Sommerschnee

Wer von euch Kindern war während der vergangenen Sommerferien im Hochgebirge? Diejenigen unter euch, die von ihren Eltern nach den Tyroler Bergen mit genommen waren, die hatten es erleben können, daß sie eines Julimorgens erwachten und ringsum alles mit dickem Schnee bedeckt fanden, ganz wie zur Weihnachtszeit.

Nicht viele Menschen wissen, woher dieses merkwürdige Naturereignis kam. Mir hat es eine geschwätzige Elster aus dem Ahrenthal gesagt, und ich will es euch wieder erzählen, so gut ich kann.

In Bill, einem Dorfe bei Innsbruck, lebte ein Bauer mit seiner Frau und einem Söhnchen. Als sie einmal zusammen in die Kirche gingen, da fanden sie auf ihrem Wege ein Bündelchen und in dem Bündel ein Kind, ein kleines Mädchen. Der Bauer wollte es liegen lassen und sich nicht weiter darum bekümmern. Die Bäuerin konnte es aber nicht über's Herz bringen, das Kindchen voraussichtlich dem Tode preisgegeben zu sehen, und nahm es gegen den Willen ihres Mannes mit nach Hause.

Sie pflegte und hegte nun den kleinen Findling mit unermüdlicher Liebe und Rosel, so ward das Kind genannt worden, dankte ihr die Sorge und Mühe, indem sie zu einem braven und wacker fleißigen Mädchen heranwuchs.

Doch der Bauer mochte sie nicht leiden, und auch dann noch nicht, als Rosel nach dem Tode der Bäuerin die ganze große Wirtschaft besorgte, überall nach dem Rechten sah und dabei mit den Mägden für zwei arbeitete.

Desto mehr Gefallen fand aber Hans, der Bauerssohn, an Rosel, und als er sicher war, daß auch Rosel ihn gern mochte, da ging er zu seinem Vater und fragte, ob er nicht die Rosel zu seiner Frau haben dürfe.

Da kam er aber schön an.

»Was, die Rosel willst Du zur Frau,« schrie er, »das gefundene Ding? Nie und nimmermehr!«

Wütend und scheltend kehrte er dem erschrockenen Hans den Rücken. Rosel, die das Geschrei bis in die Küche gehört hatte, weinte bittere Thränen.

Hans tröstete sie und meinte, zu gelegenerer Zeit dem Bauer seinen Herzenswunsch besser vorbringen zu können.

Es war an einem schönen Sommerabende, als die Sonne eben hinter den Bergen verschwunden war, als der Bauer auf der Bank vor seinem Hause saß. Er schnitzte an einem Schlittenkopf für sein Winterfuhrwerk und pfiff dazu.

Da faßte Hans abermals Mut, trat vor den Vater hin und wiederholte seine Werbung.

Kirschrot vor Zorn fuhr der Alte auf: »Nein, nein und tausendmal nein! Das Mädel is nichts und hat nichts und wird drum Deine Frau nicht werden. Aber wart' Bub', ich werd' Euch schon helfen, daß Euch die dummen Gedanken vergehen. Rosel, Du packst gleich Deine Siebensachen und gehst heute noch auf die Alm hinauf. Keine Widerrede. Basta!«

Hans schaute wortlos und betrübt auf den Schlittenkopf, den der Bauer in den vor Wut zitternden Händen hielt.

»Ja,« sprach der Alte höhnisch weiter, »wenn Du Dir morgen an Peter und Paul das Mädel mit dem Schlitten vom Berg herunter holst, dann magst Du sie meinetwegen heiraten. Früher nicht!«

Der Bauer hatte gut reden. Zu Peter und Paul mit dem Schlitten fahren! An dem Tage, wo die Ernte begann und die glühende Sonne dem Schnitter meist das Wasser im Kruge trocknete.

Hans war sehr traurig, aber er sowohl wie Rosel sahen ein, daß sie sich dem Willen des Vaters nicht widersetzen durften, zudem er auch gedroht hatte, für den Fall verweigerten Gehorsams, seinem Sohne das Erbe zu entziehen.

Rosel nahm denn ihre wenigen Habseligkeiten, um trotz des vorgerückten Abends noch nach der Sennhütte, die auf halber Berghöhe lag, zu gehen. Hans wollte sie wenigstens bis zum nächsten Morgen zurückhalten, aber Rosel, die mit Recht den Zorn des alten Bauern fürchtete, meinte, es würde ihr trotz der Dunkelheit nichts Böses widerfahren.

»Wenn ich oben bin, dann zünde ich ein helles Feuer an, daran magst Du erkennen, daß ich wohlbehalten angekommen bin.«

Da nahm Hans ein Sträußchen Edelweiß, das er selbst gepflückt und neben dem Spielhahn auf seinem Hut getragen hatte, und reichte es der Rosel. Diese steckte das Sträußchen an's Mieder, schüttelte Hans die Hand und machte sich auf den Weg.

Das Herz war ihr schwer, viel schwerer, als sie ihren Jugendfreund merken lassen wollte, und der Pfad lag unsicher vor ihren Augen, die sich immer wieder mit Thränen füllten. Aber sie schritt doch mutig aus und war nach einigen Stunden an ihrem Ziele.

Bevor sie die Hütte betrat, in der sie von nun an wohnen und arbeiten sollte, las sie noch ein großes Bündel Reiser zusammen und zündete es an, daß Hans im Thal die lodernde Glut wie ein winziges, freundliches Lichtchen als Gruß bemerken konnte.

