Der Zunterer schreibt heim

Ich kenne das kleine Anwesen vom Zunterer gut: es nährt drei Küh', und die Zunterin hat noch ihre Geißen und Hennen. Der Zunterer aber ist lang, himmellang, und stark wie ein Roß, und die paar Tagwerk Wiesen und das bissel Ackerland brauchen ihn in der Arbeit nicht auf. So ist er nebenher Holzknecht geblieben und treibt's nach der Eh' so weiter, wie er's vor der Eh' getrieben hat: er geht am Montag in den Holzschlag, und am Samstag muß ihm der Förster das Geld hinlegen, und der Zunterer steigt vom Berg zu Tal zu seiner Zunterin.

Leutl, es ist kein leichtes, geschlagene sechs Tag' im Holz draußen bei den Füchsen zu hausen, zu essen, was Holzknechte gekocht haben, und nach Feierabend in einer stinkigen Holzerhütten ein braver, zufriedener Zunterer zu sein, von Zwangs wegen.

Und drum sind die Samstage zu loben, hoch zu loben.

Und der Schimmelwirt, bei dem die Holzknechte einkehren.

Das ist ein dicker und lieber Mensch und hat die Holzknechte gern. Ihnen zulieb bindet er am Samstag schon um Fünfe einen frischen Schurz vor seinen Bauch und steht bis Sechse an der Tür, um ja seine Holzknechte nicht zu verpassen.

»Jeh, der Zunterer!« (dem Schimmelwirt schwimmt das Gesicht vor lauter Freud' auseinander). »Ja, weil du nur g'rad g'sund wieder vom Berg kommst. Lang ham wir uns net mehr g'sehn, gel, Zunterer!«

Was will der lange Zunterer machen, wenn ihm der Wirt so einen schönen Gruß bringt und so eine Ehr' antut – er sagt sich halt: Meine Zunterin seh ich bei der Nacht auch noch, und eine Maß könnt net schaden.

Und die Händ' hat er in der Taschen, und das Geld brennt ihm in den Fingern und die Markstückl schreien: Laß uns aus, Herr Zunterer, der Wirt muß auch leben!

Da bückt sich der lange Zunterer und geht durchs Tor vom Schimmelwirt in die irdischen Freuden ein.

»Jeh, der Zunterer!« schreit die dicke Resl und watschelt an ihren Banzen. »Grad hab' ich frisch anzapft.« (Du verlogene Resl, du: vor zwei Stund' hat der alte Vierhäuslschneider den gleichen Schwindel schlucken müssen!)

Und da setzt sich der Zunterer an die Bank im Herrgottswinkel, wo die Holzknecht immer sitzen, und die der Bierteufel mit Pech angeschmiert hat, daß sie schön pappen bleiben.

Ein gutes Bier'l, ein feines Bier'l. Duck dich, Seel', es kommt ein Platzregen. Und die Seel' duckt sich, und der Zunterer läßt die Gurgel arbeiten.

Das ist fein, wann einen kein Förster wegpfeifen kann. »Zunterer, tu' aufklaftern, Zunterer, nimm den Schlag auf der Leiten, Zunterer, hilf beim Bäumaufladen« – Zunterer hin, Zunterer her, und nichts wie arbeiten.

Haha, die beiden Ellenbogen brettlbreit auf den Tisch legen, den Kopf stützen, daß er nicht in den Keller fallt, und die Zähn' beieinander lassen, daß die Pfeif' ihren Halt hat.

Reden nix.

Ein bissel hinhören, ein bissel herhören, aber reden nix. Was soll ein Holzknecht reden!

Hin und wieder freilich: »Resl, a Maß!«

Und die Resl schiebt auf und schiebt ab, tut viel in den Krug, tut wenig in den Krug, und der Teufel tut den Rausch dazu hinein. Was helfen die frommen Sprüch' alle, mit denen die Resl die Krüg' hinstellt: »G'segn's Gott!« oder »Gesundheit« oder »Wohl bekomm's« – wenn eine wie die Resl siebzehn Jahr' beim Schimmelwirt dient und noch an diese Wörtl glaubt, dann ist Chrysam und Tauf' verloren an ihr. Tausend Räusch' hat sie gesehn, zum Aussuchen schön, aber sie bleibt bei den Sprücheln vom lieben Gott und von der Gesundheit.

O du liebe Resl! Lange Haar' und kurzer Verstand. Viel Bauch und Schmer und dazu ein Grillenhirn. Der Bierteufel unter der Holzknechtbank muß sich krumm und bucklig lachen.

Der Durst, den der Zunterer vom Holzschlag mitbringt, um den könnt ihm ein Herr Baron neidig sein. Und überhaupt, wie der ganze lange Holzknecht Jakob Zunterer dasitzt in barer Zufriedenheit, von der Maß gelabt und von der Pfeif' beräuchert, gut, wunderfein unterhalten von allem, was die andern für ihn reden müssen, wie er ohne Ausnahm' zu allem nickt, wie er lachen kann, ohne die Pfeif' aus den Zähnen zu verlieren, und wie ihn das ganze Leben rundrund freut – das ist schon was. Es könnt ihm ein jeder Herr Baron gelbneidig darum werden.

Und wie ihm der schöne Durst treu bleibt mitsamt der Gurgl, und wie sie alle beide nie aufbegehren: »Hör' auf, Herr Zunterer, wir mögen nicht mehr, du darfst uns net so strapazieren, Herr Zunterer, und jetzt gehn wir heim, Herr Zunterer« – nein, nein, da schnaufen Durst und Gurgl kein Wörtl und lassen dem Zunterer seine Freud'.

Nur die Resl wird müd, die alte Resl, die die vielen schönen Räusch' gesehn hat in ihrem Leben.

»Gehst heut gar net heim, Zunterer!?«

Und da spinnt der Schimmelwirt mit seiner Resl zusammen und meint: »Wenn ich nur den verflixten Rheumateis net hätt', dann tät ich ja nix sagen – aber mein warmes Bett tät mir halt recht gut, Zunterer!«

Der Zunterer schaut sich um: auweh, schon wieder der letzte. Einer muß halt der letzte sein. Einer muß der Zunterer sein.

Die Resl rechnet, der Wirt rechnet, die Resl zeigt ihre Kreidenstrichel, und der Wirt hat Strichl vom letzten Samstag her noch, die Resl auch, die Resl auch!

Der Zunterer brummelt was vom »scharfen Zusammendividieren«, und daß sie ihm »eine ganze Hypothek wegreißen« wollen.

Der Wirt tut beleidigt.

Die Resl tut beleidigt und hochgeschwollen.

Und der Zunterer zahlt.

Kann man halt nix machen.

Nachschrift: Wenn man bezahlt hat und geht, dann sind die Wirt' nicht mehr so freundlich wie beim Einkehren.

Der Zunterer ist von dem Gulden auf den Kreuzer gekommen. Was hat er dafür: den Schnackler im Knie und den Schluckser in der Gurgl, daß die Leut' in ihren Kammern aufwachen, und daß sie alle sagen: Das hat was zu bedeuten, daß der Kuckuck schreit mitten in der Nacht.

Wupperupp.

Das ist nicht schön, wie der Zunterer heimgeht in der Nacht: links hinüber, rechts herüber, zicklzackl, wacklwackl. Er muß die ganze Straßen abmessen, von herenten nach drenten und von drenten nach herenten.

Niemand hat ihm die Arbeit geschafft, und es hilft ihm kein fluchen und Sakramentieren dagegen.

Zicklzackl, wacklwackl. Von drenten nach herenten.

Jetzt ist die Straß' nicht breit genug, und der Mesmer hat seinen Zaun zu weit vorgebaut. Darf das sein? Nein, das darf nicht sein. Der Zunterer kommt mit seinem groben Körper und straft das Unrecht. Der Zaun ächzt und lamentiert, aber das hilft ihm nichts.

Er muß nachgeben und sich eindrücken lassen.

Und dann bringt sich der Zunterer wieder in Schwung – zicklzackl – und kommt wieder auf die andere Seite. Manchmal pfeilgeschwind, manchmal ein bissel stolperig.

Aber nach der andern Seite kommt er.

Dann wieder nach der einen.

Wacklwackl, zicklzackl.

Gel, Zunterer, das ist ein schweres Arbeiten in der Nacht?

Hupp! klagt der Schluckser.

Wenn sie endlich ganz abgemessen ist, die Straß', dann sieht der Zunterer was Weißes und ein Dach darüber – aha, aha, was Weißes und ein Dach darüber – und wenn es nicht Zwölf schlagen tät in der Nacht, sondern am Tag, dann ließ sich die Sach' genauer betrachten und wär' ein Haus und tät nicht so zittern und wackeln, sondern ehrlich und aufrecht dastehn und sich auftun und sagen: Grüß Gott, Herr Zunterer, und geh nur herein und leg dich in dein Bett, Herr Zunterer!

Der Zunterer tät jetzt für sein Leben gern zu schlucksen aufhören (weil die Zunterin so nah ist), aber der Schluckser ist ihm vom Bierteufel fest angehext und guckezert aus ihm doppelt so lustig heraus. weil er weiß: Jetzt sind wir alle zwei da, ich und mein Zunterer, und ich darf mit meinem Zunterer ins Bett.

Haha, du angehexter Schluckser du, warten heißt's, warten.

