Andrew Brown – Der rote Spion

Zu rechter Zeit

Südlich und östlich von den Black-Hills – an der Nordecke des Staates Nebraska und der Südecke des Staates Dakota – erstrecken sich die sogenannten Bad-lands. Das Gelände ist zum Teil bergig, zum Teil besteht es aus weiten, meistens beinahe kahlen Flächen. In ihrem steinigen Boden gedeihen nur kümmerlich einige Gräser und hier und dort einzelne verkrüppelte Pechtannen, sowie der sagebrush, der Salbeibusch, der mit wenig Nahrung zufrieden ist.

Unzählig sind die washouts, das sind Rinnen, die das im Frühjahr von den Höhen rieselnde Wasser nach und nach in den steinigen Boden grub. Breite Spalten und tiefe Schluchten, durch die Bäche über Steingeröll und Felsblöcke schäumend talabwärts rauschen, machen es dem Unkundigen kaum möglich, das Land zu kreuzen. Es spricht der emsig fortschreitenden Kultur Hohn, die hier keinen Segen zu ernten vermag.

Der Farmer sieht mit Verachtung darüber hinweg, und auch der Rancher, der Viehzüchter, bleibt ängstlich dem pfadlosen, wild zerklüfteten Lande fern, in welchem seine Rinder kaum Futter finden und ständig Gefahr laufen würden, Genick und Beine zu brechen und winters in dem Schneetreiben gewiß rettungslos zugrunde zu gehen.

Es ist Herbst. Aus dem dichtbewölkten, bleigrauen Himmel ergießen sich von Zeit zu Zeit heftige Regenschauer, und rauhe Stürme lassen das öde, wilde Land noch unwirtlicher erscheinen.

Nördlich von dem Flüßchen South-Fork führt aus den Bad-lands eine breite Schlucht in die Black-Hills. Die schroffen, vielfach gespaltenen und ausgezackten Felswände, die sich an beiden Seiten der Schlucht emportürmen, sind von schwarzem Gestein. Den Boden der Schlucht bedeckt ein wüstes Durcheinander von Felstrümmern, aus denen sich einzelne mächtige, zum Teil seltsam geformte Felsblöcke erheben, als seien sie hervorgewachsen. Die tote Starrheit der dunklen Felsen ringsumher mildert keine grüne Pflanze. Das wenige Gras ist verwelkt, und dürr hängen die Blätter am spärlich vorhandenen Strauchwerk.

Hoch oben am Rande der einen Felsenmauer klammert eine Pechtanne ihre Wurzeln in das nackte Gestein. Das Leben in ihr ist entflohen. Ihre Zweige sind kahl. Bedenklich neigt sie sich über den schwindelnden Abgrund, und es ist, als genüge ein leichter Stoß, sie in die Tiefe zu schleudern, wo die öde, unheimliche Einsamkeit jedes lebende Wesen verscheucht zu haben scheint.

Plötzlich mischt sich in das Pfeifen des Windes, der über die Höhen saust, weiter nach dem Eingange der Schlucht hin eine menschliche Stimme.

»He! Ruhig! Ruhig, Jenny! Sei vernünftig! He! Ho!« klingt es halb ängstlich, halb befehlend.

Vorsichtig und lauschend tritt jetzt eine Gestalt aus einem breiten Spalt in der Felswand gegenüber der Pechtanne, die dem Verderben geweiht ist. Es ist ein junger, kaum dem Knabenalter entwachsener Indianer. Das Lederhemd schließt eng an. Lange Fransen schmücken es auf der Brust, auf dem Rücken und an den Ärmeln. Die Beinkleider sind bis zum Knie eng; von da abwärts sind sie an den Seiten aufgeschlitzt. Der schlanke Körper kommt in ihnen voll zur Geltung.

Der junge Indianer trägt einen patronengespickten Gürtel, an dem ein großer Revolver und ein langes Messer in Lederscheiden sitzen, um den Leib. Schußbereit hält er eine Büchse in den Händen. Lang hängen ihm die schwarzen Haare bis auf die Schultern. Doch wie er sie nun, den Kopf zurückwerfend, in den Nacken schüttelt und sein rotbraunes Antlitz dem vollen Lichte zuwendet, fehlt diesem die breite, knochige, dem roten Volke eigene Form. Auch die Nase ist mehr geradlinig als gebogen. Die Lippen sind voller; und zwei große, graublaue Augen, von langen, schwarzen Wimpern beschattet, schauen unter dunklen Brauen hervor.

»He! Ho! Halt, Jenny! Zum Henker! Nieder mit dir! Ruhig!« ertönt es abermals lauter, ängstlicher und an den Felswänden widerhallend.

Behutsam und tief zur Erde niedergebeugt schleicht der junge Bursche nach der Richtung, von wo die Stimme erschallt. Näher und näher klingt sie an sein Ohr, zuletzt ganz nahe. Nun richtet er sich hinter mehreren, dicht aneinander lehnenden Felsblöcken auf und schaut zwischen ihnen hindurch.

Keine zwanzig Schritt von ihm entfernt rupfen zwei beladene Packpferde gierig einzelne trockene Grashalme ab, die zwischen einem Haufen Felstrümmern stehen. Unweit von ihnen liegt ein Gaul auf dem Boden, der mit scharfen, eckigen Steinen und Geröll bedeckt ist. Unter dem Gaul aber liegt mit dem rechten Bein ein Mann, der augenscheinlich seine letzte Kraft aufbietet, um den Kopf des Tieres niederzudrücken, das Miene macht, sich auf den Rücken zu wälzen und seinen Reiter vollends unter sich zu begraben.

Über das Gesicht des braunen Burschen gleitet ein höhnisches Lächeln. Er weidet sich mit sichtlicher Wonne an der verzweifelten Lage des weißen Mannes, dessen Kräfte jetzt stark nachlassen.

Endlich sinkt er machtlos zurück.

Da umklammern zwei Arme den Hals seines Pferdes und reißen es zur Seite. Dann fühlt er sich unter den Schultern gepackt, mit einem Ruck unter der lebenden Last hervorgezogen und eine kurze Strecke fortgeschleift.

Das Pferd rollt nach der Seite, dorthin, wo er gelegen hat, worauf es vergeblich versucht, sich zu erheben.

Einen Augenblick lag der Weiße wie ohnmächtig. Dann stützte er sich auf den Ellenbogen und nickte seinem Retter lächelnd zu.

Der Weiße war ein schon älterer Mann mit wetterhartem, faltenreichen Gesichte, das von grauem Haupthaar und kurzgeschorenem, grauen Bart umrahmt wurde. Seine Kleidung bestand aus einer Lederjacke, wollenem Hemd und ledernen Beinkleidern, die in hohen, bis zum Knie reichenden Stiefeln steckten. Um die Lenden trug auch er einen patronengespickten Gürtel mit Revolver und Messer.

»Gott sei gedankt, der dich in meiner großen Not zur rechten Zeit sandte, Andrew Brown!« sprach er mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung. »Keine Minute später durftest du kommen, sonst wären nicht viel Knochen in meinem Körper heil geblieben, – ja – es wäre wahrscheinlich mit mir vorbei gewesen.«

»Mich sandte niemand,« gab der Bursche trotzig zurück und lehnte sich mit beiden Armen auf den Lauf seiner Büchse. »Schreien hörte ich Euch wie eine Elster, die der Fuchs gefangen hat, und das trieb mich her. Wenn Ihr es nicht gewesen wäret, Tom Collins, hätte ich Euch von dem Gaule zerquetschen lassen und keinen Finger gerührt.«

Er lachte erheitert und zeigte nach dem Pferde, dessen Anstrengungen, sich emporzurichten, erfolglos blieben. »Wie es zappelt und sich abmüht! Ein gesunder Gaul hat schon Mühe, sich zwischen den Steinen zu erheben. Der mit seinen drei Beinen wird es nie fertig bringen«, sagte Andrew Brown mit einem spöttischen Lächeln.

»Potz Wetter, du hast recht!« rief Tom Collins betroffen und sprang auf. »Jetzt sehe ich es. Das arme Tier hat das linke Vorderbein gebrochen. – Pfui! Schäme dich, Junge! Wie können dich die Qualen des bedauernswerten Geschöpfes ergötzen?« sagte er unwillig.

Er trat rasch zu dem Pferde, das in seinen Bemühungen matt und keuchend innehielt. »Haben meine guten Lehren bei dir so wenig gefruchtet oder sind die schlechten Gesinnungen des roten Volkes so sehr mit dir verwachsen? Empfindest du auch wie sie eine solche teuflische Lust, wenn es andere leiden sieht, daß du sie nicht abzulegen vermagst?«

Andrew Browns Miene verfinsterte sich bei den letzten Worten. Tom Collins klopfte den Hals seines Pferdes liebkosend und fuhr mitleidig fort: »O, o, arme Jenny! Arme Jenny! Was soll ich jetzt mit dir anfangen? – Hm! Hm!«

Er kraute sich hinter dem Ohr und schaute traurig auf das gebrochene, zur Seite gebogene Bein. »Arme Jenny, da gibt es nur ein Mittel hier inmitten der Wildnis, und es ist zugleich eine Wohltat für dich. Ich kann dir leider deine jahrelangen treuen Dienste nicht besser lohnen, als daß ich dich bald von deinen Schmerzen befreie.«

Langsam zog er seinen Revolver aus der Tasche. Sein Vorhaben wurde ihm sichtlich schwer. Dann war es, als schäme er sich seines Zögerns. Hastig setzte er die Mündung der Waffe hinter das rechte Ohr des Tieres. »Lebe wohl, du treuer Freund!« sprach er mit zuckenden Lippen.

Der Schuß krachte und das Pferd brach verendend in sich zusammen.

Tom Collins beugte sich zu ihm nieder und streichelte den Hals des Tieres, bis es die Beine von sich streckte und sich nicht mehr regte. Dann wandte er sich langsam ab und schob den Revolver in die Tasche zurück.

Der braune Bursche hatte ihm erstaunt zugeschaut, ohne seine Stellung zu verändern. Es war nach seiner Ansicht lächerlich, noch einen Schuß an ein Pferd zu verschwenden, das nicht mehr zu gebrauchen war – besonders hier, wo es den stets hungrigen Wölfen, die in Massen umherstreifen, sehr bald zum Opfer fiel. Das verächtliche Lachen, in das er ausbrechen wollte, verging ihm aber, als er jetzt das wehmütige Antlitz des weißen Mannes sah. Eine Träne rann aus seinem Auge in den grauen Bart. Da meinte der Bursche leichthin: »Wie könnt Ihr dem Gaule noch freundlich gesinnt sein, der Euch bald getötet hätte?«

»Hätte das Tier dort menschlichen Verstand gehabt, so hätte es mich gewiß nicht gefährdet,« antwortete Ton Collins einfach und rieb sein rechtes Bein und seine rechte Seite.

»Hm! Hm! Ganz ohne Folgen ist der Sturz doch nicht geblieben«, sprach er besorgt weiter. »Das ist recht unangenehm! Jetzt muß ich meinen Weg zu Fuß fortsetzen.«

Er schritt einige Male auf und ab. »Es schmerzt etwas. – Hm! Hm! – Es wird wohl schon noch gehen, wenn ich kurze Zeit gerastet habe und mich von meinem Schrecken erhole,« tröstete er sich und machte sich daran, das tote Pferd abzusatteln und abzuzäumen.

Inzwischen begann es zu regnen. Zuerst fielen nur einzelne Tropfen. Dann goß es in Strömen vom Himmel.

Andrew Brown blickte unruhig nach den dichten, dunkelgrauen Wolken hinauf. »Das Wasser wird längere Zeit vom Himmel fließen,« sagte er und schüttelte sich. »Ich weiß in der Nähe einen trockenen Platz. Kommt mit mir dorthin!«

Tom Collins nickte. »Sobald ich hier fertig bin, begleite ich dich gern dorthin, mein Junge.«

Der Bursche brummte mürrisch etwas vor sich hin. Der Regen war ihm sehr unbehaglich, und die Arbeit des Weißen dauerte ihm viel zu lange. Es kam ihm aber nicht in den Sinn, ihn zu unterstützen. Er war dem Manne erst behilflich, als dieser sich vergeblich abmühte, den Sattelgurt unter dem Pferde hervorzuziehen und es jetzt wolkenbruchartig vom Himmel strömte.

Tom Collins verteilte Zaumzeug und Sattel sowie die Decken und Büffelfelle, die hinter diesem festgeschnallt waren, auf die beiden Packpferde. Dann folgte er, indem er sie am Zügel führte, hinkend und unter sichtlichen Schmerzen Andrew Brown in die Schlucht und in den Felsspalt hinauf, aus dem der Bursche vorhin hervorgetreten war. Dieser Spalt mündete in eine geräumige Höhle. In ihrem Hintergrunde stand, an eine Felszacke gebunden, ein gesatteltes Pferd, das die Gäule des Weißen wiehernd begrüßte, als er sie nach sich in die Höhle zog.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ sich Tom Collins auf einen der großen Steine nieder, die am Boden lagen. Andrew Brown setzte sich ihm gegenüber.

Beide schwiegen eine längere Weile.

Draußen klatschte der Regen und heulte der Sturm.

»Zum zweiten Male hast du mich heute vor Unheil bewahrt, – ja – mir vielleicht sogar das Leben gerettet,« hub Tom Collins zuerst wieder an. »Auch damals kamst du zur rechten Zeit, als mich die Wegelagerer aufknüpfen wollten. Eine Minute später – und ich hätte am Baumast gehangen.«

»Die Sonne bleicht die Schädel der zwei weißen Männer und ihre Skalpe schmücken die Pfeife Mitasa-os«, murmelte der braune Bursche.

Tom Collins achtete nicht auf den Einwurf. Schnell fuhr er fort: »Heute sagst du mir, daß du nicht geholfen hättest, wenn ich es nicht gewesen wäre, dem die Gefahr drohte, von dem Pferde erdrückt zu werden, das sich in seiner Pein herumwälzte.«

»So ist es!« entgegnete Andrew Brown kurz. »Ich hasse die Weißen. Nur Euch hasse ich nicht, weil Ihr mir bewiesen habt, daß Ihr nicht wie Eure Brüder seid.«

»Du hassest sie, und dennoch könntest du dich mit größerem Rechte zu ihnen zählen, als du jetzt glaubst, zu dem roten Volke zu gehören. Du bist ein Halbindianer. Dein Vater war ein Weißer, und nur deine Mutter, sein Weib, eine Indianerin.«

»Er hinderte nicht, daß ich unter dem roten Volke aufwuchs. Wenn ich denke, wie meine roten Brüder denken, so hat er die Schuld,« erwiderte der Bursche trotzig. »Die Weißen sind wie Jäger, und das rote Volk ist das Wild. Wir sollen wie Hunde sein, die sie hintreiben können, wohin sie wollen. Sie reißen die Jagdgründe, die uns gehören, an sich, als wären sie ihr Eigentum. Sie verlocken meine Brüder, die wie Kinder sind, mit Silber und mit Feuerwasser. Aber sie sollen sich hüten! Noch ist die Kraft des roten Volkes nicht gelähmt wie das Bein Eures toten Pferdes. Es ist nur wie ein Bär, der schläft. Doch es wird erwachen.« Nach kurzer Pause fuhr er fort: »Für mich gibt es noch eine Tat zu vollbringen, noch kühner als die, durch die ich bereits zeigte, daß ich trotz meiner sechzehn Sommer kein Knabe mehr bin. Dann muß man mich zum Krieger ernennen – und bin ich erst das, so will ich auch Häuptling werden. Als Häuptling aber will ich mein Volk aus dem Schlafe aufrütteln. Meine Klugheit, die ich von meinem Vater erbte, soll mir helfen, mein Volk zum Vernichtungskampfe gegen die Weißen zu führen. Ich will nicht eher rasten, als bis sie zurückgedrängt sind, hinaus aus unseren Jagdgründen, als bis viele, viele die Erde mit ihrem roten Blute tränken. Ich werde meinen Vater finden! Er soll einer der ersten sein, dessen Skalp an meinem Gürtel hängt. Er soll es büßen, daß er mich und meine Mutter schnöde verließ! Tod und Verderben allen Weißen!«

Andrew hatte sich erhoben und immer erregter gesprochen. Seine Augen funkelten, und bei den letzten, laut hervorgestoßenen Worten schüttelte er zornig die geballten Fäuste.

»Tod und Verderben allen Weißen?« wiederholte Tom Collins lächelnd.

»Jetzt plötzlich mache ich keine Ausnahme mehr?«

»Wenn Ihr Euch feindlich gegen mich stellt, wie Eure Brüder das tun, und mit ihnen – nein!« versetzte der Bursche schroff.

Wieder schwiegen beide kurze Zeit.

»Weißt du gewiß, daß dein Vater dich und deine Mutter böswillig verließ?« fragte Tom Collins dann eindringlich.

»Waha-u, der große Häuptling, hat es mir gesagt,« antwortete Andrew Brown stolz.

»So? Er hat es dir gesagt. Darum glaubst du es?« Tom Collins zuckte die Achseln geringschätzig. »Wenn du wirklich den Verstand deines Vaters hättest, müßtest du wissen, daß deine roten Brüder alle mit doppelter Zunge reden. Deine Mutter entstammt den Sioux. Du weißt, daß die Arrapahoës ihnen von jeher feindlich gesinnt waren und es noch bis auf den heutigen Tag sind. Es scheint mir daher sehr unwahrscheinlich, daß deine Mutter einst mit dir zu ihnen floh. Ja, ich weiß, das behauptet Waha-u, der gelbe Büffel. Er kann freilich reden, was ihm beliebt, denn deine Mutter ist seit vielen Jahren tot.«

Andrew schritt, ohne etwas zu entgegnen, nach dem Eingange der Höhle und schaute in den immer noch heftig herabströmenden Regen.

»Ich bedaure das rote Volk von Herzen,« hub Tom Collins nach kurzem Sinnen wieder an. »Unaufhaltsam breitet sich die Kultur, die immer rüstiger fortschreitet, über die noch brach liegenden Länder der Erde aus. Was sich ihr nicht unterwirft, rottet sie unbarmherzig aus. Das ist der Welt Lauf.«

»Ja«, fuhr er fort, »wenn deine roten Brüder arbeiten könnten, wenn sie im Schweiße ihres Angesichts mit denen schaffen könnten, die bewußt oder unbewußt die Kultur fördern, dann gingen sie nicht zugrunde. Dann würden sie sich auch nicht geknechtet und unterdrückt fühlen. Es ist jedoch wider ihre Natur, die Hände zur Arbeit zu regen, und deshalb müssen sie schließlich weichen, mögen sie sich sträuben, so viel sie wollen.«

Tom Collins wandte sich zu dem Burschen hin: »Was deinen Plan angeht, dem armen roten Volke wieder zu seinem Rechte zu verhelfen, so wäre er zu achten, wenn dich das Mitleid leitete. Dich treibt aber der Haß vorwärts, ein vielleicht unbegründeter Haß gegen deinen Vater und deshalb blindlings gegen alle Weißen. Dich treibt der Ehrgeiz, oder besser die Begierde, – das Verlangen, bei deinen roten Brüdern eine hervorragende Stellung einzunehmen, denn du fühlst wohl, daß sie infolge der Fähigkeiten, die du von deinem Vater geerbt hast, unter dir stehen.«

Er schwieg einen Augenblick und sah zu Andrew auf. Dann sagte er: »Du tust mir leid, mein Junge! Denn du vergißt, daß du Halbindianer bist. Deine roten Brüder werden dich nie voll zu ihresgleichen zählen. Strebst du dennoch deinem Ziele zu, so werden sie dir zeigen, wie sie dich mißachten. Das wird für dich eine bittere Enttäuschung sein, vor der ich dich gerne bewahren möchte.«

Andrew Brown winkte abwehrend mit der Hand. Tom Collins ließ sich jedoch nicht stören und fuhr freundlich fort: »Schon als du mir zum ersten Male das Leben gerettet hattest, schlug ich dir vor, das rote Volk zu verlassen und mit mir zu gehen. Viel kann ich dir allerdings nicht bieten, denn was ich als Indiantrader verdiene, reicht gerade aus, mein Leben zu fristen. Ich verlangte nie mehr, und darum bin ich redlich und ehrlich geblieben, im Gegensatz zu so vielen anderen meines Gewerbes. Ich will dich aber alles Gute lehren, was in mir wohnt, – und ich will mich nach Kräften bemühen, in dir die Lust zur Arbeit zu erwecken. Gott wird mir beistehen, daß es gelingt. Dann wirst du zufrieden und glücklich sein; denn nur in der Arbeit, im Schaffen liegt das Glück des Menschen.«

Er fügte nachdenklich hinzu: »Einst habe ich es selbst erfahren.« Doch er strich sich schnell über die Stirn, als wollte er die Gedanken dahinter verscheuchen, und er sprach freundlich weiter: »Willige ein, mein Junge! In dir sitzt ein guter Kern. Noch ist es Zeit, zu verhindern, daß die rauhe, harte Schale, die ihn umgibt, zu Stein verhärtet. Das befürchte ich, wenn du noch länger bei dem roten Volke bleibst. Der Winter naht. Bald verkrieche ich mich in meinen Fuchsbau unweit von Fort Reno. Dort bleibe ich, wie du weißt, still und einsam bis zum Frühjahr. Jetzt ziehe ich noch zu den Cheyennes und dann noch einmal zu euch, den Arrapahoës. Wenn ich mich dann dort wieder einrichte, folge mir dorthin.«

Andrew schüttelte den Kopf, ohne sich umzuwenden. Der Indiantrader verließ leise stöhnend und sich vorsichtig reckend seinen Sitz. »Überlege es dir, mein Junge! In etwa einem Monat bin ich bei euch. Bis dahin – Auf Wiedersehen! – Der Regen läßt nach. Ich will wieder aufbrechen. Ich muß mich sputen, wenn ich noch vor Abend den Green-Fork erreichen will, wo ich bequem übernachten kann und wo meine Tiere auch noch einiges Futter finden. Mit meinem halblahmen Bein wird es langsam gehen.«

Der Bursche ging zu seinem Pferde und nahm ihm Sattel und Zaum ab. »Reitet diesen Gaul! Ich brauche ihn nicht«, sprach er leichthin. »In unserem Camp habe ich noch drei andere Tiere, und«, fügte er verschmitzt und vor sich hinflüsternd hinzu, »wenn meine Absicht gelingt, bringe ich mindestens noch zwanzig heim.«

Freudig überrascht sah ihn Tom Collins an. »Sieh, mein Junge, das ist wieder einer von deinen guten Zügen, – einer deiner roten Brüder wäre dessen nicht fähig«, sagte er warm und legte dem jungen Halbindianer die Hand auf die Schulter. »Habe Dank! Ich nehme dein Anerbieten gern an. Jetzt, wo ich auf den Beinen stehe, regt sich doch die Sorge in mir, daß mir das Laufen herzlich sauer werden möchte. Wenn ich zu euch komme, liefere ich das Pferd wieder ab.« Er kraute sich hinter dem Ohr. »Bedenkst du aber auch«, sagte er dann, »wie weit du von eurem Camp entfernt bist?«

»Pah!« rief Andrew Brown geringschätzig. »Für mich gibt es keine Entfernungen. Und ob ich laufe oder reite, ist mir gleich.« »Ja, ich weiß es, mein Junge«, nickt der Indiantrader. »Wenn es gilt, das Land zu durchstreifen, so machst du es nicht wie deine roten Brüder heutzutage, die gemächlich vorwärtsziehen, jedes Hindernis weit umgehen und stets darauf bedacht sind, daß sie ja ihre gehörige Ruhe und ihre reichlichen Mahlzeiten nicht einbüßen. Du scheust weder Entbehrungen noch Mühen. Daher bin ich auch überzeugt, daß du auch jede Arbeit leicht überwinden wirst, bis du deine Freude an ihr hast. Dann hört die Arbeit auf, Arbeit zu sein.«

Nachdem Tom Collins das Pferd mit seinem Sattel und Zaumzeug versehen hatte, führte er es zusammen mit den beiden Packgäulen in das Freie.

Andrew folgte ihm.

Bevor der Indiantrader in den Sattel stieg, wandte er sich noch einmal seinem jungen Freunde zu. »Glaube mir, mein lieber Andrew, es wäre wahrlich besser für dich, wenn du dem roten Volke den Rücken kehrtest und künftig bei mir bliebest«, sagte er in herzlichem Tone.

»Weise es nicht kurz ab! Überlege es dir wenigstens und – denke an meinen Rat! Vergiß nicht, daß du ein Halbindianer bist! – Sieh! Den Namen, Andrew Brown, habe ich dir schon gegeben, weil ich in dir mehr den Weißen als den Indianer sehe. Laß mich nun auch in dir erwecken, was dir noch fehlt, damit du nach deinen Gesinnungen ganz ein Weißer bist. Gott wird mir helfen, daß ich aus dir einen brauchbaren, gesitteten Menschen mache. Er weiß, daß ich es gut mit dir meine, – so gut, wie es wohl ein Vater nicht besser mit seinem Sohne meinen könnte.«

»Euer Gott wird sich nicht viel um mich kümmern«, erwiderte der Bursche. Der spöttische Ton aber, in dem er es zu sagen beabsichtigte, wollte ihm nicht recht gelingen.

»Wie oft habe ich dir schon wiederholt, daß der Gott, den du unseren Gott nennst, auch der eurige ist«, versetzte Tom Collins und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott ist der Vater aller Menschen. Er hält seine Hand schützend über sie alle, und auf ihrem Haupt wird kein Haar gekrümmt, wenn er es nicht will. Ohne seinen Willen haucht kein Tier sein Leben aus, und keine Pflanze welkt ohne seinen Willen dahin. Sieh dort oben jene tote Tanne, die sich über den Abgrund neigt! Gott hat die Macht, sie vor dem Sturz in die Tiefe zu bewahren!«

Andrew warf einen Blick nach dem Baume, der im Winde leise schwankte. Er drohte jeden Augenblick herabzustürzen. Ein spöttisches Lächeln zuckte um den Mund Andrews, während der Indiantrader in den Sattel kletterte, wobei er ein schmerzliches Stöhnen nicht unterdrücken konnte.

»In einem Monat sehe ich dich wieder, so Gott will«, sagte er darauf und reichte dem Burschen die Hand. »Ich will dir von Herzen wünschen, daß du mich dann begleitest. Lebe wohl!«

Er nickte ihm freundlich zu. Wehmütig schaute er noch einmal nach der Stelle, wo sein totes Pferd lag. Dann drückte er seinem Gaule die Sporen in die Seiten. »Get up! get up!« rief er den Packtieren zu. So trieb er diese vor sich her und ritt die Schlucht hinauf fort.

Andrew Brown sah ihm verstohlen nach, bis der Weiße zwischen den Felsenmauern verschwunden war. Dann schaute er wieder hastig nach der einsamen Tanne. Als er sie eine Weile sinnend betrachtet hatte, lachte er laut und höhnisch auf.

»Pah, Tom Collins!« murmelte er, indem er schnell die Schlucht kreuzte. »Gleich soll mir dein Gott zeigen, was er vermag.«

Er warf seine Büchse am Riemen über die Schulter. Dann erklomm er die Felswand an dem zackigen Gestein mit affenartiger Behendigkeit und schob sich zwischen den überall klaffenden Spalten hoch. Oben eilte er mit fliegendem Atem zu dem Baume. Er legte die Rechte rasch an den Stamm und versuchte mit einem kräftigen Ruck, die Tanne in die Tiefe zu stürzen. Aber in ihr befand sich noch zu viel Schwungkraft. Von dem heftigen Stoße neigte sie sich wohl weit nach vorn hinüber. Dann schnellte sie doch kräftig zurück. Eine ihrer Wurzeln, die nach dem Abgrund zu liefen, hob sich hoch, und ein Stein schob sich darunter. An den Seiten lösten sich gleichzeitig mehrere größere Felsstücke und legten sich unten so um den Stamm, daß er jetzt beinahe steil aufrecht und wie eingekeilt stand.

Maßlos erstaunt starrte der Bursche auf die Tanne. Als nun die Sonne durch die Wolken brach und einer ihrer Strahlen sekundenlang den Baum, der vom Sturze gerettet war, in ein glänzendes Licht tauchte, beschlich ihn ein unheimliches, unsicheres Gefühl. Wie ein Dieb stahl er sich hinweg. Doch er sah sich immer wieder nach der Tanne um, bis ein Hügel sie seinen Blicken entzog.

Da atmete er unwillkürlich erleichtert auf und schritt über eine stark wellige, kurze, kahle Fläche langsam weiter. Das Wunderwerk in seinen Augen hatte ihm den Glauben an den Gott des weißen Volkes und an dessen Allmacht näher gerückt. Vergeblich sträubte er sich dagegen. »Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott ist der Vater aller Menschen«, klangen ihm die Worte des Indiantraders unaufhaltsam im Ohr.

Auf einer Anhöhe, die meilenweit sämtliche übrigen Höhen überragte, blieb er stehen. In Gedanken versunken ließ er die Blicke über das wilde, hügelige Land schweifen. Da zuckte er plötzlich zusammen und schaute mit atemloser Spannung nach dem Osten. Sein scharfes Auge hatte dort Rauch entdeckt, der in der Ferne aus dem Boden hervorzuquellen schien. Er riß die Büchse von der Schulter und umklammerte sie mit beiden Händen. Eine kühne Begeisterung flammte auf seinem Antlitz. Vergessen war, was noch soeben sein ganzes Denken erfüllte.

»Euch ist es noch unbehaglicher als mir, wenn Wasser eure Haut berührt. Euch rollt das reine Blut des roten Volkes durch die Adern«, murmelte er. »Ihr suchtet Schutz vor dem Naß, das vom Himmel strömt, – deshalb ließet ihr mich warten. Bleibt nur, wo ihr seid. Dort überrasche ich euch noch lieber als in der Schlucht.– – Verleihe mir Kraft und hilf mir, guter Geist, den Feinden zu schaden!« rief er laut. Doch gleich darauf sah er sich scheu nach der Tanne um, die von seinem erhöhten Standpunkte aus aufs neue sichtbar war. Soeben streifte sie wieder ein Sonnenstrahl, der über das Gelände flog. Ihm war, als höre er jetzt ganz deutlich neben sich die Worte: »Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott ist der Vater aller Menschen!« Er warf den Kopf trotzig in den Nacken und eilte schnell in der Richtung weiter, wo der Rauch ihm den Aufenthalt der Feinde verriet, die er seit Tagen suchte und seit dem Morgen erwartete.

Es war ein weiter, beschwerlicher Weg, den er zurückzulegen hatte, aber er überwand die größten Schwierigkeiten ohne sichtliche Mühe. Die steilsten Abhänge glitt er sicher hinab, indem er jeden Felsvorsprung, jede Zacke als Stütze benutzte. Sein schlanker, geschmeidiger Körper schwang sich leicht über mannsbreite Spalten und Klüfte, und so behende wie vorhin erkletterte er die Höhen, die seinen Pfad kreuzten. Er wich jedoch auch oft gänzlich von der bisherigen Richtung ab und schlug sie erst nach geraumer Zeit wieder ein. Hier wandte er sich dem größten Felsengewirr zu, das zu übersteigen kaum möglich schien. Hinter diesem befand sich dann eine längere Strecke ebenen Bodens, auf dem sich rascher vorwärtskommen ließ. Dort kroch er am Fuße einer riesenhaften, steilen, glatten Felswand in einen schmalen Spalt, der von Steinblöcken und Gestrüpp fast bedeckt war. Mehrere Sekunden umgab ihn dunkle Nacht. Dann wurde es wieder hell, und der Spalt erwies sich als ein Gang, der unter der Felswand hindurchlief.

Es ließ sich leicht erraten, daß Andrew Brown das Land genau kannte, denn er eilte stets ohne Zögern weiter. Nur dann, wenn er wieder auf dem Gipfel einer der höchsten Höhen angelangt war, spähte er nach dem Rauche aus, dem er sich mehr und mehr näherte.

Jetzt achtete er des Regens nicht mehr, der sich von Zeit zu Zeit immer wieder ergoß. Auch die Worte seines väterlichen Freundes, die in ihm nachklangen, verfolgten ihn nicht mehr, so sehr sie ihn vorhin mit Unruhe und Unbehagen erfüllt hatten. Nur das eine Ziel schwebte ihm vor: das Lager der Feinde.

Die Nacht brach schon herein, als er es bis auf etwa vierhundert Schritt erreicht hatte. Nun mäßigte er seine Schritte. Gleich darauf setzte er seinen Weg, der zwischen großen Steinen eine Anhöhe hinaufführte, kriechend fort. Seine Nasenlöcher blähten sich. Er hielt den Kopf wie ein Jagdhund vorgestreckt, der die Nähe des Wildes wittert.

Mit dem Rauch vermischt drang ihm der Duft von geröstetem Fleisch entgegen.

Sein großes Messer hatte er aus der Scheide gezogen. Er trug es jetzt zwischen den Zähnen. Die Büchse hielt er in der Rechten. So glitt er immer langsamer weiter. Zuletzt hatten seine Bewegungen Ähnlichkeit mit denen einer Schlange. Er behielt zwei Felsblöcke, die sich kaum noch vom Nachthimmel abgrenzten, fest im Auge. Als er endlich bei ihnen angelangt war, hob er den Kopf kaum merklich höher und höher, bis er zwischen ihnen hindurchzublicken vermochte.

Ein tiefer Abgrund lag vor ihm. Hastig schaute er hinab, und ein leises Grunzen der Befriedigung entrang sich seiner Brust.

Vor einem nach vorn geneigten Felsen brannten unten mehrere Feuer. Etwa zwanzig Indianer waren an ihnen damit beschäftigt, Teile zweier Hirsche zu rösten, deren Häute und Überreste in ihrer Nähe am Boden lagen. Weiter östlich rieselte unter einer Felswand entlang ein kleiner Bach. An seinem teilweise steinigen Ufer stand etwas Gestrüpp und Gras.

Dort hüpfte eine Anzahl Pferde wie Gespenster auf und nieder. Ihre Herren hatten ihnen die Vorderbeine zusammengebunden, um sie am Fortlaufen zu hindern. So mußten sich die armen Geschöpfe nun ihr spärlich vorhandenes und zerstreut umherstehendes Futter suchen. Alle waren gesattelt und gezäumt, und einige trugen außerdem noch eine volle Last an Decken, Fellen und dergleichen auf dem Rücken.

Wahrscheinlich hatten die Indianer sich vor einem Regenschauer unter den überhängenden Felsen geflüchtet und anfangs nur eine kurze Rast halten wollen. Dann waren ihnen die zwei Hirsche in den Weg gelaufen, und nun konnten sie doch unmöglich früher aufbrechen, bis die Beute vollständig verzehrt war. Sie schienen schon hinreichend gesättigt zu sein; denn sie hockten schweigend bei den Feuern und achteten kaum auf das am Spieße gesteckte Fleisch, das die Flammen umzüngelten. Wenn sich der eine oder der andere ein Stück davon abschnitt und zum Munde führte, geschah es nicht mit der Gier, die dem roten Volke beim Essen sonst eigen ist.

Nach ungefähr einer Stunde warfen die Indianer das Fleisch, das übrig war, auf einen Haufen. Dann holten sie sich von den Pferden Decken und Felle und bereiteten sich unter dem überhängenden Felsen ein Lager. Bald darauf hatten sich alle zur Ruhe begeben.

Bis jetzt war Andrew Brown in seiner bisherigen Lage verharrt, ohne sich zu rühren. Nun richtete er sich hinter dem einen Felsen auf und reckte die steif gewordenen Glieder. Dann wandte er sich behutsam dem Rande des Abhanges entlang nach Süden.

Die roten Krieger unter dem überhängenden Felsen schliefen fest, und keiner bemerkte, wie etwa um Mitternacht eine Gestalt langsam zu ihnen gekrochen kam und sich zwischen ihnen in einige Decken rollte, die die Schläfer nicht benutzten.

Einer von den Indianern erwachte erst wieder, als im fernen Osten ein schmaler, gelber Streifen das Herannahen des Tages verkündete. Er sah, wie einer seiner Brüder – nach der gebeugten Haltung ein älterer Mann –, der sich soeben neben ihm erhoben hatte, nach der Richtung ging, wo sich die Pferde noch immer in unbeholfenen Sprüngen um ihr Futter bemühten. Er legte sich, ärgerlich über die Störung, auf die andere Seite und schlief weiter.

Der Indianer, der sein Lager verlassen hatte, näherte sich langsam den Pferden. Er schritt – wie es schien, um sie zu zählen und sich zu überzeugen, ob sie noch sämtlich vorhanden waren – von einem zum anderen. Er beugte sich jedoch blitzschnell bei jedem Tiere nieder und durchschnitt ihm mit einem scharfen Messer die Fesseln an den Beinen. Dann trieb er die Gäule am Flusse entlang vor sich her in den grauenden Morgen hinein.

Anfangs wollten die Tiere auf den schlechten Wegen, die in der noch herrschenden Dämmerung kaum passierbar waren, nicht recht vorwärts. Mit dem zunehmenden Tageslicht wurden sie jedoch williger, besonders da auch der Boden nach und nach weniger Schwierigkeiten bot. Zuletzt trabten sie sogar aus eigenem Antriebe kurze Strecken, und je heller es wurde, desto häufiger wiederholten sie es. Endlich machte eine lange, schmale, mit Felstrümmern und Steinen bedeckte Schlucht ein rascheres Weiterkommen unmöglich.

Wenige Minuten vor Sonnenaufgang war das Ende der Schlucht erreicht, und nun dehnte sich eine meilenweite Prärie nach Osten aus.

Jetzt packte der Indianer einen der letzten Gäule am Zügel, und im Nu saß er im Sattel. Er riß sich die Decken vom Rücken, und aus seiner Kehle drang, während er den Kopf noch einmal zurückwandte, ein gellender, markerschütternder, jubelnder Schrei! Vom frischen Morgenwinde getragen, mochte er wohl bis zu den Schläfern unter dem überhängenden Felsen dringen. Die Pferde rasten erschrocken und scheu im Galopp weiter, und hinterdrein stürmte, die Büchse hoch erhoben, ihr neuer, alleiniger Herr: Andrew Brown, mit siegesfroher Miene.

Heimatlos

Der White-River, einer der vielen, nicht unbedeutenden Nebenflüsse des gewaltigen Missouri, schlängelt sich in unzähligen Krümmungen durch die Bad-lands. Er trägt auch die Namen Makisa-ta, Wak-pa oder Smoky-Earth-River. Die massenhaften Hindernisse, die sich ihm in dieser Landschaft bieten, drängen ihn fortwährend nach links und rechts. Aber er verfolgt hartnäckig die Richtung von Westen nach Osten. Immer wieder findet er eine Öffnung zum Hindurchschlüpfen. Er verliert sich oft auch gänzlich in einem Gewirr von Stein- und Felsblöcken. Dann erscheint er erst wieder eine Strecke talabwärts unter irgendeiner Felswand.

Das Rauschen und Plätschern seiner Wellen klingt dann gleichsam wie ein Frohlocken, daß er den steinernen Armen, die ihn umklammerten, glücklich entronnen ist.

Er bringt einiges Leben in dies Land, das zum größten Teil so kahl und öde ist. An seinen Ufern wuchert das Gras üppiger. In den Schluchten und Talkesseln, die sein Lauf berührt, wachsen, gegen die rauhen Winde geschützt, Buschwerk und auch Cotton Wood, jene pappelartigen Bäume, die keinen Anspruch auf fettes Erdreich machen.

In einem dieser Talkessel hatte der Stamm der Arrapahoës, dessen Häuptling Waha-u, der gelbe Büffel, war, sein Winterlager bezogen. Etwa hundert der kegelförmigen Hütten (Wigwams oder Tibis), die unten schmutzig grau, oben durch den Rauch, der sich im Inneren ansammelte, schwarz gefärbt waren, standen zerstreut am Ufer des Flusses nach der einen Seite des Talkessels.

Aus allen quoll beinahe während des ganzen Tages Rauch. Der Winter rückte mit Macht heran. Mehrere Nächte hatte es bereits gefroren. Wenn die Sonne auch am Tage ihre Kraft noch bisweilen geltend machte, so war es für die Indianer, die die Wärme liebten, doch schon empfindlich kalt. Sie schützten sich dagegen durch ein anhaltendes Feuer in ihren Behausungen.

Etwa in der Mitte des Camps fiel eine Hütte durch ihre Höhe und Größe auf. Sie diente dem Stamme bei Beratungen und bei Festlichkeiten. Solche Feste fanden sehr häufig statt und dauerten bis in die späte Nacht, ja manchmal bis zum Morgengrauen. Diese Hütte lief ebenfalls spitz zu. Unten war sie durch zeltartige Anbaue zu einem mächtigen Umkreis erweitert, so daß sämtliche Männer, Frauen und Mädchen darin Platz fanden.

Diejenigen, die den Indianer als einen ernsten, stillen Mann schildern, beurteilen ihn völlig irrig. So erscheint er nur in Gegenwart Fremder, hauptsächlich, um diese zu täuschen. Weiß er sich jedoch in seinem Dorfe und unter seinen Genossen ungestört, so ist er in seinem Frohsinn und in seiner Heiterkeit schier ausgelassen. In einem einsam gelegenen Camp herrscht häufig, besonders zur Winterszeit, ein Lärm, wie er auf unseren Kirmessen nicht toller sein kann. Er kommt von dem kreischenden, jauchzenden, lachenden, singenden und schreienden roten Volke, das sich belustigt. Von allen Vergnügen bevorzugt der Indianer am meisten den Tanz.

In der Nähe des Beratungswigwams lag der Tibi des Häuptlings. Er war um nichts geräumiger als die anderen Wigwams. Nur durch eine Art Schild zeichnete er sich aus, der über dem Eingang hing, den ein altes Büffelfell verdeckte. Dieser Schild war mit bunten Farben bemalt, mit Messingknöpfen besetzt und am unteren Rande mit einem Büschel Skalphaare verziert. Er bildete das »Totem«, das Wappen, des Gelben Büffels.

Auch das Innere der Behausung unterschied sich nicht von dem der übrigen. Dort herrschten derselbe Schmutz und dieselbe Unordnung. Alte wollene Decken, Kleidungsstücke, Büffelfelle, Näpfe, Kessel, Sättel, Zaumzeug und dergleichen lagen bunt durcheinander. Eine dicke graue Staubschicht überzog sie. Über kreisförmig aufgestellte Stangen war die Bekleidung der Hütte gespannt, die aus Hirsch- und Büffelhäuten zusammengenäht war. Von diesen Stangen hingen im Rauch getrocknete Fleischstücke, durchnäßte Mokassins (Schuhe), Waffen, einige gefüllte Säckchen, die Lebensmittel und auch wohl Schießbedarf enthalten mochten, und anderes mehr.

Am Feuer in der Mitte des Wigwams hockte Waha-u, ein stämmiger, nicht mehr junger Mann, mit breitem, knochigem, gelb gefärbtem Gesicht, an dessen beiden Seiten die schwarzen Haare von dem fingerbreiten, blutroten Scheitel in Strähnen herabfielen, die teils mit roten Bändern umwunden, teils geflochten waren. Zwischen ihnen hing der Otterschwanz, das Abzeichen des Häuptlings. Ihm gegenüber saß ein Indianer, der auch schon älter war, der Medizinmann des Stammes, Mitasa-o, der weiße Sporn.

Beide rauchten schweigend aus einer von Hand zu Hand gehenden Pfeife, die mit Federn und Metallstücken geschmückt war. Bei ihnen waren ein Weib und zwei Kinder von etwa acht bis zehn Jahren. Sie waren alle in schmutzige Lumpen gehüllt. Eben waren sie damit beschäftigt, mehrere Näpfe und Kessel beiseite zu räumen und nach ihrer Weise und Gewohnheit zu reinigen, indem sie die Gefäße mit den Fingern ausrieben und diese sorgfältig ableckten.

Der Häuptling schaute unwillig zu und gab ihnen schließlich durch einen grunzenden Ton zu verstehen, daß sie sich sputen möchten.

Das Weib schob hierauf die Koch- und Eßgefäße mit dem Fuße zu dem übrigen Gerät und verließ auf einen Wink ihres Herrn und Gebieters mit den Kindern den Wigwam.

»Weiberzungen sind wie fließendes Wasser«, sagte der gelbe Büffel, als er und sein Genosse allein waren. Dann tat er aus der Pfeife ein paar tiefe Züge, die er jedesmal in die Lunge einatmete, worauf er die Pfeife Mitasa-o reichte.

Dieser rauchte und nickte. »Und die Weiber sehen auf Ataha-sa oder Andrew Brown, wie ihn der Graubart nennt, mit lachenden Augen, obgleich er noch ein Knabe ist.«

»Er will es nicht bleiben«, brummte Waha-u mürrisch. »Seitdem er vor einem Monde den Feinden die Pferde nahm –«

»Nessa nissin waren es«, warf der Medizinmann ein.

»– drängt er täglich, ich solle die Männer versammeln und sie auffordern, daß sie ihn zum Krieger ernennen. Außerdem verlangt er meine Tochter zum Weibe.«

Ein Lächeln zog den breiten, schmallippigen Mund Mitasa-os noch breiter. »Sechzehn Sommer zählt Ataha-sa. Doch ein Krieger hat das Recht, sich einen Tibi erbauen zu lassen und ein Weib zu nehmen.«

»Meine Tochter gebe ich ihm nicht«, sprach der gelbe Büffel kurz und streng. »Der Knabe ist kein Arrapahoë. Sein Vater war ein Weißer«, Waha-u zuckte verächtlich die Achseln, »und seine Mutter eine Dakota. Der Herr meiner Tochter wird Woternihit-scha (schwarze Pfeife). Er hat mir bereits zehn Pferde geschenkt.«

»Und Ataha-sa gab dir zweiunddreißig«, sagte der weiße Sporn gelassen.

»Woternihit-scha kam ihm zuvor«, erwiderte der Häuptling rasch. Er fügte verlegen und zögernd hinzu: »Mir wäre es lieb, wenn Ataha-sa uns den Rücken wendete.«

»Wer ist schuld, daß er bei unserem Stamme weilt? Du!« versetzte der Medizinmann spöttisch. »Seine Mutter starb. – Ich frage nicht, durch wen. Sie wollte nicht dein Weib werden. Auch ihr Sohn ist dir verhaßt, ich weiß es. Er war es immer.«

»St!« machte Waha-u und sah sich ängstlich um. Dabei bemerkte er, wie sich das Fell vor dem Eingang leicht bewegte. Er sprang hastig auf, und gleich darauf zog er ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den Wigwam, das sich heftig sträubte. Auch ihre Kleidung war schmutzig und zerlumpt. Nur eine rote, wollene Decke, die sie um ihre Hüften geschlungen hatte, zeugte von noch nicht sehr langem Gebrauch.

»Du hast gelauscht, Kröte«, herrschte der Häuptling sie an. Sie beugte sich furchtsam vor ihm nieder und streckte den einen Arm gegen ihn aus, als wolle sie einen Streich abwehren. »Doch gut! Dein Ohr hörte, daß ich dich dem Knaben Ataha-sa nicht gebe. Du wirst das Weib Woternihit-schas, und wenn du nicht ohne Zaudern gehorchst, so – –«

Er hob die Faust, aber er schlug nicht zu. Gebieterisch zeigte er nach einer Lederpeitsche, die an einem der Sättel befestigt war. »Du kennst sie.«

Die Hände der Tochter fuhren nach der Schulter und dem Rücken. Sie nickte geängstigt.

