Die erste Liebe

In einem Häuschen, das etwas außerhalb der kleinen Stadt lag, wohnten der Baron und die Baronin Ravenstein. Der Baron war ein älterer, zierlich gewachsener Herr mit stark gefärbtem Schnurrbart und sehr artigem Auftreten; die Baronin mochte etwa zwanzig Jahre jünger sein als ihr Mann und konnte oft noch etwas sehr Jugendliches in ihrem Wesen haben. Sie war gutmütig und frisch, hatte Freude an Witzen und lustigen Geschichten, und die Leute sagten, sie sei viel klüger als der Baron und langweile sich mit ihm. Ob diese Behauptung richtig war, konnte aber niemand mit Sicherheit nachweisen. Jedenfalls lebte das Ehepaar in vollständiger Einigkeit nebeneinander hin, und wenn der Baron sehr regelmäßig dreimal täglich ins Wirtshaus, aber niemals mit seiner Frau spazieren ging oder sich sonst mit ihr öffentlich zeigte, so kam das einfach daher, daß er keine Zeit für sie und sie keine für ihn hatte. Das war von jeher so gewesen. Der Baron saß entweder in der Weinstube oder schrieb an einem Buche über Schußwaffen, das er schon seit Jahren in Arbeit hatte; die Baronin malte, kochte, nähte, strickte, rauchte Zigarren, pflegte arme Leute, kurz, sie tat alles, was eine Frau tun, und was sie nicht tun soll. Denn sie machte auch häufig Schulden. Ihren Mann aber schien sie niemals nötig zu haben, weder bei ihren guten noch bei ihren anfechtbaren Taten, und deshalb hatten sich alle ihre Bekannten daran gewöhnt, sie ohne ihn einzuladen und ihn niemals bei ihr im Hause zu sehen. Auf der andern Seite sprach der Stammtisch, an dem der Baron die Hälfte seines Tages verbrachte, niemals von der Baronin. Aber es gab niemand in der kleinen Stadt, der sich nicht längst an die beiden Menschen gewöhnt gehabt hätte. Sie waren eben nicht eins, sondern zwei ganz getrennte Persönlichkeiten, und das erfuhren insbesondre manchmal die Kaufleute, wenn sie sich etwa an den Baron wandten, um eine Rechnung seiner Frau Gemahlin bezahlt zu bekommen. Er drehte dann sehr nachdenklich seinen tiefschwarzen Schnurrbart und räusperte sich.

Also wieder nicht bezahlt! Wenn ich meine Frau gelegentlich sehe, lieber Herr Meier, dann will ich es ihr sagen. Ich mache mir einen Knoten ins Taschentuch, sehen Sie?

Aber der Knoten im Taschentuch half doch nichts, er sagte ihr niemals etwas, und die Lieferanten mußten schon die Baronin selbst aufsuchen.

Sie wurden dann sehr freundlich aufgenommen. Ach bitte, setzen Sie sich doch! Wollen Sie nicht eine Zigarre? Es ist eine gute Sorte – von Ihnen selbst! Ach, dabei fällt mir ein, ich habe sie wohl noch gar nicht bezahlt! Wie leichtsinnig! Sind Sie mir böse?

Der Schuldner war schon lange nicht mehr böse. Er ärgerte sich nur, daß er nicht den hundertsten Mahnbrief geschrieben hatte, anstatt sich dem Klange dieser frischen Stimme und dem harmlos freundlichen Blick dieser Augen auszusetzen. Die Baronin hatte eine merkwürdig jugendliche Stimme, obgleich sie über vierzig Jahre alt war. Nun kniete sie vor einem kleinen Schrank nieder, aus dem beim Öffnen alles mögliche hervorquoll, und holte ganz von unten ein verstäubtes Bild hervor.

Sehen Sie, das ist eine Viehherde, die habe ich gemalt! Sie müssen es nicht verkehrt halten, dann ist es nicht zu erkennen; aber wenn Sie es gerade vor sich hinhalten und das Licht hell darauf fallen lassen, werden Sie doch die Kühe darauf sehen können! Ich werde das Bild fertig malen und es zu verkaufen suchen. Nicht wahr, Herr Meier, solange darf ich noch mit der Bezahlung der alten, dummen Rechnung warten? Oder muß ich die alten Tassen dort überm Kamin verkaufen? Sie sind das letzte Andenken von meiner Großmutter!

Nein, erwiderte Herr Meier, die Baronin möchte die Tassen nicht verkaufen. Herr Meier kam sich plötzlich wie ein Barbar vor; denn es fiel ihm ein, daß die Baronin vor einigen Wochen seinen kleinen Jungen auf der Straße mit einem Loch im Kopfe gefunden, ihn mitgenommen, ihn gewaschen und verbunden hatte. Weil er zornig auf Frau von Ravenstein war, hatte er sich nicht bedankt; nun stotterte er seinen Dank und murmelte dabei, daß er gern einen Strich durch die Rechnung machen wolle, wenn nur keine neuen Schulden aufliefen.

Die Baronin lächelte, ihre kleine Gestalt richtete sich aber sehr gerade in die Höhe.

Oh, Sie bekommen Ihr Geld schon, sagte sie mit einer Handbewegung. Es war nämlich einer von den Widersprüchen in ihrem Charakter, daß sie sich nichts schenken lassen wollte, trotz ihrer Neigung zum Schuldenmachen; und wirklich, nach einiger Zeit bezahlte sie ihre Rechnung. Der Antiquitätenhändler in Frankfurt wußte, wie sie es machte, und Herr Meier ärgerte sich, daß er sie gemahnt hatte.

So war es immer mit Frau von Ravenstein. Die Leute fanden allerhand an ihr auszusetzen, und sie hatte auch ihre unleugbaren Schwächen; aber jeder, der mit ihr in Berührung kam, mußte ihr doch zugetan sein.

Es gab sogar Damen, die sie zu kopieren suchten, und zu diesen gehörte Frau von Zehleneck, eine Verwandte und Jugendbekannte Ada Ravensteins, die als Witwe in der kleinen Stadt lebte und ungemein lebenslustig war. Sie brach zwar jedesmal in Tränen aus, wenn sie am Kirchhofe vorüberging, weil er sie an ihren toten Mann erinnerte; aber da sie diesem Manne bei seinen Lebzeiten mehrere Male fortgelaufen war, so wunderte sich niemand, wenn sie nach dem Weinen bald wieder lachte. Sie stand in dem Rufe, daß sie gern eine zweite Ehe eingegangen wäre, aber es hatte sich noch niemand gefunden, der sie hätte heiraten wollen.

Das kommt von meinen fünf Kindern, sagte sie zu Ada Ravenstein, als sie dieser einmal ihre Vereinsamung klagte. Ich hätte zwei Partien machen können, aber die Kinder! Und sie sind doch alle im Kadettenkorps oder bei Verwandten untergebracht! Ihretwegen könnte ich schon heiraten! – Bei diesen Worten sah sie in den Spiegel, der eine sehr wohlkonservierte dunkle Dame mit funkelnden Augen zurückgab. – Wahrhaftig, Ada, ich kann es noch mit manchem Backfisch aufnehmen.

Ada nickte. Sie strickte gerade für den Armenverein und war friedlich gesinnt; deshalb sagte sie nichts. Amelie Zehleneck freute sich dieses zustimmenden Schweigens und sprach weiter.

Du hast es gut, Ada! Keine Kinder, einen Mann, der sich gar nicht um dich kümmert – wirklich zu nett! Wenn ich mir denke, wie Julius manchmal mit mir war! Nun, er ist tot, Friede seiner Asche! Er ist manchmal scheußlich gegen mich gewesen, aber übers Grab hinaus trage ich ihm nicht das geringste nach! Weißt du übrigens, daß Wally Rössing hierher zieht?

Die Baronin, die ihrer Freundin mit einem flüchtigen Lächeln zugehört hatte, blickte auf.

Graf Rössing zieht hierher? Ich habe kein Wort davon gehört!

Ja, sagte Amelie. Gestern ist schon ein Kaffee ihm zu Ehren gegeben worden, wo ausschließlich über diesen neuen Zuwachs unsrer Gesellschaft gesprochen wurde. Seine Frau ist seit einem Jahre tot, sein Sohn ist irgendwo auf der Schule oder auf der Universität – er kommt hierher! Sie seufzte und blickte wieder in den Spiegel.

Weshalb bist du denn so traurig? fragte Ada harmlos.

Aber Liebste, du weißt doch, daß Rössing und ich eigentlich verlobt waren? Ach, es ist lange her, ich war siebzehn Jahre alt, aber ich glaube sicher, daß er meine erste Liebe war! Die seine war ich, das hat er mir damals mehr als einmal gesagt. Es wäre alles so gut gegangen, wenn nicht der dumme Krieg gekommen wäre, der uns die dänische Einquartierung bringen mußte. Es war ein so niedlicher kleiner Leutnant dabei! Herr von Petersen hieß er allerdings, und ich dachte mir natürlich gar nichts bei seinen Aufmerksamkeiten, aber Wally muß sich plötzlich etwas dabei gedacht haben! Er schrieb mir einen Absagebrief; ich ärgere mich noch, wenn ich an den denke! Nun, da war die Geschichte aus, und jeder von uns heiratete einen andern!

Rössing soll sehr glücklich mit seiner Frau gelebt haben, sagte die Baronin.

Frau von Zehleneck zuckte die Achseln. So sagt man! bemerkte sie kurz. Aber die erste Liebe bleibt doch die erste Liebe. Das mußt du doch auch wissen; du warst ja ebenfalls mit einem schleswig-holsteinischen Offizier so gut wie verlobt. Ich glaube, sein Vater war Bäcker, und deine Großmutter prügelte deinen Anbeter, als die Sache herauskam. So erzählte wenigstens mein Vater.

Die Baronin hatte ihr Strickzeug in den Schoß gleiten lassen und machte ein spöttisches Gesicht.

Was dein Vater erzählte, war bekanntlich niemals wahr! bemerkte sie gleichmütig. Du wirst dich erinnern, daß, als er tot war, keiner aus seiner Familie zur Beerdigung kommen wollte, weil jeder glaubte, er löge nur. Nein, Großmutter hat den kleinen Fritz Neumann niemals geprügelt, dazu war sie denn doch zu sehr große Dame, aber aus dem Hause komplimentiert ist er worden. Sein Vater war auch kein Bäcker, sondern ein Kaufmann, und er selbst ein halber Student. Es war eine Kinderei! setzte sie halb lachend hinzu.

Aber es war doch deine erste Liebe! rief Frau von Zehleneck. Hast du eigentlich nie wieder etwas von ihm gehört?

Frau von Ravenstein strickte schon wieder. Ich glaube, er ist nach Amerika gegangen, antwortete sie ruhig.

Die Freundin stand auf. Also deine erste Liebe ist in die Ferne gegangen, und die meine kommt wieder. So sind die Geschicke der Menschen verschieden.

Als sie Abschied genommen hatte, saß Frau von Ravenstein einen Augenblick mit nachdenklicher Miene da und vergaß ihr Strickzeug. An den blassen schleswig-holsteinischen Offizier, der auf ihrem elterlichen Gute einquartiert gewesen war, hatte sie lange nicht gedacht. Nun stand er plötzlich vor ihr, jener lange, blonde Mensch, der so wenig sprach und keine besonders feinen Manieren hatte, der aber doch von allen wie ein Held angestaunt wurde. Denn er war von den Dänen verwundet worden, ein Held, ein Vaterlandsverteidiger! Ada hatte sich mit ihren siebzehn Jahren natürlich gleich in ihn verliebt, sie hatte von ihm geträumt und hätte sich gern von ihm entführen lassen, wenn Fritz Neumann Lust dazu gehabt hätte. So weit war es aber, Gott sei Dank, nicht gekommen. Die Baronin empfand wirklich Dankbarkeit gegen Gott bei diesem Gedanken, aber sie wurde doch auch von einer vorübergehenden Rührung erfaßt, wenn sie dachte, wie unglücklich sie eine Zeitlang nach dem Abschied von ihrer ersten Liebe gewesen war. Ein dunkler Platz in der großen Allee vorm Herrenhause stand plötzlich in ihrer Erinnerung. Dort hatte Fritz Neumann ihr den ersten und letzten Kuß gegeben, und sie hatte lange Zeit nicht ohne tiefe Bewegung an diesem Fleck Erde vorübergehen können.

Ja, das waren vergangne Zeiten! Die Baronin lachte etwas vor sich hin, und als jetzt ihr Mann den Kopf in die halbgeöffnete Türspalte steckte, rief sie, er möchte doch hereinkommen.

Herr von Ravenstein gehorchte sofort. Er war eigentlich nicht gewohnt, nachmittags mit seiner Frau zu sprechen, und hatte nur aus flüchtiger Neugier in ihr Zimmer gesehen. Aber er war viel zu höflich, um dem Wunsche seiner Gattin nicht zu entsprechen.

Warst du in der Weinstube, Rudolf? fragte sie ihn jetzt.

Natürlich; da bin ich ja um diese Tageszeit immer!

War es interessant?

Der Baron sah sie etwas erstaunt an.

Ja, es war ausnahmsweise interessant, und es freut mich, daß du mich danach fragst. Zwei fremde Herren aus Hamburg waren da, wir kamen aufs Pistolenschießen zu sprechen, und ich habe ihnen etwas vorschießen müssen. Erst im Zimmer, dann im Garten. August, der Kellner, war allerdings erst etwas ängstlich, als ich ihm den Taler aus den Fingern wegschießen wollte, nachher aber besann er sich. Sehr hübsch war es, als er mir später ganz ahnungslos das Profil seiner Gestalt zuwendete, und ich ihm den obersten Knopf aus seiner Jacke schoß!

Ravenstein hatte sehr lebhaft gesprochen. Es war die größte Freude seines Lebens, weit und breit für den besten Pistolenschützen zu gelten, er übte die Kunst so oft wie möglich aus.

Seine Frau sah ihn mit einem nachsichtigen Lächeln an. Nun, wunderten sich auch die Herren aus Hamburg über dich?

Gewiß! Sie sagten, ich würde sofort eine Anstellung bei Renz bekommen. Auch die andern Bekannten lobten mich; nur der Sanitätsrat war in seiner Unkenstimmung und sagte, ich würde mich noch einmal totschießen. Aber er war schlechter Laune. Denn der alte Etatsrat, der vor einiger Zeit hierhergezogen ist, und den wir alle nicht leiden können, hat einen Podagraanfall gehabt und unsern Doktor zu seinem Leibarzt gemacht. Diese Ehre hat ihn riesig verstimmt, der Etatsrat ist eben zu langweilig.

Was wollten denn die Herren aus Hamburg hier? fragte die Baronin, die gern etwas Neues hörte.

Es waren zwei Unterhändler, die das Gut Fresenhagen an einen reichen Herrn verkauft haben. An irgend jemand aus Amerika oder Australien, ich habe nicht darauf geachtet.

Er wird vielleicht nur aus Bremen oder Lübeck sein, meinte Ada gleichgültig.