Du hast mit deinem Getu und Gelärm den Herrn Zunterer verraten auf weithin, und die Zunterin ist aus ihrem Bett gestiegen und hat sich an die Haustür hingestellt.

Paß nur auf, du angehexter Schluckser, was die Zunterin sagt, wenn du ihr den Zunterer bringst!

Du kommst ihn nicht aus, hahaha, weil du angehext bist. Du bist ja der Dümmere, du Schluckser!

Und die Zunterin steht vor der Tür, und die Tür ist zugemacht, und niemand kann heimlich hineinschlüpfen. Der Zunterer will's auch nicht, und wenn es so aussieht, als ob er an der Zunterin vorbei wie ein Pfeil sausen möcht, so ist das ganz unabsichtlich und geschieht, weil der Zunterer an dem Zaun vom Mesmer sein Gleichgewicht verloren und nicht wieder aufgehoben hat.

(Der Schluckser ist ganz erschrocken, wie er sich so fortgerissen fühlt, und wie er die Zunterin sieht und die eichene Haustür. Er guckezert so laut auf, daß es dem Zunterer einen Riß gibt und ihn zwei Zimmermannsfüß' vor der Gefahr aufhält und festbannt.)

»Bist da?!« höhnt die Zunterin.

Der Schluckser sagt ja, der vorlaute Schluckser. Aber der Zunterer sieht ein, daß das für den Augenblick viel zu wenig ist, und versucht seine Stimme freundlich und schmalzig zu machen: »Weibele, mei Täubele!«

Es scheint, daß ihn die Zunterin nicht verstanden hat. »Hast wieder warten müssen, bis der Vorletzte sein' Hut heimtragen hat?!«

Der Schluckser will widersprechen.

Aber die Zunterin mit hoher Stimme: »Meinst alleweil, wann du net zuguterletzt die Tür zumachst beim Wirt, dann bleibt sie offen?!«

»Weibele, mei Täu – –« (Aber diesmal hat der Zunterer versucht, mit seinem Schluckser zugleich zu sprechen, und das kann natürlich kein Mensch verstehen.)

»Hast was g'sagt!?«

»Weibele – –«

So müd' ist der Zunterer, daß er sein Sprüchlein nicht zu End' bringen kann. Er ist viel schwächer als im Wald beim Holzen und möcht ins Häusl hinein und in die Kammer und schlafen und nichts als schlafen. Wenn nur die Zunterin ein Hirn hätt' und einen Verstand und nicht verlangen tät, daß man ihr in der nachtschlafenden Zeit die schwersten Fragen richtig auslegen soll.

Auch der Schluckser gibt ihm recht. Hupp, wupp, huwupp. Wupp. Hupp, ihm recht. Huwupp.

Ans Haustor, denkt sich der Zunterer, an das tät ich mich gern anlehnen! Wann sie nur grad' Platz machen tät, die Alt', und tät mich am Haustor anlehnen lassen!

Hupp! sagt der Schluckser und gibt seinem Zunterer recht.

Aber die Zunterin bleibt hart. »Muß ich dir halt morgen wieder das Pech von deinem Sitzleder kratzen, das wo dich alleweil so auf die Bank beim Wirt hinpappt. Wann ich nicht so ein gutes Weib wär', müßt ich jetzt gleich anfangen und das Pech hinten wegklopfen, daß du meinst, die Engerl im Himmel singen dir was vor. Hat dir der Wirt wieder seinen schwersten Rausch in den Maßkrug hineingetan?! Deiner Nasen is halt net wohl, wann sie net ins Nasse schaugen darf. Du Malefiz, du!«

»Weibele –,« sagt der Zunterer in einem Ton, als wann er um Hilf' bitten tät. Er steht auf der breiten Straß', aber es geht ihm nicht anders als dem Seiltänzer auf dem schmalen Seil. Es reißt ihn nach rechts und nach links, und die Arm wirft er wild in die Höh' um das Gleichgewicht zu suchen.

Such's! schreit der Schluckser, dem himmelangst dabei wird. Such's!

Und was is dem Zunterer heiß unterm Hut. Aus der letzten Maß Bier sind lauter Schweißtropfen geworden, die über die Wangen rollen. »Schaug', Weibele . . .«

»Ich will net schaugen! Und wann ich schaugen möcht' und die Nacht wär' net so viel finster, dann tät ich einen Rausch sehgen, der für das ganze Dorf g'langt. Was hat er denn kost', der Saurausch?!«

»Wer hat an Rausch?« murmelt der Zunterer.

Schluck. Wupp. Du! sagt der Schluckser.

Der Zunterer greift wieder schwer in die Luft, als wenn er sich am Mondschein festhalten möcht.

»Weibele, was sagst da! Hab' ich einen Rausch??«

Und der Schluckser: Gluckgluck. Hupp.

»Wann ich dich anschau, du wüstes Mannsbild, wie's dich hin und her treibt wie ein Windfahndel, dann weiß ich, wie viel's geschlagen hat. Lump!!«

Der Schluckser gibt seinen Reim dazu: Wumpp. Wumpp.

»Die b'suffnen Leutl sind dem Wirt sein Beutl. Is dir dein Geldl wieder im Hosensack zu schwer worden!? Hast es net mehr heimtragen können, und hast net damit beim Schimmelwirt vorübergfunden!? Jaja, das is ein schweres Laufen, gel, und da muß man langsam gehn wie beim Wallfahrten, und beten muß man: Hilf, heiliger Herr Wirt, hilf mir von meinem Geldl! Und da muß man aufpassen auf der Straßen, ob nicht wo unser Herrgott einen Arm herausstreckt und einen Maßkrug, und dann muß man hineintorkeln und sich fest am Krug einheben, daß man net fallt. O, du ganz Miserabliger!«

Lump! sagt der Schluckser kreuzfidel.

»Weibele . . .,« fängt der Zunterer wieder bekümmert an – aber es gelingt ihm nicht, zum schönen End' zu kommen.

»Nix Weibele! Dem Teufel seine Großmutter is dein Weibele! Die hat dir die Leber auf die Sonnenseiten geschoben, daß sie allweil ihren schönen Durst hat, und daß der Herr Zunterer weiß, was er mit seinen Markstückeln anfangen muß. Wo hast denn deine Markstückl, Herr Zunterer, du gottsmiserabliger Lump, du verdächtiger!?«

»Markstückl??« sagt der Zunterer und will mit beiden Händen in die Hosentaschen fahren. Aber das geht nicht an, weil das Gleichgewicht am Mesmerzaun liegt, und wenn er's auch könnt: viel Spektakl tät das Geld in seinen Taschen nicht mehr machen, dafür hat der Wirt gesorgt mit seiner Resl.

Hupp! lacht der Schluckser, der angehexte.

Er rüttelt die Zuntnerin auf bis zur Boshaftigkeit. »Wo hast sie denn, deine Markstückl!?«

Da ist es die Angst, die den Zunterer stark macht. Er pflanzt die Füße in den Boden ein, bis sie ihren Halt gefunden haben, und dann senkt er beide Hände bis ellenbogenauf in die zwei ledernen Schatzkammern.

Die Zunterin blinzelt ihn an und jedes Blinzeln geht in seine Fäuste hinein und schüttelt sie. Es klirrt ein bissel, und der Zunterer verliert seine Beklemmungen und stottert selig: »Weibele – einer – einer allein – einer allein singt net. Es müssen – es müssen – es müssen alleweil zwei sein.«

Der Schluckser setzt ein Lachen drauf.

Er tritt breit und unverschämt auf. Es kommt ihm so vor, als ob er jetzt mit seinem Zunterer ins Bett gehen dürft'. Drum will er vorher noch seine Freud' mit dem Mannsbild haben, regieren und blamieren, wie es der Bierteufel unter der Holzknechtbank am liebsten hat.

Tu' dich in der Zunterin nicht täuschen, mein lieber Schluckser! Die Zunterin ist zäh und grausam und meint daneben, eine richtige Kur tät dem Ihrigen gut. »Tu' dein Geld! noch einmal schütteln!« schimpft sie. »Tu's nur recht rebellen lassen, Herr Zunterer, dein vieles Gerstl!«

Da läßt er's halt noch einmal rebellen, in Gotteswillen.

Es geht ihm wüst durch den Sinn, daß das wenig Markstückeln sind, was so singt – der Schimmelwirt ist ein Lump.

Lump! bestätigt der Schluckser.

»Lump!« schreit die Zunterin und kreischt wütig hinterdrein. Jetzt ist ihr die Sach' zu dumm – jetzt will sie – ja, was will sie eigentlich? Sie will sich beherrschen, sie will sich nicht beherrschen – sie will sich an der Tür einhalten – aber sie geht zwei Schritte vorwärts – und dann patscht es – einmal, zweimal.

Der Watschenbaum ist umgefallen.

O weh, o weh, Zunterin!

Der Zunterer will beide Händ' zur Wehr erheben, aber da haben wir wieder die alte Geschicht' vom Mesmerzaun und vom Gleichgewicht, und der ganze lange Holzknecht Jakob Zunterer strauchelt, fällt schwer hin wie einer seiner langen Bäum' und sperrt die schmale Straße, die von Oberzeismaring nach Machtlfing führt.

O weh, o weh, Zunterin.

