Bob der Fallensteller

Erstes Kapitel. Die Fallensteller.

Vom dreiundvierzigsten Grad nördlicher Breite bis weit nach Norden hin erstrecken sich im Territorium Wyoming die steilen Bighorn Mountains. Wild sind die Bergformen von Süden nach Norden durcheinandergeworfen. Ueberall sieht man zerrissenes Gestein, Schluchten, senkrecht abfallende Felswände, schmale Täler, durch die hier und dort in vielen Krümmungen ein kleiner Fluß braust, an dessen Ufern Gestrüpp und in den tiefer gelegenen Gegenden langes Präriegras wuchert. Auf den Höhen fristet die Pechtanne kümmerlich ihr Leben. Der Salbeibusch, zufrieden mit wenig Nahrung, taucht seine Wurzeln in das geringe Erdreich. Nur da, wo die umliegenden Höhen im Winter Schutz gegen die schneidend kalten Winde bieten, begegnet man in den Bergen kleineren mit Gras bewachsenen Strecken.

So kahl aber auch die Natur diese Berge ausgestattet hat, die Felsmassen in ihrem seltsamen und riesenhaften Bau ersetzen mit ihrer erhabenen Wirkung alles Fehlende.

Der Morgen graut.

Am östlichen Horizonte zeigt sich das erste Tageslicht, und mit Gedankenschnelle überhaucht rosiger Schimmer die schneebedeckten Spitzen der Berge.

Durch eine tiefe Schlucht wälzt sich schäumend der Powder River über mächtige Steinblöcke und Geröll.

Auf scheinbar unzulänglichen Wegen kommt von dem scharfzackigen Felsgrat ein Rudel Hirsche herab, den Durst in der silberhellen Flut zu löschen. Furcht kennen die Tiere nicht, denn sie werden wenig in dieser menschenarmen Wildnis verfolgt. Ohne Zögern nähert sich ein Tier nach dem andern dem Flußufer. Es senkt den Kopf zum klaren Wasser herab und schlürft in langen Zügen die ersehnte Labe. Mit Wohlbehagen und in sicherer Ruhe gibt sich die ganze Herde dem Genusse hin.

Prächtige Gestalten sind darunter. Hier und da hält ein Hirsch wohl eine Weile im Trinken inne. Mit leichter Anmut hebt der kräftige Nacken das vielzackige, schwer lastende Geweih. Stolz schaut das Tier sich nach allen Seiten um, als sei es sich seiner Schönheit voll bewußt.

Immer heller wird es im Osten. Der Gluthauch auf den Kuppen der Berge ist verblaßt. Goldig glänzt und flimmert der Schnee in der Morgensonne.

Da plötzlich kracht ein Schuß durch die stille Natur. Ein vielfaches Echo klingt überall von den Felswänden zurück. Getroffen bricht ein Tier der Herde zusammen. Die übrigen Hirsche stutzen einen Augenblick, dann eilen sie, das Geweih in den Nacken gelegt, in langen Sätzen davon, und bald sind sie dem Auge entschwunden.

»All right!« tönt jetzt eine tiefe Stimme von der andern Seite des Flusses her, und eine kräftige Gestalt arbeitet sich durch Gestrüpp und über Felsblöcke zum Ufer hinab. Die gewaltige Anstrengung erheischt gebieterisch eine kurze Erholung. Hoch aufgerichtet blickt der Jäger mit Wohlbehagen nach dem erlegten Tiere hinüber.

Ein langer, aschblonder Bart, dem Kamm und Bürste gleich fremd sind, umrahmt das wetterharte Gesicht, aus dem die dunkelbraunen Augen jagdeifrig hervorblitzen. Ein Lederanzug, an den Aermeln und Beinkleidern mit Fransen geschmückt, umhüllt den stahlnervigen Körper. Ein breitrandiger, grauer Hut, von dem hinten ein paar goldfarbige Troddeln herunterhängen, ist auf dem blonden, leicht gelockten Haupte nach hinten gerückt und läßt die hohe Stirn frei, auf der sich eine rote Narbe dicht unter den Haarwurzeln von einer Seite zur andern zieht. Im breiten Ledergurte stecken die Patronen, und in starken Scheiden hängt vorn das Jagdmesser, hinten der mächtige Revolver herab. Die abgeschossene Büchse hält der Mann in der Faust.

»Gut getroffen, Jim!« ruft er aus. »Nicht für einen Cent Leben ist mehr in dem Tiere. Nimm dir ein Beispiel daran und krüppele das Wild künftig nicht mehr so toll, wie du es zu tun pflegst.«

»Du hast gut reden, Charley,« ließ sich jetzt eine zweite Stimme vernehmen, und noch eine Gestalt, in gleicher Weise gekleidet, kam langsam herbei. »Du wartest, bis dir etwas regelrecht zu Schuß kommt, mich aber treibt der Teufel der Leidenschaft, blind dazwischen zu schießen.«

»Yes, Sir! Gerade als wenn unsere Patronen in Cheyenne auf der Straße lägen,« fügte der erste lachend hinzu.

Beide Männer traten an das Flußufer. Sie fanden dort bald eine seichtere Stelle, und nachdem sie ihre umgeschlagenen, langen Stiefelschäfte über die Knie gezogen hatten, wateten sie durch das Wasser und näherten sich der erlegten Beute.

Charley betastete die Seiten und Schenkel des Hirsches. »Ein Prachttier ist es!« sagte er erfreut. »Damit reichen wir eine Zeitlang aus, wenn uns die verdammten Wölfe nicht wieder bei Nacht und Nebel das Beste fortholen. Aber wartet, Bestien! Ich hänge den da so hoch, daß euch schon das Springen danach vergehen soll.«

»Besser ist es, wenn wir uns hier nicht allzulange unnütz aufhalten,« meinte Jim, während Charley die Stelle genau untersuchte, wo seine Kugel eingedrungen war. »Kommen wir zu spät zu unseren Biberfallen, so haben die Tiere Zeit, sich mit scharfem Biß zu befreien, und wir finden nur Beine und Füße vor. Darum laß den Hirsch! Er läuft uns nicht mehr fort. Komm erst zu unserem Handwerk! Hoffentlich hat es sich heute nacht gelohnt!«

»Hast recht, Bruder! Gehen wir!«

Die Männer schritten durch das Wasser zurück und wandten sich einer roh zusammengelegten, kleinen Blockhütte zu, welche nicht weit von dem Flusse entfernt, an eine Felswand gelehnt, stand und von einigen kahlen Bäumen und von Buschwerk umgeben war. In der Nähe suchten zwei Pferde, an lange Stricke gebunden, ihr nur sehr spärlich vorhandenes Futter.

Während Jim sich nach ein paar Kloben Holz umsah, trat Charley in die Behausung, aus der er gleich darauf mit zwei Flaschen zurückkam, von denen er eine dem Bruder reichte. Dann machten sich beide auf den Weg. Ueber Felsgeröll, zwischen Gestrüpp und vereinzelten Haufen trockenen, gelben Präriegrases, dessen lange Halme im kalten Morgenwinde rauschten, gingen sie weiter den Fluß hinauf bis zum Ausgange der Schlucht.

Bevor der Powder River hier zwischen den Felsen seinen Lauf bergab nahm, strömte er durch ein weites, von hohen Bergen umgebenes Tal. Durch unzählige Biberdämme wurde der Fluß dort in viele Arme geteilt und bekam so mehr das Aussehen eines Sees, aus dem die einzelnen Stücke Land, mit Buschwerk und Schilf bewachsen, kleinen Inseln gleich hervorschauten.

Bei dieser Biberstadt hatten sich die beiden Trapper Jim und Charley bereits im Herbst niedergelassen. Jetzt stand das Frühjahr vor der Tür, und noch immer war der Fang so ergiebig, daß keiner von den Brüdern an einen Wechsel des Aufenthaltes dachte, wozu sie sonst gewöhnlich mehrere Male im Winter gezwungen wurden.

Charley betrat gleich am Ausgange der Schlucht das Wasser, das hier und da mit einer dicken Eiskruste bedeckt war, und watete langsam darin entlang. Jim ging noch weiter den Fluß hinauf.

Schon in der ersten Falle saß, mit den Hinterfüßen gefangen, ein großer Biber. Wütend fletschte er die Zähne, als der Trapper ihm näher kam und mit dem Kloben Holz zum Schlage ausholte. Auf die Nase getroffen, war das Tier sofort tot. Charley packte es und warf es samt der Falle an das Ufer.

»Nummer eins!« rief er vergnügt, während er die Beine des Bibers aus dem Schlage entfernte. Vorsichtig spannte er die Falle von neuem auf und senkte sie nahe dem Ufer in das Wasser. Rund um sie steckte er eine Anzahl kleiner Stäbchen, so daß deren Enden sich etwa eine Handlänge unter der Oberfläche des Wassers befanden. In die Flasche tauchte er dann einen Stab und steckte diesen am Ufer vor der Falle in das Erdreich.

Bevor Charley sich zu dem nächsten Schlage begab, betrachtete er einen Augenblick sein Werk mit Wohlgefallen. Er hatte diese Fangart selbst erfunden und war nicht wenig stolz darauf, da sie sich sehr gut bewährte.

Von dem starkriechenden Bibermoschus auf dem Stabe am Ufer angelockt, nähert sich der Biber schwimmend. Plötzlich fühlt er die um den Schlag gesteckten Stäbchen. Er meint, Grund unter sich zu haben, und senkt die Beine nach unten auf den Teller der Falle. Diese schlägt bei der Berührung zu, und der Biber ist gefangen.

Das Fortschreiten auf dem unebenen Boden des Flusses war recht mühsam. Oft reichte das Wasser dem Trapper bis über die Knie. Besonders vor den von den Bibern aus Holzstücken und Gestrüpp aufgebauten Dämmen war es sehr tief. Die Kälte des Wassers ließ sich an den dichten Dunstwolken erkennen, die von den nackten, muskulösen Armen Charleys aufstiegen, an denen dieser die Aermel hoch emporgestreift hatte.

Doch der Fang war ergiebig, und zufrieden sang der Trapper, an seine beschwerliche Arbeit gewöhnt, ein lustiges Lied. Jim folgte in der Ferne seinem Beispiel.

Neun Biber lagen bald getötet auf dem Lande beieinander, und schmunzelnd machte sich Charley daran, den Tieren das Fell abzustreifen.

Nach einiger Zeit kam auch Jim mit fünf Fellen herbei, und nachdem die Brüder von den Körpern der Biber einige fette Schwänze abgetrennt hatten, die sie trotz des Trangehaltes als besondere Leckerbissen ansahen, warfen sie die Tiere abseits vom Fluß auf einen Haufen und wanderten wohlgemut nach ihrer Hütte zurück.

Sie waren noch nicht weit gegangen, als Charley mit den wunderbarsten Grimassen von einem Bein auf das andere zu hüpfen begann. Dabei stieß er bisweilen einen leisen Pfiff durch die Zähne.

»Du tanzt ja heute wieder wie ein Waschbär«, sagte Jim, der den seltsamen Sprüngen seines Bruders eine Weile lächelnd zugeschaut hatte.

»Die Füße! Die Füße!« versetzte Charley mit kläglicher Miene. »Seitdem sie mir vor drei Monaten erfroren sind, verursachen sie mir Höllenqualen, sobald sie kalt werden.«

»Du kannst noch von Glück sagen, daß du sie nicht ganz verloren hast,« tröstete Jim. »Rieb ich sie dir nur eine halbe Stunde später mit Schnee ein, hättest du keine Stiefel mehr nötig gehabt.«

Charley blickte sinnend vor sich hin, dann meinte er: »Ich glaube, in meinem Leben bin ich nicht so sehr erschrocken wie an jenem Morgen, als die Dinger auf einmal weiß wie Kreide vor mir lagen, nachdem du sie von den Stiefeln befreit hattest. Hauptsächlich der eine Fuß schimmerte so unangenehm gelblich. Wir hatten damals aber auch eine Kälte, daß selbst die Biber den Fluß nicht mehr von Eis freihalten konnten.«

Mittlerweile waren die Brüder bei ihrer Behausung angekommen. Dort lagen starke Reifen bereit, in die sie die Felle ausspannten, um sie nachher zum Trocknen aufzuhängen.

Noch waren sie emsig damit beschäftigt, als plötzlich das Geräusch von aufschlagenden Pferdehufen hörbar wurde. Hastig griffen beide Trapper an den Revolver.

»Sind es die Rothäute, jage ich sie zum Teufel,« brummte Jim. »Bei ihrem letzten Besuch haben sie hübsch unter unseren Vorräten aufgeräumt, und zum Tauschen hatten sie nichts mitgebracht.«

Ein lauter Pfiff tönte jetzt durch die Luft, vom Echo der Berge vielfach wiederholt.

»Es ist Bill mit seiner Bande,« sagte Charley ruhig und nahm seine Arbeit wieder zur Hand.

Gleich darauf erschienen sechs Männer auf schnaubenden Pferden. In ihrer Mitte ritt ein Knabe von sechzehn Jahren.

Es waren verwegen aussehende, bärtige Gestalten mit breitrandigen, grauen und schwarzen Hüten, denen eine lange Feder als Schmuck diente. Beinahe alle trugen wie die Trapper ein Lederhemd mit den langen Fransen an den Aermeln. Quer auf dem Sattel lag vor jedem eine kurze Büchse. Den Oberkörper des Knaben umhüllte eine dicke Wolljacke. Sein blondlockiges Haupt war unbedeckt.

»Halloo, old boys (Halloh, alte Jungens)!« rief der erste Reiter, ein schlankgewachsener Mann mit schwarzem, auf die breiten Schultern herabhängendem Haar und mächtigem Schnurrbart, indem er dicht vor den Trappern sein Pferd anhielt. »Habt wohl nicht vermutet, daß ich so bald schon wieder bei euch einkehren würde? Und nun bringe ich euch gar Besuch.« Er zeigte auf den Knaben, der schüchtern seine großen, blauen Augen zu den Brüdern aufschlug. – »Den Jungen müßt ihr bei euch aufnehmen. Ich kann ihn auf meinem nächsten Streifzug nicht gebrauchen, obgleich seine Anlagen nicht schlecht sind, denn wir trafen ihn, wie er als Pferdedieb an einen Baum geknüpft werden sollte.«

Der Knabe erbleichte und schaute zu Boden.

Charley erhob sich und musterte den angebotenen Gast mit scharfem Blick.

»Was sollen wir mit dem Jungen?« wehrte Jim ärgerlich ab. »Wir lassen lieber die Hände von solchem Gesindel. Nehmt ihn nur wieder mit, Bill!«

»Oho! Gesindel?« rief der Anführer, und seine Augenbrauen zogen sich finster zusammen. »Ihr rechnet mich und meine Leute doch nicht etwa auch dazu? Was der Knabe tat, tun wir ebenfalls. Ohne Pferde vermögen wir das Land nicht zu durchstreifen. Doch wir nehmen stets vom Ueberfluß. Kann mir oder meinen Leuten jemand nachweisen, daß ich einen armen Teufel je um einen Cent kränkte? Auch ich betreibe mein Handwerk ehrlich wie ihr. Ziehe ich die Grenze zwischen Mein und Dein etwas weiter, ist das eine Sache, über die unsere Ansichten vielleicht verschieden sind. Das aber sage ich euch: wollt ihr meine Freunde bleiben, behaltet den Jungen hier!«

»Wie nennt er sich?« fragte Charley.

»Bob ist mein Name,« erwiderte der Knabe zaghaft anstatt des Führers. »Nehmt mich bei euch auf! Gern will ich arbeiten, soweit meine Kräfte ausreichen, und euch in allem behilflich sein.«

»Von selbst geht der schlaue Biber nicht in die Falle. Unser Handwerk muß man kennen,« brummte Jim.

»Habt Ihr es nicht auch einst erlernen müssen?« fragte der Knabe und schaute mit flehendem Blick auf den Trapper. »An Ausdauer soll es mir nicht fehlen, auch werde ich keine Mühe scheuen.«

Die Antwort gefiel Charley augenscheinlich. Er wollte reden, doch Bill kam ihm zuvor.

»Junge, steige ab und reiche den beiden Männern die Hand! Du bleibst hier! Ich will es, und das genügt!« rief der Anführer und rückte ungeduldig auf seinem Sattel hin und her. »Macht doch nicht so viel Umstände, boys!« wandte er sich an die Brüder. »Taugt er nichts, jagt ihn zum Teufel, aber nach Westen, nicht nach Osten! Sonst fassen sie ihn vielleicht noch einmal beim Rockkragen. Wenn ich die Post anhalte und sämtlichen Passagieren ihr überflüssiges Geld abnehme, brauche ich nicht so viel Zeit, als wenn ich mit euch zu verhandeln habe. Ich wiederhole es: der Knabe bleibt hier bei euch! Jetzt macht mit ihm, was ihr wollt! Mir fehlt die Zeit, mich hier noch länger aufzuhalten.« Kurz wandte er sein Pferd. »Auf Wiedersehen, boys!« Und so rasch es der steinige Boden erlaubte, ritt er mit seinen Begleitern auf dem Wege zurück, den er gekommen war.

Scheu blickte Bob den Reitern nach. Als sie verschwunden waren, atmete er erleichtert auf.

»Wollt ihr mich bei euch behalten?« fragte er dann schüchtern.

Jim schwieg trotzig und nahm seine Arbeit wieder auf.

»Vorläufig magst du absteigen und bleiben,« sagte Charley freundlich. »Das weitere wird sich finden.«

Erfreut sprang der Knabe aus dem Sattel. Er erfaßte die Hand des Trappers, und mit Tränen in den Augen sprach er: »Zürnt mir nicht, daß die Leute mich zu euch brachten! Da es aber geschehen ist, jagt mich nicht wieder fort! Treu und ehrlich will ich euch dienen und bemüht sein, euch stets meinen Dank zu beweisen.«

»Ehrlich?« meinte Jim spöttisch. »Den Gaul hat dir wohl gar der frühere Eigentümer geschenkt?«

»Sattle dein Pferd ab und binde das Tier dort bei den unseren fest!« sagte Charley rasch, bevor Bob etwas erwidern konnte. »Dann komm zu mir! Ich will sehen, ob deine Finger nicht gar zu ungeschickt sind.« Der Trapper ließ sich bei seinem Bruder nieder und nahm von neuem Fell und Reifen zur Hand.

»Hast du etwa die Absicht, den Knaben zu behalten?« fragte Jim, als Bob sich mit dem Gaule entfernt hatte.

»Mir tut der Junge leid,« entgegnete Charley ausweichend. »Wer kann wissen, welch kummervolle Vergangenheit hinter ihm liegt. Er hat ein freies, offenes Auge und macht den Eindruck eines Verbrechers gewiß nicht. Wir sollten es wenigstens mit ihm versuchen. Damit wirst du doch einverstanden sein?«

Der Bruder antwortete nicht. Er summte leise eine Melodie vor sich hin, was er gewöhnlich zu tun pflegte, wenn er recht ärgerlich war.

Als Bob gleich darauf zurückkam, unterrichtete Charley ihn im Ausspannen der Felle und wies ihn darauf hin, daß die Hauptkunst dabei darin bestände, die Haut soviel wie möglich auszudehnen, da das Fell nach dessen Größe bezahlt werde.

Aufmerksam horchte der Knabe auf alles, was ihm gesagt wurde. Dann begann er selbst einen Versuch zu machen. Und mit Vergnügen sah sein Lehrmeister, daß er einen gelehrigen Schüler vor sich hatte.

Bald waren alle Felle in die Reifen gespannt und zum Trocknen an die Hütte und die danebenstehenden Bäume aufgehängt. Die Trapper gingen nun mit ihrem Gast zu dem erlegten Hirsche, der an Ort und Stelle ausgeweidet und dann in die Nähe der Hütte gebracht wurde. Dort zog man ihn mit einem Strick an einem Baum so hoch, daß die Wölfe auch im Sprunge die ihnen sonst so willkommene Beute nicht erreichen konnten.

Auch bei dieser Beschäftigung zeigte Bob in jeder Weise seinen guten Willen, und da es mittlerweile Mittag geworden war, und die Trapper alles Nötige für die Bereitung des Mahles herbeischafften, bat der Knabe sie, ihnen diese Arbeit abnehmen zu dürfen.

Lächelnd gab Charley seine Einwilligung.

Jim stopfte sich eine kleine Pfeife und setzte sich in einiger Entfernung auf einen Baumstumpf, von wo er dem jugendlichen Koch mit spöttischen Blicken zusah, indem er dichte Rauchwolken vor sich hinblies.

Behend sprang Bob mit einem Eimer zum Flußufer und holte Wasser. Dann zündete er ein Feuer an und stellte einen Kessel darauf, den er vorher mit Speck ausgerieben hatte. In ein Blechgefäß schüttete er Mehl, etwas Backpulver und Salz. Das rührte er mit Wasser zu einem Teig, den er in den Kessel tat. Diesen bedeckte er mit einem eisernen Deckel, auf den er glühende Kohlen legte. Von dem Hirsch hatte man vorher ein großes Stück Fleisch geschnitten. Der Knabe zerlegte es in mehrere Teile und warf sie, mit Salz bestrichen, in eine Pfanne mit kleingehacktem Speck, die er vorher auf das Feuer gestellt hatte. Behutsam wandte er die Fleischstücke von einer Seite zur anderen.

»Das Kochen und Braten kennst du, wie ich sehe,« meinte Charley schmunzelnd, der den geschickten Bewegungen des Knaben mit Aufmerksamkeit folgte.

Bob war sichtlich erfreut über die Anerkennung, die ihm zuteil wurde.

»Das Erlernen der Kochkunst wurde mir nicht schwer, weil es mir Vergnügen machte,« erwiderte er lächelnd. »Eine große Kenntnis gehört ja auch nicht dazu, da hier in den Bergen die Gerichte mehr oder weniger doch stets dieselben bleiben. Hat man lange genug gebratenes Fleisch gegessen, so ißt man es zur Abwechslung gekocht.«

»Da hast du wohl recht. Für den Koch ist der Unterschied nicht groß. Aber in dem Fleisch selber besitzen wir eine hinreichende Auswahl. Wir haben hier Antilopen, Bären, Büffel, Rehe, Hirsche, Bergschafe, soviel wir wollen, um uns von den erlegten Tieren immer nur die schmackhaftesten Stücke nehmen zu können. Dazu kommt von Zeit zu Zeit ein fetter Biberschwanz, der gewiß nicht zu verachten ist. Ich sollte denken, das sei eine reiche Speisekarte für den Winter. Im Frühjahr, wenn wir von hier aufbrechen und in die tiefer gelegenen Gegenden ziehen, gibt es dann auf den Prärien die großen Hasen, Puter, Hühner, Präriehunde und allerlei Hochwild.«

Des Knaben Augen glänzten. Er dachte an die Jagd auf alle diese Tiere.

Jim erhob sich jetzt von seinem Sitze und ging zu den Pferden. Er band seinen und des Bruders Gaul los und führte die beiden Tiere zum Trinken an den Fluß.

Charley wußte, daß Jim das Pferd des Knaben absichtlich zurückließ, um diesem zu zeigen, daß er für ihn nicht vorhanden sei. Auch Bob erkannte die Absicht des Trappers, und sein soeben noch frohes Lächeln verschwand aus seinem Gesichte. Selbst als Charley den Gaul nahm und ihn zum Fluß brachte, wollte die zufriedene Miene nicht wieder zurückkehren.

Nach einer Weile war das Mahl hergerichtet. Der Knabe hatte sich überzeugt, daß auch sein Brot ausgebacken war, da an dem Holzspan, den er hineinstieß, der Teig nicht mehr haften blieb.

Die Brüder setzten sich an das Feuer und begannen zu essen. Bob mußte von Charley wiederholt aufgefordert werden, bis er sich ebenfalls auf seinen Blechteller etwas Fleisch legte und von dem Brote ein Stück abbrach.

»Hast deine Sache gut gemacht, mein Junge,« sagte Charley, als alle gesättigt waren, und klopfte dem Knaben vertraulich auf die Schulter. Langsam folgte er Jim in die Hütte.

Während die Brüder sich der Ruhe hingaben, machte der Knabe Wasser heiß und reinigte das gebrauchte Kochgerät. Dann nahm er die große Axt und spaltete Holz. Dabei dachte er mit Kummer daran, daß der eine Trapper ihm so wenig geneigt war. »Wie gern bliebe ich hier,« seufzte er. Aber durfte er hoffen, diesen Wunsch erfüllt zu sehen, wenn Jim seine Ansichten nicht änderte? Er nahm sich vor, nachher doppelt aufmerksam gegen ihn zu sein. Vielleicht vermochte er ihn zu überzeugen, daß er es wirklich ehrlich meinte und gern tun wollte, was nur in seinen Kräften stand. Mit diesen Gedanken versuchte er sich zu trösten und arbeitete rüstig weiter.

Nach etwa einer Stunde hörte er die Brüder in der Hütte laut miteinander sprechen. Dann öffnete sich die kleine, aus Baumrinde verfertigte Tür, und Jim kam zum Vorschein.

Er trat auf den Knaben zu und fragte barsch: »Wie lange treibst du dich bereits hier im Lande umher?«

»Es mögen fünf Monate sein,« antwortete Bob freundlich.

»Hinreichend Zeit, um aus einem gesitteten Menschen ein Vagabund zu werden.«

Der Knabe errötete bis an die Schläfen, schaute aber mit seinen großen, blauen Augen frei zu dem Trapper auf, und sagte fest: »Ich habe ein ruhiges Gewissen. Ich tat nichts, was einem Menschen das Recht gäbe, mich einen Vagabunden zu schelten.«

Der offene Blick und die freie Rede des Knaben machten Jim verlegen. Er beschäftigte sich mit seiner Pfeife, ohne etwas zu erwidern.

»Ihr seid nicht damit einverstanden, daß ich bleibe,« fuhr Bob dringender fort. »Ich habe Euch doch nichts zuleide getan. Stoßt mich nicht noch einmal in die Wildnis hinaus! Nehmt mich gnädig auf! Mein ganzes Leben lang will ich Euch dafür dankbar sein!«

Jim wandte sich ab. »Es will mir nicht in den Sinn,« brummte er.

»Weil du ein Starrkopf bist,« rief Charley unwillig, welcher jetzt hinzutrat.

Der Bruder schwieg, doch summte er als Zeichen seines Aergers wieder eine Melodie vor sich hin. Dann zündete er seine Pfeife an, ging nach der Hütte, nahm dort die Flasche mit dem Bibermoschus nebst einem Kloben Holz und wanderte nach dem aufwärts am Fluß gelegenen Ausgange der Schlucht.

Einen Augenblick sah ihm Charley kopfschüttelnd nach, dann holte auch er sich Flasche und Holzkloben, und zu dem Knaben gewandt sagte er freundlich: »Komm mit mir, mein Junge! Ich will dir zeigen, wie einer der ältesten Trapper in den Bighorn Mountains seine Fallen stellt.«

Hierbei zeigte Bob abermals, daß er geschickte Hände besaß. Charley bemerkte das bald. Er ließ sich keine Mühe verdrießen, seinem Schützling alles ausführlich zu erklären, der ihm auch gespannt zuhörte. Ein großes Vergnügen hatte Charley an der Freude des Knaben, die dieser laut äußerte, als in einer Falle an einem Ufervorsprunge ein gefangener Biber zappelte. Bob ließ das Tier, nachdem man es getötet hatte, nicht mehr aus der Hand, bis alle Schläge besichtigt und in Ordnung gebracht waren. Dann unterwies ihn Charley, wie dem Biber regelrecht das Fell abzuziehen sei, und beantwortete gleichzeitig die vielen Fragen, die ihm der Knabe wißbegierig stellte.

Mehrere Stunden vergingen, bevor die beiden wieder nach der Hütte kamen. Jim war schon dort. Er saß auf dem Baumstumpf und rauchte.

Bob holte einen Reifen herbei und spannte das Fell des gefangenen Bibers aus.

Als dies geschehen war, nickte sein Lehrmeister zufrieden mit dem Kopfe. Ihm war in Gegenwart des Bruders die Lust zum Sprechen vergangen, doch führte er jetzt einen Vorsatz aus, den er während des ganzen Nachmittags mit sich herumgetragen hatte. Er schenkte dem Knaben einen alten, abgelegten Hut, der für dessen Haupt wohl etwas reichlich groß war, aber dennoch immerhin seinen Zweck erfüllte.

Dankbar nahm Bob die Gabe in Empfang. Ihn freute beides: Geschenk und guter Wille, und mit froher Miene beschäftigte er sich wieder damit, Holz zu spalten.

So kam der Abend heran.

Der Knabe bereitete wie am Mittag das einfache Mahl. Schweigend wurde dasselbe von den dreien verzehrt. Dann reinigte Bob die Kochgeräte und brachte alles in die Hütte.

In der Nähe derselben zündete Charley ein Feuer an. Die Sonne war schon vor einer Weile hinter den hohen, westlichen Bergen verschwunden. Wieder leuchteten die schneebedeckten Kuppen in purpurner Glut, während es in der Schlucht bereits stark dunkelte.

Der Knabe führte die drei Pferde zum Fluß, und nachdem sie sich satt getrunken hatten, band er sie von neuem an einer anderen Stelle fest, wo sie für die Nacht genügend Futter finden konnten.

Jim war unterdessen an das Feuer getreten. Charley hoffte, daß der Bruder jetzt reden würde. Doch dieser rollte einen Holzblock herbei und ließ sich abermals stumm darauf nieder.

Nun aber riß Charley die Geduld, und zornig sagte er: »Schäme dich, Jim! Das habe ich nicht von dir erwartet. Nicht wie ein Mann, wie ein eigensinniges Kind handelst du. Anstatt dich zu überzeugen, daß der Junge tauglich ist und uns sogar von Nutzen sein kann, gehst du ihm aus dem Wege. Ich aber habe ihn geprüft und gefunden, daß wir eine Sünde an uns und an ihm begehen, wenn wir ihn wieder fortschicken. Ich wünsche daher, daß er bei uns bleibt. Jetzt kennst du meine Meinung, und ich will hoffen, daß die deinige ähnlich lautet.« Auch Charley nahm einen Holzblock und setzte sich darauf.

»Meine Meinung ist, daß wir die Katze lieber nicht im Sack kaufen,« erwiderte Jim nach einer kurzen Pause doch etwas kleinlaut. »Wir sind bis heute ehrliche Leute geblieben, weil wir mit keinem Gesindel Freundschaft geschlossen haben. Der Hehler ist so gut wie der Stehler, heißt es. Daran dachten wir bisher. Wer weiß, was der Junge außer dem Pferdediebstahl verbrochen hat. Seit fünf Monaten treibt er sich hier im Lande umher, wie er mir sagte, da wird es ihm vorher anderweitig doch wohl nicht mehr geheuer gewesen sein.«

»Es ist gut, daß du da bist,« wandte sich Charley hastig an den Knaben, der soeben von den Pferden zurückkam. »Es ist nicht Brauch hier im Lande, daß man jemanden nach seiner Vergangenheit fragt. Mich verlangt es auch wenig danach, zu wissen, woher du stammst, was dich zum Pferdestehlen und dann zu den Wegelagerern brachte. Aber mein Bruder wünscht genaue Auskunft darüber, bevor er sich bereit erklärt, dich hier bei uns aufzunehmen. Ich bitte dich daher, erzähle uns offen und ehrlich dein vergangenes Leben! Verhehle uns nichts, auch wenn du etwas begangen hast, was das Licht scheut! Willst du das tun, mein Junge?«

Bob war sichtlich verlegen geworden. Unschlüssig rückte er den Hut von einer Seite zur andern. Endlich sagte er: »Das ist eine lange Geschichte.«

»Das schadet nicht,« drängte Charley. »Bis zum Schlafengehen dauert es doch noch eine Weile. Nimm hier Platz bei uns und. sprich es dir vom Herzen herunter, als erzähltest du es dir selbst!«

Noch eilten Augenblick zögerte der Knabe. Dann holte er tief Atem, und fest sagte er: »Gut! Es sei! Ich will euch alles berichten, wie es gewesen ist.«

Zweites Kapitel. Bobs Flucht

Bob ließ sich ebenfalls auf einen Holzblock nieder. Nach kurzem Nachdenken begann er zu reden, zuerst nur zaghaft, aber seine Stimme wurde nach und nach fester.

»Mein Vater bekleidet einen kleinen Beamtenposten in Omaha. Unzufrieden mit seiner Tätigkeit ergab er sich bisweilen dem Trunke, und in seinem berauschten Zustande schlug und schalt er mich unbarmherzig und ohne Grund, so daß mir mein Dasein von Tag zu Tag unerträglicher wurde.«

»Was sagte die Mutter dazu?« fragte Charley.

»Eine Mutter habe ich nie gekannt,« entgegnete Bob wehmütig. »Mein Vater hielt eine Haushälterin. Von ihr hatte ich ebenfalls viel zu leiden. Doch das hätte ich schließlich wohl noch alles ertragen. Ich hoffte, meine Vaterstadt nach Beendigung der Schuljahre verlassen und auf einer Farm arbeiten zu dürfen. Das war seit früher Jugendzeit mein sehnlicher Wunsch. Das Leben in der freien Natur lockte mich, und ich benutzte jede freie Stunde, an die Ufer des gewaltigen Missouri oder vor die Stadt in den Wald hinauszulaufen. Dort vergaß ich bei all den Herrlichkeiten um mich her immer wieder meinen Kummer. So kam das Ende der Schulzeit heran. Da eröffnete mir mein Vater eines Abends, als er wieder berauscht heimkehrte, daß er eine Stelle für mich als Schreiber in seinem Bureau ausgewirkt habe; nach und nach könne ich dann dasselbe werden wie er, habe er doch ebenfalls klein, angefangen. Die Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag. Mein Vater kannte meine Wünsche. Noch einmal trug ich sie ihm vor. Ich bat und flehte. Alles war vergeblich. Er wollte nichts davon wissen und meinte, ich müsse gleich etwas verdienen; das wenige Geld, das er bekäme, reiche schon lange nicht mehr aus, mich zu unterhalten. Auch sagte er, er ärgere sich schon, längst, auf den Vertrag eingegangen zu sein, was ich freilich nicht verstand. Die Haushälterin kam hinzu und unterstützte ihn noch in seiner Ansicht. Er schrie sich in eine regelrechte Raserei hinein, schlug und stieß mich zuletzt und brüllte unaufhörlich: »Du wirst Schreiber! Du wirst Schreiber!«

Dieses Wort lag mir wie Zentnerlast auf dem Herzen, als ich mich endlich allein in meinem Dachkämmerchen befand. Daß mir der Beruf, der meinen Vater mit Widerwillen erfüllte, auf keinen Fall ebenfalls das Leben verbittern sollte, stand bei mir fest. Ich lag während der ganzen Nacht wach und sann über einen Ausweg nach. Auch am folgenden Tage beschäftigte mich immer nur dieser eine Gedanke. Abends stand ich am hohen Missouri-Ufer und schaute den Passagieren zu, die in großen Booten von Council Bluffs über den breiten Strom nach Omaha gefahren wurden, und nun von hier mit der Bahn weiter nach dem schönen Westen wollten, von dem ich so viel gehört hatte. Wie herrlich mußte es dort sein und wie beneidete ich die Leute, die ungehindert dorthin reisen durften, während ich zu Hause bleiben und Schreiber werden sollte! Als ich nachts in meinem Bette lag und jämmerlich über die Schläge weinte, die mir der Vater unter wunderlichen Reden abends abermals verabreicht hatte, schoß mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß es bei der grundlosen, grausamen Behandlung keine Sünde sein könne, wenn ich auf und davon liefe. War es nicht der einzige Ausweg, den ständigen Quälereien zu entgehen? Auf einmal stand mein Entschluß fest. Ich wollte nicht länger in dem Hause bleiben, wo ich wie ein Sklave behandelt wurde. Fort wollte ich, hinaus in die Freiheit, auch nach dem fernen, schönen Westen.«

»Das hätte ich ebenfalls getan!« schaltete Charley lebhaft ein. Und auch Jim nickte zustimmend mit dem Kopfe.

»Am nächsten Tage versäumte ich die Schule und lief an der Bahnstation umher, um eine kostenlose Reisegelegenheit auszukundschaften, denn ich besaß ja kein Geld. Mir erschien nur eins ausführbar.

Abends packte ich heimlich einige Sachen und etwas Mundvorrat in eine kleine Tasche. Dann verließ ich das Haus, in dem ich nur böse Stunden kennen gelernt hatte. Der Gedanke, meinen Vater nun vielleicht niemals wiederzusehen, ließ mich vollständig kalt, hatte ich den Mann doch niemals lieb gehabt. An der nur mäßig erleuchteten Station, von der der Zug erst später abfuhr, schlich ich zwischen den einzelnen Wagen umher. Ich fand einen beinahe gefüllten Gepäckwagen, dessen Tür nicht verschlossen war. Vorsichtig kroch ich hinein und versteckte mich hinter den Kisten und Koffern. Eine bange, Stunde verging; sie kam mir wie eine Ewigkeit vor.

Furchtbar waren die Minuten, als man den Wagen an den Zug schob und seine Tür vollends öffnete, um noch verschiedenes Gepäck einzuladen. Ich dachte, das Herz zerspränge mir vor Angst, so heftig pochte es. Doch ich blieb unentdeckt. Die Tür wurde geschlossen, ich hörte die Worte des Führers: »All aboard!«, und erleichtert aufatmend bemerkte ich, wie sich der Zug in Bewegung setzte. Nun saß ich eine Nacht und einen Tag still hinter meinen Kisten und Koffern. Bisweilen wurde der Wagen geöffnet, doch immer nur einen kurzen Augenblick. Dann ging es weiter und immer weiter, und mit unendlicher Freude malte ich mir aus, wie die Entfernung von meiner Vaterstadt mit jeder Minute größer wurde. Meine Vorräte waren bald verzehrt, und da mich Hunger und Durst immer stärker quälten, sah ich ein, daß ich meinen Aufenthalt verlassen mußte. Von Station zu Station wartete ich auf eine Gelegenheit. Doch es mußte wohl niemand sein Gepäck verlangen, denn der Wagen wurde nicht wieder geöffnet. Durch ein kleines Fenster bemerkte ich, daß es Abend wurde. Meine Lage erschien mir immer verzweifelter. Hunger hatte ich bisher noch nicht gekannt. Ich glaubte, schon in wenigen Stunden unterliegen zu müssen. Zunge und Hals brannten mir wie Feuer. Beinahe bereute ich, daß ich fortgelaufen war.

Da endlich nahte die Erlösung. Wieder hielt der Zug. Knarrend öffnete sich die Tür. Ein großer Koffer wurde aus dem Raum entfernt. Ich sah, wie ihn zwei Männer forttrugen. Rasch kletterte ich über die Kisten und Kasten hinweg und sprang aus meinem Gefängnis an die frische Luft. Taumelnd stürzte ich zu Boden, denn meine Glieder waren kraftlos und steif geworden. Die Angst trieb mich wieder empor. An der anderen Seite des Bahngleises versteckte ich mich in einen Busch. Dort saß ich, bis der Zug abfuhr und gleich darauf im nächtlichen Dunkel verschwand. Jetzt erst wagte ich mich hervor. Ein zweistöckiges, hölzernes Gebäude mit vielen erhellten Fenstern, daneben ein paar kleinere Hütten, das war alles, was ich erblickte. Behutsam schlich ich mich näher. Kaum vermochte ich einen Fuß vor den anderen zu setzen. Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen. Trocken klebte mir die geschwollene Zunge am Gaumen. Ich kam bis hinter das Gebäude und fand eine geöffnete Tür. Sie führte in eine Küche, aus der mir der Geruch von gebratenem Fleisch entgegenströmte. Eine innere Gewalt trieb mich hinein. Dort sah ich einen Krug mit Wasser und streckte gierig die Hände nach ihm aus. Da vernahm ich hinter mir ein Geräusch. Schreck, Angst, Hunger, Durst, alles mochte dazu beitragen, daß es mir plötzlich schwarz vor den Augen wurde. Meine Beine hielten mich nicht mehr. Ich sank zu Boden.

Als ich meine Augen wieder aufschlug, sah ich eine alte Negerin über mich gebeugt, die mir mitleidig Wasser einflößte und mir die Schläfen rieb. – »Mich hungert! Gebt mir zu essen!« stammelte ich. Rasch eilte sie zum Herde und wenige Minuten nachher saß ich vor einem Tisch und verschlang hastig die Bissen, die mir die Alte reichte. Nach und nach fühlte ich mich kräftiger, und nun erst konnte ich meinen Dank für die erhaltene Wohltat aussprechen.

»Hier könnt Ihr auf die Dauer nicht bleiben, aber eine Nacht will ich Euch gern auf meinem Zimmer unterbringen«, sagte die Negerin, nachdem ich ihr in kurzen Worten mitgeteilt hatte, daß ich ohne Mittel mit dem Zuge gekommen sei, meine Kräfte jedoch zu erschöpft wären, um zu Fuß weiter zu wandern. Ich erfuhr, daß ich mich in einem nur aus wenigen Häusern bestehenden Orte, Rock Creek, befände. Das große Gebäude sei Stationshaus und Hotel zugleich für die von hier mit der Post nach Norden fahrenden Reisenden und die im Frühjahr dort wohnenden Viehzüchter des Landes. Vorsichtig, damit mich niemand bemerke, brachte mich die Alte in ihre Dachkammer. Dort nahm ich dankend ihr Anerbieten an und legte mich in das große Bett. Gleich darauf schlief ich bereits.

Ich erwachte erst am Abend des anderen Tages wieder. Böse Träume hatten mich geängstigt, und als ich die Augen aufschlug, wunderte ich mich nicht wenig, daß mein Vater nicht da war, den ich soeben noch im höchsten Zorn vor mir gesehen hatte. Es dauerte eine geraume Zeit, bis meine Gedanken sich wieder zurechtfanden. Bald darauf kam auch die Alte. Sie holte mir Speise und Trank. Es war rührend, wie sie für mich sorgte, darum erzählte ich ihr frei und offen, wer ich sei, und was mich von Hause fortgetrieben hatte. Verwundert hörte sie mir zu. Dann rieten wir lange hin und her, was nun zu beginnen sei. Zuletzt beschlossen wir, daß ich früh am nächsten Morgen weiterwandern sollte. Trotz ihres Widerstrebens mußte sie sich in ihr Bett legen. Ich bereitete mir auf dem Boden ein Lager. Der Tag graute kaum, als mich die gute Alte weckte. Meine Tasche hatte sie mir voll Eßvorrat gepackt. Auch schenkte sie mir ein Messer und eine kleine Axt, damit ich Holz klein schlagen könnte. Beide Gegenstände schnallte sie mir an einem Riemen um den Leib. So ausgerüstet nahm ich mit vielen Dankesworten Abschied und schritt rüstig in das hügelige Land hinein, das sich hinter dem Orte bis weit nach Norden erstreckt. Die Räder der von Zeit zu Zeit fahrenden Post hatten hier und da in dem weicheren Erdreich ihre Spuren zurückgelassen. Diese verfolgte ich.

Bald lag das Haus, in dem ich eine so gastliche Aufnahme gefunden hatte, in weiter Ferne hinter mir. Rund um mich her dehnte sich eine kahle, mit gelbem Grase bedeckte, hügelige Fläche aus. Kein Baum oder Strauch war weit und breit zu sehen. Hoch über mir kreiste im blauen Aether ein großer Adler, das einzige lebende Wesen außer mir in dieser traurigen Einöde. Doch mir war gar nicht traurig zumute. Ich war ja frei, ganz frei, wie der Vogel dort oben in der Luft, und dieses wonnige Gefühl ließ mich alles andere vergessen. Ich mußte aufjubeln aus vollem, freudigen Herzen, und laut sang ich ein lustiges Lied, noch tausendmal froher als daheim im grünen Walde oder an den Ufern des rauschenden, plätschernden Missouristromes.

Es war gegen Ende Oktober. Noch waren die Tage warm. Nur in den Nächten fühlte man die Kälte. Rüstig marschierte ich vorwärts. Bisweilen sah ich einige Rehe, die in unmittelbarer Nähe vor mir ruhig stehen blieben und mich verwundert mit ihren großen Augen betrachteten. Ich hatte meine Freude daran. Als sich der Hunger bei mir einstellte, untersuchte ich meine Tasche. Die gute Alte hatte vortrefflich für mich gesorgt, und mit Behagen ließ ich mich an einem Bache nieder, den ich bald darauf kreuzte, und speiste. Dann machte ich mich von neuem auf den Weg. Am Nachmittage wurde die Gegend bedeutend hügeliger, und als im fernen Westen die Sonne unterging, erreichte ich eine längere Schlucht, durch die ein kleines Wasser über Steingeröll lustig dahinfloß. Mehrere Bäume und Büsche standen an den Ufern, und kleinere Einschnitte in die Berge boten Schutz gegen den kalten Wind, der sich seit etwa einer Stunde aufmachte. Hier beschloß ich zu übernachten. Hohes, trockenes Präriegras stand überall. Davon trug ich hinreichend auf einen Haufen zusammen. Dann schlug ich mir mit meiner Axt Holz und zündete Feuer an.

Mittlerweile war es ganz dunkel geworden. Nur die Sterne am Himmel verbreiteten so viel Licht, daß ich die Gegenstände in der Nähe erkennen konnte, Wieder hielt ich meine Mahlzeit. Dabei fühlte ich doch, daß ich recht müde geworden war. Ich streckte mich daher bald auf dem Haufen Präriegras aus, bedeckte mich mit den langen, dicken Halmen und fühlte mich glücklich und zufrieden über mein schönes Lager unter freiem Himmel.

Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht, aber plötzlich erweckte mich ein merkwürdiges Schnauben neben mir. Ohne mich aufzurichten – war ich doch noch halb im Traum –, schaute ich zur Seite. Sechs oder acht Paar funkelnde, glimmende Lichter blitzten mir entgegen. Zugleich fühlte ich, wie sich etwas Schweres auf meinen Unterkörper stellte. Ein kalter Schauer rann mir durch Mark und Bein, und mit einem Satz war ich von der Erde auf. Die Tiere, die das Ansehen von mittelgroßen Hunden hatten, flohen eilends von dannen. Damals wußte ich nicht, mit wem ich es zu tun hatte, aber bald hörte ich aus dem klagenden Geheul rund um mich her, daß es Wölfe waren. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Mein Feuer war verlöscht. Ich zündete es aufs neue an und setzte mich neben ihm nieder. Scheu blickte ich mich von Zeit zu Zeit um. Aber nichts rührte sich. Nur der Bach murmelte und rauschte.

Trotz der hell brennenden Flammen fror ich immer stärker. Um mich zu erwärmen, spaltete ich Holz. Jeder Schlag meiner Axt klang schauerlich aus der Schlucht zurück. Ich hatte das unbehagliche Gefühl, als sei ich nicht mehr allein. Nach kurzer Weile saß ich wieder beim Feuer und wärmte meine erstarrenden Glieder. Ein Stück Holz nach dem andern warf ich achtlos in die Glut, denn bald ließen mich meine Gedanken alles um mich her vergessen. Zum ersten Male dachte ich an kommende Tage. Was sollte aus mir werden, wenn ich in dem weiten, öden Lande keine Menschen antraf, bei denen ich ein Unterkommen fand? Von neuem begann der Wind scharf durch die Schlucht zu blasen. Er schüttelte die Aeste der Bäume und Büsche mit ihren verdorrten Blättern und fuhr rauschend durch die dichten, trockenen Halme des Präriegrases. Ich achtete kaum darauf. Mich beschäftigte die eine Frage viel zu sehr: was sollte aus mir werden?

Da hörte ich abermals das unheimliche Schnauben ganz in meiner Nähe. Entsetzt schaute ich mich um. Keine vier Schritte von mir entfernt stand ein großer, grauer Wolf. Den Rachen halb geöffnet, stierte er mich gierig mit seinen leuchtenden Augen an. Hastig packte ich einen brennenden Kloben Holz und schleuderte ihn mit Wucht nach dem Tiere. Ich sah, wie es einen weiten Sprung zur Seite machte, dann – – was war das? Kleine Flämmchen züngelten dort, eine neben der anderen. Sie wurden größer, immer größer. Der Wind blies und pfiff. Eine Flamme loderte knisternd auf, höher als die meines Feuers. Eine zweite, dritte folgte. Sie ergriffen, was sich in ihrer Nahe befand. Mit Blitzesschnelle wälzten sie sich vorwärts Rascher, als ich es auszusprechen vermag, brannte auf einmal vor mir die ganze Schlucht. Das prasselte, zischte, ächzte und stöhnte! Hoch zum Himmel schlug die Lohe empor. Schon erreichte sie die Anhöhen der Bergwände. Dort erfaßte sie der Sturm mit doppelter Gewalt. Brüllend jagte er sie weiter.

Ich stand wie erstarrt und schaute mit Angst und Schrecken in die verheerende Glut. Alles war so plötzlich gekommen. Hinter mir lag grausig schwarz wie vorher das Ende der Schlucht und vor mir tobte jetzt ein weites, gewaltiges Flammenmeer. Aus ihm ertönte ein Geheul von vielen Stimmen. Die Wölfe, dachte ich, und nun taten mir die Tiere doch wieder leid, die dort elendig verbrennen mußten. Ich spürte keine Kälte mehr. Eher war es mir zu heiß. Doch nach und nach wurden die Flammen kleiner und kleiner. Dann brannte nur noch hier ein Busch, dort ein Baum, und auf dem glühenden Boden hüpften nur noch vereinzelt die Flämmchen. Stiller wurde es, immer stiller. Schon hörte man wieder das Rauschen und Murmeln des Baches. Bald zeigte sich im fernen Osten ein heller Schein. Der Tag graute. Und als endlich die Sonne aufging, erkannte ich erst die grausige Verheerung, deren Urheber ich gewesen war. Die schwarze, rauchende Schlucht, über die sich der von der Sonne erglühende, purpurne Himmel wölbte, bot einen schauerlichen Anblick.«

»Wäre der Wind von der anderen Seite gekommen, dann säßest du heute wahrscheinlich nicht hier,« meinte Jim und stopfte sich die Pfeife.

»Ich machte mich wieder auf den Weg,« begann Bob von neuem. »Der Boden in der Schlucht war überall sehr heiß. Hier und da lagen glühende Kohlen umher. Bis weit in das freie, stark hügelige Land hinein hatte sich das Feuer ausgedehnt. Wohl über eine Stunde wanderte ich über schwarzen, verbrannten Grund. Dann wurde er felsig. Nur vereinzelt wuchs noch Gras darauf. Jetzt fand ich auch die Spuren der Post nicht mehr.

Nach kurzem Ueberlegen verfolgte ich aufs Geratewohl die nördliche Richtung. Immer felsiger, wilder und bergiger wurde die Gegend. Nur bisweilen noch kam ich über größere Strecken Prärie, die mir einen freien Blick nach Norden gestatteten. Dann atmete ich jedesmal erleichtert auf und schritt rüstiger vorwärts. Meine Heiterkeit und frohe Laune vom Tage vorher waren verschwunden. Nur der Gedanke weiterzukommen, beschäftigte mich noch. Alles übrige war mir gleichgültig geworden. Ich beachtete kaum die kleinen Präriehunde, die weite Grasflächen zu einer sandigen Wüste umgewandelt hatten und eigentümlich bellend auf ihren kleinen Hügeln saßen und erst bei meiner Annäherung in ihre Höhlen flüchteten. Mit Schrecken sah ich, daß meine Vorräte zu Ende gingen. Die Wölfe hatten einen großen Teil davon verzehrt. Als ich mittags einen Augenblick rastete, aß ich mich nicht mehr satt. Ich mußte sparen, wußte ich doch nicht, wie lange ich noch gezwungen war, von dem kleinen Vorrat zu leben.

Wieder wurde es Abend. Voll Angst und Sorge dachte ich an die mir bevorstehende Nacht. Als de Sonne unterging, hatte ich abermals eine wilde, felsige Gegend erreicht. Doch kein Baum oder Strauch wuchs hier, auch Präriegras fehlte. Wäre ich nicht zum Umsinken matt gewesen, so hätte ich daran denken können, während der Nacht weiterzuwandern. Von Minute zu Minute wurde es dunkler. Schon ließ sich der Weg nicht mehr erkennen, doch mechanisch stolperte ich vorwärts. Meine Kräfte erlahmten immer mehr und mehr. Endlich blieb ich erschöpft stehen, und blickte trostlos in die Finsternis. Da sah ich auf einmal vor mir ein Licht schimmern. Die Hoffnung verlieh mir neue›n Mut, und so rasch meine Beine mich trugen, eilte ich weiter. Eine kleine Blockhütte stand unweit eines mächtigen Felsens. Durch ein winziges Fenster leuchtete rötlicher Schein in die schwarze Nacht hinaus. Ich öffnete die Tür und trat ein. Eine drückende, dunstige Luft quoll mir entgegen. Zugleich hörte ich einige Stimmen. Und als sich mein Auge an die Helle gewöhnt hatte, sah ich drei auf mich gerichtete Büchsenläufe. Ida taumelte zurück.

›Habt Erbarmen! Ich habe mich verirrt. Nehmt mich auf!‹ stotterte ich.

Die Büchsen senkten sich. Und nun erst gewahrte ich beim Scheine der in einer offenen Feuerstelle flackernden Flammen drei bärtige, wild aussehende Männer, die mich mit mißtrauischen Blicken betrachteten. Auf ihre Fragen, woher und wohin das Weges, gab ich ausweichende Antworten. Flehend bat ich um ein Nachtlager. Nach langem Hin- und Herreden wies man mir eine Ecke der Hütte an, wo ich mich hinlegen könne. Kraftlos sank ich dort nieder, schob meine Tasche unter den Kopf und streckte meine ermatteten Glieder aus, während die Männer sich vor das Feuer setzten und leise, aber eifrig miteinander sprachen. Trotz meiner Erschöpfung wollte mir der Schlaf nicht kommen. Doch ich war seelenfroh, wenigstens warm unter einem Dach zu liegen, und gedachte mit Grauen noch einmal der vergangenen Nacht.

