Reiselust

Es gibt nichts, was die Menschen so rasch und so gründlich verändert, wie das Reisen. Nicht etwa nur, daß ein Weitgereister, der viele Menschen, Städte gesehen und Herzen ergründet, als ein Anderer, ein Reiferer, Ruhigerer zurückkommt. Nein, ich meine: Herr Müller auf Reisen ist ein ganz anderer, als Herr Müller zu Hause. Und das wird mit Herrn Schulze und Herrn Neumann nicht anders sein.

Einer, der zu Hause in einem abgeschabten, grünen Lodenjöppchen umhergeht, meist unrasiert, einen schlecht gewickelten Regenschirm unter dem Arm, spielt gern die wenigen Sommerwochen der Freiheit den ganz verfluchten Kerl, läßt einen weißen Strandanzug um seine ambrosischen Glieder schlottern, setzt einen verwegenen Florentiner-Strohhut schief aufs Ohr und schwingt ein silberbeknauftes Bambusröhrchen zwischen den Fingern. Weil er zu Hause schlecht oder überhaupt nicht bedient wird, klingelt er im Hotel den ganzen lieben Tag – »dem Kellner einmal, dem Hausburschen zweimal, dem Stubenmädchen dreimal« – und hetzt für sein Geld die Leute brav durcheinander. Und wer elf Monate im Jahre daheim den Patenten spielt, der liebt's, sich in der Sommerfrische eine grüne Joppe anzuziehen und mit recht dicksohligen Stiefeln seinen Morgengang auf die meist ungefährlichen Gipfel der nächsten Hügel zu unternehmen.

So läßt eine Reisebekanntschaft nie auf den Charakter schließen. Der Charakter ist zu Hause geblieben, der bewacht das Haus. Was sich da auf Urlaub tummelt, ist oft nur eure Karikatur von dem Original, das die elf anderen Monate im Jahre vielleicht ganz brav, ganz bieder und ganz brauchbar sein saures Tagewerk herunterschuftet.

Darum: man soll auf der Reise jede Dummheit machen, die einem Laune, Temperament und das unsagbare Wohlgefühl der plötzlich errungenen und, wie man weiß, nur kurzen Freiheit eingeben. Aber die folgenden vier Kardinaldummheiten soll man ängstlich vermeiden:

1. Man soll sich nie ein Hektoliter von dem Wein, der einem im Hotel am Laguner See oder in Norderney an der Table d'hote zwischen zwei hübschen Engländerinnen geschmeckt hat, nach Hause bestellen, ihn dort als Tischwein zu trinken. Er schmeckt zu Hause anders, und wenn der Händler in zehn Briefen beschwört, daß es dieselbe Marke ist. Das kommt vielleicht daher, daß man zu Hause nicht zwischen zwei hübschen Engländerinnen sitzt.

2. Man soll nie das Zimmermädchen eines Hotels in gleicher Stellung für sein bürgerliches Heim verpflichten, geblendet von dem Wahn, daß dieses Juwel eines Dienstboten seine Geschäfte und Pflichten zu Hause ebensogut verstehen wird, wie am Titisee im Schwarzwald oder in Dangast an der Ostsee. Dieses wird nämlich in 99 von 100 Fällen durchaus nicht der Fall sein. Denn im Hotel arbeitet das Mädchen für ein Trinkgeld, das sie noch nicht kennt und durch Liebenswürdigkeit und milde Freundlichkeit der Sitten zu mehren trachtet; daheim aber arbeitet sie für einen festgesetzten Lohn, und deshalb arbeitet sie möglichst wenig. Und dann: am Titisee oder in Dangast liegen weder Dragoner, noch Ulanen, noch Grenadiere. Zu Hause aber nicht nur Dragoner, Grenadiere und Ulanen, sondern auch noch Kürassiere. Und Train!

3. Man soll niemals einen sonst unbekannten Herrn, nur weil er durch vier Wochen ein »reizender Tischnachbar« war, die Forellen nicht mit dem Messer bearbeitete, beim Kauen nicht mit den Lippen schmatzte und jeden Tag zwei neue Scherze erzählte, als Logierbesuch zu sich einladen. Denn erstens: der Mann kommt wirklich. Zweitens: die guten Manieren gehören oft nur zur Ferientoilette; und drittens. mehr Witze, als die er im Bade erzählt hat, weiß er gewöhnlich nicht.