Ihr Mann stand auf. Auch möglich, sagte er. Ich habe nicht danach gefragt. Aber es ist irgendein Fremder mit einem sehr gewöhnlichen Namen. Und nun darf ich mich wohl zurückziehen, liebe Ada? Denke dir, mir sind heute alle Kapitelüberschriften meines Buches eingefallen! Wenn ich die einmal habe, wird das Werk bald fertig sein, ich muß mich an die Arbeit setzen.

Rolf Ravenstein ging, und seine Frau legte ihr Strickzeug zur Seite und vertiefte sich in einen französischen Roman. Es war ihr ganz selbstverständlich, daß ihr Mann sich mit nichts anderm als Pistolenschießen, am Stammtisch sitzen und gelegentlich etwas Schreiben beschäftigte, und daß sie niemals über sein tatenloses Dasein nachdachte.

Diese Unterhaltung hatte im Frühling stattgefunden. Nun hatte sich ein warmer Sommer mit den milden, sonnenlosen Tagen eingestellt, wie sie im Norden so häufig sind, und die Baronin saß viel in ihrem Garten. Der war wenig gepflegt und bestand nur aus einigen zerzausten Blumenbeeten, aber er hatte eine sehr geräumige grüne Laube und einen wundervollen Blick auf den blauen Landsee und seine sanft ansteigenden Ufer. Auch der Baron war oft im Garten. Entweder schoß er hier nach Glaskugeln, die er in die Luft warf, oder er saß bei seiner Frau und sah ihr bei ihren Beschäftigungen zu. Früher hatte er das nicht getan, aber in diesem Jahre war er so allmählich in die Gewohnheit gekommen, hin und wieder mit Ada zusammen zu sein, und es gefiel ihm ganz gut. Obgleich er vor bald zwanzig Jahren nicht aus Liebe, sondern auf den Wunsch seines ältern Bruders, des Majoratsherrn, geheiratet hatte, war ihm doch das Zusammenleben mit seiner Frau immer ganz bequem gewesen. Von Liebe hatten beide niemals gesprochen. Von solchen Dingen wisse Ada noch gar nichts, hatte ihre Großmutter damals gesagt, die die Heirat zustande brachte. Ada war ein vermögensloses adliges Mädchen und mußte sich freuen, eine standesgemäße Partie machen zu können.

Der Baron mußte in diesem Sommer manchmal an die alte hochmütige Dame denken, vor der er immer Angst gehabt hatte. Wie gut, daß ihr Ada gar nicht ähnlich sah! Er blickte zufrieden in ihr schmales, etwas farbloses Gesicht, das sich gerade eifrig über ein Buch von David Strauß beugte. Der Pastor hatte neulich von der Kanzel davor gewarnt; nun hatte die Baronin ein Armband verkauft, um die verbotne Frucht kennenzulernen. Aber sie war nicht immer auf das Lesen versessen. Oft saß sie müßig und unterhielt sich mit Graf Waldemar Rössing, der seit einigen Wochen seinen Wohnsitz in der kleinen Stadt aufgeschlagen hatte und sie oft besuchte. Er war ein mittelgroßer Herr mit kurzgeschornen, eisgrauen Haaren und einem Raubvogelgesicht, aus dem dunkle, unruhige Augen blickten. Seine Art zu sprechen war nicht immer angenehm, da er sich über sehr viele Menschen, besonders über die Frauen lustig machte und gern kleine boshafte Geschichten von ihnen erzählte. Aber er fühlte sich doch oft einsam, und da er die Baronin von früher her kannte, so plauderte er gern mit ihr: von seinem Hause, das er sich eben gekauft hatte, von seinem Sohne, der viel Geld brauchte, von alten Familiengeschichten. Er war außerdem ein guter Menschenkenner, und Adas Charakter gefiel ihm trotz mancher Eigentümlichkeiten.

Sie sind ein merkwürdig gleichgültiges Wesen, sagte er einmal zu ihr. Ihr Enthusiasmus, Ihre plötzliche Nächstenliebe sind nur Ausflüsse von Stimmungen, und im ganzen empfinden Sie wenig!

Sie sah ihn erstaunt und belustigt an.

Also ganz empfindungslos? Ich weiß doch nicht – sie wurde nachdenklich. Aber von Stimmungen hänge ich allerdings ab und hätte in dieser Beziehung gut ins Mittelalter gepaßt. Heute könnte ich mich im Vollgefühl meiner Sünde halbtot geißeln, und morgen wüßte ich nicht wohin mit meiner Lebensfreude und Lebenslust!

Lebensfreude! Der Graf machte ein verdrießliches Gesicht. Das Wort macht Zahnschmerzen!

Besuchen Sie Amelie Zehleneck! riet die Baronin. Dann werden Sie vielleicht etwas besser gestimmt! Sie ist schon sehr böse auf mich, weil sie meint, daß ich Sie von einem Besuch bei ihr zurückhielte!

Der Graf wurde noch grämlicher.

Mit Amelie mag ich nichts zu tun haben, sagte er. Sie hat viele Ahnen und ist vom ältesten Adel, aber sie weiß nicht, was adlige Gesinnung ist. Ich bin zwar selbst niemals viel wert gewesen, aber bei Amelie ärgere ich mich doch.

Aber sie war doch Ihre erste Liebe, platzte Ada heraus.

Eben deswegen, sagte Rössing gelassen. Wenn man merkt, daß man in seiner goldnen Jugend einen so niederträchtig schlechten Geschmack gehabt hat, dann ärgert man sich. Wäre Amelie vor zwanzig Jahren gestorben, dann würde sie in meinem Herzen mit einem kleinen Heiligenschein weiter leben. Es ist ungeschickt von ihr, daß sie nicht tot ist, denn sie ist eine wandelnde Enttäuschung für mich. Vor etwa zehn Jahren, als ich sie wiedersah, habe ich dies empfunden. Da trafen wir uns auf irgendeinem Hoffest. Sie war sehr geschminkt, kokettierte nach allen Seiten, und als sie mich sah, tat sie einen Schrei, der gefühlvoll klingen sollte. Nachher sagte jemand, sie wäre beinahe ohnmächtig geworden, weil sie ihre erste Liebe wiedergesehen hätte. Das war ich; ich schämte mich schon damals dieser ersten Liebe!

Die Baronin hatte ihrem Besuch nachdenklich zugehört. In den Romanen wird die erste Liebe immer gepriesen, sagte sie jetzt halb verlegen. Denn es kam ihr so vor, als würde sie sich auch nicht freuen, ihrer ersten Liebe wieder zu begegnen.

Man darf sie eben niemals wiedersehen! versicherte Rössing im Weggehen, und obgleich Ada ihn einen gefühllosen Menschen schalt, war sie doch seiner Meinung.

Sie ahnte nicht, daß das stille Leben der kleinen Stadt doch noch eine Überraschung für sie zutage fördern sollte. Diese war das plötzliche Auftauchen Herrn Friedrich Neumanns, desselben Herrn, der sie einmal im Dunkeln geküßt hatte. Der Baron brachte ihn eines Tages mit nach Hause. Er war der neue Besitzer des schönen alten Gutes Fresenhagen, der an den Stammtisch der Weinstube gegangen war, um Bekanntschaften zu machen, und der mit dem Baron gleich Freundschaft geschlossen hatte. Ravenstein hatte sehr viel Interesse für Landwirtschaft. Er war vor seiner Verheiratung schon auf zwei Höfen bankrott geworden und konnte deswegen gut Ratschläge erteilen, und Herr Neumann verstand fast gar nichts von der Bewirtschaftung eines Gutes und noch viel weniger von der Behandlung seines Wildbestandes. Da war es denn gut, daß er sich gleich an den Baron wandte, der ihm mit Wonne alles sagte, was er wußte, und ihn mit sich nach Hause nahm, um ihm ein Buch über die Jagd zu leihen.

Frau von Ravenstein war im Zimmer ihres Mannes, als dieser mit dem Besuch eintrat. Sie war bei der Vorstellung sehr überrascht, faßte sich aber schnell und betrachtete nicht ohne Interesse die magre, etwas vornübergebeugte Gestalt des Jugendfreundes, den die Jahre nicht verschönt hatten. Er war noch gerade so blaß wie damals, und seine hellen Augen blickten etwas verschwommen. Seine Stimme aber klang gleichmäßig ruhig, und der starke englische Akzent, den er sich angewöhnt hatte, verlieh ihm etwas angenehm Fremdartiges.

Neumann regte sich ebensowenig bei dem Wiedersehen auf. Er sprach vollständig harmlos von den alten, vergnügten Zeiten, erwähnte häufig seine zarte Gesundheit, die ihn nötige, auf dem Lande zu leben, und legte einigen Nachdruck darauf, daß seine frühere Verwundung ihm noch immer zu schaffen mache. Diese letzte Bemerkung rührte den Baron. Er war auch schleswig-holsteinischer Freiheitskämpfer gewesen, das lustige Soldatenleben hatte ihm gut gefallen, und an seine Kameraden dachte er mit großer Freundlichkeit. Neumann war also, von Achtundvierzig her, sein Kamerad, und daß sein Kamerad vom Kriege her noch Schmerzen hatte, tat ihm sehr leid. Obgleich er sonst eigentlich niemand einlud, ihn zu besuchen, forderte er doch Neumann dringend dazu auf, und der neue Gutsbesitzer, der sich in seinem alten Herrenhause und unter den vielen neuen Menschen ungemütlich fühlte, kam nur zu gern.

Neumann war niemals ein sehr großartiger Charakter gewesen, obgleich er für die Freiheit gekämpft hatte; aber er gehörte nicht zu den schlechten Menschen. Er dachte vor allem an sich, tat aber auch andern nichts zuleide und hatte das Bedürfnis, mit gebildeten, womöglich auch vornehmen Menschen zu verkehren. Dieses Bedürfnis hatte er immer gehabt, und sein Aufenthalt im Westen von Nordamerika hatte es nicht verringert. Dort hatte er nämlich fast zwanzig Jahre gelebt und ein anscheinend recht beträchtliches Vermögen erworben. Gelegentlich erzählte er diese Tatsache, aber nichts Näheres von seinem Leben dort. Es fragte ihn auch niemand danach. Er war ein früherer Offizier und Waffenbruder Ravensteins, das war für den ausschlaggebenden Stammtisch in der Weinstube genügend; und Ravenstein machte sich von dem Leben in Amerika eine so allgemeine, freundliche Vorstellung, daß er gar nicht weiter darüber nachdachte, was man dort wohl tun könne. Nach seiner Ansicht schoß man in dem großen, fernen Lande sehr kapitale graue Bären und löschte seinen Durst später an einer Quelle, deren Steine goldhaltig waren. Dort mußte man also sehr leicht reich werden können, und es tat dem guten Baron nur leid, daß er in seiner Jugend auch nicht einmal drüben gewesen war. Die Baronin hatte noch liebenswürdigere Gedanken über Amerika. Die grauen Bären waren ihr gleichgültig, sie dachte mehr an Paradiesvögel und Diamanten und an ein fröhliches, sorgenloses Leben, ohne Rechnungen und ohne Mahnbriefe. Wenn nun auch Herr Neumann gelegentlich eine Äußerung tat, die darauf schließen ließ, daß die Paradiesvögel und die Diamanten nicht gerade eine hervorragende Rolle in seinem Leben gespielt hätten, so achtete doch Ada wenig darauf. Sie war im Laufe des Sommers wieder ganz vertraut mit Neumann geworden, und wenn sie auch sein etwas ungeschicktes Wesen manchmal langweilte, so ergötzte es sie doch, ihn etwas erziehen zu können. Sie gewöhnte ihm seine englischen Redensarten, seinen schweren, englischen Akzent ab, sie gab ihm einige Anweisungen in der feinern Redensart, und der ehemalige Leutnant lernte schnell und eifrig. Er hatte doch das Bewußtsein, daß ihm etwas abhanden gekommen sei, und seine Gelehrigkeit machte der Baronin Freude. Zum Dank für ihre Geduld war Neumann der aufmerksamste Zuhörer bei den Erzählungen des Barons. Obgleich er einen guten Inspektor angenommen hatte, fragte er doch den Baron bei jeder Kleinigkeit um Rat; er ließ sich von ihm im Pistolenschießen unterweisen, obgleich er selbst ein guter Schütze zu sein schien, und er hatte eine liebenswürdige Art, Blumen oder Früchte von seinem Gute mitzubringen, die sehr angenehm war.

Ravenstein war denn auch sehr glücklich über seinen neuen Umgang. Die Baronin aber entdeckte eines Tages, daß sie Neumann überdrüssig wurde. Wenn sie über ihn nachgedacht hätte, würde ihr vielleicht zum Bewußtsein gekommen sein, daß etwas Unklares, Dunkles in seinem Charakter war, daß sie nicht ergründen konnte. Aber Ada hatte niemals Lust gehabt, nachzudenken. Er langweilte sie mit seiner trocknen Art zu sprechen, seiner Unfähigkeit, lustig zu sein – weiter nichts. Da dachte sie dann eigentlich gar nicht mehr an ihn, auch nicht, wenn er dicht neben ihr saß, und freute sich, Graf Rössing zu haben, mit dem sie plaudern und lachen konnte.

Der Graf kam oft zu ihr in die grüne Laube, um seinen Nachmittagskaffee bei ihr zu trinken, und dann wußte er immer etwas Neues. Manchmal war es etwas Trauriges, manchmal etwas Lustiges, aber es war doch eine Abwechslung, und die schönen Augen der Baronin strahlten auf, wenn sein scharfgeschnittnes Gesicht vor ihr erschien.

Sie sind meine Rettung aus Neumanns Langeweile! sagte sie einmal zu ihm. Der Graf lachte. Schelten Sie nicht auf Neumann, ich glaube, er betet Sie an!

Mich? – Ihr Gesicht nahm einen verächtlichen Ausdruck an. Meinetwegen, setzte sie dann gleichgültig hinzu. Er ist sehr nett gegen meinen guten Rolf. Aber es ist sonderbar: der Mensch weckt eine Sehnsucht in mir, etwas zu erleben, etwas Besondres, Merkwürdiges, wie ich es früher gar nicht gekannt habe! Ich bin ganz zufrieden mit meinem kleinen Dasein in diesem Neste gewesen. Rolf ist gut gegen mich – manchmal habe ich Sorgen, manchmal keine; manchmal bin ich mit Leidenschaft fleißig, manchmal mit Leidenschaft faul, und ich freue mich immer am Sonnenschein, am Wasser und am Buchenwald. So war es, und so sollte es bleiben bis an mein seliges Ende. Und nun ist es anders geworden. Sobald ich Neumann sehe, dann kribbelt's mich irgendwo, und ich meine, in die weite Welt zu müssen – weit, weit weg von hier!

Die Baronin hatte lebhafter gesprochen, als es sonst ihre Art war, und Rössing hörte ihr mit einem belustigten Lächeln zu. Das sind Stimmungen, wie Sie sie oft gehabt und immer gleich wieder vergessen haben, erwiderte er. Der gute Neumann ist wirklich eine so neutrale Persönlichkeit, daß ich mir einen besondern Einfluß, den er auf Sie ausüben könnte, gar nicht vorzustellen vermag.