Nach und nach redeten die Männer lauter. Sie schienen mich vergessen zu haben oder mochten denken, ich schliefe. »Die Sache ist sehr einfach«, sagte der eine »Von hier genau nach Norden liegen die Hütten keine Stunde weit. Reiten wir nun an den Red Creek, an ihm entlang zu den roten Felsen und dann östlich, so kommen wir, gedeckt von Steinblöcken und Gestrüpp, gerade auf die Hütten zu. Dreihundert Dollars hat der Belford jedenfalls im Hause.«

»Und wenn seine Leute und er sich verteidigen?« meinten die beiden anderen. »Auch besitzt er einen Hund, der uns verraten kann.«

»Für den ist gesorgt«, lachte der erste. »Er ist ein gieriges Tier. Ich kenne ihn. Wenn man ihm etwas zu fressen gibt, ist er sofort still. Ich habe bereits ein Stück Fleisch bereit gelegt, das mag des Hundes letzte Mahlzeit sein, denn statt Pfeffer und Salz sitzt eine reichliche Portion Strychnin darin.« –

»Und die Leute?«

»Pah! Die schlafen gegen Morgen wie die Ratten. Machen sie jedoch Miene, uns anzugreifen, bevor wir sie festgelegt haben, dann schießen wir dazwischen, bis keinem mehr ein Zahn weh tut.«

Wohlgefällig strich der Mann seinen blonden, starken Schnurrbart, dessen eine Spitze sich bedeutend höher kräuselte als die andere, was dem Gesichte einen ungemein verschmitzten Ausdruck gab, und lachend fügte er hinzu: »Außerdem, müßt ihr bedenken, daß sie ihren Freund Harm Jans in Fort Custer hinter Schloß und Riegel vermuten, aber nicht hier in ihrer von ihnen selbst erbauten Blockhütte.«

»Was? Der war es?« riefen Charley und Jim wie aus einem Munde. Gespannt horchten sie auf.

Der Knabe erzählte weiter: »Ich preßte die Hände auf das pochende Herz und glaubte, die lauten Schläge müßten den Männern verraten, daß ich ihren schrecklichen Plan gehört hatte. Jetzt schauten sie sich auch nach mir um.

»Der schläft«, beruhigte Harm Jans die anderen beiden. »Er war schlapper wie ein abgehetztes Pferd, als er kam. Ihr fürchtet euch am Ende gar vor dem Jungen? Wenn er sich rührt, schneide ich ihm die Kehle ab.« Der kalte Angstschweiß trat mir bei diesen Worten auf die Stirn. »Also abgemacht!« rief der Anführer laut. »Euer Wohl, boys!« Er holte eine Flasche hervor und tat einen langen Zug, Dann reichte er sie auch seinen Freunden. Bis zu mir her strömte der Geruch von Whisky.

Die folgenden Stunden deuchten mir eine Ewigkeit. Halb wachend, halb schlafend verbrachte ich sie. Harm Jans blieb am Feuer. Er rauchte und trank weiter. Seine Kumpane rollten sich in ihre Decken. Und bald verkündete mir lautes Schnarchen, daß sie fest schliefen. Ich brauchte nicht lange darüber nachzudenken, was ich zu tun hatte. Belford, wie der Anführer ihn nannte, mußte gewarnt werden. Endlich weckte Harm Jans seine Leute. Behutsam trat er an meine Seite und beugte sich über mich. Ich atmete in langen Zügen trotz meiner Todesangst, und es gelang mir, ihn zu täuschen. »Der schläft bis morgen Mittag«, sagte er zu den Männern, und leise verließen die drei mit ihren Büchsen die Hütte. Ich hörte, wie draußen die Pferde gesattelt wurden, und nach kurzer Weile vernahm ich an den immer entfernter klingenden Hufschlägen auf dem harten Boden, daß die Räuber abritten.

Rasch sprang ich auf. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich hing meine Tasche um, schnallte den Riemen mit Axt und Messer um den Leib und stürzte zur Hütte hinaus. Der Polarstern leuchtete hell vom klaren Himmel. Dorthin also mußte ich meinen Weg verfolgen Und nun begann ich zu laufen, wie ich wohl noch niemals in meinem Leben gelaufen bin. Der Boden war nur wenig hügelig. Vorwärts ging es bergauf, bergab. Nur kurze Zeit gönnte ich mir zum Verschnaufen. Dann lief ich wieder. Die Angst, daß ich zu spät kommen könnte, trieb mich immer von neuem weiter. Wie lange ich lief? Ich weiß es nicht. Unaufhörlich blickte ich nach dem Stern, um die Richtung nicht zu verlieren. Jetzt dehnte sich eine weite Fläche vor mir aus. Dahinter bemerkte ich schwarze, sich hoch auftürmende Berge. Ich kam näher und näher. War das nicht Hundegebell? Keuchend blieb ich stehen und lauschte. Ich hatte mich nicht getäuscht. Schon flog ich aufs neue über die Prärie. Plötzlich sprang ein großer Hund an mir auf. Ich griff in die Tasche und holte den letzten Rest der Lebensmittel hervor, den ich besaß. Gierig nahm das Tier die Speise. Ich rannte weiter. Mehrere Hütten tauchten aus dem Dunkel hervor. Auf die größte lief ich zu, riß meine Axt aus dem Gürtel und schlug damit gegen die Tür.

In der Hütte wurden Stimmen laut. »Wer ist da? Was wollt ihr?« hörte ich rufen.

»Macht auf! Ich komme, um euch zu warnen. Rasch! Harm Jans will euer Geld, will euch morden. Mit zwei Leuten naht er vom Red Creek, vom roten Felsen. In wenigen Minuten muß er hier sein.«

Die Tür wurde geöffnet. Ich taumelte in die Hütte. Sechs Männer umringten mich.

»Rettet den Hund! Sie wollen ihn vergiften. Ich lag bei den Mördern in der Hütte und habe alles gehört. Nehmt eure Büchsen zur Hand. Sie kommen – ich – ich – kann – nicht – mehr«, stammelte ich, und vollständig kraftlos brach ich zusammen.

Ich sah nur noch, wie die Männer hin und her liefen, wie sie die Hütte verließen. Bald darauf hörte ich wie im Traume mehrere Schüsse. Dann weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder erwachte, befand ich mich auf einem Lager in einem warmen Zimmer Durch das Fenster erblickte ich eine hell von der Sonne beschienene Winterlandschaft.«

»Es war brav von dir, mein Junge, daß du die Männer vor dem mörderischen Harm Jans rettetest,« sagte Charley herzlich, indem er dem Knaben die Hand auf die Schulter legte.

»Alle die Mühsale und Erlebnisse warfen mich auf das Krankenlager,« erzählte Bob weiter. »Beinahe acht Wochen habe ich zwischen Leben und Sterben gelegen. Aber als ich aus meiner Bewußtlosigkeit erwachte, verging ein Monat, bis meine Kräfte ganz wieder zurückkehrten. Draußen tobte unterdessen der Winter mit Schnee und grimmiger Kälte.«

Charley nickte wiederholt mit dem Kopfe. »Damals erfroren meine Füße.«

»Was wurde aus den Wegelagerern?« fragte Jim neugierig.

Der Knabe seufzte abermals. »Die Männer erzählten mir, daß sie sich in jener Nacht in eine der Nebenhütten verborgen und dort abgewartet hatten, bis Harm Jans mit seinen zwei Leuten zu Fuß herangeschlichen kam, dann seien sie plötzlich hervorgestürmt. Nach einem kurzen Kampfe wäre der Anführer getötet worden, die beiden anderen seien entflohen. Etwa fünfhundert Schritte von der Hütte entfernt zeigte man mir einen Hügel. Darunter lag Harm Jans begraben. Wohl hatte er seinen Tod verdient, aber es ist mir noch heute ein schrecklicher Gedanke, daß ich denselben eigentlich verschuldet habe.«

»Daraus brauchst du dir kein Gewissen zu machen,« rief Jim eifrig. »Ihn traf die gerechte Strafe, denn er hat mehr als einen Menschen in den Tod gejagt. Betrachte dir nur meinen Bruder genau, der vermag dir von dem Mörder ebenfalls ein Liedchen zu singen!«

Charley nahm seinen Hut vom Kopfe und zeigte auf die Narbe an der Stirn. »Eine Kugel aus der Büchse des Harm Jans ist hier entlang gelaufen. Eine Linie weiter nach hinten, und auch mit mir wäre es vorbei gewesen. Es war vor bald sieben Jahren in Cheyenne. Wir hatten unsere Felle verkauft. Das Geld in der Tasche wanderten wir vor die Stadt nach einer einsamen Hütte, wo unsere Packpferde und Fallen untergebracht waren, als sich Harm Jans uns in den Weg stellte und mit erhobener Büchse unser Geld forderte. Ich griff nach meiner Waffe am Gürtel. Da krachte ein Schuß, und getroffen stürzte ich zu Boden.«

»Ja! Aber auch ein zweiter Schuß folgte,« fuhr Jim rasch fort. »Der kam aus meinem Revolver und traf den Mörder, der eilig auf sein Pferd sprang und entfloh, leider nur am Arm. Ich bedaure, ihm damals nicht das Lebenslicht ausgeblasen zu haben. Wäre er mir nachher vor den Lauf gekommen, hätte meine Kugel zum zweiten Male ihr Ziel nicht verfehlt, darauf kannst du dich verlassen.«

»Berichte weiter, mein Junge!« drängte Charley. »Wie kamst du zu Bill und seiner Bande?«

»Bis Februar blieb ich bei Belford,« nahm Bob seine Erzählung wieder auf. »Dann mußte ich leider von den guten Leuten Abschied nehmen; denn diese zogen nach Süden, um sich dort mit anderen Ranchern zu vereinigen und dann von Norden her das frei im Lande umherlaufende Vieh zusammenzutreiben, wie es jedes Frühjahr geschieht. Die Männer hätten mich mitgenommen, aber ich besaß das Gefühl, als triebe mich etwas nach Norden. Und so wanderte ich denn eines Morgens von neuem wohlgemut dieser Richtung zu. Meine Tasche war reichlich mit Mundvorrat gefüllt. Eine Büffelpelzjacke schützte mich gegen die Kälte, die jedoch bedeutend nachgelassen hatte. Außerdem trug ich zwei warme, wollene Decken auf dem Rücken. Eins aber erfüllte mich mit besonderer Freude. An meinem Riemen saß neben Messer und Axt ein großer Revolver, den mir Herr Belford beim Abschied schenkte. Jetzt konnte ich mich doch im Falle der Not gegen die Wölfe verteidigen. Gegen Abend erreichte ich eine verlassene Blockhütte. Zwar lag ich warm darin, aber eine Unzahl Ratten und Mäuse ließ mich wenig schlafen und verzehrte einen großen Teil meiner Vorräte. In den nächsten zwei Nächten schlief ich unter überhängenden Felsen. Immer gebirgiger wurde das Land. Steil mußte ich bergan steigen, und ebenso steil ging es wieder bergab.

Am vierten Tage meiner Wanderung erblickte ich morgens von einer dieser Anhöhen, die mir eine unendliche Fernsicht in das bergige Land hinein boten, weit unter mir im Tal zwei kleine Hütten. Abends hatte ich sie erreicht. In einer der Behausungen traf ich zwei Männer, die mich gastlich aufnahmen und mir gern für etwas Geld, mit dem mich Herr Belford ebenfalls versehen hatte, einige Speise gaben. In der zweiten Hütte befanden sich die Pferde für die Post, die hier gewechselt wurden.

Am anderen Morgen, gerade als ich mich wieder auf den Weg machen wollte, kam das kleine Gefährt. Neben dem Kutscher saß auf dem schmalen Sitz, hinter dem die Briefsäcke auf einer Plattform festgeschnallt waren, ein Passagier. Es war ein großer, schlanker Mann mit blondem Vollbart. Er musterte mich mit eigentümlichen Blicken, als er abstieg und in die Hütte schritt, um sich dort an heißem Kaffee zu erwärmen. Gleich darauf kam er wieder zurück und winkte mich zu sich heran. Er fragte mich, woher ich käme.

»Von Belfords Ranche, und nun will ich nach Norden«, antwortete ich keck.

»Du hast viel Aehnlichkeit mit einem Jungen, den sie vor einem Monat in den Blättern von Omaha und Rawlins als verloren ausgeschrieben haben. Der Beschreibung nach könntest du es sein«, meinte er.

Ich hätte bei diesen Worten in die Erde sinken mögen.

»Du bist aber wohl schon länger im Territorium?« fragte er forschend weiter.

»Zwei Jahre«, log ich in meiner Angst.

»Merkwürdig!« entgegnete er und schaute mich noch einmal von oben bis unten an. »Es interessiert mich nur, weil ich ebenfalls einen Sohn in Omaha besitze.« Damit nickte er mir freundlich zu und trat wieder in die Hütte. Ich aber eilte so rasch als möglich hinweg und stieg von neuem in die Berge hinauf.

Ich vermied die Poststraße, um mit dem Manne nicht noch einmal zusammenzutreffen. Doch als ich nach einer längeren Weile das kleine Gefährt weit von mir entfernt im Tale dahinrollen sah, wäre ich demselben am liebsten nachgelaufen, um dem freundlichen Herrn offen und wahr alles einzugestehen. Lange stand ich und blickte der Post nach, bis sie zwischen hohen Felsen verschwunden war. Jetzt kam ich mir wie ein Verbrecher vor. Durch die Zeitungen wurde ich steckbrieflich verfolgt. Konnte ich mich nun noch frei nennen, wo ich fürchten mußte, selbst von den wenigen Menschen entdeckt zu werden, die hier in dem gering bevölkerten Lande lebten? Meine Gedanken malten mir diese Möglichkeit mit immer lebhafteren Farben aus. Und wieder gab es Augenblicke, in denen ich meine Flucht aus dem Vaterhause beinahe bereute. Dazu kam, daß meine Füße heftig zu schmerzen begannen und mir die Wanderung ungemein erschwerten. Abends legte ich mich unter einen Felsen, müde und lebenssatt. Tag für Tag ging es in dieser Weise weiter. Nur wenn mich der Hunger trieb, näherte ich mich mit scheuem Widerstreben einer Hütte. Stets erhielt ich dort bereitwillig Speise und Trank. Und wenn die Leute hörten, daß ich zu Fuß weiter über die wilden Berge wolle, gab man mir selbst dann auch noch reichlich mit auf den Weg, als mein Geld verausgabt war.

So wäre ich gewiß weit gekommen, wenn meine wunden Füße nur gewollt hätten. Kaum vermochte ich, mich noch weiterzuschleppen. Und als ich mich eines Morgens vom Lager erhob, waren sie derartig geschwollen, daß ich meine Stiefel nicht wieder darüber zu ziehen vermochte. Ich wanderte barfuß weiter. Doch auf dem mit Geröll und spitzen Steinen bedeckten Boden lag nur wenig Schnee. Jeder Schritt wurde mir zur größten Qual. Und nach kaum einer Stunde sank ich verzweifelnd auf einen Felsblock nieder. Nun geht es mit dir zu Ende, dachte ich, und bat den lieben Gott, es recht gnädig und kurz mit mir zu machen.

Da schlug plötzlich ein lustiges Gewieher an mein Ohr. Als ich aufblickte, stand nicht weit von mir ein gesatteltes Pferd, das mich verwundert anschaute. Behutsam schritt ich auf das Tier zu. Ruhig ließ es mich herankommen. Ich streichelte und klopfte den schlanken Hals. Der Gaul wieherte abermals. Ich nahm ihn am Zügel und führte ihn weiter. Emsig spähte ich überall nach dem Herrn des Tieres aus, aber nirgends war ein Mensch zu sehen. Zuletzt beschloß ich die Spur zu verfolgen, die das Pferd zurückgelassen hatte. Mit neu belebter Hoffnung schwang ich mich in den Sattel, der Gaul trabte munter vorwärts. Wohin ich kam, sah ich nur nackte, kahle Felsen. Kein Baum, kein Strauch, geschweige denn eine Hütte ließ sich erblicken. Schließlich verloren sich die Spuren im Schnee. Der Wind hatte sie zugeweht.

Bald darauf bot sich mir eine weite Aussicht in das Land hinein. Noch einmal hielt ich genaue Umschau nach allen Seiten. Doch nichts, kein lebendes Wesen war zu sehen. Ich ritt weiter. Lustig trabte der Gaul seinen Weg, als sei er froh, einen Reiter gefunden zu haben, der ihn lenkte. Gegen Mittag rastete ich bei einem kleinen Bach, an dessen Ufern einiges Präriegras wuchs. Ich nahm dem Tiere die Zügel ab und ließ es trinken und fressen. Es schien sehr hungrig zu sein, denn es fiel gierig über das trockene Futter her. Dann setzte ich bis zum Abend meinen Weg fort, wo ich in einem Talkessel den passenden Platz zum Uebernachten fand. Futter für das Pferd war genügend vorhanden, und Wasser lieferte eine Quelle, die aus einem Felsen hervorsprudelte. Jetzt dachte ich nur noch an das Tier und seine Erhaltung und hoffte noch immer, den Eigentümer aufzufinden. Er sollte mir keine Vorwürfe machen, daß ich für sein Pferd schlecht gesorgt hätte. Nachdem ich dem Gaule Sattel und Zaumzeug abgenommen hatte, sprang er wie toll umher und wälzte sich im Schnee. Ich zündete ein Feuer an, legte mich daneben und schlief bald ein. Am andern Morgen graste das Pferd in meiner Nähe Als ich mich von der Erde erhob, kam es laut wiehernd zu mir hergelaufen und ließ sich satteln und zäumen. Abermals ging es auf die Reise. Der Himmel war klar. Die wilden, schneebedeckten, von der Sonne beleuchteten Berge erschienen mir so herrlich schön. Meine Stiefel saßen wieder an meinen Füßen, die mir nur noch geringe Schmerzen verursachten. Ich wurde aufs neue meines Lebens froh, ja ganz heiter und vergnügt. Nur die Sorge um Lebensmittel quälte mich; denn bis auf ein kleines Stück Speck hatte ich alles aufgezehrt. Gegen Mittag führte mein Weg durch eine tiefe Schlucht. Dichtes Präriegras wuchs überall an den Ufern eines rauschenden Baches. Buschwerk und viele Bäume gaben dem Ganzen das Aussehen eines kleinen Waldes. Gerade wollte ich mich aus dem Sattel schwingen, um dem Pferde eine kurze Rast zu gönnen, als ich mich plötzlich von drei Reitern umringt sah.

»He, Bursche,« rief einer und packte mich an der Schulter, »zeige uns deinen Schein, der dich als Eigentümer des Gaules kennzeichnet!«

Erschreckt stotterte ich, daß ich das Pferd gefunden habe.

Die Männer lachten. Einer meinte höhnisch: »Armeepferde findet man nicht in den Bergen. Gestohlen hast du das Tier!«

Ich versicherte meine Unschuld vergeblich. Man zog mir meine Jacke aus und nahm mir Hut, Revolver, Messer, Axt und Decken ab, während ein Mann einen Strick von seinem Sattel löste, indem er sagte: »Wirst das Landesgesetz doch kennen, mein Junge? Danach wird jeder Pferdedieb ohne Gnade an den nächsten Baum aufgeknüpft.« Er faßte mein Pferd am Zügel und führte es unter einen starken Ast, über den er den Strick warf. »Sprich dein Gebet, wenn du einen Gott hast, mein sauberes Söhnchen! In einer Minute bist du im Himmel!«

Noch einmal wiederholte ich, daß ich unschuldig sei. Ein Hohngelächter war die Antwort der Reiter. Da beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl der Ergebung. Noch einen Blick sandte ich zum Himmel, dann rief ich laut: »Wenn ihr mir nicht glauben wollt, hängt mich!« Ohne Sträuben ließ ich mir den Strick um den Hals legen.

»Oho! Wer verlangt hier so rasch aus dem Leben geschafft zu werden?« tönte jetzt eine Stimme vom Eingange der Schlucht her, und in scharfem Trabe erschien mit seinen Leuten Bill, der mich zu euch gebracht hat.

»Der Junge hat das Pferd, das er reitet, gestohlen!« entgegneten die Männer, indem sie scheu zurückwichen.

»Was geht das euch an?« fragte Bill zornig und riß den Strick vom Baumast. »Laßt ihr euch etwa die Gäule schenken? Darf ich euch raten, so entfernt euch so geschwind wie möglich von hier, oder« – – Er hob seine Büchse und spannte den Hahn. Ohne ein Wort der Erwiderung ritten die drei Männer eilig davon.

Soeben war ich noch bereit gewesen zu sterben, jetzt dankte ich dem Schöpfer aus vollem Herzen für meine Errettung. Ich hatte nun viele Fragen des Anführers zu bestehen, nachdem dieser mit seinen Leuten von den Pferden gesprungen war und auch mir abzusteigen befohlen hatte. Bald wußte er, daß ich ohne ein bestimmtes Ziel im Lande umherirrte. Man gab mir zu essen, Bill schenkte mir die Wolljacke, da ich vor Kälte zitterte. Aus den Bemerkungen der Menschen, die mir das Leben geschenkt hatten, ersah ich zu meinem Schrecken, daß ich mich unter einer Bande Wegelagerer befand. Sie hatten ein großes Feuer angezündet und sich daneben gelagert, als die Pferde abgesattelt waren. Eifrig ging die Whiskyflasche von Hand zu Hand. Dabei rühmten sie sich lachend ihrer Heldentaten, wie sie hier einem Menschen das Geld abgenommen, dort eine Hütte ausgeplündert und in Brand gesteckt hatten. Es war schrecklich anzuhören. Und als ich mir ausmalte, daß ich bei diesen Räubern und gewiß auch Mördern bleiben sollte, dachte ich, es wäre besser gewesen, man hätte mich aufgehängt.

»Hier, stärke dich, Junge! Das macht warm!« rief Bill mir zu und reichte mir die Flasche.

Ich weigerte mich zu trinken. Aber das half mir nichts. Er gab sich nicht zufrieden, bis ich eine große Menge von dem mir widerlichen Getränk hinabgespült hatte. Ich mußte dabei an meinen berauschten Vater denken. Die scharfe Flüssigkeit verfehlte bei mir ihre Wirkung nicht.

Ich taumelte zum größten Vergnügen der Leute von einer Seite zur anderen. Nur Bill kam freundlich zu mir. Er breitete einige Büffelfelle auf den Boden aus und legte mich darauf. »Hast des Guten zu viel genossen, mein Junge. Komm und schlafe deinen Rausch aus!« sagte er gutmütig. Und nun drehte sich alles mit mir im Kreise: die Männer, die Bäume, das Feuer, die riesigen Felswände. Mir wirbelte vor den Augen bald alles bunt durcheinander. Damals schwor ich mir, nie wieder einen Tropfen Whisky über meine Zunge zu nehmen!

Jim lachte und kratzte sich hinter dem Ohr. »In dem Getränk steckt der Teufel. Das wissen wir auch!« meinte er. »Aber wer einmal Geschmack daran fand, trinkt immer wieder. Ist es nicht so, Bruder?«

Charley blickte vor sich hin und nickte. »Wenn es nicht so wäre, würden wir wohl nicht jetzt nach zwanzig Jahren noch immer arm wie Kirchenmäuse Fallen stellen und Biber fangen. Doch nun erzähle zu Ende, mein Junge. Es wird kalt und ist Zeit, daß wir uns zur Ruhe legen.«

»Ich bin fertig mit meinem Bericht,« entgegnete der Knabe. »In der Nacht wurde ich geweckt Bill teilte mir mit, daß er mich zu zwei ihm befreundeten Trappern bringen wolle, da er mich bei seiner nächsten Unternehmung nicht gebrauchen könne. Wir sattelten die Pferde und ritten ab. So kam ich zu euch. Jetzt kennt ihr meine Vergangenheit. Stoßt mich nicht von euch, und laßt mich nicht noch einmal ein solch jämmerliches Leben führen! Wie gern will ich für euch arbeiten und mich nach Kräften bemühen, euer Handwerk zu erlernen! Von ganzem Herzen bitte ich euch, behaltet mich hier! Behaltet mich hier!«

Charley stieß seinen Bruder in die Seite. »Nun, Jim? Besinnst du dich noch länger, nachdem du weißt, daß wir es mit keinem Verbrecher zu tun haben?«

Jim rückte auf seinem Sitze hin und her, und sagte zögernd: »Du willst, daß der Junge bleibt. Würde ich mich nicht damit einverstanden erklären, dann wäre der Friede zwischen uns vielleicht zerstört, den wir zwanzig Jahre aufrecht erhielten. Das möchte ich vermeiden. Auf dich aber lege ich jede Verantwortung, wenn wir heute eine Dummheit begehen.« Und indem er dem Knaben seine Rechte hinhielt, fügte er hinzu: »Hier, mein Junge, hast du meine Hand! Auch ich habe nichts dagegen, wenn du bei uns bleibst!«

Jubelnd ergriff Bob die Hände der Trapper, und während ihm die hellen Tränen über die Wangen rollten, stammelte er: »Habt Dank! Tausend Dank! Der liebe Gott möge geben, daß ich euch alles vergelten kann!«

Eine halbe Stunde später lag der Knabe bei den Brüdern in der Hütte in warme Büffelfelle gehüllt. Die Freude, wieder ein Heim gefunden zu haben, ließ ihn lange nicht einschlafen. Er hörte das klagende Geheul der Wölfe nah und fern, wie er es so oft vernommen, als er einsam und verlassen so manche Nacht unter freiem Himmel voll Angst und Sorge frierend auf seinem Lager durchwacht hatte. Heute fühlte er sich sicher, glücklich und zufrieden wie nie zuvor. Und als ihn endlich der Schlaf übermannte, träumte er von einer kommenden, schönen Zeit. Sich aber sah er schon bei froher, heiterer Arbeit in den wilden, herrlichen Bergen als Fallensteller.

Drittes Kapitel. Bei den Arapahoes-Indianern

Die Bighorn Mountains erheben sich in hügeliger, welliger Form von Osten nach Westen und werden von vielen »washouts« durchzogen. Das sind Auswaschungen, die das von den Höhen herabströmende Wasser in den steinigen Boden gegraben hat. Die Eintönigkeit dieses meilenweiten, schneebedeckten Hügelmeeres wird nur hier und da durch einige verkrüppelte Pechtannen unterbrochen. Im Osten bildet eine schroffe, vielgezackte, rote Felswand die Grenze. Sie steigt hoch zum Himmel empor und erweckt den Anschein eines riesigen Baues. Man meint, die gewaltigen Steinblöcke seien künstlich aufeinandergetürmt worden. Und wo sie in der Tiefe ein Gewirr von Schluchten und Höhlen bilden, kann man denken, sie seien aus schwindelnder Höhe herabgestürzt. Rudel von Wölfen finden hier unten ihr Versteck. Das beweisen die vielen in dem Schnee sichtbaren Fußspuren. Auch der gefürchtete Grizzlibär sucht hier seine Zuflucht.

Neben dieser ungeheuren Felsenmauer erschienen drei Reiter winzig klein, die langsam über den mit Geröll und größeren Steinen bedeckten Grund die Richtung nach Süden verfolgten.

Es waren Charley, Jim und Bob, die sich auf dem Wege nach dem von der Trapperhütte etwa fünfzehn englische Meilen entfernten Winterlager der Arapahoes-Indianer befanden.

Bob war jetzt beinahe vier Wochen bei den Brüdern. Charley hatte den Knaben, der alles tat, was er den Trappern nur an den Augen absehen konnte, herzlich lieb gewonnen. Im Stellen der Fallen bewies Bob bald eine solche Geschicklichkeit, daß schon eine große Anzahl Biberfelle in der Hütte lagerten, die er eigenhändig, ohne Unterstützung seines Lehrmeisters Charley, gewonnen, abgezogen und getrocknet hatte.

Die Brüder gedachten, in kurzer Zeit nach Cheyenne aufzubrechen, um dort den Ertrag der winterlichen Arbeit zu verkaufen. Da sich die Indianer in den letzten Wochen nicht hatten sehen lassen, wollten die Trapper heute zu ihnen, um Tauschgeschäfte zu versuchen. Jeder Reiter hatte zu diesem Zwecke hinter dem Sattel außer den Decken noch kleine Säcke mit Zucker, Reis, Kaffee und Bohnen geschnallt.

Mit Vergnügen hatte Bob gehört, wie nahe der Hütte die Indianer wohnten. Täglich hatte er bisher vergeblich nach ihnen ausgeschaut. Jetzt endlich sollte sein sehnlicher Wunsch, diese braunen Helden seiner Jugendbücher zu sehen, in Erfüllung gehen. Die Brüder hätten ihm kaum eine größere Freude bereiten können.

Der Knabe fühlte sich in seiner neuen Tätigkeit glücklich. An die Beschäftigung in dem eisigen Wasser gewöhnte man sich bald. Welches Vergnügen aber bereitete die Arbeit, wenn sie lohnend war, wenn die Biber in der Falle zappelten, und ein Fell nach dem anderen beiseite gelegt werden konnte! Und nach getaner Arbeit konnte er mit der Büchse auf dem Rücken die herrlichen Berge durchstreifen, um Wild zu erlegen, an dem die Gegend so überaus reich war. Vor Entzücken vermochte Bob oft nicht zu schießen, wenn die Tiere plötzlich in einer Vertiefung oder hinter einem Felsen vor ihm auftauchten und ihn verwundert und ohne Scheu mit ihren großen Augen anstarrten, als sähen sie zum ersten Male einen Menschen. Erst wenn sie sich endlich doch zur Flucht wandten, erinnerte er sich, daß die Trapper in der Hütte auf eine Zufuhr ihrer Hauptnahrung warteten. Dann erhob er die Büchse zum Anschlag und nahm rasch sein Ziel. Der Schuß krachte. Zwischen den hohen Felswänden pflanzte sich der Widerhall rollend von Berg zu Berg, einem Donner gleich, fort. Getroffen sank das Wild zur Erde. Mit geschickter Hand wurde es ausgeweidet. Dann schleifte Bob die Beute hinter sich her bis nach der Hütte, wo ihn die Trapper mit Lob empfingen.

Wenn die drei abends am Lagerfeuer saßen, erzählten die Brüder von ihren Erlebnissen und glücklich überstandenen Gefahren aus längst vergangenen Jahren, bis die Zeit mahnte, das Lager aufzusuchen, um mit der aufsteigenden Sonne wieder frisch gestärkt das Tagewerk zu beginnen.

»Gibt es wohl ein schöneres Leben?« fragte sich der Knabe oft. Er konnte es sich nicht herrlicher ausdenken. Und sein sehnlicher Wunsch war, daß es ewig so bleiben möchte.

Die Reiter hatten soeben einen jener gewaltigen Bergeinschnitte hinter sich, die man vielfach in den höheren Gegenden der Bighorn Mountains antrifft. An beiden Seiten türmten sich riesenhafte, schroffe Felswände empor, die vorn überhingen und sich in schwindelnder Höhe an einzelnen Punkten zu vereinigen schienen. Es war, als habe die Natur einen Weg für die Menschen freilassen wollen, deren Händen und Füßen die Kraft fehlt, diese riesenhaften, steilen Steinmassen zu erklimmen.

Eine ungeheure Fernsicht bot sich jetzt bis weit in das Land hinein. Wellig fielen die Berge nach Südwesten ab Hügel reihten sich an Hügel, auf denen aus dem Schnee, kleinen schwarzen Punkten gleich, zerstreut umherstehende Pechtannen hervorsahen. Schimmernd glitzerten die Sonnenstrahlen auf dem silberweißen Grund.

Etwa eine englische Meile entfernt stiegen hinter einem Berge Rauchsäulen kerzengerade in die Luft.

Charley zeigte darauf hin. »Dort liegt das Indianerdorf!« sagte er zu dem Knaben, der, vor freudiger Erregung zitternd, kaum die Zeit erwarten konnte, wo er das ihm fremde Volk mit eigenen Augen sehen konnte.

Rasch ging es bergab, und als die Reiter nach einer Weile den Abhang eines Hügels erreichten, lag das Ziel ihrer Reise vor ihnen.

In einem Talkessel standen zwischen Bäumen und Gestrüpp etwa dreißig graue, spitze Hütten. Ein zum Teil mit Eis bedeckter Bach rieselte an der einen Seite des Indianerlagers unter einer abschüssigen Felswand dahin. Und weiter südlich grasten auf einer geräumigen Fläche gegen hundert Pferde.

Eine große Menge Hunde stürzte jetzt den Reitern entgegen. Gleichzeitig wurde es in der Niederlassung lebendig. Zwischen und aus den Hütten kamen allerlei menschliche Gestalten hervor und schauten, die Hand gegen die blendende Sonne über die Augen gelegt, nach der Richtung aus, woher die beiden Männer und der Knabe rasch näher kamen.

Die Indianer waren in dicke, wollene Decken und Büffelfelle gehüllt, die ein breiter Riemen zusammenhielt. An ihm hing ein großes Messer in bunter, perlengestickter Scheide.

Rote Bänder teilten das lang herabwallende Haar in einzelne Strähnen. Einige Indianer hatten es auf dem Hinterkopf zu einem Knoten vereinigt, in dem eine lange Adlerfeder steckte. Eigentümlich sah der durch Ausreißen der Haare erweiterte und rot oder gelb gefärbte Scheitel aus. Da sie keine Haare im Gesicht dulden, hatten sie sogar die Augenbrauen ausgerissen. Manche Gesichter waren gelb oder rot gefärbt.

Es waren lauter kräftige Gestalten, die den Reitern jetzt entgegentraten, als diese vor einer der größten Hütten anhielten. Ein Haufen schreiender Kinder, ebenfalls in Decken und Felle gehüllt, schlug so lange auf die Hunde ein, bis diese nur noch knurrend die Fremden in einem weiten Kreise umschlichen.

»Nononichases (guten Tag, gute Freunde)!« rief Charley laut und lüftete grüßend den Hut.

»Nononichases!« klang es von allen Seiten.

Ein großer Indianer, der zwischen dem Münzen- und Plättchenbehang seiner Haarzöpfe einen Otterschwanz, das Zeichen des Häuptlings, trug, schüttelte den Trappern kräftig die Hand. Dann reichte er seine Rechte auch Bob und bat seine Freunde in gebrochenem Englisch abzusteigen, welcher Aufforderung man sofort nachkam. Einige Indianer führten die Pferde hinweg, nachdem die Brüder und der Knabe Sattel und Zaumzeug abgenommen hatten.

Charley erzählte nun dem Häuptling, der sich Tabinsch (schwarzer Wolf) nannte, was ihn hergeführt habe. Kaum wurde seine Absicht unter den Indianern bekannt, als diese auch schon wegliefen, um nach kurzer Zeit, mit Fellen und allerlei gestickten Sachen beladen, zurückzukehren.

Der Trapper begann seinen Tauschhandel. Dabei entstand ein wüstes Schreien und Drängen. Jeder wollte der erste sein. Und wenn Charley die Blechtasse, in der er Kaffee, Zucker, Reis oder Bohnen verteilte, nicht übermäßig füllte, so schrie alles noch toller durcheinander. Die Kinder bemühten sich, durch Pfeifen und Kreischen den Lärm zu vergrößern.

Bald war der Warenvorrat des Trappers erschöpft. Dafür lag aber ein Haufen Büffel- und Wolfsfelle zu seinen Füßen, und aus seiner lächelnden Miene konnte man schließen, daß er mit dem Geschäft zufrieden war.

Die Indianer wollten nun auch noch die Büchsen, Revolver, Messer, genug alles, was die Brüder bei sich trugen, gegen weitere Felle eintauschen, von denen sie einen großen Vorrat besaßen. Charley aber trieb sie entschlossen auseinander. Er hatte die Behandlung des zur dringlichen Volkes in den langen Jahren, in denen er mit Ihm verkehrte, zur Genüge gelernt.

Jim und Bob schnürten die eingehandelten Felle in ein Bündel zusammen und trugen dieses sowie Sattel- und Zaumzeug in eine große Hütte, die Tabinsch seinen Gästen während ihres Aufenthaltes im Lager als Wohnung angewiesen hatte.

Bob war es dabei heiß geworden. Er nahm seinen Hut ab und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. In demselben Augenblick brachen die Kinder in schallendes Gelächter und Geschrei aus. Alle zeigten nach dem Kopfe des Knaben. »Jotihebbesihis!« klang es gellend aus ihren Kehlen.

»Die Haare sind es, über die sie sich wundern,« wandte sich Charley lächelnd an Bob, der erstaunt mit der Hand durch seine blonden Locken fuhr, um die die Sonne einen goldigen Schein wob.

Immer dichter umzingelte die schreiende Schar der Kinder den Knaben. Eins drängte das andere, bis Bob endlich die Geduld verlor, einen der Burschen ergriff, ihn mit seinen starken Armen hoch in die Luft hob und nicht früher wieder auf den Boden setzte, bis der Junge ein jämmerliches Geheul ausstieß. Als Bob dann bei anderen dasselbe wiederholen wollte, floh die Gesellschaft kreischend auseinander und hielt sich von jetzt ab stets in achtungsvoller Entfernung.

Der Häuptling forderte seine Gäste auf, ihm zu folgen. Mit ihnen und sechs anderen Indianern trat er in einen großen, mit allerlei bunten Figuren bemalten Wigwam, in dem ein helles Feuer brannte. Vor diesem war ein altes, schmutziges Weib eifrig mit der Zubereitung einer Mahlzeit in einem großen eisernen Kessel beschäftigt.

Die Indianer ließen sich in einem Kreise um das Feuer nieder. Charley, Jim und Bob nahmen zwischen ihnen Platz.

»Hitschah, nitschah (Pfeife, rauchen)!« sagte der Häuptling, indem er eine Pfeife hervorholte, deren Rohr mit Federn und Perlen reich geschmückt war. In den roten, steinernen Kopf preßte er mit einem runden Stabe kleingeschnittenen Kautabak, vermischt mit Kilikinick, einem Tabackersatze, den sich die Indianer aus der getrockneten, unter der Rinde der Rotbuschzweige befindlichen Haut bereiten. Bedächtig entzündete er dann die Pfeife, tat ein paar lange Züge daraus und reichte sie Charley, der seinem Beispiel folgte und die Pfeife dann dem zunächstsitzenden Indianer gab. In dieser Weise machte sie die Runde, bis sie leergebrannt war.

Noch einmal schüttelte Tabinsch seinen Gästen die Hand. Auch die übrigen Indianer taten desgleichen. Damit war das Zeichen der Freundschaft und des Friedens ausgetauscht.

Jetzt stellte das Weib den Kessel, in dem große Stücke Fleisch in einer fettigen Brühe schwammen, vom Feuer. Ein jeder nahm sein Messer zur Hand und fischte damit in dem Topf umher, bis er ein Stück erhascht hatte.

Charley und Jim aßen nicht ohne Widerstreben. Bob hingegen verzehrte das zweifelhafte Gericht mit Behagen; hatte er doch noch keine Ahnung von der grenzenlosen Unreinlichkeit, die bei dem indianischen Volke herrscht.

Bei den Indianern dauerte es ziemlich lange, bis sie gesättigt waren. Sie würgten das Fleisch mit einer Gier hinunter, als hätten sie tagelang gefastet. Endlich ging man wieder vor die Hütte. Dort bat der Knabe Charley, ihn auf einem Gang durch das Lager zu begleiten. Langsam wanderten die beiden zwischen den Wigwams hindurch bis an den Bach.

Mehrere Frauen bearbeiteten hier die Büffelfelle, die man mit den Haaren nach unten durch Pflöcke auf der Erde ausgespannt hatte. Tief darüber gebeugt, kratzten und schabten die Weiber mit einem Stück abgebrochener Säge oder einem Messer die Haut, um sie so nach und nach geschmeidig zu machen.

»Die haben sich auch eine lange Zeit nicht gewaschen,« meinte Bob, nachdem er den Frauen neugierig eine Weile zugeschaut hatte.

»Waschen?« lachte Charley. »Diesen Luxus kennt der Indianer überhaupt nicht. Wasser ist ihm ein Greuel! Wenn der Regen ihn nicht durchnäßt, oder wenn er im Sommer nicht gezwungen wird, auf seinem Pferde einen Fluß zu durchschwimmen, berührt Wasser niemals seine Haut.«

»Das ist ja abscheulich!« rief der Knabe entrüstet.

»Sieh nur die Weiber!« fuhr der Trapper ruhig fort und zeigte auf die Frauen, deren Hände fortwährend hier und dort an ihrem Körper beschäftigt waren. »Wirst dir unter solchen Umständen wohl denken können, daß allerlei lebende Wesen sich unter dem Zeuge einquartiert haben.«

Bob schüttelte sich vor Ekel und wandte sich ab.

Die Männer schienen sich nach eingenommenem Mittagsmahl in ihren Hütten der Ruhe hingegeben zu haben. Außer den arbeitenden Frauen am Bach ließ sich nur bisweilen ein Weib blicken, das ihr Kind in einer um den Oberkörper geschlungenen Decke auf dem Rücken trug. Auch die zahlreichen Kinder und Hunde waren verschwunden.

So kamen Charley und Bob, beinahe ohne jemandem zu begegnen, durch das Dorf, hinter dem die Pferde der Indianer weideten.

Die Gäule sahen jämmerlich aus. Zum Teil waren sie durchgeritten und wund. Kaum haftete noch Fleisch an ihren Schenkeln und Rippen.

»Wie ist es anders möglich, mein Junge!« sagte Charley, als Bob die armen Tiere bedauerte. »Die Gäule müssen im Winter hart arbeiten. Tag für Tag werden sie auf den Büffeljagden abgehetzt. Und nachher müssen sie mit dem wenigen Futter vorlieb nehmen, das sie hier bei dem Lager finden. Sie weiter von der Niederlassung fortzubringen, wo genügend Präriegras vorhanden ist, kostet dem Indianer zuviel Mühe. Er vermeidet alles, was nur im geringsten Zusammenhang mit der Arbeit steht. Er ißt, trinkt, raucht, schläft und jagt. Alles andere überläßt er den Weibern. Diese erbauen die Hütten, richten die Büffelfelle zu, kochen, verfertigen die Kleider, weben Decken, spalten Holz, versorgen die Kinder und müssen außerdem noch die Zeit finden, ihre Stickereien herzustellen, um ihre Lederarbeiten auszuschmücken. Diese vertauschen die Männer dann gegen ihre Liebhabereien.«

»Aber im Kriege ist der Indianer doch tapfer und mutig?« fragte der Knabe schüchtern.

»Es gibt wohl einige kühne, tapfere Männer unter ihnen. Das will ich nicht bestreiten,« versetzte Charley. »Im allgemeinen sind sie jedoch feige und hinterlistig und wagen nur dann einen Angriff, wenn sie genau wissen, daß sie die Uebermacht besitzen. Eine große Untugend aber haben sie, die mir am wenigsten gefällt. Sie stehlen alle wie die Elstern!«

»Dann werden sie uns auch unsere Sachen nehmen,« rief Bob rasch und machte eine Bewegung, als wollte er nach der Hütte eilen, um zu sehen, ob noch alles vorhanden sei.

Der Trapper hielt ihn zurück. »Aengstige dich nicht! Hier im Lager sind wir vor ihren Diebereien sicher. Ein Indianer wird niemals die Gastfreundschaft verletzen, die er einem Weißen zubilligt. Hat er mit ihm die Friedenspfeife geraucht, so steht der Fremde unter seinem Schutz. Lägen unsere Sachen jedoch eine halbe Stunde von hier entfernt, dann gehörte uns allerdings kein Stück mehr. Sie würden alles beiseite geschafft haben, sobald wir den Rücken gekehrt hätten. Eins möchte ich dir raten, mein Junge. Hüte dich, hier ein& schlechte Bemerkung gegen mich oder Jim über die Indianer in deren Gegenwart zu machen. Alle verstehen mehr oder weniger vortrefflich Englisch, obgleich sie sich gebärden, als verständen sie kein Wort. Auf diese Weise nutzen sie bei vielen Gelegenheiten ihren Vorteil aus.« Langsam wanderten sie wieder dem Dorfe zu.

Daß Charley nicht unrecht hatte, sollte Bob sofort erfahren. Als er jetzt mit seinem Begleiter in die Nähe der ersten Hütten kam, hörten sie eine Anzahl Kinder in geläufigem Englisch heftig streiten. Gleich darauf erblickten sie mehrere Indianerknaben und Mädchen, die sich gegenseitig bei den langen Haaren gefaßt hatten und tapfer aufeinander losschlugen. Beim Anblick der Weißen verstummten alle sofort. Doch nach kurzer Pause setzten sie ihre Zänkereien in ihrer eigenen Sprache fort.

In dem Wigwam angekommen, den der Häuptling seinen Gästen überwiesen hatte, legte sich Charley neben Jim, der gemächlich, auf einigen Büffelfellen ausgestreckt, seine Pfeife rauchte.

Bob ging noch einmal durch das Dorf. Jetzt betrachtete er alles mit ganz anderen Augen als bei seiner Ankunft. Die Niederlassung mit ihren grauen, rauchgeschwärzten Hütten zwischen den schneebedeckten Bergen, die wie flimmerndes Silber in der Sonne erglänzten, wollte ihm gar nicht mehr gefallen. Und für die trägen, schmutzigen Menschen, von denen sich seine Einbildung ein ganz anderes Bild gemalt hatte, verlor er alle Teilnahme.

In Gedanken vertieft, gönnte er seiner Umgebung kaum noch einen Blick. Plötzlich wurde er an der Hand gefaßt. Erstaunt schaute er auf. Vor ihm stand ein großer Indianer mit abschreckend häßlichem Gesicht, aus dem ein Paar kleine Augen unter der breiten Stirn unheimlich hervorblitzten. Scheu sah der Mann sich nach allen Seiten um. Dann zog er den Knaben mit sich fort an den Bach in das Gestrüpp.

Bob war im ersten Augenblick zu überrascht, um irgendwelchen Widerstand zu leisten; auch wurde sein Handgelenk so fest umklammert, daß er willenlos folgen mußte.

»Ist der Weiße mit der Narbe auf der Stirn dein Vater?« fragte der Indianer hastig.

»Nein,« stotterte der Knabe.

»Desto besser! Sieh her!« flüsterte der Mann und zeigte seine rechte Hand, an der zwei Finger fehlten. »Das habe ich ihm zu verdanken. Sterben muß er, um diese Schande, die er mir angetan hat, zu sühnen. Hier auf Erden vermag ich mir zu helfen. Ich gebrauche das Feuerrohr auf der Jagd. Dort oben aber in den ewigen Jagdgründen ist die Krüppelhand nicht fähig, den Bogen zu spannen. Der große Geist hat mir im Traume gesagt, ein Knabe würde mir hilfreich sein. Rede! Wie beginne ich mein Werk sicher und gut? Nur wenn das Blut des Weißen fließt, wird meine Hand geheilt.«

Bob war kreidebleich geworden. Er wußte nicht, was er erwidern sollte. Ihm graute vor diesem Menschen.

»Sprich, Milchgesicht!« schrie der Indianer laut und zornig. »Wünschest du, daß dein goldener Skalp an meinem Gürtel hängt?« Voll Wut riß er sein Messer aus der Scheide und schwang es in der Luft. Doch ebenso rasch steckte er es zurück, und sagte kopfschüttelnd: »Ich vergaß. Der große Geist zürnt, wenn ich eines Mannes Blut vergieße, der als Gast in unseren Hütten weilt.«

»Bob!« klang jetzt Charleys Stimme durch das Lager.

Der Indianer kauerte sich auf dem Boden nieder. Dann kroch er behend wie eine Schlange durch das Gestrüpp davon.

Der Knabe atmete erleichtert auf. So rasch ihn seine Beine trugen, lief er auf Charley zu, der überall nach ihm ausschaute.

»Jim und ich überlegten soeben, daß es gut sei, heute noch heimzureiten,« sagte er, als Bob näher kam. »Hier ist doch nichts mehr zu verdienen, und – – Himmel, du bist doch nicht krank?« unterbrach er sich. Erst jetzt bemerkte er das bleiche, verstörte Antlitz des Knaben.

»Nein nein! Nur fort! So rasch wie möglich!« stammelte dieser und blickte ängstlich zurück.

»Hast du Furcht, mein Junge, daß man dir hier etwas zuleide tut?« lachte der Trapper und legte scherzend seinen Arm um den Nacken seines Schützlings.

»Nein! Keine Furcht meinetwegen. Euch will man töten!« stieß der Knabe hastig hervor.

Charley lachte noch lauter. »Das sind Hirngespinste, mein Junge. Komm nur, und hilf die Pferde satteln! Wenn auch der Mond heute nacht scheint, möchte ich doch gern vor Dunkelwerden durch die große Schlucht auf den Gipfel der Berge. Von hier aus geht es nicht so rasch und bequem hinauf wie diesen Mittag bergab. Nachher magst du erzählen, was dir begegnet ist.« Eilig zog er den Knaben mit sich hinweg.

Die Nachricht, daß die Weißen wieder abzureiten gedächten, hatte alle Indianer, Kinder und Hunde von neuem versammelt. Und als Charley, Jim und Bob nun nach einer Weile im Sattel saßen, hinter sich die eingetauschten Felle, traten der Häuptling Tabinsch und die sechs Männer, die beim Rauchen der Friedenspfeife zugegen gewesen waren, heran und schüttelten den Reitern freundschaftlich die Hände.

»Hatnatzéna (lebt wohl, gute Freunde)!« klang es von allen Seiten.

Die Trapper wiederholten das Wort einige Male. Dann wandten sie die Pferde und ritten in leichtem Trabe davon, mehrere hundert Schritte von den wütend bellenden Hunden begleitet.

Bob hatte noch einmal. alle Umstehenden scharf gemustert. Der Indianer mit der verkrüppelten Hand befand sich nicht darunter. Rasch folgte er seinen väterlichen Freunden, und als sie eine Strecke von dem Dorfe entfernt waren, erzählte er mit vor Erregung bebender Stimme, was er am Bach im Gestrüpp erlebt hatte.

Charleys Stirn umwölkte sich. »Ist der verdammte Crow-Indianer wieder da?« murmelte er unwillig vor sich hin.

»Er macht seine Drohung noch einmal wahr,« meinte Jim besorgt. »Warum hast du ihn nicht schon lange beiseite geschafft? Gelegenheit wurde dir dazu oft genug geboten. Dreimal trachtete er dir nun schon nach dem Leben. Stets rettete dich ein Zufall. Aber das vierte Mal kann dir das Glück auch einmal ungünstig sein.«

Der Bruder schüttelte den Kopf. »Der Mann hat seine fünf Sinne nicht beieinander. Dürfte ich ihn für zurechnungsfähig halten, so hätte ich ihm längst das Handwerk gelegt.«

»Wie verlor er die Finger?« fragte Bob neugierig.

»Es war vor sechs Jahren. Jim und ich lagerten damals am Salt Creek unweit einer Crow-Niederlassung. Beinahe in jeder Woche kamen Indianer zu uns herüber und stahlen, was nicht niet- und nagelfest war. Da erhielten wir wieder eines Tages Besuch, unter dem sich jener Mann befand. Er nahm uns schon manches. Auch diesmal konnte er seine Diebereien nicht unterlassen. Ich besaß eine Schrotflinte für die Entenjagd, die ich stets hinter unserer Hütte unter einem Haufen Reisig verbarg. Der Indianer hatte sie entdeckt. Als er sich einen Augenblick unbeobachtet glaubte, schlich er sich hin und versuchte, die Waffe unter dem Gestrüpp hervorzuziehen. Dabei mag der Abzug an einem Zweige hängen geblieben sein. Die Flinte entlud sich, und der Schuß nahm von des Indianers Hand Zeige- und Mittelfinger hinweg.«

»Daran wäret Ihr doch nicht schuld?« rief der Knabe eifrig.

»Allerdings nicht! Aber der Indianer glaubt es in seinem Wahnsinn. Nun, laßt nur! Kommt er noch einmal mit Mordgedanken in meine Nähe, soll meine Geduld ihr Ende erreicht haben.«

»Drei Jahre leistete die Flinte uns nachher noch gute Dienste,« sagte Jim.

»Ja! Und dann hat sie uns der verwünschte Halbindianer Andrew Brown gestohlen!« rief der Bruder ärgerlich. »Das ist auch so ein nichtswürdiger Geselle, bei dem man sich freut, wenn er den Rücken wendet!«

Schweigend verfolgten die Reiter von jetzt ab ihren Weg. Ein jeder hatte seine eigenen Gedanken.

Als man die Schlucht erreichte, dunkelte es bereits stark, und zwischen überhängenden Felswänden herrschte vollkommene Finsternis. Es war daher ratsam, abzusteigen und das Pferd am Zügel zu führen. Der mit Geröll und Steinen bedeckte Boden machte ein Stürzen der Tiere leicht möglich.

Es ging nur sehr langsam vorwärts, Als man endlich an das Ende der Schlucht kam, war es mittlerweile Nacht geworden. Hell warf der Mond sein silbernes Licht vom Himmel herab.

Noch etwa dreißig Schritte von dem Ausgange des Bergeinschnittes entfernt hielt Bob, der jetzt voranging, sein Pferd plötzlich zurück. Er hatte vor sich das Brechen eines trocknen Astes deutlich gehört. Und nun sah er auch, daß sich hinter einem Haufen Präriegras und Buschwerk etwas bewegte. Die beiden Trapper, durch den Knaben darauf aufmerksam gemacht, bemerkten es ebenfalls. Rasch nahmen sie ihre Büchsen zur Hand. Bob ergriff Charleys großen Revolver.

Ein Augenblick atemloser Spannung folgte. Alles war wieder unheimlich still ringsumher. Kein Laut regte sich.

»Wer da?« rief Jim.

Hinter dem Busch bewegte es sich abermals. Wieder knackten die Zweige. Gleich darauf trat ein großer Hirsch in das helle Mondlicht.

Er wandte den Kopf mit dem vielzackigen Geweih nach dem Eingange der Schlucht. Dann sprang er in langen Sätzen eilig davon.

Charley lachte laut. »Da seht ihr, wie man sich narren lassen kann! Hätte der Junge nicht die Geschichte von dem verrückten Indianer Woterniehaza (schwarzer Mann) erzählt, würde wohl keiner von uns soeben an eine Gefahr gedacht haben.«

Die Pferde wurden nun wieder bestiegen, und so rasch es der Boden erlaubte, setzte man den Weg fort.

Ueberall zeigten sich kleine, graue Wölfe in Scharen und vereinzelt. Erstaunt über die nächtlichen Reiter, ließen die Tiere diese oft ganz nahe herankommen. Leuchtend funkelten ihre Augen, bevor sie zur Seite wichen und hinter dem Gestein verschwanden.

Mitternacht war vorüber, als man glücklich die Hütte erreichte, wo ein Feuer angezündet und ein großes Stück Fleisch gebraten wurde.

Aber der Hunger plagte nur die Brüder. Bob aß wenig. Er vermochte noch immer die Aufregung nicht zu überwinden. Ihm war es, als könne der grausige Mensch jeden Augenblick aus dem Dunkel hervortreten und über Charley herfallen, dessen sorglose, heitere Miene verriet, daß er den Vorfall längst vergessen hatte.

In der Nacht erwachte der Knabe zweimal mit einem lauten Schrei. Ihm träumte, Woternichaza, der Crow-Indianer, habe zuerst den beiden Trappern, dann ihm selbst den Skalp vom Kopfe gerissen.