»Wohlan!« sprach ihr Vater weiter und sein Blick funkelte, »wenn du dich gegen meinen Willen sträubst, lasse ich sie auf dir tanzen, bis mein Arm erlahmt.«

Er riß die Decke von ihr ab und rief zornig: »Wer erlaubte dir zu tragen, was Ataha-sa, der Knabe, dir schenkte? Geh! Meine Augen wollen dich nicht mehr sehen!«

Das Mädchen flüchtete eilig aus dem Tibi.

Waha-u hockte wieder am Feuer nieder und stopfte die Pfeife, die leergebrannt war, aufs neue.

»Ataha-sa könnte ein großer Krieger werden; denn er ist kühn, listig, gewandt und – klug«, begann Mitasa-o zuerst wieder. »Es würde mir leicht sein, das Volk darüber zu beschwichtigen, daß er nur ein halber Weißer und nicht unseres Stammes ist. Jeder weiß, daß aus mir die Zunge des guten Geistes redet. Es wäre besser, wir erhielten uns die Freundschaft Ataha-sas und machten ihn uns nicht zum Feinde.«

»Fürchtest du ihn?« fragte der gelbe Büffel verächtlich und entzündete die Mischung von zerkleinertem Kautabak und Kilikinick in dem roten Steinkopf der Pfeife mit einem Holzspan. »Einen bissigen Hund schlage ich tot.«

»Einen Adler hoch über deinem Haupte erreicht die Kugel aus deinem Feuerrohr nicht«, sprach der Medizinmann ernst.

Der Häuptling tat, als höre er die Worte nicht. Er atmete den Rauch mit Behagen mehrfach tief in die Lunge ein. Dann reichte er dem Genossen die Pfeife. Nachdem er sich noch einmal vorsichtig umgesehen hatte, sagte er leise zu ihm: »Die Hälfte der Pferde, die Ataha-sa und Woternihit-scha mir gaben, ist dein Eigentum, wenn du tust, was ich will. – Leihe mir dein Ohr!«

Mitasa-o rückte dicht an die Seite Waha-us und hörte aufmerksam an, was dieser ihm flüsternd und in der Fingersprache mitteilte.– –

Die Tochter des Häuptlings war scheu wie ein flüchtendes Reh zum Camp hinaus zu dem Flusse geeilt. An seinem Ufer tauchte sie im Gestrüpp nieder, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß sie niemand beobachtete. Gleich darauf ertönte dort, wo sie sich befand, der Schrei einer Elster.

Aus einem der Wigwams, die am nächsten lagen, trat eine Minute darauf Andrew Brown und wanderte langsam zu der Stelle am Flusse, wo sich der Schrei jetzt noch einmal wiederholte. »Komm, Nohoste-ia«,
sagte er, als er bei der Versteckten angelangt war, ohne sie anzusehen. Etwas schneller schritt er weiter.

Das Mädchen kroch ihm behutsam nach.

Er erwartete sie hinter hohem Buschwerk dicht am Flußufer, an einer Stelle, die weiter vom Camp entfernt war.

Noch immer scheu und ängstlich trat sie vor ihn hin. »Zürne nicht, Ataha-sa, daß ich dich rief«, stieß sie hervor. »Der Vater will mich peitschen, wenn – – –« Sie stockte.

»Wenn?« wiederholte er ungeduldig.

»Wenn ich nicht ohne Zögern einwillige, das Weib Woternihit-schas zu werden. Ich fürchte mich. Er wird mich totschlagen.«

»Wie seine Pferde«, ergänzte Andrew spöttisch. Auflachend fuhr er fort: »Pah! Dein Vater scherzt. Er war anderer Meinung, als ich ihm die Gäule brachte, und sobald ich zum Krieger ernannt bin, hole ich ihm den Kriegsschmuck seines größten Feindes, des Häuptlings ›Gefleckter Hund‹. Dann wird er sich nicht mehr weigern, daß ich dich als mein Weib in meinen Tibi führe. Die schlanken, langen Stangen für die Behausung holte ich mir schon von den Dakotas, und die Häute, die sie umspannen sollen, liegen auch schon bereit. Viele Decken und Büffelfelle sind mein Eigentum. Heute noch werden sich die Männer versammeln. Mitasa-o versprach es mir.«

»Er war eben beim Vater, als dieser mir drohte«, erlaubte sich Nohoste-ia schüchtern zu bemerken.

»Meiner Sache wegen ging er zu ihm«, sagte Andrew Brown lächelnd.

»Hüte dich! Er ist wie eine Schlange«, versetzte das Mädchen etwas mutiger. »Er redet mit doppelter Zunge. Er ist falsch. Für einen Schluck Feuerwasser verrät er den Bruder.«

Andrew zuckte die Achseln. Handelten seine sämtlichen roten Brüder besser? Weshalb sollte der Medizinmann eine Ausnahme machen? Und doch! Er hatte ihn bisher für seinen Freund gehalten.

»Geh, Nohoste-ia und ängstige dich nicht unnötig«, sagte er in beruhigendem Tone. »Sieh! Mitasa-o gelang es, Waha-u zu überreden. Die Männer wandern schon zu der Beratungshütte. Noch bevor das große Licht dort hinter den Bergen verschwindet, bin ich Krieger. Morgen ziehe ich aus, um für deinen Vater den Kriegsschmuck seines Feindes zu erbeuten.«

Es war, als ob sie etwas erwidern wollte. Aber eine Handbewegung Andrews forderte sie nochmals auf, sich zu entfernen. Gehorsam kroch sie durch das Gestrüpp zu dem Camp zurück.

Andrew Browns Gesicht verfinsterte sich. Zornig murmelte er: »Der gelbe Büffel will, daß ich dem feigen Woternihit-scha folgen soll? Unmöglich!«

Seine Stirn glättete sich rasch wieder und sein Antlitz nahm einen verschmitzten Ausdruck an. »Aha! Ich verstehe! Er will den Dummen überlisten. Es gelüstet ihn nach dessen Pferden. Es sind kernige Tiere, sie müssen sich hierher in das schlechte Land verlaufen haben, denn sie haben einem Weißen gehört. Die schwarze Pfeife fand sie zufällig und trieb sie ohne Mühe heim. Sie hatten gewiß keinen Eigentümer mehr, sonst wären sie keinesfalls das Eigentum dieses Mutlosen geworden. – Du wirst schon zugreifen, Waha-u, wenn ich dir den Kriegsschmuck bringe. Du bist ja nicht nur habgierig. Du bist auch dünkelhaft stolz. Es wird dir an lügnerischen Worten nicht fehlen, mit denen du dein Volk glauben machst, daß du den Schmuck selbst erobertest. Laß mich nur erst Krieger sein!«

Voll Ungeduld sah er zu der Beratungshütte. Die Männer drängten jetzt eiliger hinein, bis alle versammelt waren. Dann hockte ein alter Indianer vor dem Eingang nieder, um die Weiber und Kinder zu verscheuchen, die etwa lauschen wollten. »Auch die Söhne von Onas-tí und Nosta-há sollen heute zu Kriegern ernannt werden und den Namen ihrer Väter erhalten«, fuhr der Bursche nach einer längeren Weile in seinem Selbstgespräch fort.

»Pah! Beide zählen vier Sommer mehr als ich, aber was sie bisher geleistet haben, ist nicht wert, daß man es erwähnt. Ihre Väter wollen sie aber nicht mehr wie Knaben behandelt sehen, und wenn der gelbe Büffel ihr Freund bleiben will, so muß er ihren Wunsch erfüllen.«

Wieder blickte Andrew nach dem großen Tibi. Je weiter die Zeit vorschritt, desto mehr wuchs seine Ungeduld. Als sich dort nach einer Weile immer noch nichts rührte, näherte er sich langsam dem Camp. Doch er betrat ihn nicht, sondern er umkreiste ihn in einem Bogen und hielt den Beratungswigwam unverwandt im Auge. Zwischen den Hütten im Lager zeigte sich niemand. Im Geiste sah Andrew Brown die Weiber schon wieder mit der Zubereitung einer Mahlzeit beschäftigt. Diese mußte der Beratung notgedrungen folgen, selbst wenn ihr eine solche vorausgegangen war. Die Kinder aber hockten bei den Müttern am Feuer und lauerten gierig auf einige Abfälle. Wenn es diese gab, entwickelte sich häufig ein erbitterter Kampf unter ihnen.

Andrew überkam es wie Ekel. Es war ein Gefühl, das ihn schon oft ergriffen hatte, wenn er an die tierische Lebensweise seiner roten Brüder dachte. In was für einem Schmutz hausten sie! Wasser berührte ihre Haut nur, wenn der Regen sie durchnäßte, oder wenn sie ihren Körper an heißen Sommertagen im Flusse kühlten.

Andrew hatte von jeher das Bedürfnis gehabt, sich bisweilen zu waschen. Er benutzte dabei sogar Seife, die ihm sein Freund, Tom Collins, schenkte. Er hielt auch darauf, daß seine Kleidung möglichst heil und sauber war. Seine roten Brüder reinigten ihre Kleidung nie.

Von der Beratungshütte schallte dumpfes Trommeln zu ihm herüber. Es weckte ihn aus seinem Grübeln.

Die Versammlung war beendet. Die Männer eilten ins Freie und gingen zu ihren Tibis, aus denen überall die Frauen und Kinder neugierig ihre Köpfe steckten.

Jetzt verstummte das Trommeln. Mitasa-o trat in den Eingang der großen Hütte. Mit lauter Stimme verkündete er, daß die Söhne von Onas-tí und Nosta-há unter die Zahl der Krieger aufgenommen seien.

Andrew traute seinen Ohren nicht. Wurde er nicht genannt? Unmöglich! Und dennoch – –! Der Medizinmann rief das Ergebnis der Beratung noch einmal nach der anderen Seite des Lagers.

Das Volk jauchzte und schrie. Am lautesten erhoben die Weiber ihre Stimmen. Sie freuten sich bereits auf das Tanzfest am Abend in dem großen Tibi, das den beiden jungen Kriegern zu Ehren – wie immer bei solchen Gelegenheiten – stattfinden würde.

Andrew Brown sah Matasa-o würdevoll zu dessen Hütte schreiten. Er stürzte hinter ihm her und traf gleich nach ihm in dem Wigwam ein.

»Sind meine Ohren verschlossen, daß ich Euch nicht auch meinen Namen nennen hörte?« Atemlos und aufs höchste erregt stieß er die Frage hervor. Der Medizinmann schüttelte das Haupt.

»Und weshalb wurde ich nicht zum Krieger ernannt?« fragte Andrew, der am ganzen Körper zitterte, hastig.

»Du bist noch zu jung«, antwortete Mitasa-o ausweichend.

»Zu jung? Seit wann beachten die Arrapahoës die Zahl der Sommer und nicht die Taten? Onas-tís und Nosta-hás Söhne zählen allerdings schon zwanzig Sommer. Was sie aber leisteten, leistet ein Weib auch. Ich habe euch gezeigt, daß ich kein Knabe mehr bin und – – –«

»Alle Männer bewundern deine Kühnheit und deine Klugheit«, sagte der Medizinmann rasch, »aber – – –«

»Aber mein Vater war ein Weißer, nicht wahr?« fiel ihm Andrew Brown ins Wort. Er erinnerte sich plötzlich an das, was Tom Collins ihm vorausgesagt hatte. »Ist das wirklich der Grund, weshalb mein Verlangen nicht erfüllt wird?«

Mitasa-o nickte. »Ja, Ataha-sa. Außerdem war deine Mutter nicht von unserem Stamme. Auch darum scheuten sich heute die Männer, dich als Krieger in ihre Mitte aufzunehmen.«

Andrew warf sich stöhnend auf einen Haufen Büffelfelle und vergrub sein Gesicht. Scham, verletztes Ehrgefühl, bittere Enttäuschung, Haß und Wut trieben ihm die Tränen in die Augen. Vergeblich kämpfte er gegen das Schluchzen an, das seinen Körper heftig erschütterte.

»Bei den Dakotas wärest du vielleicht geworden, was du wolltest. Wenn es bei uns nicht geschah, so trägt dein Vater die Schuld«, fuhr der Medizinmann nach kurzem Schweigen fort. »Er verließ deine Mutter und dich, und ihr Volk marterte sie, weil es nun gezwungen war, für euch beide zu sorgen. Da floh sie, wie du weißt, müde der Qual, zu uns.«

Der Medizinmann trat zu ihm hin. »Hasse deinen Vater«, sagte er eindringlich, »und mit ihm alle, die eine weiße Haut haben. Grolle aber deinen roten Brüdern nicht, weil sie heute deinen Wunsch nicht erfüllten. Zeige ihnen wie bisher, was du vermagst, dann werden sie dich nach einigen Sommern trotz deiner Abkunft zum Krieger ernennen.«

Andrew Brown sprang auf, und eine feste Entschlossenheit leuchtete aus seinem Antlitz. Er trocknete sich die Tränen mit dem Ärmel seines Lederhemdes. Nur ein leichtes Beben seiner Stimme verriet die Erregung, in der er sich befand.

»Wohlan! Ich will den roten Brüdern zeigen, was ich vermag!« sagte er und warf den Kopf trotzig in den Nacken.

»So ist es recht, Ataha-sa«, erwiderte Mitasa-o rasch und befriedigt. Augenscheinlich beachtete er den Doppelsinn der Worte nicht. »Bald werden sie ganz einsehen, daß du kein Knabe mehr bist. Dann werden sie dich, ohne zu zögern, als Krieger in ihrer Mitte aufnehmen. Meine Zunge wird für dich reden.«

Andrew lachte laut auf und verließ schnell die Hütte. Vor ihr ballte er die Fäuste. Seine Zähne preßten sich knirschend aufeinander.

»Dann ist es zu spät«, murmelte er mit blitzenden Augen.

Da die Männer ihre Mahlzeit verzehrten, war jetzt wieder niemand im Freien sichtbar. Andrew schlich sich zwischen den Wigwams hindurch zu der Stelle am Flußufer, wo er vorhin mit dem Mädchen zusammengetroffen war. Dort ließ er zweimal rasch hintereinander den Ruf einer Elster ertönen.

Die Sonne war schon vor einer Weile untergegangen. Der Ruf klang, als ob er von zwei Vögeln ausgestoßen wäre, die von ihrem Platze, den sie schon für die Nacht ausgesucht hatten, aufgestört wurden und nun erschreckt von dannen flogen. Nach wenigen Minuten kam Nohoste-ia mit ängstlicher Miene aus dem Gestrüpp zu ihm.

Seine Rechte legte sich fest um ihr Handgelenk. »Höre mich an, Mädchen!« sprach er rauh, und sein Blick senkte sich tief in ihre Augen. »Mein Weib kannst du nun nicht mehr werden. Aber auch das Weib Woternihit-schas wirst du nicht. Ich will es nicht! Hörst du?«

»Mein Vater wird mich totschlagen!« stotterte sie.

»Das wird Waha-u nicht!« erwiderte Andrew Brown höhnisch.

»Er glaubt an den bösen Gott.« – Nohoste-ia zuckte zusammen und sah sich scheu nach allen Seiten um. 

»Er soll ihn erst fürchten lernen«, fuhr Andrew fort, »und auch Woternihit-scha wird nicht mehr lange um dich werben. Denn dein Vater gibt dich nicht an ihn für die Pferde, die er schon von ihm empfangen hat. Mir allein sollst du gehorchen, als wärest du mein Weib. Bei Tage ruft dich der Schrei einer Elster zu mir, und nachts der Schrei einer Eule. Das vergiß nicht, auch wenn du glaubst, daß ich fern sei. Und nun geh!«

»Willst du uns verlassen?« fragte sie neugierig.

»Geh!« wiederholte er gebieterisch und stampfte mit dem Fuße. »Gehorche!«

Sie wich erschrocken von ihm und war gleich darauf verschwunden.

Es wurde Nacht.

Das Volk strömte in Haufen zu der Beratungshütte. Ein lichter Schein fiel ins Freie. Bald ertönte dort Gesang und Trommelklang und das Jauchzen und Kreischen der Weiber und Mädchen, das Lachen der Männer mischte sich darein. Das Fest zu Ehren der beiden jungen Krieger hatte begonnen.

Im übrigen Lager bellte noch hier und da ein Hund, und aus einigen Wigwams erschallte noch kurze Zeit das jammernde Schreien mehrerer Kinder, die von ihren vergnügungssüchtigen Müttern verlassen waren. Dann war es still, während in dem großen Tibi die Freude wuchs und der Lärm sich steigerte.

Hell und heller wurde es am östlichen Horizont, bis der Mond langsam heraufgezogen kam und sein geisterhaftes Licht über die Höhen warf.

Er beleuchtete einen Reiter, der sich mit zwei Packpferden rasch dem Camp näherte. Hier schien der Reiter genau Bescheid zu wissen, denn er ritt geraden Weges auf einen Wigwam zu, vor dem er aus dem Sattel sprang. Nachdem er seine Pferde abgeladen und abgesattelt hatte, führte er sie durch das Lager nach dem Flusse. Dort band er sie an dem Gestrüpp fest. Als er den Strick des letzten Gaules um das Geäste eines Busches schlang, veranlaßte ihn ein dunkler Schatten, der vor ihm niederfiel, zur Seite zu blicken.

Andrew Brown stand bei ihm.

»Ich grüße Euch, Tom Collins«, sagte er in seiner kurzen Weise. Der Indiantrader reichte ihm heiter lächelnd die Hand. »Wie geht es dir, mein Junge? Na! Hier herrscht ja eitel Lust und Freude, wie ich sehe oder vielmehr höre. Hui! Das nenne ich vergnügt sein! Vor allem aber nimm heute nochmals zuerst meinen wärmsten Dank entgegen, daß du mir vor vier Wochen dein Pferd geliehen hast. Potz Wetter! Zu Fuß wäre ich nicht weit gekommen! Meine Schmerzen nahmen noch ganz beträchtlich zu, obgleich ich sehr sanft im Sattel saß, und am nächsten Tag war ich steif wie ein Brett. – Hier ist der Gaul mit vielem Dank zurück. Ich habe ihn gut gepflegt. Du siehst, er ist ordentlich fett geworden.« »Behalte ihn! Ich brauche ihn nicht mehr«, erwiderte der Bursche. »Ich möchte Euch noch um etwas anderes bitten! Ihr kennt den schwarzen, spitzen Felsen nicht weit vom Yellow-Fork. Wir trafen uns schon einmal dort. Dicht hinter dem Felsen ist eine Höhle. Die Feder einer Elster wird Euch die Stelle bezeichnen, wo ein Felsblock den Eingang verdeckt. In der Höhle liegen Büffel- und Wolfsfelle, Hirschhäute und Decken. Nehmt sie auch! Ich würde mich ärgern, wenn sie in die Hände der roten Brüder fielen, denen ich den Rücken wende.«

»Du willst mich also doch begleiten?« fragte Tom Collins erfreut.

Andrew schüttelte den Kopf.

»Nein!« antwortete er kurz. Doch als er die enttäuschte Miene seines väterlichen Freundes sah, fügte er hinzu: »Wenigstens jetzt nicht. Was Ihr bei unserem letzten Zusammentreffen vermutet, ist eingetroffen. Ich wurde nicht zum Krieger ernannt. Ich blieb ein Knabe – ein Knabe!« wiederholte er höhnisch und drohte mit der geballten Faust nach dem großen Wigwam, aus dem anhaltender Jubel herüberdrang.

»Durch die Weißen will ich es euch lehren, ob ich es noch bin!« stieß er zornig hervor.

»Armer Junge«, sagte der Indianertrader mitleidig. »Du wirst die bittere Enttäuschung schwer überwinden. Ich wollte, ich hätte sie dir ersparen können! Hättest du nur auf meinen Rat gehört! – Aber ich verstehe dich nicht. Du willst doch nicht allein zu den Weißen gehen? Tue es nicht, mein Junge! Wenn du mich durchaus nicht in meinen Fuchsbau begleiten willst, so laß mich wenigstens mit dir zu ihnen gehen, damit sie dich freundlich aufnehmen. Ich befürchte, du könntest sonst noch mehr Enttäuschungen erleben.«

»Nein, nein! Ich gehe allein!« versetzte der Bursche heftig.

»Seht auch Ihr noch den Knaben in mir, der einer Aufsicht bedarf?«

»Ich kann dich nicht zwingen, mir und meinem wohlgemeinten Rate zu folgen. So werde denn durch eigene Erfahrungen klug! Sie werden wahrscheinlich trübe genug sein«, sagte Tom Collins ernst. »Gebe Gott, daß sie gute Folgen für dich haben!«

»Zürnt mir nicht!« bat Andrew Brown. Der Ton seiner Stimme war völlig verändert, beinahe flehend. »Alles in mir drängt mich, daß ich mein kochendes Blut beruhige. Das kann ich aber nur, wenn ich allein – – –. Fragt mich nicht weiter! Es ist möglich, daß ich nach Eurer Ansicht wieder falsch handle, aber ich kann nicht anders. Bleibt auch künftig mein Freund! Von hier scheide ich mit Ekel! War ich bisher heimatlos, jetzt bin ich es noch mehr.«

Der Indiantrader reichte ihm bewegt die Hand. »Lebe wohl, mein Junge! Ich sehe ein, daß ich dich nicht halten kann. Gehe und versuche dein Heil weiterhin allein! Hoffentlich kommt die Zeit bald, wo du dich nach Ruhe sehnst. Dann erinnere dich, daß du bei mir immer ein Heim finden wirst. – Gott sei mit dir und führe dich auf den rechten Weg! Auf Wiedersehen!«

Andrew drückte ihm die Rechte, die er ihm bot, mit beiden Händen. »Lebt wohl!« flüsterte er. Dann riß er sich los und eilte in wilder Hast davon.

Gleich darauf verließ er das Indianerlager zu Pferde. Er führte zwei mit Decken und Fellen beladene Pferde hinter sich her.

Nohoste-ia, die sich hinter dem Stamm eines Baumes versteckt hatte, sah, wie er davonritt. Ihr war, als könne sie nun erleichtert aufatmen. Sie hatte nie ein unangenehmes Gefühl gehabt, wenn sie daran dachte, sein Weib zu werden. Dennoch wußte sie jetzt, daß sie ihn noch mehr fürchtete als ihren Vater.

Sie war froh, daß Andrew ihn hindern wollte, sie fernerhin zu schlagen, und sie war fest überzeugt, daß es so kommen werde, wenn sie auch noch nicht wußte, wie das geschehen könnte. Das beruhigte sie vollkommen. Darum hüpfte sie vor Freude und rannte zu dem jauchzenden Volke in den großen Wigwam. Tanzen war ihr liebstes Vergnügen.

Nicht weiss, nicht rot

Die Befestigungen gegen die Indianer im Westen Nordamerikas bestehen nicht, wie viele glauben, aus starken Bollwerken mit Schanzen, Pallisaden und Gräben. Eine Anzahl Blockhäuser umgeben im Kreise einen weiten Platz, in dessen Mitte an Sonn- und Festtagen das Sternenbanner der Vereinigten Staaten an einem hohen Pfahl im Winde flattert.

So war auch das Fort Fetterman am Platte River angelegt. Im Süden lagen die Kasernen und Ställe, Blockhäuser von beträchtlicher Länge. Daran reihten sich östlich das Hospital und mehrere Gebäude, in denen Vorräte an Lebensmitteln, Schießbedarf, Waffen, Ausrüstungsgegenstände für die Soldaten und anderes mehr lagerten. Dann folgten nach Norden dicht am Flusse eine große Anzahl von Blockhäusern. Die meisten waren im schweizer Stil erbaut und waren zum Teil auf das behaglichste und bequemste eingerichtet. Sie dienten den verheirateten Offizieren und Unterbeamten mit ihren Familien als Wohnung. Kleinere Blockhäuser für verschiedene Zwecke schlossen endlich den Kreis nach Westen. Dort stand auch die sogenannte Agency, ein größeres Gebäude, in dem die Indianerstämme, die mit der Regierung befreundet waren und die Befestigung besuchten, ihre Tauschgeschäfte erledigten. Das Gebäude stand unter der Aufsicht eines Beamten oder Agenten, der hierfür besonders angestellt war.

In der Agency befand sich außerdem ein Store, d. i. ein Laden, in dem die Soldaten ebenso wie die Rancher und die Trapper, die in der Umgebung der Befestigung lebten, ihren Bedarf kauften. Hier versorgten sich auch manche Indiantrader mit den Waren, die sie für ihren Handel brauchten. Auch eine Schankstube war dort. Der Laden und die Schankstube waren Eigentum von Mr. Butterfly, der sich bei seinen Kunden und Gästen einer ganz besonderen Beliebtheit erfreute.

Die Schankstube war selten leer. Dort saßen heute zwei Männer am Tisch vor dem Fenster, durch das man auf den weiten Platz sah, wo im Abendsonnenglanze noch einige Rekruten in die Anfangsgründe ihres zukünftigen Berufes eingeweiht wurden.

Bei den Männern in Lederhemd und Wams, mit hohen Stiefeln, mit Revolver und einem Messer am Gürtel saß ein Soldat. Sie hatten jeder ein Glas Whisky-Grog vor sich stehen.

Mr. Butterfly war ein wohlbeleibter Mann mit rundem, bis auf einen Kinnbart glattrasiertem Gesicht, hoher, breiter Stirn, kurzgeschorenen schwarzen Haaren und dunklen, freundlichen Augen. Er lehnte sich in einer Ecke des Zimmers in der Nähe der Bar, des Zahltisches, auf dem in musterhafter Ordnung Reihen gefüllter Flaschen und Gläser von verschiedenen Größen standen, an die Wand. Neben ihm strahlte ein Ofen eine wohltuende Wärme aus.

»Na, James Jimsby!« sagte er lächelnd. »Ihr starrt ja zum Fenster hinaus nach den neu Eingestellten, als bereutet Ihr, daß Ihr dem Beispiele Eurer beiden Freunde nicht gefolgt seid und auch den bunten Rock angezogen habt.«

»So unrecht habt Ihr nicht«, entgegnete der Angeredete. Er wandte sein rotbärtiges Gesicht, das durch Blatternarben nicht verschönt wurde, vom Fenster ab.

»Jingo and Jehosaphat!« rief er aus. »Wenn ich mir's gründlich überlege, war ich ein Narr, daß ich's nicht tat. Im Sommer schlägt man sich hier im Lande schon durch. Da gibt's mit Holzfällen, Aufbauen von Blockhütten und dergleichen allerlei zu verdienen. Aber winters in Eis und Schnee hole der Henker das Handwerk! Bis zum November habe ich noch geschafft. Aber dann wurde es mir zu toll. Jetzt ist's Februar. Mein bißchen Erspartes geht bedenklich auf die Neige, – Ihr steckt's nach und nach in die Tasche! – und noch gestern fror's, daß es nur so brummte. Im bunten Rock sitzt man warm. Die Regierung rüstet ihre Soldaten winters wahrlich so aus, als sollten sie nach dem Nordpol ziehen. Das bißchen Dienst ist für die Katze, und dazu gibt's einen Sold, wie ich ihn mit meinem Handwerk kaum verdiene.«

»Na, na! Bildet Euch nur nicht ein, daß wir solch ein rosiges Leben führen«, sagte der Soldat und strich seinen langen, blonden Schnurrbart.

»Augenblicklich liegen wir allerdings auf der Bärenhaut«, fuhr er fort. »Wer aber weiß, ob das rote Volk nicht schon morgen irgendwo wieder übermütig wird! Und dann heißt es hinaus in die Kälte und vielleicht wochenlang ohne Dach! Dabei muß man obendrein fortwährend damit rechnen, daß einem das Lebenslicht ausgeblasen wird. Gut schießen können die roten Halunken! Das muß ihnen der Neid lassen.«

»Ich begreife nicht, boys, daß euch die Kälte solches Grauen verursacht«, meinte der andere Mann lächelnd, dessen lederfarbiges Gesicht, das von einem großen, farblosen Vollbart umrahmt war, erkennen ließ, daß er nicht viel im geheizten Zimmer hockte. »Es ist alles Gewohnheit! Lange vor Tagesgrauen schon stehen wir Trapper im kalten Wasser und zwischen dem Eise und untersuchen unsere Fallen. Ich muß aufrichtig bekennen, daß das nicht sehr angenehm ist, aber es ist doch erträglich. Der Biberpelz taugt nur im Winter etwas. Daher fällt unsere Hauptbeschäftigung in diese Zeit. Mit dem Fang gibt es dann den ganzen Tag vollauf im Freien zu tun, – besonders wenn man allein ist, wie ich es bin. Nachts liegt man dann in der kleinen Hütte, im »Dug-out« oder in einer Höhle. Da ist es meistens auch nicht sehr warm. Am Elk-Creek lohnte sich der Fang leider nicht mehr. So mußte ich von dort fortziehen. Sonst säße ich heute gewiß nicht hier. Na! Morgen geht es auch schon wieder ins Geschirr!«

»Und wo gedenkt Ihr Euch jetzt niederzulassen, Ben Körber?« fragte Mr. Butterfly mit sichtlicher Spannung.

Seit einem Jahre nämlich rüstete sich der Trapper, an den er sich wendete, bei ihm mit Lebensmitteln aus, und er befürchtete, daß er den guten Kunden verlieren könnte, wenn dieser sich zu weit von der Befestigung entfernte. Außerdem schätzte er den fleißigen Mann, der immer nüchtern war, wie einen Freund.

»Ihr kennt Tom Collins, den Indiantrader. Er hat mir schon häufig gesagt, daß im Powder River und dessen Zuflüssen, – dort, wo er winters haust, noch viele Biber sind. Ich will mein Heil darum einmal in dieser Gegend versuchen.«

»Das ist weit von hier«, meinte der Ladenbesitzer besorgt und zupfte an seinem Kinnbart.

»Na! Hundert bis hundertfünfzig Meilen sind keine Ewigkeit«, lachte Ben Körber. »Jedenfalls werden sie mich nicht hindern, im Frühjahr wieder bei Euch einzukehren, wenn meine Tätigkeit als Fallensteller ein Ende hat.«

Mr. Butterfly rieb sich schmunzelnd die Hände. »Das würde mir sehr erfreulich sein!«

»Da seht Ihr's, Biesterfeld!«, wandte sich James Jimsby lebhaft an den Soldaten und zeigte durch das Fenster nach den Rekruten. Sie eilten soeben, von ihrem Vorgesetzten entlassen, nach den Kasernen.

»Kaum eine Stunde exerzierten die Kerle jetzt und heute morgen nicht mehr als zwei Stunden. Jingo and Jehosaphat! Ist das ein Leben! Wenn ich mich nur nicht gleich verpflichten müßte, fünf Jahre zu dienen, ginge ich sofort zum Hauptmann Grover und ließe mich einschreiben!«

»Was sind fünf Jahre, Freund?« erwiderte der Soldat lächelnd. »Sie sind im Handumdrehen dahin. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Oft glaube ich es kaum, daß ich den bunten Rock bereits vier Jahre und sieben Monate trage.«

Der Blatternarbige kraute sich hinter dem Ohr. »Eigentlich hält mich noch etwas anderes zurück. Ich bin ein sonderbarer Kerl. Ich bin nicht zufrieden, wenn ich nicht sehe, was ich schaffe. Baue ich eine Hütte, – ja, fälle ich nur einen Baum, so habe ich stets meine Freude an der Arbeit, wenn sie vollendet ist. Das würde mir beim Militär fehlen.«

»Oho!« rief Biesterfeld. »Da bietet sich Euch im bunten Rock eine viel höhere Befriedigung. Arbeiten wir nicht der Kultur vor, indem wir das rote Volk zur Vernunft zwingen, bis es mürbe wird und sich in sein Schicksal ergibt? Ich sollte meinen, das ist doch wahrlich ein viel schöneres Bewußtsein, als eine lumpige Blockhütte erbaut oder einen Baum gefällt zu haben! Das könnt Ihr außerdem als Soldat tun, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Seht, das Fort Fetterman wurde auch nur vom Militär erbaut.«

»Ich lebe auch nicht in den Tag hinein«, fuhr er fort, als der Blatternarbige schwieg. »Ich bedenke auch, weshalb ich auf der Welt bin, alter Freund! Ich habe mich schon in manchen Fächern versucht, und ich habe keine Befriedigung in ihnen gefunden, wahrscheinlich, weil ich nicht genügend leisten konnte. Seht, ich gehöre zu denen, die leider zu spät eingesehen haben, daß sie in der Jugend hätten fleißiger lernen müssen. Ich hatte mich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß ich ein unnützes Glied der menschlichen Gesellschaft bleiben würde. Ich wäre vermutlich auch nach und nach gänzlich verlottert. Da kam ich durch einen Zufall unter die Soldaten. Jetzt bin ich mit meiner Lebensaufgabe derart zufrieden, daß ich mich sofort wieder auf fünf Jahre einschreiben lasse, wenn ich meine ersten fünf Dienstjahre beendet habe.«

»Hm, hm!« brummte James Jimsby sinnend und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Ihr habt nicht unrecht!«

»Ich übernehme die Felle gern wieder«, sagte Mr. Butterfly und schüttelte dem Trapper, mit dem er sich inzwischen leiser unterhalten hatte, die Hand. »Und das Geld wünscht Ihr also wieder auf die Bank von Chicago angewiesen? All right! Wir können die Angelegenheit nachher ordnen. Wenn Ihr nicht vorzieht, Euch im Frühjahr selbst mit den Händlern in Verbindung zu setzen, bin ich mit Vergnügen bereit, Euch auch alles das abzunehmen, was Ihr noch bis dahin am Powder River einheimst.«

»Einverstanden!« nickte Ben Körber. Dann deutete er durch das Fenster. »Na! Was hat der rote Bursche hier zu tun? Ich sah ihn schon heute morgen. Ist es nicht auch hier Gesetz, daß jeder Indianer, der die Befestigung besucht, sie eine Stunde vor Sonnenuntergang verlassen haben muß? Der dort scheint keine Eile zu haben!«

»Hat er auch nicht nötig«, sagte Biesterfeld. »Er gehört zur Armee, als Indianerscout.« 

»Wie? Der junge Mensch?« fragte der Trapper erstaunt.

»Ja, jung ist er, – da habt Ihr recht«, sagte Mr. Butterfly.

»Wir haben uns alle nicht wenig gewundert, daß er als Indianerscout angestellt wurde. Die Absicht Hauptmann Grovers war es gewiß nicht. Was wollte er aber machen? Er hatte einmal A gesagt, nun mußte er auch B sagen.«

»Erzählt! Erzählt! Darüber muß ich genaueres wissen!« drängte Ben Körber begierig.

»Laßt es Euch von Biesterfeld berichten! Der hat es aus erster Quelle«, sagte der Ladenbesitzer und ging mit dem Glas James Jimsbys an die Bar, um es von neuem zu füllen.

»Der Bursche nennt sich Andrew Brown und ist Halbindianer«, begann der Soldat.

»Halbindianer?« wiederholte der Trapper überrascht.

»Ja! Früher gesellten sich Weiße sehr häufig zu einem Indianerstamme. Meistens waren es nichtsnutzige, faule Kerle, die sich dann eine Indianerin zum Weibe nahmen und dieses für sich arbeiten ließen, wie die Indianer es ja auch tun.«

»Ich weiß es«, nickte Ben Körber. »Der Spottname dieser Leute ist squaw-men. Sie sind überall mißachtet.«

»Und mit Recht!« schaltete James Jimsby ein.

»Dann ist es Euch auch bekannt, daß den Kindern dieser Leute kein beneidenswertes Los zuteil wird. Sie werden weder von den Indianern noch von den Weißen als ihresgleichen betrachtet«, fuhr Biesterfeld fort. »Andrew Brown hat diese Erfahrung jedenfalls bei dem roten Volke gemacht. Er wurde von ihnen vielleicht obendrein noch niederträchtig behandelt, sonst würde er ihnen wohl nicht so feindlich gesinnt sein, daß er der Regierung seine Dienste als Indianerscout anbietet.«

»Im November«, so berichtete Biesterfeld weiter, »kam er von den Arrapahoë, die in den Bad-lands südlich von den Black-Hills hausen, hier bei uns an. Hauptmann Grover, der ihn nicht durch eine kurze, abschlägige Antwort kränken wollte, stellte ihm die Aufgabe, die zwanzig Pferde wiederzuschaffen, die Duncan Earley unterwegs abhandengekommen waren, als er eine größere Herde für die Regierung von Cheyenne hierher brachte.

Andrew Brown ritt sofort wieder ab. Jeder dachte natürlich, daß er den schwierigen Auftrag nicht ausführen könne und deshalb auch nicht zurückkehren werde. Nach kaum einer Woche war er aber wieder da und brachte neunzehn von den verloren gewesenen Pferden mit. Sie befanden sich in einem jämmerlichen Zustande, der bewies, daß sie während ihrer Abwesenheit nicht unbenutzt geblieben waren. Sie waren mager, durchgeritten und mit Peitschenwunden bedeckt. Die Knochen des zwanzigsten Gauls, so behauptete der Bursche, bleiche die Sonne.

Hauptmann Grover mußte wohl oder übel sein Versprechen einlösen und Andrew Browns Anerbieten annehmen. Er bewährte sich bis jetzt schon sehr gut. So zeigte er dem Militär bei einem Streifzuge durch die Black-Hills Richtwege, die sich auf keiner Karte befanden. Im Falle eines Krieges mit den Indianern könnte er von großem Nutzen sein.«

»Leider schauen ihn fast sämtliche Soldaten über die Achsel an«, fuhr Biesterfeld fort. »Nicht allein wegen seiner Jugend und Abkunft sowie wegen eines gewissen Stolzes, den er zur Schau trägt, sondern wahrscheinlich auch aus Mißgunst. Denn der Hauptmann und die Offiziere verkehren mehr freundschaftlich als dienstlich mit ihm. Wir bedauern ihn aufrichtig –, nicht wahr, Butterfly? – Und wo ich es vermag, schütze ich ihn vor den Neckereien meiner Kameraden, die oft sehr roh sind.«

»Ich habe ihn am Weihnachtsabend in mein Herz geschlossen«, sagte der Schankwirt und Ladenbesitzer. »Biesterfeld hatte eine hübsche, kleine Pechtanne auf seinen Jagdstreifzügen in die Umgebung gefunden, –«

»die ich dank der Güte unseres Hauptmanns häufiger unternehmen darf«, warf der Soldat schmunzelnd ein.

»Ich putzte sie mit Nüssen, Äpfeln und Lichtern auf und lud mir einige Freunde zur Feier ein«, berichtete Mr. Butterfly weiter. »Die Offiziere begingen das Fest in ihrer Familie, die Soldaten in ihren Kasernen, und niemand dachte an Andrew Brown. Ich sah ihn vor dem Hause, als ich nach einem Gaste ausschaute, der noch nicht erschienen war. Er stand dort auf seine Büchse gestützt, von der er sich nie trennt, und blickte sinnend zum Himmel hinauf, der mit Sternen übersät war.

Es kostete mich große Mühe, ihn zu bewegen, daß er bei mir eintrat. Schließlich tat er es. Ich öffnete langsam die Tür, während Biesterfeld und zwei seiner Kameraden das deutsche Weihnachtslied: ›Stille Nacht, heilige Nacht‹ sangen. Ich werde den Ausdruck seines Gesichtes nie vergessen, als er den im Weihnachtsglanze strahlenden Christbaum sah. Eine Minute lang stand er wie versteinert. Dann bemerkte ich, wie Tränen in seinen Augen schimmerten, Tränen im Auge dieses Abkömmlings des roten Volkes, das keiner edlen Gefühle fähig ist. In jenen Augenblicken brach die Natur seines weißen Vaters in ihm durch.

Ich war überwältigt, und als er sich etwas beruhigt hatte, erzählte ich ihm die Bedeutung unseres Festes. Er hörte mir gespannt zu. Da er die englische Sprache ausgezeichnet versteht, entging ihm kein Wort von dem, was ich ihm sagte. Den ganzen übrigen Abend war er wie im Traum. Als er schied, drückte er mir warm die Hand und flüsterte: ›Der böse und der gute Geist bei dem roten Volke sind Lüge. An Euren Gott möchte auch ich – – –.‹ Einer meiner Gäste kam hinzu. Er stockte verlegen und eilte davon. Seitdem besucht er mich häufig, und nach und nach hat er auch mir gegenüber seine Scheu verloren. Ich möchte behaupten, daß in ihm mehr von seinem weißen Vater sitzt als von dem, was er vom roten Volke geerbt hat«, sagte der Ladenbesitzer und entzündete eine Petroleumlampe, die von der rauchgeschwärzten Decke herabhing.

»Da er jung ist, mag er noch zur rechten Zeit von seinen roten Brüdern getrennt worden sein«, sagte Ben Körber nachdenklich.

»Gewöhnlich sind die Halbindianer, die unter dem roten Volke aufwachsen, viel gefährlicher als die Indianer selbst. Diese hält Dummheit und Furcht immer noch in gewissen Grenzen. Hat das rote Volk diebische und betrügerische Gelüste und auch andere Untugenden, die die Natur mehr oder weniger auch in sie verpflanzte, so wurden diese bei den Halbindianern durch das ständige schlechte Beispiel meist sehr gründlich ausgebildet. Infolge ihrer weißen Abkunft kommt hierzu noch eine durchtriebene Klugheit, – sie kennen nicht die Angst, die alle Sinne verwirrt, die die Indianer befällt, wenn sie plötzlich überrascht werden –, ähnlich wie die wilden Tiere sie haben. Es ist jedenfalls ratsam, ihnen noch weniger als den roten Halunken zu trauen.«

Draußen wurden Stimmen laut. Gleich darauf trat ein noch junger, langer, hagerer Mann mit einem feinen, nagelneuen Jagdanzuge in das Zimmer. Auch die knarrenden, hohen, glänzenden Stiefel waren neu, und ebenso der patronengespickte Gürtel und der blitzende Revolver in der juchtenledernen Tasche.

Zwei wasserblaue Augen in dem länglichen Gesichte, das bartlos und nicht gerade unschön war, glitten mit gleichgültigem Ausdrucke über die Versammelten zu dem Schankwirte, der hinter der Bar Biesterfelds leeres Glas füllte.

Leicht mit der Hand grüßend, sagte er in näselndem Tone: »Mr. Butterfly, – he? Komme vom Hauptmann Grover, wünsche Unterkunft bei Euch. Mein Name ist Gloster – Lord Gloster, wenigstens bald.«

Nun grüßte er auch herablassend die drei Gäste mit einer nochmaligen Handbewegung: »'d evening!« (n' Abend!)

»Evening, Sir!« klang die Antwort kurz, und James Jimsby fügte spöttisch hinzu: »Ihr kommt wohl direkt aus einem Kleidergeschäft?«

Der Fremde rümpfte die spitze Nase etwas und wandte sich wieder an Mr. Butterfly, der dem Soldaten das Glas zurückreichte, das mit dampfendem Grog gefüllt war. »Nun, Sir? Wie ist es?«

»Ich bedaure, Euren Wünschen nicht entsprechen zu können«, versetzte der Schankwirt achselzuckend. »Hauptmann Grover wird Euch gesagt haben, daß ich nur solche Gäste beherberge, die mit einigen alten Säcken als Unterlage vorliebnehmen. Danach aber seht Ihr mir nicht aus.«

»Ein Bett besitze ich«, sagte Mr. Gloster rasch und ungeduldig. »Nur ein Zimmer möchte ich haben. Geld spielt bei mir keine Rolle. Ich brauche es nur für eine Nacht; denn morgen früh breche ich von hier schon wieder auf. Der Hauptmann, an den ich empfohlen bin, ist zu seinem lebhaften Bedauern nicht in der Lage, mir in seinem Hause eine Unterkunft zu gewähren.«

»Wenn Ihr hier meine Schankstube als Aufenthalt für die Nacht benutzen wollt, so habe ich nichts dagegen«, erwiderte Mr. Butterfly leichthin. »Ich kann sie Euch jedoch nicht früher zur Verfügung stellen, bis sich der letzte Gast heute abend entfernt hat.«

Der Fremde rümpfte wieder die Nase und musterte den Raum verdrießlich. »Hm, hm! Ihr habt also sonst keinen Platz? Well! Ich werde Euch mein Bett schicken. Solltet Ihr bis dahin noch ein – hm, hm – etwas reinlicheres und – hm – etwas weniger dunstiges Zimmer ausfindig machen, so würde es mir sehr lieb sein. Wie gesagt, – Geld spielt bei mir keine Rolle.«

James Jimsby räusperte sich. »Wenn ich fragen darf, – was ist der Zweck Eures Aufenthaltes hier im wilden Westen, Mylord?«

Mr. Gloster fühlte sich durch den Titel offenbar geschmeichelt. Er reckte sich zwar noch etwas länger, aber er antwortete bedeutend herablassender:

»Ich will Bären schießen. Deshalb kam ich besonders von England herüber.«

Der Blatternarbige lachte laut, und auch das Gesicht der übrigen Gäste verzog sich zu einem Lächeln.

»Allein?« fragte der Trapper.

»Hauptmann Grover wird mir einen Burschen, ein Mittelding zwischen Indianer und Weißen, zur Begleitung mitgeben.«

»Andrew Brown«, sagte Mr. Butterfly.

Der Engländer nickte. »Ich glaube, der Name wurde mir genannt. Der Bursche soll jeden Stein im Lande kennen. Da er unter den Indianern aufgewachsen ist, wird es ihm nicht schwer werden, die Plätze zu finden, wo sich die Bestien aufzuhalten pflegen.«

»Das ist nicht unmöglich«, sagte Ben Körber gedehnt.

»Zweifelt Ihr vielleicht daran?« fragte Mr. Gloster mißbilligend. »Ihr hörtet soeben meine Ansicht – ich muß aber aufrichtig gestehen, daß mir Euer Unternehmen etwas gewagt erscheint. Unsere Grizzlybären lassen nicht mit sich spaßen, und da wäre es für Euch besser, wenn Ihr statt des jungen Burschen – noch von anderen Gründen abgesehen – lieber einen Mann mitgehen hießet, der dergleichen Handwerk versteht.«

»Ihr seid sehr gütig,« sagte der Engländer mit leisem Spott. »Beabsichtigt Ihr vielleicht, mir Eure Dienste anzubieten?«

Ben Körber schüttelte den Kopf ärgerlich. »No, Sir! Gott sei Dank habe ich es nicht nötig.«

»Wie meint Ihr das?« fragte Mr. Gloster kurz und stolz.

»Na!! Weil mir mein Handwerk so viel einträgt, daß ich getrost mein eigener Herr bleiben kann.«

»Mr. Körber ist bereits seit zwanzig Jahren Trapper,« erklärte der Schankwirt.

»Wie? Ihr seid ein Trapper?« rief der Engländer überrascht. Seine Miene und sein Ton waren plötzlich gänzlich verändert. »Seit zwanzig Jahren? Das ist ja äußerst interessant! Freut mich ungemein, Eure Bekanntschaft zu machen,« fügte er lächelnd hinzu und neigte höflich das Haupt, indem er den kleinrandigen Lodenhut lüftete.

»Sehr schmeichelhaft, Sir!« entgegnete der Trapper gelassen.

