im Sommer! Und sie bringen wie
in der Schwedenzeit ganze Wagen voll von den alten
Mönchen mit. Und nicht mal verkriechen in Wald
und in der Erde soll man sich vor ihnen! Sie hängen
Jeden, den sie aus dem Busch ziehen, und die Mädchen
nehmen sie, über den Sattelknopf gelegt, mit. Barmherziger Gott, wer hilft uns dießmal in der allerhöchsten
Noth? O liebster Himmel, Herr Amtmann, Herr Amtmann, was sollen wir thun?“

„Vermaledeiter Hund, vorsichtig mit Feuer und
Licht in den Ställen umgehen, und wenn der jüngste
Tag vor der Thüre stünde!“ schrie der Herr Amtmann,
sich aus dem zeternden Haufen unter der nächsten
Stallthür einen Knecht hervorlangend, der mit einer
zerbrochenen, scheibenlosen Hornlaterne das Getümmel
beleuchtete. Das spanische Rohr fiel nieder auf die
Hand, welche das Licht hielt, und in das erschreckte
Auseinanderstieben seines Haus- und Hof-Gesindes
donnerte der Herr und Meister hinein:

„Ob der Satan seinen ganzen Sack voll Gezücht
über mich ausschüttet, so weit mein Stock reicht,
will ich meine Ordnung halten. Fällt mir die Welt
über dem Kopfe ein, soll's mir allmählich recht sein.
Fliegt mir der rothe Hahn auf's Dach, so soll er doch
nicht auf meinem eigenen Herd aus dem Ei gekrochen
sein. Ja, schiele nur her, Bestie von Kerl! was will
die Gans da mit ihrer Schürze? Zu Deinen Krancke,
Hund! in Deine Küche, Weibsbild! Krieg — Krieg —
Krieg! Auf dem Amtmann von Amelungsborn liegt
der Krieg, und auf keinem Andern. Aus dem Wege
— aus dem Wege!“

Er schwankte wie ein Betrunkener über den alten
Klosterhof, der in Frieden und Krieg schon so viel gesehen hatte, seinem Wohnhause zu; und wie er sich,
die Steintreppe zur Hausthür hinauf, am Geländer
hielt, war er wirklich der festen Ueberzeugung, daß die
Last der Zeit ganz allein auf ihm liege — auf ihm,
dem Klosteramtmann von Amelungsborn; daß Alles,
was der Satan in seinem Sack habe, über ihn ausgeschüttet werde, über ihn, den Klosteramtmann von
Amelungsborn.

Der geschlagene Knecht sah ihm drohend nach, die
geschimpfte Magd, die ihre Schürze dem Menschen um
die verwundete Hand hatte binden wollen, that das
jetzt schluchzend. Von dem Amthause her klang eine
keifende Weiberzunge und durcheinander zeternde Kinderstimmen. Die Hunde bellten sämmtlich; das wenige
noch vorhandene Vieh regte sich in den Ställen. Verhaltenes Spottlachen, Schimpfworte, verhaltenes Murren
und dann und wann schrille Pfiffe kamen aus den
Winkeln des Hofes, wo das sonstige Gesinde sich vor
dem Grimm des Herrn verkrochen hatte, und der
Homeister meinte zu dem Magister gewendet dem Amtmann nachdeutend:

„Herr, wen Der heute Abend zu seiner Suppe
einlädt, dem wird er auch einen schlimmen Löffel bei
den Napf legen. No, no, freilich, es liegt auch schwer
genug auf ihm und er hat mit keinem bessern zu
fressen. Der Herr Magister aber haben sich wohl Ihr
Abendbrod da im Taschentuch eingeholt? Wie unsere
alten Vorfahren hier, die Mönche, Wurzeln aus dem
Erdboden. Das ist wohl recht. Den gebratenen Ochsen
mit Haß, von dem der weise Sirach scheibt, haben wir
also den Franschen wieder vorzusetzen; und die Sakermenter lassen all' unsern Kohl mit Liebe drum stehen.
Wie lange — Herr Du mein Je, Herr, ist Er denn
wahrhaftig vorhin mit unter den Rabenäsern im Zuge
gezogen und hat sich gar einen Gefangenen aus der
Bataille mitgebracht?“

„Nur einen Invaliden, Meister,“ sagte der Magister
Noah Buchius. „Nur einen armen flügellahmen Warner
von Wodans Felde. Ach, wenn Er, Homeister, durch
Schloß und Riegel was dazu thun könnte, Amelungsborn morgen vor Feindeseinbruch und Mordbrand zu
bewahren!“

Fünftes Kapitel.

Sie blickten Alle auch dem Magister nach, wie er
seiner Thür zustapfte, die nicht in das Amts- und
Wirthschaftsgebäude führte, sondern in den Flügel des
Klosters, der einst hauptsächlich der berühmten Schule
und ihren Lehrern Unterkunft gegeben hatte. Bemerkungen machten sie nicht hinter ihm drein, sie schüttelten
höchstens die Köpfe. Nur der geschlagene Knecht schien
einen Augenblick lang die Absicht zu haben, den alten
Herrn am Rockschooß zurück zu halten; doch auch er
ließ das, wandte sich zu seiner Arbeit und verschwand
im Pferdestall. Es wurde noch einmal still wie im
Frieden in Amelungsborn, trotzdem, daß der Krieg von
Neuem über den Solling heranzog und die Wetterwolken drüben am andern Ufer der Weser gleichfalls
Miene machten, sich von Ohr her in Bewegung zu
setzen. Wie der Rabenzug es verkündigt, und das
Gerücht es über das Land hier geheult, dort geächzt
hatte.

Es war ganz dunkel, doch wer dreißig Jahre lang
den selben Weg gegangen ist, findet ihn im Dunkeln.
Der Magister brauchte kein Licht auf den ausgetretenen
Treppen, in den Gängen, die an den jetzt so stillen
Schulzimmern vorbeiführten; selbst der trübe Schein,
der hier und da durch ein Fenster fiel, war ihm nicht
vonnöthen. Einen Augenblick hielt er an vor einer
Thür, der Thür seiner Quinta. Er legte die Hand
auf den Griff, als ob er öffnen wollte; aber mit einem
Seufzer ging er weiter.

Er brauchte auch keine Lampe auf der engern Treppe,
die zu seiner Wohnung mit wenigen Stufen empor
leitete, zu der Zelle, die sein letzter mönchischer Vorgänger, der Bruder Philemon, grade vor hundertunddreißig Jahren auf der Flucht vor dem Feinde, oder,
wie die Sage geht, mit der Faust Herrn Theodor
Berkelmanns an der Kaputze hatte räumen müssen,
und die leer gestanden hatte, bis sie ihm, dem
Magister Noah Buchius, zu seinem endlichen Unterkommen im Leben angewiesen wurde. Dreißig Jahre
hatte er sein Feuerzeug im Dunkeln zu finden gewußt
und fand es auch jetzt; Stahl, Stein und Schwefel
sowie den Kasten mit den zu Zunder gebrannten Lumpen.
Die Funken spritzten von dem Stein, und einer fing
in den schwarzen Lumpen. Der Schwefelfaden leuchtete
auf und fünf Minuten nach seinem ersten Schlag mit
dem Stahl hatte der Magister Buchius Licht. Er hatte
seine kleine Blechlampe auf dem gewohnten Fleck gefunden und bis jetzt wenigstens schlug sie Keiner ihm
aus der Hand. Nichtsdestoweniger ging er noch einmal
zur Thür, um sich zu vergewissern, daß er sie fest
hinter sich zugezogen habe und dann — dann saß er
auf seinem Stuhl, das Tuch mit dem Invaliden aus
der Rabenschlacht auf dem Gipsboden zwischen seinen
Schnallenschuhen und seufzte wie Einer, der schwerer
Bedrängung mit Mühe entgangen ist:

„In solitudine!“ — — —

Während der fünf Minuten, daß er so hockt und
seine Gebeine und seine Gedanken zusammensucht, sehen
wir uns wohl ein wenig in seinem Wohnraume um.
Es verlohnt sich der Mühe.

Es waren eigentlich zwei Räume, die im Kloster
Amelungsborn das letzte Asyl des Alten ausmachten.
Man hatte eine Thür in die Wand gebrochen, und die
nebenanliegende Zelle dem Magister zum Schlafzimmer
angewiesen. Sein Bett stand da auch, und er hatte
seit dreißig Jahren gottlob gut da geschlafen, aber auch
seine schlaflosen Nächte, die ihm wahrlich gleichfalls
nicht erspart worden waren, in Geduld durchwacht.
Darüber wäre vielleicht ebenfalls etwas Mehreres zu
bemerken, doch wir verschieben das oder ersparen es
uns ganz; es kommt nicht viel drauf an.

Die Hauptsache ist uns augenblicklich die Zelle des
im allerbesten Schlaf ruhenden Bruders Philemon, des
alten Cisterciensers vom Jahre 1631, in welcher der
alte Exkollaborator, der Magister Noah Buchius im
Jahre 1761 eingenistet sitzt, und zusammengetragen
hat, was ihm im Laufe der Zeiten das Schicksal an
Eigenthum oder als Curiosität hat zukommen lassen
wollen.

Aber das ist nicht das Einzige. Seltsamerweise
fragen sie Alle im Kloster ihn Abends oder gar in der
tiefen Nacht um Rath, wenn sie sich am Tage lustig
über ihn gemacht haben. Die seit hundert Jahren nicht
getünchte Mönchszelle ist hinter dem Rücken von Abt
und Amtmann ein Zufluchtsort für mehr als Einen
geworden, dem das Leben durch eigene oder fremde
Schuld sauer aufstieß. Mehr als Einer und Eine in
Amelungsborn erinnern sich dankbarlich bis an ihren
Tod des Stuhls neben dem Kachelofen, des Tisches von
rothgefärbtem Tannenholz, der im Winter an diesen
Ofen und im Sommer an das Fenster gezogen stand.
Auch des Bücherfaches mit der mäßigen Bibliothek des
sonderlichen Gelehrten und Predigers in der Wüste mag
sich mehr als Einer entsinnen. Je nachdem der Mann
oder das Weib, der Alte oder Junge ist, pflegt Magister
Buchius nach dem Schaff in die Höhe zu greifen
und anderer Gelehrten Weisheit und Trost herabzulangen nach dem Bedürfniß der Stunde. Wer nach
dem Hakenbrett mit den Kleidungsstücken des jetzigen
Bewohners der Zelle gucken will, mag's thun. Viel
zu finden ist da nicht. Item so in dem Kasten, der
seine Hemden, Krausen, Nachtkamisöler und Zipfelmützen
in sich schließt. Serenissimus, Herr Herzog Karl der
Erste, haben Ihrem emeritirten gelehrten Diener am
Schulamt auch freie Wäsche für den Rest seines Lebens
ausgemacht; aber er hat wenig Weißes in die Seife zu
geben.

Dafür hat er manches Andere; und manch ein
anderer gelehrter Mann und College von heute würde
gern für ein Paar Griffe zwischen seine Eigenthümer
nicht nur seine eigene sämmtliche Leibwäsche hingeben,
sondern auch die seiner Frau, vorzüglich wenn sie sich
mit oder nach ihm Frau Professorin, Frau Archivarin,
Frau Museumsdirectorin betituliren läßt.

Das ist die Sache! Man ist nicht umsonst der
Magister Noah Buchius und lebt als solcher im nüchtern
altklugen achtzehnten Jahrhundert in der hohen Wald- und Wildnißschule von Amelungsborn im Tilithigau,
ohne das Seinige, das was Einem allein gehört, zusammen zu tragen. Im Sacktuch auch, wie eben noch
den schwarzen Kämpfer aus der Rabenschlacht auf dem
Odfelde, dem Campus Odini des Magisters!

Es kleben und hängen an Allem Zettul. Von des
gelehrten und kurieusen Mannes Hand geschrieben. Wir
schreiben nur einige derselben nach, wie unser Auge
von der Wand zwischen dem Fenster und dem Ofen
bei der trüben Beleuchtung durch die schlechte Oellampe
hinschweift, und wir bedauern, daß wir nicht alle nachschreiben können.

Auf Börten, jene Wand entlang find die Merkwürdigkeiten geordnet und haben Generationen von
Schulbuben, sowie dem gesammten Lehrerconvent sowie auch dem gestrengen Herrn Klosteramtmann reichlichsten Grund zur Verwunderung, zum Kopfschütteln
und zum Gespött gegeben; und zwar nicht der Erklärungen wegen, sondern wegen des närrischen Menschen,
der sich mit dergleichen risibeln Allotriis abgab.

„No. 5. Ein römischer Rittersporn, so wahrscheinlich in den kayserlichen Armaden Divi Augusti oder
Tiberii verloren. Im Sumpf am Molter-Bach gefunden. Arg verrostet.“

„No. 7. Eines cheruskischen Edelings Arm- und
Schmuckring. In einem Topfe gefunden ohnweit Warbsen.“

„No. 7a. Derselbige Topf, der bessern Erhaltung
wegen mit Draht umbunden.“

„No. 7b. Etliche Aschen und Kohlen aus dem nämlichen Topfe. Zum Andenken an unsere Vorfahren in
einem Papier conserviret in der Tobacksdose des hochseligen Herrn Abtes Doctoris Johann Friedrich Häseler,
weiland hiesiger hohen Schule weitberühmten Vorsteher.
Ein feiner weltbekannter Mathematicus!“

„No. 16. Ein Fausthammer auf der Mäusebreite,
Stadtoldendorfer Feldmark aufgegraben. Wie mir däucht
eines teutschen Offiziers Kaisers Caroli Magni Gewaffen.
Doch lasse ich dieses bessern Gelehrten anheimgestellt
sein.“

„No. 20. Ein versteinerter Knochen hominis diluvii
testis. Eine große Rarität! Hat mir aber im Kloster
mannichfachen Verdruß zugezogen, derer hierüber anders
laufenden Meinungen wegen. In den Steinbrüchen,
im Sundern gefunden.“

„No. 23. Ein barbarisch Horn vom Urochsen, Bos
primigenius; auch Wisent genannt. Ehedem von den
Barden beim Gottesdienst und in der Bataille zum
Tuten gebraucht. Dieses hier vorhandene Exemplar soll
sich im Kuhhirtenhause zu Lenne hinter dem Till vorgefunden haben. NB. mir von denen Herren Primanern zu meinem Geburtstage zugetragen und dediciret.“

„No. 30. Ein bemalter hölzerner Arm von einem
Weibsbild, einer Statua der Jungfrau Maria. Hat zu
päbstlicher Zeit hier bei uns in unserer Kirche viele
Wunder gethan und großen Zudrang des Volkes von
weither zu Wege gebracht. Auch eine große Curiosität
und wohl zu bewahren, doch mit Vorsicht vorzuweisen
des lieben Aberglaubens wegen, der heute noch wie
damals an jedwedes alte Weibermärlein glauben
muß.“ —

Nicht wahr, wenn man doch in dem Kataloge so
fortfahren wollte, zum Scherz der Herren Primaner
und bessern Gelehrten heutiger Zeit? Wir thun's aber
nicht. Um keinen Spaß in der Welt! Wir werfen
höchstens noch einen Blick auf den „Büchervorrath“
unseres lieben alten Freundes.

Natürlich die Classiker in abgegriffenen Schulausgaben, meistens aus den eigenen Schuljahren des Magisters. Wenige neuere und neueste Schriften und auch
die meistens nur wie sie der Zufall in der Zelle des
Bruders Philemon zusammengeschichtet hat: Gundlings
Otia neben Petitus De amazonibus dissertatio; Jöchers
compendiöses Gelehrtenlexikon neben des weltberühmten
Engelländers Robinson Crusoe Leben und gantz ungemeinen Begebenheiten insonderheit da er 28 Jahre
lang auf einer unbewohnten Insul auf der Amerikanischen Küste gelebet hat. 1728. Professor Gottscheds
Kritische Dichtkunst und Bearbeitung von Addison's Cato,
und daneben, und daneben — vielleicht pio furto seit
Emigrirung der Schule von Amelungsborn nach Holzminden im Besitz des Magisters Buchius — ein geschrieben Breviarium mit sauber ausgemalten Kupfern
(sic) Johannis Masconis, vordem, Anno Dom. 1363
bis 1366 am hiesigen Orte Abbas.

„Soll ein celebrirter Maler und feiner Amateur
in denen schönen Künsten zu seiner Zeit gewesen sein,“
meint der Magister auf einem in der Handschrift liegenden Zettel. „Wird von denen heutigen Kunstkennern
weniger ästimiret.“

Es kamen, selbst als noch die Schule zu Amelungsborn in Blüthe stand, die neuesten Erzeugnisse der
Litteratur weder vollständig noch rasch in die gelehrte
Weser-Waldwildniß. Jetzt wartet der Magister ganz
vergeblich selbst auf zufällige Nachrichten aus der Gelehrten Republik da draußen. Es ist eben Krieg, und
selbst Dinte und Gänsefedern sind rar geworden in
Amelungsborn.

Gänsefedern? Ja wohl, ja wohl! Diese jedem
Pädagogen, Doctor, Präceptor und Ludimagister unentbehrlichen Instrumente flatterten wohl ungeschnitten auf
den Feldern und Wegen, um die Kochstellen; aber aus
den Ställen und von den Höfen waren sie weniger zu
holen. Dafür hatten sowohl der Vicomte von Belsunce
wie der Herr General von Luckner und ihre Völker
zu Fuß und zu Pferde schon seit dem Sommer des
Jahres gesorgt. Wem's Papier nicht ausgegangen war
an solch' einer entlegenen Kulturstätte, mochte item
von Glück sagen. Weder Charta pura, rein sauber
Papier, noch Charta emporetica, Kramerpapier gab es
viel zu Amelungsborn; von Charta Claudiana, Regalpapier und Charta augusta, seinem, gelinden Schreibpapier ganz zu geschweigen. Die wenigen Bogen des
letztern, die der Magister Buchius übrig hat, die hütet
er wie seinen Augapfel und bedient sich ihrer nur verstohlen zu seinen im Trubel der Zeiten fortlaufenden
Collectaneen.

Das jüngste Buch in der Zelle des Cisterciensermönchs Philemon und des letzten am Orte nachgelassenen Kollaborators der Gründung des heiligen Berhard von
Clairvaux stammt aus dem Jahre 1756, und ist eine
vierte Auflage und zu haben zu Lemgo in der Meyerischen Buchhandlung. Es liegt an diesem bösen unruhevollen Herbstabend auf dem Tische des heutigen
alten Bewohners der Zelle und sein Titel lautet:

„Der wunderbare Todes-Bote
oder Schrift- und Vernunftmässige Untersuchung Was
von den Leichen-Erscheinungen, Sarg-Zuklopfen, HundeHeulen, Eulen- und Leichhüner-Schreyen, Lichter-Sehen,
und andern Anzeigungen des Todes zu halten. Aus
Anlaß einer sonderbaren Begebenheit angestellet und
ans Licht gegeben von Theodoro Kampf, Schloß-Predigern zu Iburg.“

Magister Buchius hat auf dem Schmutzblatt bemerkt:

„Mir wohl aus angenehmer Satura zum freundschaftlichen Hechelscherz von Holzminden aus dediciret
von meinen hochgeehrtesten Mitarbeiter am hiesigen
Schulwerk, Herrn Collega, Kollaborator Magister Zinserling. In den Iden des Märzen 1761. Habe dem
Herrn Satirikus seinen Scherz weiter nicht nachgetragen,
ihm jedoch auch nicht zu seinem gewünschten Kitzel ob
der Sache verholfen.“

Wie aber nun auch Magister Buchius sich im Frühjahre 1761 zu dem absonderlichen Buche gestellt haben
mochte; am Morgen des vierten Novembers in demselben Jahre 1761 hatte er es doch aus seinem Vorrath von gelehrtem Rüstzeug herabgelangt und mancherlei
Beachtenswerthes darin gefunden; ja sogar hier und da
eine kleine Aufrichtung in der Angst, Unruhe und Sorge
des Daseins. Letzteres vielleicht ein wenig gegen die
erste Meinung des wohlgesinnten Gebers und mit gen
Holzminden verzogenen jocosen Collegen M. Zinserling.
Und für Einen, der eben aus der Rabenschlacht auf
dem Odfelde heimkehrte, ist es auch wahrlich eine
Schrift, die man auf dem Tisch nur zurückschiebt, um
der Abendsuppe Raum zu machen.

Diese wurde gebracht, als der greise Benemeritus
seinen Gefangenen, oder lieber seinen Geretteten, aus der
Bataille auf dem Campus Odini aus dem Sacktuch, in
welchem er ihn hergetragen hatte, loslöste.

Mit hängendem Flügel hüpfte der wunde schwarze
Kämpfer hervor, versuchte zu flattern, gab es auf, hüpfte
auf gottlob gesunden Füßen hierhin und dahin durch
das Gemach, stellte sich fest unter dem Tische, legte
den Kopf auf die Seite, den Magister Buchius genau
zu betrachten und sprach rauh, heiser und klagend:

„Krah! krr, krr, krr!“

„Komme Er her; ich thue Ihm weiter nichts,“ sagte
der Magister Buchius, wie er das vordem von seinem
Katheder herunter hätte sagen können. „Lasse Er mich
wenigstens nach Seinem Fittich sehen,“ sagte der Magister
zuredend und dabei unter den Tisch nach seinem neuen
Stubengenossen greifend. Noch traute dieser aber nicht
gänzlich. Krächzend hüpfte er vor der begütigenden,
mitleidigen Hand zurück in's Dunkel, und in demselben
Augenblick klopfte es an der Zellenthür.

Es war Wieschen, von der Frau Klosteramtmannin
geschickt mit dem Abendbrod des Emeritus der großen
Schule von Amelungsborn, des zu Tode zu fütternden
gelehrten übersinnigen Haus- und Hof-Genossen.

„Krah!“ kreischte der Rab, mit dem ganzen Witz
seines Geschlechts eine offene Thür sofort von einer geschlossenen unterscheidend. Noch einmal versuchte er zu
fliegen und flatterte wenigstens gegen das erschreckt
gleichfalls kreischende Mädchen an. Doch er flatterte
nur dem Magister in die Hände und dieser sprach jetzo:

„Er thut Dir nichts, Kind! Er hat selber das
Seinige abgekriegt.“ Es war die Dirne, die vorhin
dem Knecht ihre Schürze um die blutende Hand gewunden hatte, und die jetzt, immer noch mit verweinten
Augen, dem alten Herrn in der Zelle des Bruders
Philemon seine ihm ausgemachte Atzung zutrug. „Zu
Tode hat er mich verjagt, als ob's noch nicht genug
an der Angst wäre,“ schluchzte sie, aus ihrem Korbe
den irdenen Napf mit dem steifen, schwachdampfenden
Roggenbrei hebend und zu ihm auf den Tisch das
schwarze Roggenbrod und den Teller mit dem letzten
Häring von Kloster Amelungsborn absetzend.

„Mit der Butter reichte es selbst für den Herrn
Amtmann nicht, und die Käse wollten wir doch lieber
für den Feind aufheben wenn's doch wieder einmal sein
müßte, läßt Ihm die Frau Amtmännin sagen,“ sagte
die junge Magd. „Aber wie Er sich in so schlimmer
Zeit noch mit solchem Unthier abgeben mag, das weiß ich
nicht,“ setzte sie hinzu. „Ich an Seiner Stelle würfe
gleich den Unglücksvogel da aus dem Fenster in's Hoopthal hinunter. Aber der Herr Magister grauln sich ja
vor nichts; das weiß man freilich schon.“

„Weiß man dieses?“ seufzte der alte Herr; doch
zu seinem zappelnden Gefangenen zu genauerer Besichtigung sich wendend, meinte er: „Armer Patron,
den Fittich hat man dir böse zerhackt. Mit dem Fliegen
wird's wohl nicht viel mehr werden in dieser Welt;
aber im Uebrigen geht's ja noch. Sind nun auch angewiesen auf das Huppen unter Tisch und Bank, auf
das Brosamenlesen aus den Stubenritzen, auf das
Knochensuchen im Kehricht nach dem Jagen in den
Lüften, nach dem großen Schlagen im Gewölk! Kralle
Er mich nicht, Monsieur und tapferer Rittersmann; er
soll's nach Vermögen gut haben beim alten überzähligen
Kollaborator Buchius. Und Sein Theil von dem Fischlein dort und dem guten Brod soll Er auch haben, ohne
im Unrath mit dem Bettelsack darnach umgehen zu
müssen. Um seinen hängenden Flunk aber müssen wir
Ihm vor Allem eine Binde legen — barmherziger
Himmel, Luisilla, Wieschen, Jungfer Liese, was fällt
Ihr denn bei? was soll denn dieses bedeuten?“

Der Magister mochte wohl fragen und seinen neuen
Gastfreund wieder zur Erde flattern lassen, ohne für's
Erste nach Verbandzeug für dessen Verwundung sich umzusehen. Er sah zuerst jetzt auf die junge Magd und
zwar betroffen, erstaunt und erschreckt. Das Mädchen
heulte plötzlich gradheraus und brach los wie ein Platzregen, als ob sie die hintergeschluckte Noth und Angst
von Wochen und Jahren in diesem Momente von der
Seele wegspülen wolle.

„Was dies bedeuten soll?“ schluchzte sie, und die
Worte kamen wie bei einer Ueberschwemmung weggeschwemmtes Hausgeräth auf dem Strome. „Nach dem
Beest sieht der Herr Magister aus in Seiner Gutherzigkeit; aber für Unsereinen hat Er kein Auge mehr
übrig. Alles sucht Er sich zusammen im Himmel und
auf Erden und läßt es sich von den Jungens oder
unsern Knechten bringen, wenn sie meinen, daß es was
für Ihn ist; aber für uns hat Er keine Zeit mehr
übrig. Ach du lieber Gott und wir kuken doch Alle in
der Bedrängniß nach Ihm, wenn der Herr Magister
es auch nicht wissen. Und wenn Er über den Hof
geht, hat Er hinter jeder Stallthür und hinter jedem
Fenster Einen, der mit Ihm sprechen möchte; wenn der
Herr Magister auch keinen Gedanken daran haben.
Und merken lassen kann es ja Keiner von uns, wie es
sich für solch' einen gelehrten Herrn schickt, wie wir uns
zu gern auf Ihn um Rath und That und Trost verlassen
möchten. Mit der Schrift kann es ja Keiner vom Kloster
Ihm zu wissen thun, daß wir Alle wissen, daß Er allein
hier in Amelungsborn aus der alten Zeit her und der
frühern Gelehrsamkeit uns zu Trost und Rath und
Hülfe sein kann, wenn der Herr Magister nur wollen.
Aber Er will ja nicht —“

„Gütiger Himmel, weßhalb will er denn nicht?“
stammelte Magister und Exkollaborator Buchius, zum
allerersten Mal in seinem Leben, und zwar jetzt zu
seiner zitternden Ueberraschung, gewahr werdend, daß
auch er auf der Wagschaale mitwiege, daß auch er von
wirklicher angsthaft gefühlter Bedeutung für ein anderes
Menschenkind, für andere — ausgewachsene Leute sein
könne. „So laß doch das Gejammere, das Geweine,
Kind! so sage es doch, was Du eigentlich von mir
verlangst! Wie soll ich Dir rathen? wie soll ich Dir
helfen, Wieschen? Thu die Schürze von den Augen
und rede deutlich.“

Das Mädchen zog die Schürze von den verschwollenen Augen herunter und sagte unter leisem Weinen:

„Ich kann ja um Gott und Jesu nichts dazu, wenn
dem Herrn Magister die Suppe da ganz kalt wird; aber
draußen steht er, und er will dem Herrn Amtmann
noch vor den Franzosen den rothen Hahn auf's Dach
setzen, und dann will er selber unter das Volk, zu den
Franzosen und dem Herzog Ferdinand. Es ist ihm jetzt
Alles einerlei, und ich bin ihm auch einerlei. Auf kein
gutes und giftiges Wort hört er; und draußen steht er;
und von Ihm, Herr, wollen wir den nächsten Weg in
das blutige Elend wissen; denn hier halten wir es nicht
länger aus in Amelungsborn!“

Sechstes Kapitel.

Der Magister sah von seinem kummervollen Abendbesuch nach der Thür und fragte nicht mehr genauer,
wer da draußen stehe. Und der draußen Stehende
wartete es auch nicht länger ab, daß man ihm herein
rufe. Er klopfte aber doch höflich mit dem blutrünstigen
Knöchel an der arbeitsharten Faust an, ehe er sich verlegen-ungeschlacht hereinschob. Und dann stand er neben
der Hausmagd der Frau Klosteramtmännin und sagte
mit harter, stockigter, heiserer Stimme:

„Ja, nichts für ungut, Herr Magister, es ist so
wie das Mädchen gesagt hat, und ich möchte wohl heute
Abend noch mit Ihm reden von wegen gutem Rath und
der Landkarte wegen, die Er wohl noch von Seiner abgegangenen Schule her auszulegen weiß.“

„Also Er ist es, Schelze?“ sagte Magister Buchius.
„So wünsche ich Ihm vor Allem zuerst einen guten
Abend zu Seinem Besuch.“

„Schönen guten Abend, Herr,“ stotterte der zornige
Knecht. „Und nehme Er's nicht übel, Herr, daß ich
vergessen habe, Ihm den zu bieten! Aber Das soll
man wohl vergessen in dieser Zeit und nach dem Tage,
wie man ihn sich gefallen lassen soll von Tage zu Tage.
Das wäre aber nun wohl die letzte Höflichkeit in Kloster
Amelungsborn, und nun, Wieschen, sieh mich nicht so
erbärmlich an, es hilft uns Beiden zu nichts. Und
weil ich mich auf der Karte doch wohl nicht mit Seiner
besten Hülfe zurecht finden kann, Herr Magister, habe
ich Ihm gleich ein Stück Kreiden mitgebracht. Da!“

Er hatte schon während seiner verworrenen Rednerei in der Tasche gesucht und legte jetzt wirklich dem
alten gelehrten Herrn ein Stück Kreide auf den Tisch
vor die erstaunten Augen.

„Ja, wenn Er mir sagen will, Schelze, was ich
hiermit soll —“

„Ja, Heinrich, jetzt sag's dem Herrn Magister nur
selber in Deiner Unsinnigkeit, was er damit soll!“
schluchzte Wieschen darein.

„Die Welthistorie soll Er mir damit auf den Tisch
malen. Den Weg soll Er mir hier auf den Tisch malen,
den Weg zum guten Herzog Ferdinand.“

Er zog jetzt mit seiner Kreide einen Strich über
den Tisch.

„Da fließt die Weser. Hier, wo der Brotlaib liegt,
ist der Solling. Da über den Häring weg brechen
die Franschen wieder ein aus dem Göttingen'schen, das
weiß Jeder und der Stocktaubste hat's aus dem Geheul
heute wieder heraushören können. Aber nun da drüben
um Seinen Suppenpott ist das Westfälische, und
dorten steht der Herzog: längs der Weser lang steht
es voll von seinen Völkern. Aber der Rabenzug heute
Abend ist auch aus dem Calenbergischen hergezogen,
und das Westfälische ist groß, und zerreißen kann sich
der Herr Herzog nicht und an jeglichem Orte zugleich
sein, und ich mag doch nur zu ihm allein hin. Daß
er in Hameln auf den Tod liegt, glaubt Keiner unten
im Stall. Das läßt unser Herrgott nicht zu: und es
hat ihn auch schon Einer, der von drüben gekommen
ist, reiten sehen auf seinem Schimmel, aber das ist
bei Meyborsen im Brever-Bruch gewesen: und da sagen
auch Andere, das sei einer von seinen engelländischen
Generalen gewesen. Und seine englischen Bergvölker
mit den nackten Beinen und Dudelsäcken sind aus dem
Pyrmont'schen her, zwischen Grohnde und Bodenwerder,
vernommen worden: der Herr Magister hier aber hat
seine Karten an der Wand und sich alles darauf angeschrieben, wie es draußen aussieht in der Welt. Und
nun, Herr, wenn Er Erbarmen mit einem armen
Menschen haben wollte und einem armen Menschen
seine Seele vor einem Mord an seinem Brodherrn bewahren möchte, so sollte Er mir heute Abend genau anweisen, wo ich auf dem kürzesten Richtewege zu unserm
Herrn Herzog Ferdinand kommen kann!“

Magister Buchius war nicht der Mann, der sich
sofort zu fassen und Antwort zu geben wußte, wenn
man in irgendeiner Art und Weise auf ihn einlärmte:
aber zu fassen wußte er sich mit der Zeit immer.

Zuerst murmelte er jetzt, beide magere Kniee mit
den beiden Händen reibend:

„Ich hab's mir wohl gedacht! ich hab's mir wohl
gedacht. Es wird wie damals im dreißigjährigen Elend;
wir treiben uns Alle — Einer den Andern in den
Krieg. Den Bauer vom Pflug, den Handwerksmann
aus der Werkstatt, den Studenten von dem Buch! Alle,
Alle! Den Herrn und den Knecht, den Meister und
den Jungen — Alle, Alle. Und die Fremden hohnlachen, ihre Rosse waten in unserm Blut und ihre
Räder gehen über unsere Knochen. Hört Er's krachen,
Schelze? sieht Er's roth und langsam fließen in den
Gräben, Schelze?“

„Ja, Herr,“ grollte der Knecht von Amelungsborn,
„wer von uns hat sie nicht liegen sehen? Habe ich sie
nicht selber mit unterroden müssen? Mit den Ladestöcken auf dem Buckel haben sie uns an der Arbeit
gefördert. Aber grade drum, Herr! Weshalb soll nicht
Unsereiner auch mit dem flachen Pallasch den verfluchten Bauerlümmel beim Vorspann und an der Leichenkuhle traktiren, wenn er's so gut haben kann? Dem
Klosteramtmann von Amelungsborn mit dem Kolben
in den Hintern, mit der Plempe über den Kopf und
die Faust — wie er mir — das soll mir jetzt das
rechte Fressen sein in der verhungerten, lustigen Zeit!
Ein ehrlicher Soldatentod in diesen Kriegestagen ist ein
besser Labsal als sich Tag für Tag zum Krüppel auf
dem Misthaufen schlagen lassen. Der Herr Magister
weiß es so gut wie ich, wie es hier in Amelungsborn
zugeht, seit der Amtmann alleine Meister ist; aber vorhin ist dem Fasse der Boden ausgeschlagen worden.
In dieser Nacht noch geht's unter das Volk, Herr Magister, und wenn's Glück gut ist, giebt's morgen auf
dem Hofe wieder eine blutige Faust, aber meine ist's
dann nicht mehr! Also, Herr, habe Er Mitleiden mit
dem Wieschen und mir. Hier stehen wir — hier fließt
die Weser auf dem Tische. Wo steht nun Seine Durchlaucht der Herzog, liebster, bester Herre? Da liegt Holzminden. Hier Polle. Ich meine, über Polle ist wohl
für uns der geradeste Weg von Amelungsborn aus;
aber es wird dem Wieschen und mir auch nicht auf
einen Umweg zu dem guten Herzog Ferdinand ankommen.“

„Wir?“ rief der Magister und ließ jetzo beide Arme
von den Knieen schlaff am Leibe heruntersinken. „Wir?
Das Mädchen will Er auch mit in den Krieg nehmen,
Schelze? Menschenkind — Menschenkinder, seid ihr
denn ganz von Sinnen?“

„Da steht es ja, das Mädchen! Der Herr Magister
kann es selber nach seiner Meinung fragen.“

„Wieschen? — Louisa? — Unglückskind — o Menschenkinder, Menschenkinder! So sprich doch, rede doch,
sag doch dem Narren, daß Du Dich dazu nicht verführen lässest.“

„O Gott, Gott, Gott, was kann ich denn dazu?“
schluchzte die jüngste Hausmagd der Frau Klosteramtmännin von Amelungsborn. „In der Küche geht es
mit uns ja eben so böse zu wie auf'm Hofe und in
den Ställen. Die Herrschaften wissen ja da mit sich
selber nicht ein und aus; und woran sollen sie denn
auch ihre Bitterniß auslassen als an dem, was ihnen
zunächsten zur Hand ist. Gott sei's geschworen, ich
wünsche ihnen nichts Schlimmes, als was sie täglich schon
auf dem Nacken haben; ich sehe es ja wohl ein, sie
haben ihr Theil auf dem Nacken; aber die blauen Mäler,
die ich Ihm am Leibe vorweisen kann, die kann ich mir
draußen als Soldatenfrau pläsirlicher holen, wie Tausend
andere, die hier und bei mir zu Hause durchgezogen
sind auf dem Bagagewagen und in Sicherheit gesungen
haben, wo wir mit gezausten Haaren und Kleidern ihnen
nachgeheult haben. Da hat mein Heinrich doch nicht
Unrecht, lieber Herr Magister, und zumalen da wir zu
dem guten Herrn Herzog Ferdinand gehen wollen!“

„Und zumalen, da des Herrn Herzogen Durchlaucht
das Wieschen schon kennen, und es eine alte Bekanntschaft von ihm ist, und er ihm wohl aus guter Freundschaft und Mildthätigkeit zu einem sichern Platz in
seinem Nachzug verhilft.“

„Er schwatzt und schwatzt und schwatzt, Schelze.
Halte Er jetzo den Mund, Heinrich; und Sie, Wieschen,
was schwatzt auch Sie? wie will Sie denn zu Seiner
hochfürstlichen Gnaden Connaissance und in allergnädigste Connexion mit ihm gekommen sein?“

„Oh, das ist wohl an dem, Herr Magister, und da
hat mein Heinrich auch nicht gelogen, Herr! und an dem
Verhältniß ist der französische Herzog und Diebskönig
und Räuberhauptmann, der schlechte Kerl der Rischelljöh
Schuld. Der hat uns zusammen gebracht, mich und den
guten Herzog Ferdinand.“

„Dann erzähle Sie mir wenigstens das Genauere
über diese Sache, welche ich wahrlich für's Erste immer
noch für eine Fabula, für ein geträumtes Märlein
erachte.“

„Von meinen silbernen Schuhschnallen ist's hergekommen. Hat Er hier in Amelungsborn denn gar nichts davon
vernommen, wie der Rischelljöh bei mir zu Hause gewirthschaftet hat, und wie auch ich arme Junge-Magd
ihm meine Halsspange, von meiner seligen Mutter her,
und meine Schuhschnallen habe abliefern müssen? Zu
uns in's Halberstädtische schickte er seinen zweiten Spitzbuben-General, seinen argen Sohn, und es ist nachher
an den guten Herzog Ferdinand geschrieben worden, wie
er in Person Haussuchung gehalten hat und keinen
Silberlöffel im Schrank und keinen Pathengulden in
der Sparbüchse und keinen Kelch in der Kirche gelassen
hat, und ich habe ihm mit allen anderen Mädchen in
unserm Dorfe und in der Stadt Halberstadt meine
Halsspange und Schuhschnallen hergeben müssen in
seinen Raubsack. Das ist im Jahr Achtundfünfzig gewesen und dann ist der große Brand in unserm Dorfe
gewesen, wo aber die Franzosen nicht Schuld daran
waren, sondern die Mutter Lages, und ich bin siebzehnjährig gewesen damals, und mein Vater ist mit
mir nach der Weser, wo er einen Bruder in Minden
gehabt hat; aber wir sind nicht hereingekommen in die
Stadt. Der gute Herzog Ferdinand hat schon davor
gelegen mit seinen Völkern und Kanonen und hat sie
auch eingenommen und ist nach seiner Art viel zu gut
gegen die fremden Schub- und Ruppsäcke gewesen. Aber
mein Vater ist am Fieber am Wege liegen geblieben
und gestorben; und mich hat der Herzog im Vorbeireiten nach Lübbeke bei ihm sitzen gefunden und seinen
Schimmel angehalten und mich gefragt: wer ich wäre.
Da habe ich ihm Alles gesagt, und da hat er den
Kopf geschüttelt und gesagt: Armes Ding! und hat in
seine Tasche gegriffen und noch einmal ein betrübtes
Gesicht gemacht und die Herren die bei ihm gewesen
sind, gefragt: wer von ihnen Geld bei sich hätte. Es
hat Keiner was gehabt, und da hat er sich diesen Knopf
vom Rocke gerissen und ihn mir vom Pferd gegeben
und gesagt: Den bringe mir nach Braunschweig auf
das kleine Mosthaus, wenn wir Zwei heil durch dieses
Elend kommen!“

Und Wieschen griff ebenfalls unter ihren Rock in
die Tasche im Unterrock und legte dem Magister Buchius
auf seinen Tisch neben dem Kreidestrich, der die Weser
bedeutete, den silbernen Knopf, welchen sich der weichherzige tapfere Kriegsfürst, weil er nichts anderes bei
sich hatte, für die arme Magd am Wege auf seinem
Wege zu seiner nächsten Schlacht- und Siegesstatt bei
Crefeld vom Rocke gerissen hatte.

Magister Buchius blickte mit flimmernden Augen
von dem Knopf auf das Mädchen und wieder von dem
Mädchen auf den Knopf: das war doch eine Rarität,
wie er sie noch nicht in seinem Museo aufbewahrte!

„Das ist wahrlich eine seltene und köstliche Reliquie,
die Du seit dreien Jahren unter Deiner Schürze verborgen trägst, Mädchen,“ rief er. „Aber da solltest
Du auch besser dem lieben Gott und dem guten Fürsten
trauen. Auf den Herrgott solltest Du bauen, daß er
Euch, dem lieben Herzog und Dir, heil aus den scheußlichen Zeiten und Eurem Elend hilft, und nicht solltest
Du den unsinnigen Menschen da in seiner Tollwuth
bestärken. O Narre, Narre Schelze, Heinrich Schelze,
so willst Du dies kostbare Zeichen, daß in der Welt
das Licht nimmer ganz in Greuel, Blut und Nacht
verlischt, mißbrauchen? So willst Du, weil Du von
einem geschlagenen Mann geschlagen worden bist, das
Fatum in Muthwillen herausfordern und die Verantwortung dafür, was dieses gute Geschöpf durch der
Könige Zwist und Zwietracht noch treffen mag, auf
Dich allein nehmen? Schelze, Schelze, ein Dummrian
war Er meistens; doch nun hat Er die Absicht ein
Cujon dazu zu werden; und wenn es nicht anders
sein kann, so habe Er seinen Willen und laufe Er
meinetwegen dem Unglück in den Rachen, ohne Gottes
Hand hier bei uns Andern in Geduld über sich walten
zu lassen. Aber das Wieschen, das Mädchen lässet er
in Amelungsborn, lässet es bei mir. Seine herzogliche Durchlaucht haben es nicht aufgefordert, ihm das
edle Wahrzeichen von einem Bagagewagen hinzuhalten;
nach Braunschweig in's Mosthaus oder in die Burg
Dankwarderode soll es ihm das Zeichen zurückstellen,
wenn der Herr aus der Höhe seinen Stab zwischen
die Streiter geworfen hat. Ja wohl, da hat Er mir
die Weser auf den Tisch gemalt, Er Narre. Hier
kommt der Franzmann von Neuem über den Solling
und dringt auf Einbeck, hier streckt sich der Ith und
hier (der Magister setzte den hagern Zeigefinger fest
auf eine ganz bestimmte Stelle seiner imaginären Landkarte), hier wird Er freilich in den allernächsten Tagen,
ja morgen schon den Herzog Ferdinand treffen, wenn
der noch einmal seine Vaterstadt und seines Herrn
Bruders Residenz vor dem Marschall von Broglio
schirmen will. Halte Er sich ja nicht länger auf bei
uns, Schelze, folge Er nur seinem Grimmbrägen und
vertausche Er den Stab seines geplagten und Ihm von
Gott vorgesetzten Brodherrn mit der Fuchtel des nächsten
welschen, englischen oder hannöverschen Feldwebels; aber
das Mädchen, das Wieschen giebt Ihm nicht seine Ehre
und Schaam mit in die Rappuse und auf den Feldwagen. Es hält aus mit dem alten Magister Buchius
und bei ihm, und es gehet nur mit ihm von Kloster
Amelungsborn. Wahrlich, wahrlich es ist schon mehr
denn genug hin und her geflüchtet durch das Land vor
dieser Kriegesnoth. Da, Kind, nimm Dein theures
Pfand in der Hoffnung, daß wir noch einmal andere
Zeiten sehen werden, zurück, und bewahre es wohl.
Er aber, Schelze, was dreht Er die Pudelmütze in den
Fäusten, gehe Er doch, hole Er sich doch bei den nächstbesten Vorposten die nächstbeste Kokarde dran. Mit
dem offenen Licht im Stall war Er noch obendrein im
Unrecht; aber das ist einerlei, marschire Er, mache Er
die Thüre hinter sich zu. Ueber das Odfeld am
Quadhagen her, gehet Sein Weg. Der da hat in
Westfalen mitgefressen an Seinesgleichen und ist auf
neuen Fraß ausgezogen jetzt zwischen der Weser und
dem Harz. Nicht wahr, Alter?“

„Krah!“ sagte der Kämpfer aus der Rabenschlacht
über dem Wodansfelde unter dem Tische des Magisters
hervor.

„Wenn sein Flügel heil ist, schicke ich ihn wieder
zum Fenster hinaus, Schelze,“ rief der Magister
Buchius. „Wer weiß, ob ihr Zwei nicht noch einmal
Eure Bekanntschaft von heute Abend erneuert? Ja,
schlage nur mit dem heilen Fittich, schwarzer Vielfraß.
Es ist eine nahrhafte Zeit für Dich und Deine Kameraden von beiden Parteien, und frisches Futter wird
jeden Tag zugeschnitten.“

„O du barmherziger Herr und Heiland, Heinrich?!“
jammerte die junge Magd, mit beiden Händen den
Schatz am Arme packend. „Hörst Du denn dieses,
vernimmst Du denn dieses und gehst nicht in Dich?
gehst noch immer nicht in Dich! O Herr Magister,
Magister, das Aas, das Aas! das Vieh, das Vieh!
wie es uns ansieht! Gleich möchte es uns nach den
Augen hacken! O lieber doch hier im Kloster in den
Teich, als auf dem freien Felde dem schwarzen Greuel
da anbefohlen.“

Das Mädchen fuhr in die fernste Ecke der Zelle
zurück, als grade jetzt der schwarze Vogel auf es zu
hüpfte; aber auch der Knecht Schelze wich rückwärts,
als das Thier sich von seinem Schatz zu ihm selber
wandte.

Er ließ die Pudelmütze aus den tapfern Händen
fallen und brummte:

„Gottssakrament, das Beest, das Aas!“

Er sah beinahe zum Lachen aus mit seinem plötzlichen Grauen und Schauder, und plötzlich griff er seine
Kappe mit einem schnellen, scheuen Griff unter dem
Schnabel des Raben weg und auf und stotterte:

„Nu, denn nichts für ungut, Herr Magister, von
wegen der Störung. Wann Sie dann meinen, Herre,
so kann man sich's ja auch wohl noch eine Zeit lang
überlegen. Und wenn das Wieschen meint, sie hält's
noch aus mit ihrer Frauen, nu, so will ich auch
meinen Buckel für dießmal noch dem Herrn Klosteramtmann zu seinem Belieben hinhalten. Also will ich
weiter nichts gesagt haben und der Strich da auf'm
Tische soll meinetwegen noch nichts gelten. Aber der
Herr Magister müssen mir Eines versprechen, nämlich,
daß Sie mit dem Wieschen auch mich wüthigen Satan
nicht verlassen wollen mit Ihrem Rath und Beistand,
wann's wieder zum Schlimmsten in Kloster Amelungsborn geht.“

„Ich?“ rief der alte, als fünftes Rad am Wagen
in Amelungsborn verbliebene Gelehrte. Doch sich fassend
rief er auch: „O Gott, ja, ja, — so weit es reicht, so
weit es reicht! ja, ja!“

„Nu, dann wollen wir den Herrn Magister auch
nicht länger von seinem Abendbrod abhalten. Komm,
Wieschen.“

Die Junge-Magd setzte, laut aber froh weinend,
dem überflüssigen letzten Schulmeister von Amelungsborn einen Knix hin.

„Ich bedanke mich auch recht schön bei Ihm, Herr
Magister.“

Siebentes Kapitel.

Der Herr Magister schlug noch einmal die Hände
zusammen, nachdem sich die Thür hinter den zwei armen
Tröpfen geschlossen hatte. Er schüttelte auch noch einmal das Haupt und ächzte schwer auf; doch dann zeigte er
sich auch wieder als der Mann, der wußte, daß in dem
Drange der Zeiten mehr als ein Einiges Noth thue.
Er zog den Stuhl an den Tisch, den Napf mit der
kaltgewordenen, nur noch sehr schwach dampfenden Breisuppe heran, ergriff den Löffel, sprach:

„Alle gute Gabe kommt von Oben herab!“ und
— nahm etwa sein Abendmahl bedächtig zu sich? O
nein, er löffelte zu, hieb ab vom Brode und packte sein
Salzfischlein, wenn nicht so gefräßig wie ein Küster, so
doch mit richtigem Schulmeisterappetit! O trotz der
Noth der Zeiten schenkte auch er dem Klosteramtmann
von Amelungsborn nichts, und so war's nicht ganz ungerechtfertigt, daß er vorhin denn auch ein wenig zu
seinen Gunsten redete. Der Streiter vom Odinsfelde,
den sein Hunger jetzt entweder verwogener oder zutraulicher machte und der laut krächzend sein Theil
forderte, bekam zu seinem Brod nur des Fisches Gräten.
Aus seiner Verwundung schien er sich wenig zu machen,
denn als sein Gastfreund Teller, Napf, Löffel und
Messer zurück schob, verfügte er sich in den Ofenwinkel
zurück, zog den Hals, den Kopf ein ins Gefieder und entschlummerte sanft. Er wußte schon ganz genau, als ein
gescheuter Vogel, daß er nach der Schlacht bei einem
braven Mann Quartier gefunden habe, und in der mißlichen Welt verhältnißmäßig sehr in Sicherheit sei.