Viertes Kapitel. In Cheyenne

Wieder verstrichen vier Wochen.

Der Frühling war ins Land gezogen. Auf den Bergen schmolz der Schnee. Brausend und schäumend stürzte das Wasser in den Flüssen und Bächen talwärts. Aus Busch und Baum sproßten die ersten Keime des neuen Laubes hervor. Und in den tiefer gelegenen Gegenden zeigte sich auf den Prärien zwischen den dürren, gelben Halmen grünes, saftiges Gras, für Wild und Vieh ein willkommenes Futter.

Die Trapper hatten ihre Sachen geordnet und auf die Pferde gepackt. Dann waren sie fortgezogen. Bobs Gaul mußte auch seinen Teil Felle und Fallen tragen.

Man hielt es für das beste, in Fort Reno das Tier abzuliefern, da die Brüder in dem eingebrannten Zeichen am Schenkel ebenfalls entdeckten, daß das Pferd der Armee gehörte.

In der Befestigung hatten die Trapper im Herbst ihren Wagen untergebracht. Auf ihm ließ sich alles bequem weiterschaffen. Und wenn man erst nach Südosten kam und die Rocky Mountains überschritten hatte, führte der Weg bis an die Black Hills über endlose Prärien. Dort war es für die zwei Pferde keine große Arbeit mehr, den Wagen auf dem glatten, wenig welligen Boden hinter sich her zu ziehen.

Auf Bobs Bitten hin brannten die Brüder die kleine Hütte in den Bergen diesmal nicht nieder, wie sie es sonst gewöhnlich beim Weiterziehen zu tun pflegten. Bob dachte daran, wie angenehm ihm auf seinem einsamen Marsch ein solches Unterkommen oft gewesen war. Vielleicht kam einmal ein müder Wanderer dort oben durch die Berge und begrüßte das sichere, warme Lager mit großer Freude.

Es war am fünften Tage nach dem Aufbruch. Man hatte eine etwa zehn Meilen weite Prärie überschritten, als in der Ferne, vom Winde herübergetragen, Trommelwirbel und Trompetensignale ertönten. Bobs Pferd spitzte die Ohren und wieherte laut.

Kaum eine halbe Stunde später lag in einem weiten Talkessel Fort Reno vor den Reisenden.

Am Ufer des Powder River, dessen angeschwollene Fluten brüllend und tobend über Felsblöcke in ihrem breiten Bette dahinbrausten, standen in einem Kreise etwa fünfzig größere und kleinere Blockhäuser dicht nebeneinander. In der Mitte des freien, beinahe kreisförmigen Platzes erhob sich ein hoher Pfahl, an dem das Banner der Vereinigten Staaten im Winde flatterte.

Auf dem Platz herrschte ein reges Leben. Ueberall sah man Militär zu Pferde und zu Fuß. Neben dem Banner stand eine Kolonne in Reih und Glied und exerzierte nach den Klängen der Trommel und Trompeten.

Ein sonderbares Gefühl beschlich den Knaben, als er auf einmal dieses geschäftige Treiben in der Befestigung vor sich erblickte. Welch großer Unterschied lag zwischen hier und der selbstgewählten Einsamkeit, in der er die übrige Menschheit um sich her vergessen hatte! In ihm erwachte wieder die Erinnerung an jene Zeit, wo er selbst einst unter vielen Menschen gelebt hatte.

Als die Trapper die ersten Häuser von Fort Reno erreichten, wurde Bobs Pferd abgepackt. Beide Männer sowie der Knabe bemühten sich, das Tier durch Bürsten und Striegeln zu reinigen. Der Gaul scharrte dabei unruhig mit den Vorderfüßen. Und wenn die Trompetensignale von neuem ertönten, war er kaum zu halten.

Endlich lag der Sattel regelrecht auf seinem Rücken, und Jim meinte lachend, die Regierung könne sich freuen, das Pferd in einem derartig vortrefflichem Zustande zurückzuerhalten.

»Laß dich gleich zum Kommandanten selbst bringen, mein Junge,« sagte Charley, und fügte aufmunternd hinzu, da er die Aufregung seines Schützlings wohl bemerkte: »Er ist ein Mensch wie wir – nichts mehr. Deshalb nimm kein Blatt vor den Mund und sprich offen und frei! Er wird es sofort erkennen, daß du ehrlich handelst, indem du den Gaul wieder ablieferst.« Noch einmal nickte er dem Knaben freundlich zu. Dann nahm dieser das Tier am Zügel und schritt durch die Häuser hindurch auf den Platz. Den ersten Soldaten, der ihm dort begegnete, fragte er nach dem Kommandanten der Befestigung.

»Hauptmann Reinfels meint Ihr? Kommt! Wir treffen ihn in seiner Wohnung,« versetzte der Bursche. Er winkte dem Knaben, ihm zu folgen, und geleitete ihn an den Behausungen entlang vor eines der größeren Blockhäuser.

Als sie dort anlangten, trat eben ein hochgewachsener Herr mit blondem Vollbart in das Freie. Die Uniform umschloß knapp seinen kräftigen Körper. Mit wohlwollender Miene nahm er die Meldung des Soldaten in Empfang, der ihm in strammer Haltung, die Hand an der Mütze, den Wunsch des Knaben mitteilte.

Verwundert schaute der Hauptmann auf das Tier, dann musterte er auch den Ueberbringer desselben.

»Vor zwei Monaten fand ich dieses Pferd in den Bergen«, begann Bob, indem er seinen ganzen Mut sammelte, um ein Beben in seiner Stimme zu verhindern. »An dem Zeichen am Schenkel ersah ich, daß das Tier der Armee gehört. Ich komme daher, dasselbe seinem Eigentümer zurückzugeben.«

Der Kommandant antwortete nicht gleich. Sein Blick ruhte scharf auf dem Knaben. »Sollte ich dich nicht schon irgendwo gesehen haben? Du erscheinst mir merkwürdig bekannt«, meinte er dann sinnend. Auf einmal leuchtete es in seinem Gesichte auf, und lebhaft rief er: »Ich glaube mich nicht zu täuschen. Richtig! Bei einer der kleinen, südlich gelegenen Poststationen war es. Dort traf ich dich.«

Jetzt erinnerte sich Bob ebenfalls des Passagiers, durch den er die peinliche Nachricht von. dem Aufruf in den Zeitungen erfahren hatte. »Zehn oder zwölf Tage darauf fand ich das Pferd hoch oben in den Bergen«, sprach er rasch und fürchtete, abermals ausgefragt zu werden.

Der Hauptmann sagte nach kurzem Nachdenken: »Binde den Gaul dort an den Fensterverschlag und komm! Ich möchte doch etwas mehr von dir erfahren.«

Zögernd tat Bob, wie ihm geheißen wurde, und folgte mit klopfendem Herzen in das Haus, wo ihn der Kommandant in ein Zimmer führte, das einen einfachen, aber behaglichen Eindruck machte.

Der Knabe wagte kaum den weichen Teppich mit seinen Füßen zu berühren. Erst nach wiederholter Aufforderung ließ er sich schüchtern auf einen Polstersessel nieder, während der Hauptmann ihm gegenüber vor einem Schreibtisch Platz nahm und freundlich sagte: »Du hast recht. Das Pferd gehört uns. Ich kenne das Tier, habe ich es doch selbst in früheren Jahren oft genug geritten. Vor Monaten überfiel der Wegelagerer Bill mit seiner Bande die Post und raubte verschiedene Briefschaften. Um ihn dingfest zu machen, rückte eine Abteilung Militär nach ihm aus. Man hoffte, den Spitzbuben in einem Talkessel umzingeln zu können. Der Anführer ließ seine Soldaten daher absitzen, und alle schlichen auf versteckten Wegen weiter. Doch Bill entwischte rechtzeitig. Und als man an die Stelle zurückkam, wo man die Pferde untergebracht hatte, war eins von ihnen verschwunden und nirgends aufzufinden. Aber nun sage mir, warum brachtest du mir das Tier nicht früher wieder, da du doch wußtest, daß es ein Armeepferd war? Aengstige dich nicht, mein Junge! Strafbar bist du auf keinen Fall, denn hier kann wohl von einem Diebstahl nicht die Rede sein. Mich interessiert es nur zu wissen, wo du dich so lange aufhieltest und was du jetzt anzufangen gedenkst.« Er erklärte auch, über die abermalige Begegnung mit dem Knaben sehr erfreut zu sein.

Doch Bob hörte nur halb, was der Hauptmann sprach. Vor ihm an der Wand hing ein großes Bild, auf das zufällig seine Augen fielen, dann aber wie gebannt daran haften blieben. Zwischen grünen, hohen Ufern sah er den gewaltigen Missouri mit seinen Dampfern und Schiffen. In weiter Ferne an der anderen Seite des breiten Stromes lag Council Bluffs, von wo die Passagiere herüberkamen, um von Omaha aus ihre Reise nach dem Westen fortzusetzen. Wie oft hatte er alles das, was er hier auf dem Bilde erblickte, in Wirklichkeit geschaut, wenn er in der Heimat nur zu gern seine freie Zeit in der Nähe der rauschenden Wellen verträumte! Und seine Gedanken verweilten bei jenen längst vergangenen Tagen. Wie erinnerte ihn auch hier das trauliche Gemach an die geregelten Verhältnisse daheim! Erst hatte er es mit Widerstreben betreten, jetzt aber fühlte er sich so wohl und behaglich zwischen diesen Wänden, als seien sie ihm gar nicht fremd. Der freundliche Herr, dessen wohltönende Stimme ihm wunderbar zu Herzen ging, erschien ihm wie ein guter Freund, dem er ohne Scheu ruhig vertrauen konnte. Und als der Hauptmann ihn jetzt fragte, ob er nicht der Knabe sei, den man damals in den Blättern als verloren bezeichnet habe, da schlug er seine Augen frei zu dem Herrn auf, und versetzte ohne Zagen: »Ja, der bin ich! Nur meinen Namen erspart mir zu nennen, dann will ich Euch gern alles bekennen.«

Und Bob berichtete in kurzen Worten, wie die Behandlung seines Vaters ihn aus dem Hause getrieben habe, wie er dann zu Fuß in dem öden, menschenleeren Lande umhergeirrt sei und das Pferd wie ein Geschenk vom Himmel betrachtet habe. Auch von der freundlichen Aufnahme bei den Brüdern erzählte er und von seinem Trapperleben. »Jetzt bin ich zufrieden«, schloß er. »Laßt mich in meinem Beruf und verratet mich nicht! Lieber will ich mir ein Leid antun, als zu meinem Vater zurückkehren.«

»Kennst du in Omaha einen Knaben in deinem Alter, der sich wie ich Reinfels nennt?« fragte der Kommandant nach einer geraumen Weile, in der er sinnend vor sich hingeschaut hatte.

»Reinfels?« wiederholte Bob nachdenkend. »Nein! Von dem hörte ich niemals.«

»Dann ist dir auch wohl ein Gerichtsbeamter Gabert nicht bekannt?« fragte der Hauptmann weiter.

Der Knabe erschrak heftig, als er den Namen seines Vaters vernahm. »Oberflächlich! Nicht genau«, stotterte er.

»Kannst du mir sagen, ob es ein ehrlicher, pflichttreuer Mann ist?«

Bob wurde immer verlegener. »Ehrlich und pflichttreu? – Soviel ich weiß – ja – das ist er.«

Hauptmann Reinfels trat an das Fenster, öffnete es und rief einen Soldaten zu sich heran, dem er leise einen Auftrag gab. Dann wandte er sich von neuem an den Knaben. »Wann wirst du mit deinen Freunden weiter reisen, und wohin führt euer Weg?«

»Sobald der Wagen bepackt und hier einige Einkäufe an Lebensmitteln gemacht sind, werden wir unverzüglich aufbrechen«, entgegnete Bob und war froh, der peinlichen Antworten überhoben zu sein. »Von hier geht es geradeswegs nach Cheyenne, wo die Felle verkauft werden sollen. Von dort ziehen wir voraussichtlich westlich von Fort Phil. Kearny an den Goose Creek.«

Der Kommandant stützte den Kopf und blickte zum Fenster hinaus. So stand er schweigend mehrere Minuten, bis der Knabe sich zuletzt vom Sessel erhob und schüchtern sagte: »Erlaubt Ihr, daß ich mich entferne? Ich möchte meine Freunde nicht gern warten lassen.«

Hastig drehte sich der Hauptmann um. Er schien, in Gedanken versunken, die Anwesenheit des Knaben ganz vergessen zu haben. Jetzt legte er die Hand auf das lockige Haar Bobs und schaute lange in dessen frisches, blühendes Gesicht.

»Du hast dir einen Beruf erwählt, der wohl ein freies, ungebundenes Leben in der herrlichen Natur mit all ihren wunderbaren Reizen in sich schließt, bei dem sich jedoch ein Umgang mit rohen, verwilderten Menschen nicht vermeiden läßt, die von der Furcht vor dem Gesetze in die Wildnis getrieben wurden«, sprach er ernst. »Bleibe du ehrlich und brav! Bewahre dir ein ruhiges Gewissen, damit du stets einem jeden frei und offen in das Auge zu sehen vermagst! Möge dir Gott auf deinem zukünftigen Lebenswege allzu schwere Prüfungen ersparen!« Rasch trat der Kommandant an den Schreibtisch, warf einige Zeilen auf Papier und fügte einen Stempel hinzu. Dann führte er den Knaben vor das Haus. »Nimm das Pferd als ein Geschenk von mir! Den Sattel ließ ich mit einem anderen vertauschen, da er Nummer und Zeichen des Regiments trug. Und hier bewahre den Schein! Er bezeichnet dich als Eigentümer des Tieres.« Mit diesen Worten drückte er Bob, der vor Ueberraschung keiner Silbe mächtig war} das soeben aufgesetzte Schriftstück in die Hand.

»Nur vorwärts, mein Junge! Steig auf und starre mich nicht so ungläubig an!« fuhr Hauptmann Reinfels lächelnd fort. »Dir gehört der Gaul. Möge er, solange du ihn reitest, immer einen ehrlichen Menschen tragen!«

»So wahr ein Gott im Himmel lebt, ich will mein Leben lang ehrlich bleiben. Tausend Dank!« stammelte der Knabe.

»Bringt dich aber einst das Schicksal in eine Lage, in der du einen aufrichtig denkenden Freund brauchst, so komm getrost zu mir! Solange du frei und offen deine Augen zu mir aufschlagen kannst, findest du bei mir ein Heim. Und nun steige auf! Sieh! Dort hinten nahen zwei Männer. Ich vermute, daß es deine Freunde sind.«

Noch einmal drückte Bob seinem Wohltäter die Hände. Dann band er den Gaul los, schwang sich in den Sattel und sprengte den beiden Brüdern entgegen. Schon von weitem rief er ihnen zu: »Das Pferd ist mein. Das Pferd ist mein. Der Hauptmann Reinfels hat es mir geschenkt!«

Noch lange stand der Kommandant in der Tür seiner Behausung und blickte dem Knaben nach, der sich mit seinen Freunden rasch über den Platz entfernte. Endlich wandte er sich kopfschüttelnd ab.

Als eine halbe Stunde später die Trapper mit ihrem Wagen, begleitet von Bob auf seinem Pferde, Fort Reno verließen, brachte der Hauptmann einen Brief nach dem einzigen Verkaufsladen der Befestigung, in dem sich auch zugleich die Posthalterei befand; das Schreiben trug die Aufschrift: »An den Gerichtsbeamten Davis Gabert in Omaha.«

Die Trapper beeilten sich auf ihrer Reise nicht allzusehr. Manches Mal wurde schon mittags Halt gemacht, wenn sich ein passender Lagerplatz fand. Man sattelte und schirrte die Pferde ab und ließ sie frei laufen. Das reichliche Futter hielt sie stets in der Nähe. Die Tiere hatten sich auch so an ihre Herren gewöhnt, von denen sie schonend behandelt wurden, daß sie sich deshalb schon nicht weit entfernten und auf einen Ruf willig herbeikamen. Neben dem Wagen wurde Feuer angezündet und nach Herzenslust gekocht und gebraten. Wild gab es überall, und man führte stets einen reichlichen Vorrat davon auf dem Gefährt mit sich. Vom Wetter war die Reise ebenfalls begünstigt. Nur selten regnete es. Dann wurde ein altes Zelt vom Wagen ausgespannt, daß alle trocken und bequem darunter Platz fanden.

Charley und Jim freuten sieh schon im voraus auf die Zerstreuung, die ihnen die Stadt bieten sollte. Bob scherzte, lachte und sang vom Morgen bis zum Abend, da ihm dieses Reiseleben nun einmal gefiel. Sobald man das Lager aufgeschlagen hatte, durften seine Freunde die Hände nicht mehr rühren. Hier schaltete und waltete er allein.

Aber nicht immer war der Boden glatt. Oft mußte der Wagen zum Teil abgepackt werden, um den Tieren das Ziehen zu erleichtern. Hatte man die schlechte Stelle glücklich passiert, wurde das Gefährt von neuem beladen. Dabei gab es auch für die Brüder hinreichende Arbeit.

Zuletzt kam Bob auf den Einfall, sein Pferd als Vorspann zu benutzen, da ja die Trapper ein drittes Geschirr besaßen. Der Versuch glückte über Erwarten gut und erwies sich besonders von großem Nutzen, als man die Black Hills erreichte, in denen die Wege schlechter waren, als man gedacht hatte.

Die Reise dauerte bereits fünf Wochen, da sagte Charley dem Knaben eines Abends, daß sie voraussichtlich am folgenden Tage in Cheyenne ankommen würden.

Sie hatten soeben ihr Mahl verzehrt, und Jim rauchte behaglich seine Pfeife. »Hast recht, Bruder!« sagte er schmunzelnd. »Gegen Mittag werden wir dort eintreffen. Bis zum Abend kann dann schon alles verkauft sein, wenn unser alter Händler Newman wie in den letzten Jahren die Felle übernimmt.«

»Dich möchte ich bitten, uns bei dem Handel etwas auf die Finger zu sehen«, wandte sich Charley an Bob. »Den Wert der Felle kennst du, ich habe ihn dir oft genannt. Der alte Newman ist sehr freigebig mit Getränken, und nachher wird im Handumdrehen das Geschäft abgeschlossen. Ich glaube, der Kerl betrügt uns.«

Der Knabe hatte aus den Reden der Brüder längst erfahren, daß sie gewöhnt waren, sich in Cheyenne dem lang entbehrten Whiskygenusse hinzugeben. Sie hatten hier stets in Saus und Braus gelebt und die Stadt sehr oft ohne einen Cent in der Tasche verlassen. Seit der Abreise dachte er nun schon vergeblich nach, wie er diesmal seinen beiden Wohltätern den Ertrag für die monatelange, beschwerliche Arbeit erhalten könne. »Ich will euch gern dabei behilflich sein«, sprach er nach einer Weile und fuhr bittend fort: »Gebt mir das Versprechen, überhaupt auf meinen Rat zu hören, wenn es nötig ist, während wir uns in der Stadt befinden! Es wird doch Zeit, daß ihr für eure alten Tage etwas zurücklegt.«

»Daran hätten wir schon lange denken können«, versetzte Jim und kratzte sich hinter dem Ohr. »Wenn nur das Teufelsgetränk nicht auf der Welt wäre! Unsere Felle sind unter Brüdern mindestens zweitausend Dollars wert. Mehr als achthundert Dollars erhalten wir niemals dafür, weil uns beim Handel schon der Verstand verloren geht. Daß wir uns nach den vielen Monaten der Einsamkeit vergnügen und zerstreuen, kann uns wohl niemand verargen. Man vergißt dann nur zu leicht, wo der Durst wirklich ein Ende hat.«

»Wenn uns der Verstand abhanden gekommen ist, wie Jim sagt, wollen wir gern deinem Rate folgen, mein Junge«, meinte Charley. »Handle dann, wie du es für gut befindest! Sind die Felle verkauft, so sorge für neuen Mundvorrat, Patronen und dergleichen! Auch magst du dir ein Paar neue Stiefel anschaffen! Die deinigen haben ausgedient. Doch jetzt laß uns zur Ruhe gehen. Morgen, fürchte ich, wird es nicht so früh sein, wenn wir unser Lager aufsuchen.«

Am nächsten Tage zogen die Trapper in Cheyenne ein.

Die Stadt war von Menschen überfüllt. Hauptsächlich waren es die abgelohnten Cowboys, die hier für ihre Herren das frei im Lande umherlaufende Vieh zusammengetrieben hatten und nun ein lustiges Leben führten. Aber auch viele Viehzüchter, Trapper, Vieh-, Pferde- und Pelzhändler hielten sich hier auf, wie jedes Jahr um die Zeit; dazu aber auch Gesindel, dessen Handwerk im Territorium aus Pferdediebstahl und Wegelagerei bestand.

Das Lederhemd mit den Fransen an den Aermeln oder ein farbiges Wollhemd; die Beinkleider in den hohen, zum Teil mit mächtigen Sporen versehenen Stiefeln; der breitrandige Hut mit der vorn aufgeklappten Krempe; den patronengespickten Gürtel mit großem Revolver und Messer um die Hüften geschnallt, das war die Tracht der meisten Männer, die in den Straßen singend und lärmend von einem Beersaloon (Bierhalle) in den anderen zogen. Aus diesen Trinkstuben erscholl überall wildes Geschrei. Hier und da fiel ein Schuß. Abends erreichte das wüste Leben seinen Höhepunkt. Dann waren die Gemüter durch die heißen Getränke bis zur Raserei gereizt, und Mord und Totschlag gehörten dann nicht zu den Seltenheiten. Doch von alledem machte man nicht viel Aufsehen in der Stadt. Man war es nie anders gewohnt gewesen.

Einen vollen Einblick in dieses wilde Treiben erhielt Bob erst in den kommenden Tagen. Bei seiner Ankunft hatte er vollauf zu tun, um alles zu ordnen. Zu seiner großen Freude war Belford, bei dem er einst mehrere Monate im Fieber gelegen hatte, einer der ersten Menschen gewesen, denen er in der Stadt begegnete. Gern begleitete der Rancher den Knaben nach der Herberge, wo die Trapper von den Pelzhändlern in Empfang genommen wurden.

Die Brüder feierten das erste Wiedersehen mit Whisky, und als sie nach einiger Zeit, schon halb berauscht, zu handeln begannen bemerkte Bob mit Schrecken, daß sie weit unter dem Preis verkauften. Entschlossen drängte er die beiden Trapper fort, rief Belford zu seiner Hilfe herbei, und begann das Geschäft mit genauer Berechnung und klarem Verstand.

Wohl waren die Händler anfangs über diesen Wechsel erzürnt, hauptsächlich Mr. Newman, der die Brüder vorher am meisten zum Trinken genötigt hatte; aber alle wußten, wie sorgfältig die Ware der schon seit so vielen Jahren in Cheyenne bekannten Trapper behandelt war und jeder kaufte die Felle gern. Daher überbot jetzt einer den andern. Und als der Knabe endlich das letzte Stück fortgegeben und mit seinem Freunde einen Ueberschlag des erlösten Geldes machte, hatte er 2550 Dollars eingenommen.

Bob wollte freudestrahlend damit zu den Brüdern eilen, die sich mittlerweile an einem Tisch niedergelassen hatten und mit mehreren wüsten Gesellen Karten spielten. Doch Belford hielt ihn rasch zurück.

»Komm, mein Junge!« lachte er und zog den Knaben mit sich. »Ich weiß einen Platz, wo das Geld besser aufgehoben ist. Wir bringen es, wenigstens den größten Teil, nach der Bank, sonst ist die ganze schöne Summe in kurzer Zeit verjubelt. Ich kenne das!«

Der Rat leuchtete dem Knaben ein, und beide begaben sich nach der Filiale eines Chikagoer Bankhauses, wo sie zweitausend Dollars einzahlten. Dann ging Bob zu den Trappern zurück, denen er auf ihr Verlangen fünfzig Dollars gab. Voll Ekel wandte er sich ab, als sie ihm ein großes Glas Whisky hinhielten und ihn aufforderten, mit ihnen zu trinken.

Unter des Ranchers Aufsicht kaufte der Knabe nun Lebensmittel und alles für den Aufenthalt in den Bergen Nötige. Er unterließ es auch nicht, noch einige neue Biberfallen anzuschaffen, da er die frühere Zahl jetzt nicht mehr für ausreichend hielt. Den Abend verbrachte er in der Gesellschaft Belfords auf dessen Zimmer in einem größeren Hotel. Als er dann in die Herberge zurückkehrte, waren seine Freunde fort. Erst spät in der Nacht kamen sie heim.

Am nächsten Tage sprach keiner der Brüder ein Wort mit Bob. Sie wichen ihm scheu aus. Vergeblich sann er darüber nach, ob er sich irgend etwas habe zuschulden kommen lassen.

Das scheue Wesen der Trapper hatte seinen guten Grund. Sie hatten die fünfzig Dollars in der vergangenen Nacht verpraßt und schämten sich nun, mehr zu fordern.

Am Nachmittage rückte Jim endlich mit der Sprache heraus und bat für sich und seinen Bruder nochmals um die gleiche Summe.

Freundlich machte Bob den Männern Vorwürfe über ihre Verschwendung und bat sie. Maß und Ziel im Trinken und Spielen zu halten.

»Jetzt werden wir uns in acht nehmen und vorsichtiger mit der Münze umgehen«, versprachen beide. Aber schon abends forderte Jim abermals Geld, und nach kurzer Zeit stellte sich auch sein Bruder mit demselben Verlangen ein.

Das wiederholte sich jetzt beinahe jeden Tag. Der Knabe wurde nicht müde, die Brüder immer von neuem zu bitten, daß sie dieses wüste Leben aufgeben möchten. Doch alles blieb beim alten, bis Bob keinen Cent mehr von dem Gelde besaß, das er von der erlösten Summe zurückbehalten hatte. Das Benehmen der Freunde gegen ihn wurde ebenfalls fremder. Mit Kummer sah er, daß sie immer mehr Gefallen an den rohen Gesellen fanden. Belford war abgereist, nachdem er seinem jugendlichen Freunde eine prächtige Büchse zum Andenken geschenkt hatte. Wer sollte nun guten Rat erteilen? Da faßte der Knabe einen kurzen Entschluß. Er hob noch dreihundert Dollars bei der Bank ab, und als die Trapper am anderen Tage wieder Geld von ihm forderten, gab er ihnen diese Summe mit dem Bemerken, daß das nach Abzug der gemachten Einkäufe und der täglich bezahlten Zeche in der Herberge der letzte Rest sei. Für die auf der Bank niedergelegten tausend siebenhundert Dollars hatte er sich ein Scheckbuch geben lassen, dessen Vorhandensein er den Brüdern wohlweislich verschwieg.

Verlegen schlichen diese hinweg, und von jetzt ab sah Bob sie kaum noch.

Sechs Tage nachher erhoben sich die Trapper morgens später als gewöhnlich vom Lager und befahlen dem Knaben kurz, den Wagen zu packen und die Gäule vorzuspannen. Eine Stunde darauf fuhren sie schweigend zur Stadt hinaus. Bob folgte hinterher auf seinem Pferde. Seine Fragen beantworteten die Freunde kaum. Sie sprachen auch selbst miteinander nur, was unbedingt nötig war.

Nach einem kurzen Halt am Mittage ging es weiter, und abends rollten sich die Brüder in ihre Decken, ohne etwas von dem zu genießen, was der Knabe heute mit doppelter Sorgfalt hergerichtet hatte. Traurig saß er allein am Feuer.

Am kommenden Nachmittage machte Bob, nachdem das Lager aufgeschlagen war, einen Ritt in die Berge. Mit seiner Büchse, die er am Sattel in einer Lederscheide mit sich führte, erlegte er ein Reh. Als er damit zu den Brüdern zurückgekehrt war, bemerkte er mit Schrecken, daß sich beide betrunken hatten. Am meisten war Jim berauscht, aber auch Charley hatte des Guten zu viel. Man erkannte es deutlich an seinen unsicheren Bewegungen. Voll Abscheu begann Bob die Abendmahlzeit zu bereiten.

»Die neue Waffe hast du wohl in Cheyenne gekauft, he?« unterbrach Jim nach einer Weile das Schweigen mit lallender Zunge. Schwankend lehnte er sich gegen den Wagen.

»Gekauft? O nein! Woher hätte ich wohl das Geld nehmen sollen? Herr Belford schenkte sie mir beim Abschiede«, erwiderte der Knabe.

Jim tat, als überhöre er die letzten Worte.

»Geld hernehmen? Pah! Hattest doch unser ganzes Kapital in Händen.«

»Ich habe Charley stets gewarnt, dir alles anzuvertrauen, aber du warst ihm ja mehr als ich«, fügte er mit einem unwilligen Blick auf den Bruder hinzu, der auf seinem Sattel neben dem Feuer saß und, den Kopf in die Hand gestützt, vor sich hinschaute.

Bob fühlte natürlich die Anschuldigung, die in der Rede des Trappers lag, bemühte sich aber, ruhig zu bleiben, und entgegnete gelassen: »Hätte ich die Büchse von euerm Gelde gekauft, ohne euch zu fragen, so wäre das ein Unrecht gewesen, und ich trüge sie dann nicht am Sattel als mein Eigentum. Dann gehörte sie euch, nicht mir.«

»So wird es auch wohl sein. Wer kann bezeugen, wieviel du für die Felle einnahmst? Dein Freund Belford vielleicht? Der steckt mit dir unter einer Decke!« rief Jim höhnisch und taumelte einige Schritte vor.

»Habt ihr in früheren Jahren mehr erzielt?« fragte der Knabe mit wachsender Erregung.

»Davon ist nicht die Rede!« versetzte Jim barsch. »Wir stellten dich zum Handeln hin, weil du – – – nüchtern warst. Was hat es uns gebracht? Die schlauen Händler haben dich wahrscheinlich doppelt übervorteilt.«

»Ihr wißt nicht, wieviel Geld ihr von mir empfingt, weil ihr leider oft nicht mehr zählen konntet, was ich euch gab«, sagte Bob mit bebender Stimme.

»Bruder! Hörst du nicht, was er spricht?«spottete Jim. »Der hergelaufene Galgenvogel will uns Vorschriften machen.«

»Wenn ihr mich anklagt – allerdings! Dazu habt ihr kein Recht. Ihr waret unzurechnungsfähig!« erwiderte Bob, am ganzen Körper zitternd.

»Schweig, Junge!« sagte Charley unwillig, indem er sich mühsam von seinem Sitze erhob und wankend zu seinem Bruder trat. »Wir können tun und lassen, was wir wollen, und wenn dir das nicht behagt, dann geh! Deine Sache ist es nicht, uns Gesetze vorzuschreiben. Jim hat recht. Jim und ich sind zwanzig Jahre miteinander fertig geworden. Du möchtest dich jetzt wohl zwischen uns drängen und Unfriede säen? Daraus wird nichts, Junge. Glaubst du, wir sind Narren, die sich von dir lenken und leiten lassen? Oho! So haben wir nicht gewettet. Jim hat mir oft in den vergangenen Tagen in den Ohren gelegen, daß du nicht ehrlich seist. Ich wollte nichts davon hören, aber jetzt glaube ich es auch beinahe. Ich will gleich …«

»Haltet ein! Es ist genug!« unterbrach ihn der Knabe rasch. Jedes Wort seines alten Freundes schnitt ihm in das Herz. Von Jim, der ihm nie sehr freundlich gesinnt war, konnte er sich die in der Trunkenheit geführten Reden erklären, daß ihn aber Charley ebenfalls verdächtigte, hätte er nicht erwartet.

Hoch aufgerichtet stellte er sich den Brüdern gegenüber, die unwillkürlich einen Schritt zurücktraten. Er schien plötzlich um einige Jahre älter geworden zu sein. Mit fester Stimme sprach er: »Als wir vor wenigen Wochen nicht weit von Cheyenne lagerten, gabt ihr mir das Versprechen, auf meinen Rat zu hören, sobald ihr in der Stadt den Verstand verloren hättet. In diesem Falle erteiltet ihr mir die Erlaubnis, für euch nach bestem Ermessen zu handeln. Wir redeten damals auch davon, daß es Zeit sei, für eure alten Tage einen Notcent zurückzulegen. Ihr hieltet euer Versprechen nicht; deshalb war es meine Pflicht, für euch zu tun, was ihr versäumtet. Mit Güte erreichte ich meinen Zweck niemals. Das sah ich bald ein. Da blieb mir nur noch ein Weg. Ihn habe ich eingeschlagen.« Hastig griff er in sein Hemd und holte das Scheckbuch hervor, das er den erstaunten Trappern übergab. »Hier nehmt und überzeugt euch, ob der Knabe unrecht tat, während ihr vergaßet, Männer zu sein.«

Stumm standen die Brüder nebeneinander und blickten unverwandt in das Buch. Charley rieb sich die Stirn. Jim fuhr sich wiederholt mit der Hand über das Gesicht. Beide trauten ihren Augen nicht. Die Ueberraschung schien sie plötzlich nüchtern gemacht zu haben.

»Lebt wohl!« fuhr Bob bebend fort: »Habt Dank für alles, was ihr mir tatet! Ich suche mir einen anderen Platz, wo – ich – – –« Er vermochte nicht weiter zu reden. Tränen erstickten seine Stimme. Er nahm seinen Sattel von der Erde auf und ging nach seinem Pferde, das in der Nähe graste.

Aber er kam nicht bis zu seinem Tiere. Zwei muskulöse Arme legten sich um seinen Nacken und zogen ihn nach dem Feuer zurück. Es war Charley, der jetzt den Kopf des Knaben in seine beiden schwieligen Hände nahm und einen Kuß auf dessen Mund preßte.

»Junge! Mein Herzens junge, was hast du für uns getan, die wir nicht wert sind, daß uns die Sonne bescheint?« stammelte er, und eine dicke Träne rollte über seine wetterharte Wange.

Jim ergriff Bobs beide Hände und stotterte: »Wir sind schlechte Kerle, und dort drinnen in der Sündenstadt verhärtete unser Herz gänzlich. Ich bin hauptsächlich der Schuldige. Ich klagte dich zuerst gehässig an, weil es mich kränkte, daß der Bruder mir nicht mehr allein gehört, seitdem du bei uns weilst.«

Charley nahm den Knaben immer von neuem in den Arm, und in fliegender Hast kam es über seine zuckenden Lippen: »Verzeihe mir, mein Junge! Das Teufelsgetränk ist an allem schuld. Einst hast du uns erzählt, du habest dir vorgenommen, nie wieder einen Tropfen Whisky auf deine Zunge zu nehmen, als dich Bill mit seiner Bande berauschte. Damals habe ich im stillen gelacht. Heute gelobe ich feierlich dasselbe, und will sterben, wenn ich jetzt mein Wort nicht halte!«

Jim schritt hastig an den Wagen. Unter dem Gepäck holte er eine große, gefüllte Flasche hervor und schleuderte sie mit Wucht gegen einen Stein, daß die Scherben weit umherflogen. »Zum Teufel mit dem Getränk!« rief er laut. »Was Charley gelobte, gelobe ich ebenfalls. Du sollst nicht vergeblich für uns gesorgt haben, Bob. Von jetzt ab wird für unsere alten Tage gearbeitet.« Und nun umarmte auch er den Knaben, der freudestrahlend zu den Trappern aufschaute.

Gerührt drückte Bob beiden die Hand, und aus vollem Herzen sagte er: »Das Versprechen, um das ich euch bat, hieltet ihr nicht, und ich habe an euerm Manneswort gezweifelt. Jetzt habt ihr es mir freiwillig gegeben. Heute glaube ich euch!«

Fünftes Kapitel. Andrew Brown der Fuchs

Nicht weit von dem Cloud Peak, dessen schneebedecktes Haupt die umliegenden Berge um vieles überragt, stürzt plätschernd und schäumend der Goose Creek von beträchtlicher Höhe in ein mit Schilf und Gestrüpp umgebenes Becken herab, teilt sich darauf in viele Arme, die einen länglichen Talkessel durchrieseln, und strömt dann, von neuem zu einem rauschenden Bach vereinigt, durch eine tiefe Schlucht talabwärts, bis er nach langem Lauf endlich in den Yellowstone River mündet, der seine Fluten wieder dem gewaltigen Missouri zuführt.

Es war Hochsommer, als Bob eines Morgens von der Stelle, wo er mit seinen Freunden am Abend vorher ein Unterkommen für die Nacht gefunden hatte, auf die Suche nach Wild auszog und plötzlich den schäumenden Gießbach vor sich sah. Nach Biberfährten ausschauend, bemerkte er solche in großen Massen am Creek. Er benachrichtigte die Brüder sofort von seiner Entdeckung. Und bei genauerer Untersuchung zeigte sich eine große Biberstadt, die einen ergiebigen Fang für Monate hinaus versprach.

Man beschloß daher, hier das Winterlager aufzuschlagen. Schon tags darauf machten sich Charley und Bob auf den Weg, um die auf einem entfernter stehenden Berge wachsenden Pechtannen zu fällen, die zur Erbauung der Hütte nötig waren.

Die Axt auf der Schulter, kletterten die beiden munter plaudernd über die vielen Felsblöcke und Steine hinweg, nachdem sie eine steile Anhöhe an der nördlichen Seite des Tales nicht ohne Mühe erstiegen hatten.

»Lächerlich ist es, sage ich dir!« rief Charley. »Haben wir in den vierzehn Tagen, seitdem wir von Fort Phil. Kearny fortzogen, wo wir unseren Wagen unterbrachten, auch nur die geringste Spur von den Indianern gesehen? Jim fand allerdings Fährten und behauptete, sie seien von den Rothäuten. Auch das niedergebrannte Feuer sollte von ihnen stammen. Das ist nun schon gar nicht möglich. Die Indianer benutzen Steine, auf die sie den Kochkessel stellen. Ich aber entdeckte unter den Kohlen die regelrechten Eindrücke eines Dreifußes.«

»Er glaubt wirklich, daß die Indianer sich auf dem Kriegspfade befinden, wie man sich ja auch in der Befestigung erzählte«, meinte Bob. »Das Gerücht verbreitet sich regelmäßig, wenn der Sommer seinem Ende naht«, versetzte der Trapper, indem er einen Augenblick stehen blieb, um sich vom anstrengenden Klettern zu erholen. »Man weiß, daß dieser oder jener Stamm in dem Lande, das ihm von der Regierung zuerteilt wurde, gerade kein beneidenswertes Leben führt. Es fehlt dort an Büffeln. Infolgedessen muß der Indianer hungern, das Schlimmste, was ihm begegnen kann. Außerdem gewinnt er nicht Felle genug, um sich dafür einzutauschen, was er sonst braucht. Man zweifelt daher nicht daran, daß die Rothäute die Geduld verlieren und ausbrechen, wie man es nennt. Aber gewöhnlich vertrösten sie sich auf den Winter. Dann wechselt der Büffel seinen Aufenthalt. Ich glaube nicht früher an einen Krieg, bis ich die drei Federn auf dem Haupte eines Indianers sehe, und – – – Charley sprach nicht weiter. Hastig griff er an seinen Revolver. Dicht vor den beiden tauchte hinter einem Felsblock ein Mensch empor.

Ein Lederhemd bedeckte seinen Oberkörper. Die dunkelbraune Hautfarbe des bartlosen Gesichtes, in dem unter der gewölbten Stirn ein Paar listige Augen funkelten, war nicht allein durch Wetter und Wind verursacht, sondern verriet die. Abstammung des Mannes von den Indianern. Ein kleiner, grauer Hut, an dem eine Adlerfeder saß, bedeckte den Kopf, von dem lange, schwarze Haare bis auf die Schultern herabfielen.

»Behaltet Eure Waffe in der Scheide, Pelzjäger!« rief der Mann und stand mit einem Sprung vor dem Trapper. »Solltet Ihr mich nicht mehr kennen? Man nennt mich Andrew Brown den Fuchs.«

Charley musterte den Fremden mit finsterem Blick. »Den Namen tragt Ihr nicht mit Unrecht, denn Ihr habt vieles mit dem Tiere gemein«, sagte er kurz. »Wohin führt Euer Weg? Seid Ihr allein auf der Reise und hungert Euch, so kommt in unser Lager! Ich will Euch die gastliche Aufnahme, wie sie im Lande üblich ist, nicht verweigern. Doch besser ist es, ich begleite Euch dorthin. Wo Ihr Euch aufhaltet, kann ein einziges Augenpaar kaum verhindern, daß Ihr fremdes Eigentum mit dem Eurigen verwechselt. Hat Euch meine Schrotflinte damals gute Dienste geleistet?«

Andrew Brown lächelte. »Eure Zunge ist scharf wie ein Dolch, doch Eure Reden verwundern mich nicht. Ich gehe mit Euch. Ich habe Hunger. Zu Euerm Lager führt von hier ein kürzerer und bequemerer Pfad«, sprach er weiter, als der Trapper sich wandte, um auf dem Wege zurückzukehren, den er mit dem Knaben gekommen war. »Folgt mir!« Behend sprang er über einige Steinblöcke. Dann schritt er auf eine mächtige Felswand zu, in der sich ein kaum mannesbreiter Spalt befand. Rasch schlüpfte er hinein.

Charley zögerte mißtrauisch einen Augenblick. Bevor er in die vollständige Finsternis trat, die zwischen den Felsen herrschte, nahm er seinen Revolver zur Hand und bedeutete Bob, dicht hinter ihm zu bleiben. Behutsam schritt er vorwärts.

Schon nach einer Weile erweiterte sich die Kluft. Es wurde von neuem hell.

»Die Aexte auf Euren Schultern sagen mir, daß Ihr Euch ein Dach für den Winter bauen wollt. Erspart Euch die Arbeit!« meinte der Fremde, indem er an die Seite des Trappers trat und neben ihm einherging.

»Weshalb?« fragte dieser.

Andrew Brown lachte wild auf. »Man wird bald nicht nur den Bibern das Fell vom Leibe ziehen, sondern auch den Menschen die Haut vom Kopfe reißen.«

»Glaubt Ihr ebenfalls dem Gerücht?« versetzte Charley spöttisch.

Der Mann blieb stehen. Seine Augen funkelten unheimlich. Hastig öffnete er sein Hemd und zeigte dem Trapper zwei noch frische Wunden auf seiner breiten Brust. »Zweifelt Ihr jetzt auch noch daran?« rief er laut.

»Kennt Ihr das Zeichen nicht?« fuhr er fort, als Charley und Bob ihn erstaunt anschauten. »Wenn der große Geist uns befiehlt, den weißen Mann zu töten, versammeln sich die Männer meines Volkes, um Rat zu halten. Hochauf lodern dann die Flammen. Das bedeutet Krieg! Blut soll fließen. Darum ritzt sich jeder die Brust zweimal und schiebt unter der Haut ein langes Gras hindurch. Bei Gesang und Tanz reißt er es hin und her. Das Blut unserer Feinde folge dem unsrigen nach!«

Seit wann weilt Ihr wieder bei Eurem Volk? Ihr dientet doch der Regierung als Indianscout (Armeespion)?« fragte Charley, während die drei langsam weitergingen.

Andrew Brown sagte erst nach einer Weile: »Halb bin ich ein Weißer, halb Indianer. Ich gehe dahin, wohin der große Geist mich gehen heißt. Heute diene ich als Knecht dem weißen Herrn. Morgen gehöre ich als freier Mann mit meinem Blute meinem Volk.«

Die Kluft öffnete sich jetzt vollkommen. Ihr gegenüber stürzte der Goose Creek von der Höhe herab. Vom Tal stieg eine Rauchsäule herauf. Nicht weit von der Stelle, wo Andrew seine Begleiter in das Freie führte, stand Jim in der Nähe des Feuers und spaltete Holz.

Charley ließ einen lauten Pfiff ertönen.

Sofort legte Jim die Hand um den Revolvergriff und sah sich nach allen Seiten um, bis er dort oben die Männer und den Knaben bemerkte, die jetzt rasch die schräge Böschung herabkletterten.

Auch Jims Gesicht zog sich in finstere Falten, als er den Halbindianer erkannte. Er nahm seine Beschäftigung wieder auf, ohne dessen Gruß zu beachten.

Bob holte einen eisernen Kessel, Speck und Wildfleisch herbei und begann, das Mahl zu bereiten.

»Was treibt Euch in die Berge?« wandte sich Charley an Andrew, der sich auf einen großen Stein niedergelassen hatte. »Euer Volk wohnt doch viele Meilen weit von hier.«

»Ich wollte Euch aufsuchen«, erwiderte der Angeredete.

Jim maß den Halbindianer mit einem zornigen Blick. »Zu viel Ehre!« lachte er spöttisch. »Braucht Ihr vielleicht wieder einiges von unserem Eigentum? Hütet Euch! Ich würde Euch ganz gern eine Patrone opfern, obgleich Ihr den Schuß nicht wert seid!«

»Meine Absicht war es, euch zu warnen«, sprach Andrew Brown lächelnd. »Ihr verkennt mich.«

»Lügt Ihr nicht, dann sagt uns den Vorteil, der Euch daraus erwächst!« versetzte Jim und stützte sich auf seine Axt.

»Ihr wißt, die Regierung benutzt meine Dienste, weil mir Wege und Pfade in den Bergen nicht unbekannt sind«, entgegnete der Halbindianer. »Jetzt aber darf ich mich von meinem Volke, das nach Rache schreit, nicht trennen. Deshalb komme ich, euch frühzeitig zu warnen, damit ihr unter das Dach Eurer Brüder flüchtet. Sagt ihnen, was ihr von mir hörtet! So kann ich meinem Volke weiter dienen und diene dem weißen Manne doch auch zugleich.«

»Der Name Fuchs gebührt Euch mit Recht!« rief Charley. »Ihr denkt daran, Euch die Dollars auch künftig zu erhalten, die Euch die Regierung für Eure Kenntnis des Landes zahlt. Ist der Krieg beendet und bei den Weißen etwas zu gewinnen, kehrt Ihr zurück und hängt den Mantel nach dem Winde.«

»Bedenkt, daß ich ein halber Weißer bin« entschuldigte sich Andrew Brown.

Verächtlich zuckte Charley die Achseln. »Und dennoch laßt Ihr es ruhig geschehen, daß man jenen den Skalp vom Kopfe reißt?«

»Im Kriege regt sich das Blut meines Volkes in mir«, entgegnete der Halbindianer ruhig.

»Mit Euch kann man nicht streiten!« rief Charley und wandte sich ärgerlich ab. Er sann vergeblich darüber nach, welchen Zweck Andrew Brown mit seinem Aufenthalt in den Bergen verfolge. Die Ursache, die dieser angab, erschien ihm nicht glaubwürdig. Das niedergebrannte Feuer, das er gefunden hatte, stammte gewiß von ihm, ebenso die Fußspur, die Jim entdeckt hatte, denn der Halbindianer trug keine Stiefel, sondern Mokassins an den Füßen. Weshalb kam er nicht sofort zu den Trappern, wenn ihm deren Lagerplatz bekannt war?

Charley winkte seinem Bruder. Beide nahmen die Pferde und führten sie weiter vom Feuer weg an den Fluß.

Während Bob das Mahl herrichtete und sich anscheinend eifrig damit beschäftigte, beobachtete er den Fremden scharf. Er bemerkte, wie dieser von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke nach den Sachen der Trapper warf, die man zum Schutz gegen Regen unter einem überhängenden Felsen niedergelegt hatte. Einmal erhob sich der Halbindianer auch und schritt, als geschähe es unabsichtlich, an jener Stelle vorbei. Dann nahm er seinen Sitz von neuem wieder ein.

Nach einer Weile war Bob mit der Zubereitung seiner Mahlzeit fertig. Er stellte den Kessel vor dem Gast nieder und sagte: »Ich hoffe, es genügt, um Euren Hunger zu stillen.«

Andrew Brown blickte freundlich zu ihm auf. »Es ist reichlich. Ich danke Euch!« erwiderte er, indem er ein großes Messer aus der Scheide am Gürtel zog. »Besser würde mir die Speise munden, wenn man sie mir gern reichte. Eure Freunde sind mir nicht wohlgeneigt.«

»Ihr werdet das selbst verschuldet haben,« meinte der Knabe.

Der Halbindianer schüttelte den Kopf, nachdem er sich nach den Trappern umgesehen hatte, die in leisem Gespräch bei den Pferden standen. »Es ist leicht, einen Menschen anzuklagen. Ich kenne die Brüder lange Jahre. So manches Weißen Skalp schmückte in dieser Zeit den Gürtel der Männer meines Volkes. Aber den Brüdern wurde nie ein Haar gekrümmt. Wem verdanken sie das? Mir allein! Sie aber wenden sich zornig ab, wenn ich ihnen nahe. Kränkte sie mein Volk, trage doch ich nicht die Schuld. Ich bin niemals ihr Feind gewesen. Das beweise ich auch heute, indem ich warnend zu ihnen komme. Sie mißachten meinen Rat. Vermögt Ihr etwas über Eure Freunde, so veranlaßt sie, in den Schutz der Befestigung zu ziehen. Der große Geist befahl meinem Volke, keinen Weißen zu verschonen, dieses Mal auch sie nicht. Ich meine es ehrlich. Ihr dürft es mir glauben.«

In Bob regte es sich wie Mitleid für den Fremden, der jetzt langsam ein Stück Fleisch nach dem anderen verzehrte. Sollten die Brüder ihn vielleicht doch unrechtmäßigerweise beschuldigen? Seine Worte klangen so wahr. Und eine gute Tat beging er doch auch, indem er kam, um die Brüder zu warnen.

»Hat euch noch niemals ein Hund gefehlt?« fragte der Halbindianer nach kurzer Pause. »Ich sollte denken, wenn ihr euch am Tage müde gearbeitet habt, braucht ihr die Nacht für den Schlaf. Ein Hund würde dann gute Wacht für euch halten.«

Bob lächelte. »Das Wenige, was wir besitzen, stiehlt uns hier in den einsamen Bergen wohl kein Mensch. Speise erhält ein jeder, der bei uns einkehrt, willig und gern. Geld kennen wir hier nicht. Und wer hielte es wohl der Mühe wert, im Winter einige trockene Biberfelle durch Eis und Schnee zu tragen? Viele Monate vergehen oft, ohne daß wir einen Menschen sehen. Ein Hund wäre für uns ein hübscher Zeitvertreib, aber notwendig ist er uns nicht.«

»Ich dachte nicht daran, daß ihr stets weit ab vom Wege lagert«, sagte Andrew Brown und nickte zustimmend mit dem Kopfe. »Je einsamer die Gegend, desto besser ist für euch der Fang. Ihr könnt euch unbesorgt der Ruhe überlassen. Gewiß schlaft ihr nach des Tages harter Arbeit fast die ganze Nacht. Hab ich nicht recht?« »So ist es!« lachte der Knabe. »Besonders jetzt im Sommer wird die Zeit ausgenutzt, wo wir keine Fallen stellen. Da legen wir uns abends nieder und erwachen erst wieder, wenn uns die Sonne in die Augen scheint.«

Der Halbindianer wollte etwas erwidern, doch er schwieg, als er die beiden Trapper mit den Pferden zurückkommen sah. Er verzehrte den letzten Rest aus dem Kessel, erhob sich, und indem er sein Messer in die Scheide steckte, fragte er: »Werdet ihr meinen weißen Freunden berichten, was ihr von mir hörtet?« Wenn auch seine Miene unverändert blieb, so verrieten doch seine funkelnden Augen die Spannung, mit der er die Antwort erwartete.

»Das laßt unsere Sache sein!« entgegnete Charley kurz.

»Es ist gut. Ich tat, was ich vermochte, um euch abermals meine freundschaftliche Gesinnung zu beweisen,« sprach Andrew Brown mit schlecht verhehltem Ingrimm. »Ich mache mich wieder auf den Weg zu meinem Volke. Lebt wohl, und habt Dank für die gastliche Aufnahme!« Rasch schritt er hinweg.

Die Brüder erwiderten kein Wort. Bob nickte dem Halbindianer freundlich zu, als dieser mit einem Satz über den Bach gesprungen war und noch einmal zurückblickte, bevor er in der Schlucht verschwand.

»Die Pest hole diesen Menschen!« stieß Jim zwischen den Zähnen hervor. »Er ist falsch wie eine Schlange!«

»Ist das wirklich wohl der Fall?« fragte der Knabe schüchtern.

»Wenn du ihn kenntest wie wir, würdest du auch nicht daran zu zweifeln.« rief Charley lebhaft.

»Aber weshalb warnte er euch?« meinte Bob.

»Ich vermute, es gelüstet ihn nach unseren Gäulen. Stiehlt er sie hier in den Bergen, so kommt er auf dem weglosen, steinigen Boden nicht rascher damit fort als wir zu Fuß, wenn wir ihm den Raub wieder abjagen wollen. Folgen wir jedoch seinem Wunsche und brechen nach der Befestigung auf, dann überfällt er uns mit den Männern seines Volkes, wie er sagt, in einer tiefer gelegenen, weniger bergigen Gegend und nimmt uns mit Gewalt die Pferde ab.«

»Also werden wir der Kriegsgefahr trotzen und nicht von hier fortziehen?« fragte der Knabe doch etwas kleinlaut.

»Besser ist es, wir warten vorläufig,« versetzte Jim und stopfte sich gemächlich seine Pfeife. »So hoch in die Berge werden die Indianer nicht kommen, wenn sie sich wirklich auf dem Kriegspfade befinden. Daher sind wir hier am sichersten aufgehoben.

Charley legte einen Arm um den Nacken seines Schützlings. »Hast du Furcht, mein Junge?« lachte er.

Leuchtenden Auges schaute Bob zu seinem väterlichen Freunde empor und sagte ohne Zögern: »Solange ihr bei mir seid, fürchte ich mich nicht!«

Es wurde nun beschlossen, die Erbauung der Hütte vorderhand zu unterlassen. Sie war auch noch nicht nötig, herrschte doch in den Nächten hinreichende Wärme. Und mit dem Fallenstellen zu beginnen, mußte das Fell der Biber erst seinen vollen Wert erhalten. Bis dahin dauerte es noch mehrere Wochen. An Unterhaltung für diese Zeit sollte es nicht fehlen. Man brauchte es doch nur wie bisher zu machen, wo man größere Sorgfalt auf die Zubereitung der Mahlzeiten verwandt hatte und beinahe den ganzen übrigen Teil des Tages auf die Jagd gegangen war, allerdings mehr um Wild zu sehen, als solches zu schießen. Die Brüder duldeten es nicht, daß Tiere nur zum Vergnügen getötet wurden, und der Knabe war ganz ihrer Ansicht.