Und wenn auch die Reu schnellere Füß' hat wie der Blitz – der Zunterer liegt halt schon. Er wälzt sich, aber nur ein ganz klein bissel, und das sieht sich schrecklich an. Aber er will sich das Lager nur ein bissel bequemer machen und in seinen nebeligen Gedanken das Bett richtig walzen. Sein Schluckser spricht noch ein Wörtl, und dann schlafen sie alle beide ein.

O du tiefer, fester Holzknechtschlaf ohne Einleitung und ohne Getu!

Und kein Holzknecht schläft ohne seine lange Säge, und keiner kann die Nacht verbringen ohne das Geräusch der Tagarbeit.

Hch. Rch. Rchch. Hch. Rchchchch.

Du brauchst nicht zu erschrecken, Zunterin. Wenn die Leut' sterben, tun sie anders.

Der Mond geht hinter die Wolken, damit ihn niemand lachen und prusten sieht.

Und die Zunterin steht, elend, voll Jammer, und angeklagt. Ist der Wirt ein schlechter Kerl, und ist der Zunterer ein schlechter Kerl – so ist die Zunterin viel schlechter, weil sie den Ihrigen schlägt.

»Jaggl, Jaggl!«

Da tät' ein krankes Kind zu weinen aufhören, so mild ist die Zunterin im Ton.

»Jaggl, steh halt auf, Jaggl!«

Aber mit Reu' und Leid läßt sich der Zunterer noch lang nicht aufwecken. Da müßt' man mit Kochlöffeln auf blecherne Häfen haun, das wär' richtiger wie Reu' und Leid. Nur sein Schluckser sagt noch was Brummeliges, aber auch schon ganz verschlafen.

»Jaggl, steh halt auf!«

Sie weint und er schnarcht, und der Mond geht wieder vor, hört sich die Geschicht' an und verzieht sich wieder, weil sie ihm nicht neu vorkommt.

Und jetzt macht sich die Zunterin mit zwei Seufzern frei vom Elend und greift mit ihren festen Armen zu.

Kopf und Brust und Schluckser kann sie tragen, aber das lange Zunterergehax, das ist zu viel. Es schleift hintennach. Dem Zunterer ist es ja Wurscht, was mit ihm geschieht. Er schläft weiter und sägt weiter.

Er ist wie einer seiner groben Holzklötz' und es geht ihm also auch nicht anders: er wird angerempelt und rempelt an, und das hohle Klopfen am Haustor, das stammt von seinem festen Schädel.

Der Schluckser erschrickt und brummt so was wie: Humm! dumm! – und da ist der Zauber und die ganze Hexerei von ihm genommen. Auf dem Haustor liest du die frommen Zeichen 1 C 9 M 1 B 4 (die heiligen drei Könige haben sich da hingeschrieben), und da muß die Macht des Bierteufels aufhören. Er ist frei und muß den Zunterer verlassen, zehn Schritt vor dem warmen Bett. Er fährt mit einem Fluch – hupp! – ins Schluckserreich.

Der Zunterer aber kommt dem Bett immer näher. Nur einmal legt er die lange Holzknechtsäg' weg und sagt: »Weibele!« Aber dann nimmt er lieber wieder die Säg' und schnarcht weiter, als ob ihn die Sach' nichts anging. Die Zunterin achezt und schnauft, wie sie ihm die Joppen abzieht. Es sieht aus, als ob sie einem Bären das Fell abstreift, und es ist nicht viel leichter. Dann ist sie endlich so weit und hat den Zunterer bis zu den Hüften auf dem Bett. Aber wie sie ihm die Stiefel herunterzieht, rutscht das große Ganze mit, und der Zunterer lallt am Boden: »Weibele«.

Fängt halt die Zunterin noch einmal an und zieht den Mann am Boden aus, die Stiefel, die Lederhose. Dann bringt sie ihn in zwei Teilen zu Bett, den Körper und das lange Gehax.

Und wie er endlich drin liegt, da meinst du die Unschuld selbst zu sehen. Der Rausch liegt wie ein tiefer Frieden auf dem Gesicht. Der Mond schickt einen langen Strahl und läßt ihn vom Zunterer beschnarchen und beblasen.

Die Zunterin steigt auch ins Bett. »Du wüster Lump!« sagt sie traurig und spitzt die Ohren, weil er auch was sagt. Aber er sagt nur: »Resl, noch a Maß!« und die Zunterin weint auf, daß der Mond seinen Strahl erschrocken wieder zurückzieht.

Und dann schläft die Zunterin auch ein, träumt einen schweren Traum, verhaut den Zunterer, küßt ihn und verhaut ihn wieder.

Und in der Früh sagt sie zu ihm (scheinheiligerweis'). »Hast recht hart arbeiten müssen die Woch', Jaggl?«

Der Zunterer (er streckt sich im Bett, daß seine vielen langen Knochen krachen): »Ein schweres Arbeiten ist's gewest. Und alleweil in der Hitz'. Gestern hab' ich wohl leicht ein kleines Räuscherl gehabt von der großen Hitz'??«

»Ein ganz ein kleines,« sagt die Zunterin ganz stad.

Sie ist so froh, daß aus seinem Kopf alles weggeblasen ist, was zwischen dem Schimmelwirt und dem Morgen liegt, und gibt ihm ein Bussl.

»Weibele, mei Täubele!« sagt der lange Holzknecht gerührt.

Das ist immer so am Sonntag in der Früh': da is der Zunterer ganz reumütig und die Zunterin voller Gütlichkeit. Sie schluckt alles hinunter, was von der gestrigen Gall' noch aufsteigen will, und halst den armen langen Holzknecht genau so fest: ob jetzt die Markstückl in den Taschen klingen oder ob nur die Kreuzerl scheppern.

Und er sagt: »Weibele, mei Täubele –«. und sie busselt ihn so oft ab, als er mit der Sprach' und Anklag' heraus und sich ein schlechtes Luder, ein versuffenes, heißen will.

Nix weiß sie mehr von der gestrigen Nacht. Sie ist nicht an der Tür gestanden und hat dem Zunterer und seinem Schluckser nicht den Weg versperrt. Sie hat durchaus die Hand nicht aufgehoben gegen ihren Jaggl und weiß überhaupt nicht, wann er heimgekommen ist. So fest hat sie geschlafen, die Zunterin.

»Weibele,« sagt der Zunterer gerührt.

Und sie: »Bist halt mein Jaggl. Wie ich dich g'heirat' hab', muß ich dich haben. Und ich mag dich, wie du bist. Kannst net einmal beim Schimmelwirt vorbeifinden? Wo die Roß von die Bräuknecht von selbst stehn bleiben, da mußt es nicht auch tun, Jaggl.«

»Hast recht, Alte,« sagt der Jaggl mit Reu' und Leid. »und am Samstag über die Wochen . . .«

Aber am Samstag über die Wochen ist's halt die gleiche G'schicht'. Nur der Mesmerzaun kommt nicht so schlecht weg wie's letztemal, und das Gartentor beim Fuierlesmann kriegt einen Knack, so breit als der Zunterer ist.

Und es wär' wieder die Rede von was Weißem und einem Dach drauf – Schwamm drüber. Der Mond scheint nicht, und man sieht nichts von den Dingen am Haustor, und der Wind brummt föhnig daher, und man hört nichts von der Zwiesprach' am Tor.

Nur ein, zwei, dreimal den Schluckser, den angehexten.

Und es wird wieder Sonntagfrüh' in der Zunterischen Kammer.

Der Zunterer steckt den Kopf aus der Bettdeck' und schaut ängstlich nach der Seinigen hinüber. Schlaft sie oder tut sie nur so?

Erst als er glaubt, daß sie wirklich schlaft, tut er, was er im Traum schon immer hat tun wollen: er betupft seine Nasen. Betupft sie wieder, reißt die Augen weit auf und schaut in der Kammer umeinand. Gottlob, daß sie schlaft, die Alte. Gottlob.

Und er betupft die Nasen wieder und sagt sich: Nasen, Nasen, du gefallst mir net!

Wenn er jetzt die Augen richtig offen hätt', tät er sehen, daß die Finger seiner Alten sich in die Bettdecke krallen und ein bissel zittern dabei.

Und wenn er der Zunterin im Gehirnkastl umblättern könnt', die Seiten von gestern nacht (fünfe, sechse, sieben Seiten!), dann tät er halt auch wissen, wieso und warum und z'wegen was ihm die Nasen net gefallen kann

Die Zunterin zittert jetzt am ganzen Leib, so sehr sie sich auch zusammennehmen will.

Der Zunterer erschrickt: jetzt hat sie einen schweren Traum, und die Trud sitzt auf ihr. Man müßt' sie aufwecken, daß ihr leichter wird.

Man müßt' – nein, noch net. Er muß sich erst ins reine kommen mit dem gestrigen Tag und mit der gestrigen Nacht und mit der Nasen. Aber der Weg führt nur bis zum Schimmelwirt und bis zum Zahlen, dann noch ein bissel an ein Gartentor – und dann ist alles Nebel und verschwommenes Zeugs bis zu dem Augenblick, da er sich die Nasen betupfen muß, die ihm nicht g'fallt.