Letzteres Gefühl freilich hatte Magister Buchius
trotz seiner „noch einmal durch die Güte des allbarmherzigen Gottes stattgehabten Ersättigung“ nicht.

Er konnte noch nicht zu Bette gehen. Der Gott
der Träume, der ihm selten nahe kam, entwich ihm
heute ferner und ferner. Der emeritirte alte Herr
erfreute sich eines tiefen, traumlosen Schlafes und er
schlief auch gern lange; doch in dieser Nacht dachte er
für's Erste nicht an sein Bett. Er wollte freilich bloß
noch ein wenig nachdenken; an — die Erfahrungen im
Fleisch, die ihm die herbstliche Finsterniß für die Zeit
bis zum ersten Hahnenschrei aufgehoben hatte, dachte er
natürlich ebenfalls mit keinem Gedanken.

„Armes Volk! arme Leute! arme Kinderköpfe!“
murmelte er, und dann füllte er seine irdene Pfeife
von dem wenigen Kraut, das er vor der letzten Einquartierung geborgen hatte, blies die erste dünne Rauchwolke mit einem Seufzer von sich und zog wie mechanisch
erst die Lampe und dann des Iburgischen Schloßpredigers Theodori Kampf Wunderbaren Todes-Boten
zu sich heran, und schlug ihn auf bei der dritten Frage
im zweiten Kapitel: „Ob das Hundeheulen, Eulen und
Leichhünerschreyen von Gott oder vom Teufel?“

Mit kopfschüttelndem Lächeln schob er das Buch
wieder zurück und citirte:

„Quis dedit gallo intelligentiam? Wer gab dem
Hahnen das Verständniß?“

„Krah!“ murmelte der Schwarze im Ofenwinkel
und schien seinerseits im unruhigen Traum die Schlacht
vom Abend noch einmal durchzufechten. Der Magister
aber fuhr ob des Tones erschreckt auf und um
und rief:

„Merkest Du schon, Kumpan, daß auch von Dir
die Rede sein mag? Oder — meldest Du Dich mir
selber als ein Zeichen vom Willen des Herrn, das ich mir
unbewußt heute Abend vom Blachfeld auf die Stube getragen habe? Wächset mir, wie hier auf Seite Vierzig
dem wohlangesehenen Mann zu Osnabrück, den Herr
Kampf selbst gekannt hat, ein Sarg in der Hand?“

„Krah!“ sprach der Rabe, doch Magister Buchius
winkte ihm ab und sprach lächelnd mit einer Gelassenheit, die freilich mehr aus dem Lucius Annäus Seneca
als aus dem Iburgschen Hofprediger Theodor Kampfius
stammte: „Nun, es wäre in solchen Zeiten schon etwas,
in diesen Tagen nicht in die Erde oder gar den Bauch
Deiner Brüder zu kommen, wie die Hunderttausend
draußen! Hm, hm, wie doch des Menschen Selbstsucht
aus Jeglichem auf seinem Wege sein eigen kleines Wohl
und Uebel herauszuklauben sich bemühet! wie er Alles
als eine Anzeige tecte oder aperte für sich selber
nimmt, der arme bedrängte Narr. Ihr seid wohl wahrlich des alten invaliden Schulmeisters wegen zu Eurer
Bataille auf dem Odfelde zusammen gekommen! Da
ginge wohl auch dieser dritte Krieg um Schlesien jetzo
schon in das fünfte Jahr, bloß um dem Magister
Buchius zu seiner Unterhaltung zu dienen oder ihn in
Nöthen und Aengsten wach zu halten? Welch' eine
Thorheit, Freund! Genüget es Dir nicht zu jeglicher
Zeit bei Tage und bei Nacht, im Kriege und im
Frieden, was der Psalmist im Achtzehnten, Vers zwölf
singet: Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen
auf daß wir klug werden.“

Er schlug das Buch zu und schob es von sich.
Doch nachdem er seine Pfeife von Neuem gefüllt hatte,
zog er es doch wieder heran und blätterte drin hin und
her. Es gab ihm in seinen gegenwärtigen Nöthen und
Sorgen jedenfalls eine Unterhaltung und führte durch
die bängliche Nacht weiter und weiter aus der Gegenwart
fort in Reiche, zu welchen ihm seine Selbstsüchtigkeit
gewißlich nicht folgte, sondern bloß seine Gabe, die
Welt als ein großes Wunder oder — wie er sich ausdrückte — als ein kurieuses, subtiles Mysterium anzuschauen — Deo optimo, maximo regnante. Dabei
schlug die Uhr im Thurm der Klosterkirche die Stunden,
und jedesmal wenn sie schlug, nickte der Magister mit
dem Kopfe und zählte den Glockenklang nach. Er hielt
das Werk in Ordnung und hatte es lange Jahre im
Frieden in Ordnung erhalten. Nun war ihm auch
das ein Trost, daß es ihm jetzt auch im Kriegsgetümmel
nicht aus dem regelmäßigen Gange gekommen war.
Er hatte wohl Recht, sich selber still darob zu loben;
vorzüglich bei seiner jetzigen Lektüre in der Nacht vor
dem Abmarsch des Herzogs Ferdinand von Braunschweig
aus dem Hauptquartier zu Ohr. Der Donator des
Buches würde sich wohl selber über die Stimmungen
verwundert haben, die sein ironisch Geschenke dem alten
Herrn, dem närrischen alten Knaben, dem abgerollten
fünften Rad am Wagen der weiland hohen Schule zu
Amelungsborn in dieser Nacht gab. Je seltsamere,
wunderlichere, geheimnißvollere Beispiele von den
zweyerley Wegen, durch welche Menschen zu einer
Wissenschaft der Stunde ihres Todes zu gelangen pflegen,
der Magister las, desto ruhiger wurde es ihm zu Muthe,
desto mehr befestigte sich in ihm die Gewißheit, daß
ihm in Person heute noch keine Praedictio, kein Praesagium zu Theil geworden sei. Durch Gleiches wurde
auch hier Gleiches kurirt und von Stunde zu Stunde
vergaß der Magister mehr und mehr über seiner seltsamen Lectüre, über des Iburgischen Schloßpredigers
schrift- und vernunftmäßigen Untersuchungen die eigene
Noth und die der Zeiten.

Um neun Uhr las er und zwar laut, seiner Unruhe besser Meister zu bleiben:

„Johannes Jessenius ein Böhme und sehr gelehrter
Mann, ward bey seiner Wiederkunft aus Ungarn gefänglich eingezogen und anno 1619 nach Wien gebracht,
bald aber gegen einen Italiener vertauschet und in
Sicherheit geführet. Als er nun aus dem Gefängniß
entwich, hat er an der Wand diese Buchstaben geschrieben zurückgelassen: I. M. M. M. — Ihrer viele bemüheten sich vergeblich, diese Schrift zu errahten, bis
endlich Ferdinandus II. Kaysers Matthiae Nachfolger ins
Gefängniß kam, und es also auslegte: Imperator Matthias
Mense Martio Morietur (Kaiser Mathias wird im Monat
März sterben). Er nahm aber ein Stück Kreide und
schrieb darunter: Jesseni Mentiris, Mala Morte Morieris
(Jessen, du lügst, du wirst eines schlimmen Todes sterben). — Als dieses Jessenio hinterbracht ward, sagte
er: gleich wie ich nicht gelogen habe, also wird Ferdinandus auch dahin trachten, daß seine Worte nicht
erlogen seyn. Es traf auch beydes ein; Matthias starb
den 10. Martii 1619 und Jessenius ward nach der
Böhmischen Niederlage anno 1620 gegriffen und 1621
am Leben gestraffet.“ …

„Krah!“ murrte der Rabe im Traum; aber —

„Schweige doch,“ rief der Magister und las:

„Als anno 1632 Mens. Decembr. der Kayserliche
General Holke durch den Rittersgrüner Paß ins Gebürge einfiel und an vielen Orten übel hausete, träumete
dem Substituten in Elterlein, Joh. Teuchern, als wenn
er dermahl geruffen würde, darüber er erwachet, aufstehet und zum Fenster heraussiehet; als er aber niemand siehet noch höret, fället er in große Wehmuth,
betet und befiehlt sich Gott; des folgenden Tages ergriffen ihn die Kayserlichen Trabanten um 10 Uhr und
hieben ihn samt siebenundzwanzig Bürgern niedern. —
Anno 1686 wurde Magister Benjamin Heyde, Oberpfarrer in Schneeberg, frühe, da er predigen sollen, in
seinem Bette todt gefunden. Abends zuvor rufte dreimal eine Stimme, welche seiner ersten Frauen Stimme
gleichete: Herr! Herr! Herr! worauf denn sein Tod erfolget.“

Bei der letzten Historie schüttelte der Magister Noah
Buchius zu Amelungsborn den Kopf, der Rabe im
Winkel aber hielt sich still.

„Als der König der Schweden Gustaphus Adolphus
vor Lützen todt geblieben, hat sich über dem Schlosse
zu Stockholm in der Luft eine Jungfrau sehen lassen,
welche in der einen Hand eine brennende Fackel, in
der andern ein Schnupftuch gehalten. Gleich darauf
haben sich alle Thurm-Thüren, obgleich mit festen
Riegeln und Schlössern verwahrt, von selbsten geöffnet,
und endlich haben alle Glocken in ganz Smalland zu
leuten angefangen. — Als Barnimus, Herzog in Pommern im 27. Jahre seines Alters in der Odersburg
vor Stettin gestorben, so sind kurz nach seinem Tode
alle verguldeten Knöpfe auf den Gebäuden in einer
Nacht ganz schwarz geworden. — So hat sich auch zu
Osnabrück begeben, daß da ein Studiosus medicinae
auf der Reise in Italien Todes verblichen, sich ein
Hund zu selber Zeit Abends mit einem entsetzlichen
Geheul zu dreyen malen für des Verstorbenen Eltern
Hause, seinen Kopf unter der Thür ins Haus haltend,
hören lassen“ —

„Ei, was hat denn der Hund?“ fragte der Magister
Buchius, schon Theodori Kampfii wunderbaren Todesboten zum zweitenmal von sich schiebend; und er hatte
Recht zu der Frage, es entstand auf einmal ein greulicher Lärm von Hunden innerhalb der Mönche Ringmauern um Kloster Amelungsborn.

Einer schlug an. Der gab den Alarm weiter, und
zehn Minuten lang ward's ein Gebell, Gekläff und Gewinsel, daß es mit allem Nachdenken für's Erste aus
und zu Ende war. Aber auch noch andere Leute wurden durch das Vieh aufgestört. Der Magister glaubte
des Amtmanns Stimme zu vernehmen; — da wurden
wahrscheinlich Knüppel und dergleichen unter das Volk
geworfen.

„Dieses passete freilich ganz und gar zu des Herrn
Schloßpredigers letzter Historie,“ murmelte kopfschüttelnd
der Magister, in seiner Zelle auf- und abschreitend und
der Rabe vom Odfelde aus seinem Ofenwinkel kommend
hüpfte jetzt schon ganz vertraulich hinter ihm drein.
In diesem Augenblicke gab die Kirchuhr wiederum die
volle Stunde an und der Magister zählte die Schläge
nach:

„Neun — zehn — eilf! Ei, ei, schon so spät? Wie
doch das Studium dem Menschen über die Zeit hinweghilft — von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Was sind
wir armen Creaturen mit unsern Sorgen und Aengsten?
was bekümmern wir uns zu errathen, was die nächste
Stunde bringet. Es kommet doch immer etwas Anderes,
als was wir in unserer Lebensangst heraussannen.
Einer ist Meister. Hörst du, Schwarzer, ob ich Dich
nur hereingeholt habe auf die Stube als einen finstern
bösen Unglücks- und Todesvogel oder als einen guten
Kameraden und Freund für des Winters Einsamkeit,
sintemalen Dich des höchsten Gottes Fürsehung mir vor
die Füße flattern ließ, sollst du mir in Ruhe und Gelassenheit willkommen sein. Χαιϱε.“

„Krah!“ sagte der Rab, den Kopf auf die Seite
legend und seinen kuriosen Beschützer seinerseits mit
schlauer, verständnißvoller Zutraulichkeit, mit vollem
Vertrauen darauf, daß Alles was geschehe, mit rechten
Dingen zugehe, in's Auge fassend.

Magister Buchius aber hatte den Theodorus Kampf
beim zweiten von sich Abschieben aufgeschlagen gelassen;
nun nahm er mechanisch das Buch noch einmal her.
Er wollte es eben nur zuklappen; aber da fiel sein Auge
doch noch auf ein Exemplum drin, und er war nicht
der Mann, der ein Gedrucktes gleichgültig in's Fach
stellte, wenn es sein Auge in Wahrheit getroffen hatte.

Er las:

„Johann Wilhelm, Herzog zu Sachsen, hat kurz vor
seinem Ende im Schlaf eine liebliche Music gehöret
und eine Menge Engel, und unter denselben einen
großen gesehen, auf dessen Rücken geschrieben stand:
Bringet mir diesen zur Ruhe. Welches göttliche
Gesichte er dann frühe Morgens seinen Räthen erzählet,
auf sich gedeutet, und keiner weltlichen Sachen sich mehr
angenommen.“

Fast in Behagen sich schüttelnd sprach Magister
Noah Buchius: „Und keiner weltlichen Sachen sich mehr
angenommen. Wie oft hab ich dieses im Verlauf sauerer
Schuljahre des Abends beim Zubettegehen mir vorgesagt, und einen guten Schlaf gethan?“

Von Allen zu Kloster Amelungsborn war der Magister der, welcher dem Siebenjährigen Kriege am meisten
gewachsen war.

Aber vielleicht auch grade darum gelangte er in
dieser Nacht für's Erste noch nicht in's Bett. Es hatte
ihn wohl noch Jemand zu nöthig; er aber, der Magister Noah Buchius hatte jedenfalls nicht die geringste
Ahnung davon, wie weit der Schein seiner Blechlampe aus seiner Wohn- und Schlaf-Zelle hinausleuchtete in die sturmvolle Finsterniß des Jahres 1761.

Achtes Kapitel.

Was die Vögel über dem Odfelde vorausverkündigt
hatten, das setzte sich nun in's Werk, für das Kloster
Amelungsborn zuerst vom Süden her. Der Franzmann
war in Wirklichkeit auf und drängte wieder vorwärts
mit Roß und Mann, mit Wagen und Geschütz. Seinem
Zuge aber durch die Novembernacht voran flog ein einzelner, ein anderer Vogel gen Amelungsborn. Einer,
der eben schnöde aus dem neuen Nest der weiland gelahrten Schule zu Kloster Amelungsborn geworfen worden war. So Einer von den pro tempora Glücklichen, so um das neunzehnte Lebensjahr herum, ganz
ohne alle Bagage, Proviant und Kriegskasse für den
Marsch, in leichtem, noch ganz sommerlichem Kollet,
dünnen Kniehosen und Strümpfen, doch auf dauerhaften
Sohlen — Monsieur Thedel von Münchhausen, der
neuen hohen Schule zu Holzminden erster — „noch zu
Amelungsborn oft genug verwarneter“ — Relegatus!
…ach, der Magister Buchius kannte ihn schon!…
Daß er, Monsieur Thedel, der tolle Thedel die Gegend
zwischen der Weser und der Homburg auch bei Nacht
kannte, das war dießmal wirklich sein Glück. Wäre es
bei Tage gewesen, so hätte man es ihm wohl angesehen, daß ihm das Gezweig im Dickicht häufig genug
den Hut vom Kopfe gestoßen habe, daß er nicht selten
der ausgefahrenen Heerstraße aus dem Wege gegangen
sei und einen Umweg durch die Wildniß nicht gescheut
habe, um einem unnöthigen oder gar niederträchtigen
Aufenthalt auf seinem Marsche auszuweichen.

Mehr denn einmal hatte ihn das Marodevolk von
Auvergne, Pikardie, oder hatten ihn welche von den
Freiwilligen von Austrasien zum Führer brauchen
wollen; doch auf die Gefahr hin, am nächsten Baum
zu baumeln, war er den Zumuthungen entgangen.
Auf Stunden Weges wenigstens hatte er, wie er vermeinte, den Herrn Herzog von Broglio hinter sich gelassen; und seine blauen, grünen und gelben Dragoner
oft recht nahe auf den Fersen gehabt. Wie konnte der
Holzmindensche Schüler genau wissen, wo der große
französische Oberfeldherr in diesen Tagen sich persönlich aufhielt? Hinter Lobach unter dem Eberstein hatte
er aber seinetwegen jeden gebahnten Weg ganz aufgegeben und sich ganz im Walde verloren. Verloren?
das nun wohl nicht im wörtlichsten Sinne des Wortes.
Dazu kannte er — leidergottes — das Revier zu
gut als der schlimmste nächtliche Wilderer der Sekunda
und der Prima der frommen und hochgelahrten Klosterschule von Amelungsborn. Daß er dem Strick des
Herrn Generals von Poyanne entging, war eigentlich
gar kein Wunder, da ihm die Büchsenkugeln der herzoglich
Braunschweigischen Kammerförster der ganzen lustigen
grünen Wildniß auch höchstens nur geschrammt hatten.

In Negenborn hätte er einkehren dürfen, da der
fränkische Heereszug in dieser Nacht noch nicht über
Bevern hinausging; aber vielleicht war da im Dorfe
der unruhigen Zeiten halber der Förster auch noch
wach. Herr Thedel von Münchhausen ging lieber auch
um Negenborn herum, wegen zu guter Bekanntschaft
mit dem Förster dort, und schlug sich rechts durch den
Wald, in welchem er von hier an jeden Baum, Stein,
Stock, Stecken und Erdfall zu genau kannte, wie nur
irgend Fuchs, Dachs, Hirsch, Reh und Wildschwein, so
wie herzogliche grünröckige Beamtenschaft im Revier.
So kam er ein wenig außer Athem und mit fressendem
Hunger aber bei sonst gesunden Gliedmaßen an auf dem
südlichen Rande des Hoopthals gegenüber dem Küchenbrink und Auerberge und saß, mitten in der Novembernacht den Schweiß von der Stirn mit dem Aermel
trocknend, einen Augenblick auf einem Stein und meinte:

„Guck, er hat immer noch Licht!“

Nach dem kurzen Augenblick des Verschnaufens nun
hinunter zum Forstbach und auf der andern Seite des
Thals wiederum in die Höhe, den steilen Abhang empor
zu dem Lichtschein aus der Zelle des Bruders Philemon und des Magisters Noah Buchius! Auch da ging
am Gestein und im Gestrüpp ein Schlupfweg, den
nicht alle Leute im Kloster so gut kannten wie der
Junker Thedel von Münchhausen, welcher aber sicher
doch schon seit manchem lieben Jahrhundert von Geschlecht zu Geschlecht durch die Leute von Amelungsborn hinter der Hand zu nützlicher Kenntniß weiter
gegeben worden war.

„Den Schrecken, wenn ich ihn jetzt von hier aus
anschrie: Qui vive? France!“ lachte der wilde junge
nächtliche Wanderer, die flache Hand an die Mauern
von Kloster Amelungsborn legend. „Aber wissen möchte
ich wohl wie spät es eigentlich am Tage ist. O Selinde, Selinde, Du wirst nicht mehr Licht haben, wie
der Magister! Mein Herz, ach, wenn Du wüßtest,
wer jetzo hier um die Mauern schleicht!“

Er schlich oder tastete in Wahrheit jetzt die Mauer
des Klosters entlang. Wo Andere um diese dunkle
Stunde Hals und Beine gebrochen haben würden, ging
er sicher wie — ein Nachtwandler. Ja wohl, es war
auch nicht das erste Mal, daß er auch hier über dem
Hoopthal verbotene Wege gewandelt war. Der Baumast
der dort wo die Gebäude zu Ende sind und die Hofmauer anfängt, an diese Mauer reicht, hängt seit der
Tertia seiner nächtlichen Abenteuer voll.

Er reitet auf diesem Ast, als der erste Hund von
Amelungsborn seine Visite merkt und anschlägt. Und
— bum — bum — bum, da ist auch die Thurmuhr. Wie
dem Magister Buchius zählt sie dem Junker Thedel
von Münchhausen die elfte Stunde des Abends zu;
aber dem Junker fehlt freilich die Muße, die feierlichen,
langsamen Schläge gelassen nachzuzählen.

„Verfluchte Köter!“ murmelte er auf seinem Zweige
zwischen den Zähnen. „Das ganze Nest machen sie mir
rebellisch! Da hätte ich eben so gut Morgen früh mit
dem Herrn Marquis von Poyanne einrücken können!
O Selinde, Mademoisell Selinde, mein Stern, meine
Fackel, mein Herzbrand!

Und trotz allem Gekläff und Gebelfer in allen Tonarten der Hundkehle aus allen Gehöften der weiland
Brüder Cistercienser mit einem letzten Schwung vom
Ast auf die Mauer! Erst rittlings da und dann mit
beiden Beinen in den Klostergarten hinunter baumelnd:

„Was denkt ihr doch, ihr kühnen Sinnen?
„Ihr geht auf allzuhoher Bahn;
„Denn euer frevelndes Beginnen
„Will weiter, als es steigen kann;
„Weil ihr dasselbe lieben wollet,
„Was ihr doch nur anbeten sollet;“ —

blaff, waff, waff, blaff, die Compagnie giebt nicht nach.
Sie bringen mir den Amtmann mit allem was eine
Mistgabel, einen Dreschflegel oder eine Donnerbüchse
halten kann, auf den Hals. Sie wecken mir dazu freilich
mein Zuckerkind, mein süßes Herzchen, mein Selindchen.
Hier, hier, kusch Erdmann, kusch Fidel, kusch Spitz, Mops
und Schäfertewe. Hab ich's nicht gesagt, da bellen auch
schon der Herr Klosteramtmann in der Schlafhauben aus
dem Fenster dazwischen. Ach Selinde, o Selinde —

„Und also lieb ich mein Verderben,
„Und heg ein Feuer in meiner Brust,
„An dem ich noch zuletzt muß sterben,
„Mein Untergang ist mir bewußt.
„Das macht, ich habe lieben wollen,
„Was ich doch nur anbeten sollen!“

Der Hund, der den Alarm gegeben hatte, stand
innerhalb des umfriedeten Bezirks mit den Vorderpfoten
hochaufgerichtet an der Mauer und blaffte immer
wüthender zu dem nächtlichen Eindringling empor.

„Kotz Blitz,“ rief dieser. „Ich bin's, Erdmann!
Pfü—it!“ Und ein langgezogener Pfiff verwandelte
das Gebell des treuen Wächters zuerst in ein erstauntes
Schweigen, sodann in ein zärtlich Winseln und freudig Hin- und Herspringen. Schon stand der Schüler unten im Hof —

„Hund! Spitzbube, hab ich Dich!“ schrie's ihm im
Ohr, und ein schwerer Prügel wurde ihm um den Kopf
geschwungen.

„Dießmal bin ich's noch einmal, Heinrich!“ flüsterte
der Junge lachend. „Hand vom Kamisol; und — wer
ist außer Dir noch wach zu Amelungsborn?“

„Herr Gott, unser Musjeh Thedel!“ stammelte der
Knecht Heinrich Schelze. „Der Herr Junker von Münchhausen. I du meine Güte — nu, nu, — also noch
einmal so mitten in der Nacht? ach Je, ach Herr Je.“

„Kerl, so bring' doch zuerst die andern verdammten
Bestien zur Ruhe. 's ist doch nicht das erstemal, daß
wir uns so treffen hier an der Mauer? Diesmal aber
habe ich nicht die Förster, sondern die Franschen auf
den Hacken. Und der Herzog Ferdinand ist über die Weser,
und ich bin auf dem Wege zum Herzog Ferdinand —“

„Auch der!“ murmelte der Knecht.

„Und da wollt' ich im Vorbeigehn doch von Allen
hier zum allerletztenmal Abschied nehmen. Was macht
Jungfer Fegebank, und wie geht's dem Herrn Magister?
Jetzt aber sage Er gar nichts mehr, Schelze, sondern
bringe Er die Hunde und den Klosteramtmann zur
Ruhe. Meine Wege hier weiß ich ja wohl noch, das
weißt Du ja, Kamerad. Gute Nacht; ich krieche wohl
schon irgendwo unter und am liebsten beim Magister
Buchius. Also bis morgen früh, Heinrich!“ …

„Es war ein Baummarder, Herr Klosteramtmann,
den unser Erdmann an der Hoopthalsmauer gestellt
hatte,“ rief's fünf Minuten später zu dem Fenster des
Gestrengen empor. „Die Franschen kommen erst morgen
früh. Es ist wohl erst Ahrholzen, was jetzt brennt
— oder Schorborn! wir haben wohl noch Zeit bis
morgen mit ihnen. Wünsche eine recht wohlzuschlafende
Nacht, Herr Amtmann.“

Als der arme Herr sein Fenster hastig wieder geschlossen hatte, hob der Bösewicht darunter noch einmal
die Faust zu ihm empor, schüttelte sie und grinste:

„Lasse Er sich auch was recht Schönes träumen,
Herr Klosteramtmann.“ Nachher setzte er aber noch
kopfschüttelnd hinzu: „Na, das soll mich doch nun wundern, ob der Herr Magister Dem da, unsern Junker,
sein Verlangen nach Seiner Durchlaucht auch austreiben werden.“ —

Neuntes Kapitel.

Wenn nur Monsieur Thedel von Münchhausen aus
dem Bevernschen sich noch bei Nacht im wilden Weserwalde zurecht zu finden wußte, so hätte ihn eine doppelte ägyptische Finsterniß nicht gehindert, irgend ein
Ziel tief unten im Gewölbe oder hoch oben auf dem
Dache von Amelungsborn ohne Anstoß zu erreichen.
Der wußte da Bescheid! Wahrhaftig!! Er schlupfte
in dasselbe thürlose mittelalterliche Pförtchen, in welches
Magister Buchius sich nach der Heimkehr von seinem
Nachmittags- und Abend-Spaziergang hineingeschoben
hatte. Er erstieg dieselben Treppen wie der Magister
und durchmaß dieselben Gänge. Er hielt sogar vor
den nämlichen Thüren an, wie der alte Herr; aber
durchaus nicht mit den Gefühlen desselben. Wahrlich
legte er nicht wehmüthig-erinnerungsvoll die Hand
darauf; doch die Hand brauchte er freilich bei dem
Gestus, den er vor mehr als einer der altersschwarzen
stillen Schulzimmerpforten machte.

Das gab dann jedesmal einen klatschenden Schall,
der das Echo weithin in den Corridoren weckte. Und
jedesmal brummte der junge Malemeritus von Amelungsborn und Relegatus von Holzminden:

„Sauberer Stall! Infames Cachot! Noch der
selbige Geruch — pfui Teufel — Brrrr! Na, euch
gönnte ich schon noch ein halb Dutzend Male dem
Broglio und seinen Schuften zum Quartier.“

Er bezwang sich merkwürdig. Er trat weder die Pforte
der Sekunda, noch die der Prima ein; und vor der Thür
der Quinta stieg auch ihm doch sogar ein melancholisch
Gefühl auf und mit einem Seufzer sagte er:

„Der alte Herr! der alte Buchius! … Dahinter
haben sie ihn sein ganzes liebes Leben ihnen und uns
Lümmeln zum Spaß gehalten! Und ich habe meinen
Spaß mit an ihm gehabt.“

Er hob den Hut vom Kopfe und behielt ihn in der
Hand.

„Vivat der Magister Buchius, und — der Herrgott
erlasse mir meine Sünden an ihm, wie der Alte sie mir
zu hunderttausend malen erlassen hat. Ach Gott, ach
Gott, so kommt der tollste Schüler von Amelungsborn
zu dem überflüssigsten, bespotteten Präceptor, so kommt
Bartel vom Mostholen mit zerbrochenem Kruge. O virga,
o ferula! O merces doctrinae! Hoffentlich hat er
jetzo, nachdem auch das andere Hundepack wieder still
geworden ist, sein Licht noch nicht ausgeblasen.“

Im nächsten Augenblicke klopfte er leise und schüchtern an die Thür des letzten wirklichen Cisterciensers
von Kloster Amelungsborn. Mit dem Wort meinen
wir aber nicht den Bruder Philemon, den letzten katholischen Mönch der Stiftung auf dem Auerberge über
dem Hoopthale. —

Magister Buchius war noch wach; aber er saß freilich schon mit gelösten Hosenschnallen auf seinem Bettrande. Die Spukgeschichten, in die er sich nach des
Tages Erlebnissen hineingelesen hatte beim bänglichen
Tagesschluß, hatten ihn doch noch eine Weile vom völligen Entkleiden ab- und beim Hinstarren in die trübe
Flamme seiner Lampe festgehalten. Als es nun so
pochte, wie es auch beim Schloßprediger von Iburg,
Herrn Theodorus Kampf hie und da zu mitternächtlicher Stunde geklopft hatte, vermochte er trotz der überlegenen Stimmung, in der wir ihn vorhin gelassen
haben, nicht, seines Erschreckens sogleich Meister zu
werden. Sein schlimmster Discipulus hatte einzutreten,
ohne daß er vorher dazu eingeladen worden war.

„Ich bin es, Domine,“ sagte Der jetzt, mit verlegenem Grinsen. „Ich bitte um Permission, so späte
am Abend den Herrn Magister noch aufzustören. Thedel
Münchhausen, mein Herr Magister! Von Holzminden
her mit übergroßer Sehnsucht nach Ihm! Vivat Ferdinandus Dux!“

„Krah!“ sagte der Rabe, durch den neuen Besuch
in seinem Schlaf gestört.

„Ohe, was haben der Herr Magister da für einen
neuen Stubenkameraden! … Ich bin's wirklich noch
einmal in Fleisch und Blut, Thedel Münchhausen!
Ja, sieh mich nicht so an, Bestie. Gehörst wohl auch
zu denen, die heute Abend mit mir zu Schaaren von
der Weser kamen?“

Die letzten Worte waren natürlich an den aus
seinem Winkel vorgehüpften Vogel gerichtet, der Magister sah noch eine geraume Weile von dem einen Gast
auf den andern, bis er sich so weit gefaßt hatte, die
schwarzen Manchesternen wieder in die Höhe zu ziehen,
sie zurecht zu rücken und zu rufen:

„Täuscht mich mein Gesicht nicht? Er, Musjeh?
Monsieur von Münchhausen? Um diese mitternächtige
Stunde? Wie kommet Er hierher, Musjeh? wo kommet Er her, Musjeh? Was will Er — gerade Er
wieder in Amelungsborn? O ihr Götter, hat Er gerade es nicht mit dem allerhöchsten Ueberdruß an christlicher und heidnischer Schulzucht und Ordnung verlassen?
Hat der Herr Amtmann nicht —“

„Dreimal drei Kreuze hinter der ärgsten Canaille
im ganzen Cötus her gemacht? Jawohl, Domine, einen
feinen Duft haben wir hinter uns gelassen; aber Sie
wissen es ja am besten: Ducunt volentem fata —“

„Nolentem trahunt,“ schloß der alte Herr. „Also
wollend — mit Seinem guten Willen folgt Er Seinem
Fatum hieher?“

„Gutwillig, mit meinem allerbesten Willen. Abgesehen von dem Tritt, den sie mir in Holzminden
auf die Posteriora versetzet hatten, meinen Weg in die
weite Welt zu befördern. Der Herr Magister Buchius
haben es niemals genau gewußt, was für — ein guter
Prophete Sie zu Zeiten waren.“

„Oh, oh, — eheu, eheu, eheu!“

„Heu, heu, heu, — Heu!“ flennte grinsend mit
den Knöcheln beider Fäuste vor den Augen der junge
Taugenichts und leichtsinnigste Primus inter pares der
weiland gelahrten Schule zu Kloster Amelungsborn,
Thedel Münchhausen. „Ja, Heu, Heu! die Herren zu
Holzminden machen fürder keinen Ochsen unter sich fett
mit dem Heu, das ich ihnen noch auf ihren gelehrten
Wiesen zusammenharken könnte.“

„Consilium abeundi?“ stammelte der alte Herr.

„Relegatio in aeternum. Dießmal fortgeschickt, aus
dem Tempel getrieben, auf Nimmerwiederkommen. Sie
hatten eben im Convent ihre letzte Hoffnung für den
Patienten auf die Veränderung von Luft und Ort gesetzet. Gestern waren die Herren zur letzten Conferenz
bei einander und sind zu der Meinung gekommen, es
sei keine Hoffnung mehr bei ihnen für den armen Sünder in extremis.“

Magister Noah Buchius ließ noch einmal beide
Hände schwer auf die dürren Kniee fallen, nachdem er
von Neuem auf dem Rande seines Bettes niedergesessen
war. Und sein Kummer wuchs, wie er angstvoll weiter
auf dem hübschen, muthwilligen Gesichte seines schlimmen
Lieblings, des unbotmäßigsten Coätanen der weiland
altberühmten Klosterschule von Amelungsborn nachforschte, und — wenig von seinen eigenen schmerzensvollen und beschämten Gemüthsbewegungen darauf abgemalt fand.

Der Knabe half nicht dem guten alten Herrn über den
Angstbissen, der ihn in der Kehle würgte, hinweg. Er
ließ ihn mit aller Rücksichtslosigkeit der Jugend mit
dem Kummer, den er ihm machte, fertig werden. Er
ließ den alten Mann mit der stoischen Gelassenheit
Derer, die ihr Leben noch vor sich zu haben glauben,
wieder zu Athem und zu Worten kommen.

Es dauerte wiederum eine längere Zeit, ehe der
Magister soweit sich gefaßt hatte, daß er matt und ergeben die Frage thun konnte:

„Die gütige Gewogenheit wird Er auch wohl nicht
haben wollen, mir zu communiciren Cur? zu Teutsch:
warum, weßhalb, wofür und weßwegen? Und was
Seine Verwandtschaft zu Wolfenbüttel hierzu sagen
wird?“

Thedel von Münchhausen zuckte greinend die Achseln:

„Aus Liebe zu mir und wegen größester Sorge
um meine Wohlfahrt und die der deutschen Nation.
Sie meinten, was sie mir noch anzubieten hätten bei
sich auf der Schulbank, das schlüge doch nur bei mir
an, wie's weiland amelungsborn'sche Weihwasser beim
leidigen Satan. Und das deutsche Vaterland habe mich
sicherlich nöthiger, als sie, Prior-Rector, Conrector und
Lehrerconvent in der neuen gelehrten unschuldigen Herrlichkeit, vermeinten sie. Gefiel ihnen hier im Walde
meine Intimität mit den Wildschützen vom Hils, Ith
und Vogler nicht, so grauete ihnen vor meiner Compagnie mit den Weserschiffern fast noch mehr. Konnte
aber ich denn davor, daß heute kein Bock den Fluß
herauf- oder herunterfährt, von dem sie nicht nach dem
lieben Thedel Münchhausen zu den Classenfenstern hinaufrufen? Und der Frau Priorin war ich schon seit der
Quarta ein Dorn im Auge; das wissen der Herr Magister ja eben so gut als wie ich. Das Poem, die zwei
Reime, die ihr an den Reifrock hinten gespendelt waren
und so mit ihr umliefen auf dem Schützenhof auf der
Steinbreite, sind nicht von mir gewesen; aber ich habe
sie auch auf mich nehmen müssen in der letzten Conferenz gestern. Ach ja, was ganz Besonderes ist nicht
weiter vorgefallen, das Faß ist übergelaufen und damit
basta. Sie haben mir in Zärtlichkeit gerathen, nunmehro das Vaterland nicht länger warten zu lassen,
sondern zum Kalbfell zu schwören, wie es mir in der
Wiege gesungen worden sei und zumal da der Herr
Vormund zu Wolfenbüttel ja selber dazu rathe. Daß
sie mir mit dem Herrn Vormund und Oheim riethen,
doch meinen Herrn Vetter von Bodenwerder unter den
hannöverschen Jägern, den hohen Alliirten und dem
Herzog Ferdinand aufzusuchen, das traf wohl meine
Meinung auch; aber — ohne meine Sehnsucht nach
Ihm, Herr Magister, hätte ich sie doch noch einmal
persuadirt, es noch einmal, zum allerletztenmal mit der
lateinischen Stallfütterung bei mir armen Coridon zu probiren. Aber das Verlangen nach dem Herrn Magister —“

„Nach mir?“ rief der gute alte Herr, die magern
Hände zusammenschlagend. „O Theodorice, Theodorice,
Er wird wohl noch auf Seinem Sterbebette Seinen
Jokus treiben wollen! Ist denn dies eine Zeit zum
Scherzen? So nehme Er jetzo doch für eine Viertelstunde Vernunft an und rede Er verständig, Monsieur.
Er siehet doch meinen Kummer um Ihn, und — wir
sind hier nicht mehr auf der großen Schule zu Kloster
Amelungsborn — sondern nur in der Kammer des
alten, verbrauchten unnützen Buchius, und — morgen
früh ruft weder Ihn noch mich die Glocke zu den
Lectionen, und Er hat an mir keine Materia mehr, sich
zu präpariren zu einem neuen Spaß, mit dem er die
Herren Commilitonen über den närrischen Magister
Buchius zum Lachen bringen möchte!“

Dies kam nun in einer Weise zum Vorschein, die
den jungen Menschen vollständig duckte. Es war keine
Dumme-Jungen-Komödie in dem Ausdruck der Betroffenheit, der Reue, mit dem er sich auf die Hände
des alten, vor Erregung zitternden Schulmeisters niederbeugte, sie ergriff und zwischen Verlegenheit und — ja
auch zwischen Thränen stotterte:

„Der Herr Magister haben Recht, Sie haben Recht!
Wir haben es alle, Convent und Cötus, nicht um den
Herrn Magister verdient, daß Sie einen einzigen freundlichen Gedanken für uns haben. Da; gleich und wie
ein Lamm gutwillig, lege ich mich da vor dem Herrn über
den Stuhl — holen der Herr Magister Buchius Ihr
spanisch Rohr und zahlen Sie mir nachträglich durch
den Rest der Nacht, was ich an Ihnen pecciret und
meritirt habe und geben Sie's mir für das ganze
Kloster, Abt, Amtmann, Rector, Doctoren und Kollaboratoren mit. Haue Er sie nach Herzenslust in meiner
Person. Lasse Er mich in dieser Nacht den wohlverdienten
Sündenbock sein für Seine armen elenden dreißig unbelohnten, übelbelohnten Jahre am Schuldienst zu Amelungsborn. Nachher brauche ich nur noch Einen andern
Abschied hier am Ort zu nehmen; dann werd' ich ja
auch wohl den Herrn Vetter auf dem Marsche durch
den Ith irgendwo todt oder lebendig treffen; oder wenn
den nicht, so doch ohnzweifelhaft den Herrn Herzog
Ferdinand und — nachher werd' ich's an die Franzosen
weiter geben, was Er mir, liebster Herr Magister, in
dieser Nacht an Restanten ausgezahlet hat. Da verlasse
Er sich drauf! Vivat Ferdinandus dux! imperator!
victor! Sie belieben zuzuhauen und mir den meritirten
Lohn zu verabreichen.“

Der reuige Sünder hatte wahrhaftig sich den Stuhl vor
dem Magister zurecht gerückt und holte wirklich und im
vollen Ernst den Stock aus dem Winkel und bot ihn dem
guten Herrn hin; aber dieser sprach, die gefalteten Hände
vor sich hinstreckend und so mit ihnen abwehrend und mit
einer durch Erregung und Rührung erstickten Stimme:

„Mein lieber Junker von Münchhausen!?“ …

„Sie belieben nicht? Der allerbeste Herr wollen
Alles mir boshaften Cujon und Halunken hingehen lassen?
(ein Blick des Bösewichts streifte hier auch ganz unwillkürlich die Curiositätensammlung des wackern Gelehrten), der Herr Magister will nicht an Thedel
Münchhausen nachholen, was Er in dreißig Jahren an
der ganzen hohen Schule von Amelungsborn, Cötus
und Lehrerconvent, hat verabsäumet? Dann — gebe
Er mir seine gute Hand und glaube mir, im ganzen
römischen Reich, ja im Universo lebet außer dem Herzog
Ferdinand kein Andrer außer Ihm, nach dem der
wilde Münchhausen solch ein Desir und Verlangen gespürt hat in den letzten Zeiten!“

„Oh, mein Junker von Münchhausen!“

„Das Heimweh nach dem alten Wesen ist es gewesen, das mich noch einmal hieher gebracht hat. Vater
und Mutter weiland zu Bevern und der Herr Vormund in Wolfenbüttel haben mich allzulange hier in
der Wildschule belassen. Das alte Kloster, der freie
Wald und Himmel haben es mir angethan. Die Herren
zu Holzminden haben vermeint, Ihn, den Herrn Magister, ihren Besten, dorten in ihrer neuen Ordnung
nicht unter sich brauchen zu können, und sie sind dümmer
gewesen als die Esel in diesem Casu. Aber mich, den
schlimmen Teufelsbraten, haben sie in Wahrheit und
Wirklichkeit nicht bei sich prästiren können. Sie hielten's
nicht aus, und ich hab's auch nicht ausgehalten zu
Holzminden hinter ihren Mauern, bei ihrem neuen
Zwang und Serenissimi des Herzogs Karl Durchlaucht
revidirter Schulordnung! Ich hab's mit Willen danach gemacht, daß sie mich vor die Thür setzen mußten.
Und nun bin ich hier, ehe ich zu den hohen Alliirten
gehe, um den letzten treuesten Abschied von meinem
ältesten, treuesten und allgelahrtesten Gönner und unwissend intimsten Freund zu nehmen.“

„Von wem wollte Er Valet nehmen im Kloster
Amelungsborn?“ fragte trotz seiner Erregung und Erweichung Magister Buchius, den sie dreißig Jahre lang
in Amelungsborn im günstigsten Fall nur als einen
unschuldigen, närrischen, gutmüthigen Simplex taxirt
hatten. Und der Exschüler von Amelungsborn und
von Holzminden stotterte, jetzt ganz klein werdend:

„Auch da haben der Herr Magister Lunte gerochen?
Und haben auch hier Ihre Wissenschaft ganz für sich
selber behalten! haben keinem Menschen Ihre Wissenschaft mitgetheilet!“

Der arme Junge hielt die arme machtlose rechte
Hand des alten Herrn zwischen seinen zwei wackern
Fäusten und lachte, während ihm wieder die ernsthaftesten Thränen über beide Backen herunterrollten:

„Wohl dem, der so wie Goldschmieds Junge denkt,
„Und eher sich nicht zu der Liebe lenkt;
„Als bis er nach vollbrachten Jugendjahren
„Sich kann in Ehren mit der Liebsten paaren.

„Krrrr!“ sprach in diesem Moment der Rabe vom
Odfelde. Es hinderte ihn sein wunder Flunk nicht,
auf den Stuhl zu hüpfen, den der junge Mensch dem
alten Magister vorhin zugerückt hatte. Nun sprang er
auch auf die Lehne und von dort auf den Tisch mit
dem halbverwischten Kreidestrich und den Resten des
Nachtessens des Emeritus von Amelungsborn. Ihm
war der Appetit nur wiedergekommen; aber auf den
neuesten Gast des Magisters Buchius machte des Viehs
Gefräßigkeit den Eindruck, als vertilge es ihm den
letzten Rest von Nahrhaftem, von Eßbarem im Weltall.
Und zwischen Liebe und Hunger hin und her gerissen,
rief Junker Thedel von Münchhausen:

„Ja, sie trägt das weißeste Kleid und die blauesten
Bänder am Sonntage. Ja, dulce ridentem Lalagen
amabo! Kucke Einer das fressige Biist! Sie ist mir
Anadyomene und die ländliche Phidyle. Wir haben
sie hundert und tausendmal beim Conrector Schnellbeckius im Horaz gehabt, und ich habe mit ihr beim
Erndtefest getanzet und sie wird mein Feinslieb sein auf
ewig. Im Garten und im Walde, auf der Wiese und
auf dem Felde und hinter der Küchenthür haben wir's
uns hunderttausendmal geschworen. Der Herr Magister
verstehen davon nichts und wollen auch nichts davon
wissen; — meinen Hagedorn hat mir der Herr Rector
confisciret; aber ich kann die Lieder, in denen er auch
sie, unsere Schönste hier, angesungen, auswendig und
ich habe sie ihr drunten im Hoop und drüben auf den
Ruderibus der Homburg im Busch vorgesungen. O sie
ist Cypris, Gnidia, Paphia und Idalia wann sie gepudert einhertritt; aber löst sie ihre Flechten, fallen
sie ihr in die Kniekehlen! Als ich ihr vom Stadtoldendorfer Jahrmarkt das letzte Zuckerherz von meinem
letzten Pfennig in der Welt brachte, hat sie mit dem
Herrn Magister Lessing gesprochen:

„Wähl selbst. Du kannst mich Doris,
Und Galathee und Chloris
Und wie Du willst mich nennen;
Nur nenne mich die Deine.“

„Mamsell Fegebanck heißt sie!“ ächzte Magister
Buchius, jetzo die Hände über dem Haupte zusammenschlagend. „Ja, ihr Vaters-Name ist Fegebanck, und
sie ist des Herrn Amtmanns angenommene Vetters
Tochter —“

„Da geht er mit dem Brod unter den Tisch!“ rief
Thedel Münchhausen. „Halt da, Canaille, Cujon! Bei
der Belagerung von Saguntum, Numantia und Jerusalem haben sie ihre Schuhe und das Leder von ihren
Schilden gefressen; aber ich fresse den Tisch und Dich
selber, dirum mortalibus omen, Du schwarzer Galgenstrick, wenn Du den Rest vom Ueberfluß nicht gutwillig herausgiebst!“

Schon war er dem schwarzen Vogel unter den
Tisch nachgefahren. Jetzt hielt er den Rest von des
Magisters schwarzem Brod zwischen den Fäusten, jetzt
biß er hinein und riß mit dem guten Gebiß ab, er —
fraß, und —

„Allbarmherziger Gott, und wir haben weiter nichts
übrig gelassen von unserm Mahl!“ ächzte der alte Herr,
„wir haben Alles allein gemogt! ich habe nichts weiter
als das da für den Verschmachteten. O Dieterice,
Dieterice, und die Frau Amtmannin wird weder um
meinet- noch um Seinetwegen zu so nachtschlafender
Stunde den Schlüssel zum Küchenschrank unter dem
Kopfkissen vorlangen.“

Musjeh Thedel stieß zwischen seinem Kauen, Schlingen
und Schlucken einen Laut aus, der seine Gefühle in
Betreff der Frau Klosteramtmannin vollkommen deutlich
ausdrückte. Als er den ersten freien Athem wiedergewonnen hatte, seufzte er mit der Befriedigung des
für's Erste wenigstens noch einmal vom Verhungern
Geretteten:

„Sufficit. Es genüget vor's Erste; — erzähle Er,
Wanderer zu Sparta, daß Du mich dankbar erblicket
hast für das, was Gott gegeben und Amelungsborn
übrig und frei und offen auf'm Tische liegen gelassen
hat. Auf dem Wege von Holzminden her hatte kein
Bauer mehr was! Sie hatten alles in die Erde vergraben und in hohlen Bäumen versteckt vor dem Marquis
von Poyanne.“

Magister Buchius drückte beide Hände an die Schläfen:
„Es ist ein Wirbel! man überschläget sich im Abysso!
Ja, auch der Feind! Man vergisset im selbigen Moment
das Eine über das Andere! Ja, auch das, auch das,
auch das! Die Franzosen kommen wieder, und Er ist
eben auch gekommen, Münchhausen — und Wieschen
und Heinrich Schelze und Mamsell Selinde und die
Schlacht auf dem Odfelde — die Rabenschlacht und
der Herzog Ferdinand, der Herr Amtmann und die Frau
Amtmannin, der Marschall von Broglio, und — Der da!“

Er wies auf den Raben, der, seit der Exprimaner
von Amelungsborn und Holzminden das Brod ihm genommen hatte, mit kuriosester Zutraulichkeit ein Wohlgefallen an dem jungen Landläufer gefunden zu haben
schien.

„Krah!“ sprach er, der schwarze Ritter vom Campus
Odini, und mit einem Mal saß er dem Knaben auf
der Schulter und bohrte ihm fast seinen Schnabel in's
Ohr und redete in seiner Sprache zu ihm, eindringlich,
nachdrücklich, wohl Sachen von hoher Wichtigkeit, wie
Hugin und Munin sie vordem von ihren Flügen über
die Erde mitgebracht haben sollen nach Walhalla.

