Partenza!

Ich setze mich bequem in den Mittelsitz. Da plötzlich – eben geht ein erster Ruck durch den Wagen – reißt ein sehr erhitzt aussehender Mann die Coupétür auf und läßt sich ohne Gruß auf den Sitz mir gegenüber fallen.

Der Unwillkommene ist ganz schwarz gekleidet mit erstaunlicher Ersparnis an Wäsche. Er hat kein Gepäck. Seine schwarzen stechenden Augen gleiten nur suchend das Gepäcknetz entlang, mustern mit verdächtigem Interesse meine beiden neuen, gelben Handtaschen, fahren dann über meine ganze Figur, als ob sie mich entkleiden wollten, und bleiben schließlich starr auf meinem Hals haften. Ich bemühe mich, im ›Secolo‹ zu lesen; aber ich kann das Unbehagen nicht los werden; ich fühle immer den Blick des unangenehmen Herrn auf meinem nackten Hals.

Pegli–Voltri–Savona – ich habe nichts, einfach nichts von der Fahrt gehabt.

Ich lese im ›Secolo,‹ daß eine alte Russin auf der Fahrt Neapel-Rom im Eisenbahnwagen narkotisiert und beraubt worden ist. Mein Gegenüber regt sich nicht.

Tunnel folgt auf Tunnel. Wenn wir einfahren, fasse ich meinen Regenschirm fester, um für jeden meuchlings erfolgenden Angriff gewappnet zu sein. Wenn wir hinausfahren in die lachende Landschaft – das heißt ich glaube, sie lacht, weil ich davon gehört habe, sehen kann ich's nicht – sitzt mein Gegenüber noch unbeweglich da und starrt auf meinen Hals, unverwandt auf meinen Hals. Sucht er die Stelle, wo er mich erdrosseln will? Der Angstschweiß bricht mir aus. Ich fühle, daß ich mit den Händen zittere; das hält mich ab, ein Glas Wein zu trinken, obschon meine Kehle total trocken ist und meine Nerven danach verlangen. Kurz vor San Remo – die blühenden Orangenbäume senden ihren süßen Duft ins Coupé – erhebt sich mein unheimliches Gegenüber halb aus den Kissen, und immer noch meinen Hals anstarrend, sagt er auf italienisch: »Verzeihen Sie, mein Herr, haben Sie sich in Genua rasieren lassen?«

Ich habe das Gefühl, daß ich stottere vor Angst. »Ja, allerdings,« sag' ich, »aber –«

»Sie haben einen äußerst merkwürdigen Bartwuchs, mein Herr. Äußerst merkwürdig! Ja, Sie haben einen kleinen Haarwirbel unter dem Kinn, auf der rechten Halsseite. Darauf muß ein geschickter Raseur Rücksicht nehmen; sonst blutet das immer. Aber die wenigsten sehen das. Pah, wer kann überhaupt heute noch rasieren! Die Genueser Friseure sind schon gar nichts, wie Stümper!«

Ich vermute, daß der Mann irrsinnig ist, und mein ängstlicher Blick mag das auch ausgedrückt haben.

»Ah – Sie meinen, woher ich das weiß? Ich sehe das. Ich bin nämlich der Barbier des Fürsten Orlandini-Barberuzzo. Ich muß Se. Durchlaucht auf allen Reisen begleiten. Überall hin. Se. Durchlaucht hat nämlich ganz denselben Haarwirbel auf der anderen Seite des Halses. Er hat sich an mein Messer gewöhnt. Unter jedem anderen blutet der Hals Sr. Durchlaucht. Vorhin wäre ich beinahe zu spät bekommen. Sie bemerkten das? Das hätte meine Entlassung bedeutet. Denn in Monte Carlo will der Fürst sofort rasiert sein. Da bin ich lieber ins erste beste Coupé gesprungen. Ich werde in Monte Carlo nachzahlen müssen. Das macht nichts; ich bedaure es durchaus nicht. Ich habe das Wunderbare erlebt, einen Mann zu finden, der den selben Haarwirbel am Halse hat, wie der Fürst Orlandini-Barberuzzo. Sie gestatten doch, daß ich darüber an unser Fachblatt in Rom berichte?«

. . . So erzählte mein Onkel, dann vertiefte sich der merkwürdige Mann, der dem Fürsten Orlandini-Barberuzzo am Halse ähnlich sah, wieder in das Studium seiner geliebten Menüsammlung.

»Du meinst also, Onkel, ich sollte zweiter Klasse fahren?«

»Nein,« sagte der Vielgereiste bedächtig, »das meine ich durchaus nicht. Die zweite Klasse in Italien ist, was bei uns die dritte Klasse ist. Alle bessere Landbevölkerung steigt an den kleinen Stationen ein, schwatzt, streitet, spuckt fortwährend auf den Boden, raucht sehr schlechte Virginia und riecht äußerst sonderbar. Das wirklich charakteristische Leben aber spielt sich überhaupt in der dritten Klasse ab.«

»Also würdest du mir raten in der dritten Klasse zu fahren. Das würde meinem Geldbeutel sehr wohl tun.«

Der Onkel seufzte schwer, wie in einer höchst peinlichen Erinnerung.