Da es kalt war, so setzte Rosel sich an's Feuer. Sie dachte: daß wir Mann und Frau werden, kann der Bauer hindern, aber daß wir uns gern haben, das kann der Bauer nimmer hindern. Dabei blickte sie in die knisternden Flammen bis ihre Augenlider müde und schwer wurden. Plötzlich meinte sie ringsum ein sonderbares Flüstern und Wispern zu vernehmen und von allen Seiten kamen kleine, zierliche, durchsichtige Geschöpfe herangehuscht. Sie sangen:

Dem Kind, das uns gepflegt, geschont,
In dem nur Lieb' und Treue wohnt,
Dem seh'n wir Thau im Auge blinken
Und Sorge auf das Herze sinken!
Das darf nicht sein. Wir wollen helfen
Mit Witz und Kraft der Blumenelfen.

Da trat die kleine Orakelelfe aus dem Kreis.

»Ich allein kenne den Schmerz des guten Kindes genau; sie hat ihn mir selbst manchmal unwissentlich verraten. Keines von uns kann helfen, als das Edelweiß, das auf kalter Höhe wächst und mit dem schneidenden Nordwind vertraut ist. Nur Edelweißchen's Fürsprach' bei dem strengen Herrn kann nützen.«

Da trat Edelweißchen hervor. Wie eine stolze Krone schmiegten sich weißsammtene Blätter um sein Köpfchen, in der Hand trug es ein graugrünes Blätterzweiglein. Die Elfe warf einen zärtlichen Blick auf Rosel und sprach: »Gerne, Schwester Margarit, will ich meine Fürsprach' einsetzen, um unsern Liebling glücklich zu machen. Ich hörte Worte eines harten Mannes, sie sollen zu unseres Schützlings Segen in Erfüllung gehen. Doch vorher rettet euch, sonst ist's euer Verderben.«

Wie eine Königin ihr Scepter, so schwang Edelweißchen das graugrüne Zweiglein und husch, husch – fort waren sie all' die Elfen.

Und noch ein zweites Mal schwang Edelweißchen sein Zweiglein, und ein fürchterlicher eisiger Nordwind erhob sich und blies Rosel den Rauch des verlöschenden Feuers in's Gesicht. Halb traumbefangen flüchtete sie in die Hütte.

Doch des Sturmes Toben hörte so bald nicht auf.

Von den Stubbeier Firnen her führte er schwere, schwarze Wolkenmassen herbei, die sich über dem Thale sammelten. In den Wäldern krachte es, Blitze zuckten, Donnerrollen ertönte, und im Dorfe Bill saß der alte Bauer in seinem hochgetürmten Federbett, die Zipfelhaube über die Ohren gezogen, und bebte vor Schreck und Entsetzen über das fürchterliche Unwetter. In seiner Angst versuchte er seinen Sohn, der in der Kammer nebenan lag, durch Rufen zu wecken, doch dieser hörte nicht und schlief ruhig weiter.

Als das Unwetter so an die drei Stunden gewährt haben mochte, wurde es auf einmal still.

Fahler Tagesschimmer drang in die Schlafstube des Alten, der jetzt zitternd noch an allen Gliedern aufstand, um nachzusehen, welches Unheil der Sturm wohl auf seinem Hofe angerichtet haben mochte.

Er warf vom Fenster aus einen ängstlichen Blick auf den großen Apfelbaum vor dem Hause, den er sicher geknickt glaubte, doch was sah er da!

»Hans, Hans, um Gotteswillen wach auf,« schrie er, stürzte an das Lager seines Sohnes, schüttelte ihn wach und zerrte ihn an's Fenster.

Und wahrlich, merkwürdig genug war der Anblick, der sich den Männern dort bot.

Dichte Schneemassen auf den Feldern, die gestern noch wogende Halme getragen, Schnee auf den Bäumen, deren Äste die Last nicht ertragen konnten und mit den halbreifen Früchten gebrochen zu Boden hingen, und fußhoher Schnee auf der Dorfstraße, eine einladende Bahn bildend, wie zur Weihnachtszeit.

Was Wunder, daß Vater und Sohn sich über Stirn und Augen strichen, als glaubten sie zu träumen.

Da plötzlich schrie Hans:

»Juchei! 's ist Peter und Paul heut', ich hol' mir meine Rosel!«

Eins – zwei – drei war er in seinen Kleidern und ebenso schnell in den Schuppen und Stall gerannt.

Ehe sich's der alte Bauer recht versah, stand ein eingespannter Schlitten vor der Thüre. Glückstrahlend schwang Hans die Peitsche über dem Schimmel, der über die Schlittenfahrt kaum weniger erstaunt sein Haupt schüttelte, als die Menschen, und fort gings in sausendem Galopp.

Die ganze Höhe des Berges konnte Hans freilich mit dem Schlitten nicht bewältigen, aber als es nicht weiter ging, band er das Pferd an einen Baum und rannte weiter. In der Höhe der Sennhütte schickte er einen Jodler nach dem andern voraus, und als er oben war, öffnete Rosel schon ihr Fenster. Auch sie war starr über die Veränderung, die sich nachts ereignet hatte.

»Rosel, ich komm' Dich zu holen, 's ist Peter und Paul, und der Schlitten steht ein paar hundert Schritt weiter unten!«

Der froh erregte Bursch ließ dem Mädel nicht viel Zeit zum Staunen und Verwundern, denn die kräftige Sonne begann schon den Schnee zu streicheln und ihn verlaufen zu machen.

»Wir müssen im Dorfe einfahren, damit dem Vater sein Wille ganz geschieht.«

Und so geschah es auch. Mit Schellengeläute und Peitschenknall fuhr der Schlitten im Dorfe ein, und alle Nachbarn sahen, wie Hans die Rosel heraushob und sie herzhaft küßte.

Der alte Bauer durfte kein Wort dagegen sagen und sich auch nur im Stillen darüber grämen, daß der Sommerschnee seine ganze Ernte vernichtet hatte, denn er war selbst schuld daran.