„Vivant tempora!“ rief der tolle Thedel von seinem
Sitze aufspringend. „Wer mögte sie anders? Die
ganze Welt ein einzig lustig Jagdrevier, — Jedem
nach seiner Fortuna. Aber freilich, frisch Blut, junge
Beine und grobe Fäuste gehören auch wohl dazu, wenn
es so zur Rechten und zur Linken blitzt und knallt.
Und das Vaterland soll leben, der König Fritze und der
Herzog Ferdinand und — Mademoiselle Selinde! Jetzt
kann ich es dem Herrn Magister schon gestehen, sie war
unsere Göttin schon in der Sekunda, und wir wären
für sie durch's Wasser und Feuer gegangen. In der
Prima hätten wir Alle uns ihretwegen dem Teufel mit
Leib und Seele verkauft; aber zu mir allein hat sie
gesagt: Herr von Münchhausen, die Andern sind mir
doch alle dumme Jungen, aber mit Ihm und unter
Seiner Sauve-Garde ziehe ich schon in die weite Welt,
wenn es mir ma chère tante nur noch ein bischen
schlimmer macht. Sie ist ein Engel, mein Engel, ich
lasse mir die Knochen für sie zusammenschlagen, und
ich schlage Jedem, den sie lieber will als mich, die
Knochen zusammen, und wenn chère tante ihr es jetzt
zu arg gemacht hat und sie mit will, so bin ich in
dieser Nacht auch deßwegen noch einmal in Amelungsborn — Herr — was — soll? —“

Er vollendete sein Wort nicht. Magister Buchius
hatte ihn zu fest an der Schulter gefaßt, Magister
Buchius schüttelte, riß ihn, selber vor Aufregung zitternd, zu sehr hin und her. Magister Buchius sagte
das, was er bis jetzt noch niemals zu einem der Herren
Sekundaner oder gar Primaner der gelahrten Schule
zu Amelungsborn zu sagen gewagt hatte. Er sagte:

„Lieber Monsieur von Münchhausen, Er ist ein
Narr. Nehme Er es mir nicht für ungut: aber Er ist
mehr denn ein Narr — Er ist ein Einfaltspinsel und
ein neugeboren Kind im Taumel dieses irdischen Elends.
Er hat den Ovidius zu viel und den Livius und den
Tacitus zu wenig traktiret. Man hat dieses Ihm nicht
verhalten und man wird's Ihm im neuen Wesen zu
Holzminden gesagt haben. Mit der Mademoisell kann
ich Ihm nicht dienen, so wenig ich Ihm in dieser Nacht
zu Seinem Stück trockenen Brodes da zu einem andern
Stück guten Fleisches verhelfen kann. Sie ist doch um
mehrere Lustra älter als wie Er. Ei, wie hat Er mich
mit sich drehend gemacht! Ich möchte Ihn in meine
Arme fassen, um Ihn nimmer wieder von mir gehen
zu lassen; und ich möchte — ei, ich möchte —“

„Doch das hispanische Rohr ergreifen und dem
Halunken sein meritirtes Theil geben, daß kein Korporal nachher beim König Friederikus oder dem guten
Herzog Ferdinand noch eine heile Stelle für seinen Stab
Wehe ausfinden sollte! Haue Er zu, Herr Magister, aber
rede Er mir nichts gegen Jungfer Selinde Fegebanck.“

Der alte Magister zog seinen besten und schlimmsten Schüler in seine Arme und gebrauchte den Stab
Wehe der Korporale und der Schulmeister des achtzehnten Säkulums wahrlich nicht an ihm. Das gemästete Kalb hatte er nicht für ihn schlachten können,
Mamsell Selinden vermochte er ihm nicht aus den jungen
Sinnen und Gedanken zu vertreiben; aber nach vielem
Hin- und Herreden gab er ihm den Strohsack aus seiner
Bettstelle und begnügte sich mit dem Unterbette. Er
wollte ihm auch sein Kopfkissen geben; aber das nahm
Thedel von Münchhausen nicht an, sondern rollte einfach seine Jacke zusammen und sich zusammen gleich
einem Igel unter des Magisters Rockelor.

Während der Junge sofort auf seinem spartanischen
Lager einschlief, blieb der Alte noch eine geraume Zeit
wach und hörte seine Kirchthurmuhr schlagen und suchte
die Gespenster und Gedankengespinnste dieses Tages zu
„einfachen und ordentlichen“ Schlüssen zusammenzuziehen und fest zu bannen. Er entschlummerte und erwachte schreckhaft von Neuem. Er balgte sich in den
Augustschlachten des laufenden Jahres mit dem Herrn Vicomte von Belsunce und dem General Luckner; er war
mit seiner Schule auf dem Wege vom Auerberge nach
der Weser und er sah sich allein gelassen auf der Landstraße und hatte immer fort vor sich hin zu sprechen:
Siebenzehnhundertsechzig, siebenzehnhundertsechzig, siebenzehnhundertsechzig. Eben ging er noch auf der Berlin-Kölnischen Heerstraße, die Schöße seines schwarzen
Schulmeisterrockes gegen den Wind zusammenhaltend;
nun entfalteten sie sich doch und trugen ihn aufwärts
unter die schwarzen gefiederten Tausende, die ihre
Schlacht über dem Odfelde und dem Quadhagen ausfochten. Er hieb auch mit dem Schnabel nach rechts
und links, doch er hatte bissige Gegner, die ihn auch
von allen Seiten zu bedrängen verstanden. Daß er
mehr als einen seiner frühern Herren Kollegen mit
wirbeln und auf sich einfliegen sah, war so im Traum
eigentlich nicht verwunderlich. Hui, und das Feldgeschrei,
wie es verworren um ihn krächzte, knarrte, kreischte!

Barbara, celarent, primae, darii ferioque.
Cesare, camestris, festino, baroco secundae.
Tertia darapti sibi vindicat atque felapton
Adjungens disamis, datisi, bocardo, ferison!

Alles scholastische Schulgeschrei, was durch die Jahrhunderte zu Kloster Amelungsborn in den Zellen und
auf und vor den Kathedern verhallt war, das war in
diesem Traum und in dieser Nacht von Neuem wach
geworden. Aber selbst im Traume war es dem Magister
Buchius verwunderlich, daß er plötzlich auch Mademoiselle Selinde Fegebanck mit gelöstem Rabengelock auf
sich einstürmen sah: „Baroco! facrono!“ — was half
es ihm, daß er der Walkyria entgegenzeterte: „Bocardo!
docambroc!?“ Sie umfittichte ihn näher und näher,
schlug ihm die Perrücke vom Haupte und faßte ihn
mit den Krallen in die Brustklappen seines Rockes und
hieb auf seinen Busen ein. Da sank er unter dem
harpyischen Gespenst und Omen tiefer und tiefer aus
den dunkeln Lüften hinab auf seinen Campus Odini,
und als er den Boden berührte, erwachte er natürlich,
und es war sein schwarzer gefiederter Schützling und
Gastfreund vom Odfelde, der ihm in Fleisch, Blut und
Federn auf der Brust saß und an den Knöpfen seines
Nachtkamisols zupfte. Er erhob sich jäh, der Magister
Buchius nämlich, und das Scheusal flatterte mit Gekrächz von ihm und zurück in den Ofenwinkel; der
Magister aber lag schweißtriefend, halbaufgerichtet auf
seinem rechten Ellenbogen und horchte nach seinem andern
Schützling und Gastfreund hin. Der wendete sich eben
in seinem Traum von der Linken auf die Rechte und
murmelte unruhvoll, ja weinend:

„Dieser Zeit Gemüther
„Führen falsche Güter,
„Weil der Zeug der Welt
„Keine Farbe hält.
„Trau nicht Wort und Hand;
„Denke nur kein Pfand
„Ist genug vor Unbestand.“

Dies war aus einem Liederbuch, das vordem auf
seiner seligen Mutter Tischchen zu Bevern gelegen hatte.
Es stammte noch aus dem verflossenen Jahrhundert,
enthielt des Herrn von Hoffmannswaldau und anderer
berühmten teutschen Poeten auserlesene Gedichte; und
der Junker von Münchhausen hatte schon in jüngsten
Jahren mehr aus ihm gelernt, als ihm eigentlich
gut war.

Zehntes Kapitel.

„Woraus denn deutlich zu ersehen, wieviel diese
barbarisch scheinenden Wörter bedeuten und wie geschickt
sie besonders sind, alle sowohl allgemeine als besondere
Schlußregeln zu übersehen und in jeder Figur sich alle
richtigen Schlußarten einzuprägen. — Davon zeigt barbara die allgemein bejahenden, celarent die allgemein
verneinenden, darii die besonders bejahenden und ferio
die besonders verneinenden ꝛc.“

Also sagte dagegen, nämlich gegen die Lieder des
siebenzehnten Jahrhunderts in Schweinsleder, die Deutliche und praktische Vernunftlehre für Schulen
insgemein und also auch für die weiland hohe Kloster-Wald- und Wildniß-Schule zu Amelungsborn. Aber
wer gar nichts im Wachen und im Traum auf: Cacresen, bamallp, dimatis, fesapo, fresison hielt, das
war des Herrn Klosteramtmanns Vetterstochter Mademoisell Selinde Fegebank. Sie war seinerzeit mit der
Schule auch ohne die Logika der Scholastiker ganz gut
ausgekommen und fertig geworden. Schlüsse wie:

Wer nicht gelehrt ist, ist kein Mensch,
Kein Bauer ist gelehrt, also
Ist kein Bauer ein Mensch,

mochten nach Paragraph Einundneunzig den Herren Primanern zum warnenden Muster diktirt werden, für
Mamsell hatten sie nicht den geringsten Sinn. Die
brauchte kein Muster, die wußte von ihrer Mutter her
schon ganz genau, wo der Mensch anfängt, und wo er
aufhört. Sie hatte einfach gekreischt unter den Eichen
im Sundern über die Conclusion:

Kein Mensch ist ein Engel,
Kein Vieh ist ein Engel, also
Kein Vieh ist ein Mensch.

„Musjeh von Münchhausen,“ hatte sie gelacht, „wenn
Er mich künftig einmal wieder einen Engel nennen will,
bleibe Er mir nachher mit seinem Buche und seiner
Gelehrsamkeit vom Leibe. Und dazu weiß ich auch gar
nicht, was daraus werden sollte, wenn ich so dumm
wäre wie Er. Aber ein guter Mensch ist Er, und ich
sitze ganz gern mit Ihm hier im Grünen und bei der
Hitze im Schatten im Hoop, und daß Er voll Lieder
und Singsang steckt, wie der Buchenbaum voll Maikäfer, das gefällt mir auch schon; aber — Musjeh
Thedel, wo wollte Er wohl mit mir hin? über die Eichbäume hinaus! ins Himmelblau und gar jetzo mitten
im Kriege! und wie mein Onkel und Seine Herren
Lehrer über Ihn denken, das weiß er doch auch; und
— Herr von Münchhausen, Er närrischer Eulenspiegel,
zu früh soll doch Niemand erfahren, wo Barthel Most
holt. Das hat mir meine selige Mutter zu zehntausend
Malen gesagt und hat noch auf ihrem Todtenbett gesagt: Mädchen, daß Du mir nicht dumme Dinge machst
in Amelungsborn unter den Herren Scholaren und
jungen Herren Magistern. — Da, küsse Er mir denn
die Hand, wenn Er durchaus es nicht lassen kann!“…

In dieser Nacht nun, die mit dem Beginn dieser
Geschichte ebenfalls angefangen hat, haben wir itzo nun
auch einen bescheidenen Blick in Mamsell Gelindens
jungfräulich Kämmerlein drüben im andern Theil der
weiland Klostergebäude zu werfen. Eine einfache Mönchszelle war ihr darin nicht vom galanten Fato angewiesen
worden. Die Tante, die Frau Klosteramtmännin hatte
sie im Gemach des weiland Subpriors von Amelungsborn untergebracht, und ihr bei ihrer Ankunft gesagt:
„Wer sich im Kloster Amelungsborn vor'm Spuken fürchtet,
dem können wir nicht helfen; aber sollte Dir mal was
Ernsthaftes widerfahren, so brauchst Du nur hier im
Gange hell zu schreien. Wir werden Dich dann schon
hören, und zusehen, wo es Dir fehlt. Mir persönlich
ist bei meinem hiesigen Leben noch niemalen ein Gespenst begegnet, als ein paar Male, wo ich aber gleich
am andern Morgen zum alten Tropf, dem Herrn Rector
ging und mir in meiner Gegenwart die nächtlichen
Halunken aus seiner lateinischen Spitzbubenbande herauslangte. Da ist so ein Schlingel, so einer von den
Münchhausens, die in Bevern zuletzt nichts zu beißen
und zu brechen hatten, den habe ich mir einmal, aber
ganz persönlich, hier gerade vor Deiner Thür eingefangen; er trägt wohl noch die Spur von Deines
Oheims Stiefelknecht hinten am Hinterkopf. Also, Kind,
Du kannst ganz ruhig schlafen in Amelungsborn, bis
ich Dich wecke; dann aber bist Du mir 'raus aus den
Federn, oder ich zeige Dir, was 'n wirkliches Gespenste
in Fleisch und Blut zu sagen hat“. — Wie gut sich
Jungfer Selinde Fegebank in Alles, was in Kloster
Amelungsborn ein-, aus- und umging, gefunden hatte,
wissen wir also schon: werfen wir jetzt demnach ruhig
den besagten Blick in ihre Kemenate. Die Jungfrau
schlief ganz behaglich in ihrem Federbett aus dem unruhevollen Tage voll Lärm, Gezänk und bösen Omina
in den neuen Tag hinein und — lächelte im Traum:
die bösen Franzosen, die schon ein paar Male dagewesen waren und nun morgen wiederkommen sollten,
hatten ihr bis jetzt eigentlich gar so übel nicht gefallen.

„Mit mir sind die Herren Offiziers doch ganz
honett, galant umgegangen, und es war gar nicht nöthig,
daß mich chère tante am liebsten mit dem Silberzeug
vergraben hätte,“ hatte sie beim Zubettgehen gesagt.
„Ei, es wird also auch morgen wohl nicht so schlimm
mit ihnen ausfallen. Die Luckner'schen neulich waren
ganz andere Flegel, und meinethalben lieber das ganze
Haus voll von den himmelblauen Dragonern, als ein
halb Dutzend von den dunkelblauen Husaren in Stube,
Kammer, Küche und Keller! Ordentlich leid konnte es
Einem thun, als die Hellblauen vor den Dunkelblauen
so Hals über Kopf davon mußten. Und dem galanten
Monsieur, dem armen Lieutenant Seraphin, den die
Knechte an der Gartenmauer vergraben haben, dem
pflanze ich im Frühjahr noch einen Rosmarin auf's
Grab. Es war zu poliment, wie er mir noch im
Sterben die Hand küssen wollte. Den Schlingeln, den
Lümmeln, den Grobianen, die Einem wie die wilden
Thiere die Krause zerknüllen wollen, denen weiß man
schon die zehn Fingernägel in's Fleisch und die Schnauzbärte zu setzen. Ei ja, ja, ein böses Leben ist's im
Kriege; aber doch ein anderes lustigeres Ding als zu
unserer Magisters- und Schuljungenzeit hier. Da war
doch nur der arme Junge, unser böser Thedel, der junge
Herre von Münchhausen — ja, Der zu Pferde, im Federhut,
mit der Schärpe und mit dem Pallasch in der Faust
— — — je ja, je ja,— — — “

Und auf den Lippen mit den Reimen:

Ist es möglich, daß Du weinest?
Ist es möglich, daß Du meinest,
Daß ich Dich verlassen kann?

war sie guten Gewissens und gesund eingeschlafen, um
im Traum ihr Dasein und Wesen in der Welt weiter
zu spielen wie im Wachen. Kloster Amelungsborn,
sein Amt und seine Schule, der siebenjährige Krieg, die
schwarzen Lateiner, die preußischen Husaren, die französischen Dragoner vertrugen sich in Mademoisell Selindens harmloser alberner Seele besser mit einander, als
es die meisten Geschichtsschreiber für möglich halten.
Und wenn die Leute auf der Letzteren Schrift doch
bauen und trauen und ihr auch gern nachgehen haufensweise, so ist das recht gut aus mehrfachen
Gründen.

Das gute Mädchen flog ebenfalls die ganze Nacht
durch. Von der Rabenschlacht hatte sie natürlich auch
vernommen und auch den Kämpfer aus derselben, den
Magister Buchius mit nach Hause brachte, betrachtet.
Sie hatte wie die meisten Andern ihrem Ekel über das
Unthier Worte verliehen, und nun rächte sich der Spuk,
so gut er konnte, und ließ sie im Traum erleben, was
der Justizamtmann Bürger zu Altengleichen im Calenbergischen, zehn oder elf Jahre später, in die deutsche
Litteraturgeschichte als großer neuer Poet hineinsang:

Der Mond, der scheint so helle,
Die Todten reiten so schnelle:
Feines Liebchen, graut dir nicht?

Und an den an der Gartenmauer den ewigen Schlaf
schlafenden Königsdragoner Unterlieutenant Seraphin
hatte sie auch nicht ohne Gefährde beim Zubettesteigen gedacht. Sie hatte einen feinen Traum; und
man hebt einen Zipfel von der Decke vor dem großen
Mysterium der Welt, wenn man bedenkt und ganz
genau in Betrachtung zieht, daß die Dummen und
Armen im Geiste die allerwundervollsten und geistreichsten Träume haben können; ebenso geistreiche und
sonderbare, als wie die Klugen, die Weisen, sowohl am
Tage wie bei Nacht.

Mamsell Selinde wurde auch im November 1761
abgeholt von ihrem todten Dragoner wie Lenore von ihrem
Wilhelm. Es stand aber ein weißes Roß an der
Mauer des Gemüsegartens, und der Himmel war hellblau, die Sonne stand im Mittage, Wald, Feld und
Wiesen waren grün, und es kam ein lustiges, frisches
Windeswehen dazu her vom Hils, vom Ith, vom Vogler,
über die alte Ringmauer der Cisterciensermönche von
Kloster Amelungsborn. Lustige Musik von Nah und
von Fern klang der Jungfer in's Ohr. Als ob es sich
von selbst so verstünde, war sie in ihrem allerbesten
Sonntagsstaat, mit Bändern und Reifrock und Stöckelschuhen, mit Puder und Handschuhen — eben noch in
ihrer Kammer auf dem Bettrande und nun draußen
im Garten, im blühenden Garten voll von Bienen und
Buttervögeln. Ueber die Klosterringmauer sah der
weiße Pferdekopf und winkte der junge lachende Reiterlieutenant im himmelblauen Rock mit Silber der Dragons de Ferronays mit dem Federhut: Wir reiten,
wir reiten, Mademoiselle! — Ich wollt Ihm aber
doch noch ein Zweiglein Rosmarin an die Kokarde
stecken, Monsieur, sagte die Jungfer, hat Er es denn
gar so eilig, Monsieur Seraphin? . . . . Die wilde
Rose, la fleur d'eglantine, dort vom Busch, Mademoiselle! wir reiten, wir reiten — Sattel und Steigbügel! — unsere Zeit ist hin im deutschen Lande —
westwärts, südwärts, durch Nebel und Schnee, durch
und Sturm über den Rhein in die Sonne, in's
warme lustige Frankreich zurück. Es ist Platz im
Sattel, Mademoiselle, ma belle, ma jolie fleur de
romarin — wir reiten, wir reiten, Mademoiselle Selinde!

Es war ganz närrisch — war das nicht der Herr
Magister und Kollaborator Zinserling, der da im
Klosterbau grad jetzt sein Fenster aufmachte und sich
drein legte und in den Sonnenschein, das Mittagslicht und
frische Wesen von Mamsells Traumgebilden satyrisch
hineinkrähete und zwar tumultuose gegen jedwede Schulgesetze:

„Wie närrisch lebt ein Kerl doch in der Welt,
„Wenn er erst in das Garn der Liebe fällt;
„Wenn er den Muth für einen Blick verhandelt
„Und in den Stricken des Verderbens wandelt?

Und war's nicht der liebe gute Junge, der Musjeh
Thedel, der Herr Primaner, der Junker von Münchhausen, welcher da hinter den Stachelbeerenbüschen schlich
und zum gelahrten Herrn hinaufhöhnte:

„Bald sitzt ihm der Kragen am Halse nicht recht,
„Bald ist ihm die dünne Paruque zu schlecht,
„Bald zieht er den Degen, bald steckt er ihn ein,
„Bald denkt er ein Bauer, bald König zu sein!! — ?

Alles im Sonnenschein — der Garten, das alte
Kloster — weiße Tauben in Schwärmen um die Dächer
und den Kirchthurm und — mit einem Male in den
Lüften über der grünen Welt — im Sattel vor dem
Reiter des Königs Ludwigs des Fünfzehnten, mitten
im Tilithigau: La France! vive la France! Mamsell
Selinde verstand im Wachen kein Französisch, aber im
Traume verstand sie es: „Frankreich, Frankreich!“ rief
und jauchzte es um sie her tausendstimmig. Zu Hunderten, zu Tausenden ritten sie — ritten sie westwärts
der Weser zu — alle die thörichten Kinder der belle
France, die ihr Grab ostwärts des gelben Stromes,
dießmal im lieben kleinen Kriege der Madame de
Pompadour gefunden hatten. Auf Wodans Felde, über
dem Odfelde, über dem Quadhagen, wo gestern die
schwarzen Vögel gestritten hatten, sammelten sich die
luftigen, lustigen Geschwader in Gold und Roth und
Blau, in Silber und Weiß und Grün und Gelb,
Champagne und Limousin, Dragoner von Ferronays
und du Roy, Freiwillige von Austrasien, Grenadiers
von Beaufremont, Grenadiers royaux, Carabiniers von
Castella, Carabiniers von Provence. Wer zählt es
im Wachen, was Mamsell Selinde nicht im Traume
zählen konnte — alles Das, was in den beiden letzten
Jahren nur zwischen dem Harz und der Weser
der Mutter Erde und dem Bauernspaden anheimgefallen war? Ja, hurre, hurre, hop, hop, hop, aber
beim helllichten Tagesschein und ohne alles gespenstische
Grauen! Mademoiselle Selinde fand nicht das geringste
Sonderbare dabei, daß sie den linken Arm um den
hübschen jungen Dragoner vom Regiment Ferronays
geschlungen hielt und mit der rechten Hand hoch aus
den Lüften über dem Campus Odini des Magisters
Buchius deuten konnte: Da unten geht ja die Frau
Tante über'n Hof, und in der Milchkammer sollte ich
eigentlich auch jetzo sein, Musjeh Seraphin! —

Là, chaque place
Donne à choisir
Quelque plaisir
Qu'un autre efface.
C'est à l'entour
De ce domaine
Que je promène
Au point du jour
Ma souveraine —

Jungfer Selinde verstand kein Französisch, aber
doch verstand sie die Verse des gentil Bernard die ihr
bei Tagesanbruch im Traume über den Feldern, Wiesen,
Wäldern und Dächern von Kloster Amelungsborn, hoch
in den Lüften aus lachendem Munde in's Ohr geflüstert
wurden beim Schwirren, Flattern und Fliegen der
lustigen Geschwader umher, die sich immer mehr verdichteten, ihre Reihen und Glieder schlossen und sich zu
Zügen ordneten, Fußvolk und Reiter, wie sie sich losmachten aus dem Erdboden, um nicht zurückzubleiben,
so in's Einzelne verstreut über die Barbarenerde. Es
war vielleicht grade in dieser Nacht, daß die Frau
Marquise aus Versailles an den Herzog von Choiseuil
schrieb! Quant à l'Allemagne tout y est désespéré.
L'Allemagne a toujours été le tambeau des Français;
dans cette guerre elle a encore été le tombeau de
leur gloire!… Was kümmerten sich im Traume
der Jungfer Selinde die Welt um die Frau Marquise,
den Herzog von Choiseuil und die gloire von Frankreich? Es war nur jetzt in den Lüften der beste Schützenhof, auf dem Mamsell ja die Tempeteh mit getanzet
hatte. La tempête — drüben aus Frankreich her war
ja der Tanz auch zu den Niedersachsen gekommen; und
alle Trompeter bliesen und alle Querpfeifer pfiffen und
alle Trommler rasselten in dieser Nacht zu Amelungsborn die wilde Weise dazu — wie auf der Steinbreite bei Holzminden.

Und immer toller wurde der Wirbel, und immer
mehr und mehr des luftigen, lustigen Geistergesindels!
und immer herzlicher klammerte sich im Spukkaroussel
die Jungfer an ihren lachenden Reiter, und immer
jubelnder klang's rund umher: Nach Frankreich! nach
Frankreich! nach Hause! nach Hause!

Wo unser Herrgott lebt wie Gott in Frankreich,
Musjeh Seraphin, lachte auch Mamsell. Aber geht es
denn immer nur so im Kreise? geht es denn nicht
fort, nicht weiter, — gradaus im Fluge?

Wir warten nur noch auf den Herrn General-Lieutenant, Mademoiselle. Voila, da kommt er!

Und vom Westen her kam ein einzelner Reiter auf
schwarzem Roß, und Jungfer Selinde Fegebanck verstand es ganz genau wie Jemand sagte:

Herr Ludwig Ferdinand Joseph von Croy, Herzog
von Havre, des heiligen römischen Reiches Fürst,
Grand von Spanien, der Krone Frankreich Marechal
de camp, Gouverneur von Schlettstadt, Obrister des
Regiment la Couronne —

Bei Wellinghausen gefallen! sagte jetzt plötzlich der
blaue Dragonerlieutenant von der Gartenmauer zu Kloster
Amelungsborn scheu, trübe, traurig der Allerschönsten
von Amelungsborn in's Ohr, und — Jungfer Selinde
Fegebanck kreischte nur noch: Jesus, Herr Lieutenant!
— Der vornehme Cavalier auf dem schwarzen Roß
inmitten des Geisterheers hob den Arm — einen zerschmetterten, ärmellosen, handlosen, blutigen Armstumpfen:
En avant, messieurs! Vive le Roy! Vive la France!
… Ein Schrei, ein Schreien, ein Heulen und Gezeter; dazwischen Gejauchz und schwere Schläge wie
von fernem Donner und nahem Thürenschlagen! Jungfer
Selinde fiel auch — wie man immer und ewig so im
Traum zu fallen pflegt. In dem schwirrenden Getümmel von Rossen und Reitern stürzte sie aus dem
Sattel des armen todten Lieutenants Seraphins, aus dem
Sonnenschein, dem lichten Tage hinab in's Dunkel und
in die Wirklichkeit hinunter und zurück.

Sie saß zitternd und bebend auf ihrem Bett in
ihrer Kammer, der Tag dämmerte eben, der Regen
klatschte an's Fenster. Fern draußen schlugen Trommeln einen eintönigen Marsch; doch in der Nähe
schlugen Flintenkolben an Thür und Thor. In fremdländischen Zungen fluchte und wetterte es, in einheimischen jammerte, ächzte und kreischte es. Draußen
auf dem Gange glaubte Jungfer Fegebanck auch ihres
Oheims schweren gestiefelten Schritt zu erkennen im
Getümmel von bloß bepantuffelten, bestrümpften oder
gar strumpflosen Füßen: die Franzosen waren noch
einmal in Fleisch und Blut in Amelungsborn. —

Eilftes Kapitel.

„Herr Magister!“

Das wurde wie in einen tiefen Brunnen hinabgerufen, und es dauerte seine Weile, ehe Antwort heraufkam.

„Herr Magister Buchius!“

„Eh — eh — heu! Si fractus illabitur —“,

„Jawohl — orbis! wenn der Erdball einfällt, den
Weisen weckt's nicht! Eben schlagen sie das Hofthor
ein, und der alte Impavidus nimmt's bloß für den Weltuntergang und schnarcht weiter, weil ihn die Ruinirung
garnichts angeht. Einen famosen Schlaf mit gutem
Gewissen muß der alte Herr bei dem Lärm haben!
Aber auf muß er. Herr Magister! Herr Magister
Buchius — die Schulglocke!“

Beim letzten Wort saß der alte Schulmeister aufrecht auf seinem Bett, mit beiden Händen hastig um
sich herum greifend, wie nach seinen nöthigsten Kleidungsstücken, seinen Büchern, seinem nur zu harmlosen
Bakel. Dem jungen grinsenden Bösewicht zitterte in
seiner Lust an dem Witz die Lampe, mit der er dem
erschreckten Kollaborator in's Gesicht leuchtete, in der
Hand.

„Ecce! ehem! hem! papae! um Gottes willen, wie
spät —“

„Beruhige sich der Herr Magister nur. Zu spät
ist's noch nicht. Wir haben das ganze Pläsir noch vor
uns. Der Tag bricht eben erst an, und es ist nicht
der Herr Rector von Amelungsborn, der an der Thür
trommelt, sondern es sind nur die lieben Herren Franzosen,
die wieder das Thor einschlagen und nochmal Quartier
verlangen. Der Herr Prior und Rector liegen hoffentlich zu Holzminden im Frieden und in den Federn
und lassen höchstens im Traum den Herrn Magister
grüßen.“

Diese ausführlicheren Benachrichtigungen waren wirklich nicht nöthig. Zu halbem Bewußtsein gelangt, merkte
es der alte Herr schon, daß es nicht sein früherer
Scholarch sei, der ihm auf den Hacken sitze, sondern daß
nur der Krieg der Krone Preußen mit der ganzen Welt
augenblicklich noch fortdauere und Canada immer noch
in Deutschland erobert werde. Die Trommeln der
ziehenden Truppen, das Krachen des eingeschlagenen
Klosterthores, das Gebrüll und Hallo auf den Höfen,
auf den Treppen und in den Korridoren sprachen laut
und deutlich genug für sich selber. Nur die Anwesenheit, die Gegenwärtigkeit des Junkers von Münchhausen
war dem aus tiefstem Schlaf Erweckten für einige
Momente noch unbegreifbar.

„Die Franzosen! Ei, ei. Aber — nae ego —
Er, Monsieur Thedel? Ja aber ist Er — wie kommt
Er?… Ja so!“

Mit den letzten zwei Worten war Magister Buchius
wieder vollkommen bei sich und mit allen vom Himmel
gespendeten Seelenkräften beim laufenden Tage:

„So hat Er Recht gehabt, Musjeh Thedel; und
uns möge Gott noch einmal gnädig sein, wie er uns
schon so oft geholfen hat.“

„Er wird's ja wohl, — sich Einer, das schwarze
Vieh da auf dem Bettpfosten vertraut ganz auf ihn
und läßt sich's in seinem gesunden Schlaf nicht kümmern.“

„Der Bote hat seinen Auftrag ausgerichtet und
braucht sich freilich das Uebrige nicht kümmern zu lassen,“
seufzte bänglich der Magister, den linken Fuß zuerst
auf den Gipsboden vor seinem Bett stellend, was
gleichfalls sein gutes Vorzeichen sein soll:

„Quo, quo scelesti — welch' ein Lärm, welch' ein
Tumult der Hölle! Sie wollen diesmal jedes Gemäuer
dem Grunde gleich machen —“

„Da nehme Er die Lampe!“ rief der Schüler, und
vergeblich rief ihm der Magister Buchius nach:

„Herr von Münchhausen! Aber Musjeh — Monsieur Thedel!“

Der gute Junge hatte schon sein Möglichstes gethan, daß er sich zuerst und so lange dem Vater
Anchises gewidmet hatte; jetzo hörte er Crëusen schreien,
und krachend schlug die Thür der Zelle des Bruders
Philemon hinter ihm in's Schloß. Vergeblich rief sein
väterlicher Freund und Lehrer seine Verblüffung und
seine Klage ihm nach. Abiit, evasit, erupit — ab
ging er mit seinen achtzehn oder neunzehn Jahren:
denn Sie schrie nach Ihm in ihrer höchsten Noth, im
letzten, schlimmsten Einbruch, in der Vergewaltigung
durch den Fremden, durch den welschen Feind.

Schön hatte ihm sein alter Lateinlehrer nachzurufen:

„Aber Musjeh? Monsieur Thedel? Herr von
Münchhausen, was fällt Ihm denn ein? Um Gottes
willen, was fällt Ihm ein, wo will Er hin? So höre
Er — bleibe Er doch —“

Wer nicht hörte, war der Junker von Münchhausen,
und daß er Bescheid wußte in den Gebäulichkeiten, auf
den Treppen und mit den Schlupflöchern von Kloster
Amelungsborn, ist in diesem Augenblick weniger ein
Trost für den Magister Buchius, als für ihn selber.
Und wer, wie gewöhnlich bei solchen Fällen, ganz und
gar keines Trostes bedurfte, weil er aus dem tiefsten
Naturrecht heraus ganz und gar nicht bei Troste war,
das war der Junker Thedel von Münchhausen. Was
Krieg und Brand, Mord und Tod und Welteinfall?
Kein Latein mehr und — sie drüben im Amthause
nach dem Retter und Ritter in der höchsten Noth
schreiend! Mit einem Jauchzen, das wahrlich nicht nach
Noth, Angst und Verzweiflung klang, sprang der Wildfang hinein in den Tumult des fünften Novembers
Siebenzehnhunderteinundsechzig. Es war ihm wirklich
nicht zuzumuthen, seinem — einem alten Präceptor,
und wenn es ihm auch der liebste war, in die Hosen
zu helfen. Glücklicherweise aber hatte Mademoiselle
ihre Toilette wenigstens so ziemlich vollendet, während der Magister Buchius noch mit bebenden Fingern
an seinen Knöpfen und Knopflöchern hin und wider
tastete. Als ein standfestes Mädchen hatte sie ihren
Traum abgeschüttelt, Feuer geschlagen, ihr Lämpchen
angezündet und sich „für Alles zurecht gemacht“. So
saß sie auf ihrem Bettrand und wartete auf ihr Theil
Unheil vom abermaligen Einbruch der Franzosen als
ein gutes Mädchen, wie es dem lieben Gott gefällig
war. —

„I du meine Güte!“ rief sie, als in all dem Lärm
des feindlichen Einbruchs es durch ihr Schlüsselloch
klang:

„Sylvia, dein kaltes Nein,
„Kann mir dennoch nicht verwehren,
„Dich zu lieben, zu verehren;
„Gieb nur hier ein Jawort drein.“

„Der Junge! der närrische Junge!“ rief sie, aufspringend und ihrerseits das Ohr zum Schloß der verriegelten Pforte niederbeugend. „Musjeh? Junker
Thedel? Herr von Münchhausen, ist Er denn das?
Jeses, auch jetzt mit Seinem ewigen Singsang? Was
hat Er denn jetzt wieder für Narrheiten im Kopf?“

„Das fragt Sie noch, Mademoisell?“ klang es vorwurfsvoll zurück durch's Schlüsselloch. „Bei dem Spektakel? . . Sie aus dem Feuer holen, will er! In das
Wasser für Sie gehen wie Ihr Pudelhund will er.
Jeden Franzmann, der Ihr auf drei Schritte nahe kommt,
unter'm Daumen knicken will er. Riegle Sie auf,
Jungfer! Will Sie? Auf den Knien liege ich hier —“

„Reine verrückt ist Er; aber — doch ein guter
Mensche!“ sagte Jungfer Selinde Fegebanck, wirklich
ihre Thür öffnend und in demselben Augenblick ihn,
mit der Faust in seinen Haaren, von sich abdrängend.
„Herr von Münchhausen, das bitt' ich mir aber aus —“

„Engel!“ schluchzte der Tollkopf, jetzt wahrhaftig
auf den Knien vor seinem Ideale. „Hat man mich
nicht um Sie von Holzminden weggejagt? Bin ich
nicht um Sie den Tag durch gelaufen? Haben mich
Ihretwegen nicht der Herr von Chabot und seine Halunken
gejagt und hängen wollen? Hab ich nicht Ihretwegen
mit des Magisters Buchius letzter Brodrinde die Nacht
durch auf dem kalten Gypsboden gelegen?“

„Ein Flegel braucht Er darum doch nicht zu sein,
und wenn ich zehntausendmal ein Engel bin — Jesus
Christus, Thedel, liebster, bester, allerliebster Thedel
— sie wollen wohl dießmal das Kind im Mutterleibe
nicht verschonen!“

„Deßhalb bin ich ja von Holzminden hergelaufen.
Ueber meinen Leichnam geht der Weg zu Dir, meine
Prinzeß. Courage, Herze, Göttin, Seraph! Und in
der höchsten Noth weiß ich ja Hausgelegenheit in
Amelungsborn.“

Das gute Mädchen hing jetzo seinerseits dem jungen
ritterlichen Beschützer am Halse. Was thut der Mensch
nicht in seiner Angst, wenn es nicht bei bloßen Kolbenstößen gegen die Thüren bleibt, sondern auch die
Musqueten in die Thürschlösser abgefeuert werden,
um den Eintritt rascher zu erzwingen. Es waren dießmal
nicht ritterliche rothe, blaue, gelbe Dragoner oder grüne
Chasseurs à cheval, die bei Sonnenschein und hellem
Tage kamen, sondern es war wüstes, wildes, verlumptes,
verhungertes Fußvolk Ludwigs des Fünfzehnten, das
bei dem neuen Anmarsch auf die Hube bei Einbeck
im Kloster Amelungsborn einsprach und am dunkeln
regnichten Novembermorgen die Leute aus den Betten
holte. Nachzügler von den Regimentern Navarra, Salis,
Boccard, Reding, dabei nur einige Offiziere, die mit
dem Degen in der Faust die unbotmäßigen Schwärme
vorwärts zu treiben suchten gegen den Ith und den
guten Herzog Ferdinand!

„Venons, brulons,
„Venons, buvons,
„Mettons le feu à toutes maisons,
„Venons à cinquante, cinq-cents!

In einem Nu war das Kloster von ihnen überschwemmt, und der Klosteramtmann schlug Keinem von
ihnen das offene Licht oder gar den Feuerbrand aus
der Hand. Und sie waren auch in dem Corridor, auf
den sich Selindens Kämmerlein öffnete, und sie waren
in Selindens Kämmerlein:

„Bon jour, Mademoiselle! Venons — baisons!
Venons — aimons! Venons à cinquante, cinq-cents!“

Ein Faustschlag krachte nieder auf die Nase des
Voltigeurs vom Regiment Navarra, der allzu zärtlich
die Arme nach der Schönen ausstreckte und dabei die
Rechnung ohne den jungen frühern Anbeter der Dirne
gemacht hatte. Bewußtlos, blutüberströmt stürzte der
Marodeur zu Boden und seine Waffen klirrten über
ihn. Doch auch die Waffen des übrigens Gesindels
klirrten. Mit Sacrenom und Sacredieu kamen sie
ihm mit Kolben und Bajonett zu Leibe, doch der
Schüler griff das Lämpchen der Jungfer Fegebanck
von der Kommode und löschte es im Wurf aus auf
der Stirn des nächsten Feindes, der dann über den
Kameraden zu Boden taumelte und im Falle seine
Büchse gegen die Decke losbrannte. In die Laterne,
die ein beutegierig Lagerweib von ihrem Bagagewagen
zur bessern Beleuchtung ihrer Wege mit sich trug, trat
der Junker Thedel mit dem Fuße. Es war im
November und am frühesten Morgen; für das jetzt
erfolgende Durcheinander in dem Kämmerlein der Jungfrau und in den Gängen und auf den Treppen von
Amelungsborn noch vollkommen Nacht. Nur der Junker
von Münchhausen wußte auch in der Dunkelheit genau
Hausgelegenheit. Er verlor einen Rockschooß, der ihm
durch einen Bajonettstoß an die Wand genagelt wurde,
er blutete aus einer Schramme an der Stirn, er verlor eine Hand voll Haare aus seiner Frisur, er fühlte
einen Augenblick höchst unbehaglich eine hagere harte
Navarreserfaust an der Gurgel, aber — er kam durch
und zwar in Begleitung von Mademoiselle Selinde.
Er hatte das ebenfalls besinnungslose Mädchen von
seinem Bettrande aufgezogen, er hielt es mit dem
linken Arm aufrecht und warf sich mit der Last auf
dem Arme auf gut Glück in den Corridor. Daß der
jetzt vollkommen vollgepropft war von Menschen, die
nicht wußten, was da weiter vorn eigentlich vorging
und noch weniger Hausgelegenheit im Kloster Amelungsborn kannten, trug nicht am wenigsten zu seiner
Rettung, zu dem Entkommen mit seiner süßen Last
bei. Dreimal um die Ecke und dann die Bodentreppe
hinauf! Die Riegel vor zwei, drei, vielleicht noch vor
Jahrhunderten aus festem Eichenholz von Mönchsfäusten
gezimmerten Thüren und — für's Erste mit dem den
Riesen und Drachen, den Nachzüglern der Schweizer
und der Regimenter von Navarra und Boccard abgerungenen schönen Kinde in Sicherheit, unter dem Dach
und den Dächern von Amelungsborn und im Nothfall
auch auf ihnen!…

„Die Canaillen sollen mich hier die Katerstiege
kennen lehren, Mademoiselle Selinde,“ lachte der Junker
von Münchhausen. Freilich doch ein wenig außer Athem.

Zwölftes Kapitel.

Magister Buchius rüstete sich derweilen wie ein
Mann, der, wenn er nicht mehr die Toga um sich zusammenziehen konnte wie der Cajus Julius unter der
Bildsäule des Pompejus, doch anständig in seinen
Stiefeln oder Schuhen zu sterben wünschte. So wenig
er je den Respekt im Verkehr mit seinen Schülern
hatte aufrecht erhalten können, so sehr war er in seiner
Seele ein Mann des Anstandes, und dazu, wie wir
nunmehr wohl schon wissen, ein tapferer Mann.

„Rebus angustis animosus atque fortis appare,“
sprach er mit dem Horaz und wenn es zum Aeußersten
gekommen wäre, würde er sicherlich auch mit dem
Martial gesagt haben: Rebus in angustis facile est,
contemnere vitam. Daß er beim Zuknöpfen von Hose,
Weste und Rock unter die heidnischen Sentenzien und
nervose dicta auch Verse aus dem Braunschweigischen
Gesangbuch, gedruckt bei Johann Heinrich Meyer, mischte,
wird ihm, der aus einem lutherischen Pfarrhause
stammte, christliche Theologia studirt hatte und ein Erbe
christlicher Schulweisheit des heiligen Bernhards von
Clairvaux und seiner Cisterciensermönche war, Keiner
verübeln. Noch dazu, da der Lärm draußen vor seiner
Zellenthür, drunten im Kloster immer ärger, immer
schlimmer, immer entsetzlicher wurde.

„Es zieht o Gott, ein Kriegeswetter
„Jetzt über unser Haupt daher.
„Bist Du nicht unser Schutz und Retter,
„So ist die Plage uns zu schwer.
„Sieh, wie die Fürsten sich entzwein,
„Und sich zu unterdrücken dräun!“

„Krah!“ schnarrte es dazwischen, und der unvermuthete, gespenstische Ton, so dicht neben ihm, entwurzelte für den ersten Moment all' seine altrömische
Standhaftigkeit mehr als alles Gelärm von draußen.

„Ah so, Du bist!“ sprach er aber schon im nächsten
Augenblick beruhigt. Der Rabe auf dem Bettpfosten
war weniger von dem Kriegsgetöse als von dem Vers
aus dem Braunschweigischen Gesangbuch erweckt worden, und streckte erst das linke Bein und den linken
Flügel und dann das rechte Bein und den rechten
Flügel weit von sich, wie „ein Mensch beim Aufwachen sich dehnend“, und sagte:

„Krah!“

„Ja wohl, guten Morgen. Nun werden wir es
ja wohl an unserm Leibe wie auch an unsern Habseligkeiten in genauere Erfahrung bringen, was Du
und die Deinigen uns gestern aus der Höhe über dem
Odfelde zu bestellen hatten! Fortiter ille facit, qui
miser esse potest —
„Doch findet, Herr, Dein weiser Wille
Noch ferner Züchtigung uns gut;
Wohlan, wir schweigen und sind stille
Bei Dem, was Deine Vorsicht thut.
Laß uns nur Deiner Plagen Noth
Zur Bess'rung leiten, mächt'ger Gott.
„Perfer et obdura — heißet es beim Ovidius.

„Nicht zu verderben, nein mit Maaßen
Treff uns dann auch Dein Strafgericht.
Du kannst, Du wirst uns nicht verlassen;
Nein, Vater, nein, das thust Du nicht —

„Dießmal schlagen sie Alles kurz und klein! Mein
Gott, dies reichet ja bis an unsern großen Schultumult
in der Biersuppenaffäre, wo die Herren Primaner den
Herrn Amtmann in der Speisekammer eingesperrt und
belagert hielten und Feuer davor und drunter anlegen
wollten. Der Musjeh Thedel war damals noch nicht
dabei; er war erst einer der Haupt-Conspiratores bei
der Verschwörung in unserer Wilddiebsangelegenheit vom
Heidwinkel. Sie schossen auch damals scharf auf einander, die Schule und die herrschaftliche Jägerei. Ja
trommelt, trommelt, trommelt nur, ich höre die Kuhhörner unseres animosen, tapfern Cötus noch immer
durch Euer Getrommel und Trompeten, Ihr Herren
Welschen! Aber, der junge Herr? … aimabel wär's
von ihm gewesen, wenn er mich nicht so leichtlich in
diesem neuen Spaß nach seinem Sinn und Herzen hier
in angustis rebus, in der Angst und Betäubung meines
Gemüthes hätte sitzen lassen. Mit Dir zur einzigen
Gesellschaft —“

Das letzte Wort war an den geflügelten Kriegsmann
von Wodans Felde gerichtet; aber der schien mit dem
Krachen der Flinten drunten in den Gängen des alten
Klosters das Pulver und sein Futter bis hinauf in die
abgelegene Zelle des weiland Bruders Philemon zu
riechen. Er erhob sich flügelschlagend und hüpfte kreischend
und krächzend wie im Triumph dem Magister um die
Beine und im Gemach herum:

„Krieg, Krieg, Krieg!“

Magister Buchius nahm seinen Hut vom Haken und
drückte ihn fest auf die Perücke. Er nahm seinen Stock
aus dem Winkel. Wie ein richtiger alter Römer beim
Einbruch der Gallier wollte er auf Alles gerüstet und
gefaßt sein.

Es war auch nur ein Unterschied in der Zeitenfolge und im Kostüm, wie er so dasaß an seinem
Tische auf seinem Stuhl in seinem Museo, Wohn- und
Studir-Gemach — aufrecht, das hispanische Rohr fest
aufgestellt auf den Boden zwischen den Knieen, den Hut
auf dem Haupte. Wenn Kloster Amelungsborn heute
im Abgrunde des Zornes des Höchsten versank; den
Magister Buchius fand und empfing der Abyssus in
voller Erkenntniß seiner Sündhaftigkeit vor dem Herrn;
aber auch außer durch den Trost auf die Barmherzigkeit desselbigen Herrn für Alles auf's Wackerste gewappnet durch die tagtägliche erfreuliche Beschäftigung
mit dem Alterthum! Dem classischen nämlich.

Fast mit einem süßen Grauen wartete er darauf,
daß ihn der Neugallier an der Nase in Ermangelung
eines Bartes zupfe. Er hatte sein volltönend Wort
dafür in Bereitschaft; aber — er hatte zu warten.
Während der Lärm drunten fortdauerte und drüben von
Augenblick zu Augenblick ärger wurde, ließ sich in seinem
abgelegenen Winkel keine Seele blicken. Er wartete auf
den barbarischen Feind eben so vergeblich wie auf seine
Morgensuppe.

Es blieb ihm wahrhaftig nichts Anderes übrig, als
wie in ruhigeren Zeiten so auch heute zuerst „in das
Wetter“ zu sehen.

Er that's, indem er sich mit einem Seufzer von
seinem Stuhl erhob. Sein Stubengenosse hüpfte ihm
dicht auf den Fersen nach, und hob sich wie von dem
selben Gedanken getrieben und sprang neben ihm in die
Fensterbank, gleich Einem, der auch wohl in dieser Hinsicht ein Urtheil abzugeben habe.

Es war nunmehr ein wenig heller geworden, wenn
gleich noch lange nicht Tag. Der Regen hatte aufgehört, aber ein dichter Nebel füllte nicht bloß das Hoopthal, sondern bedeckte die Welt um Amelungsborn überhaupt, als habe das alte Kloster seine weiland Mönchskappe nochmals ob dem Greuel der Welt bis über
die Ohren hinuntergezogen.

„Der wird sich halten,“ meinte der Magister und
meinte den Nebel. „Wer sich von hier wegschleichen will,
wer allhier um der Menschheit Jammerschule herumgehen will, dem giebt der liebe Gott heute die Gelegenheit — falls nicht ein Wind kommt, oder zu starkes
Feuern aus grobem Geschütz einfällt.“

Die letztere überlegende Bemerkung zeugte jedenfalls
abermals davon, daß der Mann in seiner Zeit Bescheid
wußte, sei es aus eigener Erfahrung oder aus Büchern,
Briefen und Zeitungen. Uebrigens aber war eigentlich
durchaus keine Zeit, bloß gelassen und Gott ergeben in
das Wetter zu gucken. Auch der Magister Buchius
hatte sich die Frage zu stellen, ob er sein heutiges
Schicksal in der Zelle des Bruders Philemon abwarten
und an sich herankommen lassen wolle, oder ob es besser
und würdiger sei, demselben entgegen zu gehen, das heißt,
dem unbotmäßigen lieben Knaben, dem Junker Thedel
von Münchhausen nachzueilen und zu erkunden, in welche
Fährlichkeit den seine Lust am bellum omnium contra
omnes diesmal geführet habe.

„Sie hängen ihn —“

„Krah!“ sagte der Rabe —

„Oder sie erschießen ihn“ —

Gerade in diesem Augenblick krachten die Flintenschüsse, welche das Regiment Navarra dem Junker und
seiner ohnmächtigen Angebeteten nachfeuerte, drunten aus
den Corridoren des Herrn Klosteramtmanns, und —
Magister Buchius erwartete nicht die Gallier auf seiner
Stube, auf seinem Stuhl. Er griff noch in sein
Bücherfach (mit einem letzten wehmüthigen Abschiedsblick auf seine Curiositäten und Raritäten) schob Anicii
Manlii Torquati Severini Boëtii Buch, Consolatio philosophiae, in die hintere Rocktasche und ging ihnen (den
Galliern) und ihm (seinem heutigen Tagesschicksal) entgegen, von dem einfachen classisch-unclassischen Bedürfniß getrieben, seinen bösesten und besten Plagegeist der
weiland großen Schule von Amelungsborn am Rockschooß zu fassen und zwar mit beiden magern, harten,
haarigen Schulmeisterpfoten. Bloß, um nochmal den
vergeblichen Versuch zu machen, ihn vom Abgrund
zurückzureißen.

