Der langweilige Kammerherr

kleine Bauernhof, von dem ich erzählen will, lag ziemlich abseits. Man mußte ein ganzes Stück von der Landstraße abbiegen, wenn man zu ihm gelangen wollte; daher kamen nur wenig Menschen hin, und dann nur Spaziergänger, die nicht immer den glatten, wohlgepflasterten Fahrweg wandeln wollten. Auf diese Weise war auch ich nach einer langen, mühevollen Wanderung über sumpfige Wiesen und umgepflügte Felder bei dem Bauernhäuschen gestrandet. Plötzlich stand ich in seinem Garten, einem ungepflegten Fleck Erde, und weil ich müde war, setzte ich mich ohne weiteres auf eine verfallne Bank, die dicht am Hause stand. Ich war nicht lange allein. Zuerst kam ein gelber Hund, der mich einen Augenblick beschnüffelte und dann an mir aufsprang und sich streicheln ließ. Er war nämlich noch jung, und sein Gemüt schien von bösen Menschen nichts zu wissen. Nach ihm erschien langsam und bedächtig ein Mann; der war aber ganz alt und hatte natürlich schon deswegen ein großes Mißtrauen gegen alle Fremden. Er betrachtete mich eine ganze Weile aus tiefliegenden, rotgeränderten Augen; dann sagte er Guten Abend, aber in einem Tone, der mich deutlich merken ließ, daß er mir eigentlich keinen guten Abend wünschte.

Dazu war es noch gar nicht Abend, denn die Sonne stand hoch, und die kleine blasse Mondsichel am Himmel hatte gar nichts zu bedeuten. Bei uns im Norden ist es im Sommer bekanntlich lange Tag, und wenn ich mich auch über eine Stunde weit vom Hause befand, so konnte ich doch vor Einbruch der Dunkelheit schon wieder in den Mauern unsers Städtchens sein.

Daher sagte ich auch dem finstern alten Manne, daß er mir schon erlauben müsse, ein wenig in seinem Garten sitzenzubleiben, weil ich sehr müde sei.

Er betrachtete mich eine Weile schweigend, dann setzte er sich zu mir. Nun sah ich erst, daß er ungewöhnlich alt war. Sein Gesicht war mit zahllosen Fältchen bedeckt, und sein glatter Schädel konnte sich keines einzigen Haares mehr rühmen. Manchmal fiel ihm auch der Kopf auf die Brust, wie man es bei alten Leuten und bei kleinen Kindern findet; seine Augen aber blickten noch wunderbar klar und scharf.

Als er die blasse Mondsichel ansah, die ganz hinten über dem dunkeln Waldrande stand, trat ein merkwürdiger Ausdruck der Abneigung in sein altes Gesicht. Da is er all wieder! sagte er halb für sich; da soll doch der Donner einslagenl

Ich mochte den Alten wohl etwas verständnislos angesehen haben, denn er wandte sich nun mit einer gewissen Herablassung zu mir. Ich mein Ihnen nich – sagte er; for meinswegen können Sie hier gern ein büschen sitzen, wenn Sie das Spaß macht. Wenn ich doll bin, denn bin ich man bloß doll auf den alten Mond, und denn bin ich auch ümmer verdrießlich!

Warum denn? fragte ich.

Der Alte lachte etwas ungeduldig. Ja, so fragen die Leute woll. Ich hab mal ein Mann gekannt, der las Bücher, und der sagte, auf den Mond würden auch Versens gemacht. Du Heiland! Versens aufn Mond! Da kann einen ja das Grauen bei ankommen. Versens aufn Mond!

Er wiederholte die Worte noch mehreremal, und sein gelber, häßlicher Hund schien zu glauben, daß er böse sei; denn er sprang an ihm empor, leckte seine verarbeitete Hand und winselte leise, als wenn er sagen wollte: Sei nur stille, ich weiß schon.

Aber ich wußte von nichts, und mein Gesicht mußte sehr fragend aussehen, denn der Alte nickte mir zu.

Ja ja; Sie sind woll ein von die Feinens, die allens wissen wollen, und Sie wissen doch nich allens! Sie wissen ja nich mal, wer in dies Haus gewohnt hat!

Ich wußte es in der Tat nicht, und er lächelte zufrieden.

Sehen Sie, ich weiß mehr als Sie, viel, viel mehr! Hier wohnte mein Kammerherr! Haben Sie ihm mal gesehen? Nee – natürlicheweise nich, weil er all längstens tot is – tot und begraben! Ich abers kannte ihm, und ich habe ihm gut gekannt, weil ich all die Jahrens bei ihm war. Zuerst als son Art Reitknecht und denn ganz pöhundpöh als Diener für allens. Da kann ich ein Wort mitsnacken, wenn die Rede auf mein Herrn kommt – ganz gewißlich, und ich ärgere mir nich wenig, wenn andre Leute was sagen wollen über ihm!

Was sagen sie denn? fragte ich.

Er aber sah die Mondscheibe an und fuhr mit der Hand übers Gesicht. Als wenn ich das verzählte! Du meine Zeit – ganz gewiß nicht! Und ich kann das auch nich, wenn das alte Ding mir anglotzt! Weiß auch gar nich, was unser Herrgott sich gedacht hat, als er son dummes Ding an den Himmel setzte, was doch kein einzigen Menschen leiden mag! Sie mögen ihm leiden? Is wahr? Na, das kommt man bloß von die Jugend und weil Sie noch nix Böses erlebt haben. Wenn Sie man erst dreiundneunzig Jahrens aufn Puckel haben, denn sind Sie auch nich mehr hinterm Mondschein her – denn hat er auch schon hundertmal auf Ihnen geschienen, als Sie das gar nicht haben mochten. Ja, da passen Sie man auf, und nun gehen Sie man nach Hause, denn Ruhe haben Sie gehabt, und Sie haben noch weit zu gehen. Ich kenn den alten Weg ganz genau – dazumalen wars noch kein Schassee, aber passieren tat da mehr auf als nu, da können Sie gewiß sein!

Ich war aufgestanden, und der gelbe Hund sprang wieder schwanzwedelnd an mir in die Höhe. Perle mag Ihnen leiden, sagte der Alte. Daran kann man merken, daß Sie nich ganz slecht sind; denn for die Slechtigkeit is er nich. Na, wenn Sie hier mal wieder längs gehen, denn können Sie ganz gern ein büschen auf mein Bank ausruhen. Kaputt is sie doch schon!

Damit endete mein erstes Zusammentreffen mit Detlev Marksen. Aber es war nicht mein letztes. Ich habe manch liebes Mal auf der alten Bank gesessen und mit dem Alten geplaudert. Er konnte noch sehr vernünftig sprechen, trotz seiner Jahre, und er hat mir mancherlei erzählt. Nur wenn der Mond am Himmel stand, wurde er unruhig, und dann erging er sich in den schwärzesten Anschuldigungen gegen diesen Weltkörper, der uns andern Sterblichen doch gar nicht so unangenehm ist.

Eines Tages aber erzählte er mir auch, weshalb. Ich war eingeregnet bei ihm, und zum ersten Male hatte ich die Schwelle seines Hauses überschritten. Es war ein dunkles Zimmerchen mit kleinen, trüben Scheiben, in das mich der Alte hineinführte. Es stand wenig Gerät darin, nur etliche Holzbänke und am Fenster ein Stuhl mit hoher Lehne, vor dem sich mühsam ein Tischchen auf drei Beinen hielt. Detlev Marksen nötigte mich auf den Fensterplatz, er selbst setzte sich auf eine der Holzbänke, und Perle legte sich ihm zu Füßen. Das Wetter draußen war ganz trostlos geworden, an die blinden Scheiben schlug der Regen, und es beschlich mich die trübe Ahnung, daß ich eine Zeitlang in dem dumpfigen, kleinen Stübchen würde aushalten müssen, wenn ich nicht ganz durchnäßt nach Hause kommen wollte. Da seufzte ich denn und sprach wohl mehreremal das Wort »langweilig« vor mich hin.

Langweilig! sagte Detlev, bedächtig seine Knie reibend; ja langweilig is vielens auf die Welt. Meinen Herrn haben die andern Menschens auch ümmer langweilig genannt. Bloß weil er nich sprach und keine Geschichtens verzählen mochte. Und er selbst fand auch allens langweilig; und darum is er auch der langweilige Kammerherr genannt worden. Aber ein guten Mann is er darum doch gewesen, und ich kann mir bannig auf den Augenblick freuen, wo ich ihm wieder zu sehen krieg. Bloß daß ich die Angst hab, er könnt sich im Himmel auch langweilen, weil er da so Anlage zu hatte. Ehestens is das nu nich gewesen, als er jung und lustig war, und die Franzosens noch nich hier herum ramenteten.