Ja ja, es sind Stimmungen! sagte die Baronin hastig, dann stand sie auf, um dem Besprochnen entgegenzugehen, der gerade in Begleitung ihres Mannes in den Garten trat. Herr Neumann sah allerdings noch gerade so blaß aus wie bei seiner Antrittsvisite, aber ganz so neutral, wie ihn der Graf nannte, war er denn doch nicht. Er war bereits etwas lebhafter in seinem Auftreten geworden, und der Umgang mit den adligen Herren schien ihm recht angenehm zu sein. Jedenfalls suchte er sich immer von seiner liebenswürdigsten Seite zu zeigen, und heute kam er mit einer dringenden Einladung für Ravenstein und den Grafen. Beide sollten ihn an einem der folgenden Tage zum frühen Mittagessen besuchen und ihm wegen der Anlage eines Wildparks mit ihrem Rate zur Seite stehen.

Seine Einladung wurde freundlich angenommen. Auch Graf Rössing hatte seine Schwächen und sah gern anerkannt, daß er von der vornehmen Führung eines Gutes am meisten verstand.

Die kleine Gesellschaft im Garten war also sehr heiter. Der Baron hatte einen Kasten mit Glaskugeln geholt, warf sie in die Luft und schoß danach. Er traf sie allemal, und Neumann, der es ihm nachzumachen versuchte, ärgerte sich ein wenig, daß er, der so gut mit Pistolen zu schießen verstand, es dem Baron doch nicht gleichtun konnte. Aber der Ärger war nur vorübergehend, denn plötzlich erschien ein Besuch, der Fritz Neumanns Interesse erregte. Es war Frau von Zehleneck, sehr jugendlich gekleidet und unter einem weißen Schleier so hübsch zurechtgemacht, dah sie selbst dem aufmerksamen Beschauer kaum dreißig Jahre alt erschien.

Amelie war lange nicht bei ihrer Freundin gewesen. Sie legte es ihr zur Last, daß Graf Rössing ihr bis dahin noch keinen Besuch gemacht hatte, und erging sich, andern Menschen gegenüber, in sehr bittern Bemerkungen über die Baronin. Auf die Länge aber sagte ihr der Zustand des Beleidigtseins nicht zu, und da sie gehört hatte, daß sowohl der Graf wie der reiche fremde Gutsbesitzer oft am Nachmittage bei Ada zu finden seien, so stellte auch sie sich ein.

Die Baronin begrüßte ihre Freundin mit ruhiger Freundlichkeit und wandte sich dann zu den Herren. Ehe sie aber ein Wort der Vorstellung sagen konnte, war Amelie mit ausgestreckten Händen auf den Grafen zugegangen.

Wir kennen uns, lieber Graf, sagte sie mit zitternder Stimme und einem sentimentalen Augenaufschlag.

Gewiß, Gnädigste, wir kennen uns sogar sehr gut! versetzte der Angeredete, sich kurz verbeugend. Er schien die ausgestreckten Hände nicht zu sehen und lächelte so eigentümlich, daß ihn Frau von Zehleneck unsicher anblickte und sich gleich zu Herrn Neumann wandte.

Dieser war nicht so abweisend wie Rössing. Er hatte schon unausgesetzt die großgewachsne und noch sehr schlank gebliebne Gestalt der auffallend gekleideten Dame betrachtet und sah ihr jetzt fest in die dunkeln Augen. Bald saß er neben der neuen Erscheinung und hörte andächtig auf ihre Unterhaltung.

Frau von Zehleneck hatte sehr viel vornehme Familienverbindungen, besonders nach Dänemark hin, und sie erzählte lebhaft von ihnen, als sie merkte, wieviel Eindruck sie damit hervorbrachte. Lehnsgrafen und Barone, Minister und Generale, ja sogar einige Prinzen flogen nur so um Neumanns Ohren, so daß er sich ganz dem gewöhnlichen Erdenleben entrückt vorkam. Gelegentlich erzählte Amelie auch, daß ihre fünf Kinder nicht bei ihr lebten, weil sie immer bei den Verwandten sein sollten. Aber darauf hörte Neumann nicht; er dachte nur an die vornehmen Leute, mit denen er vielleicht einmal bekannt werden könnte, und die blitzenden Augen der Dame gefielen ihm gut.

Am die Baronin bekümmerte er sich heute gar nicht. Diese fühlte sich aber nur erleichtert, daß er anderweitige Beschäftigung gefunden hatte. Ravenstein hatte sich wieder seinen Pistolen zugewandt. Er war sehr guter Laune, weil er fast keine Glaskugel verfehlte, die Rössing in die Luft warf, und erzählte dabei kleine, unbedeutende Geschichten, die weder Anfang noch Ende hatten, denen aber der Graf doch gutmütig zuhörte.

Der Sanitätsrat behauptet immer, ich schösse mich noch einmal tot, sagte der Baron. Der Sanitätsrat ist eine alte Unke! Die Hamburger sagen, ich würde bei Renz Riesenerfolg haben.

Eins von beiden würde ich einmal versuchen, murrte Rössing etwas ungeduldig.

Ravenstein lachte. Da wäre es denn doch noch zweifelhaft, welches denn von beiden das größere Übel wäre. Was meinst du, Ada? sagte er, indem er sich zu seiner Frau wandte, die sich neben die Herren gestellt hatte.

Mit ernsthaften Dingen soll man keinen Scherz treiben, erwiderte sie unmutig.

Aber es wäre doch kein ernsthaftes Ding, wenn ich im Zirkus Kunstschütze würde! rief der Baron. Ich würde vielleicht meine Finanzen dabei in Ordnung bringen!

Das würde dir schwerlich gelingen, sagte Ada lächelnd. Du weißt, wir können beide nicht mit Geld umgehen!

Er nickte etwas bekümmert, da ihm einfiel, daß er heute gerade um eine bedeutende Summe gemahnt worden war und nicht wußte, wie er sie aufbringen sollte. Er hatte gerade gar kein Geld, und der Majoratsherr, sein Bruder, konnte ihm auch nicht helfen.

Erschießen ist eigentlich ein anständiger Tod, begann er plötzlich, und der Sanitätsrat sagt –

Seine Frau legte ihm die Hand auf den Arm.

Du sollst nicht solche häßliche Sachen sprechen, Rolf! Denkst du denn gar nicht an deine Frau?

Er sah sie freundlich, wenn auch etwas erstaunt an. An dich? Nun natürlich, Ada. Du hast eigentlich einen bessern Mann verdient, einen, der etwas könnte und etwas hätte! Sieh mal, Rössing, da fliegt eine Taube! Jetzt soll die mal ihr Leben lassen!

Der Graf hatte die letzte Unterhaltung des Ehepaares nicht mit angehört. Er war an eines der Beete getreten und hatte sich eine Rose ins Knopfloch gesteckt. Nun schoß der Baron, und schwer fiel die Taube auf die Rosenbüsche.

Bald darauf gingen beide Herren mit Neumann in die Weinstube. Neumann war anfangs tief in Gedanken versunken; erst als das Ziel fast erreicht war, wandte er sich an den Grafen.

Ist Frau von Zehleneck wirklich Witwe? fragte er.

Ganz gewiß und wahrhaftig! lautete die in etwas spöttischem Tone gegebne Antwort. Nette Dame, wie?

Sehr nett! bestätigte Neumann mit einem Anflug von Begeisterung. Dann wurde er aber gleich wieder bedächtig. Sie erinnert mich an eine andre, hm, an eine andre Dame, mit der ich früher verkehrt habe.

Wird eine schöne Pflanze gewesen sein! dachte Rössing, aber er sagte es nicht. Wenn Neumann ein Gimpel war und sich fangen ließ, dann war es seine eigne Sache.

Als er am folgenden Tage bei Ravensteins vorsprach, um mit dem Baron die gemeinschaftliche Fahrt nach Fresenhagen zu verabreden, fand er diesen nicht zu Hause, und Ada war in gedrückter Stimmung. Zuerst wollte sie nicht sagen, was sie verstimmte, allmählich aber kam es doch heraus.

Rolf und ich sind beide in scheußlicher Geldverlegenheit, Graf! Ihnen kann ich es ja gestehen. Sie gehören, Gott sei Dank, nicht zu den taktvollen Menschen, die einem nach solchem Geständnis anonym hundert Taler schicken oder einem sagen, sie hätten selbst so viele Ausgaben, sie könnten nicht helfen, kurz, die einen nur demütigen. Lachen Sie mich aus – das wird mir gut tun, denn ich bin sehr traurig. Wo bleibt alles Geld, das ich in die Finger bekomme? Vor zwei Jahren erbte ich von Tante Leonore fünftausend Taler; wenn ich von dieser Summe heute auch nur noch eine Mark mein eigen nenne, dann will ich sie in Gold fassen und mit Diamanten besetzen lassen!

Auf Borg? fragte der Graf lachend, und als sie vollkommen ernsthaft zustimmte, sagte er tröstend: Hoffentlich ist bald einmal eine alte Erbtante von Ihnen so freundlich, das Zeitliche zu segnen! Dann sind Sie wieder von aller Not befreit!

Ach, reden Sie nicht so häßlich! unterbrach ihn Ada. Ich möchte selbst nicht sterben, wie kann ich das andern wünschen? Die schwarze Erde kommt früh genug! – Sie schauderte ein wenig. – Nein, da opfere ich lieber meinen Restbestand Meißner Porzellan! Der Mann in Frankfurt bezahlt recht gut, und schließlich habe ich noch immer Geld gehabt, meine Schulden zu bezahlen, wenn es auch manchmal lange genug dauerte, bis alles wieder in Ordnung kam. Am Ende kommt alles besser, als man denkt!

Mit diesen Redensarten tröstete sie sich selbst, und als ihr der Graf nun eine lustige Geschichte erzählte, wurde sie wieder ganz vergnügt.

Rössing war aber doch nachdenklich, als er seine Freundin verließ. Er hätte ihr gern geholfen, wenn es in seiner Macht gestanden hätte, aber er hatte auch nur bescheidne Mittel und mußte für seinen Sohn sparen, der trotz seiner Jugend ziemlich viel Geld brauchte. Außerdem gehörte er auch nicht zu den Naturen, die sich viel Sorgen machen. Als er an einem der folgenden Tage mit Ravenstein nach Fresenhagen zu Neumann hinausfuhr, war er sehr guter Laune, und auch der Baron blickte vergnügt um sich, während der Wagen durch Wald und Flur dahinrollte.

Famoses Wetter! sagte er. Und wie der Weizen herrlich steht! Gerade so wie auf meinem ersten Hofe, wo die Bauern weither kamen, um meine Felder herumgingen, die Pfeife im Munde, und bei jedem dritten Schritt ausspuckten. Denn sie konnten sich nicht denken, daß ein Baron etwas von der Landwirtschaft verstehe. Nun – bankrott bin ich ja auch zweimal geworden. Doch es kam nicht vom Weizen, ich weiß nicht, woher es kam! Aber wenn ich einen Taler in der Tasche habe, dann brennt es mich, bis ich ihn habe fliegen lassen! Er sah so zufrieden bei diesem Bekenntnis aus, daß Rössing lachen mußte.

Nun, heute wirst du wohl nicht gebrannt, du scheinst ganz erleichtert zu sein!

Ravenstein machte eine Handbewegung. Pah – sprechen wir nicht vom Gelde – wir können ohne Mammon leben! Ich bin immer froh, wenn ich nichts in der Tasche habe!

Er sprach harmlos, aber der Graf dachte plötzlich an Adas sorgenvolles Gesicht und ärgerte sich über den Freund.

Du hättest eigentlich nicht heiraten sollen, sagte er mit etwas scharfem Ton. Die arme Ada!

Ravenstein, der zufrieden in die grüne, sonnenbeglänzte Welt um sich geblickt hatte, wiederholte das Wort halb in Gedanken.

Die arme Ada? Nun ja – er stockte einen Augenblick. Sie hat's eigentlich nicht sehr glänzend bei mir gehabt. Im Grunde genommen wollte ich auch gar nicht heiraten, und alles kam nur, weil mein Bruder mir zuredete, und Adas Großmutter es gleichfalls zu wünschen schien. Die arme Ada! Sie hätte einen bessern Mann bekommen können – aber sie ist immer sehr gut gegen mich gewesen. Wer weiß; vielleicht kommt noch einmal ein Glück für sie. Wer weiß! –

Er hatte langsam, halb träumend gesprochen. Den Grafen überkam die unangenehme Empfindung, als hätte er ein Kind geschlagen, das sich nicht wehren kann. Darum legte er halb zärtlich die Hand auf Ravensteins Schulter. Sei nicht verdrießlich, Alter! Du und deine Frau, ihr seid beide reizende Menschen, und ich wünschte nur, ihr könntet etwas besser mit dem Gelde umgehen!

Da steht Rehwild! rief der Baron hastig. Eine Ricke mit zwei Kälbchen – siehst du sie?

Der Wagen fuhr jetzt schon durch parkartige Anlagen, und, sehr bald hielt er vor dem alten Fresenhagner Herrenhause, einem roten Backsteinbau aus dem achtzehnten Jahrhundert mit einigen Sandsteinverzierungen im Zopfstil.

Herr Neumann stand oben an der Treppe und empfing seine Gäste mit großer Höflichkeit. Obgleich ihn keinen Augenblick seine ruhige Bedächtigkeit verließ, merkte man ihm doch an, wie ihn der Besuch der zwei Herren erfreute. Er selbst war im Gesellschaftsanzug, und seine Augen leuchteten befriedigt, als er sah, daß die Gäste den Frack angelegt hatten, und daß der Graf sogar einen kleinen Orden um den Hals trug.

Er hatte für die glänzendste Aufnahme gesorgt. Die kleine Tafel in dem großen Gartensaal, an dessen Wänden allerlei Stuckverzierungen und sehr viele Spiegel angebracht waren, funkelte von Kristall und Silber; alle Speisen waren mit großer Sorgfalt zubereitet, und eiskalt perlte der Sekt in den flachen Schalen. Während die drei Herren in dem kühlen Gemach fröhlich allem Guten zusprachen, hatten sie durch die weit offenstehenden Gartentüren einen köstlichen Ausblick auf die grünen Rasenflächen des Parks und das verschiedne Laub seiner Baumgruppen. Die Sonne strahlte vom Himmel, die Vögel sangen, die ganze Welt schien im Frieden zu liegen und zur Freude aufzufordern.