Mit dem Seufzer: „Was wird es helfen?“ schloß er
die Thür seiner Zelle hinter sich ab und schob den
Schlüssel zu dem Boëtius. Draußen noch vollständig
Nacht; erst in den untern Gängen vor den Classenzimmern erste Tagesdämmerung durch die höheren Corridorfenster, — dann Lichter, Fackeln, Feuerbrände und
— zwanzig Fäuste zugleich in seiner Perücke, an
seinem Kragen, an Arm und Brust! Dazu Fußtritte
und Kolbenstöße von allen Seiten!

„Le voila! le voila! Hier haben wir die Canaille!
Chien! cochon! Her mit dem Strick! Wo ist der
Profoß? Au diable le prêvot!

„Venons, saignons,
Venons, pendons,
Venons à cinquante, cinq-cents!“

Sie hatten ihn in ihren Fäusten, sie hatten ihn
unter ihren Füßen, sie hatten ihn auf der Treppe und
sie hatten ihn im Hofe vor der Treppe, die zu der
Thür des Klosteramthauses führte. Sie nahmen ihn
durchaus nicht für eine bemalte Puppe aus Holz oder
Stein, diese Gallier neueren Geschlechtes. Sie tupften
diesen Marcus Papirius wahrlich nicht bloß mit der
Spitze des Zeigefingers an, um sich zu vergewissern, ob
das Ding Leben in sich habe oder nicht. Unter andern
Umständen würden die lustigen Franzosen selber zuerst über
sich und ihn gelacht haben: sie hielten den schwarzen
Alten wirklich für den schwarzen, jungen Sünder, der
eben ihrem Sergeanten das Nasenbein eingeschlagen
hatte und ihnen mit der Mamsell Fegebanck durchgegangen war. Im ersten Morgengrauen des Novembers
und bei solchem Nebel war ihnen Alles, was in gelehrtem Schwarz ging, Hose wie Jacke. Und sehr
Vielen unter ihnen kam's überhaupt nicht drauf an,
wen sie hingen, wenn sie nur Jemand hatten, den sie
aufhängen konnten.

Zwei aber nahmen sie natürlich noch lieber als
Einen, und so hatten sie auch bereits den Herrn Klosteramtmann in den Klauen an der Vortreppe seines Amtsgebäudes unter dem Strick, den sie vom nächsten Ast
der weiland alten Klosterlinde auf seinen Nacken herunterließen, während sie sein schreiend Weib und seine
halbnackten Kinder auf der Treppe festhielten oder vom
Fenster zusehen ließen.

„Was hat der Herr mir angerichtet?“ schrie der Amtmann, nicht ohne einige Berechtigung, den Magister an.
„Weiß Er mir zu sagen, was die Herren eigentlich von
mir verlangen außer dem letzten Stück Brod, der letzten
Kuh aus dem Stall und dem letzten Hemd vom Leibe?
Messieurs, messieurs, demandez lui! Sakerment, so
helfe der Herr Magister mir doch wenigstens mit
Seinem Französisch! Ist das jetzt Zeit zum Maulaffenreißen? Meine Herren, meine Herren, noch einen Augenblick — öng Momang, öng Momang; — Magister
Buchius, Magister Buchius, wem hat Er diese Nacht bei
sich beherberget, der uns dieses zugerichtet hat? Er hat
uns Dieses aus Seinem Prodigium auf dem Odfelde
zugetragen! Monsieur le capitaine noch einen Momang
— Hand weg, barmherziger Herrgott! Wen hat Er
diesen Morgen in meiner Nichte, der nichtsnutzigen
Gans Schlafkammer gehabt, Magister Buchius?“

Rom sahe nimmer etwas Größeres von Mannestrotz und Männerwürde als jetzo Amelungsborn sah,
und zwar am Magister Noah Buchius. Pädagogische
Entrüstung, herzliche Zuneigung und innige Bewunderung
rangen in seiner braven Seele um den wackern Thedel
Münchhausen; aber nur einen kürzesten Moment. Die
Zeit drängte wahrlich! — schlimmer als das welsche
Mord- und Raubgesindel konnte sie freilich nicht
drängen.

„Er hat immer in der Conferenz Alles auf sich
genommen!“ murmelte der alte Schulmeister. „Er hat
niemals einen Andern verpetzet! er hat immer sein
eigen Fell zu Markte getragen!“ Und laut, so laut
wie selten in seinem stillen Dasein, rief er: „Ich weiß
es nicht, was passiret ist; aber ich nehme die Responsabilität von Allem auf mich.“

„Que dit-il? was sagt er?“ kreischte, brüllte es in
jeder Tonart rund umher.

„Er will'sch gewesi si, der mit dem Mensch durchgange isch! Nehmet 'm d'r für! Der Ein ischt so guet
wie der Andere!“ krächzte lachend ein elsassisch Lagerweib. „Dem Lump, dem Penderau, dem Kistenfeger,
dem Môsieu Ribaudin, dem Cacqueteur, dem Vagabond
da auf dem Stroh, dem Monsieur le Capitaine Ribaudin
gönne ich schon sein Theil; aber — hänget sie Beide
— hänget sie alle Drei:

Allons, venons,
Brulons, pendons,
Venons à cinquante cinq-cents!“

Sie fielen sämmtlich im Chor ein — Alles was
von Navarra, Salis, Boccard, Reding und so weiter
dem Herrn von Rohan-Chabot gegen die Hube bei
Einbeck nachzog — und wenn der Klosteramtmann und
der letzte wirkliche Magister von Amelungsborn jetzt
am Strick aufgezogen worden wären, so würde das unbedingt unter Polyhymnia's Begleitung geschehen sein,
wenn auch nicht unter Begleitung der Muse des durch
Johann Heinrich Meyer gedruckten, privilegirten Braunschweigischen Gesangbuchs.

Aber es kam etwas dazwischen außer dem Sträuben
und Sperren der zwei Patienten und dem Schreien
und Wehklagen der Familie des Amtmanns. Nämlich
zuerst ein Ziegel, oder vielmehr eine „Sollinger Dachplatte“ vom obersten Dachfirst des Amtsgebäudes und
darauf ein ganzer Regen von dergleichen um Beruhigung ansuchenden Wurfgeschossen.

Wenn es nun aber regnet, verläuft sich der Pöbel;
das ist wohl eine uralte Erfahrung, die aber nur da
stichgültig ist, wo eben der Herr in der Höhe seine
beruhigende Hand aufthut und Wasser herunterkommen
läßt. Wirft aber ein dummer Junge aus der Bodenluke mit Dachsteinen in Nebel und halbe Nacht hinein
und kräht dazu wie ein Hahn und schreiet: „Vivat
Herzog Ferdinand! Vivat Fridericus! Vivat Mademoisell Selinde Fegebanck! Vivat der Magister Buchius!
Pereat la France! Steigen Sie mir doch auf den
Buckel, Messieurs! Ici, ici — Thierry le Temeraire,
Thedel Unverfehrden von Münchhausen!“ so — hat
das eine ganz andere Wirkung.

Die, welche die einzelnen Tropfen des Steinregens
auf die Köpfe bekommen hatten, hielten sie fluchend
und heulend mit beiden Fäusten, aber hatten nicht Raum
sich betäubt zu Boden zu legen. Im wüthenden Gewühl
wurden sie gegen das Amthaus mit gehoben, geschoben,
gerissen. Ebenso der Klosteramtmann und sein letzter
pädagogischer Hausgenosse. Ein halb Dutzend Schüsse
wurde auf's Gerathewohl zum Dach hinauf abgefeuert.
Es hing itzo an Einem Haar, ob Ein Tisch und Ein
Stuhl in Kloster Amelungsborn heil, ob Eine Mauer
von Kloster Amelungsborn aufrecht erhalten bleibe. Was
der letzte Schüler der weiland großen Schule daselbst
dazu thun konnte, daß jetzt Alles ruinirt wurde, das
hatte er redlich besorgt. Da würde er wohl zum erstenmal in seinem Leben in's Testimonium die erste Nummer
vom Prior-Rektor, dem gesammten Lehrerconvent, —
den heiligen Bernhard von Clairvaux eingeschlossen —
sich verdienet haben.

Aber unser Herr Gott, Ihm sei Dank, läßt nicht
Alles in der Hand und Willkür der Unbedachtsamkeit.
Er behält sich immer die oberste Hand vor und hat
nicht bloß den Platzregen als einziges beruhigendes
Spezificum darin, wann er sie öffnet über irgend einem
Tumult, einer Wütherei der nach seinem Bilde Erschaffenen.

Um dießmal Amelungsborn aus der Hand der
Kinder und der Thoren zu erretten, bediente er sich
einfach der Kanonen der hohen Alliirten des Königs
Friedrich von Preußen, der Artillerie de Bückebourg
und der Artillerie de la Brigade Beckwith, welche
pünktlich zu vorgeschriebener Stunde zwischen Holtensen
und Wenzen ihr Feuer auf den General Chabot und
den Marquis von Poyanne eröffneten, um sie dem
Obristlieutenant von Hardenberg in die Fänge zu treiben,
wenn auch der pünktlich war.

Es kracht dort tüchtig in den Bergen sowohl Gewitterdonner wie Kanonendonner. Für die Mord- und
Raubbande auf dem Klosteramtshofe war das Gekrach
vom Ith wie ein neuer Stein; aber dießmal wie ein
Stein in einen Spatzenhaufen.

„L'ennemi, l'ennemi! Der Feind, der Feind! Les
Prussiens, les Prussiens! Les Anglais, les Anglais!
Le duc Ferdinand!“

Die wüste Menschenwelle, die sich eben gegen das
Haus gewälzt hatte, und über den Magister Buchius
und den Herrn Amtmann, ohne sich um ihre Knochen
zu kümmern, weggegangen war, schlug jetzt zurück. Im
panischen Schrecken stürzte alles Kriegsdiebsgesindel, mit
sich schleppend, was es in der Morgendämmerung und Hast
gegriffen hatte, aus allen Thüren, und wälzte sich,
wiederum über die beiden zu Boden liegenden Herren
weg, gegen das Hof- und Klosterthor.

Binnen fünf Minuten war Amelungsborn rein von
ihm, bis auf den, vom Faustschlag Thedels von Münchhausen immer noch besinnungslos auf dem Stroh
liegenden Korporal oder Sergeanten Ribaudin. Also
so frei von Einquartirung als das an einem Tage wie
dieser und an einer so nahe beim Schlachtfelde gelegenen
Wohnstätte nur irgend der Fall sein konnte!

Neuer Trommelschlag in nicht zu weiter Ferne
kündete bereits den Vor- und Vorbei-Marsch anderer
Truppen des Königs Ludwigs des Fünfzehnten und
der Frau Marquise von Pompadour an; doch der
Klosteramtmann benutzte die kurze Frist seiner Alleinherrschung in Amelungsborn so gut als möglich, wenn
freilich auch so unzurechnungsfähig als möglich.

Sie hatten sich natürlich wieder aufgerappelt vom
zerstampften nassen Boden, sowohl der Amtmann wie
der Magister. Der Erstere befand sich in den Armen
von Weib und Kind, der Zweite griff sich an den Hals,
weniger um die Binde als um den französischen Strick,
der sich so bedenklich darum zusammengezogen hatte,
zu lockern. Er löste die infame Schleife und hob sie
über den Kopf, um sie mit einem Dankgebet gegen den
Herrn der Heerschaaren so weit als möglich von sich
zu schleudern, als — er plötzlich seine Hand gepackt
und den heißen, zornigen, wüthenden Athem seines
widerwilligen Hospes dicht vor seinem Gesichte fühlte.
Der Nebel gestattete jetzo kaum noch auf zwei Schritte
weit, einem Nebenmenschen Zärtlichkeit oder Grimm aus
den Augen abzulesen und dem einen wie dem andern
in der richtigen Weise mit dem Herzen oder der Gallenblase, mit den geöffneten Armen oder mit der Faust
entgegen zu kommen.

„Herr,“ schrie der seiner Zeiten Noth völlig unterliegende, völlig unterlegene Klosteramtmann von Amelungsborn, aus den Armen von Weib und Kind sich
losmachend, den letzten wirklichen Kollaborator der großen
Schule von Amelungsborn an. „Herr, Er ist es, der
mir als schwarzer Unglücksrabe auf dem Dach unter
meinem Dache sitzt. Er ist's, den mir der Satan als
Spuk bei Tage und bei Nacht aufgeladen hat! Was
hat Herzogliche Kammer und Domänenverwaltung noch
mit Ihm in Amelungsborn zu schaffen? Was muß
ich mit Ihm mir meinen Tod an den Hals füttern?
Was muß ich mit Ihm mir mein tagtäglich Verderbniß weiter füttern? Hinaus mit Ihm! Lüge Er es
doch ab auf griechisch oder lateinisch: hat Er mir nicht
etwa gestern Abend diesen saubern Morgen im Taschentuch in den Hof getragen? Und mit dem giftigen
schwarzen Galgenvogel den dreidoppelten Galgenvogel,
den Musjeh, den Junker von Münchhausen? Hinaus
mit Ihm, Magister Buchius! Mit dem für Ihn
stipulirten Mittagsbrod wird's heute wohl nichts werden
können: also grabe Er draußen wieder nach Knochen,
äse Er meinetwegen auf seinem Teufelsfelde, fresse Er
sich voll auf dem Odfelde! Hinaus mit Ihm! wenn
Sein Tisch wieder gedeckt ist in Amelungsborn, werd'
ich's dem Herrn Magister und Herzoglicher Kammer
schon zu wissen thun.“

Dreizehntes Kapitel.

Trotz aller Bedrängniß vorhin hatte Magister Buchius
sein hispanisch Rohr nicht fahren lassen. Er hielt es
auch jetzt im Nebel auf der Landstraße vor dem eingestoßenen Klosterthor in der Hand, und wohl mancher
Andere an seiner Stelle würde wenigstens den Versuch
gemacht haben, es auf dem Buckel tanzen zu lassen,
auf welchen es nach eben erfahrener schlechter, ungerechter und sinnloser Behandlung hingehörte. Aber danach war er leider nicht der Mann; auch seine Schüler
hatten sich nimmer vor seinem Bakel zu fürchten gehabt.
Von irgend welchem Unrecht, so ihm im Leben geschah,
kam ihm die genaue Empfindung erst nach genauerer
Ueberlegung. Ja, wochenlang, mondenlang hatte er sich
in solchen Fällen über die Frage abzuquälen und abzuängsten: ob das Unrecht nicht auf seiner Seite liege
und er also den Lohn dafür in Geduld hinnehmen
müsse?

Dieses that dem Faktum, daß er ein tapferer Mann,
ein seiner gelehrten römischen und griechischen Ahnen
gar würdiger Mann war, nicht den mindesten Abbruch.
Er bleibt deshalb doch dießmal unser Held — unser
Heros, und wir kennen unter unseren lebenden Bekannten
nicht Viele, mit denen wir lieber betäubt, verwirrt, unfähig zu begreifen, uns zu fassen im Kreise taumelten
und — wieder fest auf die Füße gelangten. Wir greifen
mit ihm nach dem Hut, den ihm, wie im äußersten
Bedürfniß, nichts von ihm in seinem Hof- und Hausbezirk bei sich zu behalten, der Klosteramtmann von
Amelungsborn vermittelst seines bestiefelten Fußes in
der wirklichen Unzurechnungsfähigkeit aus der Thür auf
die Landstraße nachschickt; und wir drücken ihn uns mit
ihm auf die zerzauste Perücke und — suchen uns mit
dem Magister zu fassen.

Mitten im dicksten Weser- und Weser-Berg-Nebel
und im Schlachtenlärm des Herzogs Ferdinand und des
Herzogs von Broglio auf der ganzen Linie von der Hube
bis zum Hils und vom Hils bis zur Weser!

Die dortige Feldmark von heute ist wohl nicht mit
der vom Jahre 1761 zu vergleichen. Es war damals
noch mehr Baum und Busch sowohl vom Solling wie
vom Weserwald übrig als wie jetzt. Auch die Wege
waren andere und liefen anders. Was man heute Chaussee
nennt, war damals die Heerstraße des siebenjährigen
Krieges, auf der Jedermann marschirte, ritt, fuhr und
stecken blieb, wie die Gelegenheit es gab. So ein Weg
aus jener Zeit nahm oft die zehnfache Breite des jetzigen
Straßenkörpers ein. Weithin über die Felder gingen
die Gleisen und Fußtapfen. Was frei Feld und was
die öffentliche Heerstraße sei, das war manchem armen
Bauer, adeligen Grundbesitzer und auch manch' einer
fürstlichen Kammer nicht unterscheidbar. Wie er ging,
stolperte, taumelte, war zuerst auch dem betäubten alten
Schulmeister ununterscheidbar. Er ging in ellentiefen
Wagenspuren, er stolperte über abgelaufene Räder und
Pferdekadaver, er fühlte Stoppelacker und Brachland
unter seinen Füßen. Er gerieth in Sumpf und Moor
und in den Busch und tastete sich durch die gelbgraue
Finsterniß weiter, ohne zu wissen, warum und wohin.
Und er befand sich nicht allein im Nebel. Die Gegend
war so belebt wie's nur an einem solchen Gefechtstage
möglich. Spukhafte Gestalten — vereinzelt und zu
Haufen überall! Wildes Geschrei, Geheul, Jauchzen
bald in der Nähe, bald aus weiter Ferne. Und dazu
vom Ith her das immer heftiger werdende Kanonenfeuer Mylord Granby's und des Herrn Marquis von
Poyanne.

„Was würden Professor Gottsched sagen und hiezu
thun?“ …

Es ist eine historische Thatsache und durch die
deutsche Litteraturgeschichte zu jenes Mannes ewigen
Ehren beglaubigt, daß Magister Buchius, der letzte
Kollaborator der wirklichen großen Schule von Kloster
Amelungsborn auf die Ansichten und Meinungen des
Leipziger Kollegen ein Großes mit Recht hielt.

Aber es kam keine Antwort von Leipzig. Und
aus der Welt der Klassiker auch nicht. Kein Verbannter, von dem die Alten reden, war je in solcher
Weise und unter solchen Umständen vor die Thür gesetzet worden, wie er — der Magister Buchius!

Er war so sehr im Kreise gedreht worden, und
der Nebel war so dick, daß er, der jetzt in's Elend
Getriebene, nicht einmal mehr wußte, wohin er sich zu
wenden habe, um, wenn er wollte, auf Umwegen, seinen
Winkel unterm Dache, die Zelle des Bruders Philemon
wiederzugewinnen. Er hätte sich nach dem Kanonendonner richten können; aber der brach sich eben so vielfach an den Bergwänden wie innerhalb der Wände
seiner Hirnschale. Der Lärm war hinter ihm, vor
ihm, über ihm und in ihm.

„Der Herr Professor würden den Herrn Amtmann
wohl als einen todten Leichnam zu Ihren Füßen zurückgelassen haben,“ sagte Magister Buchius, für's Erste
auf's Gerathewohl fürbaß schwankend. „Und zu den
Füßen der Frau Amtmännin —“

In diesem Augenblick schlug eine Glocke hinter ihm.
Seine Glocke! Die Thurmglocke des weiland Klosters
und der großen Schule Amelungsborn, die er gestern
noch aufgezogen hatte, und die allein richtig ging am
hiesigen Ort in diesen Zeiten der Unrichtigkeit, des Unrechts und der Ungerechtigkeit.

Sechs Uhr!

Sie Alle — zwischen der Weser und der Hube —
hatten den Tag noch vor sich; Die nämlich, so um diese
Stunde nach begonnener Bataille noch nicht ganz auf
ihn verzichtet hatten, das heißt denen noch nicht das
Lebenslicht ausgeblasen war.

Der Magister Buchius wußte durch den Glockenschlag jetzt wenigstens wieder, wo Amelungsborn lag
und nach welcher Himmelsgegend hin er auf irgend
einer Hintertreppe auch seine Zelle wahrscheinlich wieder
erreichen konnte. Aber er wandte sich nicht; er wendete sich nicht nach dem Südwesten zurück. Er fühlte
sich in diesem Moment wahrlich nicht der Welt gewachsen wie der tapfere Professor Gottsched dem bösen
Magister Lessing.

Er war dem Weinen nahe — der gute alte Herr,
der den bösesten seiner Quintaner nicht hatte weinen
sehen können. Sich im ziehenden Qualm bei währender
Schlacht unter einen triefenden kahlen Dornbusch zu
setzen, den greisen Kopf auf die Kniee zu legen, die
Arme um die Kniee zu schlingen und auf alles Nacheifern hoher Exempla von menschlicher Fortitudo Verzicht zu thun: das war's, was ihm um diese Stunde
als das einzig ihm Uebriggebliebene erschien.

Ach, hätte er nur eine Ahnung davon gehabt, daß
um dieselbige Stunden auf den Höhen des Iths über
dem Kanonenfeuer des Bückeburgers und des Colonels
Beckwith der große Kriegesfürst, der zweite große
blutige Feldherr des siebenjährigen Krieges, der gute
Herzog Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg ganz in
der nämlichen Stimmung war. Nämlich in der Erwartung, daß wieder einmal Alles vergeblich sei und
das Feld vor ihm wieder mal umsonst sich mit Leichnamen bedecke! in der festen Voraussicht, daß mit den
Pontons bei Bodenwerder ein Malheur passiret sei und
Generallieutenant Hardenberg nicht zur rechten Stunde
kommen werde, um den Sack um den General Rohan-Chabot, den Marquis von Poyanne und ihre zwanzigtausend Mann bei Stadtoldendorf zuzuziehen, den Herzog von Broglio auf der Hube bei Einbeck rettungslos
dem Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand zu überliefern und dem:
Venons à cinquante cinq-cents!
für dießmal wenigstens gründlich ein Ende zu machen.

Wie der Magister Buchius horchte der Herzog Ferdinand nach dem Südwesten; aber nicht der Kirchuhr
von Amelungsborn wegen.

„Wo bleibt Hardenberg? Hardenberg? Man müßte
ihn längst vernehmen, den Herrn Generallieutenant!“ …

„Nun Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe
auf Dich!“ seufzte der Magister mit dem Psalmisten.
„Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien,
und schweige nicht über meinen Thränen; denn ich bin
Beides, Dein Pilgrim und Dein Bürger, wie alle meine
Väter! Ich bin hinausgetrieben, und es nützet nichts,
daß ich heimkehre und mein Kämmerlein suche. Sie
werden es schon ausgekehret und den Greuel der Verwüstung darinnen angerichtet haben. Ja, ja, wie es
geschrieben steht im Neununddreißigsten: sie sammeln
und wissen nicht, wer es kriegen wird! Di immortales,
sie werden Alles jetzt schon als eitel Plunder geachtet
und ihren Muthwillen damit getrieben haben. Sie
werden auch den Knaben vom Dach gestürzet haben und
über seinen Leichnam weggetreten sein. Jawohl, ein
Psalm Davids und vorzusingen für Jeduthun: Mein
Herz ist entbrannt in meinem Leibe, und wenn ich
daran gedenke, werde ich entzündet; ich rede mit meiner
Zunge!“…

„Lieber Westphalen, Hardenberg kommt nicht zu verabredeter Zeit! Die Herren von Poyanne, Chabot und
Stainville werden commode Zeit haben, über Vorwohle
sich zu reployiren!“

„So werden wir doch mit Eurer Durchlaucht gnädigster Erlaubniß zum allerwenigsten der Herren Vereinigung mit dem Herrn Marschall bei Einbeck verhindern,“ tröstete der getreue Begleiter.

„Ihr Weg müsse finster und schlüpfrig werden,“
citirte Magister Buchius von Neuem den Psalmisten,
vor einem neuen Geschrei, Geheul und Kriegsgezeter
hinter ihm, im Nebel sich in einem andern Busch verwickelnd. „Der Engel des Herrn verfolge sie; denn sie
haben mir ohne Ursach gestellet ihre Netze zu verderben —“

In demselbigen Augenblick glitt er auf etwas Weichlichem aus, das nicht regenfeuchter Stoppelacker, Grasnarbe oder Sumpf- und Moorgrund war. Er griff in
das Gebüsch, um sich aufrecht zu erhalten und faßte
etwas, das in seiner Hand blieb. Er hielt einen todten
Raben in der Faust, der, aus den Lüften niederstürzend,
im Gezweig hängen geblieben war; und als er sich
bückte, sah er, daß er auf einen andern entseelten
Kämpfer aus der Schlacht vom gestrigen Abend getreten war.

Portentum! Portentum! So dicht der Nebel sein
mochte, der an diesem fünften November Siebenzehnhunderteinundsechzig die Berge und Thäler an der Weser
erfüllte, — der Magister Buchius wußte jetzt wieder
ganz genau, wo er stand — zerzaust, geschlagen, athemlos, ein heimathloser, freundloser alter Schulmeister.
Auf seinem Campus Odini, seinem Wodansfelde — auf
dem Odfelde stand er, während über den Quadhagen,
das böse Gehäge her das Kleingewehrfeuer und der
Kanonendonner von Frankreich, Großbritannien und der
zu König Fritzen haltenden deutschen Völkerschaften in
die graue Finsterniß hinein knatterte und krachte.

„Sie werden ihm längst die Fenster eingeschlagen
haben, sonst stieße er sich den Kopf ein an den Scheiben!“
ächzte Magister Buchius mit dem Vogelleichnam in
der Hand, selbstverständlich jetzt zuerst an seinen in
seiner Zelle eingesperrten Schützling und Gastfreund
aus dem gestrigen Kampfe denkend.

„Portentum! Prodigium! Große Farren haben
mich umgeben, fette Ochsen haben mich umringet; ihren
Rachen sperren sie auf wider mich, ein brüllender
und reißender Löwe,“ sagte der Magister. „Ich will's
abwarten, wie Alle rundum es abwarten müssen, wie's
kommen soll,“ sagte er. „Wir können nur erleben
was Du willst, Herr Zebaoth, Herr der Heerschaaren!“

Da — jetzt — wenn er nur dem Weinen nahe
gewesen war, klang jetzt — hier ein wirkliches ernstgemeintes Weinen, mit dem auch der Herzog Ferdinand
und sein Generalstab nur mittelbar zu thun hatten, an
sein Ohr. Und dazu die wehklagenden Worte:

„Ach Heinrich, Heinrich, so sage doch nur noch einmal ein
allereinzigstes Wort zu mir! Kannst Du Dich denn auf
gar nichts mehr zu meinem Troste besinnen? O Jesus
Christus, das ist ja schlimmer, als wenn wir Beide
gleich im Kloster in ihrer Gewalt zu Tode gekommen
wären!“…

Der Magister hatte nur fünf oder zehn Schritte in
den Nebel und Dampf hinein zu thun, um zu erkunden, wer da so jammervoll wimmere und seiner
Angst und Noth Luft mache. Aber er hatte das kaum
nöthig. Die Stimme war ihm bekannt genug; gestern
Abend hatte er sie noch auf seiner Stube gehört, vor
dem Kreidestrich auf seinem Tische, der den Lauf der
Weser zwischen den Heereshaufen der hohen Kriegführenden bedeuten sollte. Er that die paar Schritte
rasch, wobei er den Kämpfer von gestern Abend, den
er bis jetzt noch immer in der Hand gehalten hatte,
zu den übrigen weithin den Boden bedeckenden glorreich gefallenen Kameraden warf. Und er faltete die
Hände über dem Stockknopf vor der kläglichen Gruppe
und rief:

„O Wieschen, bist Du es denn auch? Ihr Beide
seid's? Jawohl, jawohl, ich weiß schon! ich sehe, ich
sehe schon! O Wieschen, hat er denn sein Leben für
Dich dran gesetzt?“

Das arme Mädchen, ein gut oder vielmehr schlimmer
Theil zerzauster als Mamsell Selinde von den Griffen
von Navarra, Salis, Boccard und Reding, lag da im
feuchten Moor auf den Knieen, den blutigen Kopf des
Knechtes Heinrich Schelze im Schooße. Beim mitleidsvollen Anruf des alten Herrn stieß sie einen Freudenschrei aus:

„Heinrich! Heinrich! der Herr Magister! Um Gott
und Jesu Willen, Heinrich, der Herr Magister, den uns
der liebe Gott zu Hülfe schickt! So besinne Dich doch
noch ein einzigstes Mal auf Dich und mich, Heinrich!
Hier ist ja auch der Herr Magister Buchius, tm Katthagen vom liebsten Herrgott in der Höhe zu uns gesendet. Herr Magister, ja, er hat mich aus der
schlechten Menschen Händen gerissen, und sie haben auf
uns eingeschlagen und geschossen, und er hat mich auf
den Armen getragen, und ich habe ihn getragen als er
umgefallen ist auf dem Felde im Nebel, und nun
kömmt er mir um in den Armen und kann sich auf
nichts mehr besinnen!“

Der verwundete Knecht stöhnte schwer in den Armen
seines Schatzes; aber unter dem Zuruf des Mädchens
und bei der Namensnennung besann er sich doch noch
einmal. Er versuchte es, sich aufzurichten, ie blutigend
Haare aus der Stirn streichend. Er versuchte es sogar
zu grinsen:

„Sieht Er, da sind wir doch auf dem Wege zum
Herzog Ferdinand, Herr Magister! Mit allen Ehren
noch an uns. Aber von blutigen Platten und zerschlagenen Knochen schwanete mir gleich so was, als Er
uns sein schwarzes Unthier auf den Hof trug.“

Er lachte und stöhnte wieder und verlor von Neuem
die Besinnung. Magister Buchius hatte das, was diesem
armen Volk unter dem fremden Volk in einem andern Theil
des Klosters Amelungsborn passirt war, während man
ihm selber den Strick um den Hals legte, so deutlich
vor sich, als — ob er's beim Iburgischen Schloßprediger
Kampf gedruckt gelesen habe.

„Ich habe ihn auf dem Buckel bis hierher geschleppt
auf's Odfeld und habe selber dabei fast nichts von mir
gewußt,“ schluchzte das Mädchen. „Der liebe Gott hat
uns in seinen Rauch wie in einen Mantel genommen.
Nun wacht er, und dann weiß er wieder nichts von
sich und wir müssen nun hier doch eingehen, alle Beide,
er in seinem Blute und ich in meiner höchsten Noth!“

„Das verhüte der Himmel!“ rief der Magister
seinerseits unter den todten Streitern der Rabenschlacht
auf dem Odfelde niederknieend und den Dickschädel
Heinrich Schelze's zwischen seine hagern, harten und
doch milden Schulmeistertatzen nehmend.

„Eine Mistgabel gegen ein Dutzend Flintenkolben,
juchhe!“ murmelte der Knecht. „Ein paar von den
franschen Hunden sollen doch ihre Kaldaunen jetzt zu
Kloster Amelungsborn zusammensuchen. Frage Er nur
Wieschen, Herr Magister! Es wäre ja wohl Alles gut
gegangen, und wir wären schon beim guten Herzog
Ferdinand, wenn's mir nicht auf einmal so schwarz vom
Nebel vor den Augen geworden wäre. Nicht wahr,
Wieschen?“

„Ach Gott, das ist ja nun der Krieg, Heinrich, in
welchen Du immer hinein wolltest aus dem Pferdestall
und mich zur Staatsmadam machen. Nun haben wir's,
nun hast Du es; und unsere einzige Hülfe und Rettung
bleibt wieder nur der Herr Magister!“

„Loisia, rede Sie nicht so,“ sprach Magister Buchius.

„O Gott, Gott, nein, ich bin ja nur noch mehr
ohne Besinnung als mein Heinrich, Herr Magister. Ich
weiß es ja wohl, daß er nur um meinetwillen so hier
liegt! O Heinrich, Heinrich, wenn Du bloß davon
kämest und es mich nicht entgelten lassen wolltest, was
ich in meiner Dummheit rede, so wollte ich ja immer
noch meinem Herrgott für seinen Schutz und Schirm
danken!“

„Wenn wir ein Unterkommen für ihn hätten, so
sollte dieses wenig bedeuten,“ sprach Magister Buchius
von seiner genauern Betastung des niedersächsischen Dickschädels vor ihm sich wieder emporrichtend und im Wesernebel nach allen Seiten sich umsehend.

Vierzehntes Kapitel.

Wir haben eben hievon erzählt wie von einem Gespräch zwischen Zweien und Dreien; aber dem war nicht
so für Die, welche damals ihren Jammer gegen einander
austauschten durch Wort, Thränen und Seufzer. Der
ganze große Krieg redete mit hinein und zwar von
Augenblick zu Augenblick grimmiger. Daß man nicht
auf sechs Schritte weit sich auf seine leiblichen Augen
verlassen konnte, das machte die Sache nicht beruhigender.

Es kam eine verirrte Geschützkugel und schlug einen
Ast über dem Wieschen, dem Herrn Magister Buchius
und dem Knecht Heinrich von einem Eichbaum. Die
Feldherren mußten es wohl wissen, wie sie ihre Truppen
durch das Grau vorwärts schickten. Die hohen Alliirten
und Frankreich waren auch im dicksten Nebel dicht
aneinander. Wer zwischen ihnen ungefährdet durchkam,
hatte wohl von noch größerm Glück zu sagen, als wer
bloß aus der Rappuse in Kloster Amelungsborn sich
in's freie Feld rettete. Die Kugeln, die sich verirren,
können die klügsten Könige und Feldmarschälle nicht
mitzählen in ihren strategischen Berechnungen.

Das zerschmetterte Gezweig prasselte nieder auf
die rathlose Gruppe, die Jungfer schrie und duckte sich,
dem Knecht Heinrich war's einerlei, und der Magister
sah nur einen kürzesten Moment aufwärts zum Zeus,
dem Wolkenversammler. Er sah sofort wieder um, der
Magister Buchius. Sie waren noch nicht Alle bei einander, die sich an diesem fünften November vom Kloster
Amelungsborn aus auf dem Odfelde zusammenfinden
sollten; doch die Letzten kamen eben, und zwar spukhafter wie sonst was an diesem Morgen für den Magister. Nämlich auf weißem Roß, wie aus der Apokalypse heraus im Qualm des Erduntergangs: „Jeses,
den Herrn Amtmann sein Schimmel!“ rief Wieschen.
„Der Junker von Münchhausen — und — Mamsell
Fegebanck,“ stammelte Magister Buchius, als der wilde
Thedel wirklich des Klosteramtmanns letztes in den
Knochen zusammenhängendes Reitpferd dicht vor den
Drei unter der Eiche des Odfeldes parirte und noch
mit seiner Begleiterin von den abgeschlagnen Aesten
und Zweigen überschüttet wurde.

Hoch vom keuchenden Gaul, vor sich auf dem Sattel
die schöne aber schwere Last fester mit dem linken
Arm umfassend, deutete der tolle Junge nach der Richtung des donnernden Iths:

„Hört, oder täuschen mich beliebte Rasereien?
„Nein, nein, ich hör ihn schon.
„Der Heere ziehend Lärm sind seine Melodeien,
„Und Friedrich jeder Ton!“

Der Jungfer Selinde durfte es in Wahrheit so
vorkommen, als sei ihr Morgentraum noch nicht zu
Ende; dessenungeachtet glitt sie, sobald das abgehetzte
Thier unter ihr es gestattete, aus den Armen ihres
Cavaliers und „Erretters“ auf festen Boden nieder:

„Sind es der Herr Magister, so erretten Sie mich!“
kreischte sie, ihrerseits jetzt den alten Schulmeister umklammernd. „Er ist ein Narr, er ist verrückt, er ist
toll! Er hat mich aufgehoben und hin und her gerissen,
durch den Feind, Trepp ab und Trepp auf bis auf's
Dach und durch den Keller. Er hat mich verrückt und
toll gemacht; nicht einen Augenblick zur Besinnung hat
er mir gelassen. Er hat mich ohnmächtig auf den alten
Hans gehoben, und hier sind wir, und die Welt geht
unter! O Gott und Jesu, es wird ja immer schlimmer
mit dem Spektakel! und nun sind wir erst recht mitten
unter ihnen, da wir uns aus ihnen herausretten wollten!
Münchhausen, den Dienst vergesse ich Ihm mein Lebtage nicht!“

„Bis in den Tod vergesse auch ich diese Fortune
nicht, Allerschönste,“ jauchzte der Schüler, sich gleichfalls
aus dem Sattel schwingend. „Nun mag ja das Universum zusammenbrechen, Mademoiselle Selinde; ich bin
im himmlischen Gewölk geschwommen und kann jeden
Augenblick selig sterben, Allersüßeste.“

„Der unverschämteste Peter ist er auch jetzt gewesen!
Es giebt gar keinen andern Solchen! O solch' ein Gelbschnabel —“

„Und letzter wirklicher Primaner der großen Wald- und Wild-Schule Amelungsborn,“ lachte der tolle Thedel,
seinem alten letzten wirklichen Lehrer die Hand schüttelnd. „Dießmal müssen mich der Herr Magister doch
auch darin loben, daß man Haus-, Hof- und Stallgelegenheit zu Kloster Amelungsborn gekannt hat. Ja,
wer eben nicht Bescheid gewußt hätte mit Thüren und
Treppen, mit Schlössern und Riegeln, mit jedwedem
Katerstieg des heiligen Herrn Bernhard's von Clairvaux. Nicht wahr, meine Königin, es ging um Alles,
was wir bei uns trugen?“

„Er ist verrückt! er ist toll! und er hat mich auch
toll und verrückt gemacht, Magister Buchius. Und wo
sind wir jetzo in Sicherheit mit Leib und Leben? Man
sieht keine Hand vor Augen, und die Bataille ist über
uns und um uns toller als zu Hause im Kloster. O
Jesus, das Gepolter!“

„Auf dem Campus Odini, auf dem Odfelde sind
wir, Mademoiselle, und freilich, wie es scheinet, mitten
in der Schlacht des Herrn Herzogs Ferdinand und des
Herrn Herzogs von Broglio; und da ist das Wieschen
aus Amelungsborn, das seinen Schatz auf dem Rücken
bis hierher in die jetzige Sicherheit getragen hat.“

Mademoiselle Selinde war noch viel zu sehr in
ihre eigene Noth versunken, als daß sie auf die Anderer
hätte merken können; aber Thedel von Münchhausen
kniete bereits bei dem Wieschen und dem Knecht
Heinrich:

„Kerl, was für Unsinn hat denn Er angestiftet?“

„Es ist wohl nicht die erste Schmarre, die wir uns
in Compagnie holen, Herr von Münchhausen,“ ächzte
der Knecht, sich auf dem Ellbogen emporrichtend. „Aber
so wie heute doch noch niemalen früher.“

„Hat Er Seinen Rest weg, Heinrich?“ fragte der
Junker mit wirklicher Theilnahme und Besorgniß. „Er
will mir doch nicht heute, im besten Pläsir, eine Dummheit machen?“

„Schaffen der Junker mich auf's Heu hinterm Pferdestall wie sonsten und ich lecke mir die Blessur schon
zurechte; aber — heute — dießmal —“

„Na, Seinen Hirnschädel kenne ich doch wohl auch ein
bißchen,“ meinte der gute Kamerad aus früherer Schul- und
Wilddiebs-Zeit. „Er verträgt schon einen Puff, Heinrich.“

„Sich von seinem Mädchen auf dem Buckel durch
den Tumult und durch's Dickicht schleppen lassen müssen!“
ächzte der Knecht halb kläglich, halb wüthend. „O verflucht, junger Herr; Sie haben es wieder besser gemacht.
O verflucht! verflucht! das lächert mich doch — das mit
des Alten weißem Hans. Der wird auch hinter Ihm
her wieder Augen gemacht haben, Junker, wann er Ihn
mit ihm und der Jungfer hat abfahren sehen! O verflucht, verflucht, verflucht.“

„Siehst Du wohl, Heinrich, bist ja noch ganz hübsch
bei Besinnung; nun nimm Dich aber noch ein bißchen
mehr zusammen. Der Herr Magister tritt von einem
Fuß auf den andern, und die Damen können wir auch
hier nicht im offenen Feld präsentiren zwischen Freund
und Feind, wenn der Nebel fällt.“

„Und er liegt auch bloß hier auf dem Odfelde
wie durch Gottes gütige Vorsicht für uns!“ rief Magister
Buchius. „An den Ithbergen ist's klar! dort guckt
schon die Homburg herüber, da der Kohlenberg! da ist
der Vogler! mons Fugleri! Wir tappen noch im Dunkel;
aber der Herzog Ferdinand muß doch schon längst wissen,
wohin er sein schwer Geschütz und klein Gewehr zu
dirigiren hat. Der feuert nicht in's Blinde.“

„Aber er zieht mit seinem Canon auch uns die
Nebelkappe ab,“ sagte Thedel. „Wir müssen fort und
in den Wald wo er am dicksten ist. Probire Er's,
Heinrich: ob Er's per pedibus prästiret.“

„Ziehe Er mich auf, Junker. Die Hand besser in
den Rücken, Wieschen. Kotz, Kreutz, Donner und Blitz!
Uh, uh jah! . . . Nein es prästirt sich noch nicht, junger
Herr. Wieschen lege den unnützen Sack wieder hin!
Es muß auch mir wohl gestern Abend mein Eingehen
hier auf dem Odfeld von dem Rabenvieh prophezeiet sein.“

Es schien ihm von Neuem schwarz vor den Augen
zu werden. Einige Augenblicke standen die drei Andern
ganz rathlos, der Magister noch immer angsthaft von
Mamsell Selinde umklammert.

Doch der Verwundete strich sich von Neuem die
blutverklebten Haare zurück.

„Ich hab Ihm auch schon manchen Gefallen gethan,
Herr von Münchhausen, nun thu' Er mir auch einen.
Lasse Er mir mein Mädchen nicht hier zurück. Herr
Magister, erbarme Er sich meiner, lasse Er mir mein
Mädchen, mein Wieschen nicht auch hier unter den
Rabenäsern verkommen —“

„Wir bleiben Alle beieinander, Schelze.“

„Nein, nein, ihr Herren! um Gott und Jesus nicht!
Es liegen da drüben hinterm Pfuhl wohl noch Einige
unverscharrt vom Sommer her; — so lasset mich jetzt
auch hier und grabt mich nachher unter, wenn Ihr mit
meinem Wieschen glücklich aus dem Elend herauskommt.
Es geht nichts verloren an mir; das weiß das ganze
Kloster. O Herren, heben Sie beide Jungfern auf des
Herrn Amtmanns Schimmel und kriechen Sie unter
im Wald, im tiefsten Dickicht, und lassen Sie mich
hier; ich bin keinem Menschen mehr nütze und selbst
meinen herzlieben Schatz nicht.“

„O Heinrich, Heinrich, kein Mensch und kein König
soll mich mit Güte oder eisernen Zangen von Dir losbrechen!“

Jetzt machte sich der Magister Buchius doch aus
der Umarmung von des Amtmanns Vetterstochter los.
Er trat her in einer Gloria, von der er selber am
wenigsten wußte.

Was er in den Gassen von Helmstedt niemals gerufen hatte, das rief er jetzo.

„Bursche heraus!“

Es kam über ihn wie ein Taumel, eine begeisterte
Trunkenheit. Was er in seiner Jugend versäumt hatte,
das holte er nunmehr in der Betäubung dieses wilden,
greuligen Tages ganz und gar nach. So hatte er nie
und nimmer sich in der Welt Trubel lebendig gefühlt,
wie in dieser schlimmen, rathlosen Stunde auf Wodans
Felde, dem Odfelde.

„Amelungsborn heraus! die ganze Schule! Hier
Amelungsborn! Wir bleiben Alle beisammen im Leben
und im Sterben —

post jucundam juventutem,
post molestam senectutem,
nos habebit humus, —

hinauf auf des Herrn Amtsmanns Schimmel, Wieschen.
Wir heben Dir Deinen Heinrich nach. Halt ihn nur
so fest, wie der junge Mensch hier Mademoiselle in
seiner Thorheit gehalten hat, und wir hauen uns heraus.
Faß zu, Thedel. Dei providentia mundus administratur,
sagt Marcus Tullius: wer weiß wozu Er gestern Nacht
nach Amelungsborn gesendet ist, lieber Münchhausen.
Hat Er den Invaliden fest? Hoch mit ihm und —
sursum corda, hat der Herr uns bis hieher in seinem
Nebel geführt, so wird er uns auch im Lichte seines
Morgens nicht verlassen. Siehst Du, es ging, Wieschen.
Nun halte Du Deinen Schatz fest im Arm vor Dir.
Der Herr Amtmann werden uns auch diesen Nothgebrauch seines wackern Gauls verzeihen. Nehme Er
den Hans am Zügel, und Mademoiselle, Sie nehmen
gütigst meinen Arm. Das nennet man in Wahrheit
vasa colligere, lieber von Münchhausen, und itzo dieses
im bittern Ernst ein agmen compositum. Nun denn,
signa canunt! Wir können leider keine Speculatores
voraufschicken. Gradaus! vorwärts! Vivat der Herr
Herzog Ferdinand! Grad seinem Canon zu; hin unter
des Löwen schützende, großmüthige Tatzen. Ihr Berge
fallet über uns und decket uns, daß die Heere über
uns wegtreten, und wir ihren Fußtritt über uns hören,
so wir uns bergen im Schooße der Erden!“

„Wer sein Testamente noch in procinctu machen
will, der thue es,“ lachte der tolle Thedel, und Magister Buchius meinte verwundert:

„Siehe, siehe, Er hat doch dann und wann in denen
Lectionen besser Acht gegeben, als man hat glauben
dürfen.“

Sie machten nämlich dann und wann vor dem Angriff ihr Testament, die alten Römer: in procinctu,
auf dem Sprunge. Mit einem Seufzer dachte der Magister an sein wunderlich Hab und Gut in der Zelle
des Mönchs Philemon und mit einem Schulterzusammenziehen an Die, so sich in gegenwärtiger Stunde wohl
schon selber zu Erben seines Reichthums eingesetzt haben
mochten.

Fünfzehntes Kapitel.

Vom achten September 1761 war die Verordnung
des Marschalls Duc de Broglio datirt, durch welche
„allen Behörden, Beamten, Unterthanen der von den
Truppen Sr. Allerchristlichsten Majestät in Besitz genommenen Hannöverschen und Braunschweigischen Lande
befohlen wurde, in ihren bisherigen Aufenthaltsorten zu
verbleiben und sich vor allen Dingen nicht mit ihren
Pferden und Vieh in die Wälder und auf die Berge
und auch nicht — unter die Erde zu flüchten“. Der
Strick stand drauf, wie schon gesagt worden ist, und
das Edikt war am fünften November des genannten
Jahres mehr denn je in Kraft zwischen der Weser und
der Hube bei Einbeck. Magister Buchius, der letzte
Kollaborator von Kloster Amelungsborn, hatte aber
dessenohngeachtet die feste Absicht, ihm zu trotzen, alle
Consequentien auf sich zu nehmen und sich so tief als
möglich bei den Unterirdischen zu verkriechen.

Er hatte mit seinen Begleitern wohl eben so guten,
triftigen Grund dazu, wie jeder arme Bauer mit Weib
und Kind und der letzten magern Kuh.

Wenn er aber den Nebel über dem Odfelde noch
ausnutzen wollte, so war's die höchste Zeit. Es kam
schon eine Bewegung in ihn hinein; ein Heben und
Sinken, ein Zerren und Zupfen. Es kam ein hartes,
nasses, kaltes Wehen aus Osten, das den Dampf von
dem Schlachtfelde und dem Wodansfelde gegen den
Vogler trieb, und bald die Welt und ihre Kreatur, ihr
wimmelnd Gewühl, ihre Blutlachen, zerfahrenen Wege,
zerstampften Felder noch einmal im trüben Herbstmorgenlicht bloßlegen und — den Magister Buchius, des Herrn
Klosteramtmanns Schimmel mit dem Knecht Heinrich
und der Hausmagd Wieschen drauf, und Mamsell Selinde jeglichem mörderischen Zugreifen Allerchristlichen
Majestät oder auch der hohen Alliirten auf offener
Haide preisgeben mußte.

„Könnten wir den Rothen Stein erreichen, so wären
wir wohl geborgen, Thedel,“ meinte der Magister.

„Wenn wir noch Platz und nicht ganz Holzen —
das ganze Dorf mit Kind und Kegel drin untergekrochen fänden,“ lachte der Schüler. „Denen geht's
jetzt am hitzigsten über die Kappen, und sie kennen die
Ortsgelegenheit und sind ihr am nächsten. Hört, wie
es gerade ihnen über den Köpfen gewittert! Wir treiben dort diesmal keine Schatzgräberei im Bauche der
Erden, Herr Magister.“

Magister Buchius schüttelte das Haupt und wies
die seltsame Erinnerung an frühere ruhigere Zeit fast
unmuthig von sich. Dieses erinnerte ihn wieder nur
zu sehr an sein Museum in der Zelle des Bruders
Philemon. Er hatte freilich auch aus der Höhle am
Rothen Stein, wenn auch keine Schätze, so doch allerlei
sich geholt: bronzene Lanzenspitzen, Steinhammer, Knochen
von unbekannten Thieren, ja auch Menschenknochen —
Knochen von armen Sündern, so auch testes diluvii,
Zeugen der Sündfluth gewesen sein mochten. Und
Mamsell Fegebanck hing ihm fast zu schwer am Arm,
zumal da es nun schon bergauf und in den Wald
hinein ging.