Der Alte hielt mit Sprechen inne und sah starr in den Regen, bis er, wie aus tiefen Gedanken erwachend, seine Augen auf mich heftete. Sehn Sie man nich so traurig aus! sagte er gutmütig. Sie sind noch zu jung fürs Langweilen, und ein büschen Regen is nich slimm. Viel slimmer is, wenn der Mond scheint und ich immer an allens denken muß, was damalen passierte, damalen, als die Franzosens hier auf einmal in die Gegend waren. Da haben Sie woll nie was von gehört, daß die mal ne Revolutschon hatten, was son allgemeine Koppabslägerei is. Sogar den König slugen sie tot, und was die vornehmen Herrens waren, die so was nich mochten, die kratzten aus. So sind denn damalen ein ganzen Berg feine Herrschaften nach unser Holstein gekommen, die sich von all den Spektakel in 'n Franzosenland ein büschen verpusten wollten. Das konnten sie denn auch: denn hier ging allens manierlich zu, und an Koppabslagen dacht kein Mensch. Du liebe Zeit, ich hätt mein Kammerjunker auch den Kopp nich abslagen können, mit den besten Willen nich. Son lustigen Herrn wie das war! Der alte Herzog konnte ja leicht doll werden, aber bös bin ich ihn auch nie gewesen. Was das fürn Herzog war? Der wohnte in Eutin, und mein Herr war ein von seine Junkers. Da nannten sie ihm noch nich den langweiligen Kammerherrn; denn er war bloß Kammerjunker, und die Langweiligkeit kannte er auch nich von Hörensagen, das is ganz gewiß. Ein von die vergnügtesten Junkern war er, die ich in mein Leben gesehen habe, und deshalb mochte ich ihm auch so gern leiden. Und die Franzosens hatten ihm auch gern. Ich glaub nu eigentlich nich, daß unser Herzog in Eutin die französischen Herrschaften eingeladen hatt – da weiß ich wenigstens nix von, abers ich glaub es auch nich. Die Grafens und Herzöge sind von selbst gekommen: erst waren sie in Plön und an den Plöner See, und mit einmal wohnten sie auch in Eutin und brachten viel Spektakel und Vergnügen mit. Das war was für meinen Kammerjunker, kann ich Sie sagen! Der war nich umsonst jung und hübsch und slank von Gliedern, den prickelte die Lebenslust bis in die Fingerspitzens, und er machte den ganzen Tag ein so lustiges Gesicht, als wenn er in Winter und Sommer jeden Morgen ne frische Rose von 'n Busch abpflücken konnte, wo gar keine Dornens an waren. Er war auch nich in Holstein geboren, wo die Leute manchmal ein büschen ernsthaft sind; er kam von hinter die Elbe her, da wo die Berge stehen und veritabeln Wein aufn freien Felde wachsen soll. Ob das wahr is, kann ich nich sagen; das weiß ich abers: mein Junker sein Vater war kein reichen Mann, wenn er selbstens auch Wein trinken konnte wie Wasser, und unser Geldbeutel hat jeden Tag in Jahr die leibhaftige Swindsucht gehabt. Und gar kein Geld zu haben, das is fürn Junker ein furchtbar unangenehmes Gefühl. Das waren damals sehr slechte Zeiten. Einer von die Franzosens, der in Frankreich was zu sagen hatte, der hieß Napolium, und der hatte viele Adligens und vornehme Herrens aus dem Lande gejagt und mochte nich, daß die deutschen Fürstens diese Verjagten aufnahmen. Ich glaub beinahe, daß er auch an unsern Eutiner Herzog so was geschrieben hat, genau kann ich es abers nich sagen. Denn ich war ja man ein Reitknecht, und wenn ich auch mit mein Kammerjunker ganz natürlich sprach, so hat mich doch der Herzog niemals was verzählt. Abers er hat doch oft ein verdrießliches Gesicht gemacht über die vielen Franzosens, die mit einmal in Eutin waren und nicht wieder fortgingen. Sie kosteten auch ein Berg Geld, und wer anders als unser Herzog konnte ihnen was geben? Abers weil er selbst nich viel hatte, so konnte er ihnen man bloß was geben, wenn er seine Junkers ein büschen knapp hielt, und so kam es, daß mein jungen Herrn sein Geldbeutel noch leerer war als sonstens.

Die Franzosens nahmen allens, was sie kriegen konnten; sie sagten man bloß Merssi, und denn meinten sie was Großes getan zu haben. Am slimmsten war son alter Kerl, der das ganze Gesicht voll Falten und ein paar blanke swarze Augen hatt. Die andern nannten ihn den Herrn Vikomt, und er saß oft bei mein Junker auf sein Zimmer ins Schloß zu Eutin, weil, wie er sagte, mein Herr ein Vetter von ihn wär. Ich konnt mich das nu nich denken, wie kann ein deutschen Herrn nen Vetter im Franzenland haben? Sie fragten mir abers gar nich, was ich glaubte. Sie waren ümmerlos zusammen und snackten, und pöhundpöh kam ich denn auch dahinter, was meinen Junker so bekannt machte mit den alten verdrehten Narren. Dieser Vikomt hatt ein Tochter, und ihr mocht mein Herr leiden, und als ich ihr das erstemal sah, da wußt ich all Bescheid. Denn ich kannt den Gesmack von mein Junker. Nüdlich und fein war sie, mit n klein süßen Stimme und gnitterswarzen Augen. Das Jahr vorher, da hatt mein Junker auch son kleine Deern furchtbar gern leiden mögen, und die sah beinah akkrat so aus wie die von vorigen Sommer. Die von vorigen Sommer war mit einmal fortgekommen von Eutin, und mein Herr hatte sich bannig angestellt bein Abschiednehmen und konnt sich ein paar Tage gar nicht veramüsieren. Da freut ich mir denn, wie ich die kleine fremde Komteß zu Gesicht krieg, weil nu mein Junker wieder ein Spaß hatt. Denn bei die Liebe is die Hauptsache, daß man Veränderung hat, und ich kann nich anders sagen, als daß mein Herr davon genug bekam, denn die Franzosens stellten unser klein Stadt ganz aufn Kopp. Ein Hophei folgte den andern, und mein Junker klabasterte den ganzen Tag mit die Fremdens herum und snackte französisch mit sie, was ich gar nicht ordentlich verstehen konnte.

Diese Art mocht ich nu nich besonders leiden, und da war auch noch mehr, was mich ärgerte. Die kleine Komteß war slecht in Zeug und ließ sich allens von mein Junker schenken, und ihr Vater wollte ümmerlos Geld geliehen haben, auch von mein Junker, und der hatt doch rein gar nix. Denn ich hab schon verzählt, daß der Herzog die Gehälter von seine Hofleute hatt kleiner machen müssen, weil daß er soviel an die Franzosens abgab, und mein Herr kriegte auch noch alle paar Wochens ein Brief von sein Vater, er sollte ihm doch nich vergessen und ihn ein büschen von sein Salähr abgeben, weil daß er so viel Kinder hätt und partuh Geld gebrauchen täte. Mein Kammerjunker abers, der hatt all lang Schuldens und bezahlte Sneider und Schuster man knappemang. Nu fing er auch an, ein paar Bärens anzubinden bein Gärtner, bein Kaufmann, wo die feinen Kleiders zu haben sind, bein Goldsmied, wo man Savjettenringe und Halskettens für die Damens kaufen konnt. Früher hatt er an solche Leute nich in Traum gedacht – nu wollte abers die Komteß was geschenkt haben und kuckte den Junker so an mit ihre blanken Augens, daß er allens kaufte, was sie leiden mochte. Ein klein büschen Schulden, da fragt kein vornehmen Herrn nach. Wenn die abers immer doller werden, denn is das nich nett, und ich konnt es den Goldsmied gar nich verdenken, daß er falsch wurde.