»In diesem Falle bitte ich tausendmal um Entschuldigung,« sprach Mr. Gloster rasch weiter. »Was ist meine Kenntnis der Bären hier im Lande, die ich nur aus Büchern schöpfte, gegen Eure langjährige eigene Erfahrung! Würdet Ihr gestatten, daß ich einen Augenblick bei Euch Platz nehme?«

»Weshalb nicht?« lachte Ben Körber und nötigte ihn auf einen Stuhl. »Mr. Butterfly, ein Glas Whisky-Grog für den Herrn. Ihr erlaubt doch, daß ich Euch dazu einlade, Sir?«

Der Engländer rückte verlegen auf seinem Sitze hin und her. Das hatte es bisher noch nicht gegeben, daß einer seiner Mitmenschen, die gesellschaftlich unter ihm standen, ihn aufgefordert hatte, etwas mit ihm zu genießen. Jedoch rasch kam ihm ein glücklicher Gedanke. Er konnte so die Aufmerksamkeit wenigstens sofort hinreichend erwidern.

Er zog schnell eine gefüllte Zigarrentasche hervor und hielt sie dem Trapper und den anderen beiden Gästen geöffnet hin. »Darf ich Sie bitten, Gentlemen?«

Er mußte innerlich lachen. Was würden seine Freunde in England wohl sagen, wenn sie ihn hier in dieser gewöhnlichen Schankstube mit diesen gewöhnlichen Leuten rauchen und Whisky-Grog trinken sehen könnten? Im Geiste sah er mit gelindem Gruseln langgezogene, empörte Gesichter.

»Gesundheit, Sir!« rief der Trapper heiter, nachdem jeder seine Zigarre angezündet hatte und Mr. Gloster ebenfalls mit Getränk versorgt war. »Möge Eure Jagd einen guten Erfolg haben!«

»Danke! Danke bestens!« Der Engländer mußte wohl oder übel mit allen dreien anstoßen. Dann nippte er behutsam am Glase.

»Ihr glaubt also, daß ich lieber auf die Begleitung des Burschen verzichte, den mir Hauptmann Grover empfohlen hat? Er wäre doch ausgezeichnet als Führer!«

Ben Körber nickte. »Allerdings! Ihr müßt ihn nur immer scharf im Auge behalten.«

»Aha! Ihr meint, weil ihm als einem Halbindianer nicht zu trauen ist!«

Der Trapper zuckte die Achseln. »Erwiesen ist es nicht. Mr. Butterfly stellt ihm sogar kein schlechtes Zeugnis aus. – Aber, Ihr wißt, Vorsicht ist die Mutter der Weisheit. Ich riet Euch, einen erfahrenen Mann mitzunehmen, weil unter Umständen nur die größte Ruhe vor den scharfen Krallen und Zähnen eines Grizzlybären retten kann. Ich vermute, daß – – –«

»O, die besitze ich in vollstem Maße«, rief Mr. Gloster eifrig und nahm in Gedanken einen tiefen Zug aus seinem Glase. »Vor zwei Jahren habe ich es gezeigt, als in Edinburgh der Tiger aus der Menagerie entsprungen war und sich in den Park meines hochverehrten Onkels, des Lord Bradfield, geflüchtet hatte. Ich kaufte dem Besitzer die Bestie ab und suchte sie. Ich war mit einer Büchse bewaffnet. Schließlich fand ich sie am Fuße eines Baumes, wie sie eben einen der großen Windhunde meines hochverehrten Onkels verzehrte. Ich näherte mich dem Tiger kaltblütig – meine Freunde, die aus der Ferne zuschauten, bewundern mich deswegen noch heute. Der Tiger wandte sich mir grimmig mit weit geöffnetem Rachen zu. Ich kam bis auf wenige Schritte heran und schoß ihn durch den Kopf. Ein zweiter Schuß in die Flanke tötete ihn vollends.

O, no, Sir! Wenn Ihr mir Euren freundlichen Rat nur erteiltet, weil Ihr meine Ruhe bezweifeltet, so seid ohne Sorge! Die verläßt mich niemals. Ich könnte Euch noch zahlreiche Beispiele erzählen.«

Wieder trank er in Gedanken. Doch nun bemerkte er es, als es geschehen war, und rasch erhob er sich. Hatte es nicht den Anschein, als zeche er hier wirklich mit diesen Leuten? Seine Freunde hätten recht, wenn sie empört darüber wären, daß er sich so weit erniedrigte.

»Ich muß fort,« sagte er errötend, »Hauptmann Grover erwartet mich. Es war mir sehr angenehm, Eure Bekanntschaft zu machen, Mr. Körner.«

»Körber,« verbesserte der Trapper lächelnd, indem er sich ebenfalls erhob.

»Ach! – Bitte um Entschuldigung! Mr. Körber, hoffe auf Wiedersehen! – Also, Mr. Butterfly,« wandte sich der Engländer wieder in herrischem Tone an den Schankwirt, »Ihr wißt Bescheid! Ein besseres Gemach wäre mir erwünschter. – Wie gesagt, Geld spielt keine Rolle. Mein Bett werde ich sofort schicken.« Er nickte dem Trapper wohlwollend noch einmal zu. Die beiden andern am Tische grüßte er ebenso wie Mr. Butterfly mit herablassender Handbewegung »'d evening!« – und mit gemessenen Schritten verließ er das Zimmer.

»Jingo and Jehosaphat!« lachte James Jimsby. »Der Kerl ist einen Dollar wert! Aber seine Zigarren sind ausgezeichnet,« fügte er hinzu und sog den ausgeblasenen Rauch mit Behagen durch die Nase wieder ein.

»Ich bin neugierig, wie der mit Andrew Brown fertig wird,« meinte Biesterfeld schmunzelnd. »Bei dem richtet er mit einer herrischen Behandlung nichts aus.«

»Sobald er es einsieht, wird er sich schon anders gegen ihn benehmen,« erwiderte Ben Körber. »Daß er noch nicht vollständig vom Hochmutsteufel besessen ist – oder besser, daß er nicht ganz dumm ist –, denn der Hochmut ist ein Zeichen von großer Dummheit – hat er bewiesen, indem er hier bei uns Platz nahm und sogar einen Grog mit uns trank.«

»Na! Das ist ihm nicht leicht geworden,« sagte der Schankwirt spöttisch, »und es gehörte nicht viel Menschenkenntnis dazu, um zu bemerken, wie er sich plötzlich bewußt wurde, daß er sich nach seiner Ansicht unverantwortlich verhielt. Er sprang auf, als habe ihn jemand auf den Fuß getreten, und er machte ein Gesicht wie einer, der aus Versehen mit beiden Händen in den Schlamm gefaßt hat.«

Bei diesen Worten erschien ein Mann in der Tür des Zimmers, der mit einem großen Bündel beladen war. »Bin ich hier recht?« fragte er. »Ich bringe das Ruhelager seiner zukünftigen Lordschaft.«

»All right!« nickte Mr. Butterfly. »Legt es nur dort in die Ecke.«

Der Mann folgte der Aufforderung und trat dann an die Bar. »Den Genuß, der meiner Nase zuteil wird, indem sie den lieblichen Duft eines höchst angenehmen Getränkes wahrnimmt, möchte ich ähnlich auch meiner Zunge gewähren. Ich bitte daher um ein Glas Whisky-Grog. Seine Lordschaft hatten die Güte, mir ein solches angelegentlichst zu empfehlen. Sie händigte mir zugleich soviel klingende Münze ein, daß ich mindestens eine Leiche wäre, wenn ich sie sämtlich für diesen Zweck verwendete. – Ein sonderbarer Kauz ist dieser Sohn Albions.«

»Ihr müßt ihn kennen, wenn Ihr sein Diener seid,« meinte der Trapper.

»Gewesen, Sir, gewesen,« versetzte der Mann und entzündete eine Zigarre, die nach ihrem Wohlgeruch und Äußeren auch aus dem Besitze des Engländers zu stammen schien.

»Mit dem heutigen Tage überlasse ich meinen Herrn seinem Schicksale, da ich durchaus keine Sehnsucht nach Bärenkämpfen verspüre. – Er ist übrigens nicht so schlimm, wie man denkt. Er ist nur etwas verschroben, und auch das hat sich schon bedeutend gebessert. Mehrere vernünftige Leute, wie man sie hier im Westen durchweg trifft, haben ihm einige Male gründlich die Wahrheit gesagt.«

»In Council Bluffs verabschiedeten sich seine beiden Diener von ihm.« fuhr er fort, »und dort fand er in mir einen Ersatz für sie. Von diesen erfuhr ich, daß er sich bisher daheim in England ausschließlich damit beschäftigte, sein Vermögen zu verzehren, was ihm vortrefflich gelang. Eines Tages bemerkte er mit Schrecken, daß ihm nicht mehr viel übrig blieb, um das Leben, das er gewohnt war, noch lange fortzusetzen. Er kam auf den kühnen Gedanken, hier im wilden Westen auf die Bärenjagd zu gehen, um sich mit Anstand von seinen Genossen zu entfernen. Hierher mochte ihn natürlich keiner seiner Freunde begleiten. Hat er Glück, so stirbt mittlerweile ein steinreicher Onkel, den er hat, und hinterläßt ihm neben dem Lordstitel auch sein Vermögen. Dann kann er seine frühere Beschäftigung mit Glanz wieder aufnehmen, wenn er nach England zurückgekehrt ist.«

»Der Mensch tut mir leid,« sagte Ben Körber mit aufrichtigem Bedauern. »Wie bald wird er gegen die fortwährenden Genüsse abgestumpft sein, in denen er lebt. Dann bieten sie ihm nicht den geringsten Reiz mehr. – Solche Menschen fühlen sich gewiß noch viel, viel elender als diejenigen, die wohl arbeiteten, aber es dennoch zu nichts auf dieser Welt brachten,« fügte er nachdenklich hinzu.

Der Mann, der bisher Mr. Glosters Diener war, hatte das Bündel aufgeschnürt und ihm einen langen, großen Gummisack entnommen. Nun blies er ihn durch eine Öffnung auf, die an einer Seite angebracht war. Darauf verschloß er diese durch eine Kapsel und schob die Unterlage, die jetzt wie eine Matraze aussah, in die Ecke.

»Jingo and Jerusalem! Das ist nicht übel!« rief James Jimsby. Darauf muß es sich so weich liegen wie auf Sprungfedern oder Daunen!«

»Und warm,« ergänzte der Mann, indem er mehrere wollene Decken über die Unterlage breitete.

Der Trapper nickte beistimmend. »Kann es mir denken.« Dann wandte er sich zur Tür. »Meine Pferde müssen gefüttert werden. Wenn ich zurückkomme, müssen wir unsere Sachen ordnen, Mr. Butterfly.«

»All right!«

»Ich begleite Euch,« sagte der Soldat und bezahlte seine Zeche. »Heute nacht habe ich einen der Außenposten am Platte-River zu beziehen, und wenn es auch bedeutend wärmer geworden ist, will ich mir doch lieber meinen Pelz und meine Pelzstiefel hervorsuchen. Man kann nicht wissen, ob das Wetter nicht ebenso rasch wieder umschlägt. – Auf Wiedersehen!«

»So long!« antwortete James Jimsby und streckte sich lachend auf dem Gummibette aus. »By Jove! Darauf liegt man wie in Abrahams Schoße.«

»Es ist merkwürdig milde,« sagte Ben Körber, während er mit Biesterfeld über den Platz schritt, den der Mond hell beschien. Sie gingen auf eine der letzten Kasernen zu.

»Vielleicht wird es ähnlich wie im vergangenen Jahre,« erwiderte der Soldat. »Erinnert Ihr Euch nicht? Da hatten wir bis um diese Zeit eine grausige Kälte. Dann schien es Frühling werden zu wollen, und es dauerte bis gegen Ende März. Doch der Winter kehrte noch einmal wochenlang in seiner ganzen Strenge wieder.«

»Ganz recht! Mir erfror damals meine große Zehe am rechten Fuß. Das ist jetzt kein schlechter Wetterprophet, und nach seiner Ansicht ist es vorläufig mit der Kälte vorbei. Wäre es der Fall, so hätte Seine Lordschaft, der Bärenjäger, wahrlich viel Glück, denn er scheint keinen Begriff von einem winterlichen Aufenthalt hier im Lande zu haben.«

»Zum Henker!« rief Biesterfeld und zeigte nach einem Haufen schreiender und lachender Soldaten vor der letzten Kaserne. »Ich möchte wetten, daß sie dort wieder ihren Spott mit dem jungen Indianscout treiben.« Beide schritten rascher weiter.

Biesterfeld hatte sich nicht geirrt. Die Soldaten umdrängten Andrew Brown von allen Seiten. Er bemühte sich vergeblich, seine Büchse im Arm, zwischen ihnen durchzuschlüpfen. Sie verhinderten es, indem sie ihn immer wieder mit Püffen und Stößen zurücktrieben.

»Fuchs in der Falle!« riefen sie. »Gefangen, roter Spion! Versuch's noch einmal! Dieses Mal glückt dir die Flucht vielleicht mit einigen blauen Rippen und einer Handvoll Haare, die du verlierst! Vorwärts, rote Kröte! Klapperschlange! Feigling!«

Die Geduld des Burschen mußte schon auf eine harte Probe gestellt worden sein. Aus seinem Auge leuchtete eine unheimliche Glut – und plötzlich lag seine Büchse im Anschlag.

Die Soldaten wichen erschrocken zurück. Keiner von ihnen hatte daran gedacht, daß er es wagen würde, die Waffe zu gebrauchen. Zu gleicher Zeit wurden mehrere von ihnen zur Seite gestoßen. Mit einem Ruck hatte Ben Körber dem gehänselten Andrew Brown die Büchse entrissen.

»Bist du von Sinnen, Junge!« rief er zornig.

Die Augen des jungen Halbindianers richteten sich jetzt voller Wut auf den Trapper. »Bin ich ein Hund, der sich treten läßt?« stieß er bebend hervor.

»Ja, das bist du, feiger roter Spion! Schlagt ihn nieder, den Heuchler, den Augendiener, den Schmeichler!« schrieen die Soldaten erbost und drangen wieder auf den Burschen ein, dessen Hand nach dem Messer am Gürtel faßte.

»Halt!« rief Ben Körber, zu dem sich nun auch Biesterfeld gesellte. Beide traten schützend vor den Bedrohten. »Keiner rührt ihn an! Ihr sollt Euch schämen, Leute, Euch an jemanden zu vergreifen, der noch ein halber Knabe ist!«

»Ja, schämen sollt ihr Euch!« sagte Biesterfeld voller Entrüstung. »Was hat der Bursche Euch getan? Ihr wollt zivilisierte Menschen sein, die den Indianern mit gutem Beispiele vorangehen sollen? Und da fallt Ihr wie wilde Tiere über einen einzelnen Schwächeren her? Hat er da nicht ein Recht, sich so zu verteidigen, wie er es vermag? Morgen melde ich Euch sämtlich dem Hauptmann. Dann wird Euren niederträchtigen, feigen Neckereien hoffentlich endlich und für immer ein Ende gesetzt.«

Die Soldaten brummten noch einiges unwillig, aber dann entfernten sie sich einer nach dem anderen.

»Ich lieferte die Waffe am liebsten an Euren Vorgesetzten ab,« wandte sich der Trapper an Biesterfeld. »Sie ist kein Spielzeug für die Hand eines Knaben.«

»Ach was! Gebt sie ihm wieder,« entgegnete jener gutmütig. »Wenn uns jemand übermäßig reizt, könnten auch wir fähig sein, etwas zu tun, was wir nicht zu verantworten vermöchten. Wieviel eher ist es bei diesem Sohne der Wildnis zu entschuldigen!«

Ben Körber zögerte eine kurze Zeit, dann reichte er die Büchse an Andrew Brown zurück. Er riß sie hastig an sich und eilte quer über den Platz fort.

»Hm, hm!« brummte der Trapper vor sich hin. »Wenn ich es mir recht überlege, muß ich aufrichtig gestehen, daß ich an der Stelle des Jungen vielleicht dasselbe getan hätte.«

»Ich – gewiß!« sagte der Soldat bestimmt. »Und ich würde auch wahrscheinlich sofort geschossen haben!«

In der Mitte des Platzes hielt Andrew Brown im Laufen inne. Zähneknirschend vor Wut drohte er mit der geballten Faust nach der Kaserne. »Ihr sollt es büßen, Buntröcke! Und dir, weißer, bärtiger Mann, will ich auch beweisen, daß ich kein Knabe mehr bin!« murmelte er ingrimmig.

Tom Collins hatte richtig prophezeit. Er war wieder bitter enttäuscht worden, vielleicht noch schlimmer als bei seinen roten Brüdern. Diese hatten ihm ihre Mißachtung nur angedeutet, während sie ihm hier ohne Scheu gezeigt wurde, wo er sich blicken ließ. Sein alter Freund hatte ihn gescholten, weil er seines falschen Vaters wegen alle Weißen haßte. Jetzt erst hatte er Grund zu diesem Haß.

Ja, – er haßte sie wie seine roten Brüder, und schon seit Wochen grübelte er darüber nach, wie er sich an ihnen und an jenen zu rächen vermöchte.

Noch zitternd vor Erregung, Zorn und Haß stand er am Flaggenpfahl gelehnt. Seine treue Büchse umklammerte er krampfhaft mit beiden Händen, als sollte sie ihm noch einmal entrissen werden. Da schoß ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, bei dem es frohlockend in seinen Augen aufblitzte. Er dachte an den Mann, den er auf der Jagd begleiten sollte. Er hatte den Vorschlag gern angenommen, um seinen Peinigern entrückt zu werden. Jetzt konnte er mit seinem Streifzuge durch das Land noch einen anderen Zweck verbinden. Er schaute nach dem Hause Hauptmann Grovers, in dem auch zwei Fenster im Erdgeschoß beleuchtet waren. Dort lag das Gemach des Hauptmanns, vor dem er schon oft abends, dicht an die Wand gedrückt, belauscht hatte, was dort drinnen besprochen wurde. Auch jetzt trieb es ihn dorthin. Er eilte hastig weiter. Bald darauf stand er vor dem einen Fenster und blickte vorsichtig durch die Scheiben.

Im Zimmer befanden sich der Hauptmann Grover und ein jüngerer Offizier, der im Begriffe war, sich zu verabschieden.

»Noch eins, Patterson!« sagte der Hauptmann. »Ihr habt es wohl schon gehört. Morgen wird Andrew Brown als Führer mit dem Engländer gehen, der mir von einer kaum bekannten Seite empfohlen wurde, – die Unverfrorenheit mancher Menschen ist wirklich zu bewundern! Ich benutzte die Gelegenheit, den roten Burschen hier zu entfernen. In erster Linie, weil er sich infolge seiner Jugend bei unseren Leuten keinen Respekt verschaffen kann – und außerdem traue ich ihm nicht recht. Ich glaube, er ist wie ein schwankendes Rohr im Winde. Er scheint mir fähig, heute für uns zu wirken, um uns morgen, wenn es um seinen Vorteil geht, zu verraten. Ich befürchte, meine Gutmütigkeit hat mir einen Streich gespielt. Es wäre besser gewesen, wenn ich sein Anerbieten damals gleich abgewiesen hätte. So stellte ich ihm Bedingungen, die ich nachher wohl oder übel erfüllen mußte.«

»Auch meine Kameraden und ich teilen Eure Ansicht, daß dieser rote Geselle unzuverlässig ist,« erwiderte der Offizier.

»Well! Der Ordnung halber macht morgen auch den Urlaub des Burschen auf unbestimmte Zeit dienstlich bekannt, wenn Ihr die übrigen Angelegenheiten mitteilt. – Gute Nacht!«

»All right, Captain!« Leutnant Patterson grüßte militärisch und ging.

Andrew Brown hatte jedes Wort der Unterredung vernommen. Über sein Gesicht glitt ein höhnisches Lächeln. »Falsch war auch Eure Freundlichkeit, Häuptling der Buntröcke!« sprach er vor sich hin. »Bisher gab ich euch noch keinen Grund, mir zu mißtrauen. Jetzt will ich ihn euch geben!«

Der böse Geist

Die Sonne war untergegangen. Das Arrapahoë-Lager am White-River lag heute geräuschlos da. Schon seit einer Woche war das Volk zu keinem frohen Feste mehr zusammengekommen. Dennoch fanden in dem großen Wigwam täglich Versammlungen der Männer statt. Sie führten dort feierliche Tänze auf, um den guten Geist auszusöhnen, der allem Anschein nach heftig zürnte, seitdem Ataha-sa fort war. Er hinderte den bösen Geist in keiner Weise, dem Volke zu schaden, wo er es vermochte.

Zuerst waren dem Häuptlinge und Woternihit-scha neunzehn Pferde verschwunden. Dann fehlten diesem eines Tages eine große Anzahl Büffelfelle. Am anderen Morgen fand er sie zerschnitten in der Nähe seines Camps wieder. In der darauffolgenden Nacht ging sein Tibi in Flammen auf. Dabei erlitt er erhebliche Brandwunden, als er versuchte, seine Habe zu retten, die sich in dem Wigwam befand. Die Brandwunden aber wollten nicht heilen, trotzdem er sogleich prickly-pairs daraufgelegt hatte. Auch die Jagd hatte in der letzten Zeit einen derartig schlechten Ertrag, daß viele Hunger litten. Und eines Nachts waren sämtliche Pferde in scheuer Flucht von dannen gelaufen. Es hatte zwei Tage gedauert, bis ihre Herren sie aus dem wildzerklüfteten Lande wieder zu dem Camp getrieben hatten.

Das Volk gab seinem Häuptling schuld an all diesem Unglück. Er hatte es ja hauptsächlich durchgesetzt, daß Ataha-sa nicht zum Krieger ernannt worden war. Kaum einer zweifelte daran, daß dies den Zorn des guten Geistes entfacht hatte. So begegnete der Häuptling überall mürrischen Gesichtern, und sogar die Kinder wichen ihm scheu aus, wenn er sich zeigte. Alles das stimmte ihn höchst unbehaglich, und er bereute schon längst, daß er den Wunsch des jungen Halbindianers nicht erfüllt hatte.

Außerdem lebte er in einer beständigen Furcht vor dem bösen Geiste. Bald nachdem Ataha-sa verschwunden war, hatte Woternihit-scha, der sich damals noch im Besitze seiner Pferde befand, dringend bei ihm um Nohoste-ia geworben. Eines Abends hatte er diese aufgefordert, dem Freier als dessen Weib zu folgen. Sie weigerte sich jedoch hartnäckig. Das hatte ihn schließlich in eine solche Wut versetzt, daß er sie in seiner Roheit an den Haaren packte, ihr die Lumpen vom Körper riß und nach seiner Peitsche griff. Noch aber hatte er sie nicht mit ihr berührt, da war aus dem Feuer in der Hütte eine hohe, blendende Flamme emporgezischt, und er hatte das Mädchen bestürzt freigelassen.

Als er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, redete er sich ein, daß er sich nur getäuscht habe. Am nächsten Tage versuchte er nochmals, seine Tochter zu züchtigen. Doch wieder war die Flamme aufgesprüht. Als ihm nun Woternihit-scha gar den Verlust der Pferde berichtete, war er überzeugt, daß Nohoste-ia mit dem bösen Geist im Bunde stehe oder von dem guten Geiste beschützt würde.

Sein Benehmen ihr gegenüber änderte sich jetzt vollkommen. Er behandelte sie auf das freundlichste. Bei der Mahlzeit schob er ihr stets einige Bissen hin, während sie sonst erst mit der Mutter und den jüngeren Geschwistern ihren Hunger hatte stillen dürfen, wenn er hinreichend gesättigt war. Er gab ihr einige Hirschhäute, die von seinem Weibe gegerbt und zu Waschleder bereitet waren, damit sie sich von ihnen ein Kleid anfertige. Heute hatte er ihr sogar eine bunte Perlenkette als Schmuck für den Hals geschenkt. Diese Perlenkette hatte er einst von einem Weißen eingetauscht; bisher hatte er sich nicht von ihr trennen können.

In der Versammlung, die am Nachmittag abgehalten wurde, hatte der Medizinmann aus verschiedenen Zeichen erkannt, daß der gute Geist noch immer zürne. Als Waha-u nach der Versammlung durch den Camp nach seinem Wigwam ging, hörte er hinter sich zornige Worte, mit denen einige Krieger ihren Mißmut gegen ihn ausdrückten.

Nun hockte er allein in seinem Tibi und grollte über die Frechheit der Männer. Zugleich war er aber auch schuldbewußt. Sein Weib und seine zwei jüngeren Kinder hatte er hinausgejagt, und Nohoste-ia streifte im Lager umher. Waha-u starrte in das Feuer, das beinahe bis auf einen Haufen glühender Kohlen niedergebrannt war, und sann auf ein Mittel, den guten Geist auszusöhnen. Er war bereit, irgend etwas von seiner Habe zu opfern, wenn es durchaus sein mußte. Vielleicht genügte ein Pferd. Er besaß ein Tier, das lahmte, seitdem es in der Nacht mit den übrigen davongelaufen war, und das er doch nicht mehr gut gebrauchen konnte.

Während er weitersann, was er wohl noch ohne allzugroße Schmerzen zu missen vermochte, fielen ihm die frechen Reden der Krieger wieder ein. Mit Schrecken mußte er sich gestehen, daß er möglicherweise den Otternschwanz im Haar des Häuptlings verlieren würde, wenn der gute Geist noch länger zürnte.

Im Geiste sah er schon einen anderen Häuptling statt seiner an der Spitze seines Stammes, und er murmelte ängstlich: »Was soll ich tun? Was verlangst du, guter Geist, damit ich dich mit mir und mit meinem Volke aussöhne?«

»Krieg! Krieg!« klang es laut an sein Ohr, und in demselben Augenblicke zischte die sprühende, helle Flamme wieder vor ihm auf.

Voller Entsetzen prallte er zurück und fiel rücklings zu Boden. Ihm gegenüber verschwand das höhnisch lachende Gesicht Andrew Browns unter der Hüttenwand.

Waha-u raffte sich auf und rieb sich die Stirn.

»Krieg?« wiederholte er zaghaft und leise. »Jetzt im Winter?« Er schüttelte sich und schaute furchtsam nach dem Feuer. Was er gesehen und gehört hatte, war keine Täuschung.

»Krieg will ich! Krieg!« klang es noch einmal drohend, ja befehlend hinter ihm.

Der Häuptling zog die Decken, in die er gehüllt war, fester um sich. Hastig verließ er den Wigwam. Er begab sich eiligen Schrittes zu dem Tibi des Medizinmannes.

Nach einer kurzen Weile ertönte am White-River der klagende Schrei einer Eule.

Gleich darauf huschte Nohoste-ia zwischen den Wigwams hindurch zu dem Flusse und in das Gestrüpp. Als sie eine geringe Strecke darin fortgekrochen war, trat ihr Andrew Brown entgegen.

»Du rufst, und ich komme«, flüsterte sie, indem sie sich erhob.

»Berichte mir, was du weißt«, sagte er rasch.

»Froher Gesang und Tanz erfreut die Weiber nicht mehr. Die Männer hüpfen allein um das Feuer im großen Tibi. Seitdem du uns den Rücken wandtest, verfolgt Unheil unseren Stamm. Das Volk murrt. Waha-u wird den Otternschwanz bald nicht mehr tragen.«

»Wirbt Woternihit-scha, der Feige, noch um dich?«

Sie schüttelte den Kopf. »Er hat nichts mehr, was er dem Vater für mich bieten könnte.«

»Hat dich Waha-u wieder geschlagen?« fragte Andrew weiter. Sie lachte leise. »Ich warf das, was du mir gabst, rechtzeitig ins Feuer, wie du es mir rietest. Es scheint jetzt, als sei ich das Lieblingskind des Vaters. Sieht dein Auge nicht, daß ich ein Lederkleid trage? Und hier« – sie ergriff seine Hand und führte sie zu ihrem Halse an die Perlenkette, – »auch die gab er mir.«

Während ihrer letzten Worte klangen dumpfe Trommeltöne von dem großen Wigwam herüber. Sie riefen die Männer zur Beratung. Andrew Brown kicherte vor sich hin. »Mein Mittel half! Doch wenn die Männer murren, wird Waha-us Zunge vielleicht umsonst reden. – Du bist klug, Nohoste-ia, und flink wie ein Reh. Du kannst lautlos wie eine Schlange kriechen. Leihe mir dein Ohr und gib genau acht!« Sie sah geschmeichelt zu ihm auf.

Andrew blickte nach dem Camp, in dem es lebendig geworden war. Von allen Seiten her liefen Gestalten zu der Beratungshütte, die jetzt in ihrem Inneren hell erleuchtet war.

Dann sagte er: »Ich kann nicht hier bleiben. Sieh, ich führe einen weißen Mann, der Bären töten will, durch die Jagdgründe. Heute morgen verließ ich ihn, ohne daß er weiß, wohin ich ging. Er wird mit Ungeduld auf mich warten. Ich möchte seinen Zorn nicht wecken, damit ich nicht auch den weißen Häuptling erzürne, dessen Freund er ist. Ich muß daher zu ihm zurück. Hier nimm!«

Er reichte ihr eine Anzahl Päckchen, die mit Papier umwickelt waren. »Und nun höre! Nach der Versammlung schleiche dich an die Tibis der ersten Krieger. Dort hebe die Wand kaum merklich! Wenn der Mann allein ist, wirf eines der Päckchen geschickt in das Feuer! Sobald dein Auge eine Flamme aufschießen sieht, rufst du mit tiefer Stimme: Krieg!«

Sie wollte betroffen etwas erwidern.

»Still!« sagte er schnell und befehlend. »Was ich gesagt habe, geschieht! Ich will es. Und wenn du dich ergreifen läßt, bin ich dein Freund nicht mehr. – Morgen belauschst du die Männer! Wenn dein Ohr hört, daß sie den Kriegspfad betreten wollen, entzünde ein Feuer hinter dem Gipfel des schwarzen Berges, sobald es Nacht geworden ist. Meine Augen werden es sehen. Und nun geh!«

Sie zögerte. In dem Tibi ihres Vaters hatte sie die Päckchen wohl in das Feuer geworfen, weil Ataha-sa ihr gesagt hatte, daß dies Mittel Waha-u daran hinderte, daß er sie schlüge. Sie hatte es getan, ohne sich sonst etwas dabei zu denken. Jetzt ahnte sie, daß es den Kriegern als ein geheimnisvolles Zeichen gelten sollte. Eine namenlose Angst befiel sie. Ihr war, als lehne sie sich gegen die Macht des bösen Gottes auf, wenn sie dem Verlangen nachkam, das an sie gestellt wurde, und sie stotterte, indem sie hieran dachte: »Er wird mich verderben!«

Andrew Brown erriet, wen sie meinte.

»Es gibt weder einen guten noch einen bösen Geist. Lüge ist es!« erwiderte er in bestimmtem Ton. »Es gibt nur einen Gott, den Gott der Weißen, der vor vielen, vielen Sommern seinen Sohn auf die Erde sandte.«

Er schwieg. Da er sinnend vor sich niedersah, bemerkte er nicht, wie das Mädchen ihn ungläubig und auf das höchste erstaunt anstarrte. Er dachte, wie so oft in der letzten Zeit, an den Christbaum mit den brennenden Lichtern, die er in Mr. Butterflys Schankstube gesehen hatte, und in seinem Ohr summte der wunderbare Gesang der drei weißen Männer.

»Und wir hätten keinen Gott?« fragte sie verwirrt.

»Der Gott der Weißen ist auch der Gott des rotes Volkes, – er ist der Vater aller Menschen.«

»Und Er wird mir nicht zürnen, wenn ich tue, was du wünschest?« fragte sie gespannt weiter.

»Nein!« wollte er antworten, aber das Wort erstarb ihm auf der Zunge. Er schüttelte nur mit dem Kopfe. Noch war ihm der Begriff der Sünde nicht ganz klar. Er hatte den Lehren des väterlichen Freundes nur immer mit halbem Ohre gelauscht, – doch jetzt deuchte es ihm plötzlich, als handle er nicht recht. Der Gedanke war ihm peinlich, und er versuchte gewaltsam, ihn zu unterdrücken. »Geh!« sagte er hastig.

Nohoste-ia gehorchte. Sie war noch nicht vollständig beruhigt. Was sie aber auszuführen hatte, erschien ihr nicht mehr so schlimm.

Andrew kreuzte den White-River an der Stelle, wo einige Baumstämme eine Brücke bildeten. Sie ruhten auf mehreren Felsblöcken, die im Flusse lagen. Dann erkletterte er die Höhen in einem Spalt. Dort stand sein Pferd in einer Bodensenkung an einen Sagebrush angebunden. Behend schwang er sich in den Sattel und ritt gegen Westen davon.

Der Mond stieg soeben am Horizont herauf, und dunkle, gespenstische Schatten legten sich fern und nah über das wild zerrissene Land. – – –

Ben Körber hatte recht behalten, als er in der Schankstube von Mr. Butterfly äußerte, daß Mr. Gloster sein herrisches, hochmütiges Auftreten bei seinem roten Führer sehr bald einstellen würde, wenn er einsehe, daß er damit nichts ausrichte. Es machte auf den jungen Halbindianer nicht den geringsten Eindruck. Auch daß er Geld versprach, hatte ebensowenig Erfolg. Andrew Brown blieb sich vollkommen gleich. Er ritt, stolz das Haupt erhoben, an der Seite des Engländers, als sei er der Herr und jener der Diener. Nichts half, ihn gesprächiger zu machen oder ihn zu veranlassen, daß er irgend etwas mehr tat, als er sich offenbar zu tun vorgenommen hatte. Sobald Halt gemacht war, sattelte er die zwei Reitpferde ab, nahm die Lasten von den beiden Packgäulen, führte die Pferde zur Tränke und band sie an einen Platz fest, wo sie Futter fanden.

Dann suchte er Holz, entzündete ein Feuer und schlug ein kleines Zelt auf, das Mr. Gloster zum Schutze seines Nachtlagers im Freien bestimmt hatte.

Alles übrige überließ er seinem Herrn: Das Holen des Wassers, die Zubereitung der Mahlzeiten, das Reinigen des Geschirrs, das Fortpacken der Lebensmittel, die Herstellung des Gummibettes, und was sonst zu tun war. Die ungewohnte Arbeit fiel Mr. Gloster zuerst sehr schwer; bald jedoch wurde sie ihm zum Vergnügen.

Der Engländer hatte keine Sekunde daran gedacht, daß er das Zelt mit seinem Begleiter teilen wollte. Andrew aber hatte gleich am ersten Abend das Gummibett in dem Zelt einfach beiseite geschoben, sich neben diesem sein Lager aus Büffelfellen bereitet und sich darauf niedergelegt. Mr. Gloster war schon durch das ruhige, energische Wesen seines Führers derart eingeschüchtert, daß er es nicht wagte, den Schlafkameraden, der ihm sehr unlieb war, aus dem Zelte zu vertreiben.

Er war sehr überrascht gewesen, als Andrew Brown eine andere, fast entgegengesetzte Richtung einschlug, nachdem sie kaum eine Meile von Fort Fetterman entfernt waren. Statt wie anfangs nach Nordwesten, zog er mit ihm nach Südosten. Auf alle seine Fragen hierüber erhielt er nur kurze und, wie er sehr wohl merkte, ausweichende Antworten. Sein Führer sorgte jedoch dafür, daß er Wild, Hirsche, Rehe und Antilopen vollauf zu sehen bekam. Er erlegte auch einige große graue Wölfe, deren Felle Andrew an versteckten Stellen, die vor Regen und Schnee geschützt waren, mit Pflöcken auf dem Boden ausspannte. Bei der Rückkehr wollte er sie, wie er sagte, getrocknet mitnehmen. Da auch die immer wechselnden Naturbilder des Landes, das täglich pfadloser wurde, einen großen Reiz auf ihn ausübten, gab er sich einigermaßen zufrieden.

Schließlich aber nahm er sich doch eines Abends vor, am nächsten Tage ein sehr ernstes Wort mit seinem Führer zu reden, falls er beabsichtigte, noch weiter in die Gegenden vorzudringen, die jetzt kahler und wildarmer wurden und den Pferden kein genügendes Futter mehr boten. Zudem hatte ihm Hauptmann Grover mitgeteilt, daß der Tummelplatz der Bären in den Bighorn-Mountains sei. Die aber lagen im Westen und nicht im Osten. Außerdem befürchtete er, daß die milde Witterung umschlagen möchte. Wenn aber Schneestürme eintraten, dann war ein Ritt durch dies Land unmöglich, das jetzt schon für Roß und Reiter gefährlich war.

Am anderen Morgen erwachte er früh nach einem tiefen Schlafe. Er fand den Genossen nicht an seiner Seite und machte bald eine Entdeckung, die ihm sehr unangenehm war. Andrew Brown hatte sich mit seinem Pferde entfernt.

Zuerst sagte er sich, Andrew sei vermutlich ausgeritten, um die Gegend abzustreifen; denn noch am Tage vorher hatte er sich bei ihm beklagt, daß sich bisher noch nicht einmal die Spur eines Bären gefunden habe. Als der Vermißte jedoch auch am Mittag noch nicht heimgekehrt war, ergriffen ihn Ärger und Zorn. Je weiter aber der Tag fortschritt, um so mehr bemächtigten sich seiner Angst und Furcht.

Wie sollte er aus diesem kaum zugänglichen Lande allein wieder herausfinden? Auf der ganzen Reise waren sie bisher keiner Menschenseele begegnet, und hier hauste gewiß niemand. Warum sollte ihn aber sein Führer böswillig verlassen haben? War er nicht immer freundlich zu ihm gewesen? Hatte er ihn nicht bisweilen sogar wie einen guten Bekannten, ja ganz wie seinesgleichen behandelt? – Er versuchte vergeblich, sich mit allen möglichen Gründen zu beruhigen. Es wurde Abend. Die Sonne sank. Es wurde Nacht. –

Andrew Brown kam nicht wieder. Mr. Gloster unterhielt das Feuer noch mehrere Stunden. Er entfachte es sogar von Zeit zu Zeit zur hellodernden Flamme. Es sollte dem sehnlichst Erwarteten in dem nächtlichen Dunkel als Zeichen dienen. Auch schreckte es die Wölfe zurück, an deren Geheul er sich zwar schon gewöhnt hatte, – doch heute klang es ihm mehr als unheimlich.

Zuletzt ergriff ihn ein heftiges Frösteln. Das trieb ihn in das Zelt unter seine Decken. Dort lauschte er immer gespannter auf das geringste Geräusch. Endlich geriet er in eine fieberhafte Aufregung, die ihn völlig erschöpfte und ihm endlich die Augen zum Schlummer schloß.

Nun aber beängstigten ihn die furchtbarsten Träume. Er sah sich inmitten der größten Gefahren. Bald war er nahe daran, mitsamt seinem Pferde einen schwindelnden Abgrund hinabzustürzen, bald umzingelten ihn Wölfe von allen Seiten, und ihm fehlte jede Waffe zur Verteidigung. Dann nahmen ihn Indianer gefangen und schleppten ihn in ihre Dörfer, um ihn zu Tode zu martern. Schließlich stand er einem Bären gegenüber, der seine Büchse mit einem Schlage zerschmetterte, ihn zu Boden warf und sich auf ihn wälzte. Er wollte schreien. Doch die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Der weitgeöffnete Rachen der Bestie kam seinem Gesichte immer näher, und er hörte deutlich ihr wütendes Schnauben und Röcheln. Noch einmal sammelte er seine ganze Kraft. Er richtete sich mit einem Ruck empor und erwachte.

Es war lichter Tag. Die Sonne schien hell durch das Leinen der Zeltwände, die mit Öl getränkt waren.

Der Engländer schauderte und war dennoch froh, daß das, was er soeben zu erleben geglaubt hatte, nur ein Traum gewesen war. Er griff sich an die Stirn, die in Schweiß gebadet war. Dann lauschte er wieder. Das Röcheln drang noch immer an sein Ohr.

Er blickte zur Seite, – und er vermochte einen Laut der Freude nicht zu unterdrücken: Dort lag, in seine Büffelfelle gehüllt, Andrew Brown. Er schlummerte friedlich und schnarchte laut. Nach all den schlimmen Stunden, die er seinem Herrn verursacht hatte, hätte Andrew wohl eine strenge Strafpredigt verdient. Mr. Gloster war aber seelenfroh, daß er ihn wieder bei sich hatte. So verrauchte jeder Zorn in ihm.

»He! Herumtreiber! Wo, zum Henker! habt Ihr gesteckt?« rief er und rüttelte den Schläfer an der Schulter.

Der Bursche erwachte. Doch er blinzelte vorsichtig durch die kaum geöffneten Lider zu seinem Herrn hin. Erst als er ihn lächeln sah, schlug er die Augen vollends auf und sprang vom Boden empor.

»By Jove! Habe ich mich gestern gelangweilt und auch nicht wenig um Euch gesorgt«, sprach der Engländer weiter und folgte dem jungen Halbindianer vor das Zelt, wo dieser eifrig Holz spaltete, um ein Feuer zu entzünden. »Na? Ihr wart doch gewiß fort, um den Aufenthalt eines Bären zu erforschen! Habt Ihr eine Spur gefunden, ay?«

Andrew schüttelte das Haupt. »Leider nein, und ich glaube nun selbst, daß es besser ist, wir kehren um und wenden uns den Bighorn-Mountains zu.«

»Das ist vernünftig«, erwiderte Mr. Gloster erfreut. Während er geschäftig alles herbeiholte, was für die Zubereitung eines Morgenimbisses nötig war, fuhr er scherzend fort: »Nehmt es mir nicht übel; aber meine Achtung vor Euren Erfahrungen im Waidwerk ist bedeutend herabgemindert. Die sollten bei Euch als einem halben Indianer doch großartig sein! Ich will meine Unkenntnis in der Jägerei hier im wilden Westen gern bekennen. Mich deucht es aber ziemlich handgreiflich, daß in dieser öden Gegend sogar einem Bären die Lust zu hausen vergeht. Wir haben seit Tagen kaum ein Wild gesehen. Na! – und eine solche Bestie will doch leben.

Nein, nein, mein Freund! Ich will hoffen, daß ich Euch noch von einer besseren Seite kennenlerne, sonst steckt blitzwenig von einem Indianer in Euch. Das heißt, soweit ich das nach dem beurteilen kann, was ich in Büchern las. Bisher hatte ich ja noch nicht das Vergnügen, mit dem roten Volke Bekanntschaft zu machen. Die Stämme, die hier im Lande hausen, sollen ja friedlicher Natur sein, wie ich höre«, fügte er mit einem fragenden Blicke hinzu.

Andrew Brown schickte sich heute zum ersten Male an, ihm bei der Herstellung der Mahlzeit behilflich zu sein. Er nickte stumm.

»Nun sagt mir aber um des Himmels willen, wo seid ihr gestern den ganzen Tag und die vergangene Nacht gewesen?« hub der Engländer nach kurzer Pause wieder an.

»Ihr müßt erst gegen Morgen wieder zurückgekehrt sein. Ich bin nicht früher eingeschlafen, weil – weil – weil ich etwas Zahnschmerzen hatte«, schloß er rasch. Er schämte sich, seine Furcht und Angst einzugestehen, die ihn wach erhalten hatten. »Ich ritt kreuz und quer und suchte überall nach Bärenspuren. Dabei vergaß ich die Zeit, bis mich die Nacht überraschte«, entgegnete der Bursche scheinbar gelassen. Dabei schaute er doch verstohlen zu seinem Herrn hinüber. »Bei Mondschein vermochte ich meinen Weg dann nur sehr langsam fortzusetzen.« »Das glaube ich gern«, sagte Mr. Gloster überzeugt, der keinen Augenblick an der Wahrheit der Worte seines Führers zweifelte. »Schon bei Tage ist es ein Kunststück, einigermaßen schnell vorwärtszukommen, ohne Hals und Beine zu brechen. – Na? es ist ein Glück, daß Eure Knochen heil geblieben sind. Nun wollen wir uns sputen, daß wir so rasch wie möglich wieder aus diesem Lande hinaus und auf die Bighorn-Mountains hinauf kommen. Die Gegend soll dort prächtig sein! Vor allen Dingen sorgt dafür, daß ich bald einen Bären vor dem Lauf meiner Büchse sehe. Ich brenne förmlich vor Verlangen danach. Am besten schieße ich ihn in das Auge, nicht wahr?«

»Durch das Auge in den Kopf«, verbesserte ihn Andrew. »Der Schädel des Tieres ist hart wie Stein. Die Kugel prallt leicht an ihm ab oder dringt nicht tief genug ein. Es ist deshalb geratener, eine solche Bestie nahe an sich herankommen zu lassen, ihr den Lauf in den Rachen zu stoßen und abzudrücken. – Ich tötete drei Bären auf diese Weise.«

»So? – Hm! – Das leuchtet mir ein!« sagte der Engländer und blickte nachdenklich auf das Stück Rehfleisch, das er in einer Pfanne briet.

»Der Schuß in das Auge oder durch das Auge ist immerhin auch nicht so sicher! Der Bär wird ja nicht warten, bis man genügend gezielt hat. – In den Rachen also! Hm! – Werde es mir merken! – Drei Bären – Wetter! – habt Ihr schon auf diese Weise getötet? Na! Damit hat sich die Probe hinreichend bewährt! – Erweist mir nur die Gefälligkeit und kommt mir beim Schießen nicht zuvor! Ich wettete in England um eine namhafte Summe – Geld spielt bei mir keine Rolle! daß ich einen Bären allein erlegen würde. Ich will meine Wette ehrlich gewinnen. Und nun setzt Euch her zu mir und eßt!«

Andrew Brown ließ sich nicht zweimal nötigen und verschlang gierig, was ihm gereicht wurde. Er hatte seit sechsunddreißig Stunden nur etwas getrocknetes Hirschfleisch genossen, das er im Arrapahoë-Lager an einem Wigwam hängend fand. Nach der Mahlzeit war er seinem Herrn abermals in jeder Weise behilflich.

Dieser war nicht wenig darüber erstaunt. »Aha!« dachte er, »der braune Sohn der Wildnis ist ein guter Kerl. Er schämt sich sehr wahrscheinlich, daß er erstens ohne meine Erlaubnis von mir ritt und zweitens so lange fortblieb, was er gewiß hätte vermeiden können. Nun will er seinen Fehler nach Kräften wieder gut machen.« – »Hier nimm!« sagte er freundlich und gab Andrew eine Zigarre. Das hatte er bisher noch nicht getan. »Es ist etwas ausgezeichnetes! Rauche sie daher mit Verstand!« Jetzt bot sich ihm Gelegenheit, zu sehen, daß in seinem Führer dennoch etwas von einem Indianer steckte, was er vorhin bezweifelt hatte. Der brach nämlich die Zigarre, die Kenner mindestens mit einem Vierteldollar bezahlten, in zwei Hälften. Die eine versenkte er in seine Beinkleidertasche, während er die andere in der Hand zerbröckelte und den Tabak, den er so zerkleinert hatte, in eine Pfeife mit einem Steinkopf steckte. Diese entzündete er am Feuer. 

Der Engländer lachte. Er klopfte seinem Genossen vertraulich auf die Schulter und meinte: »Ihr seid ein prächtiges Kerlchen! Ich bedaure nun aber doch, daß ich Euch nicht lieber, – obgleich Geld bei mir keine Rolle spielt, – für den Preis der Zigarre etwas Tabak schenkte. Ihr hättet vermutlich denselben Genuß davon und hättet ihn für eine längere Zeit gehabt.«

Andrew schaute ihn beinahe betroffen an. Er verstand ihn wohl nicht ganz. Das reizte ihn abermals zum Lachen. Als der Bursche nun unwillig die Achseln zuckte, begann er über dessen Verwandtschaft mit dem roten Volke zu scherzen, und ebenso über den gestrigen Ritt. Da er reichlich lange ausgedehnt worden sei, meinte er lächelnd, lasse er keine allzugroße Kenntnis des Landes voraussetzen. Genug, er zeigte ihm, daß es durchaus nicht seine Absicht war, ihn zu beleidigen.