Neumann war ein sehr aufmerksamer Wirt; als der Baron sich mit den andern von der Tafel erhob, hatte er das Gefühl, als hätte er unglaublich viel Champagner getrunken. Aber er bemerkte zufrieden, daß er ihn noch vertragen konnte, und er gar nicht auf unsinnige Gedanken kam, wie ihm das wohl ehemals nach reichlichem Weingenuß passiert war. Er trat mit Rössing auf die Gartenterrasse hinaus, wo der Kaffee eingenommen werden sollte, und setzte sich in einen Schaukelstuhl. Er war sehr vergnügt gewesen, so heiter wie lange nicht. Es kam wohl daher, daß er gar kein Geld mehr hatte. Das gab ihm ja immer ein Gefühl der Erleichterung. Träumerisch blickte er in den hellblauen Himmel über sich, an dem kleine weiße Wolken zogen, dann sagte er plötzlich: Arme Ada! Aber kein Mensch hörte auf ihn; Graf Rössing hatte sich an das entfernteste Ende der Terrasse gesetzt und ein Kissen unter seinen Kopf geschoben. Er war schläfrig geworden und wollte einen Augenblick nachdenken.

Neumann war ins Haus gegangen. Als er zurückkehrte, brachte er mehrere Kisten Zigarren und ein blankpoliertes Kästchen, das er vor den Baron stellte. Dieser öffnete es halb in Gedanken, wurde aber dann aufmerksam und griff nach dem Inhalt. Es waren zwei kleine, zierlich ausgelegte Pistolen von ganz besondrer Form und sehr schöner Arbeit; beide doppelläufig und geladen.

Russische Waffen, erklärte Neumann, der die Liebhaberei des Barons kannte und Lust verspürte, die beiden kostbaren Stücke den Herren zu schenken. Er wußte nur nicht recht, wie er es anfangen sollte, und schob die Absicht vorläufig hinaus.

Inzwischen kam der Kaffee, und nachdem der Baron eine Tasse getrunken hatte, erfaßte ihn seine alte Neigung zum Schießen. Im Sitzen schoß er zwei Sperlinge tot, die über den Dachfirst zu den Herren heruntersahen, dann ein Schwalbe im Fluge. Darauf griff er nach der zweiten Pistole und ging die Treppe der Terrasse hinunter, in den Garten. Dabei pfiff er leise vor sich hin und schien nach einem Ziele für die nächsten Schüsse zu spähen. Dann verschwand er in einem Boskett, und gleich darauf hörte man einen Schuß.

Dieser Mörder! sagte der Graf halb verdrießlich. – Er war plötzlich wach geworden und griff nach Kaffee und Zigarre. – Nun hat er wieder einem armen Vögelchen das Lebenslicht ausgeblasen! Wenn wir öfter kommen sollten, dann müßten Sie dem Baron Glaskugeln halten!

Das werde ich mit dem größten Vergnügen tun, versicherte Neumann, obgleich es ja den Vögeln eine Freude sein muß, von der Meisterhand des Herrn Baron zu fallen.

Rössing gähnte. Wenn er mit Neumann allein war, fand er ihn langweilig, und solche abgeschmackte Sätze fielen ihm auf die Nerven. Nachdem beide Herren noch eine Zeitlang über gleichgültige Dinge gesprochen hatten, stand der Graf auf.

Wo steckt Ravenstein eigentlich? Er kann doch dort im Boskett nicht darauf lauern wollen, ein Wild mit seiner Pistole zu schießen?

Es steht eine Bank unter den Bäumen, erwiderte Neumann. Vielleicht hat er sich einen Augenblick zurückgezogen, um etwas zu schlafen.

Beide Herren schritten langsam über den knirschenden Kiesboden, bis sie an die Büsche und Bäume kamen, wohin Ravenstein gegangen war. Jelängerjelieberstauden, Jasmin- und Fliederbüsche standen eng zusammen, und über ihnen erhoben sich einige Ahornbäume. Es war eine kleine Wildnis, aber in der Mitte stand, von Rasenflächen umgeben, eine Bank. Vor ihr lag der Baron. Sein Kopf ruhte auf abgefallnen Jasminblüten, und seine Augen waren weit geöffnet.

Als der Graf mit einem Schreckenslaut auf ihn zustürzte, versuchte er zu lächeln. Ada, arme Ada! murmelte er, die Hand hebend. Es war, als wenn er noch mehr sagen wollte, aber er konnte die Worte nicht mehr formen. Zwei, dreimal setzte er an, dann gab er den Versuch auf.

Er sprach auch nicht wieder, obgleich er noch einige Stunden lebte. Er war durch die Lunge geschossen, und der Sanitätsrat, den man durch einen Zufall, als man nach einem Doktor eilte, auf der Landstraße getroffen hatte, nahm an, daß er mit der Pistole in der Hand gestolpert sei. So war es auch wohl: niemand konnte sich etwas andres denken. Graf Rössing und Neumann mußten beide zugeben, daß der Baron sehr viel Champagner getrunken hatte und vielleicht nicht ganz sicher gewesen sei. Vielleicht hatte er den Hahn der Pistole gespannt, um einen Vogel zu schießen, hatte es aber vergessen, um gleich darauf durch eine unvorsichtige Bewegung zu fallen. Vielleicht – ach es gab noch viele Vielleicht. Nur das eine war bald eine traurige Gewißheit: ein toter Mann im Nebenkabinett des Gartensaals!

Es war ein kleines, dürftig möbliertes Zimmer, in das man Ravenstein getragen hatte. In die Wände waren ebenfalls Spiegel eingelassen, die mit halb blinden Augen auf den stillen Gast herabblickten.

Rössing hatte eine ganze Weile neben seinem toten Freunde gesessen, obgleich er dem Tode immer vorsichtig aus dem Wege gegangen war. Er hatte lange mit dem alten Sanitätsrat gesprochen, der sich, trotz aller Trauer über diesen Unglücksfall, nicht einer gewissen Befriedigung darüber erwehren konnte, daß seine Prophezeiung, der Baron würde sich noch einmal selbst erschießen, in Erfüllung gegangen war. Nun, wo er doch nichts mehr machen konnte, mußte er endlich weiter zu einem Schwerkranken fahren, und Rössing ging langsam in das anstoßende Zimmer.

Hier saß Neumann, den Kopf in die Hand gestützt, und blickte finster in den Park. Die Schatten des Abends begannen über den Rasen zu fallen, und durch die Bäume ging das leise Rauschen des Windes. Der Besitzer von Fresenhagen war so blaß und verstört, daß ihn der Graf mit Teilnahme betrachtete. Er selbst hatte sein Gleichgewicht noch nicht wieder erlangt, und es berührte ihn angenehm, daß auch der Fremde so erschüttert war.

Ich muß in die Stadt fahren, um die Baronin vorzubereiten, sagte er.

Ein entsetzliches Unglück! murmelte Neumann. Und daß es gerade bei mir geschehen mußte! Meine Pistolen! Was werden die Leute sagen! Ich werde gewiß Unannehmlichkeiten haben!

Unannehmlichkeiten! Der Graf, der sich neben Neumann gesetzt hatte und manchmal leise aufstöhnte, sah ihn fragend an.

Nun ja, hier in Deutschland kommt bei allen solchen Fällen doch sofort das Gericht und steckt seine Nase hinein. Mit diesen Leuten mag ich nichts zu tun haben.

Neumann hatte heftiger gesprochen, als es sonst seine Gewohnheit war; nun stand er auf und ging im Zimmer hin und her. Der Graf sah ihn mit seinen scharfen Augen an und vergaß für einen Augenblick seine Trauer.

Das Gericht wird Ihnen nichts anhaben können, bemerkte er ruhig. Die Herren werden wohl herkommen und sich die traurige Geschichte von uns erzählen lassen; weiter kann aber doch gar nichts geschehen.

Sehr unangenehm! sagte Neumann stehenbleibend, indem er die Augen starr auf einen Punkt heftete.

Der Graf blickte ihn noch einmal an. Sind Sie so bange vor den Gerichten? fragte er etwas spöttisch.

Neumann biß sich auf die Lippen. Ich? bange? Warum sollte ich bange sein! Ich mag nur mit diesen Leuten nichts zu tun haben, wie ich schon einmal sagte. Aber Sie haben Recht: ich muß leider Ihren Wagen bestellen.

Während Neumann das Zimmer verließ, legte der Graf beide Hände vor die Augen. Er war kein Gefühlsmensch und lachte oft über die Sentimentalität unsrer Tage. Aber wie er sich vorstellte, daß er nun mit der schrecklichen Botschaft vor Ada treten sollte, zitterte ihm doch das Herz in der Brust.

Aber es kam besser, als er gedacht hatte. Ada wollte zwar zuerst nicht fassen, daß das Entsetzliche wahr sei, war dann tieftraurig und gebeugt, aber doch von Anfang an gefaßt. Sie bekam keine Weinkrämpfe, wie sie der Graf allen Frauen bei einer Trauerbotschaft zutraute; sie warf sich nicht auf die Erde und raufte ihr Haar: sie saß nach den ersten Schreckenslauten ganz still und faltete die Hände.

Er war immer sehr gut, wiederholte sie, während ihre Tränen leise flossen – mehr sagte sie nicht über ihren Mann.

Es war nur eine kleine Grabrede, aber sie gefiel dem Grafen doch nicht schlecht. Als nach einigen Tagen der Hauptpastor des Ortes dem Baron die Trauerrede hielt und es für seine Pflicht hielt, den Toten nach allen Richtungen zu loben, obgleich er ihn bei Lebzeiten nicht hatte ausstehen können, da mußte Rössing wieder an die Worte der Frau von Ravenstein denken, die so wenig und doch alles enthielten, was vom Baron gesagt werden konnte.

Ada war auch sonst keine untröstliche Witwe. Sie war eben für die Veränderung, und der Umstand, daß sie so viel Beileidsschreiben und Besuche erhielt, tat ihrem Herzen wohl. Und obgleich ihre Finanzen durch den Tod ihres Mannes noch viel schlechter geworden waren, bestellte sie doch gleich ein teures Grabmal für ihn. Stundenlang konnte sie jetzt sitzen und über die Inschrift darauf nachdenken. Sie las bei dieser Gelegenheit viele Kapitel der Bibel durch, und wenn sie nicht mehr lesen mochte, dann ging sie langsam in ihrem kleinen Garten auf und nieder. An dem Platz, wo Ravenstein nach Glaskugeln geschossen hatte, stand sie manchmal eine Viertelstunde und sah ernsthaft vor sich hin.

Als der Herbst kam, mußte Rössing seiner Gesundheit wegen nach dem Süden. Er tat es widerstrebend; ihm kam es vor, als ließe er die Freundin sehr einsam zurück. Sie sagte aber kein Wort, als er Abschied nahm, und als er von ihrer Einsamkeit sprach, nickte sie nur flüchtig.

Es ist manchmal ganz gut, allein zu sein und ein wenig nachdenken zu können! sagte sie.

Rössing hatte das unangenehme Gefühl, daß sie ihn nicht einmal entbehren würde. Da ging er denn verdrießlich fort und schalt auf alle Weiber.

Nachdem er abgereist war, machte Neumann bei Frau von Ravenstein einen Besuch, und sie nahm ihn freundlich auf. Er war nur zum Kondolieren bei ihr gewesen und hatte sich seitdem von der Stadt und ihrem Umgang ferngehalten. Mit dem Baron Ravenstein war ihm auch der beste Freund vom Stammtisch verlorengegangen; den andern Herren stand er unsicher gegenüber, und der Graf Rössing hatte etwas Unheimliches für ihn bekommen. So hatte er in Zurückgezogenheit gelebt, obgleich ihn das Gericht, wie es natürlich war, wegen Ravensteins Tod nicht belästigt hatte, und erst als er hörte, daß der Graf abgereist sei, meldete er sich wieder bei der Baronin.

Seine Gedanken waren oft bei der liebenswürdigen, noch immer jugendlichen Frau gewesen. Die Stunden bei ihr standen ihm in angenehmster Erinnerung, und auf Fresenhagen fühlte er sich einsam. Als er sie nun vor sich sah, in tiefe Trauer gekleidet und doch freundlich, da bewegte sich etwas in seinem Innern, das er schon lange vergessen geglaubt hatte. Es fiel ihm plötzlich ein, daß Ada seine Jugendliebe gewesen sei, daß sie noch sehr gut aussehe, und daß es für ihn nur angenehm sein könne, eine vornehme Frau zu heiraten. Seine Stellung würde in der ganzen Gegend eine andre werden, wenn er mit dem halben Adel versippt und verschwägert würde, er selbst wäre nicht mehr einsam, und außerdem tue er ein gutes Werk. Denn alle Welt sprach von Adas Schulden, die schon lange selbst das den vornehmen Leuten erlaubte Maß überschritten hatten.

Trotz seiner äußern Bedächtigkeit war Neumann doch ein Mann schneller Entschlüsse. Er besuchte Frau von Ravenstein eine Woche hindurch jeden Tag, und da er sich nicht anstrengte, unterhaltend zu sein und auch nicht lange blieb, so machte er keinen ungünstigen Eindruck auf sie. Er sprach jedesmal vom Baron, und seine ruhige, anscheinend mitfühlende Art rührte die verwitwete Frau. Nachdem die erste Neuheit von ihrer Trauer abgestreift war, bekam sie nicht mehr viel Besuch und hatte oft einsame Stunden. Nun kam Neumann und zeigte ihr seine Treue. Das war immerhin gut von ihm; und als er nun, nach achttägigem täglichen Sehen, alles Ernstes um ihre Hand anhielt, fiel Ada nicht gleich in Ohnmacht, wie sich dies für eine eben verwitwete Frau wohl geschickt hätte, sondern sie hörte ihm schweigend zu.

Für eine ältere Dame ist es nie ohne Reiz, einen Heiratsantrag zu bekommen, und Neumann sprach sehr vernünftig. Die Liebe ließ er ganz aus dem Spiel; nicht einmal von der ersten sprach er, weil er schon gar nicht mehr an sie dachte, aber seine Worte klangen doch wohltuend. Er wollte nicht von einer baldigen Vereinigung reden, da diese keinesfalls vor Ablauf des Trauerjahres erfolgen durfte und auch dann noch hinausgeschoben werden konnte; er wollte nur das Recht haben, Frau von Ravenstein als Freund und Berater zu besuchen und ihr nahezustehen, bis sie ihn endlich vielleicht würdig finden würde, ihm ihre Hand zu reichen und Herrin von Fresenhagen zu werden. Er sprach wirklich gut und mit einer leichten Verlegenheit, die ihm nicht schlecht stand, und die daher kam, daß er die Verbindung mit Ada augenblicklich sehr lebhaft wünschte und immer fürchtete, sie würde nein sagen. Aber das tat sie doch nicht. Sie machte allerdings ein etwas zweifelndes Gesicht und seufzte mehreremal, als wenn sie sich nicht recht entschließen könnte; dann aber streckte sie Neumann zögernd die Hand entgegen. Sie dachte plötzlich an ihre erste Liebe und daran, daß es doch eigentlich lustig sei, ihr wieder zu begegnen. Was ihre Großmutter wohl gesagt haben würde! Das war eigentlich der Grundton ihrer Gedanken und stimmte sie heiter. Es war eine ruhige Verlobung. Weder Neumann noch die Baronin machten viel Gefühlsaufwand. Er war zufrieden, daß er bald in der adligen Gesellschaft festen Fuß fassen würde, wie es sich für einen Gutsbesitzer gehörte, und als er sich von seiner Braut trennte und über die Straße nach dem Wirtshaus ging, wo sein Wagen stand, pfiff er ein Lied vor sich hin, was ihn selbst so überraschte, daß er einen Augenblick stehenblieb und nachdachte, was denn eigentlich passiert sei. Dann pfiff er weiter.