Das war an 'n Abend im Maimonat, und ich hatt einen ganzen Strauß Maililjen an die Komteß bringen müssen. Sie steckt ihr klein Gesicht tief in die Blumens, als wenn sie da was ein suchte, und denn zuckte sie ein büschen mit die Schulterns. Ich ärgerte mir; denn ich wußt, daß sie zu mein Junker gesagt hat, sie sehne sich so nach die roten Krallens, die beim Goldsmied im Fenster lagen. Und fünfmal hatt ich all zu den alten ekligen Mann laufen und ihm fragen müssen, ob er nich noch einmal ein klein büschen Kredit geben und meinen Herrn das Halsband lassen wollt. Der Alte abers smiß mir beinah aus die Tür und sagte dabei so viel Böses, daß ich mir ärgerte und auch grob wurde. Denn als ein herrschaftlichen Diener hatt ich nich nötig, mich was gefallen zu lassen. Das war aber allens noch nich genug: als ich die Blumens zu die Komteß gebracht hatt und nu auf die Straße geh, da begegnet mich der Goldsmied noch einmal und sagt, ich hätt mir slecht gegen ihm benommen, und er wollt mir an den Herzog verklagen, weil ich grob gewesen wär. Und sagen wollt er auch noch, daß mein Junker auf slimmen Weg wär und bald wohl von Eutin weg müßt. Ich wurd natürlich falsch, wie er sowas sagt, und wir haben uns auf die Straße tüchtig die Wahrheit gesagt, bis mir mit einmal ein andre Person an den Arm kriegt und meint, ich soll man mit ihn gehen und den Goldsmied snacken lassen. Und wie ich mir denn nach diesen Freund umkucke, so is das ein Herr aus Hamburg, heißt Rosenstein und scheint ein ganz gebildeten Mann zu sein!

Detlev Marksen hielt inne mit Sprechen und starrte durch die blinden Scheiben.

Was das fürn Wetter is! sagte er nach einer Weile. Und noch dazu in Sommermonat! Ich hab das all ümmer gesagt, son schönes Wetter wie früher gibt es gar nicht mehr. Das kommt, weil allens slechter wird in die Welt. Na, ich geh da ja nu bald aus fort, und da freu ich mir auf. Denn wenn ich auch zu leben hab und Perle ein gutes Tier is, so is mich das Leben doch nich so pläsierlich mehr wie früher.

Er schwieg wieder und seufzte etwas. Dann sah er mich mit seinen scharfen Augen an. Sie langweilen sich wohl gräsig bei mich? Das tut mich leid; denn ich mag nich, wenn die Jungens schon ernsthafte Gesichters machen. Da is in Alter Zeit genug zu – nich, Perle? Lieg man still, klein Hund, und laß mir noch ein büschen snacken und an die alten Geschichtens denken, wo ich ein jungen, frischen Kerl war und mir aus den leibhaftigen Deuwel nix machte. So bin ich auch mit diesen Rosenstein in ein Weinstube gegangen und hab mit ihn getrunken, obgleich er auch ein Deuwel war, bloß daß ich es nich merkte. Von außen hätt es auch kein Pastor merken können, und vielleicht auch nicht der Supperndent, der doch von allens Bescheid weiß. Denn Rosenstein war ein höllschen netten Kerl und hat mit mich nur von die feinsten Sachen gesprochen. Von mein Herrn, und wie ein so smucken jungen Mann doch mit das leidige Geld keine Swulitäten haben dürft; wie ihn das ümmer so leid tät, wenn sich feine Herrens nich allens kaufen könnten, was sie nötig hätten, und ob er mich woll ein Taler schenken dürft. Da gab ich denn mein Erlaubnis zu, und wie er fragt, ob er mein Herrn woll sein Aufwartung machen könnt, da sag ich natürlicheweise ja.

Ich will auch nicht viel von euerm Junker! sagt Herr Rosenstein und nimmt ein Sluck Wein. Bloß daß ich ihm einen kleinen Verdienst gönnen möchte. Ich schreibe nämlich eine Zeitung in Hamburg, eine Zeitung für die Franzosen, die überall verstreut leben. Und nun frage ich verschiedne Herren, ob sie mir nicht Briefe schreiben wollen, in denen etwas über die Franzosen steht. Nicht wahr, hier leben doch auch Franzosen?

Lieber Gott, ja! sag ich, Franzosens mehr, als wir brauchen können!

Herr Rosenstein nickt, und dann redet er noch ne ganze lange Zeit. Er war ein feinen Mann und hatte feine Wörters, wie ich ihnen nich kenne und nich nachsprechen kann; abers dumm bin ich niemalen gewesen, und was der Mann aus Hamburg wollte, hatt ich bald begriffen. Die Hamburgers sind reiche Leute, und sie geben mannichmal Geld aus für Dingens, an die kein ander Mensch denken tut, bloß natürlicheweise, um ihr Talers los zu werden. So war es auch mit diesen Mann, der wollt ein paar Briefens geschrieben haben, und da sollte einstehen, was die Franzosens in Eutin und Plön täten, und wie sie hießen, und was sie vorhätten, weiter ganz und gar nix. Und für so dumme Briefens wollte Herr Rosenstein ein ganzen Berg Geld geben, weil, wie er sagt, die Franzosens, die überall verstreut wären, von ihre Landsleute gern was hören wollten, und seine Zeitung von alle Leutens gekauft werden würd. Denken konnt ich mich das nu nich, denn wer mocht woll von die alten Parlewuhs hören, die so verdreht snackten, daß kein vernünftigen Mensch sie verstehen konnt? Aber sließlich konnt mich den ganzen Swindel ganz egal sein, wenn mein Junker bloß ein büschen Geld verdiente, denn der hatt keinen Schilling mehr auf die Naht, was auch for mir ein gräsiges Gefühl war.

So bin ich denn mit Herrn Rosenstein zu den Kammerjunker aufs herzogliche Sloß gegangen und hab die ganze Geschichte bald in Ordnung gebracht. Zuerst war mein Junker ein büschen verwundert und kuckte sich Herrn Rosenstein an und wußt nicht recht, was er sagen sollt. Abers dann dachte er, daß es doch leicht wär, ein paar Briefens zu schreiben und Geld dafür zu kriegen. Was sein Vater war, da hinter die Elbe, der hatt ihm all lang um Geld gequält, und dann fielen ihn die Gläubigers ein und das Krallenhalsband für die kleine Komteß. Und dann sagt er ja. Da hatt ihn dann Herr Rosenstein gleich auf Abslag ein paar Lujedors gegeben, und wie mein Junker das Geld sieht, da schiebt er mich ein Goldstück zu, und ich muß nach das Halsband laufen. Das ärgerte mir nu furchtbar. Son Unsinn kommt abers von die Liebe, und da kann kein Mensch was bei tun. Deshalb muß man von sie fortbleiben, bloß daß das nich jedermann sein Sache is. Mein Herrn sein Sache is das nich gewesen, und wenn ich auch die slimmsten Gläubigers von Rosenstein sein Geld bezahlt hab, so ist doch das meiste draufgegangen zu Geschenken für die kleine Komteß.

Detlev Marksen schwieg wieder und schüttelte den Kopf. Dann zuckte er die magern Schulter und streichelte seinen Hund, der sich ganz dicht an ihn gedrängt hatte.

Ärgern hilft nu nix mehr, fuhr er fort, sonsten könnt ich mir den ganzen Tag ärgern. Dazumalen wollt ich nich ümmerlos an die Dummheit von mein Junker denken, sondern ihn ein büschen helfen, damit er doch Briefe schrieb, wo was Ordentliches einstand über die Franzosens, damit er Geld verdienen tät. Und so machte ich mir an ein Franzosen heran, daß er mich ein büschen verzählte. Der hieß Piähr und war ein ziemlich alten Mann, der ein büschen deutsch snacken konnt, weil daß er von die Ecke kam, wo die Deutschens und die Franzosens ganz dicht zusammenwohnen. Das muß auch so über die Elbe sein. Piähr sein Herrschaft war ein alten Herzog, der in diesen Momang erst nach Eutin kam und ne ganz feine Wohnung hatte. Dieser Herzog gehörte nich zu die ganz pohwern Franzofens, die tanzen lehrten und partuh französche Stunde geben wollten. Er war ein feinen alten Mann mit großen Augens und ein Perücke. Mir kuckte er natürlicheweise niemalen an, weil daß ich man bloß ein ganz gewöhnlichen Diener war; und selbst mit mein Junker sprach er nich, und auch mit die andern Herrns vom Hofe mochte er nich zu tun haben. Bloß unser Herzog und die Prinzens, die ließ er sich so knappemang gefallen, und unsre Durchlaucht war so gnädig gegen ihm, daß ich mir ärgerte. Die andern Franzosens, die dienerten und knicksten, wenn sie man bloß ein Rockslippen von den alten Mann sahen; auch die klein Komteß und ihr Vater, der jetzt den ganzen Tag mit mein Junker zusammen war und sich freihalten ließ. Um diese Zeit war die klein Komteß mit meinen Kammerjunker verlobt – wenigstens nenn ich das so, wenn man Hand in Hand sitzt und sich ümmerlos küßt – ümmerlos und ümmerlos, was den Brautstand doch hellschen swer machen muß.