Er schleicht sich aus dem Bett wie der Fuchs aus dem Bau und geht an den kleinen Wandspiegel hin: o du grundschlechte Nasen, wie schaust denn aus!? Es is eine Schand', mit deiner herumzulaufen, du blutrünstige Nasen, du grausame. Du dummer Teufelsriecher, du hast gerauft! Du Schmecker, du wüster, hast du die Hauswänd' geschliffen?

Die Zunterin hat ein halbets Aug' aus der Bettdeck' hervorgebracht und schaut sich ihren Zunterer an. Aber sie schließt auch dieses halbete Aug' wieder, wie der Zunterer in seiner Angst sich dem Bett zudreht und immer noch die Lug' nicht weiß, die er für die nächste Viertelstund' und für die Sonntagmorgenbeicht' in der Kammer braucht.

Was soll ich ihr denn sagen, der Alten?! Wann ich wissen tät (er steckt den Kopf zwischen beide Hände und zermartert sein Gehirn), wann ich wissen tät, ob der Mesmerzaun noch steht oder der Gattern beim Fuierlesmann?! Wann man halt net weiß, woaus die Füß' marschiert sind!

Er achzet wehleidig und laut, wie halt die Holzknechtseufzer so tun.

Vom Bett her achzet's auch.

Verschreckt fährt er um.

»Weibele, hast was g'sagt?«

Die Zunterin tut ganz traumdappig. »Ich, Jaggl, hab' ich was g'sagt!?«

»Ich mein', ich hab' ein bissel achezen g'hört.«

»Ich? Warum sollt ich denn achezen, Jaggl?«

»Freilich. Warum sollst du achezen?« Und jetzt achezt er wieder, weil er die Lug' und die Beicht' noch nicht fertig hat.

»Jaggl! Wie schaugst denn aus!?«

Er dreht sich voller Angst ab. Eine Lug', eine Lug'! Ein schöner Schwindel muß her!

»Wie ich ausschaug'?« Aber er dreht ihr das Gesicht immer noch nicht zu. Wann er nur die Lug' fertigbringen tät!

Die Zunterin (mit der zittrigsten Stimme, die aus einem ganz schlechten Gewissen herauskriecht): »Wird dir wohl nix passiert sein im Holz draußen!?«

O du grundverlogene Zunterin! Wo dem Zunterer sein rauschiges Hirn aufhört zu denken, da fangt das deine an: An der Haustür, an der Haustür! Kein Mondlicht bei der Nacht, sonst hätt' das Holzscheitl in deiner Hand aufgeblitzt, ganz weiß. O du grundverlogene Zunterin, wie is die Geschicht mit der Nasen??

Aber der arme Zunterer: »Im Holz draußen? Nix passiert im Holz draußen? O Weibele,« schreit er ganz glücklich, »du meinst, daß mir dasselbige mit der Nasen im Holz draußen passiert is? Freilich, Weibele, freilich!« Und da patscht er sich auf die Knie und sagt noch einmal: »Freilich, freilich.«

Muß man da nicht die ganze Höll' lachen hören, wann die Menschen eine solche Freud' zum Lügen haben? Du bist schon aufgeschrieben, du langer Holzknecht Jakob Zunterer, in dem heiligen Sankt Peterl seinem himmlischen Büchl, mit einer Lug', faustdick und hundskalt. Das wird einmal was haben!

Und du, Barbara Zunterin, du stehst eine Zeil höher und mit drei Kreuzl hinter dem Namen, weil du mit der Lug' angefangen hast, und weil du in der Sünd' voraus bist und in der Verführung wie die Eva selig. Barbara Zunterer, mach dich gefaßt auf die Himmelfahrt – die wird schief gehn!

»Im Holz draußen,« sagt der Zunterer tapfer und glücklich, »weißt, Weibele, da sein die hochen Bäum', die sein so viel hoch« (er hebt den langen Arm und will mit dem Zeigefinger schier ein Loch in die Stubendecken bohren), »die sein oft so arg hoch, daß es ein Graus is. Wann wir sie angeschnitten haben, dann fallen sie um.« (Der Arm sinkt heftig herab, und der Zunterer macht einen Sprung auf die Seite, daß ihn der Arm, der Baum quasi, nicht trifft.) »Und da wann einer nicht schnell genug auf die Seiten hupft, dann derwischt's ihn und haut ihm den Riecher halbert ab – als wie mir.«

So, jetzt wär' die ganze lange Lug' heraus. Der Zunterer stellt sich erleichtert vor den Spiegel und beschaut sich seine Nase fast fröhlich. Sie ist so dick wie eine drittelte Holzknechtfaust, blau-schwarz-rot, zerschunden und durchaus nichts Schönes für einen Sonntag.

Die Zunterin tät sich die Nasen gern ganz genau anschauen, aber sie traut sich nicht. Sie hat immer nur einen ganz schnellen Blick, aber ein paar Dutzend solche Blick' tun auch einen ganzen, und am End ist ihr wüst ums Herz, und sie macht sich harte Vorwürf' wegen der Nasen.

»Schaug' sie dir nur richtig an!« schreit der Zunterer voller Freud' über die schöne Lug'. »schaug sie dir nur an, wie sie die Farben spielt, Herz und Grasen und Schell und Eichel. Mit der kann man tarocken und in alle Farben stechen, so viel hat sie. Wann mir der Baum – –«

»Zunterer!« schreit die Zunterin, »hör' auf, ich kann die gruseligen Sachen gar net hören. Wann ich denk' –«

»Wann mir der Baum«, fährt der Zunterer fröhlich fort, »das Köpfl ein bissel mehr nach dem Hirn zu derwischt hätt' – – – was hast denn, Weibele!?«

Sie ist ganz wachsern geworden im Gesicht vor lauten Schreck und denkt an das weiße Holzscheitel und an den Gift und Gall' von gestern nacht, und wann das Holzscheitel woanders hin troffen hätt', ein bissel mehr nach dem Hirn zu – »Jaggl,« schreit sie auf und fallt ihm um den Hals, »Jaggl!«

»Weibele, Weibele!«

Und die Zunterin und der Zunterer: wie sie sich busseln, tut ein jedes Reu' und Leid, die Zunterin wegen dem Holzscheitel und der Lug', der Zunterer wegen dem Schimmelwirt und der Lug'.

Dann schwört ein jedes einen heiligen Eid in sich hinein aufs Anderswerden und die Besserung. Der Zunterer will am Samstag über die Woch' am Schimmelwirt vorbeifinden, ohne einzukehren, die Zunterin will ihren Zunterer nicht mehr an der Haustür abfangen.

Wenn alle geschworenen und festen Eid' auf der ganzem Welt richtig gehalten würden!

Für den Rausch am nächsten Samstag darf man dem Zunterer nicht die ganze Schuld in die Schuh schieben.

Wahr ist: daß der Zunterer am Schimmelwirt nicht vorbeigefunden hat. Er ist mitten auf dem Marsch stehen blieben wie der alte Gaul vom rauschigen Pentenrieder, der seit zwölf Jahren bei jedem Wirtshaus seinen Halt macht.

»Grüaß di Good, Zunterer!« sagt der Schimmelwirt – da soll einer ohne Gruß und Wort weitergeht

»Resl, a Maß,« sagt der Zunterer.

Und raucht sein Pfeiferl, hat den Kopf auf den Händen, die Ellenbogen auf dem Tisch, und ist ihm pudelwohl.

»Was hast denn du für eine Nasen?!« fragt der Kraigadern Wastl in aller Ruh'.

»Was ich für eine Nasen hab'?« gibt der Zunterer zurück.

»Ja, was für eine Nasen?«

»Gefallt sie dir am End net?«

»G'fallt mir schon. Aber warum daß sie so färbig is und so glanzet?«

»Weil's dich nix angeht, is sie so färbig, und weil du mir auf den Buckel hinaufsteigen kannst, drum is sie so glanzet. Und noch ein Wörtl, daß dir die Nasen net g'fallt, und ich schmeiß dich naus.«

Mehr sagt der Zunterer nicht, und der Kraigadern Wastl ist ja auch mit dem bissel schon zufrieden. Er ruckt sein Hütl hin und her, hätt' ein paar Wörtl auf der Zung', spuckt sie aber nicht heraus. Er geht lieber. An der Tür ein bissel brummeln – –

»Bist noch net draußen!?« droht der Zunterer.

Aber der Wastl schiebt ab und schimpft sich lieber auf der Straßen richtig aus. »Der mit seiner Nasen,« droht er und macht eine Faust zu dem kleinen Kramerbübl hin, das ihm in den Weg läuft, »der mit seiner Nasen!!«

Das kleine Kramerbübl lauft heulend zu der Mutter.

Der Zunterer hat die Ellenbogen wieder aufgestützt, aber es ist ihm nicht mehr so bequem wie vorher. Er muß heftig rauchen und schnell trinken, die Wut in Wolken wegblasen, die wie dicke Holzknechtfäust' aussehen und den Zorn hinunterwaschen.

Zum erstenmal hört er die Resl warnen: »Du tust ein bissel schnell, Zunterer!«

»A Maß!« schreit der Zunterer dagegen.

Man kann ihm für diesen Samstagrausch die Schuld nicht ganz in die Schuh schieben: was gehn den Wastl ander Leut' Nasen an?

Was braucht der Wirt vor seiner Tür stehn und die Leut' mit einem »Grüß Gott« einfangen wie mit einer Drahtschling'?

Was braucht der Wastl von einer Nasen reden, die ihm nicht gehört, und die ihn nix angeht?