Jim befand sich heute in einer sehr schlechten Laune, wie das in der letzten Zeit oft der Fall war. Hauptsächlich hatte der Knabe darunter zu leiden, obgleich er nach wie vor alles tat, um die Trapper durch seine Arbeit zufrieden zu stellen. Charley pflegte dem Bruder dann mit seinem Schützlinge möglichst aus dem Wege zu gehen, und als Jim am Nachmittage immer von neuem seinen Aerger durch mißmutige Reden laut werden ließ, nahm Charley seine Büchse auf die Schulter und winkte Bob, ihm zu folgen.

Sie erstiegen eine der Anhöhen an der südlichen Seite des Talkessels, von wo sich ihnen eine weite Aussicht in das Land hinein bot. Scharf schauten sie hier besonders in östlicher Richtung nach etwaigem Rauch aus, der einen Lagerplatz der Indianer vermuten lassen konnte, aber nichts war zu sehen. So weit das Auge reichte, reihte sich ein Berg an den anderen, hier oben felsig und kahl, nur streckenweise mit Moos, Gräsern und einzelnen Pechtannen bewachsen. Mehr talabwärts standen die Tannen dichter, umgeben von Buschwerk und Gestrüpp, und in verschwindender Ferne zogen sich grünen Matten gleich endlosen Prärien bis zum Horizonte hin.

Charley und Bob hatten auf einem Felsblock Platz genommen, und der Trapper bemühte sich, durch sein heiteres Geplauder die trübe Miene des Knaben zu verscheuchen, deren Ursache seiner Meinung nach nur Jims gehässige Reden waren.

Doch Bobs weniger frohe Stimmung hatte einen anderen Grund. Er dachte daran, wie dringend Andrew Brown ihn aufgefordert hatte, seine Freunde zum Aufbruch zu veranlassen. Trotzdem diese den Menschen eine falsche Schlange nannten und manche nichtswürdige Tat von ihm erzählten, vermochte er das Gefühl nicht zu unterdrücken, daß dennoch etwas Wahres in den Worten des Halbindianers lag. Es wollte ihm nicht in den Sinn, daß jener Mann nur der Pferde wegen zu den Trappern gekommen war. Vielleicht beabsichtigte er mit seiner Warnung, wieder gut zu machen, was er früher gegen die Brüder verschuldet hatte.

Zuletzt faßte sich der Knabe ein Herz, und fragte schüchtern, ob es nicht dennoch geratener sei, nach der Befestigung zu ziehen.

Charley blickte ihn erstaunt mit großen Augen an. Dann sagte er neckend mit komischem Ernst: »Ich glaube, du fürchtest dich doch etwas, mein Junge – he?«

Bob wurde dunkelrot vor Scham. »Ich denke gewiß nicht an mich,« stotterte er. »Für Euer Leben und das Eures Bruders allein ist mir bange.«

»Deshalb sorge dich nicht!« lachte der Trapper. »Wir haben ganz andere Gefahren glücklich überstanden, und dieses Mal kann es nicht ärger werden. Wir schlagen uns schon durch. Oft denkt man, das Leben hinge an einem Faden, und wenn man es nachher genauer betrachtet, war es durchaus nicht so schlimm. Viele Menschen geben sich gern trüben Gedanken hin, sobald sich ihnen nur die geringste Ursache dazu bietet. So machst du es auch. Nein, mein Junge, wir bleiben, und weichen nicht früher eine Handbreit von hier, bis die Indianer uns dazu zwingen. Und nun rede nicht weiter davon, besonders nicht in Gegenwart meines Bruders. Er zweifelt sofort an deinem Mut.«

Die Sonne war mittlerweile untergegangen. Die beiden gingen wieder langsam in das Lager, wo sich Jim brummend mit der Abendmahlzeit beschäftigte. Schweigend wurde sie verzehrt. Auch nachher sprach keiner ein Wort, als man noch etwa eine Stunde am Feuer saß.

Neben dem überhängenden Felsen, unter dem man die Sachen aufbewahrte, lag eine zweite Höhle. Dort rollten sich die Männer und der Knabe in ihre Felle und Decken, nachdem man die Pferde in der Nähe an lange Stricke gebunden hatte, die am Gestrüpp befestigt wurden.

Am Himmel leuchteten unzählige Sterne. Dazwischen warf die Sichel des abnehmenden Mondes ihr schwaches Licht in den Talkessel, wo das Wasser des Gießbaches mit seinem Rauschen die nächtliche Stille unterbrach.

Sonst war Bob gewöhnlich der erste, den der Schlaf übermannte. Heute aber wollte er nicht kommen. Schon schnarchten die Brüder um die Wette, während er an ihrer Seite immer von neuem die Augen öffnen mußte. Der Gedanke an die Warnung des Halbindianers verließ ihn nicht. Wenn Andrew Brown die Wahrheit sprach? Wenn das Leben seiner Freunde wirklich gefährdet war?

Ganz nahe graste das Pferd des Knaben. Kannte Hauptmann Reinfels, der ihm das Tier geschenkt hatte, und der jetzt Kommandant von Fort Phil. Kearny war, die bevorstehende Kriegsgefahr? »Ihn schützen seine Soldaten, und bis an die Befestigungen werden die Indianer sich nicht heranwagen«, dachte Bob. Seine Gedanken kehrten wieder zu seinen Freunden und der Gefahr zurück, die diesen vielleicht bevorstand.

Plötzlich hob der Gaul den Kopf und spitzte die Ohren. Behutsam wandte der Knabe sich nach der anderen Seite, wohin das Tier schaute, und spähte in das Dunkel hinaus. Nichts regte sich. Nach einer Weile senkte das Pferd den Hals und graste weiter. Doch gleich darauf zuckte es von neuem zusammen. Schnaubend blähten sich seine Nüstern. Und nun sah Bob, wie ein dunkler Körper zwischen dem Buschwerk näher geschlichen kam. Hastig griff er nach seiner Büchse, die geladen neben ihm lag. Einen Augenblick dachte er daran, die Trapper zu wecken, Doch schon oft hatte sie in der Nacht das bis zu ihrem Lagerplatz heranäsende Wild geweckt. Aber dieses Mal war es kein Wild. Deutlich erkannte der Knabe jetzt einen Menschen, der sich vor der Höhle, in der die Sachen lagen, halb emporrichtete und dann dort etwas eifrig zu suchen schien. Bob zweifelte nicht, daß es Andrew Brown war. Sollte er ihn töten? Ein Schauer durchlief bei diesem Gedanken seinen Körper. Wohl hatte er gehört, wie Jim am Nachmittage zu Charley sagte, daß er den Halbindianer bei der nächsten Gelegenheit über den Haufen schießen würde. Weckte er die Freunde, so war Andrew Brown verloren. Wieder regte sich bei ihm das Mitleid für diesen Menschen. Und beinahe ohne zu wissen, was er tat, schlich er sich dicht auf der Erde von seinem Lager fort und von hinten an den Halbindianer heran, der so mit dem Durchsuchen der Sachen beschäftigt war, daß er den Knaben nicht bemerkte. Mit aller Kraft, die Bob zu Gebote stand, packte er Andrew Brown bei den Schultern und riß ihn hinterrücks zu Boden. Dabei kamen die Arme des Mannes, mit denen dieser bei dem unerwarteten Angriff um sich schlug, unter dessen Körper zu liegen. Im Nu kniete der Knabe auf ihn: »Rührt Euch nicht, sonst seid Ihr verloren«, flüsterte er hastig. »Ich will Euch nicht töten. Ihr habt uns gewarnt. Ich warne Euch. Gebt mir Euer Wort, daß Ihr meine Freunde auch künftig vor Euerm Volke beschützen werdet, dann lasse ich Euch in Frieden ziehen! Erwachen die Trapper, seid Ihr des Todes.«

Der Halbindianer knirschte mit den Zähnen vor Wut, sich in der Gewalt eines Knaben zu sehen. Er schwieg.

»Was sucht Ihr hier?« fragte Bob neugierig. »Ich wüßte nicht, was Euch von unseren Sachen von Nutzen sein könnte.«

»Die Not trieb mich hierher,« versetzte Andrew Brown mit kläglichem Ton. »Der Weg zu meinen Brüdern ist weit. Mir fehlen die Patronen für meine Büchse.«

»Gebt mir Euer Wort,« drängte der Knabe.

»Es sei! Was ich über die Männer meines Volkes vermag, soll geschehen,« sprach der Halbindianer leise, und fügte mit schmeichelnder Stimme hinzu: »Ich hätte es ohnehin getan, um Euch abermals zu zeigen, wie gut ich es mit den beiden Trappern meine.«

Bob griff nach dem Messer. Dann erst ließ er den Mann frei.

Dieser richtete sich halb empor. »Gebt mir, was ich vergeblich suchte!« bat er flüsternd.

»Von dem, was meinen Freunden gehört, habe ich kein Recht, etwas zu verschenken,« erwiderte der Knabe. Doch abermals regte sich bei ihm das Mitleid. Wie sollte der Mensch zu seinem Volke gelangen, wenn ihm die Mittel fehlten, sich für den Hunger das nötige Wild zu erlegen? Rasch holte er aus seiner rasche etwa ein Dutzend Patronen hervor. Indem er sie dem Manne gab, sagte er: »Hier nehmt! Nun aber laßt Euch hier nicht wieder blicken! Das nächste Mal könnten anstatt meiner die Trapper erwachen. Die machen es kürzer mit Euch als ich.«

»Vor ihnen werde ich mich künftig zu hüten wissen!« klang es leise zurück. Dann war Andrew Brown im Dunkel der Nacht verschwunden.

Bob streckte sich wieder auf seinem Lager aus. Da erschallte durch die nächtliche Stille von der Schlucht her ein gellendes Hohngelächter.

Ein eisiger Schauer rann dem Knaben durch Mark und Bein. Sein Atem stockte. Das Herz pochte ihm zum Zerspringen. Klar stand es auf einmal vor seiner Seele, daß der Mensch, für den er soeben noch Mitleid empfunden hatte, ein Betrüger war. »Heiliger Gott! Was habe ich getan?« stammelte er erbebend. In wilder Hast stürmten die grausigsten Gedanken auf ihn ein. Hatte er dem Manne nicht selbst die Mittel in die Hand gegeben, sich gegen die Trapper zu verteidigen und sie gar zu töten? Zum ersten Male hatte er nicht auf die Brüder gehört. Wie furchtbar rächte es sich! Jetzt trug er die Schuld an der Gefahr, der sie ausgesetzt wurden. Sollte er die Freunde wecken und ihnen alles erzählen? Mit Recht würden sie ihn verdammen, vielleicht gar verstoßen. Schon sah er sich wieder einsam und verlassen in den Bergen umherirren. Er glaubte noch immer das schreckliche Lachen zu hören, das mit einem Schlage den Schleier von seinen Augen gerissen hatte.

Endlich graute der Morgen. Dichter Nebel lagerte in dem Talkessel.

Bob erhob sich und wankte an den Bach, wo er seine brennenden Schläfen in dem kristallklaren Wasser kühlte. Dann schlich er sich nach der Höhle und legte mit zitternden Fingern die Sachen, die der Halbindianer bei seinem hastigen Suchen wüst durcheinander geworfen hatte, aufs neue an ihren Platz. Andrew Brown hatte die Patronen wirklich nicht gefunden. Noch lagen sie wohlverborgen tief unter dem Gestein in einem Kasten mit Moos und Gras bedeckt. Nachdem alles geordnet war, zündete Bob ein Feuer an und holte das Nötige für den Morgenimbiß herbei.

Die Brüder wunderten sich nicht wenig, den Knaben bereits in Tätigkeit zu sehen, als sie erwachten. Beiden fiel sofort dessen verstörte Miene auf, und Charley fragte freundlich nach der Ursache derselben.

Schon wollte Bob das Erlebnis der vergangenen Nacht eingestehen, doch einige höhnische Bemerkungen Jims benahmen ihm allen Mut. Stotternd erzählte er nur von einem lebhaften Traum, der ihn geängstigt und in dem der Halbindianer versucht habe, die Freunde aus sicherem Versteck zu erschießen.

Charley tat sein möglichstes, um den Knaben zu beruhigen. Er lachte, scherzte und neckte ihn wegen seiner unbegründeten Angst.

Während des Tages befand sich Bob mehrere Male nahe daran, sein Gewissen zu erleichtern. Aber ein Blick auf Jim, der heute noch schlechter gelaunt war, drängte ihm immer wieder das Wort auf der Zunge zurück.

Nach dem Mittagsmahl forderte Charley seinen Schützling auf, in die Berge zu reiten und ein Reh oder ein anderes Wild zu erlegen, da der Fleischvorrat sich seinem Ende nahte.

Der Knabe folgte dem Wunsche gern. Er sehnte sich danach, allein zu sein. Noch einmal wollte er alles reiflich überlegen, und wenn er es dann wirklich für nötig fand, sollten die Freunde bei seiner Rückkehr das Geschehene erfahren.

Rasch sattelte er sein Pferd, steckte seine Büchse in die Scheide am Sattel und ritt durch die Schlucht, in welcher der Goose Creek eilends talabwärts strömte, davon. Charley rief ihm noch nach, nicht lange auszubleiben.

Bereits nach wenigen Minuten wurde der Einschnitt bedeutend breiter, die Berge an den Seiten erhoben sich weniger steil. Bob erklomm nun, den Gaul am Zügel, eine der nördlichen Anhöhen. Nach einer kurzen Umschau stieg er wieder in den Sattel und wandte sich südlich, wo sich zwischen Felsen und Steinblöcken einzelne Grasflächen zeigten. Dort hoffte er genügend Wild anzutreffen.

Bald war er jedoch derartig in Gedanken vertieft, daß er weder auf den Weg noch auf die Rehe achtgab, die den einsamen Reiter verwundert anstarrten, bevor sie in leichten Sprüngen flüchteten.

Erst nach langer Zeit erwachte der Knabe aus seinem Grübeln durch ein seltsames Brummen und Knurren. Das Pferd spitzte die Ohren und blähte die Nüstern.

Bob blickte umher. Er stand auf einem kleinen Platze, auf dem vor einer nach Süden aufragenden Felswand mächtige Steinblöcke in wilder Wirrnis durcheinanderlagen. Auch nach den anderen Seiten hin schlossen schroffe Steinriesen den Raum beinahe gänzlich ein. Es war eine jener wildromantischen Gegenden, wie sie die Bighorn Mountains so vielfach zeigen.

Immer deutlicher klang das Brummen und Knurren. Der Gaul stampfte mit den Vorderhufen und warf schnaubend den Kopf heftig auf und nieder. Behend sprang der Knabe aus dem Sattel, riß seine Büchse von der Schulter und zwängte sich zwischen ein paar gewaltigen, mit Moos bewachsenen Steinen hindurch, hinter denen sich das Geräusch vernehmen ließ.

Vor Schreck wäre ihm beinahe die Waffe entfallen, denn keine fünfzehn Schritte von ihm entfernt sah er einen großen, grauen Bären, der langsam auf ihn zukam. Mit bebender Hand spannte Bob den Hahn seiner Büchse. Der Bär stutzte. Als er den Knaben bemerkte, öffnete er den Rachen und stieß ein kurzes Knurren aus. Dann richtete er sich auf seinen Hinterbeinen empor, und die Vorderpranken weit von sich gestreckt, schritt er Bob entgegen. Dieser erhob hastig die Waffe zum Anschlag. Gleich darauf krachte der Schuß. Ein lautes Geheul des Tieres folgte. Getroffen taumelte es nieder, richtete sich aber gleich von neuem auf. Die kleinen Augen sprühten Feuer. Wutschnaubend stürzte es sich auf seinen Feind. Dem Knaben blieb kaum Zeit, eine neue Patrone in den Lauf zu schieben. Weit streckte der Bär den Kopf vor. Schon war er ganz nahe. In seiner Angst stieß ihm Bob den Lauf seiner Büchse in den geöffneten, blutroten Rachen und drückte ab. Ein Schwindel ergriff ihn, als sich der Schuß mit eigentümlichem, dumpfem Krachen entlud. Heiß lief es ihm über das Gesicht. Er rieb sich die Augen und schaute umher. Da lag zu seinen Füßen das Tier mit zerschmettertem Schädel. Nur ein Zittern durchlief noch den gewaltigen Körper.

Der Knabe starrte einen Augenblick wie im Traum auf die Beute. Jetzt erst erkannte er die große Gefahr ganz, der er soeben entronnen war. Mit einem lauten Jauchzer machte er seinem klopfenden Herzen Luft.

Er hatte oft gehört, wie sich die Trapper rühmten, hier und dort einen Bären in kühnem Kampfe überwältigt zu haben, galt es doch für eine große Tat, diesem gefürchteten Tiere der Berge mutig gegenüberzutreten. Jetzt erschien er sich nicht mehr wie ein machtloser Knabe. »Was für erstaunte Augen werden die Freunde machen, wenn ich ihnen das Fell eines Bären bringe?« dachte er. Aller Kummer, der ihn bedrückt hatte, war vergessen.

Er stellte seine Büchse beiseite, nahm das Messer zur Hand und begann eifrig seine Arbeit. So manchem Biber, Reh oder Hirsch hatte er schon das Fell abgezogen. Hier aber war das nicht so leicht. Bald rann ihm der Schweiß über das Gesicht. Er trocknete ihn mit den Händen und merkte jetzt erst, daß er über und über mit Blut bedeckt war. Nach allen Seiten war es bei dem letzten Schuß umhergespritzt. Ihn kümmerte das wenig. Im Gegenteil, er kam sich jetzt noch viel heldenmütiger vor. »Mit dem Blute des Bären bin ich getauft,« lachte er und setzte seine Arbeit noch eifriger fort.

Der Schrei einer Elster ertönte und wiederholte sich von Zeit zu Zeit.

»Wittert ihr bereits den Fraß?« rief Bob heiter. »Wartet nur noch eine kurze Weile! Dann überlasse ich euch den Raub.« Aber es fiel ihm doch auf, den Vogel hier oben in den Bergen zu hören. So hoch wagte er sich sonst nicht herauf. Viel weiter talabwärts sah man ihn in großen Scharen. Doch dem Knaben fehlte jetzt die Muße, darüber nachzudenken. Vermochte er doch den Augenblick kaum abzuwarten, wo er den Brüdern als kühner Bärentöter gegenübertreten konnte.

Bob war viel zu sehr in seine Beschäftigung vertieft, um zu bemerken, wie zwischen den umliegenden Felsblöcken und Steinen ein brauner Kopf nach dem anderen mit langen, schwarzen Haaren und mehreren Federn in der Skalplocke emportauchte; wie dann dunkle Gestalten näher und näher schlichen: allen voran ein schlanker Mann. Auf dem Kopfe trug er einen kleinen, grauen Hut, an dem drei Adlerfedern steckten. Mit einem Satz war er jetzt dicht hinter dem Knaben, umklammerte ihn mit beiden Armen und drückte ihn nieder. Gleichzeitig ertönte ein vielstimmiges Geschrei.

Bob sah sich plötzlich von etwa zwanzig Indianern umringt und lag im Nu mit Stricken gefesselt am Boden. Er vernahm das gellende Hohngelächter wie in der vergangenen Nacht. Als er entsetzt den Kopf zur Seite wandte, stand Andrew Brown der Fuchs neben ihm.

Sechstes Kapitel. Zwischen Leben und Tod

Charley hatte nur einen Vorwand gesucht, um Bob zu entfernen. Er fürchtete, die spöttischen Bemerkungen des Bruders könnten den Knaben in seiner trüben Stimmung noch mehr kränken. Und er hoffte, daß sich sein Schützling auf der Jagd erheitern und vergnügt und munter wieder heimkehren werde.

»Der Junge scheint mit unserem Bleiben nicht einverstanden zu sein«, begann Jim nach längerem Schweigen, als Bob fortgeritten war. »Schicke ihn doch nach der Befestigung, wenn es ihm hier nicht mehr behagt!«

»Du machst ihm bei uns das Leben wahrlich nicht angenehm,« versetzte Charley unwillig.

»Ich verhätschle ihn nicht wie du. Das stimmt!« gab Jim ärgerlich zurück. »Seitdem der Junge bei uns weilt, bin ich nicht mehr für dich vorhanden. Ihm gilt deine ganze Aufmerksamkeit vom Morgen bis an den Abend. Ich aber laufe wie das fünfte Rad am Wagen nebenher.«

»Du bist ungerecht, Jim. Ich gebe zu, daß mir der Knabe an das Herz gewachsen ist. Ich möchte ihn nicht mehr missen, aber – –«

»Meinetwegen kann er zum Teufel gehen!« unterbrach Jim den Bruder in hellem Zorn.

Charley schüttelte den Kopf. »Du bist ungerecht«, sagte er noch einmal. Dann ging er weiter und ließ Jim mit seinem Groll allein.

Als nun eine Stunde nach der anderen verrann, ohne daß Bob wiederkam, wurde Charley unruhig. Zuletzt erstieg er eine der höchsten Anhöhen an der Seite des Talkessels und schaute von dort nach dem Knaben aus. Aber von ihm war nirgends etwas zu sehen. In verschwindender Ferne bemerkte er auf einer sich nach Süden ausdehnenden Prärie eine Anzahl winziger, dunkler Punkte, die sich kaum merkbar fortbewegten. So viel er auch die Augen schärfte, vermochte er nichts Genaueres zu erkennen. »Es wird eine Herde Büffel sein. So weit kann der Knabe sich unmöglich entfernt haben«, sprach er vor sich hin.

Bald sank die Sonne hinter den westlichen Bergen nieder, und voll banger Sorge stieg der Trapper wieder in das Tal hinab, wo Jim sinnend am Feuer stand, sich aber hastig umdrehte, als sein Bruder näher kam und sich neben ihn auf einen Holzblock setzte.

»Du bist also überzeugt, daß der Knabe kein falsches Spiel mit uns treibt?« fragte Jim, indem sich sein Mund zu einem spöttischen Lächeln verzog.

Erstaunt sah Charley seinen Bruder an. »Gewiß bin ich davon überzeugt! Er ist treu wie Gold, dafür möchte ich meine Hand in die Flammen legen, und – –«

»Verbrenne dir die Finger nicht zu früh! Betrachte dir vorher lieber dieses hier!« unterbrach ihn Jim und überreichte dem Bruder ein großes Messer, von dessen Griff lange Lederfransen herniederhingen. »Weißt du, wem es gehört?«

Charley beschaute das Messer genau. Plötzlich blickte er auf. »Jetzt entsinne ich mich. Ich sah es bei dem Fuchs, dem Andrew Brown.«

»Ich ebenfalls,« bestätigte Jim rasch. »Und weißt du, wo ich es fand? Dort vor der Höhle, in der unsere Sachen liegen. Und im Sande bemerkte ich ferner dort die Fußspuren des Halbindianers und daneben – die Abdrücke von Bobs Stiefelsohlen. Heute morgen war der Knabe längst wach, als wir uns vom Lager erhoben, und nachher konnte er uns nicht wie bisher frei in die Augen schauen. Mit welcher Hast entfernte er sich später, als du ihn auffordertest, auf die Jagd zu reiten! Legst du deine Hand für seine Treue auch jetzt noch in das Feuer?«

Eine kurze Weile sann Charley nach. »Ja, auch jetzt noch!« sagte er dann fest. »Mag diese Nacht vorgefallen sein, was da will, daß uns Bob betrügt, glaube ich niemals! Denke daran, daß wir ihn schon einmal ohne Ursache schimpflich verdächtigten!« fuhr er dringender fort. »Damals meinten wir beide, im Recht zu sein. Nein nein, Jim! Und wenn du mir einen Beweis bringen könntest, der an der Untreue des Knaben keinen Zweifel mehr ließe, ich sagte dennoch, er betrügt uns nicht. Welchen Vorteil hätte er dabei?«

»Ich habe gesehen, wie er gestern mit dem Halbindianer redete, während wir am Fluß die Pferde tränkten und berieten, was zu tun sei. Kann der Fuchs nicht versprochen haben, ihn zu beschützen? Solange der Knabe uns begleitete, besaßen wir zwei scharfe Augen mehr. Das hat der schlaue Gauner wohl nicht mit Unrecht bedacht.«

»Bob sollte uns feige verlassen? Nein, Bruder, glaube nur das nicht!«' rief Charley lebhaft. »Zwar ist er ein Knabe, an Jahren jung, aber der lange Aufenthalt inmitten all der Gefahren hat seinen Mut gestählt, und aus Furcht vor Unruhen verrät er seine Freunde nicht. Kehrt er heute nicht zurück, dann ist ihm ein Unglück zugestoßen. Jetzt ist es gleich Nacht. Da suchen wir vergeblich, sonst machte ich mich sofort nach ihm auf den Weg.«

Jim überhörte die letzten Worte. »Der Junge sprach heute morgen von einem Traum,« sagte er mit spöttischem Ton. »Darin beabsichtigte der Halbindianer dich und mich aus sicherem Versteck zu töten. Von sich selbst sprach er nicht. Ging er mit dem Fuchs, hat er allerdings auch nicht nötig, sich vor diesem zu hüten.«

»Rede, was du willst,« entgegnete Charley abwehrend, »meinen Glauben an seine Treue erschütterst du nicht!«

»Und ich glaube nicht an seine Ehrenhaftigkeit!« rief Jim heftig und stampfte mit dem Fuß den Boden.

Charley legte seinem Bruder die Hand auf den Arm. »Ereifere dich nicht noch mehr! Warte lieber ab, was uns der morgige Tag bringt!« sprach er begütigend, »Jetzt, laß uns das Mahl herrichten und dann zur Ruhe gehen! Der Tag kommt früh. Dann möchte ich uns im Sattel sehen. Unsere Pflicht ist es, den Knaben zu suchen, wenn du ihn auch für einen Verräter hältst.«

Jim schwieg. Auch Charley sagte kein Wort mehr. Er dachte noch immer, daß Bob zurückkehren könne. Doch mit jeder Minute wurde seine Hoffnung geringer.

Eine Stunde später lagen die Brüder unter ihren Decken.

Wie der Knabe in der Nacht vorher, so wachte jetzt Charley. Die Angst um seinen Schützling ließ ihn nicht schlafen, und seine Gedanken erfanden immer neue Gründe für dessen Außenbleiben, mit denen er sich vergeblich zu beruhigen bemühte.

Als sich kaum der erste helle Schimmer des grauenden Tages am Himmel zeigte, sprang der Trapper vom Lager auf und zündete Feuer an. Während ein Stück Fleisch im Kessel briet, sattelte er die Pferde. Dann weckte er den Bruder, der sich unwillig erhob und sich fröstelnd an den aufflackernden Flammen wärmte. »Sollen wir unsere Sachen hier ohne Aufsicht lassen?« brummte er ärgerlich.

»Tausendmal taten wir es, und niemand kam, um etwas zu stehlen,« erwiderte Charley. »Hier iß, und dann wollen wir reiten!« fügte er hinzu, indem er den Kessel vom Feuer hob.

Jim beeilte sich nicht. Nachdem er gesättigt war, stopfte er sich gemächlich seine Pfeife. Er machte auch keine Miene, sich von seinem Holzblock zu erheben, als Charley bereits im Sattel saß.

»Willst du hier bleiben?« rief dieser ungeduldig. Er wartete die Antwort des Bruders nicht ab. Hastig drängte er sein Pferd bis dicht an Jim heran und sagte mit bebender Stimme: »Mehr als zwanzig Jahre haben wir einträchtig miteinander gehaust. Läßt du mich heute allein reiten, trennen sich unsere Wege für immer.«

Jim erhob sich. »Gut! Ich begleite dich, obwohl ich weiß, daß wir wie die Narren hinter dem Jungen herlaufen werden«, versetzte er zornig, indem er rasch seinen Gaul bestieg und dem Bruder folgte, der sein Tier in Bewegung gesetzt hatte. »Das aber schwöre ich dir, bestätigt es sich, was ich vermute, und dein Schützling kommt mir später vor den Lauf – mag es sein, wo es will –, dann schieße ich ihn nieder wie einen räudigen Hund.«

Charley bemerkte gleich hinter der Schlucht die Hufspuren von Bobs Pferde, welche die Anhöhe hinaufführten. Langsam, seinen Gaul am Zügel, erklomm er den Berg. Jim schritt scheltend hinter ihm her.

Oben angekommen fanden die Trapper bald die nach Süden sich fortsetzende Fährte, Schweigend ritten sie derselben nach. Aber da sie hin und wieder auf steinigen Boden kamen, wo keine Spur sichtbar war, mußten sie lange suchen, bis sie weiter südlich wieder auf die Fährte trafen. Darüber verging dann eine geraume Zeit. Jim füllte sie aus, indem er seinen Aerger durch Worte zu erkennen gab. Charley hingegen blieb unverdrossen. Selbst als sie die Spur nach beinahe zwei Stunden vollständig verloren hatte, und Charley zuletzt ziemlich ratlos auf einem Hügel sein Pferd anhielt, um nochmals Umschau zu halten, dachte er nicht daran, die Suche aufzugeben.

Da sah er, wie eine Anzahl großer Vögel sich hinter einer Felsengruppe niederließ und, wiederholt auffliegend, immer von neuem dorthin zurückkehrte. Frische Hoffnung beseelte ihn. Aber zugleich vermochte er sich eines Schauders nicht zu erwehren, denn er hatte unter den Vögeln zwei Aasgeier erkannt.

Schnell ritt Charley weiter. Nach einiger Zeit erreichte er die Stelle, wo Bob gestern vom Pferde gestiegen war. Auch der Trapper sprang aus dem Sattel und ergriff seine Büchse. Ein krächzendes Geschrei trieb ihn zwischen die in wilder Unordnung umherliegenden Felsblöcke hinein. Er hörte lauten Flügelschlag und sah eine Schar Vögel hastig davonfliegen. Nun bemerkte er auch neben einem mächtigen Steinblock einen unkenntlichen, blutigen Körper. Ein gewaltiger Adler saß mit ausgebreiteten Flügeln darauf und ließ sein heiseres Gekrächze ertönen. Erst als Charley seine Büchse wie zum Schlage erhob, flog er ebenfalls von dannen.

Jetzt stürzte auch Jim atemlos herbei. Beide Trapper näherten sich der unheimlichen Stelle. Erstaunt sahen sie den halbabgezogenen Bären

»Hier befand sich der Junge zuletzt. Vielleicht wurde er durch das Tier verwundet und versuchte krank und matt vergeblich uns zu erreichen«, sagte Charley erregt. »Bob! Bob!« rief er ein über das andere Mal mit der vollen Kraft seiner Stimme. Dann stieß er einen lauten Pfiff aus, wie er es zu tun pflegte, wenn er sich auf der Jagd von seinem Schützling verloren hatte.

Doch heute erfolgte keine Antwort. Nur die Vögel krächzten in den Lüften, unzufrieden über die Störenfriede.

Jim schaute voll Hohn auf seinen Bruder. »Sende ihm nur durch die Tiere dort oben deinen Gruß! Die holen ihn vielleicht auf seiner Flucht wieder ein. Ich bezweifle, daß der Junge den Bären tötete.«

Jetzt beugte sich Charley rasch nieder und hob ein Messer von der Erde auf. »Das ist das Messer des Knaben«, jubelte er. »Und sieh! Dort liegt auch seine Büchse im Grase versteckt.«

»Bob! Bob!« rief er von neuem und lief suchend zwischen den Felsen umher. Plötzlich blickte er starr auf den Boden. Langsam nahm er mehrere Adlerfedern auf, deren Posen etwa sechs Zentimeter lang gespalten waren. Von den dadurch entstandenen zwei Hälften war eine abgeschnitten, während die andere, gebogen und in die Pose geschoben, eine Oese bildete. Der Trapper kannte zur Genüge die Art und Weise der Rothäute, sich die Federn auf ihrem Kopfe zu befestigen. In die Oese knoten sie eine Strähne ihrer Haare. Jetzt wußte Charley, daß Bob sich bei den Indianern befand. »Freiwillig ist er ihnen nicht gefolgt. Das beweisen mir die zurückgelassene Büchse und das Messer«, sprach er überzeugt vor sich hin. »Das gierige Volk muß sehr eilig gewesen sein. Wahrscheinlich glaubte man, daß wir uns in der Nähe befänden. Sonst hätte es die Waffen entdeckt und mitgenommen, auch dem Bären das Fell abgezogen.«

»Man ließ alles vielleicht absichtlich liegen. Wer weiß?« brummte Jim zögernd. Er war stutzig geworden. Seine Vermutungen erschienen ihm auf einmal selbst übertrieben. Sollte der Knabe wirklich mit Gewalt fortgeschleppt sein? Die Möglichkeit lag nicht fern. Aber Jim wollte es sich nicht eingestehen.

Aber etwas milder gestimmt wurde er doch. Und als sich Charley nun daran machte, den Bären vollends abzuziehen, kniete er neben dem Bruder nieder und half ihm bei der Arbeit.

Das Fell wurde dann auf Charleys Pferd hinter den Sattel geschnallt, und die Trapper ritten eilig nach ihrem Lager zurück.

Keiner von beiden sprach ein Wort. Erst als die Gäule getränkt und angebunden waren und Charley das Bärenfell auf der Erde mit Pflöcken zum Trocknen ausgespannt hatte, brach Jim das Schweigen, indem er nicht unfreundlich sagte: »Wenn es dir recht ist, Bruder, brechen wir von hier auf. Wir wissen jetzt mit ziemlicher Sicherheit, wo sich der Knabe befindet. Ob man ihn zum Mitgehen zwang oder nicht, darüber wollen wir nicht mehr streiten. Ein jeder behalte seine Meinung für sich!«

»Laß uns noch drei Tage warten!« erwiderte Charley. »Ist Bob bis dahin nicht zurückgekehrt, so ziehen wir nach Fort Phil. Kearny. Dort können wir uns aufhalten, bis die Indianerunruhen beseitigt sind.«

Jim streckte ihm seine Hand entgegen. »Abgemacht!«

Kräftig schlug der Bruder in die Rechte ein. »Einig!« sagte er. Dann gingen beide ihren Beschäftigungen nach, mit denen sie gewöhnlich ihre Zeit ausfüllten.

Charley wartete vergeblich von einem Tage zum anderen auf die Wiederkehr des Knaben. Jeden Morgen ritt er stundenlang in den Bergen umher, hoffte er doch noch immer, irgendeine Spur zu finden, die ihm genauere Auskunft über das Verschwinden seines Schützlings geben konnte. Aber er kam stets niedergeschlagen zurück, und als er sich am dritten Tage abends neben Jim legte, drang er selbst darauf, am nächsten Morgen aufzubrechen.

Mit vieler Mühe wurden dann in der Frühe die Sachen auf die zwei Pferde geladen. Sie hatten schwer zu tragen, da sie sich in die Last teilen mußten, die drei Tiere heraufgeschleppt hatten.

Bevor die Trapper von dem Talkessel Abschied nahmen, schrieb Charley mit dem Blute eines Rehes, das er am Tage vorher erlegt hatte, auf ein altes Zeitungsblatt: »Nach Fort Phil. Kearny!« Das befestigte er in der Höhle, wo die Sachen gelegen hatten. Dann machte er sich wehmütigem Herzens mit seinem Bruder auf den Weg.

Die Reise war mühselig und man kam nur langsam vorwärts, Schon nach wenigen Stunden mußten die Brüder den erschöpften Pferden eine Rast gönnen und ihnen die schwere Last abnehmen, um nach einer längeren Pause alles von neuem aufzuladen und weiter zu ziehen. In dieser Weise ging es Tag für Tag. Erst nach zwei Wochen erreichten die Trapper die ausgedehnten Prärien, auf denen das Fortkommen bedeutend leichter wurde.

Keine menschliche Seele war ihnen bis jetzt während der Reise begegnet. Aber überall trafen sie im Sande die Fußspuren der Indianer, sowie ausgebrannte Kohlen. Deutlich ließ sich erkennen, wo sich die Feinde gelagert hatten, und verschiedentlich sahen die Brüder auch nachts in der Ferne den rötlichen Schein der Lagerfeuer. Ihre Büchse in der Faust, schritten sie stets neben den Pferden einher, jeden Augenblick eines Angriffes gewärtig.

Eines Tages rasteten die Trapper um die Mittagszeit vor einer Feldwand hinter einigen Steinen. Sie hatten soeben ihr einfaches Mahl verzehrt und beabsichtigten, nun wieder aufzubrechen, als Charley in dem hohen Grase der Prärie, die sich weit nach Süden und Osten erstreckte, eine auffallende Bewegung bemerkte. An vielen Stellen schien es, als würden die Halme zur Seite gebogen.

»Jim! Rasch! Nimm die Büchse zur Hand! Sie kommen herangekrochen,« flüsterte Charley hastig, indem er selbst nach seiner Waffe griff.

Schon stand der Bruder neben ihm. – Hinter Felsblöcken verborgen, breiteten beide auf einem Stein einen Haufen Patronen vor sich aus.

Jetzt hob sich vorsichtig kaum für eine Sekunde ein Kopf aus dem Grase. Charleys scharfes Auge sah ihn, und krachend entlud sich der Schuß aus seiner Büchse. Wie eine getroffene Katze schnellte eine Gestalt hoch über die Halme empor und schlug dann rücklings nieder.

Eine kurze Weile regte sich nichts in dem Grase mehr. Doch dann schwankten die Halme von neuem und heftiger.

»Nun gilt es, Bruder!« rief Jim.

Kaum hatte er das gesagt, so erscholl ein markerschütterndes Geheul. Ueberall erhoben sich dunkle Gestalten. Brüllend stürzten sie auf die Steinblöcke zu.

Schuß auf Schuß sandten die Trapper den Feinden entgegen. Mit rasender Geschwindigkeit flogen die Patronen in den Lauf.

Obgleich von den wohlgezielten Schüssen der geübten Jäger eine Gestalt nach der anderen getroffen zur Erde sank, kamen die Indianer rasch näher.

»Wir sind verloren!« schrie Charley. »Lebe wohl, Jim! Jetzt heißt es, das Leben so teuer wie möglich verkaufen.«

Ein großer, hagerer Mann war den übrigen weit voraus. Wild flatterten ihm die Haare um den Kopf. In dem braunroten Gesicht, das mit blauen und gelben Zeichen bemalt war, blitzten stechende Augen. Seine Linke schwang ein langes Messer. Die rechte Hand hielt eine kurze Büchse umspannt. Er schien kugelfest zu sein. Mit gewaltigen Sprüngen stürmte er heran und stand plötzlich mit einem Satz vor den Brüdern auf dem Stein. Scheu blickte er sich um. Wahrscheinlich vermutete er nach den vielen Schüssen mehr als die zwei Männer im Hinterhalte. Bevor einer der Trapper noch einmal zu schießen vermochte, sprang der Indianer von der Höhe herab, warf die Büchse zu Boden, und packte Charleys Hals. Jim nahm den Lauf seiner Waffe in beide Hände, und mit der ganzen Kraft seiner muskulösen Arme ließ er den Kolben seiner Büchse auf den Schädel des Feindes niedersausen. Stöhnend brach derselbe zusammen.

Jetzt aber tauchten von allen Seiten die Wilden empor. Wie ein paar Löwen verteidigten die Trapper ihr Leben. Beide zweifelten aber nicht daran, daß nun alles ein Ende habe.

Da schmetterten über ihnen Trompetentöne, und gleich darauf krachte eine mörderische Salve von oben hernieder.

Die Indianer stutzten erschrocken. Einen Augenblick standen sie ratlos, dann wandten sie sich zur Flucht. Jeder der Fliehenden raffte einen der gefallenen Brüder auf, aber manche von ihnen sanken, von den nachgesandten Schüssen getroffen, mit ihrer Last zu Boden. Aber viele entkamen, und das hohe Präriegras deckte ihren Rückzug.

Weiter entfernt erhob sich jetzt eine große Anzahl Pferde. Auf deren Rücken schwangen sich die Indianer. Ihre Toten und Verwundeten, die sie aus den Händen ihrer Feinde gerettet hatten, zogen sie vor sich auf den Sattel, und fort ging es in hastiger Eile.

Noch immer folgten ihnen die Kugeln nach. Dann erschallte ein lautes »Hurra« aus der Höhe, und nun kletterten und rutschten etwa fünfzig Soldaten unter Anführung eines Offiziers an der Felswand herab. Zwischen den Steinen bot sich ihnen ein wüstes Bild.

Ueberall lagen Indianer, zum Teil tot, zum Teil stöhnend und vergeblich bemüht, sich zu erheben, um doch noch ihr Heil in der Flucht zu suchen.

Jim kniete am Boden. Das Blut rann in dicken Tropfen von seiner Stirn. Er hielt seinen Bruder im Arm, und schloß mit einem Tuch eine klaffende Wunde in dessen Brust.

»Charley! Bruderherz! Bist du tot?« jammerte er. »Sieh mich an! Ich vermochte es nicht zu hindern. Der Knabe und Andrew Brown der Fuchs haben uns die Mörder auf den Hals geschickt.«

Charley schlug die Augen auf. Er öffnete ein paarmal seinen Mund. Man sah, wie er sich quälte, ein Wort hervorzubringen. »Bob ist unschuldig«, kam es zuletzt flüsternd von seinen Lippen, und ohnmächtig sank sein Kopf zurück auf des Bruders Knie.

»Charley, geh nicht von mir!« schrie Jim und bedeckte das bleiche Antlitz des Verwundeten mit Küssen. »Bruderherz! Bruderherz! Hörst du mich nicht mehr?« Er ließ den Bruder behutsam auf die Erde gleiten, und warf sich laut schluchzend über ihn.

Erschüttert und voll Mitleid umstanden die Soldaten die beiden Trapper. Vielen waren sie wohlbekannt; hatten sie sich doch überall in den Befestigungen Freunde erworben.

Mit tröstenden Worten wandte sich der Offizier an Jim. Er rief ein paar ärztliche Gehilfen herbei, die jetzt ebenfalls von der Anhöhe herabkamen. Sie untersuchten Charley. Noch befand sich Leben in ihm. Eine nahe Quelle lieferte Wasser. Man wusch behutsam die Wunde. Dann legte man einen Verband auf. Auch Jim mußte sich verbinden lassen. Der Schnitt eines Messers hatte ihm einen Teil der Kopfhaut aufgetrennt.

Mehrere Soldaten wurden nach Norden gesandt. Dort lagerte ein größerer Trupp Militär, der mit allem Nötigen für den Transport Verwundeter ausgerüstet war.

Jim wich nicht von der Seite seines Bruders, der regungslos auf einigen Decken und Fellen lag. Die ärztlichen Gehilfen hatten dem Trapper Hoffnung gemacht, das Leben Charleys zu erhalten, falls man ihn sofort nach dem zwei Tage entfernten Fort Phil. Kearny schaffte.

Voll Sorge zählte Jim die Minuten und Stunden, bis endlich gegen Abend ein Krankenwagen, mit sechs Maultieren bespannt, in Begleitung eines Arztes und einer Abteilung Soldaten anlangte.

Der Doktor unterwarf Charley noch einmal einer genauen Untersuchung, schüttelte aber bedenklich den Kopf. »Mit dem Manne sieht es traurig aus,« wandte er sich an Jim, dessen ängstlicher Blick fragend an seinen Lippen hing. »Die Lunge ist durchstochen. Leider muß ich raten, Euch auf das Schlimmste gefaßt zu machen.«

Nachdem Charley mit großer Vorsicht auf dem Wagen gebettet war und der Arzt Jims Kopfwunde zugenäht hatte, fuhr man unter starker militärischer Bedeckung ab. Der Arzt ritt an der Seite des Gefährtes. Hinter demselben führte der Trapper sein und Charleys Pferd. Gern waren die Soldaten ihm behilflich gewesen, die Tiere zu bepacken.

Das übrige Militär blieb bei den getöteten und verwundeten Indianern zurück. Für erstere schaufelte man ein gemeinsames Grab. Die anderen wurden gepflegt, so gut es sich machen ließ, um später nach der Befestigung abgeholt zu werden.

In der Nacht erwartete man noch eine größere Abteilung Soldaten, der sich oben zwischen den Felsen verbergen sollte. Man durfte erwarten, daß die Indianer zurückkehren würden, um sich ihre in der Gewalt der Weißen befindlichen Brüder zu holen, mußten doch von ihnen die Gefallenen mit allen nötigen Gebräuchen bestattet werden, wenn die Toten in den ewigen Jagdgründen wieder auferstehen sollten.

Beinahe ununterbrochen fuhr man die ganze Nacht hindurch. Die Pferde der Trapper drohten vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Als der Morgen graute und ein längerer Halt gemacht wurde, wußte man jedoch, dafür Rat zu schaffen. Die meisten Soldaten waren ja beritten. Sie teilten sich in die Sachen, von denen Jim sich ungern trennte, wie sie sahen.

Der Zug bot einen eigentümlichen Anblick. Voran ritt jetzt der Arzt. Dann folgte der Wagen, an dessen Seite Jim einherschritt. Müde und matt stützte er sich auf das Gefährt, in dem sein Bruder noch immer regungslos wie tot lag. Hinterher ritten die Soldaten. Sie führten die beiden unbeladenen Trapperpferde. Dafür rasselten und klapperten aber an ihren eigenen Sätteln allerlei Fallen und Fanggerät, und manche der Burschen vermochten ein Lächeln nicht zu unterdrücken über den sonderbaren Aufputz, mit dem ihre Gäule behangen waren.

Auch jetzt machte man sich stetig auf einen Angriff gefaßt. Sobald Felsen und Berge eine fernere Aussicht hinderten, wurde eine kleine Abteilung Militär vorausgeschickt, welche die Gegend auskundschaften mußte. Aber nirgends drohte Gefahr, und als am nächsten Morgen die Sonne über einer sich von Norden nach Süden erstreckenden Bergkette aufging, sahen die ermüdeten Männer das Ziel ihrer Reise, Fort Phil. Kearny, vor sich.

Aehnlich wie Fort Reno war die Befestigung in einem weiten Talkessel erbaut, nur befand sie sich nicht in der Mitte, sondern im Westen desselben. Während an den übrigen Seiten das Land wellenförmig anstieg, standen hier schroffe Felswände, zwischen denen eine breite, bewaldete Schlucht bis tief in die Berge hineinführte, über die in der Ferne der Cloud Peak mit seinem ehrwürdigen, weißen Haupte hervorragte.

Auch in Fort Phil. Kearny lagen die Häuser dicht nebeneinander um einen weiten Platz. Viele waren noch im Bau begriffen. Obgleich der Tag kaum begonnen hatte, erblickte man Soldaten bei emsiger Bauarbeit. Von der Schlucht her ertönten Axtschläge. Dort wurden die für den Bau erforderlichen Bäume gefällt. An der westlichen Seite der Befestigung erhoben sich einige größere, zweistöckige Gebäude, die Kommandantur, das Hospital und das Vorratshaus. Daran reihten sich südlich mehrere etwa hundert Meter lange Kasernen und Ställe, nördlich einzelne Häuser, die von den Offizieren und deren Frauen sowie von den verheirateten Mannschaften bewohnt wurden. Im Osten endlich stand einzeln für sich ein fester Bau, aus dicken Stämmen der Pechtanne hergestellt, mit winzigen, vergitterten Fenstern. Darin lagerte Pulver und anderer Schießbedarf. Außerdem war darin eine Abteilung für die Aufnahme etwaiger Gefangener bestimmt.

Von allen Seiten kamen die Soldaten herbei, als der Zug in der Befestigung anlangte. Viele begrüßten Jim mit aufrichtiger Trauer und schauten mitleidig auf Charley, der sofort in das Krankenhaus getragen wurde.

Nachdem Jim seinen Bruder glücklich untergebracht und gut aufgehoben wußte, brach er machtlos zusammen. Ein heftiges Fieber erfaßte ihn, von dem er sich erst nach mehreren Tagen so weit erholte, daß er sein Lager wieder verlassen konnte.

Charley war bald nach der Ankunft in Fort Phil. Kearny aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht. Aber er erkannte seine Umgebung nicht. Mit schwacher, kaum vernehmbarer Stimme rief er wiederholt nach Bob. Dann schien er sich wieder mitten im Kampfgewühl zu befinden, um gleich darauf lächelnd von seinen Bibern zu erzählen, die er sich nach seiner selbst erfundenen Methode leichter zu fangen einbildete als alle andern Trapper der Welt. Endlich nach Stunden der wirresten Hirngespinste verfiel er in einen tiefen Schlaf. Nun atmete der Arzt erleichtert auf, der bis dahin pflichtgetreu an dem Bette des schwer verwundeten Mannes gesessen hatte.

In der kommenden Nacht packte das Fieber Charley von neuem, und das wiederholte sich auch in den folgenden Tagen.

»Wenn Euer Bruder nur Kräfte genug besitzt, diese fortwährenden Anfälle auf die Dauer zu ertragen!« entgegnete der Doktor, als Jim die Pflege Charleys übernahm und den Arzt mit Fragen über den Zustand des Kranken bestürmte.

»Wenn es allein auf das Ertragen ankommt, verliere ich den guten Mut nicht,« meinte Jim. »Wir werden bei unserer Arbeit abgehärtet und zäh wie Büffelleder. Bläst man uns nicht das Lebenslicht auf einmal aus, flammt es, selbst von dem kleinsten Funken angefacht, wieder neu empor.«

Und Jim sollte recht behalten.

Der kleine Lebensfunken, der in Charleys Körper zurückblieb, glimmte und glühte tapfer weiter. Mit jedem Tage wurde er größer, bis er zum Flämmchen heranwuchs.

Eines Morgens erwachte Charley wie aus langem Schlaf. Er wunderte sich nicht wenig, im Hospital von Fort Phil. Kearny zu liegen, und mußte eine geraume Weile seine Gedanken sammeln, bevor ihm die Vergangenheit aufs neue klar vor Augen stand. Seine erste Frage galt dann dem Knaben. Er wurde recht traurig gestimmt, als er vernahm, daß man von seinem Schützling nichts wieder gehört hatte.

Noch waren die Brüder in eifrigem Gespräch vertieft. Jim erzählte gerade, wie damals die Soldaten so plötzlich die Indianer in die Flucht gejagt hätten, als draußen auf dem Platz Trommelwirbel und Trompetenklang erschallte. Rasch trat Jim an das Fenster. Ein langer Zug Militär marschierte soeben in die Befestigung ein.

»Die kehren aus den Bergen zurück!« rief Jim. »Ich will mich erkundigen, wie es ihnen erging.« Hastig verließ er das Zimmer und eilte auf den Platz.

Dort drängte sich alles um die Angekommenen, und nun erfuhr der Trapper, daß die Indianer damals am zweiten Tage wirklich einen Versuch gemacht hätten, ihre Toten und Verwundeten zu holen, die letztere übrigens alle »gestorben« seien, wie der Soldat, den Jim befragte, mit einem besonderen Gesichtsausdruck meinte. Bei der Gelegenheit habe man etwa fünfzig von den rotbraunen Feinden getötet.

»So viel würden wohl nicht in das Gras gebissen haben, wenn wir von dem beabsichtigten Angriff, den mehr als hundert Indianer ausführten, nicht frühzeitig Nachricht erhalten hätten,« berichtete der Bursche weiter. »Uns blieb Zeit, hinreichende Verstärkung heranzuziehen, und als der Tanz begann, wurde frisch darauf losgepfeffert. Ich habe an dem Tage nicht weniger als hundert Patronen verschossen.«

»Wenn Eure Kameraden Euerm Beispiel folgten, müßt Ihr vortrefflich gezielt haben!« lachte Jim nicht ohne Spott.

Der Soldat lachte ebenfalls. »Wißt Ihr, mit dem Zielen nehmen wir es nicht so genau; die Masse muß es bei uns bringen.«

»Und wer brachte euch die erwünschte Nachricht?« fragte der Trapper.

»Wer sonst als der von der Regierung angestellte Indianerscout Andrew Brown!«

»Wer?« rief Jim erstaunt, als habe er nicht recht gehört.

»Wie ich Euch sage, Andrew Brown der Fuchs. Er kam zuerst zu uns, um die entfernter lagernden Kameraden zu benachrichtigen. Nachher war er verschwunden, wenigstens sah ich ihn nicht bei uns, als der Angriff erfolgte.«

Der Trapper traute seinen Ohren kaum. »Befand sich jemand bei dem Halbindianer, als dieser bei euch erschien?« fragte er begierig.

»Jeder wird sich hüten, den Fuchs zu begleiten! Wer wagte sich wohl wie er von Stamm zu Stamm, um zu spionieren? Nein, das besorgt er allein. Er ist ein verwegener Geselle. Zum Feinde möchte ich ihn nicht haben. Damit drängte sich der Bursche durch den Kreis der Zuhörer, der ihn umgab, und wanderte, ein Lied pfeifend, nach einer der Kasernen.

Als Jim sich wieder nach dem Hospital begeben wollte, bemerkte er einen Soldaten, der auf dem Lauf seiner Büchse, die er nachlässig auf der Schulter hielt, einen kleinen, grauen Hut trug, an dem drei Adlerfedern befestigt waren.

Rasch schritt er auf den Burschen zu und fragte gespannt: »Wo fandet Ihr den Hut?«

»Ich fand ihn nicht. Einem der Indianer habe ich das Ding vom Kopfe geschossen,« erwiderte jener mit stolzer Miene. »Er war ein Feigling und blieb zurück, als seine Brüder mutig heranstürmten. Mein Auge fiel sofort auf ihn, erschien es mir doch wunderbar, einen Indianer mit einem Hut zu sehen. Fix schoß ich ihm das Ding herunter.«

Der Trapper betrachtete die Kopfbedeckung genau. »Schade nur, daß sich kein Loch von Eurer Kugel darin befindet, sonst könnte man wirklich an Euren Meisterschuß glauben.«

Daran hatte der Soldat nicht gedacht. Er wurde sichtlich verlegen.

»Wieviel ist Euch das Ding wert?« fuhr Jim fort.

»Wollt Ihr den Filz? Da nehmt ihn,« versetzte der Mann bereitwillig. »Ich kann keinen Gebrauch davon machen.«

Dankend nahm der Trapper das Geschenk in Empfang und eilte damit nach dem Krankenhause, um seinem Bruder von allem Bericht zu erstatten.

Charley schlief.

Einen Augenblick sann Jim nach. »Das bricht dir das Genick, Fuchs,« murmelte er dann grimmig vor sich hin. »Hier scheint man dich und deine Schliche noch nicht zu kennen. Es wird Zeit, daß ich den Leuten die Augen ein bißchen öffne.« Er nahm den Hut unter den Arm und begab sich zu dem Kommandanten von Fort Phil. Kearny.