Na, vor meinswegen konnten die jungen Herrschaften tun, wo sie Lust zu hatten. Ich saß nu alle Tage mit Piähr zusammen und snackte mit ihm. Wo is dein Herzog so stolz auf? fragte ich ihm einmal.

Da macht er ein wichtiges Gesicht. Oh, sagt er, er is furchtbar vornehm! so vornehm, daß er bei Hofe ümmer ein von die ersten war, die den König beim Aufstehn sein Hemd geben konnten!

Du gerechter Heiland, sag ich, mit son Ehr bleib mich von Leibe! Da würd ich mich rein gar nix aus machen.

Da verstehst du nix von, sagt Piähr und kuckt mir böse an. Keiner von die dummen Deutschens versteht was von das Allerfeinste bein französischen Hof!

Is das so? mein ich und fühl, wie ich falsch werd. Was kommt ihr feinen Franzosens denn überhaupt zu uns, wenn ihr es bei euch zu Hause viel feiner habt? Mich wärs viel lieber gewesen, ihr hättet euch alle mitsammen in euern feinen Land den Kopp abhacken lassen; dann hätt mein Kammerjunker nich so viel Raupen in Kopp gekriegt.

Piähr, der auf deutsch Peter hieß und auch ein ganz guten Kerl war, suchte mir wieder zurechtzusnacken. Sei man nich gleich so doll, Detlev! Ich kann da nix vor, daß allens so komisch kam, und wenn es nach meinen Herzog gegangen wär, dann säßen wir auch nicht in Eutin, was ne langweilige kleine Stadt is. Am liebsten wären wir in Ungarnland geblieben, wo mein Herzog ein Vetter hat; abers er wollt so gern seinen einzigen Sohn sehen, der mit einmal hierherkommt. Son Mann, wenn er auch vornehm is, so hat er doch Gefühl, und der junge Herzog is noch dazu man knappemang von die Jakobiners weggelaufen, die ihm schon an Schlafittchen hatten!

Und Piähr, der ein Schrecken gekriegt hat, weil daß ich böse wurde, erzählt ein ganzen Berg, und weil ich daran dacht, daß mein Junker bald wieder ein Brief an Rosenstein schreiben mußt, so hör ich genau zu. Ich konnt ja vielleicht was aufsnappen, was nett zu schreiben war.

Der Herzog hat also furchtbar viel Slösser in Frankreich und auch viel Silberzeug und Kisten voll Geld. Fort mußt er abers doch aus sein' Vaterland, weil er so gut bekannt mitn König gewesen war. Und was sein Sohn war, der noch gar nich mal verkonfermiert gewesen war, der hatt mit sein Hofmeister in Nacht und Nebel nach Engelland fliehen müssen, ohne sein Vater Adjö zu sagen. In Engelland hatt es der junge Herzog ganz gut, und kein Mensch tat ihn was; abers was die jungen Leute sind, die kriegen doch alle Snurren in Kopp. Kaum is der junge Herr ein büschen trocken hinter die Ohrens geworden, da mag er nich mehr bei die Engelländers sein und geht dahin, wo sein Königsfamilie in die Verbannung lebte. Denn nich all die Prinzens und Prinzessinnen waren tot, nur ein paar; die andern hatten sich Frankreich mitn Rücken angesehen und lebten anderswo. Und dieser junge Mann reiste die Herrschaftens nach, und allens, was er vom Vater kriegt, das gibt er an sie. Mit den Talers wars abers noch nich halb gut; verlieben mußt er sich auch und in eine von die allervornehmsten Prinzessinnen, was natürlicheweise ein Unsinn war. Abers der junge Herzog hatt noch mehr Dummzeug gemacht, nämlich eine Verswörung gegen Napolium, und der war fuchswild auf ihm geworden und hatt nen Preis auf sein Kopp gesetzt. Ja, sowas kam dazumal vor, und keiner fand was Besonders drin; bloß daß der junge Herzog noch dümmer wurde und nach Deutschland kam. Piähr sagte, er sollte eigentlich in Rußland oder Sweden sein; nu abers wollte er partuh nach Plön kommen und bloß, weil seine Prinzessin auch erwartet wurde. Was die nu in unser kleines Holstein wollte, da bin ich nich hinter gekommen: ich denk mich, daß sie sich mit ihre Onkels verzürnt hatte. Jedenfalls is sie in die Umgegend von Plön aufn Gut gewesen, und der junge Herzog hat auch kommen wollen, um ihr zu sehen.

So hat mich Piähr erzählt und denn noch gesagt, daß sich die beiden jungen Herrschaftens ein oder zwei Jahr nich gesehn hätten, und daß sie es nu vor Sehnsucht nich mehr aushalten könnten, was mir ziemlich gewundert hat. Denn wenn ich ein klein nüdliche Deern von Maitag bis Michelis nich sehe, dann weiß ich doch warraftigen Gott nich mehr, was sie vorn Gesicht hat, und ich kann mir mit den besten Willen keinen Momang nach ihr sehnen. Piähr sagte abers, bei den Vornehmens war das anders. Die hätten ümmerlos die Liebe im Kopp, und das feinste wär es, dieselbige Dame ne ganze Zeit lang zu lieben, auch wenn man ihr gar nicht sähe. Na, und dann verzählte er mich, daß der alte Herzog man bloß deshalb nach Eutin gekommen wär, um sein Sohn und die Prinzessin zu besuchen, sonsten hätt er viel sicherer in Ungarland bleiben können, das ja ganz dicht bei Italien liegt. Das war nu ganz gewiß besser gewesen; abers er wollt sein Jungen sehen, der nu groß und stattlich geworden war und ein ganzen feinen Kerl, wie Piähr sagte. Er konnt überhaupt gar nich aufhören, von den jungen Herzog zu sprechen, der son klein süßen Jungen gewesen war, und daß der Alte auch ein ganz ordentlichen Krakter hätt.

Ich muß nu sagen, daß mir die ganze Geschichte hellschen langweilte; zuhören tat ich abers doch, weil ich an den Brief nach Hamburg dachte. Und wie ich nahstens zu mein Herrn retuhr kam, wußte der bald, was er an Rosenstein schreiben sollt: von die französche Prinzessin, die in Holstein war, und von den jungen Herzog, der ihr so lieb hatt und darum auch kommen wollt.

Mein Kammerjunker hört mich auch ganz aufmerksam zu und spielt mit den Deckel von sein Geldkasten. Klein war das Ding und doch ümmer leer. Wenn abers der Vikomt nich gewesen wär, den mein Herr ein neuen Anzug hatt machen lassen, denn hätt da noch was ein sein müssen. Das wußt ich ganz genau und ärgerte mir ein büschen, swieg abers über die Geschichte. Bloß daß ich nahstens ganz verloren for mir hinsagte, daß es doch slimm wär, wenn jemand den Vater von ein klein nüdliche Deern partuh nix abslagen könnt. Mein Herr lacht ein büschen und wird rot, und denn fragt er mir noch einmal nach die französche Prinzessin und nach den jungen Herzog, und denn schreibt er nen langen Brief an Rosenstein.

Kein vierzehn Tage hats gedauert, da kriegt er von Hamburg nen ganzen Berg Geld geschickt, und Herr Rosenstein schreibt, der Brief hätte ihm furchtbar gefreut, und der Junker sollt man immer mehr Nachrichten von die Franzosens schicken. Da war mein Kammerjunker denn obenauf, schenkte an die kleine Komteß zwei Kleiders und ein feines Armband, und die Herrschaften aufn Sloß snackten alle davon, daß es nu bald Hochzeit geben müßt. Detlev Marksen hatte zuletzt sehr schnell gesprochen. Jetzt schwieg er plötzlich und sah mich ernsthaft an. Sie haben woll kein Geduld, mich zuzuhören – nich? Na, nu müssen Sie aber zu Ende bei mich aushalten, denn es regnet noch ümmer. Vielleicht, daß es heute gar nich wieder aufhört! Der Mond kommt aber nachher! rief ich, etwas bestürzt.