Die Baronin war, nachdem sie Neumann verlassen hatte, in das Zimmer ihres verstorbenen Mannes gegangen. Es war ein sehr einfach eingerichtetes Gemach, mit einem alten Schreibtisch aus Tannenholz und einem Reitstuhl davor, der ehemals vielleicht gute Tage gesehen hatte. Nun war er alt und schäbig wie die ganze andre Einrichtung. Nur an den Wänden hingen einige schöne Waffen, und auf dem Schreibtisch lagen beschriebne Blätter. Das war das Buch über Waffenkunde, das der Baron seit zwanzig Jahren hatte schreiben wollen, über dessen Anfang er aber nie weit hinausgekommen war, obgleich auf einem der Blätter alle Kapitelüberschriften aufgezeichnet standen. Die Baronin wischte hier täglich den Staub ab, gerade so wie bei Lebzeiten ihres Mannes, und gerade so wie sonst lachte sie auch in dieser Zeit gutmütig über die kleinen literarischen Versuche, auf die Ravenstein so stolz gewesen war. Heute aber setzte sie sich in einen knarrenden Korbstuhl und weinte. Da aber niemand sie fragte, weshalb sie so traurig sei, so sagte sie es auch keinem.

Frau von Zehleneck war eine Zeitlang verreist; als aber der Herbst herannahte, kehrte sie zurück. Sie war sehr verstimmt weggegangen, weil sich Graf Rössing nicht um sie bekümmert hatte, ihre Laune wurde auch nicht besser, als sie bei ihrer Rückkehr erfuhr, er halte sich im Süden auf. Obgleich sie auf fünf Gütern zu Besuch gewesen war und ein ganzes Arsenal von Schönheitsmitteln verbraucht hatte, war es ihr doch schließlich klar geworden, daß diese Mittel ihren Zweck verfehlt hatten. Sie hätte mit ihrer Hilfe gern einen Mann gefangen, aber es hatte sich kein Mann fangen lassen.

Als sie nun an einem grauen Novembertage ihre Freundin Ada besuchte, lag die Welt ebenso grau vor ihr, und ihre Stimmung war so trübe, daß sie beinahe weinte.

Das Leben ist doch eine fatale Einrichtung! klagte sie nach der ersten Begrüßung. Man wird alt, die Kinder werden schauderhaft groß, und man weiß nicht, was man mit sich anfangen soll.

Ada fühlte sich selbst nicht ganz frisch, und wenn es ihr auch nicht ganz klar war, was ihr fehlte, so konnte sie doch begreifen, daß andre Menschen gerade so wie sie das Leben langweilig fänden.

Wo sind deine schönen silbernen Armleuchter geblieben? fragte Amelie, die Luchsaugen hatte und jede Lücke bemerkte.

Die Baronin zuckte die Achseln. Man muß sein Herz nicht an tote Gegenstände hängen, selbst wenn sie von Silber sind, sagte sie leichthin. Damit wußte Frau von Zehleneck, daß die alten, schön gearbeiteten Erbstücke verkauft seien. Dieser Gedanke heiterte sie etwas auf: sie hatte es gern, wenn es andern Leuten auch nicht besonders gut ging; und als sich nun vollends die Tür öffnete und Herr Neumann eintrat, wurde sie geradezu fröhlich. Reiche und ledige Gutsbesitzer waren für sie das Anziehendste, was es auf der Welt geben konnte; sie bedauerte nur immer, daß auf dieser armen Welt nur so wenig bevorzugte Menschen zu finden seien.

Bald waren Herr Neumann und Frau von Zehleneck in angenehmster Unterhaltung. Obgleich sie sich nur einmal gesehen hatten, war es doch, als kennten sie sich schon lange, und sie fanden die verschiedenartigsten Gesprächsstoffe. Sehr bedeutend war ihre Unterhaltung nicht; die funkelnden Augen Frau von Zehlenecks taten aber das ihrige, und Ada, die sich etwas abseits gesetzt hatte, seufzte erleichtert auf. Seit den vierzehn Tagen, die sie nun mit Neumann heimlich verlobt war, hatte sie sich schmählich mit ihm gelangweilt, ja manchmal war es ihr vorgekommen, als hätte er dasselbe öde und stumpfsinnige Gefühl, mit dem sie zu kämpfen hatte. Das war aber ein Irrtum gewesen. Neumann langweilte sich nicht bei der Baronin, oder wenn er es tat, dann hatte er niemals etwas andres getan. Aber er fühlte sich nicht ganz unbefangen in ihrer Gegenwart: es war ihm immer, als erwartete sie mehr von ihm, als er geben konnte, und diese Empfindung trug nicht zu seinem Behagen bei. In Frau von Zehleneck fühlte er mit richtigem Instinkt etwas Verwandtes; er und sie verstanden sich schnell.

Du solltest mich bald einmal wieder besuchen! sagte Ada, als Neumann fort war und nun auch Frau von Zehleneck sich anschickte, Abschied zu nehmen.

Ich komme morgen wieder! rief Amelie und umarmte die Freundin gerührt. – Sie wurde immer gerührt und zärtlich, wenn sie einen Mann zu erobern hoffte. Dieser Neumann ist wirklich sehr nett! fuhr sie fort. Wie hübsch von ihm, daß er dich oft zu besuchen scheint. Natürlich tut er es, weil dein guter Mann bei ihm gestorben ist. Wirklich sehr rücksichtsvoll! So etwas findet man nicht leicht bei der heutigen Männerwelt!

Als Frau von Ravenstein allein war, versuchte sie gleichfalls, Günstiges über Neumann zu denken. Aber es wurde ihr schwer. Besonders, weil sie ungern an ihn dachte. Manchmal nahm sie sich fest vor, wenigstens zehn Minuten an ihn zu denken, aber länger als eine Minute hatte sie es noch nie fertiggebracht. Sie wußte es nach der Uhr. Die Gedanken zerflatterten ihr fortwährend, und wenn sie sich besann, woran sie eigentlich gedacht hatte, war es immer ihr Mann gewesen. Sie sah ihn beständig vor sich: wie er mit seinen Pistolen geschossen, wie er so glücklich an seinem Buche geschrieben hatte, wie er immer zufrieden und gut mit ihr gewesen war. In den ersten Jahren ihrer Ehe war sie oft ungeduldig, launisch, verdrießlich gewesen. Das war damals, als sie noch Ansprüche ans Leben gemacht hatte, als dieses ihr viel geben sollte und ihr nach ihrer Meinung nichts gab als einen alten Mann. Aber dieser Mann war niemals anders als gut und geduldig gewesen. Er hatte sie nicht ausgelacht, wenn sie mit ihren kindischen Einfällen zu ihm kam, er war immer derselbe geblieben – immer. Würde Neumann auch so gut, so geduldig sein? Würde er Verständnis haben für ihre veränderlichen Stimmungen und Ansichten, die sich von heute auf morgen ändern konnten? Jetzt war er sehr höflich, sehr ruhig und gemessen; aber würde er so bleiben? War nicht manchmal ein sonderbar unruhiger Blick in seinen Augen, ein Zucken um seinen Mund, das ihr mißfiel? Wenn die Baronin bei diesem Punkte angelangt war, dann schob sie plötzlich alle Gedanken zurück, zündete sich eine Zigarette an und vertiefte sich in einen französischen Roman. Oder sie suchte den sonderbarsten alten Kram aus ihren Koffern hervor und breitete alles um sich aus. Es kam ja auch die Weihnachtszeit, wo sie billige Geschenke für die Armen haben wollte.

Frau von Zehleneck und Herr Neumann sahen sich nun öfter bei der Baronin. Zuerst wurde er sichtlich lebhafter; dann aber kam eine Zeit, wo er nachdenklich und still in seiner Sofaecke saß und auf das Gespräch der beiden Damen hörte, die sich hin und wieder miteinander unterhielten. Frau von Zehleneck war die interessantere. Sie wußte sehr viel gute Geschichten, sie war oft boshaft, und dann hatte sie eine sehr geschickte Art, die Unterhaltung auf ihre vornehmen Verwandten zu bringen, was Neumann sehr imponierte. Außerdem wurde sie täglich jünger und hübscher: wenigstens fand dies Neumann. Die Baronin dagegen sah sehr angegriffen aus und war blaß geworden. Sie dachte auch augenblicklich nicht daran, über andre Menschen zu sprechen, und ihre vornehme Verwandtschaft war ihr von ihrer Geburt an gleichgültig gewesen. Aber sie dachte viel an Weihnachten und daran, wie sie den armen Kindern eine Freude machen könnte, und wenn Frau von Zehleneck eine Geschichte beendet hatte, in der mindestens ein russischer Fürst vorkam, dann zog Ada Ravenstein ein Stück Wollenzeug auseinander und sagte zufrieden: Daraus kann noch eine kleine Unterjacke werden!

Um Weihnachten war sie immer so, etwas zerstreut und nachdenklich und in einem gewissen Wohltätigteitsrausch befangen. Das ging um Neujahr vorüber: dann erzählte sie selbst die lächerlichsten Geschichten von sich und erklärte Weihnachten für die dümmste Einrichtung der Welt. Neumann wußte das natürlich noch nicht, und wenn Frau von Zehleneck nicht gewesen wäre, würde er sich sehr unbehaglich gefühlt haben. Es war ihm schon fast zur Gewohnheit geworden, wenn Amelie ging, sich auch zu empfehlen und sie nach Hause zu begleiten. Dann sprachen sie meistens über Frau von Ravenstein. Das heißt, Amelie redete, und er hörte zu.

Natürlich fiel es Amelie nicht ein, Gutes von Ada zu reden, das tat sie über keinen Menschen; sie lachte über die Freundin und ihre Schwächen und hatte eine geschickte Art, ihre Fehler ins rechte Licht zu stellen.

Die arme Ada! sagte sie einmal. Sie hat ein merkwürdiges Talent, mit den größten Vermögen fertig zu werden. Rolf Ravenstein war reich, als er sie heiratete; nun ist kein Groschen mehr da, und sie muß ihr Silberzeug verkaufen. Und dabei haben diese Menschen nichts von ihrem Gelde gehabt.

In Wahrheit hatte Rolf Ravenstein niemals Vermögen gehabt; er war ein ebenso schlechter Haushalter gewesen wie seine Frau, die nur mit Hilfe einiger kleinen Erbschaften den Hausstand über Wasser gehalten hatte. Das wußte Neumann natürlich nicht, und so begann er sich zu ängstigen. Er wollte ja gern eine vornehme Frau haben; aber mußte es gerade Ada Ravenstein sein? Diese Fragen beschäftigten ihn täglich mehr und mehr; und eines Morgens, als er ganz unerwartet zu Ada eintrat, war er noch blasser als gewöhnlich.

Es war eben vor Weihnachten, und die Baronin hatte aus alten Zigarrenkisten allerhand Puppenmöbel gesägt, die sie jetzt eben zusammenpochte und leimte. Dabei summte sie ein Weihnachtslied vor sich hin und schien ganz fröhlich zu sein.

Guten Morgen, Neumann! sagte sie freundlich. Wollen Sie mir kleben helfen? Das ist nett von Ihnen! Ich habe auch noch ein paar sehr schwierige Nägel einzuschlagen, bei denen Sie mir Ihre kräftige Hand leihen müssen! Sie geben Ihren Leuten doch auch einen Tannenbaum?

Aber Neumann saß ihr schweigend und untätig gegenüber. Er fühlte sich so unbehaglich, daß er kaum wußte, was er antwortete, als ihn Frau von Ravenstein nach seinem Befinden fragte. Erst aus ihrem bedauernden Kopfschütteln entnahm er, daß er gesagt habe, es gehe ihm schlecht.

Luftveränderung ist immer gut, sagte sie freundlich. Sie sollten ein wenig reisen, denn Sie sehen wirklich schlecht aus. Ist das nicht eine allerliebste kleine Wiege? Nur aus Zigarrenholz! Können Sie nicht auch so etwas machen?

Nein! sagte Neumann. Er war aufgestanden und riß an seinem Hemdkragen, der ihm plötzlich zu eng wurde. Dann begann er in abgerissenen Sätzen zu sprechen. Was er sagte, wußte er später selbst nicht mehr; es ergab sich nur aus der Antwort der Baronin.

Sie hatte ihre kleinen Gerätschaften beiseite gelegt und war gleichfalls aufgestanden. Eine leichte Röte flog über ihr Gesicht, und sie streckte ihm beide Hände entgegen.

Lieber Herr Neumann, sagte sie, ich verstehe Sie – Ihr damaliger Wunsch war eine Übereilung. Ihr Wort gebe ich Ihnen zurück, und nicht wahr, wir wollen Freunde bleiben? Es ist auch besser so, setzte sie mit anmutigem Lächeln hinzu.

Neumann starrte sie mit dem dunkeln Gefühl an, eine große Dummheit begangen zu haben. Aber er war einmal im Zuge und wollte das tun, was er sich in der letzten schlaflosen Nacht ausgedacht hatte. Fünfzigtausend Mark! sagte er und legte ein großes Paket, das er schon die ganze Zeit unbeholfen unter dem Arm getragen hatte, in Adas Hände. Zur Bezahlung der Schulden! setzte er in einem Tone hinzu, der zugleich wohlwollend und ermahnend klingen sollte. Er hatte sich eigentlich eine ziemlich lange Rede ausgedacht, sie aber in diesem Augenblick vollständig vergessen. Besinnen konnte er sich auch nicht weiter darauf, denn sein Paket flog ihm vor die Füße, und Ada stand so hochaufgerichtet vor ihm, daß er unwillkürlich zusammenschrumpfte. Dann lachte sie hell auf und zeigte nach der Tür. Weiter tat sie nichts. Aber Neumann verstand sie doch. Er ging und nahm das Paket wieder mit sich. Als er langsam über die Straße schritt, kam es ihm vor, als hätte er Prügel bekommen, und als ihm ein kleines Kind vor die Füße lief, stieß er es um.

Ada stand einen Augenblick regungslos, dann ging sie schnell in das Zimmer ihres verstorbenen Mannes. Dort setzte sie sich vor den Schreibtisch und strich leise über die alte, häßliche Tischplatte.

Nun habe ich wirklich einmal etwas erlebt, Rolf! sagte sie leise. Aber es hat mir doch nicht besonders gefallen. Es wäre nicht geschehen, wenn du noch hier wärest, Rolf!

Sie weinte plötzlich bitterlich, und diesmal wußte sie warum. Als aber der Weihnachtsabend kam, war sie doch wieder heiter und lachte herzlich bei ihrer Armenbescherung über die kleinen Kinder, die sich alle an sie herandrängten und ihr ein Verschen aufsagen wollten. Sie blieben meist stecken bei ihren Deklamationen, besonders die Knaben, und ein kleiner Junge stammelte unter hervorquellenden Tränen: Ich bin klein, und mein Herz ist gar nicht rein!