Schreib' den Rausch gut dreiviertelt dem Wastl aufs Gewissen!

Und schreib' die Markstückl dazu, die er kostet hat.

Und für hernach die eingedrückte Holzleg' vom Kreuzwegschuster. (Wär' sie nicht so miserabel 'baut gewesen, so hätt' sie der Zunterer nicht gleich beim ersten Anstoßen eindrückt.)

Schreib' einen mordsmäßigen Schluckser dazu, der die vier kleinen Kinder der Saamerbäurin aufgeweckt hat mitten in der Nacht! Und daß die Saamerbäurin darum geflucht und sakramentiert hat, das muß auch auf dem Wastl sein Gewissen.

Ditto der Wegweiser am Dürrnhausener Gäßl, der nach Dürrnhausen, Schönberg und Martersleiten zeigt. Er ist alt und schwach gewesen und zermürbt im Holz und hat dem Zunterer nicht widerstehn können.

Schreib' das Apfelbäumerl vor dem Sagschneiderhäusl dazu – das is ganz kaputt.

Und nicht zu vergessen die Torpredigt der Zunterin (eine geschlagene Stund' lang), dann eine ausgerutschte Hand und ein festes Patschen, zwei Püff' noch, eine lange Bierleich' und der Jammer hinterher.

Und hinterher auch der verweinte Schurz der Zuntnerin.

Und das ganze Elend vom Sonntag früh mußt du dem Wastl aufs Gewissen schreiben. Zwei scheue Augen vom Zunterer, zwei reumütige von der Zunterin. Und zwei feste Eid', die nicht gehalten haben und in der Mitt' auseinandergebrochen sind. Und zwei Häuferl Unglück zum Abrunden: den Zunterer und die Seinige.

Wastl, das ist eine scharfe Rechnung.

Jetzt ziehen wir was davon ab, der Zunterer sagt: »Weibele, mei Täubele!«

(Das macht wieder viel gut.)

»Jaggl, Jaggl!«

(Da darf man auch hübsch was abziehen.)

Und dann aber: zwei Bussel kommen noch von der ganzen Schuld weg.

Was übrigbleibt, das muß der Kraigadern Wastl einmal verantworten drüben in der Ewigkeit.

Sollen sie ihn sieden oder braten in der Höll' – hätt' der Lump halt ander Leut' Nasen in Ruh' gelassen!

Die Zunterin schließt den schönsten Frieden von der Welt: »Heut schaugt die Nasen viel schöner her als wie vor acht Täg.«

»Meinst?« sagt der Zunterer, und es ist ihm, als ob man ihn unterm Kinn gekitzelt und seine Wangen getätschelt hätt'.

Er geht an den kleinen Spiegel und beguckt sich richtig – ist schon wahr: die Nasen schaugt viel besser aus. Ein bissel blaugrün, aber bei weitem nicht mehr so zerschunden.

»Es gibt Leut', die wo viel schiechere Nasen ham!« sagt der brave Zunterer. »Und mir g'schieht's überhaupt recht . . .«

»Na!« schreit die Zunterin. Sie will nicht hören, daß er sich anklagt und ihr das schlechte Gewissen wieder aufriegelt. Sie hat ihren schweren Stein immer noch auf dem Herzen (wegen dem Holzscheitel), und gestern ist wieder ein kleiner Samstagnachtstein dazukommen.

Und die ganze Woch' über ist ihr ein Mühlstein über die Leber gegangen: »Du, Jaggl, wann du mir nur net in den Krieg ziehen mußt!«

»Wieso und in welcher Weis'?«

»Weil es einen Krieg gibt.«

»Ich fang' keinen Krieg net an,« lacht der Zunterer.

»Ja, du!«

»Ich hab dem Wastl bloß meine Meinung g'sagt, aber zum Zuhaun bin ich zu gut. Und jetzt g'fallt sie ihm vielleicht, mei Nasen.«

»Wann's aber einen Krieg gibt!« beharrt die Zunterin.

»Was du nur alleweil mit deinem Krieg hast!«

»Wo es doch im Blattl drin steht, daß es einen Krieg geben muß.«

»Ich les' kein Blattl net.«

»Ja, du in deinem Holz draußen!«

»Ah was, ich fang' keinen Krieg net an!«

Und damit hat sich der Zunterer mit den Zeitläuften auseinandergesetzt, und die Zunterin muß sich mit ihrer Angst allein abfinden. Sie trägt sie deutlich im Gesicht, und dem Zunterer ist blümerant zumut; er bezieht alles auf sich und seine Räusch' und läßt auch den Kopf hängen.

»Alte,« sagt er plötzlich und will was gutmachen, »Alte, magst heut mit mir aufs Bräuhaus gehn? Eine Maß zusammen trinken, gel?«

»Ja, ja,« sagt die Zunterin zitterig. So gut is er heut, der Zunterer.

Und im Bräugarten sitzt sie mit ihm in Glanz und Gloria, wenn er auch nicht viel redet und immer bloß raucht und den anderen zuhört, wie er's gewohnt ist.

Vom Krieg reden die anderen. Alles ringsherum macht Krieg, gar alles.

»Hör'n die gar net auf mit dem damischen Krieg!?« ärgert sich der Zunterer.

»Wann er halt alleweil im Blattl drinsteht!« sagt die Zunterin und will sich's nicht anmerken lassen, wie ihr zumut ist.

»Ich will keinen Krieg net.«

»Du net!« nickt die Zunterin. »Ich will auch net, Jaggl.«

»Ander Leut' auch net. Der Herr Lehrer auch net und der Herr Pfarrer. Wer soll dann den Krieg woll'n?«

»Aber der Herr Posthalter –,« beginnt die Zunterin.

»Was!?« schreit der Zunterer und sucht mit seinen geschwinden Augen den Garten ab, ob nicht vielleicht der Posthalter da ist, der den Krieg will. »Kruzinesen nochamal!« Seine Faust haut und der Tisch poltert. Die Zunterin hält den Maßkrug fest.

»Der will – –,« schreit er noch einmal.

»Sei brav,« lispelt die Zunterin, »Jaggl, sei brav. Es is ja net so: der Herr Posthalter hat g'sagt: indem daß dieser« (sie müht sich recht, Wörtl für Wörtl richtig zu wiederholen), »indem daß dieser Krieg unvermeidlich is. Ja, das hat er g'sagt.«

»So?« brummt der Zunterer. »Dann gehn wir halt heim, Alte, daheim is kein Krieg net.«

Recht hat er: daheim is kein Krieg. Daheim heißt's: »Weibele, mei Täubele«.

Aber wenn er sein Sprüchl auch zehnmal herunter sagt, die Barbara Zunterin weint doch!

Hat man so ein Weibets schon g'sehn auf der Welt? Weint, wenn der Mann den schweren Bierschluckser hat, und weint ihm gradso in die nüchternen Augen hinein.

Die Weibeten studiert man nicht aus.

Zwischen zwei Bussln ein Schluchzen, daß dem Zunterer zweierlei wird.

»Weibele, mei Täubele.«

»Wann du aber – wann du aber – Jaggl – wann du aber in den Krieg mußt!?«

Da haut der Zunterer den häuslichen Frieden auf seinem Tisch mit der größten Faust entzwei.

»Der Himmiherrgottsakramentsposthalter,« flucht er.

Und am Montag ist er wieder in seinem Holzschlag und haut auf einen Baum los wie ein Wilder.

»Der Himmiherrgottsakramentposthalter mit seinem Krieg alleweil. Was braucht denn der einen Krieg anfangen!«

Und der Baum kriegt die Axt, als wenn er der Kaiser von Frankreich wär'.

»Willst umfallen, du Luderbaum? Dir komm ich!«

Der Zunterer schimpft und die Axt saust, und der Baum legt sich schließlich der Läng' nach hin, wie's ihm nichts mehr hilft.

»So,« sagt der Zunterer, »so,« und ist zufrieden.

Der Förster kommt und lacht: »Du bist ja ein ganzer Wildling, Zunterer.«

»Die dicken Bäum' brauchen's.«

»Die Franzosen auch, Zunterer!«

Der Zunterer versteht ihn nicht.

»Da hast einen Zettel, Zunterer, den tust lesen, und dann schlupfst gleich in die Joppen und laufst zu deiner Alten heim und sagst ihr adjes.«

»Wieso und warum?« meint der Zunterer.

»Weilst ins Frankreich hinein mußt, zum Franzosenhaun. Krieg is, Zunterer, Krieg!«

Der Zunterer buchstabiert sich seinen Zettel zusammen – »an den Reservisten Jakob Zunterer« – und jetzt weiß er, wieviel daß es g'schlagen hat. »Der Himmiherrgottsakramentsposthalter.« brummt er. »Adjes, Herr Förstner!«

»Adjes, Zunterer. Tu' hübsch Französerl derschießen und komm g'sund heim!«

»Adjes.« Und dann brummt er über den Posthalter weiter und geht zu seiner Zunterin.

Zum Gotterbarmen heult sie.

»Weibele!«

»Jaggl, Jaggl!«

»Adjes, Weibele.«

»Du, Jaggl . . .,« aber da muß sie den Schurz vors Gesicht schlagen und muß sich von ihrem Jammer hin und her schütteln lassen und bringt kein vernünftiges Wort heraus.