„Wir sind unterm Vogler am Kappenberg; ich weiß
einen überwachsenen Erdfall an ihm,“ ächzte der verwundete Knecht von des Herrn Klosteramtmanns
Schimmel herunter. „Wann ich auf den Beinen wäre
und noch das Leben hätte, wollte ich in einer Viertelstunde da sein, zehn Klafter tief unter dem Walde.“

„Aber wir laufen da gradaus den Bergschotten
in die Messer,“ rief Thedel von Münchhausen. „Horch,
horch. Hört das Gequike! Das sind ihre Dudelsäcke,
so wahr ich jetzo noch das Leben habe.“

„Käme der Durchlauchtigste Herr und Herzog Ferdinand diesen Morgen auf meine Stube zu Amelungsborn, so fände er dorten seinen ganzen Feldzugsplan
sauber auf den Tisch gemalet. Er hat die Weser mit
seiner Kreide hingezogen, Schelze; ich habe mir das
Uebrige danach zusammengerechnet. Der große Kriegesheld schiebt seine Heerschaaren wie einen Riegel zwischen
die Herzogthümer Göttingen und Grubenhagen und das
Fürstenthum Hildesheim und die Stadt Braunschweig.
Er kann dem Broglio nicht seinen bösen Willen lassen.“

„Nun fängt auch der Regen wieder an,“ jammerte
Mademoisell. „Nichts auf dem Leibe und nichts im
Leibe,“ stöhnte sie ganz unsentimentalisch. „Und im
Dreck bis über's Knie —“

„Zieh, Schimmel, zieh!“ seufzte der junge Cavalier,
den Zügel des Gauls fester fassend und sich nach der
klagenden Inamorata angstvoll zurückwendend. „Ja,
der Reim paßt auch so ziemlich:

Morgen woll'n wir Hafer dreschen,
Den soll unser Schimmel fressen. —

O Allerschönste, das Herz frißt's mir ab, Sie so zu
sehen. Mein Blut gäb' ich für ein Schälchen Caffee,
so ich es präsentiren dürfte.“

„Ach rede Er mir nicht so, Er dummer Junge. In
meiner Kammer hätt' Er mich lassen sollen. Was hab
ich nun von Seinem Heldenmuth und meinem Klettern
über Leitern und Dach? Währet dieses noch lange so,
so kehre ich noch allein um, und gehe auf meine eigene
Hand durch Freund und Feind nach Hause, nach Amelungsborn. Sie wären wohl nicht schlimmer mit einer
Dame umgegangen, die zu parliren weiß, als wie es
mir jetzt unter Seinen Händen oder groben Fäusten
passiret ist, Er unvernünftiger Hanswurst.“

„Ach Mamsell, so möchte ich doch nicht zu meinem
armen Heinrich hier vor mir reden,“ rief Wieschen von
ihrem Sitz im Sattel herunter.

„Was schnattert Sie, Sie dumme Gans?“ grollte
Selinde am Arm des Magisters. „Es ist doch
wohl schon übergenug, daß ich hier hinter Ihr durch
den Koth laufe, wo Sie wie im Triumph von Ihrem
Bauernflegel einhergeführt wird. Ja, merci, Musjeh
von Münchhausen. Ich danke Ihnen auf das Höflichste, daß Sie meinethalben den Herrn Klosteramtmann
um seinen letzten Gaul gebracht haben.“

Magister Buchius, trotz des kalten, nassen, magenleeren, frostigen, bellonaumdonnerten Novembermorgens,
fühlte augenblicklich Mamsell Fegebanck an seinem Arm
als das Schwerste, was er zu tragen oder besser zu
schleppen hatte. Und als eingefleischter, geborener
Ireniker versuchte er auch itzo abzulenken.

„Seinen Reim, Herr von Münchhausen, haben sie
schon zu anderer, früherer Zeit gesungen. In meiner
Stube steht auf einer Fensterscheibe eingegraben:

Fleuch, Tylli, fleuch.
Aus Untersachsen nach Halle zu,
Zum neuen Krieg kauf neue Schuh!
Fleuch, Tylli, fleuch.“

Der Knecht Heinrich Schelze hatte sich nunmehr
im Arm seines Mädchens zusammengerappelt und ermuntert, daß er auch sein Wort in die Unterhaltung
geben konnte. Mit matter Stimme sprach er aus dem
Sattel herab:

„Meine Großmutter am Rade hinterm Ofen hatte
auch so'n Reim:

Zeuch, Fahler, zeuch!
Balde woll'n wir Tille dreschen,
Woll'n sie geben in Kraut zu fressen,
Zeuch, Fahler, zeuch!“

„Und da sind wir am Berg! Und da kuckt der Till
heraus aus dem Gewölk. Da soll der Herr Feldmarschall Tilly ja wohl auch vordem eine große Bataille
gewonnen und dem Berg seinen Namen gegeben haben!“
rief Thedel von Münchhausen.

„Es hat mein Vorfahrer in meiner Stube zu
Amelungsborn, der Bruder Philemon, den Vers wohl
nicht in die Fensterscheibe gegraben. Der letzte Mönch
und Bruder Cistercienser, der ist wohl nach jener
Schlacht vielleicht auch gewandert auf der Flucht, grade
auf diesem Pfade der Wildniß. Der hat wohl auch
das Seinige hinter sich lassen müssen, dachlos, herdlos
hauslos, wie der alte Buchius. Eine heulende Wüstenei
ist auch heute wieder das arme Deutschland, und wir
Kinder des Landes gehen rathlos in der Irre zwischen
den blutigen Fremdlingen —“

„Ja, hört! horcht! Hört ihr den Dudelsack? Da
quinkeliren sie her! Das sind der Bergschotten Dudelsäcke. O Herr Magister — Mademoisell, jetzt wird's
erst ganz lustig. Hinter uns König Louis, vor uns
König George, und wir mitten drunter, Seelen-Selindchen, mitten zwischen den Kerlen mit den nackten Beinen,
Seehundsbeuteln, Umschlagetüchern und Federmützen;
ihre Messer, Pistolen und Flinten ganz ungerechnet.
Vivat der Herzog Ferdinand von Braunschweig, Lüneburg und Bevern! wie ich aber da den Herr Vetter und
seine hannöverschen Jäger herausfinden werde, das
möchte ich wissen! Hussah — nec timor, nec pavor:
nur keine Angst und Bange! und da ist es Tag —
und da haben wir die ganze Bescheerung vor uns —
unter uns. Den ganzen Kuchen auf der Platte!“

Dem war so. Wie ein Teppich wurde der Nebel
von unsichtbaren Händen aufgerollt. Es regnete nicht
stark, aber es kam doch ziemlich feucht herunter. Und
die Flüchtlinge von Amelungsborn, die noch unter der
schützenden Hülle, ohne ihre Schritte zu messen, fort
und fort durch's Unwegsame hier hinunter, dort hinauf
gewandert waren, erfuhren jetzo erst vom Waldrande
aus, daß sie wohl halbwegs der Höhe der Vorhügel
des Voglers sich befanden. Und sie waren alle
außer Athem und der Schimmel des Herrn Klosteramtmanns mehr als sonst einer von ihnen. Sie
keuchten, und er schnob und zitterte in den Knieen, und
der Dampf ging aus seinen Nüstern wie ein anderer
Nebel.

Aber sie hatten sich Alle mit den Gesichtern nach
rechts gewendet und auch den Gaul herum gedreht.
Bis auf den letzteren hatte Keiner bei dem Schauspiel,
das sich ihnen bot, Zeit, auf seine Erschöpfung zu achten.
Selbst Mademoiselle Selinde vergaß ihre zerfetzten Falbeln und ihren leeren Magen und was ihr sonst noch
fehlte oder zu viel war, um den Anblick.

„Ach, barmherziger Gott! ach, Herr Magister —
ach — Thedel — liebster Musjeh Thedel!“ rief sie.

Sie hatten das Odfeld unter sich, den Zug der
Heere um sich und die Schlacht so dicht neben sich, daß
sie allgesammt, den jungen Herrn von Münchhausen
ausgenommen, sich zusammendrückten und duckten im
Buschwerk vor ihrem Brüllen und heißem Hauchen.

Wenn der Herr Generallieutenant von Hardenberg
noch zur rechten Zeit kommen wollte, so war's Zeit.
Wenn er's aber noch möglich machte und kam, so zog
er den Sack nicht bloß um die Heere von Rohan-Chabot,
Poyanne und Stainville, sondern auch um den Magister Buchius, das Wieschen, den Knecht Heinrich, den
Junker Thedel und die wunderschöne Mamsell Fegebanck
zusammen.

„Es ist wie geschrieben stehet,“ murmelte der Magister.

„Krup unner, krup unner,
De Welt is Di gram!“

lachte der wilde Münchhausen.

„Alsdann wer in Judäa ist, der fliehe auf das
Gebirge; und wer mitten darinnen ist, der weiche heraus: und wer auf dem Lande ist, der komme nicht
hinein,“ fuhr Magister Buchius fort, ohne auf die Unterbrechung zu merken.

Sechzehntes Kapitel.

„Allerschönste, Sie hören den Herrn Magister,“ rief
der letzte Primaner von der wirklichen Klosterschule
Amelungsborn, und Mamsell ließ es sich dießmal ruhig
gefallen, daß er dabei seinen Arm um sie legte. „Wer
doch jetzo hier Hausgelegenheit wüßte wie — ein Anderer
zu Amelungsborn vor zwei Stunden.“

Das gute Mädchen war nicht mehr im Stande, den
braven Jungen als einen närrischen zu behandeln. Sie
hing ihm an der Schulter wie eine entblätternde Pfingstrose und ächzte nur:

„O Jeses, Jeses, Jeses, Thedel, so guck Er nur,
so hör Er nur! O hätt' Er mich unter mein Bett kriechen lassen, da hätten sie vielleicht nicht drunter geleuchtet
und gegriffen. O Je, hier aus dem Busch zerren sie uns
in fünf Minuten und trampeln über uns weg, und
das Gekrache dort überm Katthagen bringt mich dazu
um!“ …

„Bunt genug sieht es aus, und das Gedudel der
Tanzmusik ist auch nicht übel. So'n Schützenhof! was
meinst Du dazu, Jungfer Wieschen?“

„Ich denke nur an meinen Heinrich und verlasse
mich auf den lieben Gott und unsern Herrn Magister.
Und Heinrich, liebster Heinrich, wenn wir den guten
Herzog Ferdinand dazu heute wieder fänden —“

„Für's Erste will Der nur Eschershausen den franschen Spitzbuben abnehmen. Nicht wahr, Herr Magister?
Der Herr Magister Buchius sehen auch dorten nach der
Richtung und merken, wo die Hunde den Hirschen gestellt haben? Hallali! Hallali!“

Magister Buchius überhörte diese Frage und laut
hinausgerufenen Waidmannsruf, wie alles Andere, was
eben geschwatzt worden war. Er stand auf sein spanisch
Rohr gelehnt und sah auf die Schlacht hin und hinunter
wie er am gestrigen Abend zu ihr emporgeschaut hatte.
Nun wimmelte das Odfeld von streifenden Reitertrupps
beider kämpfender Heere, und die Pferdehufen stampften
die Leichname der schwarzen geflügelten Sieger und Ueberwundenen von gestern in Sumpf und Moor und den
Haideboden. Den Ith entlang scholl die Trommel und
der Dudelsack ununterbrochen in das Kleingewehrfeuer
hinein, und über den Quadhagen und den Eschershausener Stadtberg hinaus hörte man wohl, daß General
Conway und Mylord Granby den Herrn von Poyanne
scharf in der Scheere hielten, um dem Herrn Generallieutenant von Hardenberg so lange als möglich Zeit
zu lassen, auch an ihn heranzukommen und möglicherweise das Beste zum Tage zu thun.

Man vermochte es nicht mehr, zu unterscheiden, was
als Nebeldampf noch an den Bergen hing und aus den
Thälern aufstieg, oder was Dampf der Schlacht war.
Aber auf ruhige Zuschauer war nicht gerechnet und
langes Besinnen galt nicht für Leute, die unbemerkt
durchschlüpfen und ihren Leib — einerlei wo, ob über
der Erde, ob unter der Erde in Sicherheit während
der Bataille zu bringen wünschten.

Wer wußte jetzt einen Unterschlupf? Sie thaten
die Frage und —

„Ich!“ sagte Magister Buchius, und er hatte noch
niemals in seinem an die Seite gedrückten, scheuen,
schweigsamen, überschrieenen, überlächelten, überlachten
Dasein den Accentus so kraftvoll auf das persönlichste
aller Fürwörter gelegt, wie jetzt.

Er überließ die Mamsell dem Junker von Münchhausen. Er nahm den Zügel des Schimmels des Herrn
Klosteramtmanns. Er führte den Gaul und die übrige
Gesellschaft weiter in den überbedrängten Tag; — zum
erstenmal in seinem Leben berauscht, — von Allem
wunderlich berauscht — wie als ob er nun den ganzen
wirbelnden schwarzen Vogelschwarm und Kampf von
gestern Abend im eigenen Hirn habe und selber als
schwarzer gelehrter Kriegsmann mit flatternden Rockschößen und geschwungenem spanischen Rohr im allerdicksten Haufen sich mit im Kreise schwinge und Gegner
niederschlage und gewaltthätige Hindernisse bewältige.
Siegreich! Ein Heros! Unter den Helden des heutigen
Tages, wenn auch vielleicht der sonderbarste, doch wahrlich nicht der kleinste. —

„Nach dem Rothen Stein kommen wir nicht durch,“
murmelte er. „Das ist dort nicht bloß Pulverrauch,
das ist Brandqualm. Der von Münchhausen hat Recht:
was sich aus Holzen hat retten können, das hat
sich im rothen Stein verkrochen, und wir finden dort
keine Unterkunft mehr. Zurück und zur Linken seitwärts
am Vogler hinauf können wir nicht. Auf wen wartet
der Franzos eigentlich, daß er sich hier so in Haufen hält?“

Magister Buchius konnte es, ein so trefflicher Stratege
er auch war, freilich nicht wissen, daß die Herren von
Poyanne und von Chabot von dorther, wie der Herzog
Ferdinand, den Herrn Generallieutenant von Hardenberg erwarteten und mit ihren Streifparteien gleich
Fühlern im November-Morgengrauen nach ihm austasteten.

„Wären wir durch die Lenne,“ murmelte er weiter,
„und kämen wir heil über die Heerstraße, so wüßte ich
wohl durch den Eulenbruch und den düstern Grund
hinauf —“

„Ich auch,“ sagte Schelze vom Gaul und aus den
Armen seines Wieschens herab. „Sie nennen es da
am Brauerstiegskopf — links vom Rothen Stein.“

„Er kennt das auch?“ fragte der Magister Buchius
verwundert hinauf; und der immer mehr zum Bewußtsein kommende Knecht Heinrich ächzte mit mattem,
jammerhaft verlegenen Grinsen:

„Ach Gott, so wahr mir Gott in meiner Noth helfe,
Herr Magister; ich habe keinem, keinem Menschen davon
gesagt, so wahr ich ehrlich bin, liebster, liebster Herr
Magister! Wenn sie's nicht in diesem Tumult gefunden haben, kennt den Ort kein Anderer, als wir
zwei Beide!“

„Es giebt keine Stätte für Dich auf Erden, wo
Du kannst sagen, Du bist allein zu Hause,“ seufzte
Magister Buchius nach einer Weile: und wieder nach
einer Weile fügte er hinzu: „Es ist so, und es wird
also wohl das Beste sein.“

„Heinrich, ich seh's dem Herrn Magister an, daß
Du ihm einen Verdruß gemacht hast!“ rief aber jetzt
Wieschen. „Sag's gleich, — ich will's, sag's gleich,
was es gewesen ist.“ Und nun noch darzu gar heute!“

„Sei nur ruhig, Wieschen. Nichts ist's!“ lächelte
der alte Herr zu der erschreckten, thränenvollen Magd
empor. „Und grade heute, Wieschen, kommt's weniger
als vorher mir drauf an, daß Dein Schatz auch dort
Bescheid zu wissen scheint, wo der alte Magister Buchius
die thebaische Wüste ganz für sich allein zu haben vermeinte. Heute — jetzt seid ihr Alle — auch Er, lieber
von Münchhausen, hier willkommen, wo ich mir bei
den Thieren der Wildniß als Einsiedler ein Unterkommen ausgemachet hatte, wann — mir eure Lustigkeit
im Kloster ein wenig zu arg wurde, lieber Monsieur
Thedel.“

„Du bist auch dabei gewesen, Heinrich!“ rief
Wieschen, ihren Schatz auf des Amtmanns Schimmel
zwar noch fester fassend, aber ihn doch dabei ein wenig
schüttelnd.

„Damals noch nicht. Halt' nur Ruhe, Kind,“ lächelte
der alte Herr wieder.

„Herr Magister —“ wollte der Exschüler der
berühmten großen Wald-Wildniß- und Wilddiebs-Schule
zu Kloster Amelungsborn betroffen, kleinlaut, nicht mit
seiner Rechtfertigung, sondern mit seiner Reue aufwarten. Doch dem winkte der letzte Kollaborator ab;
zwar auch lächelnd, jedoch auf eine andere Art.

„Beruhige Er sich nur auch, von Münchhausen.
Jedenfalls ist Er nicht der Einzige gewesen, so weder
dem Bruder Philemon in seiner Zelle noch den alten
Buchius in der Zelle des Bruders Philemon die Ruhe
und Beschaulichkeit gegönnt hat — seinerzeit — dann
und wann.“

Er sah jetzt, ohne sich um den geduckten Scholaren
für's Erste weiter zu kümmern, den wunden Knecht
auf dem Pferde an und deutete meinungsvoll vor sich
hin in die Berge und zwar auf eine ganz bestimmte Stelle.

Knecht Heinrich mit weinerlich verzogenem Mundwerk nickte und sagte kläglich:

„Ich konnte ja nichts davor, daß ich's auch fand
und einkroch, Herr Magister. Aber so wahr mir Gott
helfe, es weiß außer mir und dem Herrn Magister kein
anderer Mensche davon. Ach wären wir nur über die
Straßen vor dem engelländischen Zuzug!“

„Du Dummrian!“ rief Wieschen, ihren immer mehr
zum Leben erwachenden Schatz von Neuem fester
packend und eindringlicher schüttelnd. „Du hast es ja
nun, wie Du es gestern Abend für mich und Dich
haben wolltest. Bist nun mit mir und noch dazu mit
dem Herrn Magister und der Mamsell und dem Herrn
von Münchhausen mitten derzwischen! O Herr Magister,
Herr Magister, bei Ihrem lieben Herzen, lasse Er es
Keinem von uns armen Sündern entgelten, was wir
an Ihm verböset haben! Helfe Er uns! Helfe Er uns
Allen heraus aus dem Krieg, und der Noth, und der
Angst, und dem Elend!“

„Wenn wir über die Straße wären!“ murmelte
der alte Herr, des Klosteramtmanns Schimmel am
Zügel immer hastiger sich nachzerrend durch den Wald
und das Dickicht. —

Ei ja, die Straße und die Straße von der Weser,
von dem Hauptquartier zu Ohr her, zu beiden Seiten
des Iths bis zu dem neuen Hauptquartier Seiner Durchlaucht des Herzogs Ferdinand zu Wickensen, an diesem
fünften November 1761!

Schon vor Tage hatten die Schotten Kapellenhagen
jenseits der Berge den Franzosen nach heftigem Kampfe
abgenommen und sie durch den Ith auf der Landstraße
nach Scharfoldendorf hinuntergetrieben; und wenn das
Dorf jenseits der Berge noch rauchte, so brannte es jetzt
in Oelkassen wie in Lüerdissen, und die Herrenmühle
bei Scharfoldendorf dicht vor den Flüchtigen stand auch
in Flammen.

„Wir können und dürfen mit den Jungfrauen nicht
hier weilen, Dieterich von Münchhausen,“ rief der
Magister. „Hindurch! Mein ist die Erde noch, Zeus!
O laß sie mir noch diesen Tag, diese Armen hier zu
erretten vor Schmach und Schande, vor dem erbarmungslosen Feinde, vor dem zuchtlosen Freunde! Grausame
Parze, thränenliebender Pluto, schonet, o schonet der Locken
der Jugend. Verzehre uns nicht mit Feuer, Pluto.
Neptun, ich flehe Dich an — Lenne, geschwollener
Strom, verschwemme uns nicht den Pfad; und wenn
Du, der Proserpina Bote, o Hermes, diesem Zuge
voranschreitest, so winke nur dem Greis seitab zum
Hades. Winke mir allein mit dem Caduceo, mir dem
Alten, der schon zu seinem Troste weiß, daß Dein Pfad
zum Port führt, einerlei — ob man von Kekrops Flur,
ob man von Meroe kommt. O Schattenführer, den
Jungen — diesen Kindern gönne noch ihre Hoffnung
und ihren Wandel im Tagesschein!“ …

Siebenzehntes Kapitel.

Es ist in der Luftlinie wohl kaum der fünfzehnte
Theil eines Aequatorgrads, das heißt eine deutsche,
geographische Meile vom Klosterthor zu Amelungsborn
bis auf die Höhe des Iths, bis in den Tönniesbusch,
bis zum Ith-Anger über dem Rothen Stein. Für die
Ausgestoßenen, die Flüchtlinge von Amelungsborn, im
Odfeld-Nebel und am triefenden Vogler entlang, war's
erklecklich weiter.

Aber sie hatten Glück, die Exuli. Sie kamen
wohlbehalten durch die gefährlich rauschende Lenne und
über den noch gefahrvolleren Heerweg. Auf dem letztern
fanden sie da, wo sie ihn überschritten, nur Todte,
Sterbende und Verwundete aus allen Völkerschaften
vom Löwengolf bis zum Cap Wrath, von der Bai
von Biscaya bis zum Steinhuder Meer und in die
Lüneburger Haide. Sie kamen um Scharfoldendorf herum
auf die trümmer- und jammervolle Straße, die den
Berg hinan führt, und ließen das verwüstete, geplünderte Dorf zur Rechten, um sich weiter aufwärts wieder nach rechts hin in den Eulenbruch zu schlagen.
Es lag dick gesät auf ihrem Wege und der alte Kriegspfad um Kloster Amelungsborn war nichts gegen den
eben frisch in diesem furchtbaren Kriege von Bellona
zerstampften Bergweg.

Der, welcher pour l'amour de Dieu um miséricorde und nach Wasser zu dem Junker von Münchhausen schrie, war aus Perpignan in der Grafschaft
Rousillon und behauptete, er könne nichts dafür, daß er
Lüerdissen mit in Brand habe setzen müssen. Und der,
welcher die Arme nach dem Magister Buchius ausreckte, war aus Grussendorf im Westerbecker Moor und
wußte dafür, das; er unter Mylord Granby dem Bauer
in Kappelnhagen die Scheuer angesteckt habe, auch weiter
keinen Entschuldigungsgrund, als daß er ohne sein Zuthun in Tiddische an der Kleinen Aller dem Werber des
Kurfürsten von Hannover und des guten Herzogs Ferdinand in die Hände gefallen sei.

„Die Raben! Das Portentum vom gestrigen Abend!“
murmelte der Magister, seinen Hut in einer Lache füllend
und ihm dem Mann aus Tiddische an den fieberheißen
Mund haltend.

„Sie liegen wie unsere Vögel auf dem Wodansfeld,
Herr Magister,“ rief der Junker von Münchhausen von
dem Mann aus Perpignan her. „Da, Kamerad, sauf!
ich wollte, es wäre was Besseres als Grabenwasser.
Na, in Einem habt Ihr's doch besser als wir. Ihr
habt bloß Durst, wir haben auch Hunger … Hollah!“

Sie hatten keine Zeit zu verlieren, so mitleidige
Herzen sie auch haben mochten; aber der Sprößling eines
so wohl und weit berühmten Geschlechts wie Der von
Münchhausen bewies grade itzo, daß er ganz in die
Zeit paßte und in sie hinein grad auf die Füße hin
gefallen sei.

Auch die Todten, sie die in der Nacht lebendig und
gefräßig mit dem Herzog Ferdinand von der Weser aus
zum Zug gen Einbeck aufgebrochen, aber hier, unterwegs
aus den Reihen gefallen waren, hatten ihre Kommislaibe und sonstigen beim Abmarsch gefaßten Nationen
noch ziemlich unangetastet bei sich; und sie lagen, wie
gesagt, dick gesät auf der Straße von Scharfoldendorf
bis auf die Höhe des Ith-Angers.

„Häng um, Heinrich!“ rief der Junker, dem Knecht
Schelze einen deutschen Brodbeutel auf den Schimmel
reichend.

Er bewies bei diesem Ueberschreiten der Landstraßen
den vollen Soldatenblick des siebenjährigen Kriegs, und
wußte nach den Seinigen im Fluge zugreifen.

„Mein Herz blutet, Mademoiselle; aber nur einen
Augenblick halte meine Prinzeß den engländischen
Tornister. So geht es in der Rappuse, Herr Magister!
Vivat jetzo der französische Plunder! Guck der Schlingel
hat doch noch Zeit gehabt 'nem Hahnen den Hals umzudrehen. Den lassen wir ihm am Säbelgurt; aber
den Schnappsack nehmen wir ihm ab — an uns zurück
Herr Magister. Es ist zum Heulen, aber fidel ist's
doch. Und nun vorwärts, en avant! Da kommt's
wieder ganz blau und roth und grün den Berg herunter
und um Eschershausen sind sie auch noch nicht in's
Reine! Jetzt, wo sie sich genauer in's Gesicht sehen
können, gehen sie erst ordentlich an's Werk. Hallali!
hallali! hallali!“

So war es. Dicht zu ihrer Rechten von Holzen
bis Wickensen stand die Schlacht; und Allen im Dorfe
Holzen, die sich nicht in den Rothen Stein verkrochen
hatten, wie ihre Vorväter zu des Tilly und der Schweden
Zeiten, denen mochte es wohl übel zu Muthe sein ob
dem Geschützfeuer, mit dem sich der Herr von Rohan
Chabot gegen den engländischen Mylord Granby wehrte.
Sie aber, und es sind wieder die Flüchtlinge aus
Amelungsborn, gaben es während der nächsten zehn
Minuten auch gänzlich auf, zur Rechten und zur Linken
umzuschauen.

Sie liefen und stolperten, stürzten und rafften
sich wieder auf, und rannten von Neuem zu, mitten
durch die buntscheckige Ordre de bataille des Herzogs
Ferdinand.

Sie sahen nur vor sich, und als sie den Wald
wieder erreicht hatten, aufwärts durch die kahlen Gipfel
zu den Klippen des Rothen Steins, wo hinauf der alte
Herr und Führer, der Magister Buchius, keuchend,
ächzend, aber als ein Held bei jeglichem Weiterschieben
der knackenden Kniee, immer von Neuem mit der Hand,
die den Zügel des Schimmels von Amelungsborn nicht
hielt, vorwärts winkte.

„Wieschen, wir kommen noch einmal durch,“ rief der
Knecht. „Einen Büchsenschuß noch und wir sind zu
Hause. Halt aus, Krakke, und nachher verrecke!“

Magister Buchius blickte sich nur einen Moment auf
das letzte Wort hin um; dann stieg er und schleppte sich
und die Andern weiter. Er machte auch nicht die
Menschheit anders als sie war. Aber dem dampfenden
Thier strich er die triefende Mähne:

„Halt aus, Freund, wie wir Andern auch — nur
noch fünf Minuten!“

Dolomit — Rautenspath, Braun-Bitterspath, Bitterkalk, Mineral, farblos oder gefärbt, besteht aus kohlensaurem Kalk mit kohlensaurer Magnesia; ist als Braunspath eisenhaltig und bildet als Gestein groteske Felsbildungen und ist höhlenreich, sagt heute die Wissenschaft oder das Conversationslexikon; und der Magister
Buchius, der weder in seiner Bibliothek ein Conversationslexion besaß, noch irgend viel von Mineralogie
verstand, stand plötzlich mitten in dem wilden Wald
des achtzehnten Säkulums und mitten unter den wunderlichen Steingebilden des Idistavisus still und stieß
sein spanisch Rohr in den Boden. Knecht Schelze im
Arm Wieschens auf des Klosteramtmanns Reitthier
nickte allein ortsverständig; doch dazu mit scheu und
schämern aufgezogenen Schultern und winselte weinerlich:

„Herr Magister, auf Eid und Gewissen, wahrhaftigen Gottes nicht aus bösem Willen und auch nicht
mal aus Neugier. Ich hab's ja immer mit der Schule
gehalten und kroch nur der Schule wegen hier auch mal
unter, um zum Besten unserer Herren Primaner dem
Cujon, dem Grünrock von Heinrichshagen die Fährte zu
verwischen.“

Der alte Herr winkte jetzt nur melancholisch lächelnd
dem armen Sünder Verzeihung und wendete sich zu
seinen übrigen Schutzbefohlenen:

„Nun sei es, wie es geschrieben steht: Es sollen
wohl Berge weichen und Hügel einfallen; aber meine
Gnade soll nicht von Dir weichen.“

„Ueberwind haben wir hier zum wenigsten,“ meinte
Thedel von Münchhausen in der freilich windstillen,
aber schlachtüberdonnerten Schluft im „Dolomit“ und
im Hochwald umguckend. „Nu, dies soll mich doch wundern. O Mademoi — Engel; sicher wie Daun bei Kolin
im Felsennest! Aber dießmal krauchen wir vor König
Fritzens Parthei unter, wenn uns der Herr Magister
die Thür zeigen will. Herrgott von Dassel, und die
Prima von Amelungsborn hat bis itzo nicht auch hier
Bescheid gewußt?! …“

Dießmal grinste Magister Buchius beinahe völlig
wie einer seiner früheren Schuljungen; dann aber klatschte
er halb zärtlich halb wehmüthig dem Schimmel des Herrn
Klosteramtmanns auf die magere Flanke:

„Für Dich, armer Freund, hab' ich leider kein Unterkommen; aber ich hoffe, Du wirst, unserer Last und
Qual erledigt, Dir schon durchhelfen. Hebe Er Schelzen
aus dem Sattel und nehme Er dem guten Thier Sattel
und Zaum ab, Herr von Münchhausen.“

Der Junker faßte den Knecht in die Arme, und
Wieschen unterstützte ihn vom Pferd aus. So brachten
sie ihn glücklich auf den Erdboden und die Füße; und
gottlob vermochte er sich auf den letzteren jetzt schon wieder
zu halten, wenn auch ein wenig taumelnd und mit schwarzen Wolken und flimmernden Flammen vor den Augen.
Mademoisell Selinde stand wie eine Bildsäule wenn
auch nicht der Ergebung, so doch der Betäubung in dem
Stein- und Waldwinkel und sah sich höchstens stumpfsinnig-verwundert nach Dem um, was den Andern so
erklecklichen Trost in diesen Schrecknissen zu geben schien.
Des Amtmanns Schimmel warf den Kopf auf und sah
sich um nach allen vier Windrichtungen, als wisse er
schon, was nun kommen werde.

„Ja, Du mußt nun gehen, alter Freund. Der
Himmel helfe Dir wie uns und schütze Dich vor Feind
und Freund, vor Frankreich und England; sie würden
doch nur das letzte Mark aus Deinen alten Knochen
wollen, wenn sie die Hand auf Dich legten. Nimm
Dich in acht — komme gut nach Hause — ja, was
wirst Du aber finden zu Hause in Amelungsborn, wenn
Du heimgekommen bist?“

„Grüße Er jedenfalls den Herrn Klosteramtmann in
Amelungsborn von mir, Meister Hans!“ lachte Thedel
von Münchhausen. Das Thier schüttelte sich wieder,
schnaufte, stand einen Augenblick überlegend und ging
langsam seitab in den Wald seines eigenen Weges.

„Herr Magister,“ rief Knecht Heinrich, „Herr Magister, mir däucht, es gehet schlecht für unsern Herzog
Ferdinand und die Franzosen gewinnen's ihm ab.“

„Zum Henker ja,“ rief Thedel. „Monsieur Le
Crapaud und Monsieur La Grenouille sind wieder im
Vorhupfen gegen den Idistavisus und also auch gegen
uns. Ihr Canon kommt wahrhaftig näher! Hört nur!
all' ihr groß und klein Geschütz hat was wie vom
Froschsumpf an sich: Brekkekekk, brekkekekk, Koax, Koax!
O mit Jovis Donner gegen die Batrachier. Vivat
Fridericus Rex! Vivat Ferdinandus Dux!“

Magister Buchius bog den nächsten Busch zur Seite:
„Belieben mir itzo auf den Fersen zu folgen, Mademoiselle Fegebanck. Und fürchte Sie sich nicht, liebes
Kind, es gehet wohl zuerst ein wenig abschüssig in's
Dunkle; ja auch ein wenig auf den Knieen, aber wer
kann heute hier sagen, daß das Dach seines Hauses
sicherer über ihm sei als das Gestein, so des Herrn Hand
in der Wildniß zum Unterschlupf für seine gejagte
Kreatur wundervoll ausgehöhlet hat?“

Jetzt im tiefsten Busch und unter einer nicht allzu
hohen Felswand im Dolomitgeklipp des Iths bückte er sich
und griff in einen hohen Haufen von dürrem Gestrüpp,
den der Wind und Zufall hier aufgehäuft zu haben
schien, und fing an, denselben zur Seite zu räumen.

„Bleibe Er ruhig, Schelze; aber Er, Thedel Münchhausen, fasse Er mit an.“

Eine unansehnliche enge Spalte im Gestein! …

„Hier hinunter?“ ächzte Mademoisell Selinde, die
Hände ringend; doch Magister Buchius zeigte bereits
fürder den Weg, das heißt er war schon verschwunden im
„Bauche der Erden“. Thedel Münchhausen den linken
Arm um des Herrn Amtmanns Vetterstochter legend,
breitbeinig stehend und mit hochgeschwungener Rechten
citirte, außer sich vor Vergnügen, den Kanonikus Gleim:

„Hier hört man keinen Muffel seufzen,
Hier läuft kein Kramer mit Gewichten,
Hier rast kein Menzel mit Husaren —
Hier sind wir einfach, fromm und stille!
Hier schwärmen keine schwarzen Sorgen,
Hier hört man kein Geschrei der Laster —
Hier wollen wir uns Hütten bauen!
Was fehlt der Fülle solcher Wonne?
Ach Freund, es fehlt uns noch die Liebe.
Geh, hole Du Dein blondes Mädchen,
Ich will die braune Doris holen —“

schieb Deinen Kerl, Deinen Heinrich vorsichtig dem Magister nach, Wieschen. Ach Mamsell, Prinzessin, Engel,

„Neulich sprach ich mit den Bergen,
Und sie priesen mir ihr Silber,
Und den Schatz in goldnen Adern,
Und sie wollten mir ihn schenken —“

alle Hagel und Wetter, höre einer den Chabot, wie er
die Berge hinaufdrückt —

„Und die Sänger auf den Zweigen
Jagt er aus den grünen Zellen
In die Ritzen hohler Klippen —“

Kotz-Kreuz-Element, es geht nicht anders, Selinde. Ob
Sie nun mag oder nicht, Jungfer Fegebanck, mit hinunter, mit hinein muß Sie jetzt, wenn Sie nicht zu
blutigem Brei getreten sein will!“

Und die Mamsell auf die Knie niederdrückend und
sie in den Abgrund hineinschiebend, murmelte er:

„Der alte Buchius! … er ist ein Held, ein
Heros — ein Heros! und die große Schule zu Kloster
Amelungsborn war der richtige Eselstall. Vivat der
alte Buchius, der Magister Buchius! Aber wundern
soll's mich, was für ein Nest er sich verstohlen und
heimlich, selbst hinter meinem Rücken, hier in der Wildniß ausgebaut hat? Sehe ein Mensche — nur muthig,
Courage, Mamsell, Allerschönste — es geht ja ganz
hübsch in die Tiefe — o ihr unsterblichen Götter, na,
das ist denn wirklich ganz riesig, ganz famos und das
Kuriöseste was mir heute passiren konnte.“

Er hatte vollkommen Recht zu dem letzten Ausruf.
Konnte die Holzener Höhle am Rothen Stein einen
ganzen Stamm vorsündfluthlicher Urmenschen beherbergen,
ein ganzes durch den siebenjährigen Krieg verjagtes
Dorf aufnehmen; so hatte Magister Buchius auf seinen
einsamen Wegen hinterm Rücken der bösen Welt und
der großen Cistercienserschule von Amelungsborn wahrlich für sich gleichfalls im Schooße der Erde gefunden
was er brauchte. Und — er hatte sich drin eingerichtet!

„Dem, der uns hierher nachschleicht, dem schlage ich
den Hirnkasten ein,“ hatte Knecht Heinrich, wehmüthig
den Kopf schüttelnd, geseufzt, nachdem er von den Förstern
um König Heinrichs Vogelherd gejagt, dem alten Buchius
auf die Sprünge gerathen war und sich bei ihm eingeschlichen hatte. „Dieses ist ja freilich gewiß und
wahrhaftig ganz und gar wie für unsern Herrn Magister
und seine Umstände unter den Herren und den Herrn
Schülern bei uns in Amelungsborn vom lieben Herrgott eingerichtet!“ — — — — „Hier könnte man
schon hausen wie der heilige Antonius, der Große, in
der oberägyptischen Wüste, nur mit einem Schaffell und
einem härenen Hemde bekleidet und seinen Körper niemals mit Seife reinigend,“ hatte der Magister selber
geseufzet, als er als der erste von seinem Rector, seinen
Collegen und seinen Schülern gepeinigte und gehetzte
Schulmeister zum erstenmal den Unterschlupf betrat,
oder vielmehr in ihn einkroch.

„Wenn ich nur wüßte, wo ich bin, und wie ich
hierher gekommen bin, und, oh, bis auf die Knochen
naß!“ jammerte Mamsell Selinde. „O Gitte, Gitte,
Gitte, und so dunkel!“

Achtzehntes Kapitel.

Bis das Auge sich gewöhnt hatte, war's freilich ein
bischen dunkel, wie dies alle Höhlen so an sich haben,
einerlei ob sie dem frommen Aeneas und der schönen
Frau Dido, oder ob sie dem Magister Buchius und
seiner Amelungsborner Klostergesellschaft sich zum Zufluchtsort im Regensturm oder im Kriegessturm anbieten. Auch ging es nicht gradaus und auf teppichbelegten Treppen in die Tiefe; und wer auf den Ruf
des Führers: „Hier mit Vorsicht bücken, oder lieber auf
die Knie!“ hörte und ihm Folge leistete, der that wohl
und bewahrte sich vor Brauschen und Schrunden an
Stirn und Hinterkopf und behielt auch sein Nasenbein heil.

„So lasse Er doch das dumme Zeug, Thedel!“
hatte aber Mamsell Selinde selbst auch hier zu flüstern.
„Kann Er denn auch hier in solchen Schrecknissen und
Nöthen Seine Albernheiten nicht unterwegens lassen,
Herr von Münchhausen?“

„Aber mein Gott, muß Er denn selbst bei diesem
Donner Gottes über dem Haupte der ewige Jokulator
sein, Münchhausen?“ rief der Magister zurück. „Fasse
Er doch lieber jetzt mit an und helfe Er mir Schelzen
in die Sicherheit zu bringen! Nur ruhig, Wieschen —
hier sind wir für's Erste zu Hause. Nun danket dem
Herrn, denn seine Hand war über uns bis jetzt; stehet
oder sitzet und gewöhnet eure Augen an die Finsterniß.
Sitzet still und horchet! die Berge und Felsgesteine sind
wahrlich auf uns gefallen, bedecken uns und geben uns
Schutz. Horche Er, Thedel von Münchhausen, lieber
Sohn, wie der Könige Zorn und Hader von Ferne uns
zu Häupten toset bis zu den Ohren des Abgrundes,
und treibe Er wenigstens jetzo keine Allotria, bester
Münchhausen.“

„Sie denken nichts Arges von mir,“ sagte der
Schüler weinerlich-kicherlich, und nun suchten sie wirklich allgemach ihre Augen an die Dunkelheit ihres Zufluchtsortes zu gewöhnen, während Magister Buchius,
der den Raum doch schon genau kannte, in seiner Tiefe
auch noch einige Zeit vergeblich tastete und suchte.

Wie Schade, daß der eifrigste Forscher auf den
Spuren dieser wahrhaftigen Historia zwischen Fels und
Wald am Ith ganz vergeblich nach der Klause des alten
Herrn tasten und suchen wird. Der Mutter Natur
ewige Arbeit auch im Erdinnern ist ihr nicht so gnädig
gewesen, wie jener andern prähistorischen Spalte, mehr
gegen Dorf Holzen zu, am Rothen Stein. Ist der
„Dolomit“ zusammengerückt — haben die Wasser ihr
Spiel getrieben und die Höhlung seit des alten Fritzen
Kriegen mit Schlamm ausgefüllt; wir können es nicht
sagen. Und des Nachgrabens lohnt es sich nicht. Die
Schätze, die aus der Schluft zu holen waren, die hatte
der Magister schon nach Amelungsborn in der Tasche
heimgetragen, und das, was er und seine Begleiter am
fünften November Siebenzehnhunderteinundsechzig drin
zurückließen, das könnte von historischem Werth nur für
den Historiographen dieser Begebenheiten sein, und der
verzichtet drauf in seinem Namen und dem seiner Leser
und — Leserinnen.

Der „eifrigste Forscher“ soll dessenungeachtet dort
mit Axt, Spitzhacke und Spaden unter Genehmigung
der hohen Forstbehörden im kultivirten Walde thun
können was er will — Alles zu Ehren der großen
Wald- und Wildnißschule Kloster Amelungsborn und
ihres trefflichsten Kollaborators M. Noah Buchius
Seligen.

Und wie Schade, daß es nicht heißer Hochsommer
draußen war und sie damals nicht auf einer Vergnügungsfahrt kamen, diese gehetzten Erdenbewohner, die
eben ihre Augen an das Licht in der Finsterniß gewöhnten! Der Troglodyt, Ureinwohner oder Einwanderer,
der vor Jahrtausenden diese Junggesellenwohnung gefunden und für sich in Beschlag genommen hatte, der
hatte nicht nur Glück, sondern auch Geschmack gehabt.
Die jetzt noch vorhandene allgemeine Stammhöhle am
Rothen Stein war ein unheimlicher, naßkalter, ganz
dunkler Hordenunterschlupf, ein Stall, ein Greul gegen
des Magister Buchius letzten Zufluchtsort im Lebens-,
Schul- und Kriegsdrangsal.

„Es fällt, weiß Gott, auch noch Licht von Oben
herein,“ rief Thedel Münchhausen. „O nur noch einen
Moment länger, Mamsell Selinde, in den Sack gekuckt:
nachher weiß Kater und Katze hier eben so gut Hausgelegenheit wie — anderswo in der Welt!“

Es fiel wirklich hier und da durch die übereinander geschichteten Blöcke ein Glimmer vom grauen Morgen
in die wenn auch kühle, so doch jedenfalls behaglich
trockne Höhle. Und was das Licht anbetraf, so sollte
es damit noch viel besser kommen. Es klang in der
Tiefe Stahl auf Stein, die Funken spritzten, es fingen
Zunder und Schwefelsticken und nun:
„Salvete, hospites!“
sprach Magister Buchius mit einer kleinen Blechlaterne
der allerechtesten Lucerna Epictetiseine Gäste und
Schützlinge in seinem bis zu diesem heutigen Schreckensmorgen und furchtbaren Schlachtentage des guten Herzogs Ferdinand ihm unbestrittenen letzten Erdenasyl
beleuchtend, und ihnen auch es — zur Verfügung
stellend.

„O Herr, Herr Magister, und ich habe Sie, mit
den Anderen habe ich den Herrn Magister zum Narren
haben wollen!“ stotterte jetzo in Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit weinerlich Junker Thedel von Münchhausen.
„O, vivat, vivat Amelungsborn! In saecula saeculorum die große Schule von Amelungsborn!“
„Vigeat! floreat!“ rief Magister Buchius, sich ganz
in die Stimmung der alten wilden und gelehrten Herrlichkeit und des dummen Jungen, des letzten echten
und gerechten Wald-Klosterschülers versetzend; aber leider nur für einen kurzen, kürzesten Augenblick.

„Was schwatzet Er, was jubiliret Er vom alten
Amelungsborn, lieber Münchhausen? Transiti ad inferos. Das sind wir! Zu den Unterirdischen sind wir
gegangen. Helfe Er dem armen Schelze zu einer
guten Unterkunft, so lange der Lichtstumpen in der
Laterne reicht,“ sagte er, mit dem Schein, der von ihm
ausging, rundum Hausgelegenheit im Bauche des Idistavisus zeigend.

Der Troglodyt, der vor ungezählten Jahrtausenden
den heimeligen Ort für sich eingerichtet hatte, abseits
von der Kommune, der großen Welt und der kleinen
in dem großen Gemeinwesen nach Holzen zu im Berge,
und der Vorgänger in der Zelle des letzten Kollaborators von Amelungsborn, der letzte katholische Mönch,
Bruder Philemon, sie waren beide für den Magister
Buchius in mancher trübseligen Stunde wie lebende gute
theilnehmende Stubengenossen gewesen in den Ithklippen
wie im Kloster. Jetzt machte der Erstere mehr denn
je als Vertrauter mit dem Magister die Honneurs
des Ortes.

„Helfet dem Schelze zu einem Sitz dort auf der
Steinbank,“ sagte der Magister. „Der arme Sünder
und diluvii testis, der Sündfluth Zeuge hat dort auch
sein Lager sich zubereitet in seinem betrübten finstern
Leben. Nun, die Gnade Gottes wird ihn itzo wohl auch
in ein klareres Licht erhoben und zu besserer Einsicht
verholfen haben. Ich habe seinen Kochtopf zu Hause
in meinem Museo, wenn der nicht —“ kopfschüttelnd
und seufzend brach er ab in der Ueberlegung darob,
wie es augenblicklich wohl in seinem „Museo“ aussehen
möge. Und er fuhr erst nach wiedererrungenem philosophischen Gleichmuth fort: „Wir könnten ihn, den Topf
meine ich, doch nicht heute hier von Neuem gebrauchen,
des Rauches vom Küchenherd wegen, der durch die Steinritzen dem Feind von unserm Dasein hier unten Kunde
geben möchte. Liegt Er jetzo gut, Schelze?“

Knecht Heinrich faßte winselnd nach der Hand des
Alten.

„O Herre, Herre, Herre! ohne den Herrn Magister
und mein Wieschen, wo läge ich jetzt?!“

„Vergiß des Herrn Amtmanns Schimmel nicht,
Kamerad“, meinte der Junker. „Und Mademoiselle Selinde hat Dir ihren Sitz im Sattel auch aus ihrem himmlischen Herzen abgetreten ohne Querelen. O was meinet
Sie, schönste Mademoisell? wir kommen doch noch heil
aus dem Jammer! Ei, wissen der Herr Magister wohl
noch, wie Sie mir privatim den Propheten Jeremias
auslegeten nach der Bataille bei Kolin: Ach, daß ich
Wasser genug hätte in meinem Haupte zu beweinen
die Erschlagenen in meinem Volke?! Der Herr Magister
hatten mir bei Sonnenuntergang wieder mal den Carcer
auf des Herrn Rectoris Ordre aufschließen lassen und
mich mit auf Ihre Stube genommen, mir nochmals in's
Gewissen zu reden. Ich war eben noch ganz grün in
Kloster Amelungsborn, aber Er war auch schon bei der
Affaire mit den Golmbachern, Schelze, wo sie unsere
Tertia auf ihrer Feldmark beim Krebsen im Bremekenbach gepfändet hatten und sie bei den Zöpfen nach ihrer
Pferdeschwemme zum Untertauchen ziehen wollten.“

„Dem Regiment Bevern ist's in der Unglücksbataille
in Böhmen nicht schlimmer ergangen als wie uns vom
Kloster damals!“ rief der Knecht Heinrich ganz lebendig
in der vergnügten Erinnerung vom Canapé des Urhöhlenbewohners her. „Damals ging's aber auch von
unserer Seite mit über Bevern her; denn es war
Lobacher und Bevern'scher Zuzug unter den Golmbachern.
Die Lümmel —“

„O je, Heinrich, der Herr Magister Buchius und
der junge Herre gehören ja auch zu ihnen, Die sind ja
auch aus Bevern!“ rief Wieschen, die gottlob jetzt schon
wieder den Arm ihres Liebsten um sich fühlte, während
sie bis vor Kurzem in ihren Armen den armen Kerl
hatte aufrecht halten müssen.