Der hat die Menschheit erkannt! sagte Graf Rössing, der plötzlich neben ihr stand.

Sie faßte mit einem kleinen Jubellaut nach seiner Hand. Ach Wally, wie nett, daß Sie wieder da sind! Ist Ihre Gesundheit nun ganz in Ordnung?

Nein, sagte er verdrießlich. Ich fühle mich hundeelend und wollte mir schon zweimal das Leben nehmen. Nur über die Art und Weise war ich im unklaren, und darüber hab ichs vergessen. Aber Weihnachten im Süden ist eine so langweilige Geschichte, daß ich wirklich nach dem Norden mußte, um mir den Schwindel hier wieder einmal mit anzusehen.

Es ist kein Schwindel, sagte die Baronin ernsthaft.

Er zuckte die Achseln, stellte sich aber doch unter den brennenden Lichterbaum und sah in alle die kleinen glückstrahlenden Gesichter um ihn. Es war keine großartige Bescherung, sie bestand nur aus Kleinigkeiten; alle Beschenkten aber waren froh und dankbar, und das Zimmer war voll von Weihnachtsduft. Die Baronin war überall bei ihren Schützlingen. Hier half sie eine neue Jacke anziehen, dort malte sie Figuren auf eine neue Schiefertafel; mit Rössing sprach sie erst wieder, als die kleine Gesellschaft nach Absingen eines Weihnachtsliedes von ihren Angehörigen abgeholt worden war.

Wie die Bande falsch singt! murrte er, als beide zusammen in dem kleinen Wohnzimmer saßen. Holsatia non cantat. Da sollten Sie mal die kleinen Italiener singen hören!

Es war gar nicht so falsch, verteidigte die Baronin ihre Schützlinge. Und selbst wenn es falsch klang – an die richtige Adresse ist's doch gekommen! Aber nun sagen Sie einmal, Graf, weshalb sind Sie heute so entsetzlich mißgestimmt? Sind Sie nur nach dem Norden gekommen, um über alles zu brummen?

Graf Rössing antwortete nicht gleich. Er fuhr mit der Hand durch sein borstiges Haar und rückte auf seinem Stuhle hin und her.

Ich bin gar nicht schlechter Laune, versetzte er dann mit dem beleidigten Ton, den die meisten Leute annehmen, wenn ihnen die Wahrheit gesagt wird. Ich ärgere mich nur über allerlei. Zum Beispiel über diese Klatschsucht dieser vorzüglichen Kleinstadt. Wissen Sie, daß von Ihnen gesagt wird, Sie würden Neumann heiraten – diesen Neumann!

Das war kein Klatsch, das war die Wahrheit, erwiderte die Baronin ruhig. Aber es ist gottlob! vorübergegangen. Er sah es schließlich eher ein als ich, aber ich glaube doch, ich hätte es auch nicht fertig bringen können.

Sie müssen mir alles erzählen, sagte Rössing herrisch.

Sie gehorchte, wurde bei der Erzählung immer heitrer, und als sie zu dem Hauptpunkte, den fünfzigtausend Mark gekommen war, lachte sie.

Denken Sie, fünfzigtausend Mark! Ich weiß noch immer nicht, was er eigentlich damit gewollt hat. Jedenfalls hat er es fertig gebracht, mich eine Viertelstunde lang nicht zu langweilen. Aber was haben Sie, Rössing?

Der Graf war aufgestanden, kreidebleich, und holte schwer Atem.

Ich will nach Fresenhagen! Ihn zur Rede stellen – Reitpeitsche – der Halunke, der –

Er fand keine Worte, so daß ihn die Baronin wieder in den Sessel zurückdrückte. Seien Sie kein Narr, Rössing! Der Mann hat mich nicht beleidigen wollen, und wenn er es gewollt hätte – er könnte es gar nicht: ich lasse mich nicht von ihm beleidigen. Er tat mir überhaupt leid, als er so still mit seinem Mammon davonging; er kam mir vor wie ein geprügelter Hund. Hoffentlich findet er bald eine nette Frau.

Wie konnten Sie aber auch den Wahnsinn begehen und sich halb und halb mit diesem Kerl verloben! schalt der Graf, dessen Zorn sich nun gegen Ada wandte.

Sie senkte kleinlaut den Kopf. Es war sehr verkehrt von mir, aber ich dachte, es ginge vielleicht. Erinnern Sie sich nicht, daß ich immer meinte, ich würde noch etwas durch ihn erleben? Meine Ahnung hat mich nicht betrogen. Und dann war er doch meine erste Liebe.

Rössing mußte nun doch lachen. Da sehen Sie nun, was es mit der ersten Liebe auf sich hat! Ihre erste Liebe – begann Ada.

Aber er machte eine abwehrende Handbewegung: Verderben Sie mir den hübschen Abend nicht! Ich fühle mich schon bedeutend wohler und hätte nichts gegen ein Glas Punsch einzuwenden.

Und ich habe gestern in einem ganz versteckten Kästchen einen Diamantring gefunden, den ich lange verloren geglaubt hatte, rief die Baronin. Da habe ich einigen Gläubigern eine Weihnachtsfreude gemacht und mir eine gute Sorte Wein gekauft. Sie sollen sehen, mein Punsch wird Ihnen munden.

Worauf wollen wir denn anstoßen? fragte er, als die dampfende Kanne von Ada auf den Tisch gesetzt wurde.

Darauf, daß ich keine Dummheiten mehr mache! rief sie. Dann sah sie mit glänzenden Augen in die Ferne. Hoffentlich will mich kein Mensch mehr heiraten. Ich glaube, ich könnte ihn hassen. Rolf war doch der beste! Und sie trank hastig ihr Glas leer, weil ihr plötzlich die Stimme versagte. Dann aber wurde sie sehr heiter und konnte gar nicht begreifen, daß der Graf in sich gekehrt blieb.

Dieser reiste übrigens bald nach Neujahr wieder fort. Es wurde kalt, und er wollte dem rauhen Winter aus dem Wege gehen. So blieb denn die Baronin recht allein; Frau von Zehleneck kam plötzlich nicht mehr, und wenn sie einmal erschien, dann war es nur ein kurzer Besuch, den sie der Freundin machte. Aber Ada vermißte den Verkehr nicht. Sie hatte angefangen, für Geld zu malen, und freute sich wie ein Kind darüber, daß ihr eine Berliner Firma einige Schälchen und Gläser zu geringem Preis abgenommen hatte. Sie machte großartige Pläne, wie sie im Laufe des Frühlings und Sommers nach der Natur malen wollte, und entbehrte keinen Menschen. Auch nicht Herrn Neumann, der sich seit Weihnachten nur sehr selten in der Stadt zeigte und nicht ganz sicher schien, ob es ihm dort ferner gefallen würde. Im Februar aber erhielt er einen Brief von Frau von Zehleneck, die ihn fragte, ob er gestorben sei. Wenn nicht, dann möchte er sie doch einmal besuchen.

Neumann atmete tief auf, als er diesen Brief erhielt; dann schlug er in einem neu erworbnen Adelslexikon die Familie der Zehlenecks nach, grübelte lange und fuhr an demselben Nachmittag in die Stadt.

Auf einmal war es wieder Frühling geworden, Graf Rössing ging in dem grünenden Buchenwalde spazieren und hörte auf den Schlag der Nachtigall. Er ärgerte sich halb und halb über die süßen Laute, die ihn von Buche zu Buche verfolgten, und dann stand er doch wieder still und horchte auf sie.

Rössing hatte keinen sehr guten Winter gehabt, trotz der Riviera und der musikalischen Italiener. Das Podogra hatte ihn gequält, und sein Sohn, der eben zur Universität gegangen war, hatte die Weihnachtsferien benutzt, um mit einer niedlichen Tänzerin auf Reisen zu gehen. Das war gewiß recht unterhaltend für den jungen Mann gewesen, der Vater aber mußte den Beutel ziehen und fluchte. Er war so mißmutig geworden, daß er, obgleich er schon vierzehn Tage heimgekehrt war, die Baronin erst ein einziges Mal besucht hatte. Da hatte er sie sehr heiter vor ihrer Staffelei getroffen, den Kopf voller Pläne und dabei sehr entzückt von einem neuen Roman, den ihr eine Bekannte geschickt hatte. Über des Grafen Rückkehr freute sie sich sehr, aber nicht so, wie er es im stillen noch immer gehofft hatte. Er hatte nach Neumann und der Zehleneck gefragt. Sie wußte von beiden nichts, entsann sich aber dann doch, daß Herr Neumann in vielen Familien der Stadt verkehren sollte. Sie ging noch nicht wieder in Gesellschaft und schien es auch nicht zu entbehren.

Rössing mußte heute viel an sie denken, obgleich er sich vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Sie war doch sehr einsam, wenn sie auch nicht darüber klagte, und diesem Neumann, diesem Spitzbuben, der es gewagt hatte, sie zu beleidigen, dem ging es gut, viel besser als andern Leuten! Als der Graf bei diesem Gedanken angelangt war, befand er sich mitten im Walde vor einem kleinen Buchenunterholz, in das ein schmaler Pfad hineinführte. Er schlug ihn ein und sah erst wieder um sich, als er an einer Lichtung stand. Hier war eine Bank unter mehreren hochragenden Buchen, und auf dieser Bank saßen Neumann und Frau von Zehleneck. Ob sie sich zärtlich umschlungen hielten, konnte der Graf zu seinem Bedauern nicht sehen, obgleich er sich eine Lorgnette vor die Augen hielt, aber er nahm es sofort an. Einen Augenblick stand er regungslos und hörte auf Amelie Zehlenecks Lachen. Es klang triumphierend durch den stillen Wald, und die Nachtigallen schienen zu erschrecken und schwiegen still. Dann aber sangen sie weiter, und auch der Graf wandte sich leise ab. Niemand hatte ihn bemerkt, und als ihn wieder das Waldesdunkel umfing, konnte er seinem Zorn nach Belieben Luft machen, wenn er welchen empfand. Aber er sagte kein Wort. Langsam und mit gefurchter Stirn wanderte er weiter. Erst nach einer Stunde kehrte er um und ging der Stadt wieder zu, und als er jetzt zum zweiten Male an dem Unterholz vorüberkam, trat Neumann gerade heraus. Er schien etwas zu erröten, grüßte aber mit großer Liebenswürdigkeit, fragte nach Rössings Befinden und schloß sich ihm ohne weiteres an. Dabei hatte er etwas Siegesbewußtes im Auftreten, was den Grafen um so mehr ärgerte, als er früher bescheiden gewesen war.

Sie sollten doch bald einmal nach Fresenhagen kommen, Herr Graf, sagte er während des Gesprächs. Ich baue jetzt, und es wird sehr hübsch dort.

An Fresenhagen knüpft sich für mich gerade keine angenehme Erinnerung, erwiderte Rössing etwas scharf.

Neumann zuckte die Achseln und veränderte ein wenig die Farbe. Nun ja, daß Herr von Ravenstein bei mir sterben mußte, war traurig, sehr traurig. Kein Mensch beklagt es mehr als ich. Aber sterben müssen wir nun alle einmal, und der alte Herr hatte doch schließlich sein Leben ausgelebt!

Er hatte mit höflicher Gleichgültigkeit gesprochen, und der Graf, der sich auch manchmal alt und nutzlos vorkam, sah ihn mit einem bösen Blick von der Seite an. Wenn er einmal tot wäre, würde Neumann ähnlich über ihn sprechen, dachte er.

Kannten Sie nicht Frau von Ravenstein von früher her? fragte er nach einer Weile.

Neumann stutzte, dann begann er etwas zu stottern. Gewiß – gewiß! Sie war sozusagen meine erste Liebe. Na, aber die erste Liebe – er stockte und wischte sich über die Stirn. Die erste Liebe, – wiederholte er noch einmal –, die hat ja meistens keinen Bestand!

Es fiel ihm noch ein andrer Satz ein, den er über die erste Liebe sagen wollte, aber Rössing kehrte ihm ohne Gruß den Rücken, und Neumann sah ihm mit unbehaglichen Gefühlen nach.

Als der Graf an diesem Nachmittage die Weinstube betrat, war sie, wegen des schönen Wetters, fast leer. Nur in einer Fensternische saß der dicke Bürgermeister und brütete über einem Brief, den er fortwährend hin und her wandte. Rössing beachtete das Stadtoberhaupt nicht weiter. Seitdem die Bürgermeister nicht mehr studierte Leute zu sein brauchten, verachtete er sie alle. Der Bürgermeister gehörte eigentlich gar nicht an seinen Stammtisch; nur gelegentlich, wenn er etwas ganz Neues wußte, durfte er dort sitzen. Heute aber schien er nichts zu wissen und hatte sich deshalb sofort ans Fenster gesetzt.

Der Graf trank langsam sein Glas Portwein und griff nach der Zeitung, aber er hatte keine Lust zu lesen, daher setzte er sich plötzlich zum Bürgermeister.

Nun, Stadtväterchen, haben Sie einen Liebesbrief bekommen, daß Sie ihn so oft lesen müssen?

Das nicht, Herr Graf! erwiderte der Gefragte, den Brief vorsichtig glättend. Ich glaube nur, daß er französisch ist, und es ist schon so lange her, daß ich das in der Schule gelernt habe. Nun wollte ich eigentlich einen der Herren hier fragen; ob sie mir nicht ein wenig bei der Übersetzung helfen wollten! Alles kann ich wirklich nicht verstehen!

Da der Bürgermeister ein ehemaliger Gutsverwalter war, so war seine Unkenntnis der fremden Sprachen verzeihlich, und Rössing nahm ihm ohne weiteres den Brief aus der Hand.

Er ist englisch geschrieben, bemerkte er nach einem flüchtigen Blick über das Schreiben.

So, englisch, sagte der Bürgermeister, der sich in seiner hohen Stellung natürlich keine Blöße geben durfte. Früher konnte ich es sehr gut, jetzt bin ich etwas aus der Übung.

Rössing hörte nicht auf ihn. Er hatte das Schreiben überflogen und faltete es langsam wieder zusammen.

Der Brief ist von dem amerikanischen Generalkonsulat in Hamburg. Das will von Ihnen erfahren, ob hier in der Nähe oder in der Stadt ein gewisser Fritz Neumann lebt, der früher in Nebraska, in Sandy Bluffs gewohnt hat. Wissen Sie, ob Herr Neumann auf Fresenhagen einmal in Nebraska gewesen ist?

Der Bürgermeister schüttelte den Kopf. Er machte ein ehrerbietiges Gesicht, denn der reiche Herr Neumann flößte ihm Hochachtung ein. Nein, ich weiß es nicht und habe auch nie etwas darüber gehört, sagte er. Das heißt – er besann sich plötzlich – es ist schon einmal ein Brief an mich gekommen. Der war wohl auch englisch, aber sehr schlecht geschrieben. Wir konnten ihn nicht entziffern, weder mein Sekretär noch ich. Der Schreiber nahm nachher die Briefmarke, weil es eine amerikanische war, und der Brief wanderte in den Papierkorb. Wir hielten die Sache für eine Bettelei, denn die jungen Leute sagten, der Brief wäre wohl von einer jungen Frau geschrieben.