Andrew Browns Miene hellte sich auch sehr schnell wieder auf. Er sattelte und belud die Pferde mit dem größten Eifer. Schon nach einer kurzen Weile konnte aufgebrochen werden.

Mr. Gloster war herzlich froh, daß es jetzt nach dem Nordwesten zurückging. Damit ging es gewiß auch dem Ziel seiner Wünsche entgegen. Seine heitere Laune stieg noch, da sein Genosse heute bedeutend gesprächiger als sonst war.

Während er lustig weiterscherzte, dachte er plötzlich daran, daß er sich eigentlich unverantwortlich benähme. Er, der zukünftige Lord, der aus einer der ersten, angesehensten Familien gebürtig war, aß mit einem Halbindianer aus einer Pfanne und schlief nachts mit ihm in einem Zelte. Im übrigen behandelte er diesen Menschen aus der niedrigsten Menschenklasse ganz als seinesgleichen. – Es war haarsträubend. Wenn das seine Freunde erfuhren, glaubten sie ohne Frage, daß er vollständig verrückt geworden sei.

Und dennoch! War es nicht lächerlich, mit einer gewissen Mißachtung auf die Menschen herabzusehen, die nicht durch Geburt und Reichtum begünstigt wurden? War es nicht ehrenwert, daß sie ihren Unterhalt durch redliche Arbeit zu erwerben trachteten, da ihnen das Schicksal diesen Unterhalt nicht von selbst in den Schoß warf? Verdienten nicht gerade sie die höchste Achtung? – War er denn blind gewesen, daß er bisher kein Verständnis dafür gehabt hatte? Ja, so gut wie blind, da er sich allein nie die Mühe gab, über dergleichen nachzudenken. Stand er doch stets in Verkehr mit Leuten, die ebenso wie er selbst nur darauf bedacht waren, ihr Leben so genußreich wie möglich zu gestalten. Jetzt hatte er selbst arbeiten gelernt! Wenn es auch wenig war, was er verrichtete, und wenn es auch nicht für seinen Broterwerb geschah, so war es doch Arbeit. Sie hatte ihn der arbeitenden Menschenklasse näher gerückt und ihm die Augen geöffnet. Lächelnd betrachtete er die Schwielen, die sich bereits in seinen Händen bildeten. Ein Gefühl des Stolzes, wie er es ähnlich noch nie gekannt hatte, erfüllte ihn mit Behagen. In diesem Augenblicke war es ihm vollkommen gleichgültig, wie ihn seine Freunde in England beurteilen würden. Sie sollten nur wissen, was aus ihm geworden war.

Sogar sein Führer verdiente Achtung. Er stand trotz seiner Jugend schon in Lohn und Brot. Mr. Gloster nahm sich vor, ihm diese Achtung fortan durch die größte Freundlichkeit zu erweisen. In noch heiterer Laune als vorher setzte er die Unterhaltung mit ihm fort.

Andrew Brown schien jetzt selbst viel daran zu liegen, so rasch wie möglich vorwärts zu kommen. Wo es der Weg nur einigermaßen zuließ, trieb er seinen Gaul und die vor ihm her trabenden Packpferde zur Eile an. Als sein Herr nach Mittag halt machte, wußte er ihn schon nach kaum einem halben Stündchen zu überreden, mit ihm wieder aufzubrechen.

In dieser Hast seines Führers sah Mr. Gloster das Bestreben, das dieser hatte, den Fehler wieder gut zu machen, den er eingesehen hatte.

Bei Sonnenuntergang erreichten sie eine Schlucht, durch die ein Bach rieselte. Hier hatten sie auf der Herreise die zwei letzten Wolfsfelle zum Trocknen ausgespannt. Andrew Brown erklärte, er wolle hier für die Nacht bleiben. Er wartete nicht lange bis der Engländer zustimmte, sondern sattelte die Pferde ab, lud die Packgäule ab und führte alle zum Bache. Dann rührte er die Hände noch geschäftiger als am Morgen. Er war bald so in seine Tätigkeit vertieft, daß er nicht bemerkte, wie ihn sein Herr zuletzt allein gewähren ließ.

Nach der Mahlzeit räumte er ebenso alles wieder fort. Da konnte Mr. Gloster es nicht unterlassen, ihn zu loben. Das hatte jedoch nur die Wirkung, daß Andrew wieder wortkarg wurde und es auch blieb, bis sich beide zur Ruhe begaben.

Der Engländer, der beinahe die ganze letzte Nacht durchwacht hatte und den der Ritt anstrengte, schlief sofort ein. Aber auch heute peinigte ihn ein böser Traum. Ihm war, als ob ihn sein Führer abermals und jetzt wirklich auf Nimmerwiedersehen verlassen habe.

Er erwachte mit kaltem Angstschweiß auf der Stirn. Um sich zu vergewissern, daß er nur geträumt habe, tastete er mit zitternder Hand zur Seite.

Wirklich! Das Lager des Burschen war leer. Aber – es war noch warm. Er konnte sich also noch nicht lange entfernt haben. Mr. Gloster zog schnell die Stiefel an, deren er sich vor dem Schlafengehen zu entledigen pflegte, und eilte ins Freie.

Die Nacht war sternenklar und daher nicht vollständig dunkel. Er spähte scharf umher. In der Nähe der Pferde, die sämtlich den Kopf erhoben hatten, bemerkte er eine Gestalt. Sie sprang behend über den Bach und wandte sich einer Schlucht zu, die steil bergan, wie er sich erinnerte, auf den Gipfel der Felswand führte. Von dort bot sich ein weiter Fernblick nach Osten. Als er hier zuletzt mit seinem Genossen rastete, hatte er einen Wolf durch die Schlucht verfolgt. Er war wohl von der Kugel getroffen, aber nicht tödlich verwundet und daraufhin entkommen. Behutsam schlich Mr. Gloster der dunklen Gestalt nach.

Wenige Minuten später war er oben in der Schlucht angelangt. Er blickte vorsichtig über die letzte Erhöhung. Da stand Andrew Brown, die Arme gekreuzt, keine zwanzig Schritt von ihm und schaute durch die Nacht nach Südosten.

Die Geduld des Engländers wurde auf eine harte Probe gestellt. Eine lange Weile hindurch regte der Bursche kein Glied. Dann jedoch stieß er einen leisen, kichernden Ton aus, und nun sah Mr. Gloster in der Ferne ein flimmerndes Licht, wahrscheinlich ein Feuer.

»Bist ein brauchbares Mädchen, Nohoste-ia!« sprach Andrew Brown laut vor sich hin. »Das rote Volk wird tun, was ich will. Jetzt kann ich beruhigt mit dem Weißen auf die Bärenjagd gehen.«

Er machte Miene, umzukehren. Da lief der Engländer, so rasch ihn seine Beine tragen konnten, nach dem Zelte zurück und hüllte sich in seine Decken.

Der Bursche jedoch hatte sich noch einmal dem Zeichen zugewandt, das er mit dem Mädchen verabredet hatte.

»Ich kenne dich, faules, unschlüssiges Volk«, murmelte er. »Es werden noch Tage, vielleicht Wochen verfließen, bevor du den Kriegspfad betrittst. Du pflegst dich nur zu sputen, wenn du fliehst. Auch dieses Mal wirst du fliehen! Ich will aber wünschen, daß vorher der Skalp manchen verhaßten Buntrockes am Gürtel deiner Krieger hängen möge! Dein Volk wird dich beschuldigen, Waha-u, wenn es gezwungen ist, die Krieger für die Reise nach den glücklichen Jagdgründen zu rüsten, die das Blei der Buntröcke niederstreckte. Es wird dich dann nicht mehr wert halten, daß der Otterschwanz künftig dein Haupt ziert. Dann bin ich gerächt, und – – –«

Er hielt inne und sann nach. Konnten die roten Männer nicht vielleicht ahnen, daß nicht der gute oder böse Geist, sondern er sie in den erfolglosen Kampf geschickt hatte? War es nicht sehr gut denkbar, daß Nohoste-ia ihn verriet?

Er hatte das Volk, bei dem er aufgewachsen war, freiwillig verlassen. Nun erfüllte es ihn mit Schrecken, daß er seine Rückkehr dorthin für immer unmöglich gemacht hatte, wenn das eintraf, was er vermutete. Er dachte mit Widerwillen daran, daß er sein Leben künftig unter den Buntröcken fristen sollte. Nein! Lieber ging er zu Tom Collins und nahm dessen Anerbieten an, bei ihm zu bleiben. Doch auch dieser Gedanke behagte ihm nicht. Es schien ihm zu schwer, den Lehren seines väterlichen Freundes zu folgen.

Er sandte noch einen mürrischen Blick zu dem fernen Feuer. Dann stieg er mißmutig die Schlucht wieder hinab, kroch geräuschlos in das Zelt und legte sich neben seinem Herrn nieder.

Ein gefährlicher Gegner

Etwa 12 Meilen westlich von Fort Reno, dem heutigen verlassenen Old Fort Mc Kimmy, öffnet sich mitten in den Bergen ein weiter Talkessel. Hier entrollt sich dem Auge ein Bild der Bighorn-Mountains, wie es sich, auf einen Punkt vereinigt, an einer anderen Stelle wohl kaum großartiger finden läßt.

An der südlichen und der westlichen Seite des Talkessels streben hier und dort schroffe, grauschwarze Steinmauern, die aus einem Gewirr von gewaltigen Felsblöcken emporragen, hoch gen Himmel. Diese Steinmauern, die sich zum Teil in den wunderbarsten Gestaltungen darbieten, durchschneiden verschiedene breite und schmälere Schluchten, die mit Bäumen und Buschwerk bewachsen sind.

Zwischen diesen stürzt von hoch oben herab, einem silberweißen Schleier ähnlich, rauschend und schäumend ein Gewässer. Es wird durch Vorsprünge in der Felswand in mehrere Fälle geteilt, die sich in der Tiefe wieder zu einem klaren Wasserspiegel vereinigen, der von Büschen und Bäumen eingefaßt ist. Von hier aus nimmt ein munterer Bach quer durch den Talkessel seinen Lauf nach Osten.

Im Norden reiht sich Berg an Berg höher und höher bis zu dem alles andere weit überragenden Cloud-Peak. Nach Osten hin schaut das Auge hinab in tiefer und tiefer sich senkende Gelände. Es streift über wellige, meilenweite, durch Höhenzüge unterbrochene Prärien bis zu einer Bergkette, die sich am fernen Horizont abgrenzt. Dies sind die letzten Ausläufer der Black-Hills.

Am Morgen des vierten Tages, nachdem Mr. Gloster seinen Führer belauscht hatte, ritt er mit diesem in den Talkessel hinein. Er war von dem Anblick der erhabenen Gebirgslandschaft überwältigt. Voll staunender Bewunderung hielt er sein Pferd an und ließ seine Blicke minutenlang schweigend umherschweifen. Anfangs hatte die Entdeckung, die der Engländer gemacht hatte, in ihm das größte Mißtrauen erregt. Andrew Brown war also am Tage seiner Abwesenheit in den Bad-lands offenbar in irgendeinem Lager der Indianer gewesen oder mindestens mit Indianern zusammengetroffen. Mr. Gloster hatte noch in der gleichen Nacht lange über die etwaige Bedeutung der erlauschten Worte nachgegrübelt. Schließlich fiel ihm ein, was Hauptmann Grover ihm mitgeteilt hatte, – warum der Bursche sich von seinen roten Brüdern entfernte. Nun schien es ihm, indem er an jene Worte dachte, daß der junge Halbindianer sein Verlangen noch nicht aufgegeben habe, zum Krieger ernannt zu werden, trotzdem er sich den Weißen zugesellt hatte. Ihm schien, daß er irgend etwas bei dem roten Volke ins Werk gesetzt hatte, um dies zu erreichen.

Nach und nach beruhigte er sich wieder vollständig. Andrew Brown blieb zuvorkommend und stets bereit, bei allem behilflich zu sein. Er redete auch verschiedentlich sehr überzeugend davon, daß die Bärensuche nun bald zum Erfolg führen würde. So gab Mr. Gloster seine Absicht, die er zuerst hegte, noch einmal nach Fort Fettermann zu reiten und mit Hauptmann Grover über sein Erlebnis zu sprechen, endgültig auf. Er folgte seinem Führer auf dem nächsten Wege in die Bighorn-Mountains.

Gewiß, er grollte dem Burschen noch, weil er ihm etwas vorgeschwindelt hatte, – ihm schien auch erwiesen zu sein, daß der Bursche nicht ausgeritten war, um Bärenspuren zu suchen, als er von ihm allein gelassen wurde. Doch die Naturschönheiten, die sich ihm wieder boten, eine Jagd auf Bergschafe, die Andrew meisterhaft zu beschleichen verstand, der Reichtum an Wild und der Gedanke, daß das Ziel seiner Reise nun bald erreicht war, söhnten ihn zuletzt wieder ganz aus. So verkehrte er mit seinem Genossen aufs neue wieder so freundlich, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen sei.

Mit vollem Entzücken betrachtete er das wunderbare Naturgemälde. Da dachte er erneut an die Erkenntnis, zu der er erst vor wenigen Tagen gekommen war, daß nicht Reichtum noch Geburt den Menschen im Leben höher stelle. Angesichts dieser riesenhaften Größen um sich her fühlte er seine Nichtigkeit ganz. Ihm wurde seltsam feierlich zumute. Es war ihm, als sei er hier inmitten der erhabenen Wunderwerke Gottes ganz wie in einer Kirche. Unwillkürlich faltete er die Hände über dem Sattelknopf. Seine Augen suchten den Himmel, der sich klar und wolkenlos wie eine mächtige Kuppel über der Landschaft wölbte, die in hellem Sonnenglanze dalag.

»Wie schön, o Gott, ist alles, was du schufst!« sagte er laut vor sich hin, indem er seine Umgebung vergaß.

Andrew Brown war vom Pferde gesprungen und hatte ihn verstohlen beobachtet. Jetzt trat er an seine Seite und fragte nach kurzem Zögern: »Hört Euer Gott Euch, wenn Ihr so wie jetzt mit ihm redet?«

Der Engländer fuhr aus seinem Sinnen auf und sah seinen Führer erstaunt an. Dann nickte er lächelnd. »Gewiß, mein Freund! Er ist überall und vernimmt unseren Dank wie unser Flehen!«

»Dank?« wiederholte der Bursche überrascht.

»Ja – Dank!« entgegnete Mr. Gloster ernst. »Müssen wir ihm nicht unendlich dankbar für alles sein, was er an uns tut, – für jeden Tag, den er uns schenkt? – Doch« – er zuckte die Achseln – »das rote Volk kennt eine solche Empfindung nicht, und ich glaube, auch Euch ist eine solche Verpflichtung fremd.«

Andrew schaute ihn verständnislos an.

»Jedem, der Euch Gutes tut, seid Ihr Dank schuldig, und Euer Bestreben muß es sein, Gutes mit noch Besserem zu lohnen. Damit beweist ihr Euren Dank und tragt ihn nach Möglichkeit ab«, sagte der Engländer bestimmt.

»Und wenn uns jemand Schlechtes tut?« fragte der junge Halbindianer rasch und gespannt.

»So sollt Ihr ihm verzeihen und das Böse vergessen.«

Andrew Brown schaute einen Augenblick nachdenklich zu Boden. Dann lachte er spöttisch auf. »Ich müßte also vergessen, was mir meine roten Brüder taten, – vergessen, daß mich die Buntröcke wie einen Hund behandelten, – vergessen, daß mein weißer Vater mich und meine Mutter verließ? – Niemals!«

Er ballte die Fäuste, und seine Augen funkelten wie die eines Raubtieres. »Wenn das Euer Gott verlangt, so will ich nichts von ihm wissen.«

»Dann wird er Euch zürnen und strafen«, erwiderte der Engländer ruhig.

»Strafen? Pah! Ich fürchte mich nicht«, sagte der Bursche trotzig. Er bemühte sich jedoch vergeblich, seinen Worten einen verächtlichen Ton zu geben.

Mr. Gloster zuckte abermals die Achseln und schwieg. Nach seiner Ansicht war es Tollheit, an diesen verstockten Sohn der Wildnis noch ein Wort über einen Gegenstand zu verschwenden, der so ernst war.

»Kommt!« winkte Andrew. »Dort, wo das Wasser vom Felsen stürzt, laßt uns das Lager aufschlagen und dann zur Jagd aufbrechen! Nicht weit von hier tötete ich vor zwei Sommern einen Bären.«

»Endlich! Endlich!« rief Mr. Gloster hocherfreut und folgte seinem Führer.

Dieser schritt, seinen Gaul und die zwei Packpferde am Zügel, auf das Wasserbecken an den Fällen zu. Dort hatte er bald am Fuße eines mächtigen Felsblockes, der sich nach vorn überneigte, zwischen Buschwerk einen geeigneten Lagerplatz gefunden.

Die Packpferde waren rasch abgeladen und inmitten des trockenen, hohen Präriegrases angebunden, von dem sie sofort zu fressen begannen. Dann entzündete der Engländer ein Feuer und bereitete einen Imbiß auf ihm. Inzwischen schlug Andrew das Zelt auf und gab den beiden Reitpferden auf den Wunsch seines Herrn Mais.

»Sie haben es verdient,« sagte Mr. Gloster. »In den zwei letzten Tagen sind wir scharf geritten, und anstatt daß sie sich jetzt ausruhen können, müssen uns die armen Geschöpfe noch weiter tragen. Leider ist das besondere Futter in den öden, kahlen Bad-lands beinahe aufgebraucht. Es macht mir einige Sorge, daß das milde Wetter vielleicht nicht mehr lange anhält.«

»Ihr sorgt Euch um die Tiere, als seien es Menschen,« spottete Andrew.

»Ist das nicht selbstverständlich?« versetzte der Engländer. »Sie fühlen Schmerz und Hunger wie wir. Es ist unsere Pflicht, sie davor zu bewahren.«

Der Bursche lächelte geringschätzig. Doch plötzlich entsann er sich, wie Tom Collins einst den Qualen seines gestürzten Pferdes durch einen Schuß ein rasches Ende bereitet hatte. Nun gaben ihm die Worte seines Herrn doch zu denken.

Sie hatten die Mahlzeit eingenommen und die Schußwaffen noch einmal einer genauen Prüfung unterzogen. Andrew Brown drängte zum Aufbruch. »Vorwärts, Herr! Die Sonne steht schon hoch, und in der nächsten Nacht ruhte ich gern hier im Zelte.«

»Ich bin sofort bereit«, erwiderte Mr. Gloster, der noch unter seinen Sachen kramte. Inzwischen schwang sich sein Führer schon ungeduldig in den Sattel.

»Hauptmann Grover riet mir, nicht ohne Verbandszeug auf die Bärenjagd zu ziehen. Wenn wir es auch wohl kaum gebrauchen werden, so wollen wir doch den Rat nicht mißachten, der wohlgemeint war. Außerdem: Vorsicht ist die Mutter der Weisheit.«

Er befestigte eine kleine, gefüllte Ledertasche an seinem Sattel und bestieg dann ebenfalls sein Pferd.

»Nun vorwärts, Freund!« sagte er heiter. »Für jeden Bären, dessen Fell und Schinken ich als Jagdbeute heimführe, zahle ich Euch zehn – na! – meinetwegen fünfzehn Dollars besonders. – Geld spielt bei mir keine Rolle!«

Beide ritten im Trabe ab. Gleich durch die erste Schlucht bogen sie hinauf in die Berge.

Schon nach kurzer Zeit hatte der Engländer wieder Gelegenheit, in vollem Entzücken zu schwelgen. Herrliche Naturbilder wechselten fortwährend miteinander ab. Bald ging es auf schmalem Pfade an einem schwindelnden Abgrunde entlang, der oft schwarz und grausig ihm zur Seite gähnte. In seiner Tiefe zeigte sich oft ein sonnenüberflutetes Tal, das mit Büschen und Bäumen bewachsen war und durch das ein munterer, silberglänzender Bach floß. Bald wieder boten sich weite Fernsichten über die vielzackigen Höhen und Berge nach Osten. Einmal ließen sich dort deutlich am Ende einer Prärie kleine Punkte erkennen, die in einem Kreise lagen. Es war, wie Andrew auf Mr. Glosters Frage erklärte, die Befestigung Fort Reno.

Manchmal neigte sich der Weg so steil bergab, daß die Reiter absteigen und ihre Pferde am Zügel führen mußten. Der Engländer tat das auch, wenn es ebenso steil wieder bergan ging.

Der Bursche hingegen trieb seinen Gaul durch Sporen und Schläge vorwärts und beachtete nicht, daß das Tier, das er überanstrengte, dann nur keuchend und zitternd den Gipfel erreichte. Als er jedoch den mißbilligenden, beinahe zornigen Ausdruck im Gesicht seines Herrn bemerkte, folgte er dessen Beispiel.

Etwa drei Stunden mochten vergangen sein, da hielt Andrew Brown sein Pferd an und deutete vor sich nieder. Er hatte schon seit einer Weile die Augen unverwandt am Boden geheftet.

»Nun? Was gibt es?« fragte Mr. Gloster neugierig.

»Ich hatte recht. Hier sind Bären,« erwiderte Andrew verschmitzt.

»Aha!« rief der Engländer glückstrahlend und machte seine Büchse schußbereit.

»Das hat Zeit,« meinte der Bursche lächelnd. »Die Fährte ist schon einige Tage alt. Es ist möglich, daß wir noch stundenlang suchen müssen.«

»Das soll mich nicht kümmern,« versetzte Mr. Gloster, der von Jagdeifer erfüllt war. »Die Hauptsache ist, wir haben die Gewißheit, daß hier Bären hausen. Vorwärts also!«

Andrew Brown ritt jetzt der Spur bedeutend langsamer weiter nach. Als diese sich verlor, ritt er solange kreuz und quer, bis er neue Spuren fand.

Wieder ging es bergauf und bergab. Manchmal war der Weg des Bären so steil, daß auch ein Führen der Pferde unmöglich wurde und sie ihretwegen andere Pfade einschlagen mußten.

Abermals verrann etwa eine Stunde, und Andrew sah besorgt nach der Sonne, die schon bedenklich zu sinken begann. »Wenn wir heute noch nach unserem Lager zurück wollen, wird es bald Zeit,« flüsterte er seinem Herrn zu.

Schon seit einer Weile hatten beide ihre Stimmen gedämpft. »Die Nacht ist zu dunkel, um den Weg zu finden. Erst gegen Morgen kommt vom Monde ein kleines Stück,« fügte er hinzu.

»Aber bester Freund!« entgegnete der Engländer in vollem Eifer. »Wir können doch, wo wir vermutlich nahe am Ziele sind, nicht ohne Ergebnis zurückkehren. Das wäre mehr als ärgerlich. Nein! Nein! Nur vorwärts! Die Sonne geht erst in einigen Stunden unter!«

»Dann ist es zu spät!« brummte der Bursche. Er machte sich jedoch wieder willig auf die Suche nach der Spur, die sich zuletzt zwischen Felsgeröll verloren hatte.

Nach einiger Zeit befanden sich die Jäger wieder vor einem Abgrunde. Andrew Brown war zwischen eine Anzahl großer und kleiner Felsblöcke getreten, die den Rand des Abgrundes umsäumten. Kaum hatte er einen Blick hinübergeworfen, als er sich tief zur Erde beugte und seinen Herrn zu sich heranwinkte. »Seht dort unten!« flüsterte er, nachdem Mr. Gloster auf Händen und Füßen an seine Seite gekrochen war.

Dieser schaute behutsam zwischen den Felsblöcken hindurch in den Abgrund. Er hätte vor Freude beinahe laut aufgejubelt. In der Tiefe sah er einen Bären, der sich soeben an einem Baume aufgerichtet hatte. Er bog einen Ast mit der Tatze nieder, wahrscheinlich, weil er überwinterte Beeren suchte. Die Entfernung war so weit, daß er nicht viel größer als ein mittelgroßer Hund erschien. Andrew zog seinen Herrn mit sich fort zu den Pferden. Sie nahmen diese am Zügel und eilten am Rande des Abgrundes weiter bis zu einem Spalt, in dem ein sehr steiler Weg bergab führte.

Bei ruhigem Blute hätte der Engländer gewiß gezögert, seinem Führer zu folgen. Dieser strebte waghalsig, ohne sich auch nur eine Sekunde zu besinnen, der Tiefe zu. Zuweilen glitt er mitsamt seinem Gaule mehr zwischen den Felswänden hinab als daß er kletterte. Sein Jagdeifer aber, der jetzt bis aufs äußerste gespannt war, trieb ihn vorwärts und ließ ihn die große Gefahr nicht erkennen. Auch er legte den Weg in die Tiefe, wenn auch stolpernd und rutschend, zurück und kam gleich nach dem Burschen im Talkessel an.

»Wir lassen die Pferde hier! Nehmt Eure Büchse zur Hand!« flüsterte Andrew. Mit schußbereiter Waffe schlich er schnell hinter den nächsten Busch und von dort hinter den nächsten Felsblock.

Mr. Gloster folgte ihm dicht auf den Fersen.

Auf diese Weise kamen sie endlich an die Stelle, wo sie den Bären vom Rande des Abgrundes aus gesehen hatten.

Der Platz war leer.

»Er wird uns gewittert haben und ist geflüchtet,« raunte der Engländer etwas enttäuscht seinem Genossen zu.

Andrew nickte. Noch vorsichtiger als vorher setzten beide die Suche jetzt auf gut Glück fort, da die Bestie auf dem meistens steinigen Boden nur hier und dort eine Spur hinterlassen hatte.

Nach einiger Zeit war der ganze Talkassel kreuz und quer durchstreift. Die beiden Jäger befanden sich wieder in der Nähe ihrer Pferde.

Der Bär war und blieb verschwunden.

»Zum Henker!« sagte Mr. Gloster ärgerlich. »Das Tier ist wahrscheinlich furchtsam in eine der vielen kleinen Felsspalten gekrochen. Es wird nun wohl fürs erste nicht wieder zum Vorschein kommen. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf den Heimweg zu machen. Oder wollen wir irgendwo in der Nähe des Talkessels übernachten? Es wäre – – –«

»Wartet hier und behaltet den Platz dort drüben zwischen den Bäumen im Auge,« unterbrach ihn Andrew. Auch er war über die erfolglose Jagd mißgestimmt. »Ich werde jenen Steinhaufen noch einmal durchsuchen.«

»All right!«

Der Bursche ging weg.

Unverwandt blickte der Engländer nach der Stelle, die Andrew ihm bezeichnet hatte. Er hoffte, daß das Tier sich dennoch wieder zeigen würde.

Neben ihm knackte und krachte es im Buschwerk. Er achtete nicht darauf, da er glaubte, die Pferde verursachten dies Geräusch. Doch nun drang ein eigentümliches Fauchen und Schnauben an sein Ohr.

Er schaute erstaunt zur Seite, und jeder Blutstropfen wich aus seinem Gesicht. Hoch aufgerichtet, eine Tatze erhoben und die Oberlippe emporgezogen, so daß sämtliche Vorderzähne sichtbar waren, schritt der Bär, den er sehnlichst herbeigewünscht hatte, knurrend auf ihn zu. Es war ein außergewöhnlich großes Tier. Mr. Gloster war vor Überraschung und Schreck wie gelähmt. Die Büchse entsank ihm fast. Nur noch die linke Hand hielt sie umklammert, während er die Rechte wie abwehrend nach der gewaltigen Bestie ausstreckte.

Der Bär heulte auf und führte einen furchtbaren Schlag nach ihm. Er wich diesem Schlag instinktiv aus, dennoch trafen die scharfen Krallen seine Schulter und gruben sich in das Fleisch. Wams- und Hemdärmel flogen in Fetzen von seinem Arme. Er selbst taumelte heftig zur Seite. Doch jetzt gewann er seine Fassung wieder, und zugleich schoß ihm durch den Kopf, was ihm sein Führer geraten hatte, um einen Bären sicher unschädlich zu machen. Schnell packte er seine Büchse mit beiden Händen. Als sich ihm das Tier wieder näherte, stieß er ihm den Lauf in den weitgeöffneten Rachen und drückte ab.

Der Schuß klang dumpf. Fast gleichzeitig ließ die Bestie ein markerschütterndes Geheul hören. Mit einem Schlage hatte sie die Büchse zerschmettert und in der nächsten Sekunde den Engländer umklammert. Doch schon versagte ihr die Kraft, sich länger aufrechtzuhalten. Noch einmal laut aufheulend sank sie zu Boden und riß ihr Opfer mit sich.

Bei dem ersten Ton, den der Bär von sich gab, war Andrew Brown herbeigeeilt. Er sah, wie der Schlag des Bären seinen Herrn traf und ein teuflischer Ausdruck der Freude malte sich in seinem Antlitz. Plötzlich war in ihm sein ganzer Haß gegen die Weißen wieder erwacht. Er wünschte, die Bestie würde Mr. Gloster töten.

Doch hatte dieser ihn nicht immer freundlich behandelt? »Dank kennt das rote Volk nicht, und auch Euch ist, glaube ich, eine derartige Empfindung fremd«, klang es ihm in den Ohren. Ein Gefühl wie Scham bemächtigte sich seiner.

Soeben stürzte die Bestie nieder. Ihre Kraft schien von neuem wiederzukehren. Voll maßloser Wut versuchte sie, den Engländer mit den Vordertatzen zu zerfleischen. Er war verloren, wenn ihm jetzt niemand zu Hilfe kam.

Andrew zog sein großes Messer hastig aus der Scheide am Gürtel. Er sprang hinzu und stieß es der schnaubenden, fauchenden Bestie in die Kehle. Dann riß er ihre Tatzen auseinander, und nun gelang es Mr. Gloster, dem das Zeug in Fetzen vom Oberkörper hing, sich zu befreien.

»Halt!« rief er, indem er sich erhob. Er fiel seinem Führer, der noch einmal zustoßen wollte, in den Arm. »Laßt mich den Bären vollends töten, damit ich meine Wette ehrlich verdiene. Ich erlegte ihn doch, nicht wahr?«

Als der Bursche nickte, nahm er glückselig vor Freude den Revolver zur Hand und trat dicht an das Tier, das röchelnd um sich schlug und sich in den letzten Zuckungen wand. Er wollte ihm noch eine Kugel durch das Auge in den Schädel jagen.

»Schont Pulver und Blei!« sagte Andrew lächelnd. »In wenigen Minuten ist die Bestie still wie ein Stein.«

»Den nenne ich einen elenden Jäger, der seiner Beute nicht so rasch wie möglich den Rest gibt, wenn sie tödlich verwundet ist,« erwiderte der Engländer und schoß.

Der Bär streckte die mächtigen Tatzen von sich. Noch einige Sekunden lief ein leises Zittern durch seinen gewaltigen Körper. Dann regte er sich nicht mehr.

»Die versprochenen fünfzehn Dollars gehören Euch,« sagte Mr. Gloster, während er seinen Revolver wieder in die Tasche schob. Dabei merkte er seine zerrissene Kleidung. »By Jove! Hat mich das Tier zugerichtet, und –« er reckte sich, »wie lahm ich mich fühle, besonders im rechten Arm.«

»Das ist nicht zu verwundern,« entgegnete Andrew lächelnd. »Fühlt Ihr denn nicht, daß Eure Schulter und Euer Arm bis zum Ellenbogen aufgerissen sind? Wartet! Ich hole die Tasche mit dem Verbandzeug!«

Der Engländer griff mit der Linken nach dem rechten Oberarm. Voller Blut brachte er sie zurück.

»St. James!« rief er betroffen. »Das ist eine schöne Bescherung! Und – ja, by Jove! jetzt beginnt es auch heftig zu schmerzen. Mit Wunden bedeckt gehe ich aus dem siegreichen Kampfe hervor. Wie stehe ich nun da?« meinte er schmunzelnd.

Doch dann biß er sich auf die Lippen und hob behutsam den wunden Arm. »Jingo! wie das sticht und brennt! – Es wird doch wohl nicht gar gefährlich sein? – Mir wird ganz schwach, –« matt sank er auf einen Stein.

»Oder bilde ich es mir nur ein? Vielleicht ist es nur Hunger. Habe ich doch seit heute morgen nichts gegessen. – – Aha! Da seid Ihr ja, werter Freund!« wandte er sich an den Burschen, der mit der Verbandtasche zurückkehrte. »Ihr kennt gewiß dergleichen. Glaubt Ihr, daß es gefährlich ist?«

Andrew Brown untersuchte die Wunden. Er verfuhr dabei nicht gerade sehr geschickt.

»Jingo and Jefferson!« rief Mr. Gloster mit schmerzverzerrter Miene. »Ihr behandelt mich, als sei ich altes Eisen.«

»Hm, hm!« brummte Andrew. »Zwei Risse sind tief bis auf den Knochen. Die übrigen sind weniger schlimm. Aber hier oben an der Schulter ist ein faustgroßes Loch. – Kommt mit mir zum Wasser! Ich werde Euch die Wunden auswaschen und nähen. Ich sah es einmal bei dem Händler Tom Collins. Da werde ich es auch können!«

Der Engländer verließ seinen Sitz mit Mühe. Er stützte sich auf den Burschen und ging mit ihm zu einem Bach, der auf der nördlichen Seite des Talkessels dahinrieselte. Es lag ihm wie Blei in den Gliedern, und er mußte sich immer schwerer auf den Führer stützen. Zuletzt schlang dieser seinen Arm um ihn und trug ihn fast zu dem Stamm eines Baumes, der am Ufer des Baches lag. Biber hatten ihn an der Wurzel abgenagt und so zu Fall gebracht.

Mr. Gloster seufzte laut und erleichtert auf, als er glücklich wieder saß. »By Jove! Ich bin matt wie ein abgehetztes Rennpferd, und dabei ist es in einer Stunde dunkel«, stöhnte er, während Andrew Brown das Verbandzeug aus der Tasche nahm und die Wunden auszuwaschen begann.

»Ich sehne mich mehr als je nach meinem Bett unter dem Zelte, – und nun muß dem Bären auch noch das Fell abgezogen werden. – Wetter! Das schmerzt! – Das Fell ist die Hauptsache! – Ui! Jingo! – Ich hätte gern auch noch die Schinken, die wir vielleicht selbst – – – räuchern könnten. – – – Ich nehme alles mit mir nach England und – – – zeige es – – – ebenso wie meine Narben – meinen Freunden. – – – Ich sehe – – – schon lebhaft – – – die erstaunten – – – Gesichter und – – – By Jove! Jingo and James! Eure Finger sind wahrlich nicht von Samt!«

»Ich mache es, so gut ich kann!« erwiderte Andrew nicht ohne Verlegenheit.

»Gewiß, Freund!« ächzte der Engländer. »Ich werde es Euch noch besonders lohnen. Ihr wißt – Geld spielt bei mir keine Rolle.«

Immer mehr krümmte er sich unter den ungeschickten Fingern seines Führers, der jetzt mit Nadel und Faden zu Werke ging.

»Zum Henker! Ein Vergnügen – – ist das – – nicht! – – Ich habe – – By Jove! Es dunkelt doch nicht gar schon? – Mir – wird – ganz – schwarz – vor – den – – Augen! – Und – –« Bewußtlos sank er dem Burschen in den Arm.

Dieser ließ ihn zur Erde gleiten. Nachdem er ihn auf die linke Seite gerollt hatte, beendete er seine Arbeit gemächlich. Als die Wunden zugenäht waren, verklebte er sie noch mit einigen Pflastern. Dann holte er die Pferde herbei und wickelte seinen Herrn in die Decken, die hinter dem Sattel aufgeschnallt waren. Er spritzte ihm Wasser ins Gesicht und befeuchtete Stirn und Schläfen.

Nach einer Weile kam Mr. Gloster wieder zu Bewußtsein. Er schlug die Augen auf und blickte verwundert um sich her.

»Ich glaube gar, ich war ohnmächtig«, sagte er beschämt. »Seid Ihr fertig? Gott sei Dank! – Es war wohl recht mühevoll für Euch, nicht wahr? Nehmt es mir nicht übel, wenn ich ein bißchen ungeduldig wurde. Es war wirklich kein Vergnügen. – Aber nun gebt mir vor allen Dingen etwas zu essen und zu trinken und versorgt Euch ebenfalls. Mein Hunger allein war schuld, daß ich mich wie eine Dame benahm, deren Nerven angegriffen sind. – Ich bin noch sehr matt«, fügte er hinzu, als er sich zum Sitzen aufgerichtet hatte.

»Ihr blutetet stark«, erwiderte Andrew Brown und holte aus einer Tasche, die am Sattel des einen Pferdes hing, verschiedenen Mundvorrat.

Mit diesem ließ er sich bei seinem Herrn nieder.

»Das beste wird sein, Ihr versucht zu schlafen. Bevor es Nacht wird, ziehe ich dem Bären das Fell ab, und sobald der Mond aufgegangen ist, wecke ich Euch. Dann brechen wir von hier auf.«

Der Engländer nickte und aß. »All right! Ja, ich glaube auch, daß einige Stunden Schlaf mir wieder vollständig neue Kraft geben können. – Sattelt und zäumt – ich bitte Euch – auch die Pferde ab und führt sie an einen Platz, wo sie genügend Futter finden. Und dann – vergeßt die Bärenschinken nicht! Kennt Ihr sie geräuchert? Etwas Leckeres! Und wieviel besser noch müssen sie schmecken, wenn man sie selbst erbeutet hat!«

»Ich freue mich schon jetzt darauf, meinen Freunden das großartige Abenteuer erzählen zu können«, fuhr er nach kurzem Schweigen schmunzelnd fort. »Wie werden sie mich anstaunen! Und – das Zeugnis müßt Ihr mir doch geben – habe ich mich nicht tapfer gehalten? Wißt Ihr, ich stellte es mir leichter vor. Aber es ist keine Kleinigkeit, wenn einem zum ersten Male eine solche Bestie entgegentritt. Bis jetzt schoß ich außer dem Tiger damals nur Füchse und Hühner in England. – Na! Das nächstemal weiß ich Bescheid, dann lasse ich mir nicht wieder den Arm und die Schultern aufreißen! Hoffentlich heilen die Wunden bald. Denn bei dem einen erlegten Bären möchte ich es natürlich nicht bewenden lassen!«

Nachdem beide gesättigt waren, sattelte und zäumte Andrew die Pferde ab und gab seinem Herrn dessen Sattel als Kopfunterlage. Mr. Gloster meinte zwar, daß er sein Gummibett sehr vermisse, aber eine Minute später schlief er bereits fest.

Der Bursche band die Pferde an einer grasbedeckten Stelle in der Nähe des Baches fest und begab sich dann zu dem Bären. Hier zeigte er, daß seine Hände auch sehr geschickt sein konnten, wenn es eine Arbeit zu verrichten galt, die er verstand. Die Bestie war ihres Felles in einer überraschend kurzen Zeit beraubt. Mit wenigen Schnitten hatte Andrew auch die beiden Hinterschinken abgelöst. Als er jedoch einen von ihnen emporhob, schüttelte er bedenklich das Haupt. Es erschien ihm unsinnig, die Pferde auch noch mit ihnen zu belasten. Sie hatten schon ihre hinreichende Mühe, ihren Reiter über die Berge zu tragen. Dennoch trug er sie nebst dem Fell zu seinem Herrn.

Im Talkessel wurde es schon dunkel, während sich auf den Höhen kaum die erste Dämmerung zu lagern begann.

Andrew Brown sammelte einen Haufen Holz und entzündete neben dem Baumstamme ein Feuer. Als die Flammen emporloderten, hüllte er sich in ein Büffelfell und setzte sich auf dem Baumstamm nieder. Seine Büchse legte er quer vor sich auf die Knie. Auf diese stützte er seine Ellenbogen und schmiegte seinen Kopf in beide Hände.

So schlief er ein. Beim leisesten Geräusche aber, beim Knacken eines Zweiges unter den Hufen der weidenden Pferde, beim Schrei einer Eule, und – als es vollends Nacht wurde – beim Heulen der Wölfe war er wach. Die Wölfe witterten das frische Bärenfleisch und schlichen rund um den Talkessel. Sie wagten sich jedoch nicht näher heran, weil dort Menschen lagerten. Andrew entfachte jedesmal das herabgebrannte Feuer wieder zu neuer Glut, bis ihm endlich ein lichter Schein im Osten den Aufgang des Mondes verkündete.

Er trat fröstelnd an das Feuer, das er durch den letzten Rest des Holzes nochmals hoch aufflammen ließ, und erwärmte seine Glieder für einige Augenblicke. Dann sattelte und zäumte er die Pferde. Er zog den Sattel des Engländers vorsichtig unter dessen Kopfe hervor und legte ihn auf das Pferd. Nachdem er das Fell und die Schinken des Bären auf seinen Gaul gepackt hatte, weckte er seinen Herrn. »Hallo, Sir! Es ist Zeit!«

Mr. Gloster richtete sich auf, als ob er aus tiefem Traum erwache. »Wo ist der Bär?« fragte er und schaute gespannt um sich. »Gebt mir meine Büchse! – Zum Henker! Weshalb brennt das Feuer?« rief er zornig. Er erhob sich mühsam und schleuderte die Glut mit dem Fuße auseinander. »Glaubt Ihr vielleicht, ich fürchte die Bestie, daß Ihr sie durch die Flammen verscheucht?«

»Ihr schlaft noch halb«, erwiderte Andrew ärgerlich. »Ihr habt doch den Bären getötet. Mein Pferd trägt das Fell und die Schinken. – Kommt! Laßt Euch Euren wunden Arm in eine Schlinge legen und dann – vorwärts! Die Gäule sind bereits gesattelt, wie Ihr seht!«

Der Engländer warf den Kopf stolz in den Nacken, während ihm der Bursche einen Streifen Leinwand um den Hals schlang. Mit ihm band er den Arm so fest, daß er ihn nicht bewegen konnte.

»Nennt mich Mylord«, sagte er in näselndem Tone. »Aha! Pferde fertig? All right! Reiten wir! – Noch ein bißchen dunkel, ay?«

»Es wird bald heller werden«, brummte Andrew Brown mürrisch.

Mr. Gloster schritt wankend zu seinem Pferde. Er strengte sich aber vergeblich an, sich in den Sattel zu schwingen. Andrew war ihm schließlich behilflich.

»By Jove! Ich habe doch nichts getrunken?« meinte er, als er saß. »Dann müßte ich mich schämen, gründlich schämen! Denn ein Mensch, der über den Durst trinkt, ist verabscheuenswert und gemein. Habt Ihr mir vielleicht irgend ein Teufelsgetränk eingeflößt, Bursche, während ich schlief?«

Andrew Brown hörte nicht auf ihn. Er schnallte auch des Engländers zerschmetterte Büchse noch auf seinem Gaule fest, hing die seine am Riemen über die Schulter, ergriff beide Pferde am Zügel und brach auf.

Durch eine Schlucht, die aus dem Talkessel heraufführte, erreichten sie die Höhen. Jetzt erhellte die Mondsichel den Weg wohl etwas, doch nicht genügend. So mußte Andrew Brown seine größte Aufmerksamkeit auf ihn verwenden. Außerdem mußte er auf seinen Herrn achtgeben, der ständig nahe daran war, aus dem Sattel zu stürzen.

Dabei redete Mr. Gloster immer verworrener. Bald glaubte er, er befände sich bei seinen Freunden in England und berichtete ihnen in prahlerischer Weise seinen Kampf mit dem Bären. Bald verlangte er wieder nach seiner Büchse, um die Bestie durch einen sicheren Schuß durch das Auge vollständig unschädlich zu machen. Dazwischen schrie und lachte er gellend auf, so daß es von den umliegenden Bergen schauerlich widerhallte.

Sein Führer schritt immer ängstlicher neben ihm her. Nach seiner Meinung hatte sein Herr den Verstand verloren. Trotzdem er sich heftig dagegen sträubte, beschlich ihn der Glaube seiner roten Brüder, daß sein Herr nun, wie alle Irrsinnigen, auch mit dem bösen Geiste im Bunde stehe. Daß Mr. Gloster nur in ein starkes Wundfieber verfallen war, daran dachte er nicht.

Er eilte so schnell wie möglich weiter. Aber er vermied sorgfältig jede abschüssige und zu steil bergan steigende Stelle. Infolgedessen mußte er manche Umwege machen. Als die Schatten der Nacht dem grauenden Tage wichen, war der Lagerplatz in dem wildromantisch gelegenen Talkessel noch eine beträchtliche Strecke entfernt.

Nun schwieg der Fiebernde. Seine Kräfte waren völlig erschöpft. Tief auf den Hals seines Pferdes niedergebeugt, saß er schwankend, totenblaß und mit geschlossenen Augen im Sattel.

Er blieb auch den Rest des Weges ruhig. Als das Ziel endlich erreicht war, mußte Andrew Brown den Bewußtlosen vom Pferde heben und in das Zelt tragen.

Im Fuchsbau

Der Name »Fuchsbau«, den Tom Collins seiner Winterwohnung gegeben hatte, war sehr bezeichnend. Ihre Ähnlichkeit mit einem solchen war unverkennbar. Sie lag in dem stark welligen Gelände südwestlich von Fort Reno, das von unzähligen Wash-outs durchfurcht war. Dicht am Ufer des Powder-Rivers war sie vollständig unter der Erde angelegt und verriet sich nur durch den Rauch, der zwischen den dicht mit Sagebrush bewachsenen Hügeln aufwirbelte. Sonst entdeckte jemand wohl nur durch Zufall ein kleines Fenster, das aus vier Scheiben bestand und auf einen schmalen, mit langem Gras angefüllten Wash-out hinausging und in einem anderen, etwas breiteren Wash-out den Eingang, der hinter dichtem Buschwerk versteckt war.

Befand man sich in der Behausung, so schien es, als sei zuerst eine Blockhütte regelrecht aufgebaut worden und diese dann entweder in die Erde versunken oder nachträglich mit Erde bedeckt worden. Dem war aber nicht so.

Anfangs hatte die Wohnung aus einem gewöhnlichen Dug-out bestanden, der schon von seinem ursprünglichen Eigentümer nach und nach vergrößert worden war. Zum Schutz gegen das leicht einstürzende Erdreich hatte er diese Wohnung dann mit Wänden aus übereinander gelegten Baumstämmen und mit einer kaminartigen Feuerstelle aus kleinen Felsblöcken und Steinen versehen. Der Erbauer dieser Winterwohnung war ein Trapper, der dem Indiantrader befreundet war und der diesem seine Behausung bei seinem Hinscheiden vererbt hatte.

Die Einrichtung bestand aus einem roh gezimmerten Tisch, einigen breiten Holzblöcken anstatt der Stühle und einer größeren Kiste, die auf vier Pfosten ruhte. In einer Ecke war ein Bett: an den beiden Außenseiten war aus Holzsparren eine Umzäunung gefertigt. In ihr lagen auf einer Unterlage von trockenem Präriegrase mehrere Büffelfelle und Decken ausgebreitet.