Siebentes Kapitel. Old Tex der Indiantrader

Auf einer weiten Prärie, die in der Ferne von blauviolett erscheinenden Bergen eingefaßt war, brannten auf einem grasfreien Platze etwa fünfzig Feuer. Um diese saßen und lagen, Tabak kauend und rauchend, dunkle Indianergestalten, alle von kräftigem, jugendlichem Wuchs. Auf den Wangen prangten, einem Fragezeichen gleich, blaue, gelbe, vereinzelt auch rote, geschwungene Linien. Einige Männer hatten auch die Stirn bemalt, über die das ebenholzschwarze Haar in langen Strähnen nach beiden Seiten des breiten Kopfes bis weit über die Schultern hinabhing. Hinten war es zu einem Knoten vereinigt, in dem drei und mehr Adlerfedern bei der leisesten Bewegung des Windes hin und her flatterten. Bekleidet waren die meisten Indianer mit Lederanzügen. Nur wenige hatten mehrfarbige, wollene Decken nachlässig um den Körper geschlagen. Die Füße steckten in vielfach reich mit Perlen gestickten Mokassins.

Rund um das Lager weidete in dem hohen Grase eine große Anzahl Pferde. Hüpfend bewegten sie sich Ton Zeit zu Zeit weiter. Man hatte den Tieren die Vorderbeine zusammengebunden, um sie am Fortlaufen zu hindern.

Es war nach Mittag, und die Männer genossen ihre gewohnte Ruhe nach dem eingenommenen, reichlichen Mahle. Tiefes Schweigen herrschte unter ihnen, das kaum hier und dort durch eine halblaute Bemerkung unterbrochen wurde.

Etwa in der Mitte des Lagers lag an einem Feuer ein Knabe. Er hatte den blonden Lockenkopf in die Hand gestützt und schaute sinnend in die Flammen.

Ihm gegenüber saß Andrew Brown der Fuchs auf seinen Fersen. Er rauchte aus einer kurzen Steinpfeife, während er den Knaben scharf beobachtete. Schließlich sagte er: »Bob, weshalb stierst du in das Feuer mit deinen Himmelaugen, als könntest du mit dem Wasser, das in ihnen schwimmt, die Glut löschen?«

Der Knabe schien die Welt um sich her vergessen zu haben, denn er schreckte zusammen, als er seinen Namen nennen hörte. Seine Stirn zog sich in finstere Falten, und ein zorniger Blick traf den Halbindianer.

Dieser lächelte und fuhr schmeichelnd fort: »Ich verstehe nicht, wie du mir grollen kannst. Zeige ich dir nicht, daß ich dein Freund und dir wohlgeneigt bin? Ein Wort von mir genügte, und dein blutiger Skalp färbte die Kleider meiner Brüder. Behieltest du nicht dein Pferd, trotzdem es das beste in unserer Herde ist? Fehlt es dir an Speise oder Trank? Alles tat ich für dich. Ich verstehe nicht, wie du mir grollen kannst.«

»Warum ließt Ihr mich nicht bei meinen Freunden?« erwiderte Bob kurz. »Sie hatten recht. Ihr seid falsch wie eine Schlange. Niemals werde ich es mir verzeihen, daß ich Euch nicht in jener Nacht über den Haufen schoß, als Ihr die Patronen stehlen wolltet.«

Andrew Brown zuckte die Achseln. »Dann nagten die Geier jetzt an Euern Knochen, denn meine Brüder wußten, wohin ich in jener Nacht ging.«

»Das lügt Ihr.« rief der Knabe und richtete sich halb empor. »Weshalb kamen sie nicht selbst, um sich den Raub zu holen?«

»Weil zur Nachtzeit kein Indianer einen Angriff wagt. Tötet man ihn dann, ist er der Meinung, – daß ihn auch Nacht in den ewigen Jagdgründen umgibt. Ein Indianer stirbt am Tage, und selbst die Kranken müssen vor Sonnenuntergang sterben, wenn man vermutet, daß sie die Nacht nicht mehr durchleben.«

»Und Ihr? Denkt Ihr vielleicht nicht wie Euer Volk?«

Andrew Brown blickte eine Weile sinnend vor sich hin, dann sagte er: »Ich verehre den großen Geist, doch manches, was meine Brüder glauben, glaube ich nicht. Ich bin kein Jäger wie sie, deren größte Lust darin besteht, den Büffel zu erlegen. Ihnen ist das Fleisch vom Rind zuwider. Sie lassen das Vieh, das man jetzt in immer größeren Herden in das Land treibt, ungehindert seines Weges ziehen.«

»Wann werde ich meine Freunde wiedersehen?« fragte Bob dringend, nachdem er abermals eine längere Zeit in Gedanken versunken war.

Die halbgeschlossenen Augen des Halbindianers leuchteten teuflisch. »Den einen vielleicht, den anderen kaum,« entgegnete er langsam, jedes Wort betonend.

»Habt Ihr Euer Wort nicht gehalten?« rief der Knabe auffahrend. »Redet! Ist bereits der eine durch Mörderhand gefallen?«

»Weshalb soll ich schuld an seinem Tode sein? Du vergißt, daß der Krieg im Lande tobt,« versetzte Andrew Brown ausweichend. Mit listigem Lächeln fügte er hinzu: »Ob deine Freunde beide leben? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wer weiß?«

»Alle Eure Worte sind Lügen,« stieß Bob zornig hervor. Dann aber streckte er dem Halbindianer seine gefalteten Hände flehend entgegen und bat mit Tränen in den Augen: »Sagt alles, was Euch von meinen Freunden bekannt ist! Sprecht! Ihr kennt keine Freundschaft. Ihr wißt nicht, was es heißt, von Menschen getrennt sein, die man liebt; sie in Gefahr zu wissen, ohne ihnen helfen zu können. Wenn Ihr es wirklich gut mit mir meint, wie Ihr mir oft versichert, sagt mir die Wahrheit!«

Andrew erhob sich. Ihm schien die Unterhaltung lästig zu werden. »Mehr weiß ich nicht, als daß der eine deiner Freunde meinen Brüdern nicht mehr gefährlich ist.« Rasch ging er nach einem Feuer, wo ein großer, stämmiger Indianer schon seit längerer Zeit wie eine Bildsäule unbeweglich aufrecht stand und unverwandt nach den fernen Bergen schaute.

Andrew Brown trat vor ihn hin und legte seine flache, rechte Hand über die geballte Linke. Das war das Zeichen zum Aufbruch.

Der Indianer nickte und ließ den Schrei einer Elster ertönen, der gleich darauf von allen Seiten wiederholt wurde.

Die Männer sprangen vom Boden auf. Sie reckten und streckten die Glieder, nahmen ihre Sättel und Waffen zur Hand und eilten zu den Pferden.

Bob befand sich in verzweifelter Stimmung. Wenn der Halbindianer die Wahrheit sprach, war das Schlimmste zu vermuten. Wo befanden sich die Freunde? Der Knabe wollte es nicht glauben, daß einer von ihnen wirklich getötet worden war. »Warum war ich nicht aufrichtig gegen sie?« murmelte er jammernd vor sich hin. Wie oft hatte er sich schon diesen bitteren Vorwurf gemacht, seitdem er von den Trappern getrennt war!

»He, Blaßgesicht, spute dich! Sehen deine Augen nicht, daß wir uns zur Reise rüsten?« rief ein langer Indianer und packte Bob im Nacken. Mit einem Ruck riß er ihn vom Boden auf. »Rasch! Sattele dein Pferd! Wir sind nicht gewöhnt, auf einen Weißen zu warten.« Dabei gab er dem Knaben einen Stoß in den Rücken, daß dieser vorwärts taumelte.

Wenige Minuten später machten sich die Männer auf den Weg nach Norden. Das Präriegras war oft so hoch, daß hin und wieder nur die Köpfe und Schultern der Reiter daraus hervorragten.

Der Indianer, dem Andrew Brown vorhin das Zeichen zum Aufbruch gegeben hatte, ritt auf einem schwarzen Pferde an der Spitze des Zuges. Man hatte ihn erst kürzlich zum Häuptling gewählt, nachdem der frühere Anführer nicht zurückgekehrt war. Der alte Häuptling war eines Morgens mit einer großen Anzahl Männer davongeritten. Auch der Halbindianer befand sich unter ihnen. Gegen Abend – man rastete damals ebenfalls auf einer ausgedehnten Prärie – stellte sich nur etwa die Hälfte der Indianer wieder ein. Langsam kamen sie heran, den Kopf tief gebeugt. Da erhob sich im Lager wüstes Geschrei, und aus allen Anzeichen merkte der Knabe, daß die Krieger geschlagen waren und einen großen Verlust erlitten hatten.

Damals versuchte Bob zu entfliehen, als er sich einen Augenblick ohne Aufsicht sah. Aber der Versuch mißglückte, der Knabe wurde nun noch schärfer bewacht, besonders wenn Andrew Brown abwesend war. Dieser blieb oft mehrere Tage aus. Von einem dieser Ausflüge kam er eines Abends zur Verwunderung des Knaben ohne Hut wieder in das Lager.

Jetzt ritt hinter dem Zuge der Halbindianer neben Bob. Nach einiger Zeit hielt derselbe sein Pferd mehr und mehr zurück und nötigte den Knaben, ein Gleiches zu tun.

»Gib acht, was ich dir sagen werde!« sagte Andrew leise, als sich die Indianer eine kurze Strecke voraus befanden. »Siehst du dort drüben die Berge? Eine tiefe, lange Schlucht führt hinein. Sind wir in ihrer Mitte, so erschrick nicht, wenn es plötzlich um uns her blitzt und kracht! Deine Brüder, die Blauröcke, sitzen versteckt hinter Fels und Stein. Beginnen sie es recht, reiten alle dort vor uns bald in den ewigen Jagdgründen umher.«

»Elender Verräter!« brauste Bob auf. »Ihr schämt Euch nicht, Eure – –«

Hastig drückte der Halbindianer dem Knaben die Hand auf den Mund. »Schweig, Kröte!« unterbrach er ihn voll Wut. »Soll ich dir für immer das Maul stopfen? Wagst du es von jetzt ab, dich eine Pferdelänge von meiner Seite zu entfernen oder durch einen Laut jene Männer zu warnen, so gilt die erste Kugel aus meinem Revolver dir.«

Bob war aufs äußerste empört. Die dort vor ihm hinritten, waren seine Feinde, die Feinde der Regierung, und dennoch hätte er sie gern vor der Niedertracht dieses Teufels in Menschengestalt geschützt. Das war kein Krieg mehr. Das war ein hinterlistiger Massenmord, der an den Armen begangen wurde, die ahnungslos in ihr Verderben eilten.

»Dir erscheint mein Handeln nicht recht. Ich sehe es an deinen Mienen,« begann Andrew Brown mit hämischem Lächeln nach einer Weile von neuem. »Ich vermag es jenen nicht zu vergessen, daß sie nicht mich, sondern einen anderen zum Führer erwählten. Ritte ich jetzt dort an der Spitze, trügen in einer Stunde alle wenigstens einen Skalp am Gürtel.«

Der Knabe schwieg. Der Mensch an seiner Seite erschien ihm zu verabscheuungswürdig, um ein Wort zu erwidern.

Immer näher kam man den Bergen. Schon ließen sich deutlich die schwarzen Einschnitte darin erkennen.

Bob erschien sich wie ein Henkersknecht, der die armen Sünder zum Galgen führt.

Noch eine peinliche halbe Stunde verging, und die große Schlucht war erreicht.

Der Häuptling wandte sein Pferd und hob beide Hände in die Höhe. Sofort hielten alle Indianer ihre Gäule an und folgten dem Beispiele ihres Anführers, der behend aus dem Sattel sprang. Nach einer leisen Unterredung stiegen fünf Männer von neuem auf und näherten sich behutsam, indem sie die Büchse schußbereit vor sich hielten, der Schlucht. Langsam ritten sie hinein.

Ein höhnisches Lächeln zuckte um die Mundwinkel Andrew Browns. »Die Vorsicht nützt euch wenig,« zischte es zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.

Nach einer langen Weile kamen die ausgesandten Reiter zurück. Die Indianer schwangen sich wieder auf den Rücken ihrer Pferde, und schweigend wurde der Weg fortgesetzt.

Bobs Herz pochte zum Zerspringen.

Abermals veranlaßte der Halbindianer seinen Gaul zu langsamerem Schritt. Immer größer wurde die Entfernung zwischen den beiden Nachzüglern und den voraufziehenden Männern.

Jetzt nestelte Andrew eifrig an seinem Hemde und holte daraus zwei rote Tücher hervor. »Sobald der erste Schuß fällt, schwenke dieses Zeichen,« sprach er leise, indem er dem Knaben ein Tuch in die Hand drückte. »Dann gehen wir frei aus.«

Die Schlucht erweiterte sich. Ueberall wuchs Gestrüpp und hohes Buschwerk, aus dem hier und dort eine Pechtanne hervorragte. Einzelne größere Felsblöcke lagen auf dem mit Steingeröll bedeckten Boden.

Je weiter man kam; desto ungeduldiger wurde Andrew Brown, als noch immer alles still blieb. Seine umherirrenden Augen glühten unheimlich. »Sollten die Halunken die rechte Stelle verfehlt – –«

Er sprach nicht zu Ende. Hinter einem Felsen in der Höhe krachte ein Schuß. Ein zweiter, dritter und mehr folgten. Die Indianer stießen ein markerschütterndes Geheul aus, das jedoch von den jetzt in rasender Eile aufeinander folgenden Schüssen übertönt wurde. In wilder, verzweifelter Hast und Angst wandte sich alles zur Flucht. Doch wohin die Reiter auch zu entkommen versuchten, überall flogen ihnen pfeifend die feindlichen Kugeln entgegen. Selbst bis zu dem Knaben und dem Halbindianer sausten sie, der hoch im Sattel aufgerichtet, sich mit gellendem Hohnlachen an der Todesnot seiner Brüder ergötzte.

»Zurück! Rasch!« rief Andrew Brown. Er wollte sein Pferd wenden, aber es konnte dem Zügel nicht mehr gehorchen. Mit den Vorderbeinen knickte es ein, dann brach es vollends zusammen. Eine Kugel war dem Tiere unter dem Halse in die Brust eingedrungen.

Behend sprang der Halbindianer, den der fallende Gaul niedergerissen hatte, von der Erde auf und stieß einen lauten Fluch aus. »Mach Platz, Milchgesicht, und laß mich aufsitzen!« schrie er hastig.

Da erscholl ein Trompetensignal auf den Bergen. Bobs Pferd spitzte die Ohren. Dann setzte es in langen Sprüngen mitten in das wüste Getümmel der durcheinander drängenden Indianer hinein. Der Knabe hielt sich mit der linken Hand am Sattelknopf fest. In seiner Rechten flatterte das rote Tuch.

Der Gaul stürmte immer weiter. Die pfeifenden Kugeln, das Aechzen, Stöhnen und Geheul der Indianer, die sich wiederholenden Trompetentöne, alles das machte ihn rasend.

Bob sah nichts mehr. Er hörte nur das wilde Getobe um sich her. Jetzt verhallte es mehr und mehr. Unaufhörlich jagte das schnaubende Pferd weiter, wie von Furien gepeitscht.

Plötzlich ein Ruck! Das Tier stürzte. Der Knabe wurde zu Boden geschleudert. Hart schlug sein Kopf auf einen Stein. Die Sinne schwanden ihm.

Aus weiter Ferne schallten nach und nach vereinzelter die Schüsse herüber. Zuletzt verstummten sie ganz. Dann wurde es still ringsumher. Kein Laut regte sich. Nur der Wind spielte säuselnd mit den Blättern von Busch und Baum.

Die Sonne neigte sich zum Untergang. Zwischen den Felswänden dunkelte es mehr und mehr. Die Kuppen der Berge erglänzten in rosigem Schimmer. Dann erblaßten auch sie. Im blauen Aether zeigte sich ein Stern nach dem andern, Nacht bedeckte die schlummernde Erde.

Im Osten wurde es jetzt hell und heller. Der Mond tauchte mit seinem silberweißen Schein empor. Er stieg höher und höher. Zuletzt warf er sein bleiches Licht zwischen die wilden, verworrenen Steinmassen.

Ein einsam irrender Wolf ließ sein melancholisch klagendes Geheul ertönen.

In Bobs Schädel summte ein Dröhnen und Brausen, in den Ohren ein Singen und Klingen. Kalt strich der Wind über die heiße Stirn. Des Knaben Hände griffen umher. Seine Linke hielt, fest geschlossen, etwas Hartes. Er öffnete die Augen. Was war mit ihm geschehen? Hastig richtete er sich halb auf. Befand er sich im Himmel, wie er geträumt hatte? Wo waren die vielen Menschen geblieben, die er soeben noch sah? Auch hatte strahlend die Sonne geschienen. Verwundert erblickte er vor sich, vom Monde geisterhaft beleuchtet, einen Felsen bei dem anderen. Und als er aufschaute, stand neben ihm mit gesenktem Kopf ein Pferd, dessen Zügel er in der Hand hielt. Langsam kam ihm die Erinnerung an das Vorgefallene zurück. Bob ließ die Zügel frei und faßte sich an die schmerzende Stirn. Sie war feucht und klebrig. Und als er sich die Finger besah, bemerkte er in dem fahlen Mondlicht, daß Blut daran haftete. Seine rechte Hand umklammerte ein Tuch. Das hatte ihm der feige Verräter gegeben, der um gemeiner Rache willen seine eigenen Brüder in den sicheren Tod geführt hatte, dieser Teufel, der ihn auf Schritt und Tritt bewachte. Aengstlich blickte der Knabe nach allen Seiten. Nichts regte sich. Er war allein. Da wurde es ihm klar, daß er wieder frei und glücklich der Gewalt der Indianer entronnen war. Das hatte er seinem Pferde zu verdanken, das ihn mit Gottes Hilfe aus seiner Gefangenschaft errettete. Er erhob sich mit Mühe von der Erde und klopfte liebkosend den schlanken Hals des Tieres. Dann band er sich das Tuch um die schmerzende Stirn. Sein Hut war ihm während des wilden Rittes vom Kopfe geflogen.

Bob sann darüber nach, was er nun beginnen sollte. War es nicht möglich, daß ihm hier von neuem eine Gefahr drohte? Nur fort von hier nach Norden! Rasch legte er den Sattel zurecht, der sich bei dem Sturz verschoben hatte. Dann brach er auf, indem er den Gaul am Zügel hinter sich herführte.

Doch bald merkte der Knabe, daß seine Kräfte schnell erlahmten. Es war hell genug, um die Unebenheiten des Bodens zu erkennen. Deshalb bestieg Bob den Rücken des Tieres, das behutsam vorwärts schritt.

Wenn der Weg zu steil bergan ging oder zu abschüssig war, mußte der Knabe seinen Sitz wieder verlassen. Doch zuletzt gelangte er auf eine größere Prärie, wo er ungefährdet im Sattel bleiben konnte. Er fühlte sich todesmatt. Am liebsten hätte er sich hier in das hohe Gras niedergelegt. Aber der Gedanke an die vielleicht in der Nähe befindlichen Indianer trieb ihn weiter und weiter.

Nach mehreren Stunden wurde der Boden abermals steinig und felsig. Vom Osten her strich eine frische Brise über das Land. Und als der Grund abermals steil bergan stieg, graute der Morgen.

Erschöpft machte Bob Halt. Auch dem Pferde mußte er eine Erholung gönnen. Er nahm dem Tiere den Zügel ab, damit es bequemer grasen konnte. Der Gaul fiel gierig über das spärliche Futter her.

Bald war es Tag. In dem kristallklaren Wasser einer Quelle, die aus einem Felsen hervorsprudelte, wusch sich der Knabe den blutigen Kopf. Das erfrischte ihn ungemein. Dann band er das durchnäßte Tuch um die Stirn. Ein Weilchen konnte er sich immerhin niederlegen. Die Sonne schien so warm. Er zog die Jacke aus und schob sie unter den Kopf. Welche Wonne, sich behaglich ausstrecken und die Augen schließen zu können, wenn auch nur für kurze Zeit! Zu lange durfte er sich hier nicht aufhalten. Gewiß hatte er schon in der Nacht ein großes Stück Weges zurückgelegt. Das Pferd lief wohl eine weite Strecke, bevor es zu Fall kam.

Wieder empfand der Knabe das Dröhnen und Brausen in seinem Schädel. Jetzt schien wirklich die Sonne. Es war kein Traum, und doch – auch die vielen Menschen sah er abermals. Soweit das Auge reichte, drängte sich Kopf an Kopf. Langsam wanderten die Gestalten auf grüner, blumiger Flur dahin. In den blauen Lüften sangen und zwitscherten die Vögel. Und wie von Engelsstimmen ertönte leise süße, rauschende Musik. Gewiß hatte ihn der Himmel aufgenommen. War einer der Freunde tot, so mußte er doch ebenfalls hier zu finden sein. Immer mehr Menschen strömten in langem, unabsehbarem Zuge vorbei, doch die Trapper befanden sich nicht darunter.

Das Pferd verzehrte hungrig die hier und dort zwischen den Steinen hervorsprießenden Grasbüschel. Bisweilen wandte es den Kopf nach dem jugendlichen Herrn, der dort unbeweglich neben dem Felsblock lag.

Die Sonne stieg höher und höher. Bob regte sich nicht. Aber seine regelmäßigen, lauten Atemzüge verrieten, daß er fest schlief.

Endlich war der Gaul gesättigt. Mit Behagen schlürfte er das kühle Quellwasser, dann schritt er langsam nach dem Knaben und blieb neben ihm stehen. Mehr und mehr senkte sich sein Kopf zur Erde. Auch das Tier war eingeschlafen.

Es wurde Mittag. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht. Ihre Strahlen brannten heiß vom wolkenlosen Himmel hernieder.

Plötzlich zuckte das Pferd zusammen, hob den Hals und blickte unverwandt nach Norden.

Zwischen den Steinblöcken trat jetzt ein Mann hervor, nachdem er eine längere Zeit dort umherspähend gestanden hatte. Hinter sich her zog er vier Gäule, von denen einer Sattel und Decken trug, während die anderen drei mit allerlei eingeschnürten Bündeln beladen waren. Er kam behutsam näher, die Büchse in der Linken.

Es war eine kleine, gedrungene Gestalt mit faltenreichem, wetterhartem Gesicht, aus dem unter buschigen Augenbrauen ein Paar hellblauer Augen lebhaft hervorschaute. Ein grauer, struppiger Schnurrbart saß unter der leicht geröteten, etwas gebogenen Nase, und das kurzgeschorene Haupthaar war beinahe weiß. Auf diesem saß ein kleiner Hut, der einmal schwarz gewesen sein mochte, die Krempe hing zerfetzt herunter. Den Oberkörper umhüllte ein Lederhemd. Die vielfach geflickten Beinkleider steckten in hohen Stiefeln. An dem einen war ein mächtiger Sporn befestigt, in dem jedoch das Rad fehlte. Um den Hals des Mannes schlang sich trotz der augenblicklichen Wärme ein wollener, schmutziggrauer Schal.

Bobs Pferd blähte die Nüstern und schnaubte wild. Es stampfte heftig mit den Vorderfüßen, ohne von der Seite seines Herrn zu weichen.

»Heda! Bursche! Schlaft Ihr, oder seid Ihr tot?« rief der Mann, indem er stehen blieb.

Der Knabe erwachte. Er richtete sich auf und rieb sich schlaftrunken die Augen.

»Habt Euch einen wunderbaren Platz zum Rasten ausgesucht!« fuhr der Alte lächelnd fort.

»Wißt Ihr nicht, daß das Land von kriegführenden Indianern angefüllt ist?«

Indianer! Dieses Wort machte Bob vollständig wach. Er sprang von der Erde auf. »Wer seid Ihr?« fragte er gespannt.

»Diese Frage möchte ich Euch zuerst vorlegen, bevor ich sie selbst beantworte.«

Der gutmütige Ausdruck in dem Gesichte des Alten flößte dem Knaben Vertrauen ein, und ohne Zögern erzählte er, daß er von den Indianern geflohen und hier vor Erschöpfung ohne seinen Willen eingeschlafen sei.

»Wo seid Ihr zu Haus, und wohin wollt Ihr jetzt?« fragte der Mann.

»Ich gehöre zweien Trappern an, die oben am Goose Creek lagern. Dorthin möchte ich ziehen. Doch ich kenne den Weg nicht,« erwiderte Bob seufzend.

Der Alte blickte eine Weile sinnend vor sich hin. »Ich will Euch einen Vorschlag machen,« sagte er dann und schaute den Knaben mitleidig an. »Ihr dauert mich. Reitet Ihr, unbekannt mit dem Lande, weiter, so ist es leicht möglich, daß Ihr den Indianern noch einmal in die Hände fallt. Ich bin Indiantrader. Old Tex nennt man mich allgemein. Jetzt hat mich die Regierung mit einem wichtigen Auftrag betraut. Ich befinde mich auf dem Wege zu den Arapahoes, um sie zur Hilfe gegen die auch diesem Stamme feindlichen Sioux-Indianer herbeizuholen. Begleitet mich dorthin! Mit den Arapahoes dürft Ihr es schon wagen weiterzuziehen. Vorsichtshalber werden sie den Weg durch die Berge bis an den Goose Creek wählen, wo er von beträchtlicher Höhe in einen Talkessel stürzt.«

»Dort finde ich meine Freunde,« unterbrach ihn der Knabe mit lebhafter Freude, indem er dem Manne seine Hand reichte. »Ich nehme Euer Anerbieten dankend an.«

»Wie steht es mit Euerm Kopf?« fragte der Alte freundlich. Er entfernte das Tuch, und während Bob ihm Näheres über den Vorfall in der Schlucht berichtete, wusch Old Tex an der Quelle die Wunde aus. Dann schnitt er Bobs Locken kurz und holte aus einer Ledertasche allerlei Verbandzeug hervor. An einer Stelle hatte ein scharfkantiger Stein die Haut aufgerissen. Der Alte nähte den Riß geschickt zusammen, legte einen Verband an und schlang über diesen von neuem das nasse Tuch.

»Jetzt wird es schon wieder heilen,« meinte er lächelnd und wehrte den Dank des Knaben ab. »Doch nun laßt uns keine Zeit mehr versäumen und aufbrechen!«

Rasch legte Bob seinem Gaule die Zügel an und schwang sich in den Sattel. Der Indiantrader stieg ebenfalls auf. In kurzem Trabe ritten die beiden bergab über die weite Prärie nach Westen. Die Packpferde trotteten hinterher.

Bereitwillig erzählte der Knabe von seinem Aufenthalt bei den Indianern. Die Augen seines Begleiters schweiften unaufhörlich umher. Einige Male hielt er plötzlich sein und Bobs Pferd an. Doch gleich darauf ging es weiter. Stets war es Wild, das der Alte in der weiten Entfernung für den gefürchteten Feind angesehen hatte.

Der Schlaf hatte den Knaben wunderbar gestärkt. Nun aber begann sein Magen mit jeder Minute bedenklicher zu knurren. Bob besann sich, daß er seit dem Mittage des vorherigen Tages nichts genossen hatte, und wünschte sehnsüchtig den Hunger stillen zu können.

Aber erst lange nach Sonnenuntergang machte Old Tex, nachdem man abermals die Berge erreicht hatte, zwischen wildem Gestein in einer tiefen Höhle Halt. Mit Hast verschlang Bob das Brot und das geräucherte Fleisch, das der Alte ihm gab.

»Wenn Ihr derartigen Appetit besitzt, wird mein Vorrat zur Neige gehen, bevor wir zu den Arapahoes kommen,« meinte der Indiantrader verlegen lächelnd. »Feuer dürfen wir nicht anzünden, und ein Büchsenschuß ist auch ein unangenehmer Verräter für uns, sonst könnten wir uns leicht ein Reh erlegen.«

Der Knabe berichtete, wie lange er gehungert habe, und beruhigte damit den Alten, der nun mitleidig dafür sorgte, daß Bob sich vollkommen sättigte.

Bevor die beiden sich zur Ruhe begaben, schnitten sie hinreichend Gras für die Pferde, die während der Nacht ebenfalls in der Höhle untergebracht wurden.

Bei Tagesgrauen setzte man die Reise fort. Von jetzt ab verließ man die Berge kaum noch. Old Tex schien hier jeden Stein zu kennen. Ohne sich zu besinnen, schlug er den Weg ein, und immer führte er aus dem Felsengewirr wieder heraus. Bob sprach seine Verwunderung ob dieser Ortskenntnis aus.

»Ich lebe nun dreißig Jahre hier im Lande,« sprach der Alte vor sich hin. »Da wird einem die Gegend schon bekannt.«

»Ihr seid wohl gar hier geboren?« sagte der Knabe neugierig, um mehr von dem schweigsamen Manne zu hören.

Der Indiantrader rückte unruhig auf seinem Sattel hin und her. »Eure Eltern leben wohl nicht mehr?« fragte er statt einer Antwort.

Bob blickte errötend vor sich nieder, und verlegen stotterte er: »Nein. – Das – heißt – meine Mutter ist tot – mein Vater –«

»Hm hm!« machte der Alte, und fuhr rasch fort: »Laßt nur! Ich will nichts wissen.« Stumm ritt er weiter, doch nach einer Weile begann er von neuem: »Ihr seid noch jung. Euch will ich sagen, woher ich stamme. Vielleicht zieht Ihr eine Lehre daraus für Euer zukünftiges Leben.« Er nahm aus der Tasche eine kleine Tonpfeife, stopfte sie mit Tabak, schlug Feuer, und nachdem er ein paar kleine Rauchwolken in die Luft geblasen hatte, hub er an zu erzählen.

»Tex nennt man mich, weil ich einige Jahre in Texas war, bevor ich hier in das Land kam. Das Old habe ich meinem früh ergrauten Haare zu verdanken. Geboren bin ich in Oesterreich als der Sohn reicher Eltern. Mir fehlte in der Jugend nur eins, Prügel, dann wäre ich wahrscheinlich nicht der Taugenichts geworden, der ich wurde. Die Schule besuchte ich wenig. Ich war zu faul. Lieber lief ich in den Wald oder auf das Feld hinaus. Am liebsten saß ich dort und las Geschichten, Abenteuer zu Wasser und zu Lande. Die verdrehten meinen von dummen Streichen hinreichend angefüllten Kopf gänzlich. Eines Tages war ich auf und davon, nachdem ich vorher die Kasse meines Vaters um eine beträchtliche Anzahl Gulden erleichtert hatte. Ich kam nach New York und von da nach Texas und suchte dort Abenteuer.« Old Tex wiegte bedächtig das Haupt von einer Seite zur anderen. »Ich habe genügend davon erlebt, aber keine Freude, sondern nur Kummer und Sorge. Schon bald nach meiner Ankunft in Texas ging mein Geld zu Ende. Ich mußte viel arbeiten für wenig Lohn, um nicht zu verhungern. Rohes Volk umgab mich. Meine Schlafstätte war eine elende Spelunke, in der ich zwischen wüsten Gesellen lag, die in ihrer Zügellosigkeit kein Gesetz achteten. Sie waren mein einziger Verkehr.

In der Hoffnung, aus dieser Versumpfung zu entfliehen, wanderte ich von Ort zu Ort. Ueberall blieb es dasselbe. Wie unendlich hoch erkannte ich da die Wohltat eines sicher umfriedeten Menschendaseins, als es zu spät war. Und mit dieser Erkenntnis erwachte in mir ein anderes qualvolles Gefühl, die Sehnsucht nach meinem Elternhause, nach meiner schönen, fernen Heimat. Doch obgleich der Gedanke an mein Vaterland mich oft schier verzweifeln ließ, dahin zurückzutreiben vermochte er mich nicht. Eins war mächtiger in mir als das Heimweh mit all seinem Leid: die Scham, meinen Eltern wieder vor die Augen zu treten. Zwar schrieb ich ihnen einen Brief voll aufrichtiger Reue, auch einen zweiten und dritten, erhielt aber keine Antwort.

Möglich ist es, daß meine Zeilen niemals ihr Ziel erreichten. Damals gab es noch wenig Eisenbahnen in Amerika, und die Postverbindungen waren mangelhaft. Immer gewaltiger wühlte das Heimweh in meinem Herzen. Es hat mich früh zum Manne gereift. Mit Lust begann ich zu arbeiten. Nach und nach hoffte ich soviel zu erwerben, um zurückkehren und meinem Vater das Geld wiedergeben zu können, das ich ihm – stahl. Ja, ein Diebstahl war es, und meine Strafe dafür ist nicht ausgeblieben. Die Mittel für die Heimfahrt habe ich mehr als einmal in der langen Zeit besessen, die meinem Vater schuldige Summe vermochte ich aber nicht zu erübrigen. Darüber sind die Jahre hingegangen. Mit einem Viehtransport zog ich nach Norden. In Fort Sherman begann ich anfangs einen kleinen Handel mit den Soldaten und den Indianern, welche die Befestigung aufsuchten, um ihre Büffelfelle zu verwerten. Nachher wurde ich Indiantrader. Ich zog mit meinen Waren von Stamm zu Stamm. Bald war ich bei mehreren Völkern bekannt und gern gesehen, weil ich sie nicht betrog und nicht zu sehr übervorteilte. Ich machte gute Geschäfte, doch mein Verdienst reichte für die gestohlene Summe nicht aus. Jetzt bin ich ein alter Mann geworden. Alles ist in mir gestorben, nur ein Gefühl lebt noch gleich frisch wie vor Jahren in meinem Herzen: die Sehnsucht nach meiner Heimat, nach meinem Oesterreich. Freilich ist anzunehmen, daß ich sie niemals wiedersehen werde, und dennoch verliere ich die Hoffnung nicht. Sie allein erhält mich noch am Leben, und unermüdlich strebe und arbeite ich weiter meinem Ziele entgegen. Vielleicht reicht die Summe doch noch einmal aus. Wer weiß?«

Der Alte schwieg. Bob war seiner Erzählung mit Spannung gefolgt und bemerkte jetzt, wie sich der Mann verstohlen mit dem Rücken der Hand eine Träne aus dem Auge rieb.

»Mein Geld und meine Waren liegen gut aufgehoben im Fort Phil. Kearny,« fuhr Old Tex fort, doch mochten seine Worte jetzt wohl weniger für seinen Begleiter bestimmt sein. »Der Auftrag, den ich auszuführen habe, kann von großer Wichtigkeit werden. Kehre ich zurück, so gibt es dafür angemessenen Lohn. Dann noch ein Geschäft nach Wunsch, und –« Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich will mich nicht in Hoffnungen wiegen. Enttäuschungen habe ich zur Genüge kennen gelernt.« Er spornte sein Pferd zu rascherer Gangart an und ritt stumm weiter. Er blieb auch während der übrigen Reise wortkarg. Es schien, als bereue er es, dem Knaben seine Vergangenheit offenbart zu haben.

Sie aber gab Bob viel zu denken. War er nicht, wie einst jener Mann, vom Vaterhause fortgelaufen! War auch die Ursache bei ihm eine andere, so hatte er sich doch ebenfalls einen Aufenthalt erwählt, wo rohe, unwirtliche Verhältnisse ihn umgaben. Solange er bei seinen Freunden weilte, war ihm der Gedanke daran wenig gekommen. Nur als er damals nach der langen Zeit der Einsamkeit plötzlich in Fort Reno das geschäftige Treiben vor sich gesehen und nachher in dem wohnlichen Gemache des Kommandanten das Bild seiner Heimat erblickt, hatte ihn ein eigentümliches Gefühl erfaßt. Jetzt wußte er auf einmal, daß es ein Verlangen nach einem Dasein unter Menschen gewesen war, denen der Segen ihrer Arbeit unter dem Schutze der Gesetze zuteil wird. Wie ganz anders hatte er sich einst das freie, ungebundene Leben hier im Lande gedacht! Freiheit herrschte wohl, doch sie wurde von den Menschen durch die rohe Gewalt allein, unbekümmert um das Verderben der Mitmenschen, erkauft.

Leise schlich sich dem Knaben das Heimweh in das Herz. Aber er wünschte sich nicht nach seinem väterlichen Hause zurück. Ihn zog es nur mit wachsender Sehnsucht nach einem friedlichen, sicheren Dasein voll segenspendender Arbeit, wie es daheim die Menschen in seinem Vaterlande an den geschäftig belebten Ufern des Missouristromes führten.

Am sechsten Tage, nachdem Bob von dem Indiantrader aufgefunden worden war, erreichte man die erste Niederlassung der Arapahoes-Indianer.

In einer Vertiefung des stark hügeligen, mit Pechtannen und Gestrüpp bewachsenen Landes standen, von pappelartigen Bäumen beschattet, etwa sechzig Hütten. Ein breiter, jetzt nur wenig Wasser führender Bach strömte träge an der einen Seite des Dorfes dahin.

Wie bei Bobs früherem Besuch, so bellte auch hier eine große Schar von Hunden den beiden Reitern schon von weitem entgegen. Dann wurde es zwischen den Hütten lebendig. Die Mienen der herbeieilenden Indianer drückten eine unverkennbare Freude aus, als sie den befreundeten Unterhändler erkannten, und alle schüttelten ihm freundschaftlich die Hände. Die Männer warfen gierige Blicke nach den Packpferden. Gewiß trugen diese wieder die begehrtesten Sachen, besonders Whisky, das beliebte Feuerwasser. In Gedanken schwebten manche bereits in trunkener Glückseligkeit. Der Knabe mit dem verbundenen Kopf, dessen goldblonde Locken unter dem roten Tuch hervorschauten, wurde mit sichtlichem Erstaunen betrachtet.

»Ruft mir alle Männer Eures Volks herbei, die hier bei Euch wohnen, Hawaho (Kleiner Bär)!« wandte sich Old Tex an einen breitschultrigen Indianer von mittlerer Gestalt, zwischen dessen rotumwickelten Haarsträhnen ein Otterschwanz befestigt war.

Einige Knaben eilten fort, und bald darauf bildete ein großer Haufe Indianer einen Kreis um die Reiter. Auch die Frauen und Kinder drängten sich herbei.

Old Tex nahm den Hut von seinem Haupt, auf dem das Haar in der Sonne silberweiß erglänzte.

»Arapahoes!« begann er mit lauter Stimme, indem er sich im Sattel emporrichtete. »Heute bringe ich nicht wie bisher meine Waren zum Tausch. Meine Pferde tragen heute eine andere Last. Es sind Patronen und Waffen. Der große weiße Mann schickt sie euch zum Geschenk mit seinem Gruß und fordert euch auf, eilig die Streitaxt zu ergreifen und gegen eure ärgsten Feinde aufzubrechen. Sie haben den Kriegspfad betreten. Fragt ihr mich noch, wie sie sich nennen? Die Sioux sind es!«

Die Menge brach in ein weithinschallendes Geheul aus. Alles rannte, schrie und lärmte wüst durcheinander, bis der Häuptling Schweigen gebot.

Er trat an die Seite des Alten, und die Männer bildeten von neuem einen Kreis um ihn und die Reiter.

»Brüder!« sprach Hawaho leuchtenden Auges. »Schon lange roch ich Blut in der Luft. Viele Sommer vergingen, ohne daß ein Skalp unseren Gürtel schmückte. Wenn das große Licht dort oben aufs neue hinter den Bergen emportaucht, haltet die Pferde bereit! Der große weiße Mann rief uns. Wir folgen seinem Ruf. Juha!«

Ueberall wiederholte sich der Kriegsschrei. Die Indianer liefen in ihre Hütte, und wenige Augenblicke später trugen sie drei und mehr Federn in der Skalplocke.

Old Tex packte mit Bob die Pferde ab. Die Patronen und Waffen wurden in den Wigwam des Häuptlings gebracht. Mit Hawaho hatte der Indiantrader eine lange Unterredung. Mittlerweile führte der Knabe die Gäule zur Tränke und dann nach einem geeigneten Futterplatz. Heute fand sich niemand ein, um diese Arbeit den Gästen abzunehmen, wie es sonst bei den Besuchen in den Indianerlagern üblich ist. Alle hatten genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun. Büchsen und Revolver wurden gereinigt und die Sättel ausgebessert. Die Männer waren durch die Kriegsnachricht aus ihrer Trägheit aufgerüttelt, und manchem lief jetzt bei der ungewohnten Arbeit der Schweiß von der Stirn.

Als Bob zurückkehrte, rief ihn Old Tex ebenfalls in die Hütte. Dort mußte er die Friedenspfeife mit dem Häuptling rauchen und das übliche Mahl einnehmen. Das am Feuer geröstete Rippstück vom Büffel sah recht lecker aus, und der Knabe speiste mit Appetit.

»Auch Ihr dürft nicht ohne Waffen bleiben,« meinte der Alte nach der Mahlzeit, indem er Bob ein großes Messer, eine kurze Büchse und Patronen überreichte. »Kommt Ihr später in eine der Befestigungen, so liefert die Sachen dort wieder ab. Sie bleiben Eigentum der Regierung. Ich mache mich jetzt wieder auf den Weg. Noch ein größeres Dorf der Arapahoes, welches ich besuchen werde, liegt weiter östlich von hier. Die übrigen kleineren Niederlassungen beschickt Hawaho, der Häuptling. Morgen in der Frühe brecht Ihr mit ihm und seinen Leuten unverzüglich auf. Ihr werdet den Weg einschlagen, den ich Euch nannte, bis zu dem Gefälle des Goose Creek. Trefft Ihr dort Eure Freunde, so rate ich Euch, die Gelegenheit zu benutzen und mit den Indianern zu ziehen, die sich von da nordwestlich nach Fort Phil. Kearny wenden. Und nun lebt wohl! Vielleicht sehen wir uns noch einmal wieder. Es sollte mich freuen.«

Der Knabe ergriff beide Hände des Indiantraders und dankte ihm mit herzlichen Worten für alle Wohltaten sowie für die Waffen, in deren Besitz er sich jetzt um vieles sicherer fühlte.

Bob half die Pferde satteln und sie mit dem beladen, was Old Tex nach der nächsten Niederlassung bringen wollte.

Mehrere Indianer ritten nach verschiedenen Richtungen davon, gleichfalls mit Patronen und Waffen bepackt. Sie hatten sich mit allerlei Ketten, Perlenschnüren und blinkenden Metallstücken herausgeputzt. Drei Federn saßen in ihren flatternden Haaren am Hinterkopf.

Auch der Alte bestieg jetzt seinen Gaul und band die Packpferde an seinem Sattel fest. Noch einmal reichte er dann dem Knaben zum Abschiede die Hand. »Euch erzählte ich, was ich noch keinem erzählte,« kam es dabei zögernd über seine Lippen. »Behaltet alles für Euch! Andere möchten es spöttisch bekritteln. Mir aber schnitte es in das Herz, wenn man über den alten Tex lachte.«

Lange schaute Bob ihm sinnend nach. Er lachte gewiß nicht über den bedauernswerten Mann. In ihm hatte der Arme durch die Erzählung seines vergangenen Lebens das Heimweh erweckt, das jener selbst bis heute nicht zu überwinden vermocht hatte. Der Knabe hatte das Gefühl, als müsse er dem Alten auch dafür dankbar sein.

Achtes Kapitel. Auf dem Kriegspfade

In dem Indianerlager kümmerte man sich wenig um Bob. Nur der Häuptling richtete bisweilen das Wort an ihn. Vor dessen Hütte saß jetzt das braune Reh, Hawahos Tochter, und besserte den Kriegsschmuck des Vaters aus. An einer kranzförmigen Schnur, die dann um den Kopf gelegt werden sollte, waren Adlerfedern dicht aneinander gereiht. Hinten herab hing ein langer Lederstreifen, an dem ebenfalls Adlerfedern befestigt waren. Emsig und geschickt bewegten sich bei der Arbeit des Mädchens Finger, denen man es trotz der rotbraunen Hautfarbe ansah, daß sie längere Zeit nichts mit Wasser zu tun gehabt hatten.

Das braune Reh trug eine bessere Kleidung als alle übrigen Mädchen und Frauen. Ihren schlanken Körper umschloß ein eng anliegendes, ledernes Gewand, an den Aermeln und am Saum mit Fransen besetzt. Den Hals schmückten blaue und rote Perlketten, während die andern Frauen und Mädchen keinerlei Schmuck trugen.

Von Zeit zu Zeit sandte die Tochter des Häuptlings einen Blick nach dem Knaben, der gelangweilt im Lager umherwanderte. Seine Haare erregten auch ihre größte Verwunderung. Kopfschüttelnd und lächelnd nahm sie dann jedesmal ihre Arbeit wieder auf.

Auf einer kleinen Anhöhe vor dem Dorfe trugen Frauen und Kinder einen mächtigen Haufen Reisig und Holz zusammen. Dort versammelten sich alle Männer nach Sonnenuntergang. Die Frauen und Kinder hockten weiter entfernt beieinander.

Neugierig schlich sich Bob in die Nähe des Hügels, wo er sich hinter einem Busch verbarg.

Jetzt erschien auch Hawaho, mit dem Kriegsschmuck angetan. Er trat dicht an den Reisighaufen und ließ ein lautes »Juha« ertönen, was von sämtlichen Männern wiederholt wurde. Dann war es für einen Augenblick still. Doch gleich darauf loderte unter dem lauten Jubel der Umstehenden eine Flamme empor. Auch die Frauen und Kinder schrien und kreischten. Die Männer rissen die Messer aus den Scheiden und ritzten sich mit den Spitzen die Brust auf. Dann pflückten sie Grashalme vom Boden, zogen sie durch die blutenden Wunden unter der Haut durch, erfaßten mit der rechten und linken Hand die Enden des Halmes, und indem sie diesen hin und her zogen, hüpften sie in gleichem Takte von einem Bein auf das andere. Aus ihren Kehlen erschallte dabei ein eigentümlicher Gesang, dann und wann von dem Kriegsgeschrei unterbrochen.

Die Knaben bewegten sich hinter den Frauen ebenfalls in einem Kreis um ein kleines Feuer. Lärmend ahmten sie den Kriegstanz ihrer Väter nach.

Auf einmal schwiegen die Männer und blickten nach Westen, wo man am dunkeln Himmel an zwei Stellen Feuerschein bemerkte, ein Zeichen, daß die fernen Brüder sich auch zum Kriege rüsteten. Wildes Geheul begrüßte diese Entdeckung, dann begann der Tanz von neuem, und je mehr das Feuer niederbrannte, desto geschwinder wurde der Takt.

Nach einer Weile erhoben sich die Frauen und eilten nach den Hütten.

Kleiner und kleiner züngelten die Flammen empor. Die Männer keuchten, doch ihr Gesang ertönte weiter, bis nur noch ein Haufen glühender Kohlen vor ihnen lag. Dann stießen alle zugleich den Kriegsschrei aus. Der Tanz endete, und schweigend wanderten die Indianer dem Dorfe zu.

Bob kam aus seinem Versteck hervor und schloß sich dem Häuptling an, der in seine Hütte trat. Nachdem ihm dort seine Tochter den Kriegsschmuck abgenommen hatte, setzte sich Hawaho vor das Feuer, an dem mehrere Frauen mit der Zubereitung der Mahlzeit beschäftigt waren.

Er winkte den Knaben zu sich heran und forderte ihn durch eine Handbewegung auf, an seiner Seite Platz zu nehmen. Bald darauf wurde gespeist. Und als Bob sah, daß der Häuptling gesättigt war, bat er um einige Büffelfelle, in die er sich an einer Seite in der Hütte einrollte.

Die Behausung war äußerst stark gebaut. In einem Kreise standen, nach dessen Mittelpunkt übergebeugt, sechzehn lange Pfähle, welche an ihren Enden mit starken Lederstricken zusammengebunden waren. Straff umgaben aneinandergenähte Hirschhäute das Holzgestell bis auf eine Oeffnung in der Spitze zum Abzug für den sich ansammelnden Rauch. Als Eingang hatte man in die Umkleidung der Hütte ein beinahe mannshohes Loch geschnitten, das durch eine alte Decke verschlossen wurde.

Auch Hawaho und die Frauen begaben sich bald zur Ruhe, nachdem das Feuer noch einmal zu neuer Glut angefacht worden war.

Der Knabe schlief sehr schlecht. Mehrfach während der Nacht bellten die Hunde. Einige Male verließ der Häuptling sogar die Hütte, als sich die Tiere längere Zeit nicht beruhigen wollten. Außerdem aber waren es sehr unangenehme Plagegeister, die Bob mit ihren Bissen und Stichen immer von neuem weckten. Bei dem ersten Tagesgrauen erhob er sich. Sein Kopf schmerzte ihn heute stärker. Leise ging er zur Hütte hinaus an den Bach. Dort kühlte er die Wunde und wusch sich Hände und Gesicht. Dann band er das angefeuchtete Tuch wieder um seine Stirn.

»Ist der weiße Mann tot?« klang es plötzlich neben ihm.

Der Knabe wandte sich um und erbleichte. Vor sich erblickte er Woternichaza, den Crowindianer mit der verkrüppelten Hand, dessen schwarze Augen ihn durchbohrend anstarrten.

»Hat einen meiner Brüder nach dem Goldskalp gelüstet?« lachte der Indianer höhnisch.

»Geht Eurer Wege! Was kümmert Ihr Euch um mich?« entgegnete Bob mit erkünstelter Ruhe und schritt hastig nach der Hütte zurück, vor der der Häuptling stand und nach ihm ausschaute.

»Haltet Freundschaft mit jenem!« sagte Hawaho, als der Knabe zu ihm herantrat. »Der große Geist verwirrte den Sinn des Mannes. Will er einem andern schaden, genügt schon sein böser Blick. Wir dulden ihn deshalb unter uns, obgleich er nicht unseres Stammes ist. Ein jeder hütet sich und bleibt sein Freund. In der letzten Nacht kamen aus zwei Lagern unsere Brüder in unser Dorf. Er begleitete sie. Sobald das große Licht sich zeigt, brechen wir auf. Seid rechtzeitig mit Euerm Pferde zur Abreise bereit!«

Mit dem Aufbruch hatte es jedoch noch gute Weile. Zuerst wurde in allen Hütten reichlich gegessen. Ueberall roch es nach gebratenem Fleisch, als Bob nach eingenommenem Imbiß durch das Dorf wanderte, um seinen Gaul aufzusuchen, den er dann vor den Wigwam des Häuptlings führte. Seine Büchse befestigte er mit Schnüren am Sattel. Das Messer steckte er in den Gürtel, in dem auch ein Teil der Patronen Platz fand. Den Rest barg er in der Tasche.

Die Sonne stand bereits eine geraume Zeit am Himmel, da erschien endlich der Häuptling im Kriegsschmuck. Lächelnd befestigte er dem Knaben am Kopf einige Federn, dann kletterte er auf den hohen, aus Hirschgeweihen hergestellten Sattel seines Pferdes.

Gleich darauf kamen von allen Seiten die Indianer herbei. An ihren Sätteln hingen Blechtöpfe und Kannen, kleine eiserne Kessel und Säcke mit Lebensmitteln. Außerdem waren hinter dem Sattel noch Decken und Büffelfelle befestigt.

Nur wenige alte Indianer blieben in der Niederlassung bei den Weibern und Kindern, die ein lautes Geheul ausstießen, als der zweihundert Reiter lange Zug nun das Dorf verließ. Unter ihnen befanden sich auch Tabinsch und die anderen Männer, mit denen Bob bei seinem ersten Besuche des weiter südlich lagernden Stammes die Friedenspfeife geraucht hatte. Sie schüttelten dem Knaben freundschaftlich die Hand, und der Häuptling erkundigte sich nach den beiden Trappern. Gern erzählte Bob, was er in den letzten Monaten erlebt hatte, während er mit Tabinsch und Hawaho allen Indianern vorausritt.

Gegen Mittag wurde gerastet. Hätten die Männer nicht die vielen Federn in der Skalplocke getragen, so würde man nicht gewußt haben, daß sie sich auf dem Kriegspfade befänden. Mit der größten Muße bereiteten sie die Speisen, und nachher ruhten sie eine geraume Zeit, um das genossene, reichliche Mahl zu verdauen, bevor sie sich langsam wieder auf den Weg machten.

Mit fieberhafter Aufregung sehnte sich Bob, so rasch wie möglich an den Goose Creek zu gelangen, hoffte er doch seine Freunde dort wiederzusehen. Old Tex hatte gemeint, daß man den Talkessel etwa in drei Tagen erreichen würde. Bei diesem Schneckengang war das jedoch ausgeschlossen. Schon früh am Abend schlugen die Indianer das Nachtlager auf. Am nächsten Morgen ging es mehrere Stunden nach Sonnenaufgang weiter, und mittags mußte man vor dem allgemeinen Aufbruch erst eine Anzahl Männer zurückerwarten, die der Lockung nicht hatten widerstehen können, einer Büffelspur nachzureiten. Voller Ungeduld bewies der Knabe den beiden Häuptlingen, daß ihre Hilfe nur von einem baldigen Erscheinen in Fort Phil. Kearny abhinge, und bewirkte nach wiederholtem Drängen endlich, daß seine Begleiter ihre Leute zu etwas größerer Eile antrieben.

Geschickt und sicher überwanden die Indianergäule die schwierigsten Pfade. Mochte der Weg dicht und schmal an schwindelnden Abgründen vorbei oder steil bergab fuhren, ohne Zögern schritten die Tiere unaufhaltsam vorwärts. Oft wagte Bob kaum, auf seinem Pferde zu folgen.

Schon verging der vierte Tag, ohne daß der Knabe seine Sehnsucht befriedigt sah. Auf seine Fragen, wie lange man noch bis zum Bach zu reiten habe, erhielt er unbestimmte Antworten.

Der Himmel hatte sich bezogen. Nur bisweilen warf die Sonne einen Strahl durch die schwarzen Wolken.

Es war am Nachmittage, nachdem man abermals endlos gerastet hatte und sich nun seit etwa einer Stunde wieder auf dem Wege befand, da hörte Bob ein fernes Rauschen. Das mußte das Ziel sein, das er Tag und Nacht mit immer größerem Verlangen herbeigewünscht hatte. Jetzt hielt es ihn nicht länger bei seinen Begleitern. Er gab seinem Pferde die Zügel und sprengte allen voran dem Geräusch entgegen. Immer näher ertönte das Rauschen. Nur wenige Felsen trennten ihn davon, Der Knabe zitterte am ganzen Körper vor heftiger Erregung. Endlich lag der Talkessel vor ihm. Von der Höhe fiel brausend und schäumend der Goose Creek in die Tiefe. Bob glitt vom Pferde, das ihm nicht schnell genug durch die wüst durcheinander liegenden Steinmassen des abschüssigen Pfades schritt. Taumelnd stürzte der Knabe hinab.