Der Graf hatte scharf zugehört, nun trank er seinen Wein aus, bestellte sich noch ein Glas und steckte das Schreiben des Konsulats in die Tasche. Beantworten Sie diesen Brief noch nicht, sagte er. Ich muß doch in diesen Tagen Geschäfte halber nach Hamburg und kann mich einmal beim Konsul erkundigen, was die Sache eigentlich bedeutet. Ihre Antwort kommt noch immer früh genug.

Gewiß tut sie das! – Der Bürgermeister beantwortete deutsche Briefe nicht sehr eilig, fremdsprachige mußten noch ganz anders warten, wenn sie überhaupt erledigt wurden, und bei diesem Schreiben hoffte der Bürgermeister, der Graf würde auch die Antwort übernehmen. Man plauderte noch ein Weilchen zusammen, dann trat der Graf langsam den Heimweg an. Er war etwas heiterer gestimmt als vorher, deshalb ging er noch einen Augenblick bei seiner Kusine, der Komtesse Isidore, vor, die bei ihrem Tee saß und dabei Patience legte. Sie war sehr zufrieden, denn schon zum dritten Male war alles gut ausgegangen.

Gut, daß du kommst, Wally! rief sie ihrem Vetter entgegen. Du sollst heute in acht Tagen bei mir zu Abend essen. Ich gebe eine größere Gesellschaft: dreizehn Personen. Du weißt, ich nehme immer dreizehn Personen, weil ich die gerade setzen kann. Einer sagt ja auch meistens ab, und wenn nicht, dann schadet es nichts; ich bin nie abergläubisch gewesen, und dreizehn Personen haben sich immer am besten bei mir amüsiert.

Wer kommt denn? fragte Rössing.

Die Komtesse nannte einige Namen. Amelie Zehleneck und Neumann muß ich übrigens auch einladen, setzte sie etwas kleinlaut hinzu. Gegen Neumann hast du natürlich nichts einzuwenden – er ist still und reich, das sind Eigenschaften, gegen die kein Mensch etwas sagen kann. Aber Amelie – die alte Dame hustete etwas – ich mußte sie wirklich einmal nehmen, weil sie doch durch ihren Vetter Bodo halb und halb mit mir verwandt ist. Du sollst auch nicht bei ihr sitzen.

Ich werde wohl nicht kommen, murrte Rössing.

Aber Wally, ich habe neun Damen und vier Herren, du mußt kommen! Was tut es eigentlich, daß Amelie –

Meine erste Liebe war? ergänzte der Graf wieder heiter. Nein, es tut auch nichts. Wenn ich hier bin, erscheine ich, sonst aber darfst du nicht böse sein, wenn der Dreizehnte ausbleibt.

Er ging und nickte nur noch flüchtig, als ihm die Kusine nachrief, daß er nicht so spät kommen solle, da sie einen Fischauflauf geben wollte, der das Warten nicht vertragen könne.

Sind Sie Donnerstag bei Isidore? fragte er andern Tags die Baronin, die er eigentlich noch lange nicht hatte wieder besuchen wollen; jetzt saß er doch neben ihr, weil er sie fragen mußte, ob er ihr in Hamburg etwas besorgen könne.

Sie schüttelte den Kopf. Ich bin nicht eingeladen.

Neumann ist dort und Amelie. Man ladet sie schon zusammen ein, es wird also wohl bald eine Verlobung geben.

Wirklich? Frau von Ravenstein, die an ihrer Staffelei saß, mischte einige Farben und sah träumerisch auf ihre halbfertige, etwas unwahrscheinlich aussehende Landschaft.

Freuen Sie sich darüber, oder wundern Sie sich? fragte Rössing, der sie gespannt beobachtet hatte.

Keins von beiden! erwiderte sie ruhig. Vielleicht werden sie glücklich miteinander.

Meine erste Liebe und Ihre erste Liebe spottete er.

Sie lachte. Sie sind eifersüchtig, Wally. Mir scheint doch, daß Sie Neumann beneiden.

Nein, versetzte er kurz. Wenn mir einer von beiden Teilnahme einflößt, dann ist es nicht er – ich habe sogar ein Gefühl – er stand plötzlich auf. Haben Sie etwas in Hamburg zu besorgen? fragte er leichtern Tones. Ich habe dort eine Zusammenkunft mit meinem Bruder und werde wohl einige Tage fort sein.

Aber die Baronin hatte nichts zu besorgen, wie sie lachend versicherte. Er sah sie argwöhnisch an und ging mit verdrießlichem Gesicht davon. Sie aber hatte nur gelacht, weil sie augenblicklich gar kein Geld hatte, um etwaige Besorgungen damit zu bezahlen. Sie hatte gerade diesen Morgen ihr letztes Markstück einem Bettler gegeben, und aus Frankfurt, wohin sie ihr letztes Porzellan geschickt hatte, war noch keine Antwort gekommen.

Als Rössing aus Hamburg zurückkehrte, war es gerade Donnerstag, also der Tag, wo er bei seiner Kusine essen sollte. Aber er hatte keine Lust hinzugehen. Erstens hatte er sich in Hamburg mit seinem Bruder gezankt, was ihn nachträglich noch verstimmte, und dann war noch ein andrer Grund, der es ihm geraten erscheinen ließ, den Abend nicht in die Gesellschaft zu gehen. Er schrieb eine Absage und bekam sofort einen sehr aufgeregten Brief von der Komtesse, daß er sie nicht im Stich lassen dürfe. Drei Gäste hatten noch kurz vorher abgesagt, darunter ein Herr; Rössing mußte kommen.

Komtesse Isidore hatte in ihren Briefen öfters eine gewisse beschwörende Art, die ihre Wirkung selten verfehlte. Wenn man nicht tat, was sie wollte, dann rief sie das Gedächtnis verschiedner Verstorbnen an, die doch ganz gewiß auf ihrer Seite gewesen wären. An Rössing schrieb sie, sein guter Vater würde sich im Himmel darüber wundern, daß sein Sohn so ungefällig war, und sie erreichte denn auch mit diesen Worten, daß dieser Sohn mit einem sehr mürrischen Gesicht bei ihr erschien.

Es war schon spät. Die Gesellschaft war vollzählig zusammen, und die Köchin stand schluchzend in der Küche vor dem zusammengefallenen Fischauflauf. Die Komtesse, die von dem Schicksal des Vorgerichts schon durch verschiedne drohende Botschaften unterrichtet worden war, faßte hastig ihres Vetters Arm, um sich von ihm zu Tische führen zu lassen, und Rössing hatte erst Gelegenheit, die andern Gäste zu begrüßen, als sich alles gesetzt hatte. Steif verbeugte er sich nach allen Seiten: vor den Stiftsdamen, die aus dem benachbarten Fräuleinkloster gekommen waren, vor dem kleinen Leutnant, der mit einer kaum erwachsenen Tischdame das junge Element in dieser soliden Gesellschaft bildete, und vor Frau von Zehleneck und Neumann, die ihm gegenüber saßen und sehr strahlend aussahen.

Amelie hatte eine neue Haarfrisur, die ihr einen auffallend jugendlichen Anstrich gab, und Neumann betrachtete sie mit einem ganz verliebten Ausdruck. Er hatte den steifen Gruß des Grafen mit derselben Steifheit erwidert; da er jetzt ziemlich festen Fuß in der Gesellschaft gefaßt hatte, fand er es nicht notwendig, gegen Rössing besonders artig zu sein. In den Wochen seines Verkehrs mit Frau von Zehleneck hatte er sich schon ein festeres Auftreten angewöhnt, konnte auch schon etwas durch die Nase sprechen, was ihm vornehm erschien. Heute abend unterhielt er sich besonders gut mit seiner neuen Freundin, und wie er in dem hübschen kleinen Eßzimmer der Komtesse Isidore an ihrer Seite saß, kam ein wunderbares Gefühl des Behagens und Geborgenseins über ihn, ein Gefühl, das sich auch in seinen Zügen ausprägte, denn Isidore flüsterte ihrem Vetter zu: Der gute Herr Neumann sieht wirklich gar nicht schlecht aus. Zuerst fand ich ihn häßlich.

Nun, schön ist auch etwas andres, erwiderte Rössing verdrießlich.

Isidore schlug ihn auf die Hand. Schönheit vergeht, lieber Wally, und ich wünschte, deine schlechte Laune verginge auch! Es ist doch sonderbar, setzte sie klagend hinzu, wenn wir nicht dreizehn sind, dann habe ich immer das Gefühl, es müsse etwas Schreckliches passieren, oder die Leute amüsierten sich nicht bei mir. Das ist eigentlich noch schrecklicher. Wally, sei brav! Wie war dein alter Vater immer reizend!

Der Graf mußte lachen, dann wandte er sich an seine Nachbarin zur Linken, eine Klosterdame, und sprach eifrig mit ihr, während Komtesse Isidore hier und da ein Wort einschaltete. Das Fischgericht schmeckte gut, trotz seiner eingesunkenen Form, und der Rheinwein dazu belebte die Geister. Die Unterhaltung wurde allgemein, die beiden Klosterdamen, auf die der Graf einredete, sprachen schon nicht mehr von ihrem Pastoren, mit dem sie sonst jede Unterhaltung einleiteten, sondern erzählten von einem Ballfest, das ihre Priorin geben wollte, und Neumann und Frau von Zehleneck drückten sich unter dem Tisch verstohlen die Hände, während der kleine Leutnant seiner Tischdame einige zarte Andeutungen über das Mädchen machte, das er sich dereinst als Lebensgefährtin wünschte.

Nach dem Fischgericht kamen die Schnepfen, ein andrer Wein und mit ihm die Pause, von der man sagt, daß ein Engel durchs Zimmer fliege.

Wie geht es eigentlich Ada Ravenstein? fragte eine der Klosterdamen über den Tisch, ins allgemeine hinüber.

Sehr gut, gab Komtesse Isidore halb zerstreut zur Antwort. Sie geht noch nicht aus, sonst würde ich sie eingeladen haben. Aber, bitte, liebe Baronesse, Sie nehmen ja fast gar nichts!

Ja, die arme, arme Ada! sagte Frau von Zehleneck in klagendem Tone zu der Fragerin gewandt. Sie soll fast alle ihre Sachen verkauft haben. Schrecklich, nicht wahr?

Aber sie lachte bei dieser Frage und sah Neumann kokett von der Seite an.

Dieser hatte schon ziemlich viel getrunken, sonst würde er sich wohl nicht an der Unterhaltung beteiligt haben. Nun lachte er laut, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und erwiderte in seinem angenommnen näselnden Ton: Schrecklich, wirklich schrecklich! Was macht man zuletzt mit diesen vornehmen Herrschaften, die nichts mehr haben? Kommen sie ins Armenhaus, oder was wird mit ihnen?

Seine Frage klang gesucht unangenehm, und obgleich Frau von Zehleneck lachte und einige lustige Worte erwiderte, wurden doch die andern alle still. Die Klosterdamen richteten sich sehr steif in die Höhe, und selbst Komtesse Isidore, die durch ihre Pflichten als Wirtin sehr in Anspruch genommen war, blickte unwillig zu dem Sprecher hinüber.

Haben Sie auch alles, Herr Neumann? rief sie. Bitte, essen Sie doch und vergessen Sie den Rauentaler nicht! – Es klang, als wollte sie ihrem Gast den Mund stopfen.

Herr Neumann mag deinen Wein wahrscheinlich nicht, sagte Graf Rössing plötzlich mit scharfer Stimme. Er ist in Amerika gewohnt gewesen, Petroleum mit Whisky vermischt zu trinken. Oder war es Whisky mit Petroleum?

Die kleine Gesellschaft wurde totenstill. Nur Herr Neumann stotterte einige Worte, aber kein Mensch verstand sie.

Ein famoses Land, dieser Westen von Amerika, fuhr Graf Rössing fort. Ich war eben in Hamburg und habe mich mit dem amerikanischen Konsul über mancherlei unterhalten, das mich sehr interessierte. Ein sehr netter Herr und sehr unterrichtet. Er kannte Sie übrigens auch, Herr Neumann, und ist auch einmal in Ihrer Schnapsschenke in Sandy Bluffs in Nebraska gewesen, der Sie jahrelang mit soviel Erfolg vorgestanden haben. Damals waren Sie aber nicht zu Hause; Herr Reed meinte, Sie wären wohl gerade im Gefängnis gewesen, wo sie ja einige Male waren, weil Sie zuviel Petroleum in den Schnaps gegossen hatten. Das mochten die Leute selbst dort nicht und hatten nicht übel Lust, Sie zu teeren und zu federn!

Am Gottes willen! Komtesse Isidore wurde ganz fassungslos. Du erzählst schreckliche Geschichten, Wally! Laß doch die Schnepfen noch einmal herumgehen.

Der Graf gehorchte. Sie sind ausgezeichnet, sagte er dabei. Bitte, Herr Neumann, nehmen Sie doch auch noch ein Stück! Unsre Schnepfen sind besser als die amerikanischen, obgleich das Leben dort allerdings viel abwechslungsreicher ist. Es muß sehr interessant sein, nicht allein die Bekanntschaft des Volkscharakters in ausgiebigster Weise zu machen, während man den Leuten Branntwein verkauft, sondern auch in nahe Berührung mit den Gefängnis- und Zuchthausautoritäten zu kommen. Herr Reed erzählte, Sie wären auch im Zuchthaus gewesen, Herr Neumann, weil Sie mit einigen Bankräubern gemeinsame Sache gemacht hätten. Aber Sie hätten den Zuchthausdirektor bestochen und wären bald wieder herausgekommen.

Neumann war kreideweiß geworden, und seine Lippen zitterten.

Das ist ein – Mißverständnis! brachte er endlich mühsam heraus, während die übrige Tischgesellschaft anfing, leise miteinander zu flüstern.

Ein Mißverständnis? wiederholte der Graf. Er hatte sich ein Glas Wein eingeschenkt und nippte jetzt leise daran. Nun, das mag sein. Die Leute lügen heutzutage ja alle. Vielleicht auch die Dame, die sich Frau Sally Neumann nennt und schon mehrere Briefe an Herrn Reed in Hamburg geschrieben hat, weil ihr Mann nach Deutschland gegangen sei und nichts wieder von sich habe hören lassen. Die Briefe sollen nicht gerade sehr orthographisch geschrieben sein; Frau Neumann scheint früher Sängerin bei einem herumziehenden Theater gewesen zu sein, wie man aus einigen Andeutungen schließen kann, aber –

Frau von Zehleneck hatte bis dahin regungslos und wie erstarrt dagesessen. Jetzt fuhr sie auf, und ihre Augen sprühten. Sie faßte Neumann am Arm.