Neben der Feuerstelle hingen und standen allerlei Eimer, Näpfe, Kessel und sonstiges Kochgerät. An den Wänden hingen eine Büchse, ein Revolver, Sättel, Zaumzeug, Kleidungsstücke und dergleichen, sowie am Fenster ein Spiegel, doch war in seinem Rahmen das Glas nur noch teilweise vorhanden. In dem ganzen Räume herrschte eine musterhafte Ordnung.

Eines Nachmittags saß Tom Collins auf einem der Holzblöcke, der eine Art Lehne aus starken Zweigen hatte, dem »Sorgenstuhl«, wie er ihn nannte. Er hatte den Rücken dem Fenster zugedreht, las in einem Buche und rauchte eine kurze Pfeife. Seit Mittag war die bisher so ungewöhnlich milde Witterung, die für die winterliche Jahreszeit zu früh eingetreten war, in Frostwetter umgeschlagen. Darum wirkte die Wärme in dem Räume doppelt behaglich. Sie wurde von der Feuerstelle durch einen Haufen glühender Kohlen verbreitet. Über ihr baumelte eine blecherne Kaffeekanne an einer Kette. Der Inhalt des Buches mußte den Alten sehr erheitern. Er schmunzelte und kicherte beständig, und zuletzt lachte er laut und herzlich auf. Dann klappte er das Buch zu, wickelte es sorgsam in ein Stück Leder und legte es in die Kiste, die auf Pfosten stand, den »Schrank«, wie er sie nannte.

»So! Das war wieder ein Genuß, wie er sich nicht schöner denken läßt«, sagte er vergnügt und füllte seine Blechtasse aus der Kanne, die über der Feuerstelle hing, mit Kaffee.

»Was willst du noch mehr, Tom? Du hast ein Geschäft, das dich ernährt und dir sogar gestattet, winters zu feiern, bist gesund, hast ein eigenes, prächtiges Heim«, – sein Blick schweifte wohlgefällig durch den Raum. »Bisweilen besucht dich dieser und jener, oder du reitest nach Fort Reno und plauderst dort mit den Leuten. An Gesellschaft fehlt es dir schließlich also auch nicht. – Du bist beneidenswert, wirklich beneidenswert! – Hm! Hm!«

Ein Schatten huschte über sein wetterhartes Gesicht. »Ja, ja! Wenn ich mir nur nicht immer eingestehen müßte, daß ich ein zweckloses Dasein führe, daß ich keinem nütze auf der Welt. Hm, hm! – Der Gedanke beunruhigt mich eigentlich erst so recht, seitdem ich mir in den Kopf setzte, aus dem Schlingel, dem Andrew Brown, einen vernünftigen Menschen zu machen.«

Er schlürfte die Tasse leer, stellte sie beiseite und schaute, die Hände auf dem Rücken, vor sich nieder. »Sollte ihn mir der liebe Gott nicht dennoch in den Weg geschickt haben, damit ich alter Sünder aus meinem Schlendrian aufgerüttelt werde? Der Bursche rettete mir zweimal das Leben. – Hm, hm! Ich kann ihn aber doch nicht zwingen, daß er sich mir anschließt!«

Hinter ihm knarrte die Tür, die aus Kistenbrettern zusammengefügt war, in den Angeln. Der Indiantrader sah sich um. Hastig trat der, den er wohl am wenigsten erwartete, Andrew Brown, bei ihm ein.

Aus seinem Antlitze wich der ernste Ausdruck. Heiter lächelnd streckte er dem jungen Halbindianer seine beiden Hände entgegen. »Willkommen, mein lieber Junge!« rief er erfreut. »Nun? Darf ich dir bei mir ein Heim bieten? Hast du dich endlich eines Besseren besonnen?«

»Ich bringe Euch jemand«, erwiderte Andrew ausweichend, indem er nur eine der ihm dargereichten Hände ergriff und sie flüchtig drückte. »Es ist der Mann, mit dem ich auf die Jagd zog. Er wurde von einem Bären verwundet, und ich glaube – –« Er vollendete den Satz nicht, sondern deutete scheu mit dem Zeigefinger auf seine Stirn.

»Wo hast du ihn?« fragte Tom Collins schnell und folgte dem Burschen auf dessen Wink vor die Behausung.

In der Nähe des Einganges saß Mr. Gloster in sich zusammengesunken auf einem Pferde. Er war mit Stricken und Riemen festgebunden. Andrew Brown löste sie behende. »Seit kurzer Zeit ist er still,« sagte er. »Vorher hat er geschrien und getobt wie – –.«

»Weshalb brachtest du ihn nicht nach Fort Reno?« unterbrach ihn der Indiantrader besorgt. »Dort würde er ärztliche Hilfe finden und – – –«

»Ihr seid ein großer Medizinmann«, fiel ihm Andrew rasch ins Wort. Verächtlich fügte er hinzu: »Was sollte der Mann bei den Buntröcken?«

Beide hoben den Engländer vorsichtig aus dem Sattel und trugen ihn in die Behausung. Dort legten sie ihn auf das Bett in der Ecke. Nachdem der Bursche berichtet hatte, daß sich die Hauptverletzung an Schulter und Arm befände, zog er seinem Herrn ein dickes Wams aus.

Mr. Gloster stöhnte dabei laut auf, doch erwachte er nicht aus seinem schlummerähnlichen Zustande.

Tom Collins schlug die Hände voller Entsetzen über dem Kopfe zusammen, als er die Wunden erblickte, die so ungeschickt zusammengenäht und die jetzt stark entzündet waren.

»O du lieber Herrgott! Das sieht böse aus!« sagte er mitleidig. »Und hauptsächlich ist deine Pfuscherarbeit daran schuld.«

»Ich tat, was ich konnte«, entgegnete Andrew Brown mürrisch.

»Ja – ich kann dir auch keinen Vorwurf machen, mein Junge«, sprach der Indiantrader freundlich weiter.

Aus einer Kiste nahm er Leinenzeug und mehrere Flaschen und Blechbüchsen. »Alles im Leben will gelernt sein. – Doch nun vorwärts! Wir wollen versuchen, deinen Fehler wieder gut zu machen. Hoffentlich gibt es Eis über Nacht. Hole vorläufig in dem Eimer dort Wasser aus dem Flusse.«

Andrew eilte fort und kam gleich darauf mit dem Wasser wieder zurück.

»Nun wirf Holz auf das Feuer und bringe auch noch einen Vorrat Holz herein«, befahl ihm Tom Collins. Dann begann er, die Wunden des Engländers zu kühlen.

Der Bursche tat bereitwillig, wie ihm geheißen wurde. Noch mehrere andere Wünsche des Indiantraders erfüllte er so schnell und geschäftig, daß dieser sich nicht wenig verwunderte. Bisher hatte er ihn nur als ungefällig und arbeitsscheu kennen gelernt.

»Und wie trug sich das Unglück zu?« fragte er, als Andrew Brown alles verrichtet hatte.

Der Bursche erzählte kurz, wie Mr. Gloster die Wunden erhielt, als er plötzlich von dem Bären überrascht wurde. Dann aber habe er die Bestie in den Rachen geschossen und sei schon beim Aufbruch aus dem Talkessel und auf dem Wege nach ihrem Lagerplatze ohne Verstand gewesen.

»Nachdem er nur ein wenig im Zelte geschlafen hatte,« fuhr Andrew Brown fort, »sprang er auf und lief lachend und schreiend umher. Nur durch eine List gelang es mir, ihn zu veranlassen, daß er sein Pferd bestiege. Ich sagte ihm, daß wir wieder auf die Bärenjagd reiten wollten. Ich hatte ihn kaum im Sattel, da schnürte ich ihn so fest, daß er sich nicht mehr regen konnte. Auf andere Weise hätte ich ihn nicht fortgebracht.«

»Da hast du sehr verständig gehandelt, mein Junge«, sagte Tom Collins anerkennend. »In diesem Zustande durfte der Mann keineswegs länger im Freien und ohne sachkundige Hilfe bleiben. Es wäre doppelt gefährlich für ihn gewesen, da der Frost, der heute eingetreten ist, voraussichtlich stärker werden wird. Wir werden wohl noch ein Stück Winter zu erwarten haben.«

Jetzt flößte er dem Verwundeten von dem Inhalte einer der Flaschen etwas ein. Er hatte die rechte Schulter und den Oberarm in nasse Tücher gehüllt.

»Hoffentlich mildert die Arznei das heftige Fieber. Es ist dringend nötig. – Geh, Junge! Nimm sämtliche flache Schalen! Fülle sie mit Wasser und stelle sie draußen in den Ostwind, damit wir so rasch wie möglich Eis bekommen.« Wieder eilte Andrew geschäftig fort.

Der Indiantrader sah ihm schmunzelnd nach. »An gutem Willen fehlt es ihm nicht«, murmelte er.

»Na! Vorläufig habe ich ihn nun doch wohl einige Zeit hier.« Er schaute voller Sorge auf den Engländer. Sein bleiches Gesicht hob sich von der dunklen Decke, auf der es ruhte, gespenstisch ab. »Mir ist bange – mit dem macht es sich so schnell nicht wieder.«

»Nicht wahr, nun bleibst du doch bei mir und unterstützest mich bei der Pflege des Mannes?« wandte er sich an den Burschen, als dieser bald darauf wieder eintrat.

»Ja!« klang kurz die Antwort. »Das heißt, jetzt reite ich sofort wieder zu dem Lagerplatz in den Bergen. Ich muß die drei anderen Pferde, das Zelt und die übrigen Sachen holen. Morgen mittag bin ich wieder hier. Die Nacht ist zu dunkel, um noch heute zurückzukehren.«

»Dann solltest du lieber morgen früh reiten. In kaum einer Stunde geht die Sonne unter«, meinte Tom Collins, indem er Mr. Gloster frisch angefeuchtete Tücher auf die Wunden legte.

Andrew Brown schüttelte den Kopf. »Schon in der letzten Nacht haben Wölfe die Pferde angegriffen. Ich fand überall Wolfsspuren. Ich möchte meinen Gaul nicht durch sie verlieren.«

»Hm, hm! Dann mußt du dich allerdings gleich auf den Weg machen. Du mußt jetzt auch für die Tiere deines Herrn sorgen, denn du bist jetzt allein für sie verantwortlich«, sagte der Indiantrader. Er betonte den Nachsatz scharf.

Andrew blickte erstaunt zu ihm auf. »Ich wäre – – –? – Nun ja, es würde sich sonst keiner um sie kümmern. – Lebt wohl!«

Tom Collins nickte ihm freundlich zu. »Der Kranke wird dir dankbar sein, daß du dich seiner Habe annimmst, obgleich es deine Pflicht ist. – Auf Wiedersehen, mein Junge!«

Der Bursche verließ die Behausung mit mürrischer Miene. Gleich darauf hörte man ihn auf dem Pferde davontraben.

Der Indiantrader fuhr nun fort, die Wunden des Engländers fleißig zu kühlen. Als es Abend wurde, erhellte er den Raum durch eine Petroleumlampe, die er an einen Haken hing, der unter der Decke befestigt war. Jetzt lieferten ihm die draußen aufgestellten Schalen schon Eis. Das brauchte nicht so häufig erneuert zu werden wie die kalten, nassen Umschläge; es erzielte außerdem eine bessere Wirkung.

Auch von der Arznei reichte er dem Kranken noch einige Male etwas. Schließlich bemerkte er zu seiner Freude, daß das Fieber bedeutend nachließ.

Nach Mitternacht erwachte Mr. Gloster aus seinem Schlummer, der an Bewußtlosigkeit grenzte. Er fragte erstaunt, wo er sei. Tom Collins erzählte ihm kurz, daß Andrew Brown ihn hierher gebracht habe und nun wieder fort sei, um die Pferde und seine übrige Habe zu holen, die in den Bergen zurückgeblieben seien. Doch da umnachteten sich seine Sinne schon wieder und er begann aufs neue, irre zu reden.

Er glaubte abermals, dem Bären gegenüberzustehen. Dann waren es sogar mehrere Bestien, die zu gleicher Zeit auf ihn eindrangen. Zuletzt sprach er von seinem Aufenthalt in den Bad-lands. »Ich ließ mich von dem Halbindianer narren, – von dem roten Spion, wie sie ihn in der Befestigung nennen«, kam es keuchend und heiser von seinen Lippen. »Ja, ein roter Spion, das ist er, weiter nichts! Er zog wohl nur zuerst mit mir nach Südosten, um sein Volk zu besuchen! Weiter und immer weiter hinein in das kahle, wilde, öde Land. – Wenn er wüßte, daß ich ihn belauschte! – Wie waren seine Worte? – Bist ein brauchbares Mädchen, Nohoste-ia! Das rote Volk wird tun, was ich will! – Richtig! Ich sah auch das Licht in der Ferne, nachdem er mich einen Tag allein gelassen hatte. Es war gewiß ein Zeichen seiner roten Brüder. Mögen sie ihn meinetwegen zum Krieger ernennen, wenn ich ihn nicht mehr brauche. – Er ist ein ausgezeichneter Führer und doch auch ein guter Kerl. Wie hat er in der letzten Zeit gearbeitet! Und wie ein Jagdhund wittert er das Wild. Er weiß auch, wo die Bären hausen! Hui! Hinunter in den Talkessel! Wie die Steine rollen! Und wie der Staub aufwirbelt! – Halt! Dort ist wieder eine Bestie! Jetzt heißt es ruhig Blut, damit ich sie sicher durch das Auge in den Kopf treffe! – St. James! nun kann ich den Arm nicht heben! Hilf doch, Andrew! Vorwärts! Wo bist du?«

Er schrie laut auf. »Nun riß mir das Tier die Schulter zum zweiten Male auf!« ächzte er und warf sich stöhnend von der einen Seite zur anderen.

Der Indiantrader mühte sich nach Kräften ab, ihn zu beruhigen. Es gelang ihm aber immer nur für kurze Zeit. Wieder und wieder begann Mr. Gloster zu reden und sich umherzuwälzen. Erst als der helle Tag durch das Fenster schien, verfiel er in einen festen Schlaf. Trotzdem Tom Collins das Feuer beständig unterhalten hatte, war das Fenster mit dichten Eisblumen bedeckt.

Jetzt erst kam Tom Collins dazu, über das nachzudenken, was der Engländer in seinen irren Reden von Andrew Brown verraten hatte. Eine bange Ahnung sagte ihm, daß jenen etwas anderes zu seinem Volke getrieben habe, als zum Krieger ernannt zu werden.

Ungefähr eine Stunde später saß er bei einem Imbiß, den er sich in Eile zubereitet hatte. Da schreckte ihn Pferdegetrappel vor seiner Behausung auf.

»Sollte es der Junge sein?« murmelte er.

Er erhob sich, und seine Stirn legte sich in finstere Falten. Schon sprang die Tür auf. Sichtlich erregt trat Ben Körber in den Raum.

»Wünsche wohl geruht zu haben, alter Freund!« sagte er und schüttelte dem Indiantrader die Hand. »Ich bin auf dem Wege nach Fort Reno und komme nur auf eine Minute bei Euch vorbei. Ich muß Euch mitteilen, daß die Arraphoës den Kriegspfad betreten wollen oder vermutlich jetzt schon betreten haben.«

»Unmöglich!« rief Tom Collins und erbleichte.

»Es ist, wie ich Euch sage. Sehr wahrscheinlich sind sie durch Euren Schützling Andrew Brown aufgehetzt,« fuhr der Trapper fort.

»Gestern nacht kam John Keister zu mir. Ich erzählte Euch schon, daß er bald bei einem, bald bei einem anderen Stamme des roten Volkes sein Leben fristet. Er bleibt den Befestigungen möglichst fern, weil er etwas auf dem Kerbholz hat. Im übrigen ist er aber ein Mensch, der längst bereute und wohl auch sühnte, was er einst im Zorne beging. Er zeigte wieder, wie gern er der Regierung nützen möchte, indem er mich aufsuchte. Er bat mich, das Militär in Fort Reno schleunigst von der Absicht der Indianer zu unterrichten und zu veranlassen, daß auch die Besatzung von Fort Fetterman gewarnt wird. Da diese den Bad-lands am nächsten liegt, muß sie zuerst einen Angriff erwarten.«

Der Indiantrader schaute betrübt zu Boden.

»Es tut mir leid, daß ich meine Vermutung bestätigt sehe. Eurem Schützling ist nicht zu trauen«, sprach der Freund weiter. »John Keister wird wohl nicht unrecht haben, wenn er ihn verdächtigt, daß er die Kriegsgelüste des roten Volkes heraufbeschworen hat. In diesem Winter hat bei den Indianern niemand daran gedacht. Da sah der abergläubische Häuptling Waha-u eines Abends ein geheimnisvolles Zeichen aus seinem Feuer aufsteigen. Er will deutlich eine Stimme gehört haben, die ihm den Krieg befahl. An demselben Abend ereignete sich ein Gleiches bei anderen Männern. Andrew Brown – –«

»Gebt Euch keine Mühe weiter, mich zu überzeugen«, unterbrach ihn Tom Collins seufzend. »Andrew Brown war kürzlich in den Bad-lands und bei seinem Volke. Ich habe es durch den Mann erfahren, der dort« – er zeigte auf Mr. Gloster – »im Wundfieber liegt.«

»Potz Wetter! Ich sehe ihn erst jetzt«, sagte Ben Körber und trat näher an das Bett. »Ist das nicht der geldstolze Engländer? Ich machte seine Bekanntschaft bei Mr. Butterfly, und Euer Schützling begleitete ihn als Führer!«

Der Indiantrader nickte und erzählte, was sich ereignet hatte.

»Der Bedauernswerte!« sagte der Trapper aufrichtig. »Nun wird er wohl einsehen gelernt haben, daß mit unseren Grizzly-Bären nicht zu spaßen ist! Ich will wünschen, daß er sich bald erholt! – Doch ich darf keine Zeit verlieren. In Fort Reno werden sie über meine Neuigkeit nicht wenig überrascht sein, und – – Ihr müßt mir zugeben, daß mir meine Pflicht gebietet, das Militär gleichzeitig vor ihrem Indianscout zu warnen. – Auf Wiedersehen, alter Freund! Bei dem Jungen bewahrheitet sich das Sprichwort: die Katze läßt das Mausen nicht.«

Noch lange schaute Tom Collins nachdenklich auf die Tür, als Ben Körber sie hinter sich geschlossen hatte.

»Was soll nun werden?« murmelte er. »Läßt sich der Junge wieder in Fort Fetterman blicken, so setzen sie ihn sofort hinter Schloß und Riegel. Er wäre weit entfernt, sein Unrecht einzusehen, und das würde ihn nur noch mehr gegen die Weißen verbittern. – Nein! Jetzt muß er bei mir bleiben. Trotz seines bösen Streiches will ich die Hoffnung nicht aufgeben, daß dennoch zuletzt ein brauchbarer Mensch aus ihm wird. – Hm, hm! Schuldig ist er, gewiß! Aber er handelte nicht mit dem vollen Bewußtsein, ein Unrecht zu begehen. Wenn ich ihn daher auch fernerhin in meinen Schutz nehme, so kann ich es verantworten. – Doch wie verhindere ich es, daß man ihn auch hier bei mir dingfest macht?«

Er legte Mr. Glosters Schulter und Arm in frisches Eis. Dann setzte er sich an dessen Lager und sann weiter.

»Heda! Guter Freund!« klang nach einer Weile eine schwache Stimme neben ihm. Als er sich zur Seite wandte, sah er in die weit geöffneten, dunkel umränderten Augen des Engländers. »Mir war, als träumte ich es. Doch es ist wohl Wirklichkeit, daß Andrew Brown mich zu Euch brachte und daß Ihr mich pflegtet?«

Der Indiantrader erfaßte den Puls des Kranken und bemerkte zu seiner Freude, daß das Fieber vollständig gewichen war. Er nickte.

»Ja, Sir, so ist es! Gott sei Dank, daß Ihr wieder bei Verstande seid! Das war vorerst die Hauptsache. – Der Bär hat Euch nicht sehr sanft berührt! Und Euer Führer nähte Euch mit gutem Willen, aber geringer Kenntnis die Wunden zusammen wie die Löcher eines Sackes. Seid froh, daß Ihr sie nicht im Gesicht erhieltet! Dann würde Euch Eure eigene Mutter nicht wieder erkennen. Die Narben, die später zurückbleiben, werden nie verwachsen.«

»Das freut mich!« schmunzelte Mr. Gloster. »Wie werden mich meine Freunde anstaunen, wenn ich sie ihnen zeige!«

»Dankt Eurem Schöpfer, daß die Bestie Euch nicht packte«, meinte Tom Collins lächelnd. »Dann hätten Eure Freunde möglicherweise keine Gelegenheit mehr gehabt, Euch zu bewundern.«

»Mich nicht packte?« wiederholte der Engländer eifrig. »Na! ich denke, sie tat es gründlich! Sie hielt mich umschlungen wie der Bräutigam seine Braut und riß mich so mit sich nieder. Da stach ihr Andrew Brown das Messer in den Hals. Da erst gab sie mich frei!«

»Sieh! Sieh! Davon hat mir der Junge nichts erzählt«, sagte der Indiantrader freudig überrascht. »Hm, hm! Diese Bescheidenheit ist wieder ein guter Zug von ihm. – Wißt Ihr, Sir, daß er Euch dann wahrscheinlich das Leben rettete? – Der Bär war zwar durch Euren Schuß in seinen Rachen tödlich verwundet, als er mit Euch niedersank. Diese Bestien haben aber eine staunenswert zähe Natur. Bevor sie ganz verenden, kehrt meistens ein Teil der alten Kraft noch einmal in ihnen zurück. Sie töten den Jäger noch in ihren letzten Augenblicken, wenn sie ihn einmal in ihren Tatzen halten.«

»St. James! Das wußte ich allerdings nicht«, versetzte Mr. Gloster betroffen. »Ja, dann rettete mir Andrew Brown allerdings das Leben! Der Bär riß mir bereits das Zeug in Fetzen vom Leibe. – By Jove! Ich will es ihm lohnen, ebenso wie Euch die Pflege, die Ihr mir zuteil werden laßt. – Geld spielt bei mir keine Rolle!«

Tom Collins' Miene verfinsterte sich. Ihm fiel ein, was er von Ben Körber über den Engländer erfahren hatte.

»Es ist möglich, daß Ihr bei dem Burschen Euren Dank mit einer Anzahl Dollars abtragen könnt. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich für dergleichen Mühen bezahlen lassen. Merkt Euch das, Sir!« sagte er unwillig.

Er nahm einen Kessel aus den glühenden Kohlen der Feuerstelle. Daraus schöpfte er Fleischbrühe in eine Blechtasse, die er dem verdutzten Mr. Gloster an den Mund führte, nachdem er ihn behutsam etwas aufgerichtet hatte. »Trinkt, Sir! Es wird Zeit daß Ihr wieder etwas Warmes und Kräftigendes genießt!«

»Ich habe Euch nicht beleidigen wollen, lieber Freund«, stotterte der Engländer. »Ich dachte, ich könnte von Euch doch nicht umsonst –«.

»Ihr scheint keinen Begriff von den Pflichten zu haben, die jeder Mensch seinen Mitmenschen schuldet. Nehmt es mir nicht übel«, unterbrach ihn der Indiantrader ernst. »Oder glaubt Ihr, daß Ihr ihnen vielleicht enthoben seid, weil Euch das Schicksal mit Gütern segnete? Dann, Sir, bedaure ich Euch von ganzem Herzen. – Für mich seid Ihr augenblicklich ein hilfsbedürftiger Mensch, dem ich gern und nach Kräften diene. Es sollte mich freuen, wenn ich in Euch Eigenschaften entdecke, die mich nötigen, Euch auch zu achten. Euer Reichtum vermag mir keine Achtung einzuflößen. – So! Nun wißt Ihr Bescheid, Sir! Nichts für ungut!«

Eine dunkle Röte stieg in das Gesicht Mr. Glosters. Er kam sich vor wie ein Knabe, der mit Recht gescholten wurde.

Nachdem er die Fleischbrühe getrunken hatte, ließ ihn sein Pfleger wieder sanft zurückgleiten. Er bereute bereits, daß er seinem Gaste seine Meinung wohl etwas hart geäußert hatte. So bat er ihn auf das freundlichste, er möge versuchen, wieder zu schlafen, da Schlaf die beste Arznei für ihn sei. Der Kranke schloß gehorsam die Augen.

Nach einiger Zeit sah Tom Collins, daß der Engländer wirklich wieder eingeschlafen war. Da holte er die draußen stehenden Näpfe herein. Sie waren nicht mehr nötig, weil sich an den Rändern des Powder-Rivers schon eine dichte Eiskruste bildete. Dann zerkleinerte er vor der Behausung Holz mit der Axt und schichtete es bei der Feuerstelle auf. Schließlich machte er sich daran, eine Mahlzeit zuzubereiten. Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, und er dachte an seinen Schützling, der nun bald und gewiß auch hungrig eintreffen würde.

Am Flußufer hatte er ein Reh mit einem Strick an einem höheren Baumast aufgewunden. Das lieferte ihm Fleisch, das er mit Speck in der Pfanne briet. In einem Kessel zerstieß er gebrannte Kaffeebohnen mit einem runden Stein. Die so zerkleinerte Masse schüttete er in die Blechkanne, die er mit Wasser füllte, und hing diese über die Feuerstelle. Außerdem wärmte er ein großes Stück von einem Brote, das er bereits am Morgen gebacken hatte, in einem Kessel wieder auf.

Das Fleisch war fertig gebraten, da trat Andrew Brown, mit Sattel und Zaumzeug beladen, in den Raum. »Ich trieb die Pferde zu den Eurigen an die andere Seite des Flusses«, sagte er.

»All right, mein Junge!« erwiderte der Indiantrader. »Lege deine und deines Herrn Sachen nur dort in jene Ecke. Nachher wollen wir schon Ordnung scharfen. – Warte, ich werde dir behilflich sein.«

Fünf Minuten später lag alles in der Behausung.

»Brrr! Es ist kalt draußen«, sagte Tom Collins, indem er sich schüttelte, und warf mehrere größere Kloben Holz in die Feuerstelle. »Du wirst tüchtig durchgefroren sein. Komm! Iß und trink mit mir! – Dein Herr befindet sich besser. Vor einigen Stunden war er wach und bei Bewußtsein.«

Andrew setzte sich mit seinem alten Freunde an den Tisch, und schweigend verzehrten beide das Mahl.

»So mein Junge«, begann der Indiantrader wieder, als sie gesättigt waren. »Gieße dort in den Napf Wasser! Nimm es aus dem Kessel über der Feuerstelle, und reinige das Geschirr, das wir soeben benutzten! Ich will dir inzwischen etwas erzählen.«

Der Bursche konnte sein Erstaunen über die Zumutung nicht verhehlen. Er folgte jedoch der Aufforderung, während sich Tom Collins gemächlich seine Pfeife entzündete.

Dann lehnte er sich auf seinem Holzblock, dem »Sorgenstuhl«, gemächlich zurück und fuhr fort: »Du zogst mit deinem Herrn von Fort Fetterman zuerst in die Bad-lands, nicht wahr? – Du wolltest dort keine Bären jagen, sondern dein Volk besuchen und es zum Kriege aufhetzen!«

Andrew Brown blickte verwundert auf. Doch dann lächelte er geringschätzig. »Hat der Weiße dort geschwatzt?«

»Er hat in seinen Fieberreden nur bestätigt, unbewußt, was ich heute morgen von Ben Körber, meinem Freunde erfuhr«, antwortete der Indiantrader gelassen.

Andrew lachte spöttisch. Zugleich aber legte sich seine Stirn in zornige Falten. »Aha! Von dem Fallensteller«, murmelte er ingrimmig.

»Ja – von ihm«, sagte Tom Collins und behielt dabei seinen ruhigen Ton. »Er teilte mir mit, daß er von einem Manne namens John Keister –«

»Rotbart!« stieß der Bursche hervor, der nun gespannt aufhorchte.

»– gehört habe, die Indianer, deine roten Brüder, hätten den Kriegspfad betreten.«

Andrew Browns Augen leuchteten triumphierend.

»Sie werden jedoch nicht den geringsten Erfolg haben«, sprach der Indiantrader nach kurzem Schweigen weiter. Er blies dichte Rauchwolken vor sich hin und beobachtete die Miene seines Schützlings scharf.

»Ben Körber ist um diese Zeit bereits im Fort Reno. Spätestens morgen wird auch das Militär in Fort Fetterman gewarnt sein. Das ist früh genug, um den kriegslustigen Indianern entgegenzurücken und den Ahnungslosen irgendeinen Hinterhalt zu legen. Von dort werden sie ohne Verlust auf Seiten der Weißen wie die Hasen zusammengeschossen. – Hast du das vielleicht bezwecken wollen?«

»Nein«, rief Andrew mit geballten Fäusten. »Nicht sie allein, auch die Buntröcke sollten getötet werden, die ich gleichfalls hasse.«

Tom Collins erhob sich und trat vor den Burschen hin.

»Riet ich dir nicht einst, du möchtest nicht allein unter die Weißen gehen?« sagte er freundlich. »Hättest du unter meinem Schutz gestanden, so hätte es keiner gewagt, dich zu verspotten. Dann hättest du heute eine ganz andere Ansicht von den Weißen, die du in deiner Verblendung alle als gleich gesinnt, als falsch, betrügerisch und hinterlistig betrachtest.«

In ernsterem Tone fuhr er fort, und während er sprach, erhielt seine Stimme einen immer härteren Klang: »Nun frage dich: Wie hast du jetzt deinen roten Brüdern gegenüber gehandelt? Du hast dir hinterlistig ihre kindliche Furcht vor ihren Göttern, ihrem Aberglauben zunutze gemacht. Du hast sie durch einige Päckchen Pulver, die du in ihre Lagerfeuer warfst, und durch geheimnisvollen Zuruf betrogen. Du hast dich von der Regierung als Indianscout anwerben lassen, da du mit den Sitten und Schwächen der Indianer und allen Pfaden vertraut bist, die das Militär nicht kennt. Darin steckt eine Falschheit, wie du sie – Gott sei Dank! – unter den Weißen selten findest. – Du selbst hast mir früher einmal gesagt, du schämtest dich deiner roten Haut. Du solltest dich deiner Untugenden schämen, die du mit deinen roten Brüdern gemein hast.«

Andrew schleuderte die Blechteller, die er gerade in der Hand hielt, voller Wut zur Erde und wollte sich entfernen. Der Indiantrader ergriff den Arm seines Schützlings und sagte befehlend: »Halt! Höre mich zu Ende! Du kannst zu deinem Volke nicht zurück. Es wird nach der Niederlage, die es unfehlbar erleidet, bald merken oder erfahren, von wem es genarrt wurde. Sobald dich aber das Militär packt, wirst du eingesperrt. Es weiß, daß sein Indianerscout nicht nur gegen seine roten Brüder, sondern auch gegen die Regierung des Landes hinterlistig, falsch und betrügerisch handelte. Du gehörst also heute weniger denn je weder zu dem roten Volke noch zu den Weißen. Was dir fehlt, das Heim, das biete ich dir jetzt noch einmal, aber nur unter der Bedingung, daß du mir in allem willig folgst. Ich muß es von dir fordern, denn ich werde mich der Regierung für dich verbürgen. Ich hoffe, daß du dann der verdienten Strafe entgehst.«

Er legte dem Burschen die Hand auf die Schulter und schloß freundlich: »Sollte es denn gar nicht möglich sein, daß du das Schlechte abstreifst, das von dem roten Volke in dir lebt? Versuche es, mein Junge, und du wirst dich glücklich, zufrieden und wohl unter uns Weißen fühlen, die dir als Blutsverwandte nahestehen.«

Andrew Brown riß sich mit einem heftigen Ruck los. »Falsch, hinterlistig und betrügerisch war mein Vater, indem er mich und meine Mutter verließ. Er allein ist an allem schuld!« rang es sich zwischen seinen fest aufeinandergepreßten Zähnen hindurch. Dann stürzte er zur Behausung hinaus.

Tom Collins wollte ihm nacheilen. Er bezwang sich jedoch schnell. »Nein!« sprach er laut vor sich hin. »Kein Wort der Überredung mehr! Will der Junge mir jetzt nicht angehören, so muß ich mich damit trösten, daß es mir nicht an gutem Willen mangelte, ihn vom Verderben zu retten.«

Er sah nach dem Kranken. Der schlief fest und atmete tief und gleichmäßig. Er überzeugte sich, daß noch genügend Eis auf den Wunden lag, bekleidete sich mit einem dicken Wams und schritt ins Freie. Dort bestieg er einen Hügel, der unweit der Behausung lag.

Andrew Brown war nirgends zu sehen. Im Osten aber entdeckte er einen Reiter, der sich rasch näherte.

Es war Ben Körber. Schon von weitem schwenkte er grüßend den Hut, als er seinen Freund erblickte. Einige Minuten später hielt er sein dampfendes Pferd bei ihm an.

»Jingo! Das war ein Aufruhr in Fort Reno, als ich meine Neuigkeit ausgekramt hatte«, sagte er gutgelaunt. »Im Nu waren zwei Sergeanten im Sattel, und vier Gäule hinter sich zum Wechseln, ging es auf und davon, hin zu dem Fort Fetterman, um die Kriegsnachricht auch dorthin zu bringen. – Eurem Schützling hat man übrigens nie recht getraut, und – – –«. »Erweist mir einen großen Gefallen, Freund«, fiel ihm der Indiantrader ins Wort. »Ich darf meinen kranken Gast nicht verlassen. Reitet Ihr daher für mich zum Fort Fetterman, und – und – – –«. Er stockte.

»Weiter!« drängte der Trapper neugierig.

»Und bittet den Kommandanten in meinem Namen, daß er den Jungen nicht verfolgen läßt, um ihn zu strafen. Hoffentlich gelingt es mir, daß ich ihn bei mir halten kann, und dann – –« »Wird er Euch ebenso betrügen, wie er die Regierung betrogen hat«, ergänzte Ben Körber mit leichtem Spott.

»Nein, nein! Das wird er nicht!« erwiderte Tom Collins bestimmt. »Bedenkt, daß er mir zweimal das Leben rettete. Ich will mich für ihn verbürgen, wenn es verlangt wird und ich ihn dadurch von einer Strafe befreien kann.«

Der Trapper lächelte. »Ich tue Euch den Gefallen gern. Wir wollen aber zuerst abwarten, ob der Bursche bei Euch bleibt, während sich seine Brüder auf dem Kriegspfade befinden. Ich glaube es noch nicht.«

Der Indiantrader schaute verlegen vor sich nieder.

»Vorläufig hat das Militär in Fort Fetterman anderes zu tun, als ungetreue Indianscouts zu verfolgen«, fuhr Ben Körber heiter fort. »In etwa acht Tagen wird dieser Krieg nach meiner Ansicht beendet sein. Dann will ich wieder bei Euch vorsprechen. Habt Ihr dann noch denselben Wunsch wie heute, so reite ich. – Nun lebt wohl! Ich möchte noch vor Dunkelwerden daheim sein.« Er schüttelte dem Freunde die Hand und trabte eilig weiter.

Tom Collins sah ihm nach, bis er etwa fünfhundert Schritt westlich den Powder-River kreuzte und gleich darauf hinter einer Felsengruppe verschwand. »Du redest auch gegen deine Überzeugung, alter Freund«, murmelte er. »Als wir neulich miteinander von dem Jungen sprachen, merkte ich sehr wohl, daß er dir durchaus nicht so zuwider war.«

Langsam ging er nach seiner Behausung zurück.

Als er eintrat, stand Andrew Brown vor der Feuerstelle und reinigte eifrig das Geschirr.

Ein freudiges Lächeln huschte über das Gesicht des Indiantraders. Er half seinem Schützling schweigend, die Arbeit zu vollenden.

Die Versucherin

Drei Monate waren vergangen. Der Winter war vorüber. Überall in den Bergen, in den Schluchten und in den Wash-outs ertönte das Rieseln, Plätschern und Rauschen des Schneewassers, das zu Tale rann. Noch wehten des Nachts zuweilen rauhe und kalte Winde. Doch an den windgeschützten Stellen, die am Tage von der warmen Sonne beschienen waren, keimte zwischen den braunen Halmen, die jetzt niedergedrückt waren, bereits das junge Gras. Auch in den Schluchten schimmerte hier und dort an Busch und Baum schon ein zartes, duftiges Grün.

Das Wild lief in Paaren. Krähen und Elstern bauten geschäftig ihre Nester, – und auf manchem Platz in den Bergen, wo während der langen Wintermonate kaum ein Laut die Stille durchbrochen hatte, erklang nun vom Morgen bis zum Abend frohes Vogelgezwitscher.

Besonders lebhaft war es am Fuße einer Felsenkette, die sich von Norden nach Süden erstreckte. Dort war ein Bach, der jetzt stark angeschwollen war, durch Biber immer wieder abgedämmt worden. Er hatte sich in viele Arme geteilt und bildete so gleichsam einen großen See, bevor er durch eine schmale, bewaldete Schlucht seinen Weg brausend fortsetzte. Hier lag eine mit Buschwerk, langem Schilf und Gras bewachsene Insel bei der anderen. Unzählige Enten hatten hier ihre Brutstätte erwählt. Sie flogen laut schreiend hin und her und ließen sich bald hier, bald dort nieder.

Plötzlich erhob sich die ganze Schar unter ohrenbetäubendem Lärm. Gleich darauf krachte ein Schuß. Zwei Enten fielen getroffen herab, während die übrigen einen weiten Bogen durch die Luft beschrieben und dann auf ihre früheren Plätze zurückkehrten. Aus einem Busch am Rande des Sees tauchte ein Mann empor. Er trug eine Flinte in der Hand. Er eilte auf die Stelle zu, wo er die erlegten Tiere vermuten durfte, und fand sie auch sofort, da sie auf eine kleine, mit kurzem Gras bedeckte Fläche gefallen waren.

Er nahm sie schnell auf und sagte vor sich hin, indem er sich umblickte: »Wer mag die Gesellschaft aufgescheucht haben? Ein Mensch muß in der Nähe sein.«

»Richtig geraten!« fuhr er lachend fort und schritt auf ein Buschwerk zu, das sich bis zu der Schlucht erstreckte. In ihm kam soeben ein Mann hinter einigen höheren Büschen zum Vorschein, der ebenfalls suchend umherspähte.

»He, Tom Collins! Hier bin ich, wenn Ihr mich sucht!« rief er.

»Hallo, Ben Körber! Ja Ihr sollt es sein!« gab der Indiantrader zurück. »Ich war schon in Eurem Turm. Da ich Euch dort nicht fand, dachte ich mir, daß ich Euch bei Euren Bibern antreffen würde.«

»Mit dem Biberfang ist es bis zum Herbst vorbei«, sagte der Trapper, als die Freunde beieinander waren und sich die Hände geschüttelt hatten.

»Vor einer Woche fing ich den letzten, und dessen Fell taugte nicht mehr viel. Jetzt ist das Wasser auch überall zu hoch, und eine günstige Stelle für die Falle ist schwer zu finden. Ich habe mein Fangzeug für die Sommerrast schon vorbereitet, geölt und beiseite gelegt. Heute habe ich mir hier,« – er hob seine Jagdbeute triumphierend empor – »einen Entenbraten geholt, der uns beiden schmecken soll.«

»Es ist eigentlich grausam, daß man die Tiere von ihren Eiern fortschießt. Wenn man sich aber den ganzen Winter über einundzwanzigmal in der Woche mit Hochwildfleisch begnügt hat, sehnt man sich auch einmal nach etwas anderem. In der kurzen Zeit des warmen Frühlingswetters sind die Tiere schon merkwürdig fett geworden. – Kommt mit zu meinem Heim!«

»Ja in der letzten Zeit ist es herrlich!« sagte Tom Collins und schaute entzückt über den See, während er dem Freunde folgte.

Im Westen, Norden und Osten stiegen Berge an, die im hellen Sonnenschein lagen. Ihre zum Teil noch schneebedeckten Kuppen hoben sich scharf vom blauen Äther ab.

»Im Winter, wenn Eis und Schnee alles wie mit einem Leichentuche überzogen hat, auf das dann auch noch meistens der bleigraue Himmel recht trübselig herabsieht, ist es mir oft, als gehöre auch ich unter diese Decke. Mir ist dann, als habe das Leben keinen Wert mehr für mich. Wenn aber im Frühjahr die Natur aus ihrem Schlummer erwacht, klage ich mich an, daß ich mich derartig tiefsinnigen Gedanken hingeben konnte. Dann fühle ich mich wie umgewandelt, wieder jung. An dem Keimen jedes Blattes, jedes Halmes habe ich meine herzinnige Freude.«

»Na! In diesem Winter, wenigstens in den letzten Monaten hattet Ihr, sollte ich meinen, keine Ursache, trübe gestimmt zu sein«, versetzte Ben Körber verschmitzt lächelnd. »Mir scheint es fast, als wenn sich Euer Wunsch erfüllte, und aus Eurem Schützlinge ein vernünftiger Mensch werden wollte.«

»Ihr habt recht!« nickte der Indiantrader und rieb sich vergnügt die Hände. »Ja, es ist wahr. Ich darf die besten Hoffnungen hegen. Mit jedem Tage wird seine Lust zur Arbeit größer. Man sieht ihn jetzt kaum noch eine Minute ohne Beschäftigung. Auch im Lesen und Schreiben macht er wunderbare Fortschritte. Mr. Gloster ist ein wirklich vorzüglicher Lehrmeister in diesen Fächern. Noch gestern sagte er mir, daß er anfangs nur aus Scherz damit begonnen und nie gedacht habe, daß er bei dem Jungen einen derartigen Erfolg erzielen würde. Ich bin überzeugt, er reist nur deshalb noch nicht ab, weil er den Unterricht nicht unterbrechen will. Seine Wunden sind vollständig geheilt.«

»Der hat sich auch sehr zu seinem Vorteil verändert«, meinte der Trapper. »Er ist wirklich ein prächtiger Kerl, den man gernhaben muß.«

»Na! Und meinen Jungen habt Ihr nicht minder in das Herz geschlossen, nicht wahr?« fragte Tom Collins heiter.

Ben Körber blickte schmunzelnd zur Seite. »Wenn ich aufrichtig sein soll, habe ich ihn schon vom ersten Augenblicke an gern gehabt. Das war damals, als ich ihm im Fort Fetterman die Büchse abnahm, mit der er in seiner Wut auf die Soldaten schießen wollte. Er hat etwas an sich, was mich zu ihm zieht. Ja – es ist merkwürdig! Ich weiß nicht, liegt es in seinem Gesicht, in seinem Auge oder in seinem ganzen Wesen. Er scheint mir bekannt; und dennoch sah ich ihn noch nie vorher. – Diese Empfindungen brachten mich schon auf recht sonderbare Vermutungen. Doch – – – fort damit! Ich bin ein alter Narr!«

Beide legten den Rest des Weges bis zu dem Heim des Trappers schweigend zurück. Dieser war in Gedanken versunken, und sein Freund, der es wohl bemerkte, wollte ihn wohl nicht stören.

Ben Körbers Behausung lag unmittelbar am Fuße der Felsenkette vor einem mächtigen Haufen Felstrümmer. Sie hatte wirklich das Aussehen eines Turmes. Sie war schmal und hoch.

Ihr oberer Teil diente zur Aufbewahrung der erbeuteten, in Reifen getrockneten Biberfelle. Obgleich der Trapper spät mit seinem Fang begonnen hatte, füllten die Felle nebst einigen zu Waschleder verarbeiteten Hirsch- und Rehhäuten jetzt dennoch beinahe die ganze obere Hälfte der Hütte aus.

Im übrigen war ihre Einrichtung mehr als einfach. Der Tisch bestand aus einem Brett, das horizontal in einer Ecke bei der Türöffnung befestigt war. Vor ihr hing eine aus Schilf geflochtene, dicke Matte. Ein Holzblock vertrat den Stuhl. Zur Linken der Feuerstelle, die aus Feldblöcken, Steinen und Lehm erbaut war, lagen Sättel, Decken, Büffelfelle und Kleidungsstücke. Auf der rechten Seite befand sich ein Bort mit Lebensmitteln in Blechbüchsen und Säckchen und darunter eine Anzahl Kochgeräte, Näpfe und Blechgeschirre. Sämtliche Fallen waren nun auch noch in einer Ecke aufgeschichtet. So blieb für einen einzelnen Menschen kaum ein genügender Platz, wo sich Ben Körber nachts in seine Decken gehüllt, niederlegen konnte.

»Spottet nur!« sagte er zu seinem Freunde, der lächelnd einen Blick in den kleinen Raum warf. »Meine Hütte hat ihre unbezahlbaren Vorteile. Erstens läßt sie sich rasch durchwärmen, und dann bewahrt sie mich vor lästigen Besuchern: arbeitsscheuen, faulen Herumtreibern, Cowboys, die im Winter beschäftigungslos sind, und derartigem Gesindel, das von der Gastfreundschaft der wenigen Seßhaften im Lande lebt. Früher wurde ich sehr oft von solchen Leuten überlaufen. Einer schien es dem anderen zu sagen, daß ich ein gutmütiger Kerl bin. Dann richtete ich mich klein und bescheiden ein und beleidige nun keinen ungebetenen Gast, wenn ich ihn wegen Raummangel wieder fortschicke.«

»Ja, ja! Es ist wahrlich nicht angenehm, von solchen Leuten heimgesucht zu werden, die einem häufig mit der größten Unverfrorenheit wochenlang zur Last fallen«, erwiderte der Indiantrader. Beide hatten sich vor der Hütte auf zwei Holzblöcken niedergelassen, die dort zum Zerkleinern bereit lagen. Sie begannen, die zwei Enten zu rupfen. »Säße ich nicht so versteckt in meinem Fuchsbau, so würde meine Behaglichkeit auch oft genug durch sie beeinträchtigt.«

Eine längere Zeit stockte die Unterhaltung. Dann hub Ben Körber zuerst wieder an:

»Es ist merkwürdig, wie die Erinnerung an längst vergangene Zeiten plötzlich in uns wieder auftauchen kann. Mir erging es vorhin so, als wir von Eurem Schützling sprachen. – Na! es ist erklärlich, daß er Vergangenes in mir erweckt. Ich hatte einst einen Sohn, der heute etwa so alt wie Andrew Brown sein würde, wenn er noch lebte. Er wurde in seinem vierten Jahre mit seiner Mutter bei einem Überfall von Indianern getötet.«

»Du lieber Gott! das war für Euch ein harter Schicksalsschlag«, sagte Tom Collins voller Teilnahme.

»Noch härter, weil ich nicht zugegen war, als das Unglück geschah, und ich im anderen Falle vielleicht beide hätte retten können«, meinte der Trapper mit trauriger Miene.

»Ich war nur wenige Tage abwesend. Als ich zurückkehrte, zeigte man mir die Gräber von Weib und Kind. Mein Sohn war ein aufgeweckter Junge, und schon früh schmiedete ich allerlei Pläne für seine Zukunft«, fuhr er in Gedanken fort. »Bis zu seinem sechsten Jahre sollte er bei mir und der Mutter bleiben, so hatte ich damals gedacht. Dann wollte ich ihn unter die Aufsicht eines Bruders geben, der im Osten ansässig war, und in eine gute Schule schicken. Ich sparte eifrig, damit es mir nicht an Mitteln für seine Erziehung fehlte. Es ist alles anders gekommen. Und der liebe Herrgott hat es wohl sehr weise eingerichtet, daß er den Jungen sterben ließ. Mein Bruder verlor bei einem Eisenbahnunglück das Leben und ich gleichzeitig meine ganzen Ersparnisse durch den Bankrott eines Bankhauses. Ich hätte meinen Sohn, er wäre damals elf Jahre alt gewesen, wieder zu mir nehmen müssen, und was wäre dann aus ihm geworden? Dasselbe, was sein Vater ist: ein nichtsnutziger Fallensteller. Nein, nein! Lieber weiß ich ihn tot.«

»Und dennoch betreibt Ihr euer Handwerk mit Leib und Seele«, warf der Indiantrader ein.

»Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß ich nicht gern Trapper bin. Ist ein freies, ungebundenes Leben inmitten Gottes herrlicher Natur nicht beneidenswert? Aber mit Fallenstellen und Biberfangen wird der Lebenszweck eines Menschen nicht erfüllt. Das ist es, was mir am Herzen nagt. Und heute noch etwas anderes anzufangen, dazu bin ich zu alt. Mir bleibt nur noch ein geringer Trost und fördert meine Tätigkeit. Jeden Cent, den ich eben entbehren kann, spare ich und lege ihn zu den übrigen. Dieser Ertrag meiner Arbeit soll einst nach meinem Tode zu einem guten Zweck verwandt werden. Dann, so hoffe ich, habe ich dennoch vielleicht nicht ganz umsonst gelebt.«

Tom Collins reichte ihm bewegt die Hand. »Weshalb habe ich wohl das sehnlichste Verlangen, Andrew Brown auf den rechten Weg zu führen? O, lieber Freund! Ähnliche Gedanken wie Euch verkümmern auch mir mein Dasein. Der liebe Gott möge geben, daß sich mein Wunsch erfüllt. Dadurch würde ich mir das Bewußtsein erringen können, daß ich nicht ohne Zweck und Ziel lebte. – Ja, ja! Jetzt sind wir beide zu alt, um noch einmal mit Erfolg umzusatteln und dabei nach etwas Würdigem zu streben. Das soll der Mensch von jung an tun; nur dann wird es ihm ganz gelingen. – Wie leicht wurde es mir gemacht. Doch ich spielte mit dem Glück, bis es mir verdientermaßen den Rücken kehrte und ich schließlich nach manchen Irrfahrten hier im Westen Indiantrader wurde. Was hätte bei den glänzendsten Aussichten, die sich mir einst boten, aus mir werden können! Aber mein seliger Vater hat recht behalten! Er sagte mir oft trostlos, wenn ich schon in der Schule meine Pflicht versäumte: ›Aus dir wird nie etwas Tüchtiges, Junge!‹ – Leider kommen viele zu spät zu der Erkenntnis, daß sie ihrem Vater für jeden Schlag, den er ihnen einst gab, von Herzen dankbar sein müßten.«

Ein Räuspern veranlaßte die Freunde, sich umzublicken.

Mr. Gloster trat, sein Pferd am Zügel, hinter der Hütte hervor auf sie zu.

»Ich mochte nicht länger den Lauscher spielen«, sagte er und streckte beiden Männern die Hand hin. »Als ich vor einer Weile kam, wollte ich Euch in Eurer Unterhaltung nicht stören. Nun wurde ich ihr Zeuge, und gewiß nicht zu meinem Nachteil. – O Freunde! Laßt es mich aussprechen, wie es mir ums Herz ist. Mir wurde eines klar – schon kurz, bevor Ihr, Tom Collins, mich in Eure treue, sorgsame Pflege nahmt: Lächerlich, ja erbärmlich denken diejenigen, die voller Dünkel auf ihren Reichtum und ihre Geburt eine höhere Stellung im Leben beanspruchen zu dürfen glauben als diejenigen Mitmenschen, die ihr Brot im Schweiße ihres Angesichtes verdienen.

Doch wer weiß, wenn ich ohne Unfall von der Jagd wieder nach England unter die früheren Verhältnisse zurückgekehrt wäre, ob mir diese Erkenntnis genützt hätte. Im Umgang mit Euch, Ihr beiden, hat sie sich in mir für immer gefestigt. Euer unentwegtes Streben, Tom Collins, den halbwilden, trotzigen Burschen zu einem Menschen zu erziehen, hat mir die Augen vollends geöffnet. Ich merkte auch mir manches Wort, das ihm galt. Und Eure emsige und wahrlich nicht leichte Tätigkeit in Wind und Wetter, Ben Körber, deren edler Zweck mir nun auch bekannt ist und mich Euch doppelt zu achten zwingt, hat das seine dazu getan. Gottlob! Ich bin noch jung genug, um nachzuholen, was ich versäumte. Die Lust zur Arbeit fühle ich in mir. – Morgen will ich zurück zum Fort Fetterman und dann unverzüglich nach England weiterreisen. Dort will ich mir eine Lebensaufgabe suchen, und ich will mich mit allen Kräften bemühen, sie zu erfüllen, eingedenk der Erfahrungen und guten Lehren, die ich hier empfangen habe. Meine Freunde werden darüber wahrscheinlich noch mehr Ursache haben zu staunen, als über meine breiten Narben auf Schulter und Arm,« fügte er lächelnd hinzu.

»Euren Entschluß in Ehren! Doch Ihr befürchtet wohl, daß Ihr ihn bereuen könntet, weil Ihr so plötzlich aufbrechen wollt,« meinte Tom Collins schmunzelnd. Dabei überreichte er dem Trapper die mittlerweile von ihm gerupfte und ausgenommene Ente. Der salzte sie mit der seinigen und legte beide in einen schon bereitstehenden Kessel, den er auf ein Feuer stellte, das er schnell entzündete.

»Ist es der Fall,« fuhr Collins dann fort, »so will ich Euch nicht halten. Sonst geduldet Euch noch wenige Tage, dann reiten wir zusammen. Auch meine Erholungszeit ist zu Ende.«

»Und mich könntet Ihr gleichfalls mitnehmen,« sagte Ben Körber. »Mit meiner Fallenstellerei bin ich fertig, wie ich schon vorhin erwähnte. Ich möchte nur noch die Gegend etwas abstreifen und mich nach einer anderen Stelle umsehen, die zum Fang geeignet ist. Ich möchte im nächsten Winter nicht wieder gezwungen sein, zu feiern, wenn sich hier die Arbeit nicht mehr lohnt.«

»Ich warte natürlich gern, bis Ihr mich begleitet,« erwiderte der Engländer. »Nein, nein, Tom Collins, seid ohne Sorge! Was ich mir einmal vorgenommen habe, setze ich auch durch. Es geschah bisher allerdings immer nur, wo mein Vergnügen in Frage kam. Nun aber werde ich beweisen, daß ich es auch im Ernste des Lebens vermag.«

»All right!« lachte der Trapper. »Bringt Euren Gaul dorthin zu dem meinigen und zu dem unseres Freundes Collins,« – er zeigte nach der Schlucht, wo mehrere Pferde weideten – »und dann setzt Euch zu uns. Ich lade Euch hiermit feierlichst zum Geflügelbraten ein.«

Mr. Gloster zog lächelnd den Hut und verneigte sich tief. »Gentlemen! Es wird mir eine hohe Ehre sein, mit Euch zu speisen,« entgegnete er scherzend. Schnell führte er sein Pferd hinweg.

»Seht! Da haben wir, ohne es zu wissen, ein gutes Werk getan,« sagte Ben Körber heiter. »Der wird seinen Vorsatz durchführen, dessen bin ich sicher.«

Der Indiantrader nickte schmunzelnd. »Vielleicht sind wir doch nicht solche nutzlosen Kerle, wie wir uns einbilden, he? – Und unseren Jungen habt Ihr nicht mitgebracht?« wandte er sich an den zurückkehrenden Engländer.

»Er ritt mit mir fort, hierher. Aber auf meinen Wunsch macht er einen Umweg durch die südlichen Berge«, erwiderte Mr. Gloster, indem er bei den beiden Männern Platz nahm. »Gestern, auf der vergeblichen Jagd nach einem neuen Wild für unseren Unterhalt, glaubte ich, einen Indianer gesehen zu haben. Ich erwähnte es nicht weiter, da ich es nachher für Täuschung hielt. Heute morgen aber – ich hatte gerade einen Rehbock erlegt – erblickte ich deutlich nur etwa zwanzig Schritt vor mir wieder ein rotbraunes Antlitz, das zwischen zwei Felsen hervorlugte. Ich tat, als hätte ich es nicht bemerkt, und ging langsam auf jene Richtung zu. Als ich bei den Felsen anlangte, sah ich jemanden eilig fliehen, und – dieses Mal täuschte ich mich nicht – es war ein Indianermädchen.«

»Ein Mädchen?« wiederholten die beiden Freunde erstaunt.

»Ja – ein Mädchen! Ich dachte, daß auch deren Angehörige vielleicht in der Nähe weilten, und durchstreifte einen Teil des Geländes. Ich konnte jedoch keine Spur von ihnen entdecken. Auch das Mädchen war verschwunden. Als wir nun hierher ritten, schickte ich Andrew Brown mit der Weisung fort, er solle nach ihnen ausschauen. Er meinte, daß das rote Volk möglicherweise schon das Winterlager verlassen habe und auf dem Wege nach den Sommercamps sei.«

»Das wäre sehr früh!« sagte Tom Collins nachdenklich. »Gewöhnlich pflegen die Indianer nicht eher aus ihren Winterdörfern fortzuziehen, bis das junge Gras überall und hinreichend wächst. – Sie hegen doch nicht etwa wieder Kriegsgelüste?«

Ben Körber lachte. »Na! Ich sollte meinen, die wären ihnen vor drei Monaten gründlich vergangen. Die Zahl war nicht gering, die das Militär seinerzeit zu den glücklichen Jagdgründen sandte. – Nein, nein, Freund! Derartige Aussichten sind ausgeschlossen.«

»Ihr vergeßt, daß damals nur der Stamm der Arrapahoës, der in den Bad-lands hauste, beteiligt war. Auch die Crows und Cheyennes wohnen nicht weit von hier. Sie haben sich seit zwei Jahren merkwürdig ruhig verhalten. Das ist für das kriegslustige rote Volk eine lange Zeit.«

»Allerdings!« nickte der Trapper. »Dennoch glaube ich, daß die völlige Niederlage der Arrapahoës ihren Eindruck auch auf sie nicht verfehlt hat. Sie werden daher wenigstens vorläufig den Frieden vorziehen.«

»Ich will es schon meines Handels wegen hoffen,« versetzte der Indiantrader. Dann brachte er das Gespräch auf den bevorstehenden Aufbruch und verwunderte sich darüber, daß sein Schützling so lange ausbleibe.

Der Bursche befand sich nicht weit entfernt. Mr. Gloster war sehr langsam hergeritten, da er den herrlichen Frühlingstag genießen wollte und die Gebirgslandschaften anschaute, die ihm heute doppelt reizvoll erschienen. Andrew jedoch trieb sein Pferd auf den Wegen durch die Berge, die er gut kannte, zu größter Eile an.

So traf er gleich nach dem Engländer bei Ben Körbers Heim an. Er befand sich jedoch auf dem Gipfel der Felsenkette. Dort ließ er seinen Gaul zurück, kletterte in einem Spalt herab und zwischen die Felstrümmer hinter der Hütte. So belauschte er die beiden Männer, die soeben die Enten zu rupfen begannen. Obgleich er sich mit Ben Körber einigermaßen ausgesöhnt hatte, traute er ihm dennoch nicht recht. Als er nun hörte, wie jener traurig von seinem Sohne und seinem Weibe sprach, die ihm von Indianern getötet wurden, überkam es ihn wie Mitleid. Ihm wurde verständlich, daß der Trapper dem roten Volke nicht wohl wollte, wie er aus manchen Äußerungen erfahren hatte. Er verstand jetzt auch, warum Ben Körber auch ihm, wohl wegen seiner Abstammung von den Indianern, mißtraute. Er fühlte das sehr gut heraus, wenn es jener auch stets zu verbergen trachtete.

Und Ben Körber hatte seinen Sohn in eine Schule schicken wollen? Tom Collins hatte ihm erzählt, daß man dort viel lerne, außer Lesen und Schreiben noch manches andere. Das war gewiß schön. Er dachte mit Vergnügen an das, was er bereits durch den Engländer gelernt hatte, und er empfand ein mächtiges Verlangen, noch mehr, immer mehr zu wissen. Ach! Wenn doch auch er eine Schule besuchen könnte!

Ein großer Felsblock entzog Mr. Gloster, der dem Gespräch der beiden Freunde lauschte, seinen Blicken. Noch bevor der Engländer zu ihnen trat, erklomm Andrew Brown die Höhe wieder. Hier durchspähte er eine Weile scharf das östliche Gelände.

Die Mitteilung des Engländers hatte ihn sehr überrascht. Im ersten Augenblick dachte er daran, daß das Mädchen, das jener sah, vielleicht Nohoste-ia gewesen sein könne. Aber wie kam sie von den Bad-lands hierher? Was wollte sie hier? Auch jetzt schüttelte er den Kopf und eilte mit seinem Pferde nach der Schlucht. Dort stieg er in den Sattel und ritt gemächlich auf die Hütte des Trappers zu.

Die drei Männer hatten sich dahin geeinigt, noch eine Woche in den Bergen zu bleiben und dann gemeinschaftlich nach Fort Fetterman aufzubrechen.

Ben Körber holte soeben einige Blechteller und Gabeln herbei, um die Mahlzeit zu beginnen, als der Indiantrader Andrew bemerkte.

»Hallo! da ist er, der Junge!« rief er erfreut. »Du kommst zur rechten Zeit! Vorwärts! Hier gibt es Entenbraten!«

Andrew Brown schwang sich von dem Rücken seines Pferdes, nahm diesem die Zügel ab und gab dem Tiere einen leichten Schlag. Es trabte zu den anderen Gäulen.

»Nun? Hast du etwas entdeckt?« fragte der Trapper.

»Nein!« antwortete der Bursche in gleichgültigem Tone. »Ich fand auch nirgends eine Fährte.«

»Na! Dann setz' dich und laß es dir schmecken!« sagte Ben Körber heiter. Er übergab ihm einen Blechteller und eine Gabel und drückte ihn sanft auf einen Holzblock nieder.

»Und nun greift auch ihr zu, Freunde, und rechnet dabei nicht auf mich! Ihr seht,« – er deutete auf den See, wo die Enten nach wie vor schreiend hin und her flogen – »meine Vorratskammer ist gefüllt und ich kann mir den Genuß solcher Braten verschaffen, so oft ich will.«

Das Mahl, das allen vorzüglich mundete, wurde unter Lachen und Scherzen der drei Männer verzehrt. Der Trapper neckte Andrew Brown, der wie gewöhnlich still und in sich gekehrt blieb. Er meinte, daß das Indianermädchen möglicherweise eine Neigung zu ihm hätte und durch diese hergetrieben sei. Tom Collins half seinem Freunde bei dieser Neckerei, was er bisher nie getan hatte. Er fühlte sich Ben Körber seit heute noch enger verbunden.

Das ärgerte Andrew. Er verstand den Scherz nicht. Das Mißtrauen, das er gegen Ben Körber hegte und nicht zu bannen vermochte, übertrug sich minutenlang auch auf den Indiantrader.

Nach der Mahlzeit holte er die Pferde. Der Trapper erwähnte nochmals, daß es dabei bleibe, die Reise in acht Tagen gemeinschaftlich anzutreten. Dann ging es zurück zu Tom Collins Fuchsbau.

Der Weg dorthin bot wenige Schwierigkeiten. In kaum zwei Stunden hatten sie ihn zurückgelegt.

Der Bursche sattelte die Pferde ab und führte sie auf die andere Seite des Flusses zu ihrem Futterplatze. Inzwischen betrachteten der Indiantrader und sein Gast den Untergang der Sonne von einer nahen Anhöhe aus.

Sie sank karminrot hinter den westlichen Bergen hinab. Wie mit Purpur übergossen lag das weite, wellige Gelände da. Im Norden allein schimmerte goldig das ehrwürdige, noch schneebedeckte Haupt des Cloud-Peak, das noch von den vollen Strahlen des scheidenden Tagesgestirnes beleuchtet wurde.

Doch allmählich wurde jene Färbung dunkler und dunkler. Zugleich erblaßte das Rot auf Tal und Hügel, bis die Sonne vollends verschwand und die Abendschatten herniedersanken. Ein Stern nach dem anderen erschien am Himmel. Es wurde Nacht. Die Kuppe des einzelnen Berges glühte noch mehrere Minuten unheimlich, wie in Blut getaucht. Dann hüllte auch sie sich in die Finsternis, die weit und breit herrschte.

»Das bedeutet Krieg!« sprach Andrew Brown leise vor sich hin. Er war unbemerkt hinter die beiden Männer getreten, die im Anschauen versunken waren.

»Deutet das rote Volk es so, wenn die Sonne in so wunderbarem, allerdings seltenem Glanze untergeht?« fragte ihn Tom Collins freundlich. Als er keine Antwort erhielt, fuhr er in dem gleichen Tone fort: »Du glaubst jetzt doch nicht mehr an derartiges, nicht wahr, mein Junge! Wenn unser Auge ein solches Wunder sieht, soll es uns mit Andacht und Dankbarkeit gegen Gott, unseren Vater, erfüllen. Er schuf seine Meisterwerke, um uns das Dasein zu verschönen. Es ist sündhaft, Gottes Werken nichtige Zeichen unterzulegen.«

Andrew folgte den Männern stumm in die Behausung. Hier entzündete er ein Feuer. Die von der Decke herunterhängende Petroleumlampe verbreitete ein freundliches Licht. Dann nahm er ein Buch aus der Kiste neben der Feuerstelle und begann, in ihm zu blättern. Es enthielt die ersten Leseübungen. Ben Körber hatte es eines Tages von Fort Reno mitgebracht. Er hatte es von einem Offizier erhalten, dessen Kinder mit ihm in der Befestigung weilten und von einem Hauslehrer unterrichtet wurden.

Mr. Gloster setzte sich zu seinem Schüler. Nachdem er ihm verschiedenes erläutert hatte, was ihm noch nicht ganz verständlich war, ließ er ihn buchstabieren und lesen. Dann veranlaßte er ihn, mehrere Worte, darunter die Namen des väterlichen Freundes, des Trappers und seinen eigenen mit Bleistift auf ein Blatt Papier zu schreiben.

Tom Collins saß in seinem Sorgenstuhl. Er rauchte seine Pfeife und sah den beiden schmunzelnd zu.

Plötzlich klang in der Ferne der klagende Ruf einer Eule. Andrew Brown zuckte zusammen. Der Bleistift zitterte in seiner Hand. »Ein Greuel ist mir der Vogel«, stotterte er, als der Engländer ihn erstaunt anblickte. Er meinte auch, daß in dem Blick etwas Forschendes war.

»Hast recht«, nickte der Indiantrader. »Manchem ist der Vogel zuwider. In den großen, leuchtenden Augen liegt etwas Falsches. Sein Ruf klingt unheimlich!«

Sie setzten den Unterricht fort. Die Gedanken des Burschen waren aber nicht mehr bei der Sache. Worte, die er sonst schon mit Leichtigkeit abgelesen hatte, brachte er stammelnd und unsicher hervor. Den richtigen Laut für mehrere Buchstaben brachte er erst hervor, nachdem er verschiedentlich einen falschen gebraucht hatte.

»Du bist müde. Da wollen wir uns nicht länger quälen,« sagte Mr. Gloster und klappte das Buch zu. »Der Körper muß frisch sein, wenn die Kopfarbeit gelingen soll.'«

»Wir waren heute alle drei früh munter!« meinte Tom Collins und klopfte seine Pfeife gähnend aus. »Laßt uns zur Ruhe gehen!«

»All right! Ich bin es zufrieden«, entgegnete der Engländer. Auch Andrew Brown schien mit dem Vorschlage recht einverstanden zu sein.

Der Indiantrader lag bald in seiner Bettstelle, die mit dürrem Gras gepolstert war. In der Ecke ihm gegenüber ruhte Mr. Gloster auf seinem Gummibette. Andrew hatte sich in der Ecke bei der Tür in seine Büffelfelle und wollenen Decken gerollt. Schon nach kurzer Zeit schnarchte Tom Collins laut, und nur wenig später stimmte der Engländer kräftig in das Schnarchen ein.

Der Bursche bemerkte bald, daß seine Gefährten fest schlummerten. Er richtete sich halb auf und lauschte mit der größten Aufmerksamkeit. Die hohle Hand legte er an das Ohr, doch er mußte sich sehr anstrengen, weil die schnarchenden Töne der Schläfer ihn störten. Minute auf Minute verrann. Ihm war es, als sei bereits eine Ewigkeit vergangen, da ertönte wieder der Schrei der Eule. Dieses Mal klang er klagender und näher als vorhin. Sein scharfes Ohr vernahm deutlich den Unterschied zwischen dem wirklichen Ruf des Vogels und der Nachahmung.

»Sie ist es!« flüsterte er. Leise, aber hastig kleidete er sich wieder an und schnallte den Gürtel mit Revolver und Messer um die Hüften. Dann ergriff er seine Büchse und schlich behutsam zur Behausung hinaus. Vorsichtig schloß er die Tür hinter sich. Der Mond schien beinahe tageshell vom klaren, sternbesäten Himmel.

Soeben klang der Eulenschrei noch einmal; jetzt an der anderen Seite des Powder-River, etwa dort, wo die Pferde weideten. Andrew Brown eilte schnell nach dem Fluß. Er sprang behende von Felsblock zu Felsblock. Rauschend brachen sich die stark geschwollenen Fluten an den Steinen; doch sicher erreichte er das jenseitige Ufer.

Nun ahmte auch er leise den Schrei der Eule nach und sofort erhielt er die Antwort vom Fuße der Höhen, die ungefähr zweihundert Meter entfernt waren.

Andrew lief rasch weiter. Eine Minute später trat ihm im Schatten der Höhen eine weibliche Gestalt entgegen, die sich aus dem Dunkel eines Busches löste.

»Weshalb rufst du mich, Nohoste-ia?« fragte Andrew atemlos.

»Du wohnst wie der Fuchs unter der Erde,« gab sie zurück. »Schon seit gestern suchte ich dich!«

»Ich weiß es,« erwiderte er kurz. »Rede! Was führt dich hierher?«

»Vor meines Vaters Tibi hängt kein Totem mehr. Woternihit-scha ist Häuptling.«

»Was kümmert es mich?« sagte er verächtlich.

Schüchtern fuhr sie fort: »Das Volk murrt und glaubt, daß der gute Geist zürnt, weil es dich nicht zum Krieger ernannte. Woternihit-scha schickt mich zu dir. Du sollst es werden, wenn du zurückkehrst.«

In dem Antlitz des Burschen blitzte es triumphierend auf. Dennoch entgegnete er stolz und so verächtlich wie vorher: »Früher wollte das rote Volk nicht. Jetzt will ich nicht.«

»Dir sollen fünf Pferde gehören, die Woternihit-scha den Dakotas abnahm,« sprach sie erregt weiter. »Die Weiber bauen schon einen Tibi für dich, und die Krieger zwangen meinen Vater, daß er mich ohne Gegengabe dir zum Weibe gibt.«

»Ohne Gegengabe?« wiederholte er spöttisch. »Hast du in den Augen der Krieger keinen Wert mehr? Oder warst du bereits das Weib Woternihit-schas, und ist er deiner jetzt überdrüssig? – Gib dir keine Mühe, Mädchen! Dein Volk ist falsch; es ist verlogen, hinterlistig und betrügerisch! Will es mich zu sich locken, damit es sich an mir rächen kann? Es weiß doch, daß ich es in den Krieg und in das Verderben trieb! Ich bin nicht so dumm wie ein Fisch, der blindlings in das Netz läuft.«

Sie trat dicht zu ihm heran. »Öffne dein Ohr!« flüsterte sie hastig.

»Die Crows und die Cheyennes sind wieder die Freunde unseres Stammes. In ihren Jagdgründen bauen Weiße ihre hölzernen Wigwams und töten Büffel und Hirsche. Die Indianer hungern. Schon sind die Streitäxte ausgegraben! Die Arrapahoës ziehen mit ihnen; denn die Brüder, die sie vor drei Monaten in die glücklichen Jagdgründe sandten, schreien nach Rache. Woternihit-scha aber ist wie eine feige Elster, obgleich er jetzt das Kleid des Adlers trägt. Er bietet es dir, wenn du zurückkehrst! Du sollst die Brüder zum Siege führen! Zum Beweise, daß er nicht mit doppelter Zunge redet, schickt er dir dieses hier, Ataha-sa! Nimm!«

Sie nestelte ihr Lederkleid vorn an der Brust auf. Dann trat sie wieder in das volle Mondlicht hinaus und hielt ihm einen Otterschwanz hin.

In Andrew Browns Auge leuchtete es von neuem wild und triumphierend auf. Voller Verlangen hob er die Hand. Doch ebenso schnell ließ er sie wieder sinken. Nachdem er einen Blick in die Richtung geworfen hatte, in der die Behausung des Indiantraders lag, erwiderte er abwehrend: »Nein! Auch das soll mich nicht reizen. Ich will bei den Weißen bleiben. Sie sind meine Freunde.«

»Bist du dessen gewiß?« fragte sie mit zitternder Stimme.

»Ja!« antwortete er kurz.

Sie knüpfte eine Lederschnur los, die sie um ihre Hüften gebunden hatte. An ihr war ein Stab aus weißem Holze befestigt, den sie ihm reichte. »Kennst du das?«

Er betrachtete den Stab genau, ohne ihn jedoch zu berühren.

»Er saß vermutlich an einem Gestell, in dem die Weiber deines Volkes ihre Säuglinge tragen«, sagte er gleichgültig.

»So ist es!« sprach sie rasch. Dann fuhr sie fort und betonte scharf jedes einzelne Wort: »Es ist einer der Stäbe des Gestelles, in dem deine Mutter dich hegte, – deine Mutter, die dein Freund schnöde verließ, der dort in den Bergen Biber fängt. Er ist dein Vater. Und Graubart – – –«

Andrew umklammerte bestürzt das Handgelenk Nohoste-ias. »Ben Körber? Du lügst!« stieß er heftig hervor.

»Zeige ihm den Stab! Dann wird dein Gesicht dir sagen, daß ich nicht mit doppelter Zunge rede«, versetzte sie.

Sie wand sich unter seinem eisernen Griffe. »Er grub seine Zeichen mit eigener Hand in das Holz.«

Der Bursche riß den Stab an sich und ließ das volle Mondlicht auf die eine Seite fallen, die weißer als die andere war. Dort waren zwei Wörter eingeschnitten und mit schwarzer Farbe ausgefüllt.

Sein Auge hing starr an den Schriftzeichen. Langsam buchstabierte er, wie er es heute abend noch unter der Anleitung Mr. Glosters getan hatte: »B – e – n, Ben, K – ö – r – b – e – r, Körber, – Ben Körber.«

Sein ganzer Körper erbebte. Wie Wetterleuchten zuckte es in seinem Gesicht.

Das Mädchen stand mit der gespanntesten Erwartung vor ihm.

Plötzlich drang ein stöhnender, zischender Laut zwischen seinen Zähnen hervor, die er fest aufeinander preßte. Er gebot Nohoste-ia durch einen Wink, zu warten. Wie der Wind flog er über die Grasfläche zu dem Flusse hin. Nach wenigen Minuten kehrte er mit Sattel und Zaumzeug zurück. Schnell hatte er sein Pferd von den übrigen Gäulen abgesondert, die unruhig umherliefen. Er fing es ein.

Er schaute noch einmal dorthin, wo Tom Collins' Behausung lag. Es war für einen Augenblick, als wanke er in seinem Entschluß.

»Komm! Ich gehe wieder zu dem roten Volke«, sagte er, und seine Stimme klang heiser. »Gib mir den Otterschwanz.«

Sie erfüllte sein Gebot rasch und mit freudig aufblitzenden Augen. »Willst du nicht noch einige Pferde mit dir nehmen?« flüsterte sie.

»Nein! Vorwärts!« rief er rauh. »Stehlen ist Sünde.«

Er zog sie mit kräftigem Arm vor sich auf den Sattel. Noch einmal sah er sich scheu um. Dann ritt er eilig davon.

Bittere Erkenntnisse

Im Arrapahoë-Lager am White-River erhob sich jetzt neben der großen Beratungshütte ein Wigwam, der sich durch seine bunten Farben von den übrigen Tibis unterschied. Diese waren im Laufe des Winters noch schmutziger und noch dunkler angeräuchert worden.

Seine Brüder hatten diesen neuen Wigwam Andrew Brown als Behausung angewiesen, nachdem sie ihn zum Krieger ernannt hatten. Sie hatten auch aus diesem Grunde ein großartiges Fest gefeiert, wie es seit vielen Sommern von dem Stamme nicht in ähnlicher Weise begangen war. Es dauerte drei Tage und drei Nächte. Während dieser Zeit war alles aufgeboten worden, um den Heimgekehrten zu ehren.

Woternihit-scha hatte ihm eigenhändig den Otterschwanz zwischen den Haarsträhnen befestigt; doch hatte er das Abzeichen, das er selbst trug, nicht entfernt. Er verzichtete also durchaus nicht auf die Häuptlingswürde, wie Andrew fest geglaubt hatte.

Sein Unwille darüber wurde aber vorläufig in dem Festtrubel unterdrückt. Er gab sich ihm mehr und mehr hin, um peinliche Gedanken zu betäuben, die immer wieder in ihm auftauchten. Verschiedene Krieger hatten ihm ihre Tochter zum Weibe angeboten. Er aber hatte nur Nohoste-ia gestattet, bei ihm im Wigwam zu weilen. Auch dieser erlaubte er es nur ungern. Er verwies ihr jede Handreichung. Sie zog sich dann bescheiden zurück und hielt sich stumm in achtungsvoller Entfernung. Ihre braunen Augen waren unverwandt auf ihn gerichtet, so wie ein geschlagener treuer Hund aufmerksam den Wink des Herrn erwartet. Da erlaubte er ihr, die Mahlzeiten und sein Lager zu bereiten.

Die Festlichkeiten hatten schließlich seine Sinne vollständig gefangengenommen. Er meinte wirklich, daß er jetzt ganz zu dem roten Volke gehöre. Ja, nach allen den Ehrenbezeugungen, die ihm von alt und jung zuteil wurden, glaubte er, einer der Ersten unter ihnen zu sein.

Nun war der Trubel verrauscht, und eine große Ernüchterung trat bei ihm ein. Er sah im Geiste das biedere Gesicht des alten Indiantraders mit den blauen, ehrlichen Augen. Stärker als vorher stürmten die Gedanken auf ihn ein, die er gänzlich verscheucht zu haben meinte. War es denn möglich, daß dieser so falsch wie sein Freund handeln konnte? Daß er die Vergangenheit des Trappers kannte und feige schwieg? Daß die Unterhaltung der beiden bei der Hütte des Fallenstellers ein abgekartetes Spiel war, weil sie vermuteten, daß er in der Nähe lauschte? So hatte Andrew es sich zuerst eingeredet, um sich zu beschwichtigen.

O diese schändliche Lüge Ben Körbers, daß ihm sein Weib und sein Sohn von Indianern getötet sein sollten! Ja – er war ein Elender, der verdiente, daß man ihn haßte! – Aber Tom Collins?

Je eifriger Andrew versuchte, auch ihn zu beschuldigen, desto weniger wollte es ihm gelingen. Der Mann, der ihn mit so warmen Worten vor den Sünden der Menschheit warnte, konnte selbst nicht lügen.

Anfangs leise, dann immer stärker, regte sich die Scham in Andrew. Er empfand, wie undankbar er gegen seinen väterlichen Freund und auch gegen Mr. Gloster gehandelt hatte. Besonders in den letzten Monaten hatte dieser wie ein treuer Genosse zu ihm gehalten. Er war ohne Erklärung, ohne ein Wort des Abschiedes wie ein Dieb von ihnen fortgeschlichen. Wohin? Zu dem roten Volke mit seinen Lastern und seinen Untugenden. Er fühlte, daß das seine Freunde am meisten kränken würde. Mußten sie sich nun nicht sagen, daß alle ihre guten Lehren zwecklos gewesen waren?

Bittere Reue erfaßte ihn. Am liebsten wäre er jetzt gleich aus dem Indianerlager fortgeeilt! Aber dann dachte er wieder an Ben Körber, und das Gefühl der Rache bäumte sich von neuem in ihm auf. Freilich beschlich ihn auch zugleich die Furcht, daß ihn der Gott der Weißen deswegen verdammen werde, – ja, Er war der einzige Gott, und er glaubte an Ihn.

In dieser Weise grübelte er und war von Gedanken erfüllt, die sich widerstritten. Nun lag er bereits am dritten Tage nach dem Feste in seinem Wigwam. Schon war am Morgen der Medizinmann bei ihm gewesen und hatte ihm Vorwürfe gemacht, daß er sich nicht im Camp und unter dem Volke blicken lasse. Ein gleichgültiges Achselzucken war seine Antwort.

Nun hatte ihm Mitasa-o in längerer Rede auseinandergesetzt, die Männer hätten ihn hauptsächlich deswegen zurückgerufen, weil ihnen bei einem Kriege, der bevorstehen konnte, ein Führer fehle. Der Stamm sei durch die letzte Niederlage geschwächt und stark entmutigt. Er brauche einen Führer, der die Kühnheit, Listigkeit und Verschlagenheit des roten Volkes mit der Ruhe, Besonnenheit und Klugheit der Weißen vereinige. Er – Andrew – sei wie geschaffen dafür. Er habe außerdem in den letzten Monaten noch manches gelernt, was seinen roten Brüdern von Nutzen sein könne.

Andrew Brown hatte dann mürrisch entgegnet: er habe bei den Weißen hauptsächlich gelernt, daß es eine große Torheit des roten Volkes sei, immer wieder Krieg zu beginnen. Ein solcher Krieg habe ihnen bis jetzt immer nur Nachteile gebracht und würde sie ewig bringen.

Darauf erwiderte ihm der Medizinmann ängstlich, er dürfe sich keinesfalls gegen den Wunsch der Männer auflehnen. Ein Krieg sei wahrscheinlich nicht zu vermeiden, da die Arrapahoës gezwungen seien, die Cheyennes und Crows zu unterstützen mit denen sie jetzt befreundet waren.

Darauf war Mitasa-o eilig von ihm gegangen. Er tat das offenbar, um weitere Erörterungen zu verhindern. Er hatte nur noch hinzugefügt, daß er bestimmt darauf rechne, ihn kampfbereit zu finden, falls es nötig sei.

Noch vor wenigen Monaten hatte Andrew Brown alles getan, um einen Krieg der Arrapahoës mit den Weißen heraufzubeschwören. Heute dachte er anders darüber. Als Nohoste-ia damals einen Krieg der Indianer in Aussicht gestellt und ihm zugleich eröffnet hatte, daß Ben Körber sein Vater sei, da war zuerst das Verlangen nach Rache in ihm aufgestiegen. Es richtete sich nicht nur gegen Ben Körber, sondern wieder gegen alle Weißen.

Nun aber fühlte er sich mit Gewalt zu ihnen hingezogen. Er empfand immer mehr, daß er ihnen näher stand als den roten Brüdern. Je häufiger er sein Leben unter dem rohen, faulen, tierischen roten Volke mit seinem Aufenthalte bei Tom Collins verglich, umso mehr wurde ihm dies klar. Hier war in ihm die Freude am Leben zum ersten Male erwacht. Er hatte die Untätigkeit, in der er bisher seine Tage verbrachte, verabscheuen gelernt. Er fühlte es, er war den Weißen in seinem Sinnen und Trachten ähnlicher. Dadurch war ihm das rote Volk fremder geworden.

Wie schmerzlich vermißte er seine Übungen im Lesen und Schreiben! Stärker denn je erfaßte ihn der Wissensdrang. Da ihm Bleistift und Papier fehlten, zog er sein Messer aus der Scheide und kratzte mit ihm einen Buchstaben nach dem anderen in den festgetretenen, erdigen Fußboden des Wigwams. Er war bald so sehr in seine Beschäftigung vertieft, daß es schien, als habe er seine Umgebung vergessen. Er vernahm auch den Lärm nicht, der sich im Lager erhob.

Nohoste-ia saß mißmutig bei den Resten einer Mahlzeit am Feuer, die ihr Herr kaum berührt hatte. Verwundert sah sie ihm eine geraume Weile zu. Endlich vermochte sie ihre Neugierde nicht zu bemeistern und schlich sich leise hinter ihn. Dann beugte sie sich vorsichtig über ihn und betrachtete mit ängstlicher Scheu die Zeichen, die für sie voller Geheimnisse waren.

Andrew blickte zornig zur Seite. »Was willst du?« herrschte er sie an. »Hinweg! Du bist mir so zuwider wie das ganze rote, schmutzige Volk!«

»O, weshalb blieb ich nicht bei meinen weißen Freunden?« fügte er hinzu, während das Mädchen rasch wieder bei dem Feuer niederhockte.

Dann wagte sie schüchtern aber verschmitzt zu bemerken: »Du zogst von ihnen fort, um dich an deinem Vater zu rächen.«

Andrew sprang auf. War es nötig, daß sie ihn daran erinnerte? »Das werde ich auch tun!« stieß er grimmig hervor. Er umklammerte den Griff seines Messers noch einmal fest und erhob es wie zum Stoße, bevor er es in die Scheide am Gürtel zurücksteckte.

In dem gleichen Augenblicke trat Mitasa-o hastig ein. »Folge mir, Ataha-sa!« sagte er. »Die Männer sind versammelt. Unsere Freunde, die Häuptlinge der Cheyennes und der Crows sind zu uns gekommen. Hoto-oa-oa und Mulake-top sind mit mehreren Kriegern erschienen. Das Ohr der Männer will hören, was dein Auge bei den Weißen sah.«

Andrew Brown begleitete ihn mit sichtlichem Widerwillen zu der großen Beratungshütte. Dort hockten die Männer dichtgedrängt im Kreise um ein Feuer, das in der Mitte brannte. Alle wandten den Beiden ihre Gesichter zu, als sie erschienen und sich durch die Menge nach der ersten Reihe drängten. Hier nahm der Medizinmann zwischen Woternihit-scha und Waha-u Platz. Bei ihnen hockten auch die fremden Häuptlinge und Krieger.

Andrew Brown begrüßte sie durch ein kaum merkliches Neigen des Hauptes. Bevor er sich neben Woternihit-scha niederließ, huschte sein Blick noch einmal über die Versammelten, die sämtlich drei Federn am Hinterkopfe trugen. Der Krieg war also schon beschlossen, – ohne daß man ihn um Rat gefragt hatte.

Das Blut stieg ihm heiß in die Schläfen. Ärgerlich nahm er von Woternihit-scha die Pfeife, der sie von Mitasa-o erhalten und einige Züge geraucht hatte.

Er berührte sie kaum mit den Lippen. Dann reichte er sie an den Krieger weiter, der ihm zunächst saß, und sagte grollend: »Meine Augen sehen das Zeichen des Krieges am Kopfe der Brüder und Gäste. Ist der Otterschwanz in meinem Haar nur ein Schmuck wie die Kette am Halse der Weiber?«

»Seit drei Tagen liegst du in deinem Tibi wie ein Kranker, Ataha-sa,« entgegnete Woternihit-scha schmeichelnd. »Du bedurftest wohl der Ruhe. Weshalb sollten wir dich stören?«

Andrew Brown schaute finster vor sich nieder. Wie falsch Woternihit-scha war, hatte sich erwiesen. Er hatte ihm die Häuptlingswürde angeboten, um ihn herzulocken, und sie dann neben ihm behalten. Doch – war er denn allein falsch? Waren es diese roten Männer nicht alle miteinander?

Woternihit-scha sprach weiter in seinem schmeichelnden Tone. Er äußerte den Wunsch der versammelten Krieger, von Andrew genaues über die derzeitige Stärke der Weißen in Fort Fetterman und Fort Reno zu hören. Zugleich erbat er sich den Rat, wo der Feind am erfolgreichsten anzugreifen sei.

»Grabt eure Streitaxt wieder ein!« rief Andrew verächtlich. »Das ist mein Rat! – Ihr seid wie der Wurm auf der Erde, und das weiße Volk ist der Fuß, der ihn zertritt. Ihr seid die krächzende Elster, und über euch schwebt der Adler. Er ist bereit, euch zu vernichten, sobald ihr ihm naht!«

Ein dumpfes Gemurmel des Unwillens lief durch die Reihen.

Aber der junge Halbindianer ließ sich nicht beirren. Er lächelte geringschätzig und sprach weiter: »Eure Kraft ist gelähmt, weil ihr eure Tage faul auf dem Lager ausgestreckt verbringt, – weil ihr die Büchse nur gebraucht und den Rücken eurer Pferde nur besteigt, wenn euch der Hunger auf die Jagd treibt. Die Weißen hingegen üben sich fleißig im Gebrauch der Waffen. Sie rühren ihre Arme wie eure Weiber. Daher sind ihre Muskeln gestählt. Sie bieten dem Wetter Trotz. Sie kriechen nicht ängstlich unter ein Schutzdach, wenn das Wasser aus den Wolken fällt. Arbeitet wie sie, übt euch in den Waffen wie sie, achtet des Wetters nicht wie sie und seid nicht träge wie eine Schlange, wenn sie gesättigt ist! Dann dürft ihr es schon eher wagen, den Kriegspfad zu betreten. Heute wiederhole ich es euch: Grabt die Streitaxt wieder ein!«

Das Gemurmel war immer lauter und drohender geworden. Mancher grimmige Blick traf den Kühnen.

Die fremden Krieger waren besonders entrüstet, und Hota-oa-oa rief: »Rote Männer sind hier versammelt! Mein Ohr aber hörte soeben die Zunge eines Weißen reden!«

Die Augen des Häuptlings blitzten unheimlich in dem gelbgefärbten Gesichte.

»Ataha-sa fühlt sich gekränkt, weil wir den Krieg ohne ihn beschlossen,« hub Woternihit-scha schmeichelnd wieder an. »Alle Zeichen waren günstig und verkündeten uns den Sieg.«

Ein spöttisches Lächeln zuckte um den Mund Andrew Browns.

»Ataha-sa kennt jeden geheimen Pfad. Er kennt die Macht des Feindes und wird sie für uns ausnutzen. Er ist klug und jede Kugel aus seinem Feuerrohr trifft ihr Ziel. Er hatte seinem Volke voll gerechten Zornes den Rücken gewandt. Es hatte ihn nicht zum Krieger ernannt, wie er es verdiente. Er besaß unter uns einen Feind, der es verhinderte.«

Waha-u senkte den Kopf tief.

»Wir riefen ihn zurück. Er kam, und wir zeigten ihm, wie ich glaube, wie sehr wir ihn schätzen. Daran wird er denken, und sein Groll wird schwinden. Er wird mit uns die Streitaxt ergreifen! Wie unsere guten Freunde und Brüder Hoto-oa-oa und Mulake-top und ihre tapferen Krieger, so wird er unser und sein Volk in den Kampf und zum Siege führen.«

»Er wird es nicht!« rief Andrew. Schnell erhob er sich und warf den Kopf trotzig in den Nacken.

»Ume! Ume!« erscholl es stürmisch durch den Raum. Viele Indianer verließen ihre Plätze.

Da erhob sich auch Woternihit-scha. Er trat dicht von Andrew Brown hin und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Sollen deine Brüder ohne dich die Streitaxt schwingen? Willst du feige zurückbleiben wie der Wolf, der das Feuer scheut?« fragte er eindringlich. Jetzt verzerrte die Wut auch seine Miene, obgleich er sich mit ganzer Kraft bemühte, sich zu beherrschen. Er hoffte noch immer, daß Andrew dennoch im Kriege seine Stellung einnehmen werde.

Andrew Brown dachte an die Ehren, die seine roten Brüder ihm erzeigten und die er nicht von sich gewiesen hatte. Er dachte an Tom Collins, Mr. Gloster, an Hauptmann Grover, Mr. Butterfly und andere, die seine Freunde waren und sich jetzt mit Verachtung von ihm wenden mußten. Er dachte voller Rache an seinen Vater, der sich gewiß auf seiten der Weißen am Kampfe beteiligte. Alles das schoß ihm blitzschnell durch den Kopf.

Stolz richtete er sich auf, und der Lärm verstummte. Ein jeder war begierig, seine Antwort zu hören.

»Ich werde mit euch in den Krieg ziehen,« sprach er laut und fest. »Aber führen werde ich euch nicht.«

Er fühlte einen leisen Ruck am Kopfe, doch achtete er in seiner Erregung nicht darauf. Den haßerfüllten Blick Woternihit-schas erwiderte er mit verächtlichem Lächeln.

Rasch trat nun Woternihit-scha in die Mitte der Hütte an das Feuer und rief, beide Hände erhoben, in die Menge, die abermals lärmte: »Brüder! Laßt es euch nicht kümmern, daß jener dort die Ehre nicht zu würdigen weiß, als erster Krieger für sein Volk zu kämpfen. Auch unter einem anderen Führer siegen wir, wie es die geheimnisvollen Zeichen verkündeten. Die Buntröcke werden sorglos wie das Reh in den einsamen Bergen sein. Sie sind noch trunken von dem Anblick des Blutes, mit dem unsere Brüder vor bald vier Monden die Erde tränkten. Sie zählen nicht mehr Häupter als damals, während wir jetzt, mit unseren Freunden vereint, zehnfach an Zahl sind. Wir werden mit unseren Scharen das Land überschwemmen, wie wenn das Wasser im Flusse über seine Ufer tritt, wenn die Sonne den Schnee auf den Höhen schmilzt. Laßt die Weiber Holz zusammentragen und rüstet euch, damit ihr zum Tanze bereit seid, sobald der Mond diese Nacht die Erde beleuchtet! – Ich habe gesprochen!«

Nun erhoben sich auch die letzten der Männer, die noch am Boden hockten. Alle verließen die Hütte in eifrigem Gespräch und unter lauten Zeichen des Unwillens über Andrew Brown.

Woternihit-scha hielt Waha-u zurück, der unsicher auf den Beinen einherschritt. Er steckte ihm heimlich etwas zu.

»Nimm und trage es!« flüsterte er ihm zu. »Im Kriege werde ich dir gehorchen, und wenn es unsere Brüder sehen, werden sie ein Gleiches tun. Ataha-sa möge sich hüten! Auch die Kugel aus meinem Feuerrohr trifft ihr Ziel und mein Messer wird locker in der Scheide sitzen!«

Die Augen des älteren Indianers glänzten. Er erwiderte ebenso leise, aber mit etwas schwerer Zunge: »Komm mit mir in meinen Tibi! Hoto-oa-oa gab mir eine Flasche Feuerwasser gegen ein Pferd. Es lahmt, wenn er es kurze Zeit geritten hat,« fügte er mit verschmitztem Lächeln hinzu.

Andrew fand Nohoste-ia in seinem Wigwam eifrig damit beschäftigt, die Speisen für ihn wieder aufzuwärmen, die er mittags verschmäht hatte, und dazu ein Stück Fleisch am Feuer zu rösten. Es sollte ihrem Herrn nicht an der reichlichen Mahlzeit fehlen, die nach einer Versammlung üblich waren. Ihr wurde jedoch keine Anerkennung für ihre Fürsorge zuteil.

»Laß mich allein!« sagte er mit finsterer Miene. Ihre Einladung zum Essen beachtete er nicht. Als sie seinem Wunsche nicht sofort Folge leistete, rief er zornig, indem er mit dem Fuße aufstampfte: »Geh! Hinaus!« Jetzt entfernte sie sich eilig.