„Mamsell Fegebanck, allerwertheste Jungfer,“ sprach
aber jetzo Magister Buchius mit ausgesuchter Höflichkeit
und Sensibilité die Schönste im kleinen Haufen an,
„wir wollen jetzt Kolin Kolin und Bevern Bevern
sein lassen. Liebes Kind, wir sind in Angst, und der
Feind hat uns die Kleider zerrissen; wir sind durch
Stock und Dorn gehetzet, und der Regen hat uns durchnässet bis auf die Knochen; wir sind geschüttelt vom
Hunger und vom Frost, und vor Freund und vor Feind
haben wir uns im Eingeweide der Erde verkriechen
müssen; aber rufen müssen wir doch mit dankerfülltem
Gemüthe Sursum corda …“

„Ach was habe ich von Seinem ewigen Sumsumkrahkrah und anderm Rabengekrächze?“ ächzte die Schöne
bissig. „Wenn der Herr Magister mir eine wirkliche
Compläsance erweisen wollten, so sollten Sie lieber, so
lange das Licht in der Laterne reicht, in den aufgegriffenen Schnappsäcken nachsehen, was die Rappsäcke
aus allen Herren Ländern an Proviant mit sich hatten.
Das war die einzige Vernunft, die der Musjeh Münchhausen bewiesen hat heute, daß er von dem todten Volk
da oben auf der Straße mitnahm in den Berg, was es
zu seinem Leben doch nicht mehr gebrauchen konnte.“
„Das ist eine haarige Idee!“ rief Thedel von Münchhausen, zum ersten Male in seinem jungen Dasein sich
aus dem Knieen vor dem Ideal seiner Schultage mit
ausgespreiteten Armen und Händen erhebend und sich
mit ganzer Seele und leerem Magen der einfachen und
aufrichtigen Mutter Natur in die Arme stürzend.

Kein Priester des Bel zu Babel oder des Drachen
zu Babel konnte je zu Füßen seines Idols sich eines
gesundern Appetits erfreut haben, als wie der arme
gute Junge ihn itzo, auf das vernünftige Wort seiner
Göttin hin, bei der Durchsuchung der aufgerafften
Brodbeutel der hohen kriegführenden Parteien bethätigte.

Sie trugen die drei Knappsäcke auf einem Steinblock
um die Lucerne des Magisters Buchius zusammen.
Schon durchwühlte Mamsell die schottische Seehundstasche
und leerte ihren Inhalt auf die Tischplatte des Troglodyten; Thedel von Münchhausen schüttelte den Inhalt
des französischen Tornisters dazu, der alte Schulmeister
zögerte am längsten mit dem blutbespritzten, regennassen
Nachlaß des Landsmanns aus der Lüneburger Haide
in den Händen.

Er war auch der Einzige, der zu dem Sackausschütteln auch den Kopf schüttelte:

„Welch' ein Leben! welch' eine Zeit!“

„O tempora! o mores!“ rief der Junker. „Nu,
guck Einer den welschen Spitzbuben an. Sind das Deine
Schuhschnallen, von denen Du uns so oft lamentirt hast,
Wieschen?“

„I, zeige Er doch, Herr von Münchhausen. Ne,
meine sind es nicht. Die hat der Rischelljöh selber an
sich genommen, meine ich.“

„Aber ich meine, diese nimmst Du dafür an Dich
nach Kriegsgebrauch und Recht, Wieschen. Was meinen
der Herr Magister? Da hast Du auch das Putzpulver
dazu, Wieschen. Da, drei Paar Manschetten und ein
halbes Hemde — hatte denn der Kerl nichts an Proviant bei sich als den Bauerhahnen am Säbelgurt?
Noch einen silbernen Kinderlöffel — ein fein Frauenzimmersacktuch — Teufel, das Blut! Haben der Herr
Magister nichts von Eßbarem gefunden?“

„Alles blutig! alles voll Blut,“ murmelte der alte
Herr schaudernd, einen Knorren angenagten, schauerlich
feuchten schwarzen Roggenbrodes hinüber zeigend, das
er mit zitternder Hand herausgeholt hatte aus dem
Bündel wollener Socken, Hemden, Fußlappen, welches
aus dem Knappsack des Kurfürsten von Hannover gefallen war.

„Eine Paternosterschnur aus Bernsteinkugeln mit
einem silbernen Kreuz —“

„Hat der Schlingel auch nicht bei seinen Haidschnukken gefunden. Hat er von drüben her aus Westfalen zum Andenken sich mitgebracht,“ meinte der Junker
und fügte kläglichst hinzu: „O je, o je, o Herr Gott,
vergieb mir meine Sünden und mein freches Maul im
Coenacul, wenn die amelungsborner schwarze Suppe
versalzen oder angebrannt war, und wir Sparter Panier
aufwarfen gegen Küche, Koch, Rector und Amtmann.“

„Sieht Er dies jetzo ein, lieber Münchhausen?“ fragte
Magister Buchius, plötzlich ganz als Schulmeister —
zum erstenmal an diesem Tage. „Habe ich Ihm diesen
Seinen Seufzer nicht hundertmal prophezeiet? Er war
Einer von den Schlimmsten jederzeit und hat mir freilich
durch Seine lose Zunge manch' Unbehagen zubereitet,
und ich habe es Ihm mit Kummer nicht verhehlen
können, daß Zeiten kommen könnten, da —“

„Mademoiselle!“ rief der Schüler plötzlich in einem
Ton, der gar nicht zu dem seines Lehrers paßte.
„Mamsell Selinde, Göttin, Amalthea, Sie hat wieder
den Schlüssel zur Speisekammer. Ja, diese verdammten
Englischen! sie haben immer das Horn des Ueberflusses
mit sich. Jeses, nun seh' Einer, was Mademoisells
Kriegsfortuna ihr in die Schwanenhände gelegt hat —
Vivat Ferdinand, jetzt halten wir schon eine Belagerung aus!“

Man konnte nicht sagen, daß es ein zauberisches Lächeln
war, was nun zum erstenmal an diesem wilden Tage
das Gesicht der Schönsten von Kloster Amelungsborn
verklärte; aber lächeln that sie und wies ein beneidenswerth gesundes Gebiß dabei von einem Ohre zum andern
über ihren Schätzen.

A flitch of bacon — ein gut Stück wenigstens von
einer west- oder ostfälischen Speckseite! Deutsche Bauernwurst, deutsches Bauernbrod! Der unbehosete Tartanträger, der wackere Alliirte aus dem hohen Norden hatte
es gerade so gut wie der arme Teufel vom Golfe du
lion verstanden, auf seinem Marsche zum Ith unterwegens zuzugreifen; und Keiner aus der kleinen hungrigen Flüchtlingsschaar in der Ithhöhle nahm ihm das
in diesem Moment, unter „sothanen Umständen“, wie
Magister Buchius sich doch entschuldigte, übel. „Sondern im Gegentheil!“ sprach Thedel von Münchhausen
sozusagen mit einer gewissen Andacht.

Von den drei Feldflaschen, die auf der Gefechtsstelle bei Scharfoldendorf den todten Kriegsleuten von
den Kindern des Landes im Vorbeieilen mit abgerissen
worden waren, enthielten zwei auch noch einige Tropfen
Brannteweins: „zu einem erwärmenden Anlecken für
mesdames und zu einem gottlob beinahe überflüssigen
,Bäuschgen‘ auf den ‚hanebüchnen Dickschädel des Esels
Heinrich‘,“ wie Junker Thedel von Münchhausen gleichfalls bemerkte.

Nach fünf Minuten saß die ganze Gesellschaft stumm
kauend bei dem Schein des Lichtstümpchens in der Laterne
des Magisters Buchius, und Jeder horchte für sich aus
der Tiefe des Berges, wie der Zwist der Könige ihnen
zu Häupten dumpf forttosete und auch hier zu ihnen hinunterdrang —

„'s ist wie lebendig begraben! Lange halte ich das
nicht aus,“ wimmerte Mamsell.

„Ich auch nicht,“ rief Thedel Münchhausen, und
dann erlosch das Licht in der Laterne, und Magister
Buchius ergriff das Wort. Er — er — er versuchte
es wenigstens, die Angst der gejagten Menschenkreatur im
Finstern zu beschwichtigen; er, der so oft in seinem
kümmerlichen Dasein, im dunkeln Winkel verkrochen, vor
dem lustigen Leben der Welt den Vogel Strauß hatte
agiren müssen.

„Liebe Freunde, liebe Kinder,“ sagte er und rieth
er, „einen Augenblick, nur eine kurze Weile die Augen
zumachen! nachher scheinen die Sterne wieder in den
Brunnen, oder, ich sage es besser, wir sehen noch ferner
das angenehme Licht auch dieses schlimmen Tages.“
Wie die Kinder thaten sie, was ihnen gerathen
wurde; und saßen eine geraume Weile still, auf die
Schlacht draußen horchend, auf diesen Donner, der nur
wie ein unterbrochenes leises Murren durch die Felsenspalten zu ihnen in die Tiefe hinabdrang.

Als sie wiederum aufblickten, merkten sie, daß der
schwache Schimmer des Tageslichtes, welcher durch dieselben Steinritzen in ihren Zufluchtsort eindrang, genügte, sie „lebendig im Grabe“ bei Besinnung zu erhalten.

Fünf weitere Minuten später seufzte Thedel wahrhaft kläglich vor sich hin:

„Und das hat Er herausgefunden?!… Er! Und
Wir haben gemeint, der Wald und der Berg vier
Stunden um Amelungsborn sei nur für uns in die
Welt hingestellt worden! Jetzt steckt er uns Alle in
die Tasche, und der Bauerochse Schelze kann ihm nur
verstohlen auf der Fährte folgen. Es ist eine Blamage
für die ganze Schule, und es war die allerhöchste Zeit,
daß sie aus der lichtgrünen Waldgloria nach Holzminden
zu den Schustern und Schneidern verlegt wurde.“

Laut rief er, — im rand- und bandlos hervorbrechenden Enthusiasmo schrie er:

„Vivat der Herr Magister Buchius! Der Herzog
Ferdinand und die Canaillen, der Poyanne und der
Chabot müssen sich am Ith treffen, daß das Letzte vom
richtigen Amelungsborner Cötus nun, da es zu spät
ist, seinen besten, liebsten, tapfersten, klügsten Herrn
Magister ganz kennen lerne.“

„Schreie Er wenigstens, da es dazu wahrlich zu
spät ist, nicht jetzo allzu laut, daß Er uns nicht doch
die Marodeurs aus aller Herren Volk auch hier noch
auf den Hals locke,“ rieth Magister Buchius. Das
Behagen, welches der letzte wirkliche Kollaborator der
wirklichen Großen Schule von Amelungsborn jetzt an
dem schlimmsten letzten Schüler derselbigen nahm, seinen
Triumph, welchen er über den besten wirklichen Scholaren
der Großen Wald- und Wildnißschule feierte, trug er
kopfschüttelnd lächelnd aus unruhvollen Tagen der Vergangenheit am unruhvollsten eben vorhandenen Tage
heraus, auch wie ein Marodebruder, der unterwegens
was aufgreift und mitnimmt, uneingedenk der nächsten
Kugel und ihres durch Ursache und Wirkung bestimmten
Ziels. — — — — — — — — —

Neunzehntes Kapitel.

Sie saßen ja wohl nunmehr in verhältnißmäßiger
Sicherheit. Wie lange aber der Jüngste unter ihnen,
der wahrlich nicht hierum in vergangener Nacht von
Holzminden herübergelaufen war, es in solcher Sicherheit aushält, das werden wir wohl auch erfahren.
Zuerst gefiel es ihm in diesem dunkeln Loch nur allzu
gut, wenn auch aus einem Grunde, den Magister
Buchius wenig oder garnicht billigen konnte.

Er, Junker Thedel von Münchhausen, hatte es
wahrlich auch soweit im Virgilius gebracht auf der
Großen Schule zu Amelungsborn, daß er grinsend in
dem saubern unterirdischen Cachot das Wort des in
solchen Sachen ganz erfahrenen Vaters Zeus citiren
konnte:

„Weil die geschäftigen Rotten das Thal umstellen mit Fanggarn,
Schütt' ich hinab und errege mit hallendem Donner den
Himmel —
Denn zur selbigen Kluft gehn Dido und der Gebieter
Troja's ein.“…

„Jeses, man kriegt so schon keine Luft vor Angst
und in der Pechrabenschwärze, — dichter braucht Er
mir nicht auf den Leib zu rücken, Thedel. So lasse
Er doch das Drängeln, Herr von Münchhausen!“ klang
es plötzlich aus einem Winkel der Spelunca, weinerlich,
verdrießlich, abwehrend.

„Münchhausen!“ erscholl es von der andern Seite
her, vermahnend, abmahnend; „aber lieber Münchhausen,
wenn Er da drüben keinen Platz findet, so krieche Er
hier herüber zu mir her und belästige Er nicht Mademoiselle unnöthigerweise. Hier ist des Raumes zur Genüge für Ihn und mich.“

„Mademoisell Selinde, o mein Licht im Dunkel,“
flüsterte es drüben, während Magister Buchius vergeblich
auf Antwort und Folgsamkeit wartete. „Mein Wiesenstern, mein Rosenstrauch, mein Schönheitspiegel, je tiefer
der Abgrund desto höher meine Seligkeit; je finsterer
die Hölle desto heller meine Sonne: je kälter der Keller
desto heißer meine Amour! …“

„Er ist ein ganz dummer Kerl, Herr von Münchhausen, und wenn mir nicht alle Glieder vor Nässe,
Frost und Aengsten beberten, so sollte Er schon — jetzt
aber lasse Er ab — ist das ein Ort und eine Stunde
für dumme Flattusen und Dumme-Jungens-Kindereien?
So höre Er doch auf Seinen alten verrückten Schulmeister,
Thedel!“ flüsterte es zurück.

„Lieber Münchhausen, es ist Heldenart in großen
Drangsalen, sich von den Schrecknissen und Molesten
der Gegenwärtigkeit frei zu machen, und zu thun, als
ob sie nicht wären. Wir haben die Exempla berühmter
Kriegsleute und weiser Männer. Plutarchos giebt uns
Beispiele von den Erstern. Was die zweite Art angehet, so haben wir vor allem Platons zwei Bücher,
den Phädon und den Kriton — Er höret mich doch,
Münchhausen?“

„Wie die, welche das Ohrenklingen haben, das ganze
Gehör voll Pauken, Flöten und Trompeten haben, Herr
Magister,“ brummte der Exscholar von Amelungsborn,
ohne die geringste Ahnung davon zu haben, daß er jetzt
wirklich das Buch Kriton am Schluß ziemlich wörtlich
citire. „Der Herr Magister brauchen nur zu befehlen,
wovon wir hier im Erdenbauch diskurriren sollen, während
uns der Kuckuck und sein Küster über den Köpfen
aufspielen, tanzen und den Tanzboden eintreten —“

„Herr Magister,“ seufzte aus seiner Ecke in der
Erdhöhle Knecht Heinrich. „Herr Magister, ich meine,
ich bin halbwegs wieder bei Beinen. Den Kellerhals
kenn' ich ja leidergottes gegen des Herrn Magisters
Vorwissen, und auf die Gefahr käm's mir nicht an, den
Kopf vorzustecken und zuzusehen, wie's draußen stünde.“

„Du bleibst hier, Du bleibst bei mir, Du bleibst
wo Du bist und rührst Dich nicht von der Stelle,“
kreischte Wieschen. „Wer einzig und allein hier zu sagen
und zu befehlen hat, und den Kopf vorzustecken und
draußen zu spioniren hat, das ist einzig und allein
unser einzigster Trost und Helfer in dieser Angst und
diesem Elend, der Herr Magister, der Herr Magister
Buchius!“

Magister Buchius, unterbrochen in seinem ersten
Anlauf, sich und seiner ungebehrdigen Genossenschaft die
Zeit im Dunkeln bis zur möglichen Erlösung heroenhaft
und wissenschaftlich zu vertreiben, sprach:

„Herzenstochter, Du hättest wohl Recht: es sollte
ganz eigentlich am hiesigen Orte kein Anderer als wie
ich als erster neuer Possessor nach unseren Vorfahren, der
Cherusker Auszug, die Verfügung über Thor und Thür,
Eingang und Ausgang haben. So werde ich denn
wirklich auch der Erste von uns allhier sein, der fürsichtig nach dem Wetter draußen siehet, wenn es mir
Zeit dünkt, guter Freund Heinrich. Von Ihm aber,
Münchhausen, wünsche, erhoffe und glaube ich, daß Er
mich auch in dieser Finsterniß oder Dämmerung drauf
hin ansehen werde, wie ich unsern vornehmen Altvordern
den erlauchten Herren des Landes, des Grunds und
Bodens, einen solchen gemeinen, beschwerlichen, unbequemen Aufenthalt in Höhlen und Schluchten des Waldes
und Gebirges anweisen dürfe —“

„Thedel, ich sage es Ihm zum allerletzten Male!“
zischelte es in der unbequemen, beschwerlichen, cheruskischen Höhlen- und Schluchtdunkelheit.

„Ich sehe den Herrn Magister ganz genau darauf
an — sitze Sie nur stille, o Mademoiselle — Mamsell
Selinde!“

„Sieht Er, das freut mich! Und so weise ich Ihn
denn gern auf den Dio Cassius hin, in welchem Er
bei gemächlichern Umständen nachschlagen mag: Chariomerus autem rex Cheruscorum a Chattis imperio
suo ejectus.“

„Uh Jeses, Heinrich, hörst Du das und gruselt's
Dir da nicht noch mehr?“

„Es sollte eigentlich Griechisch sein, Wieschen, ist
aber bloß Lateinisch. Und auf Deutsch ist's auch nicht
so schlimm, als es sich anhört,“ lachte Thedel von
Mamsells zärtlicher Seite her, „da bedeutet's nur, daß
der Härzer König Gariomer von den blinden Hessen
auch seinerseits aus Haus, Hof, Bett und Stall herausgeschmissen wurde und allhier wie wir heute in Wald
und Schlucht sich verkriechen und vielleicht grade in
dieser selbigen Spelunke unterkriechen mußte.“

„Ach du liebster Gott, auch der vornehme Herre?“
seufzte Wieschen mitleidig.

„Sie sagen, König Fritze hätte manchmal viel darum
gegeben, wenn er nur solchen sichern Ort zum Unterkriechen gehabt hätte,“ meinte Heinrich Schelze.

„Dieses ist so, Schelze,“ sprach der Magister Buchius
melancholisch. „Das Geschick ducket die Könige und
die Bettler gleicherweise nieder, wenn es ihm beliebet.
Von Ihm aber, Herr von Münchhausen, freuet es mich,
daß Er nicht den Herrn Pastor Dünnhaupt bei Seiner
Derivation des Namens unserer hochberühmtesten cheruskischen Altvordern folget. Es scheinet mir doch zum
Mindesten ein wenig zu weit hergeholet, wenn der Herr
Pastor behauptet, daß diese Nation von ihrer Arbeitsamkeit und unverdrossenem Fleiße Gar ut sin benannt
worden wäre, welches dann die Lateiner Cherusci ausgesprochen hätten.“

„Gar ut is et friilich balle mit ösch,“ murmelte
Mamsell Selinde, aber:

„Vivat der Herr Pastor, der Herr Pastor Dünnhaupt!“ klang es seltsamerweise aus dem andern Winkel
der versündfluthlich-cheruskisch-kattischen Felsenhöhle.
„Dies hätte ich schon wissen sollen, wenn uns auf unsern
Bänken in Amelungsborn die Herren vom Katheder aus
cheruskische Bärenhäuter benamseten. Faule Stricke,
grobe träge Flegel, landeingeborene Schweinpelze, und
— per eminentiam — cheruskische Bärenhäuter uns
betitulirten!… Hört Sie es nun wohl, Mademoiselle?
Seit Uranfang sind wir belobt wegen Arbeitsamkeit und
von wegen unverdrossenem Fleiße! Und es ist Alles
stinkende Verläumdung gewesen, was man uns an übelem
Geruch und Ruf aufgeladen hat seit tausend Jahren.“

„Wenn Er mir jetzo eins von den warmen Bärenfellen, auf denen sich Seine Herren Vorfahren geräkelt
haben, schaffen könnte, so wollte ich mich zum erstenmal
heute bei Ihm bedanken, Thedel. Wie es aber ist,
bleibe Er mir auf tausend Schritte vom Leibe, Er ist
nässer und kälter als wir Alle mit seinen Zuthunlichkeiten.“

„Herr Pastor Dünnhaupt will Behausungen unserer
Vorfahren, wie wir sie heute, jetzt, durch Gottes Güte,
Hülfe und gnädigen Beistand einnehmen dürfen, noch
an der Elbe bei dem Gute Langeleben angetroffen
haben,“ sprach Magister Buchius. „Ich für mein Theil
glaube außer diesen auch noch drüben am Vogler bei
Hohlenberg auf solche gestoßen zu sein, an der großen und
an der kleinen Hohle, gegen den Butzberg zu. Was
die hohle Burg bei Stadtoldendorf anbetrifft —“

„Herre,“ unterbrach hier, wahrscheinlich hastig sich
aus den Armen seines Wieschens aufrichtend, der Knecht
Heinrich Schelze, „Herre, Herr Magister, die Unterkommen und Höhlungen da im Stein stammen nicht
von den alten, lange verstorbenen Bärenhäutern! Man
soll eigentlich lieber nicht davon sprechen. Sie haben's
nicht gerne; aber die darin gewohnt haben, die wohnen
heute noch darin. Ich habe selber Einen von ihnen
am hellen heißen Mittage sitzen sehen — am hellen
lichten Mittage, um Johanni, so um die Siebenschläfer
und Peter und Paul herum, mitten im Sommer,
mitten am Mittage.“

„Jeses, Heinrich!“ rief Wieschen;— „ich bin nicht
dabei gewesen, Mademoisell Selinde,“ lachte Thedel von
Münchhausen. Der Magister Buchius aber fragte ernsthaftiglich:

„Was — wen hat Er sitzen sehen, Schelze?“

„Einen von ihnen — den Kleinen, Herre! Auf
der hohlen Burg unter der Homburg! Er saß bei
seinem Loch und ließ die Beine baumeln. Wie ein
dreijährig Kind mit einem alten, alten Kopf und

langem rothgriesen Bart und einer Kappe halb über
die Augen. Und es war wohl mein Glück, daß er
um die Zeit auch halb im Schlaf war und saß und
mit dem Kopfe nickte. Ich hatte meine Barte bei mir,
aber Gott der Herr hat mich davor bewahrt, daß ich
sie nach dem Spuk warf. Als ich wieder hin sah, ist
er weg gewesen.“

„Nun guck Einer den dummen Kerl,“ rief der
Junker von Münchhausen. „Mademoisell Selinde, wäre
ich dabei gewesen, als Cavalier und irrender Ritter, ich
hätte meiner Allerschönsten, meiner Allerliebsten und
königlichen Prinzeß den Zwerg von der hohlen Burg
an Händen und Füßen gebunden, über den Rücken
gehängt mitgebracht nach dem Kloster und zu ihren
Füßen geleget. Er ist doch nur ein Rindvieh, Schelze,
so gute Freunde wir auch sonst sind, Heinrich.“

„Das sagt Er wohl, Herr von Münchhausen,“ sagte
Heinrich Schelze; doch Magister Buchius sprach, in
seiner finstern Ecke wissenschaftlich melancholisch den
Kopf schüttelnd: „Es ist wohl nur eine Phantasie,
eine Phantasmagoria, eine Einbildung und Täuschung
der Sinne gewesen, lieber Heinrich; aber, lieber Thedel,
die Welt ist doch voll der Mirakel und Mysterien, und
der Mensch, wie er in der Schwebe hängt zwischen
Himmel und Erde, ja, zwischen Himmel und Hölle, so hänget
er auch zwischen Dem, was er begreifet und Dem, was er
nicht begreifet um sich her und in sich selber. Der Mensch
sitzt in der finstern, schaudervollen Nacht in Heiterkeit und
bei hellem Verstand und bedienet sich seiner Vernunft
fröhlich bei seinem Studio oder in Ueberlegung seiner zeitlichen Umstände. Und derselbige Mensch traut am hellen
Mittage bei leuchtender Sonne unter Gottes blauem Himmel nicht seinen fünf Sinnen! Ja, er stehet vor den beiden
großen Grundsätzen aller unserer Erkenntnisse, dem Satz
des Widerspruches, nämlich daß es unmöglich ist, daß etwas
zugleich sei und zugleich nicht sei; und dem Satz des zureichenden Grundes, nämlich daß Alles, was ist, einen zureichenden Grund haben muß — er stehet, sage ich, wie die
Kuh vor dem verschlossenen Thor. Was die schlimmsten,
die ärgsten Zweifler oder Skeptici nicht läugnen, das
schwanket in seiner Seele. Er siehet am hellen Mittage Dinge, die Dem schnurstracks widersprachen, was,
abgesehen vom Principio rationis sufficientis, die Alten
schon das Principium exclusi medii inter duo contradictoria nannten.“

„Jeses, Jeses, Jeses!“ wimmerte das Wieschen; doch
der Magister fuhr mit erhobener Stimme fort:

„Ja, der Mensch glaubt am hellen Mittage an ein
Drittes zwischen zwei Widersprüchen. Auch ich habe
in diesen Gegenden am lichten Sommertage, wenn die
Sonne am heißesten auf's Gestein und die Waldblöße
brannte, Dinge gesehen — Dinge gesehen, sage ich, die
mich an mir selber und dem Satze, daß etwas entweder
sein oder nicht sein muß, zum herzbebenden Zweifeln
brachten.“

„Davon sollten der Herr Magister gerade jetzo der
Beruhigung wegen das Genauere erzählen,“ meinte
Thedel; doch Magister Buchius sprach schon ohne diese
Aufmunterung weiter:

„Ihr kennet Alle auf dem Küchenbrinke unser uraltes Klostergebäude, so heute noch der Stein genannt
wird. Es stehet über den alten Sundern, an dessen
Ende gen Westen sich noch Rudera einer Kapelle finden,
so die Klus von uns genannt wird. Da hab' ich ihn
gesehen um eilf Uhr gegen Mittage, gerade als die
Klosterglocke schlug, am zwölften Juli des Jahres Siebenzehnhundertsiebenundvierzig.

„Wen? Wen? Wen?“ rief athemlos, trotz der
Schlacht des Herzogs Ferdinand und des Marschalls
von Broglio am fünften November Siebenzehnhunderteinundsechzig, die Gesellschaft in der Ithhöhle.

„Den ersten ureigenen Herrn und Eigenthümer der
heiligen Stätte vor unserm Einsiedler, den Waldbruder
Amelung! Er saß mit einem blutigen Messer auf den
Ruderibus der Klus, mit langem, greisem Bart und
einem Eichenkranz, doch das Haupt gesenket wie in
tiefsten Gedanken. Er kümmerte sich nicht um mich.
Er sah nicht nach mir. Woher ich es wußte, weiß ich
nicht; aber ich wußte es, er war den Küchenbrink herabgekommen vom Steine; er war herausgekommen aus
der Pforte nach Mitternacht, wo man heute noch das
Agnus Dei mit der Fahne eingehauen siehet, von dem
Orte, wo sein Stein gestanden hat, sein Altar und
Opferstein, allwo man die Römer und die Soldaten
Caroli Magni abgeschlachtet hat, ehe und bevor Graf
Siegfried von der Bomeneburg, was wir heute die
Homburg heißen, unser Kloster anlegte und es mit dem
Hedfeld, dem Heidenfelde dotirte.“

„Und dann, Herr Magister?“ fragte jetzt selbst
Mamsell Selinde Fegebanck.

„Dann, meine liebste Mademoiselle, lösete sich Dieses,
so für den tagtäglichen Menschenverstand ganz und gar
außerhalb des Principii rationis sufficientis, will sagen,
des Satzes vom zureichenden Grunde lag, auf im
Flimmern der heißen Sonne über dem Trümmergestein und dem jungen Tannenwuchs, und nach einer
Weile mußte ich nach Hause, dieweil nun doch bald
die Glocke den Cötus von Amelungsborn zu Tische
läutete.“

„Nihil est sine ratione sufficiente, Mamsell Selinde,“ rief jetzt Thedel von Münchhausen. „Alles was
ist, muß seinen zureichenden Grund haben, die Amour
und der Haß! Auch die Wuth, die der alte Barde
auf unsern seligen, alten Waldbruder Amelung gehabt
haben muß. Herr Klopstock hätte von ihm nicht verlangen können, daß er unter seinem erbeigenthümlichen
Herd und Küchenbrinke anstimme: Sing unsterbliche
Seele der sündigen Menschen Erlösung! Aber nun
lassen die Herren auch mich mal heran. Auch Unsereiner
hat wohl seine Spukgeschichten erlebt bei Tage und bei
Nacht in dem alten Spukekasten Amelungsborn und
draußen. Es ist bis unters Deckbett nicht immer geheuer, Mademoiselle, und wenn Herr Lessing seinen

O Jüngling, sei so ruchlos nicht,
Und leugne die Gespenster,
Ich selbst sah eins beim Mondenlicht
Aus meinem Kammerfenster!

so spreche ich mit dem Jüngling:

Ich wende nichts dawider ein,
Es müssen wohl Gespenster sein.

Hat nicht der Herr Amtmann einmal in der Nacht
vor Kreuzeserhöhung auf eines aus seinem Fenster geschossen, wo freilich Herr Magister Lessing seinen Alten
wieder singen läßt:

Auch weiß ich nicht, was manche Nacht
In meiner Tochter Kammer
Sein Wesen hat, bald seufzt, bald lacht;
Oft bringt's mir Angst und Jammer.
Ich weiß, es Mädchen schläft allein:
Drum müssen das Gespenster sein.

Nichts ohne seinen zureichenden Grund, nihil sine
ratione sufficiente hätte der Jüngling in diesem Falle
mehr als in einem andern logice antworten dürfen;
doch ich lasse es dahin gestellt, und rede auch nur von
dem, was mir persönlich passirt ist und auch wie dem
Herrn Magister Buchius und dem Knecht Heinrich
außerhalb von Kloster Amelungsborn. Der Heinen
Grasgrabe kennt wohl Jeder von uns?“

„Ei wohl,“ sprach Magister Buchius, „das Feld
vor dem Kloster zwischen der Heerstraße und dem gleich
einer Zunge aus dem Vogler vorgehenden Berge, westlich vom Odfelde, dem Campus Odini, nordwärts unter
dem mit Holz bewachsenen Berge, so —“

„Der Bütze- oder Butzeberg heißt. Da bin ich für
mein Theil dem Butzemann begegnet —“

„Permittire Er einen Moment, lieber Münchhausen,“
rief aus seinem dunkeln Dolomitwinkel Magister Buchius, „was Er uns auch zu berichten die Absicht haben
mag, Er ist dießmal damit auf dem richtigen, durch
die Historie begründeten Boden. Dorten war der geheiligte Hain, das Fanum Odini, der finstere und heimliche Wald, worin die Gottheit unserer Ahnen gegenwärtig war. Ohnstreitig entstand Böse von Butz; und
die Christen haben zur Abschreckung den Ort den Butzberg
genannt, und manche Mutter und Kindsfrau schrecket
noch jetzo unschicklicher Weise die Kinder mit dem heidnischen Butzmann oder Bussemann —“

„Und ich habe dort den Hohlenbergern, einerlei ob
aus der großen oder der kleinen Hohle, am hellen lichten
Mittage den Glauben an den Butzemann beigebracht,
daß sie heute noch ihren Kindern hinterm Ofen damit
Bange machen und Kinder und Kindeskinder noch nach
hundert Jahren davon erzählen werden. Nämlich sie
waren zu Funfzig mal wieder über Heinrichen her.
Sie hatten meinen besten Waldkameraden Heinrich
Schelzen mal wieder unter ihren groben Bauerfäusten
zu Boden —“

„Herr Du mein Leben, i Blitz nochmal, ist denn
das die Möglichkeit?“ rief jetzt hierzwischen der gute Knecht
Heinrich Schelze aus dem tiefsten Heiden- und Spuke-Keller mit vollständig gesundeter starker Stimme in
höchster Verwunderung. „J, Donnerwetter, Blitz und
Hagel, Herr von Münchhausen, waren denn das der
Herr Junker, der uns Klosterleuten da aus dem Busch
als unser Vorfahr und wilder Mann zu Hülfe und den
Bärenhäutern und verfluchten Bauern über die Lauseköpfe kamen?“

„Schlechtweg und zufällig, Heinrich; — simpliciter
et per accidens, Herr Magister,“ lachte der Thedel von
Münchhausen. „Ich kam aus dem Froschpfuhl auf dem
Odfeld. Wo alle Cherusker, Katten und Sachsen bis
zu Karl dem Großen ihr Opfervieh und ihre Priesterinnen
gebadet haben, Herr Magister. Es war uns von Schulwegen verboten, das heidnische Liegen im Wasser; aber
wer es thun wollte, der heißen Tage wegen, der that
es doch, contra leges. Ich will's jetzt nur gestehen,
und der Herr Magister haben selber wohl dann und
wann ein Auge zugedrückt im Walde. So kam ich
dießmal, mit Erlaubniß der Damen, nackigt wie der
wilde Mann auf den Harzgulden über die Hohlenberger
und gottlob auch mit einem jungen Tannenbaum in
der Faust.“

„Hierüber kann man Alles vergessen, Bataille,
Franzosen und Engländer!“ rief Knecht Heinrich in
allerhöchster Verblüffung. „Nun sind der Herr Junker
von Münchhausen auch diese Erscheinung gewesen? Und
vor jeder Kuh- und Pferdekrippe, in jeder Spinnstube,
geht es im Sommer und im Winter, bei Tage wie
bei Nacht um: der wilde Mann vom Harze habe sich
auch hier bei uns an der Heinen Grasgrabe sehen und
spüren lassen!“

„Sehen und spüren lassen!“ lachte Thedel von
Münchhausen. „Ein paar blutige Köpfe und blau und
grüne Buckelstriemen setzte es wohl ab. Dießmal ließ
das Spukeding einige handgreifliche Beweise von seiner
Erscheinung zurück; ehe und bevor auch es sich wieder
in die blaue Luft auflöste.“

„Und der Herr Junker hat es über sich vermocht,
hierüber den Mund zu halten und nur in der Stille
sein Gaudium an — uns Allen in und rund um
Kloster Amelungsborn zu haben?“ rief Heinrich in voller
Bewunderung einer Verschweigsamkeit, deren er sich
nimmer nach einem solchen Streiche für fähig achtete.
„Was sagen denn der Herr Magister jetzt hierzu?“

Magister Buchius sagte gar nichts. Er ließ nur
ein undeutlich Gebrumm vernehmen und nicht ohne
rationes sufficientes, nicht ohne zureichende Gründe.

Er hatte seinerzeit nämlich durchaus nicht gewußt,
was er von dieser kuriosen Apparition des Wilden
Mannes, des Butzemannes vom Harze unterm Butzeberge am Vogler und auf dem Odfelde, auf dem alten
Geschichts-, Geister- und Zauberboden zu halten habe.
Wie er sich zu verhalten habe gegen die Meinungen
und Ansichten, die Jedermann um ihn her, spöttisch,
bedenklich, angsthaft-gläubig oder kopfschüttelnd kund
gegeben hatte.

Er hatte seinerzeit, Alles in Allem in Erwägung
ziehend, nur:

„Hm! hm!“

gesagt; und jetzo, in der Tiefe seiner wunderlich ausstaffirten Gelehrten-Seele und ganz heraus aus dem
Geist, Wissen und Glauben der weiland großen Wald-,
Wildniß- und Klosterschule von Amelungsborn, sagte er
wiederum nur:

„Hm! . . . hm, hm, hm, hm! Ahm!“

„Diese dummen Geschichten machen Einen nur immer
nur noch kälter und verklommener, und die letzte auch
noch nasser in der Einbildung,“ meinte aber jetzt weinerlich-verdrießlich Mademoisell Selinde. „Und heller wird's
auch nicht davon hier im Mordkeller. Man sieht jetzo
wohl seine Hand vor Augen, aber auch weiter nichts;
und wenn ich einmal sterben muß, so will ich's doch
lieber draußen im Lichte. Man vernimmt auch von
draußen her gar nichts mehr von der dummen Bataille.
Das Grummeln und Brummeln hat ja gänzlich aufgehört, und wenn's nach mir ginge, hätten sich nun Alle
die Hälse Einer dem Andern abgeschnitten, daß man
ruhig wieder nach Hause könnte. Jetzt bleibe Er von
mir, Thedel; oder ich spiele Ihm den Butzemann, oder
wilden Mann vom Harz und tachtle Ihm eine Maulschelle hin, daß Er Sein Lebetage bis zum Kopfwackeln
hin an Seine dumme Prinzeß von Kloster Amelungsborn in Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit zu denken
haben soll.

„Herr Magister,“ rief Junker Thedel von Münchhausen, „Herr Magister, Mamsell hat Recht, so wahr
ich lebe! Hier hocken wir, Hans und Hannchen im
Keller, und erzählen einander dumme Spukegeschichten,
und draußen bringen sie die Welthistorie zum Austrag,
ohne daß Einer von uns drauf acht giebt. Sie haben,
der Teufel hole mich, ihr Pulver beiderseits verschossen,
oder der Eine hat den Andern unter. Vivat Herzog
Ferdinand und die hohen Alliirten! Mamsell hat auch
darin Recht, der Satan hält uns hier im Tartaro eingespundet. Sehe Sie zu, wie Sie gut nach Hause
kommt, Mademoisell Fegebanck. Ich krieche vor aus dem
Loch und sehe nach, wir es draußen steht —“

„Caute, caute! Mit Vorsicht, Münchhausen. Lasse
Er mich erst Seinen Rockschooß fassen, lieber Münchhausen!“ rief Magister Buchius, mit zitternder Stimme,
aber im vollen Bewußtsein, daß man sich in dieser
Ithhöhle wohl ein wenig zu lebhaft von alten Spukgeschichten unterhalten habe.

Zwanzigstes Kapitel.

„Merde!“ sagte Junker Thedel von Münchhausen
in der freien Luft, im Licht des Tages vor der Ithhöhle seinen geschwollenen blutrünstigen Backen reibend,
und das Wort kam mit herzlichstem Nachdruck aus seiner
Brust. Er war nicht, ein umgekehrter junger Curtius,
aus dem Schlunde aufwärts in die Schrecken der Erdoberfläche gekrochen, ohne ein letztes aber auch unvergeßlichstes Zeichen von Mamsell Selindens Zärtlichkeit mit
ins Tageslicht empor zu nehmen. Die Schöne drunten
in Nacht und Dunkel hatte dießmal nicht nur zugeschlagen, sondern auch vier von ihren fünf Fingernägeln
ihm in die Wange eingesetzt und vier blutige Striemen
dem zärtlichen Knaben vom linken Ohr hinunter bis
zum Kinn gezogen: „So caressire Ich, Musjeh Thedel,

Herr Junker von Münchhausen! …“

„I so 'ne Katze! so 'ne Wildkatze!“ ächzte Thedel,
seine vom Zufühlen blutgeröthete innere Handfläche betrachtend. „Dafür Cavalier und Ehrenretter bis zum Tode
durch Strick und Gewehrkolben? O Venus, ο Cypria,
Paphia und wie Du sonst geheißen wirst, Canaille!
Eine schöne Narbe bringe ich für mein Theil aus der
glorreichen Bataille heute. Ja, rufe der Herr Magister
da unten nur aus seiner Caverna! An meinen Rockschooß will er sich hängen? Merci — merde! Vivat
der Tod für's Vaterland! pro duce — pro rege. Zum
Teufel mit allen Frauenzimmern. Dulce et decorum
est — So 'ne Wildkatze! ausgestopft im Glaskasten
möchte ich sie jetzo haben und nimmer anders! Da
kriecht der alte Herr richtig zu Tage, und mein Mädchen,
ma belle, ma Princesse ihm nach. Du mein Gott,
kann sich der Welt allerhöchste Schönheit und Lieblichkeit so in einen wüthigen Satan verwandeln? Für
solch Confekt danke ich in alle Ewigkeit. Kochen Sie
sich Jungfer Nichte sauer, Herr Klosteramtmann von
Amelungsborn!“

Es war ihm einerlei was ihm in den Hals kam;
aber singen — brüllen mußte er; und da war der
Halberstädter Grenadier immer wieder der rechte Mann:

Zu rächen jeden Tropfen Blut,
Der unter Bevern floß,
War Alles Feuer, schäumte Wuth,
Schnob Rache Mann und Roß!

Aber im Begriff sich in das Lennethal und den heutigen Schlachttumult des guten Herzogs Ferdinand von
Bevern hinunter zu stürzen, spürte er plötzlich nicht die
Hand des Magisters Buchius an seinem Rockschooß,
sondern wahrlich eine gröbere Faust an seinem Rockkragen.

„Stop, laddi! Lal de daudle. lal de daudle …
What, toddling hame?“

Und sich wüthend umsehend fand er sich wehrlos
im Griff und in der Gewalt eines baumlangen, nacktbeinigen Schottländers mit Mütze, Schurz, Flinte und
Messer, — letzteres Beides ganz und gar zu seinem
Dienst parat. Daß ein zweiter Gäle sich eben bückte
und den deutschen Magister und letzten Kollaborator
von Amelungsborn gleich einem schwarzen Riesenmaulwurf
aus der Felsenspalte empor zog, und daß noch ein halb
Dutzend von derselben Art auswärtiger hoher Verbündeter des Königs Friedrich in Preußen mit Spannung
Acht hatte auf das, was der germanische Wald und
Erdboden noch zu Tage fördern könne: das sah er auch
— wie man Solches unter solchen Umständen eben sieht
und sehen kann.

Es unterlag keinem Zweifel, dieß Volk wußte aus
seiner Heimath her Bescheid in Wald, Berg und Fels
und wußte die Jagdbeute nöthigenfalls auch unter die
Erde zu verfolgen. Ei, diese Herren verstanden es,
den Dachs zu graben und den Fuchs im Nothfall auszuräuchern. Den schwarzen „Domine“ hatten sie draußen,
lachend den Ueberraschten, im Tageslicht Blinzelnden,
unter sich im Kreise drehend und sassenisch wie keltisch
auf ihn einredend. Daß er in fremden Zungen nur
hebräisch, griechisch, lateinisch und mit „Mon dieu, messieurs, mais — nous sommes des amis!“ zu antworten
wußte, war unter den gegebenen Umständen mißlich
genug. Für sein verdächtiges Französisch schlug man
ihm nur den Hut auf die Nase hinab und versetzte
ihm einige Püffe und Rippenstöße mehr.

Aber schon lag Einer dieser fremdländischen Schlingel
lang vor dem Loche und griff mit langem Arme
hinunter in die Felsenspalte des Idistavisus, während
zwei Kameraden ihre Flintenmündungen ebenfalls auf
den Ausgang von des Magisters Buchius letztem, sicherstem
Zufluchtsort im Wirbel der Zeiten richteten.

„Uiih!“ pfiff er gellend, der Kelte oder Gäle
nämlich! Mit einen wahrscheinlich scheußlichem Fluch
in seiner Muttersprache fuhr er mit der Hand an den
Mund wie ein von der Katze gekratztes Kind. Die
vier blutigen Striemen, die sie dem Junker Thedel von
Münchhausen über die Wange gezogen hatte, hatte
Mademoiselle dem unvorsichtigen Macmahon, Macpherson, Macaulay oder Macintosh über die beutegierige
rechte Faust gerissen.

Er sog auch wie ein Kind an seiner schmerzenden
Pfote, der wilde Kaledonier; aber nur einen Augenblick. Im nächsten Moment griff er von Neuem zu
und in die Tiefe und hielt fest, was er gefaßt, ohne
sich an das Gekreisch unter ihm, im Erdinnern zu
kümmern.

„Flegel!“ keuchte Mamsell Selinde Fegebanck, ihrerseits im Tageslicht wieder festen Fuß fassend und unter
den schottischen Wilden, trotz Adlerfedern, Messern und
Flintenläufen nach Rechts, nach Links hin eine Ohrfeige
um die andere vertheilend.

„Ihr unpolirten Lümmel, hat Euch König Fritze
dazu hergerufen?“ fragte sie. „So'n verzotteltes, hosenloses, rothhaariges Lumpenvolk? Da — da — da!
Wart' ich werde euch kuranzen, ihr Kannibalen! Ihr
wollt unsere Alliirten, unsere liebsten besten Freunde
sein? Ich danke für euch und lobe mir meine Franzosen zu Pferde und zu Fuße. Selber die Luckner'schen
sind mir noch lieber, als ihr Waldteufel, ihr Uriane,
ihr Grobiane, ihr indianisches dudelsackrattenfängerisches
Taterngesindel!“

Die überseeischen Wilden lachten ziemlich gutmüthig
über die erboste, die wuthentbrannte Schöne; und das
Abenteuer fing dann erst an eine schlimmere Wendung
zu nehmen, als man auch das Wieschen und den
Knecht Heinrich Schelze aus dem Berge hervorgeholt
hatte.

Die schottischen Gebirgsleute wußten es, wie man
Felsenhöhlen auszusuchen habe. Sie schlugen Feuer
und schickten ihre Schmächtigsten mit den Messern
zwischen den Zähnen und einem dürren, harzigen, in
Flammen gesetzten Tannenast in die Tiefe und Dunkelheit zu genauerer Nachforschung nach Kriegsbeute oder
auch nur nothdürftigem weiterem Marschproviant: Deil
tak the hindmost! Guid speed the wark! …

Es flog des Magisters Laterne an's Tageslicht, der
französische Tornister und der deutsche Ranzen. Sie
fanden aber leider auch die geleerte Tasche des todten
Kameraden von der Heerstraße bei Scharfoldendorf, und
stiegen aufwärts mit ihr aus dem Dolomit des Iths
und hielten sie dem Magister Buchius, dem Knecht
Heinrich und dem Junker Thedel von Münchhausen
zugleich mit den Fäusten, Messern und Büchsen vor die
Nasen und baten jetzt um Auskunft in ihrer wirklichen
Muttersprache. Sie fragten mit Ossian, Fingal und Duchomar auf der Haide, wie die Seehundstasche des Kriegsgenossen in die Ithhöhle und wie das Blut an die Tasche
komme? Wer von den Landeseingeborenen das Wort
nicht verstand, dem war die Gebärde deutlich genug.
Die Fremden aus dem Norden sprachen jetzt, gegen
zehn Uhr Morgens, unter dem „Rothen Stein“ zwischen
Scharfoldendorf und Eschershausen nicht weniger verständlich mit den Kindern des Landes, als wie vorhin
die Fremdlinge aus dem Süden, gegen Tagesanbruch,
auf dem Amelungsborner Klosterhofe. Wenn der Historiograph keltisch verstände, würde er mit Vergnügen seinen
wahrheitsgetreuen Bericht auch durch dieses Idiom verzieren, und zu Papier bringen wie es auf schottisch,
gälisch, irisch, und so weiter lautet, das gute deutsche
Wort:

„Mord und Tod, hängt sie! Schlagt ihnen die
Schädel ein! Zieht den Kerlen die Messer durch die
Gurgeln und nehmt die Weibsbilder mit, wenn es der
Beschwerde werth ist!“…

Zu der nämlichen Stunde, wie gesagt, so gegen zehn
Uhr Morgens, seufzte der gute Herzog Ferdinand mit
seinem bunten Generalstabe, unter seinen deutschen und
englischen Herren auf einer Anhöhe haltend zwischen
Scharfoldendorf und Eschershausen:

„Mon dieu, dieu, lieber Westphalen, quelle
guerre! Wieder ein vergeblicher Bluttag. Granby hält
die Stellung, aber Monsieur de Poyanne ist unverhindert auf dem Rückzuge nach Göttingen. Leider,
leider! — Westphalen, was ist das mit Hardenberg
gewesen? Ich bitte Sie um des Himmels Willen, wo
blieb Hardenberg? Dort drüben jenseits Stadtoldendorfs
sollte er seit Stunden stehen, der Herr Generallieutenant
von Hardenberg. Quelle fumée épaisse la bas? Welch'
ein schwarzer Qualm! Das ist nicht mehr die Artillerie.
Man sitzt ja hier jetzo wie in der Kirche in der Stille.
Auch Mylord Granby hat sein Feuer eingestellt.“

„Der Herr Marquis wünscht sich eben den Rücken
von uns frei zu halten, Durchlaucht. Er hat es herausgefunden, was man mit ihm im Sinne hatte, und den
Herrn Generallieutenant verspürt er vielleicht früher
als wir hier im Anmarsch. So salvirt er sich, da es
noch Zeit ist. Er wird sein Lager bei Stadtoldendorf
in Brand gesteckt haben, um uns die hohlen Wege durch
Feuer und Qualm zu sperren. Durchlaucht werden
leidergottes auch heute noch nicht dem dritten schlesischen Kriege wenigstens hier an der Weser ein Ende
machen. Durchlaucht werden heute Mittag nur Ihr
Hauptquartier in Wickensen nehmen können.“

Der Herzog hob sich im Sattel und zu seinem militärischen Gefolge sich wendend rief er:

„Ordre an Lord Granby, mit allen Truppen, die
er vom General Conway an sich ziehen kann, über
Vorwohle und Wenzen dem Erbprinzen unter der Hube
zum Soutien weiter zu gehen. Wir stecken wieder nur die
Winterquartiere ab für dies Jahr und nehmen was wir
kriegen können von unserm Grund und Boden. Zurück
mit dem Herrn Herzog von Broglio und den übrigen
Herren Franzosen — wenigstens zurück über den Solling! Gentlemen, wir rücken auf Einbeck, wo wir
leider heute unserem Herrn Neffen, dem Prinzen Karl
Wilhelm Ferdinand, nicht die verabredete Unterstützung
bieten konnten. Wir werden nach geordneten Umständen
im nächsten Monat unser Hauptquartier in Hildesheim
nehmen und wieder nicht in Frankfurt am Main.“

Dann in seinem Sattel wieder zusammensinkend
murmelte er von Neuem:

„Quelle guerre! welch' ein Krieg! welch' ein Krieg,
welch' eine Schlächterei ohne Ende!“

Ach, er hatte wohl Recht; es sah um ihn und sein
freundliches Herz her nur zu sehr aus wie in einem
riesenhaften Schlächterhause. Die Todten und Sterbenden aus Deutschland, England, Schottland und Frankreich lagen dicht gesäet rundum. Kein Baum an der
zerwühlten Heerstraße den Ith entlang, unter welchem
nicht Verwundete vor den Rädern und den Hufen der
Pferde Schutz gesucht und in der Nässe und im scharfen
Herbstwinde sich zusammengekauert hatten!