Neumann, weshalb schweigen Sie zu diesen unerhörten Behauptungen? So sprechen Sie doch, so fordern Sie ihn doch, den – den –

Wollen Sie vielleicht Verleumder sagen? fragte Graf Rössing lächelnd. Er nahm wieder einen Schluck Wein.

Der Wein ist wirklich sehr gut, liebe Isidore, kannst du mir vielleicht einige Flaschen davon überlassen? Es kann ja sein, Frau von Zehleneck, daß Frau Sally Neumann auf diesen Namen keinen Anspruch hat, ihren Trauschein hat Herr Reed nicht gesehen. Aber da sie beschlossen hat, ihren Gatten selbst in Deutschland aufzusuchen, so werden wir uns vielleicht später von der Wahrheit ihrer Angaben überzeugen können, wenn nicht Herr Neumann die Freundlichkeit hat, uns über diesen immerhin interessanten Fall aufzuklären.

Herr Neumann, nehmen Sie doch noch ein Stück Schnepfe! jammerte Komtesse Isidore, die die Worte des Grafen kaum noch verstanden hatte und mit Entsetzen bemerkte, daß niemand mehr aß. Nur der Leutnant und das junge Mädchen naschten Kompott und flüsterten miteinander in dem beruhigenden Gefühl, daß sie die ganze Sache doch nicht verstünden. Aber Neumann hörte nicht auf die Aufforderung der Wirtin. Er lehnte regungslos in seinem Stuhl und warf einen hilfesuchenden Blick zu Frau von Zehleneck hinüber. Diese aber rückte plötzlich von ihm weg und richtete mit lauter Stimme eine Frage an eine der Klosterdamen. Da der Graf nicht mehr sprach, wurde die Unterhaltung plötzlich lebhaft. Jeder quälte sich, so gut er konnte, über etwas zu sprechen, an das er gar nicht dachte, und unter dem Schutze dieses Stimmengesumms konnte sich Fritz Neumann still entfernen. Er preßte ein Taschentuch vors Gesicht. Jeder nahm stillschweigend an, daß er Nasenbluten habe, und selbst Komtesse Isidore verlangte keinen Abschied von ihm. Sie wollte ihm allerdings in ihrer Zerstreutheit nachrufen, er solle bald einmal wiederkommen; dann aber fiel ihr doch noch rechtzeitig ein, daß es wohl besser wäre, wenn er fortbliebe.

Amerika ist wirklich ein sonderbares Land, sagte sie klagend zu einer der Klosterdamen. Da passiert immer so viel, wovon man hier keine Ahnung hat. Und Wally sagt alle diese Sachen vor der Eistorte! Ich kann Neumann wohl nicht mehr einladen, aber ein Stück Eistorte hätte ich ihm doch gegönnt. Die macht Schiemann so gut. Aber das kommt davon, wenn wir nicht dreizehn bei Tische sind. Dann wird es immer ungemütlich.

Ungemütlich war die Gesellschaft allerdings, denn Frau von Zehleneck wurde plötzlich unwohl und mußte nach Hause. Sie sagte, es käme davon, daß sie kein Eis vertragen könnte, und man glaubte ihr natürlich, aber die Stimmung blieb doch gedrückt, und die Komtesse sagte, sie wolle niemals wieder eine Gesellschaft geben, in der ein Mann wäre, von dem man nicht wüßte, was er in Amerika getan hätte.

Am folgenden Tage besuchte Graf Rössing die Baronin Ravenstein. Er traf sie nicht an der Staffelei, sondern vor einem alten Spinnrade.

Können Sie nicht spinnen? fragte sie ihren Besuch. Ich möchte es so gern lernen und weiß doch niemand, der mir's zeigen könnte. Nur die alten Frauen im Armenhause verstehen die Kunst noch, aber vor der Zeit möchte ich nicht mit diesen Damen Bekanntschaft machen.

Weshalb malen Sie nicht mehr? fuhr Rössing sie heftig an.

Ada zuckte die Achseln. Ich mag es nicht mehr, ich habe auch nicht genug Talent – der Kunsthändler aus Berlin hat mir's geschrieben. Ich glaube es fast selbst. Nun will ich spinnen, wie meine Großmutter, und ebensowenig denken wie sie. Sie kannte nur das Handbuch des dänischen Adels und ist glücklich dabei gewesen. In ihren letzten Jahren las sie auch etwas in der Bibel, aber weil ihre Familie nicht drin vorkam, fand sie sie nicht unterhaltend.

Sie sind heute böse, Ada! sagte der Graf.

Sie schob das Spinnrad hastig von sich. Ja, ich bin böse – auf Sie, Wally! rief sie. Was haben Sie gestern dem armen Geschöpf, dem Neumann getan? Isidore war heute bei mir, und obgleich sie mehr von ihren Schnepfen als von Ihnen sprach, so habe ich doch genug gehört.

Ich habe nur die reine Wahrheit gesagt, erwiderte der Graf finster. Meinen Sie, daß ich das aushalten konnte, ihn glücklich und frech dasitzen zu sehen und mit der Zehleneck über Sie lachen zu hören?

Lachte er über mich? Pah – weshalb ließen Sie ihn nicht gewähren? Ich freue mich aufrichtig, wenn ich andern Menschen zur Unterhaltung dienen kann.

Er ist ein Schurke, begann Rössing wieder.

Aber Ada machte eine ungeduldige Bewegung. Ich glaube es ja – aber nur Sie hätten es ihm nicht sagen sollen, gerade Sie nicht. Sie stehen mir zu nahe, und es kann aussehen wie eine Rache von mir – eine unedle Rache. Ich habe aber keine Veranlassung, mich an Herrn Neumann zu rächen, dazu ist er mir zu gleichgültig.

Sie haben Fischblut! rief der Graf. Ich aber sage: Auge um Auge, Zahn um Zahn –

Bitte, kommen Sie mir nicht mit der Bibel, Graf! Sie wissen übrigens ja gar nicht, was drin steht, sonst würden Sie nicht so rachsüchtig sein!

Nein, ich weiß gar nichts mehr! rief er aufgeregt. Nur eins, nur eins, daß –

Daß der arme Wurm doch immerhin meine erste Liebe war? unterbrach sie ihn lachend. Gerade deswegen hätten Sie ihn ein wenig schonen müssen. Schon aus Mitleid mit meiner Dummheit und Schwäche, die Sie doch am besten kennen. Und nun muß ich Sie verabschieden, denn dort kommt meine Waschfrau über die Straße. Sie will zu mir, ich sehe es an ihrem Gesicht, und da sie nach armen Leuten und nach ihren vielen Kindern riecht, wie Sie selbst einmal gesagt haben, so dürfen Sie nicht mit ihr zusammentreffen. Gehen Sie, und seien Sie ein andermal braver!

Als der Graf nach wenigen Minuten über die Straße ging, atmete er tief auf.

Sie ist klüger als ich, murmelte er, wenigstens zwanzigmal vernünftiger. Das hätte eine schöne Geschichte geben können!

Er blieb stehen und schlug sich heftig auf die linke Brust. Stille, du da drinnen. Ich will mich freuen, daß ich so davongekommen bin. Hast du mich verstanden? Ich will mich freuen!

Aber er ging doch langsam seinem Hause zu wie ein ganz alter Mann, und sein Gesicht war nicht freudig.

Am folgenden Tage verreiste er auf längere Zeit, und da auch Frau von Zehleneck nach Dänemark ging, was sie immer tat, wenn sie etwas Unangenehmes erlebt hatte, so mochten die Weisen des Städtchens recht haben, wenn sie behaupteten, in der Gesellschaft bei Komtesse Isidore sei etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Und dabei kamen sie erst allmählich dahinter, daß Herr Neumann plötzlich von Fresenhagen verschwunden war und nichts mehr von sich hören ließ. Sein Gut stand zum Verkauf, und ein reicher Herr aus Bremen erwarb es, ehe die Leute ganz genau wußten, was eigentlich mit Neumann geschehen war. Sie erfuhren es auch niemals ganz genau; nur später, viel später tauchte das Gerücht auf, er sei in Nebraska oder noch weiter im Westen von einer eifersüchtigen Frau erschossen worden. Aber es war nur ein Gerücht, das niemals seine Bestätigung gefunden hat, und es ist leicht möglich, daß Herr Neumann noch heute seine Mischung von Petroleum und Whisky weiterverschenkt. Jedenfalls sprach man nur sehr flüchtig von ihm, da gerade in dem Frühling, in dem er verschwand, eine Typhusepidemie in der Stadt ausbrach, die viel von sich reden machte und alle andern Ereignisse gleichgültig erscheinen ließ. Besonders in der ärmern Bevölkerung forderte die Krankheit ihre Opfer, und die Wohlhabenden packten ihre Koffer und reisten in aller Stille ab. Auch an die Baronin gelangte die dringende Aufforderung einer Verwandten, schnell zu ihr auf ihr Gut zu kommen, aber Ada telegraphierte ein kurzes Nein. Sie hatte die kranken Kinder ihrer Waschfrau zu sich ins Haus genommen. Der eine kleine Junge, der nach ihrem verstorbnen Manne Rolf hieß, war in Lebensgefahr. Aber sie pflegte ihn wieder gesund, ebenso wie die andern Kinder; an dem Tage aber, wo sie wieder allein war und gerade darüber nachdachte, ob sie nicht unter die Schriftsteller gehen und das Buch ihres Mannes vollenden sollte, ergriff sie ein Schwindel. Sie mußte zu Bett gehen, und obgleich sie sich die beschriebnen Blätter unters Kopfkissen legte, um sie gleich beim Besserwerden zur Hand zu haben, kam sie doch nicht mehr dazu, sie zu lesen. Sie verlor bald die Besinnung und starb nach wenigen Tagen, ohne Kampf und ohne Schmerzen. Nur einmal, kurz vor ihrem Tode, griff sie mit einem Ausruf des Schreckens nach dem kleinen Manuskript unter ihrem Kissen. Sie glaubte wohl, es sei nicht mehr da – da gab man es ihr in die Hand, und dort ist es auch geblieben, als sie in den Sarg gelegt wurde. So ist es gekommen, daß Rolf Ravensteins Buch niemals zu Ende geschrieben worden ist, und daß kein Mensch weiß, was darin gestanden hat.

Es war ein sonniger Maientag, als die Baronin zur letzten Ruhestätte gebracht wurde. Die Leute, die sie dort hingeleiteten, bedauerten, daß sie den blauen Himmel nicht mehr sehen und die Vögel nicht mehr singen hören könnte – sie würde sich daran gefreut haben. Verwandte und Freunde waren nicht mit unter den Leidtragenden, die kamen alle erst später. Auch Graf Rössing konnte erst einen Tag nach der Beerdigung kommen. Er war in der kurzen Zeit sehr alt geworden, und nun stand er mit zusammengezognen Brauen vor dem frischen, unter Blumen begrabnen Hügel. Von allen Seiten waren Kränze gekommen, von reichen und armen Leuten, von vornehmen und geringen. Selbst die, denen die Baronin Geld schuldete, und ihrer waren nicht wenige, hatten Rosen auf ihr Grab gestreut. So erzählte der Totengräber dem Grafen, der schweigend zuhörte und kein Wort erwiderte. Er war so in Gedanken versunken, daß er nicht bemerkte, wie Frau von Zehleneck leise neben ihn getreten war, und er fuhr zusammen, als sie ihn anredete.

Wir haben einen großen Verlust gehabt, lieber Graf, sagte sie weinerlich. Meine arme, liebe Ada! Wie werde ich sie entbehren! Heute morgen erst bin ich hier angekommen; wie gern hätte ich sie sonst gepflegt!

Die letzten Sätze hatte Amelie etwas stockend hervorgebracht; der Graf sah sie zu starr an. Als er aber gar nicht antwortete und sich nur schweigend abwandte, trat sie an seine Seite.

Wally, sagte sie hastig und leise. Warum sind Sie immer so schlecht gegen mich! Wir standen ehemals doch anders miteinander! Haben Sie das ganz vergessen?

Nein, erwiderte der Graf ruhig, vergessen habe ich es nicht. Er war stehengeblieben und sah Frau von Zehleneck fest in die Augen. Ich weiß es noch ganz genau, und ich schäme mich noch immer vor mir selbst. Aber dann tröste ich mich mit dem Gedanken, daß jeder die erste Liebe durchmachen muß. Gerade so wie die erste Zigarre und den ersten Rausch. Zuerst ist es schön, und die Folgen sind abscheulich.

Sie beleidigen mich! murmelte die Dame.

Er zuckte die Achseln. Sie haben es nicht besser gewollt. Auch möchte ich Ihnen noch etwas sagen. Man spricht immer so viel von der ersten Liebe, als wenn sie etwas Heiliges wäre, und doch ist sie gewöhnlich die erste große Dummheit des Lebens, wie man an Ada Ravenstein und an mir sehen kann. Sie liebte einen Fritz Neumann, und ich – nun Sie wissen ja! Aber man spricht niemals von der letzten Liebe. Vielleicht deswegen, weil man uns arme, alte Menschen eines tiefern Gefühls nicht mehr für fähig hält. Aber da Sie noch Gefühl zu haben scheinen, so möchte ich Ihnen doch erzählen, daß die da – er wies auf den Hügel –, die dort unter den Rosen schläft, für mich sehr reizend, sehr liebenswert, sehr anziehend war. Trotz ihrer Schulden, trotz ihrer verschiednen Stimmungen und trotz ihrer falschen Freunde, die sie gleichgültig ins Armenhaus hätten gehen sehen. – Sie werden jetzt einen Kaffee geben und erzählen, ich hätte sie unglücklich geliebt. Tun Sie das; man wird den Geschmack des ältern Mannes bedeutend besser finden als den des jungen. Leben Sie wohl!

Der Graf war langsam den Kirchhofsweg hinuntergegangen, und Frau von Zehleneck sah ihm sprachlos nach. Sie wollte lachen, aber sie konnte nicht; dann versuchte sie es mit Tränen, und diese flossen reichlich. Sie wurde sogar so gerührt, daß sie sich vornahm, ein andrer, besserer Mensch zu werden, aber sie vergaß dabei ganz, daß sie diesen Vorschlag schon hundertmal gefaßt und niemals ausgeführt hatte.

So war es auch diesmal; nach acht Tagen gab sie wirklich den Kaffee und verlästerte den Grafen nach allen Regeln der Kunst. Er machte sich nichts daraus; ihm war das Leben sehr gleichgültig geworden, obgleich er es mit einer gewissen vornehmen Würde weiter trug.

Vor einigen Jahren ist er gestorben, während Frau von Zehleneck noch lebt. Sie ist noch ganz wie früher, bis auf die Veränderungen, die das Alter an ihr hervorgebracht hat. Niemand liebt sie; jedermann aber fürchtet sie. Sie gehört zu den Leuten, von denen man, wie der landläufige Ausdruck ist, Geschichten schreiben kann. Sie weiß viel, und sie erzählt noch mehr, als sie weiß; nur von einem Gegenstande schweigt sie beharrlich: von der ersten Liebe.