Andrew warf sich seufzend auf sein Lager und stützte den Kopf sinnend in die Hand. Was sollte nun aus ihm werden? Die weißen Freunde hatte er durch seine Schuld verloren. Jetzt hatte er es auch mit dem roten Volke verdorben. Für ihn war es das beste, den Tod in dem Kampfe zu suchen, der bevorstand. Er hatte seinen roten Brüdern versprochen, sie in diesem Kampf zu begleiten. Wie aber konnte er ohne Ursache gegen die Weißen kämpfen, auch wenn er davon absah, daß er damit eine schwere Sünde beging? Ihn trieb es nicht in den Kampf wie die roten Männer. Diese wollten versuchen, ihr Eigentum zurückzuerobern und das knechtische Joch abzuschütteln, das die Weißen ihnen auferlegten. Für ihn hatte dieses wohlberechtigte Verlangen keinen Wert mehr. Er hatte den Buntröcken längst verziehen. Er hatte eingesehen, daß er auf den Rat seines väterlichen Freundes hätte hören und nicht allein zu den Weißen gehen sollen.

Heute besaß er unter ihnen nur einen Feind, und das war sein Vater. Der Gedanke an diesen veranlaßte ihn vorhin hauptsächlich, daß er den roten Kriegern gelobte, mit ihnen in den Kampf zu ziehen. Ja, er hatte Ursache, die Hand gegen den Falschen zu erheben! Und wie so oft in den letzten Tagen stachelte er die Rachegelüste in seiner Brust noch mehr an, um alles andere zu verscheuchen, was ihn bedrückte.

Er rief sich seine Mutter ins Gedächtnis zurück. Er sah sie im Geiste vor sich, gebrechlich und krank, und dennoch arbeitete sie bis zu ihrer letzten Stunde, obgleich sie sich kaum fortzuschleppen vermochte. Dann dachte er an sein eigenes, jammervolles Los, und zugleich ergriff ihn eine mächtige Sehnsucht nach seinen Freunden. Ihm wurde weher und weher ums Herz. Zuletzt barg er, laut aufschluchzend, sein Antlitz in beide Hände. Schon dämmerte der Abend. Da stürzte Nohoste-ia mit fliegendem Atem zum Wigwam herein. Das Haar hing ihr zerzaust um den Kopf und das Kleid zerfetzt vom Körper. Ihre Augen funkelten wie die einer gereizten Katze. Sie ballte die Fäuste. »Richtig!« stieß sie hervor, indem sie sich zu Andrew niederbeugte. »Du trägst das Abzeichen des Häuptlings nicht mehr!«

»Wie?« Hastig faßte er in seine Haare. Der Otterschwanz fehlte.

»Suche ihn am Kopfe meines Vaters! Dort wirst du ihn finden,« fuhr sie gehässig fort. »Woternihit-scha sitzt bei Waha-u im Tibi. Feuerwasser hat ihre Zunge gelöst. Sie beraten emsig, wie sie dich aus dem Wege schaffen könnten. Du bist nicht besser als ein Bleichgesicht, ein Heuchler, ein Spion, sagen sie! Ich belauschte sie vom Eingange des Wigwams aus. Da bemerkte mich Woternihit-scha, die giftige Schlange! Er zog mich herein, und beide, er und mein Vater, packten mich an den Haaren. Sie schlugen mich und traten mich mit Füßen. Wären ihre Beine von dem Feuerwasser in ihrem Leibe nicht lahm gewesen, so hätten sie mich getötet.«

Sie hielt keuchend inne. Ächzend krümmte sie sich unter den Schmerzen, die sie noch peinigten.

Andrew war aufgesprungen. Jetzt entsann er sich des Ruckes an seinem Kopfe in der Beratungshütte. Das war, als er erklärt hatte, er werde die Führung des roten Volkes im Kriege nicht übernehmen. In jenem Augenblicke hatte ihm Woternihit-scha den Otterschwanz aus den Haaren gerissen.

»Hüte dich vor den beiden! Töte sie!« sprach das Mädchen in maßloser Wut weiter. »Das ganze Rachegefühl, das du gegen deinen Vater in dir trägst, hege gegen sie! Zürne ihm nicht mehr, denn er trauert um dich und um deine Mutter wie um zwei Tote. Waha-u hat euch beide bei einem Überfall der Dakotas geraubt, um deine Mutter, die er auf einem Streifzuge gesehen hatte, zu seinem Weibe zu machen. Damals war dein Vater, der bei den Dakotas wohnte, nicht zu Hause. Als deine Mutter sich weigerte, Waha-us Weib zu werden, quälte er sie zu Tode, und Woternihit-scha half ihm dabei. Die Dakotas waren nicht gewillt, den Arrapahoës ihren Raub wieder abzujagen. Daher zeigten sie deinem Vater zwei Gräber als dein und deiner Mutter Grab, als er zurückkehrte. So berichtete ein alter Händler an Waha-u.«

Andrew Brown hatte sie immer starrer angeschaut, während sie sprach. Als sie schwieg, verrann eine Weile, bis er bebend fragte: »Seit wann ist dir bekannt, was du mir eben mitteiltest?«

»O, seit vielen Sommern schon«, antwortete sie eifrig. Sie war in dem Wahne, daß sie ihren Zweck erreicht hätte und Andrews Erregung sich zur Wut gegen Waha-u und Woternihit-scha steigern würde. Doch schnell wurde sie eines anderen belehrt.

In Andrews Augen glühte ein unheimliches Feuer. Sie schienen das Mädchen durchbohren zu wollen. »Und du hetztest mich beständig gegen meinen Vater auf, obgleich du wußtest, daß er an dem schuldlos war, was ich ihm zur Last legte? Du selbst machtest mir ihn schließlich namhaft, damit ich ihm und meinen Freunden den Rücken kehrte!« kam es langsam und heiser aus seinem Munde.

Er ergriff Nohoste-ia am Arm und hob die Faust, um sie zu Boden zu schmettern.

»Alle wußten es und schwiegen. Weshalb sollte ich reden?« rief sie hastig und in Todesängsten.

Voller Verachtung stieß er sie von sich.

»O, du erbärmliches Geschöpf! Doch wie darf ich glauben, zwischen Elstern und Eulen eine Taube zu finden? Wie kannst du besser sein als deine Sippe? Ja, du hast recht, Tom Collins! Falsch, hinterlistig, betrügerisch und verlogen ist das rote Volk! O, hätte ich doch auf deinen Rat gehört!«

Wankend verließ er den Wigwam und den Camp. Ohne zu wissen, wohin er sich wandte, kreuzte er den Fluß und erstieg die nahen Höhen. Wie gebrochen an Leib und Seele sank er auf einen Stein.

Es wurde Nacht. Er sah es nicht. Verzweifelnd dachte er an seinen Vater, der schuldlos war. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, daß auch das Mißtrauen, das er gegen ihn hatte, unberechtigt war. Er hatte es sich in seinem Ärger eingeredet, weil jener ihm seinerzeit im Fort Fetterman die Büchse fortnahm, mit der er beinahe in blindem Zorn jemanden getötet hätte. Er hatte sich geärgert, daß jener ihn einen Knaben nannte. Handelte er damals nicht wirklich wie ein verständnisloser, unbändiger, trotziger Knabe? Nur damals? Nein! So hatte er bis jetzt immer gehandelt!

Ein Geräusch in seiner Nähe schreckte ihn auf. Er blickte umher und gewahrte ein dunkel Etwas, das dicht bei ihm vorüberschlich. War es ein Wolf oder gar ein Bär? Ein solches Tier kam ihm gerade recht. Es war ihm, als könne er durch einen Kampf sein Herz erleichtern, das ihm zum Brechen voll war. Er riß sein Messer aus der Scheide, sprang auf und packte zu. Ein Mensch schnellte empor. Es war ein Weißer.

Fest umklammerte er ihn.

»Was suchst du hier?« fragte er. Doch dann lockerten sich seine Arme. »Sehe ich recht? Seid Ihr es, Rotbart? John Keister?«

»Ja, ich bin es! Und Ihr? Ist es möglich? Bist du es, Andrew Brown? Wie kommst du hierher? Hast du das rote Volk nicht für immer verlassen und bist du nicht ein Freund der Weißen geworden?«

»Ich bin heute mehr als jemals ein Freund der Weißen!« gab Andrew Brown traurig zurück. »Aber sie sind meine Freunde nicht mehr und durch meine eigene Schuld.«

»Was höre ich? Wie soll ich das verstehen?« sagte John Keister erstaunt.

»Fragt mich nicht weiter«, bat Andrew Brown, indem er die Hand abwehrend ausstreckte. »Was wollt Ihr hier? Seid auf der Hut vor den Arrapahoës! Sie wissen, daß Ihr sie vor vier Monden verrietet. Kann ich Euch nützen, so redet!«

»Mir und den Weißen!« antwortete der Mann rasch. Zögernd fuhr er fort: »Ich weiß jedoch nicht, ob ich dir – – –« Er vollendete den Satz nicht.

»Ob Ihr mir trauen könnt«, ergänzte Andrew bitter. »Ihr habt eine noch größere Berechtigung, als ihr ahnt, daran zu zweifeln. Aber sprecht ohne Sorge! Bei Gott im Himmel! Ich zähle mich nicht mehr zu denen dort unten!« Er deutete in das Tal, wo vereinzelter Lichtschein das Lager der Indianer verriet.

»Wohlan! Du hörtest vielleicht, daß ich einst einen Soldaten niederschlug, als der Zorn mich hinriß. Er genas Gott sei Dank später von der Kopfwunde, die ich ihm schlug. Ich entkam glücklich. Es wäre jedoch besser gewesen, wenn man mich damals ergriffen und bestraft hätte. Denn seitdem führte ich ein erbärmliches Leben. Mich verließ das sehnsüchtige Verlangen nie, mit meiner Hände Arbeit unter meinen Mitmenschen zu leben. Ja, es wurde von Jahr zu Jahr stärker. Und nun kann ich es nicht mehr ertragen; ausgestoßen zu sein. Ich will zurück und mich dem Richter stellen. Vorher aber möchte ich mich nützlich erweisen. So verriet ich schon einmal den Kriegszug der Arrapahoës, der bevorstand. Jetzt habe ich ausgekundschaftet, daß sie vielleicht in nächster Zeit wieder den Kriegspfad betreten. Ich glaube, sie werden von den Cheyennes und den Crows unterstützt, deren Häuptlinge ich heute morgen mit einigen Kriegern dort unten in den Camp einreiten sah. Wenn das der Fall ist, so will ich die Regierungstruppen abermals warnen. Wenn ich wieder Erfolg habe und dadurch manches Soldatenleben rette, so hoffe ich, daß man meine Strafe mildert.«

Andrew Brown hatte ihm mit funkelnden Augen zugehört. Jetzt bot sich ihm die Gelegenheit, sich an Waha-u und Woternihit-scha und an dem ganzen erbärmlichen roten Volke zu rächen. Zugleich konnte er den Weißen von Nutzen sein und seinen Freunden beweisen, daß er nicht so schlecht war, wie sie glauben mußten.

»Habt Ihr ein gutes Pferd?« fragte er erregt.

John Keister nickte. »Ein kräftiges Tier, mit dem ich schon etwas wagen kann!«

»Gut!« sprach Andrew schnell weiter. »Führt es eilig hinaus aus den Bad-lands, – am Fuße der Black-Hills entlang findet Ihr den besten Weg, – und dann reitet, als ginge es auf Tod und Leben! Heute Nacht flackern dort unten die Feuer auf. Die Männer werden sie nackt umtanzen, während sie sich einen Grashalm unter der Haut ihrer Brust hin- und herziehen, die sie mit dem Messer an zwei Stellen aufritzen. Wißt Ihr, was das heißt? Es ist der Kriegstanz! Morgen brechen die Arrapahoës auf, und in spätestens zwei Tagen vereinen sie sich mit den Cheyennes und den Crows. Diese ziehen von Süden und Osten heran. Wenn sich die Buntröcke ihnen nicht entgegenwerfen, so sind sie in vier Tagen, von heute ab gerechnet, vor Fort Fetterman. Verstärkung von Fort Reno wäre sehr erwünscht. Denn diesesmal ist die Zahl der roten Krieger groß. Ich befürchte fast, daß den Buntröcken von Fort Fetterman allein ihre Tapferkeit nicht hilft.«

»So nah ist die Gefahr also schon?« stammelte John Keister bestürzt. »Aber warum kommst du nicht mit mir? Weshalb warnst du selbst die Weißen nicht?«

»Mir würde man kaum glauben. Doch laßt das jetzt!« versetzte Andrew Brown. »Vorwärts! Sputet Euch! Die Buntröcke nannten mich höhnend den roten Spion. Nun verdiene ich den Namen, und ich tue auch als Indianscout der Regierung gegenüber meine Pflicht.«

Er lachte kurz und bitter auf. Doch dann fuhr er mit zitternder Stimme fort: »Für mich gibt es nur eine Erlösung: der Tod. Wenn Ihr Tom Collins, Mr. Gloster und Ben Körber seht, dankt ihnen in meinem Namen für alle Freundlichkeit, die sie mir erwiesen. Ich fühle es wohl, ich war ihrer nicht würdig. Ihr wißt jetzt, daß ich ein Freund der Weißen bin. Ich werde es bis zu meinem letzten Atemzuge bleiben. Lebt wohl!«

John Keister wollte etwas erwidern. Aber Andrew Brown ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Geht! Vorwärts!« drängte er ungeduldig. »Wir können jeden Augenblick überrascht werden. Das rote Volk traut mir ebenfalls nicht mehr. Es sendet mir vielleicht schon Späher nach, um mich zu beobachten. Auch Ihr seid daher hier nicht sicher. Vorwärts! Geht!«

John Keister drückte ihm warm die Hand. »Lebe wohl! Habe Dank und – Gott behüte dich! Auf Wiedersehen!«

Rasch eilte er fort.

»Auf Wiedersehen?« murmelte Andrew Brown schmerzlich lächelnd. »Dort oben über den Sternen vielleicht«, fügte er mit einem Blick gen Himmel hinzu.

Langsam stieg er wieder zum Lager hinab, wo die Weiber soeben Reisig, Holzkloben und dürres Gras auf einen Platz südlich vom Camp zu schleppen begannen, wo die Kriegsfeuer entfacht werden sollten.

Auf, zu den Waffen!

Als Tom Collins und Mr. Gloster am Morgen nach der nächtlichen Flucht Andrew Browns erwachten, waren sie überrascht, diesen nicht bei der Beschäftigung zu finden, die er schon seit Monaten allein übernommen hatte: auf dem Feuer in der Feuerstelle den Morgenimbiß zu bereiten. Als sich auch herausstellte, daß sein Pferd fehlte, äußerte der Indiantrader, den eine bange Ahnung erfüllte, seine Besorgnis, daß sich mit seinem Schützlinge etwas Schlimmes ereignet haben müsse.

Der Engländer lachte ihn aus und versuchte, ihn zu beruhigen, indem er alle nur denkbaren Ursachen anführte, die das Verschwinden Andrew Browns entschuldigten. Als dieser aber am Mittag noch nicht heimgekehrt war, wurde er ebenfalls stutzig. Als dann der Tag gar zu Ende ging, ohne daß der Bursche sich wieder blicken ließ, mußte er wohl oder übel die Ansicht seines alten Freundes teilen.

In der kommenden Nacht blieb beiden der Schlummer fern, und am nächsten Tage schlichen sie beide schweigend und in bedrückter Stimmung umher. Jeder scheute sich, seine Vermutung auszusprechen, daß sich Andrew Brown seinem roten Volke wieder zugesellt hatte, obgleich dies kaum begreiflich war. Vielleicht war es in der Nähe vorübergezogen, was sich aus der Anwesenheit des Mädchens annehmen ließ, das der Engländer in den Bergen gesehen hatte. Beide gedachten dabei des Besuches, den Andrew vor nun bald vier Monaten seinen roten Brüdern abgestattet hatte, und bei dem ein Mädchen, Nohoste-ia, eine besondere Rolle spielte, wie aus den Worten des Burschen hervorging, die Mr. Gloster belauscht hatte.

Nach der Abendmahlzeit, die kaum berührt wurde, brach Tom Collins endlich das lange, peinliche Schweigen. »Es scheint mir fast unmöglich, daß die Arrapahoës von den Bad-lands für den Sommer bis hierher gekommen sind«, meinte er sinnend. »Bei meiner letzten Anwesenheit im Camp im vergangenen Herbst hörte ich auch, daß sie beabsichtigten, in diesem Jahre auf der Laramie-Plain ihr Sommer-Lager aufzuschlagen. Diese Prärie, die viele Meilen weit ist, liegt südwestlich von Fort Fetterman.

Mr. Gloster erwiderte, es sei vielleicht am besten, sich vorläufig darüber zu vergewissern. Man solle die Gegend nach Spuren abstreifen, die das reisende Volk zurückgelassen habe. Der Indiantrader war derselben Ansicht, und am nächsten Tage machten sich beide auf die Suche. Sie fanden nicht die geringste Fährte.

Tags darauf ritten sie zu Ben Körber. Zu ihrem größten Bedauern trafen sie ihn nicht daheim. Wahrscheinlich befand er sich auf dem beabsichtigten Streifzuge nach einer neuen Fangstelle. Am nächsten Tage besuchten sie ihn wieder, doch auch dieses Mal vergeblich.

So verrann eine Woche unter Hoffen und Bangen. Da erschien der Trapper eines Mittags mit sechs erlegten Enten. Er teilte mit, daß er nördlich von seinem jetzigen Heim eine noch viel großartigere Biberstadt entdeckt habe. Als er erfuhr, was geschehen war, schwieg er anfangs betroffen. Dann aber wetterte er los und blieb dabei, daß Andrew Brown ohne Frage wieder bei den Indianern sei. Tom Collins dagegen gab sich, allerdings gegen seine Überzeugung, die größte Mühe, dies zu widerlegen.

Das Gespräch wurde immer hitziger. Schließlich meinte Ben Körber, bei der wankelmütigen Sinnesart des Burschen sei es nicht ausgeschlossen, daß er sich gar bereit erklärt habe, seine roten Brüder bei einem Kriege gegen die Weißen zu unterstützen. Er könnte dazu wohl durch Versprechungen und Belohnungen der Indianer verlockt worden sein; seine Undankbarkeit habe er doch wohl jetzt zur Genüge bewiesen.

Der Indiantrader wies einen solchen schändlichen Verdacht entrüstet zurück. Die beiden alten Freunde gerieten darüber beinahe in Streit. Zuletzt warf der Trapper eine der Enten, die er noch immer in der Hand hielt, zu den übrigen und rief rot vor Zorn: »Zum Henker! Ihr habt es bitter nötig, so sollte ich meinen, alle Möglichkeiten zu erwägen. Ihr solltet zugleich bedenken, wie Ihr den Kopf aus der Schlinge zieht, falls das eintrifft, was ich nicht als unwahrscheinlich hinstelle. Vergeßt Ihr ganz, daß Ihr Euch leichtsinnigerweise für den Jungen verbürgt habt?« Tom Collins erbleichte.

»Na? Seht Ihr? Das schießt Euch in die Knochen«, fuhr Ben Körber eifrig fort. »Vorläufig gibt es jedenfalls nur eine Vorsichtsmaßregel, die Ihr sofort hättet ergreifen müssen. Ihr hättet das Militär von der Flucht Eures Schützlings benachrichtigen und es vor dem nichtsnutzigen Schlingel warnen müssen. Herrgott im Himmel! Nein! Ich muß doch aufrichtig eingestehen, daß ich nach dem, wie sich der Junge in der letzten Zeit bewiesen, etwas derartiges nicht von ihm erwartet hätte«, sprach er in milderem Tone weiter.

»Ich hatte ihn wirklich lieb gewonnen – – – Zum Henker! Was hilft alles Reden! Jetzt heißt es handeln. Hört, was ich für das beste halte! Meine Habseligkeiten sind gepackt. Ich brauche sie nur noch auf die Pferde zu schnüren. Das soll morgen früh geschehen, und dann will ich schleunigst auf geradem Wege durch die Berge zum Fort Fetterman aufbrechen. Ihr zieht morgen von hier zunächst zum Fort Reno. Dort unterrichtet Ihr den Kommandanten, Hauptmann Gribold, von allem, und dann folgt Ihr mir.«

Es blieb bei diesem Vorschlage. Wenige Stunden nach Sonnenaufgang waren am nächsten Tage die turmartige Hütte in den Bergen und der Fuchsbau verlassen.

Der Trapper beeilte sich, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen. Schon nach zwei Tagen erreichte er Fort Fetterman und suchte sogleich Hauptmann Grover auf.

Seine Unterredung mit ihm dauerte nicht lange. Nachdem er seine Pferde abgepackt, abgesattelt und untergebracht hatte, trat er eine halbe Stunde später nicht in der besten Laune in die Schankstube Mr. Butterflys. Dieser begrüßte ihn aufs herzlichste. Auch James Jimsby tat es, der dort anwesend war. Er war jetzt in Uniform, die ihn vortrefflich kleidete.

»Nun? Ihr macht kein sehr frohes Gesicht! War der Fang schlecht?« fragte der Schankwirt voller Teilnahme.

Jimsby dagegen meinte lachend: »By Jingo! Ja, Ihr seht aus, als habe Euch jemand auf den Fuß getreten.«

»Geärgert habe ich mich«, erwiderte Ben Körber und setzte sich an den Tisch am Fenster. »Potz Wetter! Man meint es wahrlich redlich und haspelt sich ab, als wolle man Geld damit verdienen, und nachher muß man sich auslachen lassen. So ist es mir ergangen.«

Er erzählte in Kürze von der Flucht Andrew Browns und von seinen Vermutungen.

»Jingo and Jehosaphat! Das ist ja ein ganz verflixter Bursche«, rief James Jimsby. »In dem sitzt nicht viel von seinem weißen Vater!«

»Ja – und nun?« fragte Mr. Butterfly neugierig.

»Nun teile ich dies soeben Hauptmann Grover mit. Er meint darauf und lächelt wie ein Kind in der Wiege: er habe sich immer gedacht, daß der Junge eines Tages in seine goldene Freiheit zurückkehren werde. Er habe ihn daher auch dem Engländer auf die Jagd mitgegeben, damit er in den Befestigungen nicht zu klug würde. Was meine weiteren Vermutungen beträfe, so sei den Arrapahoës vor vier Monaten so heimgeleuchtet worden, daß ihnen das Verlangen nach einer Wiederholung wohl für einige Zeit vergangen sei.

Er dankte mir in freundlichen Worten, daß ich damals die Warnung John Keisters dem Militär noch rechtzeitig überbracht habe. Ich zeige auch jetzt wieder, sagte er, daß ich die Regierung gern in ihrem Bestreben unterstütze, den Frieden im Lande möglichst aufrecht zu erhalten und die Indianer dabei dennoch in den Grenzen zu fesseln, die ihnen angewiesen seien. Dann begleitete er mich höflich vor die Tür seines Hauses. Als ich ging, rief er mir scherzend nach: ›Wenn die Kerle dennoch Streit anfangen, sollt Ihr uns helfen, ihnen die nötige Achtung einzuflößen. Ihr seid der Mann danach. Eine Büchse, aus der jede Kugel ihr Ziel trifft, ist uns bei solchen Gelegenheiten stets hochwillkommen.‹ – Na, ist es jetzt nicht erklärlich, wenn ich mich ärgere? Ich habe also meine Pferde vollständig umsonst abgehetzt, wie auf dem Rennplatz, und mich dazu!«

»Ja, wißt Ihr«, sagte James Jimsby, kraute sich hinter dem Ohr und lächelte verschmitzt: »Ich glaube auch kaum, daß die Arrapahoës fürs erste wieder über den Strang schlagen. By George! Als die Nachricht vom Aufstand der roten Krieger kam, trug ich den bunten Rock erst wenige Tage. Wir rückten sofort aus, und in der zweiten Nacht umzingelten wir sie in einem Talkessel. Sie waren darin gefangen wie die Maus in der Falle. Als sie früh am anderen Morgen aus süßem Schlummer erwachten, begann der Tanz. Die armen Kerle! Sie rannten kopflos wie die Hasen umher, während rund um sie her unsere Schüsse von den Höhen krachten. Die Kugeln prasselten wie Hagelschloßen in den Talkessel. Hätte Hauptmann Grover uns nicht schon nach wenigen Minuten Einhalt geboten, so wäre nicht einer von den Indianern am Leben geblieben. Jedenfalls war ihnen der Schreck gewaltig in die Glieder gefahren. Nach längerer Verhandlung gelobten sie Frieden. Als sie dann mit ihren Toten und Verwundeten an uns vorüberzogen, um in ihr Dorf zurückzukehren, zitterten sie noch, als wären sie mit eiskaltem Wasser übergössen worden.«

»Der rote Mann vergißt überstandene Leiden, Mühen, Schrecken und dergleichen von einer Stunde zur anderen«, versetzte der Trapper. »Wurde er aber geschädigt, so gibt er sich nicht eher zufrieden, als bis er alles möglichst reichlich vergolten hat. Das wird auch bei den Arrapahoës der Fall sein. Andrew Brown lernte unter den Weißen dennoch allerlei, was er zu ihrem Nutzen verwenden könnte. Jetzt, nach seiner Rückkehr, könnten sie die günstigste Gelegenheit sehen, sich für die Schlappe zu rächen, die sie damals erhielten. Besonders, wenn der Bursche sie noch dazu aufstacheln sollte, wie er es schon einmal getan hat.

Der Rachetrieb macht den Indianer blind, aber auch den feigsten Mann kühn. Er ist dann wie ein gereiztes, wildes Tier. – Na! Ich handelte nach bestem Ermessen. Zeigt es sich, daß ich mich nicht getäuscht habe, so wasche ich meine Hände in Unschuld. Ich bedaure in diesem Falle nur Tom Collins. Er verbürgte sich der Regierung gegenüber, daß Andrew Brown die Indianer nicht wieder aufhetzen würde. Geschieht es jetzt, so wird man meinen alten Freund natürlich zur Rechenschaft ziehen. – O, ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich denke, daß das der Dank für all die Sorgfalt wäre, die er anwandte, um aus ihm einen vernünftigen Menschen zu machen!«

»Aber, by Jingo!, hatte der Hauptmann nicht auch recht, wenn er annahm, daß sich der Bursche über kurz oder lang seine goldene Freiheit zurückwünschen würde?« sagte James Jimsby. »Jehosaphat! Ihr könnt vielleicht einen Wolf zähmen; ein Jagdhund wird jedoch nie aus ihm. Und wenn ihr nicht acht gebt, so entschlüpft er Euch bei nächster Gelegenheit gewiß. Ist er aber erst wieder unter seinesgleichen, so werdet Ihr sehr bald nichts mehr von seiner Zähmung bei ihm bemerken.«

»Oho! Bei Andrew Brown lag die Sache denn doch etwas anders. Wenn Ihr ihn in den letzten Monaten gesehen hättet, dann hättet Ihr selbst gesagt, daß er mit einem Indianer nur noch die Hautfarbe gemein hatte«, erwiderte Ben Körber lebhaft.

»Er war sehr tätig und gefällig geworden und lernte anscheinend mit dem größten Eifer Lesen und Schreiben. Er bewies auf manche Art, daß er dankbar anerkannte, was ihm geboten wurde. Und – und – das sollte alles Verstellung gewesen sein? Das wäre schändlich, nichtswürdig! Wie gesagt, es ist nur eine Vermutung, die ich ausspreche, daß der Junge das rote Volk abermals zum Kriege anstiften könnte. Wäre es wirklich der Fall, dann verdiente er –« der Trapper sprang hochrot vor Zorn auf und schlug auf den Tisch, daß es krachte: »– dann verdiente er wirklich einen Schuß vor den Kopf.«

»Es wird keine Speise so heiß gegessen, wie sie aufgetragen wird«, sagte Mr. Butterfly beruhigend. »Warten wir ab, was uns die Zukunft lehrt! Es sollte mir um den Jungen leid tun, wenn er nur die Eigenschaften des roten Volkes von seiner Mutter geerbt hätte und nichts von seinem weißen Vater. Das heißt –«, der Schankwirt zupfte lächelnd seinen Kinnbart, »– ich nehme an, daß dieser Eigenschaften besaß, die wert waren, vererbt zu werden. Kann dieser nicht zum Beispiel auch eine wankelmütige Sinnesart gehabt haben? Umsonst werden diese sogenannten Squaw-men nicht allgemein mißachtet, die ein Leben unter den Indianern einem solchen unter ihren weißen Mitmenschen vorziehen und sich sogar eine Indianerin zum Weibe nehmen.«

Ben Körber begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf- und abzugehen. Der Schankwirt fuhr jedoch fort: »Solange Andrew Brown hier in der Befestigung weilte, habe ich ihn immer auch als meinen Schützling betrachtet. Als ich hörte, daß er bei Tom Collins sei und dieser wie schon seit Jahren weiter strebe, ihn zu einem brauchbaren Mitgliede der menschlichen Gesellschaft heranzubilden, freute ich mich herzlich. Laßt uns nun nicht gleich als gewiß voraussetzen, daß jene Bemühungen bei ihm ganz vergeblich waren. Wer weiß, was ihn veranlaßte, davonzulaufen. Nach meiner Überzeugung ist der Junge nicht schlecht veranlagt. Seine wilde, rauhe Natur mag er teils von seiner Mutter geerbt haben, aber ebensogut auch von dem roten Volke nur angenommen haben, dessen Beispiel er bis vor kurzem beinahe ausschließlich vor Augen hatte. Hat er diese Wildheit erst gründlich abgestreift, so wird schon – – –«

»Jingo and Jehosaphat! Der hat's eilig!« rief James Jimsby und deutete durch das Fenster nach dem Platz. Ein Reiter kam auf schaumbedecktem Pferde in rasendem Galopp dahergehetzt.

»Wetter – ja!« sagte der Trapper. »Er jagt auf das Haus des Hauptmanns Grover zu! – – – Nicht möglich! Das ist – nein! Ich irre mich nicht – hol mich der Henker! – John Keister. – Er hat es nicht nötig, sich so zu beeilen. Man wird ihn bald genug hinter Schloß und Riegel setzen.«

»John Keister?« wiederholte Mr. Butterfly nachdenklich. »By George! Doch nicht der Mann, der seinerzeit den Soldaten Henry Brixton beinahe ins Jenseits beförderte?«

»Der ist's!« nickte Ben Körber.

»Richtig! Er hält vor des Hauptmanns Hause!« sagte James Jimsby und öffnete das Fenster. »Er steigt ab und läuft hinein. Seht nur den Gaul! Das Tier schwankt wie trunken hin und her. Bauz! Da liegt das arme Tier! Played out! nennt man das!«

»Was mag das zu bedeuten haben?« fragte der Trapper.

Die drei Männer schauten voller Neugierde zu dem Hause des Hauptmanns Grover hinüber. Mehrere Soldaten, die herbeigelaufen waren, nahmen dem niedergesunkenen Pferde Sattel und Zaumzeug ab.

Nach einer kurzen Weile erschien der Hauptmann in der Tür. Er wechselte einige Worte mit den Soldaten, die darauf zu den Kasernen eilten. Gleich darauf ertönten dort Trompetensignale.

»By Jingo! Sammeln!« rief James Jimsby erstaunt und stürzte zur Türe hinaus.

»Gebt mir einen kleinen Whisky, Mr. Butterfly«, sagte Ben Körber heftig erregt. »Ich trinke dergleichen sonst nicht unverdünnt. Jetzt aber, glaube ich, habe ich eine kräftige Auffrischung nötig. Ihr sollt sehen, ich hatte mit meinen Vermutungen recht.«

»Das möge der liebe Herrgott verhüten!« erwiderte der Schankwirt betroffen, indem er den Wunsch seines Gastes erfüllte.

Ben Körber trank das Glas in einem Zuge leer. Er schüttelte sich und trat wieder mit Mr. Butterfly ans Fenster.

Aus den Kasernen kamen marschmäßig gerüstete Soldaten. Andere zogen gesattelte Pferde aus den Ställen. Offiziere liefen auf und ab und erteilten ihre Befehle. Das war ein Drängen, Hasten und Rufen. Dazwischen schmetterten wieder die Trompeten, worauf die Soldaten nach der Mitte des Platzes eilten.

»Wohin wollt Ihr?« fragte der Schankwirt den Trapper, der sich zum Gehen anschickte.

»Zum Henker! Ich will mich nach der Ursache des Aufruhrs erkundigen. Ich bin mehr als begierig, näheres darüber zu erfahren!«

»Das werdet Ihr hier bei mir auch bald hören. Sicherlich besser als dort, wo in dem allgemeinen Wirrwarr augenblicklich jeder hinreichend mit sich selbst zu tun hat. Dort hat keiner Zeit, Euch Rede und Antwort zu stehen«, sagte Mr. Butterfly gelassen.

»Geduldet Euch nur wenige Minuten! Ereignet sich irgend etwas von Belang in der Befestigung, so teilt es mir der Arbeiter Josias Hanemann sofort mit. Heute hat er, wenn ich nicht irre, die Wetterseite des Hauses von Hauptmann Grover geteert. Er bekommt für jede Nachricht, die er mir als erster zuträgt, seinen Lohn. Den wird er sich auch heute nicht entgehen lassen. – Dort kommt er schon.« Zwischen den Soldaten hindurch, die sich jetzt in einzelnen Kolonnen aufstellten, kam ein robuster Mann dahergetrabt. Er winkte triumphierend mit einem Teerquast, den er in der Rechten hielt, als er den Schankwirt am Fenster gewahrte.

»Er weiß Bescheid«, sagte Mr. Butterfly. Dabei trat er hinter die Bar und füllte ein größeres Glas mit Whisky.

Gleich darauf polterte Josias Hanemann in das Gemach.

»Die Halunken! Die Spitzbuben!« rief er atemlos und fuhr sich mit der Linken, die von Teer beschmutzt war, über sein kupferrotes Gesicht. Das wies nun ebenfalls verschiedene Teerflecken aus. »Wer hätte es geahnt? Ich hätte ruhig meinen Kopf gegen einen Dollar verwettet, und dann wäre ich heute ein toter Mann. Es ist schändlich!«

Er stockte und schielte nach der Bar.

»Na! Nehmt es nur! Dann aber heraus mit der Sprache! Und berichtet ohne viele Umschweife, was Ihr wißt!« lachte der Schankwirt und schob ihm das Glas hin.

Der Arbeiter leerte es schmunzelnd. Dann schnalzte er mit der Zunge und fuhr fort: »Kurz und bündig: für unsere Soldaten gibt es wieder etwas zu tun. Soeben kam John Keister – ein guter Kerl, nur ein wenig hitzig! Das veranlaßte ihn auch damals, Henry Brixton, der auch hitziger Natur war, etwas unsanft auf den Schädel zu tupfen. Er meldete, daß die Arrapahoës, diesesmal mit den Cheyennes und den Crows verbündet, heranrücken. – Das Fenster des Zimmers unseres Hauptmanns war offen. Ich stand auf der Leiter in der Nähe und hörte beinahe jedes Wort. – John Keister empfahl sich der Gnade des – – –«

»War auch von Andrew Brown die Rede?« unterbrach ihn der Trapper gespannt.

Josias Hanemann nickte. »Allerdings! – Wartet einmal! – Ja, richtig! Er ist bei den Arrapahoës, und er will mit ihnen sterben. Das Pferd, das vor dem Hause des Hauptmanns zusammenbrach, wird sich kaum wieder erholen. John Keister ist ohne Aufenthalt Tag und Nacht geritten, – – –«

»Wo finde ich John Keister?« fragte Ben Körber, indem er seinen Hut ergriff und sich zur Tür wandte. »Ich muß ihn sprechen.«

»Damit werdet Ihr kein Glück haben«, erwiderte der Arbeiter.

»Hauptmann Grover hat ihn sofort in Gewahrsam bringen lassen. Dort soll er bleiben, bis sich bestätigt hat, daß seine Angaben auf Wahrheit beruhen. – Ihr bemüht Euch wirklich unnütz, Sir! Glaubt es mir!« versicherte Josias Hanemann, als der Trapper dennoch gehen wollte. »Man wird Euch abweisen, da der Hauptmann ausdrücklich befohlen hat, keinem den Zutritt zu dem Gefangenen zu gestatten.«

»Zum Henker! Was soll ich nun tun?« schalt Ben Körber ärgerlich.

»Wenn ich nur – – – Was ist das? Hört Ihr es?«

Fernklingende Trompetentöne lockten die Männer wieder an das Fenster.

Auf dem Platze standen die Soldaten in Reih' und Glied.

Zwei Kanonen, mit je sechs Pferden bespannt, rasselten soeben hinter die Kolonnen. Dort nahmen auch eine Anzahl Munitions-, Gepäck- und Krankenwagen ihre Aufstellung. Karren mit Lebensmitteln und beladene Pferde schlossen sich an. Vor der Front hielt Hauptmann Grover auf einem mutigen Pferde, das den Boden mit den Vorderhufen scharrte. Bei ihm waren mehrere Offiziere. Alle schauten überrascht nach Norden.

»Da muß ich doch gleich sehen, was es neues gibt«, meinte Josias Hanemann mit einem vielsagenden, pfiffigen Blick nach der Bar.

Er verließ schleunigst das Zimmer, indem er seinen Teerquast wie eine Kriegskeule schwang.

»Wahrscheinlich befinden sich zufällig Truppen auf dem Marsche«, sagte Mr. Butterfly. »Das wäre gewiß kein unwillkommenes Zusammentreffen hier in der Befestigung. Hauptmann Grover hat ohne Zweifel sofort nach Fort Reno geschickt und um Verstärkung gebeten. Aber bevor ihm das Militär nachgerückt ist, hat der Kampf mit den roten Kriegern voraussichtlich längst begonnen.«

Jetzt klang Pferdegetrappel näher und näher. Dann erscholl ein vielstimmiges »Hipp, hipp, hipp, hurra!«

Zwischen den Häusern im Norden sprengte ein stattlicher Haufen Reiterei auf den Platz. Ihr voran jagte im Galopp ein Offizier auf Hauptmann Grover zu. Von der anderen Seite näherte sich langsam Josias Hanemann. Er lauschte der Unterredung der beiden Herren eine kurze Zeit; dann begab er sich im Laufschritt zur Schankstube zurück. Hier hatte Mr. Butterfly schon ein neues Glas gefüllt.

Josias Hanemann trank es ohne weiteres leer, schnalzte wieder mit der Zunge und sagte: »Alles in Ordnung, und der Krieg beginnt. Tom Collins, der Indiantrader, und der verrückte englische Bärenjäger, der vor vier Monaten hier war, sind nach Fort Reno gekommen. Sie haben dort mitgeteilt, daß Andrew Brown entflohen sei, sehr wahrscheinlich zu seinen roten Brüdern. Es sei nicht unmöglich, daß er diese, wie schon einmal, zum Kampfe aufreize. Eine Stunde später ist ein Kundschafter mit der Meldung eingetroffen, daß die Crows mit drei Federn in der Skalplocke ihre Dörfer verlassen hätten und nach Süden gezogen seien. Es sei zu vermuten, daß sie sich mit den Arrapahoës und den Cheyennes vereinigen wollten.

Hauptmann Gribold ist jung, kurz entschlossen und immer schnell bereit, wenn es gilt, dreinzuschlagen. – Ihr kennt ihn, Mr. Butterfly. Er ist dann sofort mit seiner Reiterei aufgebrochen. Die zwei Regimenter Infanterie, die außerdem in Fort Reno liegen, folgen in Eilmärschen nach. Tom Collins ist verhaftet worden, weil er sich für Andrew Brown verbürgt haben soll, nachdem dieser den letzten Aufstand der Indianer veranlaßt hatte. Tom Collins wird unter Bedeckung hierher gebracht.«

»Zum Henker! Da haben wir die Bescherung!« rief der Trapper erbleichend. Er stülpte seinen Hut auf und hing seine Büchse, die in einer Ecke lehnte, am Riemen über die Schulter. »Ihr werdet so freundlich sein, meine Pferde und meine sonstige Habe während meiner Abwesenheit in Eure Obhut nehmen, Mr. Butterfly, nicht wahr?« sagte er mit bebender Stimme.

»Während Eurer Abwesenheit?« wiederholte der Schankwirt erstaunt.

Ben Körber nickte. »Hauptmann Grover bot mir zwar nur aus Scherz an, ihm zu helfen, wenn Indianerunruhen stattfänden. Ich fasse es jetzt jedoch als Ernst auf und schließe mich dem Militär an.

»By Jingo! Freund! Wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?« rief Mr. Butterfly überrascht und bestürzt.

»Ich sollte meinen, das läge sehr nahe«, versetzte der Trapper hastig und sah unruhig durch das Fenster.

Die Trompeten schmetterten wieder, und die Soldaten rückten zur Befestigung hinaus.

»Ich muß dafür sorgen, daß Andrew Brown für immer unschädlich gemacht wird. Denn entkommt er, so geht es meinem guten, alten Freunde Tom Collins an den Kragen, wie ich es befürchtet habe. Vielleicht geschieht es schon, falls das Militär nur einen einzigen Mann verliert. Oh! Man möchte vor Ärger über diesen nichtsnutzigen, falschen Burschen aus der Haut fahren! Er ist nicht wert, daß ihn die Sonne bescheint.' Und nun bringt er einen Menschen in die größten Ungelegenheiten, der ihn mit Wohltaten überhäuft hat.«

In hellem Zorn sprach er weiter: »Die Soldaten trafen den Nagel auf den Kopf, als sie ihn den roten Spion nannten. Es ist erklärlich, weshalb ich mich von ihm übertölpeln ließ. Ich hatte natürlicherweise eine gewisse Neigung für ihn. War der Junge doch auch wie mein – – –.«

Er brach plötzlich ab und rückte verlegen an seinem Hut. »Dummheiten! Was schwatze ich da! Ein Narr war ich! – Lebt wohl!«

Der Schankwirt hielt ihn zurück. »Wenn Hauptmann Grover überzeugt war, wie er selbst sagte, daß Andrew Brown seine goldene Freiheit nicht aufgeben werde, so wird er auch die Bürgschaft Eures Freundes nicht sehr ernst genommen haben.«

»Wie ernst es genommen wird, erseht Ihr daraus, daß man den armen Tom Collins augenblicklich wie einen Verbrecher behandelt«, entgegnete Ben Körber kopfschüttelnd. »Nein! Ich gehe, und dabei bleibt es, – Hm, hm! – Noch eins, Mr. Butterfly.«

Er holte eine Brieftasche aus seinem Wams hervor und überreichte sie dem Schankwirt. »Sie enthält eine Anweisung auf die kleine ersparte Summe, die auf der Bank in Chikago liegt. Über die Biberfelle, die ich jetzt mitbrachte, wurden wir beide schon im Winter handelseinig. Liefert das Papier und meine übrige Habe an meinen alten Freund ab, falls ich – hm, hm! Man kann es ja nicht wissen, – nicht wiederkehren sollte. Er kennt meinen letzten Willen und wird in diesem Sinne über meinen Besitz verfügen. Lebt wohl!«

Bevor Mr. Butterfly etwas erwidern konnte, war er fort.

»Oh, dieser nichtswürdige Junge!« murmelte Ben Körber grimmig vor sich hin, während er den Soldaten nacheilte, die in südlicher Richtung marschierten. »Aber warte, Bursche! Ich werde dich zwischen deinen roten Brüdern schon herausfinden, und dann – – hm, hm! Es ist hart, denn ich hatte dich gern! Ich weiß selbst nicht warum. Aber mein Freund steht mir näher als du. Und da in dir doch nichts von einem Weißen steckt – zum Henker! Nein! Du bist um nichts besser als diese roten Halunken! – Kommst du mir nur einmal vor den Lauf, so schieße ich dich nieder wie einen tollen Hund!«

Um Leben und Tod

Die Arrapahoës hatten ihr Dorf durchaus nicht mehr so siegesgewiß verlassen, wie sie es anfangs waren. Das hatte die Warnung Andrew Browns und auch seine Weigerung bewirkt, sie im Kampfe zu führen. Sie waren sehr gemächlich weitergezogen, bis sie mit ihren Verbündeten zusammentrafen, von denen sie bereits ungeduldig erwartet wurden.

Nun ging es rascher vorwärts. Denn die Häuptlinge der Crows und der Cheyennes und die Krieger, die sie zu den Arrapahoës begleitet hatten, hatten ihren Völkern daheim verschwiegen, was in der Beratungshütte vorgefallen war. Die Medizinmänner der Cheyennes und der Crows hatten ihren Kriegern einen unbedingten, glänzenden Sieg und die Erbeutung vieler Skalpe der Weißen vorausgesagt. So konnten sich die Männer der beiden Stämme kaum gedulden, dem verhaßten Feinde gegenüberzustehen, um ihn zu vernichten.

Mit blitzenden Augen in dem gelb, weiß und rot bemalten Gesichte und mit heiterer Miene saßen sie auf ihren Pferden, die durch das reichlichere Frühlingsfutter etwas munterer und weniger mager aussahen. Sie hatten die kurze Büchse quer vor sich auf dem Sattel, der aus Hirschgeweihen oder Rippenknochen des Büffels hergestellt war. Ihr großes Messer hatten sie zum Griff bereitgerückt am Gürtel, und die doppelsträhnige Peitsche in ihrer Rechten. Mit ihr trieben sie ihre Gäule, die an eine derartige Züchtigung gewöhnt waren, unaufhaltsam zur Eile an.

Einige waren auch noch mit ihrer Lanze und dem runden, bunt gefärbten, mit Federn und Skalphaaren oder Büffelschwänzen geschmückten Schild bewaffnet. Anderen steckte noch außer dem Messer der beilartige Tomahawk im Gürtel, wieder andere hatten einen Kriegskloben aus hartem, schweren Holz, in dessen dickerem Ende eine dolchförmig geschliffene Messerspitze saß oder ein spitz zulaufendes, keilartiges Stück Holz eingefügt war. Ein alter Krieger mit stark ergrautem Haar war sogar noch mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, worauf er nicht wenig stolz zu sein schien.

Die Kleidung der meisten bestand aus einem Lederhemd mit langen Fransen aus Leder oder bunten Wollfäden an den Ärmeln, auf der Brust und im Rücken. Hierzu trugen sie lederne, zwischen den Beinen offene Beinkleider. Sie waren ebenfalls mit Fransen versehen, und unterhalb des Knies an den Seiten aufgeschlitzt und reichten weit über die Mokassins, die ihre Füße bedeckten und zum Teil reich mit Perlen bestickt waren.

Beinahe allen hing das Haar in langen Strähnen bis tief in den Nacken oder über die Schultern hinab. Es war geflochten oder mit roten, blauen und gelben Bändern umwickelt und durch Büffelhaare noch verlängert. Einige hatten es auch am Hinterkopf, an dem bei sämtlichen drei Federn befestigt waren, zu einem Knoten verschlungen.