Jetzt erreichte er den Platz, wo er vor Monatsfrist mit den Freunden lagerte. »Charley! Jim!« rief er aus pochender Brust. Keine Antwort erfolgte. »Charley! – Jim!« rief er ängstlicher noch einmal, daß es laut von den Felswänden widerhallte. Nichts regte sich. »Hier brannte das Feuer!« stammelte er. Noch lagen Kohlenreste am Boden. Er wankte nach der Stelle, wo die Trapper sich abends zur Ruhe legten. Der Platz war leer. Keine Decken sah er dort. Nun zweifelte er nicht mehr daran, daß die Brüder fortgezogen waren. Tränen rollten über seine Wangen, und jammernd flüsterte er: »Wohin soll ich mich wenden, um euch wiederzufinden?«

Was war das? Unter dem überhängenden Felsen lag ausgebreitet ein Zeitungsblatt. Es war mit Steinen an den Ecken beschwert, damit es der Wind nicht fortwehen konnte. Deutlich stand mit breiten, rotbraunen Strichen darauf geschrieben: »Nach Fort Phil. Kearny!«

Bob riß das Papier an sich. Schreckensbleich starrte er auf die Buchstaben. Ein Schauder durchrieselte ihn. »Das ist Blut!« ächzte er, und in seinem Geiste stand plötzlich der Halbindianer Andrew Brown der Fuchs vor ihm. Er glaubte dessen höhnisches Lachen zu hören. Die Worte, die jener damals am Lagerfeuer der Sioux aussprach, klangen ihm noch in den Ohren: »Mehr weiß ich nicht, als daß der eine deiner Freunde meinen Brüdern nicht mehr schädlich ist.«

Mit einem gellenden Schrei sank der Knabe zu Boden und barg laut schluchzend das Antlitz in beide Hände.

Jetzt wurde es lebendig im Talkessel. Hinter Felsen und Gestrüpp regte es sich. Braune Gesichter schauten dahinter hervor. Hier und dort blitzte ein Messer oder der Lauf einer Büchse. Näher und näher krochen die Gestalten bis zu der Stelle, wo Bob in seiner Verzweiflung niedergesunken war.

Langsam erhob sich der Knabe nach einer Weile auf die Knie. Immer von neuem blickten seine tränenüberfluteten Augen auf die schauerliche Schrift.

Dicht neben ihm teilte sich das Buschwerk. Der Kopf des Häuptlings Tabinsch wurde dahinter sichtbar.

»Mihasa (weißer Mann), wo sind die Feinde? Wir hörten deinen Schrei,« flüsterte der Indianer neugierig.

Bob sprang von der Erde auf. Er faßte den Häuptling am Arm und nötigte ihn, sich ebenfalls zu erheben. Unfähig zu sprechen, deutete er auf das Papier

»Wasanachée (Schrift)!« sagte Tabinsch erstaunt.

»Mit Blut ist es geschrieben, mit dem Blut meiner Freunde,« stotterte der Knabe.

Ueberall tauchten die Arapahoes jetzt aus ihren Verstecken hervor, und kamen eilig heran. Sie hatten den Feind in der Nähe vermutet und ihre Pferde in den schmalen Schluchten gelassen, die zum Talkessel hinabführten.

Von allen Seiten wurde Bob von den Männern umdrängt. Er sah ihre langgereckten Hälse und neugierigen Gesichter. Er hörte ihre Fragen nach der Ursache seines Schreies. Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß er es jetzt vielleicht in seiner Macht habe, dieses abergläubische Volk zur Eile anzustacheln. Mit einem Satz schwang er sich auf einen hohen, flachen Stein.

»Arapahoes! Tapfere Krieger!« rief er laut.

Alle Indianer schauten zu ihm auf. Es wurde still in der Runde.

»Ihr seid nicht vergeblich ausgezogen. Jetzt weiß ich, wo wir die Feinde finden. In den vergangenen Tagen flehte ich zu dem großen Geist, daß er mir ein Zeichen geben möge, wohin wir uns wenden sollten.« Mit beiden Händen hielt er das Zeitungsblatt in die Höhe. »Seht ihr die blutige Schrift? Nach Fort Phil. Kearny steht hier zu lesen. Wollt ihr eure Feinde treffen, dann säumt nicht länger! Laßt eure Pferde laufen, solange das große Licht euch den Weg beleuchtet! Denkt nicht mehr an Speise und Rast! Vorwärts, Arapahoes! Zeigt, daß ihr würdig seid, den Krieg zu führen! Der Krieger aber pflegt seinen Leib nicht wie während des Friedens daheim in den Hütten. Der große Geist ist mit jedem, dem der Mut und die Ausdauer nicht fehlt. Darum vorwärts! Nicht wie eine Herde wandernder Büffel, die vom Sommer- in den Winterstand schleicht, sondern wie der Wind fliegt von den Bergen hinab in das Tal! So führet den Krieg, dann gehört euch auch der Sieg!«

Noch einmal hielt der Knabe das Papier hoch in die Luft. So stand er einen Augenblick begeistert da. Das Tuch um seinen Kopf hatte sich gelöst. Zwischen den rasch dahinziehenden Wolken am Himmel fiel ein Sonnenstrahl auf ihn herab und wob um die blonden Locken einen goldigen Schein.

Ein Gemurmel der Bewunderung lief durch die Menge. Wohl verstanden die meisten Indianer die Rede selbst nicht, aber deren Sinn hatten sie begriffen und der Knabe mit dem goldig glänzenden Feuerhaar erschien ihnen wie vom großen Geiste niedergesandt.

»Juha!« stieß Bob mit der ganzen Kraft seiner Stimme hervor. Dann sprang er von dem Stein herab. Er drängte sich durch die Männer und eilte nach seinem Pferde, welches am Ufer des Baches ruhig graste. Hastig schwang er sich in den Sattel. Hoch emporgerichtet rief er laut, daß es vielfach widerhallte: »Vorwärts! Nach Fort Phil. Kearny!«

»Nach Fort Phil. Kearny!« wiederholten auch die Häuptlinge.

Ueberall ertönte der Kriegsschrei. Rasch wurden die Gäule von den Höhen herabgeholt.

Wenige Minuten später saßen die Indianer wieder im Sattel. Weiter ging es eilig bergab durch die große Schlucht am Ufer des Goose Creek entlang. Allen voran ritt jetzt Bob mit neuer Hoffnung im Herzen. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß er die Freunde wiedersehen werde. Auch tröstete er sich, daß die Verwundung des einen nicht lebensgefährlich sein könne, würde doch sonst der andere mit ihm nicht den weiten und beschwerlichen Weg nach der Befestigung unternommen haben. Der Knabe hatte wohl bemerkt, daß seine Worte auf die Indianer einen günstigen Eindruck gemacht hatten.

Mit den Männern war eine plötzliche Veränderung vorgegangen. Während des Tages gönnten sie sich nur einigemal eine kurze Rast. Kaum sahen sie den Knaben das Pferd besteigen, so folgten sie ohne Murren seinem Beispiel. Unaufhaltsam ging die Reise weiter vom frühen Morgen, wenn die Sonne erschienen war, bis diese wieder im Westen niedersank. Dann aber wurde sofort Halt gemacht. Mit dem großen Licht verschwand auch die Ausdauer der Indianer. Ihr größter Feind war die Nacht, denn wurden sie in ihr vom Leben abgerufen, so hüllten sich nach ihrem Glauben für sie die ewigen Jagdgründe ebenfalls in tiefe Finsternis.

Schon am dritten Tage nach dem Aufbruch aus dem Talkessel bemerkte man überall Spuren von der Anwesenheit der Feinde. Kohlenreste zeigten, wo sie gelagert hatten. Niedergetretenes Gras auf den Prärien ließ erkennen, wohin sie gezogen waren. Auch fanden sich verschiedentlich Federn mit der Oese an der Pose zur Befestigung im Haar. Dicht unter einer Felswand lagen zerstreut eine Menge Patronenhülsen. Einige Indianer stiegen dort vom Pferde und betrachteten lange den steinigen Boden. Er war an einigen Stellen rotbraun gefärbt. Hier war Blut geflossen.

Immer vorsichtiger setzte der Zug seinen Weg fort. Oft schickten die Häuptlinge eine Anzahl Männer zu Fuß voraus, um die Gegend zu durchsuchen, bevor man weiter ritt. Wie Katzen schlichen die Indianer dann durch das hohe Gras oder von Fels zu Fels, die Büchse in der Faust, jeden Augenblick zum Schießen bereit.

Wieder war man mehrere Stunden über eine Bergkette gezogen. Jetzt dehnte sich von neuem eine viele Meilen große Prärie vor den Reitern aus.

Plötzlich hielt Tabinsch Bob zurück, der hier auf dem flacheren Boden seinen Gaul zu rascherem Lauf antrieb. Zugleich sprang der Häuptling aus dem Sattel und zeigte ängstlich nach der weiten Fläche. Alle Indianer stiegen ab und zogen ihre Pferde hastig hinter Felsen und Buschwerk.

»Dort liegt der Feind,« sprach Tabinsch. »Wir können nicht hindurch. Warten wir, bis er von dannen zieht!«

Etwa auf der Mitte der Prärie wirbelten einige Rauchsäulen zum Himmel empor.

»Warten?« versetzte der Knabe mit spöttischem Lächeln, ohne seinen Sitz zu verlassen. »Fünf Feuer brennen dort. Mithin zählt der Feind kaum dreißig Köpfe. Fürchten sich zweihundert Arapahoes vor dieser Anzahl?«

Ein Gemurmel entstand unter den Männern, die unentschlossen dreinschauten. Einige nahmen wohl ihre Waffen zur Hand, doch rührten sie sich nicht vom Platz.

Sorgenvoll dachte Bob an einen längeren Aufenthalt. Ihn drängte es weiter mit unbezwinglicher Macht.

»Seid ihr in den Krieg oder auf die Jagd gezogen?« fragte er höhnisch. »Drei und mehr Federn tragt ihr auf eurem Haupte. Schmückt ihr es damit, wenn ihr beabsichtigt, nur Büffel zu töten? Loderten die Flammen bei euerm Dorfe zum Spaße gen Himmel? War euer Kriegstanz nur ein Schauspiel für eure Weiber und Kinder? Ließet ihr euer Blut für nichts strömen?« Der Knabe ergriff seine Büchse und schwang sie in der Luft. »Wohlan!« rief er laut. »Ziehet heim in eure Hütten und erzählt euerm Volk, daß alles nur ein Scherz war! Ich aber will euch zeigen, daß euer Feind dort vor uns mich nicht schreckt wie euch. Lebt wohl! Ich reite ihm allein entgegen!« Seinem Pferde drückte er die Hacken in die Weichen, und sprengte auf die Prärie hinaus.

Tabinsch bestieg seinen Gaul. Etwa fünfzig Männer taten ein gleiches und folgten rasch dem Knaben.

Diesem klopfte das Herz gewaltig. Doch ohne Zögern galoppierte er weiter. Sollte er sich verrechnet haben? Ließen die Indianer ihn wirklich allein ziehen? Zurück konnte er nicht mehr, darum vorwärts! Und wenn er getötet wurde? »Dann hat das Elend auf einmal ein Ende!« seufzte Bob. Aber er erschrak doch über diesen plötzlich aufgetauchten Gedanken. Den Lagerfeuern war er bis auf etwa siebenhundert Schritte nahe gekommen. Noch regte sich dort nichts. Aber wenige Augenblicke später sah er, wie mehrere Gestalten vom Boden aufsprangen. Gleichzeitig reckte eine Anzahl Gäule ihre Köpfe über das hohe Gras.

Der Knabe wußte selbst nicht, wie er dazu kam, den Kriegsschrei der Arapahoes auszustoßen. Dann riß er seine Büchse an die Schulter, und krachend entlud sich der Schuß. Bei den Pferdeköpfen bewegten sich federgeschmückte Häupter. Nun quollen auch dort kleine weiße Rauchwolken auf. Bob hörte die Kugeln unheimlich pfeifend an sich vorübersausen. Gleich darauf drang der Schall der Schüsse an sein Ohr.

Da ertönte in weiter Ferne hinter ihm ein wildes Geheul. »Sie kommen mir nach,« dachte der Knabe erleichtert aufatmend. Ganz nahe hinter ihm erscholl ein zweites Geheul. Mit Freude bemerkte er jetzt Tabinsch mit seinen Leuten, welche ihm hastig folgten. Aufjauchzend gab er seinem Tiere vollends die Zügel und raste vorwärts durch die dichten Halme in mächtigen Sätzen über die flache Ebene.

Die Feinde sandten noch einige Schüsse ihren Angreifern entgegen. Dann schwangen sie sich auf ihre Pferde und hetzten in eiliger Flucht von dannen.

Heulend und schreiend jagten ihnen die Arapahoes nach. Weiter hinten kam jetzt der übrige Haufen daher.

Doch die Fliehenden waren schneller und wandten sich in einem weiten Bogen nach Süden, wo sie in bergiger Gegend hinter Felsen und Gestein verschwanden. Dorthin dem Feinde zu folgen, war nicht ratsam. Das mochten auch die beiden Häuptlinge wohl einsehen, denn sie riefen bald ihre Leute zurück.

Auf dem verlassenen Lagerplatz fand man Kessel, Blechkannen und etwas Mundvorrat. Unter jubelndem Getobe wurde diese erste Kriegsbeute verteilt.

Dabei verging die Zeit. Mit spöttischen Blicken betrachtete Bob das gierige Volk. Zuletzt rief er ungeduldig: »Des Gerätes wegen haben wir den Feind nicht verjagt. Wir wollten nur das Warten vermeiden. Der Weg ist frei. Vorwärts! Nach Norden.«

Schweigend folgten ihm die Männer. Sie bewunderten den Knaben, der sie durch seinen Mut beschämt hatte. Kleinlaut fühlten aber auch alle zugleich die Macht, die er über sie ausübte. Er hatte ihnen bewiesen, daß er sie zu lenken verstand.

Neuntes Kapitel. In höchster Not

Am Eingange der im Westen von Fort Phil. Kearny gelegenen großen Schlucht hatte man unter den Bäumen schon merklich aufgeräumt. Aber je weiter man zwischen die Berge eindrang, desto dichter standen besonders die Pechtannen.

Etwa hundert Soldaten waren hier beschäftigt, Holz zu fällen. Laut klang das Geräusch der Axtschläge von den schroffen Felswänden zurück, die an beiden Seiten des breiten Bergeinschnittes riesenhoch zum Himmel emporstrebten. Mehrere Offiziere beaufsichtigten die Leute. Sie gaben ihre Anordnungen und griffen auch wohl selbst mit zu, wo gerade eine Hand fehlte.

Nicht weit von den Arbeitenden waren ihre Gewehre in Pyramiden zusammengestellt.

»Ich wette fünf gegen eins, daß die Sioux-Indianer sich in ihre Dörfer und damit in ihre Reservation zurückgezogen haben,« sagte einer der Burschen, indem er seine Axt sinken ließ und sich auf den Stiel stützte. »Seit vierzehn Tagen hat man nichts mehr von ihnen gesehen und gehört. Sie haben, wie es scheint, die Lust am Kriege verloren, nachdem Hunderte von ihnen in die ewigen Jagdgründe befördert worden sind.«

»Ich glaube es auch,« meinte ein anderer und stellte gleichfalls die Arbeit ein. Der Herbst naht, da wird es für die Indianer Zeit, an den Umzug in die Winterquartiere zu denken. Ihr sollt es erleben, in diesen Tagen kommt die Nachricht, daß Sitting Bull, der erste Häuptling der Sioux, nach Washington abgereist ist, um mit der Regierung ein neues Abkommen zu treffen. Diese bewilligt dem hungrigen Volke eine wildreichere Gegend, und der Friede ist für einige Jahre wieder gesichert.«

»Wenn es so weit wäre, würden wir heute nicht mit Patronen überladen fortgeschickt worden sein.« sprach ein dritter. »Früher gingen wir mit einem Offizier hierher, heute sind es drei, die uns begleiteten. Die Post langte auch vor wenigen Tagen noch mit fünfzig Mann Bedeckung an.«

»Jef hat recht!« unterstützte ein vierter Soldat lebhaft den Sprecher, als die beiden andern spöttisch über dessen besorgte Miene lächelten. »Hätte Hauptmann Reinfels nicht ebenfalls seine Bedenken, würde er sich nicht so lange besonnen haben, bevor er uns heute morgen ziehen ließ. Baumstämme liegen überall in großen Haufen vor den Häusern der Befestigung. Daran fehlte es also nicht, um den Bau fortzusetzen.«

»Ich glaube –«

»Daß es besser sein wird, ihr nehmt eure Arbeit wieder auf und spart die Unterhaltung, bis ihr heute abend in euren Kasernen sitzt, Leute,« sagte nähertretend ein Offizier.

Die Soldaten schwangen von neuem die Aexte.

Hauptmann Reinfels war allerdings nicht ohne Sorge. Er stand in eifrigem Gespräch vor der Tür des Hospitals neben dem Trapper Jim, mit dem er gern seine Ansichten über die Indianerunruhen auszutauschen pflegte.

»Ihr kennt das Volk doch zur Genüge, besser als ich,« sagte er. »Was haltet Ihr von dieser augenblicklichen Stille?«

»Gar nichts!« entgegnete Jim kurz. Er war doch stolz auf das Vertrauen, das der Kommandant ihm schenkte und fuhr wichtig fort: »Vor drei bis vier Wochen noch streiften die Indianer in einzelnen Horden im Lande umher. Ueberall, wo sie sich sehen ließen, wurde ihnen von den Kugeln der Soldaten heimgeleuchtet. Weshalb? Es fehlte ihnen an Stärke. Meiner Meinung nach sammeln sie ihr ganzes Heer streitbarer Männer und brechen dann aufs neue wieder aus.«

»Glaubt Ihr das wirklich?« Reinfels schaute sinnend vor sich hin.

»Gewiß! Dürfte ich mir eine Bemerkung erlauben, Herr Hauptmann?« fragte der Trapper. Er rückte seinen Hut nach der linken Seite und kratzte sich hinter dem rechten Ohr. »Ich hätte an Eurer Stelle die hundert Mann Militär heute nicht fortgeschickt.«

Der Kommandant blickte rasch auf. »Meint Ihr denn, die Indianer wagten sich bis zu unserem Fort heran?« lachte er.

»Unmöglich ist das nicht,« versetzte Jim bedächtig. »Wir haben mehr als ein Beispiel davon.«

»Torheit, guter Freund! Daran denke ich keinen Augenblick. In früheren Jahren ist das vielleicht geschehen. Dann allerdings sähe es mit unserer Mannschaft zur Verteidigung etwas schwach aus. Doch die Arapahoes werden bald hier sein,« fügte der Hauptmann hinzu. Es klang beinahe, als wolle er sich mit diesem Gedanken beruhigen.

Der Trapper stieß einen, leisen Pfiff durch die Zähne. »Auf die rechnet nicht so früh. Old Tex, der zu ihnen gesandt wurde, hat sich ohne Zweifel beeilt. Davon bin ich überzeugt. Aber die Indianer essen und schlafen für ihr Leben gern, selbst wenn sie sich auf dem Kriegspfade befinden. Das aber kostet viel Zeit. Rücken die Arapahoes hier in acht Tagen ein, so haben sie sieh ungewöhnlich gesputet.«

Wieder schaute der Kommandant eine Weile nachdenklich vor sich hin, dann wandte er sich, um zu gehen, kam aber noch einmal zurück. »Bald hätte ich vergessen, mich nach Euerm Bruder zu erkundigen,« sprach er mit sichtlicher Teilnahme. »Wie geht es ihm heute?«

Jim wiegte bedenklich das Haupt. »Eine volle Woche ist es nun schon dasselbe Lied. Seitdem plötzlich die Verschlimmerung bei ihm eintrat, will es nicht wieder mit ihm besser werden. Die Lunge muß bei dem Stich doch arg gelitten haben. Ich fürchte, er stellt keine Fallen mehr.«

»Wir wollen die Hoffnung und den Mut nicht verlieren, lieber Freund!« versetzte Hauptmann Reinfels tröstend, indem er dem Trapper wohlmeinend auf die Schulter klopfte, dann schritt er langsam nach der Kommandantur.

Jim betrat das Hospital und stieg die Treppe nach dem ersten Stock hinauf.

Hier lag Charley in einem der Zimmer, durch dessen geöffnete Fenster man auf den weiten, von der Sonne beschienenen Platz der Befestigung sah.

Der Kranke war kaum wiederzuerkennen. Auf den weißen Kissen ruhte der Kopf mit dem bleichen, mageren Gesicht. Tief lagen die geschlossenen Augen in ihren Höhlen. Rasch ging der Atem, und die fleischlosen Hände zupften von Zeit zu Zeit krampfhaft an der Decke, während die blutleeren Lippen leise, unverständliche Worte flüsterten.

In einer Ecke des Gemaches waren die Fallen und Fanggeräte der beiden Trapper auf einen Haufen gelegt. Dort lehnten auch die Büchsen an der Wand.

Neben Charleys Lager stand ein zweites eisernes Bett. Darauf saß ein Soldat, der hier Wärterdienste versah.

Auf Jims fragenden Blick zuckte der Bursche die Achseln und sagte: »Euer Bruder redet nach wie vor irre.« Dann ließ er die beiden allein.

Der Trapper setzte sich an die Seite des Kranken und betrachtete traurig dessen eingefallenen Züge.

Jetzt glitt ein Lächeln über Charleys Gesicht. »Wie der Junge sich in alles zu schicken weiß!« sprach er leise. »Er erlernt das Fallenstellen vielleicht noch einmal so gut wie ich. Das will schon etwas sagen. Aber seitdem ich die neue Methode erfunden habe, kommt mir keiner im ganzen Lande mehr nach.«

Des Bruders Stirn zog sich in finstere Falten. »Stets beschäftigt ihn der Knabe.« murmelte er unwillig vor sich hin.

»By Jingo! Das ist ein fetter Biber, Bob!« begann der Fiebernde nach einer Weile von neuem. »Bist ein guter Junge. Ich habe dich gern, als wärst du mein eigener Sohn. Jim meint, du seiest ein Verräter. Nicht wahr, Bob, er irrt sich? Du lachst? Frage ihn nur selbst. Ist es nicht so, Jim?«

»Ja!« sagte dieser laut und kurz.

Erschrocken öffnete Charley die Augen und schaute ängstlich suchend umher. Dann blieb sein Blick an dem Bruder haften. »War Bob nicht hier?« fragte er etwas lauter als vorher.

»Weshalb rufst du stets nach dem Knaben?« erwiderte Jim abwehrend. »Du weißt es doch, er lief fort von uns.«

Charley seufzte. »Ja, richtig! Jetzt erinnere ich mich. Er hat es uns selbst erzählt. Sein Vater schlug ihn und wollte ihn zum Schreiber machen. Jetzt irrt er allein in den Bergen umher.«

»An Gesellschaft wird es ihm nicht fehlen,« sprach Jim spottend leise für sich.

Das scharfe Ohr des Kranken vernahm jedoch die Worte. »Glaubst du das?« fragte er hastig »Wer beschützt ihn, wenn ich es nicht tue? Die Indianer sind ein rohes Volk. Dort hat er es noch schlechter als bei seinem Vater. Weißt du es noch, als sie einst unseren Vater tot in das Haus trugen und die Mutter sich über die Leiche warf ohne ein Wort der Klage? Wir versuchten nach unserer Art die Mutter zu trösten. Als wir die Bewegungslose aufrichten wollten, war sie gleichfalls tot. Weißt du es noch? Es sind schon viele Jahre her. Wir waren damals so alt wie Bob.«

Charley schwieg, doch die unruhig umherirrenden Augen bewiesen, daß seine Gedanken stark beschäftigt waren.

Jim ergriff seine Hand. »Laß die Vergangenheit, Bruder!« sagte er besorgt. »Denke an nichts und schlafe! Das allein vermag deine Gesundheit wieder herzustellen.«

»Wenn ich schlafe, glaube ich zu wachen, und wenn ich wache, ist es mir, als schliefe ich,« klang es leise zurück. »Doch ich will mich trösten. Er kommt wieder. Ich weiß es. Immer ist er bei mir. Sanft legt er seine Hand auf meine Wunde, dann verfliegt der Schmerz. Das Bärenfell liegt doch noch vor meinem Lager? Er hat seine Freude daran und hängt es sich lächelnd über die Schultern. Er ist so stolz darauf, der gute Junge. Wie seine großen, blauen Augen leuchten! Aber auch Tränen sehe ich oft darin, gerade so wie damals, als wir von Cheyenne zurückkamen. Das lustige Leben hat dort ein Ende. Er verbot uns den Whisky. Sind wir nicht reich, Jim? Für das Geld kaufen wir uns ein Haus mitten in einer Biberstadt. Wir erbauen es dicht am Wasser, damit wir sein Rauschen hören. Gibt es wohl eine schönere Musik, Bob? Das Lispeln und Plätschern des Baches singt uns in den Schlaf. Es ist schon spät, mein Junge. Siehst du den Mond über uns und die vielen Steine? Ob dort auch wohl Biber gefangen werden? Gute Nacht, Bob, gute Nacht!« »Gute Nacht!« sagte Jim ärgerlich.

Der Kranke öffnete abermals hastig die Augen. »Gute Nacht, Jim! Ich dachte, du wärest nicht mehr hier,« flüsterte er, dann wandte er den Kopf nach der anderen Seite, und gleich darauf drangen aus dem halboffenen Munde regelmäßige, aber kurze, schwere Atemzüge.

Jim erhob sich und trat an das Fenster. In seinem Gesichte lag der Zorn, den er stets empfand, wenn der Bruder seine große Zuneigung zu Bob verriet. »Der Knabe hat mir Charleys Herz gestohlen,« murmelte er. »Der Junge verdient es nicht, daß sich der Bruder seinetwegen sorgt. Wer weiß, wo er sieh jetzt herumtreibt! Weshalb kann ich nicht den unzweifelhaften Beweis liefern, daß er uns treulos verließ? Dann gehörte Charley vielleicht von neuem mir allein.«

Das Erscheinen des Soldaten, der die Krankendienste versah, unterbrach das Selbstgespräch. Er meldete, daß der Hauptmann den Trapper zu sprechen wünsche.

Sofort begab sich Jim in das Kommandanturgebäude. Man verwies ihn in ein Gemach zu ebener Erde. Dort fand er zu seinem größten Erstaunen bei dem Kommandanten Andrew Brown den Fuchs.

Einen Augenblick zeigte sich in den Mienen des Halbindianers eine unangenehme Ueberraschung, als er den Trapper so plötzlich vor sich sah, doch rasch hatte er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen. Er ging lächelnd auf Jim zu und streckte ihm seine Rechte entgegen, indem er schmeichelnd sagte: »Welche Freude ist es mir, Euch hier zu treffen! Seid mir gegrüßt, mein Freund!«

Jim maß den Fuchs mit einem verächtlichen Blick. »Euer Freund bin ich niemals gewesen, auch gelüstet mich nicht nach dieser Ehre,« versetzte er schroff, ohne die dargereichte Hand zu würdigen. »Ich stehe zu Euern Diensten, Herr Hauptmann,« wandte er sich mit einem leichten Neigen des Kopfes an den Kommandanten.

»Andrew Brown kehrt von seinem Ritt durch das Land zurück. Er erzählt mir soeben, daß alles ruhig sei,« begann Reinfels. »Die Indianer hat er überall in ihren Lagern belauscht. Er meint, sie seien mutlos geworden und würden den Krieg aufgeben.«

»Berichtete er ebenfalls, wie oft er seine Brüder gegen die Soldaten führte?« fragte der Trapper spöttisch.

»Wenn ich der Regierung bezahlte Dienste leiste, werde ich doch nicht mit den Männern jenes Volkes ziehen?« rief der Indianer mit einem Tone, als sei er beleidigt.

»Das trifft nicht mit dem überein, was Ihr mir und meinem Bruder noch vor kaum zwei Monaten am Goose Creek sagtet,« erwiderte Jim gelassen. »Außerdem« – er ging in eine Ecke des Zimmers und nahm dort einen grauen Hut mit drei Federn von einem Tisch – »betrachtet Euch dieses hier ein wenig! Das ist wohl der beste Beweis für Eure Lüge.«

Andrew Brown wurde sichtlich verlegen. »Das ist allerdings mein Hut. Ich muß ihn verloren haben,« stotterte er, gezwungen lächelnd.

»Ja, aber leider bei einem Angriff auf die Soldaten,« entgegnete der Trapper und warf den Hut in die Ecke zurück.

»Andrew Brown will noch eine Reise unternehmen, um sich genauer zu unterrichten,« sagte der Kommandant mit einem mißtrauischen Blick auf den Indianscout. »Ich bat Euch zu mir, da ich gern Eure Ansicht erfahren möchte.«

»Hört auf meinen Rat, Herr Hauptmann!« unterbrach ihn Jim dringend. »Dieser Mann ist der größte Halunke, den die Erde je getragen hat. Brachte er nichts Wichtigeres, so seid dessen sicher, daß ihn eine ganz andere Ursache hertrieb, bei der er seinen Vorteil finden will! Wer weiß, ob ihn nicht die Männer seines Volkes, wie er mit Stolz zu sagen pflegt, auf Kundschaft aussandten? Darf ich Euch raten, so sperrt den Menschen ein, bis Ihr genau wißt, daß der Krieg beendet ist!«

Der Halbindianer bemühte sich, seine Mienen zu beherrschen. Nur die funkelnden Augen verrieten die Unruhe in seinem Innern. Lächelnd erwiderte er: »Ich sehe, der Trapper gehört nicht zu meinen Freunden, sonst würde er nicht diesen falschen Verdacht auf mich wälzen.«

»Weshalb nanntet Ihr mich vorhin denn Freund, wenn Euch bekannt ist, daß ich es nicht bin?« rief Jim zornig und fuhr bittend fort: »Höret auf mich, Herr Hauptmann! Ihr seht es, der Mann lügt, sobald er nur den Mund öffnet. Laßt ihn nicht wieder zur Befestigung hinaus! Er bringt Euch nur Unheil. Höret auf meinen Rat!«

»Ich bin ein freier Mann und kann gehen, wohin ich will,« sagte Andrew Brown rasch. Ihm schien es jetzt doch unheimlich zu werden, denn auch die Augen des Kommandanten schauten ihn durchaus nicht mehr freundlich an. »Wenn ich der Regierung meine Dienste leiste, verlange ich, daß man mir Vertrauen schenkt,« fügte er hinzu, indem er sich hastig zur Türe wandte.

Schnell befand sich der Trapper hinter ihm. Er packte den Halbindianer im Nacken und zog ihn zurück. »Herr Hauptmann, höret auf meinen Rat!« wiederholte er beinahe flehend. »Wenn Ihr mir nachher beweist, daß ich diesen Menschen falsch beschuldigt habe, laßt mich erschießen!«

Andrew Brown versuchte es, sich zu befreien, aber des Trappers Fäuste klammerten sich nur fester an ihn.

Einen kurzen Augenblick zögerte der Kommandant noch, dann öffnete er das Fenster und rief einigen Soldaten zu, bei ihm einzutreten. Gleich darauf erschienen diese in der Tür.

»Bringt den Halbindianer hinter Schloß und Riegel!« befahl der Hauptmann kurz.

Die Soldaten ergriffen Andrew Brown, der sich jetzt ohne Widerstand in ihre Hände gab, und führten ihn hinweg.

Jim seufzte erleichtert auf. »Gott sei Dank! Nun könnt Ihr Euch abends um vieles ruhiger niederlegen, Hauptmann Reinfels!« sagte er und folgte rasch den Männern mit ihrem Gefangenen.

»In das Pulverhaus mit ihm!« rief der Trapper ihnen zu. »Laßt den Gauner bis dahin nur nicht entwischen! Ich glaube, er hat nicht übel Lust dazu. Ich gehe zum Sergeanten Peters und hole die Schlüssel für den neuen Bau des Fuchses.« Er eilte nach einer der langen, an der Südseite der Befestigung gelegenen Kasernen, während sich die Männer quer über den Platz nach dem vereinzelt stehenden Gebäude wandten.

Ein kaum merkliches Zittern durchflog den Körper des Verhafteten, als er vernahm, wo er untergebracht werden sollte. Nachdem er Jim einen haßerfüllten Blick nachgesandt hatte, sprach er freundlich zu den Soldaten: »Ist es nicht schandbar, daß man mich verhaftet? Ihr kennt mich und wißt, welche großen Dienste ich der Regierung leistete. Mein Leben setzte ich für sie oft und gern auf das Spiel. Das lohnt man mir schlecht. Die Indianer sind nicht meine Feinde. Sie werden mich rächen, ebenfalls an euch, wenn ihr auch nur den Befehlen anderer gehorcht. Noch ist der Krieg nicht zu Ende. Euch droht Verderben, doch will ich euch schützen, wenn ihr mich frei laßt.«

»Gebt Euch keine Mühe, alter Freund!« meinte einer der Soldaten, welcher den Halbindianer an Schulter und Arm gefaßt hatte. »Eher sterbe ich, als daß meine Hände dich fahren lassen.« Er schüttelte den Gefangenen, wahrscheinlich um ihn zu überzeugen, wie fest er gehalten wurde.

»Ihr seid uns schon lange ein Dorn im Auge gewesen,« sagte einer der andern. »Ueber den Weg getraut hat Euch keiner von uns. Mit Eurer Verhaftung wird es daher wohl seine Richtigkeit haben. Kommt Ihr mit dem Leben davon dankt Euerm Schöpfer! Wäre ich Hauptmann Reinfels, so stellte ich Euch einem Dutzend Büchsenläufen gegenüber und kommandierte: Feuer!«

Andrew Brown wollte etwas erwidern, doch er schwieg, da er Jim in schnellem Lauf über den Platz daherkommen sah.

Der Trapper trug eine Kanne Wasser und einen Laib Brot. Gleichzeitig mit den Soldaten langte er vor dem Munitionshause an, dessen eisenbeschlagene Doppeltüren er öffnete.

Man brachte den Gefangenen in ein kleines, leeres Gemach, das durch ein winziges, vergittertes Fenster nur spärlich erhellt wurde.

Bevor die Männer ihn freigaben, untersuchte Jim seine Kleider. Ein großes Messer holte er unter dem Hemde des Halbindianers hervor. »Das wollen wir doch lieber in Gewahrsam nehmen, damit Ihr Euch nicht in Eurer Verzweiflung die Kehle abschneidet,« spottete er. »Euer Feuerzeug dürft Ihr behalten, doch gebe ich Euch den guten Rat, es lieber nicht zu benutzen, Ihr könntet sonst mit dem hier lagernden Pulver eine unfreiwillige Luftreise machen. Damit Ihr Euch den Magen nicht verderbt, habe ich Eure Speise, wie Ihr seht, fürsorglich nicht zu fett eingerichtet. Und nun gehabt Euch wohl, Fuchs im Käfig!« Jim verließ mit den Männern das Gemach, dessen Tür er genau so sorgfältig verschloß, wie die doppelten Türen des Gebäudes.

Die Soldaten gingen lächelnd nach den Kasernen.

Jetzt kam Jim der Gedanke, daß Andrew Brown ihm doch die beste Auskunft über Bobs Verbleib geben konnte. Ohne Zögern wandte er sich noch einmal zurück und trat wieder in das Pulverhaus.

Der Halbindianer hatte sich in einer Ecke des Raumes auf eine an der Wand befestigte Holzpritsche niedergelassen. Unruhig schweifte sein Blick umher. »Fuchs im Käfig!« rief er höhnisch. »So nanntest du mich, Bleichgesicht. Ich will dir zeigen, daß ich den Namen mit Recht trage. Die Baumstämme der Wände meines Käfigs sind mir zu hart, aber durch die Erde grabe ich mich hindurch.« Hastig faßte er unter sein Hemd. Enttäuscht fuhr er mit der Hand zurück. Er hatte vergessen, daß man ihm das Messer abgenommen hatte. Voll Verzweiflung raufte er sich die langen Haare und stampfte mit den Füßen. Dabei stieß er einen Fluch nach dem andern durch die Zähne. Jetzt vernahm er abermals das Knarren der schweren Türen. Als er den Trapper weder bei sich eintreten sah, stützte er den Kopf in die Hand und schaute zu Boden.

»Ihr werdet erstaunt sein, daß ich hier noch einmal erscheine, nachdem ich Euch kaum verließ,« begann Jim. »Ich möchte von Euch erfahren, wo der Knabe geblieben ist, den Ihr bei uns gesehen habt, als Ihr uns am Goose Creek einen Besuch abstattetet.«

»Was kümmert der mich?« entgegnete Andrew Brown und zuckte verächtlich die Achseln.

»Ich will nur wissen, ob der Knabe freiwillig mit Euch zog, oder ob Ihr ihn zwangt, Euch zu folgen,« sagte der Trapper barsch, und rasch sprach er weiter: »Ihr bemerktet wohl, daß ich beim Kommandanten etwas gelte. Ich rate Euch daher, antwortet auf meine Frage und vergrößert meinen Zorn nicht, den ich gegen Euch empfinde!«

Der Halbindianer mochte einsehen, daß es besser sei, den Mann nicht noch mehr zu reizen. Etwas freundlicher versetzte er: »Ich zwinge keine Knaben. Folgte er uns, wird er es wohl freiwillig getan haben.«

»Also ist es doch wahr!« sprach Jim triumphierend vor sich hin. »Wo befindet er sich jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Seit etwa zwei Wochen sah ich ihn nicht.« Und schmeichelnd fuhr Andrew Brown fort: »Wie bat ich ihn, zu euch zurückzukehren, konnte ich mir doch denken, daß ihr seinetwegen in Sorge sein würdet! Ihr wollt es nicht glauben, aber stets hegte ich die besten Gesinnungen gegen euch.«

Plötzlich warf sich der Fuchs vor dem Trapper auf die Knie. »Noch einmal will ich Euch beweisen, daß ich Euch zu schützen vermag. Es ist nicht wahr, daß Ruhe im Lande herrsche, Die Männer meines Volkes sammeln sich zu einem großen Heere. Laßt mich frei, und auch Ihr sollt es sein! Meine Brüder werden Euch kein Haar krümmen, wenn ich ihnen entgegeneile und sage, was Ihr für mich tatet. Laßt mich entfliehen!« Flehend streckte er seine beiden Hände empor. »Mit jeder Minute rückt das Verderben näher an Euch heran. Nur wenn ich frei bin, vermag ich es zu verhindern.«

»Bemüht Euch nicht, mit Euren Versprechungen meinen Sinn zu ändern!« unterbrach ihn Jim. Von neuem loderte der Zorn in ihm auf. »Und wenn Ihr gewillt wäret, das ganze Land zu schützen, ich ließe Euch nicht fort. Als vor zehn Jahren die Männer Eures Volkes unsere Hütte niederbrannten mit unserer mühsam erworbenen Habe, trugt Ihr die Schuld. Als wir, mein Bruder und ich, vor acht Jahren flüchteten und die mordende Bande Eurer Brüder unseren sicheren Versteck dennoch aufspürte, dientet Ihr als Führer. Euern künftigen Vorteil behieltet Ihr im Auge, deshalb tötete man uns nicht und ließ uns ziehen, doch abermals ohne Waffen und Fallen, nachdem man uns wochenlang gequält und gemartert hatte. Von Euern Diebereien will ich gar nicht reden. Nein, nein! Was ich vermag, geschieht, um einen Halunken wie Euch für alle Zeit unschädlich zu machen. Davon seid überzeugt!« Mit diesen Worten wandte er sich zur Tür.

Unheimlich funkelten die Augen Andrew Browns. Ein zischender Laut drang durch die fest aufeinander gebissenen Zähne. Er schnellte von der Erde empor, und sprang wie ein Tiger mit einem Satz hinter dem Trapper her.

Doch Jim hatte sich, vorgesehen. Seine beiden Fäuste packten die Kehle des Halbindianers, und mit der ganzen Wucht seiner muskulösen Arme schleuderte er den Wütenden zurück, daß er krachend gegen die Wand schlug.

Andrew Brown fühlte seine Ohnmacht gegen die Stärke dieses Mannes, Keuchend rief er: »Warum vermochte ich dich nicht ebenfalls zu erstechen wie deinen Bruder! Die Blauröcke kamen mir zu unerwartet dazwischen. Doch er hat wenigstens das kalte Eisen meiner Waffe in seinem Leibe gefühlt. Möge er daran zugrunde gehen!«

Der Trapper erbleichte. »Fluchwürdiger Mörder!« stotterte er, und mit bebenden Händen tastete er nach dem Messer in seinem Gürtel, das er vorhin dem Halbindianer abgenommen hatte.

Da fiel in der Ferne ein Schuß, dem sofort mehrere folgten.

Andrew Brown stieß ein gellendes Lachen aus. »Sie wollen nicht länger auf die Skalpe warten, die ich ihnen versprach. Sie kommen, die Männer meines Volkes! Jetzt, Fort Phil. Kearny, hast du am längsten gestanden!« Mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden Kraft sprang er noch einmal auf Jim los. Diesem entglitt das Messer. Doch rasch packte er den Halbindianer von neuem. Wieder taumelte dieser zurück. Hastig raffte der Fuchs sich auf, um sich abermals auf seinen Feind zu stürzen, aber schon war der Trapper aus dem Gemach. Hart fiel die Tür in das Schloß.

Jim hörte dahinter noch ein Geheul wie von einem wilden Tiere, dann eilte er vor das Gebäude.

Nachdem Jim mit fiebernder Hast die Türen des Pulverhauses verschlossen hatte, lief er, so schnell ihn seine Beine tragen wollten, nach dem Hospital zu seinem Bruder.

An der Südseite der Befestigung krachte Schuß auf Schuß, beinahe übertönt von einem brüllenden Getobe. Auf dem Platze rannten die Soldaten nach den Kasernen. Von dort kamen andere und sammelten sich, durch die lauten Kommandoworte der Offiziere angetrieben, in Kolonnen, die dann unverzüglich im Laufschritt abrückten. Trompetensignale erklangen überall Aus den Häusern im Norden flüchteten schreiend und jammernd Frauen und Mädchen nach der Kommandantur. Von daher sprengte auf seinem Pferde soeben Hauptmann Reinfels in rasendem Galopp.

Jetzt erschallten ebenfalls Schüsse von der Schlucht herüber. Die Indianer griffen also gleichzeitig dort an.

Die starken Blockhütten der südlichen Außenposten, die den Soldaten anfangs einige Deckung boten, mußten bald verlassen werden. Mit zehnfacher Uebermacht drangen die Indianer vor. Rasch ging es zurück nach der Befestigung. Das Militär verteilte sich in die Kasernen. Zwischen den aufeinandergelegten Stämmen wurde an den Wänden die Verbindung aus Lehm entfernt, und durch die Spalten schoß man auf den näher heranstürmenden Feind, der jetzt jubelnd die aus den Hütten der Außenposten aufwirbelnden Flammen begrüßte.

Selbst die Offiziere bedienten sich eifrig der Büchsen. Hauptmann Reinfels stand neben seinem Pferde, durch einen Haufen Baumstämme gedeckt, die man für den weiteren Ausbau der Häuser herbeigeschafft hatte. Er war einer der eifrigsten Schützen.

Im Nordosten ertönte ebenfalls wüstes Geschrei. Aus den Dächern mehrerer Wohngebäude quoll Rauch, und bald darauf schlugen auch schon die Flammen hervor.

Jetzt begann auch das Dach der ersten Kaserne zu brennen. Die Soldaten mußten ihren schützenden Stand aufgeben.

Das Feuer fand in den aus Pechtannen erbauten Behausungen reichliche Nahrung. Immer weiter kroch es von Dach zu Dach, von einem leichten Ostwinde getrieben, Mehr und mehr wurde das Militär von ihm zurückgetrieben, wenn auch die Soldaten jede Stellung so lange wie nur möglich hielten. Jeden Fuß Erde mußten die Indianer mit Mühe und vielen Verlusten erkämpfen.

Charley schlief fest, als der Bruder bei ihm eintrat. Vor dem geöffneten Fenster, durch das die Schüsse und das tobende Lärmen hereinschallten, stand der Krankenwärter und rang verzweifelnd die Hände.

»Nehmt Eure Waffen und lauft zu Euern Kameraden! Dort ist jeder Mann von großem Wert,« rief der Trapper und schob den Soldaten zur Tür hinaus. Dann holte er aus der Ecke des Zimmers seine Büchse und stellte die Kiste mit Patronen vor sich auf das Fensterbrett. Voll gespannter Erwartung schaute er auf das Getümmel in der Ferne.

Ueberall sah man jetzt die Indianer an der östlichen Seite der Befestigung hervorstürmen. Nur wenige von ihnen waren beritten. Neun Wohnhäuser, zwei Kasernen und mehrere Ställe brannten bereits. Um die Pferde vor den Flammen zu retten, hatte man sie freigelassen. Scheu jagten die Tiere auf dem weiten Platze umher.

Ein großer Haufe des Feindes drängte sich um das Munitionshaus. Jims scharfe Augen bemerkten, wie man mit Aexten die Tür einzuschlagen bemüht war.

»Weshalb tötete ich den Fuchs nicht?« sprach er grimmig vor sich hin. »Seine Brüder werden ihn befreien, und dann –«

Eine mächtige Feuersäule, begleitet von einer gewaltigen, weißen Rauchwolke schlug hoch zum Himmel empor. In demselben Augenblicke erfolgte ein donnerähnlicher Krach, der das Hospital in seinen Grundfesten erschüttern machte. Das Pulverhaus war in die Luft geflogen.

Das Gesicht des Trappers wurde erdfahl. Eisig kalt rann es ihm durch alle Glieder. Die Büchse in seinen Händen erbebte. »Gott sei dem armen Sünder gnädig!« stammelte er.

Wenige Sekunden herrschte eine unheimliche Stille. Dann begannen die Schüsse und das kriegerische Geheul der Indianer von neuem.

Weiter immer weiter drang der Feind vor. Auch die dritte, letzte Kaserne mit den Ställen hatte Feuer gefangen. Beinahe alle Wohnhäuser brannten. Schon sammelten sich die Soldaten vor dem Hospital und der Kommandantur. Dort lagen ebenfalls große Haufen Baumstämme. Sie dienten als Schutzwehr gegen die feindlichen Kugeln.

Der ganze Platz war zeitweilig in dichten Rauch gehüllt. Als er sich zerteilte, waren die Indianer keine zweihundert Schritte entfernt.

Nun begann Jim zu schießen. Mit rasender Eile warf er die Patronen in den Lauf. Er sah, wie eine Gestalt nach der anderen von seinen Kugeln zu Boden gestreckt wurde.

Da krachte neben ihm ein Schuß. Der Trapper blickte sich um. Entsetzt ließ er seine Waffe sinken. Sein Bruder Charley stand in dem langen weißen Krankenhemde an seiner Seite mit der rauchenden Büchse in der Faust. Ein Lächeln verklärte seine bleichen, mageren Züge. »Bis aufs Blut wollen wir uns verteidigen. Jede unserer Kugeln bringt den sicheren Tod,« stieß er keuchend hervor. »Warum ist mein Bob nicht hier? Das Laden wird mir schwer. Er könnte es für mich besorgen.«

»Fluch dem Knaben!« rief Jim zornig. »Suche ihn dort unten! Jetzt weiß ich es, daß er zu den Feinden übertrat. Ihm verdankst du deine Wunde. Andrew Brown – Ach! Weshalb rede ich noch? Sieh hin! Wir sind verloren und mit uns die ganze Befestigung. Dort naht ein neuer Haufe. Alle sind sie zu Pferde.«

Der Wind hatte den Rauch fortgetrieben. Der weite Platz, auf dem im Osten zwischen die brennenden Gebäude hindurch mit wildem Geheul etwa zweihundert Indianer sprengten, bot freie Sicht. Allen weit voraus jagte ein Reiter. Man sah, wie er seine Büchse hoch über seinem Kopf in der Luft schwang.

Keine hundert Schritte vor dem Hospital stand jetzt der Feind dicht gedrängt. Schon verließen einige Soldaten die sie deckenden Baumstämme und flüchteten sich in die Gebäude.

»Tapfer, Leute, weicht nicht!« hörte man die Stimme des Hauptmanns Reinfels, immer von neuem seine Mannschaft zur Ausdauer anfeuernd. Da erscholl auf einmal ganz nahe hinter den Indianern ein wildes Geheul.

Jim starrte hinab, als traue er seinen Augen nicht. Charley lehnte erschöpft an des Bruders Schulter und zeigte heftig zitternd mit seiner mageren Hand nach unten, während ihm die Tränen über die eingefallenen Wangen rollten. Zu sprechen vermochte er nicht.

Wüst drängte plötzlich der Feind durcheinander. Viele warfen die Waffen von sich und flohen nach Norden und Süden.

»Juha!« ertönte es immer wilder in den Reihen der heranstürmenden Krieger. Sie wurden von einem Knaben geführt, um dessen blonden Lockenkopf ein rotes Tuch geschlungen war.

Es war Bob und hinter ihm die Rettung bringende Schar der Arapahoes.

»Die Hilfe naht, vorwärts, Leute!« schrie Reinfels und jagte mitten zwischen die feindlichen Indianer. Doch gleich darauf wankte sein Pferd. Es stürzte und begrub das eine Bein des Kommandanten unter sich. Ein großer, hagerer Indianer sprang mit dem Messer in der Faust hinzu und stieß es dem Hauptmann, der sich vergeblich unter dem um sich schlagenden Gaul hervorzuarbeiten bemühte, in die Seite. Bevor aber der Indianer einen zweiten Stoß nach der Brust des Liegenden auszuführen vermochte, brach er röchelnd zusammen.

Der Knabe hatte erkannt, in welcher Gefahr der Kommandant schwebte. Behend war er aus dem Sattel gesprungen, und hatte mit dem Kolben seiner Büchse den Schädel des Feindes zerschmettert.

Abermals hob er die Waffe zum Schlage. Seine Augen blitzten kampfesmutig. So stellte sich Bob schützend vor dem Hauptmann auf. Das Tuch war ihm vom Kopfe gefallen, und wieder woben die Strahlen der Sonne einen goldigen Schein um die Locken. Wie vor einem Wunder wichen die angreifenden Indianer zurück. Nun wandten sich auch die letzten zur Flucht.

Aber nur wenige vermochten zu entrinnen. Die Arapahoes fielen wie die Raubtiere über sie her. Es begann ein Schlachten und Morden, daß sich selbst die Soldaten schaudernd abwenden mußten.

Bob war bei dem Hauptmann niedergekniet. Mehrere Männer zogen den mittlerweile verendeten Gaul von ihm hinweg.

Reinfels öffnete die Augen. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als er den ängstlich über sich gebeugten Knaben bemerkte. »Also du bist dennoch ehrlich und brav geblieben. Wie mich das freut!« sprach er schwach.

Einige Soldaten hoben den Kommandanten vom Boden auf, um ihn nach dem Hospital zu tragen. Er reichte Bob die Hand und fuhr leise fort: »Rette auch unsere Kameraden in der Schlucht, wie du uns gerettet hast! Beeile dich! Auf Wiedersehen!«

Rasch trat der Knabe zu seinem Pferde, das treu bei ihm ausgehalten hatte, und schwang sich in den Sattel.

»Soldaten, euer verwundeter Hauptmann sendet uns nach der Schlucht«, rief er laut. Seine Stimme klang wie die eines Mannes. »Arapahoes, folgt mir! Noch einmal führe ich euch zum Siege.« Wieder jagte er allen voran zwischen dem Kommandanturgebäude und dem Hospital hindurch zur Befestigung hinaus.

Bald waren der mächtige Einschnitt und die Soldaten in ihrer bedrängten Lage erreicht. Sie hatten sich besser zu verteidigen vermocht als ihre Kameraden. Durch die Felsen gedeckt, trieben sie den immer von neuem heranstürmenden Feind durch ihre wohlgezielten Schüsse jedesmal zurück. Jetzt aber begann die Munition auszugehen. Da kam die Hilfe zu rechter Zeit.

Als die feindlichen Indianer sich plötzlich im Rücken angegriffen sahen; suchten auch sie ihr Heil in der Flucht. Hier aber entrann keiner. Blutige Skalpe schmückten die Gürtel der Arapahoes, als es zwischen den Felswänden endlich still wurde.

Man kehrte langsam nach der Befestigung zurück.

Nur der Knabe spornte seinen Gaul auch jetzt zur Eile an. Mit sehnsüchtigem Verlangen trieb es ihn zu den Trappern. Sollte er sie beide lebend wiederfinden?

Als Bob vor dem Hospital erschien, empfing ihn ein donnerndes Hurrageschrei der dort versammelten Soldaten und Offiziere. Sie hoben ihn vom Pferde, schüttelten ihm die Hände, umarmten und küßten ihn. »Hipphipp hurra für Bob den Fallensteller!« klang es aus den vielen Kehlen immer begeisterter.

Vergeblich wehrte der Knabe die Huldigungen ab. »Laßt mich zu meinen Freunden! Wo finde ich sie?« bat er flehend. Gern wies man ihm den Weg.

Laut pochenden Herzens stand Bob vor dem Zimmer der Brüder. So nahe seinem Ziel, wagte er jetzt kaum einzutreten. Leise öffnete er die Tür und schritt schwankend in das Gemach.

Jim lehnte am Fenster und hatte beide Hände vor das Gesicht gelegt.

Charley ruhte auf seinem Lager. Aus den weit geöffneten Augen, die dem Knaben mit fieberhaftem Glanz entgegenleuchteten, rann eine Träne nach der anderen.

»Charley, Jim, endlich, endlich sehe ich Euch wieder!« rang es sich jubelnd aus der Brust Bobs. Er stürzte vor dem Lager auf die Knie und umschlang schluchzend mit beiden Armen seinen liebsten Freund.

Geräuschlos schlich Jim aus dem Zimmer.

Charley hob langsam die Hand. Er legte sie auf das lockige Haupt seines Schützlings und stammelte kaum vernehmbar mit zuckenden Lippen: »Gott segne und behüte dich auch ferner, mein Bob, wie er dir bis heute mit seinem gütigen Schutz gnädig zur Seite stand!« Dann drang ein schwerer Seufzer aus der wunden Brust des Trappers. Müde schlossen sich seine tränenüberfluteten Augen.

Von unten herauf erschallte noch einmal ein brausendes Hurra für Bob den Fallensteller!

Zehntes Kapitel. Treue Freunde

Während mehrere Soldaten die verwundeten Kameraden in das Krankenhaus trugen und andere sich bemühten, das noch in Wohnhäusern, Kasernen und Ställen wütende Feuer auf seinen Herd zu beschränken, beschäftigte sich eine größere Abteilung damit, außerhalb der Befestigung große Gruben zur Bestattung der in Massen gefallenen Sioux-Indianer herzustellen. Bei der Arbeit hörte man immer von neuem den Jubel der Leute über die unerwartete Rettung aus höchster Not, und begeistert erscholl aus aller Munde wieder und wieder der Name des Knaben, dem man die Erlösung verdankte.