Und hätt' so viel zu beichten, so viel zu beichten.

»Sockn mußt mir in den Rucksack tun, Weibele. Ich brauch' sie zum Marschieren.«

Sie weint die Socken naß.

»Und Hemmeder, weißt, zwei Hemmeder auch. Ich brauch's im Feld.«

Auch die Hemden weint sie naß, und das Herzl schlegelt ihr wie wild, weil die Stein' drauf liegen und drücken.

Aber der Zunterer nimmt seinen Rucksack und sagt: »Adjes, Weibele. Ich komm' bald wieder.«

»Jaggl –,« sie weint ihn zur Tür hinaus und weint neben ihm her den langen Weg bis zum Niederzeismaringer Bahnhof und weint am Wagen weiter.

»Weibele, sei g'scheit!« Aber dem Zunterer ist's grad so trüb im Sinn. »Sei g'scheit, Weibele!«

»Du, Jaggl –,« da pfeift der Zugführer ab, weil er kein Herz hat für die armen Leut' –, »du, Jaggl, das muß ich dir noch beichten. ehbevor daß du ins Feld gehst: die Nasen hab' ich dir angetan!«

Die Lokomotiv' schickt drei wütige Schnaufer hinten dem Satz her: hört's. hört's, hört's!

Dann sagt sie: hohohohohohoho (zum Erschrecken wild, wie halt die Lokomotiven tun), und das heißt: Hört's, Leutl, was die Zunterin für eine ist – die hat ihrem Mann das mit der Nasen angetan! Und sie zieht kräftig an, daß der Zunterer fortkommt von seiner Alten, und daß ihm nichts mehr passieren kann. Hohohohoho!

Die Zunterin geht mit, weil sie noch ihre Beicht' herunterhasten will, mit Weinen und mit Würgen: »Weil du halt wieder so viel besuffen g'wesen bist, Jaggl, und weil ich halt alleweil an die Samstäg so auf dich warten muß, Jaggl, und grad warten, und kommst dann so heim, und da is mir halt der Zorn kommen, verzeih' mir's halt in Gottesnam'!«

Die Lokomotiv' will nichts davon wissen und greift stärker zu, und die Zunterin muß geschwinder gehn und reden: »In Gottesnam' mußt mir verzeihn, Jaggl!«

»Weibele!« sagt der Zunterer ganz wirrig. »Was meinst denn, Weibele?«

Sie muß jetzt neben dem Zug herlaufen und kann's kaum mehr derschnaufen.

»Daß ich dir das mit der Nasen angetan hab', Jaggl. In Gottesnam'!«

Die Lokomotive: hohohohoho!

»Was??« schreit der Zunterer, weil die Zunterin hinten bleibt. »Was für eine Nasen?«

»Die deinige« – jetzt muß die Zunterin auch schreien, daß ihn das Bekenntnis noch erwischt – »mit einem Holzscheitel bin ich an der Tür g'standen. In Gottesnam', Jaggl!«

»Warum?«

»Weil du b'suffen gewesen bist. In Gottesnam', Jaggl.«

»An der Tür?« (Der Zunterer brüllt, damit sie ihn noch verstehen kann.)

Die Zunterin versucht's mit ihrem höchsten Ton, wenn er auch ganz zittrig wird: »Mit einem Holzscheitl. In Gottesnam'!«

Das Holzscheitl erwischt ihn noch, aber es tut ihm nicht so weh als das Gottsnam', das dahergeflogen kommt wie ein Messer so scharf und schneidend.

»Weibele!« Der Wind nimmt ihm das letzte Wörtl weg und trägt's über den Anger hin zu einer Pferdekoppel.

Und der Zug fährt den Zunterer weg nach München und ins Frankreich.

Die Zunterin weint einen Tag und eine Nacht, bis sich die Stein' auf dem Herzen alle in Wasser aufgelöst haben.

Wenn man ins Frankreich fahrt, kann man viele Stunden auf einer Bank sitzen und braucht nichts anderes zu tun als wie seine Pfeif' rauchen.

Unterhalb der Bank sind Räder, die gehen über die Länder hinweg, daß es grad eine Freud' is.

Ein Kamerad sagt zum Zunterer: »Jetzt mußt hinausschaugen, jetzt kommen wir ins Württembergische. Da is der Ulmer Dom.«

Und der Zunterer nickt und sagt vor sich hin: »Da is sie also unter der Haustür g'standen bei der Nacht. Unter der Haustür.«

»Und jetzt kommt das Badenserland,« sagt der Kamerad und tupft den Zunterer.

»Und unter der Haustür hat sie g'wart' und g'wart' und alleweil g'wart'. Da is ihr der Zorn kommen.«

»Das Badenserland ist ein feines Landl, Kamerad!«

Der Zunterer nickt. »Und da is ihr der Zorn kommen, und hat sich denkt, wo bleibt denn der Lump wieder so lang? Es is Elfe, es is Zwölfe. Wo bleibt er so lang?«

Der Kamerad: »Ich hab' schon einmal g'arbeit' im Badischen. So eine gute Kost, wie sie da haben!«

Der Zunterer nickt wieder. »Und hat sich denkt: Beim Schimmelwirt wird er sein, der Lump. Versauft die Markl und bringt die Räusch' heim. G'hört so einer net g'haut, hat sie sich denkt.«

»Das Elsaß, Kamerad, das mußt dir ein bissel anschaun im Vorüberfahrn. Das is fein ein reiches Landl.«

Und der Zunterer: »Und sie wart' und wart', und auf einmal nimmt sie ein Holzscheitl in die Hand. Warum ein Holzscheitl?«

Im Lothringischen: »Jetzt geht's auf Metz zu,« sagt der Kamerad.

»Auf Metz zu,« nickt der Zunterer. »Warum aber gleich ein Holzscheitl?«

Metz.

Im Aussteigen sagt der Zunterer: »Aber daß sie mich grad auf die Nasen haut, das hätt' nicht sein dürfen. Das muß ich ihr heimschreiben, daß sie mich net auf die Nasen hätt' hau'n dürfen.«

Die Leut' haben alle große Wasserkübel vor die Häuser gestellt, daß die durstigen Soldaten (und viele tausend ziehn vorbei) was zu trinken haben.

Der Zunterer schreibt eine Postkarte:

»Libes Weibele! Die Leuth ham ale Wasserkiebl for die Häußer gestel, das die durtzigen Soldathen was zudrinken ham. Mit Grus dein Jagl. Ich hab fil an Dich gedenkt und mus dir noch was schreim und jez keine zeit dafir nich hab ein andresmall. Grus und Kus jez gets an die frantzosen die wern augen machen wan wir komen lauter feste Leuth derbei di kenen schon zuschlagen.«

Direkt ins Raufen werden sie gefahren.

Drei, vier, fünf Bauerndörfer müssen angegangen werden, weil sie voll Franzosen sind. Viele laufen, viele wehren sich.

Der Zunterer hat einem toten Kameraden das Gewehr weggenommen, weil von dem seinen der Kolben abgesplittert ist.

»Die Axt hätt' ich net daheimlassen dürfen! Da kann man sagen, was man will: eine gute Axt gibt halt aus und hält her.«

Am siebenten Tag findet er eine Axt. Aber es ist an ihrem Stiel ein Kamerad von der Feldbäckerei dran. Er gibt sie net her, sagt der Kamerad Feldbäcker, er braucht sie zum Holzscheitern.

»Wann ich sie aber für die Franzosen brauch'!?«

»Hau' du nur mit deiner Gewehrlatten!«

Abends kommen sie in ein Dorfquartier, da müssen sie aber noch zwei Kompagnien Rothös'l hinauswichsen, bevor sie sich aufs Stroh legen können. Das macht müd, und der Zunterer mag nicht mehr herumsuchen nach einer Axt. Er schmeißt sich aufs Stroh zu den andern.

Einer ist da mit einer Brillen auf der Nasen, der ist noch nicht müd (ein dürrer, kleiner, die sind zäh und halten schon was aus), und sagt, er muß noch an seine Frau heimschreiben.

Ich müßt auch was schreiben, denkt sich der Zunterer, wenn es mir nicht so schwer wär'! Ich muß ihr das mit dem Holzscheitl richtig hinschreiben. Auf die Nasen hätt' sie mich nicht hau'n dürfen.

»Was schreibst denn heim, Kamerad?« fragt er den mit der Brillen.

»Es handelt sich um mein Hauswesen,« sagt der Kamerad.

»Um das meine tät sich's auch handeln,« brummt der Zunterer und steht auf. »Aber wie man halt die Wörtl hinsetzt, das is net leicht!«

Er guckt dem Kameraden über die Schulter und denkt sich nichts weiter dabei.

»Was schreibst denn?« sagt er neugierig. (Und denkt dabei: vielleicht hat der Seinigen auch sowas zu sagen.)

»Ach Gott, so allerhand,« meint der Kamerad.

»Du hast eine schöne Schrift. Ich,« entschuldigt er sich, »ich muß halt im Holz arbeiten mit der Axt, und da wird einem die Hand schwer, und vergessen tut man auch viel. Die Wörtl kann ich halt net so nebeneinander hinsetzen.« Er besinnt sich und sagt dann eine langsame Bitt': »Tät's dir was ausmachen, wann ich das abschreiben tät, was du deiner Alten schreibst? Mir fallt halt gar nix ein, weißt.«

Der Kamerad mit der Brillen sieht auf. Die Augengläser funkeln, weil das Kerzenlicht darauffällt, und der Zunterer überlegt sich: tut jetzt der mit seinen Augen lachen, oder hat er ein Wasser drin?