»Die Bänke sind dort sehr hart,« sagte er, »und die Luft nicht gerade mit Myrrhen und Efeu geschwängert. Ich fuhr mal aus Interesse für das Volksleben in der dritten Klasse von Pisa nach Turin. An die Fahrt werde ich denken. Links hatte ich einen alten Bauer, der zwei Hühner, lebende Hühner, mit den Füßen aneinander gebunden, zwischen seinen Beinen hielt. Die Tiere waren sehr unruhig; und wenn ich ein Huhn gewesen wäre, die Situation hätte mir auch keine Freude gemacht. Auf meiner anderen Seite saß ein sauber rasierter, rundlicher Abbate, der halblaut in einem kleinen Erbauungsbuche las.

So oft die Hühner des Bauern in ihrer Angst nun gackerten oder an der Fessel zerrten, daß die kleinen Federchen flogen, sah mich der geistliche Herr mit einem langen tadelnden Blick von der Seite an. Das ärgerte mich, denn mir war schließlich dieses unruhige Federvieh genau so widerwärtig wie ihm.

Mir gegenüber saß eine Straßensängerin, die zu irgend einem Volksfeste fuhr. Sie hatte die Mandoline, in ein schmutzig-blaues Tuch geschlagen, auf dem Schoß. Um den Hals hingen ihr goldene Glasperlen, dick wie Roßkastanien, und ihre fertigen, reichberingten Hände fuhren manchmal im Traume in die Luft. Sie schlief, die Gute, schnarchte und schwitzte sehr dabei.

Es war unerträglich heiß in dem Coupé und die Mücken waren voll Scherz und Munterkeit. Ganz besonders dem Bäuerlein neben mir machten sie zu schaffen. Und als der Gequälte schließlich in heller Wut über die Zudringlichkeit eines solchen Quälgeistes sich mit beiden Händen nach der Nase fuhr, zerrissen die zappelnden Hühnerbeine den Strick.

Die schwarze Henne flog gackernd an meinem Gesicht vorbei nach der Wagendecke, wobei sie dem Abbate das Erbauungsbuch so unglücklich aus der Hand schlug, daß es zum Fenster hinauswippte. Die gesprenkelte Henne aber flatterte der schlafenden Mandolinensängerin auf den Kopf. Kreischend fuhr die dicke und nicht mehr junge Dame aus ihrem gesunden Schlaf auf, und da sie mich, der ich dem Bäuerlein die Hühner einfangen helfen wollte, vor sich stehen sah, war sie wohl der Ansicht, ich habe, berauscht von dem Anblick ihrer sinnverwirrenden Reize, ihre unbewachte Tugend im Schlafe überfallen und sie küssen wollen. Und deshalb gab mir die resolute Dame, eh' ich mich's versah, mit ihrer dicken, fettigen Hand eine schallende Ohrfeige.

Diesen geeigneten Moment hatte das gesprenkelte Huhn benutzt, dem schwarzen nach und aus dem Fenster zu flattern.

Und nun hatten wir den schönsten Skandal in unserem Coupé. Der Bauer schimpfte, die Mandolinendame keifte und schalt, der Abbate versuchte zu beruhigen, wurde aber niedergeschrien; und zwei Arbeiter, die in den Fensterplätzen an der anderen Seite die ganze Zeit geschlafen hatten, waren nun ebenfalls aufgesprungen und machten mich, so viel ich verstand, für alles verantwortlich. Einfach für alles, für die Mücken und die Hühner, für das verlorene Buch des Abbate und für die bei dem allgemeinen Skandal zertretene Mandoline.

In Ponte Nuovo, an der nächsten Station, ward ich zwei Karabinieri übergeben. Die verstanden meine Verteidigung natürlich genau so wenig, wie ich das Geschrei meiner Ankläger. Und um überhaupt weiter zu kommen – in dem elenden Nest war nicht mal ein Wirtshaus – hab' ich wirklich die Hühner und die Mandoline bezahlen müssen. Zusammen so was wie dreißig Frank. Dafür hatt' ich aber Volksleben in der dritten Klasse studiert. Mich verlangte nicht nach mehr! . . .«

»Nein,« schloß mein Onkel seinen Leidensbericht, »zur dritten Klasse würde ich dir nicht raten.«

»Ja, erlaub' mal, Onkel, nun hast du mir nacheinander von allen Klassen abgeraten. Da bleibt ja schließlich nur noch der Viehwagen.«

»Ja,« stimmte der Vielgereiste freundlich bei, »in dem bin ich noch nicht gefahren. Aber du kannst's ja mal versuchen.« . . .