Andrew Brown hatte recht geweissagt. Von Fort Phil. Kearny war wenig geblieben. Die Flammen verschonten nur das Hospital, die Kommandantur und einige danebenstehende Häuser. Alle übrigen Gebäude waren in rauchende, zum Teil noch brennende Trümmerhaufen verwandelt. Schauerlich umgaben sie den weiten Platz, auf dem jetzt ein buntbewegtes Leben herrschte.

Zwischen den toten und sterbenden Indianern hatten die Arapahoes ihr Lager aufgeschlagen. Eifrig wurde gebraten und gekocht. Die Whiskyflasche ging von Hand zu Hand. Die Gäule liefen in der Nähe umher und fraßen das hier spärlich wachsende Gras.

Vor der Kommandantur wurden große Kessel auf mächtige Feuer gestellt. Man kochte das späte Mittagsmahl für die Soldaten.

Jim hatte das Hospital verlassen. Aber es litt ihn nicht länger zwischen diesen lachenden, scherzenden, frohen Menschen. Er mußte allein mit seinen Gedanken sein. Bis in den Grund seiner Seele schämte er sich. Langsam wanderte er über den Platz.

Wohin der Trapper kam, lagen tote und röchelnde Indianer. Sie boten mit ihren blutroten, haarlosen Schädeln einen grauenerregenden Anblick. Die Arapahoes hatten allen den Skalp vom Kopfe getrennt. Unwillkürlich schaute Jim danach aus, ob sie wohl einen vergaßen. Da bemerkte er beinahe am Ende der Befestigung neben einem Haufen rauchender Balken einen halbverkohlten, menschlichen Körper. Die eine Hälfte des Kopfes hatten der Rauch und die Flammen schwarz und unkenntlich gemacht. Eine mit Wunden bedeckte Hand umklammerte ein langes Messer. Noch befand sich Leben in dem Bedauernswerten. Aechzend und stöhnend hob und senkte sich seine Brust, als der Trapper näher trat. Doch gleich darauf taumelte er entsetzt zurück. Er hatte den Menschen erkannt, der hier unter unsäglichen Qualen den Tod herbeisehnen mußte. Es war Andrew Brown der Fuchs.

Von Mitleid getrieben, näherte sich Jim dem Manne aufs neue, der sein schreckliches Ende selbst verschuldet hatte. »Kann ich Euch helfen?« fragte er, indem er sich bebend über den Halbindianer beugte.

Aus dem blutüberströmten, verstümmelten Gesicht schaute ein Auge zu ihm empor. »Lebt Ihr, und ich sterbe?« ächzte Andrew Brown. Den Haß, den die Mienen nicht mehr auszudrücken vermochten, verriet die Stimme. Vergeblich war der Fuchs bemüht, sich aufzurichten. »Warum behielt ich nicht so viel Kraft, um Euch dieses Messer in den Leib zu stoßen? Ich hatte mich durch die Erde gegraben, war noch einmal frei, um mich an Euch rächen zu können. Fluch den Sioux! Sie warfen Feuer in den Käfig, den ich glücklich verlassen hatte. Aber noch war ich dem sprühenden Pulver zu nahe. Nun liege ich hier verendend wie ein angeschossener Büffel. Warum tötete ich den Knaben nicht sofort, als ich ihn bei seinen Bärenhäuten überfiel? Nachher ist er mir zu früh entwischt, und jetzt wurde er Führer der Arapahoes. Sie allein wären niemals zu rechter Zeit eingetroffen. Ihm verdanken die Männer meines Volkes ihr Ende. Fluch Euch! Fluch allen Weißen! An den großen Geist glaube ich nicht und nicht an Euern Gott, wohl aber an den Teufel. Er mag mich holen. Hier auf Erden habe ich meine Rolle ausgespielt. Hört ihr es, ihr Teufel der Hölle?« Ein markerschütternder Schrei drängte die weiteren Worte zurück. Krampfhaft reckten sich die Glieder des Halbindianers. Dann streckte er die Arme weit von sich. Noch ein kurzes Röcheln, und Andrew Brown der Fuchs war tot.

Jim wandte sich schaudernd ab. An der nördlichen Seite der Befestigung ließ er sich auf einige verkohlte, übereinander liegende Balken nieder und stützte den Kopf in die Hand. Aus der Ferne drang der eintönige Gesang der zechenden Indianer zu ihm herüber. Dazwischen erschallten Trompetensignale. Aus allen Richtungen kamen, von den wohlbekannten Klängen angelockt, die Armeepferde herbei, die bei dem Brande wild und scheu in die Berge gelaufen waren.

In Gedanken versunken saß der Trapper eine lange Zeit. Da hörte er, wie jemand seinen Namen aussprach. – Er schaute auf. Eine dunkle Röte bedeckte sein Gesicht. Vor ihm stand Bob, der ihm beide Hände entgegenhielt.

»Jim, darf ich jetzt auch Euch begrüßen?« sagte der Knabe mit herzlichem Tone. »Charley schläft ruhig. Ueberall suchte ich Euch. Nun finde ich Euch endlich hier.«

Der Trapper schüttelte heftig den Kopf und blickte abermals vor sich hin. »Ich bin ein schlechter Kerl!« erwiderte er leise. »Gib mir die Hand nicht! Ich habe es nicht verdient. Einen niederträchtigen Verdacht wälzte ich auf dich. Ich nannte dich einen Verräter, weil ich überzeugt war, daß du von uns geflohen seiest, um dein Leben zu retten.«

»Das kann Euer Ernst nicht sein!« rief Bob lächelnd. »Habe ich Euch doch stets gezeigt, wie gern ich bei Euch weilte.«

»Alles das weiß ich jetzt,« fiel ihm Jim eifrig in die Rede. »Aber früher wollte ich nicht glauben, daß du uneigennützig handeltest. Ich sprach mir immer wieder vor, daß dir nur daran gelegen sei, mir den Bruder zu entfremden. Bevor du zu uns kamst, war ich ihm alles gewesen. Je mehr er sich dir dann anschloß, desto fester bildete ich mir ein, von ihm weniger beachtet zu werden. Das nagte mit jedem Tage stärker an meinem Herzen und machte mich ungerecht gegen dich. Als wir damals von Cheyenne fortzogen, glaubte ich die erste Gelegenheit gefunden zu haben, dich verdächtigen zu können. Wie wurde ich dafür bestraft! Trotzdem wühlte die Eifersucht bald stärker in mir und machte mich nach und nach vollkommen blind. Als du eines Abends nicht wiederkehrtest, da zweifelte ich keinen Augenblick mehr daran, daß du uns treulos und feige verlassen hattest. Wie sehr bemühte ich mich, auch Charley davon zu überzeugen! Ich vermochte es nicht, und anstatt mir seine Zuneigung zurückzugewinnen, wurde er mir von Tag zu Tag fremder. Jetzt habe ich eingesehen, daß er recht handelte, wenn er mir seine Liebe entzog. Seinetwegen freue ich mich, daß du wieder bei ihm sein und ihn pflegen kannst. Ich werde meine Fallen nehmen und allein in die Berge zu meinem Handwerk ziehen. Habe ich es doch nicht verdient, künftig noch bei euch zu bleiben.«

»Nein, nein, Jim, redet nicht davon!« rief Bob und umschlang den Trapper mit beiden Armen. »Ihr sollt nicht von uns gehen. Ich lasse Euch nicht fort. Ihr habt Euch nur in mir getäuscht. Ist das ein Verbrechen? Von heute ab wißt Ihr, daß ich es ehrlich meine. Damit wollen wir das Vergangene vergessen. Hier nehmt meine Hand, und schenkt mir künftig, was ich bis jetzt nicht besaß: Eure Freundschaft!«

»Bob, ist das wirklich dein Ernst? Stößt du mich, den schlechten Menschen, nicht verachtend zurück?« stammelte Jim und ergriff die Rechte des Knaben. »Sage mir, was ich tun soll, um dir zu beweisen, daß ich meine Niedertracht aufrichtig bereue!«

»Werdet mein Freund!« versetzte Bob, indem er den Trapper noch einmal umarmte. »Nun aber laßt das Vergangene ruhen! Erzählt mir, wie es mit Charley steht! Kaum erkannte ich den Armen wieder.«

Jim ließ sich nicht lange bitten. Er berichtete alles ausführlich von dem Tage an, wo der Knabe verschwunden war.

Aufmerksam hörte Bob ihm zu. Dann erzählte er seine Erlebnisse in gedrängter Kürze.

»Bald wären wir dennoch zu spät hier eingetroffen,« sagte er, nachdem er ein Bild von der Vertreibung der Sioux auf der Prärie entworfen hatte. »Anfangs folgten mir die Arapahoes willig. Vorwärts ging es in Eile vom Morgen bis an den Abend. Kaum gönnte ich ihnen Zeit für das kärgliche Mahl. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog es mich hierher. Von Tag zu Tag wurden die Männer jedoch lässiger. Ihnen behagte die Hetzerei durchaus nicht. Ich bemerkte bald, wie sie jedesmal mit Murren ihre Pferde sattelten, wenn ich befahl, wieder aufzubrechen. Zuletzt weigerten sich mehrere laut, meinen Befehlen zu gehorchen. Besonders unter den Leuten Hawahos befanden sich viele Unzufriedene. Ich fragte täglich nach der noch vorhandenen Entfernung bis zu der Befestigung. Aber man gab sie mir stets viel weiter an, als sie in Wirklichkeit war.

Heute morgen endlich brach ein offener Aufstand unter den Indianern aus, als ich gleich nach Sonnenaufgang weiterziehen wollte. Die meisten rührten sich nicht vom Feuer. Was sollte ich beginnen? Ich sprach mit dem Häuptling Tabinsch. Schließlich gab er meinen Bitten nach, und seiner Ueberredung gelang es, die Indianer nach einer langen Weile zum Aufbruch zu bewegen. Doch schon nach etwa vier Stunden verlangten alle stürmisch eine Rast. Wir konnten nicht mehr weit von dem Fort entfernt sein. Vergeblich stellte ich das den Männern vor. Sie zündeten ihr Feuer an und lagerten sich. Ich war der Verzweiflung nahe. Unaufhörlich war es mir, als flüsterte eine Stimme mir zu: »Du kommst zu spät. Du kommst zu spät.« Noch einmal versuchte ich, die Indianer zum Weiterziehen zu überreden. Alles war vergeblich. Da erzitterte plötzlich die Luft von einem donnergleichen Geräusch. Aus der Ferne waren wüstes Geschrei und Schüsse zu vernehmen. Da war ich im Nu im Sattel und schrie: »Die Sioux greifen Fort Phil. Kearny an. Wollt ihr eure Feinde ungehindert morden lassen? Jetzt zeigt, Arapahoes, daß ihr tapfere Krieger seid!« Das half. Alle stürzten zu den Pferden. Hastig ging es vorwärts, den immer näher klingenden Schüssen entgegen. Aber nun zwangen uns Berge und Felsen, langsamer zu reiten, wenn unsere Gäule nicht Hals und Beine brechen sollten. Mein Tier keuchte unter mir. Neue Angst befiel mich. Mit Schrecken dachte ich daran, daß meinem Pferde die Kräfte versagen könnten. Ich stieg ab und führte es her über den felsigen Boden und das Steingeröll. – Endlich teilten sich die Berge. Unsern Blicken bot sich ein schreckliches Bild. Tief im Tal wütete ein Flammenmeer. Graue Rauchwolken wirbelten daraus hervor und hüllten alles in einen dichten Nebel ein. Deutlich vernahm man rasch aufeinanderfolgende Schüsse und wüstes Getobe. Jetzt war es nicht mehr nötig, die Indianer zur Eile anzutreiben. Mit wildem Geheul jagten sie von der Höhe hinab. Immer stärker keuchte mein Pferd. Da schallten einzelne Trompetentöne zu uns herüber. Mit einem Ruck hielt das Tier, spitzte schnaubend die Ohren und raste unaufhörlich weiter bis in die Befestigung hinein. Das übrige wißt Ihr.«

Noch einmal reichte der Knabe dem Trapper die Hand, indem er sagte: »Nun laßt uns zu Euerm kranken Bruder gehen!«

Es begann zu dunkeln. Im Westen hoben sich die Berge scharf von dem rosigen Horizont ab. Blutrot leuchtete, von der untergehenden Sonne beschienen, das schneebedeckte Haupt des Cloud Peak.

Jim und Bob wanderten Arm in Arm über den Platz.

Bei den Lagerfeuern der Arapahoes herrschte laute Freude. Viele Männer waren bereits arg berauscht. Der Häuptling Tabinsch hockte an der Erde und rauchte aus einer Steinpfeife mit langem, geschnitztem, federgeschmücktem Stiele. Dabei war er in eine Decke gehüllt, auf der die eingedruckten Buchstaben U. S. J. D. zu sehen waren; United States Indian Department. Die Indianer erhalten eine gewisse Anzahl Kleider, Decken und Geld jährlich, wenn sie sich verpflichten, die Regierung im Kriege mit anderen Stämmen zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit trank er mit sichtlichem Behagen aus der neben ihm stehenden Whiskyflasche. Dann fiel er wieder mit erneuerter Kraft in den Gesang seiner Brüder ein, der unaufhörlich erklang, und an dem sich nur die nicht beteiligen konnten, die, von dem Feuerwasser überwältigt, auf dem Boden ausgestreckt lagen und schliefen.

Als Bob bei den Indianern vorüberkam, erhob sich Tabinsch und lud den Knaben und seinen Begleiter ein, sich bei ihm niederzulassen und mit ihm zu rauchen und zu trinken. Doch Bob wies dankend das Anerbieten zurück, indem er dem Häuptling mitteilte, daß er zu dem kranken, weißen Bruder im Hospital gehen müsse. Diese Entschuldigung glättete die stark gerunzelte Stirn des Mannes, der sich durch die Abweisung verletzt gefühlt hatte. Ist es doch ein grober Verstoß gegen die Sitte, die Einladung eines Indianers auszuschlagen. Tabinsch wankte nach seinem Feuer zurück. Dort hockte er abermals nieder, nahm einen neuen Schluck aus der Flasche und sang weiter.

Die Freunde gingen quer durch das Lager der Arapahoes. Ueberall nickten die Männer dem Knaben freundlich zu. Einige zeigten ihm siegesfroh ihre erbeuteten Skalpe. Andere drückten und schüttelten ihm die Hände.

Plötzlich blieb Bob stehen. Er faßte Jim am Arme und wies nach einem etwas entfernteren Feuer. Dort saß auf seinen Fersen Woternichaza, der Crow-Indianer.

Der Irre starrte auf eine blutige Hand, welche er einem Feinde abgetrennt hatte. Dann versuchte er, sich dieselbe anstatt seiner verkrüppelten Rechten anzupassen. Unwillig schüttelte er mit dem Kopfe, wenn das tote Glied nicht haften blieb und immer wieder zu Boden fiel. Dabei schaute er einmal auf, und nun bemerkte er die Weißen, die sich langsam entfernten. Rasch sprang er auf und lief hinter den beiden her. Er packte den Knaben an der Schulter, und indem er ihm die abgeschlagene Hand hinhielt, rief er aus: »Du kannst mehr als alle anderen. Hier nimm und heile mich!«

Die Arapahoes sahen scheu zur Seite. Sie fürchteten den Irrsinnigen.

Bob wußte nicht sofort, was er antworten sollte. Doch jetzt kam ihm ein Gedanke. Freundlich versetzte er:

»Kommt mit mir, dann will ich Euch helfen.«

»Wie wirst du es tun?« fragte Jim neugierig.

»Vielleicht gelingt es, den Armen zu täuschen,« erwiderte der Knabe leise und zog den Trapper mit sich fort.

Mit merkbarer Unruhe folgte ihnen Woternichaza.

Vor der Kommandantur lagerten die Soldaten. Ermüdet hatten sie für heute ihre Arbeit eingestellt, obgleich noch mancher Sioux-Indianer unbeerdigt war. Die Offiziere hatten Bier, ein seltenes und daher doppelt hochgeschätztes Getränk in den Bergen, und Whisky unter die Leute verteilt. Auch hier ertönte Gesang. Einige deutsche Lieder hörte man ebenfalls, befanden sich doch viele Deutsche unter dem Militär, dessen Laufbahn zwar gefahrvoll, aber dafür lohnend war.

Bob bat Jim, mit dem Indianer einen Augenblick zu warten. Er wandte sich an einige Soldaten, mit denen er zum Hospital ging, von wo er bald darauf mit einem braunledernen Handschuh zurückkehrte, in dem er die Finger, die dem Irrsinnigen fehlten, mit Zeug ausgestopft hatte.

Nach vieler Mühe gelang es Bob, dem Crow-Indianer, auf dessen Gesicht sich ein unverkennbares Erstaunen malte, den Handschuh über die Finger zu streifen.

Woternichaza schleuderte nun verächtlich die abgetrennte Hand fort, und betrachtete mit Bewunderung seine Rechte von allen Seiten. Wiederholt betastete er die ausgestopften Finger daran. Endlich nickte er zufrieden mit dem Kopfe, und ohne ein Wort zu äußern, schritt er nach dem Lager der Indianer. Die nach seiner Meinung neugeheilte Hand beschäftigte ihn so, daß er alles um sich her vergessen zu haben schien. Vom Feuer, wo er vorhin gesessen hatte, nahm er seinen Sattel auf und wandte sich nach den Pferden, die weiter entfernt grasten. Nach einer Weile hatte er das seinige gefunden.

Der Gesang der Arapahoes verstummte. Wer es noch vermochte, reckte den Hals und schaute nach dem Irrsinnigen, der sich zum Aufbruch rüstete. Einige hatten dessen rechte, nun wieder vollständige Hand bemerkt. Sie glaubten an ein Wunder, und Bob stieg noch höher in ihrer Verehrung.

Jetzt schwang sich Woternichaza in den Sattel und ritt langsam nach Nordwesten zur Befestigung hinaus. Er schaute weder rechts noch links. Unverwandt waren die Augen auf seine Hand gerichtet.

Die Arapahoes fühlten sich erleichtert und froh, von der Gegenwart des Irren befreit zu sein, und stimmten ihren Gesang lauter als vorher aufs neue an.

Jim und der Knabe stiegen im Hospital die Treppe hinauf und begaben sich in das Krankenzimmer. Charley schlief fest. Als sich der Soldat, der bei ihm Wache hielt, entfernt hatte, traten beide an das Lager des Schlummernden. Stumm standen sie dort eine lange Zeit beieinander.

»So sind wir denn endlich alle drei wieder vereint,« brach Bob zuerst das Schweigen. »Möge Gott geben, daß Euer Bruder uns erhalten bleibt!«

Jim nickte. Er schloß den Knaben in seine Arme und bat leise: »Vergiß, was ich dir tat! Trage es mir nicht nach! Niemals!«

»Ich habe nichts zu vergessen, Jim!« unterbrach ihn Bob rasch. »Früher glaubte ich, Ihr wäret mein Freund. Heute weiß ich, daß Ihr es sein wollt. Das ist für mich der einzige Unterschied zwischen sonst und jetzt.«

»Du bist ein guter Junge, Bob, und daher drückt es mich immer schwerer, daß ich dich so verkannt habe,« sprach Jim, dessen Stimme vor Rührung bebte. »Hier, nimm meine Hand! Was Freundschaft heißt, hat mich mein armer Bruder gelehrt. Ich will ihm darin nacheifern.« Noch einmal drückte er mit beiden Händen die Rechte des Knaben.

Ueber den weiten Platz riefen auch heute wie allabendlich langgezogene Trompetentöne die Soldaten zur Ruhe, freilich heute nicht in die Kasernen. Den Männern war ein hartes Lager unter freiem Himmel beschieden. Aber die überstandenen Anstrengungen des Tages machten es zum weichsten Bette. Lauwarm strich ein leichter Wind über die Schläfer. Er sorgte dafür, daß manche den Mangel an Decken nicht fühlten. Wolkenlos wölbte sich über ihnen der klare, nächtliche Himmel. Die unzähligen Sterne beleuchteten matt das niedergebrannte Fort Phil. Kearny.

Ein drittes Bett hatte man in das Gemach der Brüder gebracht. Darauf legte sich Bob bald nieder. Glücklich und zufrieden schloß er die Augen. Wie war es hier schon so ganz anders als da draußen in den wilden Bergen am knisternden Lagerfeuer! Und doch befand man sich noch, umgeben von Gefahren, weit entfernt von dem emsigen Schaffen und Treiben der gebildeten Welt. Dort durfte man sich ganz sicher und behaglich nach des Tages Mühen der nächtlichen Ruhe hingeben.

Die Gedanken des Knaben wanderten weit fort. Und als der Schlaf sich auf ihn herabsenkte, führte ihn der Traum in seine Heimat an den mächtigen Missouristrom. Er sah Haus an Haus in seiner Vaterstadt, die riesigen, rauchenden Schornsteine der Fabriken, wo die Menschen im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienten und doch heiter und lebensfroh blieben. Er sah die Dampfer den gewaltigen Strom hinauf und herab brausen, das geschäftige Leben am Ufer und an der Eisenbahn. Er sah den Schmied mit seinen markigen Armen den gewichtigen Hammer schwingen, den Arbeiter seine schweren Lasten tragen. Er sah draußen vor der Stadt den Farmer hinter dem Pfluge einhergehen, die Erde vorzubereiten für die neue Saat. Und in einer kleinen Straße, durch die er so oft gewandert war, saß auch heute das dürre, schmächtige Schneiderlein am Fenster und führte mit rührigem Fleiß die leichte Nadel. Und in der Nähe wohnte der Kaufmann. Er ließ die Feder über das Papier gleiten und reihte Zahlen an Zahlen. Alle arbeiteten sie, ob mit der Kraft der Arme, ob mit geschickten Händen oder mit dem Geiste, es blieb sich gleich. Ein jeder schaffte und wirkte in seinem Berufe für sich, und damit zugleich für das Wohl seiner Mitmenschen. Alle achteten das Gesetz und hielten Ordnung und Sitte aufrecht. Dafür schützte das Gesetz auch sie ohne Unterschied, den Armen wie den Reichen, den Schwachen wie den Starken. Und wie behaglich sah es in den Wohnungen aus! Reinlich und sauber waren die Räume. Dort schalteten die sorglichen Hände der Frauen. Im kleinen Garten wuchsen und blühten gehegte und gepflegte Bäume, Blumen und Sträucher. Scharen lachender Kinder tummelten sich sorgenlos in heiterem Spiel.

Als Bob am nächsten Morgen erwachte, wurde er recht traurig gestimmt, das alles nur geträumt zu haben. Und die Sehnsucht, welche die tägliche Unruhe und Hast der letzten Wochen in ihm verdrängt hatte, flammte von neuem in seinem Herzen empor. Mit wachsender Gewalt fühlte er das Verlangen nach einem geregelten, tatkräftigen Leben mit festen Zwecken und Zielen.

Freundlich lächelte die Sonne zum Fenster herein. Jim saß neben dem Krankenlager. Sein Kopf war ihm auf die Schulter hinabgesunken. Er schlief.

Draußen auf dem Platz waren die Soldaten bereits beschäftigt, .die noch vorhandenen Toten zu begraben. Bei den Arapahoes brannten lustige Feuer. Das ewig hungrige Volk sorgte für den Magen.

Der Knabe trat leise zu seinem Freunde heran und weckte ihn.

Hastig fuhr der Trapper auf und rieb sich die Augen.

»By Jossy, jetzt hat mich die Müdigkeit dennoch überwältigt!« sagte er ärgerlich, indem er einen ängstlichen Blick auf den Bruder warf, der ruhig schlummerte. »Das war eine böse Nacht. Aber es ließ sich erwarten nach den Aufregungen des vergangenen Tages. Charley hat geschrien und irre geredet, schlimmer als je zuvor. Er befand sich fortwährend mitten im Kampfgewühl, um dich zu erretten. Bisweilen schien er dich verloren zu haben, denn oft rief er jammernd deinen Namen, daß es hätte einen Stein erbarmen können. Dreimal war der Doktor hier. Du hast einen gesunden Schlaf, mein Junge, hörtest du doch von alledem nichts. Der Wärter konnte mich nicht ablösen, denn man brauchte seine Hilfe anderweitig. Einige vierzig Soldaten sind mehr oder weniger schwer verwundet.«

»Wie geht es dem Hauptmann?« fragte Bob eifrig. Erst jetzt dachte er wieder an ihn.

»Der Arzt meinte, daß ihn keine Gefahr bedrohe. Edle Teile seien nicht verletzt, nur der starke Blutverlust habe den Kommandanten geschwächt. Er wünscht dich zu sprechen.«

Der Knabe bestand nun darauf, daß Jim sich zu Bett lege. Erst nach vielen Einwendungen folgte der Trapper, dem man es anmerkte, wie todmüde er war. Es verging auch kaum eine Minute, nachdem Jim sich auf das Lager gestreckt hatte, da schnarchte er bereits friedlich.

Nach einer Weile kam der Wärter, um die Wache zu übernehmen, doch Bob schickte ihn wieder fort.

Charley rührte sich auch während der übrigen Stunden des Tages nicht. Würde sich nicht seine Brust kaum merkbar bewegt haben, so hätte man glauben können, er sei gestorben.

Gegen Mittag erschien der Arzt. Der arme Mann hatte seit gestern ebenfalls keinen Augenblick Ruhe genossen. Von den Soldaten waren in der Nacht zehn ihren Wunden erlegen. Mehrere Minuten beobachtete der Doktor den Kranken. Dann untersuchte er auch die Kopfwunde des Knaben. »Laßt das Tuch nur fort!« sagte er. »Ich werde Euch eine Salbe verschreiben. Gegen Abend kommt zum Hauptmann! Er trug mir auf, Euch zu ihm zu bitten. Doch ersuche ich Euch, die Unterredung möglichst abzukürzen. Der Kommandant muß sich schonen, damit kein Fieber bei ihm eintritt, wodurch eine große Gefahr für seine Wiederherstellung entstehen würde.«

»Wie steht es hier mit meinem Freunde?« fragte Bob ängstlich.

»Ich fand selten einen Menschen, der eine so kräftige, zähe Natur besitzt wie er,« entgegnete der Arzt, indem er Charley einen neuen Verband anlegte. »Von hundert anderen wären neunundneunzig gestorben. Deshalb fehlt mir auch die Hoffnung nicht, sein Leben zu erhalten, obgleich es augenblicklich nur an einem dünnen Faden hängt. Die nächsten Tage müssen alles entscheiden. Wir wollen das beste wünschen. Daß Ihr jetzt bei ihm seid, ist mir eine große Beruhigung. Die Sorge um Euch hat ihn täglich kränker gemacht.«

Als der Doktor gegangen war, stand der Knabe lange vor seinem Freunde und schaute mit Tränen in den Augen auf ihn nieder. Er konnte es sich nicht denken, daß er diesen Menschen verlieren könne, der ihm vom ersten Tage an seine ganze Liebe geschenkt hatte. Vermochte er das wohl jemals zu vergelten? Wie ein Stern in dunkler Nacht war die Hoffnung in ihm aufgeleuchtet, seine Sehnsucht, wieder unter Menschen leben zu dürfen, könne sich erfüllen. Mußte er dann aber nicht Charley verlassen? »Nein, niemals!« seufzte er und sprach leise vor sich hin: »Uns kettet die Freundschaft wie ein eisernes, festes Band ewig zusammen. Von deinen Bibern trennst du dich doch nicht. Ich trenne mich nicht von dir, deshalb muß ich bleiben, was mich der Zufall werden ließ, ein Fallensteller.«

Bob öffnete ein Fenster. Eine frische, erquickende Luft strömte in das Gemach. Mehrere Offiziere schritten an dem Hospital vorüber. Sie grüßten achtungsvoll herauf. Darüber wurde der Knabe ganz verlegen. Er fühlte, wie ihm das Blut in das Gesicht schoß. Auch die Soldaten winkten ihm freundlich lächelnd zu und erkundigten sich nach seinem Befinden. Sie kamen soeben von der Bestattung des letzten Toten zurück. Das war Andrew Brown der Fuchs gewesen. Das große Messer hatte man ihm mit in die Grube geben müssen, da es die krampfhaft zusammengekrallten Finger nicht freigeben wollten.

Bei den Arapahoes war es still. Die Männer ruhten nach dem genossenen, überreichlichen Mahle.

Gegen Abend erwachte Jim. Frisch gestärkt erhob er sich vom Lager.

Charley schlief ohne Unterbrechung. Jetzt beängstigten ihn keine schreckhaften Träume mehr, wie sein Lächeln bewies, das von Zeit zu Zeit über sein bleiches Antlitz huschte.

Bob wurde zu dem Kommandanten gerufen. Jim nahm seine Stelle neben dem Bruder ein.

Hauptmann Reinfels war in einem Zimmer zu ebener Erde untergebracht. Durch das verhängte Fenster drang nur wenig Licht. Und der Knabe mußte sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, bevor er an das Bett des Verwundeten treten konnte.

»Ihr befahlt mich zu Euch. Ich bin gern zu Euern Diensten,« sprach er schüchtern.

Reinfels lächelte und reichte ihm die Hand.

»Setzt Euch, junger Mann!« sagte er mit zuvorkommender Freundlichkeit. Und als Bob an seiner Seite Platz genommen hatte, fuhr er fort, indem er des Knaben Rechte in der seinen behielt: »Ich ließ Euch bitten, mich zu besuchen, da ich mich leider nicht zu Euch begeben kann.

Ihr schütztet mich, so daß man mir nicht vollends das Leben nahm. Dafür möchte ich Euch meinen herzlichen Dank aussprechen. Zugleich aber nehmt auch von mir den Dank im Namen meiner sämtlichen Soldaten, im Namen der Offiziere und der Frauen, die Ihr alle durch Eure unerwartete Hilfe, die man Euch allein verdanken muß, vom qualvollen Tode errettet habt.«

Bob wollte reden, doch der Kommandant sprach rasch weiter: »Wir erfuhren durch den Häuptling Tabinsch, wie Ihr die Indianer Tag für Tag zu größerer Eile antriebet. Das allein war unser Glück, denn kämet ihr wenige Minuten später, so war es mit uns vorbei. Wie soll ich nun belohnen, was Ihr nicht nur für uns, sondern auch für die Regierung getan habt?«

»Das Bewußtsein, geholfen zu haben, ist für mich Belohnung genug, Hauptmann,« versetzte der Knabe bescheiden. »Ihr beschämt mich, wenn Ihr von großem Dank redet. Ich. wußte meine beiden Freunde in der Befestigung. Das trieb mich mit Hast hierher. Seit langer Zeit sind es die einzigen Menschen, mit denen ich einsam, fern von der Welt lebe. Aufrichtig gesagt, an andere Menschen dachte ich kaum. Ihr seht daraus, daß es kein Verdienst für mich war, auch andere gerettet zu haben. Wollt Ihr es dennoch als ein solches benennen, so denkt, ich hätte die Belohnung dafür schon in dem Pferde im voraus erhalten, mit welchem Ihr mich einst in Fort Reno so glücklich machtet. Habe ich Euch diese mir bereitete Freude vergolten, soll es mich freuen Ein weiterer Dank gebührt mir nicht.«

»Ihr seid ein braver, junger Mann,« sagte der Kommandant gerührt. Eine Weile schaute er schweigend vor sich hin. Dann fragte er: »Gefällt Euch auch heute noch das freie Leben in den Bergen?«

Bob zuckte zusammen und antwortete zögernd: »Der Mensch kann, was er will. Er gewöhnt sich an alles, wenn er muß.«

»So behagt es Euch nicht mehr?« fragte der Hauptmann dringend weiter.

Es verging ein Augenblick, bevor der Knabe abermals zögernd erwiderte: »Wohl reißt mich die herrliche, unbezwungene Natur immer zu neuer Bewunderung hin. Die riesenhaften Berge, die schroffen Felsen, die weiten Fernsichten aus schwindelnder Höhe, die unabsehbaren Prärien; das alles entzückt mein trunkenes Auge, aber es bleiben doch nur Bilder, mit deren Anblick man das Leben nicht ausfüllen kann. Unser Beruf verlangt Arbeit und Mühe genug. Freilich bringt er auch guten Nutzen, doch man vergißt mit der Zeit dabei, daß es noch Menschen in der Welt gibt. Begegnet uns wirklich ein Mensch, so faßt die Hand nach dem Revolver. Man setzt voraus, daß man gezwungen wird, Habe und Gut zu verteidigen.«

Der Kommandant nickte. »So ist es, Wohl nennt man euch Fallensteller Könige der Berge, aber in euerm Reiche gibt es leider nur Könige und keine Untertanen, die sich beherrschen lassen. Ich will Euch einen Vorschlag machen. Ob Ihr es nun zugebt oder nicht, verpflichtet sind wir Euch alle und die Regierung ebenfalls. Entsagt Eurer jetzigen Tätigkeit, die Euch nicht zu behagen scheint! Ich wirke Euch ein Offizierspatent aus, was mir unter den obwaltenden Umständen nicht schwer wird, und Ihr tretet in die Armee ein. Wünscht Ihr eine Anstellung im Osten, in der Ihr Euer gutes Auskommen findet, so werde ich auch dafür sorgen.«

»Euer Anerbieten ehrt mich, Hauptmann,« stotterte Bob in der größten Verwirrung. »Doch ich kann es nicht annehmen.«

»Ueberlegt es Euch, jünger Mann,« sprach Reinfels freundlich. »Wenn Ihr mir eine große Freude bereiten wollt, besucht mich recht häufig. Wir reden dann weiter darüber. Wochen werden vergehen, bevor ich mein Lager verlassen darf, und wie ich höre, steht es mit Euerm Freunde auch nicht zum besten. Ohne ihn aber werdet Ihr doch nicht in die Berge zu Euern Bibern ziehen.«

Der Knabe erhob sich. Er dachte an die Mahnung des Arztes. Seine Hand zitterte, als er sie dem Kommandanten reichte, der sich von ihm mit herzlichen Worten verabschiedete.

Vor der Tür seufzte Bob schwer auf. Wie Zentnerlast lag es auf seiner Brust. Bot sich ihm wirklich eine Gelegenheit, sein bisheriges Leben aufgeben und seine Sehnsucht erfüllt sehen zu können? Langsam näherte er sich der Treppe. Langsam stieg er die Stufen hinauf. Da stand auf einmal Charley vor seiner Seele und all die Liebe und Güte, die dieser ihm bewiesen hatte. Er fuhr, sich mit der Hand über die Stirn, als könne er damit jeden Gedanken an sich selbst und seine Wünsche forttreiben. Heftig schüttelte er den Kopf. »Nein, nein!« sprach er beinahe laut vor sich hin. »Ich muß bleiben, was er ist, Fallensteller.« Rasch betrat er das Krankenzimmer.

In der Nacht erwachte Charley. Er erkannte den Knaben neben seinem Lager. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seinen Mund, doch er war zu schwach, um reden zu können.

So blieb es auch mit ihm in den nächsten Tagen. Sein Bruder und Bob teilten sich redlich in die Nachtwachen, nur war Jim stets darauf bedacht, daß er selbst den größten Teil erhielt, auch bemühte er sich, durch allerlei Aufmerksamkeiten dem Knaben zu zeigen, daß er es mit seiner Freundschaft jetzt wirklich ernst meinte.

Eine volle Woche nach dem Brande von Fort Phil. Kearny kamen eines Mittags die übrigen Arapahoes an. Das war eine jubelnde Begrüßung von seiten ihrer triumphierenden Brüder. Trotzdem man bereits das Hauptmahl eingenommen hatte, wurde noch einmal für alle gebraten und gekocht. An Fleisch mangelte es nicht. Beinahe jeden Morgen zog ein Teil der Indianer auf die Jagd und kehrte mit Beute beladen zurück.

Von dem Feinde hatte man nichts wieder gesehen. Täglich erwartete man Nachricht von dem nördlich gelegenen Fort Köster. Kam dieselbe in den nächsten Tagen nicht, so sollte eine Abteilung Militär, begleitet von etwa hundert Arapahoes, nach dort abrücken.

Bob war bei der Ankunft der Indianer auf den Platz geeilt. Ihn verlangte es, Old Tex zu begrüßen. Doch soviel er auch umherschaute, nirgends war der Indiantrader zu finden. Von den Indianern vernahm er, daß der Alte hastig vorausgeritten sei, als man Fort Phil. Kearny von den Bergen aus in Trümmern vor sich habe liegen sehen. Auch die Leute in der Kommandantur, im Hospital und die Soldaten befragte Bob nach Old Tex. Aber niemand konnte ihm Auskunft geben. So lief er überall suchend umher, als er an der nördlichen Seite der Befestigung, wo die Wohnhäuser gestanden hatten, plötzlich zwischen mehreren Haufen verkohlter Balken den Alten bemerkte, der regungslos dasaß, das entblößte Haupt mit den schneeweißen Haaren in beide Hände gestützt.

»Old Tex!« rief der Knabe erfreut und überrascht zugleich, indem er eilig auf den Indiantrader zutrat. »Weshalb weilt Ihr hier unter den Trümmern? Kommt zum Hospital zu meinen Freunden!«

Der Alte blickte langsam wie geistesabwesend auf. Auf seinem wetterharten Gesicht lag eine unendliche Wehmut und Trauer. Nach kurzem Nachdenken schien er sich erst zu entsinnen, wen er vor sich hatte. »Aha! Ihr seid es, den ich zu den Arapahoes brachte,« sagte er mit tonloser Stimme.

»Euch drückt Kummer? Was fehlt Euch?« fragte Bob teilnehmend.

Gezwungen lächelnd schüttelte der Alte den Kopf. »Ich war ein Narr. Soeben ist es mir abermals klar geworden.« Er versuchte sich zu erheben, doch gelang es ihm nicht.

Der Knabe sprang hinzu und unterstützte ihn. »Ich verstehe Euch nicht! Darf ich nicht wissen, was Euch quält!«

Old Tex seufzte. »Es lohnt sich kaum der Mühe. Andere verloren noch mehr als ich. Mein bißchen Habe und Gut ist hier verbrannt. Nun fange ich, wie schon oft, wieder von vorn an. Es ist lächerlich und töricht, sich einzubilden, am Ziele zu sein, wenn man es nicht wirklich greifbar vor sich hat!«

Jetzt erinnerte sich Bob, was der Indiantrader ihm einst auf dem Wege zu den Arapahoes erzählt hatte. »Kommt mit mir! Ich verschaffe Euch ein Unterkommen, wo Ihr Euch von der Reise erholen könnt,« sagte er mitleidig.

Der Alte ließ sich willenlos fortführen, doch zitterten seine Beine so heftig, daß der Knabe seine ganze Kraft anwenden mußte, um ihn aufrecht zu erhalten.

Vor dem Hospital angelangt, klammerte sich Old Tex plötzlich an seinen Begleiter. Gleich darauf faßte er sich an die Brust. Ein ächzender, gurgelnder Ton entrang sich seiner Kehle, dann fielen die Arme schlaff an seinem Körper nieder.

Ein paar Soldaten eilten herbei. Sie und Bob hoben den Ohnmächtigen empor und trugen ihn in das Gebäude. Dort wurde er in ein Zimmer gebracht und auf ein Lager gebettet. Ein Soldat war hier am Morgen seinen Wunden erlegen.

Bald erschien der gerufene Arzt. Er wandte alle Mittel an, um den Alten wieder zum Bewußtsein zurückzubringen.

Endlich nach einer Stunde öffnete Old Tex die Augen. Er schaute eine Weile fragend umher, dann blieb sein Blick an dem Knaben haften, und während die Tränen ihm über die sonnenverbrannte Wange rollten, lallte er mit gelähmter, schwerer Zunge: »Jetzt habe ich auch das letzte verloren, die Hoffnung! – Oesterreich – mein schönes Heimatland – dich – sehe – ich – niemals – wieder.«

Elftes Kapitel. Vater und Sohn

Zwei Monate sind seit dem soeben Erzählten vergangen. Noch liegen die Trümmerhaufen der niedergebrannten Häuser in weitem Bogen um den Platz von Fort Phil. Kearny, auf dem sich jetzt in der Mitte aus mehreren Haufen von Steinen und Felsblöcken drei große, schwarze Kreuze erheben. Hier hatte man die Soldaten begraben, die ihren bei dem Kampfe erhaltenen Wunden erlegen waren.

Vor der Kommandantur und dem Hospital steht eine Anzahl Zelte und Baracken. Sie dienen als Wohnungen für das Militär, da die Nächte bereits recht kalt geworden sind.

Die Arapahoes waren schon vor einem Monat wieder in ihre Dörfer gezogen, nachdem der Friede im Lande aufs neue hergestellt war.

Gleichzeitig mit Fort Phil. Kearny hatten die Sioux Fort Reno angegriffen und zum Teil niedergebrannt. Eine von Fort Fetterman ausgesandte, starke Abteilung Soldaten hatte die Befestigung vor der gänzlichen Zerstörung geschützt. In Fort Köster, auf das die Indianer ebenfalls einen Angriff beabsichtigt hatten, war man rechtzeitig gewarnt worden und dadurch dem Feinde zuvorgekommen. Dieser hatte sein Lager in einem von hohen Felsen umgebenen Talkessel aufgeschlagen, zwei Meilen vom Fort entfernt. Das Militär hatte in der Nacht die Ausgänge des Tales besetzt und die Indianer auf allen Seiten angegriffen, als diese am nächsten Morgen zum Kampfe hatten aufbrechen wollen. Keiner von ihnen war mit dem Leben davongekommen.

Nach all diesen Niederlagen waren die Sioux entmutigt in ihre Reservation zurückgezogen. Ihr Häuptling Sitting Bull hatte sieh nach Washington begeben, wo es ihm gelungen war, für sein Volk eine wildreichere Gegend in Dakota von der Regierung auszuwirken.

Charley saß im Hospital vor dem geöffneten Fenster, durch das die warme Herbstsonne hereinschien. Er sah noch etwas bleich aus, aber seine Wangen waren bedeutend voller geworden, und auch die Hände, mit denen er soeben eine wollene Decke über seine Knie breitete, konnte man nicht mehr mager nennen.

»Ja, mein Junge, was soll ich Unglücksmensch nun beginnen?« wandte er sich an Bob, der ihm gegenüber Platz genommen hatte, während Jim, an einen Bettpfosten gelehnt, behaglich seine Pfeife rauchte. »Wenn der Arzt sagt, mein linker Lungenflügel sei fort, und das Fallenstellen im Gebirge müsse mein Tod werden, muß es wohl wahr sein. Kann ich denn aber leben, ohne Biber zu fangen? Es wird schwer halten. Du, Bruder, bist ein beneidenswerter Mensch. Du kannst den Tieren lustig weiter deine Schlauheit beweisen, aber ich – – – –! Und ich hatte mir bei der langweiligen Liegerei auf dem Bette wieder eine neue, großartige Methode ausgesonnen. Mit ihr sollte mir kein Biber entgehen, und wenn er bereits allen Trappern der Welt eine Nase gedreht hätte. Weißt du denn nichts, mein Junge, was ich beginnen kann, um doch nicht ganz unnütz in der Welt umherzulaufen? Habe ich auch nur noch einen Lungenflügel, so bin ich mit meinen fünfundfünfzig Jahren doch eigentlich noch ein junger Kerl.«

»Wüßtet Ihr keine Beschäftigung, die Euch gefiele?« fragte der Knabe gespannt.

»Das ist das beste! Du mußt selbst etwas nennen,« meinte Jim und blies ein paar dichte Rauchwolken vor sich hin.

»Ja, ich wüßte schon etwas,« versetzte Charley mit schalkhaftem Lächeln.

»Nun?« riefen die beiden neugierig wie aus einem Munde.

»Ich möchte Trompeter werden. Ich kann nur nicht blasen.«

Jim und Bob lachten aus vollem Herzen. Sie hatten längst bemerkt, daß Charleys Humor noch da war, trotz des fehlenden Lungenflügels.

»Der Gedanke ist so schlecht nicht,« meinte Jim und stopfte von neuem seine Pfeife.

»Willst du das Offizierspatent wirklich nicht annehmen, mein Junge?« fragte Charley nach kurzem Schweigen.

»Nein, keinesfalls!« erwiderte Bob, und fuhr etwas zaghaft fort: »Von jeher ist es mein größter Wunsch gewesen, auf einer Farm tätig zu sein. Dort möchte ich Arbeit suchen. Aber da ich mich nicht von Euch trenne, müßtet Ihr mich schon dahin begleiten.« Erwartungsvoll ruhten die Augen des Knaben auf dem Gesichte seines Freundes.

Bedächtig wiegte Charley das Haupt. »Was sollte ich dort tun? Mich würde man nicht gebrauchen können,« sprach er abwehrend. Doch in seinem Blick war zu lesen, daß ihm der Vorschlag nicht so übel erschien.

»Auf einer großen Farm gibt es hundert kleine Arbeiten, die nur ein praktisch veranlagter Mann auszuführen vermag,« versetzte der Knabe rasch. »Eine solche Stellung findet sich schon. Dafür laßt mich nur sorgen!«

»In der frischen Luft muß ich bleiben, sonst bin ich verloren,« lenkte Charley ein. »Diese Bedingung wäre mit einer solchen Tätigkeit erfüllt.«

»Dann ist es allerdings mit dem Trompeter nichts,« rief der Bruder, während er sich lachend die Seiten rieb.

»Laßt uns über die Zukunft später beraten!« meinte der Knabe. »Der Arzt befiehlt, daß Ihr Euch noch mindestens vier Wochen pflegen sollt.«

Jim rauchte immer heftiger. Zuletzt sagte er: »Ich warte so lange nicht mehr. Mir brennt es unter dem Nagel, daß ich die Fallen in das Wasser bekomme. Die schönste Zeit vergeht, und –«

»Wenn du allein gehst, fürchte ich, bist du wie ein unmündiges Kind,« unterbrach ihn Charley mit besorgter Miene. »Bedenke doch, zwanzig Jahre habe ich gewissermaßen Mutterstelle bei dir vertreten, und nun –«

»Deshalb gräme dich nicht, Bruder! Ich bin mittlerweile doch ein ganz vernünftiger Mensch geworden und will schon allein fertig werden, wenn es auch recht einsam für mich sein wird,« fügte Jim gedehnt hinzu.

»Nimm dir einen Hund mit!« rief Charley eifrig. »Forester betreibt in den Black Hills jetzt über dreißig Jahre sein Handwerk. Mit seinem Jef redet er, als sei es sein Bruder, und das Tier versteht ihn auch, wie er behauptet, selbst wenn er ihm lange Geschichten erzählt. Er sagt, der Hund niese dann jedesmal und nicke mit dem Köpfe, wenn er ausgesprochen habe.«

»Ueberlegt Euch die Sache!« bat Bob. »Ich will nun zum Hauptmann gehen und die Zeitungen holen, die heute morgen mit der Post angekommen sind. Old Tex sehnt sich danach. Ich glaube, der Arme lebt nicht lange mehr. Mit jedem Tage sieht man, wie es bergab mit ihm geht. Es ist traurig.«

Der Knabe eilte fort. Vor der Kommandantur traf er mit dem Hauptmann zusammen, der ihm mit unverkennbarem Wohlwollen die Hand entgegenstreckte.

»Nun, mein lieber Leutnant? Ich weiß schon, weshalb ich das Vergnügen habe, Euch zu sehen,« rief jener lachend. »Euerm alten Freunde Tex möchtet Ihr eine Freude machen. Kommt mit mir in mein Zimmer! Einige Minuten werdet Ihr mir doch gönnen?«

Bob folgte dem Kommandanten in das Gebäude, wo sie in ein behaglich eingerichtetes Gemach traten.

»Aus dem Leutnant kann nichts werden, Hauptmann,« sagte der Knabe lächelnd, nachdem beide Platz genommen hatten. »Ich habe Euer freundliches Anerbieten schon mehrfach mit Dank abgelehnt.«

»Und dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß Ihr es zuletzt doch annehmt und bei mir bleibt. Ihr seid mir lieb und teuer geworden, und ich würde Euch nur sehr ungern ziehen lassen. In der letzten Zeit wäret Ihr mir ein Ersatz für meinen fernen Sohn, ist er doch so alt wie Ihr. Vor einer Woche erhielt ich die letzten Nachrichten über ihn. In wenigen Monaten werde ich ihn selbst umarmen können. Es ist wunderbar, daß Ihr ihn nicht gekannt habt.«

»Warum trenntet Ihr Euch von ihm?« fragte Bob rasch, der ein Gespräch peinlich zu vermeiden suchte, das in irgendeiner Weise mit seiner einstigen Flucht aus der Vaterstadt in Verbindung stand.

Reinfels seufzte. »Leider war ich zu einer Trennung gezwungen. Wie ich Euch sagte, war ich bereits in Deutschland Offizier. Als mein Vater starb, hinterließ er wider Erwarten nur ein sehr geringes Vermögen. Meine Mutter war auf ihr Witwengehalt angewiesen. Ich war mit einem Mädchen aus vornehmer, aber armer Familie verlobt. Aber ohne Unterstützung reichte mein geringer Sold kaum für mich aus, Aussicht auf eine raschere Beförderung war auch nicht vorhanden. Daher nahm ich meinen Abschied und ging nach Amerika. Hier begünstigte mich das Glück. Ich trat in die Armee, und war bald in der Lage, mich verheiraten zu können. Aber die glückliche Ehe dauerte nur ein Jahr; da starb meine liebe Frau plötzlich und hinterließ mir einen Knaben. Wenige Tage später erhielt ich aus der Heimat die Nachricht vom Tode meiner Mutter. Zugleich würde mir der ehrenvolle Auftrag zuteil, mich sofort nach dem südlichen Texas zu begeben, um dort Vermessungen für die Regierung vorzunehmen. Meine wenigen Verwandten, die sich vielleicht des Knaben angenommen hätten, lebten in Deutschland. Aber wie sollte ich das wenige Monate alte Kind dorthin schaffen? Mir blieb keine Wahl. Ich brachte den Knaben in einer mir empfohlenen Familie unter und reiste ab. Mein Aufenthalt in Texas zog sich in die Länge. Vierzehn Jahre war ich dort beschäftigt. Dann wurde ich nach Fort Reno und vor acht Monaten nach hier versetzt. Auf diese Weise habe ich meinen Sohn niemals wiedergesehen. Die neue Befestigung Fort Mc. Kinney wird ganz in der Nähe von Fort Reno erbaut. Ich werde dorthin als Kommandant versetzt, habe aber vorher um einen längeren Urlaub gebeten, damit es mir möglich ist, endlich zu meinem Kinde zu eilen. Wie freue ich mich jetzt auf dieses Wiedersehen! Ich denke mir meinen Sohn etwa von Eurer Größe. Und wenn sein Haar dasselbe geblieben ist, hat er ebenfalls einen blonden Lockenkopf wie Ihr. Auch Eure großen, blauen Augen besitzt er. Oft dachte ich mir, wenn Ihr während meiner Krankheit neben meinem Bette saßet und mir durch Euer munteres Geplauder so manche Stunde erheitertet, Ihr wäret mein Sohn. Der Gedanke machte mir die Trennung von meinem Kinde leicht.«

Ein Soldat brachte eine Meldung, die den Hauptmann eilig abrief.

»Der Dienst erfordert meine Gegenwart, lieber Freund,« sprach Reinfels weiter, indem er sich erhob. »Hier, nehmt Eure Zeitungen, und – nicht wahr, wegen der Leutnantsstelle erhielt ich noch nicht Euer letztes Wort?«

Bob zuckte lächelnd die Achseln. Vor dem Hause schüttelte der Kommandant ihm noch einmal die Hand und ging dann rasch über den Platz, wo in der Nähe der Kreuze eine Abteilung Militär in Reih und Glied stand.

Der Knabe eilte in das Hospital zu seinem Freunde Old Tex.

In den vergangenen zwei Monaten war aus dem Indiantrader ein schwacher, hinfälliger Greis geworden. Zusammengesunken saß er in einem großen, bequemen Sessel nicht weit von dem Fenster des einfachen Gemaches. Ein freundliches Lächeln glitt über das von vielen Furchen durchzogene, lederfarbige Gesicht, als Bob in das Zimmer trat und den Alten begrüßte.

»Ich bringe Euch ein mächtiges Paket Blätter. Ihr werdet viel zu tun haben, bis Ihr den Inhalt durchgelesen habt.«

»Ich danke Euch,« lallte Old Tex und glättete mit zitternden, unsicheren Händen die Zeitungen auf seinen Knien. »Ihr seid so gut mit mir, wie es vorher noch niemand war. Ihr pflegtet mich und wachtet an meinem Lager, obwohl ich für Euch ein Fremder bin. Daß ich es Euch nicht vergelten kann, läßt mir keine Ruhe bei Tag und bei Nacht,« fügte er seufzend hinzu.

Der Knabe ließ sich bei ihm nieder und legte seine Hand auf den Arm des Alten. »Sagte ich Euch nicht schon oft, daß Ihr viel mehr für mich tatet, indem Ihr mich mit Euch nahmt, als ich einsam und verlassen in den Bergen umherirrte? Was wäre damals wohl aus mir geworden, wenn Ihr Euch nicht meiner erbarmt hättet!« Euch verdanke ich vielleicht mein Leben. Das ist doch wohl tausendmal mehr als meine geringe Pflege für Euch.«

Der Indiantrader schüttelte den Kopf. Dann schaute er in die Blätter. Plötzlich krallten seine Finger das Papier krampfhaft zusammen. »Heiliger Gott!« stöhnte er, während er mit stieren Augen vor sich hinstarrte. Keuchend ging sein Atem, und ein heftiges Zittern durchlief seinen ganzen Körper.

Besorgt legte Bob seinen Arm um den Nacken des Alten. »Was ist Euch?« rief er ängstlich.

»Heiliger Gott! Jetzt ist das Maß meiner Strafe voll,« stotterte Old Tex. Er faltete die bebenden Hände, und den Blick erhoben, fuhr er hastig fort: »Also nicht früher sollte es sein! Härter konntest du mich, o Gott, nicht strafen, indem du mir jetzt noch einmal die Möglichkeit zeigst, mein liebes Heimatland wiederzusehen, nachdem es für mich zu spät geworden ist. Nun zürne mir nicht mehr! Nimm mich armen Sünder gnädig in dein Himmelreich auf, nachdem du mich auf Erden ein Leben voll Kummer und Leid hast erdulden lassen!«

»Tex, was redet Ihr?« rief der Knabe immer ängstlicher. Wie verändert war der Alte plötzlich. Hoch aufgerichtet saß er in seinem Sessel. Seine Zunge hatte mehr und mehr ihre Lähmung verloren. Bei den letzten Worten klang die Stimme wieder klar und deutlich.