4. Man soll sich niemals bei einem schönen Sonnenuntergang, wenn das Meer glitzert und die alten Tannen rauschen, mit einer jungen Dame verloben, die so entzückend graziös im Strandkorb sitzt und so entzückend naiv über Himmel und Meer und ewige Dinge plaudert. Denn: die schönen Sonnenuntergänge sind daheim selten. Meer und Tannen hört man daheim nicht rauschen. Der Hintergrund eines Strandkorbes wird daheim selten geboten. Es bleibt also dann nur die »Naivität« übrig, die sich leicht auch auf Angelegenheiten der Küche, des Haushalts und des täglichen Lebens erstreckt. Dann aber wirkt sie peinlich. Außerdem aber hat solche junge Dame häufig noch Verwandte, die dem Sonnenuntergang damals aus guten Gründen fern blieben, später aber in deutliche und fühlbare Erscheinung treten. Dann wird's Tag.

. . . Vor allem aber soll man sich hüten, Leuten, die eine weite Reise tun, einen Rat zu geben. War der Rat gut, dann wird er entweder überhaupt nicht befolgt; und dann ärgert man sich, daß man seine Weisheit allzu freigebig verschwendet. Oder ja, er wird befolgt, und die Sache verläuft zur allgemeinen Zufriedenheit, so kann man hundert gegen eins wetten, daß die so gut Beratenen, heimgekehrt, Stein und Bein schwören, sie selbst seien auf den ausgezeichneten Einfall gekommen, die Reise so oder so zu machen.

. . . Ich erinnere mich noch mit großem Vergnügen eines alten Onkels, der in der ganzen Familie großes Ansehen genoß, weil er seine besten Junggesellenjahre damit verbracht hatte, die halbe Welt zu sehen.

Er hatte eine sinnige Sammlung von Menükarten von beiläufig fünfhundertunddreißig Hotels aller Länder, und wenn ihn ein Ischiasanfall zwang, noch tief in den März hinein zu Hausse zu bleiben, so aß er diese Menüs jeden Tag einmal durch; nur in der Phantasie natürlich. Er las auch gerne daraus vor. Das war durchaus nicht so langweilig; er las mit Ausdruck, ja mehr als das: mit Gefühl. Ich habe niemals auf der Bühne einen Romeo mit solcher Zärtlichkeit von Juliens Hand und Lippen reden hören, wie mein Onkel von den gedämpften Kalbsfüßen à la Milanese im Hotel Quirinal in Rom oder von dem Ochsenmaulsalat im Hotel de Paris in Christiania sprach . . .

Nun gut, als ich ein ganz junger Student war, fragte ich diesen Vielgereisten um Rat. Ich wollte durch ganz Italien fahren bis Brindisi und dann langsam, an allen Stationen, die große Erinnerungen oder Naturschönheiten versprachen, verweilend, wieder zurück. Der Plan war ein wenig blödsinnig; aber wenn man zwanzig Jahre alt ist, macht man leicht noch blödsinnigere Sachen. Nun sollte mir der vorzügliche Verwandte seinen Rat in einer schwierigen Frage erteilen: in welcher Klasse könnte ich wohl am besten reisen? In der ersten? – das erleichterte mein Reisebudget gleich um ein Bedeutendes. Aber, wenn der Onkel meinte – –?

»Nein!« sagte der Vielgereiste, indem er fast zornig das blaugeränderte Menü zum Lunch auf dem Schnelldampfer »Kleopatra,« Sonntag, 10. Mai 1887, zu den übrigen Kärtchen warf, »nein, das mußt du nicht tun. Die erste Klasse in Italien – damit habe ich üble Erfahrungen gemacht. Ich bin mal von Genua nach Monte Carlo in so 'nem rotgepolsterten Coupé gefahren – na, daran werd' ich denken! Hast du schon mal gehört, daß in der dritten Klasse ein Raubmord verübt worden ist? Nein. In der zweiten Klasse ist's schon eine große Seltenheit. Aber in der ersten siehst du – von fünfzig Raubanfällen auf der Eisenbahn kommen neunundvierzig auf die erste Klasse. Also, bitte, das hat ein Statistiker nachgewiesen. Ist auch natürlich. Wenn so ein Lump schon mal rauben will, so wird er sich vermutlich ein Opfer aussuchen, das möglichst viel Geld hat, und ein Coupé, in dem möglichst keine Zeugen sind. In der ersten sind nur sechs Plätze. Wer erster Klasse reist, der führt gewöhnlich mehr blaue Scheine bei sich, als ein Bäuerlein in der dritten, nicht wahr? Also, wie gesagt, auf der Fahrt von Genua nach Monte Carlo hatt' ich mal ein Abenteuer, das einen von der Vorliebe für die erste Klasse kurieren kann.

Ich hatte mir eine Flasche Rotwein, einen ›Secolo‹ und fünf Orangen gekauft und dem Kondukteur fünf Frank Trinkgeld gegeben, daß er mir ein leeres Coupé gibt. Ich wollte die herrliche Fahrt hoch auf dem Felsenweg, immer am Meere entlang, so recht von Herzen genießen und vom Fenster links zum Fenster rechts eilen können, ohne über vier karierte Engländerbeine zu klettern, die sich nicht regen.