Die Häuptlinge trugen ihren vollen Kriegsschmuck: um das Haupt einen Kranz von aufrechtstehenden Adlerfedern! von diesem fiel hinten ein Streifen bis zu einer Ferse hernieder, an dem sich gleichfalls Federn dicht aneinander reihten. Hoto-oa-oa hatte den Streifen an eine Art Mantel von dunkelblauem Wollstoff geheftet, der ihm von den Schultern faltig herabwallte. Die Arrapahoës waren ähnlich bekleidet und bewaffnet. Doch sie saßen auf ihren Gäulen wie auf dem Rücken eines Kameles, da der ohnehin schon hohe Sattel durch Büffelfelle und Decken noch mehr erhöht wurde. Ihre Haltung war gebückt. Ihre Mienen wurden immer bedrückter, je weiter sie kamen und je mehr ihre Verbündeten auch sie zur Eile antrieben. Jene waren ihnen sehr bald eine beträchtliche Strecke voraus. Hätten Hoto-oa-oa und Mulake-top sie mit mehreren anderen Kriegern der Cheyennes und der Crows nicht gehöhnt und verspottet und dadurch ihren Ehrgeiz herausgefordert, so wären die meisten von ihnen gänzlich zurückgeblieben.

Etwas abseits von den übrigen trottete Mitasa-o auf einem starkknochigen, langbeinigen Gaule einher. Wenn auch sein Rücken gekrümmt war und sein Kopf wie bei den anderen auf die Brust herabhing, so lag in seinem Gesichte nicht der Ausdruck der Sorge und Angst, sondern ein verächtlicher Zug. Seine kleinen, listigen Augen schauten von Zeit zu Zeit schadenfroh auf seine Brüder hin. Dann stimmte er auch wohl, ungeachtet der wütenden Blicke Waha-us und hauptsächlich Woternihit-schas, dem bisweilen ein leises Zittern durch die Glieder rann, in die Rufe der beiden Häuptlinge der verbündeten Stämme ein, die zur Eile anfeuerten.

Neben den Kriegern ritt Andrew Brown. Er saß hochaufgerichtet im Sattel. Doch er sah traumverloren ins Leere, und bisweilen zuckte es wie Schmerz um seinen Mund. In den letzten wenigen Tagen, während deren er mit dem roten Volke auf dem Kriegspfade einherzog, war er ein völlig anderer geworden. Heute schämte er sich seiner früheren wilden, zügellosen Leidenschaft. Aus seinem Herzen war jede gehässige Empfindung verschwunden.

»Deinen Feinden sollst du verzeihen«, sagte ihm Mister Gloster einst, und Tom Collins hatte es ihm häufig wiederholt, wenn er auf die Buntröcke und auf seinen Vater schalt, die ihm damals verhaßt waren. Wieviel mehr war er verpflichtet, Waha-u und Woternihit-scha zu vergeben, was sie gegen seine Mutter, seinen Vater und gegen ihn verschuldeten! Standen sie und ihre roten Genossen in ihren Gesinnungen nicht tief unter ihm? Konnte er Wölfen zürnen, wenn sie auf Raub ausgingen?

Sie wußten nicht, was Sünde war. Sie handelten, wie diese Tiere; aber er, – ja, er erkannte, wie sehr er gesündigt hatte, indem er sein Volk verriet. Er hatte es mehr aus Rache gegen jene beiden roten Männer getan, als um die Weißen vor Unheil zu bewahren. Nun erschien ihm sein Volk wie eine Herde Rinder, die zur Schlachtbank geführt wurde. Die Absicht, seine Waffen von sich zu schleudern, sobald der Kampf begann, und zu warten, bis eine Kugel aus den Reihen der Weißen seinem Leben ein Ende machte, hatte nichts Beruhigendes mehr für ihn. Er dachte im Gegenteil mit Grauen daran, daß er nach seinem Tode Gott, seinem Richter, schuldbeladen gegenübertreten sollte. Dieser Gedanke legte sich immer schwerer auf seine Seele.

Konnte denn seine Schuld in keiner Weise von ihm genommen werden? – Ja! Wenn er aufrichtig bereute, was er verbrach. Wenn er die Folgen seines Vergehens verhinderte, soweit es sich ermöglichen ließ, dann verzieh ihm Gott seine Sünde, – Gott, der wohl streng, aber auch gnädig war. Er mußte versuchen, die roten Krieger zurückzuhalten. Er mußte ihnen mitteilen, daß die Weißen auf ihren Angriff vorbereitet waren.

Er zögerte eine kurze Weile. Dann ritt er wie von ungefähr an die Seite des Medizinmannes, der soeben abermals hämisch das »U-ha!« wiederholte, das Hoto-oa-oa den Arrapahoës von weitem zurief.

Leise sprach er: »Das rote Volk zieht in sein Verderben!«

Mitasa-o musterte ihn forschend. »Weißt du es gewiß?«

»Ich bin davon überzeugt«, antwortete Andrew ausweichend.

»Wann wird der Feind bei uns sein?« fragte der Medizinmann lauernd.

Überrascht sah ihn der Bursche an. »Wie soll ich das wissen?«

»Hast du es nicht mit Rotbart verabredet?« versetzte Mitasa-o mit einem verschmitzten Lächeln.

Obgleich Andrew gewillt war, dem Medizinmann seine Tat zu beichten oder wenigstens anzudeuten, erschrak er jetzt dennoch. »Du weißt, daß ich mit ihm zusammengekommen bin, und du warntest die Brüder nicht schon, bevor sie den Kriegspfad betraten?« sagte er bestürzt und erstaunt zugleich. »O, halte sie zurück! Mich gereut mein Verrat, und deshalb – – – «.

»Still!« befahl Mitasa-o, indem er einen Blick auf die Krieger warf; denn einige unter ihnen beobachteten ihn und seinen Begleiter scharf.

Mit teuflischer Miene fuhr er flüsternd fort: »Mein Mund schweigt. Spricht deine Zunge zu den Männern dort ein Wort von dem, was nur wir beide wissen, so sitzt mein Eisen in deiner Kehle.«

Er lockerte sein Messer in der Scheide am Gürtel. »Hoto-ao-ao ist Medizinmann und Häuptling. Auch ich bin es, sobald das Blut des Feiglings Woternihit-scha die Erde färbt. Du weichst mir nicht von der Seite, bis der Kampf beginnt, Ataha-sa!« fügte er hinzu und zog das Messer, als sich Andrew voller Ekel und Verachtung von ihm abwandte. »In deinen Adern rinnt zuviel Blut deines weißen Vaters.«

Ein Sturm von Gedanken wirbelte dem Burschen durch den Kopf. Das arme rote Volk! War es nicht schon hinreichend, daß fremde Gewalten es seinem unfehlbaren Untergang näher und näher brachten? Mußten die roten Männer auch noch gegenseitig auf ihr Verderben sinnen? Andrew fühlte sich jetzt doppelt verpflichtet, zu tun, was in seinen Kräften stand, um die Ahnungslosen vor der Gefahr zu schützen, die ihnen schon nahe bevorstand. Doch wie konnte er es ausführen? Es genügte nicht, ihnen ein »Halt!« zuzurufen. An einer weiteren Aufklärung hinderte ihn gewiß Mitasa-o. Der machte seine Drohung zweifellos wahr, wenn er dessen Befehl mißachtete. Gab es denn kein anderes Wort, das alles in sich faßte? »Verrat!« Das war das richtige. Es mußte die roten Brüder zurückschrecken, und blieb ihm noch Zeit, so konnte er hinzufügen, daß er sie verraten hatte. Es war gleich ob er durch die Weißen oder durch den Medizinmann starb. Jetzt fürchtete er Gott, seinen Richter, nicht mehr.

Er nahm die Zügel fester in die Hand, um sein Pferd mit einem Ruck herumzureißen und dann seinen Vorsatz auszuführen, – da krachte plötzlich auf einer mit Buschwerk bedeckten Anhöhe eine Büchsensalve, und die Kugeln flogen ihm pfeifend an den Ohren vorüber.

Im Nu waren Mitasa-o und sämtliche Arrapahoës aus dem Sattel und auf den Boden niedergestreckt. Es hatte den Anschein, als ob alle vom Pferde geschossen seien. Aber nur einen Augenblick lagen sie still. Dann rafften sie sich wieder empor, bestiegen ihre Gäule hastig aufs neue und hetzten, tief auf den Hals der Tiere gebeugt, dahin zurück, von wo sie gekommen waren.

Das Gelände war stark hügelig, und streckenweise mit Buschwerk und Bäumen bewachsen.

Jetzt erhob sich auch dort, wo die Cheyennes und die Crows einherzogen, ein lebhaftes Büchsenfeuer. Von dem Hügel, von dem zuerst geschossen worden war, eilte eine Kolonne nach jener Richtung.

Immer schneller aufeinanderfolgend krachten jetzt die Schüsse.

Andrew blickte sich um. Er war allein. Langsam setzte er seinen Weg fort. Ein heftiger Kampf schien sich vor ihm zu entwickeln.

Er ritt auf eine Anhöhe hinauf. In einer weiten, mit Buschwerk bedeckten Bodensenkung sah er die Cheyennes und die Crows teils versteckt in den Büschen, teils hinter ihren Pferden liegen, die am Boden ausgestreckt waren und die sie als Schutzwall benutzten. Die Indianer schossen auf die Höhen im Osten, Norden und Westen. Die knatternden Schüsse der Soldaten verursachten ein Geräusch wie Hagel, der auf Zinkdächer niederprasselt. In dichten Massen zog der Rauch auf den Höhen von dannen, während in der Niederung eine mächtige Staubwolke emporwirbelte, die von den Kugeln stammte, die dort in Mengen einschlugen.

Die roten Krieger erkannten bald, daß sie dort, wo sie sich befanden, dem Bleiregen zu stark ausgesetzt waren. Wenn auch die meisten Kugeln keinen Schaden unter ihnen anrichteten, so trafen doch einzelne todbringend so manche Rothaut. Plötzlich rafften sie sich auf wie vorhin die Arrapahoës. In der nächsten Sekunde saßen sie auf dem Rücken ihrer Pferde. Sie flohen aber nicht wie ihre Verbündeten, sondern jagten vorwärts. Sie schlugen ihre Gäule mit den Fäusten auf Hals und Kopf und stießen ein Geheul aus, das dem einer losgelassenen Meute Hunde ähnlich war. Sie jagten dem Feinde entgegen die Höhen hinauf, der, von dem unerwarteten Angriffe überrascht, das Feuer einstellte und sich gleich darauf eilig zurückzog.

Doch so leicht wurde den Indianern ihr kühnes Vorgehen nicht. Zweimal rasch nach einander ertönte ein donnergleiches Krachen im Osten. Dort waren die Kanonen aufgefahren, und die Kugeln beider Schüsse rissen eine empfindliche Lücke in die Reihen der Stürmenden. Diese stutzten sogar sekundenlang. Dann aber jagte Hoto-oa-oa weiter, allen voran. Sein blauer Mantel, an dem der Streifen des Kriegsschmuckes geheftet war, flatterte im Winde. Er schwang die Büchse in der Rechten; das große Messer trug er zwischen den Zähnen. Mulake-top folgte seinem Beispiel. Unter erneutem Geheul hetzten die Cheyennes und die Crows ihren mutigen Führern nach. Als sie den Gipfel der Höhen erreichten, entluden sich die Kanonen von neuem. Sie waren jedoch zu hoch gerichtet. Die Kugeln flogen sausend über die roten Krieger hinweg, die jetzt auf einer weiten, welligen Fläche mit Felsblöcken und Vertiefungen genügend Deckung fanden.

Ihnen gegenüber, wieder hinter mehreren Höhen, hatten sich die Soldaten festgesetzt, was ihr von neuem beginnendes Büchsenfeuer verriet.

Die Kanonen rasselten von ihrem bisherigen Platze fort und fuhren weiter nördlich bei einer Felsengruppe auf, deren rotes Gestein sich lebhaft von dem grünen Gelände abhob.

Viele der Indianer, hauptsächlich aus dem Stamme der Cheyennes, aber auch aus dem der Crows, waren verwundet. Doch die Getroffenen beachteten es kaum. Sie freuten sich mit ihren Brüdern des erfochtenen Sieges und damit der Gewißheit, daß der gute Geist mit ihnen war. – Es ist zudem einen Tatsache, daß der Indianer ruhig weiterkämpft, auch wenn er aus vielen, oft schweren Wunden blutet. Auch hierin ähnelt er dem Tiere. Erst eine tödliche Wunde streckt ihn nieder.

Nachdem die Crows und die Cheyennes hinter der Anhöhe verschwunden waren, ritt auch Andrew Brown hinter ihnen her. Er mußte der Tapferkeit, die sie soeben bewiesen hatten, seine volle Achtung zollen. Zugleich beschlich ihn jedoch ein wehmütiges Gefühl. Was half es den armen roten Leuten, daß sie die Weißen jetzt zurückdrängten? Schließlich wurden sie dennoch von ihnen besiegt. Dann aber wurden sie noch mehr unterdrückt, um sie zum Frieden zu zwingen.

Als er sich in der Niederung befand, veranlaßte ihn ein Geräusch im Rücken, sich umzusehen. Langsam kamen die Arrapahoës, von Mitasa-o und Waha-u angetrieben, ihm nach. Er merkte wohl, wie die Augen des Medizinmannes fest auf ihn gerichtet waren und wie dieser einmal die Büchse wie zum Schusse gegen ihn erhob. Mitasa-o wollte ihm vermutlich andeuten, was ihn erwartete, sobald er Miene machte, die roten Krieger aufzuhalten, die er nur mit Mühe wieder zum Vorrücken gebracht hatte. Andrew ließ sie herankommen und schloß sich ihnen dann an. Es hatte keinen Zweck mehr, daß er ihnen jetzt noch eingestand, wie er sie verriet. Sie mußten bereits ahnen, daß die Anwesenheit des Militärs, das sie noch viele Meilen entfernt in der Befestigung wähnten, nicht zufällig war.

Wieder lastete ihm seine Tat schwer auf der Seele, und mit ihr auch die Furcht vor dem Tode und seinem göttlichen Richter. Die Arrapahoës bewegten sich immer zaghafter vorwärts. Sie taten es besonders, als sie die Höhen hinaufritten hinter denen sie ihre Verbündeten wußten. Von dorther hörten sie auch das drohende Krachen der Schüsse.

Einer der letzten war Woternihit-scha. Die Rechte hielt er am Kopfe. Sie war von Blut gerötet. Dieses mischte sich auch von der Stirne rinnend, mit der gelben Farbe seines furchtverzerrten Gesichtes.

Kurz bevor die roten Krieger auf dem Gipfel der Anhöhe anlangten, ließen sie sich aus dem Sattel gleiten und setzten ihren Weg kriechend fort. Dann stürzten sie unter ohrenbetäubendem Geheul, mit dem sie wahrscheinlich ihre Angst verscheuchen wollten, über den Gipfel hinweg in die Deckungen der Cheyennes und der Crows. Kaum sahen sich diese so verstärkt, als sie aus ihren Verstecken hervorstürmten und gegen den Feind vorgingen. Dieser empfing sie mit heftigstem Schnellfeuer. Auch die Kanonen spieen wieder donnernd ihre Kugeln in die Reihen der Angreifer. Diese aber eilten mutig weiter und rissen die Arrapahoës mit sich. Nur ein Teil unter ihnen warf sich zur Erde und stellten sich tot. Andrew war nicht vom Pferde gestiegen. Er blieb auf dem Gipfel der Anhöhe zurück und erwartete dort mit Spannung die weitere Entwicklung des Kampfes.

Dieses Mal verließen die Soldaten ihre Stellung nicht sofort. Sie sandten Schuß auf Schuß den Indianern entgegen, so schnell es ihnen möglich war. Diese näherten sich den Soldaten rasch. Als sie jedoch bis auf kaum fünfzig Schritte herangekommen waren, ließen Hauptmann Grover und Hauptmann Gribol zum Rückzug blasen. Sie befürchteten, daß ihre Leute einem Handgemenge mit den zahlreichen roten Kriegern nicht gewachsen seien. So zog sich das Militär in geschlossenen Kolonnen nach einem felsigen Gelände zurück, das etwa eine halbe Meile nördlich lag. Eine fortgesetzt eifrig schießende Schützenlinie deckte den Rückzug. In der neuen Stellung verschanzte sich das Militär schnell und überschüttete von hier die nachfolgenden Indianer mit einem derartigen Hagel von Kugeln, daß sie zuletzt nach längerer, verzweifelter Gegenwehr hinter die südlichen Höhen zurückwichen. Sie nahmen eine beträchtliche Anzahl Toter und Sterbender mit sich.

»Jingo and Jefferson! Das war ein Stück Arbeit!« sagte James Jymsby zu Biesterfeld, indem er sich den Schweiß aus dem vom Pulverdampf geschwärztem, pockennarbigen Gesichte rieb. Er kniete mit Biesterfeld hinter einem Felsblocke. »Der Lauf meiner Büchse ist so heiß, daß man sich die Finger daran verbrennt.«

Der Kamerad nickte beistimmend. Die Hand, mit der er sich von der Wärme seines Büchsenlaufes überzeugen wollte, zog er hastig zurück. »By Jove! Ja, darin sitzt Hitze! – Na! es ist kein Wunder! Ich habe soeben einige dreißig Patronen verschossen, und Ihr nicht minder!«

»So ist es! – Jehosaphat! Wenn heute sämtliche Kugeln getroffen hätten, sähe jetzt jeder rote Mann wie eine Pfefferdose aus! Das muß ihnen der Neid lassen, die Kerle haben Mut gezeigt!«

»Wenn die Indianer nicht durch Zeichen, die ungünstig sind, vorher entmutigt werden oder wenn sie nicht plötzlich überrascht werden, so sind sie im offenen Kampfe immer recht tapfer. Die Kolonne von Leutnant Marber schoß heute viel zu früh. Daher wurde die geplante Überrumpelung der ganzen Sippe unmöglich«, erwiderte Biesterfeld.

Jeder von Ihnen nimmt an, daß gerade er getötet wird, wenn sie in den Krieg ziehen, darum haben alle gewissermaßen mit ihrem Dasein hier auf Erden abgeschlossen. Da sie außerdem von dem herrlichen Leben nach ihrem Tode in den glücklichen Jagdgründen fest überzeugt sind, schreckt sie das Sterben nicht im geringsten. Ich werde mir übrigens fortan mehr Mühe geben, zu treffen, und nicht wie bisher blind dazwischenpfeffern«, fügte er hinzu und legte eine Handvoll Patronen neben sich auf einen Stein.

»Wie? Glaubt Ihr denn, daß die roten Kerle noch einmal wiederkommen?« fragte James Jimsby erstaunt.

»Aber natürlich« lachte der Kamerad. »Erstens haben sie uns zweimal zurückgeworfen. – das hat ihnen den Mund wäßrig gemacht, – und dann wissen sie ohne Frage, daß sie ganz bedeutend zahlreicher sind als wir. Sonst wären sie nicht so tollkühn gegen uns vorgerückt. Macht Euch nur getrost noch auf mehrere Angriffe gefaßt! Hoffentlich gelingt es uns, sie bis heute abend abzuschlagen. Wir werden die Nacht jedenfalls benutzen um uns mit der Verstärkung zu vereinigen, die von Fort Reno nachrückt. Das ist unbedingt nötig, wie ich Hauptmann Grover vorhin sagen hörte. Vorher können wir einen erfolgreichen Angriff auf den Feind, der uns an Zahl weit überlegen ist, nicht wagen. Leutnant Marber sollte ihm mit seiner Kolonne in den Rücken fallen. Wir wollten ihn gleichzeitig von vorn und von den Seiten angreifen. Wäre das geschehen, so hätten wir die roten Krieger, die durch die Überraschung verwirrt waren, trotz unserer geringeren Macht sehr wahrscheinlich gründlich in die Flucht geschlagen. Der arme Leutnant wird durch dieses Versehen vermutlich immer Leutnant bleiben. Nach Sonnenuntergang können wir uns unbehelligt zurückziehen. Der Indianer kämpft nachts nicht, da er der Meinung ist, daß ihn in den glücklichen Jagdgründen auch ein immerwährendes Dunkel umgibt, falls er dann stirbt.

»Ah, sieh da! Freund Körber!« wandte er sich an den Trapper. Dieser hatte seine Büchse am Riemen über die Schulter gehängt und trat auf sie zu. »Na! Habt auch Ihr Euer Feuerrohr heiß geschossen?«

Ben Körber lächelte. »Warm – ja! Ich gehe vorsichtiger als Ihr zu Werke. Meine Patronen kosten mich Geld. Da sorge ich schon dafür, daß ich sie nicht unnütz verknalle. Doch, was ich sagen wollte, Ihr habt auch nichts von dem Jungen, dem Andrew Brown bemerkt, nicht wahr? Mir will es nicht in den Kopf, daß er so schändlich handeln konnte, und nach allem, was – – – «

»Meint Ihr den roten Spion?« fragte ein Soldat, der mit anderen in der Nähe stand. »Gewiß, wir haben ihn gesehen, aber leider immer außer Schußweite. Er ritt wie ein Feldherr, der das Ganze befehligt, hinter den roten Halunken her. Am Kampfe beteiligte sich der Bursche nicht.«

Der Trapper riß seine Büchse von der Schulter. »So muß es also sein,« murmelte er vor sich hin. »Wetter! Es wird mir schwer! Doch du, mein alter Freund Tom Collins, bist mir mehr wert als der unverbesserliche Junge.« Er erklomm einen Felsen und hielt Umschau. Von den Indianern war weit und breit nichts zu sehen. Soeben verließen mehrere Streifwachen das Militär nach verschiedenen Richtungen.

Eine Stunde verrann.

Unter die Soldaten wurde neuer Schießbedarf verteilt. Dann setzten sie sich zu heiterem Geplauder in Gruppen zusammen. Einige murrten auch, daß auf Hauptmann Grovers Befehl die Karren mit den Lebensmitteln und dem Gepäck am Morgen zurückgeblieben waren. Nur die Kranken- und Munitionswagen folgten den weitermarschierenden Truppen nach.

»Wer weiß, wie lange wir noch hier liegen und hungern müssen,« schalt ein wohlgenährter Soldat.

»Hast recht!« erwiderte ein anderer ärgerlich. »Und wenn wir schließlich aufbrechen, können wir noch stundenlang laufen und warten, bis wir etwas Warmes zwischen die Zähne bekommen.«

»Wenn die roten Halunken unseren Mahlzeiten nicht für immer ein Ende machen,« ergänzte ein dritter mit trübseliger Miene.

»Oho!« rief der erste. »Daran wollen wir sie schon hindern. Vorläufig sind – – – «

Unter dem Militär entstand eine Bewegung. Die Streifwachen waren zurückgekehrt und hatten gemeldet, daß die Indianer von allen Seiten heranrückten.

»Die Waffen zur Hand!« erscholl überall das Kommando. Die Offiziere eilten hin und her und verteilten die Soldaten in einem weiten Kreise hinter Felsen und Steinhaufen.

Wenige Minuten später ließen sich auch schon die ersten federgeschmückten Köpfe der Feinde blicken. Das Büchsenfeuer begann von neuem in rascher Steigerung.

Ben Körber kniete auf einem kleinen Hügel zwischen mehreren Felsblöcken innerhalb des Kreises, den das Militär bildete. Er spähte scharf nach Osten, wo er unter den Indianern eine Anzahl Arrapahoës an ihrem breiten, blutroten Scheitel erkannt hatte. Bei ihnen konnte er Andrew Brown vermuten, für den die Kugel im Lauf seiner Waffe bestimmt war.

Die Hände zitterten ihm bei dem Gedanken, daß er dem Leben des Jungen ein Ende machen sollte. Er fühlte stärker als je, wie sein Herz an ihm hing. Das war ihm selbst unerklärlich, denn der Junge war ihm gegenüber stets schroff und unzugänglich gewesen und hatte ihm keine Veranlassung gegeben, ihn lieb zu gewinnen.

Trotz des Kugelregens, den das Militär den roten Kriegern entgegensandte, stürmten sie wieder unentwegt heran und stießen ihr Geheul aus, das dem Gebell der Hunde ähnelte. Aus ihren Mienen leuchtete die Gewißheit des Sieges. Sie klang aus ihrem Geheul und trieb sie vorwärts. Schon im nächsten Augenblicke kämpfte hier und dort Mann gegen Mann. Dann konnte das Militär nicht mehr in der Stellung bleiben, die es eingenommen hatte. Schießend wich es langsam zurück und benutzte im Kampfe Mann gegen Mann den Büchsenkolben als Waffe.

Der Trapper hielt immer gespannter Ausschau. Ein Haufe Indianer nach dem anderen tauchte vor ihm auf und kam näher und näher. Andrew Brown sah er nicht.

»Die Soldaten täuschten sich,« murmelte er voller Hoffnung. »Der Junge zog nicht mit seinen roten Brüdern aus. Wer weiß auch, ob er sie wirklich zum Kriege verleitet hat. Ich kann es mir nicht denken, wenn ich auch anfangs kaum daran zweifelte. Er hat den Verstand eines Weißen. An Gemüt wird es ihm ebensowenig fehlen, und dann konnte er nicht so schändlich handeln. Nein, nein! John Keister ist es um seine Begnadigung zu tun. Da hat er vielleicht den Jungen in seiner Angst nur angeschwärzt. Er wollte vermutlich das begründen, wozu er aus eigener Erfahrung keine Auskunft geben konnte. Später wird sich alles aufklären. Es wird sich erweisen, daß der Junge falsch beschuldigt wurde.«

Ben Körber war mit seinem ganzen Sinnen bei Andrew Brown. Er bemerkte nicht, daß das Militär mehr und mehr zurückgedrängt war, daß er sich bereits hinter den Soldaten und mitten unter den roten Kriegern befand.

Einer von ihnen, ein Häuptling, erblickte ihn. Er betrachtete den Weißen einige Sekunden erstaunt, während dieser regungslos nach Osten schaute und den Feind an sich vorüberstürmen ließ, ohne ihn zu beachten. Dann sprang er von hinten auf ihn zu und schwang seinen Kriegskolben zum tödlichen Schlage.

In diesem Augenblicke wandte sich der Trapper. Er schrak aus seinem Grübeln hervor und sah, daß er verloren war.

Aber die furchtbare Waffe traf ihn nicht.

Von der Seite fiel jemand dem Indianer in den Arm.

»Andrew Brown!« stotterte Ben Körber.

Der Bursche hatte den Häuptling an der Kehle gepackt. Er riß ihn zu Boden, kniete auf ihm und drückte ihn nieder.

»Ich warf meine Waffen fort, denn gegen die Weißen kämpfe ich nicht, – aber ein Stoß mit deinem Messer, und du wärest tot, Waha-u!« rang es sich von seinen Lippen. »Ein Schnitt über deine Stirn, ein Ruck und dein Skalp wäre mein! Nach deinem Glauben könntest du nie in die glücklichen Jagdgründe einziehen! Und ich hätte gerächt, was du mir, meinem Vater und meiner armen Mutter getan hast, aber –« gewaltsam riß er sich los – »Gott verlangt, daß wir unseren Feinden verzeihen sollen. Ich will ihm gehorchen und nicht noch mehr Sünde auf mich laden. – Hier, Ben Körber! Euch übergebe ich diesen Mann. Ihr hättet ein gleiches, vielleicht ein noch größeres Recht, ihn zu morden. Macht mit ihm, was Ihr wollt!«

Der Trapper hatte nicht nötig, dem Häuptling den Lauf seiner Büchse entgegenzuhalten und ihm zu befehlen, sich nicht zu rühren. Waha-u lag wie gelähmt und starrte voller Entsetzen bald ihn, bald Andrew Brown an, der das Messer des Häuptlings ergriffen hatte und sich schützend und scharf umherspähend neben Ben Körber gestellt hatte.

Die heulend auf und nieder rennenden Indianer hatten jedoch ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre weißen Feinde gerichtet, die sie mehr und mehr auf einen Haufen zusammentrieben. Keiner bemerkte die bedrängte Lage, in der sich der Häuptling der Arrapahoës befand.

»Bist du der Geist des Mannes, den mein Auge vor vielen Sommern bei den Dakotas sah?« stotterte er. »Dein Weib kann ich dir nicht wiedergeben, es ist tot. Der mich aber in deine Hände lieferte, ist dein Sohn!«

Schon während seiner ersten Worte verstummten die roten Krieger plötzlich. Von hinten sausten wuchtige Kolbenschläge auf ihre Schädel nieder, und als sie sich betroffen umwandten, sahen sie sich von Soldaten umzingelt.

Die Verstärkung von Fort Reno war angelangt. Nachdem ihr Führer durch das Siegesgeheul der Indianer auf die Not des kämpfenden Militärs aufmerksam geworden war, war er mit seinen Leuten leise herangeschlichen. Er war im Kriege mit dem roten Volke erfahren und wußte, wie leicht dieses durch Überraschung in die Flucht zu treiben war. Sie glückte vollkommen.

Da machten die Soldaten, die sie eingeschlossen hatten, ihrer Freude über die immer sehnsüchtiger herbeigewünschte Hilfe in einem jubelnden »Hurra!« Luft. Auch sie stürmten jetzt mit erhobenen Büchsenkolben vor und drängten die Indianer, die vor Wut und Angst brüllten, zurück. Wem es gelang, die lebendige, todbringende Mauer glücklich zu durchbrechen, der floh, so rasch ihn nur seine Beine tragen konnten. Sie eilten zu den entfernt grasenden Pferden hin und flohen in wilder, verzweifelter Hast weiter.

In der nächsten Minute wimmelte das Gelände von fliehenden roten Kriegern und von der Reiterei der Weißen. Dazu donnerten die Kanonen noch einmal. Eine mächtige Staubsäule aufwirbelnd, schlug eine Kugel mitten in eine dichte Schar Indianer, die an einer der südlichen Anhöhen hinaufjagte.

Andrew Brown stand in der heftigsten Erregung. Er sah, wie viele rote Krieger, hauptsächlich die schon von vornherein furchtsamen, jetzt gänzlich verwirrten Arrapahoës den Soldaten zum Opfer fielen. Da sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, rannten sie, anstatt zu fliehen, wie blind immer wieder in ihr Verderben.

Andrew hörte nicht mehr, was Waha-u in seiner Angst und in dem Glauben beichtete, den Geist des Mannes vor sich zu sehen, dem er einst Weib und Kind raubte. Sein Herz schnürte sich ihm zusammen. Ihm war, als riefe ihm eine innere Stimme zu: »Du allein, Verräter, bist Schuld an dem Untergänge deiner roten Brüder.«

Dann aber klang es laut und höhnend aus dem Toben und Lärmen an sein Ohr: »Seht! Dort steht der rote Spion! Nieder mit ihm!«

Ein Soldat rief es und hob seine Büchse zum Anschlag.

»Halt ein!« schrie Hauptmann Grover, der auf seinem Pferde heransprengte. Doch – es war zu spät. Der Schuß krachte und Andrew Brown sank getroffen zu Boden.

Da erwachte Ben Körber aus der Erstarrung, in die ihn die Worte des Häuptlings versetzt hatten. War es denn möglich, was jener ihm sagte? Außer sich vor Erregung kniete er neben Andrew nieder.

Waha-u sprang auf und wollte entfliehen, aber James Jimsby und Biesterfeld, die soeben bei den Felsen vorüberkamen, packten ihn und warfen ihn wieder zu Boden.

»Halt! Halunke!« riefen sie. »Du bist unser Gefangener!«

Regungslos, mit halb geöffneten Augen lag Andrew Brown vor dem Trapper. Mit zitternden Fingern betastete er die Brust und das Gesicht des Jungen. »Sprach der rote Mann die Wahrheit?« stieß er hervor. »Du – du wärest mein Sohn?«

»Ja – ich – bin – es,« erwiderte Andrew Brown kaum vernehmbar. Er rang nach Atem. »Verzeiht – mir! – Ich – handelte – nicht – – – «

»Mein Sohn! Mein Sohn!« unterbrach ihn Ben Körber tief bewegt. Er umklammerte ihn mit beiden Armen und drückte ihn fest an sein Herz.

Etwa eine Woche später finden wir Andrew Brown auf einem Lager im Hospital des Forts Fetterman. Er ist kaum wiederzuerkennen, so erschreckend mager ist sein Gesicht. Die geschlossenen Augen liegen tief in den Höhlen. Nach sorgenvollen Tagen und Nächten für seinen Vater und seine beiden Freunde, Tom Collins und Mr. Gloster, schläft er seit einigen Stunden zum ersten Male fest. Alle drei sind auch jetzt wieder an seinem Bett versammelt. Soeben hat der Arzt ihnen mitgeteilt, daß die kräftige Natur des Burschen siegte. Trotz der gefährlichen Wunde werde er bei sorgfältiger Pflege vollständig geheilt werden.

Auf dem Schlachtfelde hatte Ben Körber in seiner Aufregung über das unverhoffte Wiedersehen erst nach einer Weile bemerkt, daß er seinen Sohn bewußtlos in den Armen hielt. Als er fühlte, daß Andrew das Blut in Strömen aus einer Wunde an der linken Seite rann, irrte er verzweifelt umher, bis er einen Arzt fand, der seinen Sohn verband. Er erzählte Hauptmann Grover kurz, welche Entdeckung er gemacht habe. Der Hauptmann veranlaßte darauf, daß der Bursche mit einem schwer verwundeten Offizier sofort auf einem Krankenwagen nach Fort Fetterman gefahren wurde.

Der Trapper erfuhr dann von Hauptmann Grover, Andrew Brown habe John Keister von der Absicht des roten Volkes benachrichtigt, daß es schon am nächsten Tage den Kriegspfad betreten wolle. Er habe John Keister auch zur größten Eile veranlaßt. Als Ben Körber mit seinem Sohne glücklich im Hospital angelangt wir, ergriff Andrew ein heftiges Wundfieber. Aus den wirren Reden erfuhr er auch, was Andrew von seinen Freunden fortgetrieben hatte. Tom Collins wurde sogleich auf freien Fuß gesetzt, als er in Fort Fetterman ankam. Er teilte sich mit Mr. Gloster und seinem alten Freunde in die Pflege Andrews.

Waha-u und Woternihit-scha waren mit einer Anzahl roter Krieger als Gefangene in die Befestigung gebracht worden. Sie sagten bereitwillig aus, und Andrew Brown wurde so von allen Beschuldigungen entlastet. Die zwei Häuptlinge bekannten, in der Hoffnung, ihre Freiheit wieder zu erhalten, daß die Cheyennes und die Crows den Kriegszug gegen die Weißen schon seit Monden geplant hatten. Sie hätten sich beiden Stämmen nur gezwungen angeschlossen, da sie in Freundschaft mit ihnen lebten. Sie hätten Andrew Brown zurückgelockt, weil sie ihn wegen der Kenntnisse ausnutzen wollten, die er sich bei den Weißen erworben habe. Sie wollten ihn auch als Führer gebrauchen. Andrew habe sich jedoch entschieden geweigert, ihnen zu Diensten zu sein.

Das offene Geständnis der Häuptlinge und der Versuch, die Schuld an dem Kriege auf die Verbündeten zu wälzen, half ihnen nichts. Sie wurden beide zum Tode durch Erschießen verurteilt. Die mit ihnen gefangenen Krieger durften zu ihrem Volke zurückkehren, nachdem sie Frieden gelobt hatten.

John Keister hatte dem Militär wertvolle Dienste geleistet. In ihrer Anerkennung und auf besondere Fürsprache des Soldaten, den er vor Jahren in blindem Zorne beinahe getötet hatte, wurde er begnadigt.

Die drei Freunde waren über die günstige Mitteilung des Arztes, daß Andrew genesen würde, voller Freude. Sie blickten aus dem Zimmer des Hospitals eine Weile stumm auf den Platz hinaus, wo die Soldaten in Reih und Glied standen. Vor der Front hielt Hauptmann Grover zu Pferde mit seinen Offizieren. Die Leute lauschten in tiefem Schweigen ihrem Hauptmann, der mit lauter Stimme das Urteil vorlas, das über Waha-u und Woternihit-scha gefällt war.

Beide standen gefesselt inmitten der Soldaten. Waha-u hatte sich stolz aufgerichtet. In seiner Miene verriet nichts die Furcht vor dem nahen Tode. Auf dem Gesicht des Gefährten dagegen malte sich die größte Angst, und ein Schauer nach dem anderen rann durch seine Glieder. Er konnte sich auf seinen schlotternden Beinen kaum weiterschleppen, als die Kolonne, die den Befehl erhalten hatte, das Urteil zu vollstrecken, schließlich mit ihm und Waha-u zur Befestigung hinausrückte.

»Dem guten und warmherzigen Hauptmann Grover ist es gewiß schwer geworden, das harte Urteil anzuerkennen und zu bestätigen, das von sämtlichen Offizieren gefällt wurde,« sagte Tom Collins. »Aber es mußte sein. Die Arrapahoës brachen ihr Friedengelöbnis zu schnell! Die beiden Häuptlinge sterben ihnen und anderen Häuptlingen zur Warnung. Dem einen wird es augenscheinlich leicht. Er hängt wohl noch fest an dem Glauben seiner Väter und sieht dem Weiterleben in den glücklichen Jagdgründen mit ruhiger Erwartung entgegen. Der Glaube des anderen daran ist erschüttert, sonst würde es ihn nicht mit solcher Furcht erfüllen, aus dem Leben zu scheiden.«

Der Indiantrader schaute nachdenklich vor sich hin. »Vielleicht war ich die Ursache. Er war häufig zugegen, wenn ich meinem Schützlinge den Glauben an Gott zu erwecken versuchte. Dann höhnte er mich zwar. Aber doch blieb von meinen Worten vermutlich ein Samenkorn haften. Leider nur soviel, daß es ihm die Ruhe nimmt, mit der sein Genosse dem Tode ins Antlitz schaut. Ich bedaure den armen Mann von ganzem Herzen.«

»Gott sei Lob und Dank, daß mir mein Sohn erhalten bleibt!« sprach Ben Körber, der wieder an das Bett des Schlummernden getreten war.

»Wie erklärlich ist es mir jetzt, daß ich mich von Anfang an zu ihm hingezogen fühlte. Ach! Es gereut mich bitter, daß falsche Scham mich hinderte, Euch, Tom Collins, nicht schon längst eingestanden zu haben, daß auch ich einst zu den mißachteten Squaw-men gehörte. Dann hätte ich durch Euch den Jungen schon früher gefunden, und ihm wären sicherlich manche trübe Tage und Stunden erspart geblieben.«

»Wer weiß, ob es nicht besser ist,« versetzte der Indiantrader. »Wer weiß, ob Gott Euren Sohn nicht erst zur Arbeit und zum strebenden Menschen reifen lassen wollte, bevor er ihn Euch wieder schenkte.«

»Hm, hm! Und er tat wohl daran!« nickte der Trapper nach kurzem Nachdenken. »Die wankelmütige Sinnesart hat der Junge zum größten Teil auch von mir geerbt. Ich habe nie recht gewußt, was ich wollte. Früher wäre ich sehr wahrscheinlich nicht fähig gewesen, meinen Sohn so heranzubilden, wie es durch Euch und Gottes Fügungen geschah. Nun kann ich kaum noch irren. Meines Fehlers werde ich mich dennoch stets erinnern, während ich mein Ziel verfolge. Dies Ziel soll sein, daß ich das Wohlergehen meines Sohnes in jeder Weise fördere.«

»Zuerst muß er etwas Ordentliches lernen,« meinte Mr. Gloster eifrig. »Da er zu alt ist, um im Osten eine Schule zu besuchen, muß er dort tüchtigen Lehrern übergeben werden. Diese müssen ihn in die Kenntnis einweihen, damit er in der Welt als ein nützliches Mitglied der Gesamtheit mitarbeiten und mitstreben kann.«

»Ihr kraut Euch hinter dem Ohr und macht ein bedenkliches Gesicht, lieber Freund,« wandte er sich lächelnd an Ben Körber, der ziemlich ratlos vor sich niedersah. »Ich weiß, wo Euch der Schuh drückt. Eure Mittel werden nicht dazu ausreichen, den Jungen so zu erziehen, wie ich es vorgeschlagen habe. Doch dafür laßt mich allein sorgen, ich bitte Euch darum. Bin ich Andrew nicht zu großem Danke verpflichtet, daß er mich aus den Pranken des Bären rettete? Ich möchte diesen Dank wenigstens zum Teil abtragen. Was Ihr Euch erspartet, bewahrt für Eure alten Tage, damit Ihr dann Eurem Sohne nicht zur Last fallt. Ihr würdet ihn dadurch vielleicht in seinen Bestrebungen hindern. Mir stehen große Summen zur Verfügung. Vor einer Stunde empfing ich die Nachricht, daß mein alter Onkel in England gestorben ist. Er hinterließ mir neben dem Lordstitel sein sehr beträchtliches Vermögen. Heute darf ich wirklich behaupten, was ich früher in meinem lächerlichen Dünkel aussprach: Geld spielt bei mir keine Rolle! Und hier, wo es gilt, für den Jungen etwas zu tun, der auch mir lieb ist, sage ich es recht von Herzen gern.«

»Ich wäre froh, wenn ich auch Euch, Ihr beiden guten Freunde, dienen und Euch damit meinen Dank erweisen könnte! Ihr habt aus mir, dem nutzlosen Geschöpfe, einen, wie ich hoffe, brauchbaren Menschen gemacht,« fügte er zögernd hinzu.

»Das zeigt uns! Wir erfüllten nur unsere Pflicht gegen Euch; aber dann wird sie überreichlich belohnt,« antwortete Tom Collins und reichte dem Engländer die Rechte. »Wir glaubten schon, unser Leben sei verfehlt. Dann aber dürfen wir uns dem schönen, befriedigenden Bewußtsein hingeben, dennoch auf der Welt etwas genützt zu haben.«

»So ist es!« stimmte der Trapper seinem Freunde bei.

Mr. Gloster schüttelte beiden die Hände. »Ihr seid ein paar brave Menschen. Erhaltet mir Eure Freundschaft! Ich werde Euch die meine treu für alle Zeiten bewahren.«

Ein kurzes Krachen ertönte in diesem Augenblicke.

Der Verwundete schrak heftig zusammen, doch er erwachte nicht.

»Waha-u und Wotemihit-scha sind tot,« sagte der Indiantrader tief ernst. »Gott wird ihnen gnädig sein. Sie sündigten in ihrem Leben ohne zu wissen, daß sie es taten.« Andrew Brown seufzte laut auf. Dann sprach er leise im Schlaf:

»Jetzt, Mitasa-o, bist du Häuptling der Arrapahoës!«

*

Während meiner Streifzüge durch die Bighorn-Mountains vermißte ich eines Morgens zwei meiner Pferde. Die beiden Leute, die mich begleiteten, und ich selbst suchten bis Mittag nach den Pferden, doch umsonst. Ich gab die Hoffnung schon auf, sie jemals wiederzusehen, da begegnete ich einem kräftig gebauten Manne von dunkler, fast kupferbrauner Hautfarbe mit drei Soldaten, die sich auf dem Wege von New Fort Mc. Kinney nach Camp Brown befanden.

Ich klagte ihnen mein Leid. Da erklärte der Mann sich sofort bereit, die Pferde zu suchen. Er bat mich, ich möchte mit meinen Leuten und den Soldaten so lange auf dem Platze verweilen, wo wir nachts gerastet hatten.

Schon nach kurzer Zeit hatte er im hohen Ufergrase des Baches, der an dem Platze entlang rauschte, die Spuren der Gäule gefunden. Sie verloren sich dann in dem Bache selbst, und bedeutend weiter stromaufwärts entdeckte er sie wieder im Grase. »Gestohlen«, rief er mir zu. »Doch tröstet Euch! Ich schaffe sie Euch zurück. Auf Wiedersehen!«

Damit verschwand er, tief auf seinem Pferde niedergebeugt und die Augen am Boden geheftet, in einer breiten Schlucht, die in die Berge führte.

»Potz Wetter! Der versteht, einer Fährte nachzuspüren wie ein Indianer,« sagte ich voller Bewunderung zu den Soldaten.

»Na! Nach seiner Abstammung ist er auch ein Halbindianer,« sagte einer von ihnen. »In seinen Gesinnungen ist er jedoch durch und durch ein Weißer. Er ist ein prächtiger Mensch, der sich überall der höchsten Achtung erfreut.«

Ich erfuhr nun, daß sich der Mann Andrew Brown nannte. Er war von der Regierung schon seit vielen Jahren als Indianscout angestellt.

Gegen Abend kam der Halbindianer richtig mit den Pferden, die verloren waren, zurück. Er erzählte, daß sich seine Vermutung bestätigt habe. Da sich die Diebe jedoch in den Bergen festgerannt hätten, sei es ihm ein Leichtes gewesen, ihnen den Raub abzujagen. Ich war erfreut darüber, wieder im Besitze der Tiere zu sein und bot ihm eine Geldbelohnung an. Er schlug sie aus und lehnte meinen Dank ebenso bescheiden ab, indem er meinte, es sei seine Schuldigkeit, dort zu helfen, wo es ihm möglich sei.

Seine Uneigennützigkeit erweckte in mir ein noch größeres Interesse für ihn. Als ich mich später länger in den Befestigungen aufhielt, hörte ich manches aus seinem Leben, was mir die Veranlassung gab, seine Geschichte zu erzählen.

Im Osten hatte Andrew Brown in einigen Jahren reichlich nachgeholt, was er in seiner Jugend versäumte. Er war dort unter Aufsicht tüchtiger Lehrer, die sein Freund aus England mit seiner Erziehung betreute. Dann aber sehnte er sich doch wieder nach dem wilden Westen zurück, wo er rastlos bestrebt war, zum Wohle der Gesamtheit mitzuwirken.

Griff das rote Volk verzweifelt zur Streitaxt, indem es sich gegen die fortschreitende Kultur aufbäumte, die es mehr und mehr zurückdrängte, so verstand er es, die roten Brüder zu beschwichtigen. Er vermittelte zwischen ihnen und der Regierung, indem er zugleich dafür sorgte, daß man ihnen nach Möglichkeit gerecht wurde. So erhielt er den Frieden aufrecht und schonte dadurch manches Menschenleben.

Auch seinen Vater und dessen alten Freund lernte ich kennen. Ben Körber war noch immer Trapper, doch mehr zum Vergnügen. Die Zinsen seiner Ersparnisse reichten vollkommen aus, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Tom Collins betrieb für die Regierung als Agent in der Agency einer Befestigung, die weiter im Nordwesten lag, den Tauschhandel mit den Indianern. Er war stets emsig darauf bedacht, daß seine roten Freunde nicht übervorteilt wurden.

Lord Gloster errichtete aus eigenen Mitteln in der Nähe Londons eine Anstalt, in der verwahrloste Knaben aufgenommen und erzogen wurden. Er stellte sich selbst als erster Leiter an die Spitze des Unternehmens, aus dem schon viele brauchbare, strebsame Menschen hervorgingen. Er hatte seine Freunde im wilden Westen schon mehrere Male besucht. Dann waren sie vereint in die Berge gezogen, um dort in einer Gegend, die an Naturschönheiten reich war, einige Monate ein ähnliches Leben wie früher zu führen.

Vor einem Jahre sind Tom Collins und Ben Körber kurz nacheinander gestorben. Nun ist es Lord Glosters sehnlichster Wunsch, daß Andrew Brown zu ihm nach England kommen und bei ihm bleiben möchte. Er aber behauptet, jetzt in seinem Amte nötiger als je zu sein. Nachdem der Büffel, aus dessen Fleisch die Hauptnahrung der Indianer bestand und gegen dessen Fell er seine übrigen Bedürfnisse eintauschte, von weißen Jägern in schändlicher Weise ausgerottet wurde, müsse er der Regierung helfen, die nach besten Kräften dafür sorgt, daß das arme rote Volk nicht hungernd und elend zugrunde geht.