Old Tex hatte die Zeitung aufgenommen und las laut: »Franz von Traunstein wird hierdurch nochmals, nachdem vor zehn Jahren bereits ein Aufruf erfolgte, von seiner die Eltern überlebenden Schwester Margarete aufgefordert, seinen Aufenthalt behufs Auszahlung des für ihn bestimmten Erbteiles anzugeben.« Der Greis ließ die Hände sinken und sagte schwer seufzend: »Ihr habt wohl nicht nötig zu fragen, wer jener Franz von Traunstein ist? Ich bin es selbst.«

Bob nahm das Zeitungsblatt und las es ebenfalls begierig. »Sprecht nicht davon, daß es für Euch zu spät ist, lieber Freund,« tröstete er dann. »Der Hauptmann wird alles für Euch tun. Er wird Euch das nötige Geld für die Reise vorschießen. Ihr seht Euer Vaterland wieder. Schöne Tage werden Euch dort beschieden sein.«

Wehmütig lächelte der Alte. »Nein, mein Lieber! Aus Enttäuschungen war mein ganzes Leben zusammengesetzt. Die letzte will ich mir ersparen. Früher fehlten mir die Mittel, und jetzt – nein, nein! Mein Oesterreich sehe ich niemals wieder!«

»Jetzt habt Ihr greifbar Euer Ziel vor Augen,« sagte der Knabe rasch. »Jetzt redet nicht mehr von Enttäuschungen! Eure langgehegte Hoffnung erfüllt sich. Der Gedanke wird Euch kräftigen und Eure Gesundheit stärken.«

Old Tex schüttelte immer von neuem das Haupt. »Nein nein! Seid still, schweigt und erweckt nicht noch einmal in mir den Herzenswunsch, der mich mein Leben lang begleitete!« rief er mit beinahe schroffem Ton. Dann sprach er freundlicher weiter: »Reicht mir die Hand und seht mir in das Auge! Wie ich, so seid auch Ihr von Haus und Heimat fortgelaufen. Wie ich, irrtet Ihr bis jetzt fern von der Welt im Lande umher. Wie ich, verleugnetet Ihr Euern Namen. Selbst den Freunden nanntet Ihr ihn nicht. Den meinigen wißt Ihr jetzt. Nennt mir auch nun den Eurigen. Darin will ich den ersten Schritt erkennen, den Ihr, wie Ihr mir sagtet, zu tun beabsichtigt: in die Welt, unter die Menschen zurückzukehren. Keinen Tag zaudert länger damit! Höret auf den Rat eines alten. Mannes, der mit seiner Heimkehr so lange zögerte, bis es zu spät war! Nennt mir Euren Namen!«

»Ich heiße Gabert,« antwortete Bob leise.

Der Alte nickte zufrieden, »Bob Gabert, gelobt es mir mit Eurem Ehrenwort, daß Ihr Euer bisheriges Leben aufgeben und nach Kräften bemüht sein wollt, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden!«

»Das ist mein höchster Wunsch,« rief der Knabe begeistert und drückte die Rechte seines alten Freundes. »Gern gelobe ich es, sehne ich mich doch von ganzem Herzen unter die Menschen zurück.«

Nachdem Old Tex eine kurze Weile sinnend vor sich hingeschaut hatte, sagte er: »Geht rasch und holt mir Hauptmann Reinfels, zwei Offiziere und Euern Freund Jim. Bittet sie, unverzüglich hierher zu kommen!« Als der Knabe erstaunt zögerte, fuhr er hastig fort: »Beeilt Euch, damit es mir möglich ist, wenigstens noch eins zu tun, bevor es zu spät ist. Auch Feder, Tinte und Papier ersuche ich Euch mitzubringen.«

Verwundert verließ Bob das Gemach und kehrte bald mit den Offizieren und Jim zurück, die er flüchtig von der Entdeckung des Indiantraders in Kenntnis gesetzt hatte. Der Kommandant versprach zu folgen. Augenblicklich war er durch eine dienstliche Angelegenheit verhindert zu erscheinen.

»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Euch her bemühte,« begann Old Tex, der sich abermals in seinem Sessel hoch aufgerichtet hatte und die Männer durch ein leichtes Neigen des Kopfes begrüßte. »Ich möchte einen der Herren bitten niederzuschreiben, was ich diktiere. Es handelt sich um ein Vermächtnis. Deshalb bedurfte ich der Zeugen. Der Herr Hauptmann mag seinen Namen später hinzufügen.«

Einer der Offiziere rückte einen Tisch in die Nähe des Alten und ließ sich vor demselben nieder. »Sprecht, guter Mann! Ich bin bereit,« sagte er, indem das Papier vor sich hinlegte und die Feder zur Hand nahm.

»Ich, Franz von Traunstein,« sprach der Indiantrader mit fester Stimme, während der Offizier schrieb, »geboren im Jahre 18… zu Aspern bei Wien, verfüge hiermit über mein mir von meinen Eltern nachgelassenes Erbteil zugunsten von Bob Gabert und bitte meine Schwester Margarete von Traunstein, indem ich ihr meinen letzten Gruß sende, die in Frage kommende Summe an den Besitzer dieses Testamentes, Bob Gabert, genannt Bob der Fallensteller, auszuzahlen, – Habt Ihr das niedergeschrieben?« fragte der Alte. »Dann setzt Ort und Datum darunter und reicht mir das Papier, damit ich es mit meiner Unterschrift versehe!«

Der Offizier tat, wie ihm geheißen wurde.

Aufmerksam las Old Tex nun das Schriftstück durch, dann ergriff er die Feder und schrieb mit fester Hand: »Daß dieses mein ausdrücklicher, wohlüberlegter Wille ist, bekunde ich durch meinen Namen. Franz von Traunstein.« Er übergab das Testament an die Männer und bat: »Nun setzt Eure Unterschrift auch darauf und gebt dem Knaben das Papier. Es ist sein Eigentum.«

Bob war keines Wortes mächtig. Mit namenlosem Erstaunen hatte er den Vorgang verfolgt. Jetzt warf er sich vor dem Alten auf die Knie. »Was habt Ihr getan? Womit habe ich das verdient?« schluchzte er.

Old Tex legte seine Hand auf das lockige Haupt des Knaben. »Gott schütze dich!« sprach er leise. »Mögen dir die Mittel, die du empfängst, zum Segen werden! Glaubst du mir Dank schuldig zu sein, kannst du ihn damit abtragen, daß du ehrlich arbeitest, schaffst und wirkst nach besten Kräften zum Wohle deiner Mitmenschen, auf daß sie dich lieben, achten und stolz sind, dich in ihrer Mitte zu sehen. Dann ist das Vermächtnis des alten Tex gut angewandt, und er hat ganz gesühnt, was er einst verbrach. – Herr Gott, gib diesem Menschen deinen Segen und führe ihn zurück in die weite Welt auf den rechten Weg!«

Im Uebermaß seiner Gefühle umklammerte Bob die Knie des Alten.

Dieser faltete die Hände, und seine Lippen flüsterten leise, unverständliche Worte.

Eine feierliche Stille herrschte in dem kleinen Gemach, die nur einen Augenblick durch das Kratzen der Feder unterbrochen wurde, als Jim mit seiner im Schreiben ungeschickten Hand seinen Namen auf das Papier setzte.

Plötzlich breitete Old Tex beide Arme aus. Ein Lächeln umspielte den Mund, und in seinen nach oben gerichteten Augen leuchtete ein eigentümlicher Glanz. »Mein Heimatland, wie schön bist du!« rief er mit bebender Stimme. »Freundlich liegt Flur und Wald im sonnigen Schein. In der Ferne umhüllt dichter Nebel eine gewaltige Stadt. Dort hasten und jagen die Menschen nach Glück. Unendlich viele wissen nicht, wie glücklich sie sind. Ein großes Gebäude sehe ich, beschattet von alten Bäumen im lauschigen Park. Felder mit gelben, wogenden Aehren ziehen sich weithin über das wellige Land. Die Sense klingt. Heiter lachen Knechte und Mägde bei der von Gott gesegneten Ernte. Hochbeladen nahen sich die Wagen. Mit bunten Kränzen geschmückt, schwanken sie zum Tore herein. Es wird Abend. Die hinabtauchende Sonne sendet ihren Abschiedsgruß mit rosigem Schein. Vom nahen Kirchturm her tönen die Glocken zum Gebet. Der Himmel öffnet sich.

»– Vater! – Vater! – Sehe ich dich wirklich? – Du streckst die Arme nach mir aus? – Du hast mir verziehen? – Es wird dunkel. – Wo sind die Pferde? – Wo ist meine Habe, mein Geld? – Vater! Ich möchte dir wiederbringen, was dir gehört, was ich dir nahm! – Sie nehmen es mir immer von neuem fort, – Vater – ich – komme. – Herr Gott im Himmel – nimm – mich – in Gnaden – auf –!.«

Mit gefalteten Händen umstanden die Männer den sterbenden Old Tex. Der Knabe lag zu seinen Füßen und blickte zu ihm empor.

Immer langsamer hob sich die Brust des Alten. Noch einmal seufzte er schwer auf, dann senkte sich sein Haupt seitwärts auf die Schulter.

Bob ergriff die Hand seines Wohltäters und bedeckte sie mit Küssen. Sie erkaltete schon.

Old Tex hatte ausgelitten.

Leise schlichen sich die Offiziere und Jim hinaus. Draußen begegneten sie dem Hauptmann. Ihm berichteten sie, was vorgefallen war, und überreichten ihm das Testament mit dem Ersuchen, es dem Willen des Verstorbenen gemäß ebenfalls zu unterschreiben.

Reinfels durchflog das Papier. Plötzlich zuckte er zusammen. »Wo ist der Knabe?« stotterte er erbleichend.

»Bei dem Toten im Gemach,« versetzten die Offiziere und eilten bereitwillig voraus, dem Kommandanten die Tür zu öffnen.

Dieser hielt sie auf. »Nein, bleibt! Laßt midi mit ihm allein!« rief er rasch und begab sich hastig in das Zimmer.

Bob erhob sich, als er den Hauptmann eintreten sah

»Bei diesem Toten sprecht die Wahrheit!« stammelte Reinfels mit zitternder Stimme, indem er den erstaunten Knaben dicht vor das Fenster zog. »Was habt Ihr mit dem Gerichtsbeamten Davis Gabert in Omaha gemein? Ist Euch derselbe verwandt? Sprecht die Wahrheit!«

Bob wurde kreidebleich. »Er ist mein Vater,« erwiderte er kaum hörbar.

»Euer Vater? Nein, nein, das ist unmöglich. Der Mann hat niemals einen Sohn besessen,« rief der Kommandant heftig. »War außer Euch ein gleichaltriger Knabe im Hause, der sich Reinfels nannte wie ich?«

»Nein, ich war stets allein.« entgegnete Bob mit wachsender Verwunderung. Er vermochte sich die Aufregung des Hauptmanns nicht zu erklären, und doch war ihm so wunderbar zumute, als könne der nächste Augenblick ihm eine ganze Zukunft enthüllen.

»Tragt Ihr an der linken Seite Eures Körpers unter dem Herzen ein braunes Mal von der Größe einer Büchsenkugel?« fragte Reinfels mit atemloser Spannung.

»Ja. Von wem könnt Ihr das wissen?« stotterte der Knabe und legte unwillkürlich die Hand auf die Stelle, wo sich das Mal befand.

Der Hauptmann wankte. Bob sprang hinzu, um ihn zu stützen. Da legten sich des Mannes Arme um seinen Hals.

»Nicht Bob Gabert heißt Ihr,« jubelte der Kommandant auf. »Robert Reinfels ist dein Name. Du bist mein geliebter Sohn, von dem ich mich so lange trennen mußte. O der Schändliche! Dieser Mensch sandte mir, trotzdem du nicht mehr bei ihm warst, in diesen zwei Jahren noch immer günstige Berichte über dein Gedeihen, nur um den schnöden Gewinn weiter einzuziehen. Hättest du mir doch damals deinen Namen genannt, als du mir zum ersten Male begegnetest! Dann wäre dir, mein Sohn, manche trübe Stunde erspart geblieben. Und doch, ist es nicht, als hätte es so sein sollen? Vielleicht lebte ich nicht mehr, wärest du nicht in die Lage gekommen, Fort Phil. Kearny mit seinen Menschen vor dem vollständigen Verderben zu retten. Zürnst du mir, daß ich dich so lange fern von mir hielt? Jetzt willst du vielleicht gar nichts von mir wissen? Du sprichst kein Wort zu mir,« rief der Hauptmann scherzend im Uebermaß seiner Freude, und doch lag ein besorgter Ton in seiner Stimme.

»Vater, mein Vater! Ja, ist es denn möglich?« stammelte Bob. Schluchzend warf er sich an des Vaters Brust. »Ich kann mich noch nicht in mein Glück finden. Laßt mir Zeit! Meine Gedanken wirbeln mir wüst durcheinander. Alles stürmte so plötzlich auf mich ein. Ist es denn kein Traum, der meine Sinne umfangen hält? Vater, mein Vater!«

»Der bin ich, mein Sohn. Von jetzt ab sollst du dich nicht mehr über mich zu beklagen haben. Komm zu deinen Freunden! Sie stehen dir vorläufig doch noch am nächsten, bis ich dir bewiesen habe, daß ich es auch verdiene, dein Vater zu sein. Hier, nimm das Testament, das dir vielleicht mehr Reichtum bringt, als ich dir je zu bieten vermag!« fügte der Kommandant hinzu und reichte das Schriftstück dem Knaben, der noch einmal zu dem toten Old Tex trat und ihm mit dankbarem Blick die erkalteten Hände drückte.

Eng umschlungen verließen dann Vater und Sohn das Gemach und begaben sich die Treppe hinauf zu den Trappern.

Die Brüder waren anfangs beide stumm vor Ueberraschung über die neue Nachricht. Erst nach längerer Weile fanden sie die Worte wieder. Nun beglückwünschten sie den Knaben und dessen Vater aufs herzlichste. In Charleys Mienen spiegelte sich jedoch dabei neben der Freude über das unverhoffte Glück seines Schützlings ein leiser Zug der Trauer.

Der Knabe bemerkte das sofort, und als sich alle ausgesprochen hatten und der Hauptmann gegangen war, um seinen Offizieren die frohe Botschaft von der Auffindung seines Sohnes zu überbringen, sagte er lachend: »Ihr seid wohl gar nicht besonders erfreut darüber, daß der Kommandant mein Vater ist?«

Charley wurde sichtlich verlegen. Er schlug die Augen nieder, zupfte mit den Fingern an seiner Decke und versetzte: »Glaube nur das nicht, mein Junge! Es will mir nur noch nicht so recht in den Kopf. Dein Vorschlag mit der Beschäftigung auf einer Farm war sehr vernünftig. Ich hatte mich auch schon ganz vertraut damit gemacht, aber nun wird doch nichts daraus. Und ich habe doch gewissermaßen stets Vaterstelle bei dir vertreten. Die muß ich jetzt auch plötzlich aufgeben.«

»Das habt Ihr gar nicht nötig!« fiel ihm Bob lebhaft in die Rede und klopfte seinem alten Freunde glückstrahlend auf die Schulter. »Bei meinem Vater kann ich auf die Dauer nicht bleiben, denn auch jetzt nehme ich das Offizierspatent nicht an. Durch das Vermächtnis des guten Old Tex erhalte ich wahrscheinlich einige Mittel. Dafür erwerbe ich mir ein kleines Grundstück, das ich besiedele und bebaue. Dabei bedarf ich eines Beraters, und den finde ich wohl nicht besser als in Euch. Doch das sind alles Pläne, die der Augenblick mir eingibt. Vorläufig weiß ich noch gar nicht, ob ich wache oder träume. Laßt mich hinaus in die freie, stille Natur! Ich muß eine Weile allein mit meinen Gedanken sein. Nachher werden wir weiter beraten.« Er winkte den Brüdern lächelnd zu, dann eilte er fort, die Treppe hinab vor das Hospital.

Von dort wollte der Knabe seinen Weg nach der Schlucht einschlagen. Aber wie ein Lauffeuer hatte sich die Neuigkeit unter dem Militär verbreitet, daß der von allen geehrte Bob der Fallensteller der Sohn des allgemein beliebten Hauptmanns Reinfels sei. Von allen Seiten drängten sich Offiziere und Soldaten heran, um dem Knaben die Hände zu schütteln Und ihm zu zeigen, welch großen Anteil man an seinem und seines Vaters Glück nehme. So verging eine geraume Zeit, bis sich Bob endlich frei machen konnte. Aufatmend wanderte er nach dem mächtigen Bergeinschnitte. Dort ließ er sich auf einen Baumstumpf nieder, und nun zog alles, was er seit der Flucht aus seiner Heimat erlebt hatte, noch einmal an seinem Geiste vorüber. Wie wunderbar lenkte ihn das Schicksal! Eins ergab sich aus dem anderen bis zu dem heutigen Tage, der das ganze Füllhorn seines Segens über ihn ausschüttete.

Ein gellendes Gelächter schreckte den Knaben aus seinen Gedanken auf. Hastig schaute er umher. Da tauchte hinter einem Felsblock, keine fünf Schritte von ihm entfernt, eine braune Gestalt empor. Ein haßerfülltes Gesicht mit zornfunkelnden Augen starrte ihn an. »Woternichaza!« stammelte Bob erbleichend.

»Kennst du mich?« schrie der Indianer hohnlachend, daß es von den Felswänden schauerlich widerhallte. Hoch hielt er seine verkrüppelte Hand in die Höhe. »Betrogen hast du mich, Blaßgesicht! Waren die Finger von Fleisch und Knochen? Mit den Zähnen habe ich sie in meiner Wut zerrissen.« Bevor der Knabe sich zur Wehr setzen konnte, war Woternichaza auf ihn zugesprungen, hatte ihn gepackt und zu Boden geschleudert. Behend kniete der Indianer auf ihn, und mit wahnsinnigem, triumphierendem Lachen riß er sein großes Messer aus der Scheide am Gürtel. »Ich habe es dem großen Geist geschworen,« keuchte der Irre, indem er sich tief zu dem Ohre des machtlos Daliegenden herabbeugte. »Entweder sterbe ich, oder ich bringe ihm deinen goldenen Skalp zum Opfer. Für ihn löse ich die mir fehlenden Finger ein.«

Schon fühlte Bob das kalte Messer an seiner Stirn, schon griff des Indianers Hand in seine Locken, da krachte eine Schuß. Woternichaza wankte, und ohne einen Laut brach er tot zusammen.

Schreckensbleich und kaum seiner Sinne mächtig kroch der Knabe unter der grauenerregenden Last hervor. Als er sich schwankend erhob, stand Jim vor ihm mit der rauchenden Büchse in der Faust. Schweigend schloß Bob seinen Lebensretter in die Arme.

Langsam hinkte jetzt auch Charley, auf einen Stock gestützt, herbei.

Die Brüder hatte eine plötzliche Unruhe erfaßt, nachdem Bob sie verlassen hatte. Einige Soldaten sahen ihn nach der Schlucht wandern. Die Trapper eilten ihm nach und kamen so gerade noch zur rechten Zeit, um den Tod ihres Schützlings zu verhindern.

»Ihr seht,« sagte der Knabe, nachdem er sich von dem Schrecken etwas erholt hatte, »ohne euch bin ich verraten und verkauft. Nur wenn ihr mir zur Seite steht, bin ich geborgen.«

Charley stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock und meinte zögernd: »Du wirst auch ohne uns fertig werden. Ich will es dir nur aufrichtig eingestehen, was ich dachte, als ich von deiner Herkunft vernahm. Als Sohn des Hauptmanns Reinfels gehst du in Zukunft einen anderen Weg als bisher. Dabei ist der alte Trapper nur das fünfte Rad am Wagen. Ich habe es mir überlegt. Ich suche wieder meine Biber auf. Was schadet es, ob mein Lebenslicht etwas früher ausgeblasen wird. Bob Reinfels kann doch niemals mein – unser Bob mehr sein.«

»Charley hat recht!« stimmte Jim bei. »Das ist nun alles ganz anders geworden.«

»Weshalb?« fragte der Knabe eifrig. »Weil ich jetzt einen anderen Namen trage?

Nein, nein!« rief er lebhaft und legte den Brüdern seine Arme um den Nacken. »Mit meinem Namen hat sich mein Herz nicht geändert. Das ist dasselbe geblieben und bleibt es auch, solange ich lebe. Darinnen aber seid ihr eingeschlossen für alle Zeit als meine besten Freunde auf dieser Welt. Kummer und Leid habt ihr mit mir durchkostet, jetzt sollt ihr mein Glück ebenfalls mit mir genießen. Hier nehmt meine Hände, ihr beiden guten Menschen! Für die Welt bin ich von jetzt an wohl Robert Reinfels, Sohn des Kommandanten von Fort Phil. Kearny und Fort Mc. Kinney, aber für euch bleibe ich mein Leben lang, was ich von ganzem Herzen war, euer alter Bob, Bob der Fallensteller.«

Zwölftes Kapitel. Friede und Arbeit

Im Staate Dakota nimmt ein kleiner Strom, der Heart River, seinen Lauf von Westen nach Osten. Langsam wälzen sich seine klaren Fluten bis zum Missouri, in den sie sich bei Bismarck ergießen.

Etwa zwanzig Meilen von dieser immer mehr erblühenden und an Einwohnerzahl wachsenden Stadt liegen in der Nähe der zum Teil bewaldeten Ufer des Heart River fünf Blockhäuser. Eines derselben ist im Schweizer Stil auf einer Anhöhe erbaut und blickt weit hinweg über die Mais- und Kornfelder, die sich weit in das Land hinein erstrecken und deren Saat in üppiger Fülle emporschießt.

Eine feierliche, friedliche Ruhe liegt auf Wald und Flur. Nur die Vögel zwitschern in den Zweigen. Der Wind spielt leise mit den Blättern in Busch und Baum.

Die Strahlen der Sonne fallen warm zur Erde herab. Am blauen Himmel ziehen kleine, weiße Wölkchen.

An der einen Seite des Gebäudes sitzt auf einer Bank ein alter Mann mit stark ergrautem Haar. Das Lederhemd, das seinen Oberkörper umgibt, ist vielfach ausgebessert, und an den Aermeln hängen nur noch wenige, vereinzelte Fransen. Auch den in hohen Stiefeln steckenden Beinkleidern aus Leder sieht man die lange Dienstzeit an.

Der Alte ist emsig beschäftigt, die verschiedenen Teile einer Mähmaschine, die auseinandergenommen in seiner Nähe liegt, zu reinigen und einzufetten. Wenn seine geschickten Finger ein Rad oder eine Stange in Ordnung gebracht haben, prüft er zufrieden lächelnd den Gegenstand, bevor er mit einem neuen Stück in seiner Arbeit fortfährt.

Zuweilen schweifen die dunkeln, lebhaften Augen zum Fluß hinüber. Dann ruhen die Hände wohl eine kurze Weile, um gleich darauf emsiger als vorher ihre Beschäftigung wieder aufzunehmen. Jedesmal gleitet dabei ein beinahe ärgerlicher Zug über das wetterharte, mit weißem Bart umrahmte Gesicht. Zwar kehrt der frohe Ausdruck schnell wieder zurück, aber nur bis der Blick von neuem das Wasser sucht.

Jetzt öffnet sich die große Eingangstür unter dem Balkon des Hauses. Ein schlanker, kräftig gebauter Jüngling von etwa vierundzwanzig Jahren tritt heraus. Auf dem blondgelockten Haare sitzt ein gelber Strohhut, unter dessen breitem Rande ein Paar froher Augen lustig umherschaut. Ein schwarzes Tuch ist nachlässig um den Hals geschlungen. Eine graue Joppe schließt sich eng um den Oberkörper. Auf dem hübschen Gesicht, in dem ein blonder Schnurrbart keck nach den Seiten gestrichen ist, wird ein glückliches Lächeln sichtbar. Er beobachtet, selbst noch unbemerkt, wie der Alte ein blinkendes Rad prüfend vor sich hinhält.

»Du bist so eifrig bei der Arbeit, als müßte sie auf alle Fälle heute noch fertig werden,« sagte der Jüngling dann lächelnd. »Weshalb setztest du dich hier in die heiße Sonne, statt in den Schatten des Hauses?«

Der Alte wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn und schüttelte den Kopf. »Nein, Bob,« meinte er pfiffig. »Ich muß den Fluß sehen. Mein ganzes Leben fast habe ich am Wasser verbracht. Die Gewohnheit steckt im Blute. Mir kommt es manchmal vor, als träume ich, als könntest du gar nicht der Junge von damals sein, der mit mir Fallen stellte. Ich muß mir oft die Stirn reiben, um mich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Ach ja, der Fluß, die Biber, die Fallen!«

»Sehnst du dich gar so sehr nach deinem alten Tagewerk?« fragte Bob. »Gefällt es dir hier bei mir gar nicht?«

»Doch, mein Junge,« erwiderte Charley. »Und ich weiß ja, daß ich den Strapazen des Fallenstellers nicht mehr gewachsen bin. Mit halber Lunge, kann man nicht in die Berge steigen. Aber wenn ich an Jim denke, werde ich doch neidisch auf sein Glück, das ihn erlaubt, Biber zu fangen.«

»Das hat er nun auch am längsten getan, wie du weißt,« entgegnete der junge Mann und setzte sich neben seinem alten Freunde auf die Bank. »In diesen Tagen kehrt er von Cheyenne zurück, um ganz bei uns zu bleiben.«

»Rechne nur nicht zu fest darauf und warte lieber den Herbst ab! Dann erst werden wir sehen, ob er seine Fallen am Nagel hängen läßt.«

»Ich glaube es doch. Obwohl Jim mit Leib und Seele Fallensteller ist, liebt er doch auch das Stadtleben,« sagt«: Bob pfiffig.

»Auf kurze Zeit allerdings, doch warum sagst du das, Bob?«

»Weil hier auf diesem Platze eine Stadt entstehen wird.«

Charley sah den jungen Freund kopfschüttelnd an und erwiderte: »Das kann wohl einmal werden, aber Jim und ich werden es nicht erleben.«

»So will ich dir mein Geheimnis offenbaren. In kurzem wird eine Eisenbahn gebaut werden. Ich hoffe, daß sie hier vorüber geht. Dann ist unser Land das Zehnfache wert, und hier liegen nicht mehr fünf Häuser, sondern fünfzig und noch mehr. Ein kleiner Flecken entsteht rasch. Aber will man eine Stadt gründen, muß man mit Ausdauer, langsam, aber sicher beginnen und sich keine Mühe verdrießen lassen.«

Sprachlos blickte Charley den Jüngling eine Weile an. Dann rief er im höchsten Erstaunen: »Eine Stadt sagst du? Eine richtige Stadt mit Straßen, steinernen Häusern, Beer-Saloons und dergleichen?«

»Allerdings!« erwiderte Bob, während er sich schmunzelnd die Spitzen seines Schnurrbartes drehte. »Anstatt der Bier- und Whiskyhäuser möchte ich hier jedoch lieber Fabriken sehen. Meine Pläne gehen sehr weit, alter Freund. Doch, wie gesagt, langsam aber sicher muß alles gemacht werden.«

»Einen unternehmenden Kopf hast du immer besessen,« meinte der Alte nachdenklich. »Das habe ich damals bereits erkannt, als du hinter unserem Rücken in Cheyenne zu unserer altgewohnten Anzahl noch zehn neue Fallen gekauft hattest.«

»Traurig war es doch, als ich sie nicht mehr brauchen konnte, nicht wahr?« versetzte der Jüngling, indem er sich erhob. »Doch nun will ich zu unseren Leuten reiten. Sie arbeiten zwei Meilen von hier an der Umzäunung. Dem Wilde wird es auch nicht behagen, daß wir ihm einen Teil seiner Weide nehmen. Gestern abend bemerkte ich hier im Mondschein, nicht weit vom Hause entfernt, drei prächtige Hirsche. Leider warteten sie nicht, bis ich meine Büchse geholt hatte. Erhole dich, Charley, und laß die Arbeit ruhen! Auf Wiedersehen!« Freundlich winkte er seinem Freunde zu, und schritt rasch nach einem der kleineren Blockhäuser. Gleich darauf sah man ihn auf einem mutigen Pferde durch die Felder davongaloppieren.

Kopfschüttelnd schaute der Alte seinem früheren Schützling nach. »Und das ist nun wirklich derselbe Bob, der mit mir geduldig im Wasser umherwatete und Biber fing?« murmelte er vor sich hin. »Dieser selbe Bob geht mit dem Gedanken um, eine Stadt zu gründen? Was doch aus einem Menschen alles werden kann!« Charley wandte sich der Mähmaschine wieder zu. »Soll ich das Ding heute noch wieder zusammenschrauben?« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. Seine Augen blickten abermals nach dem Fluß, in dessen sich leicht kräuselnden Wellen die Sonnenstrahlen blitzten und funkelten. Hastig sagte er: »Es hat Zeit bis morgen. Die Maggy ist doch ein sehr verständiges Mädchen. Sie hat ihn sofort richtig erkannt. Es hätte doch auch ein anderes Tier sein können. Eine große Freude wäre es für mich, wenn ich trotz des einen fehlenden Lungenflügels –« Er beendete den Satz nicht, fügte aber mit pfiffiger Miene hinzu: »Charley, ob du allen anderen wohl überlegen bist?« Er ergriff einen Krückstock, der an der Bank lehnte, und auf ihn gestützt wanderte er langsam nach dem Ufer des Heart River.

Still und verlassen war jetzt das Anwesen. Einer hielt jedoch treue Wacht. Das war der große Wolfshund Tiras. Er lag an der anderen Seite des Gebäudes und schnappte Fliegen, die ihn in ihrer unverschämten Weise immer von neuem umschwärmten. Tiras war es gewohnt, daß man ihm hier allein die Obhut überließ, während sich alle bei der Arbeit befanden. Nur Charley leistete ihm mitunter dabei Gesellschaft.

Dem Hunde schien es zuletzt auf seinem Platze langweilig zu werden. Er stand auf, reckte und streckte die Glieder und sah sich um. Er mußte etwas Ungewöhnliches bemerkt haben, denn plötzlich spitzte er knurrend die Ohren und blickte unverwandt nach Osten. Von dort nahte sich zwischen Buschwerk und Gestrüpp ein Mensch, der auf der Schulter ein Bündel an einem Stecken trug und rüstig ausschritt. Je näher er kam, desto unruhiger wurde Tiras. Und als der Mann nach einer längeren Weile nicht weit vom Hause aus dem Gebüsch hervortrat, stürzte ihm der Hund mit wütendem Gebell entgegen.

Die Kleidung des Fremden bestand aus Lederhemd mit Fransen an den Aermeln und grauen Beinkleidern, die in hohen Stiefeln steckten. Um den Leib war ein Riemen mit großem Revolver und Messer geschnallt. Ein breitrandiger, schwarzer Filzhut beschattete zum Teil das graubärtige, sonnenverbrannte Gesicht.

»Hallo, old boy! Kennst du mich nicht mehr?« rief der Mann lachend dem Hunde zu, der sich ihm, noch immer laut bellend, mit gefletschten Zähnen in den Weg stellte. »Tiras, Tiras, schlage doch einmal in deinem Gedächtnisregister nach, und wenn du mich darin gefunden hast, schäme dich, soweit dir das als Hund möglich ist!«

Das Tier stutzte. Es knurrte nur noch leise. Der buschige Schwanz begann sich langsam hin und her zu bewegen. Behutsam, die Nase vorgestreckt, trat Tiras an den Fremden heran.

»So ist es recht!« lachte dieser. »Die Vorsicht lobe ich.«

Jetzt mußte der Hund den Menschen wirklich erkannt haben, denn auf einmal sprang er, vor Freude heulend, an ihm empor und ließ sich dann willig streicheln und klopfen^

»Siehst du, altes Tier, nun sind wir wieder die guten Freunde vom letzten Jahre!« fuhr der Mann fort. »Etwas manierlicher bist du mittlerweile geworden. Früher warfst du die Leute sofort zu Boden, besonders die Rotbraunen. Die Besuche der Indianer hörten wohl auf, seitdem die Reservation der Sioux abermals weiter westlich gelegt ist, he?«

Dieses vertrauliche Gespräch wurde durch Charley unterbrochen. Er hatte das Gebell des Hundes vernommen und kam nun herbeigelaufen, so rasch es seine steifen Beine und die halbe Lunge ihm erlaubten.

»Was wollt Ihr hier? Wer seid Ihr?« keuchte er bereits von weitem.

Ein schallendes Gelächter des Fremden war die Antwort.

Erstaunt blickte der Alte auf. »Jim, Bruderherz, bist du es denn wirklich?« rief er dann voll Freude.

»Ja, alte Seele, ich bin es, und jetzt bleibe ich bei dir für alle Zeit.«

Fest hielten sich die Brüder umschlungen.

Schwanzwedelnd stand Tiras daneben und schaute mit seinen klugen Augen zu den Männern empor.

Auf einmal machte sich Charley von Jims Armen frei, und mit wichtiger Miene sagte er halb flüsternd, als handele es sich um ein Geheimnis: »Die braune Maggy hat recht. Er ist da.«

Jim wußte offenbar nicht, was der Bruder meinte; wie man seinem verwundert fragenden Gesichte ansah. »Wer ist da? Wer ist die braune Maggy?«

»Sie ist ein sehr verständiges, äußerst kluges Mädchen, denn sie brachte mich zuerst auf die Spur,« erwiderte Charley, indem er sich vergnügt die Hände rieb.

»Ich verstehe dich nicht. So rede doch vernünftig!« rief Jim ungeduldig.

Der Alte zog seinen Bruder nach der anderen Seite des Hauses. »Siehst du den Fluß dort? Du weißt nicht, Jim, wie sehr es mich freut. Ganz dieselben Spuren, wie früher in den Bergen, habe ich am Ufer im Sande entdeckt. Er ist wirklich da, ein regelrechter, echter Biber!«

»Ist es möglich?« meinte Jim, indem er seinem Gesichte einen Ausdruck des größten Erstaunens gab. Er konnte sich die Freude des Bruders, der so lange von seinem früheren, mit Leidenschaft betriebenen Handwerk getrennt war, wohl erklären. »Ich werde versuchen, ihn zu fangen.«

Charley lächelte pfiffig. »Es ist bereits geschehen,« versetzte er. »Heute morgen habe ich eine meiner alten Fallen in Ordnung gebracht und in das Wasser gelegt. Bibermoschus besaß ich auch noch gut verkorkt in einer Flasche. Ich nahm sie damals mit mir, um später von Zeit zu Zeit daran zu riechen und mir dadurch die Vergangenheit recht lebhaft in das Gedächtnis zurückrufen zu können. Vorhin befand ich mich auf dem Wege zum Fluß, da bellte der Hund. Glaubst du nicht, Jim, daß dich die Sehnsucht dennoch wieder zu den Bibern treibt?« fragte er gespannt.

»Nein, Bruderherz! Jetzt habe ich damit für immer abgeschlossen. Seitdem mein Flick gestorben ist, fühle ich mich in der Wildnis zu einsam. Es war ein treues, anhängliches Tier, das mich vergessen ließ, daß ich allein war. Alles ist verkauft, Fallen und Fanggerät. Nun will ich mich den Rest meiner Tage bemühen, hier nach Kräften zu nützen.«

»Vermagst du dir auszudenken, was Bob beabsichtigt? Eine Stadt will er hier gründen!« sprach Charley mit zweifelnder Miene.

»Weshalb nicht?« lachte Jim. »Der Junge ist zu allem fähig. Viehzucht will er ebenfalls betreiben. Mr. Belford kommt mit einer Herde von Osten. Er muß bald hier eintreffen. Etwa zwei Meilen von hier hatte er Halt gemacht, um den Tieren eine kurze Rast zu gönnen.«

»Hast du Wort gehalten, Jim? Das gefällt mir!« rief jetzt eine volltönende Stimme, und Bob sprengte auf seinem schnaubenden Pferde zu den Brüdern heran. Ihm folgten zwei Reiter. Erfreut schüttelte er dem Trapper die Hand. »Nun bist du doch beruhigt, alter Freund?« wandte er sich an Charley, der zufrieden mit dem Kopfe nickte.

»Seht! Da ist Mr. Belford bereits!« sagte Jim. Während er diesen begrüßte, betrachtete er zugleich überrascht den anderen Reiter. »Täusche ich mich? Oder seid Ihr –«

»Bill, der einst den Knaben zu Euch brachte, früher Weggeldeinnehmer der nicht sehr freiwillig zahlenden Reisenden im Territorium Wyoming, jetzt wohlbestallter Pferdezüchter, Haushofmeister und cook, dish and bottlewasher (Koch, Schüssel- und Flaschenwäscher, übertragene Bedeutung: Mann für alles, beliebte Redensart im Westen) auf dem Besitztum von Mr. Robert Reinfels,« stellte sich der Mann dem erstaunten Trapper vor und reichte ihm seine schwielige Rechte, in die dieser kräftig einschlug.

»Ihr habt also Euer gefährliches Leben aufgegeben, Bill? Und fürchtet Ihr Euch jetzt nicht vor dem Gesetze?«

»Oho, das habe ich nicht nötig!« entgegnete der frühere Wegelagerer stolz und strich seinen starken, schwarzen Schnurrbart nach beiden Seiten. »Bei meinem allerdings etwas zweifelhaftem Handwerk bin ich immer noch ein halbwegs anständiger Kerl geblieben. Mord und Totschlag habe ich zu verhindern gesucht, mich selbst aber niemals damit befaßt. Als mir nun vor einem Jahre der Prozeß gemacht wurde, ließ man mich gern laufen, nachdem ich versprochen hatte, eine andere, gebildetere Laufbahn einzuschlagen.«

»Und behagt Euch nun Euer jetziger Beruf?« fragte Belford.

»Gewiß, ausgezeichnet! Wenn ich nur im Sattel sitzen und durch das freie Land dahinjagen darf, dann bin ich ganz zufrieden. Sperrt mich in ein Zimmer oder auf die Dauer in eine Stadt, so bin ich in wenigen Monaten reif für das Tollhaus oder ein toter Mann.«

Charley, nickte zustimmend. »Ihr habt recht, Bill. Das erträgt keiner, der sein Leben lang als Dach nur den Himmel über sich gesehen hat.«

Während sich die vier Männer in dieser Weise unterhielten, ritt Bob langsam nach einem kleinen Hügel unweit des Hauses. Hier begegnete ihm ein schlankes, braunes Mulattenmädchen, das auf dem wolligen Kopfe einen schwer lastenden Korb trug.

»Die schönsten Kartoffeln, Master, fand ich im Felde,« sagte sie schmunzelnd. »Wer hätte gedacht, daß die Frucht so rasch und gut gedeihen würde?«

»Doppelt freut es mich für dich, weil wir sie auf deinen Rat pflanzten, Maggy,« erwiderte der Jüngling freundlich lächelnd. »Nun bereite die Abendmahlzeit und vergiß auch nicht, den Punsch rechtzeitig zu brauen! Mein Vater muß jeden Augenblick zurückkehren. Er bleibt heute ungewöhnlich lange aus.«

»Soll alles geschehen, Master,« lachte das Mädchen, wobei ihre schneeweißen Zähne zwischen den aufgeworfenen Lippen hervorblitzten, und trat eilig in das Gebäude.

Von der Anhöhe schaute Bob, die Hand über die Augen gelegt, nach Nordosten ausspähend. Nach einer längeren Weile bemerkte er einen Reiter, der in scharfem Trabe rasch näher kam. »Das ist mein Vater!« sprach er erfreut, und galoppierte dem Erwarteten hastig entgegen.

An dem Hauptmann waren die Jahre auch nicht spurlos vorübergegangen. Manches weiße Haar schimmerte in dem blonden Vollbarte. Und als er jetzt den Strohhut vom Kopfe nahm, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen, sah man, daß sein Haupthaar ebenfalls stark ergraut war.

»Alles ist zur vollsten Zufriedenheit abgelaufen,« rief Reinfels, während er seinen Sohn herzlich begrüßte und mit diesem wieder nach der Anhöhe ritt.

»Also gehört das Land uns,« sagte der Jüngling mit freudig glänzenden Augen. Dann fragte er eifrig weiter: »Wie weit ist es mit den Einwanderern? Dürfen wir hoffen, einige schon im nächsten Sommer hier zu sehen?«

Der Hauptmann lächelte und zeigte nach einem sich von Norden bis an den Fluß erstreckenden Waldstreifen. »Dort, mein Sohn, folgen sie mir bereits auf dem Fuße,« versetzte er und ergötzte sich an der Ueberraschung des Jünglings, der ihn sprachlos mit offenem Munde anstarrte.

Aus dem Walde hervor kam ein langer Zug Karren und Wagen. Daneben wanderte eine große Anzahl Männer, Frauen und Kinder einher.

»So rasch sollen meine kühnsten Wünsche in Erfüllung gehen?« jauchzte Bob. Er drängte sein Pferd dicht an die Seite des Vaters und umarmte diesen im Uebermaße seiner Freude.

»Ich traf die Leute schon, als ich gestern zur Stadt ritt. Damit hat dein einstiger Pflegevater Gabert seine alte Schuld getilgt, und ich bereue nun doch nicht, ihm auf deine Bitten verziehen und die Stellung in Bismarck verschafft zu haben. Er ist ein ganz anderer Mensch geworden. Mit ungemeinem Fleiß hat er sich unserer Sache angenommen und dieselbe mit viel Umsicht so eifrig betrieben, daß du mit der Ausführung deines Planes jetzt nicht mehr zu warten nötig hast, Unter den Einwanderern befinden sieht nur wenige Amerikaner. Meistens sind es Deutsche, ein gesunder Menschenschlag, wie du weißt. Mit ihm werden wir getrost unser Werk beginnen können.«

»Und wie weit ist der Bau der Eisenbahn fortgeschritten?« fragte der Jüngling immer begieriger.

»Eigentlich wollte ich mir diese zweite Ueberraschung für eine spätere Gelegenheit ersparen,« erwiderte Reinfels, während er mit väterlichem Stolz in das leuchtende Antlitz seines Sohnes sah. »Alles hast du bis jetzt ausgeschlagen, womit die Regierung sich dir erkenntlich zeigen wollte. Ich glaube, jetzt fand man etwas, was du mit Dank annehmen wirst. Die Bahn soll durch dein Besitztum am Heart River entlang führen, und die Ortschaft, die du hier gründen willst, wird die erste Station nach der Stadt Bismarck. Bist du damit einverstanden?«

Laut jubelnd schloß Bob seinen Vater abermals in die Arme.

»Endlich sehe ich das Ziel vor Augen, das mich seit meiner frühesten Kindheit als schöner Traum umgaukelt hat,« rief er begeistert, indem er seine feuchtglänzenden Augen über die von der Abendsonne in purpurnem Schimmer getauchte Gegend schweifen ließ. »Es wird nicht mehr lange dauern, dann braust hier, wo noch vor wenigen Jahren die Büffel hausten und Indianer ihre Wigwams erbauten, das keuchende Dampfroß durch das Land. Haus reiht sich an Haus, und in den Straßen drängen sich die Menschen bei ihrem Tagewerk. Fleißige Hände regen sich, wohin man schaut. Ist das erreicht, mein Vater, dann ist auch des alten Tex Vermächtnis gut angewandt, und ihm gegenüber genieße ich das befriedigende Gefühl, meine Pflicht getan zu haben.«

Der Zug der Einwanderer war jetzt ganz nahe gekommen. Bob ritt den Hügel hinauf ihnen entgegen. Die Männer schwenkten ihre Hüte und begrüßten ihn mit einem lauten »Hurra!« Dann traten sie zu ihm heran und schüttelten ihm die Hände. Es waren alles kräftige, markige Gestalten.

Der Jüngling forderte sie auf, ihm zu folgen. Er führte sie an den Häusern vorüber auf eine weite, unbebaute Strecke Land in der Nähe des Flusses. Dort wies er ihnen den Platz an für die Nacht.

Unter Lachen und Scherzen spannte man die Pferde aus und schlug das Lager auf. Geschäftig lief alles durcheinander. Die Männer brachten die Gäule fort und schlugen Holz oder luden die Sachen von ihrem Gefährt. Einer war dem andern behilflich, und selbst die Kinder eiferten mit den Aelteren darin um die Wette. Sie trugen den Frauen und Mädchen Kannen und Töpfe zu, daß jene die erste Mahlzeit in der neuen Heimat herrichten konnten.

Die Sonne verschwand, in einen violetten Dunstschleier gehüllt, wie ein glühender Ball dem Gesichtskreise. Hier und da flackerten die Feuer in dem Lager der Einwanderer auf, deren Freude über die glückliebe Ankunft am Ziel ihrer weiten Reise sich in lautem, fröhlichem Gesang äußerte.

Auf der Anhöhe schienen in das Dunkel der hereinbrechenden Nacht hinaus die erhellten Fenster des großen Gebäudes. Dorthin ritt jetzt Bob langsam, in selige Gedanken vertieft.

Die Eingangstür des Hauses führte in eine große Vorhalle, um die im ersten Stock eine Galerie lief. Ueberall hingen an den Wänden Reh- und Hirschgeweihe, Wolfs- und Bärenfelle, und dem Eingange gegenüber war ein mächtiger Büffelkopf befestigt, der mit seinen gläsernen Augen recht natürlich von da oben herabsah. In der Mitte des Raumes stand, von mehreren Kerzen beleuchtet, eine lange, gedeckte Tafel, an der Reinfels, Jim, Belford, Bill und zehn Männer Platz genommen hatten, die als Arbeiter auf dem Besitztum beschäftigt waren.

Gerade trug Maggy ein dampfendes Gefäß voll Punsch auf den Tisch, als Bob in die Halle trat und sich bei seinem Vater niederließ, dem er mitteilte, daß die Einwanderer untergebracht seien und bereits ihr Lager aufgeschlagen hätten. Dann übersah er die Tafeln runde und fragte verwundert: »Wo ist Charley? Sonst pflegt er bei den Mahlzeiten der Pünktlichste zu sein.«

»Als vorhin das Volk heranrückte und ich Tiras an die Kette legte, um ihn an etwaigem Unfug zu verhindern, war der Alte schon fortgegangen,« erwiderte Bill.

»Ich sah ihn nach dem Fluß wandern,« berichtete einer der Arbeiter.

»Wahrscheinlich will er sich die Angekommenen beschauen,« beruhigte sich der Jüngling. »Für ihn ist es ein hübscher Weg bis dorthin und zurück. Er braucht mit seinen steifen Beinen Zeit dazu. Wohl bekomms, Leute! Laßt uns essen!«

Die Männer begannen zu speisen, und eine längere Weile wurde die Stille nur durch das Klappern der Teller, Messer und Gabeln unterbrochen.

Bob sah von Zeit zu Zeit nach der Tür. Man merkte ihm seine wachsende Unruhe an. Als nun einer nach dem anderen gesättigt war und sich Charley immer noch nicht hatte blicken lassen, sprang er ungeduldig auf und rief: »Dem Alten wird doch nicht etwa ein Unglück zugestoßen sein?«

Auch Jim erhob sich sichtlich besorgt, indem er sagte: »Ich werde mich nach ihm umsehen.«

Schon wandte sich der Trapper zum Gehen, da öffnete sich die Tür, und Charley erschien auf der Schwelle. Sein altes Gesicht strahlte vor Freude, und den Krückstock in der zitternden Hand vorgestreckt, stammelte er atemlos: »Ich habe ihn. – Sagte ich es nicht, ich verstünde mehr als alle anderen? Ganz regelrecht – wie es sich gehört. – Genau so wie früher. – Ich habe ihn. – Ich habe ihn.«

Bob meinte einen Augenblick, sein alter Freund habe den Verstand verloren. Aengstlich ging er auf ihn zu und sagte mitleidig: »Beruhige dich, Charley! Komm, setze dich an den Tisch und iß!«

»Glaubst es wohl nicht, mein Junge? Aber ich habe ihn doch,« fuhr der Alte eifrig fort. »Der Weg hierher ist mir etwas sauer geworden. Hauptsächlich bergan arbeitet die Maschine in mir nicht sonderlich mehr.«

»Was hast du, Charley?« fragte der Jüngling freundlich und nahm den Freund unter den Arm. »Komm, laß dich nieder und erzähle uns, was dir begegnet ist!«

»Was ich habe, Bob?« versetzte der Alte mit verschmitztem Lächeln. »Gebt alle acht!« Er beugte sich hustend und stöhnend bei der Tür nieder und zerrte dann einen grauschwarzen Gegenstand hinter sich her in die Halle. »Das habe ich,« sagte er triumphierend und stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock.

Die Männer ergriffen die Kerzen und hielten sie hoch.

Vor den Füßen Charleys lag ein großer Biber.

»Charley, Alter, woher kommt der?« rief Bob erstaunt.

»Ja, mein Junge! – Wir sind noch ganz brauchbar – trotz des fehlenden Lungenflügels. – Brauchbarer – als man glaubt. – Gefangen habe ich das Tier, regelrecht in der Falle gefangen. – Genau wie früher. Wir haben es noch nicht verlernt. Mit den Hinterfüßen saß er fest. Bald wäre es doch zu spät gewesen. Ein Bein hatte er sich bereits abgenagt. – Mit diesem Stock erhielt er den regelrechten Schlag auf die Schnauze. Dann fiel er um – sagte gar nichts mehr – und ich hatte ihn. Allen ist er zu schlau gewesen – nur mir nicht. – Ich verstehe doch mehr als die andern. – Er ist mächtig fett, mein Junge, aber steinalt!«

So plauderte der aufgeregte Alte unaufhörlich weiter. Mit vieler Mühe wurde er an den Tisch genötigt. Doch während er aß, warf er zwischendurch immer wieder einen Blick nach seiner Beute. Bald schob er den Teller beiseite und wandte sich von neuem lächelnd nach seiner Beute. »Ich verzichte. – Die Freude hat mich ganz satt gemacht,« meinte er, und wieder begann er zu erzählen, wie ihm der Fang geglückt sei.

Bob füllte nun die Gläser mit Punsch. Mittlerweile deckte Maggy den Tisch ab.

Als sie dabei in die Nähe Charleys kam, hielt dieser sie am Kleide fest, und während er mit dankbarem Blick zu ihr emporschaute, sprach er gerührt: »Du bist ein kluges Mädchen, Maggy. Du sollst dafür belohnt werden. Du hast ihn beim Waschen im Wasser gesehen. Jetzt liegt er hier. Einen Pelzkragen mache ich dir von dem Fell. Es taugt zwar jetzt im Sommer nicht viel. Aber für die Wildnis ist der Kragen gut genug. Wenn du einmal nach der Stadt reitest, zwingt dich keiner, ihn umzubinden.«

»Hier, lieber Freund, trinke! Das tut dir gut,« rief Bob und stellte vor den Alten ein gefülltes Glas.

Charley brachte seinen Mund an den Rand, fuhr aber sofort wieder zurück und sah den Jüngling beinahe erschrocken an. »Der Punsch ist von Whisky gebraut,« sprach er gedehnt, indem er das Glas weit von sich fortschob.

»Trinke nur, Alter!« lachte Bob. »Der Punsch ist nicht allzu stark.«

»Glaubst du, ich will mir dadurch den Tod holen, wo ich die Möglichkeit sehe, noch Biber fangen zu können? Nein, mein Junge, ich habe es geschworen, daß ich eher sterben will, als Whisky wieder auf die Zunge nehmen. Und meineidig werde ich nicht!«

Das Mulattenmädchen kannte bereits die Abneigung des alten Trappers gegen jenes geistige Getränk. Sie stellte daher eine Flasche Bier vor Charley hin.

»Maggy, du bist ein verständiges Mädchen!« sprach dieser schmunzelnd. Er füllte sich ein neues Glas, trank und rückte seinen Stuhl derartig, daß er seinen Fang fortwährend vor Augen hatte.

»Der Biber erinnert mich wieder lebhaft an die Vergangenheit, an unser Leben in den wilden Bergen,« sagte Bill und schaute vor sich hin. »Es war doch eine schöne Zeit. Frei wie der Vogel in der Luft durch das weite, herrliche Land zu jagen, heute hier, morgen dort; ohne Ziel weiter und immer weiter zu ziehen über Berg und Tal mit dem königlichen Bewußtsein: So weit der Blick reicht, gehört alles dir, und wer dir nicht gutwillig weicht, weicht deiner Gewalt. Dort in der Wildnis bildet sich die ungeknickte Menschennatur heraus, und selbstvertrauend auf seine Kraft erkennt der Mann mit sicherem Auge den Weg, den er einzuschlagen hat. Auch Ihr, Bob, habt dieses göttliche Leben genossen. Ihr habt ebenfalls Eurer eigenen Kraft vertraut, als Ihr die Arapahoes zum Siege führtet. Zwar wäret Ihr damals nur ein Knabe, aber schon brach sich die Natur in Euch Bahn, und mit sicherem Auge erkanntet auch Ihr den Weg. – Euer Wohl! Ich trinke auf den Bob der vergangenen Zeit. Dieses Glas gilt Bob dem Fallensteller.«

Die Männer verließen ihre Sitze und stießen mit dem Jüngling an. Laut erklangen die Gläser.

Nur Charley rührte sich nicht. Sein graues Haupt hing nach einer Seite auf die Schulter herab.

Jim sprang ängstlich zu dem Bruder. – Ein allgemeines Schweigen trat ein. Doch gleich darauf wich die erschrockene Miene von dem Gesichte des Trappers, und lächelnd sagte er: »Es ist ihm zu viel geworden. Er schläft.«

Alle nahmen ihre Plätze wieder ein, und Bob füllte die Gläser von neuem.

Jetzt erhob sich Hauptmann Reinfels. »Werte Männer,« begann er mit seiner klaren, vollen Stimme, »meinem Sohne ist heute ein neues Ziel eröffnet. Die ersten Bewohner einer künftigen Ortschaft sind hier angelangt, und nun heißt es, mit aller Kraft an das Werk gehen, um ihnen eine neue Heimat zu schaffen, in der sie sich glücklich fühlen und vergessen lernen, daß sie fern von der alten Heimat weilen. Wohl erkenne ich an, daß ein Leben, wie es uns Bill soeben entworfen hat, einen ganzen Mann erfordert und auch zu bilden vermag. In diesem Leben außerhalb der Gesellschaft aber liegt gewiß der Beruf des Menschen nicht. Seine höchste Aufgabe ist und bleibt es, als dienendes Glied der Gesamtheit zum Wohle seiner Brüder zu wirken und mit Verzicht auf einen Teil seiner natürlichen Neigungen sich in die Arbeit des öffentlichen Lebens einzufügen. Darin wird auch mein Sohn seinen Segen suchen und finden, und darum möchte ich mein Glas leeren mit dem Wahlspruch: Es lebe, wirke und schaffe Bob der Bürger, der Städtegründer!«