Der Alte zuckte zusammen. Haben Sie auch was mitn Mond vor? Ich kann ihm nich leiden, und wenn ich ihm anseh, wird mich ümmer ganz swiemelig zumute. Da hab ich auch Grund zu, kann ich Sie sagen. Und was der Frühling is, an den kann ich auch nix finden. Ich weiß woll, die feinen Herrschaftens, die gehen dann aufs Land spazieren, riechen an Blumens und fangen an zu swögen, wenn sie ein paar Vögelns singen hören. Mein Kammerjunker war auch so ein, der in Graben stieg und sich ein paar ganz gemeine Vergißmeinnich pflücken konnt. Die gab er dann an die Komteß und seufzt dabei, was mir ärgerte, denn ich mocht ihr ümmer weniger leiden. Jeden Tag wollt sie ein Geschenk haben, und wenn sie das nich kriegte, denn weinte sie und sagte, mein Junker hätt kein Ahnung von die wahre Liebe. Und er tat nix anders als sie lieben!

Da freute es mir denn nich wenig, als mein Junker mit einmal verreisen sollt. Aufn Sloß in Plön war auch ein Herzog aus die Oldenburgische Familje, und der bat mein Kammerjunker, ein büschen hinzukommen. Ein von seine Hofherrens war gerade krank geworden, und weil er Besuch hatt und Gesellschaften geben wollt, da meinte er, er käm in Verlegenheit, wenn er nich noch ein Junker kriegte. Mein Herr hatt nich viel Lust zu die Tuhr, weil daß er nich von die Komteß fort wollte; abers sein Herzog schickte ihm nach Plön, und er wußt ja auch, daß er bald wiederkommen könnte.

Da sind wir denn nach den Plöner Sloß geritten, und mich war die ganze Geschichte sehr angenehm. Denn ich langweilte mir in Eutin bei diese ewige Liebe, und Piähr war auch schon ein paar Tage fort und hatt mich nich einmal Adjö gesagt. In Plön nahmen wir Loschi im Hirsch, was dazumalen ein sehr feines Gasthaus war, und denn meldeten wir uns aufn Sloß. Der Herzog Peter Friedrich von Oldenburg wohnte all lange da. Er war ein büschen swach von Verstand, was bei einen Herzog aber nix tut, und viele Herren von Adel lebten bei ihm und hatten gute Tage. Auch die Franzosens, die in die Stadt wohnten, kamen viel zu die Plöner Herrschaftens, und da war viel Vergnügen und Amüsemang.

In ganzen hab ich Eutin lieber als Plön, weil ich die Stadt besser kenne, den Sloßgarten von Plön mag ich abers lieber leiden. Da sind viel größere Bäume ein, und der Plöner See ist auch nich häßlich. Auf den sah man ümmer, wenn man in den Park spazieren ging, und zwischen die versnittenen Heckens standen Figurens von Stein. Ein büschen nackicht sind sie mich woll vorgekommen; aber aus so was machen sich ja die Vornehmens nix.

Als wir diesen Sommertag in den Sloßgarten kamen – ich ging hinter meinen Junker her –, da war eine große Gesellschaft versammelt. Auf ein Platz nahe bei das Gehölz, das sie den Nübel nennen, da steht ein ganzen Berg Bäume, lingelang gepflanzt, daß man zwischen sie Stücke Zeug oder so was ähnliches hängen kann. Die nennt man Klissens, und die Dingers braucht man zun Theaterspielen. Hier, in diesen Momang, wo wir kamen, wurd denn auch Komedi gespielt, von Damens in kurzen Kleidern und von Herrens in bunten Röcken. Auch ein paar Lämmers liefen da mit mang, und auf den besten Platz bei die Zuschauers saß Herzog Peter Friedrich und strickte Strümpfe. Das war seine liebste Arbeit, und da kann ja auch kein Mensch was gegen sagen.

Weil nu all die Herrschaftens doch was zu essen haben sollten, sagt mein Junker zu mich, ich sollt mir an den herzoglichen Kammerdiener wenden, ob ich nich ein büschen bei die Aufwartung mit helfen könnte. Das tu ich denn und sehe, daß mein Freund Piähr mit einmal auch da is, mitn Limmernadenbrett rumläuft und mich ganz verstohlen zuwinkt. Als ich nahstens ein Packen Teller an ihn vorbeitrag, stößt er mir leise an und sagt: Mein jungen Herzog is hier, und die Prinzessin auch!

Ich hätt beinah all das Geschirr fallen lassen, so verfiehrte ich mir, und denn ärgerte ich mir noch obendrein. Denn heut morgen noch hatt mein Kammerjunker an Rosenstein in Hamburg geschrieben, er sollt ihn Geld in voraus schicken, weil daß er wieder nix hatte. Wenn er nu gewußt hätt, daß die französche Prinzessin und ihr Bräutigam hier wären, so würd er ja Geld genug for diese Nachricht gekriegt haben. Vielleicht konnt er nu noch einmal schreiben!

Ich überlege mich das gerade und verteile inzwischen die Tellers an die Herrschaftens, da sehe ich mit einmal ein slankes junges Mädchen. Sie geht durch die Reihens von die Gesellschaft und spricht mit jedereinen. Groß war sie weiter nich, hat ein simples weißes Kleid an und nich mal Puder auf ihre blonden Haarens. Nach was besondern sah sie gar nich aus. Als sie mir aber so ein büschen ankuckt, da krieg ich das Fliegen in die Glieders und muß drektemang stillestehn. Neben, sie geht ein jungen Mann. Der is groß und breit und hat ein gutes Gesicht. Beide snacken französisch mit die andern Herrschaften und lachen und machen Konversatschon, gerade so wie die andern, und doch sind sie anders – ganz und gar anders. Das war grad, als wenn die zwei Menschen aufn ganz hohen Berg stünden, und die andern könnten nich mal ordentlich in die Höchte kucken.

Den Tag hab ich man slecht aufgewartet, denn ich mocht die französche Prinzessin so gern ansehen. Natürlich nur aus die Ferne, weil ich gleich das Fliegen in die Hände kriegte, wenn sie mich nahe kam. Und sie war nich mal stolz. Wie sie von mein Teebrett ein Glas Limmernade nahm, sagt sie ordentlich »danke« auf deutsch und slägt die Augens ganz freundlich zu mich auf, wo doch sonstens die Franzosens für uns Bedientens kein gutes Wort hatten. Ich freute mir denn, weil sie ganz andre Augen hatt als die kleine Komteß. Keine swarze: nein, dunkelblau waren sie, und durch die Bäumens schien gerade die Sonne auf ihr weißes Gesicht. Ich mußte an das Bild von den Engel denken, das in Eutin in die Sloßkapelle hängt.

Mein Junker durfte warraftigen Gott mit die Prinzessin snacken! Piähr sein jungen Herzog kriegt ihn bei die Schulter und sagt sein Namen. Da gibt das Fräulein ihn die Hand, lacht ein büschen, wobei ich seh, daß sie ein süßen kleinen Mund hat, und denn spricht sie ganz lange mit mein Herrn. Er wird bald blaß, bald rot, und ob er doch französch parlieren kann, so fängt er an zu stottern und kann nich weiter. Da fängt die Prinzessin an mit ihn deutsch zu sprechen – ganz langsam und deutlich, und ich kann verstehen, was sie sagt. Daß sie noch ein büschen in Holstein bleiben und mit den Herzog zusammen sein will, wenn man bloß Napolium da nix von merkt, da er doch sehr böse auf ihren Bräutigam is, und daß sie hofft, er wird es nich zu wissen kriegen, daß der junge Herr nu auch hier is.

Mein Junker legt denn die Hand aufs Herz und stottert, daß ihr Bräutigam sicher sein soll vor allen Feinden, wenigsten was er dazu tun kann. Er sah ein büschen aufgeregt aus, so daß ich mir wunderte; die Prinzessin merkte abers natürlicheweise nich das geringste und war sehr gnädig mit ihn. So war sie freundlich mit alle holsteinischen Herrens und Damens und bat alle, sie sollten doch nich verraten, daß sie in Plön war mit ihren Verlobten. Und alle haben gesagt, sie wollten Gut und Ehre für ihr hingeben, was ein jeder auch meinte. Denn wer konnte das Fräulein sehen und ihr nich gleich liebhaben?