Der Regen hatte um diese Zeit wohl aufgehört,
aber der Wind war bissiger und bissiger geworden und
trieb fort und fort dunkles, zerrissenes Gewölk vom
Hils gegen die Weser, und den Brandqualm vom
Lager des Herrn Marquis von Poyanne und aus den
Defilés bei Stadtoldendorf dem Herrn Generallieutenant
von Hardenberg grade in's Gesicht — wenn er noch
im Anmarsch sein sollte. Der Herzog sah immer noch
nach derselben Richtung und griff nur von Zeit zu Zeit
mechanisch an den Hut, wenn ihn die im ununterbrochenen Zuge an ihm vorbei gegen den Hils marschirenden
einheimischen und fremdländischen Truppen durch wilde
Zurufe grüßten. Westphalen, der treue Mann, blickte
mit immer größerer Sorge auf seinen Herrn. Er sah
ihn unter den Nachwirkungen des bösen Fiebers von
Ohr frösteln, ach, und er kannte nur zu gut den Charakterunterschied zwischen seinem großen Feldherrn, dem
kriegsgewaltigen Schützer des deutschen Westens, und
jenem im Osten, der eben vielleicht wieder einmal auf
einem seiner Schlachtfelder mit erhobenem Krückstock
grollte:

„Wollen die Racker denn ewig leben?“…!

Ganz vergeblich wendete sich Westphalen auf seinem
Sattel und sah sich nach einem Trost und einer Aufrichtung unter den engländischen, schottischen, bückeburgischen, hannöverschen, hessischen, braunschweigischen,
preußischen Herren des Generalstabes um für seinen
Gönner.

„Vom Herrn Generallieutenant von Hardenberg,
Durchlaucht, — Lieutenant von Münchhausen von den
hannöverschen Jägern unter Obristlieutenant Friederichs,
herzogliche Durchlaucht,“ sagte in diesem Augenblick,
militärisch grüßend, dicht neben dem Schimmel des Feldherrn ein Individuum, das dem Kostüm nach nichts vom
Soldaten an sich trug, aber von allem heutigen Wasser- und Erdbrei zwischen der Weser und dem Flecken
Eschershausen von der Pudelmütze bis zu den Bauerschuhen die ausgiebigsten Spuren. Und daß es durch
Busch und Dorn gekrochen war, Felsabhänge hinaufgeklettert und hinabgerutscht war, sah man ihm auch an.

Aber dem Herzog Ferdinand von Braunschweig sah
man in dem nämlichen Moment von Müdigkeit und
Melancholie nicht das Geringste mehr an. Und wer
von seinem gütigen Herzen, seiner Politesse gegen Jedermann das Allerbeste hatte rühmen hören, und ihn jetzo
vernahm, der mochte sich wohl betroffen hinter dem Ohre
krauen und sich vorsichtig bei Seite drücken. Der gute
Herzog Ferdinand, sich wieder im Sattel bewegend,
zeigte dem Boten des Herrn Generallieutenants von
Hardenberg auf das Kräftigste, wie grob das Haus
Braunschweig bei vorkommenden Gelegenheiten sein und
wie grimmig es Gottes Ebenbilder im Drange der Geschäfte dieser Erde anschnauzen könne.

„Hardenberg?! Herr, der Satan soll Ihm und
Seinem Herrn von Hardenberg auf die Köpfe fahren.
Messieurs, messieurs, wo steckt ihr, wo bleibt ihr? Wir
würgen uns seit der Nacht nach ordre de bataille und
disposition de marche durch die Berge und den Feind;
aber Seiner Excellenz dem Herrn Generallieutenant
pressirts beileibe nicht. Er reibet sich wohl noch in
Bodenwerder die Augen unter seiner Schlafhaube?
Muß man denn überall sein, um die Herren an ihren
Zöpfen aus dem Sumpfe zu ziehen? Seit vier Stunden sollte der Mann drüben zwischen dem Solling und
uns stehen mit den Herren von Poyanne, Chabot und
Guerchy zwischen uns im Sack. Sperr' Er das Maul
auf, rede Er, Lieutenant von Münchhausen: was hat
Hardenberg mir zu sagen?“

„Monseigneur, Seine Excellenz werden erst am
Nachmittag vor Stadtotdendorf sein können,“ sprach der
Mann im zerzausten Bauernkittel, und der Herzog, sich
rückwärts wendend, meinte, jetzt wieder mit etwas gelassenerer Stimme:

„Lieber Westphalen, wollen Sie sich Das für's Erste
für unsern Bericht an Mylord Bute in London merken.
Ich bitte auch die englischen Herren, näher heran zu
reiten. Wollen Sie weiter erzählen, Herr Lieutenant
von Münchhausen. Traduisez, Westphalen. Dolmetschen Sie's nach Möglichkeit genau den Herren, was
uns der Herr Generallieutenant sagen lassen.“

„Excellenz lassen unterthänigst vermelden, daß Sie
wohl selber zu richtiger Stunde, wie befohlen, bei
Bodenwerder angelangt sind, aber mit dem allerbesten
Willen die schweren Pontons auf den schlechten Wegen
nicht an den Fluß haben bringen können. Sie haben
daher vor's Erste uns Jäger durch die Weser schwimmen
lassen und hat man auch die feindlichen Posten den
Heinser Wald entlang bis Polle und Forst delogirt,
während dem Brückenschlag. Herr Obristlieutenant
Friederichs —“

„Lasse Er mich mit Seinem Obristlieutenant Friederichs in Ruhe, Herr,“ schnauzte der Herzog. „Wann
Hardenberg mit seiner Brücke fertig geworden ist, möchte
ich erfahren. Aber, exactement, Herr Lieutenant von
Münchhausen. Keine écarts, bitte ich, point de visions,
keine entortillements, keine Verkleisterungen; kurz, die
Wahrheit, Herr! wann beliebte es Seiner Excellenz mit
seiner Brücke fertig zu werden?“

„Halten Durchlaucht zu Gnaden, ein Freiherr von
Münchhausen spricht nur die Wahrheit,“ sagte der
Lieutenant bei den hannöverschen Jägern, Freiherr
von Münchhausen, ebenso ruhig wie sein größerer
Stammesverwandter in russischen, osmanischen und
andern Diensten. „Um sieben Uhr, leider erst bei Tage,
haben die Truppen den Fluß passiren können, und so
melden Excellenz allergehorsamst, daß Sie, nachdem Sie
drei Bataillons und vier Eskadrons zwischen Rühle und
dem Vogler zur Deckung der Defilés vorgeschoben haben,
nunmehr auf dem Wege nach Stadtoldendorf sind —“

„Um den Herrn von Guerchy nach Holzminden und
den Herrn von Poyanne bequem nach Dassel entwischen
zu sehen. Ich bitte die englischen Herren, noch ein
wenig näher heran zu reiten. Da Sie die Wege selber
kennen gelernt haben, würde es mir lieb sein, Messieurs,
Sie für den Herrn Generallieutenant von Hardenberg
und mich um Ihre Meinung angehen zu können, wenn
im Parlament die Rede auf den heutigen Morgen
kommen sollte. Westphalen, sein Sie so exakt als
möglich bei Aufstellung unseres Verbrauchs an Menschen,
Geld und Kriegsmaterial. Gentlemen, das Hauptquartier ist in Wickensen, wo wir Hardenberg zu erwarten haben! C'est à Scharfoldendorf, où messieurs,
les generaux anglais se trouveront en quartier.
Wollen Sie die Dispositionen treffen, Westphalen, und
im Auge zu behalten, daß der Marsch, womöglich ohne
Stockung, jetzt auf Einbeck geht.“

„Mylord Granby und Generallieutenant Conway
sind bereits über Vorwohle hinaus, wie sie melden
lassen, Durchlaucht.“

„So wollen wir ihnen denn sachte nach Wickensen
nachreiten,“ seufzte der gute Herzog Ferdinand. „Meine
Herren, wir werden unser Winterquartier leider nicht
in Frankfurt am Main nehmen. Das werden wir
wieder, der Pontons des armen Hardenberg wegen,
dem Herrn Herzog von Broglio überlassen müssen.
Ja, die Witterung wird schlecht, es geht in den Winter;
wir müssen nun in Einbeck Halt machen, da es nicht
anders sein kann. Auch Hildesheim ist ja eine angenehme Stadt. Wir werden unser Hauptquartier in
Hildesheim nehmen: was sagen Sie dazu, Westphalen?“

„Ich bin ganz Eurer Durchlaucht Meinung,“ sagte
Westphalen; und Herzog Ferdinand von Braunschweig,
mehr und mehr auf seinem müden, dampfenden, schnaufenden Gaul in's Nachdenken über seine ferneren Dispositionen versinkend, murmelte: „Ja, ja, so wird's gehen
müssen: Luckner bleibt nach uns in Einbeck und übernimmt hier die Postirungskette. Unter ihm Generalmajor von Veltheim in Holzminden, Generalmajor von
Mansberg in Osterode“.

„Die königlich großbritannischen Völker werden Eure
herzogliche Durchlaucht wieder zurück über die Weser,
in's Westfälische, legen?“ fragte Westphalen.

„Wir werden das mit Lord Granby arrangiren
müssen, mon chèr! … Sind Sie von den Bodenwerderschen Münchhausens, Herr Lieutenant von Münchhausen: oder von den Bevernschen?“

„Von den Bodenwerderschen, zu Eurer Durchlaucht
Befehl.“

„Haben oder hatten Sie nicht einen Vetter oder
Oheim, jedenfalls einen Stammes- oder Namensverwandten, in russischen Diensten?“

„Durchlaucht unterthänigst zu dienen, der Herr Rittmeister stammt von der Bodenwerderschen Linie.“

„Das soll ein feiner Kopf sein, und gute Historien
soll er erzählen können. Er hat mir aber auch eine
saubere Geschichte berichtet, Lieutenant von Münchhausen,
von den Pontons des Herrn von Hardenberg. Eine
leider wahre, wahre, wahre Geschichte! Ich wollte, sie
stammte auch —“

Er unterbrach sich, oder er wurde vielmehr unterbrochen; denn in diesem Augenblick überschrillte eine
jammernde Weiberstimme den ganzen Lärm seines
ziehenden Heeres:

„Herr Prinz, Herr Herzog! Herr Herzog Ferdinand!
liebster Herr Herzog von Braunschweig, sie haben den
Junker von Münchhausen todtgeschlagen und wollen den
Herrn Magister an den Baum hängen und meinem
Heinrich die Hosen abziehen und ihn als wilden Engländer mit in's Feld nehmen. Und ich bin ja Sein
Wieschen vom Wege nach Lübbeke, und hier ist Sein
Rockknopf, lieber Herr Herzog Ferdinand, und ich will
ja in Seinem Mosthause in Braunschweig gar nichts
mehr von Ihm, wenn Er allbarmherzig uns nur jetzo
heraushilft! Helfe Er uns bloß nach Eschershausen
vor das Gericht, unsere Unschuld an diesem Kriege und
Unbilden zu erweisen, liebster, allerbarmherzigster Herr
Herzog Ferdinand!“

Einundzwanzigstes Kapitel.

Er ist insolvent gestorben der Sieger von Crefeld
und Minden, der mildherzige Gutsherr von Vechelde,
der gute Herzog Ferdinand von Braunschweig. Nun
liegt er schon lange im Dome zu Braunschweig in der
Gruft, über welcher geschrieben steht: Hic finis invidiae,
persecutionis et querelae, und er liegt da in einem
Hemde, das von rechtswegen nicht ihm, sondern seinen
Gläubigern gehörte. Er hat im Laufe seines Lebens
nicht bloß die silbernen Knöpfe von seinem Uniformsrocke weggegeben, er hat auch wohl den Rock selber verschenkt, wenn er „ein Elend nicht länger ansehen“ konnte.
Er hat nach und nach Alles weggeschenkt, was er an
irdischem Eigenthum besaß; denn es ist ihm viel Elend
auf seinem Wege durch's Leben begegnet; im Kriege
wie im Frieden, auf seinen Schlachtfeldern wie auf den
Roggen- und Weizenfeldern um Haus und Dorf Vechelde.

Der alte Fritz hat ihm seinerzeit auch den Stuhl
vor die Thür gestellt, nach dem siebenjährigen Kriege
natürlich, und hat ihn höchstens für einen fou genereux
erklärt; und der Neffe Karl Wilhelm Ferdinand hat ihn
wohl häufig kurz le vieux fou de Vechelde genannt;
aber —

Vivat Ferdinandus dux!… Vive Monseigneur, le
bon duc Ferdinand!… Three cheers for prince
Ferdinand, good prince Ferdinand!… Es lebe Ferdinand der Gute, der gute Herzog Ferdinand von Braunschweig und von Bechelde!

Und er lebt und wird leben, der große Feldherr
und Mensch mit dem mitleidigen und fröhlichen Herzen,
er der Menschlichste seines dickköpfigen, starrnackigen,
aus dem Groben zugehauenen Stammes. Und es ist
noch lange nicht das Aergste, als zahlungsunfähiger
Gutsherr von Bechelde und als Ehrenpräsident des
Großen Klubs zu Braunschweig zu sterben! Man darf
bei Berichten, wie dieser vorliegende, ja nicht zu weit
um sich fassen und tief eingreifen in seiner Helden
Daseinsverlauf. Man kommt da auf wunderliche
Dinge und nachher auf sonderbare Gedanken und Betrachtungen.

Zum Exempel, der Herzog Victor Franz von Broglio
hat noch den König Ludwig den Sechszehnten köpfen
und den Napoleon Bonaparte auf seinen Kaiserstuhl
steigen sehen müssen. Und gar der Generallieutenant
Luckner ist dänischer Graf und französischer Marschall
geworden; aber auch selber geköpft, — unter die neue
Erfindung, die Guillotine, gelegt worden — zu Paris
im Jahre 1794 als ein alter Herr, der sich in seiner
Jugend Dieses auch nicht vermuthet hatte.

Eben treiben sie die Helden von Amelungsborn,
wie sie die aus den Schluchten, Klüften und Höhlen
des Iths herausgeholt haben, dem guten Herzog Ferdinand in den Kriegspfad; und daran und an den
heutigen Tag allein wollen wir uns halten und nicht
zu weit in die Zukunft sehen. Sie hatten aber nicht
nur den Magister Buchius und seine Gesellschaft aus
ihrem Unterschlupf vor dem schlimmen Zeitenwetter
herausgegraben, sondern sie hatten auch das halbe Dorf
Holzen aus der größeren unterirdischen Kommodität im
Drange der Zeit, aus der auch heute noch vorhandenen
berüchtigteren und berühmteren Höhle am „Rothen
Stein“ hervorgezerrt.

Victoria! Trotz alles strategischen Zukurz- und
Zuspät-Kommens hatte ja doch der Feind den Kürzern
gezogen und der Freund die Oberhand behalten. Dafür, daß das letztere für den Gelehrten aus Amelungsborn und seine Gesellschaft, für die Alten, die Weiber,
die Kranken, die Kinder aus Holzen im besagten
„Drange der Zeiten“ ganz einerlei war, was die Behandlung anbetraf, dafür konnte Keiner, unser Herrgott
abgerechnet. Auch den hohen Alliirten war es so wenig
recht wie den Schelmen-Franzosen, wenn sich die eingeborene Bevölkerung auf dem Kriegstheater mit ihrem
Vieh und ihren beweglichsten Habseligkeiten und vor
Allem mit ihren Lebensmitteln in Wald und Fels
lieber verkroch, als daß sie gutwillig mit den besten
Freunden getheilt hätte.

Das Herz des Herzogs Ferdinand mochte sich wohl
bewegen, wie es sich jetzt vom Ith herunter, vom
Rothen Stein her, auf der Landstraße zwischen Scharfoldendorf und Eschershausen ihm unter seinen ziehenden
Truppen andrängte, Groß und Klein, Mann und Weib,
in Lumpen und Thränen:

„Lieber Herre, nach Ihm haben wir ja immer
ausgeguckt! … Herr Herzog, Herr Herzog, ich bin ja
auch aus Bevern! … Liebster Herr Prinz Ferdinand,
ich bin so ein alter Mann, ich habe bei Seiner Frau
Mutter in Antoinettenruhe im Garten gegraben! …
Und ich habe bei Seines Herrn Vaters Tod die Glocke im
Kirchthurm geläutet. Helfe Er mir aus dem Elend,
Herre Durchlaucht, ich bin auch des Herrn Bruders
Landeskind und hier zu Hause und habe noch einen
Jungen unterm Herrn Erbprinzen, und Zweie liegen
schon begraben, Einer in Böhmen unterm König Fritzen
und Einer unter Ihm selber bei Minden!“ …

„Und ich habe Seinen Rockknopf, Durchlaucht Herr
Herzog, als Zeichen, daß Er mir helfen will; und das
ist der Herr Magister Buchius, und da bringt mein
Heinrich auch mit blutigem Kopfe den Junker von
Münchhausen, und das ist Mamsell Fegebanck, des
Herrn Klosteramtmanns vornehme Jungfer Nichte, der
sie auch die Falten aus dem Rock gerissen haben. Und
meinen Heinrich wollen sie jetzt mir mit Gewalt unter's
Volk nehmen, nachdem ich's ihm mit Jammer und
Noth ausgeredet habe gestern Abend, als er gutwillig
drunter wollte, weil ihn der Herr Amtmann in der
Zornwuth mit dem spanischen Rohr über die Faust
geschlagen hatte!…“

Mit zerfetzten Kleidern die Weiber; die Männer
auch; aber dazu mit blutigen Köpfen, mit Beulen von
Kolbenstößen und mit blauen, blutrünstigen Striemen
von der flachen Klinge! Alle zerzaust, halb verhungert,
triefend vom Regen, zitternd im Novemberwind, im
Schlamm der Heerstraße versinkend —

„Westphalen, Westphalen, sehen Sie, was zu thun
— sehen Sie, wie den Leuten zu helfen ist! Kinder,
reißt mich vom Gaul, zertheilt mich unter euch; aber
kommt mir jetzt nicht in den Weg. Ja, Du Kind, armes
Kind, Dir bin ich schon einmal begegnet auf eben
solchem schlimmen Wege. Das ist mein Wahrzeichen,
mein Rockknopf. In Braunschweig solltest Du damit
zu mir kommen. Bist Du auch aus Bevern?“

„Nein, Herr Durchlaucht Ferdinand. Nur aus dem
Halberstädt'schen; aber mein Heinrich ist aus Lenne
und der Herr Klosteramtmann —“

„Das geht da vorn gar nicht voran! Lord Frederic Cavendish, ich bitte Sie!… the welsh Fusiliers
schärfer nach in die Berge! Nicht vor die Füße sehen!
Vorwärts und durch! Kann Bibow mit den braunschweigischen Karabiniers nicht um den Lagerbrand herum
dem Herrn Marquis von Poyanne plus energiquement
auf den Hacken bleiben?… Ja, Kinder, Kinder, es wird
noch Alles gut werden! Ihr seid da aus dem Dorfe, Leute?
aus Holzen? Nun, das steht ja gottlob noch, und ihr
sollt jetzt die Dächer überm Kopfe behalten, was ich
dazu thun kann. Man hat's uns unverbrannt gelassen
und wir marschiren heute noch weiter und molestiren
euch nicht mehr. So geht nach Hause, ruhig nach Hause,
mit Gott nach Hause; es wird ja Alles wieder gut
werden — nur Geduld, Geduld. O Geduld, Kinder;
wer muß mehr Geduld an diesem Tage und grade hier
haben als Ferdinand von Braunschweig-Bevern?“

Sie hatten den Junker von Münchhausen vom Bevern'schen Ast des berühmten Geschlechts doch gottlob
noch nicht ganz todtgeschlagen, wie Wieschen meinte. Er
hatte sein Theil von den Schotten nicht einmal so schlimm
gekriegt, wie sein guter Kamerad Heinrich Schelze das
seinige am Morgen von den Franzosen. Er war doch
noch einmal, trotz seines schlimmsten festesten Vornehmens, für Mamsell Selinde Fegebanck eingetreten, und
dabei hatte er's selbstverständlich ebenfalls über den
Schädel und die Nase bekommen, und es war ihm mit
dem Kolben gelaust worden.

Aber er war noch ziemlich auf den Beinen und vermochte es, sich durchzudrängen und den Reiterstiefel des
Herzogs zu umfassen:

„Durchlaucht, ich weiß noch besser Bescheid in der
Gegend wie mein Herr Vetter da! Ich bin der Letzte
von der wirklichen Wald- und Wildschule Amelungsborn und bringe Reiterei und Geschütz am Pfeffelsberge
und Scheelehufsberge her über den Katthagen an die
Hunde; wenn Sie mich zu Pferde und nach der Front
nehmen! Monseigneur, der Herr Magister Buchius
weiß, daß ich die Gegend kenne und mir darin zu
trauen ist!“

Der Lieutenant unter den hannöverschen Jägern,
der Herr von Münchhausen von der Bodenwerder'schen
Linie, stand und faßte den Verwandten erst am Zopfe,
nachdem er sich mühsam in seiner Verwunderung gefaßt
hatte:

„Kerl, reitet Ihn der Teufel? Vor Blut und Koth
erkennt man sein eigen Blut nicht. Wie kommt Er
hierher, Thedel? Hat man Ihn denn nicht an sieben
Ketten zu Holzminden gelegt?“

„Zu Ihnen, mon cousin, Herr Vetter, wollte ich,“
rief der Wildschützenschüler außer sich. „Jetzt einen
Gaul auf der Franzosenfährte, nachher eine Büchse unter
dem Herrn Vetter. Ein Sponton, ein Portepee unter
dem Herrn Herzog Ferdinand! Vivat Fridericus! vivat
Ferdinandus! Den letzten Blutstropfen für den König
Fritzen und den Herrn Herzog Ferdinand!“

Der gute Herzog Ferdinand schüttelte nur den Kopf
und seufzte, aber voll Unruhe und Ungeduld nach den
Bergen im Süden ausschauend; dann rief er doch: „Er
ist auch ein Münchhausen und will uns helfen, noch einmal die Reiterei an den Feind zu bringen? Junger
Mensch, kann man Ihm trauen?“

„Parole de Münchhausen, Monseigneur!“

„Man helfe beiden Herren von Münchhausen zu
Pferde. Was haben wir noch von unserer Cavallerie
hier bei Eschershausen zur Disposition, Westphalen?“

„Die beiden Schwadronen von den Elliots
Durchlaucht, die Greys, Ancram, Moystin, Bauer und
Riedesel stecken leidergottes schon vor Stadtoldendorf in
den Wäldern und hohlen Wegen fest.“

„Wollen die Herren von Münchhausen mit den
Elliots reiten und denselben die Wege zeigen um die
linke Flanke des Feindes.“

„Magister Buchius, jetzt holt sich auch Amelungsborn seine Ehren auf Wodans Felde!“ jauchzte Thedel
von Münchhausen schon aus dem Sattel eines englischen
Reiterpferdes. „So bin ich hundertmal im Traum über
Sein Odfeld geritten, Magister Buchius! Es lebe die
große Schule von Amelungsborn, und kommen Sie gut
nach Hause, und grüße Sie den Herrn Oncle, Mamsell
Selinde. Vivat Ferdinand! den letzten Blutstropfen für
Bevern und den Herzog Ferdinand! Hussasah, Vetter
von Bodenwerder!“

„Messieurs, comme c'est dit, das Hauptquartier
heute ist in Wickensen — morgen in Einbeck und
dann in Hildesheim. Wir stecken eben nur wieder
die Winterquartiere ab, meine Herren,“ seufzte der
Herzog, den abschwenkenden Reitern nachblickend. „Wo
ist das Kind mit meinem Rockknopf?“

„Hier, allerhöchster Herre,“ schluchzte Wieschen.
„Und dies ist mein Heinrich, und wenn Sie ihn mir
nur lassen wollten, so wollte ich Sie ja auch gar nicht
mehr in Braunschweig mit mir molestiren. Und wenn
Sie es nur dem Herrn Amtmann von Amelungsborn
mit einem einzigen guten Worte für uns sagen wollten!
Hier ist der Herr Magister, der kann es uns bezeugen,
daß es kein Mensch besser in der schlimmen Zeit mit
Kloster Amelungsborn meint, als wie mein Heinrich.
Und wenn er gestern Abend noch mit unter das Volk
wollte, jetzo will er's gewiß und wahrhaftig nicht mehr.
Also bitte ich um Gott und Jesus, lasse Er ihn los,
Durchlaucht Herzog Ferdinand, lasse Er uns los. Der
Herr Magister kann es uns Allen bezeugen, daß wir
nur arme schlichte Leute sind und beinahe zuviel ausstehen müssen, weil es der liebe Herrgott so will.“

Der Sieger von Crefeld und Minden sah nun zum
ersten Male im Gedränge des heutigen Tages genauer auf
den Magister, und der Magister Buchius stand mit
der Mamsell Fegebanck an seinem Arm und dem Hut
in der Hand, wie ein Verzückter, wie als wenn es kein
Gedränge des Tages und des Lebens gäbe, und sah
seinen Heros im Felde und im Leben, sah zum ersten
Male seinen guten, seinen großen, seinen guten Herzog
Ferdinand vom Bevernschen Aste, und — er war auch
aus Bevern und es war ihm kein Zweifel, daß sie
Beide aus Einem Neste waren und sich an den
Federn erkennen mußten, wenn — sie bloß Zeit dazu
hatten.

Leider hatte der Feldherr, der im Westen des römischen Reichs deutscher Nation den siebenjährigen Krieg
auf den Schultern trug, keine Zeit, und der Magister
Buchius wußte das.

„Bitte den Herrn, sich zu bedecken,“ sagte er, der
Herzog, gleichfalls den Hut höflich lüftend. „Kann ich
dem Herrn dienen? Oder kann mir der Herr selber
rathen, wie diesen armen Leuten hier zu helfen ist?“

Wir haben es schon gesagt, daß der alte Schulmeister gleich einem Verzückten stand; doch wir müssen
es noch einmal sagen.

„Durchlaucht — Monseigneur — größester Held,“
stammelte er, immer den Helden- und Biedermann auf
dem Schimmel glänzenden Auges betrachtend und alles
Uebrige um sich her vergessend. „Durchlauchtiger Herr
— mächtiger Kriegesfürst, ach, daß doch Euer Durchlaucht unter so unruhigen Umständen in unserer und
Hochdero Heimath-Gegend arriviren müssen. Durchlauchtigster —“

„Ich bitte doch ein wenig kürzer,“ lächelte der
gute Herzog, trotz seiner Eile mit vollem Wohlwollen
und Verständniß; aber wie hätte Magister Buchius sich
kurz, ja nur kürzer fassen können?

„Durchlauchtiger Herr und Herzog von Braunschweig, Lüneburg und Bevern, ich bin auch aus Bevern.
Mein Name ist Buchius — dies hier ist die Mademoiselle Fegebanck, des Herrn Klosteramtmanns von
Amelungsborn Nichte und Vetterstochter, und ich bin
der letzte wirkliche Kollaborator der weiland berühmten
großen Schule zu Kloster Amelungsborn, und was hätte
ich für mich wohl zu erbitten, da ich augenblicklich meines
höchsten Wunsches Erfüllung theilhaft werde? Der liebe
Gott segne Sie auf Ihren schweren, blutigen Wegen,
gnädigster lieber Herzog Ferdinand, und reiten Sie
nur ruhig weiter! Wir werden ja auch schon sehen,
wie wir mit Gottes Hülfe durchkommen. Wir werden
durchkommen gut oder schlecht, Durchlaucht; aber der
alte Magister Buchius von Amelungsborn, der Sie
mit seinen Unbequemlichkeiten auf Ihrem schwersten
Wege unnöthig aufhielte und molestirte, der würde sich
darob die bittersten Vorwürfe und Reprochen machen.
Reiten Sie ruhig zu, Euer Durchlaucht, und kümmern
sich nur ja nicht um was Anderes als sich selber;
das ist das Beste für uns Alle! Der allerhöchste Gott
segne und erhalte den Herrn Herzog auf seinem schweren,
schweren Wege!“

„Herr?!“ … sagte und fragte der Herzog, nie
in seinem Leben so wie jetzo verwundert über einen
Menschen, dessen Bekanntschaft er machte. Er sah sich
auch fragend im Kreise seiner Begleiter um und blickte
vor Allem jetzt wie um genauere Auskunft auf seinen
Freund Westphalen.

Darauf aber zog er den Handschuh von seiner
Rechten und reichte sie vom Pferde herab dem größesten
Kollaborator von Amelungsborn, dem Magister Noah
Buchius, und schüttelte die festgefaßte, verständnißvoll
festgehaltene hagere, nasse, verklammte Schulmeister- und
Freundes-Hand:

„Mein lieber Herr Magister, ich danke Ihnen ganz
recht höflich. Vraiment, ich danke von ganzem Herzen;
denn so wie der Herr jetzt hat noch Keiner den zerplagten Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg auf
seinen schlimmen Wegen ein braves Wort gesagt! Und
ich hatte es nöthig — hatte es nöthig, heute mehr als
sonsten. Magister Buchius von Amelungsborn, wenn
ich recht verstanden habe? Ja, ja, mein lieber Herr
Magister, Sie wären mir auch willkommen in Braunschweig im Bevern'schen Schloß — im Frieden —
wie das arme Mädchen hier. Kind, leider ist noch
immer nicht die Zeit gekommen, wo ich mich mit Dir
hinter den Ofen setzen könnte, um von den Tagen, die
uns Beiden nicht gefallen konnten, das Genauere zu
hören und zu erzählen. Und der junge Mensch, dieser
zweite junge von Münchhausen, gehörte auch zu dem
Herrn Magister? Lieber Westphalen — ja, aber auch
Sie haben keine Zeit — Herr Magister Buchius, das
Hauptquartier ist heute in Wickensen; ich kann Sie mit
Ihrer Gesellschaft nicht dorthin invitiren; aber wenn es
mir möglich ist, werde ich in Amelungsborn nach Ihnen
nachfragen lassen. Ah, Monsieur — Herr Hauptmann
von Meding, wollen Sie dafür sorgen, daß die Leute
von Amelungsborn und der Herr Magister wenigstens
augenblicklich aus dem Gedränge kommen. Au revoir
also, mein lieber Herr Magister Buchius. Wie gesagt,
Sie haben in Wahrheit ein wackeres Wort zu mir gesprochen, und es ist in Wahrheit mein Wunsch, daß
auch wir uns bei besserer Gelegenheit und in mehrerer
Ruhe noch einmal wieder begegnen mögen.“

Herzog Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg und
Bevern hob noch einmal freundlich den Hut vom Kopfe
und ritt langsam weiter mit seinem buntscheckigen Gefolge von deutschen und englischen Herren. Magister
Buchius stand immer noch mit der Mamsell Fegebanck
am Arm und Heinrich und Wieschen von Amelungsborn
zur Seite, und sah dem großen Feldherrn nach, vollständig entrückt nicht nur dem augenblicklichen Gedränge,
sondern allem und jeglichem Erdentumult, Drangsal
und Wirrsal. Auch er hatte seinen Trost bekommen
am heutigen bösesten Tage. Er hatte ihn abgelesen
von dem klugen, guten, zornvoll-kummervollen Gesicht
des braven Mannes, den sie damals als den Zweitgrößesten in den Schlachten ihrer Zeit rechneten und
der dießmal wiederum nichts weiter vermochte als im
Vorbereiten ein herzlich bedauerndes und freundlich
tröstendes Wort vom Gaul in den ihn umdrängenden
Jammer hinein zu sprechen. Oft hatte der Magister
in seinem Leben mit dem Lächeln der Entrückung, und
natürlich dazu mit halboffenem Munde, gestanden im
Strudel dessen, was man die Menschheit nennt; aber
nie so wie jetzt. Er sah den Heros in das an diesem
fünften November auch sehr ungemüthliche und von
Freund und Feind nach Bedürfniß zugerichtete Eschershausen hineinreiten. Erst nachdem der letzte Zipfel
seines Gefolges im Ortseingange verschwunden war, und
die marschirenden Truppen wieder rücksichtsloser zudrängten, fand er ein Wort zwischen den Ellenbogenstößen, Fußtritten, den Hufen und Rädern für die Höflichkeiten des Herrn von Meding.

Dem Herrn Hauptmann von Meding erschien sein
empfangener Auftrag zum mindesten sonderbar an einem
Tage wie der heutige. Verdrießlich schnarrte er:

„Herr Cantor, wenn Er mir nun rasch sagen will,
wie grade ich Ihm und Seiner Compagnie bequem nach
Hause helfen kann, so soll's mir lieb sein. Aber zum
Teufel, beeile Er sich nach Möglichkeit. Er sieht, wie
es uns auf den Nägeln brennt.“

Magister Buchius verrichtete, selbst zwischen den
Gamaschenschuhen, den Ellenbogen, Rädern und Pferdehufen, seine Courtoisie gegen den Herrn Kapitän mit
merklich klarerer Besinnlichkeit als wie gegen Seine
Durchlaucht den Herzog Ferdinand den Guten. Er
machte sein untadelhaft Compliment, indem er sprach:

„Euer Gnaden sollen sich doch nicht bei uns aufhalten. Wenn der Herr Kapitän die große Gütigkeit
haben werden, uns aus dem Heereszug der hohen
Alliirten —“

„Herr, halte Er mich nicht durch langes Gesalbader
auf. Sage Er brevement, in welchem warmen Ofenwinkel ich Ihn mit Seiner — Seiner Weibsbagage
abzusetzen habe. Amelungsborn! Was ist das? Kloster
Amelungsborn? Nun, Seine Durchlaucht haben befohlen
— he, Kerl, Er da, Korporal Baars, gehe er doch mal
mit den Leuten so weit es nöthig ist — bis an die
nächste Ecke. Weise Er ihnen, wo der Satan den
bequemsten Weg nach dem — den Amelungsborn offen
gehalten hat, wenn Er's weiß.“

„Zu Befehl, Herr Hauptmann,“ sprach der Korporal,
und der Hauptmann von Meding den Hut berührend,
sagte mürrisch-eilig:

„Also, bon voyage, Herr Küster. Madam oder
Mamsell, ich empfehle mich,“ und so ritt er, so rasch
das Gedränge zuließ, seinem Feldherrn nach, auch hinein
nach Eschershausen, um seinen Platz im Stabe und sein
besseres Unterkommen im Hauptquartier ja nicht zu lange
aus den Augen zu verlieren. Verdenken konnte man
es ihm nicht.

„Kotz Mohrenelement,“ schnauzte aber jetzo, nachdem
der Vorgesetzte aus Hörweite war, Korporal Baars mit
dem Gewehrkolben aufstoßend, „das heiße ich auf die
Taternjagd kommandirt werden! Na meinetwegen.
Hier, mal zwei Kerle mit'm Herrn Pastor und seiner
Cumpanei aus'm Wege. Ihr habt gehört, was der
Herr Hauptmann befohlen haben, und das gluhe Donnerwetter euch über die Köpfe, wenn ihr mir nachher beim
Appell fehlt. Himmel, Hölle, der Satan und seine
Großmutter, läuft Einem auch noch so was zwischen
die Beine, wo man schon genug über Leben und Tod
und durch den Schmaratz bei Tage und bei Nachte
weg zu steigen hat! Angeschlossen, ihr Anderen —
sakerment, könnt's ja sonsten nicht weich genug kriegen,
nu ist euch der Boden wohl wieder zu weich. Na
Gnade Gott, wer mir mit seinen Pontons stecken bleibt,
wie der Herr Generallieutenant von Hardenberg heute.
Fühlung, Kerls, Fühlung; meint ja nicht, weil ihr den
guten Herrn Herzog Ferdinand Durchlaucht über euch
habt, daß ihr nicht auch noch den lieben Korporal Baars
über euch hättet.“

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die zwei „Kerls“, an welche der Korporal Baars
den Auftrag des Herzogs Ferdinand weiter gegeben
hatte, hatten merkwürdigerweise dießmal nicht Lust, die
gute Gelegenheit zum Desertiren auszunützen.

Der Eine sagte nur: „Na, Krischan, wat seggst'e
denn nu?“ und der Andere sagte etwas viel, viel —
viel Schlimmeres. Sodann aber packten Beide zu. Der
Eine nahm den einen Schutzbefohlenen, den Magister
Buchius, an der Schulter; der Andere griff nach dem
Kamisol des Knechts Heinrich: „Na denn, alert! marsch
aus der Kolonne! Nach Hause mit den Weibsen!
Was hat sich Das hier in der Front herumzutreiben
und die Leute aufzuhalten?“

Das Gedränge wurde grade jetzt auch schlimmer
denn je. Es kam schweres Geschütz mehr geschoben
und gehoben als gezogen die Straße unterm Ith her.
Artillerie mit allen Finessen des großen Grafen Wilhelm
von Bückeburg versehen, aber an diesem Tage, bei diesem
Wetter, auf solchem Wege wahrlich ein Impedimentum,
wie der Herr Magister Buchius in der Zelle des
Bruders Philemon sich ausgedrückt haben würde: eine
schwere Belastung des Heereszuges.

„Bis an die nächste Ecke,“ hatte der Herr Hauptmann von Meding gesagt, und die nächste Ecke war
auch in diesem Falle wirklich nichts weiter als die nächste
Ecke, bis zu welcher der Mensch, der Eile hat, dem
Menschen das Geleit giebt; — wenn er große Eile hat,
so selbst seinem besten Freund und nächsten Verwandten.

Rechts ab, wenn man von Scharfoldendorf kommt,
führt dicht vor Eschershausen der Pfad zurück auf's
Odfeld unter dem Wemmelsberge her, und nicht einmal
bis an den Wemmelsberg geleiteten die beiden Musquetiere ihre Schutzbefohlenen. Es sucht auch dort
einer von den vielen namenlosen Bächen der Gegend
seinen Weg der hochberühmten Lenne zu. Die Elliots
hatten ihn aber unter der Führung der Gevettern
von Münchhausen durchtrabt und ihn in den Weg
hineingestampft; und Menschen und Vieh von beiden
Parteien, Roß und Reiter lagen auch hier gefallen und halb im ekeln Schlamme versunken, vom
ersten Zusammenstoß der Heere im frühesten Morgengrauen her.

„Zu ist's am schönsten, Herr Pastor. Ein
Kumpelment an die Frau Pastorsche, Herr Pastor, vom
Herrn Herzog Ferdinand und alle uns allerhöchste Alliirte, und künftighin möchte sie doch ein bischen besser
auf Ihm passen und nicht so bei so eiligen Zeiten mit
die Jungfern am Arm alleine laufen lassen!“ …

Noch einmal verspürte der Magister Buchius in
diesem laufenden siebenjährigen Kriege was wie einen
der schweren Flintenkolben des Säkulums unterhalb
seines Rückgrats und fand sich mit seinen Begleitern
gottlob wieder allein im Sumpf und auf sich selber
und den Trost des Knechtes Schelze und die Gefühle
Wieschens und Mamsell Selindens angewiesen.

„Wir wissen nun, was vor und wer hinter uns ist,“
meinte der treue Heinrich, der eben auch mit der Hand
im Rücken die Stelle rieb, welche der deutsche Landsmann und Salvegardist aus der Korporalschaft des
Korporals Baars eben freundschaftlich und scherzhaft
zum Abschied mit der nägelbeschlagenen Schuhsohle gedrückt hatte. „Herr Magister, links ab in den Katthagen! Auf Gott und Menschen und hohe Herren ist
kein Verlaß an einem solchen Tage! so haben wir gesehen! Alles Ein Elend! Da vorne kommen wir noch
nicht durch; es steigt noch zuviel Dampf und Pulverqualm aus den Büschen zwischen Amelungsborn und
uns hier. Linkswärts in den Katthagen; das Unterholz
ist dorten so dick, daß bei der Eile, die heute Alles
hat, Keiner da noch seine eigenen letzten Lumpen unsertwegen an den Dornen hängen läßt! Die Franzosen
hält uns unser Herr Junker Thedel ja da vorn nach
seinem höchsten Wunsch mit vom Leibe, und wir sind
hier ja eigentlich jetzo bloß unter den besten Freunden.“

Magister Buchius sagte nun:

„Er hat Recht, Heinrich; und kein göttlicher Held
und mildester Heros kann hieran viel verändern! Lovisia,
halte aber doch Deinen Knopf fest. Es ist ein köstliches, herrliches Angedenken!“

„Liebster Gott, Herr Magister, meinen Rockknopf hat
mir ja der liebe Herr in der Hand behalten, als er in
seiner Zerstreuung weiter reiten mußte!“ …

Eine Controverse darüber, ob man „Katthagen“
oder „Quadhagen“ zu sprechen und zu schreiben habe,
würde jeder Gelehrte auf die nächste bessere Gelegenheit verschoben haben, wenn ihm die Frage unter obwaltenden Umständen vorgelegt sein würde. Im Quadoder Katthagen kurzweg suchten die Gejagten noch
einmal nothdürftiges Unterkommen vor Freund und
Feind:

„Ein Mensch ist wie der Andere, an so 'nem
Bataillentage, und kein Unterschied ist zwischen unserm
Herrn Klosteramtmann und unserm Herrn Herzog Ferdinand Durchlaucht, Herr Magister,“ meinte Knecht Schelze,
immer noch ein bischen schwummerig im Sinn sich
weiterschleppend. „Jeder hat mit sich selber zu thun
und keine Zeit für Höflichkeit und gute Freundschaft
und alte Bekanntschaft. Es ist auch ganz einerlei, ob
man's mit den Franzosen oder den Engländern zu
thun kriegt, und unsere Braunschweigschen und die
aus'm Hannöverschen und die Bückeburger und die
Hessen, na, es ist als würde Ein Sack voll Flegel
ausgeschüttelt, so viel hat Jedermann an seinen eigenen
Molesten zu schleppen. Mamsell Fegebanck, was ist
Ihre Meinung, Mamsell, wenn ich mit Höflichkeit
fragen mag?“

„Es ist mir Alles einerlei; ob ich lebe oder todt
bin. Und der Junge war noch mein einziger Trost.
Nun ist auch unser Thedel hin, Magister Buchius.
Mein Lebtage vergesse ich ihm diesen Tag nicht. Aber
es ist einerlei und Ein Morast. Ich wehre mich gegen
garnichts mehr und strecke nicht mal mehr eine Hand
aus dem Dreck zu unserm Herrgott auf wie Der da!“

Sie wies auf eine krampfhaft zerkrümmte Menschenhand, die aus dem Sumpf zur Seite aufragte und der
man es nicht einmal mehr am Aermelaufschlag abmerken
konnte, daß hier wieder ein früherer Bekannter und
feiner Cavalier von den Dragonern Seiner allerchristlichsten Majestät durch die Reiterei der hohen Alliirten
in den deutschen Grund und Boden mit hineingestampft
worden sei.

„O Heinrich, wenn wir nur mit dem Leben davon
kommen. Alles Andere ist ja einerlei!“ schluchzte oder,
wie man dort in der Gegend sich ausdrückt, schnukte
Wieschen, und Die war die Einzige von ihnen Allen,
die damit ein verständiges Wort in das Elend hineingab. „Ach, wenn doch unser Herrgott endlich ein Einsehen haben wollte, und Du und der Herr Klosteramtmann auch! Ich will mir ja auf dem Hofe und von
Euch Alles gefallen lassen!“

Was den Herrgott anbetraf, so hatte der wirklich
„ein Einsehen“. Er hielt wenigstens an dieser Stelle
zwischen der Weser und der Hube seine gütige Hand
über die gejagte Kreatur. Der Katthagen oder der
böse Hagen war besser als sein Ruf in der Gegend.
Sein Gestrüpp wenigstens dicht genug und genugsam
voll Dornen, um jetzo, wo die Bataille doch schon entschieden war, die eiligen „Völker“ vom zu scharfem
Durchstöbern des Waldes abzuhalten.

Im dichtesten Dickicht des Katthagens warteten, auf
einem gefällten Baumstamme aneinander gedrückt kauernd,
wie die Krähen auf dem Dachfirst, die schöne Mamsell
Selinde Fegebanck, der Magister Buchius, das Wieschen
und Knecht Heinrich Schelze es ab, bis sich das Gewitter über Wickensen und Vorwohle nach Einbeck zu
und gegen den Solling hin, bis sich der Kriegssturm
mehr und mehr verzog und bis es, wie Knecht Heinrich
meinte: „jetzt nur noch hinter dem Holzberge her leise
grummelte“.

Es gab in der aufgereiheten Gesellschaft auf dem
Eichenstamm im Katthagen Keinen, der nicht die Ellbogen auf die Kniee gestemmt und den Kopf in beiden
Händen liegen hatte, Keinen, dem noch ein überflüssig
Wort für den Nachbar oder die Nachbarin übrig geblieben war.

Nur Knecht Heinrich meinte noch:

„Hat er nur halbwegs Das über den Kopf und
den Buckel gekriegt, was mein Theil heute gewesen
ist, so will ich von nun an wohl in Frieden mit ihm
auskommen, Wieschen.“

Es war der Herr Klosteramtmann von Amelungsborn,
den der treue Dienstmann bei dem Seufzer im Sinn
hatte, und mit welchem er in Gedanken ein Abkommen
traf für ein besseres Verhältniß zwischen ihnen Beiden,
wenn sie in ihrem Leben noch einmal zusammen kommen
sollten.

Der alte Herr, der alte Magister Buchius aus
Kloster Amelungsborn, ja dem sank der Kopf zwischen
den hageren Fäusten tiefer und tiefer. Er saß im Halbschlaf und fiel nach und nach in einen wirklichen tiefen
Schlaf, aus dem er anfangs auch noch von Zeit zu Zeit
erschreckt auffuhr und verwundert um sich sah, bis ihn
die Ermattung gänzlich überwältigte. Da fing er an
im Traum reden und zwar von seinem Schlimmsten
und Liebsten und Jüngsten im Drangsal dieses fünften
Novembers Anno Siebenzehnhunderteinundsechszig, von
dem Junker Thedel von Münchhausen.

„Um Gotteswillen, ihr Herren! … Lieber Thedel,
mit Vorsicht! will Er denn mit aller Gewalt Arm und
Beine brechen? … Den Hals stürzt Er sich noch ab
an der Klostermauer —“

Nun murmelte der Alte mehr aus dem gegenwärtigen Tage heraus:

„Alariae cohortes — ala equitum — ganz recht,
die Reuterei der Alliirten auf die Flügel. Münchhausen,
ist Er denn wieder von Gott verlassen? Zu Pferde
unterm engländischen Hülfsvolk? Herr Vetter, Herr
Vetter, Herr Lieutenant von Münchhausen, der junge
Mensch kennt zwar die Gegend; aber — Mamsell Selinde, Sie wissen ja, was für ein Kind er noch ist.
Nicht in den Qualm, nicht in den Brand, Thedel! Der
ganze Wald um die Homburg geht im Feuer auf.
Durchlaucht, da sind sie an einander vor Stadtoldendorf, — England, Frankreich und die große Schule von
Amelungsborn! Sie kommen nur in Fetzen nach Dassel,
die Welschen, die Franschen, die landfremden Landschädiger. Vivat Friedericus! Vivat Ferdinandus! Dulce
et decorum est pro patria mori! Ach Gott, Durchlaucht, Herr Herzog — Herr Herzog Ferdinand, ich bin
nur der Magister Buchius aus Amelungsborn und weiß,
daß der Herr Herzog keine Zeit heute für uns haben
können; und dies ist der Junker von Münchhausen aus
Bevern, und er kennt die Gegend. Münchhausen! Thedel!
Ist Er denn ganz verrückt geworden?… Herr Gott,
die Raben! Herr Gott, die Raben über dem Campus
Odini! Herr Gott, Herr Gott, die Raben über dem Odfelde!“…

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Nach drei Uhr Nachmittags wurde es ganz still.
So still, daß es fast zu einem neuen Schrecken wurde.
Nur die Rauchwolke vom brennenden französischen Lager
bei Stadtoldendorf stieg noch immer auf, und man roch
den Krieg nur noch; man hörte ihn nicht mehr. Der
Feind war, wenn auch arg zerkratzt, ausgewichen nach
Osten und Süden; Hardenberg war bei Stadtoldendorf
angelangt und hatte Stellung daselbst genommen und
den Herzog Ferdinand in seinem Hauptquartier Wickensen
auch schon persönlich gesprochen: viel Angenehmes hatte
er wahrscheinlich nicht zu hören gekriegt, der Herr Generallieutenant; und die beste Rechtfertigung hilft nur zu
häufig nur dazu, den Verdruß noch größer zu machen.