Und der mit der Brillen sagt gutmütig und aus dem Herzen herauf: »Ich schreib' dir deinen Brief, wann du magst. Den meinigen kannst du nicht brauchen, da tätst du gradhinaus lachen, wenn du das deiner Frau schreiben müßt!«

Der Zunterer schaut ihn ungläubig an. »Schreibst was Lustigs vom Krieg??«

»Paß auf, Kamerad: weißt, ich hab' meine Kakteen daheim, und die begießt mir meine Frau immer zu reichlich – sie bringt's halt nicht in sich hinein, wie man mit diesen Pflanzen umgehn muß. Es wär' schad« (da wird der Mann mit der Brillen wärmer und ganz eifrig), »wenn mir die schönen Exemplare kaputt gingen. Ich hab sie mit viel Müh heimgebracht und gepflegt. Besonders die Stapelia variegata und den Echinocactus horizonthalonius, einfache Opuntien wohl auch, wie die Coccinellifera, aber dann die Rhipsalisarten – –«

Der Zunterer hat ein Mühlrad im Kopf und muß sich über die Stirn wischen. »Das schreibst heim??«

»So was Ähnliches,« lächelt der Brillenmann und besinnt sich wieder auf die Zeitläufte und auf seine Umgebung.

»Das därf ich meiner Alten net heimschreiben,« sagt der Zunterer langsam. »Das tät' sie mir net verzeihn, und die Freundschaft wär' aufgesagt.« Und er legt sich wieder aufs Stroh. Der Brillenmann hat sich schnell was überlegt und sagt dem Zunterer (der grad hinüberschnarchen will): »Morgen schreib' ich dir einen Brief, Kamerad!«

»Ja,« gibt der Zunterer erfreut zurück. Dann streckt er sich und schläft baumfest ein. Aber die Trud kommt über ihn, reitet ihm auf dem Brustkorb und dem Magen umeinander und verlangt von ihm, daß er der Zunterin die ganze Kakteengeschichte heimschreibt. »Weibele!« stöhnt er im Schlaf, »o Weibele!«

Gut, daß alarmiert wird. und daß der Zunterer marschieren muß. Den mit der Brillen muß er aus dem Stroh reißen, weil er gar nicht aufwachen will. Er zankt ihn aus, zupft an seinem Seitengewehr herum und packt ihm den Tornister auf – »Du bist ein bissel schlampig!« sagt er besorgt, »auf dich muß ich Obacht geben. – – Schreibst mir meinen Brief heim?«

»Bei der nächsten Rast, Kamerad.«

Den ganzen Tag müssen sie marschieren. Der Zunterer schaut sich seinen Brillenmann oft an und sagt sich: Der is net schlecht. Das is ein G'scheiter und nimmt sich zusammen. Der marschiert net schlecht, so klein und zartlich als er is. Aber Obacht geben muß ich auf ihn – der schreibt mir meinen Brief heim.

Einmal rasten sie in einem Steinbruch.

»Soll ich schreiben?« sagt der Brillenmann.

»Noch net,« meint der Zunterer. »Ich hab's noch net ganz beieinander, was wir der Alten sagen müssen.«

Da kritzelt der Kamerad für sich eine Postkarte.

Was er nur alleweil schreibt? denkt sich der Zunterer. Er pirscht sich an und sagt freundlich: »Is's wieder wegen die Blumenstöck'??«

»Nein,« lächelt der mit der Brillen. »Aber es fällt mir grad ein, daß ich ein Notizbüchl im Botanischen Seminar hab' liegen lassen.«

»So, sind wir da auch durchkommen? Ich kann mir die Namen von die vielen Ortschaften net merken.«

Der Brillenmann und der Zunterer halten zusammen und lassen sich nicht mehr aus.

Der Brillenmann bringt es einmal fertig, zwei Federbetten für die Nacht zu finden, und freut sich schon auf das Gesicht des langen Holzknechts, wenn er ihm sagen kann: »Kamerad, heut schlafen wir in einem Federbett.«

Aber der Zunterer lungert noch in dem halbverbrannten Dorf umher. und der Brillenmann wartet lange lang auf ihn. Er ist geduldig und vertreibt sich die Zeit mit Briefschreiben.

»Liebe Therese – –«

Und diesmal schreibt er nichts von Opuntien und nichts von vergessenen Notizbüchern. Diesmal legt er sein Herz in die Zeilen und schreibt von Not und Freuden und von Tod und Leben. Es ist viel von dem langen Zunterer die Rede, und alle Haustorreden der Zunterin werden ausgeglichen und gutgemacht durch das, was der Brillenmann über den Zunterer weiß. Er wiegt das Herz des Kameraden mit seiner feinen Hand und schreibt: »Das ist ein fester Klumpen aus purem Gold. Liebe Therese, ich habe einen Menschen gefunden, der mir nach Dir der liebste ist. Ich würde unsäglich leiden an der Kugel, die ihn auslöschte. Schreib' Du an die Frau Zunterer Barbara in Oberzeismaring: auf diesen braven Menschen kann sie stolz sein wie die Kaiserin auf den Kaiser. Und sag' ihr: der Zunterer wird bald was von sich hören lassen – er will ihr immer schreiben und kann nicht dazukommen. Das schwere Hauen und Schlagen ist ihm lieber als das Federkritzeln. Der Prachtmensch!«

Aber da kommt der Prachtmensch selber herein in die Stube, die der Brillenmann entdeckt hat.

Stockbesoffen, der Prachtmensch.

Zwischen beiden Händen trägt er mühsam seinen Feldkessel und balanziert auf den Beinen wie eine Ente – wenn er nur nichts verschüttet, wenn nur die guten Tröpferl im Feldkessel nicht verschüttet werden!

Es ist alles für den mit der Brillen, der ist so klein und zartlich und kann sich nicht so durchs Leben helfen wie ein fester Holzknecht.

Wie sie den schönen Wein gefunden haben – die Malefizspitzbuben haben alle nicht an den Kameraden mit der Brillen gedacht, aber der Zunterer, der Zunterer!

Die Fässer haben sie eingeschlagen und haben wüst mit den Feldkesseln geschöpft. Aber der Zunterer hat gesagt: »Ich hab' einen Kameraden, der ist klein und zartlich und muß auch einen Wein kriegen.«

»Ich hau' einen jeden,« hat der Zunterer geschrien, »ich hau' einen jeden ungespitzt in den Boden hinein, der wo meinen Kessel anrührt. Der Wein gehört dem mit der Brillen, der kann sich nicht so helfen.«

So, und da hat er den vollen Feldkessel in ein Kellereck gestellt, und dann ist er erst mit seinem Becher und seinem Durst an das Faß gegangen.

Ja oder nein: kennen wir den Zunterischen Durst?

Und die Zunterischen Räusch'?!

Und wissen wir, wie er jetzt vor dem Brillenmann steht?

Der Feldkessel schwankt in seinen Händen, und der Brillenmann begreift, daß er den Kessel abnehmen muß.

»Der Wein g'hört dein!« schreit der Zunterer fröhlich. »Die Malefizspitzbuben!«

Dann torkelt er an das Bett.

Der schwere Oberkörper sinkt in die Federn, eins der langen Beine dazu, das andre schläft draußen.

Der Brillenmann hebt es auf und legt es zum andern. Der Zunterer merkt nichts davon: er schnarcht und läßt seine liebe alte Holzknechtsäge durch die Äste rasseln.

Und der Brillenmann sagt: »Der Prachtmensch!«

Wie?

Brillenmann, wie kannst du einen besoffenen Holzknecht loben? Einen, dem du mühsam ein schönes Federbett verschaffst mitten in Krieg und Brand, und der's nicht schätzt und nicht achtet und seine kotigen Stiefel darauf wetzt.

Geh' wieder an deinen Brief, Brillenmann, und streich' die faustdicken Lügen heraus, die du hineingemacht hast.

Aha, da liest du dir's doch noch einmal durch.

Aha, und streichen, streichen.

Was, unterstreichen tust du?

»Der Prachtmensch.« Einmal, zweimal unterstreichen. Da kann man halt nichts machen: Leute mit Brillen auf der Nasen sind sonderbare Menschen.

Und schaut ihn an: wie er jetzt den Feldkessel vorsichtig beschnüffelt!

Dann trinkt er, nicht mehr wie ein paar Fliegen trinken können.

»Malaga,« sagt er lächelnd; »lieber Zunterer, ich hätt' dir gern einen Schluck Wein aufbewahrt – aber den da nicht.«

Und geht hinaus und verschüttet den ganzen schönen Wein.

Und den Feldkessel reinigt er sorgfältig am Brunnen.

Am andern Tag klopft der Zunterer dem Kameraden vertraulich auf die Schulter: »Vor dir krieg' ich einen Respekt. Wo du so klein und zartlich bist und kannst saufen wie ein Großer.«

Er blinzelt zwischen dem leeren Feldkessel und dem Kameraden schlau hin und her.

Der Kamerad wird rot.