Na, nahstens is denn wieder Komedi gespielt worden. Ein paar französche Herrschaftens jachterten mitn Dutzend Lämmern zwischen die Klissens herum und sagten Versens auf. Das war gräsig langweilig, und ich sagt zu Piähr, die Lämmers sollten doch man geslachtet werden, damit ein büschen Leben in das alte Stück kam. Er abers sagte, das wäre keine Mode, und so is das Viehzeug wieder in den Stall gebracht worden, als die Gesellschaft zu Ende war. Denselbigten Abend habe ich meinen Junker sehr verändert gefunden, er hat kein Wort mit mich gesnackt, was er sonstens doch immer tat, und is ganz komisch gewesen. Sonstens hat er ein klein Porträtt von die Komteß vor sein Bett gelegt und noch einmal geküßt, diesen Abend kam es mich vor, als dachte er gar nich an ihr. Mich war die Geschichte ja einerlei; abers ich fragte doch, ob ich nich das Bild ausn Mantelsack bringen sollt. Da nickte er denn auch, hat es abers nich einmal angesehn.Weil ich mich nu aus sein Benehmen kein Vers machen konnt, hab ich auch nich weiter drüber nachgedacht. Denn mein Vater sein Swester, was mein Tante war, die hat all ümmer gesagt, von Nachdenken kriegte man nix als Koppschmerzen, und das is auch wahr.

Den andern Morgen ging ich ein büschen in Plön spazieren. Ich hatt da ein Vetter, der war Slachter und wohnt aufn Strohberg, und ich wollt ihm gerade besuchen, da begegnet mich Herr Rosenstein. O herrjeh, Detlev, sagt er, wo kommt ihr denn her? und tat bannig verwundert, mir zu sehen, obgleich ich mir doch mehr verwundern konnte über ihm. Denn das is doch ein ganze Pottschon weiter von Hamburg nach Plön als von Eutin nach Plön. Weil er sich nu abers so gräsig freute, mir zu sehen, und mir auch gleich auf ne halbe Flasche Wein einlud, so dacht ich nich viel über sein Verwunderung nach und ging mit ihn in ein klein stille Weinstube. Da gab es einen prachtvollen Wein, wie ich ihm noch niemals gesmeckt hatt, und als nu Rosenstein von die französche Prinzessin snackt und sagt, daß er ihr so lieb hätt und ihren Bräutigam auch, und daß er die beiden Herrschaftens wohl beschützen möcht, daß ihnen nix passiert, da werd ich denn ganz gerührt. Und wie ich merk, daß Rosenstein noch gar nich genau weiß, wo das Brautpaar is, ob in Kiel oder in Rendsburg oder in Plön, da sag ich ihm natürlicheweise Bescheid: daß sie hier sind, und daß sie auch fürs erste bleiben, und daß wir alle auf ihnen passen sollen. Und Rosenstein freut sich ganz fürchterlich, daß die Herrschaften so gut aufgehoben sind, und gibt mich Geld für mein Junker, damit er noch einen Brief an ihn schreiben sollt, wenn da irgend was besonders los war, denn, sagt er, ich will den beiden herrlichen Menschen doch auch zu ihrem Glück verhelfen!

Das klang nu wirklich schön und wie ich von ihn fortging und so viel Wein getrunken hatt, daß ich ordentlich ein büschen swindlig war, da dacht ich noch, daß Rosenstein wirklich ein netten Mensehen wär. Das Geld gab ich an mein Kammerjunker, und er nahm es auch, abers bloß aus Gewohnheit, und weil er an nix dachte. Denn wie ich nu weiter von Rosenstein snacken will, sagt er, ich sollt stillsweigen, er wollt woll die Prinzessin ganz allein beschützen.

Mit jeden Tag ward nun mein Herr komischer, gerade so, als wenn er nicht so recht wach würd und ümmer in Slaf wär. Er aß ein büschen, er lachte und sprach mit die Herrschaftens, legt sich slafen und stand wieder auf, und doch kam er mich vor, als wenn er ümmer im Traum ging. Bloß wenn die Prinzessin in seine Nähe kam, denn wurd er helligt wach, und in sein Gesicht kam son Schein, als wenn er in den Himmel kuckte und den lieben Gott auf sein Thron sitzen sah.

Nu glaub ich auch allemal, daß da Zauberei beigewesen is. Denn er hatte doch die kleine Komteß, die so ganz nach sein Gesmack war, und was die Prinzessin war, die dachte gerade so viel an mein Junker als an die Vögelns, die in Frühling auf die Bäumens sitzen und singen. Sie war woll freundlich zu ihn wie gegen alle Menschen; sie liebte abers bloß ihren veritabeln Bräutigam, was doch auch so sein soll. Mein Herr abers, der war wie umgewandelt, und ich fragte mir jeden Tag: is ers, oder is ers nich? Wenn er konnte, denn lief er hinter die Prinzessin her; abers nich unbescheiden, sondern in weite Entfernung, und er kuckte ihr an, als wenn er sagen wollt: nimm mir mit. Nich als deinesgleichen, dafür bin ich viel zu slecht, bloß als deinen kleinen Hund; o laß mir bei dich bleiben und jag mir nich weg!

Während Detlev Marksen dies erzählte, hatte der Regen nachgelassen; nur hin und wieder schlug ein verirrter Tropfen an die kleinen Fensterscheiben, und unter dem grauen Gewölk zeigte sich ein Stückchen Himmel. Detlev saß ganz still und blickte auf den blauen Streifen. Dann wandte er sich zu mir.

Das war nu die Liebe! fuhr er fort und atmete schwer dabei. O Gott, was ne slimme Krankheit! Abers nich alle kriegen sie auf diese Art, und das is ein Glück; denn wo sollte sonstens die Kurasche zum Leben bleiben? Die meisten lieben so, wie der Junker vordem die kleine Komteß liebte, wo die Brautleute sich was schenken und sich küssen und vergnügt sind, abers sich trösten, wenn sie sich nicht kriegen. Das ist auch das beste, denn bei diese Geschichte war warraftig kein Vergnügen bei. Auch für mir nich, wo ich mir ümmer fragen mußte, was daraus werden sollte. Mein Herr, der ward tagtäglich elender, und ich wußt nich, was ich dabei anfangen sollt. Die Prinzessin war so vergnügt mit ihren Bräutigam, die dacht an nix Böses, und der alte Herzog hatt sich auch ne Wohnung in Plön genommen und sah ordentlich jung aus vor Freude, seinen Sohn zu sehen. Die dachten alle natürlicheweise nur an sich und nich an den armen kleinen Junker, der für ihnen nix bedeutete. Bloß Rosenstein, der fragte doch noch nach meinen Herrn. Der Hamburger war nämlich die ganze Zeit in Plön, und ich könnt mich kein Vers auf machen, was er da eigentlich wollte: er sagt, er hätt Geschäftens, und wenn er mir sah, dann fragt er meistens nach den jungen Herzog, den er ganz besonders gern leiden mocht, wie er mich verzählte. Und er gab mich manchen Taler, weil ich ümmer so genau wußt, was der junge Herzog vorhatt.

Wie lange wir in Plön waren, das kann ich nu gar nich so genau sagen. So an drei Wochen wirds wohl gewesen sein – ich meint abers, das wären drei Monate, so langsam verging mich die Zeit. Da war viel los von wegen die vornehmen Franzosens. Konzert und Komedi, Lämmerspiel und Bootfahren aufn See. Mannichmal wußt ich gar nich, wo mich der Kopp stand, und Piähr wußte das auch nich, der ümmer hinter seinen jungen Herzog herlief und auch allens mitmachte, weil er so gut aufwarten konnt. Einmal erzählte er mich, daß sein junger Herr nu bald wieder fort müßte. Dann geht die Prinzessin auch weg, und allens Glück hat ein Ende! sagt er und wischt sich die Augens.

Ja, glücklich waren die zwei, das konnt man merken, und ich hätt ihnen auch allens Gute gewünscht, wenn ich mir nicht aufregen mußte um meinen Herrn, der immer blasser ward. Die kleine Komteß ihr Porträtt lag in die Ecke, er kuckte nie mehr danach, und er slief keine Nacht mehr. Das war nu wirklich schrecklich, und das einzige, was mir tröstete, das war, daß der ganze Swindel nu nich mehr lange dauern konnte. Wenn er die Prinzessin nich mehr in all ihre Schönheit vor Augen hatt, denn mußte mein Junker doch auch wieder vernünftig werden.

Nu sollte da noch ein Abschiedsfest für den jungen Herzog sein. Kein Mensch durfte da eine Ahnung von haben, daß er fortginge, Piähr hatte mich das bloß verraten. Ich sagte es natürlicheweise auch nich weiter, bloß als ich mit einmal Herrn Rosenstein sah, sag ich ihn, daß der Herzog dieselbigte Nacht, wo das Fest zu Ende ging, abreisen wollt. Rosenstein war ein so gefälligen Mann, der mich so oft was geschenkt hatt, was sollt ich ihn nich auch ein büschen was verzählen?