Bald nachdem der Geschützdonner schwieg, machte
der Wind sich stärker auf. Es war Herbst, und es
wollte Winter werden und augenblicklich auch noch Abend
dazu: „Hoho,“ sagte der kalte Novemberwind im Katthagen, „was sollte nun der Lärm? Ich bin auch noch
da und pfeife auf euer Gepolter und blase in euern
Qualm. Hui, hui, es ist mir Ein Spiel mit euern
Fahnen und Standarten und mit dem Grase im nächsten
Jahre über Roß und Reiter; — mir ist es einerlei,
sehet selber, womit ihr euch behaglicher abfindet, ob mit
eurem Gelärme oder mit meinem Geschäft und Werk in
der Welt. Hui, Kameraden, hinein in den Katthagen und
Busch und Baum in die Frisur und dem alten Kollaborator von Amelungsborn, dem Magister Buchius bis
in die Knochen. Endlich wieder nach Hause mit dem
alten närrischen Kauz und seiner närrischen Gesellschaft!“

„Ich gehe jetzt nach Hause, und wenn Keiner mit
will, allein!“ sagte Mamsell Selinde, von dem Baumstamm aufstehend. „Wer mit will, kann kommen.“

„Was meinst Du, Wieschen?“ fragte Knecht Schelze.
„Knuff und Puff haben wir genug von Freund und
Feind gekriegt. Den Herrn Herzog Ferdinand haben
wir zu Gesicht bekommen, aber helfen hat er uns auch
nicht können. Er hat für heute wieder selber noch
nichts und kann sich selber kaum helfen. Unter die
Engländer mag ich nicht, die Bückeburger, Hannoverschen,
Preußen, Hessen und Braunschweiger magst Du auch
nicht, die Franzosen sind wieder über den Solling.
Sag Dein Wort, Wieschen; haben sie Amelungsborn
niedergebrannt, können wir uns zum wenigsten noch
mal an seinen Kohlen wärmen.“

„Ich habe es Dir ja schon gesagt. Wir wollen
nach Hause wie es ist! Lieber auch todt als so lebendig
hier im Busch und draußen unter den todten Menschen!“

„Dann vorwärts,“ seufzte der tapfere Knecht Heinrich Schelze mit kläglich-verzogenem Mundwerk. „Wer
nicht mit schießen und schlagen kann, der soll's nehmen
wie's ihm in das Maul gestopft wird und sich dran
abwürgen. Na, schicke mir nur der liebe Gott den
Korporal Baars mit'n Stelzfuß auf unsern Amelungsbornschen Klosterhof! Heda, holla, Herr Magister, wir
wollen nach Hause, nach Kloster Amelungsborn. Wir
haben's genug berathen und wollen uns ducken in die
Zeiten, weil wir müssen. Die Mamsell spaziert schon
voran. Wenn der Herr Magister mit wollen, — oder
immer noch was Besseres wissen, so sollen Sie uns mit
dem Einen wie dem Andern willkommen sein.“

Der alte Mann erhob sich als der Letzte von dem
Baumstamm. Er kam nur gar mühsam wieder in die
Höhe, unterstützt von dem Wieschen.

Er sah sich um:

„Wa — was? Schon die Schulglocke? Ganz
richtig, ganz richtig! Habe sie gestern erst wieder gestellt
die Uhr! Was ist denn das? Wer hat die Subsellien
verrückt und über einandergeworfen? Herr von Münchhausen, wer hat denn die Fenster eingeschlagen und die
Thür? wer hat die Tafel und das Katheder niedergerissen? Wer hat diese Wirthschaft zu Amelungsborn
getrieben?“

„Herr Magister, lieber Herr Magister,“ schluchzte
das gute Wieschen. „So besinne Er sich doch nur,
lieber Herr Magister, lieber, lieber Herr Magister!
Wir sind ja hier nicht im Kloster Amelungsborn auf
der seligen großen Schule; wir sind hier im schlimmen
Quadthagen am Odfelde und sie haben sich den ganzen
Tag über die Köpfe eingeschlagen, und Er selber hat
uns ja in Seiner Güte beschirmet und uns gar unter
die Erde geführet! Und der Herr Herzog Ferdinand
hat auch noch heute keinen Rath für mich gehabt, und
jetzt wollen wir mit Gottes Hülfe wieder nach Hause,
nach Amelungsborn und wenigstens wissen, wie es
da aussieht, und wie es mit dem Herrn Amtmann
und mit der Frau Amtmann und mit den Kindern
ergangen und ob sie noch mehr Leben in sich haben
als wir hier auf freiem Felde nach der Bataille. So
besinne Er sich doch noch einmal, lieber, lieber Herr
Magister.“

Und Magister Buchius besann sich wirklich noch
einmal, kam noch einmal fest auf die Füße zu stehen
und zu einem klaren Ueberblick über die unruhevolle
Erde und sein gegenwärtiges Verhältniß zu ihr.

Er klopfte das gute Mädchen zärtlich auf den
stützenden Arm:

„Ja, ja Kind, wo war ich denn nur? Hast Recht,
hast Recht. Aber der Tag war freilich ein bischen
mühselig und voll Unbequemlichkeit, selbst für einen
alten Schulmeister. Ei freilich, der große Herzog
Ferdinand und der Herr Marschall von Broglio haben
sich nur wieder eine Bataille geliefert: was hat mir
denn eben Wunderliches von der großen Schule zu
Amelungsborn geträumet? Ei, ei, ja, es war ein unruhiger Tag über und unter der Erde, und es ist recht
kalt und ein schneidender Wind. Hast Recht, Kind, wir
wollen nach Hause, da das Kanon und die Musketerie
schweigt. Wir wollen uns schicken in die Zeit und wollen
sehen, wie sie sich zu Hause — in Amelungsborn darein
geschickt haben. Ei, ei, wie wunderlich hat mir doch
eben von unserm guten Junker, unserm Münchhausen,
unserm Thedel von Münchhausen unter den umgeworfenen
Schulbänken und Tischen geträumet!“

Er schüttelte den Frost und die Ermüdung wie die
Betäubung von sich, der alte zähe Schulmeister von
Amelungsborn, der Männerfürst und Magister omnium
artium Buchius. Sie zwängten sich noch einmal durch
das dichte, verwachsene Unterholz des Katthagens, das
ihnen den letzten Schutz während der Schlacht am Ith
gewährt hatte, und traten von Neuem hinaus auf des
Magister Buchii Wodans Feld, auf das Odfeld. Vorsichtig, scheu, steckten sie zuerst nur die Köpfe vor aus
dem verworrenen Busch — ausgenommen den alten
Buchius trauten sie dem alten Göttervater in Walhall
wenig, und heute auf seinem — dem nach ihm benannten Felde — garnicht mehr.

„Es lebt nichts weiter, als nur was liegt und nur
noch beißen, spucken und kratzen kann,“ sagte Knecht
Heinrich. „Die Gesunden sind alle schon mit den beiden
Herren von Münchhausen über den Stadtoldendorf'schen
Galgenbrink weg. Was hier noch lebt, das liegt und
das haut nicht mehr mit der scharfen oder flachen Klinge
vom Gaul auf Unsereinen herunter. Guck Einer, sie
sind unter unserm Junker Thedel wirklich vor Feierabend nochmal bitter aneinander gewesen, die Rothen
und die Blauen. Da liegt es dick genug über einander,
Roß und Reiter; wie die Tische und Schulbänke in
Kloster Amelungsborn, Herr Magister. Es hat den
Franschen ihr Lagerbrand doch nicht ganz aus der Falle
geholfen, Herr Magister. Vivat unser Thedel, unser
Thedel von Münchhausen!“

Es war so. Die letzten Strahlen der Novembernachmittagssonne fielen jetzo durch das schwere, zerrissene
Gewölk, das hastig über das Odfeld hingejagt wurde,
und es war deutlich genug, daß auch die Elliots
über das Odfeld hingejagt und noch einmal an den
Feind gerathen waren. Um den Katthagen herum hatten
die Gevettern von Münchhausen, der aus Bevern und
der aus Bodenwerder die engelländischen Reiter dem
Herrn von Rohan-Chabot in die Flanke geführt. Ja,
noch einmal auch heute hatte, trotz allem, der gute
Herzog Ferdinand den Franzosen scharf in die Nackenhaare gegriffen, und man sah es auf dem Odfelde, welch'
ein Gezause und Gezerre da gewesen war.

Sie lagen, weithin zerstreut auf dem alten Götter- und Opferfelde, über einander gestürzt Frankreich und
England und — Deutschland dazwischen; Roth und
Blau, Grün, Gelb und Weiß, silberne Litzen und goldene,
Bayonett und Reitersäbel durch einander geworfen:
Vieles dermaleinst des Ausgrabens und Aufbewahrens
in Provinzialmuseen werth.

„Großer Gott!“ stammelte augenblicklich der Sammler
und Inhaber der Raritäten in der Zelle des weiland
Bruders Philemon zu Kloster Amelungsborn; aber
Knecht Heinrich hatte Recht: die Todten thaten keinen
Schaden mehr und die Wunden riefen höchstens selber
um Barmherzigkeit.

„Gott sei Lob und gedankt,“ rief Mademoiselle
nach Süden deutend, „den Kirchthurm haben sie stehen
lassen, und die Dächer sind auch noch heil und ganz.
Wer weiß, um wie viel besser sie es in Amelungsborn
gehabt haben, als wie wir. Euern lieben Musjeh Thedel
soll ich nur wieder zu Gesicht kriegen, wenn es so ist.
Alle zehn Gebote ziehe ich ihm nochmal, und dießmal mit den zehn Fingernägeln durch die Visage, wenn
ich ihn nachher nochmals zu Gesichte kriege.“

Und zwischen den jammervollen Zeichen des großen
Kriegs Aller gegen Alle in Europa und Amerika stieß
sie einen leisen verdrießlichen Schrei aus:

„Jeses und Gott und auch noch die Vögel von
gestern Abend und heute Morgen! Uh, Sein garstiges
Vieh, Magister Buchius!“

Und es war seltsam; auch der gelehrte Mann, der
Magister fuhr zusammen und entsetzte sich ob dem
Faktum, daß sie wieder auch unter den Leichnamen der
geflügelten Streiter vom gestrigen Abend und nicht mehr
bloß unter den heute gefallenen Kämpfern von Deutschland, England und Frankreich standen.

„Praesagium — prodigium — portentum,“ murmelte der Magister, und nun dachte er zum erstenmal
seit dem Morgen auch wieder an den Gast, den er in
seiner Verwirrung bei Tagesanbruch in seiner Zelle eingeschlossen zurückgelassen hatte.

Und, wieder wunderlicherweise, kam ihm jetzo zum
erstenmal in ihrer ganzen Grimmigkeit die Vorstellung
vor die Seele, zu welchem Greuel der Verwüstung er
auch innerhalb seiner armen vier Wände nach Kloster
Amelungsborn heimkehren werde.

Es bedurfte aller Schrecken, die der Tag geboten
hatte, um ihn umzurufen auf dem Wege in die Desperation, und ihm wenigstens ein Stück seiner aus
Christen- und Heidenthum gezogenen Philosophia, seines
pädagogischen Stoizismus, dem persönlichen Elend gegenüber zurückzugeben. Ja, er faßte sich auch jetzt. Es
gelang ihm, mit dem Handbuch der stoischen Moral des
Epiktetos, mit dem Lucius Annäus Seneca und mit
den Büchern des alten und des neuen Testaments den
todten Raben aus der Rabenschlacht der Mamsell Fegebanck, dem zitternden Wieschen und dem kopfschüttelnden
Heinrich Schelze aus dem Wege zu schieben:

„Unser Herrgott treibet nimmer Narrenspossen. Wir
wollen auch über diese seine Zeichen wieder ruhig nach
Hause gehen. Und wir wollen uns mehr denn je vorhalten, daß wir uns immerdar in seinen heiligen Willen
schicken und nicht bloß in den unserer mit uns gepeinigten Brüder und Schwestern im Jammer, in der
Noth und in der Hitze, Kälte und Nässe dieser Erden.“

Aber nicht weit von dem Ort, wo sie wieder auf
den ersten Gefallenen aus der Rabenschlacht auf dem
Odfelde gestoßen waren, stieß auch der Magister Buchius
einen Schrei aus, jammervoller als der der schönen
Mademoiselle Selinde, und wahrlich mit größerer Berechtigung als sie dazu. Und mit ihm schrieen die
beiden Mädchen kreischend auf, und Knecht Heinrich
stürzte mit einem heulenden Klagelaut und einem Fluche
vorwärts auf die Knie zwischen die herbstlichen Ginsterbüsche, die Binsen und das Haidekraut des Odfeldes:

„Unser Junker! unser Junker! Herr Magister,
Herr Magister, unser Thedel, unser liebster, junger Herr!
Herr Magister, ist's denn die Möglichkeit, daß so der
Teufel die Oberhand unter unseres Herrgotts Regiment
behält? Es ist unser Junker von Münchhausen; —
greift Alle mit an, daß wir den Gaul von ihm wegheben.“

Ja, sie mußten Alle mit zugreifen: der alte Schulmeister mit seinen hageren zitternden Pfoten, die
wunderschöne Mamsell Selinde Fegebanck, und das gute
Wieschen. Er, der Junker Thedel von Münchhausen
lag mit einem letzten im Tode erstarrten lustigen Lachen
auf dem Knabengesicht unter dem schweren engländischen Reiterpferd. Man sah es ihm an, daß er noch
sein fröhlich Theil an der Franzosenjagd genommen
hatte und weggenommen war von der Erde im vollsten
Triumphe, die Elliots gut geführt und sie nach bestem
Wissen und Kräften und zur Zufriedenheit Seiner
Durchlaucht des Herzogs Ferdinand heute noch einmal
an den Feind gebracht zu haben. Der Magister Buchius
kniete wortlos unter den Leichnamen von Menschen und
Vieh auf dem Odfelde und hielt das Haupt seines
bösesten und besten Schülers, seines liebsten, liebsten
Schülers in den Armen; und mit einem Male fing er
an, bitterlich zu weinen, als ob Alles, was er an
Kummer und Verdruß in seinem langen Leben und am
heutigen kurzen Tage still hinuntergeschluckt hatte, in
Einem Strom sich Bahn breche aus seiner tiefsten Seele
heraus.

Dadurch brachte er natürlich auch die zwei Mädchen
zu hellem Geschrei und vorzüglich die zärtliche Mamsell
Selinde, die da stand und untröstlich die Hände rang,
wie sie sie gleicherweise untröstlich im Stillen gerungen
hatte, als man den schönen, höflichen, lustigen Lieutenant Seraphin von den himmelblauen Dragonern auf
den Gewehrläufen in das Thor von Kloster Amelungsborn trug. Ihn, der auch „wie ein Engel“ gegen sie
gewesen war in den Wochen vor dem Gefecht bei Erichsburg, als er beim Herrn Onkel in Quartier lag.

„O Gott, o Gott, so jung und so ein guter Junge
und um solch' eine Dummheit, die ihn doch garnichts
anging! und so ein lieber, lieber Junge!“ …

Knecht Heinrich Schelze stand auch und faßte sein
Wieschen am Oberarm und brummte gröblich: „Schrei'
doch nicht so!“ und dann legte er grimmig und voll
zarten Mitgefühls zum erstenmal in seinem Leben dem
Herrn Magister Buchius — seinem liebsten Herrn Magister die Hand auf die Schulter: „Herr, Herre, lieber
Herre, Schlimmeres hätte auch mir heute nicht passiren
können, ausgenommen wenn ich nicht mein Mädchen
bei Leben, gesunden Gliedern und bei Ehren hätte behalten können. So reden der Herr Magister doch nur Ein
Wort! Ach Gott, so ein junger Herr und Menschensohn!
Was ist es uns für ein Trost, daß es ihm doch noch
besser zu Theil geworden ist als tausend Andern heute?
Guck, da richtet sich wieder Einer im Röhricht auf und
jammert nach uns herüber auf engelländisch, ohne daß
wir ihm nach Hause helfen können.“

„Nach Hause!“ murmelte Magister Buchius.

„Ja, nach Hause!“ rief Knecht Heinrich, seine Pudelmütze zwischen den harten Fäusten zerknillend. „Ein
schönes Nach-Hause für Alles, was heute hier um den
Ith herum gern nach Hause möchte aus Frankreich, England, Bückeburg und dem Hessischen, Braunschweig, und
Allem, was sonst so zu uns ortsangeborenem deutschen Volke gehört. Herr Magister, lieber Herr Magister, da haben der Herr Junker doch wieder ihren
Willen gekriegt. Die wollten immerdar nur von Hause
weg — von Schulen und von Hause weg — und sie
haben einen sanften Tod gehabt, liebster, bester Herr
Magister, und brauchen sich nicht mehr zu sorgen
wie wir Andern, was ihnen zu Hause für den Abend
aufgehoben ist, liebster, bester Herr Magister. Ach, lasse
Er mich Ihm wieder aufhelfen, lieber Herre!“

„Ach Gott ja, es hilft ja nun weiter nichts; lasse
Er uns doch nur Ihm wieder aufhelfen, liebster Herr
Magister,“ schluchzte auch das Wieschen.

Magister Buchius ließ das Haupt Thedels von
Münchhausens sanft aus seinem Schooße in das triefende
Gras und Kraut des Odfeldes niedersinken:

„Du bist freilich jetzt zu Hause, mein wilder, guter
Sohn, und brauchst nicht mehr auf der Welt Schulbänken auf und ab zu rücken. Dir ist es wahrlich
einerlei, ob die Katheder von Kloster Amelungsborn
noch stehen, oder ob sie übereinander gestürzt worden
sind.“

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der Novemberwind pfiff schärfer und schneidender
über das zerzauste, zerstampfte Götter-, Geister- und
Blutfeld. Die Sonne, die nur einen kurzen Moment
über dem Butzeberge durch das Gewölk geblickt und
„Wasser gezogen“ hatte, war jetzt schon hinter den
Berg hinabgesunken. Es neigete sich der Tag wieder
dem Abend zu.

„Herr,“ sagte Knecht Heinrich, „wenn wir's wüßten,
wie wir's zu Hause in Amelungsborn finden werden,
so trügen wir ihn wohl mit nach Hause zwischen uns
Auch die Jungfern faßten wohl mit an bei den Füßen;
aber —“

„Aber wir haben vielleicht nicht, wo wir ihn niederlegen könnten,“ sprach trostlos der alte Mann. „Wir
finden keine Stätte, wo er besser ruhete als wie hier,
Heinrich „wo“ —

„Wo er sich selber nach seinem tollen Sinn den
Platz ausgesucht hat!“ jammerte Mademoiselle. „O
Thedel, mein Thedel, mein lieber Junge, vergebe Er
mir, Junker von Münchhausen, um alter Zeiten im
grünen Frühjahr und Blumensommer und um seines
jetzigen blutigen Todes willen, was ich Ihm heute je in
Verdruß und Elend mal gesagt und angethan habe! Wer
hätte denn dies auch denken können, Herr Magister, daß
ich auch ihm das kühle Grab in seiner jüngsten Jugend
mit Rosmarin bestecken müßte? Und wieder um solch'
eine ungeforderte Dummheit und lieben Muthwillen,
liebster Herr Magister!“

Für Magister Buchius sprach die thränenüberströmte
Schöne vollkommen in den Wind. Er vernahm und verstand kein Wort von den was sie schrie. Er sagte zu des
Todten guten Amelungsborn'schen Wald- und Feld-Kameraden:

„Wir finden wohl heute Abend keine Stätte in
Amelungsborn, wo er besser ruhte als wie hier, wo
er sie sich selber gesucht hat als ein junger deutscher
Edelmann und Kriegsmann. Der Herr Vetter ist über
ihn hingestoben mit den Reitern und hat ihn auch
liegen lassen müssen. Nun wollen wir ihn ein wenig
zurecht legen in seiner Glorie aus dem Krieg um das
deutsche Vaterland — hier auf dem Odfelde bei unsern
Vorfahren seit Anbeginn. Und wir selber wollen zusehen, was nur selber für eine Stätte zu Amelungsborn finden und wie uns bereitet ist, wo wir unser
Haupt im Leben für diese Nacht niederlegen. Kommet
still und nehmet euer Bett ein, wie der allmächtige
Gott es bereitet hat.“

Sie thaten so. Sie legten auch Thedeln von
Münchhausen christlich-sarggerecht zurecht auf Wodans
Felde, auf dem Odfelde unter den Gefallenen aus der
Rabenschlacht und der Schlacht des guten Herzogs
Ferdinand von Braunschweig und der Herren von Broglin, Poyanne und Rohan-Chabot. Sie zogen auch
noch dem nächsten Nachbar im Elend, dem Reitersmann von den Elliots das Bein unter dem Gaul
hervor und deckten dem Sterbenden den Mantel über.
„Good night, Mary,“ murmelte er, und sie gingen und
ließen Odins Kriegs-, Jagd- und Opferfeld dem Abend
und der Nacht: freilich im schweren Zweifel, ob sie es
zu Hause besser finden würden als wie sie hier draußen
es hatten, zwischen dem Quadhagen, dem Weirsberge
und dem Butzeberge.

Der Weg war nicht mehr allzu weit, wie Jedermann, der bis hierhin gelesen hat, nun schon weiß. Der
Kriegssturm hatte sich nach Osten und Südosten hin
verzogen, die Flüchtlinge erreichten ungefährdet, schleppenden Schrittes die alten mönchischen Umfassungsmauern
und das zertrümmerte Thor von Kloster Amelungsborn. Der alte Schulmeister, schwer sich auf den Arm
des guten Heinrichs stützend, die zwei Mädchen an
einander geklammert, Alle ohne noch ein Wort zu sagen.
Wenn sich Heinrich von Zeit zu Zeit mit dem Jackenärmel über die Augen wischte, so murmelte er gewöhnlich dazu ein Wort, das mehr Fluch als Segen war;
aber auch ihm wurde die Sünde nicht angerechnet.

Sie kamen auf den Hof, und Bruder Philemon
vom Orden des heiligen Bernhards von Clairvaux und
Herr Theodorus Berkelmann, Abt von Amelungsborn,
im Wort und Glauben Doctor Martin Luthers hätten aus
ihrem Frieden dreist aufstehen und um sich deuten
können: „Sehet, so sahen wir es auch. So spürten wir
es auf der Haut und bis in das Mark der Gebeine
und sprachen: Herr, zähle meine Flucht, fasse meine
Thränen in Deinen Sack.“

Die Erste, die sich aber faßte, war Mamsell Selinde,
des Herrn Amtmanns Vetterstochter, und die rief:

„Jeses, da sitzt ja noch mein Schlingel von Franzose
von heute Morgen! Der, dem mein — unser junger
Liebling, unser Herr von Münchhausen um meinetwillen
die Nase eingeschlagen hat! Da sitzt er an der Wand
auf dem Stroh und hat sein schlechtes Leben behalten,
und unser Thedel hat seines hergeben müssen. Und
guck, das sind ja wohl wieder welche von Unsern, die
bei ihm auf dem Stroh liegen wie Kamerad bei
Kameraden. Da hört es doch auf!“

Es konnte von Mademoiselle nicht verlangt werden,
daß sie alle Uniformen der kriegführenden Heere kenne.
Es waren jetzt Nachzügler von dem Corps des Herrn
Generallieutenants von Hardenberg, welches jetzt endlich
bei Stadtoldendorf Posto gefaßt hatte. Fußlahme oder
sonst Marode des Herrn von Hardenberg, die im
Klosterhof von Amelungsborn ihre Gewehre an die
Mauer gelehnt und sich auf den Boden geworfen
hatten. Aber es war kaum noch ein halb Dutzend
von ihnen und sie sahen kaum auf, wenn Einer über
sie weg trat, weil sie ihm im Wege lagen.

„Jeses, auch unser Schimmel,“ rief Wieschen. „Da
steht er und kaut dem Franzos das Stroh unterm Leibe
weg und Keiner kümmert sich um ihn. Auch der Herr
Amtmann nicht!“

Es sah Niemand mehr viel nach dem Andern in Kloster
Amelungsborn: auch der Herr Amtmann nicht. Es
konnte Jeder stehen, sitzen und liegen wie er wollte;
sie hatten Alle wieder die Faust des Krieges auf der
Stirn gespürt und dießmal gröber denn je. Sie gingen,
standen, saßen und lagen Alle in stumpfsinniger Betäubung: Freund und Feind, Knecht, Magd und Vieh,
Herr und Diener — „ach Gott, und die Frau Amtmännin und die Kinder auch!“ rief das gute Wieschen,
den Arm Mademoisells von sich stoßend und über den
verwüsteten Hof auf die Treppe des Amtshauses zulaufend. „Wo sind unsere Kinder? guten Abend, Frau
Amtmann! Kinder, lebt ihr denn noch? ach Gott, Frau
Amtmann, unser Junker, unser junger Herr von Münchhausen liegt draußen ja todt auf dem Odfelde unter
den Franzosen und Engländern und dem Herrn Magister
seinem Vorspuk und Rabenvolk!“

„Schelze,“ sagte der Amtmann, „Heinrich, der
Schimmel, der da in den Hof gekommen ist — gehört
er — zu den Engländern oder zu den Franzosen? —
was thut das Vieh als ob's hier zu Hause wäre?
Guck doch mal hin nach ihm, Heinrich; manchmal
kommt's mir vor, als hätten wir ihn im Stall gehabt;
— o der Herr Magister Buchius! Sie auch noch?
Nehmen der Herr Magister die Unconrtoisie uns nicht
übel, daß ich nicht aufstehe vom Stuhl. Wir haben
heute einen fast zu schweren Tag gehabt in Amelungsborn.“

„Wir auch, mein Herr Amtmann — draußen auf
dem Odfelde und im Eingeweide der Erde, in der
Erdhöhle im Ith. Der junge Herr von Münchhausen
liegt todt auf dem Odfelde; aber Mademoiselle Nichte
habe ich glücklich und in Ehren wieder nach Amelungsborn geführet.“

Den Klosteramtmann bewegten beide Benachrichtigungen wenig in seinem Stupor, die letzte aber am
wenigsten.

„Hat er sich zuletzt den Hals gebrochen? … Sieh,
sieh, Sie Linienfliegersche ist nicht in die weite Welt
gegangen mit den Husaren, Dragonern und Kürassern,
mit Preußen und Franzosen, Jungfer Allewelt? …
Nu, Schelze, wie ist es mit dem Schimmel?“

„Es ist unserer. Dem Herrn Amtmann Seiner ist's.“

„Er kam mit dem Herrn Generallieutenant von
Hardenberg in's Thor. Also der Satansjunge, der
Münchhausen ist auch hinüber? Nehmen der Herr
Magister es nicht für ungut, aber mir ist so konfuse,
daß mir Alles vor dem Auge schwimmt, daß ich von
Gott und Welt nichts mehr weiß und mich auf Weib
und Kind erst besinnen muß. Das ist mein erster Trost
jetzt, daß unser Magister Buchius heute nicht auch für
ewig verloren gegangen ist. Da hat man doch wieder
einen Menschen in Amelungsborn, der Einem ein vernünftig Wort sagen und an den man sich halten kann!

Magister Buchius, vor dem an Leib und Seele zerbrochenen Manne stehend, schüttelte nur seufzend den
Kopf und dachte sich das Seinige, nicht seines Ausganges
aus Kloster Amelungsborn am heutigen Morgen, sondern
wehmüthig-getröstet, seines Eingangs und langen Aufenthalts in Kloster Amelungsborn gedenkend.

„Gehen Sie zu meiner Frau, Jungfer Nichte, und
frage ob sie noch eine Ihr anständige Beschäftigung für
Sie weiß. Also es ist mein eigener, Schelze? Ich
kann mich nicht aus dem Stuhl rühren; sieh zu, Heinrich,
ob Du noch einen Halfterstrick für ihn finden kannst.
Ein schwerer, schwerer Tag, Herr Magister — leere
Ställe, leere Krippen, Hab und Gut zerschlagen und
durcheinander geworfen! Gebe der Herr mir doch Seine
Hand, es ist mir als habe ich Ihm noch für Allerlei
und sonst Was meine Abbitte zu leisten. Aber mir ist zu
konfuse in den Sinnen; vergebe Er mir was zwischen uns
passirt sein mag. Es ist mir ein wirklicher Trost, daß
Er sich wieder eingefunden hat und uns nicht verlassen
will in unserer Verwirrung. Wollen der Herr Magister
aber doch nicht lieber noch bei währendem Tageslicht
nachsehen, wie Ihm auch das Seinige heute von der
Sündfluth verschwemmt worden ist? Ich habe in dem
Tumult von Nichts was ab und zu Nichts was zu
thun können. Ein schwerer, schwerer Tag, Herr Magister;
und also der junge Satan, der arme junge Kerl, Sein
Junker Thedel liegt mit gebrochenem Genick draußen
auf dem Odfelde? Die Raben! die Raben! Gestern
Abend auf dem Odfelde die Rabenbataille. Ein Präsagium nannte Er's ja wohl? Ja, aber wem hat's
das Aergste vorausgesagt? Dem Junker — unserm
Thedel Münchhausen nicht! Wer aus dem Elend heraus
ist, der soll ja stille sein und ruhig liegen bleiben. Das
sage ich ihm heute — der Klosteramtmann von Amelungsborn!“…

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Ehe Magister Buchius, wie der Klosteramtmann
von Amelungsborn angerathen hatte, noch bei währendem
Tageslicht nach dem Seinigen sah, sahe er doch noch
erst nach der Frau Amtmännin und ihren Kindern.
Wie eine Klucke mit ihren Küken, über denen der Habicht
gewesen ist, fand er sie in einer andern Ecke des Amtshauses kümmerlich in einen Haufen zusammengedrückt,
und die Frau Amtmännin auch nicht mehr im Stande,
ihm das Leben in der Zelle des Bruders Philemon
saurer zu machen als es nöthig war.

„Mein Gott, o du lieber Gott, da ist ja unser
armer Herr Magister noch! O Gott sei Dank!“ ächzte
die brave Frau, die ihm sonst gewöhnlich etwas ganz
Anderes nach seinem Altentheil hin bestellen ließ, wenn
sie es ihm nicht, mehr oder weniger durch die Blume,
selber sagte. „O das ist ja das Erste, was Einem
wieder einen Trost giebt! O wo haben denn der Herr
Magister eine bessere Unterkunft gefunden, daß Sie uns
so alleine gelassen haben?“ schluchzte, sie dem alten,
sonst so überleidigen Hausgenossen beide Hände hinhaltend.

Und Magister Buchius ergriff sie beide, während
die Kinder alle an seinen zerfetzten schwarzen Rockschößen hingen, um seine Kniee sich klammerten und
ihm die Beine fast unterm Leibe wegzogen.

„Liebste, beste Frau,“ stammelte er, „Kinderchen,
armes kleines Volk, arme liebe Schelme, es ist wohl
gleich gewesen, wo wir uns heute verkrochen haben: ob
über der Erde, ob unter ihr. Des Herrn Hand hat
uns doch gefunden und herausgezogen unter die Gewappneten und uns hingeworfen unter ihren Fuß und
Huf; aber seine Güte hat auch bis dahin gereichet: er
hat uns aufbehalten und bewahret Einen für den
Andern bis auf Einen. Den hat er hingenommen und
weggeführet in seiner Jugend: — er wird es ja wohl
wissen, was das Beste für Den war. Kinderchen und
Frau Amtmännin, draußen liegt er auf dem Odfelde
in seinem eignen Blute, der letzte, der schlimmste, der
beste Primus der Prima der alten echten wirklichen
großen Schule zu Kloster Amelungsborn!“

„Himmel, Herr Magister, doch nicht der Schlingel
der Thedel?“ rief die Frau Klosteramtmännin!

„Der letzte Münchhausen aus Bevern! Seine Durchlaucht, Herzog Ferdinand von Braunschweig-Bevern
haben ihn mit dem Herrn Vetter von Bodenwerder
unter den englischen Reitern gegen den Franzosen geschickt und er hat den letzten Schlag auf ihn heute
gethan. Frau Amtmann, er ist der Einzige von uns,
der heute einen vergnügten Tag, einen Tag nach seinem
Herzen erlebt hat, und er liegt mit einem Lachen auf
dem Gesicht draußen auf dem Odfeld unter den Völkern
und Präsagio vom gestrigen Abend!“

„Du liebster Gott! Das hätte ich ihm doch nicht
gewünscht, selbst wenn er uns hier im Amthause den
Kopf am heißesten machte! So jung — und hat nun
in seiner ganzen Tollheit und in allen seinen Dummheiten davon gemußt!“ seufzte die Frau kopfschüttelnd;
doch die eigenen, den Tag über bestandenen Bedrängnisse lasteten noch zu schwer; es war nicht zu verwundern, daß sie nicht allzuviel Zeit und Mitgefühl
für den wilden Junker von Münchhausen übrig hatte.

„Wir wollen in’s Künftige besser zusammenhalten,
lieber Herr Magister, wenn uns Gott in seiner Barmherzigkeit noch einmal aus diesem Schreckniß heraushilft,“ seufzte sie, und das war schon etwas bei dem
bösen Verhältniß, wie es bis zum letzten zwischen dem
Klosteramt und der Klosterschule zu Amelungsborn geherrscht hatte.

„Hm, hm, hm,“ murmelte Magister Buchius, als
er durch das verwüstete, geplünderte Amthaus, in dem
kaum noch ein Fenster heil und ganz war, hinschwankte,
als er sich durch die von Feind und Freund mit
Trümmern und Unflath erfüllten Gänge tastete und
auf den mit allem schlüpfrigen Erdreiche von Gottes
Boden zwischen dem Solling, der Weser und Amelungsborn bei jedem dritten Schritte ausglitt und
stolperte. „Hm, hm, wenn der Knabe nicht draußen
unter den Todten läge, möchte ich wohl sagen, daß
mir der Raben Bataille über dem Odfelde nicht bloß
zum bösen Zeichen für die künftigen Tage gewiesen
worden sei.“

Auch er schüttelte das Haupt und trotz seines
schweren Kummers mußte er lächeln:

„Ei, ei, wie reden wir doch? wie laufen unsere
Gedanken! der Mensch auf Erden kann doch keine Einbildung in sich verhindern, ob sie schlimm oder gut
sei! … aber er kann sich fassen und zusammennehmen
in christlicher und heidnischer Weisheit und kann sagen:
Buchius, es kommt für dich Alten nicht mehr darauf
an, wie Du heut' Abend die Stelle findest, allwo Dein
Bette gestanden hat, auf welchem Du nur zu oft in
boshaften Gedanken und ärgerlichen Einbildungen Dich
um und um gewendet hast. Kehre bei Dir selber ein,
Menschenkind, und lege Dich da, wo Du Deine Stätte
zugerichtet findest.“

Er fand das Stück von Kloster Amelungsborn, wo
ihm seine Stätte bereitet war, wahrlich ebenfalls sauber
zugerichtet. Wie die wilden Thiere hatten sie auch da
gewirthschaftet, Feind und Freund. Was in den alten
schon so verstörten Auditorien von der alten gelehrten
Herrlichkeit und Würde sich noch bis gestern erhalten hatte,
das war jetzo ganz hin. Das letzte Subsellium, das
letzte Katheder war in Feuer aufgegangen, dem fremden
wie dem einheimischen Kriegsvolk die Suppen zu kochen
und die verklommenen Gliedmaßen zu wärmen. Was
von dem Durchmarsch in den früheren Schulstuben von
Kloster Amelungsborn zurückgeblieben war, das war eitel
scheußlicher Unrath, teuflischer Hohn, Stanck und Muthwillen — ein Spott auf alle klösterliche und pädagogische Zucht und Reinlichkeit. Magister Buchius wendete
schaudernd den Blick nach Oben und hielt trotz allem,
was er schon in seinem Leben und vor allem am heutigen Tage hatte riechen müssen, die Nase zu.

Er wäre fast umgekehrt am Fuße der letzten leiterartigen Stiege, die zu seinem Winkel unter dem Dache
führte; aber sein tapfer Herz litt es denn doch nicht,
daß der schwache Leib nachgab.

„Er liegt draußen im Sumpf und Morast, der letzte
Schüler der großen Schule zu Amelungsborn. Er der
Decurio, der Erste unter Zehnen — was sage ich: Er,
Primus e viginti — Er der Centurio, der Oberste
unter Hunderten — der schlimmste und der beste von
Allen. Schäme Er sich, alter überflüssiger ludimagister,
alter ungebraucht verbrauchter Schulmeister, daß Er heute,
heute — heute noch ein Grauen und einen Ekel verspüren
kann und sich mit Kummer um Seine Impedimenta,
Sein armselig Lebensgepäck, Seine thörichten Siebensachen das Herz beschweren will! Buchius, jetzo ist
Seine Zeit. Nun gedenke Er der Stoa, nun zeige Er,
daß ihm der Titan, der hohe Prometheus aus dem bessern
Leimen das Herz knetete, zeige Er sich erlauchter Ahnen
werth und sorge Er in christlichem Vertrauen nicht
darum: was werdet ihr essen, was weidet ihr trinken,
wo werdet ihr euer Haupt niederlegen und was wird
die Schlacht der Raben auf dem Odfelde von euren
vergänglichen Habseligkeiten und unersetzlichen Pretiosen
und Curiositäten übrig gelassen haben nach eingetretener
und eingeschlagener Thüre!“

Nun stand er in dem höchsten Korridor des alten
Gemäuers der Ordensleute des heiligen Bernhard von
Clairvaux, und, wie er es sich gedacht hatte: das letzte
Tageslicht fiel auch hier nicht bloß durch die eingeschlagenen Fenster, sondern auch durch die eingestoßenen
Pforten der verwaiseten Zellen der Brüder Cistercienser
in den Gang unter dem Dache. Nun machte der Gang
einen Haken und Magister Buchius stand vor des Bruders
Philemon und seiner Thür im dunkeln Winkel.

Zu!

Magister Buchius legte die Hand auf den Griff.

Verschlossen! Die Kniee bebten unter dem alten
Manne.

Er griff in der Dämmerung an der Thürfüllung
umher. Er rüttelte am Schloß; — es blieb kein Zweifel
übrig: es gehörte selbst an diesem Abend des fünften
Novembers 1761, nach der Schlacht über dem Odfelde
und am Ith, immer noch ein Schlüssel dazu, um hier
Einlaß zu gewinnen!

Magister Buchius schlug erst in keuchender Aufregung
die bebenden Hände zusammen, griff dann mit beiden
Händen an den Hosen herunter, fuhr mit der linken
wie mit der rechten Hand in die Tasche und holte ihn
hervor, den Schlüssel — seinen Schlüssel — den Schlüssel
zu seiner Stube und Kammer. Vor der nicht eingeschlagenen Thür hatte er allein im Kloster Amelungsborn nach dem Stubenschlüssel in der Hosentasche zu
suchen! …

Es kostete ihm nicht ohne Grund einige Mühe, das
Schlüsselloch dießmal zu finden.

Das altgewohnte Gekreisch der Haspen und Angeln
— Alles, wie er's verlassen hatte! Alles, als ob es
dem guten Herzog Ferdinand und dem bösen Herzog
von Broglio nicht im Traum eingefallen sei, sich auch
in dieser Gegend um den Weg über Einbeck nach Braunschweig zu raufen! Alles, als ob Kloster Amelungsborn nicht sein Theil von der Schlacht abbekommen
habe! Alles, als ob nicht der Junker Thedel von
Münchhausen draußen auf Odins Felde mit unter den
Todten von den Elliots liege! … Der alte Herr
und Schulmeister, der Magister Buchius, stand ungläubig, zweifelnd, seinen Sinnen nicht trauend. Er
stand starr, sah an den vier Wänden herum, nach der
alten schwarzen Balkendecke hinauf und zu dem Gipsboden, den schon der Fuß des Bruders Philemon im
dreißigjährigen Kriege beschritten haben mochte, hinab
und — — das Weinen war ihm näher als das Lachen:

„Großer Gott! guter Gott, mir Das? mir alleine
Solches?“

Er saß, an allen Gliedern zitternd, nieder auf dem
Stuhl neben dem Tische, auf dem gestern Abend Knecht
Heinrich mit seiner Kreide den Lauf der Weser und die
Stellung der kriegführenden Partheien hingemalt hatte.
Er saß hin in seinem nur durch ein Wunder unangetastet verbliebenen Altentheil:

„Ist es denn die Möglichkeit? Rundum auf Meilen
und Meilen Weges Alles ruinirt und mir — mir —
o mir allein solche Gnade und Barmherzigkeit! Herr,
womit habe ich armer unnützer Sünder diese Ausnehmung und Verschonung verdient?“

Er erhob sich wieder vom Stuhl, stand inmitten
seines Gemachs und schlug die Hände zusammen wie
ein sich verwunderndes Kind. Doch nun traf im
letzten Tageslicht sein Auge auf Zeichen, daß doch
Jemand, trotz verschlossen gebliebener Thür, im Museo
anwesend gewesen sei und nicht ganz so bescheiden und
zierlich gehauset habe, wie es sich für einen höflichen
und frommen Gast gezieme. Es lag der Suppennapf
aus der Küche der Frau Klosteramtmännin in Scherben
am Boden, ebenso der Teller, auf dem der letzte Häring
aus der Speisekammer von Amelungsborn gelegen hatte.
Ein Buch lag in Fetzen zerrissen unter dem Tische und
einzelne Blätter daraus waren durch die ganze Zelle
verstreuet.

Magister Buchius bückte sich natürlich zuerst nach
dem Buche; und mit jeder Einzelnheit stand ihm
nunmehr der vergangene Abend, der Abend des
vierten Novembers 1761 vor der Seele und im Gedächtniß.

Auch das Titelblatt war ausgerissen worden; aber
Magister Buchius wußte doch, was er wieder in den
zitternden Händen hielt; nämlich den Wunderbaren
Todesboten, oder die schrift- und vernunftmäßige Untersuchung, was zu halten sei von ꝛc. — an's Licht gegeben von Theodoro Kampf, Schloßpredigern zu Iburg:

„O mein Sohn Diedericus! mein Thedel! mein
armer Thedel von Münchhausen. So bin ich alter
unnützer Knecht unverdientermaaßen erhalten in meinem
Eigenthum und Du liegest draußen auf dem Odfelde
in Deinem erstarrten jungen Blut, und wenn ich
morgen reden will von Dir, werden sie mir den Mund
verbieten und sprechen: Du habest Dein Theil nur
verdientermaaßen empfangen, habest nur Das erhalten,
was Du gewollt habest!“

Er hielt ein Blatt aus dem zerrissenen wunderlichen Buch und entzifferte, schwimmenden Auges, noch
Eine Zeile beim letzten Abendgrauen:

„Bringet mir Diesen zur Ruhe!“

In diesem Augenblick fuhr er heftig erschrocken zusammen, er, der den halben Tag über das Krachen
des Kleingewehrs und den Donner des groben Geschützes
aus der Schlacht am Ith im Ohr gehabt hatte. Und
es zupfte ihn doch nur Jemand unten am Rock, und
hackte in seine Schuhschnallen und sagte:

„Krah!“…

Da stand er, der den ganzen Tag über den einzigen sichern Platz in Kloster Amelungsborn und weit
rundum für sich allein gehabt hatte und doch nicht
darin mit seinem Schicksal zufrieden gewesen war.
Inmitten der von ihm angerichteten Verwüstung stand
zwischen den Beinen des Magisters Buchius der schwarze
Kämpfer aus der Schlacht auf dem Wodansfelde,
Wodans — Odins Vogel, geisterhaft, gespenstisch frech
und unbefangen, aber dessenungeachtet so wenig mit
Triumphatorgefühlen wie die zwei großen Feldherren
von Braunschweig und von Broglio in ihren Hauptquartieren zu Wickensen und zu Einbeck am heutigen
Abend.

Er war grimmig hungrig, ob er von Hugin oder
ob er von Munin stammte, der dunkle Bote Wodans,
und er sperrte den Schnabel darnach auf und schrie
empor zum guten alten Magister Buchius. Papier
sättigt nicht, und der Spukvogel vom Odfeld hatte
seinen Magen höchstens voll von Papier — Papier
aus des Iburgischen Schloßpredigers Theodori Kampf's
gelehrten Untersuchungen über das, was von Eulen- und Leichhühner-Schreien, von seines eigenen schwarzgeflügelten Geschlechtes Geschrei und andern Anzeigungen des Todes zu halten sei.

„Du bist es?“ sprach der Magister, sein letztes
Erschrecken bezwingend und seines Grauens noch einmal Herr werdend. „Du? Du? Du? O Gespenst,
meldest Du Dich nun wieder und zerrest an mir und
fragest: ob Du Deine Botschaft wohl ausgerichtet habest
als Bote des höchsten barmherzigen Gottes, des Herrn
Zebaoths oder — als höllischer Gaukler seines Affen
des leidigen Satans? O Kreatur, ach Rab, Rab,
wohl ist Dein Zeichen Wahrheit geworden! Sie liegen
bei Deinen Kameraden in Campo Odini und weit
rundum verstreut meine Brüder und unter ihnen meiner
Seele Sohn im jammerhaften Säkulo. O Vieh, ich
habe Dich im Tuch vom Schlachtfeld, von Wodans
Felde hereingetragen und in Sicherheit gebracht; aber
ich habe meinen lieben Knaben, meinen tapfern Thedel,
meinen Thedel von Münchhausen liegen lassen müssen
unter den Erschlagenen auf dem Odfelde!“

Der schwarze Vogel hatte einen grimmigen Hunger,
er hüpfte ein paar Schritte auf dem Fußboden hin und
her und schrie mit heiserer Stimme seine Noth und
seinen Grimm aus und hackte in einen Gegenstand, der
in der Dämmerung genau einem Menschenarm glich.

Und es war auch einer; aber aus Holz geschnitzet;
der Arm der heiligen Jungfrau Maria, des Wunderbildes von Kloster Amelungsborn. Das hatte heute
keine Wunder verrichten können, und der unheimliche
Gast des Magisters Buchius wurde auch nicht satt von
ihm; aber dem — dem Gast des Magisters Buchius
konnte freilich bei so gloriosen Zeitläuften leicht geholfen werden.

„I Du Halunke! Bestia, Verwüster!“ rief der alte
Herr, sich jetzt genauer auf dem Fußboden und an den
Wänden seines Museums umschauend und trotz allem
heute Erlebten von Augenblick zu Augenblick ärgerlicher werdend. „Den Hals sollte man dem Ungethier
umdrehen! Ist das der Lohn für Hospitalität, Theilung des letzten Bissens? Bösewicht, bei genauerer Inspectio könnte es nicht schlimmer hier in meiner Stube
aussehen, wenn sie ihre Bataille in ihr ausgefochten
hätten und nicht zwischen dem Ith und den Stadtoldendorfer Hohlwegen. Spitzbube, Schurke, Halunk,
hattest Du noch nicht genug an Eurem Gerauf über
Odins Felde? Nun sieh mal, guck mal, guck nur mal
an, wie Du hier bei intimerer Besichtigung gehauset
hast. Da liegen die kurieusen Töpfe der Vorfahren,
da liegen ihre Knochen! Das halbe Raritätenkabinet
vom Brett gestoßen — Zettel abgerissen, und — hier
— sehe Er einmal hier, Er Erzschweinigel! gehet man
so mit den Cimelien eines Büchervorraths um? Nun
sage Er selber, was ich mit Ihm anfangen, was ich
Ihm anthun soll für Seinen Mißbrauch des Gastrechts? Wenn die ganze Schule von Amelungsborn sich
hier in meiner Abwesenheit einen Jokus erlaubt hätte,
könnte es nicht ärger bei mir aussehen.“

„Krah! krah!“ schrie der schwarze Gespenstervogel
und Gastfreund des Magister Buchius, den Schnabel
immer gieriger, immer unwirrscher aufsperrend, grade
als wisse er ganz genau, was für eine leckere wohlbestellte Tafel ihm draußen rund um das Odfeld und
auf demselben wiederum gedeckt worden sei.

„Die Thür soll ich Dir öffnen, das Fenster soll ich
Dir aufmachen?“ murmelte der alte Schulmeister, allgemach über seine Kuriositäten hinaus wieder zu andern
Bildern, Vorstellungen, Gedanken und Gefühlen kommend.
„Du großer Gott, wer wird mir helfen, seinen jungen
Leib zur Ruhe zu betten? Das Aufgebot der Bauern?
wie neulich bei Wellinghausen — zweitausend Mann
drei Tage und drei Nächte durch?“

„Krah!“ rief der Vogel, als wolle er bemerken,
daß er noch immer da sei. Und er flatterte auf und
ungeduldig in der Zelle des Bruders Philemon im
Kreise umher und schlug noch einen letzten germanischen
Aschenkrug dem Gastfreund vom Brette. Man merkte
es ihm wahrlich nicht mehr an, daß er gestern seinerseits eine Wunde aus der Schlacht über dem Odfelde
davongetragen habe.

„Du? Du? Du?“ murmelte der Magister Buchius.
„Du willst hinaus? Du willst helfen von der Weser
bis zum Hils? Du willst mir, mir helfen auf dem
Odfelde?“

Er hielt den Fensterriegel wie um ihn gegen Gott,
Teufel und Welt festzuhalten und das Fenster zu.
Und er reichte in seinem Grauen mit seiner Kraft doch
nicht aus. Der wilde, schwarze Bote und Streiter
Wodans wurde immer ungebehrdiger, wurde wie toll
in seinem Willen. Er flog gegen den Kopf des Magisters, er stieß mit seinem Kopf gegen die kleinen
runden Scheiben, daß sie in ihren Bleieinfassungen erklirrten. Vergebens wehrte sich der alte Schulmeister
der weiland großen Schule von Amelungsborn mit
vorgehaltenem linken Arm und Ellenbogen: das Thier
setzte seinen Willen durch.

„Fahre zu!“ ächzte der Greis, das Fenster öffnend
und seinem dunkeln Gast den Ausgang aus seiner Zelle
freigebend. „Ich weiß nicht von wannen Du gekommen bist, ich weiß nicht wohin Du gehst; aber gehe
denn — in Gottes Namen, — auch nach dem Odfelde.
Im Namen Gottes, des Herrn Himmels und der Erden
fliege zu, fliege hin und richte ferner aus, wozu Du
mit uns Andern in die Angst der Welt hineingerufen
worden bist.“