»Brauchst net rot werden!« lacht der Zunterer. Dann wispert er vertraulich: »Ich hab' schon viel größere Räusch' g'habt als wie du. Und viel schönere!«

»Schönere.«

»Ja, wie man halt so sagt,« meint der Zunterer, und es ist jetzt an ihm die Reih', verlegen zu werden. »Das is halt so eine Sach' mit die Räusch'. Das müssen wir einmal an meine Alte heimschreiben, weißte. Ich kann's nur net so zusammensetzen wie ich möcht', aber das pressiert net, und jetzt braucht sie auch keine Angst net ham, daß ich besuffen heimkomm' an die Samstäg.« Er unterbricht sein Gespräch und denkt wieder über die alte Sache nach.

Aber er kommt nicht weiter, als seine Gedanken in Metz waren: Das hätt' sie nicht tun dürfen, mich auf die Nasen haun!

Den ganzen Tag dürfen sie in dem feinen Quartier bleiben.

Der Mann mit der Brillen weiß dem Zunterer so viel Arbeit, daß der Zunterer brummelig wird.

»Jetzt putz' ich dir noch dein Gewehr,« sagt er, »dann muß ich ein bissel hinausschaun.«

Zum Malaga! denkt der Kamerad.

»Zunterer, wie wär's, wenn wir zwei heut keinen Rausch hätten!?«

»Warum soll'n wir keinen haben?« Der Zunterer merkt gar nicht, daß der Kamerad in seinem Gehirn herumblättert wie in einem Buch. »Es ist leicht möglich, daß wir noch einen Wein finden. Hast net g'merkt. daß er ein bissel stark is?«

»Jaja, ein wenig stark.«

»Aber er dergibt gut,« sagt der Zunterer eifrig. »Ich tät' mir keine drei Feldkessel trinken trau'n, ohne rauschig werden.«

Der Kamerad ahnt etwas: »Wieviel hast denn gestern trunken?«

Der Zunterer zögernd: »Es sind net viel mehr wie zwei g'wesen . . .«

Nicht viel mehr wie zwei. Und der lange Kerl ist dabei am andern Morgen gesund und frisch wie ein Fisch im Wasser.

Aber wenn er heut wieder so aus dem Vollen schöpft und – morgen wird's den schweren Gang geben gegen die Verschanzungen an den Côtes. Nein, heut muß er sich den Magen steif halten.

Der Kamerad mit der Brillen meint, sie könnten heut zusammen den Brief an die Zunterin schreiben.

»Den Brief,« zögert der Zunterer; »nein, den können wir heut' noch nicht schreiben. Ich hab' ihn noch net ganz beieinand' im Kopf.«

Und dann entwischt er dem Kameraden doch und macht sich wieder auf die Kellersuche.

Haha, Zunterer, haha, es ist nix mehr da!

Wie er wieder ins Quartier kommt, sagt er verdrießlich: »Du hast recht – wir müssen net alle Täg' unsern Rausch ham. Und mit dem Schreiben, das hab' ich jetzt schon ziemlich beisammen. Das tun wir morgen, Kamerad.«

»Morgen!« sagt der Mann mit der Brillen und schaut den Zunterer sonderbar an. »Warum denn aufschieben?«

»Heut,« sagt der Zunterer ausweichend, »heut schreib' ich ja selber.«

Er tut's auch wirklich. Zwei Karten verschmiert er, aber auf der dritten liest du:

»Liebes Weibele! Indem das ich dir morng schreib must Du noch warten heut das file Gewerbutzen auch mus ich für einen Kameraden buzen der is klein und zardlich mit seiner Briln aber ein guther mens und hat einen ganzen feldkesel fon dem schtarken weihn drunken da mus man respekt haben und grißt dich dein liber Jagl. Das andere schreib ich morng das mus ich mir erst überlegn und ich sags ihm und der mit der briln schreibts wo du gleich an der Schrifft merken kanst dein liber Jagl.«

Wie sie mit dem Feind Fühlung erhalten, blinzele der Zunterer dem Kameraden zu. Im Zunterischen heißt das: Keine Angst net, Kamerad, jetzt wird's ja erst lustig, und ich bin schon da beim Dasein!

»Hoppla!« kräht er dann erbost – es pfeifen ein paar Kugeln daher, und eine streift ihm den Tornister. »Malefizlumpen, französische!« Und besorgt sieht er nach dem Brillenmann und findet ihn schon langgestreckt liegen, das Gewehr im Anschlag. Er nickt ihm befriedigt zu, ob's der andere sieht oder nicht.

»Das ist kein Dummer und kein Ungeschickter,« sagt sich der Zunterer, »und der weiß, was sich schickt, und was der Brauch ist im Krieg. Mit dem muß man gut sein und ihm helfen – er muß eine Brillen tragen, der arme Teufel!«

Je, da rattert ein Maschinengewehr – das muß da drüben im Wald stehn. »Himmelherrgottsaxndi!« schimpft der Zunterer, »die Lumpen, die französischen!«

Sie liegen jetzt alle platt am Boden, der ganze Zug, und die Kugeln gehen hoch über ihnen weg. Die sollen nur schießen da drüben – herüben pressiert's noch nicht. Das wird schon zur rechten Zeit losgehen, und auf einmal wird da ein Bataillon aufspringen und dort wieder eins, und dann wird der Teufel los sein.

Ein paar Leut' sind jetzt schon ungeduldig und kriechen vor und wollen an das Maschinengewehr heran. Der Leutnant muß bremsen: er hält seine Leut' zurück und schreit auch den Zunterer an, der den langen Leib vorschiebt.

»Ich muß, Herr Leidnant, ich muß vor, weil der mit seiner Brillen auch vorn is. Der is so klein und zartlich und schreibt mir meinen Brief heim.«

Und da ist der Zunterer schon aufgerumpelt, macht drei, vier seiner allergrößten Sprüng' und wirft sich neben dem Kameraden nieder.

»Wie kannst denn du,« sagt er nachdrücklich, »wie kannst denn du einfach da so vor die andern herkriechen! Du mit deiner Brillen!«

»Und wie kannst denn du so nachhüpfen,« lacht der Kamerad, »du mit deiner Läng'!«

Der Zunterer aber legt ihm die schwere Hand auf die Schulter: »Du bist ein Zartlicher, dich darf man net allein lassen.«

Der Befehl zum Sturm ist gegeben. Der mit der Brillen springt flink auf, und der Zunterer muß fluchen, weil er mit seinem Holzknechtsgestell länger braucht. Er sieht den Kameraden wie ein kleines flinkes Wiesel rennen und läuft ihm mit ganz verrückten Sprüngen nach.

»Trau' dich net so!« schreit er ihn an, »du mit deiner Brilln!« und da ist er schon an ihm vorbeigeflogen.

Und einen Juchzer bringt er dem Feind entgegen, hoch, gellend und herzgeladen wie ein Brunftschrei.

Das kleine flinke Wiesel setzt ihm nach. »Du lieber langer Kerl darfst mir nicht allein bleiben. Du lieber langer Kerl.«

Es pfeift verflucht aus dem Busch vor dem Wald. Ssst, ssst, ssst. Und das Maschinengewehr takt noch immer. Viel zu hoch schießen die Kerle, sonst wär's ein böses Mähen.

Der Zunterer rennt ohne Helm.

Das kleine flinke Wiesel hat Blut auf der linken Wange und achtet's nicht.

Dem Zunterer hängen die Fetzen vom Rockärmel. Aber er fegt dahin und schickt aus dem Laufen heraus seinen Kriegsschrei in den Busch. Niemand kommt seinen langen Beinen nach.

Das arme Wiesel ist weit hinten geblieben.

Es muß einen Augenblick verschnaufen, um dem langen Kerl da vorn was nachzurufen: »Kamerad, Kamerad!« aber das ist ein schwaches Schreien, und der Zunterer ist schon im Busch, jauchzt, haut und haut.

Und jetzt kommen ihm drei feste Leut' zu Hilf', und dann sind's noch vier und dann ein Dutzend mehr. Dann wimmelt's im Busch, und Hämmer schlagen im Wald.

Leben, die verlöschen, schreien den Himmel an.

Der liebe Gott rauft sein weißes Haar.

Der Zunterer schreit auf, über alle hinweg, wie ein Tier im Wald.

Das kleine flinke Wiesel springt.

»Zunterer!«

Der Zunterer schreit nicht mehr.

Die Brille funkelt vor Wut und sucht und sucht. Das Bajonett leuchtet vor ihr her und bohrt sich in eine schwarze Gurgel.

»Hund! Hund!« schreit der Mann mit der Brille und reißt das Bajonett aus der Gurgel.

»Zunterer –« Aber der Zunterer antwortet nicht.

Die Brille funkelt und funkelt.

»Zunterer!«

Und der Kamerad mit der Brille kniet sich hin und schreit: »Red', Kamerad!«

Der Zunterer rollt die Augen und macht es deutlich, daß es mit dem Reden nicht mehr gehen will.

»Zunterer! Ich schreib' heim!«

»Weibele!« gurgelt der Zunterer.

Er schickt ein Keuchen hinterher, krampft die Fäuste, und sein Brustkorb stemmt sich vor gegen den Tod.

»Lieber Kamerad Zunterer!«

Der lange Holzknechtleib zuckt, und die Augen verschimmern.

Der liebe Gott rauft sein weißes Haar.