Das Fest war richtig fein. Zuerst ein Wasserpattie aufn großen Plöner See, wo wir Dieners rudern sollten. Da war nämlich Mondenschein, und die Franzosens stellten sich immer ganz gräsig mitn Mond an, wenn sie ihn auch gar nich mal sein richtigen Namen gaben. Piähr sagte, daß sie ihm Line nannten, was ja ein Frauensname is. Na, das is denn einerlei. Die Wasserpattie fing an, als der Mond gerade in die Höchte am Himmel stieg. Alle die französchen und deutschen Herrschaftens setzen sich in die Bootens, wo bunte Laternens an waren, und gleich zu Anfang war viel Spektakel und Lachen.

Der alte Herzog Peter Friedrich war nich mit von die Pattie. Der war in sein Sloß und lauerte mitn Abendessen, bis daß alle wiederkämen, und mittlerweile strickte er an seinen Strumpf. Der alte französche Herzog abers, der saß mit sein Sohn und mit die Prinzessin in ein Boot, und Piähr ruderte ihnen. Das Boot war ordentlich fein gemalt. Ganzen himmelblau, und ein Flagge mit goldnen Liljen eingestickt war hinten eingesteckt; abers das Brautpaar sah doch traurig aus, sie saßen Hand in Hand, und sie taten mich leid. Ich hatt man gehört, daß die Onkels und Tanten von die Prinzessin noch nix von ne Hochzeit wissen wollten, nu war der Abschied natürlicheweise doppelt sauer.

Wie ich so leise übers Wasser fahr und die Riemen eintauch, mußt ich an den Abschied von die beiden Herrschaftens denken, und es ward mich ganz warm ums Herz. Abers auf meinen Herrn mußte ich auch passen, der mit ein Berg andre vornehme Leute in meinen Kahn saß. Da waren hübsche Mädgens bei' mit swarzen Augens und weißen Zähnens; abers mein Junker kuckte nich einmal nach sie. Er sah ümmer nach das blaue Boot mit die goldnen Liljen in die Flagge, und ich ärgerte mir über sein blasses Gesicht und ruderte weit fort von die hohen Herrschaftens.

Nu fingen ein paar von die Jungen an zu singen, die Herrens sprützten die Damens mit Wasser, alle lachten, und da war viel Spaß. Es war ein prachtvolles Fest, meinten sie alle, bloß mein Junker sagte kein Wort.

Auf Kommando von einen von die Herrens ruderten wir nu nach die Seite von See, wo der Mondenschein nich hinkam, und wo es ganz kohlswarz dunkel war. Da sollten unsre bunten Laternens brennen. Aber da kam ein Windstoß und pustete die meisten aus, worüber alle Herrschaftens lachten und spektakelten. Nahsten kam es mich vor, als hörte ich son sonderbaren Schrei vom Sloßgarten her, und mein Junker fuhr auch in die Höchte und kuckte sich um. Da abers zog ihn ein von die Damens wieder auf die Bank und lachte über ihn, weil daß er son schreckhafte Natur hätt. Die Herrens wurden dreist gegen die kleinen Fräuleins mit die swarzen Augens, und die lachten zu allens. Mich kam es vor, als könnt die ganze Gesellschaft ihr Lebtag nich wieder ausn Lachen kommen.

Es dauerte woll ne Stunde, und denn ruderten wir wieder ans Land. Ein Boot nach den andern legt an die Brücke, und ein paar Dieners stehen da mit Windlichtern. Da kommt der alte französche Herzog auf uns zugelaufen. Das Wasser läuft ihn an sein goldgestickten Samtrock hinunter, und er kann nich sprechen. Nur die Arme hebt er hoch, und denn stößt er einen Schrei aus, daß ich das Zittern krieg. Und die Herrschaftens woll auch; denn mit einmal lachen sie nich mehr und werden still, totenstill, bis ein paar anfangen zu beten und auf die Kniens zu fallen.

Ich hatt kaum Zeit, mir umzusehn und zu merken, daß das blaue Boot mit die Liljenflagge halb umgesmissen und leer ins flache Wasser lag, und daß viele Fußtritte in den Sand waren, da faßte mir mein Herr an den Hals. Er hatt woll dasselbigte gesehen wie ich, und nu zog er mir hinter sich her durch den dunkeln Wald, wo man kein Handbreit vor Augen sehen könnt, über die Plätzens, wo der Mond hell schien, und an all die weißen Puppens vorbei bis auf die Landstraße. Wie er in die Stockdusterheit so den Weg gefunden hat, das kann ich noch heutigentags nich begreifen; er fand ihn abers, und die andern Herrschaftens blieben stockstill am Wasserrand stehen und mochten kein Fuß vor den andern setzen. Mein Herr lief durch die Bäumens quer durch und noch ein Strecke auf die Ascheberger Landstraße, dann stand er mit einmal still und ließ mir los. Denn er hätte mir mitgesleift, ob ich wollt oder nich, und nu hatt er gefunden, was er suchte.

Detlev Marksen war aufgestanden und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Seine alten Glieder zitterten, und er mußte sich wieder setzen, während er tonlos weitersprach:

Auf den Fahrweg, wo den halb verkrüppelten Baum und den weißen Prellstein steht, da saß die französche Prinzessin auf die bloße Erde. Sie hielt den Kopp von den jungen Herzog in ihren Schoß, und sie küßt ihm auf den Mund, wohl viele mal, er aber konnt da nix mehr von merken. Denn er war tot, und sein Gesicht sah so stolz und zufrieden aus, als wenn er sagen wollt: Nu bin ich mit das Leben durch und mit allens, was ihr mir nicht gönnen wolltet. Nu hab ich Frieden, und ihr habt keinen! Vorn aus sein Spitzenbesatz kamen ein paar Blutstropfen, sonstens war ihn nix anzusehen, und ich mußte daran denken, daß Napolium seine Leute gut mits Schießgewehr umgehen konnten. Denn die Leute von den Franzosenkaiser waren es gewesen, die den Herzog an die Bucht im Sloßgarten aufgelauert, ihm bis hierher mitgesleppt und denn totgeschossen hatten. Ihm und auch Piähr, der bei seinen jungen Herrn lag und noch ein Degen in die Hand hielt.

Mein Kammerjunker und ich standen vor die Prinzessin, und der Mond warf sein silbrigen Schein auf ihr blasses Gesicht, auf den toten Herzog und auf uns alle. Das Fräulein hat noch gar nix gesagt. Mit einmal hebt sie die Hände ganz hoch und schreit auf deutsch: Fluch, dreimal Fluch dem Verräter! Und mit einmal seh ich, daß mein Herr umfallen will. Ich krieg ihm noch zu packen und geh mit ihn fort. Hinter uns her kam nämlich Dieners und auch ein paar Herrschaftens, und die Prinzessin war nicht mehr allein. Da bin ich denn ganz allmählich mit mein Kammerjunker die Landstraße nach die Stadt gegangen, und er is gegen jeden Baum angelaufen, als wenn er zu viel Wein getrunken hätt.

Mit einmal zieht er sein Degen und will sich totstechen, und wie ich ihn das spitze Ding wegnehme, schreit er auf und fällt hin mit die Stirn aufn Steinhaufen. Wie ein dunkeln Strom is das Blut ihn übers Gesicht gelaufen, und ich sammel mein Herrn auf und trage ihm nach Hause. Das war nich leicht, weil daß er ein stattlichen jungen Mann war, und was mich noch swerer wurde, das war der pralle Mondenschein. Hell ins Gesicht schien mich das Dings, und wenn ich ihm ankuckte, dann kam es mich vor, als wenn er über mir und meinen Junker lachte, und als wenn er sagte: Wunder dir man nich! So was is schon oft dagewesen! Aber ich wunderte mir doch, und von die Zeit bin ich allemal vergretzt, wenn ich den Mond ansehen muß.

Weiß Gott, die Landstraße wollte kein Ende nehmen, und die Stadt kam gar nich. Zu allerletz abers hab ich doch mein Kammerjunker in sein Bett legen können. Besinnung hat er all lang nich mehr gehabt, und aus diesen Bett in den fremden Gasthof is er viele, viele Wochen nich herausgekommen. Er hatt ein ganz böses Loch in die Stirn, das gar nich heil werden wollt, und sonstens war er auch noch krank. Wochenlang lag er und sagt kein Wort, kein einziges Wort. Nur mannichmal, da hob er die Hände in die Höchte und sagte: Fluch, dreimal Fluch! Und dann deckt er die Fingers über die Augens und lag still, ganzen still.

In diese Zeit bin ich nich viel von sein Bett fortgegangen, abers ich hab doch gehört, daß der junge Herzog ganz heimlich im Sloßgarten begraben worden is, und daß sie Piähr neben ihm legten, obgleich das ja drektemang gegen den Respekt is. Sie dachten abers wohl, daß der liebe Gott die beiden doch voneinander kennen tat und ein jeden an seinen Platz setzen würd. Das würd mich nu auch sehr angenehm sein, weil daß ich Piähr im Himmel gern wiedersehen wollt, was ich natürlicheweise nich kann, wenn er mit einmal mang die vornehmen Herrschaftens is, wo für unsereins doch kein rechte Gemütlichkeit is.

Aufs Grab von die Franzosens sind Bäume gepflanzt worden, damit kein Mensch den Platz kennt – so hatt Herzog Peter Friedrich befohlen, weil daß er soviel Angst hatt vor Napolium. Ihn war die ganze Geschichte furchtbar fital, sagt sein Kammerdiener. Der alte Herr war fix ärgerlich, weil daß er, als das Unglück passierte, gerade bein Abzählen von die Hacke in sein Strumpf war und bei diese Arbeit keine Störung vertragen konnte. Seine Hofherrens mußten zu die Franzosens sagen, sie sollten man keinen Lärm um das kleine Mallöhr schlagen, wenn sie nich alle von Plön verbannt werden wollten. Peter Friedrich hätt kein Lust, von Napolium ein groben Brief zu slucken und noch mehr Verdrießlichkeitens zu haben. Und die französchen Herrschaftens hatten kein Lust, wieder in der Verbannung zu gehn, da hatten sie genug von gehabt. Sie swiegen ganzen still, und als der Plöner Herzog bald wieder ne Gesellschaft gab, um noch mal ne ungestörte Bootpattie zu machen, da waren sie alle wieder bei, und ich konnte ihnen von übers Wasser her lachen hören. Denn unser Gasthaus sah mit seinen Fenstern über den großen See hinüber. Ja, da konnten sie lachen, als wenn gar nix passiert war, als läg der junge Herzog nich unter die Bäumens begraben, und als hätt die französche Prinzessin nimmer auf die Landstraße gesessen mit den toten Mann neben sich.

Die Wolken hatten sich verzogen, und ein Strahl der scheidenden Sonne fiel in Detlev Marksens kleines Zimmer. Der Alte erhob sich schwerfällig.

Nu können Sie man nach Hause gehn, allens is wieder trocken! Soll ich Ihnen ein büschen aufn Weg bringen?

Ich erwiderte, daß ich seine Geschichte erst zu Ende hören wollte.

Aber Detlev sah mich müde an. Da is nix mehr zu verzählen. Die französche Prinzessin is den nächsten Tag nach Kiel gefahren, in eine verslossene Kutsche, und was der alte Herzog war, der is mitgefahren. Später hab ich man gehört, daß sie ein vornehmen Prinzen heiraten mußte, und daß ihr kein Mensch hat leiden mögen. Denn sie war ümmer ernsthaft und konnt sich nich freuen, wenn die andern Spaß machten. So is das nu in die Welt. Der ein hat ein swaches Gedächtnis und kann lustig bleiben; der andre is langsamer von Vergessen und muß an schöne Zeiten denken, die nich wiederkommen.

Detlev hatte sich wieder gesetzt und sah einem roten Sonnenstrahl nach, der an der Wand entlangglitt. Das schlechtgemalte Bild eines Herrn in Kammerherrenuniform, das da hing, erschien wie in Gold getaucht. Der Alte nickte mit dem Kopf und sagte leise vor sich hin: Ümmer, wenn die Sonne scheint, dann scheint sie auch auf ihm, und dann sieht er ordentlich freundlich aus. Und er is doch sein Lebtag nich wieder vergnügt geworden. Nach Eutin hat er in Oktobermonat wieder hinfahren können, und ich freute mir, unser klein Stadt und unsern Herzog wiederzusehn. Meinen Junker abers is allens egal gewesen. Er war gesund und konnte Dienst tun bei Hof, und er machte Dieners und verzog den Mund, wenn er lachen sollt, weiter abers gar nix. Er war wie eine Puppe geworden, und so is er geblieben.

Große Menschen mögen abers nich viel mit Puppens zu tun haben, die langweilen ihnen, und so dauerte es nich lange, so hieß mein Junker der langweilige Kammerjunker. Die kleine Komteß mocht ihm gar nich mehr leiden, und er ihr auch nich. Die beiden sind ganz sangfassong auseinandergegangen, und auch als sich die Komteß mit ein andern Herrn verlobt hat, da sagte mein Herr nich das Geringste. Er könnt sich über nix mehr freuen und über nix mehr ärgern. Bloß als in eine Gesellschaft mal von Napolium gesprochen ward und von seine Spione und einer sagte, in Eutin und Plön sollt auch ein Mann gewesen sein, der spioniert hatt, und das wär um die Zeit gewesen, als der Franzosenkaiser Jagd machte auf den französischen Herzog, da is mein Herr kreideweiß geworden. Und viele Nächtens hinterher is er nich zu Bett gegangen und hat ümmer vor sich hingesagt: Fluch dem Verräter! Später is er ümmer stiller geworden und ümmer langweiliger. Als unser Herzog ihm zum Kammerherrn machte, da haben die Leute gesagt, aus den langweiligen Kammerjunker war ein langweiligen Kammerherrn geworden, und ein Orden hätt ihm auch nich amesanter gemacht. Und weil ihm die Menschen langweilig nannten, hat er ihnen auch langweilig gefunden und keinen mehr leiden mögen. Bald is er auch in Pangschon gegangen und hat hier gelebt, hier in diesen kleinen Bauernhaus. Hier, wo er keinen Menschen langweilte, mochte er am liebsten sein, und ich bin natürlicheweise mit ihn gegangen. Da sind wir denn mitsammen alt geworden, und wenn mein Herr mal in die Stadt gegangen is, dann haben sich die Kinders angestoßen und gesagt: Kuck, da geht der langweilige Kammerherr! Und eines Morgens hat er tot in sein Bett gelegen, worüber ich mir ordentlich freute, weil er gar nicht mehr langweilig aussah. Und weil ich ihm so lieb hatte, deswegen wußte ich ja, daß er im Himmel besser aufgehoben is als auf dieser Erde, wo es alle Tage langweiliger wird. Und wenn ich dahin komm, denn soll mir bloß wundern, ob das allens nich all lang aufgeklärt is, ich mein die Geschichte mit Herrn Rosenstein, und daß mein Junker doch kein Schuld hatt an den Tod von den Herzog. Denn wenn er das Geld nahm, so tat er es man bloß aus pure Unbedachtsamkeit und nich, weil er jemand verraten wollt. Soviel is gewiß: ich sprech da oben mal über allens und sag geradeaus mein Meinung, wenn es auch unbescheiden is. Abers ich hab doch von den Fluch auch ein Stück abgekriegt, das kann ich deutlich merken, und daher is mich das so greulich, wenn der Mond scheint, und ich an all die alten Geschichtens denken muß. Ich hab denn auch in mein Testament geschrieben, daß ich mein Grab auf den dunkelsten Platz von Kirchhof haben will, denn sonsten kann ich nich geruhig in die Erde liegen, das weiß ich genau. Nu aber müssen Sie warraftigen Gott nach Hause gehn!

Das tat ich denn auch, während der alte Mann ein Stück schweigend neben mir herging und nur manchmal tief aufseufzte oder mit seinem Hunde sprach. Von der Zeit an sind wir beide sehr gute Freunde gewesen, und wenn wir uns begegneten, dann sprachen wir immer lange miteinander. Vom Wetter und von der Ernte, von der Schlechtigkeit der Welt und von den guten Eigenschaften Perles. Nur vom langwelligen Kammerherrn haben wir niemals mehr gesprochen. Nun ruht Detlev Marksen schon lange an einem so dunkeln Kirchhofsplätzchen, daß ihn der Mond nie mehr ärgern kann, und so hoffe ich, er wird sich auch nicht darüber ärgern, daß ich ihm die Geschichte vom langweiligen Kammerherrn hier nacherzählt habe.